<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>Blauer Mars</book-title><annotation><p>Das Terraforming des Mars nimmt seinen Fortgang. Allm�hlich entsteht ein zweiter �Blauer Planet�, ein neuer Lebensraum f�r die Menschheit. Doch die ersten Siedler wehren sich, ihre neue Heimat von einem Millionenheer uners�ttlicher Neuank�mmlinge �berfluten und ausbeuten zu lassen.</p></annotation><date>1999</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Winfried</first-name><last-name>Petri</last-name></translator><translator><first-name>Eva</first-name><last-name>Torhorst</last-name></translator><sequence name="Mars (de)" number="3"/></title-info><src-title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>Blue Mars</book-title><date value="1996-04-01">1996</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>calibre 2.53.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-08-20">19.8.2016</date><id>1095cf2d-ccc8-42f1-b247-dcb6de829ea1</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Kim Stanley Robinson. Blauer Mars</book-name><publisher>Wilhelm Heyne</publisher><city>M�nchen</city><year>1999</year><isbn>3-453-09437-9</isbn></publish-info></description><body><title><p>Kim Stanley Robinson</p><p>Blauer Mars</p></title><section><p><emphasis>F�r Lisa und David und Timothy</emphasis></p><empty-line/></section><section><image l:href="#1"/><empty-line/><image l:href="#2"/><empty-line/><subtitle>Der Marskalender Jahr 1 (2027 n. Chr.)</subtitle><image l:href="#3"/><empty-line/></section><section><title><p>ERSTER TEIL</p><p>Peacock Mountain</p></title><section><p><emphasis>Der Mars ist jetzt frei. Wir sind unter uns. Niemand sagt uns mehr, was wir zu tun haben.</emphasis></p><p><emphasis>Ann stand vorn im Zug, als sie das sagte.</emphasis></p><p><emphasis>Aber es ist so leicht, in alte Verhaltensweisen zur�ck zu fallen. Eine Hierarchie wird abgeschafft, und eine andere tritt an ihre Stelle. Wir m�ssen uns davor h�ten; denn es wird immer Leute geben, die versuchen werden, hier eine zweite Erde zu erschaffen. Die Areophanie wird endlos sein m�ssen, ein ewiger Kampf. Wir werden sch�rfer denn je zuvor dar�ber nachdenken m�ssen, was es hei�t, Marsianer zu sein.</emphasis></p><p><emphasis>Ihre Zuh�rer hockten in Sesseln da und schauten zu, wie die Landschaft vor den Fenstern dahinglitt. Sie waren m�de und hatten entz�ndete Augen. Rote mit ger�teten Augen. Im scharfen Licht der Morgend�mmerung sah alles aus wie neu. Das vom Wind gefegte Land war kahl bis auf gelbes Ger�ll mit Flechten und Gestr�pp. Sie hatten alle M�chte der Erde vom Mars verjagt. Es war ein langer Kampf gewesen, der in wilden Aktionen gipfelte, die der gro�en �berflutung auf Terra gefolgt waren.</emphasis></p><p><emphasis>Wir sind von der Erde zum Mars gekommen; und dieser Umzug war eine Form von Reinigung. Man konnte die Dinge leichter sehen, und wir hatten eine Handlungsfreiheit, wie wir sie fr�her nie besessen hatten. Eine Chance, den besten Teil unseres Selbst auszudr�cken. Und so handelten wir auch. Wir schufen eine bessere Art zu leben.</emphasis></p><p><emphasis>Dies war der Mythos, mit dem sie alle aufgewachsen waren. Als Ann es ihnen jetzt wieder erz�hlte, starrten die jungen Marsianer durch sie hindurch. Sie hatten die Revolution zustande gebracht. Sie hatten auf dem ganzen Mars gek�mpft und die terranische Polizei nach Burroughs hineingetrieben. Dann hatten sie Burroughs �berflutet und die Terraner nach Sheffield auf Pavonis Mons gejagt. Sie mu�ten den Feind noch aus Sheffield hinausscheuchen, das Raumkabel hinauf und zur�ck nach Terra. Es gab noch einiges zu tun. Aber mit der erfolgreichen Evakuierung von Burroughs hatten sie einen gro�en Sieg errungen; und einige der blassen Gesichter, die Ann anschauten oder aus dem Fenster blickten, schienen nach einer Pause zu verlangen, einem Moment des Triumphs. Alle waren sie ersch�pft.</emphasis></p><p><emphasis>Hiroko wird uns helfen, sagte ein junger Mann und brach das Schweigen, w�hrend der Zug �ber das Land schwebte.</emphasis></p><p><emphasis>Ann sch�ttelte den Kopf. Hiroko ist Gr�n, sagte sie, eine urspr�ngliche Gr�ne.</emphasis></p><p><emphasis>Hiroko hat die Areophanie erfunden, entgegnete der junge Eingeborene. Ihr erstes Anliegen ist der Mars. Ich wei�, sie wird uns helfen. Ich habe sie kennengelernt. Sie hat es mir gesagt.</emphasis></p><p><emphasis>Es sei denn, sie ist tot, sagte jemand anders.</emphasis></p><p><emphasis>Wiederum Schweigen. Die Welt zog unter ihnen dahin.</emphasis></p><p><emphasis>Schlie�lich stand eine gro�e junge Frau auf, ging durch den Mittelgang und dr�ckte Ann an sich. Der Bann war gebrochen. Man verzichtete auf Worte. Sie standen auf und dr�ngten sich in dem freien Raum vorn im Zug um Ann, umarmten sie oder sch�ttelten ihr die Hand oder ber�hrten sie einfach�� sie, Ann Clayborn, welche sie gelehrt hatte, den Mars um seiner selbst willen zu lieben, und die sie in den Kampf um seine Unabh�ngigkeit von der Erde gef�hrt hatte. Und obwohl ihre von Blut unterlaufenen Augen immer noch starr auf die steinige zerkl�ftete Weite des Tyrrhena-Massivs gerichtet waren, l�chelte sie. Sie dr�ckte die jungen Leute ihrerseits an sich, sch�ttelte ihnen die Hand und ber�hrte ihre Gesichter. Alles wird gut, sagte sie. Wir werden den Mars befreien. Und die Leute sagten: Ja, und gratulierten einander. Sie sagten:</emphasis></p><p><emphasis>Auf nach Sheffield! Die Arbeit beenden. Hiroko wird uns zeigen, wie.</emphasis></p><p><emphasis>Sofern sie nicht tot ist, wandte der junge Mann ein. Ich habe sie im vorigen Monat in Arcadia gesehen. Sie wird wieder auftauchen. Sie wird irgendwo zum Vorschein kommen.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>In einem bestimmten Moment vor der D�mmerung leuchtete der Himmel in den gleichen rosa B�ndern wie zu Anfang, bla� und klar im Osten, reich und voller Sterne im Westen. Ann erwartete diesen Moment, w�hrend ihre Gef�hrten sie nach Westen f�hrten, auf eine Masse schwarzen Landes zu, das in den Himmel aufragte�� den Tharsis-Buckel, gekr�nt von dem breiten Kegel von Pavonis Mons. W�hrend sie von Noctis Labyrinthus bergauf fuhren, stiegen sie �ber den gr��ten Teil der neuen Atmosph�re empor. Der Luftdruck betrug am Fu� von Pavonis 180 Millibar und fiel dann, als sie die Ostflanke des gro�en Schildvulkans hinauffuhren, unter 100 Millibar und sank noch weiter. Langsam stiegen sie �ber alles sichtbare Blattwerk empor und die Reifen zerdr�ckten Flecken aus schmutzigem, vom Wind erodiertem Schnee, bis es nur noch Fels gab und die unabl�ssigen d�nnen kalten Winde des Jetstroms. Das kahle Land sah genau so aus, wie einst in den vormenschlichen Jahren, als ob sie wieder in die Vergangenheit reisen w�rden.</p><p>Aber so war es nicht. In Ann Clayborne erw�rmte sich etwas Fundamentales beim Anblick dieser eisernen Welt von Stein auf Fels in dem st�ndigen Wind. Und als die Wagen der Roten den Berg hinauffuhren, waren alle Insassen ebenso hingerissen wie Ann, und in den Abteilen wurde es still, w�hrend die Sonne durch den fernen Horizont hinter ihnen stie�.</p><p>Die Stra�e, die sie hinauffuhren, wurde weniger steil, die Steigung nahm in einer vollkommenen Sinuskurve ab, bis sie sich auf dem flachen Gebiet des runden Gipfelplateaus befanden. Hier erblickten sie Kuppelst�dte, die den Rand der gigantischen Caldera umgaben, besonders zusammengedr�ngt um den Fu� des Raumaufzugs etwa drei�ig Kilometer s�dlich von ihnen.</p><p>Sie hielten ihre Wagen an. Das Schweigen in den Abteilen war von Verehrung in Grimm umgeschlagen. Ann stand an einem Fenster oben im Abteil und blickte nach S�den in Richtung von Sheffield, dem Kind des Raumaufzugs, das wegen dieses Aufzugs erbaut worden war. Es war zermalmt worden, als der Aufzug abst�rzte, bei dessen Erneuerung aber neu aufgebaut worden. Dies war die Stadt, zu deren Vernichtung sie gekommen war, so gr�ndlich, wie Rom es mit Karthago gemacht hatte; denn sie wollte auch das Ersatzkabel herunterholen, genau wie es mit dem ersten im Jahre 2061 geschehen war. Wenn dies gesch�he, w�rde wieder ein gro�er Teil von Sheffield dem Marsboden gleichgemacht werden. Was bliebe, w�rde nutzlos auf dem Gipfel eines hohen Vulkans liegen, �ber dem gr��ten Teil der Atmosph�re. Im Laufe der Zeit w�rden die �briggebliebenen Bauten aufgegeben und abgerissen werden, so da� nur die Kuppelfundamente �brig bleiben w�rden und vielleicht eine Wetterstation, sowie schlie�lich nur die lange, sonnige Stille eines Berggipfels. Das Salz befand sich schon im Boden.</p><empty-line/><image l:href="#4"/><empty-line/><p>Eine vergn�gte Rote aus Tharsis kam ihnen in einem kleinen Rover entgegen und f�hrte sie durch das Labyrinth von Lagerh�usern und kleinen Kuppeln, welche die Kreuzung der �quatorialen mit der den Rand umrundenden Piste umgaben. W�hrend sie ihr folgten, schilderte sie ihnen die �rtliche Lage. Der gr��te Teil von Sheffield und die es umgebenden Randsiedlungen waren schon in der Hand der Revolution�re des Mars. Das galt aber nicht f�r den Raumaufzug und die Umgebung seines Basiskomplexes. Und darin lag das Problem. Die revolution�ren Kr�fte auf Pavonis waren zumeist schlecht ausger�stete Milizen, die auch nicht unbedingt die gleichen Vorgehensweisen hatten. Da� sie bisher Erfolg gehabt hatten, beruhte auf mehreren Faktoren: �berraschung, der Beherrschung des Luftraums �ber dem Mars, etlichen strategischen Siegen, der Unterst�tzung durch die gro�e Mehrheit der Marsbev�lkerung, dem Unwillen der �bergangsbeh�rde der Vereinten Nationen (der UNTA), auf Zivilisten zu schie�en, selbst wenn diese auf den Stra�en Massendemonstrationen veranstalteten.</p><p>Infolgedessen hatten sich die Sicherheitskr�fte der UNTA vom ganzen Mars zur�ckgezogen, um sich wieder in Sheffield zusammenzufinden. Und jetzt befanden sich die meisten in Wagen des Aufzugs unterwegs nach Clarke, dem Ballast-Asteroiden und der Raumstation am oberen Ende des Aufzugskabels. Der Rest der Truppe hielt sich zusamengepfercht in der Umgebung des massiven Basiskomplexes des Aufzuges, genannt die �Steckdose� oder �Muffe�, auf. Dieser Stadtteil bestand aus Hilfseinrichtungen f�r den Aufzug, Lagerh�usern der Industrie und den Herbergen und Restaurants f�r Unterkunft und Verpflegung der Arbeitskr�fte des Hafens. �Diese werden uns jetzt zugute kommen�, sagte Irishka, �denn sie sind wie in einer Presse zusammengedr�ngt, und wenn es nicht Nahrung und Unterkunft gegeben h�tte, h�tten sie versucht auszubrechen. Gegenw�rtig ist die Lage noch angespannt, aber zumindest k�nnen sie leben.�</p><p>Ann dachte, da� sie dies irgendwie an die gerade in Burroughs gel�ste Situation erinnerte. Die hatte gut geendet. Es war nur jemand erforderlich, der bereit w�re zu handeln, und die Sache w�re erledigt�� die UNTA w�rde zur Erde evakuiert, das Kabel heruntergeholt und die Verbindung zwischen Mars und Erde endg�ltig zerbrochen. Und jeder Versuch zur Installation eines neuen Kabels k�nnte in den zehn Jahren, die f�r die orbitale Zur�stung notwendig waren, irgendwann vereitelt werden.</p><p>So f�hrte Irishka sie nun durch den Wirrwarr, der East Pavonis darstellte; und ihre kleine Karawane kam zum Rand der Caldera, wo sie ihre Rover parkten. Im S�den konnten sie am Westrand von Sheffield eben noch das Kabel des Aufzugs erkennen als eine kaum sichtbare Linie, und die auch nur f�r ein paar seiner 24 000 Kilometer. Tats�chlich fast unsichtbar�� und dennoch beherrschte seine Existenz jede Bewegung und jede Diskussion. Jeden Gedanken, den sie hatten�� aufgespie�t und angeh�ngt an diesem schwarzen Faden, der sie mit der Erde verband.</p><p>Als sie sich in ihrem Camp eingerichtet hatten, rief Ann ihren Sohn Peter �ber das Handy an ihrem Handgelenk an. Er war einer der Anf�hrer der Revolution auf Tharsis gewesen und hatte die Kampagne gegen die UNTA geleitet, wodurch deren Kr�fte auf die Muffe und deren unmittelbare Umgebung zusammengedr�ngt worden waren. Bestenfalls ein bedingter Sieg; aber er machte Peter zu einem der Helden des vorigen Monats.</p><p>Jetzt meldete er sich auf ihren Anruf, und sein Gesicht erschien auf ihrem Handy. Er sah ihr sehr �hnlich, was sie beunruhigte. Wie sie bemerkte, war er tief in Gedanken und auf etwas anderes als ihren Anruf konzentriert.</p><p>�Gibt es was Neues?� fragte sie.</p><p>�Nein. Wir scheinen in einer Sackgasse zu stecken. Wir gestatten allen, die drau�en erwischt werden, freien Zugang zum Passagedistrikt, so da� sie die Kontrolle des Bahnhofs und des Flughafens am Rande �bernommen haben und auch der U-Bahnlinien von dort zur Muffe.�</p><p>�Sind die mit den Flugzeugen aus Burroughs Evakuierten hier angekommen?�</p><p>�Ja. Offenbar brechen die meisten von ihnen auf zur Erde. Hier drin herrscht gro�es Gedr�nge.�</p><p>�Kehren sie zur Erde zur�ck, oder gehen sie in den Marsorbit?�</p><p>�Zur�ck zur Erde. Ich glaube nicht, da� sie dem Orbit trauen.�</p><p>Dabei l�chelte er. Er hatte im Weltraum vieles erreicht, unter anderem indem er die Bem�hungen von Sax unterst�tzt hatte. Ihr Sohn, der Weltraum-Mann, der Gr�ne. Viele Jahre lang hatten sie kaum miteinander gesprochen.</p><p>�Was wirst du nun machen?� fragte Ann.</p><p>�Ich wei� nicht. Ich sehe keinen Weg, wie wir den�</p><p>Aufzug oder auch nur die Muffe erobern k�nnten. Und wenn es gel�nge, k�nnten sie den Aufzug abst�rzen lassen.�</p><p>�So?�</p><p>�Nun.� Er machte pl�tzlich ein besorgtes Gesicht. �Ich denke nicht, da� das gut w�re. Was meinst du?�</p><p>�Ich meine, er sollte heruntergeholt werden.�</p><p>Jetzt sah er ver�rgert aus. �Dann solltest du besser au�erhalb der Fall-Linie bleiben.�</p><p>�Das werde ich auch.�</p><p>�Ich will nicht, da� jemand ihn herunterholt ohne eine gr�ndliche Diskussion�, sagte er in scharfemATon. �Das ist wichtig. Es sollte eine Entscheidung sein, die von der ganzen Gemeinde auf dem Mars getroffen wird. Ich f�r meinen Teil denke, da� wir den Aufzug brauchen.�</p><p>�Es sei denn, wir h�tten keine M�glichkeit, ihn in Besitz zu nehmen.�</p><p>�Das wird sich noch zeigen. Inzwischen solltest du besser die H�nde von solchen Dingen lassen. Ich habe geh�rt, was in Burroughs passiert ist. Aber hier ist es anders. Verstehst du? �ber Strategie entscheiden wir gemeinsam. Es mu� diskutiert werden.�</p><p>�Es gibt eine Gruppe, die in so was sehr gut ist�, sagte Ann bitter. St�ndig war alles gr�ndlich er�rtert worden, und immer hatte sie verloren. Die Zeit daf�r war abgelaufen. Es mu�te jemand handeln. Aber Peter tat wieder so, als w�rde er von seiner wirklichen Arbeit abgehalten. Er dachte, er w�rde die Entscheidungen bez�glich des Aufzugs treffen�� das sah sie ihm an. Ohne Zweifel Teil eines allgemeineren Gef�hls, den Planeten zu besitzen, das Geburtsrecht der Nisei, Vertreibung der Ersten Hundert und aller �brigen Issei. Bei Lebzeiten von John w�re das nicht leicht gewesen. Aber der K�nig war tot�� lang lebe der K�nig, ihr Sohn, K�nig der Nisei, der ersten wahren Marsianer.</p><p>Aber K�nig oder nicht�� es gab eine Rote Armee, die jetzt auf Pavonis Mons zustrebte. Sie stellte die st�rkste noch auf dem Planeten verbliebene Streitmacht dar und beabsichtigte, das Werk zu vollenden, das begonnen worden war, als die Erde von ihrer gro�en Flut getroffen wurde. Diese Leute glaubten nicht an Konsens oder Kompromisse. F�r sie bedeutete das Herunterrei�en des Kabels die Erlegung von zwei Fliegen mit einer Klappe. Es w�rde das letzte Bollwerk der Polizei vernichten und w�rde auch den leichten Kontakt zwischen Erde und Mars zerrei�en�� ein Hauptziel der Roten. Nein, die Beseitigung des Kabels war das wichtigste Ziel.</p><p>Aber Peter schien das nicht zu begreifen. Oder vielleicht k�mmerte es ihn nicht. Ann versuchte, es ihm zu sagen, aber er nickte blo� und brummte: �Ja ja, ja ja.� So arrogant wie alle Gr�nen, so munter und hartn�ckig mit all ihren Ausfl�chten und ihrem Umgang mit der Erde, als ob man von einem solchen Leviathan jemals etwas erhalten k�nnte. Nein. Es mu�te direkt gehandelt werden, wie bei der �berflutung von Burroughs und in allen Sabotageakten, die die B�hne f�r die Revolution vorbereitet hatten. Ohne diese h�tte die Revolution �berhaupt nie begonnen�� oder w�re sofort unterdr�ckt worden wie im Jahre 2061.</p><p>�Ja, ja, dann sollten wir wohl besser eine Versammlung einberufen�, sagte Peter und sah ebenso mi�mutig aus, wie sie Mi�mut ihm gegen�ber empfand.</p><p>�Versammlungen�, sagte Ann finster. Versammlungen�� aber sie erf�llen doch ihren Zweck; die Leute konnten davon ausgehen, da� sie eine Bedeutung h�tten, w�hrend die wirklichen Entscheidungen anderswo getroffen wurden.</p><p>Dann sagte er: �Ich will versuchen, eine zu veranstalten.� Ann erkannte, da� sie wenigstens seine Aufmerksamkeit erweckt hatte; aber er machte eine unwirsche Miene, als ob man ihm gedroht h�tte. �Ehe uns die Dinge aus der Hand gleiten.�</p><p>�Das sind sie schon�, sagte sie und brach die Verbindung ab.</p><empty-line/><p>Ann verfolgte die Nachrichten auf den verschiedenen Kan�len, auf Mangalavid, den privaten Netzen der Roten und in den Zusammenfassungen von der Erde. Obwohl alles auf dem Mars jetzt auf Pavonis und den Aufzug konzentriert war, war die physische Konvergenz auf dem Vulkan nur unvollkommen. Sie hatte den Eindruck, da� sich auf Pavonis mehr rote Guerilleros befanden als gr�ne Einheiten des Freien Mars und deren Verb�ndete. Aber es war schwierig, das genau zu bestimmen. Kasei und der radikalste Fl�gel der Roten, genannt Kakaze (�Feuerwind�), hatten unl�ngst den Nordrand von Pavonis besetzt und in Lastflow den Bahnhof und die Kuppel �bernommen. Die Roten, mit denen Ann gereist war, welche gr��tenteils aus dem alten roten Hauptkontingent kamen, diskutierten, ob sie sich am Rand des Kraters entlang bewegen sollte, um sich dann den Kakaze anzuschlie�en, entschieden dann aber am Schlu� in Ost-Pavonis zu bleiben. Ann verfolgte diese Diskussion schweigend, freute sich aber �ber das Ergebnis, da sie von Kasei, Dao und deren Schar Distanz wahren wollte. Sie blieb gern in Ost-Pavonis.</p><p>Viele Truppen des Freien Mars hielten sich auch dort auf und zogen aus ihren Wagen in die verlassenen Lagerh�user um. Ost-Pavonis wurde zu einer bedeutenden Konzentration revolution�rer Gruppen aller Art; und einige Tage nach ihrer Ankunft begab Ann sich hinein und ging �ber kompakten Regolith zu einem der gr��ten Lagerh�user in der Kuppel, um an einer allgemeinen Strategiekonferenz teilzunehmen.</p><p>Die Sitzung verlief ungef�hr so, wie sie erwartet hatte. Nadia stand im Zentrum der Diskussion; und es war zwecklos, jetzt mit ihr zu sprechen. Ann nahm einfach auf einem Stuhl an der R�ckwand Platz und beobachtete, wie die anderen sich zur Lage �u�erten. Sie wollten nicht aussprechen, was Peter ihr schon privat einger�umt hatte: Es gab keinen Weg, die UNTA vom Raumaufzug zu entfernen. Bevor sie das jedoch zugeben w�rden, w�rden sie versuchen, das Problem wegzudiskutieren.</p><p>Sp�ter bei der Konferenz kam Sax her�ber und nahm neben ihr Platz.</p><p>�Einen Raumaufzug�, sagte er, �den k�nnte man... benutzen.�</p><p>Ann war es keineswegs angenehm, mit Sax zu sprechen. Sie wu�te, da� er durch die Sicherheitsleute der UNTA einen Gehirnschaden erlitten hatte und einer Behandlung unterzogen worden war, die seine Pers�nlichkeit ver�ndert hatte. Aber irgendwie hatte das �berhaupt nicht geholfen. Dadurch war der Umgang sehr seltsam, manchmal kam er ihr vor wie der gleiche alte Sax, so vertraut wie ein vielgeha�ter Bruder, w�hrend er ein andermal wirklich wie eine v�llig andere Person wirkte, die in Saxens K�rper hauste. Diese zwei entgegengesetzten Eindr�cke wechselten manchmal rapide oder existierten sogar gleichzeitig. Gerade bevor er zu ihr kam, hatte er noch mit Nadia und Art gesprochen und ausgesehen wie ein Fremder, ein flotter alter Mann mit durchdringendem Blick, der mit der Stimme und in der alten Art von Sax sprach. Als er jetzt in ihrer N�he sa�, sah sie, da� die Ver�nderungen an seinem Gesicht rein oberfl�chlich waren. Aber trotz des vertrauten Aussehens steckte jetzt der Fremde in ihm; denn hier war ein Mann, der stockte und Spr�nge machte, als er m�hsam nach dem suchte, was er zu sagen sich bem�hte, und dann oft etwas kaum Zusammenh�ngendes hervorstie�.</p><p>�Der Aufzug ist ein... eine Erfindung. Um... sich zu erheben. Ein... ein Werkzeug.�</p><p>�Nicht, wenn wir ihn nicht kontrollieren�, sagte Ann so behutsam zu ihm, als wenn sie ein Kind unterrichtete.</p><p>�Kontrollieren...�, sagte Sax und dachte �ber das Konzept nach, als ob es ihm v�llig neu w�re. �Einflu�? Wenn der Aufzug heruntergeholt werden kann von jedem, der das wirklich will, dann... � Er verstummte, verloren in seinen Gedanken.</p><p>�Was dann?� fragte Ann ungeduldig.</p><p>�Dann wird er von allen kontrolliert. Einvernehmliche Existenz. Ist das nicht offenkundig?�</p><p>Es war, als ob er aus einer Fremdsprache �bersetzen w�rde. Das war nicht Sax. Ann konnte nur den Kopf sch�tteln und sanft zu erkl�ren versuchen. Der Aufzug war f�r die Metanationalen der Weg zum Mars, sagte sie ihm. Er war jetzt in deren Besitz; und die Roten hatten keine Mittel, um deren Polizeikr�fte von ihm zu verjagen. Offenbar mu�te er angesichts dieser Lage heruntergeholt werden. Man m��te die Leute warnen, ihnen einen Zeitplan geben und es dann machen. �Verluste an Menschenleben w�rden minimal sein, und wenn es welche geben w�rde, d�rften sie haupts�chlich der Sturheit von Leuten zuzuschreiben sein, die auf dem Kabel oder dem �quator ausharrten.�</p><p>Ungl�cklicherweise h�rte Nadia dies von der Mitte des Raums her, und sie sch�ttelte den Kopf so heftig, da� ihre gestutzten grauen Locken wie bei der Per�cke eines Clowns flatterten. Sie war immer noch sehr w�tend auf Ann wegen Burroughs, ohne jeden Grund. Darum blitzte Ann sie an, als sie zu ihnen her�berkam und knapp sagte: �Wir brauchen den Aufzug. Er ist unsere Verbindung mit Terra ebenso wie deren Verbindung zum Mars.�</p><p>�Aber wir brauchen keine Verbindung zu Terra�, widersprach Ann. �Es ist keine physische Beziehung f�r uns. Siehst du das nicht ein? Ich sage nicht, da� wir keinen Einflu� auf Terra haben sollten. Ich bin keine Isolationistin wie Kasei oder Cojote. Ich gebe zu, da� wir versuchen m�ssen, an ihnen zu arbeiten. Aber es ist keine physische Angelegenheit, siehst du das nicht? Es ist eine Frage von Ideen, von Gespr�chen und allenfalls ein paar Gesandten. Es ist ein Informationsaustausch. Zumindest dann, wenn es richtig l�uft. Wenn aber ein physischer Kontakt besteht, es zu einem Austausch von Ressourcen kommt oder einer Masseneinwanderung oder gar Polizeikontrolle�� dazu ist der Aufzug n�tzlich, ja sogar notwendig. Wenn wir ihn herunterholen, w�rden wir ihnen sagen: Wir werden mit euch verhandeln zu unseren Bedingungen, nicht zu euren.�</p><p>Das war einleuchtend. Aber Nadia sch�ttelte den Kopf, was Ann einfach nicht verstehen konnte.</p><p>Sax r�usperte sich und sagte in seinem alten, dem Periodischen System entsprechenden Stil blinzelnd: �Wenn wir ihn herunterholen k�nnen, dann ist es effektiv so, als w�re er schon unten.� Wie ein pl�tzlich an ihrer Seite erschienener Geist, die Stimme des Terraformens, der Feind, den sie zeitweilig immer wieder verloren hatte, war Saxifrage Russell wieder er selbst, mehr als jemals zuvor. Und alles, was sie tun konnte, war, die gleichen Argumente vorzubringen, wie sie es immer getan hatte, die schwachen Argumente, wobei sie schon im Mund f�hlte, da� die Worte nicht ausreichten.</p><p>Dennoch versuchte sie es. �Sax, die Leute handeln nach dem, was es hier gibt. Die Metanat-Direktoren und die UN und die Regierungen werden aufschauen und sehen, was es gibt und demgem�� handeln. Wenn das Kabel weg ist, haben sie eben jetzt einfach nicht die Mittel oder die Zeit, sich mit uns anzulegen. Aber solange das Kabel da ist, werden sie etwas von uns verlangen. Sie werden denken, da� wir es ihnen schuldig sind. Und es wird Leute geben, die danach schreien, zu versuchen, es uns zu entrei�en.�</p><p>�Sie k�nnen immer kommen. Das Kabel spart nur Treibstoff.�</p><p>�Das w�re nur durch kostspielige Massentransporte m�glich.�</p><p>Aber jetzt war Sax abgelenkt und verwandelte sich wieder in einen Fremden. Niemand widmete ihren Argumenten Aufmerksamkeit. Nadia fuhr fort, �ber Kontrolle des Orbits und sichere Verbindungsrouten und dergleichen zu reden.</p><p>Der fremdartige Sax unterbrach Nadia, ohne sie �berhaupt geh�rt zu haben, und sagte: �Wir haben versprochen, ihnen... herauszuhelfen.�</p><p>�Indem wir ihnen mehr Metalle schicken?� fragte Ann. �Brauchen sie diese wirklich?�</p><p>�Wir k�nnten... Leute nehmen. Das k�nnte helfen.�</p><p>Ann sch�ttelte den Kopf. �Wir k�nnten nie genug aufnehmen.�</p><p>Er runzelte die Stirn. Nadia merkte, da� man ihr nicht zuh�rte, und kehrte an den Tisch zur�ck. Sax und Ann verstummten.</p><p>Man stritt endlos weiter. Keine Partei war zu Kompromissen bereit, und es kam nie etwas zustande. Man diskutierte mit den gleichen Worten f�r unterschiedliche Dinge, und nur selten sprach �berhaupt einer mit dem anderen. Fr�her war es anders gewesen, vor sehr langer Zeit, als sie in der gleichen Sprache diskutiert und einander verstanden hatten. Aber das war so lange her, da� Ann sich nicht einmal erinnern konnte, wann genau das gewesen war. In Antarctica? Irgendwo. Aber nicht auf dem Mars.</p><p>�Du wei�t�, sagte Sax in gespr�chsm��igem Ton, wiederum sehr Sax-un�hnlich, aber auf andere Art, �es war nicht die Rote Miliz, welche die �bergangsbeh�rde veranla�t hat, Burroughs und den Rest des Planeten zu evakuieren. Wenn Guerilleros der einzige Faktor gewesen w�ren, dann w�ren die Terraner auf uns losgegangen und h�tten wohl Erfolg haben k�nnen. Aber die Massendemonstrationen in den Kuppeln machten es deutlich, da� fast jeder auf dem Planeten gegen sie war. Das ist es, was Regierungen am meisten f�rchten: Massenproteste in den St�dten. Hunderttausende von Menschen, die auf die Stra�en gehen, um das herrschende System abzusetzen. Das ist es, was Nirgal meint, wenn er sagt, da� politische Macht aus dem Blick in den Augen der Menschen erw�chst. Und nicht aus Gewehrm�ndungen.�</p><p>�Und?� fragte Ann.</p><p>Sax zeigte auf das Volk im Lagerhaus. �Das sind alles Gr�ne.� Die anderen debattierten weiter. Sax beobachtete Ann wie einen exotischen Vogel.</p><p>Ann stand auf, verlie� die Versammlung und ging in die seltsam ruhigen Stra�en von Ost-Pavonis hinaus. Da und dort hatten Banden der Miliz Posten an Stra�enkreuzungen bezogen, die ihren Blick nach S�den richteten, nach Sheffield und dem Kabelterminal. Gl�ckliche, hoffnungsvolle, ernsthafte junge Eingeborene. An einer Ecke war eine Gruppe in lebhafter Diskussion; und als Ann vorbeikam, schrie eine junge Frau mit verzerrtem Gesicht: �Ihr k�nnt doch nicht einfach tun, was ihr wollt!�</p><p>Ann ging weiter. W�hrenddessen f�hlte sie sich immer mehr und mehr unbehaglich, ohne zu wissen, weshalb. So ist es, wenn Leute sich in kleinen Quantenspr�ngen ver�ndern, wenn sie ohne Absicht oder Plan von �u�eren Ereignissen getroffen werden. Jemand sagt: �Blick im Auge der Menschen�, und zu dieser Phrase gesellt sich pl�tzlich ein Bild: Ein Gesicht, das vor leidenschaftlicher �berzeugung ergl�ht und eine andere Phrase: �Ihr k�nnt doch nicht einfach tun, was Ihr wollt!� Und so hatte sie den Eindruck beim Blick auf das Gesicht dieser jungen Frau, da� es nicht blo� das Geschick des Kabels w�re, �ber das sie entschieden, nicht blo�: �Sollte das Kabel heruntergeholt werden?�, sondern: �Wie treffen wir Entscheidungen?� Das war die kritische nachrevolution�re Frage, wichtiger als jedes andere diskutierte Thema, wichtiger selbst als die Frage des Kabels. Bis jetzt hatten die meisten Leute im Untergrund nach der Maxime gehandelt: �Wenn wir mit dir nicht �bereinstimmen, werden wir gegen dich k�mpfen.� Diese Haltung war es, die Menschen in den Untergrund getrieben hatte, auch Ann. Und wenn man sich an diese Methode gew�hnt hatte, war es schwer, von ihr loszukommen. Schlie�lich hatten sie ja gerade bewiesen, da� sie funktionierte. Und so bestand die Neigung, sie weiter anzuwenden. Das empfand sie selbst so.</p><p>Aber politische Macht... nimmt man einmal an, sie erw�chst aus dem Blick im Auge des Menschen. Man k�nnte f�r immer k�mpfen; aber wenn die Leute nicht hinter einem standen...</p><empty-line/><p>Ann dachte weiter dar�ber nach, als sie nach Sheffield hinunterfuhr. Sie hatte beschlossen, die Farce der Strategiesitzung am Nachmittag in Ost-Pavonis zu schw�nzen. Sie wollte einen Blick in das Zentrum der Aktion werfen.</p><p>Es war seltsam, wie wenig sich im allt�glichen Leben von Sheffield ge�ndert zu haben schien. Die Leute gingen immer noch zur Arbeit, a�en in Restaurants, plauderten auf dem Rasen in den Parks und versammelten sich auf den �ffentlichen Pl�tzen dieser am dichtesten bev�lkerten Kuppelstadt. Die L�den und Restaurants waren gedr�ngt voll. Die meisten Gesch�fte in Sheffield hatten den Metanationalen geh�rt; und jetzt lasen die Leute auf ihren Bildschirmen lange Ausf�hrungen dar�ber, was zu tun w�re, wie die neue Beziehung der Besch�ftigten zu ihren alten Besitzern sein sollte, wo sie ihre Rohstoffe kaufen sollten, wo sie verkaufen sollten, wessen Vorschriften sie folgen und wem sie Steuern bezahlen sollten. Alles sehr verwirrend, wie die Diskussionen auf den Schirmen und die allabendlichen Nachrichtensendungen und die Handynetze zeigten.</p><p>Der Platz, auf dem der Lebensmittelmarkt stattfand, sah so aus wie immer. Die meisten Nahrungsmittel wurden von Kollektiven erzeugt und verteilt; es gab entsprechende Netze; die Treibh�user auf Pavonis produzierten noch. Und so verlief auf dem Markt alles wie �blich. Bezahlt wurde mit UNTA-Dollars oder mit Kredit. Nur ein paarmal sah Ann Verk�ufer mit ihren Sch�rzen, die mit roten Gesichtern Kunden anschrien, welche zur�ckschrien, und die sich �ber irgendeinen Punkt der Regierungspolitik stritten. Als Ann an einem solchen Streit vorbeiging, bei dem es nicht anders zuging als unter den Anf�hrern in Ost-Pavonis, hielten die Diskutierenden pl�tzlich inne und starrten sie an. Man hatte sie erkannt. Der Gem�seh�ndler sagte laut: �Wenn ihr Roten endlich Ruhe geben w�rdet, w�rden sie einfach weggehen!�</p><p>�Ach komm!� erwiderte ein anderer. �Es liegt ja nicht an ihr.�</p><p>Sehr wahr, dachte Ann, als sie weiterging.</p><p>Eine Menschenmenge stand da und wartete auf die Stra�enbahn. Die Transportsysteme waren noch in Betrieb; bereit f�r die Autonomie. Die Kuppel als solche funktionierte, was keineswegs selbstverst�ndlich war, obwohl offenbar die meisten Leute das annahmen. Aber die Betreiber jeder Kuppel sahen ihre Aufgabe klar vor Augen. Sie gewannen ihre Rohstoffe selbst, haupts�chlich aus der Luft. Ihre Sonnenkollektoren und Kernreaktoren lieferten alle Energie, die sie brauchten. Somit waren die Kuppeln physisch schwach, konnten aber, wenn man sie in Ruhe lie�, durchaus politisch autonom sein. Es gab keinen Grund, sie besitzen zu wollen. Das zum Leben notwendige war vorhanden. Der Alltag nahm seinen Lauf, nicht sonderlich beunruhigt durch die Revolution.</p><p>So schien es auf den ersten Blick. Aber auch in den Stra�en gab es bewaffnete Gruppen, junge Eingeborene zu dritt, viert oder f�nft, die an Stra�enecken standen. Revolution�re Milizen bei ihren Granatwerfern und Fernsp�rger�ten. Ob es Gr�ne oder Rote waren, spielte keine Rolle�� allerdings waren es zumeist Gr�ne. Die Leute bemerkten sie im Vorbeigehen oder blieben stehen, um mit ihnen zu reden und herauszufinden, was sie taten. Die Muffe im Auge behalten, sagten die bewaffneten Eingeborenen. Aber Ann sah, da� sie auch als Polizei fungierten. Sie waren ein akzeptierter und unterst�tzter Teil der Szene. Die Leute grinsten beim Plaudern. Dies war ihre Polizei, sie waren Kameraden vom Mars und hier, um sie zu sch�tzen und Sheffield f�r sie zu bewachen. Die Leute wollten sie hier haben. Das war klar. Wenn sie sie nicht gewollt h�tten, w�re jeder nahende Fragesteller eine Bedrohung und jeder unfreundliche Blick eine Attacke gewesen, was die Milizen letztlich von den Stra�enecken an einen sichereren Ort gezwungen h�tte. Die Gesichter der Leute bezeugten Eintracht. Das war der Lauf der Welt.</p><empty-line/><p>So gr�belte Ann w�hrend der n�chsten Tage. Und das noch mehr, nachdem sie mit einem Zug am Rand desKraters entlang, entgegen dem Uhrzeigersinn, in die entgegengesetzte Richtung von Sheffield, zum n�rdlichen Bogen des Kraterrandes gefahren war. Dort hatten Kasei und Dao Apartments in dem kleinen Kuppelbau von Lastflow in Besitz genommen. Offenbar hatten sie gewaltsam einige dort wohnende nicht zur Kampftruppe geh�rende Bewohner vertrieben, die nat�rlich w�tend mit dem Zug nach Sheffield geeilt waren, und verlangten, wieder in ihre Heime gelassen zu werden. Au�erdem meldeten sie Peter und den anderen Gr�nen Anf�hrern, da� die Roten am Nordrand Raketenwerfer auf Lastwagen montiert h�tten, die auf den Aufzug und Sheffield allgemein zielten.</p><p>So begab Ann sich in schlechter Stimmung zu dem kleinen Bahnhof von Lastflow. Sie �rgerte sich �ber die Arroganz der Kakaze, die auf ihre Art ebenso stur waren wie die Gr�nen. Sie hatten bei dem Gefecht von Burroughs richtig gehandelt, als sie den Deich eingenommen hatten, um alle zu warnen, wonach sie ihn dann selbst zerst�rt hatten, nachdem sich alle anderen revolution�ren Parteien auf den H�hen des S�dens versammelt hatten, bereit, die Zivilbev�lkerung der Stadt zu retten, w�hrend die Sicherheitskr�fte der Metanationalen zum R�ckzug gezwungen worden waren. Die Kakaze hatten gesehen, worauf es ankam, und es auch getan, ohne in einer Debatte dar�ber stecken zu bleiben. Ohne deren Entschlossenheit w�ren alle immer noch bei Burroughs versammelt, und die Metanats w�rden zweifellos gerade eine terranische Expeditonsstreitmacht organisieren, die Situation zu entsch�rfen. Es war ein perfekt ausgef�hrter Coup gewesen.</p><p>Jetzt hatte es den Anschein, als ob ihnen dieser Erfolg zu Kopf gestiegen w�re.</p><p>Lastflow war benannt nach der Senke, in der es gelegen war, ein f�cherf�rmiger Lavastrom, der sich mehr als hundert Kilometer weit von der Nordostflanke des Berges herunter erstreckte. Er war der einzige Makel an einem sonst fehlerfreien Gipfelkegel und der Caldera. Er war offenbar sehr sp�t in der Geschichte der Eruptionen des Vulkans entstanden. Wenn man unten in der Senke stand, wurde der Blick auf den Rest des Gipfels abgeschnitten, als ob man sich in einem flachen Tal bef�nde, wobei rundum wenig zu sehen war�� bis man zu dem Abhang an der Kante des Randes hinausging und den riesigen Zylinder der Caldera vor sich hatte und am fernen Horizont die Silhouette von Sheffield, das wie ein mehr als vierzig Kilometer entferntes Mini-Manhattan aussah.</p><p>Die eingeschr�nkte Aussicht war wahrscheinlich der Grund daf�r, warum diese Senke der letzte Teil des Randes war, der entwickelt worden war. Aber jetzt war sie gef�llt mit einer recht gro�en Kuppel von sechs Kilometern Durchmesser und ungef�hr hundert Metern H�he, die man kr�ftig verst�rkt hatte, wie es bei allen Kuppeln hier oben erforderlich war. Die Siedlung war haupts�chlich von Pendlern bewohnt gewesen, die in den zahlreichen Industriebetrieben am Kraterrand arbeiteten. Jetzt war der Randbereich von den Kakaze besetzt worden; und gleich neben der Kuppel stand eine Flotte von gro�en Rovern, auf die ohne Zweifel das Ger�cht von den Raketenwerfern zur�ckzuf�hren war.</p><p>W�hrend Ann zu dem Restaurant gef�hrt wurde, das Kasei als Hauptquartier ausgesucht hatte, versicherten ihr ihre F�hrer, da� an dem Ger�cht etwas dran ist. Die Rover schleppten Raketenabschu�vorrichtungen, die bereit waren, die letzte Zuflucht der UNTA auf dem Mars plattzumachen. Anns F�hrer waren offensichtlich dar�ber erfreut und auch dar�ber, da� sie ihr davon erz�hlen und sie herumf�hren konnten. Ein gemischter Haufen waren sie, zumeist Eingeborene, einige neu Hinzugekommene von der Erde, aber auch Oldtimer, mit allen m�glichen ethnischen Wurzeln. Einige Gesichter waren darunter, die Ann erkannte: Etsu Okakura, al-Khan, Yussuf. Etliche ihr unbekannte Jugendliche hielten sie an der T�r des Restaurants auf, um ihr die Hand zu sch�tteln, und grinsten dabei enthusiastisch. Die Kakaze waren, das mu�te sie sich eingestehen, der Fl�gel der Roten, f�r den sie am wenigsten Sympathie empfand. �rgerliche Exterraner oder idealistische junge Eingeborene aus den Kuppeln�� beim L�cheln zeigten sie dunkel ihre steinernen Eckz�hne, und ihre Augen funkelten, weil sie diese Gelegenheit erhielten, sie kennenzulernen. Sie sprachen von <emphasis>kami,</emphasis> der Notwendigkeit zur Reinheit, dem inneren Wert von Stein, den Rechten des Planeten und so weiter. Kurzum: Fanatiker. Ann sch�ttelte ihnen die Hand und nickte, bem�ht, nicht ihr Unbehagen zu zeigen.</p><p>Drinnen im Restaurant sa�en Kasei und Dao an einem Fenster und tranken dunkles Bier. Alle im Raum hielten im Gespr�ch inne; und es dauerte einige Zeit, bis sie vorgestellt wurde, bis Kasei und Dao sie begr��t und umarmt hatten und die Leute die Gespr�che wieder aufnahmen. Man brachte ihr aus der K�che etwas zu essen. Auch die Angestellten des Restaurants kamen heraus, um sie zu begr��en, denn auch sie waren Kakaze. Ann wartete, bis sie gegangen und die Leute zu ihren Tischen zur�ckgekehrt waren. Sie f�hlte sich ungeduldig und unbehaglich. Das waren ihre geistigen Kinder, wie die Medien immer sagten. Sie war die urspr�ngliche Rote; aber in Wahrheit f�hlte sie sich unwohl.</p><p>Kasei, gutgelaunt, wie schon seit Beginn der Revolution, sagte: �Wir werden das Kabel in etwa einer Woche herunterholen.�</p><p>�Oh, tats�chlich�, sagte Ann. �Warum so lange warten?�</p><p>Dao entging ihr Sarkasmus. �Es kommt darauf an, die Leute zu warnen, damit sie Zeit haben, sich weit genug vom �quator <emphasis>zu</emphasis> entfernen.� Obwohl er gew�hnlich ein m�rrischer Mann war, war er heute ebenso vergn�gt wie Kasei.</p><p>�Und auch das Kabel zu verlassen?�</p><p>�Wenn ihnen danach zumute ist. Aber selbst wenn sie es evakuieren und an uns �bergeben, werden wir es herunterholen.�</p><p>�Wie denn? Sind das da drau�en wirklich Raketenwerfer?�</p><p>�Ja. Aber die sind f�r den Fall gedacht, da� sie herunterkommen und versuchen Sheffield wieder einzunehmen. Was das Herunterholen des Kabels angeht�� wir sollten es nicht hier an der Basis zerst�ren.�</p><p>�Die Kontrollraketen k�nnten imstande sein, mit Angriffen am Boden fertig zu werden�, erkl�rte Kasei. �Es ist wirklich schwer zu sagen, was geschehen w�rde. Aber ein Bruch genau �ber dem asynchronen Punkt w�rde den Schaden am �quator vermindern und verhindern, da� New Clarke so schnell davonfliegt wie der alte. Wei�t du, wir wollen das Ausma� der Trag�die m�glichst gering halten und M�rtyrer vermeiden, wo wir k�nnen. Nur die Zerst�rung eines Bauwerks! Eines Bauwerks, das keinen Nutzen mehr hat.�</p><p>�Ja�, sagte Ann, erleichtert �ber dieses Zeichen von Vernunft. Aber es war seltsam, wie es sie verwirrte zu h�ren, wie ihre Idee als Plan von einem anderen verk�ndet wurde. Sie stellte die Hauptquelle ihrer Besorgnis fest: �Was ist mit den anderen, den Gr�nen? Was ist, wenn sie widersprechen?�</p><p>�Das werden sie nicht�, erwiderte Dao.</p><p>�O doch!� sagte Ann in scharfem Ton.</p><p>Dao sch�ttelte den Kopf. �Ich habe mit Jackie gesprochen. Es mag sein, da� manche Gr�ne wirklich dagegen sind; aber ihre Gruppe vertritt diese Meinung blo� in der �ffentlichkeit, damit sie in den Augen der Terraner gem��igt erscheinen und alles, was gef�hrlich ist, den Radikalen in die Schuhe schieben k�nnen, �ber die sie keine Kontrolle haben.�</p><p>�Also uns�, sagte Ann.</p><p>Sie nickten beide. �Genau wie mit Burroughs�, sagte Kasei l�chelnd.</p><p>Ann dachte dar�ber nach. Das war ohne Zweifel richtig. �Aber einige von ihnen sind wirklich total dagegen. Ich habe mit ihnen dar�ber diskutiert. Das war kein Trick f�r die �ffentlichkeit.�</p><p>�So, so�, sagte Kasei bed�chtig.</p><p>Sowohl er wie auch Dao sahen sie an.</p><p>Schlie�lich sagte sie: �So, ihr werdet es also auf jeden Fall tun.�</p><p>Sie blickten sie weiterhin an. Ann erkannte pl�tzlich, da� sie ihren Worten ebenso wenig folgen w�rden wie Jungen, die von einer senilen Gro�mutter Anweisungen bekommen. Sie lie�en ihr den Willen und �berlegten, wie sie sie am besten f�r ihre Zwecke benutzen k�nnten.</p><p>�Wir m�ssen es tun�, erkl�rte Kasei. �Es liegt im Interesse des Mars. Nicht blo� f�r Rote, sondern f�r uns alle. Wir brauchen eine gewisse Distanz zwischen uns und Terra, und die Schwerkraft stellt diese Distanz wieder her. Ohne sie werden wir in den Mahlstrom hinuntergezogen werden.�</p><p>Das war Anns Argument, genau das, was sie bei den Versammlungen in Ost-Pavonis gesagt hatte. �Wenn sie aber versuchen, euch zu stoppen?�</p><p>�Ich glaube nicht, da� sie das k�nnen�, erwiderte Kasei.</p><p>�Wenn sie es aber versuchen?�</p><p>Die beiden M�nner schauten einander an. Dao zuckte die Achseln.</p><p>So, dachte Ann und sah sie an. Sie waren gewillt, einen B�rgerkrieg zu starten.</p><empty-line/><p>Es kamen immer noch Leute die H�nge von Pavonis herauf zum Gipfel und f�llten Sheffield, Ost-Pavonis, Lastflow und die anderen Kuppelbauten am Rand. Unter ihnen waren Michel, Spencer, Vlad, Marina und Ursula. Ferner Mikhail und eine ganze Brigade Bogdanovisten, sowie Cojote, wie immer allein, eine Gruppe aus Praxis, ein gro�er Zug mit Schweizern, Roverkarawanen von Arabern�� sowohl Sufi als auch Weltliche�� und Eingeborene aus anderen St�dten und Niederlassungen auf dem Mars. Alle kamen herauf zum Endspiel. �berall sonst auf dem Mars hatten die Eingeborenen ihre Kontrolle gefestigt. Alle physikalischen Fabriken wurden von Einheimischen in Kooperation mit der Organisation �zur Zerlegung der Atmosph�re� betrieben. Es gab nat�rlich kleine Widerstandsnester der Metanats, und drau�en gab es auch einige Kakaze, die systematisch Terraformungsprojekte zerst�rten, aber Pavonis war sicher der Wendepunkt f�r alle verbleibenden Probleme�� entweder der Endkampf der Revolution oder, wie Ann zu bef�rchten begann, der erste Schritt in einen B�rgerkrieg. Oder beides. Es w�re nicht das erste Mal.</p><p>Also besuchte sie die Versammlungen und schlief nachts schlecht. Sie erwachte aus unruhigem Schlaf oder aus Nickerchen zwischen einem Meeting und dem n�chsten. Die Treffen verloren ihre Kontur: Auf allen wurde gestritten, alle waren ergebnislos. Ann war m�de, und der sporadische Schlaf half nicht. Sie war fast 150 Jahre alt und hatte seit 25 Jahren keine gerontologische Behandlung mehr gehabt. Sie f�hlte sich immer durch und durch matt. So sah sie aus einem Schacht zunehmender Gleichg�ltigkeit zu, wie die anderen die Situation durchkauten. Die Erde war noch immer in Unordnung. Die durch den Zusammenbruch des westantarktischen Eisschildes bewirkte Flut erwies sich tats�chlich als der ideale Ausl�semechanismus, auf den General Sax gewartet hatte. Sax hatte keine Gewissensbisse, aus dem Mi�geschick der Erde Nutzen zu ziehen. Das sp�rte Ann. Er verschwendete an die vielen Toten, welche die Flut da unten gefordert hatte, nicht einen Gedanken. Sie konnte die Gedanken gleichsam auf seinem Gesicht verfolgen, wenn das Gespr�ch darauf kam�� welchen Sinn machten Gewissensbisse? Die �berschwemmung war ein Ungl�cksfall, eine geologische Katastrophe wie eine Eiszeit oder ein Meteoritentreffer. Niemand sollte Zeit darauf verlieren sich schuldig zu f�hlen, selbst wenn man f�r sich selbst Vorteile daraus zog. Am besten man nahm sich alles, was man aus Chaos und Unordnung an Nutzen ziehen konnte, ohne sich Sorgen zu machen. All dies war deutlich auf Saxens Gesicht zu erkennen, wenn er dar�ber diskutierte, was man als n�chstes der Erde gegen�ber unternehmen sollten. Er schlug vor, eine Delegation zu entsenden. Eine diplomatische Mission, pers�nliches Erscheinen, irgend etwas dar�ber, da� man es gemeinsam tun solle; oberfl�chlich betrachtet unzusammenh�ngende Dinge, aber sie konnte ihn lesen wie einen Bruder, diesen alten Gegner! Nun gut, Sax�� jedenfalls der alte Sax�� war alles andere als irrational und deshalb leicht zu verstehen. Leichter als die jungen Fanatiker der Kakaze�� wenn sie es bedachte.</p><p>Und man konnte ihm nur auf seinem eigenen Boden begegnen und sich mit ihm in seinen Worten verst�ndigen. So setzte sie sich ihm bei den Versammlungen gegen�ber und versuchte, sich zu konzentrieren, auch wenn sich ihr Geist irgendwie zu verh�rten schien und sich in ihrem Kopf versteinerte. Die Argumente drehten sich im Kreis: Was war zu tun mit Pavonis? Pavonis Mons, Peacock Mountain. Wer w�rde den Peacock Thron besteigen? �berall gab es potentielle Schahs: Peter, Nirgal, Jackie, Zeyk, Kasei, Maya, Nadia, Mikhail, Ariadne, die unsichtbare Hiroko...</p><p>Jetzt verwies jemand auf die Konferenz von Dorsa Brevia als n�tzlichen Rahmen f�r eine Diskussion. Alles sehr gut; aber ohne Hiroko fehlte das moralische Zentrum, die einzige Person in der ganzen Geschichte des Mars au�er John Boone, der sich jeder unterwerfen w�rde. Aber Hiroko und John waren verschwunden, zusammen mit Arkadij und Frank, der jetzt von Nutzen gewesen w�re, wenn er auf ihrer Seite gestanden h�tte, was er nicht getan h�tte. Alle waren sie fort. Und ihnen war Anarchie geblieben. Seltsam, wie an einem voll besetzten Tisch jene Abwesenden deutlicher pr�sent waren als die Anwesenden. Zum Beispiel Hiroko. Die Leute erw�hnten sie st�ndig. Und ohne Zweifel war sie irgendwo drau�en in der Wildnis und hatte sie, wie �blich, in der Stunde der Not verlassen. Sie aus dem Nest geworfen.</p><p>Seltsam auch, wie das einzige Kind ihrer verlorenen Helden, Kasei, der Sohn von John und Hiroko, hier der radikalste Anf�hrer sein sollte, ein beunruhigender Mensch, auch wenn er auf ihrer Seite stand. Da sa� er nun und sch�ttelte seinen ergrauten Kopf �ber Art, wobei ein leichtes L�cheln seinen Mund verzog. Er war nicht so wie John oder Hiroko. Obwohl, er hatte etwas von Hirokos Arroganz und von Johns Schlichtheit. Das Schlimmste von beiden. Und dennoch war er ein Machtfaktor. Er tat, was er wollte, und eine Menge Leute folgten ihm. Aber er war nicht so, wie seine Eltern gewesen waren.</p><p>Und Peter, der nur zwei Pl�tze neben Kasei sa�, hatte keine �hnlichkeit mit ihr oder Simon. Es war schwer zu erkennen, was Blutsverwandtschaft bedeutete�� offenbar gar nichts. Dennoch verkrampfte es ihr Herz, wenn sie Peter sprechen h�rte, wie er mit Kasei diskutierte und den Roten bei jedem Punkt entgegentrat, indem er sich f�r eine Art von interplanetarer Zusammenarbeit aussprach. Niemals wandte er sich in diesen Diskussionen an sie, oder sah sie auch nur an. Vielleicht war das als eine Art von H�flichkeit gedacht: Ich will mich nicht mit dir in der �ffentlichkeit streiten. Aber es sah auch ein wenig aus wie: Ich will mich mit dir nicht streiten, denn du spielst keine Rolle.</p><p>Er setzte sich weiter daf�r ein, das Kabel zu behalten, und stimmte mit Art nat�rlich hinsichtlich des Dorsa-Brevia-Dokuments �berein, in Anbetracht der gro�en Mehrheit, die es damals f�r die Gr�nen gegeben hatte und die heute noch bestand. Sich auf das Dorsa-Brevia Dokument zu beziehen, w�rde hei�en, die Existenz des Kabels zu sichern. Das bedeutete die fortgesetzte Pr�senz der UNTA�� der �bergangsbeh�rde der Vereinten Nationen. Und wirklich sprachen einige von denen aus Peters Umfeld �ber �SemiAutonomie gegen�ber Terra�, anstelle von Unabh�ngigkeit. Und Peter machte da mit, das machte sie krank. Und das alles, ohne sie eines Blickes zu w�rdigen. Das war so Simon-typisch, irgendwie, eine Art von Stille. Es machte sie w�tend.</p><p>�Es gibt keinen Grund, �ber langfristige Pl�ne zu sprechen, bis wir das Kabelproblem nicht gel�st haben�, sagte sie, indem sie ihn unterbrach, und erntete daf�r einen sehr finsteren Blick, als h�tten sie eine Vereinbarung. Aber es gab keine Vereinbarung, und warum sollten sie nicht gegeneinander argumentieren, wenn sie keine andere reale Beziehung hatten�� au�er der Biologie?</p><p>Art behauptete, die UN sagten jetzt, da� sie gewillt seien, der Semi-Autonomie des Mars zuzustimmen, solange der Mars in �enger Konsultation mit der Erde bliebe und bei der Krise der Erde aktiv Hilfe leisten w�rde. Nadia sagte, sie st�nde in Verbindung mit Derek Hastings, der sich jetzt oben auf New Clarke aufhielte. Hastings hatte Burroughs ohne eine blutige Schlacht aufgegeben, das stimmte; und jetzt behauptete sie, da� er zu Kompromissen bereit sei. Es gab keinen Zweifel daran, da� sein n�chster R�ckzug nicht so leicht w�re, noch w�rde es ihn an einen sehr angenehmen Ort verschlagen, denn trotz aller Notstandsma�nahmen war die Erde jetzt eine Welt der Hungersn�te, der Seuchen und Pl�nderungen�� der Zusammenbruch des Gesellschaftsvertrages, der stets sehr zerbrechlich gewesen war. Und es k�nnte auch hier passieren. Sie mu�te diese Zerbrechlichkeit bedenken, wenn sie wie jetzt w�tend genug wurde, um Kasei und Dao zu sagen, sie sollten die Diskussionen beenden und das Feuer er�ffnen. Wenn sie das tun w�rde, w�rde es sehr wahrscheinlich dazu kommen. Es �berkam sie ein eigenartiges Gef�hl f�r ihre eigene Macht, als sie sich am Tisch umschaute und die ver�ngstigten, �rgerlichen und ungl�cklichen Gesichter sah. Sie war das Z�nglein an der Waage. Sie k�nnte das Gleichgewicht kippen.</p><p>Jeder Sprecher hatte f�nf Minuten Redezeit, um seine Sache auf die eine oder andere Weise zu vertreten. Mehr Leute waren f�r das Abtrennen des Kabels, als Ann vermutet hatte. Nicht blo� Rote, sondern auch Vertreter jener Kulturen oder Bewegungen, die sich durch die metanationale Ordnung am meisten bedroht f�hlten oder durch Massenimmigration von der Erde: Beduinen, Polynesier, die Bewohner von Dorsia Brevias und einige gerissenere Eingeborene. Dennoch waren sie in der Minderheit. Keine winzige Minderheit�� aber immerhin doch in der Anzahl unterlegen. Isolationisten gegen Interaktive. Noch eine weitere Gruppe, die all den anderen hinzuzurechnen war, welche die Unabh�ngkeitsbewegung des Mars spalteten.</p><p>Jackie Boone stand auf und sprach f�nfzehn Minuten lang f�r die Beibehaltung des Kabels und drohte jedem, der es herunterholen wollte, mit dem Ausschlu� aus der Gesellschaft des Mars. Es war ein widerlicher Auftritt, aber popul�r; und danach stand Peter auf und sprach im gleichen Sinne, nur etwas subversiver. Es machte Ann so w�tend, da� sie sofort, nachdem er fertig war, aufstand, um daf�r zu pl�dieren, das Kabel herunterzuholen. Dies brachte ihr einen weiteren giftigen Blick von Peter ein, den sie kaum registrierte. Sie sprach in gl�hender Hitze und verga� dabei v�llig die Redezeit von f�nf Minuten. Niemand versuchte, ihr das Wort abzuschneiden und so redete und redete sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie als n�chstes sagen w�rde, und keine Erinnerung daran, was sie schon gesagt hatte. Vielleicht hatte ihr Unterbewu�tsein alles wie das Memorandum eines Advokaten organisiert�� was zu hoffen war; auf der anderen Seite dachte ein Teil von ihr, w�hrend ihr Mund weiter redete, vielleicht wiederholte sie auch immer nur wieder und wieder das Wort Mars, oder sie brabbelte dummes Zeug und ihre Zuh�rer ertrugen es mit Geduld oder aber die Zuh�rer verstanden sie tats�chlich auf wunderbare Weise in einem Moment gl�nzender Gr��e, wobei unsichtbare Flammen wie Diademe von Juwelen auf ihren K�pfen leuchteten. Und tats�chlich, so schien es Ann, sah das Haar der Zuh�rer aus wie gesponnenes Metall, und die Glatzen der alten M�nner wie Jaspissteine, und es schien, als ob hier drinnen alle toten und lebenden Sprachen gleich gut verstanden w�rden. Und f�r einen Augenblick, so meinte sie, waren sie alle in ihrem Bann gefangen, alle in einer Epiphanie des roten Mars vereint, frei von der Erde, auf dem Urplaneten lebend, den es gegeben hatte und den es wieder geben k�nnte.</p><p>Sie setzte sich. Diesmal war es nicht Sax, der aufstand, um ihr zu widersprechen, wie es fr�her so h�ufig vorgekommen war. Tats�chlich war er konzentriert nach innen gewandt und sah sie mit offenem Mund an in einem Erstaunen, das sie nicht deuten konnte. Sie beide starrten einander mit festen Blicken an. Aber sie hatte keine Ahnung, was er dachte. Sie wu�te nur, da� sie endlich seine Aufmerksamkeit erregt hatte.</p><p>Diesmal war es Nadia, die ihr entgegentrat. Nadia, ihre Schwester, die sich ruhig und bed�chtig f�r eine Zusammenarbeit mit der Erde aussprach, f�r einen Eingriff in die Lage Terras. Trotz der gro�en Flut waren die Nationen der Erde und die Metanationalen immer noch unglaublich m�chtig, und in mancher Hinsicht hatte die Krise der Flut sie zusammenschwei�t und noch m�chtiger gemacht. Darum sprach Nadia von der Notwendigkeit eines Kompromisses, der Notwendigkeit sich zu engagieren, zu beeinflussen, zu ver�ndern. Das widerspricht sich doch, dachte Ann; weil sie schwach w�ren, sagte Nadia, k�nnten sie es sich nicht leisten zu provozieren, und deshalb m��ten sie die ganze soziale Realit�t der Erde ver�ndern.</p><p>�Aber wie?� schrie Ann. �Wenn man keinen Ansatzpunkt hat, kann man keine Welt bewegen! Ohne Ansatzpunkt kein Hebel und keine Kraft!�</p><p>�Es ist nicht blo� die Erde�, entgegnete Nadia. �Es werden weitere Siedlungen im Sonnensystem entstehen. Merkur, Luna, die gro�en �u�eren Monde, die Asteroiden. Wir m�ssen ein Teil von alledem sein. Als die erste au�erirdische Siedlung sind wir der nat�rliche Anf�hrer. Eine nicht �berbr�ckte Schwerkraft ist blo� ein Hindernis f�r das alles, eine Minderung unserer F�higkeit zu handeln, eine Schw�chung unserer Macht.�</p><p>�Dem Fortschritt im Wege stehen?� hielt Ann ihr erbittert entgegen. �Bedenke, was Arkadij dazu gesagt h�tte! Nein, schau her! Wir hatten eine Chance, hier etwas ganz anderes zu tun. Darauf kam es eigentlich an. Wir haben diese Chance immer noch. Alles, was den Raum vergr��ert, in dem wir eine neue Gesellschaft schaffen k�nnen, ist gut. Alles, was unseren Raum verkleinert, ist schlecht. Denkt dar�ber nach!�</p><p>Vielleicht taten sie es. Aber es machte keinen Unterschied. Alle Elemente auf der Erde schickten ihre Argumente f�r das Kabel�� Argumente, Drohungen, Bitten. Sie brauchten da unten Hilfe. Jegliche Art von Hilfe. Art Randolph setzte sich�� Praxis vertretend�� weiter energisch f�r das Kabel ein. Es machte auf Ann den Eindruck, als ob es die n�chste �bergangsbeh�rde sein w�rde, Metanationalismus in seiner sp�testen Auspr�gung oder Tarnung.</p><p>Aber die Eingeborenen lie�en sich langsam von ihnen �berzeugen, verlockt durch die M�glichkeit der �Eroberung� der Erde, ohne sich dar�ber im klaren zu sein, wie unm�glich das war, da sie sich die Gr��e und Unbeweglichkeit der Erde nicht vorstellen konnten. Man konnte es ihnen immer und immer wieder sagen, aber sie w�rden es sich niemals vorstellen k�nnen.</p><p>Schlie�lich war es Zeit f�r eine informelle Abstimmung. Man hatte beschlossen, da� die Abstimmung repr�sentativ sein sollte, je eine Stimme f�r die Gruppen, die das Dokument von Dorsa Brevia unterzeichnet hatten, und auch eine Stimme f�r alle interessierten Parteien, die seit damals entstanden waren�� neue Siedlungen im Outback, neue politische Parteien, Vereine, Firmen, Guerillabanden und die verschiedenen roten Splittergruppen. Ehe es losging, schlug eine edle, einf�ltige Seele sogar eine Stimme f�r die Ersten Hundert vor; und alle lachten �ber die Idee, da� die Ersten Hundert imstande sein k�nnten, sich auf eine Meinung zu einigen. Diese edle Seele, eine junge Frau aus Dorsa Brevia, schlug dann vor, da� jedem der Ersten Hundert eine individuelle Stimme gegeben werden solle; aber das wurde abgelehnt, da es den schwachen Zugriff gef�hrden w�rde, den sie auf die repr�sentative Herrschaft hatten. Es h�tte ohnehin keinen Unterschied gemacht.</p><p>Also stimmten sie daf�r, den Raumaufzug vorerst bestehen und im Besitz der UNTA zu lassen, bis herunter und einschlie�lich der Sockelmuffe, ohne Disput. Es war so, als ob K�nig Canute die Gezeiten schlie�lich f�r legal erkl�rt h�tte�� aber niemand lachte au�er Ann. Die anderen Roten waren w�tend. Der Besitz der Muffe wurde immer noch aktiv umk�mpft, wie Dao laut einwandte. Die Stadtteile drumherum waren verwundbar und konnten eingenommen werden. Es gab keinen Grund, so zur�ckzuweichen. Sie versuchten nur, ein Problem unter den Teppich zu kehren, weil es schwierig war! Aber die Mehrheit war sich einig. Das Kabel sollte bleiben.</p><empty-line/><p>Ann f�hlte wieder den alten Drang, zu entfliehen. Kuppeln und Z�ge, Menschen, die kleine Silhouette von Sheffield vor dem S�drand, der Basalt des Gipfels, alles eingeebnet, zerst�rt und gepflastert... Es gab eine Piste um den ganzen Kraterand herum, aber die Westseite der Caldera war nahezu unbewohnt. So stieg Ann in einen der kleinsten Rover der Roten und fuhr entgegen dem Uhrzeigersinn auf dem Rand herum, bis sie zu einer kleinen meteorologischen Station kam, wo sie den Rover parkte und durch die Schleuse ausstieg. Sie bewegte sich steif in einem Marschanzug, der denen sehr �hnelte, in denen sie in den ersten Jahren ins Freie gegangen waren.</p><p>Sie war einen guten Kilometer von der Kante des Randes entfernt. Sie ging langsam Richtung Osten darauf zu und stolperte ein paarmal, bis sie sich vornahm, besser aufzupassen. Die alte Lava auf der ebenen Fl�che des breiten Randes war stellenweise glatt und dunkel und an anderen Stellen rauh und etwas heller. Als sie sich der Kante n�herte, war sie v�llig auf Areologie eingestimmt und f�hrte ein Felsballett auf, das jedem Buckel und jeder Spalte unter ihren F��en angepa�t war. Und das war gut; denn in unmittelbarer N�he der Kante senkte sich das Land in einer Reihe schmaler gekr�mmter Vorspr�nge ab, wobei der H�henunterschied manchmal nur einen Schritt betrug, und manchmal gr��er war als ihre K�rpergr��e. Voraus sp�rte sie immer das Gef�hl von leerer Luft, bis die andere Seite der Caldera und der Rest des gro�en Runds in Sicht kamen. Sie kletterte auf den letzten Felsvorsprung hinab, eine nur etwa f�nf Meter breite Bank mit schulterhoher gekr�mmter R�ckwand. Darunter war nichts mehr als der gro�e runde Abgrund von Pavonis.</p><p>Diese Caldera war eines der geologischen Wunder des Sonnensystems, ein Loch von 45 Kilometern Durchmesser und etwa f�nf Kilometern Tiefe. Fast vollkommen regelm��ig in jeder Hinsicht�� kreisf�rmig, mit ebenem Boden und fast vertikalen W�nden, ein perfekter Zylinder, der wie ein Bohrloch in den Vulkan geschnitten war. Keine der anderen drei gro�en Calderas erreichte diese perfekte schlichte Form. Ascraeus und Olympus waren komplizierte Palimpseste sich �berlappender Ringe, w�hrend die breite flache Caldera von Arsia grob zylindrisch, aber in jeder Hinsicht zerrissen war. Allein Pavonis war ein regelm��iger Zylinder, das platonische Ideal einer vulkanischen Caldera. Nat�rlich f�gte von diesem wundervollen Aussichtspunkt, den sie hatte, die horizontale Schichtung der inneren W�nde eine Menge unregelm��iger Details hinzu. Rostfarbene, schwarze, schokoladen- und umbrafarbene B�nder lie�en Variationen in der Zusammensetzung von Lava-Ablagerungen erkennen. Manche B�nder waren h�rter als die dar�ber und darunter befindlichen, so da� die Wand in verschiedenen H�hen von zahllosen isolierten, bogenf�rmigen Balkons ges�umt schien, die an der Flanke des ungeheuren Felsenschlotes sa�en und zumeist nie besucht worden waren. Und der Boden war so flach! Die Senkung der Magmakammer des Vulkans, die sich mehr als 160 Kilometer unter dem Berg befand, mu�te ungew�hnlich gleichm��ig gewesen sein. Sie war jedesmal an der gleichen Stelle niedergegangen. Ann fragte sich, ob man schon herausgefunden hatte, warum das so gewesen war. War die Magmakammer j�nger gewesen als die anderen gro�en Vulkane, oder kleiner, oder war die Lava homogener gewesen... Wahrscheinlich hatte jemand dies Ph�nomen untersucht. Ohne Zweifel k�nnte sie es an ihrem Handgelenk nachschlagen. Sie gab den Code ein f�r das in Pavonis gedruckte <emphasis>Journal ofAreological Studies</emphasis> und fand Artikel �ber �Hinweise auf strombolische explosive Aktivit�t, die in Sekund�rgesteinen von West Tharsis gefunden wurden�, und �Radiale Grate in der Caldera und dem konzentrischen Graben au�erhalb des Randes, die auf eine sp�te Absenkung des Gipfels hindeutenA Sie hatte gerade einen solchen Graben �berquert. Ein weiterer Artikel besch�ftigte sich mit der Freisetzung junger fl�chtiger Stoffe in die Atmosph�re, berechnet aus radiometrischen Datierungen von Lastflow�.</p><p>Sie schaltete das Armband aus. Sie war nicht mehr auf dem laufenden mit der j�ngsten Areologie. Das war sie schon seit Jahren nicht mehr gewesen. Selbst die Lekt�re der Zusammenfassungen w�rde mehr Zeit erfordern, als sie hatte. Und nat�rlich war eine Menge Areologie durch das Terraformungsprojekt arg behindert worden. Forscher, die f�r die Metanats arbeiteten, hatten sich auf Exploration und Bewertung von Ressourcen konzentriert und Anzeichen gefunden von alten Ozeanen, von der fr�hen warmen und feuchten Atmosph�re und m�glicherweise sogar von uraltem Leben. Andererseits hatten radikale rote Wissenschaftler vor zunehmender seismischer Aktivit�t gewarnt, vor schnellen Absenkungen, massiven Verw�stungen und dem Verschwinden von Gesteinsformationen in ihrer urspr�nglichen Verfassung. Politischer Druck hatte nahezu alles verzerrt, was in den letzten hundert Jahren �ber den Mars geschrieben worden war. Das <emphasis>Journal</emphasis> war die einzige Ann bekannte Publikation, die sich, wie sie wu�te, allein auf Areologie im strengsten Sinne beschr�nkte und sich auf das konzentrierte, was in den f�nf Milliarden Jahren der Einsamkeit geschehen war. Es war die einzige Publikation, die Ann noch las oder zumindest durchsah, indem sie die Titel und einige Zusammenfassungen las sowie die Mitteilungen der Herausgeber am Anfang. Ein paarmal hatte sie sogar Briefe an die Redaktion gesandt �ber das eine oder andere Detail, die die Verfasser ohne viel Aufhebens gedruckt hatten. Herausgegeben von der Universit�t in Sabishii, wurde das <emphasis>Journal</emphasis> von gleichgesinnten Areologen kritisch gepr�ft; und die Artikel waren exakt, gut fundiert und in ihren Folgerungen ohne erkennbare politische Absicht. Sie waren einfach Wissenschaft. Die Herausgeber bef�rworteten das, was man eine rote Position nennen mu�te, aber nur im allerengsten Sinne, indem sie f�r die Erhaltung der urspr�nglichen Landschaft eintraten, so da� weiterhin Studien durchgef�hrt werden k�nnen, die nicht durch grobe Umweltverschmutzung behindert werden. Das war von Anfang an Anns Position gewesen, und bei der war ihr am wohlsten. Sie war von dieser wissenschaftlichen Position zu politischem Aktivismus �bergegangen, aber nur weil es ihr durch die Situation aufgezwungen worden war. Das traf auf viele Areologen zu, die jetzt die Roten unterst�tzten. Diese Menschen waren Gleichgesinnte, Leute, die sie verstand und mit denen sie sympathisierte.</p><p>Aber es waren nur wenige. Sie konnte sie fast alle einzeln nennen. Es waren die mehr oder weniger regelm��igen Mitarbeiter des <emphasis>Journals.</emphasis> Was die �brigen Roten anging, wie Kakaze und die anderen Radikalen, so bef�rworteten sie eine Art von metaphysischer Position, trieben einen Kult. Sie waren religi�se Fanatiker, das �quivalent zu Hirokos Gr�nen, Mitglieder einer Art felsenverehrender Sekte. Ann hatte mit ihnen im Grunde wenig gemein. Sie leiteten ihr Rotsein aus einer v�llig anderen Weltanschauung ab.</p><p>Und wenn man mal annimmt, da� es diese Art von Gruppenbildung innerhalb der Roten schon g�be, was sollte man da von der gesamten Unabh�ngigkeitsbewegung des Mars halten? Nun, sie w�rde sich entzweien. Das war schon jetzt im Gange.</p><p>Ann setzte sich nachdenklich auf die Kante des letzten Balkons. Eine herrliche Aussicht. Es schien ihr, als ob sich unten auf dem Boden der Caldera irgendeine kleine Station bef�nde, obwohl man das aus einer H�he von f�nftausend Metern nicht genau erkennen konnte. Selbst die Ruinen des alten Sheffield waren kaum sichtbar�� ah, jetzt ja, sie befanden sich unter dem Boden der neuen Stadt als ein kleiner Schutthaufen mit einigen geraden Linien und ebenen Fl�chen darin. Kaum erkennbare vertikale Kerben in der Wand dar�ber k�nnten durch den Fall der Stadt �61 bewirkt worden sein. Das war schwer zu sagen.</p><p>Die �berkuppelten Siedlungen, die sich noch auf dem Rand befanden, wirkten wie die Spielzeugd�rfer in Briefbeschwerern. Nach Osten hin lagen Sheffield mit seiner Silhouette und die niedrigen Lagerh�user. Ferner Lastflow und die verschiedenen kleinen Kuppeln um den ganzen Rand herum. Die meisten von ihnen waren zu einem gr��eren Sheffield zusammengewachsen, das fast 180� des Randes einnahm. Von Lastflow aus in Richtung S�dwesten, wo Pisten dem heruntergefallenen Kabel entlang �ber den langen Abhang von West-Tharsis bis Amazonis Planitia folgten. Diese St�dte und Stationen w�rden immer unter Kuppeln bleiben, weil die Luft in 27 Kilometern H�he stets nur ein Zehntel der Dichte wie auf dem Bezugspunkt haben w�rde, den man auch als Meeresniveau bezeichnen konnte. Das hei�t die Atmosph�re war hier oben nur drei�ig oder vierzig Millibar dick.</p><p>Kuppelst�dte f�r immer. Aber mit dem Kabel (sie konnte es gerade nicht erkennen), das Sheffield zerteilte, w�rde die Entwicklung sicher weitergehen, bis man eine Kuppelstadt gebaut h�tte, die ganze Caldera umringend und in sie hinabschauend. Ohne Zweifel w�rde man auch die Caldera selbst �berdachen und mit dem runden Boden etwa 1500 Quadratkilometer der Stadt hinzuf�gen, obwohl sie sich fragte, wer auf dem Boden eines solchen Lochs w�rde leben m�gen, wo ringsum Felsw�nde aufragten wie die Mauer einer runden Kathedrale ohne Dach... Vielleicht w�rde es manchen zusagen. Die Bogdanovisten hatten schlie�lich jahrelang in Moholes gelebt. Man w�rde W�lder wachsen lassen, Bergsteigerh�tten oder eher Penth�user f�r Million�re auf den gebogenen Felsvorspr�ngen erbauen, Treppen in die Flanken des Gesteins schneiden, gl�serne Aufz�ge installieren, die f�r die Fahrt hinauf oder hinunter einen ganzen Tag brauchten... Es w�rde Dachg�rten geben, Reihenh�user und Wolkenkratzer, die bis zum Rand aufragten, Helikopterlandepl�tze auf deren flachen runden D�chern, Pisten, Autobahnen... O ja, der ganze Gipfel von Pavonis Mons mit Caldera und allem k�nnte von der gro�en Weltstadt bedeckt werden, die st�ndig wuchs wie ein Pilz auf jedem Fels im Sonnensystem. Milliarden, Billionen, Trillionen von Menschen, alle der Unsterblichkeit so nahe, wie sie sich selbst machen konnten...</p><p>Sie sch�ttelte verwirrt den Kopf. Die Radikalen in Lastflow waren nicht ihre Leute, nicht wirklich, aber falls sie keinen Erfolg h�tten, w�rde der Gipfel von Pavonis und alle anderen Stellen auf dem Mars ein Teil dieser gigantischen Weltstadt werden. Ann versuchte, sich auf die Aussicht zu konzentrieren und Ehrfurcht vor der symmetrischen Gestalt und Liebe zum Gestein unter sich zu empfinden. Ihre F��e hingen �ber die Kante des Vorsprungs, sie schlug ihre Fersen gegen den Basalt; sie k�nnte einen Stein werfen, der f�nftausend Meter tief fallen w�rde. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie konnte es nicht f�hlen. Versteinerung. So taub und schon so lange... Sie schnaubte, sch�ttelte den Kopf, winkelte ihre Beine wieder an. Sie ging zur�ck zum Rover.</p><p>Sie tr�umte von dem langen Endlauf. Der Erdrutsch donnerte �ber den Boden von Melas Chasma und hatte sie schon fast erreicht. Alles war mit surrealer Deutlichkeit zu erkennen. Sie erinnerte sich wieder an Simon. Sie st�hnte und verlie� den kleinen Deich. Sie durchlebte die Gef�hle noch einmal und hatte gut zu tun, den toten Mann in ihrem Innern zu beschwichtigen. Sie f�hlte sich schrecklich. Der Boden erzitterte.</p><p>Sie erwachte mit einem Gef�hl der Flucht, sie versuchte wegzulaufen, doch eine Hand, die heftig an ihrem Arm zog, hielt sie fest.</p><p>�Ann, Ann, Ann!�</p><p>Es war Nadia. Noch eine �berraschung. Ann richtete sich m�hsam und unsicher auf. �Wo sind wir?�</p><p>�Pavonis, Ann. Die Revolution. Ich bin her�bergekommen und habe dich geweckt, weil ein Kampf ausgebrochen ist zwischen Kaseis Roten und den Gr�nen in Sheffield.�</p><p>Die Gegenwart �berrollte sie wie der Erdrutsch in ihrem Traum. Sie ri� sich aus Nadias Griff los und langte nach ihrem Hemd.</p><p>�War mein Rover nicht verschlossen?�</p><p>�Ich bin eingebrochen.�</p><p>�Aha!� Ann stand auf, immer noch benommen, und wurde immer �rgerlicher, je besser sie die Lage verstand. �Was ist also geschehen?�</p><p>�Sie haben das Kabel mit Raketen beschossen.�</p><p>�Wirklich?� Ein neuer Ruck, der den geistigen Nebel beseitigte. �Und?�</p><p>�Es hat nicht geklappt. Die Abwehreinrichtungen des Kabels haben sie abgefangen. Die haben da oben jetzt eine Menge Ger�te und freuen sich, sie endlich benutzen zu k�nnen. Aber jetzt r�cken die Roten von Westen her nach Sheffield ein, schie�en noch mehr Raketen ab; und die UN-Streitm�che auf Clarke bombardieren die ersten Abschu�pl�tze dr�ben auf Ascraeus und drohen, jede bewaffnete Macht hier unten unter Besch�� zu nehmen. Das ist genau das, was sie gewollt haben. Und die Roten denken offenbar, da� es wie bei Burroughs geht, und versuchen die Aktion zu forcieren. Darum bin ich zu dir gekommen. Schau, Ann, ich wei�, da� wir schon viel gek�mpft haben. Wie du wei�t, bin ich nicht sehr geduldig gewesen; aber dies ist wirklich zu viel. Im letzten Augenblick k�nnte alles in St�cke gehen. Die UN k�nnten die Lage hier als Anarchie verstehen und von der Erde heraufkommen und versuchen, wieder die Macht zu �bernehmen.�</p><p>�Wo sind sie?� kr�chzte Ann. Sie zog ihre Hose an und ging ins Bad. Nadia folgte ihr. Auch das war eine �berraschung. In Underhill h�tte es zwischen ihnen normal sein k�nnen; aber es war schon lange her, da� Nadia ihr ins Bad gefolgt war und hartn�ckig geredet hatte, w�hrend Ann sich das Gesicht wusch und sich zum Pinkeln hinsetzte. �Sie haben ihre Basis noch in Lastflow, haben jetzt aber die Randpiste und die Verbindung nach Cairo abgeschnitten und k�mpfen in West-Sheffield und bei der Muffe. Rote k�mpfen gegen Gr�ne.�</p><p>�Ja,ja.�</p><p>�Also wirst du mit den Roten sprechen. Wirst du sie aufhalten?�</p><p>Ann wurde von einer j�hen Wut erfa�t. �Du hast sie dazu getrieben!� schrie sie Nadia ins Gesicht, so da� diese in die T�r zur�ckprallte. Ann stand auf, ging einen Schritt auf Nadia zu, zog sich die Hose hoch und br�llte weiter: �Du und dein selbstgef�lliges Terraformen, das ist alles so gr�n, gr�n, gr�n, ohne eine Spur von Kompromi�! Es ist ebenso deine Schuld wie die ihre! Sie haben schlie�lich keine Hoffnung!�</p><p>�Vielleicht�, sagte Nadia st�rrisch. Offenbar k�mmerte es sie nicht. Das war Vergangenheit und spielte keine Rolle mehr. Sie wischte es weg und wollte sich nicht in ihrer Meinung beirren lassen. �Aber wirst du es versuchen?�</p><p>Ann starrte ihre hartn�ckige alte Freundin an, in diesem Augenblick fast jugendlich vor Furcht, konzentriert und lebendig.</p><empty-line/><p>Es war wirklich zu sp�t. Das Rovercamp, in dem Ann gewesen war, war verlassen; und als sie mit dem Handy an ihrem Handgelenk einen Rundruf machte, erhielt sie keine Antwort. Also lie� sie Nadia und die anderen im Komplex von Ost-Pavonis schmoren und fuhr mit ihrem Rover hin�ber nach Lastflow, in der Hoffnung, einige der Roten dort zu finden. Aber Lastflow war von den Roten aufgegeben worden, und keiner der Ans�ssigen wu�te, wohin sie gegangen waren. Die Leute sa�en in den Stationen und Cafes vor den Fernsehern; aber als Ann auch hinschaute, sah sie keine Meldungen �ber den Kampf, nicht einmal �ber den auf Mangalavid. Ein Gef�hl von Verzweiflung begann sich in ihre bittere Stimmung einzuschleichen. Sie wollte etwas tun, wu�te aber nicht, wie. Sie probierte es wieder mit dem Handy, und zu ihrer �berraschung antwortete Kasei auf ihrer Privatfrequenz. Sein Gesicht sah in dem kleinen Bildausschnitt dem von John Boone erschreckend �hnlich, so da� Ann in ihrer Verwirrung zuerst gar nicht h�rte, was er sagte. Er sah so gl�cklich aus; das war John, wie er leibte und lebte!</p><p>�...mu�te es tun�, sagte er. Ann �berlegte, ob sie ihn danach gefragt hatte. �Wenn wir nichts unternehmen, werden sie diese Welt zerrei�en. Sie werden es bis zu den Gro�en Vier treiben.�</p><p>Dies spiegelte Anns Gedanken auf der Felsleiste genau genug wider, um sie erneut zu schockieren. Aber sie nahm sich zusammen und sagte: �Wir m�ssen innerhalb des Rahmens der Diskussionen arbeiten, Kasei, sonst l�sen wir einen B�rgerkrieg aus.�</p><p>�Ann, wir sind in der Minderheit. Der Rahmen k�mmert sich nicht um Minorit�ten.�</p><p>�Ich bin nicht so sicher. Aber daran werden wir arbeiten m�ssen. Und selbst wenn wir uns f�r den aktiven Widerstand entscheiden, mu� es nicht hier und jetzt sein. Es darf nicht sein, da� die Marsianer sich gegenseitig t�ten.�</p><p>�Sie sind keine Marsianer.� In seinen Augen glomm ein Feuer; seine Miene erinnerte an Hiroko in ihrer Distanz von der gew�hnlichen Welt. In diesem Sinne war er keineswegs wie John. Das Schlimmste von beiden Elternteilen war hier vereinigt. Und so hatten sie einen neuen Propheten, der eine neue Sprache sprach.</p><p>�Wo bist du jetzt?�</p><p>�West-Sheffield!�</p><p>�Was wirst du jetzt tun?�</p><p>�Die Muffe erobern und dann das Kabel herunterholen. Wir haben die Waffen und die Erfahrung. Ich erwarte keine gro�en Schwierigkeiten.�</p><p>�Beim ersten Versuch habt ihr es nicht geschafft.�</p><p>�Zu phantastisch. Diesmal werden wir es einfach abhacken.�</p><p>�Ich dachte, so w�rde es nicht gehen.�</p><p>�Es wird funktionieren.�</p><p>�Kasei, ich denke, wir sollten mit den Gr�nen verhandeln.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, ungeduldig ihr gegen�ber und entt�uscht, da� sie die Nerven verloren hatte, als es losging. �Wenn das Kabel unten ist, werden wir verhandeln. Schau, Anna, ich mu� jetzt gehen. Bleib au�erhalb der Fall-Linie!�</p><p>�Kasei!�</p><p>Aber er war fort. Niemand h�rte ihr zu, weder ihre Feinde, noch ihre Freunde, noch ihre Familie; obwohl sie Peter anrufen m��te. Sie w�rde es noch einmal mit Kasei versuchen. Sie m��te selbst dort sein, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, genau wie sie die Aufmerksamkeit Nadias hatte. Ja, soweit war es gekommen. Um die Aufmerksamkeit dieser Leute zu gewinnen, mu�te sie ihnen direkt ins Gesicht schreien.</p><empty-line/><p>Die M�glichkeit, bei Ost-Pavonis aufgehalten zu werden, veranla�te sie, sich in das westliche Umland von Lastflow zu begeben, indem sie sich wie am Vortag entgegen dem Uhrzeigersinn um den Krater bewegte und die Rote Streitmacht von hinten erreichte�� auf jeden Fall die bestm�gliche Ann�herung. Es war eine Fahrstrecke von ungef�hr 150 Kilometern von Lastflow bis zum Westrand von Sheffield. W�hrend sie um den Gipfel raste, knapp oberhalb der Piste, verbrachte sie die Zeit damit, die verschiedenen Gruppen, die auf dem Berg stationiert waren, zu erreichen; aber ohne Erfolg. Explodierende statische St�rungen markierten den Kampf um Sheffield, und durch diese brutalen St��e von wei�em Rauschen brachen Erinnerungen an �61 hervor und erschreckten sie. Sie fuhr den Rover mit H�chstgeschwindigkeit und hielt ihn auf der schmalen Au�enseite der Piste, um glatter und rascher voranzukommen, mit etwa hundert Kilometern in der Stunde und dann noch schneller, in dem Versuch, einen B�rgerkrieg abzuwenden, der eine traumhaft entsetzliche Bedrohung darstellte. Ganz besonders deshalb, weil es beinahe zu sp�t war. In Momenten wie diesem war sie immer zu sp�t dran. Im Himmel �ber der Caldera erschienen pl�tzlich sternf�rmige Explosionswolken�� ohne Zweifel durch Raketen verursacht, die auf das Kabel abgeschossen worden waren und mitten im Flug getroffen wurden. Wei�e W�lkchen wie von einem fehlgez�ndeten Feuerwerk ballten sich �ber Sheffield und verpufften �ber dem ganzen weiten Gipfel; trieben dann mit dem Jetstrom nach Osten davon. Einige dieser Raketen wurden noch weit von ihrem Ziel ab, das einmal das Kabel sein sollte, erledigt.</p><p>W�hrend sie die Schlacht �ber sich beobachtete, fuhr sie fast in die schon durchl�cherte erste Kuppel von West-Sheffield hinein. Als die Stadt sich nach Westen ausdehnte, waren neue Kuppeln an die fr�heren angef�gt worden wie Lavaklumpen, die aneinander hafteten. Jetzt waren die Bau-Mor�nen au�erhalb der j�ngsten Kuppel mit Ger�stst�cken, die wie Glasscherben wirkten, bestreut, und das Kuppelmaterial fehlte in den verbliebenen st�dienartigen Gebilden. Anns Rover h�pfte wild �ber einen Haufen Basaltger�ll. Sie bremste scharf und hielt dicht an der Mauer. Die T�ren des Fahrzeugs waren noch immer verschlossen. Sie legte ihren Schutzanzug und Helm an, kletterte die Stadtmauer empor und dar�ber, hinein nach Sheffield.</p><p>Die Stra�en waren verlassen. Glasscherben, Ziegel, Bambusst�cke und Magnesiumtr�ger lagen verstreut auf dem Rasen. In dieser H�he platzten besch�digte H�user wie Ballons, wenn die Kuppel zerst�rt war. Fenster g�hnten leer und finster; und hier und da lagen ganze Rechtecke nicht zerbrochener Fenster herum wie gro�e durchsichtige Schilde. Und auch eine Leiche, das Gesicht mit Reif oder Staub bedeckt. Es w�rde eine Menge Tote geben. Die Menschen pflegten sich keine Gedanken mehr �ber die Dekompression zu machen, die eine ausgepr�gte Furcht bei den alten Siedlern gewesen war. Das war heute anders.</p><p>Ann ging weiter nach Osten. �Ich suche Kasei oder Dao oder Marion oder Peter�, rief sie immer wieder in ihr Handy. Niemand antwortete.</p><p>Sie folgte einer schmalen Stra�e knapp innerhalb der S�dwand der Kuppel. Grelles Sonnenlicht und scharfe schwarze Schatten. Einige Geb�ude hatten standgehalten. In ihnen brannte noch Licht. Aber nat�rlich war drinnen niemand zu sehen. Voraus war das Kabel schwach sichtbar als ein schwarzer vertikaler Strich, der von Ost-Sheffield in den Himmel gezeichnet war wie eine geometrische Linie auf dem Bildschirm, die nun Realit�t erlangt hatte.</p><p>Das rote Notsignal wurde in rasch wechselnder Wellenl�nge gesendet, synchron f�r jeden, der Kenntnis der jeweiligen Verschl�sselung hatte. Dieses System durchschnitt sehr gut manche Art der Funkst�rung. Dennoch war Ann �berrascht, als von ihrem Handgelenk eine Stimme kr�chzte: �Ann, hier ist Dao. Hier oben.�</p><p>Er war tats�chlich zu sehen und winkte ihr aus dem Eingang der kleinen Notschleuse eines Geb�udes zu. Er und eine Schar von etwa zwanzig Personen arbeiteten an drei mobilen Raketenwerfern drau�en in der Stra�e. Ann rannte zu ihnen hin und duckte sich neben Dao in den Eingang. Sie schrie: �Das hier mu� gestoppt werden!�</p><p>Dao machte ein �berraschtes Gesicht. �Wir sind fast bis zur Muffe gelangt.�</p><p>�Aber was dann?�</p><p>�Sprich dar�ber mit Kasei! Er ist vor uns oben, unterwegs nach Arsiaview.�</p><p>Eine ihrer Raketen fauchte los. Das Ger�usch war in der d�nnen Luft schwach. Dao war wieder dabei. Ann rannte die Stra�e weiter hinauf und hielt sich, so dicht sie konnte, an den Flanken der H�user. Das war ganz offensichtlich gef�hrlich; aber in diesem Moment k�mmerte sie sich nicht darum, ob sie get�tet werden w�rde oder nicht. Sie hatte keine Angst. Peter war irgendwo in Sheffield und hatte das Kommando �ber die gr�nen Revolution�re, die von Anfang an hier gewesen waren. Diese Leute waren schlau genug gewesen, um die Kr�fte der UNTA am Kabel und oben auf Clarke gefangen zu halten. Darum waren sie keineswegs die gl�cklosen pazifistischen jungen eingeborenen Stra�endemonstranten, f�r welche Kasei und Dao sie anscheinend gehalten hatten. Anns geistige Sch�ler, die eine Attacke auf ihr einziges Kind ritten, und das im vollen Vertrauen, ihren Segen zu haben. Wie sie ihn fr�her gehabt hatten. Aber jetzt...? Sie bem�hte sich weiterzulaufen. Ihr Atem ging schwer und sto�weise, Schwei� rieselte ihr �ber die Haut. Sie eilte zur S�dwand der Kuppel, wo sie auf eine kleine Flotte von Felsenwagen stie�, Turtle Rocks aus der Wagenfabrik von Acheron. Aber niemand darin antwortete auf ihre Anrufe; und bei n�herem Hinschauen sah sie, da� s�mtliche Frontscheiben unter den steinernen Wagend�chern durchl�chert waren. Alle Insassen waren tot. Ann rannte in zunehmender Panik weiter nach Osten und hielt sich nahe der Kuppelmauer, ohne auf den Schutt unter ihren F��en zu achten. Sie war sich bewu�t, da� ein einziger Schu� sie t�ten konnte; aber sie mu�te Kasei finden. Sie versuchte es wieder mit dem Handy.</p><p>W�hrend sie damit besch�ftigt war, ging ein Anruf ein. Es war Sax. �Es ist nicht logisch, das Schicksal des Aufzugs mit Zielen des Terraformens zu verkn�pfen�, sagte er, als ob er zu mehr Leuten spr�che als nur zu ihr. �Das Kabel k�nnte an einem ganz kalten Planeten befestigt werden.�</p><p>Das war der Sax, der er fr�her gewesen war. Aber dann mu�te er bemerkt haben, da� sie eingeschaltet war; denn er blickte eulenhaft in die kleine Kamera an seinem Handgelenk und sagte: �H�r zu, Ann! Wir k�nnen die Geschichte am Arm packen und ihn brechen, und es schaffen. Es neu machen.�</p><p>Ihr alter Sax h�tte das nie gesagt. Er h�tte auch nicht zu ihr geschwatzt, offenbar zerstreut, bittend, sichtlich nerv�s. Wirklich einer der erschreckendsten Anblicke, die sie je erlebt hatte. Tats�chlich: �Sie lieben dich, Ann. Das kann uns retten. Emotionale Geschichten sind die wahren Geschichten. Wasserscheiden von Verlangen und Devolution, Devotion. Du bist f�r die Eingeborenen die Personifizierung gewisser Werte. Dem kannst du nicht entrinnen. Du mu�t damit handeln. Ich habe das in Da Vinci getan, und es hat sich als hilfreich erwiesen. Jetzt bist du an der Reihe. Du mu�t! Ann, du mu�t dich diesmal mit uns allen zusammentun. Zusammen oder getrennt bleiben. Benutze deinen Wert als Ikone!�</p><p>Seltsam, so etwas von Saxifrage Russell zu h�ren. Aber dann ver�nderte er sich wieder und schien sich zusammenzunehmen. �Logisch ist es, eine Art von Gleichung f�r gegens�tzliche Interessen aufzustellen.� Wieder ganz wie sein altes Selbst.</p><p>Danach piepte es an ihrem Handgelenk, und sie schaltete Sax aus und beantwortete den eingehenden Anruf. Es war Peter, auf der Frequenz der Roten, mit einer finsteren Miene, wie sie sie noch nie bei ihm gesehen hatte.</p><p>�Ann!� Er blickte fest auf sein Handy. �Mutter, h�r zu! Ich will, da� du diesen Leuten Einhalt gebietest!�</p><p>Sie platzte heraus: �Red mich nicht als Mutter an! Ich versuche es gerade. Kannst du mir sagen, wo sie sind?�</p><p>�Darauf kannst du Gift nehmen, da� ich das kann! Sie sind gerade in die Kuppel von Arsaview eingebrochen. So wie sie vorr�cken, sieht es aus, als ob sie versuchten, von S�den her an die Sockelmuffe heranzukommen.� Er erhielt diese Nachricht von irgendwem au�er Sicht der Kamera. �Stimmt.� Er sah sie wieder an. �Ann, kann ich dich mit Hastings oben auf Clarke in Verbindung bringen? Wenn du ihm sagst, da� du versuchst, den Angriff der Roten aufzuhalten, k�nnte er glauben, da� es nur einige wenige Extremisten sind und sich heraushalten. Er wird tun, was er tun mu�, um das Kabel oben zu halten; und ich f�rchte, da� er uns alle zu t�ten bereit ist.�</p><p>�Ich werde mit ihm reden.�</p><p>Und da war es, ein Gesicht aus tiefer Vergangenheit, sie h�tte gesagt, einer f�r Ann verlorenen Zeit, und doch war es sofort vertraut. Ein Mann mit schmalem Gesicht, gequ�lt und mit den Nerven nahezu am Ende. H�tte jemand in den vergangenen hundert Jahren solch enormen Druck aushalten k�nnen? Nein. Es war genau wie in jener Zeit, die jetzt wiedergekehrt war.</p><p>�Ich bin Ann Clayborn�, sagte sie; und als sich sein Gesicht noch mehr verzog, f�gte sie hinzu: �Ich m�chte klarstellen, da� die hier unten sich abspielenden K�mpfe nicht die Politik der Roten Partei darstellen.�</p><p>Ihr Magen verkrampfte sich, als sie dies sagte, und sie sp�rte Magens�ure in der Kehle. Aber sie fuhr fort: �Es ist das Werk einer Splittergruppe, die Kakaze hei�t. Sie sind es gewesen, die auch den Deich von Burroughs gebrochen haben. Wir versuchen, sie aus dem Weg zu schaffen, und erwarten bis zum Ende des Tages Erfolg zu haben.�</p><p>Das war die schrecklichste Reihe von L�gen, die sie je ge�u�ert hatte. Sie f�hlte sich, als ob Frank Chalmers heruntergekommen w�re und ihren Mund �bernommen h�tte. Sie ertrug das Gef�hl solcher Worte auf ihrer Zunge nicht. Sie trennte die Verbindung, ehe ihr Gesicht verriet, welche Unwahrheiten sie ausspie. Hastings verschwand, ohne ein Wort gesagt zu haben. Sein Gesicht wurde durch das von Peter ersetzt, der nicht wu�te, da� sie wieder in der Leitung war. Sie konnte ihn h�ren, aber sein Handy am Handgelenk wurde von einer T�r verdeckt, �...wenn sie nicht von sich aus aufh�ren, werden wir sie stoppen m�ssen, sonst tut es die UNTA und alles geht zum Teufel. Mach alles bereit f�r einen Gegenangriff! Ich werde den Befehl geben.�</p><p>�Peter!� sagte sie, ohne zu �berlegen.</p><p>Das Bild auf dem kleinen Schirm schwenkte, und sein Gesicht erschien.</p><p>Sie sagte mit erstickter Stimme, kaum imstande, ihn anzusehen, diesen Verr�ter: �Du verhandelst mit Hastings. Ich werde mit Kasei reden.�</p><empty-line/><p>Arsiaview war die s�dlichste Kuppel, jetzt voller Rauch, der oben in langen formlosen Schlangenwindungen aufstieg, welche das Ventilationssystem der Kuppel erkennen lie�en. �berall ert�nten Alarmsignale, laut in der noch dicken Luft; und durchsichtiger Plastik war �ber das gr�ne Gras der Stra�e verstreut. Ann stolperte an einer zusammengekr�mmten Leiche vorbei, welche genau wie die in Asche modellierten K�rper in Pompeji aussah. Arsaview war schmal, aber lang, und es war nicht deutlich, wohin sie gehen sollte. Das Fauchen von Raketenstarts f�hrte sie ostw�rts zur Muffe, dem Magneten des Wahnsinns, wie ein Monopol, der die Unvernunft der Erde auf sie entlud.</p><p>Darin k�nnte ein Plan zum Ausdruck kommen. Die Verteidigungseinrichtungen des Kabels schienen imstande zu sein, mit den leichten Raketengeschossen der Roten fertig zu werden; wenn die Angreifer aber Sheffield und die Muffe v�llig zerst�rten, g�be es nichts, womit die UNTA herunterkommen k�nnte, so da� es keine Rolle mehr spielte, ob das Kabel oben noch schwingen w�rde. Das war ein Plan, der den bei Verhandlungen mit Burroughs angewandten widerspiegelte.</p><p>Aber es war ein schlechter Plan. Burroughs lag im Tiefland, wo es eine Atmosph�re gab und die Menschen im Freien gelebt hatten, zumindest eine Zeit lang. Sheffield lag hoch; und damit waren sie wieder in der Vergangenheit, in �61, als eine zerst�rte Kuppel das Ende f�r jeden bedeutete, der darin den Elementen ausgesetzt war. Au�erdem lag das meiste von Sheffield unter dem Boden, in vielen Stockwerken �bereinander an die Wand der Caldera gedr�ngt. Ohne Zweifel hatte sich der gr��te Teil der Bev�lkerung dorthin zur�ckgezogen. Wenn der Kampf ihr folgen w�rde, w�re das ein Alptraum. Aber oben auf der Oberfl�che war es m�glich zu k�mpfen, und die Leute waren dem Feuer oben vom Kabel her ausgesetzt. Nein, das w�rde nicht funktionieren. Es war nicht einmal m�glich, genau zu beurteilen, was �berhaupt geschah. In der N�he des Sockels gab es neue Explosionen, im Interkom herrschte Statik, nur hin und wieder waren einzelne Worte zu verstehen, wenn der Empf�nger Fetzen anderer codierter Frequenzen erwischte, die hindurchliefen. �... Arsiaview erobert <emphasis>krrrrr...�</emphasis>�� �Wir brauchen das AI wieder, aber ich w�rde sagen... X-Achse drei f�r zwei, Y-Achse acht <emphasis>krrrrr...�</emphasis></p><p>Dann mu�te eine weitere Serie von Abfangraketen am Kabel gestartet worden sein; denn oben sichtete Ann eine aufsteigende Reihe hell strahlender Explosionen von Licht ohne jedes Ger�usch. Aber danach regneten auf die Kuppeln um sie herum gro�e schwarze Tr�mmer nieder, brachen durch die Abdeckung oder prallten auf Teile des Ger�stes und fielen dann das letzte St�ck hinunter auf die Geb�ude wie herabst�rzende St�cke verungl�ckter Fahrzeuge, laut krachend trotz der d�nnen Luft und der dazwischen befindlichen Kuppeln. Der Boden bebte und h�pfte unter ihren F��en. Das hielt f�r Minuten an, wobei die Tr�mmer immer weiter drau�en herunterkamen und in jeder Sekunde in all diesen Minuten ihr den Tod h�tten bringen k�nnen. Sie stand da, schaute zu dem finsteren Himmel auf und wartete, bis es vorbei war.</p><p>Es fielen immer noch Tr�mmer herunter. Ann hatte die Luft angehalten, nun atmete sie wieder. Peter hatte den Roten Code. Darum rief sie seine Nummer, empfing aber nur St�rungen. Aber sie stellte die Lautst�rke niedriger ein und bekam dann einige verzerrte halbe S�tze. Peter schilderte rote Unternehmungen gegen gr�ne Kr�fte oder vielleicht sogar gegen die UNTA. Wer konnte dann von den Verteidigungssystemen des Kabels Raketen auf sie abschie�en? Ja, das war Peters Stimme in Bruchst�cken mit Statik dazwischen. Danach kamen nur noch St�rger�usche.</p><p>An der Basis des Aufzugs wechselten kurze St��e explosiven Lichts den unteren Teil des Kabels von Schwarz zu Silbern und dann wieder zu Schwarz. In Arsaview ert�nte Alarm jeder Art in Form von Klingeln oder Sirenengeheul. Der ganze Rauch wurde zum �stlichen Ende der Kuppel getrieben. Ann betrat eine Gasse von Norden nach S�den und lehnte sich gegen die flache Ostwand eines Geb�udes aus Beton. In der Stra�e gab es keine Fenster. Dr�hnen, Krach, Wind. Dann die Stille der Luftlosigkeit.</p><p>Sie stand auf und wanderte durch die Kuppel. Wohin sollte man gehen, wenn die Menschen get�tet worden waren? Man finde, so man kann, seine Freunde. Wenn du sagen kannst, wer sie sind.</p><p>Sie raffte sich auf und suchte weiter nach Kaseis Gruppe. Sie ging dorthin, wo Dao sich nach eigenen Worten befinden mu�te. Dann versuchte sie zu �berlegen, wohin sie zun�chst gehen sollte. Au�erhalb der Stadt gab es eine M�glichkeit. Aber nachdem sie ins Innere gegangen war, k�nnte sie es mit der n�chsten Kuppel in �stlicher Richtung versuchen und eine nach der anderen in Angriff nehmen, sie dekomprimieren, jedermann nach unten zwingen und dann weiterziehen. Sie blieb auf der parallel zur Kuppelmauer verlaufenden Stra�e und bewegte sich im Laufschritt, so schnell sie konnte. Sie war gut in Form, aber das war l�cherlich. Sie bekam nicht gen�gend Luft und tr�nkte die Innenseite ihres Schutzanzugs mit Schwei�. Die Stra�e war verlassen und unheimlich ruhig, so da� es kaum zu glauben war, da� sie jemals die Gruppe finden w�rde, nach der sie suchte.</p><p>Aber da waren sie. Oben voraus in den Stra�en rings um einen der dreieckigen Parks waren Gestalten mit Schutzanz�gen und Helmen mit automatischen Waffen und mobilen Raketenwerfern, die auf nicht erkennbare Gegner in einem Geb�ude mit einer Front aus Kieselschiefer sch�ssen. Nach den roten Ringen auf ihren Waffen waren es Rote.</p><p>Ein blendender Blitz, und sie wurde umgeworfen. Ihre Ohren dr�hnten. Sie befand sich am Fu� eines Geb�udes, gegen seine Seite aus poliertem Stein gepre�t. Roter Jaspis und Eisenoxid in abwechselnden Reihen. H�bsch. R�cken, Hinterteil und Schulter sowie Ellbogen schmerzten. Aber es war nicht unertr�glich, und sie konnte sich bewegen. Sie kroch herum und schaute auf den Dreieckspark zur�ck. Rund um die Einschlagstelle brannte es. Die zuckenden kleinen Flammen erloschen bereits durch Sauerstoffmangel. Die Gestalten waren weggeschleudert worden, lagen herum wie zerbrochene Puppen mit in die Seite gestemmten Gliedern in Positionen, die kein Knochen aushalten konnte. Ann stand auf und lief zu einer davon, angelockt durch einen vertrauten grauhaarigen Kopf, der seines Helms entbl��t war. Das war Kasei, einziger Sohn von John Boone und Hiroko Ai. Eine Seite seines Kinnbackens war blutig, die Augen offen und blicklos. Er hatte sie zu ernst genommen. Und seine Gegner nicht ernst genug. Sein r�tlicher Eckzahn war durch eine Wunde freigelegt. Ann sah es, stockte und wandte sich ab. Der Verlust. Alle drei waren jetzt tot.</p><p>Sie hockte sich hin und nestelte Kaseis Armbandger�t los. Wahrscheinlich w�rde sie jetzt eine direkte Frequenz zum Zugriff auf Kakaze haben. Als sie wieder im Schutz eines Obsidiangeb�udes war, das von gro�en wei�en Trefferspuren verunziert war, tastete sie den allgemeinen Rufcode ein und sagte: �Hier spricht Ann Clayborn. Sie ruft alle Roten. Alle Roten. H�rt, hier spricht Ann Clayborne. Der Angriff auf Sheffield ist mi�lungen. Kasei ist tot und viele andere. Weitere Angriffe hier werden nicht gelingen. Sie w�rden bewirken, da� die ganze Sicherheitsmacht der UNTA wieder auf den Planeten zur�ckkehrt.� Sie wollte sagen, wie dumm der Plan von Anfang an gewesen war, hielt sich aber zur�ck. �Diejenigen von euch, die dazu in der Lage sind, verla�t den Berg! Jeder in Sheffield soll nach Westen gehen, die Stadt verlassen und vom Berg verschwinden. Hier spricht Ann Clayborne.�</p><p>Es gingen etliche Best�tigungen ein, die sie sich anh�rte, w�hrend sie nach Westen ging, zur�ck durch Arsaview zu ihrem Rover. Sie machte keinen Versuch, sich zu verstecken. Wenn sie get�tet wurde, w�re sie eben tot. Aber sie glaubte nicht, da� es jetzt geschehen w�rde. Sie ging unter den Fl�geln eines finsteren Schutzengels, der sie vor dem Tod bewahrte, was immer auch geschehen w�rde. Er zwang sie, Zeugin des Todes aller derer zu sein, die sie kannte, und des ganzen Planeten, den sie liebte. Ja, das waren Dao und seine Leute, alle sofort tot und in Lachen ihres eigenen Blutes liegend. Sie war dem knapp entronnen.</p><p>Und dort unten, auf einem breiten Boulevard mit einer Reihe von Linden in der Mitte, war ein weiterer Leichenhaufen. Keine Roten, sie trugen gr�ne Kopfbinden, und einer von ihnen sah von hinten aus wie Peter. Sie ging mit weichen Knien hin�ber, wie vom Zwang eines Alptraums getrieben. Sie ging um den Leichnam herum. Aber es war nicht Peter. Irgendein hochgewachsener junger Eingeborener mit Schultern wie Peter. Armer Kerl! Ein Mann, der tausend Jahre h�tte leben k�nnen.</p><p>Sie ging unbehelligt weiter. Sie erreichte ohne Zwischenfall ihren kleinen Rover am Westende von Sheffield, stieg ein und fuhr zum Hauptbahnhof im Westen der Stadt.</p><p>Dort f�hrte eine Piste den S�dhang von Pavonis hinunter in den Sattel zwischen Pavonis und Arsia. Als sie das sah, fa�te sie einen sehr einfachen und elementaren Plan, der gerade deshalb durchf�hrbar war. Sie schaltete die Frequenz der Kakaze ein und gab Empfehlungen so, als es w�ren es Befehle. Weglaufen und Verschwinden! Geht hinab zum S�dsattel, dann um Arsia herum auf dem westlichen Hang oberhalb der Schneegrenze, danach schl�pft in das obere Ende von Aganippe Fossa, einem langen geraden Canyon, in dem es ein verborgenes Refugium der Roten gab, eine Klippe in der n�rdlichen Wand. Dort konnten sie sich verstecken und eine neue lange Untergrundkampagne starten gegen die neuen Herren des Planeten. UNOMA, UNTA, Metanat, Dorsa Brevia. Sie waren alle Gr�n.</p><p>Sie versuchte Cojote anzurufen und war etwas �berrascht, als er antwortete. Auch er befand sich irgendwo in Sheffield, das konnte sie erkennen. Ohne Zweifel gl�cklich, am Leben zu sein, mit einer bitteren, wilden Miene in seinem rissigen Gesicht.</p><p>Ann erz�hlte ihm ihren Plan. Er nickte.</p><p>�Im Laufe der Zeit werden sie sich weiter entfernen m�ssen�, erwiderte er.</p><p>Ann konnte nicht umhin zu sagen: �Es war dumm, das Kabel anzugreifen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Cojote resigniert.</p><p>�Hast du nicht versucht, es ihnen auszureden?�</p><p>�Das habe ich.� Seine Miene wurde noch finsterer. �Kasei ist tot?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sein Gesicht verzerrte sich vor Kummer. �O Gott! Diese Schufte!�</p><p>Ann schwieg. Sie hatte Kasei nicht gut gekannt und auch nicht besonders gemocht. Cojote hingegen hatte ihn von Geburt an gekannt, damals in Hirokos verborgener Kolonie, und hatte ihn seit jungen Tagen bei seinen heimlichen Unternehmen auf dem ganzen Mars mitgenommen. Jetzt rannen Tr�nen die tiefen Runzeln auf Cojotes Wangen herab; Ann bi� die Z�hne zusammen.</p><p>�Kannst du sie nach Aganippe hinunterbringen?� fragte sie. �Ich werde bleiben und mit den Leuten in Ost-Pavonis sprechen.�</p><p>Cojote nickte. �Ich werde sie hinunterbringen, so schnell ich kann. Treffpunkt Westbahnhof.�</p><p>�Ich werde es ihnen sagen.�</p><p>�Die Gr�nen werden w�tend auf dich sein.�</p><p>�Schei� auf die Gr�nen!�</p><p>Ein Teil der Kakaze schlich sich im Licht eines verrauchten tr�ben Sonnenuntergangs in die westliche Endstation von Sheffield. Kleine Gruppen in schmutzigen Anz�gen, die Gesichter wei�, erschrocken und �rgerlich, desorientiert im Schock. Abgenutzt. Am Ende waren es drei- oder vierhundert, die die schlechten Nachrichten des Tages austauschten. Als Cojote sich zur�ckzog, stand Ann auf und erhob ihre Stimme laut genug, da� alle sie h�ren konnten. Es war ihr bewu�t, da� sie in ihrem Leben noch nie in der F�hrungsposition der Roten gewesen war, oder was das jetzt bedeutete. Diese Leute hatten sie ernstgenommen; und hier waren sie jetzt, geschlagen und froh, noch am Leben zu sein, mit toten Freunden allenthalben in der Stadt �stlich von ihnen.</p><p>Sie sagte hilflos: �Der direkte Angriff war eine schlechte Strategie. Sie war in Burroughs erfolgreich. Aber das war eine andere Situation. Hier hat sie versagt. Menschen, die tausend Jahre h�tten leben k�nnen, sind tot. Das Kabel war das nicht wert. Wir gehen ins Versteck und warten auf unsere n�chste Chance, eine reale Chance.�</p><p>Es gab groben Widerspruch und �rgerliche Rufe: �Nein! Niemals! Holt das Kabel herunter!�</p><p>Ann wartete ab. Dann hob sie die Hand, und langsam trat wieder Ruhe ein.</p><p>�Es k�nnte sehr leicht einen Rohrkrepierer geben, wenn wir jetzt gegen die Gr�nen k�mpfen. Das w�rde den Metanats einen Vorwand geben, wieder einzur�cken. Das w�re weitaus schlimmer, als mit einer eingeborenen Regierung auszukommen. Mit den Marsianern k�nnen wir zumindest sprechen. Der von der Umwelt handelnde Teil der �bereinkunft von Dorsa Brevia gibt uns einen gewissen Hebelarm. Wir brauchen blo� so gut weiterzuarbeiten, wie wir k�nnen. Irgendwo anders beginnen. Versteht ihr?�</p><p>Am Morgen w�re das nicht gelungen. Jetzt wollten sie noch nicht. Ann wartete die protestierenden Stimmen ab und starrte ihre Gegner an, bis sie verstummten. Der scharfe eindringende Blick von Ann Clayborne... Eine Menge von ihnen war ihretwegen mit in den Kampf gezogen, in jenen Tagen, da der Feind der Feind war und der Untergrund eine wirklich funktionierende Allianz, locker und geteilt, aber mit allen Elementen mehr oder weniger auf derselben Seite...</p><p>Sie senkten die K�pfe und erkannten widerstrebend an, da�, wenn Clayborne gegen sie war, ihre moralische F�hrerschaft dahin w�re. Und ohne diese, ohne Kasei, ohne Dao, w�hrend die Eingeborenen zumeist Gr�ne waren und fest hinter Nirgal und Jackie als F�hrern standen, w�hrend Peter der Verr�ter war...</p><p>�Cojote wird euch von Tharsis wegbringen�, gab sie bekannt. Sie f�hlte sich unwohl und verlie� den Raum, ging durchs Terminal und durch die Schleuse wieder in ihren Rover. Das Handy von Kasei lag auf dem Armaturenbrett; sie warf es aufst�hnend durch die Kabine. Sie setzte sich auf den Fahrersitz und nahm sich zusammen. Dann startete sie den Wagen und machte sich auf, um nach Nadia, Sax und dem ganzen Rest Ausschau zu halten.</p><empty-line/><p>Endlich befand sie sich wieder in Ost-Pavonis: und in dem Lagerhauskomplex waren sie alle noch da. Als sie zur T�r hereinkam, starrten sie sie an, als w�re der Angriff auf das Kabel ihre Idee gewesen und als ob sie pers�nlich verantwortlich w�re f�r alles �ble, das geschehen war, sowohl an diesem Tage wie w�hrend der ganzen Revolution. Genau so, wie man sie nach Burroughs angestarrt hatte. Peter, der Verr�ter, war wirklich da; und sie wandte sich von ihm ab und ignorierte die �brigen, oder versuchte es wenigstens. Jackie mit verweinten Augen und w�tend. Ihr Vater war schlie�lich an diesem Tag get�tet worden; und obwohl sie sich selbst in Peters Camp befunden hatte und damit zum Teil schuld an der verheerenden Reaktion auf die Offensive der Roten, konnte man mit einem Blick auf sie erkennen, da� jemand w�rde bezahlen m�ssen. Aber Ann ignorierte das alles und ging durch den Raum zu Sax, der in seinem Winkel in der gegen�berliegenden Ecke des gro�en Raums vor einem Bildschirm sa�, lange Kolumnen von Zahlen las und mit seinem Computer fl�sterte. Ann wedelte mit der Hand zwischen seinem Gesicht und dem Schirm. Er schaute �berrascht auf.</p><p>Eigenartigerweise war er der einzige in der Menge, der ihr keine Vorw�rfe zu machen schien. Statt dessen sah er sie mit zur Seite geneigtem Kopf mit einer vogelartigen Neugier an, die fast an Sympathie grenzte.</p><p>�Schlechte Nachrichten �ber Kasei und den ganzen Rest�, sagte er. �Ich bin froh, da� du und Desmond �berlebt habt.�</p><p>Sie �berging das und sagte ihm rasch und in ged�mpftem Ton, wohin die Roten gingen und was sie ihnen zu tun aufgetragen hatte. �Ich denke, ich kann sie davon abhalten, noch weitere direkte Angriffe auf das Kabel zu versuchen. Und auch von den meisten weiteren Gewaltakten abzusehen, jedenfalls vorerst.�</p><p>�Gut!� sagte Sax.</p><p>Sie fuhr fort: �Aber ich verlange etwas daf�r. Ich will es, und wenn ich es nicht bekomme, werde ich sie f�r immer auf dich hetzen.�</p><p>�Die Soletta?� fragte Sax.</p><p>Sie starrte ihn an. Er mu�te ihr �fter zugeh�rt haben, als sie gedacht hatte. �Ja.�</p><p>Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, w�hrend er dar�ber nachdachte. �Das k�nnte eine Art Eiszeit bewirken�, gab er zu bedenken.</p><p>�Gut!�</p><p>Er sah sie an und �berlegte. Sie konnte ihm das ansehen�� in raschen Gedankenblitzen: Eiszeit�� d�nnere Atmosph�re�� langsameres Terraformen�� neue �ko-Systeme vernichtet�� vielleicht ausgleichen�� Treibhausgase. Und so weiter und so fort. Es war fast komisch, wie sie im Gesicht dieses Fremden lesen konnte, wie dieser verha�te Bruder einen Ausweg suchte. Er w�rde immer weiter zusehen; aber W�rme war der wichtigste Antrieb des Terraformens, und wenn die riesige Anordnung von Spiegeln in der Soletta verschwunden w�re, w�ren sie auf das normale Niveau an Sonnenlicht f�r den Mars beschr�nkt und damit zu einem eher �nat�rlichen� Tempo des Fortschritts gezwungen. Es war m�glich, da� die damit zusammenh�ngende Stabilit�t den Konservatismus von Sax sogar ansprach.</p><p>�Okay!� sagte er.</p><p>�Kannst du f�r diese Leute sprechen?� fragte sie und zeigte geringsch�tzig auf die Menge hinter ihnen, als ob all ihre �ltesten Gef�hrten nicht darunter w�ren, als ob es sich um UNTA-Technokraten oder Metanat- Funktion�re handelte...</p><p>�Nein. Ich spreche nur f�r mich�, erwiderte er. �Aber ich kann die Soletta loswerden.�</p><p>�W�rdest du das ihren W�nschen entgegen tun?�</p><p>Er runzelte die Stirn. �Ich denke, da� ich sie dazu �berreden kann. Falls nicht, so wei� ich, da� ich das Da-Vinci-Team dazu bringen kann. Die lieben Herausforderungen.�</p><p>�Okay�, sagte sie.</p><p>Das war schlie�lich das beste, was sie von ihm bekommen konnte. Sie reckte sich, immer noch in Verlegenheit. Sie hatte nicht erwartet, da� er zustimmen w�rde. Und jetzt, da er es doch getan hatte, entdeckte sie, da� er immer noch �rgerlich war, immer noch mi�mutig. Die Konzession, die sie jetzt hatte, bedeutete nichts. Man w�rde andere Wege aushecken, um die Lage anzuheizen. Sax w�rde ohne Zweifel sein Argument zu diesem Punkt vorbringen. Er w�rde sagen: �Gebt Ann die Soletta als ein Mittel, um die Roten zu bestechen. Und dann dr�ngt weiter !�</p><p>Ann verlie� den gro�en Raum ohne einen Blick f�r die anderen. Raus aus dem Lagerhaus zu ihrem Rover.</p><p>Eine Weile fuhr sie blind dahin, ohne ein Gef�hl f�r die Richtung. Nur wegkommen, nur ausrei�en. So wandte sie sich zuf�llig nach Westen und mu�te bald danach anhalten oder die Kante des Randes �berqueren.</p><p>Abrupt hielt sie den Wagen an.</p><p>Benommen blickte sie durch die Frontscheibe. Im Mund einen bitteren Geschmack, die Eingeweide verkrampft, jeden Muskel angespannt und schmerzend. Der gro�e Ring um die Caldera rauchte an einigen Stellen, haupts�chlich bei Sheffield und Lastflow, aber auch an einem Dutzend anderer Punkte. Das Kabel �ber Sheffield war nicht zu sehen, aber es war noch da, markiert durch konzentrierten Rauch um seine Basis, der bei dem d�nnen, steifen Wind nach Osten zog. Wieder ein Banner des Gipfels, entfaltet durch den endlosen Strahlstrom. Die Zeit war ein Wind, der sie davontrieb. Die Rauchfahnen befleckten den dunklen Himmel und verdunkelten einige der vielen Sterne, die in der Stunde vor Sonnenuntergang erschienen. Es sah so aus, als ob der alte Vulkan wieder erwachen w�rde, als ob er sich aus seinem langen Schlaf erheben und sich auf einen Ausbruch vorbereiten w�rde. Durch den d�nnen Rauch war die Sonne ein dunkelrot gl�hender Ball und sah ganz �hnlich aus, wie ein junger geschmolzener Planet wohl erschienen w�re, dessen Farbe die Rauchfetzen kastanienbraun, rost- und karmesinfarben machte. Roter Mars.</p><p>Aber der rote Mars war dahin und endg�ltig entschwunden. Soletta oder nicht, Eiszeit oder nicht�� die Biosph�re w�rde wachsen und sich ausdehnen, bis sie alles bedeckte mit einem Ozean im Norden und Seen im S�den und mit Str�men, W�ldern, Pr�rien, St�dten und Stra�en. Oh, sie sah das alles: Wei�e Wolken, die auf die alten Hochebenen abregneten und sie in Schlamml�cher verwandelten, w�hrend die sorglosen Massen ihre St�dte erbauten, so schnell sie konnten�� der lange Ausklang einer Zivilisation, die ihre Welt begrub.</p></section></section><section><title><p>ZWEITER TEIL</p><p>Areophanie</p></title><section><p><emphasis>F�r Sax sah es aus wie die ultima ratio von Konflikten: B�rgerkrieg. Zwei Teile einer Gruppe hatten viel mehr Interessen gemeinsam als Meinungsverschiedenheiten. Aber sie k�mpften dennoch. Ungl�cklicherweise war es nicht m�glich, Menschen zum Studium der Analyse von Kosten und Nutzen zu zwingen. Da war nichts zu machen. Oder vielleicht k�nnte man doch eine oder beide Seiten zum Gewaltverzicht bewegen. Und danach dann versuchen, dieses Thema zu entsch�rfen.</emphasis></p><p><emphasis>Eine Crux war in diesem Fall das Terraformen. Ein Projekt, mit dem Sax sich identifiziert hatte. Das konnte man als einen Nachteil ansehen, da ein Vermittler im Idealfall neutral sein sollte. Andererseits k�nnten seine Aktionen symbolischf�r das Bem�hen des Terraformens an sich sprechen. Er k�nnte mit einer symbolischen Geste mehr ausrichten als jeder andere. Was man brauchte, war eine Konzession an die Roten, eine echte Konzession, deren Realit�t ihren symbolischen Wert durch irgendeinen verborgenen Exponentialfaktor vergr��ern w�rde. Symbolischer Wert war eine Vorstellung, mit der Sax eifrig klar zu kommen bem�ht war. Worte aller Art machten ihm jetzt Schwierigkeiten, so sehr, da� er auf die Etymologie zur�ckgegriffen hatte, um sie besser zu verstehen. Ein Blick auf das Handgelenk: Symbol�� �etwas, das f�r etwas anderes stehU, aus dem lateinischen �symbolum�, nach einem griechischen Wort, das �zusammenwerfen� bedeutet. Genau. Es war seinem Verst�ndnis fremd, dieses �Zusammenwerfen�, ein emotionaler und sogar irrealer Vorgang, aber dennoch lebenswichtig.</emphasis></p><p><emphasis>Am Nachmittag der Schlacht um Sheffield rief er Ann mit dem Handy an, versuchte, mit ihr zu sprechen. Aber es mi�lang. So fuhr er zum Rande der Ruine der Stadt und wu�te nicht, was er noch tun sollte, um sie zu finden. Es war sehr verwirrend zu sehen, wieviel Schaden ein paar Stunden des Kampfes anrichten konnten. Viele Jahre der Arbeit lagen in rauchenden Tr�mmern da. Zumeist Rauch und nicht Ascheteilchen, die durch Feuer entstanden waren, sondern blo� aufgewirbelter feiner Staub, alte vulkanische Asche, die hochgerissen und im Jetstrom nach Osten getrieben wurde. Das Kabel ragte aus den Ruinen wie eine schwarze Linie aus karbonischen Nanofasern.</emphasis></p><p><emphasis>Es gab kein Anzeichen irgendwelchen roten Widerstandes. Also keine M�glichkeit, Ann zu lokalisieren. Mithin kehrte Sax entt�uscht zu dem Lagerhauskomplex in Ost-Pavonis zur�ck und ging wieder hinein.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann war sie pl�tzlich da. Sie kam in dem gro�en Lagerhaus geradewegs auf ihn zu, als ob sie ihm ein Messer ins Herz sto�en wollte. Er sank ungl�cklich in seinen Sitz und erinnerte sich an eine �berlange Folge von Gespr�chen zwischen ihnen. Zuletzt hatten sie bei der Bahnfahrt vom Libya-Bahnhof aus gestritten. Er entsann sich, etwas gesagt zu haben �ber die Beseitigung der Soletta und des Ringspiegels. Das w�re wirklich eine sehr symbolische �u�erung gewesen. Und ihm war nie recht wohl gewesen bei einem so bedeutenden Element der W�rmeeinbringung f�r das Terraformen.</emphasis></p><p><emphasis>Als sie daher sagte: �Ich will etwas daf�r haben�, glaubte er zu wissen, was sie meinte, und schlug vor, die Spiegel zu entfernen, ehe sie das sagen konnte. Das �berraschte sie. Es bremste sie und nahm ihrer schrecklichen Wut die Sch�rfe. Es hinterlie� aber etwas sehr viel Tieferes�� Kummer und Verzweiflung, die er nicht heilen konnte. Gewi� waren an diesem Tag viele Rote gestorben und mit ihnen viele rote Hoffnungen. Er sagte: �Es tut mir leid wegen Kasei.�</emphasis></p><p><emphasis>Sie ignorierte das und lie� ihn versprechen, die Raumspiegel zu beseitigen. Das tat er und berechnete inzwischen den daraus resultierenden Verlust an Licht. Dann versuchte er, das Zusammenzucken aus seinem Gesicht zu halten. Die Sonneneinstrahlung w�rde um etwa zwanzig Prozent abnehmen, wirklich ein sehr wesentlicher Betrag. Er brummte: �Es wird eine Eiszeit ausl�sen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Gut!� sagte sie.</emphasis></p><p><emphasis>Aber sie war nicht befriedigt. Und als sie den Raum verlie�, konnte er an der Haltung ihrer Schultern erkennen, da� diese Konzession sie wenig, wenn �berhaupt, getr�stet hatte. Man konnte nur hoffen, da� ihre Kohorten leichter zufriedengestellt wurden. Aufjeden Fall w�rde man es tun. Es k�nnte einen B�rgerkrieg ausl�sen. Nat�rlich w�rden sehr viele Pflanzen sterben, zumeist in den h�heren Eagen, obwohl es jedes �kosystem in gewissem Umfang in Mitleidenschaft ziehen w�rde. Eine Eiszeit, ohne Zweifel. Falls sie nicht sehr wirksam reagierten. Aber es w�rde es wert sein, wenn es das K�mpfen beendete.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Es w�re leicht gewesen, einfach das gro�e Band des Ringspiegels zu zerschneiden und frei in den Raum fliegen zu lassen, direkt aus der Ebene der Ekliptik hinaus. Genauso k�nnte man mit der Soletta verfahren. Man feuere einige der Positionierungsraketen ab, und sie w�rde davonwirbeln wie ein Feuerrad.</p><p>Aber das w�re eine Vergeudung von bearbeitetem Aluminiumsilikat gewesen, die Sax zuwider war. Er beschlo�, die M�glichkeit zu untersuchen, die Richtungsraketen des Spiegels und ihr Reflexionsverm�gen zu benutzen, um sie anderswohin im Sonnensystem zu treiben. Die Soletta konnte vor der Venus lokalisiert werden, und ihre Spiegel konnten so ausgerichtet werden, da� die Struktur ein riesiger Sonnenschirm w�rde, der den hei�en Planeten beschattete und den Proze� des Ausfrierens der Atmosph�re einleitete. Dar�ber hatte man in der Literatur schon lange diskutiert; und ganz gleich, welche anderen Pl�ne man f�r das Terraformen der Venus hatte, dies war der erste Standardschritt gewesen. Wenn man das getan h�tte, m��te der Ringspiegel in die entsprechende polare Umlaufbahn um die Venus gebracht werden, damit sein reflektiertes Licht half, die Soletta als Sonnenschirm in Position gegen den Druck der Sonnenstrahlung zu halten. Damit w�rden beide noch Verwendung finden, und es w�re auch eine Geste, eine weitere symbolische Geste mit der Aussage: �Schaut her, auch diese gro�e Welt k�nnte terraformt werden.� Das war nicht einfach, aber es war m�glich. Damit k�nnte etwas von dem psychischen Druck auf den Mars als �die einzige andere m�gliche Erde� gemildert werden. Dies w�re nicht logisch; aber es spielte keine Rolle. Die Geschichte war seltsam und die Menschen keine rationalen Systeme. In der merkw�rdigen symbolischen Logik des limbischen Systems w�re es f�r Menschen auf der Erde ein Zeichen, ein Omen, ein Ausstreuen psychischen Samens, ein Zusammenwerfen. Schaut her! Geht hin! Und la�t den Mars in Ruhe!</p><p>So besprach er es mit den Raumwissenschaftlern in Da Vinci, die die effektive Kontrolle der Spiegel �bernommen hatten. Die Labor-Ratten, wie die Leute sie hinter ihren und seinem R�cken nannten (obwohl er es doch zu h�ren bekam)�� die Laborratten oder die Saxisten. In der Tat ernsthafte junge Marsforscher mit genau dem gleichen wechselnden Temperament wie graduierte Studenten und Doktoren in jedem Labor �berall und zu jeder Zeit. Aber die Fakten spielten keine Rolle. Sie arbeiteten mit ihm und waren deshalb die Saxisten. Irgendwie war Sax zum Modell des modernen Mars-Gelehrten geworden. Erst als Laborratte im wei�en Kittel, dann als ausgewachsener verr�ckter Wissenschaftler mit einem F�llhorn eifriger Gefolgsleute mit wildem Blick aber gem��igtem Benehmen, kleine Mr. Spocks, die M�nner so hager und ungeschickt wie Kraniche auf dem Boden und die Frauen langweilig in ihrer farblosen Schutzkleidung und ihrer neutralen Hingabe an die Wissenschaft. Sax war ihnen sehr zugetan. Er liebte ihren Hang zur Wissenschaft, er war f�r ihn sinnvoll�� ein Drang, die Dinge zu verstehen und imstande zu sein, sie mathematisch zu formulieren. Es war ein sensibles Verlangen. Oft schien ihm, wenn jeder Physiker w�re, d�rfte manches viel besser sein. �O nein, Menschen gef�llt die Idee eines flachen Universums, weil sie negativ gekr�mmten Raum schwierig zu behandeln finden.� Nun gut, vielleicht nicht. Auf jeden Fall waren die jungen Eingeborenen am Da-Vinci-Krater eine starke Gruppe, seltsam oder nicht. Derzeit unterstand Da Vinci ein gro�er Teil der technischen Basis des Untergrunds; und mit Spencers vollem Einsatz war ihre Produktionsf�higkeit niederschmetternd. Sie hatten die Revolution bewerkstelligt, wenn das wahr war, was man erz�hlte, und hatten jetzt de facto die Kontrolle des orbitalen Raums um den Mars.</p><p>Dies war ein Grund daf�r, warum viele von ihnen mi�vergn�gt oder zumindest verwirrt aussahen, als Sax ihnen von der Beseitigung der Soletta und des Ringspiegels erz�hlte. Er tat das bei einem Bildschirmtreffen; und ihre Gesichter verzogen sich zu alarmierten Mienen: Captain, das ist nicht logisch! Aber das traf auch f�r B�rgerkrieg zu. Und das eine war besser als das andere.</p><p>�Werden nicht Leute Einspruch erheben? Die Gr�nen?� fragte Aonia.</p><p>�Ohne Zweifel�, erwiderte Sax. �Aber gerade jetzt leben wir in Anarchie. Die Gruppe in Ost-Pavonis ist vielleicht eine Art von Protoregierung. Aber wir in Da Vinci kontrollieren den Weltraum des Mars. Und ungeachtet der Einw�nde k�nnte das einen B�rgerkrieg abwenden.�</p><p>Er erkl�rte das, so gut er konnte. Sie vertieften sich in die technische Herausforderung, in das Problem an und f�r sich, und verga�en schnell ihren Schock �ber die Idee. Es war tats�chlich so, da�, wenn man ihnen eine technische Herausforderung dieser Art vorlegte, ihre Instinkte sich verhielten, als ob man einem Hund einen Knochen gab. Sie gingen fort, um die z�hen Teile des Problems zu benagen, und waren schon ein paar Tage sp�ter beim Blankpolieren des Vorgehens angelangt. Zumeist infolge der Belehrung durch Computer, wie �blich. Es lief darauf hinaus, da� man, wenn man eine klare Vorstellung gewonnen hatte, was zu tun war, einem Computer blo� sagen mu�te: �Bitte, tu das und das! Bring die Soletta und den Ringspiegel in einen Venus-Orbit und justiere die Jalousien der Soletta so, da� sie zu einem Sonnenschirm wird, der den Planeten vor aller ankommenden Sonneneinstrahlung isoliert!� Dann w�rden die Computer die erforderlichen Trajektorien, Raketensch�sse und Spiegelwinkel berechnen, und es w�re geschafft.</p><p>Vielleicht wurden die Menschen zu m�chtig. Michel lie� sich immer �ber ihre gottgleichen neuen Kr�fte aus, und Hiroko hatte in ihren Aktionen zum Ausdruck gebracht, da� es, was diese neuen Kr�fte anbelangte, keine Grenze geben sollte. Sax selbst hatte einen gesunden Respekt f�r Tradition als eine Art Mangel an �berlebenskunst. Aber die Techniker in Da Vinci k�mmerten sich nicht mehr um Tradition, als Hiroko es getan hatte. Sie befanden sich in einem offenen Moment der Geschichte und schuldeten niemandem Rechenschaft. Und so verhielten sie sich auch.</p><empty-line/><p>Dann ging Sax zu Michel. �Ich mache mir Sorgen wegen Ann.�</p><p>Sie befanden sich in einer Ecke des gro�en Lagerhauses von Ost-Pavonis. Die Bewegung und das Get�se der Menge schuf eine Art von Intimit�t. Aber nach einem kurzen Blick sagte Michel: �La� uns nach drau�en gehen!�</p><p>Sie zogen sich an und gingen hinaus. Ost-Pavonis war ein Labyrinth von Kuppeln, Lagerh�usern, Fabriken, Pisten und Parkpl�tzen. Es barg Tanks und H�fe, ebenso M�ll- und Schrottpl�tze. Der mechanische Abfall war verstreut wie Vulkanausw�rfe. Michel f�hrte Sax nach Westen durch das Gerumpel, und sie kamen rasch zum Rand der Caldera, wo der menschliche Wirrwarr in einen neuen und gr��eren Zusammenhang gebracht war�� eine logarithmische Verschiebung, welche die pharaonische Sammlung von Artefakten pl�tzlich wie einen Fleck von bakteriellem Wuchs erscheinen lie�.</p><p>Ganz an der Kante des Randes war der gefleckte Basalt in mehreren konzentrischen Abs�tzen zusammengebrochen, einer immer noch tiefer als der vorangegangene. Eine Anzahl von Treppen f�hrte zu diesen Terrassen hinunter, und die unterste hatte ein Gel�nder. Michel f�hrte Sax zu dieser Terrasse hinunter, wo sie �ber die Seite in die Caldera blicken konnten. F�nf Kilometer direkt nach unten. Der gro�e Durchmesser der Caldera lie� es weniger tief erscheinen. Dennoch war da unten, sehr weit in der Tiefe, ein gro�es rundes Gebiet. Als Sax sich erinnerte, wie klein die Caldera im Verh�ltnis zu dem ganzen Vulkan war, schien Pavonis selbst sich unter ihnen wie ein konischer Kontinent auszudehnen, der aus der Atmosp�re des Planeten bis in den niederen Weltraum reichte. Tats�chlich war der Himmel nur rings am Horizont purpurn und �ber ihren K�pfen fast schwarz. Die Sonne erschien wie eine harte Goldm�nze im Westen und warf scharfe, schr�g langezogene Schatten. Sie konnten das alles erkennen. Der von den Explosionen aufgewirbelte feine Staub war verschwunden, und alles hatte seine normale teleskopische Klarheit wiedergewonnen. Steine, Himmel und weiter nichts, mit Ausnahme der Geb�udereihen, die um den Rand errichtet waren. Anns Mars. Bis auf die Geb�ude. Auf Ascraeus, Arsia und Elysium und sogar auf Olympus w�rde es die Geb�ude nicht geben.</p><p>�Wir k�nnten wirklich alles oberhalb von etwa acht Kilometern zu einer Zone urt�mlicher Wildnis erkl�ren und f�r immer bewahren�, sagte Sax.</p><p>�Bakterien? Flechten?� fragte Michel.</p><p>�Wahrscheinlich. Aber spielen die eine Rolle?�</p><p>�F�r Ann allerdings.�</p><p>�Aber warum, Michel? Warum ist sie so?�</p><p>Michel zuckte die Achseln.</p><p>Nach langer Pause sagte er: �Ihr Vater ist gestorben. Ihre Mutter heiratete wieder, als sie acht war. Von da an hatte ihr Stiefvater sie mi�handelt, bis sie zu der Schwester ihrer Mutter zog, als sie sechzehn war. Ich habe sie gefragt, worin die Mi�handlung bestanden habe, aber sie sagte, da� sie nicht dar�ber sprechen will. Mi�handlung sei Mi�handlung. Sie sagt auch, da� sie sich sowieso nicht an viel erinnert.�</p><p>�Das glaube ich.�</p><p>Michel schwenkte die Hand. �Wir erinnern uns an mehr, als wir glauben. Manchmal an mehr, als uns lieb ist.�</p><p>Sie standen da und schauten in die Caldera.</p><p>�Es ist schwer zu glauben�, sagte Sax.</p><p>Michel machte ein saures Gesicht. �Ist es das? Unter den Ersten Hundert waren f�nfzig Frauen. Die Wahrscheinlichkeit spricht daf�r, da� mehr als eine von ihnen in ihrem Leben von M�nnern mi�braucht wurde. Eher waren es zehn oder f�nfzehn, wenn man den Statistiken Glauben schenken kann. Sexuell vergewaltigt, geschlagen, mi�handelt... So war es nun einmal.�</p><p>�Das ist schwer zu glauben.�</p><p>�Ja.�</p><p>Sax erinnerte sich, da� er Phyllis einen Kinnhaken gegeben und sie mit einem einzigen Hieb bewu�tlos geschlagen hatte. Darin hatte eine gewisse Genugtuung gelegen. Er hatte es allerdings n�tig gehabt. So hatte er es jedenfalls damals empfunden.</p><p>�Alle haben ihre Gr�nde�, sagte Michel zu seiner �berraschung. �Oder glauben zumindest sie zu haben.�</p><p>Er versuchte das in der ihm eigenen Weise zu erkl�ren, um es zu etwas anderem zu machen als schlichte Bosheit. Er blickte in die Region der Caldera hinunter und sagte: �In der Basis menschlicher Kultur gibt es eine neurotische Reaktion auf die fr�hesten psychischen Wunden der Menschen. Vor der Geburt und als Kleinkinder existieren wir in einer narzi�tischen ozeanischen Wonne, in der das Individuum das Universum ist. Dann wird uns in der sp�teren Kindheit irgendwann bewu�t, da� wir separate Individuen sind, verschieden von unseren M�ttern und jedem anderen. Das ist ein Schlag, von dem wir uns niemals ganz erholen. Es gibt verschiedene neurotische Strategien, die angewandt werden, um damit umzugehen. Zuerst das Wiederverschmelzen mit der Mutter. Dann die Verleugnung der Mutter und Verlagerung unseres Ego-Ideals auf den Vater. Diese Strategie dauert oft f�r immer an und die Menschen dieser Kultur verehren ihren K�nig und ihren Gottvater und so weiter. Schlie�lich kann sich das Ego-Ideal wieder verlagern, auf abstrakte Ideen, auf die Bruderschaft der Menschen. Es gibt Namen und Beschreibungen f�r alle diese Komplexe, benannt nach Dionysos, Perseus, Apollo und Herakles. Diese existieren alle und sind alle neurotisch, insofern sie alle zur Misogynie f�hren, mit Ausnahme des dionysischen Komplexes.�</p><p>�Ist das eines deiner semantischen Dreiecke?� fragte Sax.</p><p>�Ja. Die apollinischen und herakleischen Komplexe k�nnten industrielle Gesellschaften der Erde darstellen. Der perseische gilt f�r fr�here Kulturen, nat�rlich mit starken Resten bis heute. Und alle drei sind patriarchalisch. Sie alle leugneten das M�tterliche. Das Feminine war Instinkt, K�rper und Natur, w�hrend das Maskuline Verstand, Geist und Gesetz war. Und das Gesetz herrschte.�</p><p>Sax war durch so viele Kombinationen fasziniert und sagte nur: �Und auf dem Mars?�</p><p>�Nun, auf dem Mars k�nnte sein, da� das Ego-Ideal sich wieder auf das M�tterliche zur�ck verschiebt. Wieder auf das Dionysische oder zu irgendeiner Art von nach-�dipeischer Wiederintegration in die Natur, wobei wir noch im Proze� des Erfindens sind. Irgendein neuer Komplex, der nicht einer neurotischen �berInvestierung unterliegt.�</p><p>Sax sch�ttelte den Kopf. Es war erstaunlich, wie bl�hend ausgearbeitet eine Pseudowissenschaft werden konnte. Vielleicht eine Kompensationstechnik, ein verzweifelter Versuch, mehr wie Physik zu sein. Was sie aber nicht verstanden, war, da� Physik, obwohl zugegebenerma�en kompliziert, immer sehr hart bem�ht war, einfacher zu werden.</p><p>Michel setzte indessen seine Ausf�hrungen fort. Der Patriarchie korreliert war der Kapitalismus, sagte er, ein hierarchisches System, in dem die meisten Menschen �konomisch ausgebeutet und wie Tiere behandelt worden waren, vergiftet, verraten, herumgeschubst und erschossen. Und selbst in den besten F�llen standen sie unter der st�ndigen Bedrohung, beiseite gesto�en zu werden, den Job zu verlieren, arm zu sein, nicht imstande, f�r geliebte Angeh�rge zu sorgen, hungrig und erniedrigt. Manche, die in diesem ungl�ckseligen System gefangen waren, lie�en die Wut �ber ihre Verpflichtung an jedem aus, mit dem sie zu tun hatten, wo immer sie es konnten, auch wenn sich das gegen ihre geliebten Personen richtete, die ihnen am ehesten Trost gew�hren mochten. Das war unlogisch und sogar t�richt. Brutal und stupide. Ja. Michel zuckte die Achseln. Es gefiel ihm nicht, wohin ihn sein Gedankengang gef�hrt hatte. F�r Sax klang es wie eine nat�rliche Folgerung, wenn die Aktionen vieler Menschen darauf hinwiesen, da� sie leider recht t�richt waren. Und das limbische System war in manchen Geistern v�llig verdreht; so fuhr Michel fort und versuchte, sich davon abzuwenden und eine dezente Erkl�rung daf�r zu geben. Adrenalin und Testosteron dr�ngten immer auf eine rasche Reaktion; und in manchen �blen Lagen wurde ein Kreislauf von Befriedigung etabliert in der Achse von Verletzung und Wiedervergeltung; und dann verloren die betroffenen Menschen nicht nur das Gef�hl f�r den N�chsten, sondern auch rationales Selbstinteresse. Wirklich krankhaft.</p><p>Sax f�hlte sich selbst nicht ganz wohl. Michel hatte in weniger als einer Viertelstunde das menschliche B�se auf verschiedene Weise wegerkl�rt; und dennoch blieben den Menschen auf der Erde noch viele Antworten �brig. Marsmenschen waren anders. Obwohl es in Kasei Vallis Folterer gegeben hatte, wie ihm wohl bekannt war. Aber das waren Siedler von der Erde gewesen. Ja, ihm war nicht recht wohl. Die jungen Eingeborenen waren nicht wie jene. Waren sie es wirklich? Ein Marsmann, der eine Frau schlug oder ein Kind bel�stigte, w�rde verfemt, gebrandmarkt und vielleicht gepr�gelt werden. Er w�rde sein Heim verlieren, auf die Asteroiden verbannt werden und nie zur�ckkehren. Nicht wahr?</p><p>Etwas zum Nachdenken.</p><p>Dann dachte er wieder an Ann. Oder wie sie war: Ihre so hartn�ckige Art, ihre Konzentration auf Wissenschaft und auf Steine. Vielleicht eine Art von apollinischer Reaktion. Richtung auf das Abstrakte, Verleugnung des K�rpers und daher seiner ganzen Qual. Vielleicht.</p><p>�Was w�rde Ann jetzt helfen?� fragte Sax.</p><p>Michel zuckte wieder die Achseln. �Dar�ber denke ich schon seit Jahren nach. Ich glaube, der Mars hat ihr geholfen. Ich glaube, da� Simon ihr geholfen hat, und Peter. Aber die sind alle irgendwie distanziert gewesen. Sie �ndern nicht das Fundamentale in ihr.�</p><p>Sax zeigte auf die Caldera und sagte: �Aber sie liebt all dies. Wirklich!� Er dachte �ber Michels Analyse nach. �Es ist nicht blo� ein Nein. Es steckt auch ein Ja darin. Eine Liebe zum Mars.�</p><p>�Aber wenn man Stein und nicht Menschen liebt, ist das nicht irgendwie ein wenig... unausgeglichen�, wandte Michel ein. �Oder verfehlt? Ann ist ein gro�er Geist, wie du wei�t...�</p><p>�Allerdings.�</p><p>�Und sie hat viel geschafft. Aber sie scheint damit nicht zufrieden zu sein.�</p><p>�Ihr gef�llt nicht, was mit ihrer Welt geschieht.�</p><p>�Nein. Aber ist es wirklich das, was sie so verabscheut? Oder am meisten verabscheut? Ich bin da nicht so sicher. Es scheint mir wieder verfehlt zu sein. Die Liebe genau wie der Ha�.�</p><p>Sax sch�ttelte den Kopf. Es war wirklich erstaunlich, da� Michel die Psychologie �berhaupt f�r eine Wissenschaft halten konnte. Sie enthielt so viel, das zusammengew�rfelt war. Die Vorstellung des Verstandes als einer Dampfmaschine, die w�hrend der Geburt der modernen Psychologie so bequeme mechanische Analogie. Das hatten die Leute immer gemacht, wenn sie �ber den Verstand nachdachten. F�r Descartes ein Uhrwerk, geologische Ver�nderungen f�r die fr�hen Victorianer, Computer oder Holographie f�r das zwanzigste Jahrhundert. Auch f�r das einundzwanzigste ... und f�r die freudianischen Traditionalisten Dampfmaschinen. Anwendung von W�rme, Aufbau von Druck, Druckverlagerung, Herauslassen, alles verschoben in Unterdr�ckung, Sublimation und Wiederkehr des Zusammengedr�ckten. Sax hielt Dampfmaschinen nicht f�r ein passendes Modell f�r den menschlichen Geist. Der Geist war mehr�� wie was? Eine �kologie, ein Fjellfeld oder auch ein Dschungel, bev�lkert mit wilden Tieren jeder Art.</p><p>Oder ein Universum voller Sterne, Quasare und Schwarzer L�cher. Nun, das w�re etwas gro�artig, wirklich mehr als eine komplexe Sammlung von Synapsen und Axonen, von chemischen Energien, die immer h�her aufstiegen wie Wetter in der Atmosph�re. Das war besser�� Wetter, Sturmfronten des Denkens, Hochdruckzonen, Tiefdruckzellen, Wirbelst�rme, Strahlstr�me biologischen Verlangens, die immer ihre schnellen kraftvollen Runden machten... Leben im Wind. Gut. Zusammenwerfen. Der Geist war wirklich noch kaum erforscht.</p><p>�Was denkst du?� fragte Michel.</p><p>�Manchmal bin ich besorgt wegen der theoretischen Grundlage deiner Diagnosen�, gab Sax zu.</p><p>�O nein, sie sind empirisch sehr gut gest�tzt, sie sind sehr pr�zise und akkurat.�</p><p>�Sowohl pr�zise als auch akkurat?�</p><p>�Nun, das ist doch dasselbe, nicht wahr?�</p><p>�Nein. Bei Absch�tzungen eines Wertes bedeutet Akkuratheit, wie weit man vom wahren Wert entfernt ist. Pr�zision bezieht sich auf die Fenstergr��e der Sch�tzung. Einhundert plus oder minus f�nfzig ist nicht sehr pr�zise. Aber wenn deine Sch�tzung plus oder minus f�nfzig ist, und der wahre Wert betr�gt einhundert und eins, so ist das recht akkurat, obwohl immer noch nicht sehr pr�zise. Oft lassen sich wahre Werte nat�rlich nicht wirklich bestimmen.�</p><p>Michel l�chelte g�nnerhaft. �Sax, du bist eine sehr akkurate Person.�</p><p>�Es ist blo� Statistik�, sagte Sax, sich verteidigend. �Nur ab und zu einmal erlaubt die Sprache einem, die Dinge pr�zise auszudr�cken.�</p><p>�Und akkurat.�</p><p>�Bisweilen.�</p><p>Sie blickten in das Gebiet der Caldera hinunter.</p><p>�Ich m�chte ihr helfen�, versicherte Sax.</p><p>Michel nickte. �Das hast du gesagt. Ich dachte, da� ich nicht w��te, wie. F�r sie bist du der Terraformer. Wenn du ihr helfen willst, dann mu� Terraformen ihr helfen. Denkst du, da� du einen Weg finden kannst, in dem Terraformen ihr hilft?�</p><p>Sax dachte eine Weile dar�ber nach. �Es k�nnte sie ins Freie bringen. Im Freien ohne Helme, schlie�lich sogar ohne Masken.�</p><p>�Denkst du, da� sie das w�nscht?�</p><p>�Ich meine, das w�nscht sich wirklich jeder auf irgendeinem Niveau. Im Kleinhirn. Das Tier, wei�t du. Es f�hlt sich drau�en wohl.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob Ann sehr gut auf ihre animalischen Gef�hle eingestimmt ist.�</p><p>Sax �berlegte.</p><p>Dann wurde die ganze Landschaft finster.</p><p>Sie schauten empor. Die Sonne war schwarz. Im Himmel um sie herum schienen Sterne. Um die schwarze Scheibe war ein schwacher Schimmer, vielleicht die Korona der Sonne.</p><p>Dann zwang sie eine pl�tzliche feurige Sichel wegzuschauen. Was sie zuvor gesehen hatten, war wahrscheinlich die erhellte Exosph�re gewesen.</p><p>Die verdunkelte Landschaft wurde wieder hell, als die k�nstliche Sonnenfinsternis endete. Aber die Sonne, die wiederkehrte, war deutlich kleiner als die, welche noch vor Augenblicken geschienen hatte. Die Welt war tr�ber, alle Farben der Caldera eine Schattierung dunkler, als ob unsichtbare Wolken das Sonnenlicht d�mpften. Ein sehr vertrauter Anblick, faktisch das nat�rliche Licht auf dem Mars, das ihnen zum ersten Mal seit achtundzwanzig Jahren wieder schien.</p><p>�Hoffentlich hat Ann das gesehen�, sagte Sax. Ihm war kalt, obwohl er wu�te, da� nicht genug Zeit gewesen war, damit die Luft h�tte abk�hlen k�nnen, und er auf jeden Fall den Schutzanzug trug. Aber es w�rde k�hl werden. Er dachte grimmig an die �ber den ganzen Planeten verteilten Fjellfelder in H�hen von vier oder f�nf Kilometern und noch tiefer in mittleren und h�heren Breiten. Oben, an der Grenze des M�glichen w�rden jetzt ganze �kosysteme zu sterben beginnen. Zwanzig Prozent weniger Sonneneinstrahlung. Das war schlimmer als jede irdische Eiszeit, eher wie die Finsternis nach dem gro�en Sterben im Ordovicium, Devon oder, am schlimmsten von allem, im Perm vor 250 Millionen Jahren, welche alle damals lebenden Arten t�tete. Ein unterbrochenes Gleichgewicht, das nur sehr wenige Spezies �berlebt hatten. Diejenigen, die das schafften, waren widerstandsf�hig�� oder hatten blo� Gl�ck gehabt.</p><p>�Ich bezweifle, da� es ihr gen�gen wird�, sagte Michel.</p><p>-Davon war auch Sax �berzeugt. Aber im Moment war er durch seine Gedanken dar�ber, wie man den Verlust des Solettalichts am besten ausgleichen k�nnte, abgelenkt. Es w�re besser, keine Biome zu haben, welche gro�e Verluste erlitten. Wenn es nach ihm ginge, w�rden diese Fjellfelder gerade etwas haben, an das Ann sich zu gew�hnen h�tte.</p><empty-line/><p>Es war Ls 123, genau in der Mitte des n�rdlichen Sommers bzw. s�dlichen Winters, nahe dem Aphel, wodurch zusammen mit gr��erer Erhebung der S�dwinter viel k�lter wurde als der n�rdliche. Die Temperatur sank regelm��ig auf 230 K, nicht viel w�rmer als die vor ihrer Ankunft gewesene urspr�ngliche K�lte. Jetzt, da Soletta und Ringspiegel verschwunden waren, w�rden die Temperaturen noch weiter sinken. Ohne Zweifel stand den Hochl�ndern des S�dens ein Rekord an Wintertoten bevor.</p><p>Andererseits war im S�den schon viel Schnee gefallen, und Sax hatte gro�en Respekt bekommen vor der F�higkeit des Schnees, Lebewesen vor K�lte und Wind zu sch�tzen. Das Milieu war unter Schnee recht stabil. Es k�nnte sein, da� eine Minderung des Lichts und entsprechend ein Absinken der Oberfl�chentemperatur �ber zugeschneiten Pflanzen, die durch ihre Winterh�rte schon stillgelegt waren, nicht so viel Schaden anrichten w�rden. Das war schwer zu sagen. Er wollte sich in das Feld begeben und selbst schauen. Nat�rlich w�rde es Monate oder vielleicht Jahre dauern, ehe ein Unterschied quantifizierbar w�rde. Au�er vielleicht beim Wetter selbst. Das Wetter konnte man nur durch Beobachtung der meteorologischen Daten verfolgen, was er schon tat, indem er viele Stunden vor Satelliten- und Wetterkarten verbrachte und auf die ersten Anzeichen wartete. Es war f�r ihn eine n�tzliche Ablenkung, wenn Leute zu ihm kamen, um gegen die Entfernung der Spiegel zu demonstrieren�� eine in der dem Ereignis folgenden Woche so h�ufige Erscheinung, da� es schlie�lich l�stig wurde.</p><p>Ungl�cklicherweise war das Wetter auf dem Mars so ver�nderlich, da� schwer zu sagen war, ob es von der Entfernung der gro�en Spiegel beeinflu�t wurde oder nicht. Nach Meinung von Sax eine sehr betr�bliche Aussage �ber den Stand ihres Verst�ndnisses der Atmosph�re. Aber so war es nun einmal. Das Marswetter war ein heftiges halbchaotisches System. In mancher Hinsicht �hnelte es dem der Erde, was nicht �berraschte, da es dabei um Luft und Wasser ging, welche sich um die Oberfl�che einer rotierenden Kugel bewegten. Die Corioliskr�fte waren �berall dieselben und so gab es wie auf der Erde tropische Ostwinde, gem��igte Westwinde, polare Ostwinde, Ankerpunkte f�r Strahlstr�me und so weiter. Das war auch schon fast alles, was man �ber das Marswetter mit Sicherheit aussagen konnte. Nun gut, man konnte bemerken, da� es im S�den k�lter und trockener war als im Norden. Da� es von hohen Vulkanen oder Bergketten Fallwinde mit Regen gab. Da� es am �quator w�rmer war und k�hler an den Polen. Aber derart naheliegende Verallgemeinerungen waren alles, was sich zuversichtlich behaupten lie�, au�er f�r einige lokale Muster, obwohl diese zumeist zahlreichen Variationen unterlagen und mehr eine Sache hoch analysierter Statistik als erlebter Erfahrung waren. Mit Aufzeichnungen von nur 52 Marsjahren, mit einer die ganze Zeit radikal dichter werdenden Atmosph�re und st�ndig an die Oberfl�che gepumptem Wasser etc. war es wirklich recht schwierig zu sagen, was normale oder durchschnittliche Verh�ltnisse sein k�nnten.</p><p>Inzwischen fand Sax, da� es immer schwieriger wurde, sich auf Ost-Pavonis zu konzentrieren. Leute unterbrachen ihn, um sich �ber die Spiegel zu beklagen, und die unbest�ndige politische Lage schlingerte dahin in St�rmen, die so wenig vorherzusagen waren wie die des Wetters. Es war schon klar, da� die Beseitigung der Spiegel nicht alle Roten bes�nftigt hatte. Es gab fast jeden Tag Sabotage von Terraformprojekten und manchmal heftige K�mpfe zur Verteidigung solcher Projekte. Und Berichte von der Erde, die Sax sich zwang, t�glich eine Stunde lang zu verfolgen, machten deutlich, da� es dort einige Kr�fte gab, die die Dinge so zu halten suchten, wie sie vor der Flut gewesen waren�� in scharfem Konflikt mit anderen Gruppen, die aus der Flut auf die gleiche Weise Vorteil zu ziehen beabsichtigten, wie es die Revolutionen auf dem Mars getan hatten, indem sie diese als einen Umbruch in der Geschichte und ein Sprungbrett f�r irgendeine neue Ordnung, einen Neuanfang, benutzten. Aber die Metanationalen gaben nicht so leicht auf, und auf der Erde hatten sie sich verschanzt. Sie verf�gten �ber enorme Hilfsmittel, und kein blo�er Anstieg des Meeresniveaus um sieben Meter konnte sie au�er Gefecht setzen.</p><p>Sax schaltete nach so einer bedr�ckenden Stunde seinen Bildschirm aus und traf sich mit Michel zum Essen drau�en in seinem Rover.</p><p>Als er Wasser zum Kochen aufsetzte, sagte er: �So etwas wie einen frischen Start gibt es nicht.�</p><p>�Was ist mit dem Urknall?� meinte Michel.</p><p>�So wie ich es verstehe, gibt es Theorien, die vorschlagen, da� die Klumpigkeit des fr�hen Universums durch die fr�here Klumpigkeit des vorherigen Universums verursacht wurde, das in seinem gro�en Schnurps zusammenbrach.�</p><p>�Ich h�tte gedacht, da� dadurch alle Unregelm��igkeiten kollabieren w�rden.�</p><p>�Singularit�ten sind seltsam. Au�erhalb ihres Ereignishorizonts erlauben Quanteneffekte das Erscheinen mancher Partikel. Dann bewirkte die kosmische Inflation, welche jene Partikel hinausbl�st, anscheinend, da� kleine Klumpen auftraten und zu gro�en wurden.� Sax runzelte die Stirn. Das klang nach der Theoriegruppe von Da Vinci. �Aber ich hatte die Flut auf der Erde im Sinn. Die keineswegs eine so v�llige Ver�nderung von Bedingungen ist wie eine Singularit�t. Tats�chlich mu� es da unten Leute geben, die sie �berhaupt nicht als einen Bruch ansehen.�</p><p>�Stimmt.� Aus irgendeinem Grund lachte Michel. �Wir sollten losgehen und nachsehen, he?�</p><p>Als sie ihre Spaghetti verzehrt hatten, sagte Sax: �Ich m�chte hinausgehen ins Feld. Ich will sehen, ob es sichtbare Effekte durch das Verschwinden der Spiegel gibt.�</p><p>�Einen hast du schon gesehen. Diese D�mpfung des Lichts, als wir drau�en auf dem Rand waren... � Michel erschauerte.</p><p>�Ja, aber das macht mich nur noch neugieriger.�</p><p>�Na sch�n, wir werden die Stellung f�r dich halten.�</p><p>Als ob jemand einen Platz physisch in Besitz nehmen m��te, um dort zu sein. �Das Kleinhirn gibt niemals auf�, sagte Sax.</p><p>Michel grinste. �Das ist es, warum du hinausgehen und es pers�nlich sehen willst.�</p><p>Sax runzelte die Stirn.</p><p>Ehe er ging, rief er Ann.</p><p>�M�chtest du... mich auf einem Ausflug nach S�d- Tharsis begleiten, um... gemeinsam die Obergrenze der Areobiosph�re zu erkunden?�</p><p>Sie war aufgeregt. Ihr Kopf zuckte vor und zur�ck, w�hrend sie dar�ber nachdachte. Die Antwort des Kleinhirns kam sechs oder sieben Sekunden vor ihrer bewu�ten verbalen Antwort: �Nein.� Und dann trennte sie mit etwas erschrockener Miene die Verbindung.</p><p>Sax zuckte die Achseln. Er f�hlte sich schlecht. Er sah, da� einer seiner Gr�nde, ins Feld zu gehen, damit zu tun hatte, Ann nach dort hinaus zu bringen und ihr selbst die steinigen Biome der Fjellfelder zu zeigen. Ihr zu zeigen, wie sch�n sie waren. Zu ihr zu sprechen. Etwas dieser Art. Sein mentales Bild von dem, was er ihr sagen w�rde, wenn er sie wirklich dort hinaus brachte, war bestenfalls undeutlich. Nur es ihr zeigen. Sie es sehen lassen.</p><p>Nun, man konnte Leute nicht dazu zwingen, gewisse Dinge zu sehen.</p><p>Er ging, sich von Michel zu verabschieden. Michels ganze Aufgabe war es, Leute Dinge sehen zu lassen. Das war ohne Zweifel die Ursache f�r seine innere Frustration, wenn er �ber Ann sprach. Sie war vor jetzt mehr als einem Jahrhundert eine seiner Patientinnen gewesen und hatte sich noch nicht ver�ndert oder ihm viel �ber sich erz�hlt. Sax mu�te ein wenig l�cheln, wenn er daran dachte. Obwohl das f�r Michel qu�lend war, der Ann offenbar liebte. Wie alle seine alten Patienten und Freunde, einschlie�lich Sax. Es lag in der Natur professioneller Verantwortung, wie Michel sie sah, da� er sich in alle Objekte seines wissenschaftlichen Studiums� verliebte. Jeder Astronom liebt die Sterne. Nun gut, wer wu�te das schon...</p><p>Sax ergriff Michels Oberarm, der bei diesem Sax gar nicht �hnlichen Verhalten gl�cklich l�chelte, �ber diese Ver�nderung im Denken�. Liebe, ja; und um so mehr, wenn das Studienobjekt eine Frau war, die man seit vielen Jahren kannte und mit der Intensit�t reiner Wissenschaft studiert hatte�� ja, das w�rde ein wunderbares Gef�hl sein! Eine gro�e Intimit�t, ob sie in der Untersuchung kooperierte oder nicht. Tats�chlich k�nnte es noch verlockender sein, wenn sie das nicht t�te, wenn sie sich �berhaupt weigerte, Fragen zu beantworten. Schlie�lich wollte Michel doch Antworten auf seine Fragen haben, und zwar sehr ausf�hrlich, selbst wenn sie gar nicht gestellt worden waren. Er hatte immer Maya, Maya, die allzu menschliche, die Michel in einem harten Rennen �ber das limbische System f�hrte, einschlie�lich dessen, da� sie Dinge nach ihm warf, wenn man Spencer glauben konnte. Nach dieser Art von Symbolismus k�nnte sich Anns Schweigen als sehr liebenswert erweisen. Michel sagte: �Sei vorsichtig!� Der gl�ckliche Gelehrte liebte wie ein Bruder, wenn eines seiner Studienobjekte vor ihm stand.</p><p>Sax nahm einen Solorover und fuhr damit den steilen kahlen S�dhang von Pavonis Mons hinunter und dann quer �ber den Sattel zwischen Pavonis und Arsia Mons. Er umrundete den gro�en Kegel von Arsia Mons auf seiner trockenen Ostseite. Danach fuhr er die S�dflanke von Arsia hinab und auf den Tharsis-Buckel selbst, bis er sich auf dem zerkl�fteten Hochland von Daedalia Planitia befand. Diese Ebene war der Rest eines riesigen alten Einschlagbeckens, jetzt durch die unabl�ssigen Winde fast v�llig abrasiert, bis nichts davon geblieben war au�er einer Anzahl areologischer Beobachtungen und Schlu�folgerungen, schwachen radialen Anordnungen von Auswurfschrammen und dergleichen, die auf Karten zu sehen waren, aber nicht in der Landschaft.</p><p>Wenn man dar�berfuhr, sah es f�r das Auge dem Rest der s�dlichen Hochl�nder sehr �hnlich. Rauhes, buckliges, l�chriges, zerkl�ftetes Land. Eine wilde Felsenlandschaft. Die alten Lavastr�me waren als glatte, gelappte Kurven dunklen Gesteins zu erkennen wie auf und ab wogende Gezeiten. Helle und dunkle Windstriche markierten das Land und zeigten Staub verschiedener Gewichte und Konsistenzen an. Es gab helle lange Dreiecke auf den S�dostseiten von Kratern und Felsbl�cken, dunkle Zickzackb�nder nordwestlich davon und dunkle Flecken an den Innenseiten der vielen randlosen Krater. Der n�chste gro�e Sturm w�rde alle diese Muster ab�ndern.</p><p>Sax fuhr mit gro�em Vergn�gen �ber die losen Steinwellen immer weiter nach unten und dann wieder hoch. Er las die Sandbilder der Staubstreifen wie eine Windkarte. Er reiste nicht in einem Felsenwagen mit seinem niedrigen Raum und seinem Hasten von einem Versteck zum n�chsten, sondern im gro�en kastenartigen Wohnwagen eines Areologen, mit Fenstern auf allen vier Seiten des dreist�ckigen Fahrerabteils. Es war wirklich ein sehr gro�es Vergn�gen, in dem schwachen hellen Tageslicht dahin zu rollen, auf und ab, auf und ab �ber die von Sand gestreifte Ebene mit f�r den Mars sehr entfernten Horizonten. Es gab niemanden, vor dem er sich verstecken m��te, oder der ihn verfolgte. Er war ein freier Mann auf einem freien Planeten; und wenn er Lust hatte, k�nnte er mit seinem Wagen rund um die Welt fahren. Oder wohin er sonst wollte.</p><p>Es dauerte etwa zwei Tage, bis er den vollen Eindruck dieses Gef�hls erkannte. Selbst dann war er sich noch nicht sicher, es verstanden zu haben. Es war eine Empfindung von Leichtigkeit, einer seltsamen Leichtigkeit, die ihn veranla�te, den Mund wiederholt zu leichtem L�cheln ohne deutlichen Grund zu verziehen. Vorher war er sich nicht ausdr�cklich eines Gef�hls von Bedr�ngnis oder Angst bewu�t gewesen, aber ihm schien, da� es das vielleicht seit 2061 gegeben h�tte�� vielleicht sogar in den Jahren davor. Sechsundsechzig Jahre der Furcht, ignoriert und vergessen, aber immer vorhanden�� eine gewisse Spannung in der Muskulatur, eine kleine vergessene Angst im Kern der Dinge. �Sechsundsechzig Flaschen voller Furcht an der Wand�� man reiche sie herum!�� Sechsundsechzig Flaschen voller Furcht!�</p><p>Jetzt war das vorbei. Er war frei, seine Welt war frei. Er fuhr die vom Wind gezeichnete absch�ssige Ebene hinunter; und fr�her an diesem Tage war Schnee in den Spalten erschienen und schimmerte w��rig auf eine Weise, wie Staub das nie tat. Und dann Flechten. Er fuhr in die Atmosph�re hinunter. Und es gab jetzt keinen Grund, warum das Leben nicht so weitergehen k�nnte, indem es alle Tage in seinem Weltenlabor herumtr�delte und alles andere ebenso frei war wie das!</p><p>Das war ein tolles Gef�hl.</p><p>Oh, sie konnten sich auf Pavonis streiten und w�rden das auch sicher tun. Tats�chlich �berall. Sie waren ein h�chst ungew�hnlich zanks�chtiger Haufen. Welche Soziologie konnte das erkl�ren? Schwer zu sagen. Und auf jeden Fall hatten sie trotz ihres Haders kooperiert. Es h�tte nur ein zeitweiliges Zusammenfallen von Interessen sein k�nnen; aber alles war jetzt nur zeitweilig, da so viele Traditionen gebrochen oder verschwunden waren. Es war nur geblieben, was John die Notwendigkeit des Schaffens� zu nennen pflegte; und Schaffen war hart. Nicht jedermann war darin so gut, wie sie es waren, w�hrend sie sich beklagten.</p><p>Aber sie hatten jetzt als Gruppe gewisse F�higkeiten, als eine... Zivilisation. Der angesammelte Schatz wissenschaftlicher Kenntnisse wuchs in der Tat rapide; und dieses Wissen gab ihnen eine Menge von Kr�ften, die durch ein einzelnes Individuum kaum begreifbar waren, selbst in Umrissen nicht. Aber es waren gro�e Kr�fte, ob man sie verstand oder nicht. Gottgleiche Kr�fte, wie Michel sie nannte, obwohl es nicht notwendig war, sie zu �bertreiben oder das Problem zu verwirren. Es waren Kr�fte in der materiellen Welt, real, aber durch die Realit�t beschr�nkt. Was nichtsdestoweniger erlauben k�nnte�� so sah Sax es als m�glich an��, da� sie, recht angewandt, schlie�lich dennoch eine anst�ndige menschliche Zivilisation hervorbringen konnten. Nach all den Jahrhunderten des Versuchens. Und warum auch nicht? Warum nicht? Warum nicht das ganze Unternehmen auf dem h�chstm�glichen Niveau ansiedeln? Sie konnten f�r einen jeden gerecht sorgen, sie konnten Krankheiten heilen, sie konnten das Greisenalter verz�gern, bis sie tausend Jahre lang lebten, sie konnten das Universum verstehen von der Planckschen L�nge bis zur kosmischen Distanz, vom Urknall bis zur Endzeit. All das war m�glich und technisch zu erreichen. Und was jene anging, die meinten, da� die Menschheit den Ansporn des Leidens brauchte, um gro� zu werden; nun, sie konnten ausziehen und aufs neue die Trag�dien finden, die es, dessen war sich Sax gewi�, immer geben w�rde�� verlorene Liebe, Betrug durch Freunde, Tod, schlechte Resultate im Labor. Inzwischen konnte der Rest von ihnen das Werk fortf�hren und an der Schaffung einer anst�ndigen Zivilisation arbeiten. Das w�rden sie tun k�nnen! Es war wirklich erstaunlich. Sie hatten den Moment in der Geschichte erreicht, an dem es m�glich war. Wirklich sehr schwer zu glauben. Das machte Sax mi�trauisch. In der Physik bekam man sofort Zweifel, wenn eine Situation irgendwie au�ergew�hnlich oder einzigartig zu sein schien. Die Chancen waren dagegen. Es schien auf eine manipulierte Perspektive hinzudeuten. Man sollte annehmen, da� die Dinge mehr oder weniger konstant sind und man in normalen Zeiten leben w�rde nach dem sogenannten Prinzip des Mittelma�es. Sax hatte dieses Prinzip nie f�r besonders attraktiv gehalten. Vielleicht besagte es nur, da� Gerechtigkeit immer zu erzielen gewesen war. Auf jeden Fall gab es das, ein au�ergew�hnliches Moment, direkt unter seinen vier Fenstern, gebr�unt unter der leichten Ber�hrung der nat�rlichen Sonne. Mars und seine Menschenwesen, frei und m�chtig.</p><p>Es war zu viel, um es zu fassen. Es entglitt seinem Geist. Dann fiel es ihm wieder ein und �berraschte ihn durch eine Freude, die er ausdr�cken wollte. �Ha! Ha!� Der Geschmack von Tomatensuppe und Brot; �Ha!� Das tr�be Purpur des D�mmerungshimmels; �Ha!� Das Bild der Instrumentenkonsole, die schwach leuchtete und in den schwarzen Scheiben gespiegelt wurde. �Ha! Ha! Ha! O meine G�te!� Es war fast erschreckend. Schwindelerregend. Ka, w�rden die Yonsei sagen. Ka, vermutlich der Name des kleinen roten Volkes f�r den Mars�� aus dem japanischen ka, welches Feuer bedeutet. Das gleiche Wort gab es auch in verschiedenen anderen Sprachen, einschlie�lich der protoeurop�ischen. So etwa nannten es die Linguisten.</p><p>Vorsichtig begab er sich in das gro�e Bett hinten im Abteil, lauschte dem Summen der Heizung und des elektrischen Systems des Rovers; und er lag selbst summend unter der dicken Decke, die die W�rme seines K�rpers so rasch aufnahm; und legte den Kopf auf das Kissen und schaute hinaus zu den Sternen.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen zog von Nordwesten ein Hochdrucksystem heran, und die Temperatur stieg auf 262 K. Er war bis zu f�nf Kilometer �ber dem Niveau abgefahren, und der �u�ere Luftdruck betrug 230 Millibar. Nicht genug, um frei zu atmen. Darum legte er geheizte Oberfl�chenkleidung an, h�ngte sich einen kleinen Lufttank �ber die Schulter, legte dessen Maske �ber Nase und Mund und zog eine Schutzbrille �ber die Augen.</p><p>Selbst so ger�stet veranlagte ihn die starke K�lte, als er aus der Schleusent�r ging und auf den Sand traf, so zu schnaufen und zu zappeln, da� sogar sein Sehverm�gen behindert wurde. Das Pfeifen des Windes war laut, obwohl seine Ohren in der Kapuze steckten. Aber die Heizung des Anzugs tat ihre Arbeit, und als der Rest von ihm warm war, gew�hnte sich auch das Gesicht langsam an die K�lte.</p><p>Er zog die Schnur der Kapuze fest an und ging �ber das Land. Er trat von einem flachen Stein, die es hier �berall gab, zum andern. Oft b�ckte er sich, um Risse zu untersuchen. Er fand Flechten und weit verstreute Proben anderen Lebens: Moose, kleine B�schel von Riedgras und gew�hnliches Gras. Es war sehr windig. �u�erst scharfe B�en trafen ihn vier- oder f�nfmal in der Minute. Dazwischen lagen tr�gerisch ruhige Zwischenpausen. Die meiste Zeit war es ohne Zweifel ein windiger Platz, wobei die Atmosph�re in gro�en Massen s�dlich um den Komplex von Tharsis herumstr�mte. Hochdruckzellen luden einen gro�en Teil ihrer Feuchtigkeit beim Aufsteigen auf der Westseite ab. Tats�chlich war in diesem Moment der Horizont im Westen durch ein flaches Wolkenmeer verdunkelt, das mit dem entfernten Land verschwamm, das zwei oder drei Kilometer tiefer lag und vielleicht sechzig Kilometer weit weg war.</p><p>Unter den F��en gab es nur stellenweise Schnee, der einige beschattete Spalten und L�cher f�llte. Diese Schneeb�nke waren so hart, da� er darauf herumspringen konnte, ohne eine Spur zu hinterlassen. Windplatten, zum Teil geschmolzen und wieder gefroren. Eine ausgezackte Platte zerbrach unter seinen F��en, und er fand sie mehrere Zentimeter stark. Darunter war Pulver oder Granulat. Seine Finger waren trotz der geheizten Handschuhe kalt.</p><p>Er richtete sich wieder auf und wanderte ohne Karte �ber das Gestein. Einige tiefere L�cher enthielten Eispf�tzen. Gegen Mittag stieg er in eines davon hinunter und a� seinen Lunch an dem Eis-Teich. Dabei hob er die Luftmaske an, um von einem Riegel aus Honig und Getreide abzubei�en. In einer H�he von 4,5 Kilometer betrug der Luftdruck 267 Millibar. Die Sonne stand tief am Nordhimmel, ein heller Punkt, umgeben von Zinn.</p><p>Das Eis in dem Teich war stellenweise klar, wie ausgestattet mit kleinen Fenstern, die einen Blick auf den schwarzen Boden gestatteten. �berall war das Eis blasig oder rissig oder wei� von Reif. Die Bank, auf der er sa�, war eine Rundung aus Kies, mit Flecken braunen Bodens und schwarzer toter Vegetation, die in einem Wall darauf lagen, offenbar eine Bodengrenze �ber der Schicht aus Kies. Das ganze Ufer war nicht mehr als vier Meter lang und einen breit. Der feine Kies hatte die Farbe von Umbra, scheckigem Umber oder... Er m��te eine Farbtafel hinzuziehen. Aber nicht jetzt.</p><p>Der Bodenwall war von kleinen bla�gr�nen Rosetten aus winzigen Grashalmen punktiert. L�ngere Halme standen in klumpigen B�scheln hier und da. Die meisten gr��eren Halme waren tot und hellgrau. Ganz nahe an dem Teich waren Flecken von dunkelgr�nen fleischigen Bl�ttern mit dunkelgr�nen R�ndern. Wo das Gr�n ins Rot �berging, ergab sich eine Farbe, die er nicht benennen konnte, ein dunkles gl�nzendes Braun, das irgendwie mit den beiden es bildenden Farben gef�llt war. Es schien, da� er bald doch eine Farbkarte aufrufen m��te. Als er sich sp�ter im Freien umsah, erschien eine solche ungef�hr einmal in der Minute auf dem Display seines Handys. Unter manchen dieser zweifarbigen Bl�tter waren wachsartige, fast wei�e Bl�ten verborgen. Ferner lagen da einige Tangarten mit roten Stielen und gr�nen Nadeln, wie angeschwemmtes Seekraut en miniature. Wieder diese Mischung von Rot und Gr�n, die ihn hier direkt in der Natur anstarrte.</p><p>Ein fernes, vom Wind verwehtes Summen. Vielleicht die Harfent�ne von Felsen, vielleicht das Brummen von Insekten. Schwarze M�cken, Bienen... In dieser Luft w�rden sie nur etwa 30 Millibar CO2 auszuhalten haben, weil so wenig Partialdruck in sie eindrang und an mancher Stelle die innere S�ttigung ausreichte, um etwas mehr davon drau�en zu halten. Bei S�ugetieren w�rde das wohl nicht so gut funktionieren. Aber sie k�nnten imstande sein, 20 Millibar zu vertragen; und wenn Pflanzenleben auf allen geringen H�hen des Planeten gedieh, k�nnte der Kohlendioxidgehalt recht bald auf 20 Millibar sinken. Dann konnten sie auf die Lufttanks und Gesichtsmasken verzichten und auf dem Mars Tiere freisetzen.</p><p>Im schwachen Summen der Luft schien er ihre Stimmen zu h�ren, immanent oder aufsteigend, die in dem n�chsten gro�en Aufschwung von Viriditas kommen w�rden. Das Summen ferner Stimmen; der Wind; der Friede dieses kleinen Teichs auf seinem steinigen Moor; das nirgalische Vergn�gen, das er an der scharfen K�lte hatte... �Ann sollte das hier sehen!� murmelte er.</p><p>Nachdem die Raumspiegel nun fort waren, war alles, was er hier sah, dem Untergang geweiht. Dies war die Obergrenze der Biosph�re; und mit dem Verlust an Licht und W�rme w�rde die Obergrenze sinken, zumindest zeitweilig, vielleicht f�r immer. Das gefiel ihm nicht; und es schien m�glich, da� es Wege geben k�nnte, f�r das verlorene Licht einen Ausgleich zu finden. Schlie�lich war das Terraformen vor dem Erscheinen der Spiegel recht gut vorangekommen. Die Spiegel waren nicht notwendig gewesen. Und es war gut, nicht von etwas so Zerbrechlichem abh�ngig zu sein; und besser, sich davon jetzt frei zu machen als sp�ter, wenn gro�e Tierpopulationen zusammen mit den Pflanzen bei dem R�ckschlag h�tten sterben k�nnen.</p><p>Aber selbst so war es eine Schande. Diese tote Pflanzensubstanz w�rde am Ende mehr D�nger ergeben; und doch wog das Leid von Tieren schwerer. Das war wenigstens anzunehmen. Wer wu�te, wie Pflanzen f�hlen? Wenn man sie genau anschaute, wie sie in all ihrer detaillierten Gliederung wie komplexe Kristalle leuchteten, waren sie ebenso geheimnisvoll wie jede andere Art von Leben. Und jetzt machte ihre Anwesenheit hier alles, was er sehen konnte, die ganze Fl�che zu einem gro�en Fjellfeld, das sich wie ein Teppich langsam �ber das Gestein breitete. Sie zerlegten die verwitterten Mineralien und verbanden sich mit ihnen zu den ersten B�den. Ein sehr langsamer Proze�. In jedem bi�chen Boden steckte gro�e Komplexit�t. Und der Anblick dieses Fjellfeldes war das Lieblichste, das er je gesehen hatte.</p><empty-line/><p>Nun zum Wetter. In der ganzen Welt herrschte Wetter. Der erste gedruckte Gebrauch dieses Wortes war, recht passend, 1665 in einem Buch �ber Stonehenge aufgetreten. �Die Witterung so vieler Jahrhunderte.� Auf dieser steinernen Welt. Witterung. Sprache als die erste Wissenschaft, exakt und dennoch vage oder vieldeutig. Dinge zusammenwerfen. Der Geist als Wetter. Oder bewettert.</p><p>�ber den nahen H�gel im Westen kamen Wolken heran. Ihre Unterseiten ruhten auf einer thermischen Schicht so gleichm��ig, als ob sie auf Glas dr�ckten. B�nder wie gesponnene Wolle wiesen den Weg nach Westen.</p><p>Sax stand auf und kletterte aus der Senke des Teichs empor. Heraus aus dem Schutz des Lochs, in den erschreckend starken Wind. Die K�lte intensivierte sich, als ob in eben dieser Sekunde eine Eiszeit mit voller Kraft zugeschlagen h�tte. Das machte nat�rlich der Faktor der Windabk�hlung. Wenn die Temperatur 262 K betrug und der Wind mit etwa siebzig Kilometern in der Stunde blies, mit B�en, die viel schneller waren, dann w�rde der Faktor der Abk�hlung durch Wind eine Temperatur erzeugen, die etwa 250 K entsprach. Was das richtig? Das war wirklich sehr kalt daf�r, sich ohne Helm im Freien aufzuhalten. Und tats�chlich wurden seine H�nde taub. Auch seine F��e. Und sein Gesicht war schon gef�hllos wie eine dicke Maske vor seinem Kopf. Er erschauerte, und sein Lidschlag schien sich zu verkleben, weil seine Tr�nen festfroren. Er mu�te zu seinem Wagen zur�ckkehren.</p><p>Er stapfte �ber den steinigen Grund, erstaunt �ber die Macht des Windes, die K�lte so zu verst�rken. Er hatte eine derartige Windk�lte seit seiner Kindheit nicht mehr erlebt und seither vergessen, wie kalt es einem wurde. Er stolperte in den Windst��en auf eine leichte Erh�hung der alten Lava und blickte den Hang hinauf. Dort war sein Rover�� gro�, lebhaft gr�n und schimmernd, ungef�hr zwei Kilometer h�her, wie ein Raumschiff. Ein sehr willkommener Anblick.</p><p>Aber jetzt flog der Schnee horizontal an ihm vorbei und gab eine dramatische Demonstration der gro�en Windgeschwindigkeit. Kleine K�rnchen klapperten gegen seine Schutzbrille. Er ging blind weiter in Richtung Rover, hielt den Kopf gesenkt und beobachtete, wie der Schnee �ber die Felsen wirbelte. Es war so viel Schnee in der Luft, da� er glaubte, seine Brille w�rde sich beschlagen. Aber nach einem sehr m�hsamen Unternehmen, sie innen abzuwischen, wurde klar, da� die Kondensation tats�chlich drau�en in der Luft stattfand. Feiner Schnee, Nebel, Staub�� das war schwer zu sagen.</p><p>Er stapfte weiter. Als er das n�chste Mal aufblickte, war die Luft so dick, da� er nicht bis zum Rover sehen konnte. Da war nichts zu machen, als weiter zu dr�ngen. Es war ein Gl�ck, da� der Anzug gut isoliert war und eingen�hte Heizelemente hatte, denn selbst bei auf h�chste Kraft gestellter W�rme schnitt die K�lte in seine linke Seite, als ob er der Zugluft voll ausgesetzt w�re. Die Sicht betrug nur etwa zwanzig Meter und �nderte sich rasch, je nachdem, wieviel Schnee gerade in dem Moment vorbeirauschte. Er befand sich in einer amorphen, sich ausdehnenden und zusammenziehenden wei�en Blase, die mit fliegendem Schnee durchsetzt war und dem, was eine Art von gefrorenem Nebel oder Dunst zu sein schien. Es schien, als ob er sich mitten in dem Sturm selbst bef�nde. Seine Beine waren steif. Er schlang die Arme um die Brust und steckte seine behandschuhten H�nde in die Achselh�hlen. Es gab keine M�glichkeit zu erkennen, ob er noch in der richtigen Richtung ging. Er sch�tzte aber, da� er noch auf dem gleichen Kurs war wie zu dem Zeitpunkt, als die Sicht verschwand. Es schien aber auch, da� er schon eine ausreichend weite Strecke zum Rover gegangen war.</p><p>Auf dem Mars gab es keine Kompasse. Es gab aber APS-Systeme in dem Apparat an seinem Handgelenk und im Wagen. Au�erdem konnte er auf seinem Handy eine detaillierte Karte abrufen und dann den direkten Weg zum Wagen gehen. Das schien eine betr�chtliche Anstrengung zu sein, was ihn auf die Idee brachte, da� sein Denken, wie sein K�rper, durch die K�lte beeinflu�t w�rde. Aber schlie�lich war es doch keine zu gro�e M�he.</p><p>So hockte er sich im Windschatten eines Felsblocks hin und versuchte diese Methode. Die Theorie dahinter war offenbar korrekt, aber die Instrumentierung lie� etwas zu w�nschen �brig. Der Bildschirm am Handgelenk war nur f�nf Zentimeter gro�, so klein, da� er die Punkte darauf kaum erkennen konnte. Endlich fand er einen Wegpunkt, ging eine Weile und nahm einen anderen Fixpunkt. Aber merkw�rdigerweise zeigten seine Resultate, da� er etwa in einem rechten Winkel zu der Richtung ging, die er kurz zuvor gew�hlt hatte.</p><p>Das war entnervend bis zum Wahnsinn. Sein K�rper bestand darauf, da� er den richtigen Weg ging. Sein Verstand (jedenfalls ein Teil davon) war sich ziemlich sicher, da� es besser war, den Anzeigen des Handys zu vertrauen und anzunehmen, da� er irgendwo vom Kurs abgekommen war. Aber sein Gef�hl widersprach dem. Der Boden war immer noch geneigt, was das Gef�hl seines K�rpers best�tigte. Der Widerspruch war so stark, da� er einen Anfall von Schwindel bekam. Das innere Drehmoment verkrampfte ihn so, da� es tats�chlich schwer war zu stehen, als ob jede Zelle seines K�rpers sich zur Seite kr�mmte entgegen dem Druck, welchen ihm das Armband angab. Die physiologischen Effekte einer rein kognitiven Dissonanz. Es war erstaunlich. Es lie� einen fast an die Existenz eines inneren Magneten im K�rper glauben, wie in der Epiphyse von Zugv�geln. Aber es gab kein nennenswertes Magnetfeld. Vielleicht war seine Haut f�r Sonnenstrahlen in dem Ma�e empfindlich, da� sie die Stellung der Sonne auf den Punkt genau angeben konnte, selbst wenn der Himmel �berall ein dickes Grau zeigte. Es mu�te etwas derartiges sein; denn sein Gef�hl, richtig orientiert zu sein, war so stark!</p><p>Endlich verging die �belkeit der Desorientierung, und schlie�lich stand er auf und ging in die vom Armband angezeigte Richtung, nur um es zu versuchen und sich besser zu f�hlen. Dabei f�hlte er sich schrecklich, mit leichter Schlagseite nach rechts, aber man mu�te den Instrumenten mehr vertrauen als den Instinkten. Das war Wissenschaft. Und so k�mpfte er sich weiter, �berquerte den Hang und wandte sich, ungeschickter denn je, etwas aufw�rts. Seine fast gef�hllosen F��e stie�en an Felsen, die er nicht sah, selbst wenn sie direkt unter ihm waren. Er stolperte ab und zu. Es war erstaunlich, wie sehr Schnee die Sicht behindern konnte.</p><p>Nach einer Weile hielt er an und versuchte wieder, den Rover durch APS zu orten. Sein Armband schlug jetzt eine v�llig neue Richtung vor�� nach hinten links.</p><p>War es m�glich, da� er an dem Wagen vorbeigegangen war? War es das? Er wollte nicht wieder zur�ckgehen, diesmal gegen den Wind. Aber jetzt war das offenbar der Weg zum Rover. Also duckte er den Kopf in die bei�ende K�lte und machte weiter. Seine Haut war in einem seltsamen Zustand. Sie schmerzte unter den Heizelementen, die im Zickzack seinen Anzug durchzogen, und war �berall taub. Auch seine F��e waren gef�hllos. Das Gehen wurde immer schwieriger. Auch in seinem Gesicht hatte er kein Gef�hl mehr. Er brauchte einen Schutzraum.</p><p>Er hatte eine neue Idee. Er rief Aonia auf Pavonis an und bekam augenblicklich Verbindung.</p><p>�Sax! Wo bist du?�</p><p>Er sagte: �Deshalb rufe ich ja an. Ich befinde mich in einem Sturm in Daedalia. Ich kann meinen Wagen nicht finden. Ich �berlegte, ob du nach meinem APS und dem meines Rovers schauen kannst. Und sehen, ob du mir sagen kannst, in welche Richtung ich gehen soll!�</p><p>Er hielt das Armband direkt ans Ohr. �Ka jetzt, Sax.� Das klang, als ob auch Aonia riefe. Sie sei gesegnet! Ihre Stimme war eine seltsame Erg�nzung zur Szene. �Nur eine Sekunde, la� mich nachsehen... Okay! Da bist du. Und dein Wagen auch! Was machst du so weit im S�den? Ich glaube nicht, da� ich sehr schnell zu dir kommen kann. Besonders, wenn ein Sturm tobt.�</p><p>�Es st�rmt f�rchterlich. Darum habe ich ja angerufen�, erwiderte er.</p><p>�Okay! Du befindest dich ungef�hr dreihundertf�nfzig Meter westlich von deinem Wagen.�</p><p>�Genau westlich?�</p><p>�...und etwas s�dlich. Aber wie willst du dich zurechtfinden?�</p><p>Sax �berlegte. Das Fehlen eines Magnetfelds auf dem Mars hatte ihn vorher nie so sehr als Problem betroffen. Aber jetzt war es soweit. Er konnte annehmen, da� der Wind direkt von Westen kam. Aber das war blo� eine Vermutung. �Kannst du die n�chsten Wetterstationen fragen und mir sagen, aus welcher Richtung der Wind kommt?� sagte er.</p><p>�Sicher; aber f�r lokale Variationen w�rde das nicht sehr hilfreich sein! Hier, nur eine Sekunde, ich bekomme etwas Hilfe von den anderen.�</p><p>Es vergingen lange eisige Momente.</p><p>�Sax, der Wind kommt aus Westnordwest! Also mu�t du mit dem Wind im R�cken gehen und ein wenig nach links.�</p><p>�Ich wei�. Sei still, bis du siehst, welchen Kurs ich einschlage. Und dann korrigiere ihn!�</p><p>Er ging weiter, zum Gl�ck fast mit R�ckenwind. Nach f�nf oder sechs qualvollen Minuten piepte sein Handy.</p><p>�Du bist richtig auf Kurs!� sagte Aonia.</p><p>Das war ermutigend, und er fuhr mit etwas mehr Geschwindigkeit fort, obwohl der Wind ihm durch seine Rippen bis ins Mark drang.</p><p>�Okay, Sax! Sax?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Du und dein Wagen, ihr seid genau auf dem gleichen Fleck!�</p><p>Aber es war kein Wagen zu sehen.</p><p>Sein Herz stockte in der Brust. Die Sicht betrug noch etwa zwanzig Meter, aber kein Wagen. Er mu�te rasch Unterschlupf finden. �Geh in zunehmender Spirale um den Punkt, an dem du jetzt bist!� schlug die kleine Stimme auf dem Handgelenk vor. Theoretisch eine gute Idee; aber er schaffte es nicht, sie auszuf�hren. Er konnte sich nicht gegen den Wind wenden. Er starrte d�ster auf die schwarze Plastik-Konsole seines Armbands. Er konnte hier keine Hilfe mehr bekommen.</p><p>Einen Moment konnte er Schneeb�nke links von sich erkennen. Er schlurfte hin�ber, um nachzusehen, und entdeckte, da� der Schnee im Lee einer schulterhohen B�schung lag�� ein Merkmal, das er sich nicht erinnerte, vorher gesehen zu haben. Aber im Gestein waren einige radiale Br�che, die durch den Aufstieg von Tharsis entstanden waren; und dies mu�te einer davon sein, welcher eine Schneebank sch�tzte. Schnee war ein sehr starker Isolator. Obwohl er als Schutz wenig echten Reiz bot. Aber Sax wu�te, da� Bergsteiger sich oft darin eingruben, um drau�en N�chte zu �berstehen. Er sch�tzte vor dem Wind.</p><p>Er stieg auf den Boden der Schneebank und trat mit einem tauben Fu� dagegen. Es war, als ob er gegen Stein treten w�rde. Eine Schneeh�hle zu graben schien au�er Frage zu stehen. Aber die Anstrengung als solche konnte ihn etwas erw�rmen. Am Fu� der Schneebank war es weniger windig. Also trat er und trat, und schlie�lich wurde sichtbar, da� sich unter einem dicken Batzen von Windplatten das �bliche Pulver befand. Vielleicht war eine Schneeh�hle doch noch m�glich. Er buddelte weiter.</p><p>�Sax, Sax!� rief die Stimme von seinem Handgelenk. �Was machst du?�</p><p>�Ich mache eine Schneeh�hle. Ein Biwak.�</p><p>�O Sax, wir fliegen zu Hilfe! Wir k�nnen morgen fr�h auf jeden Fall bei dir sein. Also halt aus! Wir werden weiter zu dir sprechen.�</p><p>�Fein!�</p><p>Er setzte Tritt nach Tritt und grub. Auf den Knien sch�pfte er harten k�rnigen Schnee und stie� ihn in wirbelnden Flocken �ber sich. Es war schwer, sich zu bewegen und zu denken. Er bedauerte bitter, sich so weit vom Rover entfernt zu haben, als er von der Landschaft um jenen Eisteich so gefesselt war. Es war eine Schande zu sterben, wenn die Dinge so interessant wurden. Frei, aber tot. In dem Schnee war jetzt eine kleine Kuhle, ein l�ngliches Loch im Windschatten. Er setzte sich m�de hin und dr�ngte sich in den freigewordenen Raum, auf der Seite liegend und mit den Stiefeln sto�end. Der Schnee f�hlte sich gegen den R�cken seines Anzugs fest an und w�rmer als der scharfe Wind. Er begr��te das Erschauern in seinem Rumpf und empfand eine vage Angst, als es aufh�rte. Es war ein schlechtes Zeichen, wenn man zu kalt war, um zu zittern.</p><p>Sehr m�de, sehr kalt. Er schaute auf sein Armband. Es war vier Uhr nachmittags. Er war gerade etwas mehr als drei Stunden im Sturm marschiert. Er m��te noch weitere f�nfzehn oder zwanzig Stunden �berleben, ehe er erwarten konnte, gerettet zu werden. Oder vielleicht w�rde am Morgen der Sturm nachgelassen haben und der Standort des Rovers deutlicher geworden sein. So oder so mu�te er die Nacht �berleben, indem er sich seine Schneeh�hle grub. Oder sich wieder hinauswagen und den Rover finden. Er konnte sicher nicht weit entfernt sein. Aber bis der Wind nachlie�, konnte er es sich nicht leisten, nach ihm Ausschau zu halten.</p><p>Er mu�te in der Schneeh�hle warten. Theoretisch w�rde er eine Nacht im Freien �berstehen, obwohl es im Moment so kalt war, da� er das kaum glauben konnte. Die Nachttemperaturen fielen auf dem Mars drastisch. Vielleicht w�rde der Sturm in der n�chsten Stunde nachlassen, so da� er den Rover finden und vor der Dunkelheit erreichen k�nnte.</p><p>Er sagte Aonia und den anderen, wo er war. Sie klangen sehr besorgt, konnten aber nichts tun. Er f�hlte Unruhe in ihren Stimmen.</p><p>Es schien viele Minuten zu dauern, bis ihm etwas anderes einfiel. Wenn man unterk�hlt war, dann wurde der Blutstrom zu den Gliedern stark reduziert.</p><p>Vielleicht galt das auch f�r den Cortex, indem das Blut vorzugsweise ins Kleinhirn flo�, damit dieses bis zum Ende seine Aufgabe erf�llen konnte.</p><p>Es verging mehr Zeit. Anscheinend war die Dunkelheit nahe. Er sollte wieder rufen. Ihm war zu kalt. Es schien etwas nicht zu stimmen. Vorger�cktes Alter, H�henlage, Kohlendioxidniveau�� irgendein Faktor, oder eine Kombination solcher, machte es schlimmer, als es sein sollte. Er konnte in einer einzigen Nacht durch seine ungesch�tzte Lage sterben. Und eben das schien er gerade zu tun. So ein Sturm! Vielleicht durch den Verlust der Spiegel. Bevorstehende Eiszeit. Aussterben.</p><empty-line/><p>Der Wind machte seltsame Ger�usche, wie Rufe. Ohne Zweifel starke B�en. Wie schwache Rufe: �Sax! Sax! Sax!�</p><p>Hatten sie jemanden eingeflogen? Er schaute hinaus in den Sturm. Die Schneeflocken fingen irgendwie das sp�te Licht ein und flogen �ber ihm wie wei�es Rauschen.</p><p>Dann sah er zwischen seinen von Eis verkrusteten Wimpern eine Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen. Klein, rund, mit Helm. �Sax!� Der Klang war verzerrt. Er kam aus einem Lautsprecher im Helm der Gestalt. Die Techniker von Da Vinci waren sehr erfinderische Leute. Sax versuchte zu antworten, stellte aber fest, da� er zum Sprechen zu schwach war. Es erforderte bereits eine gewaltige Anstrengung, blo� die Stiefel aus dem Loch zu ziehen. Aber das schien das Auge der Gestalt auf sich zu ziehen, denn diese wandte sich um und marschierte zielstrebig durch den Wind. Sie bewegte sich wie ein geschickter Seemann auf einem schwankenden Deck und schl�ngelte sich durch die Windst��e. Dann erreichte sie ihn, b�ckte sich und packte Sax am Handgelenk. Durch die Visierscheibe sah er ihr Gesicht so deutlich wie durch ein Fenster. Es war Hiroko. Sie zeigte ihr fl�chtiges L�cheln und zog ihn aus seiner H�hle. Sie zerrte so stark, da� die Knochen seiner linken Hand schmerzhaft knackten.</p><p>�Au!� kr�chzte er.</p><p>Drau�en im Wind war die K�lte wie der Tod pers�nlich. Hiroko zog seinen linken Arm �ber die Schulter und f�hrte ihn an der niedrigen B�schung vorbei direkt in die Z�hne der Windsbraut, wobei sie sein Handgelenk genau oberhalb des Handys festhielt.</p><p>Er murmelte: �Mein Rover ist in der N�he�, lehnte sich kr�ftig auf sie und bewegte seine Beine schnell genug, um feste Fu�abdr�cke zu machen. Es war so gut, sie wiederzusehen. Ihre solide kleine Statur, sehr kr�ftig wie immer.</p><p>Sie sagte �ber Lautsprecher: �Er ist da dr�ben. Du bist ziemlich nahe dran.�</p><p>�Wie hast du mich gefunden?�</p><p>�Wir haben deine Spur verfolgt, als du von Arsia herunterkamst. Als dann heute der Sturm zuschlug, habe ich dich gesucht und gesehen, da� du au�erhalb deines Rovers warst. Danach kam ich heraus, um zu sehen, wie es dir ging.�</p><p>�Danke!�</p><p>�Du mu�t bei St�rmen vorsichtig sein!�</p><p>Dann standen sie vor seinem Rover. Sie lie� sein Handgelenk los, das schmerzhaft pochte. Sie dr�ckte ihre Visierscheibe gegen seine Schutzbrille und sagte: �Rein mit dir!�</p><p>Er kletterte vorsichtig die Stufen zur T�r des Rovers empor, �ffnete sie und fiel hinein. Er drehte sich unbeholfen zur Seite, um f�r Hiroko Platz zu machen; aber sie war nicht in der T�r. Er lehnte sich in den Wind zur�ck und schaute sich um. Sie war nicht zu sehen. Es war dunkel. Der Schnee sah schwarz aus. Er rief: �Hiroko!�</p><p>Keine Antwort.</p><p>Er schlo� die T�r der Schleuse, pl�tzlich erschrocken. Sauerstoffmangel. Er setzte die Schleuse unter Druck und fiel durch die innere T�r in den kleinen Umkleideraum. Es war f�rchterlich warm, die Luft ein Dampfstrahl. Er zupfte vergeblich an seiner Kleidung und kam nicht voran. Dann machte er sich methodischer dran. Brille und Gesichtsmaske herunter. Die waren mit Eis verkrustet. Ah! Vielleicht war seine Luftzufuhr in dem Rohr zwischen Tank und Maske durch Eis behindert. Er holte einige Male tief Luft, und �berstand sitzend einen neuen Schwindelanfall. Dann zog er an seiner Kapuze und �ffnete den Rei�verschlu� des Anzugs. Das Ausziehen der Stiefel �berstieg fast seine Kr�fte. Dann der Anzug. Sein Unterzeug war kalt und klamm. Seine H�nde brannten wie Feuer. Das war ein gutes Zeichen, ein Beweis daf�r, da� er keine wesentlichen Erfrierungen erlitten hatte. Dennoch war es eine Qual.</p><p>Seine ganze Haut begann sofort am ganzen K�rper gleichzeitig zu jucken. Woher kam das blo�? R�ckkehr der Empfindung zu unterk�hlten Nerven? Was auch immer es war�� es schmerzte fast unertr�glich. �Au!�</p><p>Trotzdem war er in bester Stimmung. Nicht nur, da� er eben dem Tod entronnen war; das war ganz nett. Aber da� Hiroko lebte! Das war eine unglaublich gute Nachricht. Viele seiner Freunde waren schon seit langem der festen �berzeugung, da� sie und ihre Gruppe vor dem Angriff auf Sabishii geflohen waren und sich durch das Labyrinth des Berges in ihr System verborgener Schlupfwinkel zur�ckgezogen hatten. Sax war sich nie sicher gewesen. Es gab nichts, das diese Theorie st�tzte. Und in den Sicherheitskr�ften gab es Elemente, die durchaus f�hig waren, eine Gruppe von Dissidenten zu ermorden und sich ihrer Leichen zu entledigen. Aber er hatte diese Meinung f�r sich behalten und sich kein Urteil gebildet. Er konnte sich einfach nicht sicher sein.</p><p>Aber jetzt wu�te er Bescheid. Er war Hiroko in den Weg geraten, und sie hatte ihn vor dem Tod durch Erfrieren gerettet oder Ersticken, je nachdem, was zuerst gekommen w�re. Der Anblick ihres fr�hlichen und irgendwie unpers�nlichen Gesichts, ihrer braunen Augen, das Gef�hl ihres K�rpers, der ihn st�tzte, ihre �ber sein Handgelenk geklammerte Hand... Er w�rde davon einen blauen Fleck bekommen. Vielleicht sogar eine Zerrung. Er bog die Hand und von dem Schmerz tr�nten ihm die Augen. Das brachte ihn zum Lachen. Hiroko!</p><p>Nach einiger Zeit lie� das brennende Gef�hl auf seiner Haut nach. Obwohl sich seine H�nde geschwollen und roh anf�hlten und er keine richtige Kontrolle �ber seine Muskeln hatte, kam er im Grunde auf einen normalen Zustand zur�ck. Oder einen ungef�hr normalen.</p><p>�Sax! Sax! Wo bist du? Antworte uns, Sax!�</p><p>�Ah, hallo! Ich bin wieder in meinem Wagen.�</p><p>�Hast du ihn gefunden? Hast du deine Schneeh�hle verlassen?�</p><p>�Ja. Ich sah in der Ferne meinen Wagen durch eine L�cke im Schnee.�</p><p>Sie waren froh, das zu h�ren.</p><p>Er sa� da und h�rte kaum ihrem Geschw�tz zu und fragte sich, warum er spontan gelogen hatte. Irgendwie war ihm nicht wohl, �ber Hiroko zu sprechen. Er nahm an, da� sie versteckt bleiben wollte. Vielleicht war es das. Ihr Deckung zu geben...</p><p>Er versicherte seinen Genossen, da� es ihm gut gehe, und schaltete die Verbindung ab. Er zog einen Stuhl in die K�che und setzte sich darauf. Er w�rmte Suppe und trank mit heftigem Schl�rfen, weil er sich sofort die Zunge verbrannt hatte. Vom Frost angegriffen, verbr�ht, wackelig, leicht schwindlig, pl�tzlich weinend, h�chst verdutzt... trotz alledem war er sehr, sehr gl�cklich. Nat�rlich ern�chtert durch den Anruf und verwirrt oder sogar besch�mt durch seine Dummheit, drau�en geblieben zu sein und sich verirrt zu haben und das alles. Das war alles sehr ern�chternd; und dennoch war er gl�cklich. Er hatte �berlebt und noch besser: Hiroko auch. Das bedeutete ohne Zweifel, da� ihre ganze Gruppe mit ihr �berlebt hatte und auch das halbe Dutzend der Ersten Hundert, das von Anfang an mit ihr gewesen war: Iwao, Gene, Rya, Raul, Ellen, Evgenia... Sax lie� ein Bad ein und setzte sich in das warme Wasser. Er f�llte langsam hei�eres Wasser nach, als sich das Innere seines K�rpers erw�rmte. Und er kehrte zu dieser wundervollen Erkenntnis zur�ck. Ein Wunder�� nat�rlich kein Wunder��, aber es hatte dieselbe Qualit�t unerwarteter und unverdienter Freude.</p><p>Als er merkte, da� er im Bad einzuschlafen drohte, trocknete er sich ab und hinkte auf empfindlichen F��en zum Bett, kroch unter die Decke und fiel mit den Gedanken an Hiroko in tiefen Schlaf. Er tr�umte von Liebesspielen mit ihr in den B�dern von Zygote, von dem warmen, entspannten Luxus ihrer Stelldicheins im Badehaus, sp�t in der Nacht, wenn alle anderen schliefen. Von ihrer um sein Handgelenk geklammerten Hand, die ihn hochzog. Seine linke Hand tat ziemlich weh. Und das machte ihn gl�cklich.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Tag fuhr er zur�ck den gro�en S�dhang von Arsia hinauf, der jetzt erstaunlich hoch mit sauberem wei�en Schnee bedeckt war�� um genau zu sein, 10,4 Kilometer �ber dem Bezugspunkt. Er empfand eine seltsame Mischung von Emotionen, wie er sie in ihrer St�rke und Dichte noch nie erlebt hatte, obwohl sie irgendwie den starken Gef�hlen �hnelten, die er nach seinem Nervenschlag erlebt hatte, so als ob Sektionen seines Gehirns aktiv w�chsen. Vielleicht das limbische System, der Sitz der Emotionen, das sich schlie�lich mit dem cerebralen Cortex verband. Er war am Leben, Hiroko war am Leben, der Mars war am Leben. Angesichts dieser erfreulichen Fakten war die M�glichkeit einer Eiszeit wie nichts�� ein momentaner Pendelschlag in einem allgemein w�rmer werdenden Klima, etwas wie der fast vergessene Gro�e Sturm. Obwohl er alles tun wollte, was er konnte, um ihn zu mildern.</p><p>Inzwischen spielten sich in der Menschenwelt immer noch scharfe Konflikte ab; auf beiden Welten. Aber Sax schien es, da� die Krise irgendwie �ber Krieg hinausgegangen w�re. Flut, Eiszeit, Bev�lkerungsanstieg, soziales Chaos, Revolution. Vielleicht waren die Dinge so schlimm geworden, weil die Menschheit in eine Art universeller Katastrophenrettungsaktion gerutscht war oder mit anderen Worten in die erste Phase der postkapitalistischen �ra.</p><p>Oder vielleicht wurde er nur allzu zuversichtlich, ermuntert durch die Ereignisse in Daedalia Planitia. Seine Kollegen in Da Vinci waren sicher sehr besorgt. Sie verbrachten Stunden am Bildschirm, um ihm jede Kleinigkeit �ber die in Ost-Pavonis laufenden Diskussionen zu erz�hlen. Aber er hatte daf�r keine Geduld.</p><p>Pavonis war dabei, einfach nur eine nicht enden wollende Flut von Streitereien zu werden. Das war deutlich. Und die Leute von Da Vinci, die sich solche Sorgen machten�� sie trugen selbst genug dazu bei. Wenn in Da Vinci jemand seine Stimme nur um zwei Dezibel erhob, bef�rchteten die Leute, da� die Lage au�er Kontrolle geraten k�nnte. Nein! Nach seinen Erfahrungen in Daedalia waren diese Dinge einfach nicht lohnend genug, um ihn zu besch�ftigen. Trotz der Begegnung mit dem Sturm, oder vielleicht gerade deswegen, wartete er nur darauf, ins Land hinauszukommen. Er wollte davon so viel wie m�glich sehen, um die Ver�nderungen zu erkennen, die durch die Entfernung der Spiegel bewirkt worden waren, und um mit verschiedenen Terraformungsteams dar�ber zu sprechen, wie man das ausgleichen k�nnte. Er rief Nanao in Sabishii an und fragte ihn, ob er zu Besuch kommen und mit den Universit�tsleuten dar�ber sprechen k�nnte. Nanao war freundlich.</p><p>�Kann ich ein paar meiner Kameraden mitbringen?� fragte Sax.</p><p>Nanao hatte nichts dagegen.</p><p>Sax fand ganz pl�tzlich, da� er Pl�ne hatte, wie die kleine Athene, die aus dem Kopf des Zeus entsprungen war. Was w�rde Hiroko hinsichtlich dieser m�glichen Eiszeit unternehmen? Das konnte er nicht erraten. Aber er hatte eine gro�e Gruppe von Kollegen in den Labors von Da Vinci, die an dem Problem der Unabh�ngigkeit arbeiteten, Waffen und Transportmittel bauten, sowie Schutzr�ume und dergleichen. Jetzt war das eine Problem gel�st, und da waren sie nun, und eine Eiszeit stand bevor. Viele von ihnen waren von ihren fr�heren Terraformungsbem�hungen nach Da Vinci gekommen und konnten ohne Zweifel �berredet werden, wieder darauf zur�ckzukommen. Aber was war zu tun? Nun, Sabishii lag vier Kilometer unter dem Nullniveau, und das Tyrrhena-Massiv ging bis f�nf hoch. Die dortigen Wissenschaftler waren in �kologie gro�er H�hen die besten der Welt. Also eine Konferenz. Ein neues kleines Utopia sollte stattfinden. Das lag auf der Hand.</p><p>Am Nachmittag hielt Sax seinen Rover in dem Sattel zwischen Pavonis und Arsia an, an einer Stelle, die Four Mountain View hieߠ� ein herrlicher Platz, wo zwei der Kontinentvulkane in Nord und S�d den Horizont einnahmen; und dann der ferne Buckel von Olympus Mons im Nordwesten, und an klaren Tagen (dieser war zu diesig) ein Schimmer von Ascraeus in der Ferne, eben rechts von Pavonis. In diesem weiten, d�rren Hochland verzehrte er seinen Lunch und wandte sich dann nach Osten hinunter nach Nicosia, um einen Flug nach Da Vinci zu ergattern und dann weiter nach Sabishii.</p><p>Er mu�te mit dem Team von Da Vinci und vielen anderen Leuten auf Pavonis in dem Versuch, dieses Vorhaben zu erkl�ren und sie mit seiner Abwesenheit von den Lagerhausversammlungen zu vers�hnen, sehr viel Bildschirmzeit verbringen. Er sagte: �Ich befinde mich in dem Lagerhaus in jedem Sinn, der eine Rolle spielt�; aber sie wollten das nicht akzeptieren. Ihr Kleinhirn wollte ihn hier in Person haben�� in gewisser Weise ein ansprechender Gedanke. Ansprechend � war eine symbolische Aussage, die dennoch durchaus w�rtlich zu verstehen war. Er lachte; aber Nadia kam hinzu und sagte �rgerlich: �Komm schon, Sax, du kannst nicht einfach aufgeben, blo� weil die Lage brenzlich wird. In Wirklichkeit ist dies genau das, was du brauchst, du bist jetzt General Sax, du bist der gro�e Wissenschaftler, du mu�t hier beim Spiel dabei sein.�</p><p>Aber Hiroko zeigte, wie wichtig eine abwesende Person sein kann. Und er wollte nach Sabishii.</p><p>�Aber was sollen wir machen?� fragten ihn Nirgal und auch andere sehr direkt.</p><p>Die Situation mit dem Kabel steckte in einer Sackgasse. Auf der Erde herrschte Chaos. Auf dem Mars gab es noch Nester metanationalen Widerstandes; und andere Gebiete standen unter roter Kontrolle, in denen man systematisch alle Terraformungsprojekte und viel von der Infrastruktur eliminierte. Es gab auch eine Spielart revolution�rer Splitterbewegungen, welche diese Gelegenheit ergriffen, um ihre Unabh�ngigkeit zu betonen, manchmal auf Gebieten so klein wie eine Kuppel oder eine Wetterstation.</p><p>�Gut�, sagte Sax, der �ber all dies soviel nachdachte, wie er irgendwie ertragen konnte. �Wer auch immer das Lebenserhaltungssystem kontrolliert, hat den Vorsitz.�</p><p>Soziale Struktur als Lebenserhaltungssystem�� Infrastruktur�� Produktionsweisen�� Wartung... Er mu�te wirklich zu den Leuten von der Atmosph�rentrennung sprechen und zu den Kuppelbauern. Viele von denen hatten eine enge Beziehung zu Da Vinci. Dies bedeutete, da� er selbst in gewissem Sinne ebenso den Vorsitz hatte wie irgend jemand sonst. Ein �bler Gedanke.</p><p>�Aber was schl�gst du vor, das wir tun sollen?� fragte Maya. Irgend etwas in ihrer Stimme machte deutlich, da� sie die Frage wiederholte.</p><p>Aber jetzt war Sax mit Nicosia besch�ftigt. Er sagte ungeduldig: �Eine Delegation zur Erde schicken? Oder einen konstitutionellen Kongre� einberufen und eine Verfassung in erster Ann�herung formulieren, ein Arbeitspapier.�</p><p>Maya sch�ttelte den Kopf. �Das w�re mit dieser Menge von Leuten nicht durchf�hrbar.�</p><p>�Nehmt die Verfassungen der zwanzig oder drei�ig erfolgreichsten L�nder der Erde�, dachte Sax laut, �und seht, wie sie funktionieren! La�t vielleicht einen Computer ein zusammengesetztes Dokument verfassen und seht, was er sagt!�</p><p>�Wie w�rdest du das Erfolgreichste definieren?� fragte Art.</p><p>�Index der Zukunft des Landes, Ma� der realen Werte, Costa Rica-Vergleiche, sogar Brutto-Inlandsprodukt, warum nicht?� �konomie war wie Psychologie, eine Pseudowissenschaft, die diese Tatsache mit intensiver theoretischer �berfeinerung zu verbergen suchte. Und Bruttoinlandsprodukt war einer jener ungl�cklichen Ma�begriffe wie Zoll oder die Britische W�rmeeinheit, die l�ngst h�tten abgeschafft sein sollen. �Aber zum Teufel! Wenn man etliche unterschiedliche Gruppen von Kriterien benutzt�� was kommt dabei heraus?�</p><p>�Aber, Sax, der Begriff des Nationalstaates ist an sich ungl�cklich�, klagte Cojote. �Diese Idee d�rfte ohnehin alle jene alten Verfassungen vergiften.�</p><p>�K�nnte sein�, gab Sax zu. �Aber als Ausgangspunkt ist sie brauchbar.�</p><p>�All das l��t das Problem des Kabels au�er acht�, warf Jackie ein.</p><p>Es war eigenartig, wie sehr manche Elemente der Gr�nen ebenso von totaler Unabh�ngigkeit besessen waren wie bei den radikalen Roten. �In der Physik klammere ich oft die Probleme aus, die ich nicht l�sen kann�, erkl�rte Sax, �und versuche, sie zu umgehen und zu sehen, ob sie nicht sozusagen r�ckwirkend behoben werden k�nnen. F�r mich sieht das Kabel wie ein solches Problem aus. Man stelle es sich als eine Mahnung vor, da� die Erde sich nicht ausklammern lassen will.�</p><p>Aber sie ignorierten das und taten so, als w�ren sie �ber das hinaus, was mit dem Kabel gemacht werden m��te, was sie hinsichtlich einer neuen Regierung zu tun h�tten und mit den Roten�� und immer so weiter.</p><p>Sie ignorierten alle seine Vorschl�ge und kamen wieder auf ihre �blichen Diskussionspunkte zur�ck. So viel �ber General Sax in der nachrevolution�ren Welt.</p><empty-line/><p>Nicosias Flughafen war fast schon geschlossen; und dennoch wollte Sax nicht in die Stadt gehen. Es lief darauf hinaus, da� er mit einigen Freunden Spencers von Dawes Forked Bay nach Da Vinci flog in einem neuen gro�en Ultraleichtflugzeug, das kurz vor der Revolte gebaut worden war in Vorwegnahme der Freiheit von der Notwendigkeit, sich zu verstecken. Als der Computerpilot den gro�en Apparat mit silbernen Fl�geln �ber den gro�en Irrgarten von Noctis Labyrinthus flog, sa�en die f�nf Passagiere auf dem durchsichtigen Boden des Rumpfes, der ihnen �ber die Lehnen ihrer Sessel Sicht nach unten erlaubte, in diesem Falle auf das ausgedehnte Netz zusammenh�ngender Senken, welche den Chandelier bildeten. Sax betrachtete die glatten Plateaus, die sich zwischen den Canyons befanden. Sie sahen aus wie Inseln. Sie schienen angenehme Orte zu sein, um dort zu leben�� irgendwie Cairo �hnlich, dort auf dem Nordrand, wie das Modell einer Stadt in einer Glasflasche.</p><p>Die Besatzung des Flugzeugs diskutierte �ber die Trennung der Atmosph�re; und Sax h�rte aufmerksam zu. Obwohl diese Leute es mit Revolutionswaffen und Grundlagenforschung zu tun gehabt hatten, w�hrend sie abgetrennt gewesen waren�� �sep�, wie sie es nannten��, und mit der weltlicheren Aufgabe mesokosmischen Managements besch�ftigt waren, hatten sie doch immer einen gesunden Respekt davor gehabt. Die Gestaltung starker Kuppeln und deren Wartung war eine Aufgabe, deren Scheitern sehr ernste Konsequenzen h�tte, wie einer von ihnen hervorhob. Allenthalben lauerten Gefahren und jeden Tag ein potentielles Abenteuer.</p><p>Sep hatte offenbar mit Praxis zu tun; und jede Kuppel oder jeder �berdachte Canyon wurde von einer eigenen Organisation geleitet. Sie tauschten Informationen aus und teilten sich reisende Berater und Bauteams. Da sie sich f�r Erbringer notwendiger Dienstleistungen hielten, betrieben sie nach dem Mondragon-Plan auf kooperativer Basis eine, wie man sagte, gemeinn�tzige Version; obwohl sie daf�r sorgten, da� ihre Mitglieder mit sehr angenehmen Lebensverh�ltnissen und viel Freizeit versorgt wurden. �Sie glauben auch, da� sie das verdienen. Denn wenn etwas schiefgeht, m�ssen sie auf jeden Fall rasch handeln.� Viele �berdachte Canyons hatten Notanrufe gehabt, manchmal wegen Meteoriteneinschl�gen oder anderer dramatischer Ereignisse; zu anderen Zeiten wegen gew�hnlicher mechanischer Fehler. Es war �blich, da� bei �berdachten Canyons die physikalischen Anlagen am oberen Ende des Canyons untergebracht waren. Sie sogen die entsprechenden Mengen von Stickstoff, Sauerstoff und Spurengasen aus den Oberfl�chenwinden ein. Die Zusammensetzung der Gase und Druck wurden in den Mesokosmen unterschiedlich gehalten, betrugen aber durchschnittlich etwa 500 Millibar, was den Kuppeld�chern einen gewissen Auftrieb verlieh und ziemlich genau der Norm f�r Innenr�ume auf dem Mars entsprach; in einer Art von Beschw�rung des endg�ltigen Ziels f�r die Oberfl�che am Nullniveau. Aber an sonnigen Tagen war die Ausdehnung der Luft innerhalb der Kuppeln betr�chtlich, und zu den Standardverfahren, damit umzugehen, geh�rte, da� man einfach wieder Luft in die Atmosph�re entlie�. Oder sie durch Kompression in riesige Containerkammern, die aus den Klippen der Canyons geh�hlt worden waren, str�men lie� und dort lagerte. Einer der Techniker sagte: �Eines Tages war ich in Dao Vallis, und die �berschu�luftkammer explodierte, zertr�mmerte das Plateau und verursachte einen gro�en Erdrutsch, der auf Reullgate fiel und die Kuppel aufri�. Der Druck fiel auf den der lokalen Umgebung von etwa 260, und alles fing an zu gefrieren. Sie hatten die alten Panzerschotts f�r den Notfall.� Die waren zwar nur wenige Molek�le dick, aber sehr stark, wie Sax sich erinnerte. �Und als die automatisch um das Leck herum ansprangen, wurde eine Frau auf dem Boden festgeklemmt, mit dem Kopf auf der falschen Seite! Wir rannten zu ihr, machten einen raschen Schnitt, verklebten das Leck und bekamen sie frei. Aber sie w�re fast gestorben.�</p><p>Sax erschauerte und dachte an sein eigenes k�rzliches Erlebnis mit der K�lte; und 260 Millibar war exakt der Druck, den man auf dem Gipfel des Everest antreffen w�rde. Die anderen redeten schon �ber andere ber�hmte Druckverluste, einschlie�lich der Zeit, als die Kuppel von Hiranyagarbha unter starkem Eisregen zusammengebrochen war; immerhin war damals niemand ums Leben gekommen.</p><p>Dann stiegen sie �ber die gro�e verkraterte Hochebene von Xanthe hinab und gingen auf der gro�en sandigen Rollbahn auf dem Boden des Kraters von Da Vinci nieder, die gerade w�hrend der Revolution in Betrieb genommen wurde. Die ganze Gemeinde hatte sich seit Jahren auf den Tag vorbereitet, an dem das Versteckspiel nicht mehr n�tig sein w�rde; und jetzt war im Bogen des s�dlichen Kraterrandes eine gro�e konkave Kurve von mit Kupfer verspiegelten Fenstern installiert worden. Auf dem Boden des Kraters lag eine dicke Schneeschicht, aus der der zentrale Buckel recht dramatisch herausragte. Es war m�glich, da� sie einen Teich im Boden des Kraters zustandebringen k�nnten, mit einer Insel in der Mitte und als Horizont ringsum die Berge des Kraterandes. Ein Ringkanal k�nnte direkt unter den Klippen des Randes gebaut werden mit radialen Kan�len, die ihn mit dem inneren Teich verbinden w�rden. Die sich daraus ergebende Abwechslung von Ringen aus Wasser und Land w�rde Piatons Beschreibung von Atlantis �hneln. Da Vinci konnte fast aus eigener Kraft zwischen zwanzig- oder drei�igtausend Menschen erhalten, sch�tzte Sax. Eine Gemeinde von Gemeinden, jeder Krater ein kompletter Stadtstaat, dessen Gemeinwesen voll autark w�re und entscheiden k�nnte, welche Art von Kultur es haben wollte, und das in irgendeinem globalen Rat eine Stimme haben w�rde... Ohne regionale Assoziation gr��er als das Niveau der Stadt, au�er f�r Vereinbarungen lokalen Austauschs... K�nnte das funktionieren?</p><p>Da Vinci machte den Eindruck, da� das gehen w�rde. Der S�dboden des Randes war belebt durch Arkaden, keilf�rmige Pavillons und dergleichen, die jetzt alle von Sonnenlicht erf�llt waren. Sax wanderte eines Morgens um den ganzen Komplex, besuchte ein Labor nach dem anderen und gratulierte den Leuten darin zu dem Erfolg ihrer Vorbereitungen f�r eine sanfte Entfernung der UNTA vom Mars. Vielleicht kam letztlich irgendeine politische Macht am Ende der Kanone heraus�� und eine danach aus dem Augenschein. Und der Augenschein �nderte sich je nachdem, ob eine Waffe auf ihn gerichtet war oder nicht. Diese Saxisten hatten die Kanonen vernagelt und waren darum h�chst erfreut, ihn zu sehen. Und sie suchten immer nach anderer Arbeit, zur�ck zur Grundlagenforschung, oder dachten sich Anwendungen aus f�r die neuen Materialien, die Spencers Alchimisten st�ndig ausbr�teten, oder studierten das Terraformungsproblem.</p><p>Sie beobachteten auch, was im Weltraum und auf der Erde vor sich ging. Ein schnelles Shuttle von der Erde mit unbekanntem Inhalt hatte sie kontaktiert wegen der Erlaubnis, eine orbitale Einf�dlung zu unternehmen, ohne da� ihm eine Handvoll N�gel in den Weg geworfen w�rde. Also arbeitete ein Team von Da Vinci jetzt an der Aufstellung von Sicherheitsprotokollen in enger Konsultation mit der Schweizer Botschaft, die am nordwestlichen Ende des Bogens in einer Suite von Appartements ein B�ro eingerichtet hatte. Von Rebellen zu Administratoren. Das war ein merkw�rdiger �bergang.</p><p>�Welche politischen Parteien unterst�tzen wir?� fragte Sax.</p><p>�Ich wei� nicht. Ich nehme an, die �bliche Schar.�</p><p>�Keine Partei erh�lt viel Unterst�tzung. Was immer funktioniert, mu�t du wissen.�</p><p>Sax wu�te es allerdings. Das war die alte Position von Technikern, die sie schon immer eingenommen hatten, seit Wissenschaftler in der Gesellschaft zu einer Klasse f�r sich geworden waren, fast einer Priesterkaste, die zwischen dem Volk und ihrer Macht vermittelte. Sie galten als unpolitisch wie Zivilbeamte�� Empiriker, die die Dinge in einem rationalen wissenschaftlichen Stil behandelt sehen wollten, das gr��te Gut f�r die gr��te Zahl, was recht einfach zu arrangieren zu sein schien, wenn die Menschen nicht so gefangen w�ren in Emotionen, Religionen, Regierungen und anderen die Masse t�uschenden Systemen aller Art.</p><p>Mit einem Wort: Standardwissenschaftler. Sax hatte diese Anschauung einmal Desmond zu erkl�ren versucht und seinen Freund damit aus irgendeinem Grund heftig zum Lachen gebracht, obwohl sie durchaus sinnvoll war. Nun gut, sie war ein bi�chen naiv und deshalb etwas komisch, wie er annahm. Und wie bei vielen komischen Dingen konnte es sein, da� solche Theorien erheiternd waren bis ganz zu dem Moment, wo es schrecklich wurde. Denn es war eine Haltung, die die Wissenschaftler nun schon seit Jahrhunderten einnahmen, seit sie auf irgendeine n�tzliche Weise in die Politik gegangen waren. Und das waren traurige Jahrhunderte gewesen.</p><p>Aber jetzt waren sie auf einem Planeten, wo die politische Macht aus dem Ende eines mesokosmischen Bel�ftungsventilators entsprang. Und die Leute, denen diese gro�e Kanone unterstand (welche die Elemente im Zaum hielt), hatten mindestens teilweise die Leitung inne. Falls ihnen daran gelegen war, die Macht auszu�ben.</p><p>Sax erinnerte sich deutlich daran, als er sie in ihren Labors besuchte. Und dann redete er mit ihnen, um ihr Unbehagen gegen�ber der Politik zu mildern, �ber das Problem des Terraformens. Und als er sich schlie�lich anschickte, nach Sabishii abzureisen, waren ungef�hr sechzig von ihnen bereit, mit ihm zu kommen, um zu sehen, wie die Dinge da unten liefen. �Saxens Alternative f�r Pavonis�, h�rte er einen Labortechniker die Reise beschreiben. Was gar kein so schlechter Gedanke war.</p><empty-line/><p>Sabishii lag auf der Westseite eines f�nf Kilometer hohen Vorsprungs namens Tyrrhena-Massiv, s�dlich vom Krater Jarry-Desloges, in dem alten Bergland zwischen Isidis und Hellas, dessen Zentrum bei 275� L�nge und 15� s�dlicher Breite lag. Eine vern�nftige Wahl f�r eine Kuppelstadt, da sie weite Ausblicke nach Westen bot und niedrige H�gel, die die Stadt nach Osten hin sch�tzten wie Moore. Aber wenn es darauf ankam, in freier Luft zu leben oder Pflanzen drau�en in der steinigen Gegend wachsen zu lassen, war es ein bi�chen hoch gelegen. Tats�chlich war es, wenn man die sehr starken Erhebungen von Tharsis und Elysium ausnahm, die h�chste Region auf dem Mars, eine Art von bioregionaler Insel, welche die Leute von Sabishii seit Jahrzehnten kultivierten.</p><p>Sie zeigten sich sehr entt�uscht �ber den Verlust der gro�en Spiegel, man k�nnte sogar sagen, in Notstand versetzt, zu einer Anstrengung aller Kr�fte veranla�t, um zu tun, was sie konnten, um die Pflanzen des Bioms zu sch�tzen. Aber das war schrecklich wenig. Nanao Nakyama, ein alter Kollege von Sax, sch�ttelte den Kopf. �Der Wintertod wird sehr schlimm sein. Wie eine Eiszeit.�</p><p>�Ich hoffe, da� wir den Verlust an Licht ausgleichen k�nnen�, sagte Sax. �Die Atmosph�re verdichten und Gew�chshausgase hinzuf�gen. Es ist m�glich, da� wir das mit mehr Bakterien und subalpinen Pflanzen machen k�nnen, nicht wahr?�</p><p>�Nicht viel�, sagte Nanao zweifelnd. �Die meisten Nischen sind schon voll. Und sie sind sehr klein.�</p><p>Sie lie�en sich zu einer Mahlzeit nieder, um dar�ber zu sprechen. Alle Techniker von Da Vinci waren in dem gro�en Speisesaal von The Claw versammelt; und viele Leute aus Sabishii waren da, um sie zu begr��en. Es war ein langes, interessantes und freundliches Gespr�ch. Die Sabishier lebten in dem Berglabyrinth ihres Moholes hinter einem Ausl�ufer der Drachenfigur, die das Labyrinth bildete, so da� sie nicht st�ndig die Brandruinen ihrer Stadt vor Augen hatten, wenn sie gerade nicht dort arbeiteten. Der Wiederaufbau lief jetzt auf Sparflamme, da die meisten von ihnen mit den Folgen des Verlustes der Spiegel besch�ftigt waren. Nanao sagte zu Tariki, was offenbar die Fortsetzung einer langen Debatte war: �Es hat sowieso keinen Sinn, sie wieder ,als Kuppelstadt aufzubauen. Wir k�nnen ebenso gut warten, und sie dann in der freien Luft bauen.�</p><p>Tariki sagte mit einem Blick auf Sax: �Das k�nnte langes Warten bedeuten. Wir befinden uns nahe der Obergrenze der Atmosph�re f�r Lebensf�higkeit, wie sie in dem Dokument von Dorsa Brevia angegeben ist.�</p><p>Nanao schaute Sax an. �Wir w�nschen Sabishii unterhalb jeder gesetzten Grenze zu haben.�</p><p>Sax nickte und zuckte die Achseln. Er wu�te nicht, was er sagen sollte. Den Roten w�rde es nicht gefallen. Wenn die entwicklungsf�hige Grenze aber um etwa einen Kilometer h�her angesetzt w�rde, w�rde das den Sabishiern dieses Bergmassiv geben und f�r die gr��eren Erhebungen kaum einen Unterschied ausmachen. Also schien es sinnvoll zu sein. Aber wer wu�te, was sie in Pavonis beschlie�en w�rden? Er sagte: �Vielleicht sollten wir uns jetzt darauf konzentrieren zu verhindern, da� der atmosph�rische Druck sinkt.�</p><p>Sie machten finstere Gesichter.</p><p>�Werdet ihr mit uns hinausfahren und uns das Massiv zeigen?� frage Sax.</p><p>Sie jubelten. �Mit gro�em Vergn�gen.�</p><empty-line/><p>Die Areologen in den fr�hen Jahren hatten das Land beim Tyrrhena-Massiv die abgetrennte Einheit der s�dlichen Gebirge� genannt, was so ziemlich dasselbe war wie �Kratereinheit, aber weiter von kleinen Kanalnetzen durchsetzt*. Die niederen und typischen Hochl�nder, die das Massiv umgaben, enthielten auch Einheiten mit kleineren Bergketten und H�geln. Tats�chlich war, als sie am n�chsten Morgen �ber Land fuhren, das rauhe Gel�nde der s�dlichen Gebirge in all seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen zu sehen�� oft alle zugleich: Von Kratern zernarbt, zerkl�ftet, uneben, mit W�lsten durchsetzt, zerschnitten und h�gelig, die Quintessenz der noachischen Landschaft. Sax, Nanao und Tariki sa�en auf dem Beobachtungsdeck eines Rovers der Universit�t von Sabishii. Sie sahen weitere Wagen mit Kollegen, und sie �berholten einige der Teams, die vor ihnen losmarschiert waren. Auf dem letzten H�gel vor dem �stlichen Horizont tummelten sich einige Sportler. Die Senken im Land waren alle mit leichtem Schnee best�ubt. Das Zentrum des Massivs lag 15� s�dlich vom �quator; und sie erhielten, wie Nanao sagte, um Sabishii eine ganz anst�ndige Menge an Niederschlag. Die S�dostseite des Massivs war trockener. Aber hier drangen die Wolkenmassen �ber das Eis in Isidis Planitia nach S�den vor, erklommen den Hang und entluden ihre Fracht.</p><p>Tats�chlich rollten, w�hrend sie bergauf fuhren, gro�e Wellen dunkler Wolken von Nordwesten heran und str�mten �ber sie hin, als w�rden sie die Sportler verscheuchen wollen. Sax erschauerte bei der Erinnerung an seinen Kampf mit den Elementen, in dem er fast umgekommen war. Er war froh, sich in einem Rover zu befinden und nicht hilflos im Schnee davor zu liegen, und hatte das Gef�hl, da� er lieber nur kurze Spazierg�nge machen und sich nicht weit von ihm entfernen w�rde.</p><p>Schlie�lich hielten sie an einem hohen Punkt auf einer niedrigen alten Bodenwelle an, der �bers�t war mit Felsbl�cken und Buckeln, Rissen, Flugsand, sehr kleinen Kratern und den alten seichten Kan�len, die der zerrissenen Gegend ihren Namen gaben. Es waren wirklich Mi�bildungen jeder Art zu sehen, denn das Land hier war vier Milliarden Jahre alt. Es hatte viel erdulden m�ssen, war aber nie von einer v�lligen Zerst�rung heimgesucht und zu einer Tabula rasa gemacht worden, so da� man die vier Milliarden Jahre immer noch sehen konnte in einem wahren Museum von Felsgebilden. In der Urzeit war es vollst�ndig pulverisiert worden, wobei Regolith von einigen Metern Dicke entstanden war, sowie Krater und Deformationen, die keine Winderosion beseitigen konnte. W�hrend dieser fr�hen Periode war auf der anderen Seite des Planeten seine Lithosph�re durch den sogenannten Gro�en Treffer bis zu einer Tiefe von sechs Kilometern in den Raum geschleudert worden. Ein erheblicher Betrag dieser Ausw�rfe war schlie�lich im S�den gelandet. Das war die Erkl�rung f�r die Gro�e B�schung und das Fehlen alter Gebirge im Norden und au�erdem ein weiterer Faktor f�r das extrem unregelm��ige Aussehen des Landes.</p><p>Dann war zu Ende der Hesperidischen �ra die kurze warme Periode gekommen, w�hrend der Wasser gelegentlich an die Oberfl�che getreten war. Die meisten Areologen waren jetzt der Ansicht, da� diese Zeit sehr feucht, aber nicht wirklich sehr warm gewesen w�re�� mit Jahresdurchschnitten von etwa 273 K, die gelegentlich noch Oberfl�chenwasser zulie�en, das eher durch hydrothermale Konvektion nachgeliefert wurde als durch Niederschlag. Diese Periode hatte nur etwa hundert Millionen Jahre gedauert. Ihr waren Milliarden Jahre der Winde des trockenkalten Amazonischen Zeitalters gefolgt, das bis zum Zeitpunkt ihrer Ankunft gedauert hatte. �Gibt es einen Namen f�r das mit m-1 beginnende Zeitalter?� fragte Sax.</p><p>�Das Holoz�n.�</p><p>So war zuletzt alles durch Milliarden Jahre unabl�ssigen Windes abgeschmirgelt worden�� und das mit einer Intensit�t, da� die �lteren Krater �berhaupt keine R�nder mehr hatten. Alles war durch die unbarmherzigen Winde Schicht um Schicht abgetragen worden, so da� nur eine steinerne Wildnis �brig geblieben war. Kein Chaos im technischen Sinne, aber eine Wildnis, die ihr unvorstellbares Alter in vielsprachiger �berf�lle verk�ndete, in randlosen Kratern und ange�tzten Mesas, Senken, Buckeln, B�schungen und gar vielen zernarbten Felsbl�cken.</p><p>Von Zeit zu Zeit hielten sie an und gingen umher. Selbst kleine Mesas schienen hoch �ber ihnen aufzuragen. Sax stellte fest, da� er, obwohl er in der N�he ihres Rovers blieb, dennoch auf interessante Gesteinsstrukturen jeder Art stie�. Einmal entdeckte er einen Felsblock von der Gestalt eines Rovers, der vom Dach bis zu den R�dern vertikal gespalten war. Links davon hatte er freien Blick auf einen fernen Horizont im Westen.</p><p>Das steinige Land da drau�en schimmerte in einem glatten Gelb. Zur Rechten befand sich die brusthohe Wand einer alten Verwerfung, die wie von Keilschrift zernarbt war. Daneben eine Sandwehe, umgrenzt von kn�chelhohen Steinen, von denen einige pyramidale dunkle Windprodukte waren, andere dagegen hellere, k�rnig aufgerauhte Felsen. Dort war ein ausbalancierter Scherbenkegel, gro� wie ein Dolmen. Dort ein Sandschweif. Da ein runder Kreis von Auswurfst�cken wie ein v�llig verwittertes Stonehenge. Und da eine tiefe, schlangenf�rmige H�hlung, vielleicht das Fragment eines Wasserlaufs, und dahinter eine sanfte Steigung. Danach eine Erhebung wie ein L�wenkopf. Die Gesteinsmasse daneben stellte gewisserma�en den Leib des L�wen dar.</p><p>Inmitten all diesen Gesteins und Sandes war die Vegetation bescheiden. Jedenfalls zun�chst. Man mu�te danach suchen, genau auf Farbe achten, vor allem auf Gr�n in all seinen Schattierungen, besonders aber die W�stent�nungen�� salbei, oliv, khaki und so weiter. Er schaute n�her hin und noch n�her. Einmal auf die blassen Farben dieses Lebens eingestimmt, sprangen sie ihm pl�tzlich aus dem Rostigen, Braunen, Umbra, Ocker und Schwarz der Steinlandschaft heraus geradezu ins Auge. L�cher und Spalten waren g�nstige Stellen, und nahe von beschatteten Stellen, in denen sich der Schnee gehalten hatte. Je genauer er hinschaute, desto mehr sah er. Und dann, in einem Becken, schien es, als ob in jedem Winkel Pflanzen versteckt w�ren. In diesem Augenblick begriff er. Das ganze Tyrrhena-Massiv war ein Fjellfeld!</p><p>Er fand die hellen gr�nen Farben mancher Flechten und das smaragdene oder dunkel samtige Gr�n der Moose ganze steinige Fl�chen bedeckend oder die Innenseiten von kleinen Wasser- und Tropfbecken. Wie feuchtes Pelzwerk.</p><p>Die vielfarbigen Paletten der Flechtengruppen, das dunkle Gr�n von Fichtennadeln. Dichtes Ge�st von Hokkaidofichten, Fuchsschwanzfichten, Sierrawacholder. Farben des Lebens. Es war, als ginge man aus einem gro�en Zimmer ohne Dach in ein anderes �ber verfallene steinerne W�nde. Eine kleine Plaza, eine gewundene Galerie, ein gro�er Ballsaal, eine Reihe zusammenh�ngender kleiner Kammern, ein Wohnraum. Manche R�ume enthielten Krummholz-Bonsai an ihren niedrigen W�nden, die B�ume nicht h�her als die Steine, von Wind benagt und der Schneeh�he entsprechend beschnitten. Jeder Zweig, jede Pflanze, jeder offene Raum war gestaltet wie ein Bonsai, aber ohne den menschlichen Zwang zur Kultur.</p><p>Tats�chlich aber waren, wie Nanao ihm sagte, die meisten Becken intensiv kultiviert. �Dieses Becken ist von Abraham bepflanzt worden.� Jede kleine Region unterstand der Verantwortung eines bestimmten G�rtners oder Gruppe von G�rtnern.</p><p>�Ah!� sagte Sax. �Und dann ged�ngt?�</p><p>Tariki lachte. �Das k�nnte man sagen. Der Boden selbst ist gr��tenteils importiert worden.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Das erkl�rte die Vegetationsvielfalt. Er wu�te, da� um den Arena-Gletscher ein gewisses Ma� an Kultivierung geleistet worden war; dort wo er zum ersten Mal auf Fjellfelder gesto�en war. Aber hier war man weit �ber jene fr�hen Schritte hinausgegangen. Die Labors in Sabishii versuchten, wie Tariki ihm sagte, ihr Bestes, um Humus herzustellen. Eine gute Idee. In den Fjellfeldern bildete sich Boden von Natur aus im Tempo von nur ein paar Zentimetern pro Jahrhundert. Aber das hatte seine Gr�nde; und die Erzeugung von Humus erwies sich als sehr schwierig.</p><p>�Wir hingegen beginnen hier mit ein paar Millionen Jahren Evolution als Anfang�, sagte Nanao. �Entwickeln von dort aus.� Sie hatten viele der Pflanzen anscheinend mit der Hand gepflanzt und dann gr��tenteils ihrem Schicksal �berlassen und beobachtet, was sich entwickelte.</p><p>�Ich verstehe�, sagte Sax.</p><p>Er schaute noch genauer hin. Klares, ged�mpftes Licht. Es stimmte, da� jeder gro�e offene Raum eine leicht unterschiedliche Gruppe von Arten aufwies. �Es sind also G�rten.�</p><p>�Ja... oder so �hnlich. Es kommt darauf an.�</p><p>Einige G�rtner arbeiteten, wie Nanao sagte, nach den Vorschriften von Muso Soseki, andere nach anderen japanischen Zenmeistern, wieder andere nach Fu Hsi, dem legend�ren Erfinder des chinesischen Systems der Geomantie namens Feng Shui, andere ferner nach persischen Garten-Gurus einschlie�lich Omar Khayyam, oder Leopold, oder Jackson oder anderen fr�hen amerikanischen �kologen wie dem fast vergessenen Biologen Oskar Schnelling usw.</p><p>Tariki f�gte hinzu, da� das nur Einfl�sse w�ren. Bei der Arbeit entwickelten sie eigene Konzepte. Sie folgten der Neigung des Landes, als sie sahen, da� manche Pflanzen gediehen und andere starben. Co-Evolution, eine Art epigenetischer Entwicklung.</p><p>�H�bsch�, sagte Sax und schaute sich um. F�r die Adepten mu�te der Marsch von Sabishii hinauf zum Massiv ein �sthetischer Ausflug gewesen sein, voller historischer Anspielungen und subtiler Varianten, die ihm verborgen blieben. Hiroko h�tte es Areoformen genannt oder Areophanie. �Ich w�rde gern eure Bodenlabors sehen.�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Sie kehrten zum Rover zur�ck und fuhren weiter. Sp�t am Tag, unter dunklen, drohenden Wolken kamen sie ganz auf den Gipfel des Massivs, der sich als eine Art breites, welliges Moor erwies. Kleine Spalten waren voller Kiefernadeln, die vom Wind abgerissen worden waren, so da� sie wie sorgf�ltig gestutzter Rasen in einem Vorgarten aussahen. Sax, Tariki und Nanao stiegen wieder aus und machten einen Rundgang. Der Wind bi� durch ihre Anz�ge, und die sp�tnachmitt�gliche Sonne brach unter der dunklen Wolkendecke hervor und warf ihre Schatten bis zum Horizont. Hier oben in den Hochmooren gab es viele gro�e Brocken aus glattem kahlem Muttergestein. Wenn man sich umschaute, hatte die Landschaft das urt�mliche Aussehen, an das Sax sich aus den fr�hesten Jahren erinnerte. Aber wenn sie dann an die Kante einer kleinen Schlucht traten, schauten sie pl�tzlich hinunter ins Gr�ne.</p><p>Tariki und Nanao sprachen �ber �kopoesis, welche f�r sie ein neu definiertes, subtileres, lokales Terraformen war. Verwandelt in so etwas wie Hirokos Areoform.</p><p>Nicht mehr betrieben mit schweren industriellen globalen Methoden, sondern durch den langsamen, steten und intensiven lokalen Proze� der Bearbeitung individueller Landst�cke. �Der ganze Mars ist ein Garten. Die Erde �brigens auch. So sind die Menschen geworden. Darum m�ssen wir uns um G�rtnerei k�mmern und an die Verantwortung gegen�ber dem Land denken. Eine Schnittstelle zwischen Mensch und Mars, die beiden gerecht wird.�</p><p>Sax wedelte unsicher mit der Hand. �Ich bin es gewohnt, mir den Mars als eine Art Wildnis vorzustellen�, sagte er, als er die Etymologie des Wortes �Garten� nachschaute. Franz�sisch, Germanisch, Altnordisch: Garten, eingez�untes Landst�ck. Aber wer wu�te, was das vermutlich �quivalente Wort im Japanischen bedeutete? Etymologie war schwierig genug, wenn keine �bersetzung zu Hilfe kam. �Du wei�t�� anfangen, die Samen ausstreuen, dann zusehen, wie sich alles von selbst entwickelt. Sich selbst organisierende �kologien.�</p><p>�Ja�, sagte Tariki. �Aber auch Wildnis ist heute ein Garten. Eine Art von Garten. Das bedeutet zu sein, wie wir sind.� Er zuckte die Achseln und runzelte die Stirn. Er hielt die Idee f�r richtig, schien sie aber nicht zu m�gen. �Jedenfalls ist �kopoesis deiner Auffassung von Wildnis n�her, als industrielles Terraformen es jemals gewesen ist.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Sax. �Vielleicht gibt es eben zwei Stufen des Prozesses. Beide sind notwendig.�</p><p>Tariki nickte, bereit, das zu erw�gen. �Und jetzt?�</p><p>�Es kommt darauf an, wie wir mit der M�glichkeit einer Eiszeit umgehen wollen�, sagte Sax. �Wenn sie schlimm genug wird und gen�gend Pflanzen t�tet, dann wird �kopoesis keine Chance haben. Die Atmosph�re k�nnte wieder bis zur Oberfl�che ausfrieren; und der ganze Proze� w�rde scheitern. Ohne die Spiegel glaube ich nicht, da� die Biosph�re robust genug ist, um weiter zu wachsen. Darum m�chte ich eure Labors sehen. Vielleicht bleibt doch noch industrielle Arbeit an der Atmosph�re zu tun. Wir m�ssen einige Modelle ausprobieren und sehen, was geschieht.�</p><p>Tariki nickte und Nanao auch. Ihre neuerschaffenen �kologien waren gerade dabei, einzuschneien. Flocken trieben genau in diesem Moment durch das fl�chtige bronzefarbene Sonnenlicht und tanzten im Wind. Man war f�r Vorschl�ge empf�nglich.</p><p>Inzwischen liefen, wie davon angetrieben, die jungen Mitarbeiter von Da Vinci und Sabishii zusammen �ber das Massiv und kehrten zu Sabishiis H�gel zur�ck. Sie schwatzten die ganze Nacht �ber Geomantie, �kopoesis, W�rmeaustausch, die f�nf Elemente, Treibhausgase und so weiter. Ein kreatives Ferment, das Sax f�r vielversprechend hielt. �Michel sollte hier sein�, sagte er zu Nanao. �John sollte hier sein. Dem w�rde so eine Gruppe sehr gefallen.�</p><p>Und dann fiel ihm ein: �Ann sollte hier sein.�</p><p>So kehrte er nach Pavonis zur�ck und �berlie� es der Gruppe in Sabishii, die Dinge durchzusprechen.</p><p>In Pavonis hatte sich nicht viel ge�ndert. Immer mehr Leute, angespornt von Art Randolph, schlugen vor, einen konstitutionellen Kongre� abzuhalten. Man sollte wenigstens eine provisorische Verfassung erstellen, dar�ber abstimmen und dann die betreffende Regierung einsetzen.</p><p>�Eine gute Idee�, sagte Sax. �Vielleicht auch eine Delegation zur Erde.�</p><p>Man streute Samen aus. Es war wie in den Mooren. Manche w�rden aufgehen, andere nicht.</p><p>Er versuchte, Ann zu finden, mu�te aber feststellen, da� sie Pavonis verlassen hatte. Wie die Leute sagten, war sie zu einem Au�enposten der Roten in Tempe Terra, n�rdlich von Tharsis aufgebrochen. Sie sagten, da� nur Rote dorthin gingen.</p><p>Sp�ter bat Sax Steve um Hilfe und sah nach, wo sich dieser Au�enposten befand. Dann lieh er sich ein kleines Flugzeug von den Bogdanovisten und flog nach Norden, links an Ascraeus Mons vorbei, dann nach Echus Chasma hinunter und an seinem alten Hauptquartier in Echus Overlook vorbei auf dem hohen Wall zu seiner Rechten.</p><p>Ann hatte ohne Zweifel diese Route genommen und somit das erste Hauptquartier der Terraformungsbestrebungen aufgesucht. Terrraformen�� das war Evolution in jeder Hinsicht, was Ideen anbelangte. Hatte Ann Echus Overlook zur Kenntnis genommen? Hatte sie sich wenigstens an den kleinen Anfang erinnert? Das konnte man nicht sagen. Das war eben die Art, auf die die Menschen sich gegenseitig kannten: Winzige Bruchteile ihres Lebens �berschnitten sich oder waren irgendwie jemandem bekannt. Er war fast so, als ob man allein im Universum lebte. Das war seltsam. Eine Rechtfertigung f�r das Leben mit Freunden, f�r Heiraten, f�r das Teilen von Zimmern und Leben, soweit m�glich. Dadurch wurden Menschen nicht wirklich miteinander vertraut, aber es minderte das Gef�hl der Einsamkeit. So da� jemand immer noch allein die Ozeane der Welt befuhr, wie in Mary Shelleys <emphasis>The Last Man,</emphasis> einem Buch, das Sax als Jugendlichen stark beeindruckt hatte, in dem der anonyme Held schlie�lich ein Segel erblickte, ein anderes Schiff traf, an einer K�ste ankerte und nach einer gemeinsamen Mahlzeit einsam weiterfuhr. Ein Bild ihres Lebens; denn jede Welt war so leer, wie die von Mary Shelley erfundene, so leer, wie es der Mars zu Anfang gewesen war.</p><p>Er flog an der geschw�rzten Kurve von Kasei Vallis entlang, ohne das �berhaupt zu bemerken.</p><empty-line/><p>Die Roten hatten vor langer Zeit einen Felsen von der Gr��e eines H�userblocks aus einem Kap gehauen, das genau s�dlich vom Perepelkin-Krater als letzter trennender Keil zwischen zwei Tempe Fossae diente. Fenster unter �berh�ngen erm�glichten einen Blick sowohl �ber die kahlen geraden Canyons wie den gr��eren Canyon, den diese nach ihrer Vereinigung bildeten. Jetzt hatten alle diese Fossae das eingeschnitten, was zu einem K�stenplateau geworden war. Mareotis und Tempe zusammen bildeten eine gro�e Halbinsel alter Hochl�nder, die weit in das neue Eismeer hineinragte.</p><p>Sax landete mit seinem kleinen Flugzeug auf dem Sandstreifen oben auf dem Vorgebirge. Von hier aus waren weder die Eis-Ebenen zu sehen, noch konnte er irgendeine Vegetation ausmachen�� keinen Baum, keine Blume, nicht einmal einen Fleck mit Flechten. Er fragte sich, ob sie die Canyons irgendwie sterilisiert hatten. Nur Urgestein mit etwas Rauhreif. Und sie konnten nichts gegen Reif tun, sofern sie nicht diese Canyons �berkuppeln wollten. �Hmm�, sagte Sax, verbl�fft �ber diesen Gedanken.</p><p>Zwei Rote f�hrten ihn in die Schleuse auf dem Kap, und er ging mit ihnen die Treppen hinunter. Der Zufluchtsort erwies sich als fast ausgestorben. Auch gut. Es war angenehm, nur den kalten Blicken zweier junger Frauen zu begegnen, die ihn durch die roh in den Fels gehauenen G�nge des Refugiums f�hrten, statt denen einer ganzen Schar Roter ausgesetzt zu sein. Es war interessant, die �sthetik der Roten zu sehen. Sehr karg, wie zu erwarten war. Keine Pflanze war zu sehen, nur verschiedene Felsstrukturen: Rohe W�nde, noch rohere Decken, die mit einem polierten Basaltboden kontrastierten, und die schimmernden Fenster, die auf die Canyons hinausgingen.</p><p>Sie kamen zu einem Korridor an der Seite der Klippe, der wie eine nat�rliche H�hle aussah, nicht gerader als die fast euklidischen Linien in der Tiefe des Canyon selbst. Er sah Mosaiken, die, aus farbigen Steinchen bestehend, in die schwarze Wand eingelegt waren, poliert und l�ckenlos aneinander gef�gt. Sie bildeten abstrakte Muster, die fast etwas darzustellen schienen, wenn er sie scharf ins Auge fa�te. Der Boden war ein Steinparkett aus Onyx und Alabaster, Serpentin und H�matit. Der Korridor f�hrte immer weiter, gro� und staubig. Der ganze Komplex war vielleicht etwas au�er Gebrauch. Rote bevorzugten ihre Rover, und Pl�tze wie dieser wurden zweifellos als bedauerliche Notwendigkeiten angesehen. Ein versteckter Zufluchtsort. Wenn die Fensterl�den geschlossen waren, h�tte man in den Canyons an dieser Stelle ohne weiteres vorbeigehen k�nnen, ohne zu bemerken, da� er existierte. Und Sax hatte den Eindruck, da� dies nicht blo� so eingerichtet war, um der Aufmerksamkeit der UNTA zu entgehen, sondern auch um vor dem Land selbst unauff�llig zu sein, um mit ihm zu verschmelzen.</p><p>Genau das schien Ann dort auf einem steinernen Fensterplatz zu versuchen. Sax blieb abrupt stehen. In Gedanken versunken, w�re er fast mit ihr zusammengesto�en, so wie ein unkundiger Reisender in das Refugium h�tte laufen k�nnen. Sie sa� auf einem Felsbrocken. Er schaute sie genau an. Sie wirkte ungesund. Viel mehr war nicht zu erkennen, und je l�nger Sax sie ansah, desto beunruhigter wurde er. Sie hatte ihm einmal erz�hlt, da� sie nicht mehr die Langlebigkeitsbehandlung n�hme. Das war vor einigen Jahren gewesen. Und w�hrend der Revolution hatte sie gebrannt wie eine Flamme. Jetzt nachdem die Rote Rebellion erstickt war, war sie Asche. Graues Fleisch. Es war ein schrecklicher Anblick. Sie war um die 150 Jahre alt wie alle noch Lebenden der Ersten Hundert. Und ohne die Behandlungen... w�rde sie bald sterben.</p><p>Nun gut. Streng genommen war sie im physischen �quivalent von siebzig oder so, je nachdem, wann sie zuletzt die Behandlungen gehabt hatte. Soweit nicht schlecht. Vielleicht w�rde Peter es wissen. Aber je mehr Zeit zwischen den Behandlungen verging, desto gr��ere Probleme entstanden, hatte er geh�rt�� statistisch gesehen. Das ergab Sinn. Jetzt war es wichtig, sich klug zu verhalten.</p><p>Aber das konnte er ihr nicht sagen. Es war �berhaupt schwer, sich vorzustellen, was er ihr sagen k�nnte.</p><p>Sie erkannte ihn und erschauerte. Ihre Lippe hob sich wie bei einem gefangenen Tier. Dann schaute sie grimmig mit steinernem Gesicht von ihm weg. Jenseits von �rger oder Hoffnung.</p><p>Sax sagte lahm: �Ich wollte dir etwas von dem Tyrrhena-Massiv zeigen.�</p><p>Sie stand auf wie eine Statue und verlie� den Raum.</p><p>Sax f�hlte seine Gelenke knacken in dem pseudoarthritischen Schmerz, der so oft seinen Umgang mit Ann begleitete, und folgte ihr.</p><p>Hinter ihm klebten die zwei ernstblickenden jungen Frauen. Die gr��ere von ihnen sagte zu ihm. �Ich glaube nicht, da� sie mit dir sprechen will.�</p><p>�Sehr scharfsinnig von dir�, sagte Sax.</p><p>Weit hinten im Gang stand Ann vor einem anderen Fenster�� wie gebannt oder zu ersch�pft, um sich zu bewegen.</p><p>Sax blieb vor ihr stehen.</p><p>�Ich m�chte deine Eindr�cke h�ren. Deine Vorschl�ge f�r das, was wir als n�chstes tun k�nnten�, sagte er. �Und ich habe einige areologische Fragen. Nat�rlich k�nnte es sein, da� streng wissenschaftliche Fragen f�r dich nicht mehr von Interesse sind...�</p><p>Sie tat einen Schritt auf ihn zu und schlug ihm ins Gesicht. Er wurde gegen die Wand des Gangs geschleudert und kam auf den Hintern zu sitzen. Ann war nirgends zu sehen. Die zwei jungen Frauen, die offenbar nicht wu�ten, ob sie jubeln oder st�hnen sollten, halfen ihm auf die F��e. Sein ganzer K�rper schmerzte, noch mehr als sein Gesicht; und seine Augen waren sehr hei� und brannten ein wenig. Es war, als w�rde er gleich vor diesen beiden jungen Idioten weinen, die dadurch, da� sie ihm folgten, alles enorm komplizierten. Wenn sie dabei waren, konnte er weder schreien noch flehen, er konnte nicht vor Ann auf die Knie sinken und sagen: �Bitte, verzeih mir!� Das war unm�glich.</p><p>�Wohin ist sie gegangen?� schaffte er zu sagen.</p><p>Die gr��ere erkl�rte: �Sie will wirklich nicht mit dir sprechen.�</p><p>�Vielleicht solltest du warten und es sp�ter versuchen�, empfahl die andere.</p><p>�Oh, h�rt auf!� sagte Sax. Er empfand pl�tzlich eine so heftige Ver�rgerung, da� sie Wut schon recht nahe kam. �Ich nehme an, alles, was ihr wollt, ist, da� sie die Behandlung absetzt und sich umbringt!�</p><p>�Das ist ihr gutes Recht�, sagte die gr��ere feierlich.</p><p>�Nat�rlich ist es das. Ich habe nicht von Rechten gesprochen. Ich sprach davon, wie sich ein Freund verhalten sollte, wenn jemand auf Selbstmord aus ist. Wohl kaum eine Person, �ber die ihr etwas wissen d�rftet. Helft mir jetzt, sie zu finden!�</p><p>�Du bist kein Freund von ihr.�</p><p>�Doch, ganz gewi� bin ich das.� Er stolperte ein wenig, als er versuchte, in die Richtung zu gehen, in die sie, wie er dachte, gegangen war. Eine der jungen Frauen versuchte, ihn am Ellbogen zu packen. Er lehnte die Hilfe ab und ging weiter. Da, in einiger Entfernung, war Ann, in einem Stuhl zusammengesunken, anscheinend in einer Art von Speisesaal. Er n�herte sich ihr langsamer werdend wie Achilleus in Zenons Paradoxon.</p><p>Sie wirbelte herum und blitzte ihn an.</p><p>�Du bist es, der die Wissenschaft schon von Anfang an aufgegeben hat�, fauchte sie. �Erz�hl mir also nicht diesen Mist, ich w�re nicht an der Wissenschaft interessiert!�</p><p>�Stimmt�, sagte Sax. �Das ist richtig.� Er streckte beide H�nde aus. �Aber jetzt ben�tige ich Rat. Wissenschaftlichen Rat. Ich will lernen. Und ich will dir auch einige Dinge zeigen.�</p><p>Aber nach einem Moment des Nachdenkens war sie wieder auf und davon, direkt an ihm vorbei, so da� er unwillk�rlich zusammenzuckte. Er eilte ihr nach. Ihre Schritte waren viel l�nger als seine, und sie bewegte sich so rasch, da� er fast in Laufschritt geriet. Seine Knochen schmerzten.</p><p>�Vielleicht sollten wir hier hinausgehen�, schlug Sax vor. �Es ist egal, wo.�</p><p>�Weil der ganze Planet ruiniert ist�, knurrte sie.</p><p>Sax war hartn�ckig: �Du mu�t gelegentlich bei Sonnenunterg�ngen hinausgehen. Vielleicht k�nnte ich mitkommen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Bitte, Ann!� Sie war gut zu Fu� und weit gr��er als er, so da� es schwer war, mit ihr Schritt zu halten und gleichzeitig zu sprechen. Er schnaufte und �chzte, und seine Wange schmerzte. �Bitte, Ann!�</p><p>Sie antwortete nicht und wurde nicht langsamer. Sie gingen durch einen Korridor zwischen Suiten, die als Wohnr�ume dienten. Ann beeilte sich, durch eine T�r zu verschwinden und sie hinter sich zuzuschlagen. Sax drehte den Knauf; sie war verschlossen.</p><p>Alles in allem kein vielversprechender Anfang.</p><p>Eine wahre Hetzjagd. Irgendwie mu�te er die Lage �ndern, so, da� es keine Verfolgung mehr war. Er knurrte: �Ich werde trotzdem dein Haus niederrei�en, auch wenn ich noch so au�er Atem bin.� Er donnerte an die T�r. Aber dann waren die beiden jungen Frauen da und starrten ihn vorwurfsvoll an.</p><p>An einem sp�teren Abend in dieser Woche ging er gegen Sonnenuntergang in den Umkleideraum und zog sich an. Als Ann hereinkam, machte er einen Luftsprung und stotterte: �Ich wollte gerade nach drau�en gehen. Ist mit dir alles in Ordnung?�</p><p>�Es ist ein freies Land�, sagte sie nachdr�cklich.</p><p>Und dann gingen sie hinaus aufs Land. Die jungen Frauen h�tten gestaunt.</p><empty-line/><p>Er mu�te sehr vorsichtig sein. Obwohl er mit ihr drau�en war, um ihr die Sch�nheit der neuen Biosph�re zu zeigen, w�rde es nat�rlich nicht gen�gen, zu ihr von Pflanzen, Schnee oder Wolken zu sprechen. Man mu�te die Dinge f�r sich selbst sprechen lassen. Das galt vielleicht f�r alle Ph�nomene. Man konnte dar�ber nicht reden. Man konnte nur durchs Land gehen und es f�r sich sprechen lassen.</p><p>Ann war nicht gesellig. Sie sprach kaum zu ihm. Es war ihre gew�hnliche Route, vermutete er, als er ihr folgte. Er durfte mitkommen.</p><p>Vielleicht war es gestattet, Fragen zu stellen. Das war Wissenschaft. Und Ann blieb �fters stehen, um Steinformationen aus der N�he zu betrachten. Es war sinnvoll, sich bei solchen Gelegenheiten neben sie zu hocken und mit einer Geste oder einem Wort zu fragen, was sie fand. Sie trugen Schutzanz�ge und Helme, obwohl die H�he gering genug war, um Atmen mit Hilfe einer Filtermaske f�r Kohlendioxid zu gestatten. Also bestanden die Gespr�che nur aus Worten im Ohr, wie in alten Zeiten. Man stellte Fragen.</p><p>Also fragte er. Und Ann antwortete, manchmal auch im Detail. Tempe Terra war wirklich das Land der Zeit. Seine Basisformation war ein �brig gebliebenes St�ck der Gebirge des S�dens, einer jener Ausl�ufer davon, die weit in die n�rdlichen Ebenen hineinragten, den Gro�en Treffer �berlebt hatten. Sp�ter war Tempe dann weithin zerbrochen worden, als die Lithosph�re von unten durch den Tharsis-Buckel nach S�den gepre�t wurde. Zu diesen Bruchstellen z�hlten sowohl die Mareotis Fossae wie die Tempe Fossae, welche sie jetzt umgaben.</p><p>Das Land war so zerbrochen, da� einige sp�te Vulkane aufgestiegen waren, die sich �ber die Canyons ergossen hatten. Von einem hohen Grat aus sahen sie in der Ferne einen Vulkan wie einen vom Himmel gefallenen Kegel aufragen und dann einen anderen, der, soweit Sax erkennen konnte, genau wie ein Meteoritenkrater aussah. Ann sch�ttelte zu dieser Bemerkung den Kopf und deutete auf Lavastr�me und Schlote. Merkmale, die alle sichtbar waren, wenn man einmal darauf hingewiesen worden war. Aber nicht alle waren deutlich zu erkennen unter einem Ger�ll aus sp�ter ausgeworfenem Material und�� das mu�te man zugeben�� einer Schicht aus staubigem Schnee, der im Licht des Sonnenuntergangs die Farbe von Sand annahm.</p><p>Anns Vision war, aufgrund eines Jahrhunderts genauer Beobachtung und Studien, die Landschaft in ihrer Geschichte zu sehen, sie wie einen Text zu lesen, der von ihrer langen Vergangenheit geschrieben worden war, und sie zu lieben. Wirklich etwas zu sehen und zu bewundern. Eine Art von Schatz, eine Liebe �ber jede Wissenschaft hinaus, oder etwas, das in den Bereich von Michels mystischer Wissenschaft fiel: Alchemie. Aber Alchemisten wollten die Dinge ver�ndern. Eher eine Art Orakel. Eine Vision, ebenso machtvoll wie die Hirokos. Eine weniger augenf�llige Vision vielleicht und weniger aktiv. Die Annahme dessen, was es dort gab. Liebe zum Stein um des Steins willen. Um des Mars willen. Der urt�mliche Planet in all seiner sublimen Glorie, rot und rostfarben, still wie der Tod. Durch die Jahre ver�ndert nur durch chemische �nderungen der Materie, das immens langsame Leben der Geophysik. Es war eine seltsame Vorstellung: Abiologisches Leben. Aber es war da, wenn man sich bem�hte, es zu erkennen. Eine Art von Leben, das sich da drau�en abspielte und bewegte�� durch die brennenden Sterne. Sich durch das Universum in seinem gro�en systolisch/diastolischen Rhythmus bewegte, seinem einen gro�en Atem, wie man sagen k�nnte. Der Sonnenuntergang machte es leichter, das zu sehen.</p><p>Er versuchte, die Dinge mit Anns Augen zu sehen.</p><p>Hinter ihrem R�cken schaute er heimlich auf sein Armbandger�t. Stone aus dem altenglischen <emphasis>st�n,</emphasis> hat �berall verwandte W�rter, bis hin zum indogermanischen <emphasis>sti</emphasis> f�r einen kleinen Stein. Rock = Fels, aus dem mittelalterlich lateinischen <emphasis>rocca,</emphasis> ist unbekannten Ursprungs und bezeichnet eine Gesteinsmasse. Sax verzichtete auf das Armband und verfiel in eine Art von Felstr�umerei�� offen und leer. Tabula rasa bis hin zu dem Punkt, wo er offenbar nicht h�rte, was Ann zu ihm sagte; denn sie knurrte und ging weiter. Verlegen folgte er ihr, tat so, als ob er ihr Mi�vergn�gen ignorierte, und stellte weitere Fragen.</p><p>Ann schien sehr schlecht gelaunt zu sein. Das war in gewisser Weise beruhigend. Mangel an Affekt w�re ein sehr schlechtes Zeichen gewesen; aber sie wirkte immer noch recht emotional. Zumindest die meiste Zeit. Manchmal konzentrierte sie sich so stark auf das Gestein, da� es fast schien, sie w�rde ihrem alten, besessenen Enthusiasmus huldigen, und er war ermutigt. Andere Male schien es, als ob sie nur den Emotionen nachginge und Areologie betriebe in einem verzweifelten Versuch, den jetzigen Moment und die Geschichte abzuschieben, oder die Verzweiflung, oder all das. In solchen Momenten war sie ziellos und blieb nicht stehen, um deutlich interessante Merkmale zu betrachten, an denen sie vorbeikamen; und beantwortete auch keine Fragen dazu. Der kleine Sax hatte Alarmierendes �ber Depression gelesen. Man konnte nicht viel tun. Man brauchte Drogen, um dagegen zu k�mpfen; und selbst dann war nichts sicher. Aber Antidepressiva vorzuschlagen war mehr oder weniger dasselbe, wie die Behandlung selbst vorzuschlagen. Darum konnte er nicht dar�ber sprechen. Und au�erdem�� war Verzweiflung nicht dasselbe wie Depression?</p><p>Zum Gl�ck gab es in diesem Gebiet j�mmerlich wenige Pflanzen. Tempe war nicht wie Tyrrhena oder auch nur die R�nder des Arena-Gletschers. Ohne aktive Gartenarbeit war dies das Ergebnis: Die Welt blieb steinig.</p><p>Andererseits lag Tempe auf geringer H�he und war feucht, mit dem Eisozean nur wenige Kilometer im Norden und Westen. Und etliche John-Appleseed- Fl�ge waren �ber der ganzen s�dlichen K�stenlinie des neuen Meeres ausgef�hrt worden�� teils auf Bem�hungen von Biotique schon vor einigen Dekaden, als Sax in Burroughs gewesen war. Man konnte darum einige Flechten sehen, wenn man scharf hinschaute. Und kleine Flecke von Fjellfeld. Au�erdem ein paar Krummholzb�ume, die halb im Schnee begraben waren. All diese Pflanzen hatten M�he mit diesem n�rdlichen, zum Winter gewordenen Sommer, ausgenommen nat�rlich die Flechten. Es gab schon einen merklichen Anteil an verkleinerter Herbstfarbe�� dort in den kleinen Bl�ttern der an den Boden geduckten Koenigia, kleinw�chsigem Hahnenfu� und Eisgras, sowie�� ja�� arktischem Steinbrech. Man mu�te nur genau hinsehen, denn die sich r�tenden Bl�tter dienten als eine Art von Tarnung im roten Gestein der Umgebung. Sax sah Pflanzen oft nicht, bis er fast darauf trat. Und nat�rlich wollte er Anns Aufmerksamkeit nicht darauf lenken. Wenn er also auf eine stie�, warf er nur einen raschen bewertenden Blick darauf und ging weiter.</p><p>Sie erklommen einen H�gel, der �ber den Canyon westlich des St�tzpunktes ragte; und da war es: das gro�e Eismeer, in dem sp�ten Licht ganz orange- und messingfarben. Es f�llte das Tiefland in einem weiten Bereich und bildete seinen eigenen glatten Horizont von S�dwesten bis Nordosten. Mesas aus dem zergliederten Terrain ragten jetzt wie Inseln mit steilen Klippen aus dem Eis heraus. Tats�chlich entwickelte sich dieser Teil von Tempe zu einer der dramatischsten K�stenlinien auf dem Mars, bei dem die unteren Enden mancher Fossae, die �berschwemmt worden waren, lange Fjords oder Lochs bildeten. Und ein K�stenkrater lag genau auf dem Niveau des Meeres und hatte eine L�cke zum Wasser hin, so da� er eine perfekte runde Bucht von etwa f�nfzehn Kilometern Durchmesser mit einem Zugangskanal von etwa zwei Kilometern Breite bildete. Weiter im S�den schuf das zergliederte Terrain am Fu�e der Gro�en B�schung eine wahre Hebriden-Gruppe aus Archipelen. Viele der Inseln waren von den Klippen des Hauptlandes aus zu sehen. Ja, wirklich eine dramatische K�stenlinie, wie man schon erkennen konnte, wenn man die zerbrochenen Eisschollen bei Sonnenuntergang betrachtete.</p><p>Ganz zu schweigen von all dem Eis und den zerkl�fteten Bergen an der neuen K�stenlinie. Die H�gel hatten sich durch einen Proze� gebildet, den Sax nicht kannte, obwohl er ihn interessierte. Aber man konnte nicht dar�ber diskutieren. Man konnte nur still dastehen, als ob man auf einen Friedhof geraten w�re.</p><p>Verwirrt kniete Sax sich hin, um ein Exemplar von Tibetischem Rhabarber anzuschauen, auf das er beinahe getreten w�re. Kleine rote Bl�tter als Bl�mchen mit zentraler roter Knolle.</p><p>Ann sah ihm �ber die Schulter. �Ist sie tot?�</p><p>�Nein.� Er zupfte ein paar tote Bl�tter von �u�eren Teilen des Bl�mchens ab und zeigte Ann die helleren darunter. �Sie richtet sich schon auf den harten Winter ein. Durch die Minderung des Lichts get�uscht.� Dann fuhr Sax fort, wie im Selbstgespr�ch: �Dennoch werden viele Pflanzen sterben. Der thermische Umschwung, bei dem die Lufttemperaturen k�lter geworden sind als die am Boden, ist mehr oder weniger �ber Nacht gekommen. Es wird keine gro�e Chance f�r Winterh�rtung geben. Somit viel Frosttod. Planzen kommen damit besser zurecht, als Tiere dazu in der Lage w�ren. Und Insekten sind erstaunlich gut, wenn man bedenkt, da� sie nur geringe Fl�ssigkeitsreserven haben. Sie haben einen starken Frostschutz. Ich denke, sie k�nnen allem widerstehen, was auch geschieht.�</p><p>Ann betrachtete immer noch die Pflanze; und so hielt Sax den Mund. Er wollte sagen, da� sie lebt. Insofern die Mitglieder einer Biosph�re f�r ihre Existenz voneinander abh�ngen, ist sie ein Teil unseres K�rpers. Wie kann man sie hassen?</p><p>Aber dennoch nahm sie es nicht hin, wie er sie behandelte.</p><p>Das Eismeer war ein zerrissener Glanz aus Bronze und Koralle. Die Sonne war gerade dabei unterzugehen. Sie mu�ten zur�ckkehren. Ann reckte sich und ging fort�� eine schweigende schwarze Silhouette. Sax konnte ihr ins Ohr sprechen, selbst jetzt, wenn sie hundert Meter entfernt war, und dann zweihundert. Eine kleine schwarze Gestalt in der gro�en weiten Welt. Er tat es nicht. Das w�re ein Eindringen in ihre Privatsph�re gewesen, fast in ihre Gedanken. Wie sehnte er sich zu sagen: Ann, Ann, was denkst du? Sprich zu mir, Ann! Teil mir deine Gedanken mit!</p><p>Das starke Verlangen, mit jemandem zu sprechen, war schmerzlich scharf. Das war es, was die Menschen meinten, wenn sie von Liebe sprachen. Nur das. Oh, Ann, bitte sprich zu mir!</p><empty-line/><p>Aber sie sprach nicht zu ihm. Auf sie schienen die Pflanzen nicht den Effekt zu haben wie auf ihn. Sie schien sie geradezu zu verabscheuen, diese kleinen Embleme ihres K�rpers, als ob Viriditas nichts als ein Krebsgeschw�r w�re, das der Fels erleiden mu�te. Zwischen den zunehmenden Haufen vom Wind verwehten Schnees waren die Pflanzen kaum noch sichtbar. Es wurde dunkel, ein neuer Sturm zog auf, tief �ber der schwarzkupfernen See. Ein Moospolster, eine von Flechten bedeckte Steinfl�che. Meist war es Fels allein, so wie es immer gewesen war. Dennoch!</p><p>Als sie dann wieder in die Schleuse des Refugiums traten, fiel Ann in Ohnmacht. Auf dem Weg nach unten stie� sie mit dem Kopf an den T�rpfosten. Sax packte sie, als sie auf einer Bank an der Innenwand landete. Sie war bewu�tlos. Sax trug sie halb, halb schleifte er sie den ganzen Weg bis zur Schleuse. Dann schlo� er die �u�ere T�r und zog Ann, als die Schleuse wieder unter Druck stand, durch die Innent�r in den Umkleideraum. Sax mu�te auf der allgemeinen Frequenz laut gerufen haben; denn bis er ihr den Helm abgenommen hatte, befanden sich f�nf oder sechs Rote im Raum�� mehr, als er bisher �berhaupt in dem Refugium gesehen hatte. Eine der jungen Frauen, die ihm so l�stig gewesen waren, die kleinere, erwies sich als die �rztin der Station. Als sie Ann auf einen Tisch mit Rollen gelegt hatten, der als Rolltrage dienen konnte, wies diese Frau ihm den Weg zur Stationsklinik und �bernahm die Leitung. Sax half, soweit er konnte, und zog Ann mit zitternden H�nden die Stiefel von den F��en. Sein Puls ging laut Armband mit 145 Schl�gen in der Minute, und er f�hlte sich hei� und schwindelig.</p><p>�Hat sie einen Schlaganfall gehabt?� fragte er.</p><p>Die kleine Frau machte ein �berraschtes Gesicht. �Ich denke, nein. Sie ist ohnm�chtig geworden und dann mit den Kopf angeschlagen.�</p><p>�Aber warum ist sie ohnm�chtig geworden?�</p><p>�Ich wei� nicht.�</p><p>Sie schaute die gro�e junge Frau an, die bei der T�r sa�. Sax erkannte, da� diese beiden die rangh�chsten Autorit�ten in dem Refugium waren. �Ann hat uns angewiesen, sie an keinerlei Lebenserhaltungssysteme anzuschlie�en, falls sie jemals hilflos sein sollte�� wie jetzt hier.�</p><p>�Nein!� sagte Sax.</p><p>�Sehr ausf�hrliche Anweisungen. Sie hat es verboten. Sie hat es schriftlich niedergelegt.�</p><p>Sax sagte mit scharfer Stimme: �Macht mit ihr alles, was sie am Leben erh�lt!� Alles, was er seit Anns Zusammenbruch gesagt hatte, war f�r ihn eine �berraschung gewesen. Er war ebenso sehr Zeuge seiner Handlungen, wie sie es waren. Er h�rte sich sagen: �Das hei�t nicht, da� ihr sie angeschlossen lassen sollt, wenn sie es nicht schafft. Es ist blo� ein vern�nftiges Minimum, sich zu vergewissern, da� sie nicht durch blo�e Leichtfertigkeit stirbt.�</p><p>Die �rztin rollte bei dieser Argumentation mit den Augen; aber die an der T�r sitzende gro�e Frau machte ein nachdenkliches Gesicht.</p><p>Sax h�rte, wie er fortfuhr: �Ich habe vier Tage lang auf einer Intensivstation gelegen; und ich bin froh, da� sie nicht beschlossen haben, die Systeme abzuschalten. Das ist ihre Entscheidung und nicht die eure. Jeder, der sterben will, kann das tun, ohne da� ein Arzt seinen hippokratischen Eid brechen mu�.�</p><p>Die �rztin rollte mit den Augen noch emp�rter als zuvor. Aber mit einem Blick auf ihre Kollegin zog sie Ann auf das Bett der Intensivbehandlung. Sax half ihr dabei, dann stellte sie den medizinischen Computer an und entledigte Ann ihrer Gehhilfe. Eine schlankgliedrige alte Frau, die jetzt mit einer Sauerstoffmaske �ber dem Gesicht atmete. Die gro�e Frau stand auf und half der �rztin. Sax ging zu einem Stuhl und setzte sich. Seine eigenen physiologischen Symptome waren erstaunlich ernst, gekennzeichnet haupts�chlich durch allgemeine Hitze und eine Art unvollkommener Hyperventilation sowie einen Schmerz, der ihn fast zum Schreien brachte.</p><p>Nach einiger Zeit kam die �rztin zu ihm her�ber. Sie sagte, Ann w�re ins Koma gefallen. Es sah so aus, als h�tte eine kleine St�rung des Herzrhythmus in erster Linie die Ohnmacht bewirkt. Im Moment war Anns Zustand stabil. Die �rztin verlie� den Raum.</p><p>Sax blieb auf der Station. Einige Zeit sp�ter kam die �rztin zur�ck. Anns Handgelenkger�t hatte eine Episode von raschem unregelm��igem Herzschlag zu der Zeit verzeichnet, als sie ohnm�chtig wurde. Jetzt war nur noch eine leichte Arhythmie feststellbar. Und offenbar hatte eine Anoxie oder der Schlag auf den Kopf das Koma ausgel�st.</p><p>Sax fragte, was genau Koma sei, und sein Mut verlie� ihn, als die �rztin nur mit den Schultern zuckte. Es handelte sich anscheinend um einen umfassenden Ausdruck f�r bewu�tlose Zust�nde einer bestimmten Art. Starre Pupillen, K�rper unempfindlich und bisweilen in verkrampften Stellungen fixiert. Anns linker Arm und ihr linkes Bein waren verrenkt. Und nat�rlich war sie bewu�tlos. Von Zeit zu Zeit bemerkte er seltsame Reaktionsspuren, wie das Ballen der H�nde zu F�usten und dergleichen. Die Dauer eines Komas variierte stark. Manche Leute kamen nie wieder zu Bewu�tsein.</p><p>Sax schaute auf seine H�nde, bis die �rztin ihn allein lie�. Er blieb im Zimmer sitzen, bis auch alle anderen gegangen waren. Dann stand er auf, trat an Anns Seite und schaute auf ihr Gesicht, das zur H�lfte unter der Maske verschwand, hinunter. Man konnte nichts tun. Er hielt ihre Hand. Sie verkrampfte sich nicht. Er hielt ihren Kopf, wie�� so hatte Michel es ihm erz�hlt�� Nirgal es gemacht hatte, als er selbst bewu�tlos gewesen war. Es kam ihm vor wie eine nutzlose Geste.</p><p>Er ging zum Computerschirm und rief das diagnostische Programm auf. Danach Anns medizinische Daten. Er lie� den Herzmonitor zu dem Vorfall in der Schleuse zur�cklaufen. Eine kleine Arhythmie, jawohl, schnell und unregelm��ig. Er speiste die Daten in das diagnostische Programm und suchte bei sich selbst nach einer Herzarhythmie. Es gab eine Menge abweichender Herzrhythmusmuster; aber es schien, da� Ann eine genetische Pr�disposition hatte und an einer St�rung namens QT-Syndrom litt, benannt nach einer charakteristischen abnormalen langen Welle im Elektrokardiogramm. Er rief Anns Genom ab und wies den Computer an, einen Suchlauf in den relevanten Regionen 3, 7 und 11 der Chromosomen durchzuf�hren. In einem Gen namens HERG innerhalb des Chromosom 7 identifizierte der Computer eine kleine Mutation: Eine Umkehrung von Adenin-Thymin und Guyanin-Cytosin. Klein, aber HERG enthielt Anweisungen f�r die Zusammensetzung eines Proteins, das in der Oberfl�che von Herzzellen als Kanal f�r Kalium-Ionen diente; und diese Ionenkan�le fungierten als ein Schalter, um kontrahierende Herzzellen abzustellen. Ohne diese Bremse w�rde das Herz arhythmisch und au�erdem zu schnell schlagen, um wirksam Blut zu pumpen.</p><p>Ann schien mit einem Gen auf Chromosom 4, genannt SCN5A, ein weiteres Problem zu haben. Dieses Gen codierte ein anderes regelndes Protein, welches einen Natrium-Ionenkanal auf der Oberfl�che von Herzzellen lieferte. Dieser Kanal wirkte als Beschleuniger; und Mutationen konnten hier das Problem des rapiden Herzschlags verst�rken. Ann fehlte ein CG-Bit.</p><p>Diese genetischen Konditionen waren selten: aber das war f�r den Diagnosecomputer kein Thema. Er enthielt eine Symptomologie aller bekannten physiologischen Probleme, ungeachtet wie selten sie auftraten. Er schien Anns Fall als recht einfach einzustufen und listete die Behandlungsmethoden auf, die in Frage kamen, um den durch die Kondition gegebenen Beeintr�chtigungen zu begegnen. Es gab eine Menge davon.</p><p>Eine der vorgeschlagenen Therapien beinhaltete, die problematischen Gene umzucodieren�� im Verlauf der gerontologischen Standardbehandlungen. Wiederholte Gen-Aufzeichnungen bei mehreren Langlebigkeitsbehandlungen sollten die Ursache des Problems direkt an der Wurzel packen, oder vielmehr im Keim. Es schien merkw�rdig, da� das nicht schon geschehen war. Aber dann sah Sax, da� diese Empfehlung erst ungef�hr zwei Jahrzehnte alt war. Sie stammte aus der Zeit nach Anns letzter Behandlung.</p><p>Sax sa� lange da und starrte auf den Schirm. Viel sp�ter stand er auf und inspizierte die medizinische Klinik der Roten, ein Instrument nach dem anderen, Raum f�r Raum. Die Pflegeassistenten lie�en ihn gew�hren. F�r sie war er nur zerstreut.</p><p>Das Krankenhaus war ein bedeutendes Refugium der Roten, und es konnte sein, da� einer der R�ume die f�r gerontologische Behandlungen notwendige Ausr�stung enthielt. Das war tats�chlich der Fall. Ein kleiner Raum im Hintergrund der Klinik schien f�r diesen Proze� vorgesehen zu sein. Dazu geh�rte nicht viel. Ein leistungsf�higer Computer, ein kleines Labor, die �blichen Vorr�te an Proteinen und Chemikalien, die Inkubatoren, die MRIs und das IV-Ger�t. Erstaunlich, wenn man das Ergebnis bedachte. Aber das war immer schon so gewesen. Das Leben an sich war erstaunlich. Am Anfang nur einfache Proteinsequenzen: Und dennoch waren sie nun hier.</p><p>Der Hauptcomputer hatte jetzt Anns Genom-Aufzeichnung. Wenn er aber sein Labor anwies, ihre DNA zu synthetisieren (unter Hinzuf�gung der Recodierungen HERG und CSN5A), w�rden die Roten das sicher merken.</p><p>Er ging wieder in sein kleines Zimmer, um einen verschl�sselten Anruf bei Da Vinci zu t�tigen. Er bat seine Gef�hrten dort, mit der Synthese zu beginnen. Sie stimmten zu, ohne Fragen au�er den rein technischen zu stellen. Manchmal liebte er diese Saxfans von ganzem Herzen.</p><p>Danach hie� es wieder warten. Es vergingen Stunden �ber Stunden. Schlie�lich waren einige Tage vergangen, ohne da� bei Ann eine Ver�nderung zu bemerken gewesen w�re. Die Miene der �rztin wurde immer finsterer, obwohl sie nicht mehr davon sprach, Ann abzuschalten. Aber ihr Blick sprach davon. Sax schlief weiter in Anns Zimmer auf dem Boden. Er lernte allm�hlich den Rhythmus ihres Atems kennen. Er verbrachte eine Menge Zeit damit, ihren Kopf in der Hand zu halten, wie Nirgal es mit ihm gemacht hatte. Er bezweifelte sehr, da� das jemals irgendwem Heilung gebracht hatte, tat es aber trotzdem f�r alle F�lle. Wenn er so lange in dieser Haltung dasa�, hatte er Gelegenheit, �ber die Hirnplastikbehandlung nachzudenken, die Vlad und Ursula ihm nach dem Schlaganfall gegeben hatten. Nat�rlich war ein Hirnschlag etwas ganz anderes als ein Koma. Aber eine Bewu�tseinsver�nderung war nicht notwendigerweise eine schlimme Sache, wenn sie nur die Kopfschmerzen beseitigte.</p><p>Es vergingen wieder Tage ohne jede Ver�nderung. Jeder Tag war tr�ger, leerer und sorgenvoller als der vorangegangene. Die Inkubatoren in den Labors von Da Vinci hatten l�ngst eine volle Sammlung korrigierter, Ann-spezifischer DNA hergestellt. Auch Antisense-Verst�rker und Aufkleber�� das ganze gerontologische Paket in seiner j�ngsten Zusammenstellung.</p><p>Eines Nachts rief er Ursula an, sprach lange mit ihr. Sie beantwortete in Ruhe seine Fragen, selbst wenn sie mit der Versuchung k�mpfte, ihn zu fragen, was er vorhatte. Sie sagte entschieden: �Das synaptische Stimuluspaket, das wir dir gegeben haben, w�rde in unbesch�digten Gehirnen zu viel synaptisches Wachstum erzeugen. Es w�rde die Pers�nlichkeit zu einem nicht festlegbaren Muster ver�ndern.�</p><p>Sax beschlo�, die synaptischen Erg�nzungen wegzulassen. Anns Leben zu retten, war eine Sache, ihren Geist zu ver�ndern schon eine ganz andere. Jedenfalls war eine Zufalls�nderung nicht das Ziel. Es kam auf Akzeptanz an. Gl�ck, wahres Gl�ck f�r Ann, was immer das sein mochte, jetzt so weit entfernt, so schwer vorstellbar. Sax schmerzte der Gedanke daran. Es war erstaunlich, wieviel physischer Schmerz allein durch Gedanken erzeugt werden konnte... Das limbische System war ein ganzes Universum f�r sich, �berschwemmt mit Schmerz wie die dunkle Materie, die alles im Weltall durchdringt.</p><p>�Hast du mit Michel gesprochen?� fragte Ursula.</p><p>�Nein. Ist aber eine gute Idee.�</p><p>Er rief Michel an und erkl�rte, was vorgefallen war und was er zu tun beabsichtigte. �Mein Gott, Sax!� sagte Michel. Er sah entsetzt aus. Aber nach ein paar Sekunden versprach er zu kommen. Er w�rde Desmond bitten, ihn nach Da Vinci zu fliegen, um die Vorr�te f�r die Behandlung abzuholen und sie zum Refugium hinaufzufliegen.</p><p>Inzwischen sa� Sax in Anns Zimmer und hielt weiter mit einer Hand ihren Kopf. Ein buckliger Sch�del. Ein Phrenologe w�rde einen ganzen Tag Arbeit damit haben.</p><p>Dann erschienen Michel und Desmond, seine Br�der. Sie standen an seiner Seite. Die Rote, die sie herein begleitet hatte, war dabei, genau wie die gro�e Frau und die Stations�rztin. Die Verst�ndigung mu�te also �ber Blicke oder ihr Fehlen laufen. Nichtsdestoweniger war alles v�llig klar. Falls es etwas zu kl�ren gegeben h�tte, war es Desmonds Gesicht. Sie hatten die Langlebigkeitspackung f�r Ann dabei. Sie mu�ten nur auf ihre Chance warten.</p><p>Diese kam recht bald. Mit Ann, in ihrem Koma ruhig gestellt, war die Situation in dem kleinen Hospital Routinesache. Allerdings waren die Auswirkungen der gerontologischen Behandlung auf einen Komapatienten nicht vollst�ndig bekannt. Michel hatte sich in die sp�rliche Literatur eingelesen. Man hatte die Methode als eine experimentelle Behandlung bei nicht reagierenden Komapatienten in einigen F�llen angewandt und insofern Erfolg gehabt, als die Behandelten fast in der halben Zeit wiederhergestellt wurden. Deswegen hielt Michel es jetzt f�r eine gute Idee.</p><p>Und so standen die drei bald nach ihrer Ankunft um Mitternacht auf. Sie gingen auf Zehenspitzen an der schlafenden Assistentin vorbei in das Vorzimmer des medizinischen Zentrums. Die narkotische Behandlung hatte die �bliche Wirkung gehabt; und die Assistentin schlief fest, wenn auch unbequem in ihren Sessel gezw�ngt. Sax und Michel schl�ssen Ann an die IVs an und steckten die Nadeln in ihre Handr�cken. Sie arbeiteten langsam, vorsichtig und exakt. Ruhig. Bald traten die intraven�sen Ger�te in Aktion, und die neuen Proteinb�nder befanden sich in ihrem Blutkreislauf. Ihr Atem wurde unregelm��ig, und Sax dadurch h�chst besorgt. Er st�hnte leise. Es war tr�stend, Michel und Desmond hier zu haben. Jeder von ihnen hielt einen Arm, als ob sie ihn st�tzen und so am Fallen hindern wollten. Er verlangte verzweifelnd nach Hiroko. Er war sicher, da� auch sie es getan h�tte. Dadurch f�hlte er sich viel besser. Hiroko war einer der Gr�nde, aus denen er das hier durchzog. Er sehnte sich immer noch nach ihrer Unterst�tzung, ihrer physischen Pr�senz. Er w�nschte, sie w�rde erscheinen und ihm so helfen, wie sie es auf Daedalia Planitia getan hatte. Sie sollte Ann helfen. Sie war Expertin f�r diese Art radikal unmenschlicher humaner Experimente. F�r sie w�ren das kleine Fische gewesen ...</p><p>Als die Operation beendet war, zogen sie die IV-Nadeln heraus und bauten das Experiment ab. Die Assistentin schlief weiter mit offenem Mund und sah aus wie das kleine M�dchen, das sie eigentlich war. Ann war noch bewu�tlos, atmete aber leichter, wie Sax merkte. Kr�ftiger.</p><p>Die drei M�nner standen da und schauten gemeinsam auf Ann herunter. Schlie�lich schlichen sie hinaus und gingen auf Zehenspitzen durch den Korridor in ihre Zimmer zur�ck. Desmond f�hrte einen n�rrischen Freudentanz auf, und die anderen mahnten ihn zur Ruhe. Sie gingen wieder in ihre Betten, konnten aber nicht schlafen und auch nicht reden. So lagen sie schweigend da wie Br�der in einem gro�en Haus, sp�t in der Nacht, nach einem erfolgreichen Ausflug in die verbotene n�chtliche Welt.</p><p>Am anderen Morgen kam die �rztin herein. �Ihr Zustand ist besser.�</p><p>Die drei M�nner dr�ckten ihre Freude dar�ber aus.</p><p>Sp�ter, im Speisesaal, sp�rte Sax den starken Drang, Michel und Desmond von seiner Begegnung mit Hiroko zu berichten. F�r die beiden w�rde diese Mitteilung mehr bedeuten, als f�r jeden anderen sonst. Aber etwas in Sax f�rchtete sich davor. Er hatte Angst, �berreizt zu wirken, vielleicht sogar wahnhaft. In jenem Moment, da Hiroko ihn beim Rover verlassen hatte und in den Sturm fortgegangen war, wu�te er schon nicht mehr, was er davon halten sollte. In seinen langen Stunden mit Ann hatte er nachgedacht�� und nachgeforscht. Jetzt wu�te er, da� Bergsteiger auf der Erde, die allein in gro�er H�he waren und an Sauerstoffmangel litten, nicht selten Halluzinationen von Bergkameraden hatten, die ihnen zu Hilfe kamen. Irgendeine Art von Doppelg�ngern. Rettung durch Geister. Immerhin war selbst seine Luftr�hre zum Teil verstopft gewesen...</p><p>Er sagte: �Ich denke, Hiroko h�tte genau so gehandelt.�</p><p>Michel nickte. �Es ist k�hn, das mu� ich dir lassen. Es war ihr Stil. Nein, versteh mich nicht falsch! Ich freue mich, da� du es getan hast.�</p><p>�Es war h�chste Zeit, wenn ihr mich fragt�, sagte Desmond. �Jemand h�tte sie schon vor Jahren fesseln und ihr die Behandlung verabreichen sollen. Oh, mein lieber Sax, ich hoffe, da� sie nicht so durchdreht wie du damals.�</p><p>�Sax hatte aber einen Gehirnschlag�, sagte Michel.</p><p>�Nun gut�, gab Sax zu, um den Fall zu kl�ren, �ich war vorher schon etwas exzentrisch.�</p><p>Seine beiden Freunde nickten l�chelnd. Sie waren guter Dinge, obwohl die Lage noch ungekl�rt war. Dann kam die kleine �rztin herein. Ann war aus ihrem Koma erwacht.</p><p>Sax f�hlte, da� sein Magen noch zu verkrampft war, als da� er etwas h�tte essen k�nnen. Aber dann stellte er fest, da� er mit einem Stapel gebuttertem Toast recht gut fertig wurde. Er verschlang ihn geradezu.</p><p>�Sie wird aber sehr w�tend auf dich sein�, gab Michel zu bedenken.</p><p>Sax nickte. Das war leider zu erwarten. Sogar wahrscheinlich. Ein schlimmer Gedanke. Er wollte nicht wieder von ihr geschlagen werden. Oder noch schlimmer, ihrer Gesellschaft beraubt werden.</p><p>�Du solltest mit uns zur Erde kommen�, schlug Michel vor �Maya und ich fahren mit der Delegation, und Nirgal auch.�</p><p>�Gibt es denn eine Delegation zur Erde?�</p><p>�Ja. Das hat jemand vorgeschlagen, und es scheint eine gute Idee zu sein. Wir m�ssen direkt vor Ort einige Repr�sentanten haben, die zu ihnen sprechen. Und bis wir von da zur�ck sind, wird Ann Zeit gehabt haben, dar�ber nachzudenken.�</p><p>�Interessant�, sagte Sax, erleichtert �ber die blo�e Aussicht, der Lage zu entkommen. Es war wirklich erschreckend, wie rasch er sich zehn gute Gr�nde ausdenken konnte, zur Erde zu reisen. �Aber was ist mit Pavonis und dieser Konferenz, �ber die man spricht?�</p><p>�Daran k�nnen wir per Video teilnehmen.�</p><p>�Stimmt.� Dies war genau das, was er immer behauptet hatte.</p><p>Der Plan war verlockend. Sax wollte nicht hier sein, wenn Ann aufwachte. Oder vielmehr, wenn sie herausfand, was er getan hatte. Nat�rlich war das feige. Aber trotzdem! �Desmond, gehst du?�</p><p>�Keine lausige Chance.�</p><p>�Aber du sagst, da� Maya auch geht?� fragte Sax Michel.</p><p>�Ja.�</p><p>�Gut. Als ich letztes Mal versucht habe, einer Frau das Leben zu retten, hat Maya die get�tet.�</p><p>�Was? Phyllis? Du hast Phyllis das Leben gerettet?�</p><p>�Nun ja, eigentlich nicht. Das hei�t, ich tat es. Aber ich war auch derjenige, der sie in Gefahr gebracht hat. Darum denke ich nicht, da� das z�hlt.� Er versuchte zu erkl�ren, was in jener Nacht in Burroughs geschehen war, aber mit wenig Erfolg. Es war ihm selbst unklar�� bis auf die Erinnerung an gewisse lebhaft schreckliche Momente. �Macht nichts. Es war blo� ein Gedanke. Ich h�tte nicht reden sollen. Ich bin... �</p><p>�Du bist m�de�, sagte Michel. �Aber mach dir keine Sorgen! Maya wird von der Szene hier weg sein und sicher unter unseren Augen.�</p><p>Sax nickte. Das klang immer besser. Man sollte Ann einige Zeit geben, sich zu beruhigen, dar�ber nachzudenken und es zu verstehen. Hoffentlich. Und es w�re nat�rlich sehr interessant, die Verh�ltnisse auf der Erde aus erster Hand zu sehen. �u�erst interessant. So interessant, da� kein vern�nftiger Mensch sich diese Gelegenheit entgehen lassen w�rde.</p></section></section><section><title><p>DRITTER TEIL</p><p>Eine neue Verfassung</p></title><section><p><emphasis>Ameisen kamen als Teil des Humusprojekts auf den Mars und waren, wie es so ihre Art ist, bald �berall zu finden. Als die kleinen roten Leute auf Ameisen trafen, waren sie erstaunt. Diese Kreaturen hatten genau die richtige Gr��e zum Reiten. Es war wie damals, als die Eingeborenen Amerikas das Pferd kennengelernt hatten. Egal, wie sicher man sich auch war, die Dinge unter Kontrolle zu haben, wirksam und nachhaltig gez�hmt zu haben, sie machten sich selbst�ndig und zwar wild und unvermutet.</emphasis></p><p><emphasis>Das Domestizieren der Ameisen war keine leichte Aufgabe. Die kleinen roten Wissenschaftler hatten nicht einmal geglaubt, da� solche Kreaturen m�glich w�ren, wegen der Einschr�nkungen durch das Verh�ltnis von Fl�che zu Volumen. Aber es gab sie, und sie trampelten herum wie intelligente Roboter. Darum mu�ten die kleinen roten Wissenschaftler sie erkl�ren. Auf der Suche nach Hilfe stiegen sie in die Nachschlagewerke der Menschen und sahen unter �Ameisen� nach. Sie erfuhren von den Pheromonen der Ameisen und synthetisierten diejenigen, die sie brauchten, um die Soldatenameisen zu kontrollieren und eine besonders kleine gelehrige Spezies zu z�chten. Danach waren sie im Gesch�ft. Kleine rote Kavallerie. Sie stie�en auf Ameisenr�cken �berall vor und hatten eine feine Zeit�� zwanzig oder drei�ig von ihnen auf jeder Ameise, wie Paschas auf Elefanten. Wenn man gen�gend Ameisen genau ansieht, kann man sie dort sitzen sehen.</emphasis></p><p><emphasis>Die kleinen roten Wissenschaftler lasen weiterhin die Lehrb�cher und erfuhren von menschlichen Pheromonen. Sie kehrten erschrocken zum Rest des kleinen roten Volkes zur�ck. Sie berichteten: Jetzt wissen wir, warum diese menschlichen Wesen so l�stig sind. Sie haben nicht mehr Willen als diese Ameisen, auf denen wir umherreiten. Sie sind einfach nur gigantische Fleischameisen.</emphasis></p><p><emphasis>Das kleine rote Volk versuchte, diese Travestie des Lebens zu verstehen.</emphasis></p><p><emphasis>Nein, das sind sie nicht, sagte pl�tzlich eine Stimme�� zu allen auf einmal. Die kleinen roten Leute verst�ndigen sich untereinander telepathisch, mu�t du wissen; und dies war wie eine telepathische Lautsprecheransage. Menschen sind spirituelle Wesen, behauptete diese Stimme.</emphasis></p><p><emphasis>Woher wei�t du das? fragte das kleine rote Volk telepathisch. Wer bist du? Der Geist von John Boone?</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin der Gyatso Kimpocht, antwortete die Stimme. Die achtzehnte Reinkarnation des Dalai Lama. Ich reise durch den Bardo auf der Suche nach meiner neuen Reinkarnation. Ich habe mich �berall auf der Erde umgesehen, hatte aber kein Gl�ck und habe beschlossen, anderswo zu suchen. Tibet ist immer noch in der Gewalt der Chinesen, und es gibt keine Anzeichen, da� sie vorh�tten, nachzugeben. Die Chinesen sind, obwohl ich sie sehr liebe, harte Schurken. Die anderen Regierungen der Erde haben Tibet schon lange den R�cken zugekehrt. Niemand will die Chinesen herausfordern. Es mu� aber etwas geschehen. Deshalb bin ich zum Mars gekommen.</emphasis></p><p><emphasis>Eine gute Idee, erkl�rte das kleine rote Volk.</emphasis></p><p><emphasis>Allerdings, gab der Dalai Lama zu, mu� ich einr�umen, da� es mir schwer f�llt, einen neuen K�rper zum Bewohnen zu finden. Es gibt �berall nur sehr wenige Kinder. Au�erdem scheint niemand interessiert zu sein. Ich habe mich in Sheffield umgesehen; aber jeder war zu besch�ftigt, um zu sprechen. Ich ging nach Sabishii; aber dort hatten alle den Kopf in den Sand gesteckt. Ich ging nach Elysium; aber jeder hatte die Lotoshaltung eingenommen und wollte nicht gest�rt werden. Ich ging nach Christianopolis; aber dort hatten alle andere Pl�ne. Ich ging nach Hiranyagarbha; aber dort sagten alle, sie h�tten schon genug getan f�r Tibet. Ich bin auf dem Mars �berallhin gegangen in jede Kuppel und jede Station; und �berall waren die Leute einfach zu besch�ftigt. Niemand will der neunzehnte Dalai Lama sein. Und der Bardo wird immer k�lter und k�lter.</emphasis></p><p><emphasis>Welch ein Gl�ck! sagte das kleine rote Volk. Wir haben gesucht, seit John gestorben ist und haben niemanden gefunden, mit dem es sich gelohnt h�tte zu sprechen, geschweige denn in ihm zu leben. Diese gro�en Leute sind alle durcheinander.</emphasis></p><p><emphasis>Der Dalai Lama war von dieser Antwort entt�uscht. Er war bereits sehr m�de und konnte nicht noch l�nger im Bardo verweilen. Darum sagte er: Wie w�re es mit einem von euch?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, sicher, sagte das kleine rote Volk. Es w�re uns eine Ehre. Aber es m��ten wir alle zugleich sein. So etwas machen wir immer gemeinsam.</emphasis></p><p><emphasis>Warum nicht? Der Dalai Lama transmigrierte in einen der kleinen roten Flecken und war im gleichen Augenblick in ihnen allen anwesend, auf dem ganzen Mars. Das kleine rote Volk schaute auf, als die Menschen �ber ihnen herumtobten�� ein Anblick, den sie zuvor f�r eine Art von schlechtem Breitwandfilm zu halten pflegten. Jetzt aber waren sie voll von allem Mitgef�hl und aller Weisheit der vorangegangenen Leben des Dalai Lama. Sie sagten zueinander: Ka woiv, diese Leute sind wirklich durcheinander. Wir hielten das schon fr�her f�r schlimm; aber wenn man sich das so ansieht, ist es noch schlimmer, als wir dachten. Sie haben Gl�ck, da� sie nicht gegenseitig ihre Gedanken lesen k�nnen. Sonst w�rden sie einander t�ten. Das mu� aber der Grund sein, aus dem sie sich gegenseitig umbringen. Sie wissen, was sie selbst denken, und verd�chtigen darum alle anderen. Wie h��lich! Wie traurig!</emphasis></p><p><emphasis>Sie brauchen eure Hilfe, sagte der Dalai Lama in ihnen allen. Vielleicht k�nnt ihr etwas f�r sie tun.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht, sagte das kleine rote Volk. Um die Wahrheit zu sagen, waren sie im Zweifel, was die Durchf�hrbarkeit anbelangte. Sie hatten schon versucht, den Menschen zu helfen, bereits bei Johns Tod. Sie hatten ganze St�dte gegr�ndet in den Verandas jedes Winkels auf dem Planeten und redeten seitdem st�ndig, um Leute aufzuwecken und zu anst�ndigem Handeln zu bringen. Sie hatten dabei aber keinen Erfolg gehabt, au�er da� viele Menschen zu Hals-, Nasen-, Ohren�rzten gingen, weil sie die vielen kleinen Stimmen f�r Ohrensausen hielten; aber keiner von ihnen verstand jemals das kleine rote Volk. Das gen�gte, um alle zu entmutigen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber jetzt hatte das kleine rote Volk den mitf�hlenden Geist des Dalai Lama, der in es einstr�mte. Darum beschlossen sie, es noch einmal zu versuchen. Vielleicht wird es mehr erfordern, als blo� in ihre Ohren zu fl�stern, erkl�rte der Dalai Lama, und sie stimmten alle zu. Wir m�ssen ihre Aufmerksamkeit auf andere Weise gewinnen.</emphasis></p><p><emphasis>Habt ihr es schon mit eurer Telepathie bei ihnen versucht? fragte der Dalai Lama.</emphasis></p><p><emphasis>O nein, sagten sie. Da gibt es keine M�glichkeit. Zu schrecklich. Die H��lichkeit ihrer Gedanken k�nnte uns auf der Stelle t�ten. Oder uns zumindest sehr krank machen.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht nicht, sagte der Dalai Lama. Vielleicht ist alles in Ordnung, wenn ihr euren Empfang von dem, was sie denken, abblockt und ihnen nur eure eigenen Gedanken zustrahlt. Schickt einfach viele gute Gedanken wie einen Strahl des Rates, des Mitgef�hls, der Liebe, der Freundlichkeit, der Weisheit, vielleicht sogar etwas gesunden Menschenverstand!</emphasis></p><p><emphasis>Wir werden es versuchen, sagte das kleine rote Volk. Aber wir werden alle mit der vollen Kraft unserer telepathischen Stimmen rufen m�ssen, alle im Chor, weil diese Leute einfach nicht hinh�ren. Der Dalai Lama sagte: Damit bin ich jetzt schon seit neun Jahrhunderten konfrontiert. Man gew�hnt sich daran. Und ihr Kleinen habt den Vorteil, in der �berzahl zu sein. Also gebt euer bestes1.</emphasis></p><p><emphasis>So schaute nun das ganze kleine rote Volk auf dem ganzen Mars auf und machte sich f�r die neue Aufgabe bereit.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Art Randolph hatte die beste Zeit seines Lebens.</p><p>Nat�rlich nicht w�hrend der Schlacht von Sheffield. Die war eine Katastrophe gewesen, ein Zusammenbruch f�r die Diplomatie,, das Mi�lingen von allem, das Art versucht hatte. Wirklich ein paar j�mmerliche Tage, w�hrend derer er schlaflos umhergerannt war, um mit allerhand Leuten zusammenzukommen, von denen er sich Hilfe erwartete, um die Krise zu entsch�rfen, und immer mit dem Gef�hl, da� es irgendwie sein Fehler w�re, da� es gar nicht so weit gekommen w�re, wenn er richtig gehandelt h�tte. Der Kampf ging soweit, da� der Mars beinahe in Brand gesetzt worden w�re wie 2061. W�hrend ein paar Stunden am Nachmittag des roten Angriffs hatte es geschwankt.</p><p>Es hatte sich aber wieder eingependelt. Irgend etwas�� Diplomatie oder die Realit�ten der Schlacht (ein defensiver Sieg f�r die Leute auf dem Kabel), gesunder Menschenverstand, reiner Zufall�� irgend etwas hatte die Dinge wieder ins Lot gebracht.</p><p>Und als dieses alptraumhafte Intermezzo vorbei war, waren die Leute nachdenklich wieder nach Ost- Pavonis zur�ckgekehrt. Die Konsequenzen des Mi�erfolgs waren deutlich geworden. Sie mu�ten sich auf einen Plan verst�ndigen.</p><p>Viele der radikalen Roten waren tot oder ins Hinterland entflohen; und die gem��igten Roten, die in Ost- Pavonis geblieben waren, waren �rgerlich, aber wenigstens da. Es war eine sehr unbehagliche und unsichere Zeit. Aber es gab sie noch.</p><p>So begann Art wieder, sich um die Idee eines konstitutionellen Kongresses zu bem�hen. Er lief unter der gro�en Kuppel umher, durch das Gewirr von Lagerh�usern, Speicherzonen und Wohnanlagen aus Beton, weite breite Stra�en hinunter, in denen schwere Fahrzeuge lagen, die reif f�rs Museums waren. Und �berall dr�ngte er auf dasselbe: eine Verfassung. Er sprach mit Nadia, Nirgal, Jackie, Zeyk, Maya, Peter, Ariadne, Rashid, Tariki, Nanao, Sung und H. X. Borazjani. Er redete mit Vlad, Ursula, Marina und dem Cojoten, sowie einigen Dutzenden junger Eingeborener, denen er noch nie begegnet war, alle wichtige Mitspieler bei den j�ngsten Unruhen. Es gab so viele davon, da� es ihm vorkam wie eine Bilderbuchdemonstration der vielk�pfigen Natur sozialer Massenbewegungen. Und jedem Kopf dieser neuen Hydra trug Art das gleiche Anliegen vor: �Eine Verfassung w�rde uns vor der Erde legitimieren und einen Rahmen f�r Diskussionen unter uns selbst liefern. Und wir sind hier alle beisammen. Wir k�nnten sofort anfangen. Manche Leute haben bereits Pl�ne, die man sich ansehen sollte.� Und mit den Ereignissen der letzten Woche in frischer Erinnerung pflegten die Leute zu nicken und sagten: �Vielleicht so�, und gingen nachdenklich fort.</p><p>Art rief William Fort an und sagte ihm, womit er sich besch�ftigte. Eine Antwort traf noch am selben Tag ein. Der alte Mann befand sich in einer neuen Fl�chtlingsstadt in Costa Rica und sah genauso zerstreut aus wie immer. Er sagte: �Klingt gut.� Allm�hlich wandten sich die Leute von Praxis an Art, um ihre Hilfe bei der Organisation und Durchf�hrung der anstehenden Dinge anzubieten. Art wurde emsiger, als er es je gewesen war. <emphasis>Nema-washi</emphasis> war der Name, den die Japaner daf�r hatten, die Vorbereitungen f�r ein Ereignis zu treffen. Es fing an mit Strategiesitzungen, um eine Gruppe zu organisieren, mit erneuten Besuchen bei jedem, mit dem man zuvor verhandelt hatte, und dem Versuch, praktisch mit jedem einzelnen auf Pavonis Mons zu sprechen. �Die John Boone-Methode�, kommentierte Cojote mit seinem kr�chzenden Lachen. �Viel Gl�ck!�</p><p>Sax packte seine wenigen Sachen f�r die diplomatische Mission zur Erde und sagte: �Ihr solltet die Vereinten Nationen einladen.�</p><p>Sax hatte sein Abenteuer im Sturm etwas mitgenommen. Er neigte dazu, Dinge anzustarren, als sei er durch einen Schlag auf den Kopf bet�ubt. Art sagte sanft: �Sax, wir haben gerade viel M�he gehabt, ihre Hintern von diesem Planeten runterzuwuchten.�</p><p>�Ja�, sagte Sax. �Aber gerade das gibt uns doch die M�glichkeit, sie zu kooptieren.�</p><p>�Die UN kooptieren.� Art dachte dar�ber nach. Das hatte einen gewissen Klang. Es w�re�� diplomatisch gesprochen�� eine Herausforderung.</p><empty-line/><p>Kurz bevor die Gesandten zur Erde abreisten, erschien Nirgal in den Praxisb�ros, um sich zu verabschieden. Als er seinen jungen Freund umarmte, wurde Art von einer pl�tzlichen irrationalen Angst ergriffen. Weg zur Erde!</p><p>Nirgal war so munter wie eh und je. Seine dunklen braunen Augen funkelten vor Erwartung. Nachdem er den anderen im B�ro Lebewohl gesagt hatte, setzte er sich mit Art in einem leeren Eckzimmer des Lagerhauses zusammen.</p><p>Art fragte: �Bist du sicher, da� du das tun willst?�</p><p>�Sehr sicher. Ich m�chte die Erde sehen.�</p><p>Art wedelte mit der Hand, unsicher, was er sagen sollte.</p><p>�Au�erdem�, f�gte Nirgal hinzu, �mu� jemand dorthin reisen und den Leuten zeigen, wer wir sind.�</p><p>�Niemand ist daf�r besser geeignet als du, mein Freund. Aber du mu�t auf die Metanats achten. Wer wei�, was sie vorhaben. Und dich vor schlechtem Essen in acht nehmen. Diese von der Flut in Mitleidenschaft gezogenen Gebiete haben bestimmt sanit�re Probleme. Und Krankheitstr�ger. Und du mu�t dich vor Sonnenstich h�ten. Du wirst sehr anf�llig sein.�</p><p>Jackie Boone kam herein. Art hielt mit seinen Ratschl�gen f�r die Reise inne. Nirgal h�rte sowieso nicht weiter zu, sondern sah Jackie mit einer pl�tzlich leeren Miene an, als ob er eine Nirgalmaske aufgesetzt h�tte. Und nat�rlich konnte keine Maske Nirgal gerecht werden, weil die Beweglichkeit seines Gesichts sein wesentliches Merkmal war. Darum sah er sich �berhaupt nicht �hnlich.</p><p>Jackie erkannte das nat�rlich sofort. Von ihrem alten Partner getrennt, sah sie ihn nat�rlich scharf an. Da war etwas schiefgegangen, wie Art merkte. Beide hatten Art vergessen, der sich aus dem Zimmer verdr�ckt h�tte, wenn ihm das m�glich gewesen w�re, weil er sich vorkam, als hielte er im Gewitter einen Blitzableiter. Aber Jackie stand immer noch in der T�r, und Art mochte sie in diesem Moment nicht st�ren.</p><p>�Also verl��t du uns�, sagte sie zu Nirgal.</p><p>�Es ist blo� ein Besuch.�</p><p>�Aber warum? Warum jetzt? Die Erde bedeutet uns nichts.�</p><p>�Dort sind wir hergekommen.�</p><p>�Das stimmt nicht. Wir sind von Zygote gekommen.�</p><p>Nirgal sch�ttelte den Kopf. �Die Erde ist unser Heimatplanet. Wir sind hier nur eine Au�enstelle. Die Erde kann uns nicht egal sein.�</p><p>Jackie wedelte mi�mutig oder verdutzt mit der Hand. �Du verl��t uns gerade dann, wenn du hier am meisten gebraucht wirst.�</p><p>�Sieh es als eine Gelegenheit!�</p><p>�Das werde ich�, platzte sie heraus. Er hatte sie �rgerlich gemacht. �Und sie wird dir nicht gefallen.�</p><p>�Aber du wirst endlich haben, was du willst.�</p><p>�Woher willst du wissen, was ich will?!�</p><p>Arts Nackenhaar hatte sich gestr�ubt. Der Blitzschlag stand kurz bevor. Er sagte sich, da� er von Natur ein Lauscher sei, praktisch fast ein Voyeur. Aber hier im Raum zu stehen, war nicht dasselbe; und er erkannte jetzt, da� es gewisse Dinge gab, deren Zeuge er nicht sein wollte. Er r�usperte sich. Die anderen wurden durch dieses Ger�usch aufgeschreckt. Mit einer Handbewegung schl�pfte er an Jackie vorbei und zur T�r hinaus. Hinter ihm erklangen die Stimmen weiter voller Wut und Qual.</p><empty-line/><p>Cojote schaute ernst durch die Frontscheibe, als er die Gesandten f�r die Erde zur S�dseite des Aufzugs fuhr. Art sa� neben ihm. Sie rollten langsam durch die zerst�rte Umgebung, die im s�dwestlichen Teil von Sheffield an die Muffe grenzte, wo die Stra�en so gebaut waren, da� sie die enormen Frachtcontainer fassen konnten; sie boten einen gigantischen und unmenschlichen Anblick. Sax erkl�rte Cojote noch einmal, da� der Ausflug zur Erde die Reisenden nicht vom konstitutionellen Kongre� entfernen w�rde, da� sie vielmehr �ber Video teilnehmen w�rden und es ihnen nicht so ergehen w�rde wie Thomas Jefferson in Paris, der alles verpa�t hatte. Sax versicherte: �Wir werden auf Pavonis sein�� in jeder Hinsicht, auf die es ankommt.�</p><p>�Dann werden alle auf Pavonis sein�, erwiderte Cojote skeptisch. Ihm gefiel diese Reise von Sax, Maya, Michel und Nirgal zur Erde nicht. Er schien den konstitutionellen Kongre� an sich nicht zu m�gen. Nichts gefiel ihm in diesen Tagen. Er war sprunghaft, unbequem und reizbar. Er knurrte: �Wir sind noch nicht aus dem Wald heraus. Merk dir meine Worte!�</p><p>Dann stand die Steckdosenmuffe vor ihnen. Das Kabel erhob sich schwarz und gl�nzend aus der riesigen Betonmasse wie eine Harpune, die durch die M�chte der Erde in den Mars geschossen worden war und ihn festhielt. Nachdem sie sich ausgewiesen hatten, fuhren die Reisenden direkt in den Komplex hinein, durch einen langen Gang in den enormen Raum in der Mitte, wo das Kabel zum Kragen der Muffe herunterf�hrte und �ber einem Netzwerk von Pisten schwebte, die den Boden durchkreuzten. Das Kabel war in seinem Orbit so sorgf�ltig ausbalanciert, da� es den Mars �berhaupt nicht ber�hrte, sondern blo� mit seinem Ende von zehn Metern Durchmesser mitten im Raum schwebte, wobei der Kragen im Dach nichts weiter tat, als es zu stabilisieren. Im �brigen wurde seine Position von Raketen korrigiert, die am Kabel entlang installiert waren und�� was noch wichtiger war�� durch die Balance zwischen Zentrifugalkraft und Schwerkraft, die es in seinem asynchronen Orbit hielt.</p><p>Eine Reihe von Aufzugswaggons schwebte wie das Kabel selbst in der Luft, wenn auch aus einem anderen Grund, da sie elektromagnetisch aufgeh�ngt waren. Einer von ihnen befand sich �ber einer zum Kabel f�hrenden Piste und rastete in die Schiene ein, die in die westliche Seite des Kabels eingelassen war. Dann stieg er ger�uschlos durch eine Ventilt�r in den Kragen auf.</p><p>Die Reisenden und ihre Begleiter kletterten aus ihrem Wagen. Nirgal hatte sich zur�ckgezogen, schon ganz unterwegs; Maya und Michel waren aufgeregt; Sax blieb ruhig�� wie immer. Nacheinander umarmten sie Art und Cojote, reckten sich zu Art empor und b�ckten sich zu Desmond hinunter. Einige Zeit redeten alle zugleich, starrten einander an und versuchten, den Augenblick zu verstehen. Es war blo� eine Reise, aber es f�hlte sich nach mehr an. Dann gingen die vier Reisenden �ber den Betonboden und verschwanden in einer Landebr�cke, die in den n�chsten Aufzugswaggon hinauff�hrte.</p><p>Dann standen Cojote und Art da und sahen zu, wie der Waggon zum Kabel hin�berschwebte, durch die Ventilt�r aufstieg und verschwand. Cojotes asymmetrisches Gesicht verzerrte sich zu einer h�chst uncharakteristischen Miene von Besorgnis oder sogar Angst. Nat�rlich ging es um seinen Sohn und drei seiner engsten Freunde, die sich zu einem sehr gef�hrlichen Ort begaben. Nun ja, es war blo� die Erde, aber sie wirkte gef�hrlich; das mu�te Art zugeben. �Es wird alles gut gehen�, versicherte Art und dr�ckte dem kleinen Mann leicht die Schulter. �Ihr werdet da unten Stars sein. Es wird alles gut gehen.� Das war ohne Zweifel wahr. Tats�chlich f�hlte er sich bei seinem Zureden wohler. Es war schlie�lich der Heimatplanet. Die Menschen waren f�r ihn gemacht. Es w�rde ihnen gut gehen. Aber dennoch�</p><p>In Ost-Pavonis hatte der Kongre� begonnen.</p><p>Das war ganz und gar Nadias Werk. Sie hatte einfach angefangen, in dem Hauptlagerhaus an Teilnahme-Einladungen zu arbeiten. Und es waren Leute zu ihr gesto�en, und es ging wie eine Lawine voran. Als die Meetings erst einmal liefen, mu�te man teilnehmen oder riskieren, seine Stimme zu verlieren. Nadia zuckte die Achseln, wenn jemand sagte, da� sie noch nicht bereit w�ren, da� zuerst manch anderes geregelt werden m�sse, da� sie mehr Information brauchten. Sie sagte ungeduldig: �Macht schon! Wir sind soweit. Wir k�nnen jetzt auch zur Sache kommen.�</p><p>So fand sich t�glich eine fluktuierende Gruppe von ungef�hr dreihundert Personen in dem Industriekomplex von Ost-Pavonis zusammen. Das Hauptlagerhaus, dazu bestimmt, Pistenteile und Bahnwaggons aufzunehmen, war sehr gro�. Dutzende von B�ros mit mobilen W�nden waren l�ngs der Au�enw�nde angeordnet. Sie lie�en einen mittleren Raum frei, der f�r eine ungef�hr kreisf�rmige Sammlung schlecht zusammenpassender Tische verf�gbar war. �Ah!� sagte Art, als er das sah. �Der Tisch der Tische.�</p><p>Nat�rlich gab es Leute, die eine Liste der Delegierten haben wollten, um zu erfahren, wer abstimmen w�rde, wer sprechen k�nnte und so weiter. Nadia, die rasch die Rolle der Vorsitzenden annahm, schlug vor, die Delegation einer jeden Marsgruppe zu akzeptieren, die eine greifbare Existenz bis zum Konferenzbeginn zeigte. �Wir k�nnten durchaus alle aufnehmen.�</p><p>Die Verfassungswissenschaftler von Dorsa Brevia stimmten zu, da� der Kongre� durch Mitglieder von stimmberechtigten Delegationen geleitet werden und �ber das Endergebnis dann von der gesamten Bev�lkerung abgestimmt werden sollte. Charlotte, die vor zw�lf Jahren geholfen hatte, das Dokument von Dorsia Brevia abzufassen, hatte seither eine Gruppe geleitet, die, in Erwartung einer erfolgreichen Revolution, Pl�ne f�r eine Folgeregierung ausarbeitete. Sie waren nicht die einzigen, die so etwas vorbereitet hatten. Schulen in S�d-Fossa und an der Universit�t in Sabishii hatten hier�ber Kurse abgehalten, und viele der jungen Eingeborenen in dem Lagerhaus kannten sich gut aus mit den Themen, die sie in Angriff nahmen. �Man gewinne eine Revolution, und schon sprie�t ein B�ndel Juristen aus dem Ge�st�, bemerkte Art zu Nadia.</p><p>�Immer.�</p><p>Charlottes Gruppe hatte eine Liste potentieller Delegationsmitglieder f�r einen konstitutionellen Kongre� zusammengestellt, einschlie�lich aller Siedlungen auf dem Mars, deren Bev�lkerung mehr als f�nfhundert Einwohner z�hlte. Deshalb wollten etliche Leute zweimal vertreten sein, wie Nadia erkl�rte�� einmal durch Wohnsitz und au�erdem durch politische Zugeh�rigkeit. Die wenigen Gruppen, die nicht auf der Liste standen, beklagten sich bei einem neuen Komitee, das fast allen Antragstellern die Mitgliedschaft gestattete. Art rief Donald Hastings an und richtete eine Einladung an die UNTA, auch als Delegation hinzuzukommen. Der �berraschte Hastings kam ein paar Tage sp�ter mit einer positiven Antwort zur�ck. Er w�rde selbst am Kabel herunterkommen.</p><p>Und so hatten sie nach ungef�hr einer Woche des Jonglierens, w�hrend gleichzeitig viele andere Themen behandelt wurden, genug Zustimmung, um zu einer Abstimmung �ber die Liste der Delegierten aufzufordern. Und weil diese so umfassend gewesen war, ging sie fast einstimmig durch. Pl�tzlich hatten sie einen richtigen Kongre�. Er bestand aus den folgenden Delegationen, die jeweils zwischen einem und zehn Mitgliedern hatten:</p><empty-line/><p><strong>St�dte</strong></p><p>Acheron Sheffield</p><p>Nicosia Senzeni Na</p><p>Cairo Echus Overlook</p><p>Odessa Dorsa Brevia</p><p>Harmakhis Vallis Dao Vallis</p><p>Sabishii S�d-Fossa</p><p>Christianopolis Rumi</p><p>Bodganov Vishniac Neu-Vanuvatu</p><p>Hiranyagarbha Prometheus</p><p>Mauss Hyde Gramsci</p><p>New Clarke Mareotis</p><p>Bradbury Point Burroughs Refugees Organisation</p><p>Sergei Korolyov Libya Station</p><p>Du-Marteray-Krater Tharsis Tholus</p><p>S�d-Station Overhangs</p><p>Reull Vallis Margariitifer Plinth</p><p>S�d-Caravanserai Great-Escarpment-Caravanserai</p><p>Nuova Bologna Da Vinci</p><p>Nirgal Vallis Elysian-Liga</p><p>Montepulciano Hell�s Gate</p><empty-line/><p><strong>Politische Parteien und andere Organisationen</strong></p><p>Boone-Anh�nger</p><p>Rote</p><p>Bogdanovisten</p><p>Schnellingisten</p><p>Mars-Erst</p><p>Freier Mars</p><p>DieKa</p><p>Praxis</p><p>Qahiran-Mahjari-Liga</p><p>Gr�ner Mars</p><p>United Nations Transitional Authority (UNTA)</p><p><emphasis>Redaktion von</emphasis> The Journal ofAreological Studies</p><p>Raumaufzugsbeh�rde</p><p>Christliche Demokraten</p><p>Das Metanationale Komitee f�r Koordination Wirtschaftlicher Aktivit�ten</p><p>Neomarxisten von Bologna</p><p>Freunde der Erde Biotik</p><p>Trennung der Atmosph�re</p><empty-line/><p>Allgemeine Meetings begannen morgens am gro�en Tisch. Dann begab man sich in kleinen Arbeitsgruppen zu den B�ros im Lagerhaus oder den benachbarten Geb�uden.</p><p>Jeden Morgen erschien Art in aller Fr�he und braute gro�e T�pfe mit Kaffee, Kava und Kavajava, seinem Lieblingsgetr�nk.</p><p>Das war vielleicht in Anbetracht der Bedeutung des Vorhabens kein gro�artiger Job; aber Art tat ihn gern. Er war jeden Tag �berrascht zu sehen, da� sich �berhaupt ein Kongre� zusammenfand; und wenn er seine Gr��e betrachtete, f�hlte er, da� es wahrscheinlich sein wichtigster Beitrag gewesen war, geholfen zu haben, ihn �berhaupt zustande zu bringen. Er war kein Gelehrter, und er hatte nur wenig Vorstellung davon, was eine Verfassung des Mars enthalten sollte. Aber er war gut darin, Leute zusammen zu bringen; und das hatte er getan. Oder vielmehr er und Nadia hatten es getan; denn Nadia war eingeschritten und hatte die F�hrung gerade in dem Stadium �bernommen, als man sie gebraucht hatte. Sie war die einzige der verf�gbaren Ersten Hundert, der alle vertrauten.</p><p>Das gab ihr eine gewisse nat�rliche Autorit�t. Und jetzt, ohne viel Aufhebens n�tzte sie die Situation. Sie �bte diese Macht aus.</p><p>F�r Art war es eine gro�e Freude, praktisch Nadias pers�nlicher Assistent zu werden. Er machte ihren Tagesplan und tat alles, was er konnte, um zu gew�hrleisten, da� es glatt ablief. Dazu geh�rte als erstes die Zubereitung einer Kanne guten Kavajas an jedem Morgen; denn Nadia geh�rte zu den vielen, die diesen ersten Ansporn f�r Munterkeit und allgemeines Wohlbefinden sch�tzten. Ja, dachte Art, pers�nlicher Assistent und Drogenausgeber, das war sein Schicksal an diesem Punkt der Geschichte. Und er war gl�cklich. Allein schon zu beobachten, wie die Leute Nadia ansahen, war ein Vergn�gen f�r sich. Und die Art, wie sie sich gab�� interessiert, sympathisch, skeptisch, eine leichte Sch�rfe, die rasch aufkam, wenn sie der Meinung war, da� jemand ihre Zeit vergeudete, eine W�rme, wenn sie durch einen Beitrag beeindruckt war. Und das wu�ten die Leute, sie wollten ihr gefallen. Sie bem�hten sich, bei der Sache zu bleiben und einen Beitrag zu leisten. Sie w�nschten sich diesen besonders warmen Ausdruck in ihren Augen. Diese Augen waren wirklich sehr eigenartig, wenn man genau hinsah. Im Grunde haselnu�braun, aber mit unz�hligen kleinen Flecken anderer Farben: gelb, schwarz, gr�n, blau. Sie wirkten hypnotisierend. Nadia richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Menschen. Sie war geneigt, einem zu glauben, jemandes Partei zu ergreifen, sich zu vergewissern, da� sein Fall nicht im Gedr�nge verlorenging. Selbst die Roten, die sich ihrer K�mpfe mit Ann erinnerten, vertrauten darauf, da� sie daf�r sorgte, sie zu Wort kommen zu lassen. So schlo� sich das Werk um ihre Person zusammen; und alles, was Art wirklich zu tun hatte, war, sie bei der Arbeit zu beobachten und sich dar�ber zu freuen und zu helfen, wo er konnte.</p><p>Und so begannen die Debatten.</p><empty-line/><p>In der ersten Woche gingen die meisten Diskussionen einfach darum, was eine Verfassung war, welche Form sie haben sollte und ob sie �berhaupt eine haben wollten. Charlotte nannte das den Metakonflikt, die Auseinandersetzung dar�ber, um was die Diskussion �berhaupt ging�� eine sehr wichtige Sache, sagte sie, als sie Nadia recht ungl�cklich blinzeln sah. �Indem wir das kl�ren, setzen wir erst die Grenzen f�r das fest, was wir entscheiden k�nnen. Wenn wir beispielsweise beschlie�en, �konomische und soziale Anliegen in die Verfassung aufzunehmen, ist das eine ganz andere Sache, als wenn wir uns fest an rein politische oder legislative Themen halten oder eine sehr allgemeine Feststellung von Prinzipien.�</p><p>Um zu helfen, auch dieser Debatte Gestalt zu geben, waren sie und die Gelehrten von Dorsa Brevia mit einer Anzahl verschiedener �leerer Verfassungen angereist, in die man unterschiedliche Arten von Verfassungen einblenden konnte, ohne wirklich ihre Inhalte auszuf�llen. Diese Leermodelle bewirkten indessen wenig, um die Einw�nde jener zu bremsen, die den Standpunkt vertraten, da� die meisten Aspekte des sozialen und �konomischen Lebens �berhaupt nicht geregelt werden sollten. Ein solcher �minimaler Staat� fand Unterst�tzung aus einer Reihe von Randgruppen, die seltsame Bettgenossen waren: Anarchisten, Indeterministen, neotraditionale Kapitalisten, gewisse Gr�ne und so weiter. Bis hin zu den extremsten dieser Staatsgegner, die jede schriftlich festgelegte Regierung �berhaupt f�r eine Art von Niederlage erkl�rten und ihre Rolle in dem Kongre� darin sahen, die neue Regierung so klein wie m�glich zu machen.</p><p>Sax h�rte von dieser Auseinandersetzung in einem der n�chtlichen Anrufe von Nadia und Art und war durchaus gewillt, dar�ber nachzudenken. �Man hat festgestellt, da� ein paar einfache Regeln ein sehr komplexes Verhalten bestimmen k�nnen. Es gibt zum Beispiel ein klassisches Computermodell f�r Vogelscharen, nach dem man von jedem in der Umgebung gleichen Abstand h�lt, die Geschwindigkeit nicht zu rasch �ndert und station�re Objekte vermeidet. Dadurch wird der Flug einer Schar recht h�bsch dargestellt.�</p><p>Nadia spottete: �Hast du jemals Stachelschwanzsegler in tiefer D�mmerung gesehen?�</p><p>�Nein�, erwiderte Sax.</p><p>�Nun, dann schau sie dir an, wenn du auf die Erde kommst! Inzwischen k�nnen wir keine Verfassung akzeptieren, die nur besagt, da� man die Geschwindigkeit nicht zu rasch �ndern soll.�</p><p>Art fand das witzig, Nadia nahm die Sache ernster. Im allgemeinen hatte sie wenig Geduld f�r die minimalistischen Argumente. Sie pflegte zu sagen: �Ist dies nicht das �quivalent daf�r, die Metanats handeln zu lassen? W�re das richtig?�</p><p>�Nein, nein!� protestierte dann Mikhail. �Das meine ich �berhaupt nicht.�</p><p>�Doch, wahrscheinlich willst du genau das sagen. Und f�r manche ist es offenbar eine Art Vorwand, ein vorgegebenes Prinzip, bei dem es in Wirklichkeit nur darum geht, die Regeln zu erhalten, die ihr Eigentum und ihre Privilegien sch�tzen und den Rest zum Teufel zu schicken.�</p><p>�Nein, keineswegs.�</p><p>�Dann mu�t du das am gro�en Tisch beweisen. Du mu�t gegen alles argumentieren, bei dem die Regierung sich beteiligen soll. Punkt f�r Punkt.�</p><p>Und sie war dabei so beharrlich, nicht schimpfend, wie Maya es getan h�tte; sondern einfach so unerbittlich, da� sie zustimmen mu�ten. Schlie�lich war alles f�r die Diskussion am gro�en Tisch offen. Darum ergaben die leeren Verfassungen Sinn als Ausgangspunkt. Und deshalb sollten sie damit weitermachen. Es wurde dar�ber abgestimmt, und die Mehrheit entschied sich daf�r, einen Versuch zu machen.</p><p>Somit hatten sie nun also die erste H�rde genommen. Jeder hatte zugestimmt, nach dem gleichen Plan fortzufahren. Es war erstaunlich, dachte Art, der von einem Meeting zum anderen sauste, voller Bewunderung f�r Nadia. Sie war kein gew�hnlicher Diplomat und folgte keineswegs dem leeren Schiffsmodell, das Art anstrebte. Aber sie hatte dennoch Erfolg. Sie hatte das Charisma der Empfindsamkeit. Er h�tschelte sie jedesmal, wenn er an ihr vorbeikam, er k��te sie aufs Haar, er liebte sie. Mit jenem Reichtum an guter Stimmung platzte er in die Sitzungen hinein, wo er konnte, und sah zu, was er tun konnte, um die Dinge in Gang zu halten. Oft handelte es sich nur darum, die Leute hinreichend mit Speisen und Getr�nken zu versorgen, da� sie den Tag durchhalten konnten, ohne m�rrisch zu werden.</p><p>Zu jeder Tageszeit war der gro�e Tisch dicht besetzt. Junge Walk�ren mit frischen Gesichtern thronten �ber sonnenverbrannten alten Veteranen. Alle Rassen, alle Typen. Das war Mars im m-Jahr 52, eine Art von de facto vereinten Nationen ganz f�r sich. Mit aller potentiellen Zerbrechlichkeit dieses bekannterma�en spr�den K�rpers. So da� Art bisweilen, wenn er all die verzweifelten Gesichter ansah und dem Gewirr von Sprachen lauschte�� Englisch hoch Babylon��, von ihrer Vielfalt nahezu �berw�ltigt wurde. �Ka, Nadia�, sagte er, als sie sa�en, Sandwiches a�en und ihre Notizen f�r den Tag durchsahen, �wir versuchen, eine Verfassung zu schreiben, der jede Kultur der Erde zustimmen k�nnte!�</p><p>Sie wischte das Problem weg und schluckte. Dann sagte sie: �Es ist wohl an der Zeit.�</p><empty-line/><p>Charlotte schlug vor, die Erkl�rung von Dorsa Brevia als einen logischen Ausgangspunkt zu nutzen, um den Inhalt zu diskutieren, der die Verfassungsformeln ausf�llen sollte. Dieser Vorschlag schuf noch mehr Unruhe, als es selbst die Leerformen getan hatten; denn den Roten und etlichen anderen Delegationen gefielen verschiedene Punkte der alten Deklaration nicht, und sie argumentierten, da� durch deren Verwendung der Kongre� von Anfang an auf den falschen Weg gebracht werden w�rde.</p><p>�Was also dann?� fragte Nadia. �Wir k�nnen, wenn wir wollen, jedes Wort darin �ndern, aber wir m�ssen mit etwas den Anfang machen.�</p><p>Dieser Standpunkt gefiel den meisten alten Untergrundgruppen, von denen viele im Marsjahr 39 in Dorsa Brevia gewesen waren. Die damals gefundene Deklaration war das beste Ergebnis des Untergrunds geblieben, in dem Bem�hen, das aufzuschreiben, worauf sie sich damals geeinigt hatten, als sie keine Macht besa�en. Darum war es sinnvoll, damit anzufangen. Sie gab ihnen einen Pr�zedenzfall, eine Art historischer Kontinuit�t.</p><p>Als sie sich diese aber vornahmen und hineinschauten, entdeckten sie, da� die alte Deklaration erschreckend radikal gewesen war. Kein Privateigentum? Keine Aneignung von Mehrwert? Hatten sie wirklich solche Forderungen proklamiert? Wie, hatte man gedacht, sollte das funktionieren? Die Leute gr�belten �ber den n�chternen kompromi�losen S�tzen und sch�ttelten die K�pfe. In der Deklaration hatte sich niemand bem�ht zu sagen, wie ihre erhabenen Ziele verwirklicht werden sollten. Sie hatten diese nur konstatiert. �Die Routine der Steintafeln�, wie Art sie charakterisiert hatte. Aber jetzt war die Revolution erfolgreich gewesen und die Zeit gekommen, etwas in der realen Welt zu tun. Konnten sie wirklich an so radikalen Konzepten festhalten, wie dem Vorliegenden, der Deklaration von Dorsa Brevia?</p><p>Schwer zu sagen. �Zumindest sollten die Punkte zur Diskussion stehen�, gab Nadia zu bedenken.</p><p>Und mit ihnen zusammen waren auf allen Bildschirmen die leeren Verfassungen mit ihren Kapitel�berschriften, die s�mtlich die vielen Probleme ansprachen, mit denen sie w�rden zurechtkommen m�ssen: Struktur der Regierung, Exekutive; Struktur der Regierung, Legislative; Gerichtswesen; B�rgerrechte, Milit�r und Polizei, Steuerwesen, Wahlverfahren, Eigentumsrecht, �konomische Systeme, Umweltrecht, �nderungsprozeduren und so weiter; auf jedem verf�gbaren Blatt Papier, auf jeder freien Bildschirmseite. Ohne Ende. Alles auf die privaten Schirme gezaubert, vermischt, formatiert, endlos debattiert. �Blo� die Formulare ausf�llen�, wie Art eines Abends sang, als er Nadia �ber die Schulter schaute, die �ber einem besonders abzulehnenden sa�. Es hatte etwas von Michels alchemistischen <emphasis>combinatoires.</emphasis> Und Nadia lachte.</p><p>Die Arbeitsgruppen konzentrierten sich auf verschiedene Teile der Regierung, wie sie in der neuen, zusammengesetzten leeren Verfassung umrissen waren, die man jetzt das gro�e Blankett nannte. Politische Parteien und Interessengruppen tendierten zu den Themen, die sie am meisten betrafen, und die vielen Delegationen der Kuppelst�dte entschieden sich f�r die �brigen Gebiete, oder sie wurden ihnen zugewiesen. Danach war es nur noch eine Frage der Umsetzungsarbeit.</p><p>Im Augenblick hatte die technische Gruppe des Kraters Da Vinci die Kontrolle des Raums um den Mars. Sie betrieben alle Raumf�hren vom Andocken auf Clarke bis zum aerodynamischen Bremsen in den Marsorbit hinein. Niemand glaubte, da� dies allein sie wirklich frei machte; aber es gab ihnen einen gewissen physischen und psychischen Raum, in dem sie arbeiten konnten. Das war das Geschenk der Revolution. Sie wurden auch angetrieben durch die Erinnerung an die Schlacht von Sheffield. Die Furcht vor einem B�rgerkrieg unter ihnen war stark. Ann war mit den Kakaze im Exil, und Sabotage im Hinterland war allt�glich. Es gab auch Kuppeln, die sich von jedermann f�r unabh�ngig erkl�rt hatten, und ein paar Schlupfwinkel der Metanats. Es herrschte allgemein Unruhe und kaum im Zaum gehaltene Verwirrung. Sie waren eine Blase in der Geschichte, nur f�r einen Moment. Diese konnte jederzeit in sich zusammenfallen; und das w�rde auch passieren, wenn nicht bald etwas geschah. Es war�� kurz gesagt�� Zeit zum Handeln.</p><p>In diesem einen Punkt waren sich alle einig. Aber das war auch sehr wichtig. Im Lauf der Tage kristallisierte sich allm�hlich eine Kerngruppe von Arbeitern heraus, die sich durch ihre Bereitschaft auszeichnete, den Job zu tun, und ihren Wunsch, Paragraphen abzuhandeln, statt sich in Delegatenpose zu werfen. An der ganzen �brigen Debatte nahmen diese Leute unter der F�hrung von Nadia teil, die das Geschenk, das ihr da in den Scho� gefallen war, sehr rasch erkannte und ihnen jede Hilfe angedeihen lie�, die sie geben konnte.</p><p>Art rannte inzwischen in seiner �blichen Weise herum. Morgens stand er fr�h auf, um f�r Getr�nke und Speisen zu sorgen; und f�r Informationen �ber die in den anderen R�umen laufenden Arbeiten. Er hatte den Eindruck, da� sich die Dinge recht gut entwickelten. Die meisten Untergruppen nahmen die Verantwortung auf sich, ihr Formular ernsthaft auszuf�llen. Sie schrieben Entw�rfe und �nderten sie ab, arbeiteten aus�� Konzept um Konzept, Satz um Satz. Sie freuten sich, Art zu sehen, wenn er im Laufe des Tages vorbeikam, da es eine Pause bedeutete, etwas zu essen und ein paar Scherze. Eine juristische Gruppe befestigte an seinen Schuhen Gummifl�gel und schickte ihn mit einer bissigen Botschaft zu einer exekutiven Gruppe, mit der sie sich stritt. Art freute sich und behielt die Fl�gel an. Warum nicht? Was sie machten, hatte spielerische W�rde und w�rdevolle Heiterkeit. Sie �nderten die Gesetze; und er flog umher wie Hermes oder Puck. Das war durchaus passend. Und so flog er also lange Stunden Nacht f�r Nacht. Und nachdem alle Sitzungen f�r den Abend Schlu� gemacht hatten, kehrte er in die Praxisb�ros zur�ck, die er sich mit Nadia teilte. Sie sa�en dann und sprachen mit Nirgal, Sax, Maya und Michel. Danach pflegte Nadia wieder an die Arbeit an ihren Schirmen zur�ckzukehren und schlief gew�hnlich dort im Sessel ein. Art ging dann oft wieder ins Lagerhaus, um das sich die H�user und Wagen dr�ngten. Weil sie den Kongre� in der Kuppel eines Lagerhauses abhielten, war es nicht die Party-Szene wie seinerzeit in Dorsa Brevia. Aber auch hier blieben die Delegierten oft auf und sa�en auf den Fu�b�den ihrer Zimmer, tranken und plauderten �ber die Arbeit des Tages oder die gerade vergangene Revolution. Viele der hier anwesenden waren sich noch nie begegnet und sa�en jetzt beieinander, um sich kennenzulernen. Es bildeten sich Beziehungen, Romanzen, Freundschaften und Allianzen. Es war eine gute Zeit zum Reden und mehr �ber das zu erfahren, was w�hrend des Kongresses am Tage vorging. Es war sozusagen die Unterseite des Kongresses, die soziale Stunde, die da in den Betonr�umen verteilt war. Art geno� das. Und dann pflegte der Moment zu kommen, da er pl�tzlich an eine innere Wand stie�, ihn eine Welle von M�digkeit �berkam und er bisweilen nicht einmal mehr die Zeit hatte, in seine B�ros zur�ck zu stolpern zu der Couch dicht bei der von Nadia. Er w�lzte sich einfach auf den Boden und schlief dort. Dann erwachte er kalt und steif, eilte ins Bad, duschte, und schleuderte zur�ck in die K�che, um mit Kaffee und Java den Tag zu beginnen. So ging es immer rund. Seine Tage waren eine verschwommene Hetze. Es war herrlich.</p><empty-line/><p>Bei Sitzungen, die mehrere Themen behandelten, mu�ten die beauftragten Gruppen mit anspruchsvollen Fragen fertig werden. Ohne auf jegliche nationalen oder traditionellen politischen Einheiten zur�ckgreifen zu k�nnen stellte sich die Frage: wer beherrschte was? Und wie sollten sie das Lokale gegen das Globale ausbalancieren und Vergangenheit gegen Zukunft, die vielen Kulturen der Ahnen gegen die eine Kultur des Mars?</p><p>Sax, der dieses immer wieder aufkommende Problem von dem Raketenschiff zur Erde aus beobachtete, schickte eine Mitteilung mit dem Vorschlag, da� die Kuppelst�dte und �berdachten Canyons die haupts�chlichen politischen Einheiten werden sollten: Im Grunde Stadtstaaten, ohne gr��ere politische Einheiten au�er der globalen Regierung als solcher, die allein echt globale Belange regeln w�rde. Auf diese Weise w�rde es keine Nationalstaaten zwischen den lokalen und globalen Instanzen geben.</p><p>Die Reaktion auf diesen Vorschlag war recht positiv. Einerseits hatte er den Vorteil, zu der bereits existierenden Situation zu passen. Mikhail, Anf�hrer der Partei der Bogdanovisten, bemerkte, da� er eine Variante der alten Gemeinschaft von Kommunen darstellte; und weil Sax die Quelle dieser Anregung gewesen war, wurde er flugs der Plan des �Labors der Labore� genannt. Aber das zugrunde liegende Problem blieb noch offen, wie Nadia rasch erkl�rte. Alles, was Sax getan hatte, war die Definition dessen, was bei ihnen lokal und global war. Sie mu�ten immer noch entscheiden, wieviel Macht die vorgeschlagene globale F�deration �ber die vorgeschlagenen halbautonomen Stadtstaaten haben sollte. War es zu viel, dann war man wieder bei einem gro�en zentralisierten Staat angelangt, der Mars w�re selbst eine Nation�� ein Gedanke, der viele Delegationen abschreckte. �Aber bei zu wenig Kontrolle�, sagte Jackie nachdr�cklich in dem Workshop f�r Menschenrechte, �w�rde es Kuppeln geben, die Sklaverei f�r legal erkl�rten, oder die Verst�mmelung von Frauen oder irgendein anderes auf irgendeiner Barbarei der Erde beruhendes Verbrechen, das im Namen �kultureller Werte� entschuldigt w�rde. Und das ist einfach nicht akzeptabel.�</p><p>�Jackie hat recht�, erkl�rte Nadia�� was ungew�hnlich genug war��, um die Aufmerksamkeit des Volkes zu erregen. �Wenn Menschen behaupten, da� ihrer Kultur irgendein Grundrecht fremd ist, so stinkt das, ganz gleich, wer es sagt�� Fundamentalisten, Patriarchen, Leninisten, Metanats. Es ist mir egal, wer. Die werden hier nichts festzulegen haben, solange ich es verhindern kann.�</p><p>Art bemerkte, da� einige Delegierte �ber diese Meinung die Stirn runzelten, die sie ohne Zweifel als eine Version von westlichem s�kularem Relativismus ansahen oder vielleicht von John Boones Hyperamerikanismus. Bei der Opposition gegen die Metanats hatte es auch viele gegeben, die an �lteren Kulturen festzuhalten suchten�� diese hatten schlie�lich ihre Hierarchien oft recht gut intakt gehalten. Denjenigen, die am oberen Ende der Hierarchien standen, gefiel das. Aber ebenso einer erstaunlich gro�en Anzahl von Leuten, die weiter unten auf der Leiter standen.</p><p>Die jungen Eingeborenen des Mars machten �berraschte Gesichter, da� das �berhaupt ein Thema war. F�r sie waren die Grundrechte angeboren und unwiderruflich, und jede Herausforderung dagegen ber�hrte sie blo� wie eine weitere Schramme, die die Issei immer erkennen lie�en, als ein Ergebnis von deren traumatischer funktionsgest�rter terrestrischer Erziehung. Ariane, eine der prominentesten jungen Eingeborenen, stand auf und sagte, da� die Gruppe von Dorsa Brevia viele Dokumente von der Erde �ber die Menschenrechte studiert und eine eigene umfassende Liste geschrieben h�tte. Die neue Hauptliste fundamentaler Menschenrechte war zur Diskussion gestellt und, wie sie nahelegte, f�r pauschale Annahme bereit. Manche diskutierten �ber den einen oder anderen Punkt; aber es wurde allgemein akzeptiert, da� eine globale Charta der Menschenrechte auf den Tisch kommen m��te. Darum sollten die Werte des Mars so, wie sie im Marsjahr 52 existierten, codifiziert und zu einem prinzipiellen Bestandteil der Verfassung gemacht werden.</p><p>Die genauere Definition dieser Rechte war noch umstritten. Die sogenannten �politischen Rechte � wurden allgemein f�r �selbstevident� erkl�rt. Dinge, die die B�rger frei waren zu tun, Dinge, die die Regierungen zu tun verboten hatten, Habeas-Corpus-Akte, Freiheit der Bewegung, der Rede, der Vereinigung, der Religion, eine �chtung von Waffen�� all dies wurde von einer gro�en Mehrheit Eingeborener des Mars gebilligt, obwohl es einige Issei aus Singapur, Kuba, Indonesien, Thailand, China und so weiter gab, die so viel Nachdruck auf individuelle Freiheit seltsam fanden. Andere Delegierte waren zur�ckhaltend gegen�ber einer anderen Art von Recht, wie dem Recht auf Wohnung, auf gesundheitliche Versorgung, der sogenannten �sozialen� oder ��konomischen� Rechte wie des Rechts auf Erziehung, Arbeit, eines Anteils an den durch den Verbrauch nat�rlicher Ressourcen geschaffenen Werten etc. Viele Issei-Delegierte mit praktischer Erfahrung in terrestrischer Erziehung waren wegen dieser Rechte sehr besorgt und wiesen darauf hin, da� es gef�hrlich w�re, solche Dinge in der Verfassung zu verankern. Sie sagten, man h�tte das da und dort auf der Erde versucht; und als man dann festgestellt hatte, da� es unm�glich war, solche Versprechungen zu erf�llen, wurde die sie garantierende Verfassung als Propagandatrick verunglimpft und dann auch auf allen �brigen Gebieten verh�hnt, bis sie schlie�lich zu einem schlechten Scherz geworden war.</p><p>�Selbst wenn ihr euch keine Behausung leisten k�nnt�, sagte Mikhail in scharfem Ton, �ist es euer Recht, daf�r zu stimmen,- da� sie euch zustehen soll. Das ist doch ein schlechter Scherz.�</p><p>Die jungen Eingeborenen pflichteten ihm bei, ebenso wie viele andere dort. Damit waren auch �konomische und soziale Rechte auf dem Tisch; und mit ihnen die Debatten dar�ber, wie diese Rechte in der Praxis zu garantieren w�ren, die sich durch viele lange Sitzungen zogen. Nadias Meinung, was das anbelangte, war klar: �Politisch, sozial ist alles eins. Wir sollten sehen, da� alle Rechte funktionieren!�</p><empty-line/><p>So ging die Arbeit weiter, sowohl am gro�en Tisch als auch in den B�ros, wo sich die Untergruppen trafen. Selbst die UN waren in Person des UNTA-Chefs Donald Hastings pers�nlich vertreten, der mit dem Aufzug heruntergekommen war und lebhaft an den Debatten teilnahm. Seine Meinung hatte immer ein besonderes Gewicht. Er begann sogar, Symptome eines Geiselsyndroms zu zeigen, dachte Art. Er wurde n�mlich, je l�nger er mitten im Lagerhaus stand und mit den Leuten diskutierte, immer positiver eingestellt zu den laufenden Diskussionspunkten. Und das k�nnte auch seine Vorgesetzten auf der Erde beeinflussen.</p><p>Bemerkungen und Anregungen str�mten vom Mars genauso ein wie von der Erde. Sie f�llten etliche Schirme an einer Wand des gro�en Raums. Das Interesse an dem Kongre� war �berall rege und stand in der Aufmerksamkeit des Publikums sogar in Konkurrenz zu der gro�en �berschwemmung auf der Erde. �Die Seifenoper der Stunde�, machte Art sich gegen�ber Nadia lustig. Jede Nacht trafen die beiden sich in ihrer kleinen B�rosuite und riefen Nirgal und die anderen an. Die Verz�gerungen der Antworten der Reisenden wurden immer l�nger, aber das machte Art und Nadia nicht viel aus. Man hatte reichlich Zeit zum Nachdenken, wenn man darauf wartete, da� ein Teil des Gespr�chs von Sax und den anderen eintraf.</p><p>Eines Nachts, als sie sich zur�ckgezogen hatten, sagte Art: �Dieses Problem global gegen lokal l��t sich hart an. Ich halte es f�r einen realen Widerspruch. Ich meine, da� es nicht blo� das Resultat verwirrten Denkens ist. Wir brauchen gewi� irgendeine globale Kontrolle und wir brauchen auch Freiheit f�r die Zelte. Zwei unserer wichtigsten Werte stehen im Gegensatz zueinander.�</p><p>�Vielleicht l�st das System der Schweiz einige unserer Probleme�, schlug Nirgal einige Minuten sp�ter vor. �Das ist John Boones alte Idee.�</p><p>Aber die Schweizer auf Pavonis waren von dieser Idee nicht besonders angetan. J�rgen zog ein Gesicht und sagte: �Eher ein Gegenmodell. Der Grund, weshalb ich auf dem Mars bin, ist die Bundesregierung der Schweiz. Sie erstickt alles. Man braucht sogar eine Lizenz zum Atmen.�</p><p>�Die Kantone haben �berhaupt keine Macht mehr�, sagte Priska, �die Bundesregierung hat sie ihnen genommen.�</p><p>�In manchen Kantonen war es eine gute Sache�, f�gte J�rgen hinzu.</p><p>�Interessanter als Bern k�nnte Graub�nden sein�, sagte Priska. �Das hei�t die Graue Liga. Die waren Jahrhunderte lang eine lose Konf�deration von St�dten in der s�d�stlichen Schweiz. Eine sehr erfolgreiche Organisation.�</p><p>�W�rdet ihr alles zusammenstellen, was ihr dar�ber bekommen k�nnt?� fragte Art.</p><p>In der folgenden Nacht sahen er und Nadia die Beschreibungen �ber Graub�nden durch, die Priska her�bergeschickt hatte. Nun gut... W�hrend der Renaissance hatte es eine gewisse Einfachheit der Aff�ren gegeben, dachte Art. Vielleicht war das falsch; aber irgendwie schienen die extrem lockeren Vereinbarungen der kleinen Schweizer Gebirgsst�dte sich nicht gerade gut auf die dicht verflochtenen �konomien der Siedlungen des Mars �bertragen zu lassen. Graub�nden brauchte sich beispielsweise �ber das Aufkommen unerw�nschter Ver�nderungen im atmosph�rischen Druck keine Sorgen zu machen. Nein�� die Wahrheit war, da� sie sich in einer ganz neuen Situation befanden. Es gab keine historische Analogie, die f�r sie jetzt hilfreich sein k�nnte.</p><p>�Apropos global gegen lokal�� was ist mit dem Land au�erhalb der Kuppeln und �berdachten Canyons?� fragte Irishka. Sie war als die leitende, auf Pavonis gebliebene Rote hervorgetreten, eine Gem��igte, die f�r fast alle Fl�gel der Roten Bewegung sprechen konnte und deshalb im Verlauf der Wochen durchaus zu einer Macht geworden war. �Es handelt sich immerhin um das meiste Land auf dem Mars; und alles, was auf Dorsa Brevia dar�ber gesagt wurde, ist, da� kein Individuum es besitzen kann und da� wir alle gemeinsam seine Verwalter sind. Das ist f�r den Anfang ganz gut, f�hrt aber mit zunehmender Bev�lkerung und dem Bau neuer St�dte immer mehr zu dem Problem, wer die Kontrolle haben soll.�</p><p>Art seufzte. Das stimmte, die Frage war aber zu schwierig, um willkommen zu sein. K�rzlich hatte er beschlossen, den Gro�teil seiner t�glichen Bem�hungen darauf anzusetzen, was er und Nadia f�r das schlimmste offene Problem hielten, mit dem sie konfrontiert waren. Darum war er theoretisch froh, es jetzt zu erkennen. Manchmal war es jedoch einfach zu hart.</p><p>Wie in diesem Fall. Landnutzung, war der Einwand der Roten. Weitere Aspekte des global/lokalen Problems, aber ausgesprochen marsianisch. Es gab mal wieder keinen Pr�zedenzfall. Zumal es wahrscheinlich das schlimmste ungel�ste Problem war...</p><empty-line/><p>Art ging zu den Roten. Die drei, die ihn begr��ten, waren Marion, Irishka und Tiu, eine von Nirgals und Jackies Krippengenossen aus Zygote. Sie brachten Art zu ihrem Rovercamp, was ihn freute. Es bedeutete, da� er trotz seiner Praxis-Vergangenheit jetzt als eine neutrale und unvoreingenommene Figur angesehen wurde, ganz so, wie er es sich w�nschte. Ein gro�es, leeres Vehikel, voller Botschaften und durchgelassen.</p><p>Das Lager der Roten lag westlich der Lagerh�user am Rand der Caldera. Sie setzten sich mit Art in einem der gro�en Abteile im oberen Gescho� im Schein der sp�tnachmitt�glichen Sonne zusammen, redeten und schauten hinab auf die gigantische Silhouette der Caldera.</p><p>�Was m�chtet ihr also gern in dieser Verfassung sehen?� er�ffnete Art.</p><p>Er nippte an dem Tee, den man ihm gegeben hatte. Seine Gastgeber sahen einander an. Sie waren etwas aus der Fassung gebracht. Nach einer Weile sagte Marion: �Im Idealfall m�chten wir auf dem urspr�nglichen Planeten leben, in H�hlen oder Klippenwohnungen oder ausgegrabenen Kraterringen. Keine gro�en St�dte, kein Terraformen.�</p><p>�Ihr w�rdet die ganze Zeit Schutzanz�ge tragen m�ssen.�</p><p>�Das stimmt. Das macht uns nichts aus.�</p><p>�Gut.� Art dachte dar�ber nach. �Okay, aber la�t uns vom aktuellen Stand der Dinge ausgehen. Bei der jetzigen Situation, was m�chtet ihr, da� als N�chstes geschieht?�</p><p>�Kein weiteres Terraformen.�</p><p>�Das Kabel weg und keine weitere Einwanderung.�</p><p>�Es w�re wirklich sch�n, wenn gewisse Leute zur Erde zur�ckkehrten.�</p><p>Sie h�rten auf zu reden und sahen ihn an. Art bem�hte sich, seine Best�rzung nicht zu zeigen. Er sagte: �Ist nicht anzunehmen, da� die Biosph�re jetzt selbst�ndig weiter wachsen wird?�</p><p>�Das ist nicht klar�, erkl�rte Tiu. �Aber wenn ihr das industrielle Pumpen einstellen w�rdet, d�rfte jedes weitere Wachstum sehr langsam sein. Es k�nnte sich sogar r�ckl�ufig entwickeln, wie durch die jetzt beginnende Eiszeit.�</p><p>�Ist es nicht das, was manche Leute als �kopoesis bezeichnen?�</p><p>�Nein. Die �kopoeten benutzen blo� biologische Methoden, um Ver�nderungen in der Biosph�re und an der Oberfl�che zu bewirken, aber das sehr intensiv. Wir meinen, sie sollten alle aufh�ren�� �kopoeten oder Industrialisten oder was auch immer.�</p><p>�Aber besonders die schwerindustriellen Methoden�, warf Marion ein. �Und ganz besonders die �berflutung des Nordens. Das ist einfach kriminell. Wir werden diese Stationen in die Luft jagen, ganz gleich, was hier passiert, wenn sie nicht aufh�ren.�</p><p>Art zeigte auf die riesige steinige Caldera hinaus. �Die gr��eren Erhebungen sehen ziemlich gleich aus, nicht wahr?�</p><p>Sie waren nicht bereit, das zuzugeben. �Selbst das hohe Gel�nde zeigt Eisablagerungen und Pflanzenleben�, sagte Irishka. �Die Atmosph�re reicht hier weit hinauf, mu�t du bedenken. Kein Platz ist sicher, wenn die Winde stark sind.�</p><p>�Wie w�re es, die vier gro�en Calderas zu �berkuppeln?� schlug Art vor. �Sie unten steril halten, mit dem urspr�nglichen atmosph�rischen Druck und Luftgemisch? Sie w�rden riesige Wildnisparks ergeben, im echten urspr�nglichen Zustand erhalten.�</p><p>�Parks sind genau das, was sie sein w�rden.�</p><p>�Ich wei�. Aber wir m�ssen mit dem arbeiten, was wir jetzt haben, nicht wahr? Wir k�nnen nicht ins Marsjahr 1 zur�ckgehen und das Ganze neu anlaufen lassen. Und angesichts der gegenw�rtigen Situation k�nnte es gut sein, drei oder vier Pl�tze im Originalzustand zu bewahren, oder wenigstens nahezu so.�</p><p>�Es w�re sch�n, auch einige Canyons sch�tzen zu lassen�, sagte Tiu unentschlossen. Offenbar hatten sie diese M�glichkeit zuvor nicht erwogen, wie Art vermutete. Aber man konnte die derzeitige Lage nicht ignorieren. Hier mu�ten sie beginnen.</p><p>�Oder das Argyre-Becken.�</p><p>�Zumindest mu� man Argyre trocken halten.�</p><p>Art nickte ermutigend. �Ich denke, da� diese Art der Erhaltung der Atmosph�re dem Dokument von Dorsa Brevia Grenzen setzt. Sie wird den n�rdlichen Ozean nicht beseitigen. Aber das hat sowieso niemand vor. Irgendeine Form von �kopoesis ist ungef�hr das beste, war ihr derzeit erhoffen k�nnt. Nicht wahr?�</p><p>Vielleicht war das zu n�chtern ausgedr�ckt. Die Roten schauten ungl�cklich in die Caldera hinunter und machten sich ihre eigenen Gedanken.</p><p>�Die Roten machen also wohl mit�, sagte Art zu Nadia, als er ihr von dem Gespr�ch erz�hlte. �Was, meinst du, ist das n�chstschlimmste Problem?�</p><p>�Was?� Sie hatte fast geschlafen und von ihrem Computer blechernen alten Jazz angeh�rt. �O Art.� Ihre Stimme war leise und ruhig. Der russische Akzent war schwach, aber deutlich. Sie sa� zusammengerollt auf der Couch. Zu ihren F��en lag ein Haufen zusammengekn�lltes Papier. Wie Teile eines Puzzles, an dem sie arbeitete. Ein kleines und zuf�lliges Symbol f�r die Lebensweise des Mars. Ihr Gesicht war oval unter einer Kappe aus glattem wei�en Haar. Die Runzeln ihrer Haut wurden irgendwie schw�cher, als ob sie ein Kiesel im Strom der Jahre w�re. Sie �ffnete ihre gefleckten Augen, die unter ihren kosakischen Lidern strahlend und fesselnd hervorleuchteten. Ein sch�nes Gesicht, das Art jetzt vollkommen entspannt anblickte. �Das n�chstschlimmste Problem.�</p><p>�Ja.�</p><p>Sie l�chelte. Woher kam diese Ruhe, dieses entspannte L�cheln? Sie machte sich in diesen Tagen um nichts Sorgen. Art fand das angesichts des politischen Drahtseilaktes, den sie ausf�hrten, �berraschend. Aber schlie�lich war es ja Politik und nicht Krieg. Und so wie Nadia w�hrend der Revolution schrecklich ver�ngstigt gewesen war, immer angespannt, immer in Erwartung einer Katastrophe, so war sie jetzt relativ ruhig. Als ob sie sagen wollte: Nichts, was hier geschieht, kann wirklich schlimm werden. Pfuscht mit den Details herum soviel ihr wollt. Meine Freunde sind sicher, der Krieg ist vorbei. Was bleibt, ist eine Art Spiel: Konstruktionsarbeit voller Vergn�gen.</p><p>Art ging hinten um die Couch herum und massierte ihr die Schultern. �Tja, Probleme�, seufzte sie. �Nun, es gibt eine Menge Probleme, sie sind alle gleich z�h.�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel frage ich mich, ob die Mahjaris imstande sein werden, sich der Demokratie anzupassen. Ich frage mich, ob jeder die �ko-�konomie von Vlad und Marina akzeptieren wird. Ich frage mich, ob wir eine anst�ndige Politik machen k�nnen. Ich frage mich, ob Jackie versuchen wird, ein System mit einem starken Pr�sidenten zu schaffen oder ob sie versuchen wird, die zahlenm��ige �berlegenheit der Eingeborenen zu nutzen, um K�nigin zu werden.� Sie blickte �ber die Schulter und lachte �ber Arts Gesicht. �Ich mache mir Gedanken �ber viele Dinge. Soll ich fortfahren?�</p><p>�Vielleicht besser nicht.�</p><p>Sie lachte. �Ach, mach nur weiter. Das macht Spa�. Die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, sind wirklich nicht so ph�nomenal. Wir werden einfach weiter an den Tisch treten und sie bearbeiten. Vielleicht solltest du mit Zeyk reden.�</p><p>�Okay.�</p><p>�Aber jetzt k�mmere dich um meinen Nacken!�</p><empty-line/><p>Art ging, nachdem Nadia eingeschlafen war, noch in derselben Nacht zu Zeyk und Nazik. Er fragte: �Also, was halten die Mahjari von alledem?�</p><p>Zeyk knurrte: �Stell bitte nicht so bl�de Fragen! Sunniten k�mpfen mit Schiiten, der Libanon ist verw�stet, die �lreichen Staaten werden von den �larmen Staaten geha�t, die nordafrikanischen L�nder sind ein Metanat; Syrien und Irak hassen einander, mit Ausnahme der Schiiten; und wir alle hassen nat�rlich Israel und auch die Pal�stinenser, und obwohl ich aus �gypten komme, bin ich eigentlich Beduine, und wir hassen die Nil-�gypter und kommen auch eigentlich mit den Beduinen vom Jordan nicht gut zurecht. Wenn du mich also nach der Meinung der Araber fragst, was soll ich dir sagen?� Er sch�ttelte finster den Kopf.</p><p>�Ich verstehe, da� du das f�r eine dumme Frage h�ltst�, sagte Art. �Tut mir leid. Es ist eine schlechte Angewohnheit, in W�hlerschaften zu denken. Also: Was denkst du dar�ber?�</p><p>Nazik lachte. �Du k�nntest genausogut fragen, was der Rest der Qahiran denkt. Die kennt er ganz genau.�</p><p>�Sehr genau�, wiederholte Zeyk.</p><p>�Glaubst du, da� der Abschnitt �ber Menschenrechte bei ihnen ankommt?�</p><p>Zeyk runzelte die Stirn. �Ohne Zweifel werden wir die Verfassung unterzeichnen.�</p><p>�Aber diese Rechte... Ich dachte, es g�be noch keine arabischen Demokratien?�</p><p>�Wie meinst du denn das? Schlie�lich gibt es da Pal�stina, �gypten... Aber wir haben es hier mit dem Mars zu tun. Und hier hat jede Karawane von Anfang an ihren eigenen Staat gebildet.�</p><p>�Starke F�hrer, erbliche F�hrer?�</p><p>�Nicht erblich. Starke F�hrer�� ja. Wir denken nicht, da� die neue Verfassung das beenden wird. Warum sollte sie? Du bist selbst ein starker F�hrer, nicht wahr?�</p><p>Art lachte unbehaglich. �Ich bin blo� ein Bote.�</p><p>Zeyk sch�ttelte den Kopf. �Erz�hl das Antar! Dahin solltest du jetzt gehen, wenn du wissen willst, was die Qahiraner denken. Er ist jetzt unser K�nig.�</p><p>Er machte ein saures Gesicht, und Art sagte; �Er ist Jackies Kreatur. Weiter nichts.�</p><p>�Ich sollte meinen, es w�rde ein Schlag gegen ihn gef�hrt werden.�</p><p>Zeyk zuckte die Achseln.</p><p>Nazik sagte: �Es kommt darauf an, zu wem du sprichst. F�r die �lteren muslimischen Immigranten ist es eine schlechte Assoziation; denn obwohl Jackie sehr m�chtig ist, hat sie mehr als einen Gef�hrten, und darum sieht Antar... �</p><p>�Kompromittiert aus�, schlug Art vor und verhinderte weitere Worte seitens des finster blickenden Zeyk.</p><p>�Ja�, sagte Nazik. �Aber andererseits ist Jackie m�chtig. Und alle Leute, die jetzt die Partei Freier Mars f�hren, sind in einer Position, in dem neuen Staat noch m�chtiger zu werden. Das gef�llt den jungen Arabern. Sie sind mehr eingeboren als arabisch, denke ich. Der Mars ist ihnen wichtiger als der Islam.</p><p>Wenn man es so sieht, ist eine enge Assoziation mit den Ektogenen von Zygote eine gute Option. Die Ektogenen gelten als die nat�rlichen Anf�hrer des Mars, besonders nat�rlich Nirgal; aber da er zur Erde unterwegs ist, gibt es einen gewissen �bergang seines Einflusses auf Jackie und den Rest ihrer Schar. Und damit auch auf Antar.�</p><p>�Ich mag ihn nicht�, erkl�rte Zeyk.</p><p>Nazik l�chelte ihrem Gatten zu. �Es pa�t dir nicht, da� viele eingeborene Muslims eher ihm folgen als dir. Aber, Zeyk, wir sind alt. Es k�nnte Zeit sein, sich zur�ckzuziehen.�</p><p>�Ich sehe nicht ein, warum�, entgegnete Zeyk. �Wenn wir tausend Jahre zu leben haben, was f�r einen Unterschied machen da hundert Jahre?�</p><p>Art und Nazik lachten ihn an, und Zeyk l�chelte kurz. Es war das erste Mal, da� Art ihn l�cheln sah.</p><empty-line/><p>Tats�chlich spielte das Alter keine Rolle. Die Leute gingen umher, alt oder jung oder irgendwo dazwischen, plauderten und diskutierten; und es w�re seltsam gewesen, wenn die L�nge der Lebenszeit von jemandem bei solchen Diskussionen eine Rolle gespielt h�tte.</p><p>Um Jugend oder Alter ging es in der einheimischen Bewegung gar nicht. Wenn man auf dem Mars geboren war, sah man einfach anders aus, irgendwie areozentrisch in einer Weise, die kein Terraner ganz begreifen konnte. Nicht blo� wegen des ganzen Komplexes von Mars-Realit�ten. Denen waren sie von Geburt an ausgesetzt und kannten sich mit ihnen aus. Es gab aber eine andere Seite, die den Marsgeborenen unbegreiflich war, und auch dieses fehlende Wissen schlug sich in ihrer Erscheinung nieder. Es handelte sich dabei um die unendliche kulturelle Bandbreite und biologische Weite auf der Erde, die den Marsgeborenen einfach unvorstellbar war. Sie hatten die Fernsehbilder gesehen, aber das gen�gte nicht, da� sie sie h�tten erfassen k�nnen. Das war einer der Gr�nde gewesen, weshalb Art froh gewesen war, als Nirgal beschlossen hatte, an der diplomatischen Mission zur Erde teilzunehmen. Er wollte erfahren, mit was sie zu tun bek�men.</p><p>Die meisten Eingeborenen teilten dieses Interesse nicht. Und die Revolution war ihnen zu Kopf gestiegen. Trotz ihres Geschicks am gro�en Tisch bei der Ausarbeitung der Verfassung zu einer Form, die ihnen Vorrechte sichern w�rde, waren sie im Grunde irgendwie naiv. Sie hatten keine Ahnung, wie unwahrscheinlich ihre Unabh�ngigkeit war und wie leicht sie ihnen wieder genommen werden konnte. Und so tanzten sie unwissend auf der Schneide eines Fleischermessers, angef�hrt von Jackie, die so sch�n und enthusiastisch wie immer durch die Zimmer schwebte. Ihr Drang zur Macht war hinter ihrer Liebe zum Mars verborgen, genau wie hinter ihrer Hingabe an die Ideale ihres Gro�vaters und ihrem grunds�tzlichen guten Willen und sogar ihrer Unschuld. Das College-Girl, das leidenschaftlich f�r eine gerechte Welt eintrat.</p><p>So sah es jedenfalls aus. Aber sie und die Kollegen vom Freien Mars schienen genauso die Macht anzustreben. Es gab jetzt zw�lf Millionen Menschen auf dem Mars, von denen sieben Millionen dort geboren waren. Und bei fast einem jeden dieser Eingeborenen konnte man auf Unterst�tzung f�r die einheimischen nationalen Parteien rechnen, und das war gew�hnlich Freier Mars.</p><p>�Es ist gef�hrlich�, sagte Charlotte warnend, als Art dieses Thema bei der n�chtlichen Zusammenkunft mit Nadia zur Sprache brachte. �Wenn man ein Land aus einer Vielzahl von Gruppen gebildet hat, die einander nicht trauen, mit einer deutlichen Majorit�t, dann bekommt man eine Wahl nach K�pfen, wobei Politiker ihre Gruppen repr�sentieren, ihre Stimmen bekommen, und die Wahlergebnisse immer blo� eine Wiedergabe der Bev�lkerungszahlen darstellen. In dieser Situation geschieht immer wieder dasselbe. Die Mehrheitsgruppe hat ein Machtmonopol, und die Minorit�ten verlieren die Hoffnung und rebellieren schlie�lich. Die schlimmsten B�rgerkriege der Geschichte haben unter solchen Verh�ltnissen angefangen.�</p><p>�Was k�nnen wir also tun?� fragte Nadia.</p><p>�Nun, wir haben ja schon begonnen, indem wir Strukturen entwerfen, die die Macht besser verteilen und die Gefahren der Mehrheitsherrschaft mildern. Dezentralisation ist wichtig, denn sie schafft eine Art von kleinen lokalen Majorit�ten. Eine andere Strategie w�re die Erstellung eines Systems der Gewaltenteilung im Stil von Madison, so da� die Regierung ein Fadenspiel wetteifernder Kr�fte ist. Das nennt man Polyarchie. Hier ist das Geheimnis, die Macht auf so viele Gruppen wie m�glich zu verteilen.�</p><p>�Vielleicht sind wir aber gerade jetzt etwas zu polyarchisch�, gab Art zu bedenken.</p><p>�Vielleicht. Eine andere Taktik w�re, die Regierung zu entprofessionalisieren. Man k�nnte einen gro�en Teil der Regierung zu einer �ffentlichen Verpflichtung machen, wie die Teilnahme an einer Jury, und dann in einer Lotterie gew�hnliche B�rger f�r eine kurze Amtszeit einberufen. Die bekommen dann professionelle Unterst�tzung durch den Stab, treffen die Entscheidungen aber selbst.�</p><p>�Ich habe noch nie von so etwas geh�rt�, gestand Nadia.</p><p>�Kein Wunder. Das Modell wurde oft vorgeschlagen, aber nur selten verwirklicht. Aber ich halte es f�r erw�genswert. Es zielt dahin, Macht ebensosehr zu einer B�rde wie zu einer Last zu machen. Man steckt einen Brief in den Kasten�� o nein; man wird f�r zwei Jahre im Kongre� eingezogen. Das ist eine Belastung, aber andererseits auch eine Auszeichnung, eine Chance, zu dem �ffentlichen Diskurs etwas beizutragen. B�rgerregierung.�</p><p>�Das gef�llt mir�, sagte Nadia.</p><p>�Eine andere Methode, um die Herrschaft einer Majorit�t zu d�mpfen, ist die Abstimmung nach einer Version des australischen Verfahrens, wo die W�hler f�r zwei oder mehr Kandidaten in abgestufter Weise stimmen: erste, zweite und dritte Wahl. Die Kandidaten bekommen einige Punkte f�r zweite oder dritte Wahl und k�nnen damit Wahlen au�erhalb ihrer eigenen Gruppe gewinnen. Dadurch werden Politiker zur M��igung veranla�t; und auf lange Sicht kann es Vertrauen zwischen Gruppen schaffen, wo es das zuvor nie gegeben hat.�</p><p>�Interessant!� sagte Nadia. �Wie Gittertr�ger in einer Mauer.�</p><p>�Ja.� Charlotte erw�hnte einige Beispiele gebrochener Gesellschaftern auf der Erde, die ihre Risse durch eine geschickte Struktur der Regierung geheilt hatten: Azania, Cambodia, Armenien... Dabei sank Arts Stimmung etwas. Das waren alles L�nder mit einer sehr blutigen Geschichte gewesen.</p><p>�Es scheint, da� politische Strukturen nur diese Hilfestellung geben k�nnen�, sagte er.</p><p>�Stimmt�, sagte Nadia. �Aber wir haben es noch nicht mit all diesen alten Feindschaften zu tun. Das Schlimmste, was wir hier haben, sind die Roten; und die sind geschw�cht durch das bereits erfolgte Terraformen. Ich wette, man k�nnte diese Methoden benutzen, um sogar sie in den Proze� einzubinden.�</p><p>Sie war offenbar durch die von Charlotte geschilderten Optionen ermutigt. Es waren ja schlie�lich Strukturen. Ingenieurarbeit imagin�rer Art, die nichtsdestoweniger echter Ingenieurarbeit �hnelte. Also tastete Nadia weiter auf ihrem Bildschirm und skizzierte Entw�rfe wie f�r den Bau eines Hauses. Dabei zog ein kleines L�cheln um ihre Mundwinkel.</p><p>�Du bist gl�cklich�, sagte Art.</p><p>Sie h�rte ihn nicht. Aber in dieser Nacht sagte sie bei ihrem n�chtlichen Gespr�ch zu Sax: �Es ist wirklich sch�n zu sehen, da� politische Wissenschaft in all diesen Jahren etwas N�tzliches erbracht hat. Das finde ich gut.�</p><p>Acht Minuten sp�ter kam seine Antwort. �Ich habe nie begriffen, warum sie die so nennen.�</p><p>Nadia lachte, und der Klang erf�llte Art mit Gl�ck. Nadia Tscherneschewski, die entz�ckt lachte! Pl�tzlich war sich Art sicher, da� sie es schaffen w�rden.</p><p>Diese Stimmung hielt auch noch an, als er wieder an den runden Tisch zur�ckkehrte, um das n�chstschlimmste Problem anzupacken. Das brachte ihn wieder auf den Teppich zur�ck. Es gab hundert n�chstschlimmste Probleme, alle waren klein�� bis man daranging. Dabei wurden sie unl�sbar.</p><p>Bei all dem Geraufe war es sehr schwer, irgendwelche Anzeichen wachsender �bereinstimmung zu erkennen. Auf manchen Gebieten schien es sogar schlimmer zu werden. Die mittleren Punkte des Dorsa-Brevia-Dokuments machten Schwierigkeiten. Je mehr Leute sie erwogen, desto radikaler wurden die. Viele aus der Tischrunde vertraten deutlich die Meinung, da� das �ko-soziale System von Vlad und Marina, obwohl es f�r den Untergrund funktioniert hatte, nichts sei, was man in der Verfassung kodifizieren k�nne. Manche klagten, es behindere die lokale Autonomie, andere hatten mehr Zutrauen in die traditionelle kapitalistische Wirtschaft als in irgendein neues System. Antar sprach oft f�r diese letztere Gruppe, wobei Jackie neben ihm sa�, offensichtlich zur Unterst�tzung. Dies zusammen mit seinen Verbindungen zur arabischen Gemeinschaft verlieh seinen Ausf�hrungen doppeltes Gewicht; und die Leute horchten auf. Eines Tages erkl�rte er am runden Tisch, sein Thema wiederholend: �Diese neue �konomie, die hier vorgeschlagen wird, ist ein radikales und noch nie dagewesenes Eindringen einer Regierung in die Wirtschaft.�</p><p>Pl�tzlich stand Vlad Taneev auf. Antar h�rte �berrascht auf zu sprechen und schaute hin�ber.</p><p>Vlad funkelte ihn an. Untersetzt, mit massigem Kopf und zottigen Augenbrauen, sprach Vlad selten, wenn �berhaupt, in der �ffentlichkeit. Langsam verstummte der gr��ere Teil des Lagerhauses und beobachtete ihn. Art empfand ein Beben der Besorgnis. Von all den gl�nzenden Geistern unter den Ersten Hundert war Vlad vielleicht der brillanteste�� au�er vielleicht der geheimnisvollen Hiroko. Schon alt, als sie die Erde verlie�en, hatte Vlad ganz privat die Acheron-Labors gebaut und war danach so lange wie m�glich dort geblieben. Jetzt lebte er dort abgesondert mit Ursula Kohl und Marina Tokareva, zwei weiteren der Gro�en Ersten. Niemand wu�te etwas Genaueres �ber diese drei. Sie waren die Illustration eines Grenzfalls der inselhaften Natur der Beziehungen anderer Leute. Aber dadurch wurde Ger�chten nat�rlich nicht Einhalt geboten�� im Gegenteil. Die Leute redeten die ganze Zeit �ber sie. Eine Theorie war, da� Marina und Ursula das eigentliche Paar bildeten, w�hrend Vlad eine Art Freund oder Scho�tier w�re; oder da� Ursula den gr��ten Teil der Arbeit ah der Langlebigkeitsbehandlung geleistet h�tte und Marinas Hauptbeitrag auf wirtschaftlichem Gebiet l�ge; oder da� sie ein perfekt ausgeglichenes gleichseitiges Dreieck w�ren, das bei allem zusammenarbeitete, das von Acheron herausk�me; oder auch, da� Vlad ein Bigamist w�re, der zwei Frauen als Aush�ngeschilder f�r seine Arbeit auf den getrennten Feldern von Biologie und �konomie benutzte. Aber niemand wu�te das genau; denn keiner der drei lie� jemals ein Wort dar�ber verlauten.</p><p>Wenn man ihn aber beobachtete, wie er dort am Tisch stand, kam einem ganz unwillk�rlich der Verdacht, da� die Ansicht, er sei ein Strohmann, falsch war. Er schaute sich langsam mit scharfem Blick um und packte sie alle, ehe er das Auge wieder auf Antar richtete.</p><p>Er erkl�rte k�hl: �Was du �ber Regierung und Wirtschaft gesagt hast, ist absurd.� Das war ein Ton, den man bis dahin im Kongre� kaum vernommen hatte�� ver�chtlich und abweisend. �Regierungen regeln immer den Ablauf der Gesch�fte, die sie zulassen. Wirtschaft ist eine legale Sache, ein System von Gesetzen. Bisher haben wir das im Untergrund des Mars eine Sache des Gesetzes genannt. Demokratie und Selbstregierung sind die angeborenen Rechte einer jeden Person; und diese Rechte sind am Arbeitsplatz nicht aufgehoben. Du��� er machte eine Handbewegung zum Zeichen, da� er Antars Namen nicht kannte��, �glaubst du an Demokratie und Selbstregierung?�</p><p>�Ja!� sagte Antar abwehrend.</p><p>�Glaubst du an Demokratie und Selbstregierung als Grundwerte, die die Regierung f�rdern sollte?�</p><p>�Ja!� wiederholte Antar. Er sah immer verdrie�licher aus.</p><p>�Sehr gut. Wenn Demokratie und Selbstregierung die Grundwerte sind, warum sollte das Volk dann diese Rechte aufgeben, wenn es seinen Arbeitsplatz betritt? In der Politik k�mpfen wir wie die Tiger um Freiheit, f�r das Recht, unsere F�hrer zu w�hlen, f�r Freiz�gigkeit, f�r freie Wahl des Wohnsitzes, Wahl unserer Arbeit... kurzum die Wahl, unser Leben zu f�hren. Und dann wachen wir auf, und alle diese Rechte verschwinden. Wir bestehen nicht mehr darauf. Und so kehren wir f�r den gr��ten Teil des Tages zum Feudalismus zur�ck. Das ist n�mlich Kapitalismus: eine Version des Feudalismus, in der das Kapital das Land ersetzt und die Wirtschaftsf�hrer die K�nige. Aber die Hierarchie bleibt. Und so liefern wir immer noch das Ergebnis von unserer H�nde Arbeit unter Zwang ab, um Herrscher zu ern�hren, die keine echte Arbeit leisten.�</p><p>�Wirtschaftsf�hrer arbeiten auch�, entgegnete Antar scharf. �Und sie tragen die finanziellen Risiken.�</p><p>�Das sogenannte Risiko des Kapitalisten ist nur eines der Privilegien des Kapitals.�</p><p>�Management... �</p><p>�Ja, ja. Unterbrich mich nicht! Management ist eine reale, technische Angelegenheit. Aber sie kann von den Arbeitern ebenso gut erledigt werden, wie durch Kapital. Kapital an sich ist nur das n�tzliche �berbleibsel des Werks fr�herer Arbeiter und k�nnte ebenso gut einem jeden geh�ren wie wenigen. Es gibt keinen Grund, weshalb eine winzige Minderheit das Kapital besitzen und jeder andere deshalb ihr zu Diensten sein sollte. Es gibt keinen Grund, der legitimiert, da� sie uns gerade mal die Existenzgrundlage zugestehen und alles andere, was wir produzieren, f�r sich behalten. Nein! Das System der sogenannten kapitalistischen Demokratie ist im Grunde �berhaupt nicht demokratisch. Darum konnte es sich so rasch in das metanationale System verwandeln, in dem die Demokratie immer schw�cher und Kapitalismus immer st�rker wurde. In dem ein Prozent der Bev�lkerung die H�lfte des Reichtums besa� und f�nf Prozent der Bev�lkerung f�nfundneunzig Prozent der verbleibenden H�lfte f�r sich beanspruchten. Die Geschichte hat uns gelehrt, welche Werte in jenem System real waren. Und das Traurige ist, da� das dadurch verursachte Unrecht und Leid keineswegs notwendig waren, weil es schon seit dem achtzehnten Jahrhundert die Mittel gegeben hat, f�r alle die Lebensgrundlage zu liefern.</p><p>Wir m�ssen ver�ndern. Es ist an der Zeit. Wenn Selbstherrschaft ein Grundwert ist, dann gibt es diesen Wert �berall, einschlie�lich des Arbeitsplatzes, an dem wir so viel Zeit unseres Lebens verbringen. Das ist es, was Punkt vier der �bereinkunft von Dorsa Brevia aussagt. Es hei�t darin, da� das Werk jedermanns sein Eigentum ist, dessen Wert nicht annektiert werden kann.</p><p>Es besagt, da� die verschiedenen Formen der Produktion jenen geh�ren, die sie geschaffen haben, und zum gemeinsamen Gut der k�nftigen Generationen z�hlen. Es hei�t darin weiter, die Welt sei etwas, das wir alle gemeinsam pflegen. In unseren Jahren auf dem Mars haben wir ein �konomisches System entwickelt, das all diese Versprechen halten kann. Das ist unser Werk der letzten f�nfzig Jahre. In dem von uns entwickelten System sollen alle wirtschaftlichen Unternehmen kleine Kooperativen sein, Eigentum der Arbeiter und von niemand sonst. Die heuern ihr Management an oder managen selbst. Industriegilden und Ko-op-Vereinigungen werden die gr��eren Strukturen bilden, die notwendig sind, um Handel und Markt zu regeln, Kapital zu teilen und Kredit zu schaffen.�</p><p>�Das sind doch blo�e Ideen�, erwiderte Antar �rgerlich. �Utopismus und nichts weiter.�</p><p>�Keineswegs.� Wieder winkte Vlad ab. �Das System gr�ndet sich auf Modelle aus der terranischen Geschichte, und seine verschiedenen Teile sind alle auf beiden Welten erprobt worden und sehr erfolgreich gewesen. Du wei�t davon nichts, und daf�r gibt es Gr�nde. Erstens kennst du die Beispiele nicht, und zweitens ignoriert und bestreitet der Metanationalismus beharrlich alle Alternativen zu sich selbst. Aber das meiste unserer Mikro-�konomie wird seit Jahrhunderten im spanischen Mondragon praktiziert. Die verschiedenen Teile der Makro-�konomie wurden in der pseudometanationalen Praxis benutzt, in der Schweiz, im indischen Staat Kerala, in Bhutan, im italienischen Bologna und an vielen anderen Orten, einschlie�lich des Mars-Untergrundes selbst. Diese Organisationen waren die Vorl�ufer unseres Systems, das auf eine Weise demokratisch sein wird, die der Kapitalismus nie auch nur in Erw�gung gezogen hat.�</p><p>Eine Synthese von Systemen. Und Vladimir Taneev war ein sehr gro�er Synthetiker. Man sagte zum Beispiel, da� alle Komponenten der Langlebigkeitsbehandlung schon dagewesen w�ren und da� Vlad und Ursula sie blo� zusammengef�gt h�tten. Jetzt bei seiner �konomischen Arbeit mit Marina behauptete er, dasselbe gemacht zu haben. Und obwohl er die Langlebigkeitsbehandlung in dieser Diskussion nicht erw�hnt hatte, stand sie doch im Raum wie der Tisch selbst, eine gro�e zusammengeflickte Leistung und Teil vom Leben aller. Art schaute sich um und hatte den Eindruck, er k�nnte die Leute nachdenken sehen. Nun, Vlad hatte es einmal in der Biologie getan; und es hatte funktioniert. Konnte �konomie schwieriger sein?</p><p>Wieder dieser nicht ausgesprochene Gedanke, dieses ungedachte Gef�hl. Antars Einw�nde schienen kein Gewicht zu haben. Die Verfolgung des metanationalen Kapitalismus im letzten Jahrhundert sprach wenig daf�r. Im letzten Jahrhundert hatte er einen massiven Krieg heraufbeschworen, der die Erde aufgefressen und ihre Gesellschaften zerrissen hatte. Warum sollte man f�r die Mars-Chronik nicht etwas Neues probieren?</p><p>Jemand von Hiranyagarbha stand auf und erhob einen Einwand aus der entgegengesetzten Richtung, indem er bemerkte, da� sie die Geschenkewirtschaft aufzugeben schienen, durch die der Untergrund des Mars gelebt hatte.</p><p>Vlad sch�ttelte ungeduldig den Kopf. �Ich versichere euch, da� ich an die �konomie des Untergrundes glaube; aber die ist immer gemischt gewesen. Der Austausch von Geschenken hat immer gleichzeitig mit Geldaustausch existiert, in dem neoklassische Marktrationalit�t, das hei�t der Profitmechanismus, umklammert und von der Gesellschaft so zusammengehalten war, da� er h�heren Werten diente�� wie Gerechtigkeit und Freiheit. �konomische Rationalit�t ist einfach nicht der h�chste Wert. Sie ist ein Werkzeug zur Berechnung von Kosten und Gewinnen, nur Teil einer gr��eren Gleichung, die das menschliche Wohlergehen betrifft. Diese gr��ere Gleichung nennt man gemischte �konomie; und das ist es, was wir hier konstruieren. Wir schlagen ein komplexes System mit �ffentlichen und privaten Sph�ren wirtschaftlicher Aktivit�t vor. Es kann sein, da� wir die Leute bitten werden, w�hrend ihres Lebens etwa ein Jahr dem �ffentlichen Wohl zu schenken, in etwa dem Nationaldienst in der Schweiz entsprechend. Dieses Arbeitspotential, plus Steuern auf private Kooperativen f�r die Nutzung des Landes und seiner Ressourcen, wird uns bef�higen, die sogenannten sozialen Rechte zu garantieren, �ber die wir diskutiert haben: Wohnung, gesundheitliche Versorgung, Ern�hrung, Bildung�� Dinge, die nicht der Gnade der Rationalit�t des Marktes unterworfen sein sollten. Denn <emphasis>la salute non sipaga,</emphasis> wie die italienischen Arbeiter zu sagen pflegten. Gesundheit ist nicht k�uflich!!�</p><p>Das war f�r Vlad besonders wichtig, wie Art sehen konnte. Es ergab auch Sinn; denn in der metanationalen Ordnung war Gesundheit meistens k�uflich gewesen; nicht nur medizinische Behandlung, Ern�hrung und Behausung, sondern vor allem die geriatrische Behandlung selbst, die bisher nur jenen zuteil geworden war, die sie sich leisten konnten. Vlads gr��te Erfindung war, mit anderen Worten, zum Besitz der Privilegierten geworden, der obersten Klasse. Langes Leben oder fr�her Tod, Physikalisierung einer Klasse, die fast einer anderen Spezies �hnelte. Kein Wunder, da� er �rgerlich war. Kein Wunder, denn er hatte alle seine Bem�hungen darauf gerichtet, ein �konomisches System zu entwerfen, das die Langlebigkeitsbehandlung aus ihrer katastrophalen Position zu befreien und zu einem Segen umwandeln sollte, der allen zug�nglich war.</p><p>�Also wird dem Markt nichts �berlassen bleiben�, sagte Antar.</p><p>�Nein, nein, nein!� sagte Vlad und gestikulierte Antar w�tender zu denn je. �Der Markt wird immer existieren. Er ist der Mechanismus, durch den Dinge und Dienste ausgetauscht werden. Der Wettbewerb, das beste Produkt zum besten Preis zu liefern, ist unvermeidlich und gesund. Aber auf dem Mars wird er von der Gesellschaft auf aktivere Weise gelenkt werden. Es wird f�r lebenswichtige Dinge einen Status der Profitfreiheit geben; und dann wird der freie Teil des Marktes von der Existenzbasis hin zu den nicht existentiellen Dingen gelenkt werden. In diesem Bereich k�nnen dann die Kooperativen, die im Besitz der Arbeiter sind, wirken und versuchen, was immer sie wollen. Wenn die Grundlagen gesichert sind und wenn die Arbeiter ihre eigenen Gesch�fte betreiben�� warum nicht? Wir reden hier immerhin von einem Neuerschaffungsproze�.�</p><p>Jackie, die Vlads Ablehnung von Antar �rgerte und die vielleicht den alten Mann ablenken oder zurechtweisen wollte, fragte: �Was ist mit den �kologischen Aspekten dieser �konomie, die du so herausgestrichen hast?�</p><p>�Die sind fundamental�, erwiderte Vlad. �Punkt Drei von Dorsa Brevia erkl�rt, da� das Land, die Luft und das Wasser niemandem geh�ren und da� wir deren Haushalter f�r alle k�nftigen Generationen sind. Diese Betreuung liegt in der Verantwortung eines jeden; aber im Falle von Konflikten schlagen wir strenge Umweltgerichte vor, die die realen und vollst�ndigen Kosten �konomischer Aktivit�ten f�r die Umwelt beurteilen und bei der Koordinierung und den Kostenvoranschl�gen f�r Projekte helfen, die Einflu� auf die Umwelt haben.�</p><p>�Das ist doch aber blo� eine geplante Struktur!� rief Antar.</p><p>��konomien sind Pl�ne. Der Kapitalismus hat welche gehabt, und der Metanationalismus hat alles zu verplanen versucht. Nein, ein Wirtschaftssystem ist ein Plan.�</p><p>Antar sagte, frustriert und w�tend: �Das ist doch einfach nur eine Wiederkehr des Sozialismus.�</p><p>Vlad zuckte die Achseln. �Der Mars ist eine neue Gemeinschaft. Die Namen fr�herer Gesamtheiten sind tr�gerisch. Sie sind kaum mehr als theologische Fachausdr�cke. Es gibt in diesem System nat�rlich Elemente, die man sozialistisch nennen k�nnte. Wie sonst k�nnte man aus der Wirtschaft die Ungerechtigkeit beseitigen? Aber private Unternehmungen werden im Besitz ihrer Arbeiter sein, anstatt nationalisiert zu werden; und das ist kein Sozialismus�� zumindest nicht so, wie er gew�hnlich auf der Erde aussah. Und alle Kooperativen sind Gesch�ftsunternehmen, kleine Demokratien, die dem einen oder anderen Werk gewidmet sind und alle Kapital brauchen. Aber in unserem System werden die Arbeiter das Kapital anmieten, und nicht umgekehrt. Dieser Weg ist demokratischer und gerechter als alle anderen, die wir analysiert haben. Ihr m��t mich verstehen: Wir haben versucht, jede Eigenschaft dieses Systems danach zu bewerten, wie gut es uns hilft, die Ziele von mehr Freiheit und Gerechtigkeit zu erreichen. Gerechtigkeit und Freiheit widersprechen einander nicht so sehr, wie behauptet wurde; denn Freiheit in einem ungerechten System verdient noch nicht einmal den Namen. Beide verschmelzen. Und es ist m�glich! Es ist nur Sache der Einf�hrung eines besseren Systems durch Kombination von Elementen, die erprobt sind und gezeigt haben, da� sie funktionieren. Das verleiht ihnen den Impuls daf�r. Wir haben uns vor siebzig Jahren auf diese Gelegenheit vorbereitet. Und jetzt, da die Chance gekommen ist, sehe ich keinen Grund zur�ckzuweichen, blo� weil jemand vor ein paar alten Worten zur�ckschreckt. Falls ihr spezifische Vorschl�ge f�r Verbesserungen habt, wollen wir sie gern h�ren.�</p><p>Vlad blickte lange und fest auf Antar. Aber Antar sprach nicht. Er hatte keine spezifischen Vorschl�ge.</p><p>Der Raum war erf�llt von gespanntem Schweigen. Es war das erste und einzige Mal in dem Kongre�, da� einer der Issei aufgestanden war und in �ffentlicher Debatte einen der Nisei heruntergeputzt hatte. Die meisten Issei bevorzugten eine subtilere Linie. Aber jetzt war einer der alten Radikalen wild geworden und aufgestanden, um einen der neokonservativen jungen Kraftmeier fertig zu machen, die jetzt so taten, als bef�rworteten sie eine neue Version der alten Hierarchie aus eigens�chtigen Motiven. Ein Gedanke, der sehr gut durch Vlads langen Blick �ber den Tisch auf Antar zum Ausdruck kam, voller Mi�fallen, was dessen reaktion�re Selbstsucht und seine Feigheit angesichts der bevorstehenden Ver�nderung anbelangte. Vlad setzte sich, und Antar war erledigt.</p><p>Aber sie diskutierten weiter. Konflikt, Metakonflikt, Details, Grunds�tzliches. Alles war auf dem Tisch, einschlie�lich eines K�chenausgusses aus Magnesium, den jemand vor drei Wochen auf einem Segment des gro�en Tisches angebracht hatte.</p><p>Und wirklich waren die Delegierten in dem Lagerhaus nur die Spitze des Eisbergs, der sichtbare Teil einer gigantischen Debatte zweier Welten. �berall auf dem Mars und an den meisten Stellen der Erde wurde jede Minute der Konferenz live �bertragen. Und obwohl diese aktuelle Sendung in Echtzeit eine gewisse dokumentierende Langweiligkeit an sich hatte, stellte Mangalavid einen t�glichen Film der Highlights zusammen, der in jeder Nacht w�hrend des Zeitrutsches gezeigt und zwecks weitester Verteilung zur Erde gesendet wurde. Er wurde �die gr��te Show auf Erden�, wie ein amerikanisches Programm ihn etwas drollig bezeichnete. �Vielleicht haben die Leute auf der Erde den alten Mist im TV satt�, sagte Art eines Nachts zu Nadia, als sie einen kurzen und wild verzerrenden Bericht �ber die Verhandlungen des Tages im amerikanischen TV anschauten.</p><p>�Oder in der Welt.�</p><p>�O ja, stimmt. Sie wollen etwas anderes zum Nachdenken haben.�</p><p>�Oder aber sie denken dar�ber nach, was sie tun k�nnten�, meinte Nadia. �So, da� wir ein Modell in kleinem Ma�stab sind. Leichter zu verstehen.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Auf jeden Fall sahen die beiden Welten zu; und der Kongre� wurde�� neben allem, was er sonst war�� eine t�gliche Seifenoper, die aber f�r ihre Zuschauer irgendwie eine besondere Attraktion bot, indem sie auf seltsame Weise den eigentlichen Schl�ssel f�r deren Leben enthielt. Und vielleicht als ein Ergebnis taten Tausende von Zuschauern mehr, als nur zu beobachten. Kommentare und Vorschl�ge str�mten herein; und obwohl es die meisten Leute auf Pavonis f�r unwahrscheinlich hielten, da� etwas, das mit der Post einging, eine aufr�ttelnde Wahrheit enthielt, an die sie nicht gedacht h�tten, wurden alle Mitteilungen von Gruppen Freiwilliger in Sheffield und S�d-Fossa gelesen, welche einige Vorschl�ge �auf den Tisch� durchgehen lie�en. Manche Leute waren sogar daf�r, alle diese Anregungen in die endg�ltige Verfassung aufzunehmen. Sie wollten kein �statisch legales DokumentA sondern eine gr��ere Sache, eine durch Zusammenarbeit entstandene philosophische oder gar spirituelle Verlautbarung, die ihre Werte, Ziele, Tr�ume und �berlegungen ausdr�cken sollte. Nadia wandte ein: �Das w�re keine Verfassung, sondern eine Kultur. Wir sind hier nicht die Bibliothek.� Aber ob aufgenommen oder nicht�� es gingen weiter lange Communiques ein, von den Kuppeln und den Canyons und den �berschwemmten K�stengebieten der Erde, unterschrieben von Einzelpersonen, Komitees und Bev�lkerungen ganzer St�dte.</p><p>Die Diskussionen im Lagerhaus waren ebenso weitgespannt wie in der eingehenden Post. Ein chinesischer Abgeordneter trat an Art heran und sprach zu ihm in Mandarin. Als er eine kleine Pause machte, begann sein Computer in einem angenehmen schottischen Akzent zu sprechen. �Um die Wahrheit zu sagen, ich bezweifle immer mehr, ob Sie das wichtige Buch von Adam Smith <emphasis>Untersuchung �ber die Natur und die Ursachen des Nationalreichtums</emphasis> gen�gend zu Rate gezogen haben.�</p><p>�Sie k�nnten recht haben�, sagte Art und verwies den Mann an Charlotte.</p><p>Viele der Abgesandten im Lagerhaus benutzten andere Sprachen als Englisch und verlie�en sich f�r die �bersetzung auf Computer, um mit den anderen zu kommunizieren. In jedem Augenblick gab es Gespr�che in einem Dutzend verschiedener Sprachen, und die �bersetzungsger�te wurden ausgiebig genutzt. Art empfand sie noch als etwas ablenkend. Er w�nschte, es w�re m�glich, all diese Sprachen zu beherrschen, auch wenn die j�ngsten Generationen k�nstlicher �bersetzer wirklich recht gut waren: Angenehm modulierte Stimmen, umfangreiche und exakte W�rterb�cher, die Phrasierung, die fr�here �bersetzungsprogramme zu einem so gro�en Gesellschaftsspiel gemacht hatte, war fast frei von Fehlern. Die neuen waren so gut geworden, da� es m�glich schien, die Vorherrschaft der englischen Sprache, die eine fast monoglotte Marskultur geschaffen hatte, k�nnte anfangen zu schwinden. Die Issei hatten nat�rlich alle Sprachen mitgebracht, aber Englisch war ihre Lingua franca gewesen. Darum hatten die Nisei Englisch benutzt, um untereinander zu kommunizieren, w�hrend sie ihre �prim�ren� Sprachen nur gebrauchten, um mit ihren Eltern zu sprechen. Darum war f�r einige Zeit Englisch die heimische Sprache der Eingeborenen geworden. Aber jetzt mit den neuen �bersetzern und einem steten Strom von Einwanderern, die das volle Spektrum terranischer Sprachen benutzten, sah es aus, als ob sich die Dinge wieder �ndern k�nnten, da die neuen Nisei bei ihren urspr�nglichen Sprachen blieben und elektronische Dolmetscher benutzten.</p><p>Diese linguistische Situation verdeutlichte Art eine Komplexit�t in der einheimischen Bev�lkerung, die er vorher nicht bemerkt hatte. Manche Eingeborene waren Yonsei, vierte Generation oder j�nger, und ganz entschieden Kinder des Mars. Aber andere Eingeborene hatten genau dasselbe Alter wie die Nisei als Kinder sp�terer Issei-Immigranten und neigten zu engeren Bindungen mit den terranischen Kulturen, aus denen sie stammten, samt all dem damit verbundenen Konservatismus. Somit gab es neue eingeborene �Konservative� und eingeborene �Radikale� aus alten Siedlerfamilien, wie man sagen konnte. Und diese Spaltung war manchmal mit v�lkischer oder nationaler Zugeh�rigkeit verkn�pft, sofern das ihnen �berhaupt etwas bedeutete.</p><p>Eines Nachts sprach Art mit einigen von ihnen�� die eine bef�rwortete die globale Regierung, der andere war ein Anarchist, der hinter allen lokalen Autonomievorhaben stand, und er fragte sie nach ihrer Herkunft. Der Vater der Globalistin war halb Japaner, ein Viertel Ire und ein Viertel aus Tansania. Ihre Mutter hatte eine griechische Mutter gehabt und einen Vater mit Eltern aus Columbien und Australien. Der Anarchist hatte einen nigerianischen Vater und eine Mutter aus Hawaii und hatte damit eine gemischte Ahnenreihe von den Philippinen, Japan, Polynesien und Portugal. Art schaute sie an. Wenn man in Kategorien ethnischer Stimmbl�cke denken wollte�� wie w�rde man diese Leute einordnen? Das ging nicht. Sie waren Eingeborene des Mars. Nisei, Sansei, Yonsei�� welche Generation auch immer, sie waren gro�enteils durch ihre Eindr�cke auf dem Mars geformt�� areoformt, wie Hiroko es immer vorausgesagt hatte. Sie hatten oft innerhalb ihres nationalen oder ethnischen Hintergrundes geheiratet, aber viel mehr nicht. Und ungeachtet ihrer Abstammung tendierten ihre politischen Ansichten nicht dazu, diesen Hintergrund zu reflektieren (Art fragte sich, wie man sich die gr�ko-columbianisch-australische Position vorzustellen hatte), sondern ihre eigene Erfahrung. Diese war an sich recht vielf�ltig. Manche waren im Untergrund aufgewachsen, andere in den von der UN kontrollierten gro�en St�dten und hatten erst sp�ter im Leben des Untergrundes oder sogar erst unmittelbar bei der Revolution bemerkt, was im Gange war. Diese Unterschiede wirkten dahin, sie viel mehr zu beeinflussen als der zuf�llige Fakt, wo ihre terranischen Vorfahren gelebt hatten.</p><p>Art nickte, als die Eingeborenen ihm diese Dinge bei den langen durch Kava angeregten Parties, die bis tief in die Nacht liefen, erkl�rten. Bei diesen Parties waren die Leute zunehmend gut gelaunt, da der Kongre�, wie sie meinten, gut verlief. Sie nahmen die Debatten unter den Issei nicht sehr ernst. Sie waren zuversichtlich, da� ihre Ansichten sich im Kern durchsetzen w�rden. Der Mars w�rde unabh�ngig werden und von Marsianern regiert werden. Die Vorstellungen der Erde w�rden keine Rolle spielen. Alles weitere war nur noch eine Frage der Details. So gingen sie in den Komitees an ihre Arbeit, ohne den philosophischen Argumenten am runden Tisch viel Beachtung zu schenken. �Die alten Hunde knurren weiter�, lautete eine Mitteilung auf dem gro�en Anschlagebrett. Das schien eine allgemeine Ansicht der Eingeborenen auszudr�cken. Und die Arbeit in den Komitees ging weiter.</p><p>Das gro�e Anschlagebrett war ein sehr guter Indikator der Stimmung des Kongresses. Art las es wie die Kleinanzeigen in der Zeitung, und eines Tages stand da die Mitteilung: �Du liebst chinesisches Essen.� Gew�hnlich waren die Anzeigen allerdings eher politischer Natur. Oft wurden in den vorangegangenen Konferenztagen diskutierte Dinge kommentiert, wie: �Keine Kuppel ist eine Insel.��� �Wenn du dir keine Behausung leisten kannst, ist das Stimmrecht ein schlechter Scherz.��� �Abstand halten, keine Geschwindigkeits�nderung, keine Zusammenst��e!��� <emphasis>�La salute non sipaga.�</emphasis> Dann gab es Dinge, die nicht gesagt worden waren: �Benimm dich gegen�ber anderen!��� �Die Roten haben gr�ne Wurzeln.��� �Die gr��te Show auf Erde.��� �Keine K�nige, keine Pr�sidenten.��� �Der Gro�e Mann ha�t die Politik.��� �Dennoch sind wir das Kleine Rote Volk.�</p><p>Art war nicht weiter �berrascht, als Leute an ihn herantraten, die Arabisch, Hindu oder eine Sprache redeten, die er nicht erkennen konnte, und ihm dann in die Augen schauten, w�hrend ihr �bersetzungsger�t Englisch mit einem Akzent aus der BBC oder Mittelamerika oder dem Staatsdienst von New Delhi sprach und irgendeine nicht unvorhersehbare politische Meinung �u�erte. Es war wirklich ermutigend, auf diese Art die Distanz zu den Teilnehmern weniger extrem als bei der Teilnahme durch Fern�bertragung zu erleben. Dennoch war es noch immer nicht ganz so, als ob man �von Angesicht zu Angesicht� miteinander spr�che, sondern eine politische Melange, die Unm�glichkeit blockweise abzustimmen oder gar in normalen W�hlerschaften zu denken.</p><p>Es war wirklich eine seltsame Versammlung. Aber es ging weiter, und schlie�lich hatte sich jeder daran gew�hnt. Sie nahm bald jene sonderbare Qualit�t an, die �ber ihre normale Dauer hinaus Bereitschaft signalisierte, sich noch �ber Stunden mit einem Thema zu besch�ftigen. Einmal aber, sehr sp�t in der Nacht, nach einem langen, bizarren Gespr�ch, in der der �bersetzer am Handgelenk der jungen Frau, mit der er sich unterhielt, in rhythmischen Couplets sprach (wobei Art nie erfuhr, welches ihre Ausgangssprache war), ging Art durch das Lagerhaus zu seiner B�rosuite zur�ck, um den runden Tisch herum, an dem immer noch gearbeitet wurde, obwohl es bereits nach dem Zeitrutsch war. Er blieb stehen, um eine Gruppe kurz zu begr��en und stie� dann mit Schwung gegen eine Seitenwand, halb wach, halb d�send, durch seinen Kavajavarausch und die Ersch�pfung �berw�ltigt. Und ganz pl�tzlich kam in einer Art von schlafwandlerischer Vision das Seltsame zur�ck. In den Ecken waren Schatten, unz�hlige flimmernde Schatten, und darin Augen. Gestalten wie substanzlose K�rper: Alle Toten, so schien es, und alle Ungeborenen waren da im Lagerhaus mit ihnen, um Zeugen dieses Augenblicks zu sein. Als ob die Geschichte ein Gobelin w�re und der Kongre� der Webstuhl, wo alles zusammenkam, der gegenw�rtige Moment mit seiner �bernat�rlichen Pr�senz, sein Potential direkt in den eigenen Atomen und Stimmen. R�ckblick auf die Vergangenheit, imstande, alles zu sehen, ein einziger langer geflochtener Kn�pfteppich von Ereignissen. Vorschau auf die Zukunft, imstande, nichts davon zu sehen, obwohl sie sich vermutlich in einer Explosion von F�den der M�glichkeit verzweigte, und alles m�glich werden konnte. Es gab zwei verschiedene Arten unerreichbarer Ma�losigkeit. Und alle wanderten zusammen vom einen ins andere, durch den gro�en Webstuhl der Zeit, das Jetzt. Jetzt war ihre Chance gekommen, f�r alle zusammen in diesem Augenblick, in dem alle Elemente, die zur Weisheit f�hig waren, miteinander verwoben werden mu�ten�� zur Weitergabe an alle k�nftigen Generationen.</p><p>Sie konnten alles m�gliche tun. Aber gerade deshalb war es schwierig, den Kongre� zu einem Abschlu� zu bringen. Unendlich viele M�glichkeiten standen vor dem Zusammenbruch bei der Wahl der einzigen Weltlinie der Geschichte. Die Zukunft wurde zur Vergangenheit. Es war etwas Entt�uschendes in dieser Passage durch den Webstuhl, dieser so j�hen Verkleinerung der Unendlichkeit zu Eins, dem Zusammenbruch von Potentialit�t in Realit�t, welches die Aktion der Zeit selbst war. Das Potential war so entz�ckend, der Weg, den sie m�glicherweise einschlagen konnten, alle die besten Teile aller Regierungen zugleich, magisch kombiniert zu einer Art von erhabener, noch nie gesehener Synthese... oder sollte man all das beiseite werfen und endlich einen neuen Weg in das Herz einer gerechten Regierung bahnen? Von dort zu der mundanen Problematik der geschriebenen Verfassung zu gehen, war ein unvermeidlicher R�ckzug, den die Leute instinktiv ablehnten.</p><p>Andererseits w�re es sicher ein Vorteil, wenn ihr diplomatisches Team mit einem fertigen Dokument auf der Erde ank�me, um es den UN und dem Volk der Erde vorzulegen. Das war eigentlich unumg�nglich. Sie mu�ten fertig werden; nicht blo�, um der Erde die vereinte Front einer etablierten Regierung zu pr�sentieren, sondern auch, um ihr Leben nach der Krise zu beginnen, wie das auch immer aussehen mochte.</p><p>Nadia empfand dies stark und begann sich selbst darum zu bem�hen. �Es ist Zeit, den Schlu�stein in den Bogen zu f�gen�, sagte sie eines Morgens zu Art. Und von da an war sie unerm�dlich, kam mit allen Delegationen und Komitees zusammen und bestand darauf, da� sie alle zu einem Ende ihrer Arbeit kamen, und es zur Schlu�abstimmung vorzulegen. Diese ihre unerbittliche Hartn�ckigkeit zeigte etwas, das zuvor nicht deutlich gewesen war, n�mlich da� die meisten Fragen zur Zufriedenheit der meisten Delegationen gel�st worden waren. Sie hatten, wie die meisten zugaben, etwas Brauchbares zusammengekocht, oder zumindest etwas, das den Versuch wert war, in der Zukunft mit Erg�nzungsverfahren behandelt zu werden, so da� sie Aspekte des Systems noch ab�ndern konnten, wenn das Ger�st erst etabliert war. Besonders die jungen Eingeborenen schienen erfreut�� stolz auf ihre Arbeit und zufrieden, da� es ihnen gelungen war, den Akzent auf lokale Semiautonomie zu setzen und damit den Weg zu institutionalisieren, den die meisten von ihnen unter der �bergangsbeh�rde gelebt hatten.</p><p>Die vielen Kontrollen gegen die Mehrheitsherrschaft k�mmerten sie nicht, auch wenn sie selbst die derzeitige Majorit�t hatten. Um nicht durch diese Entwicklung als geschlagen auszusehen, mu�ten Jackie und ihr Kreis so tun, als h�tten sie nie in erster Linie f�r eine starke Pr�sidentschaft und Zentralregierung gestimmt. Sie erkl�rten vielmehr, ein nach Schweizer Art von der Legislatur gew�hlter Exekutivrat w�re schon immer ihre Idee gewesen. Es lief vieles auf diese Weise ab, und Art freute sich, mit allen diesen Anspr�chen �bereinzustimmen. �Ja, ich entsinne mich; wir fragten uns, was wir mit der Nacht anfangen sollten, damals, als wir aufblieben, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ihr habt einen guten Gedanken gehabt.�</p><p>Gute Ideen �berall. Und sie fingen an, sich in einer Spirale auf den Abschlu� hin zu bewegen.</p><p>Die globale Regierung, wie sie sie entwarfen, sollte eine Konf�deration sein, gef�hrt durch einen Exekutivrat von sieben Mitgliedern, gew�hlt durch eine Legislative von zwei Kammern. Ein Zweig der Legislative, die Duma, bestand aus einer gro�en Schar von Repr�sentanten, die aus der Bev�lkerung einberufen wurden. Der andere, der Senat, war eine kleinere Gruppe, von deren Mitgliedern je einer aus jeder Stadt oder Dorfgruppe gew�hlt werden sollte, sofern sie mehr als 500 Personen umfa�te. Die Legislatur war alles in allem recht schwach. Sie w�hlte den Exekutivrat, gab Empfehlungen f�r die Richter ab und �berlie� den St�dten die meisten gesetzgeberischen Pflichten. Der judizit�re Zweig war st�rker. Er umfa�te nicht nur Strafgerichte, sondern auch eine Art von doppeltem obersten Gerichtshof, der zur H�lfte mit der Verfassung und zur H�lfte mit der Umwelt zu tun hatte. Die Mitglieder f�r beide sollten ernannt, gew�hlt und durchs Los ermittelt werden. Der Umwelthof w�rde f�r Dispute hinsichtlich des Terraformens und anderer Ver�nderungen zust�ndig sein, w�hrend der Verfassungshof f�r die Verfassungsm��igkeit aller anderen Themen zust�ndig sein sollte, einschlie�lich in Frage gestellter Gesetze auf St�dteebene. Ein Arm des Umwelthofes w�rde eine Landkommission sein mit der Aufgabe, die Verwaltung des Landes zu beaufsichtigen, die allen Marsbewohnern entsprechend Punkt Drei der Vereinbarung von Dorsa Brevia gemeinsam obliegen sollte. Es w�rde kein Privateigentum als solches geben, wohl aber verschiedene Rechte geben, die in Leasing-Kontrakten festgelegt w�ren; und die Landkommission sollte diese Dinge ausarbeiten. Eine entsprechende �konomische Kommission w�rde unter dem Verfassungshof arbeiten. Sie w�re zum Teil zusammengesetzt aus Repr�sentanten von Kooperativen der Gewerkschaften, die f�r die verschiedenen Berufe und Industrien eingerichtet w�rden. Diese Kommission sollte die Etablierung einer Version des �kologisch-�konomischen Entwurfs des Untergrundes beaufsichtigen, einschlie�lich sowohl nicht auf Gewinn gerichteter Unternehmen, die sich auf die �ffentliche Sph�re konzentrierten, wie steuerpflichtiger Unternehmen, deren Gr��e gesetzlich beschr�nkt war und die laut Gesetz den Besch�ftigten geh�rten.</p><p>Diese Erweiterung des Judizit�ren befriedigte das vorhandene Verlangen nach einer starken globalen Regierung, ohne einer Exekutivk�rperschaft eine machtpolitische Vorrangstellung einzur�umen. Diese L�sung war auch eine Antwort auf die heroische Rolle, welche im vorigen Jahrhundert der Weltgerichtshof der Erde gespielt hatte, als fast jede andere terranische Institution gekauft oder anderweitig unter metanationalem Druck zusammengebrochen war. Nur der Weltgerichtshof hatte standgehalten in einer zumeist ignorierten und in der Tat symbolischen Aktion gegen die R�ubereien der Metanationalen. Eine moralische Kraft, die, wenn sie ein st�rkeres Gebi� gehabt h�tte, mehr Gutes h�tte tun k�nnen. Vom Untergrund des Mars aus hatten sie gesehen, wie die Schlacht geschlagen wurde, und jetzt erinnerten sie sich.</p><p>Soweit war die Regierung des Mars angelegt. Die Verfassung umfa�te auch eine lange Liste der Menschenrechte, einschlie�lich sozialer Rechte, ferner Richtlinien f�r die Landkommission und die Wirtschaftskommission, ein australisches Wahlsystem f�r die effektiven �mter, sowie ein System f�r Verbesserungen usw. Schlie�lich f�gte man dem Haupttext der Verfassung noch die riesige Sammlung von Materialien hinzu, die sich w�hrend des Kongresses angesammelt hatten. Man nannte sie �Arbeitsnoten� oder �Kommentar�. Diese Aufstellung sollte den H�fen bei der Interpretation des Hauptdokuments helfen und enthielt alles, was die Delegationen am runden Tisch gesagt, auf die Bildschirme des Lagerhauses gebracht oder via Post empfangen hatten.</p><empty-line/><p>Damit waren die meisten schwierigen Fragen gel�st oder zumindest unter den Teppich gekehrt. Die gr��te noch offene Er�rterung war der Einspruch der Roten. Hier trat Art in Aktion. Er veranla�te einige sp�te Konzessionen an die Roten, einschlie�lich vieler fr�her Berufungen in die Umwelth�fe. Diese Konzessionen wurden sp�ter als die �Gro�e Geste� bekannt. In Erwiderungen stimmte Irishka im Namen aller Roten, die noch am politischen Geschehen teilnahmen, zu, da� das Kabel bleiben sollte, da� die UNTA in Sheffield pr�sent sein d�rfe und da� Terraner noch w�rden einwandern k�nnen, wenn auch mit Einschr�nkungen, und schlie�lich, da� das Terraformen weitergehen k�nne, in langsamer, aber nicht zerst�rerischer Form, bis der atmoph�rische Druck in sechs Kilometern H�he �ber dem Bezugsniveau 350 Millibar betragen w�rde. Diese Zahl solle alle f�nf Jahre �berpr�ft werden. Und so war die rote Sackgasse beseitigt oder immerhin durch List entsch�rft.</p><p>Cojote sch�ttelte den Kopf dar�ber, wie sich die Dinge entwickelt hatten. �Nach jeder Evolution kommt ein Interregnum, in dem die Kommunen sich selbst regieren und alles gut ist. Und dann tritt das neue Regime auf und die Lage verschlechtert sich. Ich meine, was wir jetzt tun sollten, ist, aus den Kuppeln und Canyons herauszukommen und sie sehr h�flich zu fragen, wie sie in den letzten zwei Monaten die Dinge in Gang gehalten haben. Dann sollte man diese Luxusverfassung zum Teufel jagen und lieber nach echten L�sungen suchen.�</p><p>�Aber das sagt die Verfassung ja gerade�, witzelte Art.</p><p>Cojote verstand hierbei keinen Spa�. �Du mu�t sehr vorsichtig sein, du solltest keine Macht im Zentrum konzentrieren, blo� weil du dazu in der Lage bist. Macht korrumpiert, totale Macht korrumpiert total, das ist das Grundgesetz der Politik. Vielleicht ihr einziges Gesetz.�</p><p>Was die UNTA angeht, so war es schwieriger zu sagen, was die dachten, denn die Meinungen unten auf der Erde waren geteilt. Eine besonders laute Gruppe verlangte die gewaltsame Zur�ckholung des Mars, wobei auf Pavonis ein jeder eingesperrt oder geh�ngt werden solle. Die meisten Terraner waren konzilianter; und sie alle waren durch die andauernde Krise auf der Erde selbst noch abgelenkt. F�r den Augenblick spielten sie eine geringere Rolle als die Roten. Das war der Spielraum, den die Revolution den Marsianern geschenkt hatte. Jetzt galt es, ihn auszuf�llen.</p><empty-line/><p>Jede Nacht in der abschlie�enden Woche ging Art locker durch Cavils und Kava ins Bett und wachte trotz Ersch�pfung nachts recht oft auf und w�lzte sich unter der Wucht eines scheinbar brillanten Gedankens, der am Morgen wieder entschwunden war oder sich als unsinnig zu erweisen pflegte. Nadia schlief ebenso schlecht auf der Couch neben seiner oder in ihrem Sessel. Manchmal schliefen sie ein, w�hrend sie noch �ber den einen oder anderen Punkt sprachen, und erwachten angekleidet, aber ineinander verschlungen, wie Kinder, die sich in einem Gewitter aneinanderklammerten. Die W�rme des anderen K�rpers gab ihnen den Trost, den sie brauchten. Und einmal wachten beide in dem ultravioletten Licht der fr�hen D�mmerung auf und redeten stundenlang inmitten des kalten Schweigens des Geb�udes eingebettet in einem kleinen Kokon aus W�rme und Kameradschaft. Es gab einen anderen Geist, mit dem man sprechen konnte. Unter Kollegen war der Weg zur Freundschaft nicht weit. Von dort zu Liebhabern?�� Vielleicht. Nadia schien keine Neigung zu Romantik jeglicher Art zu besitzen. Aber Art war ohne Zweifel verliebt; und in Nadias gefleckten Augen glaubte er zu sehen, da� sie ihm eine neue Zuneigung zublinzelten. So lagen sie am Ende des langen Kongresses auf ihren Couchen und plauderten. Sie pflegte seine Schultern zu kneten, oder er die ihren, und dann fielen sie, von Ersch�pfung �bermannt, in D�mmerzustand. Hinter dem Erstellen dieses Dokuments steckte ein gr��erer Druck, als jeder von ihnen zugeben wollte, au�er in diesen Momenten, wenn sie sich gegen die gro�e kalte Welt zusammenkuschelten. Eine neue Liebe: Art konnte es trotz Nadias fehlender Sentimentalit�t nicht anders ausdr�cken. Er war gl�cklich.</p><p>Und er war belustigt, wenn nicht sogar �berrascht, als sie eines Morgens aufstanden und sie sagte: �Lassen wir dar�ber abstimmen!�</p><empty-line/><p>Art sprach mit den Schweizern und den Gelehrten von Dorsa Brevia. Die Schweizer schlugen dem Kongre� vor, da� sie f�r die derzeit auf dem Tisch liegende Version der Verfassung stimmen w�rden�� Punkt f�r Punkt, wie sie es zu Beginn versprochen hatten. Es gab sofort Meinungsverschiedenheiten �ber Abstimmungsverfahren, im Vergleich zu denen die B�rsenaktivit�ten auf der Erde spitzfindig und langsam erschienen. Die Schweizer entwarfen eine Abfolge der Abstimmungen, die sie im Laufe der Tage durchgingen, wonach jede Gruppe eine Stimme bei jedem numerierten Paragraphen des Verfassungsentwurfs haben sollte. Alle 89 Paragraphen gingen durch, und die umfangreiche Sammlung von �erl�uterndem Material� wurde dem Haupttext offiziell angegliedert.</p><p>Danach war es Zeit, den Entwurf dem Volk des Mars zur Billigung vorzulegen. Also stimmte Ls 158, am 11. Tag des 1. Oktobers im m-Jahr 52 (auf der Erde 27. Februar 2128) die allgemeine Bev�lkerung des Mars, einschlie�lich aller Personen, die �lter als f�nf m-Jahre waren, mit Handgelenkapparaten �ber das zustandegekommene Dokument ab. Mehr als 95 Prozent der Bev�lkerung nahmen an der Abstimmung teil. Die Verfassung ging mit 78 zu 22 Prozent und etwas mehr als neun Millionen Stimmen durch. Sie hatten eine Regierung.</p></section></section><section><title><p>VIERTER TEIL</p><p>Gr�ne Erde</p></title><section><p><emphasis>Auf der Erde beherrschte die gro�e Flut inzwischen alles.</emphasis></p><p><emphasis>Die �berschwemmung war durch eine H�ufung heftiger Vulkanausbr�che unter dem Eispanzer der westlichen Antarktis verursacht worden. Das Land unter der Eisdecke, das dem Gebiet Nordamerikas �hnelte, war durch das Gewicht des Eises zusammengepre�t worden, bis es unter Meeresniveau lag. Als dann die Eruptionen begannen, hatten Lava und Gase das Eis �ber den Vulkanen geschmolzen und gro�e Bergrutsche ausgel�st. Gleichzeitig begann Meerwasser an verschiedenen Punkten rund um die rasch erodierende Grundlinie unter das Eis zu str�men. Destabilisiert und rissig geworden waren rings um die R�nder der RossSee und der Ronne-See enorme Eisinseln abgebrochen. Als diese Eisinseln mit den Ozeanstr�mungen davontrieben, setzte sich das Abbrechen weiter ins Landesinnere fort und wurde durch die Turbulenz noch beschleunigt. In den Monaten nach den gro�en Br�chen f�llte sich das antarktische Meer mit immensen tafelf�rmigen Eisbergen, die so viel Wasser verdr�ngten, da� der Meeresspiegel in der ganzen Welt anstieg. Wasser str�mte weiter in das Depressionsbecken der westlichen Antarktis, welches zuvor von Eis gef�llt gewesen war, und schwemmte Berg um Berg die Eismassen hinaus, bis die Eisdecke v�llig verschwunden war, ersetzt durch ein neues flaches Meer, das von den st�ndigen Unterwassereruptionen aufgew�hlt wurde, die hinsichtlich ihrer St�rke mit den Eruptionen in Dekkan in der sp�ten Kreidezeit vergleichbar waren.</emphasis></p><p><emphasis>Und so war ein Jahr nach Beginn der Eruptionen Antarciica nur etwas mehr als halb so gro�, wie es gewesen war. Die �stliche Antarktis lag wie ein Halbmond um den S�dpol der Erde, und ihr gegen�ber die antarktische Halbinsel wie ein von Eis bedecktes Neu-Seeland, und dazwischen ein von Eisbergen verstopftes flaches Meer. Und Rings in der �brigen Welt war der Meeresspiegel um sieben Meter h�her als zuvor.</emphasis></p><p><emphasis>Seit der letzten Eiszeit vor zehntausend Jahren hatte die Menschheit eine Naturkatastrophe dieser Gr��enordnung nicht mehr erlebt. Und dieses Mal betraf sie nicht nur ein paar Millionen J�ger und Sammler nomadischer St�mme, sondern f�nfzehn Milliarden zivilisierter B�rger, die in einem heiklen soziotechnischen Geb�ude lebten, das ohnehin in der Gefahr des Zusammenbruchs geschwebt hatte. Alle gro�en K�stenst�dte waren �berschwemmt. Ganze L�nder wie Bangladesh, Holland und Belize waren �bersp�lt. Die meisten der Ungl�cklichen, die in solch tiefliegenden Regionen lebten, hatten Zeit, auf h�heres Gel�nde umzusiedeln; denn die Flut war mehr wie ein Gezeitenstrom als eine Sturmflut. Und dann waren sie alle, irgendwo zwischen einem Zehntel und einem F�nftel der Weltbev�lkerung, Fl�chtlinge.</emphasis></p><p><emphasis>Es versteht sich von selbst, da� die menschliche Gesellschaft nicht darauf vorbereitet war, mit einer solchen Situation fertig zu werden. Das w�re selbst in den besten Zeiten nicht leicht gewesen, und das fr�he zweiundzwanzigste Jahrhundert geh�rte nicht zu diesen. Die Bev�lkerung wuchs immer noch an, die Ressourcen waren immer mehr ersch�pft, und Konflikte zwischen Reich und Arm, Regierungen und Metanats, hatten sich allenthalben versch�rft. Die Katastrophe hatte mitten in einer Krise zugeschlagen.</emphasis></p><p><emphasis>In gewissem Ma�e wirkte die Katastrophe der Krise entgegen. Angesichts weltweiter Verzweiflung wurden Machtk�mpfe aller Art in neuen Zusammenhang gestellt, viele wurden gespenstisch. Ganze Bev�lkerungen waren in Not, und Gesetze �ber Besitz und Profit traten den neuen Problemen gegen�ber in den Hintergrund. Die Vereinten Nationen erhoben sich wie ein Ph�nix des Wassers aus dem Chaos und wurden zum Verrechnungsinstitut f�r die riesige Anzahl der Bem�hungen, die Not zu mildern: Nationale Grenz�berschreitungen wurden erleichtert, Notunterk�nfte errichtet, Notnahrung und Versorgungsmaterial wurden verteilt. Durch die Natur dieses Werks mit seinem Nachdruck auf Bergung und Linderung standen die Schweiz und Praxis in vorderster Front der Helfer der UN. Die UNESCO stand von den Toten auf, zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation. Indien und China als die gr��ten der schlimm verw�steten L�nder hatten auch sehr starken Einflu� in der laufenden Situation; denn die Art, wie sie sich entschieden, w�rde ihre Zukunft weitgehend beeinflussen. Sie schl�ssen Allianzen miteinander sowie mit den UN und deren neuen Verb�ndeten. Sie lehnten jede Hilfe von der Gruppe der Elf ab, genau wie von den Metanationalen, die voll in die Aff�ren der meisten GH-Regierungen verwickelt waren.</emphasis></p><p><emphasis>Auf der anderen, dunklen Seite verschlimmerte die Katastrophe unterdessen die Krise nur. Die Metanatinonalen waren durch die Flut selbst in eine h�chst seltsame Lage geraten. Davor waren sie voll mit dem besch�ftigt, was Kommentatoren als Metanatricid bezeichnet hatten, indem sie untereinander um die endg�ltige Herrschaft in der Weltwirtschaft k�mpften.</emphasis></p><p><emphasis>Ein paar gro�e metanationale Supergruppen hatten die totale Kontrolle der gr��ten Industriel�nder angestrebt und versucht, die sich noch au�erhalb ihrer Kontrolle befindlichen wenigen Einheiten zu �bernehmen: Schweiz, Indien, China, Praxis, die sogenannten L�nder des Weltgerichtshofes, und so weiter. Jetzt, wo ein gro�er Teil der Erdbev�lkerung mit der Flut besch�ftigt war, k�mpften die Metanats haupts�chlich darum, das wieder zu gewinnen, was sie an Kontrolle �ber die Gesch�fte dieser L�nder verloren hatten. Nach Meinung des Volkes wurden sie oft mit der Flut in Zusammenhang gebracht�� als Ursache oder als bestrafte S�nder, je nach religi�ser Ausrichtung des Ankl�gers. Ein sehr passendes St�ck magischen Denkens f�r den Mars und die anderen antimetanationalen Kr�fte, die alle ihr Bestes taten, um die Chance zu ergreifen, die Metanationalen in St�cke zu hauen, w�hrend sie darniederlagen. Die Gruppe der Elf und die anderen vorher mit den Metanats verb�ndeten Regierungen strampelten darum, ihre eigenen Bev�lkerungen am Leben zu erhalten und konnten daher wenig Aufwand betreiben, den gro�en Konglomeraten zu helfen. Und �berall gaben Leute ihre fr�heren Jobs auf, um sich in den verschiedenen Hilfsorganisationen zu engagieren. Unternehmen, die nach Art von Praxis im Besitz der Besch�ftigten waren, gewannen an Popularit�t, als sie endlich auf die Notlage reagierten und gleichzeitig allen ihren Mitgliedern die Langlebigkeitsbehandlung anboten. Einige Metanats setzten auf ihre Arbeitsmacht, um sich in der gleichen Richtung umzugestalten. Und so setzte sich der Kampf um Macht auf vielen Ebenen fort. Dupch die Katastrophe hatte er sich aber �berall ver�ndert.</emphasis></p><p><emphasis>In diesem Zusammenhang war der Mars f�r die meisten Terraner v�llig irrelevant geworden. Er war nat�rlich gewi� eine interessante Geschichte, und es verw�nschten auch viele die Marsianer als undankbare Kinder, die ihre Eltern in Notzeiten im Stich lie�en. Das war ein Beispiel f�r viele b�se Reaktionen auf die Flut, im Gegensatz zu den gleichfalls reichlichen guten Reaktionen. In diesen Tagen gab es immer Helden und Schurken; und die meisten betrachteten die Marsianer als Ratten, die das sinkende Schiff verlassen hatten. Andere sahen sie als m�gliche Retter auf irgendeine schlecht definierte Weise�� auch das wieder ein St�ck Metaphysik. Aber es lag etwas Hoffnungsvolles in dem Gedanken, da� sich auf der n�chsten Welt drau�en eine neue Gesellschaft bildete.</emphasis></p><p><emphasis>Inzwischen k�mpfte, ungeachtet dessen, was auf dem Mars geschah, das Volk der Erde darum, mit der Flutfertig zu werden. Zu dem Schaden kamen jetzt auch rasche klimatische Ver�nderungen. Die gr��ere Wolkendecke reflektierte mehr Sonnenlicht und lie� die Temperaturen sinken. Sie schuf auch Wirbelst�rme und Gewitter, die oft die so sehr ben�tigten Ernten vernichteten. Und manchmal fiel Regen, wo es ihn fr�her selten gegeben hatte, in der Sahara, in der Mojave, im n�rdlichen Chile, und brachte die gro�e Flut weit ins Binnenland, so da� sie �berall zuschlug. Und w�hrend der Ackerbau durch diese neuen strengen St�rme schwer betroffen war, wurde der Hunger selbst zum Problem. Deshalb war jeder allgemeine Sinn f�r Zusammenarbeit bedroht, als es schien, da� vielleicht nicht jeder ern�hrt werden k�nnte. Die Feiglinge sprachen von nat�rlicher Auslese. Jeder Teil von Terra war im Aufruhr wie ein mit dem Stock aufgew�hlter Ameisenhaufen.</emphasis></p><p><emphasis>So stand es also um die Erde im Sommer 2128. Eine noch nie da gewesene Katastrophe, eine andauernde allgemeine Krise. Die Welt vor der Flut schien nicht mehr als ein b�ser Traum gewesen zu sein, aus dem sie alle rauh geweckt und in eine noch gef�hrlichere Realit�t geworfen worden waren. Von der Bratpfanne ins Feuer, gewi�. W�hrend einige versuchten, wieder in die Bratpfanne zur�ck zu gelangen, k�mpften andere darum, aus dem Ofen herauszukommen. Und niemand konnte sagen, was als n�chstes geschehen w�rde.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Ein unsichtbarer Schraubstock hielt Nirgal fest, jeden Tag erdr�ckender als am vorigen. Maya st�hnte und jammerte dar�ber, Michel und Sax schien es nicht zu k�mmern. Michel war sehr vergn�gt wegen dieser Reise, und Sax war voll damit besch�ftigt, Berichte �ber den Kongre� auf Pavonis Mons zu verfolgen. Sie lebten in der rotierenden Kammer des Raumschiffs Atlantis, und die Kammer w�rde w�hrend der f�nf Monate der Reise so weit beschleunigen, bis die Zentrifugalkraft der Gravitation des Mars zum �quivalent von der Erde �berging. Dabei w�rde es w�hrend fast der H�lfte der Reise bleiben. Diese Methode war im Lauf der Jahre entwickelt worden, um Emigranten, die den Wunsch hatten heimzukehren, sowie hin und her reisende Diplomaten und die wenigen eingeborenen Marsianer, die zur Erde reisten, einzugew�hnen. Das war f�r jeden hart. Einer ganzen Anzahl Marsgeborener war auf der Erde schlecht geworden. Manche waren gestorben. Es war wichtig, in der Schwerekammer zu bleiben, seine �bungen zu absolvieren und Impfungen zu empfangen.</p><p>Sax und Michel bet�tigten sich an �bungsger�ten. Nirgal und Maya sa�en in den willkommenen B�dern und jammerten. Nat�rlich geno� Maya ihr Elend, da sie alle ihre Emotionen zu begr��en schien, einschlie�lich �rger und Tr�bsal. Dagegen ging es Nirgal wirklich schlecht. Die Raumzeit verzerrte ihn immer mehr, bis jede seiner Zellen den Schmerz hinausschrie. Ihn erschreckte schon die M�he, die es kostete, blo� zu atmen, und die Vorstellung eines so massiven Planeten. Schwer zu glauben!</p><p>Er versuchte, mit Michel dar�ber zu sprechen, aber der war durch seine Erwartung und Vorbereitung abgelenkt. Nirgal war an dem Meeting auf Pavonis nicht interessiert. Seiner Meinung nach w�rde das auf lange Sicht nicht viel bewirkten. Die Eingeborenen im Hinterland hatten unter der UNTA ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gef�hrt und w�rden unter der neuen Regierung dasselbe tun. Jackie k�nnte Erfolg haben, f�r sich selbst eine Pr�sidentschaft zustande zu bringen. Aber ganz gleich, was geschah, ihre Beziehung war schiefgelaufen und zu einer Art von Telepathie geworden, die manchmal der konventionellen Liebesaff�re �hnelte, aber eben so oft den Eindruck einer boshaften geschwisterlichen Rivalit�t erweckte oder sogar die inneren Merkmale einer schizoiden Person zeigte. Vielleicht waren sie Zwillinge. Wer wei�, was f�r eine Alchemie Hiroko in den ektogenen Tanks angewandt hatte. Aber nein�� Jackie war von Esther geboren worden. Das wu�te er. Falls es etwas beweisen sollte. Zu seinem Unbehagen f�hlte sie sich wie sein zweites Ich. Das wollte er nicht. Er mochte nicht die pl�tzliche Zunahme seines Herzschlags, wann immer er sie sah. Das war einer der Gr�nde, weshalb er sich entschlossen hatte, an der Expedition zur Erde teilzunehmen. Und jetzt entfernte er sich von ihr mit einem Tempo von 50000 Kilometern in der Stunde: aber sie war immer noch auf dem Bildschirm, erfreut �ber die fortschreitende Arbeit des Kongresses und ihren Anteil daran. Und sie w�rde zweifellos eine der Sieben in dem neuen Exekutivrat sein.</p><p>Als sie in den B�dern sa�en und die Nachrichten anschauten, sagte Maya: �Sie rechnet damit, da� die Geschichte ihren �blichen Gang nimmt. Macht ist wie Materie; sie hat Schwere, sie ballt sich zusammen und f�ngt dann an, mehr in sich hineinzuziehen. Diese lokale Macht, die sich durch die Kuppeln verbreitet...� Sie zuckte zynisch die Achseln.</p><p>�Vielleicht ist es eine Nova�, meinte Nirgal.</p><p>Sie lachte. �Ja, vielleicht. Aber dann f�ngt sie wieder an, sich zusammenzuballen. Das ist die Gravitation der Geschichte�� Macht wird in Zentren gezogen, bis daraus eine gelegentliche Nova wird. Dann wieder Kontraktion. Wir werden das auch auf dem Mars sehen, merkt euch meine Worte! Und Jackie wird genau in der Mitte davon sein...� Sie hielt inne, ehe sie �das Weibsbild� hinzuf�gte�� aus Achtung vor Nirgals Gef�hlen. Sie sah ihn mit einem eigenartigen verschleierten Blick an, als ob sie �berlegen w�rde, wie Nirgal ihr n�tzen k�nnte, um ihren endlosen Krieg mit Jackie zu beenden. Kleine Novae des Herzens.</p><p>Die letzten Wochen mit 1 Ge gingen vorbei, und Nirgal f�hlte sich nie recht wohl. Es war erschreckend, die Verkrampfung seines Atems und Denkens zu sehen. Seine Gelenke schmerzten. Auf den Schirmen sah er Bilder der kleinen blauwei�en Murmel, welche die Erde war, mit dem knochigen Knopf des Mondes, der neben ihr besonders flach und tot wirkte. Aber das waren blo� weiter Schirmbilder. Sie bedeuteten ihm nichts im Vergleich mit seinen wunden F��en und klopfendem Herzen. Dann erbl�hte die blaue Welt pl�tzlich und f�llte die Schirme ganz aus. Ihr gekr�mmter Rand war eine wei�e Linie, das blaue Wasser von wei�en Wolkenwirbeln markiert, die Kontinente aus Wolkenmassen herausragend wie kleine Wappenbilder halb verschollener Sagenreiche: Asien, Afrika, Europa, Amerika.</p><p>F�r den endg�ltigen Abstieg und die aerodynamische Bremsung wurde die Rotation der Gravitationskammer angehalten. Nirgal schwebte und f�hlte sich k�rperlos und ballonartig. Er zog sich an ein Fenster, um alles mit eigenen Augen zu sehen. Trotz des Fensterglases und der Entfernung von Tausenden von Kilometern war das Detail erstaunlich in seiner scharfrandigen Klarheit.</p><p>�Das Auge hat solche Kraft�, sagte er zu Sax.</p><p>�Hmm�, machte Sax und kam ans Fenster, um zu schauen.</p><p>Sie betrachteten die blau vor ihnen liegende Erde.</p><p>�Hast du jemals Angst gehabt?� fragte Nirgal.</p><p>�Angst?�</p><p>�Du wei�t doch.� Sax war auf dieser Reise nicht in einer seiner koh�renteren Phasen gewesen. Vieles mu�te man ihm erkl�ren. �Furcht, Besorgnis. Schrecken.�</p><p>�Ja. Ich denke schon. Ja, ich hatte Angst. K�rzlich. Als ich merkte, da� ich... desorientiert war.�</p><p>�Ich habe jetzt Angst.�</p><p>Sax sah ihn neugierig an. Dann schwebte er hin�ber und legte Nirgal eine Hand auf den Arm in einer sanften Geste, die ihm gar nicht �hnlich war. Er sagte: �Wir sind da.�</p><empty-line/><p>Fallen, fallen. Von der Erde reckten sich jetzt zehn Raumaufz�ge empor. Einige davon hatten geteilte Kabel. Man nannte sie so, weil sie sich in zwei Teile gabelten, die n�rdlich und s�dlich des �quators herunterkamen, welcher beklagenswert knapp an guten Stellen f�r Steckdosenmuffen war. Ein geteiltes Kabel endete Y-artig bei Virac auf den Philippinen und Oobagooma in Westaustralien, ein anderes in Kairo und Durban. Dasjenige, an welchem sie herunterkamen, gabelte sich mehr als zehntausend Kilometer �ber der Erde. Die n�rdliche Linie endete bei Port of Spain in Trinidad, die s�dliche dagegen in Brasilien nahe Aripuana, einer aufbl�henden Stadt an einem Seitenflu� des Amazonas namens Theodore Roosevelt River.</p><p>Sie nahmen die n�rdliche Gabel hinunter nach Trinidad. Aus ihrem Aufzugswaggon blickten sie auf den gr��ten Teil der westlichen Hemisph�re hinunter mit dem Amazonasbecken in der Mitte, wo das Wasser sich in braunen Adern durch die gr�nen Lungen der Erde zog. Immer weiter nach unten. In den f�nf Tagen ihres Abstiegs kam die Welt n�her, bis sie schlie�lich alles unter ihnen ausf�llte; und die erdr�ckende Schwerkraft der vorigen anderthalb Monate erfa�te sie langsam wieder und dr�ckte, dr�ckte, dr�ckte.</p><p>Die geringe Toleranz, die Nirgal f�r das Gewicht entwickelt hatte, schien w�hrend der kurzen R�ckkehr zu Mikrogravit�t verschwunden zu sein, und jetzt keuchte er. Jeder Atemzug war eine Anstrengung. Er stand fest vor den Fenstern, die H�nde an das Gel�nder gepre�t, und schaute durch die Wolken auf das leuchtende Blau der Karibik und das intensive Gr�n von Venezuela. Die Orinokom�ndung in den Ozean war ein blattartiger Fleck. Der Rand des Himmels bestand aus gekr�mmten, wei� und t�rkisfarbenen B�ndern unter dem Schwarz des Himmels. Alles so gl�nzend. Die Wolken waren dieselben wie auf dem Mars, nur dicker, wei�er und aufgeplusterter. Vielleicht �bte die starke Schwerkraft einen Extradruck auf seine Netzhaut oder seinen Sehnerv aus, um die Farben so intensiv wirken zu lassen. Auch die Ger�usche waren lauter.</p><p>Mit ihnen im Aufzug waren UN-Diplomaten, Praxispersonal und Medienvertreter, die alle hofften, da� die Marsleute etwas Zeit f�r sie er�brigen und mit ihnen sprechen w�rden. Nirgal fand es schwer, sich auf sie zu konzentrieren und ihnen zuzuh�ren. Ein jeder schien sich seiner Position im Raum so seltsam wenig bewu�t zu sein�� dort f�nfhundert Kilometer �ber der Erdoberfl�che und in schnellem Fall begriffen.</p><p>Ein langer letzter Tag. Dann waren sie in der Atmosph�re, und das Kabel f�hrte ihren Waggon nahe zu einem verlassenen Flughafen, dessen Startbahnen wie graue Runen aussahen. Der Waggon glitt in die Betonmasse, bremste und hielt.</p><p>Nirgal l�ste die H�nde vom Gel�nder und ging vorsichtig hinter allen anderen her. <emphasis>Tap tap.</emphasis> Sein Gewicht durchdrang sich selbst. Schmerzhaft. <emphasis>Tap tap.</emphasis> Sie stapften eine Landebr�cke hinunter. Er trat auf den Fu�boden eines Geb�udes auf der Erde. Das Innere der Muffe �hnelte dem in Pavonis Mons�� ein unpassender Gedanke, denn die Luft war salzig, dick, hei�, schrill und schwer. Nirgal eilte so schnell er konnte durch die Hallen. Er wollte ins Freie und endlich etwas sehen. Eine ganze Schar zog hinter ihm her und umgab ihn. Aber die Praxisleute begriffen und bahnten ihm einen Weg durch eine anwachsende Menge. Das Geb�ude war sehr gro�, und er hatte anscheinend die Chance verfehlt, eine U-Bahn nach drau�en zu nehmen. Aber vor ihm war eine hell leuchtende T�r�ffnung. Von der Anstrengung etwas benommen, ging er in die blendende Helle hinaus. Alles rein wei�. Es roch nach Salz, Fischen, Bl�ttern, Teer, F�kalien und Gew�rzen. Wie ein wildgewordenes Treibhaus.</p><p>Dann pa�ten sich seine Augen an. Der Himmel war blau, ein T�rkisblau wie das mittlere Band der Erdscheibe aus dem Weltraum gesehen, aber heller. �ber den Bergen wei�er, wie Magnesium um die Sonne herum. Schwarze Flecken schwammen hin und her. Das Kabel zog sich in den Himmel hinauf. Es war zu hell, um nach oben zu blicken. In der Ferne gr�ne Berge.</p><p>Er stolperte, als sie ihn zu einem offenen Wagen f�hrten. Ein �lteres Modell, klein und rundlich, mit Gummireifen. Ein offenes Cabriolet. Er stand auf dem R�cksitz zwischen Sax und Maya, um besser sehen zu k�nnen. In dem grellen Licht waren Hunderte, Tausende von Menschen in erstaunlichen Kost�men�� neonfarben, verschiedene Seiden, rosa, purpurn, gold, aquamarin; dazu kamen in bet�render F�lle Juwelen, Federn, Kopfputz: �Karneval�. Jemand auf einem Vordersitz im Wagen sagte zu ihm: �Wir legen Kost�me an zum Karneval, auch beim Discovery Day, als Columbus auf dieser Insel angekommen ist. Das ist gerade eine Woche her, darum haben wir das Fest bis zu eurer Ankunft ausgedehnt.�</p><p>�Welches Datum haben wir?� fragte Sax.</p><p>�Nirgal-Tag. Elfter August.�</p><p>Sie fuhren langsam durch Stra�en, die von jubelndem Volk ges�umt waren. Eine Gruppe war so gekleidet wie die Eingeborenen vor Ankunft der Europ�er und br�llten wild. Die M�nder rot und wei� in braunen Gesichtern. Stimmen wie Musik. Alle sangen. Die Leute im Wagen h�rten sich an wie Cojoten. In der Menge gab es Leute in Cojotenmasken. Das zerfurchte Gesicht von Desmond Hawkins auf Gummimasken mit Grimassen, die er unm�glich nachmachen k�nnte. Und Worte. Nirgal hatte geglaubt, da� ihm auf dem Mars jede m�gliche Verzerrung der englischen Sprache begegnet w�re, aber er konnte kaum verstehen, was die Leute von Trinidad sagten: Akzent, Diktion, Intonation... Er kam nicht zurecht. Er schwitzte heftig, aber ihm war immer noch hei�.</p><p>Der Wagen fuhr holprig und langsam, kam zwischen den Menschenmauern zu einem kurzen Steilufer. Dahinter lag ein Hafendistrikt, der jetzt in flaches Wasser getaucht war. Die ins Wasser eingesunkenen H�user standen in Flecken aus schmutzigem Schaum und schaukelten auf unsichtbaren Wellen. Die ganze Nachbarschaft ein Schwimmbecken. Die H�user riesige freiliegende Muscheln, manche aufgebrochen. Wasser schwappte durch ihre Fenster hinein und heraus, dazwischen Ruderboote. Gr��ere Schiffe waren an Laternenpf�hle und Stomleitungsmasten zwischen den Geb�uden gebunden. Weiter drau�en neigten sich Segelboote auf dem von der Sonne getroffenen Blau, jedes Boot mit zwei oder drei Segeln vorn und hinten. Gr�ne H�gel stiegen zur Rechten auf und bildeten eine gro�e offene Bucht. �Fischerboote kommen durch die Stra�en noch herein, aber die gro�en Schiffe benutzen die Bauxit-Docks unten bei Punkt D, da drau�en kann man sie erkennen.�</p><p>F�nfzig verschiedene T�ne von Gr�n �berlagerten sich auf den Bergen. Fischschuppen und Blumen lagen �ber die Stra�e verstreut, silbern und rot. Die Palmen in den Untiefen waren tot, ihre Bl�tter gelb und schlaff. Sie markierten die Gezeitenzone. Oberhalb von ihr spro�te �berall Gr�n. Stra�en und H�user waren aus einer Pflanzenwelt herausgehackt worden. Gr�n und Wei�, wie in seiner Kindheitsvision. Aber hier waren die Hauptfarben getrennt und in einem blaues Ei aus Meer und Himmel eingebettet. Man befand sich oberhalb der Wellen, und dennoch war der Horizont so weit entfernt! Ein un�bersehbarer Beweis f�r die Gr��e dieser Welt. Kein Wunder, da� man sich die Erde als flach vorgestellt hatte. Das unten durch die Stra�en pl�tschernde Wasser machte ein st�ndiges Ger�usch: <emphasis>krrrr,</emphasis> ebensolaut wie die Zurufe der Menge.</p><p>Der abscheuliche Gestank wurde pl�tzlich durch den Teergeruch einer Windb� abgeschnitten. �Das ist der Pechteich unten bei La Brea, vollkommen abgegraben und verschifft, ist nichts geblieben als ein schwarzes Loch im Boden und ein kleiner Teich, den wir lokal nutzen. Riechst du das. Eine neue Stra�e hier am Wasser.� Eine Asphaltstra�e, die Luftspiegelungen ausschwitzte. Die Leute dr�ngten sich auf dem schwarzen Zeug neben der Stra�e. Sie hatten alle schwarzes Haar. Eine junge Frau kletterte auf den Wagen, um Nirgal eine Blumengirlande um den Hals zu legen, deren s��er Duft mit dem scharfen Salzdunst kontrastierte. Parf�m und Weihrauch, von dem hei�en pflanzlichen Wind getrieben, vermischt mit Teer und Gew�rzen. Stahltrommeln, in dem harten L�rm so vertraut, klimperten und donnerten. Sie spielten hier Marsmusik! Die D�cher in dem �berschwemmten Distrikt zur Linken trugen jetzt klapprige Patios. Es stank wie in einem vergammelten Treibhaus, ein hei�er feuchter Luftschwall, und alles in wei�em Puder. Schwei� rann reichlich die Haut hinunter. Die Leute jubelten von den �berschwemmten D�chern und den Booten. Das Wasser war von Blumen bedeckt, die auf dem Schaum auf und ab schaukelten. Schwarzes Haar schimmerte wie Chitin oder Juwelen. Ein h�lzernes Schwimmdock, besetzt mit mehreren Bands, die zugleich verschiedene Melodien spielten. Fischschuppen und Bl�tenbl�tter waren unter die F��e gestreut, silberne, rote und schwarze Punkte schwammen. Geworfene Blumen wurden vom Wind vorbeigetragen, Streifen reiner Farben�� Gelb, Rosa und Rot. Der Fahrer ihres Wagens wandte sich um und redete, ohne auf die Stra�e zu achten: �H�rt, wie die Duglas eine Soaka-Musik spielt, Pan-Musik. H�rt diesen rasanten Wettbewerb, die besten f�nf Bands in Port of Spain!�</p><p>Sie kamen durch einen sichtlich alten Bezirk, wo die H�user aus kleinen, zerfallenden Backsteinen bestanden, mit D�chern aus Wellblech�� alles alt und winzig. Auch die Leute kleinw�chsig, mit brauner Haut. �Auf dem Land Hindus, die St�dte schwarz. Dynamit, hochexplosiv, das ist Dugla.� Gras bedeckte den Boden und brach aus jedem Mauerri� hervor, aus D�chern, Schlagl�chern und allem, was nicht k�rzlich mit geteertem Asphalt bedeckt worden war. Eine explosive Flut von Gr�n str�mte aus jeder Oberfl�che des Planeten. Die dicke Luft stank!</p><p>Dann kamen sie aus dem alten Distrikt auf einen breiten asphaltierten Boulevard, flankiert von hohen B�umen und gro�en Marmorgeb�uden. �Metanat Wolkenkratzer. Sahen hoch aus, als man sie baute, aber nichts reicht so hoch hinauf wie das Kabel.�</p><p>Saurer Schwei�, s��licher Rauch, alles knallgr�n�� er mu�te die Augen schlie�en, damit ihm nicht schlecht wurde. �Geht�s dir nicht gut?� Insekten schwirrten, die Luft war so hei�, da� er ihre Temperatur nicht sch�tzen konnte, sie hatte seine pers�nliche Skala �berschritten. Er setzte sich schwer zwischen Maya und Sax hin.</p><p>Der Wagen hielt. Er stand m�hsam wieder auf und stieg aus. Das Gehen war beschwerlich. Er h�tte sich beinahe langgelegt. Alles drehte sich. Maya packte fest seinen Arm. Er griff sich an die Schl�fen und atmete durch den Mund. Sie fragte scharf: �Geht�s dir nicht gut?�</p><p>�Alles okay�, sagte Nirgal und versuchte zu nicken.</p><p>Sie befanden sich in einem Komplex roher neuer Geb�ude. Ungestrichenes Holz, nackter Beton, jetzt mit zerdr�ckten Blumenbl�ttern bedeckter Schlamm. �berall Menschen und fast alle im untragbar grellen Karnevalkost�m. Das Brennen der Sonne in seinen Augen wollte nicht nachlassen. Er wurde zu einem h�lzernen Podium gef�hrt, zu dessen F��en sich eine wild applaudierende Menge befand.</p><p>Eine sch�ne Frau im gr�nen Sari mit wei�er G�rtelsch�rpe stellte die vier Marsianer der Menge vor. Die Berge dahinter waren gebogen wie gr�ne Flammen in einem starken Westwind. Es war k�hler als zuvor und stank gl�cklicherweise etwas weniger. Maya trat vor die Mikrophone und Kameras, und die Jahre fielen von ihr ab. Sie sprach in scharfen einzelnen S�tzen, die jeweils antiphonisch Applaus fanden. Ein Medienstar mit der ganzen Welt als Zuschauer, angenehm charismatisch, legte dar, was Nirgal vorkam wie ihre Rede in Burroughs am entscheidenden Punkt der Revolution, als sie die Massen im Princess Park gesammelt und aufgerichtet hatte. Etwas dieser Art.</p><p>Michel und Sax lehnten es ab zu sprechen. Sie winkten Nirgal, um der Menge entgegenzutreten und den gr�nen Bergen, die sie zur Sonne emporhoben. Einige Zeit konnte er, als er so dastand, sich nicht selbst denken h�ren. Bei dem lauten Applaus, der in der dichten Luft stark widerhallte.</p><p>Dann sagte er ins Mikrophon: �Der Mars ist ein Spiegel, in dem die Erde ihr eigenes Wesen erblickt. Der Umzug zum Mars war eine reinigende Reise, die alles au�er den wichtigsten Dingen abstreifte. Was am Ende herauskam, war durch und durch terranisch. Und was seither geschehen ist, war ein Ausdruck terranischen Denkens und terranischer Gene. Und so k�nnen wir, mehr als jede materielle Hilfe an seltenen Metallen oder neuen genetischen Dispositionen, dem Heimatplaneten am meisten helfen, indem wir als ein Weg dienen, damit ihr euch selbst erkennt. Als ein Weg, um eine unvorstellbare Gr��e auszumessen. So leisten wir mit unserem kleinen Anteil unseren Beitrag zur Schaffung der gro�en Zivilisation, die auf der Schwelle zur Verwirklichung steht. Wir sind die Primitiven dieser unbekannten Zivilisation.�</p><p>Laute Beifallsrufe.</p><p>�So sieht es jedenfalls f�r uns auf dem Mars aus�� eine lange Evolution durch die Jahrhunderte hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Je mehr Wissen sich die V�lker erarbeiten, desto besser verstehen sie ihre eigene Abh�ngigkeit�� voneinander und von ihrer Welt. Auf dem Mars haben wir gesehen, da� der beste Weg, diese gegenseitige Abh�ngigkeit auszudr�cken, viel zu geben ist, in einer Kultur des Mitgef�hls. Und die gemeinsame Arbeit hin auf das allgemeine Wohl, dieses T�tigsein macht uns erst wirklich frei. Keine Gesetzm��igkeit verdient mehr Aufmerksamkeit als diese eine: Je mehr wir geben, desto mehr bekommen wir. Jetzt inmitten einer gro�en Flut, angespornt durch diese Katastrophe, sehen wir diese Kultur des Mitgef�hls erbl�hen, auf beiden Welten zugleich.�</p><p>Er setzte sich unter ungeheurem Get�se hin. Dann waren die Reden vorbei, und sie gingen zu einer Art Pressekonferenz �ber und beantworteten die Fragen, die die sch�ne Frau im gr�nen Sari stellte. Nirgal antwortete mit Fragen seinerseits nach dem neuen, sie umgebenden Geb�udekomplex und der Situation auf der Insel. Sie antwortete mit einem Schwall von Erkl�rungen und unter Gel�chter der wohlwollenden Menge, die hinter der Mauer von Reportern und Kameras immer noch zuschaute. Die Frau erwies sich als Premierministerin von Trinidad und Tobago. Diese kleine Nation auf zwei Inseln war wider Willen von dem Armscor-Metanat w�hrend des gr��ten Teils des vergangenen Jahrhunderts beherrscht worden, wie die Frau erkl�rte; und erst seit der Flut hatten sie diese Verbindung gel�st �und schlie�lich jegliche koloniale Bindung�. Wie da die Menge jubelte! Und ihr L�cheln war voll von der Freude einer ganzen Gesellschaft. Wie er sah, war sie eine Dugla und fabelhaft sch�n.</p><p>Wie sie erkl�rte, war der Komplex, in dem sie sich befanden, eines von Dutzenden Hilfskrankenh�usern, die auf den beiden Inseln seit der Flut errichtet worden waren. Ihr Bau war das Hauptprojekt der Insulaner gewesen in Reaktion auf ihre neue Freiheit. Sie hatten Hilfszentren geschaffen, die Flutopfer unterst�tzten, und ihnen allen Unterkunft, Arbeit und medizinische F�rsorge gegeben, einschlie�lich der Langlebigkeitsbehandlung.</p><p>�Jeder bekommt die Behandlung?� fragte Nirgal.</p><p>�Ja�, sagte die Frau.</p><p>�Gut!� erkl�rte Nirgal �berrascht. Er hatte geh�rt, da� das auf der Erde selten w�re.</p><p>�Das sagen Sie�, erwiderte die Premierministerin. �Das Volk sagt, es wird eine Menge Probleme schaffen.�</p><p>�Ja, das wird es. Aber ich denke, wir sollten es auf jeden Fall machen. Jedem die Behandlung geben und dann �berlegen, was zu tun ist.�</p><p>Es dauerte ein paar Minuten, bis man �ber dem Jubel der Menge �berhaupt wieder etwas h�ren konnte. Die Premierministerin suchte sie zu beruhigen; aber ein kleiner Mann in einem modischen braunen Anzug kam aus der Gruppe hinter der Premierministerin und erkl�rte unter einem Aufruhr von Hochrufen: �Dieser Marsmensch Nirgal ist ein Sohn Trinidads! Sein Vater, Desmond Hawkins, der blinde Passagier, der Cojote des Mars, kommt aus Port of Spain, und er hat dort noch eine Menge Leute! Armscor hat die �lgesellschaft gekauft und auch die Insel zu kaufen versucht; aber die haben sich dazu die falsche Insel ausgesucht. Ihr Cojote hat seinen Geist nicht aus der Luft gesch�pft, Maistro Nirgal: Er hat sie aus dem hochexplosiven T�n�T bekommen. Er hat auf seinen Reisen jedem, dem er begegnet ist, den T�n�T way of life beigebracht. Und dort oben sind sie alle irgendwie Dugla, sie verstehen deren Art und haben damit den ganzen Mars erobert! Der Mars ist ein gro�es Trinidad-Tobago!�</p><p>Die Menge war hingerissen; und impulsiv ging Nirgal auf den Mann zu und umarmte ihn l�chelnd. Dann fand er die Treppe, stieg hinunter und trat in die Menge hinaus, die sich um ihn dr�ngte. Ein Mischmasch von Ger�chen. Zu viel L�rm, um nachzudenken. Er ber�hrte Menschen und sch�ttelte H�nde. Der Ausdruck in ihren Augen!</p><p>Alle waren kleiner als er, und sie lachten dar�ber.</p><p>Jedes Gesicht war eine ganze Welt. Schwarze Punkte schwammen in seinem Gesichtsfeld, die Dinge wurden abrupt dunkler. Er schaute sich nerv�s um. Eine Wolkenbank hatte sich im Westen �ber einem dunklen Meeresstreifen zusammengeballt, und deren Vorderrand hatte die Sonne abgeschnitten. Als er jetzt mit dem Bad in der Menge fortfuhr, rollte die Wolkenbank �ber die Insel. Die Menge brach auseinander, als sich die Leute unter den Schutz von B�umen oder Verandas oder einer gro�en Bushaltestelle mit Blechdach fl�chteten. Maya, Sax und Michel gingen in ihren eigenen Scharen verloren. Die Wolken waren unten dunkelgrau und erhoben sich zu wei�en Wirbeln, so fest wie Fels, aber ver�nderlich und st�ndig dahinflie�end. Ein k�hler Wind schlug hart zu, und dann r�hrten gro�e Regentropfen den Schmutz auf, und die vier Marsianer wurden unter das offene Dach eines Pavillons gedr�ngt, wo man f�r sie Platz gemacht hatte.</p><p>Dann str�mte der Regen herab und es gab nichts vergleichbares, das Nirgal je gesehen hatte. Er scho� br�llend in die Tiefe, ballte sich zu pl�tzlichen breiten flu�artigen Pf�tzen, alle �bers�t von einer Million Explosionen wei�er Tr�pfchen. Die ganze Welt au�erhalb des Pavillons war durch fallendes Wasser in Farbflecke verwischt�� gr�n und braun, alles durcheinander. Maya grinste: �Es ist, als ob der Ozean auf uns herunterfiele.�</p><p>�So viel Wasser!� Nirgal war fassungslos.</p><p>Die Premierministerin zuckte die Achseln. �Das passiert w�hrend des Monsuns jeden Tag. Es gibt mehr Regen als sonst, und wir haben schon eine Menge abbekommen.�</p><p>Nirgal sch�ttelte den Kopf und f�hlte einen Druck an den Schl�fen. Der Schmerz des Atmens in feuchter Luft. Halb zu ertrinken.</p><p>Die Premierministerin erkl�rte ihnen etwas, aber Nirgal konnte kaum folgen, sein Kopf tat so weh. Ein jeder in der Unabh�ngigkeitsbewegung konnte sich einer Praxisfiliale anschlie�en, und w�hrend der ersten Jahre ihrer Arbeit bauten sie Hilfszentren wie dieses. Die Langlebigkeitsbehandlung war in das Beitrittszeremoniell jeder Person eingebunden und wurde in den neu erbauten Zentren vollzogen. Implantate f�r die Geburtenkontrolle konnte man gleichzeitig haben, reversibel, aber st�ndig aktiv, wenn man sie drin lie�. Viele nahmen sie als Beitrag zur Sache. �Babies sp�ter. Die Zeit wird kommen.� War die weit verbreitete Devise. Die Leute wollten auf jeden Fall beitreten, und fast jeder hatte es getan. Armscor war gezwungen, sich dem Arrangement von Praxis anzupassen, um zumindest einige seiner Leute zu behalten; darum machte es jetzt keinen gro�en Unterschied mehr aus, welcher Organisation man angeh�rte, in Trinidad waren sie alle fast gleich. Frisch behandelt fingen die neuen Mitglieder an mehr Wohnraum zu bauen oder in der Landwirtschaft zu arbeiten oder mehr Ger�t f�r Krankenh�user herzustellen. Trinidad war es vor der Flut recht gut gegangen als kombiniertes Resultat gro�er �lreserven und Investitionen der Metanats im Kabelsockel. Es hatte eine progressive Tradition gegeben, die in den Jahren nach dem ungeliebten Auftreten der Metanats die Basis des Widerstands gebildet hatte. Jetzt gab es eine wachsende Infrastruktur, die dem Langlebigkeitsprojekt gewidmet war. Die Lage war vielversprechend. Jedes Camp war aus einer Warteliste f�r die Behandlung zusammengestellt, und alle arbeiteten mit an der Errichtung der Einrichtungen. Nat�rlich waren die Leute absolut entschlossen zur Verteidigung solcher Pl�tze. Selbst wenn Armscor es gewollt h�tte, w�re es seinen Sicherheitskr�ften sehr schwer gefallen, die Camps zu erobern. Und falls sie es t�ten, w�rden sie ohnehin nichts Wertvolles darin finden. Die Behandlung hatten sie ja schon. Sie hatten die M�glichkeit, V�lkermord zu begehen, aber, davon abgesehen, wenig Chancen, die Situation wieder in den Griff zu bekommen.</p><p>�Die Insel hat sich einfach von ihnen entfernt�, schlo� die Premierministerin. �Das kann keine Armee aufhalten. Es bedeutet ein Ende f�r die �konomische Kaste und f�r Kasten �berhaupt. Das ist etwas Neues, ein neues Dugla in der Geschichte, wie Sie in Ihrer Rede so sch�n gesagt haben. Wie ein kleiner Mars. Da� Sie nun hier sind, um uns zu besuchen, Sie, ein Enkel der Insel, der uns in Ihrer sch�nen neuen Welt so viel gelehrt hat�� oh, das ist etwas Besonderes. Ein echtes Fest.� Wieder das strahlende L�cheln.</p><p>�Wer war der Mann, der gesprochen hat?�</p><p>�Oh, das war James.�</p><p>Der Regen h�rte pl�tzlich auf. Die Sonne brach durch, und die Welt dampfte. Schwei� str�mte von Nirgal in die wei�e Luft hinunter. Er konnte keinen Atem sch�pfen. Wei�e Luft und schwimmende schwarze Flecken.</p><p>�Ich glaube, ich mu� mich hinlegen.�</p><p>�Ja, nat�rlich! Sie m�ssen ersch�pft und erledigt sein. Kommen Sie mit uns!�</p><p>Sie brachten ihn zu einem kleinen Nebengeb�ude des Komplexes in ein helles Zimmer, dessen W�nde mit Bambusstreifen bedeckt waren und bis auf eine Matratze auf dem Boden leer.</p><p>�Ich f�rchte, die Matratze ist f�r Sie nicht lang genug.�</p><p>�Das macht nichts.�</p><p>Man lie� ihn allein. Irgend etwas an dem Raum erinnerte ihn an das Innere von Hirokos H�tte in dem Hain am anderen Ufer des Sees in Zygote. Nicht blo� der Bambus, sondern Gr��e und Gestalt des Zimmers�� und, etwas schwer definierbar, vielleicht das einstr�mende gr�ne Licht. Die Empfindung von Hirokos Pr�senz war so stark und unerwartet, da� Nirgal, als die anderen den Raum verlassen hatten, sich auf die Matratze warf, wobei die F��e unten weit �berhingen, und weinte. Eine v�llige Konfusion der Gef�hle. Sein ganzer K�rper schmerzte, aber besonders der Kopf. Er h�rte auf zu weinen und sank in tiefen Schlaf.</p><p>Er erwachte in einer kleinen schwarzen Kammer. Es roch gr�n. Er konnte sich nicht erinnern, wo er war. Er rollte sich auf den R�cken, und es fiel ihm ein: die Erde. Fl�stern. Er richtete sich erschrocken auf. Ein ged�mpftes Lachen. H�nde packten ihn und dr�ckten ihn nach unten; aber es waren freundliche H�nde, das sp�rte er sofort. �Psst!� sagte jemand und k��te ihn. Jemand anders fummelte an seinem G�rtel und seinen Kn�pfen. Frauen�� zwei, drei, nein zwei��, �berw�ltigend mit Jasmin und noch etwas anderem parf�miert. Zwei Duftelemente, beide warm. Schwei�ige Haut, glitschig. Die Arterien in seinem Kopf pulsierten. So etwas war ihm schon einmal passiert, als er j�nger war, als die frisch �berkuppelten Canyons wie neue Welten waren, mit jungen Frauen, die schwanger werden oder auch blo� Spa� haben wollten. Nach den z�libat�ren Monaten der Reise war es ein himmlisches Gef�hl, Frauenk�rper zu streicheln, zu dr�cken, zu k�ssen und gek��t und gestreichelt zu werden; und seine anf�ngliche Angst schmolz in einem Rausch von H�nden und M�ndern, Br�sten und verschlungenen Beinen dahin. Er st�hnte: �Schwester Erde!� Von irgendwo her aus der Ferne kam Musik, Piano, Stahltrommeln und Tablas, fast verdeckt durch den Klang des Windes im Bambus. Eine der Frauen war �ber ihm und lie� sich auf ihn herunter; und das Gef�hl ihrer Rippen unter seinen H�nden w�rde ihn nie verlassen. Sie fa�te sein Glied, und er drang in sie ein und k��te weiter. Aber sein Herz klopfte immer noch schmerzhaft.</p><empty-line/><p>Als er das n�chste Mal erwachte, lag er feucht und nackt auf der Matratze. Es war immer noch dunkel. Er zog sich an und ging aus dem Zimmer durch einen d�mmrigen Korridor in eine geschlossene Veranda. Es war tr�be. Er hatte einen ganzen Tag verschlafen. Maya, Michel und Sax sa�en unten mit einer gro�en Gruppe bei einer Mahlzeit. Nirgal versicherte ihnen, da� es ihm gut ginge und er sogar gro�en Hunger h�tte.</p><p>Er setzte sich zu ihnen. Drau�en im Freien inmitten des noch feuchten Komplexes war eine Menge bei einer K�che unter freiem Himmel versammelt. Dahinter leuchtete ein offenes Feuer gelb im Halbdunkel. Seine Flammen lie�en die dunklen Gesichter in Konturen erkennen und reflektierten in dem hellen Licht das Wei�e in ihren Augen und ihre Z�hne. Die Leute an dem Tisch drinnen schauten ihn alle an. Einige junge Frauen l�chelten. Ihr kohlschwarzes Haar gl�nzte wie Kappen aus Juwelen; und Nirgal f�rchtete einen Moment, nach Sex und Parf�m zu riechen. Aber der Rauch von dem Feuer und der Dunst der gew�rzten Gerichte auf dem Tisch machten das unwichtig. In einer solchen Explosion von Ger�chen konnte man nichts zu seinem Ursprung zur�ckverfolgen; und der Geruchs- und Geschmackssinn eines jeden war ohnehin durch das Essen verdorben, das scharf gew�rzt war mit Curry und Cayenne, St�cken von Fisch auf Reis mit einem Gem�se, das ihm Mund und Kehle versengte, so da� er in der n�chsten halben Stunde blinzelte, schnaufte und Gl�ser voll Wasser hinunterst�rzte. Sein Kopf brannte. Jemand gab ihm eine Scheibe kandierter Orange, die seinen Mund etwas k�hlte. Er a� mehrere St�cke dieser bitters��en Frucht.</p><p>Als das Essen vorbei war, r�umten sie alle zusammen die Tische ab, wie in Zygote oder Hiranyagarbha. Drau�en umkreisten T�nzer das Feuer gekleidet in ihre surrealen Karnevalskost�me mit Masken wilder Tiere und D�monen �ber den K�pfen, wie bei Fastnacht in Nicosia, obwohl die Masken schwerer und fremdartiger waren: D�monen mit vielen Augen und gro�en Z�hnen, Elefanten, G�ttinnen. Die B�ume waren vor dem verschwommenen Schwarz des Himmels dunkel, die Sterne alle rundum dick, das Laub in der H�he schwarz und dunkelgr�n und dann feuerfarben, als die Flammen h�her z�ngelten, als ob sie den Rhythmus des Tanzes lieferten. Eine kleine junge Frau mit sechs Armen, die sich im Tanz alle gleichzeitig bewegten, trat hinter Nirgal und Maya. Sie sagte: �Dies ist der Tanz des Ramayana. Er ist so alt wie die Zivilisation, und man spricht darin von Mangala.�</p><p>Sie gab Nirgal einen vertraulichen Klaps auf die Schulter, und pl�tzlich erkannte er ihren Jasmingeruch wieder. Ohne zu l�cheln ging sie wieder zum Feuer hin�ber. Die Tabla-Trommeln folgten crescendo den hochschlagenden Flammen, und die T�nzer stie�en laute Schreie aus. Nirgals Kopf schmerzte bei jedem Takt, und trotz der kandierten Orange tr�nten seine Augen noch von dem brennenden Pfeffer. Und seine Lider waren schwer. Er sagte: �Ich wei�, da� es komisch klingt, aber ich mu� mich wieder hinlegen.�</p><empty-line/><p>Er erwachte vor dem Morgengrauen und ging auf eine Veranda hinaus, um zu beobachten, wie sich der Himmel in einer durchaus mars�hnlichen Folge erhellte, von Schwarz zu Purpur zu Rosa, ehe das aufregende Cyanblau eines tropischen Morgens auf der Erde kam. Sein Kopf tat noch weh, als w�re er aufgeblasen, aber er f�hlte sich wenigstens ausgeruht und bereit, es wieder mit der Welt aufzunehmen. Nach einem Fr�hst�ck aus braungr�nen Bananen kamen er und Sax f�r eine Fahrt rund um die Insel mit einigen ihrer Gastgeber zusammen.</p><p>�berall, wohin sie kamen, waren immer ein paar hundert Leute zu sehen. Sie waren alle klein auf dem Land, braunh�utig wie er, dunkler in den St�dten. Es gab gro�e Lieferwagen, die umherfuhren und fliegende Verkaufsst�nde darstellten f�r die D�rfer, die zu klein waren, um eigene L�den zu haben. Nirgal war �berrascht zu sehen, wie mager die Leute waren, ihre Gliedma�en waren hager durch schwere Arbeit und auch sonst d�nn wie Zweige. Die Kurven der jungen Frauen waren wie Bl�ten, denen auf dieser schweren Welt keine lange Dauer beschieden sein d�rfte.</p><p>Als die Leute sahen, wer er war, str�mten sie herbei, um ihn zu begr��en und ihm die Hand zu dr�cken. Sax sch�ttelte den Kopf, als er Nirgal unter ihnen sah. Er sagte: �Eine Verteilung in zwei Spielarten. Keine genaue Artenteilung, aber vielleicht doch, wenn gen�gend Zeit vergangen ist. Insel-Divergenz, ganz nach Darwin.�</p><p>Nirgal stimmte zu. �Ich bin Marsianer.�</p><p>Ihre Bauten waren in L�chern untergebracht, die in den gr�nen Dschungel gehauen waren, der danach den Raum zur�ckzugewinnen suchte. Die �lteren H�user bestanden alle aus Schlammziegeln, die vom Alter geschw�rzt waren und wieder in der Erde einsanken. Reisfelder waren so fein terrassiert, da� die Berge entfernter aussahen, als sie in Wirklichkeit waren. Das Hellgr�n der jungen Reispflanzen war eine auf dem Mars nie gesehene Farbe. Im allgemeinen waren die Gr�nt�ne strahlend und st�rker leuchtend als alles, das gesehen zu haben Nirgal sich erinnern konnte. Sie bedr�ngten ihn, so vielf�ltig und intensiv, w�hrend die Sonne seinen R�cken bearbeitete. �Das kommt durch die Farbe des Himmels�, sagte Sax, als Nirgal es erw�hnte. �Die roten T�ne im Himmel des Mars ver�ndern das Gr�n.�</p><p>Die Luft war dick, feucht und widerlich. Das schimmernde Meer endete an einem fernen Horizont, Nirgal hustete, atmete durch den Mund und suchte seine pulsierenden Schl�fen und schmerzende Stirn zu ignorieren.</p><p>�Du hast die Krankheit infolge der geringen H�he�, mutma�te Sax. �Ich habe gelesen, da� das Menschen aus dem Himalaya und den Anden passiert, die auf Meeresh�he herunterkommen. Der S�urepegel im Blut. Wir h�tten irgendwo h�her landen sollen.�</p><p>�Warum haben wir das nicht getan?�</p><p>�Sie verlangten nach dir, weil Desmond von hier gekommen ist. Dies ist dein Heimatland. Tats�chlich scheint es einen gewissen Konflikt dar�ber zu geben, wer uns als n�chster bewirten wird.�</p><p>�Selbst hier?�</p><p>�Hier mehr als auf dem Mars, sollte ich meinen.�</p><p>Nirgal st�hnte. Das Gewicht der Welt, die erstickende Luft... �Ich werde ein St�ck laufen�, sagte er und verschwand.</p><p>Zuerst war es eine gewohnte Entspannung. Die Bewegungen und Reaktion durchstr�mten ihn und erinnerten ihn daran, da� er immer noch er selbst war. W�hrend er aber so dahintrottete, erhob er sich nicht in jene <emphasis>lung-gom-pa-Zone,</emphasis> wo Laufen wie Atmen war, etwas, das er unbegrenzt lange tun konnte. Statt dessen sp�rte er die zunehmende Anstrengung seiner Lungen, mit der dicken Luft zurechtzukommen, und den Druck von den Augen der kleinen Leute, an denen er vorbeikam. Und vor allem den Druck seines eigenen Gewichts, das seinen Gelenken schmerzte. Er wog mehr als doppelt so viel, als er gewohnt war; und es war so, als tr�ge er eine unsichtbare Person auf dem R�cken�� nur das Gewicht war in ihm. Als ob die Knochen in seinem K�rper zu Blei geworden w�ren. Seine Lungen brannten und wurden taub zugleich, und kein Husten konnte sie frei machen. Er sah immer mehr gr��ere Leute in westlicher Kleidung auf kleinen dreir�drigen Fahrr�dern, die durch die Pf�tzen platschten. Die Einheimischen f�llten die Stra�e. Scharen von ihnen blockierten die Dreiradfahrer. Ihre Augen und Z�hne schimmerten in ihren dunklen Gesichtern, w�hrend sie plauderten und lachten. Die M�nner auf den Dreir�dern hatten helle Gesichter und musterten Nirgal pr�fend. Aber sie reizten die Menge nicht. Nirgal machte kehrt und trabte einer neuen Stra�e auf das Camp zu. Jetzt flammten die gr�nen Berge zu seiner Rechten. Die Stra�e tat ihm weh bei jedem Schritt, bis seine Beine wie brennende Baumst�mme waren. Da� Laufen schmerzen konnte! Und sein Kopf war wie ein riesiger Ballon. Alle die feuchten gr�nen Pflanzen schienen nach ihm zu greifen, hundert Schattierungen gr�ner Flammen verschmolzen zu einem dominierenden Farbband, das sich in die Welt ergo�. Verschwimmende schwarze Punkte. �Hiroko!� keuchte er und lief weiter, w�hrend ihm Tr�nen �ber das Gesicht liefen. Niemand w�rde sie von Schwei� unterscheiden k�nnen. Hiroko, ist es nicht so, wie du sagtest?</p><p>Er stolperte in den ockerfarbenen Schmutz des Komplexes, und Dutzende von Leuten folgten ihm bis zu Maya. Triefend, wie er war, schlang er doch die Arme um sie und senkte st�hnend den Kopf auf ihre Schulter.</p><p>�Wir sollten nach Europa gehen�, sagte Maya �rgerlich zu jemandem hinter seinem R�cken. �Es war keine gute Idee, ihn direkt in die Tropen zu bringen.�</p><p>Nirgal r�ckte beiseite, um sich umzuschauen. Es war die Premierministerin. Sie sagte: �So leben wir immer� und durchbohrte Nirgal mit einem �rgerlichen, stolzen Blick.</p><p>Aber Maya war nicht beeindruckt und sagte: �Wir fliegen nach Bern.�</p><p>Sie flogen in einem kleinen, von Praxis gestellten Flugzeug in die Schweiz. Unterwegs sahen sie aus drei�igtausend Metern auf die Erde hinunter. Der blaue Atlantik, die gezackten Berge Spaniens, etwas wie die Berge des Hellesponts, dann Frankreich. Danach die wei�e Mauer der Alpen, anders als alle Gebirge, die er je gesehen hatte. Die k�hle Ventilation des Raumfliegers f�hlte sich f�r Nirgal wie heimisch an, und es bek�mmerte ihn, da� er die freie Luft auf der Erde nicht ertrug.</p><p>�In Europa wird es dir besser gehen�, versicherte Maya.</p><p>Nirgal dachte an den Empfang, der ihnen zuteil geworden war und sagte: �Sie lieben dich hier.� �berw�ltigt, wie er gewesen war, hatte er doch bemerkt, da� die Begr��ung durch die Duglas f�r die anderen drei ebenso begeistert gewesen war wie f�r ihn. Und Maya war besonders verehrt worden.</p><p>Maya lie� das so hingehen und sagte: �Sie freuen sich, da� wir es �berlebt haben. F�r sie sind wir wie durch Zauberei von den Toten wiedergekehrt. Wei�t du, sie haben uns f�r tot gehalten. Seit �61 bis gerade zum vorigen Jahr haben sie gedacht, die Ersten Hundert w�ren alle tot. Siebenundsechzig Jahre! Und diese ganze Zeit war auch ein Teil von ihnen tot. Da� sie uns so wiederbekommen haben, und in dieser Flut, wo sich alles �ndert�� ja. Das ist wie eine Sage. Die R�ckkehr aus der Unterwelt.�</p><p>�Aber nicht ihr alle.�</p><p>�Nein.� Sie l�chelte beinahe. �Damit m�ssen sie noch klar kommen. Sie denken, Frank lebt und auch Arkadij und John, obwohl John vor Jahren get�tet wurde und alle das wu�ten! Jedenfalls eine Zeit lang. Aber Menschen vergessen Dinge.</p><p>Und sie m�chten, da� John Boone lebt. Und so vergessen sie Nicosia und sagen, er sei noch Teil des Untergrundes.� Sie lachte kurz, dadurch nicht aus der Ruhe gebracht.</p><p>�Genau wie mit Hiroko�, sagte Nirgal. Er f�hlte, wie sich seine Kehle verklemmte. Eine Welle der Tr�bsal wie die in Trinidad durchfuhr ihn und machte ihn bla� und gequ�lt. Er glaubte�� er hatte immer geglaubt��, da� Hiroko lebte und sich mit ihren Leuten irgendwo im s�dlichen Bergland versteckt hielt. Auf diese Weise hatte er den Schock der Nachricht ihres Verschwindens �berwunden, er war ganz sicher, da� sie aus Sabishii entronnen war und wieder auftauchen w�rde, wenn sie die Zeit f�r gekommen hielt. Jetzt war er, ohne da� er einen Grund daf�r wu�te, nicht mehr so sicher.</p><p>In dem Sitz auf der anderen Seite von Maya sa� Michel mit angespannten Z�gen. Pl�tzlich hatte Nirgal das Gef�hl, in einen Spiegel zu schauen. Er wu�te, da� sein Gesicht die gleiche Miene zeigte. Das sp�rte er in seinen Muskeln. Er und Michel hatten beide Zweifel�� vielleicht wegen Hiroko, vielleicht wegen anderer Dinge. Das konnte man nicht sagen. Michel schien nicht geneigt zu sprechen.</p><p>Und auf der anderen Seite des Flugzeugs beobachtete Sax sie beide mit seinem �blichen vogel�hnlichen Blick.</p><empty-line/><p>Sie fielen aus dem Himmel parallel zur gro�en Nordwand der Alpen und landeten auf einer Rollbahn zwischen gr�nen Feldern. Man brachte sie zu einem k�hlen mars�hnlichen Geb�ude, dann treppab zu einem Zug, der sich metallisch anhob und aus dem Bau und �ber gr�ne Felder glitt. Eine Stunde sp�ter waren sie in Bern.</p><p>In Bern waren die Stra�en gedr�ngt von Diplomaten und Reportern, jeder mit einer Identit�tsmarke an der Brust und jeder mit einem Auftrag, zu ihnen zu sprechen. Die Stadt war klein, altert�mlich und felsenfest. Das Gef�hl geballter Macht war greifbar. Enge, kopfsteingepflasterte Stra�en waren von Steingeb�uden mit Arkaden flankiert, alles so dauerhaft wie ein Berg. Der flinke Flu� Aare flo� in einer S-Kurve hindurch und umfa�te den Hauptteil der Stadt in einem Halbbogen. Die in diesem Viertel eng beieinander lebenden Leute waren zumeist Europ�er. Penibel aussehende Wei�e, nicht so klein wie die meisten Terraner, w�lzten sich in Gespr�che verwickelt durch die Gassen. Und immer dr�ngte sich eine gro�e Anzahl von ihnen um die Marsianer und ihre Eskorte, die jetzt aus der Schweizer Milit�rpolizei in blauen Uniformen bestand.</p><p>Nirgal, Sax, Michel und Maya erhielten Zimmer im Hauptquartier der Praxis in einem kleinen Steingeb�ude direkt oberhalb des Aare-Flusses. Es erstaunte Nirgal, wie nahe am Wasser die Schweizer zu bauen wagten. Ein Anstieg des Flusses um zwei Meter w�rde eine Katastrophe bewirken. Aber das k�mmerte sie nicht. Offenbar hatten sie den Flu� streng genug unter Kontrolle, obwohl er aus der steilsten Gebirgskette hervorkam, die Nirgal je gesehen hatte!</p><p>Das Praxisgeb�ude war nur ein paar Stra�en vom alten Stadtzentrum entfernt. Der Weltgerichtshof nahm verschiedene B�ros in der N�he der H�user der Schweizer Bundesregierung, nahe der Mitte der Halbinsel, ein. So gingen sie jeden Morgen durch die gepflasterte Hauptstra�e, die Kramgasse, die unglaublich sauber war, kahl und unterbev�lkert im Vergleich mit jeder Stra�e in Port of Spain. Sie kamen unter dem mittelalterlichen Uhrenturm mit seiner geschm�ckten Fassade und seinen mechanischen Figuren vorbei�� wie eines von Michels alchemistischen Diagrammen, verwandelt in ein dreidimensionales Objekt. Dann zu den B�ros des Weltgerichtshofs, wo sie mit einer Gruppe nach der anderen �ber die Verh�ltnisse auf Mars und Erde sprachen. UN-Beamte, Regierungsvertreter, metanationale Gesch�ftsf�hrer, Hilfsorganisationen, Mediengruppen. Jeder wollte wissen, was auf dem Mars geschah, was der Mars als n�chstes zu tun gedachte, was sie von der Situation auf der Erde hielten und was der Mars der Erde als Hilfe anbieten konnte. Nirgal fand, da� mit den meisten Leuten, die er traf, recht leicht zu reden war. Sie schienen die entsprechenden Verh�ltnisse auf den zwei Welten zu verstehen. Sie waren nicht unrealistisch hinsichtlich der F�higkeit des Mars, �die Erde zu retten�. Sie schienen weder zu erwarten, den Mars wieder zu beherrschen, noch da� die metanationale Weltordnung der Jahre vor der Flut wiederkehren w�rde.</p><p>Indessen war anzunehmen, da� die Marsianer vor den Menschen abgeschirmt wurden, die ihnen gegen�ber eine feindlichere Haltung einnahmen. Maya war sich dessen sehr sicher. Sie erkl�rte, wie oft die Verhandlungspartner und Interviewer das offenbart hatten, was sie ihre �Terrazentrizit�t� nannte. Ihnen war wirklich alles gleichg�ltig au�er dem, was die Erde betraf. Der Mars war in mancher Hinsicht interessant, aber nicht akut wichtig. Nachdem man Nirgal diese Haltung einmal klargemacht hatte, erkannte er sie immer wieder. Und er fand das irgendwie tr�stlich. Auf dem Mars gab es sicher entsprechende Ansichten, da die Eingeborenen unvermeidlicherweise areozentrisch waren. Und das ergab Sinn. Es war eine Art von Realismus.</p><p>Er bekam allm�hlich den Eindruck, da� die Terraner, die ein starkes Interesse am Mars zeigten, am schwierigsten zu erfassen waren. Gewisse metanationale Gesch�ftstr�ger, deren Gesellschaften beim Terraformen des Mars viel investiert hatten. Auch gewisse nationale Repr�sentanten stark bev�lkerter L�nder, die ohne Zweifel sehr froh gewesen w�ren, wenn sie einen Ort gehabt h�tten, um Teile ihres Volkes hinzuschicken. So sa� Nirgal in Versammlungen mit Leuten aus Armscor, Subarashii, China, Indonesien, Ammex, Japan und dem japanischen Metanat-Rat. Er h�rte sehr aufmerksam zu und tat sein Bestes, um eher Fragen zu stellen, als zu viel zu reden. Er sah, da� einige von ihren bis dahin treuesten Verb�ndeten, besonders China und Indien, in der neuen Ordnung ihr ernstestes Problem werden w�rden. Maya nickte mit grimmigem Gesicht, als er ihr diese Beobachtung mitteilte. �Wir k�nnen nur hoffen, da� die reine Distanz uns retten wird�, sagte sie. �Wie gl�cklich sind wir doch, da� es Schiffsraum erfordert, uns zu erreichen. Das sollte ein Engpa� f�r Emigration sein, ganz gleich, wie fortgeschritten die Bef�rderungsm�glichkeiten werden. Aber wir werden immer auf der Hut sein m�ssen. Rede bitte hier nicht viel von diesen Dingen! Rede �berhaupt nicht viel!�</p><empty-line/><p>Beim Lunch bat Nirgal seine Begleitgruppe�� ein Dutzend oder mehr Schweizer, die w�hrend jeder wachen Stunde bei ihm waren��, mit ihm zur Kathedrale hin�berzugehen, die, wie man Nirgal erz�hlt hatte, das Monster genannt wurde. Sie hatte an einem Ende einen Turm, durch den eine enge Wendeltreppe nach oben f�hrte, die man emporsteigen konnte. Und fast jeden Tag machte Nirgal einige tiefe Atemz�ge und eilte dann diese Treppe hinauf, keuchend und schwitzend, bis er oben ankam. An klaren Tagen, die nicht h�ufig waren, konnte er aus den offenen B�gen des obersten Raumes bis zu der entfernten steilen Wand der Alpen blicken, die, wie er erfahren hatte, das Berner Oberland genannt wurde. Diese gezackte wei�e Wand lief von Horizont zu Horizont wie eine der gro�en B�schungen auf dem Mars, nur schneebedeckt, allein die dreieckigen Nordh�nge mit aperem Fels von hellgrauer Farbe lagen frei, so ganz anders als irgend etwas auf dem Mars. Granit. Granitberge, durch tektonische Kollision aufgerichtet. Und die Heftigkeit dieser Entstehung war deutlich.</p><p>Zwischen dieser majest�tisch wei�en Bergkette und Bern lag eine Anzahl niedrigerer Gebirgsketten, die Grasalpen, �hnlich den Gr�nfl�chen in Trinidad. Nur war das Gr�n der Nadelb�ume dunkler. So viel Gr�n! Wieder war Nirgal erstaunt, wie vollst�ndig die Erde mit pflanzlichem Leben bedeckt war und die Lithosph�re unter einer dicken alten Decke von Biosph�re steckte. �Ja�, sagte Michel, der eines Tagen mit ihm zusammen die Aussicht geno�. �Die Biosph�re hat hier sogar einen gro�en Teil der oberen Gesteinsschicht gebildet. �berall wimmelt es von Leben. Es wimmelt.�</p><p>Michel wollte liebend gern in die Provence reisen. Sie waren schon in ihrer N�he, eine Flugstunde oder eine Nacht mit der Eisenbahn. Und alles, was sich in Bern abspielte, kam Michel nur wie das �bliche endlose Gerangel der Politik vor. �Flut oder Revolution oder die Sonne, welche zur Nova wird�� das wird immer so weitergehen! Du und Sax, ihr k�nnt euch damit besch�ftigen und besser als ich das tun, was n�tig ist.�</p><p>�Und Maya erst recht.�</p><p>�Nun ja. Aber ich will, da� sie mit mir kommt. Sie mu� das sehen, sonst wird sie es nicht verstehen.�</p><p>Aber Maya war in den Verhandlungen mit den UN voll besch�ftigt, die jetzt ernst wurden, da die Marsianer daheim die neue Verfassung angenommen hatten. Die UN erwiesen sich immer noch sehr als ein Sprachrohr der Metanats, so wie der Weltgerichtshof weiterhin die neuen � kooperativen Demokratien unterst�tzte. Darum waren die Debatten in den verschiedenen Versammlungsr�umen energisch, munter und bisweilen feindlich�� mit einem Wort: wichtig. Und Maya zog jeden Tag in die Schlacht. F�r die Provence-Pl�ne ihrer Mitstreiter hatte sie kein Ohr. Sie hatte in ihrer Jugend S�dfrankreich besucht, wie sie sagte, und war nicht sehr daran interessiert, es wiederzusehen, selbst mit Michel. Michel beklagte sich: �Sie sagt, die Str�nde sind alle dahin. Als ob die Str�nde das Wichtigste an der Provence w�ren!�</p><p>Auf jeden Fall wollte sie nicht gehen. Endlich, nachdem ein paar Wochen vergangen waren, gab Michel achselzuckend auf und beschlo�, allein in die Provence zu fahren.</p><p>Am Tag seiner Abreise begleitete Nirgal ihn zum Bahnhof am Ende der Hauptstra�e und stand winkend an dem langsam beschleunigenden Zug, der die Station verlie�. Im letzten Moment steckte Michel den Kopf aus einem Fenster und winkte mit m�chtigem Grinsen zur�ck. Nirgal war �ber diese noch nie dagewesene �u�erung schockiert, die so rasch an die Stelle der Entt�uschung �ber Mayas Fehlen getreten war. Dann freute er sich f�r seinen Freund und wurde sogar etwas neidisch. Es gab keinen Ort, den aufzusuchen ihn so gl�cklich machen w�rde, nirgends auf den zwei Welten.</p><p>Nachdem der Zug verschwunden war, ging Nirgal auf der Kramgasse inmitten der �blichen Traube von Begleitern und Augen der Medien zur�ck. Er zerrte seinen zweieinhalbfachen K�rper, das Monster, hinauf und schaute nach S�den zum Berner Oberland. Er verbrachte dort eine Menge Zeit. Manchmal verzichtete er auf die Meetings am fr�hen Nachmittag und lie� Sax und Maya sich darum k�mmern. Die Schweizer betrieben die Angelegenheiten in ihrer gewohnten gesch�ftsm��igen Art. Die Meetings hatten Tagesordnungen und begannen p�nktlich; und wenn sie mit der Tagesordnung nicht fertig wurden, so lag das nicht an den Schweizern im Raum. Sie waren genau wie die Schweizer auf dem Mars, wie J�rgen, Max, Priska und Sibilla mit ihrem Ordnungssinn, mit gut ausgef�hrter angemessener Handlungsweise und mit unsentimentaler Liebe f�r Komfort bei vorhersehbarer Schicklichkeit. Das war eine Haltung, �ber die Cojote lachte, oder die er als lebensbedrohend ablehnte. Aber Nirgal, der die Ergebnisse in der eleganten steinernen Stadt unter sich sah, die von Blumen �berstr�mte und von Menschen, denen es ebenso gut ging wie den Blumen, dachte, es spr�che doch manches daf�r. Er war so lange heimatlos gewesen. Michel hatte seine Provence, bei der er Zuflucht suchen konnte. Aber f�r Nirgal gab es keinen best�ndigen Ort. Seine Heimatstadt lag zerschmettert unter einer Polkappe, seine Mutter war spurlos verschwunden, und jeder Ort danach war eben blo� ein Ort gewesen, w�hrend anderswo alles sich immer �nderte. Ver�nderlichkeit war seine Heimat. Und das war beim Blick �ber die Schweiz schwer vorstellbar. Er wollte eine Heimst�tte, die so etwas hatte wie diese Ziegeld�cher, diese Steinmauern hier, solide in den letzten tausend Jahren.</p><p>Er versuchte, sich auf die Versammlungen im Weltgerichtshof und im Schweizer Bundeshaus zu konzentrieren. Praxis war immer noch f�hrend bei der Reaktion auf die Flut, sie war gut darin, ohne Pl�ne zu arbeiten; und sie hatte schon eine Kooperative gehabt f�r die Produktion von Grundg�tern und Diensten, einschlie�lich der lebensverl�ngernden Behandlung. Darum brauchte sie nur diesen Proze� zu beschleunigen, um die F�hrung zu �bernehmen und zu zeigen, was bei der Notlage getan werden konnte. Die vier Reisenden hatten die Resultate in Trinidad gesehen. Lokale Bewegungen taten das meiste davon; aber Praxis half bei solchen Projekten in der ganzen Welt. Man sagte, William Fort habe Bedenken gehabt, die fl�ssige Antwort des Kollektiven Transnats� anzuf�hren, wie er Praxis nannte. Und seine mutierte Metanationale war nur eine von Hunderten von Dienstleistungsagenturen, die ans Ruder gekommen waren. In der ganzen Welt besch�ftigten sie sich mit dem Problem, die K�stenbev�lkerung wieder se�haft zu machen und eine neue Infrastruktur auf h�herem Boden zu erbauen oder hierhin umzulegen.</p><p>Dieses lose Netz von Wiederaufbaubem�hungen traf indessen auf einigen Widerstand seitens der Metanats, die sich beklagten, da� ein guter Teil ihrer Infrastruktur, ihres Kapitals und ihrer Arbeitskr�fte nationalisiert, lokalisiert, angeglichen, verwertet oder geradezu gestohlen w�rden. Es kam nicht selten zu K�mpfen, besonders dort, wo schon bewaffnete Auseinandersetzungen im Gange waren. Die Flut war schlie�lich mitten in einem der gr��ten Paroxysmen von Zusammenbruch und Neuordnung aufgetreten; und obwohl sie alles ver�ndert hatte, wurde an vielen Stellen immer noch gek�mpft, nicht selten unter dem Deckmantel von Hilfsbem�hungen.</p><p>Sax Russell war sich �ber diese Zusammenh�nge besonders im klaren, �berzeugt wie er war, da� die globalen Kriege von 2061 nie die grundlegenden Ungleichheiten des �konomischen Systems der Erde beseitigt hatten. Auf seine eigene Weise beharrte er in den Versammlungen auf diesem Punkt; und im Lauf der Zeit schien es Nirgal, da� er es schaffte, die skeptischen Zuh�rer der UN und der Metanats zu �berzeugen, da� sie alle etwas wie die Praxismethode verfolgen m��ten, wenn sie selbst und die Zivilisation �berleben wollten. Es spielte keine gro�e Rolle, um welches von beiden sie sich mehr Sorgen machten, sagte er privat zu Nirgal, um sich selbst oder die Zivilisation. Es w�rde nichts ausmachen, wenn sie nur eine Art Machiavellistisches Simulacrum des Programms der Praxis einf�hrten. Der Effekt w�re auf kurze Sicht der gleiche, und jeder brauchte diese Gnadenfrist friedlicher Zusammenarbeit.</p><p>So war Sax bei jedem Meeting peinlich konzentriert, sowie recht verst�ndig und beflissen. Das fiel besonders im Vergleich mit seiner tiefen Zerstreutheit w�hrend der Reise zur Erde auf. Und schlie�lich war Sax Russell der Terraformer des Mars, die derzeit lebende Verk�rperung des Gro�en Gelehrten mit einer m�chtigen Stellung in der Kultur der Erde, dachte Nirgal�� etwas wie der Dalai Lama der Wissenschaft, eine st�ndige Reinkarnation des Geistes der Wissenschaft, geschaffen f�r eine Kultur, die nur f�hig zu sein schien, mit einem einzigen Gelehrten zur gleichen Zeit auszukommen. Auch war f�r die Metanats Sax der prinzipielle Sch�pfer des gr��ten neuen Marktes in der Geschichte. Das war kein unwesentlicher Teil seiner Aura. Und wie Maya erkl�rt hatte, war er einer jener Gruppe, die von den Toten wiedergekehrt war, einer der F�hrer der Ersten Hundert.</p><p>So wie all diese Dinge, half sein merkw�rdig verhaltener Stil auch bei der Schaffung des Bildes, das die Terraner von ihm bekamen. Seine Sprachschwierigkeiten machten ihn zu einer Art Orakel. Die Menschen schienen zu glauben, da� er auf einer so erhabenen Ebene dachte, da� er nur in R�tseln sprechen konnte. Das war es, was sie vielleicht wollten. Und vielleicht war es das, was Wissenschaft f�r sie letztlich bedeutete. Die g�ngige Theoretische Physik sprach von letzter Realit�t als ultramikroskopischen Stringschleifen, die sich supersymmetrisch in zehn Dimensionen bewegten. Das hatte die Leute daran gew�hnt, Physiker f�r seltsam zu halten. Und die zunehmende Verwendung von �bersetzungscomputern gew�hnte alle an merkw�rdige Ausdrucksweisen jeder Art. Fast jeder, den Nirgal traf, sprach Englisch; aber es gab leider sehr verschiedene Arten von Englisch, so da� die Erde auf Nirgal wie eine Explosion von Idiomen wirkte, wobei keine zwei Personen die gleiche Sprache benutzten.</p><p>In diesem Zusammenhang lauschte man Sax h�chst ernsthaft. �Die Flut markiert eine Bruchstelle in der Geschichte�, sagte er eines Morgens auf einer gro�en allgemeinen Versammlung in der Kammer des Nationalrates im Bundeshaus. �Es war eine nat�rliche Revolution. Das Wetter auf der Erde hat sich ge�ndert, genau wie das Land und die Meeresstr�mungen. Die Verteilung der menschlichen und tierischen Bev�lkerung. In dieser Situation besteht kein Grund, die vorsintflutliche Welt um jeden Preis wiederherstellen zu wollen. Das ist nicht m�glich. Und es gibt viele Gr�nde f�r die Einrichtung einer verbesserten sozialen Ordnung. Die alte ist br�chig geworden. Es kam zu Blutvergie�en, Hunger, Sklaverei und Krieg. Leiden. Unn�tiger Tod. Es wird immer Tod geben. Aber er sollte f�r jeden Menschen so sp�t wie m�glich kommen. Am Ende eines guten Lebens. Das ist das Ziel jeder rationalen sozialen Ordnung. Darum sehen wir die Flut als eine Gelegenheit�� hier wie auf dem Mars��, um eine neue Form zu gestalten.�</p><p>Die UN-Beamten und Berater der Metanat runzelten dabei die Stirn, aber sie h�rten zu. Und die ganze Welt pa�te auf. Darum war nach Nirgals Ansicht gar nicht so wichtig, was ein Kader von F�hrern in einer europ�ischen Stadt dachte, sondern vielmehr das Volk in seinen D�rfern, das im Fernsehen den Mann vom Mars betrachtete. Und da Praxis und die Schweiz und deren Verb�ndete weltweit alle ihre Ressourcen in Hilfe f�r Fl�chtlinge und in die Langlebigkeitsbehandlung gesteckt hatten, schl�ssen sich �berall Menschen zusammen. Wenn man den Lebensunterhalt gewinnen konnte, indem man die Welt rettete, wenn das die beste Chance f�r Stabilit�t, langes Leben und die Aussichten der Kinder bedeutete�� warum dann nicht? Warum nicht? Was h�tten die meisten Leute zu verlieren? Die vergangene metanationale Periode hatte einigen gen�tzt, aber Milliarden waren zu kurz gekommen und jetzt in einer Lage, die sich st�ndig verschlimmerte.</p><p>So verloren die Metanats massenhaft ihre Arbeiter. Sie konnten sie nicht einsperren. Es war schwer, sie in Panik zu versetzen. Die einzige M�glichkeit, sie zu behalten, war die Einf�hrung der gleichen Art von Programmen, mit denen Praxis angefangen hatte. Und das taten sie, oder behaupteten das wenigstens. Maya war sicher, da� man durch oberfl�chliche Ver�nderungen Praxis nur nachahmte, um die Arbeiter und auch die Profite zu behalten. Es war aber m�glich, da� Sax recht hatte und da� sie nicht in der Lage sein w�rden, die Situation unter Kontrolle zu behalten, und da� sie wider Willen eine neue Ordnung einf�hren w�rden.</p><p>Nirgal entschlo� sich genau das w�hrend einer Pressekonferenz in einem gro�en Nebenraum voller Reporter und Abgeordneter zu sagen�� so un�hnlich dem improvisierten Tisch im Lagerhaus von Pavonis und dem aus dem Dschungel gehauenen Komplex in Trinidad und der B�hne in dem Volksmeer w�hrend jener wilden Nacht in Burroughs. Nirgal erkannte pl�tzlich, da� seine Rolle darin bestand, der junge Marsianer zu sein, die Stimme der neuen Welt. Vern�nftig zu sein, und den alliierten Gesichtspunkt darzulegen, konnte er getrost Maya und Sax �berlassen.</p><p>�Es wird alles in Ordnung gehen�, verk�ndigte er und blickte so viele von ihnen an, wie er konnte. �Jeder Augenblick in der Geschichte enth�lt eine Mischung archaischer Elemente, von Dingen aus der ganzen Vergangenheit, bis hin zur Vorgeschichte. Die Gegenwart ist immer eine Mischung dieser mannigfaltigen archaischen Elemente. Es gibt immer noch Ritter, die auf Pferder�cken ausziehen, um den Bauern die Ernte zu rauben. Es gibt auch immer noch Gilden und St�mme. Jetzt sehen wir, da� so viele Menschen ihre Jobs aufgeben, um bei der Fluthilfe mitzuarbeiten. Das ist etwas Neues. Aber es ist auch gleichzeitig eine Pilgerschaft. Sie wollen Pilger sein, die ein geistiges Ziel haben, sie wollen echte, sinnvolle Arbeit leisten. Sie wollen von niemandem mehr bestohlen werden. Diejenigen von euch hier, die die Aristokratie vertreten, sehen besorgt aus. Vielleicht werdet ihr f�r euch selbst arbeiten m�ssen und davon leben. Auf dem gleichen Niveau leben wie jeder andere. Und es ist wahr, das wird geschehen. Aber es wird alles in Ordnung gehen, sogar f�r euch. Genug ist so gut wie ein Festmahl. Und nur wenn alle gleich sind, werden eure Kinder sicher sein. Die universelle Ausgabe der Langlebigkeitsbehandlung, die wir jetzt sehen, ist der letzte Sinn der demokratischen Bewegung. Es ist die physische Manifestation der Demokratie, zumindest hier. Gesundheit f�r alle. Und wenn das geschieht, wird die Explosion positiver menschlicher Energie die Erde schon in einigen Jahren umwandeln.�</p><p>Jemand in der Menge stand auf und fragte ihn nach der M�glichkeit einer Bev�lkerungsexplosion, und er nickte. �Ja, nat�rlich. Das ist ein echtes Problem. Man braucht keinen Demographen, um zu sehen, da�, wenn st�ndig neue Menschen geboren werden, w�hrend die �lteren nicht sterben, die Bev�lkerung rasch unglaublich ansteigen wird. Sie wird untragbar hoch, bis es eine Katastrophe gibt. Dieser Konfrontation m�ssen wir uns schon jetzt stellen. Die Geburtenrate mu�, mindestens f�r einige Zeit, einfach beschnitten werden. Diese Situation wird aber nicht ewig so bleiben. Die Langlebigkeitsbehandlungen sind keine Behandlungen f�r Unsterblichkeit. Schlie�lich werden die ersten behandelten Generationen sterben. Und darin liegt die L�sung des Problems. Angenommen, die derzeitige Bev�lkerung beider Welten liegt bei f�nfzehn Milliarden. Das hei�t, wir fangen an einer schlechten Stelle an. Angesichts der Ernsthaftigkeit des Problems gibt es keinen Grund zur Klage, solange man noch Elternschaft erreicht. Aber die eigene Langlebigkeit verursacht das Problem; und Elternschaft ist Elternschaft�� ob ein Kind oder zehn. Wenn jede Person einen Partner hat und diese beiden nur ein einziges Kind haben, gibt es nur ein Kind f�r zwei Leute in der vorausgehenden Generation. Das w�ren siebeneinhalb Milliarden Kinder von dieser gegenw�rtigen Generation. Und die bekommen nat�rlich alle die Langlebigkeitsbehandlung und werden verh�tschelt, bis sie ohne Zweifel die unertr�gliche Herrschaft der Welt besitzen. Diese neuen Souver�ne werden vier Milliarden Kinder haben und die n�chste Generation dann zwei�� und so weiter. Diese alle leben gleichzeitig, und die Bev�lkerung w�chst die ganze Zeit, aber allm�hlich in geringerem Tempo. Und dann wird zu irgendeinem Zeitpunkt, sei es in hundert, sei es in tausend Jahren, die erste Generation sterben. Das kann �ber einen ziemlich kurzen Zeitraum erfolgen; aber schnell oder langsam, wenn der Proze� erfolgt ist, wird die Gesamtbev�lkerung fast halbiert sein. An dieser Stelle k�nnen die Menschen die Situation betrachten, die Infrastruktur, die jeweilige Umwelt der zwei Planeten, die Kapazit�t des ganzen Sonnensystems�� wie die dann auch sein mag. Nachdem die gr��ten Generationen verschwunden sind, k�nnen die Leute anfangen, vielleicht jeweils zwei Kinder zu haben, so da� Ersatz geschaffen wird und ein station�rer Zustand eintritt. Oder was auch immer. Wenn diese Wahlm�glichkeit besteht, wird die Bev�lkerungskrise vorbei sein. Das k�nnte tausend Jahre dauern.�</p><p>Nirgal hielt inne, um nach drau�en zu schauen und die Zuh�rer anzusehen. Die Leute blickten ihn gebannt und schweigend an. Er machte eine Handbewegung, um alle zu sammeln. �In der Zwischenzeit m�ssen wir einander helfen. Wir m�ssen unsere Verh�ltnisse ordnen und uns um das Land k�mmern. Und hier, an dieser Stelle des Projekts, kann der Mars der Erde helfen. Zun�chst sind wir ein Experiment hinsichtlich der F�rsorge f�r das Land. Daraus kann jeder etwas lernen, und einige Lektionen k�nnen hier Anwendung finden. Dann, noch wichtiger�� obwohl der gr��te Teil der Bev�lkerung immer auf der Erde se�haft bleiben wird��, kann ein Bruchteil von ihnen auf den Mars umsiedeln. Das wird helfen, die Situation zu erleichtern; und wir freuen uns, sie aufzunehmen. Es ist unsere Pflicht, so viele Menschen aufzunehmen, wie wir k�nnen; denn wir auf dem Mars sind immer noch Terraner und dabei alle betroffen, Erde und Mars. Doch es gibt im Sonnensystem noch weitere bewohnbare Welten, von denen keine so gro� ist wie unsere zwei; aber es gibt sehr viele davon. Und wenn wir sie alle nutzen und kooperieren, k�nnen wir die bev�lkerungsreichen Jahre �berstehen. Und in ein goldenes Zeitalter eintreten.�</p><empty-line/><p>Der Vortrag dieses Tages machte einen tiefen Eindruck, soweit man das im Auge des Sturms der Medien erkennen konnte. Nirgal sprach danach jeden Tag stundenlang mit einer Gruppe nach der anderen und f�hrte die Ideen weiter aus, die er das erste Mal in jener Sitzung vorgetragen hatte. Das war eine anstrengende Arbeit; und nach ein paar Wochen ohne Pause schaute er an einem wolkenfreien Morgen aus dem Fenster seines Schlafzimmers und sprach zu seinem Begleiter dar�ber, eine Expedition zu unternehmen. Und der Begleiter war einverstanden, den Leuten in Bern mitzuteilen, da� es eine private Reise w�re. Dann nahmen sie einen Zug in die Alpen.</p><p>Der Zug fuhr von Bern nach S�den, vorbei an einem langen blauen See, der Thunersee hie� und an dessen Ufern steile grasbewachsene Almen lagen und Klippen und Felsnadeln aus grauem Granit. Die St�dte am See hatten D�cher aus Schieferplatten. Er sah viele alte B�ume und gelegentlich ein Schloߠ� alles gepflegt und in bestem Zustand. Die ausgedehnten gr�nen Weidefl�chen zwischen den St�dten waren durchsetzt mit gro�en h�lzernen Bauernh�usern; rote Gartennelken in Blumenk�sten auf jedem Fensterbrett und Balkon. Dieser Stil hatte sich in f�nfhundert Jahren nicht ge�ndert, wie ihm seine Begleiter sagten. Er pa�te in das Land, als ob das ganz nat�rlich w�re. Die gr�nen Almen waren von B�umen und Steinen ges�ubert. Urspr�nglich waren es W�lder gewesen. Also waren sie terrageformte R�ume, gro�e h�gelige Grasfl�chen, die geschaffen worden waren, um Futter f�r das Vieh zu liefern. Ein solcher Ackerbau w�re �konomisch nicht in dem Sinne sinnvoll gewesen, wie der Kapitalismus es definierte. Aber die Schweizer hatten die hoch gelegenen H�fe immer unterst�tzt, weil sie das f�r wichtig oder sch�n oder beides zugleich hielten. Das war die Schweiz. �Es gibt h�here Werte als wirtschaftliche�, hatte Vlad damals bei dem Kongre� auf dem Mars nachdr�cklich gesagt; und Nirgal sah jetzt, da� es auf der Erde Menschen gab, die das�� zumindest teilweise�� immer geglaubt hatten. Unten in Bern nannte man das Wertwandel, �nderung von Werten. Aber es konnte ebenso gut die Entwicklung von Werten sein, Wiederkehr von Werten, allm�hlicher Wechsel anstelle punktuellen Gleichgewichts. Wohlwollende restliche Archaismen, die immer weiter andauerten, bis die hohen isolierten Berge langsam die Welt gelehrt hatten, wie man leben sollte. Ihre gro�en Bauernh�user, die auf gr�nen Wellen schwammen. Ein gelber Sonnenstrahl spaltete die Wolken und traf auf die H�gel hinter einer solchen Farm; und die Alm ergl�hte wie ein Smaragd so intensiv, da� Nirgal die Orientierung verlor und richtig bet�ubt wurde. Es war schwer, das Auge auf ein so strahlendes Gr�n zu konzentrieren!</p><p>Der heraldische H�gel verschwand. Im Fenster erschienen andere, eine gr�ne Welle nach der anderen, leuchtend in ihrer Wirklichkeit. Bei der Stadt Interlaken machte der Zug eine Kurve und begann ein Tal hochzuklettern, das so steil war, da� die Waggons stellenweise in Tunnels in den Flanken der Berge fuhren und innerhalb der Berge eine Spirale von 360� beschrieben, ehe sie wieder ans Tageslicht kamen, wo dann der Kopf des Zuges sich direkt �ber seinem Ende befand. Der Zug fuhr auf Gleisen anstatt auf Fahrbahnen, weil die Schweizer nicht �berzeugt waren, da� die neue Technik gen�gend fortgeschritten war, um das zu ersetzen, was sie schon hatten. Und so vibrierte der Zug und schwankte sogar hin und her, w�hrend er bergauf rumpelte, Stahl auf Stahl.</p><p>Sie hielten in Grindelwald, und im Bahnhof folgte Nirgal seiner Begleitung zu einem kleineren Zug, der sie hoch unter die riesenhafte Eiger-Nordwand brachte. Von unten schien diese steinerne Wand nur ein paar hundert Meter hoch zu sein. Nirgal hatte aus f�nfzig Kilometern Entfernung im M�nster von Bern eine bessere Vorstellung von ihrer immensen H�he gewonnen. Hier wartete er jetzt geduldig ab, als der kleine Zug in einen Tunnel im Berg brummte und seine Spiralen und Kehren in der Dunkelheit begann, markiert nur durch die Innenbeleluchtung des Zuges und das kurze Licht aus einem Seitentunnel. Seine etwa zehn Mann starke Begleitung unterhielt sich leise im gutturalen Schweizerdeutsch.</p><p>Als sie ins Licht hinauskamen, waren sie in einem kleinen Bahnhof, genannt das Jungfraujoch, dem �h�chsten Bahnhof Europas�, wie ein Schild in sechs Sprachen verk�ndete. Kein Wunder, er befand sich auf einem eisigen Pa� zwischen den beiden gro�en Spitzen von M�nch und Jungfrau in 3454 Metern Meeresh�he. Endstation.</p><p>Nirgal stieg, mit seiner Begleitung im Gefolge, aus und betrat vom Bahnhof aus eine schmale Terrasse vor dem Geb�ude. Die Luft war d�nn, sauber und frisch bei ungef�hr 270 K�� die beste Luft, die Nirgal geatmet hatte, seit er den Mars verlie�. Es war ein so vertrautes Gef�hl, da� ihm die Tr�nen kamen! Ah, das war ein Ort!</p><p>Selbst mit Sonnenbrille war das Licht extrem hell. Der Himmel war dunkles Kobalt. Schnee bedeckte die meisten Bergflanken, aber �berall stie� Granit durch den Schnee, besonders auf den Nordseiten der gro�en Massen, wo die Klippen zu steil waren, um den Schnee festzuhalten. Hier oben wirkten die Alpen gar nicht mehr wie eine B�schung. Jede Felsenmasse hatte ihre eigene Pr�senz und Gestalt, vom Rest getrennt durch weite R�ume leerer Luft, einschlie�lich Gletschert�ler, die enorm tiefe U-f�rmige Mulden bildeten. Nach Norden zu lagen diese Riesengr�ben tief unten und gr�n, oder sogar voller Seen. Im S�den lagen sie h�her und enthielten nur Schnee, Eis und Fels. An diesem Tag str�mte der Wind von S�den empor und f�hrte die K�lte des Eises mit sich.</p><p>Unten im Eistal, direkt s�dlich vom Pa�, konnte Nirgal ein gro�es zerkl�ftetes wei�es Plateau erkennen, wo die Gletscher von den umliegenden Hochbecken zusammenfl�ssen. Das war der Concordiaplatz, wie man ihm sagte. Da trafen sich vier gro�e Gletscher und fl�ssen dann nach S�den in den Gro�en Aletschgletscher, den l�ngsten Gletscher der Schweiz.</p><p>Nirgal ging zum Ende der Terrasse, um weiter in diese Wildnis aus Eis zu schauen. Ganz hinten entdeckte er einen Treppenpfad, der in den harten Schnee der S�dwand gehauen war, dort wo sie zum Pa� aufstieg. Der Weg f�hrte zu dem Gletscherplateau unter ihnen und von da zum Concordiaplatz.</p><p>Nirgal bat seine Begleiter, im Bahnhof zu bleiben und dort auf ihn zu warten. Er wollte allein klettern. Sie protestierten, aber der Gletscher war im Sommer schneefrei, die Spalten alle deutlich zu erkennen und der Pfad ebenfalls. Und sonst war an diesem kalten Sommertag niemand da unten. Dennoch waren die Mitglieder seiner Eskorte unsicher, und zwei bestanden darauf, mit ihm zu kommen, wenigstens einen Teil des Weges und in einigem Abstand, �nur f�r den Falk Endlich stimmte Nirgal dem" Kompromi� zu, zog seine Kapuze �ber und kletterte die Eistreppe hinunter, wobei er m�hsam voranstapfte, bis er auf dem flacheren Teil des Jungfraufirns angelangt war. Die Klippen zur Seite dieses Schneetales verliefen von der Jungfrau und dem M�nch nach S�den und fielen nach ein paar hohen Kilometern steil zum Concordiaplatz hin ab. Vom Pfad aus sah ihr Gestein schwarz aus, vielleicht auch nur im Kontrast zu der Wei�e des Schnees. Hie und da leuchteten in dem wei�en Schnee schwach r�tliche Flecken�� Algen. K�mmerliches Leben sogar hier. Gr��tenteils war die weite Fl�che aber von reinem Wei� und Schwarz, mit der dar�ber h�ngenden Kuppel aus Preu�ischblau, w�hrend ein kalter Wind vom Concordiaplatz den Canyon herauf gepre�t wurde. Nirgal wollte es bis zum Concordiaplatz schaffen, um einen Rundblick zu haben; er konnte aber nicht sagen, ob der Tag ihm gen�gend Zeit geben w�rde oder nicht. Es war sehr schwierig zu beurteilen, wie weit der Tag schon fortgeschritten war. Es k�nnte leicht sp�ter sein, als es den Anschein hatte. Aber er konnte gehen, bis die Sonne die halbe H�he zum westlichen Horizont erreicht hatte und dann umkehren. Darum schlidderte er rasch �ber den Firn nach unten, von einer orangefarbenen Wand zur andern. Er f�hlte in sich die Extra-Person und war sich auch der zwei Begleiter bewu�t, die ihm beharrlich in etwa zweihundert Meter Entfernung folgten.</p><p>L�ngere Zeit ging er blo� dahin. Das war nicht so anstrengend. Die eingekerbte Eisfl�che knirschte unter seinen braunen Stiefeln. Die Sonne hatte die oberste Schicht trotz des k�hlen Windes aufgeweicht. Die Oberfl�che war zu wei�, um sie genau zu erkennen, selbst mit Sonnenbrille. Das Eis rutschte beim Gehen und schimmerte schw�rzlich.</p><p>Die Grate rechts und links wurden allm�hlich niedriger. Er kam auf den Concordiaplatz hinaus und konnte �ber sich die Gletscher in anderen hohen Canyons erkennen, als ob die Finger einer Hand aus Eis gegen die Sonne gehalten w�rden. Die Handwurzel verlief nach S�den�� der Gro�e Aletschgletscher. Er stand in der wei�en Handfl�che, der Sonne zugewandt und nahe einer Rettungsleine aus Ger�ll. Das Eis hier drau�en war l�chrig, knorrig und bl�ulich get�nt.</p><p>Ein Wind zerrte an ihm und wirbelte durch sein Herz. Er drehte sich langsam um, wie ein kleiner Planet oder ein Kreisel vor dem Umkippen, und versuchte, sich ihm entgegenzustemmen. So gro�, so hell, so windig und weit, so erdr�ckend schwer�� die schiere Masse der wei�en Welt�� und dennoch mit einer Art Dunkelheit dahinter wie vom Vakuum des Weltraums, das dort jenseits des Himmels zu sehen war. Er nahm die Sonnenbrille ab, um zu sehen, wie es wirklich aussah. Aber der Glanz war so unmittelbar und heftig, da� er die Augen schlie�en und das Gesicht mit der Armbeuge bedecken mu�te. Immer noch pulsierten vor seinen Augen gro�e wei�e Balken, und sogar das Nachbild schmerzte in seiner blendenden Intensit�t. �Wow!� schrie er und lachte, entschlossen, es noch einmal zu versuchen, sobald die Nachbilder schw�cher w�rden, aber ehe seine Pupillen sich wieder geweitet hatten. Das tat er, aber der zweite Versuch war ebenso schmerzhaft wie der erste. Wie kannst du es wagen, mich unverhohlen anzuschauen! rief die Welt ihm schweigend zu. �Mein Gott!� Mit Gef�hl. �Ka wow!�</p><p>Er setzte die Sonnenbrille wieder vor die geschlossenen Augen und blickte durch die h�pfenden Nachbilder nach drau�en. Allm�hlich stabilisierte sich die urt�mliche Landschaft aus Eis und Fels wieder aus den pulsierenden schwarzen, wei�en und neongr�nen Balken. Wei� und Gr�n. Und dies war das Wei�. Die kahle Welt des unbelebten Universums. Dieser Ort hatte genau die gleiche Bedeutung wie die prim�re Landschaft des Mars. Ja, eben so gro� wie auf dem Mars und sogar noch gr��er wegen der fernen Horizonte und der erdr�ckenden Schwere. Und steiler und wei�er und windiger. Ka, es drang so scharf durch seinen Parka. Noch windiger, noch k�lter. O Gott, als ob ein Wind durch sein Herz stie�e. Die j�he Erkenntnis, da� die Erde so weit war, da� sie in ihrer Vielfalt Regionen hatte, die sogar den Mars in seinem Marssein �berboten, da� sie unter all diesen M�glichkeiten so wundervoll war. Das war gro�artig, selbst wenn man Marsianer war.</p><p>Dieser Gedanke machte ihn still. Er stand nur da und starrte und versuchte, es zu erfassen. Der Wind erstarb f�r einen Moment. Auch die Welt war still. Keine Bewegung. Kein Laut.</p><p>Als er die Stille bemerkte, begann er sie zu beobachten, in sie hineinzuhorchen. Er h�rte nichts, und dadurch wurde die Stille an sich immer greifbarer. Das war neu, anders als alles, was er je geh�rt hatte. Er dachte dar�ber nach. Auf dem Mars hatte er sich stets in Kuppeln oder Schutzanz�gen befunden, immer in einer zwangsl�ufig mit Ger�uschen verbundenen Maschinerie. Die einzige Ausnahme bildeten die seltenen Spazierg�nge auf der Oberfl�che, die er in den letzten Jahren gemacht hatte. Aber selbst da war immer der Wind gewesen oder Maschinensurren in der N�he. Mit der Zeit hatte er die Ger�uschkulisse einfach nicht mehr bemerkt. Hier war es anders. Es gab jetzt nur die gro�e Stille, die Stille des Universums selbst. Kein Traum konnte das vermitteln.</p><p>Und dann begann er wieder etwas zu h�ren. Das Blut in seinen Ohren. Sein Atem in der Nase. Das ruhige Wirbeln seines Denkens schien einen ellipsenartigen Ton zu erzeugen. Seine eigenen K�rperfunktionen diesmal, sein Leben mit den organischen Pumpen, Bel�ftungssystemen und Generatoren. Die Mechanismen waren alle noch da, arbeiteten in ihm und folgten ihrer eigenen Melodik. Jetzt war er frei von allem sonst, inmitten einer gro�en Stille, in der er sich selbst h�ren konnte. Er stand v�llig frei auf dieser Welt, hatte die Schranke in den Raum, die er zuvor in der Grelligkeit des Schnees nicht zu �berwinden vermochte, durchbrochen. Und frei im Eis, dort wo alles angefangen hatte. Mutter Erde�� er dachte an Hiroko, aber diesmal ohne den nagenden Kummer, den er in Trinidad empfunden hatte. Wenn er zum Mars zur�ckkehrte, w�rde er damit leben k�nnen. Er konnte als freies Wesen in die Stille hinausgehen, im Freien unter dem Wind leben, dieses reine, weite, leblose Wei�, mit etwas �hnlichem wie diese dunkelblaue Kuppel �ber sich. Das Blau als eine sichtbare Aspiration des Lebens selbst, Sauerstoff, die dem Leben eigene Farbe. Da oben das Wei� �berspannend. Irgendwie ein Zeichen. Das Wei� und das Gr�n, nur war das Gr�n hier blau.</p><p>Mit Schatten. Zwischen den schwachen lauernden Nachbildern lagen lange Schatten, die von Westen kamen. Er war vom Jungfraujoch weit entfernt und auch noch betr�chtlich tiefer. Er drehte sich um und begann den Jungfraufirn hochzuklettern. In der Ferne nickten seine beiden Gef�hrten und wandten sich selbst rasch steigend nach oben.</p><p>Recht bald waren sie im Schatten der westlichen Bergkette angelangt. Von der Sonne waren sie f�r diesen Tag endg�ltig abgeschnitten, und der Wind fegte wenig hilfreich �ber den Bergr�cken. Wirklich kalt. Immerhin war es gerade diese Art von Temperatur und diese Art von Luft, die einen kleinen angenehmen Schu� von extra Dichte hatte. Und so fing er trotz des Gewichts in ihm an, sich in leichtem Laufschritt die harte Kruste hochzuarbeiten. Er beugte sich vor und f�hlte, wie seine Muskeln auf diese Herausforderung ansprachen und in ihren alten <emphasis>lung-gom-pa-Kkythmus</emphasis> verfielen. Seine Lungen pumpten hart, genau wie sein Herz, um mit dem Extragewicht fertig zu werden. Aber er war stark, stark; und dies war eine der hohen marsartigen Regionen der Erde. Er f�hlte sich jede Minute st�rker, w�hrend er durch den Firn stampfte, obschon erschrocken, erheitert und eingesch�chtert. Es war schon ein h�chst erstaunlicher Planet, der so viel Wei� und auch Gr�n haben konnte; dessen Orbit so haarscharf verlief, da� auf Meeresh�he das Gr�n explodierte und um sich auf dreitausend Metern unvermittelt v�llig von dem Wei� verdecken zu lassen. Die Zone, die vor Leben strotzte, war gerade mal tausend Meter breit. Und die Erde rollte mitten in dieser d�nnen Biosph�renblase, in den richtigen paar tausend Metern in einem Orbit von 150 Millionen Kilometern Weite. Das war zu gl�cklich, als da� man es glauben konnte.</p><p>Seine Haut juckte von der Anstrengung; er war �berall warm, sogar seine Zehen. Er fing an zu schwitzen. Die k�hle Luft war angenehm st�rkend. Er hatte den Eindruck, da� er dieses Tempo stundenlang durchhalten k�nnte. Aber leider war das nicht n�tig. Vor und etwas �ber ihm lag die Schneetreppe mit ihrem Gel�nder aus Seil und in den Schnee geschlagenen Pfosten. Seine F�hrer vor ihm kamen gut voran und eilten die letzte Steigung empor. Bald w�rde auch er dort sein, in der kleinen Bahn/Weltraum-Station. Diese Schweizer verstanden sich wirklich aufs Bauen! Da� man den Concordiaplatz in einem Tagesausflug von der Landeshauptstadt besuchen konnte! Kein Wunder, da� sie den Mars so gern hatten. Sie kamen Marsianern am n�chsten, echte Baumeister, Terraformer und Bewohner der d�nnen kalten Luft.</p><p>So f�hlte er sich ihnen wohlgesonnen, als er auf die Terrasse trat und dann in die Station st�rmte, wo er sofort zu dampfen begann. Und als er zu der Gruppe seiner Eskorte und den anderen Passagieren ging, die auf den n�chsten Zug warteten, strahlte er �ber das ganze Gesicht und war so in Hochstimmung, da� die m�rrischen Gesichter der Gruppe (er merkte, da� er sie hatte warten lassen) sich gl�tteten und sie einander ansahen und l�chelten. Sie sch�ttelten die K�pfe, als ob sie sagen wollten: Da kann man nichts machen! Man konnte nur grinsen und es geschehen lassen. Sie waren alle in jungen Jahren zum ersten Mal an einem sonnigen Sommertag in den Hochalpen gewesen und hatten die gleiche Begeisterung gef�hlt. Sie erinnerten sich, wie das gewesen war. Und so sch�ttelten sie ihm die Hand und umarmten ihn. Sie gingen los und f�hrten ihn zu dem kleinen Zug; denn ungeachtet der sich l�senden Stimmung war es nicht gut, einen Zug warten zu lassen. Dabei bemerkten sie seine roten H�nde und sein ger�tetes Gesicht und fragten ihn, wohin er gegangen w�re. Sie sagten ihm, wie viele Kilometer das waren und wieviel in der Vertikalen. Sie reichten ihm eine kleine Taschenflasche Schnaps. Und als dann der Zug an dem kleinen Seitentunnel vorbeikam, der zur Eiger-Nordwand f�hrte, erz�hlten sie ihm die Geschichte von der mi�lungenen Bergung der dem Tode geweihten Nazi-Bergsteiger und waren aufgeregt und bewegt, da� er so beeindruckt war. Danach machten sie es sich in den beleuchteten Abteilen des Zuges bequem, der durch seinen Tunnel aus rohem Granit quietschte.</p><p>Nirgal stand am Ende eines Wagens und sah sich den mit Dynamit gesprengten Fels an, der an ihnen vorbeiraste. Als sie dann wieder ins Sonnenlicht trafen, ragte die Eiger-Nordwand steil vor ihm auf. Ein Passagier kam unterwegs zum n�chsten Wagen an ihm vorbei, blieb stehen, sah ihm ins Gesicht und bemerkte: �Ich mu� sagen, ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen. Ich bin gerade vorige Woche Ihrer Mutter begegnet.�</p><p>�Meiner Mutter?� fragte Nirgal erstaunt �Ja, Hiroko Ai. Stimmt das nicht? Sie war in England und arbeitete mit Leuten an der Themsem�ndung. Ich habe sie auf dem Weg hierher getroffen. Das ist ein erstaunlicher Zufall, Ihnen beiden zu begegnen, das mu� ich sagen. Ich k�nnte fast meinen, jetzt jede Sekunde kleine rote M�nner zu sehen.�</p><p>Der Mann lachte bei diesem Gedanken und schickte sich an, in den n�chsten Wagen weiterzugehen.</p><p>Nirgal rief: �He! Warten Sie!�</p><p>Aber der Mann sagte nur kurz �ber die Schulter: �Nein, nein. Ich wollte mich nicht aufdr�ngen. Das ist sowieso alles, was ich wei�. Vielleicht sollten Sie sich in Sheerness nach ihr umsehen.�</p><p>Und dann fuhr der Zug pfeifend in den Bahnhof Klein Scheidegg ein. Der Mann sprang im n�chsten Waggon aus einer sich �ffnenden T�r; und als Nirgal sich daran machte, ihm zu folgen, kamen andere Leute dazwischen, und seine Begleiter erkl�rten ihm, da� er direkt nach Grindelwald hinunterfahren m��te, wenn er an diesem Abend noch heimkommen wollte. Dagegen war nichts zu sagen, aber beim Blick aus dem Fenster, als sie aus der Station rollten, sah er den Briten, der ihn angesprochen hatte, munter auf einem Pfad in das unten liegende dunkle Tal marschieren.</p><p>Nirgal landete auf einem gro�en Flughafen in S�dengland und wurde in nord�stlicher Richtung zu einer Stadt gefahren, die die Begleiter Faversham nannten und hinter der die Stra�en und Br�cken �berschwemmt waren. Er hatte es so eingerichtet, da� er unangemeldet ankam; und seine Eskorte hier war ein Polizeiteam, das ihn mehr an Sicherheitseinheiten der UNTA zu Hause erinnerte als an sein Schweizer Gefolge. Es waren acht M�nner und zwei Frauen, schweigend, umsichtig, selbstsicher. Als sie h�rten, was er vorhatte, hatten sie nach Hiroko forschen wollen, indem sie Leute aufst�berten, um sie nach ihr zu fragen. Nirgal war sicher, da� sie dadurch in ein Versteck getrieben w�rde, und er bestand darauf, ohne gro�es Get�s nach ihr zu suchen. Schlie�lich konnte er sie �berreden.</p><p>Sie fuhren in einer grauen Morgend�mmerung zu einer neuen Meeresk�ste hinunter, die unmittelbar zwischen die H�user vorgedrungen war. An manchen Stellen waren Reihen aufgestapelter Sands�cke zwischen durchn��ten Mauern zu sehen, anderswo waren die Stra�en blo� so weit das Auge reichte feucht mit dunklem Wasser. Hie und da waren einige Planken �ber Schlamm und Pf�tzen gelegt.</p><p>Auf der anderen Seite einer Reihe von Sands�cken konnte man braunes Wasser ohne Geb�ude erkennen. Einige Ruderboote waren an einem Gitter befestigt, das ein halb von schmutziger Gischt �bersp�ltes Fenster sch�tzte. Nirgal folgte einem seiner Begleiter in ein gro�es Ruderboot und begr��te einen hageren Mann mit rotem Gesicht, der eine dreckige M�tze tief in die Stirn gezogen hatte. Offenbar eine Art Wasserpolizist. Der Mann dr�ckte schlapp seine Hand, und dann waren sie fort, �ber tr�bes Wasser rudernd. Drei weitere Boote waren hinter ihnen, in denen der Rest von Nirgals besorgt aussehenden W�chtern sa�. Nirgals Ruderer sagte etwas; und Nirgal mu�te ihn bitten, es zu wiederholen. Es hatte sich angeh�rt, als ob der Mann nur eine halbe Zunge bes��e. �Ist das Cockney, Ihr Dialekt?�</p><p>�Cockney�, best�tigte der Mann lachend.</p><p>Auch Nirgal lachte und zuckte die Achseln. Das war ein Wort, an das er sich aus einem Buch erinnerte. Er wu�te nicht, was es eigentlich bedeutete. Er hatte schon tausend verschiedene Arten von Englisch geh�rt; aber das hier war wohl ein echter Dialekt, und er konnte ihn kaum verstehen. Der Mann redete langsamer, was die Sache jedoch nicht besser machte. Er schilderte die Nachbarschaft, von der sie sich mit einzelnen Ruderschl�gen langsam entfernten und zeigte, da� die H�user fast bis zu den D�chern �berschwemmt waren. Er sagte ein paarmal �Brents� und zeigte mit dem Ruder-Ende Richtung Land.</p><p>Sie kamen zu einem Schwimmdock, das an etwas festgebunden war, das wie ein Verkehrszeichen aussah, und dessen Aufschrift �OARE� lautete. An dem Dock waren mehrere gr��ere Boote angebunden oder schaukelten in der N�he an Ankertauen. Der Wasserpolizist ruderte zu einem dieser Boote und zeigte auf die an seiner Seite angeschwei�te rostige Leiter. �Da geht�s rauf!�</p><p>Nirgal kletterte die Seite des Bootes hoch. Auf Deck stand ein Mann, der so klein war, da� er hochlangen mu�te, um Nirgal die Hand zu sch�tteln, was er mit einem zermalmenden Griff tat. Er sagte: �Sie sind also ein Marsianer�, mit einer Stimme, die wie die des Ruderers t�nte, aber viel leichter zu verstehen war. �Willkommen an Bord unseres kleinen Forschungsschiffs!</p><p>Wie ich h�re, sind Sie gekommen, um nach der alten asiatischen Lady zu suchen?�</p><p>�Ja�, erwiderte Nirgal mit beschleunigtem Pulsschlag. �Sie ist Japanerin.�</p><p>�Hmm.� Der Mann runzelte die Stirn. �Ich habe sie nur einmal gesehen, h�tte aber schw�ren k�nnen, da� sie asiatisch ist. Vielleicht Bangladeshi. Die gibt es seit der Flut �berall. Aber wer wei�?�</p><p>Vier von Nirgals Begleitern stiegen an Bord, und der Bootseigent�mer dr�ckte auf den Knopf, der den Motor startete. Dann drehte er im Ruderhaus das Steuerrad und sah zu, wie das Heck des Bootes ins Wasser dr�ckte. Das Boot vibrierte, und sie entfernten sich von der �berschwemmten Geb�udereihe. Der Himmel war mit tiefh�ngenden bauchigen Wolken bedeckt. Himmel und Meer zeigten sich in einem br�unlichen Grau.</p><p>�Wir werden �ber den Kai fahren�, sagte der kleine Kapit�n.</p><p>Nirgal nickte. �Wie lautet Ihr Name?�</p><p>�Bly. B-L-Y.�</p><p>�Ich bin Nirgal.�</p><p>Der Mann nickte einmal.</p><p>�Hier waren also die Docks?� fragte Nirgal �Das hier war Faversham. Da drau�en waren die Marschen: Harn, M�gden. Gr��tenteils Marschland bis hin zur Insel Sheppey. War auch The Swale. Mehr Sumpf als Flu�, versteh�n Sie? Wenn man jetzt an einem windigen Tag hier rausf�hrt, is� es wie die Nordsee selbst. Und Sheppey ist nur noch dieser kleine H�gel, den Sie da drau�en sehen; �ne richtige Insel.�</p><p>�Und dort haben Sie...?� Er wu�te nicht, wie er sie nennen sollte.</p><p>�Ihre asiatische Oma ist mit der F�hre von Vlissingen nach Sheerness gekommen, auf der anderen Seite der Insel. Sheerness und Minster haben heutzutage die Themse als Stra�e, und bei Flut haben sie sie auch als Dach. Wir sind jetzt �ber M�gden Marsh. Wir werden Shell Ness umfahren. Swale ist zu klumpig.�</p><p>Das schlammfarbene Wasser um sie herum schwappte hierhin und dahin. Es war von langen, gebogenen Streifen gelblichen Schaums ges�umt. Am Horizont wurde das Wasser grau. Bly drehte das Steuerrad, und sie planschten �ber kurze steile Wellen. Das Boot schaukelte und bewegte sich im ganzen auf und ab, auf und ab. Nirgal hatte nie in einem gesessen. �ber ihnen hing das Grau. Zwischen den B�uchen der Wolken und dem bockigen Wasser war nur ein schmaler Keil von Luft. Das Boot h�pfte wie ein Korken hin und her. Eine fl�ssige Welt.</p><p>�Es ist jetzt ein gutes St�ck k�rzer als fr�her�, sagte Kapit�n Bly vom Ruder her. �Wenn das Wasser klarer w�re, k�nnte man Sayes Court unter uns sehen.�</p><p>�Wie tief ist es?� fragte Nirgal.</p><p>�H�ngt von den Gezeiten ab. Die ganze Insel war vor der Flut ungef�hr ein Zoll �ber Meeresniveau. Darum ist es jetzt genauso tief, wieviel sich der Meeresspiegel gehoben hat. Was sagen sie jetzt? F�nfundzwanzig Fu�? Jedenfalls mehr, als dies alte M�dchen braucht. Es hat nur geringen Tiefgang.�</p><p>Er drehte das Rad nach links, und die Wellen trafen das Boot von der Seite, so da� es in raschen, ungleichm��igen St��en rollte. Er zeigte auf einen Pegel. �Da, f�nf Meter. Typisch Marsch. Sehen Sie den Kartoffelfleck, das rauhe Wasser dort? Das wird bei hoher Tide raufkommen und sieht aus wie ein im Schlamm ertrunkener Riese.�</p><p>�Wie ist jetzt der Gezeitenstand?�</p><p>�Fast voll. In einer halben Stunde kehrt sie um.�</p><p>�Es ist schwer zu glauben, da� der Mond den Ozean so viel herumzerren kann.�</p><p>�Was, glauben Sie etwa nicht an Schwerkraft?�</p><p>�O doch. Sie erdr�ckt mich ja beinahe. Es ist nur schwer zu glauben, da� etwas, das so weit entfernt ist, so stark ziehen kann.�</p><p>�Hmm�, machte der Kapit�n und blickte in eine Nebelbank, die die Sicht nach vorn blockierte. �Ich sagen Ihnen, was schwer zu glauben ist, n�mlich da� ein paar Eisberge so viel Wasser verdr�ngen k�nnen, da� alle Weltmeere derma�en angestiegen sind.�</p><p>�Das ist wirklich schwer zu glauben.�</p><p>�Es ist erstaunlich. Aber auf dem Beweis daf�r schwimmen wir hier gerade. Ah, der Nebel kommt.�</p><p>�Haben Sie schlechteres Wetter als fr�her?�</p><p>Der Kapit�n lachte. �Ich w�rde sagen, das hie�e, Absolutes zu vergleichen.�</p><p>Der Nebel zog in langen Schleiern an ihnen vorbei, und die bockigen Wellen dampften und zischten. Pl�tzlich f�hlte Nirgal sich gl�cklich, trotz des Unbehagens in seinem Magen w�hrend der negativen Beschleunigung in jedem Wellental. Er war auf einer Wasserwelt zu Schiff, und die Helligkeit war endlich ertr�glich. Das erste Mal, seit er auf der Erde angekommen war, konnte er aufh�ren zu blinzeln.</p><p>Der Kapit�n drehte wieder sein gro�es Rad, und sie fuhren mit den Wellen direkt hinter ihnen Richtung Nordwesten in die M�ndung der Themse. Zur Linken tauchte eine braun-gr�nliche Leiste, mit H�usern an ihrem Abhang, feucht aus dem gr�nlichbraunen Wasser auf. �Das ist Minster, oder was davon �brig geblieben ist. Das war das einzige h�here Landst�ck auf der Insel. Sheerness liegt da dr�ben. Man kann erkennen, wo sich das Wasser ganz dar�ber ergossen hat.�</p><p>Unter der niedrigen Decke str�menden Nebels sah Nirgal etwas, das wie ein Riff sch�umenden Brandungswassers aussah, das in jede Richtung gleichzeitig spritzte, schwarz unter der wei�en Gischt. �Ist das Sheerness?�</p><p>�O ja.�</p><p>�Sind alle nach Minster umgezogen?�</p><p>�Oder woanders hin. Die meisten. In Sheerness gibt es sehr sture Leute.�</p><p>Dann war der Kapit�n voll damit besch�ftigt, das Boot durch die �berschwemmte K�stenfront von Minster zu bringen. Wo die Linie der Dachfirste aus den Wellen auftauchte, war ein gro�es Geb�ude, von dem das Dach und die zum Meer gewandte Mauer entfernt worden waren. Es fungierte jetzt als kleiner Hafen. Die drei verbliebenen W�nde bargen ein Wasserbecken, und die oberen Stockwerke dahinter dienten als Dock. Drei weitere Fischerboote hatten dort festgemacht; und als sie hineintrieben, schauten einige M�nner darauf hoch und winkten.</p><p>�Wer ist das?� fragte einer von ihnen, als Bly sein Boot ins Dock lenkte.</p><p>�Ein Marsianer. Wir suchen die asiatische Lady, die in Sheerness vorige Woche geholfen hat. Habt ihr sie gesehen?�</p><p>�In letzter Zeit nicht. Das ist schon einige Monate her. Ich h�rte, da� sie nach Southend hin�bergekreuzt ist. Unten in dem Sub wird man es wissen.�</p><p>Bly nickte und sagte zu Nirgal: �Wollen Sie sich Minster ansehen?�</p><p>Nirgal runzelte die Stirn. �Ich m�chte lieber Leute finden, die m�glicherweise wissen, wo sie ist.�</p><p>�Na ja.�</p><p>Bly lenkte das Boot r�ckw�rts aus der Bucht und wendete. Nirgal schaute auf die mit Brettern vernagelten Fenster, schmutziges Wasser, die Schr�nke an einer B�rowand und einige an einen Balken geheftete Notizen. Als sie �ber den ertrunkenen Teil von Minster tuckerten, ergriff Bly ein Radiomikrophon an einer Spiralschnur und dr�ckte auf Kn�pfe. Er f�hrte einige kurze Gespr�che, denen Nirgal kaum folgen konnte: �Ah, Jack!� und dergleichen. Die Antworten kamen alle aus explosiver Statik.</p><p>�Wir werden es dann mit Sheerness versuchen. Die Flut ist g�nstig.�</p><p>Und so fuhren sie direkt in das Wei�wasser und die �ber der versunkenen Stadt sch�umende Gischt, wobei sie sich sehr vorsichtig nach den Stra�en richteten. Inmitten der Brandung war das Wasser dort ruhiger. Kamine und Telefonmasten ragten aus der grauen Fl�ssigkeit; und Nirgal erwischte gelegentlich Blicke auf die H�user und Geb�ude darunter. Aber das Wasser war oben so von Schaum bedeckt und in der Tiefe so tr�be, da� nur sehr wenig zu sehen war. Ein schr�ges Dach, ein kurzer Blick in eine Stra�e und das blinde Fenster eines Hauses.</p><p>Auf der anderen Seite der Stadt war ein Schwimmdock an einem aus der Brandung herausragenden Betonpfeiler verankert. �Dies ist das alte Dock f�r die F�hren. Man hat eine Sektion abgeschnitten und geflutet; und jetzt haben sie die F�hrb�ros unten ausgepumpt und wieder besetzt.�</p><p>�Wieder besetzt?�</p><p>�Sie werden schon sehen.�</p><p>Bly sprang von dem schwankenden Schanzdeck auf das Dock und hielt eine Hand hin, um Nirgal her�ber zu helfen. Trotzdem stie� Nirgal sich das Knie, als er festen Boden suchte.</p><p>�Los, Spinnenmann! Wir gehen nach unten.�</p><p>Der Betonpfeiler, an dem das Dock verankert war, reichte bis auf Brusth�he. Er war hohl, und eine metallene Leiter war innen angenietet. Elektrische Gl�hbirnen hingen in Fassungen an einem mit Gummi isolierten Draht, der um einen Pfosten der Leiter gewickelt war. Der Betonzylinder endete ungef�hr drei Meter weiter unten, aber die Leiter f�hrte weiter in eine gro�e Kammer, warm, feucht und fischig, die vom Ger�usch mehrerer Generatoren in einem anderen Raum oder Geb�ude summte. W�nde, Fu�boden, Decken und Fenster des Geb�udes waren alle mit etwas bedeckt, das wie eine Folie aus klarem Kunststoff aussah. Sie befanden sich im Innern einer Blase aus irgendeinen durchsichtigem Material. Au�erhalb der Blase war schmutzigbraunes Wasser, das wie Sp�lwasser in einem Ausgu� blubberte.</p><p>Nirgals Gesicht zeigte ohne Zweifel seine �berraschung. Bly, der bei dem Anblick kurz l�chelte, sagte: �Das war ein gutes, festes Geb�ude. Das, was man Folienfels nennen k�nnte, ist so etwas wie die Stoffe, aus denen die Kuppeln bestehen, die Sie auf dem Mars benutzen, nur h�rtet es aus. Die Leute haben eine ganze Anzahl von Geb�uden wie diesem wieder besetzt, wenn sie die richtige Gr��e und Tiefe haben. Man nimmt ein Rohr�� und puff! Das ist wie Glasblasen. So ziehen viele Leute aus Sherness wieder nach hier zur�ck und fahren mit den Schiffen vom Dock oder ihrem Hausdach los. Wir nennen sie Gezeitenvolk. Sie halten das f�r besser, als in England um Almosen zu betteln, he?�</p><p>�Was arbeiten sie?�</p><p>�Fischen, wie sie es immer getan haben. Und bergen. He, Karna! Hier ist mein Marsianer. Begr��e ihn! Da, wo er herkommt, ist er klein. Ich nenn ihn Spinnenmann!�</p><p>�Aber das ist doch Nirgal, nicht wahr? Mich laust der Affe, wenn ich Nirgal Spinnenmann nenne, wo ich ihn doch bei mir zu Hause als Besuch gehabt habe!� Und der Mann, schwarzhaarig und mit dunkler Haut, ein �Asiate� dem Aussehen nach, wenn auch nicht nach seinem Akzent, sch�ttelte Nirgal sanft die rechte Hand.</p><p>Der Raum war durch ein Paar riesiger Spotlights, die zur Decke gerichtet waren, hell erleuchtet. Der blanke Fu�boden war voll: Schiffsmotoren, Pumpen, Generatoren, Haspeln und Dinge, die Nirgal nicht erkannte. Die laufenden Generatoren standen am Ende einer Halle, was sie auch nicht ruhiger wirken lie�. Nirgal trat an eine Wand, um das Blasenmaterial genauer zu untersuchen. Es war nur ein paar Molek�le dick und konnte doch Tausende von Kilo Druck aushalten. Nirgal stellte sich vor, da� jedes Kilo ein Faustschlag w�re, gleich Tausende auf einmal. �Diese Blasen werden noch da sein, wenn der Beton bereits abgetragen ist.�</p><p>Nirgal fragte nach Hiroko. Karna zuckte die Achseln. �Ich habe nie ihren Namen erfahren. Ich hielt sie f�r eine Tamilin aus S�dindien. Wie ich h�re, ist sie nach Southend gegangen.�</p><p>�Hat sie Ihnen geholfen, das hier einzurichten?�</p><p>�O ja. Sie hat die Blasen von Vlissingen hergeschafft. Sie und eine Anzahl von Leuten, die dachten wie sie. Die haben hier Gro�es geleistet. Ehe sie kamen, krochen wir in High Halstow im Dreck.�</p><p>�Warum sind sie gekommen?�</p><p>�Ich wei� nicht. Sicher irgend eine Gruppe von der K�stenhilfe.� Er lachte. �Obwohl sie nicht so wie die angekommen sind. Sie fuhren einfach um die K�sten, bauten blo� zum Spa� aus dem Tr�mmerhaufen was, das nach etwas aussah. Sie nannten es Zivilisation zwischen den Gezeiten. Ein Scherz, wie gew�hnlich.�</p><p>�He, Karnasingh! He, Bly! Das ist doch ein h�bscher Tag, nicht wahr?�</p><p>�O ja.�</p><p>�Wie w�re es dann mit etwas gekochtem Fisch?�</p><p>Der n�chste gro�e Raum war eine K�che und ein Speiseraum voller Tische und B�nke. Vielleicht f�nfzig Personen hatten sich da zum Essen hingesetzt. Karna rief �Hallo!� und stellte Nirgal vor. Der wurde mit undeutlichem Gemurmel begr��t. Die Leute waren eifrig mit Essen besch�ftigt. Gro�e Sch�sseln mit Fisch-Eintopf wurden aus riesigen schwarzen T�pfen vollgesch�pft, die aussahen, als w�ren sie schon seit Jahrhunderten in Gebrauch. Nirgal setzte sich zum Essen hin. Der Eintopf war gut. Das Brot war so hart wie die Tischplatte. Die Gesichter waren roh, narbig, gegerbt und rot oder braun. Nirgal hatte noch nie so h��liche Gesichter gesehen, die durch ihre harte Existenz und ihr schweres Los auf der Erde entstellt und verzerrt worden waren. Laute Gespr�che, Salven von Gel�chter, Rufe. Die Generatoren waren kaum zu h�ren. Dann kamen Leute herbei, um ihm die Hand zu sch�tteln und ihn anzuschauen. Etliche hatten die asiatische Frau und deren Freunde kennengelernt und sprachen begeistert von ihr. Sie hatte ihnen nie einen Namen genannt. Ihr Englisch war gut und klar. �Ich hielt sie f�r eine Paki. Ihre Augen sahen nicht ganz orientalisch aus. Wissen Sie, nicht wie die ihren. Keine kleine Falte da bei der Nase.�</p><p>�Keine epikanthische Falte, du Dussel.�</p><p>Nirgal empfand starkes Herzklopfen. Im Raum war es hei� und schw�l. �Was war mit den Leuten bei ihr?�</p><p>� Einige davon waren Orientalen gewesen. Asiaten, au�er einem oder zwei Wei�en.</p><p>�Waren Hochgewachsene dabei? Wie ich?� fragte Nirgal.</p><p>�Keiner.� Aber... wenn Hirokos Gruppe wieder auf die Erde zur�ckgekehrt war, schien es m�glich, da� die J�ngeren nicht mitgekommen waren. Selbst Hiroko h�tte nicht alle von ihnen zu einem solchen Unternehmen �berreden k�nnen. W�rde Frantz den Mars verlassen? W�rde Nanedi das tun? Nirgal bezweifelte es. R�ckkehr zur Erde in der Stunde ihrer Not... Die �lteren w�rden gehen. Ja, das klang nach Hiroko. Er konnte sich vorstellen, da� sie es t�te und die neuen K�sten von Terra befuhr, um eine Wiederbesiedlung zu organisieren...</p><p>�Sie sind nach Southend gegangen. Sie wollten sich die K�ste hocharbeiten.�</p><p>Nirgal sah Bly an, der nickte. Auch sie konnten fahren.</p><p>Aber Nirgals Begleiter wollten erst die Lage pr�fen. Sie verlangten einen Tag, um alles zu arrangieren. Inzwischen sprachen Bly und seine Freunde �ber die Unterwasserbergungsprojekte. Als Bly von der durch die Leibw�chter vorgeschlagenen Verz�gerung h�rte, fragte er Nirgal, ob er eine solche Operation sehen m�chte. Am n�chsten Morgen w�rde eine stattfinden. �Obwohl es nat�rlich keine sch�ne Sache ist.� Nirgal sagte zu, die Begleiter hatten nichts einzuwenden, solange einer von ihnen mitkam.</p><p>So verbrachten sie den Abend in dem feuchtk�hlen ger�uschvollen Lagerhaus unter Wasser. Bly und seine Freunde st�berten nach Ger�t, das Nirgal brauchen k�nnte. Die Nacht verbrachten sie in schmalen Betten auf Blys Boot, das wie eine gro�e, klobige Wiege schaukelte.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen tuckerten sie durch einen leichten Nebel von der Farbe des Mars. Rosige und orangefarbene T�ne schwebten �ber tr�gem malvenfarbenem Wasser. Die Gezeiten waren der Ebbe nahe; und die Bergungsmannschaft sowie drei von Nirgals Begleitern folgten Blys gr��erem Schiff in drei offenen Motorbooten und man�vrierten zwischen Kaminen, Verkehrszeichen und Strommasten hindurch, wobei sie sich h�ufig absprachen. Bly hatte ein zerfleddertes Buch mit Karten hervorgeholt und rief die Stra�ennamen von Sheerness aus, w�hrend er anhand bestimmter Lagerh�user oder L�den navigierte. Viele Lagerh�user im Kaibezirk waren augenscheinlich schon saniert worden, aber es gab hinter der Seefront, zwischen den Wohnblocks, noch mehr Lagerh�user und L�dert. Einer davon war an diesem Morgen ihr Ziel. �Da sind wir. Carleton Lane.� Das war ein Juweliergesch�ft in der N�he eines kleinen Marktes gewesen. �Wir werden es mit Juwelen und Dosengem�se versuchen. Gut ausgewogen, k�nnte man sagen.�</p><p>Sie legten an einem Anschlagbrett an und stellten die Motoren ab. Bly warf einen kleinen Gegenstand an einer Schnur �ber Bord, und drei der anderen Leute sammelten sich um einen kleinen Computerschirm auf Blys Armaturenbrett. Ein d�nnes Kabel wurde von einer j�mmerlich quietschenden Spule an der Seite heruntergelassen. Auf dem Schirm wechselte die Farbe des tr�ben Bildes von Braun zu Schwarz und wieder zu Braun.</p><p>�Woher wissen Sie, was Sie da sehen?� fragte Nirgal.</p><p>�Das wissen wir nicht.�</p><p>�Aber schauen Sie, da ist doch eine T�r.�</p><p>�Sehe ich nicht.�</p><p>Bly tastete auf einem kleinen Keybord unter dem Schirm. �Geh hinein, du Ding! Da. Jetzt sind wir drin. Dies sollte der Markt sein.�</p><p>�Hatten die nicht Zeit, ihre Sachen wegzuschaffen?� fragte Nirgal.</p><p>�Nicht ganz. An der Ostk�ste Englands mu�ten alle sehr eilig wegziehen. Deshalb gab es nicht mehr Transportm�glichkeit als das, was man in seinem Wagen bef�rdern konnte. Wenn �berhaupt so viel. Viele Leute haben ihre Wohnungen so wie sie waren zur�ckgelassen. Also holen wir das Zeug heraus, das die M�he wert ist.�</p><p>�Was ist mit den Besitzern?�</p><p>�Oh, da gibt es ein Register. Wir sehen das ein und finden die Leute, wenn wir k�nnen. Dann berechnen wir ihnen eine Bergungsgeb�hr, wenn sie das Zeug haben wollen. Falls sie nicht in dem Register stehen, verkaufen wir es auf der Insel. Die Leute brauchen M�bel und dergleichen. Hier, wollen wir mal sehen, was das ist.�</p><p>Er dr�ckte eine Taste, und der Schirm wurde heller. �Ach ja. Ein K�hlschrank. Wir k�nnten ihn schon brauchen, aber er ist schwer hochzukriegen.�</p><p>�Was ist mit dem Haus?�</p><p>�Oh, das jagen wir in die Luft. Ein klarer Schu�, wenn wir die Ladungen richtig anbringen. Aber nicht heute morgen. Wir bringen einen Zettel an und ziehen weiter.�</p><p>Sie tuckerten weiter. Bly und noch ein Mann beobachteten weiterhin st�ndig den Schirm und diskutierten ruhig, wohin sie sich zun�chst wenden sollten. Bly erkl�rte, Nirgal: �Diese Stadt war vor der Flut nicht ganz schuldenfrei. Sie ist seit ein paar hundert Jahren, schon seit dem Ende des Empire, abgesackt.�</p><p>Der andere Mann sagte: �Sie meinen, seit dem Ende der Segelschiffahrt.�</p><p>�Das ist dasselbe. Die alte Themse wurde danach immer weniger benutzt, und alle kleinen H�fen an der M�ndung kamen immer mehr herunter. Und das ist schon lange her.�</p><p>Endlich stellte Bly den Motor ab und sah die anderen an. In ihren Whiskygesichtern erkannte Nirgal eine seltsame Mischung von Resignation und fr�hlicher Erwartung. �Also dann hier!�</p><p>Die anderen M�nner holten ein Tauchger�t hervor: Tauchanz�ge, Tanks, einige Totalhelme. Bly sagte: �Wir dachten, das von Eric k�nnte Ihnen passen. Er war ein Riese.� Dann zog er einen langen schwarzen Schutzanzug aus dem �bervollen Schrank, einen ohne F��e und Handschuhe, sowie eine Kapuze und Gesichtsmaske anstelle eines kompletten Helmes. �Da sind auch Stiefel daf�r.�</p><p>�Ich w�rde sie gerne anprobieren!�</p><p>Er und zwei Leute zogen sich aus und legten die Schutzanz�ge an. Sie schwitzten und st�hnten, als sie das Neopren �berzogen und die Kragen mit den Rei�verschl�ssen dicht machten. An Nirgals Anzug war, wie sich zeigte, ein dreieckiger Lappen links am Rumpf ausgerissen, was g�nstig war, denn sonst h�tte er wohl nicht gepa�t. Er war um die Brust sehr eng, daf�r an den Beinen eher locker. Einer der anderen Taucher, Kev, verklebte den V-Schlitz mit Isolierband. �Das wird halten, jedenfalls f�r einen Tauchgang. Aber Sie sehen, was Eric passiert ist?� Er klopfte ihm auf die Seite. �Passen Sie auf, da� Sie nicht in einem Ihrer Kabel h�ngen bleiben!�</p><p>�Das werde ich.�</p><p>Nirgal f�hlte sein Fleisch unter dem verklebten Ri� kribbeln, der pl�tzlich sehr gro� wirkte. Wenn man an ein sich bewegendes Kabel gefesselt war und durch Beton oder Metall gezerrt wurde�� welche Agonie�� ein t�dlicher Schlag... Wie lange w�rde er danach bei Bewu�tsein bleiben�� eine Minute oder zwei? Im Dunkeln im Todeskampf herumgewirbelt...</p><p>Er ri� sich von dem Gedanken an Erics Ende los, f�hlte sich aber weiterhin ersch�ttert. Man befestigte ein Atemger�t an seinem Oberarm und der Gesichtsmaske. Sofort atmete er k�hle Luft, reinen Sauerstoff, wie sie sagten. Bly fragte noch einmal, ob er wirklich hinuntergehen wollte, da Nirgal leicht zitterte. �Nein, nein. Mit K�lte komme ich gut zurecht�, erkl�rte Nirgal, �das Wasser ist gar nicht so kalt. Au�erdem habe ich den Anzug jetzt schon durchgeschwitzt.�</p><p>Die anderen Taucher nickten. Sie schwitzten selber. Es war harte Arbeit, alles fertig zu machen. Das eigentliche Schwimmen war leichter. Eine Leiter hinunter und�� o ja�� von dem Druck der Ge frei zu sein, ein bi�chen wie die Schwere auf dem Mars, oder sogar noch weniger. So eine Erleichterung! Nirgal atmete fr�hlich den k�hlen Sauerstoff aus der Flasche ein und weinte fast �ber die pl�tzliche Freiheit seines K�rpers, als er durch eine angenehme D�mmerung schwebte. O ja, diese Welt auf der Erde lag unter Wasser.</p><p>Weiter unten waren die Dinge ebenso dunkel und amorph, wie sie auf dem Schirm ausgesehen hatten. Bis auf die schmalen Lichtkegel der offenbar sehr starken Kopflampen der anderen beiden M�nner. Nirgal folgte �ber und hinter ihnen und hatte so die beste Sicht. Das Wasser in der Themsem�ndung war k�hl, Nirgal sch�tzte etwa 285 K, aber nur sehr wenig davon sickerte durch Manschetten und Kapuze. Au�erdem war das im Anzug eingeschlossene Wasser durch seine Anstrengungen bald so hei�, da� seine k�hlen H�nde und Gesicht (und die linken Rippen) ihn immerhin vor �berhitzung bewahrten.</p><p>Die beiden Lichtkegel sch�ssen hierhin und dahin, wenn sich die beiden Taucher umschauten. Sie schwammen l�ngs einer schmalen Stra�e. Den Anblick der H�user und Bordsteine, der B�rgersteige und Stra�en lie� das tr�be Wasser so unheimlich erscheinen wie den Nebel an der Oberfl�che.</p><p>Dann schwebten sie vor einem dreist�ckigen Backsteinhaus, das den engen dreieckigen Platz f�llte, der an eine spitzwinklige Stra�enkreuzung grenzte. Kev machte Nirgal ein Zeichen, drau�en zu bleiben, was dieser gerne tat. Der andere Taucher hatte ein Kabel gehalten, das so d�nn war, da� man es kaum sehen konnte. Nun schwamm er in einen Torweg und zog es hinter sich her. Dann machte er sich daran, einen kleinen Flaschenzug an dem Torweg anzubringen und das Kabel hindurchzuf�deln. Die Zeit verging. Nirgal schwamm langsam um das keilf�rmige Geb�ude und schaute in B�ros, leere Zimmer und Wohnungen. Einige M�bel schwammen an der Decke. Eine Bewegung in einem dieser R�ume lie� ihn zur�ckschrecken. Er f�rchtete das Kabel; aber das war auf der anderen Seite des Hauses. Etwas Wasser drang in sein Mundst�ck, und er schluckte, um es zu beseitigen. Es schmeckte nach Salz, Schlamm und Pflanzen und noch etwas Unangenehmem. Er schwamm weiter.</p><p>Hinten am Torweg bem�hten sich Kev und der andere Mann, einen kleinen metallenen Safe durch die T�r zu zerren. Als er frei war, ruderten sie in eine aufrechte Position und warteten dort, bis das Kabel fast direkt �ber ihren K�pfen senkrecht nach oben f�hrte. Danach schwammen sie wie in einem ungeschickten Ballett um den Zwischenraum; und der Safe schwebte an die Oberfl�che und verschwand. Kev schwamm wieder nach drinnen zur�ck und kam mit heftigen St��en zur�ck, in den H�nden etwas wie kleine S�cke. Nirgal stie� sich hin�ber und nahm ihm einen davon ab. Dann bewegte er sich mit ausholenden Schl�gen zum Boot. Er kam ins helle Licht des Nebels an der Oberfl�che. Er w�re gern wieder hinuntergegangen, aber Bly wollte nicht, da� sie noch l�nger blieben. Darum warf Nirgal seine Flossen ins Boot und kletterte �ber die Leiter an der Seite hinein. Als er auf der Bank sa�, schwitzte er, und es war eine Erleichterung, die Kapuze vom Kopf zu ziehen, obwohl sein Haar dadurch kr�ftig nach hinten gezerrt wurde. Die feuchtk�hle Luft war ein angenehmes Gef�hl auf der Haut, als man ihm half, den Anzug abzustreifen.</p><p>�Sieh doch seine Brust an! Der ist ja wie ein Windhund�, juxten die Seeleute.</p><p>�Der sein ganzes Leben Dampf abgibt.�</p><p>Der Nebel hatte sich fast verzogen und lie� einen wei�en Himmel erkennen, auf dem die Sonne einen etwas helleren wei�en Fleck bildete. Auf Nirgal lastete wieder das Gewicht der Erde. Er atmete ein paarmal tief, um seinen K�rper wieder in den Arbeitsrhythmus zu bringen. Sein Magen war kodderig, und seine Lungen schmerzten ein wenig, wenn er voll eingeatmet hatte. Die Dinge schaukelten etwas mehr, als das Schwappen des Ozeans es verursachte. Der Himmel wurde zinkfarben, und der Sonnenquadrant ein scharfer blendender Glanz. Nirgal blieb sitzen und atmete schnell und flach.</p><p>�Hat es Ihnen gefallen?�</p><p>�Ja!� sagte er. �Ich w�nschte, ich h�tte �berall so ein gutes Gef�hl.�</p><p>Sie lachten �ber diesen Gedanken. �Hier, nehmen Sie einen Becher!�</p><empty-line/><p>Vielleicht war es ein Fehler gewesen, unter Wasser zu gehen. Danach f�hlte sich das Ge nie wieder richtig an. Das Atmen fiel ihm schwer. Die Luft unten im Lagerhaus war so feucht, da� er den Eindruck hatte, er k�nnte die Faust ballen und Wasser aus der Hand trinken. Kehle und Lungen taten weh. Er trank eine Tasse Tee nach der andern, konnte aber seinem Durst nichts anhaben. Die gl�nzenden W�nde tropften, und nichts von dem, was die Leute sagten, war zu verstehen. Es war alles ay und eh und lor und da�� nichts, was dem Marsenglisch auch nur �hnlich war. Eine andere Sprache. Jetzt redeten sie alle verschiedene Sprachen. Die St�cke Shakespeares hatten ihn darauf nicht vorbereitet.</p><p>Er schlief wieder in dem kleinen Bett aus Blys Boot. Am n�chsten Tag gab die Eskorte ihre Zustimmung, und sie fuhren positiv gestimmt von Sheerness nach Norden, �ber die Themsem�ndung, in einem r�tlichen Nebel, der noch dicker war als am Tag zuvor.</p><p>Drau�en im M�ndungsgebiet war nichts zu sehen au�er Nebel und Meer. Nirgal war schon fr�her auf Wolkenniveau gewesen, besonders auf dem Westhang von Tharsis, wo die Wetterfronten aufstiegen; aber nat�rlich nie auf dem Wasser. Au�erdem trieben die Wolken auf Tharsis jedesmal, ehe die Temperaturen deutlich unter den Gefrierpunkt sanken, eine Art fliegenden Schnee, sehr wei�, trocken und fein, �ber das Land und bedeckten es mit wei�em Staub. Ganz anders als diese fl�ssige Welt, wo kaum ein Unterschied bestand zwischen dem kabbligen Wasser und dem dar�ber flatternden Nebel, dem fl�ssigen und dem gasf�rmigen Zustand, die st�ndig wechselten. Das Boot schaukelte in einem heftigen, unregelm��igen Rhythmus. Dunkle Objekte erschienen an den R�ndern des Nebels, aber Bly beachtete sie nicht, sondern hielt ein scharfes Auge nach vorn gerichtet, durch ein Fenster, das fast bis zur Undurchsichtigkeit mit Wassertropfen bedeckt war. Au�erdem beobachtete er eine Reihe von Bildschirmen unter dem Fenster.</p><p>Pl�tzlich stellte Bly den Motor ab, und das Schaukeln des Bootes wurde zu einem �blen Rollen von einer Seite zur anderen. Nirgal blickte von der Seite der Kabine durch das nasse Fenster und versuchte zu sehen, was Bly zum Halten veranla�t hatte. Bly fuhr ganz langsam weiter und bemerkte: �Da ist ein gro�es Schiff nach Southend unterwegs.�</p><p>�Wo denn?�</p><p>�Backbordseite.� Er zeigte auf einen Schirm und dann nach links. Nirgal sah nichts.</p><p>Bly brachte sie zu einem gro�en langen Pier, an dem beiderseits viele Boote festgemacht waren. Der Pier verlief nach Norden durch den Nebel auf die Stadt Southend-on-Sea zu, die auftauchte und in dem Nebel verschwand, der einen hausbedeckten Abhang mit Schleiern belegte.</p><p>Einige M�nner begr��ten Bly: �Ein h�bscher Tag, he?�, �pr�chtig� und begannen, Kisten auszuladen.</p><p>Bly erkundigte sich nach der Asiatin aus Vlissingen, aber die M�nner sch�ttelten den Kopf. �Die Jap? Sie ist nicht hier, Kumpel.�</p><p>�In Sheerness sagen sie, da� sie und ihre Gruppe nach Southend gegangen seien.�</p><p>�Warum sollten sie das sagen?�</p><p>�Weil sie glauben, da� das so ist.�</p><p>�Das bekommst du von den Leuten zu h�ren, die unter Wasser wohnen.�</p><p>�Die Paki-Gro�mutter?� sagten sie an der Dieselpumpe auf der anderen Seite des Piers. �Die ist vor einiger Zeit nach Shoeburyness gegangen.�</p><p>Bly sah Nirgal an. �Das ist nur ein paar Meilen �stlich. Wenn sie dort w�re, w�rden die M�nner das wissen.�</p><p>�La�t es uns versuchen�, schlug Nirgal vor.</p><p>Also verlie�en sie, nachdem sie aufgetankt hatten, den Anlegeplatz und tuckerten durch den Nebel nach Osten. Ab und zu kam links die mit Geb�uden besetzte Bergflanke in Sicht. Sie kurvten um einen Punkt und wandten sich nach Norden. Bly brachte sie zu einem anderen Schwimmdock, an dem viel weniger Boote als am Pier von Southend festgemacht hatten.</p><p>�Die chinesische Bande?� rief ein zahnloser alter Mann. �Die sind nach Pig�s Bay gegangen. Haben uns ein Treibhaus gebracht. Ist so ne Art Kirche f�r uns.�</p><p>�Pig�s Bay ist gerade der n�chste Pier�, sagte Bly und steuerte sie nachdenklich vom Dock weg.</p><p>Also fuhren sie nach Norden. Die K�ste war hier v�llig mit �berschwemmten Geb�uden besetzt, die jetzt ein korallenartiges Riff bildeten. So nahe hatten sie am Meer gebaut! Offenbar hatte es hier keinen Grund gegeben, eine Niveau�nderung des Meeresspiegels zu bef�rchten. Und dann war es doch geschehen, und jetzt gab es diese eigenartige amphibische Zone, eine Zivilisation zwischen den Gezeiten, feucht und im Nebel schaukelnd.</p><p>Vor den Fenstern erschien eine H�usergruppe. Die Geb�ude waren mit dem klaren Blasenmaterial gef�llt, ausgepumpt und belegt worden. Die oberen Stockwerke lagen eben oberhalb der gischtigen Wellen und die unteren gerade darunter. Bly steuerte das Boot in eine Gruppe miteinander verbundener Schwimmdocks und begr��te eine Schar Frauen in Kitteln und gelben Regenm�nteln, die ein gro�es schwarzes Netz flickten. Er stellte den Motor ab und fragte: �Ist die Lady aus Asien bei euch zu Besuch gewesen?�</p><p>�O ja. Sie ist da drin. In dem Geb�ude am anderen Ende.�</p><p>Nirgal f�hlte seinen Puls rasen. Er verlor das Gleichgewicht und mu�te sich am Gel�nder festhalten. �ber die Seite und auf das Dock. Hin zum letzten Geb�ude, das jetzt ziemlich br�chig war und durch alle Risse schimmerte. Innen war Luft. Gef�llt von einer Blase. Gr�ne Pflanzen, die undeutlich durch schwappendes graues Wasser zu sehen waren. Nirgal hatte eine Hand auf Blys Schulter. Der kleine rote Mann brachte ihn zu einer T�r und dann eine enge Treppe hinunter in einen Raum, dessen eine ganze Wand zur See hin gerichtet war, wie ein schmutziges Aquarium.</p><p>Eine sehr kleine Frau in einem rostfarbenen Pullover kam durch die gegen�ber liegende T�r. Wei�haarig, schwarz�ugig, flink und pr�zise; wie ein Vogel. Nicht Hiroko. Sie starrte die M�nner an.</p><p>Bly fragte nach einem Blick zu Nirgal: �Sind Sie es, die aus Vlissingen gekommen ist? Die diese Unterseedinger gebaut hat?�</p><p>�Ja�, sagte die Frau. �Kann ich Ihnen helfen?� Sie hatte eine hohe Stimme mit britischem Akzent und sah Nirgal ausdruckslos an. Es waren weitere Leute im Raum, und noch mehr kamen hinzu. Sie sah aus wie das Gesicht, das er in Medusa Vallis an der Klippe erblickt hatte. Vielleicht gab es eine andere Hiroko, die �ber die zwei Planeten zog und Bauten errichtete...</p><p>Nirgal sch�ttelte den Kopf. Die Luft war wie in einem verdorbenen Treibhaus. Das Licht so schwach. Er kam kaum die Treppe herauf. Bly hatte sich f�r sie verabschiedet. Zur�ck in den hellen Nebel. Zur�ck auf das Boot. Irrwische jagen. Eine Hinterlist, um ihn aus Bern zu verscheuchen. Oder ein echter Irrtum. Vielleicht auch nur ein Metzgergang.</p><p>In der Kabine des Bootes sagte Bly zu ihm, er solle sich hinsetzen. �Ah, gut.� Sie rollten und stampften durch den Nebel, der zur Wasseroberfl�che hin immer dichter wurde. Ein tr�ber Tag auf dem Wasser. Sie platschten durch den Phasenwechsel, wo Wasser und Nebel ineinander �bergingen, und waren dazwischen eingeschlossen. Nirgal wurde etwas schl�frig. Ohne Zweifel war Hiroko wieder auf dem Mars. Arbeitete dort in ihrer gewohnten Heimlichkeit. Es war absurd gewesen, etwas anderes zu denken. Wenn er zur�ckkehrte, w�rde er sie finden. Ja, das war ein Ziel, eine Aufgabe, die er sich stellte. Er w�rde sie finden und veranlassen, da� sie wieder an die �ffentlichkeit trat. Sich vergewissern, da� sie noch lebte. Das war der einzige Weg sicher zu sein und die schreckliche Last von seinem Herzen zu nehmen. Ja, er w�rde sie finden.</p><p>Als sie dann �ber das unruhige Wasser fuhren, lichtete sich der Nebel. Tiefe graue Wolken zogen rasch �ber ihre K�pfe und lie�en Regenwirbel in die Wellen fallen. Es trat jetzt Ebbe ein; und als sie die gro�e M�ndung �berquerten, wurde die Str�mung der Themse voll losgelassen. Die graubraune Oberfl�che des Wassers war aufgew�hlt wie Brei, die Wellen kamen aus allen Richtungen zugleich, eine wilde sch�umende Fl�che aus dunklem, strudelndem Wasser, das rasch nach Osten getrieben wurde, hinaus in die Nordsee. Und dann schlug der Wind um und str�mte �ber die Gezeiten; und alle Wellen brausten pl�tzlich auf See hinaus. Zwischen den langen Schaumfladen schwammen alle m�glichen Gegenst�nde: Kisten, M�bel, D�cher, ganze H�user, umgekippte Boote, Holzst�cke. Sp�teres Treib- und Strandgut. Blys Mannschaft stand auf Deck. Die M�nner lehnten sich mit Enterhaken und Feldstechern �ber die Reling und riefen nach hinten, damit er Dingen ausweichen oder versuchen sollte, sich ihnen zu n�hern. Sie waren in die Arbeit vertieft. Nirgal fragte Bly: �Was ist das f�r Zeug?�</p><p>�Das ist London�, erkl�rte Bly. �Es ist das verdammte London, das ins Meer gesp�lt wird.�</p><p>Die Unterseiten der Wolken rasten �ber ihre K�pfe gen Osten. Als er sich umschaute, sah Nirgal viele andere kleine Boote auf dem wilden Wasser der gro�en Flu�m�ndung, die Treibgut bargen oder auch blo� fischten. Bly winkte einigen im Vorbeifahren zu und begr��te andere mit der Sirene. Die Signalt�ne wurden vom Wind �ber die grau gefleckte M�ndung getragen, offenbar um Botschaften zu �bermitteln, wie Blys Leute jedesmal bemerkten.</p><p>�He, was ist das jetzt?� rief Kev und zeigte stromaufw�rts.</p><p>Aus einer die Themsem�ndung bedeckenden Nebelbank war ein Dreimaster in voller Takelage aufgetaucht, dessen viele Segel in der altert�mlichen Art angeordnet waren, die Nirgal innig vertraut war, obwohl er sie noch nie gesehen hatte. Ein Chor von H�rnern begr��te diese Erscheinung, wildes Getute, langgezogenes Schmettern�� alles auf einmal und immer l�nger, wie eine Hundemeute, die bei Nacht aufgescheucht worden war und kl�ffte, was das Zeug hielt. �ber ihnen explodierte der scharfe durchdringende Ton von Blys Sirene und stimmte in den Chor ein. Nirgal hatte noch nie einen so durchdringenden Ton vernommen. Er zerri� ihm die Ohren! Dickere Luft, dichterer Schall. Bly grinste. Seine Faust dr�ckte auf den Knopf der Sirene. Die M�nner der Crew standen dabei alle an der Reling, Nirgals Eskorte auch, und schrien lautlos gegen die pl�tzliche Vision an.</p><p>Endlich lie� Bly nach. �Was ist das?� br�llte Nirgal.</p><p>�Das ist die Cutty Sark!� sagte Bly, warf den Kopf zur�ck und lachte. �Die war in Greenwich angepflockt. In einem Park! Einige verr�ckte Kerle m�ssen sie frei gemacht haben. War eine brillante Idee. Sie m�ssen das Schiff um die Flutsperre geschleppt haben. Sehen Sie sich ihre Segel an!�</p><p>Der alte Klipper hatte vier oder f�nf Segel, die an jedem der drei Masten aufgespannt waren, und auch noch ein paar dreieckige zwischen den Masten und bis zum Bugspriet. Das Schiff segelte mitten im Ebbestrom und hatte starken R�ckenwind, so da� es durch Schaum und Treibgut schnitt und Wasser von seinem scharfen Bug wegspritzte in einer raschen Folge wei�er Wellen. In den Wanten standen M�nner, wie Nirgal sah. Die meisten von ihnen lehnten sich �ber die Rahen und winkten mit einem Arm der verwilderten Flottille von Motorbooten zu, als sie hindurchfuhren. Von den Mastspitzen flatterten Wimpel; Nirgal sah eine gro�e blaue Flagge mit roten Kreuzen, als sie Seite an Seite mit Blys Boot waren. Bly dr�ckte immer wieder auf den Knopf der Sirene, und die M�nner gr�lten. Ein Matrose am Ende des Hauptsegels der Cutty Sark lehnte sich mit der Brust gegen den gro�en Zylinder aus poliertem Holz und winkte ihnen mit beiden H�nden zu. Dann verlor er das Gleichgewicht. Sie alle sahen es wie in Zeitlupe geschehen. Der Matrose fiel, den Mund zu einem runden kleinen O geformt, r�ckw�rts in das Wei�wasser, das von der Schiffsflanke wegsch�umte. Die M�nner auf Blys Boot schrien alle zugleich: �NEIN!� Bly fluchte laut und drosselte den Motor, der nach dem Verstummen der Sirene pl�tzlich laut zu h�ren war. Das Heck des Bootes tauchte tief ins Wasser, und dann bewegten sie sich brummend auf den �ber Bord gegangenen Mann zu, der nur noch ein schwarzer Punkt unter anderem Treibgut war und krampfhaft mit einem erhobenen Arm winkte.</p><p>�berall waren Boote, die hupten und ihre Sirenen ert�nen lie�en. Aber die Cutty Sark wurde keineswegs langsamer. Sie segelte mit voller Geschwindigkeit davon. Die Segel waren voll gebl�ht, von hinten ein sch�ner Anblick. Als sie dann den heruntergefallenen Matrosen erreichten, lag der Stern des Klippers tief nach Osten im Wasser, und die Masten bildeten eine Gruppe aus wei�en Segeln und schwarzer Takelage, bis er pl�tzlich in einer Nebelbank verschwand.</p><p>�Was f�r ein pr�chtiger Anblick!� sagte einer der M�nner immer wieder. �Was f�r ein pr�chtiger Anblick!�</p><p>�Ja, ja, pr�chtig! Hier, fischt diesen armen Kerl auf!�</p><p>Bly stellte den Motor auf R�ckw�rtsgang und dann auf Leerlauf. Sie warfen eine Leiter �ber die Seite und beugten sich vor, um dem nassen Matrosen die Stufen herauf zu helfen. Endlich schaffte er es �ber die Bordwand, stand in seinen durchweichten Sachen gebeugt da und hielt sich zitternd an der Reling fest. �Oh, danke!� sagte er zwischen Gew�rge �ber die Bordwand. Kev und die anderen Mitglieder der Crew zogen ihm seine nassen Sachen aus und wickelten ihn in dicke schmuddelige Decken.</p><p>Bly rief vom Ruderhaus herunter: �Du bist ein Idiot! Da wolltest du gerade auf der Cutty Sark um die Welt segeln, und nun bist du auf der Bride of Faversham. Du bist ein d�mlicher verfluchter Idiot!�</p><p>�Ich wei߫, rief der Mann keuchend zwischen Anf�llen von �belkeit.</p><p>Die M�nner warfen ihm Jacken �ber den R�cken und lachten. �Verr�ckter Hund, uns so zuzuwinken!� Den ganzen Weg zur�ck nach Sheerness redeten sie �ber seine Ungeschicklichkeit, w�hrend sie den Schiffbr�chigen trockneten und im Windschatten des Ruderhauses in Reservekleider h�llten, die f�r ihn viel zu klein waren. Er lachte mit ihnen, verfluchte sein Pech, schilderte den Fall und wiederholte, wie er den Halt verloren hatte. Dann wieder in Sheerness brachten sie ihn in das Lagerhaus unter Wasser, gaben ihm warmen Eintopf zu essen und eine Pint bitteren Bieres nach der andern, w�hrend sie den Leuten drinnen und jedem, der die Leiter herunterkam, berichteten, wie er sich blamiert hatte. �Schaut her, dieser bl�de Hund ist heute nachmittag von der Cutty Sark heruntergefallen, der ungeschickte Kerl, als sie unter vollen Segeln mit der auslaufenden Flut nach Tahiti fuhr!�</p><p>�Nach Pitcairn�, berichtigte Bly.</p><p>Der Matrose selbst, v�llig besoffen, erz�hlte seine Geschichte ebenso oft wie seine Retter. �Ich habe blo� f�r eine Sekunde die H�nde weggenommen. Da gab es einen kleinen Ruck, und ich flog dahin. Flog einfach runter. Dachte, das w�rde nichts machen, dachte ich. Habe die H�nde die ganze Zeit �ber die Themse hochgehalten. Oh�� entschuldigt mich, ich mu� kotzen!�</p><p>�O Gott, sie bot wirklich einen pr�chtigen Anblick. Nat�rlich mehr Segel als n�tig. Es war blo�, um w�rdig herauszukommen. Aber Gott segne sie daf�r. So ein Anblick!�</p><p>Nirgal f�hlte sich benommen und matt. Der ganze gro�e Raum war zu einem schimmernden Dunkel geworden, abgesehen von den wenigen Stellen, an denen es von Streifen hellen Lichts durchbrochen wurde. Alles war ein Helldunkel aus durcheinander gebrachten Objekten, Breughel in Schwarzwei�, und so laut. �Ich erinnere mich an die Springflut von Dreizehn, als die Nordsee in mein Wohnzimmer kam.��� �Oh, nicht schon wieder die Flut von Dreizehn. Das wird nicht wieder passieren�, sagte ein anderer.</p><p>Er ging in einen abgeteilten Raum in einer Ecke, die Herrentoilette. Er dachte, er w�rde sich besser f�hlen, wenn er sich erleichterte. Drinnen kniete der gerettete Matrose auf dem Boden der Kabine und �bergab sich heftig. Nirgal zog sich zur�ck und setzte sich auf die n�chste Bank, um abzuwarten. Eine junge Frau kam an ihm vorbei und ber�hrte seine Stirn. �Sie sind hei�!�</p><p>Nirgal hielt eine Hand an die Stirn und versuchte dar�ber nachzudenken. Er sch�tzte: �39 �C, Mist!�</p><p>�Sie haben Fieber�, sagte sie.</p><p>Ein Leibw�chter nahm neben ihm Platz. Nirgal erz�hlte ihm von seiner Temperatur, und der Mann sagte: �Wollen Sie ihr Armband nachsehen?�</p><p>Nirgal nickte und veranla�te eine Ausgabe. 309 K. �Mist!�</p><p>�Wie f�hlen Sie sich?�</p><p>�Hei�. Schwer.�</p><p>�Wir sollten lieber jemanden holen.�</p><p>Nirgal sch�ttelte den Kopf, aber eine Welle von Schwindel �berfiel ihn dabei. Er sah, wie die Leibw�chter nach Bly riefen. Bly kam herbei, und sie stellten ihm Fragen.</p><p>�Bei Nacht?� fragte Bly. Weitere ruhige Gespr�che. Bly zuckte die Achseln. Das bedeutete: Keine gute Idee, aber machbar. Die Leibw�chter machten weiter, und Bly trank seine letzte Pint aus, stellte das Glas hin und stand auf. Sein Kopf war immer noch auf der gleichen H�he wie der Nirgals, obwohl dieser heruntergerutscht war, um den R�cken gegen den Tisch zu st�tzen. Eine andere Spezies, eine hockende kr�ftige Amphibie. Hatte er das vor der Flut gewu�t? Wu�ten sie es jetzt?</p><p>Die Leute verabschiedeten sich und dr�ckten ihm die Hand. Das Erklimmen der Leiter zum Kommandoturm war eine m�hsame Arbeit. Dann waren sie drau�en in der k�hlen, feuchten Nacht. Der Nebel verh�llte alles. Ohne ein Wort f�hrte Bly sie auf sein Boot und blieb still, als er die Motoren anlie� und das Boot losmachte. Sie tuckerten �ber eine leichte Woge. Zum ersten Mal machte das Schaukeln �ber die Wellen Nirgal richtig seekrank. Schwindel war schlimmer als Schmerz. Er setzte sich neben Bly auf einen Schemel und betrachtete den grauen Kegel erhellten Wassers und Nebels vor ihrem Bug. Wenn dunkle Objekte aus dem Nebel auftauchten, wurde Bly langsamer und stellte den Motor sogar auf R�ckw�rtsgang. Einmal pfiff er. Das ging lange so weiter. Als sie dann in den Stra�en von Faversham andockten, war Nirgal so schlecht, da� er nicht richtig Lebewohl sagen konnte. Er konnte nur Blys Hand ergreifen und kurz dem Mann in seine blauen Augen schauen. Solche Gesichter. Man konnte die Seelen der Menschen direkt in ihren Gesichtern erkennen. Hatten sie das vorher gewu�t? Dann war Bly fort, und sie sa�en in einem Wagen, der durch die Nacht brummte. Nirgals Gewicht nahm wieder zu, wie es w�hrend des Abstiegs im Aufzug gewesen war. Dann in ein Flugzeug, im Dunkeln aufsteigend und irgendwann sp�ter herunterkommend. Seine Ohren knackten schmerzhaft. �belkeit. Er war wieder in Bern, und Sax war an seiner Seite, ein gro�er Trost.</p><p>Er lag in einem Bett, ihm war sehr hei� und sein Atem ging feucht und schmerzhaft. Aus dem Fenster konnte er die Alpen sehen. Das wei�e Aufbrechen von Gr�n, als ob der Tod selbst sich aus dem Leben bewegte und durchbr�che, um ihn daran zu erinnern, da� Viriditas ein gr�ner Z�nder w�re, der eines Tages wieder in das Wei� einer Nova explodieren w�rde, um zu der gleichen Kombination von Elementen zur�ckzukehren, die vorhanden gewesen war, ehe der Wirbelsturm sie erfa�t hatte. Das Wei� und das Gr�n. Es war, als ob die Jungfrau ihm die Kehle heraufrutschte. Er wollte schlafen und dieses Gef�hl loswerden.</p><p>Sax sa� an seiner Seite und hielt seine Hand. �Ich glaube, er braucht die Schwerkraft des Mars�, sagte er zu jemandem, der nicht im Raum zu sein schien. �Es k�nnte eine Form von H�henkrankheit sein. Oder eine ansteckende Krankheit. Oder Allergien. Eine Reaktion des Organismus. Irgendein �dem. Wir wollen ihn sofort in ein Flugzeug vom Boden zum Weltraum und da oben in einen G-Ring mit der Schwerkraft des Mars bringen. Wenn ich mich nicht irre, wird das helfen, und falls nicht, schlimmer kann es wohl nicht werden.�</p><p>Nirgal versuchte zu sprechen, bekam aber keine Luft. Diese Welt hatte ihn angesteckt, erdr�ckt, in Dampf und Bakterien gesotten. Ein Schlag in die Rippen. Er war gegen die Erde allergisch. Er dr�ckte Sax die Hand und holte tief Luft, als ob ihm ein Dolch ins Herz dr�nge. �Ja�, keuchte er und sah Sax blinzeln. �Ja, nach Hause.�</p></section></section><section><title><p>F�NFTER TEIL</p><p>Endlich daheim</p></title><section><p><emphasis>Ein alter Mann sitzt am Krankenbett. Die Krankenhauszimmer sind alle gleich. Sauber, wei�, k�hl, summend und fluoreszierend. Auf dem Bett liegt ein Mann�� gro�, dunkelh�utig und mit dicken schwarzen Augenbrauen. Er schl�ft fest. Am Kopf hat er einen Buckel. Ein Finger ber�hrt den Sch�del hinter dem Ohr. W�hrend des Atmens murmelt der Alte. �Wenn es eine allergische Reaktion ist, dann mu� sein Immunsystem �berzeugt werden, da� das Allergen kein eigentliches Problem bedeutet. Sie haben kein Allergen identifiziert. Ein Lungen-�dem ist normalerweise durch die H�henkrankheit bedingt, k�nnte aber auch durch ein Gasgemisch verursacht worden sein, oder es kam zu einer Krankheit durch zu geringe H�he. Du mu�test das Wasser aus deinen Lungen entfernen. Sie sind damit recht gut fertig geworden. F�r das Fieber und die K�lteschauer k�nnte auch das Biofeedback verantwortlich sein. Wirklich hohes Fieber ist gef�hrlich, das mu�t du bedenken. Ich erinnere mich an die Zeit, als du in die B�der kamst, nachdem du in den See gefallen warst. Du warst blau angelaufen. Jackie sprang gleich hinein�� nein, vielleicht blieb sie stehen, um zuzusehen. Du hieltest mich und Hiroko an den Armen; und wir alle sahen, wie du w�rmer wurdest. W�rmeerzeugung ohne Zittern; mit Zittern macht das jeder Mensch, aber du hast es willentlich gemacht, und noch dazu sehr kr�ftig. Ich hatte noch nie etwas Derartiges gesehen. Ich wei� immer noch nicht, wie du das gemacht hast. Du warst ein pr�chtiger Junge. Es gibt Menschen, die erschauern k�nnen, wenn sie wollen. Vielleicht ist das so �hnlich, nur innerlich. Das macht wirklich nichts aus. Du brauchst nicht einmal zu wissen, wie, sondern mu�t es nur tun. Ob du es auch in der anderen Richtung machen kannst? Deine Temperatur senken? Mach einen Versuch! Du warst so ein pr�chtiger Junge.�</emphasis></p><p><emphasis>Der alte Mann langt hin und packt den jungen Mann am Handgelenk. Er h�lt es fest und dr�ckt.</emphasis></p><p><emphasis>�Du pflegtest Fragen zu stellen. Du warst sehr wi�begierig und sehr nett. Du hast nicht aufgeh�rt zu fragen: Warum, Sax, warum? Es hat Spa� gemacht, dir jedesmal zu antworten. Die Welt ist wie ein Baum. Von jedem Blatt kann man bis zu den Wurzeln zur�ckgehen. Ich bin sicher, da� Hiroko so empfunden hat. Sie hat mir das wahrscheinlich als erste erz�hlt. H�re, es war nicht schlecht, auf die Suche nach Hiroko zu gehen. Auch ich habe das getan. Und werde es wieder tun. Ich habe sie n�mlich einmal gesehen, auf Daedalia. Sie half mir, als ich in einem Sturm fast verreckt bin. Sie hielt mein Handgelenk. Genau so wie ich es jetzt bei dir tue. Nirgal, sie lebt. Hiroko ist am Leben und irgendwo hier drau�en. Du wirst sie eines Tages finden. La� deinen inneren Thermostaten arbeiten, senke die Temperatur; und eines Tages wirst du sie finden...�</emphasis></p><p><emphasis>Der alte Mann l��t das Handgelenk los. Er kippt nach vorn, im Halbschlaf noch murmelnd. �Du hast immer gefragt: Warum, Sax warum?�</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Wenn der Mistral nicht geweht h�tte, h�tte er weinen k�nnen; denn absolut nichts sah noch wie fr�her aus. Er kam von Marseille in einen Bahnhof, der bei seiner Abreise nicht existiert hatte, nahe einer kleinen Stadt, die es damals nicht gegeben hatte, und die komplett in einer Gaudischen Zwiebelarchitektur gebaut war, die auch gewisse Rundungen nach Bogdanov zeigte. Darum wurde Michel an Christianopolis oder Hiranyagarbha nach deren Verschmelzung erinnert. Nein, nichts sah auch nur im geringsten vertraut aus. Das Land war eigenartig plattgewalzt, gr�n und seines Gesteins und jenes <emphasis>je ne sais quoi</emphasis> entbl��t, das es zur Provence gemacht hatte. Er war seit 102 Jahren nicht mehr hier gewesen.</p><p>�ber diese ganze ungewohnte Landschaft blies der Mistral vom Zentralmassiv herunter�� k�hl, trocken, aromatisch und elektrisch, durchsetzt von negativen Ionen, oder was es sonst auch war, das ihm seine charakteristische katabatische Frische verlieh. Der Mistral! Ganz gleich, wie es hier aussah, es mu�te die Provence sein.</p><p>Einheimische von Praxis sprachen franz�sisch mit ihm, aber er konnte sie kaum verstehen. Er mu�te scharf hinh�ren und hoffte, da� seine heimatliche Zunge wiederkommen w�rde und da� die Franglaisation und Frarabisation, die er h�rte, die Verh�ltnisse nicht allzu sehr ver�ndert haben w�rden. Es war ihm peinlich, in seiner Muttersprache unsicher zu sein. Es war auch schockierend, da� die Academie Francaise nicht ihre Pflicht erf�llt und die Sprache im siebzehnten Jahrhundert eingefroren hatte, wie man es von ihr erwartet hatte. Eine junge Frau, die das Hilfspersonal von Praxis leitete, deutete an, da� sie eine Rundfahrt machen und die Region besichtigen k�nnten, zur neuen K�ste hinuntergehen und sich alles ansehen.</p><p>�Fein!� sagte Michel.</p><p>Er verstand die Leute schon besser. Vielleicht lag es nur an den Akzenten der Provence. Er folgte ihnen bei einem Rundgang durch die konzentrischen Kreise der Geb�ude und dann hinaus zu einem ganz gew�hnlichen Parkplatz. Die junge Frau half ihm auf den Beifahrersitz eines kleinen Wagens und setzte sich dann an der anderen Seite hinter das Lenkrad. Ihr Name war Sylvie. Sie war klein, attraktiv, schick und roch angenehm, so da� ihr seltsames Franz�sisch Michel st�ndig �berraschte. Sie startete und fuhr aus dem Flughafen hinaus. Und dann fuhren sie ger�uschvoll auf einer schwarzen Stra�e durch die flache Landschaft, die von Gras und B�umen begr�nt war. Nein, in der Entfernung gab es einige Berge�� so klein! Und der Horizont war so weit entfernt!</p><p>Sylvie fuhr zur n�chsten K�ste. Von einer Kehre auf einem H�gel konnten sie weit �ber das Mittelmeer blicken, das an diesem Tag braun und grau gefleckt war und in der Sonne schimmerte.</p><p>Nach einigen Minuten stiller Betrachtung fuhr Sylvie weiter, wieder quer durch flaches Binnenland. Dann wurden sie an einem Deich angehalten und blickten �ber die Camargue, wie sie sagte. Michel h�tte sie nicht wiedererkannt. Das Rhonedelta war ein breiter dreieckiger F�cher von vielen tausend Hektar gewesen, gef�llt mit salzigen Marschen und Gras. Jetzt war es wieder ein Teil des Mittelmeeres. Das Wasser war braun und mit Geb�uden getupft; aber es war trotzdem Wasser, in dessen Mitte der Rhonestrom eine bl�uliche Linie bildete. Arles war, wie Sylvie sagte, wieder ein funktionierender Seehafen. Dennoch pflegten sie immer noch den Kanal. Sylvie sagte stolz, da� alles im Delta von Martiques im Osten bis Aigue-Mortes im Westen von Wasser bedeckt war. Aigues- Mortes war jetzt wirklich tot, seine industriellen Geb�ude abgesoffen. Seine Hafeneinrichtungen waren laut Sylvie flott gemacht und nach Arles oder Marseille gebracht worden. Man arbeitete angestrengt, um sichere Navigationsrouten f�r die Schiffe zu markieren. Sowohl die Camargue wie weiter �stlich die Plaine de la Crau waren mit allen m�glichen Strukturen �bers�t, von denen viele noch aus dem Wasser ragten, aber nicht alle. Und das Wasser war durch Schlamm so getr�bt, da� man nicht tiefblicken konnte. �Sehen Sie, hier ist der Bahnhof. Man kann die Getreidespeicher noch erkennen, aber nicht die Nebengeb�ude. Und da ist einer von den eingedeichten Kan�len. Die Deiche sind jetzt unsere Riffe. Sehen Sie die Linie aus grauem Wasser? Die Deiche brechen immer noch, wenn die Rhone sie �bersp�lt.�</p><p>�Ein Gl�ck, da� die Gezeiten hier nicht so stark sind�, sagte Michel.</p><p>�Allerdings. Sonst w�re es f�r Schiffe zu gef�hrlich, Arles zu erreichen.�</p><p>Im Mittelmeer waren die Gezeiten vernachl�ssigbar; und Fischer wie K�stenfrachter entdeckten tagt�glich, was sicher unternommen werden konnte. Man versuchte, den Hauptkanal der Rhone durch die neue Lagune zu sichern, genau wie die Seitenkan�le, so da� die Boote bei der R�ckfahrt stromaufw�rts nicht gegen die Str�mung der Rhone ank�mpfen mu�ten. Sylvie wies auf Merkmale hin, deren Existenz Michel nicht nachvollziehen konnte, und erz�hlte ihm von pl�tzlichen Verlagerungen des Rhonekanals, von auf Grund gelaufenen Schiffen, losen Bojen, angekratzten R�mpfen, Rettungen bei Nacht, �lverlusten, dem Verwechseln neuer Leuchtt�rme, falschen Leuchtt�rmen, die von Schmugglern f�r die Unvorsichtigen aufgestellt wurden und sogar regelrechter Piraterie auf hoher See. Das Leben an der neuen Rhonem�ndung schien aufregend zu sein.</p><p>Nach einer Weile fuhren sie in dem kleinen Wagen zur�ck, und Sylvie hielt nach S�dosten, bis sie auf die K�ste trafen, die richtige K�ste, zwischen Marseille und Cassis. Dieser Teil der Mittelmeerk�ste bestand wie weiter �stlich die C�te d�Azur aus einer gro�en Reihe steiler H�gel, die j�h zur See hin abfielen. Die H�gel standen noch gut �ber dem Wasser; und auf den ersten Blick schien es Michel, da� sich dieser K�stenabschnitt viel weniger ver�ndert hatte als die �berflutete Camargue. Aber nach ein paar Minuten stiller Beobachtung �nderte er seine Meinung. Die Camargue war immer ein Delta gewesen und war jetzt immer noch ein Delta. Da hatte sich nichts Wesentliches ge�ndert. Hier aber hie� es: �Die Str�nde sind fort.�</p><p>�Ja.�</p><p>Das war nur zu erwarten gewesen. Aber die Str�nde hatten das Wesen dieser K�ste ausgemacht, die Str�nde mit ihren langen lohfarbenen Sommern, die von nackten, die Sonne anbetenden menschlichen Lebewesen dicht besetzt gewesen waren, von Schwimmern und Segelbooten, und Karnevalfarben und langen, warmen, aufregenden N�chten. All das war verschwunden. �Sie werden nie wiederkommen.�</p><p>Sylvie nickte und sagte sachlich: �Es ist �berall dasselbe.�</p><p>Michel blickte nach Osten. Die ganze Strecke bis zum fernen Horizont fielen die H�gel steil in das braune Meer ab. Es sah aus, als k�nnte er bis Cap Sicie schauen. Dahinter lagen all die einstigen gro�en Fejrienorte: Saint-Tropez, Cannes, Antibes, Nizza, sein altes Villefranche-sur-Mer und die modischen Strandb�der dazwischen, gro�e und kleine, alle �berflutet wie der Landstreifen unter ihnen. Die schlammig braune See planschte gegen einen Streifen aus blassem, zerbrochenem Gestein und toten gelben B�umen. Die Strandwege tauchten in schmutzigwei�e Gischt ein. Schmutzige Gischt, die bis in die Stra�en verlassener St�dte gesp�lt wurde.</p><p>Die gr�nen B�ume oberhalb der neuen Wasserlinie schwankten �ber wei�em Gestein. Michel hatte sich nicht erinnert, wie wei� der Fels war. Das Laub hing niedrig und war staubig. Entwaldung war in den vergangenen Jahren ein ernstes Problem geworden, erkl�rte Sylvie, als die Leute angefangen hatten, B�ume als Brennholz zu f�llen, aber Michel h�rte ihr kaum zu. Er starrte auf die ertrunkenen Str�nde und versuchte, sich an ihre sandige hei�e erotische Sch�nheit zu erinnern. Und als er so in die schmutzige Brandung schaute, stellte er fest, da� er sich nicht sehr gut erinnern konnte, auch nicht an die von ihm dort verbrachten Tage. Diese vielen faulen Stunden waren jetzt verwischt, wie das Gesicht eines toten Freundes. Er konnte sich nicht erinnern.</p><empty-line/><p>Marseille hatte nat�rlich �berlebt. Der einzige Teil der K�ste, um den man sich keine Sorgen machen mu�te, der h��lichste Teil, die City. Nat�rlich. Die Docks waren �berschwemmt und auch deren unmittelbare Nachbarschaft. Aber das Land stieg dort rasch auf, und die h�heren Gebiete hatten ihre m�hsame, schmutzige Existenz erhalten. Gro�e Schiffe ankerten noch im Hafen, lange Schwimmdocks fuhren zu ihnen hinaus, um ihre Fracht zu entladen, w�hrend die Matrosen die Stadt �berschwemmten und in einer durch die Tradition geehrten Weise verr�ckt spielten. Sylvie sagte, da� es in Marseille war, wo sie die meisten haarstr�ubenden Abenteuergeschichten geh�rt hatte; von der Rhonem�ndung und anderswo rund ums Mittelmeer, wo die alten Seekarten nichts mehr bedeuteten. H�user der Toten zwischen Malta und Tunis, Angriffe von berberischen Korsaren... Sie sagte grinsend: �Marseille ist mehr es selbst, als es seit Jahrhunderten gewesen ist.� Und Michel bekam einen pl�tzlichen Eindruck von ihrem Nachtleben, wild und vielleicht etwas gef�hrlich. Sie liebte Marseille. Der Wagen rumpelte in eines der vielen Schlagl�cher; und es f�hlte sich an wie sein Pulsschlag; als ob er und der Mistral durch das h��liche alte Marseille tobten, gefesselt von den Gedanken einer wilden jungen Frau.</p><p>Mehr es selbst, als es seit Jahrhunderten gewesen ist. Vielleicht traf das auf die ganze K�ste zu. Es gab keine Touristen mehr. Nachdem die Str�nde dahin waren, hatte die ganze Tourismusidee einen Stich ins Herz bekommen. Die gro�en hellen Hotels und Apartmenth�user standen jetzt halb versunken in der Brandung wie Kinderspielzeug, das bei Ebbe zur�ckgelassen worden war. Als sie aus Marseille hinausfuhren, stellte Michel fest, da� viele dieser H�user in ihren oberen Stockwerken wieder besetzt worden zu sein schienen, von Fischern, wie Sylvie sagte. Ohne Zweifel hatten sie ihre Boote in den unteren R�umen, wie die Pfahlbauleute im vorgeschichtlichen Europa. Das Alte kehrte wieder.</p><p>Michel schaute weiter st�ndig aus dem Fenster und versuchte, sich ein Bild von der neuen Provence zu machen. Er bem�hte sich nach Kr�ften, mit dem Schock, den so viel Ver�nderung hervorrufen mu�te, fertig zu werden. Gewi� war das alles sehr interessant, selbst wenn es nicht seinen Erinnerungen entsprach. Es w�rden schlie�lich neue Str�nde entstehen, versicherte er sich, wenn die Wellen an den F��en von Meeresklippen nagten und die befrachteten Fl�sse und Str�me Boden mit sich f�hrten. Es k�nnte sogar sein, da� sie sich rasch wieder bildeten, obwohl es zuerst Schmutz oder Steine sein w�rden. Der braune Sand�� nun, die Str�mung k�nnte etwas von dem ertrunkenen Sand auf den neuen Strand bef�rdern. Wer wei�? Aber sicher war das meiste davon endg�ltig dahin.</p><p>Sylvie brachte den Wagen zu einem anderen windigen Wendepunkt mit Blick aufs Meer. Das war bis zum Horizont hin braun. Der ablandige Wind bewirkte, da� sie die vom Strand fortlaufenden Wellen von hinten sahen, ein eigenartiger Effekt. Michel versuchte, sich an das alte, von der Sonne �berw�ltigte Blau zu erinnern. Es hatte mancherlei Arten von mediterranem Blau gegeben. Die klare Reinheit der Adria, die �g�is mit ihrem homerischen Anflug von Wein... jetzt alles braun. Braunes Meer, Klippen ohne Str�nde, die blassen Felsh�gel, w�stenartig, verlassen. Eine �dnis. Nein, nichts war dasselbe, gar nichts.</p><p>Schlie�lich bemerkte Sylvie sein Schweigen. Sie fuhr ihn nach Westen zu einem kleinen Hotel mitten in Arles. Michel hatte nie in Arles gelebt oder viel zu tun gehabt; aber dicht bei seinem Hotel waren Praxisb�ros, und er hatte keine feste Vorstellung, wo er bleiben sollte. Sie stiegen aus. Die Schwere machte sich sehr bemerkbar. Sylvie wartete unten, w�hrend er sein Gep�ck hinauftrug. Und da war er nun, unsicher in einem kleinen Hotelzimmer stehend, die Reisetasche aufs Bett geworfen, den K�rper angespannt von dem Verlangen, sein Land zu finden und wieder heimzukehren. Dies war es nicht.</p><p>Er ging hinunter und dann in die n�chste T�r, wo Sylvie etwas anderes zu tun hatte.</p><p>Er sagte ihr: �Ich m�chte mir einen ganz bestimmten Ort ansehen.�</p><p>�Was immer Sie wollen.�</p><p>�Es ist nahe Vallabrix. N�rdlich von Uzes.�</p><p>Sie sagte, sie w��te, wo das lag.</p><p>Es war sp�ter Nachmittag, als sie die Stelle erreichten. Eine Lichtung neben einer engen alten Stra�e dicht bei einem Olivenhain auf einem Abhang, �ber den der Mistral brauste. Michel bat Sylvie, beim Wagen zu bleiben, ging hinaus in den Wind und den zwischen den B�umen liegenden Abhang hinauf; allein mit der Vergangenheit.</p><p>Sein alter Mas lag am n�rdlichen Ende des Haines am Rande eines Plateaus oberhalb einer Schlucht. Die Olivenb�ume waren knorrig vor Alter. Der Hof selbst war eine Holzh�tte, fast vergraben unter langen, verflochtenen, dornigen Brombeerranken, die an den Au�enw�nden wuchsen.</p><p>Beim Blick in die Ruine stellte Michel fest, da� er sich eben noch an das Innere erinnern konnte. Oder zumindest an Teile davon. In der N�he der T�r waren eine K�che und ein E�tisch gewesen und dann, nachdem man unter einem massiven Holzbalken durchgegangen war, ein Wohnzimmer mit Couches und einem niedrigen Kaffeetisch und hinten eine T�r zum Schlafzimmer. Er hatte hier zwei oder drei Jahre lang mit einer Frau namens Eve gewohnt. Er hatte seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr an diesen Ort gedacht. Er war der Meinung gewesen, da� ihm alles aus dem Kopf entschwunden war. Aber mit den Ruinen vor sich sprangen ihm Fragmente jener Zeit ins Auge. Eine blaue Lampe hatte in der Ecke gestanden, die jetzt mit br�chigem Putz gef�llt war. Ein Druck von van Gogh war an jene Wand genagelt gewesen, wo jetzt nur noch Holzscheite, Dachziegel und verwehtes Laub zu sehen waren. Der massive Dachbalken war verschwunden, ebenso seine St�tzen in den W�nden. Jemand mu�te sie herausgeschafft haben. Schwer zu glauben, da� sich einer diese M�he gemacht haben sollte. Das hatte Hunderte von Kilos gewogen. Die Leute machten schon seltsame Dinge. Und ringsum Entwaldung. Es gab nur noch wenige B�ume, die einen so gro�en Balken abgeben k�nnten. Jahrhundertelang hatten Menschen auf diesem Land gewohnt.</p><p>Am Ende d�rfte die Entwaldung kein Problem mehr darstellen. W�hrend der Fahrt hatte Sylvie von dem schweren Winter der Flut gesprochen mit Regen und Wind. Dieser Mistral hatte einen Monat gedauert. Manche sagten, er w�rde nie enden. Bei dem Blick in das verfallene Haus tat es Michel nicht leid. Er brauchte den Wind, um sich zu orientieren. Es war eigenartig, wie das Ged�chtnis funktionierte oder nicht. Er stieg auf die zerbrochene Wand des Mas hinauf und versuchte, sich an mehr von diesem Ort zu erinnern, an sein Leben hier mit Eve. Eine gewollte Erinnerung, eine Jagd nach der Vergangenheit... Statt dessen fielen ihm lebhaft Szenen von dem gemeinsamen Leben mit Maya in Odessa ein, mit Spencer unten im Saal. Wahrscheinlich hatten die zwei Leben genug Aspekte gemeinsam gehabt, um die Konfusion zu bewirken. Eve war hei�bl�tig gewesen wie Maya; und der Rest war <emphasis>la vie quotidienne,</emphasis> das allt�gliche Leben, gewesen, zu allen Zeiten und an allen Orten, besonders f�r ein spezifisches Individuum, das sich mit seinen Gewohnheiten einrichtete wie mit M�beln, die man von einem Ort zum anderen mitnimmt. Vielleicht.</p><p>Die Innenw�nde dieses Hauses waren sauber in Beige verputzt gewesen und mit Drucken bepinnt. Jetzt waren die Stockflecken roh und verf�rbt wie die Au�enw�nde einer alten Kirche. Eve hatte in der K�che gewerkelt wie eine routinierte T�nzerin mit ihrem sch�nen R�cken und den langen, kr�ftigen Beinen. Wenn sie �ber die Schulter blickte, um ihn anzulachen, wogte ihr kastanienbraunes Haar bei jeder Drehung. O ja, er erinnerte sich an diesen sich wiederholenden Moment. Ein Bild ohne Kontext. Er war verliebt gewesen. Obwohl sie ihn w�tend machte.</p><p>Schlie�lich hatte sie ihn wegen eines anderen verlassen, ach ja, eines Lehrers in Uzes. Welcher Schmerz! Er erinnerte sich daran; aber das hatte f�r ihn jetzt nichts mehr zu bedeuten. Er f�hlte kein Quentchen mehr davon. Ein vergangenes Leben. Diese Ruinen konnten ihm kein Gef�hl daf�r vermitteln. Sie brachten kaum die Bilder zur�ck. Es war erschreckend, als ob Reinkarnation real w�re und er winzige R�ckblicke auf ein Leben erlebte, das von ihm durch mehrere aufeinanderfolgende Tode getrennt war. Wie seltsam w�re es, wenn es eine solche Reinkarnation w�re, da man in unbekannten Sprachen redete wie Bridey Murphy und den Wirbel der Vergangenheit durch den Kopf brausen f�hlte und fr�here Existenzen erlebte... Na sch�n, es w�rde sicher ein genau solches Gef�hl sein. Aber nichts von diesen vergangenen Gef�hlen zu empfinden, nichts au�er dem Eindruck, da� man kein Gef�hl hatte...</p><p>Er verlie� die Ruinen und ging zwischen den alten �lb�umen zur�ck zum Wagen.</p><empty-line/><p>Es sah so aus, als w�rde der Hain noch von jemandem bearbeitet. Die Zweige �ber seinem Kopf waren alle bis zu einem gewissen Grad beschnitten, und der Boden unter seinen F��en war glatt und von kurzem, trockenem, blassem Gras bedeckt, das zwischen Tausenden alter grauer Olivenkerne wuchs. Die B�ume standen in Reih und Glied, sahen aber doch so nat�rlich aus, als ob sie in dieser Distanz voneinander einfach so gewachsen w�ren. Der Wind blies mit seinem sanften Zischeln durch die Bl�tter. Wenn er mitten drin stand, wo er fast nur Olivenb�ume und Himmel erblickte, fiel ihm wieder auf, wie die zwei Farben der Bl�tter im Wind abwechselnd aufblitzten. Gr�n, dann grau; grau, dann gr�n...</p><p>Er langte hoch, um einen Zweig herunterzuziehen und die Bl�tter genau anzusehen. Er entsann sich: Aus der N�he betrachtet, waren die zwei Seiten eines Olivenblattes in ihrer Farbe nicht so verschieden. Ein mittleres Gr�n und blasses Khaki. Aber eine von ihnen bedeckte H�gelflanke, die vom Wind gepeitscht wurde, hatte diese zwei verschiedenen Farben, die bei Mondschein zu schwarz und silbern wurden. Wenn man sie gegen die Sonne betrachtete, kam es mehr auf die Struktur an, matt oder gl�nzend.</p><p>Er ging zu einem Baum und legte die H�nde auf den Stamm. Er f�hlte die Borke des Olivenbaums, rohe gebrochene Rechtecke von graugr�ner Farbe, etwa wie die Unterseiten der Bl�tter, aber dunkler und oft von noch einem anderen Gr�n �berdeckt, dem gelblichen Gr�n von Moos oder dem Schlachtschiffgrau von Flechten. Auf dem Mars gab es kaum Olivenb�ume, jedenfalls noch keine vom Mittelmeer. Nein, er merkte, da� er auf der Erde war. Ungef�hr zehn Jahre alt. Er trug dieses gewichtige Kind in seinem Innern. Einige Rindenecken bl�tterten ab. Die Spalten zwischen den Rechtecken waren nicht tief. Die wahre Farbe der Borke, frei von allen Flechten, schien ein blasses holzartiges Beige zu sein. Davon war so wenig zu sehen, da� man es kaum sagen konnte. B�ume, eingeh�llt in Flechten. Das war Michel vorher nicht aufgefallen. Die Zweige �ber seinem Kopf waren glatter, die Risse nur fleischfarbene Linien; auch die Flechten glatter, wie gr�ner Staub auf den �sten und Zweigen.</p><p>Die Wurzeln waren gro� und kr�ftig. Die St�mme spreizten sich, wenn sie den Boden erreichten, in fingerartige Ausbuchtungen mit L�chern und L�cken dazwischen, wie knorrige, in den Boden gesto�ene F�uste. Kein Mistral w�rde jemals diese B�ume entwurzeln. Nicht einmal der Wind des Mars k�nnte einen umwerfen.</p><p>Der Boden war bedeckt mit alten Olivenkernen und verschrumpelten schwarzen Oliven auf dem Weg, auch zu Kernen zu werden. Er hob eine auf, deren schwarze Haut noch glatt war und ri� mit Daumen und Fingern�geln die Haut weg. Der purpurne Saft befleckte seine Haut; und als er ihn aufleckte, schmeckte er keineswegs nach eingelegten Oliven. Sauer. Er bi� in das Fleisch, das Pflaumenfleisch �hnelte; und dessen Geschmack, sauer und bitter, war nicht olivenartig, bis auf eine Andeutung im Nachgeschmack, der ihm durch den Kopf ging�� wie Mayas <emphasis>de ja vu,</emphasis> als ob er das schon fr�her getan h�tte. Als Kind hatte er es oft versucht, immer in der Hoffnung, da� der Geschmack wie bei Tisch werden w�rde und ihnen so Nahrung in ihrem Kinderspielplatz schenken w�rde, Manna in ihrer Wildnis. Aber das Olivenfleisch (um so blasser, je tiefer man hineinbi�) blieb hartn�ckig so unschmackhaft wie je. Es war der ihm wie jedem anderen eingepr�gte Geschmack. Bitter und sauer. Jetzt angenehm wegen der heraufbeschworenen Erinnerung. Vielleicht war er geheilt.</p><p>Die Bl�tter flatterten in dem b�igen Nordwind. Es roch nach Staub. Ein Schleier aus braunem Licht, der westliche Himmel messingfarben. Die Zweige reichten bis zu seiner doppelten oder dreifachen K�rperh�he. Die unteren Zweige senkten sich, so tief, da� sie sein Gesicht streiften. Menschlicher Ma�stab. Der mediterrane Baum, der Baum der Griechen, die so vieles so deutlich gesehen hatten in seiner richtigen Proportion, alles ma�stabsgerecht in einer Symmetrie dem menschlichen Ma� angepa�t�� die B�ume, die St�dte, ihre ganze physische Welt, die felsigen Inseln der �g�is, die steinigen Berge der Peloponnes, ein Universum, das man in ein paar Tagen durchwandern konnte. Vielleicht war die Heimat der Ort des menschliehen Ma�stabs, wo immer er sich befand. Gew�hnlich in der Kindheit.</p><p>Jeder Baum war wie ein Tier, das sein Gefieder in den Wind hielt und die wulstigen Beine in den Boden gestemmt hatte. Eine Bergflanke voller Gefieder zuckte unter dem Ansturm des Windes, seinen wechselnden B�en und St��en und unerwarteter Stille. Das war die Provence, das Herz der Provence. Sein ganzes Unterbewu�tsein schien bei jedem Moment seiner Kindheit zu verweilen, ein weites <emphasis>presque vu,</emphasis> das ihn erf�llte und �bersch�umte, ein Leben in einer Landschaft, die von ihrem Gewicht und ihrer Ausgeglichenheit brodelte. Er f�hlte sich nicht mehr schwer. Das Himmelblau selbst war eine Stimme aus jener fr�heren Inkarnation und sagte: Provence, Provence.</p><p>Drau�en �ber der Schlucht schwirrte eine Schar schwarzer Kr�hen und schrie: <emphasis>Ka, ka, ka!</emphasis></p><p>Ka. Wer hatte diese Geschichte erfunden von dem kleinen roten Volk und dessen Namen f�r den Mars? Er wu�te es nicht. Solche Geschichten haben keinen Anfang. Im mediterranen Altertum war Ka das �berirdische Double eines Pharaos gewesen, das herabsteigend in Gestalt eines Falkens, einer Taube oder Kr�he dargestellt wurde.</p><p>Jetzt stieg der Ka des Mars zu ihm herab, hier in der Provence. Schwarze Kr�hen�� auf dem Mars flogen unter den klaren Kuppeln die gleichen V�gel, ebenso sorglos und m�chtig in den B�en der Bel�ftung wie im Mistral. Es k�mmerte sie nicht, ob sie auf dem Mars waren. Er war f�r sie Heimat, ihre Welt ebenso wie jede andere; und die Menschen waren, was sie immer gewesen waren, gef�hrliche Bodentiere, die einen t�ten oder auf fremdartige Reisen mitnehmen w�rden. Aber kein Vogel auf dem Mars erinnerte sich an die Reise zwischen den Planeten. Nichts schlug die Br�cke zwischen den zwei Welten au�er dem menschliehen Geist. Die V�gel flogen einfach und suchten Futter und kr�chzten, auf der Erde oder dem Mars, wie sie es immer getan hatten und immer tun w�rden. Sie waren �berall zu Hause, zogen ihre Kreise in den scharfen Windst��en, nahmen es mit dem Mistral auf und riefen einander zu: Mars, Mars, Mars! Michel Duval!�� Sein Geist, der in zwei Welten zugleich daheim war oder verloren im Nirgendwo zwischen ihnen, war ruhelos. Die Noosph�re war so riesig. Wo war er, wer war er? Wie sollte er sein Leben f�hren?</p><p>Olivenhain. Helle Sonne in einem messingfarbenen Himmel. Das Gewicht seines K�rpers, der saure Geschmack im Mund. Er f�hlte sich direkt im Boden verwurzelt. Dies war seine Heimat, dies und nichts anderes. Sie hatte sich ver�ndert und w�rde sich dennoch niemals ver�ndern�� nicht dieser Hain, nicht er selbst. Endlich daheim. Er k�nnte zehntausend Jahre auf dem Mars leben, und immer w�rde dieser Ort seine Heimat bleiben.</p><p>Wieder im Hotelzimmer in Arles, rief er Maya an. �Bitte, Maya, komm her! Ich m�chte, da� du das alles siehst.�</p><p>�Michel, ich arbeite an der �bereinkunft. Der zwischen den UN und dem Mars, wenn du dich erinnerst.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Es ist wichtig.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Gut. Ich bin deswegen hierhergekommen, und ich bin ein Teil davon, mitten drin. Ich kann nicht einfach in Urlaub gehen.�</p><p>�Okay, okay. Aber schau, diese Arbeit wird nie enden. Politik ist ein Fa� ohne Boden. Du kannst einen Urlaub nehmen und danach wieder zur�ckkommen, und es wird immer noch laufen. Aber dies�� dies ist meine Heimat, Maya. Ich will, da� du sie siehst. M�chtest du mir nicht Moskau zeigen und da� ich dorthin gehe.�</p><p>�Nicht einmal, wenn es der letzte Ort �ber der Flut w�re.�</p><p>Michel seufzte. �Nun, f�r mich ist das anders. Bitte, komm und sieh, was ich meine!�</p><p>�Vielleicht sp�ter, wenn wir mit dieser Stufe der Verhandlungen fertig sind. Eigentlich bist du es, der hier sein m��te, und nicht ich.�</p><p>�Ich kann auf meinem Handgelenk zuschauen. Es gibt keinen Grund, dort pers�nlich anwesend zu sein. Bitte, Maya!�</p><p>Sie machte eine Pause; irgend etwas in seinem Ton nahm sie gefangen. �Okay, ich werde es versuchen�, willigte sie ein. �Es wird aber nicht so bald sein, ganz gleich was du sagst.�</p><p>�Wenn du nur �berhaupt kommst.�</p><p>Danach verbrachte er seine Tage mit Warten auf Maya, obwohl er versuchte, nicht daran zu denken. Er fuhr jeden wachen Augenblick in einem Mietwagen umher, manchmal mit Sylvie, manchmal allein. Trotz des Moments der Erinnerung in dem Olivenhain, oder vielleicht auch gerade deswegen, f�hlte er sich v�llig fehl am Platz. Er wurde aus irgendeinem Grund von der neuen K�stenlinie angezogen, fasziniert durch die Anpassung an das neue Meeresniveau, die die Ortsans�ssigen vollzogen. Er fuhr oft auf Umwegen zu ihnen. Die zu steilen Klippen und pl�tzlichen Marschen f�hrten in tiefe T�ler. Viele der K�stenfischer waren algerischer Abstammung. Die Fischerei ging nicht gut, sagten sie. Die Camargue war durch �berschwemmte Industriegebiete verschmutzt, und im Mittelmeer blieben die Fische gr��tenteils au�erhalb des braunen Wassers. Im Blauen, das einen halben Tagesausflug entfernt war, lauerten viele Gefahren.</p><p>Das H�ren und Sprechen von Franz�sisch, selbst von diesem merkw�rdigen neuen Franz�sisch, war so, als ob mit einer Elektrode Teile seines Gehirns ber�hrt w�rden, die seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr besucht worden waren. Regelm��ig tauchten unbeholfen wie Quastenflosser Bilder der Vergangenheit auf. Erinnerungen an Freundlichkeiten, die ihm von Frauen erwiesen worden waren, und seine Grausamkeiten ihnen gegen�ber. Vielleicht war er deshalb zum Mars gegangen, um vor sich selbst zu fliehen, vor dem unangenehmen jungen Mann, der er damals gewesen war.</p><p>Nun, wenn die Flucht vor sich selbst sein Verlangen gewesen war, so hatte er Erfolg gehabt. Jetzt war er jemand anders. Ein hilfsbereiter, sympathischer Mensch. Er konnte offen in einen Spiegel blicken. Er konnte heimkehren und dem, was er gewesen war, gegen�bertreten, als der, der er geworden war. Das hatte der Mars auf jeden Fall bewirkt.</p><p>Es war eigenartig, wie das Ged�chtnis arbeitete. Die Fragmente, die sich hier an die Oberfl�che arbeiteten, waren so klein und scharf, wie jene winzigen Kaktusstacheln, die weit mehr verletzten, als es ihrer geringen Gr��e entspricht. An was er sich am deutlichsten erinnerte, war sein Leben auf dem Mars. Odessa, Burroughs, die unterirdischen Schutzr�ume im S�den, die verborgenen Vorposten im Chaos. Sogar Underhill.</p><p>Wenn er w�hrend der Jahre in Underhill zur Erde zur�ckgekehrt w�re, h�tten ihm die Medienleute die T�re eingerannt. Aber er hatte seit seinem Verschwinden mit Hiroko keinen Kontakt zur Erde gehabt; und obwohl er seit der Revolution nicht versuchte hatte, sich zu verstecken, schienen in Frankreich nur wenige sein Wiederauftauchen bemerkt zu haben. Die ungeheure Tragweite der j�ngsten Ereignisse auf der Erde hatten eine gewisse St�rung der Medienkultur bewirkt. Oder vielleicht war es blo� der Lauf der Zeit. Der gr��te Teil der Bev�lkerung Frankreichs war erst nach seinem Verschwinden geboren worden, und die Ersten Hundert waren f�r sie alte Geschichte, allerdings nicht alt genug, um nicht wirklich interessant zu sein. Wenn Voltaire oder Ludwig XIV. erschienen w�ren, h�tte das vielleicht eine gewisse Aufmerksamkeit erregt; aber ein Psychologe aus dem vorigen Jahrhundert, der auf den Mars ausgewandert war, der eine Art von Amerika darstellte, zu dem bereits alles gesagt und getan war? Nein, das war f�r niemanden mehr von besonderem Interesse. Er erhielt einige Anrufe, es kamen ein paar Leute in das Hotel in Arles, um ihn in der Lobby oder auf dem Hof zu interviewen, und danach kamen auch ein paar Shows in Paris. Aber sie alle waren mehr daran interessiert, was er ihnen �ber Nirgal sagen konnte als �ber sich selbst.</p><p>Nirgal war der einzige, von dem die Leute fasziniert waren. Er war f�r sie charismatisch.</p><p>Und ohne Zweifel war es besser so, obwohl Michel in Cafes sa� und seine Mahlzeiten einnahm und sich so einsam f�hlte, als w�re er in einem Rover allein im fernen Hinterland des Gebirges des S�dens. Es war etwas entt�uschend, v�llig ignoriert zu werden, nur ein <emphasis>vieux</emphasis> unter all den �brigen zu sein, noch einer jener Leute, deren unnat�rlich langes Leben mehr logistische Probleme schuf als <emphasis>le fleuve blanc,</emphasis> wenn man bei der Wahrheit blieb...</p><p>So war es besser. Er konnte in den kleinen D�rfern um Vallabrix Station machen, wie Saint Quentinla-Poterie oder Saint Victor-des-Quies oder Saint Hippolyte-de-Montaigu, und mit den Ladeninhabern schwatzen, die genau so aussahen wie die, welche die L�den betrieben hatten, als er damals ausgewandert war, und wahrscheinlich deren Nachkommen waren oder manche vielleicht sogar noch die gleichen Leute. Sie sprachen ein anderes dauerhafteres Franz�sisch, ohne sich um ihn zu k�mmern, absorbiert von ihren eigenen Gespr�chen und ihrem eigenen Leben. Genauso war es drau�en in den engen Stra�en, wo viele Leute wie Zigeuner aussahen. Ohne Zweifel afrikanisches Blut, das sich in der Bev�lkerung verbreitete, wie schon seit dem Einfall der Sarazenen vor tausend Jahren. Die jungen Frauen waren sch�n. Sie str�mten in Scharen durch die Stra�en, ihre schwarzen Kleider waren im Staub des Mistrals immer noch gl�nzend und schimmernd. Das waren seine D�rfer gewesen. Staubige Plastikschilder, alles etwas heruntergekommen und verfallen...</p><p>Er schwankte zwischen Vertrautheit und Entfremdung, Erinnerung und Vergessen. Aber immer einsamer. In einem Cafe bestellte er Cassis und erinnerte sich beim ersten Schluck, da� er in dem gleichen Cafe gesessen hatte, an dem gleichen Tisch. Eve gegen�ber. Proust hatte v�llig recht, wenn er den Geschmack als wichtigsten Ausl�ser unfreiwilliger Erinnerung identifizierte; denn die Langzeiterinnerungen eines Menschen steckten oder waren mindestens organisiert in der Mandel, genau unter dem Teil des Gehirns, der mit Geschmack und Geruch zu tun hatte. Darum waren Ger�che eng mit Erinnerungen verkn�pft, genau wie mit dem emotionalen Netz des limbischen Systems, weil es sich durch beide Gebiete wand. Daher die neurologische Sequenz, da� Geruch Erinnerung ausl�ste und dieses Heimweh. Heimweh oder Nostalgie, das schmerzliche Verlangen eines Menschen nach seiner Vergangenheit, nicht weil sie so sch�n gewesen war, sondern einfach, weil sie gewesen und jetzt dahingegangen war. Er erinnerte sich an Eves Gesicht, wie sie in diesem voll besetzten Raum ihm gegen�ber plauderte. Aber nicht, was sie gesagt hatte, oder warum sie dort waren, fiel ihm ein. Nat�rlich nicht. Einfach ein isolierter Augenblick, ein Kaktusstachel, eine Momentaufnahme, alles wie von einem Blitzschlag erhellt und dann verschwunden. Ohne den Rest davon zu kennen, so sehr er sich auch zu erinnern bem�hte. Und sie waren alle so, seine Erinnerungen, das, was Erinnerungen waren, wenn sie �lter wurden: Blitze im Dunkeln, unzusammenh�ngend, fast sinnlos und dennoch manchmal voll eines vagen Schmerzes.</p><p>Er stolperte aus dem Cafe, von seiner Erinnerung zu seinem Wagen, und fuhr durch Vallabrix unter den gro�en Platanen von Grand Planas heim, hinaus zu dem verfallenen Mas, ganz ohne nachzudenken. Und er ging wieder hilflos hin, als ob das Haus wieder lebendig geworden w�re. Aber es war immer noch die gleiche staubige Ruine am Olivenhain. Er setzte sich fassungslos auf die Mauer.</p><p>Jener Michel Duval von damals war verschwunden. Auch dieser hier w�rde verschwinden. Er w�rde noch mehrere Inkarnationen durchleben und diesen Moment vergessen, sogar diesen scharfen schmerzhaften Moment, als er gerade begonnen hatte, alle Momente zu vergessen, die sich hier zugetragen hatten. Blitze, Bilder, ein Mann, der auf einer zerbrochenen Mauer sitzt, ohne da� Gef�hle mitspielen. Das war alles. Auch dieser Michel w�rde verschwinden.</p><p>Die Olivenb�ume schwenkten ihre Arme, graugr�n, gr�n-grau. Lebt wohl, lebt wohl! Sie waren diesmal keine Hilfe, sie gaben ihm keine euphorische Verbindung mit verlorener Zeit. Auch dieser Moment geh�rte bereits der Vergangenheit an.</p><p>In dem flackernden Graugr�n fuhr er nach Arles zur�ck. Der Pf�rtner in der Lobby des Hotels sagte, da� der Mistral wohl nie aufh�ren w�rde. �O doch�, erkl�rte Michel im Vorbeigehen.</p><p>Er ging nach oben in sein Zimmer und rief Maya an. Er sagte: �Bitte, komm bald!� Es �rgerte ihn, da� sie sich so bitten lie�. Bald, sagte sie immer wieder. Noch ein paar Tage, und sie w�rden eine erste �bereinkunft festgelegt haben, eine �bereinkunft <emphasis>bonafide</emphasis> zwischen den UN und einer unabh�ngigen Regierung des Mars. Geschichte im Entstehen. Danach w�rde sie sehen, ob sie k�me.</p><p>Michel war das Entstehen der Geschichte egal. Er ging in Arles spazieren und wartete auf sie. Er ging in sein Zimmer zur�ck, um zu warten. Dann ging er f�r einen Spaziergang wieder raus.</p><p>Die R�mer hatten Arles ebenso als Hafen genutzt wie Marseille. Tats�chlich hatte C�sar Marseille zerst�rt, weil es Pompeji unterst�tzt hatte, und Arles den Vorzug als regionale Hauptstadt gegeben. Es wurden drei strategische R�merstra�en gebaut, die in der Stadt zusammenliefen und alle noch Jahrhunderte lang benutzt wurden, nachdem die R�mer gegangen waren. So hatte die Stadt w�hrend dieser Zeit lebhaft, erfolgreich und einflu�reich gelebt. Die Rhone hatte jedoch ihre Lagunen verschlammt, die Camargue war ein verpesteter Sumpf geworden, und die Stra�en waren schlie�lich au�er Gebrauch gekommen. Die Stadt war heruntergekommen. Zu den ber�hmten salzigen Grasfl�chen und Herden wei�er Pferde der Carmargue waren schlie�lich �lraffinerien, Kernkraftwerke und chemische Fabriken gekommen.</p><p>Jetzt waren mit der Flut die saubergesp�lten Lagunen wieder da. Arles war wieder ein Seehafen. Michel wartete genau dort weiter auf Maya, weil er noch nie in Arles gelebt hatte. Es erinnerte ihn an nichts au�er den Augenblick; und er verbrachte seine Tage damit, die Menschen zu beobachten, wie sie ihr Leben lebten. In diesem neuen fremden Land.</p><empty-line/><p>Er empfing im Hotel einen Anruf von einem gewissen Francis Duval. Sylvie hatte den Mann kontaktiert. Er war Michels Neffe, der Sohn von Michels verstorbenen Bruder. Er lebte noch in der Rue du 4 Septembre, die gleich n�rdlich der r�mischen Arena, ein paar Blocks von der angeschwollenen Rhone entfernt lag, unweit von Michels Hotel. Er lud Michel ein, ihn zu besuchen.</p><p>Nach kurzem Z�gern sagte Michel zu. Nachdem er durch die Stadt gegangen war und kurz angehalten hatte, um einen Blick in das r�mische Theater und die Arena zu werfen, erschien sein Neffe, der das ganze <emphasis>quartier</emphasis> zu einer spontanen Feier zusammengeholt zu haben schien. Die Champagnerkorken knallten wie die Knallfr�sche, als Michel durch die T�r gezerrt und von allen abgek��t wurde�� nach Sitte der Provence dreimal auf die Wangen. Es dauerte eine Weile, bis er zu Francis kam, der ihn lange und fest an sich dr�ckte und die ganze Zeit redete, w�hrend die Glasfasern der Kameras aller Leute auf sie gerichtet waren. �Du siehst genau so aus wie mein Vater!� sagte Francis.</p><p>�Du auch!� erkl�rte Michel und versuchte sich zu erinnern, ob das �berhaupt stimmte oder nicht, indem er die Erinnerung an das Gesicht seines Bruders zu wecken bem�ht war. Francis war ziemlich alt. Michel hatte seinen Bruder nie so alt gesehen. Es war schwer zu sagen.</p><p>Aber alle Gesichter waren irgendwie vertraut und die Sprache gr��tenteils verst�ndlich. Die Gespr�chsfetzen lie�en ein Bild nach dem anderen in ihm aufleuchten. Mehr aber die Ger�che von K�se und Wein und noch st�rker der Geschmack des Weines. Francis erwies sich als Connoisseur und entkorkte fr�hlich eine Anzahl verstaubter Flaschen: Ch�teauneuf du Pape, dann einen jahrhundertalten Sauterne von Ch�teau d�Yquem und als seine Spezialit�t einen roten Bordeaux premier cru genannt Pauillac, je zwei von Ch�teaux Latour und Lafitte, sowie einen 2064er Ch�teau Mouton-Rothschild mit einer Etikette von Pougnadoresse. Diese betagten Wunder hatten sich im Laufe der Jahre zu etwas verwandelt, das mehr war als Wein, mit einem Geschmack reich an Obert�nen und Harmonie. Sie rannen Michel die Kehle hinunter wie seine eigene Jugend.</p><p>Es h�tte eine Party f�r einen beliebten Stadtpolitiker sein k�nnen; und obwohl Michel zu dem Schlu� kam, da� Francis seinem Bruder nicht sehr �hnlich war, h�rte er sich genau wie dieser an. Michel h�tte gedacht, seine Stimme vergessen zu haben; aber es war ihm geradezu ersch�tternd klar. Die Art, wie Francis das Wort <emphasis>normalement</emphasis> hinzog, das in diesem Falle meinte, wie die Dinge vor der Flut gewesen waren, w�hrend es f�r Michels Bruder jenen hypothetischen Zustand glatter Unternehmungen bezeichnet hatte, den es in der wirklichen Provence nie gegeben hatte. Aber es war genau der gleiche Tonfall�� <emphasis>nor�� mal�� e�� ment...</emphasis></p><p>Ein jeder wollte mit Michel sprechen oder zumindest h�ren, was er sagte; und so stand er da mit einem Glas in der Hand und hielt eine flotte Rede im Stil eines Stadtpolitikers, machte den Frauen Komplimente wegen ihrer Sch�nheit und schaffte es klar zu machen, wie erfreut er sei, sich in ihrer Gesellschaft zu befinden, ohne sentimental zu werden oder merken zu lassen, wie desorientiert er sich f�hlte. Eine schnittige kompetente Vorstellung, die genau das war, was die Gebildeten in der Provence mochten mit ihrer Rhetorik, die schnell und humorvoll war wie der lokale Stierkampf. �Und wie ist der Mars? An was erinnert er? Was wirst du jetzt tun? Gibt es dort noch Jakobiner?�</p><p>�Mars ist Mars�, sagte Michel und winkte ab. �Der Boden hat die Farbe der Dachziegel in Arles. Ihr wi�t schon.�</p><p>Die Party dauerte den ganzen Nachmittag, und dann gab es ein Bankett. Unz�hlige Frauen k��ten ihm die Wangen. Er war berauscht von ihrem Parf�m, ihrer Haut und ihrem Haar, von ihren l�chelnden klaren dunklen Augen, die ihn mit freundlicher Neugier anschauten. Zu eingeborenen M�dchen des Mars mu�te man immer aufschauen und bekam ihr Kinn, ihren Hals und das Innere ihrer Nasenl�cher zu sehen. Es war ein solches Vergn�gen, auf gl�nzendes schwarzes Haar hinunterzublicken.</p><p>Am sp�ten Abend zerstreuten sich die Leute. Francis ging mit Michel hin�ber zu der r�mischen Arena, und sie stiegen die krumme Steintreppe der mittelalterlichen T�rme hinauf, welche die Arena befestigt hatten. Aus der kleinen Steinkammer am oberen Ende der Treppe schauten sie aus kleinen Fenstern auf die Ziegeld�cher, die baumlosen Stra�en und die Rhone hinab. Aus den S�dfenstern konnten sie ein St�ck der gefleckten Wasserfl�che sehen, welche die Camargue war.</p><p>�Wieder am Mittelmeer angelangt�, sagte Francis zutiefst befriedigt. �Die Flut mag f�r die meisten Gegenden eine Katastrophe gewesen sein, aber f�r Arles ist sie ein wahres Bravourst�ck gewesen. Die Reisbauern kommen alle in die Stadt, bereit zu fischen oder jede andere Arbeit anzunehmen. Und viele Schiffe, die �berlebt haben, docken in der Stadt an. Sie bringen Obst aus Korsika und Mallorca und handeln mit Barcelona und Sizilien. Wir haben einen guten Teil von Marseilles Handel �bernommen, obwohl man sagen mu�, da� die sich rasch erholen. Aber was f�r ein Leben ist wiedergekehrt! Wei�t du, fr�her hatte Aix die Universit�t, Marseille das Meer, und wir hatten nur diese Ruinen und die Touristen, die f�r einen Tag kamen, um sie sich anzusehen. Und Tourismus ist ein h��liches Gesch�ft, keine angemessene Arbeit f�r menschliche Wesen. Es f�rdert Parasiten. Jetzt leben wir wieder!� Er war ein wenig betrunken. �Hier, du mu�t mit mir auf dem Boot hinausfahren und die Lagune sehen.�</p><p>�Das t�te ich gern.�</p><p>An diesem Abend rief Michel wieder Maya an. �Du mu�t kommen. Ich habe meinen Neffen, meine Familie gefunden.�</p><p>Maya war nicht sonderlich beeindruckt. �Nirgal ist nach England gegangen, um Hiroko zu suchen�, sagte sie in scharfem Ton. �Jemand hat ihm gesagt, sie w�re dort, und da ist er einfach losgefahren.�</p><p>�Was hei�t das?� rief Michel, schockiert durch die pl�tzliche Erw�hnung von Hiroko.</p><p>�O Michel, du wei�t, da� das nicht wahr sein kann.</p><p>Jemand hat es zu Nirgal gesagt, und das war alles. Es kann nicht stimmen, aber er ist gleich weggerannt.�</p><p>�Das h�tte ich auch getan.�</p><p>�Bitte, Michel, sei nicht bl�d! Ein Narr ist genug. Wenn Hiroko �berhaupt noch am Leben ist, dann befindet sie sich auf dem Mars. Jemand hat blo� so geredet, um Nirgal von den Verhandlungen fernzuhalten. Ich hoffe nur, da� es nichts Schlimmeres war. Er hat zu viel Einflu� auf die Leute. Und er h�tet seine Zunge nicht. Du solltest ihn anrufen und ihm sagen, da� er zur�ckkommen mu�. Vielleicht w�rde er auf dich h�ren.�</p><p>�Ich w�rde das an seiner Stelle nicht tun.�</p><p>Michel verlor sich in Gedanken und suchte die pl�tzliche Hoffnung zu unterdr�cken, da� Hiroko doch noch lebte. Und das ausgerechnet in England! Sonstwo am Leben. Hiroko und dadurch Iwao, Gene, Rya, die ganze Schar, seine Familie. Seine wahre Familie. Er erschauerte heftig. Und als er versuchte, der ungeduldigen Maya von seiner Familie in Arles zu erz�hlen, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Seine wirkliche Familie war vor vier Jahren ganz verschwunden, und das war die Wahrheit. Schlie�lich konnte er wehen Herzens nur sagen: �Bitte, Maya, komm!�</p><p>�Bald. Ich habe Sax gesagt, da� ich gehen werde, sobald wir hier fertig sind. Das wird ihm den ganzen Rest aufb�rden; und er kann doch kaum sprechen. Das ist l�cherlich.� Sie �bertrieb. Sie hatten ein volles diplomatisches Team dort, und Sax kam auf seine Weise gut zurecht. �Aber okay, okay, ich werde es tun. H�r also auf, mich zu qu�len!�</p><empty-line/><p>Sie kam in der folgenden Woche.</p><p>Michel fuhr nerv�s zu dem neuen Bahnhof, um sie abzuholen. Er hatte in Odessa und Burroughs mit Maya fast drei�ig Jahre lang zusammen gelebt. Aber jetzt, als er sie nach Avignon fuhr, erschien sie ihm wie eine Fremde, als sie so neben ihm sa�, eine alte Sch�nheit mit verschleierten Augen und einer schwer zu deutenden Miene. Sie redete englisch und erz�hlte ihm in rauhen schnellen S�tzen alles, war sich in Bern ereignet hatte. Sie hatten einen Vertrag mit den UN, die ihrer Unabh�ngigkeit zugestimmt hatten, erwirkt. Als Gegenleistung sollten sie eine gewisse Einwanderung gestatten, aber nicht mehr als zehn Prozent der Marsbev�lkerung j�hrlich. Au�erdem den Transfer mineralischer Ressourcen und Zusammenarbeit bei einigen diplomatischen Themen. �Das ist gut, wirklich gut.� Michel versuchte, sich auf ihren Bericht zu konzentrieren, aber es war schwer. Gelegentlich schaute sie, w�hrend sie sprach, auf die Geb�ude, die an ihrem Wagen vorbeisausten, die sahen aber in dem staubigen winddurchschossenen Sonnenlicht recht billig und kitschig aus und Maya schien �berhaupt nicht beeindruckt zu sein.</p><p>Michel fuhr in sinkender Stimmung so nahe er konnte an den Papstpalast in Avignon heran, parkte und machte mit ihr einen Spaziergang an dem geschwollenen Flu� entlang vorbei an der Br�cke, die nicht bis zur anderen Seite reichte, dann zu der breiten Promenade s�dlich des Palastes, wo sich Stra�encafes im Schatten alter Platanen aneinander reihten. Dort a�en sie zu Mittag, und Michel kostete das Oliven�l und den Cassis, die er sich genie�erisch �ber die Zunge rinnen lie�, w�hrend er zusah, wie seine Gef�hrtin sich wie eine Katze in ihrem Metallsessel entspannte. �Das ist h�bsch�, sagte sie, und er l�chelte. Es war wirklich nett: k�hl, gelassen, zivilisiert, Essen und Trinken waren sehr fein. F�r ihn aber entfesselte der Geschmack von Cassis eine weitere Flut von Erinnerungen. Emotionen aus fr�heren Inkarnationen mischten sich mit den Gef�hlen, die er jetzt empfand und verst�rkten alles�� Farben, Stoffe, das Gef�hl von Metallst�hlen und Wind. W�hrend f�r Maya Cassis nur ein herbes Fruchtgetr�nk war.</p><p>W�hrend er sie ansah, fiel ihm ein, da� das Schicksal ihm eine Gef�hrtin beschert hatte, die noch attraktiver war als die sch�nen Franz�sinnen, die in jenem fr�heren Leben seine Gespielinnen gewesen waren. Eine irgendwie gr��ere Frau. Auch in dieser Hinsicht hatte er es auf dem Mars gut gehabt. Er hatte ein gr��eres Leben begonnen. Sein Empfinden und seine Nostalgie stie�en in seinem Herzen zusammen, w�hrend Maya Hammel-Eintopf, Wein, K�sesorten und Kaffee geno�, ohne an das Interferenzmuster ihrer beider Leben zu denken, das sich in ihm teils in, teils au�er Phase bewegte.</p><p>Sie plauderten ziellos. Maya war entspannt und mit sich zufrieden. Froh �ber das, was sie in Bern geleistet hatte. Ohne Eile, irgendwohin zu gehen. Michel f�hlte ein sanftes Gl�hen durch seinen K�rper ziehen, als ob er voll mit Omegandorph w�re. W�hrend er sie beobachtete, wurde er selbst allm�hlich gl�cklich. Einfach gl�cklich. Vergangenheit, Zukunft�� keines von beiden war jemals real. Einfach so unter Avignons Platanen sein. Keine Notwendigkeit, an irgend etwas anderes zu denken. Maya sagte: �So zivilisiert. Ich habe mich seit Jahren nicht so ruhig gef�hlt. Ich kann verstehen, warum es dir gef�llt.� Und dann lachte sie ihn an, und er merkte, wie ein idiotisches Grinsen sein Gesicht bedeckte.</p><p>Er fragte neugierig: �M�chtest du Moskau wiedersehen?�</p><p>�O nein. Das m�chte ich nicht.�</p><p>Sie lie� die Idee als eine momentane St�rung fallen. Er fragte sich, was sie bez�glich ihrer R�ckkehr zur Erde empfand. Man konnte bei so etwas doch nicht v�llig gef�hllos sein?</p><p>Aber f�r manche Menschen war Heimat die Heimat, ein Gef�hlskomplex weit jenseits jeder Rationalit�t, eine Art von Gitter oder Schwerefeld, in dem die Pers�nlichkeit als solche ihre geometrische Gestalt annahm. F�r andere hingegen war ein Ort einfach blo� ein Ort und das Ich von all dem frei und gleichbleibend�� ganz egal, wo es sich befand. Die eine Art lebte in dem gekr�mmten einsteinschen Raum der Heimat, die andere in dem newtonschen absoluten Raum des freien Selbst. Und w�hrend er zu dem ersteren Typ geh�rte, war Maya von dem anderen. Und es war sinnlos, gegen diese Tatsache anzuk�mpfen. Nichtsdestoweniger w�nschte er, da� sie die Provence lieben w�rde. Oder mindestens einsehen, warum er sie liebte.</p><p>Und so fuhr er sie, nachdem sie mit dem Essen fertig waren, nach S�den, durch Saint-Remy nach Les Baux.</p><p>Sie schlief w�hrend der Fahrt, und das war ihm ganz recht. Zwischen Avignon und Les Baux bestand die Landschaft gr��tenteils aus h��lichen, auf einer staubigen Ebene verteilten Industriebauten. Sie erwachte genau zur rechten Zeit, als er in die schmale gewundene Stra�e abbog, die sich durch die Alpillen zu dem alten Dorf auf dem H�gel hinaufschl�ngelte. Man parkte auf einem Parkplatz und ging dann in die Stadt hinauf. Das war deutlich ein Arrangement f�r Touristen; aber die einzige kurvenreiche Stra�e der kleinen Siedlung war jetzt sehr ruhig, wie verlassen.</p><p>Und sehr malerisch. Das Dorf war f�r den Nachmittag dicht gemacht und schlief. Bei der letzten Biegung zum Gipfel der Anh�he querte man eine freie Fl�che; wie eine rohe geneigte Plaza; und dahinter waren die Kalkfelsen des Gipfels zu sehen. Jeder Felsblock war von einem Eremiten des alten Dorfes ausgeh�hlt worden, Zuflucht vor den Sarazenen und all den anderen Gefahren der mittelalterlichen Welt. Nach S�den hin schimmerte das Mittelmeer wie ein goldener Teller. Der Fels selbst war gelblich; und als ein d�nner Schleier von einer bronzenen Wolke am Westhimmel lag, nahm das Licht �berall eine bernsteinfarbene T�nung an, als ob es �ber alte Gelatine wandern w�rde.</p><p>Sie kletterten von einer der niedlichen Kammern in die n�chste und staunten, wie klein sie waren. �Sieht aus wie das Versteck eines Pr�riehundes�, sagte Maya, als sie in eine kleine quadratische H�hle blickte. �Das ist wie unser Anh�ngerpark in Underhill.�</p><p>Wieder auf der schr�gen Plaza, die mit Kalksteinbl�cken �bers�t war, hielten sie an, um den Glanz des Mittelmeers wirken zu lassen. Michel deutete auf den helleren Schimmer der Camargue. �Fr�her war nur ein kleines St�ck Wasser zu sehen.� Das Licht verdunkelte sich zu einer tiefen Aprikosenfarbe, und der H�gel schien eine Festung zu sein �ber der ach so ger�umigen Welt, �ber der Zeit selbst. Maya legte einen Arm um seine Taille und dr�ckte ihn zitternd an sich. �Es ist sch�n. Aber ich k�nnte hier nicht leben, wie sie es getan haben. Es ist zu weit drau�en. Man ist hier wie ausgesetzt.�</p><p>Sie kamen nach Arles zur�ck. Es war Samstagabend, die Stadt war zu einer Art von Zigeuneroder nordafrikanischem Festival geworden, die Alleen dicht voller St�nde mit Speisen und Getr�nken, viele davon in die B�gen der r�mischen Arena gezw�ngt, die allen offenstand und in der eine Band spielte.</p><p>Maya und Michel gingen Arm in Arm umher und badeten in den Ger�chen gebratener Speisen und arabischer Gew�rze. Die Stimmen um sie redeten in zwei oder drei verschiedenen Sprachen. �Es erinnert mich an Odessa�, sagte Maya bei ihrem Rundgang durch die Arena. �Nur die Leute sind kleiner. Es ist angenehm, sich nicht gleich als Zwerg zu f�hlen.�</p><p>Sie tanzten im Arenazentrum, tranken an einem Tisch unter den verschwommenen Sternen. Ein Stern war rot, und Michel war mi�trauisch, sagte aber nichts. Sie gingen wieder in sein Hotelzimmer und liebten sich auf dem schmalen Bett. Manchmal hatte Michel den Eindruck, da� in ihm mehrere Personen steckten, die alle zugleich erschienen. Er schrie auf angesichts der seltsamen Gewalt dieses Eindrucks... Maya schlief ein, und er lag wach neben ihr, in einer <emphasis>tristesse,</emphasis> die irgendwo au�erhalb der Zeit widerhallte. Er sog den vertrauten Geruch ihres Haares ein und lauschte der langsam nachlassenden Kakophonie der Stadt. Endlich daheim.</p><empty-line/><p>In den folgenden Tagen stellte er sie seinem Neffen und den �brigen Verwandten vor, die Francis zusammengeholt hatte. Die ganze Meute nahm sie gut auf, und stellte ihr mit Hilfe von �bersetzungscomputern Dutzende von Fragen. Sie versuchten auch, ihr alles �ber sich selbst zu erz�hlen. Michel dachte, da� das so oft vorkam. Die Leute wollten die ber�hmte Fremde kennenlernen, deren Geschichte sie so gut kannten (oder zu kennen glaubten), und daf�r ihre Geschichte geben, um das Gleichgewicht der Beziehung wieder herzustellen. Die wechselseitige Teilhabe an Geschichten. Und nat�rlich wurden die Menschen auch von Mayas Person angezogen. Sie lauschte ihren Geschichten, lachte und stellte Fragen. Ab und zu erz�hlten sie ihr, wie die Flut gekommen war, ihr Heim �berschwemmt, ihr Leben ertr�nkt und sie in die Welt hinausgeworfen hatte, zu Freunden und Familien, die sie seit Jahren nicht gesehen hatten und sie in neue Muster und Beziehungen zwang. Wie das Profil ihres Lebens zerbrach und sie in den Mistral hinaus gesto�en wurden. Dieser Proze� hatte sie erhoben, wie Michel sah. Sie waren stolz auf ihre Reaktion und wie die Leute sich zusammengetan hatten. Sie waren aber auch sehr unwillig gegen�ber irgendwelchen Gegenbeispielen von Betrug und Gleichg�ltigkeit, den Schandflecken einer ansonsten heroischen Sache. �Kannst du das glauben? Und es war nicht gut f�r ihn. Er wurde eines Nachts in der Stra�e �berfallen, und das ganze Geld war futsch.�</p><p>�Es hat uns aufgeweckt, gerade, als wir f�r immer eingeschlafen waren.�</p><p>Sie sagten solche Dinge zu Michel auf franz�sisch, sahen, wie er nickte, und beobachteten dann Mayas Reaktion, als die Computer ihr die Geschichte auf englisch erz�hlten. Und sie pflegte auch zu nicken, genauso gefangen wie sie es von den Geschichten der jungen Einheimischen um das Hellas-Becken gewesen war, die ihre Geschichten durch den Blick auf ihr Gesicht und ihr Interesse konzentrierten. Ah, sie und Nirgal waren gleicherma�en Charismatiker wegen der Art, in der sie sich anderen widmeten und die Geschichten der Leute steigerten. Vielleicht war das Charisma, einfach eine Art von Spiegelqualit�t.</p><p>Einige Verwandte Michels nahmen sie in ihren Booten mit hinaus, und Maya bewunderte die tosende Rhone, und die eigenartig ungeordnete Lagune der Camargue und die Anstrengungen, die die Leute unternahmen, um sie wieder zu kanalisieren, w�hrend sie flu�abw�rts fuhren. Dann hinaus auf das braune Wasser des Mittelmeers und noch weiter auf das blaue Wasser, das von der Sonne getroffene Blau, wo das kleine Boot �ber die vom Mistral aufgew�hlten wei�en Schaumk�mme h�pfte. Bis hinaus, wo kein Land mehr zu sehen war, auf eine besonnte Wasserfl�che. Faszinierend. Michel zog sich aus und sprang �ber Bord ins kalte Wasser, wo er im Salzwasser planschte und sogar etwas davon trank und den Fruchtwassergeschmack seiner alten Schwimmausfl�ge am Strand geno�.</p><p>Zur�ck an Land machten sie weitere Ausfl�ge. Einmal besuchten sie den Pont du Gard�� und da war es, so wie immer, das gr��te Kunstwerk der R�mer, ein Aqu�dukt. Drei steinerne Etagen, die dicken unteren B�gen quer im Flu�, stolz auf ihren zweitausendj�hrigen Widerstand gegen das flie�ende Wasser; darauf leichtere und h�here B�gen und dann die kleinsten obenauf. Die Form folgte mit ihrer Funktion mitten ins Herz des Sch�nen und benutzte Stein, um Wasser �ber Wasser zu leiten. Der Stein war jetzt narbig und honiggelb, in jeder Hinsicht dem Mars sehr �hnlich. Er sah aus wie Nadias Arkade in Underhill und stand da in der staubig gr�nen Kalksteinschlucht des Gard in der Provence. Aber jetzt schien es f�r Michel eher der Mars zu sein als Frankreich.</p><p>Maya lobte seine Eleganz. �Michel, schau, wie menschlich er ist. Das ist es, was unseren Bauten auf dem Mars fehlt. Sie sind zu gro�. Aber dies�� dies wurde von menschlichen H�nden erbaut, mit Werkzeug, das ein jeder herstellen und benutzen kann. Flaschenzug, menschliche Mathematik und vielleicht ein paar Pferde. Nicht unsere ferngesteuerten Maschinen, die Dinge tun, die niemand verstehen oder gar sehen kann.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich frage mich, ob wir von Hand Dinge bauen k�nnten. Nadia sollte das hier sehen. Sie w�re sofort verliebt.�</p><p>�Das habe ich auch gedacht.�</p><p>Michel war gl�cklich. Sie machten dort ein Picknick. Sie besuchten die Quellen von Aix-en-Provence, fuhren hinaus, um sich aus der H�he einen Blick �ber die gro�e Schlucht des Gard zu verschaffen. Sie schnupperten sich durch die Stra�endocks von Marseille. Besuchten die R�merst�tten in Orange und Nimes. Fuhren an den �berfluteten Ferienorten der Cote d�Azur vorbei. Gingen eines Abends zu Michels verfallenem Mas und in den alten Olivenhain.</p><p>Und jeden Abend an diesen kostbaren Tagen kehrten sie nach Arles zur�ck und speisten im Hotelrestaurant oder, wenn es drau�en warm war, unter den Platanen in den Stra�encafes. Dann gingen sie in ihr Zimmer hinauf und liebten sich. In der Fr�hd�mmerung erwachten sie, liebten sich wieder und fr�hst�cken frische Croissants und Kaffee. �Es ist herrlich�, sagte Maya, als sie eines blauen Abends im Turm der Arena stand. Sie meinte damit alles, die ganze Provence. Und Michel war gl�cklich.</p><p>Dann kam der Anruf auf dem Armband. Nirgal war krank, sehr krank. Sax, dessen Stimme ersch�ttert klang, hatte ihn schon von der Erde fortgeschafft in die Schwerkraft des Mars und eine sterile Umgebung in einem Schiff im Erdorbit. �Ich f�rchte, sein Immunsystem ist nicht intakt, und das Ge macht es nicht gerade besser. Er hat eine Infektion, ein Lungen�dem, und sehr schlimmes Fieber.�</p><p>�Allergisch gegen die Erde�, sagte Maya mit finsterer Miene. Sie machte Pl�ne und beendete das Gespr�ch mit kurzen Anweisungen an Sax, ruhig zu bleiben. Dann ging sie zum Schrank und fing an, ihre Kleider herauszunehmen und auf das Bett zu werfen.</p><p>�Los!� rief sie, als sie Michel da stehen sah. �Wir m�ssen gehen!�</p><p>�Wirklich?�</p><p>Sie winkte ab und vergrub sich im Schrank. �Ich gehe.� Sie warf Unterw�sche handvollweise in ihren Koffer und schaute ihn an. �Es ist sowieso Zeit zu gehen.�</p><p>�Ist es das?�</p><p>Sie antwortete nicht. Sie tippte etwas in ihr Armband ein und bat das lokale Praxisteam, den Transport in den Weltraum zu arrangieren. Es w�rde ein Wiedersehen mit Sax und Nirgal geben. Ihre Stimme war k�hl, angespannt, sachlich. Sie hatte die Provence schon vergessen.</p><p>Als sie Michel immer noch unbewegt dastehen sah, explodierte sie: �Oh, mach schon, mach nicht ein solches Theater deswegen! Blo� weil wir abreisen m�ssen, bedeutet das nicht, da� wir niemals zur�ckkommen werden. Wir werden noch tausend Jahre leben, und du kannst jederzeit zur�ckkehren, hundertmal, mein Gott! Au�erdem�� wieso soll es hier so viel besser sein als auf dem Mars? F�r mich sieht es genau wie Odessa aus; und du bist doch da gl�cklich gewesen, nicht wahr?�</p><p>Michel ignorierte das. Er stolperte an ihren Koffern vorbei zum Fenster. Drau�en eine gew�hnliche Stra�e von Arles, blau in der D�mmerung. Pastellfarbene Stuckmauern, Kopfsteinpflaster. Zypressen. Die Ziegel auf dem Dach gegen�ber der Stra�e waren zerbrochen. Marsfarben. Stimmen in der Tiefe riefen etwas auf franz�sisch, �ber irgend etwas erbost.</p><p>�Nun?� rief Maya. �Kommst du?�</p><p>�Ja.�</p></section></section><section><title><p>SECHSTER TEIL</p><p>Ann in der Wildnis</p></title><section><p><emphasis>Schau, es ist Selbstmord, nicht die Langlebigkeitsbehandlung zu w�hlen.</emphasis></p><p><emphasis>So?</emphasis></p><p><emphasis>Gut. Selbstmord wird gew�hnlich als Ausdruck einer psychologischen Fehlfunktion angesehen.</emphasis></p><p><emphasis>Gew�hnlich.</emphasis></p><p><emphasis>Ich denke, du wirst bemerken, da� das in der Mehrheit der F�lle zutrifft. Du bist zumindest ungl�cklich.</emphasis></p><p><emphasis>Zugegeben.</emphasis></p><p><emphasis>Und warum? Was fehlt jetzt?</emphasis></p><p><emphasis>Die Welt.</emphasis></p><p><emphasis>Du kannst jeden Tag hinausgehen und den Sonnenuntergang betrachten.</emphasis></p><p><emphasis>Gewohnheit.</emphasis></p><p><emphasis>Du behauptest, die Zerst�rung des urspr�nglichen Mars sei die Quelle deiner Depression. Ich denke, da� die philosophischen Gr�nde, die von Leuten angef�hrt werden, die unter Depressionen leiden, Masken sind, die sie vor gr��eren, pers�nlicheren Sch�den sch�tzen.</emphasis></p><p><emphasis>Es kann alles echt sein.</emphasis></p><p><emphasis>Du meinst, all die Gr�nde?</emphasis></p><p><emphasis>Ja. Was wirfst du Sax vor? Monocausotaxophilie?</emphasis></p><p><emphasis>Touche. Aber es gibt gew�hnlich einen Anfang f�r all diese Dinge, unter allen realen Gr�nden den ersten, der dich auf den Weg nach unten gef�hrt hat. Du mu�t auf deiner Wanderung oft zu diesem Punkt zur�ckkehren, um auf einem neuen Weg anzufangen.</emphasis></p><p><emphasis>Zeit ist nicht Raum. Die Metapher des Raums l�gt, was das anbelangt, was in der Zeit wirklich m�glich ist. Es ist nicht m�glich, zur�ck zu gehen.</emphasis></p><p><emphasis>Nein, nein. Metaphorisch kannst du zur�ck gehen. In deinen mentalen Reisen kannst du in die Vergangenheit reisen, deine Schritte zur�ckverfolgen und sehen, wo du eine Wendung gemacht hast und warum, und dann in einer Richtung weitergehen, die anders ist, weil sie diese Schleifen des Verstehens einschlie�t. Gr��eres Verst�ndnis ergibt gr��eren Sinn. Wenn du weiter darauf bestehst, da� es das Schicksal des Mars ist, das dir am meisten am Herzen liegt, dann halte ich dasf�r eine Verlagerung, die so stark ist, da� sie dich verwirrt hat. Auch das ist eine Metapher. Vielleicht sogar eine echte. Es sollten aber beide Seiten dieser Metapher erkannt werden.</emphasis></p><p><emphasis>Ich sehe, was ich sehe.</emphasis></p><p><emphasis>Aber wie es wirklich ist, siehst du nicht. Es gibt noch so viel vom roten Mars, das �brig bleibt. Du solltest hinausgehen und dich umsehen! Geh hinaus, leere deinen Geist und sieh einfach das, was da drau�en ist! Geh auf einer geringen H�he hinaus und wandere frei in der Luft umher, nur mit einer einfachen Staubmaske! Das w�re gut f�r dich�� gut auf physiologischer Ebene. Und es w�rde dir auch die Vorteile des Terraformens zeigen. Die Freiheit, die es uns gibt, zu erleben, die Verbindung mit dieser Welt, da� wir nackt auf ihrer Oberfl�che gehen k�nnen und �berleben. Das ist erstaunlich! Es macht uns zum Teil einer �kologie. Es ist es wert, da� man noch einmal dar�ber nachdenkt, �ber diesen Proze�. Du solltest hinausgehen und diesen Proze� als Areoformung �berdenken.</emphasis></p><p><emphasis>Das ist blo� ein Wort. Wir haben uns diesen Planeten genommen und ihn untergepfl�gt. Er schmilzt unter unseren F��en.</emphasis></p><p><emphasis>Er schmilzt im eigenen Wasser. Nicht vom Saturn importiert oder dergleichen. Es ist von Anfang an hier gewesen, als ein Teil der urspr�nglichen Zusammenballung, der Akkretion. Richtig? Ausgegast von dem ersten Klumpen, der Mars war. Jetzt ein Teil unserer K�rper. Unsere K�rper sind im Wasser des Mars gebildet worden. Ohne die Spurenmineralien w�ren wir transparent. Wir bestehen aus Marswasser. Und es hat fr�her Wasser auf der Oberfl�che des Mars gegeben, nicht wahr? Ausgebrochen in einer artesischen Apokalypse. Diese Kan�le sind so riesig!</emphasis></p><p><emphasis>Es waren zwei Milliarden Jahre Permafrost.</emphasis></p><p><emphasis>Dann haben wir ihm wieder auf die Oberfl�che geholfen. Die Majest�t der gro�en ausbrechenden Fluten. Wir sind dort gewesen, wir haben einen solchen Ausbruch mit eigenen Augen gesehen. Wir sindfast darin umgekommen.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ja!</emphasis></p><p><emphasis>Du hast den Wagen gef�hlt, als das Wasser ihn wegschwemmte, w�hrend du am Steuer sa�t.</emphasis></p><p><emphasis>Ja! Aber es hat statt dessen Frank fortgesp�lt.</emphasis></p><p><emphasis>Ja.</emphasis></p><p><emphasis>Es hat die Welt weggeschwemmt. Und uns am Strand zur�ckgelassen.</emphasis></p><p><emphasis>Die Welt ist noch da. Du k�nntest hinausgehen und sie dir ansehen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich will nicht. Ich habe es schon gesehen!</emphasis></p><p><emphasis>Nicht du. Jemand vor dir. Jetzt bist du derjenige, der lebt.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ja.</emphasis></p><p><emphasis>Ich denke, du hast Angst. Angst davor, eine Umwandlung zu versuchen, eine Metamorphose in etwas Neues. Die Retorte steht da drau�en, sie ist rings um dich her. Das Feuer ist hei�. Du wirst geschmolzen und wiedergeboren werden. Wer wei�, ob du nachher noch da bist?</emphasis></p><p><emphasis>Ich will mich nicht �ndern.</emphasis></p><p><emphasis>Du m�chtest nicht aufh�ren, den Mars zu lieben.</emphasis></p><p><emphasis>Ja. Nein.</emphasis></p><p>Du wirst nie aufh�ren, den Mars zu lieben. Nach der Metamorphose gibt es den Stein noch immer. Er ist gew�hnlich h�rter als der urspr�ngliche Fels, ja? Du wirst den Mars immer lieben. Es ist deine Aufgabe, den dauerhaften Mars zu sehen, dick oder d�nn, hei� oder kalt, feucht oder trocken. Das ist kurzlebig; aber der Mars bleibt. Solche Fluten hat es schon fr�her gegeben, nicht wahr?</p><p>Ja.</p><p>Das eigene Wasser des Mars. All diese fl�chtigen Substanzen kommen vom Mars selbst.</p><p><emphasis>Au�er dem Stickstoff von Titan.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ja. Du h�rst dich an wie Sax.</emphasis></p><p><emphasis>Oho.</emphasis></p><p><emphasis>Ihr beide seid einander �hnlicher, als du denkst. Und wir Verg�nglichen geh�ren alle dem Mars.</emphasis></p><p><emphasis>Aber die Zerst�rung der Oberfl�che. Die ist kaputt. Alles hat sich ver�ndert.</emphasis></p><p><emphasis>Das ist Areologie. Oder die Areophanie.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist Vernichtung. Wir h�tten versuchen sollen, hier so mit ihm zu leben, wie er war.</emphasis></p><p><emphasis>Aber das taten wir nicht. Und so bedeutet Rot zu sein, da� man daran arbeitet, die Bedingungen den urspr�nglichen so �hnlich zu halten wie m�glich, innerhalb des Rahmens der Areophanie, des Projekts der Schaffung einer Biosph�re, die den Menschen die Freiheit der Oberfl�che erlaubt, unterhalb einer bestimmten H�he. Das ist alles, was es jetzt bedeuten kann, Rot zu sein. Und es gibt eine Menge solcher Roten. Ich denke, du machst dir Sorgen, da� es das Ende jeden Rotseins �berall w�re, wenn du dich jemals im geringsten Grade �ndern w�rdest. Aber das Rote ist gr��er als du. Du hast geholfen, es zu starten und zu definieren, bist aber nie die einzige gewesen. Sonst h�tte niemals jemand auf dich geh�rt.</emphasis></p><p><emphasis>Sie haben es nicht getan!</emphasis></p><p>Manche taten es. Viele taten es. Die Rote Bewegung wird weitergehen, ganz gleich, was du machst. Du k�nntest dich zur�ckziehen und ein g�nzlich anderer werden, du k�nntest limonengr�n werden; und das Rote w�rde immer existieren. Es k�nnte sogar <emphasis>ein noch st�rkeres Rot werden, als du dir je vorgestellt hast.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe es mir so rot vorgestellt, wie es werden kann.</emphasis></p><p><emphasis>All diese Alternativen. Wir leben damit und machen weiter. Der Proze� der Co-Adaptation mit diesem Planeten wird noch Jahrtausende lang weiter gehen. Aber wir sind jetzt hier. In jedem Moment k�nntest du fragen: Was fehlt jetzt? Und an irgendeiner Akzeptanz deiner derzeitigen Realit�t arbeiten. Das ist gesunder Menschenverstand, das ist Leben. Du mu�t dir dein Leben von hier aus vorstellen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich kann nicht. Ich habe es versucht und kann es nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Du solltest dich wirklich einmal umsehen. Einen Rundgang machen. Sehr genau hinschauen. Selbst die Eismeere genau betrachten. Aber nicht blo� das. Das liegt in der Natur einer Konfrontation. Konfrontation mu� nicht immer schlecht sein; aber erst hinsehen, eh? Eine Rekognoszierung. Dann solltest du dar�ber nachdenken, ins Gebirge zu gehen. Tharsis, Elysium. Wenn man sich in die H�he begibt, ist das wie eine Reise in die Vergangenheit. Deine Aufgabe ist es, den Mars zu finden, der alles �berdauert. Das ist wirklich wundervoll. Viele Leute haben keine so sch�ne Aufgabe. Du kannst es dir gar nicht vorstellen. Du hast Gl�ck, da� du sie hast.</emphasis></p><p><emphasis>Und du?</emphasis></p><p><emphasis>Was?</emphasis></p><p><emphasis>Was ist deine Aufgabe?</emphasis></p><p><emphasis>Meine Aufgabe?</emphasis></p><p><emphasis>Ja, deine Aufgabe.</emphasis></p><p><emphasis>... Ich bin mir nicht sicher. Wie ich dir sagte, beneide ich dich um deine. Meine Aufgaben sind... konfus. Maya zu helfen und mir. Und dem Rest von uns. Vers�hnung... M�chte gern Hiroko finden...</emphasis></p><p><emphasis>Du bist lange Zeit unser Psychiater gewesen.</emphasis></p><p><emphasis>Ja.</emphasis></p><p><emphasis>Mehr als hundert Jahre lang.</emphasis></p><p><emphasis>Ja.</emphasis></p><p><emphasis>Und niemals irgendwelche Ergebnisse.</emphasis></p><p><emphasis>Nun, ich denke, ich kann sagen, da� ich ein wenig geholfen habe.</emphasis></p><p><emphasis>Aber es kommt nicht von Natur aus zu dir.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Glaubst du, da� Leute deshalb daran interessiert sind, Psychologie zu studieren, weil sie geistig verwirrt sind?</emphasis></p><p><emphasis>Das ist eine verbreitete Theorie.</emphasis></p><p><emphasis>Aber du bist nie einer solchen Behandlung unterzogen worden.</emphasis></p><p><emphasis>Oh, ich habe meine Therapeuten gehabt.</emphasis></p><p><emphasis>Hat es geholfen?</emphasis></p><p><emphasis>Ja! Durchaus. Ziemlich hilfreich. Ich meine, sie haben getan, was sie konnten.</emphasis></p><p><emphasis>Aber du kennst deine Aufgabe nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Nein. Oder... ich will nach Hause gehen.</emphasis></p><p><emphasis>In welches Haus?</emphasis></p><p><emphasis>Das ist das Problem. Es ist hart, wenn man nicht wei�, wo man zu Hause ist.</emphasis></p><p><emphasis>Ja. Ich dachte, du w�rdest in der Provence bleiben.</emphasis></p><p><emphasis>Nein, nein. Ich meine, die Provence ist meine Heimat, aber...</emphasis></p><p>Aber jetzt bist du unterwegs zur�ck zum Mars.</p><p>Ja.</p><p>Du hast dich entschlossen zur�ckzukommen.</p><p><emphasis>...Ja.</emphasis></p><p><emphasis>Du wei�t nicht, was du tust. Oder doch?</emphasis></p><p><emphasis>Nein. Aber du wei�t es. Du wei�t, wo du zu Hause bist. Du hast das; und es ist kostbar! Du solltest das bedenken. Du solltest ein solches Geschenk nicht verwerfen oder esf�r eine Last halten! Du bist ein Narr, wenn du so denkst! Es ist ein Geschenk, verdammt noch mal, ein wirklich wertvolles Geschenk. Verstehst du mich?</emphasis></p><p><emphasis>Ich mu� dar�ber nachdenken.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Sie verlie� das Refugium in einem meteorologischen Rover aus dem vorigen Jahrhundert, einem gro�en plumpen Ding mit einem luxuri�sen Fensterkasten oben drauf. Er war der vorderen H�lfte des Expeditionsrovers, in dem sie mit Nadia, Phyllis, Edmund und George zum Nordpol gefahren war, nicht un�hnlich. Und weil sie seither Tausende von Tagen in solchen Fahrzeugen verbracht hatte, hatte sie zun�chst den Eindruck, da� das, was sie tat, ganz gew�hnlich w�re und in Einklang mit dem Rest ihres Lebens st�nde.</p><p>Aber sie fuhr nach Nordosten, den Canyon hinunter, bis sie im Bett des kleinen namenlosen Kanals bei 60� L�nge und 52� n�rdlicher Breite war. Dieses Tal war durch einen kleinen Wasserlagerausbruch eingetieft worden, der in einer fr�heren Grabenfalte die niedrigeren H�nge der Gro�en B�schung hinunter verlief. Die einkerbenden Wirkungen der Flut waren noch an den R�ndern der Canyonw�nde erkennbar genau wie in den linsenf�rmigen Inseln aus Muttergestein auf dem Boden des Kanals.</p><p>Und der verlief nach Norden in ein Meer aus Eis.</p><empty-line/><p>Sie stieg aus dem Wagen und trug einen mit Fasern gepolsterten Windanzug, eine CO2-Maske, Schutzbrille und geheizte Stiefel. Die Luft war d�nn und kalt, obwohl jetzt im Norden Fr�hling war�� Ls 10, m-33. Kalt und st�rmisch. Fetzen niedriger Wolken rasten vor B�en nach Osten. Es w�rde entweder eine Eiszeit geben oder, falls die Manipulationen der Gr�nen das verhinderten, ein Jahr ohne Sommer wie 1810 auf der Erde, als die Explosion des Vulkans Tambori die Welt in Asche geh�llt und abgek�hlt hatte.</p><empty-line/><image l:href="#5"/><empty-line/><p>Sie ging zum Ufer des neuen Meeres. Es lag am Fu�e der Gro�en B�schung in Tempe Terra, einem Vorsprung alter Gebirge, der sich nach Norden erstreckte. Tempe war wahrscheinlich der allgemeinen Entbl��ung der n�rdlichen Hemisph�re entgangen, weil es dem Aufschlagpunkt des Gro�en Treffers ungef�hr entgegengesetzt lag, von dem die meisten Areologen jetzt annahmen, da� er nahe Hrad Vallis �ber Elysium gelegen hatte. Also abgenutzte H�gel mit Blick �ber ein von Eis bedecktes Meer. Das Gestein sah aus wie die Oberfl�che eines roten Meeres in einem wilden Strudel und das Eis wie eine Pr�rie im tiefen Winter. Einheimisches Wasser, das, wie Michel gesagt hatte, von Anfang an dort und fr�her an der Oberfl�che gewesen war. Das war schwer zu verstehen. Ihre Gedanken waren zerstreut und verwirrt, sprangen hin und her zugleich. Es war wie Wahnsinn, aber doch nicht ganz. Sie kannte den Unterschied. Das Brummen und Klagen des Windes sprach nicht in den T�nen des Dozenten vom MIT zu ihr. Sie erlebte keine schockierenden Sinneseindr�cke, wenn sie versuchte zu atmen. So war es nicht. Ihr Denken war vielmehr beschleunigt, gebrochen und unvorhersehbar wie der Vogelschwarm �ber dem Eis, der in einem scharfen Westwind im Zickzack �ber den Himmel flog. Ah, das Gef�hl dieses gleichen Windes, der gegen ihren K�rper dr�ckte, und die neue dichte Luft wie die Tatze eines gro�en Tieres...</p><p>Die V�gel k�mpften darin mit sorgloser Geschicklichkeit. Sie stand eine Weile da und sah zu. Es waren Raubm�wen, die �ber dunklen Streifen offenen Wassers jagten. Diese eisfreien Stellen waren an der Oberfl�che nur die Anzeichen f�r immense Taschen fl�ssigen Wassers unter dem Eis. Sie hatte geh�rt, da� ein Wasserkanal unter dem Eis jetzt den Globus umspannte. Er wand sich nach Osten �ber das alte Vastitas und ri� h�ufig freie Stellen in die Oberfl�che, die dann eine Stunde oder eine Woche lang offen blieben. Selbst bei so kalter Luft wurden die Unterwassertemperaturen durch die �berfluteten Moholes von Vastitas erw�rmt und durch die aufsteigende Hitze aus den Tausenden thermonuklearer Explosionen, welche die Metanats um die Jahrhundertwende ausgel�st hatten. Diese Bomben waren tief genug im Megaregolith angebracht worden, um, wie man meinte, ihre radioaktive Aussch�ttung abzufangen, aber nicht ihre W�rme, die als thermischer Puls durch das Gestein drang, in einem Puls, der viele Jahre anhalten w�rde. Nein. Michel konnte reden, da� es Marswasser war, aber sonst war an diesem neuen Meer kaum noch etwas Nat�rliches.</p><p>Ann erkletterte einen Grat, um weitere Sicht zu haben. Da lag es: Eis, meistens flach, bisweilen zertr�mmert. Alles so ruhig wie ein Schmetterling auf einem Zweig, als ob sich das Wei�e pl�tzlich erheben und davonfliegen k�nnte. Die Kreise der V�gel und das Treiben der Wolken zeigten, wie scharf der Wind blies und alles in der Luft nach Osten jagte. Aber das Eis blieb still. Die Stimme des Windes war tief und kr�ftig. Er fegte �ber eine Milliarde kalter Kanten. Ein Streifen grauen Wassers war durch Windst��e zerhackt. Die St�rke jeder B� wurde genau von den kahlen Katzenkrallen registriert. Jeder sch�rfere Windsto� zerflederte die gr��eren Wellen mit au�erordentlicher Empfindlichkeit. Wasser. Und unter dieser gepeitschten Oberfl�che Plankton, Krill, Fische, Kalmare. Sie hatte geh�rt, da� man in Brutanstalten alle Kreaturen der �u�erst kurzen Nahrungskette der Antarktis produzierte und dann ins Meer freisetzte. Das Wasser wimmelte.</p><p>Die M�wen kurvten �ber ihrem Kopf. Eine Wolke von ihnen wirbelte auf etwas l�ngs der K�ste herunter, hinter einigen Felsen. Ann kletterte dorthin. Pl�tzlich erblickte sie das Ziel der V�gel, das in einer Spalte am Rande des Eises lag: Die Reste einer Robbe. Robben! Der halb aufgefressene Kadaver lag auf Tundragras im Windschatten einiger Sandd�nen, abgeschirmt durch einen weiteren Felsgrat, der hinunter ins Eis verlief. Das wei�e Skelett ragte aus dunkelrotem Fleisch hervor, umgeben von wei�em Speck und dunklem Fell. Alles zum Himmel hinaufgerissen. Die Augen ausgehackt.</p><p>Sie kletterte an dem Kadaver vorbei auf einen anderen kleinen Grat. Dieser bildete eine Art von Kap ins Eis hinein. Dahinter war eine Bucht. Eine runde Bucht, ein Krater, mit Eis gef�llt. Der hatte zuf�llig auf Meeresniveau gelegen und eine Scharte in seinem der See zugewandten Rand gehabt, so da� Wasser und Eis eingedrungen waren und ihn gef�llt hatten. Jetzt eine runde Bucht, perfekt f�r einen Hafen. Eines Tages w�rde es ein Hafen sein. Ungef�hr drei Kilometer Durchmesser.</p><p>Ann setzte sich auf einen Stein am Kap und blickte auf die neue Bucht hinaus. Ihr Atem str�mte unfreiwillig schwer ein und aus, und ihr Brustkorb bewegte sich heftig wie bei schwerer k�rperlicher Arbeit. Seufzer, ja. Sie zog ihre Gesichtsmaske zur Seite, putzte sich mit dem Finger die Nase, wischte sich die Augen und weinte dabei w�tend vor sich hin. Dies war ihr K�rper. Sie erinnerte sich an das erste Mal, als sie auf einer einsamen Wanderung vor Jahren auf die �berschwemmung von Vastitas gesto�en war. Damals hatte sie nicht geschrien, aber Michel hatte gesagt, da� das nur der Schock w�re, die Benommenheit des Schocks wie bei jedem Mi�geschick. Ein sich Zur�ckziehen von ihrem K�rper und ihren Gef�hlen. Michel w�rde diese Reaktion zweifellos ges�nder nennen. Aber warum? Es tat weh. Ihr K�rper war zitternd verkrampft. Aber Michel w�rde sagen, wenn es vorbei w�re, w�rde sie sich besser f�hlen. Eine Spannung war fort. Die Tektonik des limbischen Systems. Sie ha�te die vereinfachten Analogien, wie Michel sie anbot. Die Frau als Planet. Das war absurd. Nichtsdestoweniger sa� sie da, schniefte und schaute auf die Eisbucht unter jagenden Wolken. Sie f�hlte sich ersch�pft.</p><empty-line/><p>Es bewegte sich nichts au�er den Wolken �ber ihr und Katzenkrallen auf einem St�ck offenen Wassers, Sto� auf Sto�, grau, malvenfarben, grau schimmernd. Wasser bewegte sich, aber das Land blieb reglos.</p><p>Endlich stand Ann auf und ging auf einer Rippe aus hartem altem Shishovit, die jetzt eine schmale Trennung zwischen zwei langen Str�nden bildete, nach unten. Um die Wahrheit zu sagen�� �ber dem Eis hatte sich an dem urt�mlichen Zustand nicht sehr viel ver�ndert. Unten an der Wasserlinie war es anders. Hier hatten die t�glichen Winde �ber dem offenen Wasser Wellen erzeugt, die gro� genug waren, um die restlichen Eisst�cke zu Packeis zu brechen. In gro�en Reihen war es jetzt �ber dem regul�ren Eisniveau ans Ufer gedr�ckt worden, und wie Skulpturen aus Strandgut blieb es liegen. Im Sommer hatte dieses Eis geholfen, den Sand der neuen Str�nde aufzurei�en und in ein Gemisch aus Eis, Schlamm und Sand zu verwandeln, das jetzt an Ort und Stelle gefroren war wie brauner Kuchen mit Zuckergu�.</p><p>Ann ging langsam durch diesen Schmutz. Dahinter war eine schmale Bucht voller Eisbl�cke, die in der Untiefe auf Grund geraten und in der Meeresoberfl�che festgefroren waren. Dadurch, da� sie der Sonne und dem Wind ausgesetzt waren, waren diese Bl�cke zu barocken Phantasiegebilden aus klarem blauem und undurchsichtigem rotem Eis geworden, wie Artefakte aus Saphir und H�matit. Die S�dseiten der Bl�cke waren immer wieder geschmolzen, und das Schmelzwasser war zu Eiszapfen, Eisb�rten, Eisfl�chen und Eiss�ulen gefroren.</p><p>Beim Blick zur�ck auf die K�ste bemerkte sie wieder, wie gefurcht und zerrissen der Sand war. Der Schaden war enorm, die Vertiefungen manchmal zwei Meter tief. Eine unglaubliche Kraft mu�te diese Gr�ben gepfl�gt haben! Bei dem Flugsand mu�te es sich um L�� handeln. L�� bestehend aus lockeren leicht �olischen Ablagerungen. Jetzt war es ein Niemandsland aus gefrorenem Schlamm und schmutzigem Eis, als ob Bomben die Sch�tzengr�ben einer bedauernswerten Armee verw�stet h�tten.</p><p>Sie ging weiter und schritt �ber opakes Eis. Auf der Oberfl�che der Bucht.</p><p>Wie eine in Samen gepackte Welt. Einmal knackte das Eis unter ihrem Fu�.</p><p>Als sie ein gutes St�ck auf der Bucht drau�en war, blieb sie stehen und schaute sich um. Der Horizont war wirklich eng. Sie stieg auf einen Eisberg mit flachem Gipfel, der ihr eine weitere Sicht �ber die Eisfl�che verschaffte, bis hinaus zu dem Kreis des Kraterrandes, direkt unter den ziehenden Wolken. Obwohl das Eis zerbrochen, verwirrend angeordnet und von Druckspalten gezeichnet war, lie� es dennoch die Flachheit des Wassers darunter erkennen. Nach Norden hin war die L�cke zum Meer augenf�llig. Tafelf�rmige Eisberge ragten wie entstellte Burgen aus dem Eis. Eine wei�e Wildnis.</p><p>Nach langem vergeblichem Bem�hen, die Szene zu verstehen, kletterte sie den Berg hinunter und stapfte wieder zur K�ste zur�ck und dann auf ihren Wagen zu. Als sie die kleine Landzunge �berquerte, fiel ihr eine Bewegung unten am Rande des Eises ins Auge. Da bewegte sich etwas Wei�es�� eine Person in einem wei�en Overall�� nein. Ein B�r. Ein Eisb�r, der an der Eiskante entlangging.</p><p>Er erblickte den Wirbel von M�wen �ber der toten Robbe. Ann duckte sich hinter einem Felsblock und kroch auf eine Stelle mit reifbedecktem Sand. Ihr war auf der ganzen Vorderseite ihres K�rpers kalt. Sie blickte �ber den Stein.</p><p>Der elfenbeinfarbene Pelz des B�ren war an Flanken und Beinen gelblich. Das Tier hob den schweren Kopf, schnupperte wie ein Hund und schaute sich neugierig um. Es watschelte zum Kadaver der Robbe, ohne die S�ule kreischender V�gel zu beachten. Es fra� von der Robbe wie ein Hund aus einem Napf. Dann hob es den Kopf mit dunkelroter Schnauze. Ann hatte Herzklopfen. Der B�r setzte sich auf die Hinterkeulen, leckte eine Pfote und rieb sich das Gesicht, bis es sauber war, gr�ndlich wie eine Katze. Dann lie� er sich auf alle viere nieder und machte sich auf, den H�gel aus Fels und Sand hinaufzusteigen, auf Anns Versteck hinter dem Felsblock zu. Er trottete dahin und bewegte immer beide Beine auf einer Seite zugleich�� links, rechts, links.</p><p>Ann rollte die andere Seite der kleinen Landzunge hinunter, stand auf und lief durch den Trog einer flachen Bruchstelle nach S�dwesten. Sie vermutete, da� sich ihr Rover ziemlich genau westlich von ihr befand; aber der B�r kam aus Nordwesten. Sie kletterte die kurze steile Flanke des nach S�dwesten verlaufenden Canyons hoch und lief �ber ein St�ck hohen Gel�ndes zu einem anderen kleinen Bruchcanyon, der etwas mehr nach Westen f�hrte als der vorige. Wieder hinauf zu dem n�chsten St�ck hohen Gel�ndes zwischen diesen flachen Gr�ben. Sie blickte zur�ck. Sie keuchte schon, und ihr Rover befand sich noch mindestens zwei Kilometer westlich und etwas s�dlich von ihr. Er war noch hinter felsigen Buckeln au�er Sicht. Der B�r befand sich nordwestlich von ihr. Falls er sich direkt auf den Rover zu bewegte, w�rde er ihm fast ebenso nahe sein wie sie jetzt. Jagte er auf Sicht oder auf Geruch? Konnte er den Kurs seiner Beute absch�tzen und sich so bewegen, da� er ihn abschnitt?</p><p>Ohne Zweifel konnte er das. Ann schwitzte in ihrem Windschutzanzug. Sie eilte in die n�chste Rinne hinunter und lief einige Zeit darin nach Wests�dwesten. Dann erblickte sie eine leichte Rampe und lief zum n�chsten h�heren Gel�nde, einer Art breiter, hoher Stra�e zwischen den flachen Rinnen zu beiden Seiten. Sie blickte zur�ck und sah den Eisb�ren. Er stand auf allen vieren hinter ihr, zwei Canyons entfernt, und sah aus wie ein sehr gro�er Hund oder eine Kreuzung zwischen einem Hund und einem Menschen, gekleidet in strohfarbenen Pelz. Sie war �berrascht, eine solche Kreatur hier drau�en zu sehen. Die Nahrungskette konnte doch wohl kaum ein so gro�es Raubtier tragen. Man mu�te es sicher an Futterstellen ern�hren. Hoffentlich, sonst w�re es sehr hungrig. Dann kam er in dem �bern�chsten Canyon au�er Sicht, und Ann lief los, um �ber das Gel�nde zu ihrem Rover zu rennen. Trotz des Umwegs und dem engen durchfurchten Horizont traute sie ihrem Gef�hl hinsichtlich des Standorts ihres Rovers.</p><p>Sie hielt ein Tempo, das sie, wie sie glaubte, �ber die ganze Distanz durchhalten w�rde. Es war schwer, nicht einfach loszulegen und mit voller Geschwindigkeit zu sprinten; aber nein, nein, das w�rde rasch zum Zusammenbruch f�hren. Halt dein Tempo�� dachte sie und atmete in kurzen, kr�ftigen St��en. Halte die Richtung! Kommst du s�dlich vom Rover vorbei? Zur�ck auf h�heres Gel�nde, blo� um dich einen Moment umzuschauen. Dort hinter dem niedrigen H�gel mit dem flachen Gipfel, der ein kleiner Krater war, mit einem Buckel auf dem S�dende des Randes, mu�te ihr Rover sein, dessen war sie sich sicher, obwohl der Rover immer noch nicht zu sehen war und man sich bei dem zerrissenen Land leicht irren konnte. Tausendmal hatte sie kurzfristig halb die Orientierung verloren, da sie nicht ihre genaue Richtung zu einem Fixpunkt kannte. Gew�hnlich war das ihr geparkter Rover. Eigentlich keine gro�e Sache, da das Peilger�t an ihrem Handgelenk sie immer zur�ckf�hren konnte. Das k�nnte es auch jetzt; aber sie war sich sicher, da� der Rover dr�ben hinter diesem Kraterbuckel stand.</p><p>Die kalte Luft brannte in ihren Lungen. Sie erinnerte sich an die Gesichtsmaske f�r den Notfall, die in ihrem Rucksack steckte, hielt an, �ffnete den Rucksack und w�hlte, zog die CGvMaske heraus und legte sie an. Sie enthielt auch einen kleinen Vorrat an komprimiertem Sauerstoff. Nachdem sie sie �ber Mund und Nase gezogen und eingeschaltet hatte, war sie pl�tzlich st�rker und konnte ein schnelleres Tempo halten. Sie lief auf einem hochgelegenen Gel�ndestreifen zwischen zwei Rissen dahin und hoffte, den Rover hinter dem Hang des n�chsten Kraters zu erblicken. Ah, da war er! Triumphierend sog sie den k�hlen Sauerstoff ein. Er schmeckte angenehm, reichte aber nicht aus, um ihr Keuchen zu verhindern. Wenn sie die Senke zu ihrer Rechten schr�g durchquerte, mu�te sie direkt auf den Rover treffen.</p><p>Sie schaute zur�ck und sah, da� der Eisb�r auch rannte. Seine Beine bewegten sich in einer Art watschelndem Galopp. Aber er gewann mit diesem Laufen an Boden; und die niedrigen Canyonw�nde schienen f�r ihn kein Hindernis zu sein. Er huschte dar�ber wie ein wei�er Alptraum, etwas Sch�nes und Erschreckendes zugleich. Die fl�ssige Bewegung seiner Muskeln spielte locker unter dichtem wei�em Pelz mit gelben Spitzen. All das sah sie in einem Augenblick mit h�chster Deutlichkeit. In ihrem Gesichtsfeld war alles klar, scharf und hell, wie von innen her erleuchtet. Selbst wenn sie so schnell lief, wie sie konnte, und scharf auf den Boden achtete, um nicht �ber etwas zu stolpern, sah sie immer noch wie ein Nachbild den B�ren �ber den roten Abhang gleiten.</p><p>Stampfen, rennen, ein Felsenballett. Der B�r war schnell, und das Terrain machte ihm nichts aus. Aber auch sie war ein Tier. Auch sie hatte Jahre im Outback des Mars verbracht, tats�chlich viel mehr Jahre als dieser junge B�r; und sie konnte wie ein Steinbock �ber das Gel�nde laufen, von Urgestein zu Felsen, zu Sand und zu Ger�ll. Mit festen, aber wohl ausgeglichenen Schritten, mit Beherrschung des Dahinst�rmens und um ihr Leben rennend. Und au�erdem war der Rover nah. Nur noch eine letzte Canyonflanke hinauf und den Abhang der Mor�ne, und da war er. Sie rannte fast dagegen, richtete sich auf und schlug auf die runde Metallflanke mit einem festem triumphierenden Bum, als ob es die Schnauze des B�ren w�re. Dann, mit einem zweiten, besser kontrollierten Schlag auf die Konsole der Schleusent�r, war sie drinnen, und die �u�ere Schleusent�r schlo� sich hinter ihr.</p><p>Sie eilte die Stufen hinauf in den Ausguck des Fahrers, um zur�ck zu blicken. Durch das Glas sah sie unten den B�ren, wie er ihr Fahrzeug aus respektvoller Distanz be�ugte. Er war au�er Reichweite einer Pfeilwaffe und schnaufte nachdenklich. Ann schwitzte stark, schnappte immer noch heftig nach Luft�� ein, aus; ein, aus. Was f�r Strapazen der Brustkorb doch aushalten konnte! Und da war sie nun im Fahrersitz. Sie brauchte nur die Augen zu schlie�en, dann sah sie wieder das heraldische Bild des B�ren �ber den Fels gleiten. Wenn sie sie aber �ffnete, dann leuchtete vor ihr das Instrumentenbrett, hell, k�nstlich und vertraut. Ah, so seltsam!</p><p>Noch Tage danach befand sie sich in einer Art Schock und konnte den Eisb�ren sehen, wenn sie nur die Augen schlo� und daran dachte. Bei Nacht dr�hnte und grunzte das Eis in der Bucht. Manchmal krachte es explosionsartig, so da� sie von dem Angriff auf Sheffield tr�umte und selbst st�hnte. Bei Tag fuhr sie so sorglos, da� sie den Rover auf Autopilot schalten konnte und ihn anwies, seinen Weg l�ngs der K�ste der Kraterbucht zu finden.</p><p>W�hrend er dahinrollte, ging sie in ausgelassener Stimmung im Fahrerabteil umher. Ohne Kontrolle. Nichts zu tun als zu lachen und es zu ertragen. An die W�nde schlagen, aus den Fenstern blicken. <emphasis>Ursus maritimus,</emphasis> Ozeanb�r. Die Inuit nannten ihn Tornassuk, �der, welcher Kraft verleiht�. Es war wie mit dem Erdrutsch, der sie in Melas Chasma fast erwischt hatte�� jetzt f�r immer ein Teil ihres Lebens. Als sie mit dem Erdrutsch konfrontiert war, hatte sie keinen Muskel ger�hrt. Diesmal war sie gerannt wie der Teufel. Der Mars k�nnte sie t�ten. Ohne Zweifel w�rde er sie t�ten; aber kein gro�es Zoo-Tier von der Erde w�rde sie t�ten, sofern sie es verhindern k�nnte. Sie war keineswegs so sehr in das Leben verliebt�� weit gefehlt. Aber man sollte die Freiheit haben, sich seinen Tod auszusuchen. Wie sie es in der Vergangenheit mindestens zweimal getan hatte. Aber Simon und dann Sax�� wie kleine Braunb�ren�� hatten sie dem Tod weggeschnappt. Sie wu�te noch nicht, was sie davon halten sollte und wie sie sich deswegen f�hlen sollte. Ihre Gedanken eilten zu schnell dahin. Sie hielt sich an der Lehne des Fahrersitzes fest. Schlie�lich griff sie nach vorn und tastete die alte Nummer von Sax als einem der Ersten Hundert auf dem Armaturenbrett ein, XY23, und wartete darauf, da� der Computer den Ruf zu dem Shuttle weiterleiten w�rde, mit dem Sax und die anderen zum Mars zur�ckkehrten. Und nach einer Weile war er da und schaute mit seinem neuen Gesicht aus dem Bildschirm.</p><p>�Warum hast du das getan?� rief sie. �Ich kann mir meinen Tod aussuchen, wie es mir gef�llt!�</p><p>Sie wartete, bis die Mitteilung ihn erreichte. Dann war es so weit, und er sprang auf. Sein Abbild wackelte. �Weil...�, sagte er und hielt inne.</p><p>Ann f�hlte K�lte. Genau das hatte Simon auch gesagt, nachdem er sie aus dem Chaos hereingezogen hatte. Sie hatten nie einen Grund gehabt�� nur das d�mliche Weil des Lebens.</p><p>Sax fuhr fort: �Ich wollte nicht... es schien so eine Vergeudung zu sein... was f�r eine �berraschung, von dir zu h�ren. Ich freue mich.�</p><p>�Zur H�lle damit!� sagte Ann.</p><p>Sie wollte schon die Verbindung trennen, als er wieder zu sprechen anfing. Sie hatten jetzt Gegensprechverkehr. �Ann, es war so, da� ich zu dir sprechen konnte. Ich meine f�r mich selbst�� ich wollte dich nicht vermissen. Ich wollte, da� du mir verzeihst. Ich wollte mit dir dar�ber diskutieren und w�nsche mir, da� du verstehst, warum ich das getan habe, was ich tat.�</p><p>Sein Geplapper h�rte so pl�tzlich auf, wie es angefangen hatte; und dann sah er verwirrt, sogar erschrocken drein. Vielleicht hatte er gerade geh�rt: �Zur H�lle damit!� Sie konnte ihm zweifellos Angst machen.</p><p>�Was f�r ein Quatsch!� sagte sie.</p><p>Nach einer Weile: �Ja. Hm... was machst du? Du sieht aus... �</p><p>Sie trennte die Verbindung. Im Geiste schrie sie: �Ich bin gerade einem Eisb�ren entwischt! Ich wurde wegen eurer bl�den Spiele beinahe gefressen!�</p><p>Nein. Sie w�rde es ihm nicht sagen. Dem Naseweisen. Er hatte einen guten Unparteiischen f�r seine Einsendungen an das <emphasis>Metajournal ofMartian History,</emphasis> darauf lief es hinaus. Sich vergewissern, da� seine Forschungen korrekt von zust�ndiger Stelle besprochen wurden. Daf�r w�rde er in den innersten W�nschen einer Person herumtoben, in ihrer essentiellen Freiheit, Leben oder Tod zu w�hlen, ein freies menschliches Wesen zu sein!</p><p>Wenigstens hatte er nicht versucht, es zu leugnen.</p><p>Und nun�� war sie hier. Wut. Reue ohne Grund. Unerkl�rliche Besorgnis. Eine seltsam schmerzliche Heiterkeit. All das erf�llte sie pl�tzlich. Das wild vibrierende limbische System stie� mit kontr�ren wilden Emotionen in jeden Gedanken, abgetrennt vom Inhalt der Gedanken. Sax hatte sie gerettet; sie ha�te ihn, sie empfand eine tolle Freude. Kasei war tot, Peter nicht. Kein B�r konnte sie t�ten etc.�� immer weiter und weiter. Oh, wie seltsam!</p><p>Sie sichtete einen kleinen gr�nen Rover, der sich auf einem Absatz �ber der Eisbucht befand. Impulsiv fa�te sie das Lenkrad fester und fuhr zu ihm hinauf. Ein kleines Gesicht schaute heraus. Sie winkte ihm durch die Frontscheibe zu. Schwarze Augen, Brille, kahl. Wie ihr Stiefvater. Sie parkte ihren Rover neben seinem. Der Mann machte ihr ein Zeichen, her�ber zu kommen, und hielt einen Holzl�ffel hoch. Er sah unsicher aus, nur halb aus seinen Gedanken gerissen.</p><p>Ann zog eine gepolsterte Jacke an, ging durch die Schleusent�ren und trat zwischen die Wagen. Den Schock der kalten Luft empfand sie wie eine kalte Dusche. Es war angenehm, von einem Rover zum anderen zu gehen, ja �berhaupt sich ohne Schutzanzug ins Freie zu wagen, ohne das Leben zu riskieren. Es war ohnehin erstaunlich, da� nicht mehr Leute durch Sorglosigkeit oder defekte Schleusen umgekommen waren. Einigen war das nat�rlich passiert. Vielleicht Dutzenden, wenn man alle zusammenz�hlte. Jetzt war es nur noch ein Schu� kalter Luft.</p><p>Der kahle Mann �ffnete seine innere Schleusent�r, sagte �Hallo!� und strecke ihr die Hand entgegen.</p><p>Ann sagte �Hallo!� und sch�ttelte sie. �Ich bin Ann.�</p><p>�Ich bin Harry. Harry Whitebook.�!</p><p>�Ah! Ich habe von dir geh�rt. Du malst Tiere.�</p><p>Er l�chelte h�flich. �Ja.� Keine Scheu, keine Abwehr.</p><p>�Ich bin heute gerade von einem eurer Eisb�ren gejagt worden.�</p><p>�Wirklich?� Er machte runde Augen. �Die sind flink.�</p><p>�Allerdings. Aber es sind eigentlich keine Eisb�ren, nicht wahr?�</p><p>�Sie haben einige Grizzly-Gene wegen der H�he. Aber gr��tenteils ist es einfach <emphasis>Ursus maritimus.</emphasis> Das sind z�he Biester.�</p><p>�Es gibt viele Tiere.�</p><p>�Ja, ist das nicht wundervoll? Oh, entschuldige, hast du gegessen? M�chtest du etwas Suppe haben? Ich bereitete gerade Suppe zu. Lauchsuppe. Ich meine, das mu� man ja riechen.�</p><p>Das stimmte. �Ja, man riecht�s�, sagte Ann.</p><empty-line/><p>Bei Suppe und Brot stellte sie ihm Fragen �ber den Eisb�ren. �Sicher kann es f�r etwas so Gro�es hier keine ganze Nahrungskette geben?�</p><p>�O doch. In dieser Gegend ist das der Fall. Daf�r ist sie bekannt. Die erste Bioregio�n, die B�ren vertr�gt. Die Bucht ist bis zum Grund fl�ssig, wie du siehst. Das Ap-Mohole befindet sich im Zentrum des Kraters; darum hat der See keinen Boden. Im Winter nat�rlich �berfroren; aber die B�ren sind das von der Arktis her gewohnt.�</p><p>�Die Winter sind lang.�</p><p>�Ja. Die B�rinnen graben sich einen Bau im Schnee, nahe einigen H�hlen in zutage liegenden Stellen des Deichs im Westen. Sie halten keinen richtigen Winterschlaf. Ihre K�rpertemperatur sinkt nur um wenige Grade; und sie k�nnen in ein paar Minuten aufwachen, wenn sie den Bau wegen der W�rme anpassen m�ssen. So verbringen sie darin so viel vom Winter, wie sie k�nnen, leben darin und suchen Nahrung bis zum Fr�hling. Dann im Fr�hling schleppen wir einige Eisschollen durch die M�ndung der Bucht hinaus auf See; und von da aus entwickeln sich die Dinge, von unten nach oben. Die Basis der Nahrungskette ist im Wasser antarktisch und auf dem Lande arktisch. Plankton, Krill, Fische und Kalmare, Weddelrobben und an Land Kaninchen und Hasen, Lemminge, Murmeltiere, M�use, Luchse und Rotluchse. Und die B�ren. Wir machen Versuche mit Karibus, Rentieren und W�lfen; aber f�r Huftiere gibt es noch kein Futter. Die B�ren sind erst seit ein paar Jahren drau�en. Bis vor kurzem war der Luftdruck noch nicht ausreichend. Aber jetzt ist es hier wie auf viertausend Metern, und es sieht so aus, als ob die B�ren ganz gut damit zurecht k�men. Sie passen sich sehr rasch an.�</p><p>�Menschen auch.�</p><p>�Nun, auf viertausend Metern haben wir noch nicht sehr viele gesehen.� Er meinte viertausend Meter �ber dem Meer auf der Erde. H�her als jede st�ndige menschliche Siedlung, wie sie sich erinnerte.</p><p>Er fuhr fort: �...Am Ende erleben wir eine Expansion des Thoraxraums, zu der mu� es ja kommen...� Ein Mann, der Selbstgespr�che f�hrte. Gro�, st�mmig. Wei�es Gelb in einem Kranz um seine kahle Platte. Schwarze Augen, die hinter runden Brillengl�sern verschwammen.</p><p>�Bist du jemals Hiroko begegnet?� fragte sie.</p><p>�Hiroko Ai? Ja, einmal. Eine sympathische Frau. Ich h�re, sie ist wieder auf die Erde gegangen, um ihnen zu helfen, sich der Flut anzupassen. Hast du sie gekannt?�</p><p>�Ja. Ich bin Ann Clayborne.�</p><p>�Das habe ich mir gedacht. Die Mutter von Peter Clayborne, richtig?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Er war vor kurzem in Boone.�</p><p>�Boone?�</p><p>�Das ist die kleine Station gegen�ber der Bucht. Dies hier ist Botany Bay, und die Station ist Boone Harbor. Eine Art Scherz. Offenbar gab es in Australien ein �hnliches Paar.�</p><p>�Ja.� Sie sch�ttelte den Kopf. John w�rde f�r immer mit ihnen sein. Und er war keineswegs der schlechteste der Geister, die sie verfolgten.</p><p>Wie zum Beispiel dieser Mann, der ber�hmte Tiermaler. Er klapperte und fuhrwerkte kurzsichtig in der K�che herum, setzte ihr die Suppe vor, und sie a�, wobei sie ihn verstohlen beobachtete. Er wu�te, wer sie war, schien sich aber wohl zu f�hlen. Er machte keinen Versuch, sich zu rechtfertigen. Sie war eine rote Areologin, und er malte die neuen Tiere des Mars. Sie arbeiteten auf dem gleichen Planeten. Aber das bedeutete nicht, da� sie Feinde waren, nicht f�r ihn. Er konnte ihre Existenz ohne Bosheit verkraften. Darin lag etwas Erregendes, das trotz seiner freundlichen Art durchschlug. Es war so brutal, vergessen zu sein. Trotzdem gefiel er ihr. Diese leidenschaftslose Kraft und Unbestimmtheit�� irgend etwas war da. Er tr�delte in seiner K�che herum, setzte sich dann hin und a� mit ihr, rasch und ger�uschvoll, den Mund feucht von der klaren Br�he. Danach brachen sie von einem langen Laib Brot St�cke ab. Ann stellte Fragen �ber Boone Harbor.</p><p>Whitebook zeigte auf das Brot und sagte: �Es gibt dort eine gute B�ckerei und ein gutes Labor. Der Rest ist ein ganz gew�hnlicher Au�enposten. Aber wir haben letztes Jahr die Kuppel abgenommen, und jetzt ist es sehr kalt, besonders im Winter. Eigentlich ist es nur der sechsundvierzigste Breitengrad; aber wir empfinden es als einen nordischen Ort. So sehr, da� man davon spricht, die Kuppel zumindest im Winter wieder aufzuspannen. Es gibt auch Leute, die sagen, wir sollten verschwinden, bis es w�rmer wird.�</p><p>�Bis die Eiszeit vor�ber ist?�</p><p>�Ich glaube nicht, da� es eine Eiszeit geben wird.</p><p>Dieses erste Jahr ohne die Soletta war nat�rlich schlimm; aber es sollten unterschiedliche Kompensationen m�glich sein. Ein paar kalte Jahre, das wird alles sein.�</p><p>Er sch�ttelte eine seiner bekrallten Tatzen. Es k�nnte auch anders sein. Ann warf ihm fast ihr St�ck Brot vor die F��e. Aber sie wollte ihn lieber nicht aufregen. Sie beherrschte sich zitternd.</p><p>Sie fragte: �Ist Peter noch in Boone?�</p><p>�Ich nehme es an. Vor ein paar Tagen war er noch da.�</p><p>Sie sprachen weiter �ber das �kosystem Botany Bay. Ohne eine gr��ere F�lle pflanzlichen Lebens waren Tiermaler sehr eingeschr�nkt. Die Gegend �hnelte in dieser Hinsicht eher der Antarktis als der Arktis. M�glicherweise k�nnten neue Verfahren zur Fixierung des Bodens die Ansiedlung h�her entwickelter Pflanzen beschleunigen. Eben jetzt war das Land gr��tenteils von Flechten bewachsen. Die Tundrapflanzen w�rden folgen.</p><p>�Aber dies mi�f�llt dir�, bemerkte er.</p><p>�Mir hat es gefallen, wie es vorher war. Vastitas Borealis bestand aus Barchan-D�nen aus schwarzem und granatrotem Sand.�</p><p>�Werden nicht oben bei der Polkappe einige �brig bleiben?�</p><p>�Die Eiskappe wird an den meisten Stellen bis zum Meer herunterreichen. �hnlich wie in der Antarktis, wie du sagst. Nein, die D�nen und das geschichtete Terrain werden unter Wasser stehen�� so oder so. Die ganze n�rdliche Hemisph�re wird dahin sein.�</p><p>�Aber hier ist ja die n�rdliche Hemisph�re.�</p><p>�Eine Halbinsel im Gebirge. Und die ist irgendwie auch hin�ber. Botany Bay war einst Arcadia Krater Ap.�</p><p>Er sah sie lauernd durch die Brille an. �Vielleicht k�nnte es, wenn man in gro�er H�he lebt, so wirken wie in den alten Tagen. Die alten Tage, aber mit Luft.�</p><p>�Vielleicht�, sagte sie zur�ckhaltend. Er ging in der Kammer herum, stampfte mit schweren Schritten und s�uberte gro�e K�chenmesser �ber dem Ausgu�. Seine Finger endeten in kurzen stumpfen Krallen. Selbst wenn sie beschnitten waren, lie� es sich damit an kleinen Objekten schwer arbeiten.</p><p>Sie stand vorsichtig auf und sagte: �Vielen Dank f�r das Essen!� Dabei zog sie sich zur Schleusent�r zur�ck. Sie ergriff ihre Jacke auf dem Weg nach drau�en und schlug die T�r vor seiner �berraschten Nase zu. Hinaus in den scharfen Ansturm der K�lte und in die Jacke. Niemals vor einem Raubtier davonlaufen. Sie ging zu ihrem Wagen zur�ck und stieg ein, ohne sich umzuschauen.</p><p>Das alte Hochland von Tempe Terra war mit einer Anzahl kleiner Vulkane besetzt. Darum gab es �berall Lavafl�chen und Kan�le, sowie heimt�ckische Rutschstellen infolge des Grundeises und den gelegentlichen kleinen Abflu�k�nalen, in denen an der Gro�en B�schung Wasser heruntergestr�mt war. All dies zusammen mit der �blichen Sammlung vorzeitlicher Aufprall- und Verformungsrelikte war so vielf�ltig, da� auf areologischen Karten Tempe wie die Palette eines Malers aussah, auf der �berall Farben hingeklatscht waren, um die verschiedenen Aspekte der langen Geschichte der Region anzuzeigen. Nach Anns Meinung zu viele Farben; denn f�r sie waren die kleinsten Einteilungen in unterschiedliche areologische Einheiten k�nstlich�� Reste der Himmelsareologie, die zwischen Gebieten, die bekraterter, zerkl�fteter oder zerfressener waren als der Rest, zu unterscheiden suchten, w�hrend doch alles eins war, mit den bezeichnenden Merkmalen, die �berall sichtbar waren. Es war einfach eine rohe Landschaft, die Welt der Vorzeit und keineswegs rauher.</p><p>Sogar die B�den der langen geraden Canyons, genannt Tempe Fossae, waren zu zerkl�ftet, als da� man dar�ber h�tte fahren k�nnen. Darum nahm Ann einen indirekten h�hergelegenen Weg. Die j�ngsten Lavastr�me (eine Milliarde Jahre alt) waren h�rter als die zerfallenen Auswurfreste, �ber die sie geflossen waren, und standen jetzt als lange Deiche oder Bermen auf dem Land. Auf den weicheren Stellen dazwischen gab es eine Menge von Ergu�kratern, deren Mor�nen deutlich die Reste einer fl�ssigen Str�mung zeigten, wie Tropfburgen am Strand. Gelegentliche Inseln aus abgewetztem Muttergestein ragten aus all diesem Schutt hervor; aber im gro�en und ganzen war es Regolith, der �berall Spuren von Wasser und von Permafrost unter der Oberfl�che erkennen lie�, der langsames Einsinken und Rutschen bewirkte. Und jetzt bei zunehmenden Temperaturen und vielleicht auch infolge der aus den unterirdischen Explosionen in Vastitas dringenden W�rme hatten sich alle diese Gleitvorg�nge beschleunigt. Es gab lediglich ein paar neue Erdrutsche. Ein wohlbekannter roter Weg war weggefegt worden, als sich eine Rampe in Tempe 12 eingegraben hatte. Die W�nde von Tempe 18 waren auf beiden Seiten eingest�rzt, wodurch aus einem U-f�rmigen Canyon ein V-f�rmiger geworden war. Tempe 21 war verschwunden und durch den Zusammenbruch seiner hohen Westwand versch�ttet. �berall war das Land im Schmelzen begriffen. Ann sah sogar einige Taliks, aufgetaute Gebiete �ber dem Permafrost, die im Grunde nichts anderes als eisige S�mpfe waren. Und viele der ovalen Gruben der gro�en Alas-Depressionen waren mit Teichen gef�llt, die bei Tag schmolzen und bei Nacht gefroren, wodurch das Land noch schneller zerrissen wurde.</p><p>Sie passierte die lappige Mor�ne des Timoschenko- Kraters, dessen Nordflanke unter den s�dlichsten Lavawellen des Vulkans Coriolanus begraben war, des gr��ten der vielen kleinen Vulkane in Tempe. Hier war das Land sehr zernarbt; und es war Schnee gefallen, der dann geschmolzen und in unz�hligen kleinen Sammelbecken wieder gefroren war. Das Land brach mit allen charakteristischen Merkmalen von Permafrost ein: Polygonale Kiesgrate, konzentrische Kraterf�llung, Pingos, Spalten oder H�gel durch Solifluction. In jeder Senke ein von Eis bedeckter Teich oder Pfuhl. Das Land schmolz.</p><p>Aber an den sonnigen S�dh�ngen wuchsen, wo immer etwas Schutz vor dem Wind war, B�ume �ber Moos, Gras und Gestr�pp. In den von der Sonne beschienenen L�chern gab es �ber verfilzten Nadeln gebogenes Krummholz. In den schattigen L�chern war schmutziger Schnee und Firn. Der totale Ruin von so viel Land. Zerbrochenes Land, leer und doch nicht. Fels, Eis und morastige Wiesen, und alles umrahmt von verfallenen niedrigen Bodenwellen. In der Hitze des Nachmittags bl�hten sich j�he Wolken; und deren Schatten bildeten ein weiteres Fleckenmuster, eine verr�ckte schwarzrote und gr�nwei�e Steppdecke. Auf Tempe Terra w�rde sich niemand �ber Gleichf�rmigkeit beklagen k�nnen. Das alles lag vollkommen still unter den rasch dahinziehenden Wolkenschatten. Und trotzdem war da eines Abends in der D�mmerung eine wei�e Masse, die hinter einen Felsblock schl�pfte. Anns Herz klopfte, aber es war nichts weiter zu sehen.</p><p>Aber sie hatte etwas gesehen; denn kurz bevor die volle Dunkelheit das Land bedeckte, klopfte etwas an die T�r. Ihr Herz bebte wie der Rover auf seinen Sto�d�mpfern. Sie lief zu einem Fenster und schaute hinaus. Gestalten von der Farbe der Steine, winkende H�nde. Menschliche Wesen.</p><p>Es war eine kleine Gruppe Roter Guerilleros. Sie hatten ihren Rover auf Grund der im Tempe-St�tzpunkt gegebenen Beschreibung erkannt, sagten sie, nachdem Ann sie hereingelassen hatte. Sie hatten gehofft, sie zu finden, und waren hoch erfreut dar�ber. Sie lachten, schwatzten und gingen in der Kabine umher, kamen zu ihr, um sie zu ber�hren. Junge hochgewachsene Eingeborene mit Eckz�hnen aus Stein und strahlenden jungen Augen. Manche waren Orientalen, manche wei�, manche schwarz. Alle gl�cklich. Sie erinnerte sich von Pavonis Mons an sie, nicht individuell, sondern als Gruppe. Die jungen Fanatiker. Wieder empfand sie ein Schaudern.</p><p>�Wohin geht ihr?� fragte sie.</p><p>Eine junge Frau antwortete: �Nach Botany Bay. Wir werden die Whitebook-Labors beseitigen.�</p><p>�Und Boone Station�, f�gte ein anderer hinzu.</p><p>�O nein!� sagte Ann.</p><p>Sie verstummten und sahen einander vorsichtig an. Wie Kasei und Dao in Lastflow.</p><p>�Was meinst du?� fragte die junge Frau.</p><p>Ann holte Luft und versuchte, das zu erl�utern. Sie beobachteten sie scharf.</p><p>�Seid ihr in Sheffield gewesen?� fragte sie.</p><p>Sie nickten. Sie wu�ten, was sie meinte.</p><p>�Dann solltet ihr wissen, da� es unm�glich ist, einen roten Mars ohne Blutvergie�en auf dem ganzen Planeten zu schaffen�, sagte sie nachdr�cklich. �Wir m�ssen einen anderen Weg finden. Wir k�nnen das nicht machen, indem wir Menschen t�ten. Nicht einmal, wenn wir nur Tiere oder, Pflanzen umbringen oder Maschinen in die Luft jagen. Das w�rde nicht funktionieren. Es ist destruktiv. Es spricht die Leute nicht an, versteht ihr? Damit gewinnt man niemanden. Sie sind abgesto�en davon. Je mehr gewaltvolle Aktionen wir ausf�hren, desto gr�ner werden sie. Damit schaden wir unserer Sache. Versteht ihr? Wir tun es nicht f�r irgend etwas Beliebiges, sondern f�r unsere eigenen Gef�hle. Denn wir sind w�tend. Oder weil es aufregend ist. Wir m�ssen einen anderen Weg finden.�</p><p>Sie starrten sie an�� verst�ndnislos, mi�mutig, schockiert.</p><p>Ann fuhr fort: �Ich wei� nicht sicher, welches der andere Weg ist. Ich kann euch das nicht sagen. Ich denke... wir m�ssen versuchen weiterzumachen. Es mu� so etwas wie eine rote Areophanie werden. Die Areophanie wurde immer als eine Sache der Gr�nen verstanden, von Anfang an. Ich nehme an, wegen Hiroko, weil sie an der Definition ma�geblich beteiligt war. Und sie ins Leben gerufen hat. Damit war Areophanie immer mit Viriditas vermischt. Aber es gibt keinen Grund, warum das so sein mu�. Wir m�ssen das �ndern, sonst bringen wie nie etwas zustande. Es mu� eine Art Ehrfurcht vor dieser roten Welt entstehen, damit die Menschen lernen, es zu f�hlen. Das Rot des jungfr�ulichen Planeten mu� eine Gegenkraft f�r die Viriditas werden. Wir m�ssen dieses Gr�n beschmieren, bis es eine andere Farbe annimmt. Eine Farbe, wie ihr sie in gewissen Steinen seht, in Jaspis oder Serpentin. Ihr wi�t, was ich meine. Es bedeutet, da� man vielleicht Leute hinaus und ins Hochland schafft, damit sie sehen k�nnen, um was es �berhaupt geht. Es bedeutet, da� man sich �berallhin bewegen kann und Besitz- und Betreuungsrechte einf�hrt, damit wir f�r dieses Land sprechen k�nnen. Und sie werden zuh�ren m�ssen. Rechte f�r Wanderer, Areologen und Nomaden. Das k�nnte Areoformierung bedeuten. Versteht ihr?�</p><p>Sie hielt inne. Die jungen Eingeborenen waren noch aufmerksam. Sie sahen jetzt besorgt um sie aus oder besorgt wegen dem, was sie gesagt hatte.</p><p>Ein junger Mann sagte: �Wir haben diese Diskussion schon oft gef�hrt. Und es gibt Leute, die machen das so. Manchmal tun auch wir es. Aber wir halten den aktiven Widerstand f�r einen notwendigen Teil des Kampfes. Wir werden sonst einfach plattgewalzt. Die werden alles gr�n machen.�</p><p>�Nicht, wenn es uns gelingt, die Gr�ne Sache zu diskreditieren. Direkt von innen her und auch von ihren Herzen aus. Aber Sabotage und Mord�� aus all dem entspringt Gr�n. Glaubt mir, ich habe das gesehen. Ich k�mpfe schon so lange wie ihr und habe es erlebt. Wenn ihr versucht, das Leben zu sch�digen, kommt es nur st�rker zur�ck.�</p><p>Der junge Mann war nicht �berzeugt. �Sie haben uns das Sechs-Kilometer-Limit gegeben, weil sie Angst vor uns hatten, da wir die treibende Kraft hinter der Revolution waren. H�tten wir nicht gek�mpft, so w�rden die Metanats hier immer noch alles beherrschen.�</p><p>�Das war ein anderer Gegner. Als wir gegen die Terraner gek�mpft haben, waren die Gr�nen des Mars beeindruckt. Wenn wir aber gegen die Gr�nen des Mars k�mpfen, sind sie nicht beeindruckt, sondern w�tend. Und die Gr�nen gewinnen mehr Macht denn je.�</p><p>Die Gruppe sa� schweigend da, in Gedanken versunken, vielleicht entmutigt.</p><p>�Aber was sollen wir tun?� fragte eine grauhaarige Frau.</p><p>�Geht zu einem Land, das gef�hrdet ist�, schlug Ann vor. Sie zeigte aus dem Fenster. �Gerade hier w�re nicht schlecht. Oder irgendwo nahe der Sechskilometergrenze. Siedelt euch an, gr�ndet eine Stadt, macht sie zu einer erstklassigen Zufluchtsst�tte und zu einem sch�nen Ort! Wir werden wieder vom Hochland herunterkriechen.�</p><p>Sie erwogen das in tr�ber Stimmung.</p><p>�Oder geht in die St�dte und bildet eine Gruppe, die Tours anbietet, und einen legalen Fonds! Zeigt den Leuten das Land! Setzt jede �nderung durch, die sie vorschlagen!�</p><p>�Mist!� sagte der junge Mann kopfsch�ttelnd. �Das klingt f�rchterlich.�</p><p>�Allerdings�, sagte Ann. �Es gibt viel zu tun, das nicht angenehm ist. Aber wir m�ssen auch diese Leute von innen her anpacken. Und das funktioniert nur dort, wo sie leben.�</p><p>Lange Gesichter. Sie sa�en herum und diskutierten weiter. �ber ihre jetzige Lebensweise und wie sie zu leben w�nschten. Was sie tun k�nnten, um von dem einen zum anderen �berzugehen. Die Unm�glichkeit des Guerillalebens nach dem Ende des Krieges. Und so weiter. Es gab viele tiefe Seufzer, einige Tr�nen, Beschuldigungen und Ermutigungen.</p><p>�Kommt morgen mit mir�, schlug Ann vor, �und werft einen direkten Blick auf dieses Eismeer!�</p><p>Am n�chsten Tag fuhr die Guerillagruppe mit ihr auf dem sechzigsten L�ngengrad nach S�den, einen schwierigen Kilometer nach dem anderen. Die Araber nannten dieses leere Land Khala. Auf der einen Seite war es sch�n. Eine vorzeitliche Ein�de von Steingebilden, die ihre Herzen erf�llte. Dennoch waren die Guerilleros still und bedr�ckt, wie auf einer Pilgerreise mit Ungewissem Begr�bnischarakter. Sie kamen zu dem gro�en Canyon namens Nilokeras Scopulus und fuhren �ber eine breite nat�rliche Rampe hinein. Im Osten lag Chryse Planitia, eisbedeckt, ein weiterer Arm des Nordmeeres. Dem waren sie nicht entkommen. Vor ihnen im S�den lagen die Nilokeras Fossae, das Ende eines Canyonkomplexes, der im S�den, in der enormen Senke von Hebes Plasma, seinen Ursprung hatte. Hebes Plasma hatte keinen Ausgang, aber man nahm an, da� der Canyon durch den Ausbruch des Wasserreservoirs auf der H�he von Echus Chasma entstanden war. Eine sehr gro�e Wassermenge war von Echus gegen die harte Westseite von Lunae Planum heruntergebrochen und hatte die hohe steile Klippe bei Echus Overlook unterh�hlt. Dann war die riesige Klippe in den Canyon gest�rzt; und das Wasser war hinab- und hindurchgerauscht und hatte dabei die gro�e Biegung von Kasei Vallis zerrissen und einen tiefen Kanal zu den Tiefl�ndern von Chryse gegraben. Das war einer der gr��ten Wasserreservoirausbr�che in der Geschichte des Mars gewesen.</p><p>Jetzt war das n�rdliche Meer nach Chryse zur�ckgestr�mt; und es ergo� sich wieder Wasser in das untere Ende von Nilokeras und Kasei. Der Berg mit dem flachen Gipfel, der Sharanow-Krater, stand wie ein gigantisches Schlo� auf dem hohen Vorgebirge �ber der M�ndung dieses neuen Fjords. Drau�en, mitten im Fjordwasser, lag eine lange, schmale Insel, eine der geschweiften Inseln der alten Flut, die jetzt wieder zur Insel geworden hartn�ckig rot in dem Meer aus wei�em Eis lag. Dieser Fjord w�rde schlie�lich einen noch besseren Hafen abgeben als die Botany Bay. Er hatte steile W�nde, aber hier und da gab es Terrassen, die zu Hafenst�dten werden k�nnten. Man w�rde sich nat�rlich wegen des Westwindes, der von Kasei wie durch einen Trichter hereinstr�mte, genau wie �ber katabatische Angriffe, die die Schiffe im Chryse-Golf drau�en festhielten, Gedanken machen m�ssen...</p><p>Sehr merkw�rdig. Ann brachte die Gruppe schweigender Roter zu einer Rampe, und leitete sie hinunter auf eine breite Bank westlich des Eisfjords. Inzwischen war es Abend; sie verlie�en die Rover, und sie f�hrte sie zu einem Spaziergang bei Sonnenuntergang hinaus ins Freie.</p><p>Genau im Moment des Sonnenuntergangs standen sie in einem dichten m�rrischen Haufen vor einem einzelnen Eisblock von etwa vier Metern H�he. Dessen geschmolzene Einbuchtungen waren so glatt wie Muskeln. Sie standen so, da� die Sonne hinter dem Eisblock stand und durch ihn hindurchschien. Zu beiden Seiten des Blocks wurde das Licht von dem glasigen feuchten Sand zur�ckgeworfen. Eine Mahnung aus Licht. Unbestreitbar und blendend real. Was sollten sie damit machen? Sie standen unbewegt und schauten schweigend hin.</p><p>Als die Sonne �ber dem schwarzen Horizont verschwand, entfernte sich Ann von der Gruppe und ging allein zu ihrem Rover hin�ber. Sie schaute zur�ck auf den Abhang. Die Roten waren noch bei dem Eisberg am Strand. Er wirkte zwischen ihnen wie ein wei�er Gott, orange get�nt wie das runzlige Eisfeld der Bucht. Wei�er Gott, B�r, Bucht, ein Dolmen aus Mars-Eis. Der Ozean w�rde f�r immer mit ihnen sein, so real wie dieser Fels.</p><p>Am n�chsten Tage fuhr sie Kasei Vallis nach Westen empor, auf Echus Chasma zu. Sie fuhr immer weiter aufw�rts, lie� eine breite Bank nach der anderen hinter sich und kam leicht voran bis zu dem Punkt, wo Kasei nach links und auf den Boden von Echus abbog. Diese Biegung war eines der gr��ten von Wasser ausgetieften Gebilde auf dem Planeten. Jetzt entdeckte Ann, da� der flache Boden des Arroyos von Zwergb�umen bedeckt war, so klein, da� sie wie Gestr�pp wirkten. Schwarze Rinde, dornig, die dunkelgr�nen Bl�tter so gl�nzend und messerscharf wie die von Stechpalmen. Moos bedeckte den Boden unter diesen schwarzen B�umen, sonst aber fast nichts. Es war ein monokultureller Wald, der Kasei Vallis von Wand zu Wand der Canyons bedeckte und die gro�e Biegung ausf�llte wie ein �bergro�er Schmutzfleck.</p><p>Notwendigerweise fuhr Ann direkt durch die niedrigen B�ume, und der Rover kippte hin und her, wenn die Zweige, z�h wie B�rentrauben, unter den R�dern nachgaben und dann wieder zur�ckwippten, wenn sie freigelassen wurden. Es war unm�glich geworden, diesen Canyon zu Fu� zu begehen, dachte Ann, diesen Canyon mit den tiefen W�nden, so rund und eng wie eine Art von Phantasie Utah; zumindest war er das gewesen, jetzt wirkte er eher wie der schwarze Wald im M�rchen, unentrinnbar, voll fliegender schwarzer Wesen und mit einer wei�en Gestalt, die gesehen wurde, wie sie im Dunkel durch die Gegend rannte. Es gab keine Spur mehr von dem UNTA-Sicherheitskomplex, der fr�her die Biegung des Tales besetzt gehalten hatte. Ein Fluch �ber dein Haus bis in die siebte Generation und auch ein Fluch f�r das unschuldige Land. Sax war hier gefoltert worden und hatte damals Feuer in den Boden ges�t und die Stelle verbrannt; dadurch war ein Dornenwald gewachsen und sie bedeckt. Und sie bezeichneten Wissenschaftler als rationale Kreaturen! Ein Fluch auch auf ihr Haus, dachte Ann mit zusammengebissenen Z�hnen. Bis in die siebte Generation und noch sieben danach!</p><p>Sie zischte zwischen den Z�hnen und fuhr weiter, Echus hinauf, zu dem steilen Vulkankegel von Tharsis Solis. Dort war eine Stadt. An die Seite des Vulkans geklebt, wo der Abhang flacher wurde. Der B�r hatte ihr gesagt, da� Peter dorthin wollte, und darum mied sie sie. Peter, das Land �berschwemmt; Sax, das Land verbrannt. Einst hatte er ihr geh�rt. Auf diesen Felsen will ich bauen. Peter Tempe Terra�� der Fels im Land der Zeit. Der neue Mensen, der <emphasis>homo martialis.</emphasis> Der sie verraten hatte. Denk dran!</p><p>Sie fuhr weiter nach S�den, den Hang des Tharsis- Buckels hinauf, bis der Kegel von Ascraeus in Sicht kam. Ein Gebirgskontinent, der den Horizont markierte. Pavonis war wegen seiner �quatorialen Lage und des kleinen Vorteils, den ihm das Aufzugskabel gab, �berschwemmt und zu gro� geworden. Aber Ascraeus, nur f�nfhundert Kilometer nord�stlich von Pavonis, war in Ruhe gelassen worden. Niemand wohnte dort. Nur ab und zu ein paar Areologen, um seine Lava und pyroklastischen Aschenfl�sse zu studieren, die beide das Rot fast schwarz f�rbten.</p><p>Sie fuhr auf die niedrigeren H�nge zu, die sanft gewunden in der Sonne lagen. Ascraeus war wegen der Albedo einer der klassischen Namen gewesen, da er so gro� war, da� man ihn leicht von der Erde aus sehen konnte. Ascraeus Lacus. Das war w�hrend der Kanalmanie gewesen, und darum hatten man ihn f�r einen See gehalten. Pavonis hatte man Phoenicus Lacus, Ph�nix-See, genannt. Ascra war, wie sie gelesen hatte, die Geburtsst�tte von Hesiod gewesen, �gelegen rechts von Mount Helicon auf einer hohen und rauhen Stelle�. Obwohl man ihn also f�r einen See gehalten hatte, wurde er nach einem Berg benannt. Vielleicht hatten sie im Unterbewu�tsein die teleskopischen Bilder letztlich doch richtig verstanden. <emphasis>Ascraeus</emphasis> war im allgemeinen ein poetischer Name f�r das Hirtengedicht. Helicon war der Berg in B�otien, der dem Apollo und seinen Musen gewidmet war. Hesiod hatte einstmals von seinem Pflug aufgeschaut und das Gef�hl gehabt, eine Geschichte erz�hlen zu m�ssen. Seltsam ist die Geburt von Mythen, seltsam sind die alten Namen, die lange gelebt hatten und vergessen wurden, w�hrend man die alten Geschichten immer wieder erz�hlte.</p><p>Er war der steilste der vier gro�en Vulkane; aber es gab keine ihn umgebende B�schung wie bei Olympus Mons. Darum konnte Ann den Rover in einen kleinen Gang schalten und hochjagen, als ob sie in Zeitlupe in den Weltraum starten wollte. Sie lehnte sich zur�ck und machte ein Nickerchen. Den Kopf auf der Kopfst�tze, entspannen. Aufwachen bei Ankunft in 27 Kilometern �ber Meeresh�he, der gleichen H�he, die die anderen drei Gro�en hatten. Das war so hoch, wie ein Berg auf dem Mars im Grunde werden konnte. Es war die isostatische Grenze, an der die Lithosph�re unter dem Gewicht des aufget�rmten Gesteins abzusacken begann. Die vier Gro�en hatten das Maximum ersch�pft. Sie hatten nicht h�her werden k�nnen. Ein Zeichen ihrer Gr��e und ihres hohen Alters.</p><p>Sehr alt, gewi�, aber gleichzeitig war die Oberfl�chenlava von Ascraeus eine der j�ngsten vulkanischen Gesteinsanh�ufungen auf dem Mars und durch Wind und Sonne nur leicht verwittert. Bei ihrer Abk�hlung waren die Lavamassen langsamer heruntergeglitten und hatten flache krumme Buckel gebildet, an denen sie hochstiegen oder vorbeiflossen. Eine alte Piste von Roverspuren zog sich im Zickzack den Hang hinauf und vermied die steilen Abschnitte am Boden dieser Fl�sse, und nutzte statt dessen ein gro�es Netz von Rampen und R�ckstaustellen. �berall, wo st�ndig Schatten herrschte, hatten sich anf�ngliche Nebelschwaden zu B�nken aus schmutzigem dichtgepacktem Schnee abgesetzt. Die Schatten zeigten jetzt ein zartes geschw�rztes Wei�, als ob sie durch ein fotografisches Negativ f�hre. Ihre Stimmung sank unerkl�rbar, w�hrend sie immer h�her hinaufkam. Hinter sich konnte sie immer mehr von der konischen Nordflanke des Vulkans erkennen und dahinter im Norden Tharsis bis hin zum Echus-Wall, einer niedrigen Linie in mehr als hundert Kilometern Entfernung. Vieles von dem, was sie sehen konnte, war fleckig durch Schneedriften, Windtafeln und Firn. Wei� gesprenkelt. Die schattigen Seiten von Vulkankegeln waren oft schwer vereist.</p><empty-line/><p>Dort auf einer Steinfl�che hell smaragdenes Moos. Alles wurde gr�n.</p><empty-line/><p>Aber als sie Tag f�r Tag weiter und schlie�lich �ber alle Vorstellung aufstieg, wurden die Schneeflecken d�nner und seltener. Schlie�lich befand sie sich zwanzig Kilometer �ber der Bezugsh�he�� �ber Meeresniveau�� fast siebzigtausend Fu� �ber dem Eis! Mehr als doppelt so hoch wie der Everest �ber den Ozeanen der Erde. Und immer noch ragte der Kegel des Vulkans �ber ihr auf, noch volle siebentausend Meter mehr! Direkt hinauf in den dunkler werdenden Himmel, direkt in den Weltraum.</p><p>Weit unten breitete sich eine glatte flache Wolkenschicht aus und verdeckte Tharsis. Als ob die wei�e See sie hier den Hang hinaufjagen w�rde. Bis zu dieser H�he gab es keine Wolken, wenigstens an diesem Tag. Manchmal t�rmten sich Gewitterk�pfe neben dem Berg auf, und an anderen Tagen konnte man �ber sich Cirruswolken sehen, die den Himmel mit einem Dutzend schmaler Sichern zerteilten. Heute war der Himmel ein klares purpurnes mit Schwarz durchsetztes Indigo und gespickt mit einigen Tageslichtsternen im Zenit. Orion stand schwach und allein da. Fern �stlich vom Vulkangipfel zog eine d�nne Wolkenschicht dahin, ein Gipfelbanner, so schwach, da� man durch sie hindurch den schwarzen Himmel sehen konnte. Es gab hier oben weder viel Feuchtigkeit noch eine brauchbar dichte Atmosph�re. Es w�rde immer eine zehnfache Differenz zwischen dem Luftdruck auf Meeresh�he und hier oben auf den gro�en Vulkanen bestehen. Der Druck hier oben mu�te deshalb bei 35 Millibar liegen, nur ganz wenig mehr, als er bei ihrer Ankunft gewesen war.</p><p>Nichtsdestoweniger ersp�hte sie winzige Flechtenflecken in kleinen Vertiefungen auf der Oberseite der Steine und in H�hlungen, die etwas Schnee eingefangen und dann viel Sonne abbekommen hatten. Sie waren fast zu klein, um entdeckt zu werden. Flechten sind ein symbiotisches Team von Algen und Pilzen, die gemeinsam um ihr �berleben k�mpfen, selbst bei drei�ig Millibar. Es war kaum zu glauben, was das Leben ertragen konnte. Wieder einmal seltsam.</p><p>Tats�chlich erschien es ihr so eigenartig, da� sie den Schutzanzug anlegte und hinausging, um sie sich anzusehen. Hier oben mu�te man all die alten Vorsichtsma�nahmen beachten: Den Anzug sichern, die T�ren verschlie�en. Dann hinaus in den hellen Glanz eines niedrigen Raums.</p><p>Die Felsen, die die Flechten beherbergten, waren jene Art flacher Veranden, auf denen Murmeltiere Sonnenb�der genommen h�tten, wenn sie so hoch oben h�tten leben k�nnen. Statt dessen nur kleine gelbgr�ne oder schlachtschiffgraue Stecknadelk�pfe. Flockenflechten, sagte der F�hrer am Armband. St�cke davon in St�rmen abgerissen, hier hochgeschleudert, auf Steine gefallen und wie kleine pflanzliche Napfschnecken festgeklebt. Etwas, das nur Hiroko erkl�ren konnte.</p><p>Lebewesen. Michel hatte gesagt, da� sie Steine liebte und nicht Menschen, weil sie mi�handelt und ihr Geist gesch�digt worden war. Der Hippocampus war wesentlich kleiner, starke Schreckreaktion, Tendenz zur Dissoziation. Und so hatte sie einen Mann gefunden, der ebenso einem Stein glich, wie sie einer sein konnte. Auch Michel hatte diese Eigenschaft bei Simon gesch�tzt, wie er ihr sagte. Es war in den Jahren von Underhill eine gro�e Erleichterung gewesen, einen solchen Mann zu haben, ruhig und solide, dem man Vertrauen schenken konnte und dessen H�ndedruck Erleichterung bewirkte.</p><p>Aber Simon war nicht der einzige auf der Welt von dieser Art, wie Michel erkl�rt hatte. Diese Qualit�t schlummerte auch in den anderen, gemischt und weniger rein, aber immerhin vorhanden. Warum konnte sie diese Eigenschaft hartn�ckiger Ausdauer nicht auch bei anderen Leuten lieben, in jedem Lebewesen? Alle versuchten sie nur zu existieren, wie jeder Fels oder Planet. In ihnen allen war diese mineralische Beharrlichkeit.</p><p>Der Wind fuhr bei�end an ihrem Helm vorbei und �ber die Lavabrocken. Er brummte in ihrem Luftschlauch und �bert�nte das Atemger�usch. Der Himmel war hier eher schwarz als Indigo, abgesehen von dem Bereich tief am Horizont, wo er ein dunstiges Purpurviolett zeigte und dar�ber ein klares hellblaues Band... Oh, wer konnte glauben, da� sich das jemals �ndern w�rde, hier auf dem Hang von Ascraeus Mons! Warum hatten sie sich nicht hier oben niedergelassen, um sich daran zu erinnern, wohin sie gekommen waren und was ihnen vom Mars gegeben wurde, das sie dann so verschwenderisch weggeworfen hatten! Zur�ck zum Rover. Sie fuhr weiter nach oben.</p><empty-line/><p>Sie befand sich �ber den Cirruswolken, geflau westlich von dem durchscheinenden Gipfelbanner des Vulkans. Im Lee des Strahlstroms. Sich in die H�he zu begeben war wie eine Reise in die Vergangenheit, oberhalb aller Flechten und Bakterien. Obwohl sie keinen Zweifel hatte, da� es sie hier gab und sie sich in den ersten Schichten des Gesteins verbargen. Ein chasmoendolithisches Leben wie das Kleine Rote Volk, die mikroskopischen G�tter, die zu John Boone gesprochen hatten, ihrem lokalen Hesiod. So erz�hlten es sich die Leute.</p><p>Leben �berall. Die Welt wurde gr�n. Aber wenn man das Gr�n nicht sehen konnte, machte das f�r das Land keinen Unterschied. Sicher begr��te es das Vorhaben?</p><p>Lebende Kreaturen. Michel hatte zu ihr gesagt: Du liebst Steine wegen der mineralischen Qualit�t, die das Leben hat! Es l�uft alles auf Leben hinaus. Simon Petrus, auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen. Warum sollte sie nicht die Eigenschaft von Stein in allen Dingen lieben?</p><p>Der Rover rollte die letzten konzentrischen Lavaterrassen hinauf und arbeitete jetzt weniger angestrengt, als er �ber die asymptotische Abflachung des breiten runden Randes kurvte. Nur noch leicht bergauf und mit jedem Meter weniger. Und dann auf den Rand selbst. Danach zur Innenkante des Vulkans.Blick auf die Caldera. Sie stieg aus dem Wagen. Ihre Gedanken flatterten umher wie Skuas.</p><p>Der zusammenh�ngende Caldera-Komplex von Ascraeus bestand aus sechs sich �berlappenden Kratern, wobei die j�ngeren an den Peripherien der �lteren eingest�rzt waren. Die gr��te und j�ngste Caldera lag nahe dem Zentrum des Komplexes; und die �lteren Calderas, deren Boden h�her lag, umgaben ihren Umkreis wie die Bl�tenbl�tter eines Blumenarrangements. Jeder Calderaboden war auf etwas unterschiedlicher H�henlage und wurde durch ein Muster kreisf�rmiger Br�che markiert. Wenn man um den Rand ging, �nderte sich die Perspektive, so da� sich die Distanzen verschoben. Und die H�hen der B�den schienen wie in einem Traum zu wechseln. Alles in allem ein sch�ner Anblick, den man erlebte. In achtzig Kilometern Durchmesser.</p><p>Es war eine Lektion �ber die Mechanik von Vulkanschlunden. Eruptionen tief in den �u�eren Flanken des Vulkans hatten das Magma aus dem aktiven Schlund der Caldera abgezogen, und so hatte sich der Calderaboden gesenkt. Daher kamen all die kreisf�rmigen Bildungen, als der aktive Schlund im Laufe der �onen die Runde machte. Bogenf�rmige Klippen. Wenige Orte auf dem Mars boten so vertikale H�nge. Sie verliefen fast genau senkrecht. Ringwelten aus Basalt. Es h�tte das Mekka der Bergsteiger und Kletterer sein k�nnen, war es aber ihres Wissens nicht. Eines Tages w�rden sie schon kommen.</p><p>Die Komplexit�t von Ascraeus war so v�llig anders als die einzige gro�e Vertiefung von Pavonis. Warum war die Caldera von Pavonis jedesmal auf der gleichen Peripherie zusammengebrochen? K�nnte es sein, da� ihr letzter Niedergang alle anderen Ringe ausradiert und getilgt hatte? War die Magmakammer kleiner gewesen, oder hatte sie weniger Seitenausg�nge gehabt? War der Schlund von Ascraeus mehr gewandert? Ann hob an der Kante des Randes lockere Steine auf und sah sie sich an. Lavabomben, sp�te Meteorausw�rfe, Windprodukte in den unabl�ssigen St�rmen... Das waren alles Fragen, die noch untersucht werden mu�ten. Nichts, was die Menschen taten, w�rde jemals die Vulkanologie hier oben st�ren. Es w�rde nicht reichen, um die Studie zu behindern. Tats�chlich hatte das <emphasis>Journal ofAreological Studies</emphasis> viele Artikel �ber diese Themen ver�ffentlicht, wie sie gelegentlich gesehen hatte. Es war so, wie Michel es ihr erkl�rt hatte. Die hohen Orte w�rden immer gleich aussehen. Das Erklettern der gro�en H�nge w�rde wie eine Reise in die Vergangenheit vor der Ankunft des Menschen sein, in reine Areologie, vielleicht in die Areophanie selbst, Hiroko oder nicht. Mit den Flechten oder ohne sie. Man hatte davon gesprochen, �ber diesen Calderas eine Kuppel zu errichten, um sie v�llig steril zu halten. Aber das w�rde sie nur zu Zoos machen, zu Wildparks und G�rten mit Mauern und D�chern. Leere Gew�chsh�user. Nein! Sie richtete sich auf, schaute �ber die weite runde Landschaft, die sich gleichsam aufgerichtet dem Raum darbot. Jenem chasmoendolithischen Leben, das dort vielleicht k�mpfte, winkte sie mit der Hand. Leben. Sie sprach das Wort aus, und es klang seltsam: �Leben.�</p><p>Mars in alle Ewigkeit, steinig im Sonnenlicht. Aber dann erhaschte sie im Augenwinkel den wei�en B�ren, der hinter einem schroffen Felsblock verschwand. Sie sprang drauf zu, aber da war nichts. Sie ging zum Rover zur�ck, f�hlte, da� sie seinen Schutz brauchte. Sie kletterte hinein. Aber dann schienen den ganzen Nachmittag auf dem Computerschirm ihres Rovers die vagen bebrillten Augen nach ihr Ausschau zu halten, bereit, sie jeden Augenblick anzurufen. Ein freundlicher B�r von einem Mann, obwohl er sie fressen w�rde, wenn er sie erwischen k�nnte. Wenn er sie fangen k�nnte: Aber keiner von denen konnte sie fangen. Sie k�nnte sich f�r immer in diesen hohen Felsfestungen verstecken. Sie war frei und w�rde frei sein zum Sein oder Nichtsein, falls sie sich daf�r entschied, so lange, wie der Fels hielt. Aber dann wieder, genau an der Schleusent�r, dieses wei�e Aufblitzen in ihrem Augenwinkel. Ah, so hart!</p></section></section><section><title><p>SIEBTER TEIL</p><p>Die Dinge in Gang bringen</p></title><section><p><emphasis>Ein von Eis ersticktes Meer bedeckte jetzt einen gro�en Teil des Nordens. Vastitas Borealis hatte ein oder zwei Kilometer, an manchen Stellen sogar drei unter dem Bezugsniveau gelegen. Jetzt stabilisierte sie sich bei der Zone von minus eins. Der gr��te Teil lag unter Wasser. Wenn es auf der Erde einen �hnlichen Ozean gegeben h�tte, w�re er ein gr��eres Eismeer gewesen, h�tte die gr��ten Teile von Ru�land, Kanada, Alaska, Gr�nland und Skandinavien bedeckt und weiter s�dlich zwei tiefere Intrusionen gebildet, schmale Meerengen, die sich bis zum �quator erstreckten. Auf der Erde w�rden sie einen engen Nordatlantik gebildet haben und einen Nordpazifik, der in seiner Mitte eine gro�e quadratische Insel barg.</emphasis></p><p><emphasis>Dieser Oceanus Borealis war mit etlichen gro�en Eis-Inseln besetzt, sowie einer langen niedrigen Halbinsel, die das Festland n�rdlich von Syrtis mit dem Ausl�ufer einer polaren Insel verband. Der Nordpol lag praktisch auf dem Eis des Olympia-Golfes, ein paar Kilometer vor der K�ste dieser Polinsel.</emphasis></p><p><emphasis>Und das war es nun. Auf dem Mars w�rde es kein Gegenst�ck zum S�dpazifik oder S�datlantik oder dem Indischen noch dem Antarktischen Ozean geben. Im S�den gab es nur W�ste, mit Ausnahme des Hellas-Meeres, eines runden Wasserbeckens in etwa von der Gr��e der Karibik. W�hrend also auf der Erde der Ozean 70 Prozent der Oberfl�che bedeckte, waren es auf dem Mars nur etwa 25 Prozent.</emphasis></p><p><emphasis>Im Jahre 2130 war der gr��te Teil des Oceanus Borealis von Eis bedeckt. Es gab aber gro�e Pf�tzen fl�ssigen Wassers unter der Oberfl�che, und im Sommer sammelte sich Schmelzwasser an der Oberfl�che der gefrorenen Seen. Es gab auch viele freie Stellen, Rinnen und Risse. Weil der gr��te Teil des Wassers heraufgepumpt oder anderswie aus dem Permafrost geholt worden war, hatte es die Reinheit tiefen Grundwassers, war also fast destilliert. Borealis war ein S��wasserozean. Allerdings wurde erwartet, da� er bald salzig werden w�rde, da die Fl�sse durch den sehr salzhaltigen Regolith liefen und ihre Fracht im Meer abluden, dann verdunsteten, ausgef�llt wurden und den Proze� wiederholten, bis ein Gleichgewicht hergestellt sein w�rde. Diesen Vorgang hatten die Ozeanographen mit Interesse verfolgt, weil das Ma� des Salzgehaltes der Weltmeere auf der Erde, der seit vielen Jahrmillionen stabil war, immer noch nicht recht verstanden worden war.</emphasis></p><p><emphasis>Die K�stenlinien waren wild. Die Polinsel, formell namenlos, wurde abwechselnd die polare Halbinsel, die polare Insel oder wegen ihrer Gestalt auf den Karten das Seepferdchen genannt. Praktisch war ihr K�stenverlauf an vielen Stellen noch von dem Eis der alten Polkappe �berzogen und hin und wieder mit Schnee gewei�t, der in die Gestalten gigantischer Sastrugi geweht wurde. Diese wellige wei�e Fl�che dehnte sich viele Kilometer �ber das Meer aus, bis Str�mungen unter der Oberfl�che sie aufbrachen und man zu einer �K�stenlinie� aus Wasserrinnen und Druckgraten und den chaotischen Kanten gro�er Tafel-Eisberge gelangte, wie auch zu gr��eren und breiteren Stellen offenen Wassers. Mehrere gro�e vulkanische oder meteoritische Inseln erhoben sich aus dem Tr�mmerfeld dieser Eisk�ste, einschlie�lich einiger Sockelkrater, die wie gro�e schwarze Tafelberge aus dem Wei� aufragten.</emphasis></p><p><emphasis>Die s�dlichen K�sten des Borealis-Ozeans waren exponierter und vielf�ltiger. Wo das Eis gegen den Fu� der gro�en B�schung stie�, gab es etliche H�gelregionen, die zu Archipelen im Meer geworden waren, welche, ebenso wie die eigentliche K�ste des Festlandes, durch viele vorstehende Meeresklippen, Steilufer, Kraterbuchten, Fossafjorde und lange Strecken glatten Strandes gebildet wurde. Das Wasser in den zwei gro�en Golfs des S�dens war unter der Oberfl�che weitgehend geschmolzen und im Sommer auch an der Oberfl�che. Der Chryse-Golf hatte vielleicht die dramatischste K�stenlinie von allen. Acht gro�e Ausbruchskan�le, die in den Chryse f�hrten, waren teilweise mit Eis gef�llt gewesen und hatten sich, als dieses schmolz, zu Fjorden mit steilen W�nden vertieft. Am S�dende des Golfs verflochten sich vier dieser Fjorde miteinander und fl�ssen um mehrere gro�e steilwandige Inseln, um die eindrucksvollste aller Meereslandschaften zu bilden.</emphasis></p><p><emphasis>�ber all dieses Wasser flogen t�glich gro�e Vogelschw�rme. Wolken entfalteten sich in der Luft und wurden vom Wind dahingetrieben, wobei sie das Wei� und Rot unter sich mit ihren Schatten befleckten. Eisberge fl�ssen �ber die geschmolzenen Meere und prallten an ferne K�sten. St�rme w�teten von der Gro�en B�schung mit entsetzlicher Kraft herunter und trafen den Fels mit Hagel und Blitz. Es gab auf dem Mars jetzt ann�hernd vierzigtausend Kilometer K�ste. Und durch den schnellen Wechsel von Frost und Tau in den N�chten und Jahreszeiten und unter dem st�ndigen Ansturm des Windes wurde jedes St�ck davon lebendig.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Als der Kongre� endete, machte Nadia Pl�ne, Pavonis Mons sofort zu verlassen. Sie war der eigenen Streitereien in dem Lagerhaus �berdr�ssig, der Diskussionen, der Politik. Ihr war �bel von der Gewalt und den Drohungen; �bel von Revolution, Sabotage, der Verfassung, der Aufzugdiskussion, der Erde und dem drohenden Krieg. Erde und Tod�� das war Pavonis Mons, Pfauenberg, wobei alle Pfauen sich aufspielten und br�steten und <emphasis>Ich Ich Ich</emphasis> schrien. Das war der letzte Ort auf dem Mars, wo Nadia sein mochte.</p><p>Sie wollte vom Berg runter und die freie Luft atmen. Sie wollte an handfesten Dingen arbeiten. Sie wollte mit ihren neun Fingern, ihrem R�cken und ihrem Geist alles und jedes bauen, nicht blo� die Strukturen entwerfen, obwohl diese nat�rlich auch sch�n sein konnten; aber Dinge wie Luft oder Dreck, Teile eines f�r sie neuen Bauvorhabens, das einfach Terraformen an sich war, interessierten sie jetzt. Seit ihrem ersten Spaziergang in der freien Luft unten beim DuMartheray-Krater, frei von allem au�er einer kleinen Maske mit Kohlendioxidfilter, war ihr Saxens Besessenheit sinnvoll erschienen. Sie war bereit, sich mit ihm zusammenzutun und den �brigen in diesem Projekt�� und jetzt, da die Beseitigung der orbitalen Spiegel einen langen Winter ausgel�st hatte und mit einer komplette Eiszeit drohte, mehr denn je. Luft bauen, Dreck bauen, Wasser bewegen, Pflanzen und Tiere einf�hren. Diese Art von Arbeit klang jetzt faszinierend f�r sie. Und nat�rlich lockten auch die konventionelleren Bauvorhaben. Wenn das neue Nordmeer schmolz und seine K�stenlinie stabilisiert war, mu�ten �berall Hafenst�dte angelegt werden, wahrscheinlich dutzendweise, jede mit Kais, Kan�len, Werften und Docks. Und die St�dte dahinter w�rden in die Berge aufsteigen. In gr��eren H�hen m��ten mehr Kuppelst�dte und �berdachte Canyons gebaut werden. Man sprach sogar davon, einige der gro�en Calderas abzudecken und Seilbahnen zwischen den drei Prinzvulkanen verkehren zu lassen oder die Engen s�dlich von Elysium zu �berbr�cken. Man sprach davon, den polaren Inselkontinent zu besiedeln. Es gab neue Konzepte f�r Bioh�user, Wohnungen und Geb�ude direkt aus manipulierten B�umen wachsen zu lassen, so wie Hiroko Bambus benutzt hatte, aber in gr��erem Ma�stab. Ja, ein Baumeister, der bereit war mehr von den neuesten Techniken kennenzulernen, hatte tausend Jahre verlockender Projekte vor sich. Es war ein Traum, der sich verwirklicht hatte.</p><empty-line/><p>Dann kam eine kleine Gruppe zu ihr und sagte, sie erkundeten M�glichkeiten f�r den ersten Exekutivrat der neuen globalen Regierung.</p><p>Nadia starrte die Leute an. Sie erkannte deren Bedeutung als gro�e Falle in Zeitlupe und versuchte ihr Bestes, um zu entrinnen, ehe sie zuschnappte. Sie sagte: �Es gibt viele M�glichkeiten. Ungef�hr zehnmal so viele gute Leute als Ratsposten.�</p><p>�Ja�, sagten sie nachdenklich. �Aber wir haben �berlegt, ob du jemals daran gedacht hast...�</p><p>�Nein�, erkl�rte sie.</p><p>Art grinste und merkte, da� sie �rgerlich wurde. �Ich plane zu bauen.�</p><p>�Das k�nntest du auch machen�, sagte Art. �Der Rat ist eine Teilzeitarbeit.�</p><p>�Zum Teufel damit!�</p><p>�Nein, es stimmt.�</p><p>Es stimmte, da� das Konzept der B�rgerregierung �berall in die neue Verfassung aufgenommen worden war, von der globalen Legislatur �ber die Gerichtsh�fe bis zu den Kuppeln. Die Leute w�rden vermutlich einen gro�en Teil dieser Arbeit in Teilzeit leisten. Aber Nadia war sich ganz sicher, da� der Exekutivrat nicht in diese Kategorie geh�ren w�rde. �M�ssen die Mitglieder des Exekutivrates nicht aus der Legislatur gew�hlt werden?� fragte sie.</p><p><emphasis>�Durch</emphasis> die Legislatur�, sagten sie ihr fr�hlich. Gew�hnlich wurden Kollegen aus der Gesetzgebung gew�hlt, aber nicht notwendigerweise. Nadia sagte: �Nun, genau da steckt ein Fehler in der Verfassung. Gut, da� ihr es so bald gemerkt habt. Beschr�nkt euch auf gew�hlte Gesetzgeber und la�t die Gruppenidee fallen!�</p><p>�Fallen lassen?�</p><p>�Und dann habt ihr immer noch viele gute Leute.� Damit zog sie sich zur�ck.</p><p>Sie waren aber hartn�ckig und sie kamen immer wieder. In immer neuen Kombinationen; und Nadia rannte gegen die sich verengende L�cke zwischen den Z�hnen der Falle an. Am Ende war es so weit, da� sie bettelten. Eine ganze kleine Delegation war gekommen. Es war jetzt der entscheidende Zeitpunkt f�r die neue Regierung. Sie brauchten einen Exekutivrat, der allgemeines Vertrauen geno�. Der m��te mit als erstes auf den Weg gebracht werden. Der Rest w�rde folgen. Der Senat war gew�hlt, die Duma war einberufen worden. Jetzt w�hlten die zwei H�user die sieben Mitglieder des Exekutivrates. Zu den als Kandidaten genannten Personen geh�rten Mikhail, Zeyk, Peter, Marina, Etsu, Nanao, Ariadne, Marion, Irishka, Antar, Rashid, Jackie, Charlotte, die vier Gesandten zur Erde und einige weitere, die Nadia erst im Lagerhaus kennengelernt hatte. <emphasis>�EineMenge</emphasis> Leute�, erinnerte Nadia sie. Das war die vielk�pfige Revolution.</p><p>Manche Leute waren jedoch mit der Liste nicht zufrieden, wie sie Nadia wiederholt erkl�rten. Sie waren es gewohnt, da� sie f�r ein ausgeglichenes Zentrum sorgte, sowohl w�hrend des Kongresses als auch w�hrend der Revolution und davor bei Dorsa Brevia genau wie w�hrend der ganzen Jahre des Untergrunds und ganz von Anfang an. Die Leute wollten sie als m��igenden Einflu� im Rat haben, einen k�hlen Kopf, eine neutrale Partei.</p><p>�Raus mit euch�, sagte sie, pl�tzlich w�tend, obwohl sie selbst nicht sagen konnte, warum. Sie waren besorgt und erregt, als sie ihren Zorn sahen. �Ich werde dar�ber nachdenken�, sagte sie, w�hrend sie sie hinausdr�ngte, nur um sie in Bewegung zu halten.</p><p>Endlich waren nur noch Charlotte und Art da. Sie machten ernste Gesichter und sahen aus, als h�tten sie nichts dazu beigetragen, da� all dies geschehen war.</p><p>�Sie scheinen dich im Exekutivrat haben zu wollen�, sagte Art.</p><p>�Halt den Mund!�</p><p>�Es ist aber so. Sie wollen jemanden, dem sie vertrauen k�nnen.�</p><p>�Du meinst, sie wollen jemanden, vor <emphasis>dem</emphasis> sie keine Angst haben. Sie wollen eine alte Babuschka, die nicht versuchen wird, irgend etwas zu unternehmen, damit sie ihre Gegner vom Rat fernhalten und ihre eigenen Tagesordnungen verfolgen k�nnen.�</p><p>Art runzelte die Stirn. Das hatte er nicht bedacht. Er war zu naiv.</p><p>�Du wei�t�, sagte Charlotte nachdenklich, �eine Verfassung ist eine Art Blaupause. Eine richtige funktionierende Regierung daraus zu machen, ist der eigentliche konstruktive Akt.�</p><p>�Schlu�!� sagte Nadia.</p><empty-line/><p>Aber am Ende sagte sie doch zu. Sie waren unbarmherzig, in �berraschend gro�er Anzahl, und es machte nicht den Anschein, da� sie vorh�tten, aufzugeben. Sie wollte nicht als Dr�ckeberger erscheinen. Und so lie� sie die Falle an ihrem Bein zuschnappen.</p><p>Die Legislaturen traten zusammen, die Abstimmung fand statt. Nadia wurde als eine der Sieben gew�hlt, zusammen mit Zeyk, Ariadne, Marion, Peter, Mikhail und Jackie. Am gleichen Tage wurde Irishka zur obersten Richterin des Globalen Umwelthofes gew�hlt, ein echter Erfolg f�r sie pers�nlich und die Roten allgemein. Das war ein Teil der �gro�en Geste�, die Art am Ende des Kongresses ausgehandelt hatte, um die Unterst�tzung der Roten zu erhalten. Etwa die H�lfte der neuen Richter waren Rote der einen oder anderen Schattierung, was nach Nadias Meinung eine etwas zu gro�artige Geste war.</p><p>Unmittelbar nach diesen Wahlen kam eine andere Delegation zu ihr, diesmal angef�hrt von ihren Ratskollegen. Sie hatte das h�chste Stimmergebnis in beiden H�usern erzielt, wie sie ihr sagten; und darum wollten sie sie zur Ratspr�sidentin w�hlen.</p><p>�O nein!� sagte sie. Sie nickten gewichtig. Die Pr�sidentin war blo� ein Mitglied des Rates, sagten sie ihr, eine unter gleichen. Es handele sich nur um eine zeremonielle Position. Dieser Arm der Regierung war nach Schweizer Vorbild gestaltet; und die Schweizer w��ten gew�hnlich nicht einmal, wer ihr Pr�sident war. Diese Art der Argumentation. Obwohl sie nat�rlich ihre Zustimmung brauchten Qackies Augen glitzerten dabei leicht), ihr Einverst�ndnis, da� sie den Posten annehmen w�rde.</p><p>�Raus mit euch!� sagte sie wieder.</p><p>Nachdem sie fort waren, sa� Nadia zusammengesunken in ihrem Sessel und f�hlte sich best�rzt.</p><p>�Du bist die einzige auf dem Mars, der jeder vertraut�, sagte Art sanft. Er zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte, da� er nicht beteiligt gewesen sei, was, wie sie wu�te, eine L�ge war. �Was kannst du tun?� fragte er und rollte mit den Augen wie ein theatralisch �bertreibendes Kind. �Gib ihnen drei Jahre, und die Dinge laufen, und du kannst sagen, da� du deinen Teil geleistet hast und dich zur�ckziehen. Au�erdem�� die erste Pr�sidentin des Mars! Wie kannst du da widerstehen?�</p><p>�Leicht.�</p><p>Art wartete. Nadia starrte ihn an.</p><p>Schlie�lich sagte er: �Aber du wirst es doch auf alle F�lle machen, nicht wahr?�</p><p>�Wirst du mir helfen?�</p><p>�O ja.� Er legte eine Hand auf ihre geballte Faust. �Alles, was du willst. Ich meine, ich stehe dir zur Verf�gung.�</p><p>�Ist das eine offizielle Praxis-Position?�</p><p>�Nun ja, ich bin sicher, da� sie das sein sollte. Praxisberater f�r die Pr�sidentin des Mars? Na und ob!�</p><p>So konnte sie ihn vielleicht dazu bringen, es zu tun.</p><p>Sie stie� einen schweren Seufzer aus. Versuchte, sich im Magen weniger verkrampft zu f�hlen. Sie k�nnte den Job annehmen und dann die meiste Arbeit auf Art abw�lzen und auf jeden Stab, den sie ihr geben w�rden. Sie w�rde weder die erste noch die letzte Pr�sidentin sein, die das tat.</p><p>�Praxisberater f�r die Marspr�sidentin�, erkl�rte Art mit zufriedener Miene.</p><p>�Oh, h�r auf!� sagte sie.</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>Er lie� sie allein, damit sie sich daran gew�hnen konnte. Dann kam er mit einem dampfendem Topf Kava und zwei kleinen Tassen zur�ck. Er go� ein. Sie bediente sich und nippte an der bitteren Fl�ssigkeit.</p><p>�Auf jeden Fall geh�re ich zu dir, Nadia�, sagte er. �Das wei�t du.�</p><p>�Hmm-hmm... �</p><p>Sie sah ihn an, als er seinen Kava schl�rfte. Sie wu�te, da� er das nicht nur politisch meinte. Er war von ihr angetan. Die ganze Zeit zusammen arbeiten, zusammen reisen, beisammen sein. Und sie mochte ihn. Ein B�r von einem Mannsbild, wunderbar bodenst�ndig und voll bester Gedanken. Ein Kavaliebhaber, wie sein Schl�rfen und seine Miene bewiesen. Er hatte den ganzen Kongre� getragen, wie sie merkte, mit der Kraft dieser guten Stimmung, die sich wie eine Epidemie ausbreitete. Das Gef�hl, es mache nichts mehr Spa� als der Entwurf einer Verfassung�� absurd! Aber es hatte geklappt. Und w�hrend des Kongresses waren sie irgendwie zu einem Paar geworden. Ja, das mu�te sie zugeben.</p><p>Aber sie war jetzt 159 Jahre alt. Eine weitere Absurdit�t, aber es war so. Und Art war�� sie war nicht sicher�� irgendwo in seinen Siebzigern oder Achtzigern, obwohl er wie f�nfzig aussah, wie das oft vorkam, wenn man die Behandlung fr�hzeitig bekam. Sie sagte: �Ich bin alt genug, um deine Urgro�mutter zu sein.�</p><p>Art zuckte verwirrt die Achseln. Er merkte, wovon sie sprach. �Ich bin alt genug, um der Urgro�vater dieser Frau zu sein�, sagte er und zeigte auf eine gro�e Eingeborene, die an der T�r ihres B�ros vorbeiging. �Und sie ist alt genug, um Kinder zu haben. So, das wei�t du. Irgendwann spielt das keine Rolle mehr.�</p><p>�Vielleicht nicht f�r dich.�</p><p>�Na ja. Aber das ist die H�lfte der Meinungen, auf die es ankommt.�</p><p>Nadia sagte nichts.</p><p>�Schau, wir haben noch eine lange Lebenszeit vor uns�, erkl�rte Art. �An irgendeiner Stelle m�ssen die Zahlen ihre Bedeutung verlieren. Ich meine, ich war mit dir in den ersten Jahren nicht zusammen; aber wir sind jetzt schon eine lange Zeit beieinander und haben eine Menge durchgemacht.�</p><p>�Ich wei�.� Nadia schaute auf den Tisch hinunter und erinnerte sich an manches dieser Male. Da war der Stumpf ihres lange verlorenen Fingers. All dieses Leben war bereits vergangen. Jetzt war sie Pr�sidentin des Mars. �Shit!�</p><p>Art schl�rfte seinen Kava und beobachtete sie voller Sympathie. Er mochte sie, sie mochte ihn. Sie waren schon eine Art Paar. �Du wirst mir bei diesem verdammten Ratskram helfen!� sagte sie und f�hlte sich traurig, als alle ihre Technophantasien dahinschwanden.</p><p>�Oh, das werde ich.�</p><p>�Und dann�� gut. Wir werden sehen.�</p><p>�Wir werden sehen�, sagte er und l�chelte.</p><empty-line/><p>Da war sie nun also, stecken geblieben auf Pavonis Mons. Die neue Regierung trat� dort zusammen. Sie zog aus dem Lagerhaus in das eigentliche Sheffield und besetzte die klotzigen Geb�ude mit Fassaden aus poliertem Stein, welche die Metanats aufgegeben hatten. Nat�rlich wurde dar�ber diskutiert, ob diese f�r diese Bauten und den Rest ihrer Infrastruktur entsch�digt werden m��ten, oder ob alles �globalisiert� oder durch Unabh�ngigkeit und die neue Ordnung �kooptiert� w�re. �Man sollte sie entsch�digen�, knurrte Nadia m�rrisch Charlotte an. Aber es schien nicht so, als ob die Pr�sidentschaft des Mars eine Institution w�re, der die Leute aufs Wort gehorchen w�rden.</p><p>Auf jeden Fall zog die Regierung ein, und Sheffield wurde, wenn nicht die Hauptstadt, so doch mindestens der zeitweitige Sitz der globalen Regierung. Da Burroughs �berschwemmt und Sabishii verbrannt waren, gab es keinen anderen Ort, der daf�r in Frage gekommen w�re; und Nadia hatte auch nicht den Eindruck, da� irgendeine andere Kuppelstadt scharf darauf gewesen w�re. Der Bau einer neuen Hauptstadt war im Gespr�ch. Aber das brauche Zeit, und inzwischen mu�ten sie irgendwo zusammenkommen. Also zogen sie sich rund um die Piste nach Sheffield zur�ck, unter der Kuppel und seinem dunklen Himmel. Im Schatten des Aufzugskabels, das wie ein Ri� in der Realit�t aus seiner westlichen Nachbarschaft schwarz und steil in die H�he f�hrte.</p><p>Nadia fand ein Apartment im westlichsten Bereich der Kuppel, hinter dem Randpark im f�nften Stockwerk, wo sie einen sch�nen Blick in die ehrfurchtgebietende Caldera von Pavonis hatte. Art nahm ein Apartment im Erdgescho� des gleichen Geb�udes nach hinten hinaus. Offenbar machte ihn die Caldera schwindlig. Aber da war er nun; nahe beim Praxisb�ro, das sich in einem nahen Dienstgeb�ude befand, einem Kubus aus poliertem Jaspis, gro� wie ein H�userblock und von chromblauen Fenstern einges�umt.</p><p>Fein. Sie war da. Zeit, tief Luft zu holen und die von ihr verlangte Arbeit zu tun. Es war wie ein Traum, in dem der konstituierende Kongre� pl�tzlich um drei Jahre verl�ngert worden war�� drei m-Jahre.</p><p>Sie hatte urspr�nglich die Absicht gehabt, gelegentlich von dem Berg herunterzukommen und bei irgendeinem Bauprojekt mitzuwirken. Nat�rlich w�rde sie ihren Pflichten im Rat nachkommen; aber es sah beispielsweise gut aus, an einer Vermehrung des Gasaussto�es der Treibh�user zu arbeiten, zumal dies technische Probleme mit der Politik verband, dem neuen Regelwerk f�r Umwelt zu entsprechen. Von dort aus k�nnte sie ihre Arbeit f�r den Rat �ber den Handgelenkcomputer erledigen.</p><p>Aber die Ereignisse hatten sich verschworen, sie in Sheffield festzuhalten. Es kam eines nach dem anderen dazwischen. Nichts besonders Wichtiges oder Interessantes im Vergleich mit dem Kongre� selbst, aber diese Details waren notwendig, um die Dinge in Gang zu halten. Es war ungef�hr so, wie Charlotte gesagt hatte�� nach der Planungsphase die endlosen Einzelheiten der Konstruktion, Detail um Detail.</p><p>Das h�tte sie voraussehen m�ssen. Sie mu�te Geduld haben. Sie w�rde w�hrend der ersten hei�en Phase noch arbeiten und sich dann langsam entfernen. Inzwischen verlangten die Medien nach ihr, ebenso das neue UN-Amt f�r den Mars, das sehr an der neuen Einwanderungspolitik und dem Procedere interessiert war; und auch die anderen Ratsmitglieder verlangten nach ihr. Wo w�rde der Rat zusammenkommen? Wie oft? Wie waren die Verfahrensregeln? Nadia �berredete die anderen sechs Ratsmitgieder, Charlotte als Ratssekret�rin und Protokollchefin zu verpflichten; danach stellte Charlotte eine gro�e Gruppe von Assistenten von Dorsa Brevia ein. Damit stand zumindest der Sockel eines Stabes. Auch Mikhail hatte einen gro�en Fundus an praktischer Regierungserfahrung aus Bogdanov Vishniak. Also gab es Leute, die f�r diese Arbeit besser geeignet waren als Nadia. Trotzdem wurde sie t�glich eine Million mal gerufen zu Besprechungen, Entscheidungen, Ernennungen, Beurteilungen und Verwaltungsakten.� Es war kein Ende in Sicht.</p><p>Und wenn Nadia dann mit Gewalt freie Zeit f�r sich beschaffte, stellte sich heraus, da� das Amt eines Pr�sidenten es sehr schwierig machte, sich an einem bestimmten Projekt zu beteiligen. Alles, was ablief, passierte im Rahmen einer Kuppel oder einer Kooperative. Sehr oft waren das kommerzielle Unternehmungen, die in Transaktionen verwickelt waren, die zum Teil gemeinn�tzige �ffentliche Arbeiten darstellten und andererseits auch marktwirtschaftlichem Wettbewerb unterlagen. Wenn daher die Pr�sidentin des Mars sich an irgendeiner Kooperative beteiligte, w�re das ein Zeichen offizieller Protektion und konnte nicht gestattet werden, wenn man fair sein wollte. Es war ein Interessenkonflikt.</p><p>�Shit!� sagte sie anklagend zu Art.</p><p>Er zuckte die Achseln und tat so, als habe er das nicht gewu�t.</p><p>Es gab keinen Ausweg. Sie war eine Gefangene der Macht. Sie mu�te die Lage studieren, als w�re es ein technisches Problem, als ob sie versuchen w�rde, in einem schwierigen Medium Gewalt auszu�ben. Angenommen, sie wollte Gasfabriken mit Treibh�usern bauen. Es war mit ihrem Amt unvereinbar, irgendeiner bestimmten Fabrik-Kooperative beizutreten. Darum mu�te sie es irgendwie anders machen. Auf h�herem Niveau in Erscheinung treten. Vielleicht k�nnte sie Kooperativen koordinieren.</p><p>Es schien f�r sie gute Gr�nde zu geben, den Bau von Treibhausgasfabriken voranzutreiben. Das <emphasis>Jahr ohne Sommer</emphasis> hatte eine Reihe heftiger St�rme gezeitigt, die von der Gro�en B�schung in den Norden eingefallen waren; und die meisten Meteorologen waren sich einig, da� diese �Hardley-Quer�quatorialst�rme� durch die Entfernung des Orbitalspiegels verursacht waren und die anschlie�ende Minderung der Sonneneinstrahlung. Der Ausbruch einer Eiszeit war nicht auszuschlie�en; und das Hochpumpen von Treibhausgasen schien eine der besten M�glichkeiten zu sein, dem zu begegnen. Darum bat Nadia Charlotte, eine Konferenz einzuberufen, um Empfehlungen zur Verhinderung einer Eiszeit zu erbringen. Charlotte nahm Kontakte mit Leuten in Da Vinci, Sabishii und anderswo auf, und bald konkretisierte sich eine Konferenz, die�� zweifellos von einigen Sax-Anh�ngern�� den Namen: �msolationsverlusteffektbek�mpfungstreffen M-53� erhielt.</p><empty-line/><p>Aber Nadia schaffte es nie bis zu dieser Konferenz. Sie wurde statt dessen durch Angelegenheiten in Sheffield aufgehalten, die haupts�chlich die Einrichtung des neuen �konomischen Systems betrafen, das sie immerhin f�r wichtig genug erachtete, sie hier festzuhalten. Die Legislatur brachte das Gesetzeswerk zur Sozio-�konomie heraus, das die in der Verfassung vorgezeichneten Knochen mit Fleisch versehen sollte. Sie wiesen Kooperativen, die es schon vor der Revolution gegeben hatte, an, den neuen unabh�ngigen lokalen Tochtergesellschaften der Metanats zu helfen, da� sie sich in �hnliche kooperative Organisationen verwandelten. Dieser Proze�, genannt Horizontalisierung, geno� sehr weite Unterst�tzung, besonders durch die jungen Eingeborenen, und ging daher glatt voran. Sogar die Gesch�fte auf dem Mars durften jetzt nur noch Eigentum ihrer Angestellten sein. Keine Koop konnte mehr als tausend Personen umfassen. Gr��ere Unternehmen mu�ten aus Assoziationen von Koops gebildet werden, die zusammenarbeiteten. F�r ihre inneren Strukturen w�hlten die meisten Firmen Varianten der bogdanovistischen Modelle, die ihrerseits auf der kooperativen baskischen Kommune von Mondragon in Spanien basierten. In diesen Firmen waren alle Angestellte Miteigner und kauften ihre Positionen dadurch, indem sie den Gegenwert der Eink�nfte etwa eines Jahres ins Kapital der Firma einzahlten. Die Eink�nfte wurden mit den Lehrprogrammen verschiedener Art nach der Ausbildung abgerechnet. Diese Einstandszahlung in das Kapital der Firma wuchs mit jedem Jahr der Betriebszugeh�rigkeit. Der Ertrag bildete die Grundlage f�r eine Rente oder wurde im Falle eines Ausscheidens dem Betreffenden ausbezahlt. R�te, die vom Werk gew�hlt wurden, stellten, gew�hnlich von au�erhalb, ein Management ein, das dann die Vollmacht hatte, Entscheidungen hinsichtlich der Exekutive zu treffen, aber einer j�hrlichen Kontrolle der R�te unterlag. Kredit und Kapital erhielt man von zentralen kooperativen Banken oder dem globalen Startfonds oder den Hilfsorganisationen wie Praxis und den Schweizern. Auf n�chsth�herer Ebene schl�ssen sich Koops in den gleichen Industrien oder Dienstleistungsbetrieben f�r gr��ere Projekte zu Industriegilden zusammen, die professionelle Aussch�sse f�r Ausf�hrungs-, Beurteilungs- und Meditationszentren sowie Handelsgewerkschaften einrichteten.</p><p>Die �konomische Kommission f�hrte auf dem Mars auch eine W�hrung f�r den internen Gebrauch und zum Wechsel gegen terranische W�hrungen ein. Die Kommission wollte eine W�hrung schaffen, die gegen�ber terranischer Spekulation unempfindlich sein sollte; aber wegen des Fehlens einer B�rse auf dem Mars tendierte die volle Kraft der terranischen Investitionen dazu, auf die W�hrung selbst als der einzigen Investitionsm�glichkeit, die angeboten wurde, zu entfallen. Dadurch neigte der Wert der Zechine des Mars auf den Geldm�rkten der Erde zur Inflation. In den alten Tagen w�re der Wert der Zechine zum Nachteil des Mars im Handel durch den Kamin gejagt worden. Aber da die br�chigen Metanats weiter gegen Kooperativen auf der Erde k�mpften, blieb die Finanzwirtschaft der Erde in einer gewissen Unordnung und hatte nicht ihre alte Intensit�t einer Feuersbrunst. Damit landete die Zechine stark, aber nicht allzustark auf der Erde. Und auf dem Mars war sie einfach Geld. Praxis war bei diesem Proze� sehr hilfreich, da sie eine Art Bundesbank f�r die neue Wirtschaft wurde, die zinsfreie Darlehen gew�hrte und als vermittelnde Wechselstelle f�r terranische W�hrungen diente.</p><empty-line/><p>Zur Bew�ltigung dieser Aufgabe kam der Exekutivrat jeden Tag f�r lange Stunden zusammen, um Programme der Legislative und andere Regierungsfragen zu diskutieren. Das war so zeitraubend, da� Nadia fast die Konferenz verga�, die sie zeitgleich in Sabishii veranla�t hatte. An guten Abenden verbrachte sie eine oder zwei letzte Stunden mit Freunden aus Sabishii am Bildschirm, und es sah so aus, als ob die Dinge auch dort gut vorangingen. Viele Umweltforscher des Mars waren anwesend und weitgehend einig, da� massiv zunehmende Treibhausgas-Emissionen die Folgen des Spiegelverlustes mindern w�rden. Nat�rlich war CO<sub>2</sub> das am leichtesten zu emittierende Gas; aber auch ohne seinen Einsatz�� sie versuchten noch, seinen Anteil in der Atmosph�re auf ein atembares Niveau zu dr�cken�� war man sich einig, da� die komplexeren und st�rkeren Gase in den ben�tigten Mengen erzeugt und in die Atmosph�re entlassen werden konnten. Und zun�chst dachte man, da� dies politisch kein Problem sein w�rde. Die Verfassung legalisierte eine Atmosph�re nicht dichter als 350 Millibar auf der Sechskilometerlinie, sagte aber nichts dar�ber aus, welche Gase benutzt werden durften, um diesen Druck zu erzeugen. Wenn die Halogenkohlenwasserstoffe und andere Treibhausgase herausgepumpt w�rden, bis sie 100 Teile pro Million der Atmosph�re bildeten anstelle der dort oben derzeitig vorhandenen 27 p.p.M., dann w�rde nach ihren Berechnungen die W�rmer�ckhaltung um einige Kelvin steigen, und eine Eiszeit w�re verhindert oder w�rde zumindest stark verk�rzt werden. Also forderte der Plan die tonnenweise Produktion und Freigabe von Karbontetrafluorid, Hexafluor�than, Schwefelhexafluorid, Methan, Stickoxid und Spuren anderer Chemikalien, die dazu beitragen w�rden, das Tempo zu senken, in dem UV-Strahlung diese Halokarbone zerst�rte.</p><p>Die v�llige Aufschmelzung des Nordmeeres war die andere naheliegende Milderungsstrategie, die bei der Konferenz am h�ufigsten erw�hnt worden war. Bis alles fl�ssig war, w�rde die Albedo des Eises eine Menge Energie in den Weltraum zur�ckwerfen, und ein wirklich munterer Wasserkreislauf w�re gekappt. Falls sie einen fl�ssigen Ozean, oder in Anbetracht der hohen n�rdlichen Lage einen nur im Sommer aufgetauten Ozean bekommen k�nnten, w�re das Thema Eiszeit erledigt und das Terraformen im wesentlichen abgeschlossen. Sie w�rden robuste Str�mungen, Wellen, Verdunstung, Wolken, Niederschl�ge, Schmelzprozesse, Str�me, Fl�sse und Deltas haben�� den vollen hydrologischen Zyklus. Das war ein prim�res Ziel; und so wurden vielf�ltige Methoden vorgeschlagen, um das Schmelzen des Eises zu beschleunigen: Abw�rme von Kernkraftwerken in den Ozean leiten, Schwarzalgen auf dem Eis verteilen, Mikrowellen- und Ultraschallsender als Erhitzer aufstellen und sogar gro�e Eisbrecher durch die flache Eisschicht fahren zu lassen, um das Aufbrechen der Kruste zu beschleunigen.</p><p>Nat�rlich k�nnte man die vermehrten Treibhausgase auch hier benutzen. Das Oberfl�cheneis des Ozeans w�rde schlie�lich von selbst schmelzen, sobald die Luft regelm��ig �ber 273 K hatte. Aber im weiteren Verlauf der Konferenz wurde immer deutlicher, da� der Treibhausplan erhebliche Schw�chen aufwies. Er brachte eine weitere enorme industrielle Anstrengung mit sich, fast den monstr�sen Projekten der Metanats wie den Stickstofftransporten von Titan oder auch der Soletta gleichzusetzen. Und es war keine einmalige Angelegenheit. Die Gase w�rden durch UV-Strahlung in der oberen Atmosph�re st�ndig zerst�rt werden, so da� man eine �berproduktion leisten m��te, um das angestrebte Niveau zu erreichen, und dann st�ndig weiterproduzieren, so lange man die Gase da oben haben wollte. Somit waren die bergm�nnische Gewinnung der Rohstoffe und der Bau von Fabriken, um diese Materialien in die gew�nschten Gase zu verwandeln, enorme Vorhaben und notwendigerweise eine weithin robotische Bem�hung mit selbstgesteuerten und sich selbst reproduzierenden Bergbaumaschinen, mit sich selbst erbauenden und steuernden Fabriken und unbemannten Flugger�ten in der Hochatmosph�re f�r die Entnahme von Proben�� ein enormes maschinelles Projekt.</p><p>Die technische Herausforderung war dabei nicht das Problem. Wie Nadia ihren Freunden auf der Konferenz erkl�rt hatte, war die Technik des Mars von Anfang an in hohem Ma�e robotisch gewesen. In diesem Falle w�rden kleine robotische Wagen zu Tausenden �ber den Mars wandern und gute Kohlelager, Schwefel oder Fluorit suchen. Sie w�rden von einer Quelle zur andern wandern, wie die alten arabischen Bergarbeiterkarawanen auf der Gro�en B�schung. Wenn dann neue Vorkommen in hoher Konzentration gefunden w�ren, w�rden die Roboter sich niederlassen und�� sofern Teile nicht vor Ort produziert werden konnten��, und aus Ton, Eisen, Magnesium und Spurenmetallen kleine Fabriken f�r die Verarbeitung errichten und die ben�tigten Maschinen montieren. Ganze Heere automatischer Grabmaschinen und Flotten von Lieferwagen w�rden hergestellt werden, um das bearbeitete Material in zentrale Fabriken zu liefern, wo es vergast und von gro�en mobilen Kaminen freigesetzt werden w�rde. Diese Methode unterschied sich nicht von der fr�heren bergm�nnischen Gewinnung atmosph�rischer Gase. Nur ein gr��erer Ma�stab.</p><p>Die bekannten Rohstofflager waren schon ausgebeutet worden, wie die Leute jetzt erkl�rten. Und Tagebau konnte nicht in der �blichen Weise betrieben werden. Jetzt entstanden fast �berall Fabriken, und an vielen Stellen entwickelte sich infolge der Hydratation eine Art Pflasterung der W�ste, Bakterieneinflu� und chemische Reaktionen in den Tonen. Die so entstandene Kruste war sehr hilfreich bei der Verhinderung von Staubst�rmen, die immer noch ein st�ndig drohendes Problem darstellten. Deshalb war es nicht mehr�� weder �kologisch noch politisch�� akzeptabel, den Boden aufzurei�en, um an darunter liegende Ressourcen nutzbarer Mineralien heranzukommen. Rote Mitglieder der Regierung forderten ein Verbot gerade dieser Art robotischen Tagebaus, und das aus guten Gr�nden, selbst seitens der Terraformer.</p><p>Es war hart, dachte Nadia, wenn sie sp�t in der Nacht ihren Schirm ausschaltete, mit all den untereinander konkurrierenden Aspekten ihrer Aktionen konfrontiert zu werden. Die die Umwelt ber�hrenden Anliegen waren so eng miteinander verflochten, da� es schwer war, sie auszud�nnen und dann zu entscheiden, was getan werden mu�te. Und es war auch hart, sich an die eigenen Regeln zu halten. Einzelne Organisationen konnten nicht mehr nur auf sich bezogen handeln, weil so viele ihrer Aktionen globale Verzweigungen hatten. Daher die Notwendigkeit von zahllosen Umweltvorschriften und des globalen Gerichtshofs f�r Umweltfragen, der schon eine au�er Kontrolle geratende F�lle von F�llen zu bearbeiten hatte. Schlie�lich w�rde er auch �ber alle Pl�ne zu entscheiden haben, auf die man sich in dieser Konferenz einigen w�rde. Die Tage uneingeschr�nkten Terraformens waren dahin.</p><p>Was Nadia betraf, so war sie als Mitglied des Exekutivrats darauf beschr�nkt mitzuteilen, da� sie einen vermehrten Treibhausgasaussto� f�r eine gute Idee hielt. Im �brigen mu�te sie sich heraushalten, um nicht den Eindruck zu erwecken, den Zust�ndigkeitsbereich des Umwelthofes zu verletzen, den Irishka sehr energisch verteidigte. Dadurch verbrachte Nadia mehr Zeit mit Bildschirmbesuchen bei einer Gruppe, die neue Robotmineure konstruierte, die die Oberfl�che nur minimal sch�digen w�rden, oder im Gespr�ch mit einem Team, das an Staubfixativen arbeitete, die auf die Oberfl�che gespr�ht werden oder dort wachsen sollten. Sie nannten sie �d�nne, schnelle Bepflasterungen�. Die erwiesen sich indes als ein haariges Problem.</p><empty-line/><p>Soweit ging die Teilnahme Nadias an der Konferenz von Sabishii, die sie selbst initiiert hatte. Und da alle ihre technischen Probleme ohnehin mit politischen Erw�gungen verkn�pft waren, h�tte man sagen k�nnen, da� sie noch nicht einmal etwas vers�umt h�tte, h�tte sie nicht teilgenommen. Dort war kein bi�chen reale Arbeit geleistet worden, weder von ihr, noch von einem anderen. Inzwischen war in Sheffield der Rat mit jeder Menge eigener Probleme konfrontiert. Unvorhergesehene Schwierigkeiten bei der Einf�hrung der Sozio-�konomie; Klagen, da� die Kommission ihre Zust�ndigkeit �berschreite; Klagen �ber die neue Polizei und das Kriminaljustizwesen; regelwidriges und stures Verhalten in beiden H�usern der Legislatur; Rote und andere Gruppen des Widerstandes im Hinterland und so weiter. Die Themen waren endlos und reichten �ber die ganze Skala vom h�chst Wichtigen bis zum unglaublich Geringf�gigen, bis Nadia jeden Sinn daf�r verlor, wo auf diesem Kontinuum jedes individuelle Problem lag.</p><p>Zum Beispiel verbrachte sie einen guten Teil ihrer Zeit mit den inneren K�mpfen des Rates, die sie trivial fand, aber nicht vermeiden konnte. Bei den meisten dieser Streitigkeiten spielten Jackies Bem�hungen, eine Mehrheit zusammenzubringen, die jedesmal mit ihr stimmen w�rde, eine Rolle, so da� Jackie den Rat als Freibrief f�r die Linie der Partei Freier Mars oder mit anderen Worten f�r sich selbst benutzen k�nnte. Das bedeutete f�r Nadia, den Rest der Ratsmitglieder besser kennenzulernen und sich ein Bild zu machen, wie man mit ihnen zusammenarbeiten konnte. Zeyk war ein alter Bekannter, Nadia mochte ihn, und er war eine Macht unter den Arabern und ihr derzeitiger Repr�sentant f�r die allgemeine Kultur, nachdem er Antar in dieser Position geschlagen hatte. Gro�artig, smart, freundlich stimmte er mit Nadia in vielen Punkten �berein, einschlie�lich der wesentlichen; das erleichterte ihre Beziehung und f�hrte sogar zu einer wachsenden Freundschaft. Ariadne war eine der G�ttinnen der Matriarchie von Dorsa Brevia und spielte haargenau ihre Rolle: herrisch und starr in ihren Prinzipien, war sie eine Ideologin, was sie wahrscheinlich allein daran hinderte, eine ernste Herausforderung f�r Jackies Prominenz unter den Eingeborenen zu sein. Marion war die Rote im Rat, auch eine Ideologin, aber nach ihren fr�hen radikalen Tagen sehr ver�ndert; obwohl sie bei langatmigen Diskussionen immer noch eine schwer zu schlagende Gegnerin war. Peter, Anns kleiner Junge, hatte sich zu einer Macht in verschiedenen Teilen der Gesellschaft des Mars entwickelt, einschlie�lich der Weltraumcrew in Da Vinci, des gr�nen Untergrundes, der Kabel-Leute und�� in gewissem Ma�e wegen Ann�� der gem��igteren Roten. Diese Wendigkeit war ein Teil seines Wesens, und Nadia hatte M�he, ihn einzuordnen. Er war, wie seine Eltern, zur�ckgezogen und schien Nadia und den Rest der Ersten Hundert nicht besonders zu m�gen. Er wollte Distanz zu ihnen haben, er war durch und durch Nisei. Mikhail Yangel war einer der ersten Issei, die den Ersten Hundert zum Mars gefolgt waren und hatte von Anfang an mit Arkadij zusammengearbeitet. Er hatte geholfen, die Revolution von 2061 auf den Weg zu bringen. Nadia hatte den Verdacht, da� er damals zu den extremen Roten geh�rt hatte, weswegen sie ihm immer noch manchmal grollte, was einfach t�richt war und ihre F�higkeit, mit ihm zu reden, behinderte. Aber so war es nun einmal, trotz der Tatsache, da� auch er sich sehr ge�ndert hatte, ein Bogdanovist, der zu Kompromissen neigte. Seine Pr�senz im Rat war f�r Nadia eine �berraschung, man k�nnte sagen, eine Geste gegen�ber Arkadij, die sie beeindruckte.</p><p>Und dann war da noch Jackie, m�glicherweise die beliebteste und m�chtigste Politikerin auf dem Mars. Zumindest, bis Nirgal zur�ckkam.</p><p>So war es nun. Und Nadia hatte jeden Tag mit diesen sechs zu tun und lernte ihre Wege kennen, wenn sie Punkt f�r Punkt ihre Tagesordnungen durchgingen. Vom Wichtigen zum Trivialen, vom Abstrakten zum Pers�nlichen�� alles erschien Nadia wie der Teil eines Gewebes, wo alles mit allem zusammenhing. Der Rat war keine Teilzeitbesch�ftigung, sondern fra� jeden wachen Tag v�llig auf. Er verzehrte ihr Leben. Und dabei hatte sie an diesem Punkt erst zwei Monate einer Dienstzeit von drei m-Jahren hinter sich.</p><empty-line/><p>Art sah, da� es ihr zusetzte; und er tat, was er konnte, um ihr zu helfen. Er kam jeden Morgen mit Fr�hst�ck in ihr Apartment wie ein Roomservice. Oft hatte er es selbst gekocht, und es war immer gut. Wenn er mit hoch erhobenem Servierteller hereinkam, rief er auf ihrem Computer Jazz auf als Hintergrund f�r ihren gemeinsamen Morgen. Nicht gerade Nadias geliebten Louis, obwohl er ausgefallene Aufzeichnungen von Satch aussuchte, um sie zu erfreuen, Dinge wie �Give Peace a Chance� oder �Stardust Memories�, aber auch sp�tere Stile des Jazz, die sie fr�her nie gemocht hatte, weil sie so frenetisch waren. Aber das schien im Tempo dieser Tage zu liegen. Was auch immer der Grund war, Charlie Parker zuckte und sauste jetzt h�chst eindrucksvoll umher, wie sie fand; und Charles Mingus lie� seine Big Band erklingen wie die von Duke Ellington unter Pandorph, was genau das war, was Ellington und alle die anderen vom Swing brauchten. Nach Nadias Ansicht eine sehr witzige und liebliche Musik. Und als Bestes von allen lie� Art h�ufig Clifford Brown erklingen, eine Entdeckung, die Art bei seinen Nachforschungen f�r sie gemacht hatte und auf die er sehr stolz war und ihr gegen�ber st�ndig als logischen Nachfolger von Armstrong empfahl�� ein vibrierender Trompetenton, der fr�hlich, positiv und melodi�s klang wie Satch und auch brillant und schwierig wie Parker, einfach heiter. Das war der perfekte Soundtrack f�r diese wilden Zeiten, anregend und intensiv, und so positiv wie m�glich.</p><p>So brachte Art das Fr�hst�ck herein und sang �A11 of Me�, recht gut bei Stimme, und mit Satchmos Grunderkenntnis, da� amerikanische Liederlyrik nur als verr�ckter Spa� behandelt werden sollte: �All of me, why not take all of me, Can�t you see, I�m no good without you.� Mit Musik im Raum und dem R�cken zum Fenster machten die Morgen Spa�.</p><p>Aber ganz gleich, wie gut die Tage anfingen, der Rat verzehrte ihr Leben. Nadia hatte ihr Kontingent an Geduld fast aufgebraucht und wurde zusehends unruhiger. Das Zanken, Verhandeln, Kompromisse eingehen, Vers�hnen�� der Umgang mit Menschen, Minute um Minute. Sie ha�te das mehr und mehr.</p><p>Art erkannte das und begann, sich zu sorgen. Schlie�lich, eines Tages nach der Arbeit, holte er Ursula und Vlad herbei. Die vier a�en in Nadias Apartment zusammen. Art kochte. Nadia geno� die Gesellschaft ihrer alten Freunde. Sie waren gesch�ftlich in der Stadt; aber sie zum Dinner her zu bringen, war Arts Idee gewesen, und die war gut. Er war ein gef�lliger, freundlicher Mann, wie Nadia dachte, als sie ihn in der K�che wirtschaften sah. Geschickter Diplomat als harmloser Trottel�� oder umgekehrt. Wie ein liebensw�rdiger Frank. Oder eine Mischung aus Franks Geschicklichkeit und Arkadij s Fr�hlichkeit. Sie lachte �ber sich selbst, weil sie immer in Begriffen der Ersten Hundert dachte, als ob ein jeder irgendwie eine Rekombination der Eigenschaften jener urspr�nglichen Familie w�re. Das war eine schlechte Gewohnheit von ihr.</p><p>Vlad und Art sprachen �ber Ann. Sax hatte offenbar Vlad aus der Rakete bei der R�ckkehr zum Mars angerufen, ersch�ttert durch seine Unterhaltung mit Ann. Er fragte sich, ob Vlad und Ursula in Betracht ziehen w�rden, Ann die gleiche plastische Behandlung angedeihen zu lassen, der sie ihn nach seinem Schlaganfall unterzogen hatten.</p><p>�Ann w�rde das nie machen�, sagte Ursula.</p><p>�Ich bin froh dar�ber�, erkl�rte Vlad. �Das w�re zuviel. Ihr Gehirn wurde nicht gesch�digt. Wir wissen nicht, was diese Behandlung in einem gesunden Gehirn anrichten k�nnte. Und man sollte, solange man nicht verzweifelt ist nur das unternehmen, was man versteht.�</p><p>�Vielleicht ist Ann verzweifelt�, gab Nadia zu bedenken.</p><p>�Nein. Sax ist verzweifelt.� Vlad l�chelte kurz. �Er m�chte eine andere Ann haben, und zwar bevor er zur�ckkommt.�</p><p>�Du wolltest auch nicht, da� Sax diese Behandlung bekam�, warf Ursula ein.</p><p>�Das stimmt. Ich h�tte es mir selbst nicht angetan. Aber Sax ist ein k�hner Mann. Ein impulsiver Mann.� Vlad wandte sich Nadia zu. �Wir sollten bei Dingen bleiben wie deinem Finger. So etwas k�nnen wir jetzt reparieren.�</p><p>�Was stimmt damit nicht?� fragte Nadia �berrascht.</p><p>Sie lachten. Ursula sagte: �Dir fehlt doch einer. Wir k�nnten ihn wieder wachsen lassen, wenn du willst.�</p><p>�Ka�, rief Nadia. Sie lehnte sich zur�ck und blickte auf ihre linke Hand, den Stumpf des fehlenden kleinen Fingers. �Nun, ich brauche ihn wirklich nicht.�</p><p>Sie lachten wieder. �Du h�ttest uns zum Narren halten k�nnen�, sagte Ursula. �Du hast dich immer beim Arbeiten dar�ber beklagt.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>Sie nickten alle.</p><p>�Ich werde dir beim Schwimmen helfen�, schlug Ursula vor.</p><p>�Ich schwimme nicht mehr viel.�</p><p>�Vielleicht hast du wegen deiner Hand aufgeh�rt.�</p><p>Nadia betrachtete ihre verst�mmelte Hand. �Ka. Ich wei� nicht, was ich sagen soll. Seid ihr sicher, da� es funktionieren wird?�</p><p>�Er k�nnte sich zu einer ganzen weiteren Hand auswachsen�, meinte Art. �Dann zu einer weiteren Nadia. Du w�rdest zu einem siamesischen Zwillingspaar werden.�</p><p>Nadia stie� ihn von der Seite in seinen Sessel. Ursula sch�ttelte den Kopf. �O nein. Wir haben das schon f�r andere Amputierte gemacht und eine Menge Versuchstiere. H�nde, Arme, Beine. Wir haben das von den Fr�schen gelernt. Wirklich ganz prima.</p><p>Die Zellen entwickeln sich genau so wie beim ersten Mal, als der Finger wuchs.�</p><p>�Eine sehr w�rtliche Interpretation von Epigenese�, sagte Vlad l�chelnd. Nadia erkannte an diesem L�cheln, da� er an der Entwicklung dieses Verfahrens ma�geblich beteiligt gewesen war.</p><p>�Es funktioniert?� fragte Nadia ihn direkt.</p><p>�Allerdings. Wir lassen das, was praktisch ein neuer Finger ist, �ber deinem Stumpf knospen. Es ist eine Kombination embryonischer Stammzellen mit einigen Zellen von der Basis deines andern kleinen Fingers. Diese Kombination wirkt wie das �quivalent der entsprechenden Gene, als du ein F�tus warst. Damit besitzt du die bestimmenden Elemente der Entwicklung, um die neuen Stammzellen sich richtig bilden zu lassen. Dann injiziert man zu gegebener Zeit mit Ultraschall eine schwache Dosis von fibroblastischem Wachstumsfaktor plus ein paar Zellen vom Kn�chel und Fingernagel... und das klappt.�</p><p>W�hrend er das erkl�rte, merkte Nadia, da� in ihr ein gewisser Schimmer von Interesse aufleuchtete. Wieder unversehrt zu sein. Art beobachtete sie mit seiner freundlichen Neugier.</p><p>�Na sch�n, sicher!� sagte sie schlie�lich. �Warum nicht?�</p><p>Also machten sie in der folgenden Woche einige Biopsien von ihrem verbliebenen kleinen Finger und gaben ihr einige Ultraschall-Injektionen in den Stumpf des fehlenden Fingers und in den Arm, sowie ein paar Pillen. Das war es dann. Danach war es nur noch eine Sache von ein paar Injektionen w�chentlich. Und dann Abwarten.</p><p>Sie verga� es sp�ter wieder, weil Charlotte wegen eines Problems anrief. Cairo hat eine Anordnung des Exekutivrates hinsichtlich des Wasserpumpens ignoriert. �Du solltest lieber pers�nlich nachsehen. Ich denke, die Cairoleute stellen den Gerichtshof f�r eine Clique des Freien Mars, die die globale Regierung herausfordern will, auf die Probe.�</p><p>�Jackie?� fragte Nadia.</p><p>�Das nehme ich an.�</p><p>Cairo lag am Rand eines Plateaus mit Blick auf das nordwestliche U-f�rmige Tal von Noctis Labyrinthus. Nadia ging mit Art vom Bahnhof zu einer von hohen Palmen ges�umten Plaza. Sie betrachtete die Szene. Einige der schlimmsten Momente ihres Lebens hatten sich in dieser Stadt zugetragen, als sie 2061 angegriffen worden war. Sasha und viele andere waren umgekommen, und Nadia selbst hatte Phobos explodieren lassen, nur ein paar Tage, nachdem Arkadijs verbrannte �berreste gefunden worden waren. Sie war nie zur�ckgekehrt. Sie ha�te diese Stadt.</p><p>Jetzt sah sie, da� sie bei den neuen Unruhen wieder Schaden genommen hatte. Teile der Kuppel waren in die Luft geflogen, und die physikalische Fabrik war schwer besch�digt. Man hatte sie wieder aufgebaut, und neue Kuppelsegmente waren auf der alten Stadt, die sich l�ngs des Plateaurandes weit nach Osten und Westen hinzog, befestigt worden. Sie sah aus wie eine rasch aufbl�hende Stadt, was Nadia angesichts ihrer H�henlage zehn Kilometer �ber dem Bezugsniveau wunderte. Sie w�rden hier oben nie die Kuppeln entfernen oder ohne Schutzkleidung hinausgehen k�nnen. Darum hatte Nadia angenommen, da� sie verfallen w�rde. Aber sie lag am Schnittpunkt der Pisten von �quator und der nords�dlich verlaufenden von Tharsis und war die letzte Stelle, an der man zwischen hier und den Chaosen, die einen Viertelumfang des Planeten entfernt lagen, den �quator �berqueren konnte. Wenn nicht irgendwo einmal eine Transmarinerisbr�cke gebaut werden w�rde, l�ge Cairo immer an einer strategischen Kreuzung.</p><p>Und Kreuzung oder nicht, sie wollten mehr Wasser. Das Reservoir von Compton, das unter dem niedrigeren Noctis und den h�heren Marineris lag, war �61 zerst�rt worden, und sein Wasser war die ganze L�nge der Marineris-Canyons hinab gestr�mt. Das war die Flut gewesen, in der Nadia und ihre Gef�hrten w�hrend der Flucht die Canyons hinunter fast umgekommen w�ren, nachdem Cairo erobert worden war. Der Gro�teil des Wassers war sp�ter entweder in den Canyons gefroren und hatte einen langen unregelm��igen Gletscher gebildet, oder sich am Boden von Marineris gesammelt und war dort in den Chaosen erstarrt. Und etwas Wasser war nat�rlich in dem Reservoir geblieben. In den Jahren danach hatte man dieses Wasser herausgepumpt, um es in den St�dten von Ost-Tharsis zu nutzen. Und der Marineris-Gletscher war langsam den Canyon abw�rts geflossen und an seinem oberen Ende, wo es keine Quelle gab, um ihn aufzuf�llen, zusammengeschrumpft. Er hatte nur verw�stetes Land und eine Reihe sehr seichter EisSeen hinterlassen. Cairo begann es daher an verf�gbarem Wasser zu mangeln. Das hydrologische Amt hatte daher mit der Verlegung einer Rohrleitung zu dem gro�en s�dlichen Arm des Nordmeeres in der Chryse-Senke reagiert und das Wasser nach Cairo hochgepumpt. Soweit kein Problem. Jede Kuppel bekam irgendwoher ihr Wasser. Aber die Cairener leiteten nun Wasser in ein unter ihnen gelegenes Reservoir im Noctis-Canyon und lie�en einen Strom daraus nach Ius Chasma flie�en, wo es sich hinter dem oberen Ende des Marineris-Gletschers sammelte oder daran vorbeiflo�. Sie hatten praktisch einen neuen Flu� geschaffen, der das gro�e Canyonsystem hinunterflo�, weit von ihrer Stadt entfernt. Und jetzt waren sie dabei, eine Anzahl von Siedlungen am Flu� und Ackerbaukommunen flu�abw�rts der Stadt zu etablieren. Eine legale Gruppe der Roten war an den Globalen Umweltgerichtshof herangetreten, um gegen diese Aktion zu protestieren mit der Begr�ndung, da� Valles Marineris als Naturwunder gesch�tzt werden m�sse, da es der gr��te Canyon im Sonnensystem sei. Wenn man ihn in Ruhe lie�e, w�rde der Gletscher des Ausbruchs schlie�lich in das Chaos gleiten und die Canyons wieder mit freiem Boden zur�cklassen. Das w�rde nach ihrer Ansicht geschehen; und der Allgemeine Umweltrat hatte ihnen zugestimmt und eine Anweisung gegen Cairo erlassen mit der Forderung, die Entnahme von Wasser aus dem Reservoir der Stadt unverz�glich einzustellen. Cairo hatte das abgelehnt und behauptete, da� die globale Regierung keine Jurisdiktion h�tte �ber das, was sie lebenswichtige Lebenserhaltungs-Angelegenheiten� nannten. Inzwischen bauten sie stromabw�rts neue Siedlungen, so schnell sie konnten.</p><p>Das war eine offene Provokation, eihe Herausforderung f�r das neue System. �Das ist ein Test�, knurrte Art, als sie �ber die Plaza gingen. �Das ist nur ein Test. W�re es eine echte Verfassungskrise, w�rde man auf dem ganzen Planeten gro�es Geschrei h�ren.�</p><p>Ein Test. Etwas, dem gegen�ber Nadia jede Geduld verloren hatte. So ging sie in �bler Stimmung durch die Stadt. Ohne Zweifel half es nicht, da� die schrecklichen Tage von �61 so lebhaft in Erinnerung gerufen wurden durch die Plaza, die Boulevards und die Stadtmauer am Rande des Canyons�� genau so, wie sie damals gewesen waren. Man sagte, da� das Ged�chtnis eines Menschen von seinen mittleren Jahren an nachlie�e; aber diese Erinnerungen h�tte sie, wenn m�glich, gern verloren. Doch Angst und Wut schienen jedoch immer noch als eine Art von Alptraumfixativ zu wirken. Denn es war alles noch da. Frank tastete wild auf seinen Monitoren, Sasha a� Pizza, Maya schimpfte laut �ber dieses oder jenes in den gefahrvollen Stunden, als man darauf wartete zu sehen, ob sie von den herunterfallenden St�cken von Phobos verschont bleiben w�rden. Sie sah Sashas leblosen K�rper, aus den Ohren blutend. Sie hantierte an dem Sender, der Phobos heruntergeholt hatte.</p><empty-line/><p>Darum war es f�r sie sehr schwierig, ihren �rger im Zaum zu halten, als sie zu der ersten Zusammenkunft mit den Cairenern ging und dort Jackie antraf, die deren Position unterst�tzte. Jackie war auch schon seit einiger Zeit schwanger und sah bl�hend, gl�nzend und sch�n aus. Niemand wu�te, wer der Vater war. Das war ihre ganz eigene Angelegenheit. Eine Tradition, die Hiroko in Dorsa Brevia etabliert hatte und f�r Nadia noch ein weiterer Punkt, der sie irritierte.</p><p>Das Treffen fand in einem Geb�ude bei der Stadtmauer statt, das den U-f�rmigen Canyon Nilus Noctis �berblickte. Das Wasser, um das es ging, konnte man unten im Canyon deutlich sehen, ein breites, von Eis �berzogenes Reservoir, das kurz vor den Illyrischen Toren und dem neuen Chaos der Compton-Bresche von einem Damm festgehalten wurde, der von hier oben nicht sichtbar war.</p><p>Charlotte stand mit dem R�cken zum Fenster und stellte den Beamten von Cairo genau die Fragen, die Nadia gestellt h�tte, aber ohne die geringste Spur von Nadias Mi�mut. �Ihr werdet immer in einer Kuppel leben. Die Wachstumsm�glichkeiten sind beschr�nkt. Warum Marineris fluten, wenn ihr davon keinen Nutzen haben werdet?�</p><p>Niemand schien Lust zu haben, darauf zu antworten. Schlie�lich sagte Jackie: �Die unten lebenden Leute werden davon profitieren, und sie sind ein Teil von Gro�-Cairo. Wasser in jeder Form ist in diesen H�hen eine Ressource.�</p><p>�Wasser, das Marineris frei hinunterflie�t, ist �berhaupt keine Ressource�, entgegnete Charlotte.</p><p>Die Cairener argumentierten f�r die N�tzlichkeit von Wasser in Marineris. Es gab auch Vertreter der Siedler flu�abw�rts, viele davon �gypter, die behaupteten, seit Generationen in Marineris zu sein und da� es ihr Recht sei, dort zu leben, da� es das beste Farmland auf dem Mars sei und da� sie k�mpfen w�rden, ehe sie es aufg�ben und so weiter. Manchmal schienen die Cairener und Jackie diese Nachbarn zu verteidigen; ein anderes Mal pochten sie auf ihr eigenes Recht, Marineris als Reservoir zu nutzen. Meistens schienen sie ihr Recht zu verteidigen, alles zu tun, was sie wollten. Nadia wurde allm�hlich immer �rgerlicher.</p><p>�Das Gericht hat geurteilt�, sagte sie. �Wir sind nicht hier, um dar�ber noch mal zu diskutieren. Wir sind hier, um darauf zu achten, da� es ausgef�hrt wird.� Und sie verlie� die Versammlung, ehe sie etwas gesagt h�tte, das sie dann nicht mehr zur�cknehmen konnte.</p><p>An diesem Abend sa� sie mit Charlotte und Art beisammen, so gereizt, da� sie sich nicht auf ein delikates �thiopisches Essen im Bahnhofsrestaurant konzentrieren konnte. �Was wollen die?� fragte sie Charlotte.</p><p>Charlotte zuckte mit vollem Munde die Achseln. Und nachdem sie geschluckt hatte: �Hast du gemerkt, da� es keine besonders tolle Machtposition ist, Pr�sidentin des Mars zu sein?�</p><p>�Verdammt, ja. Das war schwer zu �bersehen.�</p><p>�Ja. Nun, mit dem Exekutivrat ist es dasselbe. Es scheint, da� die wahre Macht in dieser Regierung beim Umweltgericht liegt. Irishka wurde dort der Vorsitz gegeben als Teil der gro�artigen Geste; und sie hat viel getan, um gem��igtes Rot durch Abstecken einer starken Mitte zu legitimieren. Das erlaubt viel Entwicklung unterhalb der Sechskilometergrenze; aber oberhalb davon sind sie sehr streng. Das wird alles durch die Verfassung gest�tzt. Darum konnten sie alles aufstellen. Die Legislative zieht sich zur�ck, sie hat noch keine Urteile umgesto�en. Darum ist das f�r Irishka und jene ganze Gruppe von Richtern eine eindrucksvolle erste Sitzung gewesen.�</p><p>�Also ist Jackie eifers�chtig�, sagte Nadia.</p><p>Charlotte zuckte die Achseln. �Das ist m�glich.�</p><p>�Mehr als das�, sagte Nadia grimmig.</p><p>�Und dann ist da die Sache mit dem Rat selbst. Jackie denkt vielleicht, da� sie drei der anderen f�r sich zur Unterst�tzung gewinnen kann; und dann geh�rt der Rat noch mehr ihr. Cairo ist eine Arena, wo sie hoffen kann, da� Zeyk wegen des arabischen Teils der Stadt mit ihr stimmen wird. Dann fehlen nur noch zwei. Und sowohl Mikhail als auch Ariadne sind strenge Lokalisten.�</p><p>�Aber der Rat kann keine Entscheidungen des Gerichthofs umsto�en�, sagte Nadia. �Nur die Legislative, nicht wahr? Durch den Erla� neuer Gesetze.�</p><p>�Stimmt, aber wenn Cairo sich weiterhin dem Gericht widersetzt, w�rde es Sache des Rates sein, die Polizei dorthin zu beordern und ihnen physisch Einhalt zu gebieten. Das erwartet man seitens der Exekutive. Falls der Rat das nicht tut, w�rde er untergraben, und Jackie w�rde effektive Kontrolle �ber ihn bekommen. Zwei Fliegen mit einem Schlag.�</p><p>Nadia warf ihr St�ck schwammigen Brotes hin und pre�te heraus: �Wenn das geschieht, dann soll mich der Teufel holen.�</p><p>Sie sa�en schweigend da.</p><p>�Mir ist dies Zeug zuwider�, sagte Nadia.</p><p>�In ein paar Jahren haben wir einen Corpus von Praktiken, Institutionen, Gesetzen und Erg�nzungen zur Verfassung, all so etwas�, sagte Charlotte. �Dinge, die die Verfassung nie aufgegriffen hat, und sie werden funktionieren. Wie es die Rolle politischer Parteien ist. Gerade jetzt sind wir im Begriff, all diese Dinge auszuarbeiten.�</p><p>�Vielleicht ja, aber es ist mir trotzdem verha�t.�</p><p>�Stell es dir als eine Meta-Architektur vor! Das Bauen der Kultur, die der Architektur ihre Existenz erm�glicht! Dann wird es f�r dich weniger frustrierend sein.�</p><p>Nadia knurrte.</p><p>�Dies hier sollte ein klarer Fall sein�, sagte Charlotte. �Das Urteil ist gef�llt; sie m�ssen es nur anerkennen.�</p><p>�Und was ist, wenn sie das nicht tun?�</p><p>�Dann ist es Zeit f�r die Polizei.�</p><p>�B�rgerkrieg, mit anderen Worten!�</p><p>�So weit werden sie es nicht kommen lassen. Sie haben die Verfassung unterzeichnet wie alle anderen, und wenn jeder andere sie anerkennt, werden sie zu Banditen wie die Roten Guerilleros. Ich denke nicht, da� sie es so weit treiben werden. Sie tasten nur die Grenzen ab.�</p><p>Das schien sie nicht zu k�mmern. So waren die Leute nun einmal, schien ihre Miene zu sagen. Sie gab niemandem die Schuld und war nicht frustriert. Eine sehr ruhige Frau, diese Charlotte�� entspannt, zuversichtlich und t�chtig. Mit ihr als Koordinatorin war die Arbeit des Exekutivrates bisher gut, wenn nicht sogar spielerisch organisiert worden. Wenn diese Kompetenz das war, was in einem Matriarchat wie Dorsa Brevia aufwuchs, dachte Nadia, dann sollte man ihm mehr Macht geben. Sie konnte nicht umhin, Charlotte mit Maya zu vergleichen mit all deren Stimmungsumschw�ngen, ihrer Angst und Selbstdramatisierung. Nun, das war wohl in jeder Kultur eine Sache des Individuums. Aber es d�rfte interessant sein, mehr Frauen von Dorsa Brevia bei sich zu haben, um diese Aufgaben in Angriff zu nehmen.</p><p>Bei dem Treffen am n�chsten Morgen stand Nadia auf und sagte: �Eine Anordnung gegen Wasserdumping in Marineris ist bereits ergangen. Wenn ihr auf dem Dumping beharrt, werden die neuen Polizeikr�fte der globalen Gemeinschaft eingesetzt werden. Ich nehme nicht an, da� irgendwer das w�nscht.�</p><p>�Ich denke nicht, da� du f�r den Exekutivrat sprechen kannst�, erwiderte Jackie.</p><p>�O doch�, sagte Nadia knapp.</p><p>�Nein, das kannst du nicht!� sagte Jackie. �Du bist nur eine von sieben. Und dies ist nun mal keine Sache des Rates.�</p><p>�Das wird sich zeigen�, entgegnete Nadia.</p><p>Die Versammlung zog sich hin. Die Cairener trieben Obstruktion. Je mehr Nadia begriff, was sie taten, desto mehr brachte sie das auf. Ihre F�hrer spielten f�r den Freien Mars eine Rolle. Und selbst wenn diese Herausforderung versagte, k�nnte es auf anderen Gebieten zu Konzessionen an den Freien Mars kommen. Dadurch w�rde diese Partei mehr Macht gewonnen haben. Charlotte stimmte zu, da� dies ihr letztes Motiv sein k�nnte. Der darin liegende Zynismus widerte Nadia an; und sie fand es sehr schwer, Jackie h�flich zu* begegnen, wenn diese mit ihrer leichten Heiterkeit zu ihr sprach, die schwangere K�nigin unter ihren Schranzen wie ein Schlachtschiff zwischen Ruderbooten. �Tante Nadia, es tut mir so leid, da� du glaubtest, dir f�r so etwas Zeit nehmen zu m�ssen... �</p><p>An diesem Abend sagte Nadia zu Charlotte: �Ich h�tte gern eine Anordnung, wonach der Freie Mars �berhaupt nichts bekommt.�</p><p>Charlotte lachte kurz. �Hast du mit Jackie gesprochen?�</p><p>�Ja. Warum ist sie so beliebt? Ich verstehe das nicht, aber sie ist es.�</p><p>�Sie ist zu vielen Leuten nett. Sie glaubt, zu allen Leuten nett zu sein.�</p><p>�Sie erinnert mich an Phyllis�, sagte Nadia. �Wieder die Ersten Hundert... Vielleicht auch nicht. Jedenfalls, gibt es nicht irgendeine Art von Strafe, die wir gegen frivole Prozesse und Herausforderungen verh�ngen k�nnen?�</p><p>�In manchen F�llen Gerichtskosten.�</p><p>�Sieh also zu, ob du ihnen die auferlegen kannst!�</p><p>�Erst wollen wir sehen, ob wir �berhaupt gewinnen.�</p><p>Die Versammlungen gingen noch eine Woche lang weiter. Nadia �berlie� das Reden Charlotte und Art. Sie sah w�hrenddessen aus dem Fenster hinunter in den Canyon und rieb sich den Stumpf ihres Fingers, der jetzt schon einen merklichen Buckel aufwies. Es war merkw�rdig. Obwohl sie genau darauf achtete, konnte sie sich nicht entsinnen, wann der Buckel zu erscheinen begonnen hatte. Er war warm und rosig, ein zartes Rosa wie die Lippen eines Kindes. In der Mitte schien sich ein Knochen zu befinden. Sie scheute sich, ihn zu fest zu dr�cken. Sicher kniffen Hummer nicht in ihre nachwachsenden Gliedma�en. Diese ganze Zellerzeugung war l�stig wie ein Krebsgeschw�r, nur kontrolliert und gezielt. Das Wunder der steuernden F�higkeiten der DNS wurde darin manifestiert. Leben selbst, bl�hend in all seiner sich offenbarenden Komplexit�t. Und ein kleiner Finger war nichts, verglichen mit einem Auge oder einem Embryo. Es war schon seltsam.</p><p>Die politischen Versammlungen wurden immer schlimmer. Nadia verlie� eine von ihnen und hatte nicht mitgekriegt, worum es �berhaupt gegangen war, sicher, da� es sich um nichts Bedeutendes gehandelt hatte. Und sie machte einen langen Spaziergang hinaus zu einem Ausguck am westlichen Ende der Kuppelmauer. Sie rief Sax an. Die vier Reisenden n�herten sich dem Mars nun immer mehr. Die Verz�gerungen durch den Signallauf betrugen nur noch wenige Minuten. Nirgal schien wieder gesund zu sein. Er war guter Dinge. Michel sah tats�chlich ersch�pfter aus als Nirgal. Es schien, als ob ihn der Besuch auf der Erde sehr mitgenommen h�tte. Nadia hielt ihren Finger an den Schirm, um ihn aufzuheitern, und das wirkte.</p><p>�Ein kleiner Roter, oder?�</p><p>�Das nehme ich an.�</p><p>�Du scheinst nicht zu glauben, da� es funktionieren wird.�</p><p>�Nein. Wohl nicht.�</p><p>�Ich denke, wir leben in einer �bergangsperiode�, sagte Michel. �In unserem Alter k�nnen wir nicht recht glauben, da� wir noch am Leben sind; darum handeln wir, als ob es jede Minute enden w�rde.�</p><p>�Das k�nnte es auch.� Gedanken an Simon. Oder Tatiana Durowa. Oder Arkadij.</p><p>�Nat�rlich. Aber andererseits k�nnte es viele Dekaden und selbst Jahrhunderte weitergehen. Irgendwann m�ssen wir das einfach glauben.� Er klang, als wollte er sich selbst ebenso �berzeugen wie sie. �Du wirst deine heile Hand ansehen und es dann glauben. Und das wird sehr interessant sein.�</p><p>Nadia wedelte mit dem rosigen Knopf, der seitlich an ihrer Hand sa�. Noch kein Fingerabdruck in der frischen durchsichtigen Haut. Wenn er k�me, w�rde es ohne Zweifel derselbe sein wie der auf dem anderen kleinen Finger. Sehr merkw�rdig.</p><p>Art kam mit besorgter Miene von einem Treffen zur�ck. �Ich habe mich �berall erkundigt und versucht, dahinter zu kommen, warum sie das tun. Ich habe einige Agenten von Praxis auf den Fall angesetzt; unten im Canyon, auf der Erde und auch innerhalb der F�hrerschaft des Freien Mars.�</p><p>Spione, dachte Nadia. Jetzt haben wir auch noch Spione.</p><p>�Es scheint, da� sie hinsichtlich der Immigration private Arrangements mit terranischen Regierungen treffen. Sie erbauen Siedlungen f�r Leute aus �gypten und wahrscheinlich auch f�r Einwanderer aus China. Es wird wohl eine Gegenleistung erfolgen, aber wir wissen nicht, was sie da von diesen L�ndern erhalten. Vielleicht Geld.�</p><p>Nadia knurrte.</p><p>In den n�chsten paar Tagen kam sie per Bildschirm oder pers�nlich mit allen anderen Mitgliedern des Exekutivrates zusammen. Marion war nat�rlich dagegen, noch mehr Wasser nach Marineris hineinzupumpen. Darum brauchte Nadia nur noch zwei weitere Stimmen. Aber Mikhail, Ariadne und Peter waren gegen einen Polizeieinsatz, sofern das irgendwie vermieden werden k�nnte. Und Nadia vermutete, da� sie nicht viel weniger als Jackie �ber die relative Schw�che des Rates erfreut waren. Sie schienen bereit, Zugest�ndnisse zu machen, um eine unangenehme und gewaltsame Durchsetzung eines Gerichtsbeschlusses zu verhindern, hinter dem sie nicht bedingungslos standen.</p><p>Zeyk wollte deutlich gegen Jackie stimmen, f�hlte sich aber durch die arabische W�hlerschaft in Cairo behindert und die von der arabischen Gemeinschaft auf ihn gerichteten Augen. Die Kontrolle von Wasser und Land waren denen gleicherma�en wichtig. Aber die Beduinen waren Nomaden, und au�erdem war Zeyk ein starker Verfechter der Verfassung. Nadia nahm an, er w�rde sie unterst�tzen. Damit mu�te dann nur noch einer �berredet werden.</p><p>Die Beziehung zu Mikhail hatte sich nie gebessert. Es war, als ob er der Erinnerung an Arkadij n�her sein wollte als sie. Peter glaubte sie nicht zu verstehen.</p><p>Ariadne mochte sie nicht, aber auf eine Weise, die es leichter machte. Und Ariadne war auch nach Cairo gekommen. Also beschlo� Nadia, sie zuerst zu bearbeiten.</p><p>Ariadne war der Verfassung ebenso ergeben wie die meisten von Dorsa Brevia. Aber sie waren auch Lokalisten, denen ohne Zweifel daran gelegen war, ihre eigene Regierung von der globalen weitgehend unabh�ngig zu halten. Und auch sie waren von jeder Wasserversorgungsstelle weit entfernt. Darum war Ariadne dazu �bergegangen, Ausfl�chte zu machen.</p><p>�Schau�, sagte Nadia zu ihr in einem kleinen Raum an der Plaza gegen�ber den Stadtb�ros, �du mu�t Dorsia Brevia vergessen und an den Mars denken.�</p><p>�Das tue ich nat�rlich.�</p><p>Sie war �rgerlich, da� diese Zusammenkunft stattfand. Sie h�tte Nadia lieber kurzerhand weggeschickt. F�r sie spielte die Bedeutung des Falles keine Rolle. Es war blo� eine Frage der Priorit�t, da� man �berhaupt keinen Issei angeh�rt hatte. F�r diese Leute ging es jetzt um Machtpolitik und Hierarchie. Sie hatten vergessen, worauf es hier wirklich ankam. Und in dieser verdammten Stadt. Nadia verlor die Geduld und br�llte beinahe: �Du denkst �berhaupt nicht nach! Dies ist die erste Herausforderung f�r die Verfassung; und du siehst dich danach um, was f�r dich dabei herausspringen k�nnte! Das pa�t mir nicht.� Sie drohte mit dem Finger vor Ariadnes �berraschtem Gesicht. �Wenn du nicht daf�r stimmst, die Entscheidung des Gerichtshofes durchzusetzen, dann wirst du beim n�chsten Mal, wenn etwas bei einer Abstimmung des Rates ansteht, das du wirklich willst, Repressalien <emphasis>von mir</emphasis> erleben. Verstehst du?�</p><p>Ariadnes Augen waren wie Plakate�� erst schockiert, dann ein Moment reiner Furcht und dann Wut.</p><p>�Ich habe nie gesagt, da� ich nicht f�r eine Durchsetzung stimmen w�rde!� erwiderte sie hitzig. �Warum diese wilde Szene?�</p><p>Nadia ging wieder zu einer normalen Argumentation �ber, wiewohl immer noch scharf und unerbittlich. Schlie�lich hob Ariadne die H�nde: �Es ist das, was die meisten vom Rat in Dorsa Brevia machen wollen. Ich hatte ohnehin vor, daf�r zu stimmen. Du brauchst dich deswegen nicht so aufzuf�hren!� Und sie lief aufgebracht aus dem Zimmer.</p><p>Nadia empfand zuerst eine Anwandlung von Triumph. Aber der Ausdruck von Angst in den Augen der jungen Frau hatte sie ber�hrt, da� ihr im Magen leicht �bel wurde. Sie erinnerte sich an Cojote in Pavonis, der gesagt hatte: �Macht korrumpiert.� Das war dieses �ble Gef�hl, dieser erste Schlag von genutzter�� oder mi�brauchter�� Macht.</p><p>Viel sp�ter in dieser Nacht war ihr immer noch schlecht vor Widerwillen; und* sie erz�hlte Art fast weinend von dieser Konfrontation. �Das h�rt sich nicht gut an�, sagte er besorgt, �das klingt, als h�ttest du einen Fehler gemacht. Du wirst mit ihr noch zu tun bekommen. Wenn das der Fall ist, darfst du die Leute nicht vergraulen.�</p><p>�Ich wei�, ich wei�. Verflucht, das ist mir zuwider! Ich m�chte abhauen und etwas <emphasis>Reales</emphasis> machen.�</p><p>Er nickte ernst und klopfte ihr auf die Schulter.</p><p>Vor dem n�chsten Treffen ging Nadia zu Jackie hin�ber und sagte ihr ganz ruhig, da� sie die n�tigen Stimmen im Rat h�tte, um die Polizei zum Damm zu schicken, damit eine weitere Freigabe von Wasser verhindert w�rde. Dann erinnerte sie in der Versammlung alle mit einer �berraschenden Bemerkung daran, da� Nirgal sehr bald wieder unter ihnen sein w�rde, zusammen mit Maya, Sax und Michel. Worauf etliche Anwesende der Gruppe Freier Mars bedenklich dreinschauten, obwohl Jackie nat�rlich keine Reaktion zeigte. W�hrend sie anschlie�end meckerten und diskutierten, rieb Nadia zerstreut ihren Finger, innerlich immer noch erregt ob ihrer Begegnung mit Ariadne.</p><p>Am n�chsten Tag stimmten die Cairener zu, das Urteil des Globalen Umweltgerichtshofes anzuerkennen. Sie w�rden aufh�ren, Wasser aus ihrem Reservoir abzulassen; und die Siedlungen weiter unten im Canyon m��ten mit Leitungswasser auskommen, was sicher ihr Wachstum behindern w�rde.</p><p>�Gut!� sagte Nadia, immer noch bitter. �All das nur, um dem Gesetz zu gen�gen.�</p><p>�Sie werden Berufung einlegen�, erkl�rte Art.</p><p>�Das k�mmert mich nicht. Sie sind erledigt. Und selbst wenn nicht, sind sie dem Proze� unterworfen. Zum Teufel, meinetwegen k�nnen sie gewinnen. Der Proze� ist es, der z�hlt. Darum gewinnen wir in jedem Fall.�</p><p>Art l�chelte, als er das h�rte. Ohne Zweifel ein Schritt in politischer Erziehung, ein Schritt, den Art und Charlotte schon vor langer Zeit gemacht hatten. Ihnen kam es nicht auf das Ergebnis bei irgendeiner einzelnen Meinungsverschiedenheit an, sondern auf die erfolgreiche Anwendung der Gerichtsbarkeit. Wenn der Freie Mars jetzt die Mehrheit repr�sentierte�� was er offenbar tat, da er die Ergebenheit fast aller Eingeborener besa�, der jungen Toren, die sie waren��, dann bedeutete die Anerkennung der Verfassung, da� sie nicht einfach Minorit�ten kraft ihrer Zahl herumschubsen konnten. Wenn also der Freie Mars etwas gewann, so mu�te das durch einen Pr�zedenzfall sein, beurteilt durch die Gesamtheit der Richter des Gerichtshofes, die aus allen Fraktionen kamen. Das war wirklich sehr befriedigend, so als ob man s�he, da� eine aus zartem Material gebaute Mauer wegen eines geschickten Fachwerks mehr Gewicht tragen konnte, als man ihr ansah.</p><p>Aber sie hatte Drohungen anwenden m�ssen, und darum hinterlie� die ganze Sache einen schalen Geschmack in ihrem Mund. �Ich m�chte etwas Reales machen.�</p><p>�Zum Beispiel Rohre verlegen?�</p><p>Sie nickte, nicht gerade l�chelnd. �Ja, Hydrologie.�</p><p>�Kann ich mitkommen?�</p><p>�Als Klempnergehilfe?�</p><p>Er lachte. �Ich habe das schon einmal gemacht.�</p><p>Nadia schaute ihn an. Seine Anwesenheit hob ihre Stimmung. Das war drollig und altmodisch�� irgendwohin zu gehen, nur um mit jemandem zusammen zu sein. So etwas kam nicht mehr oft vor. Die Leute gingen dorthin, wohin sie gehen mu�ten, und trieben sich mit irgendwelchen Freunden herum, die sie dort antrafen, oder schl�ssen neue Freundschaften. Das war die marsianische Art. Oder" vielleicht die Art der Ersten Hundert. Oder ihre Art.</p><p>Jedenfalls war klar, wenn man dies tat und zusammen reiste, so war das mehr als eine Freundschaft, vielleicht sogar mehr als eine Aff�re. Aber das war nicht so �bel, sagte sie sich. Wirklich, gar nicht so �bel. Vielleicht etwas gew�hnungsbed�rftig. Aber es gab immer etwas, an das man sich gew�hnen mu�te.</p><p>Zum Beispiel ein neuer Finger. Art hielt ihre Hand und massierte das neue Fingerglied leicht. �Schmerzt das? Kannst du ihn biegen?�</p><p>Es schmerzte ein wenig und sie konnte es ein wenig biegen. Sie hatten einige Zellen aus der Kn�chelzone injiziert; und jetzt war er gerade etwas l�nger als das erste Gelenk ihres anderen kleinen Fingers. Die Haut war noch babyrosa, ohne Kallus oder Narbe. Jeden Tag etwas gr��er.</p><p>Art dr�ckte die Spitze ganz zart und f�hlte den Knochen darin. Seine Augen wurden rund. �Sp�rst du das?�</p><p>�O ja. Er ist wie die anderen Finger, nur vielleicht etwas empfindlicher.�</p><p>�Weil er neu ist.�</p><p>�Das nehme ich an.�</p><p>Nur der verlorene alte Finger war irgendwie mit betroffen. Die Geisterstimme kam wieder, als ob jetzt Signale von jenem Ende der Hand k�men. Art nannte das den Finger im Kopf. Und ohne Zweifel war eine Gruppe von Gehirnzellen diesem Finger gewidmet, der die ganze Zeit ein gespenstisches Leben gef�hrt hatte. Das war mangels Anregung im Laufe der Jahre abgeklungen, kam jetzt aber auch zur�ck oder wurde gereizt und verst�rkt. Vlads Erkl�rungen dieses Ph�nomens waren komplex. Aber wenn sie in diesen Tagen den Finger bef�hlte, kam er ihr ebenso gro� vor wie der an der anderen Hand, selbst wenn sie hinschaute. Als ob sie eine unsichtbare H�lle �ber dem neuen f�hlte. Zu anderen Zeiten empfand sie das kleine Ding in seiner richtigen Gr��e, kurz, hautartig und schwach. Sie konnte es am ersten Gelenk etwas biegen und nur ein wenig am zweiten. Das letzte Gelenk, hinter dem Fingernagel, war noch nicht da. Aber es war unterwegs. Es wuchs. Nadia machte wieder Witze dar�ber, da� es st�ndig wuchs, obwohl das ein unheimlicher Gedanke war. �Das ist doch gut�, sagte Art. �Du legst dir einen Hund zu.�</p><p>Aber nun war sie zuversichtlich, da� das nicht geschehen w�rde. Der Finger schien zu wissen, was er tat. Er w�rde ganz in Ordnung sein. Er sah normal aus. Art war fasziniert von ihm. Aber nicht nur von ihm. Er massierte ihre Hand, die etwas wund war, und dann auch ihren Arm und die Schultern. Er w�rde alles an ihr massieren, wenn sie ihn gew�hren lie�e. Und danach, wie das Gef�hl in ihrem Finger, in Armen und Schultern war, h�tte sie das tun sollen. Er war so entspannt. Das Leben war f�r ihn immer noch allt�gliches Abenteuer, voller Wunder und Frohsinn. Die Leute brachten ihn jeden Tag zum Lachen. Das war eine wundervolle Gabe. Gro�, mit rundem Gesicht und rundem K�rper, irgendwie Nadia selbst in gewissen Erscheinungsweisen �hnlich. Kahl werdend, unpr�tenti�s, geschmeidig im Gang. Ihr Freund.</p><p>Nun, nat�rlich liebte sie Art. Mindestens seit Dorsa Brevia. Es war �hnlich wie bei ihrem Gef�hl f�r Nirgal, der ein �beraus geliebter Neffe oder Student oder Patenkind oder Enkel oder Kind war. Und deshalb war Art einer der Freunde ihres Kindes. Tats�chlich war er ein bi�chen �lter als Nirgal, aber dennoch waren diese beiden wie Br�der. Das war das Problem. Aber all diese �berlegungen wurden wegen ihrer zunehmenden Langlebigkeit immer mehr hinf�llig. Wenn er nur um f�nf Prozent j�nger war als sie, w�rde das noch eine Rolle spielen? Wenn sie drei�ig Jahre intensiver gemeinsamer Erfahrung hinter sich gebracht hatten, wie es schon der Fall war, als Gleichgestellte und Mitarbeiter, Architekten einer Proklamation, einer Verfassung und einer Regierung; enge Freunde, Vertraute, Helfer, Massagepartner; spielte da die Anzahl der Jahre seit ihrer Jugend eine Rolle? Nein, das tat sie nicht. Das war klar, man mu�te nur daran denken. Und dann versuchen, es auch zu empfinden.</p><p>In Cairo wurde sie nicht mehr gebraucht, aber gerade jetzt in Sheffield. Nirgal w�rde bald zur�ck sein und helfen, Jackie im Zaum zu halten. Kein vergn�glicher Job, aber niemand konnte ihm dabei helfen. Es war hart, wenn man all seine Liebe auf eine Person fixierte. Wie sie es so viele Jahre lang mit Arkadij getan hatte, obwohl er f�r die meisten von ihnen tot gewesen war. Das ergab keinen Sinn; aber er fehlte ihr. Und trotzdem �rgerte sie sich noch �ber ihn. Er hatte nicht einmal lange genug gelebt, um zu begreifen, wieviel er vers�umt hatte. Der gl�ckliche Narr. Auch Art war gl�cklich, aber er war kein Narr. Wenigstens kein ausgesprochener. F�r Nadia waren alle gl�cklichen Leute definitionsgem�� etwas verr�ckt, wie k�nnten sie sonst gl�cklich sein? Aber sie mochte sie trotzdem. Sie brauchte sie. Sie waren wie ihre geliebte Musik Satchmos. Und angesichts der Welt und allem, was darin war, war diese Fr�hlichkeit ein sehr mutiger Weg zu leben�� nicht eine Kombination von Verh�ltnissen, sondern von Verhaltensweisen. �Jawohl, komm mit mir klempnern!� sagte sie zu Art und dr�ckte ihn ganz fest an sich, als ob man Gl�ck einfangen k�nnte, wenn man es nur fest genug dr�ckte. Sie zog sich zur�ck, und er machte vor �berraschung gro�e Augen, genau wie wenn er ihren kleinen Finger hielt.</p><p>Aber sie war immer noch Pr�sidentin des Exekutivrats und trotz ihres Entschlusses wurde sie jeden Tag durch �Entwicklungen� aller Art etwas fester an ihr Amt gefesselt. Deutsche Immigranten wollten eine neue Hafenstadt bauen namens �Blocks Hoffnung� auf der Halbinsel, welche das Nordmeer halbierte, und dann einen breiten Kanal durch diese Halbinsel graben. Rote Guerilleros widersetzten sich diesem Plan und jagten die durch die Halbinsel verlaufende Piste in die Luft. Sie sprengten auch die zum Gipfel von Biblis Patera f�hrende Piste, um zu zeigen, da� sie auch hier dagegen waren. Okopoeten in Amazonia wollten m�chtige Waldbr�nde entfachen. Andere Okopoeten in Kasei wollten den vom Feuer abh�ngigen Wald beseitigen, den Sax in der gro�en Kurve des Tales angelegt hatte (dieser Antrag wurde als erster einm�tig vom Gro�en Exekutivrat gebilligt). Rote, die bei White Rock lebten, einer acht Kilometer breiten rein wei�en Mesa, wollten diese zu einem �Kami-Gel�nde� erkl�rt sehen, wo menschlicher Zutritt verboten war. Ein Planungsteam von Sabishii empfahl, eine neue Hauptstadt an der K�ste des Nordmeers auf 0� L�nge zu erbauen, wo es eine tiefe Bucht gab. New Clarke wurde �berf�llt von Leuten, die verd�chtig nach Schn�fflertruppen der Metanats aussahen. Die Ingenieure von Da Vinci wollten, da� die Kontrolle des Weltraums �ber dem Mars einer Agentur der globalen Regierung �bertragen w�rde, die es nicht gab. Senzeni Na wollten ihre Mohole auff�llen. Die Chinesen baten um Genehmigung, einen ganz neuen Raumaufzug zu bauen, der in der N�he des Kraters Schiaparelli befestigt sein sollte, um ihre Einwanderer zu bedienen und andere auszuschalten. Die Immigration nahm jeden Monat zu.</p><p>Nadia behandelte alle diese Themen in halbst�ndigen Zusatzterminen, die von Art angesetzt wurden; und so vergingen die Tage im Nu. Es wurde sehr schwierig, sich dessen bewu�t zu bleiben, da� manche dieser Dinge wichtiger waren als andere. Zum Beispiel w�rde der Mars von chinesischen Einwanderern �berschwemmt werden, wenn sie auch nur den Abglanz einer Chance erhielten... Und die Roten Guerilleros wurden immer unversch�mter. Es hatte sogar Morddrohungen gegen Nadia selbst gegeben. Sie hatte jetzt eine Eskorte, sobald sie ihr Apartment verlie�, und dieses wurde diskret bewacht. Nadia ignorierte das und arbeitete weiter an ihren Aufgaben und daran, bei den Abstimmungen, die ihr wichtig waren, eine Majorit�t auf ihrer Seite zu haben. Sie stellte gute Arbeitsbedingungen mit Zeyk und Mikhail her und sogar mit Marion. Mit Ariadne liefen die Dinge allerdings nie wieder ganz so gut, was eine zweimal und darum auch gut gelernte Lektion war.</p><p>So machte sie ihre Arbeit. Aber die ganze Zeit wollte sie weg von Pavonis. Art sah, da� ihre Geduld jeden Tag knapper wurde. Sie merkte an seinem Blick, da� sie zunehmend widerborstig, m�rrisch und diktatorisch wurde. Sie merkte es, konnte es aber nicht �ndern. Nach Zusammenk�nften mit frivolen oder obstruktiven Leuten lie� sie oft einen Ergu� boshafter Schm�hungen los mit einer gleichm��ig leise fluchenden Stimme, die Art entnervend fand. Es kamen Delegationen, um ein Ende der Todesstrafe zu fordern oder das Recht, in der Caldera von Olympus Mons zu bauen, oder einen freien achten Platz im Exekutivrat zu verlangen. Und sobald die T�r geschlossen war, pflegte Nadia zu sagen: �Nun, es gibt f�r dich einen Haufen verdammter, saubl�der Idioten, die niemals �ber unentschiedene Abstimmungen nachgedacht haben und denen nie in den Sinn gekommen ist, da� man sein eigenes Lebensrecht verwirkt, wenn man jemandem das Leben nimmt� und so weiter. Der neuen Polizei ging eine Schar Roter Guerilleros ins Netz, die versucht hatten, die Sockelmuffe wieder in die Luft zu jagen, und dabei einen Sicherheitsmann get�tet hatten. Da war sie der strengste Richter, den sie hatten. Sie rief �Exekutiert sie! Ihr habt das Recht zu leben verwirkt, wenn ihr jemanden t�tet. Richtet sie hin oder verbannt sie lebensl�nglich vom Mars! La�t sie auf eine Weise bezahlen, die wirklich den Rest der Aufmerksamkeit der Roten auf sich zieht!�</p><p>�Na ja�, sagte Art unbehaglich. �Na ja, nach all dem.� Aber sie tobte weiter. Sie konnte erst aufh�ren, als ihre Wut nachgelassen hatte. Und Art stellte fest, da� das jedesmal l�nger dauerte.</p><p>Er gab sich selbst einen Teil der Schuld und empfahl ihr, eine neue Konferenz einzuberufen wie die, welche sie in Sabishii verpa�t hatte. Und sie sollte sich vergewissern, dieses Mal dabeizusein. Nadia war der Meinung, die Kanalisierung der Bem�hungen verschiedener K�rperschaften f�r eine einzelne Sache w�re nicht gerade, was man konstruktiven Aufbau nennt. Aber es schien doch notwendig zu sein.</p><p>Die Auseinandersetzungen in Cairo hatten ihre Aufmerksamkeit auf den hydrologischen Kreislauf gelenkt�� was w�rde geschehen, wenn das Eis anfinge zu schmelzen? Wenn sie irgendeinen Plan f�r einen Wasserkreislauf aust�fteln k�nnten, wenn auch nur n�herungsweise, k�nnte dieser weitgehend zur Reduzierung von Konflikten �ber Wasser f�hren. Darum beschlo� sie zu schauen, was sich machen lie�e.</p><p>Wie es in diesen Tagen oft geschah, wenn sie �ber globale Themen nachdachte, stellte sie fest, da� sie den Wunsch hatte, mit Sax dar�ber zu sprechen. Die Reisenden von der Erde waren jetzt beinahe zur�ck, nahe genug, da� die Verz�gerung der �bertragung unbedeutend war, fast als f�hre man eine normale Konversation mit dem Handgelenkapparat. So verbrachte Nadia ganze Abende im Gespr�chen mit Sax �bers Terraformen. Mehr als einmal �berraschte er sie gewaltig. Er vertrat nicht die Ansichten, die sie bei ihm erwartet hatte. Er schien sich stets zu ver�ndern. Eines Nachts sagte er: �Ich will die Dinge wild lassen.�</p><p>�Was meinst du damit?� fragte sie.</p><p>Sein Gesicht nahm den nachdenklichen Ausdruck an, den er hatte, wenn er scharf �berlegte. Es dauerte erheblich l�nger als die Verz�gerung der �bertragung, bis er antwortete: �Vielerlei. Das ist ein kompliziertes Wort. Aber�� ich meine�� ich will die urspr�ngliche Landschaft so unversehrt wie m�glich erhalten.�</p><p>Nadia konnte ihr Gel�chter dar�ber beherrschen. Aber Sax sagte noch: �Was findest du daran belustigend?�</p><p>�Oh, nichts. Du klingst nur�� ich wei� nicht�� wie manche Rote. Oder die Leute in Christianopolis. Das sind keine Roten, aber sie haben vorige Woche fast dasselbe zu mir gesagt. Sie wollen, da� die prim�re Landschaft des fernen S�dens erhalten wird. Ich habe ihnen geholfen, eine Konferenz zu veranstalten, um �ber Wasserscheiden im S�den zu sprechen.�</p><p>�Ich dachte, du arbeitest an Treibhausgasen?�</p><p>�Sie wollen mich nicht arbeiten lassen. Ich mu� Pr�sidentin sein. Aber ich werde zu dieser Konferenz gehen.�</p><p>�Eine gute Idee.�</p><empty-line/><p>Die japanischen Siedler in Messhi Hoko (was bedeutete �Selbstopferung f�r die Sache der Gruppe�) traten mit der Bitte an den Rat heran, da� ihrer Kuppel in S�d-Tharsis mehr Land und Wasser zugeteilt werden m�ge. Nadia machte sich auf den Weg zu ihnen und flog mit Art nach Christianopolis im fernen S�den hinunter.</p><p>Die kleine Stadt (und nach Sheffield und Cairo wirkte sie besonders klein) lag im Phillips-Randkrater Vier auf einer Breite von 67� S�d. W�hrend des Jahres ohne Sommer hatte der tiefe S�den mehrere strenge St�rme erlebt, die ungef�hr vier Meter Neuschnee abgeladen hatten�� eine noch nie dagewesene Menge. Der vorige Jahresrekord war bei weniger als einem Meter gelegen. Jetzt war es Ls 281, also kurz nach dem Perihel und im S�den Hochsommer. Und die verschiedenen Strategien zur Vermeidung einer Eiszeit schienen gut zu funktionieren. Der meiste Schnee war in einem warmen Fr�hling geschmolzen, und jetzt gab es auf jedem Kraterboden runde Teiche. Der Teich im Zentrum von Christianopolis war ungef�hr vier Meter tief und hatte einen Durchmesser von 300 Metern. Das gefiel den Einwohnern, da er ihnen einen sch�nen Parkteich bescherte. Aber dasselbe passierte in jedem Winter; und die Meteorologen glaubten, da� die kommenden Winter noch mehr Schnee bringen und die kommenden Sommer immer w�rmer werden w�rden. Dann w�re ihre Stadt schnell durch Schneeschmelze �berschwemmt und Phillipps-Randkrater Vier w�rde ein randvoller See werden. Und das galt f�r alle Krater auf dem Mars.</p><p>Die Konferenz in Christianopolis war zusammengekommen, um Strategien zu er�rtern, wie man mit der Situation fertig werden konnte. Nadia hatte getan, was m�glich war, um einflu�reiche Leute hinunterzubekommen, einschlie�lich Meteorologen, Hydrologen, Ingenieure und m�glichst auch Sax, dessen R�ckkehr nun unmittelbar bevorstand. Das Problem der Krater�berschwemmung sollte der einzige Ausgangspunkt der Diskussion �ber die Wasserscheiden und den hydrologischen Zyklus selbst sein.</p><p>Das Kraterproblem speziell sollte so gel�st werden, wie Nadia es vorhergesagt hatte�� durch Rohrleitungen. Sie w�rden die Krater wie Badewannen behandeln und Drainagen bohren, um sie zu entleeren. Die Brecciapfannen unter den staubigen Kraterb�den waren �u�erst hart. Sie konnten aber mit Robotern durchtunnelt werden. Dann installierte man Pumpen und Filter, um das Wasser herauszupumpen und, wenn gew�nscht, einen zentralen Teich zu behalten oder den Krater trockenzulegen.</p><p>Aber was w�rden sie mit dem herausgepumpten Wasser anfangen? Die s�dlichen Gebirgsl�nder waren zerkl�ftet, narbig, h�glig, eingesunken, gespalten und br�chig. Als Wasserscheiden waren sie nicht zu gebrauchen. Es gab in weitem Umkreis kein absch�ssiges Gel�nde. Der <emphasis>ganze</emphasis> S�den war ein Plateau in drei bis vier Kilometern H�he �ber dem alten Bezugsniveau, mit nur kleinen Buckeln und Senken. Auf der Erde hatten tektonische Bewegungen alle paar Dutzend Jahrmillionen Berge hochgedr�ckt; und dann war Wasser an diesen frischen H�ngen heruntergeflossen auf den Wegen geringsten Widerstandes hin zum Meer und hatte �berall die fraktalen Formen von Wasserscheiden eingegraben. Selbst die trockenen Beckenregionen der Erde waren von Arroyos ges�umt und mit Salztonebenen (Playas) durchsetzt.</p><p>Im S�den des Mars hingegen hatte das fr�hzeitliche Bombardement w�st auf das Land eingeh�mmert und allenthalben Krater und Ausw�rfe hinterlassen. Danach hatten die zerschlagenen W�sten zwei Milliarden Jahre lang unter der r�cksichtslosen Erosion der staubigen Winde gelegen, die an jeder br�chigen Stelle zerrten und schliffen. Wenn man Wasser auf dieses knubblige Land gie�en w�rde, k�me dabei ein verr�ckter Fleckenteppich aus kurzen Str�men zustande, die von lokalen Neigungen zum n�chsten randlosen Krater fl�ssen. Kaum irgendwelche Str�me w�rden es bis zu dem Meer im Norden schaffen oder gar zu den Hellas- oder Argyre-Becken, die umringt von den Gebirgsketten ihrer eigenen Ausw�rfe im Landesinnern lagen.</p><p>Es gab aber einige Ausnahmen von dieser Situation. Auf die fr�he (noachische) Zeit folgte eine kurze �warmfeuchte� Periode in der hesperischen Zeit, die vielleicht nur einhundert Jahrmillionen w�hrte und in der eine dichte warme Kohlendioxid-Atmosph�re erm�glicht hatte, da� fl�ssiges Wasser an die Oberfl�che str�mte und einige Flu�betten in die sanften H�nge des Plateaus grub, die sich zwischen Kratermor�nen ihren Weg suchten. Und diese Wasserl�ufe waren nat�rlich, nachdem die Atmosph�re ausgefroren war, als leere Arroyos geblieben, die lediglich vom Wind erweitert wurden. Diese fossilen Flu�betten wie Nirgal Vallis, Warrego Valles, Protva Valles, Patana Valles oder Otis Vallis waren enge, gewundene Canyons, eher flu�artig als Gr�ben oder Fossae. Ein paar von ihnen besa�en unreife Zuflu�systeme, darum benutzte die Planung eines gro� angelegten Wasserscheidensystems f�r den S�den nat�rlich diese Canyons als prim�re Wasserl�ufe, die von oben her durch die Zufl�sse vollgepumpt wurden. Dann gab es noch eine Anzahl alter Lavakan�le, die man leicht zu Fl�ssen machen konnte, da die Lava, genau wie das Wasser, auf seinem Weg nach unten den Weg des geringsten Widerstandes zu nehmen pflegte. Au�erdem waren da noch etliche geneigte Bruchgr�ben und Spalten, wie am Fu�e von Eridania Scopulus, die genauso genutzt werden konnten.</p><p>In der Konferenz wurden t�glich auf gro�en Marsgloben verschiedene Wassersysteme aufgezeichnet. Es gab auch R�ume voller topographischer 3D-Karten, in denen einzelne Gruppen herumstanden und �ber Vorz�ge und Nachteile diverser Wasserscheidensysteme diskutierten oder auch nur ruhelos auf und ab gingen und dar�ber nachdachten, oder mit den Kontrollen herumspielten, um neue L�sungen zu finden. Nadia wanderte durch die R�ume, schaute diese Hydrographien an und lernte viel �ber die S�dhemisph�re, das sie bisher nicht gewu�t hatte. Da war ein sechs Kilometer hoher Berg nahe dem Krater Richardson im fernen S�den. Auch die S�dpolkappe lag recht hoch. Dorsa Brevia hingegen lag in einer Senke, die aussah wie ein aus dem Hellas-Aufprall geschnittener Strahl, ein Tal, so tief, da� ein See daraus werden mu�te. Dieser Gedanke gefiel denen von Dorsa Brevia nat�rlich nicht. Das Gebiet konnte aber sicher dr�niert werden, sollte man sich darum bem�hen. Es gab Dutzende unterschiedlicher Pl�ne, und jedes einzelne System machte auf Nadia einen befremdlichen Eindruck. Sie hatte noch nie klar gesehen, wie sich ein durch Schwerkraft getriebenes Fraktal von zuf�lligen Impakten unterschied. In der rudiment�ren meteoritischen Landschaft war fast alles m�glich, weil nichts auf der Hand lag�� nichts au�er der Tatsache, da� bei jedem m�glichen System einige Kan�le und Tunnels gebaut werden m��ten. Ihr neuer Finger juckte vor dem Verlangen, hier raus zu kommen und einen Bulldozer oder Tunnelbohrer zu steuern.</p><p>Allm�hlich nahmen die effizientesten, logisch oder �sthetisch ansprechendsten Pl�ne aus den Vorschl�gen Gestalt an. Die f�r jede Region in Frage kommenden wurden in einer Art Mosaik zusammengeheftet. Im �stlichen Quadranten des �u�ersten S�dens tendierten die Str�me dazu, auf das Hellas-Becken hinzulaufen und schlie�lich durch einige Schluchten in das Hellas-Meer, was g�nstig war. Dorsa Brevia akzeptierte einen Plan, wonach der Grat des Lavatunnels ihrer Stadt eine Art Damm werden sollte, der eine Wasserscheide kreuzte, so da� sich ein See dar�ber und ein Flu� darunter befinden w�rde, der nach Hellas str�mte. Um die s�dliche Polkappe herum w�rde fallender Schnee gefroren bleiben; aber die meisten Meteorologen sagten voraus, da� es nach dem Eintreten stabiler Verh�ltnisse nicht viel Schneefall in der Polregion geben w�rde und sich eine kalte W�ste bilden w�rde, �hnlich der Antarktis auf der Erde. Nat�rlich w�rde es schlie�lich zu einer gro�en Eiskappe kommen, und man w�rde etwas von dem Wasser schmelzen und wieder nach Norden pumpen m�ssen, vielleicht in das Hellas-Meer. �hnliche Pumparbeiten w�rden im Argyre-Becken erforderlich sein, falls man sich daf�r entscheiden sollte, Argyre trocken zu halten. Eine Gruppe gem��igter Roter bestand vor dem Globalen Exekutivrat mit dem Argument darauf, da� eines der gro�en, mit D�nen gef�llten Impaktbecken auf dem Planeten erhalten bleiben m��te. Es schien sicher, da� dieser Anspruch vom Gerichtshof g�nstig aufgenommen werden w�rde. Darum mu�ten alle Wasserscheiden rings um Argyre das in Rechnung stellen.</p><p>Sax hatte einen eigenen Plan f�r Wasserscheiden entworfen, den er mit den �brigen zusammen zur Konferenz �ber den Bildschirm zur Beurteilung vorlegte, als ihre Rakete mit aerodynamischer Bremsung in den Orbit eintauchte. Dieser Plan sah ein Minimum an Oberfl�chenwasser vor, sah ausgiebig Tunnels vor und kanalisierte fast alles Drainagewasser in die fossilen Flu�canyons. Dabei w�rden weite Gebiete des S�dens trockene W�sten bleiben, so da� eine Hemisph�re aus trockenem Tafelland entst�nde, das von ein paar engen Canyons mit Flu�b�den tief durchschnitten sein w�rde. In einem Anruf erkl�rte er Nadia: �Es wird wieder Wasser nach Norden gef�hrt; und wenn man auf den Plateaus steht, wird es fast aussehen wie schon immer.�</p><p>Er sagte, da� es ihr bestimmt gefallen w�rde.</p><p>�Eine gute Idee�, sagte Nadia.</p><p>Und wirklich unterschied sich Saxens Plan nicht gro�artig von dem durch die Konferenz ausgearbeiteten Konsens. Feuchter Norden, trockener S�den, womit der gro�en Dichotomie ein neuer Dualismus hinzugef�gt w�re. Und es war befriedigend, da� die alten Flu�canyons wieder Wasser f�hren sollten. Ein in Anbetracht des Terrains gut durchdachter Plan.</p><p>Aber die Tage, in denen Sax oder sonst jemand ein Projekt f�r das Terraformen aussuchen und dann hingehen und es ausf�hren konnte, waren l�ngst vorbei. Nadia stellte fest, da� Sax das noch nicht ganz begriffen hatte. Schon ganz zu Anfang, als er mit Algen gef�llte Windm�hlen in das Feld geschmuggelt hatte, ohne da� au�er seinen Komplizen jemand etwas davon wu�te oder zugestimmt hatte, pflegte er auf eigene Faust zu handeln. Das war eine eingefleischte Geisteshaltung; und jetzt schien er das Pr�fungsverfahren seitens der Umwelt�mter zu vergessen, das jeder Plan �ber Wasserscheiden durchzumachen hatte. Aber es gab diesen Proze�, der jetzt unvermeidbar war. Wegen der gro�en Geste waren die H�lfte der Richter am Globalen Exekutivrat Rote der einen oder anderen Schattierung. Jeder dahingehende Vorschlag aus einer Konferenz selbst mit Sax Russell als Teilnehmer aus der Entfernung w�rde genauer und mi�trauischer Kritik unterliegen.</p><p>Aber Nadia hatte den Eindruck, da� die Roten Richter, wenn sie den Vorschlag sorgf�ltig pr�ften, durch den Versuch von Sax erstaunt sein w�rden. Tats�chlich war dieser Sinneswandel fast wie ein DamaskusErlebnis�� angesichts der Geschichte von Sax unerkl�rlich. Sofern man nicht alles dar�ber wu�te. Aber Nadia verstand: Er wollte Ann einen Gefallen tun.</p><p>Nadia hielt das f�r m�glich, wollte aber gern Saxens Versuch beobachten. �Ein Mann voller �berraschungen�, bemerkte sie Art gegen�ber.</p><p>�Ein Gehirntrauma bringt so etwas mit sich.�</p><p>Auf jeden Fall hatten sie, als die Konferenz beendet war, eine ganze Hydrographie konstruiert, die alle k�nftigen gr��eren Seen, Fl�sse und Str�me der S�dhemisph�re verzeichnete. Dieser Plan w�rde schlie�lich mit �hnlichen Pl�nen f�r die Nordhemisph�re kollationiert werden m�ssen, die wegen der Ungewi�heit, wie gro� das Nordmeer sein w�rde, vergleichsweise betr�chtlich ungeordnet waren. Es wurde kein Wasser mehr aus dem Permafrost und den Reservoiren gepumpt. Tats�chlich waren viele Pumpstationen im letzten Jahr durch Rote Guerilleros gesprengt worden. Aber einiges Wasser stieg immer noch unter dem Druck, den das bereits an die Oberfl�che gepumpte Wasser auf das Land aus�bte, auf. Und es flo� auch im Sommer Wasser nach Vastitas herein, jedes Jahr mehr, sowohl von der n�rdlichen Polkappe wie von der Gro�en B�schung. Vastitas war das Auffangbecken f�r die gro�en Wasserscheiden auf allen Seiten. Darum mu�te im Sommer eine Menge Wasser hineinstr�men. Andererseits wurde durch die trockenen Winde immer viel Wasser mitgezogen, das dann irgendwo abregnete. Und Wasser pflegte viel schneller zu verdunsten, als das st�ndig vorhandene Eis sublimierte. Darum bestand der Arbeitstag eines Modellmachers darin, zu berechnen, wieviel verlorenging und wieviel wieder zur�ckkam. Auf der ganzen. Karte gab es Sch�tzungen, so da� Differenzen in der Vorhersage zu gesch�tzten K�stenlinien f�hrten, die in manchen F�llen Hunderte von Kilometern auseinanderlagen.</p><p>Diese Unsicherheit pflegte, wie Nadia dachte, jeden Globalen Exekutivrat zu behindern, dessen Aufgabe es im Grunde war, alle laufenden Daten zu korrelieren und zu bewerten, ein Meeresniveau festzusetzen und dann alle Wasserscheiden entsprechend zu genehmigen. Es erschien an dieser Stelle speziell unm�glich, �ber das Schicksal des Argyre-Beckens zu entscheiden, ehe es einen Plan f�r den Norden gab. Einige Pl�ne verlangten, Wasser aus dem Nordmeer nach Argyre hochzupumpen, wenn es dort zu voll wurde, um eine �berflutung der Marineris-Canyons, S�d-Fossa und der neu im Bau befindlichen H�fen zu vermeiden. Radikale Rote drohten bereits damit, Siedlungen am Westufer� �ber ganz Argyre zu errichten, um jedem solchen Unternehmen zu begegnen.</p><p>Damit hatte der Globale Exekutivrat ein weiteres gro�es Problem zu l�sen. Er wurde offenbar das wichtigste politische Gremium auf dem Mars. Mit der Verfassung und seinen vorangegangenen Gesetzen zur F�hrung beherrschte er fast jeden Aspekt ihres k�nftigen Lebens auf dem Mars. Nadia hielt das vermutlich auch f�r richtig oder fand wenigstens nichts Falsches dabei. Entscheidungen mit globalen Verzweigungen, die global beurteilt wurden, waren notwendig. Darauf lief es hinaus.</p><p>Aber unabh�ngig von zuk�nftigen Gerichtsentscheidungen�� ein vorl�ufiger Plan f�r die s�dliche Hemisph�re war schlie�lich formuliert worden. Und zur allgemeinen �berraschung fand der Globale Exekutivrat sehr bald nach Vorlage zu einer positiven vorl�ufigen Beurteilung; denn er konnte, wie es hie�, stufenweise aktiviert werden, wenn im S�den Niederschl�ge fielen, und die ersten Stufen blieben fast unbeeindruckt davon, wie hoch das endg�ltige Meeresniveau im Norden sein w�rde. Daher gab es keinen Grund, den Beginn der konkreten Umsetzung weiter hinauszuschieben.</p><p>Art kam herein, strahlend �ber diese Nachricht.</p><p>�Wir k�nnen mit der Klempnerei anfangen�, verk�ndete er.</p><empty-line/><p>Aber Nadia konnte das nat�rlich nicht. Sie mu�te wieder zu Sitzungen nach Sheffield zur�ckkehren. Es waren Entscheidungen zu treffen, und Leute mu�ten �berzeugt oder gezwungen werden. Sie verrichtete verbissen diese Arbeit, ob sie ihr gefiel oder nicht. Im Lauf der Zeit wurde sie dabei immer besser und besser. Sie lernte, wie sie sanft Druck aus�ben konnte, damit andere Leute in ihrem Sinne handelten und wie Menschen ihren Bitten entsprachen, wenn sie bestimmte W�nsche oder Anregungen �u�erte. Der st�ndige Strom von Entscheidungen schliff manche ihrer Ansichten ab. Sie fand, da� es hilfreich war, zumindest einige bewu�t eingehaltene politische Grunds�tze zu haben, statt jeden Fall instinktiv zu l�sen. Es half auch, verl��liche Verb�ndete zu besitzen, im Rat und anderswo, anstatt eine vermeintlich neutrale und unabh�ngige Person zu sein. Und so kam es allm�hlich dazu, da� sie sich den Bogdanovisten zuwandte, die zu ihrer �berraschung enger ihrer politischen Denkweise entsprachen als alle anderen Gruppierungen auf dem Mars. Nat�rlich war ihre Lesart von Bogdanovismus relativ einfach. Dinge sollten gerecht getan werden, wie Arkadij betont hatte, und alle sollten frei und gleich sein. Die Vergangenheit spielte keine Rolle. Sie mu�ten neue Formen erfinden, wo die alten unfair oder undurchf�hrbar schienen. Der Mars war, wenigstens f�r sie, die einzige Realit�t, die z�hlte. Mit diesen Leitprinzipien fand sie es leichter, sich �ber Dinge klar zu werden, einen Kurs zu erkennen und direkt anzusteuern.</p><p>Sie wurde auch immer r�cksichtsloser. Von Zeit zu Zeit empfand sie aufs neue, wie Macht korrumpieren konnte, sp�rte es wie einen leichten Ekel. Aber sie gewohnte sich daran. Sie stie� oft mit Ariadne zusammen; und wenn sie sich an die Gewissensbisse erinnerte, die sie bei ihrem ersten Gerangel mit der jungen Minoerin gehabt hatte, erschien ihr das lachhaft oder allzu �berempfindlich. Sie war jetzt jeden Tag z�her gegen�ber den Leuten, die ihr begegneten. Sie zeigte bei einer Sitzung nach der anderen in kalkulierten kleinen Ausbr�chen von Brutalit�t das Messer, was die Leute sehr wirksam auf Vordermann brachte. Und tats�chlich�� je mehr sie es sich gestattete, kleine Ausbr�che von Wut und �rger herauszulassen, desto sicherer konnte sie die Menschen kontrollieren und irgendwie n�tzlicher einsetzen. Sie war eine Macht, und die Leute wu�ten das, und Macht war �tzend. Macht war auch in mehr als einer Hinsicht stark. Nadia hatte deswegen nur sehr wenige Gewissensbisse. Im allgemeinen brauchten die Leute hin und wieder einen Nasenst�ber. Sie hatten gedacht, eine harmlose alte Babuschka zu bekommen, die im gro�en Sessel sa�, w�hrend sie untereinander ihre Spielchen spielten. Aber der gro�e Sessel war der Sitz der Macht; und sie w�re dumm gewesen, wenn sie nicht all diesen Mist durchmachen und diese Macht nicht einsetzen w�rde, um das zu bekommen, was sie wollte.</p><p>Und so merkte sie immer seltener, wie h��lich das war. Als das einmal nach einem besonders harten Tage der Fall war, sank sie in einem Sessel zusammen und weinte fast, elend vor Mi�mut. Es waren erst sieben Monate von ihren drei m-Jahren vergangen. Was w�rde sie werden, wenn ihr Pensum erledigt w�re? Sie hatte sich schon an die Macht gew�hnt. Bis dahin w�rde sie ihr vielleicht sogar gefallen.</p><p>Art, der durch all dies besorgt war, zwinkerte ihr am Fr�hst�ckstisch zu. Nachdem sie erkl�rt hatte, was sie bedr�ckte, sagte er einfach: �Nun, Macht ist Macht.� Seine Gedanken waren hart: �Du bist die erste Pr�sidentin des Mars. Also definierst du in gewisser Weise das Amt. Vielleicht solltest du erkl�ren, da� du immer nur den jeweils ersten Monat des Marskalenders arbeiten wirst und nicht auch den zweiten, und die zweiten Monate jeweils an deinen Stab delegierst. Irgend etwas dieser Art.�</p><p>Sie starrte ihn an, den Mund voll mit Toast.</p><p>Sp�ter in dieser Woche verlie� sie Sheffield und begab sich wieder nach S�den, zusammen mit einer Karawane von Leuten, die von Krater zu Krater zogen, um Drainagesysteme zu installieren. Jeder Krater war anders; aber im Grund kam es darauf an, den richtigen Winkel herauszufinden, der aus der Mor�ne hinausf�hrte, und dann die Roboter in Gang zu setzen. Von Karman, Du Toit, Schmidt, Agassiz, Heaviside, Bianchini, Lau, Chamberlin, Stoney, Dokuchaev, Trumpler, Keeler, Charlier, Suess... Sie verrohrten alle diese Krater und viele namenslose dazu, obwohl die Krater schneller Namen bekamen, als sie sie anbohrten: 85 South, Too Dark, Fool�s Hope, Shanghai, Hiroko Slept Here, Fourier, Cole, Proudhon, Bellamy, Hudson, Kaif, 47 Ronin, Makoto, Kino Dokku, Ka Ko, Mondragon. Der Umzug vom einen Krater zum n�chsten erinnerte Nadia an ihre Fahrten um die s�dliche Polkappe w�hrend der Jahre des Untergrundes. Nur fand jetzt alles offen statt, und w�hrend der Mittsommertage schwelgte das Team in der Sonne, im grellen Licht der Kraterteiche. Sie reisten durch rauhe gefrorene S�mpfe, die von sonnigem Schmelzwasser und Wiesengras schimmerten, und kreuzten nat�rlich immer die rostfarbene und schwarze Felsenlandschaft, die Ring um Ring und Spalte um Spalte ans Licht stie�. Sie verrohrten Krater und legten Leitungen durch Wasserscheiden und f�gten den Sch�rfmaschinen Fabriken f�r Treibhausgase �berall da hinzu, wo das Gestein irgendwelche Gasvorr�te barg.</p><p>Aber kaum etwas davon erwies sich als eine Arbeit in dem Sinne, wie sie Nadia vorschwebte. Sie vermi�te die alten Tage. Nat�rlich war das Bedienen eines Bulldozers keine schwere k�rperliche Arbeit gewesen; aber der Umgang mit der Schaufel war eine stark physische T�tigkeit gewesen und das st�ndige Schalten physisch anstrengend. Und es herrschte rundherum eine h�here Beflissenheit als bei dieser �Arbeit�, die darin bestand, zu Computern zu sprechen und dann umherzugehen und brummende und summende Teams h�fthoher Robotgraber, h�userblockhoher mobiler Fabrikeinheiten und Tunnelmaulw�rfe mit Diamantz�hnen zu beobachten, deren Z�hne wie beim Haifisch nachwuchsen und aus biokeramisch-metallischen Legierungen bestanden, die st�rker waren als das Aufzugskabel. Die Maschinerie lief ganz von alleine.</p><p>Das war es nicht, was sie erwartete.</p><p>Ein neuer Versuch. Sie durchlief einen anderen Zyklus. R�ckkehr nach Sheffield, Bet�tigung in der Arbeit des Rates, zunehmender Widerwille, gemischt mit Verzweiflung, Ausschau nach irgend etwas, das sie da herausbringen k�nnte, Bemerken eines annehmbaren Projekts und Inangriffnahme desselben. Loslegen und pr�fen. Wie Art gesagt hatte, konnte sie ungehindert handeln.</p><p>Bei der n�chsten Pause interessierte sie sich f�r B�den. Art sagte: �Luft, Wasser, Erde. Das n�chste Mal werden es Waldbr�nde sein, he?�</p><p>Aber sie hatte geh�rt, da� es in dem bogdanovistischen Vishniac Forscher g�be, die Boden herzustellen versuchten; und das interessierte sie. So zog sie los und flog gen S�den nach Vishniac, wo sie seit Jahren nicht gewesen war. Art begleitete sie. �Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die alten St�dte des Untergrundes anpassen, jetzt, wo es nicht mehr n�tig ist, sich zu verstecken.�</p><p>Als sie in die zerkl�ftete Region des S�dpols flogen, sagte Nadia: �Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht, weshalb jemand hier unten bleibt. So weit im S�den herrscht ewiger Winter. Sechs Monate ganz ohne Sonne. Wer w�rde da bleiben wollen?�</p><p>�Sibirier.�</p><p>�Kein Sibirier, der richtig bei Verstand ist, w�rde hierher ziehen. Die wissen es besser.�</p><p>�Also dann Lappen oder Inuit. Leute, die die Pole lieben.�</p><p>�Das nehme ich an.�</p><p>Wie sich zeigte, schienen niemandem in Vishniac Bogdanov die Winter etwas auszumachen. Sie hatten den Abraumh�gel ihres Moholes ringf�rmig um das Mohole selbst angelegt und damit ein riesiges rundes Amphitheater geschaffen das auf das Mohole ausgerichtet war. Dieses terrassierte Amphitheater sollte das Vishniac an der Oberfl�che werden. W�hrend der Sommer w�re es eine gr�ne Oase und in den dunklen Wintern eine wei�e Oase. Sie beabsichtigten es mit Hunderten heller Stra�enlaternen zu erleuchten und sich dadurch eine Art B�hnenbild zu schaffen in einer Stadt, die sich rings um eine runde L�cke selbst betrachtet oder von der oberen Mauer auf das frostige Chaos der polaren Gebirge blickt. Nein, keine Frage, sie w�rde nicht bleiben. Der Ort geh�rte jenen Leuten.</p><p>Nadia wurde am Flughafen als Ehrengast begr��t wie immer, wenn sie sich bei Bogdanovisten aufhielt. Zuvor hatte sie das als l�cherlich und sogar etwas aggressiv empfunden: Freundin des Gr�nders! Aber jetzt nahm sie ihr Anerbieten einer G�stesuite an, die am Rande des Moholes mit einem leicht �berh�ngenden Fenster, das einen Blick direkt in die Tiefe �ber achtzehn Kilometer erlaubte, lag. Die Lichter auf dem Boden des Moholes sahen aus wie durch den Planeten hindurchscheinende Sterne.</p><p>Art war starr vor Entsetzen, nicht wegen der Aussicht, sondern blo� wegen des Gedankens daran, und er wollte sich ihr nicht weiter als durch die H�lfte des Raums n�hern. Nadia lachte ihn aus und schlo� die Vorh�nge, als sie sich sattgesehen hatte.</p><p>Am n�chsten Tag ging sie hinaus, um die Bodenforscher zu besuchen, die sich �ber ihr Interesse freuten. Sie wollten unabh�ngig sein, sich selbst ern�hren; und das wurde, ohne mehr Land schwierig, als immer mehr Siedler in den S�den zogen. Sie fanden aber heraus, da� die Herstellung von Boden zu den schwierigsten technischen Aufgaben z�hlte, die sie sich jemals gestellt hatten. Nadia war �berrascht, das zu h�ren. Schlie�lich waren dies doch die Vishniac-Labors, in der Welt bei technisch getragenen �kologien f�hrend, die Jahrzehnte lang in einem Mohole versteckt gelebt hatten. Und Ackerkrume war�� na ja�� Boden. Vermutlich Dreck mit Zus�tzen und Beischl�gen, die man noch dazutun konnte.</p><p>Zweifellos brachte sie etwas von diesem Urteil gegen�ber den Bodenforschern zum Ausdruck; und der Mann namens Arne, der sie herumf�hrte, teilte ihr etwas gereizt mit, da� Boden wirklich <emphasis>sehr</emphasis> komplex w�re. Ungef�hr f�nf Gewichtsprozent davon bestand aus Lebewesen, n�mlich dichte Populationen von Nematoden, W�rmern, Mollusken, Arthropoden, Insekten, Arachniden, kleinen S�ugetieren, Schw�mmen, Protozoen, Algen und Bakterien. Die Bakterien allein umfa�ten mehrere tausend verschiedene Arten und konnten pro Gramm Boden bis zu hundert Millionen Individuen z�hlen. Und die anderen Mitglieder der Mikrogemeinschaft waren fast ebenso reichlich in Zahl und Mannigfaltigkeit.</p><p>Derart komplexe �kologien konnten nicht einfach auf die Art hergestellt werden, wie Nadia sich das eingebildet hatte: da� man die Ingredienzen separat z�chtete und dann wie einen Kuchen in einem Mixer zusammenmischte. Aber sie kannten nicht alle Ingredienzen und konnten einige davon nicht z�chten; und manche, bei denen das gelang, starben bei der Vermischung. �W�rmer sind besonders empfindlich. Auch Nematoden machen Schwierigkeiten. Das ganze System neigt dazu zusammenzubrechen, wobei uns nur Mineralien und tote organische Substanzen verbleiben. Das nennt man dann Humus. In der Herstellung von Humus sind wir sehr gut. Aber Ackerkrume mu� wachsen.�</p><p>�So wie in der Natur?�</p><p>�Richtig. Wir k�nnen nur versuchen, ihn schneller wachsen zu lassen, als es von Natur aus geschieht.</p><p>Wir k�nnen ihn nicht zusammensetzen oder in gro�en Mengen herstellen. Und viele der lebendigen Bestandteile wachsen am besten im Humus selbst. Darum ist es ein Problem, Organismen, die den Grundstock bilden, schneller zu beschaffen, als die nat�rliche Bodengestaltung sie liefern w�rde.�</p><p>�Hmm�, machte Nadia.</p><p>Arne f�hrte sie durch ihre Labors und Gew�chsh�user, die voller zylindrischer Bottiche oder Rohre waren, in Gestellen, alle mit Boden oder dessen Komponenten gef�llt. Das war experimentelle Agronomie; und Nadia vermochte nach ihrer Erfahrung mit Hiroko nur sehr wenig davon zu verstehen. Die esoterischen Dinge der Wissenschaft �berstiegen ihr Fassungsverm�gen. Aber sie begriff, da� man fabrikm��ige Versuche anstellte, in denen die Bedingungen in jedem Bodenk�rper variierten, und verfolgte, was geschah. Arne zeigte ihr eine einfache Formel, die die allgemeinsten Aspekte des Problems beschrieb:</p><empty-line/><subtitle>S=/(PM,C,R,B,T)</subtitle><empty-line/><p>die besagte, da� jede Bodeneigenschaft <emphasis>S</emphasis> ein Faktor / der halbunabh�ngigen Variablen ist, n�mlich Elternmaterial (PM)/ Klima (C), Topographie oder Relief (R), Flora und Fauna (B) und Zeit (T). Die Zeit war nat�rlich der Faktor, den sie beschleunigen wollten. Und das Elternmaterial war bei ihren meisten Versuchen der �berall vorhandene Ton an der Oberfl�che des Mars. Klima und Topographie wurden manchmal ver�ndert, um verschiedene Feldbedingungen zu simulieren. Aber am meisten variierten sie die biotischen und organischen Elemente. Das bedeutete Mikro�kologie der raffiniertesten Art; und je mehr Nadia dar�ber lernte, desto schwieriger erschien ihr das Vorhaben�� nicht so sehr Konstruktion als vielmehr Alchimie. Viele Elemente mu�ten einen Bodenzyklus durchmachen, um als Wachsmedium f�r Pflanzen zu dienen; und jedes Element hatte seinen eigenen speziellen Zyklus, der durch eine unterschiedliche Kombination von Agenzien angetrieben wurde. Es gab die Makro-N�hrstoffe: Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Phosphor, Schwefel, Kalium, Calcium und Magnesium; dann die Mikro-N�hrstoffe Eisen, Mangan, Zink, Kupfer, Molybd�n, Bor und Chlor. Keiner dieser Nahrungszyklen war geschlossen. Es gab auch Verluste durch Sickern, Erosion, Abernten und Ausgasen. Die Inputs waren ebenso vielf�ltig, einschlie�lich Absorption, Verwitterung, Einwirkung von Mikroben und Anwendung von D�ngemitteln. Die Bedingungen, die es erm�glichten, da� alle diese Elemente ihre Zyklen durchliefen, waren so vielf�ltig, da� verschiedene B�den jeden Zyklus in unterschiedlichem Ma�e aussichtsreich erscheinen lie�en. Jede Bodenart hatte spezielle ph-Werte, Salzgehalte, Kompaktheiten und so fort. Darum gab es allein in diesen Labors Hunderte benannter B�den und noch Tausende mehr unten auf der Erde.</p><p>Nat�rlich bildete in Vishniac-Labors das Elternmaterial vom Mars die Basis der meisten Experimente. �onen von Staubst�rmen hatten dieses Material auf dem ganzen Planeten wiederverarbeitet, bis es �berall fast die gleiche Zusammensetzung hatte. Der typische Marsboden bestand aus feinen Partikeln, haupts�chlich Silizium und Eisen. An der Oberfl�che war es oft lockeres Treibmaterial. Darunter hatten unterschiedliche Grade von Zementation zwischen den Partikeln ein krustiges Material gebildet, das um so klumpiger wurde, je tiefer man grub.</p><p>Tone, mit anderen Worten Smektite, �hnlich dem Montmorilonit und Nontromit der Erde, mit Zusatz von Materialien wie Talkum, Quarz, H�matit, Anhydrit, Dieserit, Clacit, Beidelit, Rutil, Gips, Magh�mit und Magnetit. Und alles war von amorphen Eisenoxihydroxiden und anderen mehr kristallinen Eisenoxiden umschlossen, die f�r die r�tlichen Farben verantwortlich waren.</p><p>Das war also ihr universelles Elternmaterial: eisenreicher Smektit-Ton. Dessen locker gepackte und geschichtete Struktur bedeutete, da� es Wurzeln trug und ihnen dennoch Raum zum Wachstum bot. Aber es gab darin keine Lebewesen, zu viele Salze und zu wenig Stickstoff. Also bestand ihre Aufgabe im wesentlichen darin, Elternmaterial zu sammeln, Salz und Aluminium herauszuziehen und Stickstoff und die biotische Gemeinschaft so schnell wie m�glich hinzuzuf�gen. So gesehen war das einfach. Aber der Ausdruck �biotische Gemeinschaft bereitete eine ganze Welt von Schwierigkeiten. �Mein Gott, das ist so, als ob man diese Regierung in Funktion zu setzen versuchen w�rde�, sagte Nadia eines Abends zu Art. �Die haben gro�e Schwierigkeiten.�</p><p>In der Praxis f�gten die Leute dem Ton einfach Bakterien hinzu und dann Algen und andere Mikroorganismen, danach Flechten und halophyllische Pflanzen. Dann hatten sie gewartet, bis diese Biogemeinschaften den Ton in Humus verwandelt hatten, was viele Generationen von Leben und Sterben erforderte. Das funktionierte immerhin. Aber es ging sehr langsam. Eine Gruppe in Sabishii hatte gesch�tzt, daߠ� �ber die ganze Oberfl�che gemittelt�� ein Zentimeter Ackerkrume in jedem Jahrhundert geschaffen wurde. Und das hatte man unter Einsatz ingenieurgenetisch erzeugter Populationen, die auf gr��te Geschwindigkeit gez�chtet waren, geschafft.</p><p>In den Treibhausfarmen andererseits waren die verwendeten B�den durch N�hrstoffe, D�ngemittel und Impfstoffe aller Art stark erg�nzt worden. Das Resultat entsprach in etwa dem, was diese Forscher beabsichtigt hatten; aber die Bodenmenge in den Treibh�usern war winzig im Vergleich mit den Mengen, die sie auf die Oberfl�che ausbringen wollten. Ihr Ziel war ein Boden f�r die Massenproduktion. Aber sie mu�ten sich intensiver mit der Materie befassen, als sie erwartet hatten, das war nicht zu �bersehen. Alle hatten sie diese gequ�lte, erstarrte Miene eines Hundes, der an einem Knochen, von dem er schon l�ngst eingesehen hat, da� er zu gro� f�r ihn ist, aber dennoch nicht davon ablassen kann, weiter zu versuchen, ihn zu verschlingen.</p><p>Die bei diesen Problemen beteiligten Disziplinen der Biologie, Chemie, Biochemie und �kologie lagen weit au�erhalb von Nadias Fachwissen, und es gab nichts, was sie h�tte vorschlagen k�nnen. In vielen F�llen konnte sie nicht einmal die hineinspielenden Prozesse verstehen. Das war keine Konstruktion, ja nicht einmal die Analogie einer Konstruktion.</p><p>Aber sie mu�ten doch zumindest eine Konstruktion realisieren bei einer der von ihnen versuchten Produktionsmethoden; und hier war Nadia wenigstens imstande zu verstehen, auf was es ankam. Sie konzentrierte sich auf diesen Aspekt. Sie schaute nach dem mechanischen Entwurf der Bodenproben und auch den Tanks f�r die lebenden Bestandteile des Bodens. Sie studierte die molekulare Struktur der Elterntone, um zu sehen, ob sie ihr irgendeine Anregung geben w�rde, wie man damit arbeitete. Sie stellte fest, das die Smektite des Mars Aluminiumsilikate waren. Das bedeutete, da� jede Einheit des Tons eine Schicht von Aluminium-Oktaedern besa�, die zwischen zwei Schichten von Silizium-Tetraedern verpackt waren. Die verschiedenen Arten der Smektiten hatten unterschiedliche Variationsanteile in diesem allgemeinen Muster. Und je gr��er diese Abweichungen waren, umso leichter konnte Wasser in die Fl�chen der Zwischenschichten einsickern. Montmorillonit, der h�ufigste Smektit auf dem Mars, hatte viele Spielarten und war daher f�r Wasser sehr empf�nglich. Er dehnte sich im feuchten Zustande aus und schrumpfte bis zum Zerbrechen, wenn er trocken war.</p><p>Nadia fand das interessant. �Schau, wie w�re es mit einer Bodenprobe�, sagte sie zu Arne, �die mit einer Matrix aus zuf�hrenden Adern gef�llt ist, welche die Biota durch das ganze Elternmaterial verteilen w�rden?� Sie fuhr fort, man sollte einen Klumpen von Elternmaterial nehmen, ihn anfeuchten und dann trocknen lassen. In die rissigen Systeme die Matrix der zuf�hrenden Adern einbringen. Dann allerlei wichtige Bakterien und andere Bestandteile zum Wachsen hinzuf�gen. Danach k�nnten die Bakterien und anderen Kreaturen sich ihren Weg aus den zuf�hrenden Adern herausfressen und das Material auf ihrem Weg hinaus verdauen. So w�rden sie dann alle in dem Ton wechselwirken. Das w�re eine heikle Zeit. Ohne Zweifel w�rden viele Versuche n�tig sein, um die anf�nglichen Mengen der verschiedenen Biota zu kalibrieren, die erforderlich w�ren, um �berm��ige Vermehrungen oder Zusammenbr�che der Population zu vermeiden. Aber man k�nnte sie dazu bringen, sich in ihren gew�hnlichen Gemeinschaften zu etablieren; und dann h�tte man pl�tzlich lebendigen Boden. �Es gibt derartige Systeme zuf�hrender Adern bei gewissen sich schnell setzenden Baumaterialien; und ich h�re gerade, da� �rzte auf die gleiche Weise eine Apatit-Paste in gebrochene Knochen injizieren. Die Zuf�hr-Adern macht man aus Protein-Gelen, die f�r jede Substanz geeignet sind, die sie enthalten sollen, eingeschmolzen in die entsprechenden tubularen Strukturen.�</p><p>Eine Matrix f�r Wachstum. Arne sagte, das w�re wert, sich damit zu befassen. Nadia l�chelte, als sie das h�rte. Sie ging an diesem Nachmittag in gl�cklicher Stimmung umher und rief Art, als sie ihn abends traf, zu: �He! Ich habe heute etwas geleistet!�</p><p>�Gut!� sagte Art. �Dann la� uns ausgehen und feiern!�</p><empty-line/><p>Leicht getan, in Bogdanov Vishniac. Nat�rlich, es war schlie�lich eine Stadt der Bogdanovisten und so heiter wie Arkadij selbst. Jeden Abend eine Party. Sie hatten oft an der Abendpromenade teilgenommen; und Nadia liebte es, an der Br�stung der h�chsten Terrasse entlangzugehen. Das Gef�hl, Arkadij k�nnte dort irgendwo sein, hatte irgendwie �berdauert. Und nie mehr als an diesem Abend, als ein St�ck getaner Arbeit gefeiert wurde. Sie hielt Arts Hand und schaute nach unten und hin�ber zu den dicht gef�llten unteren Terrassen mit ihren Feldern, Obstg�rten, Teichen, Sportpl�tzen, Alleen und bogenf�rmigen Plazas, die besetzt waren von Cafes, Bars, Tanzpavillons und lautstarken Bands. Die Menge dr�ngte sich darum. Manche tanzten, aber der gr��te Teil der Leute machten wie Nadia einen Abendspaziergang. All das noch unter einer Kuppel, die man eines Tages entfernen zu k�nnen hoffte. Inzwischen war es warm; und die jungen Eingeborenen trugen fremdartige Bekleidung aus Pantalons, Kopfputz, Sch�rpen, Westen und Halsb�nder, so da� Nadia an die Videofilme von dem Empfang Nirgals und Mayas in Trinidad erinnert wurde. War das ein Zufall, ober bedeutete es, da� sich bei den jungen Leuten irgendeine interplanetare Kultur anbahnte? Und falls ja, bedeutete dies, da� ihr Cojote, der aus Trinidad stammte, unsichtbar die zwei Welten erobert hatte? Oder posthum ihr Arkadij? Arkadij und Cojote, die K�nige der Kultur. Sie mu�te bei diesem Gedanken grinsen und nahm Schl�ckchen aus Arts Becher mit hei�em Kavajava, dem bevorzugten Getr�nk in dieser kalten Stadt, und beobachtete alle die jungen Leute, die sich wie Engel bewegten, immer tanzend, ganz gleich, was sie taten, und �ber die grazi�sen Bogen von Terrasse zu Terrasse str�mten. �Welch gro�e kleine Stadt!� war Arts Kommentar.</p><p>Und dann trafen sie auf ein altes Foto von Arkadij, das eingerahmt an einer Wand neben einer T�r hing. Nadia blieb stehen und ergriff Art am Arm: �Das ist er! Das ist er, wie er leibt und lebt!�</p><p>Das Foto war aufgenommen worden, als er mit jemanden sprach. Er stand vor einer Kuppelwand und gestikulierte. Haar und Bart standen vom Kopf ab und verschmolzen mit einer Landschaft, die genau die Farbe seiner wilden Locken hatte. Es sah aus wie ein Bild, das aus einer Bergflanke herauskommt. Blaue Augen blinzelten im Glanz all der roten Fr�hlichkeit. �Ich habe nie ein Foto gesehen, das ihm so �hnlich war. Er mochte es nicht, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet war, und das Bild wurde dann meistens schlecht.�</p><p>Sie starrte das Bild an und merkte, da� sie err�tete und sich seltsam gl�cklich f�hlte. Eine derart lebensechte Begegnung! Als ob man pl�tzlich jemanden trifft, den man seit Jahren nicht gesehen hat. �Ich finde, da� du ihm �hnelst. Aber entspannter.�</p><p>Art sah sich das Foto genau an und sagte: �Es sieht so aus, als ob es schwierig w�re, noch entspannter zu sein.�</p><p>Nadia l�chelte. �F�r ihn war das leicht. Er war sich immer sicher, recht zu haben.�</p><p>�Keiner von uns �brigen hat dieses Problem.�</p><p>Sie lachte. �Du bist fr�hlich, wie er war.�</p><p>�Warum auch nicht?�</p><p>Sie gingen weiter. Nadia dachte weiter an ihren alten Kameraden und behielt das Foto im Geiste vor Augen. Es gab noch so viel, an das sie sich erinnerte. Die mit den Erinnerungen verbundenen Gef�hle verbla�ten freilich allm�hlich, der Schmerz lie� nach, die Beize wurde ausgelaugt. All das Fleisch und Trauma war jetzt nur noch ein fernes Muster�� wie ein Fossil. Und ganz un�hnlich dem gegenw�rtigen Moment, der, wenn sie sich umsah und ihre Hand in der von Art f�hlte, real, lebendig und kurz war und sich st�ndig ver�nderte. Es konnte alles m�gliche geschehen, alles wurde empfunden.</p><p>�Gehen wir in unser Zimmer zur�ck?�</p><empty-line/><p>Die vier Erdreisenden kamen schlie�lich an dem Kabel von Sheffield zur�ck. Nirgal, Maya und Michel gingen ihrer Wege, aber Sax flog nach unten und traf sich mit Nadia und Art im S�den. Das erfreute Nadia au�erordentlich. In ihr war allm�hlich der Eindruck entstanden, da� dort, wohin Sax auch immer ging, das Herz der Aktion schlug.</p><p>Er sah noch genau so aus wie vor der Reise zur Erde und war, wenn eine Ver�nderung festzustellen war, h�chstens noch schweigsamer und wunderlicher geworden. Er sagte, er wolle die Labors sehen. Und dann, nach einiger Zeit: �Aber ich �berlege, was wir sonst noch tun k�nnten.�</p><p>�Terraformen?� fragte Art.</p><p>�Nun gut... �</p><p>Um Ann eine Freude zu machen, dachte Nadia. Das war seine Absicht. Sie dr�ckte ihn an sich, was ihn �berraschte; und hielt ihre Hand auf seiner mageren Schulter, w�hrend sie redeten. Es war so gut/ihn leibhaftig hier zu haben! Wann hatte sie diese Neigung f�r Sax Russell entwickelt? Wann war sie dazu gekommen, ihm so sehr zu vertrauen?</p><p>Auch Art hatte herausgefunden, was sie meinte. Er sagte: �Du hast doch schon eine Menge geleistet, nicht wahr? Ich meine, du hast inzwischen alle monstr�sen Methoden der Metanats ausger�umt, nicht? Die Wasserstoffbomben unter dem Permafrost, die Soletta und die Luftlinse, die Stickstofftransporte vom Titan...�</p><p>�Diese kommen immer noch�, sagte er. �Ich wei� nicht einmal, wie wir sie aufhalten k�nnten. Vermutlich abschie�en. Aber Stickstoff k�nnen wir immer gebrauchen. Ich bin mir nicht sicher, da� ich mich so freuen w�rde, wenn die eingestellt w�rden.�</p><p>�Aber Ann?� sagte Nadia. �Was w�rde Ann gefallen?�</p><p>Sax zwinkerte wieder. Wenn sein Gesicht durch Ungewi�heit verzerrt wurde, nahm es wieder seinen alten rattenhaften Ausdruck an.</p><p>�Was w�rde euch beiden gefallen?� fragte Art erneut.</p><p>�Schwer zu sagen.� Und seine Miene wurde zu einer Grimasse aus Unsicherheit, Unentschlossenheit und geteilten Motiven.</p><p>Art deutete an: �Ihr wollt Wildnis haben.�</p><p>�Wildnis ist eine... eine Idee. Oder ein ethischer Standpunkt. Die kann nicht �berall sein, das meine ich nicht. Aber...� Sax wedelte mit der Hand und versank wieder in seinen Gedanken. Zum ersten Mal in dem Jahrhundert, seit Nadia ihn kannte, hatte sie das Gef�hl, Sax w��te nicht, was zu tun w�re. Er l�ste das Problem, indem er sich vor einen Bildschirm hockte und Befehle eingab. Er schien ihre Anwesenheit vergessen zu haben.</p><p>Nadia dr�ckte Arts Arm. Er umklammerte ihre Hand und dr�ckte sanft den kleinen Finger. Der war inzwischen schon zu drei Vierteln seiner Gr��e gediehen, wuchs aber nun langsamer, als er sich der vollen Gr��e n�herte. Ein Nagel bildete sich aus, und in dem Polster zeigten sich die zarten Rillen eines Fingerabdrucks. Es war ein angenehmes Gef�hl, wenn er gedr�ckt wurde. Nadia sah Art kurz in die Augen und senkte dann den Blick. Er dr�ckte ihre Hand, dann lie� er sie los. Nach einer Weile, als klar war, da� Sax v�llig abgelenkt war und sich l�ngere Zeit in seiner eigenen Welt befinden w�rde, gingen sie auf Zehenspitzen in ihr Zimmer und ins Bett.</p><empty-line/><p>Sie arbeiteten tags�ber und gingen nachts aus. Sax zwinkerte umher wie in seinen Tagen als Labor-Ratte. Er war besorgt, weil es keine Nachricht von Ann gab. Nadia und Art tr�steten ihn, so gut sie konnten, was nicht viel war. An den Abenden gingen sie auf die Promenade. Es gab einen Park, wo Eltern mit kleinen Kindern zusammenkamen und die Leute vorbeigingen wie an einem kleinen Zoogehege, grinsend �ber die kleinen Primaten beim Spiel. Sax verbrachte in diesem Park Stunden in Gespr�chen mit Kindern und Eltern; und dann pflegte er zu den Tanzfl�chen weiterzuschlendern, wo er selbst stundenlang tanzte. Art und Nadia hielten H�ndchen. Der Finger wurde kr�ftiger. Er hatte jetzt fast seine volle Gr��e erreicht, und in Anbetracht dessen, da� es sowieso der kleine Finger war, sah er schon ausgewachsen aus, wenn sie ihn nicht gerade neben sein Gegenst�ck hielt. Art knabberte bei ihrem Liebesspiel gelegentlich sanft daran, und das machte sie wild. Sie knurrte: �Erz�hl blo� Leuten nichts von diesem Effekt, sonst k�nnte es schrecklicherweise dazu f�hren, da� Menschen sich K�rperteile abhacken, um sie nachwachsen zu lassen und dadurch empfindsamer zu machen!�</p><p>�Bl�dsinn!�</p><p>�Du wei�t, wie die Leute sind. F�r einen Kick geben sie alles.�</p><p>�Sprich ja nicht dar�ber!�</p><p>�Okay.�</p><empty-line/><p>Aber dann war es Zeit, wieder zu einer Ratsversammlung zu gehen. Sax reiste ab, um Ann zu finden�� oder sich vor ihr zu verstecken. Das konnte man nicht genau sagen. Sie flogen wieder nach Sheffield. Nadia war also wieder da, und jeder Tag wurde in Zeitabschnitte von l�hmenden drei�ig Minuten aufgeteilt. Au�er es gab etwas Wichtiges. Das Ersuchen der Chinesen um einen weiteren Raumaufzug bei Schiaparelli war akut geworden. Und das war eines von vielen Einwanderungsthemen, mit denen sie konfrontiert waren. Die in Bern ausgearbeitete �bereinkunft zwischen den UN und dem Mars besagte ausdr�cklich, da� der Mars allj�hrlich mindestens zehn Prozent seiner Bev�lkerung an Einwanderern aufnehmen m��te, wobei die Hoffnung ausgedr�ckt wurde, da� es noch mehr sein w�rden�� so viel wie m�glich��, solange die hypermalthusianischen Verh�ltnisse der �berbev�lkerung andauerten. Nirgal hatte das als eine Art von Versprechen gemacht und sehr enthusiastisch (und wie Nadia f�hlte, unrealistisch) davon gesprochen, da� der Mars der Erde zu Hilfe kommen w�rde und sie durch Geschenke freien Landes vor �berbev�lkerung bewahren w�rde. Aber wie viele Menschen konnte der Mars wirklich aufnehmen, wenn sie nicht einmal ausreichend Boden herstellen konnten? Wie gro� war �berhaupt das Fassungsverm�gen des Mars?</p><p>Das wu�te niemand, und es gab kein �berzeugendes Verfahren, das wissenschaftlich zu berechnen. Sch�tzungen der Aufnahmef�higkeit der Erde hatten zwischen 100 Millionen und 200 Billionen gelegen; und selbst die ernstlich vertretbaren Sch�tzungen bewegten sich zwischen zwei und drei�ig Milliarden. In Wahrheit war die Aufnahmef�higkeit ein sehr unscharfer abstrakter Begriff, der von einer ganzen Menge verflochtener Komplexit�ten abhing wie der Biochemie des Bodens, der �kologie und der menschlichen Kultur. Daher war es fast unm�glich zu sagen, mit wie vielen Menschen der Mars zurechtkommen k�nnte. Inzwischen betrug die Erdbev�lkerung mehr als f�nfzehn Milliarden, w�hrend der Mars mit fast ebenso viel Landfl�che eine tausendfach geringere Population hatte, gerade um f�nfzehn Millionen. Die Ungleichheit war augenf�llig. Es mu�te etwas geschehen.</p><p>Massentransport von Menschen von der Erde zum Mars war sicher eine M�glichkeit. Aber die Transfergeschwindigkeit wurde durch die Gr��e des Transportsystems begrenzt und durch die F�higkeit des Mars, die Einwanderer zu absorbieren. Jetzt argumentierten die Chinesen und �berhaupt die UN allgemein, da� sie als einen ersten Schritt in dem Proze� intensivierter Immigration das Transportsystem in gro�em Stil ausbauen k�nnten. Ein zweiter Raumaufzug auf dem Mars w�re der erste Schritt in diesem vielstufigen Projekt.</p><p>Die Reaktion auf diesen Plan war auf dem Mars meistens negativ. Die Roten widersetzten sich nat�rlich weiterer Immigration und opponierten�� obwohl sie einr�umten, da� etwas passieren m��te�� gegen jede spezifische Weiterentwicklung des Transfersystems, nur um den Proze� m�glichst zu verlangsamen. Diese Position pa�te zu ihrer allgemeinen Philosophie und erschien Nadia sinnvoll. Indessen war die Opposition des Freien Mars zwar wichtiger, aber nicht so klar. Nirgal war vom Freien Mars gekommen und war zur Erde gegangen und hatte den Terranern eine allgemeine Einladung �berbracht, sie sollten so viele Leute her�berschicken, wie sie k�nnten. Und historisch hatte der Freie Mars sich immer f�r starke Bande mit der Erde eingesetzt, um die sogenannte Strategie, wonach �der Schwanz mit dem Hund wedelt�, zu versuchen. Aber der derzeitigen F�hrerschaft schien diese Position nicht besonders zu gefallen. Und Jackie befand sich inmitten dieser neuen Gruppe. Sie hatten sich schon w�hrend des Verfassungskongresses zu einem mehr isolationistischen Standpunkt verlagert, wie sich Nadia erinnerte, und immer f�r mehr Unabh�ngigkeit von der Erde pl�diert. Andererseits machten sie offenbar privatim Gesch�fte mit gewissen L�ndern der Erde. Daher war die Position des Freien Mars zwiesp�ltig und vielleicht sogar heuchlerisch. Sie schien darauf abzuzielen, ihre Macht in der politischen Szenerie zu vergr��ern.</p><p>Aber selbst wenn man den Freien Mars beiseite lie�, gab es da drau�en viel isolationistische Stimmung. Neben den Anarchisten tendierten einige Bogdanovisten, die matriarchistischen Leute von Dorsa Brevia und die von Mars Zuerst hierin nach der Seite der Roten. Sie alle argumentierten, wenn Millionen und Abermillionen Terraner auf den Mars zu str�men beg�nnen, was w�rde dann aus dem Mars werden�� nicht blo� aus der Landschaft, sondern auch der Kultur des Mars, die sich im Laufe der m-Jahre herausgebildet hatte? W�rde die nicht in den alten Wegen untergehen, die der neue Zustrom mit sich br�chte, der rasch die eingeborene Bev�lkerung an Zahl �bertreffen d�rfte? Die Geburtenraten sanken doch �berall, und kinderlose Familien und Familien mit einem Kind waren auf dem Mars so verbreitet wie auf der Erde. Daher w�re wohl kein gro�es Anwachsen der eingeborenen Population zu erwarten. Sie w�rde zahlenm��ig bald an den Rand gedr�ngt werden.</p><p>So argumentierte Jackie, zumindest in der �ffentlichkeit, und die von Dorsa Brevia und viele andere stimmten ihr zu. Nirgal, eben zur�ck von der Erde, schien in dieser Situation keinen gro�en Einflu� zu haben. Und w�hrend Nadia verstehen konnte, worauf es ihren Opponenten ankam, f�hlte sie auch, da� es angesichts der Lage auf der Erde unrealistisch w�re zu denken, sie k�nnten den Mars einfach dichtmachen. Der Mars konnte die Erde nicht retten, wie Nirgal w�hrend seines Besuches dort anscheinend manchmal verk�ndet hatte; aber es war ein Abkommen mit den UN geschlossen und ratifiziert worden. Darum waren sie verpflichtet, mindestens so viele Terraner hereinzulassen, wie der Vertrag festlegte. Darum mu�te die Br�cke zwischen den Welten erweitert werden, wenn sie dieser Verpflichtung nachkommen und den Vertrag erf�llen wollten. Andernfalls, so dachte Nadia, k�nnte alles m�gliche passieren.</p><p>Aus diesen Gr�nden sprach sich Nadia in der Debatte �ber die Genehmigung eines zweiten Kabels daf�r aus. Es erh�hte die Kapazit�t des Transportsystems, so wie sie versprochen hatten, wenn auch nur indirekt. Und es w�rde auch von den St�dten auf Tharsis und jener Seite des Mars allgemein etwas von dem Druck nehmen. Karten der Bev�lkerungsdichte zeigten, da� Pavonis wie das Zentrum einer Zielscheibe war, mit Menschen, die von ihm nach drau�en strebten und sich so nahe wie ang�ngig dabei niederlie�en. Wenn man ein Kabel auf der anderen Seite der Welt h�tte, w�rde das helfen, etwas auszugleichen.</p><p>Aber f�r die Gegner des Kabels war das ein zweifelhafter Nutzen. Die wollten eine lokalisierte, zusammengehaltene Bev�lkerung und ein verlangsamtes Wachstum. Der Vertrag interessierte sie wenig. Als es daher im Rat zu einer Abstimmung kam, die ohnehin f�r die Legislative nur eine Empfehlung sein konnte, stimmte nur Zeyk mit Nadia. Das war Jackies bisher gr��ter Sieg, der sie in eine zeitweilige Allianz mit Irishka und dem Rest der Umweltgerichtsh�fe versetzte, die prinzipiell gegen alle Formen einer raschen Entwicklung waren.</p><p>Nadia kam an diesem Tag entmutigt und bek�mmert in ihr Apartment zur�ck. �Wir haben der Erde versprochen, eine Menge Einwanderer aufzunehmen, und dann die Zugbr�cke hochgezogen. Das wird zu Unannehmlichkeiten f�hren.�</p><p>Art nickte. �Wir werden etwas ausarbeiten m�ssen.�</p><p>Nadia stie� entt�uscht einen tiefen Seufzer aus. �Arbeit. Wir werden nichts <emphasis>ausarbeiten.</emphasis> Arbeit ist nicht das richtige Wort daf�r. Wir werden feilschen und hadern und streiten und meckern. Ich werde immer weitermachen. Ich dachte, da� Mrgal zur�ck ist, w�rde helfen; aber das n�tzt nichts, wenn er nicht mitmacht.�</p><p>�Er hat keine Position inne�, gab Art zu bedenken.</p><p>�Die k�nnte er aber haben, wenn er wollte.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>Nadia dachte dar�ber nach. Ihre Gedanken wanderten, w�hrend ihre Stimmung sank.</p><p>�Du wei�t, ich habe erst zehn Monate von meiner Amtszeit hinter mir. Es stehen mir noch zweieinhalb m-Jahre bevor.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�m-Jahre sind so verdammt lang.�</p><p>�Ja. Aber die Monate sind kurz.�</p><p>Sie fauchte ihn an und blickte aus dem Fenster ihres Apartments in die Caldera von Pavonis hinunter. �Die Schwierigkeit ist, da� Arbeit keine Arbeit mehr ist. Du wei�t, wir gehen von hier hinaus und beteiligen uns an diesen Projekten, und die Arbeit daran ist noch keine Arbeit. Ich meine, ich komme nie dazu, Dinge zu <emphasis>tun.</emphasis> Ich erinnere mich, in Sibirien, als ich jung war, da war Arbeit noch wirkliche Arbeit.�</p><p>�Vielleicht siehst du das etwas romantisch.�</p><p>�Nun ja, sicher. Aber auch auf dem Mars. Ich entsinne mich, wie ich Underhill zusammengesetzt habe. Das hat wirklich Spa� gemacht. Und eines Tages auf unserem Ausflug zum Nordpol, um eine Permafrostgalerie zu installieren...� Sie seufzte. �Was w�rde ich nicht f�r eine solche Arbeit geben!�</p><p>�Es sind immer noch viele Bauarbeiten im Gange�, erkl�rte Art.</p><p>�Durch Roboter.�</p><p>�Vielleicht k�nntest du dich wieder etwas mehr Menschlichem zuwenden. Baue selbst etwas. Ein Haus auf dem Land oder ein Erschlie�ungsprojekt. Oder eine der neuen Hafenst�dte, von Hand errichtet, um verschiedene Designs, Bauverfahren oder was auch immer auszuprobieren. Das w�rde den Bauvorgang verlangsamen. Daf�r w�rde der Globale Exekutivrat aufkommen.�</p><p>�Vielleicht. Du meinst, nach Ende meiner Amtszeit.�</p><p>�Oder sogar davor. Bei Pausen, oder wenn du auf Reisen bist. Die sind alle so etwas �hnliches wie Konstruktionen gewesen, wenn auch nicht gerade Bauten. Das Erbauen realer Dinge. Das mu�t du versuchen und dann zur�ckkehren und zwischen den beiden pendeln.�</p><p>�Interessenkonflikt.�</p><p>�Nicht, wenn es ein offizielles Projekt ist. Wie w�re es mit dem Vorschlag, eine globale Hauptstadt unten auf Meeresniveau zu bauen?�</p><p>�Hmm�, machte Nadia. Sie holte eine Karte heraus, und sie br�teten dar�ber. Auf der Linie der L�nge Null kr�mmte sich die S�dk�ste des Nordmeeres zu einer kleinen runden Halbinsel mit einer Kraterbucht im Zentrum. Sie lag etwa auf halber Strecke zwischen Tharsis und Elysium. �Wir m�ssen hinfahren und es uns ansehen.�</p><p>�Ja. Hier, komm ins Bett! Wir k�nnen sp�ter dar�ber sprechen. Ich habe jetzt eine ganz andere Idee.�</p><empty-line/><p>Einige Monate sp�ter flogen sie von Bradbury Point wieder nach Sheffield zur�ck, und Nadia erinnerte sich an dieses Gespr�ch mit Art. Sie bat den Piloten, an einer kleinen Station n�rdlich des Kraters Sklodowska auf dem Abhang des Kraters Zm, genannt Zoom, zu landen. Als sie auf die Rollbahn niedergingen, sahen sie im Qsten eine gro�e, jetzt mit Eis bedeckte Bucht. Ihr gegen�ber lagen die rauhe Gebirgsgegend von Mamers Valliso und die Deuteronilus Mensae. Die Bucht war ein Einschnitt in die Gro�e B�schung, die hier recht sanft war. L�nge 0�, Breite 46� Nord. Also ziemlich weit im Norden, aber die n�rdlichen Winter waren im Vergleich mit den s�dlichen milde. Sie konnten einen gro�en Teil des Eismeeres l�ngs einer langen K�stenlinie sehen. Die Zoom umgebende Halbinsel war hoch und glatt. Die kleine Station an der K�ste war das Heim von ungef�hr f�nfhundert Menschen, die dort drau�en mit Bulldozern, Kr�nen, Baggern und Sch�rfger�ten arbeiteten. Nadia und Art stiegen aus, schickten das Flugzeug weg, nahmen ein Zimmer in einem Gasthaus und verbrachten ungef�hr eine Woche bei den Leuten dort mit Gespr�chen �ber die neue Siedlung. Die Einwohner hatten von dem Vorschlag geh�rt, hier an der Bucht eine neue Hauptstadt zu bauen. Manchen gefiel der Gedanke, manchen nicht. Sie hatten daran gedacht, ihre Siedlung wegen ihrer L�nge Greenwich zu nennen, hatten aber geh�rt, da� die Briten den Namen �Green Witch� aussprachen und waren dadurch verunsichert und sagten dann �Greenich�. Vielleicht einfach London. Sie sagten, sie w�rden sich etwas ausdenken. Die Bucht selbst hie�, wie sie sagten, schon lange Chalmers Bay.</p><p>�Wirklich?� rief Nadia. Sie lachte. �Wie perfekt!�</p><p>Sie war von der Landschaft schon sehr angetan. Die konische Mor�ne von Zoom, die W�lbung der gro�en Bucht, roter Fels �ber wei�em Eis und vermutlich eines Tages auch �ber blauer See. W�hrend der Tage ihres Besuchs zogen st�ndig mit dem Westwind Wolken vorbei und sprenkelten Land und Eis mit ihren Schatten. Manchmal gab es aufgebl�hte wei�e Cumuluswolken, die wie Galeonen vorbeizogen, zu anderen Zeiten rollten Muster wie Heringsgr�ten �ber ihren K�pfen dahin und markierten das dunkle Himmelsgew�lbe �ber ihnen und das kurvenreiche felsige Land unter ihnen. Es k�nnte eine kleine h�bsche Stadt sein, an einer Bucht wie San Francisco oder Sidney, ebenso sch�n wie diese, nur kleiner, in menschlichem Ma�stab und in Bogdanovistischer Architektur von Hand erbaut. Und manA k�nnte daran arbeiten wie an einem Kunstwerk. W�hrend sie mit Art an den K�sten des Eismeeres lange Spazierg�nge unternahm, sprach Nadia durch ihre CO2-Maske �ber ihre Ideen, w�hrend sie zusah, wie die Wolkenparade in der dumpf brausenden Luft dahingaloppierte.</p><p>�Sicher, das w�rde gehen�, sagte Art. �Es wird sowieso eine Stadt werden, darauf kommt es an. Es ist eine der besten Buchten an diesem K�stenstrich und mu� darum auch als Hafen genutzt werden. So w�rdest du nicht jene Art von Hauptstadt bekommen, die einfach ins Niemandsland gepflanzt wurde wie Canberra, Brasilia oder Washington, D.C. Sie wird als Seehafen ein ganz anderes Leben haben.�</p><p>�Sehr richtig. Das w�re prima.� Nadia ging erregt von diesem Gedanken weiter und f�hlte sich besser, als sie es seit Monaten getan hatte. Die Bestrebung, anderswo als in Sheffield eine Hauptstadt zu erstellen, war stark und wurde von fast jeder Partei da oben unterst�tzt. Diese Bucht war bereits von den Sabishiiern vorgeschlagen worden; und es w�re blo� die Unterst�tzung einer bereits existierenden Idee, anstatt dem Volk eine neue aufzuzwingen. Die Unterst�tzung w�rden sie haben. Und bei einem Vorhaben �ffentlicher Arbeit w�rde sie an dem Bau voll mitmachen k�nnen. Das war ein Teil der Gaben-�konomie. Vielleicht w�rde es ihr auch m�glich sein, auf die Planung Einflu� auszu�ben. Je mehr sie dar�ber nachdachte, desto mehr reizte sie die Aufgabe.</p><p>Sie waren l�ngs der K�ste der Bucht weit gegangen. Jetzt kehrten sie um und machten sich auf den Weg zur�ck in die kleine Niederlassung. Wolken w�lzten sich bei steifem Wind �ber ihnen dahin. Die Kurve des roten Landes gr��te zur See hin. Direkt unter der Wolkendecke befiederte ein offenes V schreiender G�nse den Wind in Richtung Norden.</p><empty-line/><p>Sp�ter an diesem Tage flogen sie nach Sheffield zur�ck. Art ergriff ihre Hand und hielt sie fest, um ihren Finger zu untersuchen. Er sagte z�gernd: �Du wei�t, die Gr�ndung einer Familie w�re auch ein Bauvorhaben, das viel k�rperlichen Einsatz erfordert.�</p><p>�Was?�</p><p>�Und man hat sich �ber Fortpflanzung ziemlich viele Gedanken gemacht.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich sagte, so lange du lebst, kannst du recht viele Kinder haben, so oder so.�</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis></p><p>�So redet man eben. Falls du wolltest, k�nntest du es machen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�So sagt man.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Es w�re vielleicht keine schlechte Idee.�</p><p>�Nein!� �Nun, du wei�t selbst, Bauen�� ist gewi� etwas Gro�artiges; aber man kann nicht ewig mit der Klempnerei weitermachen, Rohre verlegen, N�gel einschlagen, mit Bulldozern arbeiten�� das ist nat�rlich alles interessant, wie ich annehme, aber dennoch... Wir m�ssen eine Menge Zeit ausf�llen. Und die einzige Arbeit, die wirklich auf lange Sicht wahrzunehmen w�re, ist das Aufziehen eines Kindes, nicht wahr?�</p><p>�Nein, das mache ich nicht!�</p><p>�Hast du �berhaupt schon mal ein Kind gehabt?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Also los!�</p><p>�O Gott!�</p><p>Ihr Phantomfinger juckte. Aber jetzt war er wirklich da.</p></section></section><section><title><p>ACHTER TEIL</p><p>Gr�n und weiss</p></title><section><p><emphasis>Cadres kam in die Stadt Xiazha in Guangzhou und sagte: Um des Wohles Chinas willen m��t ihr dieses Dorf auf dem Moon Plateau des Mars neu errichten. Ihr werdet zusammen gehen, das ganze Dorf. Ihr werdet eure Familie und eure Freunde und Nachbarn mit euch haben. Zehntausend von euch alle zusammen. Wenn ihr euch in zehn Jahren entscheidet zur�ckzukehren, k�nnt ihr das tun; und in das neue Xiazha wird Ersatz geschickt werden. Wir denken aber, da� es euch gefallen wird. Es liegt einige Kilometer n�rdlich der Hafenstadt N�okeras nahe dem Delta des Maumee-Flusses. Das Land istfruchtbar. Es gibt in dieser Region schon einige chinesische D�rfer und in allen gro�en St�dten chinesische Sektionen. Es gibt viele Hektare freien Landes. Die Reise kann in einem Monat beginnen. Eisenbahn nach Hong Kong, F�hre nach Manila, und dann mit dem Raumaufzug hinauf in den Orbit. Sechs Monate durch den Weltraum zwischen Erde und Mars und mit dem Aufzug hinunter nach Pavonis Mons und noch ein Ausflugszug zum Moon Plateau. Was sagt ihr? Wir m�chten eine einstimmige Entscheidung und die Dinge auf dem rechten Fu� in Gang bringen.</emphasis></p><p><emphasis>Sp�ter rief ein Angestellter das Praxisb�ro in Hong Kong an und berichtete einem Telefonisten, was geschehen war. Praxis Hong Kong schickte die Information der demographischen Studiengruppe von Praxis in Costa Rica. Dort f�gte eine Planerin namens Amy den Bericht einer langen Liste �hnlicher Meldungen hinzu und dachte einen ganzen Morgen lang nach. Am gleichen Nachmittag meldete sie sich bei einem im Ruhestand lebenden leitenden Beamten von Praxis namens William Fort, der an einem der neuen Riffs vor El Salvador surfte. Sie schilderte ihm die Lage: �Die blaue Welt ist erf�llt, die rote Welt wird immer leerer. Es wird Probleme geben. Wir sollten dar�ber sprechen1.� war seine lakonische Antwort.</emphasis></p><p><emphasis>Die demographische Gruppe und ein Teil der Polizeitruppe von Praxis, einschlie�lich vieler der Achtzehn Unsterblichen, versammelten sich in Forts Surfcamp an der Flanke eines H�gels. Die Demographen stellten die Lage dar. Dann er�ffnete Amy: �Ab jetzt bekommt jeder die Langlebigkeitsbehandlung. Wir stecken voll im hypermalthusianischen Zeitalter.�</emphasis></p><p><emphasis>Die Situation war demographisch explosiv. Nat�rlich sahen die terrestrischen Regierungen die Emigration zum Mars oft als eine L�sung des Problems. Selbst mit diesem neuen Ozean hatte der Mars fast so viel Landfl�che wie die Erde und war dennoch sp�rlich besiedelt. Die wirklich volkreichen Nationen, erl�uterte Amy der Gruppe, schickten schon so viele Leute hinauf, wie sie nur irgend konnten. Oft waren die Emigranten Mitglieder ethnischer oder religi�ser Minderheiten, die mit dem Mangel an Autonomie in ihren Heimatl�ndern schlecht zurechtkamen und diese deshalb gern verlie�en. In Indien waren die Aufzugwaggons, die auf dem Suvadiva-Atoll s�dlich der Malediven herunterkamen, t�glich voll ausgelastet, �berf�llt mit Emigranten, ein Strom von Sikhs, Kashmiris, Muslimen und auch Hindus, die sich in den Weltraum erhoben und zum Mars umsiedelten. Es gab Zulus aus S�dafrika. Pal�stinenser aus Israel Kurden aus der T�rkei, Indianer aus den Vereinigten Staaten. �In diesem Sinne�, sagte Amy, �wird der Mars das neue Amerika.�</emphasis></p><p><emphasis>Eine Frau namens Elizabeth f�gte hinzu: �Und wie im alten Amerika gibt es eine einheimische Bev�lkerung, auf die man da sto�en wird. Denkt lieber noch einmal �ber die Anzahl, die der Mars verkraften kann, nach! Wenn jeden Tag die Waggons aller Raumaufz�ge auf der Erde voll sind, sind das hundert Personen je Waggon, das hei�t 2400 pro Aufzug, die t�glich starten, und weitere 2400, die oben bei jedem Aufzug die Waggons verlassen und in die Shuttles umsteigen. Es gibt zehn Aufz�ge, das macht also t�glich 24000 Personen. Und somit w�ren es 876000 Menschen in jedem Jahr.�</emphasis></p><p><emphasis>�Nehmen wir an, es w�ren zehn Millionen j�hrlich�, sagte Amy. �Das ist eine Menge, aber selbst in diesem Tempo w�rde es ein Jahrhundert erfordern, auch nur eine der sechzehn Milliarden der Erde zum Mars zu bef�rdern. Es l��t sich keine Differenz errechnen, die hier tats�chlich relevant w�re. Also macht das doch gar keinen Sinn! Es ist keine gr��ere Umsiedlung m�glich. Wir k�nnen nie einen zahlenm��ig bedeutsamen Teil der Erdbev�lkerung zum Mars bef�rdern. Wir m�ssen unser Augenmerk darauf richten, die Probleme der Erde eben dort zu l�sen. Die Existenz des Mars kann bestenfalls als eine Art von psychologischem Ventil helfen. Im Grunde sind wir auf uns selbst angewiesen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Es mu� ja keinen Sinn ergeben�, sagte William Fort �Das ist richtig�, gab Elizabeth zu. �Einige irdische Regierungen versuchen es, ob es sinnvoll ist oder nicht. China, Indien, Indonesien, Brasilien�� sie alle setzen darauf, und wenn sie die Emigration zum Mars bei der Kapazit�t des Systems beibehalten, wird sich die Bev�lkerung des Mars in etwa zwei Jahren verdoppeln. Auf der Erde w�rde sich nicht wirklich etwas �ndern, aber der Mars w�rde total �berschwemmt sein.�</emphasis></p><p><emphasis>Einer der Unsterblichen bemerkte, da� ein Anschwellen der Emigration in einem �hnlichem Ma�stab dazu beigetragen hatte, die erste Revolution auf dem Mars zu verursachen.</emphasis></p><p><emphasis>Ein anderer fragte: �Was ist mit dem Vertrag zwischen Erde und Mars? Ich dachte, da� er solche �berw�ltigenden Zufl�sse sowieso verbieten w�rde.�</emphasis></p><p><emphasis>�Das tut er auch�, erkl�rte Elizabeth. �Er legt fest, da� in jedem Erdjahr nicht mehr als zehn Prozent der Marsbev�lkerung eingeb�rgert werden d�rfen. Aber er sagt auch, da� der Mars mehr aufnehmen darf, wenn er kann.�</emphasis></p><p><emphasis>�Au�erdem...�, sagte Amy, �seit wann haben Vertr�ge jemals Regierungen davon abgehalten, zu tun, was sie wollten?�</emphasis></p><p><emphasis>�Wir m�ssen sie woanders hinschicken�, sagte William Fort.</emphasis></p><p><emphasis>Die anderen schauten ihn an.</emphasis></p><p><emphasis>� Wohin denn ? �fragte Amy.</emphasis></p><p><emphasis>Niemand antwortete. Fort schwenkte undeutlich die Hand.</emphasis></p><p><emphasis>�Wir sollten lieber an woanders denken, Alternativen finden�, sagte Elizabeth grimmig. �Die Chinesen und Inder sind bisher gute Verb�ndete f�r die Marsianer gewesen und beachten den Vertrag auch nicht besonders. Man hat mir eine Bandaufzeichnung von einer indischen Polizeiversammlung geschickt, und da redete man ganz ungeniert davon, ihr Programm mit voller Leistung einige Jahrhunderte laufen zu lassen, dann w�rde man sehen, was erreicht werden k�nne.�</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Der Waggon des Aufzugs senkte sich, und der Mars unter ihren F��en wurde riesengro�. Endlich bremste man �ber Sheffield, und alles wirkte normal. Wieder Marsschwere, ohne da� die Corioliskraft einen nach der Seite zog. Und sie waren in der Sockelmuffe�� wieder daheim.</p><p>Freunde, Reporter, Delegationen, Mangalavid. In Sheffield eilten die Leute ihren Gesch�ften nach. Gelegentlich erkannte man Nirgal und winkte ihm fr�hlich zu. Manche blieben sogar stehen, um ihm die Hand zu sch�tteln oder ihn an sich zu ziehen und sich nach seiner Reise oder seiner Gesundheit zu* erkundigen. �Wir freuen uns, da� du zur�ck bist!�</p><p>Aber in den Augen der meisten Leute... Krankheit war so selten. Einige schauten auch weg. Magisches Denken. Nirgal erkannte pl�tzlich, da� f�r viele Menschen die Langlebigkeitsbehandlungen mit Unsterblichkeit gleichgesetzt wurden. Sie wollten nichts Gegenteiliges erfahren und sahen fort.</p><p>Aber Nirgal hatte Simon sterben sehen, obwohl man ihm die Knochen mit Nirgals jungem Mark injiziert hatte. Er hatte gef�hlt, wie sein K�rper sich aufl�ste, hatte den Schmerz in seinen Lungen und in jeder seiner Zellen empfunden. Er wu�te, da� der Tod eine Realit�t war. Die Unsterblichkeit war nicht zu ihnen gekommen und w�rde das auch nie tun. Verz�gertes Greisentum, das war alles. Nirgal war sich dessen bewu�t. Und die Leute sahen dieses Wissen in ihm und wichen zur�ck. Er war unrein, und sie sahen weg. Das �rgerte ihn.</p><empty-line/><p>Er nahm den Zug nach Cairo und blickte auf die weit geneigte, eisenhaltige und in Trockenheit brachliegende W�ste von Ost-Tharsis. Die Urlandschaft des roten Mars. Sein Land. Seine Augen f�hlten das. Sein Geist und K�rper gl�hten in dieser Erkenntnis.</p><p>Unwohl f�hlte er sich nur unter den Gesichtern der Leute im Zug, die ihn anschauten und dann wieder wegsahen.</p><p>Er war der Mann gewesen, dem es nicht gelungen war, sich der Erde anzupassen. Die Heimatwelt hatte ihn fast umgebracht. Er war eine alpine Blume, unf�hig, der wahren Welt zu widerstehen, ein Exot, f�r den die Erde wie die Venus war. Das war es, was ihre Augen mit ihren durchbohrenden Blicken sagten. Ewiges Exil.</p><p>Nun, das waren die Bedingungen des Mars. Einer von je f�nfhundert auf dem Mars Geborenen, die die Erde besuchten, starb. Es war mit das Gef�hrlichste, das ein Marsianer tun konnte; gef�hrlicher als von den Klippen zu st�rzen, ein Besuch des �u�eren Sonnensystems oder das Kindbett. Eine Art russisches Roulette, gewi� mit vielen leeren Kammern im Magazin, aber die scharfe Patrone war eben da.</p><p>Und er hatte dem getrotzt. Es war kein Erfolg auf der ganzen Linie, aber immerhin. Er war am Leben, er war daheim! Diese Gesichter im Zug, was wu�ten diese Leute schon? Sie dachten, er w�re von der Erde besiegt worden. Aber sie dachten auch, da� er Nirgal, der Held, war, der nie zuvor eine Niederlage erfahren hatte. Sie nahmen ihn als eine Legende, als Idee. Sie wu�ten nichts von Simon oder Jackie oder Da� oder Hiroko. Sie wu�ten gar nichts �ber ihn. Er war jetzt 26 m-Jahre alt, ein Mann im mittleren Alter, der all das erlitten hatte, was jeder Mann in mittleren Jahren durchmachen muߠ� Tod der Eltern, Tod der Liebe und Verrat durch Freunde. So etwas traf jeden. Aber das war nicht der Nirgal, den die Leute mochten.</p><p>Der Zug fuhr durch die ersten gekr�mmten Vorderw�lle der unterminierten Canyons des Labyrinths der Nacht und glitt in den alten Bahnhof von Cairo. Nirgal ging in die �berkuppelte Stadt hinaus und schaute sich neugierig um. Es war eine Festung der Metanats gewesen, die er noch nie von innen gesehen hatte. Es war interessant, die alten Geb�ude zu sehen. Die physikalische Fabrik war w�hrend der Revolution von der Roten Armee zerst�rt worden und noch durch die zerbrochenen schwarzen Mauerreste zu erkennen. Die Leute winkten ihm zu, als er den breiten Zentralboulevard zu den Stadtb�ros hinunterging.</p><p>Da war sie nun, im Saal des Rathauses, an einem der Fenster lehnend, die das U von Nilus Noctis �berschauten. Nirgal blieb stehen und hielt den Atem an. Sie hatte ihn noch nicht gesehen. Ihr Gesicht war runder geworden, aber sonst war sie so gro� und gewandt wie immer, gekleidet in eine gr�ne Seidenbluse und einen dunkelgr�nen Rock aus einem gr�beren Stoff. Ihr schwarzes Haar flo� als gl�nzende M�hne �ber ihren R�cken. Er konnte den Blick nicht abwenden.</p><p>Dann erblickte sie ihn und zuckte leicht zusammen. Vielleicht hatten die Bilder auf dem Armbandger�t ihr nicht das Ausma� vermittelt, in dem ihn die Krankheit auf der Erde getroffen hatte. Bei dem Wiedererkennen streckte sie die H�nde aus und folgte ihnen, w�hrend ihre Augen �berlegten und die Miene bei seinem Erscheinen sorgsam f�r die Kameras, die sie immer umgaben, angepa�t wurde. Aber Nirgal liebte diese H�nde. Er f�hlte die W�rme im Gesicht, als er err�tete, w�hrend sie sich k��ten, Wange an Wange wie befreundete Diplomaten. Aus der N�he sah sie immer noch aus wie f�nfzehn m-Jahre, eben die makellose Jugend hinter sich, in diesem Lebensabschnitt, der noch sch�ner ist als die Jugend selbst. Das Ger�cht kursierte, sie h�tte die Behandlung seit dem Alter von zehn Jahren bekommen.</p><p>�Es ist also wahr�, sagte sie. �Die Erde hat dich fast get�tet.�</p><p>�Es war eigentlich ein Virus.�</p><p>Sie lachte, aber ihre Augen behielten den berechnenden Blick bei. Sie nahm ihn am Arm und f�hrte ihn wie einen Blinden zu ihrer Begleitung zur�ck. Obwohl er einige von denen kannte, stellte sie sie trotzdem vor, nur um zu betonen, wie sehr sich der innere Kreis der Partei ver�ndert hatte, seit er abgereist war. Aber das konnte er nat�rlich nicht bemerken, und so war er recht guter Dinge, als sie pl�tzlich durch ein gro�es Geschrei unterbrochen wurden. Unter ihnen befand sich ein Baby.</p><p>�Oh!� rief Jackie und schaute auf ihr Armband. �Sie hat Hunger. Komm, ich stell dir meine Tochter vor.� Sie ging zu einer Frau hin�ber, die ein Wickelkind trug. Das M�dchen war ein paar Monate alt, hatte dicke Backen und eine dunklere Haut als Jackie. Es kreischte lauthals. Jackie nahm es der Frau ab und brachte es in einen Nebenraum.</p><p>Nirgal war stehengeblieben und erblickte Tiu, Rachel und Frantz am Fenster.</p><p>Er ging zu ihnen hin�ber und schaute in Jackies Richtung. Sie rollten mit den Augen und zuckten die Achseln. Jackie hat nicht gesagt, wer der Vater ist, erkl�rte Rachel rasch und halblaut. Das war kein ungew�hnliches Verhalten. Viele Frauen von Dorsa Brevia hatten es ebenso gemacht.</p><p>Die Frau, die das M�dchen gehalten hatte, betrat wieder den Raum und sagte Nirgal, da� Jackie mit ihm sprechen m�chte. Er folgte der Frau ins n�chste Zimmer.</p><p>Auch dieser Raum hatte ein gro�es Aussichtsfenster mit Blick auf Nilus Noctis. Jackie sa� in einem Sessel am Fenster, stillte das Kind und geno� den Anblick. Das Kind war hungrig und nuckelte, zwischen kleinen Seufzern und Quietschen, gierig und mit geschlossenen Augen. Die kleinen F�ustchen verkrampften sich, wie an Zweigen oder Fell in einem durch die Erinnerung an B�ume und Flucht gepr�gten Verhalten. In diesem Griff zeigte sich Evolutionsgeschichte.</p><p>Jackie erteilte Anweisungen, sowohl an Personal im Zimmer wie �ber das Armband. �Ganz gleich, was sie in Bern sagen, wir m�ssen die Flexibilit�t haben, um n�tigenfalls die Quoten zu dr�cken. Die Inder und Chinesen werden sich eben daran gew�hnen m�ssen.�</p><p>Einiges wurde f�r Nirgal jetzt klarer. Jackie war im Exekutivrat, aber der hatte keine besondere Macht. Sie war auch noch eine der F�hrerinnen der Partei Freier Mars. Und obwohl diese auf dem Planeten vielleicht weniger Einflu� haben mochte,� da die Macht sich in die Kuppeln verlagerte, hatte sie bei den Beziehungen zwischen Erde und Mars das Potential, eine bestimmende Institution zu werden. Selbst wenn sie Politik auch nur koordinierte, w�rde sie alle Macht erhalten, �ber die ein Koordinator verf�gen konnte. Und die war nicht zu untersch�tzen. Es war immerhin das gesamte Machtpotential, das Nirgal je besessen hatte. In vielen Situationen konnte eine solche Koordination das �quivalent f�r die Bestimmung der terranischen Politik durch den Mars sein, da alle lokalen Regierungen sich mehr um ihre lokalen Angelegenheiten k�mmerten und der Freie Mars seine Chance nutzte, die globalen Machtstrukturen zu dominieren und Positionen mit Mitgliedern der eigenen Partei zu besetzen. Und nat�rlich gab es eine Tendenz, wonach die Beziehung zwischen Erde und Mars das Potential besa�, alles andere in den Schatten zu stellen. Somit konnte Jackie auf dem Weg sein, eine interplanetare Macht zu werden.</p><p>Nirgals Aufmerksamkeit wandte sich wieder dem Baby an ihrer Brust zu. Die Prinzessin des Mars. Jackie deutete mit einem Kopfnicken auf die Bank neben sich. �Nimm Platz! Du siehst m�de aus.�</p><p>�Mir geht es gut�, versicherte Nirgal, setzte sich aber. Jackie warf einer ihrer Assistentinnen einen Blick zu und machte mit dem Kopf eine heftige Bewegung zur Seite. Sehr bald waren sie mit dem Kind allein.</p><p>�Die Chinesen und Inder halten den Mars f�r ein leeres neues Land�, sagte Jackie. �Das geht aus allem hervor, was sie sagen. Sie sind verdammt zu freundlich.�</p><p>�Vielleicht m�gen sie uns�, sagte Nirgal. Jackie l�chelte, aber er fuhr fort: �Immerhin haben wir ihnen geholfen, die Metanats los zu werden. Sie d�rfen nun aber nicht daran denken, da� sie ihre �bersch�ssige Bev�lkerung hier abladen k�nnten. Es sind einfach zu viele, als da� eine Auswanderung irgendeinen Unterschied f�r sie machten w�rde.�</p><p>�Mag sein, aber sie tr�umen davon. Und mit Raumaufz�gen k�nnen sie einen st�ndigen Strom schicken. Das summiert sich schneller auf, als du denkst.�</p><p>Nirgal sch�ttelte den Kopf. �Es wird nie genug sein.�</p><p>�Woher willst du das wissen? Du bist doch in keinem dieser L�nder gewesen.�</p><p>�Jackie, eine Milliarde ist eine gro�e Zahl. Zu gro�, als da� wir sie uns �berhaupt vorstellen k�nnen. Die Erde hat siebzehn Milliarden. Sie k�nnen keinen nennenswerten Bruchteil dieser Zahl hierher schicken. Es gibt nicht genug Shuttles daf�r.�</p><p>�Sie k�nnten es irgendwie versuchen. Die Chinesen haben Tibet mit Han-Chinesen �berschwemmt; und das hat gar nichts zur L�sung ihrer Bev�lkerungsprobleme beitragen. Trotzdem tun sie es immer noch.�</p><p>Nirgal zuckte die Achseln. �Das hier ist Tibet. Wir werden auf Distanz bleiben.�</p><p>�Ja�, erwiderte Jackie ungeduldig. �Aber das d�rfte nicht leicht sein, wenn es kein wir gibt. Wenn sie nach Margaritifer hinausgehen und mit den arabischen Karawanen dort einen Handel machen, wer wird sie daran hindern?�</p><p>�Die Umweltgerichtsh�fe?�</p><p>Jackie stie� zwischen den Lippen Luft aus, und das Baby ri� sich los und wimmerte. Jackie wechselte das Kind an die andere Brust. Eine olivfarbene Kurve mit blauen Adern. �Antar rechnet nicht damit, da� die Umweltgerichtsh�fe lange funktionieren werden. Wir hatten einen Streit mit ihnen, als du fort warst, und kamen blo� mit ihnen zurecht, indem wir dem Proze� eine Chance gaben. Aber diese Leute waren nicht geeignet. Sie konnten sich nicht durchbei�en. Alles, was auch immer jemand tut, hat Einflu� auf den Umweltpakt. Darum sollten sie wohl alles beurteilen. Aber in den geringeren H�henlagen werden Kuppeln abgebaut, und nicht einer von hundert tritt an die Gerichte heran, um f�r das um Erlaubnis zu erbitten, was sie vorhaben, sobald ihre Stadt im Freien steht. Warum sollten sie auch? Jetzt ist jeder ein �kopoet. Nein! Das System der Gerichtsh�fe wird untergehen.�</p><p>�Du kannst nicht sicher sein�, sagte Nirgal. �Ist Antar der Vater?�</p><p>Jackie zuckte die Achseln.</p><p>Jeder konnte der Vater sein�� Antar, Dao, Nirgal selbst, zum Teufel, auch John Boone k�nnte es sein, wenn eine Probe seines Samens zuf�llig noch im Vorrat gewesen w�re.</p><p>Das s�he Jackie �hnlich, falls sie es nicht allen Leuten erz�hlt h�tte. Sie zog den Kopf des Kindes an sich.</p><p>�Glaubst du wirklich, da� es richtig ist, ein vaterloses Kind aufzuziehen?�</p><p>�So bist du doch auch aufgewachsen, oder? Und ich hatte keine Mutter. Wir waren alle Kinder mit nur einem Elternteil.�</p><p>�Aber war das gut?�</p><p>�Wer wei�?�</p><p>Jackies Gesicht zeigte einen Ausdruck, den Nirgal nicht deuten konnte. Ihr Mund war leicht zusammengepre�t�� vor Unwillen? und vor Trotz?�� unm�glich zu sagen. Sie wu�te, wer ihre beiden Eltern waren; aber nur einer war bei ihr geblieben, und Kasei hatte sich nicht besonders gek�mmert. Und wurde in Sheffield get�tet, zum Teil aufgrund der brutalen Antwort auf den Angriff der Roten, den Jackie selbst bef�rwortet hatte.</p><p>�Du wu�test nichts von Cojote, bis du sechs oder sieben Jahre alt w�rest�, sagte sie. �Ist das richtig?�</p><p>�Wahr, aber nicht richtig.�</p><p>�Was?�</p><p>�Es war nicht richtig.� Und er schaute ihr in die Augen.</p><p>Aber sie sah weg, auf das Baby hinunter. �Besser, als wenn die Eltern einander vor den Augen des Kindes in St�cke rei�en.�</p><p>�Ist es das, was du mit dem Vater tun w�rdest?�</p><p>�Wer wei�?�</p><p>�Es ist auf diese Weise also sicherer.�</p><p>�Vielleicht. Eine Menge Frauen in Dorsa Brevia halten es so.�</p><p>�In Dorsa Brevia.�</p><p>��berall. Die biologische Familie ist nicht gerade eine Institution des Mars.�</p><p>�Ich wei� nicht.� Nirgal �berlegte. �Ich habe wirklich eine Menge Familien in den Canyons gesehen.</p><p>Wir kommen in dieser Hinsicht aus einer ungew�hnlichen Gruppe.�</p><p>�In vielerlei Hinsicht.�</p><p>Ihr Kind wich zur�ck, und Jackie stopfte ihre Brust in den B�stenhalter und zog das Hemd herunter. �Marie?� rief sie, und ihre Assistentin kam herein. �Ich denke, ihre Windel mu� gewechselt werden.� Sie �bergab das Kleinkind der Frau, die ohne ein Wort hinausging.</p><p>�Jetzt Bedienstete?� fragte Nirgal.</p><p>Jackie pre�te den Mund wieder zusammen und stand auf. Sie rief: �Mem?�</p><p>Eine andere Frau kam herein, und Jackie sagte: �Mem, wir werden mit diesen Leuten vom Umweltgerichtshof wegen dieses chinesischen Ersuchens zusammenkommen m�ssen. Es k�nnte sein, da� wir es als Hebel benutzen k�nnen, damit die Wasserzuteilung f�r Cairo neu erwogen wird.�</p><p>Mem nickte und verlie� den Raum.</p><p>�Du triffst einfach die Entscheidungen?� fragte Nirgal.</p><p>Jackie entlie� ihn mit einer Handbewegung. �Es ist h�bsch, dich wieder zur�ck zu haben, Nirgal. Aber bem�he dich aufzuholen, okay?�</p><empty-line/><p>Aufholen. Der Freie Mars war jetzt eine politische Partei, die gr��te auf dem Planeten.</p><p>Das war nicht immer so gewesen. Es hatte eher als ein Netz von Freunden begonnen, oder als der Teil des Untergrundes, der in der Demimonde lebte. Zumeist fr�here Studenten der Universit�t in Sabishii oder sp�ter Mitglieder einer sehr lockeren Gemeinschaft in den �berkuppelten Canyons und heimlichen Clubs in den St�dten und so fort. Eine Art vager Schirm f�r Leute, die mit dem Untergrund sympathisierten, aber keiner spezielleren politischen Bewegung oder Philosophie anhingen. Wie sie sagten: Einfach Freier Mars.</p><p>In vieler Hinsicht war das von Nirgal begr�ndet worden. So viele Eingeborene waren an Autonomie interessiert gewesen; und die verschiedenen Issei-Parteien, die auf den Gedanken des einen oder anderen Siedlers beruhten, sprachen sie nicht an. Sie hatten etwas Neues gewollt. Und so war Nirgal um den Planeten gereist und hatte sich bei Leuten aufgehalten, die Meetings oder Diskussionen organisierten. Das war so lange gegangen, da� die Leute schlie�lich auf einem Namen bestanden. Man wollte die Dinge beim Namen nennen k�nnen.</p><p>Daher also: Freier Mars. Und in den Revolutionsjahren wurde die Organisation ein Treffpunkt f�r die Eingeborenen, der aus der Gesellschaft als ein Ph�nomen auftauchte, zu dem sich viel mehr Leute als zugeh�rig erkl�rten, als man h�tte f�r m�glich halten k�nnen. Millionen.</p><p>Die Majorit�t der Einheimischen. Das war die eigentliche Definition der Revolution. Das war der Hauptgrund f�r ihren Erfolg. Freier Mars als Motto und Imperativ. Und das hatten sie durchgesetzt.</p><p>Aber dann war Nirgal zur Erde abgereist, entschlossen, ihre Sache dort zu vertreten. Und w�hrend seiner Abwesenheit war im Verfassungskongre� der Freie Mars von einer Bewegung zu einer Organisation geworden. Das war gut so, es war der normale Gang der Ereignisse, ein notwendiger Teil der Institutionalisierung ihrer Unabh�ngigkeit. Niemand konnte sich dar�ber beklagen oder den guten alten Tagen nachtrauern, ohne Sehnsucht nach einer heroischen Zeit zu offenbaren, die eigentlich gar nicht heroisch gewesen war und auch unterdr�ckt und beschr�nkt gewesen war und dar�ber hinaus als unpassend und gef�hrlich galt. Nein, Nirgal war es nicht nach Nostalgie zumute. Der Sinn des Lebens lag nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart; nicht im Widerstand, sondern in der positiven �u�erung. Nein, er wollte nicht, da� es so sein sollte wie fr�her. Er war gl�cklich, da� sie (wenigstens teilweise) ihr Schicksal selbst bestimmten. Das war nicht das Problem. Noch machte ihm der enorme Zuwachs der Parteig�nger Sorgen, die der Freie Mars hatte. Die Partei schien an der Schwelle zur Supermajorit�t zu stehen. Drei der sieben Mitglieder des Exekutivrates kamen aus der Parteif�hrung, und auch die meisten anderen globalen Positionen nahmen Parteimitglieder ein. Jetzt trat ein h�bscher Prozentsatz neuer Emigranten der Partei bei, genau wie alte Emigranten und Eingeborene, die vor der Revolution kleinere Parteien unterst�tzt hatten, und last not least eine ganze Anzahl von Leuten, die das UNTA-Regime unterst�tzt hatten und jetzt nach der neuen Macht Ausschau hielten, die folgen w�rde. Alles in allem ergab das eine riesige Gruppe. Und in den ersten Jahren einer neuen sozio�konomischen Ordnung hatte diese Ballung politischer Macht, von Meinung und Glauben, ohne Zweifel einige Vorteile. Man konnte etwas durchsetzen.</p><p>Aber Nirgal war sich nicht sicher, ob er dazugeh�ren wollte.</p><empty-line/><p>Eines Tages, als er an der Stadtmauer entlangging und durch die Kuppelfolie blickte, sah er auf einem Flugplatz im Westen der Stadt am Rande der Klippe eine Menschengruppe stehen. Es gab dort eine Anzahl verschiedener Typen einsitziger Flugzeuge: Segler und Ultraleichte, die von einer Schleuder gestartet wurden und in der morgendlichen Thermik aufstiegen. Dann waren da kleinere H�ngegleiter sowie verschiedene Ausf�hrungen der neuen Einsitzer, die aussahen wie kleine Segelflugzeuge, die man unter Miniatur-Luftschiffen befestigt hatte. Diese Maschinen waren nur wenig l�nger als die Menschen, die in die Schlingen oder Sitze unter dem Flugzeug kletterten. Viele von ihnen waren transparent und fast unsichtbar, so da� der Himmel manchmal aussah, als ob auf dem Bauch liegende oder sitzende Personen von ganz alleine durch die Luft fl�gen. Andere Maschinen waren bunt und erschienen aus der Entfernung einiger Kilometer wie gr�ne oder blaue Striche in der Luft. An den gestutzten Fl�geln waren kleine ultraleichte Strahltriebwerke angebracht, mit Hilfe derer die Piloten Richtung und H�he steuern konnten. In dieser Hinsicht waren sie wie Flugzeuge, aber mit dem zus�tzlichen Auftrieb eines Luftschiffs, was sie sicherer und wendiger machte. Ihre Piloten landeten fast �berall, und es schien unm�glich, da� sie in Sturzflug �bergehen und abst�rzen oder sich in Bruchlandungen retten sollten.</p><p>Die H�ngegleiter andererseits sahen noch immer so gef�hrlich aus wie das erste Modell. Die Leute, die sich ihrer bedienten, waren die ruppigsten Mitglieder der fliegenden Schar. Als Nirgal hinausging, konnte er dort waghalsige Typen sehen, die die Kanten der Klippe herunterliefen und in durch Adrenalin gesteigerter Erregung br�llten, da� es in den Interkoms nur so klirrte. Jedenfalls gleichg�ltig, an was f�r ein Ger�st sie angebunden waren�� ihre K�rper sahen immer, was geschah. Kein Wunder, da� ihre Schreie diesen Klang hatten!</p><p>Nirgal nahm die U-Bahn und begab sich, angelockt durch das besondere Schauspiel, zum Flugplatz. Alle diese Menschen, frei im Himmel... Nat�rlich erkannte man ihn auch hier. Er sch�ttelte H�nde und nahm die Einladung einer Gruppe von Fliegern an, aufzusteigen und zu sehen, wie das war. Die Hanggleiter erboten sich, ihn das Fliegen zu lehren, aber er sagte, er wolle erst die kleinen Luftschiffgleiter ausprobieren. Er fand einen zweisitzigen Apparat, etwas gr��er als die anderen, festgemacht zum Start; und eine Frau namens Monica lud ihn nach oben ein. Sie tankte das Ding auf, setzte sich neben ihn; sie stiegen am Startmast auf, um dann mit einem Ruck in die starken Winde des Nachmittags freigelassen und �ber die Stadt getrieben zu werden, die sich von oben als ein kleines Gew�chshaus voller Gr�nzeug erwies, das an der Kante des nordwestlichsten Teils des Labyrinths aus Canyons am Hang von Tharsis hockte.</p><p>Fliegen �ber Noctis Labyrintus! Der Wind blies scharf �ber den straffen durchsichtigen Stoff des Gleiters; und sie h�pften im Wind unvorhersehbar auf und ab, w�hrend sie gleichzeitig in einem scheinbar unkontrollierten Spin horizontal rotierten. Aber dann lachte Monica und bediente die Steuerung. Bald flogen sie durch das Labyrinth nach S�den und �ber einen nach dem anderen sich kreuzenden Canyons. Dann �ber das Compton Chaos und das zerrissene Land des Illyrischen Tores, wo es sich zum oberen Ende des Marineris-Gletschers absenkte.</p><p>Monica sagte im Kopfh�rer: �Die D�sen dieses Dings sind sehr viel st�rker, als sie es sein m��ten. Man kann sich in den Wind st�rzen bis auf zweihundertf�nfzig Kilometer in der Stunde, obwohl man das kaum riskieren sollte. Man benutzt die Strahltriebwerke auch, um dem Auftrieb entgegenzuwirken, damit man wieder herunterkommt. Hier, versuch es einmal! Das ist der Gashebel f�r den linken Jet und das ist der f�r den rechten. Und hier sind die Stabilisierungsflossen. Die D�sen verrecken leicht, und der Gebrauch des Stabilisators erfordert einige �bung.�</p><p>Vor Nirgal befand sich eine volle Garnitur von Kontrollger�ten. Er legte die H�nde auf die Jet-Drosseln und gab Schub. Das Luftschiff schwenkte nach links und dann nach rechts. �Oha!�</p><p>�Man fliegt mit Sicherheitsautomatik, so da� das Ding sich einfach abschaltet, wenn man einen verh�ngnisvollen Befehl gibt.�</p><p>�Wie viele Flugstunden braucht man, um das zu lernen?�</p><p>�Du bist ja schon dabei!� Sie lachte. �Nein, es erfordert etwa hundert Stunden. Kommt darauf an, was man dabei unter Lernen versteht. Die statistische Todesschwelle liegt zwischen hundert und tausend Stunden, nachdem Leute sich entkrampft haben und wirklich gut sind und in Schwierigkeiten kommen. Aber das sind meistens Gleitschirmflieger. Bei diesen hier sind Simulatoren genau das Richtige, um darin seine Stunden zu verbringen. Und wenn man dann wirklich oben ist, ist alles verdrahtet, auch wenn man noch nicht die offizielle Flugzeitgrenze erreicht hat.�</p><p>�Wirklich interessant!�</p><p>Das war es auch. Die sich kreuzenden Canyons von Noctis Labyrinthus lagen unter ihnen wie ein gewaltiger Irrgarten. Die j�hen Auf- und Abstiege, wenn die Winde sie sch�ttelten, gingen Nirgal ins Blut. Das laute Brausen des Windes �ber ihren teilweise geschlossenen Sitzen in den Gondeln... �Das ist so, als ob man ein Vogel w�re!�</p><p>�Genau.�</p><p>Und ein Teil von ihm sah, da� es gutgehen w�rde. Das Herz freut sich �ber eine Sache nach der anderen.</p><empty-line/><p>Danach verbrachte er die Zeit in einem Flugsimulator in der City und hatte mehrere Male in der Woche eine Verabredung mit Monica oder einem ihrer Freunde und ging zu einer weiteren Lektion hinaus an den Rand der Klippe. Das war keine komplizierte Sache, und bald hatte er den Eindruck, da� er einen selbst�ndigen Flug unternehmen k�nnte. Sie mahnten ihn zur Geduld. Er hielt sich daran. Die Simulatoren f�hlten sich ganz wie das wirkliche Ding an. Wenn man sie durch einen Fehler testete, pflegte der Sitz zu kippen und sehr �berzeugend zu h�pfen. Mehr als einmal bekam er die Geschichte von der Person zu h�ren, die einen Ultraleichtflieger in der Simulation in eine so verheerende Todesspirale gebracht hatte, da� der Simulator sich aus seiner Verankerung gerissen hatte und durch die n�chste Glaswand gekracht war, wobei er einige Herumstehende getroffen und dem Flieger den Arm gebrochen hatte.</p><p>Nirgal vermied solche Schreckensgeschichten und auch die meisten anderen. Er ging fast jeden Morgen zu den Versammlungen von Freier Mars in den Stadtb�ros und jeden Nachmittag zum Fliegen. Im Laufe der Tage stellte er fest, da� er die Morgensitzungen nicht mochte. Er wollte blo� noch fliegen. Er hatte den Freien Mars nicht gegr�ndet, ganz gleich, was man redete. Alles, was er in jenen Jahren getan hatte, war keine Politik in diesem Sinne gewesen. Vielleicht hatte es ein politisches Element gehabt; aber meistens hatte er sein eigenes Leben gef�hrt und mit Leuten in der Demimonde und den St�dten an der Oberfl�che dar�ber gesprochen, wie sie ihr Leben gestalten und dennoch einige Freiheiten und Vergn�gungen haben wollten. Okay, das war politisch gewesen, jede Aktion hatte auch eine politische Dimension. Aber es schien, da� er an Politik nicht wirklich interessiert war. Oder waren es die Regierungsgesch�fte?</p><p>Nat�rlich war Politik besonders uninteressant, wenn sie von Jackie und ihrer Schar dominiert wurde. Das war Politik einer anderen Art. Er hatte vom ersten Augenblick seiner R�ckkehr an gesehen, da� Jackies innerem Kreis seine R�ckkehr von der Erde nicht willkommen war. Er war den gr��ten Teil eines m-Jahres fort gewesen; und w�hrend dieser Zeit war eine neue Gruppe von der Revolution in Schwung gebracht worden und in den Vordergrund getreten. Nirgal war f�r sie eine Bedrohung von Jackies F�hrungsrolle in der Partei und f�r ihren Einflu� auf Jackie. Sie waren entschieden, wenn auch subtil gegen ihn. Nein. Einige Zeit war er der Anf�hrer der Eingeborenen gewesen, der Charismatiker des Stammes, der aus dem eingeborenen Volk des Mars bestand, der Sohn von Hiroko und Cojote�� eine sehr m�chtige Elternschaft, der man sich nur sehr schwer widersetzen konnte. Aber diese Zeit war vorbei. Jetzt hatte Jackie die F�hrung; und ihm gegen�ber hatte sie ihre eigene mythische Abstammung von John Boone, wie ihre gemeinsamen Anf�nge in Zygote und auch den parallelen (partiellen) R�ckhalt des minoischen Kultes in Dorsa Brevia.</p><p>Ganz zu schweigen von ihrer direkten Macht �ber ihn in der ihr eigenen intensiven Dynamik. Aber ihre Berater konnten das nicht verstehen oder auch nur voll erkennen. F�r sie war Nirgal eine bedrohende Macht, die durch die Krankheit auf der Erde keineswegs beseitigt worden war. Eine immerw�hrende Bedrohung f�r ihre eingeborene K�nigin.</p><p>So sa� er die morgendlichen Versammlungen in den Stadtb�ros ab, bem�ht, ihre kleinen Man�ver zu ignorieren und sich auf die Themen zu konzentrieren, die vom ganzen Planeten hereingingen und von denen viele Landprobleme oder kleine Streitigkeiten zum Thema hatten. Viele St�dte wollten ihre Kuppeln abbauen, sobald der Luftdruck das erm�glichte; und kaum welche von ihnen waren bereit einzur�umen, da� das eine Ma�nahme war, bei der die Umweltgerichtsh�fe ein Mitspracherecht hatten. Manche Gebiete waren so trocken, da� Wasser der kritische Punkt war, und deren Ersuchen um Wasserzuteilungen gingen ein, bis es schien, da� das Nordmeer um einen Kilometer abgesenkt werden w�rde, wollte man durch Abpumpen die durstigen St�dte des S�dens versorgen. Diese und tausend andere Angelegenheiten stellten die vielen verfassungsm��igen Netzwerke f�r die Verbindung lokaler Autonomie mit globalen Erw�gungen auf die Probe. Die Debatten w�rden ewig dauern.</p><p>Nirgal, obwohl im Grunde an den meisten dieser Streitigkeiten nicht interessiert, schien sie dennoch der Parteipolitik vorzuziehen, die sich in Cairo abspielte. Er war von der Erde zur�ckgekommen ohne irgendeine offizielle Position in der neuen Regierung oder der alten Partei; und eines, was er sich in diesen Tagen abspielen sah, war der Streit dar�ber, ihn unterzubringen, ihm einen neuen Job mit begrenzter Macht zu geben�� oder f�r jene, die ihn unterst�tzten, ihn in eine Position mit anwendbarer realer Macht zu bringen. Einige Freunde rieten ihm abzuwarten und f�r den Senat zu kandidieren, wenn die n�chsten Wahlen k�men. Andere sprachen vom Exekutivrat, von Parteiposten oder einem Posten im Globalen Exekutivrat. Alle diese Jobs fand Nirgal in der einen oder anderen Weise abscheulich; und wenn er mit Nadia �ber Bildschirm sprach, stellte er fest, da� sie sich f�r ihn nur als B�rde erweisen w�rden. Obwohl Nadia sich emsig genug abm�hte, war deutlich, da� ihr der Exekutivrat zuwider war. Aber er verzog keine Miene und h�rte genau zu, wenn Leute ihm ihren Rat anboten.</p><p>Jackie ihrerseits hatte ihre eigene beratende Versammlung. Wenn Leute bei Meetings vorschlugen, Nirgal solle eine Art Minister ohne Portefeuille werden, blickte sie ihn noch ausdrucksloser als gew�hnlich an, was Nirgal auf den Gedanken brachte, da� ihr diese M�glichkeit am wenigsten von allen zusagte. Sie wollte ihn in irgendeiner Position festgenagelt sehen, die ihrem derzeitigen Posten untergeordnet war. Aber er blieb v�llig au�erhalb des Systems...</p><p>Da sa� sie nun, das kleine Kind in den Armen. Es k�nnte sein Kind sein. Und Antar beobachtete sie mit der gleichen Miene, dem gleichen Gedanken. Ohne Zweifel h�tte das auch Dao getan, wenn er noch leben w�rde. Nirgal wurde pl�tzlich durch einen Schauer von Kummer um seinen Halbbr�der gesch�ttelt, seinen Qu�lgeist, seinen Freund. Er und Dao hatten sich bek�mpft, so weit er zur�ckdenken konnte. Sie waren aber trotz allem Br�der gewesen.</p><p>Jackie hatte Dao offenbar schon vergessen, genau wie Kasei. So wie sie Nirgal vergessen w�rde, sollte er get�tet werden. Sie hatte zu den Gr�nen geh�rt, die befohlen hatten, den Angriff der Roten auf Sheffield zu zerschmettern. Sie hatte die starke Erwiderung der Kampfhandlungen bef�rwortet. Vielleicht mu�te sie die Toten vergessen.</p><p>Das Kind schrie. Bei dem von Fett gerundeten Gesicht war es unm�glich, eine �hnlichkeit mit irgendeinem Erwachsenen zu erkennen. Der Mund sah wie der von Jackie aus. Aber sonst... Es war erschreckend, diese Macht, die von anonymer Elternschaft ausging. Nat�rlich konnte ein Mann dasselbe tun, sich ein Ei besorgen, es befruchten und durch Ektogenese wachsen lassen und dann das Kind selbst aufziehen. Ohne Zweifel w�rde das auch passieren, besonders wenn noch mehr Frauen den Weg Jackies einschlugen. Eine Welt ohne Eltern. Nun, Freunde bildeten die wahre Familie. Aber er erschauerte doch vor dem, was Hiroko getan hatte und was Jackie tat.</p><p>Um seinen Geist von alledem zu kl�ren, ging er fliegen. Eines Abends nach einem pr�chtigen Flug in den Wolken, als man im Lokal des Startplatzes sa�, nahm die Konversation eine andere Richtung als gew�hnlich, und jemand erw�hnte Hirokos Namen. �Ich h�re, sie ist in Elysium und arbeitet da oben an einer neuen Kommune.�</p><p>�Wo hast du das geh�rt?� fragte Nirgal die Frau, wohl etwas zu scharf.</p><p>Sie sagte �berrascht: �Du kennst doch diese Flieger, die letzte Woche hereingeschneit sind. Die um die Welt fliegen. Die waren im letzten Monat auf Elysium und sagten, sie h�tten sie dort gesehen.� Sie zuckte die Achseln. �Das ist alles, was ich geh�rt habe. Nicht sehr zuverl�ssig. Ich wei�.�</p><p>Nirgal lehnte sich im Sessel zur�ck. Immer Information aus dritter Hand. Aber einige Geschichten schienen dennoch Hiroko widerzuspiegeln. Und ein paar, die zu sehr nach Hiroko aussahen, waren wohl erfunden. Nirgal wu�te nicht, was er denken sollte. Sehr wenige Leute schienen sie f�r tot zu halten. Auch aus dem Rest der Gruppe wurden Sichtungen berichtet.</p><p>�Sie w�nschen einfach, da� sie hier w�re�, sagte Jackie, als Nirgal das am n�chsten Tage erw�hnte.</p><p>�W�nschst du es denn nicht?�</p><p>�Doch, nat�rlich...��� obwohl das nicht stimmte��, �aber nicht genug, um Geschichten dar�ber zu erfinden.�</p><p>�H�ltst du die wirklich alle f�r erfunden? Ich meine, wer sollte das tun? Was w�rden sie in diesem Falle unter sich erz�hlen?�</p><p>�Nirgal, die Menschen sind nicht vern�nftig. Das mu�t du lernen. Die Leute sehen irgendwo eine �ltliche Japanerin und denken, die sieht aus wie Hiroko. Am Abend erz�hlen sie ihren Zimmergenossen, sie h�tten heute Hiroko gesehen. Sie war auf dem Markt und hat Pflaumen gekauft. Der Partner geht zu seinem Arbeitsplatz und sagt: �Mein Zimmergenosse hat gestern Hiroko gesehen, wie sie Pflaumen gekauft hat.��</p><p>Nirgal nickte. Das war ohne Zweifel richtig, wenigstens f�r die meisten Geschichten. Aber was war mit dem Rest, den wenigen Geschichten, die nicht in dieses Muster pa�ten... ?</p><p>�Inzwischen mu�t du eine Entscheidung �ber diese Position im Umweltgerichtshof treffen�, sagte Jackie. Es handelte sich um ein Provinzgericht, das dem Globalen unterstand. �Wir k�nnen es so einrichten, da� Mem einen Posten in der Partei erh�lt, der wirklichen Einflu� hat; oder du k�nntest diesen nehmen, wenn du willst, oder beide, nehme ich an. Aber wir m�ssen es wissen.�</p><p>�Ja,ja.�</p><p>Es kamen Leute herein, um �ber etwas anderes zu diskutieren, und Nirgal zog sich zum Fenster zur�ck, in die N�he des Kinderm�dchens und des Babys. Er war nicht an dem interessiert, was sie machten, an nichts davon. Das war blo� alles h��lich und abstrakt, eine st�ndige Manipulation von Menschen, ohne ihnen, die doch so viel Arbeit f�r sie verrichteten, je irgendeine Erkenntlichkeit zu erweisen. Jackie w�rde sagen, das ist Politik. Und es war klar, da� sie es geno�. Aber Nirgal nicht. Es war seltsam. Er hatte sein ganzes Leben offenkundig f�r diese Situation gearbeitet; und als sie jetzt gekommen war, gefiel sie ihm nicht.</p><p>H�chstwahrscheinlich k�nnte er genug lernen, um die Arbeit zu leisten. Er m��te die Feindseligkeit der Leute �berwinden, die ihn nicht wieder in der Partei haben wollten; er m��te sich eine eigene Machtbasis schaffen, das hei�t eine Gruppe von Menschen um sich sammeln, die ihm in ihren offiziellen Positionen helfen w�rden. Er m��te ihnen Gef�lligkeiten erweisen, ihre Gunst erschmeicheln, sie gegeneinander ausspielen, so da� ein jeder seinem Wunsch willfahren w�rde, um gegen�ber den anderen �berlegenheit zu gewinnen... Er konnte gerade hier in diesem Raum alle diese Prozesse in Aktion sehen, wenn Jackie mit einem Berater nach dem anderen zusammenkam und diskutierte, was gerade sein Spezialgebiet betraf, und ihn dann bearbeitete, um ihn sich noch st�rker zu verpflichten. Nat�rlich w�rde sie sagen, wenn er sie darauf hinwies: so ist eben die Politik. Sie hatten jetzt die Kontrolle �ber den Mars, und wenn sie die neue Welt schaffen wollten, auf die sie gehofft hatten, dann mu�ten sie Politiker in letzter Konsequenz sein. Man konnte nicht allzu w�hlerisch sein, man mu�te realistisch handeln. Man hielt sich die Nase zu und tat es. Darin lag wirklich ein gewisser Adel. Es war die notwendige Arbeit.</p><p>Nirgal wu�te nicht, ob diese Rechtfertigungen der Wahrheit entsprachen oder nicht. Hatten sie wirklich ihr ganzes Leben lang gearbeitet, um die Herrschaft der Erde �ber den Mars zu �berwinden, nur damit sie ihre eigene lokale Version des gleichen Systems an deren Stelle setzen konnten? Konnte Politik jemals etwas anderes sein als Politik�� praktisch, zynisch, h��lich?</p><p>Nirgal konnte das nicht beantworten. Er sa� am Fenster und sah auf das Gesicht von Jackies schlafender Tochter hinunter. Auf der anderen Seite des Raums sch�chterte Jackie die Delegierten des Freien Mars aus Elysium ein. Jetzt, da Elysium eine vom Nordmeer umgebene Insel war, waren sie dort entschlossener denn je, ihr Schicksal in die eigenen H�nde zu nehmen, einschlie�lich der Einwanderungsbeschr�nkungen, die verhindern sollten, da� sich die Bev�lkerung weit �ber ihre jetzige Anzahl hinaus entwickelte. �Das ist ja alles sch�n und gut�, sagte Jackie, �aber es ist jetzt eine sehr gro�e Insel, eigentlich ein Kontinent, und noch dazu von Wasser umgeben, so da� er besonders feucht sein wird. Au�erdem mit einer K�stenlinie von Tausenden von Kilometern, einer Menge guter Hafenpl�tze, die ohne Zweifel als Fischereih�fen nutzbar sind. Ich kann mit eurem Wunsch sympathisieren, die Entwicklung im Griff zu behalten, das ist uns allen klar; die Chinesen haben jedoch ein besonderes Interesse bekundet, einige dieser Pl�tze zu entwickeln. Und was erwartet man, das ich ihnen sagen soll? Da� die auf Elysium Ans�ssigen die Chinesen nicht leiden k�nnen? Da� wir ihre Hilfe in einer Krise annehmen, aber nicht wollen, da� sie in die Nachbarschaft ziehen?�</p><p>�Doch nicht deshalb, weil sie Chinesen sind!� rief der Delegierte.</p><p>�Ich verstehe. Wirklich! Ich sage Ihnen: Gehen Sie nach S�dfossa zur�ck und erkl�ren Sie dort die Schwierigkeiten, vor denen wir stehen, und ich werde alles tun, was in meiner M�glichkeit steht, um Ihnen zu helfen. Ich kann keine Resultate garantieren, werde aber tun, was ich kann.�</p><p>�Danke�, sagte der Delegierte und ging.</p><p>Jackie wendete sich an ihre Assistentin. �Idiot! Wer kommt als n�chster? Ah, nat�rlich der chinesische Gesandte. Gut, la� ihn rein!�</p><p>Der chinesische Gesandte, eine Frau, war recht gro�. Sie sprach Mandarin, und ihr Computer �bersetzte in klares britisches Englisch. Nach dem Austausch der �blichen H�flichkeiten bat die Frau um die Einrichtung einiger chinesischer Siedlungen, vorzugsweise in den �quatorialen Provinzen.</p><p>Nirgal sah fasziniert hin. So hatte man ganz von Anfang an mit dem Siedeln begonnen. Gruppen terranischer Nationaler waren angekommen und hatten eine Kuppelstadt oder eine Klippensiedlung errichtet oder einen Krater �berkuppelt... Aber jetzt zeigte Jackie eine h�fliche Miene und sagte: �Das ist m�glich. Nat�rlich wird man alles den Umweltgerichtsh�fen zur Beurteilung vorlegen m�ssen. Aber es gibt auf dem Elysium-Massiv gro�e Mengen bewohnbaren Landes. Vielleicht lie�e sich hier etwas arrangieren, besonders wenn China gewillt ist, zur Errichtung einer Infrastruktur beizutragen.�</p><p>Sie besprachen Details. Nach einiger Zeit ging die Gesandte fort.</p><p>Jackie drehte sich um und schaute Nirgal an. �Nirgal, k�nntest du Rachel hereinrufen? Und versuche dich bald zu entscheiden, was du in Zukunft tun willst, bitte!�</p><p>Nirgal ging aus dem Haus durch die Stadt zu seinem Zimmer. Er packte seine kleine Sammlung von Kleidungsst�cken und Toilettenartikeln zusammen, nahm die U-Bahn zum Flugplatz und bat Monica, einen der einsitzigen Luftschiffgleiter benutzen zu d�rfen. Er war f�r den Alleinflug ger�stet und hatte gen�gend Stunden in Simulatoren und mit Lehrern verbracht. Unten in Marineris auf Candor Mesa gab es eine weitere Flugschule. Er sprach mit den Beamten auf dem Flugplatz. Sie gestatteten ihm, den Luftgleiter dorthin zu fliegen und ihn sp�ter von einem anderen Piloten zur�ckbringen zu lassen.</p><p>Es war Mittag. Die hangabw�rts gehenden Winde von Tharsis hatten eingesetzt und w�rden im Laufe des Nachmittags noch st�rker werden. Nirgal zog sich an und stieg in den Pilotensitz. Der kleine Luftgleiter kletterte, am Bug gehalten, am Startmast empor und wurde freigelassen.</p><p>Er stieg �ber Noctis Labyrinthus auf und wandte sich ostw�rts. Er flog �ber das Gewirr verschachtelter Canyons. Ein Land, das durch gro�e Spannungen von unten her aufgerissen worden war. Ein Flug aus dem Labyrinth. Ein Ikarus, der zu nahe an die Sonne herangeflogen war und verbrannt worden war, hatte den Sturz �berlebt und flog jetzt wieder, diesmal abw�rts, immer nach unten. Er nutzte den Vorteil, den ein starker R�ckenwind ihm bot. Ritt auf einer Windsbraut und scho� �ber das zerrissene schmutzige Eisfeld hinab, das als Compton Chaos bezeichnet wurde, wo 2061 der gro�e Kanalausbruch seinen Ausgang genommen hatte. Jene immense Flut war Ius Chasma hinuntergeflossen; aber Nirgal bog nach Norden ab, weg vom Gletscherflu� und dann wieder nach Osten, hinunter in den Kopf von Tithonium Chasma, das parallel zu Ius Chasma direkt nach Norden verlief.</p><p>Tithonium war einer der tiefsten und schm�lsten Marineris-Canyons, vier Kilometer tief und zehn breit. Er konnte knapp �ber die Plateaur�nder fliegen und sich dennoch Tausende von Metern �ber dem Canyonboden befinden. Tithonium war h�her als Ius, wilder und von Menschenhand unber�hrt; selten bereist, da er nach Osten hin eine Sackgasse bildete, wo er sich verengte und der Boden aufrauhte und schroffer wurde, um dann j�h gegen riesenhohe Felsw�nde zu branden. Nirgal erkannte die Stra�e, die sich r�ckw�rts den �stlichen Kopfwall nach oben wandte, die er in seiner Jugend oft gefahren war, als noch der ganze Planet seine Heimat gewesen war.</p><p>Die nachmitt�gliche Sonne hinter ihm versank. Die Schatten auf dem Land wurden l�nger. Der Wind blies weiter heftig, summte und winselte, fauchte und fuhr bei�end �ber den Gleiter. Er blies ihn wieder �ber die Deckschicht des Randplateaus hinaus, wo Tithonium in eine Reihe ovaler Mulden �berging, die das Plateau narbten: die Tithonia Catena, jede Senke eine riesige sch�sseif�rmige Eintiefung im Land.</p><p>Und dann fiel die Welt pl�tzlich wieder ab, und er flog hinaus �ber den immensen offenen Canyon von Candor Chasma, Shining Canyon, dessen Ostw�nde in diesem Moment im Sonnenlicht bernstein- und bronzefarben leuchteten. Im Norden lag der tiefe Eingang in Ophir Chasma, den zentralen Giganten des Marineris-Systems. Das war die Mars-Version vom Concordiaplatz, nur viel gr��er als die auf der Erde. Wilder, unber�hrter, urt�mlich, gigantisch, jenseits aller menschlichen Ma�st�be, als ob er um zwei Jahrhunderte oder zwei �onen in die Vergangenheit zur�ck geflogen w�re in eine Zeit vor der Anthropogenese. Roter Mars!</p><p>Und dort in der Mitte des breiten Candor war eine hohe rhombische Mesa, eine Insel aus Deckschicht, die fast zwei Kilometer �ber dem Boden des Canyons aufragte. Und in dem dunstigen Licht des Sonnenuntergangs konnte Nirgal ein Nest von Lichtern erkennen, eine Kuppelstadt im s�dlichsten Punkt des Rhombusses. Stimmen begr��ten ihn auf der allgemeinen Frequenz seines Interkoms und leiteten ihn dann zum Landeplatz der Stadt hinunter. Die Sonne verglomm �ber den Klippen im Westen, als er den Gleiter langsam gegen den Wind schwenkte und ihn genau auf der als Zielmarke auf den Landeplatz gemalten Figur Kokopelis niedergehen lie�.</p><p>Shining Mesa hatte einen breiten Gipfel, mehr von der Form eines Kinderdrachens als eines richtigen Rhombusses, drei�ig Kilometer lang und zehn breit, der sich in der Mitte von Candor Chasma wie ein gro�es ValleyMonument erhob. Die Kuppelstadt nahm nur eine kleine Anh�he an der S�dspitze des Drachens ein. Die Mesa war genau das, was man auf den ersten Blick vermutete: ein abgetrenntes Fragment des Plateaus, welches die Marineris-Canyons aufgesplittert hatten. Sie war ein gro�artiger Aussichtspunkt, um die gro�en W�nde von Candor zu betrachten, mit Blicken durch die tiefen, steilen L�cken hinein nach Ophir Chasma im Norden und Melas Chasma im S�den.</p><p>Nat�rlich hatte eine so spektakul�re Aussicht im Laufe der Jahre Menschen angezogen, und die Hauptkuppel war von kleineren umgeben. In einer H�he von f�nf Kilometern �ber Null war die Stadt immer noch �berkuppelt, obwohl man dar�ber sprach, die Kuppel zu entfernen. Der Boden von Candor Chasma, nur drei Kilometer �ber Null, war von wachsenden dunkelgr�nen W�ldern gefleckt. Viele Leute, die in Shining Mesa wohnten, flogen jeden Morgen hinunter, um sich agronomisch oder botanisch zu bet�tigen, und flogen am sp�ten Nachmittag wieder auf den Gipfel der Mesa herauf. Ein paar dieser fliegenden F�rster waren alte Bekannte von Nirgal und freuten sich, ihn herumf�hren zu k�nnen, die Canyons zu zeigen und was sie darin machten.</p><p>Die B�den der Marineris-Canyons verliefen im allgemeinen von Westen nach Osten. In Candor bogen sie um die gro�e Zentralmesa herum und fielen dann steil nach Melas ab. Auf den h�heren Teilen des Bodens lag Schnee, besonders unter den westlichen W�nden, wo die Stationen nachmittags im Schatten lagen. Das Schmelzwasser von diesem Schnee lief in den schmalen sandigen Betten gewundener B�che hinunter, um dann gesammelt in einige seichte, schlammige rote Fl�sse einzum�nden, die sich gerade �ber dem Candor-Kap sammelten und in wilden, sch�umenden F�llen auf den Boden von Melas Chasma st�rzten, wo das Wasser vor dem Rest des Gletschers 61 in einen Teich str�mte und r�tlich gegen seine Nordflanke brandete.</p><p>An den Ufern all dieser tr�ben roten Fl�sse bildeten sich Waldgalerien. Sie bestanden zumeist aus k�ltefesten Balsas und anderen sehr schnell wachsenden tropischen Baumarten, die sich �ber dem Krummholz in neue Baldachine auswuchsen. In diesen Tagen war es auf dem Canyonboden, der gro�en windgesch�tzten, die Sonne reflektierenden Sch�ssel warm. Die Balsa-Schutzd�cher gew�hrten einer gro�en Anzahl von Pflanzen- und Tierarten einen Platz, um sich zu entwickeln. Nirgals Bekannte erkl�rten, da� es sich hierbei um die vielf�ltigste biotische Gemeinschaft auf dem Mars handele. Wegen der B�ren, Schneeleoparden und anderer Raubtiere mu�ten sie Gewehre mit Bet�ubungspfeilen mit sich f�hren. Manche Baumalleen zu durchqueren war schwierig wegen der Dickichte aus Schneebambus und Espen.</p><p>All dieses Wachstum war durch gro�e Vorkommen von Natriumnitrat in Candor und Ophir-Canyons�� gro�e wei�e Terrassenb�nke aus extrem wasserl�slichem wei�em Salpeter�� unterst�tzt worden. Diese Mineralablagerungen schmolzen jetzt auf den Canyonboden und fl�ssen die Str�me hinab, so da� sie die neuen B�den mit reichlich Stickstoff versorgten. Leider waren einige der gr��ten Nitratvorkommen unter Mor�nenabg�ngen begraben worden. Das Wasser, das das Natriumnitrat aufl�ste, durchfeuchtete auch die Canyonw�nde und destabilisierte sie durch die radikale Beschleunigung der st�ndig laufenden Massenabg�nge. Niemand begab sich mehr an den Fu� der Canyonw�nde. Die Flieger sagten, es sei zu gef�hrlich. Und w�hrend sie in ihren Luftgleitern umhersausten, besah sich Nirgal die Narben von Erdrutschen, die �berall zu finden waren. Etliche hohe und bewachsene Mor�nen waren versch�ttet worden. Die Verfahren zur Fixierung der W�nde geh�rten zu den vielen Gespr�chsthemen an den Mesa-Abenden, wenn ihnen das Omegandorph ins Blut gegangen war. Man konnte aber wirklich nicht viel tun. Wenn Brocken an einer zehntausend Fu� hohen Felswand nachgeben wollten, w�rde sie nichts aufhalten. Daher konnte man auf Shining Mesa von Zeit zu Zeit, etwa einmal in der Woche, den Boden erzittern f�hlen und beobachteten, wie die Kuppel flimmerte, und in der Magengrube das tiefe Rumpeln eines Zusammenbruchs h�ren. Oft gelang es, den Bergrutsch zu orten, der sich vor einer br�unlichen Staubwolke durch den Canyon w�lzte. Flieger, die sich in der N�he befunden hatten, kamen ersch�ttert und schweigend zur�ck oder gespr�chig mit wilden Geschichten, wie sie mit ohrenzerrei�endem Get�se �ber den Himmel geschleudert worden waren. Eines Tages war Nirgal in Bodenn�he unterwegs, als er selbst in den Genu� kam. Es war wie ein sonischer Knall, der viele Sekunden anhielt. Die Luft zitterte wie ein Pudding. Dann war es ebenso rasch vorbei, wie es angefangen hatte.</p><p>Meistens f�hrte er selbst�ndig Erkundungen durch, und manchmal flog er mit seinen alten Bekannten. Die Luftgleiter waren f�r den Canyon perfekt, langsam, stabil und leicht zu steuern. Mehr Auftrieb, als n�tig war, mehr Energie... Der Apparat, den er�� mit von Cojote geliehenem Geld�� gemietet hatte, erlaubte ihm, morgens nach unten zu schweben, um bei der botanischen Arbeit in den W�ldern zu helfen oder an den Fl�ssen spazieren zu gehen. Dann stieg er nachmittags immer weiter in die H�he. Damit bekam man einen guten Begriff davon, wie hoch Candor Mesa eigentlich war, genau wie die noch h�heren umgebenden W�nde. Immer weiter hinauf, zur Kuppel, zu seinen langen Mahlzeiten und Partyabenden. Tag f�r Tag verfolgte Nirgal diese Routine, erkundete die mannigfachen Regionen der Canyons in der Tiefe und beobachtete das �bersch�umende Nachtleben der Kuppel. Aber er sah alles wie durch das falsche Ende eines Teleskops, eines Teleskops, das aus der Frage bestand: Ist dies das Leben, das wir f�hren wollen? Diese distanzierende und irgendwie verkleinernde Frage verfolgte ihn immer wieder, erregte ihn, wenn er im Sonnenschein kurvte, und suchte ihn in den schlaflosen Stunden zwischen dem Zeitrutsch und der D�mmerung heim. Der Erfolg der Revolution hatte ihn ohne eine Aufgabe zur�ckgelassen. Sein ganzes Leben war er �ber den Mars gewandert und hatte zu den Leuten �ber einen freien Mars gesprochen, �ber friedliches Bewohnen statt Kolonisierung, dar�ber, im Land einheimisch bis zu den Wurzeln zu werden. Diese Aufgabe war jetzt beendet. Das Land geh�rte ihnen, um nach Wunsch darin zu leben. Aber er fand in dieser neuen Situation keine Rolle f�r sich. Er mu�te sehr differenziert dar�ber nachdenken, wie er in dieser neuen Welt weitermachen sollte, nicht l�nger als Stimme des Kollektivs, sondern als ein Individuum in seinem eigenen Privatleben.</p><p>Er hatte herausgefunden, da� er nicht weiter im Kollektiv arbeiten wollte. Es war gut und notwendig, da� manche Leute sich dazu berufen f�hlten, aber er geh�rte nicht zu ihnen. Er konnte in der Tat nicht an Cairo denken ohne einen Stich von �rger �ber Jackie zu versp�ren, manchmal war es auch einfacher Schmerz wegen des Verlustes dieser �ffentlichen Welt, dieses ganzen Lebensstils. Es war hart, ein Revolution�rsdasein aufzugeben. Darauf schien nichts zu folgen, weder logisch noch emotional. Aber es mu�te etwas getan werden. Dieses Leben war vergangen. Inmitten eines langsamen Sinkfluges mit Querneigung im Luftgleiter verstand er pl�tzlich Maya und ihr besessenes Gespr�ch �ber Inkarnationen. Er war jetzt 27 m-Jahre alt, er hatte den Mars kreuz und quer bereist, er war auf der Erde gewesen und in eine freie Welt zur�ckgekehrt. Zeit f�r die n�chste Seelenwanderung.</p><p>So flog er nun durch die ungeheuren Weiten von Candor und suchte nach einem Bild seiner selbst. Die zerrissenen, geschichteten, vernarbten Canyonw�nde waren so viele erstaunliche mineralische Spiegel. Und ihm wurde vor Augen gef�hrt, da� er eine winzige Kreatur war, kleiner als eine M�cke in einer Kathedrale. Er flog herum und studierte jedes gro�e Palimpsest von Facetten; ihm offenbarten sich zwei sehr starke innere Impulse, getrennt und sich gegenseitig ausschlie�end, aber dennoch verflochten wie das Gr�n und das Wei�. Einerseits wollte er ein Wanderer bleiben, �ber die Welt fliegen, gehen und segeln, f�r immer ein Nomade, der unabl�ssig in Bewegung blieb, bis er den Mars besser kannte als jeder andere. O ja! Das war eine vertraute Euphorie. Er hatte das sein ganzes Leben lang getan. Es w�re die Form seines fr�heren Lebens jedoch ohne dessen Inhalt. Und die Einsamkeit dieses Lebens war ihm vertraut, die Wurzellosigkeit, die ihn so abgesondert machte und ihm diesen Blick durch das falsche Ende des Teleskops bescherte. Er hatte keine Heimat. Und so w�nschte er sich jetzt diese private Anlaufstelle ebenso sehr wie die Freiheit oder noch mehr. Eine Heimat. Er wollte sich in einem vollen menschlichen Leben niederlassen, einen Ort suchen und dort bleiben, ihn vollst�ndig kennenlernen, in allen Jahreszeiten, seine Nahrung ziehen, sein Haus und seine Ger�te bauen und Teil einer Gemeinschaft von Freunden werden.</p><p>Diese W�nsche existierten, stark und nebeneinander�� oder genauer, in einer subtilen raschen Oszillation, die seine Emotionen reizte und ihn schlaf- und ruhelos machte. Er sah keinen Weg, sie miteinander zu vereinbaren. Sie schl�ssen einander aus. Niemand, mit dem er redete, hatte auch nur einen n�tzlichen Vorschlag, wie diese Schwierigkeit zu l�sen w�re. Cojote hatte Bedenken dagegen, Wurzeln zu schlagen. Aber auch er war Nomade und konnte es nicht wissen. Art hielt das Wanderleben f�r unm�glich. Aber ihm gefielen die Pl�tze, die er gefunden hatte.</p><p>Nirgals nichtpolitische Ausbildung war Ingenieurwesen im Mesokosmos; aber er fand, da� ihm das bei seinen �berlegungen wenig half. In gr��eren H�hen pflegte man immer noch in Kuppeln zu leben, und mesokosmische Ingenieurkunst wurde ben�tigt. Aber das wurde mehr und mehr verwissenschaftlicht und der k�nstlerische Aspekt w�rde mit zunehmender Erfahrung in der L�sung der Probleme zur blo�en Routine verkommen. Au�erdem�� strebte er nach einem Leben in der Kuppel, wenn so viele von den tiefer gelegenen Regionen des Planeten zu Land wurde, auf dem man frei gehen konnte?</p><p>Nein. Er wollte in der freien Luft leben. Ein St�ck Land finden, eigenen Boden haben, seine Pflanzen und Tiere, sein Wetter und seinen Himmel und alles sonst�� das w�nschte er sich. Ein Teil von ihm, einen Teil der Zeit.</p><p>Inzwischen wurde ihm klar, daߠ� was er auch w�hlen w�rde�� Candor Chasma nicht der Ort f�r die Art von Siedlung war, die er sich vorstellte. Seine ungeheuren Perspektiven machten es schwer, es als einen Platz f�r sein Zuhause zu sehen. Condor Chasma war zu weit, zu unmenschlich. Die Canyonb�den waren als Wildnis geplant und bestimmt; und in jedem Fr�hling w�rden die durch die Schneeschmelze angeschwollenen Fl�sse �ber die Ufer treten, neue Kan�le graben und unter enormen Erdrutschen versch�ttet werden. Das war alles faszinierend. Aber keine Heimat. Die Eingesessenen w�rden oben auf Shining Mesa bleiben und die Canyons nur bei Tag aufsuchen. Die Mesa w�rde ihr wahres Heim sein. Das war ein guter Plan. Aber die Mesa war eine Insel am Himmel, ein gro�artiges Touristenziel, eine St�tte f�r Flugferien, f�r n�chtliche Parties, f�r teure Hotels, f�r die Jungen und die Verliebten�� f�r alles, was fein und sch�n war. Aber �berf�llt, vielleicht sogar �berlaufen und gegen den Einflu� der Besucher ank�mpfend. Die neu niedergelassenen Bewohner waren verz�ckt durch die herrlichen Aussichten. Leute, die ankamen wie Nirgal selbst, die irgendwann bei D�mmerung eintrafen und nie wieder fortgingen, w�hrend die alten Einwohner hilflos zusahen und �ber die guten alten Tage murrten, als die Welt neu und nicht so voll gewesen war.</p><p>Nein�� das war nicht die Art von Heimat, die ihm vorschwebte. Obwohl er es liebte, wenn die Morgend�mmerung die Westw�nde von Candor erleuchtete, im ganzen Spektrum des Mars strahlend, wenn sich der Himmel indigo- oder malvenfarben t�nte oder in einem aufregenden irdischen Himmelblau... ein sch�ner Ort, so sch�n, da� er an manchen Tagen beim Fliegen das Gef�hl hatte, es w�rde sich lohnen, auf Shining Mesa zu stehen, diesen Grund zu besitzen und zu versuchen, ihn zu erhalten; hinunterzugleiten und den knorrigen wilden Boden zu erforschen und an jedem Nachmittag zum Dinner wieder hinaufzuschweben. W�rde ihm das ein Gef�hl von Heimat geben? Und wenn er Wildnis w�nschte�� gab es da nicht andere weniger spektakul�re aber entlegenere Stellen, die dadurch noch wilder und anziehender w�ren?</p><p>Er drehte sich im Kreis, was dieses Thema betraf. Eines Tages, als er �ber die sch�umende tr�be Reihe von Katarakten und Wasserf�llen in der Candor- L�cke flog, erinnerte er sich, da� John Boone dieses Gebiet unmittelbar nach dem Bau der TransmarinerisFernstra�e in einem Solorover durchquert hatte. Was w�rde dieser meisterhafte Wortverdreher zu dieser erstaunlichen Gegend gesagt haben?</p><p>Nirgal rief in Pauline, dem Computer von Boone, Candor auf und fand ein gesprochenes Tagebuch, das w�hrend einer Fahrt durch den Canyon 2046 gemacht worden war. Nirgal lie� das Band laufen, w�hrend er von oben auf das Land hinunterschaute, und horchte auf die rauhe Stimme mit dem angenehmen amerikanischen Akzent, eine Stimme, der es nichts ausmachte, zu einem Computer zu sprechen. Beim Zuh�ren w�nschte sich Nirgal, mit John�selbst reden zu k�nnen. Manche Leute sagten, Nirgal w�re erfolgreich in John Boones leere Fu�stapfen getreten und h�tte die Arbeit geleistet, die John getan h�tte, wenn er noch lebte. Wenn das so w�re, was h�tte John danach getan? Wie w�rde er gelebt haben?</p><p>�Dies ist die unglaublichste Gegend, die ich jemals gesehen habe. Sie ist wirklich das, an was man denkt, wenn man an Valles Marineris denkt. Hinten in Melas ist der Canyon so weit, da� man von der Mitte aus die W�nde �berhaupt nicht sehen kann. Sie liegen hinter dem Horizont! Die Kr�mmung dieses kleinen Planeten erzeugt Effekte, die man sich nie vorgestellt hat. All die alten Simulationen gingen so sehr an der Wahrheit vorbei. Die Vertikalen waren um Faktoren von f�nf oder zehn �bertrieben, soweit ich mich entsinne. Dadurch sah es aus, als ob man in einen Schlitz blickte. Es ist aber kein Schlitz. Oha, hier ist eine Felsens�ule, die aussieht wie eine Frau in einer Toga. Ich nehme an, das w�rde Lots Weib sein. Ich frage mich, ob das Salz ist. Es ist wei�, aber ich glaube, das will nicht viel hei�en. Ich mu� Ann fragen. Ich m�chte wissen, was die Schweizer Stra�enbauer sich dabei gedacht haben, als sie diese Stra�e anlegten. Sie ist nicht sehr alpin. Eine Art von Gegenalpen, wo es nach unten geht, anstatt nach oben, rot statt gr�n, und es Basalt statt Granit gibt. Nun, es schien ihnen aber irgendwie zu gefallen. Nat�rlich sind sie Anti-Schweiz- Schweizer, darum ergibt das irgendwie Sinn. Oha, hier ist die ganze Gegend voller Schlagl�cher. Der Rover springt herum. Ich k�nnte es mit dieser Bank versuchen. Das sieht glatter aus als hier. Hoppla, dahin geht es, genau wie eine Stra�e. Oh, es ist die Stra�e. Ich bin wohl ein wenig vom Weg abgekommen. Ich fahre manuell, um des Vergn�gens willen; aber es ist schwierig, ein Auge auf die Transponder zu halten, wenn es so viel anderes anzuschauen gibt. Die Transponder sind mehr f�r einen automatischen Piloten gemacht als das menschliche Auge. He, das ist die Bruchstelle nach Ophir Chasma hinein. Was f�r eine L�cke! Diese Wand muߠ� ich wei� nicht�� zwanzigtausend Fu� hoch sein. Mein Gott! Da die letzte Candor Gap hie�, mu� diese Ophir Gap sein, richtig? Ophir Gate w�re h�bscher. Sehen wir auf die Karte! Hmm, das Vorgebirge auf der Westseite der L�cke hei�t Candor Labes. Das bedeutet doch Lippen? Candor-Kehle. Oder�� hmm�� ich glaube nicht. Es ist aber doch eine h�llische �ffnung. Sechs- oder siebenmal h�her als die Klippen von Yosemite. Na ja! Eigentlich sehen sie gar nicht soviel h�her aus, um ehrlich zu sein. Ohne Zweifel perspektivische Verk�rzung. Sie sehen etwa doppelt so hoch aus oder�� wer wei�? Ich kann mich nicht erinnern, wie Yosemite wirklich ausgesehen hat, zumindest hinsichtlich der Gr��e. Dies hier ist der erstaunlichste Canyon, den man sich vorstellen kann. Ah, da ist zu meiner Linken Candor Mesa. Das ist das erste Mal, da� ich sehen kann, da� es sich nicht um einen Teil der Candor Labes handelt. Ich w�rde wetten, da� der Mesagipfel eine phantastische Aussicht bietet. Man sollte ein Fly-in-Hotel dort errichten. Ich w�nschte, ich k�nnte dort hinaufkommen und es sehen! Das w�re ein lustiger Platz, um hinzufliegen und ihn zu sehen! Allerdings gef�hrlich. Ich sehe ab und zu Windhosen, boshafte kleine Wirbel, dicht und dunkel. Dort trifft ein Sonnenstrahl durch den Staub auf die Mesa. Wie ein Riegel Butter, der in der Luft h�ngt. O Gott, was f�r eine sch�ne Welt!�</p><p>Nirgal konnte nur zustimmen. Er mu�te lachen, als er die Stimme des Mannes vernahm und war �berrascht zu h�ren, da� John vom Fliegen in der H�he sprach. Nun konnte er etwas besser verstehen, weshalb die Issei so bewundernd �ber Boone sprachen, und da� der Schmerz �ber seinen Verlust bei ihnen nie verschwand. Wieviel besser w�re es, John hier zu haben als blo� diese Aufzeichnungen in einem Computer. Ein wie gro�es Abenteuer w�re es gewesen zuzusehen, wie John mit der wilden Geschichte des Mars fertig geworden w�re! Und Nirgal unter anderem die B�rde dieser Rolle erspart h�tte. Aber so hatten sie nur diese freundliche, gl�ckliche Stimme. Und das l�ste Nirgals Problem nicht.</p><empty-line/><p>Wieder zur�ck auf Candor Mesa, trafen sich die Flieger abends in einem Ring von Kneipen und Restaurants auf dem hohen s�dlichen Bogen ihrer Kuppelmauer, wo sie auf Terrassen eben noch innerhalb der Kuppel sitzen und den weiten Blick �ber die bewaldete Welt ihres Reichs genie�en konnten. Nirgal sa� unter diesen Leuten. Er a� und trank, h�rte zu, redete manchmal, machte sich seine Gedanken �ber sie und f�hlte sich wohl. Ihnen war es gleich, was ihm auf der Erde widerfahren war. Ihnen war es auch gleich, da� er unter ihnen weilte. Das war gut. Er war oft so abgelenkt, da� er seine Umgebung verga�. Er fiel oft in Tr�umereien und erwachte wieder aus ihnen und erkannte, da� er wieder einmal in den schw�l hei�en Stra�en von Port of Spain gewesen war, oder in der Fl�chtlingssiedlung beim sturzbachartigen Monsun. Wie oft fand er sich da wieder! Alles, was seither geschehen war, verbla�te im Vergleich damit.</p><p>Aber eines Abends erwachte er aus einer Tr�umerei, als ihm war, als h�tte eine Stimme gesagt: �Hiroko.�</p><p>�Was ist das?� fragte er.</p><p>�Hiroko. Wir haben sie beim Flug rund um Elysium getroffen, oben auf dem Nordhang.�</p><p>Das sagte eine junge Frau. Ihr Gesicht lie� nicht erkennen, ob sie wu�te, wer das war.</p><p>�Hast du sie selbst gesehen?� fragte er scharf.</p><p>�Ja. Sie versteckt sich nicht oder sonstwas. Sie sagte, mein Flieger gefiele ihr.�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte ein �lterer Mann. Ein Marsveteran, ein Issei-Immigrant aus den fr�hen Jahren, das Gesicht durch Wind und kosmische Strahlung so verwittert, da� es wie Leder aussah. Mit rauher Stimme sagte er: �Ich h�rte, sie war unten im Chaos, wo die erste versteckte Kolonie war, und arbeitete an den neuen H�fen in der S�dbucht.�</p><p>Andere Stimmen mischten sich ein. Hiroko war hier gesehen worden und war dort gesehen worden, war f�r tot erkl�rt worden und zur Erde gegangen. Nirgal hatte sie auf der Erde gesehen.</p><p>�Der hier ist Nirgal�, sagte einer zu der letzten Bemerkung und zeigte grinsend auf ihn. �Er sollte imstande sein, das zu best�tigen oder zu verneinen.�</p><p>Nirgal nickte �berrascht und sagte: �Ich habe sie auf der Erde nicht gesehen. Es gab blo� Ger�chte.�</p><p>�Also genau wie hier.�</p><p>Nirgal zuckte die Achseln.</p><p>Die junge Frau err�tete, weil sie nun wu�te, da� er Nirgal war, und bestand darauf, Hiroko pers�nlich getroffen zu haben. Nirgal beobachtete sie genau. Das war etwas anderes. Bis jetzt hatte niemand ihm gegen�ber eine so direkte Behauptung aufgestellt (au�er in der Schweiz). Sie sah verwirrt und abwehrend aus, blieb aber fest. �Ich sage, da� ich mit ihr gesprochen habe!�</p><p>Warum derartig l�gen? Und wie war es m�glich, da� jemand deswegen zum Narren gehalten w�rde? Schauspielerei? Aber warum?</p><p>Nirgals Puls hatte sich gegen seinen Willen beschleunigt, und ihm war w�rmer geworden. Tats�chlich war es m�glich, da� Hiroko so etwas tun w�rde, sich verstecken und gleichzeitig nicht verstecken. Irgendwo leben, ohne sich um Kontakt mit der zur�ckgelassenen Familie zu k�mmern. Es gab daf�r kein deutliches Motiv, es w�re seltsam und durchaus unmenschlich, lag aber v�llig im Bereich von Hirokos Charakter. Seine Mutter war eine verr�ckte Person, das war ihm vor Jahren klar geworden, eine Charismatikerin, die m�helos Menschen lenkte, aber wahnsinnig war. Zu fast allem f�hig.</p><p>Falls sie lebte.</p><p>Er wollte nicht wieder hoffen. Er wollte nicht auf die Jagd nach ihr gehen; nur aufgrund der blo�en Erw�hnung ihres Namens! Aber er beobachtete das Gesicht dieses M�dchens, als k�nne er die Wahrheit daraus lesen, als ob er sogar das Bild Hirokos noch dort in ihren Pupillen sehen k�nnte! Andere stellten die Fragen, die er gestellt h�tte. Darum konnte er still sitzen bleiben und zuh�ren. Er mu�te sie nicht allzu selbstsicher machen. Sie erz�hlte langsam die ganze Geschichte. Sie und einige Freundinnen waren im Uhrzeigersinn um Elysium herum geflogen; und als sie f�r die Nacht auf der neuen Halbinsel, die die Phlegra Montes gebildet hatten, haltmachten, waren sie zum Eis-Ufer des Nordmeers hinuntergegangen, wo sie eine neue Siedlung entdeckt hatten. Und dort waren sie inmitten der Bauleute auf Hiroko gesto�en. Einige der beim Bau Besch�ftigten waren ihre alten Gef�hrten Gene, Rya und Iwao und der Rest der Ersten Hundert, die Hiroko schon seit den Tagen der verlorenen Kolonie gefolgt waren. Die Fliegergruppe war erstaunt gewesen, aber die verschollen geglaubten Kolonisten hatten sich �ber deren Erstaunen geradezu verbl�fft gezeigt. �Niemand versteckt sich mehr�, hatte Hiroko der jungen Frau gesagt, nachdem sie ihr Komplimente f�r ihren Flieger gemacht hatte. �Wir verbringen die meiste unserer Zeit in der N�he von Dorsa Brevia, sind aber jetzt schon seit Monaten hier oben.�</p><p>Und so war das nun. Die Frau schien vollkommen ehrlich zu sein; es gab keinen Grund anzunehmen, da� sie log oder an Halluzinationen litt.</p><p>Nirgal wollte nicht dar�ber nachdenken. Aber er hatte sowieso daran gedacht, Shining Mesa zu verlassen und sich an anderen Orten umzusehen. Also konnte er.</p><p>Und�� nun�� er mu�te mindestens einen Blick darauf werfen. <emphasis>Shigata ga nai!</emphasis></p><p>Am n�chsten Tage wirkte das Gespr�ch weniger verpflichtend. Nirgal wu�te nicht, was er denken sollte. Er rief Sax �ber den Handgelenkapparat an und berichtete ihm, was er geh�rt hatte. �Sax, ist es m�glich? Kann es �berhaupt m�glich sein?�</p><p>Ein seltsamer Ausdruck zog �ber Sax� Gesicht. Er sagte: �Es ist m�glich. Ja, nat�rlich. Als du krank und bewu�tlos warst, habe ich dir erz�hlt, da� sie... ��� er suchte seine Worte wie so oft mit einem Blinzeln der Konzentration��, �da� ich sie selbst gesehen habe. In jenem Sturm, als ich drau�en festsa�. Sie hat mich zu meinem Wagen gebracht.�</p><p>Nirgal starrte auf das kleine flimmernde Bild. �Daran erinnere ich mich nicht.�</p><p>�Oh, ich bin nicht �berrascht.�</p><p>�Also denkst du�� da� sie von Sabishii entkommen ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber wie wahrscheinlich ist das?�</p><p>�Ich kenne die Wahrscheinlichkeit nicht. Die ist schwierig zu beurteilen.�</p><p>�Aber h�tte sie sich davonschleichen k�nnen?�</p><p>�Der H�gel des Sabishii-Moholes ist ein Irrgarten.�</p><p>�Du denkst also, sie ist entkommen?�</p><p>Sax z�gerte. �Ich habe sie gesehen. Sie hat mein Handgelenk gepackt. Ich mu� es glauben.� Pl�tzlich verzog er das Gesicht. �Ja, sie ist da drau�en! Sie ist drau�en! Ich habe keinen Zweifel! Keinen Zweifel! Unzweifelhaft erwartet sie, da� wir... da� wir zu ihr kommen.�</p><p>Und Nirgal erkannte, da� er nachsehen mu�te.</p><p>Er verlie� Candor, ohne sich von irgend jemandem zu verabschieden. Seine Bekannten dort w�rden es verstehen. Sie flogen oft selbst f�r einige Zeit fort. Irgendeines Tages w�rden sie alle wieder zur�ck sein, �ber die Canyons flitzen und ihre Abende zusammen in Shining Mesa verbringen. Und so reiste er einfach ab. Hinunter in das ungeheure Melas Chasma, dann wieder den Canyon hinab, ostw�rts nach Coprates hinein. Viele Stunden lang flog er durch diese Welt, �ber den Gletscher 61, an Einbuchtungen und Vorspr�ngen vorbei, bis er durch das Dover Gate hindurchkam und sich unter ihm die Gabelung von Chasmas Capri und Eos �ffnete. Danach �ber die eisgef�llten Chasmafl�chen, deren br�chige Oberfl�chen viel glatter waren, als es das �berschwemmte Land darunter gewesen war. Dann �ber das rauhe Gewirr von Margaritifer Terra und schlie�lich nordw�rts entlang der Piste nach Burroughs. Als diese sich Lybia Station n�herte, schwenkte er ab nach Nordosten auf Elysium zu.</p><p>Das Elysium-Massiv war jetzt zu einem Kontinent im Nordmeer geworden. Die schmale Wasserstra�e, die es vom s�dlichen Festland trennte, war ein flacher schwarzer Streifen, der mit wei�en Eisschollen und gesprenkelt durch die Inselgruppen, die einmal Aeolis Mensa gewesen waren, an Farbe gewann. Die Hydrologen des Nordmeeres wollten diese Stra�e fl�ssig halten, damit Str�mungen von Isidis Bay nach Amazonis Bay passieren konnten. Um das zu erreichen, hatten sie einen Kernreaktorkomplex am Westende der Stra�e errichtet und pumpten die meiste Energie dort ins Wasser, so da� sie eine k�nstliche, das ganze Jahr eisfreie Fl�che erzielten und ein gem��igtes Mesoklima auf den Abh�ngen zu beiden Seiten der Stra�e. Die Dampfwolken der Reaktoren konnte Nirgal von weitem auf der Gro�en B�schung erkennen; und als er den Hang hinunterschwebte, �berquerte er sich verdichtende Tannen- und Gingkow�lder. �ber das westliche Tor der Passage war ein Kabel gespannt, um in der Str�mung schwimmende Eisberge abzufangen. Er flog westlich des Kabels direkt �ber das Packeis und schaute auf treibende Eisschollen hinunter. Dann ging es �ber das offene Wasser der Stra�e, den gr��ten Streifen freien Wassers, den er je auf dem Mars gesehen hatte. Er flog zwanzig Kilometer lang �ber die offene Wasseroberfl�che und stie� bei dem Anblick einen lauten Ruf aus. Dann w�lbte sich vor ihm eine immense leichte Br�cke �ber die Stra�e. Das schwarzviolette Wasser darunter war gesprenkelt mit Segelbooten, F�hren und langen Lastk�hnen, die alle ein wei�es V-Kielwasser nach sich zogen. Nirgal glitt �ber sie hinweg und umrundete die Br�cke zweimal, um den Anblick zu genie�en, der mit nichts zu vergleichen war, was er bisher jemals auf dem Mars gesehen hatte: Wasser und Meer, eine Welt der Zukunft.</p><empty-line/><image l:href="#6"/><empty-line/><p>Er flog weiter nach Norden, stieg �ber den Ebenen von Cerberus auf, vorbei an dem Vulkan Albor Tholus, einem steilen Aschenkegel auf der Seite von Elysium Mons. Auch der viel gr��ere Elysium Mons war steil, mit einem dem Fujiyama �hnlichen Profil, das vielen in der Region t�tigen Ackerbaukooperativen als Markenzeichen diente. Unter dem Vulkan �ber die Fl�che verstreut waren Farmen, an den R�ndern meistens verwildert, oft terrassiert und gew�hnlich durch Heckenstreifen oder kleine W�ldchen unterteilt. Junge unreife Obstg�rten punktierten die h�heren Teile der Fl�chen, jeder Baum in einem Topf. N�her am Meer gab es gro�e Weizen- und Maisfelder, durchschnitten von Reihen aus Oliven- und Eukalyptusb�umen als Windbrecher. Gerade zehn Grad n�rdlich vom �quator, gesegnet mit regenreichen milden Wintern und vielen hei�en Sonnentagen. Die Leute dort nannten es die mediterrane Region des Mars.</p><p>Weiter n�rdlich folgte Nirgal der Westk�ste, die aus einer Kette von Eisbergen, die den Rand des Eismeeres s�umten, aufstieg. W�hrend er auf das weite Land unter sich hinabblickte, mu�te er der allgemeinen Ansicht zustimmen: Elysium war sch�n. Dieser westliche K�stenstreifen war, wie er geh�rt hatte, die am dichtesten bev�lkerte Region des Mars. Die K�ste war durch eine Anzahl von Fossae unterbrochen; und breite H�fen wurden gebaut, wo diese Canyons in das Eis tauchten: Tyrus, Sidon, Pyriphlegeton, Hertzka und Morris. Oft wurde das Eis durch steinerne Wellenbrecher abgehalten. Sie waren mit Flotten kleiner Boote gef�llt, die alle auf eine offene Passage warteten.</p><p>Bei Hertzka wandte sich Nirgal nach Osten zum Inland hin und flog den sanften Hang des elys�ischen Massivs hinauf. Dabei kam er �ber G�rtel von G�rten, die das Land begrenzten. Hier lebten die meisten der Tausenden von Elysium in intensiv kultivierten Ackerbau- und Wohnzonen, die sich in das h�here Gebiet zwischen Elysium Mons und dem Kegel an dessen n�rdlichen Vorsprung, Hecates Tholus, hinzogen. Zwischen dem gro�en Vulkan und seiner Tochterbergspitze flog Nirgal durch den kahlen Felssattel des Passes, wie eine kleine Wolke vom Bergwind getrieben.</p><p>Der Osthang Elysiums sah ganz anders aus als der westliche. Er war kahles, rauhes, zerrissenes Gestern mit schwerer Sanddrift, in fast seinem urspr�nglichen Zustand erhalten durch den Regenschatten des Massivs. Nur in N�he der Ostk�ste sah Nirgal wieder gr�ne Fl�chen, unter sich. Ohne Zweifel gen�hrt durch Passatwinde und winterlichen Nebel. Die St�dte an der Ostseite waren wie Oasen, aufgereiht an einer die Insel umrundenden Piste.</p><p>Am fernen Nordostende der Insel liefen die zerkl�fteten alten H�gel der Phlegra Montes weit in das Eis hinaus und bildeten eine spitzige Halbinsel. Irgendwo hier war es gewesen, da� jene junge Frau Hiroko gesehen hatte. Als Nirgal an der Westseite der Phlegras hochflog, hatte er den Eindruck, da� das ein Ort war, wo man sie wohl finden k�nnte. Es war wildes und typisches Marsgebiet. Das Phlegra-Gebirge war, wie viele der gro�en Bergketten auf dem Mars, der einzige verbliebene Bogen des Randes eines alten Einsturzbeckens. Jeder andere Aspekt dieses Beckens war l�ngst verschwunden. Aber die Phlegras standen immer noch da als Zeugen eines Augenblicks unvorstellbarer Gewalt, des Aufpralls eines Asteroiden von hundert Kilometern Durchmessern. Gro�e St�cke der Lithosph�re waren geschmolzen und beiseite geschoben worden; andere St�cke waren in die Luft geschleudert worden und in konzentrischen Ringen um den Aufschlagspunkt heruntergefallen, wobei ein gro�er Teil des Gesteins sofort zu metamorphen Mineralien verwandelt worden war, die viel h�rter waren als ihre Originale. Nach diesem Trauma hatte der Wind an den Tr�mmern genagt und schlie�lich nur noch diese harten H�gel hinterlassen.</p><p>Nat�rlich gab es auch hier drau�en Siedlungen, wie �berall in den Senken und blinden T�lern und auf den P�ssen, die �ber das Meer schauten. Isolierte Farmen, D�rfer mit zehn, zwanzig oder hundert Einwohnern. Es sah aus wie Island. �berall gab es Leute, die diese entlegene Gegend liebten. Ein Dorf klebte auf einer flachen Kuppe hundert Meter �ber der See. Es hie� Nuannaarpoq, was Inuit war f�r �extravagantes Vergn�gen am Leben haben�. Diese Dorfbewohner und alle anderen in den Phlegras konnten mit kleinen Luftschiffen den Rest von Elysium erreichen oder zu der um Elysium herumf�hrenden Piste absteigen und eine Fahrgelegenheit erwischen. Speziell f�r diese K�ste w�re die n�chste Stadt ein wohlgestalteter Hafen namens Firewater auf der Westseite der Phlegras, wo sie zuerst eine Halbinsel geworden waren. Die Stadt stand auf einer Bank am Ende einer breiten Bucht. Als Nirgal sie entdeckte, landete er auf der kleinen Rollbahn am oberen Ende der Stadt und mietete sich in einer Herberge am Hauptplatz hinter den Docks ein. Sie lag oberhalb der von Eis bedeckten Meeresk�ste.</p><p>An den folgenden Tagen flog er in beiden Richtungen an der K�ste entlang und besuchte eine Farm nach der anderen. Er traf eine Menge interessanter Leute; aber niemand davon war Hiroko oder sonstwer von der Zygote-Schar, nicht einmal einer ihrer Genossen. Es war sogar etwas verd�chtig. In der Region lebten ziemlich viele Issei, aber jeder von ihnen bestritt, Hiroko oder jemanden aus ihrer Gruppe je getroffen zu haben. Indessen trieben sie alle sehr erfolgreich Ackerbau in einer steinigen Wildnis, die nicht leicht zu bewirtschaften schien. Sie kultivierten vorz�gliche kleine Oasen mit landwirtschaftlichem Ertrag. Sie lebten als Anh�nger von Viriditas, aber niemand hatte Hiroko getroffen. Sie erinnerten sich kaum, wer sie war. Ein amerikanischer Mummelgreis lachte Nirgal ins Gesicht: �Wasde nich sagst, wir ha�m �nen Guru? Wir soll�n dich zu unserm Gur� bringen?�</p><p>Nach drei Wochen hatte Nirgal �berhaupt keine Spur von ihr gefunden. Er mu�te die Phlegra Montes aufgeben. Es blieb ihm nichts anderes �brig.</p><empty-line/><p>Unabl�ssig wandern. Es war sinnlos, auf der riesigen Oberfl�che einer ganzen Welt nach einer einzelnen Person zu suchen. Das war ein unm�gliches Vorhaben. Aber in manchen D�rfern gab es Ger�chte und bisweilen Sichtungen. Immer ein weiteres Ger�cht. Sie war �berall und nirgends. Viele Beschreibungen, aber nie ein Foto; viele Geschichten, aber nie eine Computernachricht. Sax war �berzeugt, da� sie irgendwo da drau�en war. Cojote war vom Gegenteil �berzeugt. Das spielte keine Rolle. Sie war da drau�en, sie versteckte sich. Oder f�hrte ihn bei seinem fruchtlosen Unterfangen an der Nase herum. Er wurde �rgerlich, wenn er daran dachte. Er w�rde nicht nach ihr suchen.</p><p>Indessen konnte er nicht aufh�ren herumzuziehen. Wenn er l�nger als eine Woche an einer Stelle blieb, fing er an, nerv�s und m�rrisch zu werden wie noch nie in seinem Leben. Es war wie eine Krankheit. Alle seine Muskeln waren angespannt, aber scheinbar in seinem Magen konzentriert. Er hatte erh�hte Temperatur, war unf�hig, sich auf seine Gedanken zu konzentrieren. Er hatte den Drang zu fliegen. Und so flog er nun von Dorf zu Station zu Karawanserei. Manche Tage lie� er sich vom Wind treiben, wohin der auch wollte. Er war immer ein Nomade gewesen. Kein Grund jetzt aufzuh�ren. Ein Wechsel in der Regierungsform�� warum sollte das einen Unterschied f�r seine Lebensweise machen? Die Winde des Mars waren erstaunlich. Stark, unregelm��ig, laut, unabl�ssig.</p><p>Manchmal f�hrte ihn der Wind hinaus �ber das Nordmeer; und er flog den ganzen Tag und sah nichts als Eis und Wasser, ganz so, als ob der Mars ein Ozeanplanet w�re. Da war Vastitas Borealis, der weite Norden, der jetzt zu Eis geworden war. Das Eis war an manchen Stellen flach, an anderen zerbrochen. Manchmal wei�, manchmal fleckig. Entweder Staubrot oder das Schwarz der Eis-Algen oder kaltes Blau von klarem Eis. An manchen Stellen waren gro�e St�rme niedergegangen und hatten ihre Gewitterlast abgeladen; und dann hatte der Wind den Schutt gekerbt, so da� kleine D�nenfelder entstanden waren, die genau wie die alte Vastitas aussahen. An manchen Stellen war das von Fl�ssen bef�rderte Eis �ber die R�nder von Krater-Riffen gekracht und hatte kreisrunde Druckw�lste erzeugt. An anderen war das Eis verschiedener Str�me zusammengesto�en und hatte Druckgrate erzeugt, die wie die R�cken von sauren Drachen in der Landschaft lagen.</p><p>Das offenes Wasser war schwarz oder zeigte die verschiedenen Purpurt�ne des Himmels. Es gab viel davon: Eisfreie Stellen, Rinnen, Flecken�� vielleicht bereits ein Drittel der Meeresoberfl�che. Noch h�ufiger waren Schmelzteiche auf der Oberfl�che des Eises. Deren Wasser war wei� und auch himmelsfarben, was zu Zeiten ein helles Violett ergab, sich aber bisweilen in dessen zwei Farben trennte. Ja, das war eine andere Version in Gr�n und Weiߠ� die umh�llte Welt, zwei in einem. Wie immer fand er den Anblick einer doppelten Farbe st�rend und fesselnd zugleich. Das Geheimnis der Welt.</p><p>Viele der gro�en Bohrplattformen in Vastitas waren von den Roten erobert und in die Luft gejagt worden. Schwarze Tr�mmer in wei�es Eis gestreut. Andere Plattformen waren von den Gr�nen verteidigt worden und dienten jetzt dazu, das Eis zu schmelzen. Gro�e offene Stellen erstreckten sich im Westen dieser Plattformen, und das Wasser dampfte, als ob Wolken aus einem Himmel unter der See aufstiegen.</p><p>In den Wolken, im Wind. Die S�dk�ste des Nordmeers war eine Folge aus Golfen und Festland, Buchten und Halbinseln, Fjorden und Kaps, Klippen und flachen Archipelen. Nirgal erforschte den Lauf der K�ste jeden Tag und landete sp�tnachmittags in den kleinen Siedlungen am Meer. Er sah Kraterinseln, deren Innenseiten tiefer lagen als das Eis und das Wasser au�erhalb des Randes. Er sah einige Stellen, an denen das Eis zur�ckzuweichen schien, so da� unter dem Rand schwarze Str�nde zum Vorschein kamen, in parallele Linien gek�mmt, die nach unten zu einem angetriebenen Gemisch von Fels und Eis verliefen. W�rden diese Str�nde wieder geflutet werden, oder sie sich verbreitern? Niemand in diesen K�stenst�dten wu�te das. Niemand wu�te, wo sich die K�stenlinie letztendlich stabilisieren w�rde. Die Siedlungen hier waren so eingerichtet, da� man mit ihnen umziehen konnte. Polder mit Deichen zeigten, da� manche Leute offenbar die Fruchtbarkeit des neu freigelegten Landes testeten. Von wei�em Eis eingerahmt lagen gr�ne Getreidefelder wie ein wei�-gr�ner Traum am Ufer.</p><p>N�rdlich von Utopia kam Nirgal �ber eine niedrige Halbinsel, die sich von der Gro�en B�schung die ganze Strecke bis zur n�rdlichen Polarinsel hinzog�� die einzige Unterbrechung in dem die Welt umspannenden Ozean. Eine gro�e Siedlung auf diesem flachen Land, namens Boone�s Neck, war halb �berkuppelt und halb offen. Ihre Bewohner waren damit besch�ftigt, einen Kanal durch die Halbinsel zu schneiden.</p><p>Eine Boe trieb ihn nach Norden, und Nirgal folgte ihr. Der Wind summte, fauchte und bi�. An manchen Tagen kreischte er. Im Meer lagen zu beiden Seiten der langen, niedrigen Halbinsel Eisschollen. Hohe Berge aus Jade-Eis brachen durch diese wei�en Schelfe. Da oben lebte niemand; aber Nirgal war ohnehin nicht mehr auf der Suche. Er hatte nahe der Verzweiflung aufgegeben und schwebte einfach dahin und lie� sich vom Wind treiben wie der Samen eines L�wenzahns. �ber das wei�e, zerrissene Eismeer, �ber freies purpurnes Wasser; ges�umt von im Sonnenlicht strahlenden Wellen. Die Halbinsel verbreitete sich zur Pol-Insel, einem wei�en buckligen Landfleck im Eis des Meeres. Kein Anzeichen von den urt�mlichen Wirbelmustern der Schmelzt�ler. Diese Welt war dahin.</p><p>Dann �ber die andere Seite der Welt und des Nordmeeres, �ber die Orcas-Insel auf der Ostflanke von Elysium und wieder hinab �ber Cimmeria. Schwebend wie ein Same. An manchen Tagen wurde die Welt schwarz und wei�. Auf dem Meer Eisberge in der Sonne, Tundraschw�ne vor schwarzen Klippen, schwarze Lummen, die �ber das Eis flogen, Schneeg�nse. Den ganzen Tag nichts anderes.</p><p>Unabl�ssiges Wandern. Er flog zwei- oder dreimal in die n�rdlichen Teile der Welt, schaute auf das Land und das Eis hinunter, registrierte alle Ver�nderungen, die stattfanden, und alle kleinen Siedlungen, die sich in ihre Zelte kuschelten oder im Freien den kalten Winden trotzten. Aber aller Blick in die Welt konnte seinen Kummer nicht vertreiben.</p><empty-line/><p>Eines Tages kam er zu einer neuen Hafenstadt am Eingang des langen schmalen Fjords von Marwth Vallis und traf dort seine Krippengef�hrten aus Zygote, Rachel und Tiu, an. Nirgal umarmte sie und betrachtete w�hrend eines Dinners und danach mit Freude ihre ach so vertrauten Gesichter. Hiroko war fort, aber seine Br�der und Schwestern waren geblieben, und das war schon etwas. Ein Beweis daf�r, da� seine Kindheit real war. Und trotz all der Jahre sahen sie genau so aus wie damals, als sie Kinder gewesen waren. Es gab keinen echten Unterschied. Rachel und er waren befreundet gewesen. Sie hatte mit ihm in den fr�hen Jahren einen Flirt gehabt, und sie hatten sich in den B�dern gek��t. Er erinnerte sich mit leichtem Zittern an eine Zeit, wo sie ihn auf ein Ohr gek��t hatte und Jackie auf das andere. Und obwohl er es fast vergessen hatte, hatte er seine Unschuld eines Nachmittags in den B�dern mit Rachel verloren, kurz bevor Jackie ihn zu den D�nen am Teich herausgef�hrt hatte. Ja, eines Nachmittags, fast zuf�llig, als ihre K�sserei pl�tzlich dr�ngend und erforschend geworden war, und sich ihre K�rper ohne Willen bewegt hatten.</p><p>Jetzt betrachtete sie ihn freundlich und zugetan, eine Frau in seinem Alter, deren Gesicht wie eine Karte von den Linien ihres Lachens gezeichnet war, heiter und stolz. Vielleicht erinnerte sie sich auch nur ebenso wenig wie er an ihre erste Begegnung. Schwer zu sagen, an was sich seine Geschwister aus ihrer gemeinsamen bizarren Kindheit erinnerten. Jetzt sah sie aber aus, als ob sie sich erinnerte. Sie war immer lieb gewesen und war es auch jetzt. Er erz�hlte ihr von seinen Fl�gen um die Welt, getragen von den st�ndigen Winden, und vom langsamen Hinabsinken gegen den Auftrieb des Luftschiffs zu einer kleinen Siedlung nach der anderen auf der Suche nach Hiroko.</p><p>Rachel sch�ttelte den Kopf und l�chelte ironisch. �Wenn sie hier drau�en ist, dann ist sie eben hier drau�en. Aber du k�nntest ewig suchen und w�rdest sie niemals finden.�</p><p>Nirgal stie� einen bek�mmerten Seufzer aus, und sie lachte und zauste ihm das Haar.</p><p>�Such nicht nach ihr!�</p><p>An diesem Abend ging er am Strand spazieren, knapp oberhalb der verw�steten, mit Eisbrocken �bers�ten K�stenlinie des Nordmeeres. Er hatte die k�rperliche Empfindung, gehen und laufen zu m�ssen. Fliegen war so einfach; es war eine Trennung von der Welt. Die Dinge wurden wieder klein und fern. Es war das falsche Ende des Teleskops. Er mu�te wieder gehen.</p><p>Dennoch flog er. Immerhin sah er sich beim Fliegen das Land n�her an. Heide, ein Moor am Flu�ufer. Ein Bach, der �ber eine kleine Stufe direkt ins Meer st�rzte, und ein anderer, der einen Strand �berquerte. An manchen Stellen hatte man W�lder gepflanzt, in dem Versuch, Staubst�rme abzuhalten, die in dieser Gegend entstanden. Es gab immer noch welche, und die B�ume waren noch Sch��linge. Hiroko k�nnte imstande sein, das zu beheben. Schau dich nicht nach ihr um! Schau auf das Land!</p><empty-line/><p>Er flog nach Sabishii zur�ck. Dort war noch eine Menge Arbeit zu tun�� Entsorgung der verbrannten Tr�mmer und Neuaufbau. Manche Bau-Kooperativen nahmen noch Mitglieder auf. Die eine machte Rekonstruktionen, baute aber auch Kleinluftschiffe und andere Flugger�te einschlie�lich einiger experimenteller Vogelanz�ge. Nirgal sprach mit ihnen �ber seinen Beitritt.</p><p>Er lie� seinen Luftschiffgleiter in der Stadt und lief weit hinaus auf die Hochmoore �stlich von Sabishii. In seinen Studentenjahren war er hier oft entlanggegangen. Viele Laufstrecken waren ihm noch vertraut. Dahinter neues Gel�nde. Ein hohes Land mit seinem moorgem��en Leben. Gro�e <emphasis>kami-Steine</emphasis> standen da und dort wie W�chter auf dem zerknitterten Land.</p><p>Eines Nachmittags beim Lauf durch eine unbekannte Bodenwelle blickte er nach unten in ein kleines hohes Becken, wie eine flache Sch�ssel, die eine �ffnung zu einem niedrigeren Land im Westen hatte. Wie ein eiszeitlicher Zirkus, obwohl es wahrscheinlicher ein erodierter Krater mit einer Bruchstelle im Rand war, so da� ein hufeisenf�rmiger Grat entstanden war. Ungef�hr einen Kilometer im Durchmesser und nicht besonders tief. Blo� eine Runzel unter den vielen Runzeln des Tyrrhena-Massivs. Von dem umgebenden Grat aus waren die Horizonte weit entfernt und das Land in der Tiefe klumpig und unregelm��ig.</p><p>Das wirkte vertraut. Vielleicht hatte er es bei einer �bernachttour in seinen Studentenjahren besucht. Er kletterte langsam in das Becken hinunter und hatte noch immer den Eindruck, sich auf dem Gipfel des Massivs zu befinden. Das klare dunkle Indigo des Himmels und die weitr�umige Aussicht durch die L�cke nach Westen verst�rkten diesen Eindruck. Wolken rollten �ber seinem Kopf dahin wie gro�e runde Eisberge. Trockener k�rniger Schnee fiel aus ihnen herab, der durch den scharfen Wind v�llig in Spalten oder aus dem Becken hinausgetrieben wurde. Auf dem runden Grat, nahe dem nordwestlichen Punkt des Hufeisens, befand sich ein Felsblock in Form einer Steinh�tte. Er stand an vier Stellen auf dem Grat, ein Dolmen, der zur Gl�tte eines alten Zahnes abgewetzt war. Der Himmel dar�ber war lapislazuli.</p><p>Nirgal ging wieder nach Sabishii hinunter und erkundigte sich danach. Das Becken wurde laut den Karten und Aufzeichnungen der Beh�rde f�r Areographie und �kopoetik des Tyrrhenamassivs nicht gewartet. Sie freuten sich, da� er interessiert war und sagten ihm: �Die hohen Becken sind hart. Da w�chst nur sehr wenig. Es ist ein langes und aufwendiges Projekt.�</p><p>�Gut.�</p><p>�Man wird die meiste Nahrung in Treibh�usern ziehen m�ssen. Nat�rlich Kartoffeln, vorausgesetzt, es gibt genug Boden.�</p><p>Nirgal nickte.</p><p>Sie sagten ihm, er solle beim Dorf Dingoche vorbeischauen, das dem Becken am n�chsten l�ge, und sich vergewissern, da� dort niemand andere Pl�ne daf�r h�tte.</p><p>So fuhr er wieder hinauf in einer kleinen Karawane mit Tariki, Rachel, Tiu und einigen anderen Freunden, die sich versammelt hatten, um zu helfen. Sie fuhren �ber eine niedrige Bodenwelle und fanden Dingoche, das in einem kleinen Wadi lag, das jetzt landwirtschaftlich betrieben wurde, zumeist mit schwer zu bearbeitenden Kartoffelfeldern. Es hatte einen Schneesturm gegeben, und alle Felder hatten sich in wei�e Rechtecke verwandelt, unterteilt durch niedrige schwarze Mauern aus aufget�rmten Steinen. Eine Anzahl langer, niedriger Steinh�user mit D�chern aus Steinplatten und dicken quadratischen Kaminen stand �ber die Felder verstreut, und einige weitere dr�ngten sich am oberen Ende des Dorfes. Das l�ngste Geb�ude in dieser Gruppe war ein zweist�ckiges Teehaus mit einem gro�en Zimmer voller Matratzen zur Unterbringung von Besuchern.</p><p>In Dingoche, wie in vielen Gebirgen des S�dens, herrschte noch die Geschenkwirtschaft vor; und Nirgal mit seinen Gef�hrten mu�ten ein wahres Gelage mit wechselseitigen Gaben erdulden, wenn sie �ber Nacht blieben. Die Einheimischen waren sehr froh, als er sie nach dem hohen Becken befragte, das sie entweder das kleine Hufeisen oder die obere Hand nannten. �Man mu� sich darum k�mmern.� Sie boten ihm Starthilfe an.</p><p>So gingen sie in einer kleinen Karawane auf den hohen Zirkus und luden eine Menge Ger�t auf der Bodenwelle nahe dem Hausfelsen ab. Sie blieben lange genug, um ein erstes kleines Feld von Steinen zu s�ubern und es mit dem abger�umten Material einzuz�unen. Einige erfahrene Bauleute halfen Nirgal, die ersten Einschnitte in den Felsen der Falte zu machen. W�hrend dieser ger�uschvollen Bohrarbeiten mei�elten einige Einwohner von Dingoche in Sanskrit die Buchstaben <emphasis>Om Mani Padme Hum</emphasis> ein, wie man sie auf unz�hligen Manisteinen im Himalaya sieht und jetzt auch im ganzen s�dlichen Bergland. Sie schlugen auch den Stein zwischen den fetten Kursivlettern weg, so da� sie in Hochrelief vor einem roheren, helleren Hintergrund standen. Was den Hausfelsen selbst anging, so w�rde man zuletzt vier R�ume daraus ausgehauen haben, mit dreischichtigen Fenstern, Sonnenpaneelen f�r W�rme und Energie, Wasser aus einer Schneeschmelze, das in einen Tank weiter oben gepumpt w�rde, sowie eine Kompostiertoilette und eine Abwassereinrichtung.</p><p>Dann waren sie weg, und Nirgal hatte das Becken f�r sich.</p><p>Er ging lange Tage herum, ohne etwas anderes zu tun als zu schauen. Nur der allerkleinste Teil des Beckens w�rde seine Farm sein. Nur ein paar kleine Felder zwischen niedrigen Steinmauern und ein Treibhaus f�r Gem�se. Und eine H�ttenindustrie, er wu�te nicht recht, welche. Er w�rde nicht ganz autark sein, aber es k�me schon hin. Ein Projekt.</p><p>Und dann war da das Becken selbst. Ein kleiner Kanal lief schon durch die �ffnung nach Westen, als ob er eine Ablaufm�glichkeit andeuten w�rde. Die gekappte Felshand bot schon ein Mikroklima, zur Sonne geneigt und leicht windgesch�tzt. Er w�rde Okopoet sein.</p><p>Zuerst mu�te er das Land kennenlernen. Mit diesem seinem Projekt war es erstaunlich, wie gesch�ftig jeder Tag wurde. Es gab eine endlose Menge von Dingen zu tun. Aber keine Struktur, kein Zeitplan, keine Eile, niemand zu konsultieren. Und jeden Tag ging er in den letzten Stunden des Sommerlichts um den Kamm des H�gels und inspizierte das Becken im schwindenden Sonnenschein. Es war schon mit Flechten und den anderen ersten Siedlern bewachsen. Moor f�llte die H�hlungen, und es gab kleine Mosaike arktischen Bodenbewuchses an den freien, sonnigen Stellen. Weniger als ein Zentimeter dicke Buckel aus gr�nem Moos auf rotem Untergrund. Schneeschmelzwasser lief in etlichen kleinen B�chen, die sich vereinigten und �ber viele etwaige k�nftige Wiesenterrassen fielen, kleine Oasen von Kieselalgen. Dann� gelangte das Wasser �ber das Becken schlie�lich in das Kieselwadi am Tor zu dem darunter liegenden Land, um hinter dem letzten Rand eine ebene sp�tere Wiese zu bilden. H�her im Becken gelegene Rippen waren nat�rliche D�mme; und nach einiger �berlegung schaffte Nirgal einige Windprodukte zu diesen niedrigen Querfalten und ordnete sie mit ihren Fl�chen so an, da� die Rippen um die H�he eines oder zweier Steine "h�her wurden. Schmelzwasser w�rde sich in Wiesenteichen sammeln, von Moos eingerahmt. Die Moore gleich westlich von Sabishii �hnelten bereits dem, was er anstrebte; und er wandte sich an �kopoeten, die auf jenen Mooren lebten, und erkundigte sich nach Artenvertr�glichkeit, Wachstumsraten, Bodenverbesserung und dergleichen. In seinem Geist entwickelte sich eine Vision des Beckens. Dann kam im zweiten M�rz der Herbst, als das Jahr sich der Sonnenferne n�herte, und er konnte allm�hlich sehen, wieviel die Gestaltung des Landes durch Wind und Winter leiden w�rde. Er w�rde abwarten m�ssen und schauen.</p><p>Er streute Samen und Sporen von Hand aus. Er trug sie in am G�rtel befestigten Beuteln und D�ngerschalen bei sich. Dabei f�hlte er sich wie eine Gestalt von Van Gogh oder aus dem Alten Testament. Es war eine besondere Empfindung, eine Mischung von Kraft und Hilflosigkeit, von Aktion und Schicksal. Er lie� Ladungen von Humus anfahren und auf ein paar kleine Felder abladen. Dann verteilte er sie in d�nner Schicht von Hand. Er holte W�rmer von der Universit�tsfarm in Sabishii. Cojote hatte Stadtbewohner immer als W�rmer in einer Flasche bezeichnet. Nirgal grauste es beim Anblick der wimmelnden Masse feuchter nackter R�hrchen. Er setzte die W�rmer auf seinen neuen kleinen Feldern frei. Geh, kleiner Wurm, und la� das Land gedeihen!</p><p>Er selbst war, wenn er an sonnigen Sommermorgen nach einer Dusche umherging, auch nicht mehr als feuchte, verschlungene, nackte kleine R�hren.</p><p>Nach den W�rmern k�men Maulw�rfe und W�hlm�use. Dann M�use. Danach Schneekaninchen, Hermelin und Murmeltiere. Vielleicht w�rden auch einige Schneekatzen, die durch die Moore streiften, erscheinen. F�chse. Das Becken war hoch gelegen; aber der Druck, auf den sie in dieser H�he hofften, betrug 500 Millibar, mit 40 Prozent Sauerstoff. Sie waren dem schon ziemlich nahe gekommen. Die Verh�ltnisse waren ungef�hr wie im Himalaya. Vermutlich w�rde die gesamte Flora und Fauna gro�er H�hen auf der Erde hier leben k�nnen. Und bei so vielen �kopoeten, die kleine Flecken des Hochlandes bewirtschafteten, w�rde das Problem zumeist nur eine Sache der Vorbereitung des Bodens sein. Man mu�te nur das gew�nschte �kosystem einf�hren und dann unterst�tzen; und das alles unter Beachtung dessen, was mit dem Wind eintraf oder hereinflog. Diese Zug�nge konnten nat�rlich problematisch sein; und es gab viel Gerede auf den Armb�ndern �ber Invasionsbiologie und integriertes Mikroklimamanagement. Ein gro�er Teil der laufenden Arbeit an der �kopoesis war die Herausarbeitung von Verbindungen der lokalen Besiedlung mit der umliegenden Region.</p><p>Nirgal interessierte sich im n�chsten Fr�hling f�r diese Frage der Ausbreitung noch wesentlich st�rker, als im Ersten November die Schneeschmelze einsetzte und aus dem Matsch auf den flachen Terrassen an der Nordseite des Beckens Sch��linge der Schnee-Alaunwurzel herausschauten. Er hatte sie nicht gepflanzt und war sich nicht einmal in seiner Identifikation sicher, bis sein Nachbar Yoshi nach einer Woche vorbeikam und es best�tigte: Heuchera nivealis. Vom Wind hergeweht, sagte Yoshi. Im Escalante-Krater im Norden gab es eine Menge davon. Dazwischen war nicht viel. In diesem Fall war es Springverbreitung.</p><p>Ausbreitung durch Springen, Streuen und Flie�en�� alle drei Arten kamen auf dem Mars vor. Moose und Bakterien verbeiteten sich durch Streuung, hydrophile Pflanzen durch die Fl�sse l�ngs der Gletscher, Flechten und etliche andere Pflanzen erreichten ihre Ausbreitung, indem sie ihre Springsamen den starken Winden �berlie�en. Menschliche Ausbreitung zeigte alle drei Muster, wie Yoshi bemerkte, als sie �ber das Becken gingen und �ber diesen Begriff sprachen. Sie verstreuten sich �ber Europa, Asien und Afrika, sie str�mten durch die amerikanischen Kontinente und l�ngs der australischen K�sten, sie sprangen hinaus zu den pazifischen Inseln (oder zum Mars). Man konnte beobachten, da� alle drei Methoden gew�hnlich von hoch anpassungsf�higen Spezies benutzt wurden. Das Tyrrhena-Massiv ragte in den Wind. Es fing die westlichen und auch die sommerlichen Monsune ab, so da� beide Seiten Niederschl�ge bekamen. Nirgends mehr als zwanzig Zentimeter im Jahr; aber in der s�dlichen Hemisph�re des Mars bedeutete das bereits eine regenreiche Insel. Auf diese Weise auch eine Falle f�r Dispersion und so sehr zug�nglich f�r Invasionen.</p><p>Da lag es also�� hohes, unfruchtbares, steiniges Land, mit Schnee best�ubt, wo immer Schatten vorherrschte, so da� die Schatten wei� zu sein pflegten. Kein Zeichen von Leben, mit Ausnahme in den Becken, wo die �kopoeten ihren kleinen Kollektionen nachhalfen. Wolken erschienen im Winter von Westen und im Sommer von Osten. Die S�dhemisph�re hatte wegen des Zyklus von Sonnenn�he und Sonnenferne verst�rkte Jahreszeiten, so da� sie wirklich eine Rolle spielten. Auf Tyrrhena waren die Winter hart.</p><p>Nirgal wanderte, nach dem die St�rme abgeflaut waren, durch das Becken und sah nach, was hereingeblasen worden war. Gew�hnlich war es eine Ladung eisigen Staubes; aber einmal fand er ein ungepflanztes B�schel Jakobsleitern <emphasis>(Polemonium caeruleum)</emphasis> in einer Felsspalte. Er sah in den Botanikdateien nach, wie die Pflanze mit den schon vorhandenen wechselwirken k�nnte. Zehn Prozent der eingef�hrten Arten �berlebten, und zehn Prozent davon wurden dann Sch�dlinge. Das war laut Yoshi die erste Regel der Disziplin. �Zehn bedeutet nat�rlich f�nf bis zwanzig.�</p><p>Einmal j�tete Nirgal ein im Fr�hling angekommenes gew�hnliches Stra�engras aus, weil er f�rchtete, es w�rde alles �berwuchern. Genau wie die Tundradisteln. Ein andermal fiel eine schwere Staubfracht bei Herbstwind herunter. Diese Staubst�rme waren klein im Vergleich mit den alten globalen S�dsommerst�rmen; aber gelegentlich ri� ein scharfer Wind irgendwo den W�stenboden auf, so da� der Staub darunter wegflog. An solchen Tagen wurde die Atmosph�re rasch dichter, durchschnittlich um f�nfzehn Millibar j�hrlich. Jedes Jahr hatten die Winde mehr Kraft. Daher bestand Gefahr, da� dickere Deckschichten weggerissen w�rden. Der herunterfallende Staub bildete aber gew�hnlich eine sehr d�nne Schicht, die oft reich an Nitraten war. Darum wirkte er wie ein D�nger, der vom n�chsten Regen in den Boden gewaschen wurde.</p><p>Nirgal kaufte eine Position in der Konstruktionskooperative von Sabishii, in die er hineingeschnuppert hatte. Er ging oft hin, um an den Geb�uden der Stadt zu arbeiten. Oben im Becken besch�ftigte er sich etwas mit Montage und Testreihen von einsitzigen Luftgleitern. Seine Werkstatt war ein kleines Geb�ude mit W�nden aus aufgestapelten Steinen, gedeckt mit Platten aus Sandstein als Schindeln. Zwischen dieser Arbeit und der Bewirtschaftung des Treibhauses und seines Kartoffelbeetes und der Okopoesis im Becken waren seine Tage erf�llt.</p><p>Er flog die fertigen Luftgleiter nach Sabishii hinunter und blieb in einem kleinen Studio oberhalb des wiedererbauten Hauses seines alten Lehrers Tariki in der alten City, der dort unter alten Issei wohnte, die Hiroko sehr �hnlich sahen und sich auch so anh�rten. Art und Nadia lebten hier und zogen ihre Tochter Nikki auf. Auch waren Vijika, Reull und Annette in der Stadt, alles alte Freunde aus seinen Studientagen. Und dann war da die Universit�t selbst, die nicht mehr Universit�t des Mars hie�, sondern Sabishii-College�� eine kleine Schule, die noch in dem amorphen Stil der Demimondejahre gef�hrt wurde, so da� die anspruchsvolleren Studenten nach Elysium, Sheffield oder Cairo gingen. Diejenigen, die nach Sabishii gingen, waren fasziniert von der Mystik der Jahre der Demimonde oder an der Arbeit eines der Issei-Professoren interessiert.</p><p>Bei all diesen Leuten und Aktivit�ten f�hlte Nirgal sich fremd, wenn nicht gar unbehaglich. Er schob lange Tage als Maurer, Gipser und Monteur bei den verschiedenen Bauarbeiten ein, die seine Koop in der Stadt hatte. Er a� in Reisk�chen und Kneipen. Er schlief auf dem Dachboden in Tarikis Garage und sah den Tagen entgegen, da er wieder zum Becken zur�ckkehrte.</p><p>Eines Abends ging er von einer Kneipe sp�t heim und schlief fast im Stehen ein, als er an einem kleinen Mann vorbei kam, der auf einer Parkbank schlief: Cojote.</p><p>Nirgal blieb sofort stehen und ging zu der Bank. Er starrte hin. In manchen N�chten hatte er Cojoten oben im Becken heulen geh�rt. Dies war sein Vater. Er erinnerte sich an alle jene Tage der Suche nach Hiroko, ohne einen Hinweis, wo man sich umschauen sollte. Aber hier schlief sein Vater auf einer Bank im Stadtpark. Nirgal konnte ihn jederzeit anrufen und erhielt dieses helle verr�ckte Grinsen. Trinidad selbst. Ihm traten Tr�nen in die Augen. Er sch�ttelte den Kopf und gewann wieder die Fassung. Ein alter Mann lag auf einer Parkbank. Das sah man recht oft. Eine Menge Issei waren hierher gekommen und irgendwie endg�ltig im Hinterland verschwunden, so da� sie, wenn sie in eine Stadt kamen, in den Parks schliefen.</p><p>Nirgal ging hin und setzte sich ans Ende der Bank, direkt neben dem Kopf seines Vaters. Graue sch�bige Haarzotteln. Wie ein Betrunkener. Nirgal sa� bei ihm und schaute auf die Unterseiten der Linden, die um die Bank herum standen. Es war eine ruhige Nacht. Sterne blitzten durch die Bl�tter.</p><p>Cojote r�hrte sich, drehte den Kopf und schaute auf. �Wer�s das?�</p><p>�He!� sagte Nirgal.</p><p>�He!� sagte Cojote und setzte sich auf. Er rieb sich die Augen. �Nirgal, Mann! Du schreckst mich hier auf.�</p><p>�Tut mir leid. Ich kam vorbei und sah dich. Was machst du?�</p><p>�Schlafen.�</p><p>�Haha!�</p><p>�Nun, ich tat es. Soweit ich wei�, war das alles, was ich machte.�</p><p>�Cojote, hast du kein Bett hier?�</p><p>�Wieso�� nein.�</p><p>�Macht dir das nichts aus�</p><p>�Nein.� Cojote grinste ihn scharf an. �Ich bin wie das schreckliche Videoprogramm. Die Welt ist mein Zuhause.�</p><p>Nirgal sch�ttelte blo� den Kopf. Cojote machte ein mi�trauisches Gesicht, als er sah, da� Nirgal nicht erfreut war. Er starrte ihn lange unter halb geschlossenen Lidern hervor an und holte tief Luft. Schlie�lich sagte er tr�umerisch: �Mein Junge!� Die ganze Stadt war still. Cojote murmelte, als ob er einschliefe. �Was tut der Held, wenn die Geschichte aus ist? Schwimmt �ber den Wasserfall. Treibt mit der Flut hinaus.�</p><p>�Was?�</p><p>Cojote �ffnete die Augen ganz und beugte sich zu Nirgal vor. �Erinnerst du dich, wie wir Sax nach Tharsis Nodus hineingeschafft haben und du bei ihm gesessen hast und man danach sagte, du h�ttest ihn ins Leben zur�ckgebracht? So war das ungef�hr. Denk dar�ber nach!� Er sch�ttelte den Kopf und lehnte sich wieder auf die Bank zur�ck. �Das stimmt nicht. Es ist blo� eine Geschichte. Warum sich um diese Geschichte Gedanken machen, wenn sie sowieso nicht deine ist. Was du jetzt machst, ist besser. Du kannst Geschichten dieser Art hinter dich lassen. Einfach weggehen und bei Nacht in einem Park sitzen wie jeder gew�hnliche Mensch. �berall hingehen, wo es dir gef�llt.�</p><p>Nirgal nickte unsicher.</p><p>�Was mir zu tun gef�llt�, sagte Cojote schl�frig, �ist, in ein Stra�encafe zu gehen, etwas Kava reinzusch�tten und mir alle Gesichter anzuschauen. Einen Spaziergang durch die Stra�en machen und die Gesichter der Leute ansehen. Ich schaue mir gern Frauengesichter an. So sch�n. Und manche von ihnen so... so irgendwas. Ich wei� nicht. Ich liebe sie.� Er schlief wieder ein. �Du wirst deinen Weg zu leben finden.�</p><empty-line/><p>Zu den G�sten, die ihn gelegentlich im Becken besuchten, geh�rten Sax, Cojote, Art, Nadia und Nikki, die jedes Jahr gr��er wurde. Sie war schon jetzt gr��er als Nadia und schien diese f�r eine Art Kinderfrau oder Urgro�mutter zu halten, etwa sowie Nirgal selbst sie in Zygote angesehen hatte. Nikki hatte Arts Sinn f�r Spa� geerbt, und Art hatte das selbst ermutigt und sie angestachelt, mit ihr gegen Nadia zusammengesteckt und sie mit dem strahlendsten Vergn�gen betrachtet, das Nirgal jemals im Gesicht eines Erwachsenen gesehen hatte. Einmal sah Nirgal, wie die drei auf dem Steinwall bei seinem Kartoffelfeld sa�en und hilflos �ber etwas, das Nirgal gesagt hatte, lachten. Er f�hlte einen Stich, als er mitlachte. Seine alten Freunde waren jetzt verheiratet, mit einem Kind. Sie lebten in diesem h�chst altert�mlichen Stil. Demgegen�ber schien sein Leben auf dem Lande gar nicht so gehaltvoll zu sein. Aber was konnte er tun? Nur ein paar Leute in dieser Welt waren so gl�cklich, an ihre richtigen Partner zu geraten. Es geh�rte ungemeines Gl�ck dazu, da� es passierte und dann brauchte man den Sinn, es zu erkennen und den Mut zu handeln. Es war zu erwarten, da� nur wenige das alles h�tten und da� es dann gut ginge. Der Rest mu�te so tun, als ob.</p><empty-line/><p>So lebte er in diesem hohen Becken, zog einiges von seiner Nahrung und beteiligte sich an Koop-Projekten, um den Rest zu bestreiten. Er flog einmal im Monat in einem neuen Flugzeug nach Sabishii hinunter, geno� seinen Aufenthalt f�r eine oder zwei Wochen, und kehrte wieder heim. Art, Nadia und Sax kamen �fter herauf, und seltener hatte er Maya und Michel oder Spencer zu Gast, die alle in Odessa lebten, oder Zeyk und Nazik, die Nachrichten aus Cairo und Mangala mitbrachten, die er nicht h�ren wollte. Nachdem sie gegangen waren, trat er auf die gew�lbte Bodenwelle hinaus, setzte sich auf einen seiner Felsbl�cke und schaute auf die Wiesen hinunter, die sich durch den Abhang zogen. Er konzentrierte sich auf das, was er hatte, auf die Welt der Sinne, von Stein und Flechten und bl�hendem Moos.</p><p>Das Becken entwickelte sich. In den Wiesen gab es mittlerweile Maulw�rfe und Murmeltiere. Am Ende der langen Winter kamen die Murmeltiere fr�h aus dem Winterschlaf, fast verhungert. Ihre inneren Uhren waren noch auf Erdenwinter eingestellt. Nirgal streute Futter f�r sie in den Schnee und sah von den oberen Fenstern seines Hauses zu, wie sie es verzehrten. Sie brauchten Hilfe, um durch die langen Winter bis zum Fr�hling zu kommen. Sie betrachteten sein Haus als Quelle von Nahrung und W�rme. Und so lebten zwei Murmeltierfamilien in den Steinen darunter und stie�en ihre Warnpfiffe aus, wenn sich jemand n�herte. Einmal k�ndigten sie ein paar Leute vom Tyrrhena-Komitee f�r die Einf�hrung neuer Spezies an. Diese baten ihn um ein Verzeichnis der Arten und eine grobe Z�hlung. Sie stellten eine Liste �lokaler Einwohner� auf, die es ihnen dann gestatten w�rde, �ber jede sp�tere Einf�hrung sich rasch verbreitender Arten Urteile zu f�llen. Nirgal freute sich, bei diesem Unternehmen mitzuarbeiten, und so ging es offenbar allen, die auf dem Massiv �kopoesie betrieben. Da es sich um eine Insel mit Niederschl�gen handelte, entwickelten sie ihre eigene Mischung aus Fauna und Flora gro�er H�hen. Es bildete sich zunehmend die Meinung, diese Mischung f�r Tyrrhena als �nat�rlich� anzusehen, die nur durch Konsens ver�ndert werden sollte.</p><p>Die Gruppe des Komitees verlie� ihn, und Nirgal blieb mit seinen Hausmurmeltieren zur�ck und hatte ein komisches Gef�hl. �Nun, jetzt sind wir einheimisch�, sagte er zu ihnen.</p><empty-line/><p>Er war gl�cklich in seinem Becken, �ber der Welt mit ihren Sorgen. Im Fr�hling erschienen aus dem Nirgendwo neue Pflanzen. Manche begr��te er mit einer Kelle Kompost, andere ri� er aus und machte sie zu Kompost. Das Gr�n des Fr�hlings unterschied sich von allen anderen gr�nen Farben�� heller elektrischer Jade und limonenfarbene Knospen und Bl�tter, neue Bl�tter aus smaragdenem Gras, blaue Nesseln und rote Bl�tter. Und dann sp�ter die Bl�ten, jene gewaltige Verausgabung pflanzlicher Energie, der Drang zum �berleben, der Fortpflanzungsdrang von allem um ihn herum... Manchmal, wenn Nadia und Nikki von ihren Spazierg�ngen zur�ckkehrten mit Miniaturstr�u�en in ihren gro�en H�nden, erschien Nirgal die Welt sinnvoll. Er schaute sie an und dachte an Kinder und f�hlte pl�tzlich einen nagenden Kummer, den er sonst nicht kannte.</p><p>Das war offenbar ein allgemein geteiltes Gef�hl. Der Fr�hling nach dem rauhen Winter des Aphels dauerte in der s�dlichen Hemisph�re 143 Tage. Im Verlauf der Fr�hlingsmonate erbl�hten immer mehr Pflanzen. Erste fr�he wie Schneegl�ckchen und Leberbl�mchen, dann sp�tere wie Phlox und Heide, danach Steinbrech und Tibetischer Rhabarber, Leimkraut, alpiner Nelkenwurz, Kornblumen und Edelweiߠ� immer weiter und weiter, bis jeder Fleck in dem gr�nen Teppich der steinigen Fl�che des Beckens mit leuchtenden Punkten cyanblau, dunkelrot, gelb und wei� gesprenkelt war. Jede Farbe f�gte sich in der charakteristischen H�he f�r die betreffende Pflanze ein, und alle gl�hten in der D�mmerung wie Tropfen aus Licht, das aus dem Nirgendwo quoll. Ein pointillistischer Mars, das gerippte einges�umte Becken durch diese farbige Halde in die Luft gepr�gt. Nirgal stand in einer Handfl�che, die ihr Schneeschmelzwasser in einer Lebenslinie hinabf�hrte in die weite Welt, die so weit unten lag, eine ausgedehnte schattige Welt, die unter der Sonne nach Westen hin undeutlich zu sehen war, dunstig und tief. Das letzte Licht des Tages schien leicht nach oben gerichtet zu sein.</p><p>An einem klaren Morgen erschien Jackie auf seinem h�uslichen Computerschirm und verk�ndete, sie w�re auf der Piste von Odessa nach Livya und wollte vorbeikommen. Nirgal sagte zu, bevor er Zeit hatte nachzudenken.</p><p>Er ging den Weg am Abflu�bach hinunter, um sie zu begr��en. Ein kleines hohes Becken... es gab eine Million solcher Krater im S�den. Ein kleiner alter Impakt. Nicht die kleinste Kleinigkeit, die ihn auszeichnete. Er erinnerte sich an Shining Mesa und die tolle gelbe Aussicht in der Fr�h.</p><p>Sie kamen in drei Wagen an, die wild �ber das Gel�nde h�pften wie kleine Kinder. Jackie fuhr den ersten Wagen, und Antar den zweiten. Sie lachten ausgelassen, als sie ausstiegen. Antar schien es nichts auszumachen, da� er das Rennen verloren hatte. Sie hatten eine Gruppe junger Araber dabei. Jackie und Antar sahen selbst erstaunlich jung aus. Es war lange her, da� Nirgal sie gesehen hatte, aber sie hatten sich �berhaupt nicht ver�ndert. Die Behandlungen. Die g�ngige Volksmeinung war, sie fr�h und oft zu nehmen, um ewige Jugend zu sichern und jede der seltenen Krankheiten zu bannen, die immer noch ab und zu Menschen umbrachten. Sie sahen immer noch aus, als w�ren sie f�nfzehn m-Jahre alt. Aber Jackie war ein Jahr �lter als Nirgal, und der z�hlte jetzt fast 33 Jahre und f�hlte sich noch �lter. Als er in ihre lachenden Gesichter schaute, dachte er: Ich mu� eines Tages die Behandlung machen lassen.</p><p>So wanderten sie umher, traten auf das Gras, riefen bei den Blumen Ah und Oh; und das Becken wirkte kleiner bei jedem Ausruf, den sie taten. Gegen Ende ihres Besuches nahm Jackie ihn mit ernster Miene beiseite.</p><p>Sie sagte: �Wir haben �rger, die Terraner fernzuhalten, Nirgal. Sie schicken j�hrlich fast eine Million herauf. Du hast behauptet, da� sie das nie k�nnten. Und diese Neuank�mmlinge treten nicht dem Freien Mars bei, wie es �blich war. Sie unterst�tzen immer noch ihre heimatlichen Regierungen. Der Mars ver�ndert sich f�r sie nicht schnell genug. Wenn das so weitergeht, wird die ganze Idee eines freien Mars ein Witz sein. Manchmal frage ich mich, ob es nicht doch ein Fehler war, das Kabel oben zu lassen.�</p><p>Sie runzelte die Stirn, und zwanzig Jahre sprangen pl�tzlich auf ihr Gesicht. Nirgal unterdr�ckte einen leichten Schauder.</p><p>�Es w�rde helfen, wenn du dich nicht hier verstecktest�, rief sie in j�her Wut und tat das Becken mit einer Handbewegung ab. �Wir brauchen jeden, den wir bekommen k�nnen, zur Hilfe. Die Leute erinnern sich noch an dich, aber in einigen Jahren... �</p><p>Er dachte, er m��te blo� noch ein paar Jahre warten. Er beobachtete sie. Gewi�, sie war sch�n. Aber Sch�nheit war eine Sache des Geistes, von Intelligenz, Munterkeit und Einf�hlungsverm�gen. W�hrend Jackie also immer sch�ner wurde, verlor sie zu gleicher Zeit an Sch�nheit. Wieder eine mysteri�se Verquickung. Und Nirgal war in keiner Weise �ber diesen inneren Verlust in Jackie erfreut. Das war wirklich nur eine Saite in dem Akkord von Jackies Schmerz. Er w�nschte, es w�re nicht wahr.</p><p>�Wir k�nnen ihnen wirklich nicht helfen, indem wir immer mehr Einwanderer aufnehmen�, sagte sie. �Das war falsch, als du das auf der Erde gesagt hast. Sie wissen es auch. Sie k�nnen es ohne Zweifel sogar besser sehen als wir. Aber sie schicken trotzdem Leute. Blo� um sich zu vergewissern, da� es keinen Ort gibt, wo Menschen es richtig machen. Das ist ihr einziger Grund.�</p><p>Nirgal zuckte die Achseln. Er wu�te nicht, was er sagen sollte. Wahrscheinlich war etwas Richtiges in dem, was sie gesagt hatte; aber es gab gerade eine Million verschiedener Gr�nde f�r Leute zu kommen. Und es gab keinen Grund, das festzulegen.</p><p>Schlie�lich sagte sie: �Du willst also nicht zur�ckkommen. Es ist dir gleich.�</p><p>Nirgal sch�ttelte den Kopf. Wie k�nnte er ihr auch ins Gesicht sagen, da� sie nicht um den Mars besorgt war, sondern um ihre Macht? Er war nicht der Mann, der ihr das sagen konnte. Sie w�rde ihm nicht glauben. Und vielleicht war es irgendwie auch nur f�r ihn richtig.</p><p>Sie hielt abrupt inne in ihrem Versuch, ihn zu erreichen. Ein herrischer Blick auf Antar; und Antar bem�hte sich, ihren Kreis in die Wagen zu sammeln. Ein letzter fragender Blick, ein Ku� voll auf den Mund, ohne Zweifel, um Antar zu �rgern oder ihn oder sie beide. Wie ein elektrischer Schlag f�r die Seele. Und sie war weg.</p><empty-line/><p>Er verbrachte den Nachmittag und den n�chsten Tag, indem er wanderte, still auf Steinen sa� und zusah, wie die kleinen B�che ins Tal fl�ssen. Einmal fiel ihm ein, wie schnell das Wasser auf der Erde flo�. Unnat�rlich. Nein. Aber dies hier war sein Platz, den er kannte und liebte, jedes Zellenpaar und jedes Nelkenbeet, sogar die Geschwindigkeit des Wassers, wenn es �ber den Stein str�mte und in glatten, silbrigen Gebilden herabplatschte. Die Art, wie das Moos sich unter den Fingerspitzen anf�hlte. Seine Besucher waren Leute, f�r die der Mars f�r immer eine Idee gewesen war, ein Staat im Entstehen, ein politischer Sachverhalt. Sie lebten in den Kuppeln, aber sie h�tten ebenso irgendwo in irgendeiner Stadt wohnen k�nnen, und ihre Hingabe, obwohl real, war einer Sache oder einer Idee geweiht, einem Mars des Geistes. Das war sch�n. Aber f�r Nirgal war es jetzt das Land, auf das es ankam. Die Stellen, wo das Wasser hinkam, wenn es �ber das Milliarden Jahre alte Gestein auf Stellen mit neuem Moos tr�pfelte. Die Politik m�ge man den jungen Leuten �berlassen, er hatte seinen Teil geleistet. Er wollte nichts mehr tun. Oder zumindest wollte er warten, bis Jackie fort war. Macht war ja doch wie Hiroko. Sie entglitt einem. Oder etwa nicht? Inzwischen war das Rund des Beckens wie eine offene Hand.</p><empty-line/><p>Aber als er dann eines Morgens zu einem Spaziergang in der Fr�hd�mmerung aufbrach, hatte sich etwas ver�ndert. Der Himmel war klar, in seinem reinsten Morgenpurpur, aber die Nadeln eines Wacholders hatten einen gelblichen Stich bekommen, und ebenso das Moos und das Kartoffelkraut auf dem kleinen Beet.</p><p>Er pfl�ckte die am meisten vergilbten Nadeln, Sch��linge und Bl�tter und brachte sie zur Werkbank, die in seinem Treibhaus stand. Zwei Stunden Arbeit mit Mikroskop und Computer erbrachten keine L�sung; und er ging zur�ck und zog einige Wurzelproben heraus und steckte noch mehr Nadeln, Bl�tter, Halme und Bl�ten in kleine Beutel. Ein gro�er Teil des Grases sah wie verwelkt aus, obwohl es kein hei�er Tag war.</p><p>Mit pochendem Herzen und verkrampftem Magen arbeitete er den ganzen Tag bis in die Nacht. Er konnte nichts entdecken. Keine Insekten, keine Pathogene. Aber besonders die Bl�tter der Kartoffeln sahen vergilbt aus. An diesem Abend rief er Sax an und schilderte die Lage. Zuf�llig besuchte Sax gerade die Universit�t in Sabishii; und er erschien am n�chsten Morgen in einem kleinen Rover, dem j�ngsten Erzeugnis aus Spencers Koop.</p><p>�H�bsch�, sagte Sax, als er ausstieg und sich umschaute. Er untersuchte Nirgals Proben im Gew�chshaus. �Hmm. Ich wundere mich�, sagte er.</p><p>Er hatte in seinem Wagen einige Instrumente mitgebracht, und sie schleppten sie in das Felshaus. Er machte sich ans Werk. Am Ende eines langen Tages stellte er fest: �Ich kann nichts finden. Wir werden einige Proben nach Sabishii hinunterbringen m�ssen.�</p><p>�Du kannst gar nichts finden?�</p><p>�Kein Pathogen. Keine Bakterien, kein Virus.� Er zuckte die Achseln. �La� uns ein paar Kartoffeln holen.�</p><p>Sie gingen nach drau�en und gruben Kartoffeln aus. Einige davon waren verkr�mmt, verl�ngert oder rissig. �Was ist das?� rief Nirgal.</p><p>Sax machte ein etwas finsteres Gesicht. �Sieht nach einer Spindelknollen-Erkrankung aus.�</p><p>�Was verursacht die?�</p><p>�Ein Viroid.�</p><p>�Und was ist das?�</p><p>�Ka.� Nirgal sp�rte, wie sich ihm der Magen umdrehte. �Wie ist das hierher gekommen?�</p><p>�Wahrscheinlich auf einem Parasiten. Diese Art scheint zuerst das Gras zu infizieren. Wir m�ssen das herausfinden.�</p><p>Also sammelten sie die Proben, die sie ben�tigten, und fuhren nach Sabishii hinunter.</p><p>Nirgal sa� auf einem Polstergestell in Tarikis Wohnzimmer und f�hlte sich elend. Tariki und Sax hatten nach dem Essen eine lange Lagebesprechung. Andere Viroide waren von Tharsis aus in rapider Verbreitung erschienen. Offenbar hatten sie es geschafft, die sanit�ren Schutzma�nahmen des Weltraums zu durchdringen und waren in eine Welt eingebrochen, die vorher von ihnen unbehelligt gewesen war. Sie waren kleiner als Viren, viel kleiner, und erheblich einfacher gebaut. Nichts als RNA-Fasern, sagte Tariki, etwa 50 Nanometer lang. Die Individuen hatten ein Molekulargewicht von ungef�hr 130000, w�hrend dieses bei den kleinsten bekannten Viren �ber einer Million lag. Sie waren so klein, da� man sie mit �ber 100000 Ge zentrifugieren mu�te, um sie aus einer Suspension herauszuholen.</p><p>Das Spindelknollenviroid war wohlbekannt, sagte Tariki ihnen, der auf seinem Bildschirm herumtastete und auf die dort erschienenen Schemata zeigte. Eine Kette von blo� 359 Nukleotiden in einer einzigen geschlossenen Faser ausgerichtet und in kurzen Abschnitte doppelfaserig verflochten. Viroide wie dieses verursachten etliche Pflanzenkrankheiten einschlie�lich blasser Bohnenkrankheit, Chrysanthemenverk�mmerung, chlorotischer Fleckung, Cadang Cadang und Citrus exocortis. Viroide sind als Agens in einigen Gehirnkrankheiten bei Tieren best�tigt, zum Beispiel Kr�tze und Kuru und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit bei Menschen. Die Viroiden benutzen Gast-Enzyme zur Fortpflanzung und werden dann f�r regelnde Molek�le in den Kernen infizierter Zellen gehalten, die insbesondere die Produktion von Wachstumshormonen behindern.</p><p>Das spezielle Viroid in Nirgals Becken, sagte Tariki, war aus dem Spindelviroid der Kartoffel mutiert. Man war in den Labors der Universit�t noch dabei, es zu identifizieren, aber das kranke Gras machte ihn sicher, da� sie etwas anderes, neues finden w�rden.</p><p>Nirgal f�hlte sich �bel. Daf�r hatten schon allein die Namen der Krankheiten gesorgt. Er starrte auf seine H�nde, die tief zwischen den infizierten Pflanzen gew�hlt hatten. Durch die Haut ins Gehirn, irgendeine Form spongiformer Encephalopathie, Pilzwachstum �berall.</p><p>�K�nnen wir etwas tun, urn es zu bek�mpfen?� fragte er.</p><p>Sax und Tariki schauten ihn an.</p><p>�Erst m�ssen wir herausfinden, was es ist�, erwiderte Sax.</p><empty-line/><p>Das erwies sich als nicht einfach. Nach ein paar Tagen kehrte Nirgal wieder zu seinem Becken zur�ck. Dort konnte er zumindest etwas tun. Sax hatte vorgeschlagen, alle Kartoffeln aus ihren Feldern zu entfernen. Das war eine lange schmutzige Arbeit, eine Art negativer Schatzsuche, als er eine kranke Knolle nach der anderen ausgrub. Vermutlich w�rde auch der Boden das Viroid enthalten. Es war m�glich, da� er das Feld oder sogar das Becken w�rde aufgeben m�ssen. Am besten, etwas anderes pflanzen. Man verstand noch nicht, wie sich Viroide fortpflanzten; und aus Sabishii hie� es, da� es sich nicht einmal um ein Viroid im fr�heren Sinne handeln k�nne.</p><p>�Es ist eine k�rzere Faser als �blich�, sagte Sax. �Entweder ein neues Viroid oder etwas �hnliches, viel kleineres. In den Labors von Sabishii nennen sie es das Virid.�</p><p>Eine lange Woche sp�ter kam Sax wieder zum Becken herauf. Beim Essen sagte er: �Wir k�nnen versuchen, es physisch zu beseitigen. Und dann verschiedene Pflanzen einsetzen, die gegen Viroide resistent sind. Das ist das Beste, was wir tun k�nnen.�</p><p>�Wird das funktionieren?�</p><p>�Die f�r Infektion anf�lligen Pflanzen sind recht speziell. Du bist von einer neuen betroffen worden; aber wenn du die Gr�ser und Kartoffelsorten wechselt und vielleicht etwas von dem Boden deines Kartoffelfeldes austauschst...� Sax zuckte die Achseln.</p><p>Nirgal a� mit mehr Appetit, als er in der vorangegangenen Woche gehabt hatte. Schon die Andeutung einer m�glichen L�sung war eine gro�e Erleichterung f�r ihn. Er trank etwas Wein und f�hlte sich immer besser. Bei einem Verdauungsbrandy seufzte er: �Das sind sonderbare Dinge, nicht wahr? Damit mu� das Leben zurechtkommen.�</p><p>�Wenn du es Leben nennst.�</p><p>�Ja, nat�rlich.�</p><p>Sax antwortete nicht.</p><p>�Ich habe mir die Nachrichten im Netz angeschaut�, sagte Nirgal. �Es gibt eine Menge Infektionen. Ich habe das nie beachtet. Parasiten, Viren... �</p><p>�Ja. Manchmal mache ich mir Sorgen wegen einer globalen Seuche. Etwas, das wir nicht stoppen k�nnen.�</p><p>�Ka! K�nnte das geschehen?�</p><p>�Es sind alle Arten von Invasionen im Gange. Bev�lkerungsanstieg, pl�tzliche Todesf�lle. Alles vorbei. Die Dinge sind ins Ungleichgewicht geraten. St�rung von Gleichgewichten, deren Existenz wir nicht einmal geahnt hatten. Dinge, die wir nicht verstehen.� Dieser Gedanke machte Sax wie immer ungl�cklich.</p><p>�Die Biome werden schlie�lich ins Gleichgewicht kommen�, schlug Nirgal vor.</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob es so etwas gibt.�</p><p>�Wie, Gleichgewicht?�</p><p>�Ja. Vielleicht ist es eine Sache von...� Er schwenkte die H�nde wie M�wen. �Ein unterbrochenes Gleichgewicht ohne Gleichgewicht.�</p><p>�Unterbrochene Ver�nderung?�</p><p>�St�ndige Ver�nderung. Geflochtene Ver�nderung, aufsteigende Ver�nderung... �</p><p>�Wie eine springende Rekombination?�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Ich habe geh�rt, da� es eine Mathematik gibt, die nur ein Dutzend Leute wirklich verstehen.�</p><p>Sax machte ein �berraschtes Gesicht. �Das stimmt nie. Oder es gilt f�r jede Mathematik. Es kommt darauf an, was du mit Verstehen meinst. Aber ich kenne etwas von der, die du meinst. Du kannst sie benutzen, um etwas von diesem Zeug zu modellieren. Aber nicht vorhersagen. Und ich wei� nicht, wie ich sie benutzen kann, um irgendwelche Reaktionen unsererseits vorzuschlagen. Ich bin nicht sicher, ob sie so benutzt werden kann.�</p><p>Er redete eine Weile �ber Vlads Begriff von Holonen, die organische Einheiten waren, die Untereinheiten hatten und auch selbst Untereinheiten gr��erer Holonen waren, wobei sich auf jeder Ebene Kombinationen bilden, die in aufsteigender Reihe die h�heren bilden, den ganzen Weg nach oben und unten in der gro�en Kette des Seins. Vlad hatte mathematische Beschreibungen aller Formen dieses Zutagetretens entwickelt, die bei mehr als einer Art auftraten, mit verschiedensten Klassen von Eigenschaften f�r jede Art. Wenn man daher gen�gend Information �ber das Verhalten einer Ebene von Holonen und der n�chsth�heren Ebene bekommen konnte, k�nnte man versuchen, sie in diese mathematischen Formeln einzupassen, und sehen, welche Erscheinungsform sie hatten, und vielleicht Wege finden, sie zu bek�mpfen. �Das ist der beste Ann�herungsversuch, den wir f�r Dinge, die so klein sind, haben.�</p><p>Am n�chsten Tag riefen sie Gew�chsh�user in Xanthe an, um nach neu angekommenen Sendungen zu fragen, nach Sendungen von neuen Grasarten auf Himalayabasis. Bis sie im Laufe der Zeit eintrafen, hatte Nirgal alles Riedgras im Becken ausgerissen und viel von dem Moos. Die Arbeit machte ihn krank, er konnte nichts dagegen tun. Einmal, als er sah, wie ein betroffener Murmeltierpatriarch ihn emp�rt anschnatterte, setzte er sich hin und brach in Tr�nen aus. Sax hatte sich in sein gewohntes Schweigen zur�ckgezogen, was die Dinge nur noch schlimmer machte, weil es Nirgal immer an Simon erinnerte und an den Tod im allgemeinen. Er brauchte Maya oder sonst einen mutigen, redegewandten Sprecher �ber das innere Leben, von Angst und Tapferkeit. Aber er hatte nur Sax, verloren in Gedanken, die in einer Art fremder Sprache stattfanden, in einem privaten Idiom. Das er nicht gewillt war zu �bersetzen.</p><p>Sie machten sich daran, neue Arten von Himalayagr�sern im ganzen Becken zu pflanzen, wobei sie sich auf die Ufer der Gew�sser und deren Ge�der unter Rinnsalen und Eis konzentrierten. Ein starker Frost half, da er die infizierten Pflanzen schneller t�tete als die gesunden. Sie verbrannten die kranken Pflanzen in einem Schachtofen am Fu�e des Massivs. Aus den umliegenden Becken kamen Leute zu Hilfe und brachten Pflanzen zum sp�teren Setzen.</p><p>Es vergingen zwei Monate, und die Invasion wurde schw�cher. Die verbliebenen Pflanzen schienen widerstandsf�higer zu sein. Neu gepflanzte Gew�chse wurden nicht angesteckt und starben nicht. Das Becken sah herbstlich aus, obwohl es Mittsommer war. Aber das Sterben hatte aufgeh�rt. Die Murmeltiere sahen mager aus und bek�mmerter denn je. Sie waren eine Rasse, die sich Sorgen machen konnte. Und Nirgal konnte die Tiere verstehen. Das Becken sah w�st aus. Aber es schien, da� das Biom �berleben w�rde. Das Viroid verschwand allm�hlich. Schlie�lich konnten sie es kaum noch finden, ganz gleich, wie scharf und lange sie Proben zentrifugierten. Es schien das Becken verlassen zu haben. Sein Verschwinden war ebenso mysteri�s wie seine Ankunft.</p><p>Sax sch�ttelte den Kopf. �Wenn die Viroide, die auch Tiere befallen, jemals robuster werden...� Er seufzte. �Ich w�nsche, ich k�nnte mit Hiroko dar�ber reden.�</p><p>�Ich habe sagen h�ren, sie w�re am Nordpol�, sagte Nirgal s�uerlich.</p><p>�Ja.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Ich glaube nicht, da� sie dort ist. Und ich glaube auch nicht, da� sie mit mir reden will. Aber ich... warte immer noch.�</p><p>�Da� sie anruft?� fragte Nirgal sarkastisch.</p><p>Sax nickte.</p><p>Sie starrten tr�be in die Flamme von Nirgals Lampe. Hiroko�� Mutter, Geliebte�� hatte sie beide verlassen.</p><p>Aber das Becken w�rde leben. Als Sax zu seinem Rover ging, um aufzubrechen, nahm Nirgal ihn wie einen B�ren in die Arme, hob ihn hoch und wirbelte ihn herum. �Danke!�</p><p>�Es war meinerseits ein Vergn�gen�, sagte Sax. �Sehr interessant.�</p><p>�Was wirst du jetzt machen?�</p><p>�Ich denke, ich werde mit Ann sprechen. Versuchen, mit ihr zu reden.�</p><p>�Ah! Viel Gl�ck!�</p><p>Sax nickte, als wollte er sagen, das h�tte er n�tig. Dann fuhr er ab und winkte noch einmal, ehe er die H�nde ans Lenkrad legte. Eine Minute sp�ter war er �ber der Rippe verschwunden.</p><empty-line/><p>Nun machte Nirgal sich an die harte Arbeit, das Becken wieder herzurichten, und tat, was er konnte, um ihm mehr pathogene Widerstandskraft zu verleihen. Mehr Vielfalt, mehr einheimische Parasitenfracht. Von den chasmoendolithischen Felsbewohnern bis hin zu den Insekten und mikrobischen Fliegern in der Luft. Ein volleres, z�heres Biom. Er kam selten nach Sabishii hinunter. Er ersetzte den ganzen Boden im Tomatenfeld und pflanzte eine andere Kartoffelart an.</p><p>Sax und Spencer waren wiedergekommen, um ihn zu besuchen, als ein gro�er Staubst�rm in der Gegend von Ciaritas nahe Senzeni Na auf ihrer Breite begann, und dann um die ganze Welt lief. Sie h�rten in den Nachrichten davon und verfolgten ihn w�hrend der n�chsten paar Tage auf den Satellitenwetterfotos. Er kam wie immer von Osten. Es sah aus, als ob er s�dlich an ihnen vorbeiziehen w�rde. Aber in letzter Minute schwenkte er nach Norden.</p><p>Sie sa�en im Wohnzimmer seines Felsenhauses und blickten nach S�den. Und da kam er, eine dunkle Masse, die den Himmel verfinsterte. Furcht erf�llte Nirgal wie die statische Elektrizit�t, die Spencer zum Schreien brachte, wenn er etwas anfa�te. Die Furcht war sinnlos. Sie hatten schon ein Dutzend Staubst�rme mitgemacht. Es war nur der kleine Rest Angst, der die Viroidenseuche �berlebt hatte. Und selbst die hatten sie durchgestanden.</p><p>Aber diesmal wurde das Licht des Himmels braun und tr�be, bis es ebenso gut h�tte Nacht sein k�nnen. Eine Schokoladennacht, die �ber den Fels heulte und an den Fenstern r�ttelte. �Die Winde sind so stark geworden�, bemerkte Sax nachdenklich.</p><p>Dann lie� das Geheul nach, w�hrend es drau�en dunkel wurde. Nirgal f�hlte sich immer schlechter, je weniger der Wind heulte, bis die Luft ruhig war. Und selbst dann noch war ihm so �bel, da� er kaum am Fenster stehen konnte. Globale Staubst�rme waren manchmal so: Sie endeten abrupt, wenn der Wind auf einen Gegenwind traf oder eine besondere Landform. Und dann lie� der Sturm seine Fracht an Staub und Grus fallen. Tats�chlich regnete es jetzt auch Staub. Die Fenster zeigten ein schmutziges Grau. Als ob sich Asche �ber die Welt senken w�rde. In alten Tagen, brummte Sax unwillig, w�rden selbst die st�rksten St�rme am Ende ihres Laufes nur ein paar Millimeter Grus fallen gelassen haben. Aber bei einer so viel dichteren Atmosph�re und so viel st�rkeren Winden wurden gro�e Mengen an Staub und Sand aufgewirbelt; und wenn die dann alle auf einmal herunterkamen, wie es manchmal geschah, konnte die Drift viel tiefer sein als ein paar Millimeter.</p><p>Obwohl einige Partikel fast im Schwebezustand waren, hatten sich binnen einer Stunde alle bis auf die feinsten aus der Luft auf sie niedergesenkt. Danach war es nur noch ein dunstiger Nachmittag, die Luft erf�llt von etwas wie einem d�nnen Rauch, so da� sie das ganze Becken sehen konnten, das von einer schweren Staubschicht bedeckt war.</p><p>Nirgal ging wie immer mit aufgesetzter Maske hinaus und grub verzweifelt mit einer Schaufel und dann mit blo�en H�nden. Sax kam heraus und stolperte durch die weichen Ablagerungen, um Nirgal eine Hand auf die Schulter zu legen. �Ich glaube nicht, da� man da etwas tun kann.� Die Staubschicht war einen Meter tief oder mehr.</p><p>Im Laufe der Zeit w�rden die Winde einiges von diesem Staub fortblasen. Auf den Rest w�rde Schnee fallen, der resultierende Schlamm w�rde weggesp�lt, und ein neues Adersystem von Kan�len w�rde ein neues, dem alten sehr �hnliches fraktales Muster bilden. Wasser w�rde den Staub und Grus forttragen, das Massiv hinunter und in die Welt. Aber bis das geschehen war, w�re jede Pflanze und jedes Tier in dem Becken tot.</p></section></section><section><title><p>NEUNTER TEIL</p><p>Naturgeschichte</p></title><section><p><emphasis>Danach ging Nirgal mit Sax nach Da Vinci hinauf und blieb bei dem alten Mann in seinem Apartment. Eines Nachts kam Cojote vorbei, nach dem Zeitrutsch, als kein anderer auf den Gedanken gekommen w�re, einen Besuch zu machen.</emphasis></p><p><emphasis>Nirgal erz�hlte ihm kurz, was mit dem hohen Becken passiert war.</emphasis></p><p><emphasis>�Oja, so?� sagte Cojote.</emphasis></p><p><emphasis>Nirgal schaute weg.</emphasis></p><p><emphasis>Cojote ging in die K�che und kramte in Saxens K�hlschrank. Mit vollem Mund rief er ins Wohnzimmer: �Was hast du auf einer windigen Bergseite wie der erwartet? Mann, diese Welt ist kein Garten. Manches wird jedes Jahr begraben, so ist das nun einmal. In einem oder zehn Jahren kommt ein anderer Wind und bl�st diesen ganzen Staub von deinem H�gel herunter.�</emphasis></p><p><emphasis>�Bis dahin wird alles tot sein.�</emphasis></p><p><emphasis>�So ist das Leben. Jetzt ist es an der Zeit, etwas anderes zu tun. Was hast du gemacht, bevor du dich hier niedergelassen hast?�</emphasis></p><p><emphasis>�Nach Hiroko gesucht.�</emphasis></p><p><emphasis>�Mist!� Cojote erschien in der T�r und zeigte mit einem gro�en K�chenmesser auf Nirgal. �Nicht du auch.�</emphasis></p><p><emphasis>�Doch, ich auch.�</emphasis></p><p><emphasis>�Oh, mach schon! Wann wirst du endlich erwachsen? Hiroko ist tot. Daran solltest du dich schon gew�hnen.�</emphasis></p><p><emphasis>Sax kam aus seinem B�ro und sagte heftig zwinkernd: �Hiroko lebt.�</emphasis></p><p><emphasis>Cojote schrie: �Nicht du auch noch! Ihr beide seid wie Kinder.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich habe sie in einem Sturm auf der S�dflanke von Arsia Mons gesehen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Willkommen im Club der Idioten!�</emphasis></p><p><emphasis>Sax funkelte ihn an: �Was soll das hei�en?�</emphasis></p><p><emphasis>�Bl�dsinn!�</emphasis></p><p><emphasis>Cojote ging wieder in die K�che.</emphasis></p><p><emphasis>�Es hat noch andere Sichtungen gegeben�, sagte Nirgal zu Sax �Die Meldungen sind recht h�ufig.�</emphasis></p><p><emphasis>�Das wei� ich.�</emphasis></p><p><emphasis>�Es gibt t�glich Meldungen!� rief Cojote aus der K�che und erschien kampflustig wieder im Wohnzimmer. �Die Leute sehen sie jeden Tag! Auf dem Handcomputer gibt es eine eigene Site zur Meldung von Sichtungen! Ich sehe, da� sie in der letzten Woche in einer Nacht an zwei verschiedenen Stellen erschienen ist, in Noachis und Olympus! An entgegengesetzten Seiten der Welt!�</emphasis></p><p><emphasis>�Ich sehe nicht, da� das etwas beweist�, erwiderte Sax hartn�ckig. �Man erz�hlt �ber dich dasselbe, und ich sehe, da� du immer noch lebst.�</emphasis></p><p><emphasis>Cojote sch�ttelte heftig den Kopf. �Nein. Ich bin die Ausnahme, welche die Regel best�tigt. Bei jedem anderen bedeutet es, wenn er an zwei Stellen gleichzeitig gemeldet wird, da� er tot ist. Ein sicheres Zeichen.� Er machte einen Vorsto�, um der n�chsten Bemerkung von Sax zuvorzukommen, und br�llte: �Sie ist tot! Damit mu�t du dich abfinden! Sie ist bei dem Angriff auf Sabishii umgekommen. Diese UNTA-Sturmtruppleute haben sie, Iwao, Gene und Rya und den ganzen Rest von ihnen gefangen genommen, in irgendeinen Raum gebracht und die Luft herausgelassen oder den Abzug bet�tigt. So ist das! Meinst du, da� das nie passiert? Meinst du, da� die Geheimpolizisten nie Dissidenten umgebracht und dann ihre Leichen beseitigt haben, so da� niemals jemand es herausfindet? Sowas geschieht! Verdammt ja, sogar auf eurem kostbaren Mars. So sind die Menschen nun einmal. Sie tun alles m�gliche; sie t�ten Leute und bilden sich dabei ein, da� sie blo� ihren Lebensunterhalt verdienen oder ihre Kinder ern�hren oder die Welt sicher machen. Und genau so ist das gewesen. Sie haben Hiroko mit ihrer Gruppe zusammen get�tet.�</emphasis></p><p><emphasis>Nirgal und Sax machten gro�e Augen. Cojote bebte. Er sah aus, als wollte er die Wand durchbohren.</emphasis></p><p><emphasis>Sax r�usperte sich. �Desmond, was macht dich so sicher?�</emphasis></p><p><emphasis>�Weil ich hingeschaut habe. Ich habe hingeschaut, wie kein anderer das tun konnte. Sie ist an keinem ihrer Pl�tze. Sie ist nirgendwo. Sie ist nicht fortgegangen. Niemand hat sie seit Sabishii wirklich gesehen. Darum habt ihr nie von ihr geh�rt. Sie ist nicht so unmenschlich, uns die ganze Zeit herumirren zu lassen, ohne uns je eine Nachricht zukommen zu lassen.�</emphasis></p><p><emphasis>Sax beharrte: �Ich habe sie aber gesehen.�</emphasis></p><p><emphasis>�In einem Sturm, hast du gesagt. Ich nehme an, in einiger Bedr�ngnis. Hast sie kurze Zeit gesehen, eben lange genug, um dir aus der Klemme zu helfen. Dann endg�ltig fort.�</emphasis></p><p><emphasis>Sax blinzelte.</emphasis></p><p><emphasis>Cojote lachte rauh. �Das habe ich mir gedacht. Nein, das ist fein. Tr�ume von ihr alles, was du magst. Bring das nur nicht mit der Realit�t durcheinander! Hiroko ist tot.�</emphasis></p><p><emphasis>Nirgal schaute zwischen den beiden schweigenden M�nnern hin und her und sagte: �Auch ich habe mich nach ihr umgesehen.� Und dann, als er die finstere Miene von Sax sah: �M�glich ist alles.�</emphasis></p><p><emphasis>Cojote sch�ttelte den Kopf. Er ging wieder in die K�che und brabbelte vor sich hin. Sax starrte Nirgal an und direkt durch ihn hindurch.</emphasis></p><p><emphasis>�Vielleicht werde ich wieder nach ihr suchen�, sagte Nirgal zu ihm.</emphasis></p><p><emphasis>Sax nickte.</emphasis></p><p><emphasis>Cojote rief von der K�che her: �Besser als Landwirtschaft zu betreiben.�</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>K�rzlich hatte Harry Whitebook eine Methode gefunden, die Toleranz von Tieren gegen�ber Kohlendioxid zu erh�hen, indem er S�ugetieren ein Gen applizierte, das f�r bestimmte Merkmale von Krokodil-H�moglobin codiert war. Krokodile konnten den Atem unter Wasser sehr lange anhalten; und das CO2, das sich in ihrem Blut ansammelte, wurde dort in BorkarbonatIonen gel�st, die im H�moglobin in einem Komplex an Aminos�uren gebunden wurden, der bewirkte, da� das H�moglobin Sauerstoffmolek�le freisetzte. Hohe Kohlendioxidtoleranz war so mit erh�hter Wirksamkeit von Sauerstoffbildung kombiniert�� eine sehr elegante Anpassung. Und es erwies sich als recht leicht (nachdem Whitebook den Weg gezeigt hatte), sie bei S�ugetieren durch Anwendung der neuesten Transkriptionstechnik f�r Merkmale einzuf�hren: Es wurden konstruierte Str�nge des DNA-Reparaturenzyms Photolyase zusammengebaut; und diese f�gten die Deskriptionen f�r das Merkmal in das Genom w�hrend der gerontologischen Behandlungen und unter leichter Ver�nderung der H�moglobineigenschaften des Probanden ein.</p><empty-line/><image l:href="#7"/><empty-line/><p>Sax war einer der ersten Menschen gewesen, die sich dieses Merkmal hatten verpassen lassen. Der Gedanke gefiel ihm, weil dadurch die Notwendigkeit einer Gesichtsmaske im Freien entfiel, und er verbrachte einen gro�en Teil seiner Zeit drau�en. Der Kohlendioxidpegel in der Atmosph�re lag noch bei 40 Millibar von 500 insgesamt auf Meeresniveau. Der Rest bestand aus 260 Millibar Stickstoff, 170 Millibar Sauerstoff und 30 Millibar an verschiedenen Edelgasen. Damit gab es immer noch zu viel Kohlendioxid, als ohne Filtermaske zu ertragen war. Aber nach der Transkription der Merkmale konnte Sax ohne Behinderung hinaus gehen und die gro�e Vielfalt der Tiere beobachten, die bereits drau�en waren. Das waren allesamt Monster, die sich in ihren �kologischen Nischen ansiedelten, in einem sehr verwirrenden Strom von Aufstieg und Fall, Invasionen und R�ckz�gen, Vermehrung und Absterben�� alle vergebens ein Gleichgewicht suchend, das es in Anbetracht des wechselnden Klimas nicht geben konnte. Mit anderen Worten: nicht anders, als das Leben auf der Erde immer gewesen war. Aber hier geschah alles in viel h�herem Tempo, angetrieben durch die von Menschen bewirkten Ver�nderungen, Modifikationen, Einf�hrungen, Transkriptionen und Translationen. Die Interventionen, die funktionierten; die Interventionen, die scheiterten; die unbeabsichtigten, unvorhergesehenen und unbemerkten Effekte bis zu dem Punkt, an dem bedenklich viele Forscher darauf verzichteten so zu tun, als ob sie noch die Kontrolle h�tten.</p><p>�M�ge geschehen, was mag�, pflegte Spencer zu sagen, wenn er betrunken war. Das kr�nkte Michels Sinn f�r Bedeutung; aber man konnte nichts dagegen tun, au�er Michels diesbez�gliche Meinung zu �ndern. Kontingenz, der Strom des Lebens�� mit einem Wort: Evolution. Nach dem Lateinischen mit der Bedeutung des Aufrollens eines Buches. Und auch nichtgerichtete Evolution, nicht auf lange Sicht. Vielleicht beeinflu�te Evolution, sicher beschleunigte Evolution (jedenfalls in mancherlei Hinsicht). Aber nicht gemanagt, nicht gelenkt. Sie wu�ten nicht, was sie taten. Es dauerte etwas, sich daran zu gew�hnen.</p><empty-line/><p>Sax wanderte um die Halbinsel von Da Vinci, ein rechteckiges St�ck Land, das den runden Randh�gel des Kraters Da Vinci umgab und begrenzt wird von den Fjorden Simud, Shalbatana und Ravi, die alle in das s�dliche Ende des Chryse-Golfs einm�nden. Zwei Inseln, Copernicus und Galileo, liegen im Westen in den M�ndungen der Fjorde Ares und Tiu. Eine �beraus �ppige Verflechtung von Meer und Land, perfekt f�r das Hervorbringen von Leben. Die Ingenieure der Labors von Da Vinci h�tten keine bessere Lage w�hlen k�nnen, obwohl Sax ziemlich sicher war, da� sie �berhaupt keinen Sinn f�r ihre Umgebung gehabt hatten, als sie den Krater f�r die versteckten Areospace- Labors des Untergrundes gew�hlt hatten. Der Krater hatte einen dicken Rand und lag in guter Entfernung von Burroughs und Sabishii. Das war es auch schon. Ins Paradies gestolpert. In die M�glichkeit, mehr als die Beobachtungen einer Lebenszeit zu machen, ohne je das Haus zu verlassen.</p><p>Hydrologie, Invasive Biologie, Areologie, �kologie, Materialforschung, Teilchenphysik, Kosmologie�� alle diese Gebiete interessierten Sax ungeheuer, aber der gr��te Teil seiner t�glichen Arbeit in diesen Jahren galt dem Wetter. Die Halbinsel von Da Vinci war gebeutelt von dramatischen Wettererscheinungen. Feuchte St�rme fegten durch den Golf nach S�den, trockene katabatische Winde fielen vom s�dlichen Hochland und aus den Fjordcanyons und bewirkten auf See gro�e, gen Norden laufende Wellen. Wegen der N�he des �quators beeinflu�te sie der Zyklus von Perihel und Aphel viel mehr als die gew�hnlichen Jahreszeiten infolge der Inklination. Das Aphel brachte mindestens zwanzig Grad n�rdlich des �quators kaltes Wetter, w�hrend das Perihel den �quator ebenso stark erw�rmte wie den S�den. Im Januar und Februar stieg von der Sonne erw�rmte s�dliche Luft in die Stratosph�re auf, wendete sich in der Tropopause nach Osten und vereinigte sich mit den Strahlstr�men bei ihren Umrundungen des Planeten. Diese Strahlstr�me trennten sich um den Tharsis- Buckel. Der s�dliche Strom bef�rderte die Feuchtigkeit der Amazonisbucht und lud sie auf Daedalia und Icaria ab, manchmal sogar auf dem Westwall der Berge des Argyre-Beckens, wo sich dann Gletscher bildeten. Der n�rdliche Strahlstrom verlief �ber das Gebirge Tempe-Mareotis, blies dann �ber das Nordmeer und nahm bei jedem Sturm die Feuchtigkeit auf. Weiter im Norden, �ber der Polkappe, k�hlte die Luft ab und sank auf den rotierenden Planeten. Dabei erzeugte sie Oberfl�chenwinde aus Nordost. Diese kalten trockenen Winde schoben sich zuweilen unter die w�rmere Luft des Wetters der gem��igten Monsune und erzeugten Fronten riesiger Gewitterk�pfe, die �ber dem Nordmeer bis in H�hen von zwanzig Kilometern aufstiegen.</p><p>Die s�dliche Hemisph�re, in deren Bereich das Land gleichf�rmiger war als im Norden, hatte Winde, die deutlicher der Luftphysik �ber einer rotierenden Sph�re folgten. S�d�stliche Monsune vom �quator bis 30� Breite, �berwiegend vom 30� bis 60� Breitengrad Westwinde und polare Ostwinde von dort bis zum Pol. Im S�den gab es gro�e W�sten, besonders zwischen dem 15� und dem 30� Breitengrad, wo die am �quator aufgestiegene Luft wieder absank und hohen Luftdruck und warme Luft bewirkte, die eine Menge Wasserdampf enthielt, ohne jedoch zu kondensieren. Folglich regnete es in dieser Zone kaum. Dazu geh�rten die au�erordentlich trockenen Bereiche von Solis, Noachis und Hesperia. In diesen Regionen griff der Wind Staub von dem trockenen Boden auf; und die Staubst�rme wurden dichter. Sax selbst hatte das zu seinem Leidwesen erfahren, als er mit Nirgal auf Tyrrhena war.</p><p>Das waren die Hauptkennzeichen des Wetters auf dem Mars: Heftig ums Aphel, milde w�hrend der Sonnen-�quinoktien. In der s�dlichen Hemisph�re extrem, die n�rdliche gem��igt. Das ungef�hr schlugen einige Modelle vor. Sax liebte es, die Simulationen zu generieren, die solche Modelle erzeugten. Er war sich aber bewu�t, da� ihre �bereinstimmung mit der Realit�t bestenfalls angen�hert war. Jedes aufgezeichnete Jahr bot irgendeine Ausnahme, wobei sich die Bedingungen bei jeder Stufe des Terraformens �nderten. Die Zukunft ihres Klimas lie� sich unm�glich vorhersagen, selbst wenn man die Variabein einfror und so tat, als ob sich das Terraformen stabilisiert h�tte, was gewi� nicht der Fall war. Immer und immer wieder beobachtete Sax tausend Wetterjahre, ver�nderte Variable in dem Modell; und jedesmal raste ein v�llig anderes Jahrtausend vorbei. Faszinierend. Die geringe Schwerkraft und die daraus resultierende Skalenh�he der Atmosph�re, die Pr�senz des Nordmeeres, das zufrieren konnte oder nicht, die zunehmende Luftdichte, der Zyklus von Perihel und Aphel, deren Exzentrizit�t langsamer Pr�zession durch die Jahreszeiten der Inklination unterlag�� all dies hatte vielleicht vorhersagbare Effekte; aber in Kombination machten sie das Wetter des Mars sehr schwer zu verstehen. Und je mehr Versuche Sax machte, desto klarer wurde ihm, wie wenig sie wu�ten. Aber es war faszinierend; und er wurde nicht m�de, den ganzen Tag das Spiel der Iterationen verfolgen.</p><empty-line/><p>Oder aber er sa� einfach auf Simshai Point und sah zu, wie die Wolken �ber einen hyazinthfarbenen Himmel flogen. Kasei Fjord im Nordwesten war ein Windkanal f�r die st�rksten katabatischen Winde des Planeten. Sie ergossen sich aus ihm auf den Chryse-Golf mit Geschwindigkeiten, die gelegentlich 500 Kilometer in der Stunde erreichten. Bevor diese Howler zuschlugen, konnte Sax �ber dem n�rdlichen Horizont die zimtfarbenen Wolken erkennen, die Vorboten. Zehn oder zw�lf Stunden sp�ter w�lzten sich vom Norden gro�e Wogen heran und schlugen gegen die Meeresklippen, f�nfzig Meter hohe Keile aus Wasser, das gegen den Fels spr�hte, bis die ganze Luft �ber der Halbinsel ein dicker wei�er Nebel war. Es war gef�hrlich, w�hrend eines Howlers auf See zu sein. Einmal, als er die K�stengew�sser des s�dlichen Golfs in einem kleinen Katamaran erforschte, hatte er das zweifelhafte Vergn�gen, mitten in einen hineinzugeraten.</p><p>Weit sch�ner war es, die St�rme von den Meeresklippen aus zu beobachten. Heute kein Howler, nur ein gleichm��iger steifer Wind, und in der Ferne auf dem Wasser n�rdlich von Copernicus der schwarze Besen eines Gewitters, gepaart mit der W�rme der Sonne auf der Haut. Die globale Durchschnittstemperatur �nderte sich jedes Jahr, rauf und runter, meistens rauf. Mit der Zeit als horizontaler Achse ergab das eine aufsteigende Gebirgskette. Das denkw�rdige Jahr ohne Sommer war inzwischen Geschichte. Tats�chlich hatte es drei Jahre gedauert, aber die Leute wollten deswegen nicht den Namen �ndern. Drei ungew�hnlich kalte Jahre�� nein! M�glicherweise handelte es sich um eine Art Kompression der bei den Leuten unerw�nschten Wahrheit. Symbolisches Denken. Die Menschen mu�ten Dinge miteinander verbinden. Sax wu�te das, weil er viel Zeit in Sabishii mit Besuchen bei Michel und Maya verbracht hatte. Diese beiden liebten das Drama. Maya vielleicht mehr als die meisten, aber es lohnte sich, hinzuschauen. Ein Grenzfall von Demonstration der Norm. Sax machte sich Sorgen �ber Mayas Wirkung auf Michel. Michel schien nicht besonders fr�hlich zu sein. Nostalgie�� aus dem griechischen <emphasis>nostos,</emphasis> Heimkehr und <emphasis>algos,</emphasis> Schmerz. Also: Heimweh. Ein sehr treffender Ausdruck. Trotz ihrer Fehler konnten Worte manchmal sehr exakt sein. Das erschien als ein Paradoxon, bis man sich in die Funktion des Gehirns vertiefte. Dann wurde es weniger �berraschend. Ein Modell der Wechselwirkung des Gehirns mit der physischen Realit�t, an den R�ndern verschwommen. Selbst die Wissenschaft war gezwungen, das zugeben. Was nicht hei�en sollte, den Versuch aufzugeben, Dinge zu erkl�ren!</p><p>�Komm mit raus, und mach ein paar Feldstudien mit mir!� dr�ngte er Michel.</p><p>�Bald.�</p><p>�Konzentriere dich auf den Augenblick!� schlug Sax vor. �Jeder Moment hat seine eigene Realit�t. Sein besonderes Sosein. Du kannst keine Voraussagen treffen, aber du kannst erkl�ren. Oder es versuchen. Wenn du aufpa�t und Gl�ck hast, kannst du sagen, dies ist der Grund, weshalb das geschieht! Das ist sehr interessant.�</p><p>�Sax, wann bist du denn zum Dichter geworden?�</p><p>Sax wu�te darauf nicht zu antworten. Michel war immer noch von seiner immensen Nostalgie gebl�ht. Schlie�lich sagte Sax: �Nimm dir Zeit, mit nach drau�en zu gehen!�</p><empty-line/><p>In den milden Wintern, wenn die Winde sanft waren, machte Sax Schiffsausfl�ge um das S�dende des Chryse-Golfs. Des goldenen Golfs. Den Rest des Jahres blieb er auf der Halbinsel und machte vom Da-Vinci-Krater aus Spazierg�nge zu Fu� oder Touren mit einem kleinen Wagen, bei denen er �ber Nacht blieb. Meistens betrieb er Meteorologie, obwohl er sich nat�rlich um alles k�mmerte. Auf dem Wasser konnte er dasitzen und den Wind im Segel sp�ren, wenn er von einer Kr�mmung der K�ste zur anderen steuerte. War er auf dem Landweg unterwegs, fuhr er morgens los und freute sich an der Aussicht, bis er eine gute Stelle fand. Dann pflegte er den Wagen anzuhalten und nach drau�en zu gehen.</p><p>Hosen, Hemd, Windjacke, Bergstiefel, sein alter Hut waren alles, was er an diesem Tag des m-Jahres 65 brauchte. Ein Umstand, der ihn noch immer erstaunte. Gew�hnlich war das um die Zeit von 280s. Die globalen Mittelwerte stiegen um die Mitte von 270s stark an. Ein guter Durchschnitt empfand er�� �ber dem Gefrierpunkt�� und schickte einen thermischen Sto� in die seit Ewigkeiten gefrorene Wildnis. Dieser Sto� w�rde in rund zehntausend Jahren den Permafrost schmelzen. Aber nat�rlich blieb es nicht allein dabei.</p><p>Er wanderte �ber Tundramoos und Meerfenchel, Kedge und Gras. Leben auf dem Mars. Das war schon eine seltsame Sache. Tats�chlich �berall Leben. Es war keineswegs klar, warum es erscheinen sollte. Sax dachte immer h�ufiger dar�ber nach. Warum nahm die Ordnung in irgendeinem Teil des Kosmos zu, wenn sonst �berall nur Entropie zu erwarten war? Das verwirrte ihn sehr. Er war fasziniert, als Spencer eines Abends beim Bier an der Corniche von Odessa eine Stegreiferkl�rung gegeben hatte. Der hatte gesagt, in einem expandierenden Universum w�re Ordnung eigentlich nicht Ordnung, sondern blo� die Differenz zwischen aktuell dargebotener Entropie und der maximal m�glichen Entropie. Diese Differenz sei das, was die Menschen als Ordnung wahrn�hmen. Sax war �berrascht, von Spencer eine so interessante kosmologische Theorie zu h�ren. Aber Spencer war ein Mann der �berraschungen. Dem tat auch sein �berh�hter Alkoholkonsum keinen Abbruch.</p><p>Legte man sich ins Gras und betrachtete die Tundrablumen, konnte man nicht umhin, �ber das Leben nachzudenken. Im Licht der Sonne standen die kleinen Bl�ten auf ihren Stielen und leuchteten farbenpr�chtig. Ideogramme der Ordnung. Sie sahen nicht blo� nach einer Differenz im entropischen Niveau aus. Ein Bl�tenblatt hatte eine so feine Textur; von Licht getr�nkt schien fast jedes Molek�l sichtbar zu sein: hier ein wei�es, dort ein lavendelfarbenes und da ein clematisblaues. Diese pointillistischen Flecken waren nat�rlich keine Molek�le, die ja deutlich unter dem menschlichen visuellen Aufl�sungsverm�gen lagen. Und selbst wenn Molek�le erkennbar gewesen w�ren, so waren die letzten Bausteine des Bl�tenblatts doch noch soviel kleiner, da� man sich das kaum vorstellen konnte. Sozusagen noch kleiner, als selbst die Einbildungskraft reichte. Obwohl unl�ngst die Arbeitsgruppe f�r Theorien in Da Vinci sich um Entwicklungen in der Superstringtheorie und Quantengravitation bem�hte, waren sie bis zum Punkt nachpr�fbarer Vorhersagen gekommen, der sich historisch als die gro�e Schw�che der Stringtheorie erwiesen hatte. Verlockt durch diese Verbindung mit dem Experiment hatte Sax in letzter Zeit zu verstehen versucht, was sie da machten. Das bedeutete Verzicht auf K�stenspazierg�nge zugunsten von Seminarr�umen. Aber das hatte er in den regnerischen Jahreszeiten hinter sich gebracht, an den Nachmittagssitzungen teilgenommen, sich die Vortr�ge und anschlie�enden Diskussionen angeh�rt, die hingekritzelte Mathematik auf den Bildschirmen studiert und die Morgenstunden mit Arbeiten �ber Riemannsche Fl�chen, Liesche Algebra, Eulersche Zahlen, die Topologie kompakter dreidimensionaler R�ume, Differentialgeometrie, Gra�mannsche Variable, Vlads Notoperatoren und alle �brige Mathematik, die erforderlich war, um dem zu folgen, wor�ber die jetzige Generation sprach, verbracht.</p><p>Mit einigen Punkten der Mathematik �ber Superstrings hatte er sich schon fr�her besch�ftigt. Die Theorie gab es jetzt seit fast zwei Jahrhunderten; sie war aber spekulativ schon viel fr�her ins Gespr�ch gebracht worden, als es weder die Mathematik noch die experimentelle M�glichkeit gab, sie richtig zu erforschen. Diese Theorie beschrieb die kleinsten Partikel der Raumzeit nicht als geometrische Punkte, sondern als ultramikroskopische Schleifen, die in zehn Dimensionen schwingen, von denen sechs um die Schleifen kompakt sind und diese zu etwas exotischen mathematischen Gebilden machen. Der Raum, in dem sie schwingen, war von Theoretikern des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu Schleifenmustern, genannt Spin-Netze, quantifiziert worden, in denen Kraftlinien im feinsten Korn des Gravitationsfeldes irgendwie �hnlich wirkten wie die magnetischen Kraftlinien um einen Magneten, so da� die Strings nur in bestimmten Harmonien schwingen konnten. Diese supersymmetrischen Strings, die harmonisch in zehndimensionalen Spinnetzen schwingen, erkl�rten sehr elegant und plausibel die mannigfachen Kr�fte und Partikel, die im subatomaren Niveau zu erkennen sind, wie auch alle Bosonen und Fermionen und deren gravitative Effekte. Darum erhob die voll ausgearbeitete Theorie den Anspruch, erfolgreich die Quantenmechanik mit der Gravitation zu verbinden, was seit mehr als zwei Jahrhunderten <emphasis>das</emphasis> Problem der Theoretischen Physik gewesen war.</p><p>Alles gut und sch�n und wirklich aufregend. Aber das Problem kam f�r Sax und viele andere Skeptiker mit der Schwierigkeit, irgend etwas von dieser sch�nen Mathematik experimentell zu best�tigen�� eine Schwierigkeit, die in den �u�erst geringen Gr��en der Schleifen und R�ume der Theorie begr�ndet lag. Sie lagen alle im Bereich von 10~33 Zentimetern, der sogenannten Planck-L�nge. Und die war so viel kleiner als subatomare Partikel, da� man sich das schwer vorstellen konnte. Der typische Atomkern hatte einen Durchmesser von etwa lCh13 Zentimetern. Sax hatte zuerst einige Zeit lang versucht, sich diese Distanz vorzustellen. Das war hoffnungslos; aber man mu�te versuchen, diese hoffnungslos winzige Gr��e f�r einen Moment im Geist festzuhalten. Und sich dann daran erinnern, da� man in der Stringtheorie �ber noch um zwanzig Gr��enordnungen kleinere Objekte sprach. Sax �berlegte krampfhaft. Ein String verhielt sich also zur Gr��e eines Atoms wie diese zur Gr��e... des Sonnensystems. Ein Verh�ltnis, das rational kaum zu erfassen war.</p><p>Aber noch schlimmer�� es war auch zu klein, um es experimentell zu untersuchen. Das war f�r Sax die Crux an diesem Problem. Physiker hatten in Beschleunigern Experimente bei Energieniveaus von der Gr��enordnung 100 GeV durchgef�hrt. Das ist hundertmal die Energie einer Protonenmasse. Von da aus hatten sie mit gro�er M�he im Lauf vieler Jahre das sogenannte revidierte Standardmodell der Teilchenphysik aufgestellt. Dieses erkl�rte eine Menge, war wirklich eine erstaunliche Leistung und machte Vorhersagen, die durch Laborexperimente oder kosmologische Beobachtungen bewiesen oder widerlegt werden konnten, Vorhersagen, die so mannigfaltig waren und so gut best�tigt wurden, da� die Physiker zuversichtlich �ber vieles sprechen konnten, das sich in der Geschichte des Universums seit dem Urknall abgespielt hatte, bis zur�ck zum ersten Millionstel einer Sekunde der Zeit.</p><p>Aber die Stringtheorie wollte einen phantastischen Sprung �ber das revidierte Standardmodell hinaus zur Planckschen L�nge tun, die den geringsten m�glichen Bereich darstellte, der nicht verkleinert werden konnte, ohne in Widerspruch zu dem Verbotsprinzip von Pauli zu geraten. Es war irgendwie sinnvoll, �ber diese minimale Gr��e von Dingen nachzudenken. Aber um Ereignisse in diesem Ma�stab wirklich zu sehen, w�ren Experimente mit einer Energie von mindestens 1019 GeV erforderlich, die man nicht darstellen konnte. Kein Beschleuniger w�rde jemals auch nur n�herungsweise herankommen. Das Herz einer Supernova konnte man eher mit dem vergleichen. Nein. Ein gro�er Unterschied, weit wie eine Schlucht oder eine W�ste, trennte sie vom Planckschen Bereich. Es war eine Stufe der Realit�t, die f�r sie in jedem experimental-physikalischen Sinn unbekannt bleiben m��te.</p><p>So etwa war die g�ngige Meinung unter Skeptikern. Aber die an der Theorie Interessierten hatten sich nie davon abbringen lassen, das Ph�nomen zu studieren. Sie suchten nach einer indirekten Best�tigung der Theorie auf subatomarem Niveau, das aus dieser Perspektive gigantisch wirkte, und seitens der Kosmologie. Anomalien bei Ph�nomenen, die die revidierte Standardtheorie nicht erkl�ren konnte, lie�en sich vielleicht durch Vorhersagen deuten, die die Stringtheorie �ber den Planckchen Bereich machte. Es hatte allerdings nur wenige solche Vorhersagen gegeben, und die erwarteten Ph�nomene waren schwer nachzuweisen. Aber im Laufe der Jahrzehnte waren einige String-Enthusiasten immer tiefer in die mathematischen Strukturen eingetaucht, die weitere Ver�stelungen der Theorie offenbaren und mehr nachweisbare indirekte Resultate hervorbringen k�nnten. Das war alles, was sie tun konnten; und Sax hatte den Eindruck, da� es ein aussichtsreicher Weg f�r die Physik sein k�nnte. Er glaubte von ganzem Herzen an die experimentelle Physik. Wenn es sich nicht testen lie�, wenn es nur Mathematik blieb, war seine Sch�nheit bedeutungslos. Es gab Mengen sch�ner exotischer Felder der Mathematik. Aber wenn sie nicht die Welt der Ph�nomene modellierten, war Sax nicht interessiert.</p><p>Aber jetzt, nach all den Jahrzehnten der Arbeit, machten sie endlich Fortschritte auf den Wegen, die Sax interessant fand. Bei der neuen Super-Sto�apparatur im Rand des Rutherford-Kraters hatten sie das zweite Z-Teilchen gefunden, dessen Existenz die Stringtheorie lange vorhergesagt hatte. Und ein magnetischer Monopol-Detektor, der die Sonne au�erhalb der Ebene der Ekliptik umkreiste, hatte eine Spur von etwas entdeckt, das wie ein fraktionell geladenes, unbegrenztes Partikel mit einer Masse von der Gr��e eines Bakteriums aussah�� ein sehr seltener Blick auf ein �schwach wechselwirkendes Massenpartikel� oder SWMP. Die Stringtheorie hatte dessen Existenz vorausgesagt, w�hrend die revidierte Standardtheorie sie nicht verlangte. Das rief nach �berlegungen; denn die Formen der Galaxien zeigten, da� ihre gravitierenden Massen zehnmal so gro� waren, wie ihr visuelles Licht anzeigte. Falls die Dunkelmaterie durch schwach wechselwirkende Masseteilchen befriedigend erkl�rt werden konnte, dachte Sax, dann m��te man die daf�r verantwortliche Theorie wirklich als sehr interessant ansehen.</p><p>Interessant auf andere Weise war der Umstand, da� eine f�hrende Theoretikerin in diesem neuen Stadium der Entwicklung genau hier in Da Vinci arbeitete, und zwar als Teil der eindrucksvollen Gruppe, bei der Sax mitmachte. Sie war in Dorsa Brevia geboren und aufgezogen worden. Ihre Vorfahren waren japanisch und polynesisch. F�r eine der jungen Eingeborenen war sie klein, obwohl noch immer um einen halben Meter gr��er als Sax. Schwarzes Haar, dunkle Haut, pazifische Gesichtsz�ge, sehr regelm��ig und etwas schlicht. Sie war gegen�ber Sax scheu, ja gegen�ber jedermann. Manchmal stotterte sie, was Sax h�chst r�hrend fand. Aber wenn sie im Seminar aufstand, um einen Vortrag zu halten, wurde sie ganz sicher mit der Hand und sogar mit der Stimme, wenn sie ihre Gleichungen und Bemerkungen sehr rasch auf den Schirm schrieb, was wie eine kalligraphische Schnellschrift wirkte. In diesen Momenten beobachteten sie alle sehr genau, praktisch hypnotisiert. Sie arbeitete jetzt seit einem Jahr in Da Vinci; und jeder, der schlau genug war, so etwas zu bemerken, wu�te, da� er ein Mitglied des Pantheons bei der Arbeit sah, das direkt hier vor ihren Augen die Realit�t entdeckte.</p><p>Die anderen jungen T�rken unterbrachen nat�rlich ihre Fragen. In dieser Gruppe waren viele kluge K�pfe, und wenn sie Gl�ck hatten, hielten sie alle beim Modellieren von Gravitonen und Gravitinos, Dunkelmaterie und Schattenmaterie zusammen�� ganz ohne an Pers�nliches und tats�chlich alle Personen zu denken. Sehr produktive und erregende Sitzungen. Bao war hier deutlich die treibende Kraft, auf die man sich verlie� und mit der man rechnen mu�te.</p><p>Das war etwas beunruhigend. Sax waren schon fr�her Frauen in mathematischen und physikalischen Fakult�ten begegnet; aber dies war der einzig weibliche mathematische Genius, von dem er in der ganzen langen Geschichte des mathematischen Fortschritts geh�rt hatte, der, wenn er jetzt daran dachte, eine eigenartig m�nnliche Sache gewesen war. Gab es etwas so M�nnliches, wie es die Mathematik gewesen war? Und warum war das so?</p><p>Auf andere Weise entt�uschend war die Tatsache, da� Teile von Baos Arbeit auf den unpublizierten Aufs�tzen eines Thai-Mathematikers namens Samui aus dem vorigen Jahrhundert beruhten, der in Bangkoks Bordellen gelebt und im Alter von 23 Jahren Selbstmord begangen hatte unter Hinterlassung von einigen �letzten Problemen� nach Art von Fermat. Er hatte bis zum Ende behauptet, da� seine ganze Mathematik ihm von telepathischen Aliens diktiert worden sei. Bao hatte all das ignoriert und einige von Samuis obskuren Neuerungen erkl�rt und dann benutzt, um eine Gruppe von Formeln zu entwickeln, die fortgeschrittene Rovelli-Smolin-Operatoren genannt wurden, die es ihr erm�glichten, ein System von Spin-Netzen aufzustellen, die sehr sch�n mit den Superstrings verflochten waren. Dies war praktisch endlich die vollst�ndige Vereinigung von Quantenmechanik und Gravitation. Wenn es stimmte, war das gro�e Problem gel�st. Aber ob zutreffend oder nicht, es war stark genug gewesen, es Bao zu gestatten, einige spezifische Vorhersagen auf den gr��eren Gebieten von Atom und Kosmos zu machen, von denen manche inzwischen best�tigt worden waren.</p><p>Somit war sie jetzt wirklich die K�nigin der Physik; und die Experimentalisten in den Labors unterhielten st�ndige Datenverbindung mit Da Vinci, auf weitere Vorschl�ge von ihr erpicht. Die Nachmittagssitzungen im Seminarraum waren sp�rbar spannend und aufregend geworden. Max Schnell er�ffnete die Versammlung und rief an manchen Stellen Bao auf. Sie stand dann auf und ging zu dem Schirm vorne im Raum, schlicht, grazi�s, zur�ckhaltend, und lie� den Stift �ber den Schirm fliegen, wenn sie ihnen eine Methode zeigte, genau die Neutrinomasse zu berechnen, oder sehr spezifisch darlegte, wie Strings vibrierten, um die verschiedenen Quarks zu bilden oder den Raum so quantifizierte, da� Gravitinos in drei Familien geteilt wurden und so weiter. Ihre Kollegen und Freunde, vielleicht zwanzig M�nner und eine weitere Frau, unterbrachen sie, um Fragen zu stellen oder Gleichungen hinzuzuf�gen, die Nebenfragen kl�rten, oder den �brigen von den letzten Ergebnissen aus Genf oder Palo Alto oder Rutherford zu berichten. W�hrend dieser Stunde merkten alle, da� sie sich im Mittelpunkt der Welt befanden.</p><p>In den Labors auf der Erde und dem Mars und im Asteroideng�rtel wurden bei sehr delikaten Experimenten im Gefolge ihrer Arbeit ungew�hnliche Schwerewellen beobachtet. Besondere geometrische Muster wurden bei den feinen Fluktuationen in der kosmischen Hintergrundstrahlung enth�llt. Man sonderte WIMPs von Dunkelmaterie und WISPs von Schattenmaterie aus. Die verschiedenen Familien von Leptonen, Fermionen und Leptoquarks wurden erkl�rt. Die Galaktische Zusammenballung bei der ersten kosmischen Inflation wurde zumindest provisorisch gel�st und theoretisch untermauert. Es gab viele Beispiele. Es schien, als ob die Physik endlich an der Schwelle zur Endg�ltigen Theorie st�nde. Oder wenigstens inmitten des n�chsten Gro�en Schrittes.</p><empty-line/><p>In Anbetracht der Bedeutung dessen, was Bao tat, hatte Sax Scheu, mit ihr zu sprechen. Er wollte ihre Zeit nicht mit Trivialit�ten vergeuden. Aber eines Nachmittags bei einer Kavaparty auf einem der Balkons �ber dem Kratersee von Da Vinci trat sie an ihn heran; noch scheuer und unsicherer als er selbst, so da� er in die ungew�hnliche Lage geriet, einer anderen Person zu helfen, f�r sie S�tze zu beenden und dergleichen. Er tat das, so gut er konnte; und sie stolperten so dahin, sprachen �ber seine alten RussellDiagramme f�r Gravitinos, die er jetzt f�r nutzlos hielt, aber sie sagte, da� die ihr immer noch behilflich w�ren, gravitative Aktionen zu erkennen. Und als er dann eine Frage �ber das Seminar dieses Tages stellte, war sie schnell entspannter. Gewi�, das war der Weg, es ihr behaglich zu machen. Er h�tte gleich daran denken sollen. Es gefiel ihm selbst.</p><p>Danach sprachen sie ab und zu miteinander. Er hatte immer M�he, sie aus sich herauszulocken, aber es war eine interessante Arbeit. Und als die trockene Jahreszeit kam im �quinoktium des Herbstes und er sich anschickte, wieder aus dem kleinen Hafen Alpha hinauszusegeln, fragte er sie z�gernd, ob sie gern mal mitkommen w�rde. Und sie stotterten eine Weile herum, mit dem Ergebnis, da� sie mit ihm am n�chsten sch�nen Tag in einem der vielen kleinen Katamarane des Labors zum Segeln fuhr.</p><p>Bei Tagestouren blieb Sax in der kleinen Bucht, genannt die Florentine, s�d�stlich der Halbinsel, wo sich der Ravi-Fjord erweiterte, ehe er zur Hydroates- Bucht wurde. Dort hatte Sax Segeln gelernt, und dort war er immer noch am besten mit den Winden und Str�mungen vertraut. Auf l�ngeren Fahrten hatte er das Delta von Fjorden und Buchten am unteren Ende des Marineris-Systems erkundet, und drei- oder viermal war er die Ostseite des Chryse-Golfs hinaufgesegelt bis hin zum Mawrth-Fjord und entlang der Sinai-Halbinsel.</p><p>Aber an diesem speziellen Tag beschr�nkte er sich auf Florentine. Der Wind kam von S�den, und Sax kreuzte ihm entgegen und beanspruchte Baos Hilfe bei jedem Kurswechsel. Keiner von beiden sprach sonderlich viel. Um die Sache in Gang zu bringen, war Sax schlie�lich gezwungen, Fragen zur Physik zu stellen. Sie sprachen �ber die Wege, in denen Strings das eigentliche Gewebe der Raumzeit darstellten, statt nur Ersatz f�r Punkte in einem absoluten abstrakten Gitter zu sein.</p><p>Sax dachte dar�ber nach und sagte: �Machst du dir �berhaupt keine Sorgen, da� die Arbeit an einem so weit jenseits des Bereichs der Experimentalphysik liegenden Thema sich als eine Art Kartenhaus erweisen k�nnte�� umgeworfen durch eine simple Diskrepanz in der Mathematik oder eine sp�tere andere Theorie, die den Job besser erledigt oder leichter zu best�tigen ist?�</p><p>�Nein�, sagte Bao. �Etwas so Sch�nes wie dies hier mu� wahr sein.�</p><p>�Hmm�, machte Sax. �Ich mu� zugeben, da� es mir lieber w�re, wenn etwas Solides zutage treten w�rde. Etwas wie Einsteins Merkur�� eine bekannte Diskrepanz in der vorhergegangenen Theorie, die die neue Theorie beseitigt.�</p><p>�Manche Leute w�rden sagen, da� die fehlende Schattenmaterie die Rechnung begleicht.�</p><p>�M�glicherweise.�</p><p>Sie lachte. �Ich sehe, du brauchst mehr. Vielleicht k�nnen wir doch etwas tun.�</p><p>�Nicht unbedingt�, erwiderte Sax. �Obwohl es nat�rlich h�bsch w�re. Ich meine �berzeugend. Wenn man etwas besser verst�nde, so da� wir besser damit umgehen k�nnten. Wie das Plasma in den Fusionsreaktoren.� Das war ein Problem, das gerade in einem anderen Labor in Da Vinci bearbeitet wurde.</p><p>�Plasmen w�rden vielleicht besser verstanden, wenn man sie so modellierte, als h�tten sie Muster, die von Spin-Netzen aufgepr�gt w�ren.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Das ist meine Meinung.�</p><p>Sie schlo� die Augen, als ob sie alles auf der Innenseite ihrer Lider aufgeschrieben sehen k�nnte. Alles in der Welt. Sax empfand einen scharfen Stich von Neid oder�� Verlust. Er hatte immer nach dieser Art von Einsicht verlangt. Und hier war sie, gleich neben ihm im Boot. Genie unmittelbar zu erleben war faszinierend.</p><p>�Glaubst du, da� diese Theorie das Ende der Physik sein wird?� fragte er.</p><p>�O nein. Obwohl wir die Grundz�ge ausarbeiten k�nnten. Du wei�t, die fundamentalen Gesetze. Das k�nnte m�glich sein, sicher. Aber dann schafft jedes auftauchende Niveau seine eigenen Probleme. Die Arbeit von Taneev kratzt da nur an der Oberfl�che. Das ist wie beim Schachspiel. Wir k�nnten alle Regeln lernen, aber dennoch nicht imstande sein, sehr gut zu spielen, eben wegen auftauchender Eigenschaften. So wie bekanntlich Figuren st�rker sind, wenn sie sich au�erhalb vom Zentrum des Spielfeldes befinden. Das steht nicht in den Regeln. Es ist ein Resultat aller Regeln zusammengenommen.�</p><p>�Wie das Wetter.�</p><p>�Ja. Wir verstehen Atome schon besser als das Wetter. Die Wechselwirkungen der Elemente sind zu komplex, als da� man ihnen folgen k�nnte.�</p><p>�Es gibt die Holonomie. Das Studium ganzer Systeme.�</p><p>�Aber das ist bisher reine Spekulation. Der Beginn einer Wissenschaft, wenn sich zeigt, da� es funktioniert.�</p><p>�Und was ist mit Plasmen?�</p><p>�Die sind sehr homogen. Es spielen nur ganz wenige Faktoren hinein, so da� man die Analysen der Spin-Netze anwenden k�nnte.�</p><p>�Du solltest der Fusionsgruppe davon erz�hlen.�</p><p>�Ja. Wirklich?� Sie machte ein �berraschtes Gesicht.</p><p>�Ja.�</p><p>Dann kam ein scharfer Windsto�, und sie brauchten einige Minuten, bis das Boot reagierte. Der Mast zog die Segel knatternd an sich; bis sie wieder angeluvt hatten, und quer zu der auffrischenden Brise in die Sonne fuhren. Auf dem feinen schwarzen Haar, das in Baos Nacken zusammengerafft war, flimmerte Licht. Dahinter lagen die Meeresklippen von Da Vinci. Netzwerke, die bei der Ber�hrung durch die Sonne zitterten�� nein. Er konnte es nicht sehen, ob mit offenen oder geschlossenen Augen.</p><p>�Hast du dich jemals dar�ber gewundert�, fragte er vorsichtig, �da� du... eine der ersten gro�en weiblichen Mathematiker bist?�</p><p>Sie machte ein �berraschtes Gesicht und wandte den Kopf ab. Er sah, da� sie dar�ber nachgedacht hatte. �Die Atome in einem Plasma bewegen sich nach Mustern, die gro�e Fraktale der Muster von SpinNetzwerken sind�, erwiderte sie.</p><p>Sax nickte und stellte dazu weitere Fragen. Es erschien ihm m�glich, da� sie imstande sein w�rde, der Fusionsgruppe von Da Vinci bei den Problemen zu helfen, die sie dabei hatten, einen Fusionsapparat von geringem Gewicht technisch zu realisieren.</p><p>�Hast du dich jemals im Ingenieurwesen bet�tigt? Oder Angewandte Physik?�</p><p>Sie antwortete gekr�nkt: �Ich bin Physikerin.�</p><p>�Ja, aber doch eher Theoretische Physikerin. Ich dachte an die Ingenieurseite.�</p><p>�Physik ist Physik.�</p><p>Er stie� noch einmal nach, diesmal indirekt. �Wann hast du mit der Mathematik angefangen?�</p><p>�Meine Mutti hatte mir mit vier quadratische Gleichungen vorgesetzt und alle Arten mathematischer Spiele. Sie war Statistikerin und auf das alles sehr versessen.�</p><p>�Und die Schulen von Dorsa Brevis...�</p><p>Sie zuckte die Achseln. �Die waren in Ordnung. Mathematik habe ich zumeist durch Lekt�re betrieben und durch Korrespondenz mit der Fakult�t in Sabishii.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>Und dann sprachen sie wieder �ber die neuen Resultate von CERN, �ber Wetter und �ber die F�higkeit des Segelbootes, auf ein paar Grade gegen den Wind zu kreuzen. In der folgenden Woche ging sie wieder mit ihm auf einen seiner Spazierg�nge auf den Meeresklippen der Halbinsel. Es machte ihm gro�e Freude, ihr die Tundra zu zeigen. Und im Laufe der Zeit, wobei sie ihn Schritt f�r Schritt f�hrte, schaffte sie es, ihn zu �berzeugen, da� sie vielleicht dem Verst�ndnis nahe k�men, was auf dem Planckschen Niveau geschah. Eine wirklich erstaunliche Sache, dachte er, dieses Niveau intuitiv zu erkennen und dann die Spekulationen und Deduktionen anzustellen, die erforderlich waren, um der Sache Fleisch und Gestalt zu geben und eine sehr komplexe neue Physik f�r einen Bereich zu schaffen, der so klein und so weit von dem durch die Sinne erfa�baren Bereich entfernt war. Wirklich Respekt gebietend. Der Struktur der Realit�t auf der Spur. Obwohl beide sich einig waren, da�, genau wie bei allen fr�heren Theorien, viele grundlegende Fragen unbeantwortet blieben. Das war unvermeidlich. So konnten sie also Seite an Seite im Gras in der Sonne liegen und so tief in die Bl�te einer Tundrablume schauen, wie das nur m�glich war; und ganz gleich, was auf dem Planck-Niveau geschah, leuchteten im Hier und Jetzt die Bl�tenbl�tter blau im Licht mit einer geheimnisvollen Kraft, die das Auge fesselte.</p><empty-line/><p>Tats�chlich machte das Liegen im Gras deutlich, wie stark der Permafrost schmolz. Die Schmelze lag auf einer harten Unterlage aus noch gefrorenem Boden, so da� die Oberfl�che satt und morastig war. Als Sax aufstand, wurde sein Bauch in der Brise augenblicklich kalt. Er spreizte die Arme zum Sonnenlicht. Ein Photonenregen, der durch die Spin-Netze vibrierte. In vielen Regionen wurde Abw�rme aus Kernkraftwerken in die kapillaren G�nge im Permafrost geleitet, erz�hlte er Bao, als sie zum Rover zur�ckgingen. Das machte in manchen feuchten Gebieten, die zur S�ttigung an der Oberfl�che neigten, Schwierigkeiten. Das Land schmolz gewisserma�en. Schlagartig Feuchtgebiete. Ein �beraus aktives Biom. Obwohl die Roten Einspruch erhoben. Aber der gr��te Teil des Landes, der durch das Schmelzen des Permafrosts betroffen gewesen w�re, lag jetzt ohnehin unter dem Nordmeer. Das wenige, das �ber dem Meer blieb, sollte als Sumpf- und Marschland erhalten bleiben.</p><p>Der Rest der Hydrosph�re erfuhr fast genauso gro�e Ver�nderungen der Oberfl�che. Dagegen war nichts zu machen. Wasser nagte die Felsen sehr wirksam ab, obwohl das kaum zu glauben war, wenn man sah, wie ein zarter Wasserfall an einer Klippe hinunterfiel und zu wei�em Nebel wurde, lange bevor er den Ozean erreichte. Dann aber gab es das Schauspiel gigantischer Howlerwellen, die so hart auf die Klippen schlugen, da� der Boden unter den F��en zitterte. Ein paar Millionen Jahre in dieser Weise, und die Klippen w�rden erheblich erodiert sein.</p><p>�Hast du die Flu�canyons gesehen?� fragte Bao.</p><p>�Ja, ich habe Nirgal Vallis gesehen. Bemerkenswert, wie befriedigend es war, Wasser unten auf dem Boden zu sehen. So passend.�</p><p>�Ich wu�te nicht, da� es hier drau�en so viel Tundra gibt.�</p><p>Tundra war die vorherrschende L�sung f�r einen gro�en Teil der Gebirge im S�den, sagte er ihr. Tundra und W�ste. In der Tundra wurde das Gras sehr wirksam am Boden fixiert. Kein Wind konnte Schlamm oder Treibsand aufheben und wegblasen, und davon gab es hier eine reichliche Menge. Das machte es gef�hrlich, in gewissen Regionen zu reisen. In den W�sten rissen die starken Winde gro�e Mengen von Staub in den Himmel, welche die Temperaturen senkten und den Tag verdunkelten. Sie schufen gro�e Probleme, wenn sie niedergingen, wie es Nirgal ergangen war. Pl�tzlich neugierig, fragte er: �Bist du schon einmal Nirgal begegnet?�</p><p>�Nein.�</p><p>Die Sandst�rme in diesen Tagen waren nat�rlich nicht mit dem l�ngst vergessenen Gro�en Sturm zu vergleichen, aber ein Faktor mu�te doch beachtet werden: Eine Bedeckung der W�stenfl�che mit Mikrobakterien war eine vielversprechende L�sung, obwohl dadurch meist nur die oberste, nur Zentimeter dicke Schicht von Ablagerungen fixiert wurde. Und wenn der Wind den Rand dieser Decke wegri�, war das, was darunter lag, der Erosion ausgesetzt. Kein leicht zu l�sendes Problem. Die Staubst�rme w�rden sie noch durch Jahrhunderte begleiten.</p><p>Immerhin eine aktive Hydrosph�re. Das bedeutete Leben.</p><empty-line/><p>Baos Mutter starb beim Absturz eines kleinen Flugzeugs; und Bao als ihre j�ngste Tochter mu�te nach Hause und sich um alles k�mmern, einschlie�lich des Familienheims. Wie man Sax sagte, war das aktive Ultimogenitur, also das Erbrecht des j�ngsten Angeh�rigen, nach dem Muster des Matriarchats der Hopi. Bao war nicht sicher, wann sie zur�ck sein w�rde. Es war sogar m�glich, da� sie sich l�nger dort aufhalten werden w�rde. Sie sah das ganz sachlich. Das waren einfach Dinge, die getan werden mu�ten. Sie hatte sich bereits in eine innere Welt zur�ckgezogen. Sax konnte ihr nur zum Abschied winken und kopfsch�ttelnd wieder in sein Zimmer gehen. Sie w�rden die Grundgesetze des Universums verstehen, ehe sie auch nur im geringsten mit gesellschaftlichen Dingen umgehen konnten. Ein besonders widerspenstiges Forschungsgebiet. Er rief Michel an und brachte etwas dieser Art zum Ausdruck. Michel sagte: �Das ist, weil die Kultur Fortschritte macht.�</p><p>Sax glaubte zu verstehen, was Michel meinte. Es gab rapide Ver�nderungen, was das Verhalten vielen Dingen gegen�ber betraf. Wertewandel, wie Bela es nannte, die Mutation von Werten. Aber sie lebten immer noch in einer Gesellschaft, die mit Archaismen aller Art zu k�mpfen hatte. Primaten schl�ssen sich noch immer zu Gruppen zusammen und h�teten ein Territorium, wobei sie zu Gott wie zu einem Bilderbuchvater beteten... �Manchmal denke ich, da� es �berhaupt keinen Fortschritt gegeben hat�, sagte er und f�hlte sich hart entt�uscht.</p><p>Michel protestierte. �Aber Sax, gerade hier auf dem Mars haben wir gesehen, wie Patriarchat und Eigentum ein Ende gefunden haben. Das ist eine der gr��ten Errungenschaften in der menschlichen Geschichte.�</p><p>�Falls es stimmt.�</p><p>�Meinst du nicht, da� Frauen jetzt ebenso viel Macht haben wie M�nner?�</p><p>�Soweit ich das beurteilen kann.�</p><p>�Vielleicht sogar noch mehr, wenn es um die Fortpflanzung geht.�</p><p>�Das erg�be Sinn.�</p><p>�Und das Land liegt in der gemeinsamen Obhut aller. Wir haben noch unsere pers�nlichen Dinge als Eigentum; aber Land als Eigentum hat es hier nie gegeben. Das ist eine neue soziale Realit�t, mit der wir t�glich zu k�mpfen haben.�</p><p>So war das. Und Sax erinnerte sich, wie bitter die Konflikte in den alten Tagen gewesen waren, als Eigentum und Kapital an der Tagesordnung gewesen waren. Ja, vielleicht war es wahr: Patriarchat und Eigentum wurden abgeschafft. Zumindest auf dem Mars und zumindest jetzt. Wie mit der Stringtheorie k�nnte es lange dauern, bis es richtig in Ordnung gebracht werden w�rde. Immerhin war Sax selbst, der keinerlei Vorurteile hatte, erstaunt gewesen, eine weibliche Mathematikerin am Werk zu sehen. Oder, um genauer zu sein, ein weibliches Genie. Durch die er sozusagen prompt hypnotisiert wurde, so wie jeder andere Mann in der Gruppe der Theoretiker. Das ging so weit, da� er durch ihre Abreise v�llig verwirrt war. Er sagte verlegen: �Auf der Erde scheinen die Menschen genau so viel zu k�mpfen wie zuvor.�</p><p>Selbst Michel mu�te das zugeben. Im Versuch, das abzuweisen, sagte er: �Bev�lkerungsdruck. Da unten gibt es zu viele Menschen, und es werden st�ndig noch mehr. Du hast bei unserem Besuch gesehen, wie das war. Solange die Erde sich in dieser Situation befindet, ist der Mars bedroht. Und deshalb k�mpfen wir auch hier oben.�</p><p>Sax verstand das. Es war in gewisser Weise tr�stlich. Das menschliche Verhalten nicht von Grund auf b�se oder t�richt zu sehen, sondern halb rational auf eine gegebene historische Situation, eine Gefahr, reagierend. Man nahm, was man ergattern konnte, mit dem Hintergedanken, da� es nicht f�r alle reichen k�nnte. Man tat alles m�gliche, um die eigene Nachkommenschaft zu sch�tzen. Aber genau dadurch wurde nat�rlich jede Nachkommenschaft gef�hrdet, wegen dieser geballten selbsts�chtigen Aktionen. Aber man konnte es zumindest einen Versuch zur Vernunft nennen, eine erste N�herung.</p><p>�Jedenfalls ist es nicht so schlimm, wie es einmal gewesen ist�, sagte Michel. �Selbst auf der Erde haben die Leute jetzt weniger Kinder. Und sie reorganisieren sich recht gut in Kollektiven in Anbetracht der Flut und all der Unruhe, die ihr vorausgegangen ist. Es gibt da unten eine Menge sozialer Bewegungen, von denen viele durch das inspiriert sind, was wir hier tun. Und was Nirgal tut. Sie beobachten ihn noch und h�ren ihm zu, auch wenn er nicht spricht. Was er w�hrend unseres Besuches sagte, hat immer noch gro�e Wirkung.�</p><p>�Das glaube ich.�</p><p>�Na also! Es wird besser, das mu�t du zugeben. Und wenn die Behandlungen f�r Langlebigkeit nicht mehr wirken, wird es zu einem Gleichgewicht der Geburten und Todesf�lle kommen.�</p><p>�Diese Zeit werden wir bald erreichen�, erkl�rte Sax d�ster.</p><p>�Warum sagst du das?�</p><p>�Anzeichen daf�r erscheinen schon. Die Menschen sterben aus der einen oder anderen Ursache. Das Greisenalter ist nicht unproblematisch. Und so weiter zu leben wie wir, wenn das Greisentum l�ngst h�tte eintreten sollen... Es ist ein Wunder, da� wir so viel geschafft haben. Vermutlich hat das Altwerden seinen Sinn. Vielleicht die Vermeidung der �berv�lkerung. Oder Platz zu schaffen f�r neues genetisches Material.�</p><p>�Das verhei�t uns nicht Gutes.�</p><p>�Wir sind schon mehr als zweihundert Prozent �ber die alte mittlere Lebenserwartung hinaus.�</p><p>�Zugegeben, aber dennoch. Deswegen will man nicht, da� es ein Ende hat.�</p><p>�Nein. Aber wir m�ssen uns auf den Augenblick konzentrieren. �brigens�� kommst du mit mir hinaus aufs Feld? Das wird so unterhaltsam sein, wie du dir nur w�nschen kannst. Es ist sehr interessant.�</p><p>�Ich werde versuchen, mich gelegentlich frei zu machen. Aber ich habe eine Menge Klienten.�</p><p>�Du hast viel freie Zeit. Du wirst sehen.�</p><empty-line/><p>In diesem Moment stand die Sonne hoch. Runde wei�e Wolken t�rmten sich �ber ihren K�pfen und fanden sich in riesigen Anordnungen, die fast wie sich zu den Unterseiten hin abdunkelnder Marmor aussah. Cumulonimbus. Sax stand wieder auf der westlichen Klippe von Da Vinci und blickte �ber den Shalbatana- Fjord zu der Klippe, die die �stliche Seite von Lunae Planum begrenzte. Hinter ihm erhob sich ein Berg mit flacher Kuppe, der den Rand des Kraters Da Vinci bildete. Heimatbasis. Er lebte nun schon sehr lange dort. In diesen Tagen lie� ihre Koop in Zusammenarbeit mit Spencers Labor in Odessa und anderswo viele Satelliten in den Orbit aufsteigen. Ebenso wie die Booster, eine Kooperative im Stil von Mondragon, die den Ring von Labors und Wohnsitzen im Rand betrieb, und auch die Felder und den See, der den Boden des Kraters f�llte. Einige von ihnen �rgerten sich �ber Einschr�nkungen, die die Umweltgerichtsh�fe den geplanten Projekten auferlegt hatten. Dazu geh�rten auch neue Kraftwerke, die zuviel W�rme abgeben w�rden. In den letzten paar Jahren hatte der Globale Exekutivrat sogenannte K-Rationen ausgegeben, welche den Kommunen das Recht gaben, den festgesetzten Bruchteil eines Kelvin zur globalen Erw�rmung beizutragen. Manche Roten Kommunen taten ihr Bestes, um K-Rationen zugewiesen zu bekommen, und benutzten sie dann nicht. Diese Ma�nahme verhinderte neben laufenden Sabotageakten, da� die globale Temperatur besonders rasch anstieg, gleichg�ltig, was andere Kommunen taten. So etwa argumentierten die anderen Kommunen. Aber die Gerichtsh�fe waren mit K-Rationen immer noch knauserig. Aufgetretene F�lle wurden von einem Gerichtshof der Provinz abgeurteilt; dann wurde das Urteil von der Globalen Instanz gebilligt, und das war es .darin. Keine Berufungen, sofern man keine beibringen konnte, die nicht von f�nfzig anderen Kommunen mitunterzeichnet war, und selbst dann fiel die Berufung nur in den Morast der globalen Legislatur, wo ihr Schicksal von der undisziplinierten Meute in der Duma abhing.</p><p>Langsamer Fortschritt. Auch gerecht. Sax war zufrieden, wenn die globalen mittleren Temperaturen �ber dem Gefrierpunkt lagen. Ohne die Beschr�nkungen seitens des Globalen Exekutivrates konnte es leicht zu warm werden. Nein, er hatte es nicht mehr eilig. Er war ein Bef�rworter der Stabilisierung geworden.</p><p>Jetzt, an einem Periheltag drau�en in der Sonne, herrschten erfrischende 281 K. Er ging am Klippenrand von Da Vinci entlang und hielt Ausschau nach alpinen Bl�ten in den Spalten des Ger�lls. Als er danach auf den hellen Glanz der besonnten Fl�che des Fjords schaute, kam ihm vom Klippenrand herunter eine gro�e Frau entgegen, die eine Gesichtsmaske und einen Pullover trug, sowie gro�e Kletterstiefel: Ann. Er erkannte sie sofort. Diese Gangart lie� keinen Zweifel. Es war leibhaftig Ann Clayborne.</p><p>Diese �berraschung versetzte seiner Erinnerung einen doppelten Stoߠ� an Hiroko, wie sie aus dem Schnee auftauchte, um ihn zu seinem Rover zu f�hren; und an Ann in Antarctica, wie sie �ber den Fels marschierte, um ihn zu treffen�� aber warum?</p><p>Verwirrt versuchte er, dem Gedanken nachzusp�ren. Ein Doppelbild, ein fl�chtiges Einzelbild...</p><p>Dann stand Ann vor ihm, und die Erinnerungen waren verschwunden, vergessen wie ein Traum.</p><empty-line/><p>Er hatte sie seit ihrer gerontologischen Behandlung in Tempe nicht mehr gesehen und f�hlte sich sehr unbehaglich. Vielleicht war das eine Furchtreakion. Nat�rlich war es unwahrscheinlich, da� sie ihn physisch angreifen w�rde, obwohl sie das schon einmal getan hatte. Aber es waren nicht solche Angriffe, die ihm Sorgen machten. Damals in Antarctica�� er tastete nach der fl�chtigen Erinnerung und verlor sie wieder. Erinnerungen am Rande des Bewu�tseins gingen bestimmt verloren, wenn man sich entschlossen bem�hte, sie wieder zu erlangen. Warum, das war ein Geheimnis. Er wu�te nicht, was er sagen sollte.</p><p>Sie fragte durch ihre Gesichtsmaske: �Bist du jetzt gegen Kohlendioxid immun?�</p><p>Er sprach von der neuen H�moglobinbehandlung und k�mpfte um jedes Wort, wie er es nach dem Schlag getan hatte. Mitten in seiner Erkl�rung lachte sie laut heraus. �Krokodilblut, was?�</p><p>�Ja�, sagte er, da er ihren Gedanken erriet. �Krokodilblut und Rattengehirn.�</p><p>�Hundert Ratten.�</p><p>�Ja. Besondere Ratten�, sagte er und bem�hte sich um Korrektheit. Mythen haben schlie�lich ihre eigene starre Logik, wie Levi-Strauss gezeigt hatte. Er wollte sagen, es w�ren geniale Ratten gewesen, hundert St�ck, und jede einzelne ein Genie. Selbst seine miserablen graduierten Studenten mu�ten das zugeben.</p><p>�Ver�nderte Geister�, sagte sie und folgte seinem Gedankengang.</p><p>�Ja.�</p><p>�Also nach deinem Gehirnschaden zweimal ver�ndert�, bemerkte sie.</p><p>�Das ist richtig.� Es war deprimierend, es sich so vorzustellen. Diese Ratten waren fern ihrer Heimat. �Plastische Verst�rkung. Hast du...?�</p><p>�Nein. Habe ich nicht.�</p><p>Es war also immer noch dieselbe alte Ann. Er hatte gehofft, sie w�rde die Drogen bei ihrer Wiedererkennung benutzen. Das Licht sehen. Aber nein. Obwohl die Frau vor ihm nicht wie dieselbe Ann aussah, nicht genau. Der Ausdruck in ihren Augen. Er hatte sich an ihren Blick gew�hnt, der ein sicheres Zeichen von Ha� zu sein schien. Seit ihrem Streit auf der <emphasis>Hades</emphasis> und schon davor. Er hatte genug Zeit gehabt, sich daran zu gew�hnen. Oder zumindest, es zu lernen.</p><p>Jetzt, mit aufgesetzter Gesichtsmaske und einem anderen Zug um die Augen, wirkte es fast wie ein fremdes Gesicht. Sie beobachtete ihn scharf, aber die Haut um ihre Augen war nicht mehr so verkrampft. Runzlig wohl, sie und er hatten beide sehr viele Runzeln; aber diese Runzeln lie�en auf ein entspanntes Gewebe schlie�en. Es schien m�glich, da� die Maske sogar ein leichtes L�cheln verbarg. Es wu�te nicht, was er davon halten sollte.</p><p>�Ihr habt mir die gerontologische Behandlung gegeben�, sagte sie.</p><p>�Ja.�</p><p>Sollte er sagen, da� es ihm leid t�te, wenn das nicht so w�re? Er starrte sie mit gel�hmter Zunge und verkrampftem Kiefer an wie ein von einer Schlange gebannter Vogel und hoffte auf irgendein Zeichen, da� sie in Ordnung war, da� er das Richtige getan hatte.</p><p>Sie zeigte pl�tzlich auf die Umgebung. �Was willst du jetzt machen?�</p><p>Er bem�hte sich, den Sinn ihrer �u�erung zu verstehen, die ihm so r�tselhaft vorkam wie ein Koan. Er sagte: �Ich bin drau�en, um zu schauen.� Ihm fiel nichts ein, was er sonst h�tte sagen sollen. Sprache, all diese sch�nen k�stlichen Worte, waren pl�tzlich davongeflattert wie eine Schar aufgescheuchter V�gel. Alle au�er Reichweite. Der Sinn verschwunden.</p><p>Nur noch zwei Tiere, die da in der Sonne standen. Schau, schau, schau!</p><p>Sie l�chelte nicht mehr, falls sie es zuvor �berhaupt getan hatte. Sie schleuderte ihm auch keine Dolche in ihren Blicken entgegen. Eine eher absch�tzende Miene, ganz so als w�re er ein Stein. Bei Ann bedeutete das Fortschritt.</p><p>Aber dann machte sie kehrt und ging fort, die Klippe hinunter zu dem kleinen Hafen von Zed.</p><p>Sax kehrte etwas verbl�fft zum Da-Vinci-Krater zur�ck. Dort hielten sie ihre allj�hrliche Partie Russisches Roulette ab, in der sie auf ein Jahr die Repr�sentanten f�r die globale Legislatur und auch die verschiedenen Koop-Posten ausw�hlten. Nach dem Ritual der aus einem Hut gezogenen Namen dankte man den Leuten, die im vorigen Jahr diesen Job getan hatten und tr�stete die, auf welche dieses Jahr das Los gefallen war. Und die meisten von ihnen feierten wieder einmal, da� sie davongekommen waren.</p><p>Man hatte die Methode der Auslosung f�r administrative Jobs in Da Vinci gew�hlt, weil das der einzige Weg war, die Leute dazu zu bringen, sie zu �bernehmen. Ironischerweise hatten sich die Techniker von Da Vinci nach allen ihren Bem�hungen, jedem B�rger das H�chstma� an Selbstmanagement zuteil werden zu lassen, als allergisch gegen die damit verbundene Arbeit erwiesen. Sie wollten nur ihre Forschung betreiben. �Wir sollten die Verwaltung ganz den Computern �berlassen�, sagte Kouta Arai jedes Jahr zwischen den Schlucken aus einem Steinkrug mit sch�umendem Bier. Aonia, die Dumarepr�sentantin des vorigen Jahres, sagte zur diesj�hrigen Wahl: �Du gehst nach Mangala und sitzt herum und diskutierst; und der Stab tut die anfallende Arbeit. Das meiste davon ist an den Rat oder die Gerichtsh�fe oder die Parteien abgegeben worden. Es sind die Apparatschiki des Freien Mars, die diesen Planeten wirklich betreiben. Aber es ist eine recht h�bsche Stadt, in der Bucht kann man sch�n Bootfahren und im Winter Eissegeln.�</p><p>Sax ging weg. Jemand beklagte sich �ber die vielen neuen Hafenst�dte, die am S�dgolf entstanden, zu dicht, um noch behaglich zu sein. Politik in ihrer verbreitetsten Form: Klagen. Niemand will etwas tun, aber ein jeder genie�t es, sich zu beklagen. Diese Art von Gerede w�rde etwa eine halbe Stunde lang weitergehen, um dann wieder auf die Arbeit zur�ckzukommen. Es gab eine Gruppe, die Sax schon am Ton ihrer Stimmen erkennen konnte. Er ging hin�ber und bemerkte, da� sie �ber Fusion sprachen. Sax blieb stehen. Es schien, da� sie �ber neue Entwicklungen in ihren Labors bei der Konstruktion eines gepulsten Kernfusionsmotors erregt waren. Kontinuierliche Fusion war schon vor Jahrzehnten erzielt worden; aber daf�r waren extrem massive Tokamaks erforderlich, Aggregate, die zu gro�, zu schwer und zu kostspielig waren, um in den meisten Anwendungsbereichen benutzt werden zu k�nnen. Aber dieses Labor versuchte, viele kleine Treibstoffk�gelchen in rascher Folge hinein implodieren zu lassen und die Resultate der Fusion als Energiequelle zu nutzen.</p><p>�Hat Bao zu euch dar�ber gesprochen?� fragte Sax.</p><p>�Nun ja, ehe sie abreiste, kam sie her�ber, um mit uns �ber Plasmamuster zu reden. Das war nicht unmittelbar hilfreich. Dies hier ist wirklich makro im Vergleich mit dem, was sie macht; aber sie ist so verdammt schlau; und nachher sagte sie Yananda etwas, wie wir die Implosion versiegeln und trotzdem einen Platz f�r sp�tere Emission lassen k�nnen.�</p><p>Sie benutzten ihre Laser, um die K�gelchen von allen Seiten zugleich treffen zu k�nnen. Aber es mu�te auch einen Ausla� f�r geladene Partikel geben. Bao hatte sich offenbar f�r das Problem interessiert; und jetzt kehrten sie wieder zu einer lebhaften Diskussion dar�ber zur�ck, was sie endlich erreicht zu haben glaubten. Und wenn jemand in den Kreis hereinschneite und die Lotterieergebnisse des Tages erw�hnte, wiesen sie ihn an. �Ka, bitte keine Politik!�</p><p>Als Sax weiterging und halb den Gespr�chen lauschte, die er im Vorbeigehen erhaschte, war er von neuem betroffen von dem unpolitischen Charakter der meisten Wissenschaftler und Techniker. Gegen Politik schienen sie allergisch zu sein. Das f�hlte auch er. Das mu�te er zugeben. Politik war unabweisbar subjektiv und kompromi�lerisch, ein Proze�, der v�llig gegen den Kern der wissenschaftlichen Methode ging. Was war richtig? Diese Gef�hle und Vorurteile waren an sich subjektiv. Man konnte versuchen, Politik als eine Art Wissenschaft zu sehen, etwa als eine lange Reihe von Experimenten �ber kommunales Leben, wobei alle Daten durchweg verunreinigt waren. So stellten Leute ein hypothetisches Regierungssystem auf, die Leute lebten es und pr�ften, wie sie sich damit f�hlten. Dann �nderten sie das System und starteten einen neuen Versuch. Im Laufe der Jahrhunderte schienen gewisse Konstanten oder Prinzipien aufgetaucht zu sein, w�hrend sie ihre Experimente und Paradigmen verfolgten und sukzessive n�here Approximationen von Systemen suchten, die Qualit�ten wie physisches Wohlergehen, individuelle Freiheit, Gleichheit, F�rsorge f�r das Land, gelenkte M�rkte, gesetzliche Regeln und allgemeines Mitgef�hl f�rderten. Nach wiederholten Experimenten war klar geworden�� zumindest auf dem Mars��, da� alle diese bisweilen widerspr�chlichen Ziele am besten in einer Polyarchie realisiert werden konnten, einem komplexen System, in dem die Macht auf eine Anzahl von Institutionen verteilt war. Theoretisch schuf dieses System der geteilten Macht, teils zentralisiert und teils dezentralisiert, ein H�chstma� an individueller Freiheit und kollektivem Wohlergehen durch Maximierung der Kontrolle, die das Individuum �ber das eigene Leben hatte.</p><p>Das hatte es auf sich mit der politischen Wissenschaft. In der Theorie eine feine Sache. Aber daraus folgte, da� die Menschen, wenn sie an die Theorie glaubten, eine angemessene Zeit der Aus�bung ihrer Macht widmen mu�ten. Das war Selbstregierung. Eine Tautologie: Das Selbst regierte. Und das erforderte Zeit. �Jene, die die Freiheit sch�tzen, m�ssen die erforderliche Anstrengung unternehmen, sie zu verteidigen�, wie Tom Paine gesagt hatte�� ein Faktum, das Sax kannte, weil Bela die schlechte Gewohnheit angenommen hatte, in den Hallen Plakate aufzustellen, auf denen so anregende Spr�chlein standen. �Wissenschaft ist Politik mit anderen Mitteln�, hatte eine andere, etwas mysteri�se �u�erung gelautet.</p><p>In Da Vinci aber wollten die meisten Leute ihre Zeit nicht auf diese Weise verbringen. �Der Sozialismus wird nie siegen�, hatte Oscar Wilde bemerkt (handschriftlich auf einem anderen Plakat zu finden), �er nimmt zu viele Abende in Anspruch.� So war es auch; und die L�sung bestand darin, da� man seine Freunde veranla�te, ihre Abende f�r einen in Anspruch zu nehmen. Daher die Lotteriemethode bei der Wahl, ein kalkuliertes Risiko, weil man eines Tages den Job selbst aufgehalst bekommen k�nnte. Aber gew�hnlich lohnte sich das Risiko. Das zeigte die Fr�hlichkeit bei der diesj�hrigen Party. Die G�ste str�mten durch die Glast�ren des Gemeindehauses ein und aus zu den freien Terrassen mit Blick auf den Kratersee und f�hrten lebhafte Unterhaltungen. Auch die Einberufenen wurden allm�hlich, nachdem sie sich mit Kavajava und Alkohol getr�stet hatten, wieder fr�hlicher. Und vielleicht war dabei auch der Hintergedanke, da� Macht schlie�lich Macht bedeutet. Gut, es war eine auferlegte Pflicht, aber die diesmal an der Reihe waren, konnten immerhin die eine oder andere Kleinigkeit ausrichten, die ihnen sicher gerade jetzt einfiel�� Rivalen Steine in den Weg legen, Leuten, die sie beeindrucken wollten, Gef�lligkeiten erweisen etc. Somit hatte das System wieder einmal funktioniert. Es gab frische Pers�nlichkeiten, die den ganzen polyarchischen Apparat f�llten, die Aussch�sse f�r Nachbarschaft, f�r Wasser, f�r Bauaufsicht, f�r Projektbeurteilung und f�r �konomische Koordination, f�r die Koordination all dieser kleineren K�rperschaften, und f�r die Beratung der globalen Delegierten�� das ganze Netz kleiner Managementgruppen, die progressive Theoretiker der Politik in der einen oder anderen Variante seit Jahrhunderten immer wieder vorgeschlagen hatten. Darin waren einbezogen der fast vergessene Gewerkschaftssozialismus von Gro�britannien, die Arbeiterf�rsorge im einstigen Jugoslawien, Landbesitz in Kerala und so weiter. Und bisher schien es in dem Sinne zu funktionieren, da� die Ingenieure von Da Vinci wohl etwa ebenso selbstbewu�t und zufrieden schienen, wie sie es w�hrend der <emphasis>ad hoc</emphasis> im Untergrund verbrachten Jahre gewesen waren, als alles (scheinbar) nach Instinkt oder, um genauer zu sein, nach dem allgemeinen Konsens der (damals viel kleineren) Bev�lkerung von Da Vinci geschah.</p><p>Sie schienen gl�cklich zu sein. Drau�en auf den Terrassen standen sie in langen Reihen bei gro�en Kr�gen mit Kavajava und Irish Coffee, in lebhaften Gruppen zusammengeballt, da� die Gesamtheit der Stimmen wie Wellenrauschen klang, so wie bei jeder Cocktailparty. All diese Stimmen zusammen bildeten einen erstaunlichen Sound. Ein Chor aus Gespr�chen. Es war eine Musik, der au�er Sax niemand bewu�t lauschte, zumindest soweit er erkennen konnte. Aber beim Hinh�ren kam ihm die starke Vermutung, da� dieser Klang, wenn man ihn unbewu�t vernahm, das war, was die Menschen auf Parties so fr�hlich und gesellig machte. Man bringe zweihundert Leute zusammen, die so laut reden, da� jede Konversation nur von ihrer kleinen Gruppe vernommen werden kann�� diese Musik machten sie!</p><p>Also war der Betrieb von Da Vinci ein gelungenes Experiment, trotz des Umstands, da� die B�rger kein Interesse daran zeigten. Andernfalls w�ren sie nicht so vergn�gt gewesen. Vielleicht war es eine gute Strategie, die Regierung zu ignorieren. Vielleicht war eine gute Regierung dadurch definiert, da� man sie ohne Schaden ignorieren konnte, �damit ich endlich an meine eigene Arbeit gehen kann!�, wie ein fr�hlich beschwipster vormaliger Chef eines Wassergremiums gerade sagte. Selbstregierung wurde nicht als ein Teil der eigenen Arbeit angesehen!</p><p>Obwohl es nat�rlich Leute gab, denen die Arbeit wirklich gefiel, das Zusammenspiel von Theorie und Praxis, der Disput, das Probleml�sen, die Zusammenarbeit mit anderen, der Dienst an anderen als eine Art Geschenk, das endlose Reden, die Macht. Und diese Leute blieben noch, um zwei Amtszeiten zu absolvieren oder drei, sofern man es ihnen gestattete. Und dann �bernahmen sie eine andere freiwillige Aufgabe, die sich anbot. Tats�chlich �bernahmen die meisten dieser Leute mehr als eine Aufgabe zugleich. Bela zum Beispiel hatte behauptet, da� ihm die Leitung des Labors der Labore nicht gefiele; aber jetzt trat er direkt der freiwilligen Beratungsgruppe bei, in der immer die Gefahr bestand, da� einige Stellen unbesetzt blieben. Sax ging zu ihm hin�ber.</p><p>�W�rdest du Aonia beipflichten, da� Freier Mars eine dominierende globale Politik darstellt?�</p><p>�O gewi�, ohne Zweifel. Die sind einfach so gro�. Und sie haben die �kologischen Gerichtsh�fe im Griff und so einiges in ihrem Sinne hingekriegt. Ich denke, sie wollen alle neuen Asteroidenkolonien kontrollieren. Und im �brigen auch die Erde erobern. Alle politisch ehrgeizigen jungen Eingeborenen treten der Partei bei, wie Bienen sich der Bl�te n�hern.�</p><p>�Versuchen, andere Siedlungen zu dominieren... �</p><p>�Ja?�</p><p>�Das klingt nach �rger.�</p><p>�Allerdings.�</p><p>�Hast du von dieser leichtgewichtigen Fusionsmaschine geh�rt, �ber die sie reden?�</p><p>�Ja, fl�chtig.�</p><p>�Du solltest dich etwas mehr darum k�mmern. Falls wir derartige Motoren in Raumschiffe montieren k�nnten... �</p><p>�Ja, Sax?�</p><p>�Ein so schneller Transport k�nnte die Vorherrschaft jeder anderen Partei knacken.�</p><p>�Meinst du?�</p><p>�Nun, es w�rde eine schwer zu kontrollierende Lage ergeben.�</p><p>�Ja, das nehme ich an. Hmm�� gut, ich mu� dar�ber nachdenken.�</p><p>�Jawohl. Denk daran: Wissenschaft ist Politik mit anderen Mitteln.�</p><p>�Allerdings, ganz gewi�.� Und Bela ging wieder zu den Bierkr�gen, murmelte vor sich hin und begr��te dann eine andere Gruppe, die sich ihm n�herte.</p><p>So kam spontan jene b�rokratische Klasse zum Vorschein, die der Schrecken so vieler Theoretiker gewesen war. Die Experten, die die Politik kontrollierten und vermutlich nie wieder loslassen w�rden. Aber wem sollten sie die auch hinterlassen? Wer sonst wollte sie haben? Niemand, soweit Sax sehen konnte. Bela konnte f�r immer im Beratungsausschu� bleiben, sollte er Lust dazu haben. Experte kommt vom lateinischen <emphasis>experiri,</emphasis> versuchen. Wie im Wort Experiment. Also handelte es sich um eine Regierung durch die Experimentatoren. Versuch durch die Versucher. Tats�chlich Regierung durch die daran Interessierten. Also eine weitere Art von Oligarchie, der Herrschaft weniger. Hatten sie aber eine andere Wahl? Wenn man Mitglieder in die regierende K�rperschaft einberufen mu�te, dann wurde der Begriff der Selbstherrschaft als Aspekt einer liberaler Regierungsform irgendwie widerspr�chlich.</p><p>Hector und Sylvia, aus Baos Seminar, platzten in Saxens Tr�umerei und luden ihn ein, herunterzukommen und ihre Musikgruppe mit einer Auswahl von Liedern aus <emphasis>Maria dos Buenos Aires</emphasis> anzuh�ren. Sax sagte zu und folgte ihnen.</p><p>Au�erhalb des kleinen Amphitheaters, wo die Darbietung stattfinden sollte, hielt Sax an einer Theke an und spendierte noch eine kleine Tasse Kava. Die Stimmung des Festivals stieg rund um sie an. Hector und Sylvia eilten nach unten, um sich vorzubereiten. Sie fieberten vor Erwartung. Sax beobachtete sie und erinnerte sich an seine k�rzliche Begegnung mit Ann. H�tte er nur nachdenken k�nnen! Er war ja v�llig unlogisch gewesen! H�tte er nur daran gedacht, wieder Stephen Lindblom zu werden, vielleicht h�tte das geholfen. Wo war Ann jetzt, was dachte sie? Wanderte sie nur �ber die Oberfl�che des Mars wie ein Geist, von einer Roten Station zur anderen? Was machten die Roten jetzt, wie lebten sie? Hatten sie vorgehabt, Da Vinci zu bombardieren, und hatte diese zuf�llige Begegnung einen �berfall aufgehalten? Nein, nein. Da drau�en gab es immer noch Saboteure, die die Projekte st�rten. Aber innerhalb der legalen Grenzen des Terraformens hatten die meisten Roten irgendwie wieder in die Gesellschaft zur�ckgefunden. Unter den �brigen gab es eine politische Hauptrichtung, wachsam, leicht streits�chtig und tats�chlich mehr an politischer Arbeit interessiert als die im Schnitt weniger ideologischen Normalb�rger. Aber trotzdem durch gerade diese Tendenz normalisiert. Wo w�rde Ann hineinpassen? Mit wem tat sie sich zusammen?</p><p>Er brauchte sie nur anzurufen und fragen.</p><p>Aber er scheute sich davor. Er f�rchtete sich, mit ihr zu sprechen! Zumindest �ber das Handgelenk. Und offenbar auch pers�nlich. Sie hatte nicht gesagt, was sie davon hielt, da� er ihr gegen ihren Willen die Behandlung verpa�t hatte. Kein Dank, kein Fluch. Nichts. Was dachte sie wohl?</p><p>Er seufzte und trank von seinem Kava. Da unten fingen sie an. Hector sang ein Rezitativ auf spanisch. Seine Stimme war so musikalisch und ausdrucksvoll, da� es fast war, als ob Sax ihn nur durch seine Stimme allein verstehen k�nnte.</p><p>Ann, Ann, Ann. Dieses qu�lende Interesse an den Gedanken eines anderen war so l�stig. Viel leichter war es, sich auf den Planeten zu konzentrieren, auf Steine und Luft, auf die Biologie. Das war eine Besch�ftigung, die Ann selbst verstehen w�rde. Und die �kopoesis hatte etwas fundamental Fesselndes an sich. Die Geburt einer Welt. Au�erhalb ihrer Kontrolle. Dennoch fragte er sich, was sie daraus machte. Vielleicht w�rde er ihr wieder zuf�llig begegnen.</p><empty-line/><p>Inzwischen�� die Welt. Er ging wieder zu ihr hinaus. Zerknittertes Land unter der blauen Kuppel des Himmels. Der gew�hnliche Himmel �nderte im Fr�hling am �quator seine Farbe von Tag zu Tag. Man brauchte eine Farbskala, um die Farbt�ne auch nur n�herungsweise zu bestimmen. An manchen Tagen war es tief violettblau, clematisblau, hyazinthenblau oder lapislazuli oder leicht purpurnes Indigo. Oder preu�ischblau, ein Pigment, das aus Cyaneisenverbindungen gemacht wurde�� interessant, weil es da oben sicher viel eisenhaltiges Material gab. Eisenblau. Ein wenig mehr purpurn als der Himmel des Himalaya, wie man ihn auf Fotografien sieht oder auch der Himmel der Erde in so gro�en H�hen. Und in Verbindung mit dem felsigen Gel�nde sah es aus wie eine Landschaft in gro�er H�he. Alles. Die Himmelsfarbe, der zerknitterte Fels, die kalte d�nne Luft, die so rein und ruhig war. Alles war so hoch. Sax ging gegen den Wind, quer zum Wind oder mit dem Wind im R�cken und f�hlte sich jedesmal anders. In seinen Nasenl�chern war der Wind leicht berauschend und �berflutete ihm das Hirn. Er trat von Stein zu Stein auf von Flechten �berkrustete Bl�cke, als ob er auf einem privaten Fu�weg wandelte, der magisch aus dem zerkl�fteten Land auftauchte, auf und ab, jeder Schritt blo� ein Schritt, achtsam in Wahrnehmung des Augenblicks wandernd. Vom einem Moment zum n�chsten und dann zum folgenden, jeder einzeln f�r sich, wie Baos Schleifen in der Raumzeit, wie die aufeinanderfolgenden Haltungen des Kopfs eines Finken und der kleinen V�gel, die von einer gequantelten Pose zur n�chsten h�pften. Bei genauem Hinsehen schien es, als ob die Momente nicht regelm��ige Einheiten w�ren, sondern in ihrer Dauer verschieden, je nachdem, was in ihnen geschah. Der Wind lie� nach, keine V�gel in Sicht. Alles pl�tzlich still, bis auf das Summen der Insekten. Solche Augenblicke konnten manchmal mehrere Sekunden dauern. Wenn dagegen Sperlinge mit eine Kr�he zankten, waren die Momente fast instantan. Man mu�te genau hinsehen. Manchmal war es ein Flu�, manchmal das Platschen individueller Ruhepausen.</p><p>Erkenntnis. Es gab unterschiedliche Wege zur Erkenntnis. Aber keiner von ihnen war, wie Sax entschied, so befriedigend wie die direkte Sinneswahrnehmung. Hier drau�en im strahlenden Fr�hlingslicht und dem kalten Wind kam er an den Rand einer Klippe und schaute hinab auf die ultramarine Fl�che des Simud-Fjords, versilbert durch Myriaden Lichtsplitter, die vom Wasser blitzten. Die Klippen auf der anderen Seite waren B�nder aus Bodenschichten durchzogen, von denen einige zu gr�nen Leisten im Basalt geworden waren. M�wen, Papageientaucher, Seeschwalben, Lummen, Fischadler�� alle wirbelten in den Luftstrudeln unter ihm auf und ab.</p><empty-line/><p>W�hrend er die verschiedenen Fjorde erkundete, entdeckte er seinen Favoriten. Florentine, ein h�bsches Oval aus Wasser direkt s�d�stlich von Da Vinci.</p><p>Ein Spaziergang auf den dar�ber liegenden niedrigen K�stenfelsen war immer malerisch. Auf Steinen wuchs dickes mattenartiges Gras. Es sah so aus, wie Sax sich die irische K�ste vorstellte. Die Ecken des Landes wurden weich, als Humus und pflanzliches Leben die Spalten auszuf�llen begann und sich an H�nge klammerte, die dem Sch�ttungswinkel trotzten, so da� man �ber Polster schritt, die zwischen den scharfen Z�hnen noch kahler Felsen hochquollen.</p><p>Von der See her str�mten Wolken gen Norden, und es regnete in gleichm��ig wiederkehrenden Sintfluten, die alles durchtr�nkten. Am Tag nach einem solchen Sturm dampfte die Luft, das Land gurgelte und tropfte, und bei jedem Schritt, der keinen festen Stein traf, quietschte Heide, Moor, Sumpf. Knorrige kleine W�lder in den tiefen Gr�ben. Aus dem Augenwinkel war ein schneller brauner Fuchs zu sehen, der hinter einen Wacholder flitzte. Vor ihm auf der Flucht, vor etwas anderem? Nicht festzustellen. Das war seine pers�nliche Angelegenheit. Wellen, die an die Meeresklippen stie�en und zur�ckschlugen, bildeten mit den ankommenden Wellen Interferenzmuster, wie sie direkt aus einem physikalischen Wellentank kommen k�nnten. So sch�n�� und so merkw�rdig, da� die Welt mit der mathematischen Formulierung so �bereinstimmte. Die irrationale Wirksamkeit der Mathematik steckte im Herzen des gro�en Unerkl�rbaren.</p><p>Jeder Sonnenuntergang war anders infolge der Schwebeteilchen in der oberen Atmosph�re. Sie stiegen so hoch auf, da� sie oft von der Sonne bestrahlt wurden, wenn bereits alles andere im gro�en Schatten der D�mmerung lag. Sax sa� oft auf der westlichen Meeresklippe, hingerissen durch den Sonnenuntergang. Und dann blieb er w�hrend der Stunde der D�mmerung da und beobachtete, wie sich die Farben des Himmels �nderten, wenn der Schatten des Planeten aufstieg, bis der ganze Himmel schwarz war. Danach erschienen bisweilen leuchtende Nachtwolken, drei�ig Kilometer .�ber dem Planeten schwebende breite Streifen, die wie Perlmuttschalen schimmerten.</p><p>Der zinnfarbene Himmel eines dunstigen Tages. Der blumige Sonnenuntergang in voller Pracht. Die W�rme der Sonne auf der Haut, friedvoll an einem windstillen sp�ten Nachmittag. Die Wellenmuster unten auf dem Meer. Das Gef�hl des Windes und sein Anblick.</p><p>Aber einmal, inmitten einer Indigod�mmerung unter der funkelnden Schar dicker unscharfer Sterne, wurde ihm unbehaglich. �Die schneeigen Pole des mondlosen Mars�, hatte Tennyson gerade ein paar Jahre vor deren Entdeckung geschrieben. Mondloser Mars. Es war in dieser Stunde gewesen, an der Phobos wie ein Leuchtfeuer �ber dem westlichen Horizont heraufgeschossen war. Ein Moment von Areophanie, wenn es je eine gegeben hatte. Furcht und Schrecken. Und er, Sax, hatte selbst die Entfernung der Satelliten vollendet. Sie h�tten jede auf Deimos errichtete Milit�rbasis hochjagen k�nnen. Was hatte er gedacht? Er konnte sich nicht entsinnen. Ein gewisses Verlangen nach Symmetrie�� runter, rauf. Aber Symmetrie war vielleicht eine Eigenschaft, die von Mathematikern mehr gesch�tzt wurde als von den �brigen Menschen. Hinauf. Irgendwo kreiste Deimos immer noch um die Sonne. �Hmm.� Er schaute auf sein Handgelenk. Eine Menge neuer Kolonien entstanden da drau�en. Die Menschen h�hlten Asteroiden aus und versetzten sie dann in Rotation, um in ihrem Innern eine Schwerewirkung zu erzielen und dann einzuziehen. Neue Welten.</p><p>Ein Wort fiel ihm ins Auge: <emphasis>Pseudophobos.</emphasis> Er schaute nach und las: Inoffizieller Name eines Asteroiden, der dem verlorenen Mond irgendwie nach Gr��e und Gestalt �hnelte. �Hmmm.� Sax tastete weiter und bekam ein Foto. Nun, die �hnlichkeit war oberfl�chlich. Ein dreiachsiges Ellipsoid�� aber waren das nicht alle? Die Form einer Kartoffel, die richtige Gr��e, an einem Ende hart verbeult, ein Krater wie Stickney. Es hatte darin eine h�bsche kleine Siedlung dieses Namens gegeben. Was bedeutet ein Name? Man sagt, sie h�tten das <emphasis>Pseudo</emphasis> fallen lassen. Einige Massenantriebe und Computer, ein Paar seitliche D�sen... der besondere Moment, da Phobos �ber den westlichen Horizont emporgeschossen war. �Hmmmmm�, brummte Sax.</p><empty-line/><p>Tage und Jahreszeiten vergingen. Sax betrieb Feldstudien und Meteorologie. Die Einwirkung atmosph�rischen Drucks auf die Wolkenbildung. Das bedeutete Fahrten rund um die Halbinsel, dann ein Marsch, dann hinaus mit den Ballons und Drachen. Wetterballons waren elegante Gebilde. Instrumentenpackungen von weniger als zehn Gramm wurden von einer sechs Meter gro�en H�lle emporgehoben und waren so imstande, bis in die Exosph�re aufzusteigen.</p><p>Sax hatte seinen Spa�, wenn er die H�lle auf einem glatten St�ck Sand oder Gras herrichtete, das obere Ende windabw�rts von ihm, sich dann hinsetzte und die feine empfindliche Nutzlast in den Fingern hielt und danach den Hahn drehte, dekomprimierten Wasserstoff in den Ballon jagte, und dann zusah, wie er sich f�llte und in den Himmel schnellte. Wenn er festhielt, wurde er fast auf die F��e gerissen und w�rde ohne Handschuhe an der Leine Schnitte in der Hand erleiden, wie er schnell gelernt hatte. Dann loslassen, wieder auf den Sand plumpsen und zusehen, wie der runde rote Fleck durch den Wind in die H�he flatterte, bis er erst klein wie eine Nadelspitze und nicht mehr zu sehen war. Das geschah bei rund tausend Metern, je nach dem Dunst in der Luft. Einmal war es bereits bei nur 479 Metern passiert und einmal, an einem sehr klaren Tage, erst in 1352 Metern. Danach las er dann einige der Daten auf seinem Handgelenk ab und sa� in der Sonne mit dem Gef�hl, da� ein kleines St�ck von ihm in den Raum hinaufsegelte. Seltsam, was einem Freude bereitete.</p><p>Die Drachen waren genauso sch�n. Sie waren etwas komplexer als die Ballons, aber im Herbst ein besonderes Vergn�gen, wenn die Monsune jeden Tag stark und gleichm��ig bliesen. Man ging zu einer Meeresklippe im Westen hinaus, lief kurz gegen den Wind und brachte den Drachen in die Luft. Ein gro�er orangefarbener Kastendrache, der hin und her zuckte. Wenn er dann in den gleichm��igeren Wind aufstieg, stabilisierte er sich; und Sax spulte ihn ab, wobei er die Verschiebungen des Windes als feines Zittern in den Armen f�hlte. Oder aber er klemmte einen Spulenstab in eine Spalte, l�ste den Widerstand und beobachtete den Drachen, wie er hochstieg und davon flog. Die Leine war fast unsichtbar. Wenn die Spule abgelaufen war, summte die Leine; und wenn er sie zwischen die Finger nahm, teilten sich ihm die Schwankungen des Windes wie eine Art Musik mit. Der Drache blieb Wochen hintereinander oben�� au�er Sicht oder, wenn er tief genug gehalten wurde, eben noch erkennbar als winziger Fleck am Himmel. W�hrend der ganzen Zeit sendete er Daten. Ein quadratischer Gegenstand war auf gr��ere Entfernung besser zu sehen als ein runder der gleichen Fl�che. Sein Kopf war ein drolliges Tier.</p><p>Michel rief an, ohne �ber etwas Besonderes zu sprechen. Das war f�r Sax die anstrengendste Konversation �berhaupt. Das Bild Michels blickte nach unten und rechts, und wenn er sprach, wurde deutlich, da� seine Gedanken woanders waren, da� er ungl�cklich war und da� Sax irgendwie die F�hrung �bernehmen mu�te.</p><p>�Komm zu Besuch und mach mit mir einen Spaziergang!� sagte Sax wieder. �Ich meine, das solltest du wirklich tun.� Wie konnte er das noch betonen? �Ich denke <emphasis>wirklich,</emphasis> das solltest du machen.� Dinge verbinden. �Da Vinci ist wie die Westk�ste Irlands. Das Ende von Europa, lauter gr�ne Klippen �ber einer gro�en Wasserfl�che.�</p><p>Michel nickte unsicher.</p><p>Dann war er ein paar Wochen sp�ter da und ging durch eine Halle in Da Vinci. �Ich w�rde ganz gern das Ende von Europa sehen.�</p><p>�Braver Bursche.�</p><p>So machten sie zusammen einen Tagesausflug. Sax fuhr ihn bis westlich der Shalbatana-Klippen. Dann stiegen sie aus und wanderten nach Norden auf Simshai Point zu. Es war ein gro�es Vergn�gen, den alten Freund in dieser sch�nen Gegend bei sich zu haben. Der Anblick eines jeden der Ersten Hundert war eine willkommene Unterbrechung in seiner Routine, ein seltenes Ereignis, das er sch�tzte. Die Wochen pflegten in ihrer behaglichen Ruhe zu vergehen, und dann erschien pl�tzlich einer der alten Familie, und es war wie eine Heimkehr ohne Heim, das ihn auf den Gedanken brachte, er sollte vielleicht eines Tages nach Sabishii oder Odessa ziehen, so da� er ein so wundervolles Gef�hl �fter erleben k�nnte.</p><p>Und am besten gefiel ihm die Gesellschaft von Michel. Obwohl Michel an diesem Tag zerstreut und anscheinend bek�mmert hinterher ging. Sax bemerkte das und �berlegte, was er tun konnte, um ihm zu helfen. Michel hatte ihm in den langen Wochen seiner R�ckkehr zur Sprache so, viel Hilfe erwiesen, hatte ihn gelehrt, wieder zu denken und alles anders zu sehen. Es w�re sch�n, wenn er etwas tun k�nnte, um dieses Geschenk, wenigstens teilweise, zu entgelten.</p><p>Nun, das w�rde nur geschehen, wenn er etwas tat. Darum gab er, nachdem sie angehalten hatten und Sax den Drachen herausgeholt und zusammengesetzt hatte, Michel die Spule.</p><p>�Hier!� sagte er. �Ich werde den Drachen bereithalten. Du l�ufst und spulst sie ab. Dorthin, gegen den Wind.� Und er hielt den Drachen, w�hrend Michel �ber die grasbewachsenen H�gel ging, bis die Leine straff war. Sax lie� den Drachen los, als Michel zu laufen anfing; und dahin ging er, immer h�her und h�her.</p><p>Michel kam grinsend zur�ck. �Hier, fa� die Leine an! Du kannst den Wind sp�ren.�</p><p>�Ah!� sagte Sax. �So geht das.� Und die fast unsichtbare Leine brummte zwischen seinen Fingern.</p><p>Sie setzten sich hin, �ffneten Saxens Korb und holten das von ihm zusammengepackte Picknick heraus. Michel wurde mit einemmal wieder ganz still.</p><p>Sax fragte, w�hrend sie a�en, beil�ufig: �Macht dir etwas Sorgen?�</p><p>Michel schwenkte ein St�ck Brot, schluckte und sagte: �Ich denke, ich werde wieder in die Provence zur�ckkehren.�</p><p>�Endg�ltig?� fragte Sax schockiert.</p><p>Michel runzelte die Stirn. �Nicht unbedingt. Aber zu einem Besuch. Ich fing gerade an, meinen letzten Besuch dort zu genie�en, als wir abreisen mu�ten.�</p><p>�Auf der Erde ist es nicht einfach.�</p><p>�Stimmt. Aber ich fand die Anpassung erstaunlich problemlos.�</p><p>�Hmm.� Sax hatte die R�ckkehr in die Erdschwere nicht gefallen. Die Evolution hatte gewi� ihre K�rper darauf eingestellt; und er war sicher, da� ein Leben bei 0,38 Ge allerhand medizinische Probleme schuf. Aber er war jetzt an das Gef�hl der Marsschwere so sehr gew�hnt, da� er sie niemals mehr bemerkte. Und falls doch, dann war es ein gutes Gef�hl.</p><p>�Ohne Maya?� fragte er.</p><p>�Ich nehme an, da� es sein mu�. Sie will nicht gehen. Sie sagte, sie w�rde eines Tages mitkommen, aber es hei�t immer: sp�ter, sp�ter. Sie arbeitet f�r die Koop-Kreditbank in Sabishii und h�lt sich f�r unentbehrlich. Nun, das ist nicht fair. Sie will einfach nichts davon vermissen.�</p><p>�Kannst du nicht da, wo du lebst, eine Art von Provence schaffen? Einen Olivenhain pflanzen?�</p><p>�Das ist nicht dasselbe.�</p><p>�Gewi�, aber...�</p><p>Sax wu�te nicht, was er sagen sollte. Er f�hlte kein Heimweh nach der Erde. Was das Leben mit Maya anging, so konnte er es sich nur wie das Leben in einer besch�digten unberechenbaren Zentrifuge vorstellen. Der Effekt w�rde ziemlich der gleiche sein. Daher vielleicht Michels Verlangen nach festem Boden, nach dem Kontakt mit der Erde.</p><p>�Du solltest gehen�, sagte Sax. �Aber warte noch ein wenig! Wenn sie diesen gepulsten Antrieb auf den Raumschiffen bekommen, k�nntest du sehr rasch dort sein.�</p><p>�Aber das k�nnte echte Probleme mit der Erdenschwere bewirken. Ich denke, man braucht die Monate der Reise, um sich darauf vorzubereiten.�</p><p>Sax nickte. �Was du brauchtest, ist eine Art Exoskelett. Du w�rdest dich darin etwas gest�tzt f�hlen�� vielleicht wie bei einem geringeren Ge. Diese neuen Vogelanz�ge, von denen ich geh�rt habe, m�ssen die F�higkeit haben, sich zu etwas wie ein Exoskelett zu versteifen, sonst w�rde man nie die Fl�gel in Position halten k�nnen.�</p><p>�Ein sich st�ndig verlagernder R�ckenschild aus Carbonfasern�, erwiderte Michel l�chelnd. �Eine fliegende Schale.�</p><p>�Ja. Du k�nntest imstande sein, so etwas zu tragen, um damit umherzugehen. Das w�re nicht so schlimm.�</p><p>�Also erst ziehen wir auf den Mars, wie du sagst, wo wir hundert Jahre lang Schutzanz�ge tragen m�ssen. Und wenn wir dann alles soweit ver�ndert haben, da� wir drau�en in der Sonne sitzen k�nnen, ohne uns den Arsch abzufrieren, dann ziehen wir wieder auf die Erde, wo wir wieder hundert Jahre lang Schutzanz�ge tragen m�ssen.�</p><p>�Oder f�r immer danach�, sagte Sax. �Ja. Du hast recht.�</p><p>Michel lachte. �Nun, vielleicht werde ich dann gehen. Wenn es so wird.� Er sch�ttelte den Kopf. �Eines Tages werden wir alles tun k�nnen, was wir wollen, he?�</p><p>Die Sonne stach auf sie herunter. Der Wind raschelte �ber die Grashalme. Jeder Halm hatte einen gr�nen Lichtstreifen. Michel redete einige Zeit �ber Maya, erst jammerte er, dann �bte er R�cksicht und dann z�hlte er ihre guten Eigenschaften auf, die sie unentbehrlich und zur Quelle aller Erregung im Leben machten. Sax nickte brav bei jeder �u�erung, ganz gleich, wie sehr sie der zuvor gekommenen widersprach. Es kam ihm vor, als ob er einem Rauschgifts�chtigen lauschte. Aber so waren die Menschen nun einmal, und er war selbst nicht weit von solchen Widerspr�chen entfernt.</p><p>Nachdem sich das Schweigen hingezogen hatte, sagte Sax: �Was glaubst du, wie Ann jetzt diese Art Landschaft sieht?�</p><p>Michel zuckte die Achseln. �Ich wei� nicht. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen.�</p><p>�Hat sie nicht die Behandlung f�r Gehirnplastizit�t bekommen?�</p><p>�Nein. Sie ist stur, nicht wahr? Sie will sie selbst bleiben. Aber ich f�rchte, in dieser Welt... �</p><p>Sax nickte. Wenn man alle Lebenszeichen in der Landschaft als Verunreinigungen ansah, als einen schrecklichen Schimmel, der die reine Sch�nheit der mineralischen Welt �berzog, dann w�re auch das Sauerstoffblau des Himmels betroffen. Es w�rde einen verr�ckt machen. Selbst Michel dachte so: �Ich f�rchte, sie wird nie geistig gesund sein, nicht wirklich.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Andererseits�� wer waren sie, da� sie so redeten? War Michel verr�ckt, weil er von einer Gegend auf einem anderen Planeten fasziniert war oder verliebt in eine sehr schwierige Person? War Sax verr�ckt, weil er nicht mehr gut sprechen konnte und Schwierigkeiten mit allerhand geistigen Operationen hatte, als Ergebnis eines Schlags und experimentellen Heilungsversuchs? Er glaubte nein, in beiden F�llen. Aber er glaubte fest, da� er durch Hiroko aus einem Sturm gerettet wurde, ganz gleich, was Desmond sagte. Man k�nnte das als ein Zeichen von�� na ja�� rein mentalen Ereignissen interpretieren, die eine �u�ere Realit�t zu haben schienen. Das wurde oft als ein Symptom von Verr�cktheit zitiert, wie sich Sax erinnerte. �Wie jene Leute, die glauben, Hiroko gesehen zu haben�, murmelte er vage, um zu sehen, was Michel sagen w�rde.</p><p>�Ach ja�, sagte Michel. �Magisches Denken ist eine sehr hartn�ckige Form des Denkens. La� dich nie durch deinen Rationalismus blind machen gegen�ber der Tatsache, da� unser meistes Denken magischen Charakter hat. Und da� es so oft archetypischen Mustern folgt, wie in Hirokos Fall, der wie die Geschichte von Persephone oder Christus ist. Ich nehme an, wenn jemand auf diese Art stirbt, dann ist der Schock des Verlustes fast unertr�glich; und dann erfordert es nur einen trauernden Freund oder J�nger, um vom Verlust der Gegenwart einer Person zu tr�umen und dann aufzuwachen mit dem Schrei, sie gesehen zu haben. Und binnen einer Woche ist dann jeder �berzeugt davon, da� der Prophet wieder da und �berhaupt niemals gestorben ist. Und so ist es mit Hiroko, die regelm��ig gesichtet wird.�</p><p>Ich habe sie aber wirklich gesehen, wollte Sax sagen. Sie hat meine Hand gepackt.</p><p>Aber dennoch war er tief verwirrt. Michels Erkl�rung ergab Sinn. Und sie pa�te sehr gut zu der von Desmond. Diese M�nner vermi�ten Hiroko beide sehr, wie Sax annahm, und waren trotzdem mit der Tatsache ihres Verschwindens und deren wahrscheinlichster Erkl�rung konfrontiert. Und ungew�hnliche mentale Ereignisse konnten in �beraus verst�ndlicher Weise im Stre� einer physischen Krise auftreten. Vielleicht hatte er halluziniert. Aber nein�� das stimmte nicht. Er konnte sich genau erinnern, wie es geschah, lebendig in jedem Detail!</p><p>Aber er stellte fest, da� es ein Fragment war, so wie man sich im Wachen an das Fragment eines Traums erinnert, w�hrend sich alles andere mit einem fast greifbaren Strahl wie etwas Glitschiges und schwer Fa�bares dem Zugriff entzieht. Zum Beispiel konnte er sich nicht richtig erinnern, was unmittelbar vor Hirokos Erscheinung geschehen war oder danach. Keine Details.</p><p>Er schlug nerv�s die Z�hne aufeinander. Es gab offensichtlich alle Arten von Wahnsinn. Ann wanderte f�r sich allein durch die alte Welt; die �brigen von ihnen stolperten in der neuen Welt herum wie Gespenster, bem�ht, das eine oder andere Leben zu konstruieren. Vielleicht stimmte das, was Michel sagte, da� sie n�mlich mit ihrer Langlebigkeit nicht zurecht kamen, und da� sie weder wu�ten, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten noch, wie man ein Leben aufbaute.</p><p>Nun gut�� ruhig. Hier waren sie und sa�en auf den Meeresklippen von Da Vinci. Es war nicht n�tig, sich mit diesen Dingen zu �berarbeiten, nicht wirklich. Wie Nanao gesagt h�tte: Was fehlt denn jetzt? Sie hatten gut gefr�hst�ckt, waren satt, ihren Durst gel�scht, sa�en drau�en in Sonne und Wind und sahen zu, wie ein Drache hoch oben in das dunkle Samtblau aufstieg. Alte Freunde, die sich plaudernd auf dem Gras niedergelassen hatten. Was fehlte da jetzt? Seelenfrieden? Nanao h�tte gelacht. Die Anwesenheit anderer alter Freunde? Nun, daf�r w�rde es andere Tage geben. Jetzt, in diesem Moment, waren sie zwei alte Waffenbr�der, die auf einer Meeresklippe sa�en. Nach all den Jahren des Kampfes konnten sie hier den ganzen Nachmittag sitzen, wenn sie wollten, einen Drachen steigen lassen und reden. �ber ihre alten Freunde und das Wetter sprechen. Es hatte eine Menge �rger gegeben, es w�rde wieder �rger geben. Aber jetzt waren sie hier.</p><p>�Wie w�rde John das alles gefallen haben.� sagte Sax z�gernd. Es war so schwer, von diesen Dingen zu sprechen. �Ich frage mich, ob er es geschafft h�tte, da� Ann sich das ansieht. Nicht so, wie ich das sehe. Es ist einfach, es zu sehen, als w�re es etwas Gutes. Sehen, wie sch�n es auf seine eigene Art ist. An und f�r sich und die Art, wie es sich selbst organisiert. Wir versuchen jetzt, es in die eine oder andere Richtung zu dr�ngen, aber die gesamte Biosph�re�� organisiert sich selbst. Daran ist nichts unnat�rlich.�</p><p>�Nun...�, wandte Michel ein.</p><p>�Das ist es nicht! Wir k�nnen herumfummeln, wie wir wollen. Wir sind aber nur wie der Zauberlehrling. Es hat alles ein eigenes Leben angenommen.�</p><p>�Aber das Leben, das es zuvor hatte. Das ist es, was Ann so verehrt. Das Leben der Felsen und des Eises.�</p><p><emphasis>�Leben?�</emphasis> fragte Sax.</p><p>�Irgendeine Art tr�ger mineralischer Existenz. Nenne es, wie du willst. Eine Areophanie in Stein. �brigens, wer sagt, da� diese Steine nicht ihre eigene Art langsamen Bewu�tseins haben?�</p><p>�Ich denke, Bewu�tsein hat mit Gehirn zu tun�, erwiderte Sax steif.</p><p>�Vielleicht, aber wer kann das sagen? Und wenn nicht Bewu�tsein so, wie wir es definieren, dann zumindest Existenz. Ein Wert an sich, einfach, weil etwas existiert.�</p><p>�Das ist ein Wert, den es noch hat.� Sax hob einen Stein von der Gr��e eines Baseballs auf. Breccienartiger Auswurf, dem Aussehen nach zu urteilen. Ein Schotterkegel. So allt�glich wie Dreck, sogar eigentlich noch h�ufiger als Dreck. Er betrachtete ihn genau. Hallo, Stein! Was denkst du? �Ich meine, das ist doch alles noch hier.�</p><p>�Aber es ist nicht dasselbe.�</p><p>�Nichts ist immer dasselbe. Von Moment zu Moment �ndert sich alles. Was mineralisches Bewu�tsein angeht, so ist das f�r mich zu mystisch. Nicht, da� ich grunds�tzlich ein Gegner allen Mystizismus w�re, aber dennoch... �</p><p>Michel lachte. �Sax, du hast dich m�chtig ver�ndert, bist aber immer noch Sax.�</p><p>�Das m�chte ich auch hoffen. Aber ich glaube, da� Ann auch keine Mystikerin ist.�</p><p>�Was dann?�</p><p>�Ich wei� nicht. Ich wei� nicht. Eine so... so reine Wissenschaftlerin, da� sie es nicht vertr�gt, wenn die Daten verunreinigt werden? Ich nehme an, das ist eine etwas komische Art, es zu formulieren. Eine Scheu vor den Ph�nomenen. Wei�t du, was ich damit meine? Verehrung dessen, was ist. Damit leben und es verehren, aber nicht versuchen, es zu ver�ndern und zu beschmutzen, zu zerst�ren. Ich wei� nicht. Aber ich m�chte wissen.�</p><p>�Du willst immer wissen.�</p><p>�Richtig. Aber dies m�chte ich mehr wissen als die meisten anderen Dinge. Mehr als alles, das ich mir ausdenken kann. Gewi�!�</p><p>�Ach, Sax! Ich verlange nach der Provence, du verlangst nach Ann.� Michel grinste. �Wir sind beide verr�ckt! �</p><p>Sie lachten. Photonen regneten auf ihre Haut. Das meiste Licht scho� durch sie hindurch. Hier waren sie, transparent f�r die Welt.</p></section></section><section><title><p>ZEHNTER TEIL</p><p>Wertewandel</p></title><section><p><emphasis>Es war nach Mitternacht, und die B�ros waren still. Der Chefberater ging zum Samowar und teilte Kaffee in kleinen Tassen aus. Drei seiner Kollegen standen um einen Tisch herum, der mit Handschirmen bedeckt war.</emphasis></p><p><emphasis>Vom Samowar her sagte der Chefberater. �Also werden Kugeln aus Deuterium und Helium eine nach der anderen von eurer Laserapparatur getroffen. Sie implodieren, und es kommt zur Fusion. Die Temperatur bei der Z�ndung betr�gt siebenhundert Millionen Kelvin; aber das geht in Ordnung, denn es ist eine lokale Temperatur und sehr kurzlebig.�</emphasis></p><p><emphasis>�Eine Sache von Nanosekunden.�</emphasis></p><p><emphasis>�Gut. Ich finde das angenehm. Und dann, okay, wird die resultierende Energie nur in Form geladener Partikel abgegeben, so da� sie durch eure elektromagnetischen Felder ganz zusammengehalten werden kann. Es gibt keine Neutronen, die nach vorn fliegen und eure Passagiere r�sten. Die Felder dienen als Schild und Sto�platte und auch als Sammelsystem zur Versorgung der Laser. Alle geladenen Partikel werden nach hinten ausgesto�en, wobei sie euren gewinkelten Spiegelapparat passieren, welcher der T�rbogen f�r die Laser ist. Und beim Durchgang werden die Fusionsprodukte parallel gerichtet.�</emphasis></p><p><emphasis>�Das ist richtig. Das ist der wichtigste Teil�, sagte der Ingenieur.</emphasis></p><p><emphasis>�Sehr nett. Wieviel Treibstoff verbraucht er?�</emphasis></p><p><emphasis>�Wenn man eine Beschleunigung entsprechend der Marsschwere haben will, das sind 3,73 Meter pro Sekunde im Quadrat, und ein Schiff von tausend Tonnen annimmt, 350 t f�r die Menschen und das Schiff sowie f�nfundsechzig f�r Apparatur und Treibstoff, dann mu� man 373 Gramm in der Sekunde verbrauchen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ka, das summiert sich recht schnell.�</emphasis></p><p><emphasis>�Es sind ungef�hr 30 t t�glich, ergibt aber auch eine sehr hohe Beschleunigung. Die Reisen dauern nicht lange.�</emphasis></p><p><emphasis>�Und wie gro� sind diese Kugeln?�</emphasis></p><p><emphasis>�Radius 1 Zentimeter, Masse 29 Gramm�, erkl�rte der Physiker. �Also verbrauchen wir davon 1290 in der Sekunde. Das sollte den Passagieren im Schiff ein angenehmes Gef�hl gleichm��iger Schwerkraft geben.�</emphasis></p><p><emphasis>�Das m�chte ich auch annehmen. Aber ist Helium3 nicht etwas rar?�</emphasis></p><p><emphasis>�Ein Galilei-Kollektiv hat es aus der oberen Atmosph�re des Jupiter besorgt�, sagte der Ingenieur. �Und sie k�nnten diese Oberfl�chensammlung auch auf Luna anwenden, obwohl das nicht besonders gut funktioniert hat. Aber der Jupiter hat alles, was wir ben�tigen.�</emphasis></p><p><emphasis>�Also wird das Schiff f�nfhundert Passagiere bef�rdern.�</emphasis></p><p><emphasis>�Das legen wir unseren Berechnungen zugrunde. Es k�nnte nat�rlich angepa�t werden.�</emphasis></p><p><emphasis>�Ihr beschleunigt auf der halben Strecke bis zum Ziel, wendet das Schiff und bremst w�hrend der zweiten H�lfte der Reise.�</emphasis></p><p><emphasis>Der Physiker sch�ttelte den Kopf. �Aufkurzen Reisen ja, auf l�ngeren nein. Man braucht nur ein paar Tage zu beschleunigen, um recht schnell zu werden. Auf l�ngeren Strecken k�nnte man antriebslos fahren, um Treibstoff zu sparen.�</emphasis></p><p><emphasis>Der Chefberater nickte und gab den anderen die vollen Tassen. Sie tranken.</emphasis></p><p><emphasis>�Reisezeiten werden sich radikal �ndern. Drei Wochen vom Mars zum Uranus�, sagte die Mathematikerin. �Zehn Tage vom Mars zum Jupiter. Vom Mars zur Erde drei Tage. Drei Tage!� Sie schaute die anderen mi�billigend an. �Dadurch wird das Sonnensystem zu etwas Ahnlichem gemacht wie Europa im neunzehnten Jahrhundert. Eisenbahnreisen, Ozeanriesen.�</emphasis></p><p><emphasis>Die anderen nickten. �Jetzt sind wir Nachbarn der Bewohner auf Merkur, Uranus oder Pluto�, sagte der Ingenieur.</emphasis></p><p><emphasis>Der Chefberater zuckte die Achseln. �Oder auch gleich Alpha Centauri. Lassen wir uns deswegen keine grauen Haare wachsen! Kontakt ist etwas Gutes. Immer nur F�hlung nehmen, sagt der Dichter. Blo� F�hlung nehmen. Nun werden wir die Vergeltung zu f�hlen bekommen.� Er hob seine Tasse. �Prosit!�</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Nirgal verfiel in einen Rhythmus und behielt ihn alle Tage bei. <emphasis>Lung-gom-pa.</emphasis> Die Religion des Gehens als Meditation oder Gebet. Zazen, ka zen. Ein Teil der Areophanie. Wie die Schwere auf dem Mars ein integrierender Teil davon war. Was der menschliche K�rper in zwei F�nfteln des Andrucks, in dem er sich entwickelt hatte, zu leisten vermochte, war eine Euphorie der Anstrengung. Man bewegte sich als Pilger, halb Verehrer und halb Gott.</p><p>Eine Religion, die in diesen Tagen wenige Anh�nger hatte, die einsam vor sich hingingen. Manchmal gab es organisierte Rennen und L�ufe. Sich durch das Labyrinth schl�ngeln, Chaoskriechen, Transmarineris, die Weltumrunder. Und dazwischen die t�gliche Disziplin. Eine Aktivit�t ohne Zweck. Kunst um der Kunst willen. F�r Nirgal war es die Verehrung des Augenblicks oder Meditation oder Vergessen. Sein Geist wanderte, konzentrierte sich im K�rper oder auf die Strecke oder wurde leer. In diesem Moment lief er nach Musik: Bach, dann Bruckner und dann Bonnie Tyndall, ein Neoklassizist von Elysium, dessen Musik dahinstr�mte wie der Tag selbst. Gro�artige Akkorde verlagerten sich in gleichm��iger interner Modulation, irgendwie Bach oder Bruckner �hnlich, aber langsamer und ruhiger, unerbittlicher und gro�artiger. Eine gute Musik, um dazu zu gehen, auch wenn er sie �ber Stunden nicht bewu�t h�rte. Er setzte blo� einen Fu� vor den anderen.</p><empty-line/><p>Es kam die Zeit f�r die Weltumrunder, die bei jedem zweiten Perihel begann. Die Wettbewerbsteilnehmer liefen von Sheffield aus nach Osten oder Westen um die Welt ohne Handy oder andere Navigationshilfen, nur auf ihre Sinne angewiesen und mit kleinen Beuteln voll Nahrung, Getr�nken und Kleidung ausger�stet. Sie durften jede Route w�hlen, die innerhalb von zwanzig Grad vom �quator verlief (man verfolgte sie per Satellit und disqualifizierte sie, wenn sie die �quatorzone verlie�en). Alle Br�cken waren erlaubt, einschlie�lich der gro�en Gangesbr�cke, die Routen sowohl westlich als auch s�dlich von Marineris gestattete und fast ebenso viele gangbare Routen erzeugte, wie es Teilnehmer gab. Nirgal hatte den Wettbewerb in f�nf der neun bisherigen Rennen gewonnen und das eher wegen seines Geschicks, Routen zu finden als wegen seiner Schnelligkeit. Der �Nirgalweg� wurde von vielen Gel�ndel�ufern als eine Art mystischer Leistung angesehen, voll Extravaganz, die der Intuition zuwiderlief. Bei den letzten Rennen hatte er Verfolger auf seinen Spuren gehabt, die ihn am Ende zu �berholen gedachten. Aber er w�hlte jedes Jahr eine andere Route und traf oft eine Wahl, die so katastrophal aussah, da� einige seiner Verfolger aufgaben und sich in mehr Erfolg versprechende Richtungen wandten. Andere konnten w�hrend der zweihundert Tage der Umrundung, die �ber 21000 Kilometer f�hrte, das Tempo nicht halten. Das erforderte echte Langstreckenkondition. Man mu�te sie zu einer Lebensweise erheben und jeden Tag laufen.</p><p>Nirgal gefiel das. Er wollte das n�chste Rennen rund um die Welt gewinnen, um eine Majorit�t bei den ersten zehn L�ufen zu haben. Er zog aus, um die Route zu erkunden und neue Strecken zu pr�fen. Jedes Jahr wurde eine gro�e Anzahl neuer Wege gebaut. K�rzlich war die verr�ckte Idee aufgetaucht, Treppenpfade in die Flanken der Canyons, R�cken und B�schungen einzuf�gen, die �berall das Hinterland s�umten. Die Spur, auf der er sich jetzt befand, war eingerichtet worden, seit er zum letzten Mal in dieser Gegend gewesen war. Sie f�hrte die steile Wand einer Klippe in eine Senke von Aromatum Chaos hinunter; und es gab eine entsprechende Spur auf der gegen�berliegenden Seite der Senke. Wenn man Aromatum direkt durchquerte, w�rde das einen Lauf viel steiler machen; aber alle flacheren Routen mu�ten weit nach Norden oder S�den ausweichen. Und Nirgal dachte, wenn alle Pfade so gut w�ren wie dieser, k�nnte sich der Aufwand an H�he doch lohnen.</p><p>Die neue Spur benutzte winklige Spalten in der klotzigen Wand der Klippe. Die Stufen glichen einer Intarsienarbeit und waren sehr gleichm��ig eingepa�t, so da� es war, als liefe man in der verfallenen Mauer des Schlosses eines Riesen eine Treppe hinunter. Das Anlegen von Wegen in Klippenw�nden war eine Kunst, eine angenehme Arbeit, an der Nirgal sich ab und zu beteiligt hatte, indem er half, gebrochene Steine mit einem Kran herauszuholen und sie oben auf der darunter liegenden Stufe einzuf�gen. Das bedeutete lange Stunden in einem Sicherungsgeschirr, die H�nde behandschuht an den feinen gr�nen Seilen zu ziehen und gro�e Polygone aus Basalt an ihren Platz zu man�vrieren. Der erste Pfadbauer, den Nirgal kennengelernt hatte, war eine Frau gewesen, die einen Weg l�ngs der Flosse der Geryon-Berge, der langen Bergkette auf dem Boden von Ius Chasma, eingerichtet hatte. Er hatte ihr einen ganzen Sommer lang bei dem gr��ten Teil des Grates geholfen. Sie befand sich immer noch irgendwo in Marineris und baute mit ihren Handwerkszeugen und starken Steins�gen, den Flaschenz�gen mit extrakr�ftigen Seilen und Leimbolzen, die st�rker waren als der Stein selbst, weitere Strecken aus. Einen Gehweg oder eine Treppe stellte sie peinlich genau aus dem Fels der Umgebung her. Manche Pfade erschienen wie wunderbar hilfreiche nat�rliche Merkmale, andere wie R�merstra�en und wieder andere massiv und respekteinfl��end wie die der Pharaonen oder der Inkas�� riesige Bl�cke, die mit haargenauer Pr�zision auf Gesteinsh�nge oder grobk�rniges Chaos eingepa�t worden waren.</p><p>Dreihundert Stufen nach unten z�hlend, dann quer �ber den Boden der Senke in der Stunde vor Sonnenuntergang, w�hrend der Streifen eines samtigen Violetts �ber dunklen Klippenw�nden leuchtete. Kein Pfad hier auf dem beschatteten Sand des Talbodens. Nirgal richtete sein Augenmerk auf die Steine und Pflanzen und lief dazwischen hin. Sein Blick wurde von hellfarbenen Bl�ten auf den zylindrisch runden K�rpern von Kakteen gefesselt, die wie der Himmel leuchteten. Auch sein K�rper schimmerte am Ende des Lauftages; und bei der Aussicht auf ein Abendessen nagte der Hunger in ihm. Die Schw�che wurde mit jeder Minute unangenehmer.</p><p>Er fand einen Treppenpfad in der westlichen Klippenwand, der immer h�her und h�her stieg. Er wechselte die Gangart zum Bergaufschreiten, glatt und regelm��ig. Bei den Kehren wandte er sich nach links und rechts und bewunderte die geschickte Anlage der Spur in dem Spaltensystem der Klippe, eine Plazierung, bei der er gew�hnlich mit einem h�fthohen Steinwall auf der freien Seite lief, au�er beim Aufstieg auf einem kahlen Felsenst�ck, wo man an den Bl�cken solide Magnesiumleitern befestigt hatte. Er beeilte sich und f�hlte, da� seine Oberschenkelmuskeln arbeiteten wie gro�e Gummib�nder. Er war ersch�pft.</p><p>Auf einer Felsleiste zur Linken der Treppe entdeckte er eine flache Stelle mit einer gro�artigen Sicht auf den langen engen Canyon in der Tiefe. Er verlie� den Pfad und hielt inne. Er setzte sich auf einen Stein wie auf einen Stuhl. Es war windig. Er blies sein kleines Pilzzelt auf. Es stand vor ihm, transparent in der D�mmerung. Er holte das Bettzeug, die Lampe, das Leseger�t und alles andere hastig aus seinem Faltsack auf der Suche nach Essen. Die ganze Ausr�stung war durch den jahrelangen Gebrauch abgewetzt und federleicht. Sein Ger�tesack wog alles zusammen weniger als drei Kilo. Und dann war alles an seinem Platz, der von einer Batterie geheizte Herd, der Speisesack und die Wasserflasche.</p><p>Die Abendd�mmerung ging in Himalaya-Majest�t vorbei, w�hrend er sich einen Topf Pulversuppe kochte und mit gekreuzten Beinen auf seinem Schlafpolster gegen die klare Wand des Zeltes gelehnt sa�. Die ersch�pften Muskeln genossen den Luxus des Sitzens. Wieder ein sch�ner Tag.</p><empty-line/><p>Er schlief in dieser Nacht schlecht und stand im kalten Wind erschauernd noch vor der Morgend�mmerung auf, packte rasch und lief weiter gen Westen. Aus dem letzten wilden Gel�nde von Aromatum kam er an die n�rdliche K�ste der Ganges-Bay. Die dunkelblaue Fl�che der Bucht lag beim Laufen zu seiner Rechten. Hier lagen hinter den langen Str�nden die weiten von kurzem Gras bedeckten Sandd�nen, auf denen es sich leicht laufen lie�. Nirgal glitt in seinem Rhythmus dahin, das Meer oder den Taigawald zu seiner Rechten im Blick.</p><p>Entlang dieser K�ste waren Millionen B�ume gepflanzt worden, um den Boden zu festigen und Staubst�rme abzuhalten. Der gro�e Wald von Ophir war eine der am schw�chsten besiedelten Regionen auf dem Mars. Er war in den fr�hen Jahren seines Bestehens nur selten besucht worden und hatte nie eine Kuppelstadt beherbergt. Tiefe Ablagerungen von Staub und Grus hatten die Reisenden entmutigt. Jetzt waren diese Ablagerungen durch den Wald etwas fixiert; aber an den Ufern der Fl�sse gab es S�mpfe und Flugsandseen und instabile L��buckel, die das Gitterdach der Zweige und Bl�tter durchstie�en. Nirgal hielt sich an der Grenze zwischen Wald und See auf den D�nen oder zwischen Gruppen kleinerer B�ume. Er �berquerte etliche kleine Br�cken, die die Flu�m�ndungen �berspannten. Eine Nacht verbrachte er am Strand, in den Schlaf gesungen vom Ger�usch der brechenden Wellen.</p><p>Am n�chsten Tag folgte er in der Fr�hd�mmerung dem Pfad unter dem k�hlenden Baldachin gr�ner Bl�tter. Die K�ste war am Damm von Ganges Chasma ausgelaufen. Das Licht war schwach und k�hl. Zu dieser Stunde sah jedes Ding wie ein Schatten seiner selbst aus. Schwache Pfade zweigten bergauf nach links ab. Der Wald hier bestand gr��tenteils aus Koniferen. Rotholz in hohen Hainen, umgeben von kleineren Fichten und Wacholderb�schen. Der Waldboden war mit trockenen Nadeln bedeckt. An feuchten Stellen brachen Farne durch diese braune Matte und f�gten ihre archaischen Fraktale dem von der Sonne gesprenkelten Boden hinzu. Ein Strom schl�ngelte sich zwischen schmalen, grasbewachsenen Inseln hindurch. Nirgal konnte kaum mehr als hundert Meter weit sehen. Gr�n und Braun waren die vorherrschenden Farben. Das einzig sichtbare Rot war das der haarigen Rinde der Roth�lzer. Pfeile aus Sonnenlicht tanzten wie schlanke Lebewesen �ber den Waldboden. Nirgal lief selbstverloren dahin, hypnotisiert, wenn er zwischen diesen Lichtpfeilen hindurchscho�. Auf Steinen h�pfte er �ber den seichten Bach einer von Farnen bedeckten Lichtung. Es war, als ginge man durch einen Raum, der sich zu �hnlichen Korridoren flu�aufw�rts und -abw�rts erweiterte. Ein kurzer Wasserfall gurgelte zu seiner Linken.</p><p>Er hielt an, um vom Wasser des Bachs zu trinken. Als er sich dann aufrichtete, sah er ein Murmeltier, das unter dem Wasserfall �bers Moos watschelte. Er empfand einen j�hen Stich ins Herz. Das Murmeltier trank und wusch sich Pfoten und Gesicht. Es bemerkte Nirgal nicht.</p><p>Dann war ein Rascheln zu h�ren, und das Murmeltier rannte fort und wurde von einem Husch aus geflecktem Fell und wei�en Z�hnen begraben. Ein gro�er Luchs hatte die Kehle des Murmeltiers mit kr�ftigen Klauen gepackt, sch�ttelte die kleine Kreatur rauh und pre�te sie unter eine gro�e Tatze, da� sie sich nicht mehr r�hren konnte.</p><p>Nirgal hatte im Moment der Attacke einen Sprung gemacht. Und als jetzt der Luchs �ber seiner Beute stand, schaute er in Nirgals Richtung, ganz als ob er eben jetzt erst die Bewegung bemerkt h�tte. Seine Augen glitzerten in dem tr�ben Licht, das Maul war blutig. Nirgal schauderte es; und als die Katze ihn sah und sich ihre Blicke festhielten, sah er, da� sie auf ihn zu lief und ihn ansprang, die scharfen Z�hne selbst in dem schwachen Licht hell.</p><p>Aber nein. Das Tier verschwand mit seiner Beute und hinterlie� nur einen schwankenden Farn.</p><p>Nirgal lief weiter. Der Tag war dunkler, als der Wolkenschatten erkl�ren konnte, eine b�sartige D�sterkeit. Er mu�te auf den Weg achten. Licht flimmerte durch die Schatten. Wei� stach durch Gr�n. J�ger und Gejagter. Von Eis ges�umte Teiche im Dunkel. Moos auf Rinde, Farngestalten im Augenwinkel. Hier ein Haufen borstiger Tannenzapfen, dort eine Grube mit Flugsand. Der Tag war k�hl, die Nacht w�rde kalt werden.</p><p>Er lief den ganzen Tag. Sein Rucksack stie� gegen seinen R�cken, er barg fast nichts mehr zu essen. Er war froh, sich seinem n�chsten Versteck zu n�hern. Manchmal nahm er beim Laufen nur eine Handvoll M�sliriegel mit und lebte aus der Natur, so gut er konnte, sammelte Pinienkerne und fischte. Aber auf solchen Ausfl�gen war er gezwungen den halben Tag mit der Suche nach Nahrung verbringen; und viel war nicht zu finden. Wenn die Fische anbissen, war ein See ein unglaubliches F�llhorn. Seev�lker. Aber bei diesem Lauf ging er mit aller Gewalt von Versteck zu Versteck, a� sieben- oder achttausend Kalorien am Tag und war dennoch abends hei�hungrig. Als er zu dem kleinen Trockental kam, das sein n�chstes Depot barg, und entdeckte, da� dessen Seitenwand bei einem Erdrutsch zusammengebrochen war, br�llte er vor Entt�uschung und Wut. Er grub sogar etwas in dem Haufen aus losen Steinen. Es war kein gro�er Bergrutsch gewesen. Aber einige Tonnen w�rde man entfernen m�ssen. Keine Chance. Er w�rde einen scharfen Lauf durch Ophir zum n�chsten Depot durchstehen m�ssen und w�rde Hunger haben. Er brach in dem Moment auf, da er das erkannte, in der Hoffnung, Zeit zu gewinnen.</p><p>Er sah sich beim Laufen nach e�baren Dingen um�� Pinienzapfen, Wiesenzwiebel, irgend etwas. Er a� sehr langsam die in seinem Pack �brig gebliebene Nahrung und kaute sie, so lange er konnte. Er versuchte, sich einzubilden, dadurch ihren N�hrwert zu erh�hen. Er geno� jeden Bissen. Der Hunger hielt ihn einen Teil jeder Nacht wach, obwohl er in den Stunden vor der D�mmerung fest durchschlief.</p><p>Am dritten Tag dieses unerwarteten Hungerlaufs kam er s�dlich von Juventa Chasma aus dem Wald heraus, in ein Land, das von dem vorzeitlichen Ausbruch des Juventa-Wasserreservoirs zerkl�ftet war. Es war eine schwere Arbeit, sich durch dieses Land in einer klaren Linie einen Weg zu bahnen; und er war hungriger, als er sich erinnern konnte, jemals gewesen zu sein. Und sein n�chstes Depot war noch zwei Tage entfernt. Sein K�rper hatte alle seine Fettreserven aufgezehrt, oder es kam ihm so vor, und n�hrte sich jetzt von den Muskeln selbst. Dieser Autokannibalismus gab jedem Objekt eine scharfe Kante, get�nt von etwas Gloriosem. Das Wei�e schimmerte aus Dingen heraus, als ob die Realit�t selbst durchscheinend w�rde. Bald nach diesem Stadium w�rde, wie er aus �hnlichen fr�heren Erfahrungen wu�te, der Zustand des <emphasis>lung-gom-pa</emphasis> zu neuen Halluzinationen f�hren. In den Augen hatte er schon verschiedene kriechende W�rmer und schwarze Flecken und Kreise aus kleinen blauen Pilzen und dann gr�ne eidechsenartige Wesen, die im Sand dahintrippelten, direkt vor seinen verschwommen F��en�� stundenlang hintereinander.</p><p>Er brauchte alle Konzentration, die er aufbringen konnte, um sich in dem zerkl�fteten Land zurecht zu finden. Er beobachtete das Gestein unter seinen F��en und das Land voraus gleicherma�en, den Kopf rauf und runter und wieder rauf und runter, in einer zappelnden Bewegung, die mit seinen Gedanken wenig zu tun hatte, die in einem v�llig anderen Rhythmus �ber nah und fern schweiften. Das Juventa-Chaos unten zu seiner Rechten war eine flache, wirre Senke, �ber die er auf einen fernen Horizont blicken konnte. Es war, als ob man in eine gro�e, zertr�mmerte Sch�ssel blickte. Das Land vor ihm war uneben, Gruben und H�gel bedeckt mit Steinbl�cken und Treibsand, die Schatten zu dunkel und die von der Sonne beschienenen Stellen zu grell. Dunkel und doch blendend. Es war wieder kurz vor Sonnenuntergang, und seine Pupillen wurden vom Licht gequ�lt. Er kam an eine alte D�nenflanke und rutschte �ber den Sand und das Ger�ll hinunter, ein traumhafter Abstieg�� links, rechts, links. Jeder Schritt f�hrte ihn ein paar Meter abw�rts. Seine von Sand und Ger�ll gepolsterten F��e rutschten im Sch�ttungswinkel nach unten. Man konnte sich gar zu leicht daran gew�hnen. Wieder auf flachem Boden, war es anstrengend, wieder zum nicht gest�tzten Jogging �berzugehen, und die n�chste kleine Steigung war verheerend. Er h�tte sich bald nach einem Lagerplatz umsehen sollen, vielleicht in der n�chsten Senke oder auf dem n�chsten sandigen und ebenen Fleck bei einer Steinbank. Er war am Verhungern, schwach durch den Nahrungsmangel und hatte nichts in seinem Rucksack au�er einigen fr�her am Tag ausgerissenen Wiesenzwiebeln. Aber die starke Erm�dung w�rde helfen. Er w�rde in Schlaf sinken, ganz gleich, was geschah. Ersch�pfung schl�gt den Hunger immer.</p><p>Er stolperte durch eine flache Senke, �ber einen Buckel, zwischen zwei hausgro�e Felsbl�cke. Dann pl�tzlich stand in einem Blitz von Wei� eine nackte Frau vor ihm und schwenkte einen gr�nen Schal. Er blieb abrupt stehen, taumelte, durch ihren Anblick verwirrt, und kam dann zu dem Schlu�, da� die Halluzinationen so weit au�er Kontrolle geraten waren. Aber da stand sie, so lebhaft wie eine Flamme. Blutige Striemen besudelten ihre Br�ste und Beine, und sie schwenkte schweigend den Schal. Dann rannten andere menschliche Gestalten hinter ihr her und �ber den n�chsten kleinen Buckel. Sie gingen, wie es schien, in die Richtung, in die sie deutete. Sie schaute Nirgal an und wies nach S�den, als ob sie ihm auch die Richtung wiese, und dann lief sie weiter.</p><p>Ihr schlanker wei�er K�rper schwebte dahin wie etwas, das man in mehr als drei Dimensionen erblickt, starker R�cken, lange Beine, rundes Ges��, schon weit entfernt, und der gr�ne Schal flog in diese und jene Richtung, wenn sie ihn zum Zeigen benutzte.</p><p>Pl�tzlich erblickte er vor sich drei Antilopen, die sich �ber einen kleinen H�gel nach Westen bewegten und durch die tiefstehende Sonne als Silhouetten erschienen. Ah�� J�ger. Die Antilopen wurden von den Menschen nach Westen getrieben, die sich in einem Bogen hinter ihnen angeordnet hatten und von Felsbl�cken aus Sch�rpen schwenkten. Alles schweigend, als ob jeder Laut aus der Welt verschwunden w�re. Kein Wind, keine Rufe. F�r einen Moment, als die Antilopen auf dem H�gel standen, h�rten alle auf, sich zu bewegen. Alle waren wachsam und still. J�ger und das Gejagte waren, zugleich eingefroren in einem Bild, das Nirgal erstarren lie�. Er scheute sich zu blinzeln aus Angst, da� die ganze Szene verschwinden k�nnte.</p><p>Der Antilopenbock bewegte sich und zerst�rte das Bild. Er wackelte vorsichtig Schritt f�r Schritt nach vorn. Die Frau mit dem gr�nen Schal ging aufrecht und offen hinter ihm her. Die anderen J�ger kamen ruckartig in Sicht und tauchten wieder weg. Sie bewegten sich wie Finken von einer erstarrten Position zur n�chsten. Sie waren barfu� und trugen Lendent�cher oder Trikothemden. Einige hatten Gesichter und R�cken rot, braun oder ockerfarben bemalt.</p><p>Nirgal folgte ihnen. Sie schwenkten, und er fand . sich an ihrem linken Fl�gel, als sie sich nach Westen bewegten. Das erwies sich als gl�cklich, da der Antilopenbock nach seiner Seite auszubrechen suchte und Nirgal in der Position war, ihm mit wildem H�nderudern in den Weg zu springen. Dann machten die drei Antilopen gleichzeitig kehrt und preschten wieder nach Westen. Der J�gertrupp folgte. Sie liefen schneller als Nirgal bei h�chster Geschwindigkeit und behielten die Bogenformation bei. Nirgal hatte M�he, wenigstens in Sichtweite zu bleiben. Sie waren sehr schnell, barf��ig oder nicht. Man konnte sie bei den langen Schatten kaum sehen, und sie rannten lautlos. Auf dem anderen Fl�gel des Bogens stie� jemand einen Schrei aus, und das war der einzige Ton, den sie von sich gaben, mit Ausnahme des Quietschens und Rumpeins von Sand und Ger�ll und dem scharfen Atmen ihrer Kehlen. Sie liefen dahin, mal sichtbar und mal nicht. Die Antilopen hielten ihre Distanz in kurzen gleichm��igen Spr�ngen bei. Kein Mensch w�rde sie je erreichen. Nirgal rannte schwer keuchend hinter der Jagd her. Voraus sichtete er wieder die Beute. Ah, die Antilopen waren stehengeblieben. Sie waren an den Rand einer Klippe gekommen. Er sah die L�cke und die gegen�berliegende Kante. Ein flacher Graben, aus dem die Wipfel von Kiefern herausragten. Hatten die Antilopen gewu�t, da� das da war? Waren sie mit dieser Gegend vertraut? Der Canyon war aus ein paar hundert Metern nicht zu sehen gewesen.</p><p>Aber vielleicht kannten sie die Stelle; denn mit dem reinen Flu� animalischer Grazie trabten sie halb, halb sprangen sie l�ngs des Klippenrandes zu einer kleinen Einbuchtung. Diese erwies sich als h�chste Stelle einer steilen Schlucht, aus der Ger�ll auf den Boden des Caynons hinunterkollerte. Als die Antilopen in diese Schlucht abstiegen, eilten alle J�ger an die Kante und sahen zu, wie die drei Tiere in einer erstaunlichen Entfaltung von Kraft und Gleichgewichtsgef�hl mit enormen Spr�ngen hinunterliefen. Ein J�ger heulte: <emphasis>�Ohhhhh�;</emphasis> und bei diesem Schrei rannten alle J�ger kreischend und grunzend hin�ber zum Kopf der Schlucht. Nirgal gesellte sich zu den anderen, lie� sich �ber den Rand fallen; und dann verfielen alle in einen verr�ckten Abstieg mit Gepolter und Spr�ngen. Und obwohl Nirgals Beine weich waren, kamen ihm jetzt seine endlosen Tage von Lung-gom zustatten; denn er �berholte die meisten anderen, wenn er von Felsbl�cken sprang und kleine Strecken auf rutschender Erde hinunterschlitterte. Er machte gro�e verzweifelte Spr�nge und hielt Balance, wie jeder andere auf den Moment konzentriert, um ohne b�sen Sturz rasch nach unten zu gelangen.</p><p>Erst als er gl�cklich auf dem Boden des Canyons angelangt war, schaute Nirgal wieder hoch und sah, da� der Canyon von dem Wald gef�llt war, den er von oben kaum bemerkt hatte. B�ume standen hoch �ber einem von Nadeln bedeckten Boden aus Altschnee. Gro�e F�hren und Fichten, und weiter aufw�rts im S�den massive St�mme von Riesensequoien, <emphasis>gro�en</emphasis> B�umen, die so gigantisch waren, da� der Canyon pl�tzlich nicht mehr tief wirkte, obwohl der Abstieg einige Zeit gedauert hatte. Es waren die Baumwipfel, die �ber den Canyonrand geragt hatten. Gigantische Sequoien, gentechnisch behandelt, die zweihundert Meter hoch waren und wie gro�e, stille Heilige ihre Arme in einem weiten Kreis �ber Tochterb�ume ausbreiteten, �ber die F�hren und Fichten, die d�nnen Schneeflecken und die braunen Nadelbetten.</p><p>Die Antilopen waren in diesem urt�mlichen Wald im Canyon in s�dlicher Richtung nach oben gelaufen; und mit fr�hlichem Gebr�ll folgten ihnen die J�ger, indem sie von einem Baumstamm zum anderen rannten. Die m�chtigen Zylinder rissiger roter Borke lie�en alles andere zwergenhaft erscheinen. Sie sahen alle aus wie kleine Tiere, wie M�use, die in dem schwindenden Licht �ber einen beschneiten Waldboden sprangen. Nirgal kribbelte die Haut am R�cken und den Flanken. Er stand von dem Abstieg in die Schlucht immer noch unter Adrenalin. Er keuchte, und ihm war schwindelig. Es war klar, da� sie die Antilopen nicht fangen w�rden. Er wu�te nicht, was sie vorhatten. Dennoch rannte er zwischen den riesigen B�umen dahin und folgte den f�hrenden J�gern. Die Jagd an sich war alles, was er begehrte.</p><p>Dann wurden die Sequoia-T�rme sp�rlicher, wie am Ende eines Wolkenkratzerviertels, bis nur noch ein paar �brig waren. Und als er zwischen den St�mmen der letzten Unget�me hinsah, machte Nirgal wieder kurz halt. Auf der anderen Seite der schmalen Lichtung war der Canyon durch eine Mauer aus Wasser versperrt. Eine wahre Wand aus Wasser f�llte den Canyon bis zum Rand und hing �ber ihnen als eine glatte, transparente Masse.</p><p>Ein Staudamm. Man hatte k�rzlich angefangen, sie aus durchsichtigen Folien aus Diamantengittern zu bauen, die in ein Betonfundament eingelassen waren. Nirgal sah, wie dies hier an beiden Canyonw�nden nach unten verlief und quer �ber den Boden des Canyons als eine dicke wei�e Linie.</p><p>Die Wassermasse stand �ber ihnen wie die Seite eines gro�en Aquariums, tr�be in N�he des Bodens, wo Wasserpflanzen im dunklen Schlamm schwebten. Dar�ber huschte ein silberner Fisch, gro� wie eine Antilope, zu der klaren Wand und zog sich dann in kristallische Tiefen zur�ck.</p><p>Die drei Antilopen sprangen vor dieser Barriere nerv�s vor und zur�ck. Ricke und Kitz folgten den raschen Wendungen des Bocks. Als die J�ger ihnen nahe kamen, stob der Bock pl�tzlich davon und krachte mit einem starken Schwung seines ganzen K�rpers gegen die Wand. Sein Geweih war messerscharf. <emphasis>Bums</emphasis>�� Nirgal erstarrte in Angst. Alle hielten bei dieser wilden Geste, die geradezu menschlich h�tte sein k�nnen, inne. Aber der Bock prallte zur�ck und torkelte. Dann wandte er sich um und griff sie an. Bolakugeln wirbelten durch die Luft, die Leine wickelte sich dicht �ber dem Fesselgelenk um seine Beine, und er st�rzte nach vorn zu Boden. Einige J�ger dr�ngten sich um ihn; andere erlegten Ricke und Kitz mit einem Hagel aus Steinen und Speeren. Ein schriller Schrei brach j�h ab. Nirgal sah, wie die Kehle der Ricke durch ein Messer mit Obsidianklinge durchschnitten wurde. Das Blut str�mte dicht beim Fundament des Damms in den Sand. Der gro�e Fisch schwamm oben vorbei und schaute auf sie herunter.</p><p>Die Frau mit dem gr�nen Schal war nirgends zu sehen. Ein anderer J�ger, der nur mit Halsschmuck bekleidet war, legte den Kopf zur�ck und stie� ein Geheul aus, wodurch er die seltsame Stille, in der die Tat geschehen war, zerst�rte. Er tanzte im Kreis, lief dann an die klare Wand des Damms und schleuderte seinen Speer dagegen. Der Speer prallte ab. Der jubelnde J�ger lief hin und schlug mit der Faust gegen die durchsichtige, harte Membran.</p><p>Eine J�gerin mit blutigen H�nden wandte den Kopf und warf dem Mann einen ver�chtlichen Blick zu. Sie sagte: �H�r auf, hier den Narren zu spielen!�</p><p>Der Speerwerfer lachte. �Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Diese D�mme sind hundertmal st�rker, als sie sein m��ten.�</p><p>Die Frau sch�ttelte mi�mutig den Kopf. �Es ist d�mlich, das Schicksal herauszufordern.�</p><p>�Es ist erstaunlich, wieviel Aberglaube noch in �ngstlichen Gem�tern �berlebt.�</p><p>�Du bist ein Tor�, erwiderte die Frau. �Gl�ck ist ebenso real wie alles andere.�</p><p>�Gl�ck! Schicksal! Ka.� Der Speerwerfer hob seinen Speer auf und schleuderte ihn wieder gegen den Damm. Er prallte zur�ck und verletzte ihn fast. Er lachte wild und sagte: �Was f�r ein <emphasis>Gl�ck.</emphasis> Das Schicksal beg�nstigt den Mutigen, nicht?�</p><p>�Mistkerl! Zeig etwas Respekt!�</p><p>Der Mann lachte heiser. �Alle Ehre diesem Bock, der so gegen die Wand gekracht ist!�</p><p>Die anderen ignorierten die beiden und waren damit besch�ftigt, die Tiere zu zerlegen. �Vielen Dank, Bruder! Vielen Dank, Schwester!� Nirgals Hand zitterte beim Zusehen. Er roch das Blut und sein Speichel flo� sofort. Haufen von Eingeweiden dampften in der k�hlen Luft. Magnesiumstangen wurden aus den G�rteltaschen geholt und ausgezogen. Die enthaupteten Antilopen wurden mit den Beinen daran gebunden. J�ger an den Enden der Stangen hoben die toten K�rper auf die Schulter.</p><p>Die Frau mit den blutigen H�nden schrie den Speerwerfer an: �Du solltest lieber beim Tragen helfen, wenn du etwas davon essen willst.�</p><p>�Halts Maul!� Aber er half, das Vorderende des Bocks zu tragen.</p><p>�Komm mit!� sagte die Frau zu Nirgal; und dann eilten sie �ber den Canyonboden nach Westen, zwischen der gro�en Wassermauer und der letzten der m�chtigen Sequoien hindurch. Nirgal folgte mit knurrendem Magen.</p><p>Die Westwand des Canyons war mit Petroglyphen versehen: Tiere, Lingams, Yonis, Handabdr�cke, Kometen und Raumschiffe, geometrische Figuren, der bucklige Fl�tenspieler Kokopeli�� alle im Halbdunkel und kaum sichtbar. In die Klippe war eine Treppe eingelegt, die einem fast vollkommenen Z aus Leisten folgte. Wieder �bergang in den Bergauf-Rhythmus. Der Magen zehrte von innen an ihm, und der Kopf schwindelte. Eine schwarze Antilope reckte sich neben ihm �ber dem Felsen.</p><p>Oben standen ein paar Sequoias isoliert auf der Kante des Canyons. Als sie den Rand erreichten und wieder in das letzte Licht des Sonnenuntergangs kamen, sah er, da� diese B�ume einen Kreis bildeten, neun B�ume in einem rohen h�lzernen Stonehenge mit einer gro�en Feuergrube im Zentrum.</p><p>Die Schar betrat den Kreis und schickte sich an, ein Feuer zu machen. Sie zogen den Antilopen das Fell ab und schnitten gro�e Fleischst�cke aus den Schenkeln. Nirgal schaute zu. Seine Beine zitterten wie auf einer N�hmaschine, und sein Mund w�sserte wie ein Springbrunnen. Er schluckte immer wieder, als er den Saft des bratenden Fleisches roch, w�hrend Rauch zu den fr�hen Sternen aufstieg. Das Licht des Feuers w�lbte sich wie eine Blase in die d�stere D�mmerung und verwandelte den Baumkreis in ein flackerndes Zimmer ohne Dach. Das vor den Nadeln flimmernde Licht war, als s�he man die Kapillaren eines durchbluteten Raumes. Einige B�ume hatten um ihre St�mme h�lzerne Wendeltreppen bis hinauf in die �ste. Hoch �ber ihnen wurden Lampen angez�ndet, und Stimmen wie von Lerchen erklangen zwischen den Sternen.</p><p>Drei von vieren der J�ger sammelten sich um ihn und boten Fladenbrot an, das nach Gerste schmeckte, und einen scharfen Schnaps aus Tonkr�gen. Sie erz�hlten ihm, da� sie den Sequoienkreis vor ein paar Jahren gefunden h�tten.</p><p>Nirgal schaute sich um und fragte: �Was ist mit der... Anf�hrerin der Jagd geschehen?�</p><p>�Oh, die Diana kann heute nacht nicht mit uns schlafen.�</p><p>�Wenn sie nicht scharf ist, hat sie keine Lust.�</p><p>�O doch! Du kennst doch Zo. Die hat immer einen Grund.�</p><p>Sie lachten und r�ckten n�her an das Feuer. Eine Frau stocherte nach einem angekohlten St�ck Fleisch und schwenkte es am Stock, damit es abk�hlte. �Ich esse alles von dir, kleine Schwester.� Dann bi� sie hinein.</p><p>Nirgal a� mit ihnen, dem feuchthei�en Geschmack des Fleisches hingegeben. Er kaute kr�ftig und verschlang die Nahrung. Sein K�rper brummte immer noch vor bebendem, benommenem Hunger. Essen! Essen!</p><p>Sein zweites St�ck a� er langsamer und beobachtete die anderen. Sein Magen f�llte sich rasch. Er dachte an den Abstieg die Schlucht hinunter zur�ck. Es war erstaunlich, wozu der K�rper, wenn man ihn forderte, imstande war. Das war eine Erfahrung au�erhalb des K�rpers gewesen oder vielmehr soweit im Innern des K�rpers, da� es �hnlich der Bewu�tlosigkeit gewesen war, die vermutlich tief in das Kleinhirn eindrang, in jenes uralte Unterbewu�tsein, das genau wu�te, wie man zu handeln hatte. Ein Zustand der Gnade.</p><p>Ein harziger Ast spie Flammen aus der Glut. Nirgals Sehverm�gen hatte sich noch nicht wieder beruhigt. Die Dinge h�pften und verschwammen mit Nachbildern. Der Speerwerfer und ein anderer Mann traten zu ihm. �Hier, trink das!� und hielten ihm einen ledernen Beh�lter an die Lippen. Sie lachten, als er etwas bittere Milch in den Mund bekam.- �Nimm etwas von dem wei�en Bruder, Bruder!� Ein paar von den Leuten ergriffen Steine und schlugen sie rhythmisch gegeneinander. Einige tanzten um den Scheiterhaufen, heulten, rezitierten und sangen. Von Ba� bis Diskant alles durcheinander: �Auqakuh, Quahira, Harmakhis, Kasei, Auqakuh, Mangala, Ma�adim, Bahram.� Nirgal tanzte mit ihnen. Seine Ersch�pfung war gebannt. Es war eine kalte Nacht, und man konnte sich auf das Feuer zu oder von ihm fort bewegen, seine Strahlung auf k�hler nackter Haut f�hlen und sich wieder in die K�lte zur�ckziehen. Als alle hei� und verschwitzt waren, gingen sie in die Nacht hinaus und stolperten wieder auf den Canyon zu, nach S�den dem Rand entlang. Eine Hand packte Nirgals Arm; und es sah so aus, als w�re diese Diana wieder neben ihm, hell im Dunkel. Aber es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Und dann planschten sie in das Wasser des Reservoirs. Schrecklich kalt, untertauchen, h�ftentief Schlamm und Sand, herzl�hmend kalt. Dann aufstehen, hinauswaten, alle Sinne wild pulsierend, nach Luft schnappen, lachen. Eine Hand an seinem Fu�gelenk und wieder hinunter, mit dem Gesicht voran in das seichte Wasser. Lachen. Durch das dunkle Na�, frierend, mit den Zehen klappernd, �Au! Au!� und wieder in den Baumkreis, in die W�rme. Durchn��t tanzten sie wieder, mit ausgestreckten H�nden an die Hitze des Feuers gedr�ngt, umarmten sie seinen Glanz. Alle K�rper im Feuerschein ger�tet, die Sequoia-Nadeln blitzten auf vor den Nadelspitzen der Sterne und die T�nzer h�pften im Rhythmus der Steintrommeln.</p><p>Als sie sich wieder aufgew�rmt hatten und das Feuer herunterbrannte, f�hrten sie ihn zu einer der Sequoiatreppen. Auf den m�chtigen Zweigen des Baums waren kleine niedrige Schlafplattformen angebracht. Mit niedrigen W�nden und zum Himmel hin offen. Die Fu�b�den schwankten leicht in einer kalten Brise, die die tiefen, zarten Choralstimmen des Baumes geweckt hatte. Nirgal wurde auf der h�chsten Plattform alleingelassen. Er packte sein Bettzeug aus und legte sich hin. Beim Chor des Windes in den Sequioia-Nadeln fiel er rasch in Schlaf.</p><p>In der Morgend�mmerung erwachte er pl�tzlich. Er setzte sich an der Wand seiner Plattform auf, �berrascht, da� der ganze Abend sich nicht als Traum erwiesen hatte. Er schaute �ber die Kante: Der Boden war sehr weit unten. Er sa� wie im Kr�hennest eines riesigen Schiffs und rief eine blasse Erinnerung an sein hohes Bambuszimmer in Zygote wach; aber hier war alles sehr viel gr��er�� die Sternenkuppel des Himmels, die entfernte, gezackte schwarze Linie des Horizonts. Das ganze Land war eine zerknitterte dunkle Decke, in die das Wasser des Reservoirs wie ein silberner Schn�rkel eingef�gt lag.</p><p>Er machte sich auf den Weg die Treppe hinunter. Es waren vierhundert Stufen. Der Baum war vielleicht 150 Meter hoch und stand �ber dem Abfall der 150 Meter hohen Canyonklippe. In der Zeit vor Sonnenaufgang sah er auf den Wall hinab, �ber den sie die Antilopen zu treiben versucht hatten, betrachtete den Steilhang, den sie hinunter geprescht waren und den klaren Damm dahinter.</p><p>Er ging zur�ck zur Baumgruppe. Einige J�ger waren jetzt auf. Sie bem�hten sich, das Feuer wieder anzumachen und erschauerten in der D�mmerk�lte. Nirgal fragte sie, ob sie an diesem Tag weiterziehen w�rden. Das war der Fall. Nach Norden durch das Juventa-Chaos und dann weiter zum s�dwestlichen Ufer des Chryse-Golfs. Danach wu�ten sie noch nicht.</p><p>Nirgal fragte, ob er eine Weile bei ihnen bleiben k�nne. Sie sahen �berrascht aus, musterten ihn und sprachen untereinander in einer Sprache, die er nicht erkannte. Ja, er wollte die Diana wiedersehen. Aber es war noch mehr als das. Nichts in seinem <emphasis>Lung-gom-pa</emphasis> war so gewesen wie jene letzte halbe Stunde der Jagd.</p><p>Nat�rlich hatte sein Lauf die B�hne f�r das Erlebnis bereitet, genau wie der Hunger und die Ersch�pfung. Aber dann war etwas Neues geschehen. Beschneiter Waldboden, die Verfolgung zwischen den urt�mlichen B�umen, das Rennen in die Schlucht hinunter, die Szene unten am Damm.</p><p>Die Fr�haufsteher nickten ihm zu. Er konnte mitkommen.</p><empty-line/><p>Diesen ganzen Tag marschierten sie auf einem komplizierten Pfad durch das Juventa-Chaos nach Norden. Am Abend kamen sie zu einer kleinen Mesa, deren ganze Kappe von einem Obstgarten mit Apfelb�umen eingenommen wurde. Eine Rampe f�hrte dort hinauf. Die B�ume waren in die Form von Cocktailgl�sern gestutzt worden, und jetzt trieben aus den knorrigen alten Zweigen neue Triebe in die H�he. W�hrend des Nachmittags zogen sie mit Leitern von Baum zu Baum, schnitten die d�nnen Triebe ab und ernteten einige harte, saure und unreife kleine �pfel.</p><p>In der Mitte des Obstgartens war ein Bau mit offenen W�nden und rundem Dach. Sie nannten ihn ein Scheibenhaus. Nirgal ging hindurch und bewunderte die Konstruktion. Das Fundament war eine runde Betonplatte, die wie Marmor poliert war. Auch das Dach war rund und wurde von einem einfachen T aus inneren W�nden getragen�� ein Durchmesser und ein Radius. In dem offenen Halbkreis waren K�che und Wohnraum, auf der anderen Seite Schlafzimmer und Bad. Die jetzt f�r Luft offene Umfassung konnte bei unfreundlichem Wetter durch transparente W�nde aus Kuppelmaterial geschlossen werden, das wie Vorh�nge rund herum gespannt wurde.</p><p>Die Frau, die die Antilopen zerlegt hatte, sagte Nirgal, da� es �berall in Lunae Scheibenh�user g�be.</p><p>Auch andere Gruppen benutzten sie und pflegten die Obstg�rten, wenn sie vorbeikamen. Sie waren alle Teil einer losen Koop und f�hrten ein Nomadenleben mit etwas Ackerbau, Jagen und Sammeln. Jetzt kochte eine Schar die kleinen �pfel und machte Apfelmus auf Vorrat, andere brieten �ber einem Feuer im Freien Antilopenfleisch oder arbeiteten in einer R�ucherkammer.</p><p>Zwei runde B�der neben dem Scheibenhaus dampften, und einige Leute legten ihre Kleider ab und h�pften in das kleine Bad, um sich vor dem Abendessen zu s�ubern. Sie waren sehr schmutzig, schlie�lich hatten sie lange im Hinterland gelebt. Nirgal folgte der Frau ( an ihren H�nden klebte noch getrocknetes Blut) und gesellte sich im Bad zu ihnen. Das warme Wasser war wie eine andere Welt, als ob die Hitze des Feuers in eine Fl�ssigkeit verwandelt worden w�re, die man ber�hren und in die man den K�rper eintauchen konnte.</p><empty-line/><p>Sie wachten in der Fr�hd�mmerung auf und faulenzten am Feuer, kochten Kaffee und Kava, n�hten Kleider und arbeiteten um das Scheibenhaus herum. Nach einer Weile sammelten sie ihre wenigen Reiseutensilien, l�schten das Feuer und brachen auf. Jeder hatte einen Rucksack oder eine G�rteltasche; aber die meisten schritten so leicht dahin wie Nirgal oder noch mehr, nichts im Gep�ck als eine d�nne Schlafrolle und etwas Nahrung. Einige hatten Speere oder Pfeil und Bogen �ber der Schulter. Sie legten den ganzen Morgen ein scharfes Tempo vor und teilten sich dann in kleinere Gruppen, um Pinienzapfen, Eicheln, Wiesenzwiebeln und wildes Korn zu sammeln. Oder sie jagten nach Murmeltieren oder Fr�schen und vielleicht auch gr��erem Wild. Sie waren hager. Die Rippen traten hervor, und die Gesichter waren schmal. Die Frau sagte zu ihm: Wir bleiben gern etwas hungrig, dann schmeckt das Essen besser. Und wirklich schlang Nirgal an jedem Abend dieses langen Marsches sein Essen hinunter wie beim Laufen�� zittrig und gierig. Und alles schmeckte wie Ambrosia. Sie marschierten jeden Tag eine gro�e Strecke und gerieten bei ihren gro�en Jagden oft in ein katastrophales Terrain, welches so rauh war, da� es oft vier oder f�nf Tage dauerte, ehe es ihnen gelang, sich alle beim n�chsten Scheibenhaus in seinem Obstgarten wiederzufinden. Da Nirgal nicht wu�te, wo diese sich befanden, mu�te er nahe bei der einen oder anderen Gruppe bleiben. Einmal lie�en sie ihn die vier Kinder der Gruppe auf einer leichteren Strecke �ber das verkraterte Gel�nde von Lunae Planum f�hren; und die Kinder sagten ihm jedesmal, wenn sie sich entscheiden mu�ten, welche Richtung einzuschlagen war. Und sie erreichten als erste das n�chste Scheibenhaus. Den Kindern gefiel das. Oft wurden sie von den gr��eren Gruppen gefragt, wann sie ein Scheibenhaus verlassen sollten. �He, ihr Kleinen, ist es Zeit zu gehen?� Dann antworteten sie einstimmig sehr sicher mit Ja oder Nein. Einmal gerieten zwei Erwachsene in Streit und mu�ten danach ihre Ansichten den vier Kindern vortragen, die gegen einen von ihnen entschieden. Die Metzgerfrau erkl�rte Nirgal: �Wir lehren sie, sie urteilen �ber uns. Sie sind hart, aber fair.�</p><p>Sie ernteten etwas vom Ertrag der Obstg�rten: Pfirsiche, Birnen, Aprikosen, �pfel.</p><p>Wenn eine Ernte �berreif war, dann nahmen sie alles, kochten es ein und f�llten es in Flaschen als So�en oder Chutneys und hinterlie�en es in gro�en Speiseschr�nken f�r andere Gruppen oder sich selbst, f�r das n�chste Mal. Dann zogen sie weiter, nach Norden �ber das Lunae-Land, bis zur Gro�en B�schung, dramatisch vom Hochplateau Lunae �ber f�nftausend Meter bis zum Chryse-Golf, der nur etwas �ber tausend H�henmeter lag, abfiel.</p><p>Der Weg �ber dieses steile Terrain war schwierig. Das Land war schroff und aufgerissen und zersplitterte in Millionen kleiner Verformungen. Hier waren keine Wege angelegt, und es gab kaum ein Durchkommen. Es ging bergauf und bergab �ber nahezu nicht erkennbare ausgezackte und ins Nichts f�hrende Pfade. Und keine Scheibenh�user weit und breit und kaum Nahrung zu finden. Ein Kind rutschte aus, als sie eine Reihe von Korallenkakteen kreuzten, die das Land <emphasis>wie</emphasis> ein Zaun aus Stacheldraht s�umten, und es fiel mit dem Knie in ein B�schel Dornen. Dann dienten die Magnesiumstangen als Ger�st f�r eine Trage, und sie zogen weiter nach Norden, wobei sie den weinenden Jungen mit sich trugen. Die besten J�ger befanden sich mit Pfeilen und Bogen an den Flanken der Gruppe, um zu sehen, ob sie etwas erlegen k�nnten, das vorbeihuschte. Nirgal bemerkte einige Fehlsch�sse. Dann erlegte ein weit fliegender Pfeil ein fliehendes Kaninchen, das taumelte und fiel. Dann t�teten sie es. Ein erstaunlicher Schu�, der sie alle veranla�te, schreiend herumzuspringen. Um den Schu� zu feiern, verbrauchten sie mehr Kalorien, als je zur�ckbekommen w�rden, wenn sie die winzigen St�cke von Kaninchenfleich, die der Anteil jeder Person waren, verzehrten. �Ritueller Kannibalismus an unserem Nagetierbruder�, sagte die Metzgerfrau ver�chtlich, als sie ihr St�ck a�. �Sagt nie wieder, da� es so etwas wie Gl�ck gibt!� Aber der ungest�me Sch�tze lachte sie blo� aus, und die anderen schienen sich �ber ihren Happen Fleisch zu freuen.</p><p>Dann trafen sie sp�ter am gleichen Tag auf einen jungen Karibu-Bullen, der sich verlaufen zu haben schien. Ihre Nahrungsprobleme waren gel�st, wenn sie ihn erwischen konnten. Aber er war vorsichtig, trotz seines verwirrten Verhaltens, hielt sich jenseits der Reichweite auch des weitesten Pfeilschusses auf und setzte sich von der Gruppe ab die Gro�e B�schung hinunter, vor den Augen aller J�ger, die auf dem Hang verblieben waren.</p><p>Schlie�lich lie�en sie sich alle auf H�nde und Knie nieder und krabbelten m�hsam �ber den mitt�glich hei�en Fels, um den Karibu zu umzingeln. Aber der Wind blies von hinten; und der Karibu bewegte sich scheu noch weiter hinunter und wandte sich nach Norden. Unterwegs graste er und schaute immer neugieriger auf seine Verfolger zur�ck, als ob er sich fragte, warum sie mit diesem Spiel fortfuhren. Auch Nirgal wunderte sich. Und er war offenbar nicht allein. Die Skepsis des Karibus hatte sie angesteckt. Leise und kr�ftigere Mi�t�ne erklangen in dem st�ndigen Gespr�ch, das deutlich eine Debatte �ber Strategie war. Nirgal begriff, da� das Jagen schwierig war und da� die Gruppe oft versagte. Da� sie dabei vielleicht nicht sehr gut waren. Sie wurden auf dem Fels ger�stet und hatten seit einigen Tagen nicht mehr ordentlich gegessen. Das geh�rte f�r diese Leute zum Leben, machte aber diesmal wirklich keinen Spa� mehr.</p><p>Als sie schlie�lich weiterzogen, schien sich der Horizont im Osten unter ihnen zu verdoppeln. Chryse Golf schimmerte blau und flach noch immer weit unten. W�hrend sie dem Karibu den Abhang hinab folgten, kam das Meer immer st�rker ins Blickfeld. Die Gro�e B�schung war hier so steil, da� nicht einmal die enge Kr�mmung des Mars ausreichte, die Fernsicht zu behindern; und sie konnten viele Kilometer weit �ber Chryse Golf hinausblicken. Das Meer, das blaue Meer!</p><p>Vielleicht konnten sie den Karibu gegen das Wasser hin treiben. Aber jetzt wandte er sich nach Norden quer zum Abhang der B�schung. Sie krochen �ber eine kleine Bodenwelle hinter ihm her und hatten pl�tzlich einen guten Blick zur K�ste hinunter. Gr�ner Wald neben dem Wasser, kleine wei� get�nchte Geb�ude unter den B�umen. Ein wei�er Leuchtturm auf einem steilen Felsen.</p><p>W�hrend sie weiter nach Norden zogen, erschien �ber dem Horizont eine Wendung in der K�ste. Genau dahinter lag eine Stadt an einer halbmondf�rmigen Bucht auf der S�dseite von etwas, das sie jetzt als einen Meeresarm oder besser einen Fjord erkannten; denn jenseits einer schmalen Wasserstra�e erhob sich eine Wand, die noch steiler war als der Abhang, auf dem sie sich befanden. Dreitausend Meter roter Fels ragten aus der See. Die gigantische Klippe erschien wie der Rand eines Kontinents. Die horizontalen Schichtungen waren durch den Wind von Milliarden Jahren tief eingeschnitten. Nirgal erkannte sofort, <emphasis>wo</emphasis> sie waren. Die massive Klippe war die dem Meer zugewandte B�schung der Sharanov-Halbinsel, und der Fjord deshalb der Kasei-Fjord und die Hafenstadt folglich Nilokeras. Sie hatten einen weiten Weg hinter sich.</p><p>Die Pfeift�ne zwischen den J�gern wurden sehr laut und ausdrucksvoll. Etwa die H�lfte der Gruppe richtete sich �ber einem Steinfeld auf. Sie schauten einander an, als w�re ihnen pl�tzlich etwas eingefallen. Dann erhoben sie sich und gingen den Weg hinunter zur Stadt. Sie gaben den Karibu auf und lie�en ihn �sen. Nach einer Weile h�pften und sprangen sie unter Gebr�ll und Gel�chter bergab. Die Tr�ger mit der Trage und dem verletzten Jungen lie�en sie hinter sich.</p><p>Weiter unten warteten sie aber, unter den hohen Hokkaido-Fichten am Rand der Stadt. Als die Tr�ger sie einholten, gingen sie zusammen zwischen den B�umen hinunter in die oberen Stra�en der Stadt. Als eine laute Schar kamen sie an feinen H�usern mit Fensterfronten vorbei, die den dicht gef�llten Hafen �berblickten, direkt zu einer medizinischen Klinik, als ob sie genau w��ten, wohin sie gingen. Sie lieferten den verletzten Jungen ab und besuchten dann die �ffentlichen B�der. Nach einem schnellen Bad gingen sie zu der gekr�mmten Gesch�ftsstra�e hinter den Docks und fielen in drei oder vier benachbarte Restaurants mit Tischen unter Sonnenschirmen und Reihen leuchtender Gl�hbirnen ein. Nirgal setzte sich mit den jungen Leuten an einen Tisch in einem Fischlokal. Nach einer Weile kam der verletzte Junge mit verbundenem Knie und Wade hinzu; und sie alle a�en gewaltige Mengen Krabben, Muscheln, Forellen, frisches Brot, K�se, Bauernsalat und tranken literweise Wasser, Wein und Ouzo�� alles in solchem �berma�, da� sie, als sie genug hatten, davonstolperten, betrunken und mit prall wie Trommeln gef�llten M�gen.</p><p>Einige gingen unmittelbar in ihre �bliche Herberge, wie es die Metzgerfrau nannte, um sich hinzulegen oder sich zu �bergeben. Der Rest hinkte am Geb�ude vorbei zu einem nahe gelegenen Park, wo eine Auff�hrung von Tyndalls Oper <emphasis>Phyllis Boyle</emphasis> mit anschlie�endem Tanz stattfand.</p><p>Nirgal lag mit der Parkgruppe ausgestreckt im Gras hinter dem Publikum. Wie die anderen war er von der Leistung der S�nger und die schiere �ppigkeit des von Tyndall eingesetzten Orchesterklangs fasziniert. Als die Oper zu Ende war, hatten einige aus der Gruppe ihren Schmaus hinl�nglich verdaut, um zu tanzen; und Nirgal machte mit. Nach einer Stunde Tanz ging er, wie viele andere aus dem Publikum, zur Band. Er trommelte so lange, bis sein ganzer K�rper wie das Magnesium des Schlagzeugs dr�hnte.</p><p>Aber er hatte zu viel gegessen; und als einige aus der Gruppe wieder in die Herberge zur�ckkehrten, beschlo� er, mit ihnen zu gehen. Auf dem Heimweg sagten irgendwelche Passanten so etwas wie: �Schaut euch diese Wilden an!�, und der Speerwerfer heulte. Dann pre�te er zusammen mit einigen der jungen J�ger die Passanten gegen eine Mauer und br�llte Beschimpfungen: �H�tet eure Zunge, oder wir werden euch das Fell gerben! Ihr Ratten im K�fig, ihr Drogens�chtigen, ihr Schlafwandler, ihr verdammten Erdenw�rmer! Ihr denkt, ihr k�nnt Drogen nehmen und bekommen, was wir kriegen. Wir werden euch in den Arsch treten, dann werdet ihr richtig etwas f�hlen. Ihr werdet sehen, was wir meinen.� Dann zog Nirgal ihn zur�ck und sagte: �Komm schon, mach keinen �rger!� Und die Passanten st�rzten sich mit Gebr�ll auf sie, M�nner mit harten F�usten und F��en, die nicht betrunken, aber ziemlich w�tend waren. Die jungen J�ger mu�ten sich zur�ckziehen und sich dann von Nirgal wegf�hren lassen, als die Passanten sich damit zufrieden gaben, sie verscheucht zu haben. Die Leute schrien weiter Beschimpfungen, torkelten die Stra�e hinauf, hielten sich ihre Beulen, lachten und knurrten, zutiefst von sich selbst �berzeugt. �Verdammte Schlafwandler, packt euch in eure Giftb�chsen ein, wir werden euch in den Arsch treten! Wir werden euch samt eurer Puppenh�user ins Wasser schmei�en! D�mliche Schafe, die ihr seid!�</p><p>Nirgal dr�ngte sie weiter und mu�te dabei kichern. Die Radaubr�der waren sehr betrunken, und Nirgal war selbst nicht viel n�chterner. Als sie zu ihrer Herberge kamen, schaute er in die Kneipe gegen�ber, sah die Metzgerfrau dort sitzen und ging mit dem Rest der wilden Kerls hinein. Er sa� da und beobachtete die Burschen eine Weile, w�hrend er einen Cognac trank und ihn �ber die Zunge rollen lie�. Wilde hatten die Passanten sie genannt. Die Frau schaute ihn an und �berlegte, was er wohl dachte. Viel sp�ter stand er m�hsam auf und verlie� die Kneipe mit den anderen, ging unsicher �ber die gepflasterte Stra�e und summte mit: �Swing Low, Sweet Chariot�, als sie kl�fften. Auf dem Obsidianwasser des Kasei-Fjords schaukelten die Sterne auf und ab. Geist und Leib voller Empfindungen, s��e Ersch�pfung als Zustand der Gnade.</p><p>Am n�chsten Morgen schliefen sie lang und erwachten sp�t, benommen und verkatert. Sie lagen eine Weile in ihrem Schlafsaal und schl�rften Kavajava. Dann gingen sie die Treppe hinunter und a�en, obwohl sie behaupteten, noch vollgestopft zu sein, ein m�chtiges Herbergenfr�hst�ck. W�hrend des Essens beschlossen sie, zum Fliegen zu gehen. Die vom Kasei-Fjord herunterkommenden Winde waren so stark wie je auf diesem Planeten; und Windsurfer und Flieger aller Arten waren nach Nilokeras gekommen, um das auszunutzen. Nat�rlich konnten jederzeit Howler die Situation �au�er Rand und Band� bringen und den Spa� f�r alle, au�er den gro�en Windreitern, beenden. Aber die durchschnittliche steife Brise des Tages war fantastisch.</p><p>Die Operationsbasis der Flieger war eine Kraterinsel fern der K�ste namens Santorini. Nach dem Fr�hst�ck ging die Gruppe zusammen hinunter zu den Docks und bestieg eine F�hre. Eine halbe Stunde sp�ter schifften sie sich auf der kleinen bogenf�rmigen Insel ein und wanderten mit den anderen Passagieren zum Segelflugplatz.</p><p>Nirgal war seit Jahren nicht mehr geflogen, und es war ein gro�es Vergn�gen, sich in der Gondel eines Luftschiffgleiters anzuschnallen, den Mast aufzustellen, dann loszumachen und bei den kr�ftigen Aufwinden, die �ber den steilen inneren Rand von Santorini bliesen, hochzusteigen. Als Nirgal aufstieg, sah er, da� die meisten Flieger Vogelanz�ge der einen oder anderen Art trugen. Es sah aus, als fl�ge er in einem Schw�rm breitfl�gliger Kreaturen, die nicht wie V�gel aussahen, sondern eher wie fliegende F�chse oder mythische Mischwesen wie der Greif oder Pegasus.</p><p>Vogelmenschen. Die Vogelanz�ge waren verschiedenartig und ahmten in gewisser Hinsicht die Gestalten unterschiedlicher Arten nach: Albatros, Adler, L�mmergeier ...</p><p>Jeder Anzug umschlo� seinen Tr�ger in etwas, das im Endeffekt ein sich st�ndig ver�nderndes Exoskelett war, das auf den K�rperdruck des Fliegers reagierte, um Positionen einzunehmen und zu halten oder bestimmte Bewegungen auszuf�hren, die entsprechend der innen ausge�bten Kraft verst�rkt wurden, so da� die Muskeln des Menschen mit den gro�en Fl�geln schlagen oder sie gegen die gro�e Drehkraft der Windst��e in Stellung halten konnten, und gleichzeitig die stromlinienf�rmigen Helme und Schwanzfedern in den richtigen Positionen hielten. Computer in den Anz�gen halfen den Fliegern, die das n�tig hatten, und konnten sogar als automatische Piloten fungieren. Aber die meisten Flieger zogen es vor, selbst zu denken und kontrollierten den Anzug als einen Waldo, der die Kraft der eigenen Muskeln vielfach verst�rkte.</p><p>Nirgal sa� in seinem Luftgleiter und beobachtete mit Vergn�gen und Besorgnis zugleich, wie die Vogelmenschen in schrecklichen St�rzen an ihm vorbei auf das Meer zusch�ssen, dann ihre Fl�gel ausbreiteten, wegkurvten und wieder mit dem Aufwind der inneren Kraterwand aufstiegen. Es sah f�r Nirgal so aus, als erforderten die Vogelanz�ge ein hohes fliegerisches Geschick. Sie waren das Gegenst�ck zu den Luftgleitern, von denen einige mit Nirgal �ber die Insel schwirrten und in viel sanfteren St��en auf- und abstiegen und die Aussicht genossen wie wendige Ballonfahrer.</p><p>Dann entdeckte Nirgal, neben sich, in einer ansteigenden Spirale an ihm vorbeischwirrend, das Gesicht von Diana, der Frau, die die Jagd angef�hrt hatte.</p><p>Sie erkannte ihn auch, hob das Kinn und entbl��te in einem fl�chtigen L�cheln die Z�hne. Dann zog sie die Fl�gel ein, kippte nach vorn und fiel mit schrecklichem Ger�usch hinab. Nirgal beobachtete sie von oben mit �ngstlicher Erregung und dann einem Moment des Schreckens, als sie dicht am Rande der Klippe von Santorini hinabtauchte. Aus seiner Perspektive hatte es ausgesehen, als ob sie aufschlagen w�rde. Dann war sie wieder oben und stieg im Aufwind in engen Spiralen hoch. Das sah so anmutig aus, da� er sich vornahm, selbst zu lernen, in einem Vogelanzug zu fliegen, selbst als er merkte, da� sein Puls immer noch vom Anblick ihres Sturzflugs raste. St�rzen und Steigen, St�rzen und Steigen�� kein Luftgleiter konnte so fliegen, nicht einmal ann�hernd. V�gel waren die gro�artigsten Flieger, und Diana flog wie ein Vogel. Jetzt waren die Menschen au�er allem anderen auch noch zu V�gel geworden.</p><p>Mit ihm, hinter ihm, um ihn, als ob sie einige jener k�hnen Balzt�nze auff�hrte, die Mitglieder mancher Arten einander erweisen. Nach ungef�hr einer Stunde l�chelte sie ihm ein letztesmal zu, zog die Kapuze zur�ck und tauchte weg. Dann trieb sie in l�ssigen Kreisen zu dem Segelflughafen in Phira. Nirgal folgte ihr nach unten und landete eine halbe Stunde sp�ter mit einem Sto� gegen den Wind. Er lief und hielt kurz vor ihr an. Sie hatte gewartet, die Fl�gel um sich herum auf den Boden ausgebreitet.</p><p>Sie ging in einem Kreis um ihn herum, ganz als ob sie immer noch einen Balztanz auff�hrte. Dann ging sie zu ihm, zog die Kapuze zur�ck und bot ihm den Mund. Ihr schwarzes Haar spreizte sich in dem Licht wie ein Kr�henfl�gel. Die Diana. Sie reckte sich auf Zehenspitzen und k��te ihn voll auf den Mund. Dann trat sie zur�ck und beobachtete ihn ernst. Er erinnerte sich, wie er sie nackt vor der Jagd hatte laufen sehen, mit einem gr�nen Schal winkend.</p><p>�Fr�hst�ck?� fragte sie.</p><p>Es war schon um die Mitte des Nachmittags, und er hatte gro�en Hunger. �Sicher.�</p><p>Sie speisten im Restaurant des Segelflughafens, blickten auf den Bogen der kleinen Bucht der Insel und die Weite der Sharanovklippen und die Kunstst�cke der Flieger hinaus, die noch in der Luft waren. Sie sprachen �ber das Fliegen und das Laufen �bers Land. �ber die Jagd nach den drei Antilopen und die Inseln des Nordmeers und den gro�en Fjord von Kasei, der seinen Wind �ber sie str�men lie�. Sie flirteten; und Nirgal f�hlte die angenehme Erwartung, was das anbelangte, worauf sie hinzielten. Er schwelgte darin. Es war lange her. Auch dies war ein Teil des Abstiegs in die Stadt, in die Zivilisation. Flirten, Verf�hrung. Wie wundervoll war das alles, wenn man interessiert war und sah, da� auch die andere Person Interesse zeigte! Sie war noch recht jung, nahm er an. Aber ihr Gesicht war von der Sonne verbrannt, und die Haut hatte Falten um die Augen�� keine Jugendliche. Wie sie sagte, war sie auf den Jupitermonden gewesen und hatte in der neuen Universit�t von Nilokeras gelehrt und hatte sich jetzt f�r einige Zeit den Wilden angeschlossen. Vielleicht zwanzig m-Jahre alt oder �lter. In diesen Tagen schwer zu sagen. Auf jeden Fall eine Erwachsene. In diesen ersten zwanzig m-Jahren erwarben die Leute das meiste an Erfahrung, die ihnen je zuteil werden w�rde. Danach war es nur noch eine Sache der Wiederholung. Er hatte alte Narren und junge Weise fast ebenso oft getroffen wie das Gegenteil. Sie waren beide Erwachsene und Altersgenossen. Und da waren sie nun und erlebten gemeinsam die Erfahrung der Gegenwart.</p><p>Nirgal beobachtete ihr Gesicht, wenn sie sprach. Sorglos, schlau, vertrauensvoll.</p><p>Eine Minoerin: Dunkles Haar, dunkle Augen, Adlernase, dramatische Oberlippe. Mediterrane Vorfahren. Vielleicht griechisch, arabisch, indisch. Wie bei den meisten Yonsei war das schwer zu sagen. Sie war einfach eine Marsfrau, mit einem Dorsa-Brevia-Englisch. Und der Ausdruck ihrer Augen, als sie ihn beobachtete�� wie oft war das auf seinen Wanderungen geschehen. Eine Konversation, die an einer Stelle eine Wendung nahm; und dann flog er pl�tzlich mit irgendeiner Frau in den langen Gleitflug der Verf�hrung, und der Flirt f�hrte in ein Bett oder eine tiefe Senke in den H�geln...</p><p>�He, Zo!� sagte die Metzgerfrau im Vorbeigehen. �Gehst du mit uns zum Ahnenhals?�</p><p>�Nein�, sagte Zo.</p><p>�Ahnenhals?� fragte Nirgal.</p><p>�Boones Hals�, sagte Zo. �Die Stadt oben auf der polaren Insel.�</p><p>�<emphasis>Ahnen?</emphasis> �</p><p>�Sie ist John Boones Ururenkelin�, erkl�rte die Metzgerfrau.</p><p>��ber wen?� fragte Nirgal und schaute Zo an.</p><p>Sie sagte: �Jackie Boone. Meine Mutter.�</p><p>�Ah!� schaffte Nirgal es noch zu sagen.</p><p>Er lehnte sich in seinem Sessel zur�ck. Das Baby, das er Jackie in Cairo hatte stillen sehen. Die �hnlichkeit mit ihrer Mutter war deutlich, als er es wu�te. Er bekam eine G�nsehaut, und die Haare str�ubten sich an seinen Unterarmen. Er begl�ckw�nschte sich und zitterte. Er sagte: �Ich mu� wohl alt werden.�</p><p>Sie l�chelte; und er merkte pl�tzlich, da� sie gewu�t hatte, wer er war. Sie hatte mit ihm gespielt, vielleicht als Experiment eine kleine Falle gestellt oder um ihrer Mutter zu mi�fallen oder aus irgendeinem anderen Grund, den er sich nicht vorstellen konnte. Aus Spa�.</p><p>Jetzt sah sie ihn finster an und versuchte ernst zu wirken. Sie sagte: �Das spielt keine Rolle.�</p><p>�Nein�, sagte er. Denn es waren noch mehr Wilde da drau�en.</p></section></section><section><title><p>ELFTER TEIL</p><p>Viriditas</p></title><section><p><emphasis>Es war eine wirre Zeit. Der Bev�lkerungsdruck bewegte jetzt alles. Der allgemeine Plan, um die hypermalthusianischen fahre zu �berstehen, war ausgearbeitet und wirkte recht gut. Jede Generation wurde kleiner. Nichtsdestoweniger gab es jetzt 18 Milliarden Menschen auf der Erde und 18 Millionen auf dem Mars. Und es wurden st�ndig mehr geboren, und es zogen auch w�hrend der ganzen Zeit immer mehr Menschen von der Erde zum Mars um. Die Leute in beiden Welten schrien: Genug, genug!</emphasis></p><p><emphasis>Wenn die Terraner h�rten, wie die Marsianer �Genug!� schrien, wurden einige von ihnen w�tend. Der Begriff der Bef�rderungskapazit�t bedeutete nichts vor den reinen Zahlen und den Bildern auf den Schirmen. Die Globale Regierung des Mars tat unabl�ssig, was sie konnte, um mit dieser Wut fertig zu werden. Sie erkl�rte, da� der Mars mit seiner d�nnen neuen Biosph�re nicht so viele Leute ern�hren k�nnte wie die fette alte Erde. Sie setzte auch die Raketenindustrie des Mars auf das Shuttlegesch�ft an und erweiterte rasch ein Programm zur Umwandlung von Asteroiden in schwebende St�dte. Dieses Programm war ein unerwarteter Ableger von dem, was als Teil ihres Strafvollzugswesens gedient hatte. Seit vielen Jahren war die Strafe f�r schwere Verbrechen auf dem Mars die totale Verbannung vom Planeten gewesen, die mit einigen Jahren Haft und Sklavenarbeit in einer neuen Asteroidensiedlung begann. Nachdem sie ihre Strafe abgedient hatten, war der Marsregierung gleichg�ltig, wohin die Verbannten gingen, solange sie nicht auf den Mars zur�ckkehrten. Also gab es unvermeidlicherweise einen st�ndigen Strom von Menschen nach Hebe. Sie wurden ausgeschifft und dienten ihre Zeit ab, um dann woanders hin zu ziehen. Manchmal hinaus zu den immer noch d�nn bev�lkerten �u�eren Satelliten, manchmal zur�ck ins innere System, aber oft zu einer der vielen Kolonien in den ausgeh�hlten Asteroiden, die gerade eingerichtet wurden. Da Vinci und einige andere Koops stellten sie her und verteilten Aktien f�r den Start dieser Siedlungen, und viele andere Organisationen taten dasselbe; denn das Programm war eigentlich recht einfach. Kontrollteams hatten im Asteroideng�rtel zu Tausenden Kandidaten f�r die Bearbeitung gefunden und hinterlie�en f�r die Besten von ihnen die Ausr�stung f�r ihre Umgestaltung. Dann machte sich eine Schar von sich selbst vermehrenden Grabe-Roboter an einem Ende des Asteroiden an die Arbeit, die sich wie Hunde ins Gestein w�hlten, den meisten Abraum in den Weltraum schleuderten und den Rest zur Herstellung und Betankung weiterer Mineure benutzten. Wenn der Fels ausgeh�hlt war, wurde das offene Ende abgedeckt und das ganze Ding in Rotation versetzt, so da� die Zentrifugalkraft innen ein �quivalent zur Schwerkraft herstellte. Starke Lampen, die Sonnenreihen oder Sonnenflecke hie�en, wurden in den Zentren dieser hohlen Zylinder angebracht und lieferten eine Beleuchtung, die dem Tag auf der Erde oder dem Mars entsprach. Das Ge wurde auch so eingestellt, da� es kleine den auf dem Mars und der Erde �quivalente St�dte gab, genau wie f�r alles andere auch, zumindest was das Licht anging. Viele der kleinen Welten experimentierten mit recht geringen Ge-St�rken.</emphasis></p><p><emphasis>Es gab zwischen diesen neuen Stadtstaaten einige Allianzen und oft auch Verbindungen zu Gr�nderorganisationen auf der Heimatwelt. Aber es gab keine Gesamtorganisation. Seitens der unabh�ngigen, besonders jener, die gr��tenteils von Exilanten des Mars besetzt waren, hatte es in den fr�hen Tagen einiges recht feindseliges Verhalten gegen�ber Durchgangsreisenden gegeben, einschlie�lich der Versuche, auf Raumschiffe Passagez�lle zu erheben, die so schreiend hoch waren, da� es an Piraterie grenzte. Aber neue Shuttles bewegten sich mit sehr hohen Geschwindigkeiten durch den G�rtel und hielten sich etwas oberhalb oder unterhalb der Ebene der Ekliptik, um Staub und Schmutz zu vermeiden, die mittlerweile in gro�en Mengen vor den Asteroiden d�mpelten. Es war schwierig, von diesen Schiffen ohne ihre v�llige Zerst�rung Zoll zu erheben, was schwere Entsch�digungen herausforderte. Darum hatte sich der Trend zum Zoll als kurzlebig erwiesen.</emphasis></p><p><emphasis>Jetzt, da sowohl die Erde als auch der Mars einen Bev�lkerungsdruck erfuhren, der immer sch�rfer wurde, taten die Koops des Mars alles, was sie konnten, um die rasche Entwicklung neuer Asteroidenst�dte anzuregen. Sie errichteten auch gro�e neue Siedlungen unter Kuppeln auf den Monden von Jupiter und Saturn und neuestens auch Uranus. Neptun und vielleicht Pluto w�rden folgen. Die gro�en Satelliten der inneren Gasriesen waren gigantisch, praktisch kleine Planeten, und hatten jetzt alle Bewohner, die mit Terraformprojekten anfingen, die, je nach lokaler Gegebenheit, mehr oder weniger langfristig angelegt waren. Keiner von ihnen konnte rasch terraformt werden; aber bei allen schien es, zumindest in gewissem�Umfang, doch m�glich. Ein paar boten gar die verlockende Gelegenheit einer ganzen neuen Welt. Zum Beispiel kam Titan allm�hlich aus seinem Stickstoffdunst heraus, da Siedler, die auf den kleineren Monden in der N�he lebten, die Oberfl�che des gro�en Mondes erw�rmten und Sauerstoff in seine Atmosph�re pumpten. Titan hatte die richtigen fl�chtigen Substanzen f�r Terraformung, und obwohl er wegen seiner gro�en Entfernung von der Sonne nur ein Prozent der Einstrahlung der Erde bekam, lieferte eine umfangreiche Serie von Spiegeln st�ndig mehr zus�tzliches Licht; und die Einheimischen erwogen die M�glichkeit freier Deuteriumfusionslampen, die Titan umkreisen und noch st�rker erhellen w�rden. Das w�re eine Alternative zu einer anderen Einrichtung, genannt Gaslaterne, die die Leute vom Saturn bisher nicht hatten einsetzen wollen. Diese Gaslaternen flogen durch die oberen Atmosph�ren von Jupiter und Uranus. Sie sammelten und verbrannten Helium, dessen Licht durch elektromagnetische Scheiben nach au�en gespiegelt wurde. Aber am Saturn hatte man sie abgelehnt, weil man das Aussehen des Ringplaneten nicht st�ren wollte.</emphasis></p><p><emphasis>Also waren in all diesen �u�eren Orbits die Kooperativen des Mars sehr gesch�ftig und halfen den Marsianern und Terranern, in eine der neuen kleinen Welten auszuwandern. Und als der Proze� weiterging, und hundert und dann tausend Asteroiden und kleine Monde eine Bev�lkerung und einen Namen erhielten, fing der Proze� Feuer und wurde zu etwas, das manche die �explosive Diaspora� nannten und andere einfach das �A ccelerando �.</emphasis></p><p><emphasis>Die Leute fanden an der Idee Gefallen; und das Projekt gewann einen Schwung, der �berall bemerkt wurde und ein zunehmendes Gef�hl f�r die menschliche Schaffenskraft, ihre Vitalit�t und Vielfalt ausdr�ckte. Man verstand das Accelerando auch als Reaktion der Menschheit auf die extreme Krise durch den Bev�lkerungsanstieg, die so hart gewesen war, da� sie die �berschwemmung der Erde von 2129 vergleichsweise nur wie eine etwas gr��ere Sturmflut erscheinen lie�. Es war eine Krise, die eine endg�ltige Katastrophe h�tte ausl�sen k�nnen, ein Absinken in Chaos und Barbarei. Statt dessen wurde ihr aber frontal mit dem gr��ten Aufbl�hen von Zivilisation in der Geschichte begegnet. Einer neuen Renaissance.</emphasis></p><p><emphasis>Viele Historiker, Soziologen und andere Beobachter des gesellschaftlichen Lebens versuchten, die lebenspr�hende Natur dieses h�chst selbstbewu�ten Zeitalters zu deuten. Eine Schule von Historikern, genannt die Sintflutgruppe, blickte auf die gro�e �berschwemmung der Erde zur�ck und erkl�rte, da� sie die Ursache der neuen Renaissance gewesen sei. Ein erzwungener Sprung auf eine h�here Ebene. Eine andere Schule von Denkern zog die sogenannte Technische Deutung vor. Die Menschheit hatte wieder einen �bergang zu neuer technischer Kompetenz durchgemacht, der, wie sie behaupteten, etwa jedes halbe Jahrhundert seit der ersten industriellen Revolution stattf�nde. Die Sintflutgruppe neigte dazu, den Ausdruck Diaspora zu verwenden, die Techniker bevorzugten Accelerando.</emphasis></p><p><emphasis>Dann schrieb und ver�ffentlichte die Marshistorikerin Charlotte Dorsa Brevia eine gewichtige vielb�ndige Metageschichte, wie sie sie nannte, die behauptete, da� die gro�e Flut tats�chlich der Ausl�sepunkt gewesen sei, der zu technischen Fortschritten gef�hrt und den Mechanismus zu neuen M�glichkeiten in Gang gesetzt h�tte; aber der spezifische Charakter der neuen Renaissance sei durch etwas viel Elementareres verursacht werden, n�mlich den �bergang von einem globalen sozio-�konomischen System zum n�chsten. Sie beschrieb, was sie einen �residual-emergenten Komplex �berlappender Paradigmem nannte, wonach jede gro�e sozio-�konomische �ra zu etwa gleichen Teilen aus benachbarten Systemen ihrer unmittelbaren Vergangenheit und Zukunft zusammengesetzt w�re. Die Perioden direkt davor und danach waren indessen nicht als einzige beteiligt. Sie bildeten den Gro�teil eines Systems und enthielten dessen widerspr�chlichste Komponenten; aber zus�tzliche wichtige Merkmale kamen von besonders ausdauernden Aspekten archaischer Systeme sowie auch schwachen z�gernden Vorahnungen von Entwicklungen, die erst viel sp�ter aufbl�hen w�rden.</emphasis></p><p><emphasis>Darum bestand, um ein Beispiel anzuf�hren, Feudalismus f�r Charlotte aus den Resten des �berkommenen Systems absoluter religi�ser Monarchie und dem aufkommenden System des Kapitalismus�� mit wichtigen Nachkl�ngen noch archaischeren Kastenwesens und leichten Andeutungen eines sp�teren individualistischen Humanismus. Der Zusammensto� dieser Kr�fte verlagerte sich im Laufe der Zeit, bis die Renaissance des sechzehnten Jahrhunderts das Zeitalter des Kapitalismus einleitete. Danach bestand der Kapitalismus aus widerspr�chlichen Elementen eines absterbenden Feudalismus und einer emporkommenden k�nftigen Ordnung, die nur in ihrer eigenen Zeit definiert werden konnte, die Charlotte Demokratie nannte. Und jetzt, so behauptete Charlotte, befand man sich�� zumindest auf dem Mars�� im demokratischen Zeitalter selbst. Darum war Kapitalismus wie alle anderen Epochen die Kombination zweier scharf gegens�tzlicher Systeme gewesen. Die Unvertr�glichkeit seiner wesentlichen Bestandteile wurde durch die ungl�ckliche Erfahrung mit dem kritischen Schatten des Kapitalismus, dem Sozialismus, unterstrichen, der �ber wahre Demokratie theoretisiert und nach ihr gerufen hatte. Aber im Versuch ihrer Realisierung hatte er die in jener Zeit verf�gbaren Methoden benutzt, n�mlich die gleichen feudalen Methoden, wie sie im Kapitalismus vorherrschten. Darum hatten sich beide Versionen der Mischung am Ende als ebenso destruktiv und ungerecht erwiesen wie ihr gemeinsamer Vorfahr. Die feudalen Hierarchien im Kapitalismus hatten sich in den lebendigen sozialistischen Experimenten gespiegelt. Und so war die ganze �ra ein scharfer chaotischer Kampf geblieben, der etliche unterschiedliche Versionen des dynamischen Kampfes zwischen Feudalismus und Demokratie zum Ausdruck brachte.</emphasis></p><p><emphasis>Aber auf dem Mars war endlich dem kapitalistischen Zeitalter das demokratische Zeitalter entsprungen. Und auch dieses Zeitalter war gem�� der Logik von Charlottes Paradigma zwangsweise ein Aufeinandertreffen von Altem und Neuem, von den strittigen konkurrierenden Resten des kapitalistischen Systems und einigen sich abzeichnenden Aspekten einer Ordnung jenseits von Demokratie, die man noch nicht voll beschreiben konnte, da es sie bisher nie gegeben hatte, die aber Charlotte �Harmonie� oder Allgemeinen Guten Willem zu nennen wagte. Diesen spekulativen Sprung machte sie teils durch genaue Untersuchung der Unterschiede zwischen kooperativer �konomie und Kapitalismus und teils durch Annahme einer noch weiteren metahistorischen Perspektive und Identifikation. Sie legte eine breitere allgemeine Entwicklung in der Geschichte, die Kommentatoren ihre �Gro�e SchaukeUnannten, eine Bewegung von den tiefen Hierarchien unserer urt�mlichen Vorfahren auf der Savanne zu der sehr langsamen, unsicheren, schwierigen und nicht determinierten freien Erscheinung einer reinen Harmonie und Gleichheit zugrunde, die dann die allerrichtigste Demokratie kennzeichnen w�rde. Diese beiden langfristigen zusammensto�enden Elemente hatte es immer gegeben, wie Charlotte behauptete, und diese h�tten die gro�e Schaukel erzeugt, wobei die Balance sich bisher in der ganzen menschlichen Geschichte zwischen ihnen langsam und unregelm��ig verlagerte. Dominante Hierarchien hatten jedem jemals realisierten System zugrunde gelegen; aber zur gleichen Zeit waren demokratische Werte immer eine Hoffnung und ein Ziel gewesen, das im Selbstbewu�tsein jedes Primaten zum Ausdruck kam und damit in der Ablehnung von Hierarchien, die ja immer gewaltsam aufgezwungen werden mu�ten. Und so, wie die Schaukel dieser Metageschichte im Laufe der Jahrhunderte die Balance verlagerte, so hatten die bemerkenswert unvollkommenen Versuche der Errichtung einer Demokratie langsam an Kraft gewonnen. Einst hatte ein sehr kleiner Prozentsatz von Menschen in sklavenhalterischen Gesellschaften wie dem antiken Griechenland oder dem revolution�ren Amerika als Gleiche unter Gleichen gegolten; und hatte sich in den sp�teren kapitalistischen DemokratienA nur wenig erweitert. Jedesmal wenn aber ein System zum n�chsten �berging, war der Kreis gleicher B�rger mehr oder weniger weiter aufgebl�ht, bis jetzt nicht nur alle Menschen (theoretisch beinahe) gleich waren, sondern auch Tiere in Betracht gezogen wurden und sogar Pflanzen, �kosysteme und die Elemente selbst. Diese Erweiterungen der �B�rgerschaft� betrachtete sie als einen der Vorl�ufer des sich abzeichnenden Systems, das nach der Demokratie an sich kommen k�nnte�� Charlottes postulierte Periode utopischer �Harmonie�. Diese dunklen Ahnungen waren schwach und Charlottes fernes erhofftes System eine vage Hypyothese. Als Sax Russell die sp�teren B�nde ihres Werkes las und eifrig �ber den endlosen Beispielen und Argumenten (denn dieser Bericht ist eine strenge Verk�rzung ihrer Arbeit, nur eine Zusammenfassung) br�tete und aufgeregt ein allgemeines Paradigma zu finden suchte, das ihm die Geschichte endlich verdeutlichen w�rde, fragte er sich, ob dieses vermeintliche Zeitalter universeller Harmonie und guten Willens jemals ausbrechen w�rde. Er hielt es f�r m�glich oder sogar wahrscheinlich, da� es eine Art von asymptotischer Kurve in der menschlichen Geschichte geben k�nnte�� vielleicht wie der Ballast eines K�rpers��, der vom Zeitalter der Demokratie noch festgehalten, stets aufw�rts k�mpfend, nie zur�ckfallend, aber auch nie weit vorankommend, sich weiterbewegte. Aber er war auch der Meinung, da� dieser Zustand an sich schon gut genug w�re, um als eine erfolgreiche Zivilisation zu gelten. Genug war schlie�lich eine Wohltat.</emphasis></p><p><emphasis>Auf jeden Fall war Charlottes Metageschichte sehr einflu�reich und lieferte der sich explosiv beschleunigenden Diaspora eine Art Lehrbeispiel, an dem man sich orientieren konnte. Damit wurde sie in die kleine Liste von Historikern aufgenommen, die den Lauf ihrer eigenen Zeit beeinflu�t hatten, und in der sich Denker wie Piaton, Plutarch, Bacon, Gibbon, Chamfort, Carlyle, Emerson, Marx und Spengler befanden�� und auf dem Mars vor Charlotte Michel Duval. Die Leute begriffen jetzt in der Regel, da� der Kapitalismus die Kollision von Feudalismus und Demokratie gewesen war, und da� die Gegenwart das demokratische Zeitalter war, wo Kapitalismus und Harmonie aufeinander prallten. Und sie verstanden auch, da� ihre �ra auch immer noch etwas anderes werden konnte. Charlotte beharrte darauf, da� es so etwas wie historischen Determinismus nicht g�be, sondern nur die wiederholten Anstrengungen der Menschen, ihre Hoffnungen zu verwirklichen. Daraus schufen die Analytiker durch retroaktive Erkenntnis solcher Hoffnungen eine Illusion von Determinismus. Es h�tte aber alles M�gliche geschehen k�nnen. Die Menschen h�tten in allgemeine Anarchie verfallen k�nnen. Es h�tte sich ein universeller Polizeistaat herausbilden k�nnen, um die fahre der Krise zu �kontrollieren�. Aber da sich die gro�en Metanationalen auf der Erde in Wirklichkeit alle zu Kooperativen im Besitz der Arbeiter gewandelt hatten, und das Volk seine eigene Arbeit kontrollierte, war es f�r den Moment eine Demokratie. Das hatte diese Hoffnung letztendlich bewirkt.</emphasis></p><p><emphasis>Und jetzt war ihre demokratische Zivilisation dabei, etwas auszuf�hren, wozu das vorige System niemals imstande gewesen w�re, das blo� ein �berbleibsel der hypermalthusianischen Periode war. Jetzt konnten sie allm�hlich den fundamentalen Wechsel in den Systemen erkennen, in diesem zweiundzwanzigsten Jahrhundert, das sie im Zuge waren zu verwirklichen. Sie hatten das Gleichgewicht verlagert, um auch in den neuen Verh�ltnissen zu �berleben. In der kooperativen demokratischen �konomie sah jeder, da� viel auf dem Spiel stand. Und ein jeder profitierte von dem frenetischen Ausbruch koordinierter Konstruktion, der �berall im Sonnensystem um sich griff.</emphasis></p><p><emphasis>Die bl�hende Zivilisation schlo� nicht blo� das Sonnensystem jenseits des Mars ein, sondern auch die inneren Planeten. In dem �ppigen Wachstum von Energie und Vertrauen arbeitete sich die Menschheit in Areale vor, die zuvor als unbewohnbar gegolten hatten. Pl�tzlich zog auch die Venus eine Schar neuer Terraformer an, der Geste von Sax Russellfolgend, die die gro�en Spiegel des Mars umgesetzt und eine grandiose Vision f�r die letztliche Besiedelung jenes Planeten ausgearbeitet hatte, der in so vieler Hinsicht die Schwester der Erde war.</emphasis></p><p><emphasis>Selbst der Merkur hatte seine Siedlung. Obwohl man zugeben mu�te, da� er f�r die meisten Belange der Sonne zu nahe war. Sein Tag w�hrte 59 Erdentage, sein Jahr 88 Erdentage, so da� drei seiner Tage gleich zwei Jahren waren. Das war kein Zufall, sondern ein Knoten auf dem Weg zur Gezeitenkopplung, die beim Mond um die Erde herrschte. Die Kombination dieser zwei Perioden lie� den Merkur sehr langsam durch seinen Sonnentag rollen, w�hrend dessen Hemisph�re der hellen Seite viel zu hei� wurde und auf der Nachtseite extrem abk�hlte. Darum war die einzige derzeit auf dem Planeten befindliche Stadt eine Art enormer Eisenbahnzug, der auf Gleisen um den Planetenfuhr, die sich auf 45� n�rdlicher Breite befanden. Diese Schienen waren aus einer metallkeramischen Legierung hergestellt, die den ersten der vielen alchemistischen Tricks der Merkurphysiker darstellte und der Hitze von 800 K auf der hellen Mittagsseite widerstand. Die Stadt selbst hie� Terminator undfuhr �ber diese Schienen mit ungef�hr drei Kilometern in der Stunde, wodurch sie innerhalb des Terminators blieb, der Zone des der Fr�hd�mmerung vorausgehenden Schattens, der auf den meisten Stellen des Gel�nde etwa zwanzig Kilometer breit war. Eine leichte Ausdehnung der Gleise, wenn sie der Morgensonne ausgesetzt waren, f�hrte die Stadt t�glich nach Westen, da sie auf eng sitzenden Buchsen ruhte, die so gestaltet waren, da� sie die Stadt von der Ausdehnung fort bewegten. Diese Bewegung war so unerbittlich, da� Widerstand gegen sie an einer anderen Stelle der Buchsen gro�e Mengen elektrischer Energie erzeugte, wie auch die von der Stadt hinterhergeschleppten Sonnenkollektoren, die ganz oben auf der hohen D�mmerungswand sa�en und die ersten scharfen Strahlen des Sonnenlichts einfingen. Selbst in einer Zivilisation, in der Energie billig war, war Merkur erstaunlich gesegnet. Und so verband er sich mit den weiter drau�en befindlichen Welten und wurde zu einer ihrer hellsten. Und hundert neue sich bewegende Welten wurden jedes Jahr er�ffnet. Rollende St�dte, kleine Stadtstaaten, jeder mit seiner eigenen Verfassung, einer bunten Mischung aus Siedlern, Landschaft und Lebensart.</emphasis></p><p><emphasis>Und dennoch lag, bei allem aufbl�henden menschlichen Bem�hen und Vertrauen in das Accelerando, ein Gef�hl von Spannung, von Gefahr in der Luft. Denn trotz Baut�tigkeit, Emigration, Siedlungen und Wohnraum gab es immer noch achtzehn Milliarden Menschen auf der Erde und achtzehn Millionen auf dem Mars. Und die halbdurchl�ssige Membran zwischen den zwei Planeten war von dem osmotischen Druck dieses demographischen Ungleichgewichts stark gekr�mmt. Die Beziehungen zwischen den beiden waren gespannt, und viele f�rchteten, da� ein Stich in die gespannte Membran alles zerrei�en w�rde. In dieser bedr�ngten Lage bot die Geschichte wenig Trost. Bisher war man mit ihr gut zurechtgekommen; aber noch nie zuvor hatte die Menschheit auf eine kritische Notlage mit langfristiger sinnvoller Vernunft reagiert. Massenhysterien hatte es schon immer gegeben. Und sie waren noch immer dieselben Tiere, die in fr�heren Jahrhunderten, wenn es f�r sie um Existenz und �berleben gegangen war, einander r�cksichtslos abgeschlachtet hatten. Also konstruierten und diskutierten die Leute, wurden wild, warteten unbehaglich auf erste Anzeichen, da� die �ltesten Superalten sterben w�rden. Sie blickten scheel auf jedes Kind, das sie sahen. Eine gestresste Renaissance, die eilends am Rande eines manischen goldenen Zeitalters lebte. Das Accelerando. Und niemand konnte sagen, was als n�chstes geschehen w�rde.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Zo sa� hinten in einem Raum voller Diplomaten und blickte aus dem Fenster in Terminator, w�hrend die ovale Stadt majest�tisch �ber die versengten W�stengebiete des Merkurs rollte. Der halbelliptische Raum unter der hohen klaren Kuppel der Stadt w�re ein sch�ner Luftraum zum Fliegen gewesen; aber die �rtlichen Beh�rden hatten das als zu gef�hrlich verboten�� eine der vielen faschistischen Vorschriften, die das Leben hier behinderten. Der Staat als Kinderm�dchen, was Nietzsche so treffend als Sklavenmentalit�t bezeichnet hatte, lebte hier am Ende des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts immer noch pr�chtig und tauchte praktisch �berall wieder auf. Die Hierarchie baute ihre behagliche Struktur in all diesen neuen Provinzsiedlungen wieder auf: Merkur, die Asteroiden, die �u�eren Systeme�� �berall au�er auf dem edlen Mars.</p><p>Hier auf dem Merkur war es besonders schlimm. Seit Wochen liefen in Terminator Verhandlungen zwischen der Marsdelegation und den Merkuriern; und Zo war ihrer �berdr�ssig�� sowohl der Versammlungen wie der Verhandelnden vom Merkur, einer geheimnistuerischen eingebildeten Gruppe oligarchischer Mullahs, die gleichzeitig hochn�sig und katzbuckelnd waren und die neue Ordnung der Verh�ltnisse im Sonnensystem noch nicht begriffen hatten. Zo wollte sie und ihre kleine Welt vergessen, nach Hause gehen und fliegen.</p><p>Aber andererseits war sie in ihrer Tarnung als untergeordnete Stabsassistentin bisher eine ganz unbedeutende Figur bei den Verhandlungen gewesen. Und jetzt, als die Verhandlungen wegen der sturen Verst�ndnislosigkeit dieser gl�cklichen Sklaven knirschend zum Stehen kamen, nahm sie einen Adjutanten des h�chsten Anf�hrers in Terminator beiseite, den man recht malerisch den L�wen des Merkurs nannte, und bat ihn um eine private Zusammenkunft. Der junge Mann, ein Ex-Terraner, war freundlich. Zo hatte sich seines Interesses schon lange zuvor vergewissert�� und sie zogen sich auf eine Terrasse au�erhalb der Stadtb�ros zur�ck.</p><p>Zo legte dem Mann eine Hand auf den Arm und sagte freundlich: �Wir sind sehr besorgt, da�, wenn Merkur und Mars eine solide Partnerschaft eingehen, Terra sich zwischen uns einkeilen und uns gegeneinander ausspielen k�nnte. Wir haben die zwei gr��ten der verbleibenden Schwermetallressourcen, die es noch im Sonnensystem gibt; und je mehr sich die Zivilisation ausbreitet, desto wertvoller wird das. Und die Zivilisation breitet sich ganz gewi� weiter aus. Das ist schlie�lich ja das Accelerando. Metalle sind wertvoll.�</p><p>Und der nat�rliche Bestand an Metallen auf dem Merkur war, obwohl schwer zu gewinnen, wirklich eindrucksvoll. Der Planet war nur etwas gr��er als der Mond, und dennoch kam seine Schwerkraft fast der des Mars gleich, ein sehr handfestes Anzeichen seines schweren Eisenkerns. Dazu kamen verschiedene noch edlere Metalle, die durch Risse in der von Meteoriten zerfurchten Oberfl�che erkennbar waren.</p><p>�Ja...?� fragte der junge Mann.</p><p>�Wir meinen, wir brauchen eine deutlichere Form von...�</p><p><emphasis>�Kartell?�</emphasis></p><p><emphasis>�Partnerschaft.�</emphasis></p><p>Der junge Merkurier l�chelte. �Wir glauben nicht, da� wir von irgend jemand gegen den Mars ausgespielt werden.�</p><p>�Offenbar. Aber wir.�</p><p>Einige Zeit, zu Beginn der Kolonisation, hatte es so ausgesehen, als ob es dem Merkur ausgezeichnet ginge. Die Kolonisten besa�en nicht nur Metalle, sondern waren auch der Sonne so nahe, da� sie die M�glichkeit hatten, einen gro�en Teil solarer Energie anzuzapfen. Allein schon der Widerstand zwischen den Buchsen der Stadt und den sich ausdehnenden Schienen hatte gro�e Mengen davon erzeugt; und noch mehr steckte im Potential der Solarkollektoren. Kollektoren im Orbit schickten inzwischen etwas von diesem Sonnenlicht zu den neuen Kolonien im �u�eren Sonnensystem hinaus. Von der ersten Flotte schienenlegender Wagen 2142 an �ber die rollende Konstruktion von Terminator in den 2150ern und w�hrend der ganzen 2160er und 70er hatten die Merkurier sich f�r reich gehalten.</p><p>Aber jetzt war das Jahr 2181, und mit der erfolgreichen weiten Verbreitung verschiedener Arten von Fusionsenergie war Energie spottbillig, und Licht war reichlich vorhanden. Die sogenannten Lampensatelliten und die in der Hochatmosph�re der Gasriesen brennenden Gaslaternen erhellten das ganze �u�ere System. Infolgedessen waren die reichen Solarressourcen des Merkur unbedeutend geworden. Merkur war wieder einmal nicht mehr als ein metallreicher, aber furchtbar hei�er und gleichzeitig kalter Ort geworden, eine m�hsame Aufgabe. Und nicht einmal terraformbar, um ihn auszubeuten.</p><p>Ein erheblicher Absturz in ihrem Wohlstand, wie Zo den jungen Mann ohne gro�e Feinheit erinnerte. Das bedeutete, sie m��ten mit ihren g�nstiger plazierten Verb�ndeten im System zusammenarbeiten. �Sonst besteht ein sehr reales Risiko, da� die Terraner wieder die Vorherrschaft �bernehmen.�</p><p>�Die Erde ist viel zu sehr in ihre eigenen Problemen verstrickt, um jemand andern zu gef�hrden�, erwiderte der junge Mann.</p><p>Zo sch�ttelte entschieden den Kopf. �Je gr��er die Schwierigkeiten sind, in denen Terra steckt, desto gr��er ist die Gefahr f�r uns �brige. Wir sind besorgt. Darum denken wir, da� wir, wenn ihr kein Abkommen mit uns treffen wollt, ein eigenes Stadt- und Schienensystem auf dem Merkur werden errichten m�ssen, unten in der s�dlichen Hemisph�re, das dort im Terminator fahren wird, wo es einige der besten Metallvorkommen gibt.�</p><p>Der junge Mann war schockiert. �Das k�nntet ihr nicht ohne unsere Erlaubnis tun!�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Auf dem Merkur kann es keine Stadt geben, wenn wir das nicht w�nschen.�</p><p>�Wieso, was wollt ihr machen?�</p><p>Der junge Mann schwieg.</p><p>�Jeder kann tun, was er will, oder?� sagte Zo. �Das gilt f�r jeden.�</p><p>Der junge Mann �berlegte. �Es gibt nicht genug Wasser.�</p><p>�Nein.� Der gesamte Wasservorrat des Merkur bestand aus ein paar kleinen Eisablagerungen innerhalb von Kratern an den beiden Polen, aber viel mehr gab es nicht. �Immerhin w�rden ein paar direkt zu den Polen gelenkte Kometen helfen.�</p><p>�Und ihr Aufprall das Wasser an den Polen wegsprengt! Nein, das w�rde nicht funktionieren. Das in diesen polaren Kratern ist nur ein winziger Teil des Wassers aus Jahrmillionen von Kometen, die mit dem Planeten kollidiert sind. Das meiste Wasser ging beim Aufschlag in den Weltraum verloren oder ist weggebrannt. Das selbe w�rde geschehen, wenn jetzt Kometen hier aufschl�gen. Es w�re f�r euch ein Nettoverlust.�</p><p>�Die Computermodelle schlagen M�glichkeiten aller Art vor. Wir k�nnten es immerhin versuchen und abwarten.�</p><p>Der junge Mann trat gekr�nkt zur�ck. Und richtig so. Man konnte eine Drohung nicht viel deutlicher ausdr�cken, als es gerade geschehen war. Aber bei Sklavenmoral waren das Gute und das Dumme oft dasselbe. Darum mu�te man deutlicher werden. Zo �nderte ihre Miene nicht, obwohl die Emp�rung des jungen Mannes fast eine Qualit�t von <emphasis>Commedia dell�arte</emphasis> angenommen hatte, die recht komisch war. Sie trat n�her an ihn heran und betonte damit den Gr��enunterschied zwischen ihnen. Sie �berragte ihn um einen halben Meter.</p><p>Er sagte zwischen den Z�hnen: �Ich werde dem L�wen Ihre Mitteilung �berbringen.�</p><p>�Vielen Dank!� sagte Zo und beugte sich hinunter, um ihn auf die Wange zu k�ssen.</p><p>Diese Sklaven hatten f�r sich eine herrschende Kaste von Physiker-Priestern geschaffen, die f�r Au�enstehende ein Buch mit sieben Siegeln waren, aber wie alle guten Oligarchien vorhersehbar und stark in ihrem �u�eren Handeln. Es w�rde eine Allianz geben. So verlie� Zo ihr B�ro und ging vergn�gt die Stufen der D�mmerungswand hinunter. Ihre Arbeit war getan, und so w�rde die Gesandtschaft h�chstwahrscheinlich bald zum Mars zur�ckkehren.</p><p>Sie betrat das Konsulat des Mars auf halbem Weg durch die Wand und schickte einen Anruf an Jackie, um ihr mitzuteilen, da� der n�chste Zug getan war. Danach ging sie auf den Balkon, um zu rauchen.</p><p>Ihr Farbsehverm�gen steigerte sich unter dem Einflu� der chromotropischen Substanzen, die ihrer Zigarette beigemischt waren; und die kleine Stadt unter ihr wurde ganz ph�nomenal, wie die Phantasie eines Fauvisten. Vor der D�mmerungswand erhoben sich die Terrassen in immer schmaleren Steifen, bis die h�chsten Geb�ude (nat�rlich die Amtsr�ume der Stadtherrscher) nur noch eine Linie von Fenstern unter den Gro�en Toren und der klaren Kuppel dar�ber waren. Die D�cher und Balkone dr�ngten sich unter den gr�nen Baumwipfeln unter ihr. Die Balkone hatten alle Mosaikfu�b�den und -w�nde. Unten auf der ovalen Fl�che, die den gr��eren Teil der Stadt einnahm, waren die D�cher gr��er und dichter beisammen; das Gr�nzeug war in bebauten Feldern zusammengefa�t, die unter dem Licht schimmerten, das von gefilterten Spiegeln in der Kuppel herunterkam. Alles zusammen sah wie ein Faberge-Ei aus, fein ausgef�hrt, bunt und h�bsch in der Art, wie alle St�dte es waren. Aber in einer davon gefangen zu sein... Nun, man konnte nichts weiter damit anfangen, als die Stunden m�glichst unterhaltsam zu verbringen, bis es hie� heimzukehren. Ein Teil der Vornehmheit war ja schlie�lich aufopfernde Pflichterf�llung.</p><p>So schlenderte sie die Treppenstra�e der Wand hinunter zu Le Dome, um sich gesellig mit Miguel, Arlene und Xerxes zu treffen und der Schar von Komponisten, Musikern, Autoren und anderen K�nstlern und �stheten, die sich in dem Cafe herumtrieben.</p><p>Das war ein wilder Haufen. Die Krater des Merkur waren vor Jahrhunderten alle nach den ber�hmtesten K�nstlern in der Geschichte der Erde benannt worden. Und so rollte Terminator vorbei an D�rer und Mozart, Phidias und Purcell, Turgenjev und Van Dyke. Anderswo auf diesem Planeten waren Beethoven, Imhotep, Mahler, Matisse. Murasaki, Milton und Mark Twain. Homer und Holbein ber�hrten sich mit den R�ndern, Ovid schm�ckte den Rand des viel gr��eren Puschkin, Goya �berlappte Sophokles. Van Gogh lag innerhalb von Cervantes, Chao Meng-Fu war voller Eis und so weiter in h�chst kaprizi�ser Weise, als ob das Nominierungskomitee der Internationalen Astronomischen Union eines Abends betrunken gewesen w�re und fr�hlich Wurfpfeile mit Namen auf eine Karte geschleudert h�tte. Es gab sogar einen Hinweis zur Erinnerung an diese Party: eine gro�e B�schung namens Pourquoi Pas.</p><p>Zo billigte dieses Verfahren durchaus. Aber die Auswirkungen auf die derzeit auf dem Merkur lebenden K�nstler war �u�erst katastrophal gewesen. Da sie st�ndig mit dem unbestreitbaren Kanon der Erde konfrontiert waren, hatte sie eine �berw�ltigende Besorgnis um Beeinflussung verkr�ppelt. Immerhin hatten ihre Parties eine entsprechende Gro�artigkeit gewonnen, die Zo durchaus geno�.</p><p>An diesem Abend zog die Schar nach einem ausgiebigen Trinkgelage in der Kuppel, w�hrend die Stadt gerade zwischen Strawinski und Vyasa durchrollte, durch die engen Gassen der Stadt auf der Suche nach Krawall. Einige Blocks entfernt platzten sie in eine Zeremonie von Mithraverehrern oder Zoroastriern�� auf jeden Fall Sonnenanbetern�� hinein, die in der lokalen Regierung Einflu� hatten und vielleicht sogar ihr Kern waren. Ihr schrilles Pfeifen l�ste rasch die Versammlung auf und f�hrte zu einem Handgemenge. Sie mu�ten rasch verschwinden, um eine Arrestierung durch die lokalen Ordnungskr�fte zu vermeiden, die die Menge in der Kuppel als Spa�polizei bezeichnete.</p><p>Danach gingen sie zum Odeon, wurden aber wegen ungeb�hrlichen Benehmens rausgeworfen. Dann kreuzten sie die Gassen des Vergn�gungsviertels und tanzten vor einer Bar, wo lauter schlechter Kommerz gespielt wurde. Aber es fehlte einfach etwas. Zo fand ihre erzwungene Heiterkeit zu traurig, als sie ihre verschwitzten Gesichter ansah. Sie schlug vor: �La�t uns hinaus auf die Oberfl�che gehen und an den Toren der D�mmerung Dudelsack spielen!�</p><p>Niemand au�er Miguel zeigte Interesse. Sie waren W�rmer in einer B�chse. Sie hatten vergessen, da� es einen Boden gab. Aber Miguel hatte versprochen, sie oft nach drau�en zu f�hren. Und jetzt, da ihre Zeit auf Merkur nur noch kurz war, war er schlie�lich fast gezwungen, sie zu begleiten.</p><empty-line/><p>Die Gleise von Teminator waren zahlreich. Jeder glatte graue Zylinder erfa�te etliche Meter �ber dem Boden eine endlose Reihe dicker Pfeiler und bewegte sich daran entlang. W�hrend die Stadt majest�tisch nach Westen glitt, passierte sie kleine Plattformen, die zu unterirdischen Transferbunkern f�hrten, geh�rteten Rollbahnen f�r Raumschiffe � la Ballard und Schutzr�umen in Kraterr�ndern. Das Verlassen der Stadt wurde streng �berwacht, was nicht �berraschend war. Aber Miguel hatte einen Pa�, und so aktivierten die beiden damit das s�dliche Stadttor, traten in die Schleuse und in eine U-Bahnstation namens Hammersmith. Dort zogen sie sperrige, aber ger�umige Schutzanz�ge an und gingen durch eine Schleuse in einen Tunnel und hinauf auf den versengten Staub des Merkur.</p><p>Nichts h�tte sauberer und karger sein k�nnen als diese schwarzgraue W�ste. In diesem Zusammenhang war Zo das betrunkene Kichern von Miguel noch l�stiger als sonst; und sie drehte das Interkom ihres Helm so weit herunter, bis es nur noch ein Fl�stern war.</p><p>Es war gef�hrlich, von der Stadt nach Osten zu gehen. Selbst stillzustehen war gef�hrlich. Aber sie hatten vor, den Rand der Sonne zu sehen. Zo trat gegen die Steine, w�hrend sie nach S�dwesten wanderten, um einen Blick auf die Seite der Stadt zu werfen. Sie w�nschte, sie k�nnte �ber diese schwarze Welt fliegen. Vermutlich w�rde irgendein Raketenrucksack das erm�glichen; aber soweit sie wu�te, hatte sich hier niemand bem��igt gesehen, einen zu bauen. Also trotteten sie statt dessen dahin und hielten nach Osten Ausschau. Bald w�rde die Sonne �ber diesem Horizont aufgehen. Jetzt wurde �ber ihnen in der ultrad�nnen Atmosph�re aus Neon und Argon feiner, durch Elektronenbeschu� aufgewirbelter Staub in dem Bombardement durch die Sonne zu einem schwachen wei�en Nebel. Hinter ihnen war das Oberteil der D�mmerungswand ein blendendes reines Wei�, das man selbst durch die schweren Differentialfilter ihrer Helmmasken nicht anschauen konnte.</p><p>Dann verwandelte sich der flache Horizont vor ihnen in N�he des Kraters Strawinski in ein Silbernitratbild seiner selbst. Zo starrte hingerissen auf die explosive und phosphoreszierende tanzende Linie. Die Sonnenkorona, wie ein Brand in einem silbernen Wald knapp �ber dem Horizont. Zos Geist wurde gleicherma�en entflammt. Wenn sie k�nnte, w�re sie wie Ikarus in die Sonne geflogen in einer Art von spirituellem sexuellem Hunger; und in der Tat stie� sie genau die gleichen orgiastischen Schreie aus. <emphasis>Solch</emphasis> ein Feuer, <emphasis>solch</emphasis> eine Sch�nheit! In der Stadt nannte man das den Sonnenrausch�� ein guter Name. Auch Miguel empfand das so. Er sprang von einem Felsen nach Osten mit weit ausgebreiteten Armen, wie Ikarus, der zu starten versucht.</p><p>Dann kam er unbeholfen im Staub herunter; und Zo konnte seinen Schrei auch mit fast heruntergedrehter Lautst�rke ihres Interkoms h�ren. Sie lief zu ihm und sah den unm�glichen Winkel seines linken Knies, stie� selbst einen Schrei aus und kniete sich neben ihn. Selbst durch den Anzug f�hlte sich der Boden kalt an. Sie half ihm auf, indem sie sich seinen Arm �ber die Schulter legte. Dann drehte sie die Lautst�rke ihres Interkoms hoch, obwohl er laut st�hnte. Sie sagte: �Halt den Mund! Nimm dich zusammen und pa� auf!�</p><p>Sie fielen in einen Rhythmus und h�pften nach Westen hinter der zur�ckweichenden D�mmerungswand her, die am oberen Ende ihrer hohen Glockenkurve hell leuchtete. Sie wich vor ihnen zur�ck. Es gab keine Zeit zu verlieren. Aber sie st�rzten immer wieder. Beim dritten Mal schrie Miguel, im Staub hingestreckt, w�hrend die Landschaft eine blendende Mischung von reinem Wei� und reinem Schwarz war, vor Schmerzen auf und st�hnte: �Geh weiter, Zo, geh und rette dich selbst! Es gibt keinen Grund, weshalb wir beide hier drau�en sterben!�</p><p>�Halt�s Maul!� sagte Zo grob und raffte sich auf.</p><p><emphasis>�Geh!�</emphasis></p><p>�Das werde ich nicht! Sei jetzt still, und la� mich dich tragen!�</p><p>Er wog ungef�hr ebenso viel, wie er auf dem Mars gewogen h�tte. Siebzig Kilo mit dem Anzug, sch�tzte sie. Es war mehr eine Sache des Gleichgewichts als sonst etwas. W�hrend er hysterisch plapperte: �La� mich los, Zo! Wahrheit ist Sch�nheit und Sch�nheit ist Wahrheit. Das ist alles, was du wei�t und wissen mu�t�, beugte sie sich vor und legte ihre Arme unter seinen R�cken und seine Knie, was ihn wieder zum Schreien brachte. �Sei still!� schrie sie. �Genau das ist die Wahrheit und deshalb sch�n.� Und sie lachte, w�hrend sie, ihn auf den Armen, lostrabte.</p><p>Er versperrte ihr die Sicht auf den Boden direkt vor ihnen. Darum mu�te sie sich mit Schwei� in den Augen in dem blendenden Wei� und Schwarz nach vorn orientieren. Aber sie stapfte mit befriedigender Geschwindigkeit auf die Stadt zu.</p><p>Dann f�hlte sie Sonnenlicht im R�cken. Das war wie Nadelstiche, sogar durch ihren stark isolierten Anzug. Ein massiver Anstieg des Adrenalinspiegels. Vom Licht geblendet, stolperte sie durch eine Art von Tal, das tiefer hinein in die D�mmerung f�hrte. Dann zur�ck in die scheckige Zone von Licht durchschossener Schatten, ein verr�cktes Chiaroscuro. Danach langsam zur�ck in die eigentliche Schattenzone, wo alles d�ster war, au�er der von oben herunterblitzenden feurigen Stadtmauer. Zo schnappte nach Luft und war jetzt eher von der Anstrengung erhitzt als vom Sonnenlicht. Und doch gen�gte der Anblick des leuchtenden Bogens am Gipfel des Stadt, um einen zum Mithras-Verehrer zu machen.</p><p>Nat�rlich gab es, selbst wenn die Stadt direkt �ber ihnen war, keinen direkten Weg, wieder in sie hineinzugelangen. Sie mu�te an ihr vorbeilaufen zur n�chsten Untergrundstation. Minute um Minute v�llig aufs Laufen konzentriert. Schmerz machte sich bemerkbar, eine Folge der Milchs�ure in ihren Muskeln. Und da war sie endlich, voraus am Horizont: eine T�r im H�gel neben den Schienen. Weiter und weiter �ber den glatten Regolith stapfend. Sie h�mmerte heftig an die T�r, und sie wurden in die Schleuse und dann ins Innere gelassen, wo man sie verhaftete. Aber Zo lachte die Spa�polizei nur an und setzte ihren und Miguels Helm ab. Dann k��te sie den st�hnenden Miguel mehrere Male f�r seine Ungeschicklichkeit. In seinem Schmerz merkte er das nicht. Er war an sie geklammert wie ein Ertrinkender an einen Lebensretter. Sie schaffte es nur, sich aus seiner Umklammerung zu befreien, indem sie ihn leicht an sein verletztes Knie stie�. Bei seinem Geheul lachte sie laut auf und f�hlte, wie ein Ruck durch sie ging. Soviel Adrenalin, so wundervoll, noch weit seltener als jeder sexuelle Orgasmus und deshalb noch kostbarer.</p><p>Also k��te sie Miguel immer und immer wieder�� K�sse, die er nicht bemerkte. Und dann dr�ngte sie sich durch die Spa�polizei. Sie beanspruchte diplomatischen Status und dringende Hilfe. Sie sagte: �Schaut nicht so dumm. Gebt ihm ein paar Medikamente! Heute abend geht ein Shuttle zum Mars. Ich mu� abreisen.�</p><p>�Vielen Dank, Zo!� rief Miguel. �Ich danke dir, du hast mir das Leben gerettet!�</p><p>�Ich habe meine Heimreise gerettet�, sagte sie lachend. Sie kehrte um und k��te ihn noch einmal. �Ich bin es, der dir danken sollte! So eine Gelegenheit! Vielen, vielen Dank!�</p><p>�Nein, ich danke dir!�</p><p>�Nein, ich danke dir!�</p><p>Und er lachte selbst in seinem Schmerz. �Zo, ich liebe dich.�</p><p>�Und ich liebe dich.�</p><p>Aber wenn sie sich nicht beeilte, w�rde sie ihr Shuttle verpassen.</p><p>Das Shuttle war eine gepulste Fusionsrakete, und sie w�rden die Erde innerhalb von zwei Tagen erreichen. Und die ganze Zeit bei anst�ndiger Schwere, au�er nat�rlich w�hrend des Saltos.</p><p>Wegen dieser pl�tzlichen Schrumpfung des Sonnensystems �nderte sich allerhand. Eines der kleineren Ergebnisse war, da� die Venus nicht mehr als Gravitationshebel f�r den Raketenflug gebraucht wurde. Darum war es nur ein Zufall, da� Zos Shuttle, die <emphasis>Nike von Samothrake,</emphasis> ziemlich nahe an dem beschatteten Planeten vorbeiflog. Zo kam mit den �brigen Passagieren in dem gro�en Ballsaal mit Oberlicht zusammen, um die Passage zu beobachten. Die Wolken der �berhitzten Atmosph�re des Planeten waren dunkel. Der Planet erschien vor dem Schwarz des Weltraums als grauer Kreis. Das Terraformen auf der Venus ging rasch voran. Der ganze Planet lag im Schatten, der alten Soletta des Mars, die als Sonnenschirm fungierte. Ihre Spiegel waren so geschwenkt worden, da� sie das genaue Gegenteil von dem bewirkten, was f�r den Mars vorgesehen gewesen war. Statt Licht auf den Planeten umzulenken, reflektierten sie alles fort. Die Venus rollte in Dunkelheit dahin.</p><p>Das war der erste Schritt eines Terraformprojekts, das viele Leute f�r verr�ckt hielten. Die Venus hatte kein Wasser, aber eine erstaunlich dicke Atmosph�re aus Kohlendioxid; ihr Tag w�hrte l�nger als ein Jahr, und ihre Oberfl�chentemperatur brachte Blei und Zink zum Schmelzen. Keine aussichtsreiche Kombination von Anfangsbedingungen, das stimmte, aber die Leute versuchten es dennoch. Der Zugriff der Menschheit wurde immer m�chtiger, wurde allm�hlich g�ttergleich. Zo fand das wunderbar. Die Leute, die das Projekt auf den Weg gebracht hatten, behaupteten sogar, da� es schneller gehen w�rde als das Terraformen des Mars. Die v�llige Beseitigung des Sonnenlichts hatte tiefe Auswirkungen. Die Temperatur in der dichten (95 Bar an der Oberfl�che) Kohlendioxidatmosph�re war im letzten halben Jahrhundert j�hrlich um 5 K gesunken. Bald w�rde der �Gro�e Regen� einsetzen, und in nur ein paar hundert Jahren w�rde sich das ganze Kohlendioxid auf dem Planeten befinden und in Gletschern aus Trockeneis die niedrig gelegenen Teile der Oberfl�che bedecken. Der Plan war, das Trockeneis dann durch eine isolierende Schicht aus Diamantfolie oder aufgesch�umtem Fels zu bedecken; und wenn es erst einmal versiegelt w�re, k�nnten Ozeane angelegt werden. Das Wasser m��te von anderswo her kommen, da der nat�rliche Bestand der Venus sie h�chstens bis zu einer Tiefe von einem Zentimeter bedecken w�rde.</p><p>Die Terraformer der Venus, Mystiker einer neuen Form von Viriditas, verhandelten gerade mit der Saturn-Liga �ber die Rechte f�r den Eismond Enceladus, den sie in den Venus-Orbit zu schieben und in wiederholten Passagen durch die Atmosph�re aufzubrechen hofften. Wenn das Wasser dieses Mondes auf die Venus herunterregnete, w�rde es flache Ozeane �ber ungef�hr 70 Prozent des Planeten erzeugen, die die abgedeckten Kohlendioxidgletscher v�llig �berfluten w�rden. Es w�rde eine Atmosph�re aus Sauerstoff und Wasserstoff zur�ckbleiben, man w�rde etwas Licht durch den Sonnenschirm dringen lassen; und an diesem Punkt w�rden menschliche Siedlungen auf den zwei hohen Kontinenten Ishtar und Aphrodite m�glich sein. Danach h�tte man noch alle Probleme, mit denen der Mars es zu tun gehabt hatte. Dar�ber hinaus g�be es die sehr langwierigen, f�r die Venus typischen Probleme, n�mlich die Decken aus CO2-Eis irgendwie zu beseitigen und den Planeten auch gen�gend in Rotation zu versetzen, da� ein vern�nftiger Tageszyklus zustande k�me. Auf kurze Sicht k�nnte man kurze Tage und N�chte durch Verwendung des Sonnenschirms als gigantische Jalousie darstellen; aber auf lange Sicht wollte man sich nicht auf etwas so Zerbrechliches verlassen. Sie stellte sich schaudernd vor: In einigen Jahrhunderten w�ren eine Biosph�re und Zivilisation auf der Venus etabliert, die zwei Kontinente bewohnt, der sch�ne Diana-Spalt ein h�bsches Tal, es g�be Milliarden von Menschen und Tieren; und dann w�rde eines Tages der Sonnenschirm abknicken, und�� <emphasis>sssssss�� </emphasis>eine ganze Welt w�rde ger�stet werden. Keine erquickende Aussicht. Deshalb versuchte man schon jetzt, noch vor dem massiven Ergu� des Gro�en Regens, metallische Windungen als materialisierte Breitenkreise um den Planeten zu legen, die, sobald eine Flotte solar angetriebener Generatoren in fluktuierenden Bahnen um den Planeten installiert w�re, diese Armatur praktisch zu einem gigantischen Elektromotor machen w�rden, dessen Magnetkr�fte den Drehimpuls schaffen w�rden, um die Rotation des Planeten zu beschleunigen. Die Planer des Systems behaupteten, in etwa der gleichen Zeit, die es erfordern w�rde, die Atmosph�re auszufrieren und einen Ozean herunterfallen zu lassen, k�nnte der Schwung dieses �Dyson-Motors� f�r die Venus genug Rotation liefern, da� es in vielleicht dreihundert Jahren auf der umgeformten Welt Getreidefelder geben w�rde. Nat�rlich w�re die Oberfl�che stark erodiert und noch sehr vulkanisch, mit unter den Meeren eingesperrtem Kohlendioxid, das bereit war auszubrechen und sie zu vergiften und sie w�hrend wochenlanger Tage und N�chte zu sieden und einzufrieren. Aber sie w�rden trotzdem da sein, und alles w�re nackt, roh und neu.</p><p>Der Plan war verr�ckt. Er war sch�n. Zo schaute durch die Decke des Ballsaals auf den buckligen grauen Globus und h�pfte aufgeregt von einem Fu� auf den anderen, erschreckt und voller Bewunderung und in der Hoffnung, einen Blick auf die kleinen Punkte der neuen Asteroidenmonde zu erhaschen, auf denen die terraformenden Mystiker wohnten, oder vielleicht auch den koronalen Bogen eines Reflexes von dem Ringspiegel, der auf dem Mars benutzt worden war. Aber sie hatte kein Gl�ck. Nur die graue Scheibe des beschatteten Abendsterns, das Symbol f�r ein Vorhaben, das die Menschheit in einen neuen Zusammenhang stellte als eine Art Bakterien Gottes, die Welten beknabberten und abstarben, um den Boden f�r sp�teres Leben zu bereiten. Im kosmischen Schema der Dinge �u�erst verkleinert in einem fast calvinistisch masochistischem Heroismus, einer parodistischen Travestie des Marsprojekts und dennoch ebenso gro�artig. Sie waren Staubk�rner in diesem Universum... Staub! Aber was f�r Ideen sie hatten!</p><p>Um einer Idee willen w�rden die Menschen alles tun�� wirklich alles.</p><empty-line/><p>Selbst einen Besuch auf der Erde. Dampfend, klumpig, ansteckend, ein menschlicher Ameisenhaufen, in den man einen Stock gesto�en hatte. Die panische Vermehrung ging weiter, vom entsetzlichen Brei der Geschichte zum denkbar schlimmsten hypermalthusianischen Alptraum, hei�, feucht und schwer. Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ein gro�artiger Ort f�r Besuche. Und Jackie wollte sowieso, da� sie bei einigen Leuten in Indien vorspr�che. Also hatte Zo die <emphasis>Nike</emphasis> genommen und w�rde sp�ter ein MarsShuttle von der Erde aus benutzen.</p><p>Aber ehe sie nach Indien ging, um mit Jackies Kontaktpersonen zu sprechen, machte sie ihre gewohnte Pilgerfahrt nach Kreta, um die Ruinen zu sehen, die man hier immer noch minoisch nannte, obwohl man sie in Dorsa Brevia gelehrt hatte, sie nach Ariadne zu benennen. Minos war es schlie�lich gewesen, der das antike Matriarchat abgeschafft hatte. Darum war es eine der vielen Travestien terranischer Geschichte, da� die vernichtete Zivilisation jetzt nach ihrem Vernichter genannt wurde. Aber Namen konnte man �ndern.</p><p>Zo trug ein gemietetes Exoskelett, das f�r Besucher von anderen Welten gedacht war, die unter der Erdschwere litten. Schwerkraft war, wie sie sagten, Schicksal; und die Erde hatte viele Schicksale zu ertragen. Diese Anz�ge waren wie Vogelkleider ohne Schwingen, bequeme Overalls, die sich mit den Muskeln des Tr�gers bewegten und dabei einige Unterst�tzung boten. B�stenhalter f�r den K�rper. Sie erleichterten nicht alle Auswirkungen der Anziehungskraft, Atmen war immer noch anstrengend, und Zos Glieder f�hlten sich in dem Anzug irgendwie schwer an, unbequem gegen den Stoff gepre�t. Sie hatte sich bei fr�heren Reisen daran gew�hnt, in den Anz�gen umherzugehen. Es war eine faszinierende �bung, wie Gewichtheben, aber keine, die ihr besonders gefiel. Immerhin war es besser, als die Alternative, die sich ihr bot. Sie hatte auch die probiert, aber es war eine furchtbare Belastung, die sie ablenkte und daran hinderte, richtig zu sehen und wirklich dort zu sein.</p><p>So ging sie nun in dem merkw�rdigen, irgendwie unterwasserartigen Flie�en des Gewandes an der alten St�tte von Gournia spazieren. Gournia war ihr von allen Ruinen der Ariadne-Zeit am liebsten, das einzige gew�hnliche Dorf aus jener Zivilisation, das gefunden und ausgegraben wurde. Die anderen St�tten waren alle Pal�ste. Dieses Dorf war wahrscheinlieh ein Satellit des Palastes von Malia gewesen, geblieben war allerdings nur ein Gewirr h�fthoher Mauern aus �bereinandergeschichteten Steinen auf einem H�gel mit Blick auf die �g�is. Alle R�ume waren sehr klein, oft nur ein mal zwei Meter, mit G�ngen zwischen wei�get�nchten W�nden, wie sie immer noch auf dem Lande zu sehen waren. Man sagte, Kreta sei von der gro�en Flut schwer getroffen und die Aradnier von den Folgen der Explosion von Thera �berrascht worden. Und es stimmte, da� all die h�bschen kleinen Fischerh�fen mehr oder weniger �berschwemmt und die Ariadne-Ruinen von Zakros und Malia v�llig �berflutet worden waren. Sie hatte keine Stelle auf der Erde entdeckt, die so gut mit dem Bev�lkerungswachstum umging. �berall klammerten sich kleine, wei�get�nchte D�rfer wie Bienenk�rbe an das Land. Sie bedeckten H�gelkuppen, f�llten T�ler und waren von Getreidefeldern und Obstg�rten umgeben, w�hrend die buckligen Berge hoch aus dem landwirtschaftlich genutzten Land herausragten und in plastischen Gebirgsketten bis zum zentralen R�ckgrat der Insel aufstiegen. Die Bev�lkerung der Insel war auf �ber vierzig Millionen angestiegen, wie sie geh�rt hatte; und dennoch sah die Insel immer noch ziemlich genau so aus wie sie sie von fr�her her kannte. Es gab blo� mehr D�rfer, die zu dem Muster nicht nur der bestehenden, sondern auch der antiken wie Gournia und Itanos pa�ten. St�dteplanung mit einer f�nftausend Jahre andauernden Kontinuit�t seit jenem ersten Gipfel der Zivilisation oder letztem H�hepunkt der Vorgeschichte�� so hoch, da� sie selbst vom klassischen Griechenland tausend Jahre sp�ter, allein durch m�ndliche �berlieferung als der Mythos von Atlantis und dann auch in den Gestalten aller Nachfolger, nicht nur auf Kreta, sondern auch in Dorsa Brevia noch undeutlich erkannt wurde. Wegen der in Dorsa Brevia benutzten Namen und der Wertsch�tzung dieser Kultur des Matriarchats von Ariadne hatten die beiden Stellen eine Verwandtschaft entwickelt. Viele Marsianer kamen nach Kreta, um die antiken St�tten zu besuchen. Es gab nahegelegene neue Hotels, die in etwas gr��erem Ma�stab gebaut waren, um es den hochgewachsenen jungen Pilgern bequem zu machen, welche die heiligen St�tten besuchten: Phaistos, Gournia, Itanos, Mali und Zakros unter Wasser, sogar die l�cherliche �Rekonstruktion� von Knossos. Sie kamen und sahen, wie alles begonnen hatte, fern am fr�hen Morgen der Welt. Auch Zo, die in dem strahlend blauen Licht der �g�is auf einer f�nftausend Jahre alten Steinallee stand, f�hlte, wie der Widerhall dieser Gr��e in sie einstr�mte, durch die por�sen roten Steine unter den F��en aufstieg und bis in ihr Herz gelangte. Eine Erhabenheit, die nie enden w�rde.</p><empty-line/><p>Der Rest der Erde entsprach allerdings Kalkutta. Nun, das war eigentlich nicht fair. Aber Kalkutta selbst war entschieden Kalkutta. Stinkende Menschheit in ihrer kompaktesten Form. Immer wenn Zo ihr Zimmer verlie�, hatte sie mindestens f�nfhundert Menschen vor Augen und oft ein paar tausend. Der Anblick all dieses-Lebens in den Stra�en war auf schreckliche Weise erheiternd. Eine Welt von Zwergen und Knirpsen und allerhand anderen kleinen Leuten, die sie alle erblickten und sich zusammendr�ngten wie Nestlinge an ihre Eltern, um sich f�ttern zu lassen. Obwohl Zo einr�umen mu�te, da� das Gedr�nge etwas freundlicher war als jenes, mehr durch Neugier veranla�t als durch Hunger. Man schien sich tats�chlich mehr f�r ihr Exoskelett zu interessieren als f�r sie selbst. Und sie schienen recht fr�hlich zu sein, mager, aber nicht abgezehrt, selbst wenn sie offenbar auf den Stra�en wohnten. Die Stra�en selbst waren jetzt in Kooperativen aufgeteilt. Die Menschen hatten Besitzanspruch, fegten sie und regelten die Unzahl kleiner M�rkte, zogen auf jedem Platz Getreide und schliefen auch dazwischen. So war das Leben auf der Erde im Ausgang des Holoz�ns gewesen. Nach Ariadne war es st�ndig bergab gegangen.</p><p>Zo ging hinauf zu Prahapore, einer Enklave in den Bergen n�rdlich der Stadt. Hier wohnte eine von Jackies weiblichen terranischen Spionen in einem Wohnheim, das gedr�ngt voll war mit geplagtem Verwaltungspersonal. Die Leute wohnten neben ihren Bildschirmen und schliefen unter ihren Pulten. Jackies Kontaktperson war eine Progammiererin von �bersetzungsger�ten, eine Frau, die Mandarin, Urdu, Drawidisch und Vietnamesisch ebenso beherrschte wie Hindi und Englisch. Sie spielte eine wichtige Rolle in einem ausgedehnten Lauschnetz und konnte Jackie �ber manch indisch-chinesische Konversation, die den Mars betraf, auf dem laufenden halten.</p><p>Als sie sich drau�en in dem kleinen Kr�utergarten des Grundst�cks befanden, sagte die beleibte Frau zu Zo: �Nat�rlich werden sie beide mehr Menschen auf den Mars schicken. Das ist sicher. Aber es sieht so aus, als glaubten beide Regierungen, f�r ihre Bev�lkerung eine langfristige L�sung zu haben. Man erwartet von niemandem mehr, da� er mehr als <emphasis>ein</emphasis> Kind hat. Das ist nicht nur das Gesetz, es ist die Tradition.�</p><p>�Das Gesetz der Geb�rmutter�, sagte Zo.</p><p>Die Frau zuckte die Achseln. �M�glicherweise. Auf jeden Fall eine sehr strenge Tradition. Die Leute sehen sich um und erkennen das Problem. Sie erwarten, die Langlebigkeitsbehandlung zu bekommen und dabei auch das Sterilit�tsimplantat. Und in Indien freuen sie sich, wenn sie die Genehmigung erhalten, das Implantat zu entfernen. Wenn sie dann ein Kind haben, erwarten sie die endg�ltige Sterilisation. Sogar die Hindufundamentalisten sind dazu �bergegangen. Der soziale Druck auf sie war zu gro�. Und die Chinesen praktizieren das seit Jahrhunderten. Die Langlebigkeitsbehandlung hat nur das verst�rkt, was sich ohnehin schon eingeb�rgert hatte.�</p><p>�Also hat der Mars von ihnen weniger zu bef�rchten, als Jackie denkt.�</p><p>�Nun, sie wollen immer noch Emigranten schicken. Das ist ein Teil der allgemeinen Strategie. Und der Widerstand gegen das Einkindgesetz war in einigen katholischen und muslimischen L�ndern st�rker. Einige dieser Nationen m�chten den Mars kolonisieren, als w�re er leer. Die Bedrohung verlagert sich jetzt von Indien und China zu den Philippinen, nach Brasilien und Pakistan.�</p><p>�Hmm�, machte Zo. Gespr�che �ber Immigration bedr�ckten sie immer. Bedrohung durch Lemminge. �Was ist mit den Exmetas?�</p><p>�Die alte Elfergruppe kommt wieder auf Unterst�tzung der st�rksten unter den alten Metanats zur�ck. Sie werden sich nach Pl�tzen zur Entwicklung umsehen. Sie sind viel schw�cher als vor der Flut, haben aber immer noch starken Einflu� in Amerika, Ru�land, Europa und S�damerika. Sag Jackie, sie soll aufpassen, was Japan in den n�chsten Monaten tut. Sie wird verstehen, was ich damit meine.� Sie verbanden die Armbandger�te, damit die Frau eine sichere �bertragung detaillierter Information f�r Jackie machen konnte.</p><p>�Okay�, sagte Zo. Sie war pl�tzlich m�de, als w�re ein fetter Mann zu ihr ins Exoskelett gekrochen und z�ge sie nach unten. Die Erde war eine Belastung. Manche Leute sagten, sie liebten das Gewicht, als ob sie diesen Druck brauchten, um von ihrer Realit�t �berzeugt zu sein. Zo war nicht so. Die Erde war f�r sie der Inbegriff von Exotik. Das war fein, aber sie hatte pl�tzlich das Verlangen, daheim zu sein. Sie st�pselte ihr Armband von dem �bersetzer aus und stellte sich den perfekten Mittelweg vor, jenen perfekten Test von Willen und Fleisch�� die exquisite Schwerkraft des Mars.</p><p>Dann ging es am Raumaufzug von Clarke hinunter�� eine Reise, die l�nger dauerte als der Flug von der Erde; und sie war wieder zur�ck in der Welt, der einzig realen Welt, dem pr�chtigen Mars. �Es geht nichts �ber die Heimat�, sagte Zo zu der Menge am Bahnhof in Sheffield. Und dann setzte sie sich vergn�gt in einen der Z�ge, die �ber die Pisten von Tharsis hinunter und darauf nach Norden zu Echus Overlook fuhren.</p><p>Die kleine Stadt war seit ihren fr�hen Tagen als Hauptquartier des Terraform-Projekts nicht besonders schnell gewachsen. Sie lag etwas abseits und war in die steile Ostwand von Echus Chasma gebaut, so da� man nicht viel von ihr wahrnahm�� ein paar H�user auf dem Plateau oben auf der Klippe, ein Paar am Boden, aber mit drei Kilometern zwischen den beiden, so da� diese sich gegenseitig nicht sehen konnten, mehr wie zwei getrennte D�rfer, die mit einer vertikalen U-Bahn verbunden waren. Wenn die Flieger nicht gewesen w�ren, Echus Overlook h�tte in dieser Position allenfalls als verschlafenes historisches Monument �berleben k�nnen wie Underhill oder Senzeni Na oder die eisigen Refugien im S�den. Die Ostwand von Echus Chasma aber stand direkt den vorherrschenden Westwinden im Weg, die vom Tharsis- Buckel herunterstr�mten und zu erstaunlich starken Luftstr�mungen nach oben f�hrten. Das machte es zu einem Paradies des Vogelflugs.</p><p>Zo h�tte sich bei Jackie und den f�r sie arbeitenden Apparatschiki des Freien Mars melden sollen; aber ehe sie in all dies verwickelt wurde, wollte sie fliegen. Also holte sie am Segelflughafen ihren alten Falkenanzug von Santorini aus dem Lager, ging zum Umkleideraum und schl�pfte hinein. Sie f�hlte das glatte muskul�se Gewebe vom Exoskelett des Anzugs. Dann ging es hinaus auf den glatten Weg, die Schwanzfedern nachschleppend, und auf das Tauchbrett, einen nat�rlichen �berhang, der k�nstlich mit einer Betonplatte verl�ngert worden war. Sie ging bis zum Ende dieser Platte und erblickte weit unter sich, dreitausend Meter tief, die Sohle von Echus Chasma. Mit dem gewohnten Adrenalinsto� kippte sie nach vorn und fiel senkrecht von der Klippe nach unten. Mit dem Kopf voran immer weiter abw�rts. Als sie die Endgeschwindigkeit erreichte, was sie an der Tonh�he des Brausens erkannte, ergriff sie der Wind am Helm; sie breitete die Arme aus, lie� den Anzug sich versteifen und helfen, die sch�nen Fl�gel gespreizt zu halten. Dann kurvte sie mit einem laut dr�hnenden Knirschen des Windes in die Sonne empor, wandte den Kopf, kr�mmte den R�cken, streckte die Zehen und stellte die Schwanzfedern ein�� links, rechts, links. Der Wind zog sie immer weiter hoch. Sie legte F��e und Arme aneinander und machte eine enge Drehung und sah erst die Klippe und dann den Boden des Chasmas�� immer wieder rund herum im Flug. Zo, der Falke, wild und frei! Sie lachte gl�cklich. Tr�nen str�mten in ihrer Schutzbrille, wohin der Sog sie trug, und wurden schlie�lich von der Kraft der Beschleunigung fortgerissen.</p><p>Die Luft �ber Echus war an diesem Morgen fast leer. Nachdem sie sich im Aufwind hatten hochtragen lassen, schwenkten die meisten Flieger nach Norden. Sie stiegen auf oder sch�ssen in eine der Schluchten in der Wand hinunter, wo der Auftrieb nachlie�, und es m�glich war, mit hoher Geschwindigkeit auf und ab zu sausen. Auch Zo, nachdem sie ungef�hr die H�he von f�nftausend Metern �ber Overlook erreicht hatte und den reinen Sauerstoff des geschlossenen Luftsystems ihres Helms atmete, wandte den Kopf nach rechts, kippte �ber den rechten Fl�gel und kurvte fr�hlich gegen den Wind, den sie in raschen Griffen �ber ihren K�rper streichen f�hlte. Kein Laut au�er dem harten Brausen in ihren Schwingen. Der physische Druck auf ihren K�rper war eine zarte empfindsame Massage. Sie hatte durch den dichten Anzug hindurch ein Gef�hl, als w�re er gar nicht da, als w�re sie nackt und sp�rte den Wind direkt auf ihrer Haut, so wie sie es sich w�nschte, da� es w�re. Ein guter Anzug verst�rkte nat�rlich diesen Eindruck; und sie hatte diesen drei m-Jahre lang benutzt, ehe sie zum Merkur abgereist war. Er pa�te wie ein Handschuh. Es was gro�artig, wieder in ihm zu stecken.</p><p>Sie zog nach oben wie ein Falke und st�rzte sich dann vorw�rts in dem Man�ver, das man den fallenden Jesus� nannte. Tausend Meter in die Tiefe. Sie zog die Fl�gel ein und beschleunigte mit Delphinst��en ihren Sturzflug, bis der Wind laut �ber sie brauste. Sie passierte den Rand der gro�en Wand mit deutlich mehr als der Endgeschwindigkeit. Der Vorbeiflug an der Klippe war das Zeichen zum Hochziehen; denn so hoch die Klippe auch war, raste doch der Boden des Chasmas auf sie zu wie ein Schlag ins Gesicht, und es erforderte doch einige Zeit hochzuziehen, selbst bei ihrer Kraft, Geschicklichkeit und Nervenst�rke und der Verst�rkung durch den Anzug. Also kr�mmte sie den R�cken und spreizte die Fl�gel. Sie f�hlte die Anstrengung in Brust und Bizeps, einen ungeheuren Druck, obwohl ihr der Anzug mit logarithmisch zunehmendem Prozentanteil der Belastung half. Schwanzfedern nach unten, los! Vier harte Fl�gelschl�ge. Und dann parierte sie den Sturz so knapp �ber dem Sandboden des Chasmas, da� sie eine Maus davon h�tte aufgreifen k�nnen.</p><p>Sie wendete, kam in den Aufwind und schwenkte wieder zur�ck in sich neu entwickelnde hohe Wolken. Der Wind war an diesem Tage unberechenbar. Und es war ein alle Aufmerksamkeit forderndes Vergn�gen, sich darin zu tummeln und zu spielen. Das war der Sinn des Lebens, der Zweck des Universums: reine Freude, das Gef�hl der Selbstvergessenheit, wobei der Geist nicht mehr als ein Spiegel des Windes wurde. �berschwenglichkeit. Man sagte, sie fliege wie ein Engel. Manchmal flog man wie eine Drohne, manchmal wie ein Vogel; und in seltenen F�llen flog man wie ein Engel. Das war schon lange her gewesen.</p><p>Sie kam wieder zu sich und schwebte an der Wand hinunter auf Overlook zu. Sie f�hlte Ersch�pfung in den Armen. Dann sichtete sie einen Falken. Wie viele Flieger verfolgte sie einen Vogel, wenn sie ihn erblickte. Sie beobachtete ihn n�her, als es jemals zuvor ein Vogelfreund getan hatte, ahmte jeden �bergang und jede Fl�gelbewegung nach, die Genialit�t seines Fluges zu erkennen. Manchmal kreisten die Falken harmlos �ber dieser Klippe auf der Suche nach Futter, und ein ganzes Geschwader von Fliegern folgte ihren Bewegungen oder versuchte es wenigstens. Es machte Spa�.</p><p>Jetzt beschattete sie den Falken, kurvte, wenn er es tat, und ahmte die Stellung von Fl�geln und Schwanz nach. Seine Beherrschung der Luft war ein Talent, nach dem sie sich sehnte, das sie aber nie besitzen w�rde. Aber sie konnte es immerhin versuchen. Helle Sonne in eilenden Wolken, indigofarbener Himmel, der Wind gegen ihren K�rper, kleine Verz�ckungen im Leib bei geringem Gewicht, wenn sie zum Sturz �berging... ewige Momente ohne Bewu�tsein. Die beste und sauberste Verwendung menschlicher Zeit.</p><p>Aber die Sonne senkte sich im Westen, und Zo wurde durstig. Darum �berlie� sie den Falken seinem Tun, drehte ab und schwebte in weiten, l�ssigen S-Kurven zu Overlook hinunter, wo sie ihre Landung mit einem Fl�gelschlag stehend ausf�hrte, genau auf dem gr�nen Kokopelli, als ob sie nie fort gewesen w�re.</p><empty-line/><p>Die Nachbarschaft hinter dem Startkomplex hie� Topside und war eine Ansammlung billiger Herbergen und Restaurants, die fast nur von Fliegern und Touristen, die sich das Fliegen ansehen wollten, bewohnt waren. Sie alle a�en, tranken und streiften umher, redeten und tanzten und schauten sich nach jemanden um, mit dem man die Nacht verbringen konnte. Und dort waren auch, keineswegs �berraschend, ihre Fliegerkameraden Rose und Imhotep und Ella und Estavan, alle in einer Gruppe im Adler-Br�uhaus. Sie waren schon beschwipst und entz�ckt, Zo wieder unter sich zu sehen. Sie tranken im Adler etwas zur Feier der Wiedervereinigung, gingen dann nach Overlook-Overlook und setzten sich auf die Br�stung, um den Klatsch nachzuholen. Sie lie�en einen gro�en Humpen kreisen, dessen Inhalt mit Pandorph versetzt war, machten freche Bemerkungen �ber die unter dem Gel�nder vorbeiziehenden Leute und riefen Freunden zu, die sie in der Menge ersp�hten.</p><p>Schlie�lich verlie�en sie Overlook-Overlook und begaben sich in die Mengen von Topside hinunter. Langsam drehten sie ihre Runde durch die Kneipen zu den Badeh�usern. Sie legten im Umkleideraum ihre Kleidung ab und wanderten nackt durch die dunklen warmen, mit Wasserbecken ausgestatteten R�ume. Das Wasser war h�fttief, kn�cheltief, brusttief; hei�, kalt und lauwarm. Sie verteilten sich und fanden sp�ter wieder zusammen, sie hatten in der D�sternis Sex mit kaum sichtbaren fremden Personen. Zo arbeitete sich langsam durch mehrere Partner zu ihrem Orgasmus durch und schnurrte behaglich, als ihr K�rper sich in sich verkrampfte und ihr Bewu�tsein schwand. Sex, Sex�� nur Sex �hnelte dem Fliegen. Die Verz�ckung des K�rpers, ein anderes Echo des Urknalls, der erste Orgasmus. Freude beim Anblick der Sterne im Oberlicht des Raums, beim Gef�hl von warmem Wasser und einem Burschen, der in sie eindrang und drin blieb ohne ganz zu erschlaffen, sich drei Minuten sp�ter wieder versteifte und wieder anfing zu sto�en und �ber das Heraufkommen eines neuen Orgasmus lachte.</p><p>Danach schlenderte sie in die relative Helligkeit der Bar und fand dort die anderen. Estevan erkl�rte, da� der dritte Orgasmus eines Abends gew�hnlich der beste w�re, mit einer langen Ann�herung an den H�hepunkt und doch noch einem Rest Sperma zum Ejakulieren. �Danach ist es immer noch fein, aber anstrengender. Man mu� ganz wild werden, um es zu schaffen, und dann ist es doch nicht mehr so wie beim dritten Mal.� Zo und Rose und die �brigen Frauen waren sich einig, da� es in diesem wie in so vielen anderen F�llen �berlegen w�re, weiblich zu sein. Sie hatten in einer Nacht in den B�dern routinem��ig etliche wundervolle Orgasmen; und selbst diese waren nichts im Vergleich mit dem <emphasis>Status orgasmus,</emphasis> einer Art von st�ndig andauerndem Orgasmus, der eine halbe Stunde dauern konnte, wenn man Gl�ck und einen geschickten Partner hatte. Es gab dabei eine Geschicklichkeit, die sie eifrig studierten; aber alle waren sich einig, da� es mehr eine Kunst war als eine Wissenschaft. Man mu�te high sein, aber nicht allzusehr, in einer Gruppe, aber keinem gro�en Haufen... Sie sagten Zo, da� sie in letzter Zeit dabei recht gut und sicher geworden w�ren; und Zo verlangte fr�hlich den Beweis daf�r. Estevan br�llte: �Kommt schon, ich will eine Tischnummer erleben!� Er f�hrte sie und den Rest in einen Raum hinunter, in dem ein gro�er Tisch aus dem Wasser ragte. Imhotep, der f�r die Lektion Zos Matrazenpartner war, legte sich darauf auf den R�cken. Sie wurde von den anderen auch in R�ckenlage hochgehoben, rutschte auf ihn hinunter; und dann war die ganze Gruppe mit ihr besch�ftigt. H�nde, M�nder und Genitalien, im Mund und in jedem Ohr und in eine Zunge, Kontakt �berall. Nach einiger Zeit war alles eine undifferenzierte Masse erotischer Sinnesreize. Rundum Sex total. Zo schnurrte laut. Als sie dann anfing zu kommen und sich mit krampfhafter Heftigkeit aufb�umte und Imhotep absch�ttelte, machten sie alle weiter, jetzt sanfter. Sie reizten sie und lie�en sie nicht zur Landung kommen. Und dann war sie gestartet und flog. Die Ber�hrung eines kleinen Fingers hielt sie in Gang, bis sie schrie: �Nein, ich kann nicht!� Sie lachten und sagten: �Du kannst!� und hielten sie in Gang, bis sich die Muskeln ihres Magens verknoteten und sie gewaltsam von Imhotep herunterrollte und von Rose und Estavan aufgefangen wurde. Sie konnte nicht einmal mehr stehen. Jemand sagte, sie h�tten sie zwanzig Minuten lang in Schwung gehalten. Es hatte sich angef�hlt wie eine Ewigkeit. Alle ihre Bauchmuskeln schmerzten, ebenso ihre Schenkel und ihr Hinterteil. Sie verlangte nach einem kalten Bad und kroch zum k�hlen Wasser in einem nahen Raum.</p><p>Aber nach der Tisch-Orgie gab es kaum noch etwas, das in den B�dern von Reiz war. Alle weiteren Orgasmen w�rden schmerzen. Zo half Estevan und Xerxes auf dem Tisch und dann einer kleinen Frau, die sie nicht kannte. Das machte alles Spa�; aber dann wurde es ihr langweilig. Fleisch, Fleisch, Fleisch. Manchmal kam man danach immer h�her; aber ein anderes Mal war es blo� Haut und Haar und Fleisch, innen und au�en. Wenn k�mmerte das?</p><p>Zo ging in den Garderobenraum, zog sich an und ging nach drau�en. Es war schon Morgen, und die Sonne strahlte hell �ber den kahlen Fl�chen von Lunae. Sie begab sich durch die leeren Stra�en zu ihrer Herberge. Sie f�hlte sich entspannt, sauber und schl�frig. Ein �ppiges Fr�hst�ck, ins Bett fallen und mit Genu� schlafen.</p><p>Aber in dem Hotelrestaurant wartete Jackie. �Wenn das nicht unsere Zoya ist...?� Sie hatte den Namen nie gemocht, den Zo selbst f�r sich gew�hlt hatte.</p><p>�Bist du mir hierher gefolgt?� fragte Zo �berrascht.</p><p>Jackie machte ein emp�rtes Gesicht. �Du solltest dich daran erinnern, da� es auch meine Koop ist. Warum hast du dich nicht bei deiner R�ckkehr gemeldet?�</p><p>�Ich wollte gern fliegen.�</p><p>�Das ist keine Entschuldigung.�</p><p>�Es sollte auch keine sein.�</p><p>Zo ging zum B�ffet und belud einen Teller mit R�hrei und Teegeb�ck. Sie kam an Jackies Tisch zur�ck und k��te ihre Mutter auf den Kopf. �Du siehst gut aus.�</p><p>Tats�chlich sah Jackie j�nger aus als Zo, die oft in der Sonne war und darum Falten hatte�� j�nger, und irgendwie <emphasis>gut erhalten,</emphasis> als w�re sie eine Schwester von Zo, die einige Zeit auf Flasche gezogen und erst k�rzlich dekantiert worden war. Sie wollte Zo nicht sagen, wie oft sie die gerontologischen Behandlungen gehabt hatte; aber Rachel hatte erz�hlt, da� sie immer neue Varianten ausprobierte, von denen etwa zwei oder drei jedes Jahr herausk�men, und da� sie die Grundbehandlung beinahe alle drei Jahre erfuhr. Daher sah sie, obwohl sie irgendwo in der f�nften m-Dekade stand, fast wie eine Altersgenossin von Zo aus, mit Ausnahme der bewahrten Qualit�t, die nicht so sehr den K�rper als vielmehr den Geist betraf�� ein Augenausdruck, eine gewisse H�rte, eine Anspannung, eine Bedachtsamkeit oder Stumpfheit. Es war harte Arbeit, Jahr f�r Jahr das Alpha-Weibchen zu sein, ein heroischer Kampf, der sichtbare Spuren hinterlassen hatte, ganz gleich wie babyglatt ihre Haut war oder wie sehr sie die umk�mpfte Sch�nheit blieb. Und sie war durchaus noch eine Sch�nheit, ohne Zweifel. Aber sie wurde allm�hlich alt. Bald w�rden sich ihre jungen M�nner nicht mehr um die Finger wickeln lassen und abhauen.</p><p>Inzwischen hatte sie eine gro�e <emphasis>Pr�senz</emphasis> entwickelt und wirkte dar�ber hinaus im Moment recht ver�rgert. Die Leute schauten weg, als ob ihr Blick sie t�ten k�nnte, was Zo zum Lachen brachte. Nicht gerade die h�flichste Art, die Mutter zu begr��en, aber was konnte man sonst machen? Zo war zu entspannt, um sich zu �rgern.</p><p>Aber dennoch war es wohl ein Fehler, sie anzulachen. Jackie scho� finstere Blicke, bis Zo sich zusammennahm.</p><p>�Erz�hl mir, was auf dem Merkur geschehen ist!�</p><p>Zo zuckte die Achseln. �Ich habe es dir berichtet. Die denken immer noch, da� die �u�eren Planeten auf ihre Sonnenlichtlieferungen angewiesen seien. Das haben sie sich in den Kopf gesetzt.�</p><p>�Ich meine, da� ihr Sonnenlicht da drau�en immer noch n�tzlich ist.�</p><p>�Energie kann man immer brauchen; aber die �u�eren Welten sollten jetzt imstande sein, das zu erzeugen, was sie ben�tigen.�</p><p>�Also bleiben den Merkuriern noch die Metalle.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Aber was wollen sie daf�r haben?�</p><p>�Alle wollen frei sein. Keine dieser kleinen Welten ist gro� genug, um autark zu sein. Darum m�ssen sie etwas haben, womit sie handeln k�nnen, wenn sie frei bleiben wollen. Merkur besitzt Sonnenlicht und Metalle; die Asteroiden haben Metalle, die �u�eren Satelliten haben fl�chtige Substanzen. Also bieten sie das zum Tausch, was sie haben, und versuchen, Allianzen zu bilden, um eine Beherrschung durch die Erde oder den Mars zu vermeiden.�</p><p>�Es ist keine Beherrschung.�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Zo verzog keine Miene. �Aber die gro�en Welten, du wei�t...�</p><p>�Sind gro߫, best�tigte Jackie. �Aber wenn man alle diesen kleinen Dinge zusammenz�hlt, ist das auch etwas Gro�es.�</p><p>�Wer addiert sie?� fragte Zo.</p><p>Jackie ignorierte die Frage. Die Antwort war ohnehin klar. Jackie w�rde es tun. Jackie befand sich in einem langen Kampf mit verschiedenen M�chten auf der Erde, sofern es die Kontrolle des Mars betraf. Sie versuchte zu verhindern, da� sie von der immensen Heimatwelt �berflutet w�rden. Und die menschliche Zivilisation breitete sich st�ndig weiter durch das ganze Sonnensystem aus. Jackie betrachtete die neuen kleinen Siedlungen als Bauern im Schachspiel dieses gro�en Kampfes. Und es gab in der Tat genug von ihnen. Sie k�nnten durchaus einen Unterschied bedeuten.</p><p>�Es gibt keinen gro�en Grund, sich um den Merkur Sorgen zu machen�, versicherte ihr Zo. �Er ist eine Sackgasse, eine kleine provinzielle Stadt, die von einer Kultgemeinde betrieben wird. Niemand kann viele Menschen dort ansiedeln, wirklich niemand. Wenn es uns also doch gelingt, sie an Bord zu bringen, wird das keinen gro�en Unterschied machen.�</p><p>Jackies Gesicht nahm wieder seinen weltm�den Ausdruck an, als ob Zos Analyse der Lage das Werk eines Kindes w�re, und als ob es ausgerechnet auf dem Merkur verborgene Quellen politischer Macht g�be. Das war st�rend, aber Zo nahm sich zusammen und zeigte ihren �rger nicht.</p><p>Antar kam herein, um nach ihnen zu sehen. Er sah sie und l�chelte, kam her�ber und gab Jackie einen schnellen Ku� und Zo einen l�ngeren. Er und Jackie sprachen fl�sternd eine Weile �ber die eine oder andere Sache, und dann sagte Jackie ihm, er solle gehen.</p><p>In Jackie steckte eine gro�e Portion vom Willen zur Macht, wie Zo wieder einmal erkannte. Das selbstverst�ndliche Herumkommandieren von Antar war ein Zurschautragen von Macht, die man bei vielen Nisei-Frauen beobachten konnte, die in Patriarchaten aufgewachsen waren und deshalb scharf dagegen reagierten. Sie hatten nicht ganz begriffen, da� das Patriarchat keine Rolle mehr spielte, da� dieses immer im Griff des Gesetzes der Geb�rmutter gewesen war, welches au�erhalb von Patriarchie mit einer biologischen Kraft wirkte, die durch keine blo�e Politik beherrscht werden konnte. Das Weibliche hielt sich an den m�nnlichen Geschlechtsgenu�, an das Leben selbst. Das waren f�r Patriarchen Realit�ten so gut wie jede andere�� trotz all der Unterdr�ckung und ihrer Furcht vor dem Weiblichen, das in allen Zeiten so vielf�ltigen Ausdruck gefunden hatte: Schleier, Exzision, Fu�verkr�ppelung und so weiter. Wirklich eine h��liche Sache, eine letzte verzweifelte grausame Verteidigung der letzten Bastion, die gewi� eine Weile erfolgreich gewesen, aber jetzt spurlos weggewischt war. Jetzt mu�ten die armen Kerle sich alleine durchschlagen, und das war hart. Frauen wie Jackie hatten sie ausgepeitscht. Und so etwas gefiel Frauen wie Jackie.</p><p>�Ich m�chte, da� du zum Uranus-System gehst�, sagte Jackie. �Die sind da drau�en gerade dabei, sich niederzulassen, und ich m�chte sie fr�hzeitig bekommen. Du kannst auch denen auf den galileischen Jupitermonden ein Wort sagen. Die tanzen aus der Reihe.�</p><p>�Ich sollte eine Koop-Arbeit �bernehmen, sonst wird allzu deutlich, da� es nur ein Aush�ngeschild ist�, erwiderte Zo.</p><p>Nach vielen Jahren der T�tigkeit mit einer verwilderten Kooperative in Lunae war Zo einer der Koops beigetreten, die zum Teil als Tarnung f�r den Freien Mars fungierten und es Zo und anderen Mitarbeitern erm�glichten, Parteiarbeit zu leisten, ohne da� deutlich wurde, da� das ihre Hauptaktivit�t war. Die Koop, zu der Zo gegangen war, baute und installierte Kraterschirme; aber sie hatte seit mehr als einem Jahr keine echte Arbeit mehr �bernommen.</p><p>Jackie nickte. �Verbring einige Zeit dort und dann nimm wieder Urlaub! In einem Monat oder so.�</p><p>�Okay.�</p><p>Zo war daran interessiert, die �u�eren Satelliten zu sehen, darum fiel es ihr leicht zuzustimmen. Aber Jackie nickte nur und lie� nicht erkennen, ob es ihr lieber gewesen w�re, wenn Zo nicht zugestimmt h�tte. Ihre Mutter war keine sehr einfallsreiche Person, wenn alles gesagt und getan war. Ohne Zweifel war Zos Vater die Quelle dieser Eigenschaft bei Zo, Ka m�ge ihn segnen! Zo wollte seine Identit�t nicht erfahren, die f�r sie jetzt nur eine Einschr�nkung ihrer Freiheit gewesen w�re. Aber sie f�hlte einen Anflug von Dankbarkeit f�r seine Gene und ihre Rettung davor, genau wie Jackie zu werden.</p><p>Zo stand auf, zu m�de, ihre Mutter noch l�nger zu ertragen. �Du siehst m�de aus�, sagte sie, �und ich bin ersch�pft.� Sie k��te Jackie auf die Wange, als sie das Zimmer verlie�. �Ich liebe dich. Vielleicht solltest du daran denken, wieder die Behandlung zu nehmen.�</p><empty-line/><p>Ihre Kooperative befand sich im Krater Moreux in den Protonilus Mensae, zwischen Mangala und Bradbury Point. Das war ein gro�er Krater auf dem langen Abhang der Gro�en B�schung, in Richtung von Boones Halbinsel. Die Koop entwickelte st�ndig neue Variationen von molekularem Netzwerk als Ersatz f�r �ltere Netze und die alten Kuppelstoffe. Das von ihnen �ber Moreux gespannte Gewebe war die j�ngste Errungenschaft. Der Kunststoff seiner Fasern aus Polyhydroxybutyrat wurde aus Sojabohnen gewonnen, die genetisch manipuliert waren, um in ihren Chloroplasten das PHB zu erzeugen. Das Gewebe hielt das �quivalent einer t�glichen Inversionsschicht zur�ck, wodurch die Luft im Innern des Kraters dicker und betr�chtlich w�rmer wurde als die Au�enluft. Derartige Netze erleichterten es, Biome durch den z�hen �bergang vom Zelt zur freien Luft zu bekommen; und wenn sie permanent installiert waren, erzeugten sie in gr��eren H�hen oder Breiten angenehme Mesoklimata. Moreux reichte bis 43� Nord, und die Winter au�erhalb des Kraters waren f�r gew�hnlich recht streng. Mit Hilfe des Netzes konnten sie einen warmen Wald f�r gro�e H�hen anlegen, der mit einer exotischen Vielfalt an Pflanzen prahlte, die geneologisch gesehen von den ostafrikanischen Vulkanen, Neuguinea und dem Himalaya stammten. Unten auf dem Kraterboden waren die Sommertage sehr hei�, und die seltsamen dornigen B�ume dufteten wie w�rziges Parf�m.</p><p>Die Bewohner des Kraters lebten in ger�umigen Appartements, die in den n�rdlichen Bogen des Kraterrandes eingelassen waren, in vier zur�ckgesetzten Ebenen von Balkons und breiten Fensterw�nden, aus denen man einen Blick auf das gr�ne Laub des Waldes am Kilimandscharo-Abhang darunter hatte. Im Winter w�rden die Balkons von der Sonne gebraten und lagen im Sommer unter von Reben bedeckten Jalousien, wenn die Tagestemperaturen bis 305 K anstiegen. Es war im Gespr�ch, ein gr�beres Geflecht zu verwenden, damit mehr hei�e Luft entweichen k�nnte, oder sogar ein System zu entwickeln, bei dem man die Abdeckung w�hrend des Sommers einfach aufrollen k�nnte.</p><p>Zo verbrachte den gr��ten Teil jeden Tages mit der Arbeit an der �u�eren Mor�ne. Sie leistete so viel Arbeit zur Tarnung, wie sie konnte, ehe es Zeit war f�r die Fahrt zu den �u�eren Satelliten. Die Arbeit war diesmal interessant. Dazu geh�rten auch lange Fahrten durch die Bergwerksstollen, um mineralische Adern und Bodensch�tze in der alten Kratermor�ne aufzusp�ren. Die Breccienbildung durch den Aufprall hatte alle Arten n�tzlicher metamorpher Mineralien gebildet, und Treibhausgas enthaltende Gesteine waren �berdies allgemein vertreten. Darum arbeitete die Kooperative an neuen Verfahren des Bergbaus und daran, Rohmaterialien f�r die Zeltstangen zu extrahieren. Man hoffte, vermarktbare Verbesserungen der Sch�rfmethoden zu entdecken, bei denen die Oberfl�che ungest�rt bliebe, w�hrend der Regolith darunter intensiv abbaubar w�re. Die meiste Arbeit unter Tage war nat�rlich robotisch; aber es gab immer noch verschiedene Aufgaben, bei denen der Mensch unersetzbar war, wie es beim Bergbau immer sein wird.</p><p>Zo fand es sehr befriedigend, in der d�steren Welt unter dem Mars H�hlenforschung zu betreiben und ihre Tage in den Eingeweiden des Planeten zwischen den gro�en Steinplatten der H�hlen, deren enge rauhe schwarze W�nde im Licht der starken Lampen von Kristallen blitzten, zu verbringen, Proben zu untersuchen und neu angelegte G�nge in einem Wald aus leblosen Magnesiumstempeln, die von den Sch�rfrobotern eingerammt worden waren, zu erkunden. Sie arbeitete wie ein Troglodyt auf der Suche nach kostbaren Sch�tzen, und stieg dann aus dem Aufzugwaggon und blinzelte benommen in das Sonnenlicht des sp�ten Nachmittags. Die Luft war bronze-, lachsoder bernsteinfarben, wenn die Sonne wie ein alter Freund durch die purpurne Linie des Horizonts strahlte und sie w�rmte, w�hrend sie m�hsam die Mor�ne hinauf zum oberen Tor marschierte, wo der runde Wald von Moreux unter ihr lag, eine verlorene Welt, in der Jaguare und Geier hausten. Dann im Innern des Geflechts befand sich eine Seilbahn, die auf Drahtschleifen zur Siedlung f�hrte. Aber Zo ging gew�hnlich statt dessen zum Torhaus, holte ihren Vogelanzug aus dem Schlie�fach, schl�pfte hinein, zog den Rei�verschlu� zu, lief auf eine Plattform hinaus, breitete ihre Schwingen aus und flog in sanften Spiralen zu der Stadt am Nordrand, um auf einer der Speiseterrassen zu dinieren und Papageien, Sittiche und Loris zu beobachten, die auf der Suche nach einer Mahlzeit umherschossen. Das war ein Arbeitsalltag, den Zo nicht �bel fand, und sie schlief gut.</p><p>Eines Tages kam eine Gruppe von Atmosph�reningenieuren, um zu sehen, wieviel Luft in der mitt�glichen Hitze des Sommers durch das Geflecht entwich. Unter den Leuten waren viele der Alten, mit den verdorbenen Augen und dem zerstreuten Benehmen des langgedienten Areologen. Einer dieser Issei war Sax Russell selbst, ein kleiner, kahler Mann mit einer krummen Nase und einer Haut, die so runzlig war wie die der Schildkr�ten, die auf dem Kraterboden herumkrochen. Zo starrte den alten Mann immer und immer wieder an, der eine der ber�hmtesten Pers�nlichkeiten in der Geschichte des Mars war. Es war bizarr, wenn eine solche Figur aus den B�chern sie begr��te, so als ob George Washington oder Archimedes demn�chst herbeigewackelt k�men, und die tote Hand der Vergangenheit, verbl�fft durch alle die j�ngsten Entwicklungen, noch unter ihnen lebte.</p><p>Russell wirkte gewi� verbl�fft. Er machte w�hrend der ganzen Einf�hrungssitzung ein erstauntes Gesicht, �berlie� die Fragen zur Atmosph�re seinen Kollegen und verbrachte die Zeit damit, auf den Wald unter der Stadt zu starren. Als jemand ihm beim Dinner Zo vorstellte, blinzelte er sie an mit der matten Schlauheit einer Schildkr�te. �Ich habe einmal deine Mutter unterrichtet.�</p><p>�Ja�, sagte Zo.</p><p>�W�rdest du mir den Kraterboden zeigen?� fragte er.</p><p>�Gew�hnlich fliege ich dar�ber�, erwiderte Zo �berrascht.</p><p>�Ich hatte gehofft zu gehen�, sagte er und zwinkerte ihr zu.</p><p>Sein Erscheinen war so enorm, da� sie zusagte, ihm Gesellschaft zu leisten.</p><empty-line/><p>Sie gingen in der K�hle des Morgens los und folgten dem Schlagschatten unter dem Ostrand. Balsa- und Saalb�ume wechselten sich �ber ihnen ab und bildeten einen hohen Baldachin, durch den Lemuren heulten und h�pften. Der alte Mann ging langsam dahin, schaute sich die sorglosen Gesch�pfe im Wald an und redete nur selten, meistens um zu fragen, ob Zo die Namen der verschiedenen Farne und B�ume kannte. Alles, was sie identifizieren konnte, waren die V�gel. Sie gab fr�hlich zu: �Die Namen von Pflanzen gehen durchs eine Ohr rein und durchs andere raus.�</p><p>Seine Stirn furchte sich dabei.</p><p>�Ich denke, das hilft mir, sie besser zu erkennen�, f�gte sie hinzu.</p><p>�Tats�chlich.� Er schaute sich wieder um, als ob er es ausprobieren wollte. �Bedeutet das, du erkennst die V�gel nicht so gut wie die Pflanzen?�</p><p>�Sie sind anders. Sie sind meine Br�der und Schwestern und m�ssen Namen haben. Das geh�rt zu ihnen. Aber dieses Zeug��� sie zeigte auf das Laub um sie herum, riesige Farne unter dornigen bl�henden B�umen�� �ist wirklich namenlos. Wir erfinden Namen; aber sie haben die nicht wirklich.�</p><p>Er dachte dar�ber nach.</p><p>�Wohin fliegst du?� fragte er nach einem Kilometer abw�rts auf dem zugewachsenen Weg.</p><p>��berall hin.�</p><p>�Hast du Lieblingspl�tze?�</p><p>�Ich mag Echus Overlook.�</p><p>�Gute Aufwinde?�</p><p>�Sehr gute. Ich war dort, bis Jackie mich �berfiel und an die Arbeit schickte.�</p><p>�Ist das nicht deine Arbeit?�</p><p>�O doch, gewi�. Aber meine Koop ist gut, um die Zeit herumzubringen.�</p><p>�Aha! Dann wirst du hier eine Weile bleiben?�</p><p>�Nur bis das galileische Shuttle startet.�</p><p>�Du willst also auswandern?�</p><p>�Keineswegs. Eine Reise, f�r Jackie. Diplomatische Mission.�</p><p>�Ah! Wirst du den Uranus aufsuchen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Ich w�rde gern Miranda sehen.�</p><p>�Ich auch. Das ist einer der Gr�nde f�r meine Reise.�</p><p>�Aha!�</p><p>Sie querten einen seichten Bach, indem sie auf freie flache Steine traten. V�gel sangen, Insekten schwirrten. Sonnenschein f�llte jetzt die ganze Kratersch�ssel, aber unter dem Baldachin des Waldes war es noch k�hl. Die Luft war von parallelen Streifen schr�gen gelben Lichts durchsetzt. Russell b�ckte sich, um in den Bach zu schauen, den sie �berquert hatten.</p><p>�Wie war meine Mutter als Kind?� fragte Zo.</p><p>�Jackie?� Er dachte dar�ber nach. Es verging eine lange Zeit. Gerade, als Zo entt�uscht zu dem Schlu� kam, da� er die Frage vergessen h�tte, sagte er: �Sie war eine schnelle L�uferin. Sie stellte viele Fragen. Warum, warum, warum? Das gefiel mir. Ich denke, sie war die �lteste in dieser Generation von Exogenen. Auf jeden Fall die Anf�hrerin.�</p><p>�War sie in Nirgal verliebt?�</p><p>�Ich wei� nicht. Wieso, ist dir Nirgal begegnet?�</p><p>�Ich glaube, ja. Einmal mit den Wilden. Was ist mit Peter Clayborne, war sie in ihn verliebt?�</p><p>�Verliebt? Vielleicht. Als wir �lter waren. In Zygote�� ich wei� nicht.�</p><p>�Du bist keine gro�e Hilfe.�</p><p>�Allerdings.�</p><p>�Alles vergessen?�</p><p>�Nicht alles. Aber an was ich mich erinnere, ist schwer zu beschreiben. Ich entsinne mich, da� Jackie eines Tages nach John fragte, genau so, wie du dich nach ihr erkundigst. Mehr als einmal. Sie freute sich, seine Enkelin zu sein. War stolz auf ihn.�</p><p>�Das ist sie noch. Und ich bin stolz auf sie.�</p><p>�Und ich erinnere mich, da� sie einmal geweint hat.�</p><p>�Warum? Und sag nicht, ich wei� es nicht!�</p><p>Das machte ihn stutzig. Endlich schaute er zu ihr auf, mit einem fast menschlichen L�cheln. �Sie war traurig.�</p><p>�Oh, sehr gut!�</p><p>�Weil ihre Mutter fortgegangen war. Esther?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Kasei und Esther brachen auf; und Esther begab sich�� wohin wei� ich nicht. Aber Kasei und Jackie blieben in Zygote. Und eines Tages ging sie an einem Tag, an dem ich unterrichtete, fr�h zur Schule. Sie fragte viel, warum. Und diesmal auch, aber wegen Kasei und Esther. Und dann weinte sie.�</p><p>�Was hast du zu ihr gesagt?�</p><p>�Ich wei� nicht... Ich glaube, nichts. Ich wu�te nicht, was ich sagen sollte. Hmm... Ich dachte, sie w�re vielleicht mit Esther mitgegangen. Die m�tterliche Bindung ist ganz wesentlich.�</p><p>�Na, mach schon!�</p><p>�Stimmst du nicht zu? Ich dachte, ihr jungen Eingeborenen w�ret alle Soziobiologen.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Na�� jemand, der glaubt, da� alle kulturellen Eigenschaften eine biologische Erkl�rung haben.�</p><p>�O nein. Nat�rlich nicht. Wir sind viel freier als so. Mutterschaft kann jede beliebige Sache sein. Manchmal sind M�tter nichts als Brutapparate.�</p><p>�Ich nehme an, da�... �</p><p>�Ich geb dir mein Wort darauf.�</p><p>�...Aber Jackie hat geweint.�</p><p>Sie stiegen schweigend weiter. Wie bei vielen gro�en Kratern stellte sich heraus, da� Moreux mehrere kleine Rinnsale besa�, die in einem zentralen Sumpf und Teich zusammenkamen. In diesem Falle war der Teich klein und nierenf�rmig. Er kr�mmte sich um die rohen niedrigen Buckel eines zentralen Seekomplexes. Zo und Russell kamen unter dem Dach des Waldes zu einem undeutlichen Pfad, der im tiefen Elefantengras verschwand. Sie h�tten sich schnell verirrt ohne den Flu�, der in U-f�rmigen Schleifen durch eine Wiese und dann den morastigen Teich flo�. Selbst die Wiese war von Elefantengras beherrscht, von dem ihnen gro�e kreisf�rmige Klumpen bis �ber den Kopf reichten, so da� sie oft nichts als Gras und Himmel sehen konnten. Die langen Halme schimmerten unter dem violetten mitt�glichen Zenit. Russell stapfte hinter Zo her. Die runden Brillengl�ser in seinem Gesicht spiegelten die Grasb�schel, w�hrend er sich alles ansah. Er schien von der Umgebung h�chst fasziniert zu sein und sprach leise in ein altes Armbandger�t, das wie eine Fessel an seinem Handgelenk hing.</p><p>Eine letzte Kurve in den Teich hinein hatte einen sch�nen Strand mit Sand und Kies geschaffen. Und nachdem sie mit einem Stock an der Wasserlinie eine Treibsandprobe gemacht hatte, zog Zo ihren verschwitzten Einteiler aus und ging ins Wasser, das einige Meter vom Ufer entfernt angenehm und k�hl war. Sie tauchte, schwamm eine Runde und fand mit dem Kopf den Grund. �ber einer tieferen Stelle stand ein Felsblock. Sie kletterte hinauf und tauchte dreioder viermal, immer mit einem Salto vorw�rts ins Wasser. Dieser Salto, der in der Luft schwierig und ungrazi�s war, erzeugte in ihrer Magengrube einen leichten Ruck gewichtslosen Vergn�gens, ein Gef�hl, das einem Orgasmus so nahe kam wie jeder Nichtorgasmus, den sie je erlebt hatte. Also tauchte sie mehrere Male, bis die Sensation abklang und ihr kalt wurde. Dann ging sie aus dem Teich heraus und legte sich auf den Sand mit der Empfindung, da� dessen W�rme und die Sonnenstrahlung sie von beiden Seiten kochten. Ein echter Orgasmus w�re perfekt gewesen; aber obwohl sie wie in einem Sex-Album vor ihm hingespreizt lag, sa� Russell mit gekreuzten Beinen im seichten Wasser, offenbar vom Schlamm fasziniert, selbst nackt bis auf Sonnenbrille und Armbandger�t. Ein kleiner, kahlk�pfiger und runzliger Primat, wie ihr Bild von Gandhi oder <emphasis>Homo habilis.</emphasis> Es war sogar ein bi�chen sexy, anders wie er war, so alt und klein, wie das M�nnchen einer Schildkr�tenart ohne Panzer. Sie zog das Knie zur Seite und hob ihr Hinterteil zu einer unmi�verst�ndlichen Pr�sentationspose. Die Sonne schien hei� auf ihre dargebotene Vulva.</p><p>�Was f�r ein erstaunlicher Schlamm!� sagte er und starrte auf den Klo� in seiner Hand. �Ich habe nie so etwas gesehen wie dieses Biom.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Gef�llt es dir?�</p><p>�Dieses Biom? Das nehme ich an. Es ist etwas hei� und �berwuchert, aber interessant. Es ver�ndert sich.�</p><p>�Also hast du nichts dagegen. Du bist keine Rote.�</p><p>�Eine Rote?� Sie lachte. �Nein, ich bin eine Liberale.�</p><p>Er dachte dar�ber nach. �Willst du sagen, da� Gr�ne und Rote nicht mehr eine zeitgen�ssische politische Teilung darstellen?�</p><p>Sie zeigte auf das Elefantengras und die B�ume hinter der Wiese. �Wie k�nnten sie das sein?�</p><p>�Sehr interessant.� Er r�usperte sich. �Wenn du zum Uranus gehst, wirst du eine Freundin von mir einladen?�</p><p>�Vielleicht�, sagte Zo und schob ihre H�ften etwas zur�ck.</p><p>Er verstand den Hinweis, strich ihr �ber den Schenkel und massierte ihn. Es f�hlte sich auf ihrer Haut an wie die kleinen Pfoten eines Affen, geschickt und wissend. Er konnte seine ganze Hand in ihrem Schamhaar verstecken, was ihm zu gefallen schien; denn er wiederholte es mehrfach und bekam eine Erektion, die sie steif hielt, als sie kam. Das war nat�rlich nicht wie jene Orgie auf dem Tisch, aber jeder Orgasmus war etwas Herrliches, besonders drau�en im hei�en Schauer der Sonnenstrahlen. Und obwohl er gr�ndlich mit ihr umging, zeigte er nichts von dem Schmachten nach gleichzeitiger Zuneigung, das so viele alte Leute hatten, eine Sentimentalit�t, die bei den viel st�rkeren Gen�ssen st�rte, die jeweils eine Person bewirken konnte. Als ihr Zittern aufgeh�rt hatte, rollte sie auf die Seite und umschlo� sein Glied mit den Lippen. Sie konnte ihre Zunge wie um einen kleinen Finger ganz herumwickeln, w�hrend sie ihm gleichzeitig einen verlockenden Anblick ihres K�rpers bot. Sie hielt einmal inne, um selbst ihre �ppigen straffen Kurven zu betrachten, und sah, da� der Bogen ihrer H�ften fast so hoch reichte wie seine Schultern. Dann wieder zur Sache�� <emphasis>Vagina dentata.</emphasis> Wie absurd waren doch diese f�rchterlichen patriarchalischen Mythen! Z�hne waren g�nzlich �berfl�ssig. Brauchte ein Python Z�hne? Man packe nur diese armen Kreaturen am Glied und dr�cke zu, bis sie wimmern. Was wollten sie denn machen? Sie k�nnten versuchen, sich aus dem Griff zu befreien, aber zugleich war es die Stelle, wo es ihnen am meisten guttat, so da� sie sich in der zwiesp�ltigen Situation befanden, sich dieser doppelten Bindung zu verweigern oder sich dem Risiko der Z�hne auszusetzen und jede Chance zu ergreifen, die sich ihnen bot. Sie knabberte an ihm, um ihn an seine Situation zu erinnern. Dann lie� sie ihn kommen. M�nner hatten so ein Gl�ck, da� sie nicht telepathisch waren.</p><p>Danach stiegen sie noch einmal in den Teich; und wieder auf dem Sand, holte er einen Brotlaib aus seinem Tragbeutel. Sie brachen das Brot in zwei Teile und a�en.</p><p>�Hast du vorhin geschnurrt?� fragte er beim Schlucken.</p><p>�Mm-hmm.�</p><p>�Hast du diese Eigenschaft einf�gen lassen?�</p><p>Sie nickte und schluckte. �Beim letzten Mal, als ich die Behandlung bekam.�</p><p>�Die Gene stammen von Katzen?�</p><p>�Von Tigern.�</p><p>�Aha!�</p><p>�Es l�uft auf eine geringf�gige Ver�nderung in der Kehle und den Stimmb�ndern hinaus. Du solltest es probieren. Es ist wirklich ein gutes Gef�hl.�</p><p>Er blinzelte, ohne zu antworten.</p><p>�Wer ist nun diese Freundin, die ich zum Uranus mitnehmen soll?�</p><p>�Ann Clayborne.�</p><p>�Ah! Deine alte Nemesis.�</p><p>�So ungef�hr.�</p><p>�Wie kommst du darauf, da� sie gehen w�rde?�</p><p>�Es k�nnte sein, da� sie nicht will. Aber vielleicht doch. Michel sagt, da� sie manche neuen Sachen ausprobiert. Und ich denke, da� Miranda sie interessieren w�rde. Ein Mond, der bei einem Meteoriteneinschlag auseinandergebrochen und dann wieder zusammengewachsen ist, Mond und Sto�k�rper in einem. Das ist ein Bild, das ich... das sie bestimmt gern sehen w�rde. Alles aus Fels, wei�t du. Sie schw�rmt f�r Felsen.�</p><p>�Das habe ich geh�rt.�</p><p>Russell und Clayborne, die Gr�nen und die Roten... zwei der ber�hmtesten Gegner in der ganzen melodramatischen Saga der ersten Jahre der Besiedlung. Jene ersten Jahre: eine so klaustrophobe Situation, da� es Zo schauderte, daran zu denken. Das Erlebnis hatte sicher die Geister all derer, die es durchlitten hatten, zerm�rbt. Und dann hatte Russell einen noch beachtlicheren Schaden erlitten, wie sie sich entsann. Es war schwer, sich zu erinnern. Alle die Geschichten �ber die Ersten Hundert schienen vor ihr zu verschwimmen. Der Gro�e Sturm, die verlorene Kolonie, Mayas Intrigen; all die Streitereien, Aff�ren, Morde, Rebellionen und so weiter, mit kaum einem Moment der Freude an der ganzen Sache, soweit sie sagen konnte. Als ob die Alten anaerobe Bakterien gewesen waren, die in Gift gelebt und langsam die notwendigen Bedingungen f�r das Aufkommen eines Lebens auf Sauerstoffbasis ausgeschieden hatten.</p><p>Vielleicht mit Ausnahme von Ann Clayborne, die, den Geschichten nach zu urteilen, es verstanden hatte, da� man in einer steinernen Welt Freude empfinden konnte, da� man nur den Felsen lieben mu�te. Zo gefiel diese Haltung, und so sagte sie: �Sicher, ich werde sie fragen. Oder du solltest das tun, nicht wahr? Du fragst sie; und ich sage, da� ich einverstanden bin. Wir k�nnen in der diplomatischen Gruppe Platz schaffen.�</p><p>�Ist es eine Gruppe des Freien Mars?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Hmm.�</p><p>Er stellte ihr Fragen nach Jackies politischen Ambitionen, und sie antwortete, wenn sie konnte. Dabei schaute sie auf ihren K�rper hinunter und seine Kurven, die harten Muskeln, die durch das Fett unter der Haut gegl�ttet waren, die H�ftknochen an der Seite von Bauch und Nabel, drahtiges schwarzes Schamhaar (sie wischte Brotkrumen heraus) und lange, kr�ftige Schenkel. Die weiblichen K�rper waren viel sch�ner proportioniert als die m�nnlichen. Michelangelo hatte sich darin geirrt, obwohl sein <emphasis>David</emphasis> entschieden f�r ihn sprach�� der K�rper eines Fliegers, wenn es jemals einen gegeben hatte.</p><p>�Ich w�nschte, wir k�nnten zum Rand hinauf zur�ckfliegen�, sagte sie.</p><p>�Ich wei� nicht, wie man die Vogelanz�ge bedient.�</p><p>�Ich k�nnte dich auf meinem R�cken tragen.�</p><p><emphasis>�Wirklich?�</emphasis></p><p>Sie sah ihn an. Drei�ig oder f�nfunddrei�ig Kilo mehr... �Sicher. Das k�me auf den Anzug an.�</p><p>�Es ist erstaunlich, was diese Anz�ge leisten k�nnen.�</p><p>�Es sind nicht blo� die Anz�ge.�</p><p>�Nein. Aber wir wurden nicht zum Fliegen geschaffen. Schwere Knochen und das alles. Du wei�t schon.�</p><p>�Gewi�. Nat�rlich sind die Anz�ge notwendig. Aber doch nicht ausreichend.�</p><p>�Allerdings.� Er sah ihren K�rper an. �Es ist interessant, wie gro� die Leute werden.�</p><p>�Besonders die Genitalien.�</p><p>�Meinst du?�</p><p>Sie lachte. �Blo� ein Witz.�</p><p>�Ah!�</p><p>�Aber man k�nnte doch meinen, da� die Teile wachsen w�rden, die uns vergr��ert haben, he?�</p><p>�Ja. Wie ich sehe, ist das Volumen der Brustk�sten gr��er geworden.�</p><p>Sie lachte wieder. �Die d�nne Luft, nicht wahr?�</p><p>�Vermutlich. In den Anden stimmt das auf jeden Fall. Die Distanzen vom R�ckgrat zum Brustbein sind bei den Eingeborenen der Anden doppelt so gro� wie bei Menschen, die auf Meeresh�he leben.�</p><p>�Tats�chlich! Wie die Brustkapazit�t der V�gel, nicht wahr?�</p><p>�Das nehme ich an.�</p><p>�Wenn du dann gro�e Brustmukeln hinzuf�gst und gro�e Br�ste... �</p><p>Er antwortete nicht.</p><p>�Also entwickeln wir uns langsam in V�gel.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Das ist ph�notypisch. Wenn du deine Kinder auf der Erde aufz�gest, w�rden ihre Brustk�sten wieder schrumpfen.�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich Kinder haben werde.�</p><p>�Ah! Wegen des Bev�lkerungsproblems?�</p><p>�Ja. Wir m�ssen abwarten, bis ihr Issei gestorben seid. Selbst all diese neuen kleinen Welten helfen nicht viel. Erde und Mars werden beide zu Ameisenhaufen. Ihr habt uns wirklich unserer Welt beraubt. Ihr seid Kleptoparasiten.�</p><p>�Das klingt �bertrieben.�</p><p>�Nein, das ist ein realer Fachausdruck f�r Tiere, die in au�ergew�hnlich harten Wintern Nahrung von ihren Jungen stehlen.�</p><p>�Sehr passend.�</p><p>�Wir sollten wohl euch alle t�ten, wenn ihr hundert Jahre alt werdet.�</p><p>�Oder sobald wir Kinder kriegen.�</p><p>Sie grinste. Er war so unersch�tterlich! �Was auch immer zuerst kommt.�</p><p>Er nickte, als w�re das ein vern�nftiger Vorschlag. Sie lachte, obwohl es auch �rgerlich war. �Nat�rlich wird das nie geschehen.�</p><p>�Nein. Aber es wird auch nicht notwendig sein.�</p><p>�Nicht? Wollt ihr es wie die Lemminge machen und von den Klippen springen?�</p><p>�Nein. Es kommen Krankheiten auf, gegen die es keine Behandlung gibt. �ltere Leute sterben. So mu� es sein.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ich denke, ja.�</p><p>�Meinst du nicht, da� man neue Wege finden wird, um diese neuen Krankheiten zu besiegen und die Dinge weiter ihren Gang gehen zu lassen?�</p><p>�In einigen F�llen. Aber Greisentum ist komplex; und fr�her oder sp�ter...� Er zuckte die Achseln.</p><p>�Das ist ein schlimmer Gedanke�, erwiderte Zo.</p><p>Sie stand auf und zog sich den getrockneten Stoff ihres Einteilers �ber die Beine. Auch er stand auf und zog sich an.</p><p>�Bist du jemals Bao Shuyo begegnet?� fragte er.</p><p>�Nein. Wer ist sie?�</p><p>�Eine Mathematikerin. Sie wohnt in Da Vinci.�</p><p>�Nein. Warum fragst du?�</p><p>�Blo� aus Neugier.�</p><p>Sie stiegen durch den Wald auf und blieben ab und zu stehen, um einem rasch davonhuschenden Tier nachzuschauen. Ein gro�es Jungtier, das wie eine einsame Hy�ne aussah, blickte aus einer Mulde auf sie herunter... Zo stellte fest, da� sie vergn�gt war. Dieser Issei war nicht zu ver�rgern und durch nichts zu ersch�ttern, und seine Ansichten waren unvorhersehbar, was bei den Alten ein ungew�hnlicher Zug war�� bei ihnen allen. Die meisten alten Leute, die Zo kennengelernt hatte, schienen fest in der engen Raumzeit ihrer Werte gefangen zu sein. Und da das Ma�, in dem die Menschen nach ihren Werten lebten, im umgekehrten Verh�ltnis zu dem standen, wie sie darin gebunden waren, waren die alten M�nner als Tart�ffs geendet, als Heuchler, denen gegen�ber sie keine Geduld aufbrachte. Sie verachtete die Alten und ihre kostbaren Werte. Aber dieser hier schien keine zu besitzen. Darum h�tte sie gerne l�nger mit ihm geplaudert.</p><p>Als sie ins Dorf zur�ckkamen, t�tschelte sie ihm den Kopf. �Das war ein Vergn�gen. Ich werde mit deiner Freundin reden.�</p><p>�Danke!�</p><p>Ein paar Tage sp�ter rief sie Ann Clayborne an. Das auf dem Schirm erscheinende Gesicht war so abschreckend wie ein Sch�del.</p><p>�Hallo, ich bin Zoya Boone.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Das ist mein Name. So pflege ich mich Fremden vorzustellen�, sagte Zo.</p><p>�Boone?�</p><p>�Jackies Tochter.�</p><p>�Ah.�</p><p>Es war deutlich, da� sie Jackie nicht mochte. Eine �u�erst gew�hnliche Reaktion. Jackie war so wunderbar, da� eine Menge Leute sie ha�ten.</p><p>�Ich bin auch mit Sax Russell befreundet.�</p><p>�Ah.�</p><p>Unm�glich zu verstehen, was sie damit meinte.</p><p>�Ich habe ihm gesagt, da� ich eine Reise zum Uranus-System vorhabe; und er sagte, du k�nntest daran interessiert sein, mitzukommen.�</p><p>�Hat er das gesagt?�</p><p>�Allerdings. Darum rufe ich an. Ich gehe zum Jupiter und dann zum Uranus, mit zwei Wochen auf Miranda.�</p><p>�Miranda! Wer bist du gleich wieder?� sagte sie.</p><p>�Ich bin Zo Boone! Was ist mit dir los? Bist du senil?�</p><p>�Miranda, sagtest du?�</p><p>�Ja. Zwei Wochen. Vielleicht mehr, wenn es mir gef�llt.�</p><p>�Wenn es dir <emphasis>gef�llt?�</emphasis></p><p>�Ja. Ich bleibe nicht an Orten, die ich nicht mag.�</p><p>Clayborne nickte, als ob das nur zu verst�ndlich w�re. Darum fuhr Zo wie zu einem Kind fort: �Dort gibt es eine Menge Steine.�</p><p>�Ja,ja.�</p><p>Eine lange Pause. Zo studierte das Gesicht auf dem Schirm. Hager und runzlig wie das Russells, nur verliefen bei ihr fast alle Falten vertikal. Ein Gesicht, wie aus Holz geschnitzt. Endlich sagte sie: �Ich werde dar�ber nachdenken.�</p><p>�Man erwartet, da� du neue Dinge versuchst�, erinnerte Zo sie.</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis></p><p>�Du hast mich geh�rt.�</p><p>�Hat Sax dir das gesagt?�</p><p>�Nein. Ich habe Jackie nach dir gefragt.�</p><p>�Ich werde dar�ber nachdenken�, sagte sie noch einmal und trennte die Verbindung.</p><p>Nadja, dachte Zo. Was soll�s. Immerhin hatte sie es versucht und f�hlte sich deshalb anst�ndig. Eine unangenehme Situation. Diese Issei hatten eine Art, jemanden in ihre Realit�ten zu zerren, als w�ren sie alle verr�ckt.</p><p>Und auch unberechenbar. Am n�chsten Tag rief Clayborne zur�ck und sagte, sie k�me mit.</p><empty-line/><p>Clayborne erwies sich in persona wirklich als ebenso verwittert und von der Sonne ausged�rrt wie Russell, aber noch schweigsamer und seltsamer�� reizbar, lakonisch und zu kurzen Ausbr�chen schlechter Stimmung neigend. Sie erschien in letzter Minute mit einem einzigen Rucksack und einem glatten schwarzen Handgelenkger�t, einem der neuesten Modelle.</p><p>Ihre Haut war nu�braun und von Gr�tzbeuteln, Warzen und Narben gezeichnet, wo man Hautfehler entfernt hatte. Ein langes, im Freien verbrachtes Leben, und noch dazu in den fr�hen Jahren, wo das UV-Bombardement heftig gewesen war. Kurzum�� sie war ger�stet. Ein Bratkopf, wie man in Echus sagte. Ihre Augen waren grau, der Mund ein Eidechsenschlitz und die Falten vom Mund zu den Nasenl�chern wie tief gehackte Spalten. Nichts konnte strenger sein als dieses Gesicht.</p><p>W�hrend der Woche der Fahrt zum Jupiter verbrachte sie die meiste Zeit in dem kleinen Park des Schiffs und wandelte zwischen den B�umen. Zo bevorzugte den Speisesaal oder die gro�e Aussichtsblase, wo sich w�hrend der Abendwache eine kleine Gruppe zusammenfand, um Pandorphtabletten zu schlucken oder Go zu spielen oder Opium zu rauchen und die Sterne zu betrachten. Darum sah sie bei der Ausreise Ann nur selten.</p><p>Sie sch�ssen �ber den Asteroideng�rtel, etwas au�erhalb der Ebene der Ekliptik und sicher �ber einige der ausgeh�hlten kleinen Welten hinweg, obwohl das schwer zu sagen war. Innerhalb der Steinkartoffeln, die die Schirme des Schiffs zeigten, k�nnten sich rohe Schalen wie ausgeraubte Minen befinden, oder St�dte in sch�nen Landschaften; anarchistische oder gef�hrliche Gesellschaften, oder Ansiedlungen religi�ser Gruppen oder nur m�hsam zu befriedender utopischer Kollektive. Die Existenz einer solchen Vielfalt von Systemen, die in semi-anarchischem Zustand lebten, lie� Zo daran zweifeln, ob die Organisierung der �u�eren Satelliten unter einem Schirm des Mars jemals gelingen w�rde. Sie hatte den Eindruck, da� der Asteroideng�rtel als ein Modell f�r das dienen w�rde, was aus der politischen Organisation des ganzen Sonnensystems werden k�nnte.</p><p>Aber Jackie war anderer Ansicht. Sie sagte, der Asteroideng�rtel w�rde das bleiben, was er war, wegen seiner besonderen Natur verstreut in einem breiten Band rings um die Sonne. Die �u�eren Satelliten hingegen waren in Gruppen um ihre Gasriesen geballt und w�rden deshalb sicher Ligen bilden. Und sie waren gro�e Welten im Vergleich mit den Asteroiden, so da� es schlie�lich einen Unterschied machen w�rde, mit wem im inneren System sie sich verb�ndeten.</p><p>Zo war davon nicht �berzeugt. Aber die Abbremsung f�hrte sie in das Jupitersystem, wo sie eine Chance bekommen sollte, Jackies Theorien zu �berpr�fen. Das Schiff fuhr in einer sich verengenden Kurve zwischen den galileischen Monden hindurch, um noch langsamer zu werden, wobei sie die vier gro�en Monde aus der N�he betrachten konnten. F�r alle vier gab es ehrgeizige Pl�ne f�r ein Terraformen, dessen Realisierung bereits begonnen hatte. Die �u�eren drei�� Callisto, Ganymed und Europa�� hatten �hnliche Ausgangsbedingungen, ein Umstand, dem man Rechnung tragen mu�te. Sie waren alle mit Schichten aus Wasser-Eis bedeckt; Callisto und Ganymed bis in tausend Kilometer Tiefe, Europa hundert Kilometer tief. Wasser war im �u�eren Sonnensystem nicht selten, aber auch keineswegs �berall vorhanden.</p><p>Darum hatten diese Welten etwas zu verkaufen. Alle drei Monde hatten gro�e Mengen an Gestein, das �ber ihre eisigen Oberfl�chen verstreut war; gr��tenteils Reste von Meteortreffern�� aus chondritischem Schutt, einem sehr n�tzlichen Baumaterial. Die Siedler auf den drei Monden hatten bei ihrer Ankunft vor drei�ig m-Jahren die Chondrite ausgeschmolzen und Kuppelger�ste aus karbonischen Nano-Rohren hergestellt, �hnlich den im Raumaufzug des Mars verwendeten, und damit Fl�chen von zwanzig oder f�nfzig Kilometern Durchmesser mit vielschichtigen Folien �berdacht. Unter ihren Kuppeln hatten sie zerstampftes Gestein verteilt, um eine d�nne Bodenschicht zu schaffen. Den Permafrost hatten sie aufgeschmolzen, wodurch von Eis umgebene Seen entstanden waren.</p><p>Auf Callisto wurde die auf diese Weise geschaffene Kuppelstadt Genfer See genannt. Dort sollte die Delegation vom Mars mit den verschiedenen Leitern und politischen Gruppen der Jupiterliga zusammenkommen. Wie gew�hnlich begleitete Zo die Delegation als untergeordnete Funktion�rin und Beobachterin und sah sich nach Gelegenheiten um, die Botschaften Jackies Leuten zu �berbringen, die in aller Diskretion etwas damit anfangen k�nnten.</p><p>Dieses Treffen war Teil einer zweimal j�hrlich stattfindenden Versammlung, in der die Terraformung der galileischen Monde er�rtert wurde, und war daher eine gute Gelegenheit, um Jackies Ideen unter die Leute zu bringen. Zo sa� hinten im Raum dicht bei Ann, die sich entschlossen hatte, an dem Treffen teilzunehmen. Die technischen Probleme des Terraformens dieser Monde waren gro� im Ma�stab, aber einfach in der Konzeption. Callisto, Ganymed und Europa wurden, wenigstens zu Anfang, in der gleichen Weise behandelt: Mobile Fusionsreaktoren krochen �ber ihre Oberfl�chen, erw�rmten das Eis und pumpten Gase in die entstehenden Atmosph�ren aus Wasserstoff und Sauerstoff. Man hoffte, schlie�lich �quatorg�rtel zu schaffen, wo gesammeltes Gestein zermalmt wurde, um �ber dem Eis Boden zu gewinnen. Die atmosph�rischen Temperaturen w�rden dann in N�he des Gefrierpunkts gehalten, so da� Tundra-�kologien eingerichtet werden k�nnten. Rund um den �quator sollten Streifen von Seen entstehen, sowie atembare Atmosph�ren aus Sauerstoff und Wasserstoff.</p><p>Io, der innerste galileische Mond, war schwieriger, aber verlockend. Sogenannte Railguns, Beschleuniger nach dem Prinzip der Magnetschwebebahn, schleuderten von den gro�en Monden Ladungen von Eis und Chaldaten auf ihn hinunter. Wegen seiner N�he zu Jupiter hatte er nur sehr wenig Wasser. Seine Oberfl�che bestand aus vermischten Schichten von Basalt und Schwefel. Der Schwefel wurde in eindrucksvollen vulkanischen Wolkengebilden aus der Oberfl�che gepre�t, angetrieben durch die Gezeitenwirkungen von Jupiter und den anderen Galileern. Der Plan f�r das Terraformen von Io war l�ngerfristig als die meisten anderen und sollte zum Teil durch Einspritzung Schwefel fressender Bakterien in die hei�en Schwefelquellen bei den Vulkanen angetrieben werden.</p><p>All diese vier Projekte wurden durch den Mangel an Licht verz�gert; und enorm gro�e Raumspiegel waren an den Lagrangepunkten Jupiters im Bau, wo die Komplikationen durch die Schwerefelder des Jupiters reduziert waren. Sonnenlicht w�rde von diesen Spiegeln auf die �quatorzonen der vier Galileer gerichtet werden. Alle vier Monde waren in Gezeitenkopplung mit Jupiter, so da� ihre Sonnentage von der L�nge ihrer Umlaufperioden um den Jupiter abhingen, die von 42 Stunden f�r Io bis zu 15 Tagen f�r Callisto reichten. Und ohne R�cksicht auf die L�nge ihrer Tage erhielten sie nur vier Prozent von dem Sonnenlicht, das der Erde zur Verf�gung stand. Aber in Wahrheit war der auf die Erde treffende Betrag des Sonnenlichts erstaunlich �ppig, so da� vier Prozent noch eine Menge Licht bedeuteten, wenn es auf die Beleuchtungsst�rke ankam: tausendmal so viel wie der Vollmond f�r die Erde�� aber eben nicht viel W�rme, wenn man terraformen wollte. Darum schnorrten sie Licht auf jede nur m�gliche Weise. Der Genfer See und alle Siedlungen auf den anderen Monden waren so plaziert, da� sie dem Jupiter zugewandt waren, um von dem Sonnenlicht zu profitieren, das von dem riesigen Globus am Himmel reflektiert wurde. Und fliegende �Gaslaternen� waren in die obere Atmosph�re des Jupiters hinabgelassen worden, die b�ndelweise etwas vom Heliurri3 des Planeten in Lichtpunkten verbrannten, die so hell waren, da� man sie nicht l�nger als eine Sekunde anschauen konnte. Die Fusionsbrenner waren vor elektromagnetisch reflektierenden Sch�sseln aufgeh�ngt, die alles Licht in die Ebene der Ekliptik des Planeten abstrahlten. Damit war die monstr�se Kugel mit ihren B�ndern jetzt durch die schmerzhaft hellen Diamantpunkte von mehr als zwanzig Gaslaternen, die �ber sein Gesicht wanderten, ein noch schmerzhafterer Anblick geworden.</p><p>Der Raumspiegel und die Gaslaternen zusammen w�rden den Siedlungen immer noch weniger als halb so viel Sonnenlicht spenden, wie es der Mars bekam, aber es war das beste, was sie tun konnten. So war das Leben im �u�eren Sonnensystem alles in allem ein recht d�steres Gesch�ft, fand Zo. Schon das Sammeln von so viel Licht erforderte eine komplexe Infrastruktur. Und hier trat nun die Delegation vom Mars auf den Plan. Jackie hatte ein gro�es Hilfsangebot arrangiert, das mehr Fusionsungeheuer, mehr Gaslaternen und auch die Erfahrung des Mars bei Raumspiegeln und Terraformtechnik allgemein beinhaltete. Mit von der Partie war eine Assoziation von Koops f�r Luft- und Raumfahrt, die daran interessiert waren, jetzt, da sich die Lage im Mars-Raum weithin stabilisiert hatte, neue Auftr�ge zu bekommen. Sie w�rden Kapital und Knowhow im Austausch f�r g�nstige Handelsabkommen, Lieferungen von Helium3 aus der Hochatmosph�re des Jupiters und der M�glichkeit von Expeditionen und Sch�rfungen beisteuern. M�glicherweise w�rden sich sogar gemeinsame Bem�hungen um das Terraformen der Jupiter-Brut�� insgesamt 18 kleinere Monde�� ergeben.</p><p>Investiertes Kapital, Knowhow, Handel�� das war die R�be f�r den Esel, und zwar eine gro�e. Gewi� w�rden die F�hler zu einer Assoziation mit dem Mars ausgestreckt sein, und Jackie k�nnte dann mit allerhand politischen Weiterungen folgen und die Jupiterleute in ihr Netz ziehen. Diese Eventualit�t war denen aber so klar wie jedem anderen, und sie taten, was sie konnten, um das zu bekommen, was sie wollten, ohne zuviel Gegenleistung erbringen zu m�ssen. Ohne Zweifel w�rden sie die Marsianer mit �hnlichen Gegenangeboten seitens der terranischen Exmetas und anderer Organisationen ausspielen.</p><p>Hier trat nun Zo auf den Plan. Sie war der Stock. �ffentliche R�be an einem privaten Stock, das war Jackies Methode in allen Phasen des Lebens.</p><p>Zo enth�llte Jackies Drohungen in winzigen indirekten Andeutungen, um sie noch drohender zu machen. Kurze Begegnungen mit den Offiziellen von Io: der �kopoetische Plan greife, wie Zo beil�ufig ihnen gegen�ber bemerkte, viel zu langsam. Es w�rde Jahrtausende dauern, bis ihre Bakterien den Schwefel in n�tzliche Gase verdaut h�tten; und inzwischen w�rde das Strahlungsfeld des Jupiter, das Io einh�llte und ihre Probleme noch versch�rfte, die Bakterien bis zur Unkenntlichkeit ver�ndern. Sie brauchten eine Ionosph�re, sie brauchten Wasser; es war m�glich, da� sie sogar daran denken mu�ten, den Mond in eine h�here Umlaufbahn ihres gro�en Gasgottes zu liften. Mars, Heimat terraformenden Knowhows und der ges�ndesten, reichsten Zivilisation im Sonnensystem, konnte mit all dem helfen und spezielle Unterst�tzung gew�hren. Oder sogar mit den Bewohnern der anderen galileischen Monde dar�ber verhandeln, das Projekt zu �bernehmen, um es zu beschleunigen.</p><p>Danach gab es gelegentliche Besprechungen mit verschiedenen Autorit�ten der Eis-Galileer. Bei Cocktailparties nach den Workshops, nach den Parties in Bars, bei gemeinsamen Spazierg�ngen l�ngs der Seepromenade der Stadt, unter den an den Tr�gern der Kuppel h�ngenden Stra�enlampen. Die Delegierten von Io, so erz�hlte sie diesen Leuten, h�tten vor, einen besonderen Handel f�r sich abzuschlie�en. Sie hatten die st�rkste Position inne, wenn alles gesagt und getan war. Festen Boden, auf dem man stehen kann, W�rme, Schwermetalle und ein gro�es Touristenpotential. Zo wagte die Behauptung, da� sie bereit zu sein schienen, diese Vorteile f�r sich auszunutzen und die Jupiterliga zu spalten.</p><p>Ann begleitete Zo und die anderen bei einem dieser Spazierg�nge, und Zo lie� sie einige dieser Unterredungen mitanh�ren, gespannt zu sehen, was sie daraus w�rde machen k�nnen. Sie folgte ihnen zur Wasserpromenade hinunter, die sich auf dem tiefen Rande des Meteoritenkraters befand, den sie mit dem See gef�llt hatten. Die Ger�llkrater hier �bertrafen jeden �hnlichen auf dem Mars bei weitem. Der vereiste Rand hier war nur wenige Meter h�her als die durchschnittliche Oberfl�che des Mondes und bildete einen runden Damm, von dem aus man �ber das Wasser des Sees, zur�ck auf die grasbewachsenen Stra�en der Stadt, oder �ber die Stra�en hinaus auf die mit Schotter bedeckte Eisfl�che blicken konnte, die sich deutlich dem nahen Horizont entgegen kr�mmte. Die extrem flache Landschaft au�erhalb der Kuppel gab einen Hinweis auf ihre Natur: ein Gletscher, der eine ganze Welt bedeckte, tausend Kilometer tiefes Eis, das jeden Meteoritenaufprall und Gezeitenbruch verdaut hatte und rasch wieder zur Ebene zerflossen war.</p><p>Auf der Oberfl�che des Sees bildeten kleine schwarze Wellen Interferenzmuster. Die Wasserfl�che war wei� wie der Boden des Sees und gelblich get�nt durch den gro�en Ball des Jupiter, der bucklig �ber ihren K�pfen hing. Alle seine Ringe in milchigem Gelb und Orange wirbelten sichtlich an ihren R�ndern und um die nadelstichgro�en Laternen herum.</p><p>Die kleine Gruppe kam an einer Reihe h�lzerner Geb�ude vorbei, deren Holz von den bewaldeten Inseln, die wie Fl��e auf der anderen Seite des Sees schwammen, stammte. Stra�engras schimmerte gr�nlich, und G�rten wuchsen in �bergro�en Pflanzk�sten hinter den Geb�uden unter langen hellen Leuchtstoffr�hren. Zo zeigte ihren Begleitern auf dem Spaziergang, verwirrten Funktion�ren von Ganymed, etwas von dem Stock mit der R�be. Sie erinnerte sie an die milit�rische Macht des Mars und erw�hnte wieder, da� Io einen Abfall von ihrer Liga in Erw�gung ziehe.</p><p>Die Ganymedleute gingen mit mi�mutigen Gesichtern zum Essen fort. �Ganz sch�n raffiniert�, bemerkte Ann, als sie au�er H�rweite waren.</p><p>�Jetzt sind wir sarkastisch�, erwiderte Zo.</p><p>�Du bist ein Schurke. H�r auf damit!�</p><p>�Ich werde mich in die Rote Schule f�r diplomatische Feinheiten einschreiben. Vielleicht arrangieren, da� Assistenten mit mir kommen und etwas von deren Besitz in die Luft jagen.�</p><p>Ann zischte etwas zwischen den Z�hnen. Sie ging weiter auf der Promenade, und Zo hielt mit ihr Schritt.</p><p>�Seltsam, da� der Gro�e Rote Fleck verschwunden ist�, bemerkte Zo, als sie auf einer Br�cke einen Kanal mit wei�em Boden �berquerten. �Wie ein Omen. Ich warte st�ndig, da� er wieder auftaucht.�</p><p>Die Luft war k�hl und feucht. Die Leute, an denen sie vorbeikamen, waren meistens terranischer Herkunft, ein Teil der Diaspora. Einige Flieger zogen l�ssige Spiralen oben unterm Gest�nge der Kuppel. Zo beobachtete, wie sie �ber das Antlitz des gro�en Planeten schwebten. Ann blieb oft stehen, um abgehauene Steinfl�chen zu untersuchen. Sie ignorierte die Stadt auf dem Eis und ihre vielen Menschen mit ihrer zehenspitzigen Grazie und der Regenbogenkleidung, wie eine Schar junger Eingeborener, windhundartig. Zo sagte, halb bewundernd, halb gereizt: �Du interessierst dich wirklich mehr f�r Steine als f�r Menschen.�</p><p>Ann schaute sie mit dem Blick eines Basilisken an. Aber Zo zuckte nur die Achseln, nahm sie beim Arm und zog sie mit sich. �Die jungen Eingeborenen hier sind weniger als f�nfzehn m-Jahre alt, sie haben ihr ganzes Leben bei einem Zehntel Ge verbracht und k�mmern sich nicht um die Erde oder den Mars. Sie glauben an die Jupitermonde, an das Wasser, ans Schwimmen und ans Fliegen. Die meisten haben ihre Augen dem schwachen Licht anpassen lassen. Manche von ihnen lassen sich Kiemen wachsen. Sie planen, diese Monde so zu terraformen, da� es ihnen f�nftausend Jahre bringt. Sie sind der n�chste Schritt in der Evolution, um Ka�s willen; und du stehst hier und starrst auf Steine, die genau die selben Steine sind wie �berall anderswo in dieser Galaxis. Du bist wirklich so verr�ckt, wie man sich erz�hlt.�</p><p>Das prallte von Ann ab wie ein hingeworfener Kieselstein. �Du sagst dasselbe wie ich, als ich versuchte, Nadia von Underhill weg zu bekommen�, erwiderte sie.</p><p>Zo zuckte die Achseln und sagte: �Komm schon, ich habe noch ein Treffen.�</p><p>�Die Arbeit der Mafia h�rt nie auf. So ist das.� Aber sie kam mit und schaute sich um wie ein runzliger Hoffnarr, zwergenhaft und komisch gekleidet in ihrem altmodischen Jumper.</p><p>Einige Mitglieder des Rates von Genfer See begr��ten sie, etwas nerv�s, bei den Docks. Sie bestiegen eine kleine F�hre, die sich den Weg durch eine Flotte kleinerer Segelboote bahnte. Drau�en auf dem See war es windig. Sie knatterten zu einer der Waldinseln. Gro�e Exemplare von Balsa und Teak standen �ber der sumpfigen Matte auf dem geheizten Boden der Insel, an deren Ufer Holzarbeiter an einer kleinen S�gemaschine besch�ftigt waren. Die Maschine war schallged�mpft, aber ein Winseln der S�gebl�tter begleitete die Unterhaltung trotzdem. Wenn man auf dem See eines Jupitermondes schwamm, wurden alle Farben durch das Grau der weit entfernten Sonne beeintr�chtigt. Zo f�hlte mit der Begeisterung des Fliegers und sagte zu den Einheimischen: �Das ist so sch�n. Ich kann verstehen, warum es in Europa Leute gibt, die davon sprechen, ihre ganze Welt zu einer Wasserwelt zu machen, in der man rings herum segeln kann. Sie w�rden sogar Wasser zur Venus schaffen, um an festes Land f�r Inseln heranzukommen. Ich wei� nicht, ob sie das euch gegen�ber erw�hnt haben. Vielleicht ist es blo� ein Gerede wie die Idee, von der ich geh�rt habe, da� man ein kleines Schwarzes Loch erzeugen und in die obere Atmosph�re Jupiters absenken will. Den Jupiter zum Stern machen! Dann h�ttet ihr alles Licht, das ihr ben�tigt.�</p><p>�W�rde Jupiter dabei nicht aufgezehrt werden?� fragte ein Einheimischer.</p><p>�Nun, das w�rde sehr lange dauern. Man sprach von Jahrmillionen.�</p><p>�Und dann g�be es eine Nova�, erkl�rte Ann.</p><p>�O ja. Alles au�er Pluto w�rde vernichtet werden. Aber dann werden wir alle l�ngst weg sein�� auf die eine oder andere Art. Und falls nicht, wird uns schon etwas einfallen.�</p><p>Ann lachte rauh. Die Einheimischen dachten intensiv nach und schienen das nicht zu bemerken.</p><p>Zur�ck am Ufer des Sees gingen Ann und Zo �ber die Promenade. �Du bist so grob�, sagte Ann.</p><p>�Im Gegenteil. Das ist eine sehr delikate Angelegenheit. Die wissen nicht, ob ich f�r mich oder f�r Jackie oder f�r den Mars spreche. Es k�nnte blo� Gerede sein. Aber es erinnert sie an den gr��eren Zusammenhang. Es w�re f�r sie nur allzu einfach, sich hier beim Jupiter abzukapseln und den ganzen Rest zu vergessen. Das ganze Sonnensystem als ein einziger politischer K�rper. Daran m�ssen die Leute denken. Es f�llt ihnen schwer, sich das vorzustellen.�</p><p>�Du brauchst selber Hilfe. Du wei�t, es ist nicht die italienische Renaissance.�</p><p>�Macchiavelli wird immer recht haben, wenn es das ist, was du meinst. Und sie m�ssen hier daran erinnert werden.�</p><p>�Du erinnerst mich an Frank.�</p><p>�Frank?�</p><p>�Frank Chalmers.�</p><p>�Der war ein Issei, den ich bewundere�, erkl�rte Zo. �Jedenfalls nach dem, was ich �ber ihn gelesen habe. Er war der einzige von euch, der kein Heuchler gewesen ist. Und er war derjenige, der am meisten geleistet hat.�</p><p>�Davon hast du keine Ahnung�, entgegnete Ann.</p><p>Zo zuckte die Achseln. �Die Vergangenheit ist f�r uns alle gleich. Ich wei� dar�ber so viel wie du.�</p><p>Es kam eine Gruppe von Jupiterleuten vorbei, bla� und mit gro�en Augen, v�llig in ihr Gespr�ch vertieft. Zo zeigte hin: �Sieh sie dir an! Die sind so konzentriert. Ich bewundere sie wirklich. Sie st�rzen sich so energisch auf ein Projekt, das erst lange nach ihrem Tod abgeschlossen sein wird. Es ist eine absurde Geste, eine Geste von Trotz und Freiheit, ein g�ttlicher Wahnsinn, als ob sie Sperma w�ren, das wild auf ein unbekanntes Ziel hin schw�nzelt.�</p><p>�Das gilt f�r uns alle�, erwiderte Ann. �Das ist Evolution. Wann starten wir zu Miranda?�</p><p>Rund um den Uranus, viermal so weit von der Sonne entfernt wie der Jupiter, wurden die Objekte nur von einem Viertel Prozent des Lichts, das die Erde erreichte, getroffen. Das war ein Problem f�r die Energieversorgung gr��erer Terraformungsprojekte, obwohl Zo beim Eintritt in das Uranus-System festgestellt hatte, da� die Beleuchtung immer noch f�r gute Sichtverh�ltnisse ausreichte. Das Sonnenlicht war immerhin noch 1300mal heller als der Vollmond auf der Erde, und die Sonne immer noch ein blendender Splitter in dem schwarzen Sternenfeld. Obwohl die Dinge in der Landschaft etwas tr�be und farblos wirkten, konnte man sie tadellos gut erkennen. Somit funktionierte die gro�e Kraft des menschlichen Auges auch noch in gro�er Entfernung von daheim.</p><p>Aber es gab keine gro�en Monde um den Uranus, die f�r ein gr��eres Terraformungsprojekt attraktiv gewesen w�ren. Die Familie des Uranus bestand aus f�nfzehn sehr kleinen Monden, keiner gr��er als Titania und Oberon, mit 600 Kilometern Durchmesser. Die meisten waren sogar betr�chtlich kleiner�� eigentlich eine Sammlung kleiner Asteroiden, die gr��tenteils nach Shakespeares Frauengestalten benannt waren und alle den sanftesten aller Gasriesen, den blaugr�nen Uranus, umkreisten, der mit seinen Polen in der Ekliptik seine Runden zog, und dessen d�nne, zauberhafte Schleifen seiner elf schmalen Graphitringe kaum sichtbar waren. Alles in allem, kein aussichtsreiches System f�r Besiedlung.</p><p>Nichtsdestoweniger waren Menschen angereist und hatten sich angesiedelt. Das war f�r Zo keine �berraschung. Es gab Leute, die forschten und zu bauen begannen, auf Triton, auf Pluto, auf Charon; und falls ein zehnter Planet entdeckt und eine Expedition zu ihm entsandt werden sollte, w�rde man ohne Zweifel eine Kuppelstadt dort finden, deren B�rger untereinander zerstritten sein und sich gegen jede Zumutung einer Einmischung in ihre Angelegenheiten von au�en zur Wehr setzen w�rden. So war nun einmal das Leben in der Diaspora.</p><empty-line/><p>Die gr��te Kuppelstadt im Uranussystem war auf Oberon, dem gr��ten und entferntesten der f�nfzehn Monde. Zo und Ann und die �brigen Reisenden vom Mars parkten in einem planetaren Orbit knapp au�erhalb von Oberon und nahmen eine F�hre, um der Hauptsiedlung einen kurzen Besuch abzustatten.</p><p>Diese Stadt, Hippolyta, �berspannte eines der gro�en Grabent�ler, die auf allen gr��eren Uranusmonden zu finden waren. Da die Schwere noch d�rftiger war als das Licht, war die Stadt als ein dreidimensionaler Raum angelegt, mit Gel�ndern und Gleitseilen, zur Klippe gewandten Balkons, Rutschen und Leitern, Sprungbrettern und Trampolins, h�ngenden Restaurants und Sockelpavillons, alle beleuchtet mit hellen, wei�en, schwebenden Kugellampen.</p><p>Zo erkannte sofort, da� soviel Drum und Dran das Fliegen im Kuppelinnern unm�glich machte. Aber bei dieser Schwere war schon das allt�gliche Leben eine Art Flugerlebnis. Als sie mit einer Fu�bewegung in die Luft abhob, entschlo� sie sich, mit den Bewohnern zusammenzukommen, die sich im t�glichen Leben so benahmen; sie tanzte. Und wirklich versuchten nur sehr wenige Leute, auf terranische Art zu gehen. Hier fand die menschliche Fortbewegung von Natur aus in der Luft statt, wellenf�rmig, voller Voltien und Drehspr�ngen und langen Tarzanschw�ngen Die unterste Ebene der Stadt war mit einem Netz versehen.</p><p>Die Leute, die hier drau�en lebten, kamen von �berall her im Sonnensystem, obwohl sie nat�rlich meistens Marsianer oder Terraner waren. Es gab derzeit noch keine eingeborenen Uranier, mit Ausnahme einer Krippe Kleinkinder, die von M�ttern geboren worden waren, die an der Errichtung der Siedlung gearbeitet hatten. Sechs Monde waren inzwischen besetzt, und k�rzlich hatten sie einige Gaslaternen in die obere Atmosph�re von Uranus geschickt, die um seinen �quator kreisten. Sie brannten jetzt im Blaugr�n des Planeten wie Nadelstiche aus Sonnenlicht und bildeten einen Diamanteng�rtel um den Riesen. Diese Laternen hatten das Licht in dem System so weit verst�rkt, da� jeder, den sie auf Oberon trafen, ihnen versicherte, wieviel farbiger die Dinge jetzt doch geworden waren. Aber Zo war nicht beeindruckt. Sie sagte zu einem Enthusiasten: �Ich bedaure, das nicht vorher gesehen zu haben. Es ist eine monochrome Welt.� Tats�chlich waren alle Geb�ude in der Stadt hell mit breiten bunten Streifen bemalt; aber welche Farbe das gerade war, konnte Zo manchmal nicht sagen. Sie h�tte einen Pupillen-Erweiterer gebraucht.</p><p>Aber den Einheimischen schien es zu gefallen. Nat�rlich sprachen einige von ihnen von einem Umzug nach Triton, sobald die Uranus-St�dte fertig w�ren, als dem �n�chsten gro�en Probleme oder Pluto oder Charon. Sie waren Bauleute. Aber andere lie�en sich hier auf Dauer nieder und nahmen Drogen oder genetische Transkriptoren ein, um sich der geringen Schwerkraft anzupassen, die Empfindlichkeit ihrer Augen zu steigern usw.</p><p>Sie sprachen davon, Kometen aus der Oortschen Wolke zu holen, um f�r Wasser zu sorgen, und vielleicht zwei oder drei der kleineren unbewohnten Monde zusammensto�en zu lassen, um gr��ere und w�rmere K�rper zu erzeugen, mit denen man arbeiten k�nnte�� �k�nstliche Mirandas� nannte sie jemand.</p><p>Ann kam von der Konferenz oder zog sich vielmehr an einem Gel�nder entlang, unf�hig, mit der MiniGravitation fertigzuwerden. Nach einer Weile folgte Zo ihr auf Stra�en, die von �ppigem gr�nem Gras bedeckt waren. Sie blickte nach oben: Ein Riese aus Aquamarin mit schmalen matten Ringen. Ein kalter, weltentr�ckter Anblick, nach jeder menschlichen Vorstellung reizlos und auf die Dauer vielleicht unhaltbar wegen der niedrigen Gravitation der kleinen Monde. Aber in der Konferenz eben hatten die Uranier die subtilen Sch�nheiten ihres Planeten gepriesen und eine �sthetik entwickelt, die es ihnen m�glich machte, ihre Liebe auf einen wissenschaftlichen Grund zu stellen, selbst wenn sie planten, alles zu ver�ndern�� wozu sie imstande w�ren. Sie betonten die zarten Abstufungen der Farben, die angenehm k�hle Luft in der Kuppel, die einem Flug �hnliche Art der Fortbewegung, wie ein Tanz im Traum... Einige von ihnen waren sogar schon solche Patrioten geworden, da� sie gegen eine radikale Umgestaltung pl�dierten. Sie waren mehr auf Erhaltung versessen, als dieser ungastliche Ort vern�nftigerweise vertragen konnte.</p><p>Und jetzt entdeckten einige dieser Konservationisten Ann. Sie kamen in einer Gruppe zu ihr, standen im Kreis um sie herum, sch�ttelten ihr die Hand, dr�ckten sie an sich, k��ten sie oben auf den Kopf, und eine kniete sich hin, um ihr die F��e zu k�ssen. Zo sah Anns Miene und mu�te lachen. �Na na!� sagte sie zu der Gruppe, die offenbar als eine Art Leibwache f�r den Mond Miranda bestimmt war. Die lokale Version der Roten, die hier entstanden war, wo das gar keinen Sinn ergab, und lange nachdem das Rotsein, selbst auf dem Mars, kein wichtiges Thema mehr war. Sie formierten sich um einen Tisch herum, der bei einer schlanken S�ule mitten in der Kuppel aufgestellt war, und verzehrten eine Mahlzeit, w�hrend die Diskussion das ganze System umspannte. Der Tisch war eine Oase in der tr�ben Luft der Kuppel, wobei das Diamantcollier in seiner runden Fassung aus Jade auf sie herunterschien. Er schien das Zentrum der Stadt zu bilden; aber Zo sah in der Luft noch weitere solche Oasen h�ngen, die aus der entsprechenden Position sicher auch wie das Zentrum wirkten. Hippolyta war eine kleine Stadt, aber Oberon konnte Dutzende ihresgleichen aufnehmen, und ebenso Titania, Ariel und Miranda, so klein sie auch waren. Alle diese Satelliten hatten Oberfl�chen von Hunderten von Quadratkilometern. Das was das Verlockende an diesen von der Sonne vergessenen Monden: freies Land, offener Raum, eine neue Welt, eine Grenze mit ihrer immer neuen Chance eines weiteren Neuanfangs und der Gr�ndung einer neuen Gesellschaft ganz von vorn. F�r die Uranier war diese Freiheit mehr wert als Licht oder Schwerkraft. Und so hatten sie die Programme und die Roboter f�r den Anfang zusammengebracht und waren mit Pl�nen f�r eine Kuppel und eine Verfassung zu der fernen Grenze aufgebrochen, um ihre eigenen Ersten Hundert zu werden.</p><p>Aber gerade diese Leute waren am wenigsten daran interessiert, etwas �ber Jackies Pl�ne f�r eine systemweite Allianz zu h�ren. Immerhin hatte es schon lokale Meinungsverschiedenheiten gegeben, die stark genug waren, um Unruhe zu stiften. Unter den um den Tisch sitzenden Leuten gab es einige ernsthafte Feinde, wie Zo bemerkte. Sie beobachtete genau ihre Gesichter, als Marie, die Leiterin ihrer Delegation, den Vorschlag des Mars in ganz allgemeiner Form darlegte: Eine Allianz mit dem Ziel, mit der massiven historisch-�konomischen und zahlenm��igen �berlegenheit der Erde zurechtzukommen, die gewaltig, strotzend, �berquellend und in ihrer Vergangenheit wie ein Schwein versumpft in seinem Stall steckte und dennoch die dominierende Kraft in der Diaspora war. Es lag im vitalen Interesse aller Siedlungen im Sonnensystem, sich mit dem Mars zu verb�nden und eine geeinte Front zu bilden, die ihre Einwanderung, ihren Handel, ihr Wachstum und ihr weiteres Schicksal kontrollierte.</p><p>Von allen Uraniern sah jedoch niemand, aller Streitigkeiten untereinander zum Trotz, �berzeugt aus. Eine �ltere Frau, die B�rgermeisterin von Hippolyta, ergriff das Wort, und sogar die �Roten� von Miranda nickten. Sie w�rden selbst und unabh�ngig mit der Erde verhandeln. Erde und Mars seien f�r die Freiheit der Uranier gleicherma�en gef�hrlich. Hier drau�en planten sie, mit allen potentiellen Allianzen oder Kontrahenten frei zu agieren, in zeitweiliger Zusammenarbeit oder Opposition mit gleichen Partnern, je nach den Umst�nden. Es bestand einfach keine Notwendigkeit f�r formalere Vereinbarungen. Die Frau schlo�: �All dieses Allianz-Zeug riecht nach Kontrolle von oben. Auf dem Mars ruf ihr das ja auch nicht; warum es hier ausprobieren?�</p><p>�Wir tun es sehr wohl auf dem Mars�, versicherte Marie. �Das Ma� der Kontrolle h�ngt von dem Komplex kleinerer Systeme darunter ab und ist n�tzlich f�r die Behandlung von Problemen auf holistischer Ebene. Und jetzt auf der interplanetaren Ebene. Ihr verwechselt Totalisation mit Totalitarismus. Das ist ein gravierender Fehler.�</p><p>Sie waren keineswegs �berzeugt. Vernunft mu�te von Hebelkraft unterst�tzt werden. Und deshalb war Zo mitgekommen. Und die Anwendung von Druckmitteln w�rde leichter fallen, wenn die �berlegung vorher so dargelegt wurde.</p><p>Ann blieb w�hrend des ganzen Essens schweigsam, bis die allgemeine Diskussion endete und die Mirandagruppe ihre Fragen stellte. Da wurde sie munter, wie eingeschaltet, und fragte sie ihrerseits nach der laufenden lokalen Planetologie, der Klassifikation verschiedener Gebiete von Miranda als Teile der zwei kollidierten Planetesimale, nach der neueren Theorie, wonach die kleinen Monde Ophelia, Desdemona, Bianca und Puck bei der Miranda-Kollision ausgeschleuderte Teile seien und so weiter. Ihre Fragen waren detailliert und verst�ndig. Die W�chter waren aufgeregt und begeistert. Ihre Augen waren so gro� wie die von Lemuren. Auch die �brigen Uranianer waren erfreut, Anns Interesse festzustellen. Sie war <emphasis>Die Rote.</emphasis> Jetzt verstand Zo, was das wirklich bedeutete. Sie war eine der ber�hmtesten Personen der Geschichte. Und es schien m�glich, da� alle Uranier etwas Rot in sich hatten. Anders als die Siedler der Systeme von Jupiter und Saturn hatten sie keine Pl�ne f�r langfristiges Terraformen; sie wollten f�r den Rest ihres Lebens in Kuppeln wohnen und auf den urt�mlichen Fels hinausgehen. Und sie f�hlten, zumindest ihre W�chtergruppe, da� Mfranda so ungew�hnlich war, da� man sie v�llig in Ruhe lassen m��te. Das war nat�rlich eine Rote Idee. Nichts, was die Menschen hier taten, sagte ein uranischer Roter, w�rde etwas anderes bewirken, als das zu vermindern, was am wertvollsten w�re. Sie hatte einen Wert an sich, der sogar ihren Wert als planetologisches Exemplar �berstieg. Miranda hatte ihre eigene W�rde.</p><p>Ann pa�te genau auf, als man das sagte; und Zo sah in ihren Augen, da� sie nicht zustimmte oder auch nur ganz verstand. F�r sie war es eine Sache der Wissenschaft, f�r diese Leute jedoch eine Sache des Geistes. Zo sympathisierte eigentlich mehr mit der Ansicht der Lokalen als der von Ann mit ihrem verkrampften Beharren auf dem Objekt. Aber das Resultat war dasselbe. Beide enthielten die Rote Ethik in reiner Form: Nat�rlich kein Terraformen auf Miranda, auch keine Kuppeln, Zelte oder Spiegel. Nur eine einzige Station f�r Besucher und einige wenige Start- und Landepl�tze f�r Raketen (obwohl selbst das innerhalb der Gruppe der W�chter umstritten war); alles verboten au�er sanftem Fu�verkehr und Raketenspr�ngen, die hoch genug �ber die Oberfl�che f�hrten, da� die Staubschicht nicht verletzt w�rde. Die Gruppe der W�chter verstand Miranda als Wildnis, durch die man wandern, auf der man aber niemals leben konnte, und die nie ver�ndert werden d�rfte. Eine Welt f�r Bergsteiger oder, noch besser, f�r Flieger. Die man sich ansah und nichts weiter. Ein nat�rliches Kunstwerk.</p><p>Ann nickte bei all diesem. Und da war es nun in ihr, etwas mehr als die qu�lende Angst, eine Leidenschaft f�r Fels, f�r eine Welt aus Stein. Fetischismus konnte sich auf alles fixieren. Und alle diese Leute teilten den gleichen Fetisch. Zo fand es drollig, unter ihnen zu sein. Drollig und verlockend, ihr Hebelpunkt wurde jetzt deutlich. Die W�chterguppe hatte eine F�hre nach Miranda besorgt, um Ann diesen Mond zu zeigen. Niemand sonst w�rde dort sein. Ein privater Ausflug zu dem seltsamsten aller Monde f�r die seltsamste aller Roten. Zo lachte und sagte ernsthaft: �Ich w�rde gern mitkommen.�</p><empty-line/><p>Und das gro�e Nein sagte Ja. Das war Ann auf Miranda.</p><p>Miranda war der kleinste der f�nf gro�en Monde des Uranus, nur 470 Kilometer Durchmesser. In seiner Jugend vor etwa 3,5 Milliarden Jahren war sein kleinerer Vorl�ufer mit einem anderen Mond von ungef�hr gleicher Gr��e kollidiert. Die beiden waren zertr�mmert worden, hatten sich dann zusammengeballt und waren in der Hitze der Kollision zu einer einzigen Kugel verschmolzen. Aber der neue Mond war abgek�hlt, ehe die Verschmelzung ganz abgeschlossen war.</p><p>Das Ergebnis war eine Landschaft, die einem Traum h�tte entsprungen sein k�nnen, �u�erst wild und ungeordnet. Manche Gebiete waren glatt wie eine neue Haut, andere roh und zerfressen; manche waren metamorphe Fl�chen aus zwei Proto-Monden, andere bestanden aus den freigelegtem Innereien des Planeten. Und dann gab es da die tief eingekerbten Risse, wo die Fragmente unvollkommen zusammenstie�en. Hier bogen ausgedehnte parallele Bruchsysteme in spitzen Winkeln mit dramatischen Zickzackformationen ab, ein deutliches Zeichen f�r die enormen Scherkr�fte, die bei der Kollision aufgetreten waren. Die gro�en Spalten waren so breit, da� man sie auch aus dem Raum als Hackspuren erkennen konnte, Dutzende von Kilometern tiefe Einschnitte in der Seite der grauen Sph�re.</p><empty-line/><p>Sie landeten auf einem Plateau dicht bei der gr��ten dieser Hackspalten, genannt Prosperos Rift. Sie schl�pften in ihre Anz�ge, verlie�en das Raumschiff und gingen zur Kante der Schlucht hinaus. Ein d�sterer Abgrund, und so tief, da� der Boden zu einer anderen Welt zu geh�ren schien. Zusammen mit der leichten Mikrogravitation vermittelte der Anblick Zo ein deutliches Gef�hl vom Fliegen. Allerdings einer Art zu Fliegen, wie sie sie manchmal in ihren Tr�umen erlebte, wo alle Marsverh�ltnisse zugunsten eines geistigen Himmels aufgehoben waren. �ber den K�pfen der Besucher schwebte Uranus voll und gr�n und gab ganz Miranda einen Anflug von Jade. Zo tanzte den Rand der Kante entlang, stie� sich mit den Zehen ab, schwebte und kam in kleinen Plies, das Herz voller Sch�nheit, herunter. So seltsam erschienen die diamantenen Funken der Gaslaternen, die auf der Atmosph�re von Uranus dahinglitten, die geisterhafte Jade. Winzige helle Lichter, aufgeh�ngt um einen d�steren gr�nen Lampion. Die Tiefen des Abgrunds waren nur angedeutet. Alles ergl�hte in seinem eigenen inneren Gr�n, Viriditas brach aus jedem Ding hervor und war doch still und bewegungslos f�r immer, au�er f�r sie, die Eindringlinge, die Beobachter. Zo tanzte.</p><p>Ann marschierte viel bequemer dahin als vorhin in Hippolyta, mit der unbewu�ten Grazie von jemand, der viel Zeit damit verbracht hat, �ber Felsen zu gehen. Ein Steinballett. Sie hielt in ihrem dicken Handschuh einen langen, gebogenen Hammer, und ihre Hosentaschen waren von Proben gebeult. Sie reagierte nicht auf die Rufe von Zo oder der W�chtergruppe. Sie ignorierte sie. Wie ein Schauspieler, der die Rolle von Ann Clayborne spielte. Zo lachte. Wie konnte man so ein Klischee werden!</p><p>�Wenn man dieses Relikt und den Abgrund der Zeit �berdachen w�rde, erg�be das einen wundersch�nen Platz zum Leben�, sagte sie. �F�r die Kuppel w�rde man viel Land ben�tigen, nicht wahr? Aber so eine Aussicht! Es w�re wie ein Wunder.�</p><p>Nat�rlich erhielt sie keine Antwort auf eine derart deutliche Provokation. Aber es w�rde sie zum Nachdenken veranlassen. Zo folgte der Gartengruppe wie ein Albatros. Sie stieg eine zerbrochene nat�rliche Steintreppe, die am Rand eines schmalen Vorsprungs verlief, hinunter, der sich von der Wand des Chasmas weit hinaus erstreckte wie der Faltenwurf einer Marmorstatue. Er endete in einem flachen Wirbel mehrere Kilometer von der Wand entfernt und ein oder zwei Kilometer unterhalb des Randes. Danach fiel der Vorsprung abrupt mehr als zwanzigtausend Meter tief zum Boden des Chasmas ab. Zwanzig Kilometer!... Selbst der gro�e Mars konnte sich keiner solchen Wand r�hmen.</p><p>An der Wand gab es eine Anzahl von Vorspr�ngen und anderen Deformationen wie die, auf der sie kletterten: Riefen und Draperien wie in einer Kalksteinh�hle, aber hier waren sie alle auf einmal entstanden. Die Wand war geschmolzen, geschmolzenes Gestein war in den Abgrund getropft, bis die K�lte des Raums es f�r immer hatte gefrieren lassen. Von jedem Punkt ihres Abstiegs aus war die ganze Wand zu �berblicken. In die Kante des Vorsprungs war ein Gel�nder eingef�gt worden; und sie alle waren mit Seilen daran festgehakt, die mit einem Geschirr an ihren Raumanz�gen verbunden waren. Das war gut, denn der Rand des Vorsprungs war schmal, und der kleinste Ausrutscher konnte sie in den Abgrund hinausschleudern. Das spinnen�hnliche kleine Raumschiff, das sie abgesetzt hatte, flog hinunter und w�rde sie unten an der Treppe, bei der flachen Stelle am Ende des Vorsprungs, wieder aufnehmen. So konnten sie hinuntersteigen, ohne sich wegen der R�ckkehr Sorgen zu machen. Und es ging abw�rts, Minute um Minute, in einem Schweigen, das keineswegs gesellig war. Zo mu�te grinsen. Man konnte fast h�ren, wie sich schwarze Gedanken auf sie richteten. Man konnte das Knirschen geradezu sp�ren. Mit Ausnahme von Ann, die alle paar Meter stehenblieb, um die Risse in der rohen Treppe zu inspizieren.</p><p>Auf privater Frequenz sagte Zo zu ihr: �Diese Besessenheit von Stein ist so traurig. So alt zu sein und doch so klein. Sich auf die Welt tr�ger Materie zu beschr�nken, eine Welt, die einen nie �berraschen wird, nie auch nur irgend etwas <emphasis>tun</emphasis> wird. Man nie verletzt wird. Areologie ist eine Art von Feigheit. Wirklich traurig.�</p><p>Ein Ger�usch im Interkom: Luft, die zwischen Z�hnen ausgesto�en wurde. Emp�rung.</p><p>Zo lachte.</p><p>�Du bist ein impertinentes M�dchen�, knurrte Ann.</p><p>�Ja, das bin ich.�</p><p>�Und auch dumm.�</p><p>�Das bin ich nicht!� Zo war �ber ihre eigene Heftigkeit �berrascht. Und dann sah sie, da� Anns Gesicht hinter der Visierscheibe verzerrt war, und ihre Stimme zischte im Interkom zwischen scharfen, schweren Atemz�gen.</p><p>�Verdirb nicht den Spaziergang!� platzte Ann heraus.</p><p>�Ich habe es satt, ignoriert zu werden.�</p><p>�So, wer ist jetzt ver�rgert?�</p><p>�Ver�rgert �ber die Langeweile.�</p><p>Wieder ein w�tendes Zischen. �Du bist sehr schlecht erzogen worden.�</p><p>�Wessen Fehler ist das?�</p><p>�Nun deiner. Aber wir m�ssen die Folgen ertragen.�</p><p>�Ertrage sie ruhig weiter! Bedenke, da� ich es bin, die dich hierher gebracht hat.�</p><p>�Sax ist es, der mich hierher gebracht hat. Gepriesen sei sein kleines Herz!�</p><p>�F�r dich ist alles klein.�</p><p>�Im Vergleich mit...� Der Winkel, in dem ihr Helm geneigt war, zeigte, da� sie in die Spalte hinunter blickte.</p><p>�Diese stumme Unbeweglichkeit, in der du dich so sicher f�hlst.�</p><p>�Dies ist das Wrack einer Kollision, die anderen Zusammenst��en von Planetesimalen im fr�hen Sonnensystem sehr �hnlich ist. Es ist ein Fenster in jene Zeit. Verstehst du?�</p><p>�Ich verstehe, aber es k�mmert mich nicht.�</p><p>�Du glaubst nicht, da� das wichtig ist?�</p><p>�Nichts ist wichtig in dem Sinne, den du meinst. All das hat keinen Sinn. Es ist blo� ein Ereignis im Urknall.�</p><p>�O bitte! Nihilismus ist so l�cherlich�, entgegnete Ann.</p><p>�Pa� auf, was du sagst! Du bist selber eine Nihilistin! Keine Bedeutung, kein Wert f�r das Leben oder deine Sinne�� das ist ein schwacher Nihilismus, ein Nihilismus f�r Feiglinge, wenn du dir so etwas vorstellen kannst.�</p><p>�Meine tapfere kleine Nihilistin.�</p><p>�Ja, dem stelle ich mich. Und genie�e dann, wor�ber man sich freuen kann.�</p><p>�Und das w�re?�</p><p>�Vergn�gen. Die Sinne und was sie hereinbringen. Ich bin wirklich sensualistisch. Ich denke, das erfordert einigen Mut. Dem Schmerz ins Auge schauen, den Tod riskieren, damit die Sinne wirklich losbr�llen...�</p><p>�Denkst du, da� du dem Schmerz getrotzt hast?�</p><p>Zo erinnerte sich an eine �berzogene Landung in Overlook, an den Schmerz gebrochener Beine und Rippen. �Ja, das habe ich.�</p><p>Stille im �ther. Nur die Statik des Magnetfelds vom Uranus. Vielleicht gestattete Ann ihr die Erfahrung von Schmerz, was in Anbetracht von dessen Allgegenwart nicht besonders gro�z�gig war. Zo machte das richtig w�tend. �Denkst du tats�chlich, da� es Jahrhunderte erfordert, menschlich zu werden; da� niemand menschlich gewesen ist, ehe die Geriatrie aufkam? Keats starb mit f�nfundzwanzig. Hast du <emphasis>Hyperion</emphasis> gelesen? Denkst du, dieses Loch in einem Felsen ist ebenso erhaben wie ein Satz von <emphasis>Hyperion?</emphasis> Ihr Issei seid wirklich schrecklich. Und du besonders. Wenn du mich beurteilen willst, warum hast du dich nicht ver�ndert von dem Augenblick an, als du den Mars ber�hrtest...?�</p><p>�Das ist doch eine Leistung, nicht wahr?�</p><p>�Eine Leistung darin, sich tot zu stellen. Ann Clayborn, die gr��te tote Person, die jemals gelebt hat.�</p><p>�Und ein ungezogenes M�dchen. Schau dir die Struktur dieser Steine an.�</p><p>�Schei� auf die Steine!�</p><p>�Das werde ich den Sensualisten �berlassen. Nein, schau! Dieser Fels hat sich in 3,5 Milliarden Jahren nicht ver�ndert. Und wenn er es getan hat�� mein Gott, was f�r eine Ver�nderung!�</p><p>Zo betrachtete den Jade-Stein unter ihren Stiefeln. Er wirkte so �hnlich wie Glas, aber war sonst h�chst schwer zu beschreiben. Sie sagte: �Du bist besessen.�</p><p>�Ja. Aber ich liebe meine Obsessionen.�</p><empty-line/><p>Danach kletterten sie schweigend den Grat des Vorsprungs hinunter. Im Laufe des Tages machten sie sich daran, zum Landeplatz auf dem Boden abzusteigen. Sie waren einen Kilometer unterhalb des Chasmarandes, und der Himmel �ber ihnen war ein Band von Sternen, Uranus in deren Mitte und die Sonne ein strahlendes Juwel dicht daneben. Unter diesem gro�artigen Bild wirkte die Tiefe der Spalte ungeheuer und erstaunlich. Zo hatte wieder die Empfindung des Fliegens. Sie sagte auf der allgemeinen Frequenz zu ihnen allen: �Ihr habt einen wahren Wert an der falschen Stelle geortet. Es ist wie ein Regenbogen. Ohne einen Beobachter, der sich in einem Winkel von 23� zu dem Licht befindet, das von einer Wolke sph�rischer Tr�pfchen reflektiert wird, gibt es keinen Regenbogen. Das ganze Universum funktioniert so. Unsere Geister stehen in einem Winkel von 23� zum Universum. Da wird etwas Neues geschafften beim Kontakt von Photon und Netzhaut, eine Art Raum entsteht zwischen Fels und Geist. Ohne Geist gibt es keinen wahren Wert.�</p><p>�Das w�rde hei�en, es g�be keinen wahren Wert. Es l�uft blo� auf Utilitarismus hinaus�, erwiderte einer der W�chter. �Diese Orte existieren ohne uns und gab es vor uns. Das ist ihr wahrer Wert. Wenn wir hinzutreten, sollten wir diese Priorit�t ehren, wenn wir eine richtige Haltung gegen�ber dem Universum einnehmen und es wirklich sehen wollen.�</p><p>�Aber ich sehe es ja. Oder beinahe�, erkl�rte Zo fr�hlich. �Ihr m��t eure Augen mit einer Erg�nzung eurer genetischen Behandlungen daf�r aufnahmef�hig machen. Inzwischen ist es wirklich gro�artig. Aber diese Gr��e liegt in eurem Geist.�</p><p>Sie antworteten nicht. Nach einer Weile fuhr Zo fort:</p><p>�All diese Themen sind schon fr�her auf dem Mars abgehandelt worden. Die ganze Materie der Umweltethik ist durch die Erfahrung auf dem Mars auf eine h�here Ebene ger�ckt worden, ins Herz unserer Aktionen. Ihr wollt jetzt diesen Ort hier als Wildnis sch�tzen, und ich kann verstehen, warum. Viele von euch sind Marsianer, oder eure Eltern waren es. Ihr geht von einer ethischen Position aus, und Wildnis ist letztlich eine ethische Position. Terraner w�rden euch nicht so gut verstehen wie ich. Sie w�rden herauskommen und auf diesem Vorsprung ein gro�es Casino errichten. Sie w�rden diesen Spalt von einem Rand zum andern �berdachen und zu terraformen versuchen, wie sie es anderswo �berall gemacht haben. Die Chinesen sind noch wie Sardinen in ihr Land gepfercht und geben nicht einen Pfifferling f�r den wahren Wert von China an sich, geschweige denn f�r ein unfruchtbares M�ndchen am Rande des Sonnensystems. Sie brauchen Platz und sehen ihn hier drau�en; und sie werden kommen und bauen und euch verst�ndnislos ansehen, wenn ihr dagegen seid. Und was werdet ihr tun? Ihr k�nnt es mit Sabotage versuchen, wie die Roten auf dem Mars. Aber sie k�nnen euch von den Monden hier ebenso leicht wegpusten wie ihr sie. Und sie haben f�r jeden Kolonisten, den sie verlieren, millionenfach Ersatz. Das ist es, wovon wir sprechen, wenn wir �ber die Erde reden. Wir sind wie die Liliputaner mit Gulliver. Wir m�ssen zusammenarbeiten und den Kerl mit so vielen Seilen festbinden, wie wir nur finden k�nnen.�</p><p>Keine Antwort von den anderen.</p><p>Zo seufzte und sagte: �Gut, vielleicht ist es zum besten. Wenn sich hier drau�en Menschen verbreiten, w�rde das den Druck auf den Mars vermindern. Es k�nnte m�glich sein, Vereinbarungen zu treffen, nach denen die Chinesen frei sind, hier so viele Menschen anzusiedeln, wie sie nur wollen, und wir auf dem Mars frei sind, die Immigration auf fast Null herunterzudr�cken. Das k�nnte recht gut funktionieren.�</p><p>Wieder keine Reaktion von den anderen.</p><p>�Halt den Mund!� sagte Ann. �Wir sollten uns lieber auf das Land hier konzentrieren.�</p><p>�Oh, nat�rlich.�</p><p>Als sie sich dann ganz dem Ende des Vorsprungs n�herten, wo er unbeschreiblich in die freie Luft ragte, unter der mit Juwelen besetzten Jadescheibe und dem hellen Diamantsplitter daneben, wodurch das ganze Sonnensystem pl�tzlich durch diese Himmelsk�rper trianguliert und die wahre Gr��e der Dinge offenbart wurde, da sahen sie �ber sich Sterne hinziehen. Die Raketend�sen ihres Raumschiffs.</p><p>�Siehst du?� sagte Zo. �Das sind die Chinesen. Sie kommen schon, um sich umzuschauen.�</p><p>Pl�tzlich geriet einer der W�chter in Wut und schlug ihr mit der Faust auf die Helmscheibe. Zo lachte. Aber sie hatte die ultrageringe Schwerkraft Mirandas vergessen und war �berrascht, da� ein l�cherlicher Faustschlag sie glatt von den F��en ri�. Sie stie� mit den Kniekehlen ans Gel�nder, machte einen Salto, machte eine Drehung, um sich abzufangen und bekam einen harten Schlag auf den Kopf; aber der Helm sch�tzte sie, und sie blieb bei Bewu�tsein. Sie taumelte das Gef�lle hinunter zur Kante des Vorsprungs, hinter der die Leere g�hnte. Furcht durchscho� sie wie ein elektrischer Schlag, sie k�mpfte ums Gleichgewicht, schwankte hilflos und f�hlte einen Ruck�� o ja, das Ende ihres Geschirrs! Danach das widerliche Gef�hl, weiter nach unten zu rutschen. Der Karabiner des Geschirrs mu�te nachgegeben haben. Ein zweiter Adrenalinsto� der Angst. Sie drehte sich einw�rts, griff nach dem vorbeigleitenden Felsen. Menschliche Kraft bei 0,005 Ge. Dieselbe geringe Schwere, die es m�glich gemacht hatte, da� sie den Halt verlor, erlaubte ihr jetzt, sich mit einer einzigen Fingerspitze festzuklammern und das ganze Gewicht ihres fallenden K�rpers wie durch ein Wunder abzuhalten.</p><p>Sie befand sich an der Kante eines langen Absturzes. In ihren Augen funkelten Lichter, �belkeit, dahinter Dunkelheit... Sie konnte den Boden der Schlucht nicht erkennen, es war ein Abgrund ohne Boden, ein Traumbild, Sturz in die Dunkelheit... �Beweg dich nicht!� sagte Anns Stimme ihr ins Ohr. �Halt dich fest, und r�hr dich nicht!� �ber ihr ein Fu� und dann Beine. Ganz langsam hob Zo den Kopf, um zu schauen. Eine Hand packte fest ihr rechtes Handgelenk. �Okay. Einen halben Meter �ber dir ist ein Halt f�r deine linke Hand. H�her! Da! Okay, klettere! Ihr da oben, zieht uns hoch!�</p><p>Sie wurden hochgezogen wie Fische an der Angelschnur.</p><p>Zo setzte sich auf den Boden. Die kleine Raumf�hre landete lautlos auf einem Platz an der anderen Seite der flachen Stelle. Kurzes Aufflammen ihrer Raketen. Die besorgten Blicke der W�chter �ber ihr.</p><p>�Kein sehr lustiger Spa߫, meinte Ann.</p><p>�Nein�, sagte Zo und dachte dar�ber nach, wie sie den Vorfall verwerten k�nnte. �Danke, da� du mir geholfen hast!� Es war beachtlich, wie rasch Ann ihr zu Hilfe geeilt war; nicht, da� sie sich dazu entschlossen h�tte, das erforderte der Ehrenkodex. Man hatte Verpflichtungen gegen�ber seinen Gleichrangigen, und Feinde waren ebenso wichtig wie Freunde. Feinde waren ebenb�rtig und notwendig. Sie waren das, was es m�glich machte, ein guter Freund zu sein. Aber rein als physisches Man�ver war es eindrucksvoll gewesen. �Du warst sehr flink.�</p><p>Auf dem R�ckflug nach Oberon waren sie alle sehr still, bis sich einer von der Crew an Ann wandte und sagte, da� Hiroko k�rzlich hier im Uranussystem gesehen worden sei, auf Puck.</p><p>�Was f�r ein Mist!� sagte Ami.</p><p>�Wieso?� fragte Zo. �Vielleicht hat sie beschlossen, so weit wie m�glich von Erde und Mars wegzukommen, wie nur irgend m�glich. Ich kann es ihr nicht ver�beln.�</p><p>�Dies ist nicht gerade die Art von Gegend, die sie bevorzugt.�</p><p>�Vielleicht wei� sie das nicht. Vielleicht hat man ihr nicht gesagt, da� dies ein privater Steingarten ist.�</p><p>Ann winkte ab.</p><empty-line/><p>Wieder zum Mars, dem Roten Planeten, der sch�nsten Welt im Sonnensystem. Der einzig realen Welt.</p><p>Ihr Shuttle beschleunigte, machte seine Drehung, schwebte ein paar Tage antriebslos und bremste ab. Nach zwei Wochen waren sie f�r Clarke ausgerichtet und dann im Aufzug, immer weiter nach unten. So langsam war dieser letzte Abstieg! Zo schaute hinaus auf Echus, dort im Nordosten, zwischen der roten Tharsis und dem blauen Nordmeer. So <emphasis>gut,</emphasis> es wieder zu sehen! Zo nahm mehrere Tabletten Pandorph, als der Waggon des Aufzugs sich nach Sheffield hineinsenkte. Und als sie in den Sockel ausstieg und dann zwischen den gl�nzenden Steingeb�uden durch die Stra�en ging und zu der gro�en Bahnstation auf dem Rand, war sie in der Verz�ckung der Areophanie. Sie liebte jedes Gesicht, das sie sah, liebte alle ihre gro�en Br�der und Schwestern mit ihrer �berw�ltigenden Sch�nheit und ph�nomenalen Grazie. Sie liebte sogar die Terraner, die ihr �ber dem Weg liefen. Der Zug nach Echus fuhr erst in einigen Stunden; darum ging sie einige Zeit rastlos im Stadtpark spazieren und blickte in die gro�e Caldera von Pavonis Mons hinunter, die so sehenswert war wie irgendwas auf Miranda, auch wenn sie nicht so tief war wie Prosperos Rift. Ein unendliches Band des Horizonts, alle Schattierungen von Rot, Braun, Scharlach, Rost, Umbra, Kastanienbraun, Kupfer, Ziegelrot. Sienna, Paprika, Stierblut, Zimt, Zinnober�� alles unter dem dunklen, mit Sternen �bers�ten Nachmittagshimmel. Ihre Welt. Obwohl Sheffield unter seiner Kuppel lag, und es immer so sein w�rde. Sie wollte wieder zur�ck in den Wind.</p><p>Also ging sie wieder zum Bahnhof und bestieg den Zug nach Echus. Sie f�hlte den Zug die Strecke von dem gro�en Kegel von Pavonis nach Ost-Tharsis und Cairo hinunterrasen. Nach einem Umsteigen mit Schweizer Pr�zision fuhr sie mit einem Zug nach Norden, nach Echus Overlook. Der Zug traf gegen Mitternacht ein. Sie quartierte sich in der Herberge der Koop ein und ging hin�ber ins Adler. Sie empfand den letzten Pandorph-Schu� wie eine Feder an der Kappe ihres Gl�cks. Und die ganze Bande war da, als ob keine Zeit vergangen w�re. Sie jubelten, als sie sie sahen, alle nahmen sie in die Arme, einmal und �fter, sie alle k��ten sie, reichten ihr Drinks und stellten Fragen nach ihrer Reise und erz�hlten ihr von den j�ngsten Windverh�ltnissen und streichelten sie in ihrem Sessel, bis rasch die Stunde vor der Fr�hd�mmerung da war. Sie alle marschierten geschlossen zur Felsbank hinunter, zogen sich an und starteten, hinaus in die Dunkelheit des Himmels und den erfrischenden Auftrieb des Windes, was alles sofort auf sie einstr�mte wie Atmen oder Sex. Die schwarze Masse der Echusb�schung ragte im Osten auf wie der Rand eines Kontinents, und der dunkle Boden von Echus Chasma lag weit unter ihnen. Es war die Landschaft ihres Herzens mit ihrem d�steren Tiefland und hohem Plateau und der schwindelerregenden Klippe dazwischen. �ber allem lagen die starken Purpurt�ne des Himmels, Lavendel und Malve im Osten, dunkles Indigo nach Westen hin; und der ganze Bogen leuchtete und gewann mit jeder Sekunde an Farbe. Die Sterne verschwanden, hohe Wolken im Westen strahlten in traumhaftem Rosa; und als sie nach mehreren Spr�ngen auf die H�he von Overlook gekommen war, befand sie sich nahe am Riff, erwischte einen starken westlichen Aufwind und segelte auf ihm dahin, dicht �ber Overlook und dann in einer engen Kurve nach oben�� selbst bewegungslos und dennoch heftig vom Wind hochgerissen, bis sie aus dem Schatten der Klippe in das rauhe Gelb des neuen Tages stie�. Eine unglaublich freudige Kombination des Kinetischen und des Visuellen, von Sinn und Welt. Und als sie in die Wolken aufstieg, dachte sie: Zur H�lle mit dir, Ann Clayborn, du und der Rest deiner Art, ihr k�nnt f�r immer weitermachen mit euren moralischen Imperativen, eurer Issei-Ethik und euren Werten, Zielen, Bindungen, Verantwortlichkeiten, Tugenden und gro�en Lebenszwecken. Ihr k�nnt diese Worte bis zum Ende der Zeit in all ihrer Heuchelei und Furcht ausstr�men; und dennoch werdet ihr nie ein Gef�hl haben wie dieses, wenn die Anmut von Seele und Leib und Welt in vollkommenem Einklang sind. Ihr k�nnt euren calvinistischen Wortschwall, �ber das, was die Menschen mit ihrem kurzen Leben anfangen sollen, aussto�en, bis ihr blau im Gesicht seid, als ob es �berhaupt einen Weg g�be, etwas Sicheres dar�ber zu sagen; als ob ihr euch nicht am Ende als grausame Henker erweisen w�rdet. Aber solange ihr nicht hier herauskommt und fliegt, surft, springt und euch irgendwie in der Gefahr des Raumes �bt, in der reinen Grazie des K�rpers, habt ihr einfach keine Ahnung. Ihr seid Sklaven eurer Ideen und Hierarchien und k�nnt darum nicht erkennen, da� es kein h�heres Ziel gibt als dieses: Das ist der letzte Sinn der Existenz, des Kosmos �berhaupt; das freie Spiel des Fliegens.</p><empty-line/><p>Im nordischen Fr�hling wehten die Monsune, stie�en auf die Westwinde und d�mpften die Aufwinde in Echus. Jackie war auf dem Gro�en Kana, von ihren interplanetaren Machenschaften durch l�stige Lokalpolitik abgelenkt. Sie schien wirklich gereizt und angespannt zu sein, so da� sie Zo gewi� nicht in ihrer N�he haben wollte. Also ging Zo in den Minen von Moreux f�r einige Zeit wieder an die Arbeit und kam dann mit einer Gruppe ihrer Flieger-Freunde an der K�ste des Nordmeeres zusammen, s�dlich von Boone�s Neck nahe Blochs Hoffnung, wo die Meeresklippen einen Kilometer aus der anrennenden Brandung ragten. Sp�tnachmitt�gliche, zur K�ste gerichtete Brisen trafen auf diese Klippen und trugen eine kleine Schar von Fliegern hoch, die durch Meeresfluten wirbelten, die aus st�ndig auf und ab sto�enden Schaumtapeten heraussch�ssen, rein wei� in der weindunklen See.</p><p>Diese Fliegerschar wurde von einer jungen Frau angef�hrt, der Zo noch nie begegnet war, ein M�dchen von nur neun m-Jahren namens Melka. Sie war die beste Fliegerin, die Zo jemals gesehen hatte. Wenn sie vor ihnen in der Luft war, schien es, als sei ein Engel in ihre Mitte gekommen, der zwischen ihnen hindurchscho� wie ein Raubvogel durch Tauben. Zu anderen Zeiten f�hrte sie sie durch die engen Man�ver, die das Bilden von Schw�rmen so vergn�glich machten. Zo arbeitete tags�ber bei ihrem lokalen Koop-Partner und flog jeden Tag nach Beendigung ihrer Tambesch�ftigung. Und ihr Herz war stets in h�heren Regionen, erfreut von einem nach dem anderen. Einmal rief sie sogar Ann Clayborne an, um ihr vom Fliegen zu erz�hlen, was das wirklich bedeutete. Aber die Alte hatte fast vergessen, wer sie war, und schien nicht interessiert zu sein, selbst als Zo sich bem�hte, ihr klar zu machen, wann und wie sie sich getroffen hatten.</p><p>An diesem Nachmittag flog sie mit einem inneren Schmerz. Gewi�, die Vergangenheit war vorbei; aber da� Menschen zu solchen Gespenstern werden konnten...?</p><p>Nichts ging �ber das Gef�hl, nur Sonne und salzige Luft um sich zu haben, die sich immer ver�ndernde sch�umende Brandung, die gegen die Klippen auf und ab schwoll. Da war Melka, segelnd. Zo jagte hinter ihr her, sp�rte einen pl�tzlichen Ansturm von Zuneigung f�r diese sch�ne Erscheinung. Aber da erblickte Melka sie, kippte ab, streifte mit einer Fl�gelspitze den h�chsten Felsen an der K�ste und torkelte herunter wie ein angeschossener Vogel. Zo war durch den Anblick des Unfalls schockiert, zog ihre Fl�gel ein und beschleunigte mit heftigen Fu�schl�gen auf den Felsen zu. Sie fing das taumelnde M�dchen in ihren Armen auf und klatschte mit einem Fl�gel knapp �ber die blauen Wellen, w�hrend Melka unter ihr zappelte. Dann erkannte sie, da� sie w�rden schwimmen m�ssen.</p></section></section><section><title><p>ZW�LFTER TEIL</p><p>Es geht so schnell</p></title><section><p><emphasis>Sie schlenderten hinunter zu den niedrigen Uferfelsen oberhalb von Florentine. Es war Nacht, die Luft ruhig und k�hl, die Sterne standen zu Tausenden geb�ndelt. Sie gingen nebeneinander auf dem Klippenpfad und blickten auf die Str�nde hinab. Das schwarze Wasser war glatt, gespiegeltes Sternenlicht perforierte die Obsidianfl�che, und die lange verwischte Linie, die kaum als Pseudophobos zu erkennen war, ging im Osten unter und f�hrte das Auge zu der dunklen schwarzen Landmasse jenseits der Bucht.</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin besorgt, ja, sehr besorgt. Ich habe direkt Angst.</emphasis></p><p><emphasis>Warum?</emphasis></p><p><emphasis>Es ist Maya. Ihr Verstand. Ihre mentalen Probleme. Ihre emotionalen Probleme. Die werden st�ndig schlimmer.</emphasis></p><p><emphasis>Was sind das f�r Symptome?</emphasis></p><p><emphasis>Die gleichen, nur schlimmer. Sie kann nachts nicht schlafen. Manchmal ha�t sie es, wie sie Aussieht. Sie befindet sich noch in ihrem manisch depressiven Zyklus, aber es �ndert sich irgendwie. Ich wei� nicht, wie ich es beschreiben soll. Als ob sie sich nicht immer erinnern k�nnte, wo sie sich in dem Zyklus befindet. Sie springt darin umher. Sie vergi�t vieles.</emphasis></p><p><emphasis>Das geht uns allen so.</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei�. Aber Maya vergi�t Dinge, die ich f�r sie typisch nennen w�rde. Es scheint sie nicht zu k�mmern. Das ist das Schlimmste dabei. Es scheint ihr gleichg�ltig zu sein.</emphasis></p><p><emphasis>Das kann ich mir schwer vorstellen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich mir auch. Vielleicht ist es nur der depressive Teil des Stimmungszyklus, der jetzt vorherrscht. Aber es gibt Tage, wo sie jede Gem�tsbewegung verliert.</emphasis></p><p><emphasis>Nennt ihr so etwas jamais vu?</emphasis></p><p><emphasis>Nein, nicht genau. Sie hat allerdings auch solche Zust�nde. Wie ein gewisses Syndrom vor einem Schlaganfall.</emphasis></p><p><emphasis>Aber ich wei� wirklich nicht, was das ist. Sie hat jamais-vu-Eindr�cke, bei denen sie sich fast an der Schwelle einer Erleuchtung f�hlt, die nie kommt. Das geschieht oft bei Menschen in vorepileptischen Zust�nden.</emphasis></p><p><emphasis>Ich habe selbst solche Empfindungen.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ich glaube, die haben wir alle. Manchmal scheint es, als w�rden sich die Dinge kl�ren, und dann verschwindet dieses Gef�hl. Ja. Aber f�r Maya sind diese sehr intensiv, wie alles.</emphasis></p><p><emphasis>Kontingenz. Freier Wille.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht. Aber der Nettoeffekt aller dieser Symptome treibt sie in einen apathischen Zustand. Fast Katatonie. Versuche, alles derartige dadurch zu vermeiden, da� sie nicht zuviel empfindet. �berhaupt nichts empfindet.</emphasis></p><p><emphasis>Man sagt, eine der verbreitetsten Krankheiten der Issei ist es, in Angst zu verfallen.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ich habe davon gelesen. Verlust der Affektfunktion, Anomie, Apathie. Man behandelt das wie Katatonie oder Schizophrenie und gibt ihnen eine Kombination von Serotonin und Dopamin, limbische Stimulantien... ein explosiver Cocktail, kannst du dir vorstellen. Gehirnchemie... Ich habe ihr alles m�gliche verordnet, das man sich vorstellen kannst, das mu� ich zugeben. Ich habe Zeitschriften abgerufen, Tests durchgef�hrt, manchmal mit ihrem Wissen, manchmal ohne. Ich habe getan, was ich konnte, das schw�re ich.</emphasis></p><p><emphasis>Dessen bin ich mir sicher.</emphasis></p><p><emphasis>Aber es wirkt nicht. Sie verliert es. O Sax...</emphasis></p><p><emphasis>Er hielt inne und hielt sich an der Schulter seines Freundes fest.</emphasis></p><p><emphasis>Ich kann es nicht ertragen, wenn sie geht. Sie hatte immer einen so wachen Verstand. Wir sind Erde und Wasser, Feuer und Luft. Und Maya war immer beschwingt. Ein so �therischer Geist, der auf kr�ftigen Schwingen �ber uns schwebte. Ich kann es nicht ertragen, sie sofallen zu sehen1.</emphasis></p><p><emphasis>Na ja.</emphasis></p><p><emphasis>Sie gingen weiter.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist sch�n, Phobos wiederzusehen.</emphasis></p><p><emphasis>Ja. Das war eine gute Idee von dir.</emphasis></p><p><emphasis>Eigentlich war es deine Idee. Du hast es mir vorgeschlagen.</emphasis></p><p><emphasis>Wirklich? Ich erinnere mich nicht daran.</emphasis></p><p><emphasis>Unter ihnen klatschte das Meer leise gegen die Felsen.</emphasis></p><p><emphasis>Diese vier Elemente. Erde, Wasser, Feuer und Luft. Eines deiner semantischen Rechtecke?</emphasis></p><p><emphasis>Es geht auf die Alten Griechen zur�ck.</emphasis></p><p><emphasis>Wie die vier Temperamente?</emphasis></p><p><emphasis>]a. Thaies hat diese Hypothese aufgestellt. Der erste Wissenschaftler.</emphasis></p><p><emphasis>Aber du hast mir gesagt, es h�tte immer Wissenschaftler gegeben. Schon in der Savanne, in ferner Vergangenheit.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, das ist wahr.</emphasis></p><p><emphasis>Und die Griechen�� alle Ehre ihnen, denn sie waren gewi� gro�e Geister�� waren nur Teil eines Kontinuums von Gelehrten, wei�t du. Seither ist einige Arbeit geleistet worden.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, das wei� ich.</emphasis></p><p><emphasis>Ja. Und einiges von dieser nachfolgenden Arbeit k�nnte dir f�r deine konzeptuellen Schemata n�tzlich sein. Wenn du f�r uns die ganze Welt kartierst. So, da� dir neue Wege geschenkt werden, die Dinge zu sehen. Die k�nnten dir helfen, sogar bei den Problemen, die du mit Maya hast. Denn es gibt mehr als diese vier Elemente. Etwa hundertzwanzig, mehr oder weniger. Vielleicht gibt es auch mehr als unsere vier Elemente, he? Und die Natur dieser Elemente... gut, die Dinge haben sich seit den Griechen stark ver�ndert. Du wei�t, da� subatomare Partikel einen sogenannten Spin besitzen, der nur in Vielfachen von einem Halben vorkommt? Und du wei�t, da� es sich wie ein Objekt unserer sichtbaren Welt um dreihundertsechzig Grad dreht und dann wieder in seiner Ausgangsposition ist? Nun, ein Partikel mit einem als halb bezeichneten Spin, wie ein Proton oder ein Neutron, mu� sich um siebenhundertundzwanzig Grad drehen, um wieder zu seiner urspr�nglichen Konfiguration . zu kommen.</emphasis></p><p><emphasis>Wie das?</emphasis></p><p><emphasis>Es mu� eine doppelte Drehung ausf�hren, um wieder in seine Ausgangsposition zu gelangen.</emphasis></p><p><emphasis>Du machst Witze.</emphasis></p><p><emphasis>Nein, nein. Das wei� man schon seit Jahrhunderten. Die Geometrie des Raums istf�r Partikel mit dem Spin einhalb einfach anders. Die leben in einer anderen Welt.</emphasis></p><p><emphasis>Und so...</emphasis></p><p><emphasis>Nun, ich wei� nicht. Aber ich finde es anregend. Ich meine, wenn du physikalische Modelle als Analoga f�r unsere mentalen Zust�nde benutzen willst und sie in der Weise miteinander verbindest, wie du es machst, dann solltest du vielleicht auch diese etwas neueren physikalischen Modelle ber�cksichtigen. Sich Maya etwa als ein Proton vorstellen, ein Partikel mit dem Spin einhalb, das in einer Welt lebt, die doppelt so gro� ist wie die unsere.</emphasis></p><p><emphasis>Ah!</emphasis></p><p><emphasis>Und es wird noch verr�ckter. Michel, diese Welt hat zehn Dimensionen. Zehn!</emphasis></p><p><emphasis>Die drei des Makroraums, die wir wahrnehmen k�nnen, die eine der Zeit und sechs weitere Mikrodimensionen, die um die Fundamentalteilchen herum kompakt sind auf eine Weise, die wir zwar mathematisch beschreiben, aber nicht visualisieren k�nnen. Convolutionen und Topologien. Differentialgeometrien, unsichtbar, aber real, bis hinab zum untersten Niveau der Raumzeit. Denk dar�ber nach! Es k�nnte dich zu ganz neuen Gedankensystemen f�hren. Eine riesige Erweiterung deines Geistes.</emphasis></p><p><emphasis>Mich interessiert mein Geist nicht. Ich mache mir nur Sorgen um Maya.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, ich wei�.</emphasis></p><p><emphasis>Sie standen am Ufer und blickten �ber das gestirnte Wasser. �ber ihnen w�lbte sich die Kuppel der Sterne, und die Stille der Luft atmete �ber ihnen. Unten murmelte die See. Die Welt erschien als ein gro�er Ort, wild und frei, dunkel und geheimnisvoll.</emphasis></p><p><emphasis>Nach einer Weile machten sie kehrt und schlenderten auf dem Pfad zur�ck.</emphasis></p><p><emphasis>Einmal nahm ich den Zug von Da Vinci nach Sheffield. Sie hatten kurzzeitig die Strecke gesperrt, und es gab einen Aufenthalt in Underhill. Ich stieg aus und machte einen Spaziergang durch den alten Kraterpark. Und pl�tzlich erinnerte ich mich an manches. Schaute mich einfach um. Ich versuchte es nicht eigentlich, aber die Erinnerungen kamen mir von allein.</emphasis></p><p><emphasis>Ein normales Ph�nomen.</emphasis></p><p><emphasis>]a, so verstand ich es. Aber ich frage mich, ob ich nicht Maya helfen k�nnte, indem ich so etwas arrangiere. Nicht gerade Underhill, aber an den Orten, an denen sie gl�cklich war. Wo ihr beide gl�cklich wart. Ihr lebt jetzt in Sabishii, aber warum zieht ihr nicht wieder an einen Ort wie Odessa zur�ck?</emphasis></p><p><emphasis>Sie will nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Sie kann sich irren. Warum versucht ihr nicht in Odessa zu leben und von Zeit zu Zeit Underhill oder Sheffield zu besuchen. Cairo. Vielleicht sogar Nicosia. Die St�dte am S�dpol. Dorsa Brevia. Ein Sprung nach Burroughs hinein. Eine Bahnreise durch das Hellas-Becken. So eine R�ckkehr an einen Ort der Vergangenheit k�nnte ihr helfen, ihr Ich wieder zusammenzuraffen und sich wieder bewu�t zu werden, wo unsere Geschichte angefangen hat. Die Orte, die uns geformt haben, zum Guten oder Schlechten, im Morgen der Welt. Sie k�nnte das brauchen, ob sie es wei� oder nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Hmm.</emphasis></p><p><emphasis>Arm in Arm gingen sie entlang eines dunklen von Farnen ges�umten Pfads zum Krater zur�ck.</emphasis></p><p><emphasis>Alles Gute, Sax, leb wohl!</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Das Wasser der Isidis-Bucht hatte die Farbe eines blauen Flecks oder einer Clematisbl�te und funkelte im Sonnenschein, der von den Wellen zur�ckgeworfen wurde, die gerade noch klein genug waren, um keine wei�en K�mme zu tragen. Die Str�mung kam von Norden, und der Kabinenkreuzer stampfte und rollte, als sie nordwestlich von DuMartheray Harbor dahinfuhren. Ein klarer Fr�hlingstag, Ls 51, m-Jahr 79, A.D. 2181.</p><p>Maya sa� auf dem Oberdeck und sog die Seeluft und die Flut blauen Sonnenlichts ein. Es war eine Freude, sich drau�en auf dem Wasser zu befinden, fern von all dem Dunst und Gerumpel der K�ste. Es war wundervoll, da� die See auf keine Weise gez�hmt oder ver�ndert werden konnte, und wundervoll, wie sie immer gleich war, wenn man au�er Sicht des Landes auf der blauen Wildnis schaukelte, ganz gleich, was dort auch geschehen mochte. Sie h�tte jeden Tag, alle Tage weiter fahren k�nnen. Jedes Heruntergleiten von einem Wellenkamm war wie eine kleine Achterbahnfahrt der Seele.</p><p>Aber deshalb waren sie nicht hier. Vor ihnen brachen sich wei�e Schaumkronen im einem breiten Fleck; und neben ihr bewegte der Steuermann das Rad um eine oder zwei Speichen und drosselte die Maschine auf wenige Umdrehungen pro Minute. Das wei�e Wasser markierte die Spitze der Doppeldeckerkuppe, eines durch eine schwarze Boje gekennzeichneten Riffs, welche ein tiefes und rhythmisches Bumpern und Sto�en von sich gab. Rings um diese gro�e nautische Kirchenglocke waren Vert�ungsbojen verteilt. Der Pilot steuerte die erste an. Es lagen keine anderen Schiffe vor Anker. Nicht einmal am Horizont waren welche zu sehen. Es war, als w�ren sie in der Welt allein. Michel kam von unten herauf und trat neben sie, und legte die Hand auf ihre Schulter, als der Pilot das Ventil schlo� und ein Matrose vom Bug aus unter ihnen mit einem Bootshaken zulangte und an der Boje anlegte, indem er ihr Andockseil daran befestigte. Der Pilot stellte den Motor ab, und sie trieben auf den Wogen r�ckw�rts, bis das Halteseil sie mit einem lauten Klatschen und einem F�cher aus wei�er Gischt festhielt. Sie waren bei Burroughs vor Anker gegangen.</p><empty-line/><image l:href="#8"/><empty-line/><p>Unten in der Kabine legte Maya ihre Kleidung ab und zog einen elastischen orangefarbenen Trockenanzug an: Anzug und Kapuze, Stiefelchen, Tank und Helm und schlie�lich Handschuhe. Sie hatte eigens f�r diesen Abstieg Tauchen gelernt; und jedes Teil der Ausr�stung war noch neu. Die Sensation, sich unter Wasser zu befinden, war nicht ganz so neu, erinnerte sie an die Gewichtslosigkeit im Weltraum. Sobald sie daher �ber die Seite des Schiffs und ins Wasser geglitten war, stellte sich das vertraute Gef�hl ein. Sie sank vom Gewichtsg�rtel gezogen nach unten, merkte, da� das Wasser um sie kalt war, empfand es aber in keiner Weise als real. Das Atmen unter Wasser war eigenartig, funktionierte aber. Hinab ins Dunkel. Sie entspannte sich und schwamm hinunter, weg von dem kleinen Punkt des Sonnenlichts.</p><empty-line/><p>Immer weiter abw�rts. Vorbei an der Oberkante der Doppeldeckerkuppe, vorbei an ihren silbrigen oder kupferfarbenen Fenstern, die aussah wie Reihen von mineralischen Extrusionen oder wie die Einwegspiegel von Beobachtern aus einer anderen Dimension. Sie war rasch in die Finsternis getaucht und sank wie im Traum mit einem Fallschirm immer weiter nach unten. Michel und einige andere folgten ihr; aber es war so finster, da� sie sie nicht sehen konnte. Dann sank ein Roboterschleppnetz, das wie ein dickes Bettgestell aussah, an ihnen vorbei. Seine starken Scheinwerfer warfen lange Kegel kristalliner Fl�ssigkeit voraus, die sich in der Entfernung zu einem diffusen Zylinder verliefen. Er schwenkte mit, wenn der Apparat seine Lage �nderte, wie jetzt, als er die metallischen Fenster einer entfernten Mesa streifte und dann den schwarzen Unrat auf den D�chern des alten Niederdorfs. Irgendwo da unten war der alte Niederdorfkanal verlaufen. Ein Schimmer wei�er Z�hne�� die Barei�-S�ulen, unangreifbar wei� unter ihrer Diamantbeschichtung, halb begraben in schwarzem Sand und Dreck. Maya richtete sich auf und bewegte die Flossen ein paarmal vor und zur�ck, um den Abstieg aufzuhalten. Dann, dr�ckte sie auf einen Knopf, der etwas Luft in einen Teil ihres Gewichtsg�rtels dr�ckte, um sie zu stabilisieren. Sie schwebte �ber den Kanal wie ein Gespenst. Ja, es war wie Scrooges Traum, das Schleppnetz eine Art roboterhaftes Weihnachten der Vergangenheit, das die ertrunkene Welt einer verlorener Zeit erhellte, der Stadt, die sie so sehr geliebt hatte. Pl�tzlich sch�ssen ihr Pfeile des Schmerzes durch die Rippen. Sie war fast zu taub f�r jedes Gef�hl. Es war zu seltsam und schwer zu glauben, da� dies Burroughs war, ihr Burroughs�� jetzt ein Atlantis auf dem Grunde des Marsmeeres.</p><p>Bek�mmert wegen ihres Mangels an Gef�hl, stie� sie kr�ftig zu und schwamm den Kanalpark hinunter �ber die Salzs�ulen und weiter nach Westen. Dort ragte zur Linken Hunt Mesa auf, wo sie und Michel versteckt �ber einem Tanzstudio gewohnt hatten, und dann nach oben zu dem breiten Boulevard der Gro�en B�schung. Voraus lag der Princess Park, wo sie in der Zweiten Revolution auf der B�hne gestanden und vor einer gro�en Volksmenge eine Rede gehalten hatte. Die Leute hatten genau dort gestanden, wo sie jetzt dar�ber schwamm. Dort dr�ben war es, wo sie und Nirgal zu den Menschen gesprochen hatten. Jetzt der schwarze Boden einer Bucht. All das war so lange her�� ihr Leben. Sie hatten die Kuppel aufgeschnitten und die Stadt verlassen, danach �berflutet und nie zur�ckgeschaut. Ja, Michel hatte sicher recht. Dieser Tauchgang war ein perfektes Abbild der finsteren Prozesse des Ged�chtnisses. Und vielleicht w�rde er helfen, ihr Zugang zu verschaffen. Und dennoch... Maya f�hlte ihre Benommenheit und zweifelte. Die Stadt war �berflutet�� gewi�. Aber sie war noch da. Man k�nnte zu jeder beliebigen Zeit den Deich wieder hochziehen und diesen Arm der Bucht leerpumpen. Und dann w�rde es die Stadt wieder geben, dem Meer entrissen und im Sonnenlicht dampfend, sicher eingeschlossen in einem Polder, als ob sie eine Stadt in den Niederlanden w�re. Man m��te die Stra�en vom Schlamm befreien, Stra�engras und B�ume pflanzen, die Innenr�ume der Mesas s�ubern, die L�den im Niederdorf und die breiten Boulevards, die Fenster putzen. Dann h�tte man alles wieder: Burroughs auf dem Mars, an der Oberfl�che und schimmernd. Das lie�e sich machen, es w�re sogar sinnvoll in Anbetracht dessen, wieviele Ausgrabungen es in den neun Mesas gegeben hatte, und da� die Isidis-Bucht keinen anderen guten Hafen hatte. Nun, keiner w�rde es jemals unternehmen. Aber es w�re m�glich. Und so war Burroughs keineswegs f�r immer Vergangenheit.</p><p>Benommen und immer st�rker frierend dr�ckte Maya mehr Luft in den Gewichtsg�rtel, machte kehrt und schwamm l�ngs des Kanalparks zur�ck zu der Leuchtboje. Wieder sichtete sie die Reihe von Salzs�ulen, und etwas daran zog sie an. Sie stie� sich zu ihnen hinunter und schwamm dann dicht �ber den schwarzen Sand, wobei sie die geriffelte Oberfl�che mit dem Zug nach unten durch ihre Flossen st�rte. Die Reihen der Barei�-S�ulen hatten den alten Kanal ges�umt. Sie wirkten bauf�lliger denn je, weil sie halb vergraben waren, ihre Symmetrie ruiniert war. Sie erinnerte sich an lange Nachmittagsspazierg�nge im Park, nach Westen in die Sonne und dann zur�ck mit der Lichtflut im R�cken. Es war ein sch�ner Ort gewesen. Unten zwischen den gro�en Mesas war es gewesen, als ob man sich in einer gigantischen Stadt mit vielen Kathedralen aufhielte.</p><p>Dort hinter den S�ulen war eine Reihe von Geb�uden. In ihnen wurzelte Seetang. Lange St�mme erstrecken sich ins Dunkel. Breite Bl�tter wiegten sich leicht in der langsamen Str�mung. Vor der Front jenes Geb�udes, am Ende der Stra�e, war ein Stra�encafe gewesen, zum Teil beschattet von einem Spalier mit Glyzinien. Die letzte Salzs�ule diente als Kennzeichen, und Maya war sich ihrer Identifizierung sicher.</p><p>Sie schwamm m�hsam in eine stehende Position, und die Zeit kehrte zu ihr zur�ck. Frank hatte ihr zugerufen und war weggelaufen, ohne Sinn und Verstand wie immer. Sie hatte sich angezogen, war ihm gefolgt und hatte dann hier �ber einen Kaffee gebeugt gesessen. Ja. Sie hatte ihm Vorhaltungen gemacht, und sie hatte sich genau hier mit ihm gestritten. Sie hatte ihn gescholten, weil er nicht nach Sheffield eilte. Sie hatte eine Kaffeetasse heruntergeworfen, und der Griff war abgebrochen und �ber den Boden gerollt. Frank war aufgestanden, und sie waren heftig diskutierend fortgegangen und wieder nach Sheffield zur�ckgekehrt. Aber nein, so war es nicht gewesen. Sie hatten gestritten, gewi�, aber dann den Streit beigelegt. Frank hatte �ber den Tisch gelangt und ihre Hand ergriffen; und ihr war ein gro�es Gewicht vom Herzen gefallen und ein kurzer Moment der Gnade war ihr geschenkt worden, weil sie verliebt war und geliebt wurde.</p><p>Das eine oder das andere. Aber was davon war es gewesen?</p><p>Sie konnte sich nicht erinnern. Konnte nicht sicher sein. So viel Streit mit Frank. So viele Vers�hnungen. Es h�tte beides geschehen sein k�nnen. Es war unm�glich, dem nachzusp�rem, sich zu erinnern, was wann geschehen war. In ihrem Geist ging alles durcheinander, verwischte sich zu vagen Eindr�cken und unzusammenh�ngenden Momenten. Die Vergangenheit entwand sich ihrem Griff. Leichte Ger�usche, wie ein Tier, das Schmerzen litt�� ah, das war ihre Kehle. Wimmernd, st�hnend. Benommen und dennoch st�hnend. Das war absurd. Was auch immer danach geschehen war, sie wollte es wiederhaben. �Fuh.� Sie war au�erstande seinen Namen zu sagen. Es schmerzte, als ob jemand ihr eine Nadel ins Herz gestochen h�tte. Ah�� das war wirklich ein Gef�hl! Es lie� sich nicht abstreiten. Sie keuchte, es tat so weh. Man konnte es nicht leugnen.</p><p>Sie pumpte langsam mit den Flossen, schwebte vom Sand hoch, weg von den D�chern, an denen sich Seetang festgesetzt hatte. Als sie damals elend an jenem Cafetisch sa�, was h�tte sie gedacht, wenn sie gewu�t h�tte, da� sie hundertzwanzig Jahre sp�ter dar�berschwimmen w�rde�� und Frank schon lange tot war?</p><p>Ende eines Traums. Desorientierung oder das Wechseln von einer Realit�t in eine andere. Das Schweben in dem dunklen Wasser brachte etwas von der Taubheit zur�ck. Aber da war er wieder, dieser nadelstichartige Schmerz tief drinnen.</p><p>Und so hatte sich wieder einmal .gezeigt, da� Michel, der alte Alchemist, recht gehabt hatte. Sie schaute sich nach ihm um. Er war zu seinen eigenen Reisen davongeschwommen. Es war schon ziemlich viel Zeit vergangen. Die anderen hatten sich im Lichtkegel vor der Boje eingefunden und wirkten wie tropische Fische an einem dunklen k�hlen Tag, die in der Hoffnung auf W�rme vom Licht angezogen werden. Traumhafte, langsame Schwerelosigkeit. Sie dachte an John, wie er nackt vor schwarzem Raum und kristallenen Sternen schwebte. Ah�� es gab noch zu viel zu f�hlen. Man konnte nur eine einzige Scherbe der Vergangenheit auf einmal ertragen. Diese ertrunkene Stadt; aber sie hatte sich hier auch mit John geliebt, irgendwo in einer Unterkunft in den ersten Jahren; mit John, mit Frank, mit jenem Ingenieur, an dessen Namen sie sich selten erinnern konnte, ohne Zweifel daneben auch noch mit anderen�� alle vergessen oder beinahe. Eingekapselt sie alle. Kostbare Schmerzen, die das Gef�hl hinterlie�, waren stets in ihr geblieben, bis der Tod sie trennte. Hinauf, immer weiter nach oben zwischen den bunten tropischen� Fischen mit ihren Armen und Beinen hindurch zur�ck ins Tageslicht, blauen Sonnenschein, o Gott, ja�� mit knallenden Ohren und einem Schwindelgef�hl, vielleicht durch Stickstoffnarkose, Tiefenrausch. Oder der Rausch menschlicher Tiefe, der Weise, wie sie damals immer weiter gelebt hatten, wie Riesen die Jahre durchpfl�gt hatten, ja, und an was sie sich klammerten.</p><p>Michel schwamm ihr von unten herauf nach. Sie machte einen Sto� und wartete dann. Sie wartete, umarmte ihn und dr�ckte ihn fest an sich. Oh, wie liebte sie die Festigkeit seines K�rpers in ihren Armen, diesen Beweis der Realit�t. Sie dr�ckte: Michel, ich danke dir, du Zauberer meiner Seele. Ich danke dir, Mars, f�r das, was in uns ausdauert, m�ge es auch ertrunken oder verkrustet sein. Hinauf in die glorreiche Sonne, in den Wind. Streife den Anzug mit kalten ungeschickten Fingern ab, zieh ihn aus und entsteige ihm wie eine Schmetterlingspuppe, nicht bewu�t der Macht weiblicher Nacktheit �ber das m�nnliche Auge. Wenn du pl�tzlich ihrer gewahr wirst, schenke ihm die aufregende Vision von Fleisch im Sonnenlicht, von Sex am Nachmittag. Atme tief in den Wind, voller G�nsehaut und dem Schock, am Leben zu sein.</p><p>�Ich bin immer noch Maya�, erkl�rte sie Michel mit klappernden Z�hnen. Sie dr�ckte ihre Br�ste und trocknete sie ab. Ein herrliches Gef�hl von trockenem Stoff auf feuchter Haut. Sie zog ihre Kleider an und keuchte vor der K�lte des Windes. Michels Gesicht war das Bild von Begl�ckung, Vergottung, jene Maske der Freude des alten Dionysos, der laut �ber das Gelingen seines Plans lachte, �ber die Verz�ckung seiner Freundin und Gef�hrtin. �Was hast du gesehen?�</p><p>�Das Cafe�� den Park�� den Kanal�� und du?�</p><p>�Hunt Mesa, das Tanzstudio�� Thoth Boulevard�� Tafelberg.� In der Kabine hatte er eine Flasche Champagner auf Eis. Er lie� den Korken springen; und der scho� hinaus in den Wind und landete sanft auf dem Wasser und schwamm dann auf den blauen Wellen davon.</p><empty-line/><p>Aber sie weigerte sich, mehr dar�ber zu sagen. Sie wollte nicht die Geschichte ihres Tauchgangs erz�hlen. Die anderen taten das, und dann war sie irgendwie an der Reihe; und die Leute auf dem Schiff sahen sie an wie Geier, erpicht darauf, ihre Erlebnisse hineinzuschlichten. Sie trank ihren Champagner, sa� still auf dem Oberdeck und betrachtete die langen Wellen. Wellen sahen auf dem Mars merkw�rdig aus: gro� und tr�ge, eindrucksvoll. Sie gab Michel mit einem Blick zu versehen, da� es ihr gut ging und da� er recht getan hatte, sie nach unten zu schicken. Dar�ber hinaus Schweigen. M�gen sie ihre eigenen Erfahrungen haben, um sich daran zu laben, die Geier.</p><p>Das Schiff kehrte zum Hafen DuMartheray zur�ck, der eine kleine halbmondf�rmige Bucht unter der Mor�ne des DuMartheray-Kraters nutzte. Der Hang der Mor�ne war mit H�usern und Gr�nzeug bis hinauf zum Rand bedeckt.</p><p>Sie stiegen aus und gingen zur Stadt hinauf, speisten in einem Restaurant am oberen Ende und betrachteten den strahlenden Sonnenuntergang �ber dem Wasser der Isidis-Bucht. Der Abendwind fiel von der B�schung herunter und pfiff fern der K�ste. Er r�hrte das Wasser auf und spr�hte in wei�en Fahnen Gischt �ber die Brandungsk�mme, die von kurzen Regenbogensegmenten durchzogen waren. Maya sa� dicht bei Michel und hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. Jemand sagte: �Seltsam zu sehen, wie die Salzs�ulen da unten immer noch schimmern. �</p><p>�Und die Fensterreihen in den Mesas! Hast du diese zerbrochene gesehen? Ich wollte hineingehen und mich umschauen, hatte aber Angst.�</p><p>Maya machte eine Grimasse und konzentrierte sich auf den Augenblick. Die Leute an der anderen Seite des Tisches redeten mit Michel �ber ein neues Institut, das die Ersten Hundert und andere fr�he Kolonisten betraf, eine Art Museum, ein Archiv m�ndlich �berlieferte Geschichten, Komitees zum Schutz der fr�hesten Geb�ude etc. und auch ein, Programm zur Hilfe f�r superalte fr�he Siedler... Nat�rlich waren diese ernsten jungen M�nner (und M�nner konnten so ernst sein) besonders an Michels Hilfe interessiert, wie sie sagten, besonders dabei, alle noch lebenden der Ersten Hundert zu finden und irgendwie zu registrieren. Sie sagten, es seien jetzt dreiundzwanzig. Michel war nat�rlich sehr entgegenkommend und schien auch wirklich an dem Projekt interessiert zu sein.</p><p>Maya h�tte diese Idee nicht st�rker hassen k�nnen. Ein Kopfsprung in die Tr�mmer der Vergangenheit als eine Art von Riechsalz, absto�end aber kr�ftigend�� fein. Das war akzeptabel und sogar gesund. Sich aber auf die Vergangenheit zu fixieren und zu konzentrieren, das war abscheulich. Sie h�tte die ernsten jungen M�nner mit Vergn�gen �ber das Gel�nder gesto�en. Inzwischen sagte Michel zu, alle restlichen Ersten Hundert zu befragen, damit das Projekt in Gang kommen konnte. Maya stand auf, ging ans Gel�nder und st�tzte sich darauf. Unten auf dem dunkel werdenden Wasser spritzten immer noch helle Gischtflocken von jeder Wellenkrone.</p><empty-line/><p>Eine junge Frau kam herbei geschlendert und lehnte sich neben ihr an die Br�stung. W�hrend sie ins Wasser schaute, sagte sie zu Maya: �Mein Name ist Vendana. Ich bin f�r dieses Jahr die lokale politische Agentin der Gr�nen Partei.� Sie hatte ein sch�nes Profil, klar und ausgepr�gt in klassisch indischem Stil. Olivfarbene Haut, schwarze Augenbrauen, lange Nase und kleiner Mund. Intelligente scharfe braune Augen. Es war seltsam, wieviel man allein in den Gesichtern lesen konnte. Maya bekam allm�hlich den Eindruck, da� sie auf den ersten Blick alles Wesentliche �ber eine Person w��te. Das war eine n�tzliche F�higkeit, wenn man bedachte, da� so viel von dem, was die jungen Eingeborenen in diesen Tagen sagten, sie verwirrte. Sie brauchte diese erste Erkenntnis.</p><p>Die Gr�nheit allerdings verstand sie, oder glaubte sie zu verstehen. Das war eigentlich ein archaischer politischer Ausdruck, k�nnte man meinen, da der Mars jetzt v�llig gr�n war�� gr�n und blau. �Was w�nschst du?�</p><p>Vendana sagte: �Jackie Boone und der Freie Mars stelleAi Kandidaten f�r �mter aus diesem Gebiet auf und reisen als Wahlk�mpfer f�r die bevorstehenden Wahlen umher. Wenn Jackie wieder die Parteif�hrung bekommt und wieder Mitglied des Exekutivrates wird, wird sie weiter an dem Plan des Freien Mars arbeiten, um jede weitere Einwanderung von der Erde zu unterbinden. Das ist ihre Idee, und sie treibt sie stark voran. Sie behauptet, da� alle terranischen Emigranten anderswohin im Sonnensystem umgeleitet werden k�nnten. Das stimmt zwar nicht, ist aber eine Haltung, die an gewissen Stellen sehr gut ankommt.</p><p>Den Terranern gef�llt das nat�rlich nicht. Falls der Freie Mars bei einem isolationistischen Programm gro�e Gewinne erzielt, nehmen wir an, da� die Erde sehr �bel reagieren wird. Die Erdbewohner haben jetzt schon Probleme, die sie kaum bew�ltigen k�nnen. Sie ben�tigen das wenige von uns, das wir ihnen geben k�nnen. Und sie werden es als einen Bruch des Vertrags bezeichnen, den ihr abgeschlossen habt. Sie k�nnten es deswegen sogar bis zum Krieg treiben.�</p><p>Maya nickte. Sie hatte seit Jahren eine zunehmende Spannung zwischen Erde und Mars gef�hlt�� ungeachtet Michels Versicherungen. Sie hatte gewu�t, da� das kommen w�rde. Sie hatte es vorausgesehen.</p><p>�Jackie hat viele Gruppen hinter sich stehen, und der Freie Mars hat jetzt seit Jahren eine �berw�ltigende Mehrheit in der globalen Regierung. Sie haben inzwischen die Umwelth�fe gewonnen. Diese H�fe werden sie bei jedem Einwanderungsverbot decken, das sie vorschlagen k�nnte. Wir aber wollen die Politik beibehalten, die durch den Vertrag festgelegt ist, den ihr ausgehandelt habt, oder die Immigrationsquoten sogar noch etwas erh�hen, um der Erde soviel zu helfen, wie wir k�nnen. Aber Jackie l��t sich schwer aufhalten. Um dir die Wahrheit zu sagen, wir wissen nicht recht, wie. Darum dachte ich daran, dich zu fragen.�</p><p>Maya war �berrascht. �Wie man sie aufhalten kann?�</p><p>�Ja. Oder ganz allgemein, dich zu bitten, uns zu helfen. Ich denke, man wird sie pers�nlich aufs Korn nehmen m�ssen.�</p><p>Und sie wandte den Kopf, um Maya mit einem wissenden L�cheln anzusehen.</p><p>In dem ironischen L�cheln, das diesen klassischen kleinen Mund mit seinen vollen Lippen anhob, lag etwas vage Vertrautes, etwas, das, obwohl offensiv, dem gro��ugigen Enthusiasmus der jungen Historiker weit vorzuziehen war, die Michel bel�stigten. Und als Maya dar�ber nachdachte, sah die Aufforderung immer besser aus. Es war zeitgen�ssische Politik, eine Besch�ftigung mit der Gegenwart. Die Trivialit�t der aktuellen Szene sagte ihr gew�hnlich nicht zu; aber jetzt hatte sie den Eindruck, da� die Politik des Augenblicks immer unbedeutend und stupide aussah; erst sp�ter gewann sie das Aussehen respektabler Staatskunst und geschichtlicher Gr��e. Und dieses Thema konnte wichtig werden, wie die junge Frau gesagt hatte. Und nat�rlich w�rde alles (ohne da� ihr das klar bewu�t war), was man Jackie in den Weg legen konnte, seine eigene Befriedigung bieten. �Erz�hl mir mehr dar�ber!� sagte Maya und bewegte sich auf dem Balkon au�er H�rweite der anderen. Und die junge Frau folgte ihr.</p><p>Michel hatte sich immer gew�nscht, eine Fahrt auf dem Gro�en Kanal zu unternehmen; und k�rzlich hatte er Maya zugeredet, einen Umzug von Sabishii wieder nach Odessa zu versuchen, als eine M�glichkeit, gegen ihre mannigfachen mentalen Leiden anzuk�mpfen. Sie k�nnten sogar ein Apartment in dem gleichen Komplex nehmen, in dem sie vor der Zweiten Revolution gewohnt hatten. Das war der einzige Ort, den Maya au�er Underhill, das auch nur zu besuchen sie sich weigerte, als Heimat betrachtete. Und Michel hatte den Eindruck, da� es ihr helfen k�nnte, in irgendeine Heimat zur�ckzukehren. Also Odessa. Maya war einverstanden, es machte ihr nichts aus. Und auch Michels Idee, �ber den Gro�en Kanal dorthin zu reisen, fand Anklang. Maya hatte keine Anstrengungen unternommen. Sie war in diesen Tagen keiner Sache sicher. Sie hatte fast keine Ansichten und kaum W�nsche. Das war das Problem.</p><p>Jetzt sagte Vendana, da� Jackies Kampagne l�ngs des Gro�en Kanals in einem gro�en Kanalkreuzer von Norden nach S�den erfolgen w�rde, der zugleich als Hauptquartier vorgesehen war. Jetzt befanden sie sich dort, am n�rdlichen Ende des Kanals und bereit, in die Engstellen zu fahren.</p><p>Also ging Maya auf der Terrasse wieder zu Michel und sagte, als die Historiker sie verlassen hatten: �Also la� uns auf dem Gro�en Kanal nach Odessa reisen, wie du gesagt hast.�</p><p>Michel war entz�ckt. Es schien ihm die leichte Niedergeschlagenheit zu nehmen, die dem Tauchgang in das �berflutete Burroughs gefolgt war. Er war �ber dessen Wirkung auf Maya erfreut gewesen; aber f�r ihn selbst war es vielleicht nicht so gut gewesen. Er war, was seine Erlebnisse betraf, ungew�hnlich schweigsam und irgendwie bedr�ckt, als ob er von alldem �berw�ltigt w�re, das die gro�e versunkene Stadt in seinem Leben bedeutete. Schwer zu sagen. Jetzt, als er sah, wie gut Maya auf die Erfahrung ansprach, und sie ihm zugleich in Aussicht stellte, den Gro�en Kanal zu sehen�� nach Mayas Ansicht ein gro�er Spaߠ� mu�te er lachen. Und das gefiel ihr. Michel dachte, da� Maya in diesen Tagen viel Hilfe brauchte; aber sie wu�te recht gut, da� Michel es war, der sich str�ubte.</p><empty-line/><p>Also gingen sie ein paar Tage sp�ter �ber eine Gangway auf das Deck eines gro�en schmalen Segelschiffs, dessen einziger Mast und Segel eine gebogene Einheit aus stumpfem wei�em Material und wie ein Vogelfl�gel gestaltet war. Dieses Schiff war eine Art Passagierf�hre, die st�ndig Runden in �stlicher Richtung um das Nbrdmeer fuhr. Als alle an Bord waren, verlie�en sie mit Motorkraft den kleinen Hafen von DuMatheray und wandten sich bei st�ndiger Landsicht nach Osten. Das Mastsegel des Schiffs war in vielen verschiedenen Richtungen flexibel und beweglich. Es reckte sich in seinen Kr�mmungen wie der Fl�gel eines Vogels, wenn sein Computer peinlich genau darauf reagierte, die g�nstigsten Winde zu erfassen.</p><p>Am zweiten Nachmittag ihrer Fahrt in die Engstellen erschien das Elysium-Massiv vor ihnen �ber dem Horizont. Es ragte im Rosa des Alpengl�hens vor dem hyazinthfarbenen Himmel auf. Auch die K�ste des Festlandes erhob sich im S�den, als sie sich hochreckte und das gro�e Massiv jenseits der Bucht sehen wollte: Steilufer wechselten mit Marschland, und dann folgte auf eine lange br�unliche Strecke eine immer h�her werdende Meeresklippe. Deren horizontale rote Schichten waren durch schwarze und elfenbeinfarbene Einschl�sse unterbrochen, und die Leisten waren von Matten aus Meerfenchel und Gr�sern ges�umt und in wei�em Guano gestreift. Die Wellen schlugen auf den nackten Fels am Boden dieser Klippen auf und prallten zur�ck, wobei die B�gen der zur�cklaufenden Str�mung die ankommenden Fluten in rasch aufeinander folgenden Punkten hochgetriebenen Wassers schnitten. Kurzum, es war sch�n, hier zu segeln. Langes Gleiten die Wogen hinunter, der Wind, besonders nachmittags, ein Kraftwerk vor der K�ste. Die Gischt, der salzige Tang in der Luft�� denn das Nordmeer wurde salzig��, der Wind in ihrem Haar, das wei�e Muster des Kielwassers, das �ber der indigo- farbenen See leuchtete. Herrliche Tage. Es weckte in Maya den Wunsch, an Bord zu bleiben, immer wieder um die Welt zu segeln, niemals zu landen und nichts zu ver�ndern... Wie sie geh�rt hatte, gab es mittlerweile Leute, die so lebten�� riesige, h�chst autarke Treibhausschiffe, die in ihrer Talassokratie den gro�en Ozean befuhren...</p><p>Aber vor ihnen lagen jetzt die schmaler werdenden Engstellen. Die Fahrt von DuMartheray war schon fast vorbei. Warum waren die guten Tage immer so kurz? Von Moment zu Moment, von Tag zu Tag�� alle so erf�llt und, ach, so lieblich�� und dann f�r immer vergangen, vergangen, ehe es m�glich war, sie voll in sich aufzunehmen, und sie wirklich zu <emphasis>leben.</emphasis> Man segelte durch das Leben und schaute zur�ck auf das Kielwasser, die hohe See, den fliegenden Wind... Jetzt stand die Sonne tief, das Licht fiel schr�g �ber die Meeresklippen und betonte all ihre wilden Unregelm��igkeiten, ihre �berh�nge, H�hlen und nackten Fl�chen, die direkt in die See abfielen, roter Fels in blauem Wasser, alles unber�hrt von Menschenhand (obwohl das Meer selbst ihr Werk war). Pl�tzlich zuckten in ihr strahlende Fragmente. Aber die Sonne war dabei zu verschwinden, und die Unterbrechung in den Meeresklippen markierte schon den ersten gro�en Hafen in der Meerenge, Rhodos, wo sie anlegen und den Abend erwarten w�rden. �Ah, ich lebe wieder�, sagte sie zu sich und wunderte sich, da� das hatte geschehen k�nnen. Michel und seine Tricks�� man w�rde meinen, sie sei inzwischen gegen all jenen psychiatrisch-alchemistischen Hokuspokus immun geworden. Es war mehr, als ihr Herz ertragen konnte. Aber immerhin besser als die Dumpfheit, das war sicher. Und es hatte einen gewissen schmerzlichen Glanz, diese akute Empfindung. Sie konnte sie ertragen, vielleicht sogar irgendwie genie�en, st�ckweise. Eine erhabene Intensit�t wohnte diesen Farben des sp�ten Nachmittags inne. Alles war davon durchdrungen. Und unter einer solchen Flut nostalgischen Lichts wirkte der Hafen von Rhodos prachtvoll. Der gro�e Leuchtturm auf dem Westkap, das Paar t�nender Bojen rot und gr�n, backbord und steuerbord. Dann hinein in das dunkle Wasser eines Ankerplatzes und in die Ruderboote, in das entschwindende Licht, �ber schwarzes Wasser durch eine Menge exotischer Schiffe vor Anker, die alle verschieden waren. Der Schiffsbau steckte in einer Periode rapider Neuerung, wo neue Materialien fast alles m�glich machten und die alten Konstruktionen neu erfunden und drastisch ver�ndert wurden, um dann wieder aufgegriffen zu werden. Da ein Klipper, dort ein Schoner und da etwas mit Auslegern... Endlich legte man bei Dunkelheit in einem belebten h�lzernen Dock an.</p><p>Hafenst�dte in der D�mmerung waren alle gleich. Eine Corniche, ein schmaler gekr�mmter Park, Baumreihen, ein Bogen bauf�lliger Hotels und Restaurants hinter den Werften... Sie stiegen in einem dieser Hotels ab und schlenderten dann durch das Dock, a�en unter einer Markise, genau, wie Maya es erwartet hatte. Sie entspannte sich in der bodenst�ndigen Stabilit�t ihres Stuhls, beobachtete, wie fl�ssiges Licht sich in einer Schleife �ber das z�he Wasser des Hafens ergo�, h�rte Michel zu den Leuten am Nachbartisch sprechen und kostete das Oliven�l und das Brot, die K�sesorten und den Ouzo. Es war seltsam, wie sehr Sch�nheit manchmal schmerzte�� sogar Gl�ck. Dennoch w�nschte sie, das l�ssige Sichr�keln nach dem Essen in ihren harten St�hlen k�nnte f�r immer weitergehen.</p><p>Nat�rlich war das nicht der Fall. Sie gingen Hand in Hand nach oben zu Bett. Sie hielt Michel so fest, wie sie �berhaupt konnte. Am n�chsten Tage holten sie ihr Gep�ck durch die Stadt zum inneren Hafen, gleich n�rdlich der ersten Kanalschleuse und brachten es in ein gro�es Kanalschiff, lang und luxuri�s, wie ein zum Kreuzfahrtschiff gewordener Lastkahn. Sie waren zwei von etwa hundert Passagieren, die an Bord gingen. Darunter waren Vedana und einige ihrer Freunde. Und ferner waren, einige Schleusen vor ihnen, auf einem privaten Kanalschiff, Jackie und ihr Gefolge, die sich auch anschickten, nach S�den zu fahren. W�hrend einiger N�chte w�rden sie in den gleichen am Kanal liegenden St�dten anlegen. �Interessant�, sagte Maya gedehnt; und Michel machte dazu ein zugleich erfreutes und besorgtes Gesicht.</p><empty-line/><p>Das Bett des Gro�en Kanals war von einer Luftlinse eingeschnitten worden, die konzentriertes Sonnenlicht von der Soletta herunterstrahlte. Die Linse hatte sich sehr hoch in der Atmosph�re befunden, auf der thermischen Wolke von Gasen gleitend, die von dem geschmolzenen und verdampften Gestein hochgeschleudert wurde. Sie war in geraden Linien geflogen und hatte sich ihren Weg ohne die geringste R�cksicht auf topographische Details quer �ber das Land gebrannt. Maya erinnerte sich undeutlich, seinerzeit Bilder des Prozesses gesehen zu haben; aber die Fotos waren nat�rlich aus einiger Entfernung gemacht worden und hatten sie keineswegs auf die schiere Gr��e des Kanals vorbereitet. Ihr langes flaches Kanalschiff fuhr in die erste Schleuse, wurde durch das einstr�mende Wasser ein kurzes St�ck angehoben, fuhr dann aus einem sich �ffnenden Tor hinaus�� und pl�tzlich waren sie in einem vom Wind gekr�uselten, zwei Kilometer breiten See, der sich geradlinig nach S�dwesten zur Hellas-See erstreckte, zweitausend Kilometer entfernt. Eine gro�e Anzahl gro�er und kleiner Schiffe waren in beiden Richtungen unterwegs. Dabei hielten sich die kleineren entsprechend den Verkehrsregeln n�her an den Ufern. Fast alle Fahrzeuge waren motorisiert, obwohl viele auch mit Reihen von Masten in Schonertakelung prahlten und einige der kleinsten Boote gro�e dreieckige Segel hatten. �Dhaus�, sagte Michel und zeigte hin�ber. Offenbar eine arabische Konstruktion.</p><p>Irgendwo weiter voraus war Jackies Propagandaschiff. Maya ignorierte es, konzentrierte sich auf den Kanal und schaute abwechselnd auf die beiden Ufer. Der fehlende Fels war nicht ausgehoben, sondern verdampft worden. Wenn man die Ufer betrachtete, konnte man das erkennen. Die Temperaturen unter dem konzentrierten Licht der Luftlinse hatten 5000 K erreicht, und das Gestein war einfach in seine atomaren Bestandteile zerfallen und in die Luft geschossen. Nach der Abk�hlung war einiges Material auf die Ufer zur�ckgefallen und manches auch wieder in den Graben, wo es wie Lava kleine Teiche gebildet hatte. Darum hatte der Kanal ein flaches Bett erhalten und Ufer, die einige hundert Meter hoch und beide �ber einen Kilometer breit waren: Abgerundete schwarze Schlackendeiche, auf denen, abgesehen von den mit Sand gef�llten gelegentlich Rissen, nur sehr wenig wachsen konnte, so da� sie fast genauso kahl und schwarz waren wie nach ihrer Erkaltung vor vierzig m-Jahren. Das Kanalwasser sah unter den Ufern schwarz aus, in der Mitte des Kanals ging es zur Himmelsfarbe �ber oder vielmehr zu einer T�nung, die gerade ein wenig dunkler war als die des Himmels. Ohne Zweifel eine Folge des dunklen Bodens, mit den gr�nen Zickzackstreifen �berall.</p><p>Der Obsidiansteg der zwei Ufer, die gerade Scharte aus dunklem Wasser dazwischen, Schiffe und Boote aller Gr��en, viele davon lang und schmal, um in den Schleusen m�glichst viel Raum zu haben; dann alle paar Stunden eine Stadt am Ufer, in die Seite gehauen und sich dann auf der H�he des Deichs ausbreitend. Die meisten St�dte waren von den kanals�chtigen Astronomen nach den Kan�len und Fl�ssen des klassischen Altertums benannt worden. Die ersten St�dte, an denen sie vorbeikamen, lagen dem �quator recht nahe und waren von Palmhainen eingefa�t, mit h�lzernen Docks vor kleinen Uferdistrikten und in der H�he liebliche Terrassen. Die meisten St�dte lagen auf den ebenen Fl�chen der Deiche. Nat�rlich hatte die Linse bei ihrem geraden Schnitt ein Kanalbett gegraben, das direkt die Gro�e B�schung bis auf die Hochebene von Hesperia hinauff�hrte�� mit einem H�henanstieg von rund vier Kilometern. Darum war der Kanal alle paar Kilometer durch einen Schleusendamm gesperrt. Diese D�mme hatten, wie in jenen Tagen �berall, durchsichtige W�nde und sahen so d�nn aus wie Zellophan, waren aber um viele Gr��enordnungen st�rker als n�tig, um das Wasser zu halten. So sagte man. Maya fand diese Klarheit von Fensterscheiben anma�end, als ein St�ck der launischen �berheblichkeit, auf das eines Tages bestimmt die Strafe folgen w�rde, wenn eine der d�nnen W�nde wie ein Ballon platzte und eine verheerende Zerst�rung anrichten w�rde und die Leute wieder auf den guten alten Beton und die Kohlefaser zur�ckgreifen w�rden.</p><p>Aber so erinnerte die Ann�herung an jede Schleuse an die Fahrt auf eine Wassermauer zu, die aussah wie das Rote Meer, das sich vor den Israeliten geteilt hatte. Fische sprangen �ber ihren K�pfen umher wie primitive V�gel, ein surrealer Anblick, wie etwas aus einer Zeichnung von Escher. Dann in eine Schleuse hinein wie in einen Sarkophag aus Wasserw�nden, bewohnt von diesen Vogelfischen; und dann immer weiter nach oben und hinaus auf ein neues Niveau des gro�en Stroms mit seinen geraden Seiten, der das schwarze Land durchschnitt. �Bizarr�, sagte Maya nach dem ersten Blick und auch nach dem zweiten und dritten. Und Michel grinste nur und nickte.</p><p>Am vierten Abend der Reise legten sie bei einer kleinen Stadt am Kanal an, die Naarses hie�. Auf der anderen Seite des Kanals befand sich eine noch kleinere Stadt namens Naarmalcha. Offenbar mesopotamische Namen. Ein Terrassenrestaurant oben auf dem Deich bot einen Ausblick, der den Kanal weit einsehbar machte und hinter dem Kanal auf die d�rren Gebirge zu seiner Seite schwenken lie�. Voraus konnten sie sehen, wo der Kanal durch den Wall des Kraters Gale schnitt, der mit Wasser geflutet war. Gale war jetzt ein Buckel im Kanal, ein Halteplatz f�r Schiffe und Verladeplatz.</p><p>Nach dem Abendessen stand Maya auf der Terrasse und schaute durch die L�cke auf Gale. Aus der dunklen D�mmerung traten Vendana und einige Gef�hrten zu ihr. �Wie gef�llt dir der Kanal?� fragten sie.</p><p>�Sehr interessant�, erkl�rte Maya knapp. Sie mochte es nicht, wenn man ihr Fragen stellte oder sie den Mittelpunkt einer Gruppe bildete. Das war zu sehr, als w�re man ein Schaust�ck im Museum. Sie w�rden nichts aus ihr herausbringen. Sie starrte sie an. Einer der jungen M�nner unter ihnen gab auf und sprach eine Frau in ihrer N�he an. Er hatte ein au�erordentlich sch�nes Gesicht. Die Z�ge wirkten wie gemei�elt unter einer F�lle schwarzen Haares, ein freundliches L�cheln und unbewu�tes Lachen. Alles in allem fesselnd. Jung, aber nicht so jung, da� er ungeformt wirkte. Er sah m�glicherweise indisch aus�� so dunkle Haut, so wei�e regelm��ige Z�hne, kr�ftig, schlank wie ein Windspiel, ein gutes St�ck gr��er als Maya, aber nicht einer jener neuen Riesen�� immer noch im menschlichen Ma�stab, unbefangen, aber solide und anmutig. Sexy.</p><p>Sie bewegte sich langsam auf ihn zu, als die Gruppe zu der entspannteren Haltung einer Cocktailparty �berging. Sie gingen umher, plauderten und schauten auf den Kanal und die Docks hinunter. Endlich erhielt sie eine Chance, mit ihm zu sprechen; und er reagierte nicht, als ob Helena von Troja oder die fossile Lucy n�her gekommen w�ren. Es w�re herrlich, einen solchen Mund zu k�ssen. Das kam nat�rlich nicht in Frage, und eigentlich wollte sie es auch gar nicht. Aber sie dachte gern dar�ber nach; und der Gedanke wirkte anregend auf sie. Gesichter waren so m�chtig.</p><p>Sein Name war Athos. Er kam von Licus Vallis, westlich von Rhodos. Sansei aus einer Seefahrerfamilie, die Gro�eltern griechisch und indisch. Er hatte geholfen, diese neue Gr�ne Partei zu gr�nden, �berzeugt, da� der einzige Weg, dem Mahlstrom zu entkommen, darin best�nde, der Erde durch ihre Krise zu helfen. Die umstrittene Ann�herung eines schweifwedelnden Hundes, wie er mit einem leichten, h�bschen L�cheln einr�umte. Jetzt war er von den St�dten der Nepenthes-Bucht als Repr�sentant zur Wahl aufgestellt und half, die Kampagnen der Gr�nen weithin zu koordinieren.</p><p>Maya fragte Vendana sp�ter: �Werden wir in einigen Tagen das Wahlkampfboot des Freien Mars einholen?�</p><p>�Ja. Wir planen, bei einer Versammlung in Gale �ber sie zu diskutieren.�</p><empty-line/><p>Als sie dann die Gangway hinauf zum Schiff gingen, wandten sich die jungen Leute von ihr ab und scharten sich auf dem Vorderdeck zusammen, um die Party fortzusetzen. Maya war vergessen, sie geh�rte nicht dazu. Sie blickte ihnen nach und ging dann zu Michel in ihrer kleinen Kabine nahe dem Heck. Sie kochte vor Erregung. Sie konnte nichts dagegen tun, obwohl sie schockiert war, wenn es geschah. �Ich <emphasis>hasse</emphasis> sie�, sagte sie zu Michel. Und einfach deswegen, weil sie jung waren. Sie h�tte das als Ha� gegen deren Gedankenlosigkeit, Stupidit�t, Gef�hllosigkeit und ihren ausgepr�gten Provinzialismus tarnen k�nnen. Das stimmte auch alles. Aber au�erdem ha�te sie auch ihre Jugend, nicht einfach ihre physische Vollkommenheit, sondern ihr Alter, die schiere Chronologie, die Tatsache, da� sie alles noch vor sich hatten. In der Erwartung lag das Beste, lag alles.</p><p>Manchmal erwachte sie aus unbestimmten Tr�umen, in denen sie nach der aerodynamischen Abbremsung aus der <emphasis>Ares</emphasis> auf den Mars hinunterblickten, und den Orbit in Vorbereitung des Abstiegs stabilisierten. Dann war sie schockiert durch den j�hen R�cksturz in die Gegenwart; und sie erkannte, da� das damals der sch�nste aller Augenblicke gewesen war, diese Woge von Erwartung, die sie trug, als alles da unter ihnen lag und alles m�glich schien. Das war Jugend.</p><p>�Betrachte sie als Mitreisende�, riet ihr Michel von neuem, wie schon mehrfach zuvor, wenn Maya ihm ihre Gef�hle gebeichtet hatte. �Sie werden nur so lange jung sein, wie wir es waren. Ein Schnipsen mit den Fingern�� nicht wahr? Und dann sind sie alt und dann dahin. Das machen wir alle durch. Der Abstand eines Jahrhunderts macht auch nur einen Dreck aus. Und von allen Menschen, die jemals existiert haben und die es jemals geben wird, sind diese Menschen die einzigen, die gleichzeitig mit uns leben. Nur die Tatsache, gleichzeitig am Leben zu sein, macht uns alle zu Zeitgenossen. Und deine Zeitgenossen sind die einzigen, die dich wirklich verstehen k�nnen.�</p><p>�Ja, du hast recht�, sagte Maya. Das war so. �Aber ich hasse sie trotzdem.�</p><empty-line/><p>Das Brennen der Luftlinse war �berall etwa gleich tief gegangen. Als es daher �ber den Gale-Krater hinweggezogen war, hatte es einen breiten Streifen durch den Rand an den nord�stlichen und s�dwestlichen H�ngen geschnitten. Aber diese Schnitte waren h�her als das Kanalbett anderswo, so da� schmalere Schnitte ausgetieft und Schleusen installiert wurden, wodurch der Krater zu einem hohen See wurde, eine Knolle in der endlosen Qecksilbers�ule des Kanals. Das Lowell- System der alten Nomenklatur war hier aus irgendeinem Grunde au�er Kraft; und die Schleusen im Nordosten wurden von einer kleinen geteilten Stadt namens Bird�s Trenches flankiert, w�hrend die gr��ere Stadt an den s�dwestlichen Schleusen Banks hie�. Sie bedeckte die Schmelzzone des Brandes und stieg dann in breiten gebogenen Terrassen auf den nicht geschmolzenen Rand von Gale mit Blick auf den See im Innern auf. Es war eine wilde Stadt. Mannschaften und Passagiere vorbeikommender Schiffe stapften die Gangwayplanken hinunter, um sich an dem mehr oder weniger st�ndigen Festivit�ten, die in der Stadt stattfanden, zu beteiligen. An diesem Abend richtete sich diese Party auf die Ankunft der Kampagne Freier Mars. Ein gro�er Rasenplatz, der auf einer weiten Felsbank �ber der Seeschleuse hockte, war dicht gedr�ngt voller Menschen, die auf die Reden warteten, die von einer B�hne auf einem flachen Dach �ber der Plaza aus gehalten werden sollten. Andere ignorierten den Tumult und machten Eink�ufe, gingen spazieren, sa�en �ber der Schleuse und tranken oder a�en Speisen, die sie an kleinen verr�ucherten St�nden gekauft hatten; oder sie tanzten oder machten sich auf den Weg, um die oberen Bereiche der Stadt zu erkunden.</p><p>W�hrend der ganzen Wahlkampfreden stand Maya auf einer Terrasse oberhalb der B�hne, wo sie einen Blick auf den Bereich dahinter hatte, wo Jackie und der �brige F�hrerstab des Freien Mars sich herumtrieben, schwatzten oder lauschten, w�hrend sie darauf warteten, im Scheinwerferlicht an die Reihe zu kommen. Da waren Antar und Ariadne, sowie einige andere, die Maya mehr oder weniger aus neueren Nachrichtenvideos erkannte. Beobachtung aus der Entfernung konnte so aufschlu�reich sein. Da unten sah sie all die Dynamik der Dominanz von Primaten, �ber die sich Frank so oft ge�u�ert hatte. Zwei oder drei M�nner waren auf Jackie fixiert und, auf andere Weise, etliche Frauen. Ein Mann namens Mikka geh�rte in diesen Tagen dem Globalen Exekutivkomitee an, ein Anf�hrer der Partei Mars Zuerst. Diese war eine der �ltesten politischen Parteien auf dem Planeten, die gem�� den Wettbewerbsbedingungen der Erneuerung des ersten Marsvertrages gebildet worden war. Maya erinnerte sich vage, da� sie einmal Mitglied gewesen war.</p><p>Jetzt war die Marspolitik in ein Schema verfallen, das irgendwie parlamentarischen Strukturen in Europa �hnelte, mit einem breiten Spektrum kleiner Parteien, von denen einige sich zu zentristischen Koalitionen zusammenfanden�� in diesem Falle Freier Mars, die Roten und die Matriarchie von Dorsa Brevia, w�hrend andere sich einklinkten oder L�cken f�llten oder zu den Seiten auswichen. Sie alle schoben sich in zeitweiligen Allianzen hin und her, um ihre kleinen Angelegenheiten zu f�rdern. Bei dieser Konstellation war Mars Zuerst so etwas wie der politische Fl�gel der Roten Saboteure geworden, die noch in der Wildnis lebten. Sie waren eine widerlich eigenn�tzige Organisation ohne Skrupel, die aus keinem �berzeugenden ideologischen Grund in den Freien Mars eingegliedert war. Da mu�te irgendein Schacher im Gange sein. Oder etwas Pers�nliches. Die Art, wie Mikka Jackie folgte und sie ansah, ein Liebhaber oder erst vor ganz kurzer Zeit entlassener fr�herer Liebhaber. Darauf h�tte Maya gewettet. Au�erdem hatte sie dahingehende Ger�chte geh�rt.</p><p>Die Reden handelten alle von dem sch�nen, wundervollen Mars und wie er in Gefahr war, durch �berv�lkerung ruiniert zu werden, falls er sich nicht k�nftiger Einwanderung von der Erde verschl�sse. Um diesen Gesichtspunkt hervorzuheben lie� sich jetzt wirklich viel anf�hren, wie die Hochrufe und der Beifall aus der Menge bewiesen. Ihre Haltung war h�chst heuchlerisch, da die meisten der Applaudierenden von terranischen Touristen lebten und sie alle Immigranten oder deren Kinder waren. Aber sie jubelten trotzdem. Das war ein gutes Wahlkampfthema. Besonders, wenn man das Kriegsrisiko ignorierte und die enorme Gr��e der Erde und ihre Vorherrschaft in der menschlichen Zivilisation. Das so gering zu sch�tzen ... Nun, das spielte keine Rolle. Diesen Leuten war die Erde v�llig egal, und sie verstanden sie auch gar nicht. Darum lie� ihr Trotz Jackie, die f�r einen freien Mars eintrat, nur noch tapferer und sch�ner erscheinen. Die Ovationen f�r sie waren laut und anhaltend. Sie hatte eine Menge gelernt seit ihren ungeschickten Reden w�hrend der zweiten Revolution. Sie war recht gut geworden. Sehr gut.</p><p>Als danach die Sprecher der Gr�nen auftraten und f�r einen offenen Mars argumentierten, versuchten sie, �ber die Gefahr der Politik eines geschlossenen Mars zu reden. Aber die Reaktion war nat�rlich viel weniger enthusiastisch als zuvor f�r Jackie. Die von ihnen vertretene Position klang nach Feigheit, um es offen zu sagen; und der Wunsch nach einem offenen Mars wirkte naiv. Vor der Ankunft in Banks hatte Vendana Maya eine Gelegenheit angeboten zu sprechen; aber die hatte abgelehnt und war jetzt in ihrer Meinung best�tigt. Sie beneidete diese Redner nicht um ihre unpopul�re Stellung vor einer dahinschwindenden Menge.</p><p>Danach hielten die Gr�nen eine kleine Zusammenkunft zur Man�verkritik ab, und Maya �u�erte sich zu ihrem Auftritt recht scharf. �Ich habe noch nie eine solche Inkompetenz erlebt. Ihr versucht, sie zu ver�ngstigen, klingt aber nur furchtsam. Der Stock ist n�tig f�r den Esel, aber ihr braucht auch eine R�be. Die M�glichkeit des Krieges ist der Stock, aber ihr m��t ihnen Gr�nde daf�r geben, warum sie es unterst�tzen sollten, weiterhin Terraner heraufkommen zu lassen, ohne da� ihr euch wie Idioten anh�rt. Ihr m��t sie daran erinnern, da� wir alle terranischer Herkunft sind. Wir sind hier immer Immigranten. Ganz k�nnen wir die Erde niemals hinter uns lassen.�</p><p>Dazu nickten sie. Athos unter ihnen sah nachdenklich aus. Danach nahm Maya Vendana beiseite und quetschte sie �ber Jackies neuerliche Liaisonen aus. Mikka war wirklich k�rzlich ein Partner gewesen und war es wahrscheinlich immer noch. Mars Zuerst war noch st�rker gegen Einwanderung eingestellt als die gr��ere Partei. Maya nickte. Allm�hlich erkannte sie die Umrisse eines Plans.</p><p>Als die Man�verkrititik vorbei war, ging Maya mit Vendana, Athos und den �brigen in die Innenstadt, bis sie an einer gro�en Band vorbeikamen, die Sheffield-Sound spielte. F�r Maya war diese Musik nur L�rm: zwanzig verschiedene Trommelrhythmen zugleich auf Instrumenten gedroschen, die nicht als Schlagzeug oder �berhaupt f�r musikalische Anwendung bestimmt waren. Aber sie dienten ihren Zwecken, da sie unter dem Gepolter und Radau imstande waren, die jungen Gr�nen unauff�llig in die N�he von Antar zu f�hren, den sie auf dem Tanzboden gesichtet hatte. Als sie n�her bei ihm waren, konnte sie sagen: �Oh, da ist Antar! Hallo, Antar! Das sind die Leute, mit denen ich fahre. Wir sind offenbar direkt hinter euch, mit dem Ziel Hell�s Gate und dann Odessa. Wie l�uft die Kampagne?�</p><p>Und Antar war wieder ganz der grazi�se Prinz, ein Mann, dem man schwer widersprechen konnte, selbst wenn man wu�te, wie reaktion�r er war und wie sehr er unter dem Einflu� der arabischen Nationen der Erde gestanden hatte. Jetzt mu�te er sich gegen diese alten Verb�ndeten wenden�� ein weiterer gef�hrlicher Teil seiner gegen Einwanderer gerichteten Strategie. Es war seltsam, wie die F�hrung des Freien Mars sich entschlossen hatte, den M�chten der Erde zu trotzen und gleichzeitig zu versuchen, all die neuen Niederlassungen im �u�eren Sonnensystem zu dominieren. Hybris. Oder vielleicht f�hlten sie sich einfach bedroht. Der Freie Mars war immer die Partei der jungen Eingeborenen gewesen; und wenn jetzt ein unbeschr�nktes Einwanderungsgesetz Millionen neuer Issei hereinbr�chte, w�rde der Status des Freien Mars gef�hrdet sein, nicht nur die Supermajorit�t, sondern auch seine einfache Mehrheit. Diese neuen Horden mit all ihren alten, noch funktionierenden fanatischen Doktrinen�� Kirchen und Moscheen, Flaggen, versteckten Feuerwaffen, offenen Fehden��, das war wirklich ein Grund f�r den Freien Mars, seine Position neu zu �berdenken; denn seit der intensiven Einwanderung der letzten Dekade waren die Neuank�mmlinge dabei, eine zweite Erde aufzubauen, die genauso hirnrissig war wie die erste. John w�re verr�ckt geworden, und Frank h�tte gelacht. Und Arkadij h�tte erkl�rt, <emphasis>Ich habe es euch doch gleich gesagt</emphasis> und eine Revolution vorgeschlagen. Ihr erinnert euch?</p><p>Aber die Erde mu�te ernsthafter und realistischer behandelt werden als auf diese Weise. Man konnte sie nicht einfach ausklammern und ignorieren. Und im Moment war Antar liebensw�rdig, besonders liebensw�rdig, als ob er d�chte, da� Maya ihm f�r irgend etwas n�tzlich sein k�nnte. Und da er sich immer in Jackie�s N�he aufhielt, war Maya nicht �berrascht, als pl�tzlich Jackie und etliche andere an seiner Seite waren und ein jeder sie begr��te. Maya nickte Jackie zu, die makellos zur�ckl�chelte. Maya zeigte auf ihre neuen Begleiter und stellte sie einzeln vor. Als sie zu Athos kam, sah sie, da� Jackie ihn beobachtete, der ihr seinerseits bei der Vorstellung einen freundlichen Blick zuwarf. Rasch, aber ganz beil�ufig erkundigte sich Maya nach Zeyk und Nazik, die anscheinend an der K�ste der Acheron-Bucht lebten. Die beiden Gruppen bewegten sich langsam auf die Musik zu und h�tten sich im Weitergehen v�llig vermischt; und es w�re zu laut gewesen, um irgend ein Gespr�ch zu f�hren, denn man konnte nichts au�er der eigenen Stimme h�ren. Maya sagte zu Antar: �Mir gef�llt dieser Sheffield-Sound. Hilf mir, zur Tanzfl�che durchzukommen!�</p><p>Das war offenbar eine List; denn sie brauchte keine Hilfe, um durch das Gedr�nge zu kommen. Aber Antar ergriff ihren Arm und merkte nicht, da� Jackie zu Athos sprach, oder tat so, als ob er es nicht bemerke.</p><p>Das war f�r ihn sowieso eine alte Geschichte. Aber dieser Mikka, der aus der N�he sehr gro� und kr�ftig wirkte, vielleicht skandinavischer Herkunft, und etwas hitzk�pfig aussehend, verfolgte die Gruppe jetzt mit saurer Miene. Maya verzog den Mund, befriedigt, da� der erste Schritt gelungen war. Wenn Mars Zuerst noch isolationistischer war als Freier Mars, dann k�nnten Unstimmigkeiten zwischen ihnen umso n�tzlicher sein.</p><p>Also tanzte sie mit mehr Begeisterung, als sie seit Jahren empfunden hatte. Wenn man sich allein auf die Ba�trommeln konzentrierte und sich an deren Rhythmen hielt, dann war es wirklich wie das Klopfen eines erregten Herzens. Und �ber diesem fundamentalen Grundba� war das Plappern der verschiedenen Holzbl�cke, K�chenger�te und runden Steine nicht mehr als ein Magenknurren oder fl�chtiger Gedanke. Das ergab einen gewissen Sinn. Keinen musikalischen Sinn, wie sie ihn verstand, aber irgendwie rhythmischen Sinn. Tanzen, schwitzen, beobachten, wie Antar elegant dahinglitt. Er mu�te ein Narr sein, zeigte das aber nicht. Jackie und Athos waren verschwunden. Ebenso Mikka. Vielleicht w�rde er zu einer Nova explodieren und sie alle umbringen. Maya grinste und drehte sich im Tanz.</p><p>Michel kam herbei, und Maya schenkte ihm ein breites L�cheln und eine verschwitzte Umarmung. Er machte ein zufriedenes, aber neugieriges Gesicht. �Ich dachte immer, du magst diese Art von Musik nicht.�</p><p>�Doch, manchmal schon.�</p><empty-line/><p>S�dwestlich von Gale stieg der Kanal durch eine Schleuse nach der anderen auf bis zu den Gebirgen von Hesperia. Dort, wo er �stlich vom Tyrrhena-Massiv das Hochland �berquerte, blieb er ungef�hr auf einer H�he von vier Kilometern, die man jetzt oft als f�nf Kilometer �ber dem Meeresniveau bezeichnete.</p><p>Darum bestand kein gro�er Bedarf an Schleusen. Sie fuhren Tag um Tag mit Motorkraft �ber den Kanal oder segelten unter der Reihe kleiner Mastsegel des Schiffs dahin. Sie hielten bei einigen St�dten am Ufer und fuhren an anderen vorbei. Oxus, Jaxartes, Scamander, Simois, Xanthus, Steropes, Polyphemus. �berall hier machten sie Halt und hielten gleichm��ig Schritt mit der Kampagne des Freien Mars und auch mit den meisten anderen nach Hellas fahrenden Kanalschiffen und Yachten. Die Landschaft dehnte sich nach beiden Horizonten ohne Ver�nderung aus. Das erschien so, obwohl die Linse in dieser Region gelegentlich durch exotischere Materialien als den gew�hnlichen basaltischen Regolith geschnitten hatte, so da� durch das Verdampfen und Ausf�llen einige Variationen und Streifungen von Obsidian oder Eisenschwarz an den Deichen vorgekommen waren. Stellen von strahlender gl�nzender Farbe, von marmorierten porphyrgr�nen Streifen, scharfem Schwefelgelb, klumpigen Konglomeraten, sogar eine ausgedehnte Strecke klarer Glasb�nke, die sich auf beiden Seiten des Kanals befanden, unterbrachen den Blick auf das Hochland dahinter und reflektierten den Himmel. Diese Strecke, genannt Glasb�nke, war nat�rlich hochentwickelt. Zwischen den St�dten verliefen an den Seiten des Kanals palmenbeschattete Mosaikwege, die Palmen in riesigen keramischen T�pfen, dahinter Villen, umgeben von Rasenfl�chen und Hecken. Die St�dte der Glasb�nke waren wei�get�ncht, hell mit Pastelljalousien, Blumenk�sten an den Fenstern und T�ren und blauglasierten Ziegeld�chern, sowie langen Neonreklamen �ber blauen Markisen in den Restaurants am Ufer. Es war eine Art von Traum-Mars, das Kanalclichee eines alten M�rchenlandes. Aber dennoch nicht weniger sch�n, da seine Unverstelltheit Teil des Vergn�gens war.</p><p>Die Tage ihrer Passage durch dieses Gebiet waren warm und windstill, die Oberfl�che des Kanals so glatt wie die Ufer�� eine Welt aus Glas. Maya sa� auf dem Vorderdeck unter einer gr�nen Markise und beobachtete die Frachtk�hne und Schaufelradboote der Touristen, die ihnen entgegen kamen. Alle waren an Deck, um den Anblick der Glasb�nke und der sie schm�ckenden bunten St�dte zu genie�en. Dies war das Herz der Touristenindustrie des Mars, das bevorzugte Ziel von Besuchern ferner Welten; l�cherlich, aber wahr. Und man mu�te zugeben, da� es h�bsch war. Beim Anblick der vorbeiziehenden Szenerie kam Maya auf den Gedanken, da�, ganz gleich wer die n�chste Wahl gewinnen w�rde, und wie auch immer der Kampf um die Einwanderung ausfallen mochte, diese Welt wahrscheinlich weiterbestehen w�rde, gl�nzend wie ein Spielzeug in der Sonne. Dennoch hoffte sie, da� ihr erster Schritt funktionieren w�rde.</p><empty-line/><p>Als sie weiter nach S�den fuhren, legte der s�dliche Herbst einen k�hlen Hauch in die Luft. An den einst basaltischen Ufern begannen Hartholzb�ume zu erscheinen, deren Bl�tter rot und gelb flammten. Und eines Morgens bedeckte eine d�nne Eisschicht das Wasser zu den Ufern hin. Wenn sie oben auf dem Westufer standen, konnten sie die Vulkane Tyrrhena Patera und Hadriatica Patera �ber den Horizont ragen sehen wie flache Fujis. Hadriatica stellte den geb�nderten Maibaum wei�er Gletscher auf schwarzem Fels zur Schau, den Maya das erste Mal von der anderen Seite aus gesehen hatte, als sie aus Dao Vallis heraufkam, wo sie vor so langer Zeit ihre Tour durch das �berflutete Hellas-Becken gemacht hatte. Mit jenem jungen M�dchen�� wie war doch ihr Name? Eine Verwandte von jemandem, den sie kannte.</p><p>Der Kanal durchschnitt die Drachenbuckelberge von Hesperia Dorsa. Die St�dte entlang des Kanals verloren ihren �quatorialen Charakter, wurden strenger und mehr zu den Gebirgen passend. St�dte des Wolgaufers, Neu-Englands Fischerd�rfer, aber mit Namen wie Astapus, Aeria, Uchronia, Apis, Eunostos, Agathadaemon, Kaiko... immer weiter f�hrte sie das breite Band des Wassers nach S�dwesten, so gerade wie ein Kompa�kurs Tag f�r Tag, bis es schwer war, sich zu erinnern, da� dies der einzige Kanal war, da� nicht ein Netz solcher Kan�le existierte. Oh, es gab einen weiteren gro�en Kanal bei Boone�s Neck; aber der war kurz und breit und dehnte sich jedes Jahr weiter aus, da Schleppleinen und die nach Osten gerichtete Str�mung an ihm zerrten. Eigentlich kein Kanal mehr, sondern eher eine k�nstlich angelegte Meeresstra�e. Nein, der Traum von den Marskan�len war allein hier verwirklicht worden. Und w�hrend man hier ruhig �ber das Wasser fuhr und der Blick auf alles andere durch die hohen Ufer abgeschnitten war, lag in der Luft ein Gef�hl von Romantik, ein Gef�hl, das ihre politischen und pers�nlichen Querelen verblassen lie�.</p><p>So etwa f�hlte sich der Ausklang eines Abends unter den pastellfarbenen Neonlampen einer Stadt neben dem Kanal an. In Anteus schlenderte Maya die Uferpromenade entlang und schaute hinab auf gro�e und kleine Schiffe, auf junges Volk, das trank und fr�hlich schwatzte, da und dort briet man Fleisch in Kohlenbecken, die an die Reling geklammert waren und �ber dem Wasser hingen. Auf einem breiten Dock, das in den Kanal ragte, war ein Freiluftcafe, von dem der klagende Gesang einer Zigeunergeige ert�nte. Maya kehrte instinktiv dort ein und sah erst im letzten Augenblick Jackie und Athos allein an einem Tisch der Kanalseite sitzen, vorn�bergebeugt, da� sich ihre Stirnen fast ber�hrten. Maya wollte gewi� eine so vielversprechende Szene nicht st�ren; aber ihr abruptes Stehenbleiben fiel Jackie ins Auge, so da� sie aufschaute und dann hochschreckte. Maya wandte sich zum Gehen, sah aber, da� Jackie sich anschickte her�berzukommen.</p><p>Eine weitere Szene, dachte Maya, nicht sonderlich unzufrieden mit der Aussicht. Aber Jackie l�chelte, und Athos war an ihrer Seite und beobachtete alles mit gro�en unschuldigen Augen. Entweder hatte er keine Ahnung von ihrer Vorgeschichte, oder er wu�te seine Miene gut zu beherrschen. Maya vermutete das letztere, einfach wegen des Ausdrucks in seinem Blick, der etwas zu harmlos war, um echt zu sein. Ein Schauspieler.</p><p>�Dieser Kanal ist sch�n, nicht wahr?� sagte Jackie.</p><p>�Eine Touristenfalle�, erwiderte Maya. �Aber eine h�bsche. Und sie h�lt die Touristen sauber beisammen.�</p><p>�Mach schon!� sagte Jackie lachend. Sie ergriff Athos Arm. �Wo ist dein Sinn f�r Romantik?�</p><p>�Mein Sinn f�r Romantik?� fragte Maya, erfreut �ber diese �ffentliche Zurschaustellung von Zuneigung. Die alte Jackie h�tte das nicht getan. Es war wirklich ein Schock zu sehen, da� sie nicht mehr jung war. Es war t�richt von Maya gewesen, nicht daran zu denken; aber ihr Zeitgef�hl war so durcheinander, da� ihr eigenes Gesicht im Spiegel sie immer wieder entsetzte. Sie erwachte jeden Morgen im falschen Jahrhundert. Darum war das Bild von Jackie, wie sie matronenhaft Athos am Arm hielt, genauso unm�glich. Das war doch das frische, gef�hrliche M�dchen von Zygote, die junge G�ttin von Dorsa Brevia!</p><p>�Jeder hat einen Sinn f�r Romantik�, sagte Jackie. Die Jahre machten sie nicht weiser. Wieder eine chronologische Diskontinuit�t. Vielleicht hatte die h�ufige Behandlung f�r Langlebigkeit ihr Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Seltsam, da� nach so anhaltendem Gebrauch der Behandlungen �berhaupt irgendwelche Zeichen des Alterns �brig geblieben waren. Woher kam das eigentlich, wenn keine Zellteilungsfehler mehr auftraten? In Jackies Gesicht gab es keine Falten. Man konnte sie in mancher Hinsicht irrt�mlich f�r f�nfundzwanzig halten. Und die Miene fr�hlicher Boonescher Zuversicht sa� so tief wie eh und je. Dies war der einzige Zug, in dem sie John wirklich �hnelte�� gl�hend wie das Neonschild des Cafes �ber ihnen. Aber trotz alledem sah man ihr ihre Jahre an, irgendwie an den Augen oder an einer psychischen Gestalt, die aller medizinischen Manipulation zum Trotz am Werke war.</p><p>Und dann kam eine von Jackies vielen Assistentinnen auf sie zugerannt, kam keuchend, japsend zum Stehen, zog Jackies Arm von Athos weg und schrie bebend: �Sie ist tot.�</p><p>�Wer?� fragte Jackie scharf zur�ck.</p><p>Die junge, fr�h alternde Frau sagte kl�glich: �Zo.�</p><p>�Zo?�</p><p>�Ein Flugunfall. Sie ist ins Meer gest�rzt.�</p><p>Das sollte sie m��igen, dachte Maya.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Jackie.</p><p>�Aber die Vogelanz�ge�, protestierte Athos. Auch er wurde �lter. �Hat man nicht...?�</p><p>�Davon wei� ich nichts.�</p><p>�Das spielt auch keine Rolle�, sagte Jackie und brach das Gespr�ch ab. Sp�ter h�rte Maya einen Augenzeugenbericht �ber den Unfall, und das Bild blieb f�r immer ihrer Erinnerung eingepr�gt. Die zwei Flieger k�mpften in den Wellen wie nasse Libellen. Sie blieben an der Oberfl�che, so da� ihnen nichts geschehen w�re, h�tte sie nicht eine der gro�en Wogen des Nordmeeres erfa�t und gegen den Fu� einer Klippe geschleudert. Danach waren beide leblos in der Gischt getrieben.</p><p>Jackie war in sich gekehrt und nachdenklich. Sie und Zo hatten einander nie sehr nahe gestanden, wie Maya geh�rt hatte. Manche sagten, da� sie sich sogar ha�ten. Aber das eigene Kind. Man erwartete nicht, seine Kinder zu �berleben; das empfand sogar die kinderlose Maya instinktiv so. Aber sie hatten allen Regeln abgeschworen. Biologie hatte f�r sie keine Bedeutung mehr. Und da waren sie nun. Wenn Ann Peter bei dem fallenden Kabel verloren h�tte; wenn Nadia und Art jemals Nikki verloren h�tten... selbst Jackie, wie verr�ckt sie auch sein mochte, mu�te das so empfinden.</p><p>Und sie empfand es auch so. Sie dachte scharf nach, um den Ausweg zu finden. Aber dazu w�rde es nicht kommen. Und dann w�rde sie eine andere Person sein. Altern hatte �berhaupt nichts mit Zeit zu tun. �O Jackie�, sagte Maya und streckte eine Hand aus. Jackie kniff die Augen zu, und Maya zog die Hand zur�ck. �Es tut mir leid.�</p><p>Aber gerade dann, wenn man am meisten Hilfe braucht, ist die Isolierung am st�rksten. Maya hatte das in der Nacht von Hirokos Verschwinden gelernt, als sie versucht hatte, Michel zu tr�sten. Man konnte nichts tun.</p><p>Maya schob die schniefende Assistentin fast schroff beiseite und nahm sich dann zusammen: �Warum begleitest du Ms. Boone nicht zu eurem Schiff zur�ck? Und dann halte ihr die Menschen f�r eine Weile vom Leib!�</p><p>Jackie war noch in Gedanken verloren. Ihre Geste gegen�ber Maya war rein instinktiv gewesen. Sie war best�rzt und ungl�ubig, und diese Ungl�ubigkeit absorbierte alle ihre Bem�hungen. Was sollte man von einem menschlichen Wesen auch anderes erwarten?</p><p>Vielleicht war es noch schlimmer, wenn man sich schon nicht mit dem Kind verstanden hatte�� schlimmer, als wenn man es geliebt h�tte, o Gott! �Geh�, sagte Maya zu der Assistentin und befahl Athos mit einem Blick, Jackie zu helfen. Er w�rde gewi� Eindruck auf sie machen�� auf eine oder andere Weise. Man f�hrte sie weg. Sie hatte immer noch den sch�nsten R�cken der Welt und hielt sich wie eine K�nigin. Das w�rde sich �ndern, wenn die Nachricht eindrang.</p><p>Sp�ter befand Maya sich am s�dlichen Ende der Stadt, <emphasis>wo</emphasis> die Lichter sich verloren und hinter dem bestirnten Schimmer des Kanals schwarze Haufen von Schlacke lagen. Es sah aus wie die Akte eines Lebens, wie die Weltlinie eines Menschen. Helle Neonschn�rkel, die sich �ber eine Landschaft auf den schwarzen Horizont zu bewegten. �ber dem Kopf und unten Sterne. Eine schwarze Bahn, �ber die sie lautlos glitten.</p><p>Sie ging zu ihrem Schiff zur�ck. Stapfte die Planke hoch. Es war bek�mmernd, so f�r einen Feind zu empfinden, einen Feind durch dieses Ungl�ck zu verlieren. �Wen soll ich jetzt hassen?� schrie sie Michel zu.</p><p>�Na ja�, sagte Michel schockiert. Dann in tr�stendem Ton: �Ich bin sicher, da� du jemanden finden wirst.�</p><p>Maya lachte kurz, und Michel zwang sich zu einem kurzen L�cheln. Dann zuckte er mit finsterer Miene die Achseln. Er war weniger als sonst jemand durch die Behandlung beschwichtigt worden. Unsterbliche Geschichten in sterblichem Fleisch�� darauf hatte er immer bestanden. Er hatte mit seiner morbiden Einstellung v�llig recht. Hier eine weitere Illustration dieses Punktes.</p><p>�So fordert das Allzumenschliche letztlich sein Recht�, sagte er.</p><p>�Sie war eine N�rrin mit all diesen Risiken, nach denen sie verlangte.�</p><p>�Sie hatte nicht daran geglaubt.�</p><p>Maya nickte. Zweifellos richtig. Es glaubten nur noch wenige an den Tod, besonders die Jungen hatten das nie getan, schon vor den Tagen der Behandlung nicht. Und jetzt weniger denn je. Aber ob man daran glaubte oder nicht, er wurde immer niederdr�ckender, am meisten" nat�rlich bei den Super-Alten. Neue Krankheiten oder alte Krankheiten, die zur�ckgekehrt waren oder gar ein rapider holistischer Verfall ohne erkennbare Ursache�� der hatte Helmut Bronski und Derek Hastings in den letzten Jahren umgebracht. Leute, die Maya kennengelernt hatte, wenn auch nicht n�her. Jetzt hatte ein Unfall jemanden betroffen, die so viel j�nger war als sie. Es machte keinen Sinn, da nur jugendliche Sorglosigkeit als Grund in Frage kam. Ein Unfall. Ein Zufall.</p><p>�Willst du immer noch, da� Peter herjcommt?� fragte Michel aus einem anderen Gedankengang heraus. War das seine <emphasis>Realpolitik?</emphasis> Ah, er wollte sie ablenken. Sie lachte beinahe wieder.</p><p>Sie sagte: �La� uns Kontakt mit ihm aufnehmen und sehen, ob er kommen kann�, erwiderte sie. Aber das war nur, um Michel zu beruhigen. Ihr Herz war nicht dabei.</p><p>Das war erst der Anfang einer Reihe von Todesf�llen.</p><p>Aber das wu�te sie damals nicht. Damals bedeutete es nur das Ende ihrer Kanalreise.</p><p>Das Brennen der Luftlinse hatte kurz vor dem �stlichen Rand der Wasserscheide des Hellas-Beckens aufgeh�rt; zwischen Dao und den Harmakhis-T�lern. Das letzte Segment des Kanals war mit konventionellen Mitteln gegraben worden und fiel so steil am �stlichen Hang des Beckens ab, da� jede Menge Schleusen erforderlich waren. Sie fungierten hier als Damm, so da� der Kanal nicht mehr das klassische Aussehen wie in den Hochl�ndern hatte, sondern eher eine Reihe von Stauseen bildete, die durch die breiten r�tlichen Fl�sse miteinander verbunden waren, die von jedem Damm ausgingen. Also fuhren sie mit dem Schiff in einer langsamen Parade von Frachtern, Segelbooten und Kabinenkreuzern von See zu See, immer weiter hinunter. Und wenn sie in die Schleusen einfuhren, konnten sie durch deren klare W�nde �ber die Seenkette, die wie eine gigantische Folge blauer Treppenstufen in der Sonne lag, bis zu der fernen Bronzefl�che des Hellas-Meeres blicken. Irgendwo rechts und links im �den Hinterland schnitten die Canyons Dao und Harmakhis, ihrem nat�rlichen Lauf die Gro�e B�schung hinunter folgend, tief in das Plateau aus rotem Gestein. Aber da die Kuppeln verschwunden waren, konnte man die Canyons erst sehen, wenn man sich direkt �ber ihrem Rand befand. Vom Kanal aus war von ihnen nichts zu erkennen.</p><p>An Bord des Schiffs ging das Leben weiter. Es war anscheinend ziemlich �hnlich wie auf dem Schiff des Freien Mars, wo es Jackie dem Vernehmen nach gut ging. Als die Schiffe an der gleichen Stadt anlegten, war Athos immer noch in Jackies N�he. Man begr��te sich freundlich, und dann kam man auf andere Themen zu sprechen, gew�hnlich den aktuellen Verlauf der Kampagne. Auch der Wahlfeldzug verlief gut. Unter Mayas Leitung ging die Kampagne der Gr�nen besser voran als zuvor; aber die Stimmung gegen die Einwanderer war stark. �berall, wohin sie kamen, sprachen die Berater und Kandidaten des Freien Mars bei den Zusammenk�nften, und Jackie hatte nur gelegentliche feierliche Auftritte. Sie war hier eine viel st�rkere und intelligentere Rednerin als sonst. Aber durch Beobachtung der anderen Sprecher gewann Maya einen guten Eindruck davon, wer sich auf oberster Ebene der Organisation befand, und einige dieser Personen schienen sehr erfreut zu sein, da� sie ins Rampenlicht ger�ckt worden waren. Ein junger Mann namens Nanedi, auch einer von Jackies jungen Burschen, trat besonders hervor. Und Jackie schien das nicht zu gefallen. Sie gab sich ihm gegen�ber k�hl und wandte sich mehr und mehr Athos und Mikka zu, sogar Antar kam zu neuen Ehren. An manchen Abenden schien sie eine wahre K�nigin unter ihrem Gefolge zu sein. Aber Maya konnte dahinterblicken. Sie hatte es bei Anteus erlebt. Sie konnte aus hundert Metern Entfernung die Finsternis im Kern der Dinge erkennen.</p><p>Nichtsdestoweniger bat Maya Peter, als er ihren Anruf erwiderte, zu einem Besuch, um �ber die bevorstehenden Wahlen zu sprechen. Und als er dann eintraf, empfing ihn Maya mit gespannter Ruhe. Es w�rde etwas passieren.</p><p>Peter wirkte gelassen und ruhig. Er lebte in diesen Tagen in Charitum Montes und arbeitete an dem Projekt der Argyre-Wildnis und auch in einer Koop, die, f�r Leute, die den Aufzug vermeiden wollten, Pl�ne f�r Verbindungen vom Mars in den Weltraum machte.</p><p>Entspannt, ruhig, sogar etwas zur�ckgezogen. �hnlich wie Simon.</p><p>Antar war auf Jackie b�se, weil sie ihn mehr als �blich mit der mangelnden Diskretion in ihrem Umgang mit Athos �rgerte. Mikka war noch �rgerlicher als Antar. Jetzt, wo Peter da war, provozierte und verstimmte Jackie auch Athos, da sie all ihre Aufmerksamkeit Peter zuwandte. Sie war so zuverl�ssig wie ein Magnet. Aber sie war von Peter angezogen, der ihr gegen�ber wie immer gleichg�ltig war, Eisen f�r ihren Magneten. Es war deprimierend, wie vorhersagbar sie waren. Aber n�tzlich. Die Kampagne des Freien Mars verlor allm�hlich an Schwung. Antar war nicht mehr so k�hn, den Mahjaris von Qahira vorzuschlagen, sie sollten in dieser Zeit der Unruhe Arabien besser vergessen. Mikka verst�rkte die Kritik von Mars Zuerst in verschiedenen Positionen, die nicht mit der Einwanderung zu tun hatten, und zog einige andere Mitglieder des Exekutivrates in seinen Kreis. Ja, Peter verst�rkte Jackies unpolitische Seite und machte sie unberechenbar und leistungsschwach. Damit verlief alles wie von Maya geplant. Man mu�te Jackie nur M�nner wie Kegelkugeln zuschieben, und sie legte los. Dennoch empfand Maya keinen Triumph.</p><empty-line/><p>Und dann fuhren sie aus der letzten Schleuse in die Malachit-Bucht hinaus. Eine trichterf�rmige Einkerbung des Hellas-Meeres, deren sonnenbeschienenes seichtes Wasser durch starken Wellenschlag gepeitscht wurde. Weiter drau�en drangen sie sanft in die dunklere See vor, wo viele Frachter und kleinere Schiffe sich nach Norden auf Hell�s Gate zuwandten, den gr��ten Tiefwasserhafen an der Ostk�ste von Hellas. Ihr Schiff folgte dieser Parade, und bald erschien �ber dem Horizont die gro�e Br�cke �ber Dao Vallis und dann die von Geb�uden bedeckten W�nde am Eingang zum Canyon. Danach die Masten, die lange Pier und die Helligen des Hafens.</p><p>Maya und Michel gingen an Land und zogen durch die gepflasterten und gestuften Stra�en zu den alten Praxisunterk�nften unter der Br�cke. In der n�chsten Woche sollte ein Herbstfest stattfinden, das Michel besuchen wollte, und dann w�rden sie sich nach Minus One Island und Odessa begeben. Maya machte sich zu einem Spaziergang durch die Stra�en von Hell�s Gate auf, froh, der Enge des Kanalschiffs entkommen zu sein und frei losziehen zu k�nnen. Es war kurz vor Sonnenuntergang am Ende eines Tages, der im Gro�en Kanal begonnen hatte. Die Reise war vorbei.</p><p>Maya hatte Hell�s Gate zuletzt im Jahre 2121 besucht, bei ihrer ersten Tour um das Becken. Sie hatte damals f�r Deep Waters gearbeitet und war zusammen gereist mit�� mit Diana! So hie� sie. Esthers Enkelin und Cousine zweiten Grades von Jackie. Dieses gro�e fr�hliche M�dchen hatte f�r Maya die erste Bekanntschaft mit jungen Eingeborenen bedeutet, nicht nur �ber ihre Kontakte in den neuen Siedlungen rings um das Becken, sondern auch durch sie selbst in ihrem Verhalten und ihren Ideen, die Art, wie Erde f�r sie blo� ein Wort war, und wie ihre eigene Generation alle ihre Interessen und Bem�hungen absorbierte. Das war das erste Mal gewesen, da� Maya das Gef�hl hatte, der Gegenwart zu entgleiten, hinein in die Geschichtsb�cher. Nur intensivste Bem�hung hatte es ihr erm�glicht, sich weiter in den Dingen des Augenblicks zu engagieren und auf jene Zeiten Einflu� zu nehmen. Es war eine der gro�en Perioden ihres Lebens gewesen, vielleicht die letzte gro�e Periode ihres Lebens. Die Jahre danach waren wie ein Wildwasser im Gebirge des S�dens gewesen, eine Wanderung durch Spalten und Gr�ben und dann ein j�hes Versinken in einem unerwarteten Strudel.</p><p>Aber einmal, vor sechzig Jahren, hatte sie genau hier gestanden, unter der gro�en Br�cke, welche die Stra�e von Klippe zu Klippe �ber die M�ndung des Dao-Canyons f�hrte, die ber�hmte Hell�s-Gate-Br�cke, wo die Stadt sich zu beiden Seiten des Flusses vor der See auf den steilen, von der Sonne bestrahlten Abh�ngen hinuntersenkte. Damals hatte es hier drau�en nur Sand gegeben, bis auf ein am Horizont sichtbares Band aus Eis. Die Stadt war kleiner und schlichter gewesen, die Stufen der steinernen Stra�entreppen roh und staubig. Jetzt waren sie durch die sich m�hsam darauf hocharbeitenden F��e glatt und abgeschliffen. Der Staub war von den Jahren weggewaschen worden. Alles war sauber und hatte eine dunkle Patina. Es war jetzt ein sch�ner mediterraner Hafen, in den Schatten einer Br�cke gef�gt, welche die ganze Stadt zu einer Miniatur machte, wie etwas in einem gl�sernen Briefbeschwerer oder eine Postkarte aus Portugal. Sehr sch�n in einem fr�hen herbstlichen Sonnenuntergang. Zum Westen hin beschattet und frisch, alles in Sepia, f�r den Moment in Bernsteinfarbe getaucht. Aber einst war sie diesen Weg mit einer lebhaften jungen Amazone gegangen, als sich eine ganze neue Welt auftat, der nat�rliche Mars, dem sie mit zum Leben verholfen hatte, w�hrend sie noch ein Teil von ihm war.</p><p>Die Sonne ging bei diesen Erinnerungen unter. Maya kehrte zum Praxishaus zur�ck, das noch unter der Br�cke stand und deren letzte dahin f�hrende Treppe so steil war wie eine Leiter. W�hrend sie hinaufstieg und auf ihre Schenkel dr�ckte, um nachzuhelfen, hatte Maya pl�tzlich einen �berw�ltigenden Eindruck von <emphasis>deja vu.</emphasis> Sie hatte das schon einmal gemacht. Sie erklomm nicht nur diese Stufen, sondern tat das mit dem Gef�hl, da� sie sie schon fr�her erstiegen hatte. Dabei empfand sie genau dasselbe wie bei einem noch fr�heren Besuch. Sie war ein wirksamer Teil der Welt gewesen.</p><p>Nat�rlich hatte sie zu den ersten Erforschern des Hellas-Beckens geh�rt, in den Jahren gleich nach Underhill. Das war ihr entfallen. Sie hatte geholfen, Lowpoint zu finden, und war dann umhergefahren und hatte das Becken erkundet, ehe das jemand anders getan hatte, vor allem Ann. Darum hatte sie sich sp�ter, als sie f�r Deep Waters arbeitete, �hnlich von der damaligen Szene distanziert gef�hlt. �Mein Gott!� rief sie entsetzt. Schicht auf Schicht, Leben um Leben�� sie hatte so lange gelebt! Das war irgendwie wie eine Reinkarnation oder ewige Wiederkehr.</p><p>Inmitten dieses Gef�hls gab es einen kleinen Hoffnungskern. Damals in jenem ersten Gef�hl des Entgleitens hatte sie ein neues Leben begonnen. Ja, sie war nach Odessa umgezogen und hatte der Revolution ihren Stempel eingedr�ckt, indem sie ihr durch harte Arbeit zum Erfolg verhalf und mit vielen Gedanken dar�ber, warum die Menschen die Ver�nderung f�rdern sollten und wie man Ver�nderungen machen k�nnte ohne die bitteren R�ckschl�ge zu erleben. Dies war vielleicht schon Jahrzehnte her, schien aber immer wieder auf einen revolution�ren Erfolg zur�ckzuschlagen, der das vernichtete, was daran gut war. Und es sah so aus, als h�tte sie diese Bitternis wirklich vermeiden k�nnen.</p><p>Zumindest bis jetzt. Vielleicht w�re das der beste Weg, um zu durchschauen, was sich bei dieser Wahl abspielte. Irgendein unvermeidlicher R�ckschlag. Vielleicht hatte sie nicht so viel Erfolg gehabt, wie sie dachte. Vielleicht hatte sie nur weniger drastisch versagt als Arkadij oder John oder Frank. Wer konnte da sicher sein? Es war so schwer zu sagen, was in der Geschichte wirklich geschah. Das war zu weit und zu unfertig. Es geschah �berall so viel, da� alles m�gliche an beliebiger Stelle passieren konnte. Kooperativen, Republiken, Feudalmonarchien... ohne Zweifel gab es da drau�en im Hinterland orientalische Satrapien, �berbleibsel gescheiterter Karawanen... so da� jede Charakterisierung, die man in der Geschichte machen konnte, irgendwo G�ltigkeit haben mochte. Die Sache, mit der sie jetzt besch�ftigt war, die jungen Siedlungen, die nach Wasser verlangten, sich aus dem Netz zur�ckzogen und �u�ere UNTA-Kontrolle forderten, nein, das war es nicht... etwas anderes...</p><p>Aber als sie an der T�r der Praxiswohnung stand, konnte sie sich nicht erinnern, was es war. Sie und Diana w�rden am n�chsten Morgen einen Zug nach S�den nehmen um die s�d�stliche Biegung von Hellas herum, um Zea Dorsa zu besuchen und den Lavatunnel, den sie zu einem Aqu�dukt umfunktioniert hatten. Nein. Sie war hier, weil...</p><p>Es fiel ihr nicht wieder ein. Es lag ihr auf der Zunge... Deep Waters. Diana. Sie waren gerade damit fertig geworden, Dao Vallis abzufahren, wo auf dem Canyonboden Eingeborene und Immigranten im Tal durch Schaffung einer komplexen Biosph�re unter einer riesigen Kuppel ein landwirtschaftliches Leben begannen. Einige von ihnen sprachen Russisch. Ihr kamen die Tr�nen, als sie das h�rte. Dort�� die Stimme ihrer Mutter, scharf und sarkastisch, wenn sie in dem kleinen K�chenwinkel ihres Apartments Kleider b�gelte und es durchdringend nach Kohl roch.</p><p>Nein. Das war es nicht. Blick nach Westen, wo die See in der tr�ben Luft schimmerte. Wasser hatte die Sand-D�nen von Ost-Hellas �berflutet. Das war mindestens ein Jahrhundert her. Es hatte sein m�ssen. Sie war aus einem anderen Grund da... Dutzende von Schiffen, kleine Punkte in einem Briefmarkenhafen. Dahinter ein Brackwasser. Es wollte ihr nicht einfallen. Ein schreckliches Gef�hl, da� ihr etwas auf der Zunge lag, machte sie benommen, verursachte ihr �belkeit, als ob sie es durch Erbrechen los werden k�nnte. Sie hatte sich auf die Stufe gesetzt. Eine Zungenspitze�� ihr ganzes Leben! Sie st�hnte laut. Ein Paar Kinder, die Kieselsteine nach den M�wen warfen, starrten sie an. Diana. Sie hatte durch Zufall Nirgal kennengelernt, sie hatten zusammen gespeist ... Aber Nirgal war es schlecht geworden. Auf der Erde!</p><p>Und dann kam mit einem physischen Ruck alles wieder, wie ein Schlag auf ihren Solarplexus, als ob eine Welle sie �berrollte. Die Kanalreise, ja nat�rlich, das Tauchen in das �berflutete Burroughs hinein, Jackie, die arme Zo, die verr�ckte N�rrin. Nat�rlich, nat�rlich. Sie hatte es nat�rlich nicht vergessen. Es war jetzt ganz offenbar wieder da. Es war nicht wirklich verschwunden gewesen, nur ein momentaner Ausfall in ihrem Denken, w�hrend ihre Aufmerksamkeit woanders hingewandert war. In ein anderes Leben. Eine starke Erinnerung hatte ihre eigene Integrit�t, barg ihre eigenen Gefahren, genau wie es ein schwaches Ged�chtnis tat. Es war nur ein Ergebnis des Denkens, da� die Vergangenheit interessanter war als die Gegenwart. Was in vieler Hinsicht stimmte. Aber dennoch...</p><p>Immerhin blieb sie lieber noch eine Weile sitzen. Die kleine �belkeit hielt noch an. Und dann war da ein restlicher Druck im Kopf, als ob das scharfe Sto�en mit der Zunge etwas verletzt h�tte. Ja, es war ein �bler Moment gewesen. Schwer abzustreiten, wenn man immer noch das Pulsieren von den verzweifelten St��en der Zunge f�hlen konnte.</p><p>Sie wartete, bis das Ende der D�mmerung die Stadt in tiefdunkles Orange getaucht hatte und dann in eine leuchtende Farbe wie von Licht, das durch eine braune Flasche scheint. Wirklich Hell�s Gate�� das H�llentor. Sie erschauerte, stand auf und ging beklommen die Treppe in den Hafendistrikt hinunter, wo die Restaurants um die Kais helle, von Motten umschw�rmte Kugeln von Kneipenlicht ausstr�mten. Dar�ber ragte die Br�cke wie das Negativ der Milchstra�e auf. Maya ging hinter den Docks zum Seeufer.</p><p>Dort war Jackie. Sie kam auf sie zu. In einiger Entfernung kamen Assistenten hinterher; aber vorn ging blo� Jackie, die sie erst nicht sah, dann aber bemerkte. Bei Mayas Anblick verzog sich bei ihr ein Mundwinkel, nichts weiter; aber es gen�gte, um Maya zu zeigen, da� Jackie�� wieviel?�� neunzig Jahre alt war? Hundert? Sie war sch�n, sie war stark, aber nicht mehr jung. Ereignisse w�rden sie treffen, wie es jedem geschah. Geschichte war eine Welle, die sich schneller durch die Zeit bewegte als ein individuelles Leben, so da� Menschen, die nur siebzig oder achtzig Jahre alt geworden waren, hinter der Welle der Zeit zur�ckgeblieben waren, als sie starben. Und um wieviel mehr jetzt. Kein Surfbrett w�rde sie mit dieser Welle tragen, nicht einmal ein Vogelanzug, um wie ein Pelikan durch die Luft zu gleiten wie Zo. Ah, das war es! Sie erblickte auf Jackies Gesicht den Tod von Zo. Jackie hatte ihr Bestes getan, um ihn zu ignorieren, um ihn an sich ablaufen zu lassen wie eine Ente das Wasser. Aber das hatte nicht geklappt; und jetzt stand sie in Hell�s Gate �ber mit Sternen bedecktem Wasser�� eine alte Frau.</p><p>Maya blieb stehen, schockiert durch diese Vision. Jackie blieb auch stehen. In der Ferne h�rte man das Klappern von Tellern und das laute Gebrabbel von Gespr�chen in den Restaurants. Die beiden Frauen sahen einander an. Maya konnte sich nicht erinnern, da� das jemals zuvor geschehen war. Dieser fundamentale Akt gegenseitigen Erkennens, als ihre Augen sich begegneten. Ja, du bist real, ich bin real. Hier sind wir, wir beide. Gro�e Glasscheiben, die innen zerspringen. Befreit machte Maya kehrt und ging weg.</p><p>Michel fand ein Passagierschiff f�r sie, das �ber Minus One Island nach Odessa fuhr. Die Besatzung sagte ihnen, da� man erwartete, Nirgal w�rde f�r ein Rennen auf der Insel sein; eine Mitteilung, die Maya erfreute. Es war immer gut, Nirgal zu sehen, und diesmal brauchte er auch ihre Hilfe. Und sie wollte Minus One sehen. Als sie zuletzt dort gewesen war, war es noch keine Insel gewesen, sondern nur eine Wetterstation und eine Landebahn auf einem Buckel im Boden des Beckens.</p><p>Ihr Schiff war ein langer niedriger Schoner mit f�nf Mastsegeln wie Vogelfl�gel. Sobald man die Mole verlassen hatte, breiteten die Segel ihre straffen dreieckigen Fl�chen aus und dann, als der Wind von hinten kam, setzte die Mannschaft vorn einen gro�en blauen Spinnaker. Darauf sprang das Schiff in die klaren blauen Wogen und warf bei jedem Sto� in eine ankommende Welle Streifen von Gischt auf. Nach der Beengung durch die schwarzen W�nde des Gro�en Kanals war es ein pr�chtiges Gef�hl, wieder auf hoher See zu sein, mit dem Wind im Gesicht und den vorbeistr�menden Wellen. Das blies ihr alle Verwirrungen von Hell�s Gate aus dem Kopf. Jackie war vergessen, und der vorangegangene Monat kam ihr jetzt wie ein Art b�swilligen Karnevals vor, den sie nie wieder besuchen mu�te. Sie w�rde nie dahin zur�ckkehren. F�r sie gab es die offene See und ein Leben im Wind! �O Michel, das ist f�r mich das Leben!�</p><p>�Es ist doch sch�n, nicht wahr?�</p><p>Und am Ende der Reise w�rden sie sich in Odessa niederlassen, das jetzt eine K�stenstadt war wie Hell�s Gate. Wenn sie dort lebten, konnten sie bei sch�nem Wetter an jedem beliebigen Tage hinaussegeln; und es w�re genau wie jetzt hier�� windig und sonnig. Helle Momente in der Zeit, das Leben in der Gegenwart, das die einzige Realit�t war, die sie hatten. Die Zukunft eine Vision, die Vergangenheit ein Alptraum�� oder umgekehrt. Jedenfalls konnte man nur hier und in diesem Augenblick den Wind f�hlen und die Wellen bestaunen, die gro� und tr�ge dahinrollten. Maya deutete auf eine blaue Bergwand, die in einer langen, unregelm��ig fluktuierenden Linie vorbeiglitt, und Michel lachte laut auf. Sie beobachteten genauer und lachten noch mehr. Seit Jahren hatte Maya nicht so intensiv das Gef�hl gehabt, sich auf einer anderen Welt zu befinden. Diese Wellen verhielten sich einfach nicht richtig. Sie flogen herum, b�umten sich auf und schl�ngelten sich �ber die Oberfl�che weit mehr, als die zugegebenerma�en steife Brise gestatten w�rde. Es sah eigenartig aus. Es war fremdartig. Ah, Mars, Mars, Mars!</p><p>Die See ging auf dem Hellas-Meer immer hoch, wie die Crew ihnen sagte. Das Fehlen von Gezeiten machte keinen Unterschied. Das machte sich besonders bemerkbar, wenn es um Gravitationswellen und die Windst�rke ging. Als Maya das h�rte, w�hrend sie auf die wogende blaue Fl�che schaute, machte ihr Herz die gleichen wilden Spr�nge. Der starke Wind und die niedrige Schwerkraft. Das war der Mars. Das war sie. Sie war eine Marsianerin, eine der ersten Marsianerinnen �berhaupt. Sie hatte dieses Becken zu Anbeginn erforscht, hatte geholfen, es mit Wasser zu f�llen und die H�fen zu bauen und Matrosen hinzubringen. Jetzt segelte sie selbst dar�ber; und wenn sie gar nichts anderes t�te, als dar�ber zu fahren, w�re das schon genug.</p><p>So segelten sie also dahin, und Maya stand am Bugspriet, die Hand an der Reling, um sich festzuhalten, und f�hlte den Wind und die Gischt. Michel kam und stand bei ihr.</p><p>�Es ist so sch�n, wenn man den Kanal verlassen hat�, sagte sie.</p><p>�Das ist wahr.�</p><p>Sie sprachen �ber die Kampagne, und Michel sch�ttelte den Kopf. �Diese Kampagne gegen Einwanderung ist so popul�r.�</p><p>�H�ltst du die Yonsei f�r Rassisten?�</p><p>�Das w�re hart angesichts ihrer Rassenmischung. Ich meine, sie sind grunds�tzlich fremdenfeindlich. Sie sch�tzen die Probleme der Erde gering ein und f�rchten sich, �berrannt zu werden. Darum artikuliert Jackie eine reale Angst, die jeder schon hat. Dazu mu� man kein Rassist sein.�</p><p>�Aber du bist doch ein guter Mensch.�</p><p>Michel stie� die Luft aus. �Nun, das sind die meisten Leute.�</p><p>�Na na!� sagte Maya. Manchmal war Michels Optimismus zu viel. �Ob Rassist oder nicht, es stinkt. Die Erde da unten schaut auf unsere offene Hand; und wenn wir jetzt die T�r vor ihnen verschlie�en, k�nnten sie kommen, um sie aufzubrechen. Die Leute denken, da� das nie geschehen k�nnte; aber wenn die Terraner verzweifelt genug sind, dann werden sie eben Menschen herbringen und landen. Und wenn wir sie aufzuhalten suchen, werden sie sich hier verteidigen, und prompt haben wir einen Krieg. Und zwar hier auf dem Mars, nicht auf der Erde oder sonstwo im Weltraum, sondern auf dem Mars. Das k�nnte passieren. Du kannst die Drohung daran erkennen, wie die Leute in den UN uns zu warnen suchen. Aber Jackie h�rt nicht hin. Ihr ist es gleich. Sie sch�rt die Fremdenfeindlichkeit zu ihren eigenen Zwecken.�</p><p>Michel sah sie an. O ja. Man h�tte annahmen k�nnen, da� ihr Ha� auf Jackie verflogen sei, aber das war eine Gewohnheit, mit der offenbar schwer zu brechen war. Sie wischte alles beiseite, was sie gesagt hatte, all das b�swillige halluzinatorische Politisieren auf dem Gro�en Kanal. �Vielleicht sind ihre Motive gut�, sagte sie und versuchte, es zu glauben. �Vielleicht will sie nur das Beste f�r den Mars. Aber sie ist trotzdem im Unrecht, und man mu� ihr Einhalt gebieten.�</p><p>�Das s�he ihr nicht �hnlich.�</p><p>�Ich wei�, ich wei�. Wir m�ssen dar�ber nachdenken, was sie tun k�nnte. Aber schau, la� uns nicht weiter dar�ber sprechen. La� uns Ausschau halten, ob wir die Insel nicht noch vor der Crew sichten.�</p><empty-line/><p>Zwei Tage sp�ter gelang es ihnen. Und als sie sich Minus One n�herten, freute sich Maya zu sehen, da� die Insel durchaus nicht im Stil des Gro�en Kanals angelegt war. Oh, da gab es wei�get�nchte kleine Fischerd�rfer am Wasser, aber diese sahen von Hand gefertigt und nicht elektrifiziert aus. Und �ber ihnen auf den Klippen standen Haine mit Teeh�usern, kleine D�rfer schwebten in der Luft. Wilde Tiere und Fischervolk bewohnten die Insel, wie ihnen die Matrosen sagten. Das Land war auf den H�hen unfruchtbar, aber gr�n von Feldern in den T�lern. Umbrafarbene Sandsteinh�gel ragten ins Meer und wechselten sich mit kleinen Buchten ab, alle leer bis auf D�nengras, das im Wind wogte.</p><p>�Es sieht so leer aus�, bemerkte Maya,als sie um die Nordspitze und die Westk�ste hinab segelten. �Auf der Erde sehen sie die Videos davon. Darum wollen sie nicht, da� wir die T�r zuschlagen.�</p><p>�Ja�, sagte Michel. �Aber schau, wie die Leute hier ihre Bev�lkerung b�ndeln. Die von Dorsa Brevia haben das Muster von Kreta mitgebracht. Jeder wohnt in den D�rfern und geht aufs Land hinaus, um es tags�ber zu bearbeiten. Was leer aussieht, wird schon genutzt, um diese kleinen D�rfer zu erhalten.�</p><p>Es gab keinen richtigen Hafen. Sie fuhren in eine seichte Bucht unterhalb eines kleinen wei�get�nchten Fischerdorfs und lie�en den Anker fallen, der in zehn Metern Tiefe auf dem sandigen Boden sichtbar blieb. Sie gingen mit dem Beiboot des Schoners an Land und kamen an einigen gro�en Schaluppen und etlichen Fischerbooten vorbei, die n�her am Strand ankerten.</p><p>Hinter dem Dorf, das fast verlassen war, f�hrte sie ein gewundenes Trockental in die Berge hinauf. Als das Tal in einem geschlossenen Canyon endete, f�hrte sie ein Pfad im Zickzack nach oben auf das Plateau. Auf diesem rauhen Hochmoor, mit Blick rundum auf die See, waren vor langer Zeit Eichenhaine angepflanzt worden. Jetzt waren einige B�ume mit Gehsteigen und Treppen und kleinen h�lzernen H�tten hoch in den �sten versehen worden. Diese Baumh�user erinnerten Maya an Zygote, und sie war keineswegs �berrascht zu erfahren, da� unter den prominenten B�rgern der Insel einige Ektogene von Zygote waren: Rachel, Tiu, Simud, Emily�� sie alle waren gekommen, um hier zu horsten, und hatten geholfen, einen Lebensstil einzuf�hren, auf den Hiroko sicher stolz gewesen w�re. In der Tat gab es welche, die sagten, da� die Inselbewohner Hiroko und die verlorenen Kolonisten in einem entlegeneren Eichenhain versteckt und ihnen ein Areal gegeben h�tten, wo sie sich ohne Furcht vor Entdeckung bewegen konnten.</p><p>Als Maya sich umschaute, fand sie das durchaus plausibel. Es war ebenso sinnvoll wie jedes andere Ger�cht �ber Hiroko, und mehr als die meisten. Aber es gab keinen Weg, es herauszufinden. Aber das spielte auch keine Rolle: Hiroko war entschlossen, sich zu verstecken, wie sie es schon immer gewesen sein mu�te. Darum lohnte es sich nicht, deswegen beunruhigt zu sein. Warum sich jemand darum k�mmerte, lag Maya fern. Das war nichts Neues. Alles, was jetzt mit Hiroko zu tun hatte, hatte sie stets verschm�ht.</p><p>Das n�rdliche Ende der Insel Minus One war weniger gebirgig als der Rest; und als sie auf diese Ebene hinunterkamen, sahen sie die meisten konventionellen Geb�ude der Insel zusammengedr�ngt. Sie waren den Olympischen Spielen der Insel gewidmet, und sahen bewu�t griechisch aus. Stadium, Amphitheater, ein heiliger Hain von hochragenden Sequoien und drau�en auf einer Erhebung �ber der See ein kleiner Tempel mit S�ulen aus einem wei�en Stein, der nicht Marmor war, aber aussah wie Alabaster oder mit Diamanten �berzogenes Salz. Oben auf den H�geln waren zeitweilig Jurtencamps errichtet. Mehrere tausend Menschen schw�rmten in dieser Szene umher. Offenbar ein Teil der Inselbev�lkerung und eine betr�chtliche Anzahl von Besuchern aus dem ganzen HellasBecken. Die Spiele waren noch immer ausschlie�lich eine Sache von Hellas. Deshalb waren sie �berrascht, Sax im Stadion zu finden, wie er half, die Messungen f�r die Wurf�bungen zu machen. Er nahm sie in den Arm und nickte etwas zerstreut. �Heute wirft Annarita den Diskus�, sagte er. �Es d�rfte gut werden.�</p><p>Und so leisteten Maya und Michel Sax dabei Gesellschaft und verga�en alles, was �ber den gegenw�rtigen Tag hinausging. Sie standen auf dem inneren Feld und kamen so dicht an die Ereignisse heran, wie sie w�nschten. Der Stabhochsprung war Mayas Lieblingssport; er begeisterte sie. Mehr als alles andere illustrierte er ihr die M�glichkeiten der geringen Marsschwere. Obwohl es gewi� allerhand Technik erforderte, daraus Nutzen zu ziehen. Der h�pfende, aber kontrollierte Anlauf, das genaue Aufsetzen des extrem langen Stabes beim Vorw�rtssprung, der Sprung selbst, der Zug, die W�lbung, wenn die F��e zum Himmel wiesen; dann der katapultierte Flug in den Raum mit umgedrehtem K�rper, wenn der Springer �ber den biegsamen Stab hinausscho�, und hinauf, hinauf. Danach die saubere Drehung �ber der Stange (oder nicht) und der lange Fall auf ein Luft-Gel-Kissen. Der Marsrekord war 14 Meter; und der jetzt springende Mann, schon Tagesgewinner, versuchte es mit 15, versagte aber. Als er auf dem Kissen landete, bemerkte Maya, wie gro� er war, mit kr�ftigen Schultern und Armen, aber sonst schlank bis zur Magerkeit. Die weiblichen Springer warteten, bis sie an der Reihe waren, sahen aber fast genauso aus.</p><p>So war das bei allen Wettk�mpfen. Alle Sportler waren gro� und hatten feste Muskeln, die neue Spezies, dachte Maya, die sich selbst klein, schwach und alt vorkam. <emphasis>Homo martialis.</emphasis> Zum Gl�ck hatte sie starke Knochen und hielt sich gut, sonst h�tte sie sich gesch�mt, unter solchen Kreaturen zu wandeln. Sie war sich ihrer herausfordernden Anmut nicht bewu�t, als die zusah, wie die ihnen von Sax bezeichnete Diskuswerferin sich in einem beschleunigenden Schwung drehte, so da� die Scheibe davonscho�, als ob sie von einer Tontaubenmaschine geschleudert w�rde. Diese Annarita war sehr gro�, mit langem Rumpf und breiten, geschmeidigen Schultern und h�bschen, durch einen Einteiler zusammengedr�ckten Br�sten. Besonders ins Auge fiel der volle starke Hintern �ber kr�ftigen langen Schenkeln. Ja, wirklich eine Sch�nheit unter Sch�nheiten. Und so stark, obwohl klar war, da� die Geschwindigkeit ihrer Drehung den Diskus so weit schleuderte. Michel rief l�chelnd: �Einhundertachtzig Meter! Welche Freude f�r Sie.�</p><p>Und die Frau war zufrieden. Sie alle strengten sich im Moment des Wettkampfes intensiv an und standen dann herum, versuchten, sich und ihre Muskeln zu entspannen und scherzten miteinander. Es gab keine Offiziellen und keinen Anschreibeblock, sondern nur Helfer wie Sax. Leute wechselten sich bei Wettk�mpfen, an denen sie nicht selbst teilnahmen, ab. Die L�ufe wurden mit einem lauten Knall gestartet. Die Zeiten wurden von Hand gestoppt, ausgerufen und auf einem Bildschirm angezeigt. Kugelsto�en sah gewichtig aus und war schwierig. Speere flogen ewig. Hochspringer konnten es zu Mayas und Michels �berraschung nur auf knapp �ber vier Meter bringen. Weitspringer schafften zwanzig Meter. Es war ein h�chst erstaunlicher Anblick, wenn die Springer ihre Glieder durch einen Sprung schleuderten, der vier oder f�nf Sekunden dauerte und sie �ber einen gro�en Teil des Feldes hinwegtrug.</p><p>Am sp�ten Nachmittag wurde gesprintet. Wie bei den anderen Wettk�mpfen starteten M�nner und Frauen gemeinsam und trugen alle Einteiler. �Ich frage mich, ob bei diesen Leuten der sexuelle Dimorphismus vermindert ist�, sagte Sax, als er eine Gruppe beim Aufw�rmen beobachtete. �F�r sie ist alles so viel weniger nach Geschlechtern getrennt. Sie verrichten die gleiche Arbeit, die Frauen werden nur einmal in ihrem Leben oder nie schwanger, sie �ben die gleichen Sportarten aus. Sie entwickeln die gleichen Muskeln ...�</p><p>Maya glaubte fest an die Realit�t der neuen Spezies, spottete aber �ber diesen Begriff: �Warum beobachtest du dann immer die Frauen?�</p><p>Michel grinste. �Oh, ich kann den Unterschied schon erkennen, aber ich komme ja auch von der alten Spezies. Ich frage mich nur, ob sie das k�nnen.�</p><p>Maya lachte laut. �Na na! Ich meine, schau es dir doch an!� Sie zeigte hin. �Proportionen, Gesichter...�</p><p>�Na ja. Aber wei�t du, es ist doch nicht dasselbe. Bardot und Atlas, wenn du verstehst, was ich meine.�</p><p>�O ja. Aber diese Menschen sind sch�ner.�</p><p>Michel nickte. Es war so, wie er von Anfang an gesagt hatte, dachte Maya. Auf dem Mars w�rde es schlie�lich klar werden, da� sie alle kleine G�tter und G�ttinnen waren und das Leben in hehrem Frohsinn verbringen w�rden... Aber das Geschlecht blieb auf den ersten Blick deutlich. Obwohl auch sie von der alten Spezies kam. Vielleicht lag es gerade an ihr. Aber dieser L�ufer da dr�ben... ah! Eine Frau, aber mit kurzen, kr�ftigen Beinen, schmalen H�ften und flachem Brustkasten. Und die neben ihr? Auch weiblich�� nein, m�nnlich! Ein Hochspringer, so grazi�s wie ein T�nzer, obwohl alle Hochspringer Schwierigkeiten hatten. Sax murmelte etwas �ber Pflanzen. Dennoch, selbst wenn einige von ihnen ein bi�chen androgyn waren, war das Geschlecht bei den meisten �blicherweise sofort zu erkennen.</p><p>�Du verstehst, was ich meine�, sagte Michel, dem ihr Schweigen auffiel. -�</p><p>�Irgendwie schon. Aber ich frage mich, ob diese jungen Leute dar�ber wirklich anders denken. Wenn sie mit der Patriarchie Schlu� gemacht haben, mu� es notwendigerweise ein neues Gleichgewicht unter den Geschlechtern geben... �</p><p>�Das ist sicher das, was die von Dorsa Brevia behaupten.�</p><p>�Und ein neues kollektives Unbewu�tes.�</p><p>�Ja, das nehme ich an. Und darum k�nnen die Neuank�mmlinge nicht mitkommen. Sie dr�ngen sich in Immigrantenghettos oder ganzen neuen St�dten zusammen, halten ihre Traditionen und Verbindungen mit daheim aufrecht und hassen hier alles. Die ganze Fremdenfeindlichkeit und Misogynie bricht in diesen alten Kulturen wieder aus und richtet sich gegen ihre eigenen Frauen und die eingeborenen M�dchen.� Sie hatte von Problemen in den St�dten geh�rt, in Sheffield und �ber ganz Ost-Tharsis. Manchmal wurden junge eingeborene Frauen grausam von �berraschten eingewanderten Angreifern verpr�gelt. Manchmal ereignete sich das Gegenteil. �Und den jungen Eingeborenen gef�llt das nicht. Ihnen kommt es so vor, als lie�en sie Monster in ihre Mitte.�</p><p>Michel machte eine Grimasse. �Die terranischen Kulturen waren in ihrem Kern alle neurotisch; und wenn das Neurotische mit dem Gesunden konfrontiert wird, wird es gew�hnlich noch neurotischer. Und der Gesunde wei� nicht, was er tun soll.�</p><p>�Darum dr�ngen sie auf die Einstellung der Immigration. Und setzen uns dem Risiko eines neuen Krieges aus.�</p><p>Aber Michel war durch den Beginn eines neuen Rennens abgelenkt. Die L�ufe waren schnell, kamen aber trotz des Schwereunterschieds nirgends an das Zweieinhalbfache des terranischen Wertes heran. Es war dasselbe Problem wie mit den Positionen beim Hochsprung, setzte sich aber durch das ganze Rennen fort. Die L�ufer starteten mit einer solchen Beschleunigung, da� sie stark geb�ckt bleiben mu�ten, um nicht zu hoch von der Bahn wegzuspringen. Beim Sprinten waren sie immer weit nach vorn gebeugt, als ob sie verzweifelt versuchten, nicht auf ihre Gesichter zu fallen, und ihre Beine pumpten wie wild. Bei l�ngeren Strecken richteten sie sich gegen Schlu� auf und ruderten in der Luft, als ob sie nach vorn schwimmen w�rden. Ihre Z�ge wurden immer l�nger, bis sie wie K�nguruhs immer mit einem Bein auf einmal vorw�rts h�pften. Der Anblick erinnerte Maya an Peter und Jackie, die beiden Schnellen von Zygote, die unter der polaren Kuppel am Strand entlang liefen. Sie hatten von sich aus einen �hnlichen Stil entwickelt.</p><p>Unter Einsatz dieser Technik liefen die Gewinner die f�nfzig-Meter-Distanz in 4,4 Sekunden, die hundert Meter in 8,3, die zweihundert in 17,1 und die vierhundert in 37,9. Aber in allen F�llen schienen die durch ihre Geschwindigkeiten geschaffenen Gleichgewichtsprobleme sie an einem vollen Sprint zu hindern, wie Maya sich erinnerte, sie in ihrer Jugend gesehen zu haben.</p><p>Bei den gr��eren Strecken war der Laufstil ein anmutiger springender Schritt, �hnlich dem, was sie seinerzeit in Underhill als den Marstrott bezeichnet hatten, wo sie es ohne viel Erfolg in ihren engen Schutzanz�gen probiert hatten. Jetzt war es wie Fliegen. Eine junge Frau f�hrte fast das ganze Rennen �ber zehntausend Meter und hatte gen�gend Reserven, um gegen Schlu� scharf anzuziehen. Sie beschleunigte w�hrend der ganzen letzten Runde und wurde immer schneller, bis sie wie eine Gazelle nur noch alle paar Meter den Boden ber�hrte und die anderen L�ufer �berrundete, die sich abzuqu�len schienen, w�hrend sie an ihnen vor�berflog. Es war herrlich. Maya br�llte sich heiser. Sie hielt sich an Michels Arm fest, und Tr�nen kamen ihr beim Lachen. Es war so erstaunlich und wundervoll, diese neuen Kreaturen zu sehen; und dennoch war sich keiner von ihnen dessen bewu�t. Keiner!</p><p>Sie sah es gern, wenn Frauen M�nner besiegten, obwohl diese selbst es nicht zu bemerken schienen. Frauen gewannen etwas �fter bei Langstrecken und H�rden, M�nner beim Sprint. Sax sagte, da� Testosteron der Kraft hilfreich w�re, aber schlie�lich zu Kr�mpfen f�hrte und Erfolge �ber gro�e Distanzen verhinderte. Auf jeden Fall kam es bei den meisten Wettbewerben auf die Technik an. Und darum sah man, was man sich w�nschte, dachte sie. Zur�ck auf die Erde�� aber die Leute dort h�tten gelacht, wenn sie einen Satz mit dieser Bemerkung angefangen h�tte. Zur�ck auf die Erde�� na und? Es hatte in der Nestwelt alle Arten bizarren und h��lichen Verhaltens gegeben; warum sollte man sich Sorgen machen, wenn eine H�rde n�her kam und ein anderer L�ufer am Rande des Gesichtsfeldes auftauchte? Fliegen, fliegen! Sie schrie, bis sie heiser war.</p><p>Am Ende des Tages machten die Athleten, die mit ihren Wettk�mpfen fertig waren, einen Weg in das Stadium und rund um die Bahn frei; und ein einzelner L�ufer trabte unter anhaltendem Beifall und wilden Hochrufen herein. Es war Nirgal! Mayas Kehle schmerzte vor Heiserkeit, als sie ihm zurief.</p><p>Die Querfeldeinl�ufer waren an diesem Morgen am S�dende von Minus One gestartet, barfu� und nackt. Sie hatten �ber hundert Kilometer �ber die Zentralmoore von Minus One, ein teuflisches Netz von Schluchten, Gr�ben, Pingos, B�schungen und Steinabst�rzen, zur�ckgelegt. Offenbar war nichts allzu steil, so da� viele verschiedene Routen m�glich waren, was diesen Sport eher zu einem Orientierungswettkampf als einem Lauf machte. Aber auf jeden Fall schwierig. Und um 4 Uhr nachmittags am Ziel zu sein, war wohl eine ph�nomenale Leistung. Die n�chsten L�ufer w�rden erst nach Sonnenuntergang eintreffen, sagten die Leute. Also machte Nirgal eine Ehrenrunde. Er sah hungrig und ersch�pft aus, wie einer Katastrophe entronnen. Endg�ltig angekommen schl�pfte er in seine Hosen, beugte den Kopf f�r den Lorbeerkranz und nahm Hunderte von Umarmungen entgegen.</p><p>Maya war dabei die letzte, und Nirgal lachte fr�hlich, als er sie sah. Seine Haut war wei� vor getrocknetem Schwei�, seine Lippen verklebt und gesprungen, das Haar staubfarben und die Augen blutunterlaufen. Hager und ausgemergelt. Er trank Wasser aus einer Flasche, leerte sie und lehnte eine zweite ab. �Danke, ich bin nicht so dehydriert. Ich habe hier bei Jiri Ki ein Reservoir gefunden.�</p><p>�Welchen Weg hast du denn genommen?� fragte jemand.</p><p>�Frag nicht!� sagte er lachend, als ob es zu schlimm w�re, ein offenes Gest�ndnis abzulegen. Sp�ter erfuhr Maya, da� die Routen der Leute nicht beobachtet, nicht beschrieben und wie ein Geheimnis bewahrt wurden. Die Rennen querfeldein waren bei einer gewissen Gruppe beliebt, und Nirgal war ihr Champion, wie Maya wu�te, besonders bei den gro�en Distanzen. Die Leute sprachen von seinen Routen, als ob Teleportation im Spiel w�re. Es war f�r ihn ein gutes Rennen gewesen, darum war er besonders stolz.</p><p>Er ging zu einer Bank und setzte sich. �La�t mir ein bi�chen Zeit zur Besinnung�, sagte er und beobachtete mit erregter und froher Miene die letzten Sprints. Maya setzte sich in seine N�he und starrte ihn an. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen. Er hatte die l�ngste Zeit als Mitglied einer wilden Kooperative von Farmern und Sammlern auf dem Land gelebt. Das war ein Leben, das Maya sich kaum vorstellen konnte. Darum sah sie Nirgal wie in Gefangenschaft, verbannt auf eine Unterwelt im Hinterland, wo er wie eine Ratte oder Pflanze �berlebte. Aber hier war er nun, ersch�pft, aber jubelnd beim Finish eines Vierhundertmeterlaufes. Genau der vitale Nirgal, an den sie sich von jener Tour durch Hell�s Gate vor so langer Zeit erinnerte�� herrliche Jahre f�r ihn wie f�r sie. Aber wenn sie ihn anschaute, kam es ihr unwahrscheinlich vor, da� er �ber die Vergangenheit genau so dachte wie sie. Sie f�hlte sich im Banne ihrer Vergangenheit und Geschichte. Aber in seiner Befriedigung lag jetzt etwas anderes als Geschichte. Seine Bestimmung war immer noch da, aber nur, wie ein altes Buch beiseite geschoben; jetzt war er leibhaftig hier, in diesem Augenblick. Er lachte in die Sonne, nachdem er eine ganze Meute wilder junger Tiere in ihrem eigenen Spiel geschlagen hatte, nur durch seine Intelligenz und sein Gef�hl f�r den Mars, seine <emphasis>lung-gom-pa-Tech</emphasis>nik und seine kr�ftigen Beine. Er war immer ein L�ufer gewesen. Sie sah im Geiste, als ob es gestern gewesen w�re, wie er hinter Peter her �ber den Strand sauste. Die anderen zwei waren schneller gewesen; aber er hatte jeden Tag Runde um Runde um den kleinen See gedreht, ohne da� jemand sagen konnte, warum. �O Nirgal!� Sie beugte sich vor, k��te sein staubiges Haar und f�hlte, wie er sie an sich zog. Sie lachte und sah ringsum all die sch�nen Riesen auf dem Platz, die Athleten, r�tlich im Sonnenuntergang und f�hlte, wie wieder Leben in sie einstr�mte. Nirgal war dazu imstande, es ihr einzufl��en.</p><empty-line/><p>Aber sp�ter an diesem Abend, nach einem Bankett unter freiem Himmel in der k�hlen Abendluft, nahm sie Nirgal beiseite und erz�hlte ihm alle ihre Bef�rchtungen wegen des j�ngsten Konfliktes zwischen Erde und Mars. Michel war fort und sprach mit Leuten. Sax sa� ihnen gegen�ber auf der Bank und h�rte schweigend zu.</p><p>�Jackie und die F�hrung des Freien Mars bef�rworten eine harte Linie, aber das wird nicht funktionieren. Die Terraner werden sich nicht aufhalten lassen. Es k�nnte zum Krieg kommen, sage ich dir, zum Krieg!�</p><p>Nirgal schaute sie an. Er nahm sie immer noch ernst�� Gott segne seine edle Seele!�� und Maya legte den Arm um ihn, als w�re er ihr eigener Sohn und dr�ckte ihn ganz fest.</p><p>�Was meinst du, das wir tun sollten?� fragte er.</p><p>�Wir m�ssen den Mars offen halten. Wir m�ssen daf�r k�mpfen, und du mu�t dabei mitmachen. Wir brauchen dich mehr als sonst jemanden. Du warst derjenige, der bei unserem Besuch auf der Erde den st�rksten Eindruck gemacht hat. Im Grunde bist du wegen jenes Besuches der wichtigste Marsianer in der terranischen Geschichte. Sie schreiben immer noch B�cher und Artikel �ber das, was du tust. Wu�test du das? In Nordamerika und Australien kommt eine wilde Bewegung auf und w�chst �berall. Die Leute der Schildkr�teninsel haben den amerikanischen Westen fast v�llig reorganisiert. Er besteht jetzt aus Dutzenden wilder Kooperativen. Die h�ren auf dich. Und hier ist es dasselbe. Ich tue schon, was ich kann. Wir haben gerade bei der Wahlkampagne auf der ganzen L�nge des Gro�en Kanals gegen sie gek�mpft. Und ich habe versucht, Jackie ein bi�chen zu widersprechen. Ich denke, das hat etwas gewirkt. Aber die Sache ist gr��er als Jackie. Sie ist nach Irishka gegangen; und nat�rlich ist es f�r die Roten sinnvoll, sich der Einwanderung zu widersetzen. Sie denken, das wird helfen, ihre kostbaren Steine zu sch�tzen. Darum k�nnen sich der Freie Mars und die Roten zun�chst im gleichen Lager befinden. Sie werden sehr schwer zu schlagen sein. Aber wenn sie nicht... �</p><p>Nirgal nickte. Er hatte verstanden, worauf es ihr ankam. Sie h�tte ihn k�ssen m�gen. Sie nahm ihn fest bei den Schultern, beugte sich vor, k��te ihn auf die Wange und t�tschelte seinen Hals. �Nirgal, ich liebe dich.�</p><p>�Ich liebe dich auch�, sagte er mit leichtem Lachen und sah etwas �berrascht aus. �Aber schau, ich will nicht in einen politischen Streit verwickelt werden. Nein, h�r zu. Auch ich halte das f�r wichtig und bin daf�r, da� wir den Mars offenhalten und der Erde aus dem Bev�lkerungsanstieg heraushelfen sollten. Das habe ich immer gesagt, und das habe ich ihnen gesagt, als wir dort waren. Aber ich will nicht in die politischen Institutionen hinein. Das kann ich nicht. Ich werde meinen Beitrag leisten, wie ich es vorher getan habe, verstehst du? Ich komme sehr viel herum, ich sehe viele Leute. Ich werde zu denen sprechen. Ich werde auch wieder auf Versammlungen reden. Auf dieser Ebene werde ich tun, was ich kann.�</p><p>Maya nickte. �Nirgal, das w�re gro�artig. Das ist das Niveau, das wir unbedingt erreichen m�ssen.�</p><p>Sax r�usperte sich. �Nirgal, hast du je die Mathematikerin Bao getroffen?�</p><p>�Nein, ich denke nicht.�</p><p>�Ah!�</p><p>Sax versank wieder in seine Tr�umerei. Maya redete eine Weile �ber die Probleme, die sie und Michel an diesem Tag er�rtert hatten. Da� Immigration wie eine Zeitmaschine wirkte, die kleine Inseln der Vergangenheit in die Gegenwart heraufholt. �Das war auch Johns Sorge, und jetzt geschieht es.�</p><p>Nirgal nickte. �Wir m�ssen an die Areophanie glauben. Und an die Verfassung. Die Menschen m�ssen danach leben, wenn sie erst einmal hier sind. Die Regierung sollte darauf bestehen.�</p><p>�Ja. Aber das Volk, die Eingeborenen, meine ich... �</p><p>�Ein Art von assimilationistischer Ethik. Wir m�ssen alle hineinziehen.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Okay, Maya. Ich werde sehen, was ich tun kann.� Er l�chelte ihr zu und fiel dann j�h in Schlaf, direkt vor ihren Augen. �Vielleicht k�nnen wir es noch einmal schaffen, he?�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Ich mu� mich hinlegen. Gute Nacht! Ich liebe dich.�</p><empty-line/><p>Von Minus One fuhren sie nach Nordwesten, und die Insel glitt unter den Horizont wie ein Traum vom alten Griechenland, und sie waren wieder auf hoher See mit ihren breiten tr�gen Wogen. Scharfe Monsunwinde wehten w�hrend ihrer ganzen Reise von Nordosten und rissen Schaumkronen ab, die das dunkelpurpurne Wasser noch dunkler erscheinen lie�en. Wind und Wasser br�llten unabl�ssig. Man konnte sich nur mit M�he verst�ndigen und mu�te st�ndig schreien. Die Crew verzichtete v�llig aufs Sprechen und setzte soviel Segel wie m�glich, wobei sie den Schiffscomputer zwangen, sich mit ihrem Enthusiasmus abzufinden. Die Mastsegel streckten oder refften sich bei jedem Windsto� wie Vogelfl�gel, so da� der Wind eine visuelle Komponente hatte, die zu den unsichtbaren Bewegungen von Mayas angesto�ener Haut pa�te. Sie stand am Bug, blickte nach oben und unten, und nahm alles in sich auf.</p><p>Am dritten Tag blies der Wind noch sch�rfer, und das Schiff kam ins Gleiten. Der Rumpf hob sich bis auf einen kleinen Abschnitt am Heck hoch und schl�pfte �ber das Wasser. Dabei warf er viel mehr Gischt auf, als da� man sich an Deck h�tte aufhalten k�nnen. Maya zog sich in die erste Kabine zur�ck, wo sie aus den Bugfenstern blicken und dem Schauspiel beiwohnen konnte. Eine solche Geschwindigkeit! Gelegentlich kamen Mitglieder der Besatzung klatschna� herein, um Luft zu schnappen und etwas Java zu trinken. Einer von ihnen sagte Maya, da� sie ihren Kurs �nderten, um den Hellas-Strom zu ber�cksichtigen. �Dieses Meer bietet das gr��te Beispiel f�r die Corioliskraft beim Entleeren einer Badewanne. Es ist rund, und in den Breiten, wo Monsume das Wasser in die gleiche Richtung dr�cken wie die Corioliskraft, wirbelt es um die Insel Minus One wie ein gewaltiger Strudel. Wir m�ssen das rechtzeitig ber�cksichtigen, sonst landen wir direkt bei Hell�s Gate.�</p><p>Die starken Winde hielten an, und sie flogen dahin, den gr��ten Teil des Tages auf dem Wasser gleitend. Sie brauchten blo� vier Tage, um den Radius des Hellas-Meeres zu durchqueren. Am vierten Nachmittag wurden die Mastsegel eingezogen. Der Rumpf tauchte wieder ins Wasser und schaukelte zwischen den Schaumkronen. Im Norden erschien �ber dem Horizont pl�tzlich Land. Es war der Rand des gro�en Beckens, wie eine Bergkette ohne einen einzigen Gipfel. Ein gewaltiges Bankett, das wie die innere Wand eines Kraters aussah, was es nat�rlich auch war; aber soviel gr��er als jeder visualisierte Krater der Vergangenheit, so da� man kaum die Kr�mmung des Kreises erkennen konnte. Gerade diese Gr��e fand Maya irgendwie beeindruckend sch�n. Und als sie sich dem Land n�herten und nach Westen auf Odessa zu fuhren (ihre Ann�herung an das Land war trotz der Kurskorrektur noch �stlich der Stadt erfolgt), konnte sie, als sie die Falltaue gegen den Wind hochkletterte, den Strand erkennen, den das Meer gebildet hatte. Ein weiter Strand mit von Gras bewachsenen D�nen und hier und da durchtretenden M�ndungen von B�chen. Eine h�bsche K�ste, und nahe dem Randgebiet von Odessa gelegen. Also ein Teil der Sch�nheit Odessas, ein Teil der Stadt.</p><p>Im Westen erhoben sich nun die gezackten Gipfel der Hellespontus Montes �ber die Wellen, fern und klein, ganz anders im Charakter als der glatte Anstieg im Norden. Sie mu�ten also dem Ziel nahe sein. Maya kletterte an den Tauen noch h�her. Und da war es nun, auf dem n�rdlichen Hang. Die obersten Reihen von Parks und Geb�uden, alles gr�n und wei�, t�rkis und terrakotta. Und dann der gro�e Bogen der Stadtmitte, der wie ein riesiges Amphitheater auf die B�hne des Hafens hinabschaute, der �ber dem Horizont auftauchte. Zuerst der Leuchtturm, dann die Statue von Arkadij, dann der Wellenbrecher und die tausend Masten des Hafens und das Gewirr von D�chern und B�umen hinter dem fleckigen Beton der Kaimauer. Odessa.</p><p>Sie eilte die Taue hinunter fast wie ein Mitglied der Mannschaft, dr�ckte ein paar von denen an sich und dann Michel. Sie merkte, wie sie grinste und der Wind �ber sie hin strich. Sie kamen in den Hafen, und die Segel falteten sich in ihre Masten wie Schnecken, die man ber�hrt. Sie tuckerten in einen Landeplatz, gingen eine Gangway hinunter und das Dock entlang, hinauf durch das Hafenviertel und in den Park der Corniche. Und da waren sie nun. Die blaue Stra�enbahn bimmelte noch auf der Stra�e hinter dem Park.</p><p>Maya und Michel gingen Hand in Hand die Corniche entlang und betrachteten die Speisenverk�ufer und kleinen Stra�encafes. Alle Namen wirkten neu, nicht einer war mehr derselbe; aber das war so mit Restaurants. Sie sahen alle ziemlich so aus wie zuvor, und die sich terrassenf�rmig hinter der Meeresfront erhebende Stadt war noch genau so, wie sie sie in Erinnerung hatte. �Hier ist das Odeon, dort der Sinter... �</p><p>�Das ist, wo ich f�r Deep Waters gearbeitet habe. Ich m�chte wissen, was sie jetzt alles machen.�</p><p>�Ich denke, die Aufrechterhaltung des Meeresniveaus h�lt eine ganze Menge von ihnen besch�ftigt. Es gibt immer etwas mit dem Wasser zu tun.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>Und dann kamen sie zu dem alten Praxis-Geb�ude. Seine W�nde waren jetzt gr��tenteils von Efeu bedeckt, der wei�e Stuck verf�rbt und die blauen Jalousien verbla�t. Das hatte einiges an Renovierung n�tig, wie Michel bemerkte; aber Maya gefiel es so. Es war alt. Da auf dem dritten Stockwerk erkannte sie ihr altes K�chenfenster und den Balkon und daneben den von Spencer. Spencer selbst war wohl zu Hause.</p><p>Und sie gingen durch das Tor und begr��ten den neuen Pf�rtner. Und Spencer war wirklich irgendwie zu Hause. Er war an diesem Nachmittag gestorben.</p><p>Das h�tte nicht so viel ausmachen sollen. Maya hatte Spencer Jackson seit Jahren nicht gesehen, und auch als er nebenan wohnte, hatte sie ihn nicht n�her kennengelernt. Das hatte niemand. Spencer geh�rte zu denen der Ersten Hundert, die zu verstehen am schwierigsten war, was viel zu sagen hatte. Ein Einzelg�nger, der sein eigenes Leben f�hrte. Er hatte als Teil der Oberfl�chenwelt unter einer angenommenen Identit�t als Spion gelebt, der fast zwanzig Jahre lang f�r die Gestapo in Kasei Vallis gearbeitet hatte, bis zu der Nacht, da die Stadt in die Luft gejagt und sowohl Sax als auch Spencer gerettet wurden. Zwanzig Jahre als jemand anders, mit einer falschen Vergangenheit, und niemandem, mit dem er sprechen konnte. Was konnte da aus jemanden werden? Aber Spencer hatte immer zur�ckgezogen gelebt, privat und selbstgen�gsam. Darum hatte es ihm vielleicht nicht viel ausgemacht. W�hrend ihrer Jahre in Odessa schien er in Ordnung zu sein. Er war nat�rlich stets bei Michel in Behandlung und gelegentlich ein sehr starker Trinker, aber angenehm als Nachbar und ein guter Freund, ruhig, solide und auf seine Weise verl��lich. Und er hatte bestimmt weiter gearbeitet, seine Produktion mit den bogdanovistischen Designern hatte nie nachgelassen, weder w�hrend seines Doppellebens noch danach. Ein gro�er Entwurfsk�nstler. Und seine Federzeichnungen waren sch�n. Aber was mu�ten zwanzig Jahre des Doppellebens jemanden antun? Vielleicht waren alle seine Identit�ten angenommen gewesen. Maya hatte nie dar�ber nachgedacht. Sie konnte sich das nicht vorstellen. Und jetzt, als sie Spencers Sachen in seinem leeren Apartment packte, wunderte sie sich, da� sie nie zuvor wenigstens versucht hatte zu erfahren, wie Spencer es geschafft hatte, so zu leben, da� er bei niemandem Argwohn erregte. Das war eine sehr merkw�rdige Leistung. Weinend sagte sie zu Michel: �Man mu� sich �ber jeden wundern!�</p><p>In den n�chsten Tagen kamen erstaunlich viele G�ste zu seiner Trauerfeier. Sax, Nadia, Mikhail, Zeyk und Nazik, Roald, Cojote, Mary, Ursula, Marina und Vlad, J�rgen und Sibilla, Steve und Marion, George und Edvard, Samantha�� es war wie eine Zusammenkunft der restlichen Hundert und befreundeter Issei. Und Maya blickte rundum in alle die vertrauten alten Gesichter und machte sich traurigen Herzens klar, da� dieses Zusammentreffen wohl f�r lange Zeit das letzte sein w�rde. Von der ganzen Welt kamen immer weniger zusammen, bis eines Tages einer von ihnen einen Anruf bekommen und erkennen w�rde, da� sie die letzten waren, die es noch gab. Ein schreckliches Schicksal. Aber nicht eines, das Maya zu erleiden gedachte. Sie w�rde sicher vorher sterben. Der schnelle Verfall w�rde sie ereilen oder sonst etwas. Sie w�rde sich, wenn es sein mu�te, vor einen Omnibus werfen. Alles, nur um einem solchen Schicksal zu entgehen. Na ja�� nicht gerade alles. Vor einen Bus zu springen, w�re zu feige und zu mutig auf einmal. Sie erwartete sicher, da� sie sterben w�rde, ehe es zu so etwas k�me. Ah, nur keine Angst. Man konnte darauf vertrauen, da� der Tod erscheinen w�rde. Ohne Zweifel, noch ehe sie es w�nschte. Vielleicht w�re es gar nicht so schlimm, der oder die letzte �berlebende der Ersten Hundert zu sein. Neue Freunde, ein neues Leben�� war das nicht, wonach sie jetzt suchte? So da� diese traurigen alten Gesichter f�r sie nur ein Hindernis w�ren.</p><p>Sie hielt grimmig bei dem kurzen Gedenkgottesdienst und den schnellen Lobpreisungen durch. Die Sprecher schienen nicht genau zu wissen, was sie sagen sollten. Von Da Vinci war eine ganze Anzahl von Ingenieuren gekommen, Spencers Kollegen aus seinen Jahren als Designer. Seltsam, da� so viele Leute ihn gern gehabt hatten, da� auch sie selbst ihn gemocht hatte. Merkw�rdig, da� ein so versteckt lebender Mensch eine solche Reaktion bewirken konnte. Vielleicht hatten sie alle etwas in seine Unbeschriebenheit projiziert, sich ihren eigenen Spencer gemacht und als Teil ihrer selbst gelobt. Das taten sowieso alle. So war das Leben.</p><p>Aber jetzt war er von ihnen gegangen. Sie schlenderten zum Hafen hinunter, und die Ingenieure lie�en einen Heliumballon los. Als er hundert Meter H�he erreicht hatte, rieselte Spencers Asche langsam heraus. Ein Teil des Dunstes, des Himmelsblaus, des abendlichen Messingschimmers.</p><p>In den folgenden Tagen zerstreute sich die Menge, und Maya unternahm Spazierg�nge durch Odessa, schnupperte in L�den f�r Gebrauchtm�bel und sa� an der Corniche auf den B�nken, um die Sonne �ber das Wasser h�pfen zu sehen. Es war herrlich, wieder in Odessa zu sein; aber sie f�hlte den Schauer von Spencers Tod viel st�rker, als sie erwartet h�tte. Er warf eine dunkle Wolke selbst �ber die Sch�nheit dieser wundervollen Stadt. Er erinnerte sie daran, da� sie, indem sie hierher zur�ckgekehrt und in das alte Haus eingezogen waren, das Unm�gliche versuchten. Sie wollten wieder in die Vergangenheit eintauchen und das Fortschreiten der Zeit leugnen. Hoffnungslos. Alles ging vorbei. Alles, was sie taten, taten sie das letzte Mal und w�rden es nie wieder tun. Gewohnheiten waren solche L�gen, die einen in die Stimmung einlullten, da� man glaubte, es m��te etwas Bleibendes geben, aber in Wirklichkeit war nichts von Dauer. Dies war das letzte Mal, da� sie je auf dieser Bank sitzen w�rde. Wenn sie morgen zur Corniche ging und sich auf die gleiche Bank setzte, w�re es wiederum das letzte Mal, und es w�rde nichts Bleibendes daran sein. Das letzte Mal nach dem letzten Mal�� so w�rde es immer und immer weitergehen. Immer ein letzter Moment nach dem letzten. Endg�ltigkeit reihte sich an Endg�ltigkeit in nahtlos endloser Folge. Sie konnte das nicht richtig fassen. Worte konnten es nicht ausdr�cken, Ideen konnten es nicht erfassen. Aber sie f�hlte es wie die Kante einer Wellenfront, die immer nach au�en dr�ngt, oder wie ein best�ndiger Wind in ihrem Geist, der Dinge so rasch dahin jagt, da� man es sich kaum vorstellen und nur schwer nachempfinden kann. Nachts im Bett dachte sie immer wieder, dies w�re f�r diese Nacht das letzte Mal, und sie dr�ckte Michel fest an sich, als k�nnte sie dem Geschehen Einhalt gebieten, wenn sie nur kr�ftig genug dr�ckte. Selbst Michel, selbst die kleine Welt der Zweisamkeit, die sie sich geschaffen hatten... �O Michel�, sagte sie �ngstlich, �es geht so schnell.�</p><p>Er nickte mit gespitzten Lippen. Er versuchte nicht mehr l�nger, sie zu therapieren und zu allem immer das fr�hlichste Gesicht zu machen. Er behandelte sie jetzt auf gleicher Ebene und ihre Launen als eine Art von Wahrheit, die nur ihr zustand. Manchmal fehlte ihr der Trost.</p><p>Aber Michel lieferte keinen Widerspruch und keine hoffnungsvolle Bemerkung. Spencer war sein Freund gewesen. Fr�her, in den Odessa-Jahren, wenn er und Maya sich gestritten hatten, war er manchmal zum Schlafen zu Spencer gegangen und sicher auch, um bis in die sp�te Nacht �ber Gl�sern voll Wiskey zu plaudern. Wenn �berhaupt jemand etwas aus Spencer herausholen konnte, war das Michel gewesen. Jetzt sa� er auf dem Bett und blickte aus dem Fenster, ein m�der alter Mann. Sie zankten sich nie mehr. Maya hatte den Eindruck, da� es ihr irgendwie gut tun k�nnte, wenn sie es t�ten. Die Spinnweben beseitigen, sich wieder aufladen. Aber Michel reagierte auf keine Provokation. Er selbst hatte keine Lust zu streiten und gab ihr auch keine Behandlung mehr. Das wollte er auch um ihretwillen nicht tun. Maya dachte, wenn jemand hereink�me, w�rde er ein Paar sehen, das so alt und verbraucht war, da� sie sich nicht einmal mehr bem�hten, miteinander zu sprechen. Blo� beisammen sa�en, jeder mit seinen Gedanken allein.</p><p>�Nun�, sagte Michel nach sehr langer Zeit, �aber hier sind wir.�</p><p>Maya l�chelte. Diese endlich ge�u�erte hoffnungsvolle Bemerkung bedeutete eine gro�e Anstrengung. Er war ein braver Mann. Und zitierte die ersten auf dem Mars gefallenen Worte. John hatte eine drollige Art gehabt, sich auszudr�cken. �Hier sind wir.� Das war eigentlich bl�de. Und dennoch h�tte er etwas mehr gemeint haben k�nnen als die f�r John typische Aussage. War es mehr gewesen als die gedankenlose �u�erung, die jeder machen k�nnte? �Hier sind wir�, wiederholte sie und wog den Satz auf der Zunge. Auf dem Mars. Erst eine Idee, dann ein Ort. Und jetzt waren sie in einem fast leeren Schlafzimmer, nicht dem, worin sie vorher gewohnt hatten, sondern in einem Eckzimmer mit Blick aus gro�en Fenstern nach S�den und Westen. Die gro�e Kurve von Meer und Gebirge, die Odessa hie�. Nirgendwo sonst. Die alten verputzten W�nde waren fleckig, die h�lzernen Fu�b�den dunkel und blank gescheuert. Es hatte viele Lebensjahre erfordert, die Patina zu erzeugen. Wohnzimmer durch die eine T�r, Gang zur K�che durch die andere. Sie hatten eine Matratze auf einem Gestell, eine Couch, ein paar St�hle und einige noch nicht ge�ffnete Kisten�� ihre Sachen von fr�her, aus dem Speicher geholt. Seltsam, wie ein paar M�belst�cke sich so herumtreiben konnten. Sie f�hlte sich bei ihrem Anblick wohler. Sie w�rden auspacken, die Sachen aufstellen und benutzen, bis sie unsichtbar w�rden. Gewohnheit w�rde wieder die nackte Wirklichkeit der Welt verh�llen. Gott sei Dank daf�r!</p><empty-line/><p>Bald danach wurden die globalen Wahlen abgehalten, und der Freie Mars und eine Schar kleiner Verb�ndeter kehrten mit �berw�ltigender Mehrheit wieder in die globale Regierung zur�ck. Der Sieg war allerdings nicht ganz so gro�, wie man erwartet hatte, und einige Verb�ndete murrten und sahen sich nach besseren Abmachungen um. Mangala strotzte von Ger�chten. Man h�tte Tage am Schirm verbringen k�nnen mit der Lekt�re, die Kolumnisten, Analytiker und Provokateure einspeisten, um die M�glichkeiten und Eventualit�ten zu zerpfl�cken. Mit dem Immigrationsthema auf dem Tisch waren die Risiken h�her als seit Jahren; und das Verhalten von Mangala wie das eines aufgest�rten Ameisenhaufens bewies es. Das Ergebnis der Wahl f�r den n�chsten Exekutivrat war noch sehr zweifelhaft; und es gab Ger�chte, nach denen Jackie sich gegen Herausforderungen innerhalb der Partei zur Wehr setzen mu�te.</p><p>Maya schaltete ihren Schirm ab und dachte scharf nach. Sie rief Athos an, der �berrascht schien, sie zu sehen, und dann rasch h�flich wurde. Er war von den St�dten der Nepenthes-Bucht zum Repr�sentanten gew�hlt worden und arbeitete bei Mangala hart f�r die Gr�nen, die einen recht starken Auftritt gehabt hatten und eine solide Gruppe von Vertretern und viele interessante neue Allianzen besa�en. Maya sagte ihm: �Du solltest f�r den Exekutivrat kandidieren.�</p><p>Jetzt war er wirklich �berrascht. �Ich?�</p><p>�Du.� Maya h�tte ihm am liebsten gesagt, er solle in einen Spiegel schauen und dar�ber nachdenken, bi� sich aber auf die Zunge. �Du hast in der Kampagne den besten Eindruck gemacht, und viele Leute wollen die Politik zugunsten der Erde unterst�tzen und wissen nur nicht, an wen sie sich da halten sollen. Du bist ihre beste Wahl. Du k�nntest sogar mit Mars Zuerst reden und sie aus dem B�ndnis mit dem Freien Mars herausziehen. Versprich ihnen eine ma�volle Haltung und eine Stimme mit einem Berater und weitreichende r�tliche Sympathien!�</p><p>Jetzt sah er verwirrt aus. Er war immer noch mit Jackie arrangiert und kandidierte f�r den Rat. Darum w�rde er auf dieser Front in gro�e Schwierigkeiten geraten. Besonders, wenn er sich auch f�r Mars Zuerst einsetzte. Aber nach Peters Besuch w�rde er sich deswegen vielleicht weniger Sorgen machen, als es w�hrend der hellen N�chte auf dem Kanal gewesen w�ren. Maya lie� ihn dar�ber nachdenken. Man konnte mit diesen Leuten ohnehin nicht so viel anfangen.</p><empty-line/><p>Obwohl sie ihr fr�heres Leben in Odessa nicht wieder aufnehmen mochte, wollte sie doch arbeiten; und jetzt hatte die Hydrologie die Ergonomie (und nat�rlich auch die Politik) als ihr prim�res Fachgebiet ersetzt. Sie interessierte sich f�r den Wasserzyklus im HellasBecken, gespannt zu sehen, wie sich die Arbeit jetzt ver�nderte, da das Becken gef�llt war. Michel hatte seine Praxis und besch�ftigte sich auch mit dem ersten Siedlerprojekt, das man ihm in Rhodos genannt hatte. Sie w�rden etwas zu tun haben, und nachdem sie ausgepackt und das neue Apartment eingerichtet hatten, machte sie sich auf, um nach Deep Waters zu schauen.</p><p>Die alten B�ros waren jetzt ein sehr schickes Apartment an der Seefront. Der Name stand nicht mehr in den Adre�b�chern. Wohl aber Diana, die in einem der gro�en Gruppenh�user in der oberen Stadt wohnte. Sie freute sich, als Maya an ihrer T�r auftauchte, ging gern mit ihr zum Lunch aus und erz�hlte ihr alles �ber die derzeitige Lage in der lokalen Wasserwelt, die immer noch ihr Arbeitsgebiet war.</p><p>�Die meisten Leute von Deep Waters sind direkt in das Institut des Hellas-Meeres umgezogen.� Das war eine interdisziplin�re Gruppe aus Repr�sentanten aller Koops f�r Ackerbau und Wasserstationen rund um das Becken, sowie auch von Fischereien, der Universit�t von Odessa und allen St�dten an der K�ste und allen Siedlungen, die sich h�her an den ausgedehnten Wasserl�ufen des Randgebiets befanden. Die K�stenst�dte insbesondere waren stark an der Stabilisierung des Meeresniveaus knapp �ber der alten Kilometerkontur Minus Eins interessiert, die gerade ein paar Dutzend Meter h�her lag als der derzeitige Spiegel des Nordmeeres. �Sie wollen nicht, da� sich das Meeresniveau auch nur um einen Meter ver�ndert, wenn man es vermeiden kann�, sagte Diana. �Und der Gro�e Kanal ist nutzlos als Abflu�kanal zum Nordmeer, weil die Schleusen Wasser brauchen, das in beide Richtungen flie�t. Darum kommt es darauf an, den Zuflu� aus Reservoiren und Regen unter Ber�cksichtigung des Verlustes durch Verdunstung im Gleichgewicht zu halten. Das ging bis jetzt ganz gut. Der Verdunstungsverlust ist etwas h�her als der Niederschlag im Einzugsgebiet. Darum entnehmen sie den Reservoiren jedes Jahr ein paar Meter. Das wird letztlich ein Problem sein, aber nicht f�r lange; denn es gibt noch eine gute Reserve, und die stocken sie jetzt ein bi�chen auf; vielleicht noch mehr in der Zukunft. Wir hoffen, da� die Niederschl�ge im Laufe der Zeit steigen werden, wie es bisher der Fall gewesen ist. Ich wei� es nicht. Das ist jedenfalls die Hauptsorge, da� die Atmosph�re mehr aufsaugt, als die Reservoire nachliefern k�nnen.�</p><p>�Wird die Atmosph�re nicht schlie�lich mit Wasser ges�ttigt sein?�</p><p>�Vielleicht. Niemand ist sich wirklich sicher, wie feucht sie werden wird. Klimastudien sind ein Witz, wenn du mich fragst. Die globalen Modelle sind einfach zu komplex. Es gibt zu viele unbekannte Variablen. Was wir wissen, ist, da� die Luft noch recht trocken ist, und es sieht so aus, als w�rde sie feuchter werden. So glaubt ein jeder, was ihm gef�llt und geht los, um sich einen Gefallen zu tun. Und die Umwelth�fe verfolgen das alles, so gut sie k�nnen.�</p><p>�Verbieten sie nichts?�</p><p>�O ja, aber nur gro�e W�rmepumpen. Mit dem Kleinzeug geben sie sich nicht ab. Oder sind es wenigstens nicht gewohnt. Seit kurzem werden die H�fe strenger und gehen auch kleinere Probleme an.�</p><p>�Gerade die kleineren Probleme lassen sich am besten kalkulieren, w�rde ich meinen.�</p><p>�Irgendwie schon. Sie tendieren dazu, einander auszubooten. Wie du wei�t, gibt es,eine Menge Roter Projekte zum Schutz der gr��eren H�hen und jeder Stelle im S�den, wo sie es nur k�nnen. Sie haben die verfassungsm��ige H�hengrenze hinter sich gelassen und tragen ihre Beschwerden immer gleich direkt beim Globalen Hof vor. Dort gewinnen sie und ziehen ihre Pl�ne durch. Dann sind alle kleineren Entwicklungsprojekte irgendwie aus dem Gleichgewicht. Das ist ein legaler Alptraum.�</p><p>�Aber es gelingt ihnen doch, die Dinge stabil zu halten.�</p><p>�Nun, ich denke, die gro�en H�hen bekommen etwas mehr Luft und Wasser, als sie sollten. Man mu� wirklich sehr hoch gehen, um davon weg zu kommen.�</p><p>�Du meinst, sie haben die Treibhausgasfabriken verklagt.�</p><p>�Das haben sie. Aber sie haben verloren. Diese GasProjekte werden von jedermann unterst�tzt. Ohne sie w�ren wir in eine Eiszeit geraten und darin verblieben.�</p><p>�Aber eine Verminderung der Emissionsraten... �</p><p>�Ja, ich wei�. Dar�ber wird noch gestritten. Das wird immer weitergehen.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>Inzwischen hatte man sich auf das Niveau des Meeresspiegels von Hellas geeinigt. Das war ein legislativer Akt, und die Bem�hungen rund um das Becken wurden koordiniert, um sicherzustellen, da� das Meer dem Gesetz gehorchte. Die ganze Sache war phantastisch kompliziert, wenn auch im Prinzip einfach. Man ma� den hydrologischen Zyklus mit all. seinen Variationen an Regen und Schnee, der schmolz und in den Boden sickerte �ber die Oberfl�che in B�chen und Fl�ssen lief, hinab in Seen und dann in das Hellas-Meer, wo es im Winter gefror, dann im Sommer verdunstete, um die ganze Runde wieder von vorn zu beginnen... So taten sie mit diesem immensen Zyklus das, was n�tig war, um den Meeresspiegel dieses Ozeans zu stabilisieren, der ungef�hr die Gr��e der Karibik hatte. Wenn es zu viel Wasser gab und sie den Meeresspiegel senken wollten, gab es die M�glichkeit, etwas davon in die leeren Reservoire im Amphitrites-Gebirge nach S�den zu pumpen. Aber dem waren recht enge Grenzen gesetzt, weil die Reservoire aus por�sem Gestein bestanden, das dazu neigte zusammenzubrechen, wenn das Wasser erst entfernt worden war. Darum war es schwer oder unm�glich, sie wieder zu f�llen. Tats�chlich waren solche M�glichkeiten des �berlaufens eines der Hauptprobleme, mit denen das Projekt noch konfrontiert war. Die Balance halten...</p><p>Diese Art von Bem�hung gab es auf dem ganzen Mars. Es war verr�ckt. Aber sie wollten es machen. Diana sprach jetzt �ber die Anstrengungen zur Trockenhaltung des Argyre-Beckens, die auf ihre Art ebenso gro� waren wie die, Hellas zu f�llen. Sie hatten riesige Rohrleitungen gebaut, um Wasser von Argyre nach Hellas zu leiten, wenn es dort ben�tigt wurde, oder andernfalls zu Flu�systemen, die in das Nordmeer f�hrten.</p><p>�Was ist mit dem Nordmeer selbst?� fragte Maya.</p><p>Diana sch�ttelte mit vollem Mund den Kopf. Offenbar war man sich einig, da� das Nordmeer keine Regulierung brauchte, sondern im Grunde stabil war. Man mu�te nur aufpassen und verfolgen, was geschah; und die K�stenst�dte dort w�rden ihre Chance ergreifen. Viele glaubten, da� das Niveau des Nordmeeres schlie�lich ein bi�chen fallen w�rde, wenn Wasser in den Permafrost zur�ckkehrte oder in den Tausenden von Kraterseen im s�dlichen Hochland gefangen w�rde. Erst dann war wieder Niederschlag und der Ablauf ins Nordmeer wichtig. Dieses Thema w�rde sich im s�dlichen Hochland entscheiden, wie Diana sagte. Koops, die Wasserscheiden bauten, zogen noch umher und richteten Drainagen ein, lie�en Wasser in Gebirgsb�che laufen, verst�rkten Flu�betten und r�umten Flugsand aus, der in manchen F�llen unter dem Schotter die Reste von Bachbetten erkennen lie�. Aber zumeist mu�ten ihre neuen Fl�sse auf Lavagestein oder Abbruche der Canyons oder zuf�llige kurze Kan�le gegr�ndet werden. Das Resultat war ganz anders als die ge�derte Klarheit irdischer Wassersysteme. Eine Konfusion kleiner runder Teiche, gefrorener S�mpfe, Trockencanyons und langer gerader Fl�sse mit scharfen rechtwinkligen Wendungen oder pl�tzlichem Verschwinden in Senkl�cher oder Pipelines. Nur die wieder gef�llten alten Flu�betten sahen auch f�r terranische Augen richtig aus. �berall anderswo sah das Gel�nde aus wie ein Bomben�bungsplatz nach einem Gewitter.</p><p>Viele Veteranen von Deep Waters, die sich nicht direkt dem Institut f�r das Hellas-Meer angeschlossen hatten, hatten eine eigene assoziierte Koop gegr�ndet, welche die Grundwasserbecken um Hellas herum kartierte, den Wasserspiegel in Reservoiren und unterirdischen Fl�ssen ma�, ausrechnete, welches Wasser gespeichert und wiedergewonnen werden konnte und so weiter. Diana war Mitglied dieser Kooperative, wie auch viele andere Leute aus Mayas altem B�ro. Nach ihrem Lunch ging Diana zu dem Rest der Gruppe und erz�hlte ihnen von Mayas R�ckkehr in die Stadt. Als sie h�rten, das Maya daran interessiert war, zu ihnen zu sto�en, boten sie ihr eine Stellung in der Koop mit reduzierter Eintrittsgeb�hr an. Erfreut �ber das Kompliment beschlo� sie, dabei mitzumachen.</p><empty-line/><p>So arbeitete sie nun am �g�ischen Wassertisch, wie die Kooperative hie�. Sie stand morgens auf, machte Kaffee und a� etwas Toast, ein Br�tchen oder Croissant, Teegeb�ck oder Fladenbrot. Bei sch�nem Wetter a� sie drau�en auf ihrem Balkon. Noch �fter jedoch nahm sie ihr Fr�hst�ck am Erkerfenster an dem runden E�tisch und las den <emphasis>Odessa Messenger</emphasis> auf dem Schirm und beachtete jedes kleine Ereignis, das etwas �ber die sich verfinsternde Situation gegen�ber der Erde aussagte. Die Legislatur in Mangala w�hlte den neuen Exekutivrat, und Jackie geh�rte nicht zu den sieben. An ihre Stelle war Nanedi ger�ckt. Maya jubelte, las alle Berichte, die sie finden konnte und verfolgte die Interviews. Jackie behauptete, sie h�tte abgelehnt zu kandidieren, und sagte, sie w�re nach so vielen m-Jahren ersch�pft und w�rde eine Pause einlegen, wie sie das fr�her schon �fters getan hatte, und sp�ter wiederkommen (bei dieser letzten Bemerkung funkelten ihre Augen kurz). Nanedi wahrte �ber diesen Punkt diskretes Schweigen, hatte aber die zufriedene und leicht erstaunte Miene des Mannes, der den Drachen get�tet hat. Und obwohl Jackie erkl�rte, sie w�rde ihre Arbeit f�r den Parteiapparat fortsetzen, war ihr Einflu� dort deutlich verbla�t, sonst h�tte sie dem Rat noch angeh�rt.</p><p>So! Sie hatte Jackie auf der globalen Kegelbahn besiegt, aber die gegen die Einwanderung gerichteten Kr�fte waren noch an der Macht. Der Freie Mars hielt seine Gegner mit seiner �berw�ltigenden Mehrheit unangenehm in Schach. Es hatte sich nichts Wichtiges ge�ndert. Das Leben ging weiter. Die Meldungen von der sich rasch vermehrenden Erdbev�lkerung waren immer noch alarmierend. Diese Leute w�rden sie eines Tages heimsuchen, dessen war sich Maya sicher. Sie w�rden unter sich gute Fortschritte machen, konnten abwarten, Pl�ne machen und ihre Anstrengungen koordinieren. Es war wirklich besser zu fr�hst�cken, ohne den Schirm einzuschalten, wenn sie sich ihren Appetit bewahren wollte.</p><p>Sie nahm die Gewohnheit an, in die Stadt zu gehen und an der Corniche mit Diana oder sp�ter mit Nadia und Art oder Besuchern der Stadt ein gr��eres Fr�hst�ck einzunehmen. Danach ging sie zu den AWT-B�ros nahe dem �stlichen Ende der Seefront. Das war ein sch�ner Spaziergang, in einer Luft, die gerade in diesem Jahr ein ganz klein wenig salziger war. Bei AWT hatte sie ein B�ro mit Fenster und tat das, was sie schon f�r Deep Waters gemacht hatte, indem sie als Verbindung zu dem Institut des Hellas-Meeres diente und ein wechselndes Team von Areologen, Hydrologen und Ingenieuren koordinierte und ihre Forschungsarbeiten haupts�chlich in den Bergen von Hellespontus und Amphitrites lenkte, wo sich die meisten Wasserreservoirs befanden. Sie machte Reisen um den Bogen der K�ste, um einige Pl�tze und Einrichtungen zu inspizieren. Sie ging oft ins Gebirge und hielt sich h�ufig in der kleinen Hafenstadt Montepulciano, an der S�d-Westk�ste der See, auf. Wieder zur�ck in Odessa arbeitete sie tags�ber, machte fr�hzeitig Schlu�, wanderte in der Stadt herum und kaufte in den kleinen L�den f�r gebrauchte M�bel oder Kleider ein. Sie fand Interesse an den neuen Moden und deren Ver�nderungen im Laufe der Jahreszeiten. Odessa war eine elegante Stadt, die Leute waren gut gekleidet, und die letzten Stile gefielen ihr. Sie selbst sah aber eher wie eine etwas klein geratene �ltliche Eingeborene mit aufrechter, k�niglicher Haltung aus...</p><p>Sie richtete es oft ein, da� sie am sp�ten Nachmittag drau�en an der Corniche war und dann in ihr Apartment heimkehrte oder im Sommer in einem Restaurant an der K�ste ein fr�hes Abendessen einnahm. Im Herbst legte eine kleine Schiffsflotte am Pier an, legte Gangplanken zwischen den Booten und veranstaltete gegen Eintrittsgeb�hr ein Weinfest mit Feuerwerk �ber dem Wasser nach Einbruch der Dunkelheit. Im Winter wurde es auf dem Wasser fr�h dunkel, und das Wasser an der K�ste war manchmal mit Eis bedeckt und schimmerte in Pastellt�nen von jeder Farbe, die an dem betreffenden Abend gerade der Himmel aufwies. Eisl�ufer und schnelle flache Eisboote punkteten die K�ste.</p><p>Als sie in einer D�mmerungsstunde allein beim Essen war, f�hrte eine Theatertruppe den Kaukasischen Kreidekreis in einer benachbarten Allee auf. Zwischen der D�mmerung und den Lichtflecken auf den Planken der improvisierten B�hne war das Licht so anheimelnd, da� Maya davon angezogen wurde wie eine Motte. Sie folgte der Handlung kaum; aber einige Momente trafen sie sehr stark, besonders die Verdunklungen, wenn das Spiel anhalten mu�te und die Schauspieler in dem sp�ten Licht auf der B�hne einfroren. Nur dachte sie, da� dieser Moment etwas Blau gebrauchen k�nnte, um perfekt zu sein.</p><p>Danach kam die Theaterkompanie ins Restaurant her�ber, um zu essen. Maya sprach mit der Direktorin, einer eingeborenen Frau mittleren Alters namens Latrobe, die interessiert war, sie kennenzulernen, �ber das Spiel und �ber Brechts Theorie des politischen Theaters. Latrobe erwies sich als terrafreundlich und war f�r Einwanderung. Sie wollte B�hnenst�cke haben, die f�r einen offenen Mars eintraten und die neuen Immigranten in die Areophanie integrierten. Sie sagte, es sei erschreckend, wie wenige St�cke des klassischen Repertoires solche Gef�hle unterst�tzten. Sie brauchten neue St�cke. Maya erz�hlte ihr von Dianas politischen Abenden in den UNTA-Jahren und wie sie sich manchmal in den Parks getroffen hatten. Und �ber ihre Meinung hinsichtlich des Blaus in der Auff�hrung dieses Abends. Latrobe lud Maya ein, mit ihr zu kommen und zu der Truppe �ber Politik zu sprechen und auch, falls sie wollte, beim Licht zu helfen, das in der Truppe ein schwacher Punkt war. Die Leute stammten aus denselben Parks, in denen Dianas Gruppe sich seinerzeit zu treffen pflegte. Vielleicht k�nnten sie dort wieder hinausgehen und noch mehr Brechtsches Theater spielen.</p><p>Maya kreuzte dort auf und redete mit der Truppe und wurde im Laufe der Zeit, ohne es eigentlich vorzuhaben, ein Mitglied des Beleuchtungsteams. Sie half auch bei den Kost�men, was auf andere Art auch Modefragen betraf. Sie sprach in den N�chten lange zu ihnen �ber den Begriff eines politischen Theaters. Sie war praktisch eine politisch-�sthetische Beraterin. Aber sie widerstand beharrlich allen Bem�hungen, sie auf die B�hne zu bringen, nicht nur seitens der Kompanie, sondern auch von Michel und Nadia. Sie sagte: �Nein. Das will ich nicht machen. Sonst w�rde man sofort wollen, da� ich die Maya Toitovna spiele in jenem St�ck �ber John.�</p><p>�Das ist eine Oper�, sagte Michel. �Du m��test dazu eine Sopranstimme haben.�</p><p>�Trotzdem.�</p><p>Sie wollte nicht auftreten. Das t�gliche Leben war ihr genug. Aber sie geno� die Welt des Theaters. Das war ein neuer Weg, an Menschen heranzukommen und ihre Wertvorstellungen zu �ndern, weniger anstrengend als der direkte Einsatz von Politik, unterhaltsamer und vielleicht in mancher Hinsicht sogar wirksamer. Theater bedeutete in Odessa eine Macht. Das Kino war eine ausgestorbene Kunst; die st�ndige unabl�ssige �bers�ttigung mit Schirmbildern hatte alle Bilder gleich langweilig werden lassen. Was die B�rger zu m�gen schienen, war Unmittelbarkeit und das Risiko einer spontanen Auff�hrung, der Moment, der nie wiederkehren und nie der gleiche sein w�rde. Theater war wirklich die st�rkste Kunst in der Stadt; und dasselbe galt auch f�r viele andere St�dte auf dem Mars. Darum f�hrte die Truppe von Odessa im Verlauf der Jahre jede Menge politischer St�cke auf, darunter einen vollst�ndigen Werkszyklus des S�dafrikaners Athol Fugard�� hei�e, leidenschaftliche St�cke, in denen institutionalisierte Vorurteile und die Fremdenfeindlichkeit der Seele analysiert und gegei�elt wurden. Die besten St�cke in englischer Sprache, wie Maya meinte. Und dann war die Truppe behilflich bei der Entdeckung und Bekanntmachung von dem, was sp�ter die Odessa-Gruppe genannt wurde, einem halben Dutzend junger eingeborener St�ckeschreiber, die so leidenschaftlich waren wie Fugard, M�nner und Frauen, die in einem St�ck nach dem anderen die dr�ngenden Probleme der neuen Issei und Nisei aufzeigten und deren schmerzliche Assimilation in die Areophanie�� eine Million kleiner Romeos und Julias, eine Million kleiner zerschnittener oder gekn�pfter Blutsbande. Das war Mayas bestes Guckfenster in die zeitgen�ssische Welt und mehr und mehr ihre Art, darauf zu reagieren. Sie tat ihr Bestes, da viele St�cke Diskussionen ausl�sten, manchmal sogar Wut, wenn neue St�cke seitens der Gruppe die Bewegung gegen die Einwanderung angriffen, die in Mangala immer noch eine Macht darstellte. Es war Politik auf eine v�llig neue Art, die befriedigendste, die ihr bisher begegnet war. Sie hatte das Verlangen, Frank davon zu erz�hlen und ihm zu zeigen, wie es funktionierte.</p><p>In jenen Jahren, in denen die Monate paarweise verstrichen, setzte Latrobe eine Menge lebhafter Werke der Klassiker in Szene. Und als Maya sie anschaute, wurde sie immer mehr von der Kraft der Trag�die gefesselt. Ihr gefielen die politischen St�cke, die �ngstlich oder hoffnungsvoll zu einem innewohnenden Utopismus, einem Drang nach Fortschritt tendierten. Aber die St�cke, die sie am tiefsten ber�hrten und am meisten bewegten, waren die alten Trag�dien der Erde. Und je tragischer, desto besser. Katharsis, wie sie von Aristoteles dargestellt wurde, schien sehr gut auf sie zu wirken. Aus den hervorragenden Vorstellungen der gro�en Trag�dien ging sie ersch�ttert, gel�utert und irgendwie gl�cklicher hervor. Das war der Ersatz f�r ihre Gefechte mit Michel, wie sie eines Nachts erkannte. Eine Sublimierung, w�rde er gesagt haben, und noch dazu eine gute, nat�rlich leichter f�r ihn und im ganzen edler und w�rdiger. Und dann war da auch die Verbindung zu den alten Griechen, eine Verbindung, die auf vielerlei Weise rings um das Hellas-Becken hergestellt wurde, in den St�dten und bei den Wilden, ein Neoklassizismus, den Maya als gut f�r alle empfand, indem sie mit der Rechtschaffenheit der Griechen konfrontiert wurden und sie zu ermessen suchten, ihren unverwandten Blick auf Realit�t. Die Odyssee, Antigone, Elektra, Medea, Agamemnon (der Klyt�mnestra hei�en sollte)�� diese erstaunlichen Frauen, die in bitterer Kraft auf jedwedes seltsame Schicksale reagierten, das ihnen ihre M�nner auferlegten und zur�ckschlugen, wenn etwa Klyt�mnestra Agamemnon und Kassandra ermordete, wobei sie erst dem Publikum erz�hlte, wie sie es getan hatte und dann am Schlu� ins Auditorium starrte, direkt auf Maya:</p><poem><stanza><v>�Genug des Elends! R�hrt euch nicht!</v><v>Unsere H�nde sind rot.</v><v>Geht heim und gehorcht dem</v><v>Schicksal zu seiner Zeit,</v><v>Rechtzeitig, ehe ihr leidet! Wir haben</v><v>gehandelt, wie wir es mu�ten.�</v></stanza></poem><p>Wir haben gehandelt, wie wir es mu�ten. So wahr, so wahr. Sie liebte die Wahrheit dieser Dinge. Traurige St�cke, traurige Klagelieder, Zigeunertangos, Prometheusgrenze, sogar die jakobinischen Rachest�cke�� je finsterer, desto besser. Desto wahrer. Sie schuf die Beleuchtung f�r Titus Andronicus; und die Leute waren angewidert. Sie sagten, es sei ein schieres Blutbad. Und sie hatte wahrlich viele rote Farbt�ne verwendet. Aber in dem Moment, da die ihrer H�nde und Zunge beraubte Lavinia anzuzeigen suchte, wer ihr das angetan hatte, oder sich hinkniete, um die abgeschlagene Hand von Titus zwischen die Z�hne zu nehmen, waren die Zuschauer wie eingefroren. Man konnte nicht sagen, da� Shakespeare nicht von Anfang an das richtige Gef�hl f�r B�hnenkunst gehabt h�tte, ob Blutbad oder nicht. Und dann war er mit jedem St�ck immer st�rker geworden, elektrisierender, finster und wahr, selbst als alter Mann. Maya war in Hochstimmung aus einer langen beseelten Auff�hrung von King Lear gekommen, erhitzt und lachend. Sie ergriff einen jungen Beleuchter an der Schulter, sch�ttelte ihn und rief: �War das nicht wundervoll, gro�artig?�</p><p>�Ka, Maya, ich wei� nicht. Ich h�tte die restaurierte Fassung vorgezogen, in der Cordelia gerettet wird und Edgar heiratet. Kennst du die?�</p><p>�Paah! Dummes Kind! Wir haben heute die Wahrheit erz�hlt, und darauf kommt es an! Du kannst am Morgen wieder zu deinen L�gen zur�ckkehren.� Mit rauhem Lachen stie� sie ihn wieder zu seinen Freunden vom Beleuchtungsteam. �N�rrische Jugend!�</p><p>Er erkl�rte seinen Freunden: �Das ist Maya.�</p><p>�Toitovna? Die in der Oper?�</p><p>�Ja, aber real.�</p><p>�Real�, �ffte Maya ihm nach und scheuchte sie fort. �Ihr wi�t ja gar nicht, was real ist.� Und sie f�hlte das, was sie sagte.</p><p>Und Freunde kamen auf eine oder zwei Wochen zu Besuch in die Stadt. Und als es dann im Sommer immer w�rmer wurde, verbrachten sie einen Dezember in einer H�tte hinter den D�nen. Sie schwammen, segelten, surften und lagen unter einem Sonnenschirm am Strand, lasen und schliefen bis zum Perihel. Dann ging es wieder nach Odessa hinein zu den vertrauten Annehmlichkeiten ihrer Wohnung und der Stadt, im r�tlichen Licht des S�dherbstes, welcher die l�ngste Saison des Marsjahres war und auch die Ann�herung an das Aphel darstellte. Es wurde von Tag zu Tag d�sterer, bis bei Ls 70 das Aphel kam. Zwischen diesem und der Wintersonnenwende bei Ls 90 fand das Eisfestival statt. Sie fuhren auf dem wei�en Eis der See direkt unter der Corniche Schlittschuh und blickten zu der K�stenfront der Stadt auf, die ganz mit Schnee verweht war. Wei� unter schwarzen Wolken. Oder sie fuhren mit Eisbooten so weit hinaus, da� die Stadt nur noch eine Unterbrechung in der wei�en Kurve des gro�en Randes war. Oder sie speisten in tr�ben, lauten Restaurants und warteten auf den Beginn der Musik, w�hrend feuchter Schnee drau�en auf die Stra�e herabrieselte. Sie gingen in ein langweiliges kleines Theater mit seinem erwartungsvollen Gel�chter. Im Fr�hling a�en sie zum ersten Mal drau�en auf dem Balkon mit Pullovern gegen die K�hle, betrachteten die jungen Knospen auf den Spitzen der Baumzweige mit einem Gr�n ohnegleichen, wie kleine Tr�nentropfen von Viriditas. Und so verging die Zeit, tief in den Falten von Gewohnheit und deren Rhythmen, gl�cklich in dem <emphasis>dej� vu,</emphasis> das sie sich bereiteten.</p><p>Dann schaltete Maya eines Morgens ihren Bildschirm ein, verfolgte die Nachrichten und stellte fest, da� man eine gro�e Siedlung der Chinesen entdeckt hatte, die sich bereits in Huo-Hsing-Vallis (als ob der Name ein Eindringen rechtfertigte) etabliert hatte. Eine �berraschte globale Polizei hatte sie zum Verlassen aufgefordert, aber sie trotzten gelassen diesem Befehl. Und die chinesische Regierung warnte den Mars, da� jede Einmischung bei der Siedlung als ein Angriff auf chinesische B�rger angesehen und entsprechende Reaktionen nach sich ziehen w�rde. Maya rief: �Was? Nein!�</p><p>Sie rief jeden in Mangala an, den sie kannte. In diesen Tagen gab es da nicht viele Personen von Bedeutung. Sie fragte sie, was sie w��ten und bat um Mitteilung, warum die Siedler nicht wieder zum Aufzug eskortiert und nach Hause geschickt w�rden und so weiter. �Das ist einfach nicht akzeptabel. Ihr m��t das sofort unterbinden!�</p><p>Aber es gab schon seit einiger Zeit illegale Einreisen, die nur etwas weniger kra� gewesen waren, wie sie selbst gelegentlich in Nachrichtenmeldungen gesehen hatte. Immigranten wurden in billigen Landevehikeln abgesetzt unter Umgehung des Aufzugs und der Beh�rden in Sheffield. Landungen mit Raketen und Fallschirmen wie in den alten Zeiten; und man konnte wenig dagegen tun, ohne einen interplanetaren Zwischenfall zu provozieren. Hinter den Kulissen arbeiteten die Leute hart daran. Die UN st�rkten China den R�cken. Darum war es schwierig. Es wurde Fortschritt erzielt, langsam aber sicher. Sie sollte sich keine Sorgen machen.</p><p>Sie stellte den Schirm ab. Sie hatte fr�her einmal unter der Illusion gelitten, da� sich die ganze Welt ver�ndern w�rde, sofern sie sich nur selbst hart genug bem�hte. Jetzt wu�te sie es besser.</p><p>Dennoch war es schwer, das zuzugeben. �Das reicht, um einen zum Roten werden zu lassen�, sagte sie Michel, als sie zur Arbeit ging. Sie warnte ihn: �Es reicht, um uns gegen Mangala aufzubringen.�</p><p>Aber nach einer Woche war die Krise vorbei. Es wurde eine �bereinkunft erzielt. Die Siedlung durfte bleiben, und die Chinesen versprachen, im folgenden Jahr eine entsprechend kleinere Anzahl legaler Einwanderer zu schicken. Sehr unbefriedigend, aber immerhin. Das Leben ging unter diesem neuen Schatten weiter.</p><p>Als sie an einem Nachmittag im Sp�tfr�hling von der Arbeit nach Hause ging, erregte eine Reihe von Rosenstr�uchern hinter der Corniche ihre Aufmerksamkeit. Sie ging hin�ber, um sie sich n�her anzusehen. Hinter den Str�uchern gingen Leute auf der Harmakhis-Avenue an den Cafes vorbei, die meisten in Eile. Die B�sche hatten eine Menge neuer Bl�tter, deren Braun eine Mischung aus Gr�n und Rot war. Die frisch erbl�hten Rosen hatten eine rein dunkelrote Farbe, ihre leuchtenden samtigen Bl�tenbl�tter strahlten im nachmitt�glichen Licht. Lincoln, besagte die Etikette auf dem Stamm. Eine Rosenart und zugleich der gr��te Amerikaner, ein Mann, der eine Art Kombination von John und Frank gebildet hatte, so wie Maya ihn verstand. Einer der Truppe hatte ein gro�es St�ck �ber ihn geschrieben, finster und beunruhigend; der Held wurde sinnlos ermordet, ein richtiges R�hrst�ck. Sie brauchten in diesen Tagen einen Lincoln. Das Rot der Rosen leuchtete hell. Pl�tzlich konnte sie nicht mehr sehen. F�r einen Moment war sie v�llig geblendet, als h�tte sie direkt in die Sonne geblickt.</p><p>Danach sah sie seltsame Dinge.</p><p>Gestalten, Farben�� soviel war gerade noch wahrnehmbar, aber was die waren�� wer sie war�� bem�hte sie sich wortlos zu erkennen...</p><p>Dann kehrte mit einem Ruck alles wieder. Rose, Odessa�� alles so, als w�re es nie fort gewesen. Aber sie taumelte und hatte M�he Balance halten. Sie hielt sich im Zaun. �O nein, mein Gott!� Sie schluckte, ihre Kehle war trocken, sehr trocken. Ein physiologischer Effekt. Der hatte einige Zeit gedauert. Sie zischte, und unterdr�ckte einen Schrei. Stand starr auf dem Kiesweg, die braungr�ne mit lebhaftem Rot gefleckte Hecke vor sich. Sie sollte sich f�r ihr n�chstes jakobitisches St�ck an diesen Farbeffekt erinnern.</p><p>Sie hatte immer gewu�t, da� das passieren w�rde. Gewohnheit�� sie war so tr�gerisch. In ihr tickte eine Bombe. In den alten Tagen hatte es etwa drei Milliarden Mal getickt. Jetzt hatten sie es auf zehn oder mehr Milliarden gebracht. Es tickte aber immer weiter. Sie hatte geh�rt, da� man eine Uhr kaufen k�nne, die w�hrend einer bestimmten Anzahl von Stunden r�ckw�rts lief, vermutlich jenen, die noch �brig waren, die man noch f�nfhundert Jahre zu leben hatte. Welche Lebensdauer man sich auch immer erw�hlte. Man konnte eine Million Jahre w�hlen und sich entspannen. Man konnte irgendeine w�hlen und etwas genauer auf den Moment achten. Oder man tauchte in seine Gewohnheiten und dachte nie dar�ber nach, wie es alle taten, die sie kannte.</p><p>Sie h�tte das sehr gern getan. Fr�her einmal hatte sie so gelebt und w�rde es wieder tun. Aber jetzt in diesem Augenblick war etwas geschehen, und sie war wieder im Interregnum, der leeren Zeit zwischen zweierlei Gewohnheiten, und wartete auf die n�chste H�utung. Nein, nein! Warum? Sie wollte eine solche Zeit nicht erleben. Das war zu hart; sie konnte kaum das blo�e Gef�hl verstreichender Zeit ertragen, das sie w�hrend dieser Perioden befiel. Das Gef�hl, alles w�re zum letzten Mal. Sie ha�te dieses Gef�hl �ber alle Ma�en. Und diesmal hatte sie ihre Gewohnheiten �berhaupt nicht ge�ndert! Nichts war anders. Es hatte sie aus heiterem Himmel getroffen. Vielleicht war es einfach zu lange her seit dem letzten Mal. Vielleicht w�rde es jetzt immer nach Belieben losgehen, willk�rlich, vielleicht h�ufig.</p><p>Sie ging nachdenklich nach Hause (ich wei�, wo meine Heimat ist) und versuchte, Michel zu erz�hlen, was geschehen war. Sie schilderte und seufzte und schilderte weiter und gab dann auf. �Wir tun Dinge nur einmal! Verstehst du?�</p><p>Er war sehr besorgt, obwohl er sich bem�hte, das nicht zu zeigen. Ausf�lle oder nicht, sie konnte unschwer die Launen von Monsieur Duval erkennen. Er sagte, ihr kleines <emphasis>jamais vu</emphasis> w�re vielleicht ein kleiner epileptischer Anfall oder ein winziger Schlaganfall gewesen; aber er konnte nicht sicher sein, und sogar Tests w�rden ihnen nichts verraten. <emphasis>Jamais vu</emphasis> war nur wenig verstanden, eine Variante von <emphasis>dej� vu,</emphasis> praktisch ins Gegenteil umgekehrt. �Es scheint mir eine zeitweilige St�rung in den Wellenmustern des Gehirns zu sein. Sie gehen von Alphawellen zu Deltawellen in einer kleinen Delle �ber. Wenn du einen Monitor tragen w�rdest, k�nnten wir das n�chstemal herausbekommen, wenn es geschieht, falls es dazu kommt. Es ist so �hnlich wie ein Wach-Schlaf, in dem ein Gro�teil der Wahrnehmung ausgeschaltet ist.�</p><p>�Bleiben jemals Leute darin h�ngen?�</p><p>�Nein. Ich kenne keinen derartigen Fall. Es ist selten und immer nur zeitweilig.�</p><p>�Bisher.�</p><p>Er bem�hte sich, so zu tun, als w�re diese Furcht unbegr�ndet.</p><p>Maya wu�te es besser und ging in die K�che, um eine Mahlzeit vorzubereiten. Mit den T�pfen klappern, den K�hlschrank �ffnen, Gem�se herausnehmen, zerhacken und in die Pfanne tun. <emphasis>Hack hack hack hack.</emphasis> H�r auf zu weinen, h�r auf! Selbst dies ist schon zehntausendmal passiert. Die Katastrophen waren unvermeidlich. Die Gewohnheit des Hungers. In der K�che bem�hte sie sich, alles zu ignorieren und ein Essen herzurichten. Wie oft schon? Na ja, da sind wir.</p><p>Danach vermied sie die Reihe der Rosenb�sche aus Furcht vor einem weiteren Vorfall. Aber man konnte die Rosen an der Corniche von �berall her sehen, bis hin zur K�stenmauer. Und sie standen fast immer in Bl�te. In dieser Hinsicht waren Rosen erstaunlich. Und einmal, als das gleiche Licht des Nachmittags sich �ber den Hellespont ergo� und nach Westen hin allem eine gewisse Unscharfe verlieh und zu matten Pastellt�nen verdunkelte, fiel ihr Auge auf die nadelstichgro�en roten Punkte der Rosen in der Hecke. Sie ging auf der K�stenmauer, sah auf der einen Seite das Muster der Gischt auf dem schwarzen Wasser und auf der anderen Seite die Rosen und das aufragende Odessa. Sie blieb stehen, durch irgend etwas in dem doppelten Anblick aufgehalten, durch eine Erkenntnis, fast an der Grenze einer Offenbarung. Sie f�hlte, da� eine gro�e Wahrheit an ihr zerrte. Knapp au�erhalb von ihr oder im Innern ihres K�rpers�� in ihrem Sch�del, aber au�erhalb ihrer Gedanken. Es dr�ckte auf die das Gehirn umschlie�ende harte Haut. Alles war erkl�rt und endg�ltig deutlich geworden...</p><p>Aber die Offenbarung schaffte es nicht durch die Schranke. Nur ein Gef�hl, neblig und riesengro�. Dann verging der Druck auf ihren Geist, und der Nachmittag nahm seine gew�hnliche zinn�hnliche Farbe an. Sie ging heim mit einem Gef�hl des Ausgef�lltseins. Ozeane von Wolken in der Brust, bereit zu bersten von etwas wie Frustration oder einer Art �ngstlicher Freude. Sie erz�hlte Michel wieder, was geschehen war, und er nickte. Auch daf�r hatte er einen Namen:</p><p><emphasis>�Presque vu.�</emphasis> Beinahe gesehen. Er sagte: �Davon habe ich eine Menge.� Mit seiner charakeristischen Miene geheimer Sorge.</p><p>Aber alle diese symptomatischen Kategorien schienen f�r Maya nur das zu kaschieren, was wirklich in ihr vorging. Manchmal war sie sehr verwirrt. Manchmal glaubte sie Dinge zu verstehen, die es gar nicht gab. Manchmal verga� sie Dinge f�r immer. Und manchmal war sie sehr verst�rt. Und das waren die Dinge, die Michel mit seinen Namen und Kombinationen zu erkl�ren versuchte.</p><empty-line/><p>Fast gesehen. Fast verstanden. Und dann zur�ck in die Welt von Licht und Zeit.</p><p>Und da gab es nichts anderes als weiterzumachen. Also machte sie weiter. Es vergingen genug Tage, und sie konnte vergessen, was f�r ein Gef�hl es gewesen war, wie �ngstlich sie gewesen war oder wie nahe der Freude. Es war seltsam, da� man so leicht vergessen konnte. Einfach leben in <emphasis>la vie quotidienne,</emphasis> und achtgeben auf das allt�gliche Leben mit seiner Arbeit, den Freunden und Besuchern.</p><p>Unter den Besuchern waren auch Charlotte und Ariadne, die von Mangala kamen, um sich mit Maya �ber die schlechter werdenden Beziehungen zur Erde zu beraten. Sie gingen zum Fr�hst�ck an die Corniche und sprachen �ber Belange von Dorsa Brevia. Die Leute von Dorsa Brevia waren trotz der Tatsache, da� die Minoer die Koalition des Freien Mars verlassen hatten, weil ihnen unter anderem deren Versuch nicht zusagte, die Siedlungen auf den �u�eren Satelliten zu dominieren, zu der Ansicht gekommen, da� Jackie hinsichtlich der Einwanderung recht hatte, zumindest in gewissem Umfang.</p><p>�Es ist nicht so, da� der Mars sich seiner Aufnahmef�higkeit f�r Menschen auch nur ansatzweise n�hern w�rde�, sagte Charlotte. �Da irren sie sich. Wir k�nnten den G�rtel enger schnallen und die St�dte dichter gestalten. Und in diesen neuen schwimmenden St�dte auf dem Nordmeer lie�en sich eine Menge Leute unterbringen. Sie sind ein Zeichen daf�r, wie viele mehr hier leben k�nnten. Sie haben praktisch keinen Einflu�, au�er in gewissem Sinne auf Hafenst�dte. Aber es gibt Platz f�r noch mehr Hafenst�dte, zumindest am Nordmeer.�</p><p>�F�r viel mehr�, sagte Maya. Trotz des Eindringens von Terranern liebte sie es nicht, immigrantenfeindliches Gerede in jeglicher Form zu h�ren. Aber Charlotte war wieder im Exekutivrat und hatte seit Jahren eine enge Beziehung zur Erde gepflegt. Darum fiel es ihr schwer zu sagen:</p><p>�Es geht nicht um die Zahlen. Es kommt darauf an, wer sie sind und was sie glauben. Die Schwierigkeiten mit der Assimilation werden wirklich ernst.�</p><p>Maya nickte. �Ich habe auf dem Schirm dar�ber gelesen.�</p><p>�Ja. Wir haben auf jedem uns bekannten Wege versucht, Neuank�mmlinge zu integrieren; aber sie ballen sich nat�rlich zusammen, und man kann sie nicht einfach aufbrechen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber es tauchen so viele Probleme auf. Es hat F�lle von Sharia, dem einfach ausge�bten islamischen Recht gegeben, Inzest, streits�chige ethnische Banden, Angriffe seitens der Immigranten auf Eingeborene, gew�hnlich M�nner gegen Frauen, aber nicht immer. Und Banden junger Eingeborener �ben Vergeltung, bel�stigen die neuen Siedlungen und so weiter. Es herrscht gro�e Unruhe. Und das bei einer�� wenigstens dem Gesetz nach�� reduzierten Einwanderung. Aber die UN sind deswegen b�se auf uns und wollen noch mehr schicken. Und dann werden wir eine Art menschlicher M�llplatz werden, und alle unsere Arbeit wird zuschanden kommen.�</p><p>�Hmm.� Maya sch�ttelte den Kopf. Nat�rlich kannte sie das Problem. Aber es war ein deprimierender Gedanke, da� derartige Verb�ndete sich abwenden und der anderen Seite anschlie�en k�nnten, blo� weil die Situation schwierig wurde. �Aber bei allem, was ihr tut, m��t ihr die UN mit einberechnen. Wenn ihr die Immigration verbietet und sie trotzdem einwandern und die UN das unterst�tzen, dann wird unsere Arbeit noch schneller vertan sein. Das ist es doch, was mit diesen �bergriffen geschieht, nicht wahr? Es w�re besser, Einwanderung zu gestatten, aber auf dem niedrigsten Niveau zu halten, das die UN zufriedenstellt, und mit den Immigranten umzugehen, wenn sie hier sind.�</p><p>Die beiden Frauen nickten mi�mutig. Sie a�en eine Weile schweigend und schauten auf das frische Blau der morgendlichen See. �Die Exmetas sind auch ein Problem�, sagte Ariadne. �Die dr�ngen noch mehr hier herein als die UN.�</p><p>�Nat�rlich.� F�r Maya war es keine �berraschung, da� die alten Metanationalen auf der Erde immer noch eine solche Macht hatten. Nat�rlich hatten sie alle das Modell der Praxis zum �berleben nachgeahmt und waren deshalb mit diesem fundamentalen Wandel in ihrer Natur nicht mehr wie totalit�re Lehnsherren, die sich anschickten, die Welt zu erobern. Sie waren aber immer noch gro� und stark, umfa�ten eine Menge Leute und besa�en viel angeh�uftes Kapital. Und sie wollten immer noch Gesch�fte machen, um den Lebensunterhalt ihrer Mitglieder zu bestreiten. Ihre Strategien daf�r waren manchmal bewundernswert und manchmal nicht. Man konnte Dinge produzieren, die die Leute wirklich ben�tigten. Auf eine neue und bessere Art. Oder man konnte krumme Dinge drehen und versuchen, Vorteile herauszupressen oder falsche Bed�rfnisse zu wecken. Die meisten Exmetas verfolgten nat�rlich eine gemischte Strategie und versuchten, durch Diversifikation Stabilit�t zu erzielen, wie in ihren alten Tagen des Investments. Aber dadurch wurde die Bek�mpfung der schlechten Strategien irgendwie noch schlechter durchzuf�hren, weil jeder sie in gewissem Umfang anwandte. Und jetzt verfolgten viele Exmetas sehr aktive Marsprogramme. Sie arbeiteten f�r die Regierungen der Erde und transportierten Menschen von der Erde herauf, erbauten St�dte und gr�ndeten Farmen, Bergwerke, Produktionsst�tten und Handelspl�tze. Manchmal schien es, als ob die Emigration von der Erde zum Mars erst aufh�ren w�rde, wenn ein exaktes Gleichgewicht der �berf�llung erreicht w�re. Und das w�rde angesichts der hypermalthusianischen Lage auf der Erde f�r den Mars eine Katastrophe bedeuten.</p><p>�Ja, ja�, sagte Maya ungeduldig. �Trotzdem m�ssen wir versuchen zu helfen und m�ssen uns im Bereich des Akzeptablen gegen�ber der Erde halten. Sonst wird es Krieg geben.�</p><p>Also gingen Charlotte und Ariadne fort. Beide sahen so besorgt aus, wie Maya sich f�hlte. Und pl�tzlich fiel Maya ein, da� die beiden, wenn sie zu ihr um Hilfe kamen, wirklich in gro�en Schwierigkeiten stecken mu�ten.</p><p>Sie nahm ihre direkte politische Arbeit wieder auf, obwohl sie sich bem�hte, die in Grenzen zu halten. Sie reiste nur selten von Odessa fort, au�er in Angelegenheiten der AWT. Sie arbeitete weiter mit der Theatergruppe, die jetzt auf jeden Fall das wahre Herz ihrer politischen Arbeit geworden war. Aber sie ging wieder zu Versammlungen und trat manchmal vor die Leute und redete. Der Wertewandel nahm viele Formen an. Eines Abends lie� sie sich sogar hinrei�en und willigte ein, f�r Odessas Sitz im globalen Senat als Mitglied der Terranischen Gesellschaft von Freunden zu kandidieren, falls sich kein g�nstigerer Kandidat finden sollte. Sp�ter, als sie Gelegenheit hatte, dar�ber nachzudenken, bat sie, zuerst nach jemand anderem zu suchen; und am Ende entschlo� man sich f�r einen der jungen St�ckeschreiber der Gruppe, der in der Stadtverwaltung von Odessa arbeitete. Eine gute Wahl. Damit ging der Kelch an ihr vor�ber und sie fuhr fort, die Qu�ker der Erde zu unterst�tzen, wenn auch immer weniger aktiv, denn sie f�hlte sich dabei immer unbehaglicher, weil man die Aufnahmekapazit�t eines Planeten nicht �berbeanspruchen konnte, ohne eine Katastrophe heraufzubeschw�ren. Das hatte die Geschichte der Erde seit dem neunzehnten Jahrhundert bewiesen. Man mu�te vorsichtig sein. Es war ein Drahtseilakt: Man durfte nicht zu viele Leute hereinlassen, aber es war besser, mit einer begrenzten Periode der �berbev�lkerung fertig zu werden, als es mit einer regelrechten Invasion aufnehmen zu m�ssen. Und das war ein Punkt, den sie in allen Versammlungen betonte.</p><p>Und w�hrend dieser ganzen Zeit befand Nirgal sich drau�en in der Wildnis, f�hrte ein Nomadenleben und sprach zu den Wilden und Bauern und hatte, wie sie hoffte, seinen gewohnten Einflu� auf die Weltanschauung der Marsbev�lkerung, die Michel sein kollektives Unterbewu�tsein nannte. Maya setzte einen gro�en Teil ihrer Hoffnungen auf Nirgal. Und sie tat ihr Bestes f�r den anderen Zug ihres Lebens, die Besch�ftigung mit der Geschichte. Das war in mancher Hinsicht der allerwichtigste Faden, da er sich durch ihr Leben gezogen hatte und es zu einer gro�en Schleife bis zur�ck zu den Vorahnungen in ihrem fr�heren Leben in Odessa zusammengerafft hatte.</p><p>So war das schon eine b�se Art von <emphasis>dej� vu.</emphasis> Und dann kamen die realen <emphasis>dej� vus</emphasis> zur�ck und sogen wie immer das Leben aus allen Dingen. Oh, ein einzelnes Aufblitzen der Erregung war nat�rlich nur ein Ruck, eine schreckliche Erinnerung, die wieder verschwand. Aber ein ganzer Tag war eine Qual und eine Woche die wahre H�lle. Michel sagte, die aktuellen medizinischen Zeitschriften nannten es den stereotemporalen Zustand. Andere bezeichneten ihn als die stets bereite Sensation. Das war offenbar f�r einen gewissen Prozentsatz der Alten ein Problem. Nichts konnte innerhalb Mayas Emotionen schlimmer sein. An solchen Tagen erwachte sie, und jeder Moment des Tages wurde zu einer exakten Wiederholung eines fr�heren identischen Tages. So kam es ihr vor wie Nietzsches Vorstellung von der ewigen Wiederkehr, der endlosen Wiederholung aller m�glichen raumzeitlichen Kontinua, die f�r sie als erlebte Erfahrung transparent geworden war. Schrecklich, schrecklich! Und dennoch konnte sie nichts tun, als sich wie ein Zombie durch die stets bereitstehenden voraussagbaren Tage zu qu�len, bis der Fluch sich hob�� manchmal in einem raschen Ruck zur�ck in den nicht stereotemporalen Zustand, wo eine doppelte Vision ihre Sch�rfe wiedergewann und den Dingen ihre Tiefe wiedergab. Zur�ck zum Realen mit seinem herrlichen Gef�hl von Neuheit, Kontingenz und blindem Werden, wo sie frei war, jeden Moment mit �berraschung zu erfahren und das gew�hnliche Auf und Ab ihrer emotinalen Sinuswelle zu erleben, eine Berg- und Talfahrt, die zwar unbequem, aber doch wenigstens Bewegung war.</p><p>�Ah, gut!� sagte Michel, als sie aus einem dieser Anf�lle herauskam und sich wunderte, welche Drogen man ihr gegeben haben konnte, um das zu schaffen.</p><p>�Vielleicht k�nnte ich einfach auf die andere Seite von<emphasis>presque vu</emphasis> gehen�, sagte Maya mit matter Stimme. �Nicht <emphasis>dej�</emphasis> oder <emphasis>presque</emphasis> oder<emphasis>jamais,</emphasis> sondern blo� <emphasis>vu.�</emphasis></p><p>�Eine Art Erleuchtung, Satori�, mutma�te Michel. �Oder Epiphanie. Eine mystische Einheit mit dem Universum. Wie man mir sagte, ist das meist nur ein kurzlebiges Ph�nomen. Ein Spitzenerlebnis.�</p><p>�Mit Nachwirkungen?�</p><p>�Ja. Danach f�hlt man sich allgemein besser. Aber�� na ja�� man sagt, es kommt gew�hnlich nur nach Gelingen einer gewissen... �</p><p>�Heiterkeit?�</p><p>�Nein, ja doch. Ruhe des Geistes, k�nnte man sagen.�</p><p>�Du meinst, das ist bei mir nicht der Fall.�</p><p>Das l�ste ein Grinsen aus. �Aber es k�nnte kultiviert werden. Ich meine, sich darauf vorzubereiten. Das ist es, was man im Zen-Buddhismus macht, wenn ich ihn recht verstehe.�</p><p>Also las sie einige Zen-Texte. Aber die machten ihr klar: Zen war nicht Information, sondern Verhalten. Wenn man sich richtig verhielt, konnte die mystische Klarheit herabsteigen. Oder auch nicht. Und wenn sie es tat, war es gew�hnlich ein fl�chtiger Moment, eine Vision.</p><p>Maya war in ihren Gewohnheiten f�r eine solche Art von Ver�nderung in ihrem mentalen Verhalten zu sehr verhaftet. Sie hatte ihre Gedanken nicht so unter Kontrolle, da� sie sich auf eine Gipfelerfahrung h�tte vorbereiten k�nnen. Sie lebte ihr Leben, und diese mentalen Zusammenbr�che setzten ihr zu. Das Nachdenken �ber die Vergangenheit war anscheinend mit daran schuld, da� sie auftraten. Darum konzentrierte sie sich auf die Gegenwart, so weit sie konnte. Das war schlie�lich Zen, und sie wurde darin recht gut. Es war seit Jahren ihre instinktive �berlebensstrategie gewesen. Aber ein Gipfelerlebnis... Manchmal sehnte sie sich danach; denn das, was man beinahe gesehen hatte, glaubte man schlie�lich wirklich gesehen zu haben. Ein <emphasis>presque vu</emphasis> w�rde auf sie herabsteigen, und die Welt w�rde jene Aura vager starker Bedeutung au�erhalb ihrer Gedanken annehmen; und sie w�rde dastehen und dr�ngen oder sich entspannen oder blo� versuchen zu folgen und es zu fassen�� neugierig, furchtsam, hoffend. Und dann w�rde es verblassen und vergehen. Dennoch, eines Tages... Wenn es nur deutlich werden w�rde! Das k�nnte in der Zeit danach hilfreich sein. Und manchmal war sie so neugierig. Wie w�rde die Einsicht sein? Was f�r ein Verst�ndnis mochte es sein, das in solchen Zeiten knapp au�erhalb ihres Geistes harrte? Es f�hlte sich zu real an, um blo� eine Illusion zu sein...</p><p>So nahm sie, obwohl sie erst gar nicht auf den Gedanken kam, da� es das war, was sie suchte, eine Einladung von Nirgal an, mit ihm das Olympus-Mons- Festival zu besuchen. Michel hielt das f�r eine gro�artige Idee. Einmal in jedem m-Jahr im n�rdlichen Fr�hling trafen sich Leute auf dem Gipfel von Olympus Mons nahe dem Krater Zp, um ein Fest innerhalb einer Kaskade halbmondf�rmiger Kuppeln, �ber Steinen und Kachelmosaiken zu feiern. Wie w�hrend der ersten Zusammenkunft dort, als man das Ende des Gro�en Sturmes feierte, als der Eis-Asteroid �ber den Himmel geflammt war und John von der kommenden Gesellschaft des Mars zu ihnen gesprochen hatte.</p><p>Welche Gesellschaft, fragte sich Maya, als sie in einem Waggon den gro�en Vulkan hinauffuhren, hatte ihr Ziel erreicht, wenigstens zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten? Jetzt, hier, hier sind wir. Auf Olympus, bei Ls in jedem Jahr, zum Gedenken an Johns Versprechen und zur Feier dieser Errungenschaft. Bei weitem die gr��ere Anzahl der Feiernden waren junge Eingeborene; aber es gab auch eine Menge neuer Einwanderer, die heraufgekommen waren, um das ber�hmte Festival kennenzulernen, und mit der Absicht, die ganze Woche lang eine Party zu feiern, meistens von st�ndigem Musizieren oder Tanzen oder beidem begleitet. Maya zog es vor zu tanzen, da sie immer noch kein anderes Instrument spielte als das Tamburin. Und sie verlor dort Michel und alle ihre anderen Freunde, Nadia und Sax, Marina, Ursula und Mary, Nirgal, Diane und alle �brigen, so da� sie mit Fremden tanzen und vergessen konnte. Sie konzentrierte sich ausschlie�lich auf die vorbeiziehenden strahlenden Gesichter, jedes einzelne wie ein Pulsar von Bewu�tsein, der rief: Ich lebe, ich lebe, ich lebe.</p><p>Ein gro�artiger Tanz, die ganze Nacht lang. Ein Zeichen, da� Assimilation m�glich war. Die Areophanie wob ihren unsichtbaren Zauber �ber jeden, der auf den Planeten kam, so da� die sch�dliche Vergangenheit der Erde geschw�cht und vergessen und die wahre Kultur des Mars zumindest in der kollektiven Sch�pfung verwirklicht werden konnte. Sch�nheit. Aber kein Gipfelerlebnis. Dies war nicht der Ort f�r sie. Es war vielleicht zu sehr die tote Hand der Vergangenheit im Spiel. Die Dinge waren auf dem Gipfel von Olympus Mons zu sehr die gleichen geblieben. Der Himmel war noch immer schwarz und gestirnt und mit einem purpurnen Band um den Horizont... Rund um den gewaltigen Rand waren Herbergen errichtet worden, wie Marina sagte, zur Aufnahme von Pilgern, wenn sie um den Gipfel wanderten. Und andere Unterk�nfte gab es unten in der Caldera f�r die Roten Kletterer, die ihre Existenz dort in der Welt sich �berlappender konvexer Klippen fristeten. Seltsam, was die Leute so machten, dachte Maya, seltsam, welche Schicksale jetzt auf dem Mars realisiert wurden.</p><p>Aber nicht von ihr. Olympus Mons war zu hoch und daher zu sehr der Vergangenheit verhaftet. Es war nicht der Ort, an den sie ging, um ein Erlebnis jener Art zu haben, nach dem sie suchte.</p><p>Sie ergriff auf der R�ckfahrt nach Odessa aber die Gelegenheit zu einem langen Gespr�ch mit Nirgal. Sie erz�hlte ihm von Charlotte und Ariadne und deren Sorgen; und er nickte und sprach von einigen seiner Abenteuer in der Wildnis zu ihr, von denen viele Fortschritt bei der Assimilation bekundeten. Er sagte voraus: �Wir werden am Ende gewinnen. Der Mars ist gerade jetzt das Schlachtfeld von Vergangenheit und Zukunft; und die Vergangenheit besitzt ihre Kraft, aber die Zukunft ist es, wohin wir alle gehen. In ihr steckt eine unerbittliche Macht, wie ein nach vorn ziehendes Vakuum. Das kann ich in diesen Tagen beinahe f�hlen.� Und er sah gl�cklich aus.</p><p>Dann holten sie ihr Gep�ck aus dem Stauraum �ber den Sitzen, und er k��te sie auf die Wange. Er war mager und hart und entglitt ihr. �Wir werden weiter daran arbeiten, nicht wahr? Ich werde dich und Michel in Odessa besuchen. Ich liebe dich.�</p><empty-line/><p>Nat�rlich f�hlte sie sich dadurch besser. Kein Gipfelerlebnis, aber eine Bahnfahrt mit Nirgal, eine Chance mit diesem schwer erreichbaren Eingeborenen, ihrem �beraus geliebten Sohn.</p><p>Aber nach der R�ckkehr vom Berg war sie weiterhin das Opfer ihrer �mentalen VorfalleA wie Michel sie nannte. Er wurde jedesmal besorgter, wenn sich einer ereignete. Maya merkte, da� sie ihn erschreckten, obwohl er das zu verbergen suchte. Und das war auch kein Wunder. Solche �Vof�lle� und andere �hnliche kamen bei vielen seiner �lteren Patienten vor. Die gerontologischen Behandlungen halfen anscheinend nicht dagegen, da� sich die Erinnerungen der Menschen an ihre immer l�nger werdenden Vergangenheiten klammerten. Und als ihnen ihre Vergangenheiten von Jahr zu Jahr mehr entglitten und ihr Ged�chtnis nachlie�, traten die �Vorf�lle� immer h�ufiger auf, bis einige Leute sogar in Nervenkliniken �berwiesen werden mu�ten.</p><p>Oder aber sie starben. Das Institut f�r Erste Siedler, mit dem Michel zusammenarbeitete, nahm jedes Jahr eine kleinere Gruppe von Personen auf. Auch Vlad starb in jenem Jahr. Danach zogen Marina und Ursula von Acheron nach Odessa. Nadia und Art waren schon nach West-Odessa �bergesiedelt, nachdem ihre Tochter Nikki erwachsen geworden und in die Welt gezogen war. Sogar Sax Russell nahm sich ein Apartment in der Stadt, obwohl er immer noch den gr��ten Teil des Jahres in Da Vinci verbrachte.</p><p>F�r Maya waren diese Ver�nderungen sowohl gut als auch schlecht. Gut, weil sie all diese Leute liebte und es sich so ergab, als ob sie sich um sie scharten, was ihrer Eitelkeit wohltat. Und es war eine gro�e Freude, ihre Gesichter zu sehen. So half sie zum Beispiel Marina, Ursula beizustehen, da� diese mit dem Verlust von Vlad fertig wurde. Es schien, als ob Ursula und Vlad irgendwie das echte Paar gewesen w�ren, obwohl Marina und Ursula... Nun, es gab keine Gewi�heit �ber die drei Punkte einer <emphasis>menage � trois,</emphasis> ganz gleich, wie sie auch zusammengesetzt war. Jedenfalls waren Marina und Ursula jetzt �brig geblieben, ein in seinem Kummer sehr enges Paar, sonst aber sehr wie die jungen eingeborenen gleichgeschlechtlichen Paare, die man in Odessa sah. M�nner Arm in Arm auf der Stra�e, und Frauen Hand in Hand.</p><p>So freute sie sich, die beiden oder Nadia oder sonst jemanden von der alten Bande zu sehen. Aber sie konnte sich nicht immer an die Ereignisse erinnern, die sie als unverge�lich er�rterten. Und das war beunruhigend. Eine andere Art von <emphasis>Jamals vu,</emphasis> ihr eigenes Leben. Nein, es war besser, sich auf den Moment zu konzentrieren, hinunter zu gehen und am Wasser zu arbeiten oder an der Beleuchtung des aktuellen St�ckes oder in den Bars zu sitzen und mit neuen Freunden von der Arbeit zu plaudern oder auch mit v�llig Fremden. Zu warten, da� die Erleuchtung eines Tages kommen w�rde...</p><p>Samantha starb. Dann Wasili. Oh, es lagen zwei oder drei Jahre dazwischen; aber dennoch schien sich das H�ufigkeitsmuster nach den langen Dekaden, in denen niemand von ihnen gestorben war, zu beschleunigen. Sie �berstanden diese Leichenbegr�bnisse so gut sie konnten. Inzwischen wurde alles dunkler, als auf der Corniche ein schwarzer Windsto� �ber dem Hellespont heranr�ckte. Die Nationen der Erde schickten immer noch illegale Einwanderer und landeten sie. Die UN drohten noch immer. China und Indonesien gingen sich pl�tzlich gegenseitig an die Kehle, und Rote Saboteure jagten immer aggressiver die neuen Einrichtungen in die Luft�� ohne Unterschied, r�cksichtslos und m�rderisch. Dann kam Michel eines Tages schwer bek�mmert die Treppe herauf: �Yeli ist gestorben.�</p><p>�Was? Nein, o nein!�</p><p>�Eine Art von Herzarhythmie.�</p><p>�O mein Gott!�</p><p>Maya hatte Yeli seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen; aber noch einen der restlichen Ersten Hundert zu verlieren, die M�glichkeit zu verlieren, Yelis sch�chternes L�cheln wiederzusehen... nein. Sie h�rte den Rest von dem, was Michel sagte, nicht, weniger aus Kummer als aus Erregung. Oder Kummer �ber sich selbst.</p><p>�Das wird nun immer �fter passieren�, sagte sie schlie�lich, als sie merkte, da� Michel sie anstarrte.</p><p>Er seufzte. �Kann sein.�</p><p>Wieder kamen die meisten der noch �berlebenden Mitglieder der Ersten Hundert zur Trauerfeier nach Odessa, die Michel organisiert hatte. Maya erfuhr durch diese Anrufe viel �ber Yeli, das meiste von Nadia. Er hatte Underhill verlassen und war schon fr�h nach Lasswitz gezogen. Er hatte geholfen, die zerst�rte Stadt wieder aufzubauen und war ein Experte f�r Reservoir-Hydrologie geworden. Im Jahre �61 war er mit Nadia gewandert. Bestrebt, Reparaturen auszuf�hren und sich aus den Unruhen herauszuhalten. Aber in Cairo, wo Maya ihn kurz gesehen hatte, wurde er von den anderen getrennt und es gelang ihm nicht, hinab durch Marineris zu fliehen. Zu jener Zeit hatte man angenommen, er sei damals get�tet worden wie Sasha. Aber tats�chlich hatte er �berlebt, so wie die meisten Menschen in Cairo. Und nach der Revolte war er nach Sabishii hinuntergezogen, hatte mit dem Untergrund Verbindung aufgenommen und geholfen, Sabishii zur Hauptstadt der Demimonde zu machen. Er hatte eine Weile mit Mary Dunkel zusammengelebt; und als Sabishii von der UNTA geschlossen wurde, waren er und Mary durch Odessa gekommen. Sie waren zur Feier des f�nfzigsten Marsjahres dort gewesen. Das war das letzte Mal, da� Maya sich erinnern konnte, ihn gesehen zu haben, genau wie alle Russen in der Gruppe, die die alten Trinkspr�che ausgebracht hatte. Danach waren er und Mary aufgebrochen, wie Mary sagte; und war nach Senzeni Na gezogen und dort einer der Anf�hrer in der Zweiten Revolution geworden. Als Senzeni Na sich in der Allianz von Ost-Tharsis mit Nicosia, Sheffield und Cairo zusammenschlo�, war er hinaufgegangen, um in Sheffield zu helfen. Dann war er nach Senzeni Na zur�ckgekehrt und hatte im ersten unabh�ngigen Stadtrat gedient und war langsam einer der Gro�v�ter der dortigen Gemeinschaft geworden, wie viele der Ersten Hundert anderswo auf dem Mars. Er hatte eine Nisei aus Nigeria geheiratet, und sie hatten einen Jungen gehabt. Er war zweimal nach Moskau gereist und war ein beliebter Kommentator f�r russische Videos gewesen. Zuletzt hatte er mit Peter am Projekt des Argyre-Beckens gearbeitet und einige gro�e Reservoirs unter den Charitum Montes geleert, ohne die Oberfl�che zu sch�digen. Eine auf Callisto lebende Urenkelin war schwanger. Dann war er eines Tages bei einem Picknick auf der Halde des Moholes von Senzeni Na zusammengebrochen, und sie hatten ihn nicht wiederbeleben k�nnen.</p><p>So gab es nur noch die Ersten Achtzehn. Obwohl Sax eine provisorische Vermutung wagte, da� es noch sieben mehr sein k�nnten, wenn Hirokos Gruppe noch irgendwo existierte. Maya hielt das f�r eine Phantasievorstellung, f�r ausgesprochenes Wunschdenken; aber andererseits neigte Sax nicht zu so etwas. Vielleicht war also doch etwas daran. Jedenfalls waren es mit Sicherheit noch achtzehn, und die j�ngste von ihnen, Mary, (sofern nicht Hiroko noch am Leben war) z�hlte jetzt 212 Jahre. Ann, die �lteste, war 226. Maya selbst war 221, eine deutliche Absurdit�t; aber so stellte es sich im Jahr 2206 nach den terranischen Nachrichten dar...</p><p>�Es gibt aber Menschen in ihren zweihundertf�nfzigern�, erkl�rte Michel, �und die Behandlungen k�nnten sehr wohl noch recht lange wirken. Es k�nnte auch nur ein ung�nstiger Zufall sein.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Jeder Todesfall schien ein St�ck von ihm abzuschneiden. Er wurde immer finsterer, was Maya irritierte. Ohne Zweifel dachte er immer noch, er h�tte in der Provence bleiben sollen, die die Erf�llung seiner W�nsche darstellte. Diese imagin�re Heimat, welche es immer noch gab, entgegen der offenkundigen Tatsache, da� der Mars seine Heimat war und es vom Augenblick ihrer Landung an gewesen war. Oder von dem Moment an, da er Hiroko traf oder da er ihn als Junge das erste Mal am Himmel gesehen hatte! Niemand konnte sagen, wann das geschehen war. Aber der Mars war seine Heimat, und das war allen au�er ihm selbst klar. Und dennoch sehnte er sich nach der Provence. Maya war beides f�r ihn: sein Exil und sein Land im Exil. Ihre Br�ste waren die Berge, ihr Leib das Tal, ihr Geschlecht der Strand und das Meer der Provence. Nat�rlich war es ein unm�gliches Projekt, da� die Heimat auch der sexuelle Partner eines Menschen sein konnte; aber das war sowieso alles Nostalgie, und da Michel unm�gliche Projekte f�r gut hielt, kamen sie im allgemeinen auch immer zustande. Ein Teil ihrer Beziehung. Wenn auch manchmal eine schreckliche Last f�r sie. Und das nie mehr als dann, wenn der Tod eines der Ersten Hundert ihn zu ihr trieb und damit zu den Gedanken an die Heimat.</p><p>Sax war durch eine Leichenfeier oder einen Gedenkgottesdienst immer ver�rgert. Er f�hlte offenbar ganz deutlich, da� der Tod eine grobe Zumutung war, ein flagrantes St�ck des gro�en unerkl�rlichen Flatterns einer roten Flagge vor seinem Gesicht. Er konnte nichts dagegen tun. Es war ein wissenschaftliches Problem, das noch seiner L�sung harrte. Aber selbst er war durch die mannigfachen Manifestationen des raschen Verfalls �berrascht, die sich in st�ndiger Wandlung befanden, mit Ausnahme der Geschwindigkeit ihrer Wirkung und des Fehlens einer klaren Ursache. Ein Wellenzusammenbruch wie ihr <emphasis>Jamals vu,</emphasis> eine Art von <emphasis>jamais vlvre.</emphasis> Die Theorien waren endlos und unbrauchbar. Es war ein vitales Anliegen f�r die Alten und auch f�r die J�ngeren, die damit rechneten, genauso alt zu werden, mit anderen Worten: f�r jeden. Und darum gab es intensive Studien. Aber bisher wu�te noch niemand sicher, was den raschen Verfall bewirkte, und ob es sich �berhaupt um eine einzige isolierbare Ursache handelte. Und die Sterbef�lle nahmen kein Ende.</p><p>F�r Yelis Totenfeier hatten sie einen Teil seiner Asche wieder in einen schnell aufsteigenden Ballon gef�llt und starteten ihn von dem gleichen Punkt des Wellenbrechers wie bei Spencer. Dabei standen sie drau�en, wo sie zur�ckblicken und �ber ganz Odessa schauen konnten. Danach zogen sie sich in die Wohnung von Maya und Michel zur�ck. Praxis hielt sie jetzt beisammen. Sie sahen Michels Skizzenb�cher an und sprachen �ber Olympus Mons und Underhill. Die Vergangenheit. Maya ignorierte all das und servierte ihnen Tee und Geb�ck, bis nur noch Michel, Sax und Nadia in dem Apartment waren. Der Leichenschmaus war vorbei, sie konnte sich entspannen. Sie blieb am K�chentisch stehen, legte Michel eine Hand auf die Schulter und blickte dar�ber weg auf ein grobgek�rntes Schwarzwei�foto, das Flecken hatte, die von Spaghettiso�e und Kaffee herr�hren mochten. Das verbla�te Bild eines jungen Mannes, der mit einem zuversichtlichen wissenden L�cheln direkt in die Kamera grinste.</p><p>�Was f�r ein interessantes Gesicht!� sagte sie.</p><p>Michel versteifte sich. Nadia machte ein betroffenes Gesicht. Maya merkte, da� sie etwas Falsches gesagt hatte. Selbst Sax sah etwas verlegen und fast best�rzt drein. Maya starrte unentwegt auf den jungen Mann auf dem Foto. Ihr fiel nichts dazu ein.</p><p>Sie verlie� die Wohnung und ging die steilen Stra�en von Odessa hoch, vorbei an den get�nchten H�usern und den t�rkisfarbenen Jalousien und Fensterl�den, den Katzen und den Terrakottablumenk�sten, bis sie ganz oben angelangt war und viele Kilometer weit �ber die indigofarbene Fl�che der Hellas-See blicken konnte. Beim Gehen weinte sie, ohne zu wissen weshalb. Eine seltsame Trostlosigkeit. Und dennoch war auch das schon einmal geschehen.</p><p>Etwas sp�ter befand sie sich im westlichen Teil der oberen Stadt. Dort war der Park des Paradeplatzes, wo sie The Blood Knot aufgef�hrt hatten. Oder war es The Winter�s Tale gewesen? Ja, The Winter�s Tale. Aber dort w�rde es f�r sie keine R�ckkehr ins Leben geben.</p><p>Na sch�n. Hier war sie nun. Sie ging langsam die langen Treppenalleen hinunter, immer weiter nach unten in Richtung ihres Hauses, und dachte �ber B�hnenst�cke nach. Ihre Stimmung wurde im Hinuntergehen etwas leichter. Am Tor stand ein Ambulanzwagen. Sie f�hlte sich kalt, als ob man sie mit Eiswasser �berg�ssen h�tte. Sie wandte sich ab und ging an dem Haus vorbei und weiter nach unten zur Corniche.</p><p>Sie ging in der Corniche auf und ab, bis sie zum Gehen zu m�de war. Dann setzte sie sich auf eine Bank. Ihr gegen�ber spielte in einem Stra�encafe ein Mann sein wimmerndes Bandoneon, ein kahler Alter mit einem wei�en Schnurrbart, Tr�nens�cken, runden Backen und roter Nase. Seine traurige Musik stand ihm ins Gesicht geschrieben. Die Sonne ging gerade unter, und die See war fast still. Die riesige Fl�che schimmerte in jenem z�hen glasigen Glanz, den fl�ssige Oberfl�chen manchmal entfalteten. Alles erschien so orange wie die �ber den Bergen im Westen verschwindende Sonne. Sie lehnte sich entspannt zur�ck und f�hlte die Meeresbrise auf der Haut. �ber ihr schwebten M�wen. Pl�tzlich erschien die Farbe des Meeres vertraut, und sie erinnerte sich, wie sie von der Ares auf den gefleckten orangefarbenen Ball hinuntergeschaut hatte, welcher der Mars gewesen war, der unber�hrte Planet. Der unter ihnen nach ihrer Ankunft im Orbit dahingerollt war als ein Symbol f�r die ewige M�glichkeit auf Gl�ck. Sie war seither nie gl�cklicher gewesen als damals.</p><p>Und dann �berkam sie wieder das Gef�hl, die vorepileptische Aura des <emphasis>presque vu,</emphasis> die glitzernde See, eine weite Bedeutsamkeit, die alles �bergo�, �berall immanent war, sich aber knapp au�erhalb der Reichweite des Bewu�tseins hielt, und auf den Dingen lastete ... Mit einem leichten Ruck kam sie darauf. Da� der eigentliche Aspekt des Ph�nomens dieses selbst war, da� die Bedeutung von allem immer knapp au�er Reichweite lag, in der Zukunft, und sie vorw�rts zog. Da� man in besonderen Momenten diesen gezeitenartigen Zug des Werdens wie einen Eindruck scharfer gl�cklicher Vorwegnahme empfand, wie sie ihn gehabt hatte, als sie aus der Ares auf den Mars hinunterblickte, wobei ihr unbewu�ter Sinn nicht von dem Abfall einer toten Vergangenheit erf�llt war, sondern von den unvorhersehbaren M�glichkeiten der lebendigen Zukunft. Ja, alles konnte geschehen, einfach alles. Und als so das <emphasis>presque vu</emphasis> langsam von ihr wich, ungesehen und dennoch diesmal verstanden, sa� sie erf�llt und strahlend auf der Bank. Hier war sie schlie�lich und endlich angelangt, und das Potential des Gl�cks w�rde immer in ihr sein.</p></section></section><section><title><p>DREIZEHNTER TEIL</p><p>Experimente</p></title><section><p><emphasis>In letzter Minute kam Nirgal nach Sheffield herauf. Er nahm vom Bahnhofaus die U-Bahn zum Sockel, ohne nach links oder rechts zu sehen. In den gro�en Hallen der Muffe ging er zur Abfahrtlounge. Und da war sie.</emphasis></p><p><emphasis>Als sie ihn erblickte, freute sie sich, da� er gekommen war, war aber verwirrt, weil er so sp�t kam. Es warfast Zeit zu gehen f�r sie. Am Kabel hinauf, hoch ein Shuttle, hinaus zu einem der frisch ausgeh�hlten Asteroiden. Dieser war besonders gro� und luxuri�s. Und dann schon wieder fort und weiter. Beschleunigung einige Monate lang mit einer der auf dem Mars entsprechenden Schwere, bis er mit einigen Prozenten der Lichtgeschwindigkeit dahintreiben konnte. Denn dieser Asteroid war ein Sternenschiff; und sie waren unterwegs zu einem Stern nahe Aldebaran, wo ein dem Mars �hnlicher Planet in einem der Erde �hnlichen Orbit um eine Sol �hnliche Sonne rollte. Eine neue Welt, ein neues Leben. Und Jackieflog mit.</emphasis></p><p><emphasis>Nirgal konnte das immer noch nicht ganz glauben. Er hatte erst vor zwei Tagen die Mitteilung bekommen und seither nicht geschlafen, als er sich zu entscheiden suchte, ob das eine Rolle spielte, ob es ein Teil seines Lebens war, ob er sie verabschieden sollte, ob er versuchen sollte, ihr das auszureden.</emphasis></p><p><emphasis>Als er sie jetzt sah, konnte er ihr nicht abraten. Sie war im Aufbruch begriffen. Ich will etwas Neues ausprobieren, hatte sie in ihrer Nachricht gesagt, einer Stimmaufzeichnung ohne visuelles Bild. Da kam von seinem Handgelenk ihre Stimme: Es gibt hier f�r mich nichts mehr. Ich habe meinen Teil beigetragen. Ich will etwas Neues versuchen.</emphasis></p><p><emphasis>Die Gruppe im Sternenschiff war gr��tenteils von Dorsa Brevia. Nirgal hatte Charlotte angerufen, um herauszubekommen, warum. Charlotte sagte: Es ist kompliziert. Es gibt eine Menge Gr�nde. Dieser Planet, zu dem sie gehen, ist verh�ltnism��ig nahe undf�rs Terraformen bestens geeignet. Die Menschheit tut hier einen gro�en Schritt. Den ersten Schritt zu den Sternen.</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei�, hatte Nirgal gesagt. Es waren schon eine ganze Anzahl Sternenschiffe zu anderen aussichtsreichen Planeten gestartet. Der Schritt war schon gemacht worden.</emphasis></p><p><emphasis>Aber dieser Planet ist immer noch der beste. Und in Dorsa Brevia fragen sich die Leute, ob wir nicht diesen Abstand von der Erde f�r einen neuen Anfang nutzen sollten. Der h�rteste Teil ist das Verlassen der Erde. Undjetzt sieht es wieder schlimm aus. Diese nicht genehmigten Einwanderungen k�nnten der Anfang einer Invasion sein. Und wenn man glaubt, der Mars sei die neue demokratische Gesellschaft und die Erde der alte Feudalismus, dann kann der Zustrom so gedeutet werden, als ob das Alte das Neue erdr�cken wollte, ehe es zu gro� wird. Sie sind uns im Verh�ltnis von zwanzig Milliarden zu zwei zahlenm��ig �berlegen. Darum �berlegen die Leute in Dorsa Brevia, ob sie etwas mehr Distanz gewinnen k�nnen. Zum Aldebaran sind es nur zwanzig Jahre, und sie werden lange leben. Darum macht das eine Gruppe von ihnen. Familien, Familiengruppen, Paare ohne Kinder, kinderlose Einzelpersonen. Es ist wie bei den Ersten Hundert, die zum Mars gingen, wie in den Tagen von Boone und Chalmers.</emphasis></p><p><emphasis>Und so sa� Jackie nun auf dem Teppichboden der Abfluglounge, und Nirgal war bei ihr. Sie blickte nach unten. Sie gl�ttete den Teppich mit der Hand und zeichnete Figuren oder Buchstaben in das Gewebe. Sie schrieb: Nirgal.</emphasis></p><p><emphasis>Er setzte sich neben sie. Die Lounge war voll, aber es herrschte Ruhe. Die Menschen sahen ernst, bla�, erregt, nachdenklich oder strahlend aus. Durch ein breites Fenster schauten sie in das Innere der Sockelmuffe, wo Aufzugswaggons an den W�nden lehnten und der Fu� des 37000 Kilometer langen Kabels zehn Meter �ber dem Betonboden schwebte.</emphasis></p><p><emphasis>Also gehst du, sagte Nirgal.</emphasis></p><p><emphasis>Ja, sagte Jackie. Ich will einen Neubeginn versuchen.</emphasis></p><p><emphasis>Nirgal sagte nichts.</emphasis></p><p><emphasis>Es wird ein Abenteuer, sagte sie.</emphasis></p><p><emphasis>Gewi�. Er wu�te nicht, was er sonst sagen sollte.</emphasis></p><p><emphasis>In den Teppich schrieb sie: Jackie Boone went to the Moon.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist eine erhabene Idee, wenn man es bedenkt, sagte sie. Die Menschheit breitet sich in die Galaxis aus. Stern um Stern, immer weiter nach drau�en. Das ist unsere Aufgabe. Ich habe Ger�chte geh�rt, da� Leute sagten, Hiroko sei l�ngst dort drau�en. Sie und ihr Volk h�tten eines der ersten Sternenschiffe bestiegen, die zu Barnards Stern flogen. Um eine neue Welt in Angriff zu nehmen. Viriditas zu verbreiten.</emphasis></p><p><emphasis>Das ist so wahrscheinlich wie jede andere Geschichte, erwiderte Nirgal. Und es stimmte. Er konnte sich vorstellen, da� Hiroko es tat, wieder startete, sich mit der neuen Diaspora, der neuen Menschheit zwischen den Sternen zusammentat. Erst Besiedlung der nahen Planeten und dann von dort aus weiter. Ein Schritt aus der Wiege. Das Ende der Vorgeschichte.</emphasis></p><p><emphasis>Er starrte ihr Profil an, w�hrend sie auf den Teppich schrieb. Dies war der Moment, da er sie zum letzten Mal sehen w�rde. Pur jeden von ihnen beiden war es so, als ob der andere st�rbe.</emphasis></p><p><emphasis>Das traff�r viele der Paare zu, die in diesem Raum schweigend beisammen hockten. Diese Leute mu�ten jeden verlassen, den sie kannten.</emphasis></p><p><emphasis>Und das war das Erste Hundert. Das war es, warum sie -alle so seltsam gewesen waren. Sie waren gewillt, die Menschen zu verlassen, die sie kannten, um mit neunundneunzig Fremden fortzugehen. Einige von ihnen waren ber�hmte Wissenschaftler gewesen, und alle d�rften Eltern gehabt haben. Aber keiner von ihnen hatte Kinder gehabt, keiner war verlobt gewesen, mit Ausnahme der drei Ehepaare, die zu den Ersten Hundert geh�rt hatten. Kinderlose Singles mittleren Alters, bereit f�r einen neuen Anfang. Das waren sie gewesen. Und jetzt war Jackie wieder so: kinderlos, ohne Partner.</emphasis></p><p><emphasis>Nirgal wandte den Blick ab und schaute zur�ck. Da war sie, frisch in dem Licht. Ein feiner Glanz auf ihrem schwarzen Haar. Sie schaute zu ihm auf und dann wieder nach unten. Sie schrieb: Wo immer du auch hingehst, da bist du.</emphasis></p><p><emphasis>Sie blickte wieder zu ihm auf undfragte: Was meinst du, was uns passiert ist?</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei� es nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Sie sa�en da und blickten beide auf den Teppich. Durch das Fenster war zu sehen, wie in der Kabelkammer ein Aufzugswaggon �ber den Boden schwebte, in aufrechter Stellung, als bewegte er sich �ber eine Piste auf das Kabel zu. Er koppelte an, und eine Gangivay klappte heraus und umschlo� seine andere Seite.</emphasis></p><p><emphasis>Geh nicht! wollte er sagen. Geh nicht! Verla� diese Welt nicht f�r immer! Verla� mich nicht! Erinnerst du dich an die Zeit, als die Sufis uns getraut haben? Erinnerst du dich an die Zeit, als wir uns in der W�rme eines Vulkans geliebt haben? Erinnerst du dich an Zygote?</emphasis></p><p><emphasis>Er sagte nichts. Sie erinnerte sich.</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei� es nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Er langte hinunter und rieb den Flor des Teppichs so, da� er die letzten beiden Worte auswischte. Mit dem Zeigefinger schrieb er: sind wir.</emphasis></p><p><emphasis>Sie l�chelte wehm�tig. Was waren Worte gegen all diese Jahre?</emphasis></p><p><emphasis>Die Lautsprecher verk�ndeten, da� der Aufzug zur Abfahrt bereit sei. Die Leute standen auf und redeten mit erregten Stimmen. Nirgal stand Jackie gegen�ber. Sie schaute ihm in die Augen. Er dr�ckte sie fest an sich. Das war ihr K�rper in seinen Armen, so real wie Fels. Ihr Haar in seinen Nasenl�chern. Er holte Luft und hielt den Atem an. Lie� sie los. Sie ging ohne ein Wort. Am Eingang zur Gangway blickte sie einmal zur�ck. Ihr Gesicht. Und dann war sie fort.</emphasis></p><p><emphasis>Sp�ter erhielt er aus dem Weltraum eine gedruckte Radiomitteilung: Wo immer du auch hingehst, da sind wir. Das stimmte nicht. Aber erf�hlte sich dadurch besser. Soviel konnten Worte ausrichten. Na sch�n, sagte er sich, als er seine Tage mit Wanderungen auf dem Planeten verbrachte, jetzt bin ich unterwegs zum Aldebaran.</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Die n�rdliche Polinsei hatte vielleicht mehr Umformung erfahren als jede andere Landschaft auf dem Mars. Das hatte Sax l�uten geh�rt, und nun spazierte er auf einer Klippe am Rande des Chasma-Borealis- Flusses und sah selbst, was das bedeutete. Die Polkappe war etwa zur H�lfte geschmolzen, und die massiven Eisw�nde des Chasmas waren fast verschwunden, was ein Auftauen bewirkt hatte, wie es auf dem Mars seit dem fr�hen Hesperian keines mehr gegeben hatte. Und dieses ganze Wasser war in jedem Fr�hling und Sommer �ber die geschichteten Sand- und L��gebiete gerauscht und hatte sie mit gro�er Gewalt durchschnitten. Die Senken im Gel�nde waren zu tiefen Canyons mit Sandw�nden ausgewaschen worden, die sich flu�abw�rts in sehr instabilen Wasserl�ufen zum Nordmeer hinzogen, im Fr�hling Schmelzwasser kanalisierten und sich rasch verlagerten, wenn Abh�nge und Erdrutsche kurzlebige Seen schufen, ehe die Hindernisse durchschnitten und ihrerseits weggeschwemmt wurden, wobei nur noch Strandterrassen und Rutschl�cher �brigblieben.</p><p>Sax blieb stehen und schaute in eines dieser Rutschl�cher hinunter. Er berechnete, wieviel Wasser sich in dem See angesammelt haben mu�te, ehe der Damm gebrochen war. Man durfte nicht zu nahe an der Kante des Ausgucks zu stehen kommen, weil die neuen Canyonr�nder keineswegs stabil waren. Es waren einige Pflanzen zu sehen. Nur hie und da gab es einen Streifen blasser Flechtenfarbe, der etwas Abwechslung neben den mineralischen T�nen bot. Der River Borealis war ein breites Sumpfgebiet voller bewegter Gletschermilch mehr als zweihundert Meter unter ihm. Zufl�sse schnitten weniger tief in absch�ssige T�ler ein und entluden ihre Fracht in tr�ben Wasserf�llen wie Erg�sse d�nner Farbe.</p><p>Oberhalb der Canyons war nun, was einst der Boden von Chasma Borealis gewesen war: ein Plateau, von Nebenfl�ssen durchschnitten in einem Muster wie Adern in einem Blatt. Das war urspr�nglich geschichtetes Terrain gewesen und sah jetzt aus, als w�ren k�nstlich H�henlinien in die Landschaft ziseliert worden; und die Schnitte sahen aus, als w�ren die Kurvenlinien viele Meter tief eingeritzt worden, als h�tte die Karte das Gel�nde bis in gro�e Tiefe markiert.</p><p>Es war fast Mittsommer, und die Sonne zog nahezu Tag und Nacht �ber den Himmel. Wolken l�sten sich im Norden vom Eis. Wenn die Sonne am tiefsten stand, entsprechend der Mitte das Nachmittags, trieben diese Wolken in dicken Nebeln s�dw�rts zum Meer, die bronze, purpur- oder fliederfarben oder in anderen wechselnden zarten Farbt�nen schimmerten. Vereinzelte Fjellfeldblumen verzierten das geschichtete Plateau und erinnerten Sax an den Arena-Gletscher, jene Landschaft, die lange vor seinem Unfall seine Aufmerksamkeit erregt hatte. An diese erste Begegnung konnte Sax sich nur mit M�he erinnern; sie hatte sich aber offenbar auf die Weise eingepr�gt, in der G�nsek�ken die erste Kreatur, die sie sehen, als ihre Mutter betrachten. Es gab gro�e W�lder in den gem��igten Zonen, wo Best�nde an Riesensequoien das Unterholz aus Kiefern beschatteten. Es gab eindrucksvolle Meeresklippen, in denen gro�e Schw�rme schreiender V�gel hausten. Es gab Terrarien von Kraterdschungeln aller Art, und in den Wintern die endlosen Fl�chen von Sastrugi-Schnee. Es gab Schluchten wie vertikale Welten, gro�e W�sten mit rotem, sich verlagerndem Sand, Vulkanh�nge aus schwarzem Ger�ll. Es gab jede Art von Biom, egal wie gro� und klein. Aber Sax war diese karge Biolandschaft am liebsten.</p><p>Er ging weiter �ber die Felsen. Sein kleiner Wagen folgte ihm, so gut er konnte, und �berquerte die Zufl�sse des Borealis-Stroms oberhalb bei den ersten Wagenfurten. Das sommerliche Bl�hen, obwohl schwer zu erkennen, wenn man mehr als zehn Meter entfernt war, war dennoch intensiv farbig und auf seine Weise ebenso eindrucksvoll wie der Regenwald. Der von diesen Pflanzen erzeugte Boden war nur sehr d�nn und w�rde bestenfalls langsam dicker werden. Und es war schwierig, ihn zu vermehren, denn jeder in die Canyons fallende Boden gelangte schlie�lich in das Nordmeer. Auf dem geschichteten Terrain waren die Winter so rauh, da� Boden wenig n�tzte, da er nur ein Teil des Permafrostes wurde. Also lie� man die Fjellfelder in ihrem eigenen langsamen Tempo zu Tundren werden und sparte den Boden f�r erfolgversprechendere Regionen im S�den auf. Sax fand das richtig. Es belie� jedem f�r viele kommende Jahrhunderte das Erlebnis des ersten Areobioms, in all seiner Kargheit und Unirdischkeit.</p><p>Sax stapfte �ber das Ger�ll und beachtete jedes pflanzliche Leben unter seinen F��en. Dabei wandte er sich seinem Wagen zu, der inzwischen zu seiner Rechten au�er Sicht geraten war. Die Sonne hatte ziemlich genau die gleiche H�he, die sie den ganzen Tag gehabt hatte. Von der tiefen Senke, wo der neue schmale Flu� von Chasma Borealis dem Lauf des breiten alten folgte, entfernt, war es sehr schwer, die Orientierung zu behalten. Norden k�nnte �berall im Bereich von 180 Grad liegen�� im Grunde �hinter ihm�. Und es w�rde nicht helfen, aufs Geratewohl auf das Nordmeer zu zumarschieren, weil Polarb�ren an dieser K�ste sehr gut gediehen und Seehunde und umherstreifende Kr�hen t�teten.</p><p>Darum machte Sax einen Moment Pause und befragte die Karte an seinem Handgelenk, um seinen genauen Standort zu bestimmen. Er hatte in diesen Tagen ein sehr gutes Kartenprogramm in seinem Handy. Er stellte fest, da� er sich auf 31,63844� L�nge und 84,89926� n�rdlicher Breite befand, plus oder minus ein paar Meter. Sein Wagen stand bei 31,64114 und 84,86857. Wenn er wie auf einer ausgezeichneten nat�rlichen Treppe auf die Spitze dieses kleinen brotlaibartigen Buckels im Westnordwesten kletterte, m��te er ihn sehen k�nnen. Jawohl, da rollte er in l�ssigem Marschtempo dahin. Und da, in den Ritzen dieses Brotlaibs (um diese anthropomorphe Analogie zu benutzen) gab es etwas kleinen r�tlichen Steinbrech, der hartn�ckig im Sch�tze des geborstenen Steines hockte.</p><p>Etwas an diesem Bild war so befriedigend: Das geschichtete Terrain, der Steinbrech im Licht, der kleine Wagen, der sich auf das Rendezvous zum Dinner mit ihm zubewegte, die angenehme M�digkeit in seinen F��en und dann noch etwas Undefinierbares, wie er zugeben mu�te. Es war nicht zu erkl�ren, wieso die einzelnen Elemente des Erlebnisses nicht ausreichten, um das Vergn�gen daran zu begr�nden. Eine Art von Euphorie. Er nahm an, es sei Liebe. Der Geist des Ortes, die Liebe zum Ort, die Areophanie�� nicht nur, wie Hiroko sie beschrieben hatte, aber vielleicht, wie sie sie auch erfahren hatte. Ah, Hiroko, konnte sie dies wirklich die ganze Zeit als so sch�n empfunden haben? Eine gesegnete Kreatur. Kein Wunder, da� sie eine solche Aura ausgestrahlt, eine solche Gefolgschaft gefunden hatte. Sch�n, diesem Gl�ck nahe zu sein, zu lernen, es selbst zu empfinden... Liebe zum Leben des Planeten. Sicher war die biologische Komponente der Szene ein kritischer Bestandteil der Zuneigung. Selbst Ann h�tte das, st�nde sie jetzt neben ihm, sicher zugeben m�ssen. Eine interessante Hypothese, die man pr�fen sollte. Ann, sieh dir diesen purpurnen Steinbrech an! Sieh, wie er irgendwie den Blick auf sich zieht! Das Interesse wird im Zentrum der krummlinigen Landschaft fixiert. Und so auch die spontan entstandene Liebe.</p><p>Dieses erhabene Land schien ihm eine Art Bild des Universums selbst zu sein, zumindest in seiner Beziehung von Leben zu Nichtleben. Sax war den biogenen Theorien von Deleuze gefolgt, einem Versuch, im kosmologischem Ma�stab zu mathematisieren. Anders als Hirokos Viriditas. Soweit Sax sehen konnte, behauptete Deleuze, da� Viriditas beim Urknall eine fadenf�rmige Kraft gewesen w�re, ein komplexes Grenzph�nomen zwischen Kr�ften und Partikeln, das vom Urknall als reine M�glichkeit ausw�rts strahlte, bis Planetensysteme der zweiten Generation die volle Palette schwerer Elemente angesammelt hatten. An dieser Stelle war Leben entsprungen, in den �kleinen Urknallen�, hervorgebrochen am Ende jedes Fadens von Viriditas. Es hatte nicht allzu viele F�den gegeben, und sie waren gleichm��ig im Weltall verteilt gewesen. Der galaktischen Verklumpung folgend und sie zum Teil gestaltend. Dadurch war jeder Faden von den anderen so weit entfernt wie nur irgend m�glich. Darum waren alle Inseln mit Leben in der Raumzeit weit voneinander getrennt. Das machte einen Kontakt zwischen zwei beliebigen Inseln sehr unwahrscheinlich, weil das alles sp�te Ph�nomene in gro�er Distanz vom Rest waren. Sie hatten keine Zeit f�r Kontakt gehabt. Diese Hypothese schien, wenn sie stimmte, Sax eine mehr als ausreichende Erkl�rung f�r das Versagen der SETI zu sein. Jenes Schweigen der Sterne, das jetzt schon fast vierhundert Jahre andauerte. Ein Wimpernschlag im Vergleich mit der Milliarde Lichtj�hre, durch die laut Deleuze alle Inseln des Lebens voneinander getrennt sein sollten.</p><p>Also existierte Viriditas im Weltall wie dieser kleine Steinbrech auf den gro�en Sandkurven der Polarinsel: klein, isoliert, gro�artig. Sax sah vor sich ein gekr�mmtes Universum, aber Deleuze behauptete, da� sie in einem flachen Universum lebten, auf dem Scheitelpunkt zwischen st�ndiger Expansion und dem Modell wechselnder Expansion und Kontraktion in delikatem Gleichgewicht. Und er behauptete auch, da� der Umkehrpunkt, wenn das Universum entweder anfinge zu schrumpfen oder aber sich �ber alle M�glichkeit des Schrumpfens hinaus ausdehnen w�rde, der Gegenwart sehr nahe zu sein schien! Das machte Sax mi�trauisch, ebenso wie Deleuzes Implikation, da� man die Materie in der einen oder anderen Richtung beeinflussen k�nnte. Wenn man auf den Boden stampfte, w�rde man das Weltall der Aufl�sung und dem Hitzetod n�herbringen, oder man hielte den Atem an und w�rde alles nach innen ziehen zu dem unvorstellbaren Punkt des Eskhaton. Nein! Das erste Gesetz der Thermodynamik machte dies neben vielen anderen �berlegungen zu einer kosmologischen Halluzination, dem Existentialismus eines kleinen Gottes. Vielleicht ein psychologisches Resultat der j�h vergr��erten physischen Kr�fte der Menschheit. Oder Deleuze tendierte selbst zum Gr��enwahn. Er dachte, er k�nnte alles erkl�ren.</p><p>Tats�chlich war Sax mi�trauisch gegen�ber der ganzen derzeitigen Kosmologie, die die Menschheit ins Zentrum der Dinge stellte, eine Zeit nach der anderen.</p><p>Das erweckte bei Sax den Eindruck, als ob all diese Formulierungen nur k�nstliche Gebilde menschlicher Phantasie w�ren, und das starke anthropische Prinzip wie Farbe in alles einsickerte, was sie sahen. Obwohl er einr�umen mu�te, da� manche Beobachtungen einen sehr soliden Eindruck machten und nur schwer als st�ndiges Eindringen menschlicher Begriffe oder blo�er Zufall zu deuten waren. Nat�rlich war es schwer zu glauben, da� Sonne und Mond von der Erde aus genau gleich erscheinen sollten; aber es war so. Es gab Koinzidenzen. Aber die meisten dieser anthropozentrischen Merkmale schienen f�r Sax nur die Grenzen menschlichen Verstehens zu markieren. Es gab sehr wahrscheinlich Dinge, die gr��er waren als das Universum, und andere, die kleiner waren als Strings�� manche noch gr��er als das Plenum, bestehend aus noch kleineren Bestandteilen. All das lag jenseits menschlicher Vorstellungskraft, sogar mathematisch gesehen. Wenn das wahr w�re, so k�nnte es manche der Unstimmigkeiten in Baos Gleichungen erkl�ren. Wenn man einr�umte, da� die vier Makrodimensionen der Raumzeit in Beziehung zu einigen gr��eren Dimensionen st�nden, so wie sich die sechs Mikrodimensionen zu den vier gew�hnlichen verhielten, dann k�nnten die Gleichungen ganz pr�chtig funktionieren. Er hatte die Vision einer m�glichen Formulierung, gerade hier.</p><p>Er stolperte und gewann das Gleichgewicht wieder. Wieder eine kleine Sandbank, vielleicht dreimal so gro� wie eine normale. Okay�� hinauf und zum Wagen! Wor�ber hatte er gerade nachgedacht?</p><p>Er konnte sich nicht entsinnen. Er hatte etwas Interessantes gedacht. Das wu�te er. Es hatte sich etwas ausgedacht, so in etwa. Aber so sehr er sich bem�hte, er konnte sich nicht erinnern, was es gewesen war. Es steckte im Hintergrund seines Geistes wie ein Stein im Schuh. Es lag ihm etwas auf der Zunge, das nicht durchkam. H�chst l�stig, sogar zum Verr�cktwerden. Das war ihm schon fr�her einmal passiert, wie ihm schien, und in letzter Zeit �fters. War das nicht so? Er war sich nicht sicher, hatte aber das sichere Gef�hl, da� es so war. Er hatte seinen Gedankengang verloren und war dann nicht imstande gewesen, ihn wieder einzufangen, so sehr er es auch versuchte.</p><p>Er erreichte seinen Wagen, ohne sich erinnern zu k�nnen, wie er zu ihm hingelangt war. Liebe des Ortes, ja; aber man mu�te sich doch an Dinge erinnern, um sie zu lieben! Man mu�te imstande sein, sich an die eigenen Gedanken zu erinnern! Verwirrt, trotzig klapperte er im Wagen umher, um ein Essen zuzubereiten, und verzehrte es dann, ohne es wirklich zu bemerken.</p><p>Dieser �rger mit dem Ged�chtnis brachte nichts.</p><empty-line/><p>Tats�chlich war es ihm, als er jetzt dar�ber nachdachte, schon oft passiert, da� er den Gedankenfaden verloren hatte. Er glaubte zumindest sich zu erinnern. Das war allerdings ein merkw�rdiges Problem. Aber sicher hatte er den Verlust von Gedankeng�ngen bemerkt, die im nachhinein gute Gedanken gewesen zu sein schienen. Er hatte sogar versucht, in sein Handy zu sprechen, wenn solch ein beschleunigter Gedankengang einsetzte und er f�hlte, da� verschiedene F�den sich verflochten, um etwas Neues hervorzubringen. Aber beim Akt des Sprechens brach die Geistest�tigkeit ab. Er war anscheinend kein verbaler Denker; sondern es war eine Sache von Bildern, manchmal in den Sprachen der Mathematik und manchmal in einer Art unfertigem Strom, den er nicht n�her charakterisieren konnte. Durch Sprechen wurde er gestoppt. Oder aber die verlorenen Gedanken waren viel weniger eindrucksvoll, als sie ihm vorgekommen waren. Denn die Handy-Aufzeichnungen enthielten nur ein paar S�tze, z�gernd und ohne Zusammenhang und meistens langsam. Sie enthielten nichts von dem, was er aufzuzeichnen gehofft hatte, welches, besonders in diesem Zustand, genau das Gegenteil gewesen war�� schnell, zusammenh�ngend, m�helos im freien Spiel des Geistes. Dieser Proze� konnte nicht eingefangen werden. Und Sax war stark davon betroffen, wie wenig von den Gedanken eines Menschen jemals aufgezeichnet oder im Ged�chtnis behalten oder auf irgendeine andere Weise anderen �bermittelt werden konnte. Der Bewu�tseinsstrom lie� sich niemals mit anderen teilen, abgesehen von den tats�chlichen Fingerhutportionen, selbst vom fruchtbarsten Mathematiker oder sorgf�ltigsten Chronisten.</p><p>Nun wohl, dieser Umstand war nur eine der vielen Bedingungen, denen sie sich in ihrem unnat�rlich verl�ngertem hohen Alter anpassen mu�ten. Das war sehr l�stig und bisweilen sogar �rgerlich. Ohne Zweifel mu�te das Thema untersucht werden, obwohl das Ged�chtnis einen notorischen Morast f�r die neurologischen Wissenschaften darstellte. Es hatte gewisse �hnlichkeit mit dem Problem vom undichten Dach. Unmittelbar nach dem Verlust eines solchen Gedankenganges, wenn man sich seiner fehlenden Gestalt und der emotionalen Erregung noch bewu�t war, trieb es ihn fast zum Wahnsinn. Wenn aber der Inhalt des Gedankens eine halbe Stunde sp�ter wirklich vergessen war, schien es nicht mehr wichtiger zu sein als das Entschwinden von Tr�umen in den Minuten nach dem Erwachen. Er hatte andere Dinge, um die er sich k�mmern mu�te.</p><empty-line/><p>Da w�re die Serie von Todesf�llen unter seinen Freunden. Diesmal war es Yeli Zudov, ein Mitglied der Ersten Hundert, das er nie gut gekannt hatte. Dennoch fuhr auch er nach Odessa hinunter, und nach dem Gedenkgottesdienst, einer traurigen Angelegenheit, w�hrend der Sax oft durch Gedanken an Vlad, Spencer oder Phyllis und dann Ann abgelenkt wurde, kehrten sie zu dem Praxisgeb�ude zur�ck und sa�en in Michels und Mayas Wohnung. Es war nicht dasselbe Apartment, in dem sie vor der Zweiten Revolution gelebt hatten; aber, soweit Sax sich erinnern konnte, hatte Michel sich M�he gegeben, es genau so einzurichten, wie es damals ausgesehen hatte�� wohl zur Therapie Mayas, als sie immer mehr mentale Schwierigkeiten hatte��, Sax wu�te nicht, welche es zuletzt gewesen waren. Er war nie imstande gewesen, sich um die melodramatischen Aspekte Mayas zu k�mmern und hatte Michels Reden �ber sie keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, wenn sie beide in letzter Zeit zusammenkamen. Es war immer anders und immer dasselbe.</p><p>Aber jetzt nahm er eine Tasse Tee von Maya entgegen und sah ihr nach, als sie wieder in die K�che ging, vorbei an dem Tisch, wo Michels Notizb�cher ausgebreitet waren. Obenauf lag ein Foto von Frank, das Maya vor langer Zeit hochgesch�tzt hatte. Sie hatte es in dem Apartment im K�chenabteil beim Ausgu� an der Wand befestigt. Daran erinnerte Sax sich sehr deutlich. Es war eine Art heraldischer Zug in jenen angespannten Jahren, als alle k�mpften, w�hrend der junge Frank sie auslachte.</p><p>Maya blieb stehen und sah das Foto genau an. Ohne Zweifel erinnerte sie sich an ihre fr�heren Toten. Jene, die vor so langer Zeit dahingegangen waren.</p><p>Aber sie sagte: �Was f�r ein interessantes Gesicht!�</p><p>Sax empfand einen K�lteschauer in der Magengrube. So deutlich waren die physiologischen Anzeichen des Kummers. Der Verlust des Inhalts eines spekulativen Gedankengangs, ein metaphysisches Abenteuer�� das war eine Sache. Aber dies, ihre eigene Vergangenheit und die gemeinsame Vergangenheit, war unertr�glich. Das w�rde er nicht aushalten.</p><p>Maya sah, da� die anderen schockiert waren, wu�te aber nicht, warum. Nadia hatte Tr�nen in den Augen, was ein ungew�hnlicher Anblick war. Michel sah betroffen aus. Maya sp�rte, da� etwas ernstlich nicht stimmte, und floh aus dem Apartment. Niemand hielt sie auf.</p><p>Die anderen griffen das Thema auf. Nadia ging zu Michel. Der brummte mit gequ�lter Miene: �Ja, so ist es nun mal, diese Vorf�lle h�ufen sich. Ich f�hle es selbst. Aber f�r Maya...� Er sch�ttelte den Kopf und sah h�chst entmutigt aus. Selbst Michel konnte nichts Gutes daraus machen. Michel, der bei all ihren fr�heren Meinungsumschw�ngen seine Alchemie des Optimismus entwickelt und zu einem Teil seiner gro�en Story gemacht hatte, dem Mythos vom Mars, den er irgendwie aus dem t�glichen Morast herausgequetscht hatte. Aber dies war der Tod der Story. Zu schwer zum Mythologisieren. Nein�� das Leben, nachdem das Ged�chtnis gestorben war, war eine blo�e Farce, schrecklich und ohne Sinn. Man mu�te unbedingt etwas unternehmen.</p><empty-line/><p>Sax dachte noch dar�ber nach. Er sa� in einer Ecke, in sein Armband vertieft, und las eine Sammlung von Kurzfassungen neuerer experimenteller Arbeiten �ber das Ged�chtnis, als er aus der K�che einen Fall und einen Schrei von Nadia h�rte. Sax eilte hinaus und fand Nadia und Art �ber Michel gebeugt, der mit kreidebleichem Gesicht auf dem Fu�boden lag. Sax rief den Pf�rtner; und schneller, als er es f�r m�glich gehalten h�tte, war ein Erste-Hilfe-Team mit seinen Ger�ten hereingest�rmt und hatte Art beiseite geschoben. Gro�e junge Eingeborene, die Michel br�sk an ihr kompaktes Apparatenetz anschl�ssen, wobei die Alten lediglich Zuschauer beim Kampf ihres Freundes blieben.</p><p>Sax setzte sich zu den �rzten und legte eine Hand auf Michels Hals und Schulter. Michels Atem hatte aufgeh�rt, ebenso der Puls. Wei�es Gesicht. Die Versuche zur Wiederbelebung waren heftig. Elektroschocks wurden mit verschiedenen St�rken ausprobiert. Der anschlie�ende �bergang zur Herz-Lungen-Maschine wurde mit minimalem Umstand vollzogen. Die jungen �rzte arbeiteten fast stillschweigend, sprachen nur miteinander, wenn es unbedingt n�tig war, und schienen die an der Wand sitzenden alten Leute nicht zu bemerken. Sie taten alles, was sie konnten, aber Michel blieb hartn�ckig und mysteri�serweise tot.</p><p>Nat�rlich hatte er sich �ber Mayas Ged�chtnisverlust aufgeregt. Aber das schien keine passende Erkl�rung zu sein. Er war sich Mayas Problem durchaus schon bewu�t gewesen und hatte sich Sorgen gemacht. Darum sollte eine einzelne Bekundung ihres Problems keine Rolle gespielt haben. Ein Zufall. Ein schlimmer. Und nat�rlich kam ganz sp�t an diesem Abend, nachdem die �rzte endg�ltig aufgegeben, Michel nach unten getragen hatten und jetzt ihr Ger�t aufr�umten, Maya zur�ck; und sie mu�ten ihr berichten, was geschehen war.</p><p>Sie war nat�rlich heftig erregt. Ihr Schock und ihre Angst waren f�r einen der jungen �rzte zu viel, der sie zu tr�sten versuchte (das wird dir nicht gelingen, wollte Sax sagen; ich habe es schon selbst probiert). Er bekam prompt wegen seiner Bem�hungen eine Ohrfeige, was ihn w�tend machte. Er ging hinaus in den Korridor und setzte sich bedr�ckt hin.</p><p>Sax kam hinterher und setzte sich neben ihn. Der junge Mann weinte.</p><p>�Ich kann das nicht mehr weiter machen�, sagte er nach einer Weile. Er sch�ttelte den Kopf, wohl, um sich zu entschuldigen. �Es hat keinen Sinn. Wir kommen, tun alles, was wir k�nnen, aber ohne Erfolg. Nichts h�lt den raschen Verfall auf.�</p><p>�Worin besteht er denn?� fragte Sax.</p><p>Der junge Mann hob seine kr�ftigen Schultern und schniefte: �Das ist das Problem. Niemand wei� es.�</p><p>�Es mu� doch sicher Theorien geben? Autopsien?�</p><p>�Herzarhythmien�, sagte einer der �rzte knapp, der mit einem Ger�t vorbeikam.</p><p>�Das ist das Symptom�, sagte der sitzende Mann und schniefte wieder. �Aber woher kommt die Arhythmie? Und warum l��t sie sich durch unsere Apparate nicht beheben?�</p><p>Niemand antwortete.</p><p>Noch ein Geheimnis, das gel�st werden mu�te. Sax sah durch die offene T�r, da� Maya auf der Couch sa� und weinte. Nadia sa� neben ihr wie eine Statue. Pl�tzlich wurde es Sax klar, da� Michel, auch wenn er eine Erkl�rung f�nde, tot war und das nichts mehr �ndern konnte.</p><p>Art traf mit den �rzten Absprachen. Sax tastete auf seinem Handy herum und �berflog eine Liste der Titel der Aufs�tze �ber den raschen Verfall. Sie umfa�te 8361 Titel. Es gab Literaturzusammenfassungen und von Computern zusammengetragene Tabellen, aber nichts, das nach einer definitiven paradigmatischen Feststellung aussah. Immer noch im Stadium der Beobachtung und Ausgangshypothesen herumtappend ... In vielerlei Hinsicht �hnelte es dem Buch �ber Ged�chtnis, das Sax schon gelesen hatte. Tod und Verstand. Wie lange hatten sie diese Probleme studiert, wie lange hatten diese Probleme widerstanden! Michel selbst hatte sich dazu ge�u�ert und auf eine tiefergehende Mitteilung verwiesen, die die unerkl�rlichen Elemente deuten sollte. Michel, der Sax von der Aphasie geheilt hatte, der ihn �ber Teile seines Ichs unterrichtet hatte, deren Existenz er nicht einmal erahnt hatte. Michel war dahingegangen. Er w�rde nicht zur�ckkehren. Sie hatten die letzte Version seines K�rpers aus dem Apartment getragen. Er war nach jedem fr�heren Standard ungef�hr in Saxens Alter gewesen. Warum dann dieser Schmerz in Saxens Brust, dieser Schwall hei�er Tr�nen? Das ergab keinen Sinn. Aber Michel h�tte es verstanden. Besser dies als der Tod des Geistes, w�rde er gesagt haben. Aber Sax war sich nicht so sicher. Seine Ged�chtnisprobleme erschienen jetzt weniger wichtig, genau wie die von Maya. Sie erinnerte sich immerhin genug, um zu realisieren, da� sie Schaden genommen hatte. Er auch. Er erinnerte sich an das, was wichtig war.</p><p>Eigenartig, sich zu erinnern, da� er unmittelbar vor dem Tod aller drei ihrer Gef�hrten in ihrer Gesellschaft gewesen war. John, Frank und jetzt Michel. Jedesmal ist es f�r sie schlimmer geworden. Und dasselbe galt f�r ihn.</p><p>Die Asche von Michel wurde in einem Ballon �ber das Hellas-Meer getragen und verstreut. Eine kleine Prise hoben sie auf, um sie in die Provence zu bringen.</p><p>Die Literatur �ber Langlebigkeit und Greisentum war so umfangreich und spezialisiert, das es f�r Sax zun�chst schwierig war, seinen gewohnten Zugriff auf das Material zu organisieren. Neuere Arbeiten �ber den raschen Verfall bildeten den naheliegenden Ausgangspunkt, aber um Aufs�tze �ber das Thema zu verstehen, mu�te man auf ihre Vorg�nger zur�ckgreifen und zu einem tieferen Verst�ndnis der Langlebigkeitsbehandlungen als solcher zu gelangen. Dies war ein Gebiet, das Sax nie mehr als oberfl�chlich verstanden hatte, da er wegen seiner unordentlichen, biologisch nicht erkl�rbaren, geradezu wunderbaren Natur instinktiv davor zur�ckscheute. Wirklich ein Thema, das dem Herzen des gro�en Unerkl�rbaren sehr nahe war. Er hatte es fr�hlich Hiroko und dem �u�erst begabten Vladimir Taneev �berlassen, der zusammen mit Ursula und Marina die ersten Behandlungen entworfen und deren Durchf�hrung beaufsichtigt und seit damals viele bedeutende Ver�nderungen vorgenommen hatte.</p><p>Aber jetzt war Vlad tot. Und Sax war interessiert. Es war Zeit, in die Viriditas einzutauchen, in den Bereich des Komplexen.</p><p>Hier war ordentliches Verhalten, dort war chaotisches Verhalten. Und an der Grenze, sozusagen in ihrer Wechselwirkung, lag eine sehr ausgedehnte und verkn�ulte Zone, der Bereich des Komplexen. Dies war die Zone, wo Viriditas in Erscheinung trat, der Ort, wo Leben existieren konnte. Das Leben inmitten der Zone der Komplexit�t zu halten, war im allgemeinsten philosophischen Sinne das, worum sich die Langlebigkeitsbehandlungen bem�ht hatten. Zu verhindern, da� verschiedene Einbr�che des Chaos (wie Aryhthmie) oder der Ordnung (wie b�sartiges Zellwachstum) den Organismus verh�ngnisvoll zerst�rten.</p><p>Aber inzwischen war etwas aufgetreten, das das gerontologisch behandelte Individuum von vernachl�ssigbarer Vergreisung zu extrem schnellem Altern �berf�hrte oder, noch verwirrender, direkt von der Gesundheit zum Tod f�hrte�� ganz ohne jedes Greisentum. Irgendein bisher nicht erkanntes Hereinbrechen von Chaos oder Ordnung in die Grenzzone des Komplexen. So erschien es ihm auf jeden Fall am Ende jeder langen Lekt�resitzung der allgemeinsten Darstellungen des Ph�nomens, die er finden konnte. Und es schlug auch gewisse Forschungswege in der mathematischen Beschreibung der komplex-chaotischen Grenze vor, wie auch der Grenze zwischen Ordnung und Komplexit�t. Aber Sax verlor seine holistische Sicht des Problems in einem seiner Ausf�lle, wobei der Gedankengang hinsichtlich der Substanz der Mathematik f�r immer verlorenging. Und wahrscheinlich (er versuchte, sich danach zu tr�sten) war es wohl eine allzu philosophische Sicht gewesen, um ihm irgendwie zu n�tzen. Die Erkl�rung schien schlie�lich doch nicht so auf der Hand zu liegen, sonst h�tten die massiven konzertierten Bem�hungen der medizinischen Wissenschaft es inzwischen herausgebracht. Im Gegenteil�� es mu�te etwas sehr Subtiles in der Biochemie des Gehirns stecken, einem Gebiet, das wie eine Hydra f�nfhundert Jahren wissenschaftlicher Forschung widerstanden hatte, indem jede neue Entdeckung nur auf eine weitere Menge mysteri�ser K�pfe hinwies...</p><p>Dennoch blieb er hartn�ckig. Und nach einigen Wochen angespannter Lekt�re verschaffte er sich gewi� eine bessere Orientierung auf dem Gebiet, als er sie je zuvor gehabt hatte. Fr�her hatte er den Eindruck gehabt, da� die Langlebigkeitsbehandlung auf einer recht einfachen Injektion der eigenen DNS beruhe, wobei die k�nstlich erzeugten Fasern die in den Zellen bereits vorhandenen verst�rkten, so da� die sich im Laufe der Zeit einschleichenden Br�che und Fehler repariert und die Fasern allgemein gekr�ftigt wurden. Soweit stimmte das ja auch; aber die Langlebigkeitsbehandlung war noch mehr, ebenso wie das Altern mehr als nur ein Fehler der Zellteilung war. Sie war, wie man h�tte voraussagen k�nnen, viel komplizierter als einfach das Zerbrechen von Chromosomen. Sie war ein ganzer Komplex von Prozessen. Und w�hrend man manche davon gut verstand, galt das nicht automatisch f�r alle. Alterungsprozesse fanden auf jeder Ebene statt: Molek�l, Zelle, Organ, Organismus. Manche Alterung beruhte auf hormonalen Effekten, die f�r den jungen Organismus in seiner reproduktiven Phase positiv sind, aber sp�ter negativ f�r das nicht mehr reproduktive Wesen, wenn es f�r die Evolution keine Rolle mehr spielte. Manche Zeil-Linien waren praktisch unsterblich. Zellen des Knochenmarks und der Schleim im Ged�rm ersetzten sich, solange ihre Umgebung lebendig war, ohne jedes Anzeichen f�r altersbedingte Ver�nderungen. Andere Zellen, wie die nicht ersetzten Proteine in der Linse des Auges, unterlagen Ver�nderungen, die durch W�rme oder Licht hervorgerufen wurden, und zwar so regelm��ig, um als eine Art biologischen Chronometers dienen zu k�nnen. Jede Zellreihe alterte mit unterschiedlicher Geschwindigkeit oder �berhaupt nicht. Das war nicht blo� �eine Sache der Zeit� im Sinne Newtonscher absoluter Zeit, die entropisch auf einen Organismus einwirkt. Eine solche Zeit gab es nicht. Vielmehr handelte es sich um sehr viele Folgen spezieller physikalischer und chemischer Ereignisse, die sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten und sich ver�ndernden Effekten bewegen. Es gab eine phantastisch hohe Zahl von Mechanismen der Zellreparatur, die in jedem gro�en Organismus stecken, und ein Immunsystem von gro�er und variabler Kraft. Die Langlebigkeitsbehandlungen erg�nzten oft die Prozesse oder ersetzten sie. Zu der Behandlung geh�rten jetzt auch Erg�nzungen der enzymatischen Photolyase, die Behebung von DNS-Sch�den und Zus�tze zu dem epiphys�ren Hormon-Melatonin, sowie Dehydroepiandrosterone, ein Steroidhormon, das von den Nebennierendr�sen produziert wird... Es gab jetzt ungef�hr zweihundert solcher Komponenten bei der Langlebigkeitsbehandlung.</p><p>So viel, so komplex! Manchmal beendete Sax seine Tageslekt�re und ging zu Odessas Strand hinunter, um mit Maya auf der Corniche zu sitzen und ein Burrito zu essen, den er betrachtete und dabei �ber alles nachdachte, was in seine Verdauung einging, �ber alles, das sie am Leben erhielt. Er f�hlte seinen Atem, den er vorher �berhaupt nicht beachtet hatte. Pl�tzlich kam er sich atemlos vor, verlor den Appetit und verlor den Glauben, da� irgendein so komplexes System l�nger als einen Moment existieren k�nnte, ehe es in urt�mliches Chaos und die Trivialit�ten der Astrophysik zusammenbrach. Wie ein Kartenhaus von hundert Stockwerken bei Wind. Man brauchte es nur irgendwo anzusto�en, und... Es war g�nstig, da� Maya nicht viel aktive Gesellschaft brauchte, weil er oft viele Minuten lang sprachlos sa�, hingerissen in der Betrachtung seiner offenbaren Unf�higkeit.</p><p>Aber er war hartn�ckig. So verhielt sich ein Wissenschaftler eben, wenn er mit einem R�tsel konfrontiert war. Und es gab andere, die bei der Forschung halfen und ihm voraus an den Grenzen arbeiteten und neben ihm auf verwandten Gebieten, angefangen mit der Virologie des Kleinen, in der die Untersuchungen �ber winzige Formen wie Prionen und Viroide immer noch kleinere Formen ans Licht f�rderten, die fast zu untergeordnet waren, um Leben genannt werden zu k�nnen: <emphasis>Viride, Viris, vis, vs�� </emphasis>die alle f�r das gro�e Problem von Bedeutung sein k�nnten... Den ganzen Weg bis hinauf zu gro�en organismischen Abk�mmlingen wie Rhythmen der Gehirnwellen und deren Beziehung zum Herz und anderen Organen; oder die st�ndig abnehmenden Melatoninsekrete der Zirbeldr�se, eines Hormons, das viele Aspekte des Alterns zu regeln schien. Sax verfolgte das alles im Bem�hen, durch seine sp�tere und hoffentlich gr��ere Perspektive einen neuen �berblick zu gewinnen. Er mu�te seiner Intuition hinsichtlich dessen, was wichtig erschien, folgen, und das studieren.</p><p>Nat�rlich half es nicht, da� ihm manche seiner besten Gedanken zu dem Thema im Moment ihres Abschlusses verloren gingen. Er mu�te imstande sein, diese fl�chtigen Gedanken aufzuzeichnen, ehe sie verschwanden! Er fing an, laut Selbstgespr�che zu f�hren, auch in der �ffentlichkeit, in der Hoffnung, das w�rde ihm helfen, die Ausf�lle zu verhindern. Aber das klappte nicht. Es war einfach kein verbaler Proze�.</p><p>Bei all dieser Arbeit waren die Begegnungen mit Maya ein Vergn�gen. Jeden Abend, wenn er merkte, da� es dunkel wurde, pflegte er mit Lesen aufzuh�ren und ging die Stufentreppen der Stadt hinunter zur Corniche; und dort sah er auf einer von vier verschiedenen B�nken oft Maya, wie sie da sa� und �ber den Hafen in die See schaute. Dann ging er zu einem der Lebensmittelst�nde hinten im Park, kaufte einen Burrito, Gyros oder Salat oder einen Corndog, kam her�ber und setzte sich neben ihr hin. Sie nickte, und sie a�en dann, ohne viel zu sprechen. Danach betrachteten sie schweigend die See.</p><p>�Wie war dein Tag?��� �Okay, und deiner?� Er versuchte, nicht viel �ber seine Lekt�re zu sprechen; und sie sagte nicht viel �ber ihre Hydrologie oder die Theaterproduktionen, zu denen sie ging, wenn die D�mmerung eingefallen war. Sie hatten sich eigentlich nicht viel zu sagen. Aber es war jedenfalls gesellig. Eines Abends flammte der Sonnenuntergang mit ungew�hnlichem Lavendelglanz, und Maya wunderte sich: �Ich m�chte wissen, was f�r eine Farbe das ist.� Und Sax mutma�te: �Lavendel?�</p><p>�Aber Lavendel ist doch gew�hnlich eher pastellfarben, nicht wahr?� Sax rief eine gro�e Farbkarte auf, die er vor l�ngerer Zeit gespeichert hatte, um damit die Farben des Himmels zu bestimmen. Maya murrte dar�ber; aber hielt sein Handgelenk dennoch hoch und verglich verschiedene Probequadrate mit dem Himmel. �Wir brauchen einen gr��eren Bildschirm.� Und dann fanden sie eine Farbe, die zu passen schien: Hellviolett. Oder irgendwo zwischen Hellviolett und Bla�violett.</p><p>Danach hatten sie ein kleines Hobby. Es war wirklich bemerkenswert, wie verschieden die Farben der Sonnenunterg�nge in Odessa waren und den Himmel, das Meer und die wei�get�nchten W�nde der Stadt beeinflu�ten. Eine endlose Variation. Viel mehr Variationen, als es Namen f�r sie gab. Die Armut der Sprache auf diesem Gebiet war f�r Sax eine st�ndige �berraschung. Sogar die Armut seiner Farbtafel. Das Auge konnte vielleicht zehn Millionen verschiedener T�nungen erkennen, wie er las. Das Handbuch, auf das er Bezug nahm, enthielt 1266 Beispiele. Und nur ein sehr kleiner Bruchteil davon hatte �berhaupt einen Namen. Darum streckten sie an den meisten Abenden die Arme aus und probierten verschiedene Farben vor dem Himmel. Dann fanden sie einen Fleck, der recht gut pa�te, und er trug keinen Namen. Dann erfanden sie Namen: der 11. des 2. Oktobers, Orange, Aphel Purpur, Limonenblatt, Fast Gr�n, Arkadijs Bart. Maya konnte immer so weitermachen. Sie war darin wirklich gut. Dann fanden sie manchmal eine Namensbezeichnung, die zum Himmel pa�te (wenigstens f�r einen Augenblick) und lernten die wahre Bedeutung eines neuen Wortes kennen, die Sax befriedigte. Aber in dem Bereich zwischen Rot und Blau hatte das Englische �berraschend wenig zu bieten. Die Sprache war eben einfach nicht f�r den Mars ausger�stet. Eines Abends gingen sie in der D�mmerung nach einem malvenfarbenen Sonnenuntergang die Farbtafel methodisch durch, nur um zu sehen: Purpur, Magenta, Lilagrau, Amaranth, Aubergine, Malve, Amethyst, Pflaume, Violett, Heliotrop, Clematis, Lavendel, Indigo, Hyazinth, Ultramarin, und dann kamen sie zu den Worten f�r Blaut�ne. Es gab sehr viele davon. Aber f�r die rotblaue Spanne waren es, mit Ausnahme der vielen Modulationen der Liste, K�nigsviolett, Lavendelgrau und so weiter.</p><p>Eines Abends war der Himmel klar; und nachdem die Sonne hinter den Hellespontus Montes untergegangen war, die Luft �ber der See aber noch erhellte, verwandelte sie sich in ein sehr vertrautes rostbraunes Orange. Maya packte Sax heftig am Arm: �Schau, das ist Mars-Orange, das ist die Farbe des Planeten aus dem Weltraum, wie wir sie aus der Ares gesehen haben! Schau! Schnell, welche Farbe ist das?�</p><p>Sie sahen die hochgehaltenen Tafeln durch. �Paprikarot.��� �Tomatenrot.��� �Oxidrot, das sollte richtig sein, denn Eisen bewirkt ja auch diese Farbe.�</p><p>�Aber es ist ein wenig zu dunkel. Sieh hin!�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Br�unlichrot.�</p><p>�R�tlichbraun.�</p><p>Zimt, Sienna, Persisch Orange, Sonnenbrand, Kamel, Rostbraun, Sahara, Chromorange... Sie lachten. Nichts war genau richtig. Maya entschied: �Wir nennen es Mars-Orange.�</p><p>�Fein! Aber schau, wieviel mehr Namen es f�r diese Farben gibt als f�r die Purpurt�ne. Warum das?�</p><p>Maya zuckte die Achseln. Sax las weiter im Begleitmaterial f�r die Tafel, um zu sehen, ob dort etwas dar�ber gesagt wurde. �Ah! Es scheint, da� die St�bchen in der Netzhaut dazu tendierten, in den drei Grundfarben am besten zu sehen. Darum gibt es in der N�he davon viele Unterscheidungen, w�hrend die dazwischen liegenden gemischt sind.� Dann fiel ihm in der sich purpurn f�rbenden D�mmerung ein Satz ein, der ihn so �berraschte, da� er ihn laut vorlas:</p><p>�Rot und Gr�n bilden ein weiteres Paar, das man nicht simultan als Komponenten der gleichen Farbe erkennen kann.�</p><p>�Das stimmt nicht�, sagte Maya sofort. �Das ist nur, weil sie einen Farbkreis benutzen und diese beiden auf entgegengesetzten Seiten liegen.�</p><p>�Was meinst du? Da� es mehr Farben gibt als diese?�</p><p>�Nat�rlich. K�nstlerfarben, Theaterfarben. Wenn man jemandem einen gr�nen Fleck und einen roten Fleck auftr�gt, bekommt man wohl eine Farbe, und die ist nicht rot oder gr�n.�</p><p>�Aber was ist sie? Hat sie einen Namen?�</p><p>�Ich wei� nicht. Schau in das Farbenrad eines K�nstlers!�</p><p>Und das tat er, und sie auch. Sie fand es zuerst: �Hier. Gebrannte Umbra, indisches Rot, Krapp-Alizarin... Das sind alles gr�nrote Mischungen.�</p><p>�Interessant! Rotgr�ne Mischungen!... lauter gr�nrote Mischungen.�</p><p>Sie sah ihn an. �Wir sprechen hier �ber Farben, Sax, und nicht �ber Politik.�</p><p>�Ich wei�, ich wei�. Sei nicht albern!�</p><p>�Aber meinst du nicht, da� wir eine rotgr�ne Mischung brauchen?�</p><p>�Politisch? Sax, es gibt schon eine rotgr�ne Mischung. Das ist das Problem. Der Freie Mars hat die Roten an Bord genommen, um die Einwanderung zu stoppen, und darum sind sie so erfolgreich. Sie schlie�en sich zusammen und sperren den Mars f�r die Erde, und bald werden sie wieder Krieg mit ihnen f�hren. Ich sage dir, das kann ich kommen sehen. Wir rutschen wie auf einer Spirale hinein.�</p><p>�Hmm�, machte Sax ern�chtert. Er k�mmerte sich in diesen Tagen nicht um die Politik des Sonnensystems, wu�te aber, da� Maya, die ein sehr scharfes Auge f�r diese Dinge hatte, sich immer mehr Sorgen dar�ber machte�� mit dem bei ihr �blichen sarkastischen Spritzer von Genugtuung angesichts des Nahens der Krise. Darum war es vielleicht nicht ganz so schlimm, wie sie meinte. Wahrscheinlich w�rde er sich bald wieder darum k�mmern m�ssen. Aber inzwischen ...</p><p>�Das ist nicht Indigo, das ist K�nigsblau.�</p><p>�Aber sie sollten es nicht blau nennen, wenn etwas Rot darin ist.�</p><p>�Sollten sie nicht. Schau, Marineblau, Preu�ischblau, K�nigsblau�� da ist �berall Rot drin.�</p><p>�Aber jene Farbe am Horizont ist keine davon.�</p><p>�Nein, du hast recht. Nicht klassifizierbar.�</p><p>Sie vermerkten das auf ihren Karten. Ls 24, m-Jahr 91, September 2205�� eine neue Farbe. Und damit verging wieder ein Abend.</p><p>Dann sa�en sie an einem Winterabend in der Stunde vor Sonnenuntergang auf der westlichsten Bank. Alles war still, das Hellas-Meer wie eine Glasscheibe, der Himmel wolkenlos, rein, sauber, klar; und als die Sonne sank, da verschob sich alles �ber das Spektrum ins Blaue, bis Maya von ihrem Nizza-Salat aufschaute und Sax am Arm packte. �O mein Gott, schau!� Sie schob ihren Papierteller beiseite, und beide standen sie instinktiv auf�� wie alte Veteranen, wenn sie die Nationalhymne einer n�herkommenden Parade h�ren. Sax verschlang seinen Hamburger mit einem Bissen, sagte: �Ah!� und schaute. Alles war blau, himmelblau, blau wie der Himmel der Erde, und durchtr�nkte alles w�hrend des gr��ten Teils einer Stunde, �berflutete ihre Netzh�ute und die Nervenbahnen in ihren Gehirnen, die sich ohne Zweifel lange nach dieser Farbe gesehnt hatten, nach der f�r immer verlassenen Heimat.</p><empty-line/><p>Das waren sch�ne Abende. Aber bei Tag wurden die Dinge immer komplizierter. Sax gab das Studium von Ganzk�rperproblemen auf und widmete sich nur noch dem des Gehirns. Das war so, als wolle man die Unendlichkeit halbieren, aber es schlug sich bei den Papieren, die er durchsehen mu�te, nieder und es schien so, als w�re das Gehirn sozusagen das Herz des Problems. Es gab Ver�nderungen in einem �beralterten Gehirn, die sowohl bei der Autopsie zu erkennen waren wie bei den verschiedenen Kontrollen des Blutstroms, in der elektrischen Aktivit�t, im Proteinverbrauch, Zuckerverbrauch, der W�rme und allen �brigen indirekten Tests, die man im Laufe der Jahrhunderte beim Studium des lebenden Gehirns w�hrend mentaler Aktivit�t jeder Art ersonnen hatte. Zu den beobachteten Ver�nderungen im �beralterten Gehirn z�hlte die Verkalkung der Zirbeldr�se, durch die die Menge des von ihr produzierten Melatonins vermindert wurde. Zufuhr synthetischen Melatonins war Teil der Langlebigkeitsbehandlung. Aber nat�rlich w�re es besser, gleich zu Anfang die Verkalkung zu stoppen, weil sie wahrscheinlich noch andere Effekte hatte. Ferner gab es eine deutliche Zunahme von neurofibrillaren Verflechtungen, die Aggregate von Proteinfilamenten waren, die zwischen den Neuronen wuchsen und physischen Druck auf sie aus�bten�� vielleicht analog zu dem Druck, den Maya w�hrend ihrer <emphasis>presque vus</emphasis> meldete. Wer konnte das sagen? Dann wiederum sammelte sich Beta-Amyloid-Protein in den zerebralen Blutgef��en und im interzellularen Raum um die Nerventerminals, wodurch abermals die Funktion behindert wurde. Und pyramidale Neuronen im frontalen Cortex und Hippocampus sammelten Calpain an, wodurch sie verwundbar gegen�ber Kalziumzufl�ssen wurden, die sie besch�digten. Und das waren Zellen, die sich nicht teilen, ebenso alt wie der Organismus selbst waren. Bei ihnen war ein Dauerschaden permanent, wie bei dem Schlag, den Sax erlitten hatte. Er hatte bei diesem Vorfall, an den er nicht gern zur�ck dachte, einen gro�en Teil seines Gehirns eingeb��t. Und auch die F�higkeit der Molek�le, sich in diesen Zellen, die sich nicht teilen, zu ersetzen, k�nnte gesch�digt werden�� ein scheinbar kleiner, aber im Laufe der Zeit ebenso bedeutsamer Verlust. Autopsien von Menschen, die �ber zweihundert Jahre gelebt und an dem raschen Verfall gestorben waren, zeigten regelm��ig eine starke Verkalkung der Zirbeldr�se in Verbindung mit erh�htem Calpain-Niveau im Hippocampus. Und Hippocampus wie Calpainspiegel spielten beide eine Rolle bei einigen f�hrenden Modellen zur Ged�chtnisfunktion. Das war ein interessanter Zusammenhang.</p><p>Aber das alles f�hrte nicht weiter. Und niemand w�rde das Geheimnis allein durch das Literaturstudium l�sen k�nnen. Aber die Experimente, die zur Aufkl�rung h�tten beitragen k�nnen, waren wegen der Unzug�nglichkeit des lebenden Gehirns nicht machbar. Man konnte H�hner, M�use, Ratten, Hunde, Schweine, Lemuren und Schimpansen t�ten; man konnte Individuen jeder Spezies der Sch�pfung t�ten, auch die Gehirne ihrer F�ten und Embryos sezieren, aber niemals das finden, wonach man suchte. Denn die Autopsie allein war f�r das Vorhaben unzureichend. Die verschiedenen Scans an lebenden Objekten waren genauso unvollkommen, da die in Betracht kommenden Prozesse entweder feink�rniger waren, als die Scans erkennen lie�en, oder holistischer oder kombinatorischer oder wahrscheinlich alles zugleich.</p><p>Indessen waren einige Experimente und die daraus folgenden Modelle anregend. Der Aufbau von Calpain schien beispielsweise die Funktion der Gehirnwellen zu ver�ndern. Dies und andere Faktoren lieferten Sax Ideen f�r seine weitere Forschung. Er begann, intensiv die Literatur �ber die Effekte kalziumbindender Proteinspiegel zu lesen, �ber Cortisteroide, �ber die Kalziumstr�me in den hippocampischen pyramidalen Neuronen und �ber die Verkalkung der Zirbeldr�se. Es schien synergistische Effekte zu geben, die sowohl das Ged�chtnis als auch die allgemeine Gehirnwellenfunktion beeinflussen k�nnten, �berhaupt alle k�rperlichen Rhythmen einschlie�lich Herzrhythmen. Sax fragte Maya: �Hatte Michel irgendwelche Ged�chtnisprobleme? Vielleicht f�hlte er, da� er ganze Gedankenkomplexe verlor, selbst sehr wichtige Gedanken?�</p><p>Maya zuckte die Achseln. Aber Michel war inzwischen schon fast ein Jahr tot.</p><p>�Ich kann mich nicht entsinnen.�</p><p>Das machte Sax nerv�s. Maya schien sich zur�ckzuziehen. Ihr Ged�chtnis wurde jeden Tag schlechter. Selbst Nadia konnte nichts f�r sie tun. Sax kam mit ihr immer h�ufiger zusammen an der Corniche. Das war eine Gewohnheit, die sie beide offenbar genossen. Obwohl sie nie dar�ber sprachen. Sie sa�en einfach da, a�en eine Kleinigkeit vom Kiosk, beobachteten den Sonnenuntergang und holten ihre Farbtafeln heraus, um zu sehen, ob sie eine neue Nuance erwischen konnten. Aber es kam ihnen nicht auf die Bemerkungen an, die sie auf den Tafeln eintrugen. Keiner von ihnen w�re sicher gewesen, ob die Farben, die sie sahen, wirklich neu waren oder nicht. Sax selbst hatte den Eindruck, da� er seine Ausf�lle h�ufiger erlebte, vielleicht vier bis acht jeden Tag, obwohl er nicht sicher sein konnte. Er machte sich zur Gewohnheit, in seinem Handy st�ndig eine Aufnahmefrequenz laufen zu lassen, die durch seine Stimme aktiviert wurde; und anstatt zu versuchen, seinen vollen Gedankengang zu beschreiben, sprach er blo� ein paar Worte, von denen er hoffte, da� sie sp�ter eine bessere Erinnerung an das ausl�sen w�rden, was er gedacht hatte. Am Ende des Tages setzte er sich dann gespannt und hoffnungsvoll hin und h�rte ab, was der Computer w�hrend des Tages eingefangen hatte. Meistens waren es Gedanken, an die er sich erinnerte. Aber gelegentlich h�rte er sich sagen: �Synthetische Melatonine k�nnten ein besseres Antioxidans sein als nat�rliche, weil es dann nicht genug freie Radikale gibt�, oder: �Viriditas ist ein fundamentales Mysterium. Es wird nie eine gro�e vereinheitlichte Theorie geben�, ohne da� er sich erinnerte, so etwas gesagt zu haben, und oft nicht einmal daran, was es bedeuten k�nnte. Aber immerhin waren die �u�erungen manchmal anregend und ihre Bedeutungen auswertbar.</p><p>Und so bem�hte er sich weiter. Dabei sah er erneut, so frisch wie in seinen ersten Studienjahren, da� die Struktur der Wissenschaft sch�n war. Sie war sicherlich eine der gr��ten Leistungen des menschlichen Geistes, eine Art von staunenswertem Parthenon des Geistes, ein Werk in st�ndigem Fortschritt wie ein symphonisches episches Gedicht aus Tausenden von Versen, das von ihnen allen gemeinsam in einer gigantischen fortdauernden Zusammenarbeit verfa�t wurde. Die Sprache des Epos war Mathematik, weil diese die Sprache der Natur selbst zu sein schien. Es gab keinen anderen Weg; die aufregende Verbindung von Naturerscheinungen war nur mittels mathematischer Ausdr�cke gro�er Komplexheit und Subtilit�t zu erkl�ren. Und so erkundeten ihre Ges�nge in dieser wunderbaren Familie von Sprachen die mannigfachen Manifestationen der Realit�t auf den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft. Jede Disziplin erarbeitete sich ihr Standardmodell, um Dinge zu erkl�ren, die sich alle in einiger Distanz um die Grundlagen der Partikelphysik gruppierten, je nachdem, welches Niveau oder welcher Ma�stab untersucht wurde, so da� alle Standardmodelle sich hoffentlich einmal in einer koh�renten gr��eren Struktur zusammenschl�ssen. Diese Standardmodelle waren von der Art wie die Paradigmen von Thomas Kuhn, aber in Wirklichkeit (da Paradigmen ja aus einem Vorgang des Modellierens entstanden) elastischer und variabler, ein dialogischer Proze�, an dem Tausende von Geistern w�hrend der vergangenen Jahrhunderte gearbeitet hatten. Darum waren Gestalten wie Newton oder Einstein oder Vlad nicht die isolierten Riesen, als die sie der �ffentlichkeit erscheinen, sondern nur die h�chsten Gipfel einer gro�en Gebirgskette, wie Newton selbst es klar zu machen versucht hatte mit seiner Bemerkung, da� er auf den Schultern von Riesen st�nde. In Wahrheit war das Werk der Wissenschaft eine Gemeinschaftsarbeit, die noch vor die Geburt der modernen Wissenschaft zur�ckreichte, bis hin zur Vorgeschichte, wie Michel immer betont hatte. Ein st�ndiger Kampf um Erkenntnis. Jetzt war sie nat�rlich sehr strukturiert und gegliedert, um �ber die F�higkeit jedes einzelnen Individuums hinaus alles zu erfassen.</p><p>Aber das beruhte nur auf ihrer erdr�ckenden Quantit�t. Die eindrucksvolle Bl�te der Struktur war durchaus nicht besonders unverst�ndlich. Man konnte immer noch gewisserma�en irgendwo innerhalb dieses Parthenons spazieren gehen und damit wenigstens die Gestalt des Ganzen erfassen und sich aussuchen, wo man studieren und einen Beitrag leisten wollte. Man konnte zuerst den Dialekt der f�r die Untersuchung relevanten Sprache erlernen, was an sich schon ein gewaltiges Unterfangen war, etwa wie in der Theorie der Superstrings oder des stufenweise rekombinierenden Chaos. Danach konnte man die Sekund�rliteratur durchsehen in der Hoffnung, das synkretistische Werk von jemandem zu finden, der lange an der vordersten Front gearbeitet hatte und imstande war, eine koh�rente Darstellung f�r Au�enstehende �ber den Stand des Feldes zu geben. Diese Arbeit, die als �graue Literatur� bezeichnet wurde, und als ein Freizeitvergn�gen oder als ein Zugest�ndnis des Verfassers bewertet wurde, war dennoch oft von gro�em Wert f�r jemanden, der von au�en kam. Mit einer allgemeinen �bersicht (obwohl man sie sich besser als eine Untersicht vorstellte, da die aktuellen Arbeiter da oben in den undeutlichen Dachsparren und dem Geb�lk des Baus t�tig waren) konnte man sich dann zu den Zeitschriften hocharbeiten, zu der von Fachleuten �berwachten wei�en Literatur�, wo die laufenden Arbeiten verzeichnet waren. Und man konnte die Zusammenfassungen lesen und ein Gef�hl daf�r bekommen, wer welchen Teil des Problems anging. �ffentlich und ausf�hrlich. Und bei jedem vorliegenden wissenschaftlichen Problem bildeten diejenigen, die aktuell an der Grenze Fortschritte machten, eine besondere Gruppe von Synthetikern und Innovatoren, die in der ganzen Welt nicht mehr als ein Dutzend Leute z�hlte. Sie erfanden einen neuen Jargon ihres Dialekts, um ihre neuen Erkenntnisse mitzuteilen, diskutierten �ber Resultate, schlugen neue Wege der Untersuchung vor und gaben einander Jobs in Labors, trafen sich bei Konferenzen, die ausdr�cklich dem Thema gewidmet waren, um miteinander zu diskutieren. Sie waren in allen Medien. Und dort ging in den Labors und den Konferenzbars die Arbeit als ein Dialog zwischen Leuten voran, die wu�ten, worauf es ankam, die die reine harte Arbeit der Experimente leisteten und �ber die Experimente nachdachten.</p><p>Und diese ganze weite Struktur einer Kultur stand im vollen Licht der Sonne da. Zug�nglich f�r jeden, der sich beteiligen wollte, der willens und f�hig war, die Arbeit zu leisten. Es gab keine Geheimnisse und keine verschlossenen L�den. Und wenn jedes Labor und jedes Spezialgebiet seine Politik hatte, so war das eben Politik. Und letztendlich konnte diese Politik die Struktur selbst nicht materiell in Mitleidenschaft ziehen, jenes mathematische Geb�ude ihres Verst�ndnisses der Welt der Ph�nomene. Das hatte Sax immer so verinnerlicht, und keine soziologische Analyse, nicht einmal die verwirrende Erfahrung des Terraformungsprozesses auf dem Mars, hatten ihn je in diesem Glauben wanken gemacht. Wissenschaft war ein soziales Konstrukt, aber sie bildete auch, und das war der wichtigste Punkt daran, ihren eigenen Raum, der nur mit der Realit�t konform ging. Das war ihre Sch�nheit. Wahrheit ist Sch�nheit, wie der Dichter gesagt hat, als er �ber die Wissenschaft sprach. Und so war es auch. Der Dichter hatte recht gehabt (was nicht immer zutraf).</p><p>Und so bewegte Sax sich weiter in der gro�en Struktur, behaglich, f�hig und auf mehreren Ebenen zufrieden.</p><empty-line/><p>Aber er begann auch zu verstehen, da�, so sch�n und m�chtig die Wissenschaft auch sein mochte, das Problem des biologischen Alterns vielleicht zu schwierig war. Nicht so kompliziert, da� es nie gel�st werden w�rde, aber einfach zu schwierig, als da� es zu seinen Lebzeiten gel�st werden w�rde. Es war tats�chlich noch eine offene Frage, wie gro� das Problem tats�chlich war. Das Verst�ndnis von Materie, Raum und Zeit war unvollkommen; und es war nie auszuschlie�en, da� es sich immer wieder in Metaphysik aufl�ste, wie die Spekulationen �ber den Kosmos vor dem Urknall oder �ber Dinge kleiner als Strings. Andererseits k�nnte die Welt fortschrittlicheren Erkl�rungen zug�nglich sein, bis sie schlie�lich (vom String bis zum Kosmos) in den Bereich des gro�en Parthenons ger�ckt w�rde. Beide Resultate waren m�glich, das Urteil war noch nicht gefallen. Die n�chsten tausend Jahre k�nnten die Geschichte erz�hlen.</p><p>Die Ausf�lle machten Sax zu schaffen. Und manchmal litt er an Atemnot. Bisweilen schien sein Herz zu heftig zu schlagen. Nachts schlief er selten. Und zu allem �berflu� war Michel tot, so da� Sax in seiner Meinung �ber den Sinn der Dinge unsicher wurde und er eigentlich eines Gef�hrten bedurfte, der ihn stabilisieren konnte. Wenn er es schaffte, �berhaupt �ber alles auf der Ebene des Sinnes nachzudenken, stellte er fest, da� er sich in einem Rennen befand. Er und jeder andere, aber besonders die Spezialisten, die akut an diesem Problem arbeiteten. Um es zu l�sen, mu�ten sie eine der gr��ten unerkl�rlichen Fragen beantworten�� und Zeit im �berma� hatten sie nicht.</p><p>Und eines Tages, als er sich nach einem Tag vor seinem Bildschirm mit Maya auf eine Bank setzte und an die Unerme�lichkeit dieses wachsenden Zweiges des Parthenons dachte, erkannte er, da� dies ein Rennen war, das er nicht gewinnen konnte. Vielleicht konnte es die menschliche Spezies eines Tages gewinnen; aber es schien noch ein langer Weg zu sein. Es war keine gro�e �berraschung. Das wu�te er. Er hatte es immer gewu�t. Da� er die derzeit gr��te Manifestation des Problems benennen konnte, hatte ihm nicht seine Tiefe verschleiert. Der �schnelle Verfall� war blo� ein Name, ungenau, allzu einfach, tats�chlich kein wissenschaftlicher Terminus, sondern vielmehr ein Versuch (wie der �Urknall�), die Realit�t zu verkleinern und zu begrenzen als noch nicht verstanden. In diesem Fall war das Problem einfach der Tod. Tats�chlich ein rascher Verfall. Und angesichts der Natur von Leben und Zeit war das ein Problem, das kein lebender Organismus jemals wirklich l�sen w�rde. Verschiebungen ja, L�sungen nein. �Die Realit�t selbst ist sterblich.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Maya, versunken in den Anblick des Sonnenuntergangs.</p><p>Er brauchte ein einfacheres Problem. Nicht ein Schritt in Richtung auf gr��ere Probleme durfte es sein, sondern ein vorl�ufiger Schritt, auf etwas zu, das er l�sen k�nnte. Gegen die Ausf�lle ank�mpfen. Das war sicher ein Problem, das, bereit untersucht zu werden, auf der Hand lag. Sein Ged�chtnis brauchte Hilfe. Die Arbeit daran k�nnte sogar Licht auf den raschen Verfall werfen. Denn sterben w�rden alle. Aber sie k�nnten zumindest mit intakten Erinnerungen sterben.</p><p>Also lenkte er die Hauptgewichtung fortan auf das Ged�chtnisproblem und gab den raschen Verfall und alle �brigen Themen des Alterns auf. Er war ja schlie�lich doch sterblich.</p><empty-line/><p>Die neueren Arbeiten �ber das Ged�chtnis waren sehr anregend. Diese spezielle wissenschaftliche Front hatte gewisse Beziehungen zu der Arbeit �ber die Lerntechniken, die es Sax erm�glicht hatte, sich (teilweise) von seinem Schlag zu erholen. Das war nicht �berraschend, da Ged�chtnis das Behalten von Erlerntem war. Alle Wissenschaft vom Gehirn schien auf ihr Verst�ndnis vom Bewu�tsein zusammenzulaufen. Aber in dieser Folge blieben Behalten und Erinnern widerspenstige entscheidende Themen, die man immer noch nur mangelhaft verstand.</p><p>Aber es gab Hinweise, die sich st�ndig mehrten. Kliniken meldeten, da� viele der Alten Ged�chtnisprobleme wechselnder Art hatten. Und hinter den Alten kam eine riesige Generation von Nisei, die die bei ihren Vorfahren auftretenden Probleme sahen und hofften, ihnen zu entgehen. Also war das Ged�chtnis ein aktuelles Thema. Hunderte, sogar Tausende von Labors arbeiteten auf die eine oder andere Weise daran; und als Resultat wurden verschiedene Aspekte deutlich. Sax vertiefte sich in die Literatur in seiner gew�hnlichen Art. Er las einige Monate ohne Ende; und glaubte danach sagen zu k�nnen, wie das Ged�chtnis arbeitete. Aber wie alle an dem Problem arbeitenden Forscher stie� er auf die ungen�gende Kenntnis der Grundlagen von Bewu�tsein, Materie und Zeit. Und an dieser Stelle konnte Sax, so detailliert das Wissen auch war, nicht verstehen, wie man das Ged�chtnis verbessern oder verst�rken k�nnte. Dazu geh�rte etwas mehr.</p><p>Die urspr�ngliche Hebb-Hypothese, die Donald Hebb 1949 aufgestellt hatte, war immer noch g�ltig, einfach weil sie ein so allgemeines Prinzip verk�ndete. Danach ver�nderte das Lernen irgendeinen physischen Zug im Gehirn, und danach codierte der ver�nderte Zug das Gelernte. Zu Hebbs Zeiten verstand man das physische Merkmal (das Engramm) irgendwie als ein Ereignis auf synaptischer Stufe. Und da es f�r jedes der zehn Milliarden Neuronen im Gehirn Hunderttausende von Synapsen geben konnte, erhielten die Forscher den Eindruck, da� das Gehirn imstande sei, 1014 Bits an Daten zu erfassen. Das erschien damals mehr als angemessen, das menschliche Bewu�tsein zu erkl�ren. Und das lag f�r Computer auch im Bereich des M�glichen. Es f�hrte zu einer kurzen Woge von Euphorie hinsichtlich der Vorstellung leistungsf�higer k�nstlicher Intelligenz. Ebenso gab es zu jener Zeit eine Version �maschineller Fehlerhaftigkeit als Gegenst�ck zur pathologischen Fehlerhaftigkeit, bei der man dachte, da� das Gehirn so etwas wie die st�rkste Maschine dieser Zeit sein k�nnte.</p><p>Aber die Arbeiten des einundzwanzigsten und zweiundzwanzigsten Jahrhunderts machten klar, da� es keine spezifischen Pl�tze f�r �Engramme� als solche gab. Jede Menge von Experimenten zur Lokalisierung dieser Stellen, einschlie�lich solcher, bei denen verschiedene Teile von Rattengehirnen entfernt worden waren, nachdem sie eine Aufgabe gelernt hatten, und sich kein Teil des Gehirns als der Wesentliche erwiesen hatte, f�hrten die entt�uschten Experimentatoren zu dem Schlu�, da� das Ged�chtnis sich ��berall und nirgends� befand, entsprechend der Analogie mit einem Hologramm, noch verr�ckter als all die anderen Maschinenanalogien. Aber sie waren fassungslos und m�hten sich weiter ab. Sp�ter kl�rten Experimente den Sachverhalt. Es wurde offenkundig, da� alle Aktivit�ten des Bewu�tseins sich auf einer viel kleineren Ebene abspielten als der neuronalen. Sax assoziierte das in Gedanken mit dem allgemeinen wissenschaftlichen Interesse an Miniaturisierung im Laufe des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts.</p><p>Bei dieser subtileren Bewertung hatte man begonnen, die Cytoskelette von Nervenzellen zu erforschen, die aus internen Gruppierungen von Mikror�hrchen mit Proteinbr�cken dazwischen bestanden. Die Struktur dieser Mikrogebilde setzte sich aus R�hren aus dreizehn S�ulen von Tubulin-Dimeren, erdnu�f�rmigen kugligen Proteinpaaren von je acht-mal-vier-mal-vier Nanometern, die es, abh�ngig von ihrer elektrischen Polarisierung, in zwei verschiedenen Konfigurationen gab. Damit stellten die Dimeren einen m�glichen Ein-Aus-Kippschalter des vermuteten Engramms dar. Aber sie waren so klein, da� der elektrische Zustand jedes Dimers durch die ihn umgebenden Dimere von den zwischen ihnen wirksamen Van-der-Waals-Kr�fte beeinflu�t wurde. Darum konnten Botschaften aller Art entlang jeder Mikror�hre und entlang der diese verbindenden Proteinbr�cke verbreitet werden. Dazu war in j�ngster Zeit noch ein weiterer Schritt in der Miniaturisierung gekommen. Jedes Dimer enthielt etwa 450 Aminos�uren, die durch Ver�nderung ihrer Sequenzen Information enthalten konnten. Und innerhalb der Dimers�ulen gab es winzige F�den aus Wasser in geordnetem Zustand, den man Vicinalwasser�� also Nachbarwasser�� nannte. Dieses war imstande, quantumkoh�rente Schwingungen l�ngs des R�hrchens zu �bertragen. Eine gro�e Anzahl von Experimenten an lebenden Affengehirnen mit miniaturisiertem Ger�t verschiedener Art hatte ergeben, da� sich bei denkendem Bewu�tsein Sequenzen von Aminos�uren verlagerten. Die R�hrendimeren �nderten an vielen verschiedenen Stellen im Gehirn ihre Konfiguration in gepulsten Phasen. Mikror�hrchen bewegten sich und wuchsen manchmal. Und in viel gr��erem Ma�stab wuchsen dann dendritische Dornen, die neue Verbindungen schufen. Manchmal �nderten sich die Synapsen auf Dauer, manchmal nicht.</p><p>Also besagte das beste derzeitige Modell, da� Erinnerungen als stehende Muster quantenkoh�renter Oszillationen incodiert w�rden, hervorgerufen durch Ver�nderungen in den Mikror�hrchen und deren Bestandteilen, wobei alles nach Mustern innerhalb der Neuronen verlief. Obwohl es jetzt Forscher gab, die spekulierten, da� es signifikante Aktion sogar auf noch feineren ultramikroskopischen Ebenen geben k�nnte, die aber f�r immer jenseits ihrer Untersuchungsm�glichkeiten l�gen (ein gel�ufiger Refrain), sahen manche Gelehrte Spuren von Anzeichen, da� die Schwingungen in der Art von Spin-Netz-Mustern strukturiert sein k�nnten, wie sie Baos Arbeit beschrieb�� in verkn�pften Knoten und Netzen, die Sax seltsam an den Plan des Ged�chtnispalastes erinnerten�� R�ume und Korridore��, als ob die alten Griechen allein durch innere Schau die eigentliche Geometrie der Raumzeit erahnt h�tten.</p><p>Auf jeden Fall war es sicher, da� diese ultramikroskopischen Aktivit�ten durch die Plastizit�t des Gehirns nahegelegt wurden. Sie waren ein Teil davon, wie das Gehirn lernte und sich dann erinnerte. Also fand Erinnerung auf einer viel kleineren Ebene statt, als man sie sich fr�her vorgestellt hatte. Das Gehirn erhielt dadurch eine viel h�here M�glichkeit des Rechnens als zuvor: 1024 Operationen in der Sekunde, oder gar bei manchen Berechnungen 1043. Das f�hrte einen Forscher zu dem Schlu�, da� jeder menschliche Verstand in gewissem Sinne komplizierter war als der ganze Rest des Universums (nat�rlich abz�glich seiner anderen Bewu�tseine). Sax erinnerte das verd�chtig an die starken anthropischen Phantome, die man allenthalben in der kosmologischen Theorie sah. Aber es war eine interessante Idee, und es lohnte sich, dar�ber nachzudenken.</p><p>Also ging nicht blo� mehr vor sich, sondern es geschah auch auf so feinen Ebenen, da� sicher Quanteneffekte im Spiel waren. Experimente hatten gezeigt, da� sich in jedem Gehirn kollektive Quantenph�nomene in gro�em Ma�stab abspielten. Es gab im Gehirn sowohl globale Quantenkoh�renz als auch Quantenverbindung zwischen den verschiedenen elektrischen Zust�nden der Mikror�hrchen. Und dies besagte, da� all die kontra-intuitiven Ph�nomene und das reine Paradoxon der Quantenrealit�t ein integrierender Bestandteil des Bewu�tsein waren. Tats�chlich hatte es erst k�rzlich eine Gruppe franz�sischer Forscher geschafft, durch Ber�cksichtigung der Quanteneffekte in den Cytoskeletten eine plausible Theorie dar�ber vorzubringen, weshalb An�sthetika �berhaupt wirken�� nach all den Jahrhunderten, in denen man sie fr�hlich angewendet hatte.</p><p>Also waren wir mit noch einer bizarren Quantenwelt konfrontiert, in der es Fernwirkung gab, in der Entscheidungen keinen Einflu� auf tats�chliche Ereignisse haben konnten und in der gewisse Ereignisse teleologisch ausgel�st zu werden schienen; was besagt, verursacht durch Ereignisse, die zeitlich erst nach ihnen auftreten... Sax war von dieser Entwicklung nicht sehr �berrascht. Sie sprach f�r ein Gef�hl, das er sein ganzes Leben lang gehabt hatte, wonach der menschliche Geist h�chst geheimnisvoll war, eine Black Box, welche die Wissenschaft kaum erforschen w�rde k�nnen. Und jetzt, da die Wissenschaft sich damit besch�ftigte, geriet sie hart an die gro�en Unerkl�rbarkeiten der Realit�t selbst.</p><p>Immerhin konnte man sich an das halten, was die Wissenschaft gelernt hatte, und zugeben, da� sich Realit�t auf Quantenebene auf eine Weise verhielt, die auf der Ebene der menschlichen Sinne und gew�hnlichen Erfahrungen einfach unerh�rt war. Man hatte dreihundert Jahre lang Zeit gehabt, sich daran zu gew�hnen und schlie�lich dieses Wissen in sein Weltbild einzubauen und weiterzumachen. Sax h�tte wirklich gesagt, da� er sich mit den gewohnten Quantenparadoxa wohl f�hlte. Dinge im Mikrobereich, die bizarr, aber erkl�rbar waren, quantifizierbar oder unter Benutzung komplexer Zahlen zumindest beschreibbar, mit Riemannscher Geometrie und all dem �brigen R�stzeug der passenden Zweige der Mathematik. Es h�tte gar keine �berraschung sein sollen, wenn man solches Zeug im eigentlichen Arbeiten des Gehirns fand. Es war in der Tat, verglichen mit so etwas wie der menschlichen Geschichte, Psychologie oder Kultur, sogar etwas beruhigend. Schlie�lich war das alles doch nur Quantenmechanik. Etwas, das durch die Mathematik modelliert werden konnte. Und das wollte schon etwas hei�en.</p><p>So war auf einer sehr feinen strukturellen Ebene im Gehirn vieles aus der Vergangenheit eines Menschen enthalten, aufgezeichnet in einem einzigartigen komplizierten Netzwerk von Synapsen, Mikror�hrchen, Dimeren, Vicinalwasser und Ketten aus Aminos�uren�� alle klein genug und nahe genug beisammen, um gegenseitig Quanteneffekte zu erzielen. Muster von Quantenfluktuation, die sich verstreuten und zusammenbrachen�� das war Bewu�tsein. Und diese Muster wurden offenbar in spezifischen Teilen des Gehirns gehalten oder erzeugt. Sie waren das Ergebnis einer auf vielen Ebenen zum Ausdruck kommenden physikalischen Struktur. Zum Beispiel war der Hippocampus von kritischer Bedeutung, besonders die gezahnte Gyrusregion und die durchsto�enden Wegenerven, die zu ihm f�hrten. Und der Hippocampus war �u�erst sensibel gegen Aktivit�ten im limbischen System, das im Gehirn direkt unterhalb von ihm sitzt. Und das limbische System war in mannigfacher Weise der Sitz der Emotionen, was die Alten als Herz bezeichnet h�tten. Also hatte die emotionale Belegung eines Ereignisses viel damit zu tun, wie nachhaltig es im Ged�chtnis festgehalten wurde. Es ereigneten sich Vorf�lle, und das Bewu�tsein war deren Zeuge oder erfuhr von ihnen; und unvermeidlicherweise ver�nderte ein gro�er Teil dieser Erfahrung das Gehirn und wurde f�r immer ein Teil von ihm. Besonders die durch Emotion gesteigerten Ereignisse. Diese Darstellung fand Sax �berzeugend: Es erinnerte sich am deutlichsten an jene Vorf�lle, die mit starken Empfindungen verbunden gewesen waren, und verga� die, wie gewisse Experimente nahelegten, besonders beharrlich, die von einem unbewu�ten Bem�hen begleitet wurden, sich ihrer nicht entsinnen zu wollen, was also gar kein echtes Vergessen war, sondern Verdr�ngung. Aber nach dieser anf�nglichen Ver�nderung im Gehirn begann der langsame Proze� der Verschlechterung. Die St�rke der Erinnerung war bei verschiedenen Menschen grunds�tzlich unterschiedlich, aber, wie es schien, verlor die Speicherung im Ged�chtnis allgemein an Deutlichkeit und war schwer zu steuern. So vieles war dem Gehirn eingepr�gt, wurde aber nie hervorgeholt. Und wenn man sich niemals an ein Muster erinnerte, es nie wieder hervorholte und probte, dann erfuhr es nie die Verst�rkung eines neuerlichen Durchlaufs. Und nach ungef�hr 150 Jahren der Speicherung verfiel das Muster, offenbar infolge der angeh�uften Quanteneffekte freier Radikale, die sich zufallsweise im Gehirn zusammenfanden, immer schneller. Das war es anscheinend, was den Alten passierte. Ein Proze� des Zusammenbruchs, der unmittelbar nach einen Ereignis einsetzte, wurde dem Gehirn eingepr�gt und erreichte schlie�lich ein H�chstma�, wo die Effekte f�r die beteiligten Schwingungsmuster katastrophal wurden und damit auch f�r die Erinnerungen. Das war vermutlich ebenso zeitgebunden, dachte Sax beklommen, wie die thermodynamische Tr�bung der Augenlinse.</p><p>Wenn man allerdings all seine Erinnerungen Revue passieren lassen k�nnte, dann w�rde das die Muster wieder verst�rken, sie auffrischen und die Uhr f�r den Verfall sozusagen wieder auf Null stellen. Eine Art Langlebigkeitsbehandlung f�r Dimerenmuster, in der Literatur manchmal als Anamnese oder Verlust durch Vergessen bezeichnet. Nach einer solchen Behandlung w�rde es leichter sein, sich an ein bestimmtes Ereignis zu erinnern, oder mindestens ebenso leicht, wie es kurz nach dem Eintreten des Ereignisses gewesen war. Das war die allgemeine derzeitige Richtung der Arbeiten �ber die Verst�rkung des Ged�chtnisses. Manche bezeichneten die dabei benutzten Drogen und elektrischen Ma�nahmen als Nootrope, ein Wort, das Sax als �auf den Verstand wirkend� deutete. Eine Menge Fachausdr�cke wurden f�r den Proze� in der g�ngigen Literatur gehandelt. Die Leute durchw�hlten ihre griechischen und lateinischen Lexika in der Hoffnung, einen Namen f�r das Ph�nomen zu finden. Sax hatte Ausdr�cke gesehen wie: Mnemonik, Mnemonistik und Mnemosynik nach der G�ttin des Ged�chtnisses; auch Mimneskesie von dem griechischen Wort f�r �sich erinnenv. Sax zog das Wort Erinnerungsverst�rker vor, obwohl er auch Anamnese mochte, welches ihm der genaueste Ausdruck f�r ihr Vorhaben zu sein schien. Sein Wunsch war die Herstellung eines Anamnestikums.</p><p>Aber die praktischen Schwierigkeiten der Ekphorisierung oder des sich Erinnerns an eine vollst�ndige Vergangenheit waren gro�. Es galt ja nicht blo�, ein Anamnestikums zu finden, sondern auch der Zeit, die es erfordern w�rde! Wenn man zwei Jahrhunderte gelebt hatte, erschien es m�glich, da� es Jahre dauern k�nnte, um alle relevanten Ereignisse dieses langen Lebens wieder hervorzuholen.</p><p>Offenbar war ein rein chronologischer Durchlauf in mehrfacher Hinsicht nicht praktikabel. Vorzuziehen war eine Art von simultaner Erregung des Systems, die das ganze Netzwerk kr�ftigte ohne bewu�te Erinnerung an jede seiner Komponenten. Ob eine solche Kr�ftigung elektromechanisch m�glich war, wu�te niemand. Aber wenn man den Durchgang zum Hippocampus elektrisch stimulieren und beispielsweise eine gro�e Menge Adenosin-Triphosphat �ber die Blut-Gehirn-Schranke transportieren k�nnte und damit die langfristige Voraussetzung schuf, die an erster Stelle das Lernen unterst�tzte; und dann ein Gehirnwellenmuster zur Anregung und Unterst�tzung der Quantenschwingungen der Mikror�hrchen dazuschaltete und danach das Bewu�tsein auf die einem am wichtigsten scheinenden Erinnerungen richtete, w�hrend auch der Rest unbewu�t verst�rkt w�rde...</p><p>Sax machte sich noch weiter st�rmische Gedanken in dieser Richtung, erlitt aber j�h Schiffbruch. Da sa� er nun Ergebnislos im Wohnzimmer seines Apartments und machte sich selbst Vorw�rfe, da� er nicht wenigstens versuchte, seinem Computer etwas einzugeben. Es schien, da� er auf dem Weg gewesen war zu etwas wie ATP, oder war es LTP? Na sch�n, das war ein echt n�tzlicher Gedanke, der wiederkommen w�rde. Daran mu�te er glauben. Es lag nahe.</p><p>Je mehr er �ber diese Dinge nachdachte, kam es ihm auch immer wahrscheinlicher vor, da� der Schock �ber Mayas momentane Amnesie Michel in den raschen Verfall getrieben hatte. Nicht, da� eine solche Erkl�rung jemals bewiesen werden k�nnte oder auch wirklich eine Rolle spielte. Aber Michel h�tte weder seine noch ihre Erinnerungen �berleben wollen. Er hatte sie geliebt als das Projekt seines Lebens, die Definition seiner selbst. Der Schock, da� Maya bei etwas so Fundamentalem und so Wichtigem ausfiel (wie dem Schl�ssel zur Wiederherstellung seines Ged�chtnisses) ... Die Verbindung von K�rper und Geist war so stark, da� wahrscheinlich die Unterscheidung an sich falsch war, ein Nachklang von cartesianischer Metaphysik oder fr�heren religi�sen Ansichten �ber die Seele. Der Geist war das Leben eines K�rpers. Erinnerung war Geist. Und so war nach einer einfachen transitiven Gleichung Erinnerung gleich Geist. Darum war mit verschwundener Erinnerung auch das Leben wertlos. So mu�te Michel in dieser letzten traumatischen halben Stunde gef�hlt haben, als sein Ich unter der Sorge und dem Kummer �ber den geistigen Tod seiner Liebe in die verh�ngnisvolle Arhythmie verfallen war.</p><p>Man mu�te sich daran erinnern, da� man am Leben war. Und darum mu�te die Ekphorisation, das Wiederhervorholen aller fr�heren Eindr�cke, versucht werden. Falls er sich die entsprechende anamnestische Methodologie erdenken k�nnte.</p><empty-line/><p>Nat�rlich konnte das gef�hrlich sein. Falls es ihm gel�nge, einen Ged�chtnisverst�rker zu schaffen, w�rde dieser vielleicht das ganze System auf einmal erfassen, und niemand k�nnte vorhersagen, was das subjektiv f�r ein Gef�hl sein w�rde. Man m��te es einfach versuchen. Es w�re ein Experiment. Ein Selbstversuch. Nun, das w�re nicht das erste Mal. Vlad hatte sich selbst die erste gerontologische Behandlung erteilt, obwohl sie ihn h�tte t�ten k�nnen. Jennings hatte sich mit lebendem Pockenserum geimpft. Arkadijs Vorfahr Alexander Bogdanov hatte sein Blut gegen das eines jungen Mannes ausgetauscht, der an Malaria und Tuberkulose litt, und war gestorben, w�hrend der junge Mann noch weitere drei�ig Jahre gelebt hatte. Und da gab es nat�rlich die Geschichte von den jungen Physikern in Los Alamos, die die erste Kernexplosion ausgel�st hatten und sich gefragt hatten, ob dadurch nicht die ganze Erdatmosph�re verbrennen k�nnte. Zugegebenerma�en ein etwas beunruhigender Fall von Selbstversuch. Im Vergleich damit schien die Einnahme von ein paar Aminos�uren keine gro�e Sache zu sein�� was die Brisanz anbelangte eher in der Tradition der Selbstversuche Dr. Hoffmanns mit LSD stehend. Vermutlich w�rde die Ekphorisation weniger desorientierend sein als ein LSD-Experiment. Das Bewu�tsein w�rde sie bestimmt gar nicht bemerken. Der sogenannte Strom des Bewu�tseins war recht unlinear, wie Sax nach eingehender Selbstbetrachtung glaubte sagen zu k�nnen. Daher k�nnte man h�chstens einen raschen assoziativen Zug von Erinnerungen erleben oder ein w�stes Durcheinander�� nicht un�hnlich Saxens allt�glicher Stimmung, um ehrlich zu sein. Damit konnte er fertigwerden. Und er war auch bereit, etwas Traumatischeres zu wagen, falls das geschehen sollte.</p><p>Er flog nach Acheron.</p><p>In Acheron war eine neue Gruppe in den alten Labors zugange, die inzwischen stark erweitert worden waren, so da� die ganze hohe Felsrippe ausgeh�hlt und bebaut war. Es war jetzt eine Stadt von �ber zweihunderttausend Einwohnern. Gleichzeitig war es nat�rlich immer noch ein ansehnlicher Felsensporn von etwa f�nfzehn Kilometern L�nge und sechshundert Metern H�he, der an keiner Stelle mehr als ein Kilometer breit war. Und es war immer noch ein Labor oder Laborkomplex in einer Weise, wie es Echus Overlook schon lange nicht mehr war�� mehr wie Da Vinci und mit einer �hnlichen Organisation. Nachdem Praxis die Infrastruktur erneuert hatte, war von Vlad, Ursula und Marina die Bildung einer neuen biologischen Forschungsstation unternommen worden. Vlad war tot, aber Acheron hatte ein eigenes Leben und schien ihn nicht zu vermissen. Ursula und Marina leiteten ihre eigenen kleinen Labors und lebten noch in den Wohnungen, die sie mit Vlad geteilt hatten, direkt unter dem Kamm des Sporns in einer zum Teil ummauerten und mit B�umen bewachsenen, sehr windigen Spalte. Sie f�hrten ein Privatleben wie immer schon, nur noch st�rker in ihre eigene Welt zur�ckgezogen, als es mit Vlad der Fall gewesen war. Man war in Acheron an sie gew�hnt; die j�ngeren Wissenschaftler behandelten sie wie die wohlwollenden Gro�m�tter der Station oder in den Labors auch einfach als Kolleginnen.</p><p>Aber Sax wurde von den j�ngeren Forschern ebenso verbl�fft angestarrt, als w�rden sie Archimedes vorgestellt. Es war verwirrend, so behandelt zu werden, als begegnete man einem derartigen Anachronismus; und Sax f�hrte etliche h�chst m�hsame Gespr�che in dem Bem�hen, jeden zu �berzeugen, da� er nicht den Stein der Weisen in der Hosentasche mit sich herumtrug und W�rter in dem gleichen Sinn benutzte wie sie, und da� sein Geist noch nicht v�llig vom Alter zerr�ttet war etc.</p><p>Aber die Entfremdung konnte auch ein Vorteil sein. Junge Wissenschaftler in der Gruppe neigten dazu, sich zu naiven Empirikern zu entwickeln, oder aber zu idealistischen energischen Enthusiasten. Darum war Sax, der�� neu und alt zugleich�� von au�en kam, imstande, sie in den Seminaren zu beeindrucken, die Ursula einberief, um den laufenden Stand der Arbeiten �ber das Ged�chtnis zu diskutieren. Sax legte seine Hypothesen �ber die Schaffung einer m�glichen Anamnesie dar, mit Vorschl�gen f�r verschiedene Richtungen experimenteller Arbeit zu diesen M�glichkeiten; und er stellte fest, da� seine Anregungen f�r die jungen Forscher eine Art prophetischer Kraft besa�en, selbst wenn (oder vielleicht gerade wenn) sie recht allgemeine Bemerkungen enthielten. Falls diese vagen Anregungen zuf�llig mit irgendeiner Richtung zusammenfielen, in der diese Leute gerade arbeiteten, konnte die Reaktion �u�erst enthusiastisch sein. Es war tats�chlich so: je aphoristischer, desto besser. Nicht sehr wissenschaftlich; aber so war es eben.</p><p>W�hrend Sax sie beobachtete, erkannte er zum ersten Mal, da� die wendige, schnell reagierende und stark fokussierte Art der Wissenschaft, an die er sich in Da Vinci gew�hnt hatte, nicht auf Da Vinci allein beschr�nkt war, sondern eine Eigenschaft aller Labors war, die als kooperative Unternehmen organisiert waren. Es war die Natur der Marswissenschaft, der allgemeine Stil. Wenn die Forscher die Kontrolle �ber ihre eigenen Arbeiten hatten, in einem Ma�e, wie er es in seiner Jugend auf der Erde nie gesehen hatte, gewann die Arbeit eine noch nie dagewesene Schnelligkeit und Kraft. Zu seiner Zeit hatten die f�r die Arbeit erforderlichen Ressourcen anderen Leuten geh�rt, Institutionen mit deren eigenen Interessen und B�rokratien, wodurch eine schwerf�llige und oft unvern�nftig unbeholfene Kr�ftezersplitterung entstand. Und selbst die koh�renten Bem�hungen wurden oft trivialen Dingen gewidmet, sehr h�ufig den finanziellen Profiten der Institution, welche die Kontrolle �ber das Labor hatte.</p><p>Acheron dagegen war eine halbautonome eigenst�ndige Gemeinschaft, die den Umwelth�fen und nat�rlich der Verfassung unterstand, aber sonst niemandem. Sie suchten sich selbst aus, an was sie arbeiten wollten. Und wenn sie um Hilfe gebeten wurden, konnten sie, falls sie interessiert waren, sofort reagieren.</p><p>Also w�rde er keineswegs die ganze Arbeit, einen Verst�rker f�r das Ged�chtnis selbst zu entwickeln, alleine machen m�ssen. Die Acheronlabors waren hochinteressiert. Marina war im st�dtischen Labor des Komplexes aktiv geblieben, und die Stadt hatte immer noch eine enge Beziehung zu Praxis mit all deren Hilfsmitteln. Und viele Labors betrieben bereits Ged�chtnisforschung. Sie hatte sich aus naheliegenden Gr�nden zu einem gro�en Teil des Langlebigkeitsprojekts entwickelt. Und Langlebigkeit als solche war witzlos, wenn das Ged�chtnis nicht so weit reichte wie das System. Daher war es sinnvoll, wenn sich ein Komplex wie Acheron darauf konzentrierte.</p><empty-line/><p>Bald nach seiner Ankunft traf Sax sich mit Marina und Ursula allein zum Fr�hst�ck im Speisebereich ihrer Wohnungen. Nur die drei, umgeben von tragbaren W�nden, die mit Batiken von Dorsa Brevia bedeckt waren. B�ume in T�pfen standen in den Winkeln. Keine Erinnerung an Vlad. Sie erw�hnten ihn auch nicht. Sax, der sich bewu�t war, wie ungew�hnlich eine Einladung in ihr Heim war, hatte M�he, sich auf die vorliegende Materie zu konzentrieren. Er kannte diese beiden Frauen von Anfang an und sch�tzte sie sehr, besonders Ursula wegen ihrer empathischen Qualit�ten. Aber er hatte nicht den Eindruck, beide besonders gut zu kennen. So sa� er nun da im Wind, a� und schaute sie an und auch hinaus durch die offenen Fensterw�nde. Dort gen Norden lag ein schmaler blauer Streifen, die Acheronbucht, ein tiefer Einschnitt in das Nordmeer. Im S�den erhob sich �ber dem nahen Horizont die enorme Masse von Olympus Mons. Dazwischen lag ein verteufelter Golfplatz, der m�hsam aus alten Lavastr�men ausgearbeitet war, zerrissen und narbig auf der schw�rzlichen �de des Plateaus.</p><p>�Wir haben dar�ber nachgedacht, warum Experimentalpsychologen in jeder Generation ein paar isolierte F�lle von echt au�ergew�hnlichem Erinnerungsverm�gen gemeldet haben�, sagte Marina, �es aber nie einen Versuch gegeben hat, diese durch die zeitgen�ssischen Ged�chtnismodelle zu erkl�ren.�</p><p>�Tats�chlich vergessen sie diese, sobald sie k�nnen�, warf Ursula ein.</p><p>�Ja. Und wenn dann die Berichte ausgegraben werden, h�lt niemand sie f�r v�llig wahr. Es wird auf die Leichtgl�ubigkeit fr�herer Zeiten geschoben. Typischerweise kann man keinen Lebenden finden, der die beschriebenen Leistungen reproduzieren k�nnte. Darum besteht die Tendenz zu schlie�en, da� die fr�heren Forscher sich geirrt haben oder get�uscht worden sind. Aber eine Menge der Berichte war vorz�glich erh�rtet.�</p><p>�Zum Beispiel?� fragte Sax. Es war ihm nicht eingefallen, sich nach echten funktionalen Berichten aus dem Organbereich der realen Welt umzuschauen, da diese stets anekdotisch sein mu�ten. Aber anscheinend war es doch sinnvoll, das zu tun.</p><p>�Der Dirigent Toscanini zum Beispiel kannte jede Note jedes Instruments in ungef�hr zweihundertf�nfzig symphonischen Werken auswendig�, sagte Marina, �und Text und Musik von rund einhundert Opern, dazu einer Menge k�rzerer Werke.�</p><p>�Hat man das getestet?�</p><p>�Sozusagen in Stichproben. Einem Fagottisten zerbrach eine Taste seines Fagotts, und er meldete das Toscanini. Der �berlegte und sagte ihm, er m�ge sich keine Sorgen machen, da er an diesem Abend diese Note nicht zu spielen haben w�rde. Und er dirigierte ohne Noten und schrieb fehlende Teile f�r Spieler auf und so weiter.�</p><p>�Oha!�</p><p>�Der Musikforscher Tovey hatte eine �hnliche Begabung�, fuhr Ursula fort. �Das ist bei Musikern nicht ungew�hnlich. Es ist so, als w�re die Musik eine Sprache, wo unglaubliche Leistungen manchmal m�glich sind.�</p><p>�Hmm.�</p><p>�Ein Professor Athens an der Universit�t Cambridge im fr�hen einundzwanzigsten Jahrhundert hatte eine umfassende Kenntnis aller m�glichen Gebiete�� wiederum Musik, aber auch Lyrik, Philosophie, Mathematik und das Tagesgeschehen seiner eigenen Gegenwart und Vergangenheit. Tag f�r Tag. Es wird berichtet, er h�tte oft gesagt: ��Interesse fokussiert die Aufmerksamkeit. ��</p><p>�Stimmt�, sagte Sax.</p><p>�Er benutzte sein Ged�chtnis meistens f�r das, was er interessant fand. Das nannte er ein Interesse an der Bedeutung. Aber im Jahre 2060 erinnerte er sich noch genau an eine Liste von dreiundzwanzig W�rtern, die er 2032 f�r einen einzigen Test gelernt hatte. Es gibt noch tausend andere Geschichten.�</p><p>�Ich m�chte gern mehr �ber ihn h�ren.�</p><p>�Ja, er war perfekter als manch anderer�, sagte Ursula. �Die sogenannten �Kalender-Rechner� oder Leute, die sich an Bilder, die man ihnen gezeigt hat, in allen Einzelheiten erinnern k�nnen, sind oft in anderen Bereichen ihres Lebens behindert.�</p><p>Marina nickte. �Wie der Lette Schereschewskij und der als V.P bekannte Mann, die sich bei Tests und im allgemeinen an wirklich enorme Mengen zuf�lliger Fakten erinnerten. Aber beide litten an Syn�sthesie.�</p><p>�Hmm. Vielleicht �beraktivit�t des Hippoccampus.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Sie erw�hnten noch etliche F�lle mehr. Ein Mann namens Finkelstein, der die Wahlergebnisse der gesamten Vereinigten Staaten schneller ausrechnen konnte als alle Rechenmaschinen der 1930er Jahre. Talmudgelehrte, die nicht nur den Talmud auswendig kannten, sondern auch die Stellung jedes Wortes auf jeder Seite. Geschichtenerz�hler, die s�mtliche Verse Homers auswendig kannten. Sogar Menschen, von denen man sagte, sie h�tten die Renaissancemethode des Ged�chtnispalastes mit gro�em Erfolg benutzt. Sax hatte das nach seinem Schlag selbst mit recht gutem Erfolg versucht. Es gab viele Erscheinungsformen.</p><p>�Diese au�erordentlichen F�higkeiten scheinen aber nicht dasselbe zu sein wie das gew�hnliche Ged�chtnis�, bemerkte Sax.</p><p>�Eidetisches Ged�chtnis�, sagte Marina, �gr�ndet sich auf Bilder, die bis ins kleinste Detail wiederkehren. Man sagt, das sei die Weise, in der sich die meisten Kinder erinnern. In der Pubert�t �ndert sich f�r die meisten von uns die Art, wie wir uns an Ver�nderungen erinnern. Das ist so, als w�rden jene Personen nie die kindliche Art des Erinnerns verlieren.�</p><p>�Hmm�, machte Sax. �Ich frage mich aber immer noch, ob es sich dabei um die oberen Extremf�lle kontinuierlicher Verteilung von F�higkeiten handelt, oder ob es Beispiele einer seltenen bimodalen Verteilung sind.�</p><p>Marina zuckte die Achseln. �Das wissen wir nicht. Aber wir haben hier ein Studienobjekt.�</p><p>�Tats�chlich?�</p><p>�Ja. Zeyk. Er und Nazik sind hierher gezogen, so da� wir ihn untersuchen k�nnen. Er ist immer sehr kooperativ, und sie redet ihm zu. Sie sagt, es k�nnte vielleicht etwas Gutes dabei herauskommen. Er selbst liebt seine F�higkeit nicht, mu�t du wissen. Bei ihm hat es nicht viel mit Rechentricks zu tun, obwohl er darin besser ist als die meisten von uns. Aber er kann sich bis hin zu erstaunlichen Details an seine Vergangenheit erinnern.�</p><p>�Ich entsinne mich, davon geh�rt zu haben�, sagte er. Die beiden Frauen lachten, dann war es einen Moment still, er mit ihnen. �Ich m�chte gern sehen, was ihr mit ihm anstellt.�</p><p>�Gewi�. Er ist unten in Smadars Labor. Das ist interessant. Sie sehen sich Bilder von Ereignissen an und stellen ihm Fragen dazu. Dann redet er dar�ber, an was er sich erinnert, w�hrend sie zugleich sein Gehirn nach den allerletzten Methoden abtasten.�</p><p>�Klingt sehr interessant.�</p><empty-line/><p>Ursula f�hrte ihn nach unten zu einem langen Labor mit ged�mpfter Beleuchtung, in dem einige Betten mit Personen belegt waren, die der einen oder anderen Art von Scans unterzogen wurden. Bunte Bilder flimmerten auf Schirmen oder holographisch in der Luft. Andere Betten waren leer und wirkten irgendwie verd�chtig.</p><p>Unter all den jungen Eingeborenen sah Zeyk aus wie ein Exemplar von <emphasis>Homo habilis�� </emphasis>aus der Vorgeschichte herbeizitiert, um auf seine geistigen F�higkeiten hin getestet zu werden. Er trug einen Helm, der innen mit Kontaktpunkten bepflastert war. Sein wei�er Bart war feucht und die Augen eingesunken und m�de in seiner verwitterten dunklen Haut von der Farbe dunkler H�matome. Nazik sa� an der anderen Seite seines Bettes und hielt seine Hand in der ihren. In der Luft �ber einem Holographen nahe der T�r war ein detailliertes dreidimensionales transparentes Bild von Zeyks Gehirn zu sehen. St�ndig zuckten Blitze farbigen Lichts hindurch und erzeugten gr�ne, rote, blaue und bla�goldene Muster.</p><p>Auf dem Schirm am Bett schwankten Bilder einer kleinen Zeltsiedlung nach Einbruch der Dunkelheit. Eine junge Frau, vermutlich die Forscherin Smadar, stellte Fragen.</p><p>�Hat also Ahad die Fetah angegriffen?�</p><p>�Ja. Oder sie k�mpften, und ich hatte den Eindruck, da� die Ahad damit angefangen hatten. Aber ich meinte, da� jemand sie aufeinander gehetzt hatte, indem er Slogans in die Fenster geritzt hat.�</p><p>�Hatte die Muslimische Bruderschaft oft so heftige interne Konflikte?�</p><p>�Damals schon. Aber warum in jener Nacht, wei� ich nicht. Es hat sie jemand gegeneinander aufgehetzt. Es war, als ob pl�tzlich alle verr�ckt geworden w�ren.�</p><p>Sax f�hlte, wie sich sein Magen verkrampfte. Dann empfand er einen K�lteschauer, als ob die Ventilation etwas von dem kalten Morgen drau�en hereingelassen h�tte. Die kleine Zeltstadt auf den Videos war Nicosia. Sie sprachen �ber die Nacht, in der John Boone get�tet worden war. Smadar beobachtete die Videos und stellte Fragen. Zeyk wurde aufgezeichnet. Jetzt schaute er zu Sax hin�ber und nickte zum Gru�. �Russell war auch dort.�</p><p>�Warst du?� fragte Smadar und sah Sax nachdenklich an.</p><p>�Ja.�</p><p>An diese Ereignisse hatte Sax seit Jahren nicht mehr zur�ck gedacht, seit Jahrzehnten. Vielleicht ein Jahrhundert. Er stellte fest, da� er nie wieder in Nicosia gewesen war, nicht seit jener Nacht. Als ob er es gemieden h�tte. Ohne Zweifel Verdr�ngung. Er hatte John sehr gern gehabt, der vor der Ermordung mehrere Jahre f�r ihn gearbeitet hatte. Sie waren Freunde gewesen. �Ich habe gesehen, wie er angegriffen wurde�, sagte er zur allgemeinen �berraschung.</p><p>�Ja, das hast du!� rief Zeyk. Jetzt starrten ihn au�er Zeyk auch Nazik und Ursula an, und Marina mit ihnen.</p><p>�Was hast du gesehen?� fragte ihn Smadar und schaute kurz auf Zeyks Gehirnbild, das in einem lautlosen Sturm flimmerte. Das war die Vergangenheit�� genau so ein stiller, flimmernder elektrischer Sturm. Das war die Arbeit, auf die sie zustrebten.</p><p>�Es kam zu einem Handgemenge�, sagte Sax z�gernd und unbehaglich und blickte in das Hologramm wie in eine Kristallkugel. �Auf einer kleinen Plaza, wo eine Seitenstra�e auf den zentralen Boulevard m�ndete. Nahe der Medina.�</p><p>�Waren es Araber?� fragte die junge Frau.</p><p>�Vielleicht�, sagte Sax. Er schlo� die Augen; und obwohl er es nicht sehen konnte, konnte er es sich irgendwie vorstellen in einer Art von blindem Sehen. �Ja, das nehme ich an.�</p><p>Er �ffnete die Augen und sah, wie Zeyk ihn anstarrte. �Hast du sie erkannt?� kr�chzte Zeyk. �Kannst du mir sagen, wie sie ausgesehen haben?�</p><p>Sax sch�ttelte den Kopf. Aber das schien ein Bild loszusch�tteln�� schwarz und dennoch pr�sent. Das Video zeigte die dunklen Stra�en von Nicosia, mit Licht flackernd wie der Gedanke in Zeyks Gehirn. �Ein gro�er Mann mit schmalem Gesicht und schwarzem Schnurrbart. Sie hatten alle schwarze Schnurrbarte, aber dieser war l�nger; und er schrie die anderen M�nner an, die Boone angriffen, aber nicht Boone selbst.�</p><p>Zeyk und Nazik schauten einander an. �Yussuf�, sagte Zeyk. �Yussuf und Nejm. Sie f�hrten damals die Fetah an und waren w�tender auf Boone als irgendeiner von den Ahad. Und als Selim sp�ter in der Nacht sterbend bei uns erschien, sagte er: Boone hat mich get�tet. Boone und Chalmers. Er sagte nicht: Ich habe Boone get�tet; er sagte: Boone hat mich get�tet.� Er sah wieder Sax an. �Aber was ist danach geschehen? Was hast du gemacht?�</p><p>Sax erschauerte. Das war es, warum er niemals nach Nicosia zur�ckgekehrt war und sich jeden Gedanken daran verboten hatte. In jener Nacht, in dem kritischen Moment, hatte er gez�gert. Er hatte Angst gehabt. �Ich habe sie von der anderen Seite der Plaza aus gesehen, Ich war in einiger Entfernung und wu�te nicht, was ich tun sollte. Sie haben John niedergeschlagen. Sie haben ihn fortgezerrt. Ich�� habe zugesehen. Dann�� war ich in einer Gruppe, die hinter ihnen her lief. Ich wei� nicht, wo der Rest war. Sie zogen mich mit. Aber die Angreifer schleppten ihn durch jene Nebenstra�en; und im Dunkeln... hat unsere Gruppe sie verloren.�</p><p>�In deiner Gruppe gab es wahrscheinlich Freunde der Angreifer�, sagte Zeyk. �Und zwar ganz gezielt, um dich bei der Verfolgung auf den falschen Weg zu f�hren.�</p><p>�Ah!� sagte Sax. Es hatte in der Gruppe M�nner mit Schnurrb�rten gegeben. �M�glich.�</p><p>Er f�hlte sich schlecht. Er hatte gefroren und nichts getan. Die Schirmbilder flimmerten. In der Dunkelheit blitzte es auf, und Zeyks Cortex war mit mikroskopischen bunten Schlaglichtern erhellt.</p><p>�Also war es nicht Selim�, sagte Zeyk zu Nazik. �Und auch nicht Frank Chalmers.�</p><p>�Wir sollten es Maya sagen�, Nazik sprach nachdr�cklich. �Sie mu� es wissen.�</p><p>Zeyk zuckte die Achseln. �Das wird sie nicht k�mmern. Wenn Frank Selim auf John angesetzt hat, aber ein anderer die Tat begangen hat, spielt das eine Rolle?�</p><p>�Aber du denkst, es war jemand anders�, hakte Snadar nach.</p><p>�Ja. Yusuf und Nejm. Die Fetah. Oder wer sonst die Leute gegeneinander aufgehetzt hat. Nejm, vielleicht ...�</p><p>�Der tot ist.�</p><p>�Und Yusuf auch�, sagte Zeyk grimmig. �Und wer auch immer den Krawall in jener Nacht ausgel�st hat... � Er sch�ttelte den Kopf, und das Bild �ber ihm zitterte leicht.</p><p>�Erz�hl mir, was danach geschehen ist!� sagte Smadar und blickte auf ihren Schirm.</p><p>�Unsi al-Khan kam in den Hajr gelaufen, um uns zu sagen, da� Boone angegriffen worden war. Unsi... nun, jedenfalls ging ich mit einigen anderen zum Syrischen Tor, um zu sehen, ob es benutzt worden war. Die arabische Methode der Exekution war damals, da� man jemanden hinaus auf die Oberfl�che warf. Wir entdeckten, da� das Tor einmal benutzt, aber niemand dadurch zur�ckgekommen war.�</p><p>�Erinnerst du dich an den Code des Tores?� fragte Smadar.</p><p>Zeyk runzelte die Stirn, seine Lippen bewegten sich, die Augen waren zugekniffen. �Es waren Teile der Fibonacci-Reihe. Ich entsinne mich, das damals bemerkt zu haben: F�nf�� acht�� eins�� drei�� zwei�� eins.�</p><p>Sax schnappte nach Luft. Smadar nickte: �Fahr fort!�</p><p>�Dann kam eine Frau, die ich nicht kannte, vorbeigelaufen und sagte, man h�tte Boone in der Farm gefunden. Wir folgten ihr zur medizinischen Klinik in der Medina. Die war neu, alles war blitzsauber und an den W�nden hingen noch keine Bilder. Sax, du warst dort und der Rest der Ersten Hundert in der Stadt: Chalmers und Toitovna und Samantha Hoyle.�</p><p>Sax stellte fest, da� er sich �berhaupt nicht an die Klinik erinnern konnte. Halt... ein Bild von Frank mit ger�tetem Gesicht und Maya in einem wei�en Domino, ihr Mund ein blutleerer Strich. Aber das war drau�en gewesen auf dem mit Glassplittern �bers�ten Boulevard. Er hatte ihnen von dem Angriff auf Boone erz�hlt, und Maya hatte sofort geschrien: �Hast du sie aufgehalten?� Und er hatte sofort erkannt, da� er versagt hatte, da� er sie nicht aufgehalten hatte, seinem Freund nicht geholfen hatte, da� er im Schock erstarrt dagestanden und zugesehen hatte, wie sein Freund angegriffen und weggezerrt wurde. Er hatte zu Maya gesagt: �Wir haben es versucht. Ich habe es versucht.� Obwohl das nicht stimmte.</p><p>Aber sp�ter in der Klinik?�� nichts. Ihm fiel wirklich nichts �ber den ganzen Rest jener Nacht ein. Er schlo� wie Zeyk die Augen und pre�te die Lider zu, als ob das ein anderes Bild heraus quetschen k�nnte. Aber nichts kam. Das Ged�chtnis war so merkw�rdig. Er erinnerte sich an kritische traumatische Momente, wenn diese Erkenntnisse sich in ihn eingebohrt hatten. Der Rest war verschwunden. Sicher mu�ten das limbische System und die emotionale Belastung jedes Vorfalls entscheidend in der Befrachtung oder Encodierung oder Einbettung einer Erinnerung beteiligt sein.</p><p>Aber dann wiederum Zeyk, der langsam jede Person nannte, die er in dem Warteraum der Klinik gekannt hatte, obwohl dieser dicht gef�llt gewesen sein mu�te. Dann beschrieb er das Gesicht der �rztin, die herausgekommen war, um ihnen Boones Tod zu melden. �Sie sagte: �Er ist tot. Zu lange drau�en gewesene Maya legte Frank eine Hand auf die Schulter, und er zuckte zusammen.�</p><p>Nazik fl�sterte: �Wir m�ssen es Maya sagen.�</p><p>�Er sagte zu ihr: �Es tut mir leid�, was ich seltsam fand. Sie sagte daraufhin zu ihm, da� er ja John ohnehin nie gemocht h�tte, was richtig war. Und Frank stimmte sogar zu, ging dann aber fort. Er sagte: �Was wei�t du denn davon, was ich mag oder nicht mag?� So bitter. Ihm gefiel diese Mutma�ung nicht, der Gedanke, da� sie ihn kannte.� Zeyk sch�ttelte den Kopf.</p><p>�War ich w�hrend dieser Zeit dort?� fragte Sax.</p><p>�...Ja. Du hast auf der anderen Seite von Maya gesessen. Aber du warst abgelenkt. Du hast geweint.�</p><p>Sax fiel davon absolut nichts mehr ein. Pl�tzlich erinnerte er sich, da� ebenso, wie es viele Dinge gab, die er getan hatte und von denen niemals jemand etwas wissen w�rde, es auch Dinge gab, die er getan hatte und an die sich andere erinnerten, w�hrend er selbst sich nicht darauf besinnen konnte. So wenig wu�ten sie! So wenig!</p><p>Zeyk fuhr fort �ber den Rest jener Nacht und den n�chsten Morgen zu berichten. Das Erscheinen von Selim und dessen Tod. Dann vom darauffolgenden Tag, als Zeyk und Nazik Nicosia verlassen hatten. Und auch noch vom Tag danach. Ursula sagte, da� er mit dieser Menge an Details �ber jede Woche seines Lebens fortfahren k�nnte.</p><p>Aber nun brach Nazik die Sitzung ab. Sie sagte zu Smadar: �Genug f�r heute. La� uns morgen weitermachen!�</p><p>Smadar stimmte zu und tippte etwas auf der Konsole der Maschine neben sich. Zeyk starrte wie ein heimgesuchter Mann an die dunkle Zimmerdecke; und Sax sah, da� man zu den vielen Fehlfunktionen des Ged�chtnisses auch solche Erinnerungen z�hlen mu�te, die zu gut liefen. Aber wie? Welcher Mechanismus bewirkte das? Da war das Bild von Zeyks Gehirn, das in einem anderen Medium die Muster von Quantenaktivit�t wiedergab wie Blitze, die in seinem Cortex umherflimmerten... einem Gehirn, das die Vergangenheit viel besser festhielt als die �brigen Alten und unzug�nglich war gegen Erinnerungsverluste, die Sax f�r einen unausweichlichen zeitbedingten Zusammenbruch gehalten hatte... Nun, sie unterzogen dieses Gehirn jedem erdenklichen Test. Aber es war durchaus m�glich, da� das Geheimnis ungel�st blieb. Es passierte einfach zu viel, das ihnen v�llig entging. Wie in jener Nacht in Nicosia.</p><empty-line/><p>Sax zog sich ersch�ttert einen warmen Pullover an und ging nach drau�en. Das Land um Acheron hatte ihm willkommene Unterbrechungen seiner Laborzeit geliefert, und er freute sich jetzt sehr, es zu durchstreifen, einfach um wegzukommen.</p><p>Er wandte sich nach Norden auf die See zu. Einige der besten Gedanken �ber das Ged�chtnis waren ihm gekommen, w�hrend er zu dieser K�ste hinunterging, �ber so verschlungene Wege, da� er niemals denselben zweimal erwischte, teils weil das alte Lavaplateau durch Gr�ben und steile B�schungen so zerkl�ftet war, und teils weil er nie auf die gr��ere Topographie achtete. Er war entweder in seinen Gedanken versunken oder von der Landschaft gefesselt und schaute sich nur ab und zu um, damit er wu�te, wo er sich befand. Es war tats�chlich eine Region, in der man sich nicht verirren konnte. Man stieg auf eine kleine Anh�he, und dort stand der Acheron-Sporn wie der Kamm eines ungeheuren Drachens. Und in der anderen Richtung, von um so mehr Stellen aus zu sehen, je n�her man kam, lag die blaue Weite der AcheronBucht. Dazwischen gab es eine Million von Mikromilieus. Das steinige Plateau war gesprenkelt von versteckten Oasen, und jede Spalte war voller Pflanzen. Das war keineswegs der Schmelzlandschaft an der polaren K�ste auf der anderen Seite des Meeres �hnlich. Dieses Steinplateau hier und seine kleinen verborgenen Habitate wirkten uralt, obwohl die Gartenarbeit sicher von den Okopoeten Acherons geleistet worden war. Viele dieser Oasen waren Experimente, und Sax behandelte sie auch als solche. Er blieb au�erhalb davon und blickte in eine Grube mit steilen W�nden nach der anderen und fragte sich, was der daf�r verantwortliche �kopoet mit seiner oder ihrer Arbeit herausfinden wollte. Hier konnte man Humus ausstreuen, ohne zu bef�rchten, da� er ins Meer gesp�lt w�rde, obwohl das aufregende Gr�n der sich bis in die T�ler hinaufziehenden Flu�m�ndungen zeigte, da� einiger fruchtbarer Boden seinen Weg stromabw�rts nahm. Diese M�ndungsmarschen w�rden sich mit erodierten B�den f�llen, w�hrend sie gleichzeitig salziger werden w�rden wie das Nordmeer selbst...</p><p>Aber diesmal wurden seine Beobachtungen drau�en immer wieder durch Gedanken an John unterbrochen. John Boone hatte in den letzten paar Jahren seines Lebens f�r ihn gearbeitet; und sie hatten viele Besprechungen, in denen sie die sich rasch entwickelnde Vegetation des Mars er�rterten. Es waren vitale Jahre gewesen; und John war in ihnen stets gl�cklich gewesen, fr�hlich, zuversichtlich, ein verl��licher loyaler Freund, h�flich, folgsam, heiter, f�rsorglich, mutig, strahlend und hingebungsvoll. Nein, nicht genau. Er war auch schroff, ungeduldig, arrogant, faul, schlampig, drogenabh�ngig und stolz gewesen. Aber Sax hatte sich mit der Zeit mehr und mehr auf ihn verlassen. Er hatte ihn geliebt wie einen gro�en Bruder, der ihn drau�en in der weiten Welt besch�tzte. Und dann hatten sie ihn get�tet. Das sind die Typen, hinter denen die Killer immer her sind. Sie konnten diesen Mut nicht ertragen. Und so hatten sie ihn ermordet; und Sax hatte dagestanden, zugesehen und nichts unternommen. Erstarrt in Schock und pers�nlicher Angst. Hast du sie nicht aufgehalten?�� hatte Maya geschrien. Er erinnerte sich jetzt an ihre scharfe Stimme. Nein, ich hatte Angst. Nein, ich habe nichts unternommen. Nat�rlich war es unwahrscheinlich, da� er �berhaupt etwas h�tte tun k�nnen. Zuvor, als die Angriffe auf John einsetzten, h�tte er ihn vielleicht zu einer anderen T�tigkeit �berreden und einige Leibw�chter zu seinem Schutz anheuern k�nnen, die ihm heimlich folgten und ihn besch�tzten�� wenn seine Freunde als schockierte Augenzeugen erstarrten. Aber er hatte niemanden verpflichtet. Und so war sein Bruder umgebracht worden, sein Bruder, der ihn ausgelacht, aber auch ebenso geliebt hatte, noch bevor ein anderer �berhaupt an ihn gedacht hatte.</p><p>Sax ging heftig erregt �ber die zerkl�ftete Ebene, aufgebracht �ber den Verlust eines Freundes vor 153 Jahren. Manchmal schien es so, als g�be es gar keine Zeit.</p><empty-line/><p>Dann blieb er pl�tzlich stehen, in die Gegenwart zur�ckgeholt durch den Anblick von Leben. Kleine wei�e Nagetiere schnupperten auf dem Gr�n einer eingesunkenen Wiese herum. Es waren ohne Zweifel Schnee-Pfeifhasen oder so etwas; aber in ihrer wei�en Farbe sahen sie Laborratten so �hnlich, da� es Sax einen Ruck gab. Wei�e Laborratten, ja, aber schwanzlos; mutierte Laborratten, ja, endlich befreit von ihren K�figen und drau�en in der Welt. Sie wanderten �ber das intensiv gr�ne Wiesengras wie surreale Objekte einer Halluzination, ganz munter und mit schnuppernden Barthaaren, w�hrend sie den Boden nach Leckerbissen absuchten. Sie mampften Samen, N�sse und Bl�ten. John hatte sich �ber die Geschichte von Sax mit den hundert Laborratten sehr am�siert. Saxens Gedanken, jetzt frei und zerstreut. Das ist unser K�rper.</p><p>Sax hockte sich hin und beobachtete die kleinen Nager, bis ihm kalt wurde. Auf dieser Ebene gab es auch gr��ere Tiere, und er blieb bei ihnen immer kurz stehen, um sie zu beobachten: Hirsche, Elche, Dickhornschafe, Rentiere, Karibus, Schwarzb�ren, Grizzlyb�ren, sogar Rudel von W�lfen wie flinke graue Schatten. Sie alle erschienen Sax wie B�rger aus einem Traum. Darum war er jedesmal, wenn er eine einzige Kreatur sichtete, erregt, �berrascht und sogar erstaunt. Das schien ihm unm�glich. Es war sicher nicht nat�rlich. Aber es gab sie hier. Und jetzt diese kleinen Pfeifhasen, gl�cklich in ihrer Oase. Weder Natur noch Kultur�� einfach Mars.</p><p>Er dachte an Ann. Er w�rde sie gerne sehen.</p><p>Er dachte in diesen Tagen oft an sie. So viele seiner Freunde waren jetzt tot, aber Ann lebte. Er konnte immer noch mit ihr sprechen, das war zumindest m�glich. Er hatte sich erkundigt und festgestellt, da� sie jetzt in der Caldera von Olympus Mons lebte, als Mitglied einer kleinen Gemeinschaft roter Bergsteiger, die dort wohnten. Offenbar gab es in der Caldera Schichtwechsel, um die Bev�lkerung klein zu halten trotz der steilen W�nde des gro�en Lochs und der primitiven Bedingungen, die f�r sie so attraktiv waren. Aber Ann blieb, solange sie Lust hatte, wie Sax geh�rt hatte, und ging nur selten fort. Das hatte Peter ihm erz�hlt, obwohl der es auch nur aus zweiter Hand geh�rt hatte. Schade, da� die beiden sich entfremdet hatten, grundlos. Aber famili�re Entfremdungen schienen die unvers�hnlichsten von allen zu sein.</p><p>Jedenfalls befand sie sich auf Olympus Mons. Der war fast in Sicht, gerade im S�den �ber dem Horizont. Und er wollte mit ihr sprechen. Er dachte, alle seine �berlegungen dazu, was auf dem Mars geschah, waren wie ein internes Gespr�ch mit Ann gestaltet. Nicht so sehr als Streitgespr�ch, so hoffte er, sondern als eine endlose �berredung. Wenn er durch die Realit�t des blauen Mars so ver�ndert werden konnte, warum dann nicht auch Ann? War das nicht unvermeidlich und sogar notwendig? H�tte es vielleicht schon geschehen sein k�nnen? Sax f�hlte, da� er im Laufe der Jahre das zu lieben gelernt hatte, was Ann am Mars gefiel. Und jetzt wollte er, da� sie, wenn m�glich, es erwiderte. Sie war f�r ihn auf h�chst unbequeme Weise sein Ma� f�r den Wert dessen geworden, was sie geleistet hatten. Den Wert oder die Akzeptanz. Es war ein seltsames Gef�hl, das sich in ihm gebildet hatte, aber es war da.</p><p>Noch ein unangenehmer Klo� in seinem Geist, wie die pl�tzlich wieder entdeckte Schuld an Johns Tod, die er versuchen wollte, wieder zu vergessen. Wenn er die interessanten Gedanken ausl�schen konnte, sollte er auch imstande sein, die schrecklichen zu tilgen, nicht wahr? John war gestorben; und nichts, was in seiner Macht gestanden hatte, w�rde das verhindert haben. Sehr wahrscheinlich. Man konnte es nicht kl�ren. Und man konnte auch nicht zur�ckgehen. John war get�tet worden, und Sax hatte es vers�umt, ihm zu helfen. Und Sax war am Leben, und John war tot. Nichts als ein starkes verknotetes Netzwerk in den K�pfen aller Leute, die ihn gekannt hatten. Und man konnte nichts machen.</p><p>Aber Ann lebte und kletterte da oben die W�nde der Caldera von Olympus empor. Er konnte mit ihr reden, wenn er wollte. Obwohl sie nicht herauskommen w�rde. Er w�rde sie aufsp�ren m�ssen. Aber das konnte er machen. So war es. Der eigentliche Stachel von Johns Tod lag im Tod dieser Chance; er konnte nicht mehr mit ihm sprechen. Aber er konnte immer noch mit Ann sprechen. Diese Chance gab es.</p><empty-line/><p>Die Arbeiten an dem Anamnesie-Problem gingen weiter. Acheron war in dieser Hinsicht ein Vergn�gen. Tags�ber in den Labors, Gespr�che mit den Labordirektoren �ber ihre Experimente und sehen, ob er helfen konnte. W�chentlich Seminare, wo man vor den Schirmen zusammenkam, die Resultate austauschte und sich �ber m�gliche Auslegungen unterhielt, und was man als n�chstes versuchen sollte. Leute unterbrachen ihre Arbeit, um auf der Farm zu helfen, andere Angelegenheiten zu erledigen oder auf Reisen zu gehen. Aber es gab andere zur Vertretung; und wenn die Wissenschaftler zur�ckkehrten, hatten sie oft neue Ideen gehabt und waren immer frisch mit Energie geladen. Sax sa� nach den w�chentlichen Zusammenk�nften immer noch eine Weile in den Seminarr�umen und sah sich die Kaffeetassen und die Ringe von braunem Kaffee und schwarzen Kavaflecken auf den abgenutzten Tischplatten und die blanken Tafelschirme an. Sie waren bedeckt von Schemata chemischer Diagramme und gro�en gebogenen Pfeilen, die auf Akronyme zeigten und alchemische Symbole, wie sie Michel gefallen h�tten. Und etwas in ihm ergl�hte, bis es schmerzte�� irgendeine parasympathetische Reaktion, die aus seinem limbischen System ausstr�mte. Ja bei Gott, <emphasis>das</emphasis> war jetzt Wissenschaft, in den H�nden der Wissenschaftler selbst, die zusammen f�r ein kollektives Ziel arbeiteten, das sinnvoll war, und dem Allgemeinwohl diente. Sie stie�en bis an die Grenze ihres Wissens vor. Theorie und Experiment flogen hin und her wie Pingpongb�lle. Woche um Woche fanden sie mehr und steckten sich neue Ziele. Sie dehnten den gro�en unsichtbaren Parthenon bis in das noch nicht kartierte Territorium des menschlichen Geistes aus, in das Leben selbst. Das machte ihn so gl�cklich, da� es ihn fast nicht k�mmerte, wenn sie etwas herausfanden. Die Suche war alles.</p><p>Aber sein Kurzzeitged�chtnis war besch�digt. Er experimentierte jeden Tag mit den Ausf�llen und Dingen, die ihm permanent auf der Zunge lagen. Manchmal mu�te er in den Seminaren mitten im Satz innehalten, sich setzen und den anderen mit der Bitte fortzufahren zuwinken. Sie nickten dann, und die Person an der Wandtafel machte weiter. Nein, er brauchte die L�sung f�r dieses dr�ngende Problem. Es w�rde sp�ter andere R�tsel geben, denen man nachzugehen hatte, ohne Zweifel. Zum Beispiel der schnelle Verfall selbst oder sonst etwas aus dem Rest des Alterungsproblems. Nein, es mangelte nicht an Unerkl�rbarem zur Weiterarbeit, und das w�rde immer so sein. Inzwischen war das Problem der Anamnese hart genug.</p><p>Immerhin wurden langsam die Umrisse einer L�sung deutlich. Ein Teil davon w�rde ein Drogencocktail sein, eine Mischung von Proteinsyntheseverst�rkern einschlie�lich sogar Amphetaminen und chemischen Verwandten des Strychnins, au�erdem �bertr�ger wie Serotonin, Anreger von Glutamatrezeptoren, Cholinesterase, zyklische AMP und so weiter. Alles das w�rde es geben, um auf verschiedenen Wegen die Ged�chtnisstrukturen zu verst�rken, wenn man sie wieder ablaufen lie�. Andere Stoffe aus der allgemeinen Behandlung von Hirnplastizit�t, die Sax in der Zeit nach seinem Schlag erfahren hatte, w�rden hinzukommen. Sodann schien es nach den Experimenten mit elektrischer Stimulation, da� ein anregender Elektroschock und anschlie�end eine kontinuierliche Schwingung mit sehr raschen Frequenzen in Phase mit den nat�rlichen Gehirnwellen der Person dazu dienen k�nnte, die von dem Drogencocktail verst�rkten neurochemikalischen Prozesse in Gang zu setzen. Danach w�rden die Personen die Arbeit des Ged�chtnisses so gut steuern, wie sie konnten, vielleicht, indem sie sich von Knoten zu Knoten bewegten, falls das ginge, mit dem Gedanken, da� ein jeder Knoten wieder aufgerufen w�rde. Das den Knoten umschlie�ende Netzwerk w�rde dann von den Oszillationen �berflutet und entsprechend verst�rkt werden. Im Grunde so, als ginge man im Theater des Ged�chtnisses von Raum zu Raum. Die Experimente mit allen diesen vielf�ltigen Aspekten des Prozesses liefen mit Freiwilligen, oft den jungen eingeborenen Experimentatoren selbst. Sie erinnerten sich an sehr viele Dinge und sprachen mit einer Art erstaunter Scheu; und die allgemeinen Aussichten wurden immer besser. Woche um Woche feilten sie ihre Techniken aus und integrierten sie in einen Gesamtproze�.</p><p>Aus den Experimenten ergab sich, da� der Kontext eine wichtige Komponente f�r den bestm�glichen Erfolg der Erinnerung war. An Listen, die man unter Wasser in Taucheranz�gen auswendig gelernt hatte, konnte man sich viel besser erinnern, wenn die Personen wieder auf den Meeresboden gingen, als wenn sie sich an Land daran zu erinnern versuchten. Personen, denen man hypnotisch Gef�hle des Gl�cks oder Kummers eingefl��t hatte, w�hrend sie eine Liste lernten, erinnerten sich besser, wenn sie wieder im gleichen Sinne hypnotisiert wurden. Das waren nat�rlich alles sehr grobe Experimente; aber die Verbindung zwischen Kontext und Erinnerungskraft wurde durch sie stark genug demonstriert, da� Sax ernsthaft erwog, ob er sich nicht der Behandlung unterziehen sollte, wenn sie damit fertig w�ren. Und wo und mit wem.</p><p>F�r die abschlie�ende Arbeit an der Behandlung rief Sax Bao Tahashi an und bat sie, f�r einige Konsultationen zu ihnen nach Acheron zu kommen. Ihre Arbeit war wieder viel theoretischer und bedeutend feink�rniger; aber nach ihrer Arbeit mit der Fusionsgruppe in Da Vinci hatte er einen gro�en Respekt vor ihrer F�higkeit, bei jedem Problem zu helfen, bei dem Quantengravitation und die Ultramikrostruktur der Materie beteiligt waren. Sie sollte blo� durchsehen, was sie in Acheron getan hatten. Er war sich ganz sicher, da� ihr Kommentar dazu wertvoll sein w�rde.</p><p>Leider hatte Bao in Da Vinci wichtige Verpflichtungen, wie schon immer seit ihrer viel ausposaunten R�ckkehr von Dorsa Brevia. Sax war in der ungew�hnlichen Position, seinen Heimatlabors eine ihrer besten theoretischen Kr�fte zu entziehen. Aber er tat das ohne Gewissenbisse und erhielt Belas Hilfe, urh die derzeitige Administration unter Druck zu setzen. �Ka, Sax�, rief Bela bei einem Anruf aus. �Ich h�tte nie geahnt, da� du dich als ein so wilder Kopfj�ger erweisen w�rdest.�</p><p>Sax entgegnete: �Es ist ja auch mein eigener Kopf, nach dem ich auf der Jagd bin.�</p><p>Gew�hnlich war das Aufsp�ren einer Person so einfach wie das Kontaktieren ihres Handys nachschauen, wo sich die Person befand. Aber Anns Handy war auf dem Rande der Caldera von Olympus Mons bei der Abstiegstation nahe dem Festivalgel�nde bei Krater Zp zur�ckgeblieben. Das ber�hrte Sax eigenartig, da sie Handys der einen oder anderen Art seit dem Anfang in Underhill getragen hatten, und Ann genau so wie jeder andere, erinnerte er sich. Oder doch nicht? Er rief Peter an und erkundigte sich. Aber Peter wu�te nat�rlich nichts, da er lange nach den Jahren von Underhill geboren worden war. Auf jeden Fall war das Herumlaufen ohne Armbandger�t jetzt ein Verhalten, das von den neoprimitiven Nomaden entlehnt war, die durch die Canyonl�nder und die K�ste des Nordmeeres zogen, was keine Lebensweise war, an der Ann, wie er sie kannte, irgendein Interesse haben k�nnte. Man konnte auf dem Olympus Mons nicht im pal�olithischen Stil leben. Man brauchte dort oben jede Form von st�ndiger technischer Unterst�tzung, die in den meisten Gegenden des Mars nicht mehr notwendig war. Handys waren jedenfalls ein unerl��licher Bestandteil davon. Vielleicht wollte Ann blo� entkommen. Peter wu�te es nicht.</p><p>Aber er wu�te, wie man sie erreichen konnte. �Du mu�t hingehen und sie suchen.�</p><p>�ber die Miene von Sax mu�te er lachen. �So schlimm ist das nicht. In der Caldera sind nur ein paar hundert Leute; und wenn die sich nicht in ihren H�tten aufhalten, befinden sie sich an den W�nden der Klippen.�</p><p>�Ist sie Klettersportlerin geworden?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie klettert zur�� Erholung?�</p><p>�Sie klettert eben. Frag mich nicht, warum.�</p><p>�Also brauche ich blo� alle Klippen abzusuchen?�</p><p>�So hab ich sie gefunden, als Marian starb.�</p><empty-line/><image l:href="#9"/><empty-line/><p>Der Gipfel von Olympus Mons war gr��tenteils unver�ndert geblieben. Immerhin gab es ein paar niedrige Bergh�tten auf Rim Overlooks; und man hatte auf dem nord�stlichen Lavastrom, der den B�schungsring um den Vulkan durchbrach eine Piste gebaut, um leichteren Zugang zum Festivalkomplex bei Krater Zp zu haben. Aber sonst gab es nichts, das darauf hinwies, was mit dem Rest des Mars passiert war, der vom Rande der Caldera aus �berhaupt nicht zu sehen war, da er unter dem Horizont der herumlaufenden B�schung lag. Von seinem Rand aus schien Olympus Mons die ganze Welt auszumachen. Die lokalen Roten hatten sich dagegen entschieden, �ber der Caldera eine molekulare Schutzkuppel zu errichten, wie man es �ber Arsia Mons gemacht hatte. Darum gab es dort sicher Bakterien und vielleicht einige Flechten, die von Winden hergeblasen, in die Caldera gesunken waren und �berlebt hatten. Aber bei einem Luftdruck, der nur wenig h�her war als die urspr�nglichen zehn Millibar, w�rden sie nicht gedeihen. Wahrscheinlich waren die �berlebenden zumeist Chasmoendolithen, so da� nichts von ihnen zu sehen war. Es war f�r das Projekt der Roten ein Gl�ck, da� die enormen H�henunterschiede auf dem Mars den Luftdruck auf den gro�en Vulkanen so niedrig hielten. Eine unentgeltliche und wirksame Sterilisationstechnik.</p><p>Sax nahm den Zug nach Zp hinauf und dann einen Wagen zum Rand�� ein Kombitaxi, das von den Roten betrieben wurde, die den Zugang zur Caldera beherrschten. Der Wagen erreichte die Kante des Randes, und Sax schaute hinunter.</p><p>Die Caldera hatte viele Ringe und war gro�. Neunzig mal sechzig Kilometer, ungef�hr ebenso gro� wie Luxemburg, wie Sax sich entsann geh�rt zu haben. Der zentrale Hauptkreis, bei weitem der gr��te, war �berlagert von kleineren Kreisen im Nordosten, im Zentrum und im S�den. Der s�dlichste Kreis halbierte einen etwas �lteren und h�heren Kreis im S�dosten. Der Treffpunkt dieser drei gekr�mmten W�lle galt, wie man Sax gesagt hatte, als eines der besten Klettergebiete auf dem Planeten mit der gr��ten H�he: einem Absturz von 26 Kilometern auf 22,5 Kilometer zum s�dlichsten Kraterboden. Eine Klippe von zehntausend Fu�, �berlegte der Junge aus Colorado in Sax.</p><p>Der Boden der Hauptcaldera trug eine Menge gekr�mmter Faltenmuster, die zu den Kraterw�nden konzentrisch verliefen. Es waren bogenf�rmige Grate und Canyons, die von einigen geraderen B�schungen gekreuzt wurden. Diese Eigenschaften lie�en sich alle erkl�ren. Nach dem Ablauf von Magma aus der Hauptkammer unter dem Vulkan hatte es wiederholte Zusammenbr�che der Caldera gegeben. Aber als Sax von seiner hohen Position auf dem Rand in die Tiefe blickte, hatte er den Eindruck eines geheimnisvollen Berges, einer Welt f�r sich, von der nichts zu sehen war als der weite geschwungene Rand und die f�nftausend Quadratkilometer der Caldera. Ring um Ring hoher, gekr�mmter W�nde und flacher runder B�den unter einem schwarzen Sternenhimmel. Die Klippen rundum waren alle h�her als tausend Meter. In der Regel waren sie nicht v�llig vertikal. Ihr Neigungswinkel schien gerade etwas steiler als f�nfundvierzig Grad zu sein. Aber es gab �berall auch steilere Partien. Ohne Zweifel str�mten die Kletterer zu den steilsten Stellen, wenn man ihr Interesse betrachtete. Es schien da drau�en einige sehr vertikale Fl�chen zu geben, sogar einen oder zwei �berh�nge, direkt unter ihnen, dort, wo die drei W�nde zusammentrafen.</p><p>�Ich suche Ann Clayborne�, sagte Sax zu den Fahrern, die von der Aussicht begeistert waren. �Wi�t ihr, wo ich sie finden k�nnte?�</p><p>�Wei�t du nicht, wo sie ist?� fragte eine der jungen Frauen.</p><p>�Ich habe geh�rt, da� sie in der Olympus-Caldera klettert.�</p><p>�Wei� sie, da� du sie suchst?�</p><p>�Nein. Sie antwortet nicht auf Anrufe.�</p><p>�Kennt sie dich?�</p><p>�O ja, Wir sind alte Freunde.�</p><p>�Und wer bist du?�</p><p>�Sax Russell.�</p><p>Sie starrten ihn an. Eine sagte: �He, alte Freunde, wie?�</p><p>Ihre Kameradin stie� sie mit dem Ellbogen an.</p><p>Die Stelle, an der sie sich befanden, trug den sehr passenden Namen Three Walls. Direkt unter ihrem Wagen auf einer kleinen Einsturzterrasse war eine Aufzugstation installiert. Sax sah sie sich mit dem Feldstecher an. T�ren mit Au�enschleusen, verst�rktes Dach. Es h�tte eine Konstruktion aus den fr�hen Jahren sein k�nnen. Der Aufzug bildete den einzigen Zugang f�r diesen Teil der Caldera, wenn man keine Zur�ckweisung riskieren wollte.</p><p>Zum Entsetzen ihrer Freundin sagte die Fahrerin: �Ann versorgt sich in der Marian-Station. Siehst du sie dort? Der quadratische Punkt, wo die Lavakan�le von dem Hauptboden in den S�dkreis einschneiden.�</p><p>Das war auf dem gegen�berliegenden Rand des s�dlichsten Kreises, der auf Saxens Karte mit 6 bezeichnet war. Sax hatte M�he, irgendeinen quadratischen Punkt auszumachen, selbst mit der Vergr��erung des Feldstechers. Aber dann sah er ihn. Ein winziger Block, etwas zu regelm��ig, um nat�rlich zu sein, obwohl er mit dem rostigen Grau des lokalen Basalts angestrichen war. �Ich sehe ihn. Wie komme ich dahin?�</p><p>�Nimm den Aufzug nach unten, und geh einfach r�ber!�</p><empty-line/><p>Also zeigte er dem Aufzugspersonal den Pa�, den ihm die Fahrerin gegeben hatte und machte die lange Fahrt mit dem Aufzug hinunter an der Wand des s�dlichen Kreises. Der Aufzug lief auf einer an der Wand der Klippe befestigten Schiene und hatte Fenster. Es war wie ein Abstieg im Helikopter oder w�hrend des letzten St�cks des Raumaufzugs �ber Sheffield. Bis er auf dem Calderaboden ankam, war es sp�ter Nachmittag. Er trug sich in der spartanischen Bleibe auf dem Boden ein und a� behaglich reichlich zu Abend. Von Zeit zu Zeit �berlegte er, was er Ann sagen k�nnte. Langsam kam er darauf: Eine koh�rente und anscheinend �berzeugende Selbstdeutung oder Bekenntnis oder <emphasis>cri de cceur,</emphasis> St�ck um St�ck. Dann verschwand zu seinem gro�en Leidwesen das ganze Ding. Und da war er nun auf dem Boden einer vulkanischen Caldera. �ber ihm blinzelte der Kreis des dunklen und gestirnten Himmels. Auf Olympus. Er suchte Ann Clayborne ohne zu wissen, was er ihr zu sagen hatte. Sehr traurig.</p><p>Am n�chsten Morgen nach dem Fr�hst�ck legte er einen Marschanzug an. Obwohl die Materialien verbessert worden waren, umklammerte der elastische Stoff die Gliedma�en und den Rumpf genau so dicht wie die alten Anz�ge. Seltsam, wie seine Kinetik Gedankenketten aufrief, Blitze der Erinnerung: Das Aussehen von Underhill, als sie die quadratische Kuppel bauten. Sogar eine Art k�rperlicher Epiphanie, die eine Erinnerung seines allerersten Hinausgehens aus dem Landevehikel zu sein schien, mit der �berraschung naher Horizonte und der r�tlichen F�rbung des Himmels. Wiederum Kontext und Erinnerung.</p><p>Er ging quer �ber den Boden des S�dkreises. An diesem Morgen war der Himmel ein dunkles Indigo, dunklem Marineblau sehr nahe, wie die Farbtafel sagte. Eine merkw�rdige Namenswahl, wenn man bedachte, wie dunkel sie war. Viele Sterne waren zu sehen. Der Horizont war eine runde, nach allen Seiten aufsteigende Klippe. Der s�dliche Halbkreis drei Kilometer hoch, der nord�stliche Quadrant zwei Kilometer, der nordwestliche Quadrant drei Kilometer und zerkl�ftet. Wirklich ein erstaunlicher Anblick, diese Rundheit. Thermodynamik von abk�hlendem Gestein in Magmakammern und Magmatrichtern. Drau�en, inmitten der umgebenden W�nde, bot sich ein atemberaubendes Bild. Die W�nde sahen nach allen Richtungen gleich hoch aus, ein Schulbeispiel f�r die F�higkeit der Verk�rzung der Wahrnehmung vertikaler Distanzen.</p><p>Sax marschierte mit gleichm��igen Schritten dahin. Der Calderaboden war ziemlich glatt, mit gelegentlichen Lavabomben- und Meteoritentreffern und flachen gebogenen Gr�ben. Einige von ihnen mu�te man umgehen�� ein sehr passendes Wort, da es sich wirklich um Umgehungen handelte. Aber zum gr��ten Teil konnte er direkt auf den gebrochenen Klippensturz im Nordwestquadrant der Caldera zugehen.</p><p>Es erforderte sechs Stunden st�ndigen Marschierens, den Boden des S�dkreises zu durchqueren, der weniger als zehn Prozent des Gesamtareals der Caldera ausmachte, von dem der ganze Rest f�r ihn w�hrend des Marsches unsichtbar blieb. Kein Anzeichen von Leben, keinerlei St�rung des Calderabodens oder der W�nde. Die Atmosph�re war sichtlich d�nn, alles gleich scharf f�r das Auge, etwa um die urspr�nglichen zehn Millibar, sch�tzte er. Die unber�hrte Natur der Dinge machte ihn unsicher wegen der Abdr�cke seiner Stiefel; und er versuchte, auf harten Fels zu treten und Staubflecke zu vermeiden. Der Anblick der urt�mlichen Landschaft war seltsam befriedigend: R�tlich, obwohl die Farbe meist ein �berzug aus dunklem Basalt war. Seine Farbtafel war bei ungew�hnlichen Mischungen nicht so gut.</p><p>Sax war noch nie in eine der gro�en Calderas hinunter gestiegen. Und selbst wenn man viele Jahre in gro�en Impaktkratern verbracht hatte, so war man, wie er fand, nicht vorbereitet auf die Tiefe der Kammern, die Steilheit der W�nde und die Ebenheit des Bodens. Die schiere Gr��e der Dinge.</p><p>Um die Mitte des Nachmittags n�herte er sich dem Fu� des nordwestlichen Bogens. Das Zusammentreffen von Felswand und Boden tauchte �ber seinem Horizont auf, und zu Saxens Trost erschien die Blockh�tte direkt vor ihm. Seine APS-Peilung war recht genau gewesen. Keine komplizierte navigatorische Leistung, aber an einer so exponierten Stelle war es erfreulich, wenn man richtig auf Kurs war. Seit seinem Erlebnis in dem Sturm vor langer Zeit war er etwas achtsamer geworden. Allerdings w�rde es hier oben auch keine St�rme geben.</p><p>Als er sich den Schleusent�ren der H�tte n�herte, erschien aus dem Grund einer ungeheuer steilen Rinne in der gebrochenen Fl�che der Klippe, die ungef�hr einen Kilometer westlich der Schutzh�tte in den Kraterboden einm�ndete, eine Gruppe von Leuten. Es waren vier Gestalten mit gro�en Rucks�cken. Sax blieb stehen. In seinem Helm war der Atem laut zu vernehmen. Er erkannte die letzte Person sofort. Ann kam herein, um sich wieder zu versorgen. Jetzt mu�te er sich etwas ausdenken, das er ihr sagen konnte. Und es dann auch nicht vergessen.</p><empty-line/><p>In der H�tte nahm Sax seinen Helm ab und f�hlte dabei eine vertraute, aber h�chst unwillkommene Spannung im Magen. Es ging bei jeder Begegnung mit Ann immer schlechter. Er drehte sich um und wartete. Endlich kam Ann herein, nahm den Helm ab und sah ihn. Sie stutzte, als s�he sie ein Gespenst und rief: �Sax?�</p><p>Er nickte. Er erinnerte sich an ihre letzte Zusammenkunft vor langer Zeit auf der Insel von Da Vinci. Das kam ihm vor wie ein fr�heres Leben. Er hatte seine Zunge verloren.</p><p>Ann sch�ttelte den Kopf und lachte vor sich hin. Sie durchquerte den Raum mit einer Miene, die er nicht deuten konnte, und erfa�te mit beiden H�nden seine Arme, beugte sich vor und k��te ihn sanft auf die Wange. Als sie sich zur�ckzog, hielt sie mit einer Hand weiter seinen linken Arm fest und lie� sie bis zum Handgelenk heruntergleiten. Sie sah ihn direkt an, und ihr Griff war wie Stahl. Sax war wieder sprachlos, obwohl er sehr zu sprechen w�nschte. Aber es gab nichts zu sagen, oder zu viel. Er konnte nicht einmal sagen, welches von beiden. Seine Zunge war wie gel�hmt. Diese Hand auf seinem Handgelenk. Das hinderte ihn mehr, als jeder scharfe Blick oder jede schneidende Bemerkung es je bewirkt h�tten.</p><p>Eine Welle schien durch sie zu laufen, und sie wurde etwas mehr zu der Ann, die er kannte. Sie sah ihn bedenklich und dann alarmiert an. �Sind alle okay?�</p><p>�Ja, ja�, sagte Sax. �Ich meine, du hast von Michel geh�rt?�</p><p>�Ja.� Ihr Mund verengte sich. F�r eine Sekunde wurde sie die schwarze Ann seiner Tr�ume. Dann durchfuhr sie etwas anderes, und sie war diese neue Fremde, die immer noch sein Handgelenk umklammert hielt, als ob sie die Hand wegschleudern wollte. �Aber jetzt bist du einfach hier, um mich zu besuchen.�</p><p>�Ja. Ich wollte...��� er suchte krampfhaft nach einem Schlu� dieses Satzes�� �...reden! Ja, dir�� einige Fragen stellen. Ich habe Schwierigkeiten mit meinem Ged�chtnis. Ich fragte mich, ob wir hier miteinander sprechen k�nnten. Marschieren oder...��� er schluckte�� �oder klettern. K�nntest du mir etwas von der Caldera zeigen?�</p><p>Sie l�chelte. Wieder war es eine andere Ann. �Du kannst mit mir klettern, wenn du willst.�</p><p>�Ich bin kein Kletterer.�</p><p>�Wir werden auf einer leichten Route aufsteigen. Wangs Gully hinauf und �ber den gro�en Kreis zum Nordkreis. Ich wollte ohnehin dort hinauf, solange es noch Sommer ist.�</p><p>�Es ist jetzt Ls 200. Aber ich finde, das klingt gut.� Sein Herz machte ungef�hr 150 Schl�ge in der Minute.</p><p>Es stellte sich heraus, da� Ann alle ben�tigte Ausr�stung hatte. Als sie sich am n�chsten Morgen anzogen, sagte sie zu ihm: �Hier, nimm das ab!� Sie zeigte auf sein Armbandger�t.</p><p>�Oje, ist das nicht ein Teil des Anzugsystems?� Das war es und Sax war nicht begeistert; aber sie sch�ttelte den Kopf. �Der Anzug ist autonom.�</p><p>�Halbautonom, hoffe ich.�</p><p>Sie l�chelte. �Ja. Aber es ist kein Armbandger�t n�tig. Schau�� dies Ding verbindet dich mit der ganzen Welt. Es ist deine Handfessel zur Raumzeit. Heute wollen wir blo� in Wangs Gully gehen. Das wird gen�gen.�</p><p>Es war genug. Wangs Gully war eine breite verwitterte Rinne, die durch steilere Klippen nach oben eingeschnitten war wie ein gigantischer defekter Abzugskanal. Den gr��ten Teil des Tages folgte Sax Ann durch engere Rinnen innerhalb dieser gro�en. Er krabbelte h�fthohe Stufen hinauf und benutzte die meiste Zeit seine H�nde, aber selten mit dem Gef�hl, da� ihn ein Sturz t�ten w�rde oder mehr als einen verrenkten Kn�chel einbringen k�nnte. �Das ist nicht so gef�hrlich, wie ich gedacht hatte�, sagte er. �Ist das die Art von Kletterei, die du auch sonst immer machst?�</p><p>�Das hier ist �berhaupt kein Klettern.�</p><p>�Ah.�</p><p>Also stieg sie normalerweise steilere H�nge empor.</p><p>Schon jetzt mit Sax ging sie Risiken ein, die eigentlich unverantwortlich waren.</p><p>Und in der Tat, am Nachmittag kamen sie zu einer kurzen Wand, die von horizontalen Rissen durchzogen war. Ann machte sich daran, sie ohne Seile oder Haken hochzuklettern. Sax folgte z�hneknirschend. Nahe der h�chsten Stelle eines f�r Geckos geeigneten Anstiegs, die Stiefelspitzen und Finger in Handschuhen in kleine Spalten gepre�t, sah er hinunter auf Wangs Gully, der pl�tzlich im ganzen viel steiler wirkte als in jedem Abschnitt davor. Alle seine Muskeln zitterten pl�tzlich vor Ersch�pfung und Erregung. Es gab nichts anderes, als ganz hinaufzuklettern. Aber er mu�te immer wieder diese riskante Position einnehmen, w�hrend er sich beeilte, nach oben zu kommen. Die Griffe wurden gerade dann noch glatter, wenn er unbedingt schneller werden mu�te, um ihr auf den Fersen zu bleiben. Der Basalt war leicht genarbt. Sein dunkles Grau war in Rost und Siena get�nt. Er sah gebannt auf eine Spalte mehr als einen Meter �ber seiner Augenh�he. Er w�rde diese Spalte benutzen m�ssen. War sie tief genug, da� seine Finger �berhaupt einen Angriffspunkt fanden? Er mu�te es riskieren. Sicher sein konnte er nicht. Also holte er tief Luft, langte hoch und probierte es. Und es zeigte sich, da� sie durchaus nicht tief genug war. Aber mit einem raschen Ruck, unfreiwillig bei der Anstrengung st�hnend, war er oben und daran vorbei. Er benutzte Griffe, die er bewu�t nicht einmal sehen konnte. Und dann langte er schweratmend auf H�nden und Knien dicht bei Ann an. Sie sa� heiter auf einer schmalen Felsleiste.</p><p>�Versuche, deine Beine mehr zu benutzen!� schlug sie vor.</p><p>�Aha.�</p><p>�Es hat deine Aufmerksamkeit beansprucht, nicht wahr?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Keine Ged�chtnisprobleme, hoffe ich?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Das ist es, was mir am Klettern gef�llt.�</p><p>Sp�ter an diesem Tage, als das Gully etwas hinter ihnen lag und sich �ffnete, sagte Sax: �Hast du also auch Ged�chtnisprobleme gehabt?�</p><p>Ann sagte: �La� uns dar�ber sp�ter reden. Achte auf diese Spalte hier!�</p><p>�O ja.�</p><empty-line/><p>In dieser Nacht lagen sie in Schlafs�cken in einem Pilzzelt, das gro� genug f�r sie beide war. Auf dieser H�he mit ihrer superd�nnen Atmosph�re war es eindrucksvoll, die St�rke des Zeltstoffs zu bedenken, der 450 Millibar Luft aushielt, ohne sich irgendwo nach au�en zu w�lben. Das klare Material war h�bsch und straff, aber nicht hart wie Stein. Ohne Zweifel hielt es viele Bar weniger aus als sein Fassungsverm�gen zulie�. Aber als Sax an die vielen Klafter von Steinen und Sands�cken dachte, die sie auf ihre fr�hesten Wohngelegenheiten packen mu�ten, damit sie nicht explodierten, kam er nicht umhin, durch die enormen Fortschritte in der Materialwissenschaft beeindruckt zu sein.</p><p>Ann nickte, als er davon sprach. �Wir haben unsere F�higkeit �berschritten, unsere Technik zu verstehen.�</p><p>�Nun, ich denke, es l��t sich verstehen. Es ist nur schwer zu glauben.�</p><p>�Ich nehme an, da� ich den Unterschied verstehe�, sagte sie gleichm�tig.</p><p>Er f�hlte sich wohler und kam wieder auf das Ged�chtnis zu sprechen. �Ich hatte sogenannte Blackouts, bei denen ich mich nicht an meine Gedanken in den letzten Minuten erinnern kann, bis hin zu einer Stunde. Kurzzeitiges Versagen des Ged�chtnisses, das anscheinend mit Fluktuationen der Gehirnwellen zu tun hat. Und ich f�rchte, da� auch die ferne Vergangenheit sehr unsicher wird.�</p><p>Lange Zeit antwortete sie nicht, sondern grunzte nur zum Zeichen, da� sie geh�rt hatte. Dann:</p><p>�Ich habe mein ganzes Selbst vergessen. Ich denke, da� jetzt jemand anders in mir ist. Mit geteilten Rollen. Eine Art Gegnerin. Mein Schatten oder der Schatten meines Schattens. Eingepflanzt und in mir wachsend.�</p><p>�Was meinst du?� fragte Sax, schnell begreifend.</p><p>�Eine Gegnerin. Sie denkt genau das, was ich nicht gedacht h�tte.� Sie wandte wie scheu das Gesicht ab. �Ich nenne sie Gegen-Ann.�</p><p>�Und wie w�rdest du sie charakterisieren?�</p><p>�Sie ist... ich wei� nicht. Emotional. Sentimental. Stupide. Weint beim Anblick einer Blume. F�hlt, da� jeder sein Bestes tut. Derartiger Bl�dsinn.�</p><p>�Vorher warst du gar nicht so?�</p><p>�Nein nein nein. Es ist alles Mist. Aber ich empfinde es als wie real. So... gibt es Ann und Gegen-Ann. Und... vielleicht eine dritte.�</p><p>�Eine dritte?�</p><p>�Das nehme ich an. Etwas, das keines der anderen beiden ist.�</p><p>�Und was tust du�� ich meine, hast du f�r die einen Namen?�</p><p>�Nein. Sie hat keinen Namen. Sie ist schwer zu fassen. J�nger. Weniger Ideen �ber Dinge, und die Ideen, die sie hat, sind seltsam. Nicht-Ann oder Gegen-Ann. Jemand wie jene Zo. Hast du sie gekannt?�</p><p>�Ja�, sagte Sax �berrascht. �Ich habe sie gemocht.�</p><p>�Wirklich? Ich fand sie schrecklich. Und dennoch... in mir steckt auch etwas, das ihr �hnelt. Drei Personen.�</p><p>�Das ist eine seltsame Art, sich das vorzustellen.�</p><p>Sie lachte. �Bist du es nicht, der ein mentales Labor hatte, das all deine Erinnerungen enthielt, nach Zimmer- und Schranknummer registriert oder so?�</p><p>�Das war ein sehr leistungsf�higes System.�</p><p>Sie lachte wieder, sch�rfer. Er mu�te grinsen, als er das h�rte. Obwohl er auch Angst hatte. Drei Anns? Schon eine war mehr gewesen, als er verstehen konnte.</p><p>�Aber ich verliere einige dieser Labors�, sagte er. �Ganze Einheiten meiner Vergangenheit. Manche Leute stellen sich das Ged�chtnis als ein System von Knoten und Netzen vor. So ist es m�glich, da� das Modell des Erinnerungspalastes intuitiv das beteiligte physikalische System widerspiegelt. Aber wenn man irgendwie den Knoten verliert, verschwindet auch das ganze Netzwerk drumherum. Wenn ich also in der Literatur einen Hinweis auf etwas finde, das ich getan habe, und versuche, mich daran zu erinnern, welche methodologischen Probleme wir hatten oder was auch immer und das Ganze, so weigert sich die ganze �ra einfach, zu mir zu kommen. Als ob es nie geschehen w�re.�</p><p>�Ein Problem mit dem Palast.�</p><p>�Ja. Ich habe das nicht erwartet. Selbst nach meinem�� Unfall�� war ich sicher, da� mit meiner F�higkeit zu�� denken nichts passieren w�rde.�</p><p>�Du scheinst heute noch tadellos zu denken.�</p><p>Sax sch�ttelte den Kopf. Er erinnerte sich an die Ausf�lle, die Ged�chtnisl�cken, die <emphasis>presque vus,</emphasis> wie Michel sie genannt hatte, die Konfusionen. Denken war nicht blo� eine analytische oder kognitive F�higkeit, sondern etwas Allgemeineres... Er versuchte zu beschreiben, was ihm k�rzlich passiert war, und Ann schien aufmerksam zuzuh�ren. �Du siehst, ich habe die �ber das Ged�chtnis erschienenen Arbeiten durchgesehen. Das ist wirklich interessant geworden, sogar dringend. Und Ursula und Marina und die Acheronlabors haben mir geholfen. Und ich denke, sie haben etwas ausgearbeitet, das uns helfen k�nnte.�</p><p>�Meinst du eine Ged�chtnisdroge?�</p><p>�Ja.� Er erkl�rte die Wirkung des neuen anamnestischen Komplexes. �Also bin ich entschlossen, es auszuprobieren. Aber ich bin �berzeugt, da� es am besten wirken wird, wenn sich ein Paar der Ersten Hundert in Underhill zusammenf�nden und es gemeinsam in Angriff n�hmen. Kontext ist sehr wichtig f�r Erinnerung, und der gegenseitige Anblick k�nnte helfen. Nicht jeder ist interessiert, aber eine �berraschende Anzahl der von den Ersten Hundert noch Vorhandenen sind es wirklich.�</p><p>�Nicht so �berraschend.�� Wer?�</p><p>Er nannte alle, die er kontaktiert hatte. Es waren leider nur noch etwa ein Dutzend. �Und wir alle w�rden es begr��en, wenn du auch da w�rest. Ich wei�, da� ich mich mehr als �ber alles andere dar�ber freuen w�rde.�</p><p>�Interessant klingt das schon�, sagte Ann. �Aber erst m�ssen wir diese Caldera �berqueren.�</p><empty-line/><p>Beim Gehen �ber den Fels war Sax aus neue erstaunt �ber die steinige Realit�t ihrer Welt. Die Fundamentalien: Stein, Sand, Staub, Grus. Dunkler, schokoladenfarbener Himmel heute und keine Sterne. Die weiten Distanzen waren mangels einer daraus resultierenden Tr�bung nicht als solche zu erkennen. Die Spanne von zehn Minuten. Die L�nge einer Stunde, wenn man blo� marschierte. Das Gef�hl in den Beinen.</p><p>, Und dann waren da rings um sie die Ringe der Calderas, die weit in den Himmel ragten. Auch wenn Sax und Ann im Zentruni des zentralen Kreises waren, wo die sp�teren, tieferen Calderas als gro�e Einbuchtungen in der Rundung eines einzelnen Walls erschienen. Hier drau�en hatte die starke Kr�mmung des Planeten keinen Einflu� auf die Perspektive, denn sie war nicht zu erkennen, und die Klippen waren selbst in drei�ig Kilometern Entfernung frei und klar. Der Nettoeffekt war, wie es Sax schien, eine Art von Umz�unung.</p><p>Ein Park, ein Steingarten, ein durch eine Mauer von der anderen Welt abgetrenntes Labyrinth; die Welt, die, obwohl unsichtbar, hier alles bestimmte. Die Caldera war gro�, aber nicht gro� genug. Man konnte sich hier nicht verstecken. Die Welt str�mte ein und �berflutete das Gehirn ungeachtet seiner Kapazit�t von hundert Billionen Bits. Ohne R�cksicht auf die Gr��e der mentalen Einrichtung gab es immer noch einen einzelnen Faden reinen Bewu�tseins, einen lebenden Draht des Denkens, der sagte: <emphasis>Stein, Klippe, Himmel, Stern.</emphasis></p><empty-line/><p>Der Fels war durch Spalten stark zerrissen, von denen jede das St�ck eines Kreisbogens bildete, dessen Zentrum in der Mitte des zentralen Kreises lag. Alte Spalten gegen�ber den gro�en neuen L�chern der n�rdlichen und s�dlichen Kreise. Alte Spalten, gef�llt mit Ger�ll und Staub. Diese Felsspalten machten ihren Marsch jetzt zu einem Hin-und-her-Wechseln in einem echten Irrgarten mit Schluchten, die noch h�her als W�nde waren, zu einer Passage, die ebenso schwierig war wie ein ummauertes Labyrinth zu �berwinden.</p><p>Aber sie f�delten sich hindurch und erreichten schlie�lich den Rand des n�rdlichen Kreises, Nummer 2 auf Saxens Karte. Wenn man hinabblickte, ergab das eine neue Perspektive auf die eigentliche Gestalt der Caldera und ihrer runden Einbuchtungen: einen j�hen Absturz auf einen bis dahin verborgenen Boden tausend Meter tiefer.</p><p>Anscheinend gab es einen Kletterpfad hinunter zum Boden des Nordkreises. Aber wie Ann sein Gesicht sah, als sie darauf hinwies, da� er nur durch Abseilen zu schaffen war, mu�te sie lachen. Sie sagte l�ssig, da� sie auch wieder herausklettern m��ten; und die Calderawand sei schon hoch genug. Statt dessen k�nnten sie um den Nordkreis herum zu einer anderen Route gelangen.</p><p>�berrascht durch diese Anpassungsf�higkeit und dankbar daf�r, folgte Sax ihr rund um den Nordkreis auf seiner westlichen Peripherie. Unter der gro�en Wand der Hauptcaldera machten sie f�r die Nacht halt, bliesen das Zelt auf und a�en schweigend.</p><p>Nach Sonnenuntergang scho� Phobos wie ein kleiner grauer Blitz �ber der Westwand der Caldera empor. Furcht und Schrecken�� was f�r Namen!</p><p>Ann sagte von ihrem Schlafsack her: �Ich habe geh�rt, es war deine Idee, die Monde wieder in den Orbit zu bringen?�</p><p>�Ja, das ist richtig.�</p><p>�Nun, das ist etwas, das ich Wiederherstellung der Landschaft nenne�, sagte sie, und es klang erfreut.</p><p>Sax f�hlte sich etwas err�ten. �Ich wollte dir eine Freude machen.�</p><p>Nach einer Gespr�chspause: �Ich sehe sie mir gern an.�</p><p>�Und wie hat dir Miranda gefallen?�</p><p>�Oh, es war sehr interessant.� Sie sprach �ber einige geologische Merkmale des merkw�rdigen Mondes. Zwei Planetesimale, die unvollkommen miteinander verbunden waren...</p><p>�Es gibt eine Farbe zwischen Rot und Gr�n�, sagte Sax, als sie wohl damit fertig war, �ber Miranda zu sprechen. �Eine Mischung von beidem. Manchmal nennt man es Krapp-Alizarin. Manchmal sieht man es bei Pflanzen.�</p><p>�Na ja.�</p><p>�Es l��t mich an die politische Lage denken. Ob es nicht irgendeine Art von Rot-Gr�n-Synthese geben k�nnte.�</p><p>�Braun.�</p><p>�Ja. Oder Alizarin.�</p><p>�Ich denke, das ist es, was diese Koalition des Freien Mars war, Irishka und die Leute, die Jackie ausgebootet haben.�</p><p>�Eine Koalition gegen Immigration.� sagte Sax. �Die falsche Art einer Rot-Gr�n-Kombination. Damit verwickeln sie uns in einen Konflikt mit der Erde, der nicht n�tig ist.�</p><p>�So?�</p><p>�Ja. Das Bev�lkerungsproblem wird bald gemildert werden. Die Issei. Ich denke, wir sto�en an die Grenze. Und die Nisei liegen nicht weit zur�ck.�</p><p>�Schneller Verfall, denkst du.�</p><p>�Genau. Wenn er unsere Generation erfa�t und dann die n�chste, wird die menschliche Bev�lkerung des Sonnensystems weniger als die H�lfte betragen.�</p><p>�Dann werden sie einen anderen Weg finden, sie wieder hochzuschrauben.�</p><p>�Ohne Zweifel. Aber es wird nicht mehr das hypermalthusianische Zeitalter sein. Das w�re dann ihr Problem. Also ist es einfach nicht n�tig, sich Sorgen wegen so viel Immigration bis hin zu einem interplanetaren Krieg zu machen. Das w�re kurzsichtig. G�be es auf dem Mars eine Rote Bewegung, die das darlegt, die der Erde Hilfe anbietet w�hrend der letzten Jahre des Anstiegs, k�nnte sie die Menschen davor bewahren, einander sinnlos umzubringen. Das w�re ein neuer Weg des Denkens �ber den Mars.�</p><p>�Eine neue Areophanie.�</p><p>�Ja. So hat Maya es genannt.�</p><p>Sie lachte. �Maya ist doch verr�ckt.�</p><p>�O nein�, entgegnete Sax scharf. �Das ist sie bestimmt nicht.�</p><p>Ann sagte nichts mehr, und Sax dr�ngte nicht weiter auf dieses Thema. Phobos bewegte sich mit merklicher Geschwindigkeit �ber den Himmel r�ckw�rts im Tierkreis.</p><p>Sie schliefen gut. Am n�chsten Tag unternahmen sie eine steile Klettertour durch eine Klamm in der Wand, die Ann und die anderen roten Kletterer anscheinend als den Weg hinaus ansahen. Sax hatte sich in seinem Leben noch nie so hart plagen m�ssen. Aber selbst so schafften sie den ganzen Ausstieg nicht, sondern mu�ten bei Sonnenuntergang eilig auf einer schmalen Leiste das Zelt aufbauen und waren erst am folgenden Tag gegen Mittag wieder im Freien.</p><empty-line/><p>Auf dem gro�en Rand von Olympus Mons war alles wie zuvor. Ein riesiger Kreis flachen Landes mit Kern, der violette Himmel in einem Band um den weit unten liegenden Horizont, ein schwarzer Zenit in der H�he, kleine Einsiedeleien in ausgeworfenen Felsbl�cken, die man ausgeh�hlt hatte, verstreut. Eine abgesonderte Welt. Blauer Mars...</p><p>Die H�tte, bei der sie zuerst halt machten, war von irgendwelchen sehr alten Roten Bettelm�nchen bewohnt, die offenbar hier lebten, w�hrend sie darauf warteten, da� der rasche Verfall sie treffen w�rde. Danach w�rden ihre K�rper verbrannt und die Asche in. den d�nnen Strahlstrom geworfen werden.</p><p>Das ber�hrte Sax als �bertrieben fatalistisch. Ann war gleicherma�en unbeeindruckt. Sie sagte: �Also gut�, als sie sah, wie die ihr karges Mahl verzehrten. �La� uns doch diese Ged�chtnisbehandlung versuchen!�</p><p>Viele der Ersten Hundert argumentierten f�r andere Orte als Underhill, das sie nicht einmal als Teil ihrer Gruppennatur anerkennen wollten. Aber Sax war eisern und widersetzte sich allen Ansinnen f�r Olympus Mons, den niedrigen Orbit, Pseudophobos, Sheffield, Odessa, Hell�s Gate, Sabishii, Senzeni Na, Acheron, die S�dpolkappe, Mangala und die hohe See. Er bestand darauf, da� der Schauplatz f�r eine solche Prozedur ein kritischer Faktor sei, wie Experimente �ber den Kontext erwiesen h�tten. Cojote pl�rrte h�chst unpassend bei seiner Schilderung des Experiments mit Studenten in Atemger�ten, die auf dem Boden des Nordmeeres Daten geb�ffelt hatten; aber Daten waren Daten, und warum sollte man nicht angesichts dessen das Experiment dort ausf�hren, wo man die besten Ergebnisse erzielen konnte? Es ging um so viel, da� es gerechtfertigt war, alles zu tun, was man konnte, um es richtig zu machen. Sax wies darauf hin, wenn sie ihre Erinnerungen intakt zur�ckbek�men, dann k�nnte alles m�glich sein, wirklich alles�� ein Sieg �ber den raschen Verfall, eine Gesundheit, die noch Jahrhunderte l�nger anhielt, eine sich stets ausdehnende Gemeinschaft von Gartenwelten�� und von da aus vielleicht weiter aufw�rts zu einer sich abzeichnenden Phase eines �bergangs zu einer h�heren Ebene des Fortschritts und einem Bereich des Wissens, den man sich derzeit nicht einmal vorstellen konnte. Darum beharrte er auf Underhill.</p><p>�Du bist dir zu sicher�, beklagte sich Marina. Sie hatte f�r Acheron pl�diert. �Du mu�t dir einen offenen Geist f�r viele Dinge bewahren.�</p><p>�Ja ja.� Einen offenen Geist bewahren. Das fiel Sax leicht, sein Geist war ein Labor, das abgebrannt war.</p><p>Jetzt stand er im Freien. Und niemand konnte die Logik von Underhill widerlegen, weder Marina noch alle �brigen. Diejenigen, die dagegen waren, hatten, wie er dachte, Angst vor der Macht der Vergangenheit. Sie wollten diese Macht �ber sich nicht anerkennen, sich ihr nicht v�llig ausliefern. Aber gerade das war es, was sie n�tig hatten. Michel h�tte gewi� die Wahl von Underhill unterst�tzt, wenn er noch unter ihnen weilte. Der Ort war entscheidend wichtig, das hatten alle ihre Leben erwiesen. Und sogar die zweifelnden, skeptischen oder �ngstlichen unter ihnen�� sie alle mu�ten zugeben, da� Underhill der richtige Platz war in Anbetracht dessen, was sie versuchen wollten.</p><p>Also einigten sie sich am Ende, dort zusammenzukommen.</p><empty-line/><p>Zu diesem Zeitpunkt war Underhill eine Art Museum, in dem Zustand erhalten, den es 2138 gehabt hatte, in dem letzten Jahr, da es eine aktive Station gewesen war. Das bedeutete nicht, da� es genau so aussah wie in den Jahren, als es hoch bewohnt war; aber die alten Fragmente waren immer noch da. Darum w�rden die Ver�nderungen seit damals ihr Projekt nicht wesentlich behindern, meinte Sax. Nachdem er mit etlichen anderen eingetroffen war, unternahm er einen Rundgang, um sich umzuschauen. Und da waren sie, all die alten Geb�ude: Die urspr�nglichen vier Habitate, die als ganze aus dem Weltraum abgeworfen worden waren, ihre M�llhaufen, Nadias Quadrat von Zimmern mit Tonnengew�lbe und ihrem �berkuppelten Zentrum, Hirokos Treibhausger�st ohne die umh�llende Kuppel, Nadias Grabenarkade im Nordwesten, Tschernobyl, die Salzpyramiden und endlich das Alchimistenviertel, wo Sax seinen Rundgang beendete. Er wanderte in dem Gewirr von Geb�uden und Rohren herum und versuchte, sich auf das Erlebnis des n�chsten Tages vorzubereiten. Sich um einen offenen Geist zu bem�hen.</p><p>Sein Ged�chtnis brodelte bereits, als ob es zeigen wollte, da� es keine Hilfe n�tig h�tte, um seine Arbeit zu tun. Hier zwischen diesen Geb�uden hatte Sax das erste Mal die transformative Macht der Technik �ber die pure Materialit�t der Natur erlebt. Sie hatten tats�chlich mit den blo�en Steinen und Gasen angefangen und von da aus extrahiert, gereinigt, transformiert, rekombiniert und gestaltet, auf so mannigfaltige Art, da� keine einzelne Person das alles verfolgen oder sich gar dessen Wirkung vorstellen konnte. So hatte er zwar gesehen, aber nicht verstanden. Und sie hatten st�ndig in Unkenntnis ihrer wahren Kr�fte und mit (vielleicht deshalb) sehr wenig Sinn f�r das, was sie vorhatten, gearbeitet. Aber dort im Alchimistenviertel war er imstande gewesen, das zu erkennen. Er war sich so sicher gewesen, da� die Welt, wenn sie erst gr�n gemacht worden war, ein sch�ner Ort sein w�rde.</p><p>Jetzt stand er hier im Freien, mit blo�em Kopf unter einem blauen Himmel in der Hitze des zweiten Augustes, schaute sich um und suchte sich zu erinnern. Es war schwer, das Ged�chtnis zu steuern. Die Dinge fielen ihm einfach ein. Die Objekte in dem alten Teil der Stadt wirkten geradezu vertraut im echten Sinne des Wortes. Sogar die einzelnen roten Steine und Felsbl�cke um die Ansiedlung herum und alle Buckel und Senken, die zu sehen waren, schienen wohlbekannt und kamen alle noch am rechten Platz auf der Kompa�rose zu liegen. Die Aussichten f�r das Experiment schienen Sax g�nstig zu sein. Kontext. Lage und Orientierung stimmten. Daheim.</p><p>Es kehrte zu dem Platz der Tonnengew�lbe zur�ck, dorthin, wo sie bleiben w�rden. W�hrend seines Spaziergangs waren einige Wagen eingetroffen, und ein paar kleine Ausflugsz�ge waren auf den Nebengleisen der Strecke geparkt. Es kamen Leute an. Da waren Maya und Nadia, die Tasha und Andrea umarmten, die gemeinsam angekommen waren. Ihre Stimmen klangen in der Luft wie eine russische Oper, wie Rezitative unmittelbar vor dem �bergang in Gesang. Von den Hundertundeinen, mit denen sie angefangen hatten, erschienen nur vierzehn: Sax, Ann, Maya, Nadia, Desmond, Ursula, Marina, Wasili, George, Edvard, Roger, Mary, Dmitri und Andrea. Nicht allzu viele; aber das waren alle von ihnen, die noch lebten und Kontakt mit der Welt hatten. Alle anderen waren tot oder fehlten. Falls Hiroko und die anderen Sieben der Ersten Hundert, die mit ihr verschwunden waren, noch am Leben waren, hatten sie nichts von sich h�ren lassen. Vielleicht w�rden sie unangemeldet auftauchen wie bei Johns erstem Festival auf Olympus. Vielleicht auch nicht.</p><p>Also waren sie vierzehn. So verkleinert wirkte Underhill unterbelegt. Obwohl ihnen alles zur Verf�gung stand, um sich auszubreiten, dr�ngten sie sich doch im S�dfl�gel der Tonnengew�lbe zusammen. Dennoch war die Leere des �brigen Platzes sp�rbar. Es war, als ob der Platz selbst ein Abbild ihrer versagenden Erinnerungen w�re mit ihren verlorenen Labors und verlorenen L�ndern und verlorenen Gef�hrten. Jeder einzelne von ihnen litt an Erinnerungsverlusten und St�rungen der einen oder anderen Art. Sie hatten unter sich fast alle Probleme des Ged�chtnisses erlebt, die in der Literatur erw�hnt waren, soweit Sax das �bersehen konnte; und ein guter Teil ihrer Konversation handelte von vergleichender Symptomologie, im Wiedererz�hlen mannigfacher schrecklicher und/oder erhabener Erfahrungen, die sie in der letzten Dekade betroffen hatten. Sie wurden dadurch abwechselnd heiter und tr�bselig, als sie sich an diesem Abend durch die kleine K�che des Tonnengew�lbes mit ihrem hohem Fenster in der S�dwestecke w�lzten. Es ging auf den Boden des zentralen Treibhauses hinaus, das noch unter seiner dicken Glaskuppel und dem dadurch ver�nderten Licht lag. Sie a�en ein Picknick-Dinner, das in K�hlbeh�ltern hergeschafft worden war, plauderten, langten zu und verteilten sich dann im S�dfl�gel, um die Schlafr�ume im oberen Stockwerk f�r eine unbequeme Nacht herzurichten. Sie blieben in endlosen Gespr�chen so lange auf, wie sie konnten. Aber schlie�lich gaben sie auf, einzeln oder zu zweit, und versuchten zu schlafen. Mehrere Male in dieser Nacht erwachte Sax aus Tr�umen und h�rte, wie Leute zu den Toiletten hinunter tappten, fl�sternde Gespr�che in der K�che oder Selbstgespr�che im unruhigen Schlaf alter Leute f�hrten. Er schaffte es jedesmal, sich wieder einzurollen und in einen leichten, von Tr�umen erf�llten Schlaf zu versinken.</p><p>Endlich kam der Morgen. Sie waren schon mit der D�mmerung auf. In dem horizontalen Licht nahmen sie ein rasches Fr�hst�ck ein: Obst, Croissants, Brot und Kaffee. Jeder Felsblock und H�gel warf lange Schatten nach Westen. So vertraut.</p><p>Dann waren sie bereit. Es gab anderes zu tun. Es gab einen kollektiven tiefen Atemzug, verlegenes Gel�chter und die Unf�higkeit, dem anderen in die Augen zu schauen.</p><p>Maya weigerte sich noch immer, die Behandlung anzunehmen. Sie lie� sich durch kein Argument, das vorgebracht wurde, ersch�ttern. Sie hatte in der vorangegangenen Nacht immer wieder gesagt: �Ich will nicht! Ihr werdet auf jeden Fall einen W�rter brauchen, falls ihr verr�ckt werdet. Ich werde das �bernehmen.�</p><p>Sax hatte gedacht, sie w�rde ihre Meinung �ndern und es w�re blo� Mayas typisch ablehnende Haltung. Jetzt trat er entt�uscht vor sie. �Ich dachte, du h�ttest die schlimmsten Ged�chtnisschwierigkeiten von allen.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Dann w�re es doch sinnvoll, die Behandlung zu machen. Michel hat dir massenhaft verschiedene Drogen f�r mentale Probleme gegeben.�</p><p>�Ich will nicht�, sagte sie und schaute ihm ins Auge.</p><p>Er seufzte. �Maya, ich verstehe dich nicht.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Und sie ging in die alte medizinische Klinik an der Ecke und �bernahm ihre Rolle als W�rterin f�r diesen Tag. Dort war alles bereit, und sie rief sie einzeln auf, nahm kleine Ultraschallinjektoren und setzte sie ihnen an den Nacken. Mit einem kleinen Knack- und Zischlaut injizierte sie einen Teil der Drogendosis und gab ihnen Pillen, die den Rest davon enthielten. Dann half sie ihnen, die Ohrst�psel einzustecken, die f�r einen jeden eigens gemacht worden waren, um die stillen elektromagnetischen Wellen auszustrahlen. In der K�che wartete man in nerv�sem Schweigen, bis alle die Vorbereitungen beendet hatten. Als alle fertig waren, leitete Maya sie zur T�r und nach drau�en. Und dann verschwanden sie.</p><p>Sax sah und f�hlte ein Bild. Helle Lichter und eine Empfindung, als ob sein Sch�del zertr�mmert w�rde. Er w�rgte, keuchte und spuckte. K�hle Luft und die Stimme seiner Mutter wie das Jaulen eines Tiers. �Oh? Oh? Oh! Oh!� Dann lag er feucht und kalt auf ihrer Brust.</p><empty-line/><p>Der Hippocampus ist eine von etlichen Regionen des Gehirns, die durch die Behandlung sehr stark stimuliert werden. Dies bedeutet, da� sein limbisches System, das unter dem Hippocampus liegt wie ein Netz unter einer Walnu�, ebenso stimuliert wird, als ob die Nu� auf einem Trampolin von Nerven auf und ab h�pft, so da� das Trampolin widerhallt oder sogar kreischt. So empfand Sax den Anfang von etwas, das ohne Zweifel eine Flut von Emotionen sein w�rde, die, wie er bemerkte, nicht eine einzelne Emotion sein w�rde, sondern viele zugleich und mit fast derselben Intensit�t und frei von jeder Ursache�� Freude, Kummer, Liebe, Ha�, Heiterkeit, Melancholie, Hoffnung, Furcht, Edelmut, Eifersucht�� von denen viele nat�rlich nicht zu ihrem Gegenst�ck pa�ten oder mit den meisten anderen, die gleichzeitig in ihm pr�sent waren. Das Resultat dieser �bervollen Mischung war, zumindest f�r Sax, der auf einer Bank au�erhalb des Tonnengew�lbes sa� und schwer atmete, eine Art von unter Adrenalin stehender atemberaubender Zunahme der Empfindung von <emphasis>Bedeutung.</emphasis> Eine �berflutung von Bedeutung durch alles. Es war herzzerbrechend oder herzerf�llend, als ob Ozeane von Wolken in seine Brust gestopft worden w�ren, so da� er kaum atmen konnte, eine Art von Nostalgie in der n-ten Potenz, eine F�lle, sogar Wonne, reine Gehobenheit, blo� dazusitzen, blo� die Tatsache, da� sie alle am Leben waren! Aber all dies mit einer Sch�rfe von Verlust, von Bedauern wegen der verlorenen Zeit, von Todesangst, von Furcht vor allem, von Trauer um Michel, um John, wirklich um sie alle. Das war dem gew�hnlichen ruhigen, best�ndigen, man k�nnte sogar sagen: phlegmatischen Zustand Saxens so un�hnlich, da� er fast gel�hmt war. Er konnte sich nicht richtig bewegen und bedauerte einige Minuten lang bitterlich, je ein solches Experiment in Gang gesetzt zu haben. Das war sehr t�richt und idiotisch tollk�hn, da� ein jeder ihn ohne Zweifel f�r immer daf�r hassen w�rde.</p><p>Benommen, fast �berw�ltigt, beschlo� er, einen Spaziergang zu wagen, um zu sehen, ob das seinen Kopf kl�ren k�nnte. Er stellte fest, da� er gehen konnte. Er stie� sich von der Bank ab, stand auf, gewann das Gleichgewicht und ging los. Er vermied andere, die in ihren eigenen Welten wanderten und denen er so gleichg�ltig war wie sie ihm. Alle gingen aneinander vorbei wie an Objekten, die man vermeiden mu�te. Und dann war er drau�en im freien Raum der Umgebung von Underhill in der k�hlen morgendlichen Brise und ging unter einem seltsam blauen Himmel auf die Salzpyramiden zu.</p><p>Er blieb stehen und schaute sich um, �berlegte, grunzte �berrascht und machte halt, konnte nicht gehen. Ganz pl�tzlich konnte er sich an <emphasis>alles erinnern.</emphasis></p><empty-line/><p>Nicht gerade an alles und jedes. Er konnte sich beispielsweise nicht daran erinnern, was er am 13. Tag des zweiten Augustes 2029 zum Fr�hst�ck gehabt hatte. Das pa�te zu Experimenten, die nahelegten, da� t�gliche gewohnte Aktivit�ten nicht gen�gend differenziert w�ren, um individuelle Erinnerung zu bewirken. Aber als eine Klasse... In den sp�ten 2020ern hatten seine Tage wieder im Tonnengew�lbe begonnen, wo er sich mit Hiroko, Evgenia, Rya und Iwao ein Schlafzimmer im oberen Stockwerk geteilt hatte. Experimente, Ereignisse, Gespr�che flimmerten in seinem Kopf, als er diesen Schlafraum mit dem Auge des Geistes erblickte. Ein Knoten in der Raumzeit, der durch ein ganzes Netz von Tagen vibrierte. Ryas h�bscher R�cken auf der anderen Seite des Zimmers, wenn sie sich unter den Armen wusch. Dinge, die Leute sagten und die in ihrer R�cksichtslosigkeit verletzten. Vlad, wenn er �ber Gen-Spaltung sprach. Er und Vlad hatten hier an dieser Stelle beieinander gestanden in ihrer ersten Minute auf dem Mars und sahen sich um ohne ein Wort f�reinander. Sie absorbierten einfach die Schwere und das Rosa des Horizonts und den nahen Horizont, der genau so aussah wie jetzt nach so vielen Jahren. Areologische Zeit, so langsam und lang wie die gro�e Systole des Kosmos. Man hatte sich in den Au�enanz�gen hohl gef�hlt. Tschernobyl hatte mehr Beton erfordert, als in der d�nnen, trockenen und kalten Luft beschafft werden konnte. Nadia hatte das irgendwie erledigt, aber wie? Durch Erw�rmung, das ist richtig. Nadia hatte in jenen Jahren eine Menge Dinge in Ordnung gebracht. Die Tonnengew�lbe, die Manufakturen, die Arkade... Wer h�tte gedacht, da� sich eine auf der <emphasis>Ares</emphasis> so stille Person als so kompetent und energisch erweisen w�rde? Er hatte sich an seinen Eindruck von ihr auf der <emphasis>Ares</emphasis> seit sehr langer Zeit nicht mehr erinnert. Sie war so ersch�ttert gewesen, als Tatiana Durova durch einen umst�rzenden Kran get�tet wurde. Das war f�r alle ein Schock gewesen�� au�er f�r Michel, der sich als erstaunlich distanziert von der Katastrophe erwiesen hatte, dem ersten Todesfall. W�rde Nadia sich jetzt noch daran erinnern? Ja, das w�rde sie, wenn sie daran gedacht h�tte. F�r Sax gab es nichts Einmaliges; oder, um genauer zu sein, wenn die Behandlung bei ihm anschlug, w�rde sie es auch bei ihnen allen tun. Da war Wasili, der in beiden Revolutionen f�r UNOMA gek�mpft hatte. An was erinnerte er sich? Er sah betroffen aus; aber das konnte Begeisterung gewesen sein�� irgend etwas oder alles. H�chstwahrscheinlich war es die allgemeine Emotion, die F�lle�� offenbar einer der ersten Effekte der Behandlung. Vielleicht erinnerte er sich auch an Tatianas Tod. Nur Sax und Tatiana waren damals zu einem Spaziergang in der Antarktis hinausgegangen, und Tatiana war auf einem lockeren Stein ausgerutscht und hatte sich einen Kn�chel verrenkt, und sie hatten warten m�ssen, bis Nussbaum Riegel sie mit einem Helikopter von McMurdo ins Lager zur�ckbrachte. Er hatte das seit Jahren vergessen; und dann hatte Phyllis ihn an die Nacht erinnert, wo sie ihn festgenommen hatte, und er hatte das prompt bis zu diesem Moment wieder vergessen. Zwei Wiederholungen in zweihundert Jahren. Aber jetzt war es wieder da: Die niedrige Sonne, die K�lte, die Sch�nheit der Dry Valleys, die Eifersucht von Phyllis auf die gro�e dunkle Sch�nheit Tatianas. Da� diese Sch�nheit zuerst sterben sollte, war wie ein Signal, ein alter Fluch. Mars als Pluto, Planet von Furcht und Schrecken. Und jetzt jener Tag in Antarctica, die zwei Frauen l�ngst tot. Er war der einzige �berlieferer jenes Tages. Ohne ihn w�rde er ausgel�scht sein. O ja, woran man sich erinnern konnte, war genau der Teil der Vergangenheit, den man am st�rksten empfunden hatte, die durch Emotionen �ber eine gewisse Schwelle gedr�ngten Ereignisse. Die gro�en Freuden, die gro�en Krisen, die gro�en Katastrophen. Aber auch die kleinen. Er war von dem Basketballteam des siebten Grades ausgeschlossen worden, hatte allein geweint, als er die Liste las, an einer Trinkfont�ne am �u�ersten Ende der Schule, und hatte gedacht: Das wirst du nie vergessen. Aber, bei Gott, er hatte es behalten. Gro�e Sch�nheit. Das erste Mal, da� man Dinge tat, die eine besondere Bedeutung hatten. Die erste Liebe�� wer war das eigentlich gewesen? Eine leere Stelle, damals in Boulder, ein Gesicht, irgendeine Freundin eines Freundes. Aber das war keine Liebe gewesen, und er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern. Nein�� jetzt dachte er an Ann Clayborne, die vor ihm stand, ihn fest anschaute�� irgendwann vor langer Zeit. Was hatte er versucht, sich in Erinnerung zu rufen? Der Sturm der Gedanken war so dicht und rasch, da� er sich an manches w�rde nicht erinnern k�nnen. Dessen war er sich recht sicher.</p><p>Ein Paradoxon, aber nur eines von vielen, die der einzelne Faden des Bewu�tseins in dem riesigen Feld des Geistes bewirkte. Eine Kraft von zehn in der vierunddrei�igsten Potenz, die Matrix, in der alle gro�en Vorkommnisse gediehen. Im Innern des Sch�dels war ein Universum�� so ungeheuer gro� wie das drau�en. Ann�� er hatte auch mit ihr einen Ausflug in Antarctica gemacht. Sie war kr�ftig. Seltsamerweise hatte er sich w�hrend des Ausflugs �ber die Caldera von Olympus Mons niemals an diesen Spaziergang �ber Wright Valley in Antarctica erinnert, trotz der �hnlichkeiten, einen Spaziergang, auf dem sie so ernst �ber das Schicksal des Mars diskutiert hatten und wo er so sehr gew�nscht hatte, ihre Hand zu ergreifen, oder da� sie die seine nehmen w�rde. Warum hatte er so f�r sie geschw�rmt? Und er, der sich in seiner Laborratten-Art nie zu solchen Gef�hlen aufgeschwungen hatte, erstickte jetzt aus lauter Sch�chternheit. Sie hatte ihn neugierig angeschaut, aber die Bedeutung der Situation nicht verstanden und sich nur gewundert, da� er so stotterte. Er hatte als Junge ein wenig gestottert. Das war ein biochemisches Problem, das anscheinend durch die Pubert�t verschwand, aber gelegentlich wiedererschien, wenn er nerv�s war. Ann�� Ann�� er sah ihr Gesicht, als er mit ihr diskutierte auf der <emphasis>Ares,</emphasis> in Underhill, in Dorsa Brevia, im Lagerhaus von Pavonis. Warum immer dieser Angriff auf eine Frau, die ihn so angezogen hatte? Warum? Sie war so stark. Und dennoch hatte er sie so deprimiert gesehen, als sie hilflos auf dem Boden lag in jenem Felsenwagen, viele Tage lang, als ihr roter Mars starb. Einfach so dagelegen. Aber dann hatte sie sich aufgerappelt und weitergemacht. Sie hatte Maya davon abgehalten, ihn anzuschreien. Sie hatte geholfen, ihren Partner Simon zu begraben. Sie hatte all das getan, und niemals war Sax f�r sie etwas anderes gewesen als eine Last. Ein Teil ihres Leides. Das ist es, was er f�r sie war. In Zygote oder Gamete war er w�tend auf sie�� Gamete�� tats�chlich in beiden�� ihr Gesicht so verzerrt�� und dann hatte er sie zwanzig Jahre lang nicht mehr gesehen. Und dann sp�ter, als er ihr die Langlebigkeitsbehandlung aufgezwungen hatte, hatte er sie seit drei�ig Jahren nicht mehr gesehen. All diese Zeit vergeudet. Wenn sie tausend Jahre lang leben w�rden, w�re das nicht lange genug, um eine solche Vergeudung zu rechtfertigen.</p><p>Er ging im Alchimistenviertel umher. Er traf wieder auf Wasili, der mit tr�nen�berstr�mtem Gesicht im Staub hockte. Sie beide hatten das Experiment mit den Algen von Underhill verpfuscht, genau hier in eben diesem Geb�ude. Aber Sax bezweifelte sehr, da� Wasili deshalb weinte. Vielleicht wegen etwas aus den vielen Jahren, die er f�r UNOMA gearbeitet hatte oder etwas anderes, unm�glich zu wissen. Nun, er k�nnte ihn fragen. Aber in Underhill herumspazieren, Gesichter sehen, und sich dann j�h an alles erinnern, was man wu�te, war keine Situation, um nachfolgende Erkundigungen auszul�sen. Nein�� weitergehen, Wasili seiner Vergangenheit �berlassen. Sax wollte nicht wissen, was Wasili bedauerte. Au�erdem schritt auf halbem Wege zum Horizont im Norden eine einzelne Gestalt dahin�� Ann. Eigenartig, sie ohne Helm im Freien zu sehen. Wei�es Haar flatterte im Wind hinterher. Das gen�gte, um den Flu� der Erinnerungen anzuhalten. Aber er hatte sie zuvor so gesehen in Wright Valley. Ja, ihr Haar war damals auch hell gewesen. Aschblond nannte man das nicht sehr elegant. Es war gef�hrlich, unter den wachsamen Augen der Psychologen eine Bindung einzugehen. Sie waren im Dienst und unter Druck. Es gab keinen Raum f�r pers�nliche Beziehungen, die wirklich gef�hrlich waren, wie Natasha und Sergei bewiesen hatten. Aber es geschah dennoch. Vlad und Ursula wurden ein solides, best�ndiges Paar. Das Gleiche geschah mit Hiroko und Iwao, mit Nadia und Arkadij. Aber die Gefahr, das Risiko. Ann hatte ihn �ber den Labortisch beim Lunch anschaut; und in ihrem Blick war etwas, irgendein Interesse. Er wu�te nicht was. Er hatte keine Menschenkenntnis. Sie waren alle solche Mysterien. An dem Tag, als er die Nachricht von seiner Aufnahme unter die Ersten Hundert bekam, hatte er sich so bek�mmert gef�hlt. Wieso? Kein Weg, es herauszufinden. Aber jetzt sah er den Brief in dem Faxkasten an dem Ahornbaum vor dem Fenster vor sich. Er hatte Ann angerufen, um zu erfahren, ob auch sie dabei w�re. Das war der Fall. Eine kleine �berraschung f�r ihn, der so einsam war. Aber er war ein bi�chen gl�cklicher gewesen, wenn auch immer noch betr�bt. Der Ahorn hatte rote Bl�tter gehabt. Herbst in Princeton, traditionell eine melancholische Zeit. Aber melancholisch war sie nicht gewesen. Einfach nur <emphasis>traurig.</emphasis> Als ob Leistung nichts w�re als eine gewisse Anzahl der drei Milliarden Herzschl�ge des K�rpers, die vergangen waren. Und jetzt waren es zehn Milliarden, und es ging noch weiter. Nein, es gab keine Erkl�rung. Die Menschen waren Geheimnisse. Als Ann ihn fragte: �Sollen wir zum Lookout Point spazieren?�, in jenes trockene Labortal, hatte er sofort zugesagt, ohne zu stottern. Und ohne es richtig so eingerichtet zu haben, waren sie getrennt ausgezogen. Sie hatte das Camp verlassen und war zum Lookout Point marschiert; und er war ihr gefolgt. Und da drau�en�� o ja�� beim Blick nach unten auf die Ansammlung von H�tten und die Treibhauskuppel, eine Art von Proto-Underhill, hatte er ihre Hand in Handschuhen in die seine genommen, als sie Seite an Seit dasa�en und vollkommen freundschaftlich �bers Terraformen diskutierten, ohne da� eine besondere Absicht dabei im Spiele war.</p><p>Und sie hatte ihre Hand wie schockiert weggezogen und war erschauert (es war sehr kalt�� jedenfalls f�r irdische Verh�ltnisse), und er hatte ebenso schlimm gestottert wie sp�ter nach seinem Schlaganfall. Eine limbische H�morrhagie, die auf der Stelle bestimmte Elemente, Hoffnungen und W�nsche t�tet. Liebe war tot. Und er hatte sie seither immer gequ�lt. Nicht, da� diese Ereignisse richtige kausale Erkl�rungen boten, ganz gleich, was Michel gesagt h�tte! Aber die antarktische K�lte auf dem Weg zur�ck zur Basis. Selbst in der eidetischen Klarheit seiner jetzigen Erinnerungskraft konnte er nicht viel von diesem Marsch sehen. Zerstreut. Weshalb? Weshalb hatte sie ihn so abgesto�en? Kleiner Mann. Wei�er Labormantel. Es gab keinen Grund. Aber es war geschehen. Und hatte f�r immer seine Spur hinterlassen. Und selbst Michel hatte nie davon erfahren.</p><p>Verdr�ngung. Der Gedanke an Michel lie� ihn an Maya denken. Ann war jetzt am Horizont, er w�rde sie nie einholen und war sich in diesem Moment auch nicht sicher, ob er das wollte, immer noch benommen durch diese so �berraschende und schmerzhafte Erinnerung. Er hielt weiter in seinen Gedanken Ausschau nach Maya. In der Vergangenheit hatte Arkadij �ber sie beide gelacht, als er von Phobos herunterkam, vorbei an Hirokos Treibhaus, wo sie ihn mit ihrer unpers�nlichen Freundlichkeit verf�hrt hatte, wie es Primaten in der Savanne tun, wenn sich ein Alphaweibchen so nebenbei ein M�nnchen greift, ein Alpha oder Beta oder aus einer Klasse, die Alpha sein k�nnte, aber nicht interessiert war, was er f�r den einzigen anst�ndigen Weg hielt, sich zu benehmen. Vorbei an dem Wohnwagenpark, in dem sie alle als eine Familie zusammen auf dem Boden geschlafen hatten. Dann mit Desmond irgendwo in einer Kammer. Desmond hatte versprochen, ihnen zu zeigen, wie sie damals gelebt hatten in all den Versteckpl�tzen, die er kannte. Ein Durcheinander von Bildern Desmonds. Der Flug �ber den brennenden Kanal, dann der Flug �ber das brennende Kasei, die Angst in Kasei, als die Sicherheitsleute ihn an ihren wahnsinnigen Apparat angeschlossen hatten. Das war das Ende von Saxifrage Russell gewesen. Jetzt war er etwas anderes, und Ann war Gegen-Ann und auch die dritte Frau, welche weder Ann noch Gegen-Ann war. Vielleicht konnte er auf dieser Basis mit ihr reden, als zwei Fremde, die sich begegneten. Eher wie die zwei, die sich in der Antarktis begegnet waren.</p><p>Maya sa� in der K�che des Tonnengew�lbes und wartete darauf, da� ein gro�er Teekessel kochte. Sie machte f�r alle Tee.</p><p>�Maya�, sagte Sax und f�hlte die Worte in seinem Mund wie Kieselsteine. �Du solltest es versuchen. Das ist nicht so schlimm.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich erinnere mich an alles, was ich will. Sogar jetzt, ohne eure Drogen, sogar jetzt, wenn ich mich kaum an etwas erinnere. Ich erinnere mich noch an mehr, als du dich je erinnern wirst. Ich will gar nicht mehr als das.�</p><p>Es war m�glich, da� winzige Mengen der Drogen in die Luft und so auf ihre Haut gelangt waren und ihr einen kleinen Bruchteil der hyperemotionalen Erfahrung gegeben hatten. Oder vielleicht war das einfach ihr gew�hnlicher Zustand.</p><p>�Warum sollte das nicht genug sein?� fragte sie. �Ich will meine Vergangenheit nicht zur�ck haben. Wirklich nicht. Ich kann sie nicht ertragen.�</p><p>�Vielleicht sp�ter�, sagte Sax.</p><p>Was konnte man ihr raten? Sie war schon in Underhill so gewesen, unberechenbar und launisch. Es war erstaunlich, was f�r Exzentriker f�r die Ersten Hundert ausgew�hlt worden waren. Aber welche Wahl hatte das Selektionskomitee auch gehabt? Die Leute waren alle so, wenn sie nicht bl�d waren. Und sie hatten kein bl�des Volk auf den Mars geschickt, wenigstens nicht zuerst oder nicht zu viele. Und selbst die beschr�nkten Geister hatten ihre Komplexe.</p><p>�Vielleicht�, sagte sie jetzt, t�tschelte seinen Kopf und nahm den Teetopf vom Brenner. �Vielleicht nicht. Ich erinnere mich so schon an zu vieles.�</p><p>�Frank?� fragte Sax.</p><p>�Nat�rlich. Frank, John�� die sind alle hier pr�sent.� Sie klopfte sich mit dem Daumen auf die Brust. �Das schmerzt genug. Mehr brauche ich nicht.�</p><p>�Ah!�</p><p>Er ging wieder zur�ck nach drau�en. Er f�hlte sich vollgestopft, v�llig verunsichert und aus dem Gleichgewicht. Das limbische System vibrierte wild unter dem Ansturm seines ganzen Lebens und dem Ansturm von Maya�� so sch�n und verdammt. Jetzt w�nschte er, da� sie gl�cklich sein m�ge. Aber was konnte er tun? Maya lebte ihr Elend voll aus; man k�nnte sagen, da� es sie gl�cklich machte. Oder vervollst�ndigte. Vielleicht litt sie die ganze Zeit an dieser akut unangenehmen emotionalen �berf�llung. Oha! Es war doch so viel leichter, phlegmatisch zu sein. Und dennoch war sie so lebendig. Die Art, wie sie sie aus dem Chaos herausgepeitscht hatte, nach S�den, in Zygotes Sicherheit... So eine St�rke. All diese starken Frauen, die sich der Schrecklichkeit des Lebens stellten und sie empfanden, ohne Verneinung und ohne Abwehr. Die sie einfach erkannten und weitermachten. John, Frank, Arkadij, sogar Michel�� sie alle hatten ihren gro�en Optimismus, Pessimismus, Idealismus, ihre Mythologien gehabt, um die Qual der Existenz zu kaschieren, alle ihre verschiedenen Wissenschaften. Und dennoch waren sie tot, auf die eine oder andere Weise ums Leben gekommen, und hatten Nadia, Maya und Ann zur�ckgelassen, die weitermachten. Ohne Zweifel konnte er sich gl�cklich sch�tzen, so robuste Schwestern zu haben. Selbst Phyllis machte mit der Hartn�ckigkeit der Dummen ihren Weg recht gut. Jedenfalls letztlich ganz ordentlich, indem sie einfach dranblieb. Nie aufgeben. Nie etwas zugeben. Sie hatte, wie Spencer ihm gesagt hatte, gegen diese Tortur protestiert. Spencer und all ihre gemeinsamen Stunden der Aerodynamik. Spencer hatte ihm erz�hlt, wie sie nach zu vielen Whiskeys zum Sicherheitschef in Kasei gegangen war und verlangt hatte, er solle seine sanfte Behandlung aufgeben. Selbst nachdem er sie fast mit Stickoxid get�tet und in ihrem eigenen Bett angelogen hatte. Sie schien ihm verziehen zu haben; und Spencer hatte Maya nie verziehen, obwohl er so tat, als w�re das der Fall. Sax hatte ihr verziehen, obwohl er jahrelang so getan hatte, als w�re es nicht der Fall, um eine gewisse Handhabe gegen sie zu behalten. Oh, was f�r einen Verhau hatten sie aus ihrem Leben gemacht. Alles infolge seiner �berm��igen Ausdehnung. Vielleicht war das immer in jedem Dorfe so. Aber so viel Tr�bsinn und Verrat! Vielleicht wurde die Erinnerung durch das Gef�hl von Verlust ausgel�st, jetzt, da alles unausweichlich verloren war. Aber was war mit der Freude? Er versuchte sich zu erinnern. Konnte man durch Emotion umkehren? Eine interessante Idee. War das m�glich? Da� man zum Beispiel wieder durch die Hallen der Terraformkonferenz ging und den Plakatanschlag sah, der den W�rmebeitrag des Russell-Cocktails auf 12 Kelvin sch�tzte. Da� man in Echus Overlook aufwachte und sah, da� der gro�e Sturm vorbei war und der rosa Himmel vom Sonnenschein strahlte. Da� man die Gesichter sah im Zug, als sie aus dem Libya-Bahnhof fuhren. Da� er von Hiroko aufs Ohr gek��t wurde an einem Wintertag in Zygote, als den ganzen Nachmittag �ber Abend war. Hiroko! Oh, oh! Er hatte sich in der K�lte zusammengekauert, ganz verst�rt von dem Gedanken, durch einen Sturm get�tet zu werden, gerade als die Dinge anfingen interessant zu werden. Wie er versucht hatte, seinen Wagen herbeizurufen; als es schien, da� er nicht zu ihm w�rde gelangen k�nnen. Und da war sie aus dem Schnee heraus erschienen, eine kleine Gestalt in einem rostroten Raumanzug, hell in dem wei�en Sturm von Wind und horizontal fliegendem Schnee. Der Wind war so laut, das selbst das Interkom-Mikrophon in seinem Helm nicht mehr war als ein Fl�stern. �Hiroko?� rief er, als er ihr Gesicht durch die von Schneematsch verschmierte Visierscheibe erblickte. Und sie sagte: �Ja.� Und zog ihn am Handgelenk hoch. Die Hand auf seinem Handgelenk! Er <emphasis>f�hlte</emphasis> sie. Und kam hoch wie die Viriditas selbst. Die gr�ne Kraft durchstr�mte ihn, durch das wei�e Rauschen, die wei�e knisternde Statik. Ihr Griff war warm und fest, so voll wie das Plenum selbst. Ja. Hiroko war dort gewesen. Sie hatte ihn zum Wagen zur�ckgef�hrt, ihm das Leben gerettet und war dann wieder verschwunden. Und ganz gleich, wie sicher sich Desmond �ber ihren Tod in Sabishii war und wie �berzeugend seine Argumente waren, ganz gleich, wie oft Kletterer in Bedr�ngnis sekundenlang Halluzinationen von Einzelkletterern gehabt hatten�� Sax wu�te es besser, wegen jener Hand auf seinem Handgelenk bei jenem Besuch im Schnee. Hiroko selbst in kompaktem Fleisch, so real wie ein Felsen. Lebendig! Darum konnte er es sich leisten, in diesem Wissen auszurasten. Er konnte <emphasis>etwas wissen�� </emphasis>bei dem unerkl�rlichen Einsickern des Unsagbaren in alles konnte er in dieser gesicherten Tatsache Ruhe finden. Hiroko lebte. Damit sollte er anfangen und darauf aufbauen als dem Axiom lebensl�nglicher Freude. Vielleicht sogar Desmond davon �berzeugen und ihm Frieden geben.</p><p>Er war wieder drau�en und sah sich nach Cojote um. Immer ein schwieriges Unterfangen. Welche Erinnerungen hatte Desmond von Underhill�� verstecken, fl�stern, die verlorene Farmcrew, dann die verlorene Kolonie, sich mit ihnen fortschleichen, drau�en auf dem Mars in getarnten Felswagen umherfahren, von Hiroko geliebt werden, in einem getarnten Flugzeug bei Nacht �ber die Oberfl�che fliegen, die Demimonde spielen, den Untergrund zusammenkn�pfen. Sax konnte sich fast selbst daran erinnern, so lebhaft stand es ihm vor Augen. Telepathische �bertragung aller ihrer Stories an alle. Einhundert zum Quadrat, in den quadratischen Tonnengew�lben. Nein. Das w�re zu viel. Schon die Vorstellung der Realit�t eines anderen war erstaunlich genug, war alles, was die Telepathie von einem verlangte oder vertragen konnte.</p><p>Aber wohin war Desmond gegangen? Hoffnungslos. Cojote konnte man nicht finden. Man wartete nur darauf, da� er einen finden w�rde. Er w�rde auftauchen, wann es ihm beliebte. Drau�en, nordwestlich der Pyramiden und des Alchimistenviertels, lag das sehr alte Gerippe eines Landevehikels, wahrscheinlich eins von denen, die vor ihrer Landung abgeworfen worden waren. Sein Metall war bunt gestreift und mit Salz verkrustet. Der Anfang ihrer Hoffnungen, jetzt ein Skelett aus altem Metall, eigentlich gar nichts. Hiroko hatte ihm geholfen, es zu entladen.</p><p>Wieder im Alchimistenviertel. Alle Maschinen in den alten Geb�uden waren abgeschaltet und hoffnungslos veraltet, sogar der sehr geschickte SabatierProzessor. Er hatte sich gefreut, dieses Ding arbeiten zu sehen. Nadia hatte es eines Tages repariert, als alle anderen ratlos waren. Die kleine rundliche Frau summte eine Melodie in ihrer Welt vor sich hin und kommunizierte mit Maschinen zu Zeiten, da man sie noch verstehen konnte. Gott sei gedankt f�r Nadia, den Anker, der sie alle mit der Realit�t verband, und die einzige, auf die alle sich verlassen konnten. Er wollte sie umarmen, diese seine vielgeliebte Schwester, die anscheinend dr�ben im Fahrzeugpark war und versuchte, ein Museumsst�ck von Bulldozer in Gang zu bringen.</p><p>Aber dort am Horizont war eine Gestalt, die �ber einen Buckel nach Westen ging: Ann. Hatte sie, immer nur gehend, den Horizont umkreist? Er lief auf sie zu und stolperte, wie er es schon in der ersten Woche getan h�tte. Er holte sie ein, allm�hlich, keuchend.</p><p>�Ann? Ann?�</p><p>Sie wandte sich um, und er sah die instinktive Furcht auf ihrem Gesicht, wie bei einem gejagten Tier. Er war eine Kreatur, vor der man weglief. Das war er f�r sie gewesen. �Ich habe Fehler begangen�, sagte er, als er vor ihr stehenblieb. Sie konnten in der freien Luft sprechen, in der Luft, die er gegen ihren Einwand hergestellt hatte. Obwohl sie immer noch so d�nn war, da� man um sie ringen mu�te. �Ich habe die... die Sch�nheit nicht gesehen, bis es zu sp�t war. Es tut mir au�erordentlich leid.� Oh, er hatte das schon fr�her zu sagen versucht, in Michels Wagen, als sich die Sintflut ergo�, in Zygote in Tempe Terra. Es hatte nie geklappt. Ann und Mars, ganz ineinander verschlungen. Und dennoch hatte er sich beim Mars nicht entschuldigen m�ssen. Jeder Sonnenuntergang war sch�n; die Farbe des Himmels �nderte sich jede Minute an jedem Tag als blaues Zeichen ihrer Macht und Verantwortlichkeit, ihres Platzes im Kosmos und ihrer St�rke darin, so klein und doch so bedeutend. Sie hatten Leben zum Mars gebracht, und das war gut. Dessen war er sich ganz sicher.</p><p>Aber bei Ann mu�te er sich entschuldigen. F�r die Jahre missionarischen Eifers, f�r den Druck, um sie zu einer Zustimmung zu zwingen, f�r die Jagd nach der Bestie ihrer Zur�ckweisung, um sie zu t�ten. Es tat ihm deswegen leid, so sehr, da� sein Gesicht von Tr�nen benetzt wurde. Und sie starrte ihn so an�� genau so wie auf jenem kalten Felsen in Antarctica, der jetzt wiedergekommen war und in ihm ruhte. Seine Vergangenheit.</p><p>�Erinnerst du dich?� fragte er sie neugierig, auf diesen neuen Gedankengang geschaltet. �Wir gingen zusammen zum Lookout Point hinaus�� ich meine nacheinander��, um uns zu treffen und privat miteinander zu sprechen? Ich meine, wir gingen einzeln. Du wei�t, wie es damals war. Da� russische Paare sich in die Haare geraten und heimgeschickt worden waren. Wir alle verbargen alles, was wir konnten, vor den Auswahlleuten!� Er lachte und verschluckte sich etwas bei dem Bild ihrer tief irrationalen Anf�nge. So raffiniert! Und alles, was danach gespielt worden war, entsprach einem solchen Anfang. Sie waren zum Mars hinausgezogen und hatten alles genauso gespielt, wie sie es zuvor schon immer gespielt hatten. Es war nichts als eine Wiederholung der immer gleichen Schemata. �Wir haben da gesessen, und ich dachte, wir k�men voran, und ich habe deine Hand ergriffen: Aber du hast sie weggezogen. Du mochtest das nicht. Ich f�hlte mich schlecht. Wir gingen getrennt zur�ck und sprachen nie wieder dar�ber, niemals. Und dann habe ich dich wohl durch all dies gehetzt und dachte, es w�re wegen des... des...� Er zeigte auf den blauen Himmel.</p><p>�Ich erinnere mich�, sagte sie.</p><p>Sie sah ihn mit nach innen gewandtem Blick an. Er f�hlte diesen Schock. Man tat so etwas nicht. Man sagte nie seiner verlorenen Jugendliebe, da� man sich daran erinnert. So etwas tut weh. Und doch stand sie da und schaute ihn �berrascht an,</p><p>�Ja. Aber das war es nicht, was geschah�, sagte sie. �Ich war es. Ich meine, ich habe dir meine Hand auf die Schulter gelegt, ich hatte dich gern, und mir schien, wir k�nnten... Aber pl�tzlich hast du einen Sprung gemacht, als h�tte ich dich mit einem Viehstachel erschreckt! Damals war die statische Elektrizit�t niedrig, aber dennoch... � Sie lachte scharf. �Nein. Du warst es. Du hast es nicht getan. Ich nahm an, es war nicht deine Art. Und es war eigentlich auch nicht die meine! Irgendwie h�tte es klappen sollen, gerade deshalb. Aber es wurde nichts daraus. Und dann habe ich es vergessen.�</p><p>�Nein�, sagte Sax.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf in einem primitiven Versuch, seine Gedanken neu zu sammeln und sich zu erinnern. Er konnte immer noch in diesem mentalen Theater am Lookout Point den Moment sehen, das ganze Ding fast wortw�rtlich deutlich, Zug um Zug. Es ist ein reiner Gewinn an Ordnung, hatte er gesagt, um den Zweck der Wissenschaft zu erkl�ren. Und sie hatte gesagt: Daf�r wirst du das ganze Antlitz eines Planeten vernichten. Daran erinnerte er sich.</p><p>Aber da war dieser Zug in Anns Gesicht, als sie sich an den Vorfall erinnerte. Der Blick eines Menschen, der sich jedes Moments seiner Vergangenheit sicher war, lebendig mit der Aufwallung. Sicher erinnerte sie sich auch daran. Aber sie erinnerte sich dennoch an etwas anderes als er. Einer von ihnen mu�te sich irren, nicht wahr?</p><p>�K�nnten wir wirklich...�, sagte er und mu�te innehalten und noch einmal anfangen.</p><p>�K�nnten wir wirklich so ungeschickt gewesen sein, beide loszugehen�� in der Absicht�� uns zu erkl�ren...�</p><p>Ann lachte. �Und sind beide fortgegangen mit dem Gef�hl, einander zur�ckgewiesen zu haben.� Sie lachte noch einmal. �Aber sicher.�</p><p>Auch er lachte. Sie wandten die Gesichter zum Himmel und lachten.</p><p>Aber dann sch�ttelte Sax den Kopf voll schmerzlicher Wehmut. Was auch immer geschehen war�� na gut. Jetzt war es nicht mehr festzustellen. Selbst mit seinem Ged�chtnis, das wie ein artesischer Brunnen hochquoll, sogar wie eine jener kataklysmischen Fluten, gab es keinen Weg mehr, sicher zu sein, was wirklich geschehen war.</p><p>Das lie� ihn j�h erschauern. Wenn er diesen aufquellenden Erinnerungen nicht trauen konnte, wenn eine so entscheidende wie diese jetzt in Zweifel gezogen war, was war dann mit den anderen: was war mit Hiroko dort im Sturm, wo sie ihn zu seinem Wagen gef�hrt hatte, die Hand auf seinem Handgelenk. Konnte das auch...? Nein! Aber Anns Hand hatte sich wirklich von ihm losgerissen, ein kinetisches Ereignis, an das sich sein K�rper erinnert hatte in seinem Zellmuster, solange er leben w�rde. Das eine mu�te wahr sein. Beide mu�ten wahr sein.</p><p>Und so?</p><p>Das also war die Vergangenheit. Da und nicht da. Sein ganzes Leben. Wenn nichts real war als dieser Moment, ein Planckscher Augenblick nach dem anderen, eine unvorstellbar d�nne Membran des Werdens zwischen Vergangenheit und Zukunft�� sein Leben? Was war es dann, so d�nn, so ohne jede greifbare Vergangenheit oder Zukunft? Ein Aufblitzen von Farbe. Die Realit�t so zart, kaum da. Gab es nichts, was sie tun konnten?</p><p>Er versuchte, etwas davon zu sagen, stammelte, versagte, gab es auf.</p><p>�Gut�, sagte Ann, die ihn offenbar verstand. �Zumindest erinnern wir uns an so viel. Ich meine, wir sind uns einig, da� wir dort hinausgegangen sind. Wir hatten Ideen, die nicht verwirklicht wurden. Es geschah etwas, das wir damals wahrscheinlich beide nicht verstanden haben. Darum ist es nicht �berraschend, da� wir uns jetzt nicht richtig daran erinnern k�nnen, oder da� unsere Erinnerungen nicht �bereinstimmen. Wir m�ssen etwas begreifen, um uns daran zu erinnern.�</p><p>�Ist das so?�</p><p>�Ich denke, ja. Darum k�nnen sich Zweij�hrige nicht erinnern. Sie empfinden Dinge als verr�ckt, erinnern sich aber nicht daran, weil sie sie nicht wirklich verstehen.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>Er war sich nicht sicher, da� das Ged�chtnis so arbeitete. Fr�he Kindheitserinnerungen waren eidetische Bilder wie belichtete Photoplatten. Aber wenn es stimmte, dann war vielleicht alles in Ordnung; denn er hatte Hirokos Erscheinung im Sturm ganz entschieden verstanden, ihre Hand auf seinem Handgelenk. Diese Dinge des Herzens, in der Heftigkeit des Sturms...</p><p>Ann trat vor und dr�ckte ihn an sich. Er wandte das Gesicht zur Seite. Sein Ohr dr�ckte gegen ihr Schl�sselbein. Sie war gro�. Er f�hlte ihren K�rper gegen seinen gedr�ckt und pre�te sie seinerseits fest an sich. �Daran wirst du dich immer erinnern�, dachte er. Sie hielt ihn an den Armen von sich weg. �Das ist die Vergangenheit. Ich denke, sie erkl�rt nicht, was zwischen uns auf dem Mars geschehen ist. Das ist eine andere Sache.�</p><p>�Vielleicht.�</p><p>�Wir haben uns nicht geeinigt, aber wir hatten die gleichen�� Beziehungen. Die gleichen Dinge waren f�r uns wichtig. Ich entsinne mich, wie du in jenem Felsenwagen in Marineris w�hrend des Flutausbruches versucht hast, mich aufzumuntern.�</p><p>�Und du mich. Als Maya mich nach Franks Tod ankreischte.�</p><p>�Ja�, sagte er und dachte zur�ck. Eine solche Kraft der Erinnerung hatten sie in jenen aufregenden Stunden! Der Wagen war damals ein Schmelztiegel gewesen. Sie hatten sich alle in einer ureigenen individuellen Art darin verwandelt. �Ich denke, ja. Das war nicht fair. Du versuchtest gerade, ihr zu helfen. Und der Ausdruck auf deinem Gesicht...�</p><p>Sie standen da und schauten zur�ck auf die verstreuten niedrigen Geb�ude, aus denen Underhill bestand.</p><p>Schlie�lich sagte Sax: �Und hier sind wir nun.�</p><p>�Ja. Da sind wir.�</p><p>Ein peinlicher Augenblick. Noch ein peinlicher Augenblick. So war das Leben miteinander. Ein peinlicher Moment nach dem anderen. Er h�tte sich schon irgendwie daran gew�hnen m�ssen. Dann trat er zur�ck, langte hin, fa�te ihre Hand und dr�ckte sie kr�ftig. Dann lie� er sie los. Sie wollte, wie sie sagte, durch die Arkade der verstorbenen Nadia hinaus in die unber�hrte Wildnis westlich von Underhill gehen. Sie empfing einen Schwall von Erinnerungen, der zu stark war, um sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Sie mu�te gehen.</p><p>Er verstand. Sie ging winkend fort. Winkend! Und da war Cojote, dr�ben nahe den Salzpyramiden, die im Licht des Nachmittags leuchteten. Sax empfand erstmals seit Dekaden die Schwere des Mars, als er zu dem kleinen Mann hin�berh�pfte. Der einzige Mann unter den Ersten Hundert, der kleiner gewesen war als Sax. Sein Waffenbruder.</p><p>W�hrend er durch sein Leben schweifte, Schritt f�r Schritt an einem anderen Ort, jeden Moment von neuem schockiert, war es wirklich recht schwierig, sich auf Cojotes facettiertes asymmetrisches Gesicht zu konzentrieren. Aber da war etwas, eine Vibration, die anscheinend auch in all seinen fr�heren Gestalten pulsiert hatte. Desmond war sich wenigstens immer selbst mehr oder weniger �hnlich gewesen. Gott wu�te, wem Sax f�r die anderen �hnelte, oder was er sehen w�rde, wenn er jetzt in einen Spiegel schaute. Die Idee war verwirrend. Es k�nnte sogar ein interessantes Experiment sein, in einen Spiegel zu blicken, w�hrend man sich an etwas aus seiner Jugend erinnerte. Das Bild k�nnte sich verzerren. Desmond, ein Mann indianischer Abstammung aus Trinidad, sagte jetzt etwas, das schwer zu verstehen war, etwas �ber die Verz�ckung in der Tiefe�� unklar, ob er die Ged�chtnisdroge meinte oder eine Tiefseerfahrung aus seiner Jugend. Sax hatte den dringenden Wunsch, ihm zu sagen, da� Hiroko lebte. Aber als ihm die Worte schon auf der Zunge lagen, hielt er inne. Desmond sah in diesem Moment so fr�hlich aus, und er w�rde Sax nicht glauben. Also w�rde er ihn nur aufregen. Wissen durch Erfahrung ist nicht immer in diskursives Wissen �bertragbar. Das war schade, aber nicht zu �ndern. Desmond w�rde ihm nicht glauben, weil er jene Hand an seinem Handgelenk nicht gef�hlt hatte. Und warum sollte er schlie�lich auch?</p><p>Sie gingen hinaus nach Tschernobyl und redeten �ber Arkadij und Spencer. Sax sagte: �Wir werden alt.�</p><p>Desmond johlte. Er hatte immer noch h�chst alarmierende Lachanf�lle, die aber ansteckend waren, und Sax lachte auch. �Alt <emphasis>werden?</emphasis> Alt <emphasis>werden?�</emphasis></p><p>Der Anblick ihres kleinen Rickover-Kernreaktors versetzte sie in Verz�ckung. Er war pathetisch, t�chtig, stupide und geschickt. Sax stellte fest, da� ihre limbischen Systeme noch �berladen waren und mit allen Emotionen zugleich kr�chzten. Seine ganze Vergangenheit wurde immer klarer in einer Art von simultanen �berlagerungen von Sequenzen. Jedes Ereignis hatte seine eigene emotionale Ladung, die jetzt alle zugleich losgingen. So voll, so voll! Vielleicht voller als... was? Der Geist? Die Seele? Voller, als es zu sein vermochte. <emphasis>�berflie�end,</emphasis> so war das Gef�hl. �Desmond, ich flie�e �ber.�</p><p>Desmond lachte nur noch heftiger.</p><p>Sein Leben hatte das Stadium bereits �berschritten, in dem es m�glich gewesen w�re, alles zugleich zu empfinden. Was war das �berhaupt, dieses F�hlen? Ein limbisches Summen, das Brausen des Windes in den Fichten hoch in den Bergen, wenn man nachts in einem Schlafsack im Felsengebirge liegt und der Wind durch die Nadeln der Fichten faucht... Sehr interessant. M�glicherweise eine Wirkung der Droge, die vorbeigehen w�rde, obwohl er hoffte, da� es Effekte der Droge gab, die anhalten w�rden. Und wer konnte sagen, ob das nicht auch f�r diesen Aspekt als einen integralen Teil des Ganzen gelten konnte? Also: Wenn man sich an seine Vergangenheit erinnern kann und die sehr lang ist, dann f�hlt man sich notwendigerweise sehr voll, voller Erfahrungen und Emotionen, bis zu dem Punkt, an dem es nicht leicht sein d�rfte, noch viel mehr zu empfinden. War das nicht m�glich? Oder vielleicht w�rde man alles intensiver f�hlen als es angemessen war. Vielleicht hatte er sie alle zu schrecklich sentimentalen Leuten gemacht, die von Kummer befallen wurden, wenn sie auf eine Ameise traten und beim Anblick eines Sonnenaufgangs vor Freude weinten. Das w�re ung�nstig. Genug war genug oder bereits zuviel. Genug war so gut wie ein Festmahl. Tats�chlich war Sax immer der Meinung gewesen, da� die Amplitude emotionaler Reaktion, die in den Leuten seiner Umgebung zum Ausdruck kam, ohne gro�en Verlust f�r die Menschheit ein gutes St�ck heruntergeschraubt werden konnte. Nat�rlich w�rde es nicht gelingen, ganz gezielt jemandes Emotionen zu d�mpfen. Das w�re Verdr�ngung und Sublimation mit dem daraus resultierenden �berdruck an anderer Stelle. Seltsam, wie n�tzlich das Freudsche Modell von der Dampfmaschine blieb�� Kompression, Entspannung, der ganze Apparat, als ob das Gehirn von James Watt konstruiert worden w�re. Aber reduktive Modelle waren n�tzlich, sie lagen am Herzen der Wissenschaft. Und er hatte es lange Zeit n�tig gehabt, Dampf abzulassen.</p><p>So gingen er und Desmond durch Tschernobyl, warfen Steine nach dem Reaktor, lachten und plauderten in rasch wechselnder Folge, weniger in einer Konversation als in einer simultanen Sendung, als w�ren sie beide absorbiert von ihren eigenen Gedanken. So war das Gespr�ch sehr wirr, aber dennoch gesellig. Es war tr�stend zu h�ren, wie jemand sich so konfus anh�rte. Und zugleich eine gro�e Freude, sich diesem Mann, der sich von ihm in so vieler Hinsicht unterschied, so nahe zu f�hlen und mit ihm �ber die Schule, die Schneelandschaften der s�dlichen Polgegend und die Parks in der <emphasis>Ares</emphasis> zu schwatzen. Auf diese Weise wurden sie einander irgendwie �hnlich.</p><p>�Wir machen alle die gleichen Dinge durch.�</p><p>�Das ist wahr! Das ist wahr!�</p><p>Seltsam, da� dieser Umstand das Verhalten der Menschen nicht st�rker beeinflu�te.</p><p>Schlie�lich gingen sie zum Wohnwagenpark zur�ck. Als sie hindurchliefen, wurden sie langsamer, festgehalten durch die Spinnweben vergangener Erinnerungen. Es war kurz vor Sonnenuntergang. In den Tonnengew�lben str�mten Leute herum, die auf das Abendessen warteten. Die meisten waren w�hrend des Tages zu abgelenkt gewesen, um zu essen, und die Droge schien ein milder Appetitz�gler zu sein. Aber jetzt waren die Leute ausgehungert. Maya hatte einen gro�en Eintopf gekocht und Kartoffeln gesch�lt und dazu getan. Borschtsch? Bouillabaisse? Sie hatte auch daran gedacht, am Morgen einen Backofen in Gang zu setzen, und jetzt f�llte der Geruch frischen Brotes die warme Luft der Tonnengew�lbe.</p><p>Sie versammelten sich in dem gro�en Doppelgew�lbe in der S�dwestecke, dem Raum, in dem Sax und Ann zu Beginn des offiziellen Terraformens ihre ber�hmte Debatte gef�hrt hatten. Hoffentlich w�rde das Ann nicht einfallen, wenn sie hereinkam. Dagegen sprach nur, da� auf einem kleinen Schirm in der Ecke ein Videoband der Debatte abgespielt wurde. Na sch�n. Sie w�rde kurz auf ihre alte Art nach Einbruch der Dunkelheit kommen. Diese Best�ndigkeit machte allen Spa�. Dadurch war es irgendwie m�glich zu sagen: Hier sind wir; die anderen sind heute abend nicht da, sonst ist alles dasselbe. Eine gew�hnliche Nacht in Underhill. Man redete �ber Arbeit und verschiedene Pl�tze. Es gab Essen, und es waren die alten vertrauten Gesichter. Als ob Arkadij oder John oder Tatiana jeden Moment hereinspazieren k�nnten, so wie Ann es jetzt tat, genau p�nktlich, mit den F��en stampfend, um sie aufzuw�rmen und die anderen ignorierend, genau wie immer.</p><p>Aber sie kam und setzte sich neben ihn. Sie a� ihr Mahl (ein Stew auf provenAalische Art, wie Michel es zu kochen pflegte) an seiner Seite. Mit ihrem gewohnten Schweigen. Dennoch schauten Leute her. Nadia beobachtete sie mit Tr�nen in den Augen. Anhaltende Sentimentalit�t. Das k�nnte ein Problem werden.</p><p>Sp�ter, beim Klappern von Tellern und Stimmger�uschen, wobei anscheinend alle zugleich sprachen und es manchmal sogar m�glich schien, da� man etwas verstand bei dem L�rm, beugte Ann sich zu Sax her�ber und sagte:</p><p>�Wohin gehst du nachher?�</p><p>�Nun�, sagte er, pl�tzlich wieder nerv�s, �einige von Da Vinci haben mich eingeladen zum... zum <emphasis>Segeln.</emphasis> Um ein neues Boot auszuprobieren, das sie f�r meine... meine Segeltouren konstruiert haben5 Ein Segelboot. Auf Chryse G.�</p><p>�Ah.�</p><p>Schreckliches Schweigen, trotz all des L�rms.</p><p>�Kann ich mitkommen?�</p><p>Eine brennende Empfindung in der Gesichtshaut. Sehr merkw�rdige Verkrampfung der Blutgef��e. Aber er mu�te sich aufraffen zu sprechen. �O ja!�</p><empty-line/><p>Und dann sa�en alle herum, dachten nach, plauderten, erinnerten sich und tranken Mayas Tee. Maya sah zufrieden aus und k�mmerte sich um sie. Ziemlich sp�t in der Nacht, als fast alle noch in den Sesseln lagen oder sich �ber dem Heizger�t fl�zten, beschlo� Sax, zum Wohnwagenpark hin�berzugehen, wo sie ihre ersten paar Monate verbracht hatten.</p><p>Nadia war auch drau�en. Sie lag auf einer Matratze. Sax zog eine andere von der Wand herunter. Ja, es war seine alte Matratze. Dann kam Maya und alle �brigen. Man mu�te dem �ngstlichen Desmond zureden und ihn auf einer Matratze in der Mitte unterbringen. Man sammelte sich um ihn, manche an ihren alten Pl�tzen. Andere schliefen in anderen Wohnwagen und belegten die leeren Matratzen, die Leute benutzt hatten, die jetzt dahingegangen waren. Ein einziger Wagen nahm jetzt leicht alle auf. Und irgendwann tief in der Nacht lagen sie alle da und sanken langsam in unruhigen Schlummer. Auch das war eine liebe und warme Erinnerung, als alle im Raum in ihren Betten einschliefen. So hatte sich das immer angef�hlt, in einem Bad mit Freunden dahinzutreiben, m�de vom Tagewerk, der ach so interessanten Arbeit, eine Stadt und eine Welt zu erbauen. Schlaf, Erinnerung, Schlaf, K�rper. Dankbar in dem Moment versinken und tr�umen.</p><p>Sie segelten an einem windigen wolkenlosen Tag aus der Florentine, Ann am Steuer und Sax hoch an dem steuerbordseitigen Bug des glatten neuen Katamarans, um sich zu vergewissern, da� die Kette den Anker gesichert hatte, der nach anaerobem Bodenschlamm roch�� so sehr, da� Sax abgelenkt wurde und einige Zeit damit verbrachte, �ber der Reling h�ngend Proben des Schlamms mit der Lupe seines Handys zu betrachten: Eine gro�e Menge toter Algen und anderer Bodenorganismen. Eine interessante Frage, ob das f�r den Boden des Nordmeers typisch war oder nicht. Oder war das aus irgendeinem Grund auf die Umgebung der Chryse-Bucht beschr�nkt oder die Florentine, oder allgemeiner auf Untiefen.</p><p>Ann rief: �Sax, komm wieder her! Du bist es, der wei�, wie man segelt.�</p><p>�Allerdings.�</p><p>Obwohl der Schiffscomputer eigentlich alles auf einen sehr allgemeinen Befehl hin tun w�rde. Man konnte zum Beispiel sagen: �Kurs auf Rhodos!�, und f�r den Rest der Woche g�be es nichts mehr zu tun. Aber Sax hatte Freude daran, eine Ruderpinne in der Hand zu haben. Darum gab er den Dreck am Anker einstweilen auf und begab sich zu dem breiten niedrigen Cockpit, das zwischen den zwei schmalen R�mpfen hing.</p><p>�Da Vinci verschwindet gleich unter dem Horizont. Sieh doch!�</p><p>�So ist es.�</p><p>Die �u�eren Punkte des Kraterrandes waren die einzigen Teile der Da-Vinci-Insel, die noch �ber dem Wasser zu sehen waren, obwohl sie nicht mehr als zwanzig Kilometer entfernt waren. Der kleine Globus hatte etwas Intimes an sich. Und das Boot war sehr schnell. Es ging bei jedem Wind �ber 50 Stundenkilometern ins Hydroplaning �ber; und die R�mpfe hatten Outriggerkiele unter Wasser, die ausfuhren und sich in verschiedenen delphinartigen Konfigurationen einstellten, wodurch zusammen mit Gegengewichten in den Querstreben der zum Wind gerichtete Rumpf mit dem Wasser in Kontakt blieb, w�hrend der leeseitige nicht zu weit untertauchte. Darum schob sich selbst bei m��igen Winden wie dem, der jetzt ihr entfaltetes Mastsegel w�lbte, das Boot auf das Wasser und glitt dar�ber wie ein Eisboot �ber das Eis und bewegte sich nur ein paar Prozent langsamer als der Wind selbst. Beim Blick �ber das Heck konnte Sax erkennen, da� nur ein ganz kleiner Teil der R�mpfe wirklich Kontakt mit dem Wasser hatte. Es sah so aus, als w�ren das Ruder und die Kiele der Outrigger das einzige, was sie am Fliegen hinderte. Er sah das letzte Ende der Insel Da Vinci unter einem h�pfenden und gezackten Horizont, der nicht mehr als vier Kilometer von ihnen entfernt war, verschwinden. Er sah zu Ann hin�ber. Sie klammerte sich an die Reling und schaute zur�ck auf die strahlend wei�en Muster ihres Kielwassers. �Bist du schon einmal auf See gewesen?� fragte Sax. �Das sollte hei�en, v�llig au�er Sicht des Landes.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ah!�</p><p>Sie fuhren weiter nach Norden in die Chryse-Bucht hinaus. Die Insel Copernicus erschien �ber dem Wasser zu ihrer Rechten und dann dahinter die Insel Galileo. Dann blieben beide wieder unter dem blauen Horizont zur�ck. Die D�nung am Horizont war merklich, wodurch der Horizont keine gerade blaue Linie vor dem Himmel bildete, sondern vielmehr eine sich verlagernde Anordnung von Wellengipfeln, die rasch aufeinander folgten. Die Grundstr�mung kam von Nord, fast direkt von vorn, so da� die Linie des Horizonts beim Blick nach Backbord oder Steuerbord besonders gezackt war, eine wellige Linie blauen Wassers gegen den blauen Himmel, die in einem allzu kleinen Kreis das Schiff umrundete, als ob die �richtige� terranische Distanz zum Horizont in der Optik des Gehirns eingebettet w�re. Darum schienen die Dinge, die man hier deutlich sah, immer auf einem Planeten zu sein, der f�r sie zu klein war. Anns Gesicht zeigte h�chstes Mi�behagen. Sie starrte auf die Wellen, die Woge um Woge den Bug und dann das Heck anhoben. Fast rechtwinklig zur Grundd�nung gab es einen kurzen unregelm��igen Wellenschlag, der vom Westwind angetrieben wurde und die gr��eren breiteren Wellen kr�uselte. Physik wie in einem Wellentank. Man konnte alles dargeboten sehen. Es erinnerte Sax an den Physikunterricht im zweiten Stock des am �u�ersten nord�stlichen Rand des Campus gelegenen Geb�udes seiner High School, wo die Stunden vergangen waren wie Minuten und der flache Wellentank voller Wunder war. Hier war die Grundd�nung, die in der st�ndig nach Osten um den Globus gerichteten Bewegung des Nordmeers entstand. Die D�nung war gr��er oder kleiner je nachdem, ob sie durch lokale Winde verst�rkt oder behindert wurde. Die geringe Schwere bewirkte gro�e breite Wellen, die von starken Winden rasch erzeugt wurden. Wenn zum Beispiel heute der Wind viel st�rker w�rde, m��te der kurze Wellenschlag von Westen rasch gr��er werden als die Grundd�nung von Norden und diese v�llig �berdecken. Wellen in dem Nordmeer waren bekannt f�r ihre Gr��e und Wechselhaftigkeit und die st�ndigen �berraschungen. Obwohl es auch stimmte, da� sie sich recht langsam durch das Wasser bewegten. Gro�e langsame Berge wie die gro�en D�nen von Vastitas weit unter ihnen, die um den Planeten wanderten. Manchmal konnten sie wirklich sehr gro� werden. Im Gefolge der Taifune, die �ber das Nordmeer bliesen, waren siebzig Meter hohe Wellen gemessen worden.</p><p>Die lebhafte Querd�nung schien f�r Ann schlimm zu sein. Sie sah ziemlich gequ�lt aus. Sax wu�te nicht, wie er sie tr�sten sollte. Er bezweifelte, da� seine Gedanken zur Wellenmechanik hier am Platz waren, obwohl das nat�rlich f�r einen jeden, der sich f�r Physik begeisterte, sehr interessant war. Das galt auch f�r Ann. Aber vielleicht nicht jetzt. Jetzt sah es so aus, als ob die blo�en Sinneseindr�cke von Wasser, Wind und Himmel f�r sie genug w�ren. Vielleicht war Schweigen angebracht.</p><p>Wei�e Schaumkronen begannen �ber einige Querwellen zu rollen, und Sax schaltete sofort das Wettersystem des Schiffs ein, um nach der Windgeschwindigkeit zu schauen. Sie betrug 32 Kilometer pro Stunde. Das war ungef�hr die Geschwindigkeit, bei der die Wellenk�pfe zu Brechern wurden. Das war eine einfache, berechenbare Frage des Verh�ltnisses der Oberfl�chenspannung zur Windgeschwindigkeit... Ja, die entsprechende Gleichung der Fl�ssigkeitsdynamik besagte, da� die Wellen bei 35 Stundenkilometern umkippen w�rden. Und da waren sie: Schaumkronen, die sich grellwei� vom dunkelblauen Wasser abhoben. Sax dachte, es k�nnte Preu�ischblau sein. Der Himmel war an diesem Tag fast himmelblau. Im Zenit neigte er sich leicht ins Purpurne und um die Sonne herum erschien er etwas wei�lich. Zwischen der Sonne und dem darunter liegenden Horizont lag ein metallischer Schimmer.</p><p>�Was tust du?� fragte Ann, sichtlich besorgt.</p><p>Sax erkl�rte es, und sie h�rte ihn in eisigem Schweigen an. Er wu�te nicht, was sie dachte. Da� die Welt irgendwie erkl�rbar war, hatte er immer als tr�stlich empfunden. Aber Ann... nun, vielleicht war sie einfach seekrank. Oder etwas aus ihrer Vergangenheit lenkte sie ab. Sax hatte in den Wochen seit dem Experiment in Underhill bemerkt, da� er oft durch ein fr�heres Ereignis abgelenkt wurde, das ungebeten aus einer Menge von Erinnerungen in seinem Geist aufstieg. Unfreiwilliges Ged�chtnis. Und f�r Ann k�nnte das negative Vorf�lle der einen oder anderen Art einschlie�en. Michel hatte gesagt, da� sie als Kind mi�handelt worden war. Das fand Sax immer noch zu schockierend, um es glauben zu k�nnen. Auf der Erde hatten M�nner Frauen mi�braucht; auf dem Mars niemals. Was stimmte? Sax wu�te es nicht sicher, f�hlte aber, da� es wahr war. Das war es, was es bedeutete, in einer gerechten und rationalen Gesellschaft zu leben. Das war einer der Hauptgr�nde, weshalb das etwas Gutes war und einen Wert darstellte. Vielleicht wu�te Ann mehr �ber die Realit�t der Lage in diesen Tagen. Aber er mochte sie nicht fragen. Es war deutlich, da� das nicht der Zeitpunkt daf�r war.</p><p>�Du bist schrecklich still�, sagte sie.</p><p>�Ich genie�e die Aussicht�, erwiderte er rasch. Vielleicht sollte er doch besser �ber Wellenmechanik reden. Er erkl�rte die Grundd�nung, die Querst��e, die negativen und positiven Interferenzmuster, die sich ergeben konnten. Aber dann sagte er: �Hast du dich bei dem Experiment in Underhill viel an die Erde erinnert?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Ah.�</p><p>Das war vermutlich eine Art von Verdr�ngung, und genau das Gegenteil der psychotherapeutischen Methode, die Michel wahrscheinlich angewendet h�tte. Aber sie waren keine Dampfmaschinen. Und manche Dinge blieben ohne Zweifel besser vergessen. Zum Beispiel w�rde er sich bem�hen m�ssen, Johns Tod wieder zu vergessen und sich besser an jene Teile seines Lebens erinnern, als er in der Lage gewesen war, sozial zu reagieren, wie etwa w�hrend der Jahre, da er in Burroughs biotisch gearbeitet hatte. Also hatte er im Cockpit Gegen-Ann vor sich oder jene dritte Frau, die sie erw�hnt hatte, w�hrend er�� zumindest teilweise�� Stephen Lindholm gewesen war. Fremde, trotz der aufregenden Begegnung in Underhill. Oder gerade deswegen. Hallo! Nett, dich kennenzulernen.</p><empty-line/><p>Sp�ter, als sie zwischen den Fjorden und Inseln im R�cken der Chryse-Bucht durchfuhren, drehte Sax die Ruderpinne, und das Boot schwenkte nach Nordosten gegen den Wind und die Schaumkronen. Dann war der Wind hinter ihnen, und das Mastsegel entfaltete sich in seine Version eines Spinnakers mit gespreizten Fl�geln, und die R�mpfe ritten auf den weichen Wellenk�mmen, ehe sie ihre �berlegene Geschwindigkeit verloren. Vor ihnen erschien die Ostk�ste der Chryse- Bucht. Sie war weniger eindrucksvoll als die westliche, aber in vieler Hinsicht sch�ner. H�user, T�rme, Br�cken. Es war eine gut besiedelte K�ste, wie in jenen Tagen die meisten. Wenn man von Olympus kam, mu�ten aber alle St�dte ein wenig schockieren.</p><p>Nachdem sie dann die breite M�ndung des AresFjords passiert hatten, tauchte Soochow Point �ber dem Horizont auf und dahinter die Oxia-Inseln, eine nach der anderen. Ehe das Wasser gekommen war, waren sie das Oxia-Gebirge gewesen, eine Gruppe runder H�gel, die gerade die H�he hatten, um sp�ter ein Archipel zu bilden. Sax segelte in die schmalen Wasserwege zwischen diesen Inseln, von denen jede ein niedriger runder brauner Buckel war, der vierzig oder f�nfzig Meter �ber die See ragte. Bei weitem der gr��te Teil war unbewohnt, au�er vielleicht von Ziegen. Aber auf den gr��ten, besonders den nierenf�rmigen, die Buchten bildeten, hatte man die die H�gel bedeckenden Steine zu W�llen aufgeschichtet, welche die H�nge in Felder und Weiden aufteilten. Diese Inseln waren bew�ssert und gr�n von mit Fr�chten �berladenen Obstg�rten oder Weiden, die von wei�en Schafen oder Miniaturk�hen gesprenkelt waren. Die Seekarte des Schiffs nannte die Namen dieser Inseln: Kipini, Wahoo, Wabash, Naukan, Libertad. Ann knurrte, als sie sie las. �Das sind die Namen der Krater in der Mitte des Golfs. Die liegen unter Wasser.� �Ah.�</p><p>Jedenfalls waren es h�bsche Inseln. Die Fischerd�rfer an den Buchten waren wei� get�ncht, mit blauen Jalousien und T�ren. Wieder das �g�ische Vorbild. Auf einer hohen spitzen Klippe stand ein dorischer Tempel, quadratisch und stolz. Die Schiffe unten in den Buchten waren kleine Schaluppen oder einfach Ruderboote und Dories. Als sie vorbeisegelten, deutete Sax auf eine Windm�hle hier und eine Lamaweide dort. �Das scheint ein h�bsches Leben zu sein.�</p><p>Dann sprachen sie �ber die Eingeborenen, leicht und ohne heimliche Spannung. �ber Zo. �ber die �Wilden� und ihre seltsame Lebensweise als J�ger, Sammler und St�dtebesucher; �ber die Ackernomaden, die von Feld zu Feld zogen wie die Wanderarbeiter, denen die Farmen geh�rten; �ber die gegenseitige Befruchtung all dieser Stile; �ber die neuen terranischen Siedlungen, die in die Landschaft vordr�ngten; �ber die zunehmende Anzahl von Hafenst�dten. Drau�en, mitten in der Bucht, sichteten sie eines der neuen gro�e Stadtschiffe, eine schwimmende Schiffsinsel mit einer Bev�lkerung, die in die Tausende geht. Sie war zu gro�, um in den Oxia-Archipel einzulaufen und schien Kurs durch den Golf nach Nilokeras zu nehmen oder hinab in die s�dlichen Fjorde. Da das Land auf dem ganzen Mars immer dichter bewohnt war und die M�glichkeit seiner Besiedlung durch die Umwelth�fe immer st�rker eingeschr�nkt wurde, zogen st�ndig mehr Leute auf das Nordmeer und machten Stadtschiffe wie dieses zu ihrem st�ndigen Wohnsitz.</p><p>�La� uns hingehen und es besuchen! K�nnen wir?� fragte Ann.</p><p>Sax, durch diese Frage �berrascht, sagte: �Wir k�nnen es sicher erwischen.�</p><p>Er wendete den Katamaran und fuhr nach S�dwesten auf das Stadtschiff zu, wobei er sein Boot m�glichst schnell laufen lie�, um die Seefahrer zu beeindrucken. In weniger als einer Stunde erreichten sie seine Breitseite, eine runde Steilb�schung von ungef�hr zwei Kilometern L�nge und f�nfzig Metern H�he. Ein Dock knapp �ber der Wasserlinie hatte ein gegen die Stadt gerichtetes Teilst�ck, das als offener Aufzug angehoben werden konnte. Als sie vom Katamaran auf das Dock gegangen waren und ihr Boot vert�ut hatten, betraten sie diese durch ein Gel�nder abgetrennte Sektion und wurden auf das Deck des Stadtschiffs gehoben.</p><p>Das Deck war fast ebenso breit wie lang. Sein Mittelst�ck war eine Farm mit vielen kleinen B�umen darauf, so da� die andere Seite schwer zu erkennen war. Aber nach dem, was sie sehen konnten, war klar, da� die Peripherie des Decks eine Art rechtwinkliger Stra�e oder Arkade war, zu beiden Seiten von Geb�uden ges�umt, die zwei bis vier Stockwerke hoch waren. Auf den �u�eren Bauten standen Masten und Windm�hlen; die inneren �ffneten sich zu breiten L�cken, wo Parks und Plazas zu den Feldern und Hainen der Farm und zu einem gro�en S��wasserteich f�hrten. Eine schwimmende Stadt, die etwas an eine ummauerte Stadt der Renaissance in der Toscana erinnerte, nur da� alles au�ergew�hnlich sauber und ordentlich war. Klarschiff, k�nnte man sagen. Eine kleine Gruppe der B�rger der Stadt begr��te sie auf der Plaza oberhalb des Docks. Und als sie merkten, da� ihre Besucher beeindruckt waren, bestanden sie darauf, da� die Reisenden zu einem Essen blieben, und einige von ihnen f�hrten sie zu einem Spaziergang �ber einen Teil des Schiffs; �oder so weit, wie ihr wollt. Es ist ein gutes St�ck zu gehen�.</p><p>Man sagte ihnen, dies w�re ein kleine Schiffsstadt. Bev�lkerung f�nftausend. Seit ihrem Stapellauf war sie fast ganz autark geblieben. �Wir ziehen fast all unsere Nahrung, und den Restbedarf fischen wir. Es gibt jetzt Streit mit anderen Stadtschiffen wegen des �berfischens bestimmter Arten. Wir pflegen ganzj�hrige Polykultur und z�chten neue St�mme von Mais, Sonnenblumen, Sojabohnen, Sandpflaumen und so weiter, alles durcheinander und von Robotern geerntet, weil die Ernte eine das Kreuz brechende Arbeit ist. Wir haben endlich die Technik bekommen, um die Ernte von zu Hause aus zu erledigen. Darauf l�uft es hinaus. An Bord gibt es viel Baumwollindustrie. Wir haben Winzereien�� man sieht da drau�en die Weing�rten�� und Branntweindestillationen. Das machen wir von Hand. Wir fertigen auch spezielle Halbleiter und haben einen ber�hmten Fahrradladen.�</p><p>�Die meiste Zeit fahren wir auf dem Nordmeer herum. Manchmal gibt es wirklich heftige St�rme; aber das Schiff ist so gro�, da� wir sie leicht �berstehen. Die meisten von uns leben hier schon die ganzen zehn Jahre, seit das Schiff existiert. Es ist ein gro�artiges Leben. Das Schiff bietet alles, was man braucht. Obwohl es viel Spa� macht, von Zeit zu Zeit an Land zu gehen. Wir kommen bei jedem Ls Null zum Fr�hlingsfest nach Nilokeras. Wir verkaufen, was wir hergestellt haben, und erg�nzen unsere Vorr�te und haben Parties die ganze Nacht. Dann wieder hinaus auf See.�</p><p>�Wir brauchen nichts als Wind und Sonnenschein und ein paar Fische. Die Umwelth�fe m�gen uns und sind sich einig, da� wir eine minimale Last sind. Die Bev�lkerung des Areals des Nordmeeres k�nnte jetzt sogar noch gr��er sein, als wenn es Land geblieben w�re. Es gibt inzwischen Hunderte von Stadtschiffen.�</p><p>�Tausende. Und die Hafenst�dte mit den Werften und den Seeh�fen, die wir besuchen, um Handel zu treiben, denen geht es jetzt wirklich sehr gut.�</p><p>�Und ihr denkt, da� dies ein Weg ist, etwas von dem Bev�lkerungs�berschu� der Erde aufzunehmen?� fragte Ann.</p><p>�Ja, allerdings. Einer der besten Wege. Es ist ein gro�er Ozean, er k�nnte viel mehr Schiffe aufnehmen als die wenigen, die bereits unterwegs sind.�</p><p>�Solange sie sich nicht zu sehr aufs Fischen verlegen.�</p><p>W�hrend sie weitergingen, sagte Sax zu Ann: �Das ist ein weiterer Grund, der eine Krise wegen des Immigrationsthemas heraufbeschw�ren k�nnte.�</p><p>Ann antwortete nicht. Sie starrte in das in der Sonne gl�nzende Wasser und dann hinauf zu einem der paar Dutzend Masten, die jeder mit einen Schonersegel versehen waren. Die Stadt sah aus wie ein tafelf�rmiger Eisberg, dessen Oberfl�che v�llig von Erde in Beschlag genommen war. Eine schwimmende Insel.</p><p>�So viele verschiedene Arten von Nomaden�, bemerkte Sax. �Es scheint, da� nur sehr wenige Eingeborene geneigt sind, sich auf einem festen Platz niederzulassen.�</p><p>�Anders als wir.�</p><p>�Du hast es erfa�t. Aber ich m�chte wissen, ob diese Tendenz bedeutet, da� sie zu einer gewissen Roten Haltung neigen. Verstehst du, was ich meine.�</p><p>�Nein.�</p><p>Sax versuchte zu erkl�ren. �Mir scheint, da� Nomaden im allgemeinen dazu neigen, das Land zu nutzen, wie sie es vorfinden. Sie ziehen mit den Jahreszeiten und leben von dem, was sie zu der jeweiligen Zeit nat�rlich wachsend vorfinden. Und seefahrende Nomaden nat�rlich noch mehr, da die See den meisten menschlichen Versuchen gegen�ber, sie zu ver�ndern, so unzug�nglich ist.�</p><p>�Bis auf die Leute, die versuchen, das Niveau des Meeresspiegels zu regulieren oder den Salzgehalt des Wassers. Hast du von denen geh�rt?�</p><p>�Ja. Aber sie werden damit nicht viel Gl�ck haben, nehme ich an. Die Mechanik der Versalzung kennt man noch zu wenig.�</p><p>�Wenn sie Erfolg haben, werden viele S��wasserspezies get�tet.�</p><p>�Zugegeben. Aber die Salzwasserarten werden sich freuen.�</p><p>Sie gingen durch die Mitte des Stadtschiffs zur Plaza �ber dem Dock. Vorbei an langen Reihen von Reben, die zu brusthohen T-Formen beschnitten waren. Die horizontalen Reben dazwischen waren schwer von indigoblauen Traubenb�scheln. Hinter den Weing�rten war der Boden wie eine Art Pr�rie mit einem wilden Gestr�pp bedeckt, und von schmalen Fu�wegen durchzogen.</p><p>In einem Restaurant vor der Plaza wurden sie mit einer Mahlzeit aus Pasta und Shrimps bewirtet. Die Konversation ber�hrte viele Gebiete. Aber dann kam jemand aus der K�che gerannt und zeigte auf sein Handy. Es waren gerade Nachrichten �ber Schwierigkeiten am Raumaufzug gekommen. Die UN-Truppen, die den Zolldienst auf New Clarke versahen, hatten die Station �bernommen und alle Marspolizisten mit dem Vorwurf der Korruption heruntergeschickt und erkl�rt, da� die UN von jetzt an den Dienst am oberen Ende des Aufzugs allein aus�ben w�rden. Der Sicherheitsrat der UN sagte beschwichtigend, da� ihre lokalen Beamten ihre Kompetenzen �berschritten h�tten; aber dieser R�ckzieher beinhaltete keine Aufforderung an die Marsianer, wieder auf dem Kabel hochzukommen. Darum machte es f�r Sax den Eindruck eines Verschleierungsversuchs. �Oje�, sagte er. �Ich f�rchte, Maya wird sehr �rgerlich sein.�</p><p>Ann rollte mit den Augen. �Das ist nicht die wichtigste Verzweigung, wenn du mich fragst.� Sie sah schockiert aus; und zum ersten Mal, seit Sax sie in der Caldera von Olympus gefunden hatte, war sie voll in der gegenw�rtigen Situation engagiert. Aus ihrer Distanziertheit geholt. Es war wirklich recht alarmierend, wenn er jetzt dar�ber nachdachte. Sogar die Seefahrer waren sichtlich ersch�ttert, obwohl sie zuvor wie Ann von allem, was an Land geschah, distanziert erschienen waren. Sax sah, wie die Nachricht durch die Gespr�che im Restaurant lief und alle denselben Schlu� zogen: Umw�lzung, Krise, Kriegsdrohung. Die Stimmen waren ungl�ubig und die Gesichter w�tend.</p><p>Die Leute an ihrem Tisch sahen Sax und Ann an, gespannt auf ihre Reaktion. Einer ihrer F�hrer bemerkte: �Ihr werdet etwas dagegen tun m�ssen.�</p><p>�Warum wir?� entgegnete Ann scharf. �Ihr m��t etwas dagegen tun, wenn ihr mich fragt. Ihr tragt jetzt die Verantwortung. Wir sind blo� ein Paar alter Issei.�</p><p>Ihre Tischgenossen sahen �berrascht aus und wu�ten nicht, wie sie das verstehen sollten. Der Gastgeber, der gesprochen hatte, sch�ttelte den Kopf. �Das stimmt nicht. Aber du hast recht, wir werden aufpassen und mit den anderen Stadtschiffen reden, wie zu reagieren ist. Wir werden unseren Teil leisten. Ich sagte blo�, da� die Leute auf euch schauen werden, um zu sehen, was ihr macht. Das gilt f�r uns nicht so sehr.�</p><p>Ann wurde dadurch zum Schweigen gebracht. Sax wandte sich wieder seinem Essen zu und dachte intensiv nach. Er stellte fest, da� er mit Maya reden mu�te.</p><p>Der Abend zog sich hin, die Sonne sank, das Dinner schleppte sich, w�hrend sie alle versuchten, zur Normalit�t zur�ckzufinden. Sax unterdr�ckte ein kleines L�cheln. Es konnte eine interplanetare Krise geben oder nicht, das Dinner mu�te jedenfalls inzwischen stilgerecht abgewickelt werden. Und diese Seefahrer waren nicht der Menschenschlag, der geneigt war, sich um das Sonnensystem Sorgen zu machen. So erholte sich die Stimmung wieder, und sie widmeten sich gesellig ihrem Dessert, immer noch sehr erfreut, da� Clayborne und Russell sie besuchten. Und dann empfahlen sich im letzten Tageslicht die beiden und wurden auf Meeresniveau und zu ihrem Boot geleitet. Die Wellen auf der Chryse-Bucht waren viel gr��er, als es von oben ausgesehen hatte.</p><empty-line/><p>Sax und Ann fuhren schweigend davon, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Sax blickte auf das Stadtschiff zur�ck und dachte �ber das nach, was sie an diesem Tag gesehen hatten. Es schien ein gutes Leben zu sein. Aber etwas daran... Er verscheuchte den Gedanken und fing ihn dann am Ende des raschen Hindernisrennens wieder ein und hielt ihn fest: In diesen Tagen hatte es keine Ausf�lle gegeben. Das war eine gro�e Befriedigung, obwohl dieser ganze Gedankengang rein melancholisch war. Sollte er ihn mit Ann teilen? War es m�glich, so etwas zu sagen?</p><p>Dann sagte er: �Es scheint ironisch, aber manchmal bedauere ich, wenn ich diese Seefahrer und das Leben, das sie f�hren, so sehe, da� wir erst auf der Schwelle eines goldenen Zeitalters stehen...��� so, nun hatte er es ausgesprochen und f�hlte sich t�richt��, �...das erst kommen wird, wenn unsere Generation gestorben ist. Wir haben unser ganzes Leben daf�r gearbeitet; und dann m�ssen wir gehen, ehe es soweit ist.�</p><p>�Wie Moses angesichts des verhei�enen Landes.�</p><p>�Ja?�� Ist er nicht hineingekommen?� Sax sch�ttelte den Kopf. �Diese alten Geschichten...� So ein Zusammentreffen. Wie die Wissenschaft in seinem Herzen, wie das Aufblitzen von Einsicht, wenn man an ein Experiment heranging und alles dabei gekl�rt war und man einiges verstand. �Nun, ich kann mir vorstellen, wie er sich gef�hlt hat. Das ist�� frustrierend. Ich w�rde lieber sehen, was danach geschieht. Manchmal werde ich so <emphasis>neugierig.</emphasis> �ber die Geschichte werden wir nie etwas erfahren. Die Zukunft nach unserm Tod. Und alles �brige. Wei�t du, was ich meine?�</p><p>Ann sah ihn pr�fend an. Schlie�lich sagte sie: �Alles stirbt eines Tages. Besser du denkst, da� du ein goldenes Zeitalter verfehlst, als zu denken, da� du die Chancen deiner Kinder mit dir genommen hast. Da� du deine Nachkommen mit giftigen langfristigen Schulden aller Art zur�ckgelassen hast. Das w�re doch wirklich deprimierend. So wie es ist, m�ssen wir uns nur f�r uns selbst schlecht f�hlen.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>Und das war Ann� Clayborn, die da sprach. Sax f�hlte, da� sein Gesicht gl�hte. Diese kapillare Aktivit�t konnte eine ganz angenehme Empfindung sein.</p><empty-line/><p>Sie kehrten zum Archipel von Oxia zur�ck und segelten zwischen den Inseln und redeten dar�ber. Es war m�glich, sich zu unterhalten. Sie a�en im Cockpit und schliefen jeder in seiner Kabine in den R�mpfen im Back- und Steuerbord. An einem frischen Morgen, als der Wind k�hl und aromatisch von der K�ste her wehte, sagte Sax: �Ich frage mich immer noch, ob auch Braun eine M�glichkeit w�re.�</p><p>Ann sah ihn an. �Und wo ist das Rot darin?�</p><p>�Nun, in dem Wunsch, die Dinge zu bewahren, wie sie sind. Einen gro�en Teil des Landes unangetastet zu lassen. Die Areophanie.�</p><p>�Das ist immer Gr�n gewesen. Es klingt wie Gr�n mit nur einer kleinen Spur von Rot, wenn du mich fragst. Khaki.�</p><p>�Ja, das nehme ich an. Das w�ren Irishka und die Koalition des Freien Mars, nicht wahr? Aber auch gebranntes Umbras, Siennas, Alizarins und Indischrote.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� es Indischrote gibt.� Und sie lachte dunkel.</p><p>Sie lachte wirklich h�ufig, obwohl der darin ausgedr�ckte Humor oft recht bissig war. Eines Abends war Sax in seiner Kabine und sie nahe dem Bug ihres Rumpfes (sie hatte das Backbord belegt, er das Steuerbord), und er h�rte sie laut lachen, herauskommen und sich umschauen. Er dachte, es k�nnte durch den Anblick von Pseudophobos bewirkt sein (die meisten Leute nannten ihn einfach Phobos), der, auf seine alte Art, wieder schnell im Westen aufging. Die Monde des Mars segelten wieder durch die Nacht, wie kleine graue Kartoffeln, die sich kaum voneinander unterschieden. Aber es gab sie. Wie auch dieses dunkle Lachen bei ihrem Anblick.</p><empty-line/><p>Als sie sich eines Abends in ihre R�mpfe zur�ckzogen, frage Ann: �H�ltst du diese �bernahme von Clarke f�r ernst?�</p><p>�Das ist schwer zu sagen. Manchmal denke ich, es k�nnte nur eine Drohgeb�rde sein; denn wenn es ernst w�re, w�re es ziemlich dumm. Sie m�ssen wissen, da� Clarke sehr verwundbar ist hinsichtlich�� seiner Beseitigung.�</p><p>�Kasei und Dao fanden nicht, da� er leicht zu beseitigen war.�</p><p>�Nein, aber...� Sax wollte nicht sagen, da� deren Versuch verpfuscht worden war, aber er bef�rchtete, da� sie aus seinem Schweigen diese Bemerkung herauslesen k�nnte. �Wir in Da Vinci haben in der Caldera von Arsia Mons einen R�ntgenlaser installiert, der hinter einem Felsschirm in der Nordwand versteckt ist; und wenn wir ihn einschalten, wird das Kabel genau in dem areosynchronen Punkt schmelzen. Es gibt kein Verteidigungssystem, das das verhindern k�nnte.�</p><p>Ann starrte ihn an. Er zuckte die Achseln. Er war nicht pers�nlich f�r die Aktionen von Da Vinci verantwortlich, ganz gleich, was die Leute dachten.</p><p>�Aber der Fall des Kabels�, sagte sie und sch�ttelte den Kopf, �w�rde viele Menschen umbringen.�</p><p>Sax erinnerte sich, wie Peter den Sturz des ersten Kabels �berlebt hatte, indem er in den Weltraum hinausgesprungen war. Durch Zufall gerettet. Vielleicht w�rde Ann weniger leicht die Leben abschreiben, die unvermeidlich verloren gehen w�rden. Er sagte: �Das ist wahr. Es ist keine gute L�sung. Aber es k�nnte so gemacht werden, und ich k�nnte mir vorstellen, da� die Terraner das wissen.�</p><p>�Also ist es vielleicht blo� eine Drohung.�</p><p>�Ja. Sofern sie nicht darauf vorbereitet sind, noch weiter zu gehen.�</p><empty-line/><p>N�rdlich des Oxia-Archipels passierten sie die McLaughin-Bucht, die Ostseite eines �berschwemmten Kraters. N�rdlich davon war Mawrth Point und dahinter der Eingang zum Mawrth-Fjord, einem der engsten und l�ngsten Fjorde von allen. Man mu�te st�ndig lavieren, um hindurch zu fahren, wobei man von t�ckischen Winden hin und her gedr�ckt und zwischen steilen gewundenen W�nden herumgewirbelt wurde. Aber Sax schaffte es irgendwie, denn es war ein h�bscher Fjord, am Boden eines sehr tiefen und engen Ausbruchkanals, der sich erweiterte, sobald man weiter hineinfuhr. Und dahinter und �ber dem Ende des Wassers setzte sich der Canyon mit steinernem Boden weiter ins Landesinnere fort, so weit man sehen konnte und noch viele Kilometer dar�ber hinaus. Sax hoffte, Ann zeigen zu k�nnen, da� die Existenz der Fjorde nicht unbedingt das �berfluten aller Ausbruchkan�le bedeutete. Ares und Kasei hatten auch sehr lange Canyons �ber dem Meeresniveau behalten und ebenso Al-Kahira und Ma�adim. Aber er sagte nichts davon, und Ann machte keine Bemerkungen.</p><p>Nach dem Man�vrieren in Mawrth fuhr er fast genau nach Westen. Um aus der Chryse-Bucht in die Acidalia-Region des Nordmeeres zu gelangen, mu�te man sich um ein langes Landst�ck herumarbeiten, das Sinai-Halbinsel hie� und vor der Westseite von Arabia Terra in den Ozean ragte. Die Meerenge, welche die Chryse-Bucht mit dem Nordmeer verband, war 500 Kilometer breit. Aber ohne die Sinai-Halbinsel w�ren es 1500 Kilometer gewesen.</p><p>Also segelten sie nach Westen in den Wind, Tag um Tag, redend oder still. Oft kamen sie darauf zur�ck, was es bedeuten k�nnte, Braun zu sein. �Vielleicht sollte man diese Kombination Blau nennen�, sagte Ann eines Abends und blickte �ber die Seite auf das Wasser. �Braun ist nicht sehr attraktiv und riecht nach Kompromi�. Vielleicht sollten wir an etwas v�llig Neues denken.�</p><p>�Vielleicht sollten wir.�</p><p>Abends nach dem Essen und nachdem sie einige Zeit die �ber der spiegelnden Oberfl�che der See schwimmenden Sterne angeschaut hatten und sie sich in ihre Rumpfkabinen zur�ckgezogen hatten, man�vrierte der Computer sie langsam durch die Nacht und umging die gelegentlichen Eisberge, die in dieser Breite aufzutauchen begannen, und brachte sie aus der Bucht ins Nordmeer.</p><p>Es war recht angenehm.</p><p>Eines Morgens wachte Sax fr�h auf. Er war durch eine gro�e Woge unter dem Rumpf, die sein schmales Bett auf und ab stie�, aufgescheucht worden. Sein tr�umender Geist hatte das als ein riesiges Pendel gedeutet, das sie in die eine und andere Richtung schwenkte. Er zog sich etwas m�hsam an und ging an Deck. Und Ann, die an den Falleinen stand, rief: �Es scheint, da� die Grundd�nung und die Windst��e ein positives Interferenzmuster bilden.�</p><p>�Das tun sie!� Er versuchte, zu ihr zu kommen und wurde durch ein pl�tzliches Heben des Bootes in einen Cockpitsitz geschleudert. �Ah!�</p><p>Sie lachte. Er packte die Reling des Cockpits und zog sich an ihre Seite hoch. Er sah sofort, was sie meinte. Der Wind war stark, vielleicht 65 Kilometer in der Stunde, und das Winseln in der minimalen Betakelung des Bootes war laut und anhaltend. �berall auf der blauen See waren Schaumkronen zu sehen, und der �ber all das zerw�hlte Wasser brausende Wind klang ganz anders als an Land. Es gab hier unter den Milliarden platzender Blasen ein hohes, durchdringendes Kreischen und ein tiefes starkes Dr�hnen. Jede Welle hatte wei�e Kappen, und die gro�en Wogen der Gundd�nung waren von Gischt bedeckt, die von den K�mmen herunterflog und in die Wellent�ler rollte. Der Himmel war schmutzig grobe Umbra und sah sehr unheilvoll aus. Die Sonne lag verschattet wie eine matte alte M�nze, obwohl es keine Wolken gab. Grus in der Luft. Ein Staubsturm. Und jetzt nahmen die Wellen an Kraft zu, so da� der Katamaran viele lange Sekunden eine Wellenseite hochscho� und dann fast ebenso lange in das Tal der n�chsten hinunter sauste. Auf und ab in einem langen Rhythmus. Die positive Interferenz, von der Ann gesprochen hatte, lie� manche Wellen das Doppelte ihrer Gr��e gewinnen. Das Wasser, welches nicht sch�umte, nahm die Farbe des Himmels an�� br�unlich und tr�be, dunkel, obwohl immer noch keine Wolke zu sehen war, nur diese verh�ngnisvolle Farbe des Himmels. Nicht das gewohnte Rosa, sondern eher wie die von Staub erstickte Luft des Gro�en Sturms. Die wei�en Kappen lie�en in diesem Gebiet nach, und der Klang von Wasser gegen das Schiff wurde lauter, ein matschiges Rumpeln. Das Meer war hier mit br�chigem Eis bedeckt oder den dickeren elastischen Schichten aus Eiskristallen, die Nilas hie�en. Dann kamen die wei�en K�mme wieder, doppelt so dick wie zuvor.</p><p>Sax kletterte ins Cockpit und sah sich den Wetterbericht auf dem Computer an. Ein katabatischer Wind kam von Kasei Vallis herunter zur Chryse- Bucht. Ein Howler, wie die Flieger von Kasei sagen w�rden. Aber wie viele katabatische St�rme war er in einer Stunde aufgekommen und war noch ein recht lokales Ph�nomen. Daf�r aber sehr stark. Das Boot war wie auf einer Berg- und Talbahn und wackelte wie unter Hammerschl�gen der Luft, wenn es auf der riesigen Grundd�nung auf und ab scho�. An der Seite sahen die Wellen aus, als w�rden sie vom Wind umgesto�en, aber das Stampfen des Bootes zeigte, da� sie so stark wie immer dem fliegenden Gischt unterlagen. Oben hatte sich das Mastsegel fast zu einer Stange in Form einer aerodynamischen Folie zusammengezogen.</p><p>Sax beugte sich vor, um den Computer n�her zu betrachten. Der Laust�rkeregler des Piepsers war ganz heruntergedreht. Vielleicht hatte er also doch versucht, sie zu warnen.</p><p>Heftige Windst��e kamen rasch �ber die See herangebraust. Die nur vier Kilometer entfernten Horizonte halfen nichts. Die Winde auf dem Mars waren in all den Jahren der Verdichtung der Atmosph�re nie viel langsamer geworden. Unter den F��en erbebte das Schiff, als ob es durch unsichtbare Eisschollen preschte. Es schien jetzt halb loses Packeis zu sein oder das zerbrochene d�nne Scheibeneis, das w�hren der Nacht wieder leicht �berfroren war. In all der fliegenden Gischt war das schwer zu erkennen. Gelegentlich f�hlte Sax den Anprall eines gr��eren Eisbrockens. Sie waren wahrscheinlich mit einer Nordstr�mung durch die Chryse-Stra�e getrieben und wurden jetzt gegen die leeseitige K�ste der s�dlichen Sinai-Halbinsel gedr�ckt.</p><p>Sie wurden gezwungen, das Cockpit mit seiner transparenten Haube abzudecken. Unter ihrem wasserdichten Schutz wurde ihnen sofort angenehm w�rmer. Es w�rde ein echter Howler werden. Kasei Vallis diente als F�hrung f�r einen extrem kr�ftigen Luftstrom. Der Computer verzeichnete bei Santorini Windgeschwindigkeiten, die zwischen 180 und 220 Kilometern in der Stunde schwankten und ihr Tempo kaum verminderten, wenn sie den Golf �berquerten. Es war sicher immer noch ein sehr starker Wind, 160 Stundenkilometer ma� er an der Mastspitze. Die Wasseroberfl�che wurde jetzt bereits zerteilt. Abgerissene Schaumkronen schleuderten durch den Wind. Das Schiff scho� als Reaktion auf all dies nach unten, der Mast wurde eingezogen, das Cockpit bedeckt und die Luken verklemmt. Dann wurde der Seeanker, eine Art Windsack, ausgeworfen. Der zerrte unter Wasser zur Luvseite, verlangsamte ihre leeseitige Abtrift und milderte die knarrenden St��e gegen kleine Eisberge, die h�ufiger wurden, als sie sich alle leeseitig zusammendr�ngten. Jetzt mit ausgefahrenem Seeanker waren es das Packeis und die kleinen Eisberge, die mit dem Wind schneller schwammen, gegen den zum Wind gerichteten Rumpf stie�en, auch als der leeseitige Rumpf noch auf eine dicker werdende Eismasse traf. Beide R�mpfe waren gr��tenteils unter Wasser. Das Schiff wurde praktisch zu einer Art U-Boot, das an der Oberfl�che lag und knapp darunter. Die St�rke des Materials konnte jeden Sto� aushalten, den selbst ein Howler und eine leeseitige K�ste von Eisbergen aus�ben w�rden. Es konnte sogar Kr�fte aushalten, die um einige Gr��enordnungen st�rker waren. Aber die Schwachpunkte waren, wie Sax �berlegte, als er hart gegen Sitzgurt und Schulterharnisch gesto�en wurde und sich grimmig an der Ruderpinne und der R�ckenlehne festhielt, ihre K�rper. Der Katamaran erhob sich auf einer Woge, sank mit einem �belkeit verursachenden Sto� nach unten, stie� gegen einen gro�en Eisberg, so da� er stoppte und Sax atemlos in die Halterungen geschleudert wurde. Es sah so aus, als k�nnten sie totgesch�ttelt werden�� ein unangenehmer Abgang, wie er allm�hlich begriff. Innere Organe konnten durch die Sitzgurte besch�digt werden. Aber wenn sie sich losschnallten, w�rden sie im Cockpit umherfliegen, gegeneinander oder auf etwas Scharfes, bis irgend etwas zerbrach. Nein. Das war keine ertr�gliche Situation. Vielleicht w�rden die Halterungen, die er an seinem Bettgestell gesehen hatte, sanfter sein; aber die negativen Beschleunigungen, wenn das Boot gegen die Eismassen stie�, waren so abrupt, da� er zweifelte, ob die horizontale Lage besondere Erleichterung bringen w�rde.</p><p>�Ich werde sehen, ob uns der Computer in die Arigato-Bucht bringen kann�, rief er Ann ins Ohr. Sie nickte zum Zeichen, da� sie verstanden hatte. Er br�llte die Anweisung direkt in die Eingabe des Computers; und der h�rte und begriff. Das war gut so; denn es w�re schwer gewesen, es einzutasten, w�hrend das Schiff rollte, stampfte und schlingerte, wenn es auf Eis stie�. Bei all diesem Krach war es nicht m�glich, den Schiffsmotor zu beobachten, der die ganze Zeit lief. Aber ein kleiner Winkel gegen die Bodend�nung �berzeugte Sax, da� er nun st�rker arbeitete, w�hrend der Computer ihn weiter nach Westen zu dirigierte.</p><p>Unten, auf der S�dseite nahe der Spitze der SinaiHalbinsel, bildete ein gro�er �berschwemmter Krater namens Arigato eine runde Bucht. Die Einfahrt in diese Bucht lag ungef�hr bei 60 Grad vom Kreis des Kraters in s�dwestlicher Richtung. Auch Wind und Wellen kamen aus Nordwest, also genau durch die M�ndung der Bucht, die als ein niedriger Teil des alten Kraterrandes recht seicht war. Das bedeutete unruhiges Wasser und sicher eine schwierige Passage. Wenn man aber erst einmal in der Bucht war, w�rde die Grundd�nung durch eben diesen Rand abgeschnitten sein und Wellen wie Wind stark geschw�cht, besonders wenn man hinter das westliche Kap der Bucht gelangte. Dort k�nnten sie den Howler abwarten und danach weiterfahren. Theoretisch war das ein ausgezeichneter Plan, obwohl Sax Bedenken wegen der Bedingungen in der M�ndung der Bucht hatte. Die Karte zeigte, da� sie nur zehn Meter tief war, wodurch die Grundd�nung sicher gebrochen wurde. Andererseits k�nnte in einem Schiff, das zu einer Art U-Boot geworden war (und trotzdem weniger als zwei Meter Tiefgang hatte), das Zurechtkommen mit den Brandungswellen kein gro�es Problem sein. Man ging einfach mit ihr. Der Computer schien seine Anweisungen im Rahmen des M�glichen zu erf�llen, denn das Schiff hatte den Seeanker eingeholt und bahnte sich mit seinen starken kleinen Motoren seinen Weg gegen Wind und Wellen auf die Bucht hin, die nicht zu sehen war. In der schmutzigen Luft war nichts von der Lee-K�ste erkennbar.</p><p>Sie hielten sich an der Cockpit-Reling fest und warteten schweigend die Strecke ab. Es war wenig zu sagen; und das dr�hnende Gebr�ll des Howlers machte die Verst�ndigung schwierig. Sax wurden durch das Festhalten H�nde und Arme sehr ersch�pft, aber man konnte nichts dagegen tun, au�er das Cockpit aufzugeben und sich in den Betten anzuschnallen. Das wollte er aber nicht. Trotz der Unbequemlichkeit und der qu�lenden Sorge wegen der Eintritts in die Bucht war es ein au�ergew�hnliches Erlebnis zu sehen, wie der Wind die Wasseroberfl�che zerst�ubte.</p><p>Eine kleine Weile sp�ter (obwohl der Computer angab, da� es 72 Minuten gewesen waren) bekam Sax Landsicht�� ein dunkler Streifen �ber den Schaumkronen an der Leeseite. Da� man ihn sah, bedeutete, da� sie vielleicht zu nahe dran waren; aber voraus verschwand er und kam weiter westlich wieder zum Vorschein. Der Eingang der Arigato-Bucht. Die Ruderpinne bewegte sich gegen sein Knie, und er bemerkte eine �nderung im Kurs des Bootes. Zum ersten Mal konnte er das Summen der kleinen Motoren im Heck der beiden R�mpfe h�ren. Das Knarren gegen das Eis wurde gr�ber, und sie mu�ten sich gut festhalten. Jetzt wurden die Wellen der Grundd�nung h�her, die Schaumkronen wurden abgerissen und weggeschleudert; aber der gr��te Teil jeder Woge blieb erhalten und stieg hoch, wenn er auf Grund traf. Und jetzt konnte er in der �ber das Wasser gleitenden Gischt Eisschollen erkennen und gr��ere Brocken�� klar, blau, jade, aquamarin, genarbt, roh, glasig. Es mu�te eine Menge Eis gegen die vor ihnen liegende Leek�ste getrieben worden sein. Wenn die M�ndung der Bucht mit Eis verstopft war und trotzdem Wellen �ber diese Schranke brachen, w�rde es wirklich eine �ble Passage werden. Und danach sah es aus. Sax rief dem Computer ein paar Fragen zu, aber dessen Antworten waren unbefriedigend. Er schien zu sagen, da� das Schiff jeden Sto� vertragen w�rde, den die Situation mit sich bringen k�nnte, aber da� die Motoren es nicht durch Packeis zu fahren vermochten. Und tats�chlich wurde das Eis rasch dicker. Es schien, als ob sie allm�hlich von einer lockeren Masse gro�er Schollen umgeben w�rden, die �ber die ganze Bucht vom Wind an die K�ste getrieben wurden. Deren Knirschen und Krachen war jetzt eine deutliche Komponente in dem �berw�ltigenden L�rm des Sturms. Es sah tats�chlich so aus, als w�rde es jetzt schwierig werden, mit Motorkraft der Lage zu entkommen, direkt von der K�ste weg in den Wind und die Wellen und hinaus auf See. Jetzt, da er wirklich hier hinaus wollte und von Wellen auf und ab gesch�ttelt wurde, die immer gr��er und wilder wurden, war das Kentern eine ernste Gefahr. Aber wegen der unerwarteten Dicke des Eises war ihnen die Chance, sich von der K�ste zu entfernen, wohl verschlossen. Sie hatten also einen harten Kampf vor sich.</p><p>Ann schien sich in ihren Halterungen nicht wohl zu f�hlen. Sie hielt sich mit Leibeskr�ften an der Cockpitreling fest, was Sax eine gewisse Beruhigung gab. Sie zeigte durchaus keine Neigung loszulassen. Er beugte sich hin�ber, so da� er ihr ins Ohr br�llen konnte, und drehte sich dann so, da� er sie zu h�ren vermochte.</p><p>�Hier k�nnen wir nicht bleiben!� rief sie. �Wenn wir schlappmachen, wird es uns wie die Puppen zerrei�en!�</p><p>�Wir k�nnen uns in unseren Betten anschnallen�, schrie Sax zur�ck.</p><p>Sie machte m�rrisch ein zweifelndes Gesicht. Und es stimmte, da� diese L�sung auch nicht besser sein w�rde. Er hatte das nie probiert; und man mu�te erst herausfinden, ob man auf diese Weise �berhaupt sicherer w�re. Der Wind kreischte erstaunlich laut, das Wasser brauste und das Eis donnerte. Die Wellen wurden immer noch gr��er. Wenn sich das Schiff hob, dauerte es zehn oder zw�lf herzzerrei�ende Sekunden, bis es wieder in die Tiefe scho�. Und wenn sie wieder hoch kamen, sahen sie Eisschollen zwischen den Wogen, die mit der fliegenden Gischt auf ihre Kollegen runterkrachten und manchmal auch auf die R�mpfe und das Deck des Bootes und auf die transparente Cockpith�lle und zwar mit einer Wucht, die sie mit dem ganzen K�rper f�hlen konnten.</p><p>Sax beugte sich hin�ber, um Ann wieder etwas ins Ohr zu schreien. �Ich glaube, dies ist eine der Situationen, wo wir die Rettungsbootfunktion benutzen sollten.�</p><p>�...Rettungsboot?� fragte Ann.</p><p>Sax nickte. Er rief: �Dies Schiff ist sein eigenes Rettungsboot! Es kann fliegen!�</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Es fliegt!�</p><p>�Du machst Witze!�</p><p>�Nein! Ein Luftschiff!� Er beugte sich vor und hielt den Mund ihr direkt ans Ohr. �Die R�mpfe, Kiele und der Boden des Cockpits werfen ihren Ballast ab. Sie f�llen sich aus den Heliumtanks im Bug. Und es entfalten sich Ballons. Man hat mir das dort in Da Vinci gesagt, aber ich habe es nie gesehen! Ich dachte nicht, da� wir es brauchen w�rden!� Das Schiff konnte aber auch zum U-Boot werden, hatten sie ihm in Da Vinci erkl�rt, stolz und h�chst befriedigt �ber die Vielseitigkeit des neuen Vehikels. Aber das Packeis vor der Leek�ste verwehrte ihnen diese M�glichkeit, was Sax nicht bedauerte. Aus keinem besonderen Grund erschien ihm die Idee, mit dem Boot nach unten zu gehen, nicht besonders verlockend.</p><p>Ann zog sich, �ber diese Mitteilung erstaunt, nach hinten. Sie rief: �Wei�t du, wie man es fliegt?�</p><p>�Nein!�</p><p>Vermutlich w�rde sich der Computer darum k�mmern. Falls sie in die Luft steigen k�nnten. Es kam nur darauf an, den Notschalter zu finden und die richtigen Schalter umzulegen. Sax deutete auf das Kontrollpaneel, um seinen Gedanken auszudr�cken. Dann beugte er sich vor, um ihr etwas ins Ohr zu schreien. Ihr Kopf schwenkte herum und stie� ihn heftig auf Nase und Mund. Er blinzelte wegen des heftigen Schmerzes, und das Blut lief ihm aus der Nase wie Wasser aus einem Hahn. Ein Zusammensto�, genau wie die zwei Planetesimale. Er grinste und �ffnete die Lippen noch etwas weiter. Das war ein schmerzhafter Irrtum. Er leckte und leckte und schmeckte sein Blut. Er br�llte: �Ich liebe dich!� Sie h�rte ihn nicht.</p><p>�Wie starten wir es?� rief Ann.</p><p>Er deutete wieder auf das Kontrollpaneel und dann den Computer daneben. Das Schaltbrett f�r den Notfall befand sich unter einer Schutzkappe.</p><p>Aber wenn sie sich entschlossen, durch die Luft zu fliehen, w�rde das einen gef�hrlichen Moment mit sich bringen. Wenn sie sich erst einmal mit der Geschwindigkeit des Windes bewegten, m��te man auf das Boot nur sehr wenig Kraft aus�ben. Sie w�rden einfach dahinschweben. Aber in dem Moment des Abhebens, w�hrend sie noch fast stillstanden, w�rde der Howler scharf an ihnen zerren. Sie w�rden wahrscheinlich taumeln; und das k�nnte die Ballons behindern, so da� das Boot wieder in die von Eis erstickten Brecher zur�ck oder auf die Leek�ste geworfen w�rde. Er sah, da� Ann die gleichen Gedanken erwog. Aber�� was auch immer geschah, es d�rfte den knochenbrechenden St��en vorzuziehen sein, die sie st�ndig sch�ttelten. Es w�re nur vor�bergehend�� so oder so.</p><p>Ann sah ihn an und bei seinem Anblick verfinsterte sich ihre Miene. Wahrscheinlich wegen seines vermanschten Gesichts. Sie.rief: �Es ist einen Versuch wert!�</p><p>Also entfernte Sax die Schutzkappe von der Notkonsole und legte mit einem letzten Blick auf Ann, wobei sich ihre Augen begegneten mit einem Blick, den er nicht genau deuten konnte, der ihn aber erw�rmte, die Finger auf die Schalter. Das Schiff fiel irgendwie ins Wellental, traf mit dem gewohnten Ruck auf die br�llenden Wogen, h�pfte dann direkt hoch und davon. Es stieg auf und kippte seitlich �ber den leeseitigen Rumpf, so da� sie in ihren Gurten hingen. Die Ballons hatten sich zweifellos verhakt, und die n�chste Welle w�rde sie kentern lassen, und das w�re es dann gewesen. Aber dann zog sich das Boot �ber Eis, Wasser und Gischt davon, fast ohne Kontakt, und rollte sie Hals �ber Kopf in ihren Halterungen. Ein wildes Intervall des Taumeins, und dann richtete sich das Boot selbst auf und fing an, wie ein gro�es Pendel hin und her zu schwingen, von einer Seite nach der anderen, von vorn nach hinten, und dann wieder kopf�ber zur�ck. Dann richtete es sich wieder auf und fing wieder an zu schaukeln. Auf, auf, auf, hin und her geworfen. Festhalten! Sein Schultergurt l�ste sich, und seine Schulter stie� gegen die von Ann, als ob er gegen sie gepre�t w�re. Die Ruderpinne schlug gegen sein Knie. Er hielt sich daran fest. Noch ein Zusammenprall; und er hielt sich, in seinem Sitz verdreht, an Ann fest. Er packte sie, und danach waren sie wie siamesische Zwillinge, die Arme einander um die Schultern gelegt und in Gefahr, sich gegenseitig bei jedem Sto� die Knochen zu brechen. Sie schauten sich eine Sekunde lang an, die Gesichter nur um Zentimeter getrennt und Blut an beiden von dem einen oder anderen Schnitt. Wahrscheinlich war es nur von seiner Nase. Ann sah teilnahmslos aus. Sie sch�ssen in den Himmel empor.</p><p>Sein Schl�sselbein schmerzte da, wo Anns Stirn oder Ellbogen es getroffen hatte. Aber sie flogen immer h�her in ihrer unbequemen Umarmung. Und als das Schiff auf ann�hernd die Geschwindigkeit des Windes beschleunigt war, lie� die Turbulenz stark nach. Die Ballons schienen durch Gurte mit der Mastspitze verbunden zu sein. Gerade, als Sax dann auf eine Art zeppelinartiger Stabilit�t zu hoffen begann, ja sie sogar erwartete, scho� das Schiff senkrecht hoch und fing wieder sein schreckliches Taumeln an. Ohne Zweifel ein Aufwind. Sie waren jetzt wahrscheinlich �ber Land; und es war recht gut m�glich, da� sie wie ein Hagelkorn in einen Gewitterkopf hochgesogen wurden. Auf dem Mars gab es Gewitterk�pfe von zehn Kilometern H�he, die oft von weit entfernten S�dhowlern ihre Kraft erhielten; und lange Zeit flogen Hagelk�rner darin auf und ab. Manchmal erreichten Hagelk�rner die Gr��e von Kanonenkugeln, bevor sie herunterkrachten. Sie zerst�rten Getreidefelder und t�teten sogar Menschen. Und wenn sie beide jetzt in zu gro�e H�he gerissen w�rden, konnten sie den H�hentod sterben wie jene fr�hen Ballonfahrer in Frankreich. Waren es die Montgolfiers selbst, denen das passiert war? Sax konnte sich nicht erinnern. Auf und auf durch Wind und roten Dunst brechend, keine Chance, sehr weit zu sehen.</p><p>BUM! Sax sprang hoch, stie� gegen seinen Sitzgurt und kam hart herunter. Donner dr�hnte in einer Lautst�rke um sie herum, die gut �ber 130 Dezibel sein mu�te. Ann schien dagegen taub zu sein. Er r�ckte nach der Seite und drehte ihr Ohr, um ihren Kopf so zu wenden, da� er ihr Gesicht sehen konnte. �He!� schrie sie, obwohl es f�r ihn in dem Brausen des Windes nur wie ein Fl�stern klang. �Es tut mir leid�, sagte er, obwohl er sicher war, da� sie ihn nicht h�ren w�rde. Es war zum Sprechen zu laut. Sie rotierten wieder, aber ohne starke Zentrifugalkraft. Das Boot kreischte, als der Wind es hochstie�. Dann tauchten sie hinab, und seine Trommelfelle schmerzten bis zum Platzen. Er wackelte mit seinen Kinnbacken nach hinten und vorn, nach hinten und vorn. Dann wurden sie wieder schmerzhaft in die H�he gerissen. Er fragte sich, wie hoch sie kommen w�rden. Sehr wahrscheinlich w�rden sie an der d�nnen Luft sterben. Obwohl die Techniker von Da Vinci vielleicht daran gedacht haben k�nnten, das Cockpit unter Druck zu setzen. Wer konnte das schon wissen? Es gefiel ihm, das Boot als ein Kleinluftschiff zu verstehen oder zumindest als ein System, das die H�henanpassung beherrschte. Nicht, da� man hier viel gegen solche Auf- und Abwinde tun konnte. Pl�tzlich prasselte Hagel gegen die Kappe des Cockpits. Auf dem Notpaneel waren kleine Kippschalter angebracht. In einem Moment weniger heftiger St��e gelang es ihm, sein Gesicht weit genug nach unten zu neigen, um das in dem Paneel eingesetzte Terminal abzulesen. H�he... nicht deutlich. Er versuchte zu berechnen, wie hoch das Boot steigen w�rde, ehe es durch sein Eigengewicht in die Horizontale gezwungen w�rde. Das war schwer, wenn er weder das aktuelle Gewicht des Schiffs kannte noch die Menge des freigesetzten Heliums.</p><p>Dann sch�ttelte sie irgendeine Turbulenz im Sturm wieder durch. Rauf, runter, rauf; dann wieder runter, immer viele Sekunden hintereinander. Sax sa� der Magen im Hals. Die Nase lief oder blutete st�ndig. Dann wieder hoch. Auch nach Luft schnappen. Er fragte sich wieder, wie hoch sie wohl w�ren und ob sie immer noch aufstiegen. Aber drau�en, au�erhalb der H�lle des Cockpits, war nichts zu sehen. Nichts als Staub und Wolken. Er schien nicht Gefahr zu laufen, ohnm�chtig zu werden. Ann hing reglos neben ihm, und er wollte sie wieder am Ohr zupfen, um zu sehen, ob sie bei Bewu�tsein w�re. Aber er konnte seinen Arm nicht bewegen. Er stie� sie mit dem Ellbogen in die Seite. Sie stie� zur�ck. Wenn er sie zu stark gesto�en hatte, w�rde er daran denken, das n�chste Mal sanfter vorzugehen. Er versuchte einen leichten Sto� mit dem Ellbogen und f�hlte als Antwort einen weniger heftigen Sto�. Vielleicht konnten sie auf Morsecode �bergehen. Er hatte ihn als Junge ohne jeden Grund gelernt und konnte ihn jetzt in seinem wiedergeborenen Ged�chtnis genau h�ren�� jeden Punkt und Strich. Aber vielleicht hatte Ann ihn nicht gelernt, und jetzt war keine Zeit f�r Unterricht.</p><p>Die heftige Fahrt ging so lange weiter, da� er es gar nicht absch�tzen konnte. Eine Stunde? Der L�rm lie� mit einemmal so weit nach, da� sie sich durch Zurufe verst�ndigen konnten; und das taten sie, w�hrend es m�glich war. Eigentlich gab es nicht viel zu sagen.</p><p>�Wir stecken in einem Gewitterkopf!�</p><p>�Ja!�</p><p>Dann zeigte sie mit einem Finger nach unten. Da waren rosa Kleckse. Und sie sanken rasch. Ihre Trommelfelle schmerzten wieder. Sie wurden wie Hagel von der Wolke ausgespien. Rosa. Braun. Staub. Amber. Umbra. Ach ja, die Oberfl�che des Planeten. Sie sah aus der Luft nicht viel anders aus als von unten. Abstieg. Er erinnerte sich, da� er und Ann beim allerersten Mal im gleichen Landevehikel heruntergekommen waren.</p><p>Jetzt eilte das Schiff unterhalb der Wolkendecke in Hagel und Regen dahin. Aber das Helium konnte sie wieder,nach oben in die Wolke hineinziehen. Sax dr�ckte einen kleinen Schalter auf dem Paneel, und das Schiff begann, sich zu senken. Ein Paar kleiner Kippschalter. Deren Bedienung schien das Boot nach vorn zu kippen und anzuheben. Lagesteuerung. Er dr�ckte sie sanft nach unten.</p><p>Sie schienen sich im Sinkflug zu befinden. Und nach einer Weile wurde es unten klarer. Sie konnten gezackte Bergketten und Mesas erkennen. Das w�rde dann die Cydonia Mesa auf dem Festland von Arabia Terra sein. Kein guter Platz zum Landen.</p><p>Aber der Sturm trug sie weiter, und bald waren sie �ber dem Osten von Cydonia jenseits der ebenen Fl�chen von Arabia. Jetzt mu�ten sie bald hinuntergehen, ehe sie �ber das Nordmeer getrieben w�rden, das ebenso wild und voller Eis sein k�nnte, wie Chryse es gewesen war. Unten lag ein Fleckenteppich von Feldern, Obstg�rten, Bew�sserungskan�len und sich windenden Fl�ssen, die von B�umen ges�umt waren. Farmh�user dr�ngten sich in kleinen D�rfern zusammen. Auf den Feldern nur Nebengeb�ude, Scheunen und Ger�teschuppen. Eine ganz flache, liebliche l�ndliche Gegend. �berall Wasser. Diesmal kamen sie langsam herunter. Anns H�nde waren in dem tr�ben Nachmittagslicht bl�ulich wei� und ebenso seine.</p><p>Er f�hlte sich sehr m�de und ri� sich zusammen. Die Landung w�rde wichtig sein. Er dr�ckte fest auf die Lagesteuerung.</p><p>Sie sanken schneller, wurden �ber eine Baumreihe getrieben, dann hinab und rasch �ber ein breites Feld. Das war am anderen Ende bew�ssert. Braunes Regenwasser f�llte die Furchen. Dahinter war ein Obstgarten, und eine Wasserlandung w�rde sicher gut sein. Aber sie bewegten sich horizontal recht schnell und waren immer noch vielleicht zehn oder f�nfzehn Meter �ber dem Feld. Sax schob die Haltungskontrollen voll nach vorn und sah, wie die unteren R�mpfe sich wie tauchende Delphine nach unten wendeten; und das Schiff kippte auch; und dann kam das Land direkt auf sie zu. Braunes Wasser, gro�es Platschen, wei�e Wellen, die sich nach beiden Seiten entfernten; und sie wurden durch schlammiges Wasser gezerrt, bis das Boot direkt in eine Reihe junger B�ume rutschte und mit einem Ruck stehenblieb. Unten an der Baumreihe liefen eine Schar von Kindern und ein Mann auf sie zu. Ihre M�nder bildeten alle ein perfektes O.</p><p>Sax und Ann rappelten sich in sitzende Haltung auf. Sax �ffnete die Kapsel des Cockpits. Braunes Wasser str�mte �ber das Schanzdeck. Ein windiger, dunstiger Tag in der l�ndlichen arabischen Gegend. Das eindringende Wasser f�hlte sich ausgesprochen warm an. Anns Gesicht war na�, und ihr Haar stand in wilden B�scheln hoch, als w�re sie auf dem elektrischen Stuhl gewesen. Sie l�chelte etwas verkrampft und sagte: �Gut gemacht.�</p></section></section><section><title><p>VIERZEHNTER TEIL</p><p>Phoenix-See</p></title><section><p><emphasis>Ein Kanonenschu�, Glockengel�ut, ein Chor sang den Kontrapunkt.</emphasis></p><p><emphasis>Die Dritte Mars-Revolution war so komplex und gewaltfrei, da� sie seinerzeit schwer �berhaupt als eine Revolution zu erkennen gewesen war. Mehr wie eine Ver�nderung in einer anhaltenden Diskussion, ein Gezeitenwechsel, eine Unterstreichung des Gleichgewichts.</emphasis></p><p><emphasis>Die �bernahme des Aufzugs war die Saat der Krise, aber dann, als das terranische Milit�r ein paar Wochen sp�ter am Kabel herunterkam, flammte die Krise �berall zugleich auf. An der K�ste des Nordmeers auf einer kleinen Auszackung am Ufer von Tempe Terra fiel eine Schar von Landetruppen vom Himmel, unter Fallschirmen baumelnd oder auf fahlen Feuerw�lkchen herunterblitzend. Eine ganze neue Kolonie, ein nicht autorisiertes Eindringen von Immigranten. Die Gruppe kam aus Kambodscha. An verschiedenen Pl�tzen auf dem Planeten kamen andere L�nder mit Siedlern aus den Philippinen, Pakistan, Australien, Japan, Venezuela und New York herunter. Die Marsianer wu�ten nicht, wie sie reagieren sollten. Sie waren eine demilitarisierte Gesellschaft, die keine Ahnung hatte, da� so etwas je passieren konnte und keinen Weg wu�te, um sich zu verteidigen. So etwa dachten sie.</emphasis></p><p><emphasis>Wieder einmal war es Maya, die sie zum Handeln trieb und das Handy so instrumentalisierte, wie Frank es zu tun pflegte. Sie riefjedermann in der offenen Marskoalition an und viele andere au�erdem, um die allgemeine Antwort aus dem Boden zu stampfen. Sie sagte zu Nadia. �Komm, mach schon!� Wieder einmal. Und so verbreitete sich durch die St�dte und D�rfer die Kunde, und die Leute gingen auf die Stra�en oder bestiegen Z�ge nach Mangala.</emphasis></p><p><emphasis>An der K�ste von Tempe stiegen die kambodschanischen Siedler aus ihren Landern und gingen zu den kleinen Schutzr�umen, die mit ihnen abgeworfen worden waren, genau wie es die Ersten Hundert vor zwei Jahrhunderten gemacht hatten. Und aus den Bergen kamen Leute mit Pelzen und mit Pfeilen und Bogen. Sie hatten die roten Eckz�hne der Roten, und ihr Haar war in Knoten auf dem Kopf verschlungen. Sie sagten zu den Siedlern, die sich vor einem ihrer Schutzr�ume versammelt hatten: Hier, la�t uns euch helfen. Legt diese Waffen nieder. Wir werden euch zeigen, wo ihr bleiben k�nnt. Ihr braucht keine solchen Schutzr�ume. Das ist eine alte Konstruktion. Dieser H�gel, den ihr da im Westen seht, ist der Krater Perepelkin. Auf seinem Ausl�ufer gibt es schon Apfel- und Kirschbaumhaine. Ihr k�nnt nehmen, was ihr braucht. Schaut, hier sind die Pl�ne f�r ein Scheibenhaus. Das ist f�r diese K�ste die beste Konstruktion. Dann werdet ihr eine Marina brauchen und etliche Fischerboote. Wenn ihr uns euren Hafen benutzen la�t, werden wir euch zeigen, wo die Tr�ffel wachsen. Jawohl, ein Scheibenhaus nach Sattelmeier. Es ist angenehm, in der freien Luft zu leben. Ihr werdet sehen.</emphasis></p><p><emphasis>Alle Zweige der Marsregierung hatten sich in Mangala im Sitzungssaal getroffen, um der Krise zu begegnen. Die Mehrheit des Freien Mars im Senat, der Exekutivrat und der Globale Umwelthof�� sie alle waren sich einig, da� das illegale Eindringen von Terranern als Akt der Aggression einem Krieg gleichk�me, der mit gleicher M�nze heimgezahlt werden m�sse. Es kamen vom Parkett des Senats Vorschl�ge, da� man Asteroiden gegen die Erde schicken k�nnte als Bomben, die nur abgelenkt w�rden, wenn die Immigranten heimkehrten und der Aufzug wieder einem System dualer Kontrolle unterstellt w�rde. Es w�rde nur eines Schlages bed�rfen, und man h�tte ein Kilotonnenereignis und so weiter. UN-Diplomaten auf der Szene legten dar, da� das ein zweischneidiges Schwert war.</emphasis></p><p><emphasis>In diesen angespannten Tagen klopfte es an der T�r des Sitzungssaals in Mangala, und herein kam Maya Toitovna. Sie sagte: �Wir w�nschen zu sprechen.�</emphasis></p><p><emphasis>Dann winkte sie eine drau�en wartende Menge herein und scheuchte sie auf ein Podium wie ein ungeduldiger Sch�ferhund: Zuerst Sax und Ann, die Seite an Seite gingen, dann Nadia und Art, Tariki und Nanao, Zeyk und Nazik, Mikhail, Wasili, Ursula und Martina und sogar Coyote. Die alten Issei waren wiedergekommen, um sie im jetzigen Moment heimzusuchen, wieder auf die B�hne zu treten und zu sagen, was sie dachten. Maya wies auf die Bildschirme des Saals, die Bilder von der Au�enseite des Geb�udes zeigten. Die Gruppe auf der B�hne zog sich jetzt in einer ununterbrochenen Reihe durch die Korridore des Geb�udes bis auf die gro�e zentrale Plaza vor der See hin, wo eine halbe Million Menschen versammelt waren. Auch die Stra�en der Stadt waren gedr�ngt voller Leute, die die Schirme betrachteten, um zu sehen, was im Sitzungssaal geschah. Und drau�en in der Chalmers-Bucht sammelte sich eine Flotte von Stadtschiffen, als ob sie ein neues Archipel bilden wollten, mit Flaggen und Bannern an den Masten. Und in jeder Stadt auf dem Mars waren die Massen drau�en und die Schirme eingeschaltet. Jeder konnte jeden sehen.</emphasis></p><p><emphasis>Ann ging zum Podium und sagte ruhig, da� die Regierung des Mars in den letzten Jahren sowohl das Gesetz gebrochen wie auch den Geist des menschlichen Mitgef�hls verletzt h�tte, indem sie die Einwanderung zum Mars verboten hatte. Die Leute auf dem Mars w�nschten das nicht. Sie brauchten eine neue Regierung. Das war ein Mi�trauensvotum. Das neue Eindringen terranischer Siedler w�re auch illegal und inakzeptabel. Aber die Regierung des Mars h�tte das Gesetz zuerst verletzt. Und die Anzahl der Siedler bei diesem Eindringen sei nicht gr��er als die Zahl legitimer Siedler, denen durch die jetzige Regierung das Kommen verwehrt w�rde. Ann sagte, der Mars m��te f�r Einwanderung von der Erde in Anbetracht der physischen Einschr�nkungen f�r die Dauer der Bev�lkerungsschwemme so offen wie m�glich stehen. Diese Jahre w�rden nicht mehr lange andauern. Ihre Pflicht gegen�ber ihren Nachkommen sei es, die letzten dieser drangvollen Jahre in Frieden durchzustehen. �Nichts, was jetzt auf dem Tisch ist, ist einen Krieg wert. Wir haben ihn erlebt, und wir kennen ihn.�</emphasis></p><p><emphasis>Dann schaute Ann �ber die Schulter auf Sax, der als n�chster an die Mikrophone ging. Er sagte: �Der Mars mu� gesch�tzt werden.� Die Biosph�re war neu, ihre Kapazit�t begrenzt. Er besitzt nicht die physikalischen Ressourcen der Erde, und ein gro�er Teil seines freien Landes mu� aus physischer Notwendigkeit leer bleiben. Das m��ten die Terraner begreifen und nicht die lokalen Systeme vergewaltigen. Wenn sie das t�ten, w�rde der Mars �berhaupt niemandem n�tzen. Gewi� gebe es auf der Erde ein ernstes Bev�lkerungsproblem, aber der Mars allein sei nicht die L�sung. ��ber die Beziehung zwischen Erde und Mars mu� neu verhandeltwerden.�</emphasis></p><p><emphasis>Sie begannen mit diesen neuen Verhandlungen. Sie baten den UN-Vertreter, heraufzukommen und das gewaltsame Eindringen zu erkl�ren. Sie debattierten, stritten undprotestierten und schrien einander ins Gesicht. Drau�en im Hinterland traten Ortsans�ssige Siedlern entgegen, und manche von ihnen auf beiden Seiten drohten mit Gewaltanwendung. Andere traten auf und fingen an zu reden, zu beschwatzen, zu schimpfen, zu streiten und zu schachern. Und es gab Streit. Bei jeder Stelle des Prozesses und an tausend verschiedenen Orten konnte es zu Gewaltt�tigkeiten kommen. Viele Leute waren w�tend, aber k�hlere K�pfe �berwogen. Es blieb meist bei Diskussionen. Viele f�rchteten, das k�nnte nicht so weitergehen, und viele hielten es nicht f�r m�glich. Aber es geschah, und die Leute auf der Stra�e sahen es und hielten die friedliche L�sung in Gang. Aber bei manchen Punkten mu�te die Ver�nderung der Werte ihren Ausdruck finden. Und warum nicht hier? Warum nicht jetzt? Auf dem Planeten gab es nur sehr wenige Waffen; und es war schwer, jemanden ins Gesicht zu schlagen oder mit der Mistgabel zu stechen, wenn dieser vor einem stand und argumentierte. Das war der Moment der Wandlung, Geschichte im Entstehen. Und das konnten sie direkt vor sich sehen in den Stra�en, auf den bewohnten H�geln und den Bildschirmen. Eine labile Geschichte, die direkt in ihrer Hand lag. Und so ergriffen sie den Moment und gaben ihm eine neue Wendung. Sie �berredeten sich selbst dazu. Ein neuer Vertrag mit der Erde. Ein vielk�pfiger Friede. Die Verhandlungen w�rden Jahre dauern. Wie ein Chor im Kontrapunkt, der eine gro�e Fuge singt.</emphasis></p><p><emphasis>Schlie�lich wird das Kabel wiederkommen und uns heimsuchen. Das habe ich die ganze Zeit gesagt. Du nicht, du hast das Kabel geliebt. Deine einzige Beschwerde war, da� es zu langsam sei. Du sagtest, man kann schneller zur Erde kommen als zu Clarke. Das stimmt, das kannst du, es ist lachhaft. Aber du mu�t zugeben, da� es nicht dasselbe ist wie zu sagen, da� das Kabel zur�ckk�me und uns heimsuchen w�rde. Kellner, he, Kellner! Wir wollen eine Runde wei�en Tequila! Und Zitronenschnitze. Wir arbeiteten am Sockel, als sie herunterkamen. Die innere Kammer hatte keine Chance, aber die Sockelmuffe ist ein gro�es Geb�ude. Ich wei� nicht, ob sie einen Plan hatten, der nichtfunktionierte, oder ob sie einfach keinen Plan hatten. Aber als dann der dritte Waggon kam, war die Muffe versiegelt; und sie waren die stolzen Herren von 37000 Kilometern eines toten Endes. Das war dumm. Es war ein Alptraum. Diese F�chse kamen herein, und zwar nur bei Nacht, so da� sie wie W�lfe aussahen, nur viel schneller waren sie. Und sie gingen direkt an die Kehle. Eine Heimsuchung von tollw�tigen F�chsen. Mann, das war ein Alptraum. Ganz wieder so wie 2128. Ich wei� nicht, ob das wahr ist oder nicht; aber sie waren da, terranische Polizei in Sheffield! Und als die Eeute das h�rten, gingen sie alle auf die Stra�e. Die Stra�en waren richtig voll. Ich bin nicht gro�, und manchmal wurde mein Gesicht direkt in die R�cken oder zwischen die Br�ste der Frauen gequetscht. Ich h�rte es von einer Nachbarin im n�chsten Apartment nur f�nf Minuten, nachdem es geschah; und sie hatte es von einer Freundin erfahren, die drau�en nahe der Muffe wohnt. Die Reaktion des Volkes auf die �bernahme der unteren Einrichtung des Kabels war rasch und st�rmisch. Diese UN-Sturmtruppen wu�ten nicht, was sie mit uns machen sollten. Eine Abteilung versuchte, die Hartz Plaza zu erobern, und wir sind einfach um sie herum gestr�mt, haben uns von ihrer Front entfernt und in die Seiten gedr�ngt, so da� es eine Art von Vakuumeffekt gab. Der knurrende tollw�tige D�mon mit Schaum im Gebi� an meiner Kehle war ein scheu�licher Alptraum. Wir haben sie direkt zum Randpark geschafft, und die verdammten Sternenschiffsoldaten h�tten sich dort keinen Zentimeter bewegen k�nnen, ohne Tausende von Menschen abzuschlachten. Menschen in den Stra�en sind das einzige, wovor Regierungen sich f�rchten. Nun ja, oder Enden von Amtsperioden oder freie Wahlen! Oder Mord. Oder ausgelacht zu werden�� ha-ha-ha! Und es gab Schaltungen zu allen anderen St�dten und riesige Stra�enparties in allen. Wir waren in Lasswitz, und jedermann ging zum Flu�park hinunter und stand mit Kerzen in der Hand da; so da� Kameras von Overlook herunter Aufnahmen machen und dieses Meer von Kerzen sehen konnten. Es war grandios. Und Sax und Ann standen dort beieinander. Erstaunlich. Unglaublich. Sie haben die UN wahrscheinlich zu Tode ge�ngstigt, indem sie solche Reden gehalten haben. Die UN haben wohl gedacht, wir h�tten Ger�te f�r Gedanken�bertragung, mit denen wir sie anzapfen k�nnten. Was mir gefiel, war sp�ter, als Peter zu einer neuen Wahl f�r die F�hrung der Roten Partei aufrief und Irishka aufforderte, sie sofort hier auf der Stelle per Handy abzuhalten. Solche Parteisachen sind eigentlich gewichtige Herausforderungen und m�ssen von Hand zu Hand erledigt werden. Falls Irishka sich geweigert h�tte, eine Wahl zu veranstalten, w�re sie ohnehin erledigt gewesen. Darum mu�te sie sie eben ausrufen. Ihr h�ttet ihr Gesicht sehen sollen. Wir waren in Sabishii, als wir den Aufruf f�r eine Rote Wahl h�rten, und als Peter gewann, wurden wir wild. Sabishii war sofort ein Festival. Und Senzeni Na. Und Nilokeras. Und Hell�s Gate. Und Argyre Station. Ihr h�ttet das sehen sollen. Nun, es war ein Ergebnis von sechzig zu vierzig. In Argyre wurde es verr�ckt, weil so viele, die hinter Irishka standen, auf einen Kampf begierig waren. Es ist Irishka, die das Argyre- Becken gerettet hat und jeden trockenen Fleck auf diesem Planeten, wenn ihr mich fragt. Peter Clayborne ist blo� ein alter Nisei, er hat nie etwas getan. Kellner, Kellner1. Eine Runde Wei�bier, bitte! Diesen kleinen Terranern Nahrung bringen. Hatten keine Ahnung. Nirgal sch�ttelte jedem von ihnen die Hand. Der Doktor sagt, woher habt ihr den raschen Verfall bekommen? Das war ein abscheulicher Alptraum. Es war eine �berraschung, da� Ann mit Sax zusammenarbeitete. Das sah wie ein Theaterst�ck aus. Nicht, wenn ihr aufgepa�t habt. Sie sind zusammen gereist und alles. Ihr m��t auf der Venus gewesen sein oder so. Die Braunen, die Blauen, es ist bl�d. Wir h�tten schon l�ngst so etwas tun sollen. Nun, warum sich so viele Sorgen machen; sie sind schon weg. In zehn Jahren wird nicht ein einziger mehr von ihnen �brig sein. Seid euch dessen nicht zu sicher. Freut euch dar�ber nicht zu sehr. Du bist nur ein paar j�hre j�nger, du Idiot. Oh, es war eine sehr interessante Woche. Wir haben in den Parks geschlafen, und alle waren sehr nett. Wertewandel nennen es die Deutschen. Es gibt doch f�r alles ein gutes Wort, nicht wahr? Was geschehen mu�, das ist Evolution. Wir sind hierin alle Mutanten. Sprich f�r dich selbst, .Bursche. Sprich f�r den Kellner. Sechs Jahre! Das ist eine gro�artige Nachricht. Ich bin �berrascht, da� ihr so n�chtern seid. Oh, ich nicht, ha-ha- ha! Kleine rote Leute greifen rote Ameisen an und denken, da� die ihnen helfen. Schwupp, direkt �ber die Kante des Randes, halten sich f�r fliegende Ameisen. Kein Wunder, da� ich so viele Ameisen kriege. Also sagt der Mann: Nun, Doktor? ja, und dann? Damit ist der Spa� zu Ende. Er kann gerade noch sagen: Nun, Doktor�� und dann stirbt er.</emphasis></p><p><emphasis>Rascher Verfall, klar? Zum Teufel, sehr geschickt. So waren wir jedenfalls da, als die Truppen irgendwie so taten, als wollten sie wieder zur Muffe zur�ckgehen. Sie gehen sehr sanft darauf los, eine einzige Reihe hinter einem kleinen Hotelwagen, den sie requiriert haben; undjeder bewegt sich ein bi�chen und l��t sie gehen. Und sie kommen zwischen uns durch und sehen nerv�s aus. Dann sch�tteln ihnen die Leute an den Toren die Hand, als ob sie alle Nirgal w�ren, und bitten sie, zu bleiben, als ob sie es nicht verwinden k�nnten, sie gehen zu sehen. Sie k�ssen sie auf die Wangen und legen ihnen Kr�nze um, bis sie nicht mehr dar�ber wegschauen k�nnen. Direkt zur�ck in die Sockelmuffe. Und warum auch nicht, da sie ihren Punkt gemacht und uns f�r die verfluchte Verr�terregierung gen�gend bedroht haben, um kampflos nachzugeben. Dieser Joker scheint die Grundregeln des Jiujitsu nicht zu kennen. Von was? Ja, zum Teufel, wer bist du? Ich bin fremd in der Stadt. Entschuldigen Sie Miss, k�nnten sie uns noch eine Runde Kava bringen? Na gut, wir versuchen noch, es in den Bereich von eins zu einer Milliarde zu bringen, hatten aber noch kein Gl�ck. Redet mir nicht von Fastnacht. Ich hasse das, es ist f�r mich der schlimmste Teil des Jahres. Sie haben Boone zu Fastnacht get�tet. Sie haben Dresden zu Fastnacht bombardiert. Kein Ende des �bels, das ges�hnt werden mu�. Sie segelten in Chryse, als ein Howler ihr Schiff packte und bis �ber die Cydonia-Berge schleuderte. Erfahrungen solcher Art bringen Menschen n�her zusammen. Oder bitte, wer ist dieser Bursche? Das ist keine gro�e Sache. Jede Woche werden Luftschiffe etwas herumgeblasen. Wir wurden von demselben Howler erwischt, waren aber gerade au�erhalb von Santorini. Ich sage euch, die Wasseroberfl�che war bis zu einer Tiefe von etwa zehn Metern in Fetzen gerissen. Ich scherze nicht. In dem Schiff, in dem wir waren, bekam es der Computer mit der Angst und zog uns herunter, genau auf ein anderes Schiff, das schon dort war. Also krachten wir in dieses Boot, und es war wie der Weltuntergang.</emphasis></p><p><emphasis>Alles finster, der Computer verr�ckt. Todesangst, das schw�re ich. Ich habe mir das Schl�sselbein gebrochen. Da sind zehn Libertinan, bitte. Danke! Diese Howler sind gef�hrlich. Ich war in Echus in einem, und wir alle mu�ten uns auf den Hintern setzen und kamen trotzdem nur m�hsam zurecht. Ich mu�te meine Brille festhalten, sonst w�re sie mir von den Ohren gerissen worden. Wagen kippten um wie Spielzeug. Die ganze Marina wurde von jedem einzelnen Schiff entbl��t. Es war, als n�hme ein Kind seinen Spielzeughafen und schleuderte ihn durchs Zimmer. Auch ich habe diesen Sturm in seiner �u�ersten Wut erlebt. Ich besuchte gerade das Stadtschiff Ascension im Nordmeer nahe der Korolow-Insel. He, das ist dort, wo Will Fort zu surfen pflegt. Meines Wissens erreichen die Wellen auf dem Mars hier ihre gr��ten H�hen; und in diesem Sturm erreichten sie hundert Meter vom Wellental bis zur Krone. Nein, ich scherze nicht. Wellen viel h�her als die Seiten des Stadtschiffs, das uns, die wir uns darauf befanden, bei diesen schrecklichen schwarzen Bergen nicht gr��er als ein Rettungsboot vorkam. Wir waren wie ein Korken. Den Tieren ging es schlecht. Und um unsere Schwierigkeiten noch zu steigern, wurden wir gegen die S�dspitze von Korolev geworfen. Die Wellen brachen vollst�ndig �ber das Ende des Kaps in die See dahinter. Darum drehte der Pilot der Ascensio das Stadtschiff, sobald wir auf der gigantischen Front jeder Welle hochstiegen, nach S�den; und es glitt eine Strecke quer �ber die Vorderseite der Welle, ehe es deren Kamm verlor und in das n�chste Wellental hinunter fiel. Aufjeder Welle bewegten wir uns etwas schneller und weiter; denn als wir die �stliche Spitze der Insel erreicht hatten, wurden die Wellen steiler und gr��er. Genau die Spitze der Inseln biegt nach Osten ab, so da� die Wellen von links nach rechts liefen, wenn wir nach vorn schauten. Sie krachten auf die Felsen und dann auf das Riff vor der K�ste. Bei unserer letzten Welle wurde die Ascension an ihrer steilen Front nach unten gedr�ckt. Am Boden der Front drehte der Pilot das Stadtschiff nach rechts; und das gro�e Flo� trieb wieder hinauf und mit einer Geschwindigkeit, die wir nicht berechnen konnten, quer dazu. Es war, als ob man fl�ge. Ja, wir surften an einer hundert Meter hohen Welle auf einem Flo� so gro� wie eine Stadt direkt �ber die Felsen des Riffs unter uns. Eine Sekunde lang flogen wir in der R�hre der sich brechenden Welle. Dann waren wir drau�en, auf der Schulter der Welle, die hinter uns in tiefem Wasser war, ohne zu brechen. So passierten wir die Insel. Wie sagt der Doktor doch gleich? So h�bsch. Ja, es war ein denkw�rdiger Moment. Ich werde mein Stammkapital nehmen und mich zur�ckziehen. Es ist einfach nicht mehr so wiefr�her. Diese Leute sind Schurken. Ich habe geh�rt, sie ist auf einem dieser Sternenschiffe ausgezogen. Habt ihr sie wirklich gesehen? Du hast sie wirklich gesehen? Du mu�t dir einen besseren �bersetzer besorgen. Ich habe nichts gesagt. Macht nichts, Doktor, Ich f�hle mich schon besser. Was f�r eine teuflische Maschine1. Kellner! D�rfer wie diese sind wie die daheim, aber ohne Kaste. Wenn sie eine Kaste w�nschen, m�ssen sie die in ihren K�pfen tragen. Manche Issei versuchen es, aber die Nisei werden wild. Im �brigen habe ich geh�rt, da� das kleine rote Volk jetzt den ganzen Mist satt hat und da� es darauf brennt, etwas zu tun, nachdem es k�rzlich die rote Ameise gez�hmt hat. Und die vom Kleinen Volk h�tten diese ganze Kampagne gestartet, um etwas zu haben, womit sie zu Hilfe kommen k�nnten, wenn die Terraner einbr�chen. Ihr werdet jetzt vielleicht sagen, da� sie viel zu zuversichtlich w�ren; aber ihr m��t bedenken, da� die Biomasse an roten Ameisen auf diesem Planeten im Durchschnitt einen Meter dick ist. So viel an verdammter Biomasse, da� sie uns aus dem Orbit werfen k�nnen. Sie sollten es mit Ameisen auf dem Merkur versuchen. Und jede Ameise hat einen ganzen Stamm des Kleinen Volkes um sich, in Elefantensattelst�dten oder was auch immer. Und so waren sie gar nicht �bertrieben zuversichtlich. In Zahlen liegt St�rke. Darum haben sie die Regierung absichtlich veranla�t, diese Konfrontation zu entflammen. Ich habe mich gefragt, welche Entschuldigung diese Bastarde hatten. Warum es dieses Volk ist, das nach Mangala geht und sich augenblicklich in wilde korrupte Trottel verwandelt, ist mir schleierhaft. Und sich auf uns gest�rzt haben. Warum ist es immer das kleine rote Volk, was immer dem Gro�en Mann passiert, ich hasse sie und ihre bl�den kleinen Volksm�rchen. Wenn man so dumm ist, �berhaupt Volksm�rchen zu erz�hlen, wo doch die Wahrheit viel interessanter ist, dann k�nnten es mindestens verflucht gro�e Geschichten sein, mit Titanen und Gorgonen, die es mit Spiralgalaxien wie rasiermesserscharfen Bumerangs ausfechten�� peng, peng, pengl He, pa� hier auf, Bursche, mach langsam! Kellner, bring dieser Revolverschnauze etwas Kava, nicht wahr? Er mu� m�rbe werden. Beruhigen sie sich, aufgeregter Herr. Nova-Bomben vorw�rts und r�ckw�rts werfen! Bunt! Pardauz! KA BUM! He! He! Beruhige dich, du Wilder! Ich habe dieses kleine Volk satt. Nimm deine H�nde von mir weg! Es ist sowieso nur eine traurige Entschuldigung f�r eine Regierung. Es kommt immer auf dieselbe verdammte Sache zur�ck. Machtlutscher saugen Macht. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten bei Zelten bleiben und keine globale Regierung haben. Dann g�be es nicht soviel Macht zu lutschen. Aber haben sie auf mich geh�rt? Nein! Du hast es ihnen gesagt. Ja, ich war dort; Nirgal, sicher. Nirgal und ich ziehen uns zur�ck. Was meinst du, verehrter Alter, bist du nicht der blinde Passagier? Wieso, ja, der bin ich. Also bist du Nirgals Vater. Du solltest dich zur�ckziehen, wie du sagst. Na ja, in Zygote hat es nicht immer so geklappt. Ich sage dir, jenes Weib zieht dir dein ganzes Leben lang das Fell �ber die Ohren, wenn du es l��t. Du hast endlose Jahre lang in einem Verschlag gelebt. Ach, komm schon, du bist nicht Cojote. Nun, was kann ich sagen. Nicht viele Leute erkennen mich. Und warum sollten sie auch? Ich wette, da� er es ist. Wenn du Nirgals Papa bist, warum ist er so gro� und du so klein? Warum lachst du? Ich bin nicht klein. Ich bin f�nf Fu� und f�nf Zoll gro�. Fu�? Heiliger Ka, hier ist ein Mann, der seine Gr��e in Fu� mi�t! In Fu�! O mein Gott, du mu�t scherzen. F�nf Fu�? He, du siehst aus, als k�nnten es noch mehr Fu� sein. Wie lang waren denn diese F��e? Wie wurden sie gemessen? Etwas weniger als ein drittel Meter? Kein Wunder, da� die Erde so drollig ist. Wie kommst du auf den Gedanken, da� dein kostbares Meter so gro� ist? Es ist nur irgendein Bruchteil der Distanz vom Nordpol der Erde zu ihrem �quator. Napoleon hat diesen Bruchteil aus einer Laune heraus gew�hlt! Es ist ein Metallbarren im franz�sischen Paris, und seine L�nge wurde durch die Laune eines Verr�ckten bestimmt! Kannst du dir nicht vorstellen, vern�nftiger zu sein als die alten Methoden. Bitte, halt an, ich sterbe vor Lachen. Ihr Leute habt �berhaupt keinen Respekt vor euren Vorfahren. Das gef�llt mir.</emphasis></p><p><emphasis>He, gib dem alten Cojote noch einen Drink! Was hast du? Tequila, danke. Und etwas Kava. Oh, oh! Dieser Bursche versteht zu leben. Das stimmt, ich wei� zu leben. Diese Wilden haben es sich ausgedacht, solange du es nicht �bertreibst. Sie kopieren mich, sind aber zu weit gegangen. Nicht gehen, sondern fahren. Nicht jagen, sondern kaufen. Jede Nacht auf einem Gel-Bett schlafen und versuchen, zwei nackte junge eingeborene Frauen zum Zudecken zu haben. Oh, oh, oh! Oha! Du alter Lustmolch! Oh, verehrter Herr. Indezent. Nun, f�r mich klappt es. Ich schlafe nicht so gut, bin aber zufrieden. Danke, la� dich nicht dadurch st�ren. Ich sch�tze es. Frost! Auf den Mars!</emphasis></p><empty-line/></section><section><p>Sie erwachte in einer Stille, die so perfekt war, da� sie ihren Herzschlag h�ren konnte. Sie konnte sich nicht erinnern, wo sie war. Dann fiel es ihr wieder ein. Sie waren im Haus von Nadia und Art an der K�ste der Hellas-See knapp westlich von Odessa. <emphasis>Tap, tap, tap.</emphasis> D�mmerung, der erste Schimmer des Tages. Nadia drau�en am Bau. Sie und Art wohnten am Ende ihres Stranddorfs in dem Komplex ihrer Koop aus verschachtelten H�usern, Pavillons, G�rten und Wegen. Eine Gemeinde von etwa hundert Personen, mit etwa hundert verbunden, die ihnen glichen. Offenbar arbeitete Nadia immer noch an der Infrastruktur. <emphasis>Tap, tap, tap!</emphasis> Sie baute gerade ein Deck, das einen Zygote-Bambusturm umlaufen sollte.</p><p>Im n�chsten Zimmer atmete jemand. Zwischen den R�umen war eine offene T�r. Sie richtete sich auf. Vorh�nge an der Wand. Sie zog sie einen Spalt auf. Fr�hd�mmerung. Grau in Grau. Ein karges Zimmer. Sax lag im n�chsten Zimmer auf einem gro�en Bett unter dicken Decken.</p><p>Ihr war kalt. Sie stand auf und tapste durch die T�r in sein Zimmer. Sein Gesicht auf dem breiten Kissen war schlaff. Ein alter Mann. Sie kroch zu ihm unter die Decken ins Bett. Er war warm. Er war kleiner als sie, klein und rund. Sie wu�te das, sie kannte ihn von der Sauna und den Teichen in Underhill und den B�dern in Zygote. Ein anderer Teil ihres kommunalen K�rpers. <emphasis>Tap, tap, tap, tap.</emphasis> Er r�hrte sich, und sie umschlang ihn. Er kuschelte sich wieder an sie, immer noch in tiefem Schlaf.</p><empty-line/><p>W�hrend des Ged�chtnisexperiments hatte sie sich auf den Mars konzentriert. Michel hatte einmal gesagt: Deine Aufgabe ist es, den Mars zu finden, der alles �berdauert. Und der Anblick derselben H�gel und T�ler um Underhill hatte sie stark an die fr�hen Jahre erinnert, als �ber jedem Horizont etwas Neues lauerte. Das Land. In ihrem Geist dauerte es noch an. Die Leichtigkeit, die enge Vertrautheit mit dem Horizont, wo alles fast greifbar war. Dann die pl�tzlichen immensen Perspektiven, wenn etwas von der Nachbarschaft des Gro�en Mannes in Sicht kam. Die weiten Klippen, die tiefen Canyons, die kontinentalen Vulkane und das wilde Chaos. Die gigantische Kalligraphie aus areologischer Vorzeit. Die die Welt einh�llenden D�nen. Sie w�rden es nie wissen. Es war unvorstellbar.</p><p>Aber sie hatte es kennengelernt. Und w�hrend des Ged�chtnisexperiments hatte sie ihren Geist w�hrend eines ganzen Tages darauf konzentriert, der zehn Jahre zu dauern schien. Nicht einmal an die Erde gedacht. Das war ein Trick, eine enorme Anstrengung gewesen. Blo� nicht an das Wort <emphasis>Elefant</emphasis> denken! Aber das hatte sie auch nicht. Das war ein Trick, den sie zu beherrschen gelernt hatte, die einseitig gerichtete Achtsamkeit des gro�en Verweigerers, eine Art von St�rke. Vielleicht. Und dann kam Sax �ber den Horizont geflogen und rief: Denk an die Erde! Denk an die Erde? Es war fast komisch.</p><p>Aber das war Antarctica gewesen. Ihr so trickreicher und konzentrierter Geist hatte gesagt: Das ist eben Antarctica, ein St�ck Mars auf der Erde, ein verlagerter Kontinent.</p><p>Das Jahr, das sie dort verbracht hatten, war ein Vorgriff auf die Zukunft gewesen. In den Dry Valleys waren sie auf dem Mars gewesen, ohne es zu wissen. Darum konnte sie sich daran erinnern, ohne wieder auf die Erde gef�hrt zu werden. Es war nur ein Ur- Underhill gewesen, ein Underhill mit Eis, und ein anderes Camp, aber die gleichen Leute und die gleiche Situation. Und als sie daran dachte, war ihr tats�chlich alles wieder gegenw�rtig geworden in der Magie einer anamnetischen Verzauberung. Jene Gespr�che mit Sax; wie sehr sie jemanden geliebt hatte, der in der Wissenschaft ebenso einsam war wie sie, wie sie sich von ihm angezogen f�hlte. Niemand hatte verstanden, wie weit man sich da hineinbegeben konnte. Und dort drau�en in jener reinen Weite hatten sie diskutiert. Nacht f�r Nacht. �ber den Mars. Technische Aspekte, philosophische Aspekte. Sie waren sich nicht einig gewesen. Aber sie waren zusammen da drau�en gewesen.</p><p>Aber nicht v�llig. Er war durch ihre Ber�hrung schockiert gewesen. Armes Fleisch. So hatte er gedacht. Offenbar war sie im Unrecht gewesen. Das war sehr schade; denn wenn sie beide sich verstanden h�tten, h�tte sich vielleicht die ganze Geschichte ge�ndert. Und hier waren sie nun.</p><p>Und bei all dem Sturz in jene Vergangenheit hatte sie niemals an die weiter im Norden liegende Erde gedacht, an die fr�here Erde. Sie war in der antarktischen Konvergenz geblieben. Tats�chlich hatte sie die meiste Zeit auf dem Mars verbracht, dem Mars ihres Geistes, dem Roten Mars. Jetzt besagte die Theorie, da� die anamnetische Behandlung das Ged�chtnis stimulierte und das Bewu�tsein veranla�te, die assoziativen Komplexe von Knoten und Netzwerk durch die ganzen Jahre noch mal durchzugehen. Die Wiederholung kr�ftigte die Erinnerungen in ihrem physikalischen Geflecht, da es sich um ein verblassendes Feld von Mustern handelte, die durch Quantenschwingung gebildet wurden. Alles in der Erinnerung wurde wieder verst�rkt; und das, an was man sich nicht erinnerte, wurde vielleicht nicht wieder verst�rkt und konnte auf diese Weise eine Beute von Bruch, Irrtum,Quantenkollaps und Zerfall werden. Und vergessen werden.</p><p>Also war sie jetzt eine neue Ann. Nicht die Gegen-Ann, nicht einmal jene im Schatten stehende dritte Person, die sie so lange gequ�lt hatte. Eine neue Ann. Endlich eine voll marsianische Ann. Auf einem braunen Mars neuer Art, rot, gr�n, blau�� alles durcheinander gewirbelt. Oder wirklich auf einem gr�nen Mars, zugegebenerma�en, einem gr�nen Mars. Und falls es noch eine terranische Ann geben w�rde, die in einem verlorenen eigenen Quantenkabinett hockte, so war das eben das Leben. Kein Schreckgespenst ging jemals bis zum Tode oder der endg�ltigen Aufl�sung verloren. Und so sollte es vielleicht auch sein. Man wollte nicht zu viel verlieren, oder es g�be Schwierigkeiten anderer Art. Es mu�te ein Gleichgewicht gewahrt werden. Und hier jetzt auf dem gr�nen Mars war sie die marsianische Ann, nicht mehr eine Issei, sondern eine �ltliche neue Eingeborene, eine auf der Erde geborene Yonsei. Die Martianische Ann Clayborn im Moment, im einzigen Moment. Es war ein gutes Gef�hl, hier zu liegen.</p><empty-line/><p>Sax r�hrte sich in ihren Armen. Sie schaute auf sein Gesicht. Ein anderes Gesicht, aber immer noch Sax. Sie hatte einen Arm auf ihn gelegt und fuhr mit einer kalten Hand �ber seine Brust. Er wachte auf, sah, wer es war, und l�chelte leicht verschlafen. Er reckte sich, drehte sich um und dr�ckte sein Gesicht auf ihre Schulter. Er k��te ihren Hals mit einem leichten Bi�. Sie hielten einander fest, wie sie es in dem fliegenden Boot w�hrend des Sturms getan hatten. Eine wilde Fahrt. Es w�rde Spa� machen, sich im Himmel zu lieben. Nicht praktisch bei einem solchen Wind. Ein andermal. Sie fragte sich, ob Matratzen genau so gemacht w�rden wie fr�her �blich. Diese hier war hart.</p><p>Sax war nicht so weich, wie er aussah. Sie umarmten sich innig. Sexualkongress. Er war in ihr und bewegte sich. Sie packte ihn und dr�ckte ihn sehr, sehr hart an sich.</p><p>Jetzt k��te er sie �berall, knabberte an ihr, unter den Decken. Er fuhr wie ein U-Boot umher. Sie sp�rte ihn am ganzen K�rper. Gelegentlich seine Z�hne, aber meistens war es das Lecken seiner Zungenspitze �ber ihre Haut, wie eine Katze. Leck, leck, leck. Ein angenehmes Gef�hl. Er summte oder brummte. Seine Brust vibrierte mit. Es war wie Schnurren: �Rrrr, rrr, rrrrrr.� Ein friedlicher schwelgerischer Ton. Es f�hlte sich auch f�r ihre Haut gut an. Vibration, Katzenzunge, leichtes Lecken �berall auf ihr. Sie hob die Decke so, da� sie auf ihn hinabblicken konnte.</p><p>Er fl�sterte: �Nun, was ist ein besseres Gef�hl? A?� Er k��te sie. �Oder b?� Er k��te sie an einer anderen Stelle.</p><p>Sie mu�te lachen. �Sax, halt den Mund und tu�s!�</p><p>�Ah! Okay.�</p><empty-line/><p>Sie fr�hst�ckten mit Nadia und Art und den anwesenden Mitgliedern ihrer Familie. Ihre Tochter Nikki war mit ihrem Gatten und drei anderen Paaren aus ihrer Koop fort zu einem Ausflug in die Wildnis des Hellespontus-Gebirges. Sie waren am vorangegangenen Abend mit einem Gepolter aufgeregter Erwartung aufgebrochen, selbst wie kleine Kinder, und hatten ihre Tochter Francesca und auch die Kinder der Freunde dagelassen: Nanao, Boone und Tati. Francesca und Boone waren beide f�nf, Nanao drei und Tati zwei. Sie alle fanden es aufregend, beisammen zu sein und bei Francescas Gro�eltern. Heute wollten sie an den Strand gehen. Ein gro�es Abenteuer. W�hrend des Fr�hst�cks trafen sie logistische Entscheidungen. Sax w�rde mit Art zu Hause bleiben und ihm beim Pflanzen einiger neuer B�ume in einen Olivenhain helfen, den Art auf dem H�gel hinter dem Haus anlegte. Sax wollte auch auf zwei Besucher warten, die er eingeladen hatte: Nirgal und einen Mathematiker von Da Vinci, eine Frau namens Bao. Ann sah, da� er aufgeregt war, sie ihnen vorzustellen. Er vertraute ihr an: �Es ist ein Experiment.� Er war ebenso erregt wie die Kinder.</p><p>Nadia w�rde weiter an ihrem Deck arbeiten. Sie und Art w�rden vielleicht sp�ter mit Sax und seinen G�sten zum Strand hinunter gehen. F�r den Morgen sollten die Kinder in der Obhut von Tanta Maya bleiben. Sie waren �ber diese Aussicht so aufgeregt, da� sie nicht stillsitzen konnten. Sie schw�rmten umher und tobten um den Tisch wie junge Hunde.</p><p>Also mu�te Ann wohl mit Maya und den Kindern zum Strand gehen. Maya konnte die Hilfe gebrauchen. Sie alle schauten Ann vorsichtig pr�fend an. Bist du bereit, Tante Ann? Sie nickte. Sie w�rden die Stra�enbahn nehmen.</p><empty-line/><p>So war sie nun mit Maya und den Kindern zum Strand unterwegs. Sie und Francesca und Nanao und Tati waren in der ersten Bank hinter dem Fahrer zusammengedr�ngt mit Tati auf Anns Scho�. Boone und Maya sa�en zusammen auf dem R�cksitz. Maya kam jeden Tag so herein. Sie wohnte auf der anderen Seite von Nadias und Arts Dorf in einer eigenen H�tte, die einsam auf Klippen �ber dem Strand lag. Sie ging an den meisten Tagen zur Arbeit in ihren Koop-Laden und blieb an vielen Abenden dort, um mit ihrer Theatergruppe zu arbeiten. Sie war auch Stammgast in der Cafe-Szene und offenbar eine regelm��ige Babysitterin dieser Kinder.</p><p>Jetzt war sie in einem wilden Kitzelkampf mit Boone besch�ftigt. Die beiden packten einander fest an und kicherten unverfroren. Das war noch eine Erg�nzung zu dem Schatz an erotischer Erfahrung des Tages. Da� eine so gef�hlsbetonte Begegnung zwischen einem f�nfj�hrigen Jungen und einer Frau von zweihundertdrei�ig Jahren m�glich war, das Spiel zweier Menschen, die in k�rperlichen Freuden so erfahren waren: Ann und die anderen Kinder verstummten, leicht verlegen, Zeugen einer solchen Szene zu sein.</p><p>�Was ist los?� fragte Maya sie bei einer atemlosen Pause. �Hat die Katze eure Zunge erwischt?�</p><p>Nanao schaute verbl�fft zu Ann auf: �Eine <emphasis>Katze</emphasis> hat deine <emphasis>Zunge</emphasis> erwischt?�</p><p>�Nein�, sagte Ann.</p><p>Maya und Boone quietschten vor Lachen. Die Leute in der Stra�enbahn schauten zu ihnen hin, einige grinsend, andere finster. Francesca hatte Nadias gefleckte Augen, wie Ann sah. Das war alles, was an ihr von Nadia zu sehen war. Sonst sah sie mehr wie Art aus, aber auch besonders stark. Eine Sch�nheit.</p><empty-line/><p>Sie kamen zur Haltestelle am Strand. Eine kleine Station, ein Regendach, ein Kiosk, ein Restaurant, ein Parkplatz f�r Fahrr�der, einige ins Land f�hrende Stra�en und ein breiter Weg durch begr�nte D�nen zum Strand hinunter. Sie stiegen aus, Maya und Ann beladen mit Taschen voller Handt�cher und Spielsachen.</p><p>Es war ein bew�lkter windiger Tag. Der Strand war fast menschenleer. Schnelle flache Wellen liefen schr�g auf den Strand zu und brachen sich in den Untiefen kurz vor der K�ste in abrupten wei�en Linien. Die See war dunkel, die Wolken perlgrau in einem Fischgr�tenmuster unter einem tr�ben Lavendelhimmel. Maya stellte ihre Taschen ab. Sie und Boone liefen zum Wasser. Im Osten erhob sich Odessa am Berghang unter einer Wolkenl�cke, so da� all die kleinen wei�en Mauern in der Sonne gelb aufleuchteten. M�wen kreisten auf Suche nach E�barem mit gespreiztem Gefieder in dem zur K�ste wehenden Wind. Ein Pelikan surfte �ber die Wellen, und �ber ihm flog ein Mann in einem gro�en Vogelkost�m. Der Anblick erinnerte Ann an Zo. Manche Leute waren so jung gestorben, in ihren Vierzigern, Drei�igern und Zwanzigern, als sie kaum ahnen konnten, was ihnen entgehen w�rde. Manche im Alter dieser kleinen Kinder. J�h ausgel�scht wie Fr�sche bei Frost. Und das konnte immer noch passieren. In jedem Augenblick konnte schon die Luft einen emporrei�en und t�ten. Obwohl das ein Unfall sein w�rde. Man mu�te zugeben, da� die Dinge sich jetzt ver�ndert hatten. Falls kein Ungl�ck eintr�te, w�rden diese Kinder wahrscheinlich eine volle Lebensspanne genie�en. Und das w�rde ein sehr langer Zeitraum sein. Soviel konnte man, so wie die Dinge jetzt lagen, sagen.</p><p>Nikkis Freunde hatten gesagt, es w�re am besten, ihre Tochter Tati vom Sand fern zu halten, da sie dazu neigte, ihn zu essen. Also versuchte Ann, sie auf dem schmalen Rasen zwischen D�nen und Strand zur�ckzuhalten. Aber sie ri� heulend aus, w�lzte sich hin�ber und plumpste mit zufriedenem Gesicht nahe bei den anderen auf dem Sand auf ihre Windeln. �Okay�, sagte Ann, gab es auf und ging zu ihr. �Aber i� nichts davon!�</p><p>�Schaut!� rief Francesca ihnen zu. �Ich laufe um euch in Kreisen.�</p><p>Boone blickte auf. �Nein�, sagte er. �Du l�ufst Ovale.�</p><p>Er ging zur�ck, um mit Maya �ber den Lebenszyklus der Sandkrabben zu diskutieren. Ann hatte ihn schon fr�her getroffen. Vor einem Jahre hatte er noch kaum gesprochen. Nur einfache Phrasen wie Tati und Nanao. Fischchen! Meine! Und jetzt war er ein Pedant.</p><p>Die Art und Weise, auf die Sprache zu Kindern kam, war unglaublich. Sie waren in diesem Alter alle Genies. Erwachsene brauchten Jahre um Jahre, um sie zu den Bonsai-Kreaturen zu entwirren, die sie schlie�lich wurden. Wer w�rde wagen, das zu tun? Wer w�rde dieses nat�rliche Kind verkr�ppeln wollen? Niemand. Und dennoch wurde es gemacht. Niemand wollte es, und alle taten es. Obwohl Nikki und ihre Freunde, die fr�hlich f�r ihre Gebirgsreise packten, Ann immer noch recht wie Kinder vorkamen. Und sie waren fast achtzig Jahre alt. Also geschah das jetzt nicht mehr so oft. Auch das war dazu zu sagen, so wie die Dinge jetzt lagen.</p><p>Francesca h�rte mit dem Laufen in Kreisen oder Ovalen auf und ri� Nanao eine Plastikschaufel aus der Hand. Nanao weinte aus Protest. Francesca wandte sich ab und stellte sich auf die Zehenspitzen, wie um zu demonstrieren, wie unbeschwert ihr Gewissen war.</p><p>Sie sagte �ber die Schulter: �Das ist meine Schaufel.�</p><p>�Ist sie nicht!�</p><p>Maya blickte kaum hoch. �Gib sie zur�ck!�</p><p>Francesca h�pfte mit ihr davon.</p><p>�Ignoriere sie!� wies Maya Nanao an. Nanao jaulte noch w�tender mit rotem Gesicht. Maya warf Francesca einen Blick zu. �Willst du ein Eis oder nicht?�</p><p>Francesca kam zur�ck und lie� die Schaufel Nanao auf den Kopf fallen. Boone und Maya, die schon wieder in ihre Graberei vertieft waren, achteten nicht darauf.</p><p>�Ann, k�nntest du etwas Eis vom Kiosk holen?�</p><p>�Sicher.�</p><p>�Nimm bitte Tati mit!�</p><p>�Nein!� sagte Tati.</p><p>�Eis!� sagte Maya. Tati dachte dar�ber nach und rappelte sich m�hsam auf die F��e.</p><p>Sie und Ann gingen Hand in Hand zur�ck zum Kiosk an der Haltestelle. Sie kauften sechs Portionen Eis, von denen Ann f�nf in einem Beutel trug. Tati bestand darauf, ihres im Gehen zu essen. Sie war noch nicht ge�bt genug, zwei Verrichtungen gleichzeitig zu bew�ltigen, und sie kamen nur langsam voran. Geschmolzenes Eis lief an dem Stab herunter, und Tati lutschte gleicherma�en am Eis und an der Hand. Sie sagte: �Fein. Meckt fein.�</p><p>Eine Stra�enbahn lief in die Station ein und fuhr dann weiter. Ein paar Minuten sp�ter kamen drei Personen auf Fahrr�dern den Weg herunter. Sax, dahinter Nirgal und eine eingeborene Frau. Nirgal bremste sein Rad neben Ann ab und umarmte sie. Sie hatte ihn viele Jahre lang nicht gesehen. Er war alt. Sie dr�ckte ihn fest an sich und l�chelte Sax zu. Sie wollte auch ihn umarmen.</p><p>Sie gingen hinunter zu Maya und den Kindern. Maya stand auf, um Nirgal zu umarmen und sch�ttelte dann Bao die Hand. Sax fuhr auf dem Rasen hinter dem Sand mit dem Rad hin und her, einmal sogar freih�ndig und winkte der Gruppe zu. Boone, der an seinem Rad noch St�tzr�der hatte, sah ihn und rief verbl�fft: �Wie <emphasis>machst</emphasis> du das?�</p><p>Sax ergriff wieder die Lenkstange, hielt an und sah Boone mi�mutig an. Boone ging unbeholfen mit ausgebreiteten Armen zu ihm und stolperte direkt in sein Rad. Sax fragte: �Stimmt etwas nicht mit dir?�</p><p>�Ich versuche zu gehen, ohne mein Cerebellum zu benutzen.�</p><p>�Eine gute Idee�, sagte Sax.</p><p>�Ich werde mehr Eis holen�, erbot sich Ann. Sie lie� Tati diesmal zur�ck und trollte sich �ber den Sand zu dem Rasenweg. Es war ein gutes Gef�hl, gegen den Wind zu gehen.</p><p>Als sie mit einer zweiten Schachtel voll Eiskrem zur�ckkam, wurde die Luft pl�tzlich kalt. Dann f�hlte sie ein Taumeln in ihrem Innern und eine Schw�che. Das Meer hatte einen glitzernden harten Purpurschimmer oberhalb der Oberfl�che. Und ihr war sehr kalt. Oh, Mist, dachte sie. Jetzt kommt es. Rascher Verfall. Sie hatte von den verschiedenartigen Symptomen gelesen, von denen Leute berichteten, die irgendwie wiederbelebt worden waren. Ihr Herz klopfte wild in der Brust, wie ein Kind, das aus einem finsteren Schrank herauszukommen sucht. Der K�rper substanzlos, als h�tte etwas ihre Substanz ausgesogen und sie por�s gemacht. Sie w�rde mit dem Sto� eines Fingers zu Staub zerfallen. <emphasis>Tap!</emphasis> Sie grunzte vor �berraschung, f�hlte einen Stich in der Brust. Sie tat einen Schritt zur Seite auf eine Bank neben dem Wege zu, blieb dann stehen und kr�mmte sich unter einem neuerlichen Stich. <emphasis>Tap, tap, tap*.</emphasis> Sie schrie. �Nein!� und packte den Beutel mit Eis. Das Herz schlug arhythmisch, aber es klopfte immerhin. <emphasis>Bang, bang-bang, bang.</emphasis> Nein, sagte sie, ohne es auszusprechen. Noch nicht. Die neue Ann ohne Zweifel; aber daf�r war keine Zeit. Ann selbst quietschte �Nein� und war dann v�llig absorbiert von der Anstrengung, sich zusammenzuhalten. Herz, du mu�t schlagen! Sie hielt es so fest, da� sie stolperte. Nein. Noch nicht. Der Wind so kalt, unter Null. Er blies durch sie hindurch, ihr K�rper war ein Gespenst, das sie nur noch durch ihren Willen zusammenhielt. Die Sonne so hell, ihre scharfen Strahlen stie�en direkt durch ihren Brustkorb, und der Wind pustete durch sie. Sie hielt sich mit jedem verkrampften Muskel beisammen. Die Zeit blieb stehen. Alles hielt inne.</p><p>Sie tat einen kurzen Atemzug. Der Anfall verging. Der Wind wurde langsam wieder w�rmer. Die Aura der See verschwand und hinterlie� glattes blaues Wasser. Ihr Herz klopfte in seinem gewohnten Takt <emphasis>bum-bum, bum-bum.</emphasis> Die Substanz kehrte zur�ck, der Schmerz lie� nach. Die Luft war salzig und schw�l und gar nicht kalt. Man k�nnte fast schwitzen.</p><p>Sie ging weiter. Wie gewaltsam der K�rper einen an manches erinnerte. Aber sie hatte ausgehalten. Sie w�rde leben. Zumindest eine Weile noch. Wenn es nicht jetzt sein w�rde... nein, nicht jetzt. So war sie also hier. Sie ging vorsichtig weiter, einen Schritt nach dem anderen. Alles schien zu funktionieren. Sie war davongekommen. Es hatte sie nur gestreift.</p><p>Von der Sandburg aus sah Tati Ann und trippelte, gierig nach dem Beutel mit Eis, auf sie zu. Aber sie ging zu schnell und fiel direkt aufs Gesicht. Als sie sich aufrichtete, war ihr Gesicht mit Sand beschmiert, und Ann erwartete, da� sie heulen w�rde. Aber sie leckte sich genie�erisch die Oberlippe.</p><p>Ann ging hin, um ihr zu helfen. Sie hob sie auf die F��e und versuchte, den Sand von ihrer Oberlippe zu wischen. Aber sie wippte mit dem Kopf nach hinten und vorn, um sich der Hilfe zu entziehen. Na gut. Soll sie etwas Sand essen. Was k�nnte das schaden? �Da, nicht zu viel! Nein, diese sind f�r Sax und Nirgal und Bao. Nein! He, schau auf die M�wen!�</p><p>Tati blickte hoch, sah �ber sich die M�wen, versuchte, ihnen mit dem Blick zu folgen und fiel auf den Hintern. Sie sagte: �Ooh! Fein! Fein!�</p><p>Ann stellte sie wieder auf die F��e. Sie gingen Hand in Hand zu der Gruppe. Oben auf dem Sandh�gel standen triefende Burgen. Nirgal und Bao waren unten an der Wasserlinie ins Gespr�ch vertieft. Weiter weg am Strand fischte eine alte asiatische Frau in der Brandung. Das Meer war dunkelblau, der Himmel klarte bla� malvenfarbig auf, und die restlichen Wolken zogen nach Osten davon. Die Luft str�mte dahin. Einige Pelikane glitten in einer Reihe �ber eine aufsteigende Woge. Tati zerrte an Anns Hand, um sie anzuhalten und zeigte auf sie. �Fein!�</p><p>Ann versuchte weiterzugehen, aber Tati wollte sich nicht r�hren und zerrte hartn�ckig an ihrer Hand. �Fein!�</p><p>�O ja. Fein.�</p><p>Zufriedengestellt lie� Tati sie los und trippelte �ber den Sand. Sie schaffte es gerade, auf den F��en zu bleiben. Ihre Windel wackelte wie ein Entenpopo, und ihre babyspeck-besetzten Kniekehlen bildeten Gr�bchen.</p><p>Und bewegt sich doch, dachte Ann. Sie folgte dem Kind und l�chelte �ber ihren kleinen Scherz. Galilei h�tte sich weigern k�nnen zu widerrufen und w�re um der Sache der Wahrheit willen auf dem Scheiterhaufen gestorben; aber das w�re t�richt gewesen. Besser sagen, was man mu�te, und von da ausgehen. Ein Pinselstrich erinnerte einen daran, was wichtig war. O ja, fein! Sie gab das zu und d�rfte leben. Herz, schlag weiter! Und warum auch nicht? Nirgends auf dieser Welt t�teten Menschen einander, nirgends verlangten sie verzweifelt nach Obdach und Nahrung, nirgendwo hatten sie Angst um ihre Kinder. Das mu�te gesagt werden. Der Sand knirschte beim Gehen unter ihren Zehen. Sie schaute genauer hin. Dunkle Basaltk�rner, vermischt mit winzigen Muschelst�cken, und vielf�ltige bunte Kiesel, einige davon ohne Zweifel zerbrochene Brekzien vom Hellas-Aufprall selbst. Sie hob den Blick zu den Bergen westlich der See, schwarz unter der Sonne. Die Gebeine der Dinge ragten �berall heraus. Wellen brachen sich in schnellen Linien am Strand; und sie ging �ber den Sand zu ihren Freunden, im Wind, auf dem Mars, auf dem Mars, auf dem Mars.</p></section></section></body><binary id="cover" 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