<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_history</genre><author><first-name>Michael</first-name><last-name>Chabon</last-name></author><book-title>Die Vereinigung jiddischer Polizisten</book-title><annotation><p>Mit Detective Meyer Landsman, Polizist im Morddezernat des j�dischen Distrikts Sitka in Alaska, geht es bergab: Seine Ehe ist am Ende, er trinkt, beruflich steckt er in einer Sackgasse. Und nun wurde in dem sch�bigen Hotel, in dem er neuerdings wohnt, auch noch ein Mord begangen. Landsman soll ermitteln. Scheinbar eine reine Routinesache. Doch der Tote ist der drogens�chtige Sohn des Rabbis von Sitka, in dem man den Messias vermutete. Der Fall strotzt vor Ungereimtheiten. Als von oben die Anweisung kommt, den Fall unverz�glich zu den Akten zu legen, recherchiert Landsman auf eigene Faust und ger�t bald in ein Wespennest aus politischen Intrigen und religi�sem Wahn. Denn der Mord wurde in politisch brisanten Zeiten begangen: Sitka soll in K�rze seinen eigenst�ndigen Status verlieren, den Bewohnern droht erneut Vertreibung und Heimatlosigkeit.</p><p>Mit einem j�dischen Staat am Rande des ewigen Eises hat Michael Chabon ein irrwitziges literarisches Szenario f�r seinen packenden Whodunnit geschaffen: �Michael Chabon erz�hlt eine fesselnde Kriminalgeschichte und erfindet dabei augenzwinkernd die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu�, schreibt Simone von Buren in der �NZZ am Sonntag�.</p></annotation><date>2008</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Andrea</first-name><last-name>Fischer</last-name></translator></title-info><src-title-info><genre>sf_history</genre><author><first-name>Michael</first-name><last-name>Chabon</last-name></author><book-title>The Yiddish Policemen�s Union</book-title><date value="2007-03-01">2007</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>calibre 2.53.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-09-05">5.9.2016</date><id>978f01d3-3cf5-466a-96e8-8432aa56d20d</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Michael Chabon. Die Vereinigung jiddischer Polizisten</book-name><publisher>dtv</publisher><city>M�nchen</city><year>2009</year><isbn>978-3-423-13793-5</isbn></publish-info></description><body><title><p>Michael Chabon</p><p>Die Vereinigung jiddischer Polizisten</p></title><section><epigraph><poem><stanza><v>Und so schuggelten sie zur See.</v><v>Und sie schuggelten auf dem Sieb.</v></stanza></poem><text-author>Edward Lear</text-author></epigraph><empty-line/><p><emphasis>F�r Ayelet,</emphasis></p><p><emphasis>baschert</emphasis></p></section><section><empty-line/><p>�bersetzerin und Verlag danken Frau Prof. Dr. Marion Aproot von der Abteilung f�r Jiddische Kultur, Sprache und Literatur der Heinrich-Heine-Universit�t D�sseldorf f�r ihre fachkundige Hilfe in allen Fragen der jiddischen Sprache und Kultur.</p><empty-line/><p>Ein Glossar befindet sich am Ende des Buches</p></section><section><title><p><emphasis>1.</emphasis></p></title><p>Seit neun Monaten haust Landsman nun im Hotel Zamenhof, ohne dass es einem seiner Mitbewohner gelungen w�re, sich umbringen zu lassen. Jetzt hat jemand dem Gast von Zimmer 208 eine Kugel in den Kopf gejagt, einem Jid, der sich Emanuel Lasker nannte.</p><p>�Er ist nicht ans Telefon gegangen, er hat die T�r nicht aufgemacht�, sagt Tenenboym, der Nachtportier, als er Landsman aus den Federn holt. Landsman wohnt in Zimmer 505 mit Blick auf die Neonreklame des Hotels auf der anderen Seite der Max Nordau Street. Es hei�t Blackpool, ein Wort, das in Landsmans Albtr�umen eine Rolle spielt. �Ich musste mir Zugang zu seinem Zimmer verschaffen.�</p><p>Der Nachtportier ist ein ehemaliger Marine und selbst einmal heroinabh�ngig gewesen, damals in den Sechzigern, als er vom Schlachtfeld des Kuba-Krieges zur�ckkehrte. M�tterlich k�mmert er sich um die s�chtigen Bewohner des Zamenhof. Er gew�hrt ihnen Kredite und sorgt daf�r, dass sie ihre Ruhe haben, wenn es n�tig ist.</p><p>�Haben Sie irgendwas in dem Zimmer angefasst?�, fragt Landsman.</p><p>�Nur Bargeld und Schmuck�, sagt Tenenboym.</p><p>Landsman schl�pft in Hose und Schuhe und zieht die Hosentr�ger hoch. Dann dreht er sich zusammen mit Tenenboym zum T�rknauf um, an dem seine Krawatte h�ngt, rot mit einem dicken braunen Streifen, bereits zeitsparend vorgeknotet. Landsman bleiben noch acht Stunden bis zur n�chsten Schicht. Acht verdammte Ratten-Stunden, in denen er in seinem mit Holzsp�nen gef�llten Glaskasten sitzt und an seiner Flasche nuckelt. Seufzend greift Landsman nach seiner Krawatte. Er schl�pft mit dem Kopf hindurch und schiebt den Knoten zum Kragen hoch. Dann zieht er seine Jacke an, tastet nach der Brieftasche und der Polizeimarke in der Brusttasche und klopft auf die Scholem im Holster unter seinem Arm, eine kurzl�ufige Smith &amp; Wesson Model 39.</p><p>�Ich wecke Sie nur ungern, Detective�, sagt Tenenboym. �Hab blo� gemerkt, dass Sie nicht richtig schlafen.�</p><p>�Ich schlafe�, sagt Landsman. Er greift zu dem Schnapsglas, mit dem er momentan liiert ist, ein Souvenir von der Weltausstellung 1977. �Allerdings in Hemd und Unterhose.� Landsman hebt das Glas und st��t auf die drei�ig Jahre an, die seit der Weltausstellung in Sitka vergangen sind. Ein H�hepunkt der j�dischen Zivilisation im Norden sei sie gewesen, hei�t es, und warum sollte er da widersprechen? In jenem Sommer war Meyer Landsman vierzehn und entdeckte die Herrlichkeit j�discher Frauen, f�r die 1977 auch eine Art H�hepunkt gewesen sein muss. �Im Sessel.� Er leert das Glas. �Mit meiner Scholem.�</p><p>Nach Ansicht von �rzten, Therapeuten und seiner Exfrau ist Landsmans Trinkerei eine Selbstmedikation, bei der die R�hren und Kristalle seiner Launen von hochprozentigem Zwetschgenbrand justiert werden, eine Pferdekur. Doch in Wahrheit kennt Landsman nur zwei Zust�nde: arbeitend oder tot. Meyer Landsman ist der am h�chsten ausgezeichnete Schammes im Distrikt Sitka, er ist der Mann, der die Ermordung der sch�nen Froma Lefkowitz durch ihren Gatten, einen K�rschner, aufkl�rte und der den Krankenhausm�rder Podolsky fasste. Es war Landsmans Aussage, die Hyman Tsharny lebensl�nglich hinter Gitter brachte, das erste und einzige Mal, dass die Anklage gegen einen Verbover Mafioso auch aufrechterhalten werden konnte. Landsman hat das Ged�chtnis eines Verurteilten, den Mut eines Feuerwehrmannes und die scharfen Augen eines Einbrechers. Gibt es ein Verbrechen zu bek�mpfen, rast Landsman durch Sitka wie ein Mann, in dessen Hose ein Feuerwerksk�rper steckt. Als w�rde im Hintergrund ein Soundtrack laufen, mit besonders vielen Kastagnetten. Das Problem sind die Stunden, in denen er nicht arbeitet und seine Gedanken durch das offene Fenster seines Hirns fortgeweht werden wie Bl�tter vom Schreibtisch. Manchmal braucht man einen m�chtigen Briefbeschwerer, um sie festzuhalten.</p><p>�Ich mache Ihnen ungern noch mehr Arbeit�, sagt Tenenboym.</p><p>Als er noch bei der Drogenfahndung war, verhaftete Landsman Tenenboym f�nf Mal. Das ist die alleinige Grundlage ihrer sogenannten Freundschaft. Fast ist es genug.</p><p>�Das ist keine Arbeit, Tenenboym�, sagt Landsman. �Das mache ich aus Liebe.�</p><p>�Geht mir genauso�, sagt der Nachtportier. �Ich meine, Nachtportier in so einem beschissenen Hotel zu sein.�</p><p>Landsman legt Tenenboym die Hand auf die Schulter, und die beiden M�nner gehen nach unten, um sich ein Bild vom Verstorbenen zu machen, sie dr�cken sich in den einzigen Aufzug des Zamenhof beziehungsweise in den ELEVATORO, wie ihn ein kleines Messingschild �ber der T�r bezeichnet. Beim Bau des Hotels vor f�nfzig Jahren wurden alle Hinweise, Warnungen und Beschilderungen in Esperanto auf Messingt�felchen verfasst. Die meisten davon sind l�ngst verschwunden, sind Nachl�ssigkeit, Vandalismus oder Brandvorschriften zum Opfer gefallen.</p><p>T�r und T�rrahmen von 208 weisen keine Spuren gewaltsamen Eindringens auf. Landsman legt sein Taschentuch um den Knauf und stupst die T�r mit der Pantoffelspitze auf.</p><p>�Ich hatte so ein komisches Gef�hl�, sagt Tenenboym, als er Landsman ins Zimmer folgt. �Schon als ich den Typ zum ersten Mal gesehen hab. Kennen Sie den Ausdruck �ein gebrochener Mann�?�</p><p>Landsman gibt zu, dass ihm die Redewendung bekannt vorkommt.</p><p>�Die meisten, die so bezeichnet werden, verdienen es gar nicht�, sagt Tenenboym. �Bei den meisten M�nnern gibt es meiner Meinung nach �berhaupt nichts zu brechen. Aber dieser Lasker, der war wie ein Stab, der aufleuchtet, wenn man ihn zerbricht. Kennen Sie die? Leuchten nur ein paar Stunden. Und wenn man sie sch�ttelt, rasseln drinnen die Glasscherben. Keine Ahnung, vergessen Sie�s. War nur so ein komisches Gef�hl.�</p><p>�Momentan hat jeder ein komisches Gef�hl�, sagt Landsman und notiert auf seinem kleinen schwarzen Block einiges �ber den Tatort, auch wenn solche Notizen �berfl�ssig sind, weil er nur selten ein Detail vergisst. Der lockere Zusammenschluss von �rzten, Psychologen und seiner ehemaligen Gattin prophezeite Landsman, der Alkohol w�rde sein Erinnerungsverm�gen abt�ten, doch bisher hat sich diese Behauptung�� zu seinem Bedauern�� als falsch erwiesen. Sein Blick in die Vergangenheit bleibt unbeeintr�chtigt. �Wir mussten eine separate Leitung einrichten, um all die Anrufe entgegennehmen zu k�nnen.�</p><p>�Es sind seltsame Zeiten f�r Juden�, stimmt Tenenboym zu. �Ohne Zweifel.�</p><p>Auf der furnierten Kommode liegt ein kleiner Stapel Taschenb�cher. Auf Laskers Nachttisch steht ein Schachbrett. Es sieht aus, als sei er mitten in einer Partie gewesen, ein chaotisches Endspiel, in dem der schwarze K�nig in der Brettmitte angegriffen wird und Wei� mit einigen Figuren im Vorteil ist. Es ist ein billiges Set, das Brett ein in der Mitte faltbares Pappquadrat, die Figuren sind hohl und haben N�hte, wo sie ausgestanzt wurden.</p><p>In der dreistrahligen Stehlampe neben dem Fernseher funktioniert nur noch eine Birne. Abgesehen von der Lampe im Badezimmer ist jede andere Birne im Zimmer herausgedreht oder durchgebrannt. Auf der Fensterbank liegt eine Packung frei verk�uflichen Abf�hrmittels einer beliebten Marke. Das Fenster ist die maximal m�glichen zwei Zentimeter hochgekurbelt, und alle paar Sekunden rasseln die Metalllamellen in der vom Golf von Alaska hereinwehenden steifen Brise. Der Wind tr�gt den s�uerlich-scharfen Geruch von Holzpulpe, den Gestank von Schiffsdiesel, das Aroma von geschlachteten und konservierten Lachsen heran. Wie es in �Noch amol� hei�t, einem Lied, das Landsman und die �brigen Juden seiner Generation in der Grundschule in Alaska lernten, erf�llt der Wind vom Golf die j�dische Nase mit der Ahnung von Verhei�ung, von M�glichkeiten, von einem Neubeginn. �Noch amol� stammt aus den Eisb�rtagen, den fr�hen Vierzigern, und ist angeblich Ausdruck von Dankbarkeit f�r eine abermalige, wunderbare Rettung: <emphasis>noch einmal.</emphasis> Heutzutage vernehmen die Juden des Distrikts Sitka eher den ironischen Unterton, den das Lied schon immer besa�.</p><p>�Hab �ne Menge j�discher Schachspieler gekannt, die Smack genommen haben�, sagt Tenenboym.</p><p>�Dito�, sagt Landsman und schaut auf den Verstorbenen hinab. Er stellt fest, dass er den Jid schon mal im Zamenhof gesehen hat. Ein V�gelchen von einem Mann. Waches Auge, kurzer Schnabel. Wangen und Hals leicht ger�tet, k�nnte Kupferrose sein. Kein richtig harter Bursche, kein Schuft, keine v�llig verlorene Seele. Ein Jid, vielleicht gar nicht so anders als Landsman selbst, abgesehen von der Wahl der Droge. Saubere Fingern�gel. Immer mit Krawatte und Hut. Las einmal ein Buch mit Fu�noten. Jetzt liegt Lasker mit dem Gesicht zur Wand b�uchlings auf dem Schrankbett, lediglich mit der obligaten wei�en Unterhose bekleidet. Rotes Haar, rote Sommersprossen und auf den Wangen ein goldener Dreitagebart. Der Anflug eines Doppelkinns, das Landsman auf ein Leben als dickes Kind zur�ckf�hrt. In blutdunklen H�hlen geschwollene Augen. Auf dem Hinterkopf ein kleines verbranntes Loch, ein Blutstropfen. Keine Anzeichen eines Kampfes. Nichts weist darauf hin, dass Lasker es kommen sah oder es zumindest erkannte, als es so weit war. Dem Bett, stellt Landsman fest, fehlt das Kopfkissen. �Wenn ich das gewusst h�tte, h�tte ich ihm vielleicht mal die ein oder andere Partie vorgeschlagen.�</p><p>�Ich wusste nicht, dass Sie Schach spielen.�</p><p>�Nicht sehr gut�, sagt Landsman. Auf dem Veloursteppich vom medizinischen Gelbgr�n einer Halspastille entdeckt er eine einsame, winzige wei�e Feder vor dem Einbauschrank. Landsman rei�t die Schrankt�r auf, und darin liegt das Kopfkissen, durchschossen, um das Ger�usch explodierender Gase in einer Patrone zu d�mpfen. �Ich habe kein Gesp�r f�rs Mittelspiel.�</p><p>�Meiner Erfahrung nach, Detective�, sagt Tenenboym, �geh�rt eigentlich alles zum Mittelspiel.�</p><p>�Da sagen Sie was�, erwidert Landsman.</p><p>Er weckt seinen Kollegen, Berko Shemets.</p><p>�Detective Shemets�, spricht Landsman in sein Handy, ein polizeieigenes Shoyfer AT. �Ich bin�s, dein Kollege.�</p><p>�Ich habe dich doch gebeten, damit aufzuh�ren, Meyer�, sagt Berko. Versteht sich von selbst, dass auch ihm noch acht Stunden bis zur n�chsten Schicht bleiben.</p><p>�Du hast allen Grund, sauer zu sein�, sagt Landsman. �Ich dachte nur, du bist vielleicht noch wach.�</p><p>�Ich <emphasis>war</emphasis> wach.�</p><p>Anders als Landsman hat Berko Shemets seine Ehe und sein Privatleben nicht in den Sand gesetzt. Jede Nacht schl�ft er in den Armen seiner wunderbaren Angetrauten, deren Liebe er sich verdient hat und die von ihm vergolten und gew�rdigt wird�� ein unersch�tterlicher Mann, der seiner Frau niemals Anlass zu Kummer oder Besorgnis gibt.</p><p>�Einen Fluch auf deinen Kopf, Meyer�, sagt Berko, und dann auf Englisch: �God damn it.�</p><p>�Ich habe scheinbar einen Mord hier bei mir im Hotel�, sagt Landsman. �Ein Gast. Schuss in den Hinterkopf. Kopfkissen als Schalld�mpfer. Sehr sauber.�</p><p>�Ein Auftragsmord.�</p><p>�Nur deshalb st�re ich dich �berhaupt. Wegen der ungew�hnlichen Vorgehens weise.�</p><p>Sitka mit seinen 3,2 Millionen Einwohnern kommt im langen, zerkl�fteten Streifen des Gro�stadtbereichs auf ein Jahresmittel von f�nfundsiebzig Morden. Einige sind auf Bandenkriminalit�t zur�ckzuf�hren: russische Schtarker, die sich gegenseitig im Freistil erledigen. Die �brigen Morde in Sitka sind sogenannte �Verbrechen aus Leidenschaft�, die stenographierte Kurzfassung f�r das mathematische Produkt aus Alkohol und Schusswaffen. Kaltbl�tige Exekutionen sind ebenso selten wie m�hselig von der gro�en Wei�wandtafel im Dienstzimmer zu tilgen, wo das Kerbholz der offenen F�lle aufbewahrt wird.</p><p>�Du bist nicht im Dienst, Meyer. Ruf auf dem Revier an! Gib die Sache an Tabatchnik und Karpas weiter.�</p><p>Tabatchnik und Karpas, die anderen beiden Kollegen, bilden die B-Mannschaft bei der Mordkommission der Distriktpolizei, Pr�sidium Sitka. Sie haben in diesem Monat Nachtschicht. Landsman muss zugeben, dass die Vorstellung einen gewissen Reiz hat, diese Taube auf ihre Filzh�te schei�en zu lassen.</p><p>�W�rde ich ja machen�, sagt Landsman. �Nur ist das hier mein Wohnsitz.�</p><p>�Hast du ihn gekannt?�, fragt Berko, und sein Ton wird ein wenig weicher.</p><p>�Nein�, sagt Landsman. �Ich habe den Jid nicht gekannt.�</p><p>Er wendet den Blick von der blassen, sommersprossigen Gestalt des Toten ab, der ausgestreckt auf dem Schrankbett liegt. Manchmal kann Landsman nicht anders, als Mitleid f�r das Opfer zu empfinden, auch wenn es besser w�re, sich das nicht anzugew�hnen.</p><p>�H�r mal�, sagt Landsman, �geh einfach wieder ins Bett. Wir k�nnen morgen dr�ber sprechen. Tut mir leid, dass ich dich bel�stigt habe. Gute Nacht. Sag Ester-Malke, dass es mir leidtut.�</p><p>�Du h�rst dich an, als w�rst du ein bisschen neben der Kappe, Meyer�, sagt Berko. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>In den vergangenen Monaten hat Landsman des �fteren zu fragw�rdigen Nachtstunden Anrufe bei seinem Kollegen get�tigt und dann im alkoholischen Dialekt des Grams geschwafelt und schwadroniert. Zwei Jahre zuvor entlie� sich Landsman selbst aus seiner Ehe, und im vergangenen April flog seine kleine Schwester mit ihrer Piper Super Cub in die Flanke von Mount Dunkelblum, oben in der Wildnis. Doch jetzt denkt Landsman weder an Naomis Tod noch an seine schmachvolle Scheidung. Gerade trifft ihn eine Vision wie ein Sandsack: Er sitzt in der schmutzigen Lobby des Hotels Zamenhof auf einer ehemals wei�en Couch und spielt Schach mit Emanuel Lasker, oder wie auch immer der Mann mit richtigem Namen hie�. Sie beleuchten einander mit ihrem vergl�henden Licht und lauschen dem s��en Klirren der Glassplitter in sich. Dass Landsman das Schachspiel verabscheut, macht das Bild nicht weniger ergreifend.</p><p>�Der Typ hat Schach gespielt, Berko. Das hab ich nicht gewusst. Das ist alles.�</p><p>�Bitte�, sagt Berko, �bitte, Meyer, ich flehe dich an, fang nicht wieder an zu heulen.�</p><p>�Mir geht�s gut�, sagt Landsman. �Gute Nacht.�</p><p>Landsman ruft die Leitstelle an, um sich selbst zum obersten Ermittler im Lasker-Fall zu machen. So ein beschissener Mord kann seiner Aufkl�rungsquote nicht sonderlich schaden. Nicht dass es etwas �ndern w�rde. Am ersten Januar wird die Landeshoheit �ber den gesamten f�deralen Distrikt Sitka, eine gekr�mmte Klammer felsiger K�ste am Westufer von Baranof und Chichagof Island, an den Bundesstaat Alaska zur�ckfallen. Die Distriktpolizei, der Landsman sich seit zwanzig Jahren mit Haut, Haar und Seele verschrieben hat, wird aufgel�st werden. Es ist alles andere als klar, ob Landsman, Berko Shemets oder sonst jemand seine Stellung behalten wird. �berhaupt nichts ist klar, was die bevorstehende Reversion angeht, und aus diesem Grund sind es seltsame Zeiten f�r Juden.</p></section><section><title><p><emphasis>2.</emphasis></p></title><p>W�hrend Landsmann darauf wartet, dass der Latke von der Streife auftaucht, klopft er an T�ren. Die meisten Bewohner des Zamenhof sind k�rperlich oder geistig nicht zugegen, und nach dem, was er aus den �brigen herausbekommt, h�tte er genauso gut an die T�ren der Taubstummenschule Hirshkovits klopfen k�nnen. Es ist ein unruhiger, halb verwirrter, widerlich-wunderlicher Haufen Jids, die Bewohner des Hotels Zamenhof, aber keiner von ihnen scheint sich in dieser Nacht �ber Geb�hr gest�rt zu f�hlen. Und keiner von ihnen kommt Landsman wie der Typ vor, der einem Mann eine gro�kalibrige Handfeuerwaffe an die Sch�delbasis h�lt und kaltbl�tig abdr�ckt.</p><p>�Ich verschwende nur meine Zeit mit diesen B�ffeln�, sagt Landsman zu Tenenboym. �Und Sie, Tenenboym, haben Sie auch wirklich nichts au�er der Reihe gesehen oder geh�rt?�</p><p>�Tut mir leid, Detective.�</p><p>�Sie sind auch ein B�ffel, Tenenboym.�</p><p>�Dagegen habe ich nichts einzuwenden.�</p><p>�Was ist mit dem Dienstboteneingang?�</p><p>�Wurde von Dealern benutzt�, sagt Tenenboym. �Wir mussten eine Alarmanlage einbauen. H�tte ich geh�rt.�</p><p>Landsman weist Tenenboym an, den Tages- und den Wochenendportier anzurufen, die gem�tlich zu Hause im Bett liegen. Die Herren pflichten Tenenboym bei, ihres Wissens habe nie jemand den Toten besucht oder nach ihm gefragt. Niemals. W�hrend der gesamten Dauer seines Aufenthalts im Zamenhof. Keine Besucher, keine Freunde, nicht mal der Lieferservice von Pearl of Manila. Dann gibt es doch einen Unterschied zwischen ihm und Lasker, denkt Landsman: Er bekommt n�mlich gelegentlich Besuch vom Botenjungen Romel, der ihm eine braune Papiert�te mit Lumpia bringt.</p><p>�Ich �berpr�fe mal das Dach�, sagt Landsman. �Lassen Sie niemanden nach drau�en und rufen Sie mich, wenn der Latke endlich auftaucht.�</p><p>Mit dem Elevatoro f�hrt Landsman in den sechsten Stock und poltert eine mit Stahlkanten versehene Betontreppe zum Dach des Zamenhof empor. Er l�uft am Rand entlang und schaut �ber die Max Nordau Street auf das Dach des Blackpool. Er sp�ht �ber das n�rdliche, �stliche und s�dliche Gesims auf die niedrigeren Geb�ude der Umgebung, f�nf oder sechs Stockwerke tiefer. Die Nacht �ber Sitka ist ein orangefarbener Schmierfleck, eine Mischung aus Nebel und dem Licht der Natriumdampflampen in den Stra�enlaternen. Sie ist so lichtdurchl�ssig wie in H�hnerfett ged�nstete Zwiebeln. Die Lichter der Juden erstrecken sich vom Hang des Mount Edgecumbe im Westen �ber die zweiundsiebzig Inseln im Sund, �ber Shvartser-Yam, Halibut Point, S�d-Sitka und das Nachtasyl, �ber Harkavy und die Untershtot, ehe sie im Osten von der Baranof-Kette gel�scht werden. Auf Oysshtelung Island blinkt das Leuchtfeuer oben auf dem Safety Pin�� das einzige Relikt der Weltausstellung�� seine Warnung an Flugzeuge oder Jids. Landsman riecht den Fischabfall der Konservenfabriken, das Fett in den Frittierwannen von Pearl of Manila, er riecht den Auswurf von Taxen und das bet�rende Aroma frischer H�te aus Grinspoons Filzfabrik zwei Querstra�en weiter.</p><p>�Sch�n da oben�, sagt Landsman, als er zur�ckkehrt in die Lobby mit ihrem Aschenbechercharme, den vergilbenden Sofas, vernarbten Sesseln und Tischen, an denen hin und wieder ein paar Hotelg�ste mit einem Spiel Binokel eine Stunde totschlagen. �Sollte �fter mal hochgehen.�</p><p>�Was ist mit dem Keller?�, fragt Tenenboym. �Sehen Sie da auch nach?�</p><p>�Im Keller�, sagt Landsman, und das Herz in seiner Brust macht einen unvorhergesehenen R�sselsprung. �Ist wohl besser.�</p><p>Landsman ist ein harter Kerl, auf seine Weise, er neigt dazu, es einfach drauf ankommen zu lassen. Er wurde schon abgebr�ht und tollk�hn genannt, ein Mamser, ein verr�ckter Hurensohn. Er hat sich mit Schtarkern und Psychopathen angelegt, wurde beschossen, geschlagen, verk�hlt, verbrannt. Er hat Verd�chtige zwischen den funkenschlagenden Mauern st�dtischer Schie�ereien und tief bis ins Land der B�ren verfolgt. H�hen, Menschenansammlungen, Schlangen, brennende H�user, auf Polizisten abgerichtete Hunde�� all das hat er entweder mit einem Achselzucken abgetan oder trotzig einfach weitergemacht. Doch wenn Meyer Landsman sich in einem lichtlosen oder engen Raum befindet, zieht sich etwas in seinem animalischen Mark zusammen. Niemand au�er seiner Exfrau wei� es, aber Detective Meyer Landsman hat Angst im Dunkeln.</p><p>�Soll ich mitkommen?�, fragt Tenenboym, und es klingt beil�ufig, aber bei so einem feinf�hligen alten Fischweib wie Tenenboym wei� man nie.</p><p>Landsman tut, als verschm�he er das Angebot.</p><p>�Geben Sie mir einfach eine Taschenlampe!�, sagt er.</p><p>Der Keller verstr�mt den Odem von Kampfer, Heiz�l und kaltem Staub. Landsman zerrt an einer Kordel, die eine nackte Gl�hbirne zum Leuchten bringt, h�lt die Luft an und verschwindet in der Versenkung.</p><p>Vom Fu�e der Treppe aus durchquert er den Raum mit den Fundsachen, ges�umt von Stecktafeln und m�bliert mit Regalen und F�chern, die Tausende von verlassenen oder vergessenen Gegenst�nden beherbergen. Einzelne Schuhe, Pelzh�te, eine Trompete, ein Zeppelin zum Aufziehen. Eine Sammlung w�chserner Grammophonwalzen mit der gesamten aufgezeichneten Produktion des Orfeon-Orchesters aus Istanbul. Eine Holzf�lleraxt, zwei Fahrr�der, ein Gebiss in einem Hotelglas. Per�cken, Gehst�cke, ein Glasauge, von einem Schaufensterpuppenvertreter zur�ckgelassene Handmodelle. Gebetb�cher, Gebetsschals in ihren samtenen Rei�verschlussh�llen, ein fremdartiger G�tze mit dem K�rper eines dicken Kindes und dem Kopf eines Elefanten. Es gibt einen h�lzernen Limonadenkasten voller Schl�ssel und einen anderen mit dem gesamten Sortiment von Friseurutensilien, vom Gl�tteisen bis zur Wimpernzange. Gerahmte Familienfotografien aus besseren Zeiten. Ein verdrehtes Gummiband, das ein Sexspielzeug, ein Verh�tungsmittel oder das patentierte Geheimnis eines Mieders sein k�nnte. Irgendein Jid lie� sogar einen ausgestopften Marder zur�ck, gl�nzend und grienend, das Glasauge ein harter Tintentropfen.</p><p>Mit einem Stift stochert Landsman im Schl�sselkasten herum. Er schaut in jeden Hut, tastet die Regale hinter den verlassenen Taschenb�chern ab. Er kann sein eigenes Herz h�ren und seinen Aldehyd-Atem riechen, und nach einigen Minuten in der Stille erinnert ihn das Rauschen des Blutes in seinen Ohren an jemanden, der spricht. Er sieht hinter den Warmwassertanks nach, die mit Stahlb�ndern aneinandergekettet sind wie Gef�hrten in einem verh�ngnisvollen Abenteuer.</p><p>Als N�chstes ist der Waschkeller an der Reihe. Landsman zieht an der Lampenschnur, doch es tut sich nichts. Es ist hier noch zehnmal dunkler, aber es gibt nichts zu sehen au�er leeren W�nden, gekappten Anschl�ssen und Abfl�ssen im Boden. Seit Jahren macht das Zamenhof die W�sche nicht mehr selbst. Landsman schaut in die Abfl�sse, in die schwere, �lige Dunkelheit. Er versp�rt ein Kr�mmen, einen Wurm in seinem Bauch. Er spreizt die H�nde und knackt mit den Halswirbeln. Am hinteren Ende des Waschkellers ist eine niedrige �ffnung, verschlossen von einer aus drei Brettern bestehenden T�r, die diagonal durch ein viertes zusammengenagelt ist. Als Riegel hat die Holzt�r eine Seilschlaufe, die �ber einem Haken liegt.</p><p>Ein Kriechkeller. Schon das Wort allein macht Landsman Angst.</p><p>Er berechnet die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Sorte M�rder, kein Profi, kein blutiger Anf�nger, schon gar kein normaler Irrer, sich in dem Kriechkeller verstecken k�nnte. M�glich, aber reichlich schwierig f�r den Freak, von innen die Schlaufe �ber den Haken zu legen. Eigentlich reicht Landsman schon diese Logik, um zu der �berzeugung zu gelangen, dass er sich nicht um den Kriechkeller k�mmern muss. Schlie�lich geht er zur�ck in den Raum mit den Fundsachen und treibt eine kleine Taschenlampe auf. Nur um sich selbst zu �rgern�� denn sich zu �rgern, andere zu �rgern, die Welt zu �rgern, ist die Lieblingsbesch�ftigung und das alleinige Erbe von Landsman und seinem Volk. Er knipst die Taschenlampe an und klemmt sie sich zwischen die Z�hne. Er krempelt die Hosenbeine hoch und l�sst sich auf die Knie nieder. Mit einer Hand holt er seine gro�e kleine S &amp; W aus dem Holster, mit der anderen fingert er an der Schlaufe herum. Dann rei�t er die T�r zum Kriechkeller auf.</p><p>�Komm raus!�, sagt er mit trockenen Lippen und keucht wie ein schissiger alter Knacker.</p><p>Die Hochstimmung, die er auf dem Dach empfand, ist abgek�hlt wie ein gerissener Gl�hfaden. Landsmans N�chte verstreichen ungenutzt, sein Privatleben und sein Beruf sind eine Aneinanderreihung von Fehlern, seine Stadt selbst ist eine Gl�hbirne, die in K�rze erl�schen wird.</p><p>Er schiebt seinen Oberk�rper in den Kriechkeller. Die Luft ist kalt und hat den bitteren Geruch von Mausek�tteln. Der Strahl der Taschenlampe tr�pfelt �ber alles, verbirgt ebenso viel wie er offenbart. W�nde aus L�schbeton, ein gestampfter Erdboden, die Decke ein widerliches Gewirr aus Dr�hten und Isolierschaum. Weiter hinten in der Mitte liegt eine Platte aus grobem Sperrholz in einem runden, im Boden eingelassenen Metallrahmen. Landsman h�lt den Atem an und schwimmt durch seine Panik zum Loch im Boden, fest entschlossen, so lange wie m�glich unten zu bleiben. Die Erde um den Rahmen ist unber�hrt. Eine gleichm��ige Staubschicht liegt �ber Holz und Metall, keine Abdr�cke, keine Spuren. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sich jemand daran zu schaffen gemacht haben k�nnte. Landsman schiebt die Fingern�gel zwischen Sperrholz und Rahmen und hievt die schlichte Klappe heraus. Die Taschenlampe beleuchtet ein gewundenes, in die Erde geschraubtes Aluminiumrohr mit Stahlklampen als Stufen. Landsman sieht, dass der Rand des Rohres selbst den Rahmen bildet. Gerade breit genug f�r einen ausgewachsenen Psychopathen. Oder einen j�dischen Polizisten mit weniger Phobien als Landsman. Er klammert sich an seine Scholem wie an einen Griff, ringt mit dem irren Bed�rfnis, der Dunkelheit in die Kehle zu schie�en. Mit einem Klappern l�sst er die Sperrholzscheibe zur�ck in den Rahmen fallen. Auf gar keinen Fall geht er da runter.</p><p>Die Dunkelheit folgt ihm den ganzen Weg zur�ck die Treppe hinauf bis in die Lobby, greift nach seinem Kragen, zupft an seinem �rmel.</p><p>�Nichts�, sagt er mit gro�er Selbstbeherrschung zu Tenenboym. Er sagt es betont fr�hlich. Es k�nnte eine Prophezeiung dessen sein, was seine Ermittlung im Mordfall Emanuel Lasker zwangsl�ufig hervorbringen wird, eine Feststellung, f�r was Lasker seiner Meinung nach lebte und starb, eine Erkenntnis, was nach der Reversion von Landsmans Heimatstadt zur�ckbleiben wird. �Nichts.�</p><p>�Sie wissen ja, was Kohn meint�, sagt Tenenboym. �Kohn meint, wir h�tten einen Hausgeist.� Kohn ist der Tagesportier. �Der Sachen entwendet oder umstellt. Kohn glaubt, es ist der Geist von Professor Zamenhof.�</p><p>�Wenn so eine Absteige nach mir benannt w�rde�, sagt Landsman, �w�rde ich da auch rumspuken.�</p><p>�Man kann nie wissen�, bemerkt Tenenboym. �Besonders heutzutage.�</p><p>Heutzutage wei� man nie. Drau�en in Povorotny paarte sich eine Katze mit einem Kaninchen und brachte entz�ckende Missgeburten zur Welt, deren Fotos das Titelblatt der <emphasis>Sitka Tog</emphasis> zierten. Im vergangenen Februar schworen f�nfhundert Zeugen quer durch den ganzen Distrikt, dass sie zwei N�chte in Folge im Schimmer des Nordlichts den Umriss eines Gesichts mit Bart und Schl�fenlocken erkannt h�tten. Heftige Dispute �ber die Identit�t des b�rtigen Weisen am Himmel brachen aus, ob das Gesicht gel�chelt habe oder nicht (oder lediglich unter leichten Bl�hungen litt), sowie �ber die Bedeutung der sonderbaren Erscheinung. Und just in der letzten Woche wehrte sich im koscheren Schlachthaus auf der Zhitlovsky Avenue inmitten des panischen Federgeflatters ein Huhn gegen den Schochet, als der gerade das rituelle Messer hob, und verk�ndete auf Aram�isch die nah bevorstehende Ankunft von Messias. Nach Angaben der <emphasis>Tog</emphasis> �u�erte das wundersame Huhn eine Anzahl verbl�ffender Prophezeiungen, auch wenn es die Suppe zu erw�hnen unterlie�, in der es sp�ter, abermals verstummt wie Gott daselbst, die Hauptrolle spielen sollte. Schon die fl�chtigste Durchsicht der Archive, denkt Landsman, w�rde zeigen, dass seltsame Zeiten f�r Juden fast immer auch seltsame Zeiten f�r H�hner waren.</p></section><section><title><p><emphasis>3.</emphasis></p></title><p>Auf der Strasse fegt der Wind den Regen von den Mantelaufschl�gen. Landsman duckt sich in den Hoteleingang. Zwei M�nner, einer mit einem auf den R�cken geschnallten Cellokasten, der andere mit einer Geige oder Bratsche im Arm, k�mpfen sich durch das Wetter zur T�r von Pearl of Manila auf der anderen Stra�enseite. Die Konzerthalle ist zehn H�userblocks und eine ganze Welt entfernt von diesem Ende der Max Nordau Street, doch das Verlangen eines Juden nach Schweinefleisch, insbesondere frittiertem, ist st�rker als die Nacht oder die Entfernung oder der kalte Wind vom Golf von Alaska. Landsman selbst k�mpft gegen den Drang, zu seiner Flasche Sliwowitz und seinem Souvenirglas von der Weltausstellung in Zimmer 505 zur�ckzukehren.</p><p>Stattdessen z�ndet er sich eine Papiros an. Nach einem Jahrzehnt der Enthaltsamkeit hat Landsman vor knapp drei Jahren erneut mit dem Rauchen begonnen. Seine Exfrau war damals schwanger. Es war eine kontrovers diskutierte und in manchen Stadtteilen hei�ersehnte Schwangerschaft�� ihre erste��, aber keine geplante. Wie bei vielen Schwangerschaften, die zu lange diskutiert werden, hatte der zuk�nftige Vater zuvor eine zwiesp�ltige Einstellung gehabt. Nach siebzehn Wochen und einem Tag�� der Tag, an dem Landsman nach zehn Jahren seine erste Schachtel Broadways kaufte�� bekamen sie ein schlechtes Testergebnis. Viele, wenn auch nicht alle Zellen, aus denen der F�tus mit Decknamen Django bestand, besa�en ein zus�tzliches Chromosom auf dem zwanzigsten Paar. Mosaizismus nennt man das. Es kann schwere Anomalien hervorrufen. Oder �berhaupt keine Folgen haben. In der verf�gbaren Literatur mochte ein gl�ubiger Mensch Zuspruch finden, ein ungl�ubiger reichlich Grund zur Verzweiflung. Landsmans Sicht der Dinge�� zwiegespalten, verzweifelt und ohne jeglichen Glauben�� setzte sich durch. Ein Arzt mit einem halben Dutzend Laminaria brach das Siegel des Lebens von Django Landsman. Drei Monate sp�ter zog Landsman mit seinen Zigaretten aus dem Haus auf Tshemovits Island aus, in dem Bina und er fast die gesamten f�nfzehn Jahre ihrer Ehe verbracht hatten. Es lag nicht daran, dass er nicht mit dem Schuldgef�hl leben konnte. Er konnte nur nicht mit ihm und Bina leben.</p><p>Ein alter Mann, der sich selbst voranschiebt wie einen klapprigen Handkarren, kommt in Zickzacklinie auf den Hoteleingang zu. Er ist ein kleiner Mann, keine eins f�nfzig, und zieht einen gro�en Koffer hinter sich her. Landsman mustert den offenen, langen wei�en Mantel �ber dem wei�en Anzug mit Weste und den tief in die Stirn gezogenen, breitkrempigen wei�en Hut. Wei�er Bart und wei�e Schl�fenlocken, fedrig und schwer zugleich. Der Koffer�� ein altes Monstrum aus fleckigem Brokat und zerkratztem Leder. Die rechte K�rperh�lfte des kleinen Mannes ist um f�nf Grad tiefer als die linke, hinabgezogen vom Koffer, der offenbar die komplette Bleibarrensammlung des alten Herrn enth�lt. Das Kerlchen h�lt inne und hebt einen Finger, als habe es Landsman eine Frage zu stellen. Der Wind spielt mit seinem Barthaar und der Hutkrempe. Von seinem Bart, seinen Achselh�hlen, seinem Atem und seiner Haut weht der Wind den schweren Geruch von altem Tabak, feuchtem Flanell und vom Schwei� eines auf der Stra�e lebenden Mannes her�ber. Landsman f�llt die Farbe der spitzen, antiquierten Stiefel ins Auge: Sie sind gelblich elfenbeinfarben wie der Bart des Alten und werden seitlich gekn�pft.</p><p>Landsman erinnert sich, dass er diesen komischen Kauz fr�her �fter gesehen hat, als er Tenenboym mehrfach wegen leichten Diebstahls und Drogenbesitzes verhaftete. Damals war der Jid nicht j�nger, jetzt ist er nicht �lter. Er wurde Elija genannt, weil er an allen unm�glichen Orten mit seiner Puschke und dieser unerkl�rlichen Art auftauchte, als habe er etwas Wichtiges zu sagen.</p><p>�Liebchen�, sagt er zu Landsman. �Das ist das Hotel Zamenhof, nein?�</p><p>Sein Jiddisch klingt ein wenig exotisch in Landsmans Ohren, gew�rzt mit Niederl�ndisch oder vielleicht Niederdeutsch. Der Alte ist schwach auf den Beinen und hat einen krummen R�cken, aber abgesehen von den Kr�henf��en um die blauen Augen wirkt sein Gesicht jugendlich und faltenlos. In seinen Augen selbst gl�ht ein flammender Eifer, der Landsman verbl�fft. Die Aussicht auf eine Nacht im Zamenhof gibt nicht vielen Menschen Anlass zu solcher Vorfreude.</p><p>�Genau.� Landsman bietet dem Propheten Elija eine Broadway an, und der kleine Mann nimmt zwei, von denen er eine in den dunklen Reliquienschrein seiner Brusttasche schiebt. �Kaltes und warmes Wasser. Schammes mit Dienstmarke direkt im Haus.�</p><p>�Sind Sie der Manager, mein Schejner?�</p><p>Dar�ber muss Landsman l�cheln. Er tritt zur Seite und weist auf den Eingang.</p><p>�Der Manager ist da drin�, sagt er.</p><p>Aber der kleine alte Mann bleibt einfach stehen und l�sst sich beregnen. Sein Bart flattert wie ein Waffenstillstandsangebot. Er schaut an der gesichtslosen Fassade des Zamenhof empor, grau im tr�ben Laternenschein. Das Geb�ude, ein schmaler Turm schmutzig wei�er Ziegel mit Fensterschlitzen, drei oder vier H�userblocks vom geschmacklosesten Abschnitt der Monastir Street entfernt, besitzt die Attraktivit�t eines Luftentfeuchters. Sein blinkendes Neonschild qu�lt die Tr�ume der Verlierer im Blackpool auf der anderen Stra�enseite.</p><p>�Das Zamenhof�, sagt der alte Mann und blinzelt wie die Leuchtr�hren der Neonreklame. �Nicht das Zamenhof. Das Zamenhof.�</p><p>Da kommt der Latke angelaufen, ein Neuling namens Netsky, eine Hand auf seiner flachen, runden, breitkrempigen Streifendienstm�tze.</p><p>�Detective�, sagt der Latke atemlos, blinzelt dem Alten zu und nickt, ��n Abend, V�terchen. Also, �hm, Detective, tut mir leid, ich habe den Anruf gerade erst erhalten, bin kurz aufgehalten worden.� Netsky hat Kaffee im Atem und Puderzucker auf dem rechten �rmelaufschlag seines blauen Mantels. �Wo ist der tote Jid?�</p><p>�In zwei null acht�, sagt Landsman und �ffnet dem Latke die T�r. Dann wendet er sich wieder dem Alten zu. �Auch hinein, V�terchen?�</p><p>�Nein�, sagt der kleine Mann mit dem Anflug einer Gem�tsregung, die Landsman nicht recht deuten kann. Es k�nnte Bedauern oder Erleichterung sein oder aber die grimmige Genugtuung eines Mannes, der eine Schw�che f�r Entt�uschungen hat.</p><empty-line/><p>Das Flackern in seinen Augen ist einem Tr�nenfilm gewichen. �Ich war nur neugierig. Danke, Officer Landsman.�</p><p>�Ich bin jetzt Detective�, sagt Landsman, �berrascht, woher der Alte seinen Namen kennt. �K�nnen Sie sich an mich erinnern, V�terchen?�</p><p>�Ich erinnere mich an alles, Liebchen.� Dann greift Elija in eine Tasche seines bleichgelben Mantels und holt seine Puschke hervor, ein schwarz angemaltes Holzk�stchen, ungef�hr von der Gr��e eines Karteikartenkastens. Darauf steht in hebr�ischen Buchstaben geschrieben: L�ERETZ JISROEL. Im Deckel ist ein schmaler Schlitz f�r M�nzen und gefaltete Dollarnoten.</p><p>�Eine kleine Gabe?�, fragt Elija.</p><p>Noch nie war das Heilige Land jemandem ferner und unerreichbarer als einem Juden aus Sitka. Es liegt auf der anderen Seite des Planeten, ein elender Ort, regiert von Menschen, die lediglich ihre Entschlossenheit eint, au�er einer ersch�pften, unbedeutenden Handvoll alle anderen Juden auszuschlie�en. Ein halbes Jahrhundert haben arabische Potentaten und muslimische Partisanen, Perser und �gypter, Sozialisten, Nationalisten und Monarchisten, Panarabisten und Panislamisten, Traditionalisten und Schiiten, haben sie alle ihre Z�hne in Eretz Jisroel geschlagen und es bis auf Knochen und Knorpel abgenagt. Jerusalem ist eine Stadt des Bluts, der Parolen an Hausw�nden, eine Stadt der abgetrennten K�pfe auf Telefonmasten. Gl�ubige Juden auf der ganzen Welt haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, eines Tages im Lande Zion zu leben. Aber bisher sind die Juden dreimal rausgeworfen worden: 586 vor Christus, 70 nach Christus und 1948 mit w�tender Entschlossenheit. Selbst den Gl�ubigen f�llt es schwer, hinsichtlich ihrer Chancen, noch einmal einen Fu� in die T�r zu schieben, nicht eine gewisse Mutlosigkeit aufkommen zu lassen.</p><p>Landsman holt seine Brieftasche hervor und steckt einen gefalteten Zwanziger in Elijas Puschke.</p><p>�Viel Gl�ck�, sagt Landsman.</p><p>Der kleine Mann hievt seinen schweren Koffer hoch und will davonschlurfen. Landsman h�lt ihn am �rmel fest, eine Frage formt sich in seinem Herzen, eine Kinderfrage �ber den alten Wunsch seines Volks nach einer Heimat. Mit ge�bt wachsamem Blick dreht sich Elija um. Vielleicht ist Landsman ja irgendein Aufwiegler. Landsman sp�rt, dass die Frage abebbt wie das Nikotin in seinem Blut.</p><p>�Was haben Sie da in der Tasche, V�terchen?�, sagt er. �Sieht schwer aus.�</p><p>�Ein Buch.�</p><p>�Ein einziges?�</p><p>�Es ist sehr gro�.�</p><p>�Lange Geschichte?�</p><p>�Sehr lang.�</p><p>�Wovon handelt sie?�</p><p>�Von Messias�, sagt der kleine Mann. �Und jetzt nehmen Sie bitte Ihre Hand fort.�</p><p>Landsman l�sst los. Der Alte dr�ckt den R�cken durch und hebt den Kopf. Auf seiner Stirn ziehen schwere Wolken auf, und er sieht zornig aus, hochm�tig und nicht im Geringsten alt.</p><p>�Messias kommt�, sagt er. Es ist keine richtige Warnung, doch als Erl�sungsversprechen fehlt es dem Satz an der gewissen W�rme.</p><p>�Das trifft sich gut�, sagt Landsman und weist mit dem Daumen in Richtung Hotellobby. �Seit heute haben wir n�mlich ein Zimmer frei.�</p><p>Elija ist verletzt, vielleicht auch nur emp�rt. Er �ffnet das kleine schwarze K�stchen und schaut hinein. Dann holt er den Zwanzigdollarschein hervor, den Landsman gespendet hat, und gibt ihn zur�ck. Er hebt seinen Koffer an, zieht seinen wei�en Schlapphut tief in die Stirn und trottet im Regen davon.</p><p>Landsman zerkn�llt den Zwanziger und l�sst ihn in seine Ges��tasche gleiten. Er tritt die Papiros unter dem Schuh aus und geht ins Hotel.</p><p>�Was war denn das f�r ein Spinner?�, fragt Netsky.</p><p>�Wird Elija genannt. Harmlos�, sagt Tenenboym hinter dem Metallgeflecht des Rezeptionsfensters. �Fr�her hat man ihn �fter mal gesehen. Immer schick gemacht f�r Messias.� Tenenboym klackert mit einem goldenen Zahnstocher gegen seine Backenz�hne. �H�ren Sie, Detective, eigentlich muss ich ja nichts sagen. Aber ich kann�s Ihnen genauso gut erz�hlen. Morgen kommt ein Brief vom Hotel.�</p><p>�Da bin ich aber gespannt�, sagt Landsman.</p><p>�Es wurde an einen Konzern aus Kansas City verkauft.�</p><p>�Wir werden rausgeworfen.�</p><p>�Kann sein�, sagt Tenenboym. �Kann auch nicht sein. Bei keinem hier ist der Status klar. Aber m�glich ist es schon, dass Sie eventuell ausziehen m�ssen.�</p><p>�Und das steht in diesem Brief?�</p><p>Tenenboym zuckt mit den Achseln. �Der Brief ist in Fachchinesisch geschrieben.�</p><p>Landsman stellt Netsky, den Latke, am Eingang ab.</p><p>�Erz�hlen Sie den Leuten nicht, was sie geh�rt oder gesehen haben�, sch�rft er ihm ein. �Und setzen Sie ihnen nicht so stark zu, auch wenn sie aussehen, als k�nnten sie es gebrauchen.�</p><p>Vom prasselnden Regen wird Menashe Shpringer, der Ermittler aus der Nachtschicht, in die Lobby geweht. Er tr�gt einen schwarzen Mantel und eine Pelzm�tze, in einer Hand h�lt er einen tropfenden Regenschirm. Mit der anderen zieht er einen Chromcaddy hinter sich her, auf den mit einer Gummistrippe sein schwarzer Kunststoffwerkzeugkasten und ein Plastikeimer mit L�chern zum Hineingreifen gezurrt sind. Shpringer ist ein Hydrant, er hat kurze O-Beine und affenartige Arme, die ohne vorteilhafte Schultern direkt vom Hals abgehen. Sein Gesicht besteht fast nur aus Wangen, und seine gefurchte Stirn sieht aus wie jene kuppelf�rmigen Bienenk�rbe, die auf mittelalterlichen Holzschnitten den Flei� symbolisieren. Auf dem Plastikeimer prangt mit blauen Buchstaben das Wort BEWEISMITTEL.</p><p>�Verlassen Sie die Stadt?�, fragt Shpringer. Das ist in diesen Tagen keine ungew�hnliche Begr��ung. In den vergangenen zwei Jahren haben viele Menschen die Stadt verlassen, sind aus dem Distrikt zu den wenigen Orten geflohen, wo sie freundlich empfangen werden oder wo man es satthat, nur aus zweiter Hand von Pogromen zu h�ren, und hofft, selbst mal eins zu veranstalten. Landsman sagt, soweit er wisse, gehe er nirgends hin. Die meisten St�dte, die Juden aufnehmen, machen zur Bedingung, dass schon ein naher Verwandter dort lebt. Alle nahen Verwandten von Landsman sind entweder tot oder selbst von der Reversion betroffen.</p><p>�Dann m�chte ich mich jetzt f�r immer von Ihnen verabschieden�, sagt Shpringer. �Morgen Abend um diese Zeit schwitze ich schon in der warmen Sonne von Saskatchewan.�</p><p>�In Saskatoon?�, r�t Landsman.</p><p>�Null Grad waren es da heute�, sagt Shpringer. �Tagesh�chsttemperatur.�</p><p>�Sehen Sie es mal anders�, sagt Landsman. �Sie k�nnten auch in diesem Rattenloch leben.�</p><p>�Im Zamenhof.� Shpringer zieht in Gedanken Landsmans Akte hervor und runzelt die Stirn ob ihres Inhalts. �Stimmt. Home sweet home, was?�</p><p>�Passt zu meinem gegenw�rtigen Lebensstil.�</p><p>Shpringer zeigt ein schmales L�cheln, das so gut wie frei von Mitleid ist.</p><p>�Wo geht�s zu dem Toten?�, fragt er.</p></section><section><title><p><emphasis>4.</emphasis></p></title><p>Als Erstes dreht Shpringer alle Birnen herein, die Lasker herausgeschraubt hat. Dann klappt er seine Sicherheitsbrille herunter und macht sich an die Arbeit. Er verpasst Lasker eine Manik�re und eine Pedik�re und sucht in seinem Mund nach einem abgetrennten Finger oder einer Bronzedublone. Mit Kohlenstaub und Pinsel nimmt er Fingerabdr�cke. Er macht dreihundertsiebzehn Polaroidfotos. Er macht Aufnahmen von der Leiche, dem Zimmer, dem perforierten Kopfkissen, den abgenommenen Fingerabdr�cken. Er macht ein Bild vom Schachbrett.</p><p>�Noch eins f�r mich�, sagt Landsman. Shpringer schie�t ein zweites Foto von dem Spiel, das der M�rder Lasker nicht zu Ende spielen lie�. Mit erhobener Augenbraue reicht er es Landsman.</p><p>�Wichtiges Indiz�, sagt Landsman.</p><p>St�ck f�r St�ck l�st Shpringer die nimzo-kroatische Verteidigung des Toten auf, oder was auch immer er gerade spielte. Jede Figur kommt in ein kleines T�tchen.</p><p>�Warum sind Sie so schmutzig?�, fragt er, ohne Landsman anzusehen.</p><p>Landsman registriert den hellbraunen Staub, der an seinen Schuhspitzen, an den Aufschl�gen und Knien seiner Hose haftet.</p><p>�Ich war im Keller. Da unten ist eine gro�e � keine Ahnung � eine Art Versorgungsrohr.� Er sp�rt, wie das Blut in seine Wangen schie�t. �Musste ich �berpr�fen.�</p><p>�Ein Warschauer Tunnel�, sagt Shpringer. �Die ziehen sich �berall durch diesen Teil der Untershtot.�</p><p>�Das glauben Sie doch selbst nicht!�</p><p>�Als die Gr�nlinge herkamen, nach dem Krieg. Die im Warschauer Ghetto gewesen waren. Oder in Bialystok. Die Widerstandsk�mpfer. Ich glaube, manche trauten den Amerikanern nicht so recht. Deshalb bauten sie Tunnel. F�r den Fall, dass sie irgendwann wieder k�mpfen m�ssten. Das ist der wahre Grund, warum es Untershtot hei�t.�</p><p>�Ein Ger�cht, Shpringer. Ein Gro�stadtmythos. Das da unten ist blo� ein Versorgungsrohr.�</p><p>Shpringer brummt. Er t�tet Badelaken, Handtuch und ein abgenutztes St�ck Seife ein. Er z�hlt die auf der Toilettenbrille klebenden rotblonden Schamhaare und verpackt jedes einzeln.</p><p>�Apropos Ger�cht�, sagt er. �Haben Sie was von Felsenfeld geh�rt?�</p><p>�Was soll das hei�en, ob ich was von ihm geh�rt habe?� Gemeint ist Inspector Felsenfeld, der Leiter des Dezernats. �Ich hab ihn heute Nachmittag noch gesehen�, sagt Landsman. �Geh�rt habe ich nichts von ihm. Der Mann hat seit zehn Jahren keine drei zusammenh�ngenden W�rter rausgebracht. Was ist das f�r eine Frage? Was f�r ein Ger�cht?�</p><p>�Ich meinte nur.�</p><p>Shpringer f�hrt mit seinen latexbehandschuhten Fingern �ber die sommersprossige Haut von Laskers linkem Arm. Er sieht Einstichwunden und die schwachen Abdr�cke der Aderpresse, mit der sich der Verstorbene abband.</p><p>�Felsenfeld lief den ganzen Tag mit der Hand auf dem Bauch herum�, sagt Landsman nachdenklich. �Ich meine geh�rt zu haben, dass er �Sodbrennen� sagte.� Dann: �Was sehen Sie?�</p><p>Mit gerunzelter Stirn betrachtet Shpringer die Haut �ber Laskers Ellenbogen, wo sich die Abdr�cke der Aderpresse mehren.</p><p>�Sieht aus, als h�tte er einen G�rtel benutzt�, sagt Shpringer. �Nur ist sein G�rtel zu breit f�r diese Abdr�cke.�</p><p>Laskers G�rtel hat er bereits in eine braune Papiert�te gesteckt, genauso wie zwei graue Hosen und zwei blaue Sakkos.</p><p>�Sein Besteck ist in der Schublade, in einem schwarzen Etui�, sagt Landsman. �Ich hab nicht so genau hingeguckt.�</p><p>Shpringer �ffnet die Lade von Laskers Nachttisch und holt eine schwarze Kulturtasche hervor. Er zieht den Rei�verschluss auf und gibt einen seltsam kehligen Laut von sich. Zuerst kann Landsman nicht erkennen, was Shpringers Interesse geweckt hat.</p><p>�Was wissen Sie �ber diesen Lasker?�, fragt Shpringer.</p><p>�Ich wage die Vermutung, dass er gelegentlich Schach gespielt hat�, sagt Landsman. Eins der drei B�cher im Zimmer ist eine abgegriffene Taschenbuchausgabe mit br�chigem R�cken von Siegbert Tarraschs <emphasis>300 Schachpartien.</emphasis> Innen auf dem hinteren Umschlag klebt eine Papiertasche mit einer Karte, der zu entnehmen ist, dass es in der �ffentlichen Zentralbibliothek von Sitka letztmals im Juli 1986 ausgeliehen wurde. Landsman muss daran denken, dass er im Juli 1986 zum ersten Mal mit seiner damals zuk�nftigen Exfrau schlief. Bina war zwanzig, Landsman dreiundzwanzig, es war der H�hepunkt des nordischen Sommers. Juli 1986 ist ein Datum, das auf die Karte in der Tasche von Landsmans Illusionen gedruckt ist. Die anderen beiden B�cher sind billige jiddische Thriller. �Davon abgesehen, wei� ich Ziegendreck.�</p><p>Wie Shpringer aus den Abdr�cken auf Laskers Arm folgert, war die vom Verstorbenen gew�hlte Aderpresse offenbar ein schwarzer Lederriemen, ungef�hr anderthalb Zentimeter breit. Shpringer zieht ihn aus der Kulturtasche und h�lt ihn mit zwei Fingern hoch, als k�nnte er bei�en. In der Mitte des Riemens befindet sich eine kleine Lederkapsel f�r das Pergament, auf das ein Schriftgelehrter mit Tinte und Feder vier Abschnitte der Thora geschrieben hat. Jeden Morgen wickelt sich ein frommer Jude so ein Ding um den linken Arm, ein zweites h�lt er sich an die Stirn und bittet dann darum, diesen Gott zu verstehen, der Menschen zwingt, so etwas an jedem verdammten Tag ihres Lebens zu tun. Doch die kleine Kapsel von Emanuel Laskers Gebetsriemen ist leer. Er war lediglich das Instrument seiner Wahl, um die Venen in seinem Arm zu erweitern.</p><p>�Das ist mal was Neues�, sagt Shpringer. �Sich mit Tefillin abbinden.�</p><p>�Jetzt, wo ich dr�ber nachdenke�, sagt Landsman. �Er hatte so was. Als w�re er fr�her vielleicht mal ein Schwarzhut gewesen. Die bekommen so einen � wei� nicht. Sie sehen so geschoren aus.�</p><p>Landsman zieht einen Handschuh �ber, umfasst Laskers Kinn und dreht den Kopf des Toten, diese geschwollene Maske von Blutgef��en, von einer Seite zur anderen.</p><p>�Falls er mal einen Bart getragen hat, muss das l�nger her sein�, sagt Landsman. �Seine Gesichtsfarbe ist gleichm��ig.�</p><p>Er l�sst Laskers Kopf los und tritt von der Leiche zur�ck. Es w�re nicht ganz zutreffend zu behaupten, dass er Lasker f�r einen ehemaligen Schwarzhut h�lt. Doch Landsman meint, dass Lasker mit seinem pummeligen Kinn und seiner selbstzerst�rerischen Aura einmal mehr gewesen sein muss als ein strumpfloser Junkie in einer billigen Absteige. Er seufzt.</p><p>�Was w�rde ich daf�r geben�, sagt Landsman, �jetzt am sonnigen Strand von Saskatoon zu liegen.�</p><p>Auf dem Flur tut sich etwas, Metall und Gurte klirren, kurz darauf kommen zwei Mitarbeiter des Leichenschauhauses mit einer Klapptrage herein. Shpringer weist sie an, ihm den Eimer mit den Beweismitteln und die von ihm gef�llten T�ten anzureichen, dann rumpelt er nach drau�en. Ein Reifen seiner kleinen Sackkarre quietscht.</p><p>�Ein Haufen Schei�e�, erkl�rt Landsman den M�nnern aus der Leichenhalle und meint damit den Fall, nicht das Opfer. Sein Urteil scheint sie weder zu �berraschen noch eine Neuigkeit f�r sie zu sein. Landsman steigt wieder hoch zu seinem Zimmer, um sich zu seiner Flasche Sliwowitz und dem Weltausstellungsglas zu gesellen, das seine Zuneigung gewonnen hat. Er setzt sich auf den Stuhl neben dem Sperrholztisch, ein schmutziges Hemd als Sitzkissen. Er holt das Polaroid aus der Tasche und studiert Laskers hinterlassene Partie, versucht herauszufinden, ob Wei� oder Schwarz dran war und was jeweils der n�chste Zug gewesen sein k�nnte. Aber es sind zu viele Figuren, und es ist zu schwer, die Z�ge im Kopf zu behalten, und Landsman besitzt nichts, was einem Schachbrett gleichkommt, auf dem er die Partie nachstellen k�nnte. Nach einigen Minuten merkt er, dass er in den Schlaf abgleitet. Nein, das wird er nicht tun, nicht wenn er wei�, dass lediglich abgedroschene Eschertr�ume, wirre Schachbrettmuster und gewaltige T�rme mit phallischen Schatten auf ihn warten.</p><p>Er zieht sich aus, stellt sich unter die Dusche und legt sich dann mit weit aufgerissenen Augen hin und kramt Erinnerungen�� seine kleine Schwester in ihrer Super Cub, Bina im Sommer 1986�� aus kleinen Plastikt�ten. Er betrachtet sie, als seien sie Notationen vergangener Schachmatts oder Meisterz�ge in einem verstaubten, aus der Bibliothek entwendeten Buch. Nach einer halben Stunde dieser sinnvollen Bet�tigung steht er auf, zieht ein sauberes Hemd und eine Krawatte an und macht sich auf zur Dienststelle, um den Tatortbericht zu verfassen.</p></section><section><title><p><emphasis>5.</emphasis></p></title><p>Landsman lernte das Schachspiel durch seinen Vater und seinen Onkel Hertz hassen. Die beiden Schwager waren Freunde aus Kindertagen in Lodz, wo sie dem Jugendschachclub Makkabi angeh�rten. Landsman wei� noch, wie sie sich �ber jenen Tag im Sommer 1939 unterhielten, als der gro�e Tartakower den Jungs von Makkabi einen Besuch abstattete, um ihnen eine Kostprobe seines K�nnens zu geben. Savielly Tartakower war polnischer Staatsb�rger, internationaler Gro�meister und ein Original, ber�hmt f�r seinen Ausspruch: �Fehler sind da, um gemacht zu werden.� Auf dem R�ckweg von Paris, wo er f�r eine franz�sische Schachzeitschrift von einem Turnier berichtet hatte, besuchte er den Leiter des Jugendschachclubs Makkabi, einen alten Kameraden aus seiner Zeit an der russischen Front in Franz Josefs Armee. Auf Dr�ngen des Leiters bot Tartakower nun dem besten jungen Spieler des Clubs, Isidor Landsman, eine Partie an.</p><p>Gemeinsam nahmen sie Platz, der stramme Kriegsveteran in seinem Ma�anzug mit der schroffen guten Laune und der stammelnde F�nfzehnj�hrige mit dem nach au�en schielenden Auge, dem zur�ckweichenden Haaransatz und einem Schnurrbart, der oft f�lschlicherweise f�r einen ru�igen Daumenabdruck gehalten wurde. Tartakower w�hlte Schwarz. Landsmans Vater entschied sich f�r die Englische Er�ffnung. In der ersten Stunde spielte Tartakower unaufmerksam, ja autonom. Er lie� seinen ber�hmten Schachmotor im Leerlauf brummen und verrichtete Dienst nach Vorschrift. Nach vierunddrei�ig Z�gen bot Tartakower Landsmans Vater freundlich sp�ttelnd ein Remis an. Landsmans Vater musste dringend pinkeln, seine Ohren summten, er schob das Unvermeidliche nur vor sich her. Doch wies er das Angebot zur�ck. Sein Spiel basierte nun lediglich auf Instinkt und Verzweiflung. Er reagierte, lehnte jeden Austausch ab, sein Vorteil bestand einzig und allein in seiner Sturheit und dem animalischen Gesp�r f�r das Brett. Nach siebzig Z�gen, vier Stunden und zehn Minuten wiederholte Tartakower sein fr�heres Angebot, nicht mehr ganz so freundlich. Gequ�lt vom Tinnitus und kurz davor, sich in die Hose zu machen, nahm Landsmans Vater an. In sp�teren Jahren erz�hlte er manchmal, dass sein Hirn, dieses sonderbare Organ, sich nie so recht von jener Tortur erholt h�tte. Doch sollten nat�rlich noch schlimmere Torturen kommen.</p><p>�Das war alles andere als vergn�glich�, soll Tartakower zu Landsmans Vater gesagt haben, als er sich vom Stuhl erhob. Der junge Hertz Shemets mit seinem untr�glichen Blick f�r die Schw�chen anderer Menschen hatte ein Zittern in Tartakowers Hand bemerkt, die ein eilig herbeigeholtes Glas Tokajer hielt. Dann zeigte Tartakower auf den Sch�del von Isidor Landsman. �Aber es ist sicher angenehmer, als darin leben zu m�ssen.�</p><p>Keine zwei Jahre sp�ter trafen Hertz Shemets, seine Mutter und seine kleine Schwester Freydl mit der ersten Welle Galizianer Siedler auf Baranof Island in Alaska ein. Sie kamen mit der ber�chtigten <emphasis>Diamond,</emphasis> einem Truppentransporter aus dem Ersten Weltkrieg, den Innenminister Ickes hatte entmotten lassen und, so will es die Legende, zur zweifelhaften Ehre des verstorbenen Anthony Dimond umtaufen lassen, dem nicht abstimmungsberechtigten Abgeordneten des Territoriums Alaska im Repr�sentantenhaus. (Der Abgeordnete Dimond hatte vorgehabt, das Gesetz zur Besiedlung Alaskas im Ausschuss zu kippen, doch dann hatte auf einer Kreuzung in Washington, D. C., ein betrunkener, taxifahrender Schlemiel namens Denny Lanning interveniert und war so zum ewigen Helden der Juden von Sitka geworden.) D�nn, blass, verwirrt ging Hertz Shemets von Bord der <emphasis>Diamond,</emphasis> stieg aus der Dunkelheit und dem Muff von Suppe und rostigen Pf�tzen in die saubere, k�hle W�rze der Kiefern von Sitka. Zusammen mit seiner Familie und seinem Volk wurde er gem�� den Bestimmungen des Siedlungsgesetzes von 1940 wie ein Zugvogel nummeriert, geimpft, entlaust und etikettiert. In einer Pappschachtel trug er seinen �Ickes-Pass� mit sich herum, ein besonderes Behelfsvisum aus besonders verschmierter Tinte auf besonders d�nnem Papier.</p><p>Er konnte nirgends anders hin. So stand es in gro�en Buchstaben vorne auf dem Ickes-Pass. Ihm war nicht gestattet, nach Seattle oder San Francisco zu reisen, nicht einmal nach Juneau oder Ketchikan. Die bisherigen Quoten f�r j�dische Einwanderer in die Vereinigten Staaten blieben weiterhin g�ltig. Selbst nach dem fr�hzeitigen Ableben Dimonds konnte das Gesetz dem amerikanischen Staatsk�rper nur mit einem gewissen Druck und unter Zuhilfenahme von Schmiermitteln aufgezwungen werden, und zu dieser Vereinbarung geh�rte die Einschr�nkung j�discher Bewegungsfreiheit.</p><p>Unmittelbar nach den Juden aus Deutschland und �sterreich wurden die Shemets-Familie und die �brigen Galizianer nach Camp Slattery abgeschoben, ein Lager in einem Sumpfgebiet, zehn Meilen entfernt von der leidgepr�ften, halb verfallenen Stadt Sitka, Hauptstadt der alten Kolonie Russisch-Alaska. In zugigen Blechh�tten und Baracken durchlitten die Siedler eine gr�ndliche sechsmonatige Eingew�hnungsphase unter dem Elitekommando von f�nfzehn Milliarden M�cken, bestellt vom amerikanischen Innenministerium. Hertz wurde zum Stra�enbau zwangsverpflichtet und dann der Kolonne zugewiesen, die den Flughafen von Sitka baute. Er verlor zwei Backenz�hne, als er in einem Senkkasten tief im Hafenschlamm von Sitka arbeitete und von einer Schaufel getroffen wurde. Wann immer man in sp�teren Jahren mit ihm �ber die Tshernovits-Br�cke fuhr, rieb er sich den Kiefer, und die strengen Augen in seinem scharf geschnittenen Gesicht bekamen einen wehm�tigen Ausdruck. Freydl wurde in eine eiskalte Scheune zur Schule geschickt, auf deren Dach unentwegt Regen prasselte. Der Mutter wurden die Grundlagen der Landwirtschaft beigebracht, der Einsatz von Pflug, D�ngemittel und Bew�sserungsschl�uchen. In Brosch�ren und auf Plakaten wurde die knappe Wachstumsperiode in Alaska als Allegorie auf die kurze Dauer ihres Aufenthalts dargestellt. Mrs. Shemets sollte sich die Ansiedlung in Sitka wie einen Keller oder ein Gew�chshaus vorstellen, in dem sie und ihre Kinder, Blumenzwiebeln gleich, den Winter �ber untergebracht waren, bis die Heimaterde so weit aufgetaut war, dass sie dorthin verpflanzt werden konnten. Niemand vermochte sich vorzustellen, dass der Boden Europas so dick mit Salz und Asche bedeckt sein w�rde.</p><p>Trotz der landwirtschaftlichen Bem�hungen wurden die von der Siedlungsvereinigung Sitka angeregten bescheidenen Geh�fte und Bauernhof-Kooperativen niemals Wirklichkeit. Japan griff Pearl Harbor an. Die Aufmerksamkeit des Innenministeriums verlagerte sich auf dringendere strategische Probleme wie �lreserven und Bergbau. Zum Abschluss des Halbjahres am �Ickes-College� bekam die Familie Shemets wie die meisten ihrer Mitfl�chtlinge einen Tritt versetzt, sie sollten sich nun allein durchs Leben schlagen. Genau wie der Abgeordnete Dimond vorausgesagt hatte, zogen sie nach Norden in die schroffe, neuerdings florierende Stadt Sitka. Hertz studierte Strafrecht am neuen Technischen Institut Sitka und wurde nach seinem Abschluss 1948 als Fachkraft von der ersten gro�en amerikanischen Kanzlei angestellt, die in Sitka eine Zweigstelle er�ffnete. Seine Schwester Freydl, die Mutter von Landsman, geh�rte zu den ersten Pfadfinderinnen der Siedlung.</p><p>1948: seltsame Zeiten f�r Juden. Im August brach die Verteidigung von Jerusalem zusammen, und die zahlenm��ig unterlegenen Juden der drei Monate alten Republik Israel wurden verjagt, massakriert und ins Meer getrieben. Als Hertz seine Stelle bei Foehn Harmattan &amp; Buran antrat, begann der Ausschuss f�r Territorien und Inselfragen des Wei�en Hauses mit einer lange hinausgez�gerten �berpr�fung des Status, die das Siedlungsgesetz von Sitka vorschrieb. Wie der Rest des Kongresses, wie die meisten Amerikaner, war der Ausschuss ersch�ttert angesichts der grausamen Enth�llungen �ber das Abschlachten von zwei Millionen europ�ischer Juden, von der Unmenschlichkeit der zionistischen Zerst�rung, von der Not der Fl�chtlinge aus Pal�stina und Europa. Zugleich war man praktisch veranlagt. Die Bev�lkerung der Siedlung Sitka war bereits auf zwei Millionen angewachsen. Dem Gesetz zuwiderhandelnd, hatten sich Juden an der gesamten Westk�ste von Baranof Island bis nach Kruzof und hoch bis nach West Chichagof Island ausgebreitet. Die Wirtschaft florierte. Und die amerikanischen Juden betrieben immense Lobbyarbeit. Schlie�lich gestand der Kongress der Siedlung Sitka einen �Interimsstatus� als Bundesdistrikt zu. Eine Anwartschaft auf staatliche Souver�nit�t wurde ausdr�cklich ausgeschlossen. GESETZGEBER VERSPRICHT: KEIN JUDALASKA lautete die Schlagzeile im <emphasis>Pioneer</emphasis> von Anchorage. Die Betonung lag immer auf dem Wort �Interim�. Nach sechzig Jahren w�rde der Status aufgehoben werden, und die Juden von Sitka w�rden wieder auf sich selbst gestellt sein.</p><p>An einem warmen Septembernachmittag, nicht lange nach dem Distrikt-Tag, �berzog Hertz Shemets seine Mittagspause und ging die Seward Street entlang, als er zuf�llig seinen alten Kumpel aus Lodz, Isidor Landsman, traf. Landsmans Vater war gerade in Sitka eingetroffen, allein, an Bord der <emphasis>Williwaw,</emphasis> frisch von einer Tour durch die Todes- und Fl�chtlingslager Europas. Er war f�nfundzwanzig, kahlk�pfig und hatte fast keine Z�hne mehr. Bei einer K�rpergr��e von einem Meter achtzig wog er siebenundf�nfzig Kilo. Er roch komisch, redete wirr und hatte als Einziger seiner Familie �berlebt. Er war unempf�nglich f�r den spr�henden Pioniergeist im Zentrum von Sitka, f�r die Arbeitskolonnen junger J�dinnen mit blauen Kopft�chern, die Negerspirituals mit Spr�chen von Lincoln und Marx auf Jiddisch sangen. Der kernige Geruch von Fisch, gef�llten B�umen und umgegrabener Erde, das Rumoren von Baggern, die Anh�hen ebneten und den Sund von Sitka f�llten, das alles schien ihn nicht zu ber�hren. Er ging gesenkten Kopfes und mit hochgezogenen Schultern, als grabe er sich auf seinem unerkl�rlichen Weg durch diese Welt lediglich von einer unbekannten Dimension in die n�chste. Nichts drang in den dunklen Tunnel seiner Reise, nichts spendete ihm Licht. Doch als Isidor Landsman merkte, dass der grinsende Mann mit dem �ligen Haar und den gl�nzenden Schuhen, dieser Mann, der nach Cheeseburger mit ger�steten Zwiebeln roch, just verspeist an der Imbisstheke von Woolworth, sein alter Freund Hertz Shemets vom Jugendschachclub Makkabi war, hob er den Blick. Die ewige Verspannung wich aus seinen Schultern. Er �ffnete den Mund und schloss ihn wieder, sprachlos vor Scham, Freude und Staunen. Dann brach er in Tr�nen aus.</p><p>Hertz nahm Landsmans Vater mit zu Woolworth, kaufte ihm etwas zu essen (ein Eiersandwich, seinen ersten Milchshake, anst�ndige Gew�rzgurken) und f�hrte ihn dann die Lincoln Street hinunter zum neuen Hotel Einstein, in dessen Caf� die gro�en Verbannten der j�dischen Schachwelt sich Tag f�r Tag trafen, um sich herz- und erbarmungslos zu vernichten. Landsmans Vater, zu jenem Zeitpunkt halb irre durch das frisch zugef�hrte Fett, den Zucker und die schleichenden b�sen Folgen von Typhus, machte kurzen Prozess. Er nahm es mit jedem Ank�mmling auf und schickte jeden Einzelnen so vernichtend geschlagen aus dem Einstein, dass ein oder zwei seiner Gegner ihm niemals verziehen.</p><p>Schon damals legte er die d�stere, gequ�lte Spielweise an den Tag, die dazu beitrug, Landsman den Sport bereits als Kind zu verg�llen. �Dein Vater spielte Schach�, sagte Hertz Shemets einmal, �als h�tte er gleichzeitig Zahnschmerzen, H�morrhoiden und Bl�hungen.� Er seufzte, er st�hnte. Wie von Sinnen zog er an den stoppeligen Resten seines braunen Haars oder jagte es mit der Hand kreuz und quer �ber seinen Sch�del wie ein B�ckermeister, der Mehl auf einer Marmorplatte verstreut. Die Fehler seiner Gegner verursachten ihm Magenkr�mpfe. Seine eigenen Z�ge, so wagemutig, �berraschend, originell und klug sie auch waren, trafen ihn wie furchtbare Nachrichten, sodass er bei ihrem Anblick die Hand vor den Mund schlug und die Augen verdrehte.</p><p>Onkel Hertz� Stil war ein v�llig anderer. Er spielte ruhig, strahlte Gleichg�ltigkeit aus, hielt den K�rper in einem Winkel zum Brett, als erwarte er in K�rze eine Mahlzeit auf dem Tisch vor sich oder ein h�bsches M�dchen auf seinem Scho�. Aber seinen Augen entging nichts, so wie sie auch das verr�terische Zittern in Tartakowers Hand an jenem Tag im Makkabi-Club bemerkt hatten. Mit stoischer Ruhe nahm er seine Niederlagen hin, seine Chancen mit leichter Belustigung. Eine Broadway nach der anderen rauchend, beobachtete er, wie sein alter Freund sich durch die versammelten Genies des Einstein wand und murmelte. Als der Raum schlie�lich v�llig brachlag, machte Hertz den entscheidenden Zug. Er lud Isidor Landsman zu sich nach Hause ein.</p><p>Im Sommer 1948 lebte die Familie Shemets in einer Zweizimmerwohnung in einem brandneuen Geb�ude auf einer brandneuen Insel. Das Geb�ude war die Heimat von zwei Dutzend Familien, allesamt �Eisb�ren�, wie sich die erste Welle der Fl�chtlinge nannte. Die Mutter schlief im Schlafzimmer, Freydl auf dem Sofa, und Hertz richtete sich ein Bett auf dem Fu�boden. Inzwischen waren sie alle gestandene Alaska-Juden, das hei�t: sie waren Utopisten, das hei�t: sie sahen Unzul�nglichkeiten, wohin sie auch blickten. Es war eine spitzz�ngige, streits�chtige Familie, insbesondere Freydl Shemets, die mit vierzehn schon einen Meter siebzig ma� und einhundertzehn Kilo wog. Sie warf nur einen Blick auf Landsmans Vater, der unschl�ssig z�gernd in der Wohnungst�r stand, und diagnostizierte zutreffend, dass er ebenso wenig kulturf�hig und zug�nglich wie die Wildnis sei, die sie zusehends als ihre Heimat betrachtete. Es war Liebe auf den ersten Blick.</p><p>In sp�teren Jahren war es schwer f�r Landsman, aus seinem Vater herauszubekommen, was er in Freydl Shemets gesehen hatte. Mit ihren �gyptischen Augen und der olivbraunen Haut war sie kein h�ssliches M�dchen. Ihre kurze Hose, die Wanderstiefel und die aufgerollten �rmel ihres karierten Hemdes verstr�mten den alten Geist der Makkabi-Bewegung von <emphasis>mens sana in corpore sano.</emphasis> Sie bedauerte Isidor Landsman unendlich f�r den Verlust seiner Familie, f�r sein Leiden in den Lagern. Aber sie geh�rte zu den Kindern der Eisb�ren, und die verarbeiteten ihre Schuldgef�hle, dem Dreck, dem Hunger, den Gr�ben und Todesfabriken entkommen zu sein, indem sie den �berlebenden einen unabl�ssigen Schwall von Ratschl�gen, Informationen und als Ermunterung getarnte Kritik angedeihen lie�en. Als k�nne die erstickende, tief h�ngende schwarze Rauchwolke der Vernichtung nur von einem �berzeugten Kibitzer vertrieben werden.</p><p>In jener ersten Nacht schlief Landsmans Vater mit Hertz auf dem Boden der Shemets-Wohnung. Am n�chsten Tag ging Freydl mit ihm Kleidung kaufen und bezahlte alles von dem f�r ihre Bat Mitzwa gesparten Geld. Sie half ihm, bei einem j�ngst verwitweten Mann ein Zimmer zu mieten.</p><p>In dem Glauben, sein Haar w�rde nachwachsen, rieb sie seine Glatze mit Zwiebeln ein. Sie verw�hnte ihn mit Kalbsleber f�r sein tr�ges Blut. In den folgenden f�nf Jahren bedr�ngte und piesackte und plagte sie ihn, bis er gerade sa�, beim Sprechen seinem Gegen�ber in die Augen schaute, amerikanisches Englisch lernte und ein Gebiss trug. Sie heiratete ihn einen Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag und bekam eine Stelle bei der <emphasis>Tog</emphasis> von Sitka, wo sie sich �ber die Frauenseite zur Kulturredakteurin hocharbeitete. Sie schuftete an f�nf Tagen in der Woche sechzig bis f�nfundsiebzig Stunden, bis sie an Krebs starb. Da war Landsman auf dem College. In derselben Zeit beeindruckte Hertz Shemets die amerikanischen Anw�lte von Foehn Harmattan so sehr, dass sie Spenden sammelten und an den F�den zogen, die gezogen werden mussten, um ihn zum Jurastudium nach Seattle zu schicken. Sp�ter wurde er der erste Jude, der beim FBI in Sitka angestellt wurde, dann der erste Distriktleiter, und schlie�lich f�hrte er, Hoover ins Auge gefallen, die lokale Spionageabwehr des FBI.</p><p>Landsmans Vater spielte Schach.</p><p>Jeden Morgen, bei Regen, Schnee oder Nebel, ging er zu Fu� die zwei Meilen zum Caf� des Hotel Einstein, setzte sich weit hinten an einen aluminiumbeschichteten Tisch mit Blick auf die T�r und holte ein kleines Schachspiel mit Figuren aus Ahorn und Kirschholz hervor, ein Geschenk seines Schwagers. Abends sa� er auf seiner Bank hinter dem kleinen Haus auf der Adler Street in Halibut Point, in dem Landsman aufwuchs, und pflegte die acht oder neun Briefpartien, die er gleichzeitig spielte. Er verfasste Artikel f�r die <emphasis>Chess Review.</emphasis> Er �berarbeitete eine Biographie von Tartakower, eine Arbeit, die er nie ganz abschloss, aber auch nicht aufgab. Er bekam eine Rente von der deutschen Regierung. Und mit Unterst�tzung seines Schwagers lehrte er seinen Sohn, das von ihm geliebte Spiel zu hassen.</p><p>�Das willst du doch nicht tun�, redete Landsmans Vater auf seinen Sohn ein, wenn der mit blutleeren Fingern seinen K�nig oder Bauern einem Schicksal �bergab, das immer wieder �berraschend f�r Landsman kam, egal, wie intensiv er das Schachspiel studierte, �bte oder praktizierte. �Glaub�s mir.�</p><p>�Tu ich doch.�</p><p>�Tust du nicht.�</p><p>Doch im Dienste seines eigenen kleinen Elends konnte auch Landsman stur sein. Befriedigt und brennend vor Scham sah er dann zu, wie das grausame Schicksal seinen Lauf nahm, das er nicht hatte vorausahnen k�nnen. Landsmans Vater erlegte seinen Sohn, nahm ihn aus und sezierte ihn, w�hrend er ihn von der bauf�lligen Veranda seines Gesichts aus beobachtete.</p><p>Nach einigen Jahren dieses Sports setzte sich Landsman an die Schreibmaschine seiner Mutter und tippte einen Brief an seinen Vater, in dem er ihm seinen Hass auf das Schachspiel beichtete und bat, nicht l�nger zum Spielen gezwungen zu werden. Eine Woche lang trug Landsman diesen Brief in seinem Tornister mit sich umher, erlitt drei weitere blutige Niederlagen und schickte ihn dann vom Postamt in der Untershtot aus ab. Zwei Tage sp�ter beging Isidor Landsman im Raum 21 des Hotel Einstein Selbstmord mit einer �berdosis Nembutal.</p><p>Danach bekam Landsman einige Probleme. Er n�sste ins Bett, wurde dick, sprach nicht mehr. Seine Mutter schickte ihn zu einer Therapie bei einem bemerkenswert sanften und erfolglosen Arzt namens Melamed. Erst dreiundzwanzig Jahre nach dem Tod seines Vaters sollte Landsman den verh�ngnisvollen Brief in einer Kiste wiederfinden, in der auch eine Reinschrift der unvollendeten Biographie von Tartakower lag. Es stellte sich heraus, dass Landsmans Vater den Brief seines Sohnes niemals ge�ffnet, geschweige denn gelesen hatte. Als der Postbote ihn zustellte, war Landsmans Vater bereits tot.</p></section><section><title><p><emphasis>6.</emphasis></p></title><p>Auf dem Weg zu Berko h�ngt Landsman den Erinnerungen an jene alten schachspielenden Jids nach, die vorn�bergebeugt in der hintersten Ecke des Caf� Einstein sa�en. Es ist Viertel nach sechs in der Fr�h, auf seiner Uhr. Nach dem Himmel, der leeren Hauptverkehrsstra�e und dem Knoten der Furcht in seinem Magen zu urteilen, ist es mitten in der Nacht. So dicht am Polarkreis und an der Wintersonnenwende dauert es noch mindestens zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang.</p><p>Landsman sitzt am Steuer eines Chevrolet Chevelle Super Sport von 1971, den er vor zehn Jahren in einem Anflug von nostalgischem Optimismus gekauft hat und seitdem f�hrt, auch wenn die unsichtbaren M�ngel des Wagens nicht mehr von seinen eigenen zu unterscheiden sind. Beim �71er-Modell wurden die beiden Scheinwerferpaare durch ein einziges Paar ersetzt. Eine der Birnen ist durchgebrannt. Wie ein Zyklop tastet sich Landsman die Promenade entlang. Vor ihm erheben sich die Apartmentt�rme der Shvartser-Yam auf ihrer k�nstlich angelegten Landzunge inmitten des Sitka-Sunds, sie kauern in der Dunkelheit wie von einem Wasserwerfer zusammengetriebene Gefangene.</p><p>Mitte der Achtzigerjahre, in den euphorischen Anfangstagen des legalen Casinobetriebs, bauten russische Schtarker Shvartser-Yam auf potenziellem Erdbebengel�nde. Time-share-Apartments, Ferienunterk�nfte und Junggesellenwohnungen, das war die Idee, dazu im Zentrum des Geschehens das Grand-Yalta-Casino mit seinen �berf�llten Tischen. Doch das legale Gl�cksspiel ist passe, es wurde vom Gesetz zur Erhaltung traditioneller Werte verboten, und das Casinogeb�ude beherbergt heute einen KosherMart, ein Walgreens und ein Outlet-Center von Big Macher. Die Schtarker finanzieren wieder illegale Lotterien, Wettstuben und W�rfelspiele. Die Urlauber und lockeren Typen sind einer Bev�lkerung aus zwielichtigen Gestalten der h�heren Klasse, russischen Immigranten, einer Prise ultraorthodoxer Juden und einer Gruppe b�rgerlicher Semik�nstler gewichen, denen die Atmosph�re ruinierter Festlichkeit gef�llt, die auf dieser Gegend liegt wie ein Streifen Lametta �ber dem Zweig einer nackten Tanne.</p><p>Die Familie Taytsh-Shemets wohnt im dreiundzwanzigsten Stock des Dnyeper. Das Dnyeper ist so rund wie ein Stapel Pastetendosen. Viele Bewohner verschm�hen den sch�nen Blick auf den eingest�rzten Kegel von Mt. Edgecumbe, den leuchtenden Safety Pin und die Lichter der Untershtot, denn sie haben ihre geschwungenen Balkone mit Sturmglas und Jalousien versehen, um einen zus�tzlichen Raum zu gewinnen. So auch die Taytsh-Shemets, als das Kind kam�� das erste. Jetzt schlafen die beiden kleinen Taytsh-Shemets dort drau�en, verstaut auf dem Balkon wie ausrangierte Skier.</p><p>Landsman stellt seinen Super Sport hinter dem M�llcontainer in der Parkl�cke ab, die er inzwischen als seine betrachtet, auch wenn er vermutet, dass ein Mann besser keine z�rtlichen Gef�hle f�r eine Parkl�cke hegen sollte. F�r das Auto einen Platz zu haben, der dreiundzwanzig Stockwerke unter einer immer g�ltigen Einladung zum Fr�hst�ck liegt, sollte im Herzen eines Mannes nie als Heimkehr gelten.</p><p>Er ist einige Minuten vor halb sieben da, und obwohl er ziemlich sicher ist, dass im Haushalt Taytsh-Shemets bereits alle auf den Beinen sind, entscheidet er sich f�r die Treppe. Das Treppenhaus des Dnyeper stinkt nach Seeluft, Kohl und kaltem Beton. Oben angekommen, z�ndet Landsman eine Papiros an, um sich f�r seinen Flei� zu belohnen, bleibt auf der Fu�matte der Taytsh-Shemets� stehen und leistet der Mesusa Gesellschaft. Einen Lungenfl�gel hat er bereits herausgehustet, der zweite ist unterwegs, als Ester-Malke Taytsh die T�r �ffnet. In der Hand h�lt sie einen Schwangerschaftsteststreifen mit einem Tropfen Fl�ssigkeit auf der ausschlaggebenden Stelle. Das muss Urin sein. Als sie merkt, dass Landsman den Streifen registriert, l�sst sie ihn k�hl in der Tasche ihres Bademantels verschwinden.</p><p>�Du wei�t, dass wir eine Klingel haben, oder?�, sagt ihre Stimme hinter einem wirren Vorhang ziegelbraunen Haars, das zu fein ist f�r die Bobfrisur, die sie immer tr�gt. Es hat die Angewohnheit, sich �ber ihr Gesicht zu ergie�en, besonders wenn sie schlaue Spr�che von sich gibt. �Ich meine, husten geht nat�rlich auch.�</p><p>Sie l�sst die T�r offen und Landsman auf der dicken Kokosmatte mit der Aufschrift �HAU AB� stehen. Beim Eintreten ber�hrt Landsman die Mesusa mit zwei Fingern und k�sst sie mechanisch. So macht man es, wenn man gl�ubig ist wie Berko oder ein sarkastisches Arschloch wie Landsman. Er h�ngt seinen Hut und den Mantel an ein Elchgeweih neben der Wohnungst�r. Dann folgt er Ester-Malkes d�rrem Hintern im wei�en Baumwollbademantel durch den Flur in die K�che. Die K�che ist schmal und wie eine Komb�se eingerichtet: Herd, Sp�le und K�hlschrank an der einen, die Schr�nke an der anderen Seite. Eine Fr�hst�ckstheke mit zwei Hockern bildet den �bergang zum Wohnesszimmer. Dampf ringelt sich in Comic-Eisenbahn-W�lkchen aus einem Waffeleisen auf der Arbeitsplatte. Die Kaffeemaschine hustet und spuckt wie ein angeschlagener j�discher Polizist nach zehn Treppen.</p><p>Landsman n�hert sich seinem Lieblingshocker und bleibt daneben stehen. Aus der Tasche seines Tweedsakkos holt er ein Miniaturschachspiel und packt es aus. Er hat es im 24-Stunden-Drugstore am Korczak-Platz gekauft.</p><p>�Der gro�e Dicke noch im Schlafanzug?�, fragt er.</p><p>�Zieht sich an.�</p><p>�Der kleine Dicke?�</p><p>�Sucht �ne Krawatte aus.�</p><p>�Und der andere, wie hei�t er nochmal?� Nach der j�ngsten Mode, Nachnamen zu Vornamen umzuschmieden, hei�t der kleine Spross Feingold Taytsh-Shemets. Genannt wird er Goldy. Vor vier Jahren hatte Landsman die Ehre, Goldys kleine Beinchen festzuhalten, w�hrend sich ein uralter Jude mit einem Messer auf seine Vorhaut st�rzte. �Seine Majest�t.�</p><p>Als Antwort nickt Ester-Malke in Richtung Wohnesszimmer.</p><p>�Immer noch krank?�, fragt Landsman.</p><p>�Schon besser heute.�</p><p>Landsman geht um die Fr�hst�ckstheke herum und vorbei an der Glasplatte des Esstischs zur gro�en wei�en Couchkombination, um sich anzusehen, was das Fernsehen mit seinem Patenkind anstellt.</p><p>�Guck mal, wer hier ist�, sagt er.</p><p>Goldy tr�gt seinen Eisb�r-Schlafanzug�� absolut angesagter Retrochic f�r jedes j�dische Kind in Alaska. Eisb�ren, Schneeflocken, Iglus und die �brige nordische Metaphorik, die in Landsmans Kindertagen so allgegenw�rtig war�� das alles ist wieder hochmodern. Nur scheint es diesmal ironisch gemeint zu sein. Schneeflocken, ja, die fanden die Juden hier vor, doch dank der Treibhausgase gibt es davon nun messbar weniger als in den alten Zeiten. Eisb�ren hingegen gar keine. Keine Iglus. Keine Rentiere. Eigentlich nur viele zornige Indianer, Nebel und Regen und ein f�nfzig Jahre anhaltendes Gef�hl, fehl am Platz zu sein, so durchdringend, so tief in den Organismus der Juden getrieben, dass es �berall auftaucht, selbst auf den Pyjamas der Kinder.</p><p>�Gehst du heute zur Arbeit, Goldele?�, fragt Landsman. Er dr�ckt den Handr�cken gegen die Stirn des Jungen. Sie ist angenehm k�hl. Goldys Jarmulke mit Shnapish, dem Hund, sitzt schief, Landsman streicht sie glatt und r�ckt die Haarklemme zurecht. �Geht�s auf Verbrecherjagd?�</p><p>�Klar, Onkel Meyer.�</p><p>Landsman h�lt dem Jungen die Hand hin, und ohne aufzusehen, schiebt Goldy sein trockenes kleines Pf�tchen hinein. Ein blaues Rechteck schwimmt auf dem feuchten Film seiner dunkelbraunen Augen. Landsman hat die Sendung aus dem Schulfernsehen schon einmal zusammen mit seinem Patenkind geschaut. Wie neunzig Prozent aller Sendungen kommt sie aus dem S�den und wird jiddisch synchronisiert. Sie handelt von den Abenteuern zweier Kinder mit j�dischen Namen, die offensichtlich keine Eltern haben und aussehen, als w�ren sie halbe Indianer. Sie besitzen die magische Schuppe eines Drachens aus Kristall, mit der sie sich w�nschen k�nnen, in das Land der Pastelldrachen zu reisen, die sich nur durch ihre Farbe und ihr Ma� an Bl�dheit voneinander unterscheiden. Es dauert nicht lange, da verbringen die Kinder immer mehr Zeit mit der magischen Drachenschuppe, bis sie eines Tages in das Land der Regenbogenidiotie reisen und nicht mehr zur�ckkehren. Ihre Leichen werden vom Nachtportier einer billigen Unterkunft gefunden, jedes Kind hat eine Kugel im Hinterkopf. Vielleicht, denkt Landsman, geht durch die �bersetzung doch etwas verloren.</p><p>�Willst du immer noch ein Nos werden, wenn du einmal gro� bist?�, fragt Landsman. �So wie dein Papa und Onkel Meyer?�</p><p>�Ja�, sagt Goldy, ohne Begeisterung. �Auf jeden Fall.�</p><p>�Guter Junge!�</p><p>Sie geben sich erneut die Hand. Dieses Gespr�ch ist f�r Landsman das Gegenst�ck zum K�ssen der Mesusa: Anfangs macht man es aus Spa�, am Ende ist es ein Band, an dem man festh�lt.</p><p>�F�ngst du mit Schach an?�, fragt Ester-Malke, als er in die K�che zur�ckkehrt.</p><p>�Gott bewahre!�, sagt Landsman. Er klettert auf den Hocker und plagt sich mit den winzigen Bauern, Springern und K�nigen seines Reisesets ab, arrangiert sie wie auf dem Brett, das der sogenannte Emanuel Lasker zur�cklie�. Landsman hat Schwierigkeiten, die Figuren auseinanderzuhalten, und immer wenn er sich eine vors Gesicht h�lt, um sie besser zu erkennen, l�sst er sie fallen.</p><p>�Guck mich nicht so an!�, sagt er versuchsweise zu Ester-Malke, ohne sie anzusehen. �Das kann ich nicht leiden.�</p><p>�Verdammt, Meyer�, sagt sie mit Blick auf seine H�nde. �Du bist ganz sch�n tatterig.�</p><p>�Hab die ganze Nacht nicht geschlafen.�</p><p>�Aha.�</p><p>Die Sache mit Ester-Malke ist die, dass sie, bevor sie wieder zur Schule ging, dann Sozialarbeiterin wurde und Berko heiratete, sich eines kurzen, aber beachtlichen Werdegangs als Versagerin aus S�d-Sitka erfreute. Zu ihrer Vergangenheit geh�ren ein paar Schmalspurganoven, eine bereute T�towierung auf dem Bauch und eine Br�cke im Kiefer als Souvenir des letzten Mannes, der sie misshandelte. Landsman kennt Ester-Malke l�nger als Berko, denn er lochte sie wegen Vandalismus ein, als sie noch zur Highschool ging. Aus Intuition und Gewohnheit wei� Ester-Malke, wie man einen Versager behandelt, doch spart sie sich das Vorwurfsvolle, das in ihr hochkommt, wenn sie ihre eigene vergeudete Jugend betrachtet. Sie geht zum K�hlschrank und holt eine Flasche Bruner Adler heraus, ploppt sie auf und reicht sie Landsman. Er rollt sie �ber seine schlaflosen Schl�fen und nimmt einen gro�en Schluck.</p><p>�Und?�, sagt er, sich augenblicklich besser f�hlend. �Bist du dr�ber?�</p><p>Sie setzt eine halb theatralische, schuldbewusste Miene auf, f�hlt nach dem Schwangerschaftsteststreifen, l�sst dann aber die Hand in der Tasche und umfasst den Streifen, ohne ihn herauszuholen. Da Ester-Malke das Thema ein- oder zweimal angeschnitten hat, wei� Landsman, dass sie besorgt ist, er k�nne sie und Berko wegen ihres erfolgreichen Zuchtprogramms und ihrer beiden h�bschen S�hne beneiden. Das tut Landsman tats�chlich, manchmal voller Bitterkeit. Aber wenn sie davon spricht, bem�ht er sich normalerweise, es zu leugnen.</p><p>�Schei�e�, sagt er, als ein L�ufer unter den Barhocker hopst und unterm Schrank verschwindet.</p><p>�War das ein schwarzer oder ein wei�er?�</p><p>�Ein schwarzer. Ein L�ufer. Schei�e. Jetzt ist er weg.�</p><p>Ester-Malke geht zum Gew�rzregal, schn�rt den Bademantel enger und w�gt ihre M�glichkeiten ab.</p><p>�Hier�, sagt sie. Sie holt ein Glas mit Schokoladenst�cken heraus, dreht es auf, sch�ttet ein St�ck auf ihre Handfl�che und reicht es Landsman. �Nimm das.�</p><p>Landsman kniet unter der Fr�hst�ckstheke. Er findet den fehlenden L�ufer und schafft es, ihn in das Loch bei h6 zu stecken. Ester-Malke stellt das Glas wieder in den Schrank und kehrt mit der rechten Hand zum Geheimnis in ihrer Bademanteltasche zur�ck. Landsman isst die Schokolade.</p><p>�Wei� Berko Bescheid?�, fragt er.</p><p>Ester-Malke sch�ttelt den Kopf, versteckt sich hinter ihrem Haar.</p><p>�Ist nichts�, sagt sie.</p><p>�Offiziell nichts?�</p><p>Sie zuckt mit den Achseln.</p><p>�Hast du noch nicht draufgeguckt?�</p><p>�Hab Angst.�</p><p>�Wovor hast du Angst?�, fragt Berko und erscheint mit dem kleinen Pinchas Taytsh-Shemets�� unweigerlich Pinky genannt�� in der rechten Armbeuge in der K�chent�r. Vor einem Monat wurde der Kleine mit einem Kuchen und einer Kerze gefeiert. Das hei�t, errechnet Landsman, dass der dritte Taytsh-Shemets ungef�hr einundzwanzig, zweiundzwanzig Monate nach dem zweiten eintreffen m�sste. Und sieben Monate nach der Reversion. Nach sieben Monaten in der unbekannten kommenden Welt. Ein weiterer kleiner Gefangener von Geschichte und Schicksal, ein weiterer potenzieller Messias�� denn Messias, sagen die Experten, wird in jede Generation geboren��, der die Segel der wild gewordenen Karavelle der Tr�ume des Propheten Elija f�llen soll. Ester-Malkes Hand kommt aus der Tasche, ohne Schwangerschaftstest. Mit erhobener Augenbraue gibt sie Landsman ein S�d-Sitka-Zeichen.</p><p>�Sie hat Angst zu h�ren, was ich gestern gegessen habe�, sagt Landsman. Als Ablenkungsman�ver holt er Laskers Exemplar der <emphasis>300 Schachpartien</emphasis> aus der anderen Seitentasche seines Sakkos und legt es neben das Schachspiel auf die Theke.</p><p>�Geht es um deinen toten Junkie?�, fragt Berko und be�ugt das Brett.</p><p>�Emanuel Lasker�, sagt Landsman. �Aber das war nur der Name auf dem Meldezettel des Hotels. Wir haben keinerlei Ausweispapiere bei ihm gefunden. Wir wissen noch nicht, wer er wirklich war.�</p><p>�Emanuel Lasker. Der Name kommt mir bekannt vor.�</p><p>In Anzughose und Hemds�rmeln quetscht sich Berko seitlich in die K�che. Seine Hose ist aus grauer Merinowolle mit Bundfalten vorne und hinten, das Hemd reinwei�. An seinem Hals h�ngt, h�bsch gebunden, eine dunkelblaue Krawatte mit orangefarbenen Tupfen. Die Krawatte ist extralang, die Hose ist weit und wird von dunkelblauen Hosentr�gern gehalten, gedehnt durch Umfang und W�lbung seines Bauches. Unter dem Hemd tr�gt Berko das mit F�den verzierte Vier-Ecken, und eine schmucke blaue Jarmulke thront auf dem schwarz gl�nzenden Ginster seines Hinterkopfs, doch auf seinen Wangen will einfach kein Barthaar sprie�en. Auf der Gesichtshaut der M�nner seiner Familie m�tterlicherseits ist kein Barthaar zu finden, zweifellos schon seit der Zeit, als der Rabe alles erschuf (au�er der Sonne, die stahl er). Berko ist gl�ubig, aber auf seine eigene Weise und aus ganz privaten Gr�nden. Berko Shemets ist ein Minotaurus, und die Welt der Juden ist sein Labyrinth.</p><p>Zu den Landsmans im Haus auf der Adler Street kam er an einem Sp�tfr�hlingstag im Jahr 1981, ein watschelndes Riesenbaby, im Sea Monster House des Raben-Clans vom Langhaarstamm bekannt als Johnny Bear, der Jude. In seinen Mukluks brachte er es an jenem Nachmittag auf einen Meter dreiundsiebzig, dreizehn Jahre alt und nur zweieinhalb Zentimeter kleiner als der achtzehnj�hrige Landsman. Bis zu jenem Augenblick hatte niemand gegen�ber Landsman und seiner kleinen Schwester diesen Jungen erw�hnt. Jetzt sollte das Kind in dem Zimmer schlafen, das einst Meyers und Naomis Vater als Klein-Flasche f�r die Endlosschleifen seiner Schlaflosigkeit gedient hatte.</p><p>�Wer bist du �berhaupt?�, fragte Landsman den Jungen, der sich seitlich ins Wohnzimmer stahl. Er drehte eine Schirmm�tze in den H�nden und registrierte die Umgebung mit seinem dunklen, alles verzehrenden Blick. Hertz und Freydl standen drau�en auf dem B�rgersteig und schrien sich an. Offenbar hatte Landsmans Onkel seiner Schwester gegen�ber zu erw�hnen vers�umt, dass sein Sohn zu ihr ins Haus kommen w�rde.</p><p>�Ich hei�e Johnny Bear�, sagte Berko. �Ich geh�re zur Shemets-Kollektion.�</p><p>Bis heute ist Hertz Shemets ein bekannter Fachmann f�r die Kunst- und Gebrauchsgegenst�nde der Tlingit. Einmal f�hrte ihn dieses Hobby oder dieser Zeitvertreib auf einer Wanderung tiefer und weiter in das Indianerland, als je ein Jude seiner Generation gekommen war. Ja, doch, seine Besch�ftigung mit der Kultur der Eingeborenen, seine Reisen in das Indianerland waren eine Trotzreaktion auf seine T�tigkeit bei der Spionageabwehr in den Sechzigern. Aber sie waren mehr als das. Hertz Shemets f�hlte sich vom indianischen Leben angezogen. Er lernte, einen Seehund mit einem Stahlhaken durch das Auge zu t�ten, einen B�r zu schlachten und zu p�keln und den Geschmack von Kerzenfischfett genauso zu lieben wie den von Schmalz. Und er zeugte ein Kind mit Miss Laurie Jo Bear aus Hoonah. Als sie beim sogenannten Synagogen-Aufstand get�tet wurde, rief ihr halbj�discher Sohn, Objekt von Verachtung und Schikane innerhalb des Raben-Clans, seinen ihm kaum bekannten Vater um Hilfe an. Es war ein Zwischenzug, ein �berraschendes Man�ver in der erwartbaren Entwicklung eines Spiels. Es erwischte Onkel Hertz auf dem falschen Fu�.</p><p>�Was hast du vor, willst du ihn etwa wegschicken?�, schrie er Landsmans Mutter an. �Die machen ihm das Leben da oben zur H�lle. Seine Mutter ist tot. Von Juden ermordet.�</p><p>Tats�chlich wurden elf Ureinwohner Alaskas bei den Krawallen get�tet, die auf die Bombardierung eines Gebetshauses folgten, das eine Gruppe von Juden auf umstrittenem Land erbaut hatte. Auf jenen kleinen Inseln gibt es Bereiche, wo die von Harold Ickes gezeichnete Landkarte z�gert und sich auf gepunktete Linien beschr�nkt. Die meisten Ecken sind zu abgelegen oder gebirgig, um bewohnt zu sein, sie sind das ganze Jahr �ber gefroren oder �berflutet. Aber einige dieser schraffierten Flecken, erlesen, eben und mild, sollten f�r die Juden in ihrer gro�en Zahl �ber die Jahre unwiderstehlich werden. Juden wollen Platz zum Leben. In den Siebzigern begannen einige von ihnen, haupts�chlich Angeh�rige kleiner orthodoxer Sekten, ihn sich zu nehmen.</p><p>Als eine Splittergruppe der Splittergruppe einer Sekte aus Lisianski ein Gebetshaus in St. Cyril erbaute, war das f�r viele Ureinwohner der Tropfen, der das Fass zum �berlaufen brachte. Es folgten Demonstrationen, Kundgebungen, Anw�lte und dumpfes Gepolter im Kongress, die frechen Juden oben im Norden h�tten sich neuerlich �ber Frieden und Gleichheit hinweggesetzt. Zwei Tage vor der Einsegnung warf jemand�� niemand erkl�rte sich je daf�r verantwortlich oder wurde angezeigt�� einen doppelten Molotowcocktail durchs Fenster, sodass das Gebetshaus bis auf die Grundmauern niederbrannte. Die Gemeinde und ihre Bef�rworter schw�rmten nach St. Cyril aus, zerst�rten Krabbenk�rbe, warfen die Fenster des Versammlungssaals der Alaska Native Brotherhood ein und steckten spektakul�r einen Schuppen voller Feuerwerksk�rper in Brand. Der Fahrer einer Wagenladung zorniger Jids verlor die Kontrolle �ber sein Auto und raste in das Lebensmittelgesch�ft, in dem Laurie Jo an der Kasse sa�. Sie war auf der Stelle tot. Der Synagogen-Aufstand bleibt das �belste Kapitel in der bitteren, unr�hmlichen Geschichte der Beziehungen zwischen Tlingit und Juden.</p><p>�Ist das vielleicht meine Schuld? Ist das mein Problem?�, schrie Landsmans Mutter zur�ck. �Ein Indianer in meinem Haus, so was kann ich nicht gebrauchen!�</p><p>Eine Weile h�rten die Kinder zu. Johnny Bear stand in der T�r und trat mit den Turnschuhen gegen seinen Matchbeutel.</p><p>�Gut, dass du kein Jiddisch kannst�, sagte Landsman zu Johnny.</p><p>�Brauch ich gar nicht, du Bl�dmann�, sagte Johnny der Jude. �Diesen Schei� h�re ich schon mein Leben lang.�</p><p>Nachdem die Sache gekl�rt war�� und sie war im Grunde schon gekl�rt, bevor Landsmans Mutter mit dem Geschrei begann��, kam Hertz herein, um sich zu verabschieden. Sein Sohn war f�nf Zentimeter gr��er als er. Als er den Jungen kurz und unbeholfen an sich dr�ckte, sah es aus, als w�rde ein Stuhl eine Couch umarmen. Dann trat er zur�ck.</p><p>�Es tut mir leid, John�, sagte er. Er packte seinen Sohn an den Ohren und hielt sie fest. Er �berflog das Gesicht des Jungen wie ein Telegramm. �Ist mir wichtig, dass du das wei�t. Ich m�chte nicht, dass du mich irgendwann ansiehst und denkst, es t�te mir nicht unglaublich leid.�</p><p>�Ich m�chte bei dir wohnen�, sagte der Junge ausdruckslos.</p><p>�Das hast du schon gesagt.� Die Worte waren grob und gef�hllos, doch pl�tzlich�� es jagte Landsman einen Mordsschreck ein�� gl�nzten Tr�nen in Onkel Hertz� Augen. �Ich bin als absoluter Hurensohn bekannt, John. Bei mir w�rst du schlimmer dran als auf der Stra�e.� Er betrachtete das Wohnzimmer seiner Schwester, die Plastikschonbez�ge auf den M�beln, die stacheldraht�hnliche Kunst, die abstrakte Menora. �Gott wei�, was sie hier aus dir machen.�</p><p>�Einen Juden�, sagte Johnny Bear, und es war schwer einzusch�tzen, ob er damit prahlte oder seinen eigenen Untergang vorhersagte. �So einen wie dich.�</p><p>�Das scheint mir unwahrscheinlich�, sagte Hertz. �M�chte sehen, wie sie das schaffen. Auf Wiedersehen, John.�</p><p>Er t�tschelte den Kopf der kleinen Naomi. Kurz bevor er ging, hielt er inne, um Landsman die Hand zu reichen.</p><p>�Hilf deinem Cousin, Meyerle, er kann�s gebrauchen.�</p><p>�Er sieht aus, als k�nne er sich selbst helfen.�</p><p>�Das stimmt, nicht?�, sagte Onkel Hertz. �Das immerhin hat er von mir.�</p><p>Heute lebt Ber Shemets, wie er sich mit der Zeit anreden lie�, wie ein Jude und tr�gt Jarmulke und Vier-Ecken wie ein Jude. Er argumentiert wie ein Jude, betet wie ein Jude, zeugt wie ein Jude, liebt seine Frau wie ein Jude und dient dem Gemeinwohl wie ein Jude. Er entwirft Theorien mit den H�nden, lebt koscher und tr�gt einen diagonal beschnittenen Penis (daf�r hatte sein Vater gesorgt, bevor er Baby-B�r zur�cklie�). Aber �u�erlich ist er ein waschechter Tlingit. Tartarenaugen, dichtes schwarzes Haar, ein breites, zur Freude bestimmtes, doch auch in der Kunst des Leidens ge�btes Gesicht. Die Bears sind gro�e Menschen, in Socken bringt es Berko auf zwei Meter und wiegt einhundertzehn Kilo. Er hat einen gro�en Kopf, gro�e F��e, einen gro�en Bauch und gro�e H�nde. Alles an Berko ist gro�, au�er dem Kind auf seinem Arm, das Landsman scheu anl�chelt. Es hat einen Schopf schwarzen Pferdehaars, das wie magnetisierte Eisensp�ne absteht. Zuckers�� ist der Kleine, Landsman w�re der Erste, der das zugeben w�rde, aber selbst nach einem Jahr dr�ckt der Anblick von Pinky eine Delle in die weiche Stelle hinter Landsmans Brustbein. Pinky wurde genau zwei Jahre nach Djangos errechnetem Termin geboren: am 22. September.</p><p>�Emanuel Lasker war ein ber�hmter Schachspieler�, informiert Landsman Berko, der von Ester-Malke einen Becher Kaffee entgegennimmt und mit gerunzelter Stirn in den Dampf blickt. �Ein deutscher Jude. Bis in die Zwanzigerjahre.� Landsman hat in der Zeit zwischen f�nf und sechs an seinem Computer im leeren Dienstzimmer gesessen und versucht, so viel wie m�glich in Erfahrung zu bringen. �Mathematiker. Verlor gegen Capablanca, wie damals alle. Das Buch war in seinem Zimmer. Und ein Schachbrett, mit dieser Aufstellung.�</p><p>Berko hat schwere, seelenvolle, violett schimmernde Augenlider, aber wenn er sie �ber seine gro�en Augen senkt, dann ist es, als w�rde der Strahl einer Taschenlampe durch einen Schlitz fallen. Sein Blick ist so kalt und skeptisch, dass er einen Unschuldigen dazu bringen kann, sein eigenes Alibi zu bezweifeln.</p><p>�Und du hast das Gef�hl�, sagt er mit einem bedeutungsschweren Seitenblick auf die Flasche Bier in Landsmans Hand, �dass die Anordnung der Figuren auf dem Brett � was?� Der Schlitz wird schmaler, der Strahl leuchtet heller. �Den Namen des M�rders verr�t?�</p><p>�Im Alphabet von Atlantis�, sagt Landsman.</p><p>�Hm, hm.�</p><p>�Der Jude spielte Schach. Und band sich mit einem Tefillin den Arm ab. Er wurde mit gro�er Sorgfalt und Diskretion umgebracht. Keine Ahnung. Vielleicht ist das mit dem Schach v�llig unwichtig. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Ich bin das ganze Buch durchgegangen, aber ich hab nicht herausbekommen, welche Partie er spielte. Vielleicht gar keine aus diesem Buch. Diese kleinen Zeichnungen, wei� nicht, ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich sie nur ansehe. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich nur das Brett sehe. Einen Fluch darauf.�</p><p>Landsmans Stimme klingt ebenso hohl und hoffnungslos, wie er sich f�hlt, was alles andere als beabsichtigt ist. Berko schaut �ber Pinkys Kopf zu seiner Frau hin�ber, um zu erfahren, ob er sich wirklich Sorgen um Landsman machen muss.</p><p>�H�r mal zu, Meyer. Wenn du das Bier wegstellst�, sagt Berko in dem misslungenen Versuch, nicht wie ein Polizist zu klingen, �dann darfst du dieses s��e Baby halten. Wie w�r�s? Guck dir den Kleinen doch mal an! Diese strammen Beinchen! Da will man doch reinkneifen. Stell das Bier zur Seite, ja? Und halt mal kurz dieses s��e Baby.�</p><p>�Er ist wirklich ein S��er�, sagt Landsman. Er saugt zwei weitere Zentimeter Bier aus der Flasche. Dann stellt er sie ab, wappnet sich, nimmt das Baby, riecht es und rei�t die alte Wunde in seinem Herzen wieder auf. Pinky duftet nach Joghurt und Waschpulver. Dazu ein Hauch Piment von seinem Vater. Landsman tr�gt das Baby bis zur K�chent�r und versucht nicht zu atmen, er beobachtet, wie Ester-Malke eine Waffel aus dem Eisen l�st. Es ist ein altes Westinghouse mit Bakelitgriffen, die die Form von Bl�ttern haben. Es kann bis zu vier knusprige Waffeln gleichzeitig backen.</p><p>�Buttermilch?�, fragt Berko und studiert das Schachbrett, f�hrt sich mit dem Finger �ber seine schwere Oberlippe.</p><p>�Was sonst?�, fragt Ester-Malke.</p><p>�Richtige oder Milch mit Essig?�</p><p>�Wir haben einen Blindtest gemacht, Berko.� Ester-Malke reicht Landsman einen Teller Waffeln im Austausch gegen ihren j�ngeren Sohn, und obwohl Landsman nicht nach Essen zumute ist, l�sst er sich nur zu gerne auf den Handel ein. �Du schmeckst den Unterschied gar nicht, schon vergessen?�</p><p>�Er kann ja auch nicht Schach spielen�, sagt Landsman. �Aber guck dir an, wie er so tut.�</p><p>�Leck mich, Meyer�, sagt Berko. �Also, jetzt mal im Ernst: Welche Figur ist das Schlachtschiff?�</p><p>Die Schachversessenheit der Familie war bereits verklungen oder in andere Bahnen gelenkt, als Berko zu Landsman und seiner Mutter kam. Isidor Landsman war sechs Jahre tot, und Hertz Shemets hatte sein Talent im T�uschen und Angreifen auf ein weitaus gr��eres Schachbrett verlagert. Daher gab es niemanden au�er Landsman, der Berko das Spiel h�tte beibringen k�nnen, eine Aufgabe, die er geflissentlich ignorierte.</p><p>�Butter?�, fragt Ester-Malke. Sie sch�pft neuen Teig in die Waben des Waffeleisens, und Pinky sitzt auf ihrer H�fte und erteilt unaufgeforderte Ratschl�ge.</p><p>�Keine Butter.�</p><p>�Sirup?�</p><p>�Keinen Sirup.�</p><p>�Du willst gar keine Waffel, Meyer, stimmt�s?�, sagt Berko. Er tut nicht l�nger so, als w�rde er das Schachbrett betrachten, sondern nimmt sich das Buch von Siegbert Tarrasch vor, als w�rde er daraus schlau werden.</p><p>�Ehrlich gesagt, nein�, sagt Landsman. �Aber ich wei�, dass es eigentlich besser w�re.�</p><p>Ester-Malke dr�ckt den Deckel des Waffeleisens auf das Teiggitter.</p><p>�Ich bin schwanger�, sagt sie mit sanfter Stimme.</p><p>�Was?�, ruft Berko und schaut von dem Buch der geordneten �berraschungen auf. �Fuck!� Englisch ist die von Berko bevorzugte Sprache f�r Fl�che und Schimpfw�rter. Er beginnt, den kleinen Streifen imagin�ren Kaugummis zu bearbeiten, der immer in seinem Mund auftaucht, wenn er kurz vorm Platzen steht. �Super, Es! Einfach klasse! Echt! Weil in dieser beschissenen Wohnung ja gerade noch eine Schublade frei ist, wo kein Blag drinliegt!�</p><p>Dann hebt er <emphasis>300 Schachpartien</emphasis> �ber den Kopf und holt theatralisch aus, um das Buch �ber die Fr�hst�ckstheke ins Wohnesszimmer zu schleudern. Es ist der Shemets in ihm, der da herauskommt. Auch Landsmans Mutter war daf�r bekannt, im Zorn mit Gegenst�nden zu werfen, und die theatralischen Darbietungen von Onkel Hertz, jenem k�hlen Genossen, sind selten, aber legend�r.</p><p>�Beweismittel�, erinnert Landsman ihn. Berko hebt das Buch noch etwas h�her, und Landsman sagt: �Das ist ein Beweismittel, verdammt!�, und dann wirft Berko tats�chlich. Das Buch wirbelt durch die Luft, die Seiten flattern, es streift etwas Klirrendes, wahrscheinlich die silberne Gew�rzdose auf dem gl�sernen Esstisch. Das Baby schiebt die Unterlippe vor, schiebt sie noch weiter vor, z�gert, blickt von seiner Mutter zum Vater. Dann bricht es in trostloses Schluchzen aus. B�se sieht Berko Pinky an, als habe er ihn verraten. Er geht um die Theke herum, um das misshandelte Beweismittel aufzuheben.</p><p>�Was macht Papa da nur?�, sagt Ester-Malke zum Baby, k�sst es auf die Wange und funkelt zornig das gro�e schwarzumrandete Loch in der Luft an, das Berko hinterlassen hat. �Hat der b�se Kommissar Supersperma ein dummes altes Buch weggeworfen?�</p><p>�Lecker!�, sagt Landsman und stellt seinen unber�hrten Teller ab. Er hebt die Stimme. �He, Berko, ich, �hm, ich glaube, ich warte lieber unten im Wagen auf dich.� Er streift Ester-Malkes Wangen mit den Lippen. �Sag Wie-hei�t-er-noch-gleich tsch�ss von Onkel Meyerle.�</p><p>Landsman geht nach drau�en zum Aufzug, durch dessen Schacht der Wind pfeift. Fried, der Nachbar, kommt in seinem langen schwarzen Mantel aus der Wohnung, das wei�e Haar ist zur�ckgek�mmt und lockt sich �ber dem Kragen. Fried ist Operns�nger, und die Taytsh-Shemets haben das Gef�hl, er behandle sie herablassend. Aber das glauben sie nur, weil Fried ihnen gesagt hat, er sei besser als sie. Im Allgemeinen bem�hen sich die Sitkaner, auf dieser Beurteilung ihrer Nachbarn zu beharren, insbesondere wenn es Indianer sind oder sie weiter s�dlich leben. Fried und Landsman nehmen gemeinsam den Aufzug. Fried fragt Landsman, ob er in letzter Zeit irgendwelche Leichen gefunden habe, und Landsman fragt Fried, ob sich in letzter Zeit irgendein toter Komponist seinetwegen im Grabe umgedreht h�tte, danach sagen sie nicht mehr viel. Landsman geht nach drau�en zu seinem Wagen und steigt ein. Er l�sst den Motor an und wartet in der hereingeblasenen W�rme. Mit Pinkys Geruch am Kragen und dem k�hlen, trockenen Geist von Goldys kleiner Hand in seiner gro�en spielt er den Torwart, w�hrend eine Mannschaft sinnloser Reuegef�hle einen Angriff auf seine F�higkeit aufbaut, den Tag zu �berstehen, ohne irgendetwas zu f�hlen. Landsman steigt aus und raucht eine Papiros im Regen. Er blickt nach Norden, �ber den Hafen, zum gewundenen Aluminiumstift auf der windgepeitschten Insel. Wieder versp�rt er stechende Sehnsucht nach der Weltausstellung, nach der heldenhaften j�dischen Ingenieurskunst des Safety Pin (offiziell tr�gt der Leuchtturm die Bezeichnung �Ort der Zuflucht�, aber so nennt ihn niemand) und nach dem Ausschnitt jener uniformierten Dame, die damals die Eintrittskarten f�r die Aufzugfahrt ins Restaurant in der Spitze des Safety Pins abriss. Dann setzt sich Landsman wieder in den Wagen. Einige Minuten sp�ter kommt Berko aus dem Haus und w�lzt sich wie eine Basstrommel in den Super Sport. Er h�lt das Buch und das Schachspiel in einer Hand und balanciert beides auf dem linken Oberschenkel.</p><p>�Tut mir leid mit eben�, sagt er. �Total d�mlich, hm?�</p><p>�Schon gut.�</p><p>�Wir m�ssen uns einfach was Gr��eres suchen.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Irgendwo.�</p><p>�Das ist der Punkt.�</p><p>�Es ist ein Geschenk.�</p><p>�Klar! Masel-tow, Berko.�</p><p>Landsmans Gl�ckw�nsche sind so ironisch, dass sie schon wieder von Herzen kommen, sie kommen aus so tiefem Herzen, dass sie nur unehrlich klingen k�nnen, und so sitzen er und sein Kollege eine Weile im Auto, fahren nirgends hin und lauschen, wie die Gl�ckw�nsche gerinnen.</p><p>�Ester-Malke meint, sie ist st�ndig so m�de, dass sie sich nicht mal daran erinnern kann, mit mir geschlafen zu haben�, sagt Berko mit einem tiefen Seufzer.</p><p>�Vielleicht habt ihr ja gar nicht.�</p><p>�Du meinst, es ist ein Wunder. Wie das sprechende Huhn beim Schlachter.�</p><p>�Hm.�</p><p>�Ein warnendes Zeichen und Sinnbild.�</p><p>�So kann man es auch sehen.�</p><p>�Apropos Zeichen�, sagt Berko. Er schl�gt das in der �ffentlichen Bibliothek von Sitka seit Langem vermisste Exemplar von <emphasis>300 Schachpartien</emphasis> auf der Innenseite des R�ckumschlags auf und schiebt die R�ckgabekarte aus ihrer Tasche. Hinter der Karte, erkennt Landsman, steckt ein Foto, eine Farbaufnahme, 8 x 12 Zentimeter, Hochglanz, mit wei�em Rand. Es zeigt ein Schild, ein Rechteck aus schwarzem Plastik, in das drei wei�e r�mische Buchstaben gedruckt sind, darunter deutet ein wei�er Pfeil nach links. Mit zwei schwachen Ketten ist das Schild an einer schmutzigwei�en quadratischen Schallschluckplatte befestigt.</p><p>�Pie�, liest Landsman.</p><p>�Sieht aus, als ob es bei meiner energischen Untersuchung des Beweismittels herausgefallen w�re�, sagt Berko. �Ich nehme an, es war tief in die Tasche geschoben, sonst h�ttest du es mit deinem scharfen Schammes-Blick nicht �bersehen. Erkennst du es?�</p><p>�Ja�, sagt Landsman. �Ich erkenne es wieder.�</p><p>Am Flugplatz der n�rdlich gelegenen, rauen Stadt Yakovy�� von wo aus man, wenn man als Jude auf ein bescheidenes Abenteuer aus ist, in den bescheidenen Urwald des Distrikts aufbricht�� liegt, versteckt am hinteren Ende des Hauptgeb�udes, ein bescheidener Laden, der Pie verkauft, nichts anderes, nur Obstkuchen amerikanischer Art. Der Laden besteht aus kaum mehr als einem Fenster, das den Blick auf eine Backstube mit f�nf gl�nzenden �fen freigibt. Neben dem Fenster h�ngt eine wei�e Tafel, auf die die Inhaber�� ein feindseliges Ehepaar aus Klondike und seine geheimnisvolle Tochter�� jeden Tag eine Liste des aktuellen Angebots schreiben: Brombeer, Apfel-Rhabarber, Pfirsich, Banane-Sahne. Der Kuchen ist gut, auf bescheidene Weise sogar ber�hmt. Jeder, der schon einmal am Flugplatz von Yakovy war, kennt ihn, und man erz�hlt von Menschen, die von Juneau oder Fairbanks oder von noch weiter angeflogen kommen, um ihn zu essen. Landsmans tote Schwester war ein besonders gro�er Fan von Kokos-Sahne.</p><p>�Und, nu�, sagt Berko. �Was denkst du?�</p><p>�Ich wusste es�, sagt Landsman. �In dem Moment, als ich in das Zimmer kam und Lasker da liegen sah, da sagte ich zu mir: Landsman, in diesem Fall wird es auf den Kuchen ankommen.�</p><p>�Du meinst also, es hat nichts zu bedeuten.�</p><p>�Nichts hat nichts zu bedeuten�, sagt Landsman, und pl�tzlich bekommt er keine Luft mehr, sein Hals ist geschwollen, Tr�nen brennen ihm in den Augen. Vielleicht ist es der Schlafmangel oder dass er zu viel Zeit in Gesellschaft seines Schnapsglases verbracht hat. Oder vielleicht ist es das unerwartete Bild von Naomi, die sich an die Wand neben dem namenlosen, unerkl�rbaren Kuchenladen lehnt, mit einer Plastikgabel ein St�ck Kokos-Sahne-Kuchen von einem Pappteller spie�t, die Augen schlie�t, die Lippen spitzt und kr�uselt und mit animalischer Intensit�t den Mundvoll Creme und Krokant genie�t. �Verdammt nochmal, Berko. Ich hab jetzt Lust auf so ein St�ck Kuchen.�</p><p>�Das habe ich auch gerade gedacht�, sagt Berko.</p></section><section><title><p><emphasis>7.</emphasis></p></title><p>Siebenundzwanzig Jahre lang war die Dienststelle Sitka Central provisorisch in elf Fertigbaumodulen auf einem leer stehenden Grundst�ck hinter dem alten russischen Waisenhaus untergebracht. Man munkelt, dass die Module in Slidell, Louisiana, ihr Leben als Bibelschule begannen. Sie haben keine Fenster, niedrige Decken, sind zugig und eng. Im Modul der Mordkommission findet der Besucher einen Empfangsbereich, jeweils ein B�ro f�r die zwei Detective Inspectors, einen Duschraum mit Toilette und Waschbecken, ein Gro�raumb�ro (vier Arbeitspl�tze, vier St�hle, vier Telefone, eine Tafel und eine Reihe Postf�cher), eine Vernehmungskammer mit hei�em Stuhl und einen Pausenraum. Der Pausenraum ist ausgestattet mit einer Kaffeemaschine und einem kleinen K�hlschrank. Au�erdem beherbergte das Zimmer lange Zeit eine bl�hende Sporenkolonie, die irgendwann in grauer Vorzeit spontan Form und Erscheinungsbild eines Sofas angenommen hatte. Doch als Landsman und Berko auf den Schotterparkplatz der Mordkommission einbiegen, schleppen zwei philippinische W�chter den monstr�sen Pilz gerade nach drau�en.</p><p>�Er bewegt sich�, sagt Berko.</p><p>Seit Jahren wird damit gedroht, den Zweisitzer rauszuwerfen, und doch ist es ein Schock f�r Landsman, ihn nun letztlich ausgemustert zu sehen. Der Schock ist so gro�, dass er ein, zwei Sekunden braucht, um die Frau wahrzunehmen, die neben der Treppe steht. Sie h�lt einen schwarzen Regenschirm in der Hand und tr�gt einen Parka in grellem Orange mit einem leuchtend gr�n gef�rbten Kunstpelzbesatz. Ihr rechter Arm ist erhoben, ihr Zeigefinger weist auf die M�llcontainer, das Ganze gleicht einem Gem�lde vom Erzengel Michael, der Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt. Eine Korkenzieherlocke roten Haares hat sich aus dem gr�nen Pelz befreit und h�ngt der Frau ins Gesicht. Das ist f�r sie ein st�ndiges Problem. Wenn sie sich hinkniet, um am Tatort einen suspekten Fleck auf dem Boden zu untersuchen, oder wenn sie ein Foto mit einer Lupe studiert, muss sie diese Locke mit einem gereizten, scharfen Atemsto� zur Seite pusten.</p><p>Jetzt blickt sie finster zum Super Sport hin�ber, w�hrend Landsman den Motor ausstellt. Sie l�sst die alles verbannende Hand sinken. Aus der Entfernung hat Landsman den Eindruck, als k�nnte die Lady drei oder vier Tassen starken Kaffees vertragen und als w�re ihr heute Morgen schon eine Laus �ber die Leber gelaufen, vielleicht sogar zwei. Landsman war zw�lf Jahre mit dieser Dame verheiratet und hat f�nf Jahre mit ihr in derselben Mordkommission gearbeitet. Er kennt ihre kleinen Launen nur zu gut.</p><p>�Sag mir, dass du nichts davon gewusst hast�, sagt er zu Berko.</p><p>�Ich wei� noch immer nichts davon�, sagt Berko. �Ich hoffe, wenn ich kurz die Augen zu- und dann wieder aufmache, ist sie verschwunden.�</p><p>Landsman versucht es.</p><p>�Keine Chance�, sagt er mit Bedauern und steigt aus dem Wagen. �Gib mir eine Minute.�</p><p>�Bitte, so lange du willst.�</p><p>Landsman braucht zehn Sekunden, um den Schotterparkplatz zu �berqueren. In den ersten drei Sekunden wirkt Bina froh, ihn zu sehen, dann folgen zwei, in denen sie �ngstlich und liebensw�rdig aussieht. In den letzten f�nf Sekunden setzt sie eine Miene auf, als sei sie bereit, sich mit Landsman anzulegen, wenn er es so haben will.</p><p>�Was soll der Schei�?�, sagt Landsman; er entt�uscht sie nur ungern.</p><p>�Zwei Monate Exfrau�, sagt Bina. �Was dann kommt, wei� keiner.�</p><p>Direkt nach dem Scheidungsurteil ging Bina f�r ein Jahr in den S�den, wo sie ein Ausbildungsprogramm f�r weibliche Polizeibeamte zur F�hrungskraft absolvierte. Bei ihrer R�ckkehr trat sie den stolzen Posten eines Detective Inspectors bei der Mordkommission von Yakovy an. Dort als leitende Ermittlerin die Todesf�lle arbeitsloser Lachsfischer zu untersuchen, die in den Abwasserkan�len im Venedig von Northwest Chichagof Island an Unterk�hlung gestorben waren, fand sie stimulierend und erf�llend. Seit der Beerdigung seiner Schwester hat Landsman Bina nicht mehr gesehen, und ihrem mitleidigen Blick auf sein altes Fahrgestell entnimmt er, dass es in den Monaten danach mit ihm noch weiter abw�rtsgegangen ist.</p><p>�Freust du dich nicht, mich zu sehen, Meyer?�, fragt sie. �Was sagst du zu meinem neuen Parka?�</p><p>�Er ist unglaublich orange�, sagt Landsman.</p><p>�Hier oben muss man gut sichtbar sein�, sagt sie. �In den W�ldern. Sonst denken sie, du bist ein B�r, und erschie�en dich.�</p><p>�Die Farbe steht dir�, h�rt Landsman sich herausbringen. �Passt zu deinen Augen.�</p><p>Bina nimmt das Kompliment an wie eine Limonadendose, von der sie glaubt, dass er sie vorher gesch�ttelt hat.</p><p>�Du bist also �berrascht�, sagt sie.</p><p>�Ich bin �berrascht.�</p><p>�Hast du nichts von Felsenfeld geh�rt?�</p><p>�Typisch Felsenfeld. Was sollte ich von ihm h�ren?� Landsman f�llt ein, dass Shpringer ihm in der Nacht dieselbe Frage gestellt hat, und jetzt �berf�llt ihn die Erkenntnis mit einem Scharfsinn, die des Mannes w�rdig ist, der den Krankenhauskiller Podolsky fasste. �Felsenfeld hat die Biege gemacht.�</p><p>�Hat vor zwei Tagen seine Marke abgegeben. Gestern Abend nach Melbourne geflogen. Die Schwester seiner Frau wohnt da.�</p><p>�Und jetzt muss ich f�r dich arbeiten?� Er wei�, dass das nicht Binas Idee gewesen sein kann. Die neue Stelle ist zweifellos ein Aufstieg f�r sie, wenn auch nur f�r zwei Monate. Aber irgendwie kann er nicht glauben, dass sie so etwas zulassen konnte�� dass sie glaubt, es aushalten zu k�nnen. �Das ist unm�glich.�</p><p>�Heutzutage ist alles m�glich�, sagt Bina. �Hab ich in der Zeitung gelesen.�</p><p>Und auf einmal sind die Konturen ihres Gesichts gegl�ttet, und er sieht, wie anstrengend es f�r sie immer noch ist, in seiner N�he zu sein, wie erleichtert sie ist, als Berko Shemets n�her kommt.</p><p>�Da sind wir ja alle!�, sagt sie.</p><p>Als Landsman sich umdreht, steht sein Kollege direkt hinter ihm. Berko besitzt ein bemerkenswertes Talent f�r Tarnung, das er nat�rlich auf seine indianischen Ahnen zur�ckf�hrt. Landsman schreibt es gerne den m�chtigen Kr�ften der Oberfl�chenspannung zu, wenn Berkos gewaltige Schneeschuhf��e den Boden eindr�cken.</p><p>�So, so, so�, sagt Berko herzlich. Seitdem Landsman Bina das erste Mal mit nach Hause gebracht hat, teilt sie mit Berko ein Wissen �ber, einen Blick auf, ein L�cheln f�r Landsman, den lustigen kleinen Giftzwerg auf dem letzten Bild des Comicstrips, in dessen Visage die schwarze Lilie einer explodierten Zigarre welkt. Bina h�lt ihm die Hand hin, sie begr��en sich.</p><p>�Herzlich willkommen, Detective Landsman�, sagt Berko, ein wenig verlegen.</p><p>�Inspector�, sagt sie, �und jetzt wieder Gelbfish.�</p><p>Gewissenhaft sortiert Berko das Blatt von Tatsachen, das sie ihm gerade ausgeteilt hat.</p><p>�Mein Fehler�, sagt er. �Wie war�s in Yakovy?�</p><p>�Ganz in Ordnung.�</p><p>�Nette Stadt?�</p><p>�Kann ich nicht sagen.�</p><p>�Niemanden kennengelernt?�</p><p>Bina sch�ttelt den Kopf, wird rot und bei der Erkenntnis, rot geworden zu sein, noch roter.</p><p>�Ich habe nur gearbeitet�, sagt sie. �Du kennst mich ja.�</p><p>Die klebrige rosa Masse des alten Sofas verschwindet um die Ecke des Moduls, und Landsman widerf�hrt ein zweiter Moment der Erkenntnis.</p><p>�Die Beerdigungsgesellschaft ist im Anmarsch�, sagt er. Er meint die Spezialeinheit des amerikanischen Innenministeriums f�r den �bergangszeitraum, die Vorhut der Reversion, die die Leiche bewacht und sie zur Beisetzung im Grab der Geschichte vorbereitet. Seit ungef�hr einem Jahr murmelt sie ihr b�rokratisches Kaddisch �ber jedes Detail der Distriktb�rokratie, erstellt Register und gibt Empfehlungen ab. Sie legt den Grundstock daf�r, so nimmt Landsman an, dass man die Schuld, wenn sp�ter irgendetwas schief- oder in die Br�che geht, glaubhaft den Juden anlasten kann.</p><p>�Ein Herr namens Spade�, sagt sie. �Kommt irgendwann am Montag, sp�testens Dienstag.�</p><p><emphasis>�Felsenfeld� y</emphasis> sagt Landsman voller Verachtung. Typisch, dass sich der Mann verdr�ckt, drei Tage bevor ein Schomer von der Beerdigungsgesellschaft kommen soll. �Ein schwarzes Jahr auf ihn!�</p><p>Zwei weitere W�chter poltern jetzt aus dem Wohncontainer, sie tragen die Pornosammlung der Abteilung und ein lebensgro�es Pappstandbild des amerikanischen Pr�sidenten mit seiner Kinnspalte, seiner Golferbr�une, seiner �berstrapazierten, selbstgef�lligen Quarterback-Attit�de nach drau�en. Die Polizisten haben dem Papppr�sidenten gerne Spitzenunterw�sche angezogen oder ihn mit Klumpen nassen Toilettenpapiers beworfen.</p><p>�Wird Zeit, die Ma�e f�rs Totenhemd von Sitka Central zu nehmen�, sagt Berko und schaut der Pappfigur nach.</p><p>�Ihr kapiert das nicht mal ansatzweise�, sagt Bina, und sofort erkennt Landsman an dem d�steren Unterton in ihrer Stimme, dass sie m�hsam versucht, eine Vielzahl sehr schlechter Nachrichten im Zaum zu halten. Dann sagt Bina: �Ab ins Haus, Jungs�, und klingt wie jeder Vorgesetzte, dem Landsman je zu gehorchen verpflichtet war. Vor einem Moment noch schien die Vorstellung, auch nur f�r zwei Monate unter seiner Exfrau zu arbeiten, absolut undenkbar, aber so, wie sie jetzt mit dem Kinn Richtung Modul weist und die M�nner hineinbeordert, besteht f�r Landsman Anlass zur Hoffnung, dass seine Gef�hle f�r sie�� nicht dass er �berhaupt noch welche h�tte�� sich ins universelle Grau der Disziplin umf�rben k�nnten.</p><p>In klassischer Fl�chtlingsmanier sieht das B�ro so aus, wie Felsenfeld es verlassen hat: Fotos, halbtote Topfpflanzen, auf dem Aktenschrank Wasserflaschen neben der Familienpackung Kautabletten gegen Sodbrennen.</p><p>�Setzt euch�, sagt Bina, geht um den Tisch herum zum gummierten Metallschreibtischstuhl und nimmt mit achtloser Entschlossenheit Platz. Sie legt den orangefarbenen Parka ab, und ein staubbrauner Hosenanzug mit einer wei�en Oxfordbluse kommt zum Vorschein, ein Outfit, das sich viel eher mit Landsmans Vorstellung deckt, wie Bina �ber Kleidung denkt. Vergeblich versucht er zu �bersehen, wie ihre schweren Br�ste, deren Leberflecke und Sommersprossen er noch immer wie Sternbilder im Planetarium seiner Phantasie projizieren kann, die Taschen und Laschen ihrer Bluse spannen. Landsman und Berko h�ngen ihre M�ntel an die Haken hinter der T�r und behalten die H�te in der Hand. Jeder nimmt einen freien Stuhl in Beschlag. Felsenfelds Frau auf dem einen Foto und seine Kinder auf dem anderen sind seit dem letzten Mal, als Landsman sie betrachtete, nicht reizvoller geworden. Der Lachs und der Heilbutt staunen immer noch, tot an Felsenfelds Angel zu h�ngen.</p><p>�Gut, h�rt zu, Jungs�, sagt Bina. Sie ist eine Frau, die der Katze die Schelle umh�ngt und den Stier bei den H�rnern packt. �Wir alle sind uns dieser unangenehmen Situation bewusst. Es w�re schon seltsam genug, wenn ich einfach nur eure Kollegin w�re. Dass ich mit einem von euch verheiratet war und der andere mein, �hm, Cousin war, hm, Shit.� Das letzte Wort sagt sie in tadellosem Englisch, wie auch die n�chsten vier. �Know what I�m saying?�</p><p>Sie h�lt inne, scheint auf eine Reaktion zu warten. Landsman sieht Berko an.</p><p>�Der Cousin, das warst du, oder?�</p><p>Bina l�chelt, um Landsman zu zeigen, dass sie ihn nicht f�r besonders witzig h�lt. Sie greift hinter sich und zieht einen Stapel hellblauer Mappen vom Aktenschrank, jede mindestens anderthalb Zentimeter dick, alle markiert mit einem Reiter aus hustensaftrotem Plastik. Der Anblick l�sst Landsmans Herz tiefer rutschen, so wie jedes Mal, wenn er durch einen ungl�cklichen Zufall auf sein Ebenbild im Spiegel trifft.</p><p>�Seht ihr die hier?�</p><p>�Ja, Inspector Gelbfish�, sagt Berko, und es klingt sonderbar unehrlich. �Ich sehe sie.�</p><p>�Wisst ihr, was das ist?�</p><p>�Das k�nnen nicht unsere offenen F�lle sein�, sagt Landsman. �Die k�nnen nicht aufgestapelt auf deinem Schreibtisch liegen.�</p><p>�Wisst ihr, was gut war an Yakovy?�, fragt Bina.</p><p>Die beiden warten auf den Reisebericht ihrer Vorgesetzten. Sie sagt: �Der Regen. F�nfhundert Zentimeter pro Jahr. Da vergehen einem die flotten Spr�che. Selbst einem Jid.�</p><p>�Das ist �ne Menge�, sagt Berko.</p><p>�Jetzt h�rt mir zu. Und h�rt bitte gut zu, weil ich n�mlich Schwachsinn erz�hle. In zwei Monaten wird ein US-Marshall im Billiganzug mit seinem Sonntagsschulgelaber in diesen gottverlassenen Container schreiten und verlangen, dass ich ihm die Schl�ssel zu dem Abnormit�tenkabinett aush�ndige, das hier unter der Bezeichnung �Aktenschrank der B-Mannschaft� firmiert, die zu leiten ich seit heute Morgen die Ehre habe.� Es sind Schw�tzer, die Gelbfishs, Redner und Neunmalkluge und K�nige im Schmeicheln. Beinahe h�tte Binas Vater Landsman �berzeugt, seine eigene Tochter nicht zu heiraten. Am Abend vor der Hochzeit. �Und ehrlich, ich meine das ganz ernst: Ihr beiden wisst, dass ich mir den Arsch aufgerissen habe, solange ich hier gearbeitet habe, weil ich gehofft hatte, irgendwann das Gl�ck zu haben, ihn mir auf diesem Stuhl breitsitzen zu k�nnen, hinter diesem Schreibtisch, und die gro�e Tradition von Sitka Central aufrechtzuerhalten, dass wir hin und wieder mal einen M�rder erwischen und ins Gef�ngnis bringen. Und jetzt sitze ich hier. Bis zum ersten Januar.�</p><p>�Uns geht es genauso, Bina�, sagt Berko, und diesmal klingt er ehrlicher. �Abnormit�tenkabinett und so.�</p><p>Landsman sagt, f�r ihn gelte das doppelt.</p><p>�Das wei� ich zu sch�tzen�, sagt Bina. �Und ich wei�, wie sehr euch das hier � zu schaffen macht.�</p><p>Und sie legt ihre lange, sommersprossige Hand auf den Aktenstapel. Korrekt erfasst m�ssten es elf Mappen sein, die �lteste �ber zwei Jahre alt. In der Mordkommission arbeiten noch drei weitere Kollegenpaare, doch keines kann mit einem so h�bschen hohen Stapel ungel�ster F�lle aufwarten.</p><p>�Beim Feytel sind wir nah dran�, sagt Berko. �Da warten wir nur noch auf den Bezirksstaatsanwalt. Und bei Pinsky. Und bei der Sache mit Zilberblat. Zilberblats Mutter���</p><p>Bina hebt die Hand, unterbricht Berko. Landsman sagt nichts. Er sch�mt sich zu sehr. Was ihn betrifft, ist der Aktenstapel ein Denkmal seines j�ngsten Niedergangs. Dass er nicht noch zwanzig Zentimeter h�her ist, zeugt lediglich von der Standhaftigkeit, mit der sein kleiner gro�er Cousin Berko ihn st�tzt.</p><p>�H�r auf�, sagt Bina. �H�r auf damit. Und pass gut auf, denn jetzt kommt der Teil, wo meine schnelle Auffassungsgabe f�r Schwachsinn aufblitzt.�</p><p>Sie greift hinter sich und zieht ein Blatt Papier aus ihrem Eingangsk�rbchen, dann noch eine deutlich d�nnere blaue Akte, die Landsman sofort erkennt, da er sie selbst um halb f�nf am Morgen angelegt hat. Bina greift in die Brusttasche ihres Hosenanzugs und zieht eine Halbbrille hervor, die Landsman noch nie zuvor gesehen hat. Sie wird alt, und er wird alt, ganz nach Plan, und doch sind sie, w�hrend der Zahn der Zeit an ihnen nagt, sonderbarerweise nicht mehr miteinander verheiratet.</p><p>�Die weisen Juden, die unser Schicksal als Polizeibeamte des Distrikts Sitka verfolgen, haben eine Richtlinie erlassen�, beginnt Bina. Sie �berfliegt das Blatt Papier mit einer gewissen Unruhe, ja mit Entsetzen. �Diese Richtlinie basiert auf der gro�artigen Annahme, dass es sch�n f�r alle w�re�� ganz zu schweigen von der anschlie�enden ad�quaten Berichterstattung��, wenn es bei der �bergabe der Befehlsgewalt an den US-Marshall von Sitka keine offenen F�lle mehr g�be.�</p><p>�Give me a fucking break, Bina�, sagt Berko. Er hat sofort begriffen, worauf Inspector Gelbfish hinauswill. Landsman braucht eine Minute l�nger.</p><p>�Keine offenen F�lle�, wiederholt er mit idiotischer Ruhe.</p><p>�Diese Richtlinie�, sagt Bina, �hat den eing�ngigen Namen �effektive L�sung� bekommen. Im Grunde genommen bedeutet es, dass ihr genauso viel Zeit in die L�sung eurer offenen F�lle investieren m�sst, wie noch Arbeitstage �brig sind als Beamte der Mordkommission mit der Marke dieses Distrikts. Also ungef�hr neun Wochen. Ihr habt elf offene F�lle. Ihr k�nnt sie aufteilen, wie ihr wollt, schon klar. Wie auch immer ihr�s machen wollt, ich bin einverstanden.�</p><p>�Einfach abwickeln?�, sagt Berko. �Du meinst���</p><p>�Du wei�t, was ich meine, Detective�, sagt Bina. Jetzt ist keinerlei Gef�hl in ihrer Stimme und kein erkennbarer Ausdruck in ihrem Gesicht. �H�ngt sie irgendwelchen Leuten an, die ihr finden k�nnt. Wenn ihr sie keinem anh�ngen k�nnt, nehmt ein bisschen Klebstoff. Den Rest��� ihre Stimme stockt ganz leicht�� �steckt ihr einfach mit einem schwarzen Reiter versehen in Schrank 9.�</p><p>In Schrank 9 werden die unaufgekl�rten F�lle verwahrt. Einen Fall in Schrank 9 abzulegen, spart Platz, aber ist so, als w�rde man die Akte in Brand setzen und mit der Asche bei st�rmischem Wind spazieren gehen.</p><p>�Wir sollen sie versenken�, sagt Berko und kurbelt den Satz am Ende zu einer Frage hoch.</p><p>�Bem�ht euch redlich innerhalb der Grenzen dieser neuen Richtlinie mit dem klangvollen Namen, und wenn das nicht hilft, bem�ht euch unredlich.� Bina starrt auf den kuppelf�rmigen Briefbeschwerer auf Felsenfelds Tisch. Die Kuppel enth�lt ein winziges Modell der Silhouette von Sitka, eine Karikatur aus billigem Plastik. Ein Wirrwarr von Hochh�usern in einer Traube um den Safety Pin, jenen einsamen Finger, der wie anklagend gen Himmel weist. �Und dann pappt einen schwarzen Reiter drauf.�</p><p>�Du sprachst von elf�, sagt Landsman.</p><p>�Das ist dir aufgefallen.�</p><p>�Aber nach gestern Abend haben wir, bei allem Respekt, Inspector, und so peinlich das auch ist � �hm, es sind zw�lf. Nicht elf. Zw�lf offene F�lle bei Shemets und Landsman.�</p><p>Bina greift zu dem schmalen blauen Ordner, den Landsman in der letzten Nacht zur Welt gebracht hat.</p><p>�Der hier?� Sie schl�gt ihn auf und studiert vorgeblich oder tats�chlich Landsmans Bericht �ber die augenscheinlich aus k�rzester Entfernung erfolgte Hinrichtung des Mannes, der sich Emanuel Lasker nannte. �Ja. Gut. So, jetzt m�chte ich, dass ihr zuguckt, wie das geht.�</p><p>Sie zieht die oberste Schublade von Felsenfelds Schreibtisch auf, der, zumindest in den n�chsten zwei Monaten, ihr geh�ren wird. Sie w�hlt darin herum und zieht eine Grimasse, als w�ren darin ganz viele benutzte Schaumstoffohrst�psel, was beim letzten Mal, als Landsman hineinschaute, tats�chlich der Fall war. Bina holt einen Plastikreiter zur Kennzeichnung von Akten hervor. Einen schwarzen. Sie fummelt den roten Reiter ab, den Landsman fr�h am Morgen auf die Lasker-Akte gedr�ckt hat, und tauscht ihn gegen den schwarzen aus, dabei atmet sie durch die Nase, so als w�rde man eine schw�rende Wunde s�ubern oder etwas Ekelerregendes vom Teppich wischen. In den zehn Sekunden, die sie f�r den Wechsel braucht, altert sie um zehn Jahre, findet Landsman. Dann h�lt sie den j�ngsten ungekl�rten Fall von sich weg, zwischen zwei Fingern wie mit einer Pinzette.</p><p>�Effektive L�sung�, sagt sie.</p></section><section><title><p><emphasis>8.</emphasis></p></title><p>Das Nos ist, wie der Name schon sagt, eine Kneipe f�r Gesetzesvertreter, geschw�ngert mit nosigen Klagen und Klatsch, die von zwei ehemaligen Nos gef�hrt wird. Das Nos hat nie geschlossen, und nie gehen der Kneipe die dienstfreien Gesetzesvertreter aus, die die gro�e Eichentheke vorm Umfallen bewahren. Das Nos ist der richtige Ort, wenn man seiner Wut �ber das j�ngste Meisterwerk von Schwachsinn Ausdruck verleihen m�chte, das von den Abteilungsleitern nach unten durchgereicht wurde. Deshalb meiden Landsman und Berko den Laden. Sie gehen am Pearl of Manila vorbei, obwohl sie von den chinesischen Donuts nach Filipino-Art, glitzernde, zuckerbest�ubte Zeichen einer besseren Existenz, angelockt werden. Sie meiden Feter Shnayer und Karlinsky�s, dann das Inside Passage und den Nyu-Yorker Grill. So fr�h am Morgen sind die meisten L�den eh noch geschlossen, und wer ge�ffnet hat, bedient Bullen, Feuerwehrleute oder Sanit�ter.</p><p>Landsman und Berko, der gro�e Mann und der kleine, ziehen die Schultern hoch gegen die K�lte und hasten aneinandersto�end voran. Ihr Atem steigt in Schwaden auf, die sich umeinander winden und dann vom gro�en Nebel verschluckt werden, der �ber der Untershtot liegt. Dunstwolken ziehen durch die Stra�en, lassen Scheinwerfer und Neonlichter verschwimmen, verh�llen den Hafen und hinterlassen einen Film �lig-silbriger Perlen auf Mantelaufschl�gen und H�ten.</p><p>�Ins Nyu-Yorker geht keiner�, sagt Berko. �Da k�nnten wir hin.�</p><p>�Ich hab Tabatchnik mal da gesehen.�</p><p>�Ich bin mir ziemlich sicher, dass Tabatchnik niemals die Entw�rfe f�r deine Geheimwaffe stehlen w�rde, Meyer.�</p><p>Landsman w�nscht, er w�re im Besitz von Entw�rfen f�r phantasievolle Todesstrahlen oder Gedankenkontrolllampen, irgendetwas, das die Korridore der Macht ersch�ttert. Das den Amerikanern mal richtig Angst vor Gott einjagt. Das, wenn auch nur f�r ein Jahr, ein Jahrzehnt, ein Jahrhundert, die Gezeiten des j�dischen Exils aufh�lt.</p><p>Gerade wollen sie es mit dem d�steren Front Page aufnehmen, wo die Milch geronnen ist und der Kaffee kurz zuvor noch als Bariumklistier im Krankenhaus von Sitka diente, da entdeckt Landsman, wie der alte Dennis Brennan mit seinem Khaki-Arsch auf einen schwankenden Hocker am Tresen klettert. Schon seit das <emphasis>Blat</emphasis> vor Jahren dichtmachte und die <emphasis>Tog</emphasis> ihre B�ros in ein neues Geb�ude drau�en am Flughafen verlegte, geht die Presse nicht mehr ins Front Page. Aber es ist schon eine Weile her, dass Brennan Sitka auf der Suche nach Gl�ck und Gloria verlie�. Er muss gerade wieder zur�ck in die Stadt geschneit sein. Offenbar hat ihm keiner erz�hlt, dass das Front Page tot ist.</p><p>�Zu sp�t�, sagt Berko. �Bastard hat uns gesehen.�</p><p>Im ersten Moment ist Landsman nicht sicher, ob das stimmt. Brennan sitzt mit dem R�cken zur T�r und studiert den B�rsenteil jener ber�hmten amerikanischen Zeitung, deren Zweigstelle er bildete, bevor er seine gro�e Chance bekam. Landsman greift nach Berkos Mantel und will den Kollegen die Stra�e hinunterziehen. Er sucht den perfekten Ort zum Reden, wo man vielleicht einen Bissen essen kann, ohne belauscht zu werden.</p><p>�Detective Shemets! Moment mal!�</p><p>�Zu sp�t�, r�umt Landsman ein.</p><p>Er dreht sich um, und da steht Brennan, der Mann mit dem gewaltigen Kopf, hut- und mantellos, die Krawatte �ber die Schulter geweht, ein Penny im linken Slipper, den Bankrott im rechten. Flicken an den Ellenbogen seines Tweedsakkos im praktischen Farbton von So�enflecken. Seine Wangen k�nnten eine Rasur vertragen, sein Sch�del eine Wachspolitur. Vielleicht lief es doch nicht so pr�chtig f�r Dennis Brennan damals, als er gro� rauskommen wollte.</p><p>�Guck dir den Kopf von dem Schejgetz an, der hat eine eigene Atmosph�re�, sagt Landsman. �Vereiste Polkappen.�</p><p>�Der Mann hat wirklich einen sehr gro�en Kopf.�</p><p>�Wenn ich ihn sehe, tun mir H�lse immer so leid.�</p><p>�Vielleicht sollte ich die H�nde um seinen Hals legen. Zur Unterst�tzung.�</p><p>Brennan hebt seine wei�en Larvenfinger und blinzelt mit den �uglein. Sie sind vom farblosen Blau entrahmter Milch. Er setzt ein einstudiertes, reum�tiges L�cheln auf, aber Landsman merkt, dass er gute eins zwanzig Ben Maymon Street Abstand zu ihm und Berko h�lt.</p><p>�Es besteht kein Bedarf, die unbesonnenen Drohungen von ehedem zu wiederholen, Detective Shemets, das versichere ich Ihnen�, sagt der Journalist in seinem flinken, grotesken Jiddisch. �Sie bleiben immergr�n und kraftstrotzend im Saft ihrer urspr�nglichen Gewalt.�</p><p>Brennan studierte Deutsch auf dem College und lernte Jiddisch bei einem aufgeblasenen alten Deutschen am Institut. Daher spricht er, so bemerkte einmal jemand, �wie ein Wurstrezept mit Fu�noten�. Ein starker Trinker, vom Temperament her inkompatibel mit langer D�mmerung und Regen. Legt die falsche F�hrte aus, dumpf und schwer von Begriff zu sein, in gewisser Weise �blich unter Polizisten und Reportern. Dennoch ein Schlemiel. Niemand wunderte sich mehr �ber das Aufsehen, das Dennis Brennan in Sitka erregte, als Brennan selbst.</p><p>�Ich m�chte Ihnen im Voraus versichern, dass ich Ihren Zorn f�rchte, Detective. Und dass ich gerade vorgab, Sie an diesem trostlosen Loch unbemerkt vorbeigehen zu lassen, f�r das einzig und allein die v�llige Abwesenheit von Zeitungsreportern spricht sowie die Tatsache, dass der Wirt in der langen Zeit meiner Abwesenheit meinen Schuldenstand vergessen hat. Mir ist jedoch bewusst, dass eine derartige Strategie sich bei meinem Gl�ck bald wenden und mir in den Arsch bei�en wird.�</p><p>�So viel Hunger hat keiner�, sagt Landsman. �Da h�tten Sie wahrscheinlich nichts zu bef�rchten.�</p><p>Brennan wirkt verletzt. Eine empfindsame Seele ist er, dieser makrozephale Nichtjude, er labt sich an Kr�nkungen und ist resistent gegen�ber Neckereien und Ironie. Seine gedrechselte Sprechweise l�sst alles aus seinem Mund wie einen Scherz klingen, was nur das Bed�rfnis dieses Mannes steigert, ernst genommen zu werden.</p><p>�Dennis J. Brennan�, sagt Berko. �Wieder unterwegs in Sitka?�</p><p>�Ich bin gestraft, Detective Shemets, ich bin gestraft.�</p><p>Das versteht sich von selbst. Eine Versetzung in die Sitkaer Zweigstelle jeder beliebigen amerikanischen Zeitung oder Fernsehstation, die �berhaupt noch eine aufrechterh�lt, ist eine sprichw�rtliche Bestrafung f�r Unf�higkeit oder Versagen. Brennans R�ckversetzung hierher muss die Folge eines ganz kolossal verbockten Mists sein.</p><p>�Ich dachte, deshalb h�tte man Sie weggeschickt, Brennan�, sagt Berko, und jetzt macht er keine Witze. Sein Blick wird leer, und er kaut den imagin�ren Streifen Doublemint oder Seehundfett oder den knorpeligen Klumpen von Brennans Herz. �Als Strafe f�r Ihre S�nden.�</p><p>�Meine Motivation, eine Tasse furchtbaren Kaffees stehenzulassen, Detective, und ein geplatztes Treffen mit einem Informanten, dem sowieso alles abgeht, was Informationen �hnelt, ist, hier herauszukommen und Ihren etwaigen Zorn in Kauf zu nehmen.�</p><p>�Brennan, Mensch, sprechen Sie Englisch!�, sagt Berko. �Was wollen Sie, verfluchter Dreck?�</p><p>�Ich will eine Story�, sagt Brennan. �Was sonst? Und ich wei�, dass ich keine von Ihnen bekomme, bevor ich nicht reinen Tisch gemacht habe. Also. F�rs Protokoll.� Wieder kettet er sich ans Ruder der Fliegenden-Holl�nder-Version seiner Muttersprache. �Mir fehlt die Absicht, etwas zur�ckzunehmen oder ungeschehen zu machen. F�gt diesem meinem ungeheuerlich vergr��erten Kopf ein Leid zu, bitte, aber ich stehe zu dem, was ich geschrieben habe, zu jedem Wort, bis zum heutigen Tage. Es war zutreffend, bewiesen und begr�ndet. Und dennoch sage ich Ihnen gerne, dass die ganze traurige Angelegenheit einen schlechten Nachgeschmack in meinem Mund hinterlieߠ��</p><p>�Vielleicht der Geschmack Ihres Arsches?�, schl�gt Landsman munter vor. �Vielleicht haben Sie sich in denselben gebissen.�</p><p>Doch Brennan segelt einfach weiter, wie ein Irrer. Landsman bekommt das Gef�hl, dass der Goj schon l�ngere Zeit darauf wartet, diese Platte abzuspielen. Kann sein, dass er mehr von Berko will als nur eine Story.</p><p>�F�r meine Karriere, meine sogenannte, war es sicherlich n�tzlich. Einige Jahre lang. Es hat mich aus der Provinz, wenn Sie den Ausdruck verzeihen, nach L. A., Salt Lake, Kansas City gebracht.� Bei der Aufz�hlung der Stationen seines Niedergangs wird Brennans Stimme leiser und weicher. �Nach Spokane. Aber ich wei�, dass es schmerzhaft f�r Sie und Ihre Familie war, Detective. Daher w�rde ich gerne, wenn Sie es mir denn gestatten, um Entschuldigung f�r die von mir verursachten Verletzungen bitten.�</p><p>Kurz nach den Wahlen, die die jetzige Regierung in ihre erste Amtszeit trugen, verfasste Dennis J. Brennan eine Beitragsreihe f�r seine Zeitung. Er schilderte bis ins kleinste, verbissene Detail die schmutzige Geschichte von Korruption, Straftaten und verfassungswidriger Betr�gerei, an der Hertz Shemets im Verlauf seiner vierzig Jahre beim FBI beteiligt war. Das Gegenspionageprogramm COINTEL-PRO wurde geschlossen, die Aufgaben wurden anderen Abteilungen �bertragen, und Onkel Hertz wurde in einen schmachvollen Ruhestand gedr�ngt. Landsman, der damals durch nichts zu beeindrucken war, fiel es an den Tagen nach Erscheinen des ersten Artikels schwer, aus dem Bett zu kommen. Er hatte so gut wie alle anderen und besser als fast alle gewusst, dass sein Onkel sowohl als Mann wie auch als Beamter gro�e Fehler hatte. Aber wenn man ergr�nden wollte, aus welchen Motiven ein Kind zum Nos wurde, lohnte es sich fast nie, an anderen Orten als ein oder zwei �stchen h�her im Stammbaum der Familie zu forschen. Fehler hin oder her, Onkel Hertz war f�r Landsman ein Held. Klug, hart, beharrlich, geduldig, methodisch, selbstsicher. Wenn seine schlechte Laune, seine Verschwiegenheit und seine Bereitschaft, Abk�rzungen zu nehmen, ihn nicht zu einem Helden machten, so machten sie ihn auf jeden Fall zu einem Nos.</p><p>�Ich sage Ihnen das jetzt im Guten, Dennis�, sagt Berko. �Denn Sie sind ganz in Ordnung. Sie arbeiten hart, Sie schreiben anst�ndig, und Sie sind der Einzige, neben dem mein Kollege wie ein Dressman aussieht: Leck mich am Arsch!�</p><p>Brennan nickt.</p><p>�Ich dachte mir, dass Sie so was sagen w�rden�, antwortet er traurig.</p><p>�Mein Vater ist ein verdammter Einsiedler geworden�, sagt Berko. �Ein Pilz. Er lebt mit Ohrenkneifern und solchen Krabbeltieren unter einem Baumstamm. Ganz egal, was f�r sch�ndliches Zeug er im Schilde f�hrte, er hat nur getan, was seiner Meinung nach gut f�r die Juden war, und wissen Sie, was die Schei�e an der Sache ist? Er hatte <emphasis>recht,</emphasis> denn gucken Sie sich mal die gequirlte Kacke an, in der wir ohne ihn stecken.�</p><p>�Herrje, Shemets, das h�re ich nicht gerne. Und ich male mir nicht gerne aus, dass etwas aus meiner Feder irgendwas mit dem zu tun hat�� dass es irgendwie zu dem � zu der misslichen Lage gef�hrt hat, in der ihr Jids euch nun befindet � ah, Schei�e. Vergesst es.�</p><p>�Gut�, sagt Landsman. Er greift wieder nach Berkos �rmel. �Komm!�</p><p>�Hey, �hm, ja. Wo wollt ihr denn hin? Was ist los?�</p><p>�Wir bek�mpfen nur das Verbrechen�, sagt Landsman. �Genau wie beim letzten Mal, als Sie hier einflogen.�</p><p>Da Brennan nun sein Gewissen erleichtert hat, nimmt der Hund in ihm die Witterung von Berko und Landsman auf. Vielleicht hat er es schon aus einem H�userblock Entfernung gerochen, konnte es durch die Fensterscheibe sehen, ein Rucken in Berkos wiegendem Gang, ein Kilo zus�tzlicher Last auf Landsmans Schultern. Vielleicht sollte die ganze Entschuldigungsnummer von Anfang an nur in die Frage m�nden, die er nun in seiner Muttersprache hervorzerrt, nackt und schlicht:</p><p>�Wer ist tot?�</p><p>�Ein Jid, der Schwierigkeiten hatte�, sagt Berko. �Hund bei�t Mensch.�</p></section><section><title><p><emphasis>9.</emphasis></p></title><p>Sie lassen Brennan vor dem Front Page stehen, seine Krawatte schl�gt ihm auf die Stirn wie eine reum�tige Hand, und sie gehen zur Ecke Seward, dann die Peretz hinunter und biegen direkt hinter dem Palatz-Theater im Windschatten von Baranof Hill ab zu einer schwarzen T�r in einer schwarzen Marmorfassade mit einem gro�en, schwarz gestrichenen Panoramafenster.</p><p>�Das ist doch nicht dein Ernst�, sagt Berko.</p><p>�In den letzten f�nfzehn Jahren hab ich keinen anderen Schammes im Vorsht gesehen.�</p><p>�Meyer, es ist Freitagmorgen, halb zehn. Da sind doch h�chstens Ratten drin.�</p><p>�Stimmt nicht�, sagt Landsman. Er f�hrt Berko zur Seitent�r und legt die Fingerkn�chel daran, klopft zweimal. �Ich fand immer, dies w�re der richtige Ort, um Missetaten zu planen, falls ich jemals Missetaten im Schilde f�hren w�rde, die geplant werden m�ssten.�</p><p>Mit einem St�hnen schwingt eine schwere Stahlt�r auf und gibt den Blick frei auf Mrs. Kalushiner, die ein graues Kost�m und schwarze Pumps tr�gt, als wolle sie in Schul oder zur Arbeit bei der Bank gehen, das Haar auf rosa Schaumgummiwickler gedreht. In der Hand h�lt sie einen Pappbecher mit einer Fl�ssigkeit, die wie Kaffee oder vielleicht Pflaumensaft aussieht. Mrs. Kalushiner kaut Tabak. Der Becher ist ihr st�ndiger, wenn nicht einziger Begleiter.</p><p>�Aha�, sagt sie und macht ein Gesicht, als h�tte sie gerade Ohrenschmalz vom Finger geleckt. Dann spuckt sie auf ihre kultivierte Art in den Becher. Mit der weisen Macht der Gewohnheit schaut sie gr�ndlich die Gasse hoch und runter, um zu sehen, welchen �rger die beiden mitgebracht haben. Kurz und unverhohlen mustert sie den riesigen jarmulketragenden Indianer, der im Begriff ist, ihr Etablissement zu betreten. Bisher waren alle Menschen, die Landsman zu dieser Tageszeit mitgebracht hat, nerv�se, maus�ugige Schtinker wie Benny �Shpilkes� Plotner und Zigmund Landau, der Heifetz der Informanten. Nie sah jemand weniger wie ein Schtinker aus als Berko Shemets. Und bei allem Respekt vor der M�tze und den Bommeln kann der Kerl vor ihr auf gar keinen Fall ein Mittelsmann sein, schon gar kein rangniederer Mafioso, nicht mit dieser Indianervisage. Als Mrs. Kalushiner Berko trotz gr�ndlicher �berlegung nicht in ihre Systematik zwielichtiger Typen einordnen kann, spuckt sie in ihren Becher. Dann richtet sie den Blick wieder auf Landsman und seufzt. Einer gewissen Z�hlweise folgend, schuldet sie Landsman siebzehn Gefallen; nach einer anderen m�sste sie ihm in die Magengrube schlagen. Sie tritt zur Seite und l�sst die beiden herein.</p><p>Das Lokal ist so leer wie ein Innenstadtbus nach Dienstschluss und riecht doppelt so streng. Vor Kurzem muss jemand mit einem Eimer Bleiche hindurchgegangen sein, um einige Obert�ne in den konstanten Basso continuo aus Schwei� und Pissoirgestank des Vorsht zu tupfen. �ber oder unter allem nimmt die scharfe Nase den Mantelfuttergeruch von abgegriffenen Dollarscheinen wahr.</p><p>�Setzt euch da hin�, sagt Mrs. Kalushiner, ohne anzuzeigen, wo sie die M�nner gerne sitzen sehen m�chte. Die runden Tische auf der �berf�llten B�hne tragen umgedrehte St�hle wie Geweihe. Landsman stellt zwei davon auf und nimmt mit Berko Platz, fern der B�hne, neben dem schwer verriegelten Eingang. Mrs. Kalushiner geht ins Hinterzimmer, und der Perlenvorhang klappert hinter ihr wie lose Z�hne in einem Eimer.</p><p>�Das ist �ne Puppe�, sagt Berko.</p><p>�Ein Schatz�, pflichtet Landsman ihm bei. �Sie ist nur morgens hier. So muss sie sich nicht mit der Kundschaft rumschlagen.� Das Vorsht ist der Laden, wo die Musiker von Sitka weitertrinken, wenn Theater und Clubs schlie�en. Weit nach Mitternacht dr�ngen sie sich hinein, Schnee auf den H�ten, Regen in den Aufschl�gen, und bev�lkern die kleine B�hne, schlachten sich gegenseitig mit Klarinetten und Geigen. Wie gew�hnlich, wenn sich Engel treffen, besteht ihre Gefolgschaft aus Teufeln: Gangster, Gannefs und gl�cklose Frauen. �Sie macht sich nichts aus Musikern.�</p><p>�Aber ihr Mann war doch � Ah, verstehe.�</p><p>Nathan Kalushiner war bis zu seinem Tod Inhaber des Vorsht und der K�nig der Sopranklarinette. Er war ein Spieler und ein Junkie und in vielerlei Hinsicht ein schlechter Mann, aber er spielte, als wohne ein Dibbuk in ihm, und Landsman, der Musikliebhaber, passte immer auf den verr�ckten kleinen Schejgetz auf und versuchte, Kalushiner aus den h�sslichen Situationen zu helfen, in die sein schlechtes Urteilsverm�gen und seine angenagte Seele ihn brachten. Eines Tages verschwand Kalushiner mit der Frau eines wohlbekannten russischen Schtarkers und hinterlie� Mrs. Kalushiner nichts als das Vorsht und die gute Absicht seiner Gl�ubiger. Sp�ter wurden Teile von Nathan Kalushiner unter den Docks oben in Yakovy angesp�lt, nicht aber seine Sopranklarinette.</p><p>�Und das ist der Hund von dem Typ?�, fragt Berko und weist auf die B�hne. An der Stelle, wo Kalushiner jeden Abend stand und spielte, sitzt ein kraushaariger Terriermischling, wei� mit braunen Flecken und einem schwarzen Ring ums Auge. Er hockt einfach mit gespitzten Ohren da, als lausche er dem Echo einer Stimme oder der Musik in seinem Kopf. Eine durchh�ngende Kette verbindet den Hund mit einem Stahlring in der Wand.</p><p>�Das ist Hershel�, sagt Landsman. Etwas an dem geduldigen Gesichtsausdruck des Hundes, an der stillen, h�ndischen Leidensf�higkeit, tut Landsman weh. Er wendet den Blick ab. �Seit f�nf Jahren sitzt er da.�</p><p>�R�hrend.�</p><p>�Kann schon sein. Aber ehrlich gesagt, l�uft es mir eiskalt den R�cken runter, wenn ich das Tier sehe.�</p><p>Mrs. Kalushiner kommt zur�ck mit einer Metallsch�ssel voll eingelegter Tomaten und Gurken, einem Korb mit Br�tchen und einer Schale saurer Sahne. Alles schaukelt auf ihrem linken Arm. Die rechte Hand tr�gt nat�rlich den Pappspucknapf.</p><p>�Tolle Mixpickles�, versucht es Berko, und als er damit nichts erreicht: �S��er Hund.�</p><p>R�hrend findet Landsman die M�he, die Berko Shemets immer bereit ist zu investieren, wenn er ein Gespr�ch mit jemandem beginnt. Je mehr sich der andere zur�ckzieht, desto entschlossener wird der alte Berko. Das war bei ihm schon als Kind so. Er besa� diesen Eifer, sich auf Menschen einzulassen, besonders auf seinen vakuumversiegelten Cousin Meyer.</p><p>�Ein Hund ist ein Hund�, sagt Mrs. Kalushiner.</p><p>Sie knallt die Mixpickles und die saure Sahne auf den Tisch, l�sst den Korb mit den Mohnbr�tchen fallen und zieht sich dann mit erneutem Perlengeklapper ins Hinterzimmer zur�ck.</p><p>�Ich m�sste dich um einen Gefallen bitten�, sagt Landsman, den Blick auf den Hund gerichtet, der sich nun mit arthritischen Knien auf die B�hne gelegt und den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet hat. �Und ich hoffe sehr, dass du nein sagst.�</p><p>�Hat dieser Gefallen irgendwas mit einer �effektiven L�sung� zu tun?�</p><p>�Machst du dich �ber die Richtlinie lustig?�</p><p>�Nicht n�tig�, sagt Berko. �Das macht die Richtlinie schon selbst.� Er zupft eine eingelegte Tomate aus der Schale, tupft sie in die saure Sahne und schiebt sie sich mit dem Zeigefinger dezent in den Mund. Aus Freude an dem in seinem Mund spritzenden sauren Gemisch aus Fruchtfleisch und Lake verzieht er das Gesicht. �Bina sieht gut aus.�</p><p>�Hab ich auch gedacht.�</p><p>�Ein richtiger Kerl.�</p><p>�Hast du immer schon gesagt.�</p><p>�Bina, Bina.� Freudlos sch�ttelt Berko den Kopf, aber gleichzeitig gelingt es ihm irgendwie, liebevoll dreinzuschauen. �In ihrem letzten Leben muss sie eine Wetterfahne gewesen sein.�</p><p>�Das stimmt nicht�, sagt Landsman. �Es stimmt, aber es stimmt nicht.�</p><p>�Du meinst, Bina ist keine Karrierefrau?�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt.�</p><p>�Sie ist eine, Meyer, war sie schon immer. Das geh�rt zu den Dingen, die mir an ihr am besten gefallen. Bina ist ein kluges K�pfchen. Sie ist hartn�ckig. Sie ist politisch. Sie wirkt loyal, in beide Richtungen, nach oben und nach unten, und das ist ganz sch�n schwierig. Sie hat das Zeug zum Inspector. Bei jeder Polizei, in jedem Land der Welt.�</p><p>�Sie war Klassenbeste�, sagt Landsman. �An der Akademie.�</p><p>�Aber du hattest mehr Punkte im Eignungstest.�</p><p>�Ja, schon�, sagt Landsman. �Stimmt. Habe ich das mal erz�hlt?�</p><p>�Selbst die US-Marshals sind so schlau, dass sie auf Bina Gelbfish aufmerksam werden�, sagt Berko. �Sie will doch nur sichergehen, dass es in Sitka auch nach der Reversion einen Platz f�r sie im Gesetzesvollzug gibt, und das werde ich ihr nicht zum Vorwurf machen.�</p><p>�So siehst du das also�, sagt Landsman. �Ich glaube das aber nicht. Das ist nicht der Grund, warum sie die Stelle angenommen hat. Oder nicht der einzige Grund.�</p><p>�Warum denn dann?�</p><p>Landsman zuckt mit den Schultern.</p><p>�Wei� ich nicht�, gibt er zu. �Vielleicht fiel ihr nichts Besseres ein, was sie sonst tun sollte.�</p><p>�Hoffentlich doch. Sonst ist sie pl�tzlich wieder mit dir zusammen.�</p><p>�Gottbewahre!�</p><p>�Horror!�</p><p>Landsman tut, als w�rde er dreimal �ber die Schulter nach hinten spucken. Und als er sich gerade fragt, ob diese Sitte etwas mit der Tradition des Tabakkauens zu tun hat, kehrt Mrs. Kalushiner zur�ck, die schwere Eisenkugel ihres Lebens hinter sich her ziehend.</p><p>�Ich habe hartgekochte Eier�, sagt sie drohend. �Ich habe Bagel. Ich habe Kalbsbeins�lze.�</p><p>�Nur eine Kleinigkeit zu trinken, Mrs. K.�, sagt Landsman. �Berko?�</p><p>�Sprudelwasser�, sagt Berko. �Mit einem Schnitz Zitrone.�</p><p>�Sie wollen essen�, sagt sie zu ihm. Es ist keine Frage.</p><p>�Warum nicht?�, sagt Berko. �Na gut, bringen Sie mir ein paar Eier.�</p><p>Mrs. Kalushiner wendet sich Landsman zu, und er sp�rt Berkos Augen auf sich. Sie fordern ihn heraus, sie rechnen damit, dass er einen Sliwowitz bestellt. Er sp�rt Berkos Ersch�pfung, seine Ungeduld und seinen �berdruss mit Landsman und dessen Problemen. Es ist langsam an der Zeit, dass er sich zusammenrei�t, oder? Dass er etwas findet, wof�r es sich zu leben lohnt, und einfach weitermacht.</p><p>�Coca-Cola�, sagt Landsman. �Bitte.�</p><p>Es mag die erste Antwort sein, mit der Landsman oder jemand anders die Witwe von Nathan Kalushiner je �berrascht hat. Sie hebt eine stahlgraue Augenbraue und wendet sich ab. Berko greift zu einer eingelegten Gurke und sch�ttelt die Pfefferk�rner und Nelken ab, die ihre warzige gr�ne Haut sprenkeln. Er zermalmt die Gurke zwischen den Z�hnen und runzelt gl�cklich die Stirn.</p><p>�Nur eine saure Frau macht gute Mixpickles�, sagt er, und dann beil�ufig neckend: �Willst du auch bestimmt kein Bier?�</p><p>Liebend gerne w�rde Landsman ein Bier trinken. Er schmeckt das bittere Karamell hinten auf der Zunge. Der Inhalt von Ester-Malkes Flasche muss seinen K�rper noch verlassen, aber Landsman erh�lt Signale, dass die Fl�ssigkeit ihre Siebensachen gepackt hat und abfahrbereit ist. Der Vorschlag oder der Appell, den er seinem Kollegen machen wollte, erscheint ihm jetzt als die vielleicht d�mmste Idee, die er je gehabt hat, und alles andere als lebenswert. Aber es muss sein.</p><p>�Schei�e�, sagt er und erhebt sich vom Tisch. �Ich muss mal pinkeln.�</p><p>Auf dem Herrenklo findet Landsman den K�rper eines E-Gitarristen. Oft hat Landsman von einem Tisch hinten im Vorsht diesen Jid und sein Spiel bewundert. Er war einer der Ersten, der die Technik und die Einstellung der amerikanischen und britischen Rockgitarristen in die Bulgars und Frejlechs der j�dischen Tanzmusik importierte. Er hat ungef�hr dasselbe Alter und dieselbe Vergangenheit wie Landsman, wuchs wie er auf in Halibut Point, und in prahlerischen Momenten hat Landsman sich oder vielmehr seine Polizeiarbeit mit dem intuitiven, aufblitzenden Spiel dieses Mannes verglichen, der nun tot oder ohnm�chtig im Klo liegt, die Geldhand in der Toilettensch�ssel. Er tr�gt einen dreiteiligen Lederanzug und eine rote Stoffkrawatte. Seine ger�hmten Finger sind ihrer Ringe beraubt, geisterhafte Einkerbungen sind zur�ckgeblieben. Auf dem gekachelten Boden liegt eine Brieftasche, sie wirkt leer und gedehnt.</p><p>Der Musiker schnarcht, einmal. Mit seinen intuitiven, aufblitzenden F�higkeiten tastet Landsman die Halsschlagader des Mannes nach einem Puls ab. Er schl�gt gleichm��ig. Die Luft um den Musiker summt fast bis zur Selbstentz�ndung vor Alkohol. Tats�chlich scheinen Bargeld und Ausweise aus der Brieftasche gepl�ndert zu sein. Landsman klopft den Musiker ab und findet ein F�nftel kanadischen Wodkas in der linken Tasche des Ledersakkos. Die Knete haben sie ihm genommen, aber nicht den Schnaps. Landsman will nichts trinken. Ganz im Gegenteil: Bei der Vorstellung, diesen Dreck in seinen Magen zu kippen, geht sogar ein Ruck durch ihn, als w�rde sich so etwas wie ein moralischer Muskel zusammenziehen. Er wagt einen kurzen Blick in den spinnwebverhangenen R�benkeller seiner Seele und kommt nicht umhin festzustellen, dass sein pulsierender Ekel vor der immer noch beliebten kanadischen Wodkamarke offenbar etwas mit seiner Exfrau zu tun hat, mit der Tatsache, dass sie wieder in Sitka ist und so stark und saftig und binam��ig aussieht. Ihr t�glicher Anblick wird eine Qual sein, so wie Gott Moses jeden einzelnen Tag seines Lebens mit dem fl�chtigen Blick auf Zion vom Gipfel des Berges Nebo qu�lte.</p><p>Landsman schraubt die Wodkaflasche auf und nimmt einen gro�en, langen Schluck. Er brennt wie eine Mischung aus L�sungsmittel und Lauge. Es bleiben noch einige Zentimeter in der Flasche, aber Landsman selbst ist vom Scheitel bis zur Sohle prall gef�llt mit purer, brennender Reue. Die alten Parallelen, die er einst selbstzufrieden zwischen dem Gitarristen und sich zog, wenden sich nun gegen ihn. Nach einer kurzen, aber heftigen Debatte beschlie�t Landsman, die Flasche nicht in den M�ll zu werfen, wo sie keinem etwas n�tzt. Er verlegt sie in die gem�tliche Seitentasche seines eigenen Niedergangs. Dann zerrt er den Musiker aus dem Klo und trocknet sorgf�ltig dessen rechte Hand. Zum Schluss pinkelt er, schlie�lich ist er deshalb hergekommen.</p><p>Die Musik von Landsmans Urin auf Porzellan und Wasser verlockt den Musiker, die Augen zu �ffnen.</p><p>�Mir geht�s gut�, sagt er vom Boden aus zu Landsman.</p><p>�Na klar, mein Schejner�, sagt Landsman.</p><p>�Rufen Sie bitte nicht meine Frau an.�</p><p>�Tu ich nicht�, versichert Landsman ihm, doch da ist der Jid schon wieder weggetreten. Landsman schleppt den Musiker in den hinteren Gang und l�sst ihn dort mit einem Telefonbuch als Kopfkissen liegen. Dann geht er zur�ck zum Tisch und zu Berko Shemets und trinkt einen artigen Schluck aus dem Glas mit kohlenges�uertem Zucker.</p><p>�Hmm�, sagt er. �Cola.�</p><p>�So�, sagt Berko. �Was f�r ein Gefallen?�</p><p>�Ja�, sagt Landsman. Das wiedererwachende Vertrauen in sich und seine Absichten, das er jetzt sp�rt, dieses Wohlgef�hl, ist eine von einem billigen Schluck Wodka hervorgerufene Illusion. Das wird ihm nun klar, zusammen mit der Erkenntnis, dass aus der Sicht von, sagen wir mal, Gott jegliches menschliches Selbstvertrauen eine Illusion ist und jede Absicht ein Witz. �Einen ziemlich gro�en.�</p><p>Berko wei�, worauf Landsman hinauswill. Aber Landsman ist noch nicht so weit, den Schritt zu tun.</p><p>�Du und Ester-Malke�, sagt Landsman. �Ihr habt euch um das Wohnrecht beworben.�</p><p>�Ist das deine gro�e Frage?�</p><p>�Nein, das ist nur die Einleitung.�</p><p>�Wir haben uns um Green Cards beworben. Jeder hier im Distrikt, der nicht nach Kanada oder Argentinien oder wer wei� wohin auswandert, hat sich um das Wohnrecht beworben. Herrgott, Meyer, du etwa nicht?�</p><p>�Ich wei�, dass ich es vorhatte�, sagt Landsman. �Vielleicht hab ich�s auch getan. Ich wei� es nicht mehr.�</p><p>Das ist zu schockierend f�r Berko, um es zu verarbeiten, aber es ist nicht das, weswegen Landsman mit ihm hergekommen ist.</p><p>�Doch, hab ich�, sagt Landsman. �Jetzt erinnere ich mich. Klar. Hab den I-999 und alles ausgef�llt.�</p><p>Berko nickt, als glaube er Landsmans L�ge.</p><p>�So�, sagt Landsman. �Ihr wollt also hierbleiben. In Sitka.�</p><p>�Vorausgesetzt, wir bekommen Ausweise.�</p><p>�Warum solltet ihr nicht?�</p><p>�Wegen der Begrenzung. Man sagt, nicht mal vierzig Prozent bekommen einen Ausweis.� Berko sch�ttelt den Kopf, momentan so ungef�hr die nationale Reaktion, wenn das Gespr�ch auf die Frage kommt, wo andere Juden aus Sitka nach der Reversion hinwollen oder was sie vorhaben. Bisher hat es keine Zusicherungen gegeben�� die Zahl von vierzig Prozent ist letztendlich auch nur ein Ger�cht��, und es gibt Radikale, die mit wildem Blick behaupten, dass die Zahl der Juden, die nach Inkrafttreten der Reversion tats�chlich die Erlaubnis erhalten werden, als rechtm��ige B�rger im dann vergr��erten Staat Alaska zu leben, eher bei zehn bis f�nfzehn Prozent liegen werde. Dieselben Personen laufen umher und rufen auf zu bewaffnetem Widerstand, Sezession, einer Unabh�ngigkeitserkl�rung und so weiter. Landsman hat diesen Debatten und Ger�chten um die wichtigste Frage in seinem kleinen Universum nur sehr wenig Beachtung geschenkt.</p><p>�Der Alte�, sagt Landsman. �Kann der nichts mehr rei�en?�</p><p>Vierzig Jahre lang missbrauchte Hertz Shemets�� wie Dennis Brennans Serie offenbarte�� seine Stellung als Leiter des �berwachungsprogramms des FBI, um sein eigenes Spiel mit den Amerikanern zu treiben. Erstmals warb ihn die Beh�rde in den F�nfzigern an, um Kommunisten und die jiddische Linke zu bek�mpfen, die zwar zerstritten, aber stark, hartgesotten, verbittert und misstrauisch gegen�ber den Amerikanern war, und, im Fall der Zionisten, nicht besonders dankbar, in Sitka gelandet zu sein. Hertz Shemets� Mandat bestand darin, die Roten vor Ort zu �berwachen und zu unterwandern. Hertz rottete sie aus. Er verf�tterte die Sozialisten an die Kommunisten, die Stalinisten an die Trotzkisten, die hebr�ischen Zionisten an die jiddischen Zionisten, und als die F�tterung vorbei war, wischte er allen Verbliebenen den Mund ab und verf�tterte sie aneinander. Ende der Sechziger wurde Hertz auf die gerade entstehende radikale Bewegung unter den Tlingit losgelassen, und mit der Zeit hatte er auch ihr Z�hne und Krallen gezogen.</p><p>Doch all diese T�tigkeiten waren, wie Brennan nachwies, nur eine Fassade f�r Hertz� wahren Plan: Dem Distrikt den �dauerhaften Status� als j�dische Enklave zu sichern. Das, oder in seinen k�hnsten Tr�umen sogar die staatliche Souver�nit�t. �Schluss mit dem ewigen Wandern�, erinnert sich Landsman, sagte sein Onkel zu seinem Vater, dessen Seele sich bis zum Tag seines Todes eine Spur von romantischem Zionismus bewahrte. �Schluss mit Vertreibungen, mit dem Umherziehen und den Tr�umen von einer Zukunft im Land der Kamele. Es ist Zeit, dass wir nehmen, was wir bekommen k�nnen, und an Ort und Stelle bleiben.�</p><p>Jedes Jahr, stellte sich heraus, zweigte Onkel Hertz bis zur H�lfte des ihm zur Verf�gung stehenden Budgets ab, um die Personen zu bestechen, von denen er bezahlt wurde. Er kaufte Senatoren und bohrte die Honigt�pfe des Kongresses an, doch vor allem fabulierte er reichen amerikanischen Juden etwas vor, da er ihren Einfluss f�r ausschlaggebend hielt. Dreimal wurden Gesetzesvorlagen zum dauerhaften Status eingereicht und abgeschmettert, zweimal im Ausschuss, einmal nach erbitterter, kontroverser Debatte erst im Plenum. Ein Jahr nach der Aussprache zog der jetzige Pr�sident Amerikas erfolgreich mit einer Fahne in den Wahlkampf, auf der die l�ngst �berf�llige Durchsetzung der Reversion mit dem Slogan �Alaska den Ureinwohnern� versprochen wurde. Und Dennis Brennan scheuchte Hertz unter einen Baumstamm.</p><p>�Der Alte?�, sagt Berko. �Da unten in seinem indianischen Westentaschenreservat? Mit seiner Ziege? Und dem Elchfleisch in der K�hltruhe? Ja, der ist eine wahrhaft graue Eminenz in den Korridoren der Macht. Aber trotzdem, es sieht ganz gut aus.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Ester-Malke und ich haben schon eine dreij�hrige Arbeitserlaubnis bekommen.�</p><p>�Das ist ein gutes Zeichen.�</p><p>�Sagt man.�</p><p>�Nat�rlich w�rdest du nichts tun, das euren Status irgendwie gef�hrden k�nnte.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Befehle verweigern. Leute anpissen. Deine Pflicht vernachl�ssigen.�</p><p>�Niemals.�</p><p>�Schon gut.� Landsman greift in die Tasche seines Sakkos und holt das Schachspiel hervor. �Hab ich dir mal von dem Zettel erz�hlt, den mein Vater hinterlie�, als er sich umbrachte?�</p><p>�Es soll ein Gedicht gewesen sein.�</p><p>�Eher ein Knittelvers�, sagt Landsman. �Sechs Zeilen in Jiddisch an eine unbenannte Frau.�</p><p>�Oho!�</p><p>�Nein, nein. Nichts Schl�pfriges. Es war, nun ja, er dr�ckt darin sein Bedauern, seine Unzul�nglichkeit aus. Seinen Verdruss �ber sein Versagen. Bekennt sich zu Hingabe und Respekt. Ber�hrende Dankesworte f�r den Trost, den sie ihm spendete, und vor allem f�r das Vergessen, das ihre Gesellschaft ihm im langen, bitteren Lauf der Jahre schenkte.�</p><p>�Du kannst es auswendig.�</p><p>�Ja. Aber mir fiel etwas auf, das mich st�rte. Deshalb zwang ich mich, es zu vergessen.�</p><p>�Was fiel dir auf?�</p><p>Landsman geht nicht auf die Frage ein, weil Mrs. Kalushiner mit den Eiern kommt, sechs an der Zahl, gepellt und angerichtet auf einem kleinen Teller mit sechs runden Vertiefungen von der Gr��e eines breiten Eierpopos. Salz. Pfeffer. Ein Glas Senf.</p><p>�Wenn man ihm die Leine abnimmt�, sagt Berko und zeigt mit dem Daumen auf Hershel, �dann geht er vielleicht auf ein Sandwich oder so nach drau�en.�</p><p>�Er mag die Leine�, sagt Mrs. Kalushiner. �Ohne schl�ft er nicht.�</p><p>Sie l�sst die beiden erneut allein.</p><p>�Das nervt mich�, sagt Berko mit Blick auf Hershel.</p><p>�Ich wei�, was du meinst.�</p><p>Berko salzt ein Ei und bei�t hinein. Seine Z�hne hinterlassen Einkerbungen im gekochten Wei�.</p><p>�Also, dieses Gedicht�, sagt er. �Dieser Vers.�</p><p>�Nat�rlich ging jeder davon aus�, sagt Landsman, �dass meine Mutter die Adressatin von meines Vaters Strophe war. Zuallererst sie selbst.�</p><p>�Die Beschreibung passt auf sie.�</p><p>�Der Meinung waren alle. Deshalb habe ich nie jemandem erz�hlt, was ich entdeckte. In meinem ersten offiziellen Fall als Nachwuchs-Schammes.�</p><p>�N�mlich?�</p><p>�N�mlich dass sich aus den jeweils ersten Buchstaben der sechs Zeilen ein Name ergibt: Caissa.�</p><p>�Caissa? Was ist denn das f�r ein Name?�</p><p>�Ich glaube, das ist Latein�, sagt Landsman. �Caissa ist die G�ttin der Schachspieler.�</p><p>Er �ffnet den Deckel des Taschenschachspiels, das er im Drugstore am Korczak-Platz gekauft hat. Die Figuren stehen noch so wie am Morgen, als er sie in der Wohnung der Taytsh-Shemets� aufstellte, und wie sie von dem Mann, der sich Emanuel Lasker nannte, hinterlassen wurden. Oder von seinem M�rder oder von der blassen Caissa, der G�ttin der Schachspieler, die vorbeischaute, um wieder einem ihrer ungl�cklichen J�nger Lebewohl zu sagen. Schwarz hat nur noch drei Bauern, zwei Springer, einen L�ufer und einen Turm. Wei� h�lt noch alle gr��eren und kleinen Figuren und zwei Bauern, von denen einer kurz vor der Umwandlung steht. Das Ganze wirkt sonderbar ungeordnet, als sei die Partie, die zu diesem Stand f�hrte, sehr chaotisch gewesen.</p><p>�Wenn es irgendwas anderes w�re, Berko�, sagt Landsman mit entschuldigender Geste. �Ein Kartenspiel. Ein Kreuzwortr�tsel. Eine Bingokarte.�</p><p>�Ich verstehe�, sagt Berko.</p><p>�Aber nein, es musste eine verfluchte unterbrochene Schachpartie sein.�</p><p>Berko dreht das Brett herum und betrachtet es eine Weile, dann schaut er zu Landsman auf. Jetzt ist der Moment gekommen, mich zu fragen, sagt er mit seinen gro�en, dunklen Augen.</p><p>�Also, wie gesagt. Ich muss dich um einen Gefallen bitten.�</p><p>�Nein�, sagt Berko, �musst du nicht.�</p><p>�Du hast die Lady geh�rt. Du hast gesehen, wie sie den schwarzen Aktenreiter draufgedr�ckt hat. Die Sache war von Anfang an ein Haufen Schei�e. Bina hat es nur offiziell gemacht.�</p><p>�Du siehst das anders.�</p><p>�Bitte, Berko, fang jetzt nicht pl�tzlich an, meine Meinung zu respektieren�, sagt Landsman. �Nicht nachdem ich mich so lange bem�ht habe, das zu verhindern.�</p><p>Berko hat den Hund zunehmend starr beobachtet, jetzt erhebt er sich abrupt und geht zur B�hne. Er poltert die drei Holzstufen hoch und schaut auf Hershel. Dann h�lt er ihm die Hand zum Schn�ffeln hin. Der Hund setzt sich auf und liest mit der Nase auf Berkos Handr�cken die Abschrift von Babys, Waffeln und dem Innenraum eines 1971er Super Sport. Schwerf�llig hockt sich Berko neben den Hund und hakt die Leine aus dem Halsband. Er nimmt den Kopf des Hundes in seine gro�en H�nde und blickt in seine unheimlichen Augen.</p><p>�Genug schojn�, sagt er. �Er kommt nicht wieder.�</p><p>Der Hund blickt Berko an, als interessiere er sich aufrichtig f�r diese Nachricht. Dann springt er auf alle viere und humpelt zur Treppe, die er vorsichtig herunterstolpert. Mit klackernden N�geln �berquert er den Betonboden zu dem Tisch, an dem Landsman sitzt, und sieht zu ihm auf, als suche er Best�tigung.</p><p>�Das ist die reine Emmes, Hershel�, sagt Landsman zum Hund. �Mit Zahnabdr�cken bewiesen.�</p><p>Der Hund scheint dar�ber nachzudenken; dann l�uft er, zu Landsmans gro�er �berraschung, zur Eingangst�r. Berko schaut Landsman vorwurfsvoll an: <emphasis>Was habe ich dir gesagt?</emphasis> Mit einem kurzen Blick zum Perlenvorhang schiebt er den Riegel zur�ck, dreht den Schl�ssel und �ffnet die T�r. Der Hund trottet nach drau�en, als habe er etwas Wichtiges zu erledigen.</p><p>Berko kehrt mit einer Miene an den Tisch zur�ck, als h�tte er gerade eine Seele vom ewigen Rad des Karma erl�st.</p><p>�Du hast geh�rt, was die Lady gesagt hat. Wir haben noch neun Wochen Zeit�, sagt er. �Mehr oder weniger. Wir k�nnen ein, zwei Tage lang so tun, als h�tten wir eine Menge zu erledigen, und in der Zeit die Sache mit dem toten Junkie aus deinem Hotel untersuchen.�</p><p>�Ihr bekommt ein Kind�, sagt Landsman. �Ihr seid bald zu f�nft.�</p><p>�Was meinst du damit?�</p><p>�Damit meine ich, dass es f�nf Taytsh-Shemets sind, denen wir die Tour vermiesen, falls jemand nach Gr�nden sucht, euch die Aufenthaltsgenehmigung zu verweigern, wie man immer wieder h�rt, und falls einer der Gr�nde eine j�ngst erfolgte Vorladung w�re, weil du dich den Anordnungen eines Vorgesetzten widersetzt hast, ganz zu schweigen von einer krassen Missachtung der Abteilungspolitik, wie d�mlich und duckm�userisch sie auch sein mag.�</p><p>Berko blinzelt, schiebt sich noch eine eingelegte Tomate in den Mund, kaut und seufzt.</p><p>�Ich hatte nie Geschwister�, sagt er. �Nur Cousins und Cousinen. Die meisten waren Indianer und wollten nichts von mir wissen. Zwei waren Juden. Einer von ihnen ist tot�� m�ge ihr Name zum Segen sein. Bleibst nur noch du.�</p><p>�Das wei� ich zu sch�tzen, Berko�, sagt Landsman. �Das sollst du wissen.�</p><p>�Fuck that shit�, sagt Berko. �Wir gehen ins Einstein, stimmt�s?�</p><p>�Ja�, sagt Landsman. �Ich dachte, da sollten wir anfangen.�</p><p>Ehe sie aufstehen oder mit Mrs. Kalushiner abrechnen k�nnen, kratzt es an der T�r, dann folgt ein langes, tiefes St�hnen. Das Ger�usch ist menschlich und verzweifelt, Landsman stehen die Nackenhaare zu Berge. Er geht zur T�r und l�sst den Hund herein. Der klettert zur�ck auf die B�hne, an den Platz, wo die Farbe auf den Dielenbrettern bereits fehlt, setzt sich mit gespitzten Ohren hin, um den Klang eines entschwundenen Horns zu erhaschen, und wartet geduldig auf das Einklinken der Leine.</p></section><section><title><p><emphasis>10.</emphasis></p></title><p>Das n�rdliche Ende der Peretz Street besteht aus Betonplatten und Stahls�ulen, aus aluminiumgerahmten Fenstern mit Thermopaneverglasung gegen die K�lte. Die H�user in diesem Teil der Untershtot wurden in den fr�hen F�nfzigern errichtet, Schutzr�ume, von �berlebenden rasch zusammenmontiert, mit einer gewissen noblen H�sslichkeit. Jetzt verbreiten sie nur noch die H�sslichkeit von Alter und Leerstand. Geschlossene Ladenlokale, verklebte Scheiben. Im Schaufenster von Nr. 1911, wo Landsmans Vater an Treffen der Edelshtat-Gesellschaft teilnahm, bevor ein Outlet-Store f�r Pflegeprodukte einzog, hockt mit sardonischem Grinsen ein Stoffk�nguruh und h�lt ein Pappschild hoch: �Australien oder Pleite�. Das Hotel Einstein mit der Hausnummer 1906 sehe aus, meinte ein Witzbold bei seiner Er�ffnung, wie ein Rattenk�fig in einem Aquarium. Es ist in Sitka ein beliebter Schauplatz f�r Selbstmorde. Traditionell und per Satzung ist es au�erdem die Heimat des Einstein-Schachclubs.</p><p>Ein Mitglied des Einstein-Schachclubs namens Melekh Gaystik wurde 1980 in St. Petersburg Weltmeister gegen den Holl�nder Jan Timman. Die Weltausstellung noch frisch in Erinnerung, sahen die Einwohner von Sitka in Gaystiks Triumph einen weiteren Beweis f�r ihren Verdienst und ihre Identit�t als Volk. Gaystik neigte zu Wutausbr�chen, d�steren Launen und Anf�llen geistiger Verwirrung, aber in der allgemeinen Feierlaune �bersah man diese Unzul�nglichkeiten.</p><p>Eine Folge von Gaystiks Sieg war die Entscheidung des Hotelmanagements, den Ballsaal mietfrei dem Schachclub zu �berlassen. Hotelhochzeiten waren aus der Mode gekommen, und das Management versuchte schon l�nger, die Patzer mit ihrem Gemurmel und Gequalme aus dem Caf� zu verbannen. Gaystik lieferte der Verwaltung den n�tigen Anlass. Die Eingangst�ren zum Ballsaal wurden verschlossen, sodass man ihn nur hinten herum, �ber eine Gasse, betreten konnte. Das feine Eschenparkett wurde herausgerissen, daf�r wurde in einem wilden Schachbrettmuster Linoleum in den Farbschl�gen von Ru�, Galle und Krankenhausgr�n verlegt. Der modernistische L�ster unter der hohen Betondecke wurde durch Reihen von Neonr�hren ersetzt. Zwei Monate sp�ter spazierte der junge Weltmeister in das alte Caf�, wo Landsmans Vater einst Eindruck gemacht hatte, setzte sich an einen Tisch weiter hinten, holte einen Colt 38 Detective Special hervor und schoss sich in den Mund. In seiner Tasche war ein Zettel. Darauf stand lediglich: <emphasis>Wie es fr�her war, hat es mir besser gefallen.</emphasis></p><p>�Emanuel Lasker�, sagt der Russe zu den beiden Polizeibeamten und sieht von seinem Schachbrett neben dem Empfangstisch auf. Eine alte Neonuhr �ber ihm wirbt f�r eine ehemalige Zeitung, das <emphasis>Blat.</emphasis> Er ist ein skelett�ser Mann mit bl�ttriger, d�nner, rosafarbener Haut und einem schwarzen Spitzbart. Seine Augen stehen eng zusammen und haben die Farbe von kaltem Meerwasser. �Emanuel Lasker.� Die Schultern des Russen heben sich, er zieht den Kopf ein, sein Brustkorb schwillt an und f�llt wieder zusammen. Es sieht aus, als lache er, doch ist kein Ton zu h�ren. �Ich w�nsche, er kommt hier vorbei.� Wie bei den meisten russischen Immigranten ist sein Jiddisch experimentell und schroff. Er erinnert Landsman an jemanden, ohne dass er sagen k�nnte, an wen. �Ich gebe ihm so einen Tritt in Arsch.�</p><p>�Hast du mal seine Partien gesehen?�, will der Gegner des Russen wissen. Es ist ein junger Mann mit Puddingwangen, rahmenloser Brille und leicht gr�nlicher Hautfarbe, wie das Wei� einer Dollarnote. Die Gl�ser seiner Brille vereisen, als er sie auf Landsman richtet. �Haben Sie mal seine Partien gesehen, Detective?�</p><p>�Nur um das klarzustellen�, sagt Landsman. �Das ist nicht der Lasker, den wir meinen.�</p><p>�Der Mann, den wir suchen, benutzte nur den Namen, wie ein Pseudonym�, sagt Berko. �Sonst w�rden wir ja einen Mann suchen, der schon seit sechzig Jahren tot ist.�</p><p>�Wenn man heute Laskers Partien sieht�, f�hrt der junge Mann fort. �Sie sind zu komplex. Er macht alles zu schwer.�</p><p>�Sind nur komplex f�r dich, Velvel�, sagt der Russe, �weil du bist so simpel.�</p><p>Die beiden Schammes haben die Partie im intensiven Mittelspiel gest�rt, der Russe hat Wei� und einen unangreifbaren Springer als Au�enposten. Die M�nner sind in ihr Spiel versunken, so wie zwei Berge in einem Schneesturm versinken. Instinktiv lassen sie die Polizeibeamten die abstrakte Verachtung sp�ren, mit denen sie allen Kibitzern begegnen. Landsman fragt sich, ob er und Berko warten sollen, bis die beiden fertig sind. Aber es werden noch andere Partien gespielt, andere Spieler sind zu befragen. Im alten Ballsaal kratzen Stuhlbeine �ber den Boden wie Fingern�gel �ber eine Tafel. Schachfiguren klicken wie die Trommel in Melekh Gaystiks �38er. Die Taktik dieser M�nner�� hier gibt es keine Frauen�� ist das stete Tyrannisieren ihrer Gegner durch Selbstverleumdung, eisiges Lachen, Pfeifen und R�uspern.</p><p>�Solange das klar ist�, sagt Berko. �Dieser Mann, der sich Emanuel Lasker nannte, aber nicht der 1868 in Preu�en geborene ber�hmte Weltmeister war, ist tot, und wir untersuchen diesen Todesfall. In unserer Eigenschaft als Beamte der Mordkommission, was wir bereits erw�hnten, ohne dass es offenbar besonders viel Eindruck gemacht h�tte.�</p><p>�Ein Jude mit blondes Haar�, sagt der Russe.</p><p>�Und Sommersprossen�, sagt Velvel.</p><p>�Sehen Sie�, sagt der Russe. �Wir passen gut auf.�</p><p>Er schnappt einen seiner T�rme, so wie man jemandem ein loses Haar vom Kragen zupft. Seine Finger unternehmen mit dem Turm eine kleine Reise die Reihe entlang und teilen dem letzten schwarzen L�ufer mit einem Klopfen die schlechte Nachricht mit.</p><p>Velvel wechselt jetzt zu Russisch mit jiddischem Akzent, �u�ert die besten W�nsche f�r die Wiederaufnahme der freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Mutter seines Gegners und einem gut ausgestatteten Hengst.</p><p>�Ich bin Waise�, sagt der Russe.</p><p>Er lehnt sich auf seinem Stuhl nach hinten, als gehe er davon aus, dass sein Gegner etwas Zeit ben�tigt, um sich vom Verlust seines L�ufers zu erholen. Er knotet seine Arme um die Brust und klemmt die H�nde in die Achselh�hlen. Es ist die Geste eines Mannes, der eine Papiros in einem Raum rauchen m�chte, in dem dieses Laster verboten ist. Landsman fragt sich, was sein Vater mit sich selbst angefangen h�tte, wenn der Einstein-Schachclub noch zu seinen Lebzeiten das Rauchen untersagt h�tte. Der Mann konnte bei einer Partie eine ganze Schachtel Broadways verqualmen.</p><p>�Blond�, sagt der Russe, ein Ausbund an Hilfsbereitschaft. �Sommersprossen. Was noch, bitte?�</p><p>Landsman �berfliegt sein Blatt sp�rlicher Informationen und versucht zu entscheiden, welche Karte er ausspielen soll.</p><p>�Er war Schachspieler, nehmen wir an. Kannte sich aus mit Schachgeschichte. In seinem Zimmer lag ein Buch von Siegbert Tarrasch. Und dann nat�rlich sein Pseudonym.�</p><p>�Wie scharfsinnig�, sagt der Russe, ohne sich die M�he zu machen, besonders ehrlich zu klingen. �Zwei hochkar�tige Schammes.�</p><p>Die Bemerkung nagt nicht so sehr an Landsman, als dass sie ihn eine halbe Witzelei n�her an die Erinnerung stupst, wer dieser hagere Russe mit der bl�ttrigen Haut ist.</p><p>�Fr�her mal�, f�hrt Landsman jetzt langsamer fort und tastet, den Russen im Blick, nach dieser Erinnerung, �war der Verstorbene vielleicht ein frommer Jude. Ein Schwarzhut.�</p><p>Der Russe zieht seine H�nde unter den Armen hervor. Ein wenig beugt er sich auf dem Stuhl vor. Das Eis seiner baltischen Augen scheint pl�tzlich zu tauen.</p><p>�War er heroins�chtig?� Der Tonfall des Russen ist kaum f�r eine Frage geeignet, und als Landsman den Einwurf nicht sofort verneint, f�gt er hinzu: �Frank.� Er spricht den Namen amerikanisch aus, mit langem stechendem Vokal und einem schattenlosen r. �Oh nein.�</p><p>�Frank�, stimmt Velvel zu.</p><p>�Ich��� Der Russe sackt zusammen, spreizt die Knie, l�sst die H�nde baumeln. �Detectives, darf ich Ihnen sagen etwas?�, fragt er. �Manchmal habe ich einen wahrhaften Hass auf diese d�rftige Ersatzwelt.�</p><p>�Erz�hlen Sie uns von Frank!�, sagt Berko. �Sie mochten ihn.�</p><p>Der Russe hebt die Schultern, seine Augen vereisen wieder.</p><p>�Ich mag niemanden�, sagt er. �Aber wenn Frank kommt herein, ich laufe immerhin nicht schreiend hinaus zur T�r. Er ist lustig. Kein sch�ner Mann. Aber sch�ne Stimme. Ernste Stimme. Wie der Mann im Radio, der ernste Musik spielt. Um drei Uhr nachts, erz�hlt von Schostakowitsch. Aber er sagt Sachen mit ernste Stimme, die sind lustig. Alles, was er sagt, ist immer eine kleine Kritik. Wie dein Haar ist geschnitten, wie h�sslich ist deine Hose, dass Velvel immer f�hrt auf, wenn ein Mensch spricht von seiner Frau.�</p><p>�Das stimmt�, sagt Velvel. �Das tue ich.�</p><p>�Zieht dich immer auf, aber ich wei� nicht, warum, du bist nicht b�se.�</p><p>�Weil du f�hlst, dass er zu sich selbst noch h�rter ist�, sagt Velvel.</p><p>�Wenn du spielst gegen ihn, auch wenn er gewinnt jedes Mal, hast du das Gef�hl, du spielst besser gegen ihn als gegen die Arschl�cher im Club�, sagt der Russe. �Frank ist nie Arschloch.�</p><p>�Meyer�, sagt Berko leise. Er l�sst die Flaggen seiner Augenbrauen zum Nachbartisch wehen. Sie haben Zuh�rer.</p><p>Landsman dreht sich um. Zwei M�nner sitzen an einem Spiel in der Anfangsphase. Einer tr�gt die moderne Jacke, Hose und den Vollbart eines Lubawitscher Juden. Der Bart ist dicht und schwarz, wie mit einem weichen Bleistift gezeichnet. Eine ruhige Hand hat ein schwarzes, mit schwarzer Seide abgesetztes Veloursk�ppchen auf sein schwarzes Haargewirr gesetzt. Sein dunkelblauer Mantel und der blaue Filzhut h�ngen an einem Haken an der verspiegelten Wand hinter ihm. Das Mantelfutter und das Etikett des Huts spiegeln sich im Glas. Ersch�pfung verdunkelt die Unterlider seiner Augen; gl�hende Augen, tr�ge und traurig. Sein Gegner ist ein Bobover mit langer Robe, Kniehose, wei�en Str�mpfen und Pantoffeln. Seine Haut ist so blass wie eine Seite im Thorakommentar. Sein Hut thront auf seinem Scho�, ein schwarzer Kuchen auf einem schwarzen Teller. Flach wie eine aufgen�hte Tasche ruht die Jarmulke auf seinem kurz geschorenen Hinterkopf. F�r ein nicht durch Polizeiarbeit ern�chtertes Auge k�nnten die beiden M�nner in das diffuse Leuchten ihres Spiels so versunken sein wie jedes andere Patzerp�rchen im Einstein. Doch Landsman w�rde hundert Dollar wetten, dass keiner von beiden wei�, wer am Zuge ist. Sie haben jedem Wort am Nachbartisch gelauscht, und sie lauschen auch jetzt.</p><p>Berko geht zum Tisch auf der anderen Seite von Velvel und dem Russen. Er ist leer. Berko hebt einen Wiener Stuhl mit zerschlissenem Rohrgeflecht hoch, schwingt ihn herum und stellt ihn zwischen den Tisch mit den Schwarzh�ten und den Tisch, an dem der Russe gerade Velvel bezwingt. Auf seine eindrucksvolle Fleischklopsart nimmt Berko Platz, spreizt die Beine und wirft die Mantelsch��e nach hinten, so als wolle er sich alle Anwesenden zum Festmahl vornehmen. Er setzt seinen Homburg ab, streicht �ber die Rundung der Krone. Sein Indianerhaar ist dicht und gl�nzend, seit Neuestem silbern durchwoben. Graues Haar l�sst Berko weiser und freundlicher aussehen, eine Wirkung, die auszunutzen er nicht z�gert, obwohl er wirklich ziemlich weise und eigentlich ganz freundlich ist. Der Kaffeehausstuhl f�rchtet sich vor dem Umfang und Umriss von Berkos Hinterbacken.</p><p>�H��, sagt Berko zu den Schwarzh�ten. Er reibt die Handfl�chen aneinander, dann legt er sie auf die Oberschenkel. Dieser Mann braucht nur noch eine Serviette im Kragen, eine Gabel und ein Messer. �Wie geht�s?�</p><p>Mit dem Talent und der Entschlossenheit schlechtester Schauspieler blicken die Schwarzh�te erstaunt auf.</p><p>�Wir wollen keinen �rger�, sagt der Lubawitscher.</p><p>�Mein Lieblingssatz in der jiddischen Sprache�, sagt Berko aufrichtig. �Wie w�re es, wenn Sie sich an unserer kleinen Unterhaltung beteiligten? Erz�hlen Sie uns von Frank!�</p><p>�Wir kannten ihn nicht�, sagt der Lubawitscher. �Was f�r ein Frank?�</p><p>Der Bobover sagt nichts.</p><p>�Freund Bobover�, sagt Landsman freundlich. �Ihr Name!�</p><p>�Ich hei�e Saltiel Lapidus�, sagt der Bobover. Er hat m�dchenhafte, scheue Augen. Er verschr�nkt die H�nde auf dem Scho�, auf seinem Hut. �Und ich wei� nichts �ber niemanden.�</p><p>�Haben Sie mit diesem Frank gespielt? Kannten Sie ihn?�</p><p>Saltiel Lapidus sch�ttelt schnell den Kopf. �Nein.�</p><p>�Doch�, sagt der Lubawitscher. �Er war uns bekannt.�</p><p>W�tend funkelt Lapidus seinen Freund an, der Lubawitscher blickt zur Seite. Landsman versteht, was dahintersteckt. Frommen Juden ist das Schachspiel erlaubt, als einziges Spiel sogar am Sabbat. Doch der Einstein-Schachclub ist eine streng weltliche Einrichtung. Der Lubawitscher hat den Bobover an einem Freitagmorgen in diesen ungeweihten Tempel gef�hrt, obwohl der Sabbat bevorsteht und beide Besseres zu tun h�tten. Er sagte, es sei schon in Ordnung, was k�nne es denn schaden? Das sieht man ja jetzt.</p><p>Landsman ist neugierig, sogar ger�hrt. Eine Freundschaft �ber die Grenzen der Konfessionen hinweg ist seiner Erfahrung nach kein gel�ufiges Ph�nomen. Bisher fand Landsman, dass, abgesehen von Homosexuellen, nur Schachspieler eine verl�ssliche M�glichkeit gefunden haben, mit Leidenschaft, aber ohne verh�ngnisvolle Gewalt den Golf zu �berbr�cken, der alle M�nner voneinander trennt.</p><p>�Ich habe ihn hier gesehen�, verk�ndet der Lubawitscher, die Augen auf den Freund gerichtet, wie um ihm zu versichern, dass sie nichts zu bef�rchten haben. �Diesen sogenannten Frank. Vielleicht habe ich ein- oder zweimal gegen ihn gespielt. Meiner Meinung nach war er ein �beraus begabter Spieler.�</p><p>�Verglichen mit dir, Fishkin�, sagt der Russe, �ist ein Affe Raul Capablanca.�</p><p>�Sie�, sagt Landsman auf eine Eingebung hin mit ruhiger Stimme zu dem Russen. �Sie wussten, dass er heroinabh�ngig war. Woher?�</p><p>�Detective Landsman�, sagt der Russe halb tadelnd. �Erkennen Sie mich nicht?�</p><p>Landsman dachte, es sei eine Eingebung, dabei war es nur eine falsch abgelegte Erinnerung.</p><p>�Vassily Shitnovitzer�, sagt Landsman. Es ist gar nicht so lange her�� ein Dutzend Jahre��, dass er einen jungen Russen dieses Namens wegen Verabredung zum Heroinverkauf verhaftete. Ein Einwanderer, ehemaliger Str�fling, ungeschoren aus dem Chaos gesp�lt, das auf den Zusammenbruch der Dritten Russischen Republik folgte. Ein Mann mit gebrochenem Jiddisch war er, dieser Heroindealer, die blassen Augen zu eng beieinander. �Und Sie wussten die ganze Zeit Bescheid.�</p><p>�Sie sind ein h�bscher Kerl. Schwer zu vergessen�, sagt Shitnovitzer. �Und immer so schick angezogen.�</p><p>�Shitnovitzer hat lange in Butyrka gesessen�, berichtet Landsman Berko von dessen Haft im ber�chtigten Moskauer Gef�ngnis. �Netter Kerl. Vertickte seinen Stoff hier in der K�che des Caf�s.�</p><p>�Sie haben Frank Heroin verkauft?�, sagt Berko zu Shitnovitzer.</p><p>�Ich bin im Ruhestand�, sagt Vassily Shitnovitzer und sch�ttelt den Kopf. �Vierundsechzig Monate in Ellensburg, Washington. Schlimmer als Butyrka. Den Kram ich r�hre nicht mehr an, Detectives, und selbst wenn, ihr k�nnt mir glauben, gehe ich nicht in Franks N�he. Bin ich vielleicht verr�ckt, aber bin ich nicht lebensm�de.�</p><p>Landsman sp�rt, wie seine Reifen blockieren und rutschen. Sie sind gerade gegen etwas geprallt.</p><p>�Warum nicht?�, sagt Berko freundlich und weise. �Warum sind Sie nicht nur ein Verbrecher, sondern lebensm�de, wenn Sie Smack an Frank verkaufen, Mr. Shitnovitzer?�</p><p>Es erklingt ein leichtes, entschlossenes Klirren, etwas hohl, wie aufeinanderbei�ende falsche Z�hne. Velvel kippt seinen K�nig um.</p><p>�Ich gebe auf�, sagt er. Er nimmt die Brille ab, l�sst sie in die Tasche gleiten und steht auf. Er hat einen Termin vergessen. Er kommt zu sp�t zur Arbeit. Seine Mutter ruft ihn auf der Ultraschallfrequenz an, die die Regierung f�r j�dische M�tter bei bevorstehendem Mittagessen reserviert hat.</p><p>�Hinsetzen�, sagt Berko, ohne sich umzudrehen. Der Junge setzt sich hin.</p><p>Ein Krampf zieht Shitnovitzers Eingeweide zusammen; so sieht es zumindest f�r Landsman aus.</p><p>�Schlechtes Masel�, sagt Shitnovitzer schlie�lich.</p><p>�Schlechtes Masel�, wiederholt Landsman und gibt dabei seinen Zweifeln und seiner Entt�uschung Ausdruck.</p><p>�Wie ein Mantel. Ein Hut voll schlechtem Masel auf dem Kopf. So viel schlechtes Masel, dass man ihn nicht wollte ber�hren, nicht wollte atmen dieselbe Luft.�</p><p>�Ich habe mal gesehen, wie er f�nf Partien gleichzeitig spielte�, bringt Velvel hervor. �F�r hundert Dollar. Gewann alle. Dann kotzte er drau�en in die Gasse.�</p><p>�Bitte, die Herren�, sagt Saltiel Lapidus mit gequ�lter Stimme. �Wir haben nichts damit zu tun. Wir wissen nichts �ber diesen Mann. Heroin. In die Gasse kotzen. Bitte, wir sind schon unangenehm ber�hrt genug.�</p><p>�Peinlich ber�hrt�, behauptet der Lubawitscher.</p><p><emphasis>�Es tut uns leid�,</emphasis> schlie�t Lapidus. �Und wir haben nichts zu sagen. Also d�rfen wir bitte gehen?�</p><p>�Sicher�, sagt Berko. �Entfernen Sie sich. Schreiben Sie uns einfach Ihre Namen und Adressen auf, bevor Sie gehen.�</p><p>Er holt sein sogenanntes Notizbuch hervor, ein schweres kleines Papierb�ndel, zusammengehalten von einer �bergro�en B�roklammer. Wann auch immer man hineinsieht, stellt man fest, dass es Visitenkarten, Tidentabellen, Aufgabenlisten, chronologische Verzeichnisse aller englischen K�nige, um drei Uhr morgens hingekritzelte Theorien, F�nfdollarnoten, hastig notierte Rezepte enth�lt oder gefaltete Servietten mit der Skizze einer Gasse in S�d-Sitka, wo eine Nutte ermordet wurde. Berko bl�ttert durch sein Notizbuch, bis er einen leeren Karteikartenschnipsel findet, den er Fishkin reicht, dem Lubawitscher. Er h�lt ihm seinen Bleistiftstummel hin, aber, nein danke, Fishkin hat einen eigenen Stift. Er notiert seinen Namen und seine Adresse und die Nummer seines Shoyfer, dann gibt er die Karte an Lapidus weiter, der es ihm nachtut.</p><p>�Blo߫, sagt Fishkin, �rufen Sie uns nicht an. Kommen Sie nicht zu uns nach Hause. Ich bitte Sie darum. Wir haben nichts zu sagen. Es gibt nichts �ber diesen Juden, das wir Ihnen erz�hlen k�nnten.�</p><p>Jeder Nos im Distrikt lernt, das Schweigen der Schwarzh�te zu respektieren. Es ist eine Weigerung, die sich ausbreiten, anh�ufen und vertiefen kann, bis sie wie ein Nebel �ber einer gesamten Schwarzhutgegend liegt. Schwarzh�te verf�gen �ber sachkundige Anw�lte, politischen Einfluss und gro�m�ulige Zeitungen, und sie k�nnen einen gl�cklosen Inspector und selbst den Polizeichef in einen gewaltigen Schwarzhut-Gestank einh�llen, der so lange haftet, bis der Zeuge oder der Verd�chtige auf freien Fu� gesetzt und die Anklage fallengelassen wird. Landsman m�sste schon die volle Unterst�tzung seiner Abteilung hinter sich haben oder zumindest die Genehmigung seines Vorgesetzten, um Lapidus und Fishkin auf den hei�en Stuhl im Modul der Mordkommission zu laden.</p><p>Er riskiert einen Blick hin�ber zu Berko, und Berko riskiert ein schwaches Kopfsch�tteln.</p><p>�Gehen Sie�, sagt Landsman.</p><p>Wie ein von seinen Eingeweiden besiegter Mann richtet Lapidus sich wankend auf. Den Mantel und die �berschuhe anzuziehen, bringt er mit zur Schau gestellter angeschlagener W�rde �ber die B�hne. Den Eisendeckel von Hut senkt er zentimeterweise auf seinen Kopf, so wie man eine Schachtabdeckung herunterl�sst. Mit betr�btem Blick sieht er zu, wie Fishkin die ungespielten Er�ffnungen dieses Morgens in ein Holzk�stchen wischt. Seite an Seite schl�ngeln sich die Schwarzh�te zwischen den Tischen hindurch, vorbei an den anderen Spielern, die kurz aufsehen. An der T�r knickt das linke Bein von Saltiel Lapidus ein. Er sackt zur Seite und streckt die Hand aus, um sich an der Schulter seines Freundes festzuhalten. Der Boden unter seinen F��en ist glatt und nackt. So weit Landsman sehen kann, gibt es nichts, an dem sein Schuh h�tte h�ngenbleiben k�nnen.</p><p>�Ich habe noch nie einen so traurigen Bobover gesehen�, stellt er fest. �Der Jude hatte Tr�nen in den Augen.�</p><p>�Willst du ihm noch ein bisschen zusetzen?�</p><p>�Nur ein, zwei Zentimeter.�</p><p>�Weiter kommst du bei denen eh nicht�, sagt Berko.</p><p>Sie eilen an den Patzern vorbei: an einem sch�bigen Geiger aus dem Sitka Odeon, einem Fu�pfleger, dessen Konterfei auf Busb�nken klebt. Berko st�rmt hinter Lapidus und Fishkin durch die T�r. Landsman will ihm folgen, doch da zupft etwas Wehm�tiges an seinem Ged�chtnis, der Hauch einer Rasierwassermarke, die niemand mehr benutzt, der pl�rrende Refrain eines Lieds, das in einem August vor f�nfundzwanzig Sommern eine bescheidene Ber�hmtheit erlangte. Landsman schaut zum Tisch, der der T�r am n�chsten ist.</p><p>Zusammengeballt wie eine Faust sitzt dort ein alter Mann vor einem Schachbrett und blickt auf einen leeren Stuhl. Er hat alle Figuren auf ihre Ausgangspositionen gestellt und Wei� gew�hlt oder sich selbst zugewiesen. Wartet auf das Auftauchen seines Gegners. Ein gl�nzender Sch�del, umrahmt von gr�ulichen Haarb�scheln, wie Taschenfussel. Der untere Teil seines Gesichts ist durch den gesenkten Kopf verborgen. Sichtbar f�r Landsman sind allein seine hohlen Schl�fen, der Heiligenschein aus Haarschuppen, der knochige Nasenr�cken, die Furchen auf seiner Stirn wie das Muster, das Gabelzinken in einem Kuchenteig hinterlassen. Und die zornig hochgezogenen Schultern, die das Problem auf dem Schachbrett begreifen, eine brillante Schlacht planen. Es waren einmal breite Schultern, die Schultern eines Helden oder Klaviertr�gers.</p><p>�Mr. Litvak�, sagt Landsman.</p><p>Litvak w�hlt den Springer seines K�nigs, so wie ein Maler einen Pinsel aussucht. Seine H�nde sind noch immer wendig und sehnig. Er vollf�hrt einen geschwungenen Zug zur Mitte des Bretts; schon immer bevorzugte er die hypermoderne Spielweise. Beim Anblick von Litvaks H�nden und der R�ti-Er�ffnung wird Landsman von seiner alten Angst vor Schach �berw�ltigt, ja fast umgeworfen, von der Monotonie, der Gereiztheit, der Schande jener Tage, die er damit verbrachte, am Schachbrett im Caf� Einstein das Herz seines Vaters zu brechen.</p><p>Lauter sagt er: �Alter Litvak!�</p><p>Litvak blickt auf, kurzsichtig und verwirrt. Er war der Mann f�r einen Faustkampf, er war eine Walze, ein J�ger, ein Fischer, ein Soldat. Wenn er nach einer Schachfigur griff, sah man seinen dicken goldenen Ranger-Ring von der Armee aufblitzen. Jetzt wirkt Litvak geschrumpft, ersch�pft, ein M�rchenk�nig, vom Fluch des ewigen Lebens verwandelt zu einer Grille in der Kaminasche. Allein die geschwungene Nase ist als Testament der ehemaligen Erhabenheit seines Gesichts geblieben. Beim Anblick dieses Wracks von Mann kommt Landsman der Gedanke, dass sein Vater aller Wahrscheinlichkeit nach inzwischen ohnehin tot w�re, wenn er sich nicht das Leben genommen h�tte.</p><p>Litvak macht eine ungeduldige oder auffordernde Geste. Aus seiner Brusttasche zieht er einen marmorierten schwarzen Block und einen dicken F�ller. Sein Bart ist so sauber gestutzt wie immer. Ein Hahnentrittsakko, Bootsschuhe mit Quasten, ein Einstecktuch, ein durch die Aufschl�ge gezogenes Band. Der Mann hat seine Sportlichkeit nicht verloren. In den Falten seines Halses entdeckt Landsman eine gl�nzende Narbe, ein wei�liches, leicht ins Rosa spielendes Komma. Als Litvak mit seinem dicken Waterman in den Block schreibt, kommt sein Atem in geduldigen kleinen Windst��en durch die gro�e, fleischige Nase. Das Kratzen der Feder ist alles, was ihm als Stimme geblieben ist. Er reicht Landsman den Block. Seine Schrift ist gleichm��ig und sauber.</p><p><emphasis>Kenne ich Sie</emphasis></p><p>Sein Blick wird sch�rfer, er legt den Kopf zur Seite, sch�tzt Landsman ab, liest in seinem zerknitterten Anzug, seinem runden Filzhut, seinem dem Hund Hershel �hnlichen Gesicht, kennt Landsman, ohne ihn zu erkennen. Er nimmt den Block zur�ck und h�ngt ein Wort an seine Frage.</p><p><emphasis>Kenne ich Sie Detective</emphasis></p><p>�Meyer Landsman�, sagt Landsman und reicht dem Alten eine Visitenkarte. �Sie kannten meinen Vater. Ich kam von Zeit zu Zeit mit ihm her. Als der Club noch im Caf� war.�</p><p>Die rot ger�nderten Augen weiten sich. Mr. Litvak vertieft seine Landsman-Studie, sucht nach einem Beweis f�r diese unglaubliche Behauptung. Verwunderung mischt sich mit Schrecken. Er schl�gt eine neue Seite seines kleinen schwarzen Blocks auf und verk�ndet seinen Befund in der zur Diskussion stehenden Angelegenheit.</p><p><emphasis>Unm�glich Auf gar keinen Fall kann Meyerle Landsman so ein dummer alter Zwiebelsack sein</emphasis></p><p>�Leider doch�, sagt Landsman.</p><p><emphasis>Was machst du hier furchtbarer Schachspieler</emphasis></p><p>�Ich war doch noch ein Kind�, sagt Landsman und erschrickt �ber das knirschende Selbstmitleid in seiner Stimme. Was f�r ein schrecklicher Ort, was f�r ein elender Mensch, was f�r ein grausames, sinnloses Spiel. �Mr. Litvak, Sie kennen nicht zuf�llig jemanden, der hier manchmal spielt, so nehme ich an, einen Juden, der vielleicht Frank genannt wird?�</p><p><emphasis>Ja den kenne ich hat er was angestellt</emphasis></p><p>�Wie gut kennen Sie ihn?�</p><p><emphasis>Nicht so gut wie ich gerne w�rde</emphasis></p><p>�Wissen Sie, wo er wohnt, Mr. Litvak? Haben Sie ihn k�rzlich gesehen?�</p><p><emphasis>Ist Monate her sag bitte nicht du bist von der Mordkomm.</emphasis></p><p>�Nochmals�, sagt Landsman, �leider doch.�</p><p>Der alte Mann blinzelt. Sollte er schockiert oder betr�bt �ber seine R�ckschl�sse sein, so ist es nicht an seinem Gesicht oder seiner K�rpersprache abzulesen. Doch andererseits w�rde ein Mann, der seine Gef�hle nicht im Griff hat, mit der R�ti-Er�ffnung nicht allzu weit kommen. Vielleicht ist das Wort, das er als N�chstes in seinen Block schreibt, ein klein wenig verwackelt.</p><p><emphasis>�berdosis?</emphasis></p><p>�Erschossen�, sagt Landsman.</p><p>Die T�r des Schachclubs �ffnet sich kr�chzend, und zwei grau und kalt wirkende Patzer kommen herein. Der eine ist eine zwanzig Jahre alte, hagere Vogelscheuche mit einem gestutzten goldenen Bart und einem zu klein geratenen Anzug, der andere ein kleiner rundlicher Kerl, dunkel und lockenb�rtig, in einem viel zu gro�en Anzug. Sie haben einen ungleichm��igen B�rstenschnitt, wie selbstverst�mmelt, und tragen kleine, schwarze, geh�kelte Jarmulkes. Kurz z�gern sie auf der Schwelle, besch�mt, und schauen Mr. Litvak an, als erwarteten sie eine Standpauke.</p><p>Da spricht der alte Mann, er saugt die Worte ein, seine Stimme der Geist eines Dinosauriers. Es ist ein furchtbares Ger�usch, eine Fehlfunktion der Luftr�hre. Kurz nachdem es verklungen ist, wird Landsman klar, was er gesagt hat: �Meine Gro�neffen.�</p><p>Litvak winkt sie herbei und reicht Landsmans Visitenkarte an den Untersetzten weiter.</p><p>�Freut mich, Detective�, sagt der Untersetzte mit leichtem Akzent, vielleicht Australisch. Er nimmt einen freien Stuhl, wirft einen Blick aufs Schachbrett und setzt fachkundig seinen K�nigsspringer, ��tschuldigung, Onkel Alter. Der da kam wieder zu sp�t, wie immer.�</p><p>Der Magere h�ngt zur�ck, die Hand an der offenen T�r des Clubs.</p><p>�Landsman!�, ruft Berko aus der Gasse, wo er Fishkin und Lapidus zwischen den M�llcontainern eingefangen hat. F�r Landsman sieht es aus, als heule Lapidus wie ein kleines Kind. �Was ist los, Mann?�</p><p>�Komme schon�, sagt Landsman. �Ich muss gehen, Mr. Litvak.� Kurz ber�hrt er Knochen, Horn und Leder der alten Hand. �Wo kann ich Sie erreichen, falls ich nochmal mit Ihnen sprechen muss?�</p><p>Litvak notiert eine Adresse und rei�t das Blatt aus dem Block.</p><p>�Madagaskar?�, sagt Landsman und liest den Namen einer unvorstellbaren Stra�e in Tananarive. �Das ist mal was Neues.� Beim Anblick der fernen Adresse, beim Gedanken an das Haus in der Rue Jean Bart versp�rt Landsman seinen deutlich schwindenden Willen, die Sache mit dem toten Jid aus 208 noch l�nger zu verfolgen. Was macht es schon f�r einen Unterschied, ob er den M�rder fasst? In einem Jahr werden Juden Afrikaner sein und dieser alte Ballsaal wird voll mit tanzenden Nichtjuden sein und jeder Fall, der je von Polizisten in Sitka aufgenommen oder abgeschlossen wurde, wird in Schrank 9 abgelegt sein. �Wann brechen Sie auf?�</p><p>�N�chste Woche�, sagt der untersetzte Gro�neffe, und es klingt etwas zweifelnd.</p><p>Der alte Mann st��t noch ein gr�ssliches reptilisches Kr�chzen aus, das jedoch niemand versteht. Er schreibt und schiebt den Block seinem Gro�neffen zu.</p><p>�Der Mensch plant�, liest der junge Mann vor, �und Gott lacht.�</p></section><section><title><p><emphasis>11.</emphasis></p></title><p>Wenn j�ngere Schwarzh�te von der Polizei gefasst werden, geben sie sich gern gro�spurig und aufs�ssig und pochen auf ihre Rechte als amerikanische Staatsb�rger. Und manche brechen weinend zusammen. Nach Landsmans Erfahrung neigen besonders jene M�nner zum Weinen, die lange Zeit mit einem Gef�hl von Rechtschaffenheit und Sicherheit gelebt haben und dann erkennen m�ssen, dass der Abgrund die ganze Zeit direkt vor ihren F��en g�hnte. Es ist Teil seiner Aufgabe als Polizist, den h�bschen Teppich zur Seite zu ziehen, der das tiefe, zerkl�ftete Loch im Boden verbirgt. Landsman fragt sich, ob das auf Saltiel Lapidus zutrifft. Tr�nen str�men ihm �ber die Wangen. Ein schimmernder Schleimfaden baumelt an seinem rechten Nasenloch.</p><p>�Mr. Lapidus ist ein wenig traurig�, sagt Berko. �Aber er will nicht sagen, warum.�</p><p>Landsman tastet in seiner Manteltasche nach einer Packung Papiertaschent�cher und findet ein Tuch�� Wunder �ber Wunder. Lapidus z�gert, aber nimmt es dann und schnupft sich gef�hlvoll die Nase.</p><p>�Ich schw�re Ihnen, Detective, ich kannte den Mann nicht�, sagt Lapidus. �Ich wei� nicht, wo er wohnte oder wer er war. Ich wei� gar nichts. Das schw�re ich bei meinem Leben. Wir haben ein paar Mal zusammen Schach gespielt. Er hat immer gewonnen.�</p><p>�Sie trauern also nur der Menschlichkeit wegen�, sagt Landsman und versucht, nicht ironisch zu klingen.</p><p>�Ganz genau�, sagt Lapidus, dann zerkn�llt er das Tuch in seiner Faust und wirft die zerdr�ckte Blume in den Rinnstein.</p><p>�Wollen Sie uns mitnehmen?�, will Fishkin wissen. �Wenn ja, will ich einen Anwalt sprechen. Wenn nicht, m�ssen Sie uns gehen lassen.�</p><p>�Ein Anwalt der Schwarzh�te�, sagt Berko. Es ist eher ein St�hnen oder ein an Landsman gerichtetes Flehen. �Wehe mir.�</p><p>�Dann verdr�ckt euch�, sagt Landsman.</p><p>Berko nickt ihnen zu. Die beiden M�nner knirschen durch den schmutzigen Matsch der Gasse davon.</p><p>�So, nu, ich bin irritiert�, sagt Berko. �Ich muss zugeben, dass mich das hier langsam irritiert.�</p><p>Landsman nickt und kratzt an den Barthaaren am Kinn, als ziehe er logische Schlussfolgerungen, aber sein Herz und sein Kopf h�ngen noch an Schachpartien, verloren gegen M�nner, die schon vor drei�ig Jahren alt waren.</p><p>�Hast du den Alten da drin gesehen?�, fragt er. �Neben der T�r? Alter Litvak. H�ngt seit Jahren im Einstein herum. Hat fr�her gegen meinen Vater gespielt. Gegen deinen auch.�</p><p>�Der Name sagt mir was.� Berko schaut sich zur st�hlernen Brandschutzt�r um, dem grandiosen Eingang des Einstein-Clubs. �Kriegsheld. Kuba.�</p><p>�Der Mann hat keine Stimme mehr, er muss alles aufschreiben. Ich habe ihn gefragt, wo ich ihn finden kann, falls ich noch mal mit ihm sprechen will, und er hat geschrieben, er w�rde nach Madagaskar gehen.�</p><p>�Das ist mal was Neues.�</p><p>�Habe ich auch gesagt.�</p><p>�Kannte er unseren Frank?�</p><p>�Nicht sehr gut, meinte er.�</p><p>�Niemand kannte unseren Frank�, sagt Berko. �Aber alle sind traurig, dass er tot ist.� Er kn�pft den Mantel �ber seinem Bauch zu, stellt den Kragen auf und dr�ckt den Hut tiefer in die Stirn. �Selbst du.�</p><p>�Fuck you�, sagt Landsman. �Der Jid bedeutet mir nichts.�</p><p>�Vielleicht war er Russe? Das k�nnte das Schachspielen erkl�ren. Und das Verhalten von deinem Kumpel Vassily. Vielleicht steckt Lebed oder Moskowits hinter dem Mord.�</p><p>�Wenn er Russe w�re, g�be es keinen Grund f�r die beiden Schwarzh�te, so viel Angst zu haben�, sagt Landsman. �Die beiden wissen nichts von Moskowits. Russische Schtarker, Auftragsmorde, das sagt dem durchschnittlichen Bobover nicht viel.�</p><p>Wieder zupft Landsman an seinem Kinn, dann �berlegt er sich etwas. Er schaut hinauf zum d�nnen Streifen strahlend grauen Himmels, der sich �ber die schmale Gasse hinter dem Hotel Einstein spannt. �Um wie viel Uhr geht wohl heute die Sonne unter?�</p><p>�Warum? Wollen wir in Harkavy rumstochern, Meyer? Ich glaube nicht, dass es Bina gef�llt, wenn wir anfangen, die Schwarzh�te da unten gegen uns aufzubringen.�</p><p>�Glaubst du nicht, was?� Landsman grinst. Er holt seinen Parkschein aus der Tasche. �Dann halten wir uns besser von Harkavy fern.�</p><p>�Oh, oh. Du hast dieses Grinsen drauf.�</p><p>�Magst du das nicht?�</p><p>�Nein, ich habe nur festgestellt, dass darauf meistens eine Frage folgt, die du dir selbst beantwortest.�</p><p>�Wie w�r�s hiermit: Was f�r ein Jid, Berko, sag mir das bitte, was f�r ein Jid sorgt daf�r, dass ein knastgest�hlter russischer Psychopath sich fast in die Hose schei�t und der fr�mmste Schwarzhut von Sitka Tr�nen in den Augen hat?�</p><p>�Du willst, dass ich sage: ein Verbover�, sagt Berko.</p><p>Nach seinem Abschluss an der Polizeiakademie besetzte Berko seinen ersten Posten im 5. Bezirk, in Harkavy. Dort hatten sich die Verbover sowie die meisten anderen Schwarzh�te niedergelassen, nachdem 1948 der neunte Verbover Rebbe, Schwiegervater des gegenw�rtigen Titeltr�gers, samt seinem kl�glichen restlichen Hofstaat dorthin gezogen war. Es war der klassische Ghettoposten, auf dem man Menschen helfen und sch�tzen muss, die einen selbst und die von einem repr�sentierte Amtsgewalt verachten und verschm�hen. Berkos Abordnung fand ein Ende, als der junge halbindianische Latke beim Schawuos-Massaker in Goldblatts Milchrestaurant eine Kugel in die Schulter bekam, f�nf Zentimeter neben dem Herz.</p><p>�Ich wei�, dass du willst, dass ich das sage�, sagt Berko.</p><p>Und auf folgende Weise erkl�rte er Landsman einmal, was sich hinter der Bande mit dem geheiligten Namen �Chassidim von Verbov� verberge: Seinen Anfang habe alles in der Ukraine genommen, es seien Schwarzh�te gewesen wie alle anderen Schwarzh�te, sie verachteten den Dreck und das Trara der s�kularen Welt innerhalb ihrer imagin�ren Ghettomauern aus Ritual und Glaube. Dann sei die Sekte im Feuer der Vernichtung zu einem harten, z�hen Kern zusammengeschmolzen, schw�rzer als jeder Hut. Was von dem neunten Verbover Rebbe �brig blieb, erstand mit elf J�ngern und nur der sechsten von acht T�chtern aus diesem Feuer auf. Der Rebbe stieg in die Luft empor wie ein verkohltes Blatt Papier und wurde auf diesen schmalen Streifen Land zwischen den Baranof-Bergen und dem Ende der Welt geweht. Und hier fand er einen Weg, die alte Distanziertheit der Schwarzh�te zu neuem Leben zu erwecken. Er f�hrte ihre Logik an ihr logisches Ende, so wie es b�se Genies in billigen Romanen tun. Er schuf ein kriminelles Imperium, das von dem sinnlosen Tohuwabohu hinter den theoretischen Mauern profitierte, von diesen so mangelhaften, korrupten Wesen, derart fern jeder Erl�sungshoffnung, dass die Verbover sie nur aus einer kosmischen H�flichkeit heraus �berhaupt als Menschen betrachten.</p><p>�Den Gedanken hatte ich nat�rlich auch schon�, gesteht Berko. �Habe ihn aber sofort wieder verdr�ngt.� Er schl�gt seine gro�en H�nde vors Gesicht und l�sst sie kurz dort liegen, dann zieht er sie langsam nach unten, zerrt an seinen Wangen, sodass sie wie die H�ngebacken einer Bulldogge bis �ber das Kinn reichen. �Wehe mir, Meyer, willst du wirklich, dass wir raus nach Verbov Island gehen?�</p><p>�Fuck, no�, sagt Landsman. �Ehrlich, Berko. Ich hasse das Viertel. Wenn wir schon auf eine Insel gehen m�ssen, dann w�re mir Madagaskar deutlich lieber.�</p><p>Da stehen sie in der Gasse hinter dem Einstein und w�gen die zahlreichen Argumente f�r und die wenigen gegen das Vorhaben ab, sich mit den m�chtigsten Figuren der Unterwelt n�rdlich des 55. Breitengrads anzulegen. Abwechselnd versuchen sie, Erkl�rungen f�r das wieselgleiche Verhalten der Patzer im Einstein vorzubringen.</p><p>�Wir gehen besser zu Itzik Zimbalist�, sagt Berko schlie�lich. �Bei allen anderen da drau�en w�re es genauso sinnvoll, wie mit einem Hund zu sprechen. Und ein Hund hat mir heute schon das Herz gebrochen.�</p></section><section><title><p><emphasis>12.</emphasis></p></title><p>Das Strassenmuster auf dieser Insel ist zwar das gleiche wie in Sitka, rechtwinklig und durchnummeriert, aber abgesehen davon bist du hier geliefert, mein Schejner: gebeamt, teleportiert, durch das Wurmloch auf den Planeten der Juden geschleudert. Freitagnachmittag auf Verbov Island, und Landsmans Chevelle Super Sport gleitet durch die Wogen von Schwarzh�ten auf der Avenue 225. Die fraglichen H�te sind Filzexemplare mit hohen, eingedr�ckten Kronen und meilenbreiten Krempen, wie sie von Aufsehern in einem Plantagenmelodram bevorzugt werden. Die Frauen tragen Kopft�cher und gl�nzende Per�cken, gefertigt aus dem Haar armer J�dinnen aus Marokko oder Mesopotamien. Ihre M�ntel und langen Kleider sind die feinsten Fetzen aus Paris und New York, ihre Schuhe der Stolz Italiens. Mit starker Kr�ngung sausen Knaben auf Inlinern �ber die Gehwege, ein Wirbel aus Schals und Schl�fenlocken, dazwischen blitzt das orangefarbene Futter ihrer wehenden Parkas. Durch lange R�cke zu tippelnden Schritten gezwungene M�dchen gehen Arm in Arm, heisere Flechtwerke junger Verboverinnen, radikal und ausgrenzend wie die Anh�nger einer Philosophenschule. Der Himmel ist st�hlern geworden, der Wind eingeschlafen, die Luft knistert von der Alchimie der Kinder und der Aussicht auf Schnee.</p><p>�Guck dir diesen Ort an�, sagt Landsman. �Er lebt.�</p><p>�Kein einziger leerer Laden.�</p><p>�Und mehr von diesen elenden Jids als je zuvor.�</p><p>Landsman h�lt vor einer roten Ampel in der NW 28th Street. Vor einem Eckladen neben einem Lehrhaus lungern Jungm�nner herum, Schriftverdreher, unvergleichliche Luftmenschen und Feld-, Wald- und Wiesengangster. Als sie Landsmans Wagen mit seiner Aura zivilfahnderischer Hybris und dem provozierenden Doppel-S auf dem K�hlergrill entdecken, h�ren sie auf, sich gegenseitig anzuschreien, und glotzen Landsman auf ihre bessarabische Art an. Er ist auf ihrem Grund und Boden. Er ist glatt rasiert und zittert dennoch nicht vor Gott. Er ist kein Verbover Jude, und daher eigentlich gar kein Jude. Und wenn er kein Jude ist, ist er ein Nichts.</p><p>�Guck dir an, wie diese Arschl�cher glotzen�, sagt Landsman. �Das gef�llt mir nicht.�</p><p>�Meyer!�</p><p>Die Wahrheit lautet, dass Schwarzhut-Juden Landsman w�tend machen, seit jeher. Jetzt findet er diese Wut angenehm, stark nuanciert durch Neid, Herablassung, Groll und Mitleid. Er legt einen Gang ein und dr�ckt die T�r auf.</p><p>�Meyer! Nein.�</p><p>Landsman geht um die ge�ffnete T�r des Super Sport herum. Er merkt, dass die Frauen gucken. Er riecht die pl�tzliche Angst im Atem der M�nner um sich herum wie Karies an den Z�hnen. Er h�rt das Gel�chter von H�hnern, die ihr Schicksal noch nicht ereilt hat, das Summen von Kompressoren, die die Karpfen in ihren Becken am Leben halten. Er gl�ht wie eine Nadel, die erw�rmt wurde, um eine Zecke zu t�ten.</p><p>�So, nu�, sagt er zu den Jids an der Ecke. �Wer von euch B�ffeln m�chte in unserem sch�nen Nosmobil mitfahren?�</p><p>Ein Jid tritt vor, ein hellh�utiger Klotz, breiter als hoch, mit schwerer Stirn und einem gespaltenen gelben Bart.</p><p>�Ich schlage vor, dass Sie zu Ihrem Fahrzeug zur�ckkehren, Officer�, sagt er langsam und vern�nftig. �Und fahren Sie dahin, wo Sie hinwollen.�</p><p>Landsman grinst.</p><p>�Das schlagen Sie mir vor?�, sagt er.</p><p>Jetzt treten auch die anderen M�nner an der Stra�enecke vor und besetzen den Raum um den Klotz mit dem blitzf�rmigen Bart. Es m�ssen um die zwanzig sein, mehr als Landsman gesch�tzt hat, und Landsmans Strahlen flackert ein wenig, spuckt wie eine durchbrennende Gl�hbirne.</p><p>�Ich will es mal anders sagen�, sagt der blonde Klotz, und eine Ausbuchtung an seiner H�fte zieht die Aufmerksamkeit seiner Hand auf sich. �Ab ins Auto!�</p><p>Landsman zupft an seinem Kinn, f�hlt die Stoppeln. Wahnsinn, denkt er. Da verfolgst du eine theoretische Spur in einem nicht existierenden Fall und verlierst ohne jeden Grund die Geduld. Ehe du dich versiehst, l�st du einen Zwischenfall in einer Sippe von Schwarzh�ten aus, die �ber so viel Einfluss, Geld und einen so gro�en Vorrat an mandschurischen und russischen Armeefeuerwaffen verf�gen, dass es, wie der Nachrichtendienst in einem vertraulichen Bericht k�rzlich sch�tzte, den Anforderungen f�r einen Guerillaaufstand in einer kleinen mittelamerikanischen Republik gen�gen w�rde. Wahnsinn, der zuverl�ssige Landsman�sche Wahnsinn.</p><p>�Wie w�re es, wenn ihr herkommt und mich fertigmacht?�, sagt Landsman.</p><p>Da st��t Berko seine T�r auf und zeigt der Stra�e seine urige B�rengestalt. Sein Profil ist majest�tisch, einer M�nze oder eines gemei�elten Berghangs w�rdig. Und in der rechten Hand h�lt er den unheimlichsten Hammer, den je ein Jude oder Nichtjude zu Gesicht bekommen hat. Es ist eine Kopie des Kriegsbeils, das H�uptling Katlian 1804 im Tlingitkrieg gegen die Russen geschwungen haben soll. Die Russen verloren den Krieg. Berko bastelte das Werkzeug mit dreizehn Jahren, um die Jids einzusch�chtern, in deren Labyrinth er neu war, und bisher hat es seinen Zweck nie verfehlt, weshalb Berko es auf dem R�cksitz von Landsmans Wagen verwahrt. Der Kopf besteht aus einem f�nfunddrei�ig Pfund schweren Block Meteoreisen, den Hertz Shemets auf einem ehemals russischen Gel�nde bei Yakovy ausgrub. Der Griff wurde mit einem Jagdmesser von Sears aus einem elf Kilo schweren Baseballschl�ger geschnitzt. Ineinander verschlungene schwarze Raben und Seeungeheuer vom Roten Meer winden sich um den Schaft und zeigen grinsend ihre gro�en Z�hne. Um sie einzuf�rben, verbrauchte Berko vierzehn Minenschreiber. Zwei Rabenfedern h�ngen an einem Lederriemen am Ende des Schafts. Dieses Detail mag historisch nicht korrekt sein, tut aber seine wilde Wirkung auf das jiddische Hirn:</p><p><emphasis>Indianer.</emphasis></p><p>Das Wort wird die St�nde und Ladenlokale hinauf- und hinuntergereicht. Die Juden von Sitka sprechen und sehen selten Indianer, h�chstens vor dem Bundesgericht oder in den kleinen j�dischen Siedlungen entlang der Grenze. Die Verbover brauchen nur sehr wenig Phantasie, um sich vorzustellen, wie Berko und sein Hammer eine Massenschlachtung unter den Sch�deln der Bleichgesichter veranstalten. Dann f�llt ihr Blick auf Berkos Jarmulke und die flatternden d�nnen wei�en Fransen des Vier-Ecken an seiner H�fte, und man sp�rt, wie der rasende Fremdenhass aus der Menge sickert und nur einen Rest rassistischen Schwindels zur�ckl�sst. So l�uft das immer bei Berko Shemets im Distrikt Sitka, wenn er seinen Hammer rausholt und zum Indianer wird. F�nfzig Jahre Hollywood-Skalps, sirrende Pfeile und brennende Planwagen haben ihre Wirkung auf die Hirne nicht verfehlt. Die reine Widersinnigkeit erledigt den Rest.</p><p>�Berko Shemets�, sagt der Mann mit dem gespaltenen Bart blinzelnd, und langsam fallen gro�e Schneefedern auf seine Schultern und seinen Hut. �Was ist los, Jid?�</p><p>�Dovid Sussman�, sagt Berko und l�sst den Hammer sinken. �Hab ich mir doch gedacht.�</p><p>Vorwurfsvoll und leidvoll richtet er seine gro�en Minotaurus-Augen auf seinen Cousin. Es war nicht Berkos Idee, nach Verbov Island zu fahren. Es war nicht Berkos Idee, den Lasker-Fall zu verfolgen, nachdem man ihnen befohlen hatte, ihn zu den Akten zu legen. Es war nicht Berkos Idee, schmachvoll in die billige Absteige in der Untershtot zu fliehen, wo geheimnisvolle Junkies von der Schachg�ttin einen dr�berbekommen.</p><p>�Einen sch�nen Sabbat Ihnen, Sussman�, sagt Berko und wirft den Hammer in den Kofferraum von Landsmans Wagen. Die Federn in den Schalensitzen klingeln wie Glocken.</p><p>�Ihnen auch einen sch�nen Sabbat, Detective�, sagt Sussman. Die anderen Jids wiederholen den Wunsch ein wenig verunsichert. Dann wenden sie sich ab und widmen sich wieder ihrem Disput �ber eine Spitzfindigkeit koscherer Speisezubereitung oder illegaler Kennzeichen�nderung.</p><p>Die beiden Detectives steigen ins Auto. Berko schl�gt die T�r zu und sagt: �Ich <emphasis>hasse</emphasis> das.�</p><p>Sie fahren die Avenue 225 hinunter, und jeder dreht sich nach dem indianischen Juden in dem blauen Chevrolet um.</p><p>�So viel zu ein paar diskreten Fragen�, sagt Berko bitter. �Eines Tages, Meyer, so hilf mir, gehe ich mit meinem Totschl�ger auf <emphasis>dich</emphasis> los.�</p><p>�W�re vielleicht besser�, sagt Landsman. �Vielleicht w�re mir das als Therapie ganz recht.�</p><p>Auf der Avenue 225 kriechen sie gen Westen bis zur Werkstatt von Itzik Zimbalist. Kleine Pl�tze und Sackgassen, neoukrainische Einfamilienh�user und Eigentumskomplexe, schindelgedeckte Geb�ude mit steilen D�chern, gestrichen in tr�ben Farben, bis an die Grundst�cksgrenze gebaut. Die H�user rempeln sich an und dr�ngeln sich wie Schwarzh�te in der Synagoge.</p><p>�Kein einziges Verkaufsschild hier�, beobachtet Landsman. �An jeder Leine h�ngt W�sche. Alle anderen Sekten haben ihre Thoras und Hutschachteln l�ngst gepackt. Harkavy ist eine halbe Geisterstadt. Aber nicht die Verbover. Entweder ist ihnen die Reversion v�llig egal, oder sie wissen mehr als wir.�</p><p>�Das sind Verbover�, sagt Berko. �Auf was wettest du?�</p><p>�Du meinst, der Rebbe hat Geld r�bergeschoben. Green Cards f�r alle.� Landsman denkt dar�ber nach. Nat�rlich wei� er, dass eine kriminelle Organisation wie der Verbover-Ring nicht ohne die bereitwilligen Dienste von Kassierern und heimlichen Lobbyisten bl�ht, nicht ohne dass der Regierung regelm��ig Schmiere und Druck verabreicht werden. Die Verbover mit ihrer talmudischen Auffassung von Systemen, mit ihren tiefen Taschen und ihren f�r die Au�enwelt unergr�ndlichen Mienen haben viele Kontrollmechanismen gebrochen oder manipuliert. Aber dass sie eine M�glichkeit ersonnen haben sollen, um die gesamte Einwanderungsbeh�rde wie einen Colaautomaten mit einem Dollar an der Schnur auszutricksen?</p><p>�Niemand hat so viel Einfluss�, sagt Landsman. �Nicht mal der Verbover Rebbe.�</p><p>Berko zieht den Kopf ein und vollf�hrt ein halbes Schulterzucken, als wolle er lieber nichts mehr sagen, um keine furchtbaren M�chte heraufzubeschw�ren�� Plagen, Gei�eln oder heilige Tornados.</p><p>�Nur weil du nicht an Wunder glaubst�, sagt er.</p></section><section><title><p><emphasis>13.</emphasis></p></title><p>Zimbalist, der Grenzen-Mejwen, der gelehrte alte Knacker�� er h�lt sich bereit, als das Ger�cht von Indianern in einem blauen Schlitten aus Michigan vor seine Haust�r rumpelt. Zimbalists Werkstatt ist ein steinernes Geb�ude mit einem Zinkdach und gro�en Rolltoren und befindet sich am breiten Ende eines kopfsteingepflasterten Platzes. Der Platz ist an einem Ende schmal und verbreitert sich wie die Nase einer Judenkarikatur. Ein halbes Dutzend krummer Gassen purzelt hinein, Pfaden folgend, die von l�ngst vergangenen ukrainischen Ziegen oder Auerochsen festgetreten wurden, vorbei an H�userfronten, die ihren verlorenen ukrainischen Originalen getreu nachgebaut wurden. Ein Disney-Schtetl, strahlend unbeschmutzt wie eine frisch gef�lschte Geburtsurkunde. Ein kunstvoller Wirrwarr aus schlammbraunen und senfgelben Bauten, aus Holz, Putz und Strohd�chern. Gegen�ber von Zimbalists Werkstatt, an der schmalen Seite des Platzes, steht das Heim von Heskel Shpilman, der zehnte in der dynastischen Linie des urspr�nglichen Rebbe aus Verbov, selbst ein ber�hmter Wundert�ter: drei h�bsche wei�e W�rfel makellosen Stucks mit Mansardend�chern aus blauen Schieferplatten und hohen Fenstern, schmal und verschlossen. Eine exakte Kopie des Stammsitzes in Verbov, das dem Gro�vater der Frau des jetzigen Rebbe geh�rte, dem achten Verbover Rebbe, bis hin zur nickelbeschichteten Wanne im oberen Badezimmer. Schon bevor sich die Verbover Rebbes der Geldw�sche, dem Schmuggel und der pers�nlichen Bereicherung widmeten, unterschieden sie sich von ihren Wettbewerbern durch die Pracht ihrer Westen, durch das franz�sische Silber auf ihren Sabbattischen und das weiche italienische Leder an ihren F��en.</p><p>Der Grenz-Mejwen ist klein, zerbrechlich und schr�gschultrig, vielleicht um die f�nfundsiebzig, sieht aber zehn Jahre �lter aus. Er hat zu langes, scheckiges aschgraues Haar, eingefallene dunkle Augen und blasse Haut mit einem gelblichen Stich wie ein Sellerieherz. Er tr�gt eine Strickjacke mit Rei�verschluss und Kragenaufschl�gen und ein Paar alter dunkelblauer Plastiksandalen, darin wei�e Socken mit einem Loch f�r den linken gro�en Zeh und sein Horn. Auf seiner Fischgr�those sind Flecken von Eigelb, S�ure, Teer, Epoxyleim, Siegellack, gr�ner Farbe und Mastodonblut. Das Gesicht des Mejwens ist hager, besteht fast nur aus Nase und Kinn, es dient allein dem Wahrnehmen, Sondieren und Vorsto�en in L�cken, Breschen, Vergehen. Sein voller, aschener Bart flattert im Wind wie Vogelflaum an einem Stacheldraht. In hundert Jahren Hilflosigkeit w�re es das letzte Gesicht, an das sich Landsman auf der Suche nach Beistand oder Information je wenden w�rde, aber Berko wei� mehr �ber das Leben der Schwarzh�te, als Landsman je erfahren wird.</p><p>Neben Zimbalist steht vor der geschwungenen Werkstattt�r ein bartloser Jungmann mit einem Regenschirm, damit dem alten Knacker kein Schnee auf den Kopf f�llt. Die schwarze Kruste vom Hut des Jungen ist schon mit einem halben Zentimeter Puderzucker best�ubt. Zimbalist behandelt seinen Helfer wie eine Topfpflanze.</p><p>�Fetter denn je�, sagt er zur Begr��ung, als Berko auf ihn zustolziert. In seinem Gang vibriert noch der Geist des schweren Kriegsbeils. �So gro� wie ein Sofa.�</p><p>�Professor Zimbalist�, sagt Berko und schwingt den unsichtbaren Hammer. �Sie sehen aus wie etwas, das aus einem vollen Staubsaugerbeutel gefallen ist.�</p><p>�Acht Jahre haben Sie mich in Ruhe gelassen.�</p><p>�Ja, ich dachte, Sie brauchten mal eine Pause.�</p><p>�Das ist sch�n. Nur schade, dass jeder andere Jude auf dieser verfluchten Kartoffelschale von Distrikt mir den ganzen Tag auf den Teekessel hackt.� Er wendet sich an den Jungen mit dem Schirm. �Tee. Gl�ser. Marmelade.�</p><p>Murmelnd zitiert der Jungmann auf Aram�isch einen Merksatz �ber absoluten Gehorsam aus dem <emphasis>Traktat �ber die Hierarchie von Hunden, Katzen und M�usen,</emphasis> �ffnet die T�r des Grenz-Mejwens, und sie treten ein. Es ist ein gro�er, hallender Raum, theoretisch unterteilt in Garage, Werkstatt und ein B�ro, das mit st�hlernen Aktenschr�nken, gerahmten Zeugnissen und den schwarzen Buchr�cken des endlosen, bodenlosen Gesetzes ges�umt ist. Die gro�en Rolltore sind da, um die Wagen ein- und ausfahren zu lassen. Drei Wagen, nach dem Trio von �lflecken auf dem glatten Betonboden zu urteilen.</p><p>Landsman wird bezahlt�� und lebt��, um aufzudecken, was normalen Menschen entgeht, doch jetzt scheint ihm, dass er bis zu diesem Moment, da er die Werkstatt des Grenz-Mejwens Zimbalist betritt, nicht genug auf Schn�re geachtet hat. Schn�re, F�den, Seile, Kordeln, B�nder, Fasern, Taue, Trossen und Kabel; Polypropylen, Hanf, Gummi, gummiertes Kupfer, Kevlar, Stahl, Seide, Flachs, geflochtener Samt. Der Grenz-Mejwen kennt gro�e Teile des Talmuds auswendig. Topographie, Geographie, Geod�sie, Geometrie, Trigonometrie, das ist ihm in Fleisch und Blut �bergegangen, als ziele er �ber den Lauf eines Gewehrs. Doch das A und O f�r den Grenz-Mejwen ist die Qualit�t seiner Schn�re. Die meisten�� man kann sie in Meilen, in Werst oder wie der Grenz-Mejwen in H�nden messen�� sind s�uberlich auf Spulen gewickelt, die an der Decke h�ngen oder ordentlich der Gr��e nach geordnet auf Metallspindeln ruhen. Aber viele liegen einfach herum, in Haufen und Kn�ueln. Wie Steppenhexen werden Gestr�uch, Gew�lle und gro�e dornige Elfenknoten aus Draht und Schnur durch die Werkstatt geweht.</p><p>�Professor, das ist mein Kollege, Detective Landsman�, sagt Berko. �Wenn Sie einen brauchen, der Ihnen auf den Teekessel hackt, sagen Sie mir Bescheid.�</p><p>�Eine Nervens�ge, so wie Sie?�</p><p>�Ich sag lieber nichts.�</p><p>Landsman und der Professor geben sich die Hand.</p><p>�Den kenne ich�, sagt der Grenz-Mejwen und kommt n�her, um Landsman besser betrachten zu k�nnen. Er mustert ihn blinzelnd, als sei Landsman eine seiner zehntausend Landkarten. �Der hat den verr�ckten Podolsky geschnappt. Der hat Hyman Tshamy hinter Schloss und Riegel gebracht.�</p><p>Landsman erstarrt und klappt die Spiegelfolie seines Visiers herunter, gefasst auf eine Standpauke. Hyman Tshamy, ein Verbover Dollarw�scher mit einer Videothekenkette, beauftragte zwei philippinische Schlosser�� Auftragsm�rder��, ein vertracktes Gesch�ft f�r ihn zu zementieren. Doch Landsmans bester Informant ist Benito Taganes, der K�nig der chinesischen Donuts nach Filipinoart. Benitos Informationen f�hrten Landsman zu dem Lokal am Flughafen, wo die gl�cklosen Schlosser auf ein Flugzeug warteten, und ihre Zeugenaussagen brachten Tshamy trotz der H�chstleistungen des rei�festesten Anwalts-Kevlars, das f�r Verbover Geld zu bekommen war, hinter Gitter. Hyman Tshamy ist der bisher einzige Verbover im Distrikt, der je eines Verbrechens �berf�hrt und daf�r verurteilt wurde.</p><p>�Guck dir den an!� Der untere Teil von Zimbalists Gesicht rei�t auf. Seine Z�hne gleichen den Pfeifen einer aus Knochen geschnitzten Orgel. Sein Lachen klingt, als w�rde eine Handvoll rostiger Gabeln und N�gel zu Boden fallen. �Er glaubt, ich mache mir was aus diesen Leuten, m�gen ihre Lenden so verdorren wie ihre Seelen.� Der Mejwen h�rt auf zu lachen. �Wie, haben Sie gedacht, ich geh�re dazu?�</p><p>Landsman findet, das ist die t�dlichste Frage, die ihm je gestellt wurde.</p><p>�Nein, Professor�, sagt er. Dabei bezweifelte Landsman sogar, dass Zimbalist tats�chlich ein Professor ist, aber in seinem B�ro h�ngen �ber dem Kopf des mit dem elektrischen Wasserkessel k�mpfenden Jungmannes die gerahmten Zeugnisse und Zertifikate der Jeschiwa von Warschau (1939), der Freien Polnischen Staatsuniversit�t (1950) und des Bronfman Manual and Technical (1955). Ebenso Empfehlungen, Haskomes und Affidavits, jeweils in n�chternen schwarzen Rahmen, scheinbar von jedem Rabbi im Distrikt, von unbedeutend bis einflussreich, von Yakovy bis Sitka. Demonstrativ mustert Landsman Zimbalist von oben bis unten, doch man sieht allein schon an der gro�en, mit silbernem Faden bestickten Jarmulke, die das Ekzem auf seinem Hinterkopf bedeckt, dass der Grenz-Mejwen kein Verbover ist. �Den Fehler w�rde ich nicht machen.�</p><p>�Nein? W�rden Sie denn eine von denen heiraten, so wie ich, w�rden Sie den Fehler machen?�</p><p>�Wenn es ums Heiraten geht, lass ich gerne die anderen Fehler machen�, sagt Landsman. �Meine Exfrau zum Beispiel.�</p><p>Zimbalist winkt seine Besucher zu sich, vorbei an dem robusten Eichentisch zu zwei kaputten St�hlen neben einem gewaltigen Rollpult. Der Jungmann geht ihm nicht schnell genug aus dem Weg, der Grenz-Mejwen packt ihn am Ohr.</p><p>�Was machst du da?� Er greift nach der Hand des Jungen. �Sieh dir diese Fingern�gel an! Feh!� Er l�sst die Hand fallen wie verdorbenen Fisch. �Los, raus hier, setz dich ans Funkger�t! Finde heraus, wo diese Idioten sind und warum sie so lange brauchen!�</p><p>Zimbalist gie�t Wasser in eine Kanne und wirft eine Faustvoll Teebl�tter hinein, die verd�chtig nach zerhackter Schnur aussehen.</p><p>�Einen Eruw allein m�ssen sie mir patrouillieren. Einen! Ich habe zw�lf M�nner, die f�r mich arbeiten, und nicht einer von ihnen h�tte auf Anhieb Erfolg, wenn er seine Zehen am Ende seiner Socken suchen m�sste.�</p><p>Landsman hat sich wirklich bem�ht zu vermeiden, Konzepte wie das des Eruw zu verstehen, aber er wei�, dass es sich dabei um das typisch j�dische Umgehen einer Vorschrift handelt, um einen Trick, mit dem man Gott t�uscht, diesen allwissenden Drecksack. Es hat etwas damit zu tun, dass Telefonmasten als T�rpfosten ausgegeben werden und die Dr�hte als St�rze dienen. Mit Hilfe von Masten und Dr�hten kann man einen Bereich absperren, ihn zum Eruw erkl�ren und dann am Sabbat so tun, als sei der selbst geschaffene Eruw�� im Fall von Zimbalist und seiner Mannschaft wohl der gesamte Distrikt�� das eigene Haus. So kann man das Sabbatverbot umgehen, an �ffentlichen Orten etwas zu tragen, und kann mit zwei Alka-Seltzer in der Tasche sonntags zu Schul gehen, ohne dass es eine S�nde ist. Mit ausreichend Draht und Masten kann man unter kreativer Zuhilfenahme bestehender Mauern, Z�une, Klippen und Fl�sse einen Kreis um so gut wie alles ziehen und das Gebiet zum Eruw erkl�ren.</p><p>Aber irgendjemand muss diese Grenzen festlegen, muss das Gel�nde vermessen, die Masten und Dr�hte instand halten und die Unversehrtheit der vorgeblichen Mauern und T�ren angesichts von Wetter, Vandalismus, B�ren und der Telefongesellschaft garantieren. Dazu braucht man den Grenz-Mejwen. Er hat den gesamten Mast- und Drahtmarkt in der Hand. Die Verbover waren die Ersten, die seinen Dienst in Anspruch nahmen, und als sie mit ihren Muskeln hinter ihm standen, gingen nacheinander die Satmarer, die Bobover, die Lubawitscher, die Gerrer und all die anderen Schwarzhutsekten dazu �ber, sich auf Zimbalists Dienste und sein Fachwissen zu verlassen. Wenn sich die Frage stellt, ob ein bestimmter Abschnitt eines B�rgersteigs, Seeufers oder offenen Feldes in einem Eruw liegt, berufen sich alle Rabbis auf Zimbalist, auch wenn er selbst keiner ist. An seinen Landkarten, seiner Mannschaft und seinen Polypropylenspulen h�ngt das Seelenheil jedes gl�ubigen Juden im Distrikt. Nach dem, was man h�rt, ist er der m�chtigste Jude der Stadt. Und deshalb darf er hinter seinem schweren Eichentisch mit den zweiundsiebzig F�chern mitten auf Verbov Island sitzen und ein Glas Tee mit dem Mann trinken, der Hyman Tsharny am Schlafittchen packte.</p><p>�Was ist mit Ihnen?�, sagt er zu Berko und l�sst sich mit gummiartigem Quietschen auf ein aufblasbares Donut-Kissen fallen. Von einer Zigarettenklammer auf dem Schreibtisch nimmt er eine Schachtel Broadways. �Warum laufen Sie hier rum und machen allen Angst mit diesem Kriegsbeil?�</p><p>�Mein Kollege war entt�uscht von der Begr��ung hier�, sagt Berko.</p><p>�Es mangelte ihr am Geist des Sabbats�, sagt Landsman und z�ndet sich selbst eine Papiros an. �Fand ich.�</p><p>Zimbalist schiebt einen dreieckigen Kupferaschenbecher �ber den Tisch. Seitlich steht darauf �Krasny�s Tabak- und Schreibwaren�, und genau dort holte sich Isidor Landsman seine monatliche Ausgabe der <emphasis>Chess Review.</emphasis> Krasny mit seiner Leihb�cherei, seinem enzyklop�dischen Humidor und dem j�hrlichen Lyrikpreis wurde schon Vorjahren von amerikanischen Ladenketten verdr�ngt, und beim Anblick dieses netten Aschenbechers gibt die Quetschkommode von Landsmans Herz ein nostalgisches Schnaufen von sich.</p><p>�Zwei Jahre meines Lebens habe ich diesen Leuten geschenkt�, sagt Berko. �Man sollte meinen, es w�rde sich einer an mich erinnern. Bin ich so leicht zu vergessen?�</p><p>�Ich sag Ihnen mal was, Detective.� Mit einem erneuten Quietschen des Gummidonuts steht Zimbalist wieder auf und schenkt Tee in drei verschmierte Gl�ser. �So, wie die sich hier fortpflanzen, sind die Leute, die Sie heute auf der Stra�e gesehen haben, nicht mehr dieselben wie vor acht Jahren, sondern deren Enkelkinder. Heute kommen sie schon schwanger zur Welt.�</p><p>Er reicht jedem von ihnen ein dampfendes Glas, zu hei� zum Festhalten. Es verbrennt Landsmans Fingerspitzen. Die Fl�ssigkeit riecht nach Gras, Hagebutte und nur ein klein bisschen nach Schnur.</p><p>�Die machen immer mehr Juden�, sagt Berko und r�hrt einen L�ffel Marmelade in sein Glas. �Aber keiner schafft Platz, wo sie hink�nnen.�</p><p>�Das ist die Wahrheit�, sagt Zimbalist, und sein knochiger Hintern sackt in den Donut. Er verzieht das Gesicht. �Seltsame Zeiten f�r Juden.�</p><p>�Nur hier scheinbar nicht�, sagt Landsman. �Auf Verbov Island geht das Leben seinen gewohnten Gang. In jeder Einfahrt ein gestohlener BMW und in jedem Topf ein sprechendes Huhn.�</p><p>�Die Leute hier machen sich erst Sorgen, wenn der Rebbe es ihnen sagt�, erkl�rt Zimbalist.</p><p>�Vielleicht m�ssen sie sich um gar nichts sorgen�, sagt Berko. �Vielleicht hat sich der Rebbe schon um das Problem gek�mmert.�</p><p>�Nicht dass ich w�sste.�</p><p>�Das glaube ich keine Sekunde lang.�</p><p>�Dann lassen Sie es halt.�</p><p>Eines der Garagentore gleitet auf den Rollen zur Seite, und ein wei�er Van f�hrt herein, eine helle Schneemaske auf der Windschutzscheibe. Vier M�nner in gelben Overalls dr�ngen heraus, sie haben rote Nasen, und ihre B�rte sind mit schwarzen Netzen hochgebunden. Sie schnauzen sich und stapfen mit den F��en, und Zimbalist muss hin�bergehen und sie ein bisschen zusammenfalten. Es stellt sich heraus, dass es ein Problem in der N�he des Staubeckens im Scholem-Alejchem-Park gab, irgendein Idiot von der Gemeindeverwaltung hat eine Wand zum Squashspielen aufgestellt, mitten in einen vorgeblichen T�rrahmen zwischen zwei Stra�enlaternen. Alle wandern hin�ber zum Kartentisch in der Mitte des B�ros. W�hrend Zimbalist die betreffende Landkarte hinlegt und ausrollt, nicken seine Mitarbeiter nacheinander Landsman und Berko zu und spannen ihre b�sen Muskeln an. Danach werden die beiden von Zimbalists Mannschaft einfach ignoriert. Zwei Schammes sind eine imagin�re Brise, die an ihnen vorbeiweht.</p><p>�Angeblich hat der Mejwen eine Landkarte f�r jede Stadt, wo jemals zehn Juden zusammengehockt haben�, sagt Berko zu Landsman. �Bis zur�ck nach Jericho.�</p><p>�Das Ger�cht habe ich selbst in die Welt gesetzt�, sagt Zimbalist, den Blick auf die Karte gerichtet. Er findet die betroffene Stelle, und einer seiner Mitarbeiter zeichnet die Squashwand mit einem Bleistiftstummel ein. Rasch ersinnt Zimbalist eine Notl�sung, die bis zum Sonnenuntergang am n�chsten Tag halten muss, eine Ausbuchtung in der gro�en imagin�ren Mauer des Eruw. Er schickt seine Jungs zur�ck nach Harkavy, um Plastikleitungen an zwei nahe Telefonmasten zu spannen, damit die Satmarer, die �stlich des Scholem-Alejchem-Parks wohnen, mit ihren Hunden Gassi gehen k�nnen, ohne ihre Seelen zu gef�hrden.</p><p>�Tut mir leid�, sagt er und kommt wieder um den Tisch herum. Er zuckt zusammen. �Ich habe nicht mehr viel Freude am Sitzen. Nun, was kann ich f�r euch tun? Ich bezweifle doch stark, dass ihr mit einer Frage �ber <emphasis>Reschus harabbim</emphasis> hergekommen seid.�</p><p>�Wir arbeiten an einem Mordfall, Professor Zimbalist�, sagt Landsman. �Und wir haben Grund zu der Annahme, dass der Tote ein Verbover gewesen ist oder Verbindungen zu den Verbovern hatte, zumindest fr�her einmal.�</p><p>�Verbindungen�, sagt der Mejwen und zeigt wieder seine Orgelpfeifenstalaktiten. �Ich denke, damit kenne ich mich aus.�</p><p>�Er wohnte unter dem Namen Emanuel Lasker in einem Hotel auf der Max Nordau Street.�</p><p>�Lasker? Wie der Schachspieler?� Eine Falte bildet sich im Pergament von Zimbalists gelber Stirn, und tief in seinen Augenh�hlen kratzt Feuerstein �ber Stahl: Erstaunen, �berraschung, ein Erinnerungsz�ndholz. �Ich habe das Spiel mal betrieben�, erkl�rt er. �Vor langer Zeit.�</p><p>�Ich auch�, sagt Landsman. �So wie unser Toter, bis zu seinem Ende. Neben seiner Leiche fanden wir ein Schachbrett mit aufgestellten Figuren. Er las Siegbert Tarrasch. Und er kannte die Stammg�ste im Schachclub Einstein. Dort kannte man ihn unter dem Namen Frank.�</p><p>�Frank�, wiederholt der Grenz-Mejwen mit einem Yankeen�seln. �Frank, Frank, Frank. War das sein Vorname? Als Nachname ist er gel�ufig bei Juden, aber als Vorname, nein. Wisst ihr mit Sicherheit, dass er Jude war, dieser Frank?�</p><p>Berko und Landsman tauschen einen schnellen Blick aus. Mit Sicherheit wissen sie gar nichts. Die Tefillin im Nachtschrank k�nnten dort als Warnung deponiert worden sein oder vergessen von einem fr�heren Bewohner von Raum 208. Niemand im Einstein-Club behauptete, den toten Junkie Frank in der Synagoge gesehen zu haben, sich wiegend im Stehgebet.</p><p>�Wir haben Grund zu der Annahme�, wiederholt Berko langsam, �dass der Mann fr�her ein Verbover Jude war.�</p><p>�Was f�r einen Grund?�</p><p>�Es gab zwei geeignete Telefonmasten�, sagt Landsman. �Zwischen die haben wir einen Draht gespannt.�</p><p>Er greift in seine Tasche und holt einen Umschlag hervor. Eines von Shpringers Totenpolaroids reicht er Zimbalist �ber den Tisch, und Zimbalist h�lt es mit ausgestrecktem Arm, gerade lang genug, um sich dar�ber klarzuwerden, dass es das Bild einer Leiche ist. Er holt tief Luft, sch�rzt die Lippen und macht sich bereit, ihnen eine stichhaltige professorale Einsch�tzung des vorliegenden Beweismittels aufzutischen. Das Bild eines Toten, das ist, ehrlich gesagt, eine Z�sur in der t�glichen Routine eines Grenz-Mejwens. Dann blickt er auf das Foto, und in dem Moment, bevor er die absolute Kontrolle �ber seine Z�ge wiedergewinnt, sieht Landsman, dass Zimbalist einen Schlag in die Magengrube bekommt. Die Luft weicht aus seiner Lunge, das Blut flie�t ihm aus dem Gesicht. Das stete, kluge Flackern von Intelligenz in seinem Blick erlischt. Eine Sekunde lang erblickt Landsman das Polaroid eines toten Grenz-Mejwens. Dann gehen die Lichter im Gesicht des alten Knackers wieder an. Berko und Landsman warten eine Weile, dann noch etwas l�nger, und Landsman wei�, dass der Mejwen sich jetzt, so gut er kann, bem�ht, nicht die Kontrolle zu verlieren und an der Chance festzuhalten, als N�chstes die Worte <emphasis>Meine Herren, ich habe diesen Mann noch nie in meinem Lehen gesehen</emphasis> zu sagen und sie plausibel, logisch, wahr klingen zu lassen.</p><p>�Wer war er, Professor Zimbalist?�, fragt Berko schlie�lich.</p><p>Zimbalist legt das Foto auf den Schreibtisch und betrachtet es noch etwas l�nger, nun ist ihm einerlei, was seine Augen oder Lippen tun.</p><p>�Oj, der Junge�, sagt er. �Der liebe, liebe Junge.�</p><p>Er holt ein Tuch aus seiner Strickjacke und tupft sich die Tr�nen von den Wangen, dann hustet er einmal. Es ist ein furchtbares Ger�usch. Landsman nimmt das Teeglas des Mejwens und gie�t den Inhalt in seines. Aus der Jackentasche holt er die Wodkaflasche, die er am Morgen auf dem M�nnerklo des Vorsht beschlagnahmt hat. Er schenkt zwei Fingerbreit in das Teeglas und h�lt es dem alten Knacker hin.</p><p>Wortlos nimmt Zimbalist den Wodka und kippt ihn in einem Schluck hinunter. Dann steckt er das Taschentuch wieder in die Tasche und gibt Landsman das Foto zur�ck.</p><p>�Ich habe dem Jungen Schach beigebracht�, sagt er. �Als er noch ein Junge war, meine ich. Bevor er gro� wurde. Tut mir leid, ich rede wirr.� Er sucht eine Broadway, hat aber schon alle aufgeraucht. Eine Weile braucht er, bis er das erkennt. Vergeblich bohrt er mit einem krummen Finger in der Packung herum, als suche er eine Erdnuss. Landsman gibt ihm eine von seinen ab. �Danke, Landsman. Danke Ihnen.�</p><p>Aber dann sagt er nichts, sondern sitzt einfach nur da und sieht zu, wie seine Papiros runterbrennt. Aus seinen eingefallenen Augenh�hlen sp�ht er zu Berko hin�ber, dann riskiert er einen kurzen Kartenspielerblick zu Landsman. Er erholt sich jetzt von dem Schock. Versucht, die Lage kartographisch zu erfassen, die Grenzlinien, die er nicht �berschreiten darf, die T�rschwellen, die er bei Gefahr f�r seine Seele nicht �bertreten darf. Die behaarte, gefleckte Krabbe seiner Hand l�sst eins ihrer Beine zum Telefon auf dem Schreibtisch schnellen. Noch eine Minute, und die Wahrheit und Dunkelheit des Lebens werden wieder in die Obhut von Anw�lten verwiesen.</p><p>Das Garagentor knarrt und rumpelt, und Zimbalist will sich mit einem dankbaren St�hnen wieder erheben, aber Berko ist schneller auf den Beinen. Er l�sst eine schwere Hand auf die Schulter des Alten sinken.</p><p>�Setzen Sie sich, Professor�, sagt er. �Ich bitte Sie. Nehmen Sie sich Zeit, wenn Sie wollen, aber setzen Sie sich bitte wieder auf den Donut.� Er l�sst die Hand, wo sie ist, und dr�ckt Zimbalist leicht nach unten. Dabei nickt er in Richtung Garage. �Meyer.�</p><p>Landsman geht durch die Werkstatt zur Garageneinfahrt und zerrt seine Dienstmarke hervor. Er stellt sich dem Van in den Weg, als sei die Marke ein richtiges Schild und k�nne einen zwei Tonnen schweren Chevy aufhalten. Der Fahrer tritt auf die Bremse, und das Heulen der Reifen prallt gegen die kalten Steinw�nde. Der Fahrer l�sst das Fenster hinunter. Er besitzt die komplette Ausr�stung der Zimbalist-Angestellten: Netz um den Bart, gelber Overall, gut entwickelter finsterer Blick.</p><p>�Was gibt�s, Detective?�, will er wissen.</p><p>�Fahrt spazieren�, sagt Landsman. �Wir unterhalten uns.� Er greift zum Funkger�t und packt den herumschleichenden kleinen Jungmann am Kragen seines langen Mantels, wirft ihn wie einen Welpen zur Beifahrerseite des Vans, rei�t die T�r auf und schiebt ihn z�rtlich hinein. �Und nimm den kleinen Pischer mit.�</p><p>�Chef?�, ruft der Fahrer zum Grenz-Mejwen hin�ber. Nach einem Moment nickt Zimbalist und wedelt den Fahrer fort.</p><p>�Aber wo soll ich hin?�, sagt der Fahrer zu Landsman.</p><p>�Wei� ich nicht�, sagt Landsman. Er dr�ckt die T�r ins Schloss. �Besorgt mir ein sch�nes Geschenk.�</p><p>Landsman klopft auf die Motorhaube, und der Van rollt r�ckw�rts hinaus in den Sturm wei�er Linien, gestrickt wie die Dr�hte des Grenz-Mejwens �ber nachgebaute Fassaden und den grellgrauen Himmel. Landsman zieht das Garagentor zu und schiebt den Riegel vor.</p><p>�Nu, vielleicht fangen Sie noch mal von vorne an�, sagt er zu Zimbalist, als er wieder auf dem Stuhl Platz nimmt. Er schl�gt die Beine �bereinander und z�ndet f�r beide noch eine Papiros an. �Wir haben viel Zeit.�</p><p>�Kommen Sie, Professor�, sagt Berko. �Sie kennen das Opfer von Kindesbeinen an, ja? All die Erinnerungen m�ssen sich doch jetzt in Ihrem Kopf drehen. So schlecht es Ihnen auch geht, Sie werden sich besser f�hlen, wenn Sie einfach erz�hlen.�</p><p>�Das ist es nicht�, sagt der Grenz-Mejwen. �Das � das ist es nicht.� Er nimmt die angez�ndete Papiros von Landsman entgegen, und diesmal raucht er sie fast zu Ende, ehe er zu sprechen beginnt. Er ist ein gelehrter Jid, er hat gerne Ordnung in seinen Gedanken.</p><p>�Er hei�t Menachem�, beginnt er. �Mendel. Er ist�� oder war�� achtunddrei�ig, ein Jahr �lter als Sie, Detective Shemets, aber er hatte am gleichen Tag Geburtstag, am 15. August, stimmt�s? Ja? Wusste ich doch. Seht ihr? Hier ist der Kartenschrank.� Er klopft auf seine haarlose Kuppel. �Karten von Jericho, Detective Shemets, von Jericho und Tyros.�</p><p>Das Klopfen auf den Kartenschrank ger�t ein wenig au�er Kontrolle, er schl�gt sich die Jarmulke vom Kopf, und als er nach ihr greift, f�llt Asche auf seinen Pullover.</p><p>�Mendeles IQ lag bei 170�, f�hrt er fort. �Mit acht oder neun Jahren konnte er Hebr�isch, Aram�isch, Sephardisch, Latein und Griechisch lesen. Die schwierigsten Texte, das dornigste Dickicht von Logik und Argumentation. Damals war Mendele schon ein viel besserer Schachspieler, als ich je hoffen konnte zu werden. Er hatte ein bemerkenswertes Ged�chtnis f�r gespielte Partien, er musste nur einmal eine Notation lesen und konnte sie im Kopf nachspielen, Zug um Zug, ohne Fehler. Als er �lter wurde und man ihn nicht mehr so oft spielen lie�, ging er im Kopf ber�hmte Partien durch. Zwei, drei, vier Partien gleichzeitig.�</p><p>�Das wurde auch immer �ber Melekh Gaystik erz�hlt�, sagt Landsman. �Der hatte auch so ein Ged�chtnis.�</p><p>�Melekh Gaystik�, sagt Zimbalist. �Gaystik war ein Freak. Das war nicht mehr menschlich, wie Gaystik spielte. Er hatte ein Hirn wir ein K�fer. Das Einzige, was er konnte, war fressen. Er war grob. Schmierig. Gemein. Mendele war v�llig anders. Er bastelte Spielzeug f�r seine Schwestern, Puppen aus W�scheklammern und Filz, ein Haus aus einer Packung Haferschleim. Hatte immer Leim an den Fingern und in der Tasche eine W�scheklammer mit einem Gesicht drauf. Ich gab ihm Zwirn f�r das Haar. Acht kleine Schwestern hingen st�ndig an ihm. Eine Ente lief ihm nach wie ein kleiner Hund.� Zimbalists schmale braune Lippen ziehen sich in den Winkeln hoch. �Ob ihr�s glaubt oder nicht, einmal habe ich ein Spiel zwischen Mendel und Melekh Gaystik arrangiert. So was konnte man damals machen, Gaystik war immer pleite und hatte Schulden, er h�tte gegen einen betrunkenen B�ren gespielt, wenn es Geld gebracht h�tte. Damals war der Junge zw�lf, Gaystik sechsundzwanzig. Es war das Jahr, bevor er die Meisterschaft in St. Petersburg gewann. Sie spielten drei Partien hinten in meiner Werkstatt, die damals noch, wie Sie sich erinnern werden, Detective, auf der Ringelblum Avenue lag. Ich bot Gaystik f�nftausend Dollar f�r ein Spiel gegen Mendele. Der Junge gewann die erste und dritte Partie. Bei der zweiten hatte er Schwarz und zwang Gaystik zu einem Remis. Ja, Gaystik war heilfroh, dass das Spiel geheim gehalten wurde.�</p><p>�Warum?�, will Landsman wissen. �Warum mussten die Spiele geheim gehalten werden?�</p><p>�Weil dieser Junge�, sagt der Grenz-Mejwen, �der in einem Hotelzimmer auf der Max Nordau Street starb � Kein sch�nes Hotel, nehme ich an.�</p><p>�Eine Absteige�, sagt Landsman.</p><p>�Dr�ckte er sich das Heroin in den Arm?�</p><p>Landsman nickt, und nach ein oder zwei harten Sekunden nickt auch Zimbalist.</p><p>�Ja. Nat�rlich. Nu. Ich hatte mich bereit erkl�rt, die Spiele heimlich zu organisieren, weil diesem Jungen verboten worden war, mit Au�enstehenden Schach zu spielen. Irgendwie bekam Mendeles Vater Wind von dem Spiel gegen Gaystik, ich habe nie erfahren, wie. F�r mich ging es noch gerade gut aus. Obwohl meine Frau mit dem Vater verwandt war, verlor ich fast sein Haskome, was damals meine Gesch�ftsgrundlage war. Ich habe mein ganzes Gesch�ft auf diese Approbation aufgebaut.�</p><p>�Der Vater�� Sie wollen doch nicht sagen, dass Heskel Shpilman der Vater ist�, sagt Berko. �Der Mann da auf dem Bild ist der Sohn des Verbover Rebbe?�</p><p>Da merkt Landsman, wie still es auf Verbov Island ist, im Schnee, in dieser steinernen Scheune, kurz vor der Dunkelheit, w�hrend der entweihte Teil der Woche und die sie entweihende Welt sich r�sten, in den Flammen zweier identischer Kerzen zu vergehen.</p><p>�Doch�, sagt Zimbalist schlie�lich. �Mendel Shpilman. Sein einziger Sohn. Er hatte noch einen Zwillingsbruder, aber der wurde tot geboren. Das wurde sp�ter als Zeichen gedeutet.�</p><p>Landsman sagt: �Als Zeichen wof�r? Dass er ein Wunderkind war? Dass er irgendwann als Junkie in einer billigen Absteige in der Untershtot enden w�rde?�</p><p>�Das nicht�, sagt Zimbalist. �Daran dachte niemand.�</p><p>�Man sagte � man erz�hlte sich damals ��, beginnt Berko. Er verzieht das Gesicht, als wisse er, dass das, was er nun �u�ern wird, Landsman verdrie�en und ihm Anlass zum Spott geben wird. Dann zieht er seine kleinen braunen Augen wieder glatt und l�sst den Moment verstreichen. Er kann sich nicht �berwinden, zu wiederholen, was man sich erz�hlte. �Mendel Shpilman. Du lieber Gott. Ich habe so einiges geh�rt.�</p><p>�Eine Menge�, sagt Zimbalist. �Alles nur Geschichten, bis er zwanzig Jahre alt war.�</p><p>�Was f�r Geschichten?�, sagt Landsman, geb�hrend verdrossen. �Geschichten wor�ber? Nu erz�hlt schojn, verdammt nochmal!�</p></section><section><title><p><emphasis>14.</emphasis></p></title><p>Und so erz�hlt Zimbalist ihnen eine Mendel-Geschichte.</p><p>Eine gewisse Frau, sagt er, hatte Krebs und lag im Allgemeinen Krankenhaus von Sitka im Sterben. Nennen wir sie eine Bekannte. Das war 1973. Die Frau war zweifache Witwe, ihr erster Ehemann ein vor dem Krieg in Deutschland von Schtarkern erschossener Spieler, der zweite ein Kletteraffe in Zimbalists Diensten, der sich in einer Hochspannungsleitung verfing. Weil Zimbalist die Witwe seines toten Mitarbeiters mit Bargeld und Gef�lligkeiten unterst�tzte, lernte er sie n�her kennen. Es ist nicht auszuschlie�en, dass sich die beiden ineinander verliebten. Sie waren �ber das Alter n�rrischer Leidenschaft hinaus, und so waren sie leidenschaftlich, ohne Narren zu sein. Sie war eine dunkle, schlanke Frau, bereits ge�bt in der Gewohnheit, ihre L�ste zu z�geln. Sie hielten die Aff�re vor allen geheim, nicht zuletzt vor Mrs. Zimbalist.</p><p>Um seine erkrankte Freundin im Krankenhaus besuchen zu k�nnen, verlegte sich Zimbalist auf Ausfl�chte, Heimlichkeiten und die Bestechung von Krankenpflegern. Zusammengerollt zwischen ihrem Bett und der Wand schlief er auf einem Handtuch am Boden. Wenn seine Geliebte im Halbdunkel aus den Tiefen des Morphiumrausches aufschrie, tr�pfelte er Wasser zwischen ihre gesprungenen Lippen und k�hlte ihre Stirn mit einem feuchten Tuch. Die Uhr an der Wand summte vor sich hin und brach mit dem Minutenzeiger zunehmend unruhig kleine Br�ckchen der Nacht ab. Morgens kroch Zimbalist zur�ck zu seinem Gesch�ft auf der Ringelblum Avenue�� seiner Frau sagte er, er w�rde dort schlafen, weil er so schlimm schnarche�� und wartete auf den Jungen.</p><p>Fast jeden Morgen erschien Mendel Shpilman nach dem Beten und dem Thorastudium, um Schach zu spielen. Schach war erlaubt, obwohl das Verbover Rabbinat und die gr��ere Gemeinschaft der Frommen es als Zeitverschwendung f�r den Jungen betrachteten. Je �lter Mendel wurde�� je strahlender seine meisterhafte Auffassungsgabe, je leuchtender die Ber�hmtheit seines fr�hreifen Scharfsinns��, desto schmerzlicher erschien diese Verschwendung. Es war nicht nur Mendels Ged�chtnis, sein wendiges Denken, sein Erfassen von Pr�zedenzf�llen, Geschichte, Gesetzen. Nein, schon als Kind schien Mendel Shpilman intuitiv das chaotische, menschliche Gew�sser zu begreifen, das das Rechtssystem betrieb und gleichzeitig ein ausgekl�geltes System von Schleusen und Ablaufkan�len n�tig machte. Angst, Zweifel, Lust, Unehrlichkeit, Eidesbruch, Mord und Liebe, Unsicherheit �ber die Absichten von Gott und den Menschen�� das alles erkannte der kleine Mendel nicht nur im aram�ischen Abstraktum, sondern auch wenn es im Studierzimmer seines Vaters auftauchte, gewandet in den dunklen Twill und die kr�ftige Muttersprache des Alltags. Falls je Konflikte im Kopf des Jungen entstanden, Zweifel an der Bedeutung des Rechtssystems, das er am Verbover Hof zu F��en einer Schar ausgewachsener Gannefs und Gauner lernte, so war nichts davon zu merken. Nicht als gl�ubiges Kind und nicht als der Tag kam, da er allem den R�cken kehrte. Mendel hatte einen Kopf, der widerspr�chliche Lehrmeinungen nebeneinanderstellen konnte, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten.</p><p>Nur weil die Shpilmans so stolz auf seine Vortrefflichkeit als j�discher Sohn und Gelehrter waren, tolerierten sie jene Seite von Mendels Charakter, die am liebsten spielte. Unabl�ssig dachte sich Mendel komplizierte Streiche und Juxe aus und f�hrte St�cke mit seinen Schwestern, Tanten und der Ente auf. Manche fanden, das gr��te Wunder vollbrachte Mendel, wenn er seinen eindrucksvollen Vater allj�hrlich �berzeugte, die Rolle der K�nigin Waschti im Purimspiel zu �bernehmen. Der Anblick dieses d�steren Herrschers, dieses Gebirges von W�rde, dieses furchterregenden Klotzes, wenn er auf hohen Abs�tzen herumtrippelte! Die blonde Per�cke! Lippenstift und Rouge, Flitter und Glitter! Es mag der grausigste Auftritt als Frau gewesen sein, den das Judentum je hervorbrachte. Die Leute liebten die Nummer. Und sie liebten Mendel, weil er sie Jahr f�r Jahr m�glich machte. Dabei war sie nur ein weiterer Beweis f�r die Liebe, die Heskel Shpilman f�r diesen Jungen hegte. Und mit derselben liebevollen Nachsicht wurde es Mendel gestattet, t�glich eine Stunde mit dem Schachspiel zu verschwenden, unter der Bedingung, dass er seinen Gegner unter den Gl�ubigen von Verbov w�hlte.</p><p>Mendel w�hlte den Grenz-Mejwen, den einsamen Au�enseiter in ihrer Mitte. Es war ein kleines Zeichen der Rebellion oder Halsstarrigkeit, die in sp�teren Jahren noch so mancher wiedertreffen sollte. Doch in der Sph�re von Verbov hatte �berhaupt nur Zimbalist die minimale Chance, den Jungen zu schlagen.</p><p>�Wie geht es ihr?�, sagte Mendel eines Morgens zu Zimbalist, als seine Freundin nun schon zwei Monate im Krankenhaus von Sitka vor sich hin starb und fast aus dem Leben schied.</p><p>Zimbalist bekam einen Schock bei der Frage, nat�rlich nicht zu vergleichen mit dem Schicksal des zweiten Gatten der Witwe, doch es reichte, um sein Herz ein oder zwei Schl�ge lang aussetzen zu lassen. Er k�nne sich an jede Partie erinnern, die er je mit Mendel Shpilman ausgetragen habe, sagt er, nur an diese eine nicht; nur ein einziger Zug sei ihm von diesem Spiel im Ged�chtnis geblieben. Zimbalists Frau war eine Shpilman, eine Cousine des Jungen.</p><p>Zimbalists Auskommen, seine Ehre, vielleicht sogar sein Leben hingen davon ab, dass das Geheimnis des Ehebruchs gewahrt blieb. Er war sich vollkommen sicher, dass das bisher der Fall gewesen war. �ber seine Dr�hte und F�den ersp�rte der Grenz-Mejwen jedes Fl�stern und jedes Ger�cht, so wie eine Spinne die im Netz zappelnde Fliege in ihren Beinen sp�rt. Es war unm�glich, dass Mendel Shpilman etwas zu Ohren gekommen war, ohne dass Zimbalist vorher davon geh�rt h�tte.</p><p>Er fragte: �Wie geht es wem?�</p><p>Der Junge schaute ihn an. Mendel war kein h�bsches Kind. Er hatte allzeit ger�tete Wangen, eng stehende Augen, ein zweites Kinn und sogar den Anflug eines dritten, ohne dass das erste klar zu erkennen gewesen w�re. Aber seine Augen waren, wenn auch zu klein und zu nah am Nasenr�cken, intensiv und voller Farben�� wie die Flecken auf einem Schmetterlingsfl�gel: blau, gr�n, golden. Mitleid, Spott, Vergebung. Urteilsfrei. Vorwurfsfrei.</p><p>�Schon gut�, sagte Mendel sanft. Dann setzte er den Damenl�ufer an seinen urspr�nglichen Platz auf dem Brett zur�ck.</p><p>Sosehr Zimbalist auch gr�belte, er konnte keinen Sinn in diesem Zug erkennen. In einem Moment kam es ihm vor, als k�nde der Zug von einer phantastischen Schule des Schachs oder spiele auf sie an. Im n�chsten Moment schien er nur das zu sein, was er aller Wahrscheinlichkeit nach war: eine Art Zur�cknahme, angeboten in der Hoffnung, dass sie, anders als die vorhergehende Frage, den Freund weder �bert�lpelte noch erschreckte.</p><p>Im Laufe der n�chsten Stunde bem�hte sich Zimbalist, den kleinen Zug zu verstehen und die Kraft aufzubringen, einem Zehnj�hrigen, dessen Universum von Lehrhaus, Schul und der T�r zu der K�che seiner Mutter begrenzt wurde, nicht das Leid und das d�stere Verz�cken seiner Liebe zu der sterbenden Witwe anzuvertrauen, dem Jungen nicht zu beichten, wie jedes Mal ein unbekannter Durst in ihm selbst gel�scht wurde, wenn er ihr das k�hle Wasser auf die bl�ttrigen Lippen tr�ufelte.</p><p>Sie spielten ohne weitere Unterhaltung bis zum Ende der Stunde. Doch als es f�r den Jungen Zeit wurde zu gehen, drehte er sich in der T�r des Gesch�fts auf der Ringelblum Avenue um und fasste Zimbalist am �rmel. Z�gernd, als str�ube oder sch�me er sich. Vielleicht hatte er auch Angst. Dann bekam er einen harten, verkniffenen Gesichtsausdruck, in dem Zimbalist die verinnerlichte Stimme des Rebbes erkannte, wenn der seinen Sohn an die Pflicht gemahnte, der Gemeinschaft zu dienen.</p><p>�Wenn Sie sie heute sehen�, sagte Mendel, �sagen Sie ihr, dass ich ihr meinen Segen schicke. Dass ich sie gr��en lasse.�</p><p>�Das mache ich�, sagte Zimbalist oder meinte, es gesagt zu haben.</p><p>�Richten Sie ihr von mir aus, dass alles gut werden wird.�</p><p>Dieses �ffchengesicht, dieser traurige Mund und dieser Blick, der sagte, dass er einen vielleicht nur auf den Arm nahm, sosehr er einen auch kannte und liebte.</p><p>�Oh, das mache ich�, sagte Zimbalist, dann brach er schluchzend zusammen. Der Junge holte ein sauberes Taschentuch hervor und reichte es Zimbalist. Geduldig hielt er dem Grenz-Mejwen die Hand. Mendels Finger waren weich, ein wenig klebrig. Auf die Innenseite seines Handgelenks hatte seine kleinere Schwester Reyzl mit roter Tinte ihren Namen geschrieben. Als Zimbalist die Fassung zur�ckgewann, lie� Mendel seine Hand los und stopfte sich das feuchte Taschentuch in die Hosentasche.</p><p>�Bis morgen�, sagte er.</p><p>Als Zimbalist in jener Nacht auf die Krankenstation schlich, trichterte er seiner bewusstlosen Geliebten den Segen des Jungen ins Ohr, kurz bevor er sein Handtuch auf dem Boden ausbreitete. Er tat es ohne Hoffnung und mit nur sehr wenig Glauben. In der Dunkelheit um f�nf Uhr morgens weckte Zimbalists Freundin ihn und sagte, er solle nach Hause gehen und mit seiner Frau fr�hst�cken. Es waren die ersten verst�ndlichen S�tze, die sie seit Wochen von sich gegeben hatte.</p><p>�Haben Sie ihr meinen Segen erteilt?�, fragte Mendel, als sie sich am n�chsten Morgen zum Schachspiel hinsetzten.</p><p>�Ja.�</p><p>�Wo ist sie?�</p><p>�Im Krankenhaus.�</p><p>�Mit anderen Menschen? Auf einer Station?�</p><p>Zimbalist nickte.</p><p>�Haben Sie meinen Segen auch den anderen Menschen gegeben?�</p><p>Das war Zimbalist nicht in den Sinn gekommen.</p><p>�Ich habe nicht mit ihnen gesprochen�, sagte er. �Ich kenne sie nicht.�</p><p>�Es war mehr als genug Segen f�r alle�, teilte Mendel ihm mit. �Sagen Sie es den Leuten. Geben Sie ihn heute Abend weiter.�</p><p>Doch als Zimbalist seine Freundin am Abend besuchen wollte, war sie auf eine andere Station verlegt worden, eine Station, wo niemand in Todesgefahr schwebte, und irgendwie verga� Zimbalist den Auftrag des Jungen. Zwei Wochen sp�ter schickten die �rzte die Frau unter verwirrtem Kopfsch�tteln zur�ck nach Hause. Wiederum zwei Wochen sp�ter zeigte das R�ntgenbild keine Spur von Krebs in ihrem K�rper.</p><p>Da hatten Zimbalist und die Frau ihre Aff�re bereits in gegenseitigem Einvernehmen beendet, und Zimbalist schlief wieder jede Nacht im ehelichen Bett. Die t�glichen Treffen mit Mendel hinten in seiner Werkstatt auf der Ringelblum Avenue wurden noch eine Weile fortgef�hrt, dann fand Zimbalist, er habe die Freude daran verloren. Das augenscheinliche Wunder der Krebsheilung ver�nderte seine Beziehung zu Mendel Shpilman f�r alle Zeit. Zimbalist konnte ein gewisses Schwindelgef�hl nicht absch�tteln, wann immer Mendel ihn mit seinen eng stehenden, von Mitleid und Gold befleckten Augen ansah. Der Glaube des Grenz-Mejwens an die Ungl�ubigkeit war durch die einfache Frage <emphasis>Wie gebt es ihr?</emphasis> ersch�ttert worden, durch ein Dutzend Worte des Segens, durch einen schlichten Schachzug, der ein Schachspiel erahnen lie�, das �ber das hinausging, was Zimbalist kannte.</p><p>Als Vergeltung f�r das Wunder arrangierte Zimbalist das geheime Treffen zwischen Mendel und Melekh Gaystik, dem K�nig des Caf� Einstein und zuk�nftigen Weltmeister. Drei Partien im Hinterzimmer des Gesch�fts auf der Ringelblum Avenue, und der Junge gewann zwei von dreien. Als diese List entdeckt wurde�� die andere nicht, es erfuhr niemals jemand von der Aff�re��, wurden Mendel Shpilman die Besuche bei Zimbalist verboten. Danach verbrachten die beiden nie wieder eine gemeinsame Stunde am Brett.</p><p>�Das kommt davon, wenn man seinen Segen erteilt�, sagt Zimbalist, der Grenz-Mejwen. �Aber Mendel Shpilman brauchte lange, um das zu begreifen.�</p></section><section><title><p><emphasis>15.</emphasis></p></title><p>�Du kennst den Gannef�, stellt Landsman Berko halb die Frage, als sie hinter dem Grenz-Mejwen durch den Sabbatschnee zur T�r des Rebbes stapfen. F�r die Expedition �ber den Platz hat sich Zimbalist in einem Sp�lbecken hinten in der Werkstatt Gesicht und Achselh�hlen gewaschen. Er machte einen Kamm nass und harkte seine sechzehn Haare zu einem Moire auf seinem Kopf. Dann zog er einen braunen Kordmantel, eine orangefarbene Daunenweste und schwarze Gummischuhe an, �ber alles g�rtete er einen B�renfellmantel, der wie ein sieben Meter langer Schal den Geruch von Mottenkugeln hinter sich herzieht. Von einem Elchgeweih neben der T�r nahm der Mejwen einen Fu�ball oder eine Ottomane aus dem Pelz eines Vielfra�es und setzte sich das Ding auf den Kopf. Nun watschelt er, nach Naphthalin stinkend, vor den beiden Polizeibeamten her. Er sieht aus wie ein kleiner B�r, der von grausamen Herren gezwungen wird, erniedrigende Kunstst�cke zu vollf�hren. Keine Stunde mehr bis zum Sonnenuntergang, und der fallende Schnee gleicht Splittern gebrochenen Tageslichts. Der Himmel �ber Sitka sieht aus wie schnell anlaufendes, tr�bes Silber.</p><p>�Ja, ich kenne ihn�, sagt Berko. �Als ich meine Stelle auf dem 5. Revier antrat, wurde ich direkt zu ihm beordert. Es gab eine Zeremonie in seinem B�ro, �ber dem Lehrhaus in der S. Ansky Street. Er hat mir etwas an die Dienstm�tze geheftet, ein kleines goldenes Blatt. Danach schickte er mir zu Purim immer einen h�bschen Obstkorb. Wurde mir nach Hause geliefert, obwohl ich nie meine Adresse herausgegeben hatte. Jedes Jahr Pfirsiche und Apfelsinen, bis wir raus nach Shvartser-Yam zogen.�</p><p>�Man sagt, er geh�rt eher zur kr�ftigen Fraktion.�</p><p>�Er ist s��. Herzallerliebst.�</p><p>�Was der Mejwen uns eben �ber Mendel erz�hlt hat. Die Wunder und Mirakel. Berko, glaubst du das?�</p><p>�Du wei�t doch, dass es bei mir nicht um Glauben geht, Meyer. Ging es noch nie.�</p><p>�Aber hast du�� ich bin nur neugierig��, hast du wirklich das Gef�hl, du wartest auf Messias?�</p><p>Berko zuckt mit den Schultern, eine uninteressante Frage. Er h�lt den Blick auf die Spur schwarzer Gummischuhe im Schnee gerichtet.</p><p>�Ist halt Messias�, sagt er. �Was soll man sonst tun au�er warten?�</p><p>�Und wenn er kommt, was ist dann? Friede auf Erden?�</p><p>�Friede, Wohlstand. Genug zu essen. Niemand ist mehr krank oder einsam. Niemand verkauft mehr was. Wei� nicht.�</p><p>�Und Pal�stina? Gehen alle Juden dahin zur�ck, wenn Messias kommt? Ins Gelobte Land? Biberfellm�tzen und so?�</p><p>�Ich habe geh�rt, dass Messias einen Deal mit den Bibern gemacht hat�, sagt Berko. �Gibt keinen Pelz mehr.�</p><p>Im gl�henden Schein einer gro�en eisernen Gaslampe, die mit einem Eisentr�ger an der Hausfassade des Rebbes angebracht ist, vertreibt sich ein loses Kn�uel von M�nnern den Rest der Woche�� Parasiten, Rebbe-H�rige, der eine oder andere regelrechte T�lpel. Und das �bliche improvisierte Durcheinander von M�chtegern-Schweizergardisten, die den zu beiden Seiten der Haust�r aufragenden Biks die Arbeit erschweren. Jeder sagt jedem, er solle nach Hause gehen und mit der Familie das Licht segnen, solle den Rebbe in Ruhe sein Sabbatessen genie�en lassen, schojn. Niemand bricht wirklich auf, niemand bleibt wirklich stehen. Die M�nner tauschen glaubw�rdige L�gen �ber die j�ngsten Wunder und Zeichen aus, �ber neue Tricks, wie man nach Kanada auswandert, und es gibt vierzig Versionen der Geschichte �ber den hammerschwingenden Indianer; er habe das Alenu-Gebet gesagt und dabei einen indianischen Patschtanz vollf�hrt.</p><p>Als die M�nner das Knirschen und Qu�ken von Zimbalists Gummischuhen h�ren, die sich ihnen �ber den Platz n�hern, stellen sie nacheinander ihre �u�erungen ein, wie eine schw�cher werdende Dampforgel. Seit f�nfzig Jahren lebt Zimbalist nun in ihrer Mitte, doch ist er durch ein undurchschaubares Gemenge aus Zwang und freier Wahl Au�enseiter geblieben. Er ist ein Zauberer, ein Voodoo-Mann, so wie er die F�den in den H�nden h�lt, die den Distrikt umgrenzen und seine Handfl�chen am Sabbat das Brackwasser ihrer Seelen umschlie�en. Wenn seine Leute oben auf den Masten hocken, k�nnen sie in jedes Fenster blicken, jedes Telefongespr�ch belauschen. Zumindest glauben die M�nner das.</p><p>�Platz da, bitte�, sagte der Mejwen und steuert auf die Haustreppe mit ihrem h�bsch geschn�rkelten schmiedeeisernen Gel�nder zu. �Freund Belsky, zur Seite.�</p><p>Die M�nner machen Platz, als w�rde Zimbalist mit etwas Brennendem in der Hand auf einen Wassereimer zust�rzen. Bevor sie die f�r Zimbalist geschaffene L�cke wieder schlie�en k�nnen, sehen sie Landsman und Berko n�her kommen. Sie dunsten ein so schweres Schweigen aus, dass Landsman sp�rt, wie es seitlich gegen seinen Kopf dr�ckt. Er h�rt, wie der Schnee zischt, er h�rt jede Schneeflocke knistern, die auf die Gaslampe f�llt. Die M�nner stellen b�se Blicke, unschuldige Blicke und so leere Blicke zur Schau, dass alle Luft aus Landsmans Lungen gesogen zu werden droht. Jemand sagt: �Ich sehe kein Kriegsbeil.�</p><p>Detective Landsman und Detective Shemets w�nschen den M�nnern die Freude des Sabbats. Dann wenden sie ihre Aufmerksamkeit den Biks an der T�r zu, zwei untersetzten, rothaarigen, glotz�ugigen Kerlen mit Stupsnase und einem dichten Wollbart vom rostigen Gold einer Rinderbrustso�e. Zwei rote Rudashevskys, Biks aus einer langen Ahnenreihe von Biks, gez�chtet auf Einfalt, Dummheit, Kraft und Leichtf��igkeit.</p><p>�Professor Zimbalist�, sagt der Rudashevsky links der T�r. �Einen sch�nen Sabbat Ihnen!�</p><p>�Ihnen auch, Freund Rudashevsky. Ich bedauere, dass wir Ihren Wachdienst an diesem friedvollen Nachmittag st�ren m�ssen.� Der Grenz-Mejwen dr�ckt die pelzige Ottomane fester auf seinen Kopf. Er setzt zu einer blumigen Er�ffnung an, aber als er sich anschickt, die Schubladen seines Gesichts zu leeren, fallen keine weiteren M�nzen heraus. Landsman greift in seine Jackentasche. Zimbalist steht einfach nur da, mit h�ngenden Armen, denkt vielleicht, es sei alles sein Fehler, es sei das Schachspiel, das den Jungen vom gottgewiesenen Pfad seines Ruhms abbrachte, und jetzt muss Zimbalist auch noch dort hinein und dem Vater das traurige Ende der Geschichte schildern. Landsman streift Zimbalists Schulter, die Finger um den glatten, kalten Hals der Flasche kanadischen Wodkas in seiner Tasche geschlossen. Er pocht mit der Flasche gegen Zimbalists knochige Klaue, bis der alte Knacker sie ergreift und streichelt.</p><p>�Nu, Yossele, ich bin Detective Shemets�, �bernimmt Berko die Einsatzleitung und blinzelt mit einer Hand �ber den Augen in das zerstreute Gaslicht. Die Horde von M�nnern hinter ihnen beginnt zu murmeln, sie sp�ren, dass sich hier mit Geschwindigkeit etwas Schlechtes, Unglaubliches entwickelt. Der Wind schl�gt die Schneeflocken an hundert Haken hin und her. �Was ist, Jid?�</p><p>�Detective�, sagt der Rudashevsky auf der rechten Seite, vielleicht Yosseles Bruder, vielleicht sein Cousin. Vielleicht beides. �Wir haben geh�rt, dass Sie in der Gegend sind.�</p><p>�Das ist Detective Landsman, mein Kollege. K�nnten Sie bitte Rabbi Shpilman ausrichten, dass wir ihn gerne einen Moment sprechen w�rden? Glauben Sie uns bitte, wir w�rden ihn nicht zu dieser Stunde st�ren, wenn es nicht sehr wichtig w�re.�</p><p>Schwarzh�te, selbst Verbover, stellen normalerweise nicht das Recht oder die Autorit�t von Polizeibeamten in Frage, die in Harkavy oder auf Verbov Island ihrer Arbeit nachgehen. Sie kooperieren nicht, aber sie behindern normalerweise auch niemanden. Andererseits braucht man schon einen wirklich guten Grund, um so kurz vor dem heiligsten Moment der Woche das Heim des m�chtigsten Rabbis im Exil zu betreten. Da muss man schon gekommen sein, um ihm beispielsweise zu sagen, dass sein einziger Sohn tot ist.</p><p>�Einen Moment mit dem Rebbe?�, sagt ein Rudashevsky.</p><p>�Und wenn Sie eine Million Dollar h�tten, Detective Shemets, bei allem Respekt, und verzeihen Sie, wenn ich das sage�, sagt der andere, breiter an Statur und von st�rker behaarter Haut als Yossele, und legt die Hand aufs Herz, �aber das kann nie genug sein.�</p><p>Landsman fragt Berko: �Hast du so viel Geld dabei?�</p><p>Berko st��t Landsman mit dem Ellenbogen in die Seite. Landsman ist in seinen ersten Dienstjahren nie bei den Schwarzh�ten Streife gegangen, musste sich nie �ber einen tr�ben Meeresgrund aus Schweigen und leeren Blicken tasten, die ein U-Boot zerst�ren k�nnen. Landsman wei� einfach nicht, wie man angemessen Respekt erweist.</p><p>�Komm, Yossele! Shmerl, mein Lieber�, schmeichelt Berko. �Ich muss nach Hause an den Tisch. Lasst uns rein!�</p><p>Yossele zupft an dem kalbsbratenfarbenen Polster unter seinem Kinn. Dann beginnt der andere mit ged�mpfter, gleichm��iger Stimme zu sprechen. Der Bik tr�gt, verborgen hinter einer kastanienbraunen gekringelten Schl�fenlocke, ein Headset mit Mikro und Knopf im Ohr.</p><p>�Ich soll mich h�flichst erkundigen�, sagt der Bik nach einer Weile, und die Macht des Befehls huscht �ber seine Z�ge, macht sie weich und seine Ausdrucksweise gleichzeitig steif, �in welcher Angelegenheit die ehrenwerten Herren so sp�t am Freitagnachmittag zum Haus des Rebbes m�chten.�</p><p>�Idioten!�, sagt Zimbalist�� er hat einen Schluck Wodka intus�� und jagt die Treppe hinauf wie ein n�rrischer B�r auf einem Einrad. Er greift nach den Aufschl�gen von Yossele Rudashevskys Mantel und tanzt mit ihnen, links und rechts, Zorn und Trauer. �Sie sind wegen Mendele hier!�</p><p>Die M�nner vor Shpilmans Haus haben den Auftritt murmelnd kommentiert und kritisiert, doch nun sind alle still. Das Leben pfeift aus den Lungen der Umstehenden, rasselt im Rotz ihrer Nasen. Die Hitze der Laterne l�sst den Schnee verdampfen. Mit hellem Klirren scheint die Luft zu zersplittern wie eine Welt aus winzigen Fenstern. Und Landsman sp�rt etwas, das in ihm den Wunsch aufkommen l�sst, sich die Hand in den Nacken zu legen. Er ist ein H�ndler f�r Entropie und ein Ungl�ubiger aus Neigung und von Berufs wegen. F�r ihn ist der Himmel Kitsch, Gott ein Wort und die Seele h�chstens eine Aufladestation f�r die eigenen Batterien. Doch in der dreisek�ndigen Stille, die auf den von Zimbalist laut ausgerufenen Namen vom verlorenen Sohn des Rebbes folgt, hat Landsman das Gef�hl, etwas flattere zwischen ihnen herunter. Senke sich �ber die M�nnerschar, streife sie mit einem Fl�gel. Vielleicht ist es nur die von einem zum anderen springende Erkenntnis, warum diese beiden Beamten der Mordkommission zu dieser Uhrzeit aufgetaucht sein m�ssen. Oder es ist die alte Zauberkraft eines Namens, auf dem einst die k�hnsten Hoffnungen ruhten. Oder vielleicht braucht Landsman einfach nur eine ordentliche M�tze Schlaf in einem Hotel ohne tote Juden.</p><p>Yossele dreht sich zu Shmerl um, die teigige Stirn in Falten gelegt, und h�lt Zimbalist mit der hirnlosen Z�rtlichkeit eines brutalen Mannes fest. Shmerl spricht noch ein paar Silben mehr ins Herz des Hauses vom Verbover Rebbe. Er schaut nach Osten, schaut nach Westen. Er stimmt sich mit dem Mandolinenspieler oben auf dem Dach ab; auf dem Dach ist immer ein Mann mit einer halb automatischen Mandoline. Dann schiebt er langsam die schwere Holzt�r auf. Yossele setzt den alten Zimbalist mit einem Klimpern der Schuhschnallen ab und t�tschelt ihm die Wange.</p><p>�Bitte sehr, Detectives�, sagt er.</p><p>Sie treten in einen get�felten Flur, am hinteren Ende eine T�r, links eine in den ersten Stock f�hrende Holztreppe. Die Treppe und die Stufen, die Vert�felung, selbst die Bodendielen sind aus den gro�en Brettern einer einzigen Kiefernart geschnitten, Butterfarben und astig. Entlang der Wand gegen�ber der Treppe zieht sich eine niedrige Bank, ebenfalls aus Astkiefer, auf der ein langes violettes Samtkissen liegt, stellenweise gl�nzend abgewetzt, sechsmal rund eingedellt von Verbover Hinterbacken.</p><p>�Die gesch�tzten Herren warten bitte hier�, sagt Shmerl.</p><p>Er kehrt mit Yossele zur�ck auf seinen Posten und �berl�sst Landsman und Berko dem steten, aber gleichg�ltigen Blick eines dritten klotzigen Rudashevskys, der sich am Treppenabsatz gegen das Gel�nder lehnt.</p><p>�Setzen Sie sich, Professor�, sagt der Innen-Rudashevsky.</p><p>�Danke�, erwidert der. �Aber ich m�chte mich nicht setzen.�</p><p>�Ist alles in Ordnung, Professor?�, fragt Berko und legt die Hand auf den Arm des Mejwens.</p><p>�Eine Squashwand�, sagt Zimbalist wie als Antwort auf die Frage. �Wer spielt denn heute noch Squash?�</p><p>Da f�llt Berko Zimbalists Manteltasche ins Auge. Landsman interessiert sich ganz pl�tzlich f�r ein kleines Holzregal an der Wand neben der T�r, gut bef�llt mit bunten Hochglanzbrosch�ren. Eine tr�gt den Titel <emphasis>Wer ist der Verbover Rebbe?</emphasis> und teilt ihm mit, dass sie sich im offiziellen oder zeremoniellen Eingangsbereich des Hauses befinden und die Familie weiter hinten lebt und kommt und geht, genau wie im Hause des Pr�sidenten von Amerika. Die zweite Brosch�re zum Mitnehmen hei�t <emphasis>F�nf gro�e Wahrheiten und f�nf gro�e L�gen �ber den Verbover Chassidismus.</emphasis></p><p>�Ich hab den Film gesehen�, sagt Berko, �ber Landsmans Schulter sp�hend.</p><p>Die Stufen quietschen. Als w�rde er den n�chsten Gang des Abendessens ank�ndigen, murmelt der Rudashevsky:</p><p>�Rabbi Baronshteyn.�</p><p>Landsman kennt Baronshteyn nur vom Namen. Ebenfalls ein Wunderkind, aber zus�tzlich zu seiner Smicha mit einem Abschluss in Jura. Er hat eine der acht T�chter des Rebbes geehelicht. Er wird niemals fotografiert und verl�sst Verbov Island nie, es sei denn, man glaubt den Geschichten, dass er um Mitternacht in wanzenverseuchte Motels in S�d-Sitka schleicht, um pers�nliche Vergeltung f�r einen Lotteriebetrug oder einen Schlosser zu fordern, der einen Auftragsmord verpatzt hat.</p><p>�Detective Shemets, Detective Landsman. Ich bin Aryeh Baronshteyn, der Gabbai des Rebbes.�</p><p>Landsman ist �berrascht, wie jung er ist, nach dem �u�eren zu urteilen, um die drei�ig. Eine hohe, schmale Stirn und harte schwarze Augen wie zwei Steine auf einem Grab. Seine m�dchenhaften Lippen tarnt er hinter der m�nnlichen Zierde eines K�nig-Salomon-Bartes, gleichm��ig grau meliert gaukelt er Reife vor. Seine Schl�fenlocken h�ngen ordentlich und schlaff herunter. Er gibt sich selbstverleugnend, doch seine Kleidung verr�t die alte Verbover Liebe zum Protzen. Seine Waden in den seidigen Sockenhaltern und den wei�en Str�mpfen sind drall und muskul�s. Die langen F��e sind in geb�rstete schwarze Slipper aus Baumwollsamt geh�llt. Der Gehrock sieht aus wie frisch ma�gefertigt von der Nadel von Moses and Sons auf der Asch Street. Nur das schlichte Strickk�ppchen wirkt bescheiden. Darunter schimmert Baronshteyns raspelkurzes Haar, das dem Draht einer Schleifmaschine gleicht. Sein Gesicht zeigt keine Spur von Argwohn, aber Landsman kann sehen, an welchen Stellen sie sorgf�ltig ausradiert wurde.</p><p>�Reb Baronshteyn�, murmelt Berko und nimmt seinen Hut ab. Landsman tut es ihm nach.</p><p>Baronshteyn beh�lt die H�nde in den Taschen seiner Jacke, einem Satingehrock mit Veloursaufschl�gen und Pattentaschen. Er bem�ht sich, locker zu wirken, aber manche M�nner wissen einfach nicht, wie sie mit den H�nden in den Taschen herumstehen und dabei nat�rlich aussehen sollen.</p><p>�Was wollen Sie hier?�, fragt er. Demonstrativ schaut er auf die Uhr, st��t sie gerade lange genug unter der Manschette seines kurzfaserigen Baumwollhemds hervor, dass sie den Namen �Patek Phillipe� auf dem Ziffernblatt lesen k�nnen. �Es ist schon sehr sp�t.�</p><p>�Wir sind hier, um mit Rebbe Shpilman zu sprechen, Rabbi�, sagt Landsman. �Wenn Ihre Zeit so wertvoll ist, dann wollen wir sie sicherlich nicht damit verschwenden, mit Ihnen zu reden.�</p><p>�Es ist nicht meine Zeit, von der ich bef�rchte, dass Sie verschwendet wird, Detective Landsman. Und ich kann Ihnen auch sofort sagen, dass Sie nicht lange in diesem Haus bleiben werden, wenn Sie hier die respektlose Haltung und das sch�ndliche Benehmen an den Tag legen m�chten, f�r das Sie ber�chtigt sind. Haben wir uns verstanden?�</p><p>�Ich glaube, Sie verwechseln mich mit dem anderen Detective Meyer Landsman�, sagt Landsman. �Ich bin derjenige, der nur seine Arbeit macht.�</p><p>�Dann sind Sie im Zuge einer Mordermittlung hier? Darf ich fragen, inwiefern das den Rebbe betrifft?�</p><p>�Wir m�ssen wirklich mit dem Rebbe pers�nlich sprechen�, sagt Berko. �Wenn er w�nscht, dass Sie dabei sind, d�rfen Sie gerne bleiben. Aber bei allem Respekt, Rabbi, wir sind nicht hier, um Ihre Fragen zu beantworten. Und wir sind nicht hier, um irgendjemandes Zeit zu verschwenden.�</p><p>�Ich bin nicht nur sein Berater, Detective, ich bin auch der Anwalt des Rebbes. Das wissen Sie.�</p><p>�Das ist uns bekannt, Sir.�</p><p>�Mein B�ro ist auf der anderen Seite des Platzes�, sagt Baronshteyn, geht zur Haust�r und h�lt sie auf wie ein gn�diger Portier. Durch den Spalt sieht man Schnee fallen, er gl�ht im Gaslicht wie ein nicht enden wollender M�nzregen im Jackpot. �Ich bin �berzeugt, dass ich all Ihre Fragen beantworten kann.�</p><p>�Baronshteyn, du Schn�sel! Aus dem Weg!�</p><p>In seinem weiten, r�udigen Mantel springt Zimbalist mit seinem Dunst von Mottenkugeln und Trauer auf die F��e, und der Hut rutscht ihm �bers Ohr.</p><p>�Professor Zimbalist.� Baronshteyns Ton ist warnend, aber sein Blick wird scharf, als er die ruinierte Gestalt des Grenz-Mejwens registriert. Es k�nnte sein, dass er Zimbalist noch nie zuvor in Zusammenhang mit einer Gef�hlsregung gesehen hat. Das Schauspiel weckt erkennbar sein Interesse. �Ich bitte Sie!�</p><p>�Sie haben versucht, seinen Platz einzunehmen. Gut, jetzt haben Sie ihn. Was ist das f�r ein Gef�hl?� Zimbalist wankt einen Schritt auf den Gabbai zu. Es m�ssen alle m�glichen Kordeln und Stolperdr�hte kreuz und quer durch den Raum gespannt sein. Aber diesmal scheint der Grenz-Mejwen seine Landkarte verlegt zu haben. �Er ist auch jetzt noch lebendiger als Sie es je sein werden, Sie Stint, Sie Wachsfigur!�</p><p>Zimbalist st�rzt an Berko und Landsman vorbei und greift nach dem Gel�nder oder nach der Kehle des Gabbais. Baronshteyn zuckt mit keiner Wimper. Berko packt nach dem G�rtel in der Taille des B�renfellmantels und zieht Zimbalist zur�ck.</p><p>�Wer?�, sagt Baronshteyn. �Von wem reden Sie?� Er schaut Landsman an. �Detective, ist etwas mit Mendel Shpilman passiert?�</p><p>Sp�ter wird Landsman Baronshteyns Auftritt mit Berko besprechen, aber sein erster Eindruck ist, dass diese M�glichkeit Baronshteyn zu �berraschen scheint.</p><p>�Professor�, sagt Berko. �Wir wissen Ihre Hilfe zu sch�tzen. Vielen Dank.� Er zieht den Rei�verschluss von Zimbalists Strickjacke hoch und kn�pft ihm die Jacke zu. Er klappt eine Seite des B�renfellmantels �ber die andere und verknotet den G�rtel fest in der Taille. �Gehen Sie jetzt bitte nach Hause. Yossele, Shmerl, einer von euch bringt den Professor bitte nach Hause, bevor sich seine Frau Sorgen macht und die Polizei ruft.�</p><p>Yossele greift Zimbalist unter den Arm, und sie gehen die Treppe hinunter. Berko schlie�t die T�r gegen die K�lte.</p><p>�Bringen Sie uns zum Rebbe, Herr Anwalt�, sagt er. �Unverz�glich.�</p></section><section><title><p><emphasis>16.</emphasis></p></title><p>Rabbi Heskel Shpilman ist ein deformierter Berg, ein riesiges, auseinandergelaufenes Dessert, ein Comichaus mit geschlossenen Fenstern, in dem der Wasserhahn aufgedreht wurde. Ein kleines Kind hat ihn zusammengeklebt, nein, eine ganze Kinderbande, blinde Waisenkinder, die noch nie einen Menschen gesehen haben. Sie haben den Teig f�r seine Arme und Beine an den Teigklumpen des Rumpfes gepappt und dann den Kopf obendrauf gedr�ckt. Ein Million�r k�nnte seinen Rolls-Royce mit dem edlen schwarzen Samt- und Seidenstoff von des Rebbes Gehrock und Hose auskleiden. Es w�rde den Hirnschmalz der achtzehn gr��ten Weisen der Geschichte fordern, um die Argumente f�r und wider die Einordnung seines gewaltigen Hinterns als Wesen aus der Tiefe, als menschengeschaffenes Gebilde oder als einen unvermeidlichen Akt Gottes zu disputieren. Ob er aufsteht oder sich hinsetzt, es macht keinen Unterschied f�r das, was man vor sich hat.</p><p>�Ich schlage vor, dass wir auf H�flichkeiten verzichten�, sagt der Rebbe.</p><p>Seine Stimme ist hoch, drollig, die Stimme des wohlproportionierten Gelehrten, der er einmal gewesen sein muss. Landsman hat geh�rt, er leide an einer Dr�senst�rung. Er hat geh�rt, dass der Verbover Rebbe sich trotz seiner K�rpermasse wie ein M�rtyrer ern�hrt�� Br�he, R�ben und eine t�gliche Brotkruste. Doch Landsman stellt sich lieber vor, dass die Gase von Gewalt und Korruption diesen Mann so aufgebl�ht haben. Dass sein Bauch voller Knochen und Schuhe und Menschenherzen ist, halb verdaut in der S�ure seiner Gesetze. �Nehmen Sie Platz und sagen Sie das, was zu sagen Sie gekommen sind.�</p><p>�Das k�nnen wir tun, Rebbe�, sagt Berko.</p><p>Jeder von ihnen nimmt einen Stuhl vor dem Schreibtisch des Rebbes in Beschlag. Das B�ro ist k. u. k. Monarchie in Reinkultur. An den W�nden stehen Kolosse aus Mahagoni, Ebenholz und Vogelaugenahorn, reich verziert wie Kathedralen. In der Ecke neben der T�r erhebt sich die ber�hmte Verbover Uhr, eine �berlebende der alten ukrainischen Heimat. Erbeutet beim Fall Russlands und nach Deutschland zur�cktransportiert, �berstand sie 1946 den Abwurf der Atombombe auf Berlin und alle Irrungen der darauf folgenden Zeit. Sie l�uft gegen den Uhrzeigersinn und ist verkehrt herum mit den ersten zw�lf Buchstaben des hebr�ischen Alphabets beschriftet. Ihre Rettung stellte einen Wendepunkt im Schicksal des Verbover Hofs dar und markierte den Beginn von Heskel Shpilmans Aufstieg. Baronshteyn nimmt eine Position rechts hinter dem Rebbe ein, an einem Pult, wo er mit einem Auge die Stra�e im Blick beh�lt, mit dem anderen jedwedes Buch, das nach Pr�zedenzf�llen und Rechtfertigungen durchsucht werden muss, und mit dem dritten, einem lidlosen inneren Auge, den Mann, der den Mittelpunkt seiner Existenz darstellt.</p><p>Landsman r�uspert sich. Er ist der Rangh�here, dies ist seine Aufgabe. Verstohlen blickt er erneut zur Verbover Standuhr hin�ber. Es bleiben noch sieben Minuten in diesem j�mmerlichen Abklatsch einer Woche.</p><p>�Bevor Sie anfangen, meine Herren�, sagt Aryeh Baronshteyn. �Ich m�chte nur f�rs Protokoll festhalten, dass ich in meiner Funktion als Anwalt von Rabbi Shpilman anwesend bin. Rebbe, wenn Sie irgendwelche Zweifel hegen, ob Sie eine bestimmte Frage der Detectives beantworten sollen, sehen Sie bitte von einer Antwort ab und erlauben Sie mir, die beiden zu bitten, die Frage zu kl�ren oder umzuformulieren.�</p><p>�Das hier ist kein Verh�r, Rabbi Baronshteyn�, sagt Berko.</p><p>�Du bist hier willkommen, mehr als willkommen, Aryeh�, sagt der Rebbe. �Und ich bestehe auf deiner Anwesenheit. Aber als mein Gabbai und mein Schwiegersohn. Nicht als mein Anwalt. F�r das hier brauche ich keinen Anwalt.�</p><p>�Wenn Sie gestatten, lieber Rebbe. Diese M�nner sind von der Mordkommission. Sie sind der Verbover Rebbe. Wenn Sie keinen Anwalt brauchen, dann braucht ihn niemand. Und glauben Sie mir, jeder braucht einen Anwalt.� Baronshteyn zieht einen Block gelber Bl�tter aus dem Innern des Pults, in dem er zweifelsohne seine Phiolen mit Curare und Halsketten mit abgetrennten Menschenohren aufbewahrt. Er schraubt die Kappe eines F�llers ab. �Ich mache mir zumindest Notizen. Auf��� trockener Scherz -�einem Schreibblock vom Gericht.�</p><p>Der Verbover Rebbe betrachtet Landsman aus dem tiefen Innern seiner fleischigen Redoute. Er hat helle Augen, ein unbestimmter Farbton zwischen Gr�n und Gold. Ganz anders als die dunklen Kiesel, die die Trauernden auf Baronshteyns Grabsteinfratze abgelegt haben. V�terliche Augen, die leiden und vergeben und sp�tteln. Sie wissen, was Landsman verloren, was er verspielt hat, was ihm durch Zweifel, Ungl�ubigkeit und die erstrebte H�rte durch die Finger geglitten ist. Sie verstehen den w�tenden Taumel, der die Flugbahn von Landsmans guten Absichten verf�lscht. Sie begreifen Landsmans Liebesbeziehung zur Gewalt, seine wilde Bereitschaft, den eigenen K�rper nach drau�en auf die Stra�e zu stellen, um zu brechen und gebrochen zu werden. Bis zu dieser Minute verstand Landsman nicht, womit er und jeder Nos im Distrikt, die russischen Schtarker und Westentaschen-Mafiosi, das FBI, die Steuerbeh�rde und das Justizministerium zu tun hatten. Nie verstand er, warum die anderen Sekten die Gegenwart dieser frommen Verbrecher in ihrer Mitte tolerieren und sich ihnen sogar beugen konnten. Mit diesen Augen kann man Menschen lenken. Man kann sie an den Rand jedes beliebigen Abgrunds f�hren.</p><p>�Sagen Sie mir, warum Sie hier sind, Detective Landsman�, sagt der Rebbe.</p><p>Durch die T�r des Vorzimmers dringt das ged�mpfte Klingeln eines Telefons. Auf dem Schreibtisch des Rebbes steht kein Apparat, es ist auch keiner in Sicht. Mit einer halben Augenbraue und einem unbedeutenden Augenmuskel bringt der Rebbe die Gro�tat zustande, Baronshteyn ein Signal zu geben, der daraufhin den Stift niederlegt. W�hrend er den schwarzen Sendbrief seines K�rpers durch den Schlitz der B�rot�r schiebt, wird das Schrillen kurz lauter und schwillt dann wieder ab. Wenig sp�ter h�rt Landsman Baronshteyn am Telefon sprechen. Seine Worte sind undeutlich, der Tonfall knapp, vielleicht sogar schroff.</p><p>Der Rebbe ertappt Landsman bei seinem Lauschversuch und zwingt seine Augenbrauen zu noch m�hsameren Bewegungen.</p><p>�Also�, sagt Landsman. �Es geht um Folgendes: Zuf�lligerweise, Rabbi Shpilman, wohne ich im Zamenhof. Das ist ein Hotel, kein besonders gutes, unten auf der Max Nordau Street. Gestern Abend klopfte der Nachtportier bei mir an und fragte, ob ich wohl einmal mit nach unten kommen k�nne, um mir einen anderen Hotelgast anzusehen. Er machte sich Sorgen um diesen Gast. Er hatte Angst, der Jude k�nne sich eine �berdosis gespritzt haben. Deshalb verschaffte er sich Zugang zu dessen Zimmer. Tats�chlich stellte sich heraus, dass der Mann tot war. Er war unter falschem Namen angemeldet. Er hatte keinen Ausweis bei sich. Aber im Zimmer fanden sich ein paar Hinweise auf dies und das. Und heute verfolgten mein Kollege und ich einen dieser Hinweise, und er f�hrte uns hierher. Zu Ihnen. Wir glauben n�mlich, nein, wir sind uns so gut wie sicher, dass der Tote Ihr Sohn ist.�</p><p>Gerade als Landsman die Nachricht verk�ndet, kommt Baronshteyn zur�ck ins Zimmer geschlichen. Vom Objektiv seines Gesichts wurden wie mit einem weichen Tuch alle gef�hlsbelasteten Abdr�cke und Schmierflecken gewischt.</p><p>�So gut wie sicher�, sagt der Rebbe ein wenig stumpf, und nichts bewegt sich in seinem Gesicht au�er dem Licht in seinen Augen. �Ich verstehe. So gut wie sicher. Hinweise auf dies und das.�</p><p>�Wir haben ein Foto�, sagt Landsman. Abermals holt er wie ein zorniger Zauberer Shpringers Polaroid des toten Juden aus 208 hervor. Er will es dem Rebbe hin�berreichen, doch dann l�sst R�cksicht, ein unerwartetes Zittern von Mitleid, seine Hand innehalten.</p><p>�Vielleicht w�re es am besten�, sagt Baronshteyn, �wenn ich ��</p><p>�Nein�, sagt der Rebbe.</p><p>Er nimmt das Foto von Landsman entgegen und h�lt es sich mit beiden H�nden sehr nah vors Gesicht, bis kurz vor den rechten Augapfel. Er ist lediglich kurzsichtig, aber etwas an dieser Geste ist vampirisch, so als versuche er, mit dem Fischmund seines Auges den Lebenssaft aus dem Foto zu saugen. Er ermisst es von oben bis unten und von einer Seite zur anderen. Sein Gesichtsausdruck bleibt unver�ndert. Dann l�sst er das Bild in den Wirrwarr auf seinem Schreibtisch sinken und schnalzt mit der Zunge, einmal. Baronshteyn tritt vor, um ebenfalls einen Blick auf die Aufnahme zu werfen, aber der Rebbe winkt ihn mit den Worten fort: �Er ist es.�</p><p>Landsman beobachtet Baronshteyn, seine Instrumente sind auf h�chste Empfindlichkeit gestellt, gr��te Blende, darauf ausgerichtet, auch noch die schw�chste Strahlung von Bedauern oder Genugtuung zu erhaschen, die den einzigartigen Regungen auf dem Grunde von Baronshteyns Augen entfliehen mag. Und da ist es: Sie werden von einem kurzen Leuchtspurbogen von Partikeln erhellt. Doch was Landsman in dem Moment wahrnimmt, ist, zu seiner �berraschung, nur Entt�uschung. Kurz gleicht Aryeh Baronshteyn einem Mann, der sein Blatt nutzloser Karos betrachtet, weil er gerade ein Pikass gezogen hat. Er atmet kurz aus, ein halber Seufzer, und geht langsam zur�ck an sein Pult.</p><p>�Erschossen�, sagt der Rebbe.</p><p>�Ein Schuss�, sagt Landsman.</p><p>�Von wem, bitte?�</p><p>�Nu, das wissen wir nicht.�</p><p>�Zeugen?�</p><p>�Bisher nicht.�</p><p>�Motiv?�</p><p>Landsman verneint und wendet sich um Best�tigung an Berko, auch der sch�ttelt tr�be den Kopf.</p><p>�Erschossen.� Der Rebbe sch�ttelt ebenfalls den Kopf, als staune er: <emphasis>Was soll man dazu sagen*</emphasis> Dann sagt er ohne erkennbare �nderung seiner Stimme oder seines Verhaltens: �Geht es Ihnen gut, Detective Shemets?�</p><p>�Ich kann nicht klagen, Rabbi Shpilman.�</p><p>�Frau und Kinder? Gesund und munter?�</p><p>�K�nnte schlimmer sein.�</p><p>�Zwei S�hne, meine ich, einer noch ein S�ugling.�</p><p>�Stimmt, wie immer.�</p><p>Die massigen Wangen beben billigend oder befriedigt. Der Rebbe murmelt einen traditionellen Segen f�r Berkos kleine Jungen. Dann treibt sein Blick in Landsmans Richtung, und als er ihn anschaut, durchf�hrt Landsman eine stechende Panik. Der Rebbe wei� alles. Er wei� von dem Mosaikchromosom und dem Jungen, den Landsman opferte, um seine m�hsam erworbenen Illusionen �ber den Hang des Lebens, alles falsch zu machen, aufrechtzuerhalten. Und jetzt wird der Rebbe auch einen Segen f�r Django sprechen. Aber der Rebbe sagt nichts, und die R�dchen in der Verbover Uhr drehen sich weiter. Berko wirft einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr; Zeit zu gehen, nach Hause zu Kerzen und Wein. Zu seinen gesegneten Jungs, die schlimmer sein k�nnten. Zu Ester-Malke mit dem Brotzopf eines dritten Kindes im Leib. Berko und Landsman haben keinen Dispens, nach Sonnenuntergang hierbleiben zu d�rfen, in einem Fall zu ermitteln, den es offiziell gar nicht mehr gibt. Kein Leben steht auf dem Spiel. Es gibt nichts zu tun, niemanden zu retten, weder die Jids im Zimmer noch den Jid, das arme Ding, der sie hergef�hrt hat.</p><p>�Rabbi Shpilman?�</p><p>�Ja, Detective Landsman?�</p><p>�Geht es Ihnen gut?�</p><p>�Sehe ich denn so aus, als ginge es mir gut, Detective Landsman?�</p><p>�Ich hatte erst jetzt die Ehre, Sie kennenzulernen�, sagt Landsman vorsichtig, mehr aus R�cksicht auf Berkos Feingef�hl denn auf das des Rabbis oder seines Amtes. �Aber um ehrlich zu sein, sehen Sie ganz in Ordnung aus.�</p><p>�Auf verd�chtige Art und Weise? Belastet mich das irgendwie?�</p><p>�Bitte, Rebbe, keine Scherze�, sagt Baronshteyn.</p><p>�Was das angeht�, sagt Landsman zum Rebbe, sein Sprachrohr ignorierend, �wage ich keine Einsch�tzung.�</p><p>�Mein Sohn ist f�r mich seit vielen Jahren tot, Detective. Seit vielen Jahren. Ich habe vor langer Zeit meine Kleidung zerrissen und das Kaddisch gesagt und eine Kerze f�r ihn entz�ndet.� Die Worte handeln von Zorn und Bitterkeit, aber die Tonlage des Rebbes ist atemberaubend frei von Emotionen. �Was Sie im Hotel Zamenhof gefunden haben�� war es das Zamenhof? Was Sie da gefunden haben, wenn er es denn war, ist nur eine H�lle. Der Kern wurde schon vor langer Zeit herausgeschnitten und verdorben.�</p><p>�Eine H�lle�, sagt Landsman. �Verstehe.�</p><p>Er wei�, wie schwer es sein kann, einen Heroinabh�ngigen gezeugt zu haben. Diese K�hle hat er schon �fter erlebt. Aber irgendetwas an diesen Jids, die ihre Aufschl�ge zerrei�en und f�r lebende Kinder Schiwa sitzen, wurmt ihn. Es kommt ihm vor, als verh�hnten sie die Lebenden und die Toten.</p><p>�Nun gut. Soweit ich geh�rt habe�, f�hrt er fort, �und ich behaupte bestimmt nicht, das zu verstehen, aber Ihr Sohn soll�� als kleiner Junge��, da hat es gewisse, nun, Anzeichen gegeben oder � dass er vielleicht � ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Der Tzaddik ha-Dor, hei�t das so? Dass er sich unter entsprechenden Bedingungen, wenn die Juden seiner Generation es wert sind, dass er sich dann zu erkennen gibt. Als, �hm, als Messias.�</p><p>�Das ist l�cherlich, nu, Detective Landsman�, sagt der Rebbe. �Bei der Vorstellung m�ssen Sie selbst l�cheln.�</p><p>��berhaupt nicht�, sagt Landsman. �Aber wenn Ihr Sohn Messias war, dann sind wir wohl alle in Schwierigkeiten. Weil er n�mlich in einer Schublade unten im K�hlkeller des Krankenhauses liegt.�</p><p>�Meyer!�, sagt Berko.</p><p>�Bei allem Respekt�, f�gt Landsman hinzu.</p><p>Zuerst antwortet der Rebbe nicht, und als er schlie�lich spricht, tut er das mit merklicher Sorgfalt.</p><p>�Uns wird vom Baal Sehern Tow, gesegnet sei sein Gedenken, gelehrt, dass ein Mann mit dem Potenzial von Messias in jede Generation geboren wird�, sagt er. �Das ist der Tzaddik ha-Dor. Nun, Mendel. Mendele, Mendele.�</p><p>Er schlie�t die Augen. Vielleicht erinnert er sich. Vielleicht k�mpft er gegen die Tr�nen. Er schl�gt die Augen wieder auf. Sie sind trocken, und er erinnert sich.</p><p>�Als Kind hatte Mendel einen bemerkenswerten Charakter. Ich spreche nicht von Wundern. Wunder sind eine Last f�r einen Tzaddik, kein Beweis. Wunder beweisen nichts, nur solchen Menschen, die sich ihren Glauben billig erkaufen, Sir. Es war etwas in Mendele. Da war ein Feuer. Wir leben an einem kalten, d�steren Ort, meine Herren. An einem grauen, feuchten Ort. Doch von Mendele gingen Licht und W�rme aus. Man wollte in seiner N�he sein. Um sich die H�nde zu w�rmen, das Eis am Bart schmelzen zu lassen. Um die Dunkelheit f�r ein, zwei Minuten zu vertreiben. Doch hinterher <emphasis>blieb</emphasis> man warm, und es schien einem, als sei ein wenig mehr Licht in der Welt, vielleicht das Licht einer Kerze. Und dann merkte man, dass das Feuer die ganze Zeit in einem selbst gewesen war. Und das war das Wunder. Nur das.� Er streicht sich �ber den Bart, zupft daran, als versuche er an etwas zu denken, das er vergessen haben mag. �Sonst nichts.�</p><p>�Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?�, fragt Berko.�</p><p>�Vor dreiundzwanzig Jahren�, sagt der Rebbe, ohne zu z�gern. �Am 20. Ellul. Seitdem hat keiner in diesem Haus mehr mit ihm gesprochen oder ihn gesehen.�</p><p>�Nicht einmal seine Mutter?�</p><p>Die Frage �berrascht alle, selbst Landsman, der sie gestellt hat.</p><p>�Nehmen Sie an, Detective Landsman, dass meine Frau jemals versuchen w�rde, meine Autorit�t in dieser oder einer anderen Sache zu untergraben?�</p><p>�Ich nehme alles an, Rabbi Shpilman�, sagt Landsman. �Ich will damit gar nichts sagen.�</p><p>�Sind Sie mit irgendwelchen Vorstellungen hergekommen�, sagt Baronshteyn, �wer Mendel umgebracht haben k�nnte?�</p><p>�Genau genommen���, beginnt Landsman.</p><p>�Genau genommen�, unterbricht ihn der Verbover Rebbe. Er rupft ein Blatt Papier aus dem Chaos auf seinem Schreibtisch, Traktate, Bekanntmachungen und Bannspr�che, Geheimdokumente, Additionsmaschinenstreifen, �berwachungsprotokolle der Gewohnheiten von Zielpersonen. Mit einem kurzen Posaunensto� bringt er das Blatt in einen Abstand, den er fokussieren kann. Das Fleisch seines rechten Arms schlackert im Weinschlauch seines �rmels. �Genau genommen d�rfen diese beiden Beamten der Mordkommission in dieser Sache �berhaupt nicht ermitteln. Oder irre ich mich?�</p><p>Er legt das Blatt fort, und Landsman muss sich wundern, dass er in den Augen des Rebbes je etwas anderes sehen konnte als zehntausend Meilen gefrorenen Meeres. Landsman ist schockiert, wurde �ber Bord ins kalte Wasser geworfen. Um nicht unterzugehen, klammert er sich an den Ballast seines Zynismus. Kam der Befehl, den Lasker-Fall mit einem schwarzen Aktenreiter zu versehen, vielleicht direkt von Verbov Island? Hat Shpilman die ganze Zeit gewusst, dass sein Sohn tot ist, ermordet im Zimmer 208 des Hotel Zamenhof? Hat er den Mord selbst in Auftrag gegeben? Werden die T�tigkeiten und Anweisungen der Mordkommission von Sitka Central ihm routinem��ig zur Pr�fung vorgelegt? Das alles w�ren interessante Fragen, wenn Landsman sich denn das Herz fassen und sie auch stellen k�nnte.</p><p>�Was hat er getan?�, sagt er schlie�lich. �Warum war er f�r Sie schon lange tot? Was wusste er? Und wo wir schon dabei sind: Was wissen Sie, Rebbe? Rabbi Baronshteyn? Ich wei�, dass eure Leute etwas laufen haben. Ich wei� nicht, was f�r einen Deal ihr ausgeknobelt habt, aber wenn ich mich auf eurer h�bschen Insel umschaue, dann sehe ich, wenn Sie den Ausdruck entschuldigen, dass ihr ordentlich was an den Beinen habt.�</p><p>�Meyer!�, sagt Berko mit warnendem Unterton.</p><p>�Kommen Sie nie wieder her, Landsman�, sagt der Rebbe. �Bel�stigen Sie nie wieder jemanden aus diesem Haushalt und keinen der Menschen auf dieser Insel. Halten Sie sich fern von Zimbalist. Und halten Sie sich fern von mir. Wenn mir zu Ohren kommt, dass Sie auch nur einen meiner Leute gebeten haben, Ihnen Feuer zu geben, kassiere ich Sie und Ihre Dienstmarke ein. Ist das klar?�</p><p>�Bei allem Respekt���, beginnt Landsman.</p><p>�In Ihrem Fall eine leere Phrase, Detective.�</p><p>�Abgesehen davon�, sagt Landsman, sich langsam erholend. �Wenn ich jedes Mal einen Dollar bek�me, wenn mich irgendein Schtarker mit Dr�senproblem von einem Fall abzuhalten versucht, Rabbi Shpilman, bei allem Respekt, dann m�sste ich nicht hier sitzen und mir die Drohungen eines Mannes anh�ren, der nicht mal eine einzige Tr�ne um den Sohn vergie�en kann, dem er mit Sicherheit zu einem fr�hen Tod verhalf. Ob er nun vor dreiundzwanzig Jahren starb oder letzte Nacht.�</p><p>�Bitte verwechseln Sie mich nicht mit einem billigen Mobster von der Hirshbeyn Avenue�, sagt der Rebbe. �Ich drohe Ihnen nicht.�</p><p>�Nein? Was ist das sonst, eine Segnung?�</p><p>�Ich sehe Sie an, Detective Landsman. Ich begreife, dass Sie, genau wie mein Sohn, der arme Tropf, vom Heiligen Namen nicht mit dem gro�artigsten aller V�ter versehen wurden.�</p><p>�Rav Haskel!�, ruft Baronshteyn.</p><p>Aber der Rabbi �berh�rt seinen Gabbai und f�hrt fort, bevor Landsman fragen kann, was er sich einbildet, �ber den armen alten Isidor zu wissen.</p><p>�Ich begreife, dass Sie vielleicht einmal, wie Mendel, viel mehr waren, als Sie heute sind. Sie waren vielleicht mal ein guter Schammes. Aber ich bezweifle, dass Sie je als weiser Mann gegolten haben.�</p><p>�Ganz im Gegenteil�, sagt Landsman.</p><p>�Also. Glauben Sie mir bitte, wenn ich Ihnen sage, dass Sie eine andere Verwendung f�r die Zeit finden m�ssen, die Ihnen noch bleibt.�</p><p>In der Verbover Uhr hebt ein uraltes System aus H�mmerchen und Glocken zu einer noch �lteren Melodie an, die in jedem j�dischen Heim und jedem Gebetshaus die Braut des Sabbats willkommen hei�t.</p><p>�Die Zeit ist um�, sagt Baronshteyn. �Meine Herren?�</p><p>Die Polizisten stehen auf, und die M�nner w�nschen einander die Freude des Sabbats. Dann setzen die Beamten ihre H�te auf und gehen zur T�r.</p><p>�Wir brauchen jemanden, der die Leiche identifiziert�, sagt Berko.</p><p>�Es sei denn, es ist Ihnen lieber, wenn wir ihn einfach drau�en auf die Stra�e stellen�, sagt Landsman.</p><p>�Wir schicken morgen jemanden vorbei�, sagt der Rebbe. Er dreht sich in seinem Sessel um und wendet ihnen den R�cken zu. Er senkt den Kopf und greift nach zwei Spazierst�cken, die hinter ihm an einem Haken an der Wand h�ngen. Die St�cke haben einen silbernen Knauf, goldgetrieben. Der Rebbe st��t sie in den Teppich und hievt sich mit dem Pfeifen eines uralten Mechanismus auf die Beine. �Wenn der Sabbat vorbei ist.�</p><p>Baronshteyn folgt ihnen die Treppe hinunter zu den Rudashevskys vor der T�r. Die Bodendielen des Arbeitszimmers �ber ihnen geben ein gequ�ltes Knarren von sich. Die M�nner h�ren das knappe Klopfen und das regentonnengleiche Schwappen der Rebbe�schen Schritte. Seine Familie wird sich im hinteren Teil des Hauses versammelt haben und auf ihn warten, damit er alle segnet.</p><p>Baronshteyn �ffnet die Eingangst�r des im ukrainischen Stil erbauten Hauses. Shmerl und Yossele treten in den Flur, Schnee auf den H�ten und Schultern, Schnee in den wintergrauen Augen. Die Br�der oder Cousins oder Cousinbr�der bilden zusammen mit dem Exemplar an der Treppe die Spitzen eines Dreiecks; eine dreifingrige Faust solider Rudashevskys um Landsman und Berko.</p><p>Baronshteyn schiebt sein schmales Gesicht an Landsman heran. Landsman verschlie�t seine Nasenl�cher gegen den Geruch von Tomatenkernen, Tabak und saurer Sahne. �Diese Insel ist klein�, sagt Baronshteyn. �Aber es gibt hier tausend Ecken, wo ein Nos, selbst ein hochdekorierter Schammes, sich verirren k�nnte. Seien Sie also vorsichtig, ja? Und einen sch�nen Sabbat Ihnen beiden.�</p></section><section><title><p><emphasis>17.</emphasis></p></title><p>Man sehe sich Landsman an: ein Hemdscho� h�ngt heraus, der schneebest�ubte Filzhut ist nach links verrutscht, der Mantel baumelt an einem Daumen �ber der Schulter. Er klammert sich an einen himmelblauen Caf�teria-Bon, als sei das der Riemen, der ihn auf den F��en halte. Seine Wangen haben eine Rasur n�tig. Sein R�cken macht ihn fertig. Aus Gr�nden, die er nicht versteht�� oder vielleicht ohne Grund��, hat er seit halb zehn am Morgen keinen Alkohol mehr getrunken. In der verchromten, gekachelten Trostlosigkeit der Kafeteria Polar-Shtern um neun Uhr am Freitagabend ist er w�hrend eines Schneesturms der einsamste Jude im Distrikt Sitka. Er sp�rt, dass etwas Dunkles, Unwiderstehliches in ihm das Gewicht verlagert; hundert Tonnen schwarzer Erde auf einem Berghang sch�rzen die R�cke, um nach unten zu rutschen. Bei dem Gedanken an Essen, und sei es nur der Goldbarren von Nudelauflauf, das Kronjuwel der Kafeteria Polar-Shtern, wird Landsman �bel. Doch er hat den ganzen Tag noch nichts gegessen.</p><p>In Wirklichkeit wei� Landsman nat�rlich, dass er l�ngst nicht der einsamste Jude im Distrikt Sitka ist. Er verachtet sich selbst, �berhaupt diese Ansicht zu hegen. Sein Selbstmitleid ist der Beweis, dass er im Spundloch kreist, sich nach innen und immer weiter nach unten schraubt, tief hinab. Um dieser Corioliskraft zu widerstehen, verl�sst sich Landsman auf drei Strategien. Die erste ist Arbeit, aber die Arbeit ist jetzt offiziell ein Witz. Die zweite ist Alkohol. Der beschleunigt und verl�ngert den Sturz zwar nur und l�sst Landsman tiefer sinken, aber wenigstens hilft er beim Vergessen. Die dritte Taktik ist, etwas zu essen. Deshalb tr�gt er seinen blauen Bon und sein Tablett zu der gro�en litauischen Dame mit dem Haarnetz, den Polyethylenhandschuhen und dem Metalll�ffel hinter der Glastheke und reicht es hin�ber.</p><p>�Die K�seblintzen bitte�, sagt er, obwohl er keine K�seblintzen will und sich �berhaupt nicht die M�he macht nachzusehen, ob sie heute auf der Speisekarte stehen. �Wie geht�s, Mrs. Nemintziner?�</p><p>Mrs. Nemintziner bugsiert drei pralle Blintzen auf einen wei�en Teller mit einem blauen Randstreifen. Um die Abendmahlzeiten der einsamen Seelen von Sitka zu dekorieren, hat Mrs. Nemintziner mehrere Dutzend Scheiben sauer eingelegten Holzapfels auf Salatbl�ttern vorbereitet. Sie verziert Landsmans Essen mit einem dieser Gestecke. Dann stanzt sie seinen Bon ab und st��t ihm den Teller entgegen.</p><p>�Wie soll�s mir schon gehen?�, sagt sie.</p><p>Landsman r�umt ein, dass die Antwort auf diese Frage zu hoch f�r ihn ist. Er tr�gt sein Tablett mit den mit H�ttenk�se gef�llten Blintzen zu den Kaffeemaschinen und zapft sich einen Becher. Er reicht seinen gestanzten Bon und das Geld an die Kassiererin weiter, dann wandert er durch das �dland des Essbereichs, vorbei an zwei Rivalen um den Titel des einsamsten Juden. Landsman steuert auf seinen bevorzugten Tisch am Fenster zu, wo er die Stra�e im Auge hat. Am Nebentisch hat jemand einen halb gegessenen Teller mit Corned Beef und Salzkartoffeln und ein halb leeres Glas hinterlassen, das offenbar schwarze Kirschlimonade enth�lt. Das verlassene Mahl, die befleckte, zerknitterte Serviette erf�llen Landsman mit der leichten �belkeit b�ser Ahnungen. Aber es ist sein Tisch, und es steht nun mal fest, dass ein Nos gerne die Stra�e im Auge hat. Landsman setzt sich, stopft sich die Serviette in den Kragen, schneidet ein K�seblintzen auf und schiebt sich den Bissen in den Mund. Er kaut. Er schluckt. Braver Junge.</p><p>Einer seiner Rivalen heute Abend im Polar-Shtern ist ein Zocker unterster Schublade namens Penguin Simkowitz, der vor ein paar Jahren schlecht mit dem Geld eines anderen umging und so schlimm von Schtarkern zusammengeschlagen wurde, dass sein Hirn und seine Sprache beeintr�chtigt sind. Der andere Rivale sitzt vor einem Teller Sahnehering, aber Landsman kennt ihn nicht. Die linke Augenh�hle des Jid ist hinter einem hautfarbenen Verband verborgen. Sein linkes Brillenglas fehlt. Die Behaarung beschr�nkt sich auf drei daunenweiche graue Flecken an der Stirn. Beim Rasieren hat der Mann sich in die Wange geschnitten. Als er anf�ngt, lautlos in den Sahnehering zu weinen, kippt Landsman seinen K�nig um.</p><p>Dann erblickt er Buchbinder, den Arch�ologen des Wahns. Ein Zahnarzt. Sein Talent mit Zange und Wachsausschmelzverfahren brachte ihn auf klassische Zahnarztmanier dazu, sich einen feierabendgeeigneten Miniaturwahnsinn zuzulegen wie beispielsweise Schmuckherstellung oder Puppenhausvert�felung. Aber dann ging es, wie es bei Zahn�rzten manchmal der Fall ist, ein wenig mit Buchbinder durch. Der st�rkste, �lteste Wahn der Juden ergriff Besitz von ihm. Er begann die Utensilien und die Kleidung der alten Kohanim nachzubilden, der Hohepriester Jahwes. Zuerst ma�stabsgetreu, aber bald in Originalgr��e. Bluteimer, Fleischspie�e, Ascheschaufeln, alles wie von Leviticus f�r die alten heiligen Grillfeste in Jerusalem vorgeschrieben. Fr�her hatte Buchbinder ein Museum, vielleicht gibt es das noch, oben, am heruntergekommenen Ende der Ibn-Ezra Street. Ein Ladenlokal in dem Geb�ude, wo Buchbinder schlichten Juden die Z�hne zog. Der aus Pappe nachgebaute Tempel Salomons im Schaufenster war unter einem Sandsturm von Staub begraben und mit Cherubim und toten Fliegen verziert. Oft wurde der Laden von Junkies der Nachbarschaft mutwillig zerst�rt. Wer in der Untershtot Streife ging, wurde regelm��ig gerufen, kam um drei Uhr morgens hin und traf Buchbinder an, weinend inmitten seiner zerst�rten Schauk�sten, und ein Schei�haufen trieb in einem vergoldeten Kupferrauchfass des Hohepriesters.</p><p>Als Buchbinder Landsman sieht, kneift er die Augen argw�hnisch oder kurzsichtig zusammen. Auf der R�ckkehr vom M�nnerklo zu seinem Teller mit Corned Beef und seiner Kirschlimonade bearbeitet er die Kn�pfe seines Hosenstalls mit der Geistesabwesenheit eines Mannes, der sich mit einer sinnlosen Schlussfolgerung �ber die Welt besch�ftigt. Buchbinder ist ein kr�ftiger Mann, ein Deutscher, gewandet in eine Strickjacke mit Raglan�rmeln und Sch�rpe. Zwischen seinem gew�lbten Bauch und der geknoteten Sch�rpe gibt es Hinweise auf vergangenen Hader, doch scheint man zu einem Einvernehmen gekommen zu sein. Eine Tweedhose, an den F��en Wanderschuhe. Dunkelblonde Haare und ein Bart mit grauen und silbernen Einsprengseln. Eine silberne Schnalle h�lt eine bunt bestickte Jarmulke auf seinem Hinterkopf. Er wirft ein L�cheln in Landsmans Richtung, als lie�e er einen Vierteldollar in den Becher eines Kr�ppels fallen, fischt einen klein gedruckten W�lzer aus seiner Jackentasche und setzt seine Mahlzeit fort. Er wiegt sich vor und zur�ck, liest und kaut, summt ein kleines Lied.</p><p>�Haben Sie immer noch dieses Museum, Herr Doktor?�, fragt Landsman.</p><p>Verdutzt schaut Buchbinder auf, versucht den st�renden Fremden mit den Blintzen einzuordnen.</p><p>�Landsman, Sitka Central. Vielleicht erinnern Sie sich, ich habe fr�her���</p><p>�Ach ja�, sagt Buchbinder mit d�nnem L�cheln. �Wie geht es Ihnen? Wir sind ein Institut, kein Museum, aber das ist schon in Ordnung.�</p><p>�Entschuldigung.�</p><p>�Ist ja nichts passiert�, sagt er. Sein geschmeidiges Jiddisch wird gest�tzt von einem f�rmlichen Drahtgestell deutschen Akzents, an dem er und die anderen Jekkes selbst nach sechzig Jahren noch stur festhalten. �Ein h�ufiger Fehler.�</p><p>So h�ufig kann der auch wieder nicht sein, denkt Landsman, aber sagt: �Immer noch oben auf der Ibn-Ezra?�</p><p>�Nein�, sagt Dr. Buchbinder. Mit der Serviette wischt er sich einen Streifen braunen Senfs von den Lippen. �Nein, Sir, ich habe zugemacht. Offiziell und endg�ltig.�</p><p>Er redet geschwollen, fast feierlich, was Landsman angesichts des Inhalts seiner Erkl�rung sonderbar vorkommt.</p><p>�Harte Gegend�, versucht es Landsman.</p><p>�Oh, das waren Tiere�, sagt Buchbinder so fr�hlich wie zuvor. �Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Male sie mir das Herz gebrochen haben.� Er stopft sich eine letzte Gabel Corned Beef in den Mund und unterzieht sie einer anst�ndigen Zahnbehandlung. �Aber ich bezweifle, dass sie mich an meinem neuen Standort bel�stigen werden.�</p><p>�Und wo ist das?�</p><p>Buchbinder l�chelt, betupft seinen Bart, schiebt sich vom Tisch zur�ck. Er hebt eine Augenbraue und beh�lt die gro�e �berraschung noch etwas l�nger f�r sich.</p><p>�Wo wohl?�, sagt er schlie�lich. �In Jerusalem.�</p><p>�Wow�, sagt Landsman und macht eine v�llig unbewegte Miene. Die Regularien f�r die Aufnahme von Juden in Jerusalem hat Landsman noch nie gesehen, aber er ist sich ziemlich sicher, dass besessene religi�se Eiferer nicht ganz oben auf der Liste stehen. �Jerusalem, hm? Das ist weit weg.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Mit Sack und Pack?�</p><p>�Mit dem ganzen Gesch�ft.�</p><p>�Kennen Sie dort jemanden?�</p><p>Es gibt noch Juden in Jerusalem, so wie es dort immer welche gegeben hat. Einige. Sie waren schon da, bevor die Zionisten mit ihren �berseekoffern voll hebr�ischer W�rterb�cher, Landwirtschaftsanleitungen und jeder Menge �rger f�r alle auftauchten.</p><p>�Eigentlich nicht�, sagt Buchbinder. �Nun ja, abgesehen von��� Er h�lt inne und senkt die Stimme. ��� Messias.�</p><p>�Na, das ist doch ein guter Anfang�, sagt Landsman. �Hab geh�rt, er hat die besten Beziehungen.�</p><p>Buchbinder nickt, unerreichbar im geheiligten Zuckerw�rfel seiner Tr�ume.</p><p>�Mit Sack und Pack�, sagt er. Er steckt sein Buch in die Jackentasche zur�ck und stopft sich und seine Strickjacke in einen alten blauen Anorak. �Gute Nacht, Landsman.�</p><p>�Gute Nacht, Dr. Buchbinder. Legen Sie bei Messias ein gutes Wort f�r mich ein.�</p><p>�Ach�, sagt er, �das ist nicht n�tig.�</p><p>�Nicht n�tig oder sinnlos?�</p><p>Abrupt werden die fr�hlichen Augen so st�hlern wie die R�ckseite des Zahnarztspiegels. Mit der Erfahrung von f�nfundzwanzig Jahren unerm�dlichen Suchens nach schwachen oder verfaulten Stellen pr�fen sie Landsmans Zustand. Ganz kurz zweifelt Landsman am Wahnsinn des Mannes.</p><p>�Das liegt an Ihnen�, sagt Buchbinder. �Nicht wahr?�</p></section><section><title><p><emphasis>18.</emphasis></p></title><p>Als Buchbinder sich aus dem Polar-Shtern schiebt, bleibt er kurz stehen, um die T�r f�r einen grellorangen Parka aufzuhalten, der von einer Schneeb�e hereingetragen wird. Bina schleppt ihre prall gef�llte alte Rindsledertasche �ber der Schulter herein. Daraus hervor schaut ein Wust von Unterlagen, gelb markiert, geheftet, mit B�roklammern und kleinen Streifen bunten Klebebandes versehen. Bina wirft die Kapuze ihres Parkas zur�ck. Sie hat das Haar hochgeschoben, festgesteckt und es dann auf dem Hinterkopf sich selbst �berlassen. Es hat einen wehm�tigen Farbton, den Landsman in seinem ganzen Leben nur einmal woanders gesehen hat, n�mlich tief in den Furchen des ersten K�rbisses, den er je erblickte, ein dunkles, orangerotes Unget�m. Bina schleift ihre Tasche zur Theke. Wenn sie auf dem Weg zum Tablettstapel durch das Drehkreuz geht, wird Landsman genau in ihre Sichtlinie geraten.</p><p>Da trifft Landsman die sehr erwachsene Entscheidung, so zu tun, als h�tte er Bina nicht gesehen. Er blickt durch das Fensterglas auf die Khalastraye Street. Nach seiner Sch�tzung liegt der Schnee knapp f�nfzehn Zentimeter hoch. Drei Fu�spuren winden sich durcheinander, frischer Schnee f�llt in die Abdr�cke und l�sst die R�nder langsam verschwimmen. Handzettel, an die holzverschalten Fenster von Krasny�s Tabak- und Papierwaren auf der anderen Stra�enseite geklebt, werben f�r den Auftritt jenes Gitarristen am Vorabend im Vorsht, der wegen seiner Ringe und seines Kleingelds in die Toilette gew�lzt wurde. Vom Telefonmast an der Ecke zieht sich ein Gewirr aus Leitungen in alle erdenklichen Richtungen, vermisst die W�nde und T�ren dieses gro�en imagin�ren Ghettos der Juden. Unbewusst registriert Landsmann Schammeskopf jedes Detail der Szene. Seine bewussten Gedanken konzentrieren sich jedoch auf den Moment, wenn Bina ihn dort allein mit den Blintzen vor sich am Tisch sitzen sieht und seinen Namen ruft.</p><p>Der s��e Moment l�sst auf sich warten. Landsman riskiert einen zweiten Blick. Bina hat ihr Essen schon auf dem Tablett und wartet mit dem R�cken zu ihm auf ihr Wechselgeld. Sie hat ihn gesehen�� sie muss ihn gesehen haben. Und jetzt rei�t die gro�e Spalte auf, der Berghang gibt nach, und die Wand schwarzen Schlamms rollt nach unten. Landsman und Bina waren zw�lf Jahre miteinander verheiratet und davor f�nf Jahre ein Paar. Jeder war f�r den anderen der beziehungsweise die erste Geliebte, das erste Opfer, die erste Zuflucht, der erste Mitbewohner, das erste Publikum und der erste Mensch, an den man sich wandte, wenn etwas�� selbst die eigene Ehe�� schiefging. Ihr halbes Leben lang haben die beiden ihre Vergangenheit, ihre K�rper, ihre Phobien, Theorien, Rezepte, B�cher- und Plattensammlungen verquickt. Sie inszenierten spektakul�re Auseinandersetzungen, Nase an Nase, fuchtelnde H�nde, spr�hender Speichel, schleuderten, traten, zerbrachen Gegenst�nde, w�lzten sich auf dem Boden und rissen einander an den Haaren. Am n�chsten Tag hatte Landsman die roten Monde von Binas Fingern�geln auf Wange und Brust, und sie trug seine violetten Fingerabdr�cke wie eine Armbinde. Ungef�hr sieben Jahre ihres gemeinsamen Lebens v�gelten sie fast t�glich. W�tend, z�rtlich, krank, gesund, kalt, hei�, im Halbschlaf. Sie machten es auf jedem erdenklichen Bett, Sofa oder Kissen. Auf Futons, Handt�chern und alten Duschvorh�ngen, auf der Ladefl�che eines Pick-ups, hinter einem M�llcontainer, in einem Wasserturm, in einem Mantelst�nder bei einem Essen der H�nde Esaus. Sie bumsten sogar�� einmal�� auf dem Riesenpilz im Pausenraum.</p><p>Als Bina aus dem Rauschgiftdezernat her�berkam, arbeitete sie vier zuverl�ssige Jahre mit Landsman in einer Schicht bei der Mordkommission. Landsmans Kollege war zuerst Zelly Boybriker, sp�ter Berko, und Bina bekam den armen alten Morris Handler. Aber eines Tages lie� der listige Engel, der Bina und Landsman �berhaupt zusammengef�hrt hatte, Urlaubstage mit einer Verletzung von Morris Handler zusammenfallen und schickte Landsman und Bina, zum ersten und einzigen Mal, gemeinsam in eine Ermittlung, den Grinshteyn-Fall. Gemeinsam erlitten sie die Heimsuchungen des Versagens, versagten jeden Tag stundenlang, versagten nachts im Bett, versagten in den Stra�en von Sitka. Das ermordete M�dchen Ariela und die gebrochenen Grinshteyns, Mutter und Vater, h�sslich und aufgezehrt, die einander hassten, und die Leere, an der festzuhalten ihnen noch geblieben war�� all das ertrugen Bina und Landsman gemeinsam. Und dann gab es Django, der durch ihr Versagen im Grinshteyn-Fall Form und Antrieb bekam, durch die Leere in Gestalt eines pummeligen kleinen M�dchens. Bina und Landsman waren <emphasis>fardrejt,</emphasis> ineinander verwoben, ein geflochtenes Chromosomenpaar mit einem geheimnisvollen Makel. Und jetzt? Jetzt tun sie so, als w�rden sie sich nicht sehen, und schauen zur Seite.</p><p>Landsman schaut zur Seite.</p><p>Die Fu�abdr�cke im Schnee sind so flach geworden, als stammten sie von einem Engel. Auf der anderen Stra�enseite lehnt sich ein kleiner, gebeugter Mann gegen den Wind, er zieht einen schweren Koffer an den vernagelten Schaufenstern von Krasny�s vorbei. Die breite wei�e Krempe seines Huts flattert wie eine Vogelschwinge. Landsman beobachtet, wie sich der Prophet Elija durch den Schneesturm m�ht, und plant seinen eigenen Tod. Das ist die vierte von ihm entwickelte Strategie, um sich aufzuheitern, wenn alles den Bach runtergeht. Aber er muss nat�rlich aufpassen, es nicht zu �bertreiben.</p><p>Landsman, Sohn und v�terlicherseits Enkel eines Selbstm�rders, hat alle m�glichen Methoden gesehen, mit denen sich Menschen ins Jenseits bef�rdern, von ungeschickt bis gr�ndlich. Er wei�, wie man es zu tun hat und wie nicht. Sprung von der Br�cke oder Flug aus dem Hotelfenster: malerisch, aber albern. Die Treppe hinunterst�rzen: unzuverl�ssig, eine Spontanhandlung, wirkt zu sehr wie ein Unfalltod. Pulsadern aufschneiden, mit oder ohne die beliebte, aber unn�tige Badewannenvariante: schwerer, als es aussieht, hat den Ruch m�dchenhafter Schw�che f�rs Drama. Rituelle Entleibung mit einem Samuraischwert: schwierig, erfordert einen Sekundanten, sieht f�r einen Jid nach Angeberei aus. Landsman hat diese Vorgehensweise nie mit eigenen Augen gesehen, kannte aber mal einen Nos, der das behauptete. Landsmans Gro�vater warf sich in Lodz vor die R�der einer Stra�enbahn, was ein gewisses Ma� an Entschlossenheit beweist, das Landsman immer bewundert hat. Sein Vater nahm drei�ig 100-mg-Tabletten Nembutal und sp�lte sie mit einem Glas K�mmelwodka hinunter, eine Methode, die viel f�r sich hat. Dazu eine Plastikt�te �ber dem Kopf, ger�umig und ohne L�cher, und schon hat man etwas Sauberes, Lautloses, Zuverl�ssiges.</p><p>Aber wenn Landsman sich ausmalt, sein eigenes Leben zu beenden, setzt er bevorzugt auf eine Handfeuerwaffe, so wie Melekh Gaystik, der Weltmeister. Seine stupsnasige M-39 ist daf�r Scholem genug. Wenn man wei�, wo man die M�ndung anzusetzen hat (direkt hinter dem Knochen des Mentums) und in welchem Winkel zu schie�en ist (mit 20 Grad Abweichung von der Vertikalen in Richtung des Reptilienhirns), ist die Methode schnell und zuverl�ssig. Eine Schweinerei, aber Landsman hat aus irgendeinem Grund keine Skrupel, eine Schweinerei zu hinterlassen.</p><p>�Seit wann magst du Blintzen?�</p><p>Beim Klang ihrer Stimme zuckt er zusammen. Landsmans Knie sto�en gegen das Tischbein, in einem Schussaustrittsmuster spritzt sein Kaffee auf die Fensterscheibe.</p><p>�Hey, Captain�, sagt er. Er sucht nach einer Serviette, findet aber keine, da er lediglich eine aus dem Spender bei den Tabletts genommen hat. Der Kaffee l�uft in alle Richtungen. Landsman zerrt Papierfetzen aus seiner Jackentasche und tupft die sich ausbreitende Fl�ssigkeit damit auf.</p><p>�Sitzt hier wer?� Auf einer Hand balanciert Bina das Tablett, mit der anderen k�mpft sie gegen ihre sperrige Tasche. Bina hat diesen Gesichtsausdruck, den Landsman gut kennt: hochgezogene Augenbrauen, schwache Andeutung eines L�chelns. Es ist das Gesicht, das sie aufsetzt, wenn sie einen Ballsaal betritt, um sich unter eine Horde m�nnlicher Gesetzesvertreter zu mischen, oder wenn sie mit einem Rock, der nicht ihre Knie bedeckt, in einen Gem�seladen in Harkavy geht. Das Gesicht besagt: <emphasis>Ich will keinen �rger. Ich m�chte nur ein P�ckchen Kaugummi.</emphasis> Bina l�sst die Tasche fallen und setzt sich, ehe Landsman antworten kann.</p><p>�Bitte�, sagt er und zieht seinen Teller zu sich, um Platz zu machen. Bina reicht ihm mehrere Servietten, und er k�mmert sich um die Schweinerei. Den Klumpen vollgesogenen Papiers entsorgt er auf dem Nachbartisch. �Ich wei� nicht, warum ich die bestellt habe. Du hast recht, K�seblintzen, feh.�</p><p>Bina legt die Serviette hin und platziert Messer, Gabel und L�ffel darauf. Sie nimmt zwei Teller vom Tablett und stellt sie nebeneinander: eine Kelle Thunfischsalat auf einem von Mrs. Nemintziners Salatbl�ttern und einen golden schimmernden Block Nudelauflauf. Bina greift in ihre prall gef�llte Schultertasche und holt eine kleine Plastikdose mit Klappdeckel hervor. Der Beh�lter birgt eine runde Pillendose mit Schiebeverschluss, aus der Bina eine Vitamintablette, eine Fisch�lkapsel und die Enzympille klopft, die ihrem Magen beim Verdauen von Milch hilft. In der Plastikdose tr�gt sie zudem T�tchen mit Salz, Pfeffer, Meerrettich herum, ebenso Hygienet�cher, eine puppengro�e Flasche Tabasco, Chlortabletten zur Trinkwasseraufbereitung, Pepto-Bismol-Kautabletten und Gott wei�, was noch. Wenn man zu einem Konzert geht, hat Bina Operngl�ser. Wenn man sich ins Gras setzen muss, zaubert sie ein Handtuch hervor. Ameisenfallen, Korkenzieher, Kerzen und Streichh�lzer, ein Maulkorb, ein Taschenmesser, eine kleine Dose K�ltespray, eine Lupe�� Landsman hat zu dieser oder jener Gelegenheit schon alles aus dieser vollgestopften Rindsledertasche kommen sehen.</p><p>Man muss sich Juden wie Bina Gelbfish anschauen, denkt Landsman, wenn man eine Erkl�rung f�r das breite Spektrum und die Widerstandsf�higkeit des j�dischen Volkes sucht. Juden, die ihr Heim in einer alten Rindsledertasche, auf dem Kamelr�cken oder in der Luftblase inmitten ihres Hirns mit sich herumtragen. Juden, die immer auf den F��en landen, loslaufen, Schicksalsschl�ge meistern und das Beste aus dem machen, was ihnen in die H�nde f�llt, und das von �gypten bis Babylon, von Minsk-Gubernia bis in den Distrikt Sitka. Methodisch, organisiert, beharrlich, einfallsreich und auf alles vorbereitet. Berko hat recht: Bina w�rde auf jedem Polizeirevier der Welt ihren Weg machen. Eine neue Grenze, ein Regierungswechsel�� so was kann eine J�din mit einem ordentlichen Vorrat an Hygienet�chern in der Handtasche nicht ersch�ttern.</p><p>�Thunfischsalat�, bemerkt Landsman und erinnert sich, dass Bina keinen Thunfisch mehr a�, als sie erfuhr, dass sie mit Django schwanger war.</p><p>�Ja, ich versuche, so viel Quecksilber wie m�glich zu mir zu nehmen�, sagt Bina, als sie Landsman und seine Erinnerung durchschaut. Sie schluckt eine Enzymtablette. �Quecksilber ist momentan mein Ding.�</p><p>Landsman zeigt mit dem Daumen auf Mrs. Nemintziner, die mit ihrem L�ffel hinter der Theke steht.</p><p>�Du h�ttest das gebackene Thermometer nehmen sollen.�</p><p>�H�tte ich auch getan�, sagt Bina, �aber es gab nur noch rektale.�</p><p>�Hast du Penguin gesehen?�</p><p>�Penguin Simkowitz? Wo?� Bina schaut sich um, dreht sich in der Taille, und Landsman ergreift die Gelegenheit, ihr in die Bluse zu schielen. Er sieht die sommersprossige obere H�lfte ihrer linken Brust, den Spitzenrand ihres BH-K�rbchens, die dunkle Andeutung ihrer Brustwarze unter dem Stoff. Er wird von dem Begehren �bermannt, die Hand in Binas Bluse zu schieben, ihre Brust zu umschlie�en, in die weiche H�hlung zu klettern, sich dort zusammenzurollen und einzuschlafen. Als Bina sich wieder umdreht, erwischt sie ihn bei seinem Ausschnitttraum. Landsman sp�rt ein Brennen auf seinen Wangen. �Hm.�</p><p>�Wie war dein Tag?�, fragt er, als sei es die normalste Frage der Welt.</p><p>�Schlie�en wir einen Pakt�, sagt sie, und ihr Ton �berfriert ein wenig. Sie kn�pft den obersten Knopf ihrer Bluse zu. �Wie w�re es, wenn wir einfach hier sitzen, ich und du, zusammen essen und kein verdammtes Wort �ber meinen Tag verlieren? Wie h�rt sich das an, Meyer?�</p><p>�Ich finde, das klingt nicht schlecht�, sagt er.</p><p>�Gut.�</p><p>Sie l�ffelt einen Mundvoll Thunfischsalat. Landsman erhascht einen Blick auf ihren goldgerandeten Backenzahn und denkt an den Tag, als sie damit nach Hause kam, vollgepumpt mit Lachgas, und ihn aufforderte, seine Zunge in ihren Mund zu schieben und auszuprobieren, wie der Zahn sich anf�hlte. Nach dem ersten Bissen Thunfischsalat macht Bina ernst. Sie schaufelt zehn oder elf L�ffel in sich hinein, kaut und schluckt voller Hingabe. In leidenschaftlichen, kurzen St��en kommt ihr Atem durch die Nase. Ihre Augen sind auf das Ballett von L�ffel und Teller gerichtet. �Ein M�dchen mit einem gesunden Appetit�, das war vor zwanzig Jahren die erste archivierte Feststellung von Landsmans Mutter zum Thema Bina Gelbfish. Wie die meisten Komplimente seiner Mutter war es, wenn n�tig, in eine Beleidigung umkehrbar. Aber Landsman vertraut nur einer Frau, die futtert wie ein Mann. Als au�er einem Mayonnaiseklecks auf dem Salatblatt nichts mehr �brig ist, wischt Bina sich den Mund mit der Serviette ab und st��t einen tiefen, satten Seufzer aus.</p><p>�Nu, wor�ber sollen wir reden? �ber deinen Tag wohl auch nicht.�</p><p>�Bestimmt nicht.�</p><p>�Was bleibt dann noch?�</p><p>�In meinem Fall�, sagt Landsman, �nicht viel.�</p><p>�Manches �ndert sich nie.�</p><p>Bina schiebt den leeren Teller von sich und zitiert den Nudelauflauf herbei, den als N�chstes sein Schicksal ereilen wird. Allein der Anblick, wie Bina die Kugl be�ugt, macht Landsman gl�cklicher, als er seit Jahren gewesen ist.</p><p>�Ich rede immer noch gerne �ber mein Auto�, sagt er.</p><p>�Du wei�t, dass ich f�r Liebeslyrik nichts �brighabe.�</p><p>�Auf keinen Fall reden wir �ber die Reversion.�</p><p>�Einverstanden. Und ich will nichts �ber das sprechende Huhn oder die Kreplach h�ren, die wie der Kopf des Maimonides aussehen, �berhaupt nichts von diesem ganzen Wunderschei�.�</p><p>Landsman fragt sich, was Bina von der Geschichte halten w�rde, die Zimbalist ihm heute �ber den Mann erz�hlt hat, der gek�hlt im Keller des Krankenhauses liegt.</p><p>�Am besten gar nichts �ber Juden, abgemacht?�, sagt er.</p><p>�Abgemacht, Meyer, ich habe die Juden bis oben hin satt.�</p><p>�Und nichts �ber Alaska.�</p><p>�Gott, blo� nicht!�</p><p>�Nichts �ber Politik. Nichts �ber Russland, die Mandschurei, Deutschland oder die Araber.�</p><p>�Die Araber habe ich auch bis oben hin satt.�</p><p>�Wie w�r�s dann mit Nudelauflauf?�, fragt Landsman.</p><p>�Gut�, sagt sie. �Nur bitte, Meyer, iss ein bisschen, mir tut es im Herzen weh, wenn ich dich blo� ansehe. Mein Gott, wie d�nn du bist! Hier, den musst du mal probieren! Ich wei� nicht, was die da reintun, einer hat mir mal erz�hlt, sie tun ein bisschen Ingwer rein. Ich sag dir, oben in Yakovy, da kann man von so einer guten Kugl nur tr�umen.�</p><p>Bina schneidet ein St�ck Nudelauflauf ab und will Landsman die Gabel in den Mund schieben. Beim Anblick der n�her kommenden Zinken greift so etwas wie eine kalte Hand nach seinen Eingeweiden. Er wendet das Gesicht ab. Die Gabel h�lt in ihrer Flugbahn inne. Bina l�dt den sultaninengeschm�ckten Keil aus Eiercreme und Nudeln neben den unber�hrten Blintzen auf Landsmans Teller ab.</p><p>�Solltest du trotzdem probieren�, sagt sie. Sie isst selbst ein paar Bissen, dann legt sie die Gabel beiseite. �Ich glaube, mehr gibt es zum Thema Nudelauflauf nicht zu sagen.�</p><p>Landsman trinkt seinen Kaffee, Bina schluckt die letzten Pillen mit einem Glas Wasser.</p><p>�Nu�, sagt sie.</p><p>�Also�, sagt Landsman.</p><p>Wenn er sie jetzt gehen l�sst, wird er nie wieder schlummernd in der H�hlung ihrer Brust liegen. Er wird nie wieder ohne Hilfe einer Handvoll Nembutal oder die guten Dienste seiner M-39 schlafen.</p><p>Bina dr�ckt sich vom Tisch ab und zieht ihren Parka an. Sie steckt die Plastikdose zur�ck in ihre Umh�ngetasche und hievt sie sich st�hnend auf die Schulter.</p><p>�Gute Nacht, Meyer.�</p><p>�Wo wohnst du?�</p><p>�Bei meinen Eltern�, sagt sie in einem Tonfall, mit dem man sonst h�chstens der gesamten Menschheit die Todesstrafe verk�nden w�rde.</p><p>�Oj wej.�</p><p>�Da sagst du was. Nur bis ich was anderes finde. Schlimmer als das Hotel Zamenhof kann es jedenfalls nicht sein.�</p><p>Sie zieht den Rei�verschluss des Parkas zu und steht dann ein paar lange Sekunden da, unterzieht ihn ihrer Schammes-Inspektion. Binas Blick ist nicht so gr�ndlich wie Landsmans�� ihr kann schon mal eine Kleinigkeit entgehen��, aber was sie sieht, kann sie im Kopf schnell zu dem in Beziehung setzen, was sie �ber Frauen und M�nner, Opfer und M�rder wei�. Selbstsicher flicht sie daraus Erz�hlungen, die Sinn ergeben und nicht auseinanderbrechen. Sie l�st F�lle weniger, als dass sie deren Geschichte erz�hlt.</p><p>�Guck dich an, Landsman, du siehst aus wie eine Ruine.�</p><p>�Ich wei߫, sagt Landsman und merkt, wie sich seine Brust zusammenzieht.</p><p>�Ich habe geh�rt, dass es dir schlecht geht, aber ich dachte, man wollte mich blo� aufheitern.�</p><p>Er lacht und wischt sich mit dem �rmel �ber die Wange.</p><p>�Was ist das denn?�, fragt sie. Mit den N�geln von Daumen und Zeigefinger zupft sie ein zerkn�lltes, kaffeebeflecktes Papierkn�uel aus der Serviettenmasse, die Landsman auf dem Nachbartisch entsorgt hat. Landsman greift danach, aber Bina ist zu schnell f�r ihn�� war sie schon immer. Sie streicht das Kn�uel glatt.</p><p><emphasis>�F�nf gro�e Wahrheiten und f�nf gro�e L�gen �ber den Verbover Chassidismus�,</emphasis> sagt sie. Eine Augenbraue greift �ber Binas Nasenr�cken nach der anderen. �Willst du mir etwa ein Schwarzhut werden?�</p><p>Er antwortet nicht schnell genug, und sie folgert, was aus seinem Gesicht, seinem Schweigen und dem, was sie �ber ihn weiߠ� n�mlich praktisch alles��, zu folgern ist.</p><p>�Was f�hrst du im Schilde, Meyer?�, fragt sie, und ihr Blick ist dann pl�tzlich so matt und verbraucht, wie auch er sich f�hlt. �Nein. Egal. Ich bin einfach zu m�de.�</p><p>Sie zerkn�llt die Verbover-Brosch�re aufs Neue und wirft sie Landsman an den Kopf.</p><p>�Wir haben gesagt, wir wollten nicht dar�ber sprechen�, sagt er.</p><p>�Ja, wir haben so einiges gesagt�, sagt sie. �Du und ich.�</p><p>Sie dreht sich halb ab und wendet die Hebelkraft auf den Riemen der Tasche an, in der sie ihr Leben lebt.</p><p>�Ich will dich morgen in meinem B�ro sehen.�</p><p>�Hm. Gut. Blo߫, sagt Landsman, �ich habe gerade eine Zw�lf Stundenschicht hinter mir.�</p><p>Die Feststellung macht, obwohl zutreffend, keinen erkennbaren Eindruck auf Bina. M�glich, dass sie Landsman gar nicht geh�rt hat, dass er gar keine indoeurop�ische Sprache spricht.</p><p>�Ich komme�, sagt er. �Wenn ich mir nicht heute Nacht den Kopf wegpuste.�</p><p>�Keine Liebeslyrik, habe ich gesagt�, sagt Bina. Sie fasst einen wallenden Schwung ihres k�rbisdunklen Haars zusammen und schiebt ihn in einen gezahnten Clip schr�g �ber ihrem rechten Ohr. �Mit oder ohne Kopf. Morgen um neun in meinem B�ro.�</p><p>Landsman sieht ihr nach, wie sie durch den Essbereich zur T�r der Kafeteria Polar-Shtern geht. Er wettet einen Dollar, dass sie sich nicht umdreht, bevor sie die Kapuze aufsetzt und hinaus in den Schnee tritt. Aber er ist ein nachsichtiger Mann, und die Wette war Mist, deshalb kassiert er sein Geld nicht ein.</p></section><section><title><p><emphasis>19.</emphasis></p></title><p>Als das Telefon Landsman am n�chsten Morgen um sechs Uhr weckt, sitzt er in seiner wei�en Unterhose im Ohrensessel und h�lt seine M-39 z�rtlich in der Hand.</p><p>Tenenboym macht gerade Feierabend. �Sie wollten geweckt werden�, sagt er und legt auf.</p><p>Landsman kann sich nicht erinnern, einen Weckruf bestellt zu haben. Er kann sich nicht erinnern, die Flasche Sliwowitz weggeputzt zu haben, die leer auf der zerkratzten Urethanfl�che des Eichenfurniertisches neben dem Ohrensessel steht. Er kann sich nicht erinnern, den Nudelauflauf gegessen zu haben, dessen letztes Drittel in einer Ecke des muschelf�rmigen Plastikbeh�lters neben der Flasche Sliwowitz kauert. Durch die Anordnung der bunten Glasscherben auf dem Boden rekonstruiert er, dass er sein Schnapsglas von der Weltausstellung 1977 in Sitka gegen die Heizung geschleudert hat. Vielleicht war er frustriert, weil er keine Fortschritte auf dem Plastikschachbrett machte, das jetzt b�uchlings unter seinem Bett liegt, die winzigen Figuren gro�z�gig im Raum verteilt. Aber er kann sich weder an den Wurf als solchen noch an das Splittern des Glases erinnern. Vielleicht hat er auf etwas oder jemanden angesto�en, und die Heizung sollte ein Kamin sein. Er wei� es nicht mehr. Aber man kann nicht behaupten, dass ihn irgendetwas an der verwahrlosten Szenerie von Zimmer 505 �berrascht, schon gar nicht die geladene Scholem in seiner Hand.</p><p>Er pr�ft den Schlagbolzen und steckt die Waffe zur�ck in das Holster, das �ber der R�ckenlehne des Ohrensessels h�ngt. Dann geht er hin�ber zur Wand und zerrt das Schrankbett aus seinem Versteck. Er sch�lt die Decke zur�ck und steigt hinein. Die Bettw�sche ist sauber und riecht nach Dampfb�gelpresse und dem Staub dieses Wandlochs. Nun kann sich Landsman schwach erinnern, irgendwann gegen Mitternacht den romantischen Plan gefasst zu haben, fr�h zur Arbeit zu gehen, nachzusehen, was die Rechtsmediziner und die Ballistiker im Shpilman-Fall herausbekommen haben, vielleicht sogar auf die Inseln rauszufahren, in die Russengegend, und dem Patzer und ehemaligen Knastbruder Vassily Shitnovitzer ein bisschen auf den Zahn zu f�hlen. Sein Bestes tun, sich richtig reinh�ngen, bevor Bina um neun Uhr zur Zange greift und ihm Z�hne und Klauen zieht. Wehm�tig muss Landsman �ber den halsstarrigen jungen Draufg�nger l�cheln, der er noch in der Nacht war. Sich um sechs Uhr morgens wecken zu lassen!</p><p>Er zieht die Decke �ber den Kopf und schlie�t die Augen. Ungebeten stellt sich die Formation von Bauern und Figuren auf dem Schachbrett in seinem Kopf auf. In der Brettmitte wird der schwarze K�nig bedr�ngt, ohne dass ihm Schach geboten w�rde. Der wei�e Bauer in Reihe b ist kurz davor, etwas Besseres zu werden�� eine Dame, ein L�ufer. Landsman braucht das Taschenspiel nicht mehr; zu seinem Entsetzen hat er alles auswendig im Kopf. Er versucht, es zu vertreiben, es auszul�schen, die Figuren beiseitezuwischen und alle wei�en Quadrate schwarz anzumalen. Ein rein schwarzes Schachbrett, unbefleckt durch Steine oder Spieler, Er�ffnungen oder Endspiele, Tempo, Taktik oder Materialvorteil, schwarz wie die Baranof-Berge.</p><p>Und Landsman liegt immer noch dort, alle wei�en Quadrate im Kopf ausgel�scht, in Unterhose und Socken, als es an der T�r klopft. Mit dem Gesicht zur Wand setzt er sich auf, sein Herz ist eine an seine Schl�fen schlagende Trommel, er zieht das Laken �ber sich, als w�re er ein Kind, das jemanden als Gespenst erschrecken will. Er hat auf dem Bauch gelegen, vielleicht etwas l�nger. Jetzt f�llt ihm wieder ein, dass er auf dem Grunde einer Gruft in schwarzer Erde, in einer lichtlosen H�hle eine Meile unter der Erdoberfl�che die fernen Vibrationen seines Shoyfer h�rte und sp�ter das sanfte Zirpen des Telefons auf dem Eichenfurniertisch. Aber er war so tief unter der Erde begraben, dass er, selbst wenn die Telefone nur in seinem Traum existiert h�tten, nicht die Kraft oder die Lust gehabt h�tte, sich zu melden. Sein Kopfkissen ist mit einer �belriechenden Suppe aus alkoholischem Schwei�, Panik und Speichel getr�nkt. Landsman sieht auf die Uhr. Es ist zwanzig nach zehn.</p><p>�Meyer?�</p><p>Landsman l�sst sich aufs Bett zur�ckfallen, die F��e am Kopfende, verheddert im Laken.</p><p>�Ich k�ndige�, sagt er. �Bina, ich k�ndige.�</p><p>Bina erwidert nicht sofort etwas. Landsman hofft, dass sie seine jetzt eh �berfl�ssige K�ndigung angenommen hat, dass sie zum Revier und dem Mann von der Beerdigungsgesellschaft zur�ckgekehrt ist, zur�ck zu ihrem Projekt, von einer j�dischen Polizistin zu einer Beamtin des gro�en Bundesstaates Alaska zu werden. Sobald Landsman �berzeugt ist, dass Bina fort ist, will er das Hausm�dchen, das einmal die Woche die Bettw�sche und die Handt�cher wechselt, �berreden, ihn zu erschie�en. Dann muss Bina ihn nur noch beerdigen, indem sie das Bett wieder zur�ck in den Schrank dr�ckt. Seine Klaustrophobie, seine Angst vor dem Dunkeln k�nnen ihn dann nicht mehr behelligen.</p><p>Kurz darauf h�rt er den Bart eines Schl�ssels im Schloss, und die T�r von Zimmer 505 schwingt auf. Bina schleicht sich herein, so wie man in ein Krankenzimmer in der Kardiologie schleicht, wenn man sich auf einen Schock gefasst macht, auf eine Mahnung an die eigene Sterblichkeit, auf grausame Wahrheiten �ber den K�rper.</p><p>�Jesus fucking Christ!�, sagt sie mit ihrem fehlerlosen, harten Akzent. Der Ausdruck kommt Landsman immer merkw�rdig vor, zumindest w�rde er Geld daf�r geben, ihn einmal ausgef�hrt zu sehen.</p><p>Bina watet durch die Bestandteile von Landsmans grauem Anzug, steigt �ber ein Badetuch und bleibt vor dem Bett stehen. Ihre Augen registrieren die rosa Tapete mit dem aufgeflockten bordeauxroten Girlandenmotiv, den gr�nen Pl�schteppich mit seinem Zufallsmuster aus Brandl�chern und geheimnisvollen Flecken, das kaputte Glas, die leere Flasche, das bl�ttrige, gesplitterte Furnier der Sperrholzm�bel. Landsman sieht ihr zu, den Kopf am Fu�ende des Schrankbetts, und erfreut sich an ihrem entsetzten Gesichtsausdruck, denn wenn er das nicht t�te, m�sste er sich sch�men.</p><p>�Was hei�t �Drecksloch� auf Esperanto?�, fragt Bina.</p><p>Sie geht zum Tisch und blickt auf die letzte verwahrloste Locke Nudelauflauf in der fettverklebten Muschelform.</p><p>�Wenigstens hast du was gegessen.�</p><p>Sie dreht den Ohrensessel zum Bett herum und l�sst ihre Umh�ngetasche zu Boden gleiten. Sie untersucht die Sitzfl�che. Ihrem Gesicht kann er ablesen, dass sie sich fragt, ob sie die Sitzfl�che mit etwas �tzendem oder Antibakteriellem aus ihrer Zaubertasche bearbeiten soll. Schlie�lich l�sst sie sich in den Ohrensessel sinken, ganz vorsichtig. Bina tr�gt einen grauen Hosenanzug aus einem gl�nzenden Material mit einem schillernden schwarzen Schimmer. Unter dem Blazer hat sie ein Seidentop in Blassgr�n. Ihr Gesicht ist nackt, abgesehen von zwei Lippenstiftstrichen. Zu dieser Stunde l�sst Binas allmorgendliche �bung, ihr wirres Haar mit Nadeln und Clips unter Kontrolle zu bringen, sie noch nicht im Stich. Wenn sie gut geschlafen haben sollte in der letzten Nacht, in ihrem schmalen Bett im alten Kinderzimmer im obersten Stockwerk eines Zweifamilienhauses auf Japonski Island, wo unten der alte Mr. Oysher mit seiner Beinprothese herumpoltert, so sieht man nichts davon in ihrem eingefallenen, �berschatteten Gesicht. Ihre Augenbrauen sind wieder sehr aneinander interessiert. Ihre geschminkten Lippen sind zu einem ziegelroten, zwei Millimeter breiten Schlitz gespannt.</p><p>�Und, wie l�uft�s heute Morgen, Inspector?�</p><p>�Ich warte nicht gerne, Meyer�, sagt sie. �Schon gar nicht auf dich.�</p><p>�Vielleicht hast du mich nicht geh�rt�, sagt Landsman. �Ich k�ndige.�</p><p>�Das ist lustig, weil die Wiederholung dieses speziellen Schwachsinns erstaunlich wenig dazu beitr�gt, meine Laune zu heben.�</p><p>�Ich kann nicht f�r dich arbeiten, Bina. Komm! Das ist einfach Wahnsinn! Genau der Wahnsinn, den man im Moment von der Abteilung erwartet. Wenn es so schlimm ist, wenn es schon so weit ist, dann vergiss es! Ich habe dieses ganze Gelaber von �jeden mal drankommen lassen� so was von satt. Also, nu, ich h�r auf. Wozu brauchst du mich �berhaupt? Kleb doch schwarze Etiketten auf all deine F�lle. Ge�ffnet, geschlossen. Wen interessiert das? Ist eh nur ein Haufen toter Juden.�</p><p>�Ich habe mir den Stapel noch mal angesehen�, sagt sie. Landsman merkt, dass sie sich nach all den Jahren die aufregende Kraft bewahrt hat, ihn und seine schwarzen Sch�be zu ignorieren. �Ich hab in keiner Akte irgendwas gesehen, das irgendwie den Anschein h�tte, als h�tte es mit den Verbovern zu tun.� Bina greift in ihre Tasche und holt eine Packung Broadways hervor, sch�ttelt eine heraus und schiebt sie sich zwischen die Lippen. Die n�chsten neun Worte sagt sie so beil�ufig, dass Landsman sofort argw�hnisch wird. �Au�er vielleicht der Junkie, den du unten gefunden hast.�</p><p>�Da hast du auch einen schwarzen Reiter draufgeklebt�, erwidert Landsman mit der perfektionierten Unaufrichtigkeit eines Polizisten. �Bina, rauchst du wieder?�</p><p>�Tabak, Quecksilber.� Sie streift eine Locke zur�ck und z�ndet ihre Papiros an, bl�st den Rauch aus. �Mal dies, mal das.�</p><p>�Gib mir auch eine.�</p><p>Sie reicht ihm die Broadway, und er setzt sich auf, wickelt sich sorgf�ltig in eine Toga aus Bettw�sche. Bina mustert ihn in seiner Pracht und z�ndet die zweite Papiros an. Sie registriert das graue Haar um seine Brustwarzen, die nachlassende Spannkraft in seiner Taille, seine knubbeligen Knie.</p><p>�Mit Socken und Unterw�sche im Bett�, sagt sie. �Immer schon ein schlechtes Zeichen bei dir.�</p><p>�Ich sch�tze, ich habe den Cafard�, sagt er. �Ich sch�tze, es hat mich letzte Nacht irgendwie �berfallen.�</p><p>�Letzte Nacht?�</p><p>�Letztes Jahr?�</p><p>Sie schaut sich nach etwas um, das sie als Aschenbecher benutzen kann.</p><p>�Bist du gestern mit Berko auf Verbov Island gewesen�, sagt sie, �um in der Lasker-Sache rumzuschn�ffeln?�</p><p>Es ist sinnlos, sie zu bel�gen. Aber Landsman hat sich viel zu lange Anordnungen widersetzt, um jetzt auf einmal die Wahrheit zu sagen.</p><p>�Hast du keinen Anruf bekommen?�, fragt er.</p><p>�Einen Anruf? Von Verbov Island? An einem Samstagmorgen? Wer soll mich von da an einem Samstagmorgen anrufen?� Ihr Blick wird argw�hnisch, die Augen werden schmaler in den Winkeln. �Was h�tte man mir denn sagen sollen?�</p><p>�Tut mir leid�, sagt Landsman. �Entschuldige mich. Ich muss mal dringend.�</p><p>Er erhebt sich, steht in Unterw�sche da, das Laken um sich geschlungen. Er tappt um das Bett herum zu dem kleinen Badezimmer mit dem Waschbecken, dem Stahlspiegel und dem Duschkopf. Es gibt keinen Duschvorhang, nur den Abfluss in der Mitte des Raumes. Landsman schlie�t die T�r und uriniert lange mit aufrichtigem Vergn�gen. Er legt die brennende Papiros auf den Rand der Toilettensp�lung und bearbeitet sein Gesicht rasch mit Seife und Waschlappen. An einem Haken hinter der T�r h�ngt ein wollener Bademantel mit einem Indianermuster aus roten, gr�nen, gelben und schwarzen Streifen. Er zieht ihn an. Er steckt die Papiros wieder zwischen die Lippen und schaut sich in dem zerkratzten Rechteck polierten Stahls �ber dem Waschbecken an. Was er sieht, kann ihn unm�glich �berraschen oder ihm unbekannte Tiefen offenbaren. Er zieht die Toilette ab und geht zur�ck ins Zimmer.</p><p>�Bina�, sagt er. �Ich kannte diesen Mann nicht. Er wurde mir in den Weg gelegt. Wahrscheinlich h�tte ich ihn kennenlernen k�nnen, aber ich hatte kein Interesse. Wenn dieser Mann und ich uns kennengelernt h�tten, w�ren wir vielleicht Freunde geworden. Vielleicht auch nicht. Er hatte es mit Heroin, und das reichte ihm wohl. Tut es meistens. Aber ob ich ihn nun kannte oder nicht, ob wir h�ndchenhaltend unten auf dem Sofa in der Lobby zusammen alt geworden w�ren, darum geht es nicht. Jemand kam in dieses Hotel, in mein Hotel, und schoss dem Mann in den Hinterkopf, als er im Land der Tr�ume war. Das �rgert mich. Vergiss mal die generellen Einw�nde, die ich vielleicht im Laufe der Jahre gegen das zugrunde liegende Konzept von Mord erhoben habe. Vergiss richtig und falsch, Gesetz und Ordnung, polizeiliche Verfahrensweisen, Dezernatspolitik, Reversion, Juden und Indianer. Dieses Rattenloch ist meine Heimat. Die n�chsten zwei Monate, oder wie lange es noch dauern wird, wohne ich hier. Die ganzen Pechv�gel, die f�r ein Schrankbett und eine Stahlscheibe an der Badezimmerwand Miete zahlen, sind jetzt meine Leute, in guten wie in schlechten Zeiten. Ich kann nicht mal behaupten, dass ich sie besonders m�gen w�rde. Manche sind ganz in Ordnung. Die meisten sind echt schlimm. Aber ich lasse auf keinen Fall zu, dass hier einfach jemand reinspaziert und einem eine Kugel in den Kopf jagt.�</p><p>Bina hat zwei Tassen Instantkaffee gemacht. Eine reicht sie Landsman.</p><p>�Schwarz und s�߫, sagt sie. �Richtig?�</p><p>�Bina!�</p><p>�Du bist auf dich allein gestellt, Meyer. Der schwarze Aktenreiter bleibt dran. Wenn du erwischt wirst, wenn du �rger bekommst, wenn die Rudashevskys dir die Knie brechen, dann wei� ich nichts davon.�</p><p>Sie geht zu ihrer Tasche und holt einen mit Mappen gef�llten Akkordeonordner heraus. Sie legt ihn auf den Furniertisch.</p><p>�Die Rechtsmedizin ist nicht vollst�ndig. Shpringer hat sich nicht richtig dahintergeklemmt. Blut und Haare. Latente Fingerspuren. Ist nicht viel. Ballistik ist noch nicht zur�ck.�</p><p>�Danke, Bina. H�r mal, Bina, dieser Typ. Der hie� nicht Lasker. Er���</p><p>Sie legt ihm die Hand auf den Mund. Seit drei Jahren hat Bina ihn nicht ber�hrt. Wahrscheinlich w�re es �bertrieben zu sagen, dass er sp�rt, wie die Dunkelheit sich ein wenig hebt, als ihre Fingerspitzen seine Lippen streifen. Aber das Dunkel erzittert, und Licht sickert zwischen den Rissen hindurch.</p><p>�Ich wei� nichts davon�, sagt sie. Sie nimmt ihre Hand fort. Trinkt einen Schluck Instantkaffee und verzieht das Gesicht. �Feh!�</p><p>Bina stellt den Becher ab, nimmt ihre Tasche und geht zur T�r. Sie h�lt inne und dreht sich zu Landsman in dem Bademantel um, den sie ihm zum f�nfunddrei�igsten Geburtstag geschenkt hat.</p><p>�Du hast Nerven, Landsman�, sagt sie. �Nicht zu fassen, dass du mit Berko dahin gefahren bist.�</p><p>�Ich musste ihm sagen, dass sein Sohn tot ist.�</p><p>�Sein Sohn.�</p><p>�Mendel Shpilman. Der einzige Sohn vom Rebbe.�</p><p>Bina �ffnet den Mund und schlie�t ihn wieder. Nicht erstaunt, sondern vielmehr engagiert schl�gt sie ihre Terrierz�hne in diese Information, nagt an dem blutigen Knorpel. Landsman sieht, dass ihr gef�llt, wie er dem kr�ftigen Zugriff ihres Kiefers nachgibt. Doch pl�tzlich bekommt ihr Blick eine M�digkeit, die Landsman kennt. Nie wird Bina ihren Ermittlerappetit auf die Geschichten anderer Leute verlieren, denkt Landsman, auf das Rekonstruieren, wie alles sich vom letzten Gewaltausbruch zur�ck zum ersten Fehler entwickelte. Aber manchmal wird ein Schammes dieses Hungers ein wenig �berdr�ssig.</p><p>�Und was meinte der Rebbe?�, fragt sie und l�sst den T�rknauf mit aufrichtigem Bedauern los.</p><p>�Er wirkte etwas verbittert.�</p><p>�Auch �berrascht?�</p><p>�Nicht besonders, aber ich wei� nicht, was das zu sagen hat. Ich gehe davon aus, dass der Junge schon lange auf dem Weg nach unten war. Ob ich mir vorstellen kann, dass Shpilman seinem eigenen Sohn eine Kugel verpassen l�sst? Theoretisch auf jeden Fall. Und f�r Baronshteyn gilt das doppelt.�</p><p>Wie eine Leiche f�llt die Tasche zu Boden. Bina bewegt ihre Schultern in kleinen schmerzenden Kreisen. Landsman k�nnte ihr anbieten, sie zu massieren, nimmt aber weise davon Abstand.</p><p>�Ich sch�tze, ich darf einen Anruf erwarten�, sagt sie. �Von Baronshteyn. Sobald drei Sterne am Himmel stehen.�</p><p>�Tja, ich w�rde nicht zu genau hinh�ren, wenn er dir versucht vorzumachen, wie fertig er ist, weil Mendel Shpilman raus ist aus dem Spiel. Alle freuen sich, wenn der verlorene Sohn zur�ckkehrt, nur nicht der Junge, der in seinem Bett geschlafen hat.�</p><p>Landsman trinkt einen Schluck Kaffee, scheu�lich bitter und s��.</p><p>�Der verlorene Sohn.�</p><p>�Er war so eine Art Wunderkind. Im Schach, im Thorastudium, in Sprachen. Ich habe eine Geschichte �ber ihn geh�rt, er h�tte eine krebskranke Frau geheilt, nicht dass ich so was glaube, aber trotzdem. Ich glaube, bei den Schwarzh�ten gab es eine Menge Geschichten �ber ihn. Dass er der Tzaddik ha-Dor sein k�nnte. Wei�t du, was das ist?�</p><p>�Ungef�hr. Ja. Jedenfalls wei� ich, was das Wort bedeutet�, sagt Bina. Ihr Vater, Guryeh Gelbfish, ist ein Gelehrter im traditionellen Sinn. Einen gewissen Teil dieser Gelehrtheit vergeudete er an sein einziges Kind, ein M�dchen. �Der Gerechte seiner Generation.�</p><p>�Die Geschichte besagt, dass diese Typen, diese Tzaddiks, in den letzten zigtausend Jahren regelm��ig zur Arbeit erschienen sind, in jeder Generation einer, ja? Sie sind in Lauerstellung. Sie warten darauf, dass die Zeit stimmt, dass die Welt stimmt, aber manche behaupten auch, dass die Zeit falsch sein muss und die Welt so falsch, wie es nur geht. Einige von ihnen kennen wir. Die meisten halten sich aber ziemlich bedeckt. Ich glaube, dahinter steckt die Vorstellung, dass jeder der Tzaddik sein k�nnte.�</p><p>�Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden�, sagt Bina oder zitiert vielmehr. �Ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.�</p><p>�Das meine ich ja�, sagt Landsman. �Es kann jeder sein. Ein Penner. Ein Gelehrter. Ein Junkie. Sogar ein Schammes.�</p><p>�Kann wohl sein�, sagt Bina. Sie geht ihn im Kopf durch, den Weg vom wohlt�tigen Wunderkind der Verbover zum ermordeten Junkie in einem Rattenloch auf der Max Nordau Street. Die Geschichte passt auf eine Art zusammen, die Bina zu betr�ben scheint. �Egal, ich bin froh, dass ich es nicht bin.�</p><p>�Willst du nicht mehr die Welt erl�sen, Bina?�</p><p>�Wollte ich das mal?�</p><p>�Ich glaub schon, doch.�</p><p>Sie denkt dar�ber nach, reibt sich mit dem Finger die Nase, versucht, sich zu erinnern.</p><p>�Ich glaube, ich bin dar�ber weg�, sagt sie, aber Landsman kauft es ihr nicht ab. Bina hat ihr Vorhaben nie aufgegeben, die Welt erl�sen zu wollen. Sie hat nur die Welt, die sie zu erl�sen versucht, immer weiter verkleinert, bis sie irgendwann in den Hut eines hoffnungslosen Polizisten passte. �Jetzt sind das alles sprechende H�hner f�r mich.�</p><p>Mit diesem Satz sollte sie eigentlich abgehen, aber sie bleibt noch f�nfzehn Sekunden unerl�st gegen die T�r gelehnt stehen und beobachtet, wie Landsman an den ausgefransten Enden seines Bademantelg�rtels herumnestelt.</p><p>�Was willst du Baronshteyn sagen, wenn er anruft?�, fragt Landsman.</p><p>�Dass du komplett auf eigene Faust gehandelt hast und ich daf�r sorge, dass du dich daf�r verantworten musst. Eventuell muss ich dir deine Dienstmarke abnehmen, Meyer. Ich versuche, das zu verhindern, aber da sich dieser Schomer von der Beerdigungsgesellschaft angesagt hat, dieser Mr. Spade, einen Fluch auf ihn, habe ich nicht viel Spielraum. Und du auch nicht.�</p><p>�Gut, du hast mich gewarnt�, sagt Landsman. �Ich wurde gewarnt.�</p><p>�Und was hast du nun vor?�</p><p>�Jetzt? Jetzt werde ich der Mutter auf den Zahn f�hlen. Shpilman behauptet, niemand h�tte mehr von Mendel geh�rt oder mit ihm gesprochen. Aber aus irgendeinem Grund nehme ich ihm das nicht ab.�</p><p>�Batsheva Shpilman. Das wird ein harter Zahn�, sagt Bina. �Besonders f�r einen Mann.�</p><p>�Stimmt�, sagt Landsman mit sehns�chtiger Miene.</p><p>�Nein�, sagt Bina. �Nein, Meyer. Vergiss es. Du bist auf dich allein gestellt.�</p><p>�Sie wird bei der Beerdigung sein, Bina. Du musst nur���</p><p>�Ich muss nur�, sagt Bina, �jedem Schomer aus dem Weg gehen, auf meinen Arsch aufpassen und die n�chsten zwei Monate �berstehen, ohne ihn mir in Brand zu stecken.�</p><p>�Ich w�rde herzlich gerne auf deinen Arsch aufpassen�, sagt Landsman, den alten Zeiten zuliebe.</p><p>�Zieh dich an�, sagt Bina. �Und tu dir einen Gefallen. R�um hier mal auf. Guck dir diesen Saustall an! Ich kann nicht glauben, dass du so lebst. G�tiger Gott, Meyer, sch�mst du dich nicht?�</p><p>Fr�her einmal glaubte Bina Gelbfish an Meyer Landsman. Oder vielmehr glaubte sie von dem Moment an, als sie ihn kennenlernte, dass ihr Treffen einen Sinn habe, dass hinter ihrer Eheschlie�ung eine eruierbare Absicht liege. Sie waren <emphasis>fardrejt,</emphasis> sicher waren sie das, doch w�hrend Landsman in dem Gewirr nur ein Kuddelmuddel sah, zuf�llig verhedderte F�den, erkannte Bina darin die Hand des gro�en Knotenmachers. Und ihren Glauben vergilt Landsman Bina mit dem Glauben an das Nichts.</p><p>�Nur wenn ich dein Gesicht sehe�, sagt Landsman.</p></section><section><title><p><emphasis>20.</emphasis></p></title><p>Landsman schnorrt vom Wochenendportier namens Krankheit ein halbes Dutzend Papirossen und schl�gt dann eine Stunde tot, indem er drei von ihnen in Brand steckt, derweil die Berichte �ber den Toten von 208 ihr mitleidvolles Zeugnis aus Proteinen, Fettflecken und Staub mit ihm teilen. Wie Bina sagte, steht in keinem irgendwas Neues. Der M�rder scheint ein Profi gewesen zu sein, ein geschickter Schlosser, der keine Spur seiner Vorgehensweise hinterlie�. Die Fingerabdr�cke des Toten decken sich mit denen eines Menachem-Mendel Shpilman, der in den letzten zehn Jahren sieben Mal wegen Drogenbesitzes unter einer Vielzahl von Decknamen festgenommen wurde, darunter Wilhelm Steinitz, Aron Nimzovitch und Richard R�ti. So viel ist klar, mehr nicht.</p><p>Landsman �berlegt, ob er sich ein Bier bestellen soll, duscht jedoch stattdessen hei�. Der Alkohol hat ihn im Stich gelassen, bei dem Gedanken an Nahrung dreht sich ihm der Magen um, und, jetzt mal ehrlich, wenn er sich jemals wirklich h�tte umbringen wollen, h�tte er es l�ngst getan. Gut, die Arbeit ist ein Witz; aber sie bleibt Arbeit. Das ist der wahre Inhalt des Akkordeonordners, den Bina ihm mitgebracht hat, ihre Botschaft an ihn �ber die tiefe Schlucht von Abteilungspolitik, ehelicher Entfremdung und die entgegengesetzten Vektoren ihrer Karrieren hinweg: <emphasis>Mach einfach weiter.</emphasis></p><p>Landsman befreit seinen letzten sauberen Anzug aus dem Plastiksack, rasiert sich und bringt das Gewebe seines Filzhuts mit der B�rste zum Gl�nzen. Er hat heute keinen Dienst, aber Dienst zu haben bedeutet nichts, heute bedeutet nichts, nichts bedeutet irgendetwas au�er einem sauberen Anzug, drei Broadways, dem Schwindel des Katers direkt hinter seinen Augen, dem Murmeln der B�rste auf dem whiskybraunen Filz des Hutes. Und, na gut, vielleicht die Spur von Binas Geruch im Hotelzimmer, ihres s�uerlichen Kragens, ihrer Eisenkrautseife, des Majorandufts ihrer Achselh�hlen. Als Landsman mit dem Aufzug nach unten f�hrt, hat er das Gef�hl, im letzten Moment aus dem n�her rasenden Schatten eines hinabst�rzenden Klaviers getreten zu sein, ein jazziges Schallen im Ohr. Der Knoten seiner gold-gr�nen Ripskrawatte dr�ckt ihm auf den Kehlkopf, so wie ein Skrupel sein Schuldbewusstsein dr�ckt, eine Erinnerung daran, dass er lebt. Sein Hut gl�nzt wie ein Seehundfell.</p><p>Die Max Nordau Street wurde nicht gepfl�gt; die Stra�enarbeiter von Sitka, zu einem Rumpftrupp zusammengestrichen, beschr�nken sich auf Durchgangsstra�en und Autobahn. Landsman l�sst seinen Super Sport in der Obhut des Parkhausw�chters, nachdem er seine Gummigaloschen aus dem Kofferraum geholt hat. Dann stapft er vorsichtig durch die fu�hohen Schneewehen zu Mabuhay Donuts auf der Monastir Street.</p><p>Der chinesische Donut nach Filipinoart, auch Schtekele genannt, ist das gro�artigste Geschenk des Distrikts Sitka an die Leckerm�uler dieser Welt. In seiner jetzigen Form ist er auf den Philippinen nicht zu finden. Kein chinesischer Esser w�rde in ihm ein Produkt der heimischen Gark�chen erkennen. Wie der sumerische Sturmgott Jahwe wurde das Schtekele nicht von den Juden erfunden, aber ohne die Juden und ihre Begierden w�rde sich die Welt weder Gottes noch des Schtekeles br�sten k�nnen. Ein nicht richtig s��es, nicht richtig salziges R�llchen frittierten Teigs, in Zucker gew�lzt, au�en knusprig, innen zart und durchsetzt von Luftblasen, stippt man das Schtekele in einen Pappbecher milchigen Tees, schlie�t die Augen und glaubt zehn fette Sekunden lang, eine fl�chtige Ahnung von etwas Besserem zu bekommen.</p><p>Der verborgene Meister der chinesischen Donuts nach Filipinoart ist Benito Taganes, Inhaber und K�nig der blubbernden Bottiche im Mabuhay. Der Laden�� d�ster, eng, von der Stra�e aus unsichtbar�� hat die ganze Nacht �ber ge�ffnet. Nach Gesch�ftsschluss nimmt er das Treibgut aus Bars und Caf�s auf, versammelt die B�sen und die Schuldigen an seinem abgeplatzten Resopaltresen und summt vom Getratsch der Verbrecher, Polizisten, Schtarker und Schlemiele, Huren und Nachteulen. Wenn das Fett in den Fritteusen applaudiert, die L�ftung br�llt und der Streetblaster die todungl�cklichen <emphasis>kundimans</emphasis> aus Benitos Kindheit in Manila pl�rrt, r�ckt die Kundschaft mit ihren Geheimnissen heraus. Eine goldene Wolke koscheren �ls h�ngt in der Luft und t�uscht die Sinne. Wer k�nnte schon beim Blubbern des koscheren Fetts und dem Wehklagen von Diomedes Naturan jemanden belauschen? Doch Benito Taganes lauscht, und er vergisst nichts. Benito k�nnte einen Stammbaum von Alexei Lebed zeichnen, dem H�uptling der Russenmafia, nur best�nde der nicht aus Gro�eltern und Nichten, sondern aus Kassierern, Killern und Briefkastenfirmen. Er k�nnte ein <emphasis>kundiman</emphasis> der Ehefrauen singen, die ihren einsitzenden Gatten treu blieben, und der M�nner, die ihre Strafe absitzen, weil sie von ihren Frauen verpfiffen wurden. Er wei�, wer den Kopf von Furry Markov in der Garage aufbewahrt und welcher Inspector aus dem Rauschgiftdezernat auf der Lohnliste von Anatoly Moskowits, dem wilden Tier, steht. Blo� wei� au�er Landsman niemand, dass Benito es wei�.</p><p>�Ein Donut, Reb Taganes�, sagt Landsman, als er aus der Gasse hineingestapft kommt und die Schneekruste von seinen �berschuhen sch�ttelt. Der Samstagnachmittag in Sitka liegt tot da wie ein gescheiterter Messias in seinem Lumpentuch aus Schnee. Es war niemand auf dem Gehsteig, kaum ein Auto auf der Stra�e. Aber hier bei Mabuhay Donuts lehnen sich drei oder vier Betrunkene vor dem n�chsten Saufgelage, Zugv�gel und Einzelg�nger gegen die funkelnde, geharzte Theke, saugen den Tee aus ihrem Schtekele und arbeiten an der Berechnung ihres n�chsten gro�en Fehlers.</p><p>�Nur einen?�, fragt Benito. Er ist ein gedrungener, dicker Mann mit der Hautfarbe des von ihm verkauften milchigen Tees, seine Wangen sind pockig wie zwei dunkle Monde. Er hat schwarzes Haar, obwohl er �ber siebzig ist. Als junger Mann war er auf Luzon Meister im Fliegengewicht, und mit seinen dicken Fingern und den t�towierten, salamiartigen Unterarmen h�lt man ihn f�r einen harten Burschen, was den Anforderungen seines Gesch�fts entgegenkommt. Seine gro�en karamellbraunen Augen jedoch verraten ihn, deshalb ist sein Blick �berschattet. Doch Landsman hat in sie hineingeschaut. Um sich einen Schanker zu halten, muss man auch in der ausdruckslosesten Visage das gebrochene Herz erkennen. �Sieht aus, als k�nnten Sie einen oder drei mehr vertragen, Detective.�</p><p>Mit dem Ellenbogen schiebt Benito den Neffen oder Cousin beiseite, den er an die Friteuse gestellt hat, und senkt schlangenbeschw�rerisch ein Seil rohen Teigs ins Fett. Wenige Minuten sp�ter h�lt Landsman ein straff gewickeltes Papierpaket Himmel in der Hand.</p><p>�Ich habe die Informationen �ber die Tochter von Olivias Schwester�, nuschelt Landsman an einem warmen, zuckrigen Bissen vorbei.</p><p>Benito zapft eine Tasse Tee f�r Landsman und nickt in Richtung Gasse. Er zieht seinen Anorak �ber. Sie gehen nach drau�en. Benito hakt einen Schl�sselbund aus seiner G�rtel�se und schlie�t eine Eisent�r zwei Eing�nge hinter Mabuhay Donuts auf. Dort h�lt sich Benito seine Geliebte Olivia in drei kleinen, ordentlichen Zimmern mit einem Warhol-Portr�t der Dietrich an der Wand und dem bitteren Geruch von Vitaminen und verfaulten Gardenien in der Luft. Olivia ist nicht da. Die Dame ist in letzter Zeit immer h�ufiger im Krankenhaus, stirbt abschnittweise, am Ende jedes Kapitels ist ihr �berleben fraglich. Benito winkt Landsman in einen roten Ledersessel mit wei�en Biesen. Nat�rlich hat Landsman keine Information f�r Benito �ber irgendeine Tochter von Olivias Schwester. Und Olivia ist eigentlich keine Dame, aber Landsman ist der Einzige, der dieses Geheimnis des Donutk�nigs Benito Taganes kennt. Vor Jahren bedr�ngte ein Serienvergewaltiger namens Kohn Miss Olivia Lagdameo und fand ihr Geheimnis heraus. Die <emphasis>zweite</emphasis> gro�e �berraschung f�r Kohn war in jener Nacht das zuf�llige Auftauchen des Streifenbeamten Landsman. Was Landsman mit Kohns Gesicht anstellte, f�hrte dazu, dass der Mamser f�r den Rest seines Lebens nur noch undeutlich sprechen konnte. Also sorgt nicht das Geld, sondern eine Mischung aus Dankbarkeit und Scham daf�r, dass die Informationen von Benito zu dem Mann flie�en, der Olivia rettete.</p><p>�Schon mal was �ber den Sohn von Heskel Shpilman geh�rt?�, fragt Landsman und stellt Donuts und Teebecher ab. �Mendel hei�t er.�</p><p>Benito steht da, die H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, wie ein Junge, der in der Schule ein Gedicht aufsagen muss.</p><p>�Im Laufe der Jahre�, sagt er. �Dies und das. Junkie, oder?�</p><p>Landsman hebt lediglich eine struppige Augenbraue um f�nf Millimeter. Fragen eines Schtinkers beantwortet man nicht, schon gar keine rhetorischen.</p><p>�Mendel Shpilman�, entscheidet sich Benito. �Hab ich vielleicht ein paar Mal gesehen. Lustiger Kerl. Spricht ein bisschen Tagalog. Singt ein kleines Filipino-Lied. Was ist passiert, ist er nicht tot?�</p><p>Immer noch schweigt Landsman, obwohl er Benny Taganes mag und es ihm immer etwas unh�flich vorkommt. Um sein Schweigen zu tarnen, greift er zum Schtekele und bei�t ab. Die Hitze ist fort, aber das Geb�ck ist noch warm und duftet nach Vanille, und die Kruste knirscht zwischen den Z�hnen wie die Karamellglasur auf einer Sch�ssel Vanillepudding. W�hrend der Bissen in Landsmans Mund verschwindet, beobachtet Benito ihn mit der absch�tzenden K�hle eines Dirigenten bei der Probe eines Fl�tisten.</p><p>�Der ist gut, Benny.�</p><p>�Keine Beleidigung, Detective, ich bitte Sie.�</p><p>�Sorry, Benny.�</p><p>�Ich wei�, dass der gut ist.�</p><p>�Der Beste.�</p><p>�Nichts in Ihrem Leben kommt da nur entfernt dran.�</p><p>Damit trifft er den Nagel so auf den Kopf, dass die Erkenntnis Landsman stechende Tr�nen in die Augen treibt, und um das zu �berspielen, isst er noch einen Donut.</p><p>�Jemand hat den Jid gesucht�, sagt Benito in seinem rauen, fl�ssigen Jiddisch. �Vor zwei, drei Monaten. Zwei oder drei Jemande.�</p><p>�Haben Sie die Jemande gesehen?�</p><p>Benito zuckt mit den Achseln. Seine Taktik und Arbeitsweise bleiben f�r Landsman ein Mysterium, ebenso seine Cousins und Neffen und das von ihm eingesetzte Netzwerk von Sub-Schtinkern.</p><p>�Jemand hat sie gesehen�, sagt er. �Vielleicht war ich es.�</p><p>�Waren es Schwarzh�te?�</p><p>Benito denkt l�nger �ber die Frage nach, und Landsman merkt, dass sie ihn auf eine Weise qu�lt, die irgendwie akademisch, fast vergn�glich ist. Dann sch�ttelt er langsam und entschieden den Kopf.</p><p>�Keine Schwarzh�te�, sagt er. �Aber sie hatten B�rte.�</p><p>�B�rte? Meinen Sie, es waren religi�se M�nner, oder was?�</p><p>�Kleine Jarmulkes. Gestutzte B�rte. Junge M�nner.�</p><p>�Russen? Mit Akzent?�</p><p>�Wenn ich von diesen jungen M�nnern geh�rt habe, dann hat der, der davon erz�hlt hat, nichts von einem Akzent erw�hnt. Wenn ich sie selbst gesehen habe, dann kann ich mich nicht erinnern, tut mir leid. Hey, was ist los, Detective, warum schreiben Sie nicht mit?�</p><p>Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit nahm Landsman Benitos Informationen demonstrativ immer sehr ernst. Jetzt fischt er seinen Block hervor und kritzelt ein, zwei Zeilen hinein, nur damit der Donutk�nig gl�cklich ist. Er wei� nicht, was er davon halten soll, von zwei oder drei ordentlichen jungen Juden, religi�s, aber keine Schwarzh�te.</p><p>�Und was genau wollten Sie bitte wissen?�, fragt er.</p><p>�Aufenthaltsort. Informationen.�</p><p>�Haben sie die bekommen?�</p><p>�Nicht bei Mabuhay Donuts. Nicht von einem Taganes.�</p><p>Benitos Shoyfer klingelt. Er klappt es auf und dr�ckt es ans Ohr. Jegliche H�rte verl�sst die Falten um seinen Mund. Nun passt sein Gesicht zu seinen Augen, weich, �berbordend vor Gef�hl. Z�rtlich quasselt er auf Tagalog los. Landsman h�rt den tiefen Klang seines eigenen Nachnamens.</p><p>�Wie geht es Olivia?�, fragt er Benito, als der aufgelegt und eine Kelle kalten Gipses in die Form seines Gesichts gesch�pft hat.</p><p>�Sie kann nicht mehr essen�, sagt Benito. �Keine Schtekele mehr.�</p><p>�Das ist schade.�</p><p>Sie sind durch. Landsman steht auf, l�sst den Block in seiner Jackentasche verschwinden und schiebt sich den letzten Bissen in den Mund. Er ist st�rker und gl�cklicher, als er sich seit Wochen oder vielleicht Monaten gef�hlt hat. Der Tod von Mendel Shpilman hat etwas, es ist eine Geschichte, an der er sich festhalten kann, sie sch�ttelt den Staub und die Spinnweben von ihm ab. Oder es liegt doch am Donut. Sie steuern auf die T�r zu, da legt Benito die Hand auf Landsmans Arm.</p><p>�Warum fragen Sie mich nicht noch etwas, Detective?�</p><p>�Was soll ich denn noch fragen, Benny?� Landsman runzelt die Stirn, verf�llt etwas zweifelnd auf eine Frage. �Haben Sie heute vielleicht etwas geh�rt? Etwas von Verbov Island?� Es ist schwer vorstellbar, aber nicht undenkbar, dass die Nachricht vom Verbover Missfallen �ber Landsmans Besuch beim Rebbe bereits Benitos Ohren erreicht hat.</p><p>�Verbov Island? Nein, was anderes. Sie suchen doch noch den Zilberblat.�</p><p>Viktor Zilberblat ist einer von elf offenen F�llen, die Landsman und Berko jetzt effektiv l�sen sollen. Zilberblat wurde im vergangenen M�rz im Nachtasyl, dem alten deutschen Viertel, vor dem Gasthaus Hofbr�u erstochen, nur wenige H�userblocks entfernt. Das Messer war klein und stumpf, der Mord wirkte laienhaft.</p><p>�Der Bruder wurde gesehen�, sagt Benito Taganes. �Rafi. Schlich herum.�</p><p>Es tat niemandem leid, Viktor zu verlieren, am wenigsten seinem Bruder Rafael. Viktor hatte Rafael misshandelt, betrogen und gedem�tigt und sich schlie�lich mit dessen Geld und Frau abgesetzt. Nach Viktors Tod verlie� Rafael die Stadt mit unbekanntem Ziel. Zwei halbwegs zuverl�ssige Zeugen behaupten, er sei zwei Stunden vor beziehungsweise nach der wahrscheinlichen Tatzeit vierzig Meilen vom Nachtasyl entfernt gewesen. Aber Rafi Zilberblat hat eine lange, monotone Polizeiakte, und er k�me gerade sehr gelegen, �berlegt Landsman, angesichts des abgesenkten Beweisstandards, den die neue Dezernatspolitik mit sich bringt.</p><p>�Schlich wohin?�, fragt Landsman. Die Information �hnelt einem hei�en Schluck schwarzen Kaffees. Landsman hat das Gef�hl, sich gleich einer hundert Pfund schweren Schlange um Rafi Zilberblats Freiheit zu winden.</p><p>�Dieser Big-Macher-Laden, den es nicht mehr gibt, oben bei Granite Creek. Zilberblat wurde gesehen, wie er da rein- und rausschlich. Hatte Sachen dabei. Propangasflasche. Vielleicht wohnt er in dem leeren Laden.�</p><p>�Danke, Benny�, sagt Landsman. �Ich guck mal nach.�</p><p>Landsman beginnt, sich aus dem Apartment zu schieben. Benito Taganes h�lt ihn am �rmel fest. Mit v�terlicher Hand streicht er �ber Landsmans Mantelkragen. Er b�rstet die Zimtzuckerkr�mel fort.</p><p>�Ihre Frau�, sagt er. �Wieder da!�</p><p>�In all ihrer Herrlichkeit.�</p><p>�Nette Frau. Viele Gr��e.�</p><p>�Ich sag ihr, dass sie mal vorbeikommen soll.�</p><p>�Nein, Sie sagen ihr nichts, Detective�, grinst Benito. �Sie ist jetzt Ihr Chef.�</p><p>�Sie war schon immer mein Chef, Benny�, sagt Landsman. �Jetzt ist es blo� offiziell.�</p><p>Das Grinsen verblinzelt, und Landsman wendet den Blick von Benito Taganes� trauernden Augen ab. Benitos Lady ist jetzt eine stimmlose, schattenhafte kleine Frau, aber in ihrer Bl�tezeit benahm sich Miss Olivia wie der Chef der halben Welt.</p><p>�Besser f�r Sie�, sagt Benito. �Brauchen Sie.�</p></section><section><title><p><emphasis>21.</emphasis></p></title><p>Landsman schnallt ein zus�tzliches Magazin an seinen G�rtel und f�hrt, vorbei an Halibut Point, hinaus ins Nordend, wo sich die Stadt zerstreut und das Wasser �ber das Land greift wie der Arm eines Polizisten. Direkt neben der Ickes-Autobahn liegt das Wrack des Einkaufszentrums und markiert das Ende der Tr�ume des j�dischen Sitka. Der Drang, jeden vorhandenen Raum von hier bis Yakovy mit allen Juden der Welt zu f�llen, verendete auf diesem Parkplatz. Es gab keinen dauerhaften Status, keinen Zustrom frischen Judenfleisches aus den bitteren Winkeln und dunklen Gassen der Diaspora. Die geplanten Sozialbauten blieben Striche auf blauem Papier und verendeten in einer Stahlschublade.</p><p>Das Outlet-Center von Big Macher in Granite Creek machte vor ungef�hr zwei Jahren dicht. Seine Tore sind mit Ketten verh�ngt, und entlang der fensterlosen Flanke, wo jiddische und r�mische Lettern den Namen des Gesch�fts buchstabieren, findet sich lediglich eine kryptische Folge von L�chern, Dominopunkte, ein Braille des Misserfolgs.</p><p>Landsman l�sst sein Auto am Mittelstreifen stehen und marschiert �ber die gewaltige gefrorene Leere des Parkplatzes zum Eingang. Der Schnee liegt hier nicht so hoch wie in den Stra�en des Zentrums. Der Himmel ist fern und blassgrau, getigert mit dunkelgrauen Streifen. Schnaufend stapft Landsman auf die Glast�ren zu, deren Griffe wie Arme mit einer baumelnden, blauen, gummiummantelten Kette gefesselt sind. Landsman stellt sich vor, wie er mit gez�cktem Ausweis an diese T�ren klopft, dass seine Selbstsicherheit wie ein Kraftfeld vibriert, und wie dieser schleichende Windhund von Mann, dieser Rafi Zilberblat, jeden Moment d�mlich blinzelnd in den schneestrahlenden Tag tritt.</p><p>Wie eine dicke, brummende Fliege schw�rzt die erste Kugel die Luft neben Landsmans rechtem Ohr. Er wei� nicht mal, dass es eine Kugel ist, bis er eine schallged�mpfte Explosion und das Kreischen von Glas h�rt oder zu h�ren vermeint. Aber da f�llt er auch schon b�uchlings in den Schnee, dr�ckt sich flach auf den Boden. Der n�chste Schuss streift seinen Hinterkopf und verbrennt seinen Sch�del wie eine von einem Streichholz entz�ndete Benzinspur. Landsman zerrt seine Scholem hervor, aber da ist ein Spinngewebe in seinem Kopf oder auf seinem Gesicht, und eine reuige L�hmung ergreift ihn. Sein Plan war gar kein Plan, und jetzt ist er schiefgegangen. Er hat keine Unterst�tzung. Niemand wei�, wo er ist, nur Benito Taganes mit seinem Sirupblick und seinem alles erdr�ckenden Schweigen. Landsman wird auf einem verlassenen Parkplatz am Ende der Welt sterben. Er schlie�t die Augen. Er �ffnet sie wieder, und das Spinngewebe ist dichter geworden, sonderbare Tautropfen funkeln darin. Schritte im Schnee, mehr als eine Person, Landsman hebt die Waffe und zielt durch die funkelnden Fasern dessen, was in seinem Kopf schiefl�uft. Er dr�ckt ab.</p><p>Es gibt einen Schmerzschrei, einen weiblichen, einen Atemsto�, dann w�nscht ihm eine Dame den Krebs an die Hoden. Schnee liegt auf Landsmans Ohren und schmilzt seinen Mantelkragen hinunter bis in den Nacken. Jemand greift nach seiner Pistole und versucht, ihn auf die F��e zu ziehen. Popcornatem. Als Landsman sich torkelnd aufrichtet, breitet sich das Band �ber seinen Augen aus. Er sieht die schnurrb�rtige Fratze von Rafi Zilberblat und neben dem Eingang vom Big Macher eine auf dem R�cken liegende mollige Wasserstoffblondine, deren Leben aus dem Bauch in den dampfenden roten Schnee gepumpt wird. Und zwei Pistolen, eine davon in Zilberblats Hand, die auf Landsmans Kopf gerichtet sind. Als Landsman die Automatik schimmern sieht, l�sen sich die Spinnweben von Reue und Selbstbeschuldigung auf. In der Luft liegt das Aroma von Popcorn, es zieht aus dem verlassenen Gesch�ft und ver�ndert Landsmans Wahrnehmung des Blutgeruchs, l�sst ihn s��er erscheinen. Landsman duckt sich und l�sst seine Smith &amp; Wesson los.</p><p>Zilberblat rei�t so heftig an der Waffe, dass er r�ckw�rts in den Schnee stolpert, als Landsman sie aufgibt. Jetzt agiert Landsman nur noch, ohne einen Gedanken im Kopf. Er entrei�t dem Gegner seine Scholem, dreht sie in der Hand, und die Welt zieht am Abzug aller Waffen. Zilberblat w�chst ein Horn aus Blut oben aus dem Kopf. Jetzt sind die Spinnweben in Landsmans Ohren. Er h�rt nur noch den Atem hinten in seinem Hals und sein pulsierendes Blut.</p><p>Einen Augenblick lang breitet sich wie ein Regenschirm ein sonderbarer Friede �ber Landsman aus, als er sich auf den Mann setzt, den er gerade umgebracht hat. Seine Knie brennen im Schnee. Er besitzt noch die Geistesgegenwart, zu erkennen, dass diese Ruhe nicht unbedingt ein gutes Zeichen ist. Dann dr�ngen sich langsam Zweifel um das Bewusstsein, was f�r eine Schweinerei er veranstaltet hat, Zuschauer, die sich um einen gesprungenen Selbstm�rder sammeln. Landsman taumelt auf die F��e. Auf seinem Mantel sieht er das geronnene Blut, Hirnfetzen, einen Zahn.</p><p>Zwei tote Menschen im Schnee. Der Geruch von Popcorn, ein buttriger Fu�gestank, �berw�ltigt ihn.</p><p>W�hrend er seine Ged�rme mit aller Macht in den Schnee zu kotzen versucht, kommt ein weiterer Mann aus dem Big Macher geschlendert. Ein junger Mann mit einem Rattengesicht und trottendem Gang. Landsman hat gerade noch genug Verstand, in ihm einen Zilberblat zu erkennen. Dieser Zilberblat hat die Arme erhoben und einen verst�rten Gesichtsausdruck. Seine H�nde sind leer. Doch als er den blutenden und auf allen vieren kotzenden Landsman sieht, gibt er sein Kapitulationsprojekt auf. Er hebt die Automatik an, die neben dem Wrack seines Bruders liegt. Landsman kommt schwankend zum Stehen, und die Feuerspur an seinem Hinterkopf lodert auf. Er sp�rt, dass der Boden einbricht, und dann umgibt ihn nur noch schallende Schw�rze.</p><p>Nachdem er gestorben ist, wacht er mit dem Gesicht im Schnee auf. Er sp�rt keine K�lte an den Wangen. Das wilde Klingeln in seinen Ohren ist fort. Er kr�mmt sich hoch, bis er sitzt. Das Blut von seinem Hinterkopf hat Rhododendren in den Schnee gemalt. Der Mann und die Frau, die er erschossen hat, haben sich nicht bewegt, aber es gibt keine Spur des jungen Zilberblats, der auf ihn schoss oder nicht und ihn t�tete oder nicht. Mit pl�tzlicher Klarheit und wachsendem Argwohn, er k�nne tats�chlich zu sterben vers�umt haben, klopft sich Landsman ab. Seine Uhr, seine Brieftasche, die Autoschl�ssel, das Handy, die Pistole und die Dienstmarke sind fort. Landsman schaut nach seinem in der Ferne an der Parallelstra�e geparkten Wagen. Als er sieht, dass sein Super Sport weg ist, wei� er, dass er noch lebt, weil nur das Leben selbst einen derart bitteren Anblick bieten kann.</p><p>�Noch so ein verwichster Zilberblat�, sagt er. �Die sind doch alle gleich.�</p><p>Ihm ist kalt. Er �berlegt, ins Big Macher zu gehen, aber der Popcorngestank h�lt ihn ab. Er wendet sich von den g�hnenden Eingangst�ren ab und hebt den Blick zum hohen H�gel und den Bergen dahinter, schwarz vor B�umen. Dann setzt er sich in den Schnee. Nach einer Weile legt er sich hin. Es ist kuschelig und gem�tlich, es riecht nach kaltem Staub, und er schlie�t die Augen und schl�ft ein, zusammengerollt in seinem netten, kleinen, dunklen Loch in der Wand des Hotel Zamenhof, und zum ersten Mal im Leben st�rt ihn seine Platzangst nicht, nicht ein bisschen.</p></section><section><title><p><emphasis>22.</emphasis></p></title><p>Landsman h�lt einen kleinen Jungen im Arm. Das Baby weint, ohne triftigen Grund. Sein Geheul schn�rt Landsmans Herz auf angenehme Weise zu. Erleichtert stellt er fest, dass er ein dickes, h�bsches Kind hat, das nach Waffeln und Seife riecht. Er dr�ckt die kleinen Speckf��e, sch�tzt das Gewicht dieses kleinen Gro�v�terchens in seinen Armen, geringf�gig und enorm zugleich. Landsman dreht sich zu Bina um, will ihr die gute Nachricht mitteilen: Es war alles ein Fehler. Hier ist dein kleiner Sohn. Aber es ist keine Bina da, der er es sagen k�nnte, in Landsmans Nase h�lt sich nur die Erinnerung an Regen in ihrem Haar. Dann wacht Landsman auf und erkennt, dass das weinende Baby Pinky Shemets ist, dessen Windel gewechselt wird oder der Protest �ber dieses oder jenes anmeldet. Landsman blinzelt, und die Welt dr�ngt sich ihm in Form eines gebatikten Wandbehangs auf. Als w�re es das erste Mal, h�hlt ihn der Verlust seines Sohnes v�llig aus.</p><p>Landsman liegt im Bett von Berko und Ester-Malke, auf der Seite, mit dem Gesicht zur Wand, und blickt auf die eingef�rbte Szene balinesischer G�rten und Wildv�gel. Jemand hat ihn entkleidet, bis auf die Unterhose. Er setzt sich auf. Die Haut an seinem Hinterkopf kribbelt, dann strafft sich eine Schnur des Schmerzes. Landsman betastet seine Verletzung. Seine Finger treffen auf einen Verband, ein knittriges Rechteck aus Mull und Pflaster. Drum herum ein sonderbar haarloses St�ck Kopfhaut. Klatschend purzeln Erinnerungen �bereinander wie die Tatortfotos aus Dr. Shpringers Todeskamera. Ein heiterer Sanit�ter von der Notaufnahme, ein R�ntgenbild, eine Morphiumspritze, ein dr�uender, mit Betadine getr�nkter Tupfer. Davor: der Lichtstreifen einer Stra�enlaterne an der wei�en Vinyldecke des Krankenwagens. Und davor, vor der Fahrt mit dem Krankenwagen: violetter Schneematsch. Auf dem Boden verteilte, dampfende menschliche Eingeweide. Eine Hornisse an seinem Ohr. Ein roter Strahl, der aus der Stirn von Rafi Zilberblat schie�t. Ein Code von L�chern in einer leeren Gipswand. Landsman flieht so hastig vor der Erinnerung an das, was auf dem Parkplatz des Big Macher geschah, dass er geradewegs in den stechenden Schmerz l�uft, den kleinen Django Landsman in seinem Traum verloren zu haben.</p><p>�Wehe mir�, sagt Landsman. Er wischt sich �ber die Augen. Er w�rde jetzt eine Dr�se oder ein kleineres Organ f�r eine Papiros geben.</p><p>Die Schlafzimmert�r �ffnet sich, und Berko kommt mit einer fast noch vollen Packung Broadways herein.</p><p>�Habe ich dir schon mal gesagt, dass ich dich liebe?�, sagt Landsman, wohl wissend, dass er es noch nie getan hat.</p><p>�Hast du nicht, zum Gl�ck�, sagt Berko. �Die habe ich von unserem Nachbarn, von Fried. Ich habe gesagt, die Schachtel w�re polizeilich beschlagnahmt.</p><p>�Ich bin dir wahnsinnig dankbar.�</p><p>�Man beachte das Adverb.�</p><p>Dann merkt Berko, dass Landsman geweint hat; eine Augenbraue schie�t hoch, schwebt oben und senkt sich wieder wie eine Decke auf einen Tisch.</p><p>�Ist der Kleine in Ordnung?�, fragt Landsman.</p><p>�Zahnt.� Berko nimmt einen B�gel von einem Haken an der Schlafzimmert�r. Auf dem B�gel h�ngt Landsmans Kleidung, sauber und ausgeb�rstet. Berko betastet die Seitentasche von Landsmans Sakko und holt ein Streichholzheft hervor. Er stellt sich neben das Bett und h�lt ihm Papirossen und Z�ndh�lzer hin.</p><p>�Ich kann nicht behaupten�, sagt Landsman, �dass ich w�sste, was ich hier tue.�</p><p>�Es war Ester-Malkes Idee. Wir wissen ja, was du von Krankenh�usern h�ltst. Man meinte, du m�sstest nicht dableiben.�</p><p>�Setz dich doch!�</p><p>Es gibt keinen Stuhl im Zimmer. Landsman rutscht zur Seite, und Berko hockt sich auf die Bettkante, was bei den Federn einen Alarm ausl�st.</p><p>�Ist das wirklich in Ordnung, wenn ich hier rauche?�</p><p>�Eigentlich nicht, nein. Stell dich ans Fenster.�</p><p>Landsman hievt sich aus dem Bett. Als er die Bambusjalousie hochrollt, wundert er sich ein wenig, dass es drau�en in Str�men regnet. Regengeruch weht durch die f�nf Zentimeter, die er das Fenster hochgekurbelt hat, und erkl�rt den Geruch von Binas Haar in Landsmans Traum. Er schaut hinunter auf den Parkplatz des Apartmenthauses und sieht, dass der Schnee geschmolzen und fortgewaschen ist. Auch das Licht kommt ihm v�llig falsch vor.</p><p>�Wie viel Uhr ist es?�</p><p>�Sechzehn Uhr zweiunddrei�ig�, sagt Berko, ohne auf die Uhr zu sehen.</p><p>�Welcher Tag ist heute?�</p><p>�Sonntag.�</p><p>Landsman kurbelt das Fenster noch weiter auf und schwingt die linke Hinterbacke auf die Fensterbank. Regen f�llt auf seinen schmerzenden Kopf. Er z�ndet die Papiros an, nimmt einen langen Zug und versucht zu entscheiden, ob ihn diese Information verwirrt.</p><p>�Ist lange her�, sagt er. �Dass ich einen ganzen Tag geschlafen habe.�</p><p>�Dann hast du es wohl gebraucht�, stellt Berko k�hl fest. Ein Seitenblick in Landsmans Richtung. �Ester-Malke hat dich �brigens ausgezogen. Nur damit du Bescheid wei�t.�</p><p>Landsman ascht aus dem Fenster.</p><p>�Ich wurde angeschossen.�</p><p>�Streifschuss. Die meinten, es w�re eher eine Art Verbrennung. Musste nicht gen�ht werden.�</p><p>�Es waren drei. Rafael Zilberblat. Ein Pischer, ich denke, das war sein Bruder. Und so �n Huhn. Der Bruder hat mein Auto geklaut, meine Brieftasche. Meine Dienstmarke und meine Scholem. Und mich da liegen lassen.�</p><p>�So wurde es rekonstruiert.�</p><p>�Ich wollte telefonieren, aber das kleine Rattengesicht hat mir auch mein Shoyfer geklaut.�</p><p>Bei der Erw�hnung von Landsmans Handy muss Berko grinsen.</p><p>�Was ist?�, sagt Landsman.</p><p>�Der Pischer ist mit deinem Auto durch die Gegend gekurvt. N�rdlich nach Ickes, dann Richtung Yakovy, Fairbanks, Irkutsk.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Dein Telefon klingelte. Der Pischer ging dran.�</p><p>�Und du warst dran?�</p><p>�Bina.�</p><p>�Nicht schlecht.�</p><p>�Sie spricht keine zwei Minuten mit dem kleinen Zilberblat und wei� anschlie�end seinen Aufenthaltsort, seine Personenbeschreibung und den Namen des Hundes, den er mit elf Jahren hatte. F�nf Minuten sp�ter wurde er vor Krestov von zwei Latkes aufgegriffen. Dein Auto ist in Ordnung. In der Brieftasche war sogar noch Bargeld.�</p><p>Landsman tut so, als finde er es interessant, wie das Feuer aus dem getrockneten Tabak Ascheflocken macht.</p><p>�Und meine Dienstmarke und meine Waffe?�, fragt er.</p><p>�Ah.�</p><p>�Ah.�</p><p>�Deine Dienstmarke und deine Waffe sind jetzt in den H�nden deiner Vorgesetzten.�</p><p>�Hat sie vor, sie zur�ckzugeben?�</p><p>Berko streicht �ber die Dellen, die Landsman im Bett hinterlassen hat.</p><p>�Es passierte doch in Aus�bung meiner Pflicht!�, sagt Landsman, und selbst in seinen Ohren klingt es weinerlich. �Ich hab einen Tipp gekriegt wegen Rafi Zilberblat.� Er zuckt mit den Achseln und f�hrt mit den Fingern am Verband an seinem Hinterkopf entlang. �Ich wollte einfach nur mit dem Jid reden.�</p><p>�Du h�ttest mich anrufen sollen.�</p><p>�Ich wollte dich nicht an einem Samstag st�ren.�</p><p>Das ist keine Entschuldigung, und es kommt noch lahmer heraus, als Landsman gehofft hat.</p><p>�Nu, ich bin ein Idiot�, gibt er zu. �Und ein schlechter Polizist.�</p><p>�Regel Nummer eins.�</p><p>�Ich wei�. Ich wollte nur einfach etwas tun, ohne lange zu warten. Ich hab nicht gedacht, dass es so laufen w�rde.�</p><p>�Jedenfalls dieser Pischer�, sagt Berko. �Der kleine Bruder. Nennt sich Micky Zilberblat. Hat f�r seinen toten Bruder gestanden. Rafi hat Viktor tats�chlich umgebracht. Mit einer halben Schere.�</p><p>�Sieh mal einer an.�</p><p>�Wenn sich sonst nichts �ndert, w�rde ich sagen, dass Bina guten Grund hat, sich �ber dich zu freuen. Du hast den Fall sehr effektiv gel�st.�</p><p>�Mit einer <emphasis>halben</emphasis> Schere.�</p><p>�Das nenne ich einfallsreich!�</p><p>�Sehr sparsam.�</p><p>�Und das Huhn, das du so grob behandelt hast�� das warst du doch, oder?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Nu, gut gemacht, Meyer.� Keine Ironie in Berkos Gesicht oder Stimme. �Du hast Yacheved Flederman eine Kugel verpasst.�</p><p>�Kann nicht sein!�</p><p>�War kein schlechter Tag f�r dich.�</p><p>�Diese Krankenschwester?�</p><p>�Unsere Kollegen von der B-Mannschaft sind ganz entz�ckt von dir.�</p><p>�Die diesen alten Opi umgebracht hat, wie hie� er noch, Herman Pozner?�</p><p>�Das war ihr einziger offener Fall letztes Jahr. Die dachten, Flederman w�re in Mexiko.�</p><p>�Fuck me�, sagt Landsman.</p><p>�Tabatchnik und Karpas haben schon bei Bina ein gutes Wort f�r dich eingelegt, wie ich geh�rt habe.�</p><p>Landsman dr�ckt die Papiros an der Au�enwand des Hauses aus und schnippt sie in den Regen. In Wirklichkeit treten Tabatchnik und Karpas Landsman und Shemets in den Arsch, und zwar so richtig.</p><p>�Selbst wenn ich mal Gl�ck habe�, sagt Landsman, �habe ich Pech.� Er seufzt. �Hat man was von Verbov Island geh�rt?�</p><p>�Keinen Mucks.�</p><p>�Nichts in der Zeitung?�</p><p>�Weder in der <emphasis>Licht</emphasis> noch in der <emphasis>Rut.�</emphasis> Das sind die f�hrenden Tageszeitungen der Schwarzh�te. �Ich habe keine Ger�chte geh�rt. Niemand redet davon. Nichts. Totenstille.�</p><p>Landsman rutscht von der Fensterbank und geht zum Telefon auf dem Nachttisch. Er w�hlt eine Nummer, die er vor Jahren auswendig gelernt hat, stellt eine Frage, erh�lt die Antwort und legt wieder auf.</p><p>�Die Verbover haben gestern Abend Mendel Shpilmans Leiche abgeholt.�</p><p>Das Telefon in Landsmans Hand zuckt und zirpt wie ein Computervogel. Er reicht es Berko.</p><p>�Scheint ihm gut zu gehen�, sagt Berko nach einer kurzen Pause. �Ja, ich kann mir vorstellen, dass er Ruhe braucht.</p><p>In Ordnung.� Er l�sst den H�rer sinken und sieht Landsman an, bedeckt die Sprechmuschel mit dem Daumen. �Deine Ex.�</p><p>�Ich h�re, es geht dir gut�, sagt Bina, als Landsman sich meldet.</p><p>�So sagt man mir�, sagt Landsman.</p><p>�Lass dir Zeit�, schl�gt sie vor. �G�nn dir eine Pause, Meyer.�</p><p>Die Bedeutung ihrer Worte braucht eine Sekunde, bis sie bei ihm ankommt, so liebevoll und beruhigend ist ihre Stimme.</p><p>�Das machst du nicht�, sagt er. �Bitte, Bina, sag, dass das nicht stimmt.�</p><p>�Zwei Tote, Meyer. Aus deiner Waffe. Keine weiteren Zeugen au�er einem Jungen, der nichts mitbekommen hat. Das l�uft automatisch so. Suspendiert bei vollem Gehalt, Untersuchung durch die Beh�rde anh�ngig.�</p><p>�Die haben auf mich geschossen, Bina. Ich hatte einen zuverl�ssigen Tipp bekommen, bin mit meiner Waffe im Holster hingegangen, zahm wie ein M�uschen. Und die ballern auf mich los.�</p><p>�Du bekommst nat�rlich die Gelegenheit, deine Geschichte zu erz�hlen, Meyer. Bis dahin bewahre ich deine Dienstmarke und deine Waffe in der s��en, kleinen rosa Hello-Kitty-Tasche auf, mit der Micky Zilberblat herumlief, in Ordnung? Und du versuchst einfach, wieder gesund zu werden, ja?�</p><p>�Das kann Wochen dauern, bis die Sache gekl�rt ist, Bina�, sagt Landsman. �Bis ich zur�ck im Dienst bin, gibt es vielleicht gar kein Sitka Central mehr. Bina, es gibt keinen Grund f�r eine Suspendierung. Das wei�t du ganz genau. Unter diesen Umst�nden kannst du mich im Dienst lassen, solange die Untersuchung l�uft, und die Sache v�llig nach Vorschrift durchziehen.�</p><p>�Es gibt Vorschriften�, sagt Bina. �Und Vorschriften.�</p><p>�Red nicht in R�tseln, Bina�, sagt er, und dann: �What the fuck?�</p><p>Mehrere Sekunden lang antwortet Bina nicht.</p><p>�Chief Inspector Vayngartner hat mich angerufen. Gestern Abend�, sagt sie. �Nicht lange nach Anbruch der Dunkelheit.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Er meinte, <emphasis>er</emphasis> h�tte gerade einen Anruf bekommen. Und zwar zu Hause. Und ich nehme an, der gesch�tzte Herr am anderen Ende war m�glicherweise etwas verstimmt �ber das Benehmen, das Detective Meyer Landsman in der Nachbarschaft dieses Herrn am Freitagabend an den Tag legte. �ffentliche Ruhest�rung. Gro�e Respektlosigkeit vor den Anwohnern. Ohne Genehmigung und R�ckendeckung.�</p><p>�Und was sagte Vayngartner dazu?�</p><p>�Er meinte, du w�rst ein guter Polizist, aber h�ttest bekanntlich gewisse Probleme.�</p><p>Da ist er, Landsman, der Spruch f�r deinen Grabstein.</p><p>�Und was hast du Vayngartner gesagt?�, fragt er. �Als er anrief und deinen Samstagabend ruinierte?�</p><p>�Mein Samstagabend. Der ist wie ein Mikrowellen-Burrito, Meyer. Ziemlich schwer, etwas zu ruinieren, das von vornherein so schlecht ist. Zuf�lligerweise sagte ich Chief Inspector Vayngartner, dass du gerade angeschossen wurdest.�</p><p>�Und was meinte er darauf?�</p><p>�Er meinte, angesichts dieser frischen Beweise m�sste er seine langgehegten atheistischen Grunds�tze doch noch einmal �berdenken. Und dass ich alles in meiner Macht Stehende tun sollte, damit es dir gut ginge und du in n�chster Zeit viel Ruhe bek�mst. Und genau das mache ich. Du bist suspendiert, bei vollem Gehalt, bis auf Weiteres.�</p><p>�Bina! Bitte, Bina. Du wei�t, wie ich bin.�</p><p>�Allerdings.�</p><p>�Wenn ich nicht arbeiten kann � Du kannst nicht ��</p><p>�Ich muss, Meyer.� Die Temperatur ihrer Stimme f�llt so schnell, dass sich Eiskristalle in der Leitung bilden. �Du wei�t, wie wenig Entscheidungsfreiheit ich in so einer Situation habe.�</p><p>�Du meinst, wenn solche Schurken an den F�den ziehen, um eine Mordermittlung aufzuhalten? Meinst du so eine Situation?�</p><p>�Ich muss mich vor dem Chief Inspector verantworten�, erkl�rt Bina, als spreche sie mit einem Esel. Sie wei� ganz genau, dass Landsman nichts mehr hasst, als wie ein Dummkopf behandelt zu werden. �Und du musst dich vor mir verantworten.�</p><p>�H�ttest du mich blo� nicht angerufen, Bina�, sagt Landsman nach einer Weile. �Du h�ttest mich einfach sterben lassen sollen.�</p><p>�Sei nicht so melodramatisch�, sagt Bina. �Ach ja: gern geschehen.�</p><p>�Und was soll ich jetzt machen, au�er dankbar sein, dass man mir die Eier abschneidet?�</p><p>�Das ist deine Sache, Detective. Vielleicht versuchst du mal zur Abwechslung, �ber die Zukunft nachzudenken.�</p><p>�Die Zukunft�, sagt Landsman. �Was meinst du damit, fliegende Autos? Hotels auf dem Mond?�</p><p>�Ich meine <emphasis>deine</emphasis> Zukunft, Meyer.�</p><p>�Fliegst du mit mir zum Mond, Bina? Hab geh�rt, da nehmen sie noch Juden.�</p><p>�Auf Wiedersehen, Meyer.�</p><p>Sie legt auf. Landsman unterbricht die Verbindung ebenfalls und steht eine geschlagene Minute lang da. Berko beobachtet ihn vom Bett aus. Landsman sp�rt, wie eine letzte Welle von Wut und Begeisterung durch ihn hindurchrollt, so als w�rde ein Rohr von einem Dreckpfropfen gereinigt. Dann ist er leer.</p><p>Er setzt sich aufs Bett. Er schl�pft unter die Decke, wendet das Gesicht der balinesischen Szene an der Wand zu und schlie�t die Augen.</p><p>��hm, Meyer?�, sagt Berko. Aber Landsman antwortet nicht. �Hast du vor, noch l�nger in meinem Bett zu bleiben?�</p><p>Landsman sieht null Prozent Wahrscheinlichkeit, die Frage zu beantworten. Nach einer Minute springt Berko von der Matratze auf. Landsman sp�rt, dass er die Lage absch�tzt und die Tiefe des schwarzen Wassers zu ergr�nden versucht, das ihn von seinem Kollegen trennt, dass Berko versucht, die richtige Entscheidung zu treffen.</p><p>�Nur dass du�s wei�t�, sagt Berko schlie�lich. �Bina war auch in der Notaufnahme.�</p><p>Landsman stellt fest, dass er keine Erinnerung an ihren Besuch hat. Sie ist fort, genauso wie der Druck des Babyfu�es gegen seine Handfl�che.</p><p>�Du warst ziemlich vollgepumpt�, sagt Berko. �Hast eine Menge Bl�dsinn erz�hlt.�</p><p>�Hab ich mich in eine peinliche Lage gebracht?�, st��t Landsman mit schwacher Stimme hervor.</p><p>�Ja�, sagt Berko. �Ich f�rchte, ja.�</p><p>Dann zieht er sich aus seinem eigenen Schlafzimmer zur�ck und l�sst Landsman allein, um sich den Kopf �ber die Frage zu zerbrechen�� falls er denn die Kraft aufbringt��, wie tief er noch sinken kann.</p><p>Landsman kann h�ren, wie sie mit unterdr�ckter Stimme �ber ihn reden, eine normalerweise f�r Verr�ckte, Arschl�cher und ungewollte G�ste reservierte Lautst�rke. Den Rest des Nachmittags und als sie zu Abend essen. W�hrend des Tohuwabohus von Baden, Popopudern und einer Gutenachtgeschichte, die von Berko Shemets verlangt, wie ein Esel zu schreien. Landsman liegt mit der brennenden Wunde am Hinterkopf auf der Seite und f�llt zum Regengeruch von drau�en, zum Gemurmel und Gezeter der Familie nebenan von einer Ohnmacht in die n�chste. Jede Stunde wird Landsmans Seele durch ein winziges Loch mit einem zus�tzlichen Zentner Sand gef�llt. Zuerst kann er seinen Kopf nicht mehr von der Matratze heben. Dann bekommt er die Augen nicht mehr auf. Aber als seine Augen geschlossen sind, kann er nicht richtig schlafen; die Gedanken, die ihn plagen, sind scheu�lich, aber keine richtigen Tr�ume.</p><p>Irgendwann mitten in der Nacht kommt Goldy ins Zimmer getapert. Er geht schwerf�llig, trampelt, der Schritt eines Babymonsters. Goldy steigt nicht einfach ins Bett, er quirlt sich unter die Decke, so wie ein Schneebesen einen Teig quirlt. Es ist, als w�rde er vor etwas fliehen, erf�llt von Panik, aber als Landsman ihn anspricht, ihn fragt, was los sei, antwortet der Junge nicht. Er hat die Augen geschlossen, sein Herz klopft langsam und gleichm��ig. Wovor auch immer er weggelaufen ist, er hat Zuflucht im Bett seiner Eltern gefunden. Das Kind schl�ft tief und fest. Es riecht wie eine langsam vor sich hin faulende Apfelspalte. Beharrlich und gnadenlos gr�bt Goldy seine Zehen in Landsmans Kreuz. Er knirscht mit den Z�hnen. Es klingt wie eine stumpfe Schere, die ein Blech schneiden soll.</p><p>Nach einer Stunde derartiger Behandlung beginnt gegen halb f�nf das Baby zu schreien, drau�en auf seinem kleinen Balkon. Landsman h�rt, wie Ester-Malke es zu tr�sten versucht. Normalerweise w�rde sie es mit ins Bett nehmen, aber das geht heute nicht, und sie braucht lange, um das Gro�v�terchen zur Ruhe zu bringen. Als Ester-Malke mit dem Baby im Arm ins Schlafzimmer kommt, schnieft es nur noch leise und ist fast eingeschlafen. Ester-Malke legt Pinky zwischen seinem Bruder und Landsman ab und verschwindet wieder.</p><p>Vereint im Bett ihrer Eltern, veranstalten die Shemets-Jungen mit den k�rpereigenen Ventilen ein Gepfeife, Gegrummel und Gebl�ke, das die gro�e Orgel im Tempel Emanu-El besch�men w�rde. Die Jungen vollf�hren eine Man�ver�bung, ein schlummerndes Kung-Fu, das Landsman an den �u�ersten Rand des Bettes treibt. Sie hauen auf ihn ein, stechen ihn mit ihren Zehen, grunzen und knurren. Sie kauen an den Fasern ihrer Tr�ume. In der D�mmerung passiert etwas Schreckliches in der Windel des Babys. Es ist die furchtbarste Nacht, die Landsman je auf einer Matratze verbracht hat, und das will schon etwas hei�en.</p><p>Gegen sieben beginnt die Kaffeemaschine mit dem Abhusten. Mehrere tausend Molek�le Kaffeedampf st�rzen ins Schlafzimmer und alarmieren die H�rchen in Landsmans Nase. Er h�rt Schlappen �ber den Teppich im Flur schlurfen. Lange k�mpft er vehement gegen den Impuls, zur Kenntnis zu nehmen, dass Ester-Malke in der Schlafzimmert�r steht und ihn und jede Anwandlung von Mitleid ihm gegen�ber verw�nscht, die sie je empfunden hat. Es ist ihm egal. Warum sollte es ihn k�mmern? Zuletzt erkennt Landsman, dass in seinem Bem�hen, sich um nichts zu k�mmern, der paradoxe Same der Niederlage liegt: okay, na gut, es k�mmert ihn. Er �ffnet ein Auge. Ester-Malke lehnt im T�rrahmen, die Arme um sich geschlungen, und besichtigt den Ort der Zerst�rung, ehemals ihr Bett. Wie auch immer das Gef�hl hei�t, das der Anblick der niedlichen Kinder in einer Mutter ausl�st, es konkurriert mit dem erschreckten Entsetzen beim Anblick von Landsman in seiner Unterhose.</p><p>�Du musst raus aus meinem Bett�, fl�stert sie. �Und zwar schnell und langfristig.�</p><p>�Gut�, sagt Landsman. Er taxiert seine Verletzungen, seine Schmerzen und die vorherrschende Richtung seiner Laune und setzt sich auf. Trotz der Qualen der vergangenen Nacht f�hlt er sich sonderbar bes�nftigt. Irgendwie wacher in seinen Gliedern, seiner Haut und seinen Sinnen. Vielleicht irgendwie ein klein wenig realer. Seit �ber zwei Jahren hat er nicht mehr mit einem anderen Menschen im Bett geschlafen. Er fragt sich, ob das eine Erfahrung ist, auf die er besser nicht h�tte verzichten sollen. Er nimmt seine Klamotten vom Haken hinter der T�r und zieht sie an. Mit den Socken und dem G�rtel in der Hand folgt er Ester-Malke den Flur hinunter.</p><p>�Obwohl, die Couch hat so ihre Vorteile�, f�hrt Ester-Malke fort. �Zum Beispiel liegen da keine Babys oder Vierj�hrige.�</p><p>�Eure Kinder haben ein ernsthaftes Problem mit den Fu�n�geln�, sagt Landsman. �Au�erdem ist irgendwas in der Windel vom Kleinen gestorben und rottet da vor sich hin, ich glaube, es ist ein Seeotter.�</p><p>In der K�che schenkt Ester-Malke ihnen eine Tasse Kaffee ein. Dann geht sie zur T�r und holt die <emphasis>Tog</emphasis> von der Matte, auf der �HAU AB� steht. Landsman sitzt auf dem Barhocker an der Theke und starrt in die D�sternis des Wohnzimmers, wo sich die Masse seines Kollegen wie eine Insel vom Boden erhebt. Die Couch ist ein Wrack voller Decken.</p><p>Gerade will Landsman zu Ester-Malke sagen, <emphasis>Solche Freunde wie euch habe ich nicht verdient,</emphasis> als sie mit der Zeitung in die K�che kommt und sagt: �Kein Wunder, dass du so lange geschlafen hast.� Sie l�uft gegen den T�rrahmen. Auf dem Titelblatt steht etwas Gutes oder Schreckliches oder Unglaubliches.</p><p>Landsman greift zu seiner Lesebrille in der Jackentasche. Der Steg ist gebrochen, die Gl�ser sind voneinander getrennt. Jetzt sind es zwei Monokel mit Stiel. Aus der Schublade unter dem Telefon holt Ester-Malke Isolierband, gelb wie ein Warnschild. Sie klebt Landsmans Brillengl�ser zusammen und gibt ihm seine Lesehilfe zur�ck. Der Klebebandknubbel ist so dick wie eine Haselnuss. Er zieht den Blick des Tr�gers auf sich, sodass man schielt.</p><p>�Das sieht bestimmt richtig gut aus�, sagt Landsman und greift zur Zeitung.</p><p>Zwei gro�e Meldungen f�hren die Nachrichten in der morgendlichen <emphasis>Tog</emphasis> an. Die eine berichtet �ber eine Schie�erei auf dem verlassenen Parkplatz des Outlet-Centers Big Macher, bei dem zwei Personen ums Leben kamen. Hauptdarsteller waren ein einsamer Beamter der Mordkommission, Meyer Landsman, 42, und zwei Verd�chtige, die schon lange von den Gesetzesvertretern Sitkas im Zusammenhang mit zwei augenscheinlich unabh�ngigen Morden gesucht wurden. Die andere �berschrift lautet:</p><p>�JUNGER TZADDIK� TOT IN HOTEL GEFUNDEN</p><p>Der Begleittext webt ein Netz von Wundern, Ausfl�chten und kompletten L�gen um das Leben und Sterben von Menachem-Mendel Shpilman am sp�ten Donnerstagabend im Hotel Zamenhof auf der Max Nordau Street. Nach Angaben der Rechtsmedizin�� der Rechtsmediziner selbst sei nach Kanada verzogen�� ist die vorl�ufige Feststellung der Todesursache in M�rchenkreisen unter der Bezeichnung �Unfall unter Drogeneinfluss� bekannt. �Auch wenn der Au�enwelt kaum bekannt�, schreibt der Mann von der <emphasis>Tog,</emphasis> �wurde Mr. Shpilman in der abgeschirmten Welt der Gl�ubigen einen Gro�teil seines Lebens als Wunderkind und heiliger Lehrer verehrt, ja m�glicherweise sogar als der lange versprochene Erl�ser. In Mr. Shpilmans Kindheit war das alte Haus der Shpilmans in der S. Ansky Street in Harkavy oft von Besuchern und Bittstellern umlagert. Die Gl�ubigen und Neugierigen kamen sogar aus Buenos Aires und Beirut angereist, um den begabten Jungen zu sehen, der am schicksalhaften neunten Tag des Monats Aw geboren wurde. Wenn man wieder einmal munkelte, in B�lde w�rde er �sein K�nigreich ausrufen�, hofften viele, bei diesem Ereignis dabei zu sein, und richteten es entsprechend ein. Aber Mr. Shpilman gab nie derartige Erkl�rungen ab. Vor dreiundzwanzig Jahren tauchte er am Tag vor der mit der Tochter des Shtrakenzer Rebbe geplanten Hochzeit unter, und in seinen schmachvollen letzten Lebensjahren war die fr�here Hoffnung so gut wie vergessen.�</p><p>Die Spreu aus dem B�ro des Gerichtsarztes sei die einzige Mitteilung, die einer Erkl�rung der Todesursache nahekomme. Hotelmanagement und Polizeibeh�rde sollen jeden Kommentar abgelehnt haben. Am Ende des Berichts erf�hrt Landsman, dass es keinen Gottesdienst in der Synagoge geben werde, sondern nur die Beisetzung als solche auf dem alten Friedhof Montefiore, die der Vater des Toten leiten werde.</p><p>�Berko hat erz�hlt, er h�tte ihn versto�en�, sagt Ester-Malke, die �ber Landsmans Schulter mitliest. �Der Alte wollte nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben. Offenbar hat er seine Meinung ge�ndert.�</p><p>Bei der Lekt�re des Artikels wird Landsman Opfer einer von Mitleid gemilderten Neidattacke auf Mendel Shpilman. Viele Jahre litt Landsman unter dem Gewicht der v�terlichen Erwartungen, aber er hat keine Vorstellung, wie es ist, sie zu erf�llen oder gar zu �bertreffen. Isidor Landsman, wei� er, h�tte gerne einen so begabten Sohn wie Mendel gehabt. Landsman kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass sein Vater, h�tte sein Sohn Schach spielen k�nnen wie Mendel Shpilman, eventuell das Gef�hl gehabt h�tte, einen Grund zum Leben zu haben, einen kleinen Messias, der ihn erl�st. Landsman denkt an den Brief, den er seinem Vater in der Hoffnung schickte, von der Last des Lebens und der Erwartungen befreit zu werden. Er bedenkt die Jahre, in denen er glaubte, schuld am t�dlichen Kummer von Isidor Landsman gewesen zu sein. Wie schuldig f�hlte sich Mendel Shpilman? Hatte er geglaubt, was man von ihm behauptete, glaubte er an seine Begabung oder Berufung? War Mendel, als er sich von der Last zu befreien versuchte, der Ansicht, nicht nur seinem Vater, sondern allen Juden der Welt den R�cken kehren zu m�ssen?</p><p>�Ich glaube nicht, dass Rabbi Shpilman je seine Meinung �ndert�, sagt Landsman. �Ich glaube, das hat jemand anders f�r ihn getan.�</p><p>�Wer denn?�</p><p>�Wenn ich raten m�sste? Dann w�rde ich sagen, es war vielleicht die Mutter.�</p><p>�Gut f�r sie. Auf eine Mutter kann man sich verlassen, damit der Sohn nicht einfach wie eine leere Flasche fortgeworfen wird.�</p><p>�Auf eine Mutter kann man sich verlassen�, sagt Landsman. Er betrachtet das Foto des f�nfzehnj�hrigen Mendel Shpilman in der <emphasis>Tog:</emphasis> Mit Bartflaum und wehenden Schl�fenlocken leitet er k�hl eine Konferenz junger Talmudisten, die um ihn herumwuseln und schmollen. DER �TZADDIK HADOR� IN BESSEREN TAGEN lautet die Bildunterschrift.</p><p>�Woran denkst du, Meyer?�, fragt Ester-Malke in zweifelndem Tonfall.</p><p>�An die Zukunft�, sagt Landsman.</p></section><section><title><p><emphasis>23.</emphasis></p></title><p>Eine Sippschaft von Schwarzh�ten trottet voran, ein Frachtzug des Grams, von den Toren des Friedhofs -�Haus des Lebens� nennen sie ihn�� den Hang hinauf zu einem Loch in der feuchten Erde. Eine regennasse Kiefernholzkiste taumelt und tanzt auf einer Brandung weinender M�nner. Satmarer halten Regenschirme �ber die K�pfe von Verbovern. Gerrer, Shtrakenzer und Viznitzer haben sich mit der K�hnheit herumalbernder Schulm�dchen untergehakt. Rivalit�ten, Groll, sektiererische Kontroversen, gegenseitige Exkommunikation, all das wurde f�r einen Tag vergessen, damit man mit wahrer Hingabe einen Jid betrauern kann, den bis Freitagabend alle vergessen hatten. Nicht mal ein Jid�� nur die H�lle eines Jids, ein fast durchsichtiges Futteral um ein hartes Nichts aus zwanzigj�hrigem Drogenkonsum. Jede Generation verliert den Messias, den sie nicht verdient hat. Jetzt haben die Frommen des Distrikts Sitka die Manifestation ihrer kollektiven Unw�rdigkeit ausgemacht und sich im Regen versammelt, um sie in die Erde zu betten.</p><p>Um das Grab wiegen sich schwarze Tannengruppen wie trauernde Chassidim. Hinter der Friedhofsmauer sch�tzen H�te und schwarze Regenschirme die unw�rdigsten der Unw�rdigen, Tausende an der Zahl, vor dem Regen. Tiefgreifende Strukturen von Verbindlichkeit und Anerkennung bestimmen, wer die Erlaubnis hat, durch das Tor zum Haus des Lebens zu gehen, und wer kibitzend drau�en bleib en muss und sich die Str�mpfe vom Regen durchweichen lassen darf. Diese tiefliegenden Strukturen haben wiederum die Aufmerksamkeit von Polizeibeamten der Dezernate Einbruch, Schmuggel und Betrug erregt. Landsman erkennt Skolsky, Burwitz, Feld und Globus, dem immer ein Hemdscho� heraush�ngt, Globus, der auf dem Dach eines grauen Ford Victoria thront. Nicht jeden Tag kommt die vollst�ndige Verbover Hierarchie vor die T�r und positioniert sich auf einem Hang so in Beziehung zueinander wie auf dem Diagramm des Staatsanwalts. Auf dem Dach eines eine Viertelmeile entfernten Wal-Mart richten drei Amerikaner in blauen Windjacken ihre Teleobjektive und das zitternde Pistill ihrer Kondensatormikrofone aus. Eine z�he blaue Schnur von Kollegen der Motorradstaffel und Latkes flicht sich durch die Menge, damit sie sich nicht aufl�st. Auch die Presse ist da, Kameram�nner und Journalisten von Channel i, von den Lokalzeitungen, Personal von der Au�enstelle der NBC dr�ben in Juneau und ein Kabelnachrichtensender. Ebenso Dennis Brennan, dem die Vernunft oder vielleicht nur die Filzmenge fehlt, um seine riesige Birne vor dem Regen zu sch�tzen. Dann w�ren da noch die Halbgl�ubigen, die Halbpraktizierenden und die modernen Orthodoxen sowie die nur Leichtgl�ubigen, die Skeptiker und die Neugierigen, nicht zu vergessen eine gesunde Abordnung vom Schachclub Einstein.</p><p>Sie alle beobachtet Landsman von seinem machtlosen Aussichtspunkt im Exil aus. Wieder vereint mit seinem Super Sport, steht er auf einem kahlen H�gel gegen�ber dem Haus des Lebens auf der anderen Seite des Mizmor Boulevard. Er parkt in einer Sackgasse, die entworfen, asphaltiert und dann mit dem Namen Tikvah Street belastet wurde�� Tikvah, das hebr�ische Wort f�r �Hoffnung�, da schwingen im jiddischen Ohr an diesem tr�ben Nachmittag am Ende der Zeit siebzehn verschiedene Ironiearomen mit. Die erhofften H�user wurden nie gebaut. Holzpfl�cke mit orangen F�hnchen und einer Nylonleine stecken ein Miniaturzion um die Sackgasse ab, einen geisterhaften Eruw des Versagens. Landsman ist solo unterwegs, n�chtern wie ein Karpfen in der Badewanne, und hat ein Fernglas im feuchtkalten Griff. Das Bed�rfnis nach einem Glas Alkohol ist wie ein fehlender Zahn. Er muss st�ndig daran denken, und doch ist etwas Angenehmes daran, in der L�cke herumzubohren. Oder vielleicht ist der Schmerz von etwas Fehlendem auch nur die Leere, die Bina verursachte, als sie seine Dienstmarke kassierte.</p><p>Landsman wartet die Beisetzung in seinem Auto ab, beobachtet alles durch die guten Zeissgl�ser und verbraucht die Autobatterie mit einer Radiodokumentation auf CBC �ber den Bluess�nger Robert Johnson, dessen Stimme so gebrochen und d�nn klingt wie die eines Juden, der im Regen sein Kaddisch sagt. Landsman hat eine Schachtel Broadways dabei und l�sst sie heftig qualmen, um den hartn�ckigen Geruch von Micky Zilberblat aus dem Innern des Super Sport zu vertreiben. Es ist ein widerlicher Gestank, er gleicht dem eines Wassertopfs, in dem man zwei Tage zuvor Nudeln kochte. Berko hat Landsman zu �berzeugen versucht, dass er sich diese Spur vom kurzfristigen Aufenthalt des kleinen Zilberblats in seinem Leben nur einbildet. Aber Landsman freut sich �ber die Ausrede, seinen Wagen ausr�uchern zu k�nnen. Das t�tet die Gier nach Alkohol zwar nicht ab, nimmt ihr aber ein wenig die Sch�rfe.</p><p>Berko wollte Landsman ebenfalls �berzeugen, wegen Mendel Shpilmans t�dlichem Ungl�cksfall noch ein wenig zu warten, vielleicht ein oder zwei Tage. Als Berko mit Landsman von seiner Wohnung im Aufzug nach unten fuhr, forderte er ihn auf, ihm in die Augen zu schauen und ihm zu versprechen, dass zu Landsmans Pl�nen an diesem feuchten Montagnachmittag nicht geh�rte, bar einer Dienstmarke und Dienstwaffe bei der trauernden K�nigin der Gangster aufzutauchen und ihr unversch�mte Fragen entgegenzuschleudern, wenn sie das Haus des Lebens und die �berreste ihres einzigen Sohnes hinter sich lie�.</p><p>�Du kommst doch gar nicht an sie heran�, beharrte Berko, als er Landsman aus dem Fahrstuhl durch die Eingangshalle zur T�r des Dnyeper folgte. Berko trug seinen elefant�sen Pyjama. Aus den �rmeln quoll ein Teil eines Anzugs. Seine Schuhe hatte er an die Finger gehakt, den G�rtel um den Hals geschlungen. Aus der Brusttasche seines senfgelben Schlafanzugs mit den wei�en Nadelstreifen schauten wie ein Einstecktuch die Spitzen von zwei Toastscheiben. �Und selbst wenn du es schaffst, schaffst du es nicht.�</p><p>Er unterschied auf h�fliche Polizistenart zwischen dem, was man mit Mumm erreichte, und dem, was die Mummbrecher niemals zulassen w�rden.</p><p>�Die lassen dich am ausgestreckten Arm verhungern�, sagte Berko. �Die sch�tteln dir das Kleingeld aus der Hose. Die zeigen dich an.�</p><p>Das konnte Landsman nicht bestreiten. Nur selten setzte Batsheva Shpilman einen Fu� �ber die Grenze ihrer verborgenen kleinen Welt. Aber wenn sie es tat, dann lediglich inmitten eines schweren Dickichts aus Schie�eisen und Anw�lten. �Keine Dienstmarke, keine R�ckendeckung, keine Befugnis, keine Ermittlung, und mit dem Eigelb auf dem Anzug siehst du wie ein Halbirrer aus. Wenn du die Dame bel�stigst, k�nntest du erschossen werden, und trotzdem h�tte es nur geringe Folgen f�r den Sch�tzen.�</p><p>Berko folgte Landsman aus dem Geb�ude und tanzte bis zur Bushaltestelle an der Ecke in seine Socken und Schuhe.</p><p>�Willst du mir damit sagen, ich soll es nicht tun, Berko?�, fragte Landsman. �Oder dass ich es nicht ohne <emphasis>dich</emphasis> tun soll? Glaubst du, ich lasse zu, dass du einfach auf das schei�t, was du und Ester-Malke noch machen m�ssen, bis die Reversion durch ist? Du bist verr�ckt. Ich habe dir im Laufe der Jahre viele schlechte Dienste erwiesen und dir eine Menge �rger eingebrockt, aber ich hoffe, dass ich doch nicht ein ganz so gro�es Arschloch bin. Und wenn du jetzt sagst, du findest, ich sollte es nicht tun, Punktum, dann ��</p><p>Landsman blieb stehen. Die Schwere der Vernunft hinter seinem zweiten Argument traf ihn heftig.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich will, Meyer. Ich meine nur, ach, Schei�e.� Berko bekam manchmal diesen Blick, fr�her als Kind �fter als jetzt, ein aufrichtiges Schimmern im Wei� seiner Augen. Landsman musste zur Seite sehen. Er hielt das Gesicht in den vom Sund hereinwehenden Wind. �Ich meine, nimm wenigstens nicht den Bus, ja? Lass mich dich wenigstens zum Sicherstellungsgel�nde fahren.�</p><p>Es gab ein fernes Grummeln, Luftbremsen kreischten. Der 61 B nach Harkavy erschien hinten auf der Promenade, wirbelte einen schimmernden Regenvorhang auf.</p><p>�Wenigstens die hier�, sagte Berko. Er hielt seine Anzugjacke am Kragen hoch. Hielt sie Landsman hin, als solle er sie anziehen. �In der Tasche, Meyer. Nimm sie.�</p><p>Nun wiegt Landsman die Scholem in der Hand, eine s��e kleine Beretta �22 mit Plastikgriff, vergiftet sich mit Nikotin und versucht, das Wehklagen des schwarzen Delta-Jids Johnson zu verstehen. Nach einer Zeitspanne, die wahrzunehmen oder zu messen er sich nicht die M�he macht, sagen wir, eine Stunde, setzt sich der d�stere lange Zug, seiner Fracht entledigt, wieder in Bewegung, den Hang hinab auf die Tore zu. Voran, langsam schnaufend, mit aufrechtem Kopf und breitkrempigem Hut, stapft die massige Lokomotive des zehnten Verbover Rebbe. Hinter ihm eine Kette von T�chtern, sieben oder zw�lf an der Zahl, dazu deren Ehem�nner und Kinder, und dann setzt sich Landsman auf und stellt ein Zeissbild von Batsheva Shpilman scharf. Erwartet hat er eine hexenartige Mischung aus Mrs. Macbeth und der amerikanischen First Lady: Marilyn Monroe Kennedy mit rosa Pillboxhut und hypnotisierenden Spiralen statt Augen. Aber als Batsheva Shpilman deutlich zu sehen ist, kurz bevor sie hinter dem Band der Trauernden am Friedhofstor verschwindet, erkennt Landsman eine schmale, knochige Gestalt und �ltlich z�gernde Schritte. Das Gesicht ist hinter einem schwarzen Schleier verborgen. Ihre Kleidung ist unauff�llig, ein Vehikel f�r Schwarz.</p><p>W�hrend sich die Shpilmans dem Tor n�hern, verdickt sich die Schnur von uniformierten Nos zu einem dichten Knoten und dr�ngt die Menschenmasse zur�ck. Landsman l�sst die Pistole in seine Jackentasche gleiten, stellt das Radio ab und steigt aus dem Auto. Der Regen ist zu einem steten feinen Nebel ausged�nnt. Landsman trottet den Hang hinunter Richtung Mizmor Boulevard. In der vergangenen Stunde ist die Menschenmenge angeschwollen, sie dr�ngt sich um die Friedhofstore. Sie wippt, verschiebt sich, neigt zu pl�tzlichem Rucken, beseelt von der Brown�schen Bewegung kollektiven Kummers. Die uniformierten Latkes haben schwer zu tun, versuchen, zwischen der Familie und den gewaltigen schwarzen Limousinen des Leichenzugs eine Gasse freizuhalten.</p><p>Landsman strauchelt und stolpert, rei�t Unkraut mit sich, sammelt Lehm unter den Schuhen. Als er sich den rutschigen Hang hinunterm�ht, beginnen ihn seine Verletzungen zu beunruhigen. Er fragt sich, ob die �rzte vielleicht eine gebrochene Rippe �bersehen haben. Irgendwann verliert er den Halt und schlittert abw�rts, seine Abs�tze ziehen drei Meter lange Furchen in den Boden, am Ende f�llt er auf den Hintern. Er ist zu abergl�ubisch, um darin kein b�ses Omen zu sehen, aber wenn man Pessimist ist, gibt es nur b�se Omen.</p><p>In Wahrheit hat er �berhaupt keinen Plan, nicht mal den verworfenen, rudiment�ren, den Berko ersann. Seit achtzehn Jahren ist Landsman ein Nos, seit dreizehn Detective, in den vergangenen sieben Jahren hat er in der Mordkommission gearbeitet, ein Topmann, ein Prinz der Polizei. Noch nie ist er ein Niemand gewesen, ein verr�ckter kleiner Jude mit einer Frage und einer Pistole. Er wei� nicht, wie man unter diesen Umst�nden vorgeht, er hat nur die Gewissheit, die er wie eine Liebesgabe an sein Herz dr�ckt, dass am Ende eigentlich alles egal ist.</p><p>Der Mizmor Boulevard ist ein Parkplatz, Trauerg�ste und Schaulustige stehen in einem Dunst von Dieselabgasen. Landsman f�delt sich an Sto�stangen und Kotfl�geln vorbei und wirft sich dann in die Menschenmenge, die den Gr�nstreifen verstellt. In der Hoffnung auf bessere Sicht sind Knaben und junge M�nner in die �ste einer Reihe gl�ckloser europ�ischer L�rchen geklettert, die auf dem Mittelstreifen nie Wurzeln schlagen konnten. Die Jids um Landsman herum gehen ihm aus dem Weg, und wenn sie ihm nicht aus dem Weg gehen, gibt er ihnen mit seiner knochigen Schulter einen kleinen Tipp.</p><p>Sie riechen nach Wehklage, diese Jids, nach langer Unterw�sche, nach Tabakrauch in nassen M�nteln, nach Schlamm. Sie beten, als w�rden sie jeden Moment ohnm�chtig werden, als sei das eine Art Vorschrift. Weinende Frauen klammern sich aneinander, rei�en ihre Kehlen auf. Sie trauern nicht um Mendel Shpilman, das kann nicht sein. Es ist etwas anderes, das nach ihrem Gef�hl die Welt verlassen hat, der Schatten eines Schattens, die Hoffnung einer Hoffnung. Diese Halbinsel, die sie als Heimat lieben gelernt haben, wird ihnen genommen. Sie sind wie Goldfische in einer T�te, die wieder in den gro�en schwarzen See der Diaspora gesch�ttet werden sollen. Und diese Vorstellung ist zu viel f�r sie. Deshalb beklagen sie in Wahrheit den Verlust einer gro�en Chance, die ihnen nie gew�hrt wurde, eines Gl�cksfalls, der gar keiner war, eines K�nigs, der sowieso nie gekommen w�re, auch nicht ohne Kugel in der Sch�deldecke. Landsman traktiert die Trauernden mit der Schulter und murmelt: Entschuldigung.</p><p>Er steuert auf ein Ungeheuer von Limousine mit Vierradantrieb zu, eine sieben Meter lange, ma�gefertigte Stretchlimo. Der Weg vom H�gel den Hang hinunter �ber den Boulevard, vorbei an den Schirmen und B�rten und dem j�dischen Geheul bis zu dieser Angeberkutsche, hat in Landsmans Vorstellung etwas Unsicheres, Handgef�hrtes. Die Amateuraufnahme eines Attentatversuchs. Aber Landsman ist nicht gekommen, um jemanden zu erschie�en. Er m�chte einfach nur mit dieser Dame sprechen, ihre Aufmerksamkeit erregen, ihren Blick erhaschen. Er will ihr nur eine Frage stellen. Welche Frage, nu, <emphasis>das</emphasis> wei� er nicht.</p><p>Schlie�lich wird er von jemandem dahin gepr�gelt; tats�chlich von einem ganzen Dutzend M�nner. Die Journalisten haben sich genau wie Landsman mit Hilfe von Schulterbl�ttern und Ellenbogen eine Schneise durch die Schwarzh�te gegraben. Als die winzige, schwarz verschleierte Frau am Arm ihres Schwiegersohns durch das Tor wankt, schleudern die Reporter ihr die mitgebrachten Fragen entgegen. Sie kramen sie wie Steine aus den Taschen und werfen sofort. Sie verw�sten die Frau mit Fragen. Sie beachtet die Journalisten nicht; ihr Kopf ist starr geradeaus gerichtet, der Schleier zittert nicht und teilt sich nicht. Baronshteyn f�hrt die Mutter des Toten zu dem Koloss von Limousine. Der Chauffeur rutscht vom Beifahrersitz. Es ist ein Filipino mit der Figur eines Jockeys und einer Narbe am Kinn, die einem zweiten L�cheln gleicht. Er l�uft um den Wagen herum, um f�r seine Arbeitgeber die T�r zu �ffnen. Landsman ist noch �ber f�nfzig Meter entfernt. Er wird es nicht rechtzeitig schaffen, dieser Frau eine Frage zu stellen oder �berhaupt etwas zu tun.</p><p>Ein Knurren, ein wildes Grollen in der Kehle, tief und halbmenschlich, ein warnendes oder d�ster mahnendes Rumpeln: einer der Schwarzh�te neben dem Auto hat eine Journalistenfrage falsch verstanden. Vielleicht hat er auch alle falsch verstanden, genau wie die Art, auf die sie gestellt werden. Landsman sieht den zornigen Schwarzhut, breit, blond, ohne Krawatte, flattrige Hemdsch��e, und erkennt Dovid Sussman, den Jid, der Berko Shemets auf Verbov Island neckte. Ein Klotz von Mann mit einer Ausbuchtung im Kiefergelenk und einer zweiten unter der linken Achsel. Sussman schlingt einen Arm um den Hals von Dennis Brennan, den J�mmerlichen, und w�rgt ihm die Luft ab. Mit den Z�hnen an Brennans Ohr h�lt er ihm einen Vortrag und zieht ihn nach hinten, der Familie aus dem Weg, die durch das Tor kommt.</p><p>Da tritt ein Latke vor. Er schreitet ein, das ist schlie�lich seine Aufgabe. Aber weil er Angst hat�� der Knabe sieht wirklich ver�ngstigt aus��, setzt er seinen Schlagstock vielleicht ein wenig zu heftig an Dovid Sussmans Sch�del ein. Man h�rt ein ekliges Schnappen, dann l�st sich Sussman auf und zerflie�t zu den F��en des Latkes.</p><p>Kurz halten die Menschenmenge, der Nachmittag und die gro�e weite Welt der Juden die Luft an und vergessen, wieder auszuatmen. Dann bricht der reinste Wahnsinn los, ein j�discher Krawall, ein Hand- und Wortgemenge, das vor ma�losen Anschuldigungen und unvers�hnlichen Fl�chen strotzt. Hautkrankheiten werden angerufen, Verdammungen und Blutungen. Gekreische, aufbrausende Schwarzh�te, St�cke und Schl�ge, Geschrei und Gebr�ll, wie Kreuzfahrerflaggen wehende B�rte, Fl�che, der Geruch von aufgew�hltem Schlamm, von Blut und geb�gelten Hosen. Zwei M�nner tragen ein zwischen zwei Stangen gespanntes Banner, auf dem sie von ihrem verlorenen Prinzen Menachem Abschied nehmen. Pl�tzlich schnappt sich jemand die eine Stange und ein anderer die zweite. Das Banner rei�t auseinander und ger�t ins Zahnrad der Masse. Kiefer und Sch�del der Polizisten bekommen die Stangen zu sp�ren. Das m�hevoll auf den Stoff geschriebene Wort ABSCHIED wird herausgerissen und fortgeworfen. �ber den K�pfen von Trauerg�sten und Polizisten, Ganoven und Frommen, Lebenden und Toten, schwebt es durch die Luft.</p><p>Landsman verliert den Rebbe aus dem Blick, aber er sieht, wie eine Horde Rudashevskys die Mutter, Batsheva, in den Fond der Limousine schiebt. Der Chauffeur greift nach der Fahrert�r und springt auf seinen Sitz wie ein Turner. Die Rudashevskys h�mmern gegen das Auto und rufen <emphasis>los los los.</emphasis> Und Landsman, der immer noch in der Tasche nach der gl�nzenden M�nze einer guten Frage gr�bt, sieht zu, und dabei f�llt ihm eine Reihe von Kleinigkeiten auf. Der Filipino-Chauffeur ist nerv�s. Er legt keinen Sicherheitsgurt an. Mit der Hupe l�sst er keinen kr�ftigen, viehvertreibenden Tusch ert�nen. Und der kleine Pin des Schlosses auf der T�rverkleidung senkt sich nicht nach unten. Der Chauffeur legt einfach den Gang der langen Limousine ein und rollt voran, bald zu schnell f�r eine so belebte Umgebung.</p><p>Landsman geht zur Seite, als der Wagen auf ihn zugeschossen kommt. Eine Str�hne Trauernder l�st sich aus dem gro�en schwarzen Zopf und schleppt sich hinter Batsheva Shpilmans Stretchlimousine her. Ein Sog des Kummers. Kurz versperren die am Auto h�ngenden Trauernden den Rudashevskys den Blick auf jeden, der Narr genug ist, in den Wagen zu steigen. Landsman nickt, erfasst den rhythmischen Wahnsinn der Masse und seiner selbst. Kurz sieht er zu und lockert die Finger. Als der Wagen vorbeischaukelt, rei�t er die Hintert�r auf.</p><p>Augenblicklich wird die Motorkraft in seinen Beinen in Panik �bersetzt. Es ist wie ein Beweis f�r die Physik seiner Dummheit, der unentrinnbaren Wucht seines eigenen Pechs. W�hrend er ungef�hr f�nf Meter vom Wagen mitgeschleift wird, findet er Zeit, sich zu fragen, ob so auch seine Schwester ihr Ende fand, durch eine knappe Demonstration von Erdanziehungskraft und Masse. Seine Handgelenke spannen die Sehnen. Dann gelingt es ihm, ein Knie in das Innere der Limousine zu schieben, und er purzelt hinein.</p></section><section><title><p><emphasis>24.</emphasis></p></title><p>Eine dunkle H�hle, beleuchtet von blauen Dioden. K�hl, trocken, der Duft eines Zitronendeodorants. Landsman sp�rt in sich einen Nachhall dieses Geruchs, einen zitronigen Hauch grenzenloser Hoffnung und Energie. Das hier ist vielleicht das D�mmste, was er je getan hat, aber es musste getan werden, und das Gef�hl, es getan zu haben, ist f�rs Erste die Antwort auf die einzige Frage, die er zu stellen wei�.</p><p>�Wir haben Ginger Ale�, sagt die K�nigin von Verbov Island. Sie sitzt, gefaltet wie ein Zierteppich, zusammengerollt in der schattenhaften hinteren Ecke. Ihr Kleid ist einfach, aber aus gutem Stoff, und im Futter ihres Regenmantels blitzt ein modisches Logo. �Trinken Sie, ich will nicht.�</p><p>Doch Landsman widmet all seine Aufmerksamkeit dem ins Wageninnere weisenden Sitz neben dem Chauffeur, wo der wahrscheinlichste Quell von �rger lauert. Dort sitzen ein Meter achtzig und vielleicht zweihundert Pfund Weiblichkeit in einem schwarzen Haifischhautanzug und einem reinwei�en, kragenlosen Hemd. Die Augen dieser furchterregenden Person sind grau und hart. Sie erinnern Landsman an die R�cken von zwei angelaufenen L�ffeln. Die Frau tr�gt einen wei�en Knopf im Ohr, dessen Befestigung sich um den Flansch ihres linken Ohres windet. Ihr tomatenrotes Haar ist so kurz wie das eines Mannes.</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass es Rudashevskys auch in weiblicher Ausf�hrung gibt�, sagt Landsman. Im Raum zwischen den gegen�berliegenden Sitzb�nken kauert er auf den Zehen.</p><p>�Das ist Shprintzl�, sagt seine Gastgeberin im Fond des Wagens. Dann hebt Batsheva Shpilman den Schleier. Ihr K�rper ist zerbrechlich, vielleicht sogar hager, aber der Grund daf�r kann nicht ihr Alter sein, denn ihr fein geschnittenes Gesicht ist zwar eingefallen, aber glatt und wundersch�n anzusehen. Sie hat weit auseinanderstehende Augen von einem Blau, das halb herzzerrei�end, halb verh�ngnisvoll ist. Ihre Lippen sind ungeschminkt und doch voll und rot. Die N�stern ihrer langen, geraden Nase sind geschwungen wie zwei Fl�gel. Ihr Gesicht ist so ausdrucksstark und lieblich und ihre Gestalt so verfallen, dass ihr Anblick verst�rend wirkt. Wie ein fremdartiger Parasit sitzt ihr Kopf auf dem ge�derten Hals und zehrt von ihrem K�rper. �Ich m�chte, dass Sie sich dar�ber im Klaren sind, dass Shprintzl Sie noch nicht umgebracht hat.�</p><p>�Vielen Dank, Shprintzl�, sagt Landsman.</p><p>�No problem�, sagt Shprintzl Rudashevsky. Ihre Stimme erinnert an eine in einem Eimer rollende Zwiebel.</p><p>Batsheva Shpilman weist auf das andere Ende der R�ckbank. Ihre Hand ist in schwarzen Samt geh�llt, an der Manschette mit drei schwarzen Samenperlen gekn�pft. Landsman nimmt ihren Vorschlag an und erhebt sich. Der Sitz ist sehr bequem. Er f�hlt den kalten Schwei� eines imagin�ren Highballs an seinen Fingerspitzen.</p><p>�Au�erdem hat sie keinen ihrer Br�der oder Cousins in den anderen Wagen benachrichtigt, obwohl sie, wie Sie sehen k�nnen, mit ihnen �ber Funk verbunden ist.�</p><p>�Eng verbundener Haufen, diese Rudashevskys�, sagt Landsman, doch er versteht, was sie ihm damit sagen will. �Sie m�chten mit mir sprechen.�</p><p>�Ach ja?�, sagt Batsheva Shpilman, und ihre Lippen erw�gen kurz, sich ein wenig zu heben, entscheiden sich aber dagegen. �Sie waren es doch, der sich Zutritt zu meinem Wagen verschafft hat.�</p><p>�Ach, das ist ein Auto? Mein Fehler, ich dachte, es w�re die Linie 61.�</p><p>Shprintzl Rudashevskys breites Gesicht bekommt eine philosophische, ja mystische Leere. Sie sieht aus, als mache sie sich in die Hose und genie�e die W�rme.</p><p>�Sie fragen nach Ihnen, meine Liebe�, sagt sie mit krankenschwesternhafter Z�rtlichkeit zu der �lteren Frau. �Sie wollen wissen, ob alles in Ordnung ist.�</p><p>�Sag ihnen, es geht mir gut, Shprintzele. Sag ihnen, wir sind auf dem Heimweg.� Sie wendet ihre sanften Augen Landsman zu. �Wir setzen Sie an Ihrem Hotel ab. Ich m�chte es sehen.� Sie sind von einer Farbe, die er noch nie gesehen hat, diese Augen, ein Blau, das man nur in Vogelfedern oder Bleiglasfenstern findet. �Ist Ihnen das recht, Detective Landsman?�</p><p>Landsman erwidert, dass es ihm sehr recht sei. W�hrend Shprintzl Rudashevsky in ihr unsichtbares Mikrofon murmelt, l�sst ihre Arbeitgeberin die Trennwand herunter und nennt dem Chauffeur einen Weg, der sie zur Ecke von Max Nordau Street und Berlevi Street f�hren wird.</p><p>�Sie sehen aus, als h�tten Sie Durst, Detective�, sagt sie, als sie die Trennwand wieder hochf�hrt. �Wollen Sie ganz bestimmt kein Ginger Ale? Shprintzele, gib dem Herrn doch ein Glas Ginger Ale.�</p><p>�Danke, Ma�am, ich habe keinen Durst.�</p><p>Batsheva Shpilmans Augen weiten sich, verengen sich, weiten sich wieder. Sie macht eine Bestandsaufnahme von Landsman, gleicht sie mit dem ab, was sie wei� oder geh�rt hat. Ihre Musterung ist rasch und schonungslos. Wahrscheinlich w�rde sie einen guten Polizisten abgeben.</p><p>�Nicht auf Ginger Ale�, sagt sie.</p><p>Sie biegen ab auf die Lincoln und rollen an der K�ste entlang in Richtung Untershtot, vorbei an Oysshtelung Island und dem gebrochenen Versprechen des Safety Pin. In neun Minuten werden sie das Hotel Zamenhof erreichen. Batsheva Shpilmans Augen ertr�nken Landsman in einem Glas �ther. Mit Nadeln heften sie ihn auf eine Pinnwand.</p><p>�Klar, sicher, warum nicht?�, sagt Landsman.</p><p>Shprintzl Rudashevsky reicht ihm eine kalte Flasche Ginger Ale. Landsman h�lt sie sich an die Schl�fe, nimmt einen Schluck und k�mpft ihn im Bewusstsein seiner medizinischen Wirkung hinunter.</p><p>�Seit f�nfundvierzig Jahren habe ich nicht mehr so nahe neben einem Fremden gesessen, Detective�, sagt Batsheva Shpilman. �Das ist sehr falsch. Ich sollte mich sch�men.�</p><p>�Besonders angesichts Ihrer Wahl m�nnlicher Begleiter�, sagt Landsman.</p><p>�Darf ich?� Sie l�sst den schwarzen Moire herunter. Ihr Gesicht nimmt nicht l�nger an der Unterhaltung teil. �So f�hle ich mich wohler.�</p><p>�Wie Sie m�chten.�</p><p>�Nu�, sagt sie. Der Schleier st��t ihren Atem aus. �Gut. Ja, ich wollte mit Ihnen sprechen.�</p><p>�Ich wollte auch mit Ihnen sprechen.�</p><p>�Warum? Glauben Sie, dass ich meinen Sohn get�tet habe?�</p><p>�Nein, Ma�am, das glaube ich nicht. Aber ich hoffte, Sie w�ssten vielleicht, wer es war.�</p><p>�Aha!�, verk�ndet sie mit einem tiefen Zittern in der Stimme, als h�tte sie Landsman ertappt. �Er wurde also ermordet.�</p><p>��hm, ja, hm, wurde er, Ma�am. Hat Ihr�� was hat Ihnen Ihr Mann denn gesagt?�</p><p>�Was mein Mann mir sagt�, sagt sie und es klingt rhetorisch, wie der Titel eines sehr schmalen Traktats. �Sind Sie verheiratet, Detective?�</p><p>�War ich.�</p><p>�Scheiterte die Ehe?�</p><p>�Ich sch�tze, so kann man es am besten ausdr�cken.� Kurz denkt er nach. �Ich sch�tze, man kann es gar nicht anders ausdr�cken.�</p><p>�Meine Ehe ist ein voller Erfolg�, sagt sie ohne eine Spur von Prahlerei oder Stolz. �Verstehen Sie, was das bedeutet?�</p><p>�Nein, Ma�am�, sagt Landsman. �Da bin ich mir nicht ganz sicher.�</p><p>�In jeder Ehe gibt es gewisse Dinge�, beginnt sie. Sie sch�ttelt den Kopf, einmal, und der Schleier zittert. �Einer meiner Enkel war heute bei mir zu Hause, vor der Beerdigung. Neun Jahre alt. Ich habe ihm den Fernseher angemacht, im N�hraum, man soll das eigentlich nicht tun, aber egal, der kleine Schejgetz langweilte sich. Ich habe mich zehn Minuten zu ihm gesetzt und mitgeschaut. Es lief ein Trickfilm, der mit dem Wolf, der immer den blauen Hahn jagt.�</p><p>Landsman sagt, dass er die Sendung kenne.</p><p>�Dann wissen Sie ja�, sagt sie, �wie der Wolf immer durch die Luft rennt. Er kann fliegen, aber nur solange er glaubt, auf dem Boden zu sein. Sobald er nach unten guckt und sieht, wo er sich befindet, sobald er also versteht, was los ist, f�llt er herunter.�</p><p>�Habe ich gesehen�, sagt Landsman.</p><p>�So ist es auch in einer erfolgreichen Ehe�, sagt die Frau des Rabbis. �Seit f�nfzig Jahren laufe ich durch die Luft. Ohne nach unten zu sehen. Abgesehen von dem, was Gott fordert, spreche ich nicht mit meinem Gatten, Detective. Und umgekehrt.�</p><p>�Meine Eltern haben das auch so gel�st�, sagt Landsman. Er fragt sich, ob es mit ihm und Bina l�nger gehalten h�tte, wenn sie diese traditionelle Herangehensweise versucht h�tten. �Nur k�mmerten sie sich nicht sehr um Gottes Forderungen.�</p><p>�Ich habe durch meinen Schwiegersohn Aryeh von Mendels Tod erfahren. Und dieser Mann erz�hlt mir nichts als L�gen.�</p><p>Landsman h�rt, wie jemand auf einem Lederkoffer herumspringt. Es stellt sich heraus, dass es der Klang von Shprintzl Rudashevskys Lachen ist.</p><p>�Weiter�, sagt Mrs. Shpilman. �Erz�hlen Sie bitte weiter.�</p><p>�Also weiter. Nu. Ihr Sohn wurde erschossen. Auf eine Weise, die � nun, um ehrlich zu sein, Ma�am, er wurde hingerichtet.� Beim Aussprechen des letzten Wortes ist Landsman froh um den Schleier. �Von wem, k�nnen wir nicht sagen. Wir haben erfahren, dass einige M�nner, zwei oder drei, nach Mendel suchten, nach ihm fragten. Diese M�nner waren vielleicht nicht besonders nett. Das war vor ein paar Monaten. Wir wissen, dass er bei seinem Tod Heroin im K�rper hatte. Das hei�t, am Ende sp�rte er nichts. Keine Schmerzen, meine ich.�</p><p>�Nichts, meinen Sie�, korrigiert sie ihn. Zwei Flecke, schw�rzer als schwarze Seide, breiten sich auf dem Schleier aus. �Weiter.�</p><p>�Es tut mir leid, Ma�am. Das mit Ihrem Sohn. Das h�tte ich direkt am Anfang sagen sollen.�</p><p>�Ich bin froh, dass Sie es nicht getan haben.�</p><p>�Wir glauben, es war kein Amateur, der Ihrem Sohn das zugef�gt hat. Aber sehen Sie, Mrs. Shpilman, ich gebe zu, dass wir seit Freitagmorgen mit unseren Ermittlungen im Todesfall Ihres Sohnes mehr oder weniger auf der Stelle treten.�</p><p>�Sie sprechen immer von �wir��, sagt sie. �Damit meinen Sie nat�rlich Sitka Central.�</p><p>Jetzt w�rde er gerne ihre Augen sehen k�nnen. Denn er hat das untr�gliche Gef�hl, dass sie mit ihm spielt. Dass sie wei�, dass er kein Recht und keine Vorgesetzten im R�cken hat.</p><p>�Nicht ganz�, sagt Landsman.</p><p>�Die Mordkommission.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie und Ihren Kollegen.�</p><p>�Auch nicht.�</p><p>�Also, dann bin ich ein wenig verwirrt, Detective�, sagt sie. �Wer ist dieses �wir�, das bei der Ermittlung im Todesfall meines Sohnes nicht weiterkommt?�</p><p>�In diesem Moment? Ich � hmm � es ist eine Art theoretische Untersuchung.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Durch eine unabh�ngige Einrichtung.�</p><p>�Mein Schwiegersohn�, sagt sie, �behauptet, Sie seien suspendiert worden, weil Sie auf die Insel gekommen sind. Zu uns ins Haus. Weil Sie meinen Gatten beleidigt haben. Ihm vorwarfen, Mendel ein schlechter Vater gewesen zu sein. Aryeh hat mir gesagt, Detective, dass Ihnen sogar der Dienstausweis abgenommen wurde.�</p><p>Landsman rollt die k�hle S�ule der Ginger-Ale-Flasche �ber seine Stirn.</p><p>�Ja, hm. Diese Einrichtung, von der ich eben sprach�, sagt Landsman. �Die stellt vielleicht keine Dienstausweise aus.�</p><p>�Nur Theorien.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel. Gut, hier ist eine: Sie hatten gelegentlich, vielleicht sogar regelm��ig Kontakt zu Mendel. Sie h�rten von ihm. Sie wussten, wo er war. Hin und wieder rief er bei Ihnen an. Er schickte Ihnen Postkarten. Vielleicht trafen Sie sich sogar von Zeit zu Zeit mit ihm, heimlich. Diese geheime Fahrt, die Sie und Freundin Rudashevsky mir netterweise angedeihen lassen, beispielsweise, die bringt mich irgendwie auf diesbez�gliche Gedanken.�</p><p>�Ich habe meinen Sohn, meinen Mendel, seit �ber zwanzig Jahren nicht gesehen�, sagt sie. �Und werde es auch nie wieder.�</p><p>�Aber warum, Mrs. Shpilman? Was ist passiert? Warum hat er die Verbover verlassen? Was hat er getan? Gab es einen offenen Bruch? Einen Streit?�</p><p>Eine geschlagene Minute antwortet sie nicht, so als k�mpfe sie gegen die alte Gewohnheit an, niemandem ein Wort �ber Mendel zu sagen, schon gar nicht einem profanen Polizisten. Vielleicht k�mpft sie aber auch gegen das wachsende Gef�hl der Freude, die es ihr gegen ihren Willen bereiten wird, sich laut vernehmlich ihres Sohnes zu erinnern.</p><p>�So eine gute Partie hatte ich f�r ihn gefunden�, sagt sie.</p></section><section><title><p><emphasis>25.</emphasis></p></title><p>Tausend G�ste, manche von Orten so weit entfernt wie Miami Beach und Buenos Aires. Sieben Container vom Catering Service und ein Volvo-Laster voller Lebensmittel und Wein. Berge von Geschenken, Girlanden und Achtungsbezeigungen, die es mit den Baranof-Bergen aufnehmen k�nnen. Drei Tage fasten und beten. Die gesamte Musikantenfamilie der Klezmer, genug f�r ein halbes Symphonieorchester. S�mtliche Rudashevskys bis hin zum Urgro�vater, der halb betrunken mit einem alten Nagant-Revolver in die Luft schie�t. In der Woche vor dem gro�en Tag eine Schlange von Menschen im Flur, die durch die T�r hinaus-, um die Ecke und zwei Querstra�en die Ringelblum Avenue hinunterreicht, und alle hoffen auf einen Segen des k�niglichen Br�utigams. Tags�ber und nachts ein L�rm im Haus, als wolle der P�bel eine Revolution anzetteln.</p><p>Eine Stunde vor der Hochzeit waren noch alle da, warteten auf ihn, die Stra�e voller H�te und nasser Regenschirme. Unwahrscheinlich, dass er sie so sp�t noch sah oder ihr Flehen und Wehklagen h�rte. Aber man konnte nie wissen. Das Unberechenbare war schon immer Mendels Art gewesen.</p><p>Sie sp�hte durch die Vorh�nge auf die Bittsteller, als das M�dchen hereinkam und sagte, Mendel sei fort und zwei Damen wollten mit ihr sprechen. Mrs. Shpilmans Schlafzimmer ging seitlich auf den Hof, doch konnte sie an den Nachbarh�usern vorbei bis zur Stra�e schauen: H�te und Schirme, gl�nzend vor Regen. Juden, Schulter an Schulter, gemeinsam durchn�sst in ihrer Sehnsucht, einen Blick auf Mendel zu erhaschen.</p><p>Hochzeitstag, Bestattungstag.</p><p>�Fort�, sagte sie. Sie wandte sich nicht vom Fenster ab. Sie empfand ein Gef�hl von Sinnlosigkeit und Erf�llung, das man aus Tr�umen kennt. Die Frage war m��ig, und doch war es das Einzige, was sie hervorbrachte. �Fort wohin?�</p><p>�Niemand wei� es, Missus. Niemand ihn gesehen seit gestern Abend.�</p><p>�Gestern Abend.�</p><p>�Heute Morgen.�</p><p>Am vergangenen Abend hatte Mrs. Shpilman ein Forschpiel f�r die Tochter des Shtrakenzer Rebbe organisiert. Sie war eine hervorragende Partie. Eine f�hige, talentierte Braut, wundersch�n und mit einer feurigen Ader, die Mendels Schwestern abging, aber die ihr Sohn an seiner Mutter bewunderte, wie sie wusste. Selbstredend war die Shtrakenzer Braut zwar perfekt, aber nicht angemessen; auch das wusste Mrs. Shpilman. Lange bevor das Hausm�dchen kam und sagte, man k�nne Mendel nicht finden, er sei irgendwann im Lauf der Nacht verschwunden, hatte Mrs. Shpilman gewusst, dass auch noch so viel Talent, Sch�nheit und Feuer in einem M�dchen ihrem Sohn niemals angemessen w�ren. Aber irgendein Defizit gab es immer, nicht wahr? Zwischen der Vereinigung, die sich der Heilige Eine vorstellte�� gelobt sei Er��, und der realen Situation unter der Chuppa. Zwischen Geboten und deren Einhaltung, zwischen Himmel und Erde, Mann und Weib, Zion und Jude. Dieses Defizit nennt man �die Welt�. Erst mit der Ankunft von Messias w�rde diese Bresche geschlossen werden, w�rden alle Trennungen, Unterscheidungen und Zwischenr�ume in sich zusammenfallen. Bis dahin vermochten�� Seinem Namen sei Dank�� nur Funken, helle Funken, diese Schlucht zu �berspringen wie zwischen elektrischen Polen. Und der Mensch musste dankbar sein f�r ihr fl�chtiges Licht.</p><p>So hatte sie es Mendel nahelegen wollen, falls er sie je um Rat fragen sollte, was seine Verlobung mit der Tochter des Shtrakenzer Rebbe anging.</p><p>�Ihr Mann sehr b�se�, sagte das M�dchen, Betty, eine Filipina wie alle Hausm�dchen.</p><p>�Was hat er gesagt?�</p><p>�Hat nichts gesagt, Missus. Deshalb ich wei�, dass er b�se. Hat Leute geschickt, m�ssen �berall suchen. Hat den B�rgermeister angerufen.�</p><p>Mrs. Shpilman wandte sich vom Fenster ab. Der Satz <emphasis>Sie mussten die Hochzeit absagen</emphasis> metastasierte in ihrem Magen. Betty sammelte Seidenpapierfetzen vom Perserteppich.</p><p>�Was f�r Damen?�, fragte Mrs. Shpilman. �Wer sind sie? Verbover?�</p><p>�Eine vielleicht. Andere nicht. Sagen nur, m�chten mit Ihnen sprechen.�</p><p>�Wo sind sie?�</p><p>�Unten, in Ihr B�ro. Eine Dame ganz in schwarze Sachen, Schleier vor Gesicht. Vielleicht ihr Mann gerade gestorben.�</p><p>Mrs. Shpilman konnte sich nicht mehr erinnern, wann die ersten hoffnungslosen M�nner und Todkranken vorbeigekommen waren, um Mendel zu sehen. Wahrscheinlich kamen sie anfangs heimlich, zur Hintert�r, ermutigt von Berichten des einen oder anderen Hausm�dchens. Es gab eines, deren Unterleib in jungen Jahren durch eine verpfuschte Operation in Cebu unfruchtbar geworden war. Mendel nahm eine dieser Puppen, die er aus Filz und W�scheklammern f�r seine Schwestern fertigte, steckte einen Segensspruch aus Kreide zwischen die h�lzernen Schenkel und schob dem M�dchen die Klammer in die Tasche. Zehn Monate sp�ter gebar Remedios einen Sohn. Dann gab es Dov-Ber Gursky, den Chauffeur, der bei einem russischen Fingerbrecher mit zehntausend Dollar in der Kreide stand. Mendel schenkte Gursky eine F�nfdollarnote, unaufgefordert, und sagte, sie w�rde hoffentlich helfen. Zwei Tage sp�ter schrieb ein Anwalt aus St. Louis und teilte Gursky mit, er habe von einem Onkel, den er gar nicht kannte, eine halbe Million geerbt. Bei Mendels Bar-Mizwa waren die Kranken und Sterbenden, die Beraubten, die Eltern verdammter Kinder schon fast zu einer regelrechten Plage geworden. Zu jeder Tages- und Nachtzeit standen sie vor der T�r. Klagten und flehten. Sie hatte Ma�nahmen ergriffen, Mendel zu sch�tzen, hatte Sprechzeiten und Bedingungen festgesetzt. Aber der Junge hatte eine Gabe. Und es lag in der Natur einer Gabe, dass sie endlos gegeben werde.</p><p>�Ich kann sie jetzt nicht empfangen�, sagte Mrs. Shpilman und setzte sich auf ihr schmales Bett mit der wei�en Tagesdecke aus Chenille und den Kopfkissen, die sie vor Mendels Geburt bestickt hatte. �Diese Damen da.� Wenn die Frauen Mendels nicht habhaft wurden, kamen sie manchmal zu ihr, zur Rebbetzin, dann segnete sie alle, so gut sie konnte, mit den wenigen Mitteln, die ihr f�r diese Aufgabe zur Verf�gung standen. �Ich muss mich anziehen. In einer Stunde ist die Hochzeit, Betty. Eine Stunde! Die finden ihn schon.�</p><p>Seit Jahren, seit sie begriffen hatte, dass er war, was er war, rechnete sie damit, dass er Verrat an ihr �ben w�rde. Welch be�ngstigendes Wort f�r eine Mutter, diese Andeutung von Zerbrechlichkeit, von Verwundbarkeit�� und nichts sch�tzte das V�gelchen au�er seinen Federn. Und das Fliegen. Und die Flucht nat�rlich. Das hatte sie begriffen, lange bevor er selbst es erkannte. Hatte es aus der weichen Falte seines Babynackens gesogen. Hatte es wie eine Geheimbotschaft in seinen flaumbewachsenen Knubbelknien in der kurzen Hose gelesen. Ein Anflug von M�dchenhaftigkeit in der Art, wie er den Blick senkte, wenn er gelobt wurde. Und als er �lter wurde, kam sie nicht umhin zu bemerken, wie unwohl er sich f�hlte, wann immer ein Rudashevsky oder gewisse Cousins das Zimmer betraten, auch wenn er es noch so zu verbergen suchte, sein Feuer noch so mit Asche bedeckte.</p><p>W�hrend der Ehestiftung, der Verlobungszeit und der Hochzeitsvorbereitungen hatte sie Mendele auf ein Zeichen von Besorgnis oder Unwillen belauert. Aber er blieb seiner Pflicht und ihren Pl�nen treu. Gelegentlich sarkastisch, das schon, sogar respektlos verspottete er seine Mutter f�r ihren unersch�tterlichen Glauben, dass der Heilige Name, gelobt sei Er, wie ein altes M�tterchen die Zeit damit verbringe, Ehen zwischen den Seelen der noch Ungeborenen zu stiften. Einmal hatte Mendel sich einen Fetzen wei�en T�lls geschnappt, den ihre T�chter im Salon vergessen hatten, hatte seinen Kopf damit bedeckt und in einer Stimme, die unheimlich an die seiner Verlobten erinnerte, eine Liste der k�rperlichen Unzul�nglichkeiten Mendel Shpilmans vorgetragen. Alle hatten gelacht, doch im Herzen der Mutter flatterte ein V�gelchen der Furcht. Abgesehen von dem Zwischenfall schien er so zu bleiben, wie er gewesen war, unverbr�chlich in seiner Treue zu den sechshundertdreizehn Geboten, dem Studium von Thora und Talmud, zu seinen Eltern und den Gl�ubigen, deren Stern er war. Sicher w�rde Mendel auch jetzt gefunden werden.</p><p>Sie rollte ihre Str�mpfe hoch, zog ihr Kleid an, r�ckte den Slip zurecht. Sie setzte ihre Per�cke auf, die sie zum Preis von dreitausend Dollar eigens f�r die Hochzeit hatte anfertigen lassen. Es war ein Meisterwerk, aschblond mit roten und goldenen Reflexen, aufget�rmte Z�pfe, so wie sie ihr Haar als junge Frau getragen hatte. Erst als sie diese schimmernde Bonzenhaube auf ihren kurzgeschorenen Sch�del gepflanzt hatte, �berkam sie Panik.</p><p>Auf einem Holztischchen stand ein schwarzes Telefon ohne W�hlscheibe. Wenn sie den H�rer hob, klingelte ein identischer Apparat im B�ro ihres Gatten. In den zehn Jahren, die sie in diesem Haus wohnte, hatte sie das Telefon nur dreimal benutzt, einmal vor Schmerz und zweimal vor Wut. �ber dem Apparat hing ein gerahmtes Foto, das ihren Gro�vater, den achten Rebbe, ihre Gro�mutter und ihre Mutter im Alter von f�nf oder sechs Jahren gemeinsam unter einer papiernen Weide am Ufer eines aufgemalten Stroms zeigte. Schwarze Kleidung, die vertr�umte Wolke des gro�v�terlichen Barts, und �ber allem die strahlende Asche der Zeit, die sich �ber die Toten auf alten Bildern legt. Es fehlte der Bruder ihrer Mutter, dessen Name eine Art Fluch war, so m�chtig, dass er nicht ausgesprochen werden durfte. Ihr blieb seine Abtr�nnigkeit, obwohl ber�chtigt, stets verborgen. Sie wusste nur, dass sie mit einem in einer Schublade versteckten Buch namens <emphasis>Die geheimnisvolle Insel</emphasis> begonnen hatte und in dem Bericht gipfelte, man habe ihren Onkel auf einer Stra�e in Warschau gesehen, ohne Bart, aber mit einem Strohhut auf dem Kopf, skandal�ser als jeder franz�sische Roman.</p><p>Sie legte ihre Hand auf den Telefonh�rer. Panik in den Organen, Panik in den Z�hnen.</p><p>�Ich w�rde nicht drangehen, selbst wenn ich k�nnte�, sagte ihr Gatte direkt hinter ihr. �Wenn du schon den Sabbat brechen musst, dann soll es sich f�r die S�nde auch lohnen.�</p><p>Obgleich ihr Mann damals noch nicht so mondf�rmig war, wie er sp�ter wurde, war sein Anblick in ihrem Schlafzimmer Grund genug zum Wundern, so als gehe ein zweiter Mond am Himmel auf. Er musterte die mit Nadelspitze verzierten St�hle, den gr�nen Volant, die satinwei�e Leere ihres Bettes, die Tiegelchen und T�pfchen. Sie sah, dass er mit einem sp�ttischen L�cheln auf den Lippen k�mpfte. Doch die Miene, die er zustande brachte, war zugleich leidenschaftlich und abgesto�en. Sie erinnerte sie an das L�cheln, mit dem ihr Gatte einmal einen Botschafter von einem fernen Hof in �thiopien oder aus dem Jemen empfangen hatte, einen schleh�ugigen Rabbi in einem grellbunten Kaftan. Jener unm�gliche schwarze Rabbi mit seiner fremdartigen Thora, diese Welt der Frauen: Es waren Launen Gottes, Windungen in Gottes Gedanken, dass es fast schon Ketzerei war, sie sich vorzustellen oder verstehen zu wollen.</p><p>Je l�nger ihr Gatte dort stand, desto weniger belustigt und umso verlorener schien er zu sein. Schlie�lich r�hrte sie das Mitleid. Er geh�rte nicht hierher. Es war ein Ma�stab f�r den sich ausbreitenden Makel von Verkehrtheit an diesem Tag, dass er auf seiner Mission so weit gezogen war�� bis in ihr Reich von Troddelkissen und Rosenwasser.</p><p>�Setz dich�, sagte sie. �Bitte.�</p><p>Dankbar begann er, sich einem Stuhl gef�hrlich zu n�hern.</p><p>�Man wird ihn finden�, sagte ihr Mann mit weicher, drohender Stimme.</p><p>Sein Anblick gefiel ihr nicht. Wohl wissend, dass er anderen oft ungepflegt erschien, war er doch ein Mann ordentlicher Gewohnheiten. Doch jetzt sa�en seine Str�mpfe schief, war sein Hemd falsch gekn�pft. Seine Wangen waren vor Ersch�pfung gesprenkelt, sein Schnurrbart stand ab, als habe er daran gezogen.</p><p>�Entschuldige, Liebling�, sagte sie. Sie �ffnete die T�r zum Ankleideraum und ging hinein. Batsheva verachtete die dunklen Farben, die von den Verbover Frauen ihrer Generation bevorzugt wurden. Das Zimmer, in das sie sich zur�ckzog, war indigoblau, violett und lavendel ausgestattet. Sie setzte sich auf einen kleinen Toilettenstuhl mit einer fransigen Sch�rze. Sie streckte einen bestrumpften Zeh vor und gab der T�r einen Schubs, bis sie nur noch zwei Zentimeter offen stand. �Ich hoffe, es st�rt dich nicht. Es ist besser so.�</p><p>�Man wird ihn finden�, wiederholte ihr Mann nun sachlicher, versuchte nunmehr, seine Frau zu beruhigen, nicht sich selbst.</p><p>�W�re besser f�r ihn�, sagte sie. �Damit ich ihn umbringen kann.�</p><p>�Beruhige dich.�</p><p>�Ich sage das ganz ruhig. Ist er betrunken? Wurde getrunken?�</p><p>�Er hat gefastet. Es ging ihm gut. Welch eine Lehre hat er uns gestern Abend noch erteilt, �ber Parschat Chajei Sarah. Es war elektrisierend. Jedes Herz h�tte wieder angefangen zu schlagen. Aber als er fertig war, hatte er Tr�nen in den Augen. Er sagte, er brauche Luft. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen.�</p><p>�Ich bringe ihn um�, sagte sie.</p><p>Es kam keine Antwort aus dem Schlafzimmer, nur ein raspelndes Atmen, gleichm��ig, unbeirrbar. Sie bedauerte ihre Drohung. In ihrem Mund war sie rhetorisch, aber in seinem Kopf, dieser Bibliothek inmitten einer Beingrube, nahm sie die gef�hrliche Farbe aktiver Umsetzung an.</p><p>�Wei�t du vielleicht zuf�llig, wo er ist?�, fragte ihr Mann nach einer Pause, und auch in der Leichtigkeit seines Tonfalls schwang Gefahr.</p><p>�Woher soll ich das wissen?�</p><p>�Er spricht mit dir. Er sucht dich auf, hier.�</p><p>�Nie.�</p><p>�Ich wei� es.�</p><p>�Woher willst du das wissen? Doch wohl nur, wenn du die Hausm�dchen zu Spionen gemacht hast.�</p><p>Sein Schweigen best�tigte das Ausma� von Korruption in ihrem Haushalt. Sie versp�rte das glorreiche Gef�hl des Entschlusses, ihr Ankleidezimmer nie mehr zu verlassen.</p><p>�Ich bin nicht hergekommen, um mich zu streiten oder dich zu r�gen. Ganz im Gegenteil, ich hatte gehofft, dass ich vielleicht eine Tasse deiner sonst �blichen Ruhe und Vernunft bek�me. Aber da ich jetzt hier bin, f�hle ich mich entgegen meines Urteils als Rabbi und als Mann, doch mit der vollen �berzeugung meines Selbstverst�ndnisses als Vater gezwungen, dich zu tadeln.�</p><p>�Weshalb?�</p><p>�F�r seine Verwirrung. Seine Unberechenbarkeit. Den Schatten auf seiner Seele. Das ist deine Schuld. So ein Sohn ist die Frucht des m�tterlichen Baumes.�</p><p>�Geh zum Fenster�, befahl sie ihm. �Schau durch den Vorhang. Sieh dir diese armen Bittsteller und Narren und gebrochenen Jids an, die hergekommen sind, um einen Segen zu erhalten, den du, mit all deiner Macht und all deiner Gelehrtheit, niemals w�rdest spenden k�nnen, ehrlich nicht. Nicht dass diese Unf�higkeit dich bisher davon abhielt, ihn zu erteilen.�</p><p>�Ich kann auf andere Weise segnen.�</p><p>�Schau sie dir an!�</p><p>�Schau du sie an. Komm aus deinem Schrank und schau.�</p><p>�Ich habe sie gesehen�, brachte sie durch die Z�hne hervor. �Und die haben <emphasis>alle</emphasis> einen Schatten auf der Seele.�</p><p>�Aber sie verbergen ihn. Aus Bescheidenheit und Demut und Gottesfurcht verh�llen sie ihn. Gott gebietet uns, in seiner Anwesenheit die K�pfe zu bedecken. Nicht barh�uptig herumzustehen.�</p><p>Sie h�rte das �chzen und Kratzen des Stuhlbeins und das Schlurfen seiner Pantoffeln. Sie h�rte das morsche Gelenk seiner linken H�fte krachen und einrasten. Er st�hnte vor Schmerz.</p><p>�Mehr verlange ich nicht von Mendel�, fuhr er fort. �Was ein Mann denken oder f�hlen mag, ist nicht von Interesse, nicht von Bedeutung f�r mich oder Gott. Dem Wind ist es egal, ob die Fahne rot oder blau ist.�</p><p>�Oder rosa.�</p><p>Wieder folgte Schweigen. Diesmal war es irgendwie schw�cher, als k�me ihr Mann zu einer Schlussfolgerung oder erinnerte sich, wie es einst gewesen war, wenn ihn ein kleiner Scherz von ihr belustigte.</p><p>�Ich werde ihn finden�, sagte er. �Dann nehme ich ihn mir zur Brust und sage ihm, was ich denke. Erkl�re ihm, dass hier Platz f�r ihn ist, solange er Gott gehorcht, seine Gebote befolgt und rechtschaffen ist. Dass ich ihm nicht als Erster den R�cken zuwenden werde. Dass es seine Entscheidung ist, uns zu verlassen.�</p><p>�Kann ein Mann ein Tzaddik ha-Dor sein, aber sich vor sich selbst und allen um sich herum verstecken?�</p><p>�Ein Tzaddik ha-Dor ist immer versteckt. Das geh�rt zum Wesen eines Tzaddik. Vielleicht sollte ich ihm das erkl�ren. Ihm sagen, dass diese � diese Gef�hle �, die er versp�rt und gegen die er k�mpft, auf gewisse Weise der Beweis f�r seine Eignung zum Regieren sind.�</p><p>�Vielleicht l�uft er gar nicht vor der Hochzeit mit diesem M�dchen davon�, sagte sie. �Vielleicht ist es gar nicht das, was ihm Angst macht. Womit er nicht leben kann.� Der Satz, den sie gegen�ber ihrem Mann nie ausgesprochen hatte, nahm seinen gewohnten Posten auf ihrer Zungenspitze ein. In den vergangenen vierzig Jahren hatte sie ihn verfasst und verfeinert und Elemente herausgestrichen, so wie ein Gefangener, dem Papier und Stift verwehrt sind, die Strophen eines Gedichts verfasst. �Vielleicht gibt es noch eine andere Selbstt�uschung, mit der zu leben er sich nicht anfreunden kann.�</p><p>�Er hat keine Wahl�, sagte ihr Mann. �Selbst wenn er in Unglauben gefallen ist. Selbst wenn er Heuchelei und Scheinheiligkeit riskiert, weil er hierbleibt. Ein Mann mit seinen Gaben, seinen Talenten darf nicht durch die Gegend ziehen und arbeiten und sein Schicksal da drau�en, in der unreinen Welt, aufs Spiel setzen. Er w�re eine Gefahr f�r jeden. Insbesondere f�r sich selbst.�</p><p>�Das ist nicht die Selbstt�uschung, die ich meine. Ich meine die Art, in der � in der sich alle Verbover �ben.�</p><p>Stille. Dann drohend, weder schwer noch leicht, das gewaltige Schweigen eines Luftschiffs vor der statischen Entladung.</p><p>�Mir ist keine andere Selbstt�uschung bewusst, die ihn betrifft.�</p><p>Sie lie� ihren Satz fallen; zu lange lief sie da schon durch die Luft, um l�ngere Zeit nach unten sehen zu k�nnen.</p><p>�Dann m�ssen wir ihn also hier festhalten�, sagte sie. �Mit oder ohne sein Einverst�ndnis.�</p><p>�Glaube mir, meine Liebe. Und versteh mich richtig. Die Alternative w�re weitaus schlimmer.�</p><p>Kurz wankte sie, dann st�rzte sie aus ihrem Ankleidezimmer, um zu sehen, was in den Augen ihres Mannes war, als er, wie sie es damals verstand, das Leben seines eigenen Sohnes bedrohte f�r die S�nde, das zu sein, wozu Gott ihn gemacht hatte. Doch still wie ein Luftschiff war er davongeschwebt. Sie fand nur Betty vor, die zur�ckgekommen war, um erneut die Bitte der Besucher vorzutragen. Betty war ein gutes Dienstm�dchen, aber sie hatte die Schw�che der Filipinos, sich unb�ndig an Skandalen zu erg�tzen. Es fiel ihr schwer, ihre Wonne �ber die Botschaft zu verbergen, die sie nun �berbrachte.</p><p>�Missus, eine Dame sagt, sie bringt Nachricht von Mendel�, sagte Betty. �Sagt, er kommt leider nicht nach Hause. Keine Hochzeit heute!�</p><p>�Er kommt nach Hause�, sagte Mrs. Shpilman und k�mpfte gegen den Drang, Betty ins Gesicht zu schlagen. �Mendel w�rde nie �� Sie hielt inne, bevor sie die Worte ausgesprochen hatte: <emphasis>Mendel w�rde nie gehen, ohne sich zu verabschieden.</emphasis></p><p>Die Frau, die eine Nachricht von ihrem Sohn �berbrachte, war keine Verbover. Sie war eine moderne J�din, aus Respekt vor der Gegend bescheiden in einen langen, gemusterten Rock und einen schicken dunklen Mantel gekleidet. Zehn oder f�nfzehn Jahre �lter als Mrs. Shpilman. Eine schwarz�ugige, schwarzhaarige Frau, die einmal sehr sch�n gewesen sein musste. Als Mrs. Shpilman eintrat, sprang sie vom Lehnstuhl am Fenster auf und gab ihren Namen mit Brukh an. Ihre Freundin war ein plumpes Ding, offenbar sehr fromm, vielleicht eine Satmarerin, in einem langen schwarzen Kleid, schwarzen Str�mpfen und einem breitkrempigen, tief �ber den minderwertigen Schajtl gezogenen Hut. Die Str�mpfe waren ausgeleiert, und die Strassschnalle an ihrem Hutband l�ste sich langsam, die Arme. Der Schleier war oben links auf eine Art hochgebauscht, die Mrs. Shpilman mitleiderregend fand. Beim Blick auf dieses hilflose Wesen verga� sie f�r einen Moment die furchtbare Neuigkeit, die diese beiden Frauen in ihr Haus gef�hrt hatte. Ein Segensspruch wallte mit solcher Macht und Dringlichkeit in ihr auf, dass sie ihn kaum zur�ckhalten konnte. Sie wollte die sch�bige Frau in die Arme nehmen und sie so k�ssen, dass es haften blieb, dass ihre Traurigkeit vertrieben wurde. Sie fragte sich, ob es sich so anf�hlte, Mendel zu sein.</p><p>�Was soll dieser Unfug?�, sagte sie. �Setzen Sie sich.�</p><p>�Es tut mir sehr leid, Mrs. Shpilman�, sagte die Brukh und nahm wieder Platz, hockte auf der Kante, als wolle sie zeigen, dass sie nicht zu bleiben beabsichtige.</p><p>�Haben Sie Mendel gesehen?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und wo ist er?�</p><p>�Bei einem Freund. Er wird nicht lange dort bleiben.�</p><p>�Er kommt nat�rlich zur�ck.�</p><p>�Nein. Nein, es tut mir leid, Mrs. Shpilman. Aber Sie werden Mendel nur durch diese Person erreichen k�nnen. Wann immer es n�tig ist. Wohin er auch geht.�</p><p>�Was f�r eine Person, bitte? Wer ist dieser Freund?�</p><p>�Wenn ich Ihnen das sage, m�ssen Sie versprechen, dieses Wissen ganz f�r sich zu behalten. Sonst, sagt Mendel��� Sie warf ihrer Freundin einen Blick zu, als hoffe sie auf moralische Unterst�tzung, um die n�chsten sieben W�rter herauszubekommen. ��� werden Sie nie wieder von ihm h�ren.�</p><p>�Aber meine Liebe, ich <emphasis>will</emphasis> nie wieder von ihm h�ren�, sagte sie. �Es ist also ganz �berfl�ssig, mir zu sagen, wo er ist, nicht wahr?�</p><p>�Ich denke nicht.�</p><p>�Nur dass ich Sie, wenn Sie mir nicht sagen, wo er ist, zur Garage der Rudashevskys bringen lasse, wo man Ihnen Informationen entlocken wird, wie man es dort gerne tut, und das ist kein Spa�.�</p><p>�Oh, ich habe keine Angst vor Ihnen�, sagte die Brukh mit einem erstaunlichen, angedeuteten L�cheln in der Stimme.</p><p>�Nein? Und warum nicht?�</p><p>�Weil Mendel mir gesagt hat, dass ich keine Angst zu haben brauche.�</p><p>Und sie sp�rte die Selbstsicherheit, vernahm deren Echo in der Stimme und Haltung dieser Brukh. Dieses Necken, diese Verspieltheit, die Mendel im Umgang mit seiner Mutter an den Tag legte, auch mit seinem ehrw�rdigen Vater. Mrs. Shpilman hatte dieses Verhalten immer auf den Teufel in ihm geschoben, aber nun sah sie, dass es vielleicht nur ein Mittel zum �berleben war, ein Selbstschutz. Federn f�r das V�gelchen.</p><p>�Er hat gut reden: keine Angst haben. L�uft vor seiner Aufgabe und seiner Familie davon. Warum versucht er es nicht bei sich mit seinem Zauber? K�nnen Sie mir das sagen? Warum bringt er seine armselige, feige Gestalt nicht hierher und erspart seiner Familie diese Schande und die Peinlichkeit, ganz zu schweigen von dem sch�nen, unschuldigen M�dchen?�</p><p>�Das w�rde er, wenn er k�nnte�, sagte die Brukh, und die Witwe neben ihr, die bisher geschwiegen hatte, seufzte auf. �Das glaube ich wirklich, Mrs. Shpilman.�</p><p>�Und warum kann er nicht? Verraten Sie mir das.�</p><p>�Das wissen Sie.�</p><p>�Ich wei� gar nichts.�</p><p>Aber sie wusste es. Und offenbar wussten es auch diese seltsamen Frauen, die gekommen waren, um sie weinen zu sehen. Mrs. Shpilman lie� sich auf das bestickte Kissen eines gewei�ten Louis-XIV-Stuhls fallen, ohne darauf zu achten, dass die Seide ihres Kleides durch das pl�tzliche Herabsinken Knitterfalten bekam. Sie schlug die H�nde vors Gesicht und weinte. Wegen der Schande, der Dem�tigung. Wegen der Zerst�rung von monatelangem, ach, jahrelangem Planen und Hoffen und Diskutieren, von endlosen Botschaften, die zwischen den H�fen von Verbov und Shtrakenz ausgetauscht worden waren. Doch am meisten, gesteht sie, weinte sie um sich selbst. Weil sie mit ihrer ihr eigenen Entschlossenheit bestimmt hatte, dass sie ihren einzigen Sohn, ihren geliebten, niedertr�chtigen Sohn, niemals wiedersehen w�rde. Was f�r eine selbsts�chtige Frau! Erst sp�ter brachte sie ein wenig Bedauern f�r die Welt auf, die nun nicht mehr von Mendel erl�st werden w�rde.</p><p>Nachdem sie ein oder zwei Minuten lang geweint hatte, erhob sich die altmodische Witwe von dem anderen Lehnstuhl und stellte sich neben Mrs. Shpilman.</p><p>�Bitte�, sagte sie mit schwerer Stimme und legte eine plumpe Hand auf Mrs. Shpilmans Arm, eine Hand, deren Fingerkn�chel mit feinem goldenem Haar bedeckt waren. Es war schwer zu glauben, dass Mrs. Shpilman diese Hand vor nur zwanzig Jahren ganz in den Mund hatte stecken k�nnen.</p><p>�Du spielst mit mir�, sagte sie, sobald sie die Macht der Vernunft zur�ckgewonnen hatte. Im Fahrwasser des ersten Schocks, der ihr Herz aussetzen lie�, empfand sie ein sonderbares Gef�hl der Erleichterung. Wenn Mendel aus neun Schichten bestand, so waren die ersten acht Schichten reine G�te. Eine viel gr��ere G�te, als sie und ihr Gatte, harte Menschen, die in einer harten Welt �berlebt und Erfolg gehabt hatten, ohne g�ttliche F�rsprache aus ihrem Fleisch erzeugt haben konnten. Aber die innerste Schicht, die neunte Schicht von Mendel Shpilman, war immer schon der Teufel gewesen, ein Schejgetz, der seiner Mutter gerne Herzinfarkte bescherte. �Du spielst mit mir!�</p><p>�Nein.�</p><p>Er l�pfte den Schleier und lie� sie seinen Schmerz, seine Unsicherheit sehen. Sie merkte, dass er f�rchtete, einen gro�en Fehler zu begehen. Die Entschlossenheit, mit der er gewillt war, ihn zu machen, erkannte sie als ihre eigene.</p><p>�Nein, Mama�, sagte Mendel. �Ich wollte mich verabschieden.� Als er ihren Gesichtsausdruck sah, f�gte er mit unsicherem L�cheln hinzu: �Und nein, ich bin kein Transvestit.�</p><p>�Wirklich nicht?�</p><p>�Nein!�</p><p>�Du siehst mir wie ein Transvestit aus.�</p><p>�Die ber�hmte Expertin.�</p><p>�Ich will, dass du das Haus verl�sst.� Aber sie wollte nur, dass er blieb, versteckt auf ihrer Seite des Hauses, verkleidet in diese Lumpen, ihr Baby, ihr Prinzchen, ihr teuflischer Junge.</p><p>�Ich gehe.�</p><p>�Ich will dich nie wiedersehen. Ich will dich nicht anrufen, ich will nicht, dass du mich anrufst. Ich will nicht wissen, wo du bist.�</p><p>Sie m�sste jetzt nur ihren Mann rufen, dann w�rde ihr Junge f�r immer bleiben. Irgendwie, auf irgendeine Weise, die nicht undenkbarer war als die ihrem bequemen Leben zugrunde liegenden Tatsachen, w�rde man ihn zum Bleiben zwingen.</p><p>�Gut, Mama�, sagte er.</p><p>�Nenn mich nicht so.�</p><p>�Gut, Mrs. Shpilman�, sagte er, und aus seinem Mund klang es liebevoll, vertraulich. Wieder begann sie zu weinen. �Nur damit du es wei�t. Ich wohne bei einem Freund.�</p><p>Hatte er eine Geliebte? War es m�glich, dass er ein zweites Leben im Geheimen gef�hrt hatte?</p><p>�Einem �Freund�?�, sagte sie.</p><p>�Ein alter Freund. Er hilft mir nur. Mrs. Brukh hier hilft mir auch.�</p><p>�Mendel hat mir das Leben gerettet�, sagte Mrs. Brukh. �Vor sehr langer Zeit.�</p><p>�Na, toll�, sagte Mrs. Shpilman. �Er hat Ihnen also das Leben gerettet. Man sieht ja, was er davon hat.�</p><p>�Mrs. Shpilman�, sagte Mendel. Er nahm ihre H�nde und dr�ckte sie fest zwischen seine warmen Handteller. Seine Haut brannte zwei Grad w�rmer als die anderer Menschen. Wenn man ihm die Temperatur ma�, zeigte das Thermometer 38 Grad.</p><p>�Nimm deine H�nde weg�, brachte sie heraus. �Sofort.�</p><p>Er k�sste sie auf den Kopf, und selbst durch die Schicht fremden Haars schien der Abdruck seines Kusses haften zu bleiben. Dann lie� er ihre H�nde los, senkte den Schleier und trampelte mit rutschenden Str�mpfen aus dem Zimmer, und die Brukh eilte ihm nach.</p><p>Lange Zeit sa� Mrs. Shpilman auf dem Louis-XIV-Stuhl, Stunden, Jahre. Eine K�lte erf�llte sie, ein eisiger Ekel vor der Sch�pfung, vor Gott und seinem verkorksten Werk. Zuerst schien sich das Grauen, das sie versp�rte, auf ihren Sohn und seine S�nde zu richten, dass er sich zu kapitulieren weigerte, doch dann wurde daraus ein Grauen vor sich selbst. Sie dachte an die Verbrechen und Verletzungen, die zu ihrem Vorteil begangen worden waren, und all das B�se war nur ein Tropfen Wasser in einem gro�en schwarzen Meer. Ein schrecklicher Ort, dieses Meer, dieser Golf zwischen Absicht und Tat, den die Menschen �Welt� nannten. Mendels Flucht war nicht die Weigerung zu kapitulieren; sie war eine Kapitulation. Der Tzaddik ha-Dor reichte seinen R�cktritt ein. Er konnte nicht das sein, was die Welt und die Juden mit ihrem Kummer und ihren Regenschirmen von ihm wollten, was seine Mutter und sein Vater von ihm wollten. Er konnte nicht einmal sein, was er selbst sein wollte. Sie hoffte�� das betete sie, dort sitzend��, dass er eines Tages immerhin einen Weg finden w�rde zu sein, was er war.</p><p>Kaum war das Gebet ihrem Herzen entflogen, vermisste sie ihren Sohn. Sie sehnte sich nach ihrem Sohn. Sie machte sich bittere Vorw�rfe, Mendel fortgeschickt zu haben, ohne in Erfahrung zu bringen, wo er sich aufhielt, wohin er gehen w�rde, wie sie ihn von Zeit zu Zeit sehen oder nur seine Stimme h�ren k�nne. Dann nahm sie die H�nde auseinander, die er ein letztes Mal in den seinen gehalten hatte, und fand, zusammengerollt auf ihrem rechten Handteller, einen kleinen Faden.</p></section><section><title><p><emphasis>26.</emphasis></p></title><p>�Ja�, sagt sie, �ich habe von ihm geh�rt. Hin und wieder. Ich m�chte nicht, dass es zynisch klingt, Detective, aber es war meistens, wenn er �rger hatte oder Geld brauchte. Umst�nde, die in seinem Fall�� m�ge sein Name zum Segen sein�� oft gemeinsam auftraten.�</p><p>�Wann war das letzte Mal?�</p><p>�Fr�her im Jahr. Im Fr�hling. Ja, jetzt wei� ich wieder, dass es der Tag vor Erew Pessach war.�</p><p>�Im April also. So um���</p><p>Madame Rudashevsky holt ein schickes Masik-Shoyfer hervor, dr�ckt auf mehrere Tasten und nennt das Datum des Tages vor dem ersten Abend von Pessach. Ein wenig �berrascht stellt Landsman fest, dass es ebenfalls der letzte vollst�ndige Tag im Leben seiner Schwester war.</p><p>�Von wo aus rief er an?�</p><p>�Vielleicht aus einem Krankenhaus. Ich wei� es nicht. Ich konnte eine Ansage h�ren, einen Lautsprecher im Hintergrund. Mendel sagte, er w�rde untertauchen. Er m�sse eine Weile fort, er w�rde nicht anrufen k�nnen. Er bat mich, Geld an einen Briefkasten in Povorotny zu schicken, den er manchmal benutzte.�</p><p>�H�rte es sich an, als h�tte er Angst?�</p><p>Der Schleier zittert wie ein Theatervorhang, die Bewegungen dahinter bleiben verborgen. Langsam nickt Mrs. Shpilman.</p><p>�Hat er gesagt, warum er untertauchen m�sse? Hat er gesagt, er w�rde verfolgt?�</p><p>�Ich glaube nicht. Nein. Nur dass er Geld brauchte und verschwinden w�rde.�</p><p>�Und das war�s.�</p><p>�Soweit ich weiߠ� nein. Ich habe ihn gefragt, ob er etwas gegessen h�tte. Manchmal � vergessen sie zu essen.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Und er sagte, keine Sorge, meinte er, ich hab gerade ein riesengro�es St�ck Kirschkuchen gegessen.�</p><p>�Kuchen�, wiederholt Landsman. �Kirschkuchen.�</p><p>�Sagt Ihnen das etwas?�</p><p>�Man wei� nie�, sagt er, aber er sp�rt, wie sein Brustkorb unter seinem h�mmernden Herzen vibriert.</p><p>�Mrs. Shpilman, Sie haben gerade erz�hlt, Sie h�rten im Hintergrund eine Ansage. Halten Sie es f�r m�glich, dass er von einem Flughafen aus anrief?�</p><p>�Jetzt, wo Sie fragen: ja.�</p><p>Das Auto wird langsamer und h�lt an. Landsman r�ckt vor und blickt durch das geschw�rzte Glas. Sie stehen vor dem Hotel Zamenhof. Mrs. Shpilman f�hrt ihr Fenster mit einem Schalter herunter, und der graue Nachmittag weht in den Wagen. Sie hebt den Schleier und sp�ht die Hotelfassade hinauf. Lange betrachtet sie das Geb�ude. Zwei kaputte Kerle, Alkoholiker, schwanken aus der Hotellobby, halten einander umschlungen, ein menschliches Bollwerk gegen den Regen. Landsman hielt den einen mal davon ab, versehentlich dem anderen in den Hosenaufschlag zu pinkeln. Sie f�hren eine kleine Tanznummer mit einem Zeitungsblatt und dem Wind auf, dann taumeln sie weiter in die Nacht, zwei verbrannte Motten. Die K�nigin von Verbov Island l�sst ihren Schleier wieder hinunter und f�hrt die Scheibe hoch. Landsman sp�rt die vorwurfsvollen Fragen durch den schwarzen Stoff brennen. Wie kann er in so einem Drecksloch leben? Warum hat er nicht besser auf ihren Sohn aufgepasst?</p><p>�Woher wissen Sie, dass ich hier wohne?�, f�llt ihm pl�tzlich ein. �Ihr Schwiegersohn?�</p><p>�Nein, Detective, der hat mir das nicht erz�hlt. Ich habe es von dem anderen Detective Landsman erfahren. Mit dem Sie verheiratet waren.�</p><p>�Sie hat Ihnen von mir erz�hlt?�</p><p>�Sie rief heute an. Vor vielen Jahren hatten wir einmal Probleme mit einem Mann, der Frauen verletzte. Ein sehr b�ser Mann, ein kranker Mann. Das war damals in Harkavy, auf der S. Ansky Street. Die Frauen, die verletzt worden waren, wollten nicht mit der Polizei sprechen. Ihre Exfrau hat mir damals sehr geholfen, ich stehe immer noch in ihrer Schuld. Sie ist eine gute Frau. Eine gute Polizistin.�</p><p>�Zweifellos.�</p><p>�Sie gab mir zu verstehen, dass es nicht v�llig falsch w�re, Ihnen ein wenig zu vertrauen, falls Sie zuf�llig vorbeikommen sollten.�</p><p>�Das war lieb von ihr�, sagt Landsman v�llig aufrichtig.</p><p>�Sie hat in h�heren T�nen von Ihnen gesprochen, als ich mir vorgestellt h�tte.�</p><p>�Wie Sie schon sagten, Ma�am: Sie ist eine gute Frau.�</p><p>�Trotzdem haben Sie sie verlassen.�</p><p>�Nicht weil sie eine gute Frau ist.�</p><p>�Sondern weil Sie ein schlechter Mann sind?�</p><p>�Ich denke schon�, sagt Landsman. �Sie war nur zu h�flich, das zu sagen.�</p><p>�Es ist viele Jahre her�, sagt Mrs. Shpilman. �Aber so wie ich mich erinnere, ist H�flichkeit nicht unbedingt eine gro�e St�rke dieser speziellen J�din.�</p><p>Sie bet�tigt den Knopf, der die Verriegelung aufhebt. Landsman schiebt die T�r auf und steigt aus der Limousine.</p><p>�Ich bin jedenfalls froh, dass ich dieses gr�ssliche Hotel noch nicht kannte, sonst h�tte ich Sie niemals in meine N�he gelassen.�</p><p>�Es ist nicht viel�, sagt Landsman, und der Regen prasselt auf seinen Hut. �Aber es ist mein Zuhause.�</p><p>�Nein, ist es nicht�, sagt Batsheva Shpilman. �Aber es macht es bestimmt einfacher f�r Sie, sich das vorzustellen.�</p></section><section><title><p><emphasis>27.</emphasis></p></title><p>�Die Vereinigung jiddischer Polizisten�, sagt der Kuchenmann.</p><p>�ber die Edelstahltheke seines Ladens wirft er Landsman einen Blick zu und verschr�nkt die Arme, um ihm zu zeigen, dass er die Tricks der Juden durchschaut. Er kneift die Augen zusammen, als versuche er, einen Druckfehler auf dem Zifferblatt einer gef�lschten Rolex zu erkennen. Landsmans Amerikanisch ist gerade gut genug, um nicht verd�chtig zu wirken.</p><p>�Allerdings�, sagt Landsman. Er �rgert sich, dass von seinem Mitgliedsausweis der �H�nde Esaus�, der internationalen Bruderschaft j�discher Polizisten, Ortsgruppe Sitka, eine Ecke abgebrochen ist. Unten rechts ist ein kleines sechseckiges Symbol. Der Text ist Jiddisch. Der Ausweis bevollm�chtigt zu nichts und hat keinerlei Bedeutung, nicht einmal f�r Landsman, der seit zwanzig Jahren angesehenes Mitglied dieser Vereinigung ist. �Wir sind �ber die ganze Welt verteilt.�</p><p>�Das wundert mich kein bisschen�, sagt der Kuchenmann nachdr�cklich schroff. �Aber ich verkaufe nur Kuchen, Mister.�</p><p>�Wollen Sie nun Kuchen oder nicht?�, fragt die Frau vom Kuchenmann. Wie ihr Gatte ist sie stattlich und blass. Ihr Haar hat die farblose Farbe von Alufolie in fahlem Licht. Die Tochter steht hinten, zwischen den Beeren und Teigen. Bei den Buschpiloten, J�gern, Rettungsmannschaften und anderen Stammkunden, die regelm��ig den Flugplatz Yakovy aufsuchen, gilt es als Gl�cksfall, einen Blick auf die Tochter des Kuchenmanns zu erhaschen. Landsman hat sie seit Jahren nicht gesehen. �Wenn Sie keinen Kuchen wollen, gibt es keinerlei Grund, hier am Tresen rumzutr�deln. Die Leute hinter Ihnen wollen ihr Flugzeug erreichen.�</p><p>Sie nimmt ihrem Mann den Ausweis ab und reicht ihn Landsman zur�ck. Er kann ihr ihre Ruppigkeit nicht ver�beln. F�r die Rechtsverdreher, Scharlatane, Diplombetr�ger und Grundst�cksstrohm�nner dieser Welt ist der Flugplatz von Yakovy eine Schl�sselstation auf dem Weg nach Norden. F�r Wilderer, Schmuggler, ungeratene Russen. Drogenkuriere, kriminelle Indianer, verbrecherische Yankees. Der gerichtliche Zust�ndigkeitsbereich von Yakovy wurde nie endg�ltig festgelegt. Juden, Indianer und Klondikes stellen gleicherma�en Anspr�che. Der Kuchen dieser Frau hat eine h�here Moral als die H�lfte ihrer Kundschaft. Die Kuchenfrau hat keine Veranlassung, Landsman mit seinem Talmi-Ausweis und der kahlgeschorenen Stelle am Hinterkopf zu vertrauen oder auf ihn einzugehen. Und doch versp�rt Landsman angesichts ihrer Grobheit einen stechenden Schmerz des Bedauerns, seine Dienstmarke eingeb��t zu haben. H�tte er sie noch, k�nnte er jetzt sagen: <emphasis>Die Leute hinter mir k�nnen mich mal am Arsch lecken, Madam, und Sie k�nnen sich gern mal einen netten Boysenbeereneinlauf machen.</emphasis> Stattdessen mustert er demonstrativ die in einer m��ig langen Schlange hinter ihm anstehenden Personen: Fischer, Kajakfahrer, Gesch�ftsleute, einige Wirtschaftsvertreter.</p><p>Jeder Einzelne signalisiert ihm mit den Augenbrauen oder einem Ger�usch, dass er begierig auf Kuchen ist und langsam die Geduld mit Landsman und seinem eselsohrigen Ausweis verliert.</p><p>�Ich nehme ein St�ck Apfelstreusel�, sagt Landsman. �Daran habe ich sch�ne Erinnerungen.�</p><p>�Apfelstreusel ist mein Lieblingskuchen�, sagt die Kuchenfrau und wird etwas milder. Mit einem Nicken schickt sie ihren Mann an die hintere Theke. Da steht der Apfelstreusel auf einem schimmernden Sockel, frisch, noch nicht angeschnitten. �Kaffee?�</p><p>�Ja bitte.�</p><p>�A la mode?�</p><p>�Nein danke.� Landsman schiebt das Bild von Mendel Shpilman �ber den Tresen. �Und? Schon mal gesehen?�</p><p>Die Frau be�ugt das Foto, die H�nde sorgf�ltig in die jeweils gegen�berliegende Achselh�hle geschoben. Landsman sp�rt, dass sie Mendel Shpilman sofort erkennt. Dann dreht sie sich um und nimmt ihrem Mann den Pappteller mit dem St�ck Streuselkuchen ab. Sie stellt den Teller zusammen mit einem kleinen Styroporbecher Kaffee und einer in eine Papierserviette gerollten Gabel auf ein Tablett.</p><p>�Zwei f�nfzig�, sagt sie. �Setzen Sie sich zu dem B�ren.�</p><p>Der B�r wurde in den Sechzigern von Jids erschossen. Nach ihrem Aussehen auf dem Foto zu urteilen, waren es �rzte mit Skim�tzen und Pendleton-M�nteln. Sie verbreiten die seltsame, bebrillte M�nnlichkeit aus den goldenen Jahren des Distrikts Sitka. Neben der Aufnahme dieser f�nf fatalen M�nner klebt ein auf Jiddisch und Englisch beschriebenes Schild. Es informiert den Betrachter, dass der B�r, der bei Lisianski erlegt wurde, ein drei Meter siebzig gro�er, vierhundert Kilo schwerer Braunb�r war. Nur sein Skelett wird heute noch in dem Glaskasten aufbewahrt, neben den sich Landsman nun mit seinem Apfelkuchen und dem Kaffeebecher setzt. Er hat hier schon viele Male gesessen und bei einem St�ck Kuchen dieses furchtbare elfenbeinfarbene Xylophon betrachtet. Das letzte Mal war er hier mit seiner Schwester, vielleicht ein Jahr vor ihrem Tod. Er war mit dem Gorsetmacher-Fall besch�ftigt. Sie hatte gerade eine aus der Wildnis zur�ckkehrende Gruppe Fischer abgesetzt.</p><p>Landsman denkt an Naomi. Die Erinnerung ist ein Luxus, wie ein St�ck Kuchen. So gef�hrlich und begehrenswert wie Alkohol. Er ersinnt ein Gespr�ch mit Naomi, die Worte, mit denen sie sich �ber ihn lustig machen und ihn verspotten w�rde, wenn sie hier w�re. Wegen seines blutigen �berschlags im Schnee bei diesen trotteligen Zilberblats. Weil er mit einer frommen alten Dame im Fond einer hypertrophen Limousine Ginger Ale getrunken hat. Weil er glaubt, sein Alkoholproblem aussitzen und lange genug high bleiben zu k�nnen, um den M�rder von Mendel Shpilman zu finden. Weil er seine Dienstmarke eingeb��t hat. Weil ihm die angemessene Hektik angesichts der Reversion abgeht, weil er keine Meinung dazu hat. Naomi behauptete, Juden zu hassen, weil sie sich dem Schicksal dem�tig unterwerfen, weil sie Gott und den Christen bedenkenlos vertrauen. Aber Naomi hatte eine Meinung zu allem. Sie kontrollierte und wartete ihre Meinungen, polierte und pflegte sie. Und sie h�tte, denkt Landsman, seinen Entschluss kritisiert, den Kaffee nicht � la mode zu nehmen.</p><p>�Die Vereinigung jiddischer Polizisten�, sagt die Tochter des Kuchenmanns, als sie sich neben Landsman auf die Bank setzt. Sie hat ihre Sch�rze abgenommen und die H�nde gewaschen. �ber den Ellenbogen sind ihre sommersprossigen Arme mit Mehl best�ubt. Sie hat Mehl in den blonden Augenbrauen. Das Haar tr�gt sie mit einem schwarzen Gummiband zur�ckgebunden. Sie ist eine eindringlich schlichte Frau mit w�ssrigblauen Augen, ungef�hr in Landsmans Alter. Ein Geruch von Butter, Tabak und das s�uerliche Aroma von Teig gehen von ihr aus, was Landsman seltsam erotisch findet. Sie z�ndet sich eine Mentholzigarette an und bl�st ihm eine Rauchwolke ins Gesicht. �Das ist mal was Neues.�</p><p>Sie steckt sich die Zigarette zwischen die Lippen und streckt die Hand nach dem Mitgliedsausweis aus. Sie tut so, als bereite ihr der Text keine Probleme.</p><p>�Doch, ich kann Jiddisch lesen�, sagt sie schlie�lich. �Ist ja schlie�lich nicht so �n Schei�-Aztekisch oder so.�</p><p>�Ich bin wirklich bei der Polizei�, sagt Landsman. �Heute ermittle ich blo� privat. Deshalb benutze ich nicht meinen Dienstausweis.�</p><p>�Zeigen Sie mir das Bild�, sagt sie. Landsman reicht ihr das Polizeifoto von Mendel Shpilman. Sie nickt, und kurz rei�t der Panzer ihres �berdrusses an einer fl�chtigen Naht auf.</p><p>�Kannten Sie ihn, Miss?�</p><p>Sie reicht das Bild zur�ck. Sch�ttelt den Kopf, runzelt abwehrend die Stirn.</p><p>�Was ist mit ihm passiert?�, fragt sie.</p><p>�Er wurde ermordet�, sagt Landsman. �In den Kopf geschossen.�</p><p>�Das ist hart�, sagt sie. �O Gott.�</p><p>Landsman holt eine neue Packung Papiertaschent�cher aus seiner Manteltasche und schiebt sie ihr hin�ber. Sie putzt sich die Nase und kn�llt das Taschentuch dann in der Faust zusammen.</p><p>�Woher kannten Sie ihn?�, fragt Landsman.</p><p>�Ich habe ihn mitgenommen�, sagt sie. �Einmal. Das war alles.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Zu einem Motel, unten an der Route 3. Ich mochte ihn. Er war lustig. Er war lieb. Irgendwie unkompliziert. Irgendwie durch den Wind. Er sagte, er h�tte ein Problem, nun ja. Mit Drogen. Aber er wolle davon loskommen. Es sah so aus, er hatte einfach so eine Art.�</p><p>�Tr�stlich?�</p><p>�Hm. Nein. Er war einfach, hm, ach, wei� nicht. Einfach <emphasis>da.</emphasis> Eine gute Stunde lang dachte ich, ich w�re in ihn verliebt.�</p><p>�Waren Sie aber nicht?�</p><p>�Ich sch�tze, ich hatte keine M�glichkeit, das herauszufinden.�</p><p>�Hatten Sie Sex mit ihm?�</p><p>�Sie sind Bulle, okay�, sagt sie. �Ein Nos, hei�t das bei euch nicht so?�</p><p>�Richtig.�</p><p>�Nein, ich hatte keinen Sex mit ihm. Ich wollte. Ich hab mich sozusagen in sein Motelzimmer eingeladen. Ich sch�tze, ich hab mich ihm ziemlich, hm, an den Hals geworfen. Damit will ich nichts Schlechtes �ber ihn sagen. Wie gesagt, er war superlieb und so, aber er war echt durch den Wind. Seine Z�hne sahen aus � Jedenfalls denke ich, dass er es merkte.�</p><p>�Dass er was merkte?�</p><p>�Dass ich � dass ich ein kleines Problem habe. Wenn ich in die N�he von M�nnern komme. Deshalb gehe ich ihnen lieber aus dem Weg. Verstehen Sie mich nicht falsch, Sie sind �berhaupt nicht mein Fall.�</p><p>�Ja, Ma�am.�</p><p>�Ich habe eine Therapie gemacht. Zw�lf Schritte. Wurde neu geboren. Das Einzige, was wirklich hilft, ist Kuchenbacken.�</p><p>�Deshalb sind die also so gut.�</p><p>�Ha.�</p><p>�Er hat Ihr Angebot nicht angenommen.�</p><p>�H�tte er niemals. Er war ganz s��. Hat meine Bluse zugekn�pft. Ich f�hlte mich wie ein kleines M�dchen. Dann hat er mir etwas gegeben. Er sagte, ich k�nne es behalten.�</p><p>�Was war das?�</p><p>Sie senkt den Blick, und das Blut f�rbt ihr Gesicht so dunkel, dass Landsman es fast pulsieren h�rt. Die n�chsten Worte kommen nur langsam und gefl�stert aus ihr heraus.</p><p>�Seinen Segen�, sagt sie. Dann, deutlicher: �Er sagte, er w�rde mir seinen Segen geben.�</p><p>�Ich bin mir ziemlich sicher, dass er schwul war�, sagt Landsman. �Ich meine nur.�</p><p>�Ich wei߫, sagt sie. �Hat er mir gesagt. Er hat das Wort nicht benutzt. Er hat eigentlich �berhaupt keine Worte benutzt, und wenn, dann kann ich mich nicht daran erinnern. Ich denke, was er sagen wollte, war, dass er keine Lust mehr hatte, sich damit abzugeben. Er meinte, Heroin sei einfacher und zuverl�ssiger. Heroin und Bridge.�</p><p>�Schach. Er spielte Schach.�</p><p>�Egal. Aber seinen Segen habe ich trotzdem bekommen, nicht?�</p><p>Es schien, als m�sse die Antwort auf diese Frage Ja lauten.</p><p>�Ja�, sagt Landsman.</p><p>�Komischer kleiner Jude. Das Abgefahrene daran ist � keine Ahnung. Es hat irgendwie funktioniert.�</p><p>�Was hat funktioniert?�</p><p>�Der Segen. Ich meine, ich habe jetzt einen Freund. Einen richtigen. Wir sind total verknallt, echt komisch.�</p><p>�Das freut mich f�r Sie�, sagt Landsman und sp�rt einen stechenden Neid auf sie, auf all die Menschen, die das Gl�ck hatten, von Mendel Shpilman gesegnet zu werden. Er �berlegt, wie oft er direkt an Mendel vorbeigegangen sein muss, wie viele Chancen er vertan hat. �Sie sagten also, als Sie ihn mitnahmen, zu diesem Motel, fuhr er einfach per Anhalter. Sie haben ihn nur mitgenommen, weil Sie � Sie wissen schon.�</p><p>�Einen reingeschoben haben wollte? Nein.� Mit der Spitze ihres Schaffellstiefels tritt sie ihre Zigarette aus. �Es war ein Gefallen. F�r eine Freundin. Ihn dahin zu fahren, meine ich. Sie kannte den Typ. Frank hie� er, sagte sie. Sie hat ihn von irgendwo hergeflogen. Sie war Pilotin. Sie hat mich gebeten, ihn mitzunehmen und ihm zu helfen, eine Unterkunft f�r ihn zu finden. Irgendwas Unauff�lliges, meinte sie. Also habe ich das gemacht.�</p><p>�Naomi�, sagt Landsman. �Das war Ihre Freundin?�</p><p>�Mmh, ja. Kannten Sie sie?�</p><p>�Ich wei�, wie gerne sie Kuchen mochte�, sagt Landsman. �Dieser Frank, war das ein Kunde von ihr?�</p><p>�Glaub schon. Wei� nicht genau. Ich habe nicht gefragt. Aber die beiden kamen zusammen mit dem Flugzeug. Er muss es gechartert haben. Das k�nnen Sie doch bestimmt rausfinden mit Ihrem schicken Ausweis.�</p><p>Landsman sp�rt, dass sich eine Taubheit �ber seine Glieder legt, eine willkommene Taubheit, ein Gef�hl von Schicksal, fast identisch mit Friedlichkeit, so wie der Biss einer Schlange, die ihre Opfer lieber lebendig und in Ruhe verschluckt. Die Tochter des Kuchenmanns neigt den Kopf dem unber�hrten St�ck Apfelstreusel auf dem Pappteller zu, der den leeren Platz auf der Bank zwischen ihnen einnimmt.</p><p>�Das verletzt mich wirklich <emphasis>sehr</emphasis>�, sagt sie.</p></section><section><title><p><emphasis>28.</emphasis></p></title><p>Auf allen Fotos, die die Landsman-Spr�sslinge �ber einen l�ngeren Zeitraum in ihrer Kindheit zeigen, posiert Landsman mit dem Arm um die Schultern seiner Schwester. Auf den fr�hen Bildern reicht Naomis Kopf gerade bis zu seinem Bauch. Auf dem letzten ist der Geist eines Schnurrbarts auf Landsmans Oberlippe erkennbar, und er ist seiner Schwester nur noch vier, f�nf Zentimeter voraus. Auf den ersten Fotos wirkt diese Geste noch niedlich: Der gro�e Bruder k�mmert sich um seine kleine Schwester. Sieben oder acht Bilder sp�ter bekommt die besch�tzende Haltung etwas Drohendes. Nach einem Dutzend macht man sich allm�hlich Sorgen um diese Landsman-Geschwister. Zusammengedr�ngt unter dem beschirmenden Arm l�cheln sie tapfer in die Kamera wie zwei Kinder in der Adoptionsrubrik einer Zeitung, die ein neues Zuhause verdient haben.</p><p>�Waisen einer Trag�die�, sagte Naomi eines Abends, als sie in einem alten Fotoalbum bl�tterte. Die Seiten waren aus gewachstem Karton und mit einer knittrigen Polyurethanfolie �berzogen, damit die Bilder nicht herausfielen. Die Plastikschicht verlieh der im Album dargestellten Familie etwas Konserviertes, als sei sie wie ein Asservat aufbewahrt worden. �Zwei liebenswerte Blagen suchen ein Zuhause.�</p><p>�Blo� war Freydl da noch nicht tot�, sagte Landsman, wohl wissend, dass er seiner Schwester damit eine dicke Vorlage gab. Ihre Mutter war nach kurzem, erbitterten Kampf gegen den Krebs gestorben, hatte gerade so lange gelebt, dass Naomi ihr mit dem Abgang vom College das Herz brechen konnte.</p><p>Naomi sagte: �Musst du gerade sagen.�</p><p>Wenn Landsman in letzter Zeit diese Bilder betrachtet, kommt es ihm vor, als wollte er seine Schwester festhalten, sie davor bewahren, fortzufliegen und an einem Berg zu zerschellen.</p><p>Naomi war ein robustes Kind, viel robuster, als Landsman je sein musste. Sie war zwei Jahre j�nger, also nah genug dran, um alles, was Landsman tat oder sagte, als Leistungsmarke zu sehen, die �bertrumpft, oder als Theorie, die widerlegt werden musste. Sie war jungenhaft als M�dchen und m�nnlich als Frau. Wenn ein betrunkener Narr sie fragte, ob sie lesbisch sei, antwortete sie gerne: �In jeder Hinsicht, nur nicht sexuell.�</p><p>Und tats�chlich hatte sie sich von einem fr�hen Freund den Fliegervirus eingefangen. Landsman fragte Naomi nie, was sie daran so attraktiv fand, warum sie so lange und hart gearbeitet hatte, um die Fluglizenz zu bekommen und die homophobe Welt m�nnlicher Buschpiloten zu ersch�ttern. F�r nutzlose Spekulationen war sie nicht zu haben, seine forsche Schwester. Aber so wie Landsman es versteht, k�mpfen die Tragfl�chen eines Flugzeugs unabl�ssig gegen die sie umschlie�ende Luft, kr�mmen, t�uschen und verwinden sie, dr�cken und weisen sie ab. Bek�mpfen die Luft, so wie der Lachs gegen die Str�mung des Flusses k�mpft, in dem er sterben wird. Wie beim Lachs�� jener Zionist des Wassers mit seinem ewigen Traum von der t�dlichen Heimat�� war es Naomis Art, ihre Kraft und Energie im Kampf zu verbrennen.</p><p>Aber nicht dass sich diese Anstrengung je in ihrer gradlinigen Art, ihrem anma�enden Auftreten, ihrem L�cheln niedergeschlagen h�tte. Wie Errol Flynn machte sie nur bei Scherzen ein ernstes Gesicht und grinste wie ein Lottogewinner, wenn es richtig ernst wurde. H�tte man dieser J�din einen kleinen Bleistiftschnurrbart angemalt, h�tte sie sich, den S�bel in der Hand, vom Rigg eines Dreimasters schwingen k�nnen. Sie war unkompliziert, Landsmans kleine Schwester, und in dieser Hinsicht einzigartig unter den Frauen, die er kannte.</p><p>�Die war total durchgedreht�, sagt der Flugverkehrsleiter vom Informationsdienst des Flugplatzes Yakovy. Er hei�t Larry Spiro, ein magerer, buckliger Jude aus Short Hills, New Jersey. Ein �Mexikaner�, wie die Juden von Sitka ihre Verwandten aus dem S�den nennen; die Mexikaner wiederum nennen die Sitka-Juden �Eisberge� oder auch �die Eiserw�hlten�. Spiros dicke Brille gleicht eine Hornhautverkr�mmung aus, seine Augen dahinter flackern skeptisch. Drahtiges, graues Haar steht ihm vom Kopf ab wie Zornesstrahlen in einem Zeitungscomic. Er tr�gt ein wei�es Oxfordhemd mit seinem Monogramm auf der Brusttasche und eine rote Krawatte mit goldenen Streifen. In Erwartung des Whiskeys vor sich schiebt er langsam die �rmel hoch. Seine Z�hne haben dieselbe Farbe wie sein Hemdkragen.</p><p>�Christ!� Wie die meisten im Distrikt arbeitenden Mexikaner klammert sich Spiro unheimlich an die englische Sprache. F�r einen Ostk�stenjuden ist der Distrikt Sitka das Exil aller Exile, Hotzeplotz, der Hinterhof von Nirgendwo. Englisch zu sprechen bedeutet f�r einen Juden wie Spiro, weiter in der realen Welt zu leben, sich selbst zu versprechen, dass er bald zur�ckkehren wird. Er l�chelt. �Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die so viel �rger hatte.�</p><p>Sie sitzen in Ernie�s Skagway Bar and Grill in dem flachen Aluminiumklotz, der das Terminal beherbergte, als der Flughafen noch eine Piste am Rande der Wildnis war. In einer weiter hinten gelegenen Ecke warten sie auf ihre Steaks. Viele behaupten, dass es bei Ernie�s Skagway das einzig vern�nftige Steak zwischen Anchorage und Vancouver gebe. Ernie fliegt das Fleisch t�glich von Kanada ein, blutig und auf Eis gepackt. Die Einrichtung ist so minimalistisch wie in einer Pommesbude: Vinyl, Laminat und Stahl. Die Teller sind aus Plastik, die Servietten so knittrig wie das Papier auf dem Untersuchungstisch eines Arztes. Man bestellt das Essen an der Theke und setzt sich mit einem Zettel, auf dem eine Nummer steht, an einen Tisch. Die Kellnerinnen sind ber�hmt f�r ihr fortgeschrittenes Alter, ihre schlechte Laune und die k�rperliche �hnlichkeit mit dem F�hrerhaus eines Trucks. Die Atmosph�re des Etablissements ist das Ergebnis seiner Schankerlaubnis und seiner Stammg�ste: Piloten, J�ger und Fischer und die �bliche Yakovy-Mischung aus Schtarkern und Untergrundtricksern. An einem Freitagabend in der Hochsaison kann man von Elchfleisch bis zu Ketaminen alles kaufen oder verkaufen und einige der unglaublichsten L�gen h�ren, die je ersonnen wurden.</p><p>Um sechs Uhr an einem Montagabend sind es haupts�chlich Flughafenmitarbeiter und ein paar vereinzelte Piloten, die die Bar am Laufen halten. Ruhige Juden, hart arbeitende Menschen, M�nner mit Strickkrawatten und ein m��ig Jiddisch sprechender amerikanischer Buschpilot, der gerne behauptet, er habe einmal erst nach dreihundert Meilen gemerkt, dass er auf dem Kopf flog. Die Theke selbst ist ein unf�rmiger Koloss aus Eiche, pseudo-viktorianisch, gerettet aus dem ruinierten Franchise-Betrieb einer amerikanischen Steakhauskette mit Cowboymotto unten in Sitka.</p><p>��rger�, sagt Landsman. �Bis zum bitteren Ende.� Spiro runzelt die Stirn. Er war in Yakovy der Verantwortliche vom Dienst, als Naomis Flugzeug gegen Mount Dunkelblum prallte. Spiro h�tte nichts tun k�nnen, um den Absturz zu verhindern, aber das Thema tut ihm weh. Er zieht seine Nylonaktentasche auf und holt einen dicken blauen Ordner hervor. Er enth�lt ein von einer gro�en B�roklammer zusammengehaltenes dickes Dokument und einige lose Bl�tter.</p><p>�Ich habe mir die Zusammenfassung noch mal angeguckt�, sagt er in feierlichem Tonfall. �Das Wetter war ordentlich. Die n�chste Wartung ihres Flugzeugs war f�llig. Ihre letzte Meldung war Routine.�</p><p>�Hm�, sagt Landsman.</p><p>�Suchen Sie einen neuen Anhaltspunkt?� In Spiros Ton klingt kein Mitleid mit, aber die Bereitschaft, es im Notfall zu zeigen.</p><p>�Ich wei� nicht, Spiro. Ich gucke nur.�</p><p>Landsman nimmt den Ordner und bl�ttert schnell durch das dicke Dokument, eine Kopie des Abschlussberichts der Flugaufsichtsbeh�rde, legt es beiseite und greift zu einem der losen Bl�tter.</p><p>�Das ist der Flugplan, nach dem Sie gefragt haben. F�r den Morgen vor dem Absturz.�</p><p>Landsman liest das Formular, das die Absicht der Pilotin Naomi Landsman bekr�ftigt, ihre Piper Super Cub mit einem Passagier von Peril Strait in Alaska nach Yakovy, Distrikt Sitka, zu fliegen. Das Formular sieht wie ein Computerausdruck aus, die K�stchen s�uberlich gef�llt in Times New Roman, 12 Punkt.</p><p>�Sie hat den Flug also telefonisch angemeldet, ja?� Landsman pr�ft die Zeitangaben. �Am Morgen, f�nf Uhr drei�ig.�</p><p>�Sie hat das automatische System benutzt, ja. Machen die meisten.�</p><p>�Peril Strait�, sagt Landsman. �Das ist wo? Drau�en bei Tenakee, oder?�</p><p>�S�dlich davon.�</p><p>�Das hei�t, wir sprechen hier von�� was, einem Zweistundenflug von dort nach hier?�</p><p>�Mehr oder weniger.�</p><p>�Da war sie wohl ziemlich optimistisch�, sagt Landsman. �Sie hat ihre voraussichtliche Ankunftszeit mit Viertel nach sechs angegeben. Eine Dreiviertelstunde nach Einholen der Flugerlaubnis.�</p><p>Spiro hat ein Hirn, das von Anomalien angezogen und abgesto�en wird. Er nimmt Landsman den Ordner ab und dreht ihn um. Er bl�ttert durch den Stapel von Unterlagen, die er zusammengesucht und kopiert hat, nachdem er Landsmans Einladung zu einem Steak annahm.</p><p>�Sie ist aber wirklich um Viertel nach sechs eingetroffen�, sagt er. �Steht hier im Logbuch des Fluginformationsdienstes. Sechs Uhr siebzehn.�</p><p>�Also, entweder�� verstehe ich das richtig? Entweder hat sie den Zweistundenflug von Peril Strait nach Yakovy in weniger als 45 Minuten geschafft�, sagt Landsman, �oder � oder sie hat ihren Flugplan ge�ndert, als sie schon unterwegs war. Hat einfach die Richtung ge�ndert.�</p><p>Die Steaks kommen; die Kellnerin nimmt ihre Zettel entgegen und l�sst die schweren Scheiben kanadischen Rindes auf dem Tisch zur�ck. Sie riechen gut und sehen gut aus. Spiro ignoriert sie. Er hat sein Getr�nk vergessen. Er geht noch einmal den Papierstapel durch.</p><p>�Also, das hier ist der Tag davor. Sie flog mit drei Passagieren von Sitka nach Peril Strait. Um vier startete sie, um halb sieben meldete sie sich ab. Gut, dann war es also dunkel, als sie da ankam. Sie hat vor, �ber Nacht zu bleiben. Am n�chsten Morgen dann �� Er h�lt inne. �Hm.�</p><p>�Was?�</p><p>�Hier ist � ich sch�tze, das war ihr urspr�nglicher Flugplan. Sieht aus, als h�tte sie vorgehabt, am n�chsten Morgen nach Sitka zu fliegen. Urspr�nglich. Nicht nach Yakovy.�</p><p>�Mit wie vielen Passagieren?�</p><p>�Keinem.�</p><p>�Aber dann hat sie, nachdem sie eine Weile geflogen ist, vermeintlich Richtung Sitka und allein, aber tats�chlich mit einem geheimnisvollen Passagier an Bord, pl�tzlich ihr Ziel ge�ndert und Kurs auf Yakovy genommen.�</p><p>�So sieht es aus.�</p><p>�Peril Strait�, sagt Landsman. �Was gibt es in Peril Strait?�</p><p>�Was soll es dort schon geben? Elche, B�ren. Rotwild. Fische. Alles, was ein Jude t�ten will.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, sagt Landsman. �Ich glaube nicht, dass das ein Angelausflug war.�</p><p>Spiro runzelt die Stirn, dann steht er auf und geht hin�ber an die Theke. Er schiebt sich an den amerikanischen Piloten heran und unterh�lt sich mit ihm. Der Pilot wirkt argw�hnisch, vielleicht ist das eine ihm angeborene Eigenschaft. Aber er nickt und folgt Spiro an den Tisch.</p><p>�Rocky Kitka�, sagt Spiro. �Detective Landsman.�</p><p>Dann setzt er sich und widmet sich seinem Steak.</p><p>Kitka tr�gt eine schwarze Lederhose und eine passende Weste auf der nackten Haut, die von den Handgelenken bis zur Kehle und bis zum Hosenbund mit t�towierten Indianermotiven bedeckt ist. Wale mit gro�en Z�hnen und Biber, am linken Bizeps eine Schlange oder ein Aal mit verschlagenem Blick.</p><p>�Sind Sie Pilot?�, fragt Landsman.</p><p>�Nein, ich bin Polizist.� Kitka lacht mit r�hrender Freude �ber diese Kostprobe seines Witzes.</p><p>�Peril Strait�, sagt Landsman. �Waren Sie da schon mal?�</p><p>Kitka sch�ttelt den Kopf, aber Landsman ist sich sofort sicher, dass das nicht stimmt.</p><p>�Wissen Sie was dar�ber?�</p><p>�Nur wie es von oben aussieht, Detective.�</p><p>�Kitka�, sagt Landsman. �Das ist ein Indianername.�</p><p>�Mein Vater ist Tlingit. Meine Mutter ist schottischirisch, deutsch und schwedisch. Au�er j�disch ist bei mir so gut wie alles vertreten.�</p><p>�Gibt es viele Indianer in Peril Strait?�</p><p>�Ausschlie�lich.� Kitka sagt es mit schlichter Autorit�t und erinnert sich dann an seine Behauptung, nichts �ber Peril Strait zu wissen. Sein Blick weicht Landsman aus, f�llt auf das Steak. Er wirkt extrem hungrig.</p><p>�Keine Wei�en?�</p><p>�Ein oder zwei vielleicht, versteckt in den Buchten.�</p><p>�Und Juden?�, fragt Landsman.</p><p>Kitka bekommt einen harten Gesichtsausdruck, einen sich sch�tzenden Blick.</p><p>�Wie gesagt. Ich kenne es nur vom Vorbeifliegen.�</p><p>�Ich mache eine kleine Ermittlung�, sagt Landsman. �Es sieht aus, als gebe es da was, das einen Juden aus Sitka interessieren k�nnte.�</p><p>�Da ist man in <emphasis>Alaska�,</emphasis> sagt Kitka. �Ein j�discher Bulle, bei allem Respekt, Detective, aber der kann dort den ganzen Tag Fragen stellen. Da ist keiner, der darauf antworten m�sste.�</p><p>Landsman macht Platz auf der Bank.</p><p>�Komm, mein Schejner�, sagt er auf Jiddisch. �Nimm es. Es geh�rt dir. Ich habe es nicht angefasst.�</p><p>�Wollen Sie es nicht essen?�</p><p>�Ich habe keinen Appetit, wei� auch nicht, warum.�</p><p>�Das ist das New York Steak, oder? Das New York mag ich besonders gerne.�</p><p>Kitka setzt sich, und Landsman schiebt ihm den Teller zu. Er trinkt seinen Kaffee und beobachtet, wie die beiden M�nner ihr Essen vertilgen. Als Kitka fertig ist, sieht er deutlich gl�cklicher aus und weniger argw�hnisch, weniger besorgt, hereingelegt zu werden.</p><p>�Verdammt, ist das Fleisch gut�, sagt er und trinkt einen gro�en Schluck Eiswasser aus einem roten Plastikhumpen. Er sieht Spiro an, dann zur Seite, dann Landsman, dann wieder zur Seite. Er starrt in das Wasserglas.</p><p>�Preis des Essens�, sagt er bitter. Dann: �Es gibt da so eine Art Besserungsanstalt. Habe ich geh�rt. F�r gl�ubige Juden, die abh�ngig von Drogen oder wer wei� was sind. Ich sch�tze, selbst die mit den langen B�rten geraten manchmal an Drogen und Alkohol und begehen Bagatelldelikte.�</p><p>�Leuchtet ein, dass sie es irgendwo weitab vom Schuss machen�, sagt Spiro. �So etwas ist eine ziemlich gro�e Schande.�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagt Landsman. �Es ist nicht einfach, die Erlaubnis zu bekommen, jenseits der Grenze ein j�disches Unternehmen aufzuziehen. Nicht mal eine wohlt�tige Einrichtung.�</p><p>�Wie gesagt�, sagt Kitka. �Ich hab nur dies und das geh�rt. Ist wahrscheinlich Bl�dsinn.�</p><p>�Seltsam�, sagt Spiro. Er ist wieder in der Welt des Dossiers versunken, bl�ttert vor und zur�ck.</p><p>Landsman sagt: �Was ist seltsam?�</p><p>�Hm, ich guck das hier durch, und wissen Sie, was ich nicht finde? Ich finde nicht den Flugplan f�r � f�r den t�dlichen Flug. Von Yakovy zur�ck nach Sitka.� Er holt sein Shoyfer hervor und dr�ckt auf zwei Tasten, wartet. �Ich wei�, dass sie ihn abgegeben hat. Ich kann mich erinnern, ihn gesehen zu haben. Bella? Hier Spiro. Hast du kurz Zeit? Hm, ja. Gut. H�r zu. Kannst du kurz etwas f�r mich nachsehen? Du m�sstest mir einen Flugplan aus dem Computer holen.� Er nennt der diensthabenden Kollegin Naomis Namen sowie Datum und Uhrzeit ihres letzten Fluges. �Kannst du das eingeben? Ja.�</p><p>�Kannten Sie meine Schwester, Mr. Kitka?�, fragt Landsman.</p><p>�Kann man so sagen�, sagt Kitka. �Hat mir mal in den Arsch getreten.�</p><p>�Willkommen im Club�, sagt Landsman.</p><p>�Das kann nicht sein�, sagt Spiro in angespanntem Tonfall. �Kannst du noch mal gucken?�</p><p>Jetzt spricht keiner mehr. Sie sehen nur noch zu, wie Spiro Bella am anderen Ende der Leitung lauscht.</p><p>�Da stimmt was nicht, Bella�, sagt Spiro schlie�lich. �Ich komme r�ber.�</p><p>Spiro legt auf. Er sieht aus, als w�rde ihm das gute Steak wieder hochkommen.</p><p>�Was ist?�, fragt Landsman. �Spiro, was ist los?�</p><p>�Sie kann den Flugplan im Computer nicht finden.� Er steht auf und sammelt die verstreuten Bl�tter von Naomis Akte ein. �Aber ich wei�, dass das nicht sein kann, weil die Nummer hier im Absturzbericht steht.� Er h�lt inne. �Oder auch nicht.�</p><p>Wieder schl�gt er die eng betippten Bl�tter des dicken, geklammerten B�ndels vor und zur�ck, das die Ermittlungsergebnisse der Flugaufsichtsbeh�rde im Fall von Naomis t�dlicher Begegnung mit dem Nordwesthang von Mount Dunkelblum umfasst.</p><p>�Da ist einer dran gewesen�, sagt er schlie�lich, zuerst unwillig, sein Mund ein Schlitz. Als die Schlussfolgerung sich in seinem Kopf ausbreitet, entspannt er sich ein wenig. Wird lockerer. �Jemand ganz oben.�</p><p>�Ganz oben�, sagt Landsman. �So weit oben, wie man beispielsweise sein muss, um die Genehmigung f�r ein j�disches Rehabilitationszentrum auf Indianerland zu bekommen?�</p><p>�Zu weit oben f�r mich�, sagt Spiro. Er schl�gt die Akte zu und schiebt sie sich unter den Arm. �Ich kann nicht l�nger bleiben, Landsman. Tut mir leid. Danke f�r das Steak.�</p><p>Als er gegangen ist, holt Landsman sein Mobiltelefon hervor und w�hlt eine Nummer mit der Vorwahl von Alaska. Als sich am anderen Ende eine Frau meldet, sagt er: �Wilfred Dick, bitte.�</p><p>�Heiliger Josef!�, sagt Kitka. �Passen Sie auf!�</p><p>Aber Landsman bekommt nur einen Sergeant an den Apparat.</p><p>�Der Inspector is� nicht da�, sagt der Sergeant. �Worum geht�s, Detective Landsman?�</p><p>�Haben Sie vielleicht mal was geh�rt, keine Ahnung, �ber eine Besserungsanstalt drau�en in Peril Strait?�, sagt Landsman. ��rzte mit B�rten?�</p><p>�Beth Tikkun?�, sagt der Sergeant, als handele es sich um ein amerikanisches M�dchen, dessen Nachname sich auf �chicken� reimt. �Kenne ich.�</p><p>Dieses Wissen, verr�t sein Ton, hat ihm bisher keine Freude beschert und wird es auch in n�chster Zeit wohl nicht tun.</p><p>�Ich will denen vielleicht einen kleinen Besuch abstatten�, sagt Landsman. �Sagen wir, morgen. Meinen Sie, das w�re in Ordnung?�</p><p>Der Sergeant scheint keine angemessene Erwiderung auf diese offenbar einfache Frage zu finden.</p><p>�Morgen�, sagt er schlie�lich.</p><p>�Ja, ich dachte, ich k�nnte r�berfliegen. Mich da mal umsehen.�</p><p>�Hm.�</p><p>�Was ist los, Sergeant? Dieses Beth Tikkun, ist das eine ehrliche Sache?�</p><p>�Um die Frage zu beantworten, m�sste ich eine Meinung haben, Detective�, sagt der Sergeant. �Aber das will Inspector Dick nicht. Ich sag ihm auf jeden Fall, dass Sie angerufen haben.�</p><p>�Haben Sie ein eigenes Flugzeug, Rocky?�, fragt Landsman und beendet das Gespr�ch mit dem Mittelfinger.</p><p>�Hab ich verloren�, sagt Kitka. �Beim Pokern. Deshalb arbeite ich f�r einen j�dischen Besitzer.�</p><p>�Nichts f�r ungut.�</p><p>�Stimmt�, sagt Kitka. �Nichts f�r ungut.�</p><p>�Sagen wir mal, ich w�rde diesem Tempel der Heilung da drau�en in Peril Strait einen Besuch abstatten wollen.�</p><p>�Ich muss morgen jemanden abholen�, sagt Kitka. �Dr�ben in Freshwater Bay. Auf dem Weg dahin k�nnte ich einen kleinen Abstecher nach rechts machen. Aber ich bleibe nicht mit laufender Uhr stehen und warte auf Sie.� Er grinst ein Biberzahngrinsen. �Und es kostet Sie eine ganze Stange mehr als ein Steak.�</p></section><section><title><p><emphasis>29.</emphasis></p></title><p>Eine Brosche aus Gras, ein an das Schl�sselbein eines Berges geheftetes gr�nes Abzeichen auf einem weiten schwarzen Mantel aus Tannen. In der Mitte der Lichtung steht ein runder Brunnen, um den speichenf�rmig ein halbes Dutzend in braune Schindeln gekleidete Geb�ude gruppiert sind, verbunden durch Pfade und getrennt durch wattierte Rasen- und Kiesfl�chen. Am hinteren Ende ein Spielfeld, abgekreidet f�r Fu�ball, umrundet von einer ovalen Laufbahn. Das Ganze hat die Atmosph�re eines Internats, einer hinterw�ldlerischen Akademie f�r ungeratene S�hne aus besseren Kreisen. Ein halbes Dutzend M�nner in kurzen Hosen und Sweatshirts kreist �ber die Laufbahn. Andere sitzen oder liegen ausgestreckt auf dem Rasen, dehnen sich vor dem Training, Arme und Beine im Winkel auf dem Boden. Ein �ber ein gr�nes Blatt verstreutes Alphabet junger M�nner. Als das Flugzeug �ber dem Spielfeld eine Tragfl�che senkt, richten sich die Kapuzen der Sweatshirts wie die M�ndungen einer Flugabwehrkanone auf seinen Rumpf. Von oben ist es schwer zu sehen, aber nach Landsmans Urteil dehnen diese M�nner ihre blassen langen Beine und bewegen sich, als w�ren sie jung und bei hervorragender Gesundheit. Ein weiterer Mann in einem dunklen Overall kommt aus den Falten des Waldes. Er verfolgt den Flug der Cessna. Den rechten Arm im Ellenbogen angewinkelt und gegen das Gesicht gedr�ckt, gibt er den Ruf aus: <emphasis>Wir haben Gesellschaft.</emphasis> Hinter den W�ldern erhascht Landsman ein Flackern fernen Gr�ns, ein Dach, vereinzelte wei�e Klumpen, die auch Schneehaufen sein k�nnen.</p><p>Kitka zieht das Flugzeug mit einem Schaudern, einem Rasseln und einem St�hnen herum, dann fallen sie urpl�tzlich vom Himmel, danach nur noch langsam, und schlie�lich treffen sie mit einem letzten Klatschen auf dem Wasser auf. Vielleicht war es Landsman, der gest�hnt hat.</p><p>�Ich h�tte nie gedacht, dass ich das mal sagen w�rde�, sagt Kitka, als er den Lycoming-Motor in Leerlauf schaltet und die beiden ihre eigenen Gedanken h�ren k�nnen. �Aber sechshundert Dollar scheinen mir doch nicht genug zu sein.�</p><p>Eine halbe Stunde hinter Yakovy beschloss Landsman, den gemeinsamen Flug durch eine wohl�berlegte Gabe Erbrochenes zu w�rzen. Die Kabine wurde von einem Geruch nach zwanzig Jahre altem, fauligem Elchfleisch und Landsman von Gewissensbissen gepeinigt, seinen nach Naomis Tod abgelegten Schwur gebrochen zu haben, n�mlich von Reisen in sehr kleinen Flugzeugen Abstand zu nehmen. Seine Demonstration von Luftkrankheit ist bemerkenswert angesichts der Tatsache, wie wenig er in den letzten Tagen gegessen hat.</p><p>�Tut mir leid, Rocky�, sagt Landsman und versucht, seine Stimme aus seinen Socken zu holen. �Ich denke, ich war noch nicht wieder bereit zum Fliegen.�</p><p>Seine letzte Flugreise unternahm Landsman in der Super Cub seiner Schwester, ohne irgendeine nachteilige Wirkung. Aber das war ein ordentliches Flugzeug, und Naomi war eine geschickte Pilotin, das Wetter war gut und Landsman betrunken. Diesmal forderte er den Himmel in einem bitteren Zustand der N�chternheit heraus. Drei Becher schlechten Motelkaffees attackierten sein Nervensystem. Er war der vereinten Gnade einer vom Yukon hereinwehenden steifen Brise und eines schlechten Piloten ausgesetzt, dessen Vorsicht ihn leichtsinnig und dessen Selbstzweifel ihn k�hn machten. Landsman schaukelte im Segeltuchgewebe der m�den alten 206, die die Gesch�ftsleitung von T�rkei Regional Airways als geeignet erachtete, sie Rocky Kitka anzuvertrauen. Das Flugzeug rumpelte, vibrierte und zitterte. Alle D�bel und Bolzen in Landsmans Skelett l�sten sich, sein Kopf wurde nach hinten gedreht, die Arme fielen ihm ab, sein Augapfel rollte unter die Kabinenheizung. Irgendwo �ber den Moore Mountains kam Landsmans Vorsatz ins Stocken.</p><p>Kitka wirft die T�r auf und springt mit der Festmacherleine auf die schwimmende Plattform. Landsman schwankt aus der Kabine und st�rzt auf die ergrauten Zedernplanken. Da steht er, blinzelt, taumelt, atmet in tiefen Z�gen die Luft mit ihrem reinigenden Geruch von Kiefernnadeln und Seetang ein. Er richtet seine Krawatte und setzt den Hut auf den Kopf.</p><p>Peril Strait ist eine Ansammlung von Booten, eine Zapfs�ule und eine Reihe verwitterter H�user von der Farbe verrosteter Motoren. Die H�user hocken auf ihren Pf�hlen wie d�nnbeinige Damen. Ein sch�biger Plankenweg tastet sich an den H�usern vorbei, um zu der Slipanlage dahinter hinabzuwandern und sich dort zur Ruhe zu begeben. Alles scheint von einem Gewirr aus Trossen, verhedderten Angelschn�ren und einem zerrissenen Ringwadennetz mit verkrusteten Schwimmern zusammengehalten zu werden. Das gesamte Dorf mag lediglich aus Treibholz und Draht bestehen, Strandgut einer fernen, versunkenen Stadt.</p><p>Der Flugzeugponton hat offenbar nichts mit dem Holzsteg oder dem Dorf Peril Strait zu tun. Er ist solide, kr�ftig gebaut und wirkt neu, wei�er Beton und grau gestrichene Planken. Stolz k�ndet er von der Ingenieurskunst und den logistischen Bed�rfnissen reicher M�nner. Am Ufer endet er vor einem Stahltor. Hinter dem Tor ist eine Metalltreppe in den Hang gestickt, die sich bis zu einer Lichtung hinaufwindet. Entlang der Treppe schneidet sich eine steile Eisenbahn geradewegs bergauf. Eine mit einem Gel�nder umgrenzte Plattform soll nach oben bef�rdern, was nicht die Treppe nehmen kann. Ein kleines, in die Reling des Pontons geschraubtes Metallschild verk�ndet auf Jiddisch und Englisch REFUGIUM BETH TIKKUN, darunter, nur auf Englisch: PRIVAT-BESITZ. Landsman fixiert die jiddischen Buchstaben. An diesem wilden Flecken von Baranof Island wirken sie fehl am Platz und erinnern an zu Hause, eine Versammlung torkelnder kleiner j�discher Polizisten in schwarzen Anz�gen und Filzh�ten.</p><p>Kitka f�llt seinen Stetson mit Wasser aus einem Hahn am Ponton und l�sst es in das Flugzeug klatschen, einen Hut untrinkbaren Wassers nach dem anderen. Landsman sch�mt sich bis auf die Knochen, diese Arbeit notwendig gemacht zu haben, aber Kitka und Kotze scheinen alte Bekannte zu sein. Der Mann b��t sein Grinsen nie ganz ein. Mit dem Rand einer laminierten Karte, die die Wal- und Fischarten Alaskas auff�hrt, wischt der Pilot ein Gemisch aus Vomitus und Seewasser aus der Kabinent�r. Er sp�lt die Karte ab, sch�ttelt sie. Dann steht er in der T�r, h�ngt mit einer Hand im T�rbogen und schaut hinab zu Landsman auf dem Ponton. Das Meer pl�tschert gegen die Schwimmer der Cessna und das Pfahlwerk. Der vom Stikine River herunterwehende Wind summt in Landsmans Ohren und r�ttelt an der Krempe seines Hutes. Dr�ben im Dorf erhebt sich die raue Stimme einer Frau, sie staucht ihr Kind oder ihren Mann zusammen. Es folgt das parodierende Kl�ffen eines Hundes.</p><p>�Nehme an, die wissen, dass Sie kommen�, sagt Kitka. �Die Leute da oben.� Sein Grinsen wird d�mmlich, verengt sich fast zu einem Schmollmund. �Nehme an, daf�r haben wir gr�ndlich gesorgt.�</p><p>�Ich habe diese Woche schon jemandem einen �berraschungsbesuch abgestattet, der lief nicht besonders gut�, sagt Landsman. Er holt Berkos Beretta aus der Tasche, zieht den Ladestreifen heraus, pr�ft das Magazin. �Ich bezweifle, dass man die hier wirklich �berraschen kann.�</p><p>�Wissen Sie, wer die sind?�, fragt Kitka, die Augen auf die Scholem gerichtet.</p><p>�Nein�, sagt Landsman und schiebt das Magazin wieder hinein. �Wei� ich nicht. Sie?�</p><p>�Ehrlich, Kumpel�, sagt Kitka. �Ich w�rd�s Ihnen sagen. Auch wenn Sie mir in die Maschine gekotzt haben.�</p><p>�Egal, wer die sind�, sagt Landsman. �Die haben vielleicht meine kleine Schwester umgebracht.�</p><p>Kitka bedenkt diese Aussage, als suche er nach Schwachpunkten oder Schlupfl�chern.</p><p>�Ich muss um zehn in Freshwater sein�, sagt er mit aufgesetztem Bedauern.</p><p>�Okay�, sagt Landsman. �Verstehe ich.�</p><p>�Sonst w�rde ich Ihnen R�ckendeckung geben, echt, Kumpel.�</p><p>�He, schon gut. Was reden Sie da? Ist doch nicht Ihr Problem.�</p><p>�Ja, aber ich meine, Naomi. Die war ein echt harter Typ.�</p><p>�Da sagen Sie was.�</p><p>�Genau genommen hat sie mich nicht besonders gern gemocht.�</p><p>�Sie konnte extrem launisch sein�, sagt Landsman und steckt die Pistole in seine Jackentasche. �Manchmal.�</p><p>�Na gut�, sagt Kitka und kickt mit der Spitze seines Roper-Stiefels einen Schwung Wasser aus dem Flugzeug. �Hey, seien Sie vorsichtig, ja?�</p><p>�Ich wei� nicht, wie man das macht�, gibt Landsman zu.</p><p>�Das hatten Sie wohl gemein�, sagt Kitka. �Sie und Ihre Schwester.�</p><p>Landsman stapft �ber den Ponton und versucht aus Spa�, am Knauf des Stahltors zu drehen. Dann wirft er seine Tasche auf die andere Seite, erklimmt das Gatter und schwingt sich hin�ber. Dabei verf�ngt sich ein Fu� in den Gitterst�ben. Sein Schuh f�llt herunter. Landsman schl�gt auf der anderen Seite mit einem fleischigen Ger�usch auf. Er bei�t sich auf die Zunge, schmeckt sein salziges Blut. Er staubt sich ab und schaut zur�ck zum Ponton, um sich zu vergewissern, dass Kitka auch alles mitbekommen hat. Landsman winkt, um ihm zu zeigen, dass alles in Ordnung ist. Nach einem Moment winkt Kitka zur�ck. Er schlie�t die Kabinent�r. Klackernd erwacht der Motor zum Leben. Der Propeller verliert sich im dunklen Schimmer seiner eigenen Rotation.</p><p>Landsman beginnt den langen Anstieg die Treppe hinauf. Soweit das m�glich ist, befindet er sich jetzt in einem noch schlechteren Zustand als am Freitagmorgen, als er versuchte, die Treppe im Mietshaus der Shemets� zu erobern. In der vergangenen Nacht hat er wach auf dem harten, knirschenden Paket einer Motelmatratze gelegen. Vor zwei Tagen wurde er im Schnee angeschossen und zusammengeschlagen. Alles tut ihm weh. Er keucht. Er versp�rt einen geheimnisvollen Schmerz in den Rippen und einen anderen im linken Knie. Auf halbem Wege muss er innehalten, um eine mahnende Zigarette zu rauchen. Er dreht sich um und sieht die Cessna summend in die niedrigen morgendlichen Wolken taumeln. Sie �berl�sst Landsman einem, wie es sich im Moment anf�hlt, einsamen Schicksal.</p><p>Landsman h�ngt am Gel�nder, hoch �ber dem verlassenen Strand und Dorf. Tief unten auf dem krummen Holzsteg sind einige Menschen aus ihren H�usern gekommen, um seinen Aufstieg zu beobachten. Er winkt ihnen zu, h�flich winken sie zur�ck. Dann tritt er auf das Ende seiner Papiros und stapft gleichm��ig weiter nach oben. Gesellschaft leisten ihm das Rauschen des Wassers in der Meeresbucht und das ferne Kreischen der Kr�hen. Dann verklingen diese Ger�usche. Er h�rt nur noch seinen eigenen Atem, das L�uten seiner Sohlen auf den Metallstufen der Treppe und den knarzenden Riemen seiner Tasche.</p><p>Oben flattern zwei Fahnen an einem wei�en Mast. Eine ist die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika. Die andere ist eine bescheidene wei�e Ausgabe, geschm�ckt mit einem blassblauen Davidsstern. Der Fahnenmast ragt aus einem Ring wei�er Steine empor, wiederum umringt von einer Betonsch�rze. Auf dem Fundament des Mastes verk�ndet eine kleine Metalltafel FAHNENMAST GESTIFTET VON BARRY UND RHONDA GREENBAUM, BEVERLY HILLS, KALIFORNIEN. Ein Gehweg f�hrt von der ringf�rmigen Sch�rze zum gr��ten Geb�ude, das Landsman schon aus der Luft gesehen hat. Die anderen sehen aus wie Crackerpackungen, verkleidet mit Zedernholz, aber das Hauptgeb�ude versucht es mit so etwas wie Stil. Das Dach aus Rippenstahl ist dunkelgr�n gestrichen. Die Fenster haben Sprossen und Mittelpfosten. Eine tiefe Veranda umschlie�t das Geb�ude von drei Seiten, sie steht auf Tannenst�mmen, die noch ihre Rinde tragen. Breite Stufen f�hren von dem betonierten Weg hinauf zur Mitte der Veranda.</p><p>Zwei M�nner stehen auf der obersten Stufe und sehen Landsman entgegen. Beide haben dicke B�rte, aber keine Schl�fenlocken. Keine Str�mpfe, keine schwarzen H�te. Der linke ist jung, h�chstens drei�ig. Er ist gro�, fast hochgewachsen, mit einer Stirn wie ein Betonbunker und einem Kiefer wie ein Fundament. Sein Bart ist renitent, neigt zu schwarzen Kringeln, jede Wange ziert ein Wirtel nackter Haut. Seine gro�en H�nde baumeln seitlich herab, zucken wie zwei Kopff��er. Er tr�gt einen gro�z�gig geschnittenen schwarzen Anzug und eine dunkle Ripskrawatte. Landsman bemerkt ein sehns�chtiges Zucken in den Fingern des gro�en Mannes und tastet mit den Augen dessen Weste nach dem Umriss einer Waffe ab. Als Landsman n�her kommt, k�hlen die Augen des Gro�en zu einem lichtlosen Schwarz ab.</p><p>Der andere Mann hat ungef�hr das gleiche Alter, die gleiche Gr��e und Statur wie Landsman, ist schlank fast bis zur Schm�chtigkeit, aber mit breiten Schultern. In der Mitte ist er weicher als Landsman, er st�tzt sich auf einen aus einem dunklen, gl�nzenden Holz gefertigten, geschwungenen Stock. Sein Bart sieht aus wie Holzkohle, gestutzt, fast l�ssig. Er tr�gt einen Tweedanzug, komplett mit Weste, und pafft nachdenklich an einer Pfeife. Er wirkt zufrieden, wenn nicht sogar erfreut, Landsman auf sich zukommen zu sehen, neugierig, ein Arzt, der eine leichte Anomalie oder einen Makel in der �blichen Pr�sentation erahnt. An den F��en tr�gt er Mokassins, geschn�rt mit Ledersenkeln.</p><p>Landsman h�lt auf der untersten Stufe inne und stellt seine Tasche ab. Ein Baumspecht rappelt mit seinem Knobelbecher. Einen Augenblick lang sind das und die zischend fallenden Tannennadeln die einzigen Ger�usche. Sie k�nnten die letzten drei M�nner in S�dostalaska sein. Aber Landsman sp�rt andere Augen, die ihn durch geteilte Gardinen, durch Visiere, Periskope und Guckl�cher beobachten. Er sp�rt, dass das Leben dieses Ortes, die morgendlichen �bungen, das Sp�len von Kaffeetassen unterbrochen wurde. Er kann in Butter angebrannte Eier riechen, getoastetes Brot.</p><p>�Ich wei� nicht, wie ich Ihnen das sagen soll�, sagt der gro�e Mann mit dem ungleichm��igen Bart. Seine Stimme scheint zu lange in seiner Brust herumzuh�pfen, ehe sie herauskommt. Die Worte l�sen sich nur schwer, werden langsam mit einer Kelle gesch�pft. �Aber Ihr Taxi ist gerade ohne Sie abgeflogen.�</p><p>�Will ich irgendwohin?�, sagt Landsman.</p><p>�Hier bleiben Sie jedenfalls nicht, mein Freund�, sagt der Mann im Tweedanzug. Bei dem Wort <emphasis>Freund</emphasis> scheint jegliche Freundlichkeit aus ihm zu sickern.</p><p>�Aber ich habe reserviert�, sagt Landsman, ohne die ruhelosen H�nde des gro�en Kerls aus den Augen zu lassen. �Ich bin j�nger, als ich aussehe.�</p><p>Ein Ger�usch wie Knochen in einem Eimer, irgendwo im Wald.</p><p>�Gut, ich bin kein Kind mehr, und ich habe auch nicht reserviert, aber ich habe wirklich ein Alkoholproblem�, sagt Landsman. �Das ist doch schon mal was.�</p><p>�Mister���, sagt der Mann im Tweedanzug und steigt eine Stufe tiefer. Landsman kann den bitteren Tabak in seiner Pfeife riechen.</p><p>�H�ren Sie�, sagt Landsman. �Ich hab von der guten Arbeit geh�rt, die ihr hier macht, okay? Ich habe alles versucht. Ich wei�, es ist verr�ckt, aber ich wei� wirklich nicht mehr weiter und habe keine Ahnung, wo ich sonst hingehen soll.�</p><p>Der Mann im Tweedanzug dreht sich zu dem gro�en Kerl weiter oben um. Die beiden scheinen keine Ahnung zu haben, wer Landsman ist oder was sie von ihm halten sollen. Der ganze Spa� der vergangenen Tage, insbesondere der marternde Flug von Yakovy hierher, hat offensichtlich den Nos ein wenig von Landsmans Ausstrahlung genibbelt. Er hofft und f�rchtet, dass er wie ein Loser aussieht, der sein Pech in einer Tasche mit sich herumschleppt.</p><p>�Ich brauche Hilfe�, sagt er, und zu seiner �berraschung werden seine Augen hei� von Tr�nen. �Mir geht�s dreckig.� Seine Stimme bricht. �Das gebe ich gerne zu.�</p><p>�Wie hei�en Sie?�, sagt der gro�e Mann langsam. Seine Augen sind warm, aber ohne Freundlichkeit. Sie bedauern Landsman, ohne sich sonderlich f�r ihn zu interessieren.</p><p>�Felnboyger�, probiert Landsman. Den Namen zieht er aus einem alten Festnahmeprotokoll. �Lev Felnboyger.�</p><p>�Wei� jemand, dass Sie hier sind, Mr. Felnboyger?�</p><p>�Nur meine Frau. Und der Pilot nat�rlich.�</p><p>Die beiden M�nner schauen sich an, und Landsman merkt, dass sie sich gut genug kennen, um sich, ohne zu sprechen oder etwas anderes als die Augen zu bewegen, einen heftigen Streit liefern zu k�nnen.</p><p>�Ich bin Dr. Roboy�, sagt der Lange schlie�lich. Er schwenkt eine Hand in Landsmans Richtung wie eine Kranladung am Ende eines Seils. Landsman will ihr aus dem Weg gehen, ergreift aber dennoch die k�hle, trockene Masse. �Bitte, Mr. Felnboyger, kommen Sie doch herein.�</p><p>Er folgt den beiden �ber die geschliffenen Tannenbohlen der Veranda. Oben in den Balken entdeckt er ein Wespennest, und kurz sucht Landsman es auf Lebenszeichen ab, aber es wirkt so verlassen wie jedes andere Bauwerk auf diesem Berg.</p><p>Sie gelangen in einen leeren Empfangsraum, der mit weichen beigen Schaumstoffquadern eingerichtet ist wie eine Fu�pflegepraxis. Langweiliger, niederfloriger Teppich, eierkartongrau. An der Wand h�ngen abgedroschene Markenzeichen des Lebens in Sitka, Lachsboote und Jeschiwa-Jungm�nner, die Caf�-Gesellschaft auf der Monastir Street, ein swingender Klezmer, der ein stilisierter Nathan Kalushiner sein k�nnte. Wieder hat Landsman das unbehagliche Gef�hl, dass das alles erst am Morgen so hergerichtet wurde. In den Aschenbechern ist keine einzige Ascheflocke. Das Regal mit dem Informationsmaterial ist gut best�ckt: <emphasis>Drogenabh�ngigkeit�� Wer braucht das?</emphasis> Und <emphasis>Leben: geborgt oder f�r immer?</emphasis> Ein Thermostat an der Wand seufzt, als leide es unter der Eint�nigkeit. Der Raum riecht nach neuem Teppich und gel�schter Pfeife. �ber der T�r zu einem mit Teppich ausgelegten Flur steht auf einem Schild: EINRICHTUNG DES EINGANGSBEREICHS GESTIFTET VON BONNY UND RONALD LEDERER, BOCA RATON, FLORIDA.</p><p>�Nehmen Sie bitte Platz�, sagt Dr. Roboy mit seiner schweren schwarzen Sirupstimme. �Fligler?�</p><p>Der Mann im Tweedanzug geht zur�ck zur Eingangst�r, �ffnet den linken Fl�gel und pr�ft die Verriegelung oben und unten. Dann schlie�t er ihn wieder, verriegelt die T�r und steckt den Schl�ssel ein. Er geht an Landsman vorbei, streift ihn mit seiner gepolsterten Tweedschulter.</p><p>�Fligler�, sagt Landsman und greift vorsichtig nach dem Arm des kleinen Mannes. �Sind Sie auch Arzt?�</p><p>Fligler sch�ttelt Landsmans Hand ab. Er holt ein Streichholzheft aus der Tasche.</p><p>�Und wie�, sagt er ohne jede Aufrichtigkeit oder �berzeugung.</p><p>Mit den Fingern der rechten Hand sch�lt er ein Streichholz aus dem Heftchen, rei�t es an und h�lt es an den Kopf seiner Pfeife, alles in einer flie�enden Bewegung. W�hrend die rechte Hand Landsman mit dieser kleinen Vorstellung unterh�lt, taucht die linke in die Tasche von Landsmans Sakko und holt die �22 hervor.</p><p>�Das hier ist Ihr Problem, genau das�, sagt Fligler und h�lt die Waffe hoch, sodass jeder sie sehen kann. �Und jetzt sehen Sie sich den Arzt an.�</p><p>Landsman schaut gehorsam zu, wie Fligler die Waffe hebt und sie mit dem scharfen Blick eines Mediziners mustert. Doch eine Minute sp�ter schl�gt eine T�r irgendwo in Landsman Kopf zu, und danach wird er�� eine halbe Sekunde lang�� vom Summen Tausender Wespen abgelenkt, die durch die Veranda seines linken Ohres hereinfliegen.</p></section><section><title><p><emphasis>30.</emphasis></p></title><p>Auf dem R�cken liegend, kommt Landsman zu sich, �ber ihm eine Reihe riesiger, gusseiserner Kessel. Mit ihren kr�ftigen Haken baumeln sie an einem Gitter exakt einen Meter �ber seinem Kopf. In Landsmans Nase mischt sich der nostalgische Geruch von Zeltlagerk�che, Gas und Sp�lmittel, von verschmorten Zwiebeln und hartem Wasser mit dem schwachen Gestank einer Angelkiste. Unter seinem Kopf sp�rt er Metall, ein kalter Schauer b�ser Vorahnung. Er liegt ausgestreckt auf einer langen Edelstahltheke, die H�nde in Handschellen unter sich, gegen sein Kreuzbein gedr�ckt. Barfu�, sabbernd und bereit, ausgenommen und mit einer Zitrone und vielleicht einem h�bschen Salbeizweig in der Bauchh�hle dekoriert zu werden.</p><p>�Ich hab schon so einiges �ber Sie geh�rt�, sagt Landsman. �Kannibalismus war nicht dabei.�</p><p>�Ich w�rde Sie nicht essen, Landsman�, bekr�ftigt Baronshteyn. �Selbst dann nicht, wenn ich der hungrigste Mann in Alaska w�re und Sie mir mit einer silbernen Gabel vorgesetzt w�rden.� Er sitzt auf einem Barhocker links von Landsman, die Arme hinter dem Vorhang seines �ppigen schwarzen Bartes verschr�nkt. �Ich habe nicht viel �brig f�r sauer Eingelegtes.�</p><p>Baronshteyn tr�gt nicht seine Berufskleidung, sondern eine neue blaue Arbeitshose und ein in die Hose gestecktes, fast v�llig zugekn�pftes Flanellhemd. Einen dicken Lederg�rtel mit schwerer Schnalle und schwarze Rangerstiefel. Das Hemd ist zu gro� f�r seine Statur, die Hose steif wie ein Pl�tteisen. Abgesehen von seiner Jarmulke sieht Baronshteyn aus wie ein mageres kleines Kind, das sich f�r eine Schulauff�hrung als Holzf�ller verkleidet hat, falscher Bart inklusive. Er hat die Stiefelabs�tze in die Querstrebe des Hockers gehakt, sodass sein Hosenbein hochwandert und einige strumpflose Zentimeter schmalen Schienbeins verr�t.</p><p>�Wer ist dieser Jid?�, sagt der hagere Riese Roboy. Landsman verrenkt sich den Hals, um den Arzt zu sehen, der auf einem Barhocker zu seinen F��en thront�� wenn er denn Arzt ist. Ringe unter den Augen wie Graphitspuren. Neben ihm steht Krankenpfleger Fligler, den Gehstock �ber den Arm gehakt, und sieht zu, wie eine Papiros in der Obhut seiner rechten Hand stirbt. Die linke Hand steckt unheilvoll in der Tasche seines Tweedsakkos. �Woher kennen Sie ihn?�</p><p>Ein Arsenal von Messern, Hackebeilen und anderen Werkzeugen an einer magnetischen Schiene entlang der K�chenwand befindet sich in bequemer Reichweite des flei�igen K�chenchefs oder Schlossers.</p><p>�Der Jid ist ein Schammes namens Landsman.�</p><p>�Er ist Polizist?�, sagt Roboy. Er sieht aus, als h�tte er gerade in ein Bonbon mit scharfer F�llung gebissen. �Er hat keinen Ausweis. Fligler, hatte der Mann einen Ausweis?�</p><p>�Ich habe keinen Ausweis und keine andere Form von Etikettierung als Gesetzesvertreter bei ihm gefunden�, sagt Fligler.</p><p>�Weil ich ihm seinen Ausweis habe abnehmen lassen�, sagt Baronshteyn. �Stimmt das, Detective?�</p><p>�Ich stelle hier die Fragen�, sagt Landsman und windet sich in dem Versuch, bequemer auf seinen gefesselten H�nden zu liegen. �Wenn es Sie nicht st�rt.�</p><p>�Es ist unwichtig, ob er einen Ausweis hat�, meint Fligler. �Hier drau�en ist ein j�discher Ausweis einen Ziegendreck wert.�</p><p>�Ich habe nichts �brig f�r diese Ausdrucksweise, Freund Fligler�, sagt Baronshteyn. �Wie ich, glaube ich, bereits erw�hnt habe.�</p><p>�Haben Sie, aber ich kann es einfach nicht oft genug h�ren�, sagt Fligler.</p><p>Baronshteyn sieht ihn an. In den Abgr�nden seines Sch�dels verborgene Dr�sen sondern Gift ab.</p><p>�Freund Fligler hat daf�r pl�diert, Sie zu erschie�en und Ihre Leiche im Wald zu verscharren�, sagt er liebensw�rdig, den Blick weiterhin auf den Mann mit der Waffe in der Tasche gerichtet.</p><p>�Ganz weit drau�en�, sagt Fligler. �Mal sehen, was so vorbeikommt und an Ihrer Leiche knabbert.�</p><p>�Ist das Ihr Behandlungsplan, Doc?�, fragt Landsman und dreht den Kopf, um Roboy in die Augen sehen zu k�nnen. �Kein Wunder, dass es Mendel Shpilman letztes Fr�hjahr so eilig hatte, hier wegzukommen.�</p><p>Einen Moment nagen sie am Fleisch von Landsmans Bemerkung, sch�tzen ihren Geschmack und Vitamingehalt ab. Dann l�sst Baronshteyn eine Prise Tadel in seinen vergifteten Blick flie�en. <emphasis>Ihr hattet den Jid,</emphasis> sagt der Blick, den er Dr. Roboy zuwirft. <emphasis>Und ihr habt ihn entkommen lassen.</emphasis></p><p>Baronshteyn beugt sich vor, krant sich auf seinem Hocker heran und spricht leise mit der ihm eigenen, bedrohlichen Zartheit. Sein Atem ist schal und bei�end. K�serinden, Brotkanten, Bodensatz einer Tasse.</p><p>�Was machen Sie hier, Freund Landsman�, sagt er, �so weit drau�en, wo Sie nicht hingeh�ren?�</p><p>Baronshteyn wirkt aufrichtig verwirrt. Der Jude verlangt, informiert zu werden. Es mag, denkt Landsman, das einzige Verlangen sein, das dieser Mann sich zu empfinden gestattet.</p><p>�Das k�nnte ich auch Sie fragen, Baronshteyn�, sagt Landsman und �berlegt, ob Baronshteyn mit diesem Ort vielleicht gar nichts zu tun hat, sondern nur ein Gast ist wie er selbst. Vielleicht ist er auf derselben Spur, vielleicht folgt auch er der letzten Flugbahn Mendel Shpilmans, versucht den Punkt zu finden, wo der Sohn des Rebbes auf den Schatten stie�, der ihn umbrachte. �Was ist das hier, ein Internat f�r missratene Verbover? Was sind das f�r Gestalten? Sie haben �brigens eine G�rtelschlaufe ausgelassen.�</p><p>Baronshteyns Finger irren zu seiner Taille, dann lehnt er sich zur�ck und macht ein Gesicht, das einem L�cheln �hnelt.</p><p>�Wer wei�, dass Sie hier sind, Landsman?�, sagt er. �Au�er dem Pilot?�</p><p>Pl�tzlich empfindet Landsman stechende Angst um Rocky Kitka, der Hunderte von Meilen auf dem Kopf durchs Leben fliegt, ohne es zu merken. Landsman wei� nicht sehr viel �ber die Jids von Peril Strait, aber es scheint ziemlich klar, dass sie f�r einen Buschpiloten furchtbar unangenehm werden k�nnen.</p><p>�Was f�r ein Pilot?�, sagt er.</p><p>�Ich denke, wir m�ssen vom Schlimmsten ausgehen�, sagt Dr. Roboy. �Diese Einrichtung ist eindeutig gef�hrdet.�</p><p>�Sie haben zu viel Zeit mit diesen Leuten hier verbracht�, sagt Baronshteyn. �Sie fangen an, wie die zu reden.� Er l�st die Schnalle seines G�rtels und schiebt ihn durch die vernachl�ssigte Schlaufe, ohne den Blick von Landsman zu l�sen. �Aber vielleicht haben Sie recht, Roboy.� Mit einem entschiedenen Anflug von Selbstbestrafung zurrt er den G�rtel fest. �Trotzdem k�nnte ich wetten, dass Landsman niemandem etwas erz�hlt hat. Nicht mal seinem fetten Indianerkollegen. Landsman ist in einer gef�hrdeten Position, und das wei� er. Er hat keine Unterst�tzung. Keinen Zust�ndigkeitsbereich, keinen Einfluss, nicht mal einen Ausweis. Er w�rde keinem sagen, dass er ins Indianerland geht, weil er Angst h�tte, dass man es ihm ausreden w�rde. Oder noch schlimmer, es ihm verbieten. Man w�rde ihm sagen, dass sein Urteilsverm�gen durch den Wunsch beeintr�chtigt ist, den Tod seiner Schwester zu r�chen.�</p><p>Roboy verschr�nkt die Augenbrauen �ber der Nase wie zwei nerv�se H�nde.</p><p>�Seine Schwester?�, sagt er. �Wer ist seine Schwester?�</p><p>�Habe ich recht, Landsman?�</p><p>�Ich w�rde Ihnen gerne recht geben, Baronshteyn. Aber ich habe eine ausf�hrliche Darstellung aller Dinge, die ich �ber Sie und dieses Unternehmen wei�, schriftlich niedergelegt.�</p><p>�Stimmt das?�</p><p>��ber diese falsche Pflegeeinrichtung f�r Jugendliche.�</p><p>�Aha�, sagt Baronshteyn mit aufgesetztem Ernst. �Eine falsche Pflegeeinrichtung f�r Jugendliche. Ganz sch�n schockierend.�</p><p>�Eine Fassade f�r Ihre Machenschaften mit Roboy und Fligler und deren m�chtigen Freunden.� Landsmans Herz zittert vom wilden Herumraten. Fragt sich, wozu ein Jude so eine gro�e Einrichtung hier drau�en brauchen oder wollen kann und wie man die Indianer �berreden konnte, sie bauen zu d�rfen. Kann es sein, dass die Juden ein St�ck Indianerland gekauft haben, um ein neues McSchtetl zu errichten? Oder soll das hier der Umschlagplatz f�r ein menschenschmuggelndes Unternehmen werden, eine Art Luftbr�cke, um die Verbover ohne Visa oder Reisep�sse aus Alaska zu schaffen? ��ber die Tatsache, dass Sie Mendel Shpilman und meine Schwester umgebracht haben, damit sie nicht erz�hlen k�nnen, was Sie hier im Schilde f�hren. Dann haben Sie �ber Roboy und Fligler Ihre Beziehungen zu Regierungskreisen genutzt, um den Absturz zu vertuschen.�</p><p>�Das haben Sie alles aufgeschrieben, ja?�</p><p>�Ja, und es meinem Anwalt geschickt, damit es ge�ffnet wird, falls ich beispielsweise pl�tzlich von der Bildfl�che verschwinden sollte.�</p><p>�Ihrem Anwalt.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Und wer soll das sein?�</p><p>�Sender Slonim.�</p><p>�Sender Slonim, aha�, sagt Baronshteyn und nickt, als sei er vollst�ndig �berzeugt von Landsmans Behauptung. �Ein guter Jude, aber ein schlechter Anwalt.� Er rutscht von seinem Hocker, das Aufschlagen seiner Stiefelsohlen setzt einen Punkt hinter die Befragung seines Gefangenen. �Ich bin zufrieden. Freund Fligler.�</p><p>Man h�rt ein <emphasis>Sniky</emphasis> Sohlen quietschen �ber Linoleum, und als N�chstes sieht Landsman einen drohenden Schatten �ber seinem rechten Auge. Der Raum zwischen Stahlspitze und Landsmans Hornhaut l�sst sich im Klimpern einer Augenwimper messen. Landsman rei�t den Kopf zur Seite, doch Fligler am anderen Ende des Messers packt sich Landsmans Ohr und zieht daran. Landsman kr�mmt sich zu einer Kugel zusammen und versucht, von der Theke zu rollen. Mit dem Knauf seines Stocks schl�gt Fligler auf Landsmans verbundene Wunde, und ein zackiger Stern explodiert hinter Landsmans Augen. Er kann nur noch wie eine Glocke der Schmerzen klingeln. Fligler dreht ihn auf den Bauch, klettert auf ihn, rei�t seinen Kopf nach hinten und setzt ihm das Messer an die Kehle.</p><p>�Ich habe vielleicht keinen Ausweis�, bringt Landsman m�hsam hervor. Er wendet sich an Dr. Roboy, der seinem Gef�hl nach der am wenigsten entschlossene Jid im Raum ist. �Aber ich bin immer noch ein Nos. Wenn ihr mich umbringt, gibt es eine Menge �rger f�r das, was ihr hier laufen habt.�</p><p>�Wahrscheinlich nicht�, sagt Fligler.</p><p>�Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht�, stimmt Baronshteyn zu. �Keiner von euch Jids wird in zwei Monaten �berhaupt noch Polizist sein.�</p><p>Die d�nne Kette von Kohlenstoff- und Eisenatomen, die die Form einer Messerschneide angenommen haben, brennt noch hei�er an Landsmans Luftr�hre.</p><p>�Fligler ��, sagt Roboy und wischt sich mit seiner riesigen Hand �ber den Mund.</p><p>�Bitte, Fligler�, sagt Landsman. �Schneiden Sie mir die Kehle durch. Ich w�re Ihnen dankbar. Na los, Sie Memme.�</p><p>Auf der anderen Seite der K�chent�r brausen erregte M�nnerstimmen auf. Zwei F��e scharren �ber den Flur, z�gern, wollen klopfen. Nichts geschieht.</p><p>�Was ist?�, fragt Roboy bitter.</p><p>�Auf ein Wort, Herr Doktor�, sagt eine Stimme, jung, amerikanisch, auf Englisch.</p><p>�Tun Sie nichts�, sagt Roboy. �Warten Sie.�</p><p>Kurz bevor die T�r hinter Roboy ins Schloss f�llt, h�rt Landsman eine Stimme, die zu sprechen beginnt, ein Sturm eckiger Silben, die sein Kopf als kehlige Laute registriert.</p><p>Fligler dr�ckt sein Gewicht noch schwerer in Landsmans Kreuz. Es folgt die gewisse Befangenheit von Fremden in einem Fahrstuhl. Baronshteyn sieht auf seine feine Schweizer Uhr.</p><p>�Wie viel davon war richtig?�, sagt Landsman. �Nur damit ich Bescheid wei�.�</p><p>�Ha�, sagt Fligler. �Dass ich nicht lache.�</p><p>�Roboy ist ein ausgebildeter Rehabilitationstherapeut�, sagt Baronshteyn mit demonstrativ geduldiger Toleranz. Er klingt erstaunlich wie Bina, wenn sie mit einem der f�nf Milliarden Menschen spricht, die ihrer Meinung nach letztendlich Idioten sind, inklusive Landsman. �Man hat hier wirklich versucht, dem Sohn des Rebbe zu helfen. Mendels Aufenthalt war absolut freiwillig. Als er sich entschied zu gehen, hatte man keine M�glichkeit, ihn aufzuhalten.�</p><p>�Das hat Ihnen bestimmt das Herz gebrochen�, sagt Landsman.</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Ich nehme an, ein geheilter Mendel Shpilman bedeutete keine Gefahr f�r Sie? F�r Ihren Status als gesetzlicher Erbe?�</p><p>�Oj�, sagt Baronshteyn. �Was wissen Sie schon.�</p><p>Die T�r geht auf, und Roboy schl�pft wieder herein, die Augenbrauen erhoben. Kurz bevor die K�chent�r zuf�llt, erhascht Landsman einen Blick auf zwei b�rtige junge M�nner in schlecht sitzenden schwarzen Anz�gen. Gro�e Jungs, einer mit der schwarzen Schnecke eines Kopfh�rers in der Ohrmuschel. Au�en an der T�r steht auf einem kleinen Schild K�CHENAUSSTATTUNG GESTIFTET VON MR. UND MRS. LANCE PEARLSTEIN, PIKESVILLE, MD.</p><p>�In acht Minuten�, sagt Roboy. �Maximal zehn.�</p><p>�Kommt jemand?�, fragt Landsman. �Wer? Heskel Shpilman? Oder wei� er sogar, dass Sie hier sind, Baronshteyn? Sind Sie hier, um mit diesen Leuten ins Gesch�ft zu kommen? Will man hier in Verbover Gesch�fte einsteigen? Was hatten die mit Mendel vor? Wollten Sie ihn benutzen, um den Rebbe zum Handeln zu zwingen?�</p><p>�Mir scheint, Sie m�ssten Ihren Brief nochmal durchlesen�, bemerkt Baronshteyn. �Oder sich von Sender Slonim erz�hlen lassen, was drinsteht.�</p><p>Auf der anderen Seite der T�r h�rt Landsman Leute herumlaufen. Stuhlbeine kreischen �ber den Holzboden. In der Ferne das Surren und Klicken eines elektrischen Motors, ein davonsirrender Golfcaddy.</p><p>�Wir k�nnen das jetzt nicht machen�, sagt Roboy und stellt sich neben Landsman, ragt drohend �ber ihm auf. Sein dichter Bart beflockt sein gesamtes Gesicht von den Wangenknochen abw�rts, floriert in seinen Nasenl�chern, windet sich in feinen Ranken von seinen Ohrl�ppchen hinab. �Das Letzte, was er will, ist irgendeine Schweinerei. Gut, Detective.� Seine langsame Stimme wird sirupartig und sofort w�rmer. Eine oberfl�chliche Zuneigung durchzieht sie, und Landsman wird starr, wartet auf das Schlimme, das nun sicherlich folgen wird. Es stellt sich als ein Stich in den Arm heraus, schnell und gekonnt.</p><p>In den vertr�umten Sekunden, die dem Verlust seines Bewusstseins vorangehen, l�uft die gutturale Sprache, die Landsman Roboy sprechen h�rte, wie eine Aufnahme in seinem Ohr ab, und Landsman vollf�hrt einen verbl�ffenden Sprung in eine unm�gliche Erkenntnis. Er gleicht dem pl�tzlichen Gewahrwerden in einem Traum, dass man eine gro�artige Theorie erfunden oder ein sch�nes Gedicht geschrieben hat, was sich am n�chsten Morgen als Geschwurbel herausstellt. Diese Juden auf der anderen Seite der T�r, sie reden �ber Rosen und Weihrauch. Sie stehen im W�stenwind, unter Dattelpalmen, und Landsman ist bei ihnen, in flie�enden Gew�ndern, die ihn vor der biblischen Sonne sch�tzen, sie sprechen Hebr�isch, und alle sind sie Freunde und Br�der, und die Berge springen wie Widder und die H�gel wie kleine L�mmer.</p></section><section><title><p><emphasis>31.</emphasis></p></title><p>Landsman erwacht aus einem Traum, in dem er sein rechtes Ohr in die Propellerbl�tter einer Cessna 206 h�lt. Er reckt sich unter einer feuchtkalten, nicht angeschlossenen Heizdecke in einem Zimmer, das nicht viel gr��er ist als das Feldbett, auf dem er ausgestreckt liegt. Mit einem vorsichtigen Finger betastet er seinen Kopf. Wo Fligler ihn urspr�nglich bewusstlos schlug, ist die Haut geschwollen und feucht. Seine linke Schulter tut ebenfalls h�llisch weh.</p><p>Durch das schmale Fenster �ber dem Feldbett l�sst ein Rollo aus Metallrippen das entt�uschte Grau eines Novembernachmittags in S�dostalaska sickern. Es ist weniger ein hereinsickerndes Licht als vielmehr ein Lichtr�ckstand, ein Tag, der von der Erinnerung an die Sonne gequ�lt wird.</p><p>Landsman versucht, sich aufzusetzen, und stellt fest, dass seine Schulter derart stark schmerzt, weil jemand so freundlich war, sein linkes Handgelenk an ein Metallbein des Bettrahmens zu ketten. Im Schlaf hat Landsman den Arm �ber den Kopf gerissen und seine Schulter durch Herumwerfen und -w�lzen mit einer brutalen Methode chiropraktisch bearbeitet. Dieselbe freundliche Seele, die ihn ankettete, war zuvorkommend genug, seine Hose, sein Hemd und seine Jacke zu entfernen, sodass er, wieder einmal, nicht mehr als ein Mann in Unterhose ist.</p><p>Am Kopfende kommt er auf die F��e. Dann schiebt er sich r�ckw�rts von der Matratze, damit er so kauern kann, dass sich der linke Arm in einem nat�rlicheren Winkel befindet. Die gefesselte Hand ruht auf dem Boden. Der Boden ist aus gelbem Linoleum, es hat die Farbe eines gebrauchten Zigarettenfilters und ist so kalt wie das Stethoskop eines Arztes. Es wartet mit einer umfangreichen Sammlung von Wollm�usen, per�cken�hnlichen Staubflocken und einer schwarzen Sichel toter Kriebelm�cken auf. Die W�nde bestehen aus Hohlziegeln, die in einem schweren, hochgl�nzenden Zahnpastablau gestrichen wurden. An der Wand direkt neben Landsmans Kopf hat eine vertraute Hand in dem M�rtel zwischen zwei Hohlziegeln eine kleine Botschaft f�r ihn hinterlassen: HAFTZELLE GESTIFTET VON NEAL UND RISA NUDELMAN, SHORT HILLS, NEW JERSEY. Er m�chte lachen, aber beim Anblick der drolligen Buchstaben seiner Schwester an diesem Ort richten sich seine Nackenhaare auf.</p><p>Abgesehen vom Bett ist der einzige weitere Gegenstand ein M�lleimer aus Metall in der Ecke hinter der T�r. Er ist f�r Kinder, blau und gelb, darauf tollt ein Comichund �ber eine G�nsebl�mchenwiese. Lange starrt Landsman den M�lleimer an, denkt an nichts, denkt an Kinderm�ll und Comichunde. Zum Beispiel an das mulmige Gef�hl, das Pluto immer in ihm ausl�ste, ein Hund in Besitz einer Maus, tagt�glich konfrontiert mit dem grausam mutierten Goofy. Ein unsichtbares Gas umw�lkt Landsmans Gedanken, Abgase von einem Bus, der mit laufendem Motor mitten in seinem Hirn parkt.</p><p>Er kauert noch eine weitere Minute oder l�nger neben dem Bett, sammelt sich wie ein Bettler, der auf dem B�rgersteig verstreute M�nzen aufklaubt. Dann schleppt er das Feldbett zur T�r und setzt sich darauf. Mit nackten Fersen tritt er gegen die T�r, systematisch und unkontrolliert zugleich. Es ist eine hohle Stahlt�r, die beim Dagegentreten ein donnerndes Ger�usch erzeugt. Anfangs ist es erfreulich, aber die Freude verblasst schnell. Als N�chstes versucht es Landsman mit dem wiederholten lauten Ruf: �Hilfe, ich habe mich geschnitten und verblute!� Er schreit, bis er heiser ist, und tritt, bis seine F��e pochen.</p><p>Irgendwann ist er des Tretens und Schreiens m�de. Er muss urinieren. Dringend. Er betrachtet den M�lleimer, dann die T�r. Vielleicht ist es der Rest des Medikaments in seinem Blut oder der Hass, den er auf dieses winzige Zimmer versp�rt, in dem seine Schwester ihre letzte Nacht auf Erden verbrachte, der Hass auf diese M�nner, die ihn nackt darin anketteten. Vielleicht hat sein w�tendes Geschrei ihn tats�chlich w�tend gemacht. Aber die Vorstellung, in einen M�lleimer von Shnapish dem Hund pinkeln zu m�ssen, macht Landsman sauer.</p><p>Er schleppt das Bett zum Fenster und dr�ckt die klappernden Jalousienst�be zur Seite. Die Fensterscheibe ist aus geriffeltem Glas. Eine wellenf�rmige, gr�ngraue Welt in einem schweren Metallrahmen. Irgendwann�� vielleicht noch vor Kurzem�� gab es einen Riegel, aber seine zuvorkommenden Gastgeber haben ihn entfernt. Jetzt ist das Fenster nur noch auf eine Art zu �ffnen. Landsman geht zum M�lleimer und zieht das Bett dabei hinter sich her wie ein handliches Symbol. Er hebt den M�lleimer hoch, zielt und schleudert ihn gegen das geriffelte Glas. Der Eimer prallt ab, fliegt zu Landsman zur�ck und trifft ihn mitten auf der Stirn. Kurz darauf schmeckt er zum zweiten Mal an diesem Tag Blut, das ihm die Wange hinunter in den Mundwinkel rinnt.</p><p>�Shnapish, du Sau�, sagt er.</p><p>Er schiebt das Bett durch das Zimmer zur langen Wand und kippt mit der freien Hand die Matratze aus dem Rahmen. Er lehnt sie an die gegen�berliegende Wand. Dann ergreift er den nun nackten Bettrahmen an beiden Enden, dr�ckt die Knie durch und hievt ihn hoch. Kurz steht er so da, den klapprigen Rahmen parallel zum K�rper. Er schwankt unter dem unerwarteten Gewicht, das gar nicht so gro� ist, aber seine Kraft dennoch strapaziert. Er macht einen Schritt zur�ck, senkt den Kopf und schleudert den Rahmen durch das Fenster. Nebel und gr�ner Rasen platzen in Landsmans geblendeten Blick. B�ume, Kr�hen, sirrende Hornissen zerbrochenen Glases, das gewehrlaufgraue Wasser der Meerenge, ein strahlend wei�es, rot abgesetztes Schwimmflugzeug. Dann rei�t sich der Bettrahmen von Landsman los und springt durch die klaffenden gl�sernen Fangz�hne hinaus in den Morgen.</p><p>Als Schulkind hatte Landsman immer gute Noten in Physik. Newton�sche Mechanik, K�rper in Ruhe und in Bewegung, Aktion und Reaktion, Schwerkraft und Masse. Physik ergab mehr Sinn als alles andere, was man Landsman je beizubringen versuchte. Beispielsweise die Vorstellung von Triebkraft, die Neigung eines in Bewegung befindlichen K�rpers, in Bewegung zu bleiben. Daher sollte Landsman eigentlich nicht allzu �berrascht sein, als der Bettrahmen sich nicht damit begn�gt, das Fenster zu zerschmettern. Heftig rei�t er an Landsmans Schulter, rei�t sie fast aus dem Gelenk, und wieder wird er von dem namenlosen Gef�hl ergriffen, das ihn beim Einstieg in Mrs. Shpilmans fahrende Limousine befiel: Die pl�tzliche Erkenntnis, wie eine umgekehrte Satori-Erfahrung, dass er einen schlimmen, wenn nicht gar t�dlichen Fehler begangen hat.</p><p>Landsmans Gl�ck ist: Er landet in einem Schneehaufen. Es ist eine hartn�ckige Stelle, tief im Schatten auf der Nordseite der Wohnheime oder Kaserne versteckt. Der einzig sichtbare Schnee der gesamten Anlage, und Landsman f�llt mitten hinein. Seine Kiefer knallen aufeinander, und jeder Zahn l�sst seinen eigenen reinen Ton erklingen, derweil Landsmans Hintern auf dem Erdboden auftrifft und mit Landsmans Knochen sein Newton�sches Spiel veranstaltet.</p><p>Er hebt den Kopf aus dem Schnee. Kalte Luft streicht ihm �ber den Nacken. Zum ersten Mal, seit er sich in die Luft schwang, stellt er fest, dass er friert. Er richtet sich auf, noch immer summt sein Kiefer. Sein R�cken ist vom Schnee gezeichnet wie von den Striemen einer Stacheldrahtpeitsche. Unter dem Gewicht des Bettrahmens taumelt und wankt Landsman nach links. Der Rahmen l�dt ihn ein, sich wieder zu ihm in den Schnee zu setzen. Darin zu versinken, den schmerzenden Kopf in den sauberen kalten Schneehaufen zu stecken. Die Augen zu schlie�en. Loszulassen.</p><p>In eben diesem Moment vernimmt Landsman das weiche Scharren von Sohlen, die um die Ecke des Geb�udes kommen, zwei Gummisohlen, die die Spuren ihres eigenen Voranschreitens ausradieren. Ein fehlerhafter Gang, das Hoppeln und Schlurfen eines hinkenden Mannes. Wieder ergreift Landsman den Bettrahmen und hievt ihn empor, dann dr�ckt er sich mit dem R�cken gegen die schindelbedeckte Seite des Wohnheims. Als er einen Wanderstiefel und den Tweedaufschlag von Fliglers Hosenbein sieht, schleudert er den Rahmen von sich. Als Fligler um die Ecke biegt, trifft ihn die Metallkante des Rahmens mitten ins Gesicht. Eine Hand roten Blutes spreizt ihre Finger �ber seine Wangen und Stirn. Sein Gehstock schnellt in die H�he und trifft mit einem Marimbaton auf dem Pflaster auf. Als traue sich der Bettrahmen nicht ohne seinen besten Freund, zerrt er Landsman hinter sich her. Der Geruch von Fliglers Blut erf�llt Landsmans Nase. Er rappelt sich auf und entwindet mit seiner freien Hand die Scholem Fliglers schlaffen Fingern.</p><p>Er hebt die Automatik und erw�gt, den am Boden liegenden Mann mit schwarzer Bereitwilligkeit zu erschie�en. Dann schweift sein Blick zum Haupthaus hin�ber, hundertf�nfzig Meter weiter. Dunkle Gestalten bewegen sich hinter den Terrassent�ren. Sie sto�en sie auf, und die o-lippigen Visagen von gro�en jungen Jids in Anz�gen f�llen die T�rrahmen. Landsman beneidet sie um ihre jugendliche F�higkeit des Staunens, hebt aber dennoch die Pistole in ihre Richtung. Sie ducken sich und ziehen sich zur�ck, wodurch ein gro�er, schlanker, hellhaariger Mann ins Blickfeld ger�t. Der Neuank�mmling, frisch aus dem Bauch seines strahlend wei�en Wasserflugzeugs. Sein Haar ist wirklich auff�llig, wie ein Sonnenstrahl auf einer Metallplatte. Pinguin-Pullover, weite Kordhose. Kurz runzelt der Mann im Pinguin-Pullover die Stirn und schaut verwirrt drein. Dann zerrt ihn jemand von der T�r fort, weil Landsman ihn anvisiert.</p><p>Die Handschelle schneidet in Landsmans Handgelenk, sie ist so scharf, dass sie seine Haut abscheuert. Er �berlegt es sich anders und zielt mit der Pistole auf seinen linken Arm. Vorsichtig gibt er einen einzigen Schuss ab, und die Handschelle l�st sich, baumelt an seinem Gelenk. Mit leichtem Bedauern stellt Landsman den Bettrahmen ab, als sei es der K�rper eines wichtigtuerischen, aber loyalen Faktotums, das den Landsmans treue Dienste erwiesen hat. Dann macht er sich auf in Richtung Wald, steuert auf eine L�cke zwischen den B�umen zu. Es m�ssen mindestens zwanzig gesunde junge Juden hinter ihm her sein. Sie schreien, fluchen, erteilen Befehle. In der ersten Minute rechnet er damit, den verzweigten Blitz eines Schusses in seinem Hirn zu sehen und im langsamen Donnergrollen niederzusinken. Aber es geschieht nichts; es gab wohl Anweisung, nicht zu schie�en.</p><p><emphasis>Das Letzte, was er will, ist irgendeine Schweinerei.</emphasis></p><p>Landsman stellt fest, dass er �ber einen Feldweg l�uft, akkurat angelegt und gut gepflegt, ges�umt von roten Reflektoren an Metallst�ben. Er erinnert sich an den fernen Streifen Gr�ns, den er aus der Luft erblickte, hinter dem Wald, betupft mit Schneehaufen. Er nimmt an, dass dieser Weg dorthin f�hrt. Irgendwohin muss er ja f�hren.</p><p>Landsman l�uft durch den Wald. Auf dem Weg liegen Tannennadeln, sie d�mpfen den Aufprall seiner nackten Fersen. Fast kann er sehen, wie die W�rme aus seinem K�rper weicht, wie er sie in schimmernden Wellen hinter sich herzieht. Hinten im Mund hat er einen Geschmack, der dem Geruch von Fliglers Blut �hnelt. Die Glieder der zerschossenen Kette baumeln klirrend an der Handschelle. Irgendwo h�mmert sich ein Baumspecht die Seele aus dem Leib. Landsmans Seele ist ebenfalls schwer besch�ftigt, will aus diesen M�nnern und ihren Angelegenheiten schlau werden. Aus diesem verkr�ppelten Professorentyp, dessen TEC-9 Landsman jetzt bei sich tr�gt. Aus dem Arzt mit der Betonstirn. Aus den verlassenen Zimmern in den Wohnheimen. Aus dieser Besserungsanstalt, die keine ist. Aus den strammen Jungs auf dem Gel�nde, die ungeduldig mit den Hufen scharren. Aus dem goldenen Mann im Pinguin-Pulli, der keine Schweinerei will.</p><p>Derweil ist ein anderer Teil seines Hirns mit der Einsch�tzung der Au�entemperatur besch�ftigt�� circa zwei, drei Grad�� und macht dann weiter mit der Berechnung oder dem Abruf von Tabellen mit Zeitangaben, die Landsman einmal gesehen haben mag, wie lange es dauert, bis ein j�discher Polizist in Unterhose an Unterk�hlung stirbt. Doch die kommandof�hrenden Zellen seines gro�en ruinierten Organs, bet�ubt und verwirrt, befehlen ihm zu laufen, einfach nur weiterzulaufen.</p><p>Abrupt endet der Wald, und Landsman steht vor einem Maschinenschuppen, graues Stahlblech, keine Fenster, gewelltes Plastikdach. Ein skrotales Paar Propangastanks dr�ckt sich an die Au�enwand des Geb�udes. Der Wind ist hier noch schneidender, Landsman sp�rt ihn wie kochend hei�es Wasser auf der Haut. Er l�uft auf die andere Seite des Schuppens, der am Rand einer kahlen, mit Stroh bedeckten Fl�che steht. Weit in der Ferne l�st sich ein Streifen gr�nen Grases im wabernden Nebel auf. Ein Kiesweg f�hrt entlang dem nackten Strohfeld vom Schuppen weg. F�nfzig Meter weiter gabelt sich der Weg. Ein Zinken f�hrt nach Osten, auf den Gr�nstreifen zu. Der andere verl�uft geradeaus und verschwindet zwischen dunklen B�umen. Landsman dreht sich wieder zum Schuppen um. An der Seite ist ein gro�es Rolltor. Donnernd schiebt Landsman es auf. In Einzelteile zerlegte K�hler, kryptische Maschinenteile, eine mit arabischen Schriftzeichen aus schwarzen Gummischl�uchen bedeckte Wand. Und direkt neben dem Tor dieser kleine dreir�drige elektrische Wagen namens Zumzum (nach Mobiltelefonen der Marke Shoyfer der zweitgr��te Exportartikel des Distrikts). Dieses Gef�hrt verf�gt �ber eine Ladefl�che, die wiederum von einem Ring schlammbeschmierten schwarzen Gummis umgeben ist. Landsman klettert hinters Lenkrad. So kalt sein Hintern und der vom Yukon her�berwehende Wind auch sind�� der Vinylsitz des Zumzums ist noch k�lter. Landsman dr�ckt auf den Startknopf. Er tritt auf das Pedal, und mit einem Bumm und einem Surren des Differenzialgetriebes geht es los. Er rumpelt hoch bis zu der Weggabelung und kann sich nicht entscheiden zwischen dem Wald und dem heiteren gr�nen Band, das wie ein Versprechen von Friedlichkeit im Nebel verschwindet. Dann dr�ckt er das Pedal durch.</p><p>Kurz bevor er die Tannen erreicht, schaut er sich um und sieht, dass die Jids von Peril Strait ihm auf den Fersen sind. Ein gro�er schwarzer Ford Caudillo rast um den Lagerschuppen, dass der Kies nur so spritzt. Landsman hat keine Ahnung, woher das Auto gekommen ist oder wie es �berhaupt hierhergelangte; aus der Luft hat er keine Wagen gesehen. Es ist f�nfhundert Meter hinter Landsmans Zumzum und holt schnell auf.</p><p>Im Wald weicht der Schotter einem schlichten Pfad, der vorbeihuscht an h�bschen Sitka-Fichten, erhaben und verschwiegen. W�hrend Landsman dahinsurrt, erblickt er einen hohen Maschendrahtzaun zwischen den Tannen, gekr�nt von bunt blitzenden Stacheldrahtlocken. Der Maschendraht ist mit gr�nen Plastikst�ben durchwoben. An einigen Stellen sind L�cken im gr�nen Gewebe des Zauns.</p><p>Durch diese Schlitze erhascht Landsman einen Blick auf eine weitere Metallblechh�tte, eine Lichtung, Pf�hle, Querbalken, verflochtene Kabel. Ein gro�er Rahmen, in den ein Gep�cknetzgespinst gespannt ist, geschwollene Stacheldrahtspulen, Schaukeln. Es k�nnte eine sportliche Einrichtung sein, ein therapeutischer Spielplatz f�r genesende Menschen. Na klar, und die Leute in dem Caudillo wollen Landsman nur seine Hose bringen.</p><p>Der schwarze Wagen ist jetzt keine zweihundert Meter mehr entfernt. Der Passagier auf dem Beifahrersitz l�sst die Fensterscheibe hinunter und klettert heraus, setzt sich in die T�r. Mit einer Hand h�lt er sich an der Dachreling fest. Die andere Hand, beobachtet Landsman, ist damit besch�ftigt, eine Feuerwaffe zu bet�tigen. Sie geh�rt einem lieblichen, jungen, b�rtigen Mann mit kurzem Haar, der einen schwarzen Anzug und eine n�chterne Krawatte tr�gt wie Roboy. Er nimmt sich Zeit mit dem Schuss, rechnet die schwindende Entfernung ein. Um seine Hand herum erbl�ht ein Blitz, und dann explodiert das kleine Zumzum mit einem Knall in einem Regen aus Fiberglassplittern. Landsman st��t einen Schrei aus und nimmt den Fu� vom Gaspedal. So viel zum Thema �keine Schweinerei�.</p><p>Drei oder f�nf Meter tr�gt ihn der Schwung noch rumpelnd weiter, dann ist Schluss. Der junge Mann im Fenster des Caudillo hebt den Schussarm und nimmt sich kurz Zeit, um die Wirkung seines Schusses zu pr�fen. Das gezackte Loch in der Fiberglaskarosserie des Zumzums entt�uscht den armen Kerl wahrscheinlich ein wenig. Aber er wird sich freuen, dass sein bewegliches Ziel jetzt stehen geblieben ist. Der n�chste Schuss wird deutlich einfacher sein. Der Junge l�sst seinen Arm fast ostentativ, fast grausam geduldig und langsam wieder sinken. In seiner Sorgfalt und seinem sparsamen Umgang mit Patronen erkennt Landsman das G�tesiegel harter Ausbildung und das sportliche Verst�ndnis von Ewigkeit.</p><p>Kapitulation entrollt sich um Landsmans Herz wie der Schatten einer Flagge. Er kann dem Caudillo nicht entkommen, nicht in einem zerschossenen Zumzum, das an einem guten Tag maximal f�nfundzwanzig Stundenkilometer gemacht hat. Eine warme Decke, vielleicht eine hei�e Tasse Tee�� das erscheint Landsman jetzt die angemessene Entsch�digung f�r sein Versagen. Der Caudillo schie�t auf ihn zu und kommt in einer Gischt von Tannennadeln zum Stehen. Drei T�ren schwingen auf, drei M�nner steigen aus, schwerf�llige junge Jids in schlecht sitzenden Anz�gen und meteoritenschwarzen Schuhen. Sie richten ihre Automatikwaffen auf Landsman. Die Pistolen scheinen in ihren H�nden zu summen, als seien sie wilde Tiere oder als sei ein Kreisel in ihnen verborgen. Die Sch�tzen k�nnen sie kaum noch b�ndigen. Harte Kerle mit fliegenden Schlipsen und sauber getrimmten B�rten und kleinen Jarmulkes, geh�kelten Untertassen.</p><p>Die hintere T�r auf Landsmans Seite bleibt fest verschlossen, aber dahinter macht er den Umriss einer vierten Person aus. Die harten Kerle mit den ernsten Frisuren und den einheitlichen Anz�gen n�hern sich Landsman. Er steht auf und dreht sich mit erhobenen H�nden um.</p><p>�Ihr seid Klone, stimmt�s?�, sagte er zu den dreien, die ihn umringen. �Am Schluss sind es immer Klone.�</p><p>�Shut up�, sagt der harte Kerl, der ihm am N�chsten ist, und Landsman will ihm gerade beipflichten, als er ein Ger�usch h�rt. Es klingt, als w�rde etwas Faseriges und gleichzeitig Glitschiges langsam entzweigerissen. In der Zeit, die er braucht, um in den Augen der harten Kerle zu erkennen, dass auch sie es h�ren, wird das Ger�usch eindringlicher und schwillt zu einem steten Klatschen an, wie ein Blatt Papier in einem Ventilator. Das Ger�usch wird lauter und differenzierter. Wird zum trockenen Husten eines alten Mannes. Zu einem schweren Schraubenschl�ssel, der auf einen kalten Betonboden scheppert. Zu den Bl�hungen eines im Wohnzimmer aufgeblasenen und dann losgelassenen Luftballons, der eine Lampe umwirft. Durch die Tannen hindurch erscheint ein kleines Licht, taumelnd und torkelnd wie eine Hummel, und pl�tzlich wei� Landsman, was das ist.</p><p>�Dick�, sagt er nur, nicht ohne Verwunderung, und erschaudert bis auf die Knochen. Das Licht stammt von einer alten Sechsvoltleuchte, nicht st�rker als eine gro�e Taschenlampe, schwach flackernd in der D�sternis des Tannenwalds. Der das Licht zu der Gruppe von Juden treibende Motor ist ein Zweizylinder, eine Spezialanfertigung. Man h�rt die Federn in der Vordergabel, die jeden Sto� im Boden abfangen.</p><p>�Das Arschloch�, murmelt einer der harten Kerle. �Mit seinem verfluchten Spielzeugmotorrad.�</p><p>Landsman hat verschiedene Geschichten �ber Inspector Willie Dick und sein Motorrad geh�rt. Manche sagen, es sei eine Spezialanfertigung f�r einen ausgewachsenen Million�r aus Bombay mit einem besonders kleinen K�rperbau gewesen, andere behaupten, es sei urspr�nglich dem Prinzen von Wales zum dreizehnten Geburtstag geschenkt worden, und wieder andere verbreiten, es habe einst einem waghalsigen Draufg�nger in einem Zirkusdorf unten in Texas oder Alabama oder an einem �hnlich exotischen Ort geh�rt. Auf den ersten Blick ist es eine �bliche Royal Enfield Crusader aus dem Jahr 1961, Metallgrau im Sonnenlicht, die herrlichen Chromteile aufwendig restauriert. Man muss sich auf die Maschine setzen oder sie neben einem normal gro�en Motorrad sehen, um zu erkennen, dass sie in Zweidrittelma�stab gebaut ist. Willie Dick ist zwar ausgewachsen und siebenunddrei�ig Jahre alt, aber nur ein Meter achtunddrei�ig gro�.</p><p>Er rattert am Zumzum vorbei, h�lt quietschend an und l�sst den �ltlichen britischen Motor ersterben. Dann steigt er ab und stolziert auf Landsman zu.</p><p>�Was soll der Schei�?�, sagt er und zieht dabei die Handschuhe aus, schwarze Lederhandschuhe von der Art, wie sie Max von Sydow tragen k�nnte, wenn er Erwin Rommel spielt. Im Gegensatz zu Dicks jungenhafter Gestalt ist seine Stimme erstaunlich vollt�nend und tief. Er beschreibt einen langsamen, absch�tzenden Kreis um die Blume des j�dischen Gesetzesvollzugs. �Detective Meyer Landsman!� Dann wendet er sich den harten Kerlen zu, inspiziert demonstrativ ihre H�rte. �Meine Herren.�</p><p>�Inspector Dick�, sagt derjenige, der Landsman befahl, den Mund zu halten. Er hat eine verstohlene, gefeilte Knastattit�de, eine zu einem Ausbruchswerkzeug geschliffene Zahnb�rste. �Was f�hrt Sie in unsere abgelegene Ecke?�</p><p>�Bei allem Respekt, Mr. Gold�� so hei�en Sie doch, oder? Ja��, das hier ist verdammt nochmal <emphasis>meine</emphasis> abgelegene Ecke.� Dick tritt aus der Gruppe um Landsman. Er schaut ins Auto, um einen Blick auf die dunkle Gestalt zu werfen, die im Caudillo sitzt und alles beobachtet. Landsman ist sich nicht sicher, aber derjenige, der da sitzt, scheint nicht gro� genug f�r Roboy oder den goldenen Mann im Pinguin-Pulli zu sein. Ein zusammengekauerter kleiner Schatten, heimlichtuerisch und wachsam. �Ich war vor euch hier, und ich bin noch hier, wenn ihr Jids l�ngst wieder weg seid.�</p><p>Detective Inspector Wilfred Dick ist ein Vollblut-Tlingit, ein Nachfahre von Chief Dick, der f�r das letzte Todesopfer in der Geschichte der Beziehungen zwischen Russen und Tlingit verantwortlich war. Er gab einen t�dlichen Schuss auf einen �briggebliebenen, halb verhungerten russischen U-Boot-Matrosen ab, den er 1948 dabei erwischte, wie er in der Stag Bay seine Krabbenk�rbe pl�nderte. Willie Dick ist verheiratet und hat neun Kinder mit seiner ersten und einzigen Frau, die Landsman noch nie gesehen hat. Nat�rlich ist sie angeblich eine Riesin. 1993 oder �94 schloss Dick das Schlittenhunderennen von Iditarod erfolgreich ab, kam als neunter von siebenundvierzig Teilnehmern ins Ziel. Er hat einen Doktor in Kriminologie von der Gonzaga University in Spokane, Washington. Dicks erste Amtshandlung als erwachsener Mann seines Stammes war, mit einem alten Bostoner Walf�nger von seinem Dorf in Stag Bay zum Pr�sidium der Stammespolizei in Angoon zu fahren, um den Superintendenten dort zu �berzeugen, in seinem Fall die minimal erforderliche Gr��e f�r Polizeibeamte abzusenken. Die Geschichten, wie er das erreichte, sind verleumderisch, obsz�n, unglaubhaft oder eine Kombination dieser drei Adjektive. Willie Dick besitzt alle bekannten schlechten Eigenschaften von sehr kleinen, sehr intelligenten M�nnern: Er ist eitel, �berheblich, krankhaft ehrgeizig und hat ein gutes Ged�chtnis f�r Unrecht und Kr�nkung. Gleichzeitig ist er ehrlich, hartn�ckig und furchtlos, und er schuldet Landsman einen Gefallen; Dick hat auch ein gutes Ged�chtnis f�r Gefallen.</p><p>�Ich versuche mir vorzustellen, was ihr verr�ckten Hebr�er im Schilde f�hrt, aber jede meiner kleinen Theorien ist beschissener als die n�chste�, sagt er.</p><p>�Der Mann ist Patient bei uns�, sagt Gold. �Er wollte nur ein bisschen fr�her gehen, mehr nicht.�</p><p>�Deshalb wollten Sie ihn erschie�en�, sagt Dick. �Das sind ja vielleicht heftige Therapiemethoden, Jungs. Verdammt! Strikt nach Freud, was?�</p><p>Er dreht sich wieder zu Landsman um und mustert ihn von oben bis unten. Dicks dunkles Gesicht ist auf gewisse Weise sch�n, er hat leidenschaftliche Augen, die aus der Deckung einer klugen Stirn operieren, dazu ein Gr�bchen am Kinn und eine gerade, gleichm��ige Nase. Als Landsman Dick zum letzten Mal sah, musste der Tlingit mehrmals eine Lesebrille aus der Hemdtasche holen und aufsetzen. Jetzt hat er dem Alter nachgegeben und Gefallen gefunden an einem schicken italienischen Modell aus geb�rstetem schwarzem Metall, eine Brille, wie sie alternde britische Rockgitarristen gerne in nachdenklichen Interviews zur Schau stellen. Er tr�gt eine steife schwarze Jeans, schwarze Cowboystiefel und ein rot-schwarz kariertes Hemd mit offenem Kragen. �ber seinen Schultern tr�gt er, wie immer, eine Art Kurzmantel, festgezurrt mit einem geflochtenen Rohlederg�rtel, der aus dem Fell eines von ihm selbst gejagten und erlegten B�ren gefertigt wurde. Er ist ein affektierter Mensch, dieser Willie Dick�� er raucht schwarze Zigaretten��, aber er ist ein guter Kriminalbeamter.</p><p>�Herrgott nochmal, Landsman. Du siehst aus wie der Schweinef�tus, den ich mal eingelegt in einem Glas gesehen hab.�</p><p>Mit den Fingern einer Hand l�st er den Flechtg�rtel und streift den Mantel ab. Dann wirft er ihn Landsman zu. Im ersten Moment ist er kalt wie Stahl auf Landsmans Haut, dann herrlich warm. Dick beh�lt das h�hnische Grinsen bei, l�scht aber in Landsmans Interesse�� nur er kann es sehen�� jede Spur von Humor aus seinem Blick.</p><p>�Ich hab mit deiner Exfrau gesprochen�, sagt er, fast im Fl�sterton. Es ist die Stimme, mit der er Verd�chtige bedroht und Zeugen einsch�chtert. �Nachdem ich deine Nachricht bekommen habe. Du hast weniger Recht, hier zu sein, als eine blinde afrikanische Strandratte, Landsman.� Dick hebt fast theatralisch die Stimme. �Detective Landsman, was, habe ich gesagt, w�rde ich mit Ihrem j�dischen Arsch tun, wenn ich Sie noch einmal dabei erwische, wie Sie unbekleidet im Indianerland herumlaufen?�</p><p>�W-wei� ich nicht mehr�, sagt Landsman, ergriffen von einem heftigen Zittern der Dankbarkeit und der Hilflosigkeit. �Sie h-haben so viel gesagt.�</p><p>Nun geht Dick zum Caudillo hin�ber und klopft an die T�r, als wolle er eintreten. Die T�r �ffnet sich, und Dick unterh�lt sich mit gesenkter Stimme mit demjenigen, der im Wagen sitzt und es warm hat. Nach einer Weile kommt Dick zur�ck und sagt zu Gold: �Der Verantwortliche will Sie sprechen.�</p><p>Gold geht um die offene T�r herum, um mit dem Verantwortlichen zu sprechen. Als er zur�ckkommt, sieht er aus, als seien seine Nebenh�hlen durch die Ohren herausgezogen worden und als sei Landsman schuld daran. Er nickt Dick zu, einmal.</p><p>�Detective Landsman�, sagt Dick. �Es tut mir verdammt leid, aber ich muss Sie verhaften.�</p></section><section><title><p><emphasis>32.</emphasis></p></title><p>In der Notaufnahme des indianischen Krankenhauses von St. Cyril mustert der Arzt Landsman und erkl�rt ihn f�r hafttauglich. Der Arzt hei�t Rau und kommt aus Madras, und er hat schon alle Witze �ber Kolumbus� Fehler geh�rt. Er sieht gut aus, ein wenig wie Sal Mineo�� gro�e Augen wie Obsidiane und ein Mund wie ein Zuckergussr�schen. Leichte Erfrierungen, sagt er zu Landsman, nichts Ernstes, obwohl Landsman eine Stunde und siebenundvierzig Minuten nach seiner Befreiung scheinbar immer noch nicht den Tremor unterdr�cken kann, der aus seinem Innersten aufsteigt und seinen K�rper ersch�ttert. Er friert bis in die letzten Zellen seiner Knochen.</p><p>�Wo ist der gro�e Hund mit dem kleinen Weinbrandf�sschen um den Hals?�, fragt Landsman, nachdem der Arzt ihm sagt, er k�nne die Decke ablegen und die Gef�ngniskleidung �berziehen, die s�uberlich gefaltet neben dem Waschbecken liegt. �Wann kommt der?�</p><p>�M�gen Sie Weinbrand?�, fragt Dr. Rau, als lese er aus einem Buch ab, als h�tte er nicht das geringste Interesse weder an den Fragen noch an den Antworten, die Landsman hervorbringen mag. Landsman erkennt in der Frage augenblicklich den klassischen Vernehmungston, so kalt, dass es brennt. Dr. Raus Blick bleibt entschlossen auf eine leere Ecke des Raumes gerichtet. �Haben Sie das Gef�hl, dass Sie welchen brauchen?�</p><p>�Wer hat hier von brauchen geredet?�, sagt Landsman und nestelt am Knopfschlitz seiner abgetragenen K�perhose. Arbeitshemd aus Baumwolle, Leinenschuhe ohne Schn�rsenkel. Man will ihn wie einen S�ufer kleiden, wie einen Penner oder einen anderen Loser, der nackt an der Anmeldung auftaucht, obdachlos, ohne nachweisbare Einkommensquelle. Die Schuhe sind zu gro�, aber sonst passt alles perfekt.</p><p>�Kein Verlangen?� In dem A auf dem Namensschild des Doktors ist eine Ascheflocke. Er tupft mit der Fingerkuppe darauf. �Versp�ren Sie jetzt nicht das Verlangen, etwas zu trinken?�</p><p>�Vielleicht <emphasis>mag</emphasis> ich es einfach�, sagt Landsman. �Haben Sie schon mal daran gedacht?�</p><p>�Vielleicht�, sagt der Arzt. �Oder aber Sie m�gen einfach gro�e, sabbernde Hunde.�</p><p>�Okay, ist gut jetzt, Doc�, sagt Landsman. �Machen wir uns nichts vor.�</p><p>�In Ordnung.� Dr. Rau wendet sein leeres Gesicht Landsman zu, und die Pupillen seiner Augen wirken gusseisern. �Auf Grundlage meiner Untersuchung sch�tze ich, dass Sie gerade einen Alkoholentzug durchmachen, Detective Landsman. Abgesehen von dem l�ngeren Aufenthalt in der K�lte, weisen Sie Dehydrierung, Tremor, Herzrasen und vergr��erte Pupillen auf. Ihr Blutzucker ist niedrig, woraus ich schlie�e, dass Sie wahrscheinlich nichts gegessen haben. Appetitverlust ist ebenfalls ein Entzugssymptom. Ihr Blutdruck ist erh�ht, und Ihr j�ngstes Verhalten scheint, wie ich geh�rt habe, reichlich sprunghaft gewesen zu sein. Sogar gewaltt�tig.�</p><p>Landsman streicht �ber die faltigen Kragenaufschl�ge seines Chambrayhemds und versucht, sie zu gl�tten. Wie billige Jalousien, die sich von selbst aufrollen.</p><p>�Herr Doktor�, sagt er, �mal zwischen uns M�nnern mit R�ntgenaugen gesprochen: Ich bewundere Ihren Scharfsinn, aber sagen Sie mir bitte: Wenn der indische Staat abgeschafft w�rde und Sie in zwei Monaten mit allen, die Sie lieben, in den Schlund des Wolfes geworfen w�rden, wenn Sie nirgends hingehen k�nnten, das aber allen schei�egal w�re, und wenn die halbe Welt die letzten tausend Jahre damit verbracht h�tte, Hindus umzubringen, glauben Sie nicht, dass Sie dann zur Flasche greifen w�rden?�</p><p>�Entweder das, oder ich w�rde vor fremden �rzten Reden schwingen.�</p><p>�Der Hund mit dem Weinbrand macht sich nie �ber den Versch�tteten lustig�, sagt Landsman wehm�tig.</p><p>�Detective Landsman!�</p><p>�Ja, Doc.�</p><p>�Ich habe Sie in den letzten elf Minuten untersucht, und in diesem Zeitraum haben Sie drei l�ngere �u�erungen von sich gegeben. So etwas nenne ich Reden schwingen.�</p><p>�Ja�, sagt Landsman, und jetzt beginnt sein Blut wieder zu flie�en: in seine Wangen. �Das kann schon mal vorkommen.�</p><p>�Sie halten gerne Monologe?�</p><p>�Mal so, mal so.�</p><p>�Litaneien.�</p><p>�So wurde das auch schon genannt.�</p><p>Zum ersten Mal merkt Landsman, dass Dr. Rau heimlich an etwas kaut, es mit den Backenz�hnen bearbeitet. Der schwache Geruch von Anis entfleucht seinen zucker-gussrosa Lippen.</p><p>Der Arzt notiert etwas auf Landsmans Karteikarte.</p><p>�Sind Sie momentan in Behandlung bei einem Psychiater, oder nehmen Sie Medikamente gegen Depressionen?�</p><p>�Depressionen? Finden Sie mich depressiv?�</p><p>�Das ist nur ein Wort�, sagt der Arzt. �Ich suche nach m�glichen Symptomen. Wie mir Inspector Dick sagte und meine eigene Untersuchung best�tigt, scheint es mir zumindest im Bereich des M�glichen zu liegen, dass Sie eventuell an Stimmungsschwankungen leiden.�</p><p>�Sie sind nicht der Erste, der das sagt�, sagt Landsman. �Tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu m�ssen.�</p><p>�Nehmen Sie Medikamente?�</p><p>�Nein, eigentlich nicht.�</p><p>�Eigentlich nicht?�</p><p>�Nein. Ich will nicht.�</p><p>�Sie wollen nicht.�</p><p>�Ich hab � ach. Angst, ich k�nnte meinen Biss verlieren.�</p><p>�Das erkl�rt das Trinken�, sagt der Arzt, und jetzt haben seine Worte in Landsmans Ohren einen ironischen Lakritzhauch. �Hab geh�rt, es wirkt Wunder auf den Biss.� Er geht zur T�r, �ffnet sie, und ein Indianer-Nos kommt herein, um Landsman abzuf�hren. �Nach meiner Erfahrung, Detective Landsman, wenn ich das sagen darf�, schlie�t der Arzt seine eigene kleine Litanei. �Wer sich darum sorgt, seinen Biss zu verlieren, merkt oft nicht, dass ihm schon l�ngst die Z�hne ausgefallen sind.�</p><p>�Der Swami spricht�, sagt der Indianer-Nos.</p><p>�Schlie�en Sie ihn ein�, sagt der Arzt und wirft Landsmans Krankenakte in einen an der Wand befestigten Korb.</p><p>Der Indianer-Nos hat einen Kopf wie eine Rotholzmaserung und die schlimmste Frisur, die Landsman je gesehen hat, eine scheu�liche Kreuzung aus einer Tolle und einem Soldatenschnitt. Er f�hrt Landsman durch leere G�nge, eine Stahltreppe hinauf bis in einen Raum am Ende des Gef�ngnisses von St. Cyril. Der Raum hat eine normale Stahlt�r, kein Gitter. Er ist einigerma�en sauber und einigerma�en gut beleuchtet. Auf dem Bett liegen eine Matratze, ein Kopfkissen und eine akkurat gefaltete Decke. Die Toilette hat einen Sitz. An der Wand ist ein Metallspiegel.</p><p>�Die VIP-Suite�, sagt der Indianer-Nos.</p><p>�Sie sollten mal sehen, wo ich wohne�, sagt Landsman. �Ist fast so sch�n wie hier.�</p><p>�Nichts Pers�nliches�, sagt der Nos. �Der Inspector wollte, dass Sie das wissen.�</p><p>�Wo ist er?�</p><p>�K�mmert sich um Ihre Sache. Diese Leute haben sich bei uns beschwert, Dick kann sich jetzt mit Schei�e in neun verschiedenen Geschmacksrichtungen rumschlagen.� Ein humorloses Grinsen verzieht sein Gesicht. �Sie haben den d�mlichen kleinen Juden ganz sch�n zugerichtet.�</p><p>�Was sind das f�r Leute?�, fragt Landsman. �Sergeant, was zum Teufel sind das f�r Juden da drau�en?�</p><p>�Das ist ein Erholungszentrum�, sagt der Sergeant mit demselben Mangel an Emotion, mit dem Dr. Rau Landsman Fragen zu seinem Alkoholismus gestellt hat. �F�r missratene junge Juden, die Verbrechen und Drogen anheimgefallen sind. So habe ich es jedenfalls geh�rt. Schlafen Sie sch�n, Detective.�</p><p>Als der Indianer-Nos gegangen ist, krabbelt Landsman ins Bett und zieht sich die Decke �ber den Kopf, und ehe er sich zusammenrei�en kann, ehe er Zeit hat, etwas zu f�hlen oder zu wissen, dass er etwas f�hlt, rei�t sich ein Schluchzen aus einer tiefen Nische und erf�llt seine Luftr�hre. Die in seinen Augen brennenden Tr�nen sind wie der Tremor vom Alkohol. Sie sind sinnlos, und er scheint sie nicht in den Griff zu bekommen. Er dr�ckt sich das Kopfkissen aufs Gesicht und f�hlt zum ersten Mal, wie v�llig allein Naomi ihn gelassen hat.</p><p>Um sich zu beruhigen, denkt er an Mendel Shpilman und das Bett in Zimmer 208. Er stellt sich vor, wie es ist, in der tapezierten Zelle auf dem schmalen Bett zu liegen und die Z�ge von Aljechins zweiter Partie gegen Capablanca 1927 in Buenos Aires durchzugehen, w�hrend das Smack das Blut zu einer Zuckerflut und das Hirn zu einer schleckenden Zunge macht. Einst hatte man Mendel den Anzug des Tzaddik ha-Dor angepasst, dann stellte er fest, dass es eine Zwangsjacke war. So weit, so gut. Dann viele vergeudete Jahre. F�r Drogengeld von einem Schachspiel zum n�chsten. Billige Absteigen. Sich vor dem inkompatiblen Schicksal verstecken, das seine Gene und sein Gott f�r ihn vorgesehen haben. Eines Tages dann sp�rt man ihn auf, staubt ihn ab und bringt ihn nach Peril Strait. Ein Ort mit einem Arzt, eine von den gro�z�gigen Spenden der Barrys, Marvins und Susies des amerikanischen Judentums gebaute Einrichtung, wo man ihn in Ordnung bringen und wieder zusammenflicken will. Warum? Weil sie ihn brauchen. Weil sie ihn wieder dem praktischen Nutzen zuf�hren wollen. Und er will mitmachen, mit diesen M�nnern. Er willigt ein. Naomi h�tte Shpilman und seine Begleiter nie geflogen, wenn sie dabei irgendeine Art von Zwang gesp�rt h�tte. F�r Shpilman sprang also etwas dabei heraus�� Geld, das Versprechen auf Heilung oder erneuten Ruhm, Vers�hnung mit seiner Familie, eine abschlie�ende Auszahlung in Drogen. Aber als Shpilman in Peril Strait eintrifft, um sein neues Leben zu beginnen, sorgt irgendetwas daf�r, dass er seine Meinung �ndert. Irgendetwas erf�hrt, erkennt oder sieht er. Vielleicht bekommt er auch einfach nur kalte F��e. Und wendet sich hilfesuchend an die eine Frau, die allen m�glichen Menschen, meistens den verlorensten, die einzige Freundin in der Welt war. Und wieder fliegt Naomi ihn hinaus, �ndert noch in der Luft ihren Flugplan und besorgt ihm bei der Tochter des Kuchenmanns eine Mitfahrm�glichkeit zu einem billigen Motel. Als Lohn f�r Naomis Hybris lassen die geheimnisvollen Juden ihr Flugzeug abst�rzen. Dann machen sie sich auf die Jagd nach Mendel Shpilman, der wieder untergetaucht ist. Sich vor seinen vielen Identit�ten versteckt. Der in seinem Zimmer im Zamenhof liegt, b�uchlings auf dem Bett, zu weit fort, um noch �ber Aljechin, Capablanca und Damenindisch nachzudenken. Zu weit fort, um das Klopfen an der T�r zu h�ren.</p><p>�Du musst nicht klopfen, Berko�, sagt Landsman. �Wir sind hier im Knast.�</p><p>Es klappern Schl�ssel, dann wirft der Indianer-Nos die T�r auf. Hinter ihm steht Berko Shemets. Er hat sich wie f�r eine Safari in den tiefsten Dschungel gekleidet: Jeans, Flanellhemd, hohe geschn�rte Wanderstiefel aus Leder, eine gr�ulich braune Anglerweste mit zweiundsiebzig Taschen, Innentaschen und Inneninnentaschen. Auf den ersten Blick sieht er fast aus wie ein typischer, wenn auch ziemlich gro�er alaskischer Waldmensch. Man kann das kleine Abzeichen mit den Polost�cken kaum erkennen, das sein Hemd ziert. Berkos sonst unauff�llige Jarmulke ist einem �bergro�en, bestickten, zylindrischen Exemplar gewichen, einem Minifez. Wenn Berko ins Indianerland reist, tr�gt er den Juden immer ein bisschen dick auf. Landsman kann es von seinem Platz aus nicht genau erkennen, aber wahrscheinlich hat sein Kollege auch die Handschellen mit dem Davidsstern dabei.</p><p>�Tut mir leid�, sagt Landsman. �Ich wei�, es tut mir immer leid, aber diesmal k�nnte es mir nicht mehr leidtun, glaub mir.�</p><p>�Darum k�mmern wir uns sp�ter�, sagt Berko. �Komm, er will mit uns sprechen.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Der Kaiser der Franzosen.�</p><p>Landsman erhebt sich vom Bett, geht zum Waschbecken und wirft sich ein wenig Wasser ins Gesicht.</p><p>�Kann ich gehen?�, fragt er den indianischen Nos, als er durch die Zellent�r geht. �Sagen Sie mir, dass ich gehen kann?�</p><p>�Sie sind ein freier Mann�, sagt der Nos.</p><p>�Ist ja nicht zu fassen�, sagt Landsman.</p></section><section><title><p><emphasis>33.</emphasis></p></title><p>Von seinem Eckb�ro im Erdgeschoss des Polizeireviers von St. Cyril aus hat Inspector Dick einen guten Blick auf den Parkplatz. Auf sechs M�llcontainer, die wie eiserne Jungfrauen mit Metallplatten und Stahlb�ndern vor B�ren gesch�tzt sind. Auf eine subalpine Wiese hinter den Containern und dann auf die schneebedeckte Ghettomauer, die ihm die Juden vom Hals h�lt. Dick h�ngt in seinem Schreibtischstuhl im Ma�stab 2:3, die Arme verschr�nkt, das Kinn auf der Brust, und starrt durch das Fl�gelfenster. Nicht auf die Berge oder auf die Wiese, gr�ulich gr�n im sp�ten Licht, betupft mit Nebelb�uschchen, nicht einmal auf die gepanzerten M�llcontainer. Sein Blick wandert nicht �ber den Parkplatz hinaus�� nicht weiter als bis zu seiner 1951er Royal Enfield Crusader. Landsman kennt den Ausdruck in Dicks Gesicht. Es ist der Ausdruck, der sich bei Landsman einstellt, wenn er seinen Chevelle Super Sport oder das Gesicht von Bina Gelbfish betrachtet. Die Miene eines Mannes, der das Gef�hl hat, in die falsche Welt geboren zu sein. Etwas ist schiefgelaufen; er ist nicht dort, wo er hingeh�rt. Immer wieder sp�rt er, dass sein Herz�� gleich einem Drachen in Telefonleitungen�� an Dingen h�ngen bleibt, die ihm eine Heimat versprechen oder den Weg dorthin weisen k�nnten. Zum Beispiel ein in seiner fernen Kindheit gebautes amerikanisches Auto oder ein Motorrad, das einst dem zuk�nftigen K�nig Englands geh�rte, oder das Gesicht einer Frau, die mehr wert ist, geliebt zu werden als er.</p><p>�Ich hoffe, er hat was an�, sagt Dick, ohne sich vom Fenster abzuwenden. Das sehns�chtige Flackern in seinen Augen erlischt. In seinem Gesicht passiert jetzt �berhaupt nichts mehr. �Weil das, was ich da im Wald gesehen habe, mein Gott, Landsman, ich h�tte fast mein Schei�-B�renfell abfackeln m�ssen.� Er tut, als erschaudere er. �Die Tlingit-Nation zahlt mir nicht ansatzweise genug Entsch�digung, um dich in Unterhose zu sehen.�</p><p>�Die Tlingit-Nation�, sagt Berko Shemets und spricht es aus wie den Namen eines ber�chtigten Coups oder wie die Behauptung, jemand habe Atlantis geortet. Er dr�ngt Dicks B�ro seine massige Gestalt auf. �Ach, dann wird hier noch Gehalt gezahlt? Weil Meyer eben meinte, vielleicht auch nicht.�</p><p>Jetzt dreht Dick sich um, langsam und tr�ge, und sch�rzt einen Teil seiner Oberlippe, um mehrere Schneide- und Eckz�hne zu entbl��en.</p><p>�Johnny, der Jude�, sagt er. �So, so, mit M�tzchen und allem. Und scheinbar hast du in letzter Zeit reichlich Gelegenheit gehabt, �ber den einen oder anderen Filipino-Donut den Segen zu sprechen.�</p><p>�Leck mich, Dick, du antisemitischer kleiner Zwerg.�</p><p>�Leck mich, Johnny, du und deine bekackten Anspielungen auf meine Integrit�t als Polizeibeamter.�</p><p>In seinem rostigen, aber reichhaltigen Tlingit dr�ckt Berko den Wunsch aus, Dick eines Tages tot und ohne Schuhe im Schnee liegen zu sehen.</p><p>�Geh kacken ins Meer�, sagt Dick in tadellosem Jiddisch.</p><p>Sie treten aufeinander zu, und der gro�e Mann nimmt den kleinen in den Arm. Sie hauen sich gegenseitig auf den R�cken, tasten nach den tuberkul�sen Stellen ihrer langsam sterbenden Freundschaft, in den Tiefen dr�hnt ihre alte Feindschaft wie eine Trommel. In dem Jahr des Elends, das Berkos �bertritt zur j�dischen Seite seiner Vorfahren voranging, bevor seine Mutter von einer fl�chtenden Wagenladung randalierender Juden zerquetscht wurde, entdeckte der junge John Bear das Basketballspiel f�r sich und f�r Wilfred Dick, damals ein eins f�nfundzwanzig gro�er Aufbauspieler. Es war Hass auf den ersten Blick, jener gro�artige, romantische Hass, der bei dreizehnj�hrigen Jungen nicht von Liebe zu unterscheiden ist oder ihr am n�chsten kommt.</p><p>�Johnny Bear�, sagt Dick. �Verdammte Schei�e, du Riesenjude!�</p><p>Berko zuckt mit den Schultern und reibt sich betreten den Nacken, sodass er aussieht wie ein dreizehnj�hriger Centerspieler beim Basketball, an dem gerade etwas Kleines, H�ssliches auf direktem Weg zum Korb vorbeihuscht.</p><p>�Ja, hey, Willie D.�, sagt er.</p><p>�Setz dich, du fetter Hurensohn�, sagt Dick. �Du auch, Landsman, mit den ekligen Flecken in der Arschritze.�</p><p>Berko muss grinsen, und alle setzen sich�� Dick auf seine Seite des Schreibtischs, die j�dischen Polizisten auf die andere. Die beiden Besucherst�hle haben Normalma�, ebenso die B�cherregale und alles andere im B�ro, nur nicht Dicks Schreibtisch und sein Stuhl. Die Wirkung ist zerrspiegelartig, �belkeitserregend. Vielleicht ist es aber nur ein weiteres Symptom des Alkoholentzugs. Dick holt seine schwarzen Zigaretten hervor und schiebt Landsman �ber den Tisch einen Aschenbecher zu. Er lehnt sich in seinem Stuhl zur�ck und legt die F��e auf den Schreibtisch. Die �rmel seines Woolrich-Hemds sind hochgekrempelt. Seine Unterarme sind sehnig und braun. Krauses graues Haar sp�ht aus seinem offenen Kragen, und seine schicke Brille steckt zusammengeklappt in der Hemdtasche.</p><p>�Es gibt so viele Leute, denen ich jetzt lieber gegen�bersitzen w�rde�, sagt er. �Um genau zu sein: Millionen.�</p><p>�Dann mach doch die Augen zu�, schl�gt Berko vor.</p><p>Dick gehorcht. Seine Augenlider sind dunkel und gl�nzend, sie schimmern bl�ulich.</p><p>�Landsman�, sagt er, als genie�e er das Blindsein, �wie war dein Zimmer?�</p><p>�Die Bettdecke roch st�rker nach Lavendelwasser, als mir lieb gewesen w�re�, sagt Landsman. �Aber sonst kann ich mich wirklich nicht beschweren.�</p><p>Dick �ffnet die Augen.</p><p>�Es war mein Gl�ck als Gesetzesvertreter in diesem Reservat, in all den Jahren relativ wenig mit Juden zu tun zu haben�, beginnt er. �Ah, und bevor einer von euch wegen meines angeblichen Antisemitismus seinen Schlie�muskel zukneift, m�chte ich jetzt nur kurz vorausschicken, dass es mir wichsschei�egal ist, ob ich eure Schweineschisser�rsche beleidige oder nicht, unterm Strich w�rde ich sogar sagen, ich hoffe es. Der fette Kerl da wei� ganz genau, sollte er wenigstens, dass ich alle Menschen gleicherma�en hasse, ohne jede Bevorzugung und ohne R�cksicht auf Konfession oder DNA.�</p><p>�Versteht sich von selbst�, sagt Berko.</p><p>�Uns geht es genauso in Bezug auf dich�, sagt Landsman.</p><p>�Ich meine damit: mit Juden zu tun zu haben, hei�t Verarschung. Tausend auf Hochglanz polierte Schichten aus Politik und L�gen. Deshalb glaube ich genau verwichste null Komma null Prozent von dem, was mir dieser angebliche Dr. Roboy erz�hlt hat, dessen Papiere sich �brigens als einwandfrei erwiesen haben. Etwas tr�be war nur seine Erkl�rung, wie es kam, dass du in der Unterbuxe die Stra�e runtergeflitzt bist, Landsman, und ein j�discher Cowboy aus einem Wagenfenster Nahaufnahmen von dir machen wollte.�</p><p>Landsman will es erkl�ren, aber Dick hebt seine m�dchenhafte Hand mit den sauberen, blitzenden N�geln.</p><p>�Lass mich ausreden. Diese Herren, nein, Johnny, die zahlen nicht mein Gehalt, geschissenen Dank auch. Aber �ber Kan�le, die sich meiner Kenntnis entziehen und �ber die ich nicht spekulieren will, haben diese Herren Freunde, Tlingit-Freunde, die mein Gehalt bezahlen, oder um genauer zu sein, die in dem Rat sitzen, der mich bezahlt. Und sollten mir diese weisen Stammes�ltesten zu verstehen geben, dass sie es mir nicht �belnehmen, wenn ich deinen Kollegen hier anzeige und wegen widerrechtlichen Betretens und Einbruch verknacke, nicht zu vergessen wegen Durchf�hrung einer illegalen, unautorisierten Ermittlung, dann w�rde ich das tun m�ssen. Diese j�dischen Wiesel da drau�en in Peril Strait�� und ich wei�, dass ihr wisst, wie sehr mich das zu sagen schmerzt��, die sind, was auch geschieht, meine verfluchten j�dischen Wiesel. Und ihre Einrichtung steht, solange sie sie in Anspruch nehmen, unter der Flagge und dem vollst�ndigen Schutz der Sicherheitskr�fte meines Stammes. Da mache ich mir da drau�en die M�he, deinen verpickelten Arsch zu retten, Landsman, dich herzuschleppen und dich f�r teures Geld unterzubringen, und dann haben diese verschissenen Juden auf einmal kein Interesse mehr an dir.�</p><p>�Das nenne ich mal eine Litanei�, sagt Landsman zu Berko. Dann sagt er zu Dick: �Ihr habt hier einen Arzt, den solltest du wirklich mal aufsuchen.�</p><p>�Aber so gerne ich dich auch zur�ckschicken w�rde, damit dir deine Exfrau mal so richtig die Eier langzieht, Landsman�, poltert Dick weiter, �und wenn ich mich noch so anstrenge, ich kann euch einfach nicht ziehen lassen, ohne eine bestimmte Frage gestellt zu haben, selbst wenn ich von vornherein wei�, dass ihr beide Juden seid, in gewisser Hinsicht, und dass jede Antwort von euch nur noch mehr Verarsche ist und mich die ganze Schei�e jetzt schon mit ihrem edlen j�dischen Glanz blendet.�</p><p>Sie warten auf die Frage, und sie kommt, und dann wird Dicks Verhalten h�rter. Alles Salbadern und alle Ironie verschwindet. �Reden wir hier von Mord?�, fragt er.</p><p>�Ja�, sagt Landsman, und im selben Moment sagt Berko: �Offiziell nicht.�</p><p>�Zwei�, beharrt Landsman. �Zwei Morde, Berko. Naomi geht auch auf ihre Rechnung.�</p><p>�Naomi?�, sagt Berko. �Meyer, was soll der Schei�?�</p><p>Landsman rekapituliert alles, von Anfang an, l�sst nichts Wichtiges aus, beginnt mit dem Klopfen an seiner Zimmert�r im Zamenhof bis zu seinem Gespr�ch mit Mrs. Shpilman, berichtet von der Tochter des Kuchenmanns, die ihn ins Archiv der Flugsicherung schickte, bis zu der Anwesenheit von Aryeh Baronshteyn in Peril Strait.</p><p>�Hebr�isch?�, sagt Berko. �Mexikaner, die Hebr�isch sprechen?�</p><p>�So h�rte es sich an�, sagt Landsman. �Aber kein Synagogenhebr�isch.� Landsman erkennt Hebr�isch, wenn er es h�rt. Aber das Hebr�isch, das er kennt, ist die traditionelle Form, die Sprache, die seine Vorfahren durch die Millenien ihres europ�ischen Exils trugen, �lig und salzig wie ein zum Konservieren ger�uchertes St�ck Fisch, stark gew�rzt vom Jiddischen. Diese Form von Hebr�isch wird nie in der menschlichen Unterhaltung verwendet. Sie ist dem Gespr�ch mit Gott vorbehalten. Wenn es Hebr�isch war, das Landsman in Peril Strait h�rte, so war es nicht die alte Salzheringsprache, sondern ein stacheliger Dialekt, ein Klang wie Alkali und Steine. F�r Landsman h�rte es sich an wie das Hebr�isch, das die Zionisten nach 1948 her�berbrachten. Jene harten W�stenjuden klammerten sich im Exil verzweifelt an ihre Sprache, aber wie es vor ihnen schon den deutschen Juden ergangen war, wurden sie vom t�nenden Get�se des Jiddischen und von der ewigen schmerzlichen Assoziation ihrer Sprache mit Versagen und Unheil j�ngeren Datums �berw�ltigt. Soweit Landsman wei�, existiert diese Art von Hebr�isch nicht mehr, nur noch bei den wenigen letzten Aufrechten, die sich j�hrlich in leeren S�len treffen. �Ich hab nur ein, zwei W�rter verstanden. Sie redeten so schnell, ich kam nicht mit. War wohl Sinn der Sache.�</p><p>Er erz�hlt ihnen, dass er in dem Zimmer aufwachte, in dem Naomi ihre Inschrift in der Wand hinterlie�, erz�hlt von den Wohnheimen und dem �bungsgel�nde und von den bewaffneten jungen M�nnern in Wartestellung.</p><p>Ungewollt wird Dicks Interesse immer gr��er, er stellt Fragen, vertieft sich mit einer instinktiven, hartn�ckigen Liebe zum Stunk in die Angelegenheit.</p><p>�Ich hab deine Schwester gekannt�, sagt er, als Landsman seine Rede mit der Rettung im Wald von Peril Strait abschlie�t. �Tut mir leid, dass sie gestorben ist. Und diese heilige Schwuchtel h�rt sich wie genau die Sorte streunender K�ter an, f�r den sie ihren Arsch aufs Spiel gesetzt h�tte.�</p><p>�Aber was wollten sie von Mendel Shpilman, diese Juden mit dem Besucher, der keine Schweinerei will?�, fragt Berko. �Das verstehe ich einfach nicht. Was machen die da drau�en?�</p><p>Diese Fragen erscheinen Landsman unvermeidlich, folgerichtig und entscheidend, bei Dick jedoch k�hlen sie die Begeisterung f�r den Fall merklich ab.</p><p>�Ihr habt nichts�, sagt er, und sein Mund ist ein blutleerer Bindestrich. �Und ich will dir was sagen, Landsman, das mit den Juden in Peril Strait, das hat doch nichts mit dem Fall zu tun. Die haben so viel Einfluss im R�cken, meine Herren, ich sage euch, die k�nnten euch aus einem versteinerten Schei�haufen einen Diamanten schleifen.�</p><p>�Was wei�t du �ber sie, Willie?�, fragt Berko.</p><p>�Einen Schei� wei� ich.�</p><p>�Der Mann im Caudillo�, sagt Landsman. �Mit dem du geredet hast. War das auch ein Amerikaner?�</p><p>�Nein, eine vertrocknete kleine Rosine von Jude. Hat seinen Namen nicht genannt. Und ich darf nicht danach fragen. Denn die offizielle politische Linie der Stammespolizei an dem Ort lautet, wie ich, glaube ich, bereits erw�hnt habe: <emphasis>Einen Schei� wei� ich.</emphasis>�</p><p>�Komm, Wilfred�, sagt Berko. �Wir reden hier von Naomi.�</p><p>�Das ist mir klar. Aber ich wei� genug �ber Landsman, Schei�e, ich wei� genug �ber die Kollegen von der Mordkommission, um sicher zu sein, dass es hier, Schwester hin oder her, nicht darum geht, die Wahrheit herauszufinden. Es geht nicht darum, die Story zu verstehen. Denn ihr und ich, meine Herren, wir wissen, dass die Story halt so ist, wie wir sie uns zurechtlegen, und wie h�bsch und nett das auch sein mag, am Ende macht die Geschichte f�r die Toten nicht den geringsten Unterschied. Du, Landsman, du willst dich an diesen Schweinen r�chen. Aber dazu wird es nie kommen. Du wirst sie nie bekommen. Nie im Leben.�</p><p>�Willie-Boy�, sagt Berko. �Los, komm! Dann tu�s nicht f�r ihn. Tu�s nicht, weil seine Schwester Naomi so ein supertolles M�del war.�</p><p>In dem nun folgenden Schweigen gibt er Dick einen dritten Grund, sie aufzukl�ren.</p><p>�Du willst sagen�, sagt Dick, �dass ich es f�r dich tun soll.�</p><p>�Genau.�</p><p>�Weil wir uns im Fr�hling unseres Lebens so viel bedeutet haben.�</p><p>�So weit w�rde ich vielleicht nicht gehen.�</p><p>�Das ist verdammt r�hrend�, sagt Dick. Er beugt sich vor und dr�ckt auf seine Gegensprechanlage. �Minty, hol mein B�renfell aus dem M�ll und bring es rein, damit ich drauf kotzen kann.� Er l�sst die Taste los, ehe Minty antworten kann. �Ich tue einen Schei�dreck f�r dich, Detective Berko Shemets. Aber weil ich deine Schwester mochte, Landsman, binde ich in euren Kopf denselben Knoten, den diese Wiesel in meinen geknotet haben, und dann lass ich euch herausfinden, was das zum Teufel bedeutet.�</p><p>Die T�r geht auf, und eine breite junge Frau kommt herein, wiederum nur halb so gro� wie ihr Chef. Sie tr�gt den B�renfellumhang, als enthalte er den nur fotografisch sichtbaren R�ckstand des auferstandenen Leichnams Jesu Christi. Dick springt auf, greift sich das Fell und bindet es mit einer Grimasse, als bef�rchte er Verseuchung, mit dem Riemen um den Hals.</p><p>�Such dem da einen Mantel und einen Hut�, sagt er, mit dem Daumen auf Landsman weisend. �Irgendwas, das sch�n stinkt, nach Lachsged�rmen oder Muskateller. Nimm den Mantel von Marvin Klag, der liegt besoffen in A7.�</p></section><section><title><p><emphasis>34.</emphasis></p></title><p>Im Sommer 1897 versetzten Mitglieder der Bergsteigergruppe des Italieners Abruzzi, frisch zur�ck von ihrer Bezwingung des Mt. Saint Elias, die Tresenhocker und Telegraphisten in der Stadt Yakutat in helle Aufregung. Sie kehrten von den H�ngen des zweith�chsten alaskischen Gipfels mit der Behauptung zur�ck, eine Stadt im Himmel gesehen zu haben. Stra�en, H�user, T�rme, B�ume, flanierende Menschenmassen, qualmende Schornsteine, eine gro�artige Kultur inmitten der Wolken. Ein gewisser Thornton aus der Gruppe reichte eine Fotografie herum; die auf Thorntons verschwommener Platte festgehaltene Stadt wurde sp�ter als Bristol in England identifiziert, rund zweitausendf�nfhundert transpolare Meilen entfernt. Zehn Jahre sp�ter verspielte der Forschungsreisende Peary ein Verm�gen, als er den Versuch machte, Crocker Land zu finden, ein Land voller stolzer Gipfel, das er und seine M�nner auf einer fr�heren Reise gen Norden hoch oben im Himmel erblickt haben wollten. Fata Morgana hie� so etwas. Eine Spiegelung, hervorgerufen durch Witterung und Licht und die Phantasie von M�nnern, die mit Beschreibungen des Himmels aufwuchsen.</p><p>Meyer Landsman sieht K�he, wei�e Milchk�he mit roten Flecken, die wie Engel �ber breite gr�ne Triften ziehen.</p><p>Die drei Polizisten sind nach Peril Strait hinausgefahren, damit Dick sie mit seiner fragw�rdigen Vision beeindrucken kann. Zwei Stunden lang waren sie ins F�hrerhaus von Dicks Pick-up gezw�ngt, haben geraucht und sich gegenseitig beschimpft, w�hrend sie �ber die Tribal Route 2 rumpelten. Zur�ck durch Meilen tiefen Waldes. Schlagl�cher in der Gr��e von Badewannen. In vandalistischen Mengen st�rzte Regen auf die Windschutzscheibe. Wieder durch das Dorf Jims, eine Ansammlung von Stahld�chern entlang eines Meeresarms, die H�user durcheinandergew�rfelt wie die zehn letzten Dosen mit Bohnen im Regal eines Lebensmittelgesch�fts, kurz vor dem Hurrikan. Hunde und Jungen und Basketballk�rbe, ein alter Pritschenwagen, dessen Form von Unkraut und stacheliger Kr�henbeere nachgebildet wird, eine Chim�re aus Lastwagen und Laub. Gleich hinter der fahrbaren Kirche der Pfingstbewegung wich die Tribal Route einer Piste aus Sand und Schotter. F�nf Meilen weiter entwickelte sie sich noch weiter zur�ck in einen in den Modder geschnittenen Strich. Dick fluchte und k�mpfte mit dem Schaltkn�ppel, w�hrend sein gro�er GMC auf den Wogen aus Schlamm und Kies trieb. Bremse und Gaspedal waren f�r einen Mann von seiner Statur ausgelegt, und er handhabte sie wie Horowitz, der durch einen Sturm von Liszt segelt. Bei jedem Schlagloch wurde eine kritische Stelle in Landsman von Berkos schwankender Masse eingedr�ckt.</p><p>Als kein Schlamm mehr da war, stiegen sie aus dem Pick-up und marschierten durch dichtgepflanzte Hemlocktannen. Der Boden war rutschig, der Weg eher ein Vorschlag des zerfetzten gelben Polizeiabsperrbands in den B�umen. Nach zehn platschenden, glucksenden Minuten endete der Pfad vor einem elektrischen Zaun inmitten dichten Nebels, der zeitweise in richtigen Regen �bergehen wollte. Tief in die Erde getriebene Betonpylone, straffe, gleichm��ige Dr�hte. Ein sorgf�ltig gezogener Zaun, ein guter Zaun. F�r Juden eine brutale Geste auf Indianerland, eine Geste ohne Beispiel oder Berechtigung, soweit Landsman wei�.</p><p>Auf der anderen Seite des elektrischen Zauns schimmert die Fata Morgana: Gras. Weideland, fett und gl�nzend. Einhundert h�bsche, gefleckte Rinder mit zarten K�pfen.</p><p>�K�he�, sagt Landsman, und das Wort klingt wie ein Muh des Zweifels.</p><p>�Sehen aus wie Milchk�he�, sagt Berko.</p><p>�Das sind Ayrshires�, sagt Dick. �Als ich das letzte Mal hier war, hab ich ein paar Fotos gemacht. Ein Professor f�r Landwirtschaft unten in Davis, Kalifornien, hat sie f�r mich analysiert. �Eine schottische Rasse�.� Dick zieht seine Stimme durch die Nase, �fft den kalifornischen Professor nach. �Bekannt f�r ihre Robustheit und ihre F�higkeit, in n�rdlichen Breiten zu gedeihen.�</p><p>�K�he�, sagt Landsman noch einmal. Es will ihm einfach nicht gelingen, das unheimliche Gef�hl von Deplatzierung, von Luftspiegelung abzusch�tteln, das Gef�hl, etwas zu sehen, was nicht da ist. Etwas, das er dennoch kennt, das er erkennt, eine halberinnerte Wirklichkeit aus den Geschichten vom Himmel oder aus seiner eigenen Vergangenheit. Seit den Tagen auf dem �Ickes College�, als die Alaskan Development Corporation Traktoren, Samen und D�nges�cke an die Bootsladungen voller Fl�chtlinge verteilte, haben die Juden des Distrikts eine j�dische Farm ertr�umt und erzweifelt. �K�he in Alaska.�</p><p>Die Generation der Eisb�ren erlebte zwei gro�e Entt�uschungen. Die erste, die d�mmere, entlud sich, als es im sagenumwobenen Norden nicht Eisberge, Eisb�ren, Walrosse, Pinguine, Tundra, Schnee in rauen Mengen und vor allem keine Eskimos gab. Tausende von Gesch�ften in Sitka tragen noch heute verbitterte, phantasievolle Namen wie Walross-Apotheke, Haarteile Eskimo oder Nanook�s Taverne.</p><p>Die zweite Entt�uschung wurde in beliebten Liedern aus jener Epoche gefeiert, beispielsweise in �Ein gr�ner K�fig�. Die zwei Millionen Juden, die von Bord gingen, fanden keine wogende, mit B�ffeln besprenkelte Pr�rie vor. Keine federgeschm�ckten Indianer zu Pferde. Nur eine Kette �berfluteter Berge und f�nfzigtausend Tlingit, die bereits den Gro�teil des flachen und nutzbaren Landes in Besitz hatten. Kein Platz, um sich auszudehnen, um zu wachsen, um etwas anderes zu tun, als genauso beengt wie in Vilna oder Lodz zusammenzuhocken. Die Grundbesitztr�ume von Millionen j�discher Heimatloser, gen�hrt durch Filme, leichte Literatur und die vom amerikanischen Innenministerium zur Verf�gung gestellten Informationsbrosch�ren, erstarben fast unmittelbar nach der Ankunft. Alle paar Jahre erwarb die eine oder andere utopische Gesellschaft einen gr�nen Landstrich, der irgendwelche Tr�umer an eine Kuhwiese erinnerte. Dann gr�ndete man dort eine Kolonie, importierte Vieh, setzte ein Manifest auf. Und dann begannen das Klima, die M�rkte und die Prise Verh�ngnis, die das j�dische Leben stets durchzieht, ihre Wirkung zu entfalten. Die Traumfarm welkte dahin und ging ein.</p><p>Jetzt hat Landsman das Gef�hl, diesen alten Traum vor sich zu sehen, gl�nzend und gr�nend. Ein Trugbild des alten Optimismus, die Hoffnung auf eine Zukunft, mit der er aufwuchs. Die Zukunft selbst, so scheint es ihm jetzt, sie selbst war die Fata Morgana.</p><p>�Die eine da ist irgendwie komisch�, sagt Berko. Er blickt durch das Fernrohr, das Dick mitgenommen hat, und Landsman h�rt, wie etwas an Berkos Stimme zerrt wie ein Fisch am Ende der Leine.</p><p>�Gib mal�, sagt Landsman, nimmt das Fernglas und h�lt es vor die Augen. Er tut sein Bestes, aber er sieht nichts als K�he. �Komisch wie: sie bringt dich zum Lachen?�</p><p>�Die da. Bei den beiden da dr�ben, die in die andere Richtung guckt.�</p><p>Berko f�hrt das Glas mit schroffer Hand, richtet es auf eine Kuh, deren gesprenkeltes Fell vielleicht von einem satteren Rot ist als das ihrer Schwestern, von einem strahlenderen Wei�, deren Kopf kr�ftiger ist, weniger damenhaft. Wie gierige Finger rupfen ihre Lippen am Gras.</p><p>�Die ist ein bisschen anders�, gibt Landsman zu. �Und?�</p><p>�Ich wei� nicht�, sagt Berko, und es klingt nicht ganz ehrlich. �Willie, wei�t du ganz genau, dass diese K�he unseren geheimnisvollen Juden geh�ren?�</p><p>�Wir haben die kleinen Cowboyjuden mit eigenen Augen gesehen�, sagt Dick. �Die zu dem Lager oder der Schule geh�ren oder was auch immer das ist. Haben die Tiere zusammengetrieben. Da runter, zum Campus. So ein herrischer kleiner schottischer Hund hat ihnen dabei geholfen. Meine Jungs und ich sind ihnen eine Zeit lang gefolgt.�</p><p>�Sie haben euch nicht bemerkt?�</p><p>�Es wurde schon dunkel. Au�erdem, was glaubst du eigentlich, nat�rlich haben die uns nicht bemerkt, wir sind schlie�lich Indianer, verdammt nochmal. Rund eine halbe Meile weiter ist eine Molkerei, das Neuste vom Neustem. Zwei Silos. Mittelgro�er Betrieb, und er geh�rt definitiv nur Juden.�</p><p>�Was l�uft hier eigentlich ab?�, fragt Landsman. �Ist das jetzt eine Entziehungsklinik oder ein Milchhof? Oder eine seltsame Kommandoausbildungseinrichtung, die so tut, als w�re sie beides?�</p><p>�Dieses Kommando mag die Milch am liebsten frisch von der Kuh�, sagt Dick.</p><p>Sie stehen eine Weile da und betrachten die K�he. Landsman bek�mpft den Drang, sich gegen den elektrischen Zaun zu lehnen. In ihm ist ein n�rrischer Teufel, der das Rasseln des Stroms sp�ren will. In ihm ist ein Strom, der den Teufel im Draht sp�ren will. Etwas st�rt ihn, nagt an ihm, etwas an dieser Vision, diesem Crocker Land der K�he. Wie wirklich es auch sein mag, es ist unm�glich. Es sollte nicht hier sein; kein Jid sollte in der Lage sein, einen derartig gro�en Grundbesitz zu stemmen. Landsman hat viele der gro�en und b�sen Juden seiner Generation gekannt oder mit ihnen zu tun gehabt, mit den Reichen, den verr�ckten Utopisten, den sogenannten Vision�ren, den Politikern, die sich die Gesetze auf der Drehbank drechseln. Landsman denkt an die Warlords der russischen Viertel mit ihrem Vorrat an Waffen, Diamanten und St�rrogen. Er geht sein geistiges Register von Schmuggelk�nigen und Graumarktmogulen durch, von Gurus unbedeutenderer Kulte. M�nner mit Einfluss, Beziehungen, unbegrenzten Mitteln. Keiner von ihnen h�tte das hier durchziehen k�nnen, nicht einmal Heskel Shpilman oder Anatoly Moskowits, das wilde Tier. Egal wie m�chtig�� jeder Jid im Distrikt ist gefesselt durch die Leine von 1948. Sein K�nigreich ist an seine Nussschale gebunden. Sein Himmel ist eine gemalte Kuppel, sein Horizont ein Elektrozaun. Er ist nur so frei wie ein Ballon an einer Schnur.</p><p>Unterdessen zerrt Berko auf eine Art und Weise am Knoten seiner Krawatte, die Landsman mit dem nahe bevorstehenden Formulieren einer Theorie zu assoziieren gelernt hat.</p><p>�Was ist, Berko?�, fragt er.</p><p>�Das ist keine wei�e Kuh mit roten Flecken�, sagt Berko mit Entschiedenheit. �Das ist eine <emphasis>rote</emphasis> Kuh mit <emphasis>wei�en</emphasis> Flecken.�</p><p>Er setzt seinen Hut auf den Hinterkopf und sch�rzt die Lippen. Er macht mehrere Schritte vom Zaun weg und zieht die Hosenbeine hoch. Langsam trottet er auf den Zaun zu. Zu Landsmans Schreck, Schock und leichtem Stolz springt Berko ab. Seine massige Gestalt hebt sich vom Erdboden. Ein Bein streckt er vor, das andere winkelt er nach hinten ab. Seine angehobenen Hosenaufschl�ge geben den Blick auf gr�ne Socken und blasse Schienbeine frei. Dann landet er mit kr�ftigem Prusten auf der anderen Seite des Zauns. Kurz schwankt er unter seinem eigenen Gewicht, dann st�rzt er voran in die Welt der K�he.</p><p>�Was soll der Schei�?�, sagt Landsman.</p><p>�Theoretisch muss ich ihn jetzt verhaften�, sagt Dick.</p><p>Die K�he reagieren auf das Eindringen mit Protest und Beschwerde, aber nur sehr geringen Gef�hlsausbr�chen. Berko steuert geradewegs auf die zu, die sein Interesse erregt hat, marschiert zu ihr hin. Sie scheut zur�ck, muht. Er hebt die Arme, die Handteller nach au�en gekehrt. Er spricht zu ihr in Jiddisch, Englisch, Tlingit, Alt- und Neubovinisch. Langsam umkreist er sie, mustert sie von oben bis unten. Landsman kann Berko verstehen; diese Kuh ist nicht wie die anderen, weder von der Gestalt noch von der Farbe.</p><p>Die Kuh l�sst Berkos Inspektion �ber sich ergehen. Er legt eine Hand auf ihre Ohrmarke, und sie wartet, Hufe gespreizt, x-beinig, den Kopf lauschend geneigt. Berko b�ckt sich und betrachtet sie von unten. Er f�hrt mit den Fingern �ber ihre Rippen, den Nacken hinauf bis zu ihrem hornlosen Sch�del, dann zur�ck �ber ihre Flanken zur zelt�hnlichen Form ihrer H�ften. Dort h�lt seine Hand inne, mitten in einem wei�en Fellflecken. Berko hebt die rechte Hand an den Mund, befeuchtet die Fingerspitzen und reibt dann in kreisf�rmiger Bewegung �ber den wei�en Fleck am Rumpf der Kuh. Er nimmt die Finger fort, betrachtet sie, grinst, runzelt die Stirn. Dann stapft er �ber das Feld zur�ck und bleibt vor Landsman am Zaun stehen.</p><p>Er hebt die rechte Hand wie eine feierliche Parodie des indianischen Gru�es auf Zigarrenschachteln, und Landsman sieht, dass an seinen Fingern wei�e Farbe haftet.</p><p>�Aufgemalte Flecke�, sagt er.</p><p>Dann nimmt er Anlauf und kommt wieder auf den Zaun zugerannt. Landsman und Dick gehen ihm aus dem Weg, und er ist in der Luft, und dann summt der Boden unter seinem Aufprall.</p><p>�Angeber�, sagt Landsman.</p><p>�Immer schon�, sagt Dick.</p><p>�Und�, sagt Landsman, �was meinst du damit? Ist die Kuh verkleidet?�</p><p>�Genau das meine ich.�</p><p>�Jemand hat wei�e Flecke auf eine rote Kuh gemalt.�</p><p>�So sieht es aus.�</p><p>�Diese Tatsache ist f�r dich von Bedeutung.�</p><p>�In gewisser Weise�, sagt Berko. �In einem bestimmten Kontext. Ich glaube, die Kuh k�nnte eine rote F�rse sein.�</p><p>�H�r mir auf�, sagt Landsman. �Eine rote F�rse.�</p><p>�Das ist was J�disches, nehme ich an�, sagt Dick.</p><p>�Wenn der Tempel in Jerusalem wieder errichtet wird�, sagt Berko, �und es Zeit ist, das traditionelle S�hneopfer darzubringen. Die Bibel sagt, daf�r braucht man eine besondere Art von Kuh. Eine rote F�rse, ohne Makel. Rein. Ich sch�tze, die sind ziemlich selten, reine rote F�rsen. Ich glaube, seit Anbeginn der Zeit gab es nur neun davon. Es w�re wirklich cool, eine zu finden. Das w�re so was wie ein f�nf bl�ttriges Kleeblatt.�</p><p>�Wenn der <emphasis>Tempel</emphasis> wieder errichtet wird�, sagt Landsman und denkt an den Zahnarzt Buchbinder und sein verr�cktes Museum. �Und das ist nach der Ankunft von Messias?�</p><p>�Manche meinen�, sagt Berko langsam und beginnt zu verstehen, was Landsman zu verstehen beginnt, �Messias warte so lange, bis der Tempel wieder errichtet sei. Bis der Altardienst wieder eingef�hrt werde. Blutopfer, Priesterschaft, das ganze Brimborium.�</p><p>�Wenn man also, sagen wir mal, eine rote F�rse f�nde. Und die ganzen Werkzeuge zur Verf�gung h�tte, ja? Die komischen H�te und all den Kram. Und wenn man, hm, wenn man den Tempel aufbauen w�rde � dann k�nnte man Messias praktisch zwingen zu kommen?�</p><p>�Ich bin bestimmt kein gl�ubiger Mensch, wei� Gott nicht�, wirft Dick ein. �Aber ich f�hle mich zu dem Hinweis gen�tigt, dass der Messias schon mal da war und ihr Schweine den Hurensohn abgemurkst habt.�</p><p>In der Ferne h�ren sie eine Menschenstimme, verst�rkt durch einen Lautsprecher, sie spricht jenes sonderbare W�stenhebr�isch. Bei dem Klang stolpert Landsmans Herz, und er macht einen Schritt auf den Pick-up zu.</p><p>�Lasst uns abhauen�, sagt er. �Ich habe diese M�nner schon kennengelernt und den starken Eindruck, dass sie nicht besonders freundlich sind.�</p><p>Als sie wieder sicher im Fahrzeughaus sitzen, startet Dick den Motor, l�sst ihn aber im Leerlauf und tritt auf die Bremse. Da sitzen sie, erf�llen die Kabine mit Zigarettenrauch. Landsman schnorrt eine von Dicks schwarzen Zigarren und muss zugeben, dass sie ein feines Beispiel f�r die Kunstfertigkeit des Drehers ist.</p><p>�Ich red jetzt einfach mal drauflos, Willie�, sagt Landsman, nachdem er die Nat Sherman halb zu Ende geraucht hat. �Und du versuchst, mich zu widerlegen.�</p><p>�Ich werde mein Bestes tun.�</p><p>�Auf dem Weg hier raus haben wir geredet, und du hast auf einen gewissen � �hm, einen gewissen Duft angespielt, den dieser Ort verstr�mt.�</p><p>�Stimmt.�</p><p>�Hier stinkt�s nach Geld, hast du gesagt.�</p><p>�Diese Cowboys haben Geld im R�cken, gar keine Frage.�</p><p>�Aber von dem Augenblick an, als ich zum ersten Mal von dieser Einrichtung geh�rt habe, hat mich etwas gest�rt. Ich gehe davon aus, dass ich den gr��ten Teil des Betriebs gesehen habe. Vom Schild am Landeplatz f�rs Wasserflugzeug bis hin zu diesen K�hen. Und jetzt st�rt es mich noch mehr.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Tut mir leid, aber mir ist egal, mit wie viel Geld die hier rumwerfen. Ich kaufe dir ja ab, dass jemand aus eurem Stammesrat hin und wieder Schmiergeld von den Juden nimmt. Gesch�ft ist Gesch�ft, ein Dollar ist ein Dollar und so weiter. Wer wei�, ich habe schon die Theorie geh�rt, dass illegale Geldschiebereien �ber die Grenze die �u�erste M�glichkeit seien, so etwas wie Frieden, Liebe und Vers�hnung zwischen Juden und Indianern hinzubekommen.�</p><p>�Wie niedlich.�</p><p>�Und diese Juden hier wollen offenbar nicht, dass das, was sie machen, bekannt wird, sie wollen diese Neuigkeiten scheinbar nicht mit anderen Juden teilen. Dabei ist dieser Distrikt ein Haus mit zu vielen Bewohnern und zu wenig Zimmern. Jeder wei� �ber jeden Bescheid. Niemand in Sitka hat ein Geheimnis, Sitka ist nichts anderes als ein gro�es Schtetl. Wenn man ein Geheimnis hat, leuchtet es ein, es hier drau�en zu verstecken.�</p><p>�Aber?�</p><p>�Aber Gestank hin oder her, Gesch�ft hin oder her, Geheimnis hin oder her, tut mir leid, nie und nimmer w�rden die Tlingit zulassen, dass ein Haufen Juden hierherkommt, ins Herz des Indianerlandes, und das alles baut. Ganz egal, mit wie viel j�discher Kohle sie um sich werfen.�</p><p>�Du willst sagen, nicht mal wir Indianer sind so r�ckgratlos und verkommen. Um unseren schlimmsten Feind hier derart Fu� fassen zu lassen.�</p><p>�Sagen wir lieber, wir Juden sind die schlimmsten Betr�ger der Welt, wir regieren die Welt von unserem geheimen Hauptquartier auf der dunklen Seite des Mondes aus. Aber selbst wir haben unsere Grenzen. Gef�llt dir das besser?�</p><p>�Da widerspreche ich nicht.�</p><p>�Die Indianer w�rden das niemals erlauben, wenn sie nicht mit einem riesigen Gewinn rechneten. Einem gewaltigen. So gro� wie der Distrikt, sagen wir mal.�</p><p>�Sagen wir mal�, sagt Dick mit belegter Stimme.</p><p>�Ich nehme an, der amerikanische Beitrag zu der ganzen Sache war lediglich, Naomis Absturzakte verschwinden zu lassen. Aber kein Jude k�nnte jemals so einen Gewinn garantieren.�</p><p>�Der Pinguin-Pulli�, sagt Berko. �Er sorgt daf�r, dass die Indianer den Distrikt zugesprochen bekommen, wenn wir weg sind. Daf�r helfen die Indianer den Verbovern und deren Freunden, ihren kleinen geheimen Milchhof da drau�en aufzubauen.�</p><p>�Aber was hat der Pinguin-Pulli davon?�, fragt Landsman. �Was ist f�r die USA drin?�</p><p>�Jetzt bist du an einem Ort gro�er Dunkelheit angelangt, Bruder Landsman�, sagt Dick und legt den Gang ein. �Den du, wie ich bef�rchte, ohne Wilfred Dick wirst betreten m�ssen.�</p><p>�Ich sage das ja nicht gerne, Cousin�, sagt Landsman zu Berko und legt ihm die Hand auf die Schulter, �aber ich glaube, wir m�ssen runter zum Massakerfeld.�</p><p>�God fucking damn it�, sagt Berko.</p></section><section><title><p><emphasis>35.</emphasis></p></title><p>Zweiundvierzig Meilen s�dlich der Stadtgrenze von Sitka schwankt ein Haus aus alten Brettern und grauen Schindeln auf zwei Dutzend Pf�hlen �ber dem Morast. Ein namenloses Sumpfgebiet, strotzend vor B�ren, das zu Methanbl�hungen neigt. Ein Friedhof f�r Ruderboote, Ausr�stung, Pick-ups und, irgendwo tief unten, ein Dutzend russischer Pelzj�ger mit ihren aleutischen Hundesoldaten. An einem Ende des Sumpfes, hinten im Gestr�pp, steht ein herrliches Langhaus der Tlingit, das von Brombeerrose und Teufelskeule zerpfl�ckt wird. Auf der anderen Seite erstreckt sich ein steiniger Strand, �bers�t mit Tausenden schwarzer Kiesel, in die ein altes Volk die Formen von Tieren und Sternen ritzte. Es war an diesem Strand im Jahr 1854, wo jene zw�lf <emphasis>promyshlenniki</emphasis> und Aleuten unter Jewgeni Simonow ihr blutiges Ende durch die H�nde eines Tlingit-H�uptlings namens Kohklux fanden. �ber ein Jahrhundert sp�ter wurde die Ururenkelin von H�uptling Kohklux, eine Mrs. Pullman, die zweite indianische Frau eines ein Meter f�nfundsechzig gro�en j�dischen Schachspielers und Meisterspions namens Hertz Shemets.</p><p>Im Schach wie in der geheimen Staatskunst war Onkel Hertz bekannt f�r sein Zeitgef�hl, seine �bertriebene Vorsicht und seine peinlich genaue Vorbereitung. Er besorgte sich Informationen �ber seinen Gegner, fertigte eine t�dliche Studie von ihm an. Er suchte ein Muster von Schw�chen, den nicht zu l�senden Komplex, den Tick. F�nfundzwanzig Jahre lang f�hrte er einen geheimen Feldzug gegen die Menschen auf der anderen Seite der Grenze, versuchte, ihre Macht �ber das Indianerland zu schw�chen, und mit der Zeit wurde er zu einer anerkannten Kapazit�t in Bezug auf ihre Kultur und Geschichte. Er lernte, die Tlingit-Sprache mit ihren bonbonlutschenden Vokalen und z�hen Konsonanten zu genie�en. Gr�ndlich erforschte er den Duft und das Gewicht von Tlingit-Frauen.</p><p>Als er Mrs. Pullman heiratete (niemand nannte die Dame jemals Mrs. Shemets, m�ge sie in Frieden ruhen), entwickelte er ein Interesse am Sieg ihres Ururgro�vaters �ber Simonow. Stundenlang sa� er in der Bibliothek der Bronfman University und br�tete �ber Landkarten aus der Zarenzeit. Er kommentierte die Interviews von methodistischen Missionaren mit neunundneunzigj�hrigen Tlingit-Weibern, die sechs Jahre alt gewesen waren, als die Kriegsbeile auf die russischen Quadratsch�del einschlugen. Er entdeckte, dass das Massakerfeld in der Erhebung des Geologischen Dienstes von 1949, jener Erhebung, die die Grenzen des Distrikts Sitka festlegte, aus irgendeinem Grund als Tlingit-Land ausgewiesen war. Obwohl es westlich der Baranof-Kette liegt, geh�rt das Massakerfeld den Ureinwohnern, ein gr�nes Symbol des Indianertums auf der j�dischen Seite von Baranof Island. Als Hertz diesen Fehler entdeckte, sorgte er daf�r, dass Berkos Stiefmutter das Land aufkaufte. Das Geld daf�r stammte, wie Dennis Brennan sp�ter nachwies, aus Hertz� Schmiergeldfonds der COINTELPRO. Auf dieses Land baute er sein spinnenbeiniges Haus. Und als Mrs. Pullman starb, erbte Hertz Shemets das Simonow-Massakerfeld. Er erkl�rte es zum lausigsten Indianerreservat der Welt und sich selbst zum lausigsten Indianer.</p><p>�Arschloch�, sagt Berko weniger grollend, als Landsman erwartet haben k�nnte, und betrachtet durch die Windschutzscheibe des Super Sport die gebrechliche Unterkunft seines Vaters.</p><p>�Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?�</p><p>Berko wendet sich mit verdrehten Pupillen seinem Kollegen zu, als gehe er im Kopf eine Akte �ber Landsman durch, um eine Frage zu finden, auf die eine Antwort noch weniger n�tig gewesen w�re.</p><p>�Ich will dich mal was fragen, Meyer. Wenn du ich w�rst, wann h�ttest du ihn dann zum letzten Mal gesehen?�</p><p>Landsman parkt den Super Sport hinter dem Buick Roadmaster des Alten, ein schlammverkrustetes blaues Monstrum mit falschem Holz und einem Aufkleber, der auf Jiddisch und Englisch das WELTBER�HMTE SIMONOW-MASSAKERFELD UND ORIGINAL TLINGIT-LANG-HAUS anpreist. Obgleich die Attraktion schon l�nger nicht mehr am Stra�enrand existiert, ist der Sticker strahlend neu. Im Langhaus stapelt sich ein Dutzend Kartons voller Aufkleber.</p><p>�Gib mir einen Tipp�, sagt Landsman.</p><p>�Witze �ber Beschneidung.�</p><p>�Ah so.�</p><p>�Jeder einzelne je erz�hlte Witz �ber Beschneidung.�</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass es so viele gibt�, sagt Landsman. �Da hast du ja was gelernt.�</p><p>�Komm�, sagt Berko und steigt aus dem Auto. �Bringen wir es hinter uns.�</p><p>Landsman mustert das gewaltige Originallanghaus im trockenen Dickicht von Brombeerrosenranken und Teufelskeule, eine bunt bemalte Ruine. Tats�chlich ist nichts an dem Langhaus original. Hertz Shemets baute es mit Hilfe von zwei indianischen Schw�gern, seinem Neffen Meyer und seinem kleinen Sohn Berko im Sommer, nachdem der Junge auf die Adler Street gezogen war. Er baute es aus Spa�, ohne den Plan, es zu einem Ausflugsziel zu machen. Das versuchte er erst nach seiner Enteignung, leider vergeblich. In jenem Sommer war Berko f�nfzehn und Landsman zwanzig. Der J�ngere formte jede Seite seiner Pers�nlichkeit so, dass sie den Vorgaben Landsmans entsprach. Zwei volle Monate widmete er der Aufgabe, die Stichs�ge so wie Landsman zu bet�tigen, mit einer auf der Lippe h�pfenden Papiros, deren Rauch ihm in den Augen brannte. Damals hatte sich Landsman schon entschlossen, die Aufnahmepr�fung bei der Polizei zu machen, und in jenem Sommer erkl�rte Berko dieses ebenfalls zu seiner Ambition. Wenn Landsman davon gesprochen h�tte, eine Schmei�fliege zu werden, h�tte auch Berko eine M�glichkeit gefunden, den Dung zu lieben.</p><p>Wie die meisten Polizisten segelt Landsman doppelwandig gegen das Ungl�ck an, gesch�tzt gegen Seegang und Sturm. Es sind die Untiefen, um die er sich sorgen muss, die Haarrisse, die kleinen Launen des Drehmoments. Die Erinnerung an jenen Sommer beispielsweise, oder der Gedanke, dass er schon l�ngst die Geduld eines Jungen ersch�pft hat, der einst tausend Jahre gewartet h�tte, um eine Stunde lang mit ihm gemeinsam mit dem Luftgewehr B�chsen vom Zaun zu schie�en. Der Anblick des Langhauses bricht eine kleine, bisher noch ungebrochene Facette in Landsmans Herz. Alles, was sie hier in jener kurzen Minute in diesem Winkel der Welt gemacht haben, hat sich im Dorngestr�pp von Brombeerrose und Vergessen aufgel�st.</p><p>�Berko�, sagt er, als sie durch den halb gefrorenen Morast des lausigsten Indianerreservats der Welt knirschen. Er fasst seinen Cousin am Ellenbogen. �Tut mir leid, dass ich so durch den Wind war.�</p><p>�Du musst dich nicht entschuldigen, Meyer�, sagt Berko. �Das ist nicht deine Schuld.�</p><p>�Mir geht�s jetzt besser. Ich bin wieder da�, sagt Landsman, und kurz klingen die Worte in seinen Ohren wahr. �Ich wei� nicht, wie das kam. Vielleicht durch die Unterk�hlung. Oder durch diese ganze Sache mit Shpilman. Oder, gut, vielleicht auch dadurch, dass ich die Finger vom Sprit gelassen habe. Aber ich bin wieder so wie fr�her.�</p><p>�Hm.�</p><p>�Glaubst du das nicht?�</p><p>�Doch, Meyer.� Berko k�nnte genauso gut einem Kind oder einem Irren beipflichten. Er k�nnte genauso gut gar nicht beipflichten. �Du kommst mir ganz normal vor.�</p><p>�Ausdr�ckliche Unterst�tzung.�</p><p>�Ich will jetzt nicht dar�ber sprechen, ja, macht das was? Ich will da jetzt einfach nur rein, dem Alten unsere Fragen vorsetzen und dann schnell zur�ck zu Ester-Malke und den Jungs. Kommst du damit klar?�</p><p>�Sicher, Berko. Nat�rlich.�</p><p>�Danke.�</p><p>Sie stapfen �ber erstarrten Schlick aus Schlamm, Schotter und gefrorenen Pf�tzen, mit einem d�nnen Trommelfell aus Eis bespannt. Eine Comictreppe, zersplittert und wackelig, f�hrt zu einer wettergrauen Zedernholzt�r. Sie h�ngt schief in den Angeln und ist mit dicken Gummistreifen provisorisch auf den Winter vorbereitet.</p><p>�Als du meintest, es w�re nicht meine Schuld�, f�ngt Landsman an.</p><p>�Mann! Ich muss pissen.�</p><p>�Das bedeutet doch, dass du mich f�r verr�ckt h�ltst. F�r geisteskrank. Dass ich nicht verantwortlich bin f�r das, was ich tue.�</p><p>�Ich klopfe jetzt an diese T�r, Meyer.�</p><p>Dann klopft er zweimal, heftig genug, um die Angeln zu gef�hrden.</p><p>�Ungeeignet, eine Dienstmarke zu tragen�, sagt Landsman und w�nscht sich von Herzen, das Thema fallen lassen zu k�nnen. �In anderen Worten.�</p><p>�Das hat deine Exfrau gesagt, nicht ich.�</p><p>�Aber du widersprichst ihr nicht.�</p><p>�Was wei� ich denn �ber Geisteskrankheiten?�, sagt Berko. �Ich bin nicht derjenige, der festgenommen wurde, weil er drei Stunden entfernt von zu Hause nackt durch den Wald lief, nachdem er einem Mann mit einem eisernen Bettrahmen den Sch�del eingeschlagen hat.�</p><p>Hertz Shemets kommt an die T�r, sein Unterkiefer ist so frisch rasiert wie ein Blutstropfen. Er tr�gt einen grauen Flanellanzug �ber einem wei�en Hemd und einer mohnroten Krawatte. Er riecht nach Vitamin B, Spr�hst�rke, ger�uchertem Fisch. Er ist winziger denn je, zappelig wie eine Holzfigur an einem Stock.</p><p>�Alter Junge!�, ruft er Landsman zu und bricht ein paar Knochen in der Hand seines Neffen.</p><p>�Siehst gut aus, Onkel Hertz�, sagt Landsman. Bei n�herem Hinschauen entdeckt er, dass der Anzug an den Ellenbogen und Knien gl�nzt. Die Krawatte legt Zeugnis von einer Suppe ab und wurde nicht �ber den weichen Kragen eines Hemdes geschlungen, sondern um ein wei�es Pyjamaoberteil, hastig in die Hose gestopft. Aber Landsman hat gut kritisieren. Er tr�gt seinen Notfallanzug, herausgerissen aus der Spalte hinten im Kofferraum und glattgezogen, ein schwarzes Teil aus Viskose-Wollgemisch mit Goldkn�pfen, die wie r�mische M�nzen aussehen sollen. Einmal lieh er sich den Anzug in letzter Minute f�r eine Beerdigung, an der teilzunehmen er vorgehabt, aber vergessen hatte, lieh ihn sich von einem ungl�ckseligen Spieler namens Glucksman. Der Anzug bringt es zustande, begr�bnisf�hig und fr�hlich zugleich auszusehen, er hat hartn�ckige Falten und riecht nach Detroiter Kofferraum.</p><p>�Danke f�r die Warnung�, sagt Onkel Hertz und l�sst Landsmans ruinierte Hand los.</p><p>�Der da h�tte dich lieber �berrascht�, sagt Landsman und nickt Berko zu. �Aber ich wei�, dass du gerne nach drau�en gehst und etwas f�r uns erlegst.�</p><p>Onkel Hertz legt die Handfl�chen zusammen und verbeugt sich. Wie ein wahrer Einsiedler nimmt er seine Pflichten als Gastgeber sehr ernst. Wenn es nicht viel zu jagen gab, wird er etwas sch�n Marmoriertes aus der Tiefk�hltruhe geholt und es mit M�hren, Zwiebeln und einer zerdr�ckten Handvoll Kr�uter, die er anbaut und in der H�tte hinter dem Holzhaus trocknet, auf den Herd gestellt haben. Er wird daf�r gesorgt haben, dass Eis f�r den Whisky und kaltes Bier f�r den Schmortopf da sind. Vor allem wird er sich rasiert und eine Krawatte umgebunden haben.</p><p>Der alte Mann sagt Landsman, er solle ins Haus gehen, und Landsman gehorcht ihm, sodass Hertz seinem Sohn allein gegen�bersteht. Landsman schaut zu, ein interessierter Dritter, wie alle j�dischen M�nner seit dem Moment, als Abraham Isaak hie�, sich auf den Berg zu legen und seinen pochenden Brustkorb vor dem Himmel zu entbl��en. Der alte Mann streckt die Hand aus und greift nach dem �rmel von Berkos Holzf�llerhemd. Er rollt den Stoff zwischen den Fingern. Berko l�sst die Pr�fung mit aufrichtiger Leidensmiene �ber sich ergehen. Es muss ihn umbringen, das wei� Landsman, in etwas anderem als seinem besten italienischen Zwirn vor seinen Vater zu treten.</p><p>�Und, wo ist deine Holzf�lleraxt?�, sagt der alte Mann schlie�lich.</p><p>�Keine Ahnung�, sagt Berko. �Vielleicht da, wo auch deine Schlafanzughose ist.�</p><p>Berko streicht die Falte glatt, die sein Vater in den �rmel gekniffen hat. Er geht an dem alten Mann vorbei und tritt ins Haus.</p><p>�Arschloch�, sagt er fast lautlos. Innen k�ndigt er an, die Toilette besuchen zu m�ssen.</p><p>�Sliwowitz�, sagt der alte Mann und geht zu den Flaschen, eine gedr�ngte Skyline auf einem schwarzen Lacktablett wie eine Miniaturnachbildung von Shvartser-Yam. �Stimmt�s?�</p><p>�Wasser�, sagt Landsman. Als sein Onkel eine Augenbraue hebt, zuckt er mit den Achseln. �Hab einen neuen Arzt. Inder. Will, dass ich mit dem Trinken aufh�re.�</p><p>�Und seit wann h�rst du auf �rzte oder Inder?�</p><p>�Tue ich nicht�, gibt Landsman zu.</p><p>�Selbstbehandlung ist eine Landsman-Tradition.�</p><p>�Judesein auch�, sagt Landsman. �Und du siehst ja, was wir davon haben.�</p><p>�Seltsame Zeiten f�r Juden�, stimmt der alte Mann zu. Er wendet sich von der Bar ab und reicht Landsman ein Highballglas mit einer Zitronenscheibe als Jarmulke. Dann schenkt er sich ein gro�z�giges Glas Sliwowitz ein und h�lt es Landsman mit einem Ausdruck humorvoller Grausamkeit hin, den Landsman gut kennt und in dem er schon lange keinen Humor mehr erkennen kann.</p><p>�Auf seltsame Zeiten�, sagt der Alte.</p><p>Er trinkt das Glas aus, und als er Landsman ansieht, gl�ht er wie ein Mann, der gerade etwas Geistreiches gesagt hat, �ber das der ganze Raum lacht. Landsman wei�, wie sehr es Hertz wehtun muss zu sehen, dass das Schiff, das er so viele Jahre mit all seinem Geschick und all seiner Kraft durch den Fluss gesteuert hat, nun immer n�her an die Wasserf�lle der Reversion herantreibt. Er gie�t sich schnell ein zweites Glas ein und kippt es ohne jedes Zeichen von Vergn�gen hinunter. Jetzt ist es an Landsman, die Augenbraue zu heben.</p><p>�Du hast deinen Arzt�, sagt Onkel Hertz. �Und ich habe meinen.�</p><p>Onkel Hertz� H�tte ist ein einziger gro�er Raum mit einer Galerie, die sich �ber drei W�nde zieht. Der Raum l�sst einen �ber die Anatomie und Verletzlichkeit alles Lebenden gr�beln; die gesamte Einrichtung und Dekoration besteht aus Horn, Bein, Sehnen, Fell und Pelz. Die Galerie erreicht man �ber einen steilen Aufstieg hinten, neben der K�chenzeile. In einer Ecke ist das Bett des alten Mannes, sauber gemacht. Neben dem Bett steht auf einem kleinen runden Tisch ein Schachbrett. Die Figuren sind aus Rosenholz und Ahorn. Einem der wei�en Ahornspringer fehlt das linke Pferdeohr. Einer der schwarzen Rosenholzbauern hat eine helle Macke am Kopf. Das Brett wirkt vernachl�ssigt, chaotisch; zwischen den Figuren steht ein Inhalierstift von Wick, eine m�gliche Bedrohung f�r den wei�en Springer auf e 1.</p><p>�Ich sehe, du spielst die Menthol-Verteidigung�, sagt Landsman und dreht das Brett, um besser sehen zu k�nnen. �Fernschach?�</p><p>Hertz bedr�ngt Landsman, verstr�mt seinen Zwetschgenbrandatem, und die Unternote von Hering ist so �lig und stechend, dass man die kleinen Gr�ten regelrecht schmecken kann. Angerempelt kippt Landsman das Schachbrett um. Es klappert wie Knochen auf einem Teller.</p><p>�Diesen Zug hast du immer schon meisterhaft beherrscht�, sagt Hertz. �Die Landsman-Er�ffnung.�</p><p>�Schei�e, Onkel Hertz, tut mir leid.�</p><p>Landsman kauert sich hin und tastet unter dem Bett des alten Mannes nach den Figuren.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, sagt sein Onkel. �Ist schon gut. Das war keine Partie, ich hab nur rumprobiert. Ich spiele kein Fernschach mehr. Ich lebe und sterbe f�r das Opfer. Ich blende meinen Gegenspieler gerne mit einer verr�ckten, wundersch�nen Kombination. Ganz sch�n schwer auf einer Postkarte. Kennst du diese Figuren?�</p><p>Hertz hilft Landsman, die Figuren in die Schachtel zur�ckzulegen, die ebenfalls aus Ahorn ist, ausgeschlagen mit gr�nem Samt. Den Inhalierstift schiebt er in seine Tasche.</p><p>�Nein�, sagt Landsman. Er war derjenige, der vor vielen Jahren bei einem Wutanfall die Meyer-Verteidigung spielte, die den wei�en Springer das Ohr kostete. �Was glaubst du denn? Du hast sie ihm geschenkt.�</p><p>Auf dem Nachttisch neben dem Bett liegen f�nf B�cher. Eine jiddische �bersetzung von Chandler. Eine franz�sische Biographie von Marcel Duchamp. Ein Taschenbuchangriff auf die verschlagenen Pl�ne der Dritten Russischen Republik, im letzten Jahr in den USA erfolgreich. Ein Peterson-Handbuch f�r Meeress�uger. Und ein Buch namens <emphasis>Kampf</emphasis> original auf Deutsch von Emanuel Lasker.</p><p>Die Toilette wird gesp�lt, dann folgt das Ger�usch von Wasser, das �ber Berkos H�nde rinnt.</p><p>�Auf einmal lesen alle Lasker�, sagt Landsman. Er nimmt das Buch in die Hand, schwer, schwarz, der Titel in vergoldeter Frakturschrift gepr�gt, und ist leicht �berrascht zu sehen, dass es nichts mit Schach zu tun hat. Keine Zeichnungen, keine stilisierten Damen oder Springer, nur Seite um Seite dornige deutsche Prosa. �Also war der Mann auch Philosoph?�</p><p>�Das hielt er f�r seine wahre Berufung. Obwohl er ein Genie in Schach und h�herer Mathematik war. Leider muss ich sagen, als Philosoph war er vielleicht doch kein so gro�es Genie. Warum, wer liest denn noch Emanuel Lasker? Den kennt doch inzwischen keiner mehr.�</p><p>�Das ist heute sogar noch wahrer als vor einer Woche�, sagt Berko, der seine H�nde am Handtuch abtrocknet. Es zieht ihn zum Esstisch. Der gro�e Holzblocktisch ist f�r drei Personen gedeckt. Die Teller sind aus emailliertem Blech, die Gl�ser aus Plastik, und die Messer haben Griffe aus Knochen und angsteinfl��ende Klingen, mit denen man die noch zuckende Leber aus dem Bauch eines B�ren schneiden k�nnte. Auf dem Tisch stehen ein Krug Eistee und eine emaillierte Kaffeekanne. Das Mahl, das Hertz Shemets bereitet hat, ist reichhaltig, hei� und eindeutig elchlastig.</p><p>�Elchchili�, sagt der Alte. �Letzten Herbst habe ich das Fleisch durch den Wolf gedreht. Es war in einem Gefrierbeutel in der Tiefk�hltruhe. Den Elch habe ich nat�rlich selbst erlegt. Eine Kuh, ein Tausendpf�nder. Das Chili habe ich heute gemacht, es sind Kidneybohnen drin, ich hab auch noch eine Dose schwarze Bohnen reingetan, die ich herumliegen hatte. Dann war ich unsicher, ob es genug w�re, deshalb hab ich noch ein paar andere Sachen warm gemacht, die ich im K�hlschrank hatte. Das da ist Quiche Lorraine, das sind nat�rlich Eier mit Tomaten und Schinken, der Schinken ist vom Elch. Habe ich selbst ger�uchert.�</p><p>�Die Eier sind auch vom Elch�, sagt Berko, den aufgeblasenen Tonfall seines Vaters perfekt nachahmend.</p><p>Der alte Mann weist auf eine wei�e Glasschale, in der sich gleichf�rmige Fleischkl�pse in einer r�tlich braunen So�e dr�ngeln.</p><p>�Schwedische Klopse�, sagt er. �Aus Elchfleisch. Das da ist kalter Elchbraten, falls jemand ein Sandwich m�chte. Das Brot hab ich nat�rlich auch selbst gebacken. Und die Mayonnaise ist selbst gemacht. Mayonnaise aus dem Glas kann ich nicht ausstehen.�</p><p>Sie setzen sich, um mit dem einsamen Alten zu essen. Vor vielen Jahren war sein Esszimmer ein lebendiger Ort, der einzige Tisch auf diesen geteilten Inseln, an dem Indianer und Juden regelm��ig zusammensa�en, wo sie ohne Groll miteinander tafelten. Es gab kalifornischen Wein zu trinken, der wortreich vom alten Mann ger�hmt wurde. Stille Typen, Gl�cksritter und der eine oder andere Geheimagent oder Lobbyist aus Washington mischten sich unter Totemschnitzer, schachspielende Penner und eingeborene Fischer. Der alte Hertz setzte sich den Sticheleien von Mrs. Pullman aus. Er war der Typ des tyrannischen alten Halsabschneiders, der sich eine Frau sucht, die ihn vor seinen Freunden ein wenig herunterputzt. Irgendwie lie� ihn das nur noch st�rker erscheinen.</p><p>�Ich habe ein, zwei Anrufe get�tigt�, sagt Onkel Hertz nach einigen Minuten schachspiel�hnlicher Konzentration auf das Essen. �Nachdem ihr angerufen und euch angemeldet habt.�</p><p>�Ja?�, sagt Berko. �Ein, zwei Anrufe.�</p><p>�Genau.� Der Alte hat so ein Grinsen oder eine grins�hnliche Mimik, bei der er allein die Oberlippe auf der rechten Seite hebt, nur eine halbe Sekunde, und einen gelben Schneidezahn blitzen l�sst. Es sieht aus, als h�tte er einen Angelhaken in der Lippe und jemand risse einmal kurz und kr�ftig an der Schnur. �Und ich habe erfahren, dass du anderen geh�rig auf die Nerven gegangen bist, Meyerle. Unprofessionelles Verhalten. Unberechenbares Benehmen. Ausweis und Waffe verloren.�</p><p>Was Onkel Hertz auch sonst noch gewesen sein mag�� vierzig Jahre lang war er vereidigter Gesetzesvertreter und hatte einen Bundesausweis in der Brieftasche. Auch wenn er seinen vorwurfsvollen Ton unter Wert verkauft, ist er unverkennbar. Er wendet sich seinem Sohn zu.</p><p>�Und ich wei� nicht, was du da gerade so tust�, sagt er. �Noch acht Wochen bis zum gro�en schwarzen Loch. Zwei Kinder und�� Masel-tow und Keijnehore�� ein drittes unterwegs.�</p><p>Berko macht sich nicht die M�he zu fragen, woher sein Vater wei�, dass Ester-Malke schwanger ist. Das w�rde nur die Eitelkeit des Alten befriedigen. Er nickt einfach und verdr�ckt noch ein paar Fleischkl�pse. Sie sind gut, die Klopse, saftig mit einem Hauch von Rosmarin und Rauch.</p><p>�Du hast recht�, sagt Berko. �Es ist Wahnsinn. Und ich kann nicht behaupten, dass ich diesen B�ffel da liebe oder mich um ihn sorge, sieh ihn dir an, ohne Ausweis, ohne Pistole, bel�stigt er Leute und l�uft mit abgefrorenen Kniescheiben rum, nicht mehr als ich mich um meine Frau oder meine Kinder sorge, denn das tue ich nicht. Oder dass ich es irgendwie logisch finde, seinetwegen die Zukunft meiner Familie aufs Spiel zu setzen, denn das finde ich nicht.� Beim Anblick der Sch�ssel mit den Klopsen gibt sein K�rper einen abgek�mpften Laut von sich, einen jiddischen Laut, irgendwas zwischen einem R�lpser und einer Klage. �Aber wenn wir �ber schwarze L�cher reden, was soll ich sagen, das sind Dinge, mit denen ich nicht ohne Meyer an meiner Seite zu tun haben will.�</p><p>�Siehst du, wie treu�, sagt Onkel Hertz zu Landsman. �Genauso ging es mir mit deinem Vater, m�ge sein Name zum Segen sein, aber der Feigling hat mich so richtig im Stich gelassen.�</p><p>Es soll leicht klingen, aber das besch�mte Schweigen nach dieser Bemerkung verdunkelt sie nachtr�glich. Sie kauen das Essen, das Leben f�hlt sich lang und schwer an. Hertz steht auf und schenkt sich noch einen Schnaps ein. Er geht ans Fenster, betrachtet den Himmel, der einem aus den Scherben von tausend Spiegeln zusammengesetzten Mosaik gleicht, jede Scherbe hat einen anderen Grau ton. Der Winterhimmel im s�d�stlichen Alaska ist talmudgrau, ein unersch�pflicher Thorakommentar aus Regenwolken und ersterbendem Licht. Onkel Hertz war immer der t�chtigste, selbstsicherste Mann, den Landsman kannte, pr�zise wie ein Origami-Flugzeug, ein flinker Papierflieger, mit Akribie gefaltet, unempfindlich gegen�ber Turbulenzen. Akkurat, methodisch, leidenschaftslos. Immer schon gab es Hinweise auf Schatten, auf Irrationales und Gewalt, aber sie waren hinter den Mauern von Hertz� geheimnisvollen indianischen Abenteuern verborgen, versteckt auf der anderen Seite der Grenze, mit dem klugen Scharren eines Tieres �berdeckt, das seine eigene F�hrte verwischt. Aber jetzt steigt in Landsman eine Erinnerung aus den Tagen nach dem Tod seines Vaters auf, an Onkel Hertz, der zerkn�llt wie ein Papiertaschentuch in einer Ecke der K�che auf der Adler Street sitzt, Hemd �ber der Hose, unordentliches Haar, falsch gekn�pftes Hemd. Der schwindende Inhalt einer Flasche Sliwowitz auf dem K�chentisch neben ihm zeigt wie ein Barometer die sinkende Atmosph�re seiner Trauer an.</p><p>�Wir h�tten da ein R�tsel, Onkel Hertz�, sagt Landsman. �Deshalb sind wir hier.�</p><p>�Und wegen der Mayonnaise�, sagt Berko.</p><p>�Ein R�tsel.� Der Alte wendet sich vom Fenster ab, sein Blick ist wieder hart und wachsam. �Ich hasse R�tsel.�</p><p>�Wir bitten dich ja nicht, es zu l�sen�, sagt Berko.</p><p>�Sprich nicht in diesem Ton mit mir, John Bear!�, f�hrt der alte Mann ihn an. �Der gef�llt mir nicht.�</p><p>�Ton?�, sagt Berko, und seine Stimme ist wie eine Notenlinie mit einem halben Dutzend T�nen befrachtet, ein Kammermusikensemble aus Frechheit, Groll, Sarkasmus, Provokation, Unschuld und �berraschung. <emphasis>�Ton?�</emphasis></p><p>Landsman wirft Berko einen Blick zu, der ihn nicht an sein Alter und seine Stellung im Leben, sondern daran erinnern soll, dass es v�llig uncool ist, mit den eigenen Verwandten zu zanken. Es ist ein alter, abgetragener Gesichtsausdruck, der auf die Zeit von Berkos ersten streiterf�llten Jahren bei den Landsmans zur�ckgeht. Wenn sie zusammen sind, dauert es immer nur wenige Minuten, bis jeder in seinen Urzustand zur�ckf�llt, wie die �berlebenden eines Schiffswracks. Genau das ist eine Familie, denkt Landsman. Und eine Familie ist der Sturm auf See, das Schiff und das unbekannte Ufer. Und die H�tte und das Werkzeug, um aus Bambus und Kokosn�ssen Whisky zu destillieren. Und das Feuer, das man entz�ndet, um wilde Tiere fernzuhalten.</p><p>�Wir w�rden da gerne etwas erkl�ren�, beginnt Landsman von Neuem. �Eine Situation. Und diese Situation hat Aspekte, die uns an dich erinnert haben.�</p><p>Onkel Hertz schenkt sich noch einen Sliwowitz ein, tr�gt ihn zum Tisch und setzt sich.</p><p>�Fangt von vorne an�, sagt er.</p><p>�Es f�ngt mit einem toten Junkie in meinem Hotel an.�</p><p>�Aha.�</p><p>�Du wei�t Bescheid.�</p><p>�Ich habe so was im Radio geh�rt�, sagt der alte Mann. �Vielleicht habe ich auch etwas in der Zeitung gelesen.� Er gibt immer den Zeitungen die Schuld an dem, was er wei�. �Er war der Sohn von Heskel Shpilman. Der, auf den sie so gro�e Hoffnung setzten, als er noch klein war.�</p><p>�Er wurde umgebracht�, sagt Landsman. �Entgegen dem, was du gelesen haben magst. Als er starb, war er auf der Flucht. Er hat sich den gr��ten Teil seines Lebens vor diesem und jenem versteckt, aber als er starb, hat er, glaube ich, versucht, einigen M�nnern zu entgehen, die er im Stich gelassen hatte. Ich konnte seine Bewegungen zur�ckverfolgen bis zum Flugplatz Yakovy im letzten April. Da tauchte er an dem Tag vor Naomis Tod auf.�</p><p>�Hat das hier was mit Naomi zu tun?�</p><p>�Diese M�nner, die Shpilman suchten. Und die ihn auch umbrachten, wie wir annehmen. Letztes Jahr im April engagierten sie Naomi, um den Typ zu ihrer Farm rauszufliegen, das ist so eine Art Therapieeinrichtung f�r kaputte junge Leute. Drau�en in Peril Strait. Aber als er da ankam, bekam er Schiss. Er wollte wieder weg. Er wandte sich an Naomi um Hilfe, und sie brachte ihn heraus, flog ihn in die Zivilisation zur�ck. Nach Yakovy. Am n�chsten Tag starb sie.�</p><p>�Peril Strait?�, sagt der alte Mann. �Dann sind das also Indianer? Willst du damit sagen, die Indianer haben Mendel Shpilman umgebracht?�</p><p>�Nein�, sagt Berko. �Diese M�nner vom Rehazentrum, die wohnen auf gut f�nfhundert Hektar n�rdlich dieses Dorfes. Es sieht aus, als w�re das Zentrum von dem Geld amerikanischer Juden gebaut worden. Die Leute, die es leiten, sind Jids. Und soweit wir sagen k�nnen, ist das Ganze nur eine Fassade f�r eine andere Organisation.�</p><p>�N�mlich was? Marihuanaanbau? Das w�re geschickt. Eine als Besserungsanstalt getarnte Marihuanafarm.�</p><p>�Also, zum einen gibt es dort eine Herde Ayreshire-Rinder�, sagt Berko. �Vielleicht hundert St�ck.�</p><p>�Zum einen.�</p><p>�Zum anderen scheint es so eine Art paramilit�rische Ausbildungseinrichtung zu sein. Der F�hrer k�nnte ein alter Jude sein. Wilfred Dick hat ihn gesehen, er war da. Aber Dick kannte den Mann nicht. Wer auch immer es ist, er scheint Verbindungen zu den Verbovern zu haben, zumindest zu Aryeh Baronshteyn. Aber wir wissen nicht, warum und zu welchem Zweck.�</p><p>�Ein Amerikaner war auch da�, sagt Landsman. �Er wurde zu einem Treffen mit Baronshteyn und diesen anderen mysteri�sen Juden eingeflogen. Sie machten sich alle ein bisschen Sorgen um den Ami. Sie glaubten wohl, er k�nnte unzufrieden mit ihnen und ihrem F�hrungsstil sein.�</p><p>Der Alte steht vom Tisch auf und geht zu einer Vitrine, die den Essbereich vom Schlafbereich trennt. Aus einem Humidor holt er eine Zigarre und rollt sie zwischen den Handfl�chen. Lange rollt er sie, vor und zur�ck, bis sie scheinbar in Vergessenheit geraten ist.</p><p>�Ich hasse R�tsel�, sagt er schlie�lich.</p><p>�Das wissen wir�, sagt Berko.</p><p>�Das wisst ihr.�</p><p>Onkel Hertz h�lt sich die Zigarre unter die Nase und bewegt sie hin und her, atmet tief ein, die Augen geschlossen, erfreut sich nicht nur des Geruchs, so scheint es Landsman, sondern auch der K�hle des glatten Blattes an der Haut seiner Nase.</p><p>�Das ist meine erste Frage�, sagt Onkel Hertz und �ffnet die Augen. �Vielleicht auch meine einzige.�</p><p>Sie warten auf die Frage, w�hrend er die Zigarre abknipst und sie seinen schmalen Lippen anpasst, die sie pr�fend umschlie�en. �Welche Farbe hatten die K�he?�, sagt er.</p></section><section><title><p><emphasis>36.</emphasis></p></title><p>�Es war eine Rote dabei�, sagt Berko langsam und ein wenig widerwillig, als h�tte er verpasst, wie die M�nze in den �rmel rutschte, obwohl er die H�nde des Zauberers genau beobachtet hat.</p><p>�Ganz rot?�, fragt der Alte. �Vom Horn bis zum Schwanz?�</p><p>�Sie war getarnt�, sagt Berko. �Mit wei�er Farbe bespr�ht. Ich w�sste keinen Grund, warum man das tun sollte, es sei denn, man will sie irgendwie verstecken. Beispielsweise, dass sie, du wei�t schon.� Er zuckt. �Ohne Makel ist.�</p><p>�Um Himmels willen�, sagt der alte Mann.</p><p>�Was sind das f�r Leute, Onkel Hertz? Du wei�t es, oder?�</p><p>�Was sind das f�r Leute?�, sagt Hertz Shemets. �Das sind Jids. Jids mit einem Plan. Ich wei�, das ist eine Tautologie.�</p><p>Er scheint sich einfach nicht �berwinden zu k�nnen, die Zigarre anzuz�nden. Er legt sie fort, nimmt sie, legt sie wieder auf den Tisch. Landsman bekommt das Gef�hl, als w�ge Hertz ein in ihr dunkles Blatt gerolltes Geheimnis ab. Eine Vorgehensweise, einen komplizierten Figurentausch.</p><p>�Gut�, sagt er schlie�lich, �ich habe gelogen. Ich habe noch eine Frage an euch. Meyer, vielleicht kannst du dich an einen alten Jid erinnern. Er kam immer in den Einstein-Schachclub, als du noch ein kleiner Junge warst. Er hat gerne mit dir gealbert, irgendwie konntet ihr es gut miteinander. Er hie� Litvak.�</p><p>�Ich habe Alter Litvak vor Kurzem gesehen�, sagt Landsman. �Im Einstein.�</p><p>�Ja?�</p><p>�Er kann nicht mehr sprechen.�</p><p>�Ich wei�, er hatte einen Autounfall, seine Kehle wurde von einem Reifen zerquetscht. Seine Frau kam dabei ums Leben. Passierte drau�en auf dem Roosevelt Boulevard, wo die Traubenkirschen stehen. Der einzige Baum, der nicht eingegangen ist, war der, gegen den sie gefahren sind. Die einzige Traubenkirsche im Distrikt Sitka.�</p><p>�Ich wei� noch, wie sie diese B�ume gepflanzt haben�, sagt Landsman. �Damals zur Weltausstellung.�</p><p>�Werd mir nicht wehm�tig�, sagt der Alte. �Ich hab wei� Gott genug mit wehm�tigen Juden zu tun, bei mir selbst angefangen. Wehm�tige Indianer sieht man nie.�</p><p>�Aber nur, weil sie versteckt werden, wenn du kommst�, sagt Berko. �Die Frauen und die wehm�tigen Indianer. H�r auf damit und erz�hl uns von Litvak.�</p><p>�Er hat fr�her f�r mich gearbeitet�, sagt Hertz. �Viele Jahre lang.�</p><p>Seine Stimme wird flach, und Landsman wundert sich, dass sein Onkel w�tend ist. Wie allen Shemets wurde Hertz ein hei�bl�tiges Temperament in die Wiege gelegt, aber es war ihm nicht dienlich bei seiner Arbeit, sodass er es irgendwann abt�tete.</p><p>�Alter Litvak war ein amerikanischer Spion?�, fragt Landsman.</p><p>�Nein, war er nicht. Soweit ich wei�, hat der Mann kein offizielles Gehalt bezogen, da er vor f�nfunddrei�ig Jahren unehrenhaft aus der amerikanischen Armee entlassen wurde.�</p><p>�Warum bist du so w�tend auf ihn?�, fragt Berko und beobachtet seinen Vater durch die Laternenschlitze seiner Augen.</p><p>Hertz erschreckt die Frage, er versucht es aber zu verbergen.</p><p>�Ich werde nie w�tend�, sagt er. �Nur bei dir, mein Sohn.� Er l�chelt. �Er geht also immer noch ins Einstein. Das wusste ich nicht. Er war fr�her eher ein Kartenspieler als ein Patzer. Er war besser in den Spielen, wo man bluffen muss. T�uschen. Tarnen.�</p><p>Landsman erinnert sich an die beiden gut aussehenden jungen M�nner, die Litvak als seine Neffen vorstellte. Einer davon war im Wald von Peril Strait, das f�llt ihm jetzt ein, er fuhr den Ford Caudillo, auf dessen R�cksitz der schattenhafte Mann sa�. Der Schatten eines Mannes, der nicht wollte, dass Landsman sein Gesicht sah.</p><p>�Er war da�, sagt Landsman zu Berko. �In Peril Strait. Er war der geheimnisvolle Mann im Auto.�</p><p>�Was hat Litvak f�r dich getan?�, fragt Berko. �Die ganzen Jahre lang?�</p><p>Hertz z�gert, sein Blick irrt zwischen Berko und Landsman hin und her.</p><p>�Dies und das. Alles v�llig inoffiziell. Er besa� verschiedene n�tzliche Talente. Alter Litvak ist vielleicht der begabteste Mann, den ich kenne. Er hat ein Gesp�r f�r Systeme und Kontrollen. Er ist geduldig und methodisch. Fr�her war er unglaublich stark. Ein guter Pilot, ein ausgebildeter Mechaniker. Hervorragender Orientierungssinn. Sehr erfolgreich als Lehrer. Als Ausbilder. Schei�e.�</p><p>Mit milder Verwunderung blickt er auf die gebrochenen Zigarrenh�lften in seinen H�nden. Er l�sst sie auf den Teller mit dem So�enrest fallen und breitet eine Serviette �ber den Beweis seiner Gef�hle.</p><p>�Der Jid hat mich verraten�, sagt er. �An diesen Journalisten. Jahrelang hat er Beweise gegen mich gesammelt, dann hat er alles an Brennan weitergegeben.�</p><p>�Warum hat er das getan?�, sagt Berko. �Wenn er doch dein Jid war?�</p><p>�Ich kann deine Frage wirklich nicht beantworten, mein Kind.� Der Alte sch�ttelt den Kopf, er hasst R�tsel, und vor diesem wird er bis ans Ende seines Lebens stehen. �Geld, obwohl ich nicht gewusst h�tte, dass ihm daran etwas liegen k�nnte. Fr�mmigkeit ganz bestimmt nicht. Litvak glaubt an nichts. Er hat keine �berzeugungen. Keine Bindungen, au�er zu den M�nnern, die ihm dienen. Er hat gesehen, was passierte, als seine Leute in Washington an die Macht kamen. Er wusste, dass ich abgeschrieben war, ehe ich es selbst merkte. Ich sch�tze, er fand einfach, die Zeit w�re reif. Vielleicht hatte er keine Lust mehr, f�r mich zu arbeiten, wollte meine Stelle selbst haben. Auch nachdem die Amis mich abgeschossen und ihren offiziellen Betrieb eingestellt hatten, brauchten sie jemanden in Sitka. F�r ihr Geld konnten sie wirklich keinen besseren als Alter Litvak finden. Vielleicht hatte er einfach keine Lust mehr, im Schach gegen mich zu verlieren. Kann sein, dass er eine Chance sah, mir eins auszuwischen, und sie ergriff. Aber er war nie mein Jid. Der dauerhafte Status hat ihm nie etwas bedeutet. Genauso wenig wie die Sache, f�r die er jetzt arbeitet, da bin ich mir sicher.�</p><p>�Die rote Kuh�, sagt Berko kopfsch�ttelnd.</p><p>�Noch mal zu diesem Plan, entschuldige�, sagt Landsman, �aber erkl�r�s mir mal langsam. Okay, du hast eine rote Kuh ohne jeden Makel. Und irgendwie schaffst du sie r�ber nach Jerusalem.�</p><p>�Da schlachtest du sie�, sagt Berko. �Du verbrennst sie und machst eine Paste aus der Asche, und davon tupfst du ein bisschen auf die Priester. Sonst k�nnen sie nicht ins Heiligtum gehen, in den Tempel, weil sie unrein w�ren.� Er schaut seinen Vater fragend an. �Stimmt das so weit?�</p><p>�Mehr oder weniger.�</p><p>�Gut, aber eine Sache verstehe ich nicht. Steht da nicht, wie hei�t sie noch gleich?�, sagt Landsman. �Diese Moschee? Auf dem H�gel, wo fr�her der Tempel war?�</p><p>�Das ist keine Moschee, Meyerle. Das ist ein Schrein�, sagt Hertz. �Qubbat as-Sakhra. Der Felsendom. Die drittheiligste St�tte des Islams. Im siebten Jahrhundert von Abd al-Malik an der Stelle errichtet, wo vorher die beiden Tempel der Juden standen. Die Stelle, wo Abraham Isaak opfern wollte, wo Jakob die Himmelsleiter sah. Der Nabel der Welt. Ja. Wenn man den Tempel wieder aufbauen und die alten Rituale wieder einf�hren will, um die Ankunft von Messias zu beschleunigen, dann m�sste man etwas mit dem Felsendom machen. Er steht im Weg.�</p><p>�Bomben�, sagt Berko �bertrieben l�ssig. �Sprengstoff. Geh�rt das zum Programm von Alter Litvak?�</p><p>�Zerst�rung�, sagt der alte Mann. Er greift nach seinem Glas, aber es ist weg. �Ja, darin ist der Jid Experte.�</p><p>Landsman schiebt sich vom Tisch zur�ck und steht auf. Er holt seinen Hut vom T�rhaken.</p><p>�Wir m�ssen zur�ck�, sagt er. �Wir m�ssen mit jemandem reden. Wir m�ssen es Bina sagen.�</p><p>Er klappt sein Handy auf, aber so weit weg von Sitka hat er keinen Empfang. Er geht zum Telefon an der Wand, aber Binas Handy leitet ihn sofort weiter an ihre Mailbox.</p><p>�Du musst Alter Litvak finden�, teilt er ihr mit. �Such ihn, halt ihn fest und lass ihn nicht mehr gehen.�</p><p>Als er sich wieder dem Tisch zuwendet, sitzen Vater und Sohn immer noch da. Ohne ein Wort zu sagen, stellt Berko Hertz Shemets eine wichtige Frage. Berko hat die H�nde wie ein braves Kind im Scho� gefaltet, aber er ist kein braves Kind, und wenn er die H�nde ineinander verschr�nkt, dann nur, um sie davor zu bewahren, Unheil oder Schaden anzurichten. Nach einem Zeitraum, der Landsman sehr lang erscheint, senkt Onkel Hertz den Blick.</p><p>�Das Gebetshaus in St. Cyril�, sagt Berko. �Die Krawalle.�</p><p>�Die Krawalle von St. Cyril�, stimmt Hertz Shemets zu.</p><p>�Verdammt nochmal.�</p><p>�Berko���</p><p>�Verdammt nochmal! Die Indianer haben immer behauptet, die Juden h�tten das Haus in die Luft gejagt.�</p><p>�Du musst verstehen, unter welchem Druck wir standen�, sagt Hertz. �Damals.�</p><p>�Oh, das tue ich�, sagt Berko. �Glaub mir. Das Gleichgewicht halten. Der schmale Grat.�</p><p>�Diese Juden, diese Fanatiker, die in die umstrittenen Gegenden ziehen. Sie gef�hrden den Status des gesamten Distrikts. Sie verst�rken die schlimmsten �ngste der Amerikaner �ber das, was hier los w�re, wenn sie uns den dauerhaften Status gew�hren w�rden.�</p><p>�Aha�, sagt Berko. �Gut. Okay. Und was ist mit Mom? Hat die auch den Distrikt gef�hrdet?�</p><p>Da spricht Onkel Hertz, vielmehr entweicht die Luft seiner Lunge durch die Tor�ffnung seiner Z�hne so, dass es der menschlichen Sprache �hnelt. Er schaut auf seinen Scho� und gibt wieder diesen Laut von sich, und Landsman erkennt, dass er sich entschuldigt. Eine Sprache spricht, in der er nie unterrichtet wurde.</p><p>�Wei�t du was? Ich glaube, ich habe es immer gewusst�, sagt Berko und steht auf. Er nimmt seinen Hut und Mantel vom Haken. �Weil ich dich noch nie leiden konnte. Von der ersten Minute an nicht, du Schwein. Komm!�</p><p>Landsman folgt seinem Kollegen nach drau�en. Als er die T�r passiert, muss er zur Seite treten, weil Berko nochmals hineinwill. Berko wirft Hut und Mantel beiseite. Dann schl�gt er sich auf den Kopf, zweimal, mit beiden H�nden gleichzeitig. Er zerdr�ckt eine unsichtbare Kugel von der ungef�hren Gr��e des v�terlichen Sch�dels zwischen den ausgestreckten Fingern seiner Hand.</p><p>�Mein ganzes Leben lang habe ich�s versucht�, sagt er schlie�lich. �Ich meine, guck mich doch an, Mann!� Er rei�t sich die Jarmulke vom Hinterkopf und h�lt sie hoch, betrachtet sie mit pl�tzlichem Entsetzen, als sei es sein eigener Skalp. Dann wirft er sie dem alten Mann zu. Sie trifft Hertz an der Nase und f�llt zu der Serviette, der zerbrochenen Zigarre, der Elchso�e auf den Teller. �Guck dir diese Schei�e an!� Berko zerrt an seinem Hemd und rei�t es auf. Es regnet Kn�pfe. Er entbl��t die reizlose wei�e Stoffbahn seines gefransten Vier-Ecken wie die d�rftigste Splitterschutzweste der Welt, sein heiliges wei�es Teflon, verziert mit einem seewesenblauen Streifen. �Ich hasse dieses Schei�teil.� Das Vier-Ecken wandert �ber seinen Kopf, er zuckt und sch�ttelt es ab, bis er in einem wei�en Baumwollshirt dasteht. �Jeden verfluchten Tag meines Lebens bin ich morgens aufgestanden und hab dieses Schei�teil angezogen und so getan, als w�re ich was, das ich gar nicht bin. Und nie sein werde. F�r <emphasis>dich.</emphasis>�</p><p>�Ich habe dich nie gebeten, diese Religion auszu�ben�, sagt der alte Mann, ohne aufzusehen. �Ich glaube nicht, dass ich je irgendwelchen���</p><p>�Das hat nichts mit <emphasis>Religion</emphasis> zu tun�, sagt Berko. �Es hat nur was mit, verdammt nochmal, mit <emphasis>V�tern</emphasis> zu tun.�</p><p>Nat�rlich h�ngt es von der Mutter ab, ob man Jude ist oder nicht. Auch Berko wei� das. Er wei� es seit dem Tag, da er nach Sitka zog. Er sieht es jedes Mal, wenn er in den Spiegel schaut.</p><p>�Das ist alles Quatsch�, f�hrt der alte Mann murmelnd fort, halb zu sich selbst. �Eine Religion der Sklaven. Sich selbst fesseln. Knechtschaftskleidung. Ich hab den Quatsch mein Lebtag nicht angezogen.�</p><p>�Nein?�, sagt Berko.</p><p>Wie schnell und imposant Berko Shemets von der T�r zum Esstisch springt, �berrascht Landsman. Bevor er kapiert, was vor sich geht, zieht Berko dem alten Mann die rituelle Unterw�sche �ber den Kopf. Er klemmt sich dessen Kopf unter den Arm und windet mit der anderen Hand die geknoteten Fransen um den Sch�del, bildet die Gesichtskonturen des Alten in feinen Wollf�den nach. Es ist, als w�rde er eine Statue f�r den Transport verpacken. Der alte Mann tritt um sich, krallt sich mit den Fingern�geln in der Luft fest.</p><p>�Du hast nie eins getragen, was?�, sagt Berko. �Du hast nie so �n Schei�teil angehabt! Versuch�s mal mit dem! Versuche mal mit meinem, du Wichser!�</p><p>�H�r auf!� Landsman eilt dem Mann zu Hilfe, dessen Sucht nach T�uschungs- und Angriffsattacken vielleicht nicht absehbarerweise, doch unmittelbar zum Tod von Laurie Joe Bear f�hrte. �Komm, Berko. H�r auf.� Er greift nach Berkos Ellenbogen und zieht ihn weg, und als er zwischen den beiden steht, schiebt er den gro�en Mann Richtung T�r.</p><p>�Gut.� Berko hebt die H�nde und l�sst sich von Landsman einen knappen Meter in Richtung T�r schubsen. �Gut, ich bin fertig. Lass mich los, Meyer.�</p><p>Landsman entspannt sich, l�sst den Kollegen los. Berko stopft sein T-Shirt in die Hose und will sein Hemd zukn�pfen, doch alle Kn�pfe sind fort. Er l�sst es offen, gl�ttet sein schwarzes Haardach mit seiner breiten Hand, b�ckt sich, um seinen Hut und Mantel vom Boden aufzuheben, und geht nach drau�en. Mit dem Nebel rollt die Nacht in das Stelzenhaus �ber dem Wasser.</p><p>Landsman dreht sich zu dem alten Mann um, der einfach dort sitzt, den Kopf in das Vier-Ecken gewickelt, wie eine Geisel, die nicht die Gesichter ihrer Entf�hrer sehen darf.</p><p>�Brauchst du Hilfe, Onkel Hertz?�, fragt Landsman.</p><p>�Geht schon�, sagt der alte Mann mit schwacher Stimme, ged�mpft durch den Stoff. �Danke.�</p><p>�Willst du da einfach so sitzen bleiben?�</p><p>Der alte Mann antwortet nicht. Landsman setzt sich den Hut auf und geht nach drau�en.</p><p>Als sie gerade ins Auto steigen wollen, h�ren sie den Schuss, ein Donnern, das in der Dunkelheit die Berge kartographiert, sie mit dem zur�ckgeworfenen Echo erhellt. Dann ist es leise.</p><p>�Schei�e�, sagt Berko. Er ist wieder im Haus, noch bevor Landsman die Treppe erreicht hat. Als Landsman hineinl�uft, hockt Berko neben seinem Vater, der eine sonderbare Pose vor dem Bett eingenommen hat, die Haltung eines H�rdenl�ufers, ein Bein an die Brust gezogen, das andere weit nach hinten gestreckt. In seiner Rechten h�lt er locker einen schwarzen stupsnasigen Revolver, in der linken die rituellen Fransen. Berko dreht seinen Vater auf den R�cken und f�hlt am Hals nach dessen Puls. Rechts auf der Stirn des alten Mannes, direkt �ber dem Augenwinkel, ist ein glitschiger roter Fleck. Mit Blut verklebtes, versengtes Haar. Ein schlechter Schuss, wie es aussieht.</p><p>�Oh, Schei�e�, sagt Berko. �Oh, Schei�e, alter Mann. Du hast es verbockt.�</p><p>�Er hat es verbockt�, stimmt Landsman ihm zu.</p><p>�Alter!�, ruft Berko, und dann senkt er seine Stimme zu einem gutturalen Raspeln und singt etwas, ein Wort oder zwei in einer Sprache, die er l�ngst vergessen hat.</p><p>Sie stillen die Blutung und verbinden die Wunde. Landsman sieht sich nach dem Projektil um und findet das Wurmloch, das es in die Sperrholzwand gestanzt hat.</p><p>�Wo hat er die denn her?�, fragt Landsman und hebt die Waffe auf. Es ist ein einfaches Exemplar, an den Kanten abgenutzt, ein altes Teil. �Die �38 Detective Special?�</p><p>�Keine Ahnung. Er hat viele Waffen. Er mag Waffen. Das ist so ungef�hr das Einzige, was wir gemein haben.�</p><p>�Ich glaube, das k�nnte der Revolver sein, den Melekh Gaystik im Caf� Einstein benutzte.�</p><p>�W�rde mich nicht im Geringsten wundern�, sagt Berko. Er schultert die Last seines Vaters, und sie tragen ihn hinunter zum Auto und legen ihn auf einen Berg von Handt�chern auf den R�cksitz. Landsman stellt die unsichtbare Sirene an, die er in f�nf Jahren vielleicht zweimal benutzt hat. Dann fahren sie zur�ck �ber den Berg.</p><p>In Nayeshtot gibt es ein Notfallversorgungszentrum, aber da sind viele gestorben, deshalb beschlie�en sie, den Alten ins Allgemeine Krankenhaus von Sitka zu bringen. Auf dem Weg ruft Berko seine Frau an. Er erkl�rt ihr, nicht besonders verst�ndlich, dass sein Vater und ein Mann namens Alter Litvak indirekt verantwortlich seien f�r den Tod seiner Mutter bei den schlimmsten indianisch-j�dischen Krawallen in den sechzig Jahren Distriktgeschichte und dass sein Vater sich in den Kopf geschossen habe. Er erz�hlt ihr, dass sie den alten Herrn jetzt schnell in die Notaufnahme bringen w�rden, weil er verdammt nochmal Polizist sei und zu arbeiten habe, und weil der alte Herr von ihm aus ruhig verrecken k�nne. Ester-Malke scheint diesen Plan so hinzunehmen, wie er ihr vorgetragen wird. Berko legt auf. Zehn oder f�nfzehn Minuten verschwinden sie in einem Bereich ohne Funkabdeckung, und als sie ihn verlassen, ohne etwas gesagt zu haben, sind sie fast an der Stadtgrenze, und Berkos Shoyfer klingelt.</p><p>�Nein�, sagt Berko, und dann, noch w�tender: �Nein.� Etwas weniger als eine Minute lang lauscht er der Argumentation seiner Frau. Landsman hat keine Ahnung, was sie zu ihm sagt, ob sie ihm aus dem Lehrbuch professionellen Verhaltens, der Fibel des Anstands und der Vergebung predigt oder aus dem Buch der Pflichten eines Sohnes gegen�ber seinem Vater, die alles andere �bersteigen und hinter sich lassen. Schlie�lich sch�ttelt Berko einfach nur den Kopf. Er schaut auf den alten Juden, der ausgestreckt auf dem R�cksitz liegt. �Na gut.�</p><p>Dann klappt er das Telefon zu.</p><p>�Du kannst mich am Krankenhaus absetzen�, sagt er in besiegtem Tonfall. �Ruf mich blo� an, wenn du dieses Arschloch von Litvak findest.�</p></section><section><title><p><emphasis>37.</emphasis></p></title><p>�Ich muss mit Katherine Sweeney sprechen�, sagt Bina ins Telefon. Sweeney, die stellvertretende Staatsanw�ltin der Vereinigten Staaten, ist ehrlich und kompetent und h�rt sich m�glicherweise an, was Bina zu sagen hat. Landsmans Hand schie�t �ber den Schreibtisch, mit einer Fingerspitze unterbricht er die Verbindung. Bina starrt ihn mit einem langsamen Fl�gelschlag ihrer Augenlider an. Er hat sie �berrascht. Eine seltene Leistung.</p><p>�Die stecken dahinter�, sagt Landsman mit dem Finger auf der Taste.</p><p>�Kathy Sweeney steckt dahinter?�, fragt Bina, den H�rer noch immer am Ohr.</p><p>�Hm, nein. Das glaube ich nicht.�</p><p>�Die amerikanische Staatsanwaltschaft in Sitka steckt dahinter?�</p><p>�Vielleicht. Nein, wahrscheinlich nicht.�</p><p>�Aber das Justizministerium schon, meinst du.�</p><p>�Ja. Ich wei� nicht. Tut mir leid, Bina. Ich wei� einfach nicht, wie weit das geht.�</p><p>Binas �berraschung verblasst; ihr Blick ist ruhig und unerschrocken.</p><p>�Gut, Meyer. Jetzt h�r mir mal zu. Als Erstes nimmst du deinen behaarten Ekelfinger von meinem Telefon.�</p><p>Landsman zieht das anst��ige Gliedma� zur�ck, bevor die Laserstrahlen aus Binas Augen es sauber am Kn�chel durchtrennen k�nnen.</p><p>�Fass nie wieder mein Telefon an, Meyer.�</p><p>�Nie wieder.�</p><p>�Wenn die Geschichte wahr ist, die du mir da erz�hlt hast�, sagt Bina mit dem Tonfall eines Lehrers in einem Raum voller unterbelichteter F�nfj�hriger, �dann muss ich das Kathy Sweeney sagen. Wahrscheinlich auch dem Au�enministerium. Vielleicht muss ich mich sogar ans Verteidigungsministerium wenden.�</p><p>�Aber���</p><p>�Ich wei� n�mlich nicht, ob dir das bewusst ist, Meyer, aber das Heilige Land geh�rt nicht zu unserem Bezirk.�</p><p>�Sicher, Bina, nat�rlich. Aber h�r zu. Irgendein einflussreicher Mensch, ein Mensch mit sehr viel Einfluss, hat sich an der Datenbank der Flugsicherheitsbeh�rde zu schaffen gemacht und die Akte verschwinden lassen. Und jemand mit gro�em Einfluss hat dem Rat der Tlingit versprochen, dass der Stamm den Distrikt zur�ckbekommt, wenn Litvak eine Weile von Peril Strait aus operieren darf.�</p><p>�Hat Dick das gesagt?�</p><p>�Er hat es angedeutet. Und bei allem Respekt vor den Lederers aus Boca Raton, aber ich bin mir sicher, dass diese einflussreichen Personen Schecks f�r die geheime Seite dieser Operation ausgestellt haben. F�r die Ausbildungseinrichtung. F�r Waffen und Unterhalt. Viehzucht. Die stecken dahinter.�</p><p>�Die amerikanische Regierung.�</p><p>�Das will ich damit sagen.�</p><p>�Weil sie der Meinung ist, es w�re eine richtig gute Idee, wenn eine Horde verr�ckter Jids in Pal�stina ruml�uft, Schreine in die Luft jagt, Messias folgt und den Dritten Weltkrieg ausl�st.�</p><p>�Die Regierung ist so irre, Bina. Das wei�t du. Vielleicht hofft sie sogar auf den Dritten Weltkrieg. Vielleicht will sie einen neuen Kreuzzug anzetteln. Vielleicht glaubt sie, Jesus kommt zur�ck, wenn das alles passiert. Oder vielleicht hat es nichts mit alldem zu tun, sondern es geht nur um �l, wer wei�, um Versorgungssicherheit bis in alle Ewigkeit. Ich wei� es nicht.�</p><p>�Eine Regierungsverschw�rung, Meyer.�</p><p>�Ich wei�, wie sich das anh�rt.�</p><p>�Sprechende H�hner, Meyer.�</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>�Du hast es versprochen.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Wenn du wieder mit deinem Auto anf�ngst�, sagt sie, �muss ich dir in den Arsch treten. Und wenn du noch einmal mein Telefon anfasst, Meyer, erschie�e ich dich.�</p><p>Sie greift zum H�rer und ruft die stellvertretende Staatsanw�ltin an.</p><p>�Bina, bitte! Leg den H�rer auf.�</p><p>�Ich bin mit dir in vielen dunklen Ecken gewesen, Meyer Landsman�, sagt sie. �Aber in diese komme ich nicht mit.�</p><p>Landsman findet, dass er ihr deswegen keinen Vorwurf machen kann.</p><p>Als Sweeney ans Telefon geht, informiert Bina sie �ber die Eckpfeiler von Landsmans M�rchen: Ein Verbover und eine Gruppe messianischer Juden haben sich zusammengetan und bereiten ein Attentat auf einen wichtigen muslimischen Schrein in Pal�stina vor. Das �bernat�rliche und die rein spekulativen Elemente l�sst Bina aus. Den Tod von Naomi Landsman und Mendel Shpilman erw�hnt sie nicht. Sie l�sst es gerade so weit hergeholt klingen, dass es noch glaubhaft ist.</p><p>�Ich muss sehen, ob wir vielleicht diesen Litvak aufsp�ren k�nnen�, sagt sie zu Sweeney. �Gut, Kathy. Danke. Ich wei�, stimmt. Ich hoffe es.�</p><p>Bina legt auf. Sie nimmt eine Schneekugel mit der Skyline von Sitka vom Schreibtisch, sch�ttelt sie und schaut dem Schneetreiben zu. Alles andere hat sie aus dem B�ro entfernt, den Nippes, die Fotos. Nur die Schneekugel ist noch da, und an der Wand h�ngen gerahmt ihre Schaffelle. Ein Gummibaum, ein Ficus und eine wei�gefleckte rosa Orchidee in einem gr�nen Glastopf. Alles ist noch immer so anziehend wie ein Bus von unten. Mittendrin sitzt Bina in einem neuen grimmigen Hosenanzug, das Haar aufget�rmt und mit Klammern, Gummib�ndern und anderen n�tzlichen Utensilien aus ihrer Schreibtischschublade vor der Aufl�sung bewahrt.</p><p>�Sie hat nicht gelacht�, sagt Landsman. �Oder?�</p><p>�Daf�r ist sie nicht der Typ�, sagt Bina. �Nein, sie will mehr Informationen. Wie dem auch sei, ich hatte das Gef�hl, dass sie den Namen Alter Litvak nicht zum ersten Mal h�rt. Sie meinte, wenn wir ihn finden, w�rde sie ihn vielleicht auch ganz gerne mal verh�ren.�</p><p>�Buchbinder�, sagt Landsman. �Dr. Rudolf Buchbinder. Du wei�t schon, er kam gerade aus dem Polar-Shtern, als du reingingst.�</p><p>�Der Zahnarzt unten von der Ibn-Ezra Street?�</p><p>�Er hat mir erz�hlt, er w�rde nach Jerusalem umziehen�, sagt Landsman. �Ich hab gedacht, er redet wieder Bl�dsinn.�</p><p>�Dieses Institut soundso�, erinnert sich Bina.</p><p>�Mit M.�</p><p>�Mirjam.�</p><p>�Moriah.�</p><p>Sie geht an ihren Computer und findet im Verzeichnis der nicht im Telefonbuch gelisteten Nummern einen Eintrag des Instituts Moriah auf der Max Nordau Street 822, sechste Etage.</p><p>�Achthundertzweiundzwanzig�, sagt Landsman. �Hm.�</p><p>�Ist das nicht in deiner Gegend?� Bina w�hlt die gefundene Telefonnummer.</p><p>�Direkt gegen�ber�, sagt Landsman und kommt sich ein wenig dumm vor. �Das Hotel Blackpool.�</p><p>�Anrufbeantworter�, sagt sie. Mit einer Fingerspitze unterbricht sie den Anruf und tippt vier Nummern ein. �Gelbfish hier.�</p><p>Sie ordnet an, die T�ren und Eing�nge des Hotel Blackpool von Streifenpolizisten und Zivilbeamten observieren zu lassen.</p><p>Dann legt sie den H�rer wieder auf die Gabel und betrachtet ihn.</p><p>�Gut�, sagt Landsman. �Gehen wir.�</p><p>Aber Bina bewegt sich nicht. Sie sitzt einfach da und starrt auf das Telefon.</p><p>�Wei�t du, es war sch�n, ohne deinen ganzen Schwachsinn zu leben, Meyer. Mir nicht vierundzwanzig Stunden am Tag deine Landsmania anh�ren zu m�ssen.�</p><p>�Ich beneide dich darum�, sagt Landsman.</p><p>�Hertz, Berko, deine Mutter, dein Vater. Ihr alle.� Auf Englisch f�gt sie hinzu: �Verfluchter Haufen von kranken Spinnern.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Naomi war die einzig Normale in deiner Familie.�</p><p>�Das hat sie auch immer �ber dich gesagt�, sagt Landsman. �Nur meinte sie immer: �in der Welt�.�</p><p>Zwei kurze Klopfer an der T�r. Landsman steht auf, weil er denkt, es sei Berko.</p><p>�Hi�, sagt der Mann an der T�r. �Ich glaube, wir hatten noch nicht das Vergn�gen.�</p><p>�Wer sind Sie?�, fragt Landsman.</p><p>�Ich bin Ihre Beerdigungsgesellschaft�, sagt der Mann in kl�glichem, aber kraftvollem Jiddisch.</p><p>�Mr. Spade ist hier, um die �bergangsphase zu beaufsichtigen�, sagt Bina. �Ich glaube, ich habe Ihnen gesagt, dass er eventuell vorbeikommt, Detective Landsman.�</p><p>�Glaube ich auch.�</p><p>�Detective Landsman�, sagt Spade und f�llt gn�dig ins Englische zur�ck. �Der ber�chtigte.�</p><p>Er ist nicht der schmerb�uchige Golfspieler, den Landsman erwartet hat. Er ist zu jung daf�r, hat ein schlichtes Gesicht, breite Brust und Schultern. Spade tr�gt einen grauen Kammgarnanzug, darunter ein wei�es Hemd mit einer Krawatte in get�pfeltem Videoblau. Sein Hals ist eine Ansammlung von Rasiernarben und vergessenen Barthaaren. Der sich vorw�lbende Adamsapfel deutet auf unergr�ndliche Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit hin. Im Revers tr�gt Spade eine Anstecknadel in Form eines stilisierten Fisches.</p><p>�Wie w�re es, wenn wir uns einmal kurz mit Ihrer Chefin zusammensetzen?�</p><p>�Gut�, sagt Landsman. �Aber ich bleibe lieber stehen.�</p><p>�Wie Sie w�nschen, Detective. Aber wir m�ssen ja nicht in der T�r stehen bleiben.�</p><p>Landsman tritt zur Seite und winkt Spade hinein. Spade schlie�t die T�r.</p><p>�Detective Landsman, ich habe Grund zur Annahme�, beginnt Spade, �dass Sie eine ungenehmigte und�� angesichts der Tatsache, dass Sie momentan suspendiert sind���</p><p>�Bei voller Bezahlung�, sagt Landsman.</p><p>���illegale Ermittlung in einem Fall durchf�hren, der offiziell zu den Akten gelegt wurde. Mit Hilfe von Detective Berko Shemets, ebenfalls ungenehmigt. Und wenn ich raten sollte, w�rde es mich nicht wundern, wenn sich herausstellte, dass auch Sie ihm geholfen haben, Inspector Gelbfish.�</p><p>�Sie ist mir eigentlich nur geh�rig auf den Sack gegangen�, sagt Landsman. �Ehrlich gesagt. War �berhaupt keine Hilfe.�</p><p>�Ich habe gerade die Staatsanw�ltin angerufen�, sagt Bina.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Vielleicht �bernimmt sie den Fall.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Er f�llt nicht mehr in meinen Zust�ndigkeitsbereich. Es hat eine Drohung gegeben. M�glicherweise. Ein Ziel im Ausland wurde bedroht. Von Bewohnern dieses Distrikts.�</p><p>�Hm-m!� Spade schaut emp�rt und zufrieden zugleich. �Eine Drohung? Nichts wie weg!�</p><p>Eine schwere, kalte Fl�ssigkeit sickert in Binas Blick, irgendetwas zwischen Quecksilber und Schlamm.</p><p>�Ich suche einen Mann namens Alter Litvak�, sagt sie, und eine gro�e M�digkeit zerrt an den R�ndern ihrer Stimme. �Er hat m�glicherweise mit dieser Drohung zu tun. Auf jeden Fall m�chte ich gerne wissen, was er �ber den Mord an Mendel Shpilman wei�.�</p><p>�Aha�, sagt Spade liebensw�rdig und vielleicht ein wenig zu geistesabwesend f�r jemanden, der vorgibt, sich f�r das Leben seines Gegen�bers in allen Einzelheiten zu interessieren, w�hrend er im Internet seines Hirns surft. �Gut, aber, hm, die Sache ist so, Ma�am. In meiner Eigenschaft als�� wie hei�t das bei Ihnen noch mal? Der Mann von der � �hm � Beerdigungsgesellschaft, der bei dem Toten sitzen bleibt, wenn es ein Jude ist?�</p><p>�Den nennt man Schomer�, sagt Bina.</p><p>�Gut. In meiner Eigenschaft als Schomer hier vor Ort muss ich sagen: nein. Sie werden diese ganze Angelegenheit und auch Mr. Litvak in Ruhe lassen.�</p><p>Bina wartet lange, ehe sie etwas sagt. Die M�digkeit in ihrer Stimme scheint nun in ihre Schultern, ihren Kiefer, in die Konturen ihres Gesichts zu flie�en.</p><p>�Sind Sie darin verwickelt, Spade?�, fragt sie.</p><p>�Ich pers�nlich? Nein, Ma�am. Das �bergangsteam? Hm. Der Reversionsausschuss Alaskas? Ganz bestimmt nicht. Es ist so: Ich wei� nicht viel �ber diese Sache. Und das wenige, was ich wei�, darf ich nicht sagen. Ich bin im Personalmanagement, Inspector Gelbfish. Das ist meine Aufgabe. Und ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass, bei allem Respekt, schon zu viele Mittel auf diese Angelegenheit verschwendet wurden.�</p><p>�Das sind meine Mittel, Mr. Spade�, sagt Bina. �Zwei Monate kann ich noch mit jedem Zeugen reden, mit dem ich sprechen will. Ich kann verhaften, wen ich verhaften will.�</p><p>�Nicht, wenn die Staatsanwaltschaft Sie zur�ckpfeift.�</p><p>Das Telefon klingelt.</p><p>�Das ist bestimmt die Staatsanwaltschaft�, sagt Landsman.</p><p>Bina nimmt ab.</p><p>�Hallo, Kathy�, sagt sie. Eine Minute h�rt sie schweigend zu. Dann sagt sie: �Ich verstehe�, und legt auf. Ihre Stimme ist ruhig und ausdruckslos. Sie setzt ein angespanntes L�cheln auf und zieht dem�tig den Kopf ein, als sei sie vernichtend geschlagen worden. Landsman sp�rt, dass sie ihn absichtlich nicht anschaut, weil sie sonst ein klein wenig aufrei�en k�nnte. Und er wei�, wie erz�rnt Bina Gelbfish werden muss, bevor die ersten Tr�nen rollen.</p><p>�Und ich hatte alles so sch�n in die Wege geleitet�, sagt sie.</p><p>�Und ich kann dir sagen, das hier, das war ein Tr�mmerfeld, als du herkamst�, sagt Landsman.</p><p>�Ich wollte Ihnen alles so h�bsch �berreichen�, sagt Bina zu Spade. �Sauber verpackt. Ohne Kr�mel. Ohne lose F�den.�</p><p>Sie hatte es so sorgf�ltig vorbereitet, hatte die Lorbeeren gesammelt, war denjenigen in den Arsch gekrochen, denen man hineinkriechen musste. Hatte die St�lle ausgefegt. Hatte Sitka Central in Geschenkpapier verpackt und sich selbst als dekorative Schleife obendrauf gesetzt.</p><p>�Ich hab sogar das scheu�liche Sofa rausgeworfen�, sagt sie. �Was zum Teufel ist hier los, Spade?�</p><p>�Ich wei� es wirklich nicht, Ma�am. Und selbst wenn ich es w�sste, w�rde ich das Gegenteil behaupten.�</p><p>�Sie haben nur die Aufgabe sicherzustellen, dass an diesem Ende alles glattl�uft.�</p><p>�Ja, Ma�am.�</p><p>�Und das andere Ende ist Pal�stina.�</p><p>�Ich wei� nicht viel �ber Pal�stina�, sagt Spade. �Ich komme aus Lubbock. Aber meine Frau ist aus Nacogdoches, das ist rund vierzig Meilen von der Stadt Palestine entfernt.�</p><p>Einen Augenblick schaut Bina ihn ausdruckslos an, dann err�ten ihre Wangen, als sie versteht.</p><p>�Stehen Sie hier nicht herum und rei�en Witze�, sagt sie. �Wagen Sie es nicht!�</p><p>�Nein, Ma�am�, sagt Spade, und jetzt ist es an ihm, ein wenig rot zu werden.</p><p>�Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, <emphasis>Mister</emphasis> Spade. Und es w�re besser, das sage ich Ihnen, wenn Sie mich verdammt nochmal auch ernst nehmen w�rden.�</p><p>�Ja, Ma�am.�</p><p>Bina erhebt sich hinter dem Schreibtisch und nimmt ihren orangefarbenen Parka vom Haken.</p><p>�Ich werde Alter Litvak holen. Ihn vernehmen. Ihn m�glicherweise verhaften. Wenn Sie mich aufhalten wollen, dann versuchen Sie es doch.� Mit schnaubendem Parka rauscht sie an dem v�llig �berrumpelten Spade vorbei. �Aber wenn Sie versuchen mich aufzuhalten, wird bei Ihnen nichts mehr glattlaufen. Das verspreche ich Ihnen.�</p><p>Und damit ist sie weg, eine Sekunde lang. Dann steckt sie den Kopf durch die T�r, zieht ihre grelle Jacke �ber.</p><p>�Hey, Jid�, ruft sie Landsman zu. �Ich k�nnte ein bisschen Unterst�tzung gebrauchen.�</p><p>Landsman setzt seinen Hut auf und folgt ihr. Auf dem Weg nach drau�en nickt er Spade zu.</p><p>�Lobe den Herrn�, sagt Landsman.</p></section><section><title><p><emphasis>38.</emphasis></p></title><p>Das Institut Moriah ist der einzige Mieter im sechsten und obersten Stockwerk des Hotel Blackpool. Der Korridor ist frisch gestrichen, auf dem Boden liegt ein makelloser malvenfarbener Teppich. Am hinteren Ende neben der T�r von 606 nennen kleine schwarze Buchstaben auf einem unauff�lligen Messingschild den Namen des Instituts auf Englisch und Jiddisch, darunter steht in Gro�buchstaben: SOL UND DOROTHY ZIEGLER CENTER. Bina dr�ckt auf eine Klingel. Sie blickt ins Objektiv der Sicherheitskamera, die auf die beiden herabschaut.</p><p>�Du erinnerst dich an die Abmachung�, sagt Bina zu Landsman. Es ist keine Frage.</p><p>�Ich soll den Mund halten.�</p><p>�Das ist nur ein kleiner Teil davon.�</p><p>�Ich bin nicht mal hier. Ich existiere gar nicht.�</p><p>Sie klingelt erneut, und als sie gerade die Hand zum Klopfen heben will, �ffnet Buchbinder die T�r. Er tr�gt eine andere riesige kornblumenblaue Sweatshirtjacke mit blassgr�nen und lachsroten Punkten, dazu weite Chinos und ein Sweatshirt der Bronfman University. Er hat Tinten- oder Fettflecken im Gesicht und an den H�nden.</p><p>�Inspector Gelbfish�, sagt Bina und zeigt ihm ihren Ausweis. �Sitka Central. Ich suche Alter Litvak. Ich habe Grund zur Annahme, dass er sich hier aufh�lt.�</p><p>Ein Zahnarzt ist in der Regel kein Mann der T�cke. An Buchbinders Gesicht l�sst sich klar und deutlich ablesen, dass er mit ihnen gerechnet hat.</p><p>�Es ist schon sehr sp�t�, versucht er es. �Wenn Sie nicht���</p><p>�Alter Litvak, Dr. Buchbinder, ist er hier?�</p><p>Landsman sieht, wie Buchbinder mit der Mechanik, der Flugbahn und der Windscherung einer L�ge ringt.</p><p>�Nein. Nein, er ist nicht hier.�</p><p>�Wissen Sie, wo er ist?�</p><p>�Nein. Nein, Inspector, das wei� ich nicht.�</p><p>�Aha. Gut. K�nnte es sein, dass Sie mich bel�gen, Dr. Buchbinder?�</p><p>Es folgt eine kurze, schwere Pause. Dann schl�gt Buchbinder ihnen die T�r vor der Nase zu. Bina klopft, ihre Faust der unerm�dliche Schnabel eines Baumspechts. Kurz darauf �ffnet Buchbinder wieder die T�r, l�sst schnell sein Shoyfer in der Jackentasche verschwinden. Er nickt, und Wangen, Kiefer und das Zwinkern in seinen Augen machen einen freundlichen Anschein. Jemand hat einen kleinen Trichter geschmolzenen Eisens in sein R�ckgrat gegossen.</p><p>�Kommen Sie doch herein!�, sagt er. �Mr. Litvak empf�ngt sie. Er ist oben.�</p><p>�Ist das hier nicht das oberste Stockwerk?�, fragt Bina.</p><p>�Es gibt noch eine Dachwohnung.�</p><p>�Absteigen haben so was nicht�, sagt Landsman. Bina wirft ihm einen Blick zu. Er soll unsichtbar, unh�rbar sein, ein Geist.</p><p>Buchbinder senkt die Stimme. �Ich nehme an, da hat fr�her der Hausmeister gewohnt. Aber die Wohnung ist renoviert worden. Hier entlang, bitte, es gibt eine Hintertreppe.�</p><p>Die Innenw�nde sind herausgerissen worden, Buchbinder f�hrt sie durch die Galerie des Ziegler Centers. Es ist ein k�hler, dunkler, j�ngst wei� gestrichener Raum, ganz anders als der schmuddelige ehemalige Papierwarenladen auf der Ibn-Ezra Street. Das Licht stammt von Glas- oder Plexiglasw�rfeln, die auf viereckigen, mit Teppich bespannten S�ulen stehen. Jeder W�rfel stellt ein Objekt zur Schau, einen silbernen L�ffel, eine Kupferschale, ein unerkl�rliches Kleidungsst�ck, das aussieht, als sei es in einer Weltraumoper vom sorvoldanischen Botschafter getragen worden. Es m�ssen weit �ber hundert Ausstellungsst�cke sein, viele davon mit Gold und Edelsteinen verziert. Jedes verk�ndet den Namen der amerikanischen Juden, durch deren Gro�z�gigkeit die Herstellung erm�glicht wurde.</p><p>�Sie haben es weit gebracht�, sagt Landsman.</p><p>�Ja, es ist herrlich�, sagt Buchbinder. �Ein Wunder.�</p><p>Ein Dutzend gro�er Lattenkisten steht am hinteren Ende des Raumes, Locken von Kiefernsp�nen quillen aus ihnen hervor. Aus der Holzwolle ragt ein zierlicher, mit Gold ziselierter Silbergriff. Auf einem gro�en flachen Tisch in der Mitte des Raumes verschluckt das ma�stabsgetreue Modell eines steingefurchten, nackten H�gels das Licht von einem Dutzend Halogenstrahlern. Die Bergspitze, wo Isaak darauf wartete, dass sein Vater ihm den Lebensmuskel aus dem Leib riss, ist so flach wie ein Platzdeckchen. An den H�ngen finden sich Steinh�user, Steingassen, kleine Oliven- und Zypressenb�ume mit struppigem Laub. Winzige, in Minigebetsschals geh�llte Juden betrachten die Leere auf der Bergspitze, so als veranschaulichten oder demonstrierten sie das Prinzip, dass jeder Jude seinen pers�nlichen Messias hat, der nie kommt, denkt Landsman.</p><p>�Ich sehe den Tempel nicht�, sagt Bina in einem Ton, als w�rde sie lieber den Mund halten.</p><p>Buchbinder st��t ein sonderbares Grunzen aus, animalisch und zufrieden. Mit der Schuhspitze dr�ckt er auf eine Taste im Boden. Es gibt ein sanftes Klicken, dann summt ein kleiner Ventilator. Und dann kehrt der ma�stabsgetreu nachgebaute Tempel�� errichtet von Salomon, zerst�rt von den Babyloniern, wieder aufgebaut und umgestaltet vom K�nig Jud�as, der Christus zum Tode verurteilte, zerst�rt von den R�mern, versiegelt und bebaut von den Abbasiden�� zur�ck an seinen rechtm��igen Platz am Nabel der Welt. Die Technik, die diese Erscheinung m�glich macht, verleiht dem Modell ein wundersames Leuchten. Der Tempel schimmert wie eine Fata Morgana. In seiner praktischen Ausf�hrung zeugt der Dritte Tempel von zur�ckhaltender Steinmetzkunst mit seinen Kuben, S�ulen und windigen Plazas. Hier und dort verleiht ihm ein gemei�eltes sumerisches Ungeheuer eine Spur Urt�mlichkeit. Dies ist der Zettel, den Gott den Juden in die Hand gab, denkt Landsman, das Versprechen, dessentwegen wir ihm seither auf den Geist gehen. Der Turm, der sich im Endspiel der Welt um den K�nig k�mmert.</p><p>�Und jetzt lassen wir die Puff-Puff-Eisenbahn fahren�, sagt Landsman.</p><p>Hinten im Raum befindet sich eine schmale Treppe, an einer Seite frei, an der anderen gegen die Wand gedr�ckt. Sie f�hrt hinauf zu einer schwarzlackierten Stahlt�r. Buchbinder klopft vorsichtig an.</p><p>Der junge Mann, der die T�r �ffnet, ist einer der Gro�neffen aus dem Einstein, der Fahrer des Caudillo, der schwere, breitschultrige Amerikaner mit dem rosa Nacken.</p><p>�Ich glaube, Mr. Litvak erwartet mich�, sagt Bina fr�hlich. �Ich bin Inspector Gelbfish.�</p><p>�Sie haben f�nf Minuten�, sagt der junge Mann in zweckm��igem Jiddisch. Er kann nicht �lter als zwanzig sein. Sein linkes Auge ist nach innen gerichtet, auf seinen Babywangen sind mehr Aknenarben als Barthaare. �Mr. Litvak ist ein viel besch�ftigter Mann.�</p><p>�Und wer sind Sie?�</p><p>�Sie k�nnen mich Micky nennen.�</p><p>Sie tritt auf ihn zu und reckt ihr Kinn gegen seine Kehle.</p><p>�Micky, ich wei�, dass mich das in deinen Augen zu einem schlechten Menschen macht, aber mir ist wirklich egal, wie besch�ftigt Mr. Litvak ist. Ich rede so lange mit ihm, wie ich es f�r richtig halte. Jetzt bring mich zu ihm, mein S��er, sonst wirst du f�r sehr lange Zeit �berhaupt keine Besch�ftigung mehr haben.�</p><p>Micky wirft Landsman einen Blick zu, der besagt <emphasis>Wow, ist die hart.</emphasis> Landsman tut so, als verstehe er nicht.</p><p>�Wenn Sie mich bitte entschuldigen w�rden�, sagt Buchbinder und verbeugt sich vor allen. �Ich habe noch sehr viel zutun.�</p><p>�Wollen Sie irgendwohin, Doktor?�, fragt Landsman.</p><p>�Ich habe Ihnen das bereits erkl�rt�, sagt der Zahnarzt. �Vielleicht sollten Sie sich so was besser aufschreiben.�</p><p>Das Penthouse auf dem Hotel Blackpool ist nichts Besonderes. Ein Zweizimmerapartment. Im vorderen Raum befinden sich eine Schlafcouch, eine Bar mit flie�endem Wasser und ein Minik�hlschrank, ein Sessel und sieben junge M�nner mit dunklen Anz�gen und schlechten Frisuren. Die Betten sind weggeklappt, aber man riecht, dass in diesem Raum junge M�nner geschlafen haben, vielleicht tats�chlich sieben. Ein biesenbesetztes Bettlaken sp�ht aus dem Ritz eines Sitzkissens wie ein im Rei�verschluss gefangener Hemdscho�.</p><p>Die jungen M�nner sitzen vor einem besonders gro�en Fernseher, in dem Satellitennachrichten laufen. Auf dem Bildschirm gibt der Premierminister der Mandschurei gerade f�nf mandschurischen Astronauten die Hand. Die Kiste, in der der Fernseher geliefert wurde, steht neben seinem ehemaligen Inhalt auf dem Boden. Flaschen mit Energiegetr�nken und T�ten mit Sonnenblumenkernen stehen auf dem Couchtisch neben Verwehungen von Sonnenblumenschalen. Landsman kann drei automatische Pistolen ausmachen, zwei im Hosenbund, eine in einem Socken. Vielleicht den Kolben einer vierten unter einem Oberschenkel. Niemand freut sich, die Polizeibeamten zu sehen. Ganz im Gegenteil wirken die jungen M�nner m�rrisch, gereizt. Bestrebt, irgendwo anders zu sein, nur nicht hier.</p><p>�Zeigen Sie uns Ihren Durchsuchungsbeschluss.� Das ist Gold, die angespitzte kleine Feile von Mexikaner aus Peril Strait. Er sch�lt sich von der Couch und kommt auf Bina und Landsman zu. Als er Landsman erkennt, hebt sich seine durchgehende Augenbraue an ihrem Scheitelpunkt. �Madam, der da hat kein Recht, hier zu sein. Schicken Sie ihn raus.�</p><p>�Immer mit der Ruhe�, sagt Bina. �Wie hei�en Sie?�</p><p>�Das ist Gold�, sagt Landsman.</p><p>�Ah so. Gold, sehen Sie mal: Ihr seid zu eins, zwei, drei, zu siebt. Wir sind zu zweit.�</p><p>�Ich bin nicht mal da�, sagt Landsman. �Ich bin nur eine Illusion.�</p><p>�Ich bin hier, um mit Alter Litvak zu sprechen, und daf�r brauche ich kein Blatt Papier, mein Schejner. Selbst wenn ich ihn verhaften wollte, k�nnte ich den Beschluss immer noch nachreichen.� Sie wirft Gold ihr gewinnendes, leicht angestaubtes L�cheln zu. �Ehrlich.�</p><p>Gold z�gert. Er will die Sache mit seinen sechs Kameraden besprechen, will wissen, was er ihrer Meinung nach tun soll, aber irgendetwas an seinem Vorhaben oder am Leben im Allgemeinen erscheint ihm sinnlos. Er geht zur Schlafzimmert�r und klopft. Auf der anderen Seite gibt ein zerl�cherter Dudelsack ein ersterbendes Keuchen von sich.</p><p>Der Raum ist so spartanisch und aufger�umt wie Hertz Shemets� H�tte, bis hin zum Schachbrett. Kein Fernseher. Kein Radio. Nur ein Stuhl und ein B�cherregal und ein Klappbett in der Ecke. Ein bis zum Boden reichendes Stahlrollo klappert im Wind des Golfes. Litvak sitzt auf dem Bett, die Knie zusammengedr�ckt, ein aufgeschlagenes Buch im Scho�, und trinkt durch einen knickbaren gr�nen Strohhalm eine Art Vitaminshake aus einer Dose.</p><p>Als Bina und Landsman eintreten, stellt Litvak die Dose ins B�cherregal neben seinen Block mit marmoriertem Papier. Er legt einen Faden in das Buch und klappt es zu. Landsman sieht, dass es eine alte Hardcoverausgabe von Tarrasch ist, wahrscheinlich <emphasis>300 Schachpartien.</emphasis> Dann blickt Litvak auf. Seine Augen sind zwei glanzlose Pennys. Sein Gesicht besteht aus H�hlen und Vorspr�ngen, ein Kommentar im gelben Leder seines Sch�dels. Er wartet, als seien sie gekommen, um ihm einen Kartentrick vorzuf�hren. Mit seinem schwer lesbaren gro�v�terlichen Gesichtsausdruck ist er bereit, entt�uscht zu werden und sich gleichzeitig erfreut zu geben.</p><p>�Ich bin Bina Gelbfish. Sie kennen Meyer Landsman.� Ich kenne dich auch, sagen die Augen des alten Mannes.</p><p>�Reb Litvak kann nicht sprechen�, sagt Gold. �Er hat einen verkr�ppelten Kehlkopf.�</p><p>�Verstehe�, sagt Bina. Sie mustert die Sch�den, die Zeit, Verletzungen und Physik dem Mann zugef�gt haben, mit dem sie vor siebzehn, achtzehn Jahren auf der Hochzeit von Landsmans Cousine Shefra Sheynfeld eine Rumba tanzte. Ihr forsches Lady-Schammes-Auftreten hat sie abgelegt, ohne es aufgegeben zu haben. Aufgeben tut sie es nie. Vielleicht schiebt sie es ins Holster, entsichert es, eine Hand mit angewinkelten Fingern an der H�fte. �Mr. Litvak, ich habe von meinem Detective hier ein paar ziemlich wilde Geschichten �ber Sie geh�rt.�</p><p>Litvak greift zu seinem Block, auf dem quer die schlanke ebenholzschwarze Zigarre seines Waterman liegt. Er schl�gt den Block mit den Fingern einer Hand auf, legt ihn auf sein Knie und studiert Bina so, wie er das Schachbrett im Einstein-Club studierte, sucht nach einer Er�ffnung, sieht zwanzig M�glichkeiten, eliminiert neunzehn. Er schraubt seinen F�ller auf. Er ist auf der allerletzten Seite. Er schreibt.</p><p><emphasis>Sie machen sich nichts aus wilden Geschichten</emphasis></p><p>�Ja, Sir, das stimmt. Ich bin schon seit vielen Jahren bei der Polizei und kann an den Fingern einer Hand abz�hlen, wie oft eine wilde Geschichte �ber den Hergang eines Falls sich hinterher als n�tzlich oder wahr entpuppt hat.�</p><p><emphasis>Hartes Los�� sich einfache Erkl�rungen in einer Welt voller Juden zu w�nschen</emphasis></p><p>�Zugegeben.�</p><p><emphasis>Also schweres Schicksal ein j�discher Polizist zu sein</emphasis></p><p>�Mir gef�llt�s�, sagt Bina schlicht und gef�hlvoll. �Es wird mir fehlen, wenn es vorbei ist.�</p><p>Litvak zuckt mit den Schultern, wie um anzudeuten, dass er sein Beileid ausdr�cken w�rde, wenn er nur k�nnte. Seine harten, hellen, rotger�nderten Augen gleiten zur T�r und stellen Gold mit einer erhobenen Augenbraue eine Frage. Gold sch�ttelt den Kopf und geht dann wieder Fernsehen gucken.</p><p>�Ich nehme an, es ist nicht leicht�, sagt Bina. �Aber nehmen wir mal an, Sie erz�hlen uns, was Sie �ber Mendel Shpilman wissen, Reb Litvak.�</p><p>�Und �ber Naomi Landsman�, f�gt Landsman hinzu.</p><p><emphasis>Wenn Sie glauben ich h�tte Mendel get�tet haben Sie genauso wenig Ahnung wie er</emphasis></p><p>�Ich glaube �berhaupt nichts�, sagt Bina.</p><p><emphasis>Ihr Gl�ck</emphasis></p><p>�Das ist ein Talent von mir.�</p><p>Litvak schaut auf die Uhr und gibt ein br�chiges Ger�usch von sich, das Landsman f�r einen geduldigen Seufzer h�lt. Er schnippt mit den Fingern. Als Gold sich zu ihm umdreht, winkt er mit seinem vollgeschriebenen Block. Gold geht ins Vorderzimmer und kehrt mit einem neuen Block zur�ck. Er durchquert den Raum und reicht ihn Litvak mit einem Blick, der dem Alten anbietet, die st�renden G�ste mit einer Vielzahl interessanter Methoden zu dispensieren oder zu entsorgen. Litvak schickt den Jungen fort, wedelt ihn mit der Hand zur�ck zur T�r.</p><p>Dann rutscht er zur Seite und klopft auf den ger�umten Platz neben sich. Bina �ffnet den Rei�verschluss ihres Parkas und setzt sich. Landsman zieht den Wiener Stuhl heran. Litvak schl�gt den Block auf der ersten, jungfr�ulichen Seite auf.</p><p><emphasis>Jeder Messias versagt,</emphasis> schreibt Litvak, <emphasis>sobald er versucht sich selbst zu erl�sen</emphasis></p></section><section><title><p><emphasis>39.</emphasis></p></title><p>Sie hatten einen eigenen Piloten, einen guten, einen Veteran aus Kuba namens Frum, der im Pendelverkehr von Sitka flog. Frum hatte in Matanzas und im blutigen Debakel von Santiago unter Litvak gedient. Er war gleichzeitig gl�ubig und ohne eine Spur von Glauben, eine Kombination von Charakterz�gen, die Litvak sch�tzte, da er oft gezwungen war, sich auf allen Seiten mit der manchmal vors�tzlichen Treulosigkeit von Gl�ubigen herumzuschlagen. Der Pilot Frum glaubte nur das, was sein Armaturenbrett ihm sagte. Er war sachlich, akribisch, fachkundig, ruhig, hart. Wenn er eine Ladung Rekruten in Peril Strait absetzte, verlie�en die Jungs Frums Flugzeug mit einer gewissen Ahnung, was f�r eine Art Soldat sie werden wollten.</p><p><emphasis>Schickt Frum,</emphasis> schrieb Litvak, als sie vom Sachbearbeiter Mr. Cashdollar die Nachricht von einer wunderbaren Geburt in Oregon erhielten. Frum flog an einem Dienstag los. Am Mittwoch�� wie soll das reiner Zufall sein, w�rden die Gl�ubigen sagen�� stolperte Mendel Shpilman in Buchbinders Kuriosit�tenkabinett im sechsten Stock des Hotel Blackpool und sagte, er w�re bei seinem letzten Segensspruch angekommen und bereit, den an sich selbst zu verschwenden. Inzwischen befand sich der Pilot Frum schon tausend Meilen weiter auf einer Ranch vor Corvallis, wo Fligler und Cashdollar, eingeflogen aus Washington, Probleme hatten, sich mit dem Z�chter des magischen roten Tieres auf einen Preis zu einigen.</p><p>Es gab nat�rlich noch andere Piloten, die Shpilman nach Peril Strait h�tten fliegen k�nnen, aber es waren Au�enstehende oder junge Gl�ubige. Einem Au�enstehenden konnte man nicht vertrauen, und Litvak sorgte sich, Shpilman k�nne f�r einen jungen Gl�ubigen eine Entt�uschung sein. Dann w�rden die b�sen Zungen loslegen. Shpilman sei in einem sehr schlechten Zustand, wie Dr. Buchbinder sagte. Er sei aufgekratzt und m�rrisch oder schl�frig und teilnahmslos und wiege nur noch f�nfundf�nfzig Kilo. Wirklich, als Tzaddik mache er nicht mehr viel her.</p><p>Innerhalb einer so kurzen Frist fiel Litvak nur ein anderer Pilot ein, eine Person, die ebenfalls g�nzlich ohne Glauben war, aber diskret und zuverl�ssig. Au�erdem hatte sie eine alte Verbindung zu Litvak, auf die er seine Hoffnungen zu setzen wagte. Zuerst versuchte er, den Namen aus seinem Kopf zu verbannen, aber er kehrte immer wieder. Er hatte Angst, Shpilman wieder zu verlieren, wenn er zu lange z�gerte; schon zweimal hatte der Jid das Versprechen gebrochen, sich von Dr. Roboy in Peril Strait behandeln zu lassen. Deshalb lie� Litvak diesen ungl�ubigen, zuverl�ssigen Piloten auftreiben und bot ihm einen Auftrag an. Der Pilot, eine Frau, war einverstanden, forderte aber tausend Dollar mehr, als Litvak eigentlich hatte zahlen wollen.</p><p>�Eine <emphasis>Frau�,</emphasis> sagte der Arzt und setzte seinen K�nigsturm, ein Zug, der ihm keinen f�r Litvak erkennbaren Vorteil brachte. Nach Litvaks wohl�berlegter Meinung hatte Dr. Roboy ein Laster, das vielen Gl�ubigen eigen war: Er war ganz Strategie und null Taktik. Er neigte dazu, sich nur um der Bewegung willen zu bewegen, war zu sehr auf das Ziel konzentriert, um sich mit dem Weg dorthin zu besch�ftigen. �Hier. An diesem Ort.�</p><p>Sie sa�en im B�ro im ersten Stock des Hauptgeb�udes mit Blick auf die Meerenge, auf das indianische Dorfgesindel mit seinen Netzen und dem gesprungenen Plankenweg, auf den ins Meer ragenden Finger des brandneuen Anlegers f�r das Wasserflugzeug. Es war Roboys B�ro, in der Ecke stand ein Schreibtisch f�r Moish Fligler, falls er einmal da war und l�nger an einem Tisch gehalten werden konnte. Alter Litvak verzichtete lieber auf den Luxus von Schreibtisch, B�ro und Heim. Er schlief in G�stezimmern, Garagen, auf der Couch fremder Menschen. Sein Schreibtisch war ein K�chentisch, sein B�ro das �bungsgel�nde, der Schachclub Einstein oder das Hinterzimmer des Instituts Moriah.</p><p><emphasis>Wir haben hier M�nner, die nicht so m�nnlich sind wie sie,</emphasis> schrieb Litvak in seinen Block, <emphasis>Ich h�tte die Frau l�ngst engagieren sollen</emphasis></p><p>Er schnappte sich Roboys letzten L�ufer und schlug damit eine pl�tzliche Bresche in die Mitte der wei�en Figuren. Er sah, dass er Roboy auf zwei verschiedenen Wegen in vier Z�gen mattsetzen konnte. Der greifbare Sieg machte ihn �berdr�ssig. Er fragte sich, ob er sich jemals wirklich etwas aus Schach gemacht hatte. Litvak griff zu seinem Stift und verfasste eine Beleidigung, obwohl es sich in den letzten f�nf Jahren als unm�glich erwiesen hatte, Roboy zu provozieren.</p><p><emphasis>Wenn wir hundert solcher Frauen h�tten w�rde ich Ihnen jetzt auf einer Terrasse �ber dem �lberg die Fresse polieren</emphasis></p><p>�Hm�, sagte Dr. Roboy, befingerte einen Bauern und beobachtete Litvaks Gesicht, w�hrend Litvak in den Himmel blickte.</p><p>Dr. Roboy sa� mit dem R�cken zum Fenster, eine dunkle, das Schachbrett umklammernde Parenthese, das lange, vorspringende Gesicht ersch�pft vom Bem�hen, die Trostlosigkeit seiner unmittelbaren Schachzukunft zu erraten. Der Westhimmel hinter ihm war ein Gemisch aus Marmelade und Rauch. Die zerdr�ckten Berge, die gr�nen Falten, die schwarz wirkten, und das Purpur, das schwarz wirkte, dazu die leuchtend blauen Spalten wei�en Schnees. Im S�dwesten ging der Vollmond fr�h auf, scharf geschnitten und grau, er sah aus wie ein in den Himmel geklebtes, hochaufgel�stes Schwarzwei�foto seiner selbst.</p><p>�Jedes Mal, wenn Sie aus dem Fenster gucken�, sagte Roboy, �denke ich, jetzt ist er da. H�ren Sie doch bitte auf damit. Sie machen mich ganz nerv�s.� Er legte seinen K�nig hin, schob sich vom Schachbrett fort und entfaltete Gelenk um Gelenk seines langen Heuschreckenk�rpers. �Ich kann nicht spielen, tut mir leid. Sie haben gewonnen. Ich bin zu aufgedreht.�</p><p>Er begann, im B�ro auf und ab zu laufen.</p><p><emphasis>Ich verstehe nicht warum Sie sich solche Sorgen machen Sie haben die einfache Aufgabe</emphasis></p><p>�Ach ja?�</p><p><emphasis>Sie m�ssen nur ihn erl�sen, er ganz Israel</emphasis></p><p>Roboy blieb stehen und drehte sich zu Litvak um, der seinen Stift beiseiteschob und sich anschickte, die Schachfiguren in das Ahornk�stchen zur�ckzulegen.</p><p>�Dreihundert junge M�nner sind bereit, f�r ihn zu sterben�, sagte Roboy verdrie�lich. �Drei�igtausend Verbover werden ihr Leben und ihr Gl�ck auf diesen Mann setzen. Heimatlos werden, ihre Familien gef�hrden. Wenn noch mehr folgen, reden wir �ber Millionen. Ich bin froh, dass Sie dar�ber Witze rei�en k�nnen. Ich bin froh, dass es Sie nicht nerv�s macht, aus dem Fenster zu schauen, den Himmel zu beobachten und zu wissen, dass er nun endlich unterwegs ist.�</p><p>Litvak unterbrach sich beim Einr�umen der Figuren und schaute wieder aus dem Fenster: Kormorane, M�wen und ein Dutzend phantasievoller Varianten der gemeinen Ente, die keinen Namen auf Jiddisch haben. Jeden Moment mochte man eine von ihnen mit ausgebreiteten Fl�geln vor der untergehenden Sonne f�r die herannahende Piper Super Cub halten, die tief von S�dwesten kam. In den Himmel zu schauen, machte auch Litvak nerv�s. Doch das Projekt war per definitionem keines, das M�nner mit einer Vorliebe f�rs Warten anzog.</p><p><emphasis>Ich hoffe wirklich, er ist der T h-D</emphasis></p><p>�Nein, das hoffen Sie nicht�, sagte Roboy. �Das ist gelogen. Sie machen einfach nur mit. Weil es eine Herausforderung ist.�</p><p>Nach dem Autounfall, der Litvak Frau und Stimme raubte, war es Dr. Rudolf Buchbinder gewesen, der verr�ckte Zahnarzt von der Ibn-Ezra Street, der Litvaks Kiefer wieder aufgebaut und das Mauerwerk mit Acryl und Titan restauriert hatte. Und als Litvak feststellte, dass er abh�ngig von Schmerzmitteln war, war es ebenfalls der Zahnarzt gewesen, der ihn zur Behandlung an seinen alten Freund Dr. Max Roboy verwies. Als Cashdollar seinen Mann in Sitka Jahre sp�ter um Hilfe bat, die g�ttlich inspirierte Mission des amerikanischen Pr�sidenten zu erf�llen, dachte Litvak sofort an Buchbinder und Roboy.</p><p>Deutlich l�nger hatte es gedauert, hatte Litvak buchst�blich seine letzte Unze Chuzpe gekostet, Heskel Shpilman ins Boot zu bekommen. Endloses Pilpul und Geschacher �ber Baronshteyn. Erbitterter Widerstand der Karrieristen im Justizministerium, die in Shpilman und Litvak�� zu Recht�� einen Warlord und seinen Henker sahen. Nach Monaten voller Absagen und falschem Alarm dann schlie�lich das Treffen mit dem gewaltigen Mann in der Badeanstalt auf der Ringelblum Avenue.</p><p>Ein Dienstagmorgen, Schneeflocken fielen in matschigen Spiralen vom Himmel, zehn Zentimeter frischer Schnee auf dem Boden. Zu neu, zu fr�h f�r den Pflug. An der Ecke von Ringelblum und Glatshteyn Avenue stand ein Maronenverk�ufer mit einem verschneiten roten Schirm, seine R�stkiste gl�hte und zischte, die parallelen Furchen seiner R�der rahmten seine verwischten Fu�spuren ein. Es war so still, dass man die Uhrwerke in den Ampelanlagen ticken und den Pager an der H�fte des Bewaffneten neben der T�r vibrieren h�ren konnte. Zwei Bewaffnete. Diese gro�en roten B�ren, die sich die Verbover halten, um den massigen K�rper ihres Rebbe zu bewachen.</p><p>W�hrend die Rudashevsky-Biks an der T�r Litvak die Betontreppe mit den Vinylstufen hinauf, und dann den schachtgleichen Korridor zur Eingangst�r des Bades entlangf�hren, w�lbten sich ihre zur Faust geballten Gesichter um ein kleines Licht. �bermut, Mitleid und das Frohlocken eines Witzbolds, eines Folterers, eines Priesters, der sich bereit macht, den Kannibalengott zu enth�llen. Was den uralten russischen Kassierer in seinem Metallverschlag oder den untersetzten W�rter in seinem Bunker voll wei�er Handt�cher betraf�� diese Jids hatten keine Augen, soweit Litvak bekannt war. Sie hielten die K�pfe gesenkt, geblendet von Angst und Vorsicht. Sie waren irgendwo anders, tranken Kaffee im Polar-Shtern, waren noch zu Hause im Bett bei ihrer Frau. Zu dieser Stunde war die Badeanstalt noch gar nicht ge�ffnet. Es war niemand da, �berhaupt keiner, und der W�rter, der Litvak �ber den Tresen zwei verschlissene Handt�cher zuschob, war ein Geist, der einem Toten ein gewundenes Laken reichte.</p><p>Litvak zog sich aus und h�ngte seine Kleidung an zwei Stahlhaken. Er konnte die Gezeitenstr�mung der Badeanstalt riechen, Chlor und Achselschwei� und schweren Salzdampf, der beim zweiten Nachdenken auch von der Einmachfabrik im Erdgeschoss stammen mochte. F�r ihn hatte es nichts Peinigendes, sich nackt zu zeigen, falls das die Absicht gewesen sein sollte. Er hatte zahlreiche Narben, einige davon waren furchtbar, sie verfehlten nicht ihre Wirkung. Er h�rte ein tiefes Pfeifen von einem der beiden Rudashevskys in der Umkleidekabine. Litvaks K�rper war ein von Schmerz und Gewalt beschriebenes Pergament, das sie nur ansatzweise exegetisch behandeln konnten. Er zog seinen Block aus der Tasche seiner Jacke, die am Haken hing.</p><p><emphasis>Gefalle ich euch?</emphasis></p><p>Die Rudashevkys konnten sich nicht auf eine gemeinsame Antwort einigen. Der eine nickte, der andere sch�ttelte den Kopf. Dann tauschten sie die Reaktionen, ohne dass es einen von ihnen befriedigt h�tte. Schlie�lich gaben sie es auf und schickten Litvak durch die vernebelte Glast�r in den Dampfraum zum Treffen mit dem von ihnen geh�teten K�rper.</p><p>Jener K�rper in seinem Schrecken oder seiner Herrlichkeit, nackt wie ein gewaltiger blutunterlaufener Augapfel ohne Augenh�hle. Litvak hatte ihn zuvor nur einmal gesehen, vor Jahren, gekr�nt mit einem Filzhut und wie ein Tabakklumpen aus Pinar del Rio in einen steifen schwarzen Mantel gerollt, der �ber die Spitzen seiner schicken schwarzen Stiefel schwang. Nun ragte er schwer aus dem Dampf hervor, eine mit einer Flechte schwarzen Haares �berzogene Platte nassen Kalksteins. Litvak f�hlte sich wie ein Flugzeug, das in den Nebel steuert und vom Aufwind �berraschend gegen eine Bergflanke gedr�ckt wird. Der Bauch schwanger mit Elefantendrillingen, die Br�ste schwer h�ngend, jeweils mit der rosa Linse einer Brustwarze versehen. Die Oberschenkel zwei gro�e, handgerollte, marmorierte Halva-Laibe. Im Schatten dazwischen ein dicker Nabel aus gr�ulich braunem Fleisch.</p><p>Litvak senkte die unisolierte R�stung seines K�rpers auf das hei�e Fliesengitter gegen�ber dem Rabbi. Als er damals Shpilman auf der Stra�e begegnet war, hatten die Augen des Mannes in dem Schattenreich gelegen, das die Sonnenuhr seiner Hutkrempe warf. Jetzt waren sie auf Litvak und seinen verw�steten K�rper gerichtet. Es waren freundliche Augen, dachte Litvak, oder aber Augen, deren Dienstherr sie in den Vorz�gen der Freundlichkeit geschult hatte. Sie studierten Litvaks Narben, den gerunzelten purpurnen Mund auf seiner rechten Schulter, die samtroten Striemen auf seiner H�fte, die Delle in seinem linken Oberschenkel, in die man eine Unze Gin gie�en konnte. Die Augen des Rebbe entboten Mitleid, Beachtung, ja, Dankbarkeit. Der Krieg in Kuba war ber�chtigt gewesen f�r seine Sinnlosigkeit, Brutalit�t und Verschwendung. Die Veteranen hatte man bei ihrer R�ckkehr gemieden. Niemand hatte ihnen Vergebung, Verst�ndnis oder eine m�gliche Heilung angedeihen lassen. Heskel Shpilman bot Litvak und seinem kriegszerfressenen Balg all das zusammen.</p><p>�Die Art Ihrer Behinderung�, sagte der Rebbe, �wurde mir erkl�rt, sowie der Inhalt Ihres Angebots.� Seine vom Dampf und den Porzellankacheln ged�mpfte, m�dchenhafte Stimme schien nicht aus der Kesselpaukenbrust zu kommen. �Ich sehe, dass Sie trotz meiner klaren Anweisung, nichts bei sich zu tragen, Ihren Block und Stift mitgebracht haben.�</p><p>Litvak hielt die dampfbeperlten beanstandeten Gegenst�nde hoch. Er f�hlte die Verwerfungen, die Kr�mmung in den Bl�ttern des Blocks.</p><p>�Sie werden ihn nicht gebrauchen.� Die vogelgleichen H�nde hockten sich auf den Fels seines Bauches, und der Rebbe schloss die Augen, entzog Litvak seine ehrliche oder vorget�uschte Sympathie und lie� ihn ein, zwei Minuten lang im Dampf schmoren. Litvak hatte Dampfb�der schon immer gehasst. Aber dieses Schwitz im alten Harkavy, profan und schmuddelig, war der einzige Ort, an dem es der Verbover Rebbe bewerkstelligen konnte, abseits seines Hofstaats, seines Gabbai, seiner eigenen Welt, Privatangelegenheiten zu regeln. �Ich habe nicht vor, weitere Fragen oder Antworten von Ihnen zu fordern.�</p><p>Litvak nickte und wollte aufstehen. Sein Kopf sagte ihm, dass Shpilman sich nicht die M�he gemacht h�tte, ihn zu diesem nackten, einseitigen Gespr�ch zu bestellen, wenn er ihm h�tte absagen wollen. Aber im Bauch sp�rte er, dass dieser Auftrag verdammt war, dass Shpilman ihn in die Ringelblum Avenue gerufen hatte, um die Absage mit der elefantesken Autorit�t seiner Person zu �berbringen.</p><p>�Sie sollen wissen, Mr. Litvak, dass ich Ihren Vorschlag sehr gr�ndlich erwogen habe. Ich habe versucht, seine Logik aus jedem Blickwinkel zu betrachten.</p><p>Beginnen wir mit unseren Freunden im S�den. Wenn es nur darum ginge, dass sie etwas wollten, eine greifbare Attraktion oder Ressource � �l, zum Beispiel. Oder wenn sie eher strategisch von ihren Sorgen in Bezug auf Russland oder Persien angetrieben w�ren. In beiden F�llen w�rden sie uns offensichtlich nicht brauchen. Wie schwierig eine Eroberung das Heiligen Landes auch w�re�� unsere k�rperliche Anwesenheit, unser Kampfeswille, unsere Waffen k�nnen f�r deren Schlachtplan keinen gro�en Unterschied machen. Ich habe mich mit deren Behauptung besch�ftigt, die j�dische Sache in Pal�stina unterst�tzen zu wollen, ich habe deren Theologie studiert, und soweit m�glich, habe ich versucht, mir auf Grundlage von Rabbi Baronshteyns Berichten eine Meinung �ber diese Christen und ihre Ziele zu bilden. Und ich komme zu dem Schluss, dass sie es so meinen, wenn sie sagen, dass sie Jerusalem wieder unter j�discher Herrschaft sehen wollen. Die Begr�ndung daf�r, die sogenannten Prophezeiungen und Apokryphen, deren angebliche Autorit�t diesem Wunsch zugrunde liegt, die kommt mir mitunter gar lachhaft vor. Sogar abscheulich. Ich bemitleide diese Christen ob ihres kindlichen Vertrauens in die bevorstehende Wiederkehr von einem, der �berhaupt nie gegangen ist, geschweige je gekommen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie uns ebenfalls wegen unseres unp�nktlichen Messias bemitleiden. Als Grundlage einer Partnerschaft sollte man gegenseitiges Mitleid nicht verachten.</p><p>Was Ihre Rolle in dieser Sache angeht, so ist das einfach, nicht? Sie sind ein S�ldner. Sie genie�en die Herausforderungen und die Verantwortung eines Feldherrn. Das verstehe ich. Wirklich. Sie k�mpfen gerne, und Sie t�ten gerne, solange es nicht Ihre Leute sind, die sterben. Und ich wage zu sagen, dass Sie nach all den Jahren mit Shemets und danach auf eigene Faust l�ngst Routine darin haben, die Amerikaner zufriedenzustellen.</p><p>F�r die Verbover ist es ein gro�es Risiko. Wir k�nnten bei diesem Abenteuer unsere gesamte Glaubensgemeinschaft verlieren. Wir k�nnten innerhalb weniger Tage ausgel�scht werden, wenn Ihre Trappen schlecht vorbereitet sind oder schlicht und einfach, was nicht unwahrscheinlich ist, in der Unterzahl. Aber wenn wir hierbleiben, nun ja, dann sind wir auch erledigt. In alle Winde verstreut. Unsere Freunde im S�den haben das ganz klar gesagt. Das ist die Zwickm�hle. Die Reversion ist das Feuer, das uns unterm Hintern gemacht wird, nicht wahr? Und das neue Jerusalem der Eimer mit Eiswasser. Einige unserer jungen M�nner pl�dieren daf�r, hier die Stellung zu halten, unsere Vertreibung zu riskieren. Aber das ist Wahnsinn.</p><p>Andererseits: Wenn wir unsere Zustimmung geben und Sie erfolgreich sind, dann erhalten wir einen Schatz von so unermesslichem Wert�� ich spreche nat�rlich von Zion��, dass allein die Vorstellung ein lange verriegeltes Fenster in meiner Seele �ffnet. Ich muss meine Augen vor dieser Helligkeit sch�tzen.�</p><p>Er hob den linken Handr�cken vor die Augen. Sein schmaler Ehering war von seinen Fingern verschluckt wie eine im Fleisch eines Baumes verschwundene Axt. Litvak sp�rte ein Pochen in seinem Hals, einen Daumen, der immer wieder �ber die tiefste Saite einer Harfe fuhr. Schwindel. Ein ballonartiges Gef�hl in Armen und Beinen. Es musste die Hitze sein. Er machte zaghafte, flache Atemz�ge in der schweren, brennenden Luft.</p><p>�Mich blendet diese Vision�, sagte der Rebbe. �Vielleicht bin ich davon auf meine Art so geblendet wie die Evangelikalen. So wertvoll ist dieser Schatz. So unermesslich s��.�</p><p>Nein. Es war nicht die Hitze und Schwere des Schwitz, die Litvaks Puls pochen lie�en und ihn schwindelig machten, jedenfalls nicht nur. Er war nun von seinem Bauchgef�hl �berzeugt: Shpilman wollte seinen Vorschlag zur�ckweisen. Aber als die wahrscheinliche Absage n�her r�ckte, d�mmerte ihm eine neue M�glichkeit, durchfuhr ihn regelrecht. Es war die Spannung einer brillanten Idee, eines blendenden Zugs.</p><p>�Dennoch reicht es nicht�, sagte der Rebbe. �Ich sehne mich nach Messias mehr als nach allem anderen auf dieser Welt.� Er stand auf, und sein Bauch schwappte �ber seine H�ften und Leisten wie kochende Milch, die am Topf heruntersch�umt. �Aber ich habe Angst. Ich habe Angst vorm Scheitern. Ich habe Angst vor gro�en Verlusten unter meinen Jids und vor der v�lligen Zerst�rung von allem, f�r das wir in den letzten sechzig Jahren gearbeitet haben. Am Ende des Krieges gab es noch elf Verbover, Litvak. <emphasis>Elf.</emphasis> Auf dem Totenbett habe ich dem Vater meiner Frau versprochen, nicht zuzulassen, dass uns jemals wieder solch eine Zerst�rung widerf�hrt.</p><p>Und schlie�lich und endlich, Litvak, habe ich Angst, es k�nnte ein Metzgergang sein. Es gibt zahlreiche, einleuchtende Warnungen davor, die Ankunft von Messias auf irgendeine Weise zu beschleunigen. Jeremia verurteilt es. Ebenso die Schw�re Salomons. Nat�rlich m�chte ich meine Jids in einer neuen Heimat sehen, mit finanziellen B�rgschaften der USA, mit Hilfsangeboten und Zugang zu den unvorstellbar gro�en neuen M�rkten, die Ihre Unternehmung im Erfolgsfall schaffen w�rde. Und ich w�nsche mir Messias so sehr, wie ich mir nach dieser Hitze w�nsche, in das k�hle dunkle Wasser der Mikwe im n�chsten Zimmer zu sinken. Aber, Gott vergebe mir meine Worte, ich habe Angst. So viel Angst, dass selbst der Vorgeschmack von Messias auf meinen Lippen nicht ausreicht, Litvak. Und das k�nnen Sie denen sagen, da unten in Washington. Sagen Sie ihnen, der Verbover Rebbe habe Angst.� Die Vorstellung von Angst schien den Rebbe in ihrer Neuigkeit v�llig hinzurei�en, wie einen Jugendlichen, der an den Tod, oder eine Hure, die an die reine Liebe denkt. �Was?�</p><p>Litvak hob den rechten Zeigefinger. Er hatte noch etwas, das er dem Rebbe anbieten konnte. Eine weitere Klausel im Abkommen. Er hatte keine Ahnung, wie er sie vortragen w�rde oder ob sie �berhaupt vorgetragen werden konnte. Doch als sich der Rebbe anschickte, seinen massigen R�cken Jerusalem und der �berw�ltigenden Ungeheuerlichkeit des Handels zuzukehren, den Litvak monatelang vorbereitet hatte, sp�rte er diese Klausel wie eine Art Schrei in sich aufsteigen, versehen mit zwei Ausrufezeichen. Hastig schlug er seinen Block auf. Er kritzelte zwei W�rter auf das erste leere Blatt, aber in seiner Eile und Panik dr�ckte er so fest auf, dass sein Stift das feuchte Papier zerriss.</p><p>�Was ist das?�, sagte Sphilman. �Haben Sie noch mehr anzubieten?�</p><p>Litvak nickte einmal, zweimal.</p><p>�Mehr als Zion? Als Messias? Als eine Heimat, als Gl�ck?�</p><p>Litvak stand auf und tappte �ber die Fliesen, bis er direkt neben dem Rebbe stand. Zwei nackte M�nner, die die Geschichten ihrer verhunzten K�rper trugen. Jeder von ihnen auf seine Art beraubt, allein. Litvak streckte die Hand aus und schrieb, erm�chtigt und inspiriert von dieser Einsamkeit, mit der Fingerspitze zwei W�rter in die Kondenstropfen einer viereckigen wei�en Kachel.</p><p>Der Rebbe las sie und sah auf. Es sammelten sich neue Tropfen, dann waren die W�rter verschwunden.</p><p>�Mein Sohn�, sagte der Rebbe.</p><p><emphasis>Es ist mehr als ein Spiel,</emphasis> schrieb Litvak im B�ro in Peril Strait, w�hrend er mit Roboy auf die Ankunft dieses ungeratenen, unerl�sten Sohnes wartete. <emphasis>Ich k�mpfe lieber um einen noch so zweifelhaften Preis als darauf zu warten welche Brosamen man mir hinwirft</emphasis></p><p>�Ich nehme an, irgendwo darin ist ein Credo versteckt�, sagte Roboy. �Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung f�r Sie.�</p><p>Als Gegenleistung f�r die Versorgung mit Kriegern, dem Messias und Geldmitteln, die die k�hnsten Tr�ume seiner Gesch�ftspartner �bertrafen, hatte Litvak sich von seinen Kunden, Auftraggebern und Verb�ndeten einzig und allein erbeten, dass man niemals von ihm erwartete, den Quatsch zu glauben, den die anderen glaubten. Wo sie die Fr�chte g�ttlicher W�nsche in einem neugeborenen roten K�lbchen sahen, erkannte er nur das Ergebnis von Millionen Steuerdollar, die heimlich f�r Bullensamen und In-vitro-Befruchtung ausgegeben worden waren. In der zuk�nftigen Verbrennung dieser roten Kuh sahen sie die Reinigung ganz Israels und die Erf�llung eines Millionen Jahre alten Versprechens; Litvak sah darin h�chstens einen notwendigen Zug in einem alten Spiel�� dem �berleben der Juden.</p><p><emphasis>Ach so weit w�rde ich nicht gehen</emphasis></p><p>Es klopfte an der T�r, und Micky Vayner steckte den Kopf herein.</p><p>�Ich wollte Sie erinnern, Sir�, sagte er in seinem braven amerikanischen Hebr�isch.</p><p>Ausdruckslos schaute Litvak in das rosa Gesicht mit den bl�ttrigen Augenlidern und dem Kinn aus Babyspeck.</p><p>�F�nf Minuten vor Sonnenuntergang. Ich sollte Sie erinnern.�</p><p>Litvak ging zum Fenster. Der Himmel war nun rosa, gr�n und so leuchtend grau gestreift wie die Haut eines Lachses. Gewiss sah er einen Stern oder Planeten. Dankend nickte er zu Micky Vayner hin�ber. Dann klappte er das K�stchen mit den Schachfiguren zu und schloss die Spange.</p><p>�Was ist bei Sonnenuntergang?�, fragte Roboy. Er drehte sich zu Micky Vayner um. �Was ist heute?�</p><p>Micky Vayner zuckte mit den Achseln; soweit er wusste, war es nach dem Mondkalender ein ganz normaler Tag im Monat Nissan. Auch wenn er wie seine jungen Kameraden ausgebildet worden war, an die vorbestimmte Wiedereinsetzung des biblischen K�nigreichs Jud�a und an das Schicksal Jerusalems als ewige Hauptstadt der Juden zu glauben, befolgte er die Vorschriften nicht strenger oder besser als die anderen. Die jungen amerikanischen Juden in Peril Strait feierten die gro�en Feste und hielten sich gr��tenteils an die Ern�hrungsvorschriften. Sie trugen ihre Jarmulkes und das Vier-Ecken, stutzten ihre B�rte aber milit�risch kurz. Sie vermieden Arbeit und Training am Sabbat, aber es gab Ausnahmen. Nach vierzig Jahren als weltlicher Krieger konnte Litvak damit umgehen. Selbst nach dem Unfall, als seine Sora ihm genommen war, als der Wind durch das Loch pfiff, das sie in Litvaks Leben hinterlassen hatte, als er nach Bedeutung d�rstete und nach Sinn hungerte, nach einem leeren Becher und einem nackten Teller, h�tte Alter Litvak keinen Platz unter wahrhaft frommen M�nnern einnehmen k�nnen. Beispielsweise h�tte er nie unter den Schwarzh�ten gl�cklich werden k�nnen. Tats�chlich konnte er sie nicht ausstehen und hatte seit jenem Treffen in der Badeanstalt seinen Kontakt zu den Verbovern auf ein Minimum beschr�nkt, w�hrend sie sich in aller Heimlichkeit darauf vorbereiteten, en masse nach Pal�stina geflogen zu werden.</p><p><emphasis>Heute ist nichts,</emphasis> schrieb er, ehe er seinen Block einsteckte und das Zimmer verlie�. <emphasis>Rufen Sie mich wenn sie kommen</emphasis></p><p>In seinem Zimmer nahm Litvak das Gebiss heraus und lie� es mit einem W�rfelklappern in ein Trinkglas fallen.</p><p>Er schn�rte seine Stiefel auf und sackte auf das Klappbett. Wenn er nach Peril Strait hinausflog, schlief er immer in diesem winzigen Zimmer�� im Grundriss war es als Abstellkammer ausgewiesen�� im Flur hinter Roboys B�ro. Seine Kleidung h�ngte er an einen Haken hinter der T�r, sein Gep�ck verstaute er unter dem Bett.</p><p>Er lehnte sich gegen die kalte Wand aus gestrichenen Hohlziegeln und schaute auf die Wand �ber dem Metallregal, das sein Glas mit den Z�hnen trug. Der Raum hatte kein Fenster, daher stellte sich Litvak einen fr�hen Stern vor. Eine zur�ckfliegende Ente. Den fotografierten Mond. Den Himmel, der langsam die Farbe eines Gewehrs annahm. Und ein Flugzeug, das tief von S�dost hereinkam und den Mann mit sich brachte, der nach Litvaks Plan Gefangener und Dynamit zugleich war, Wehrturm und Fallt�r, Zielscheibe und Pfeil.</p><p>Langsam erhob sich Litvak mit einem schmerzenden �chzen. Er hatte Schrauben in den H�ften, die H�ften schmerzten; seine Knie pochten und gongten wie die Pedale eines alten Klaviers. In den Scharnieren seines Kiefers knirschte es unabl�ssig. Mit der Zunge fuhr er sich �ber die leeren Fl�chen im Mund, sie f�hlten sich an wie glatter Kitt. Er war an Schmerzen und Bruchstellen gew�hnt, doch seit dem Unfall schien sein Leib nicht mehr zu ihm zu geh�ren. Er war etwas, das aus diversen Einzelteilen zusammengezimmert und -geschraubt worden war. Ein Vogelh�uschen aus Sperrholz, auf einen Pfahl gepfropft, in dem seine Seele wie eine panische Fledermaus flatterte. Wie jeder Jude war er in die falsche Welt geboren worden, in das falsche Land, zur falschen Zeit, und jetzt lebte er auch noch im falschen K�rper. Am Ende mochte es dieses Gef�hl von Irrigkeit sein, diese Faust in seinem j�dischen Bauch, die Alter Litvak an die Sache der Jids band, deren Feldherr er nun sein sollte.</p><p>Er ging zum in der Wand verankerten Metallregal unter dem imagin�ren Fenster. Neben dem Trinkglas mit dem Beweis von Buchbinders Genialit�t stand ein zweites Glas. Es enthielt einige Unzen Paraffin, erh�rtet um einen wei�en Faden. Litvak hatte die Kerze nicht ganz ein Jahr nach dem Tod seiner Frau in einem Supermarkt mit der Absicht gekauft, sie am Jahrestag ihres Todes anzuz�nden. Inzwischen waren mehrere Jahrestage gekommen und gegangen, und Litvak hatte seine eigene seltsame Tradition entwickelt. Jedes Jahr holte er die Jahrzeit-Kerze hervor, betrachtete sie und �berlegte, sie zu entz�nden. Er stellte sich das scheue Flackern der Flamme vor. Er malte sich aus, wie er in der Dunkelheit lag und das Licht der Gedenkkerze �ber seinem Kopf tanzte, ein schattenhaftes Alef-Bejs an die Decke der kleinen Kammer malte. Er sah vor sich, wie das Glas nach vierundzwanzig Stunden leer w�re, der Docht verzehrt, das Paraffin verbrannt, das winzige Metallpl�ttchen am Boden in Wachs ertr�nkt. Und danach�� aber an diesem Punkt verlie� ihn immer seine Vorstellungskraft. Litvak w�hlte in den Taschen seines Anzugs nach dem Feuerzeug, nur um die M�glichkeit, die Option zu haben, herauszufinden, was es blo� bedeuten mochte�� sollte er sich denn dazu entschlie�en��, die Erinnerung an seine Frau anzuz�nden. Das Feuerzeug war ein Zippo, auf einer Seite war in abgenutzten schwarzen Strichen ein Rangers-Abzeichen eingraviert, die andere war tief eingedr�ckt. Dort hatte das Feuerzeug einen herandr�ngenden Teil des Autos, der Stra�e oder der Traubenkirsche davon abgehalten, Litvaks Herz zu durchbohren. Seinem Hals zuliebe rauchte Litvak nicht mehr; das Feuerzeug war nur noch eine Gewohnheit, ein Symbol seines �berlebens, ein ironischer Gl�cksbringer, der nie seinen Platz neben dem Bett oder in Litvaks Hose verlie�. Aber jetzt war es weder hier noch dort. Mit der d�mmlichen Art eines hilflosen alten Mannes klopfte er sich von oben bis unten ab. R�ckw�rts ging er seinen Tag durch, arbeitete sich zur�ck bis zum Morgen, als er wie gew�hnlich das Feuerzeug in seine Jackentasche hatte gleiten lassen. Etwa nicht? Auf einmal konnte er sich nicht erinnern, am Morgen das Zippo eingesteckt oder es am Abend zuvor auf das Metallregal gelegt zu haben, als er schlafen ging. Vielleicht hatte er es schon seit Tagen nicht mehr bei sich. Es k�nnte zu Hause in Sitka sein, im Hinterzimmer des Hotel Blackpool. Es k�nnte �berall sein. Litvak lie� sich zu Boden fallen, zerrte sein Gep�ck unter dem Bett hervor und durchw�hlte es mit klopfendem Herzen. Kein Feuerzeug. Auch keine Streichh�lzer. Nur eine Kerze in einem Saftglas und ein Mann, der nicht wusste, wie er sie entz�nden sollte, selbst wenn er eine Feuerquelle h�tte. Litvak drehte sich zur T�r um, da h�rte er jemanden n�her kommen. Ein zartes Klopfen. Er lie� die Jahrzeit-Kerze in seiner Jackentasche verschwinden.</p><p>�Reb Litvak�, sagte Micky Vayner. �Sie sind da, Sir.�</p><p>Litvak setzte sein Gebiss ein und schob das Hemd in die Hose.</p><p><emphasis>Alle auf die Zimmer ich will nicht dass ihn jetzt jemand sieht</emphasis></p><p>�Ist er nicht bereit?�, sagte Micky Vayner ein wenig unsicher, wollte beruhigt werden. Er kannte Mendel Shpilman nicht, hatte ihn noch nie gesehen. Er hatte lediglich Geschichten �ber Wunder aus seinen Knabentagen geh�rt und vielleicht den stechenden Geruch verdorbener Ware bemerkt, der manchmal aufstieg, wenn Shpilmans Name erw�hnt wurde.</p><p><emphasis>Es geht ihm nicht gut aber wir werden ihn heilen</emphasis></p><p>Es war weder Teil der Doktrin noch notwendig f�r den Erfolg von Litvaks Plan, dass Micky Vayner oder einer der anderen Juden von Peril Strait glaubte, Mendel Shpilman sei der Tzaddik ha-Dor. Ein Messias, der tats�chlich kommt, nutzt niemandem. Eine erf�llte Hoffnung ist schon eine halbe Entt�uschung.</p><p>�Wir wissen, dass er nur ein Mensch ist�, sagte Micky Vayner pflichtgem��. �Das wissen wir alle, Reb Litvak. Nur ein Mensch, nicht mehr, und das, was wir tun, ist gr��er als jeder Mensch.�</p><p><emphasis>Es ist nicht der Mann um den ich mir Sorgen mache,</emphasis> schrieb Litvak. <emphasis>Alle auf die Zimmer</emphasis></p><p>Als er auf dem Dock f�r das Wasserflugzeug stand und zusah, wie Naomi Landsman Mendel Shpilman aus dem Cockpit ihrer Super Cub half, dachte Litvak, wenn er es nicht besser w�sste, w�rde er die beiden f�r ein altes Paar halten. Die Art, wie sie seinen Oberarm ergriff, seinen Hemdkragen aus dem Revers seines zerknitterten Nadelstreifenblazers fischte und ihm einen Streifen Zellophan aus dem Haar zupfte, hatte etwas Forsch-Vertrautes. Sie beobachtete sein Gesicht, w�hrend Shpilman Roboy und Litvak be�ugte, nur sein Gesicht, z�rtlich wie ein Ingenieur, der nach Rissen, nach Materialerm�dung sucht. Es schien unvorstellbar, dass die beiden sich, soweit Litvak wusste, nicht einmal drei Stunden kannten. Drei Stunden. L�nger hatte sie nicht gebraucht, um ihr Schicksal an seines zu ketten.</p><p>�Willkommen�, sagte Dr. Roboy, der mit im Wind flatternder Krawatte neben einem Rollstuhl stand. Gold und Turteltoyb, ein Junge aus Sitka, sprangen aus dem Flugzeug auf den Anleger. Turteltoyb war so schwer, dass der Boden klingelte wie ein tortgeschleudertes Telefon. Das Wasser klatschte gegen die Pf�hle. Die Luft roch nach verrotteten Netzen und brackigen Pf�tzen in alten Booten. Es war jetzt fast dunkel, im Schein der Flutlichter oben an den Pfeilern sahen alle leicht gr�n aus, nur Shpilman nicht, der wirkte wei� wie eine Feder und ebenso leicht. �Sie sind von Herzen willkommen.�</p><p>�Sie h�tten kein Flugzeug schicken brauchen�, sagte Shpilman. Er hatte eine verzerrte, b�hnenreife Stimme und eine aufgesetzte, pointierte Aussprache mit der tiefen, weichen Basslinie der klagenden Ukraine. �Ich h�tte sehr gut selbst fliegen k�nnen.�</p><p>�Ja, �hm���</p><p>�R�ntgenblick. Schussweste. Das ganze Brimborium. F�r wen ist der Rollstuhl, f�r <emphasis>mich</emphasis> etwa?�</p><p>Er breitete die Arme aus, setzte die F��e affektiert nebeneinander und unterzog sich selbst einer sorgf�ltigen Musterung, darauf vorbereitet, durch den eigenen Anblick erschreckt zu werden. Ein schlechtsitzender Nadelstreifenanzug, kein Hut, eine lose geschlungene Krawatte, ein heraush�ngender Hemdscho�, etwas Jugendliches in den ungeb�rdigen blondroten Locken. Unm�glich, in dieser zerbrechlichen, zarten Gestalt, in diesem schl�frigen Gesicht, auch nur das Geringste des monstr�sen Vaters zu erkennen. H�chstens vielleicht ein wenig um die Augen. Sphilman drehte sich zu der Pilotin um, gab sich �berrascht, ja verletzt durch die Andeutung, er sei so durch den Wind, dass er einen Rollstuhl brauche. Aber Litvak merkte, dass die Geste aufgesetzt war, dass er seine tats�chliche �berraschung und Verletzung �berspielte.</p><p>�Sie haben gesagt, ich s�he okay aus, Miss Landsman�, sagte Shpilman, zog sie auf, rief sie an, flehte sie an.</p><p>�Du siehst super aus, Junge�, sagte die Landsman. Sie trug eine Jeans, die in hohen schwarzen Stiefeln steckte, ein Herren-Oxfordhemd und eine alte Jacke vom Schie�stand von Sitka Central, �ber deren Brusttasche LANDSMAN stand. �Du siehst toll aus.�</p><p>�Oh, du l�gst, du L�gnerin.�</p><p>�Du siehst mir nach dreitausendf�nfhundert Dollar aus, Shpilman�, sagte die Landsman nicht unfreundlich. �K�nnen wir es dabei belassen?�</p><p>�Ich werde den Rollstuhl nicht brauchen, Herr Doktor�, sagte Shpilman ohne jeden Vorwurf. �Aber danke, dass Sie daran gedacht haben.�</p><p>�Sind Sie bereit, Mendel?�, fragte ihn Dr. Roboy auf seine sanfte, salbungsvolle Art.</p><p>�Muss ich denn bereit sein?�, sagte Mendel. �Wenn ich bereit sein muss, m�ssen wir das Ganze vielleicht noch mal um ein paar Wochen verschieben.�</p><p>Die Worte entrangen sich Litvaks Kehle wie ein verbales Staubgew�ll, eine B�e aus Sand und Schlamm, ungebeten. Ein gr�ssliches Ger�usch, wie ein brennender Gummipfropf, der in einen Eiseimer f�llt.</p><p>�Sie m�ssen nicht bereit sein�, sagte Litvak. �Sie m�ssen nur <emphasis>hier</emphasis> sein.�</p><p>Alle waren schockiert, entsetzt, selbst Gold, der sonst beim Licht eines brennenden Menschen fr�hlich ein Comicheft lesen konnte. Langsam drehte sich Shpilman um, ein schwaches L�cheln im Mundwinkel wie ein auf der H�fte getragenes Baby.</p><p>�Alter Litvak, nehme ich an�, sagte er und streckte die Hand aus. Er funkelte Litvak b�se an, gab sich hart und m�nnlich auf eine Weise, die H�rte und M�nnlichkeit und seinen jeweiligen Mangel an beiden Eigenschaften verh�hnte. �Was f�r ein Handschlag, oj, wie ein Fels.�</p><p>Sein Griff hingegen war weich, warm, nicht ganz trocken, der eines ewigen Schuljungen. Etwas in Litvak wehrte sich gegen diese W�rme und Weichheit. Er war selbst entsetzt vom saurierhaften Echo seiner eigenen Stimme, von der Tatsache, �berhaupt gesprochen zu haben. Er war entsetzt zu sehen, dass Mendel Shpilman etwas besaߠ� sein aufgedunsenes Gesicht und sein billiger Anzug, sein Wunderkindgrinsen und sein tapferer Versuch, seine Angst zu verbergen��, dass in alldem etwas war, das Litvak zum ersten Mal seit Jahren zum Sprechen verleitet hatte. Litvak wusste, dass Charisma eine tats�chliche, wenn auch undefinierbare Eigenschaft war, ein chemisches Funkeln, das gewisse halbgl�ckliche Menschen umgab. Wie jedes Funkeln oder Talent war es amoralisch, weder gut noch schlecht, verlieh weder Macht noch St�rke, noch war es n�tzlich. Als er Shpilmans hei�e Hand sch�ttelte, wurde ihm klar, wie robust seine Taktik war. Wenn Roboy Shpilman wieder ans Laufen bekam, konnte der Bursche nicht nur einige Hundert bewaffnete Gl�ubige oder drei�igtausend schwarzbeh�tete Gauner auf der Suche nach einem neuen Bet�tigungsfeld begeistern und f�hren, sondern ein ganzes verlorenes Volk, das seit Urzeiten auf Wanderschaft war. Litvaks Plan w�rde funktionieren, weil Mendel Shpilman etwas besa�, das einen Mann mit einem kaputten Kehlkopf veranlasste, wieder zu sprechen. Gegen dieses gewisse Etwas in Shpilman wehrte sich angeekelt das gewisse Etwas in Litvak. Er versp�rte den Drang, diese Schuljungenhand in seiner zu zerquetschen, jeden Knochen darin zu brechen.</p><p>�Was ist, Jid?�, sagte die Landsman zu Litvak. �Lange her.�</p><p>Litvak nickte und gab ihr die Hand. Er war, wie schon immer, hin- und hergerissen zwischen seiner unwillk�rlichen Reaktion, einen Experten bei der t�chtigen Aus�bung seines komplizierten Handwerks zu bewundern, und dem Verdacht, dass diese Frau lesbisch sei, eine Kategorie von Mensch, die er schon fast aus Prinzip nicht verstand.</p><p>�Na gut�, sagte sie. Noch immer hielt sie Shpilman fest, und als der Wind auffrischte, dr�ngte sie sich n�her an ihn heran und legte den Arm um seine Schulter, zog ihn an sich, dr�ckte ihn. Sie suchte die gr�nlichen Gesichter der M�nner ab, die darauf warteten, dass sie ihnen ihr Gep�ck gab. �Ihr kommt also zurecht?�</p><p>Litvak schrieb etwas in seinen Block und reichte ihn Roboy.</p><p>�Es ist schon sp�t�, sagte Roboy. �Und dunkel. Sie k�nnen heute Nacht hierbleiben.�</p><p>Lange schien die Pilotin versucht, das Angebot auszuschlagen. Dann nickte sie.</p><p>�Gute Idee�, sagte sie.</p><p>Am Fu�e der langen, sich windenden Treppe blieb Shpilman stehen, um den Aufstieg und die Plattform des schr�gen Aufzugs in allen Einzelheiten in sich aufzunehmen. Er schien Bedenken zu haben�� ein Vorbeben, ein pl�tzlicher Einblick in alles, was von nun an von ihm erwartet w�rde. Mit einer gewissen Dramatik sank er in Roboys Rollstuhl.</p><p>�Ich habe meinen Umhang zu Hause vergessen�, sagte er.</p><p>Als sie oben ankamen, blieb er im Rollstuhl sitzen und erlaubte der Landsman, ihn ins Hauptgeb�ude zu schieben. Die Anstrengung der Reise oder des Schrittes, den er nun endlich getan hatte, oder der fallende Heroingehalt in seinem Blut machte sich allm�hlich bemerkbar. Aber als sie den Raum im Erdgeschoss erreichten, der f�r ihn vorbereitet war�� ein Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl und ein edles englisches Schachspiel��, da riss er sich zusammen. Er fasste in die Tasche seines zerknitterten grauen Anzugs und holte ein schwarz-knallgelbes Pappk�stchen hervor.</p><p>�Nu, ich denke, ein Masel-tow ist in Ordnung?�, sagte er und verteilte ein halbes Dutzend feiner Cohiba-Zigarren. Obwohl sie nicht entz�ndet und einen Meter von Litvaks Nasenl�chern entfernt waren, reichte ihr Geruch, um ihm ein Versprechen wohlverdienter Erl�sung zuzufl�stern, ein Versprechen sauberer Laken, hei�en Wassers, brauner Frauen und stiller Nachwehen brutaler Schlachten. �Hab geh�rt, es ist ein M�dchen.�</p><p>Im ersten Moment wusste niemand, wovon er sprach, dann lachten alle nerv�s, nur Litvak und Turteltoyb nicht, dessen Wangen die Farbe von Borschtsch annahmen. Turteltoyb wusste wie jeder andere, dass Shpilman keine Details des Plans erfahren sollte, auch nicht vom neugeborenen Kalb. Erst wenn Litvak den Befehl erteilte.</p><p>Litvak schlug Shpilman die Zigarre aus der weichen Hand. Er warf Turteltoyb einen b�sen Blick zu, konnte ihn durch die blutrote Br�he seines Zorns kaum erkennen. Die Sicherheit, die er unten am Anleger gesp�rt hatte, dass Shpilman ihren Erfordernissen gerecht w�rde, war abrupt auf den Kopf gestellt. Ein Mann wie Shpilman, eine Gabe wie die seine, konnte niemals jemandem dienlich sein; sie konnte nur angedient werden, zuvorderst von dem, der sie besa�. Kein Wunder, dass sich das arme Schwein so lange versteckt hatte.</p><p><emphasis>Raus</emphasis></p><p>Sie lasen seine Mitteilung und marschierten nacheinander aus dem Zimmer, als Letztes die Landsman, die nachdr�cklich fragte, wo er schlafen w�rde, und dann Mendel nachdr�cklich versicherte, dass sie sich am Morgen wiedersehen w�rden. Damals hatte Litvak den vagen Verdacht, sie wolle ein Stelldichein arrangieren, aber da er in ihr eine Lesbierin sah, annullierte er den Verdacht wieder, ehe er l�nger dar�ber nachdenken konnte. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass die J�din mit ihrer Abenteuerlust bereits das Fundament f�r die waghalsige Flucht legte, die zu versuchen Mendel noch gar nicht beschlossen hatte. Die Landsman riss ein Streichholz an und sog an der Zigarre, um sie zu entz�nden. Dann schlenderte sie aus dem Zimmer.</p><p>�Machen Sie dem Jungen keinen Vorwurf, Reb Litvak�, sagte Shpilman, als sie allein waren. �Die Leute neigen dazu, mir Dinge zu erz�hlen. Aber das haben Sie bestimmt schon gemerkt. Bitte, nehmen Sie eine Zigarre! Hier, die ist sehr gut.�</p><p>Shpilman hob die Corona auf, die Litvak ihm aus der Hand geschlagen hatte, und als Litvak sie weder annahm noch ablehnte, f�hrte der Jid sie Litvak an den Mund und schob sie ihm vorsichtig zwischen die Lippen. Dort hing sie und verstr�mte ihren Geruch nach Bratensaft, Kork und Mesquite, m�senhafte Ger�che, die alte Begierden entfachten. Es gab ein Klicken und ein Kratzen, dann beugte Litvak sich erstaunt vor und hielt das Zigarrenende in die Flamme seines eigenen Zippos. Er sp�rte den fl�chtigen Schock eines Wunders. Dann grinste er und bedankte sich nickend, empfand eine Art schwindelnder Erleichterung �ber das versp�tete Eintreten einer logischen Erkl�rung: Er musste das Feuerzeug in Sitka vergessen haben, wo Gold oder Turteltoyb es gefunden und mit nach Peril Strait genommen hatten. Im Flugzeug hatte Shpilman es sich ausgeliehen und mit einem Junkieimpuls in die eigene Tasche gesteckt, nachdem er sich eine Papiros angez�ndet hatte. Ja, gut.</p><p>Mit einem Knistern fing die Zigarre Feuer und loderte auf. Als Litvak vom gl�henden Tabak hochschaute, blickte Shpilman ihn mit seinen sonderbar mosaikartigen, gold- und gr�ngefleckten Augen an. Gut, sagte Litvak zu sich. Eine sehr gute Zigarre.</p><p>�Bitte�, sagte Shpilman. Er dr�ckte Litvak das Zippo in die Hand. �Bitte, Reb Litvak. Z�nden Sie die Kerze an. Man muss dabei nicht beten. Man muss nichts tun oder empfinden. Z�nden Sie sie einfach an. Bitte.�</p><p>Als die Logik aus der Welt floss und nie wieder ganz zur�ckkehrte, griff Shpilman in Litvaks Jackentasche und holte das Glas mit dem Wachs und dem Docht hervor. F�r diesen Trick konnte Litvak einfach keine Erkl�rung finden. Er nahm Shpilman die Kerze ab und stellte sie auf den Tisch. Mit einem Kratzen des Daumens entz�ndete er den Feuerstein. Er sp�rte die intensive W�rme von Shpilmans Hand auf seiner Schulter. Die Faust um sein Herz begann ihren Griff zu lockern, so wie sie es an dem Tag tun k�nnte, wenn er endlich das Haus betr�te, in dem zu leben ihm bestimmt war. Es war ein best�rzendes Gef�hl. Er �ffnete den Mund.</p><p>�Nein�, sagte er mit einer Stimme, die zu seiner Verwunderung eine Spur Menschlichkeit enthielt.</p><p>Er lie� das Feuerzeug zuschnappen und fegte Shpilmans Hand mit solcher Brutalit�t zur Seite, dass Shpilman das Gleichgewicht verlor, stolperte und sich den Kopf am Metallregal schlug. Die Wucht des Aufpralls riss die Kerze aus dem Glas und schleuderte sie auf den Kachelboden. Das Glas zersprang in drei gro�e Scherben. Der Wachszylinder wurde gespalten.</p><p>�Ich will es nicht�, kr�chzte Litvak. �Ich bin nicht bereit.�</p><p>Aber als er auf Shpilman hinabsah, der ausgestreckt und benommen am Boden lag und aus einer Wunde an der rechten Schl�fe blutete, da wusste er, dass es bereits zu sp�t war.</p></section><section><title><p><emphasis>40.</emphasis></p></title><p>In dem Moment, als Litvak seinen Stift ablegt, h�rt man drau�en einen Tumult: ein halber Fluch, zerbrechendes Glas, schnaubender Atem. Dann kommt Berko Shemets in das Schlafzimmer spaziert. Den Kopf des kleinen Gold hat er unter den Arm geklemmt wie einen sch�nen Braten, den Rest von Gold schleift er hinter sich her. Die Abs�tze des Gannefs pfl�gen tiefe Furchen in den Teppich. Berko schl�gt die T�r hinter sich zu. Er hat seine Scholem hervorgeholt, die wie eine Kompassnadel auf den magnetischen Norden von Alter Litvak zeigt. Auf Berkos Jagdhemd und seiner Jeans ist das Blut von Hertz. Berkos Hut ist so weit nach hinten geschoben, dass sein Gesicht aussieht, als w�rde es nur aus Brauen und dem Wei� der Pupillen bestehen. Der Kopf von Gold funkelt mehrdeutig in Berkos Armbeuge.</p><p>�Du sollst Blut und Eiter schei�en�, psalmodiert Gold. �Du sollst die Kr�tze kriegen wie Hiob.�</p><p>Berkos Pistole schwingt herum, um einen Blick auf das Hirn des jungen Jid in seinem zerbrechlichen Beh�ltnis zu werfen. Gold h�rt auf zu zappeln, und die Waffe f�hrt ihre ein�ugige Inspektion von Alter Litvaks Brust fort.</p><p>�Berko�, sagt Landsman. �Was soll der Wahnsinn?�</p><p>Berko hebt seinen Blick wie eine schwere Last und schaut Landsman an. Er �ffnet die Lippen, schlie�t sie, zieht Luft ein. Er scheint etwas Wichtiges von sich geben zu wollen, einen Namen, einen Zauberspruch, eine Gleichung, die die Zeit dehnen oder die F�den der Welt entwirren kann. Oder vielleicht versucht er einfach zu verhindern, dass er selbst entwirrt wird.</p><p>�Dieser Jid�, sagt er, und dann mit weicher, etwas rauer Stimme: �Meine Mutter.�</p><p>Vielleicht hat Landsman einmal ein Foto von Laurie Jo Bear gesehen. Es gelingt ihm, eine undeutliche Erinnerung an einen gek�mmten schwarzen Pony, eine rosafarbene Brille und ein durchtriebenes Grinsen heraufzubeschw�ren. Aber eigentlich ist die Frau f�r ihn weniger als ein Geist. Fr�her erz�hlte Berko Geschichten �ber das Leben im Indianerland. �ber Basketball, Robbenjagd, Betrunkene und Verwandte, Willie-Dick-Geschichten, die Geschichte von einem Menschenohr auf dem Tisch. Landsman kann sich an keine Geschichten �ber Berkos Mutter erinnern. Wahrscheinlich hat er schon immer geahnt, dass Berko einen hohen Preis daf�r gezahlt hat, sich derart von innen nach au�en zu kehren, f�r diese heroische Vergessensleistung. Landsman hat sich blo� nie die M�he gemacht, sich das als Verlust vorzustellen. Ein blinder Fleck der Phantasie, bei einem Schammes eine gr��ere S�nde, als ohne Deckung in eine Drogenh�hle zu gehen. Vielleicht ist es auch dieselbe S�nde, nur in einer anderen Form.</p><p>�Auf jeden Fall�, sagt Landsman und macht einen Schritt auf seinen Kollegen zu. �Ein schlimmer Typ. Eine Kugel wert.�</p><p>�Du hast zwei kleine S�hne, Berko�, sagt Bina mit unglaublich flacher Stimme. �Du hast Ester-Malke. Du hast eine Zukunft, die du nicht wegwerfen solltest.�</p><p>�Hat er nicht�, sagt Gold oder versucht es zumindest. Berko dr�ckt noch etwas fester zu, und Gold w�rgt, versucht sich zu drehen, um mit den F��en Halt zu finden.</p><p>Litvak kritzelt etwas hinten in seinen Block, ohne den Blick von Berko abzuwenden.</p><p>�Was ist?�, sagt Berko. �Was hat er gesagt?�</p><p><emphasis>Kein Jude hat hier Zukunft</emphasis></p><p>�Ja, ja�, sagt Landsman. �Das wissen wir schon.�</p><p>Er nimmt Litvak Stift und Block ab. Er schl�gt die letzte Seite um und schreibt auf Englisch SEI KEIN IDIOT! DU F�HRST DICH AUF WIE ICH! hinein. Dann rei�t er das Blatt heraus und wirft Litvak wieder Block und Stift zu. Den Zettel h�lt er Berko vors Gesicht, damit der ihn lesen kann. Das Argument ist ziemlich �berzeugend. Berko l�sst Gold los, als der Jid gerade anf�ngt, blau anzulaufen. Gold f�llt zu Boden, ringt nach Luft. Die Pistole in Berkos Faust schwankt.</p><p>�Er hat deine <emphasis>Schwester</emphasis> get�tet, Meyer.�</p><p>�Das wei� ich noch nicht�, sagt Landsman. Er dreht sich zu Litvak um. �Stimmt das?�</p><p>Litvak sch�ttelt den Kopf und beginnt, etwas in seinen Block zu schreiben, doch bevor er es beenden kann, brandet im Vorzimmer lauter Jubel auf. Das aufrichtige, aber aufgesetzte Geheul junger M�nner, die etwas Tolles im Fernsehen sehen. Vielleicht ist ein Tor gefallen. Das Bikinioberteil einer Beachvolleyballerin verrutscht. Einen Augenblick sp�ter h�rt Landsman das Echo der Hochrufe, die Ger�usche werden durch das offene Fenster wie mit dem Wind aus der Ferne herangetragen, von Harkavy, dem Nachtasyl. Litvak l�chelt nur und legt Block und Stift mit einer sonderbaren Endg�ltigkeit zur Seite, als habe er nichts mehr zu sagen. Als ob seine Beichte lediglich zu diesem Moment f�hren sollte, ja, nur durch ihn erm�glicht wurde. Gold kriecht zur T�r, zieht sie auf, kommt schwankend auf die F��e und taumelt ins Vorzimmer. Bina geht zu Berko und streckt die Hand aus. Nach einer Weile legt Berko die Waffe in ihre Hand.</p><p>Im vorderen Zimmer des Penthouse h�pfen die jungen Gl�ubigen in ihren Anz�gen auf und ab und fallen sich in die Arme. Die Jarmulkes rutschen ihnen vom Kopf. Ihre Gesichter gl�nzen vor Tr�nen.</p><p>Auf dem gro�en Fernsehbildschirm kann Landsman den ersten Blick auf ein Bild werfen, das bald auf jeder Titelseite jedweder Zeitung der Welt Furore machen wird.</p><p>In der ganzen Stadt wird es von frommen H�nden ausgeschnitten und an Haust�ren und Fenster geklebt werden. Die Menschen werden es einrahmen und hinter ihre Ladentheke h�ngen. Unweigerlich wird irgendein kleiner Gauner daraus ein gro�es Poster machen, 60 x 90: Der H�gel in Jerusalem, voller H�user und Gassen. Das breite leere Tafelland aus Pflastersteinen. Der zerkl�ftete Kiefer verkohlter Z�hne. Die herrliche Fahne schwarzen Rauchs. Und darunter in blauen Lettern die Legende: ENDLICH! Diese Poster werden beim Schreibwarenh�ndler f�r einen Preis zwischen zehn und 12,95 Dollar verkauft werden.</p><p>�G�tiger Gott. Was machen die da? Was haben die gemacht?�</p><p>Vieles an dem Bild auf der Fernsehmattscheibe best�rzt Landsman, aber am best�rzendsten findet er, dass die Juden von Sitka Einfluss auf ein achttausend Meilen entferntes Objekt genommen haben. Das scheint ihm ein grundlegendes Gesetz der emotionalen Physik zu verletzen. Die Raumzeit in Sitka ist ein gekr�mmtes Ph�nomen; ein Jid mag in jede Richtung greifen, so weit er kann, am Ende klopft er doch nur sich selbst auf den R�cken.</p><p>�Was war mit Mendel?�, fragt er.</p><p>�Ich nehme an, sie waren schon zu weit, um es noch aufhalten zu k�nnen�, sagt Bina. �Ich nehme an, sie haben einfach ohne ihn weitergemacht.�</p><p>Es ist grotesk, aber aus irgendeinem Grund findet Landsman das schade f�r Mendel. Alles und jeder wird von jetzt an ohne ihn weitermachen.</p><p>Einige Minuten steht Bina da und sieht zu, wie die Jungs sich freuen. Sie hat die Arme verschr�nkt, ihr Gesicht ist ausdruckslos, nur in ihren Augenwinkeln ist Leben.</p><p>Binas Blick erinnert Landsman an die Verlobungsfeier einer ihrer Freundinnen, an der sie vor vielen Jahren teilnahmen. Die zuk�nftige Braut heiratete einen Mexikaner, und aus Spa� hatte die Feier das Motto Cinco de Mayo. Im Garten hatte man einen Pinguin aus Pappmache in einen Baum geh�ngt. Den Kindern wurden die Augen verbunden, dann wurden sie, bewaffnet mit einem Stock, losgeschickt, um den Pinguin so lange zu schlagen, bis er auseinanderbrach. Voller Grausamkeit hieben die Kinder auf den Vogel ein, dann regnete es S��igkeiten. Es waren Unmengen eingepackter Toffees, Pfefferminz- und Karamellbonbons, S��igkeiten, wie sie eine Gro�tante zuverl�ssigerweise aus der staubigen Falte ihrer Handtasche kramt. Doch als die Bonbons vom Himmel fielen, tanzten die Kinder mit bestialischer Freude. Und Bina stand da und beobachtete sie mit verschr�nkten Armen und einer Falte in den Augenwinkeln.</p><p>Sie reicht Berko seine Scholem zur�ck und zieht ihre eigene aus dem Holster.</p><p>�Schnauze!�, ruft sie, und dann auf Englisch: �Haltet euren beschissenen Mund!�</p><p>Einige der jungen M�nner haben ihr Shoyfer hervorgeholt und versuchen, jemanden anzurufen, aber das versucht wohl gerade jeder in Sitka. Sie zeigen sich gegenseitig die Fehlermeldungen auf ihren Displays. Das Netz ist �berlastet. Bina geht zum Fernseher und tritt gegen das Kabel. Der Stecker rei�t aus der Wand. Der Fernseher erlischt.</p><p>Dunkler Treibstoff scheint aus den Tanks der jungen M�nner zu sickern, als der Fernseher ausgeht.</p><p>�Sie sind verhaftet�, sagt Bina liebensw�rdig, da sie nun die Aufmerksamkeit aller hat. �Da r�ber und die H�nde an die Wand. Meyer!�</p><p>Landsman tastet die M�nner ab, einen nach dem anderen, hockt zu ihren F��en wie ein Schneider, der die Beinl�nge misst. Bei den sechs Personen an der Wand sammelt er acht Handfeuerwaffen und zwei teure Jagdmesser ein. Hat er einen durchsucht, befiehlt er ihm, sich hinzusetzen. Seine dritte Inspektion f�rdert die Beretta zutage, die Berko ihm lieh, bevor Landsman nach Yakovy aufbrach. Er h�lt sie hoch, damit Berko sich freut.</p><p>�Die kleine S��e�, sagt Berko mit vorgehaltener Scholem.</p><p>Als Landsman fertig ist, nehmen die jungen Gl�ubigen Platz: drei auf der Couch, zwei in den Sesseln und einer auf einem Stuhl, der aus einer Nische gezogen wurde. Auf einmal sehen sie jung und verloren aus, wie sie so dasitzen. Sie sind K�mmerlinge. Zur�ckgelassene. Alle drehen sich mit ger�tetem Gesicht gemeinsam zu Litvaks Schlafzimmert�r um, warten auf Anweisungen. Die T�r ist geschlossen. Bina �ffnet sie und st��t sie dann mit dem Fu� weit auf. Volle f�nf Sekunden steht sie da und schaut hinein.</p><p>�Meyer. Berko.�</p><p>Das Rollo klappert im Wind. Die Badezimmert�r steht auf, das Badezimmer ist dunkel. Alter Litvak ist nicht mehr da.</p><p>Sie sehen im Wandschrank nach. Sie sehen in der Dusche nach. Bina geht zu dem klappernden Rollo und rei�t es hoch. Die Glasschiebet�r ist weit genug ge�ffnet, um einen Eindringling oder einen Ausbrecher durchzulassen. Sie gehen hinaus aufs Dach und schauen sich um. Sie suchen hinter der Klimaanlage, neben dem Wasserreservoir und unter einer Plane, die einen Stapel Klappst�hle trocken h�lt. Sie sp�hen �ber das Gesims. Auf dem Parkplatz ist kein zersprungenes Portr�t von Litvak in �l zu sehen. Sie gehen zur�ck in die Wohnung auf dem Dach des Blackpool.</p><p>Mitten auf dem Bett liegen Litvaks Stift und Block sowie ein abgenutztes metallgraues Zippo. Landsman greift zu dem Block, um die letzten Worte zu lesen, die Litvak schrieb, bevor er ihn zur Seite legte.</p><p><emphasis>Ich habe sie nicht get�tet Sie war so ein guter Kerl</emphasis></p><p>�Sie haben ihn rausgeschmuggelt�, sagt Bina. �Diese Schweine. Seine Schweinefreunde von der Army.�</p><p>Bina ruft die M�nner unten am Hoteleingang an. Keiner von ihnen hat jemanden gehen sehen oder etwas Ungew�hnliches bemerkt, zum Beispiel ein Kommando ru�geschw�rzter Krieger, die sich von einem Hubschrauber abseilen.</p><p>�Bastards!�, sagt sie erneut, jetzt auf Englisch und mit gr��erer Sch�rfe. �Diese verwichsten, bibelh�rigen Hurens�hne!�</p><p>�Aber, aber, meine Dame!�</p><p>�Hoho, immer mit der Ruhe, Ma�am.�</p><p>Amerikaner in Anz�gen, mehrere, zu viele und zu nah beisammen, als dass Landsman sie korrekt z�hlen k�nnte, sagen wir sechs, stehen Schulter an Schulter in der T�r zum Vorzimmer. Wohlgen�hrte gro�e M�nner, die ihre Arbeit lieben. Einer tr�gt einen schmissigen olivgr�nen Staubmantel und ein entschuldigendes Grinsen unter seinem goldwei�en Haar. Ohne den Pinguin-Pulli h�tte Landsman ihn fast nicht wiedererkannt.</p><p>�Gut�, sagt der Mann, der Cashdollar sein muss. �Versuchen wir uns mal alle zu beruhigen.�</p><p>�FBI�, sagt Berko.</p><p>�So ungef�hr�, sagt Cashdollar.</p></section><section><title><p><emphasis>41.</emphasis></p></title><p>Die n�chsten vierundzwanzig Stunden schl�gt Landsman in einem summenden kalkwei�en Raum mit milchwei�em Teppich im sechsten Stock des Harold Ickes Federal Building auf der Seward Street tot.</p><p>Sechs M�nner mit den bunt wechselnden Nachnamen verdammter Crewmitglieder aus einem U-Boot-Film halten jeweils in Zweierteams vierst�ndig Wache. Einer ist schwarz, einer ein Latino, die anderen sind rosa Riesen mit Haarschnitten, die die kleine L�cke zwischen Astronaut und p�dophilem Gruppenleiter schlie�en. Kaugummikauer, zu gro� geratene Jungs mit guten Manieren und Sonntagsschull�cheln. In jedem von ihnen erschnuppert Landsman zuweilen das Dieselherz eines Polizisten, doch verbl�fft ihn der heidnische S�dstaatenglanz ihres Alurahmens. Obwohl sich Landsman mit einer Rauchwand aus unversch�mten Antworten umgibt, vermitteln sie ihm das Gef�hl, klapprig zu sein, ein alter Zweitakter.</p><p>Niemand bedroht ihn oder versucht, ihn einzusch�chtern. Jeder spricht ihn mit seinem Dienstgrad an und achtet darauf, Landsmans Namen so zu betonen, wie er es bevorzugt. Wenn Landsman m�rrisch, frech oder ausweichend wird, stellen die Amerikaner Nachsicht und lehrerhafte Gelassenheit zur Schau. Aber wenn Landsman es wagt, eine oder zwei Fragen zu formulieren, ergie�t sich eine erstickende Stille �ber sie wie tausend Gallonen Wasser aus einem Flugzeug. Die Amerikaner verraten nichts �ber den Aufenthaltsort oder die Situation von Detective Shemets oder Inspector Gelbfish. Sie haben weder etwas �ber Alter Litvaks Verschwinden mitzuteilen, noch scheinen sie je von Mendel Shpilman oder Naomi Landsman geh�rt zu haben. Sie m�chten wissen, was Landsman wei� oder �ber die amerikanische Beteiligung an dem Attentat auf Qubbat as-Sakhra und �ber die Urheber, Hauptakteure, Helfer und Opfer dieses Attentats zu wissen glaubt. Und sie wollen ihn nicht wissen lassen, was sie �ber all das wissen, falls sie �berhaupt im Bilde sind. Sie sind in ihrer Kunst so gut ausgebildet, dass schon l�ngst ein Schichtwechsel stattgefunden hat, ehe Landsman auff�llt, dass die Amerikaner ihm immer wieder ungef�hr dieselben zwei Dutzend Fragen stellen, dass sie sie wenden, umformulieren und aus anderen Blickwinkeln beleuchten. Ihre Fragen gleichen den Grundz�gen der sechs unterschiedlichen Schachfiguren, endlos neu miteinander kombiniert, bis es so viele sind wie Neuronen im Gehirn.</p><p>In gleichm��igen Abst�nden wird Landsman mit gr�sslichem Kaffee und einer Reihe zunehmend hart werdender Aprikosen- und Kirschplundertaschen versorgt. Irgendwann bringt man ihn in einen Pausenraum und l�dt ihn ein, sich auf ein Sofa zu legen. Kaffee und Plunder rotieren immer wieder aufs Neue im kalkwei�en Raum von Landsmans Hirn, w�hrend er die Augen zudr�ckt und zu schlafen vorgibt. Dann ist es wieder Zeit, zur�ckzukehren zum steten wei�en Rauschen der W�nde, zum laminierten Tisch und dem quietschenden Vinyl unter seinem Hintern.</p><p>�Detective Landsman.�</p><p>Er �ffnet die Augen und erblickt ein schummriges schwarzes Moire auf Braun. Sein Jochbein ist taub vom Druck der Tischplatte. Er hebt den Kopf und hinterl�sst eine Speichelpf�tze. Ein klebriger Faden verbindet seine Lippen mit dem Tisch, dann rei�t er.</p><p>�Iih�, macht Cashdollar.</p><p>Er zieht eine Packung Kleenex-Taschent�cher aus der rechten Tasche seines Sweaters und schiebt sie Landsman �ber den Tisch zu, vorbei an einem offenen Karton mit Plunderteilchen. Cashdollar hat einen neuen Pullover an, eine dunkelgoldene Strickjacke mit kaffeebraunen Wildlederstreifen an der Brust, Lederkn�pfen und Wildlederflicken an den Ellenbogen. Er sitzt aufrecht auf einem Metallstuhl, die Krawatte geknotet, die Wangen glatt, die blauen Augen durch attraktive Pilotenf�ltchen enth�rtet. Sein Haar hat denselben Goldton wie die Folie einer Packung Broadways. Er l�chelt ohne jede Begeisterung oder Grausamkeit. Landsman wischt sich �ber das Gesicht und �ber die Schweinerei, die er nach dem Nickerchen auf dem Tisch hinterlassen hat.</p><p>�Haben Sie Hunger? M�chten Sie etwas trinken?�</p><p>Landsman sagt, er h�tte gerne ein Glas Wasser. Cashdollar greift in die linke Tasche seiner Strickjacke und holt eine kleine Flasche Mineralwasser hervor. Er legt sie hin und rollt sie Landsman �ber den Tisch zu. Er ist kein junger Mann, aber die Art, wie er mit der Flasche zielt, sie auf den Weg schickt und mit Effet zu ihrem Ziel steuert, das hat etwas jungenhaft Ernstes. Landsman dreht die Flasche auf und nimmt einen kleinen Schluck. Er macht sich nicht viel aus Mineralwasser.</p><p>�Fr�her habe ich f�r einen Mann gearbeitet�, sagt Cashdollar. �Der hatte diesen Posten vor mir inne. Er hatte lustige Spr�che drauf, die er gerne im Gespr�ch fallenlie�. Das ist so eine Angewohnheit unter den Leuten, die das tun, was ich tue. Wir kommen vom Milit�r, ja, wir kommen aus der Gesch�ftswelt. Wir haben was �brig f�r unsere kleinen Spr�che. Schibboleth. Das ist ein hebr�isches Wort, wissen Sie? Richter, Kapitel 12. Haben Sie wirklich keinen Hunger? Ich kann Ihnen eine T�te Kartoffelchips besorgen. Einen Becher Nudeln. Wir haben eine Mikrowelle.�</p><p>�Nein danke�, sagt Landsman. �Also: Schibboleth.�</p><p>�Dieser Mann, mein Vorg�nger, der sagte immer: �Wir erz�hlen eine Geschichte, Cashdollar. Genau das machen wir.�� Die Stimme, die er aufsetzt, um seinen ehemaligen Vorgesetzten zu zitieren, ist kr�ftiger und nicht so umg�nglich wie sein eigener gek�nstelter Tenor. Bombastischer. ��Erz�hl ihnen eine Geschichte, Cashdollar. Mehr wollen die armen Schweine nicht.� �Schweine� hat er nat�rlich nicht gesagt.�</p><p>�Also die Leute, die das tun, was Sie tun�, sagt Landsman. �N�mlich was? Terroristische Attentate auf die heiligen St�tten des Islam sponsern? Kreuzz�ge wieder aufleben lassen? Unschuldige Frauen umbringen, obwohl sie nie etwas anderes gemacht haben, als ein kleines Flugzeug zu fliegen und hin und wieder jemandem aus der Patsche zu helfen? Hilflosen Junkies in den Kopf schie�en? Entschuldigung, aber ich habe vergessen, was genau ihr tut, ihr Leute mit euren Schibboleth.�</p><p>�Zuerst mal, Detective Landsman, hatte niemand etwas mit dem Tod von Menashe Shpilman zu tun.� Er spricht Shpilmans hebr�ischen Vornamen <emphasis>Men-�schi</emphasis> aus. �Das hat mich genauso schockiert und verwirrt wie alle anderen. Ich habe den Mann nie kennengelernt, aber ich wei�, dass er ein bemerkenswerter Mensch mit bemerkenswerten F�higkeiten war und dass wir ohne ihn deutlich schlechter dran sind. Wie war�s mit einer Zigarette?� Er h�lt Landsman eine unge�ffnete Packung Winstons hin. �Kommen Sie! Ich wei�, dass Sie gerne rauchen. Bitte.�</p><p>Cashdollar holt ein Streichholzbriefchen hervor und reicht es mit den Winstons �ber den Tisch.</p><p>�Nun, was Ihre Schwester angeht, hej, h�ren Sie zu. Das mit Ihrer Schwester tut mir wirklich unheimlich leid, Detective Landsman. Doch, wirklich. Es mag Ihnen nicht viel bedeuten, nehme ich an, aber ich m�chte mich aufrichtig daf�r entschuldigen. Das war eine schlechte Entscheidung des Mannes, der diese Stelle vor mir innehatte, der Typ, von dem ich eben gesprochen habe. Aber er hat daf�r bezahlt. Nat�rlich nicht mit dem Leben.� Cashdollar zeigt seine gro�en, viereckigen Z�hne. �Vielleicht w�re Ihnen das lieber gewesen. Aber er hat bezahlt. Er hat sich geirrt. Der Mann hat sich in vielen Dingen geirrt, Detective Landsman. F�r diese eine Sache, hm, sorry.� Er sch�ttelt leicht den Kopf. �Aber wir erz�hlen keine Geschichte.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Hm-m. Die Geschichte, Detective Landsman, sie erz�hlt uns. So wie es von Anfang an war. Wir sind Teil der Geschichte. Sie. Ich.�</p><p>Das Streichholzbriefchen stammt aus einem Restaurant in Washington namens Hogate�s Sea Food an der Ecke 9th und Maine Avenue, SW. Vor eben diesem Restaurant wurde, wenn Landsman sich nicht irrt, der Delegierte Anthony Dimond, der gr��te Gegner des Sitka-Siedlungsgesetzes, von einem Taxi �berfahren, als er einer verirrten Rumkugel auf die Stra�e folgte. Landsman entz�ndet ein Streichholz.</p><p>�Und Jesus?�, sagt Landsman und schielt �ber die Flamme.</p><p>�Auch Jesus.�</p><p>�Hab nichts gegen Jesus.�</p><p>�Das freut mich. Ich hab auch nichts gegen ihn. Jesus war auch nicht hei� aufs T�ten, aufs Verletzen, aufs Zerst�ren. Das wei� ich. Die Qubbat as-Sakhra war ein sch�nes altes St�ck Architektur, und der Islam ist eine achtbare Religion, und abgesehen davon, dass sie grunds�tzlich v�llig danebenliegt, habe ich eigentlich kein Problem mit dieser Religion. Mir w�re es lieber, wir k�nnten die Sache auf eine Weise erledigen, die nicht solche Ma�nahmen erfordern w�rde. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Und das wusste auch Jesus. �Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum B�sen verf�hrt, f�r den w�re es besser, wenn er mit einem M�hlstein um den Hals ins Meer geworfen w�rde.� Richtig? Ich meine, das sind Jesu Worte. Der Typ konnte, wenn n�tig, ganz sch�n hart werden.�</p><p>�Er war der Hammer�, behauptet Landsman.</p><p>�Stimmt. Nun, Detective Landsman, Sie trauen der ganzen Sache vielleicht nicht, aber die Endzeit ist nah. Und ich f�r meinen Teil freue mich sehr darauf. Aber damit das geschieht, m�ssen Jerusalem und das Heilige Land wieder in j�discher Hand sein. So steht es geschrieben. Traurigerweise ist das leider nur mit ein wenig Blutvergie�en zu erreichen. Nur mit einer gewissen Zerst�rung. Das ist nur, was geschrieben steht, nicht wahr? Aber anders als mein unmittelbarer Vorg�nger bem�he ich mich wirklich sehr, das alles auf das absolute Minimum zu beschr�nken. Jesus zuliebe und meiner eigenen Seele zuliebe und uns allen zuliebe. Damit alles glattl�uft. Damit die Operation zusammengehalten wird, bis wir da dr�ben alles einigerma�en unter Kontrolle haben. Ein paar Tatsachen geschaffen haben.�</p><p>�Sie wollen nicht, dass jemand wei�, wer dahintersteckt. Die Leute, die das tun, was Sie tun.�</p><p>�Ja, aber das ist sozusagen unser Prinzip, wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>�Und Sie m�chten, dass ich den Mund halte.�</p><p>�Ich wei�, das ist viel verlangt.�</p><p>�Nur so lange, bis Sie in Jerusalem diese Tatsachen geschaffen haben. Araber raus und Verbover rein. Ein paar Stra�en umbenennen.�</p><p>�Nur so lange, bis wir die gute alte kritische Masse in Bewegung gesetzt haben. Ein paar Gelenke eingerenkt, die durch diese Sache ausgerenkt wurden. Und dann machen wir uns an die Arbeit. Erf�llen das, was geschrieben steht.�</p><p>Landsman trinkt einen Schluck Wasser. Er ist warm und schmeckt nach dem Inneren einer Strickjackentasche.</p><p>�Ich m�chte meine Pistole und meinen Ausweis zur�ck�, sagt Landsman. �Mehr will ich nicht.�</p><p>�Ich liebe Polizisten�, sagt Cashdollar ohne gro�e Begeisterung. �Wirklich.� Er legt eine Hand auf den Mund und atmet nachdenklich durch die Nase. Seine Hand ist manik�rt, aber ein Daumennagel ist angekaut. �Das wird hier furchtbar indianisch werden, Mister. Nur unter uns gesagt. Wenn Sie Ihre Pistole und Ihren Ausweis zur�ckbekommen, werden Sie mit Sicherheit nicht sehr lange dar�ber verf�gen k�nnen. Die Stammespolizei wird nicht allzu viele Juden als Staatsdiener anheuern.�</p><p>�Vielleicht nicht. Aber Berko nehmen sie.�</p><p>�Sie nehmen keinen, der nicht das Papier hat.�</p><p>�Ach ja�, sagt Landsman. �Das will ich auch noch.�</p><p>�Sie reden von einer Menge Papier, Detective Landsman.�</p><p>�Sie brauchen auch eine Menge Schweigen.�</p><p>�Allerdings�, sagt Cashdollar.</p><p>Eine oder zwei Sekunden lang mustert Cashdollar Landsman, und Landsman erkennt an einer bestimmten Wachsamkeit in den Augen des Mannes, an einem vorausahnenden Blick, dass irgendwo an Cashdollars K�rper eine Waffe versteckt ist und ihm der Finger juckt, sie zu bet�tigen. Es gibt n�mlich direktere Wege, Landsman zum Schweigen zu bringen, als ihn mit einer Waffe und verschiedenen Dokumenten abzufinden. Cashdollar erhebt sich von seinem Stuhl und stellt ihn sorgf�ltig an seinen Platz am Tisch zur�ck. Er will an seinem Daumennagel kauen, besinnt sich aber eines Besseren.</p><p>�K�nnte ich meine Taschent�cher zur�ckhaben?�</p><p>Landsman wirft sie ihm zu, aber es geht schief, Cashdollar kann sie nicht fangen. Die Packung f�llt auf den Karton mit den alten Plunderteilen und landet in einem gl�nzenden Fleck roten Gelees. In Cashdollars sanften Augen rei�t ein Spalt der Wut auf, durch den man einen Blick auf die verbannten Schatten von Ungeheuern und Abneigungen erhaschen kann. <emphasis>Das Letzte, was er will,</emphasis> erinnert sich Landsman, <emphasis>ist irgendeine Schweinerei.</emphasis> Cashdollar zupft ein Kleenex aus dem P�ckchen und wischt die Packung damit ab, dann stopft er den Rest zur�ck in seine sichere rechte Tasche. Er fummelt den untersten Knopf seiner Jacke durch das Knopfloch, und als der Wollbund sich kurz �ber seiner H�fte spannt, entdeckt Landsman die Ausbuchtung einer Scholem.</p><p>�Ihr Kollege�, sagt Cashdollar zu Landsman, �hat viel zu verlieren. Sehr viel. Wie Ihre Exfrau. Was den beiden nur zu bewusst ist. Vielleicht ist es Zeit, dass Sie zu demselben Schluss kommen, Detective Landsman.�</p><p>Landsman denkt an die Dinge, die er noch verlieren kann: ein Reiseschachbrett und das Polaroidfoto vom toten Messias. Einen in das Gewirr seines Hirns gedruckten profanen, unsystematischen Stadtplan von Sitka mit Tatorten, Kaschemmen und Aroniab�schen. Winternebel, der das Herz umh�llt, Sommernachmittage, die sich endlos in die L�nge ziehen wie Diskussionen zwischen Juden. Die Geister des zaristischen Russlands in den Zwiebelt�rmen der St.-Michael-Kathedrale und die Geister von Warschau im klagenden Wiegen eines Caf�geigers. Kan�le, Fischerboote, Inseln, streunende Hunde, Konservenfabriken, Milchbars. Die im nassen Asphalt gespiegelte Neonmarkise des Baranof Theaters, die wie auf einem Aquarell zerlaufenen Farben, wenn man mit dem M�dchen seiner Tr�ume am Arm aus einer Vorstellung von Welles� <emphasis>Herz der Finsternis</emphasis> kommt, das man gerade zum dritten Mal gesehen hat.</p><p>�Schei� auf das, was geschrieben steht�, sagt Landsman. �Wissen Sie was?� Auf einmal ist er der Gannefs und Propheten m�de, der Waffen und Opfer und der unendlichen Gangstermacht Gottes. Er ist es m�de, vom Gelobten Land und dem f�r seine Erl�sung unvermeidlichen Blutvergie�en zu h�ren. �Mir ist egal, was geschrieben steht. Mir ist egal, was angeblich irgendeinem Idioten in Sandalen versprochen wurde, dessen einziger Anspruch auf Ruhm darin bestand, dass er seiner schwachk�pfigen Idee zuliebe seinem eigenen Sohn die Kehle durchschneiden wollte. Rote K�he, Patriarchen und Heuschrecken sind mir egal. Alte Knochen im Sand. Meine Heimat ist in meinem Hut. In der Umh�ngetasche meiner Exfrau.�</p><p>Er setzt sich. Z�ndet sich noch eine Zigarette an.</p><p>�Fuck you�, schlie�t Landsman. �Und Jesus auch, dieses Weichei.�</p><p>�Aber Mund halten, Landsman�, sagt Cashdollar weich und tut so, als w�rde er einen Schl�ssel in seinem Mund herumdrehen.</p></section><section><title><p><emphasis>42.</emphasis></p></title><p>Als Landsman aus dem Ickes Building tritt und den Hut auf seinen geleerten Kopf setzt, stellt er fest, dass die Welt in eine Nebelbank gesegelt ist. Die Nacht ist kalt und klebrig, sie kondensiert auf seiner Brille und bildet Perlen an seinen Mantel�rmeln. Korczak Platz ist eine Sch�ssel hellen Dunstes, hier und dort mit dem Abdruck von Natriumlampen verschmiert. Halbblind und durchgefroren bis auf die Knochen trottet Landsman die Monastir Street entlang bis zur Berlevi Street und dann hin�ber zur Max Nordau Street. Er hat eine Zerrung im R�cken, ein Stechen im Kopf und einen scharf pochenden Schmerz in seiner W�rde. Der bis vor Kurzem von seinem Hirn ausgef�llte Raum zischt wie Nebel in seinen Ohren, summt wie eine Neonr�hre. Landsman hat das Gef�hl, seine Seele habe Tinnitus.</p><p>Als er sich in die Lobby des Zamenhof schleppt, reicht ihm Tenenboym zwei Briefe. Der eine ist vom Ausschuss und teilt ihm mit, dass die Anh�rung bez�glich seines Verhaltens in den Todesf�llen Zilberblat und Flederman auf neun Uhr am n�chsten Morgen angesetzt ist. Der andere Brief ist eine Mitteilung der neuen Hotelbesitzer. Eine Ms. Robin Navin von der Hotelgruppe Joyce/Generali unterrichtet Landsman davon, dass in den kommenden Monaten aufregende Ver�nderungen f�r das Zamenhof ins Haus st�nden und es ab dem 1. Januar unter dem Namen �Luxington Parc Sitka� firmieren w�rde. Teilweise geht die Aufgeregtheit auf die Tatsache zur�ck, dass Landsmans monatlicher Mietvertrag am 1. Dezember ausl�uft. Alle F�cher hinter der Rezeption enthalten lange wei�e Umschl�ge, jeder mit dem gleichen t�dlichen Schr�gbalken auf schweres B�tten genutet. Nur nicht das Fach mit der Nummer 208. Da liegt nichts drin.</p><p>�Haben Sie geh�rt, was passiert ist?�, sagt Tenenboym, als Landsman von seinem brieflichen Ausflug in die helle nichtj�dische Zukunft des Hotel Zamenhof in die Gegenwart zur�ckkehrt.</p><p>�Ich hab�s im Fernsehen gesehen�, sagt Landsman, obwohl ihm die Erinnerung daran jetzt diesig und aus zweiter Hand vorkommt, ein Konstrukt, das seine Vernehmer durch hartn�ckiges Fragen in ihn gepflanzt haben.</p><p>�Zuerst meinte man, es w�re ein Versehen�, sagt Tenenboym mit einem zappelnden goldenen Zahnstocher im Mundwinkel. �Araber h�tten in einem Tunnel unter dem Tempelberg heimlich Bomben gebaut. Dann meinte man, es w�re Absicht. Dass die einen gegen die anderen k�mpfen.�</p><p>�Sunniten gegen Schiiten?�</p><p>�Kann sein. Ein Raketenwerfer w�re au�er Kontrolle geraten.�</p><p>�Syrer und �gypter?�</p><p>�Wer auch immer. Der Pr�sident hat im Fernsehen gesprochen, er meinte, vielleicht m�ssten sie da rein. W�re f�r alle eine Heilige Stadt.�</p><p>�Das hat nicht lange gedauert�, sagt Landsman.</p><p>Seine einzige weitere Post ist eine Karte, die bei lebenslanger Mitgliedschaft in einem Fitnessclub einen hohen Rabatt in Aussicht stellt. Nach seiner Scheidung hat Landsman dort einige Monate lang trainiert. Damals wurde vorgeschlagen, dass Sport seine Laune heben k�nne. Es war ein guter Vorschlag. Landsman kann sich nicht mehr erinnern, ob er sich bewahrheitete oder nicht. Die Karte zeigt links einen dicken Juden und rechts einen d�nnen. Der linke Jude wirkt abgespannt, schlaflos, skierotisch, ungepflegt, hat Wangen wie zwei L�ffel saurer Sahne und zwei stechende, b�se kleine Augen. Der Jude rechts ist schlank, gebr�unt, locker, selbstsicher und tr�gt einen gestutzten Bart. Eigentlich sieht er aus wie einer von Litvaks jungen M�nnern. Der Jude der Zukunft, denkt Landsman. Die Postkarte stellt die unwahrscheinliche Behauptung auf, dass der Jude links und sein Pendant rechts ein und dieselbe Person seien.</p><p>�Haben Sie die Leute drau�en gesehen?�, fragt Tenenboym, und der goldene Zahnstocher klickt gegen einen Pr�molar. �Im Fernsehen?�</p><p>Landsman sch�ttelt den Kopf. �Haben sie getanzt?�</p><p>�Und wie. Sind in Ohnmacht gefallen. Haben geweint. Ein Massenorgasmus.�</p><p>�Nicht auf leeren Magen, Tenenboym, ich bitte Sie.�</p><p>�Haben die Araber gesegnet, weil sie gegeneinander k�mpfen. Haben das Gedenken an Mohammed gesegnet.�</p><p>�Ganz sch�n grausam.�</p><p>�Einer von diesen Schwarzh�ten hat gesagt, jetzt w�rde er ins Land Israel ziehen und sich einen guten Platz sichern f�r die Zeit, wenn Messias auftaucht.� Tenenboym nimmt den Zahnstocher aus dem Mund und untersucht die Spitze nach einer Spur von Bodensch�tzen, dann f�hrt er ihn entt�uscht wieder ein. �Wenn Sie mich fragen, kann man diese ganzen Spinner in ein gro�es Flugzeug stecken und r�berschicken, ein schwarzes Jahr auf sie.�</p><p>�Das sagen Sie, Tenenboym?�</p><p>�Ich setze mich sogar selbst ans Steuer.�</p><p>Landsman stopft den Brief der Joyce/Generali-Gruppe zur�ck in den Umschlag und schiebt ihn Tenenboym �ber die Theke zu.</p><p>�Werfen Sie den f�r mich weg, Tenenboym, ja?�</p><p>�Sie haben noch drei�ig Tage, Detective�, sagt Tenenboym. �Sie finden schon was.�</p><p>�Darauf k�nnen Sie sich verlassen�, sagt Landsman. �Wir werden alle was finden.�</p><p>�Es sei denn, es findet uns zuerst, stimmt�s?�</p><p>�Was ist mit Ihnen, Tenenboym? D�rfen Sie Ihre Stelle behalten?�</p><p>�Mein Status wird noch gepr�ft.�</p><p>�Klingt hoffnungsvoll.�</p><p>�Oder hoffnungslos.�</p><p>�Das eine oder das andere.�</p><p>Mit dem Elevatoro f�hrt Landsman in den f�nften Stock. Er geht den Korridor entlang, den Mantel an einem gekr�mmten Finger �ber die Schulter geworfen, und l�st mit der anderen Hand seine Krawatte. Die T�r zu seinem Zimmer summt ihr schlichtes Gedicht: f�nf null f�nf. Es bedeutet nichts. Lichter im Nebel. Drei arabische Ziffern. Eigentlich in Indien erfunden, wie auch das Schachspiel, aber erst durch die Araber verbreitet. Sunniten, Schiiten. Syrer, �gypter. Landsman fragt sich, wie lange es dauert, bis die verschiedenen k�mpfenden Splittergruppen in Pal�stina merken, dass keine von ihnen f�r das Attentat verantwortlich ist. Ein, zwei Tage, vielleicht eine Woche. Gerade lange genug, um eine verh�ngnisvolle Verwirrung auszul�sen, sodass Litvak seine Jungs an Ort und Stelle bef�rdern und Cashdollar Unterst�tzung aus der Luft schicken kann. Und ehe man sich versieht, ist Tenenboym Nachtportier des Luxington Parc, Jerusalem.</p><p>Landsman legt sich aufs Bett und holt das Reiseschachbrett hervor. Bei der Verfolgung des M�rders von Mendel Shpilman und Naomi Landsman h�pft seine Aufmerksamkeit von einem Quadrat zum anderen, huscht an den Feldlinien entlang. Zu seiner �berraschung und seiner Erleichterung stellt er fest, dass er schon wei�, wer der M�rder ist, es ist der aus der Schweiz stammende Physiker, Nobelpreistr�ger und mittelm��ige Schachspieler Albert Einstein. Einstein mit seinem Haarwust, seiner riesigen Strickweste und den Augen, die wie Tunnel tief in die Dunkelheit der Zeit reichen. Landsman verfolgt Albert Einstein �ber das milchwei�e, kalkwei�e Eis, h�pft von einem �berschatteten Quadrat zum n�chsten, springt �ber relativistische Schachbretter von Schuld und S�hne, �ber das imagin�re Land der Pinguine und Eskimos, das die Juden nie so recht f�r sich beanspruchen konnten.</p><p>Sein Traum macht einen R�sselsprung, und mit dem ihr eigenen Eifer legt ihm seine kleine Schwester Naomi Einsteins ber�hmten Beweis f�r die ewige Wiederkehr des Juden dar, der nur in Form des ewigen Exils der Juden zu erbringen sei, ein Beweis, den der gro�e Mann aus der Beobachtung der flatternden Tragfl�che eines Flugzeugs und eines abtreibenden dunklen Rauchpilzes ableitete, der aus dem Hang eines eisigen Berges aufstieg. Landsmans Traum kalbt und bringt weitere langsame Eisbergtr�ume hervor, und das Eis sirrt fluoreszierend. Irgendwann wird das Summen, das Landsman und sein Volk seit Anbeginn der Zeit peinigt und das manche in ihrer Dummheit f�r die Stimme Gottes halten, im Fenster von Zimmer 505 gefangen wie Sonnenlicht im Herzen eines Eisbergs.</p><p>Landsman schl�gt die Augen auf. In den Spalten des Rollos sirrt Tageslicht wie eine gefangene Fliege. Naomi ist wieder tot, und dieser Narr von Einstein hat keine Schuld an dem Verbrechen im Fall Shpilman. Landsman wei� �berhaupt nichts. Er f�hlt einen Schmerz im Bauch, den er zuerst f�r Trauer h�lt, doch dann stellt er fest, dass er Hunger hat. Und zwar auf Krautwickel. Er sieht auf seinem Shoyfer nach der Uhrzeit, aber der Akku ist leer. Als Landsman unten an der Rezeption anruft, teilt ihm der Hotelangestellte mit, dass es neun Minuten nach neun am Donnerstagmorgen ist. Krautwickel! Mittwochs ist immer rum�nische Nacht im Vorsht, und Mrs. Kalushiner hat am n�chsten Morgen oft noch einen Rest �brig. Die alte Kr�he macht die besten Sarmalis in Sitka. Leicht und schwer zugleich, eher scharf-pfeffrig als s��-sauer, bespr�ht mit frischer saurer Sahne, verziert mit zarten Dillzweiglein.</p><p>Landsman rasiert sich und zieht seinen Anzug und die Krawatte vom T�rknauf an. Er ist bereit, sein eigenes K�rpergewicht in Sarmalis zu verzehren. Aber als er nach unten geht, wirft er einen kurzen Blick auf die Uhr �ber den Postf�chern und merkt, dass er neun Minuten zu sp�t ist f�r seine Anh�rung vor dem Ausschuss.</p><p>Als Landsman wie ein Hund auf glatten Fliesen den Korridor des Verwaltungsmoduls hinunter zum Zimmer 102 rutscht, hat er zweiundzwanzig Minuten Versp�tung. Er findet dort nichts au�er einem langen furnierten Tisch mit f�nf St�hlen, jeder f�r ein Ausschussmitglied, und seiner Vorgesetzten auf der Tischkante, die ihre verschr�nkten Kn�chel baumeln l�sst. Ihre spitzen Pumps zielen direkt auf Landsmans Herz. Die f�nf gro�en Lederst�hle mit der hohen R�ckenlehne sind leer.</p><p>Bina sieht aus wie die H�lle, nur noch hei�er. Ihr m�wenbraunes Kost�m ist zerknittert und falsch gekn�pft. Ihr Haar scheint mit einem Plastikstrohhalm zur�ckgebunden zu sein. Ihre Strumpfhose ist l�ngst fort, ihre Beine sind nackt und mit blassen Sommersprossen besprenkelt. Mit sonderbarer Freude ruft sich Landsman in Erinnerung, dass sie Feinstr�mpfe mit Laufmasche immer in den M�ll warf, sie zu einem w�tenden Pompon kn�llte, bevor sie im Eimer landeten.</p><p>�H�r auf, mir auf die Beine zu gaffen!�, sagt sie. �Lass das, Meyer. Sieh mir ins Gesicht!�</p><p>Landsman gehorcht und schaut direkt in die Bohrl�cher ihres doppell�ufigen Blicks.</p><p>�Ich habe verschlafen�, sagt er. �Tut mir leid. Die haben mich vierundzwanzig Stunden festgehalten, und als���</p><p>�Mich einunddrei�ig Stunden�, sagt sie. �Ich bin gerade rausgekommen.�</p><p>�Also schei� erst mal auf mich und mein Gejammer.�</p><p>�Erst mal.�</p><p>�Wie war�s bei dir?�</p><p>�Die waren so nett�, sagt Bina verbittert. �Ich bin total zusammengeklappt. Hab denen alles erz�hlt.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Nun�, sagt sie und weist mit erhobenen Handfl�chen auf den Raum um sich herum, als h�tte sie gerade etwas verschwinden lassen. Ihr lustiger Tonfall ist kein gutes Zeichen. �Rate mal!�</p><p>�Ich bin tot�, versucht es Landsman. �Der Ausschuss hat mich mit �tzkalk bestreut und untergepfl�gt.�</p><p>�Es sieht folgenderma�en aus�, sagt sie. �Eben gerade, um acht Uhr neunundf�nfzig, bekam ich hier in diesem Raum einen Anruf auf dem Handy. Nachdem ich mich zuvor bei der Bundespolizei v�llig zum Affen gemacht und mir den Hals wundgeschrien hatte, damit die mich freilassen und ich rechtzeitig hier bin, um sicherzustellen, dass ich auf dem Stuhl hinter dir sitze, im Falle des Falles aufstehe und meinen Detective unterst�tze.�</p><p>�Hm.�</p><p>�Die Anh�rung wurde abgesagt.�</p><p>Bina greift in ihre Tasche, w�hlt darin herum und zieht eine Waffe hervor. Landsman f�gt sie ein in Binas Arsenal aus Gewehrlauf-Blick und spitzen Schuhen. Eine M-39 mit kurzem Lauf. An einem Faden baumelt ein Etikett. Bina wirft sie im Bogen in Richtung von Landsmans Kopf. Er kann die Waffe fangen, bekommt aber die Dienstmarkenh�lle nicht richtig zu fassen, die hinterhergeflogen kommt. Dann folgt ein kleines T�tchen mit Landsmans Anstecken Eine weitere kurze Durchsuchung ihrer Tasche bringt ein t�dlich wirkendes Formular mit seinen Henkern, der dreifachen Ausfertigung, hervor. �Wenn Sie weitermachen und sich den Hals mit diesem DPD 2255 brechen, Detective Landsman, sind Sie bei voller Bezahlung und allen Vorz�gen wieder aktives Mitglied der Distriktpolizei, Abteilung Sitka Central.�</p><p>�Ich bin also wieder im Dienst.�</p><p>�F�r wie lange, f�nf Wochen noch? Jubel ��</p><p>Landsman wiegt die Scholem in der Hand wie ein shakespearischer Held den Totensch�del.</p><p>�Ich h�tte eine Million Dollar verlangen sollen�, sagt er. �Ich wette, die h�tte er auch noch aufgetrieben.�</p><p>�Er soll verflucht sein�, sagt Bina. �Die sollen alle verflucht sein. Ich hab immer gewusst, dass es sie gibt. Da unten, in Washington. Und da oben, �ber unseren K�pfen. Die halten die F�den in der Hand. Geben den Ton vor. Nat�rlich hab ich das gewusst. Wir alle wussten es. So sind wir schlie�lich gro� geworden, oder? Wir sind hier nur gelitten. G�ste des Hauses. Aber die ganze Zeit wurden wir gar nicht beachtet. Uns selbst �berlassen. Es war leicht, sich etwas vorzumachen. Sich einzubilden, eine gewisse Autonomie zu besitzen, in Ma�en, nichts Gro�artiges. Ich dachte, ich w�rde im Dienst der Allgemeinheit stehen. Verstehst du? Der Gemeinschaft dienen. Das Gesetz hochhalten. Aber in Wirklichkeit habe ich nur f�r Cashdollar gearbeitet.�</p><p>�Du meinst, ich h�tte entlassen werden sollen, oder?�</p><p>�Nein, Meyer.�</p><p>�Ich wei�, dass ich immer ein bisschen �bertreibe. Auf meinen Bauch h�re. Unberechenbar und so weiter.�</p><p>�Meyer, glaubst du wirklich, dass ich sauer bin, weil du deinen Ausweis und die Pistole zur�ckbekommen hast?�</p><p>��hm, deswegen nicht unbedingt, nein. Aber weil die Anh�rung abgesagt wurde. Ich wei�, wie wichtig es dir ist, dass alles nach Vorschrift l�uft.�</p><p>�Ja, es ist mir wichtig, dass alles nach Vorschrift l�uft�, sagt sie mit belegter Stimme. �Ich glaube an das, was geschrieben steht.�</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Wenn du und ich etwas mehr auf die Vorschriften geachtet h�tten�, sagt sie, und etwas Gef�hrliches scheint sich zwischen ihnen zu erheben. �Du und dein Bauchgef�hl, ein schwarzes Jahr auf euch beide.�</p><p>Da will er sie ihr mitteilen, die Geschichte, die er sich seit nunmehr drei Jahren erz�hlt. Wie er, nachdem Django aus ihrem Leib gesch�lt wurde, den Arzt im Gang vor dem OP anhielt. Bina hatte Landsman angewiesen, diesen guten Arzt zu fragen, ob es irgendetwas g�be, einen Zweck, ein Ziel, eine Studie, dem die halb ausgewachsenen Knochen und Organe zugef�hrt werden k�nnten.</p><p>�Meine Frau w�sste gerne�, hatte Landsman begonnen und dann gez�gert.</p><p>�Ob es einen sichtbaren Defekt gab?�, fragte der Arzt. �Nein. Nichts. Das Baby sah ganz normal aus.� Zu sp�t, der Schrecken bl�hte schon in Landsmans Gesicht, f�gte der Arzt hinzu: �Nat�rlich hei�t das nicht, dass alles in Ordnung war.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Landsman.</p><p>Er sah den Arzt nie wieder. Das endg�ltige Schicksal des kleinen K�rpers, des Jungen, den Landsman dem Gott seines d�steren Bauchgef�hls geopfert hatte, war etwas, das zu ermitteln Landsman weder das Herz noch die Lust hatte.</p><p>�Ich habe denselben beschissenen Deal gemacht, Meyer�, sagt Bina, bevor er ihr beichten kann. �Um meine Ruhe zu haben.�</p><p>�Damit du Bulle bleiben kannst?�</p><p>�Nein. Du.�</p><p>�Danke�, sagt Landsman. �Vielen Dank, Bina. Ich bin dir dankbar.�</p><p>Sie dr�ckt ihr Gesicht in die H�nde und massiert sich die Schl�fen.</p><p>�Ich bin dir auch dankbar, Meyer�, sagt sie. �Ich bin dir dankbar, dass du mir klargemacht hast, wie kaputt das alles hier ist.�</p><p>�Gern geschehen�, sagt er. �Freut mich, dass ich helfen konnte.�</p><p>�Dieses Arschloch von Cashdollar. Bei dem bewegt sich kein Haar. Als ob es auf seinem Kopf festgeschwei�t w�re.�</p><p>�Er meinte, er h�tte nichts mit Naomis Tod zu tun�, sagt Landsman. Er h�lt inne, bei�t sich auf die Lippe. �Er meinte, es war der Typ, der vorher auf seinem Posten sa�.�</p><p>Landsman versucht, den Kopf hochzuhalten, als er das sagt, doch schnell stellt er fest, dass er auf die N�hte seiner Schuhe blickt. Bina bewegt den Arm, z�gert und dr�ckt dann seine Schulter. Zwei geschlagene Sekunden l�sst sie die Hand auf ihm ruhen, gerade lang genug, um ein oder zwei Kerben in Landsman zu schlitzen.</p><p>�Er hat auch jede Beteiligung bei Shpilman abgestritten. Ich habe aber vergessen, ihn nach Litvak zu fragen.� Landsman sieht auf, und Bina nimmt ihre Hand fort. �Hat Cashdollar dir gesagt, wo sie ihn hingebracht haben? Ist er unterwegs nach Jerusalem?�</p><p>�Er tat ganz geheimnisvoll, aber ich glaube, er hatte einfach keine Ahnung. Ich habe ihn telefonieren h�ren, er meinte, sie w�rden Gerichtsmediziner aus Seattle holen, die das Zimmer im Blackpool untersuchen sollen. Vielleicht sollte ich das aber auch h�ren. Ich muss allerdings sagen, dass die mir alle ein bisschen ratlos vorkamen, was unseren Freund Alter Litvak angeht. Meyer, die haben offenbar keine Ahnung, wo er ist. Vielleicht hat er das Geld genommen und ist abgehauen. Er k�nnte l�ngst auf dem Weg nach Madagaskar sein.�</p><p>�M�glich�, sagt Landsman, und dann langsamer: �M�glich.�</p><p>�Gott, hilf mir, da kommt wieder so ein Bauchgef�hl.�</p><p>�Bina, du hast gesagt, dass du mir dankbar bist.�</p><p>�Auf zweideutige, ironische Art, ja.�</p><p>�H�r zu, ich k�nnte ein wenig Unterst�tzung gebrauchen. Ich m�chte mir noch einmal Litvaks Zimmer ansehen.�</p><p>�Wir k�nnen nicht ins Blackpool, Meyer. Der ganze Laden ist von der Bundesbeh�rde abgeriegelt.�</p><p>�Ich will ja nicht ins Blackpool, sondern darunter.�</p><p>�Darunter?�</p><p>�Ich habe geh�rt, dass da, nun ja, dass es da eventuell Tunnel geben soll.�</p><p>�Tunnel.�</p><p>�Warschau-Tunnel werden sie angeblich genannt.�</p><p>�Ich soll dir die Hand halten�, sagt sie. �In einem tiefen, dunklen, schrecklichen alten Tunnel.�</p><p>�Nur im �bertragenen Sinn�, sagt er.</p></section><section><title><p><emphasis>43.</emphasis></p></title><p>Oben auf der Treppe des Zamenhof holt Bina eine als Schl�sselanh�nger konzipierte Taschenlampe aus ihrer Rindsledertasche und reicht sie Landsman. Sie wirbt f�r oder symbolisiert m�glicherweise die Dienste eines Bestattungsinstituts aus Yakovy. Dann r�umt Bina verschiedene Akten, einen Packen juristischer Dokumente, eine h�lzerne Haarb�rste, eine <emphasis>People</emphasis> und einen mumifizierten Bumerang in einem Frischhaltebeutel in ihrer Tasche beiseite, der vielleicht einmal eine Banane gewesen ist, und pr�sentiert ein an Sadomasospielchen erinnerndes, schlaffes schwarzes Geschirr, an dem eine Art runde Dose h�ngt. Sie schiebt den Kopf hinein und verstrickt ihr Haar mit dem schwarzen Netz. Als sie sich hinsetzt und den Kopf zu Landsman umdreht, leuchtet eine silberne Linse auf und verblasst wieder. Landsman sp�rt die drohende Dunkelheit und f�hlt, wie sich das Wort <emphasis>Tunnel</emphasis> in seinen Brustkorb gr�bt.</p><p>Sie gehen die Stufen hinunter, durch den Raum mit den Fundst�cken. Der ausgestopfte Marder grinst sie an. Die Seilschlinge an der T�r zum Kriechkeller h�ngt herab. Landsman versucht sich zu erinnern, ob er sie vor seinem unr�hmlichen R�ckzug am vergangenen Donnerstagabend wieder �ber den Haken legte. Er steht da und zerbricht sich den Kopf, dann gibt er auf.</p><p>�Ich gehe vor�, sagt Bina.</p><p>Sie sinkt auf ihre nackten Knie und arbeitet sich in den Kriechkeller vor. Landsman l�sst sich zur�ckfallen. Sein h�mmernder Puls, seine trockene Zunge, seine autonomen Systeme sind in die l�stige Geschichte seiner Phobie verstrickt, doch der jedem Juden eigene Detektor, der auf den Empfang von �bertragungen des Messias eingestellt ist, reagiert auf den Anblick von Binas Hintern, reagiert auf die lange, geschwungene Kurve so, als sei ihr Po ein magischer Buchstabe des Alphabets, eine Rune, die die Macht besitzt, den Stein fortzurollen, unter dem Landsman sein Begehren lebendig begraben hat. Ihn durchsticht die Erkenntnis, dass ihm, wie m�chtig der Zauber auch ist, den ihr Hintern auf ihn aus�bt, dass ihm nie wieder erlaubt sein wird�� Wunder �ber Wunder�� hineinzubei�en. Dann verschwindet der Hintern in der Dunkelheit, zusammen mit dem Rest von Bina, und Landsman ist aufgeschmissen. Er murmelt vor sich hin, disputiert mit sich, fordert sich heraus, ihr nachzugehen, und dann sagt Bina: �Los, komm!�, und Landsman gehorcht.</p><p>Mit den Fingerspitzen bildet sie einen Bogen um die Sperrholzscheibe, hebt sie an und reicht sie Landsman. Ihr Gesicht flackert im Schein seiner Taschenlampe mit einer juxenden Feierlichkeit, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Als sie jung waren, kletterte er nachts immer in ihr Zimmer, schlich sich durchs Fenster hinein, um mit ihr zu schlafen, und diese Miene hatte sie immer aufgesetzt, wenn sie das Fenster �ffnete.</p><p>�Da ist eine <emphasis>Leiter!�,</emphasis> sagt sie. �Meyer, die bist du doch nicht runtergestiegen, oder? Als du letztens abends hier warst?�</p><p>��hm, nein, ich war irgendwie, ich war nicht richtig���</p><p>�Schon gut�, sagt sie sanft. �Ich wei�.�</p><p>Sie klettert eine Stahlklampe nach der anderen hinunter, und wieder folgt Landsman ihr. Er h�rt Binas prustenden Atem, als sie sich fallen l�sst, das metallische Kratzen ihrer Schuhe. Dann f�llt er selbst in die Dunkelheit. Sie f�ngt ihn auf, und es gelingt ihr halb, ihn auf den Beinen zu halten. Die Lampe auf Binas Stirn verstreut ihr Licht hierhin, dorthin, dahin, skizziert fl�chtig den Tunnel.</p><p>Da ist ein weiteres Aluminiumrohr, das rechtwinklig zu dem verl�uft, durch das sie gerade gekommen sind. Als Landsman sich aufrichtet, streift sein Hut die gew�lbte Rundung. Das Rohr endet direkt hinter ihnen in einem Vorhang aus dumpfer schwarzer Erde und l�uft in die andere Richtung geradeaus unter der Max Nordau Street hindurch in Richtung Blackpool. Die Luft ist k�hl und planetarisch und enth�lt eine Spur Eisen. Auf dem Boden liegen Sperrholzplatten, die beiden trampeln dar�ber, und ihre Lampen offenbaren die dreckigen Stiefelabdr�cke hindurchlaufender M�nner.</p><p>Als sie meinen, die Max Nordau Street ungef�hr zur H�lfte unterquert zu haben, treffen sie auf eine zweite Rohrleitung, die nach Osten und Westen f�hrt und diesen Tunnel mit dem Netz verbindet, das die Gr�nlinge zum Schutz vor einer m�glichen zuk�nftigen Vernichtung anlegten. Tunnel, die zu Tunneln, Lagern, Bunkern f�hren.</p><p>Landsman denkt an die Scharen von Juden, die mit seinem Vater hierherkamen, jene, die nicht vom Leid und Schrecken gebrochen waren, sondern dadurch nur noch entschlossener wurden. Die ehemaligen Partisanen, die Widerstandsk�mpfer, die kommunistischen Gangster, die linkszionistischen Saboteure�� der P�bel, wie man sie in den Zeitungen im S�den betitelte��, die nach dem Krieg mit ihren vulkanisierten Seelen in Sitka auftauchten und mit Eisb�ren wie Hertz Shemets ihren kurzen, zum Scheitern verurteilten Kampf um die Vorherrschaft im Distrikt austrugen. Diese k�hnen, vernichteten M�nner�� sie wussten so sicher, wie sie den Geschmack ihrer eigenen Zunge im Mund kannten, dass ihre Retter sie eines Tages verraten w�rden. Sie marschierten in dieses wilde Land, das noch nie einen Juden gesehen hatte, und bereiteten sich auf den Tag vor, da sie zusammengetrieben, fortgeschickt und gezwungen werden w�rden, Stellung zu beziehen. Dann waren diese abgefeimten, zornigen M�nner und Frauen nacheinander von Onkel Hertz und seinen endlosen Operationen eingespannt, einkassiert, gem�stet, aufeinander angesetzt oder unsch�dlich gemacht worden.</p><p>�Nicht alle�, sagt Bina, und ihre Stimme prallt wie die von Landsman an den Aluminiumw�nden des Tunnels ab. �Einige haben es sich hier einfach gem�tlich gemacht. Sie begannen zu vergessen. Sie f�hlten sich zu Hause.�</p><p>�Ich sch�tze, so l�uft das immer�, sagt Landsman. �In �gypten, Spanien, Polen.�</p><p>�Sie sind schwach geworden. Das ist menschlich. Sie hatten ihr Leben. Komm.�</p><p>Sie folgen den Brettern und gelangen zum n�chsten Rohr, das sich �ber ihnen �ffnet, ebenfalls mit Steigeisen versehen.</p><p>�Jetzt gehst du vor�, sagt Bina. �Kann ich zur Abwechslung mal dir auf den Hintern gucken.�</p><p>Landsman schwingt sich auf das unterste Eisen und steigt nach oben. Ein Muster schwachen Lichts dringt durch einen Riss oder ein Loch im Deckel am Ende des Rohrs. Landsman dr�ckt gegen die Luke und schiebt sie hoch, ein schweres St�ck Sperrholz, das sich nicht r�hren oder biegen will. Er stemmt sich mit den Schultern dagegen.</p><p>�Was ist?�, fragt Bina unter ihm. Ihre Lampe scheint ihm wackelnd in die Augen.</p><p>�Bewegt sich nicht�, sagt Landsman. �Da muss was drauf stehen. Oder ��</p><p>Er tastet nach dem Loch, und seine Hand streift etwas Kaltes, Starres. Er f�hrt zur�ck, dann ertasten seine Finger einen Eisenstab, ein Seil, straff gespannt. Landsman scheint mit seiner kleinen Lampe darauf. Ein gummiertes Seil, geknotet und von oben durch das Griffloch gef�hrt, dann festgezogen und am obersten Steigeisen im Rohr festgezurrt.</p><p>�Was ist, Meyer? Was haben die gemacht?�</p><p>�Sie haben es hinter sich zugebunden, damit ihnen niemand folgen konnte�, sagt Landsman. �Und zwar mit einem h�bschen langen Seil.�</p></section><section><title><p><emphasis>44.</emphasis></p></title><p>Ein Gannef-Wind hat das Wetter umschlagen lassen, er weht vom Festland her�ber und beraubt die Schatzkammer Sitka ihres Nebels und Regens, hinterl�sst nichts als Spinnweben und einen gl�nzenden Penny im strahlend blauen Gew�lbe. Um 12:03 Uhr hat die Sonne bereits auf die Stechuhr gedr�ckt. Im Sinken taucht sie das Kopfsteinpflaster und den Stuck des Platzes in ein so wundervolles violinfarbenes Licht, dass nur ein Stein nicht ger�hrt sein k�nnte. Landsman, einen Fluch auf ihn, mag zwar ein Schammes sein, aber aus Stein ist er nicht.</p><p>Auf dem Weg von Westen hinaus nach Verbov Island erschnuppern Bina und er auf der Avenue 225 allenthalben kr�ftige Duftwolken des brodelnden Zimmes, der in der ganzen Stadt k�chelt. Auf dieser Insel ist der Geruch vor Freude und Panik noch intensiver und st�rker als irgendwo sonst. Schilder und Banner preisen die bevorstehende Verk�ndigung des K�nigreichs David und mahnen die Frommen, sich f�r die R�ckkehr nach Eretz Jisroel zu r�sten. Viele Schilder wirken spontan gefertigt, sind mit tropfenden Buchstaben auf Bettlaken und Fleischerpapier gespr�ht. In den Seitenstra�en feilschen Hausfrauen und H�ndler, versuchen, die Preise f�r Koffer, konzentrierte Waschlauge, Sonnenschutz, Batterien, Proteinriegel und Ballen tropenleichter Wolle zu dr�cken oder zu inflationieren. Tiefer in den Gassen, stellt Landsman sich vor, in den Kellern und Torwegen, gl�ht ein stillerer Markt wie ein mit Asche bedecktes Feuer: Medikamente, Gold, Automatikwaffen. Landsman und Bina fahren an gedr�ngten Gr�ppchen von Stra�enpredigern vorbei, die kommentieren, welche Familien im Heiligen Land welche Vertr�ge bekommen sollen, welche Mobster das Policengesch�ft, den Zigarettenschmuggel, das Waffen-Franchise leiten werden. Zum ersten Mal seit der Weltausstellung und seit Gaystik Weltmeister wurde, vielleicht zum ersten Mal seit sechzig Jahren�� wenigstens kommt es Landsman so vor�� passiert wirklich etwas im Distrikt Sitka. Als was es sich irgendwann entpuppen wird, davon hat nicht einmal der Weiseste der Stra�enrabbis die geringste Ahnung.</p><p>Aber als sie das Herz der Insel erreichen, getreu dem verlorenen Herzen des alten Verbov nachgebildet, finden sie nichts, was auf das Ende des Exils, auf wuchernde Preise oder messianische Umw�lzung schlie�en lie�e. Unten am breiten Ende des Platzes steht das Haus des Verbover Rebbe und sieht so robust und ewig aus wie in einem Traum. Rauch eilt wie ein Geldbote aus dem �ppigen Schornstein, nur um vom Wind �berfallen zu werden. Die morgendlichen Rudashevskys lungern d�ster auf ihrem Posten, und auf dem First des Hauses thront der schwarze Hahn mit flatternden Rocksch��en und halb automatischer Mandoline. Auf dem Platz drehen Frauen ihre �blichen Runden, schieben Kinderwagen oder ziehen M�dchen und Jungen hinter sich her, die noch zu klein f�r die Schule sind. Hier und dort bleiben sie stehen, um ihren Atem miteinander zu ver- und zu entflechten. In den Bogeng�ngen der H�user tun sich Zeitungsfetzen, Bl�tter und Staub zu spontanen Drejdl-Spielen zusammen. Zwei M�nner in langen M�nteln stemmen sich gegen den Wind, steuern mit schwingenden Schl�fenlocken auf das Haus des Rebbe zu. Zum ersten Mal kommt es Landsman so vor, als sei das traditionelle Klagelied der Juden von Sitka, das einem Glaubensbekenntnis oder zumindest einer Philosophie gleichkommt�� <emphasis>Keiner schert sich um uns, wir sind vergessen, hier zwischen Hoonah und Hotzeplotz��,</emphasis> in den letzten sechzig Jahren in Wirklichkeit ein Segen gewesen und nicht das Elend, f�r das es alle in ihrer geographischen und historischen R�ckst�ndigkeit hielten.</p><p>�Wer will denn schon in diesem H�hnerstall leben?�, sagt Bina, ein Echo von Landsmans Gedanken. Sie schlie�t ihren orangefarbenen Parka bis oben hin, schl�gt die T�r von Landsmans Wagen zu und tauscht traditionelle b�se Blicke mit einer Gruppe von Frauen, die gegen�ber der Werkstatt des Grenz-Mejwens auf der anderen Stra�enseite stehen. �Dieser Ort ist wie ein Glasauge oder ein Holzbein: Man kann ihn nicht verpf�nden.�</p><p>Vor dem d�steren Schuppen qu�lt der Jungmann einen Lumpen mit einem Besenstiel. Der Lumpen ist mit einem psychotrop riechenden L�sungsmittel getr�nkt, der junge Kerl wurde zu drei hoffnungslosen Inseln Motor�l auf dem Boden abgeordnet. Mit dem Besenende piesackt und liebkost er den Lumpen. Als er Bina bemerkt, reagiert er mit einer befriedigenden Mischung aus Schrecken und Ehrfurcht. Wenn Bina Messias w�re, der ihn in einem orangefarbenen Parka erl�sen wollte, w�re der Gesichtsausdruck des Pischers mehr oder weniger derselbe gewesen. Sein Blick klebt an ihr, mit brutaler Sorgfalt muss er ihn abwenden, als w�rde er die Zunge von einer gefrorenen Wasserpumpe l�sen.</p><p>�Reb Zimbalist?�, fragt Landsman.</p><p>�Ist da�, sagt der Jungmann und weist mit dem Kinn zur Werkstattt�r. �Aber er hat viel zu tun.�</p><p>�So viel wie du?�</p><p>Der Jungmann versetzt dem Lumpen noch einen planlosen Sto�. �Ich war im Weg.� Er bringt das Zitat mit selbstmitleidiger Bravour und wendet Bina dann eine Wange zu, ohne einen anderen Gesichtszug in diese Geste einzubeziehen. �Sie kann da nicht rein�, sagt er bestimmt. �Das ist unangemessen.�</p><p>�Siehst du das hier, mein Schejner?� Bina hat ihren Ausweis herausgefischt. �Ich bin wie Bargeld, das ist immer angemessen.�</p><p>Der Jungmann tritt einen Schritt zur�ck, und der Wischmoppgriff verschwindet hinter seinem R�cken, als sei er ein inkriminierender Gegenstand.</p><p>�Wollen Sie Reb Itzik verhaften?�, fragt er.</p><p>�Also�, sagt Landsman und geht einen Schritt auf das Kerlchen zu. �Warum sollten wir?�</p><p>Eines muss man einem Jeschiwa-Jungmann zugutehalten: Er wei�, wie man eine Frage umgeht.</p><p>�Woher soll ich das wissen?�, sagt er. �Wenn ich ein feiner Anwalt w�re, w�rde ich dann wohl hier rumstehen und mit einem Lumpen am Stiel den Boden wischen?�</p><p>In der Werkstatt stehen alle um den gro�en Kartentisch herum, Itzik Zimbalist und seine Mannschaft. Ein Dutzend strammer Juden in gelben Overalls, die Kinnladen gepolstert von ihren im Netz aufgerollten B�rten. Die Gegenwart einer Frau in der Werkstatt huscht zwischen ihnen umher wie eine l�stige Motte. Zimbalist ist der Letzte, der von dem auf dem Tisch ausgebreiteten Problem aufschaut. Als er sieht, wer mit einer neuen dornenvollen Frage zum Grenz-Mejwen kommt, nickt er und brummt ein wenig verstimmt, als k�men Landsman und Bina zu sp�t zu einem Termin.</p><p>�Guten Morgen, die Herren�, sagt Bina mit sonderbar fl�tender, un�berzeugender Stimme in dieser gro�en, m�nnlichen Scheune. �Ich bin Inspector Gelbfish.�</p><p>�Guten Morgen�, sagt der Grenz-Mejwen.</p><p>Sein scharf geschnittenes, fleischloses Gesicht ist so unleserlich wie eine Klinge oder ein Totenkopf. Er rollt den Plan oder die Karte mit ge�bter Hand zusammen, verschn�rt sie mit einer Kordel und schiebt sie in ein Regal hinter sich, wo sie zwischen Tausenden ihresgleichen verschwindet. Seine Bewegungen sind die eines alten Mannes, f�r den Eile eine vergessene schlechte Angewohnheit ist.</p><p>Sein Schritt ist huckelig-ruckelig, aber seine H�nde sind gepflegt und akkurat.</p><p>�Mittagspause ist vorbei�, ruft er seiner Mannschaft zu, obwohl nicht eine Spur von Essen zu sehen ist.</p><p>Die Mitarbeiter z�gern, bilden einen unregelm��igen Eruw um den Mejwen, bereit, ihn vor jedem weltlichen �rger zu sch�tzen, der von diesen zwei Dienstmarken in ihrer Mitte ausgehen k�nnte.</p><p>�Vielleicht bleiben Sie besser in der N�he�, sagt Landsman. �Wir m�ssen eventuell noch mit Ihnen reden.�</p><p>�Wartet in den Autos�, befiehlt Zimbalist. �Ihr seid im Weg.�</p><p>Sie gehen durch das Lager zur Garage. Einer dreht sich um, fasst sich zweifelnd an den aufgerollten Bart.</p><p>�Da die Mittagspause jetzt vorbei ist, Reb Itzik�, sagt er, �w�re es da in Ordnung, wenn wir zu Abend essen?�</p><p>�H�ngt das Fr�hst�ck gleich mit dran�, sagt Zimbalist. �Ihr werdet die ganze Nacht zu tun haben.�</p><p>�So viel Arbeit?�, sagt Bina.</p><p>�Soll das ein Witz sein? Die brauchen Jahre, um das alles einzupacken. Ich brauche mit Sicherheit ein Frachtschiff.�</p><p>Er geht zu dem elektrischen Wasserkessel und bereitet drei Gl�ser vor.</p><p>�Nu, Landsman, ich habe geh�rt, Sie h�tten eventuell eine Zeit lang Ihren Ausweis verloren�, sagt der Mejwen.</p><p>�Sie h�ren viel, nicht?�, sagt Landsman.</p><p>�Ich h�re, was ich h�re.�</p><p>�Haben Sie vielleicht mal geh�rt, dass �berall unter der Untershtot Tunnel gegraben wurden f�r den Fall, dass die Amerikaner sich gegen uns wenden und auf die Idee kommen, eine Sonderaktion durchzuf�hren?�</p><p>�Ich w�rde sagen, da klingelt es bei mir�, sagt Zimbalist. �Nun, da Sie davon sprechen.�</p><p>�Dann sind Sie nicht vielleicht zuf�llig im Besitz eines Plans von diesen Tunneln? Dem man entnehmen kann, wie sie verlaufen, was sie miteinander verbinden und so weiter?�</p><p>Immer noch hat der alte Mann ihnen den R�cken zugekehrt. Er rei�t die Papiert�tchen auf, in denen sich die Teebeutel verstecken.</p><p>�Wenn nicht�, sagt er, �was w�re ich dann f�r ein Grenz-Mejwen?�</p><p>�Wenn Sie also, aus welchem Grund auch immer, vorh�tten, jemanden unbeobachtet in oder aus dem Keller des Hotel Blackpool auf der Max Nordau Street zu schaffen. W�ren Sie dazu in der Lage?�</p><p>�Warum sollte ich das tun?�, fragt Zimbalist. �In der Absteige w�rde ich nicht mal den Chihuahua meiner Schwiegermutter unterbringen.�</p><p>Er zieht den Stecker des Kessels, bevor das Wasser kocht, und tr�nkt einen Teebeutel nach dem anderen. Die Gl�ser stellt er zusammen mit einem Glas Marmelade und drei kleinen L�ffeln auf ein Tablett, und sie setzen sich an seinen Schreibtisch in der Ecke. Die Teebeutel geben ihre Farbe nur widerwillig an das lauwarme Wasser ab. Landsman reicht Papirossen herum und z�ndet sie an. Aus den Wagen dringen die Ger�usche schreiender oder lachender M�nner, Landsman kann es nicht richtig beurteilen.</p><p>Bina l�uft durch die Werkstatt, bewundert die Menge und Vielfalt von Seilen und steigt vorsichtig um ein verknotetes Drahtgewirr herum, graues Gummi mit einem blutroten Kupferstummel.</p><p>�Schon mal einen Fehler gemacht?�, fragt Bina den Grenz-Mejwen. �Jemandem gesagt, er k�nne etwas tragen, obwohl es nicht erlaubt ist? Mal eine Linie gezogen, wo keine n�tig war?�</p><p>�Ich traue mich nicht, Fehler zu machen�, sagt Zimbalist. �Am Sabbat etwas tragen, das ist ein schwerer Versto�.</p><p>Wenn die Leute meinen, dass sie sich auf meine Karten nicht mehr verlassen k�nnen, bin ich erledigt.�</p><p>�Wir haben immer noch nicht den ballistischen Fingerabdruck der Waffe, mit der Mendel Shpilman get�tet wurde�, sagt Bina vorsichtig. �Aber du hast die Wunde gesehen, Meyer.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sah sie aus, als stammte sie von einer, sagen wir mal, Glock oder einer TEC-9 oder einer anderen Automatik?�</p><p>�Meiner unma�geblichen Meinung nach�, sagt Landsman, �nicht.�</p><p>�Du hast viel wertvolle Zeit mit Litvaks Mannschaft und ihren Feuerwaffen verbracht.�</p><p>�Habe jede Minute genossen.�</p><p>�Hast du in ihrer Spielzeugkiste irgendwas gesehen, das keine Automatik war?�</p><p>�Nein�, sagt Landsman. �Nein, Inspector, das habe ich nicht.�</p><p>�Was beweist das?�, fragt Zimbalist und l�sst sein zartes Ges�� in das aufblasbare Donutkissen auf seinem Schreibtischstuhl sinken. �Noch wichtiger: Was interessiert mich das?�</p><p>�Abgesehen nat�rlich von Ihrem allgemeinen Interesse, dass in diesem Fall der Gerechtigkeit Gen�ge getan wird�, sagt Bina.</p><p>�Abgesehen davon�, sagt Zimbalist.</p><p>�Detective Landsman, glauben Sie, dass Alter Litvak Shpilman umgebracht hat oder den Mord an ihm in Auftrag gab?�</p><p>Landsman schaut dem Grenz-Mejwen ins Gesicht und sagt: �Nein. Das h�tte er nie getan. Er brauchte Mendel nicht nur. Der Jid hatte begonnen, an Mendel zu <emphasis>glauben</emphasis>.�</p><p>Zimbalist blinzelt, nestelt an seiner Nase herum und denkt dar�ber nach, als sei es ein Ger�cht �ber einen neuen Wasserlauf, der ihn zwingt, eine seiner Landkarten umzuzeichnen.</p><p>�Das glaube ich nicht�, beschlie�t er. �Jeder andere. Alle anderen. Aber nicht er.�</p><p>Landsman hat keine Lust zu streiten. Zimbalist greift nach seinem Tee. Eine rostige Ader windet sich im Wasser wie ein Band in einer Murmel.</p><p>�Was w�rden Sie tun, wenn sich etwas, von dem Sie allen erz�hlt h�tten, es w�re eine Linie auf Ihrer Landkarte�, sagt Bina, �wenn sich das als, sagen wir mal, Falte erwiese? Als Haar? Als verirrter Strich? Irgend so etwas. W�rden Sie das gestehen? W�rden Sie zum Rebbe gehen? W�rden Sie zugeben, dass Sie einen Fehler gemacht haben?�</p><p>�Das w�rde nie passieren.�</p><p>�Aber wenn doch. K�nnten Sie damit leben?�</p><p>�Und wenn Sie w�ssten, Inspector Gelbfish, dass Sie einen Unschuldigen viele Jahre ins Gef�ngnis gebracht h�tten, vielleicht f�r den Rest seines Lebens, k�nnten Sie damit leben?�</p><p>�Das passiert st�ndig�, sagt Bina. �Und hier stehe ich.�</p><p>�Nun gut�, sagt der Mejwen. �Ich nehme an, Sie wissen, wie ich mich f�hle. Das Wort �unschuldig� verwende ich �brigens sehr unbedacht.�</p><p>�Ich auch�, sagt Bina. �So viel steht fest.�</p><p>�In meinem ganzen Leben habe ich nur einen Mann gekannt, f�r den ich dieses Wort verwenden w�rde.�</p><p>�Dann haben Sie mir etwas voraus�, sagt Bina.</p><p>�Mir auch�, sagt Landsman und vermisst Mendel Shpilman, als seien sie jahrelang die besten Freunde gewesen. �Muss ich leider sagen.�</p><p>�Wissen Sie, was die Leute erz�hlen?�, fragt Zimbalist. �Diese Genies, unter denen ich wohne?�</p><p>�Sie sagen, dass Mendel wiederkommt.�</p><p>�Sie sagen, dass alles genau so geschieht, wie es geschrieben steht. Dass Mendel in Jerusalem sein wird, wenn sie hinkommen, dass er dort auf sie wartet. Um �ber Israel zu herrschen.�</p><p>Tr�nen laufen die hohlen Wangen des Grenz-Mejwens hinab. Nach einer Weile holt Bina ein sauberes, geb�geltes Taschentuch aus ihrer Jacke. Zimbalist nimmt es und betrachtet es eine Zeit lang. Dann bl�st er ein gro�es Tekiah mit dem Schofar seiner Nase.</p><p>�Ich w�rde ihn gerne wiedersehen�, sagt er. �Das gebe ich zu.�</p><p>Bina zieht sich den Gurt ihrer Tasche �ber die Schulter, die sofort wieder ihre Mission aufnimmt, ihre Besitzerin niederzudr�cken.</p><p>�Packen Sie Ihre Sachen, Mr. Zimbalist.�</p><p>Der alte Mann wirkt verbl�fft. Er bl�st die Lippen auf, als versuche er, eine unsichtbare Zigarre zu entz�nden. Er greift zu einer Lederschlaufe, die auf seinem Schreibtisch liegt, schl�gt einen Knoten hinein und legt sie wieder hin. Dann hebt er sie auf und entknotet sie.</p><p>�Meine Sachen�, sagt er schlie�lich. �Wollen Sie damit sagen, dass ich verhaftet bin?�</p><p>�Nein�, sagt Bina. �Aber ich m�chte gerne, dass Sie mit uns kommen, damit wir uns noch etwas ausf�hrlicher unterhalten k�nnen. Vielleicht m�chten Sie Ihren Anwalt anrufen.�</p><p>�Meinen Anwalt�, sagt er.</p><p>�Ich glaube, dass Sie Alter Litvak geholfen haben, aus seinem Hotelzimmer zu fliehen. Ich glaube, Sie haben etwas mit ihm gemacht, ihn auf Eis gelegt, ihn vielleicht sogar get�tet. Das w�rde ich gerne herausfinden.�</p><p>�Sie haben keine Beweise�, sagt Zimbalist. �Sie raten nur herum.�</p><p>�Sie hat einen kleinen Beweis�, sagt Landsman.</p><p>�Ungef�hr einen Meter lang�, sagt Bina. �Kann man einen Mann mit einem Meter Seil erh�ngen, Mr. Zimbalist?�</p><p>Der Mejwen sch�ttelt den Kopf, halb ver�rgert, halb belustigt. Er hat seine Haltung und Gelassenheit zur�ckgewonnen.</p><p>�Sie verschwenden nur meine und Ihre Zeit�, sagt er. �Ich habe eine Menge Arbeit vor mir. Und Sie haben nach Ihrem eigenen Eingest�ndnis, Ihrer eigenen Theorie, nicht denjenigen gefunden, der Mendel umgebracht hat. Bei allem Respekt, aber warum k�mmern Sie sich nicht darum und lassen mich in Ruhe? Kommen Sie wieder, wenn Sie den vermeintlichen M�rder gefunden haben, dann erz�hle ich Ihnen, was ich �ber Litvak wei�, was im Moment und offiziell und f�r alle Zeiten nichts ist.�</p><p>�So l�uft das nicht�, sagt Landsman.</p><p>�In Ordnung�, sagt Bina.</p><p>�In Ordnung!�, sagt Zimbalist.</p><p>Landsman sieht Bina an. �In Ordnung?�</p><p>�Wir finden den M�rder von Mendel Shpilman�, sagt Bina. �Und Sie geben uns Ihre Informationen. Hilfreiche Informationen �ber Litvaks Verschwinden. Wenn er noch lebt, liefern Sie ihn mir aus.�</p><p>�Abgemacht�, sagt der Grenz-Mejwen. Er schiebt seine rechte Klaue vor, die nur aus Flecken und Kn�cheln besteht, und Bina ergreift sie.</p><p>Landsman ist etwas benommen. Er erhebt sich und reicht dem Grenz-Mejwen ebenfalls die Hand. Dann folgt er Bina aus der Werkstatt in den schwindenden Tag und erschreckt sich noch mehr, als er sieht, dass Bina weint. Anders als bei Zimbalist sind es Tr�nen der Wut.</p><p>�Ich kann es nicht glauben�, sagt sie und macht Gebrauch von einem Taschentuch aus ihrem endlosen Vorrat. �Das ist normalerweise <emphasis>deine</emphasis> Art.�</p><p>�Das machen in letzter Zeit mehrere Leute, die ich kenne�, sagt Landsman. �Sich pl�tzlich wie ich benehmen.�</p><p>�Wir sind Gesetzesh�ter. Wir halten das Gesetz aufrecht.�</p><p>�Wir halten uns an die Vorschriften�, sagt Landsman. �Mehr oder weniger.�</p><p>�Fick dich.�</p><p>�Willst du wieder reingehen und ihn verhaften?�, fragt er. �K�nnen wir tun. Wir haben das Kabel aus dem Tunnel. Wir k�nnen ihn festhalten. Und dann weitersehen.�</p><p>Sie sch�ttelt den Kopf. Der Jungmann auf seiner kleinen Landkarte von Flecken starrt sie an, zieht seine schwarze Sergehose hoch und l�sst sich nichts entgehen. Landsman beschlie�t, dass es besser ist, wenn er Bina hier rausbringt. Zum ersten Mal seit drei Jahren legt er den Arm um sie und leitet sie hin�ber zum Super Sport, dann geht er auf seine Seite und schl�pft hinters Lenkrad.</p><p>�Das Gesetz�, sagt sie. �Ich wei� nicht mal mehr, �ber was f�r ein Gesetz ich rede. Ich denke mir den ganzen Schei� blo� aus.�</p><p>Schweigend sitzen sie da, und Landsman ringt mit dem immerw�hrenden Polizistendilemma, verpflichtet zu sein, das Naheliegende festzustellen.</p><p>�Irgendwie mag ich diese verr�ckte neue Bina und so�, sagt er. �Aber ich muss wohl darauf hinweisen, dass wir keine richtigen Anhaltspunkte im Fall Shpilman haben. Keine Zeugen. Keine Verd�chtigen.�</p><p>�Nun, dann besorgen du und dein Kollege mir besser mal schleunigst einen Verd�chtigen�, sagt sie. �Oder?�</p><p>�Ja, Ma�am.�</p><p>�Fahren wir.�</p><p>Er startet den Motor und legt den Gang ein.</p><p>�Warte mal�, sagt sie. �Was ist das denn?�</p><p>Auf der anderen Seite des Platzes h�lt ein gro�er schwarzer Gel�ndewagen an der Ostseite des Shpilman-Hauses. Zwei Rudashevskys steigen aus. Einer geht nach hinten, um den Kofferraum zu �ffnen. Der andere wartet neben dem Wagen, die H�nde locker auf dem R�cken verschr�nkt. Kurz darauf kommen zwei weitere Rudashevskys aus dem Haus, schleppen mehrere Hundert Kubikmeter offenbar handbemalter franz�sischer Koffer heraus. Schnell und ohne gro�e R�cksicht auf die Gesetze der Geometrie gelingt es den vier Rudashevskys, alle Koffer und Taschen hinten in den Gel�ndewagen zu quetschen.</p><p>Nachdem sie diese Gro�tat vollbracht haben, bricht ein erheblicher Teil des Hauses ab und f�llt ihnen in einem wundersch�nen rehbraunen Alpakamantel in die Arme. Der Verbover Rebbe schaut nicht hoch oder zur�ck oder auf die Welt, die er aufgebaut hat und nun verl�sst. Er gestattet den Rudashevskys, ihren Origami mit ihm zu veranstalten, sie klappen ihn und seine Gehst�cke auf den R�cksitz des Fahrzeugs. Der Jid gesellt sich zu seinem Gep�ck und rollt davon.</p><p>F�nfundf�nfzig Sekunden sp�ter f�hrt ein zweiter Gel�ndewagen vor, und man hilft zwei verschleierten Frauen in langen Kleidern zusammen mit ihrem Gep�ckturm und ihren zahlreichen Kindern auf den R�cksitz. Diese Prozedur mit Frauen und Kindern und schwarzen Limousinen wiederholt sich in den folgenden elf Minuten.</p><p>�Hoffentlich gibt es so riesengro�e Flugzeuge�, sagt Landsman.</p><p>�Ich habe sie nicht gesehen�, sagt Bina. �Du?�</p><p>�Ich glaube nicht. Und Big Shprintzl auch nicht.�</p><p>Eine halbe Sekunde sp�ter klingelt Binas Shoyfer.</p><p>�Gelbfish. Ja. Haben wir uns schon gedacht. Ja. Verstanden.�</p><p>Sie klappt das Handy zu.</p><p>�Fahr um das Haus herum nach hinten�, sagt sie. �Sie hat deinen Wagen gesehen.�</p><p>Landsman f�hrt den Super Sport durch eine schmale Gasse auf einen Hof hinter dem Haus des Rebbes. Abgesehen von seinem Auto ist dort nichts, das vor hundert Jahren fehl am Platz gewesen w�re. Steinplatten, Stuckmauern, Bleiglas, eine lange, holzverkleidete Galerie. Die Steinfliesen sind glatt, Wasser tropft aus Farnen in Blument�pfen in der Galerie.</p><p>�Kommt sie raus?�</p><p>Bina antwortet nicht, und kurz darauf �ffnet sich eine blaue T�r in einem flachen Fl�gel des gro�en, hohen Hauses. Der Geb�udetrakt steht in schiefem Winkel zum Rest des Baus und sackt mit malerischer Pr�zision durch. Batsheva Shpilman ist immer noch mehr oder weniger f�r eine Beerdigung gekleidet, ihr Kopf und ihr Gesicht sind hinter einem langen, hauchd�nnen Schleier verborgen. Sie �berschreitet nicht die L�cke von vielleicht zweieinhalb Metern, die sie vom Auto trennt; sie steht einfach auf der Schwelle, und im Dunkeln hinter ihr erhebt sich die treue Gestalt von Shprintzl Rudashevsky. Bina l�sst das Fenster herunter.</p><p>�Fahren Sie nicht?�, fragt Bina.</p><p>�Haben Sie ihn gefasst?�</p><p>Bina spielt keine Spielchen und stellt sich nicht dumm. Sie sch�ttelt einfach den Kopf.</p><p>�Dann fahre ich auch nicht.�</p><p>�Es kann ein bisschen dauern. Es kann l�nger dauern, als wir Zeit haben.�</p><p>�Das hoffe ich auf gar keinen Fall�, sagt Mendel Shpilmans Mutter. �Dieser Zimbalist schickt seine Idioten in den gelben Schlafanz�gen zu uns r�ber, um jeden Stein in diesem Haus zu nummerieren, damit es zerlegt und in Jerusalem wieder zusammengesetzt werden kann. Wenn ich in zwei Wochen noch da bin, muss ich in Shprintzls Garage schlafen.�</p><p>�Das w�re mir eine gro�e Ehre�, sagt entweder ein sehr feierlich sprechender Esel oder Shprintzl Rudashevsky hinter der Frau des Rebbe.</p><p>�Wir werden ihn fassen�, sagt Bina. �Detective Landsman hat es mir gerade geschworen.�</p><p>�Ich wei�, was seine Versprechen wert sind�, sagt Mrs. Shpilman. �Sie auch.�</p><p>�Hey!�, sagt Landsman, aber sie hat sich schon wieder umgedreht und ist in das schiefe Haus zur�ckgegangen, aus dem sie herauskam.</p><p>�Gut�, sagt Bina und klatscht in die H�nde. �Fangen wir an. Was machen wir jetzt?�</p><p>Landsman klopft auf das Lenkrad, denkt an seine Versprechen und ihren Wert. Er war Bina nie untreu. Doch es besteht kein Zweifel, dass es Landsmans mangelnde Treue war, die ihre Ehe zerst�rte. Ein treuer Glaube nicht an Gott oder an Bina selbst und ihren Charakter, sondern an die grundlegende �berzeugung, dass alles, was ihnen seit ihrem ersten Kennenlernen widerfuhr, Gutes wie Schlechtes, vorherbestimmt war. Der dumme Kojotenglaube, der einen in der Luft h�lt, solange man sich selbst einredet, fliegen zu k�nnen.</p><p>�Den ganzen Tag habe ich schon Appetit auf Krautwickel�, sagt er.</p></section><section><title><p><emphasis>45.</emphasis></p></title><p>Vom Sommer 1986 bis zum Fr�hjahr 1988, als sie den W�nschen von Binas Eltern trotzten und zusammenzogen, schlich sich Landsman in das Haus der Gelbfishs, um mit Bina zu schlafen. Jede Nacht, au�er wenn sie Streit hatten, und manchmal auch im dicksten Streit, kletterte Landsman die Regenrinne hinauf und purzelte durch Binas Zimmerfenster, um sich das schmale Bett mit ihr zu teilen.</p><p>An diesem Abend brauchte er l�nger, und es kostete ihn mehr Anstrengung, als seine Eitelkeit bereit ist zuzugeben. Auf halbem Weg, direkt �ber Mr. Oyshers Esszimmerfenster, rutschte Landsmans linker Slipper ab, sodass er gef�hrlich �ber der schwarzen Leere des Gelbfish�schen Hinterhofs baumelte. Die Sterne �ber ihm, der Gro�e B�r und die Schlange, tauschten ihre Pl�tze mit dem Rhododendron und dem Wrack des nachbarlichen Sukkoh. Im Ringen riss sich Landsman das Hosenbein am Aluminiumhalter auf, sein ewiger Feind im Kampf um die Vorherrschaft �ber die Regenrinne. Das Vorspiel zwischen den Liebenden begann damit, dass Bina ein Taschentuch zusammenballte, um die blutende Wunde auf Landsmans Schienbein zu stillen. Dieses Schienbein mit den Flecken und Sprossen, mit dem sonderbaren Midlife-Flaum schwarzer Haare.</p><p>Da liegen sie nun, auf der Seite, ein Paar alternder Jids, zusammengeklebt wie die Bl�tter eines Albums. Binas Schulterbl�tter dr�cken gegen Landsmans Brust. Die Knubbel seiner Kniescheiben sind in ihre weichen, feuchten Kniekehlen eingepasst. Seine Lippen blasen sanft �ber die Teetasse ihres Ohres. Und ein Teil von Landsman, der sehr lange Symbol und Schauplatz seiner Einsamkeit war, hat Obdach gefunden in der ihm vorgesetzten Beamtin, mit der Landsman einmal zw�lf Jahre verheiratet war. Obwohl, es muss gesagt werden, dass das Unterkommen in ihr heikel geworden ist. Ein ordentliches Niesen, und er k�nnte drau�en sein.</p><p>�Die ganze Zeit�, sagt Bina. �Zwei Jahre.�</p><p>�Die ganze Zeit.�</p><p>�Nicht einmal.�</p><p>�Nichts.�</p><p>�Warst du nicht einsam?�</p><p>�Ziemlich.�</p><p>�Schwerm�tig?�</p><p>�Schwerstm�tig. Aber nie traurig oder einsam genug, um mir einzureden, dass wahlloser Sex mit irgendeiner J�din meine Laune irgendwie heben w�rde.�</p><p>�Ehrlich gesagt, macht wahlloser Sex das Ganze nur noch schlimmer�, sagt sie.</p><p>�Du sprichst aus Erfahrung.�</p><p>�Ich habe mit ein, zwei M�nnern in Yakovy geschlafen. Falls du das wissen wolltest.�</p><p>�Komisch�, sagt Landsman nachdenklich. �Ich glaube, das wollte ich gar nicht wissen.�</p><p>�Zwei oder drei.�</p><p>�Ich brauche kein Protokoll.�</p><p>�So, nu�, sagt sie, �du hast einfach auf Handbetrieb umgestellt?�</p><p>�Mit einer Disziplin, die du bei einem so aufm�pfigen Jid wie mir vielleicht �berraschend finden w�rdest.�</p><p>�Und was ist jetzt?�, sagt sie.</p><p>�Jetzt? Das ist Wahnsinn�, sagt er. �Von unbequem ganz zu schweigen. Au�erdem glaube ich, mein Bein blutet noch.�</p><p>�Ich meinte�, sagt sie, �wie ist es jetzt? F�hlst du dich <emphasis>einsam?�</emphasis></p><p>�Das soll wohl ein Witz sein, was? Eingequetscht in diesem Brotkasten!�</p><p>Er vergr�bt die Nase im schweren, weichen Geraspel von Binas Haar und atmet tief ein. Rosinen, Essig, eine salzige Note vom Schwei� ihres Nackens.</p><p>�Wie riecht das?�</p><p>�Rot�, sagt er.</p><p>�Tut es nicht.�</p><p>�Es riecht nach Rum�nien.�</p><p>�Du riechst wie ein Rum�ne�, sagt sie. �Mit diesen schrecklich beharrten Beinen.�</p><p>�Ich bin ein alter Knacker geworden.�</p><p>�Ich auch.�</p><p>�Ich komm nicht mal mehr die Treppe hoch. Das Haar f�llt mir aus.�</p><p>�Mein Arsch ist eine topographische Landkarte.�</p><p>Landsman �berpr�ft diese Aussage mit den Fingern. Furchen und Senken, hier und dort ein erhobener Pickel. Er schlingt die Arme um Binas Taille und greift herum, um in jeder Hand eine Brust zu halten. Zuerst kann er keine Erinnerung an ihre ehemalige Gr��e oder Form hervorholen, um sie mit dem Jetzt zu vergleichen, und er ger�t ein wenig in Panik. Dann kommt er zu dem Schluss, dass sie so sind, wie sie immer waren, sich genau von seiner Handfl�che plus ausgestreckten Fingern umspannen lassen, geformt aus einem geheimnisvollen Gemisch von Schwerkraft und Schwung.</p><p>�Ich kletter die Regenrinne aber nicht wieder runter�, sagt er. �So viel ist sicher.�</p><p>�Ich habe dir gesagt, du kannst die Treppe nehmen. Das mit der Regenrinne war deine Idee.�</p><p>�Das war alles meine Idee�, sagt er. �War immer meine Idee.�</p><p>�Das ist nichts Neues f�r mich�, sagt sie.</p><p>Lange liegen sie da, ohne etwas zu sagen. Landsman sp�rt, wie sich die Haut neben ihm langsam mit dunklem Wein f�llt. Einige Minuten sp�ter beginnt Bina zu schnarchen. Es besteht kein Zweifel, dass ihr Schnarchen sich in den letzten zwei Jahren nicht ge�ndert hat. Es ist ein Summen �ber zwei Rohrbl�tter, ein Hummel-Continuo mongolischen Kehlgesangs, das die ruhige Erhabenheit eines atmenden Wals verbreitet. Langsam driftet Landsman ab, �ber Binas Bett und ihren fl�sternden Atem. In ihren Armen, in ihrem Geruch auf dem Bettlaken, ein kr�ftiger, aber angenehmer Geruch nach neuen Lederhandschuhen, f�hlt sich Landsman zum ersten Mal seit Jahren sicher. Schl�frig und zufrieden. Guck dir das an, Landsman, denkt er. Gegen diesen Geruch nach edlen Ziegenlederhandschuhen und diese Hand auf deinem Bauch hast du ein Leben in Schweigen getauscht.</p><p>Er setzt sich auf, hellwach, feige und voller Hass auf sich selbst, f�hlt sich dieser edlen Ziegenleder-Frau in seinen Armen unw�rdiger denn je. Ja, schon klar, das sieht Landsman ein, geh kacken ins Meer, dass er nicht die richtige, sondern die einzige Wahl getroffen hat. Ihm wird klar, dass Polizisten seit Anbeginn des Polizeiwesens aus der Notwendigkeit eine Tugend gemacht haben, die d�steren Taten der Jungs in der obersten Etage zu vertuschen. Ihm wird klar, dass die Jungs in der oberen Etage eine andere M�glichkeit finden w�rden, um ihn zum Schweigen zu bringen�� aber dann zu ihren Bedingungen��, falls er versuchen w�rde, jemandem zu erz�hlen, was er wei�, zum Beispiel Dennis Brennan. Warum also rasselt sein Herz wie die Blechtasse eines Knastbruders an den Gittern seines Brustkorbs entlang? Warum kommt ihm Binas duftendes Bett auf einmal wie eine nasse Socke vor, wie eine hochkriechende Unterhose, wie ein Schurwollanzug an einem hei�en Nachmittag? Man macht ein Gesch�ft, nimmt, was man kriegen kann, macht weiter. Kommt dr�ber hinweg. Da hat man also ferne M�nner in einem sonnigen Land dazu gebracht, sich gegenseitig umzubringen, damit man ihnen ihr sonniges Land abluchsen und einz�unen kann, sobald diese Typen mal kurz nicht aufpassen. Da wurde also das Schicksal Sitkas besiegelt. Da l�uft also der M�rder von Mendel Shpilman, wer auch immer es ist, frei herum. Ja, und?</p><p>Landsman steigt aus dem Bett. Unzufriedenheit ballt sich wie ein Kugelblitz um das Schachbrett in seiner Jackentasche. Er klappt es auseinander, betrachtet die achtundvierzig leeren Felder und meint, etwas in dem Zimmer �bersehen zu haben. Nein, er hat nichts �bersehen; aber wenn er etwas �bersehen haben sollte, ist es jetzt weg. Nur dass er in dem Zimmer nichts �bersehen hat. Aber er muss etwas �bersehen haben.</p><p>Seine Gedanken sind eine T�towiernadel, die den Spaten eines Asses schwarz f�rbt. Sie sind ein Tornado, der immer wieder �ber denselben verfluchten platten Wohnwagen hinwegzieht. Sie verdichten und verdunkeln sich, bis sie einen winzigen schwarzen Kreis beschreiben: um das Loch in Mendel Shpilmans Hinterkopf.</p><p>Er ruft sich die Kulisse in Erinnerung, so wie er sie an dem Abend vorfand, als Tenenboym an seine T�r klopfte. Die blasse, sommersprossige R�ckenfl�che. Die wei�e Unterhose. Die gebrochene Maske der Augen, die vom Bett herabh�ngende rechte Hand, die �ber den Boden streichenden Finger. Das Schachbrett auf dem Nachttisch.</p><p>Landsman schiebt das Schachbrett auf Binas Nachttisch in das fahle Licht der Lampe aus gelbem Porzellan mit gro�en gelben G�nsebl�mchen auf gr�nem Schirm. Wei� blickt zur Wand. Schwarz�� Shpilman, Landsman�� blickt ins Zimmer.</p><p>Vielleicht ist es der zugleich vertraute und doch fremde Zusammenhang, das bemalte Bettgestell, die G�nsebl�mchenlampe, die G�nsebl�mchentapete, die Kommode, in deren oberster Schublade Bina ihr Diaphragma verwahrt.</p><p>Oder es ist der abklingende Endorphingehalt in Landsmans Blut. Denn als er auf das Schachbrett schaut, f�hlt es sich zum ersten Mal in seinem Leben gut an, auf ein Schachbrett zu schauen. Es f�hlt sich sogar angenehm an. Dazustehen und im Kopf die Figuren zu bewegen, scheint die tuschende T�towiernadel in seinem Hirn zu verlangsamen oder wenigstens zu verschieben. Landsman konzentriert sich auf die Umwandlung bei b8. Was w�rde passieren, wenn man aus dem Bauern einen L�ufer, einen Turm, eine Dame oder einen Springer macht?</p><p>Landsman greift nach einem Stuhl, um nun den Platz von Wei� einzunehmen, um eine freundschaftliche Partie gegen Shpilman zu beginnen. Am Schreibtisch in der Zimmerecke ist ein gr�n gestrichener Stuhl, der zum g�nsebl�mchengr�nen Bett passt. Er steht genau da, wo in Shpilmans Zimmer im Zamenhof der Klapptisch im Verh�ltnis zum Bett stehen w�rde. Landsman l�sst sich auf den gr�nen Stuhl sinken, richtet die Augen auf das Brett.</p><p>Ein Springer, beschlie�t er. Und dann muss Schwarz den Bauern von d7 setzen�� aber wohin? Landsman schickt sich an, diesen Zug auszuf�hren, nicht aufgrund irgendeiner hilflosen Hoffnung, er k�nne ihn zum M�rder f�hren, sondern weil er diese Partie auf einmal unbedingt weiterspielen muss. Und dann springt Landsman auf die F��e, als sei die Sitzfl�che unter ihm elektrisch geladen. Mit einer Hand rei�t er den gr�nen Stuhl in die Luft. Vier runde Vertiefungen im flachen wei�en Teppich, schwach, aber erkennbar.</p><p>Er war immer davon ausgegangen, dass Shpilman, wie alle Portiers behaupteten, niemals Besuch gehabt hatte, dass sein hinterlassenes Spiel eine Art Solit�rschach war, aus dem Ged�chtnis nachgespielt oder aus dem Buch <emphasis>300 Schachpartien,</emphasis> vielleicht eine Partie gegen sich selbst. Aber falls Shpilman Besuch hatte, zog dieser Gast m�glicherweise einen Stuhl heran, um sich seinem Gegner gegen�ber ans Brett zu setzen. Seinem Opfer gegen�ber. Und der Stuhl dieses Phantompatzers h�tte Vertiefungen im Teppich hinterlassen. Inzwischen w�ren sie zweifellos verblasst oder mit dem Staubsauger gegl�ttet. Doch auf einem von Shpringers Fotos in den Kartons im Lager des Forensiklabors k�nnten die Abdr�cke noch zu sehen sein.</p><p>Landsman steigt in seine Hose, kn�pft sein Hemd zu, bindet die Krawatte um. Er nimmt seinen Mantel vom T�rhaken und geht mit den Schuhen in der Hand ans Bett, um die Decke noch behaglicher �ber Bina zu ziehen. Als er sich b�ckt, um die Nachttischlampe auszuknipsen, f�llt ihm eine rechteckige Pappe aus der Manteltasche. Es ist die Karte des Fitnessstudios mit ihrem noch zwei Monate g�ltigen Angebot lebenslanger Mitgliedschaft. Er mustert die gl�nzende Kartenseite mit dem verzauberten Juden. Vorher, nachher. Dick, d�nn. Hier anfangen, da aufh�ren. Besonnen, gl�cklich. Chaos, Ordnung. Exil, Heimat. Vorher: eine akkurate Zeichnung in einem Buch, die schwarzen Quadrate des Bretts sorgf�ltig schraffiert und kommentiert wie eine Seite des Talmuds, nachher: ein �bel mitgenommenes altes Schachbrett mit einem Inhalierstift von Wick auf b8.</p><p>Und da sp�rt Landsman es. Eine Hand auf seiner, zwei Grad w�rmer als normal. Ein Beschleunigen, ein Flattern und Schlagen, wie eine Flagge in seinem Kopf. Vorher und nachher. Die Ber�hrung von Mendel Shpilman, feucht, elektrisch, die einen sonderbaren Segen auf Landsman �bertr�gt. Und dann nichts weiter als die k�hle Luft in Bina Gelbfishs Kinderzimmer. Die bl�hende Vagina von O�Keeffe an der Wand. Der Stoffhund Shnapish im Regal neben Binas Armbanduhr und ihren Zigaretten. Und Bina, die sich im Bett aufsetzt, auf einen Ellenbogen st�tzt und ihn mit demselben Blick beobachtet, mit dem sie diese Kinder auf die ungl�ckliche Pinguin-Pi�ata einschlagen sah.</p><p>�Du machst das immer noch mit dem Summen�, sagt sie. �Wenn du nachdenkst. Wie Oscar Peterson, nur ohne Klavier.�</p><p>�Schei�e�, sagt Landsman.</p><p>�Was ist, Meyer?�</p><p>�Bina!� Das ist Guryeh Gelbfish, das alte pfeifende Murmeltier, auf der anderen Seite des Korridors. Unvermittelt f�hrt Landsman ein uralter Schreck in die Glieder. �Wer ist da bei dir?�</p><p>�Niemand, Pa, geh schlafen!� Dann sagt sie wieder in leisem Fl�stern: �Meyer, was ist?�</p><p>Landsman setzt sich auf die Bettkante. Vorher, nachher. Die Erregung der Erkenntnis; dann die bodenlose Reue der Erkenntnis.</p><p>�Ich wei� jetzt, mit was f�r einer Waffe Mendel Shpilman erschossen wurde�, sagt er.</p><p>�Gut�, sagt Bina.</p><p>�Das war keine Schachpartie�, sagt Landsman nach einer Weile. �Da auf dem Brett in Shpilmans Zimmer. Es war ein <emphasis>Problem.</emphasis> Jetzt ist es mir sonnenklar, ich h�tte es sofort sehen m�ssen, die Aufstellung war so abstrus. Shpilman hatte an dem Abend Besuch, und er hat seinem Gast ein Problem pr�sentiert. Ein kompliziertes.� Landsman stellt die Figuren des Taschenschachspiels auf, ergreift sie selbstsicher, mit ruhiger Hand. �Wei� ist kurz davor, den Bauern umzuwandeln, hier. Wei� will ihn in einen Springer verwandeln. Das nennt sich Unterverwandlung, weil man ihn eigentlich zu einer Dame verwandeln w�rde. Mit einem Springer glaubt Wei�, drei verschiedene M�glichkeiten zum Matt zu haben. Aber Wei� irrt sich, weil Schwarz�� das war Mendel�� dadurch die M�glichkeit bekommt, das Spiel in die L�nge zu ziehen. Wenn du Wei� bist, musst du ignorieren, was offensichtlich ist. Nur einen nichtssagenden kleinen Zug mit dem L�ufer hier auf C2 machen. Zuerst merkst du es nicht mal. Aber wenn du das gemacht hast, f�hrt jeder Zug von Schwarz direkt zum Matt. Sobald Schwarz sich bewegt, erledigt es sich selbst. Es gibt keinen guten Zug mehr f�r Schwarz.�</p><p>�Keinen guten Zug�, sagt Bina.</p><p>�Das nennt man <emphasis>Zugzwang�,</emphasis> sagt Landsman. �Es bedeutet, dass es f�r Schwarz jetzt am besten w�re, einfach auszusetzen.�</p><p>�Aber aussetzen darf man beim Schach nicht, oder? Man muss etwas machen, nicht?�</p><p>�Ja�, sagt Landsman. �Selbst wenn man wei�, dass es zum eigenen Schachmatt f�hrt.�</p><p>Landsman merkt, dass seine Erkl�rung langsam bei ihr ankommt, nicht als Beweis oder Beleg oder Darlegung eines Schachproblems, sondern als Teil der Geschichte eines Verbrechens. Ein Verbrechen, das gegen einen Mann ver�bt wurde, der feststellen musste, dass er keinen guten Zug mehr hatte.</p><p>�Wie hast du das gemacht?�, fragt sie und kann ein leichtes Staunen �ber den Beweis seiner geistigen Fitness nicht unterdr�cken. �Wie bist du auf diese L�sung gekommen?�</p><p>�Ich habe sie <emphasis>gesehen�,</emphasis> sagt Landsman. �Aber zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, was ich vor mir hatte. Es war ein Nachherbild�� eigentlich das <emphasis>falsche</emphasis> Bild�� zu dem Vorherbild in Shpilmans Zimmer. Ein Brett, auf dem Wei� drei L�ufer hat. Nur gibt es kein Schachspiel mit drei wei�en L�ufern. Deshalb muss man manchmal etwas anderes nehmen, das die nicht vorhandene Figur ersetzt.�</p><p>�Zum Beispiel einen Penny? Oder eine Patrone?�</p><p>�Jeder kleine Gegenstand, den ein Mann in die Tasche stecken k�nnte�, sagt Landsman. �Zum Beispiel einen Inhalierstift von Wick.�</p></section><section><title><p><emphasis>46.</emphasis></p></title><p>�Du hast es im Schach nie weit gebracht, Meyerle, weil es dich nicht genug st�rt zu verlieren.�</p><p>Hertz Shemets liegt, dem Krankenhaus mit einer h�sslichen Fleischwunde entsprungen und umgeben von einem Hospitalgeruch aus Zwiebelbr�he und Wintergr�nseife, auf der Wohnzimmercouch seines Sohnes. Seine d�nnen Unterschenkel staken wie zwei ungekochte Nudeln aus seinem Pyjama. Ester-Malke hat ein Abo auf Berkos gro�en Ledersessel, Bina und Landsman hocken auf den billigen Pl�tzen�� dem Klappstuhl und der Lederottomane, die zum Sessel geh�rt. Ester-Malke sitzt schl�frig und unkonzentriert in ihrem Bademantel da. Ihre linke Hand spielt mit etwas in der Tasche. Landsman vermutet, es ist der Schwangerschaftstest von letzter Woche. Binas Hemd h�ngt aus der Hose, ihr Haar ist durcheinander, es sieht ein wenig aus wie ein Geb�sch, wie eine Art Zierhecke. Landsmans Gesicht im Wandspiegel ist ein Impasto aus Schatten und Schorf. Nur Berko Shemets, der auf dem Couchtisch hockt, macht zu dieser fr�hen Morgenstunde in seinem s�uberlich hochgekrempelten und zerknitterten nashorngrauen Schlafanzug, �ber dessen Tasche seine Initialen in mausgrauem Crewelgarn gestickt sind, einen wachsamen Eindruck. Das Haar gek�mmt, die Wangen f�r alle Zeiten unvertraut mit Haaren oder Klingen.</p><p>�Eigentlich verlier ich lieber�, sagt Landsman. �Um ehrlich zu sein. Wenn ich anfange zu gewinnen, werde ich misstrauisch.�</p><p>�Ich hasse es. Am schlimmsten war es f�r mich, gegen deinen Vater zu verlieren.� Onkel Hertz� Stimme ist ein bitteres Kr�chzen, die Stimme seiner eigenen Gro�tante, die aus dem Grab oder aus der Weichsel nach ihm ruft. Er ist durstig, m�de, reum�tig und hat Schmerzen, hat jede Medizin abgelehnt, die st�rker ist als Aspirin. In seinem Kopf muss es sirren, als h�tte man die Motorhaube eines Autos zugeschlagen. �Aber gegen Alter Litvak zu verlieren, das war fast genauso schlimm.�</p><p>Die Augenlider von Onkel Hertz flattern, dann senken sie sich �ber seine Pupillen. Bina klatscht in die H�nde, einmal, zweimal, und die Augen springen wieder auf.</p><p>�Erz�hl, Hertz!�, sagt Bina. �Bevor du m�de wirst oder ins Koma f�llst oder so. Du hast Shpilman gekannt.�</p><p>�Ja�, sagt Hertz. Seine geprellten Augenlider gl�nzen ge�dert wie purpurner Quartz oder Schmetterlingsfl�gel. �Ich kannte ihn.�</p><p>�Wo hast du ihn kennengelernt? Im Einstein?�</p><p>Er will nicken, doch dann neigt er den Kopf zur Seite, �berlegt es sich anders.</p><p>�Ich habe ihn schon als kleines Kind gekannt. Aber ich habe ihn nicht wiedererkannt. Als ich ihn wiedersah. Er hatte sich zu stark ver�ndert. Als Kind war er klein und dick. Als Mann nicht mehr. D�nn. Ein Junkie. Er kam im Einstein vorbei, spielte um Drogengeld. Da habe ich ihn hin und wieder gesehen. Frank. Er war kein 08/15-Patzer. Hin und wieder, keine Ahnung, verlor ich f�nf oder zehn Dollar gegen ihn.�</p><p>�Hast du das auch gehasst?�, fragt Ester-Malke, und obwohl sie �berhaupt nichts von Shpilman wei�, scheint sie die Antwort zu ahnen oder zu raten.</p><p>�Nein�, sagt ihr Schwiegervater. �Seltsamerweise machte mir das nichts aus.�</p><p>�Du mochtest ihn.�</p><p>�Ich mag niemanden, Ester-Malke.�</p><p>Hertz schiebt die Zunge vor, f�hrt sich �ber die Lippen.</p><p>Berko erhebt sich vom Stuhl und nimmt einen Plastikbecher vom Couchtisch. Er h�lt ihn seinem Vater an die Lippen, die Eisw�rfel im Becher klirren. Berko hilft Hertz, den Becher zur H�lfte zu leeren, ohne etwas zu versch�tten. Hertz dankt ihm nicht. Lange liegt er einfach da. Man kann das Wasser in ihm pl�tschern h�ren.</p><p>�Letzten Donnerstag�, sagt Bina. Sie schnippt mit den Fingern. �Los! Du bist in sein Zimmer gegangen. Im Zamenhof.�</p><p>�Ich ging zu seinem Zimmer. Er hatte mich eingeladen. Er hatte mich gebeten, Melekh Gaystiks Waffe mitzubringen. Er wollte sie sehen. Ich wei� nicht, woher er wusste, dass ich sie habe, ich hab�s ihm nicht gesagt. Er schien eine Menge �ber mich zu wissen, das ich ihm nie erz�hlt hatte. Und er erz�hlte mir die ganze Geschichte. Dass Litvak ihn bedr�ngte, wieder den Tzaddik zu spielen, um die Schwarzh�te mit ins Boot zu bekommen. Dass er sich vor Litvak versteckt hielt, aber es langsam satth�tte. Er h�tte sich sein Leben lang versteckt. Also lie� er sich von Litvak finden, bedauerte es aber sofort. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte nicht mehr fixen. Er wollte nicht aufh�ren. Er wollte nicht sein, was er nicht war, er wusste nicht, wie er sein sollte, was er war. Deshalb fragte er mich, ob ich ihm helfen w�rde.�</p><p>�Wie helfen?�, fragt Bina.</p><p>Hertz sch�rzt die Lippen, zuckt schwach mit den Achseln, und sein Blick schleicht sich davon in eine dunkle Ecke des Zimmers. Er ist fast achtzig Jahre alt, und bisher hat er noch niemals etwas gestanden.</p><p>�Er hat mir sein verfluchtes Problem gezeigt, es geht um Matt in zwei Z�gen�, sagt Hertz. �Er meinte, er h�tte es von einem Russen. Er meinte, wenn ich es l�ste, w�rde ich verstehen, wie ihm zumute sei.�</p><p>�Zugzwang�, sagt Bina.</p><p>�Was ist das?�, fragt Ester-Malke.</p><p>�Wenn man keinen guten Zug mehr hat�, sagt Bina. �Aber trotzdem ziehen muss.�</p><p>�Ah�, sagt Ester-Malke und verdreht die Augen. <emphasis>�Schach.�</emphasis></p><p>�Seit Tagen treibt mich das in den Wahnsinn�, sagt Hertz. �Ich schaffe kein Matt in weniger als drei Z�gen.�</p><p>�L�ufer auf C2�, sagt Landsman. �Ausrufezeichen.�</p><p>Hertz braucht, wie Landsman findet, ziemlich lange, um es mit geschlossenen Augen nachzuvollziehen, doch schlie�lich nickt sein Onkel.</p><p>�Zugzwang�, sagt er.</p><p>�Warum, alter Mann? Warum sollte er glauben, du w�rdest das f�r ihn tun?�, sagt Berko. �Ihr kanntet euch doch kaum.�</p><p>�Er kannte mich. Er kannte mich sehr gut, ich wei� wirklich nicht, woher. Er wusste, wie ungern ich verliere. Dass ich Litvak mit dieser Torheit nicht durchkommen lassen konnte. Das konnte ich einfach nicht. Alles, wof�r ich mein Leben lang gearbeitet habe.� Er hat einen bitteren Geschmack im Mund, verzieht das Gesicht. �Und ihr seht ja, was passiert ist. Sie haben�s getan.�</p><p>�Bist du durch den Tunnel reingekommen?�, fragt Meyer. �Ins Hotel?�</p><p>�Was f�r ein Tunnel? Ich bin einfach reingegangen. Ich wei� nicht, ob dir das schon aufgefallen ist, Meyerle, aber das ist nicht gerade ein Hochsicherheitstrakt, da, wo du wohnst.�</p><p>Zwei oder drei lange Minuten winden sich von der Spule. Drau�en auf dem geschlossenen Balkon murren und fluchen Goldy und Pinky und h�mmern auf ihre Betten ein wie Gnome an ihren Schmiede�fen tief unter der Erde.</p><p>�Ich habe ihm geholfen, sich einen Schuss zu setzen�, sagt Hertz schlie�lich. �Ich habe gewartet, bis er weg war. Weit, weit weg. Dann habe ich Gaystiks Pistole genommen. Hab sie ins Kopfkissen gewickelt. Gaystiks �38 Detective Special. Hab den Jungen umgedreht, auf den Bauch. In den Hinterkopf. Ging schnell. Er hat nichts gesp�rt.�</p><p>Wieder leckt er sich �ber die Lippen, und Berko ist mit einem weiteren k�hlen Schluck zur Stelle.</p><p>�Zu schade, dass du bei dir selbst nicht genauso t�chtig warst�, sagt Berko.</p><p>�Ich dachte, ich w�rde das Richtige tun, ich k�nnte Litvak damit aufhalten.� Der alte Mann klingt wehleidig, kindisch. �Aber dann haben die Schweine einfach weitergemacht und es ohne ihn versucht.�</p><p>Ester-Malke nimmt den Deckel von einem Glas mit gemischten N�ssen auf dem Beistelltisch und stopft sich eine Handvoll in den Mund. �Glaubt nicht, dass mich das alles nicht v�llig verst�ren und entsetzen w�rde, Freunde�, sagt sie und hievt sich auf die F��e. �Aber ich bin eine m�de Dame im ersten Drittel, und ich gehe jetzt ins Bett.�</p><p>�Ich bleibe bei ihm sitzen, S��e�, sagt Berko. Er f�gt hinzu: �Falls er nur so tut und dann den Fernseher klaut, wenn wir schlafen.�</p><p>�Keine Sorge�, sagt Bina. �Er ist bereits verhaftet.�</p><p>Landsman steht neben der Couch und beobachtet, wie die Brust des alten Mannes sich hebt und senkt. Hertz� Gesicht hat die Hohlkehlen und Facetten einer bl�ttrigen Pfeilspitze.</p><p>�Er ist ein schlechter Mensch�, sagt Landsman. �War er schon immer.�</p><p>�Ja, aber er hat es wiedergutgemacht, indem er auch ein furchtbarer Vater war.� Lange betrachtet Berko Hertz voller Z�rtlichkeit und Verachtung. Mit seinem Verband sieht der Alte wie ein verr�ckter Swami aus. �Was hast du vor?�</p><p>�Nichts, was meinst du damit, was ich vorhabe?�</p><p>�Wei� nicht, bei dir zuckt es wieder so. Du siehst aus, als h�ttest du was vor.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Das frage ich dich.�</p><p>�Ich tue gar nichts�, sagt Landsman. �Was soll ich schon tun?�</p><p>Ester-Malke bringt Bina und Landsman durch den Flur zur Wohnungst�r. Landsman setzt seinen Filzhut auf.</p><p>�So�, sagt Ester-Malke.</p><p>�So�, sagen Bina und Landsman.</p><p>�Ich stelle fest, dass ihr beide zusammen geht.�</p><p>�Willst du, dass wir getrennt gehen?�, sagt Landsman. �Ich kann die Treppe nehmen und Bina den Fahrstuhl.�</p><p>�Landsman, ich will dir mal was sagen�, sagt Ester-Malke. �Die Leute, die da im Fernsehen �berall in Syrien, Bagdad, �gypten und so randalieren. In London, ja? Autos brennen. Botschaften werden angesteckt. Oben in Yakovy, hast du gesehen, was da passiert ist? Die haben getanzt, die bescheuerten Irren, die haben sich so �ber diesen ganzen Wahnsinn gefreut, dass der Fu�boden durchgebrochen ist und sie in die Wohnung darunter gefallen sind. Zwei kleine M�dchen schliefen im Bett, die wurden zerquetscht. Das ist die Schei�e, auf die wir uns jetzt freuen d�rfen. Brennende Autos und m�rderische T�nze. Ich habe keine Ahnung, wo mein Kind geboren wird. Mein Schwiegervater, ein M�rder und Selbstm�rder, schl�ft bei mir im Wohnzimmer. Und zwischendurch bekomme ich so komische Schwingungen von euch beiden. Ich will nur kurz sagen, falls Bina und du vorhaben solltet, wieder zusammenzukommen, tut mir leid, aber das kann ich jetzt echt nicht gebrauchen.�</p><p>Landsman denkt dar�ber nach. Jedes Wunder scheint ihm m�glich. Dass die Juden sich aufrappeln und Segel setzen ins Gelobte Land, um sich an riesigen Weintrauben g�tlich zu tun und den W�stenwind in ihren B�rten spielen zu lassen. Dass der Tempel wieder errichtet wird, in unseren Tagen schiere. Der Krieg wird ein Ende finden, und �berall werden Friede und �berfluss und Gerechtigkeit herrschen, und die Menschheit wird regelm��ig in den Genuss des Schauspiels kommen, den L�wen beim Lamm liegen zu sehen. Jeder Mann wird ein Rabbi sein, jede Frau ein heiliges Buch, und jeder Anzug wird mit zwei Hosen verkauft werden. Schon jetzt mag Meyers Same durch die Dunkelheit auf die Erl�sung zuwandern, gegen die Membran sto�en, die das Erbe der Juden, die ihn geschaffen haben, von dem Erbe der Juden trennt, deren Fehler, Kummer, Hoffnungen und Katastrophen in die Erzeugung von Bina Gelbfish einflossen.</p><p>�Vielleicht ist es besser, wenn ich die Treppe nehme�, sagt er.</p><p>�In Ordnung, Meyer, mach das�, sagt Bina.</p><p>Aber als er schlie�lich unten angelangt ist, steht sie am Treppenabsatz und wartet auf ihn.</p><p>�Warum hast du so lange gebraucht?�, fragt sie.</p><p>�Ich musste zwischendurch ein-, zweimal stehen bleiben.�</p><p>�Du musst mit dem Rauchen aufh�ren. Zum zweiten Mal.�</p><p>�Mache ich. Werde ich.� Er fischt seine Packung Broadways hervor, f�nfzehn sind noch drin, und bef�rdert sie wie eine M�nze, die man mit einem Wunsch in einen Brunnen wirft, in hohem Bogen in den M�lleimer der Lobby. Ihm ist ein wenig schwindelig, ein wenig tragisch zumute. Landsman ist reif f�r die gro�e Geste, den opernhaften Fehler. Manisch ist wahrscheinlich das passende Wort. �Aber deshalb bin ich nicht stehen geblieben.�</p><p>�Du bist doch verletzt. Erz�hl mir nicht, dass du nicht verletzt bist, wie du hier ruml�ufst und einen auf harten Kerl machst, obwohl du eigentlich im Krankenhaus liegen m�sstest.� Mit den Fingern beider H�nde umfasst Bina seine Gurgel, wie eh und je bereit, das Leben aus Landsman zu w�rgen, um ihm zu zeigen, wie viel er ihr bedeutet. �Hast du schlimme Schmerzen, du Idiot?�</p><p>�Nur in meiner Seele, meine Schejne�, sagt Meyer. Auch wenn er es f�r m�glich h�lt, dass Rafi Zilberblats Kugel etwas mehr als nur seinen Sch�del streifte. �Ich musste nur ein paar Mal stehen bleiben. Um nachzudenken. Oder nicht um nachzudenken, ich wei� nicht. Jedes Mal, wenn ich versuche zu <emphasis>atmen,</emphasis> nur mal zehn Sekunden lang, ja, und diese Sache liegt in der Luft, mit der wir sie davonkommen lassen, keine Ahnung, dann habe ich das Gef�hl, als w�rde ich ein klein bisschen ersticken.�</p><p>Landsman l�sst sich auf ein Sofa fallen, dessen blutergussfarbene Kissen einen starken Sitka-Geruch von Schimmel, Zigaretten und komplizierter Salzigkeit verstr�men, teils st�rmische See, teils der Schwei� im Innenband eines dicken Filzhuts. Die Lobby des Dnyeper besteht aus blutrotem Samt und vergoldeter Kruste, geschm�ckt mit vergr��erten handkolorierten Postkarten aus den gro�en Schwarzmeerurlaubsorten zu Zarenzeiten. Damen mit Scho�h�ndchen auf sonnenbeschienener Promenade. Grand Hotels, die nie einen Juden beherbergten.</p><p>�Er liegt mir wie ein Stein im Magen, dieser Pakt, den wir geschlossen haben�, sagt Landsman. �Liegt schwer da rum.�</p><p>Bina verdreht die Augen, H�nde in den H�ften, und schaut zur T�r. Dann kommt sie zu ihm, l�sst ihre Tasche fallen und sich neben ihn plumpsen. Wie oft, fragt er sich, hat sie schon genug von ihm gehabt und doch immer noch nicht ganz genug?</p><p>�Eigentlich kann ich gar nicht glauben, dass du damit einverstanden warst�, sagt sie.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>�Ich bin doch der Arschkriecher.�</p><p>�Da sagst du was.�</p><p>�Der Speichellecker.�</p><p>�Es macht mich fertig.�</p><p>�Wenn ich mich nicht mehr darauf verlassen kann, dass du den hohen Tieren sagst, sie k�nnten dich mal, Meyer, warum behalte ich dich dann noch?�</p><p>Da versucht er sie ihr zu erkl�ren�� seine �berlegungen, die ihn zu seiner eigenen, pers�nlichen Version eines Paktes f�hrten. Er nennt einige kleine Gr�nde�� die Konservenfabriken, die Geiger, die Markise des Baranof Theater��, er erkl�rt, dass es ihm Freude machte, an Sitka festzuhalten, als er sich mit Cashdollar einigte.</p><p>�Du und dein bescheuertes <emphasis>Herz der Finsternis�,</emphasis> sagt Bina. �Den Film gucke ich mir nie wieder an.� Sie zieht ihre Lippen zu einem harten kleinen Punkt zusammen. �Du hast was vergessen, du Arschloch. Auf deiner s��en kleinen Liste. Dir fehlt da was, w�rde ich sagen.�</p><p>�Bina.�</p><p>�Ist auf deiner Liste kein Platz f�r mich, Meyer? Ich hoffe n�mlich, dass du wei�t, dass du auf meiner ganz oben stehst.�</p><p>�Wie kann das sein?�, sagt Landsman. �Ich verstehe nicht, wie das sein kann.�</p><p>�Warum nicht?�</p><p>�Weil ich, du wei�t schon. Ich habe dich im Stich gelassen, Bina. Ich habe dich entt�uscht. Ich habe das Gef�hl, dich unglaublich entt�uscht zu haben.�</p><p>�Womit denn?�</p><p>�Weil ich � wegen dem, zu was ich dich gezwungen habe. Mit, ich meine, du wei�t schon. Mit Django. Ich wei� nicht, wie du es �berhaupt aush�ltst, mich anzusehen, Bina.�</p><p>�Mich <emphasis>gezwungen?</emphasis> Meinst du � Glaubst du, du hast mich gezwungen, unser Kind umzubringen?�</p><p>�Nein, Bina, ich���</p><p>�Ich will dir mal was sagen, Meyer.� Sie nimmt seine Hand und gr�bt ihre Fingern�gel in sein Fleisch. �Wenn du <emphasis>jemals</emphasis> mein Verhalten so unter Kontrolle haben solltest, dann nur, wenn dich jemand fragt, ob ich mir einen Kiefernsarg oder ein schlichtes wei�es Hemd gew�nscht habe.� Sie legt seine Hand zur Seite, ergreift sie dann wieder und streicht �ber die feurigen Halbmonde, die sie in sein Fleisch gedr�ckt hat. �Ach, du liebe G�te, deine Hand, Meyer, es tut mir leid. Tut mir leid.�</p><p>Nat�rlich tut es Landsman auch leid. Er hat sich bereits bei ihr entschuldigt, mehrmals, unter vier Augen und in Anwesenheit von anderen, m�ndlich und schriftlich, formell in wohlgesetzten Phrasen und in ungehemmtem Gestammel: <emphasis>Es tut mir leid, es tut mir so leid, es tut mir so unglaublich leid.</emphasis> Er hat sich f�r seine Verr�cktheit entschuldigt, f�r seine Unberechenbarkeit, f�r seine Schwermut und seine Schwipse, f�r das jahrelange Hin und Her zwischen Begeisterung und Verzweiflung. Er hat sich entschuldigt, sie verlassen zu haben und sie angefleht zu haben, ihn wieder zur�ckzunehmen, die T�r ihrer alten gemeinsamen Wohnung eingetreten zu haben, als sie sich seiner Bitte verweigerte. Er hat sich erniedrigt, seine Kleider zerrissen, ist vor ihr auf dem Boden gekrochen. Meistens hat Bina, gute und treusorgende Frau, die sie ist, Landsman die Worte geschenkt, die er h�ren wollte. Er hat sie um Regen angefleht, und sie hat ihm k�hle Schauer geschickt. Aber tats�chlich braucht er eine Flut, die seine Schlechtigkeit vom Angesicht der Erde sp�lt. Oder den Segen eines Jids, der nie wieder jemanden segnen wird.</p><p>�In Ordnung�, sagt Landsman.</p><p>Bina steht auf, geht zum M�lleimer und fischt Landsmans Broadways-Packung heraus. Dann holt sie ein verbeultes Zippo aus ihrer Jackentasche, das das Abzeichen des 75. Ranger-Regiments tr�gt, und z�ndet ihm und sich eine Papiros an.</p><p>�Wir haben das getan, was uns damals richtig erschien, Meyer. Wir hatten nur wenige Fakten. Wir kannten unsere Grenzen. Wir dachten, wir h�tten die Wahl. Aber wir hatten wirklich keine Wahl. Wir hatten nur, keine Ahnung, drei beschissene Fakten und die Landkarte unserer eigenen Grenzen. Wir wussten, womit wir nicht klarkommen w�rden. Welche Linien wir nicht �berschreiten w�rden.� Sie holt ihr Shoyfer aus der Tasche und reicht es Landsman. �Und wenn du mich fragst, und irgendwie habe ich das Gef�hl, dass du das tust, hast du jetzt eigentlich auch keine Wahl.�</p><p>Er sitzt einfach da, mit ihrem Telefon in der Hand, sodass sie es aufklappt, eine Nummer w�hlt und es ihm wieder in die Hand dr�ckt. Er hebt es ans Ohr.</p><p>�Dennis Brennan�, sagt der wichtigste und einzige Mitarbeiter der Sitka-Zweigstelle einer gro�en amerikanischen Tageszeitung. �Brennan, hier ist Meyer Landsman.�</p><p>Landsman z�gert erneut. Er legt den Daumen auf die Sprech�ffnung des Handys.</p><p>�Sag ihm, er soll mit seinem Riesensch�del herkommen und zusehen, wie wir deinen Onkel wegen Mordes verhaften�, sagt Bina. �Sag ihm, er hat zwanzig Minuten Zeit.�</p><p>Landsman versucht, das Schicksal Berkos, seines Onkels Hertz, Binas, der Juden, der Araber, das Schicksal des ganzen unseligen, heimatlosen Planeten gegen das Versprechen abzuw�gen, das er Mrs. Shpilman und sich selbst gegeben hat, obwohl er den Glauben an das Schicksal und an Versprechen verloren hat.</p><p>�Ich h�tte nicht auf dich warten m�ssen, als du deinen j�mmerlichen Balg die lausige Treppe runtergeschleppt hast�, sagt Bina. �Das wei�t du. Ich h�tte einfach durch die verfluchte T�r abhauen k�nnen.�</p><p>�Ja, warum hast du das nicht getan?�</p><p>�Weil ich dich kenne, Meyer. Ich hab gesehen, was dir durch den Kopf ging, als du da oben sa�est und Hertz zugeh�rt hast. Ich hab gesehen, dass du etwas sagen musstest.� Sie dr�ckt ihm das Telefon an die Lippen und streicht mit ihren �ber seine. �Jetzt mach und sag es endlich. Ich bin das Warten leid.�</p><p>Tagelang hat Landsman geglaubt, er h�tte seine Chance mit Mendel Shpilman verpasst. Ohne es zu ahnen, h�tte er im Exil des Hotel Zamenhof seine einzige Chance auf so etwas wie Erl�sung vertan. Aber es gibt keinen Messias von Sitka. Landsman hat keine Heimat, keine Zukunft, kein Schicksal au�er Bina. Das Land, das ihm und ihr versprochen wurde, ist von den Fransen ihres Hochzeitsbaldachins begrenzt, von ihren eselsohrigen Mitgliedskarten einer internationalen Bruderschaft, deren Mitglieder ihr Erbe in einer Tasche �ber der Schulter und ihre Welt auf der Zungenspitze tragen.</p><p>�Brennan�, sagt Landsman. �Ich habe eine Story f�r Sie.�</p></section><section><title><p><emphasis>Anmerkungen des Autors</emphasis></p></title><p>Ich bin den folgenden Personen, Werken, Websites, Instituten und Einrichtungen f�r ihre Hilfe dankbar:</p><p>The Mac Dowell Colony, Peterborough, New Hampshire, Davia Nelson, Susie Tompkins Buell, Margaret Grade und den Mitarbeitern von Manka�s Inverness Lodge, Inverness, Kalifornien, Philip Pavel und den Mitarbeitern von Chateau Marmont, Los Angeles, Kalifornien, Bonnie Pietila und den anderen Einwohnern von Springfield, Paul Hamburger, Bibliothekar der Judaica-Sammlung, University of California, Ari Y. Kelman, Todd Hasak-Lowy, der Alaska State Library, Juneau, Alaska, Dee Longebaugh, Observatory Books, Juneau, Alaska, Jake Bassett von der Polizei Oakland, Mary Evans, Sally Willcox, Matthew Snyder und David Colden, Devin McIntyre, Kristina Larsen, Lisa Eglinton und Carmen Dario, Elizabeth Gaffney, Kenneth Turan, Jonathan Lethem, Christopher Potter, Jonathan Burnham, Michael McKenzie, Scott Rudin, Leonard Waldman, Robert Chabon und Sharon Cha-bon, Sophie, Zeke, Ida-Rose und Abraham Chabon und ihrer Mutter, <emphasis>The Messiah Texts,</emphasis> Raphael Patai, <emphasis>Modern English Jiddish Jiddish-English Dictionary,</emphasis> Uriel Weinreich, <emphasis>Our Gang,</emphasis> Jenna Joselit, <emphasis>The Meaning of Jid�Iish,</emphasis> Benjamin Harshav, <emphasis>Blessings, Curses, Hopes and Fears: Psycho-Ostensive Expressions in Jiddish,</emphasis> Benjamin Matisoff, <emphasis>English-Jiddish Dictionary,</emphasis> Alexander Harkavy, <emphasis>American Klezmer,</emphasis> Mark Slobin, <emphasis>Against Culture: Development, Politics, and Religion in Indian Alaska,</emphasis> Kirk Dombrowski; <emphasis>Will the Time Ever Come?, A Tlingit Source Book.</emphasis> Hrsg. Andrew Hope III. und Thomas F. Thornton, <emphasis>The Chess Artist,</emphasis> J. C. Hallman, <emphasis>The Pleasures of Chess,</emphasis> Assiac (Heinrich Fraenkel), <emphasis>Treasury of Chess Lore,</emphasis> Hrsg. Fred Reinfeld, Mendele (http://shakti.trincoll.edu/~mendele/index.utf-8.htm), Chessville (www.chessville.com), <emphasis>Eruvin in Modern Metropolitan Areas</emphasis> von Yosef Gavriel Bechhofer (http://www.aishdas.org/ baistefila/eruvpi.htm), Jiddish Dictionary Online (www.Jiddishdictionaryonline.com) und Courtney Hodell, Verlegerin und Erl�serin dieses Romans.</p><p>Die Bruderschaft �Esaus H�nde� erscheint hier mit freundlicher Genehmigung ihres gro�en Vorsitzenden und Pr�sidenten auf Lebenszeit, ihres Gr�nders Jerome Charyn, der <emphasis>Zugzwang</emphasis> von Mendel Shpilman wurde ersonnen von Reb Vladimir Nabokov und taucht in seinen <emphasis>Poems and Problems</emphasis> auf.</p><p>Dieser Roman wurde auf Macintosh Computern mit CopyWrite und Nisus Writer Express geschrieben.</p></section><section><title><p><emphasis>Glossar</emphasis></p></title><p><emphasis>Alef-Bejs��</emphasis> Alphabet</p><p><emphasis>Alenu��</emphasis> Gebet (zum Abschluss des Gottesdienstes)</p><p><emphasis>Aw��</emphasis> Monat des j�dischen Kalenders (Mitte Juli bis Mitte August)</p><empty-line/><p><emphasis>Baal Schem Tow��</emphasis> Titel des Rabbis Israel Ben Elieser (lebte im 18. Jahrhundert)</p><p><emphasis>Big Macher��</emphasis> Name eines gro�en Kaufhauses im Industriegebiet von Sitka</p><p><emphasis>Bik��</emphasis> Ochse, hier: Leibw�chter</p><p><emphasis>Blintzen��</emphasis> Pfannkuchen</p><p><emphasis>Bobover��</emphasis> Anh�nger einer chassidischen Glaubensrichtung</p><p><emphasis>B�ffel��</emphasis> Schimpfwort (Anspielung auf den <emphasis>�Buffalo-Incident�</emphasis> in den Neunzigern, als ein j�discher Student eine Gruppe schwarzer Studentinnen als �water buffaloes� bezeichnete)</p><p><emphasis>Bulgar��</emphasis> j�discher Tanz</p><empty-line/><p><emphasis>Cafard��</emphasis> (frz.) Depression, Wahnsinn</p><p><emphasis>Chuppa��</emphasis> Hochzeitsbaldachin</p><p><emphasis>Chuzpe��</emphasis> Dreistigkeit, Unversch�mtheit</p><empty-line/><p><emphasis>Dibbuk��</emphasis> j�discher Geist eines Verstorbenen, der sich an einen Lebenden heftet</p><p><emphasis>Drejdl��</emphasis> vierseitiger Kreisel mit hebr�ischen Buchstaben, mit dem zu Chanukka gespielt wird</p><empty-line/><p><emphasis>Ellul��</emphasis> Monat des j�dischen Kalenders im Sp�therbst</p><p><emphasis>Emanu-El��</emphasis> Synagoge in New York (w�rtl.: �Gott mit uns�)</p><p><emphasis>Emmes��</emphasis> Wahrheit</p><p><emphasis>Eretz Jisroel��</emphasis> traditionelle Bezeichnung f�r das Land Israel</p><p><emphasis>Erew Pessach��</emphasis> Vorabend des Pessachfestes</p><p><emphasis>Eruw��</emphasis> Zaun (real oder symbolisch) um ein j�disches Wohngebiet, innerhalb dessen die Sabbatregel aufgehoben ist, nichts tragen zu d�rfen. Auch: Sabbatgrenze</p><empty-line/><p><emphasis>fardrejt��</emphasis> verdreht, irr, kompliziert</p><p><emphasis>Feh!</emphasis>�� Bah!</p><p><emphasis>Forschpiel��</emphasis> ritualisiertes Treffen am Vorabend der Hochzeit</p><p><emphasis>Frejlech��</emphasis> j�discher Tanz (w�rtl.: munter, gl�cklich)</p><empty-line/><p><emphasis>Gabbai��</emphasis> Administrator einer j�dischen Institution, Sekret�r eines chassidischen Rabbis</p><p><emphasis>Galizianer��</emphasis> Einwohner Galiziens (Landschaft in der Westukraine und S�dpolen); Jude aus Galizien oder mit Vorfahren aus Galizien</p><p><emphasis>Gannef��</emphasis> Gauner, Ganove (umgangsspr.)</p><p><emphasis>Gerrer��</emphasis> j�dische Glaubensgemeinschaft (benannt nach der Stadt Ger [G�ra Kalwaria, Polen])</p><p><emphasis>Goj</emphasis>�� Nicht Jude</p><p><emphasis>Gr�nling��</emphasis> Neuank�mmling in Alaska</p><empty-line/><p><emphasis>Harkavy��</emphasis> Insel und Bezirk von Sitka; Name eines ber�hmten Lexikographen der j�dischen Sprache</p><p><emphasis>Haskome��</emphasis> Approbation</p><p><emphasis>Hoonah��</emphasis> Stadt in Alaska</p><p><emphasis>Hotzeplotz (Hotzenplotz)��</emphasis> St�dtchen in Oberschlesien, heute Osoblaha, metaphorisch gebraucht f�r einen kleinen, weit abgelegenen Ort</p><empty-line/><p><emphasis>Jahrzeit��</emphasis> Todestag eines Verstorbenen</p><p><emphasis>Jarmulke��</emphasis> j�dische Kopfbedeckung</p><p><emphasis>Jekke��</emphasis> deutschsprachiger Jude</p><p><emphasis>Jeschiwa��</emphasis> Talmudhochschule</p><p><emphasis>Jid��</emphasis> umgangsspr. Jude, auch: Mann, Mensch</p><p><emphasis>Jungmann��</emphasis> unverheirateter Mann (ab dem 13. Lebensjahr)</p><empty-line/><p><emphasis>Kaddisch��</emphasis> Totengebet</p><p><emphasis>Kejnehore��</emphasis> Formel zur Abwendung eines Fluchs (w�rtl.: �kein b�ses Auge�)</p><p><emphasis>Kibitzer��</emphasis> Beobachter, Besserwisser, Schlaumeier (bes. beim Kartenspiel)</p><p><emphasis>Kreplach��</emphasis> gef�llte Teigtaschen</p><p><emphasis>Kugl��</emphasis> Auflauf</p><p><emphasis>Kundiman��</emphasis> philippinisches Liebeslied</p><empty-line/><p><emphasis>Laminaria��</emphasis> zum Schwangerschaftsabbruch eingesetzte Alge</p><p><emphasis>Latke��</emphasis> Kartoffelpuffer, hier: Streifenpolizist</p><p><emphasis>Lubawitscher��</emphasis> Angeh�riger des Chabad-Chassidismus</p><p><emphasis>Luftmensch��</emphasis> armer Mensch, Arbeitsloser; im amerik. Englisch auch �zerstreuter Mensch�</p><empty-line/><p><emphasis>Maimonides��</emphasis> j�discher Philosoph aus dem 12. Jahrhundert</p><p><emphasis>Mamser��</emphasis> Bastard</p><p><emphasis>Masel��</emphasis> Schicksal</p><p><emphasis>�Masel-tow���</emphasis> �Gl�ckwunsch!�, �Gratuliere!�</p><p><emphasis>Masik-Shoyfer��</emphasis> Markenname eines Mobiltelefons aus Sitka (w�rtl.: cleveres Shoyfer, engl.: <emphasis>smartphone)</emphasis></p><p><emphasis>Mejwen��</emphasis> Experte (der Grenz-Mejwen ist Experte f�r den Eruw)</p><p><emphasis>Menora��</emphasis> (siebenarmiger) Leuchter</p><p><emphasis>Mesusa��</emphasis> Kapsel am T�rpfosten, die geschriebene Gebete enth�lt</p><p><emphasis>Mikwe��</emphasis> rituelles Tauchbad f�r Frauen</p><p><emphasis>Mukluk��</emphasis> Eskimostiefel</p><empty-line/><p><emphasis>Nissan��</emphasis> Monat des j�dischen Kalenders im Fr�hling (M�rz/April)</p><p><emphasis>Nos��</emphasis> Nase, hier: Polizist, Gesetzesvertreter</p><empty-line/><p><emphasis>Papiros��</emphasis> Zigarette</p><p><emphasis>Parschat Chajei Sarah��</emphasis> w�chentlicher Thoraabschnitt �Das Leben der Sarah�</p><p><emphasis>Patschtanz��</emphasis> osteurop�ischer Tanz, bei dem man in die H�nde klatscht</p><p><emphasis>Patzer��</emphasis> (ungeschickter) Schachspieler</p><p><emphasis>Pilpul��</emphasis> Haarspalterei</p><p><emphasis>Pischer��</emphasis> ungezogener Junge (vergl.: �Pisser�)</p><p><emphasis>Promyshlenniki��</emphasis> (russ.) Pelzj�ger</p><p><emphasis>Purim��</emphasis> j�disches Fest, bei dem Masken und Kost�me getragen werden</p><p><emphasis>Puschke��</emphasis> Sammelb�chse f�r Almosen</p><empty-line/><p><emphasis>Rebbe��</emphasis> F�hrer einer chassidischen Glaubensgemeinschaft; Grundschullehrer</p><p><emphasis>Reschus harabbim��</emphasis> Ort, an dem man am Sabbat nichts tragen darf</p><p><emphasis>Rut��</emphasis> Tageszeitung in Sitka (dt. �Rute�)</p><empty-line/><p><emphasis>Satmarer��</emphasis> Glaubensgemeinschaft chassidischer Juden</p><p><emphasis>Schajtel��</emphasis> Per�cke</p><p><emphasis>Schammes��</emphasis> Synagogendiener, hier: Kriminalbeamter, <emphasis>Detective Schawuos��</emphasis> j�disches Fest, Wochenfest</p><p><emphasis>Schejgetz��</emphasis> nichtj�discher Knabe; L�mmel</p><p><emphasis>Schejner��</emphasis> respektvolle Anrede (vergl. �Sch�ner�)</p><p><emphasis>Schibboleth��</emphasis> Wort oder Wendung, durch deren Aussprache man die Herkunft des Sprechers ableiten kann</p><p><emphasis>Schiwa��</emphasis> siebent�gige Trauer nach Todesfall</p><p><emphasis>Schlemiel��</emphasis> Pechvogel, Ungl�cksrabe</p><p><emphasis>Schofar��</emphasis> Widderhorn zum Erzeugen ritueller T�ne</p><p><emphasis>Schlosser��</emphasis> Auftragsm�rder</p><p><emphasis>Schochet��</emphasis> Sch�chter</p><p><emphasis>Schomer��</emphasis> W�chter, hier: Totenw�chter</p><p><emphasis>Scholem��</emphasis> Friede, hier: Pistole (vergl. �Peacemaker�)</p><p><emphasis>Schtarker��</emphasis> Mafioso, Schl�ger</p><p><emphasis>Schtekele��</emphasis> Bl�tterteiggeb�ck (vergl. �St�ckchen�)</p><p><emphasis>Schtetl��</emphasis> (Klein-)Stadt, in der ein Gro�teil der Bev�lkerung j�disch ist</p><p><emphasis>Schtinker��</emphasis> Informant</p><p><emphasis>Schul��</emphasis> Synagoge (wird in festen Ausdr�cken ohne Artikel verwendet)</p><p><emphasis>Schwarzhut��</emphasis> umgangssprachliche Bezeichnung f�r einen orthodoxen Juden</p><p><emphasis>Schwitz��</emphasis> Dampfbad</p><p><emphasis>Shoyfer��</emphasis> Markenname der Mobiltelefone aus Sitka (vergl.: Schofar)</p><p><emphasis>Smicha��</emphasis> Autorisation eines Gelehrten zum Rabbi</p><p><emphasis>Shtrakenzer��</emphasis> j�dische Glaubensgemeinschaft</p><p><emphasis>Shvartser-Yam��</emphasis> fiktive Halbinsel im Golf von Sitka (w�rtl.: �schwarzes Meer� oder �Meer von Schwarzen�)</p><p><emphasis>Sitka Tog��</emphasis> Name der Sitkaer Tageszeitung</p><p><emphasis>Stint��</emphasis> lachsartiger Fisch</p><p><emphasis>Sukkoh��</emphasis> Lauberh�tte</p><empty-line/><p><emphasis>Tefillin��</emphasis> Lederriemen, die zum Beten angelegt werden</p><p><emphasis>Tekiah��</emphasis> ein Ton des Widderhorns</p><p><emphasis>Tzaddik ha-Dor��</emphasis> Gerechter seiner Generation</p><empty-line/><p><emphasis>Untershtot��</emphasis> Stadtzentrum von Sitka (vergl.: <emphasis>downtown)</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Verbover��</emphasis> fiktive ultraorthodoxe Sekte, die auf ihrer eigenen Insel im Golf von Sitka namens Verbov Island lebt</p><p><emphasis>Vier-Ecken��</emphasis> von orthodoxen M�nnern getragenes rituelles Kleidungsst�ck mit vier Ecken, jidd.: <emphasis>Arbe-kanfes</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Zimmes��</emphasis> ein s��es Gericht mit Obst oder Gem�se</p></section></body><binary id="cover" 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