<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>Die wahre Natur von Shangi-La</book-title><date value="1990-11-01">1990</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Uwe</first-name><last-name>Anton</last-name></translator><sequence name="Flucht aus Katmandu" number="3"/></title-info><src-title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>The True Nature of Shangri-La </book-title><date value="1989-11-01">1989</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>calibre 2.53.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-09-15">15.9.2016</date><id>B0A94D09-2E1C-4270-8779-83F15697FB29</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Kim Stanley Robinson. Flucht aus Katmandu</book-name><publisher>Bastei L�bbe</publisher><city>Bergisch Gladbach</city><year>1990</year><isbn>3-404-24137-1</isbn></publish-info></description><body><title><p>Kim Stanley Robinson</p><p>Die wahre Natur von Shangi-La</p></title><section><p>In Nepal hei�t es, ein fr�her Monsun bringe Gl�ck, doch offensichtlich ist das so gelogen, da� sich die Balken biegen. Wenn Sie mich fragen, ist das einzige, was ein fr�her Monsun bringt, mehr Regen als �blich im Sp�tfr�hling und Fr�hsommer. Nehmen Sie zum Beispiel das Jahr 1987, als der Monsun im Mai kam. In diesem Jahr gab es gro�e Probleme f�r einen Ort, den Sie wahrscheinlich als Shangri-La kennen. Nun ist Shangri-La nicht der echte Name des Tals; so hie� es nur in einem Film, und die Produzenten m�ssen sich verh�rt haben, weil der echte Name Shambhala lautet. Shambhala ist die verborgene Stadt Tibets, die Heimat der �ltesten Weisheit der Welt und die geheime, geheiligte Hochburg des tibetanischen Buddhismus. Eigentlich sogar der Ursprung aller Religionen der Welt. Ich habe dort eine betr�chtliche Weile mit meinem Lehrer Kunga Norbu Rim-poche verbracht, und als Kunga nach Katmandu hinabstieg, um mir zu sagen, da� Shambala in Schwierigkeiten sei, wu�te ich, da� es meine Pflicht war, ihm auf jede nur erdenkliche Art und Weise zu helfen.</p><p>Anscheinend hatte sich die Nachricht verbreitet, da� die Nepalesen planten, eine ihrer H�gelstra�en zu einem Gebirgsdorf auszuweiten, das Shambhala so nahe lag, da� die Stra�e eine ernsthafte Gefahr darstellte. Sie w�rde so viele Menschen in die Gegend bringen, da� das Geheimnis schlie�lich herauskommen w�rde, und das w�re dann das Ende des heiligen Tals.</p><p>Sobald Kunga Norbu die Natur des Problems erkl�rt hatte, wu�te ich, da� mein Kumpel George Fergusson die Antwort war. George ist ein As in der Kunst, sich den Weg durch die nepalesische B�rokratie zu schmieren, um das zu bekommen, was er f�r seine Trekking-Unternehmungen brauchte, und so nahm ich an, da� er auch f�r unsere Belange ein Experte war.</p><p>Doch als ich Kunga Norbu in dem tibetanischen Camp in Patan verlie� und zum Hotel Star zur�ckkehrte, um George darauf anzusprechen, z�gerte er. �Nichts da�, sagte er. �Keine Chance. Du und dein Guru, ihr habt mich beinahe umgebracht.�</p><p>�Ach, komm schon�, sagte ich. �Wir m�ssen doch nur ein kleines Stra�enprojekt aufhalten.�</p><p>�Kommt nicht in Frage, Freds! Ich mu� mich hier die ganze Zeit �ber mit den B�rokraten herumschlagen; warum sollte ich mich freiwillig weiteren derartigen Schwierigkeiten aussetzen?�</p><p>�Genau das ist es doch, George. Wir brauchen einen Experten. Und h�r mal, es steckt mehr dahinter, als ich dir sagen kann. Du wei�t schon, mystische Gr�nde.�</p><p>George runzelte die Stirn, �jetzt versuche nicht wieder, mich in irgend etwas hinein zu ziehen, Freds�, sagte er.</p><p>�Komm schon�, sagte ich.</p><p>�Auf keinen Fall.�</p><p>Es stellte sich heraus, da� er wegen irgendeiner Sache, die er in <emphasis>The International Herald Trib�ne</emphasis> gelesen hatte, so mieser Laune war. Da lag er nun in seinem Liegestuhl auf der Sonnenterrasse �ber dem Dach der Lobby des Hotels Star, lie� sich von der Morgensonne braten, war stoned, a� Nebico-Waffeln, trank ein Budweiser, plauderte gelegentlich mit zwei d�nischen Schnecken in Bikinis und las seine eine Woche alte <emphasis>Trebbie;</emphasis> es h�tte f�r ihn Katmandu im Monsun-Himmel sein k�nnen, doch er sa� wegen eines Artikels, den er gerade gelesen hatte, ganz niedergeschlagen da. Er bl�tterte die Seiten durch, um ihn mir zu zeigen. �Siehst du das? Kannst du dir das vorstellen? Ein paar Jungs von der University of Washington haben einen Satelliten benutzt und verdammt nochmal festgestellt, da� der K2 h�her ist als der Everest.�</p><p>�Ich h�tte gedacht, von einem Satelliten aus kann man das nur schwer absch�tzen.�</p><p>�Der K2 soll jetzt 8858 Meter hoch sein, w�hrend die offizielle H�he des Everest noch mit 8848 Metern angegeben wird. Kannst du dir das vorstellen?� Er war wirklich bedr�ckt. �Ich meine, die ganzen Expeditionen zum Everest, all die heldenhaften Besteigungen und die Leute, die dabei umkamen � und das alles nur f�r den <emphasis>zweith�chsten Berg?</emphasis> Das h�ltst du doch im Kopf nicht aus, Mann. Das ist <emphasis>schrecklich.�</emphasis></p><p>�Besonders, da du jetzt selbst zu den irregef�hrten Kletterern geh�rst, die alles f�r die Nummer Zwei riskiert haben�, sagte ich.</p><p>�Sei nicht so laut�, sagte er und sah sich um. �Aber klar, da� ich entt�uscht bin. Bist du das nicht auch?�</p><p>�Wir mu�ten deinen Arsch diesen Berg hinaufschleppen, George. Du hast es geradezu geha�t.�</p><p>�Na klar hab� ich das. Ihr habt es unglaublich dumm angefangen, ohne Unterst�tzung, ohne <emphasis>Plan.</emphasis> Aber wei�t du, wir <emphasis>haben</emphasis> es geschafft, und nur darauf kam es schlie�lich an. Wir haben den Riesen bezwungen.�</p><p>�Wir k�nnen dich jederzeit den K2 hochschleppen.�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>�Ja, genau�, sagte ich, die kleinste Chance nutzend. �Kunga Norbu <emphasis>mu�</emphasis> ihn vielleicht besteigen, um die von Dorjee Lama gestellte Aufgabe zu erf�llen. Und seine Gef�hrten w�ren nat�rlich mystisch verpflichtet, ihn zu begleiten.�</p><p>�Ha�, sagte George, und die Falte zwischen seinen Augen wurde tiefer.</p><p>�Und du wei�t ja, da� Kunga unter anderem die Kraft hat, die Leute dazu zu bringen, das zu tun, was er will. Wie damals, als er dich �berzeugt hat, den Gipfel des Chomolungma zu besteigen.�</p><p>Er runzelte die Stirn. �Erz�hl ihm ja nichts �ber diese neuen Berechnungen.�</p><p>�Eigentlich habe ich gar nicht die Zeit, ihm davon zu erz�hlen. Denn da ist ja diese andere Sache, bei der wir deine Hilfe brauchen. Deine Hilfe hier in Katmandu. Du mu�t in deiner Freizeit nur ein paar Regierungs�mter abklappern. W�hrend des Monsuns, wo du sowieso nichts zu tun hast und bald vor Langeweile eingehst.�</p><p>�Na sch�n.� Er seufzte. �Wie sieht euer gro�es Problem also aus?�</p><p>�Sie bauen eine Stra�e nach Chhule.� Ich will das Dorf mal so nennen, obwohl das nat�rlich nicht sein wirklicher Name ist.</p><p>�Na und?�</p><p>�George�, sagte ich. �Sie bauen eine <emphasis>Stra�e</emphasis> in ein unber�hrtes Gebiet des Himalaja, wo es noch nie zuvor eine gegeben hat!�</p><p>�Ah�, sagte er. �Was f�r ein Mist. Da k�nnen wir wieder ein gutes Trekking-Gebiet abschreiben. Aber so beliebt war die Strecke doch gar nicht, oder?�</p><p>Das war wieder mal typisch George. Wie viele Abendl�nder, die im Himalaja kraxeln, sieht er das Land nur als Ultimaten Bergspielplatz mit einer Menge Hasch und einer Menge ziemlich billigem exotischem Lokalkolorit als Dreingabe. Als Ort, wo man ein paar Jahre lang ganz billig leben kann, vorausgesetzt, man hat nichts gegen Krankheiten und schlechtes Essen. Also lag er in der Sonne, f�hrte seine Treks, bestieg die Berge und scherte sich um alles andere einen Dreck, und wie die meisten Abendl�nder, die schon lange hier lebten, ha�te er allm�hlich die Touristen, weil sie unwissend waren, und verachtete die Einheimischen, weil sie unwissend waren, und kam langsam zur Meinung, da� es niemand in Nepal richtig machte, abgesehen von ihm und seinen Kumpeln, und die waren, wie es so sch�n hei�t, auch noch verd�chtig.</p><p>Also hatte er gar nichts begriffen. Aber er war nicht so schlecht wie die meisten�� das glaubte ich zumindest. �Komm, George, ich lade dich zum Mittagessen im Marco Polo ein, und dann erz�hl ich dir unter vier Augen davon. Wie ich schon sagte, die Sache ist ziemlich kompliziert.�</p><p>Also zog George sein T-Shirt und seine Vuarnets an, und wir gingen hinunter. Es war kurz vor Mittag, hei� und feucht, und der t�gliche Regen w�rde bald fallen, und alle im Hotel sahen aus, als wandelten sie wie in Trance umher, abgesehen von der Frau mit dem Kind auf dem R�cken, die sich auf H�nden und Knien ihrer t�glichen Aufgabe widmete, den Innenhof mit einem Handfeger zu s�ubern. Dann hatten wir die Hotelpforten verlassen und gingen am Tantric Used Book Shop vorbei nach Thamel, dem Hotelzentrum von Katmandu. In diesem Viertel war zur Monsunzeit kaum was los, was aber nur bedeutete, da� die Taxifahrer und Teppichh�ndler, Haschdealer und Geldwechsler und Bettler es eifriger denn je darauf abgesehen hatten, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. �He, Mr. Nein!� riefen sie George zu und lachten, als er �ber die Pf�tzen sprang und sein �bliches �Nein, nein, nein, nein!� zu jedem sagte, an dem er vorbeikam, ganz gleich, ob er angesprochen wurde oder nicht. Er war entspannt und lebhaft und lie� es sich gutgehen, tat seine Pflicht und war �berall beliebt, der typische Abenteurer aus L. A., etwa einsachtzig gro� und wie ein Profifootballer gebaut, dunkelhaarig und auf eine l�ssige Art durchaus gutaussehend und so cool, da� man mit ihm Pferde stehlen konnte, ja in der Tat so cool, da� die Leute auf der Stra�e sogar ihren Spa� an seinem �blichen �Nein, nein!� hatten. Ich m��te mir das eigentlich auch mal angew�hnen, war bislang aber noch nicht dazu imstande, und so gehe ich normalerweise ohne eine jede Rupie aus dem Haus, damit ich mir kein Geld ablabern lie�, doch diesmal hatte ich genug dabei, um das Essen f�r George und mich bezahlen zu k�nnen, und wem liefen wir �ber den Weg? Ausgerechnet einem Bettler, den wir st�ndig sahen, einem Burschen, der mit seiner kleinen Tochter im Schlepptau durch Thamel wanderte. Er entbl��te bei seinem L�cheln dann seine Zahnl�cken, und das kleine M�dchen von etwa sechs Jahren l�chelte ebenfalls, und beide streckten die H�nde aus und waren auch ganz gut darin, denn zumindest ich konnte ihnen niemals widerstehen, und nachdem George sein �Nein!� gemurmelt hatte, gab ich ihnen unser Essensgeld, in der Hoffnung, da� ich George anpumpen und dann sagen konnte, er h�tte dem Bettler und seiner kleinen Tochter geholfen, w�hrend ich ihn wie abgemacht zum Essen eingeladen h�tte.</p><p>George ahnte von meinen Absichten noch nichts, doch als er zur�ckschaute und sah, was ich tat, war er immer noch sauer auf mich. �Du ermutigst sie nur, Freds.�</p><p>�Ja, ich wei�.�</p><p>George hatte nicht das geringste Mitgef�hl f�r diesen oder irgendeinen anderen Bettler. Ich erinnere mich noch, wie wir uns einmal durch die schmale Hauptstra�e k�mpfen mu�ten, und dann hatte er zur�ckgeschaut und die ganzen Leute betrachtet, die uns alle anstarrten, und war regelrecht ausgeflippt. �Die stehen da wie Kegel auf einer Kegelbahn, meinst du nicht auch, Freds? Die stehen da und sehen dich an, als k�nntest du � he, warte mal!� Und er war in die German Pumpernickel Bakery gest�rmt und mit einem dieser gro�en dunklen Brote herausgekommen, die einen mit ihrem Gewicht und ihrer allgemeinen Beschaffenheit tats�chlich an eine Bowlingkugel erinnern. Er dr�ckte L�cher f�r den Daumen und einen Finger hinein, nahm einen langen Anlauf, b�ckte sich und kegelte das Brot mitten durch sie hindurch, wobei er wie ein Wahnsinniger lachte.</p><p>�Du riskierst es, als kleines und widerw�rtiges Gesch�pf wiedergeboren zu werden�, sagte ich zu ihm. Doch er h�rte nicht auf mich.</p><empty-line/><p>Diesmal jedoch erreichten wir das Lokal ohne Schwierigkeiten.</p><p>�H�r mal, George�, sagte ich, w�hrend wir uns in einer kleinen abgelegenen Fensternische im Marco Polo �ber unsere Pizza hermachten, �du wei�t ja, was passiert, wenn sie eine Stra�e zu einem der Bergd�rfer bauen.�</p><p>�Die Leute fahren dahin.�</p><p>�Genau! Die Leute fahren dorthin und wieder zur�ck. Das ganze Dorf geht vor die Hunde. Wird f�r immer ausgel�scht.�</p><p>�Jetzt werd� nicht melodramatisch, Freds.�</p><p>�Werd� ich nicht! Kennst du Jiri?!�</p><p>�Ja.� Er r�mpfte die Nase.</p><p>�Das war ein wundersch�nes Dorf, bis die Stra�e dorthin gebaut wurde.�</p><p>Er glaubte mir nicht. �Freds, die betreiben wie verr�ckt Studien, bevor sie so eine Stra�e bauen, und vergewissern sich, da� sowas nicht passieren wird.�</p><p>Das war nat�rlich eine so dumme Antwort, da� ich merken mu�te, da� er es nicht ernst meinte. Er wollte mich nur abwimmeln. �Eine K�chenschabe.�</p><p>�Wo?�</p><p>�Als die wirst du wiedergeboren werden.�</p><p>Ich sah aus dem Fenster. Normalerweise genie�e ich die Aussicht aus dem Fenster des Marco Polo im dritten Stock, die bunten Teppiche der H�ndler auf der Stra�e, die Balkone dar�ber, auf denen Matratzen und Bettzeug lagen, das schwach in der Sonne dampfte, dar�ber das Gewirr der Gebetsflaggen und Telefonleitungen in der Luft, die zu so alten D�chern f�hrten, da� gr�nes Unkraut und gelbes Gras auf ihnen wuchs. Und dann die gro�en Kiefern des Palastes im Hintergrund, hinter denen man gelegentlich einen Blick auf den Himalaja erhaschen konnte. Doch an diesem Tag hingen die Monsunwolken tief; man hatte die Matratzen und Teppiche hereingeholt, und die Geb�ude wirkten in der dunklen, regnerischen Luft heruntergekommen. Und im Halbdunkel des Restaurants mampften die G�ste emsig vor sich hin, um das Gef�hl zu unterdr�cken, da� es sie in eine triste Welt verschlagen hatte, in der das gesamte Essen wie Pappe schmeckte, nicht nur der Pizzateig, sondern auch die Tomatenso�e, der K�se und das Gem�se, einfach alles bis auf die gro�en krummen chinesischen Pilze, die sich auf den Pizzascheiben wanden und wirklich nach den bizarren Pilzgew�chsen aussahen, die sie auch waren, und mit jedem Bi� andeuteten, da� jemand in der Dosenfabrik einen schlimmen mykologischen Fehler begangen hatte.</p><p>Es war kein erheiternder Anblick. Und ich mu�te mich mit einem dickk�pfigen, gerissenen, faulen Freund befassen, und es war klar, da� ein ernsthafter Vertrauensbruch n�tig war, um ihn dazu zu bringen, das zu tun, was wir wollten. �George�, sagte m�de, �kannst du ein Geheimnis bewahren?�</p><p>�Klar.�</p><p>�Es ist wichtig, George. Wie bei Nathan und Buddha, du wei�t schon.�</p><p>�Sicher�, sagte er und schaute beleidigt drein. �Habe ich jemals etwas dar�ber erz�hlt?�</p><p>�Keine Ahnung. Aber von dieser Sache darfst du wirklich niemandem erz�hlen. Verstehst du, hinter dem Ende der Stra�e, die sie bauen wollen, direkt im n�chsten Tal, liegt ein Dorf. Und es ist kein gew�hnliches Dorf. Es ist Kunga Norbus Dorf.�</p><p>�Ich dachte, er w�re Tibetaner.�</p><p>�Es ist ein tibetanisches Dorf.�</p><p>�Ein tibetanisches Dorf in Nepal?�</p><p>�Es liegt da oben an der Grenze, genau dort auf dem Grat, wo die Grenze mehr oder weniger zuf�llig verl�uft. Da oben in��.� Was eins der halbwegs unabh�ngigen kleinen alten K�nigreiche ist, die zu Nepal geh�ren, sich aber nach Tibet erstrecken.</p><p>George nickte. Er wu�te, da� eine Menge Hochland-Nepali tibetanischer Herkunft waren, die Sherpas im Osten, die Bhutani im Westen (�Bhutan� bedeutet auf Nepalesisch �Tibet�), so da� solch eine Situation gar nicht ungew�hnlich war. �Das ist doch ganz in der N�he, wo wir Buddha ausgesetzt haben�, sagte er.</p><p>�Genau. Eine ganz besondere Gegend.� Ich erz�hlte ihm, wie wundersch�n sie war, da� der Khumbu noch v�llig unber�hrt sei, Buddha und eine Menge anderer Yetis in den Hochw�ldern lebten, es eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt dort g�be, und er kaute und nickte und machte keineswegs den Eindruck, sich besonders daf�r zu interessieren.</p><p>�Und was ist das f�r ein Geheimnis?� fragte er.</p><p>Ich merkte, da� er es nur wissen wollte, weil es ein Geheimnis war. Aber es gibt einen gro�en Unterschied zwischen Wissen, das einem aufgezwungen wurde, und Wissen, um das man gebeten hat, und so beugte ich mich schnell vor und sagte wirklich leise:</p><p>�Das Dorf ist in Wirklichkeit Shangri-La.�</p><p>�Komm schon, Freds. Das ist ein erfundener Name aus einem Film. <emphasis>In den Fesseln von Shangri-La.</emphasis> Neu verfilmt als <emphasis>Der verlorene Horizont.�</emphasis></p><p>�Ja, richtig. Ich h�tte nicht gedacht, da� du so viel dar�ber wei�t. Der wirkliche Name lautet Shambhala. Aber wie auch immer man ihn nennt, es bleibt derselbe Ort.�</p><p>�Ich dachte, Shambhala l�ge im n�rdlichen Tibet oder in der Mongolei.�</p><p>�Sie haben gezielte Falschinformationen dar�ber verbreitet. Aber es liegt da oben an der Grenze und hat gro�e Schwierigkeiten, weil man jetzt eine Stra�e dorthin bauen will.�</p><p>George musterte mich. �Du willst mich verarschen, oder?�</p><p>�Habe ich dich verarscht, als ich sagte, Kunga Norbu sei ein Tulku? Haben Nathan und ich dich mit Buddha verarscht?�</p><p>Er mampfte vor sich hin und dachte dar�ber nach. �Ich glaub� dir nicht.�</p><p>�Warum sollte ich l�gen?�</p><p>�Du w�rdest nicht l�gen, Freds, aber man k�nnte dich reingelegt haben. Ich meine, woher willst du wissen, da� es wirklich Shambhala ist?�</p><p>�Ich war dort. Ich habe etwa ein halbes Jahr lang dort gelebt.�</p><p>Er musterte mich erneut. �Freds, wie, zum Teufel, kommst <emphasis>du</emphasis> dazu, sechs Monate in Shambhala zu leben?�</p><empty-line/><p>Nun haben Sie sich vielleicht ebenfalls dar�ber gewundert, und um die Wahrheit zu sagen, ich auch. Wie wurde aus Freds Fredericks, ber�hmter Verteidiger der Razorbacks und typisch amerikanischer Veterin�r mit abgebrochenem Studium, ein tibetanischer buddhistischer M�nch, der auch noch das geheime, verborgene Tal Shambhala gut kennt?</p><p>Ich wei� es <emphasis>wirklich</emphasis> nicht. Einige von uns m�ssen in ihrem Leben seltsame Karmas bew�ltigen, und mehr kann ich dazu nicht sagen. Doch in gewisser Hinsicht begann es f�r mich schon, als ich im <emphasis>The Graduate</emphasis> in Davis, Kalifornien, war. Wie ich es George zu erkl�ren versuchte, trank ich mir dort etwa 1976 nach einem Footballspiel ein paar Bierchen und h�rte zuf�llig, wie ein M�dchen an unserem Tisch erkl�rte, sie k�nne keinen ihrer hervorragenden Hamburger essen, weil sie Vegetarierin sei, weil ihretwegen keine Tiere sterben sollten, weil sie Buddhistin sei. Und ich dachte: wie interessant. Und dann nahm ich an diesem Abend, noch immer betrunken, aus unserem Labor einen Abfallsack mit, um ihn in die Container hinter dem Geb�ude zu werfen, und als ich den Sack hineinwarf, h�rte ich, wie aus einem der Container ein Wimmern kam. Ich ging der Sache nach, indem ich die anscheinend verhexten M�lls�cke herausholte, und fand schlie�lich den Ursprung des Wimmerns, n�mlich einen Hund, der in einem der Kurse benutzt worden war. Man bet�ubt diese Hunde, unterzieht sie einer Vielzahl chirurgischer Arbeiten, um den Studenten zu zeigen, wie das Innere eines lebendigen Tiers aussieht, und t�tet sie dann. Sowas gibt es an den veterin�rischen Fakult�ten st�ndig. Doch anscheinend hatten sie diesmal Mist gebaut, oder der Hund war besonders z�h, denn er war nicht tot. Er lag ohne seine Hinterbeine da und wimmerte und sah zu mir auf, als k�nne ich ihm helfen. Mir blieb nichts anderes �brig, als ihn von seinem Elend zu erl�sen, und er schnappte schwach nach mir, als ich es mit H�nden, Stiefeln und Plastiks�cken versuchte, und wehrte jede meiner Bem�hungen ab, bis ich ihm mit dem Containerdeckel das Genick brach. Ich lief danach eine Weile ziellos herum, fand mich schlie�lich auf dem Softball-Feld der Frauen wieder und f�hlte mich einfach schrecklich. Und dann schaute ich die Stra�e entlang und �ber den Parkplatz und sah das runde Schild des <emphasis>Graduate,</emphasis> das aufblinkte und wieder erlosch, und etwas drehte sich in mir nach innen; sp�ter erfuhr ich, da� es mein <emphasis>Bodhi</emphasis> oder mein Erwachen zur wahren Natur der Wirklichkeit war, und ich sagte zu dem rautenf�rmigen Spielfeld: �Gott verdammt, <emphasis>ich bin Buddhist.�</emphasis></p><p>Ich wu�te damals gar nicht, was ich damit meinte. Doch ich gab mein Studium auf, und wie sich herausstellte, fuhren ein paar meiner Kumpel etwa zur gleichen Zeit nach Nepal, um mal ordentlich Hasch rauchen zu k�nnen, und ich begleitete sie. Keiner von uns wu�te was �ber Nepal, abgesehen davon, da� es dort Hasch und Buddhismus geben sollte, und mit der ersten Vermutung behielten wir recht, doch nach einer Weile wurde es ziemlich langweilig, und wir beschlossen, auf Trekking zu gehen, wie es damals die gro�e Mode dort zu sein schien. Das war etwa um den ersten August, mitten in einem schlimmen Monsun, doch wir wu�ten damals noch nicht einmal, da� es eine Trekking- und Nicht-Trekking-Saison gab, und die Ladenbesitzer freuten sich nat�rlich, uns Ausr�stungen vermieten zu k�nnen, und so nahmen wir den Bus nach Lamosangu, um von da aus zum Everest zu trekken. Nat�rlich war es st�ndig bew�lkt, und die Wege waren �berschwemmt, und wir nahmen die falsche Nahrung zu uns und tranken das Wasser aus den B�chen, das so klar und sauber aussah, und so wurden wir schrecklich krank. Wir waren �ber und �ber von Blutegeln befallen, und irgendwie hatten wir den Eindruck, da� uns der Reiz dieses �Trekking� irgendwie entging. Ich meine, wir waren so unwissend, da� wir glaubten, die Einheimischen w�rden �Money-Mauern�, also �Geldmauern�, sagen, wenn sie �Mani-Mauern� sagten, und jedesmal, wenn wir an einer Mani-Mauer vorbeigingen, dachten wir, wir w�rden an der Dorfbank vorbeigehen, und jeder Stein sei ein Tausend-Dollar-Schein oder sowas, und wir dachten, sie h�tten sich eine sehr clevere M�glichkeit einfallen lassen, einen Bankraub unm�glich zu machen, nur, da� wir uns auch unsere Gedanken machten, nachdem wir an einer Mauer nach der anderen vorbeigekommen waren, und wir uns schlie�lich fragten, weshalb sich diese Leute keine Toiletten kauften, wenn sie doch soviel Geld hatten. Was nat�rlich dumm ist, wenn man richtig dar�ber nachdenkt, doch wir wanderten einfach weiter, krank wie die Hunde, aber entschlossen, den Everest zu sehen oder bei dem Versuch zu sterben, und allm�hlich bekamen wir den Eindruck, es w�rde sehr knapp ausgehen.</p><p>Doch eines Morgens stand ich fr�h auf, um drau�en zu pinkeln, und als ich aus dem Teehaus kam, waren alle Wolken verschwunden. Es war das erste Mal, da� sie uns nicht buchst�blich um die Nasen hingen. Bislang hatten wir nicht �ber unsere Kapuzenspitzen hinaussehen k�nnen und waren durch Nebel und Wald marschiert, als bef�nden wir uns im dichtesten Amazonas, und hatten nicht die geringste Ahnung gehabt, was um uns herum war. Als ich also an diesem Morgen aus der T�r trat, hatte ich den Himalaja noch nie richtig gesehen. Ich stamme aus Arkansas. Ich glaube, jeder stellt sich nach dem, was er zu Hause in seiner Kindheit gesehen hat, vor, wie gro� die Dinge sind, und wo ich herkam, waren die T�ler nicht gr��er als eine Farm, die Fl�sse B�che, die man fast �berall durchwaten konnte, und die Berge H�gel, die bestenfalls vielleicht hundert Meter hoch waren. Die Landschaft hatte einen gewissen Ma�stab, und f�r mich mu�te es �berall so sein; das war die nat�rliche Ordnung, daran war ich gew�hnt. Als ich also am Dudh Kosi aus diesem Teehaus trat und mich blinzelnd im Licht der D�mmerung umsah, tief hinab in diesen gewaltigen <emphasis>Ri�</emphasis> in der Welt, der anscheinend ein <emphasis>Tal</emphasis> war, das zu durchwandern wenigstens einen Tag und hinaufzusteigen eine Woche dauern w�rde�� und dann, als ich hinter diesem fast zwei Kilometer tiefen Tal stand und hoch, hoch, <emphasis>hoch</emphasis> dar�ber diese gewaltigen, spitzen, schneebedeckten Felst�rme sah, die offensichtlich <emphasis>unglaublich hohe Berge</emphasis> waren �! Na ja, wenn ich nicht die Z�hne zusammengebissen h�tte, w�re mir das Herz glattweg aus dem Mund gesprungen. Und seit diesem Tag habe ich den Himalaja nie wieder verlassen.</p><p>Das erkl�rt nat�rlich nicht ganz, wie ich zu einem tibetanischen buddhistischen M�nch geworden bin, doch wenn ich die ganze Geschichte erz�hlen w�rde, wie ich Kunga Korbu traf, sein Sch�ler wurde und in Tibet untertauchte, w�rde ich ewig brauchen, und au�erdem schielte George schon nach innen, w�hrend ich ihm all das �ber meine Vergangenheit erz�hlte. Er war mit dem Essen fertig, und so winkte er mit der Hand und unterbrach mich.</p><p>�Shambhala, Freds, Shambhala. Du wolltest mir von Shambhala erz�hlen.�</p><p>�Ja, das tu ich doch.�</p><p>�Du k�nntest mich dorthin f�hren?�</p><p>�Klar. Willst du es dir mal ansehen?�</p><p>�Ob ich Shambhala besuchen will? Ob ich Shangri-La sehen will? Verdammt, warum hast du das nicht von vornherein gesagt?�</p><p>�Weil es nicht darum geht, Shangri-La zu besuchen. Es geht darum, Shangri-La zu retten, und das mu� hier geschehen. Au�erdem h�ttest du mir nicht geglaubt, wenn ich dich einfach aus heiterem Himmel gefragt h�tte, ob du Shambhala besuchen willst.�</p><p>�Ich glaube dir immer noch nicht, Freds. Aber wir haben Monsunzeit. Ich habe nichts Besseres zu tun. Und wenn du recht beh�ltst � tja �� Er grinste. �Du bringst mich dorthin und zeigst es mir, und dann will ich sehen, ob ich dir helfen kann.�</p><empty-line/><p>Also verlie�en wir ein paar Tage sp�ter das Hotel Star im Morgengrauen und weckten einen der Taxifahrer, deren Wagen ihre Burg ist, und lie�en uns zum Busbahnhof fahren, und dort schnappten wir uns den richtigen Fahrkartenverk�ufer, der uns durch den Schlamm und die wartenden Busse zu einer klapprigen alten Kiste f�hrte, die schon �berf�llt war. Zu jeder anderen Jahreszeit w�ren wir schnurstracks aufs Dach geklettert und dort oben stilgerecht mitgefahren, doch wegen des Monsuns mu�ten wir uns ins Businnere zw�ngen. Ein Rawang und seine Frau und T�chter sa�en auf unseren Pl�tzen, und so setzten wir uns zwischen den Vordersitzen und der Querwand, die die Passagiere von der Fahrerkabine trennt, auf den Boden. Etwa eine Stunde sp�ter begann die f�r Katmandu typische Abfahrt. Aus dem Busbahnhof raus und angehalten, um die Tramper abzusch�tteln, die w�hrend der Fahrt die Lehmrampe hinauf aufs Dach gesprungen waren. Anhalten, um zu tanken. Anhalten, um im s�dlichen Stadtteil nach einem Motorteil zu suchen. Anhalten, um einen Platten auszuwechseln. Als sie den Ersatzreifen montiert hatten, stellten sie fest, da� sie den besch�digten Reifen nicht in die Halterung unter dem Bus bekamen, aus der sie den Ersatzreifen geholt hatten. Sie verbrachten eine geschlagene Stunde mit dem vergeblichen Versuch, und sogar der Fahrer stieg aus, um es sich anzusehen. Er war ein gro�er Kerl mit einem dicken schwarzen Schnurrbart und sah wie ein Ex-Gurkha aus. Normalerweise brachte ihn nichts aus der Ruhe. Er fuhr, und seine Leute hatten sich um etwaige Probleme zu k�mmern; also war es schon ein echtes Zugest�ndnis, sich den nicht anbringbaren Reifen anzusehen. Schlie�lich zuckte er die Achseln und zeigte auf den Bus, und seine Leute nickten, kamen an Bord, dr�ngten die auf dem Gang stehenden Passagiere etwas zur�ck, hievten den platten Reifen zur T�r hinein und die Stufen hoch und in den Gang, wo er so gro� wie ein Mitfahrer stand, aber wesentlich schmutziger.</p><p>Also verlie�en wir Katmandu gegen Mittag, wo wir doch um sieben Uhr hatten losfahren sollen, was wirklich nicht schlecht war. Jede Busfahrt in Nepal ist ein Abenteuer, das ich genie�e, doch George findet keinen Gefallen daran. Bei dieser Fahrt war er in eine Trance gefallen, um ihr zu entgehen. Jedesmal, wenn er aus ihr erwachte, schaute er zum Fahrer hin�ber und sah, wie der Mechaniker mit einer brennenden Zigarette zwischen den Lippen den Kopf in die Motorhaube steckte und bei laufender Maschine Anpassungen vornahm, und George st�hnte auf und fiel wieder in seine Trance. Ein Drahtk�fig mit H�hnern stand neben dem Reifen im Gang, und jedesmal, wenn die H�hner aufsahen, dachten sie, sie w�rden �berfahren, und kreischten wie verr�ckt, bis die Panik ihnen zu sehr zusetzte und sie einschliefen, nur, um wieder aufzuwachen und das ganze Trauma von neuem zu durchleben. Direkt neben den H�hnern sa�en drei schweizerische Trekker, die den dichten Dunst aus Zigaretten- und Maschinen�lrauch einatmeten, als sei er Ambrosia. Sie geh�rten zu jener Art schweizerischer Touristen in Asien, denen der Formel-409- Aspekt ihrer Kultur einen solchen Stre� bereitet, da� ihr Kompa� den Geist aufgibt und ihnen nichts besser gef�llt, als knietief im Schlamm und Mi�management irgendeiner zur�ckgebliebenen asiatischen Region zu wandern, woraufhin sich ein Ludwig van Neunte-Blick der Gl�ckseligkeit bei ihnen einstellt, wenn sie begreifen, da� es ihnen nirgendwo elend Schweiz-untypischer ergehen k�nnte als hier. Also war diese Busfahrt ein ausgesprochenes Vergn�gen f�r sie.</p><p>Mittlerweile fuhren wir gem�chlich aus dem Katmandu-Tal hinaus, entweder in �stliche oder in westliche Richtung, das werde ich Ihnen nicht verraten, und wie �blich wirkte es �beraus vertr�umt. Die Monsunwolken filterten das Licht, so da� die Gr�nfl�chen hervorsprangen wie in Kodak-Anzeigen; die D�rfer in der Ferne waren kleine braune Flecken, umgeben von B�umen, die in rosa- oder lavendelfarbiger Bl�te standen. Felder mit Fr�hreis wuchsen auf Hunderten von Terrassen in die Wolken hinauf, bis man nicht mehr genau sagen konnte, wie weit ein H�gel entfernt war, weil man nicht glauben mochte, da� jemand so sch�ne Terrassen auf solch einem H�gel anlegen konnte. Die H�gelkuppen wurden von einer Wolkenschicht abgeschnitten, die tiefer sank und dunkler wurde, bis der sch�ne Anblick schlie�lich von einem Wolkenbruch ausgel�scht wurde, einem so dichten Regen, da� es den Anschein hatte, Gott habe den Indischen Ozean ausgesch�pft und leere die Kelle nun auf uns. Ein typischer Monsun-Nachmittag. Ich glaube nicht, da� der Fahrer �ber die Windschutzscheibe hinaus sehen konnte, doch er beugte sich einfach etwas vor und fuhr mit unver�nderter Geschwindigkeit weiter.</p><p>Danach konnte man nur noch meditieren oder die Geschicklichkeit des Fahrers bewundern, der blindlings gewaltigen Schlagl�chern auswich und den Bus �ber Erdrutsche f�hrte, die die ganze Stra�e unter sich begraben hatten. Solche Erdrutsche wurden niemals abgetragen; man fuhr einfach so oft �ber sie hinweg, bis eine neue, wenn auch holprige und schiefe, Spur entstanden war. Doch unser Fahrer fuhr im Schrittempo dar�ber hinweg und nutzte jede Unebenheit aus, um nicht stehenzubleiben, wobei der Motor sich etwa genauso schnell drehte wie die R�der, und jedesmal prallten wir wieder sicher auf die wirkliche Stra�e auf und setzten den Weg mit unserer H�chstgeschwindigkeit von etwa vierzig Stundenkilometern fort.</p><empty-line/><p>Als unsere Blasen allm�hlich zu ex- und unsere Gehirne zu implodieren drohten, hielten wir an einem an der Stra�e liegenden Dorf an. Die Dorfbewohner dr�ngten sich um den Bus, um uns zu begr��en, und wir brachen wie Footballst�rmer durch ihre Reihen und liefen in beide Richtungen die Stra�e entlang zu den Enden des Dorfs, um uns zu erleichtern. George und ich und die Schweizer wurden von den Kindern des Dorfes besonders dicht belagert, und als wir in die B�sche pinkelten, kicherte eine betr�chtliche Zuschauerschaft �ber unsere Versuche, nicht in die trostlosen und zahlreichen Verdauungsr�ckst�nde der Reisenden zu treten, die vor uns hier gewesen waren. Nat�rlich hat ein Stra�endorf ein wesentlich gr��eres Feld zum Schei�en als ein typisches Bergdorf, und an Georges Gesichtsausdruck erkannte ich, da� ich ihn nicht eigens auf diese Tatsache hinweisen mu�te.</p><p>Wir kehrten zum Dorfplatz zur�ck und nahmen an einem Tisch unter einem langen Blechdach Platz. Es war nicht allzu viel Raum zwischen der Stra�e und einem Flu�, und dieses offene Geb�ude beanspruchte den gr��ten Teil davon. Die Geb�ude an der Stra�e und den H�gel hinauf waren verlassen worden und standen im Begriff, abgerissen zu werden. Schweigende Frauen servierten uns gro�e Metallplatten mit breiartigem Dhal Baat, und Kinder drangen auf uns ein und bettelten um Geld. Ein Bursche, der vielleicht wie acht aussah, durchaus aber vierzehn sein konnte, rauchte eine handgedrehte Zigarette und sagte immer wieder: �Bonbons? Kippen? Dollar? Kugelschreiber?� Eine Horde j�ngerer Kinder jagte ein Schwein von Pf�tze zu Pf�tze und zog es am Schwanz, bis sie beinahe von einem vorbeibretternden Jeep �berfahren worden w�ren. Dorfbewohner liefen hinaus, um die Insassen zu begr��en, doch der Jeep hielt nicht an.</p><p>George verzichtete auf sein Dhal Baat und kaufte eine Flasche Limonade und zwei P�ckchen Nabico-Waffeln. Das entsprach seiner �blichen kulinarischen Strategie beim Trekking, die er prophylaktische Ern�hrung nannte. Sie m�ssen wissen, da� er sich von einer fr�hen Begegnung mit einem Teller Dhal Baat, bei dem der Reis unzureichend ges�ubert war, niemals wirklich erholt hatte; es hatte geschmeckt, als w�rde man <emphasis>�rohen Schlamm</emphasis> direkt vom <emphasis>Boden</emphasis> fressen�, wie er immer wieder gern erz�hlte. Danach konnte er das Zeug nicht einmal ansehen, ohne sich �bergeben zu m�ssen, und praktizierte nicht nur prophylaktischen Antibiotikagebrauch, womit gemeint ist, da� er sich t�glich ein paar Pillen einschmei�t, um Bakterien zu entmutigen, sich in ihm festzusetzen�� sondern auch seine prophylaktische Ern�hrung, womit gemeint ist, da� er lediglich gekochte Kartoffeln i�t, die er selbst gesch�lt, hartgekochte Eier, die er selbst gepellt, Nebico-Waffeln, die er selbst ausgepackt hat, und Wasser trinkt, das er selbst gefiltert und dreimal jodiert hat. Das hilft zwar nicht, doch er f�hlt sich trotzdem besser.</p><p>Also sa�en wir da, und George a� seine neutrale Di�t, und die Wolken pi�ten auf uns herab, und die Dorfbewohner standen entweder um einen kleinen Holzofen unter dem Blechdach herum oder liefen hinaus, um ein gelegentlich vorbeikommendes Fahrzeug zu begr��en, und alles in allem war es wie ein Schauspiel namens �Die Erniedrigung des nepalesischen Stra�endorfs�, das man eigens f�r George auff�hrte, nur, da� es echt war. Stra�en werden gebaut, und die Leute benutzen sie entweder, um nach Katmandu zu fahren und sich dort zu den Arbeitslosen zu gesellen, oder sie bleiben zur�ck und versuchen, vom Stra�enverkehr zu leben, was klappen k�nnte, wenn nur ein paar es versucht h�tten; doch da es nun alle versuchten, konnte es keinem gelingen, und um sie herum zerfielen die Terrassen im Regen.</p><p>Doch ich sagte zu George nie ein Wort dar�ber. Ich lie� ihn einfach allein, damit er zusehen konnte.</p><p>Eine Stunde sp�ter kam die Begleitmannschaft des Busses zum Schlu�, da� es an der Zeit f�r die Weiterfahrt sei, und wir alle stiegen wieder ein, dr�ngten uns auf unsere Pl�tze und fuhren los, etwa zu der Zeit, da wir an der Endstation eintreffen sollten. Kurz darauf bogen wir nach links auf eine Stra�e ab, die aussah, als sei sie einem Stra�enbaulehrbuch entsprungen, eine schmale Asphaltlinie, auf der an der breitesten Stelle vielleicht zwei Busse nebeneinander Platz hatten, schwarz wie Kohle und v�llig eben, mit Betonrinnen und Markierungen und Tr�gern und Abzugsgr�ben und dichtem Stacheldraht an den zahlreichen Kurven, die die Stra�e machte. �He�, sagte George schon wieder fr�hlicher. �Die Schweizer waren hier.�</p><p>�Genau�, sagte ich. �Das ist die Stra�e, die sie bis nach Chhule f�hren wollen.�</p><p>�Und die Schweizer bauen sie?�</p><p>�Nee, die sind schon fertig. Jetzt baut ein anderer weiter, aber niemand wei� genau, wer.�</p><p>Die scharfen Kurven verliefen wie N�hmaschinenn�hte �ber den H�gel, doch trotzdem war die Stra�e ziemlich steil, und unsere alte Karre konnte sich nur im Schrittempo hinaufw�lzen und wurde in den Kurven sogar noch langsamer. Jede Haarnadelkurve verlangte dem Fahrer das �u�erste ab, denn dieser Bus hatte wie alle indischen Busse ein Lenkrad, das man drei- oder viermal drehen mu�te, nur, um einem Fels auf der Stra�e auszuweichen, geschweige denn, eine S-Kurve zu bew�ltigen. Unser Fahrer mu�te sein gro�es Lasso wie ein Cowboy auf dem Viehtrieb schwingen, w�hrend sich einer seiner Assistenten aus der T�r lehnte, um ihm zu sagen, wieviel Platz noch blieb, bevor wir von der Stra�e und die Schlucht hinab fielen. Das Signalsystem des Assistenten bestand aus Panikrufen unterschiedlicher Intensit�t, so da� wir jedesmal, wenn wir eine Rechtskurve nahmen, glauben mu�ten, es sei das Ende; die H�hner unterst�tzten uns in dieser Auffassung noch. So ging es den ganzen Nachmittag hindurch. Wir gewannen nur an H�he, so da� wir drei Stunden, nachdem wir das Stra�endorf verlassen hatten, noch immer genau auf seine D�cher hinabsehen konnten, eine Tatsache, mit der sich George anscheinend nicht abfinden konnte. �Sieh dir das an�, st�hnte er nach jeder Kurve, �es ist <emphasis>immer noch</emphasis> da.� Doch dann erreichten wir die Wolkendecke und konnten �berhaupt nichts mehr sehen.</p><p>Stunden verstrichen, und es wurde dunkler. Der Fahrer starrte �ber die Abziehbilder auf seiner Windschutzscheibe in dicken Nebel und fuhr mit Telepathie. Mir wurde allm�hlich richtig warm und behaglich zumute; die Bewegungen des Busses lullten mich ein, als sei ich in einem Teehaus und der Motor ein Ofen. Ich liebe solche Reisen. Ich meine, was macht das Leben denn so sch�n, wenn man es genau nimmt? Schlechte Tage, wenn Sie mich fragen. Wir waren schlie�lich auf dem Weg nach Shambhala. Niemand konnte erwarten, da� es einfach sein w�rde.</p><p>Nachdem George schlie�lich ebenfalls s�mtliche verg�nglichen Gef�hle hinter sich gelassen hatte, wurde er philosophisch. �Du bringst mich besser zu dem echten Ort�, sagte er.</p><p>�Ist er�, erwiderte ich.</p><p>Er schaute zweifelnd drein. �Ich sehe ja ein, da� ein abgelegenes Tal in den alten Zeiten verborgen bleiben kann, doch wie wollen sie das heutzutage anstellen? Ich meine, wie verhindern sie, da� Satelliten sie aufnehmen?�</p><p>�Gar nicht. Sie sind auf den Satellitenfotos.�</p><p>�Ich dachte, es sei eine geheime Stadt?�</p><p>�Ist es auch, aber heute ist es eher eine getarnte Stadt. Die Regierung in Katmandu wei�, da� es da ist, aber sie glauben, es sei einfach eins ihrer kleinen Hochtald�rfer mit einer tibetanischen Bev�lkerung. Jemand aus dem Bezirkspanchajat schaut gelegentlich mal vorbei, und alle sind freundlich zu dem Mann, sagen ihm aber nicht, wo er wirklich ist. Das Kloster sieht gar nicht so bedeutend aus, und wenn Besucher kommen, bleiben die meisten Lamas au�er Sicht. Sie bezahlen ihre Steuern, schicken einen Vertreter ins Panchajat und so weiter und werden in Ruhe gelassen wie alle anderen abgelegenen D�rfer auch.�</p><p>�Dann sieht es gar nicht magisch aus?�</p><p>�Nicht f�r den Steuereintreiber.�</p><p>�Keine goldenen T�rme und Kristallpal�ste und so weiter?�</p><p>�Im Kloster haben sie schon einige Sch�tze. Aber kaum jemand aus Nepal kommt je vorbei. Katmandu h�lt es f�r ein tibetanisches Dorf, das auf die falsche Seite geriet, als sie sich mit China �ber die Grenze einigten. Was ja im Prinzip auch stimmt. Au�erdem schenkt Katmandu D�rfern direkt vor der Haust�r keine Beachtung, geschweige denn so abgelegenen wie diesem.�</p><p>�Also ist es sicher.�</p><p>�Aber wenn zu viele Leute vorbeik�men, w�rde das Geheimnis auf jeden Fall auffliegen.�</p><p>�Daher die Stra�enparanoia.�</p><p>�Genau.�</p><p>Viel sp�ter hielten wir in Hochd�rfern an, die von Benzinlampen und den Scheinwerfern des Busses erhellt wurden. Bei jeder Haltestelle stiegen ein paar Passagiere aus, und die anderen fielen wieder in ihre Lethargie, bis wir schlie�lich nach Mitternacht in ein v�llig dunkles Dorf rollten, das die Endstation war. Der Fahrer dr�ckte auf die Hupe, und wir taumelten wie Kr�ppel aus dem Bus hinaus, und die Teehaus-Wirte kamen, um uns aufzulesen.</p><p>Nachdem wir unsere Rucks�cke vom Dach des Busses geholt und festgestellt hatten, da� sie v�llig durchn��t waren, folgten George und ich einem Mann in ein Teehaus, in dem ich schon einmal abgestiegen war. Als wir zu dem �berf�llten Schlafsaal im Obergescho� hinaufstiegen, sah ich in die K�che, und dort kauerte im harten Schein einer Coleman-Lampe unser Busfahrer am Ofen; mit gleichm�tigem Gesichtsausdruck und regelm��igen Bewegungen machte er sich �ber den letzten Rest einer gro�en Stahlplatte her, schaufelte mit den H�nden gekochten Reis in sich hinein und schlang ihn hungrig wie ein Wolf hinab. F�r ihn war es ein Arbeitstag wie jeder andere gewesen�� siebzehn Stunden lang hatte er in schrecklichem Wetter einen lausigen Bus �ber schlechte Stra�en gesteuert und dabei sicher zehn Trillionen mal das Lenkrad gedreht, und irgendwie machte mich der Gedanke gl�cklich, da� solche Helden direkt aus Homers Werken noch �ber das Antlitz dieser Erde wandelten. Wenn wir am n�chsten Morgen aufstanden, w�rden er und seine Leute schon l�ngst wieder unterwegs sein, zur�ck nach Katmandu, wo sie umdrehen und am n�chsten Tag die gleiche Fahrt erneut beginnen w�rden. Manche Menschen m�ssen f�r ihren Lebensunterhalt wirklich arbeiten.</p><empty-line/><p>Das Dorf am Ende der Stra�e war im gleichen Zustand wie das Stra�endorf tags zuvor. Es konzentrierte sich um die gro�e staubige Fahrbahn, die es teilte. Neue Geb�ude scharten sich um das Ende der Stra�e, alte Geb�ude wurden abgerissen, um Baumaterial oder Feuerholz aus ihnen zu gewinnen, und die ganze Sache war von Feldern zum Schei�en umgeben, besonders am Flu�, der am anderen Ende des Dorfes vorbeiflo�. Das ist wegen des Mangels an Toilettenpapier unumg�nglich, ist ihrer Wasserversorgung aber nicht gerade f�rderlich. Als wir unser morgendliches Gesch�ft erledigten, sagte George: �Ich verstehe nicht, warum sie nicht an unsichtbare Bazillen glauben k�nnen. Luft ist unsichtbar. Ihre G�tter sind unsichtbar.�</p><p>�Die Bakterientheorie ist einfach nicht intuitiv erkennbar, George.�</p><p>�Die Religion auch nicht.�</p><p>�Dessen bin ich mir nicht so sicher.�</p><p>�Aber warum sollte es da einen Unterschied geben?�</p><p>�Vielleicht ist der Grund f�r die Existenz des Universums f�r die meisten Menschen eine dr�ngendere Frage als der Grund, weshalb sie einen flotten Otto kriegen.�</p><p>�Das ist doch verr�ckt.�</p><p>�Au�erdem�, sagte ich, �wenn du eine gute Antwort auf die erste Frage hast, dann ist die zweite doch auch beantwortet, oder?�</p><p>Er blinzelte mich nur mit diesem eigent�mlich argw�hnischen Blick an, mit dem er mich so oft bedachte.</p><p>Wir kehrten zu unserem Teehaus zur�ck und machten uns nach einem Fr�hst�ck aus Nebico-Waffeln und hartgekochten Eiern auf den Weg. Die Rucks�cke auf, den Trail suchen. Endlich auf dem Trek.</p><p>Zu den meisten Jahreszeiten h�tte es wirklich Spa� gemacht�� das Trekking ist eine der sch�nsten Besch�ftigungen, die die Menschheit kennt. Doch im Monsun wird alles sehr na�. Die Trails werden zu B�chen, aus B�chen werden Fl�sse, aus Fl�ssen werden Killerstr�me. Ungeziefer, Schimmelpilze, F�ulnis, Feuchtigkeit und Krankheiten schnellen sprunghaft in die H�he.</p><p>Ich pers�nlich wandere gern im Monsun. Aber ich nehme einen kleinen Regenschirm und ein paar Stulpenstiefel mit, deren Sohlen ich so tief eingeschnitten habe, da� sie fast an Gummisohlen erinnern, und so hatte ich weniger Probleme mit den schl�pfrigen Wegen als George, der dieses Zubeh�r f�r unter seiner W�rde hielt und nun die Konsequenzen tragen mu�te. Er rutschte die meisten H�gel hinab, und sein Kopf war immer na�; aus Erfahrung wei� ich, da� dies selten der guten Laune zutr�glich ist.</p><p>Dennoch marschierten wir. Allerdings mu�ten wir auf die hervorragende Aussicht verzichten, die zu anderen Jahreszeiten immer solch ein Genu� ist. Im Monsun sieht man nur Wolken, Nebel, Regen und was sonst noch in der kleinen Blase des Sichtfelds auszumachen ist, und alles sieht gr�n und na� und irgendwie �berirdisch aus, nun, da man seine Aufmerksamkeit auf seine unmittelbare Umgebung und nicht auf die Ferne konzentriert. Die moosbewachsenen B�ume sehen fremd und unwirklich aus, der Weg ist ein r�tlicher Schlammstreifen, der einen durch tropfnasse gr�ne Kriechpflanzen f�hrt, und eine gelegentliche Gebets- oder Mani-Mauer erhebt sich aus dem Nebel wie etwas aus dem <emphasis>Bhagavad Gita,</emphasis> was sie gewisserma�en ja auch ist. Und dann und wann erscheinen durch Risse in den Wolken die Berge, als fl�gen sie �ber einen hinweg. Oh, es hat schon seinen ganz eigenen Reiz, im Monsum auf Trekking zu gehen, und wenn man einen Regenschirm dabei hat und die richtigen Stiefel und einen Stock, um die Blutegel zur Seite zu schieben, kann es wirklich Spa� machen.</p><p>Wenn man jedoch nicht �ber dieses Zubeh�r verf�gt, ergeht es einem wie George. Keine seiner Gruppen ist je im Monsun auf Trekking gegangen, und so hatte er nat�rlich auch keine Erfahrung damit, und nun bezahlte er den Preis daf�r, weil er vergessen hatte, wie man es richtig anstellt, falls er das �berhaupt jemals gewu�t haben sollte. Er rutschte immer wieder auf schl�pfrigen Abschnitten aus und trat in die B�che, bis er selbst ausgestreckt in der Badewanne nicht nasser h�tte sein k�nnen. Regen lief ihm in die Augen, und da er annahm, es g�be sowieso nichts zu sehen und folglich nicht aufpa�te, wurde er immer wieder von Blutegeln angesprungen, was zwar schmerzlos und ohne negative Folgen ist, aber unangenehm, wenn man es nicht mag. Wir marschierten an B�schen oder hohem Gras vorbei, und wenn man aufpa�te, sah man, wie einige der kleinen schwarzen �ste wackelten; die Tierchen sp�ren die W�rme, die man ausstrahlt, und springen dann an Bord und w�hlen sich durch Socken, Hosen oder Stiefel und saugen einem das Blut aus. Wann immer George zu seinen Beinen hinabsah und einen erwischte, heulte er laut auf. �Schei�e! O mein Gott, <emphasis>Blutegel!�</emphasis></p><p>�Sch�tte Insektenpulver auf sie, und sie fallen sofort ab.�</p><p>�Das <emphasis>wei�</emphasis> ich.� Und er lie� seinen Rucksack in eine Pf�tze fallen und beeilte sich, als h�tten sich kleine Klapperschlangen auf ihm festgesetzt.</p><p>Ich wollte ihn etwas aufmuntern und sagte: �Als ich zum ersten Mal mit meinen Kumpeln hierher kam, hatten wir auch diese Scherereien, und du wei�t ja, wenn manche Leute zu Hause am Unterarm von Moskitos gestochen werden, spannen sie den Unterarmmuskel an. Die Moskitos k�nnen dann nicht nur den Stachel nicht hinausziehen, sie haben auch kein �berlaufventil, und so saugen sie dein Blut, bis sie platzen, und in der Gegend, aus der ich komme, halten wir das f�r einen gro�en Spa�. Also setzt sich ein Blutegel auf dem Unterarm meines Kumpels fest, und mein Kumpel sagt: �He, dem werd� ich beibringen, einen Burschen aus Arkansas zu bei�en, ich la� ihn platzen wie einen Moskito!�, und er spannt den Unterarm an, und wir sehen zu. Aber das war nicht nur ein Blutegel, das war anscheinend so ein Rinderegel, der zehn Millionen mal soviel Blut saugen kann wie ein Moskito. Am Anfang war er so gro� wie ein winziger Zweig, aber er wurde immer gr��er und gr��er und gr��er, bis er wie eine schwarze Massermelone am Arm meines Freundes hing. Der klappte ohnm�chtig zusammen, und wir dr�ckten an dem Blutegel herum, um ihn dazu zu bringen, einen Teil des Blutes wieder abzugeben, bevor wir ihn wegbrannten, aber mein Kumpel war danach noch eine Woche lang bla� wie ein Bettuch. Ist das nicht lustig?�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>Wir marschierten drei Tage lang. Die ganze Zeit �ber nahmen wir den Weg, den auch die geplante Stra�e nehmen w�rde, wenn sie gebaut werden w�rde. Ich wies George des �fteren darauf hin, doch die Aussicht schien ihn nicht zu st�ren. Ganz im Gegenteil, schlie�lich schien er der Meinung zu sein, eine Stra�e w�re doch keine so schlechte Idee.</p><p>Am vierten Morgen sagte er: �Komm schon, Freds, wo ist dieser Ort?�</p><p>�Wir sind fast da. Nur noch ein paar Tage. Doch zuerst m�ssen wir uns querfeldein um Chhule schlagen.�</p><p>�Was? Warum?�</p><p>�Dort ist der nepalesische Armeeau�enposten. Wie du wei�t, d�rfen Trekker nicht weiter n�rdlich wandern. Das ist die Zone, die sie mit den Chinesen vereinbart haben.�</p><p>�Ah. Die nehmen die Sache ernst, was?�</p><p>�Darauf kannst du wetten. Die haben ein ganzes Bataillon in Chhule stationiert, vielleicht hundert Soldaten, um alle bis auf die Einheimischen daran zu hindern, weiter n�rdlich zu wandern.�</p><p>�Aber was ist mit dieser Stra�e, �ber die du dir solche Sorgen machst?�</p><p>�Sie wollen sie bis nach Chhule bauen. Das liegt Shambhala so nahe, da� es fatal f�r das Tal w�re.�</p><p>�Gut.�</p><p>�Was?�</p><p>�Ich meine, gut, da� wir es nicht mehr so weit haben.�</p><p>�Ja, wir sind fast da.�</p><p>Was beinahe den Tatsachen entsprach. Doch.wenn wir den Trail verlassen mu�ten, um Chhule zu umgehen, mu�ten wir querfeldein wandern, und es gibt nichts Schwierigeres, als in den W�ldern des Himalaja querfeldein zu wandern. Das Gel�nde dort ist na�, steil und dicht mit blutegelverseuchtem Buschwerk bewachsen�� es ist eine schrecklich harte Arbeit, in einem Land, das normalerweise den Yetis �berlassen bleibt, die sich nat�rlich dar�ber freuen. Doch es gibt eine Art Gesims hoch �ber dem Dorf, das man als Weg benutzen kann, wenn man es findet�� die Leute aus Shambhala benutzten es seit der Gr�ndung Chhules, doch sie versuchten, keine Spuren zu hinterlassen, so da� man es in den Wolken und dem Nebel nur schwer ausmachen konnte. Am Sp�tnachmittag hatten wir uns den Weg durch das Unterholz auf dieses Sims gehackt und sogar eine fast ebene Stelle gefunden, auf der wir unser Nachtlager aufschlagen konnten.</p><p>George lie� sich jedoch weder �berzeugen, da� dies eine brauchbare Lagerst�tte war, noch, da� wir wirklich auf dem Weg nach Shambhala waren.</p><p>�Was hast du dir vorgestellt?� sagte ich. �Hast du gedacht, es sei leicht, nach Shambhala zu kommen? Es f�hren keine breiten Autobahnen dorthin. Wir haben soeben das letzte St�ck Trail hinter uns gelassen. Der Rest des Weges geht querfeldein.�</p><p>Das stimmte, doch nachdem wir Chhule hinter uns gelassen hatten, konnten wir wieder auf den Talgrund hinabsteigen. Dort marschierten wir augenblicklich in den Schutz eines gewaltigen Rhododendron-Waldes, der gute drei Kilometer des Tals ausf�llte. Da der Monsun dieses Jahr so fr�h gekommen war, stand der ganze Wald noch in Bl�te; jeder Baum war eine Explosion �ppiger rosa- oder lavendelfarbiger oder wei�er Bl�ten, jede Bl�te war gro� und hell und schimmerte feucht. Wir schritten unter einem Dach aus Millionen dieser Wunder einher, w�hrend der Nebel zwischen den knorrigen schwarzen �sten wogte, und der Anblick war so seltsam und beeindruckend, da� sogar George die Klappe hielt und mit aufstehendem Mund marschierte.</p><p>Hinter dem Rhododendron-Wald gerieten wir in das seltsame tropisch-arktische Unterholz, das die T�ler des Himalaja in einer H�he zwischen etwa viertausend bis f�nftausend Metern bedeckt. Das ist Gottes Land, wenn Sie mich fragen, Bergwiesen, auf denen Heidekraut w�chst, dornige Moosarten, Flechten, kleine Str�ucher und Hochgebirgs- und Tundrablumen. Das Tal hier war eindeutig U-f�rmig, ein Gletscherding mit steilen Felsw�nden, und wir krochen hinauf wie Ameisen auf dem Boden eines leeren Swimming-Pools. Der Talgrund wurde von zahlreichen silbernen Wasserl�ufen durchzogen, und als wir neben diesen Gletscherb�chen wanderten, konnten wir h�ren, wie Felsen �ber ihren Grund rumpelten und die B�che praktisch umleiteten, w�hrend wir zusahen. Und auf beiden Seiten des Tals t�rmten sich die schneebedeckten steilen Gipfel des Himalaja-Massivs auf, obwohl wir sie auf diesem Trek wegen der Wolken so gut wie nie sahen.</p><p>Wir n�herten uns der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Im allgemeinen verlaufen die Gebirgsz�ge von Osten nach Westen, doch es gibt unz�hlige Ausl�ufer, alle derma�en verzogen und verdreht, wie man es nur erwarten kann, wenn ein Kontinent mit hoher Geschwindigkeit unter einen anderen st��t. Die politische Grenze versucht dem Verlauf des Gipfelkamms zu folgen, doch an einigen Stellen bilden die Gebirgsz�ge praktisch Knoten, und man kann gar nicht mehr so genau erkennen, was eigentlich der �Kamm� ist. In solchen Gegenden wird der Grenzverlauf immer zweifelhaft, und genau an einer dieser zweifelhaften Stellen, an der sechstausend Meter hohe Bergz�ge ineinandersto�en und einige Gipfel auf �ber siebentausend Meter hochsto�en, liegt das Hochtal von Shambhala.</p><p>Doch noch einige Kilometer s�dlich davon gerieten George und ich an eine Y-f�rmige Kluft in unserem Tal, die Wege nach Westen und Norden anbot. Die rechte Gabel stieg langsam zu einem Pa� an, der jahrhundertelang als bedeutende Handelsstrecke zwischen Nepal und Tibet gedient hat. Wegen diesem Pa�, dem Nangpa La, befand sich der Armeeposten in Chhule�� er hatte die Aufgabe, ihn zu schlie�en.</p><p>Die linke Gabelung wurde von einer hohen Felswand blockiert, die wir erkletterten, und dar�ber lag ein langes schmales Hochtal, dessen Grund noch von einem Gletscher erf�llt wurde. Wir folgten dem Gletscher hinauf zu einem hufeisenf�rmigen Ring spitzer Gipfel. Diese Hufeisenwand war Shambhalas letzter Schutz vor zuf�lligen Besuchern, und als wir zum Kopf des Gletschers marschierten und auf das Tr�mmergestein, die Schmelzteiche und blauen Eisnadeln hinabsahen, und dann hinauf zu der gro�en gebogenen Wand aus zerschmetterten Gestein, sagte George pl�tzlich: �Verdammt, Freds, bist du sicher, da� du dich nicht verirrt hast?�</p><p>Dummerweise war das genau die Stelle, an der ich mich immer verirre. Ich wu�te, welche niedrige Stelle in dem hufeisenf�rmigen Ring unser Pa� war, doch den Gletscher und die Schneebetten zu �berqueren, um zu seinem Fu� zu gelangen, war nicht einfach, besonders, wenn Wolken aufzogen und das Tal mit Nebel f�llten, der so dick wie Erbsensuppe war. Doch schlie�lich brachte ich uns dorthin, indem ich vereinzelten Spuren von Yetis folgte. Die Yetis nehmen immer den einfachsten Weg �ber zerrissenes Land, doch sie springen auch �ber Schluchten, die Menschen nur erschaudernd anstarren k�nnen, und so kann man sich nicht immer darauf verlassen, da� sie einen auch zum Ziel f�hren.</p><p>Am Fu� der Wand mu�ten wir auf einer felsigen Ebene, die wie der Golfplatz des Teufels aussah, unser Lager aufschlagen. Und am n�chsten Morgen schneite es heftig, elende Bedingungen f�r einen Pa� von �ber sechstausend Metern H�he, doch es war sinnlos, den Sturm abzuwarten, da es vielleicht zwei Monate lang schneien w�rde, und so legten wir Steigeisen an und machten uns an den Aufstieg. Bald waren wir so hoch, da� nicht einmal Flechten wuchsen. Dann und wann sahen wir Abdr�cke im Schnee, von Menschen, Yetis und Schneeleoparden, und noch h�her sahen wir gelegentlich Vogelkot. Und am Nachmittag wurden zu Georges �berraschung die Wolken fortgeweht. Der Monsun regnet sich an der nepalesischen Seite der Gebirgsz�ge ab, und man hat jedes Jahr ein paar tausend Millimeter Niederschlag, doch gut drei�ig Kilometer n�rdlich, in Tibet, liegt die Ein�de v�llig im Regenschatten und bekommt so gut wie keinen Tropfen ab. Also gibt es auf dem Gebirgszug selbst alle m�glichen kleinen Nischen, in denen der Niederschlag zwischen den beiden Extremen liegt und in denen es wesentlich bessere Lebensumst�nde gibt. Das Tal von Shambhala hat in etwa das bestm�gliche Klima, das es in dieser Gegend gibt, und ich bin sicher, da� der Ort nicht zuletzt aus diesem Grund dort errichtet wurde.</p><p>Auf jeden Fall hatten wir die Wolken unter uns gelassen und standen nun in strahlendem, kaltem, windigem Sonnenschein �ber einem Wolkenmeer; hier oben waren die Schatten schwarz wie die Nacht, und jeder Fels stach so deutlich aus dem windgepeitschten Schnee hervor, als s�he man ihn unter einem Mikroskop. Wir waren kaum noch zweihundert Meter unter dem Sattel, und nun lie� sich deutlich eine schwache Linie von Fu�abdr�cken ausmachen, einzelne Abdr�cke, die riesige dicke Zehen enth�llten. �Sieh mal�, sagte ich. �Spuren von Yetis.�</p><p>�Komm schon, Freds. Ich glaube nicht an diesen Unsinn.�</p><p>�George, du selbst hast in Katmandu einen Yeti gerettet! Du hast ihn angezogen! Du hast ihn Jimmy Carter vorgestellt! Du hast ihm deine Dodgers-M�tze geschenkt!�</p><p>�Ja, ja.� Er schien dieser Erinnerung nicht besonders zu trauen. �Aber was h�tte ein Yeti hier oben verloren?�</p><p>�Was h�tte ein Mensch hier oben verloren, der hier barfu� marschiert?�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>Wir folgten den Fu�abdr�cken, die einen Zickzackkurs f�r unter ihrer W�rde hielten und zielstrebig dem Pa� entgegenstrebten. Die Luft war in der Tat d�nn, und wir brauchten eine Weile, um das letzte St�ck zu schaffen, doch dann sahen wir in dem Pa� Mani-Mauern und Pfosten mit Gebetsflaggen, die schon l�ngst vom unabl�ssigen Wind zerfetzt waren, und dieser Anblick half einem den Pa� hinauf; der letzte Abschnitt kam einem vor wie eine Rolltreppe.</p><p>Wir konnten es nur ein paar Minuten lang ertragen, im Pa� zu bleiben, so kalt war der Wind. Um uns herum liefen alle Gebirgsz�ge zusammen, nahmen uns die Sicht nach Tibet im Norden und eigentlich auch in jede andere Richtung. Hoch �ber dem Wind erklang ein kurzes, schriller Schrei, und ich zeigte mit dem Finger auf etwas, das wie ein sich bewegender Schneefleck aussah. Ein Schneeleopard, der half, das heilige Tal zu bewachen. Doch George schenkte diesem Anblick nicht mehr Glauben als seinem Ged�chtnis.</p><p>Dann begannen wir den Abstieg in ein schmales Tal, ein ziemlich hoch gelegenes, obwohl es in diesem Augenblick nicht so hoch schien, da wir ja schon h�her gewesen waren. Auf dem Talgrund lag das �bliche Ger�ll der m�andernden B�che verstreut, die sich durch winzige, gr�n und gelb bewachsene Terrassen schnitten. Dar�ber lagen verlassene H�tten von Yakhirten, ein paar kahle braune Kartoffelfelder, einige von Steinmauern ums�umte Weiden und Mauern mit Gebetsm�hlen. Weiter talw�rts hockten auf einer uralten Endmor�ne ein paar Steingeb�ude, deren Schindeld�cher in der Mittagssonne dampften. Die Geb�ude waren von Nomadenzelten umgeben. Kurz gesagt war es ein v�llig normales Himalaja-Gebirgsdorf, das sich vielleicht nur durch die Ruinen eines alten Klosters, das im Dzowg-Festungsstil auf einem Felsvorsprung der Seitenwand des Tals erbaut worden war, von jedem anderen unterschied.</p><p>Ich f�hlte, wie mein Herz im Einklang mit den Gebetsflaggen hinter uns gl�cklich schlug, und streckte eine Hand aus. �Da ist es�, sagte ich zu George. �Da ist Shambhala, da ist der Palast von Kaiapa, da ist das Lotus-K�nigreich!�</p><p>Er sah mich lange, lange an.</p><p>Tja, ich vermute, er hatte ein Disneyland-Schlo� oder ein paar Kristallh�user erwartet, die drei Meter �ber dem Boden schwebten, doch so ist es nun mal nicht. Ich mu�te ihm Zeit geben, sich daran zu gew�hnen, und so marschierte ich den Weg hinab, und er folgte mir.</p><p>Kurz �ber lang sprang Colonel John hinter einem Felsen hervor und br�llte �Halt!�, was seine Lungen hergaben. George erschreckte sich so sehr, da� er beinahe einen Herzschlag bekommen h�tte.</p><p>Vor uns stand ein kleiner, drahtiger Abendl�nder mit einem runzligen, schiefen Gesicht. Er trug einen Tarnanzug und hielt ein gro�es altes Maschinengewehr genau auf uns gerichtet.</p><p>�Schon in Ordnung!� sagte ich zu beiden. �Ich bin�s, Colonel. Ich und ein guter Freund.�</p><p>Er musterte uns mit einem vogel�hnlich starren Blick. Sein Gesicht war seltsam, runzlig wie das eines alten M�nchs, der zu viele Jahre in gro�er H�he in der Sonne verbracht hat�� oder, um den Kampfanzug zu ber�cksichtigen, als fechte er seit zwanzig oder drei�ig Jahren einen Gebirgskrieg aus. Ein gro�er, narbiger Ri� auf der linken Seite seines Kopfes verst�rkte den letzteren Eindruck, wie auch der milit�risch kurze Stoppelhaarschnitt der f�nfziger Jahre. Doch die Halsb�nder mit T�rkisen und Korallen und die Amulette auf seinem Tarnanzug sprachen eher f�r das M�nchsbild, wie auch seine Augen, in denen etwas Asiatisches lag. Alles in allem hatte es den Anschein, als seien ein alter tibetanischer M�nch und ein im Ruhestand lebender Ausbildungsunteroffizier des Marine Corps zu einem K�rper verschmolzen. Was mehr oder weniger ja auch der Fall war.</p><p>�George�, sagte ich vorsichtig, �das ist Colonel John Harris, ehemals bei der CIA und dem U.S. Marine Corps. Er k�mmert sich heutzutage um die Sicherheit des Tales.�</p><p>�Ich <emphasis>bin</emphasis> die Sicherheit des Tales�, schnappte der Colonel in einem mittelwestlichen Akzent.</p><p>�Na sch�n. Colonel, das ist George Fergusson. Er ist hier, um uns bei dem Problem der Stra�e, die nach Chhule gef�hrt werden soll, zu helfen.�</p><p>�Beweisen Sie�s�, schnappte der Colonel.</p><p>�Na ja�, sagte ich hilflos. Dann wechselte ich ins Tibetanische und sprach langsam und deutlich, da der Colonel einer der wenigen Menschen auf Erden ist, die das Tibetanische noch schlechter sprechen als ich. Ich intonierte ein kurzes Gebet an die Kongchog Sum, die Drei Edlen. <emphasis>�Sannggyela kyabsu chio�,</emphasis> sagte ich, was soviel hie� wie �Ich suche Zuflucht in Buddha!�.</p><p>�Ah!� sagte der Colonel und h�ngte sich das Gewehr um die Schulter. Er legte die H�nde zusammen und verbeugte sich nach Art der Novizen. �Geehrt durch Ihre Anwesenheit�, sagte er auf Tibetanisch. <emphasis>�Gendunla kyabsu chio�,</emphasis> was soviel hei�t wie �Ich nehme Zuflucht im M�nchtum!� Was f�r John allerdings zutraf.</p><p>�Wir sind zum Tal unterwegs�, sagte ich, im Tibetanischen bleibend. �Kommen Sie heute abend hinab?�</p><p>�Ich habe Wache�, sagte er. Er runzelte die Stirn und fuhr auf Englisch fort: �Bin morgen um null achthundert unten!�</p><p>�Dann sehen wir Sie beim Fr�hst�ck�, sagte ich und eilte den Weg hinab; George blieb mir dicht auf den Fersen.</p><p>�Wer, zum Teufel, war <emphasis>das?�</emphasis> fragte George, als wir au�er H�rweite waren.</p><p>�Tja, wei�t du, in Shambhala leben Menschen aus der ganzen Welt. Wenn sie �ber das Tal stolpern und die richtige Gesinnung daf�r haben, bleiben sie. Wenn sie nicht die richtige Gesinnung haben, erkennen sie es nicht einmal. Du w�rest �berrascht, wie viele Trekker zuf�llig �ber den Pa� kommen, einfach glauben, sie w�ren in einem x-beliebigen, entlegenen Dorf, und wieder verschwinden.�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>�Und wann ist dieser Colonel John eingetroffen?� sagt er schlie�lich.</p><p>�Er war beim CIA, als sie in den sechziger Jahren den Tibetanern halfen, den Widerstand gegen China zu organisieren. Du wei�t dar�ber Bescheid?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sie halten es echt geheim. John verbrachte ein paar Jahre mit einer Guerilla-Gruppe in Mustang. Also mu� er irgendwann Anfang der Siebziger hierher gekommen sein. Jetzt ist er ein M�nch, und gewisserma�en auch Shambhalas Verteidigungsministerium.�</p><p>�Verteidigungsministerium�, sagte George.</p><p>Wir preschten wie eine Lawine zu Tal und trafen kurz nach Sonnenuntergang mit pochenden Knien dort ein. Ich f�hrte George direkt zum Haus von Kunga Norbus Familie, und als ich zwischen den vertrauten dreist�ckigen Geb�uden die schmalen Steinstra�en entlangschritt, atmete ich die Ger�che von Milchtee und Rauch und nasser Yakwolle ein, und sie drangen wie ein Messer direkt ins Herz meiner Erinnerungen, und ich lachte und begr��te die Menschen, denen wir begegneten. Es hatte leicht zu schneien begonnen; die Flocken schimmerten wie Katzensilber in der Luft, und ich ertappte mich, wie ich �ber die Stra�en tanzte, trunken vor Freude, nach Hause gekommen zu sein.</p><p>Kunga Norbus �lteste Schwester Lhamo begr��te uns an der T�r mit einem breiten L�cheln, brachte uns hinauf in die K�che, lie� uns auf einer breiten Bank vor einer get�felten Wand Platz nehmen und schickte sich an, uns zu bewirten. Der gr��te Teil der Familie kam herein, um George zu betrachten und mit mir zu sprechen�� Kunga Norbus uralte Mutter, seine j�ngeren Schwestern und deren Familien, ein paar entferntere Verwandte, die sie aufgenommen hatten, und die Verwandten dieser Verwandten, bis wir dicht gedr�ngt sa�en. Ich w�rmte mir am Feuer die F��e und versuchte, mir mein Tibetanisch in Erinnerung zur�ckzurufen, um mich mit ihnen zu unterhalten. Lhamo tischte ein Festmahl auf, Tsampa und Buttertee nat�rlich, aber auch Yakk�se, Margambutter, eine trockne Creme namens <emphasis>Pumar</emphasis> und eine Art K�sekuchen, den sie <emphasis>Thud</emphasis> nennen, vielleicht wegen des Ger�uschs, mit dem er unten im Magen aufschl�gt. All die vertrauten Geschmackserfahrungen und Gesichter und der Geruch des Yakdungfeuers lie�en mich vor Zufriedenheit schnurren, und ich versuchte, ihnen von unserer Reise zu erz�hlen.</p><p>George schwieg nat�rlich w�hrend der Mahlzeit, und er trank keinen Buttertee und a� so wenig, wie es ihm m�glich war, ohne seine Gastgeber zu beleidigen. Doch selbst mit den paar Bissen war seine prophylaktische Di�t hinf�llig, und ich hatte den Eindruck, als mache ihm das schwer zu schaffen; er lauschte seiner Verdauungst�tigkeit und schien im Geiste zu �berlegen, wieviel Antibiotika er mitgenommen hatte. Er sah sich im Zimmer um, musterte die Teppiche und Sch�rpen und die Sch�sseln und T�pfe aus hellem verbeultem Kupfer und den schwarzen gu�eisernen Topf und die Vorh�nge und die flache Kohlenpfanne und die gro�en Butterf�sser und die <emphasis>Nyindrog- Truhen</emphasis> und den Webstuhl in der Ecke, und er sah m�de und geknickt aus, als habe er mit etwas v�llig anderem gerechnet. Ich sch�tze, er sah einen �berf�llten, rauchigen kleinen Holz- und Ziegelraum, und war deshalb so niedergeschlagen.</p><empty-line/><p>Nun ja, ich vermute, das Leben in einem buddhistischen Dorf im Himalaja enth�llt seine Sch�nheit nicht auf den ersten Blick, besonders im Monsun nicht, obwohl, wie ich schon sagte, das Tal, in dem Shambhala liegt, vor dem schlimmsten Wetter gesch�tzt ist. Trotzdem regnete oder schneite es fast jeden Tag eine oder zwei Stunden. Und seit die Chinesen Tibet eingenommen haben, leidet Shambhala unter �berbev�lkerung, da es gewisserma�en als geheimes Fl�chtlingslager dient. Deshalb umgeben die gro�en Zelte aus Yakwolle der Bergnomaden das Dorf, und deshalb waren die alten Steinh�user und das Kloster Kaiapa so �berf�llt. So viele Menschen schaffen nat�rlich Probleme, und der Zustand des Ortes war nicht angeten, George zu beeindrucken. Lhamo versuchte es, indem sie uns das beste Schlafzimmer im Haus gab, direkt �ber der K�che, wo es am w�rmsten war, doch George hatte immer wieder Alptr�ume, da� das Haus abbrannte, da der Rauch vom K�chenofen in unser Zimmer quoll und es riechen lie�, als brenne das Haus ab. Also stolperte er jeden Morgen sprachlos und ersch�pft hinaus, und vor ihm lag dann ein seltsam �berf�lltes Gebirgsdorf, als sei Markttag, was nat�rlich nicht der Fall war, und kranke Kinder weinten, weil sie Grippe hatten, und Dr. Choendrak, der Arzt des Klosters, wanderte h�nderingend durch den Regen, weil all die hervorragenden Planzen- und Mineralmedizinen von Mendzekhang, dem Klosterkrankenhaus in Lhasa, schon l�ngst verbraucht waren.</p><p>Georges Eindruck von den Dingen wurde auch nicht besser, als Kunga Norbu hinabkam, um uns zu begr��en, und auf seine �bliche Art durch George hindurchsah und uns dann beauftragte, mit ein paar Leuten Terrassenw�nde zu erneuern, was eine Str�flingsarbeit ist, da man die Felsen wie Figuren in einem Zeichentrickfilm mit einem Vorschlaghammer aufbrechen mu�. Einen oder zwei Tage solche Arbeit, und George war unzufrieden. �Gottverdammt, Freds, ich k�nnte in Thamel in der Sonne liegen, und hier <emphasis>kloppe ich Steine.</emphasis> Das ist nicht Shambhala, und du wei�t es auch.�</p><p>Ich versicherte ihm, da� es Shambhala sei.</p><p>�Weshalb ist es denn hier so �berf�llt? In jedem Haus leben zwei- oder dreimal soviel Menschen, wie es eigentlich der Fall sein sollte, und dann sind da noch die Zelte. Die Sherpas w�rden niemals so leben.�</p><p>Ich erz�hlte ihm von dem Fl�chtlingsproblem. Von Menschen, die un�berquerbare P�sse �berquerten, um den Chinesen zu entkommen, oder die unbegehbare Schlucht hinaufkrochen, die von dem Tal zum tibetanischen Plateau abfiel, und f�r die Hoffnung auf Flucht den Tod in Kauf nahmen und ihn oftmals auch fanden.</p><p>�Also leben sie hier behelfsm��ig�, sagte George �berrascht.</p><p>�Wenn man es nach vierzig Jahren noch so nennen kann.�</p><p>An diesem Abend sah sich George etwas aufmerksamer um. Und zum erstenmal bemerkte er, da� bei uns im Haus Kranke lebten. Eine Kusine Lhamos namens Sindu hatte einen kleinen Jungen, der vor Durchfall ganz geschw�cht war. Und diese Kusine Sindu war eine junge Frau, fast noch ein M�dchen, mit einer Menge nepalesischem Blut in ihren Adern, so da� ihr Gesicht sch�rfer geschnitten war als das der Tibetanerinnen, eins jener Trans-Himalaja-Gesichter, die so sch�n sind, da� man es fast nicht glauben kann. Und kein Ehemann in der N�he. Also sa� George da und beobachtete sie, als sie sich in der K�che um ihr krankes Baby k�mmerte, und ich sah, wie er im Geiste seine Pillen zusammenrechnete.</p><p>Am n�chsten Tag zwangsverpflichtete uns Colonel John zu einem Feuerholz-Trieb, was bedeutete, da� wir den ganzen Morgen eine Herde Yaks zusammen- und ins Tal hinabtreiben mu�ten, zum oberen Ende der Schlucht, die sich nach Tibet erstreckte. Yaks sind gro�e, haarige Zeitgenossen, verdrossen, unkooperativ und jederzeit zu einer pl�tzlichen Auflehnung f�hig, doch der Colonel trieb sie hinab, als seien sie Kadetten in einem Ausbildungslager, schlug sie heftig mit seinem Spazierstock und wurde daf�r nur mit Blicken ihrer gro�en, runden, verdrossenen Augen bedacht.</p><p>Am Mittag lie�en wir die Yaks auf der Wiese zur�ck und erkletterten den steilen S�dhang des Tals, bis wir ein Kiefernw�ldchen erreichen. Colonel John holte drei kleine �xte aus seinem Rucksack, Eisenzeit-Werkzeuge ohne jedes Gewicht, und wir schickten uns an, die B�ume zu f�llen, auf die er zeigte. �Mann�, sagte George ungl�cklich, w�hrend er drauflosschlug, �das ist schrecklich! Sowas nennt man doch Abforstung, oder?�</p><p>Der Colonel und ich hielten inne und sahen ihn an.</p><p>�Keine Wahl�, sagte der Colonel. �Yakdung brennt nicht ohne etwas Holz im Feuer.�</p><p>�Aber die Erosion ��</p><p>�Ich wei� �ber die Erosion Bescheid!� schrie der Colonel und h�tte beinahe seine Axt gegen George geschwungen. �Wir lassen den Stumpf und die Wurzeln zur�ck, damit sie soviel Erde wie m�glich halten, und pflanzen neue S�mlinge an.� Er schlug w�tend auf den Baum ein, an dem er arbeitete. �Dreitausend Jahre hat dieses Tal eine stabile Bev�lkerung gehabt, doch was kann der Dalai Lama bei einem versklavten Tibet schon machen? Das ist eine der wenigen Fluchtm�glichkeiten.�</p><p>George fragte z�gernd, ob man nicht einige Fl�chtlinge in tibetanische D�rfer und indische Siedlungen umsiedeln k�nne.</p><p>�Wen wollen Sie denn aussuchen?� fragte der Colonel. �Wollen Sie sie vom letzten freien Fleck Erde fortschicken? Auf irgendeine Landwirtschaft in Madras, wo sie an der Tiefenkrankheit sterben? Ich habe sie da unten gesehen und sie zu einem Berg gef�hrt, wie damals, als wir den Widerstand nach Colorado brachten, und sie liefen los und sprangen in den Schnee! Wir hatten dort einen Yak aus einem Zoo, und sie liefen zu ihm und umarmten ihn!� Mit einem w�tenden Schlag f�llte er den Baum. �Ich w�rde nicht bestimmen wollen, wer von hier verschwinden mu�.�</p><p>�Erz�hlen Sie George von Ihren Khampa-Guerillas�, schlug ich vor.</p><p>John seufzte. �Ich brachte diese Burschen zu der Zeit nach Colorado, als man doch darauf z�hlen konnte, da� die amerikanische Regierung gegen die Kommunisten k�mpft, und ich fragte ein Zimmer voll von ihnen: Wer von euch will aus einem Flugzeug springen und gegen die Chinesen k�mpfen, und sie hatten nicht die geringste Ahnung von Fallschirmen und so, doch alle hoben die Hand. Und ich sagte, das sind Jungs nach meinem Geschmack. Genauso war das Marine Corps, bevor es verweichlicht wurde! Wir kamen her und heizten diesen M�rdern ein! Bis Birendra uns dann verriet!�</p><p>Damit ging er einen weiteren Baum an und hackte drauflos, als habe er die Knie des K�nigs von Nepal vor sich. Er murmelte zusammenhanglose Phrasen, mit denen George, wie ich sah, nur wenig anfangen konnte. �Suppe und Kaffee aus Blechdosen und gelaufen, bis ihre Herzen h�mmerten!� <emphasis>Hack hack hack.</emphasis> �Hans auf einer Seite und Gurkhas auf der anderen! In alle zw�lf Winde verstreut!� Hack hack hack. �Dalai Lama sagt aufh�ren, aber wer kann sich Birendra ergeben! Pachen schnitt ihm statt dessen die Kehle durch, und ich kann es ihm nicht verdenken! H�tte es selbst tun sollen!� Und er f�llte den Baum mit einem wilden Schlag.</p><p>In der Hoffnung, ihn ablenken zu k�nnen, erw�hnte ich auf Tibetanisch, da� wir schon soviel Holz gehackt hatten, wie die Yaks tragen konnten.</p><p>�Wir tragen ebenfalls!� schnaubte er mich auf Englisch an und arbeitete weiter wie eine Kettens�ge.</p><p>Also war es schon sp�ter Nachmittag, bevor wir uns in einem kalten Regen wieder talaufw�rts schleppten, beladen mit kleinen Kiefern. Ich lie� den Colonel vorausgehen, damit ich die Fragen beantworten konnte, mit denen George mich dann auch bombardierte. Der Colonel und ein paar Khampas, so erkl�rte ich ihm, hatten den Kampf fortgesetzt, nachdem sich K�nig Birendra Mao unterworfen und der nepalesischen Armee befohlen hatte, den Chinesen zu helfen, die tibetanischen Guerillas in Mustang zu vernichten. Nach diesem Ungl�ck hatten der Colonel und einige Khampas sich in die Berge Tibets zur�ckgezogen, bis sie in einen Hinterhalt oder so gerieten�� der Colonel erinnerte sich nur noch ungenau daran, da er dabei am Kopf verletzt wurde. Er wanderte eine Weile ziellos durch die tibetanische Wildnis, bis er dann �ber den Pa� nach Shambhala kam. Dort hatte Dr. Choendrak ihn geheilt und sein Ged�chtnis bis zu einem gewissen Ausma� wiederhergestellt. �Aber er ist immer noch etwas durcheinander�, sagte ich.</p><p>�Das habe ich gemerkt.�</p><p>�Je nachdem, in welcher Sprache man mit ihm spricht, benimmt er sich v�llig anders.�</p><p>George betrachtete die kleine, baumbeladene Gestalt, die vor uns die Yaks trieb. �Ich wette, sein Sprachzentrum wurde besch�digt, und wenn er den gr��ten Teil seines Tibetanisch nach der Verletzung gelernt hat, mu� er es auf der anderen Seite seines Gehirns ablegen. Je nachdem, in welcher Sprache man sich mit ihm unterh�lt, ist eine andere H�lfte seines Gehirns dominant.�</p><p>�Hier glaubt man, es sei vielleicht eine Frage der Inkarnation.�</p><p>�Er glaubt, er sei ein tibetanischer M�nch, der in einem Marine-Corps-Soldaten wiedergeboren wurde?�</p><p>�Manchmal.�</p><p>Wir stiegen die alte Endmor�ne hinauf und erhaschten einen Blick auf das Dorf �ber uns. Eine Lanze aus Sonnenlicht schnitt durch die Wolken und erhellte die Steinmauern und die Grasnarbe, die Geb�ude mit ihren dampfenden Schindeld�chern, die Yaks, die hier und da in den braunen Kartoffelfeldern wie zottelige schwarze Felsbrocken standen, und es sah aus wie das Mittelalter auf einem k�lteren Planeten. Wir hatten den ganzen Tag damit verbracht, Holz zu sammeln, das das Dorf kaum durch die Nacht bringen w�rde, und Tag f�r Tag mu�ten die Leute losziehen und ebenfalls sammeln, wobei sie sich immer weiter vom Dorf entfernen mu�ten. �Mann�, sagte George und lie� seine B�ume auf den steingepflasterten Stallhof von Lhamos Haus fallen. Er wu�te nicht, was er sonst sagen sollte.</p><p>Lhamo hatte eine richtig gro�e Mahlzeit f�r uns vorbereitet, und wir waren kaputt und am Verhungern, und auch George kam nicht umhin, das Essen in sich hineinzuschaufeln. Er mu�te sich nicht mit Dhal Baat abgeben, doch in der Suppe schwamm ein Gem�se, das man in den tieferen T�lern zieht, ein Gem�se, dessen Namen ich nie erfahren habe, doch das an den Pflanzen aussieht wie ein fu�ballgro�er Eibisch, mit langen, biegsamen Zacken, die �berall aus ihr hervorwuchsen. Zerhackt und in der Suppe treibend, war es nicht gerade ein erfreulicher Anblick, wenngleich seine Beschaffenheit in Ordnung war und es kaum Eigengeschmack hatte. Als Beilage gab es ein so scharfes Curry, da� es einem den Gaumen verbrannte, und nach ein paar Versuchen widmete sich George wieder schwitzend seiner Suppe und nippte sogar an seinem Buttertee, der einen ganz eigent�mlichen Geschmack hat und ihm Probleme zu bereiten schien. Dieses Getr�nk war f�r George, was Scylla und Charybdis f�r Odysseus gewesen waren, doch er ri� sich tapfer zusammen und beendete die Mahlzeit.</p><p>Und so gab er aus Notwendigkeit seine prophylaktische Ern�hrung auf. Gleichzeitig beobachtete er, wie Kusine Sindu an diesem Abend mit geringem Erfolg versuchte, ihr Baby zu f�ttern. Und am Morgen grub er in seinem Rucksack und holte seine Antibiotika hervor, eine F�nf-Liter-Ziploc-Tasche voller Pillen. �Freds, wir m�ssen diesen Leuten helfen�, sagt er. �Ich habe wirklich nicht genug dabei, um allen zu helfen, doch f�r ein paar wird es schon reichen.�</p><p>�Wir m�ssen Dr. Choendrak davon erz�hlen�, sagte ich zu ihm. Also brachten wir die Antibiotika ins Kloster, und George erz�hlte Dr. Choendrak von ihnen, und er untersuchte die Pillen und beriet sich mit dem Manjushri Rimpoche, dem F�hrer von Shambhala, und der Rimpoche entschied, da� jedes kranke Kind gleichviel Pillen bekommen w�rde, womit, nachdem sie es ausgerechnet hatten, vier Pillen pro Kind kamen. Als George das h�rte, rief er: �Nein! Das ist zu wenig, um etwas zu nutzen! Damit helfen Sie keinem von ihnen!�</p><p>Dr. Choendrak erkl�rte ihm, da� ihnen die Wirkungsweise von Antibiotika durchaus bekannt sei, sie jedoch annahmen, da� sie im Zusammenhang mit den Heilpflanzen, die hier wuchsen, doch etwas helfen w�rden und wichtig sei, daf�r zu sorgen, da� jeder Kranke etwas von der abendl�ndischen Medizin bek�me.</p><p>George war furchtbar w�tend, doch ich versuchte, ihn zu beruhigen. �Sie versuchen es mit der Plazebo-Theorie, George, und du kannst dir gar nicht so sicher sein, da� das so falsch ist. Diese Antibiotika sind doch sowieso haupts�chlich Plazebos.�</p><p>Er bedachte mich nur mit diesem blinzelnden Blick.</p><p>Also hatte er all seine Antibiotika unter die Leute gebracht, und er a� das Essen, das es hier im Tal gab, was zwar in Ordnung war, aber mit Sicherheit andere Bakterien enthielt als die, die er gew�hnt war. Und so wurde er krank. Die �blichen Beschwerden�� Durchfall, Fieber, Appetitlosigkeit, ein allgemeines Unwohlsein. Und er war gelangweilt, reizbar und bedr�ckt. Drei oder vier Tage, und er w�rde im Haus glatt verr�ckt werden, und so schlug ich vor, er solle mit Lhamo und Sindu zum Bach gehen, um Kleider zu waschen.</p><p>Nun habe ich mich haupts�chlich auf die Probleme konzentriert, die Shambhala hatte, und sie waren betr�chtlich, doch Shambhala war immer noch Shambhala, mystische Hauptstadt der Welt, und abgesehen vom Kloster Kaiapa, den Lamas und der Geschichte des Ortes gab es hier noch einige andere Besonderheiten. Oben im Hof des Klosters zum Beispiel scho� eine ewige heilige Flamme aus der Bergflanke hinaus, in der D�mmerung oder Dunkelheit ein seltsamer und beeindruckender Anblick, und besonders bei einer Feier. Und auf der Talsohle, in der N�he der Schlucht, bestand ein ganzes Bachufer aus reinem T�rkis; es stach aus dem Berg hervor wie ein H�gel aus versteinertem Himmel und ergo� sich mit blauen Kieseln und Felsbrocken flu�abw�rts.</p><p>Und am wichtigsten f�r das t�gliche Leben dort ist, da� der Bach mit einer hei�en Quelle beginnt, die wie die ewige Quelle festem Felsgestein entspringt. Das Loch, aus dem das Wasser herauskommt, war v�llig kreisrund, und das Wasser dampft vor W�rme und h�lt die ganze Gegend feucht, so da� �berall hellgr�ne Farne und Moose wachsen. Mauern mit Gebetsm�hlen und Mani-Steine und Gebetsflaggen stehen �berall um die Quelle, und Gebetsr�der drehen sich im Bach, Holz- und Blechzylinder, mit hellen Mandalas bemalt, die knirschend die Gebete mahlen. Moos hatte die geschwungenen Sanskrit-Buchstaben bedeckt, die man in die Mani-Steine und Felsen gemei�elt hatte, so da� ich fast den Eindruck hatte, als w�rde das Moos selbst <emphasis>Om mani padme hum</emphasis> buchstabieren. Alles in allem ein toller Ort.</p><p>Sie benutzten den Bach auch f�r ihre W�sche, indem sie einen Teil des Wassers in einen geschwungenen Kanal umleiteten, der zu einem flachen Teich mit steinernem Grund und glattgeschlagenen Seiten f�hrte. Hier wuschen die Leute an sonnigen Morgenden ihre Kleidung, haupts�chlich Frauen, wenngleich sich auch oft M�nche und andere M�nner zu ihnen gesellten. Die Frauen kamen in ihren langen schwarzen Wickelkleidern mit bunten Sch�rzen; die Kinder hatten sie sich auf den R�cken gebunden, oder sie lie�en sie frei herumlaufen. Die Luft dampfte, und die Sonne war warm auf der Haut, doch in den Schatten war es kalt, so da� das warme Wasser ein Segen war. Die Frauen trugen ihr Haar glatt und flach zur�ckgek�mmt. Sie hatten zumeist die flachen Gesichter der Tibetaner, aber bei Frauen wie Sindu lie�en sich auch Spuren aus Indien und anderen Orten finden; schlie�lich handelte es sich hier um einen Treffpunkt, auch wenn er versteckt in den Bergen lag. Nackte braune F��e im Wasser, die Kleider hoch um die Schenkel gezogen, braune Waden enth�llend, die h�rter als Baseball-Schl�ger waren, der Geruch von Milchtee und Rauch und Kr�uterseife, der sich von den dampfenden, nassen Kleidern erhob, als sie sie auswrangen und auf dem flachen, glatten, schwarzen Steinboden auf beiden Seiten des Teiches schlugen�� ja, der W�scheteich war ein sch�ner Ort.</p><p>Und George schien es hier zu gefallen. Zumindest war er etwas besser gelaunt, wenn er des Morgens von dort zur�ckkam. Er ging mit Kusine Sindu und ihrem kleinen Jungen dorthin und pa�te auf das Kind auf, w�hrend sie wusch, keine schwierige Aufgabe, da das Kind noch krank war. Und sie sprach auf Tibetanisch mit dem Kind, und George nickte, sagte �Ah so, ja, genau meine Meinung!�, worauf die Kusine und die anderen Frauen dann immer lachten.</p><p>Ich hatte mich bei Lhamo �ber Sindu erkundigt und erfahren, da� ihr Mann lebte; er war auf einer Handelsexpedition im Westen Nepals unterwegs. So etwas kommt in den Trans-Himalaja-D�rfern h�ufig vor, und als Ergebnis werden die Ehen dort oben ziemlich lasch gehandhabt. Junge, Junge, dachte ich also, als ich sah, wie George mit dem Kind spielte und Sindu ihn anlachte. Sieh dir das an!</p><p>Es war seltsam, sie zusammen zu beobachten. Manchmal schienen sie einander perfekt zu verstehen und gut zueinander zu passen�� ein attraktives Paar, das �ber etwas lachte, was es gesehen hatte, und ich dachte, sieh an, George hat sich eine Sherpani-Freundin angelacht. Vielleicht seine <emphasis>Dakini,</emphasis> eine der weiblichen Gottheiten, die einen zur Weisheit f�hren. Nur ein paar Sekunden sp�ter schien sich dann, ohne jeden ersichtlichen Grund, ein Abgrund zwischen ihnen zu �ffnen, der einem noch breiter vorkam, als es sich durch die unterschiedlichen Sprachen erkl�ren lie�. Pl�tzlich wirkten sie dann wie Gesch�pfe von verschiedenen Planeten, wie Fremde, die Gesten ausprobierten, um zu versuchen, ob sie verst�ndlich waren. Doch selbst in jenen Augenblicken wirkten sie nicht unbeholfen�� sollte sich eine Kluft zwischen ihnen befinden, schien sich keiner von ihnen besondere Sorgen zu machen, ob sie sich auch �berbr�cken lie�. Sie schienen zufrieden, auf der jeweils anderen Seite zu stehen und einander zuzuwinken.</p><p>Das war also h�bsch anzusehen, und Lhamo und ich und die anderen M�dchen am Teich lachten ziemlich oft dar�ber. Doch mittlerweile war George immer noch krank, und die Kinder ebenfalls. Er h�tte seine Pillen gleich in den Bach schmei�en k�nnen, soviel schienen sie geholfen zu haben. Er selbst wurde immer d�nner, und ich bekam mit, da� er in den meisten N�chten hinausst�rmen und im Dunkeln zu der Toilette vor dem Haus stolpern mu�te, wo er sich dann �ber dem kleinen Loch im Boden niederkauerte, �u�erlich frierend und innerlich verbrennend. Es ist erstaunlich, woran man sich gew�hnen kann; ich hatte so etwas auch schon mitgemacht und wu�te, da� man sich so daran gew�hnen konnte, da� man�� manchmal�� den ganzen Akt fast im Schlaf bew�ltigte und um mittelalterliche Geb�ude und T�ren und Schl�sser navigierte, ohne wirklich aufzuwachen, w�hrend es einem in anderen N�chten so schlecht und seltsam geht, da� sie sich einem in den Verstand �tzen und man dort drau�en in der bitterkalten Dunkelheit h�ngt und f�hlt, da� es sich um eine Art negatives <emphasis>Bodhi</emphasis> handelt und da� man fern der Heimat ist. Ich bin sicher, da� George in mehr als nur einer Nacht darunter litt.</p><p>Und die Kinder br�llten und lagen in ihren Betten und sahen trockenh�utig und fiebrig und matt aus und schissen w��rigen Durchfall. �Verdammt�, sagte George, �Diarrh�e ist gef�hrlich f�r so kleine Spunde, sie trocknen so stark aus, da� sie sterben.�</p><p>In der Tat sah Sindus Junge nicht gut aus, und einer Menge Kinder im Dorf erging es genauso. Solch ein vor Menschen wimmelnder Ort! Mehrmals kamen Leute vorbei, um George zu fragen, ob er keine Antibiotika mehr �brig habe, und er konnte nur hilflos die H�nde heben. �Alle weg! Alle weg! Freds, sag ihnen, da� es mir leid tut, ich habe nur noch Lomotil, aber da kriegt man Verstopfung von. Ich sollte es ihnen lieber nicht geben, oder?�</p><p>Der Meinung war ich auch.</p><p>Dann hatte er eine Idee. �Freds, was ist mit dieser Formel, die man Kindern mit Diarrh�e geben soll, mit der, die die UNO in der ganzen Dritten Welt verbreiten will, sie besteht aus irgendeinem einfachen Zeug, das jeder hat, und verhindert das Austrocknen. Komm schon, Mann, was war das noch gleich?�</p><p>�Hab nie davon geh�rt�, sagte ich.</p><p>Das trieb ihn in den Wahnsinn. �Es ist etwas ganz einfaches.� Aber es fiel ihm nicht ein.</p><p>Als er dann eines Morgens ein Glas Milchtee schwenkte, sagte er: �War es nicht einfach Salzwasser? Salzwasser mit vielleicht etwas Zucker darin?�</p><p>�Ich dachte, man soll kein Salzwasser trinken?�</p><p>�Normalerweise nicht, aber wenn man Durchfall hat, hilft es, das Wasser in die K�rperzellen zu bringen.�</p><p>�Ich dachte, genau das verhindert es.�</p><p>�Normalerweise ja, aber in diesem Fall nicht.�</p><p>�Bist du dir sicher genug, um es auszuprobieren?�</p><p>Ein langes Schweigen. �Verdammt�, sagte er schlie�lich, �ich w�nschte, ich h�tte mehr Tetracyclin.�</p><p>Aber in den folgenden Tagen wurde Sindus Sohn schw�cher und schw�cher, und eine Menge der anderen Kinder ebenfalls. George kam zum Schlu�, da� es die richtige Formel sei, und brachte mich dazu, ihn zum Kloster und zu Dr. Choendrak zu bringen.</p><p>In Kalapas gro�em Hof blieb George stehen und starrte mit weit ge�ffnetem Mund die ewige Flamme an. �Was zum Teufel ist denn das?� sagt er.</p><p>�Das ist die heilige ewige Kalacakra-Flamme�, erkl�rte ich ihm. �Seit den fr�hesten Zeiten hier ein religi�ser Schrein.�</p><p>�Es ist Gas, Freds. Sie haben ein Naturgasvorkommen direkt hier im Tal!�</p><p>�Allerdings.�</p><p>�Na ja �� Er griff mit beiden H�nden nach seinem Kopf, damit er nicht explodierte. �Warum benutzen sie es nicht? Anstatt den Wald abzuholzen, k�nnten sie das Gas in �fen pumpen, und das Problem w�re gel�st!�</p><p>�Ich nehme an, da es ein heiliger Schrein ist und ein Zeichen von einer ihrer Gottheiten, ist es ihnen nie in den Sinn gekommen�, sagte ich.</p><p>George konnte es nicht glauben. �Sie f�llen alle ihre B�ume und sehen zu, wie das Erdreich weggesp�lt wird, und direkt vor ihren Nasen brennt dieses verdammte Feuer! Was <emphasis>denkt</emphasis> ihr euch hier nur? Was f�r ein Paradies ist das �berhaupt?�</p><p>�Ein religi�ses.�</p><p>�Mein Gott.�</p><p>Dann gesellte sich Dr. Choendrak zu uns, und George brachte mich dazu, als �bersetzer zu fungieren. �Eine Menge Kinder hier haben die Grippe�, sagte er zu dem Arzt.</p><p>Ich wiederholte das f�r Dr. Choendrak, und er nickte. �Ihr Blut hat sich mit ihrer Gallenfl�ssigkeit vermischt, und wir m�ssen sie voneinander trennen.�</p><p>�Das wei� er�, sagte ich zu George.</p><p>�Frag ihn, was er dagegen tut.�</p><p>Dr. Choendrak sch�ttelte den Kopf. Sie machten Medizinen, so schnell sie konnten, Medizinen aus Pflanzen, deren Namen ich George nicht �bersetzen konnte.</p><p>�Frag ihn, ob in den Medizinen auch Salze sind.�</p><p>Der Arzt sagte, sie seien darin enthalten.</p><p>Schlie�lich mu�te Dr. Choendrak uns in die Apotheke f�hren und es ihm zeigen. Es stellte sich heraus, da� in jedem Kanister mit Wasser, das der Arzt den Kindern gab, ein guter geh�ufter E�l�ffel reines tibetanisches Steinsalz enthalten war.</p><p>�Oh�, sagte George und nickte. �Na ja, sag ihm, er soll auch noch etwas Zucker hinzuf�gen.�</p><p>Ich �bersetzte das dem Arzt, und er nickte. Es stellte sich heraus, da� sie auch noch einen guten E�l�ffel Honig hinzuf�gten.</p><p>�Oh!� sagte George verlegen. �Gut! Sch�n f�r ihn! Sag ihm, da� die Weltgesundheitsorganisation genau das empfiehlt!�</p><p>Dr. Choendrak nickte und sagte, das sei gut.</p><p>Pl�tzlich schien der Arzt f�r George ein sehr vern�nftiger Bursche zu sein. �Vielleicht haben ihre Medikamente tats�chlich eine antibakterielle Wirkung, und das Salz und der Zucker im Wasser verschafft ihrem Immunsystem mehr Zeit, das Problem in den Griff zu kriegen. Die Kinder brauchen das.�</p><p>Bevor wir gingen, bat mich George, Dr. Choendrak von seinem Plan mit der ewigen Flamme zu erz�hlen�� er beschrieb Keramikrohre, einen gro�en zentralen Ofen im Dorf oder im Kloster selbst und ein R�hrenssystem zu den einzelnen H�usern. Und an den darauffolgenden Tagen begleitete er Dr. Choendrak bei seinen Krankenbesuchen, lenkte die Kinder ab, w�hrend sie untersucht wurden, oder hielt sie fest, wenn sie wieder bittere Medizin verordnet bekamen. Und er lie� alle von dem Wasser trinken, das gro�z�gig mit Salz und Zucker versetzt war. Zwischen ihm und dem Arzt kam es zu einer gewissen �bereinkunft, und sie freundeten sich an, obwohl sie kein Wort von dem verstanden, was der andere sagte. Wahrscheinlich waren ihnen dabei ihre medizinischen Theorien eine gro�e Hilfe.</p><p>Und in den n�chsten Wochen fand die Grippe-Epedemie ein Ende�� warum, konnte niemand sagen��, doch es war niemand daran gestorben, und so waren alle mit Dr. Choendrak und den verantwortlichen Gottheiten zufrieden, und auch mit George. George war auch sehr zufrieden, obwohl ihm seine eigene Medizin niemals richtig zu helfen schien und er immer wieder in heller Panik zum Schei�haus rennen mu�te.</p><empty-line/><p>Doch danach war er freundlicher zu den M�nchen, was wichtig war, da man �berall im Tal auf sie stie�. Man kletterte einen Hang hinauf, um Feuerholz zu sammeln, und sah auf das Braun und Grau und Gr�n der Gersten-Terrassen hinab, und da waren dann �berall diese kastanienbraunen Flecke. M�nche.</p><p>Auf die gleiche Art und Weise pa�ten sie sich in die Gesellschaft ein�� man sah sie �berall, wu�te aber niemals genau, was sie taten. Sie waren weder unbedingt Autorit�tspersonen noch diese Heiliger-als-du-Typen, die unsere Prediger meistens sind, M�nner, die jedes Gespr�ch auf Erden einfach zum Erliegen bringen k�nnen, indem sie sich lediglich unerwartet hinzugesellen�� nein, hier waren die M�nche und die kleinere Gruppe der Nonnen ins Leben einbezogen; sie arbeiteten auf den Feldern, stapelten Yakdung, nachdem er zum Trocknen in die Sonne gelegt worden war, und lachten �ber grobe Witze. Es fiel George oder irgendeinem anderen Abendl�nder schwer, dies zu verstehen; schlie�lich kommen wir ja aus einer Welt, in dem die Religion gr��tenteils ignoriert oder als Tarnung f�r Diebstahl benutzt wird. Deshalb waren auch so viele Menschen so schnell bereit, die L�gen zu glauben, die die Chinesen �ber Tibet verbreiteten, das Zeug �ber eine b�se Priesterschaft, die mit ihren Steuern elende Leibeigene in die Armut trieb. So w�re es vielleicht in unserem System vonstatten gegangen; in der Tat ist das, wo ich nun dar�ber nachdenke, eine ziemlich gute Beschreibung des Fernseh-Evangelismus. Und es pa�te den Chinesen nat�rlich verteufelt gut in den Kram, die nun, da wir in die andere Richtung sahen, die Tibetaner nicht nur foltern, ermorden, versklaven, vergewaltigen, einkerkern und aushungern, sondern auch allen sagen konnten, da� all das nur zum eigenen Nutzen der Tibetaner geschah. Um sie vor sich selbst zu retten.</p><p>Und da wir eher den Chinesen als den Tibetanern �hneln, kauften wir es ihnen ab. Schlie�lich hatten wir vor noch gar nicht so langer Zeit dasselbe mit der �lteren religi�sen Kultur �unseres Landes� getan, und so wollten wir den Chinesen glauben oder zumindest nicht dar�ber nachdenken. Auch George, der �ber die gesamte S�dseite des Himalaja latschte und sich an den unglaublichen Bergen erfreute, wollte nat�rlich nichts �ber den V�lkermord wissen, der auf der Nordseite vonstatten ging. Wer in den vierziger Jahren in den Bayerischen Alpen herumtollte, hat sich schlie�lich auch nicht �ber diese Rauchwolken am Horizont gewundert.</p><p>Also brauchte er eine Weile, um darauf zu kommen. Zeit, die er damit verbrachte, Kartoffeln zu pflanzen, Terrassenw�nde zu reparieren und Feuerholz zu sammeln, w�hrend ein M�nch oder eine Nonne in der Menge an seiner Last schleppte und Witze ri�. Er mu�te eine Weile jeden Tag bei D�mmerung die Ges�nge h�ren oder sehen, wie ein Bauer auf seinem Feld meditierte, oder Frauen Mani-Steine schlugen, oder Kinder mit dem Feuerholz, das sie auf dem R�cken trugen, die Gebetsm�hlen drehten. Er mu�te eine Weile beobachten, wie sich alle in die gemeinsame Arbeit einf�gten, ohne dar�ber zu palavern, wer nun was zu tun hatte. Es dauerte eine Weile, bis er die famili�ren Verh�ltnisse durchschaut und herausgefunden hatte, da� es in jeder Familie M�nche oder Nonnen gab; da� die M�nche nicht M�nche wurden, weil ihre V�ter ebenfalls welche waren, sondern Generation f�r Generation aus den Bauern kamen; da� die Kl�ster hofften, die Besten und Kl�gsten zu bekommen, aber auch die Schwachen und Behinderten nahmen, und nat�rlich auch die Spinner bekamen, die religi�sen Raumkadetten. All diese kastanienbraunen Punkte im Braun und Gr�n, die der Szene die letzten Farbtupfer verliehen�� als George das sah und verstand, sah er alles mit anderen.Augen.</p><p>Und so sagte ich zu Kunga Norbu: �Kannst du ihm nicht ein paar Extras zeigen, etwas Magie aus Shambhala, um ihm den letzten Ansto� zu geben?�</p><p>Woraufhin Kunga Norbu sagte: �Freds, wie �blich verstehst du wieder alles falsch. Wir machen die tantrischen �bungen nicht, um andere Leute zu beeindrucken. Doch er darf gern den Manjushri Rimpoche in seinen Kammern besuchen. Und n�chste Woche stattet uns die j�ngste Schwester des Dalai Lama einen Besuch ab. Er wird dabei sein.�</p><empty-line/><p>Schon am n�chsten Tag, ganz fr�h am Morgen, f�hrte ich George zu seiner Audienz bei Sucandram, dem Manjushri Rimpoche und K�nig von Shambhala, �mter, die im tibetanischen Buddhismus denen der Dalai und Panchen Lamas entsprachen.</p><p>Wir wurden aus dem gelben Licht des Morgens durch einen Sandelbaumhain und dann in die tieferen dunklen Kammern des Klosters Kaiapa gef�hrt und gingen zwischen dicken Holzbalken einher, die Jahrhunderte des Rauchs aus Holz�fen und Butterlampen schwarz gef�rbt hatte. Jeder Balken auf dieser Etage war mit Festmasken geschm�ckt, jede ein grellbuntes, glotz�ugiges, zahnbewehrtes D�monengesicht, schwer auf Gr�n und Rot und Gelb, mit blauen, wei�en und goldenen Klecksen. B�npa- Alptr�ume waren es, die unheimlichsten Gesichter, die ich je gesehen hatte. Als ich sie sah, wunderte ich mich nicht mehr, warum man den Buddha in Tibet so herzlich Willkommen gehei�en hatte.</p><p>Dann ging es eine Treppenflucht nach der anderen hinauf, denn Kaiapa war ein <emphasis>Dzong,</emphasis> eine Klosterfestung, erbaut in jenen Tagen, als man noch Invasionen von Dschingis Khan oder Alexander dem Gro�en bef�rchten mu�te. Also hockte sie auf einem steilen, felsigen Vorsprung der Talwand und sah aus wie ein eckiger Auswuchs des Grats selbst. Jede Ebene war von der darunter zur�ckgesetzt, und als wir auf steilen, gut ausgetretenen Treppen h�herstiegen, kamen wir an immer gr��eren R�umen vorbei, und in jeden neuen fiel mehr Licht ein als in den darunter. Wir gingen durch die Bibliothek, in der Tausende B�nde des <emphasis>Kalacakra</emphasis> und des <emphasis>Tengyur</emphasis> an den W�nden standen�� kleine, breite, dicke, schwarz eingebundene B�nde, die urspr�nglich aus einzelnen Bl�ttern bestanden hatten, und Schriftrollen in Schachteln, wie Klaviernoten. Dann durch ein Musikzimmer, in dem Trommeln, Becken und lange H�rner aufbewahrt wurden. Dann hinauf in den bislang sonnigsten Raum, in dem die W�nde wei� get�ncht waren und der glatte Holzboden von einem Sandgem�lde mit einer Mandala in der Mitte geschm�ckt wurde. �Was ist das?� fragte George, der hineinsah, als wir vorbeigingen.</p><p>�Das war Essas Zimmer�, erkl�rte ich ihm.</p><p>�Essa?�</p><p>�Jesus, du wei�t schon.�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>Schlie�lich wurden wir in den Raum gef�hrt, bei dem es sich um den h�chsten in Kaiapa zu handeln schien. Seine W�nde waren mit Teppichen behangen, die in hellen Mandala-Mustern die Geschichte des tibetanischen Buddhismus zeigten. Ansonsten war das Zimmer leer. Die s�dliche Wand bestand aus gro�en Schiebet�ren, und der M�nch, der uns hinaufgef�hrt hatte, schob sie zur�ck, um die k�hle, scharfe Morgenluft und das Ger�usch eines Gesangs aus einem der tieferen Stockwerke einzulassen.</p><p>Der M�nch ging, und nach einer Weile trat ein anderer ein. Dann sah ich das Gesicht des neuen M�nchs und begriff, da� es Sucandra war, der Manjushri Rimpoche.</p><p>Ich hatte ihn nie zuvor gesehen, doch ich wu�te es. Ich w�nschte, ich k�nnte erkl�ren, wieso. Er war eine Reinkarnation, ein Tulku wie Kunga Norbu, nur unendlich m�chtiger�� er war die Reinkarnation des Padma Sambhava, des indischen Yogi, der im achten Jahrhundert den Buddhismus nach Tibet gebracht hatte, und er war auch der Manjushri Bodhisattva, der Bodhisattva der Weisheit, was bedeutete, da� er sich schon an die Grenze des Nirwana hochgearbeitet, sich dann aber entschlossen hatte, in nachfolgenden Inkarnationen in menschlicher Form zur�ckzukehren, nur um anderen Menschen auf den Weg zu helfen.</p><p>Diesmal sah er wie jeder andere M�nch auch aus. Alt, den Kopf glattrasiert, das Gesicht zu jener Landkarte der Falten zerfurcht, die alte Himalaja-Gesichter schlie�lich annehmen. Doch der Blick in seinen Augen�� dieses ruhige und freundliche L�cheln! Wenn man sich nicht in seiner Gegenwart befand, konnte man nur schwer den Finger darauflegen, doch mit ihm in einem Zimmer bestand kein Zweifel daran�� ein Gef�hl flo� aus ihm hinaus und in uns hinein, sowohl scharf als auch beruhigend. Belebend�� als habe sich die k�hle, sonnige Morgenluft pl�tzlich in einen Daseinzustand verwandelt.</p><p>Er bat uns, Platz zu nehmen, auf Englisch mit einem starken britischen Akzent. Er klang wie der Gro�vater unseres Kumpels Trevor. Wir setzten uns, und er kam mit einem Tablett hin�ber und go� uns hei�en Tee ein, ohne Yakbutter darin.</p><p>Wir tranken den Tee und unterhielten uns. Er fragte uns nach unserem Leben in Nepal und in den Staaten und lie� uns erz�hlen, wie wir mit Kunga Norbu den Chomolungma bestiegen hatten, wobei er oft lachte. �Der Diamantpfad ist schwer�, sagte er. �Die Mutter G�ttin bestiegen! Dennoch, das ist besser, als mit einem Schuh auf den Kopf geschlagen zu werden.� Er lachte. �Ich w�rde ihn gern einmal selbst besteigen.�</p><p>Ich sah, wie George �berlegte, ob er dem Rimpoche sagen sollte, da� die Mutter G�ttin in Wirklichkeit der K2 war�� des Rimpoches Gesicht hatte etwas an sich, das einen verleitete, sofort mit der Wahrheit herauszur�cken, wor�ber man auch sprach. Also wechselte ich schnell das Thema. �George hier wird uns helfen, den Bau der Stra�e nach Chhule zu verhindern�, sagte ich.</p><p>Der Rimpoche betrachtete George genauer. Die Aufmerksamkeit, die er einem entgegenbrachte, war intensiv, aber gleichzeitig so mit Freundlichkeit erf�llt, da� man sie unwillk�rlich als angenehm empfand. Und seine Stimme war so entspannt. �Das w�rde uns helfen�, sagte er. �Seit langer Zeit leben wir hier am Ende der Erde, doch die Welt ist gewachsen, bis die Gefahr, entdeckt und �berlaufen zu werden, sehr konkret wurde.�</p><p>�Das ist gewisserma�en doch schon geschehen, nicht wahr?� sagte George. Er deutete aus dem Fenster, auf das Dorf und die Fl�chtlingszelte hinab.</p><p>Der Rimpoche nickte. �Gewisserma�en. Aber wir k�nnen uns vor unserem Volk nicht verbergen, wenn es in Not ist, in Lebensgefahr. Und wenn die Zeit kommt, werden sie oder ihre Kinder oder die Kinder ihrer Kinder wieder in ihre wahre Heimat zur�ckkehren. Doch in so gro�em Ma�stab von der Welt entdeckt zu werden�� an die Stra�e nach Katmandu und den Flughafen angeschlossen zu werden �� Er sch�ttelte den Kopf und sah George an. �Sie wollen uns helfen?�</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob ich etwas tun kann.�</p><p>�Das habe ich nicht gefragt.�</p><p>�Nun ja �� George rang mit sich und schaute weg. Schlie�lich erwiderte er den geduldigen Blick des Rimpoche. �Ja. Das will ich.�</p><p>�Na also!� rief ich, und beide lachten.</p><p>Danach sprachen sie �ber andere Dinge. Ich ging auf einen schmalen Balkon, um auf das Dorf hinabzusehen, das in der Morgensonne dampfte. Im Zimmer lachten George und der Rimpoche �ber etwas, das George gesagt hatte. �Die Chinesen sind eine Pr�fung�, antwortete der Rimpoche. �Wir m�ssen auch sie lieben.�</p><p>�Freds sagt, da� sie als Blutegel wiedergeboren werden�, sagte George.</p><p>Und sie lachten und unterhielten sich. Ich ging wieder hinein und gesellte mich zu ihnen. Einmal beugte der Rimpoche sich vor, um unsere Teetassen neu zu f�llen, wobei er sich wie ein T�nzer bewegte, der das F�llen von Teetassen darstellte. Sie hatten wieder �ber die Stra�e gesprochen, und er murmelte wie zu sich selbst vor sich hin. �Der Reine ist angesichts des Unreinen machtlos. Nur der Heilige beh�lt die Oberhand.�</p><p>Stille Minuten, im Sonnenschein am Tee nippen�� so verbringt man Zeit mit einem Bodhisattva, und w�hrend man es tut, begreift man auch, wieso.</p><p>Danach, auf unserem Weg hinab, schwieg George. Erst, als wir das Kloster verlassen hatten, sagte er: �Wei�t du, ich habe ihn gefragt, wie alt er ist.�</p><p>�Ach ja?�</p><p>�Ja, w�rest du nicht neugierig? Er ist hundertundzwanzig, Freds. Hundertundzwanzig Jahre alt.�</p><p>�Das ist ziemlich alt.�</p><p>�Er sagt, er wird in drei Jahren sterben. Er sagt, wenn er in Tibet wiedergeboren werde, wie es normalerweise der Fall ist, w�re die n�chste Inkarnation mit Sicherheit eine sehr seltsame.�</p><p>�Er sollte sich einen anderen Ort aussuchen.�</p><p>�Das habe ich ihm auch vorgeschlagen, doch er meinte, das sei gar nicht so einfach. Das Bardo ist ein dunkler und gef�hrlicher Ort. Er sagte mir, damals in den vierziger Jahren habe ein Lama einmal versucht, sich als K�nig von England zu reinkanieren ��</p><p>�Als Prinz Charles? Das erkl�rt einiges.�</p><p>�Nein, er hat ihn verfehlt. Hat sich verirrt. Der Rimpoche glaubt, er mu� als Colonel John wiedergeboren worden sein. Deshalb kam der Colonel nach Tibet, hat im Widerstand gek�mpft und wei� jetzt �ber seine Vergangenheit nicht mehr so recht Bescheid.�</p><p>�Das w�rde es erkl�ren.�</p><p>�Allerdings. Obwohl ich immer noch glaube, es liegt daran, da� er nach einer Verletzung des Sprachzentrums im Gehirn versucht, eine neue Sprache zu lernen.�</p><p>�Hast du das dem Rimpoche gesagt?�</p><p>�Nein. Aber ich w�nschte, ich h�tte es.�</p><empty-line/><p>Und dann tauchte am n�chsten Nachmittag Colonel John auf, wie er eine Reihe Ponies �ber den Pa� f�hrte, und das zweite Pony trug die j�ngste Schwester des Dalai Lama. Pl�tzlich liefen alle Dorfbewohner aus ihren H�usern und die H�nge hinab, kamen von talabw�rts und talaufw�rts zusammengelaufen und scharten sich um die Prozession, bis die Ponys sich nicht mehr bewegen konnten, und alle schrien, die Schwester der Dalai Lama und ihre Begleiter schrien, Colonel John schrie, alle riefen ihren Namen, und Tr�nen liefen wie Monsunregen ihre Gesichter hinab. George und ich standen ein St�ck abseits und kamen uns vor, als seien wir versehentlich in eine Familienfeier geplatzt, ein Wiedersehen, mit dem keiner mehr wirklich gerechnet, auf das aber alle gehofft hatten.</p><p>Sp�ter wurden wir zu Pema Gyalpo, der Schwester des Dalai Lama, gef�hrt und vorgestellt. Sie sprach ausgezeichnet Englisch und wirkte �u�erst gl�cklich, hier im Tal zu sein. Sie lachte und gab jedem von uns die traditionelle wei�e Sichel des Willkommens und ein kleines Bild des Dalai Lama, und wir hatten ein gro�es Festessen, und alle Einheimischen trugen ihre besten Sonntagsgew�nder und all ihren Schmuck, den sie vorher an ihre Verwandten verliehen hatten, so da� jeder etwas trug, und wir tranken Chang und sa�en an den �fen und sangen bis sp�t in die Nacht. George und ich kannten die Lieder nicht, und so tranken wir Chang und summten zu jeder Note ein tiefes <emphasis>Auoum,</emphasis> summten, bis wir praktisch bewu�tlos zusammenbrachen. George hielt sein Portr�t des Dalai Lama in der Hand, und dann und wann sah er es an und sagte: �Jetzt verstehe ich, warum die Chinesen nicht zulassen, da� die Touristen in Tibet Phil Silvers-T-Shirts tragen. Sieh dir das an!�</p><p>Und am n�chsten Morgen sa�en wir auf den Felsen, von denen man die hei�e Quelle �berblicken konnte. Wasser flo� die steinerne Rinne in den leeren W�scheteich hinab, und Dampf stieg auf, trieb zu den Farnen und Moosen und �berzog sie mit einer feinen Tauschicht. Talabw�rts erwachte das Dorf gerade; graubrauner Rauch erhob sich von den D�chern aus dem Schatten des Berges in die Sonne, wo er eine helle, goldene F�rbung annahm, und George wandte sich mir zu und sagte: �Mal sehen, was wir wegen dieser Stra�e unternehmen k�nnen.�</p><p>Also kehrten wir nach Katmandu zur�ck, marschierten tagelang und wurden dann von Colonel John gefahren, der bei einer Familie im Dorf am Ende der Stra�e einen Land Rover untergestellt hatte. Wir gruben ihn aus einem Turm Yakd�nger aus, und er fuhr uns schneller, als es mir recht war, die schweizerische Stra�e entlang, schaltete den Landrover bei jeder Haarnadelkurve auf Allradantrieb um und machte den Eindruck, als h�tte er es vorgezogen, die S-Kurven v�llig zu ignorieren und schnurstracks den Berg hinabzufahren und die Stra�e nur als gelegentliche Start- oder Landerampe zu benutzen. Nach einer Stunde erreichten wir die alte unbefestigte Stra�e, und dann ignorierte er alle Schlagl�cher und Erdrutsche und die traurigen D�rfer am Stra�enrand und fuhr wie ein Selbstm�rder, bis wir die Ring Road von Katmandu erreicht hatten. Wir hatten die Entfernung, f�r die wir mit dem Bus achtzehn Stunden gebraucht hatten, in gut vier zur�ckgelegt, doch wir waren genauso ersch�pft, wenn nicht noch ersch�pfter.</p><p>Nach den Wochen in Shambhala sah Katmandu wie Manhattan aus, nur lauter und �berv�lkerter. Die Hupen der Taxis und Klingeln der Fahrr�der und die Hitze und der Regen und der Schlamm und die vielen Autos und Gesch�fte und Gesichter trieben uns umgehend zum Hotel Star, wo wir �berw�ltigt in unseren Zimmern zusammenbrachen. Colonel John erkl�rte, er wolle am selben Abend noch zur�ck zum Ende der Stra�e fahren, und wir konnten ihn nicht �berreden, hier zu �bernachten. �Ich bin bald zur�ck�, sagte er, als er die Treppe hinabging. �Und dann weisen Sie besser Ergebnisse vor!�</p><p>Also waren wir uns selbst �berlassen, und nachdem sich George unter seine Zwergendusche gesetzt und zwei Hei�wassertanks verbraucht und ein paar Pfeifchen Haschisch geraucht hatte, f�hlte er sich schon in allem viel besser. �Gehen wir ins Old Vienna und fressen wie die Schweine�, schlug er vor. �Ich bin so krank, da� es auch keine Rolle mehr spielt. Wasserb�ffel, Milch, ich lasse nichts aus.� Also gingen wir ins Old Vienna Inn und a�en Ungarischen Gulasch und Wiener Schnitzel und Apfelstrudel und tranken Bier. Es war so gut, da� wir fast gestorben w�ren, was bei George leider w�rtlich zu nehmen ist, da er den gr��ten Teil dieser Nacht st�hnend auf der Toilette verbrachte.</p><p>Also tauchte er ein wenig kr�nklich aussehend in den Verwaltungsbeh�rden von Nepal auf, woran sich aber nichts �ndern lie�. Den ersten Tag verbrachte er damit, mit Kontaktleuten zu sprechen; er besuchte den Oriental Carpet Shop, dessen Besitzer Yongten �ber die tibetanischen Exil-Buschtrommeln verbreiten lie�, da� man uns jede Unterst�tzung zukommen lassen solle. Dann trieb er einen amerikanischen Freund von uns namens Steve auf, der f�r das Peace Corps arbeitete. Und schlie�lich suchte er ein paar seiner Kumpel in der Einwanderungsbeh�rde auf, die in der Vergangenheit von den Bakschisch, die ihnen Georges Arbeitgeber zukommenlie�, ein gutes Leben gef�hrt hatten. Sie alle sagten ihm in etwas dasselbe, n�mlich �Viel Gl�ck!� Yongten schlug vor, er solle es mal im Amt f�r �ffentliche Arbeiten und Transport im �ffentlichen Verwaltungsgeb�ude am Ram Shah Path versuchen. �Aber du darfst es nicht eilig haben�, sagte Yongten zu ihm.</p><p>H�tte er auch nicht, entgegnete George; er habe genug Erfahrungen mit der Einwanderungsbeh�rde, wenn es darum ging, Trek-Genehmigungen und dergleichen zu bekommen.</p><p>�Einwanderung sehr schnell�, sagte Yongten. �Sehr effizient.�</p><p>Woraufhin George leicht erbleichte, doch er hatte seinen Entschlu� gefa�t, und am n�chsten Morgen sprang er auf sein Hero Jet und f�delte sich mit einem enthusiastischen Klingeln in den Verkehr ein.</p><p>Er kam am Abend kurz vor Sonnenuntergang v�llig ersch�pft zur�ck. �Hunger�, st�hnte er. �Essen.�</p><p>Also gingen wir ins K. C., und ich fragte ihn, wie es gelaufen sei.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube, ich habe das richtige Amt gefunden. Kannst du dir das vorstellen, es gibt ein Amt f�r Alte Stra�en und ein Amt f�r Neue Stra�en! Sie sind beide im Singha Durbar, und das ist ein ziemlich gro�er Komplex.�</p><p>Ich hatte es schon einmal gesehen und nickte; es war ein ehemaliger Palast, der von einem Park und einer kreisrunden Auffahrt vom Ram Shah Path getrennt war und aussah wie das Lincoln Memorial mit einem Hundu-Tempeldach.</p><p>�Die ganze Zivilverwaltung befindet sich dort. Ich brauchte eine Weile, um das Amt f�r Neue Stra�en zu finden. Es war leer.�</p><p>�Du machst Witze.�</p><p>�Nein. Und dann kam ein Beamter vorbei, und als ich ihm erz�hlte, was ich herausfinden wollte, erkl�rte er mir, da diese Stra�e eine Verl�ngerung einer alten Stra�e sei, m�sse ich mich an die Abteilung Alte H�gelstra�en wenden. �Da neue H�gelstra�en Verl�ngerungen alter H�gelstra�en sind, ist die Abteilung f�r Alte H�gelstra�en und nicht die f�r Neue H�gelstra�en zust�ndig. Also schickte er mich dorthin. Wohin, wei� ich nicht mehr genau. Nach einer Weile fand ich die Abteilung, aber da war es schon nach drei, und sie hatten bereits geschlossen. Also fuhr ich nach Hause.�</p><p>�He�, sag ich, �da hast du doch schon gute Fortschritte gemacht.�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>Am n�chsten Morgen machte er sich noch fr�her auf den Weg, und er kam noch sp�ter zur�ck. Ich fragte ihn, wie es ihm ergangen sei, und lotste ihn zu einem chinesischen Abendessen zu Valentino.</p><p>Als er die Fr�hlingsrolle aufschnitt, sch�ttelte er den Kopf. �Die Alten H�gelstra�en meinten, da es eine neue Stra�e sei, m�sse ich offensichtlich zu den Neuen H�gelstra�en gehen. Sie taten so, als sei ich vollst�ndig bekloppt. Sie sagten, sie k�mmerten sich nur um die Erhaltung der Stra�en und w��ten nichts von Erweiterungen.�</p><p>�Du machst Witze.�</p><p>�Nein. Also ging ich zu den Neuen Stra�en zur�ck und fragte einen anderen, diesmal mit einem Bakschisch. Er sagte, sie w��ten nichts �ber diese Stra�e, es sei eine ganz besondere Stra�e.�</p><p>�Sag das noch mal.�</p><p>�Du hast richtig verstanden. �Oh, Sir! Wir wissen nichts �ber diese Stra�e, von der Sie sprechen! Es ist eine ganz besondere Stra�e!� Sie empfahlen mir, mich ans Informationsamt im Kommunikationsministerium zu wenden.�</p><p>�Ein Fortschritt.�</p><p>In dieser Nacht war er wieder in betr�chtlichen N�ten�� er kam mit dem exotischen Essen von Katmandu nicht klar. Und am n�chsten Tag fand er heraus, da� die Beamten des Informationsamtes nichts von unserer Stra�e wu�ten, nicht einmal, nachdem er sie mit einem Bakschisch bestochen hatte. Sie empfahlen ihm das Stra�enamt. Oder vielleicht das B�ro der Nationalen Planungskommission.</p><p>Am n�chsten Tag schickte die Leute in der Planungskommission ihn zum Ministerium des Panchayat, dem ein �rtliches Entwicklungsamt angeschlossen war. Dort schickte man ihn zum Stra�enamt.</p><p>�Wir machen Fortschritte�, sagte ich zu ihm. �Jetzt wissen wir, wohin wir uns nicht wenden m�ssen.�</p><p>Er schnaubte.</p><p>In der n�chsten Woche fing er wieder von vorn an. Doch er war immer noch krank, und es schien ihm st�ndig schlechter zu gehen, und so fiel es ihm immer schwerer, einen vollen Tag durchzustehen.</p><p>Eines Tages sagte ihm jemand im Informationsamt, die Chinesen w�rden die Stra�e bezahlen, doch der K�nig wolle nicht, da� die Inder davon erfuhren. Das gab uns neuen Mut, und nur einen oder zwei Tage sp�ter sagte ihm jemand im �rtlichen Entwicklungsamt, einer der Minister im Kabinett habe die Vertr�ge f�r den Bau der Stra�e seiner Familie zugeschustert und wolle nicht, da� jemand davon erfuhr.</p><p>Ein paar Tage sp�ter informierte ihn ein dritter Beamter in der Abteilung f�r Alte Terai-Stra�en, die Stra�e sei ein Geheimnis, weil die Inder sie bezahlten und der K�nig nicht wolle, da� die Chinesen davon erfuhren.</p><p>Wieder ein paar Tage sp�ter nahm ein Informant im Panchayat ein B�ndel Bakschisch entgegen und erz�hlte ihm, der Finanzminister habe sowohl die Chinesen als auch die Inder dazu gebracht, die Stra�e zu bezahlen, und sie wollten nicht, da� �berhaupt jemand etwas davon erfuhr, damit keine Seite herausfand, was der Minister getan habe.</p><p>�Das klingt so wahrscheinlich, da� es wahrscheinlich nicht wahr ist�, meinte unser Freund Steve dazu.</p><p>Aber man konnte es nicht genau sagen. Und die ganze Zeit �ber hing George in diesen �mtern im Singha Durbar herum und wartete darauf, von dem einen oder anderen Beamten empfangen zu werden, bis er eines Tages nach Hause kam und, als ich ihn fragte, wo er an diesem Tag gewesen sei, sagte: �Wei� nicht.�</p><p>�Was soll das hei�en, du wei�t es nicht? Wo warst du?�</p><p>�Wei� nicht.�</p><p>Ich fuhr mit der Hand vor seinem Gesicht hin und her. �Wie hei�t du, George?�</p><p>�Wei� nicht.�</p><p>Ich nahm an, da� er allm�hlich ausgebrannt war, und lud ihn zum Abendessen ein. �He, Mann�, sagte ich, als er sich danach etwas erholt hatte, �ich k�nnte dich doch begleiten. Dann kannst du dich mit jemandem unterhalten, w�hrend du wartest.�</p><p>�Freds, du siehst einfach nicht wie eine Amtsperson aus.�</p><p>�Aber du auch nicht! Du siehst aus wie ein Trekker, der an der H�henkrankheit gestorben ist.�</p><p>�Hm�, sagte er und betrachtete sein Spiegelbild im Fenster. �Vielleicht.�</p><p>Also gingen wir zu Yongten, um mehr Bakschisch zu holen und uns die Haare schneiden zu lassen. �Wir m�ssen aussehen, als w�ren wir gerade aus dem Flugzeug gestiegen�, sagte George zu ihm.</p><p>�Klar.�</p><p>�Wir m�ssen aussehen wie Burschen von einer Hilfsorganisation�, sagte ich, �mit jeder Menge Knete.�</p><p>�Das wird etwas l�nger dauern�, sagte er. Doch er machte sich mit einem kleinen Satz Nagelscheren bei uns an die Arbeit, bis wir fast aussahen wie <emphasis>junge Amerikaner f�r den Frieden.</emphasis></p><p>Und so begleitete ich George, und wir kehrten zu einer anderen Abteilung des Stra�enamts zur�ck, beide aufgemacht wie Burschen von einer Hilfsorganisation, die zu sein wir auch behaupteten. Das B�ro sah aus wie das der Einwanderungsbeh�rde, nur gr��er; die W�nde waren mit Regalen voller riesiger schwarzer Aktenordner bedeckt, von denen andere sich auch auf dem Boden und den Schreibtischen im Raum stapelten. Die Aktenordner setzten Staub an, w�hrend die Schreibtische mit Hindu-B�rokraten mit eimerf�rmigen Kappen und in abgetragenen, weiten, weichen, beigefarbenen Anz�gen bemannt waren, die, soweit ich es sagen konnten, nichts weiter taten als sich zu unterhalten und uns gelegentlich einen Blick zuzuwerfen. Schlie�lich gew�hrte uns einer von ihnen eine Audienz, doch er stritt ab, da� das Stra�enamt irgend etwas mit dieser Stra�e zu tun hatten, die wir erw�hnten, ob nun alt oder neu, in den Bergen oder im Terai.</p><p>�Fragen wir die Schweizer, was sie wissen�, sagte ich an diesem Abend beim Essen. �Da sie das letzte Stra�enst�ck gebaut haben, m��ten sie eigentlich wissen, wer das neue bauen wird.�</p><p>�Gute Idee�, sagte George.</p><p>Die Tatsache, da� ich derjenige war, der mit neuen Ideen aufwartete, schien mir ein schlechtes Zeichen zu sein. George wirkte entmutigt, und seine Darmprobleme st�rten auch weiterhin seine Nachtruhe. Und Colonel John war in die Stadt zur�ckgekehrt, und jeden Abend, wenn wir nach Hause kamen, nahm er uns ins Kreuzverh�r, wie der Tag gelaufen sei, und schimpfte uns wegen der geringen Fortschritte aus, die wir machten. George lie� sich das nicht gefallen und fauchte ihn an, und John br�llte dann los, und ich stimmte tibetanische Ges�nge an, um ihn zu beruhigen, und manchmal, wurde er weich und stimmte mit ein, und an anderen Abenden wurde er einfach nur w�tend und schrie uns noch lauter auf Englisch an, und gelegentlich geriet er ganz durcheinander, versuchte beides gleichzeitig und hatte eine Art katatonischen Anfall. Unsere Nachbarn im Hotel waren sauer auf uns, und George wurde immer matter.</p><p>Doch wir blieben dran. Am n�chsten Tag fuhren wir in s�dliche Richtung �ber den Flu� Bagmati nach Patan, der alten heiligen Stadt. Dort hatten die <emphasis>Schweizerische Freiwillige f�r Entwicklungshilfe</emphasis> und die <emphasis>Schweizerische Vereinigung f�r technischen Beistand</emphasis> ihre B�ros.</p><p>Nach Singha Durbar waren die Schweizer so t�chtig, da� wir es nicht glauben konnten. Es war, als spr�chen wir mit Au�erirdischen. Zwei von ihnen f�hrten uns sofort in einen hell gestrichenen wei�en Raum mit Kunstdrucken an den W�nden, baten uns, auf einem Sofa vor einem Kaffeetisch Platz zu nehmen, schenkten uns Espresso ein und fragten, was sie f�r uns tun konnten. Es war so erstaunlich, da� George glatt verga�, weshalb wir dort waren, doch er ri� sich zusammen und fragte nach der Stra�enverl�ngerung.</p><p>Leider konnten sie uns nicht viel sagen. Sie hatten von dem Vorschlag geh�rt, die Stra�e bis nach Chhule zu f�hren, hielten das betreffende Gebiet allerdings nicht f�r geologisch geeignet. Sie vermuteten, da� Projekt k�nne von den Chinesen �bernommen worden sein. Sie schlugen vor, wir sollten es im Verwaltungsministerium versuchen, warnten uns jedoch, da� jede Regierung, die Nepal unterst�tzte, eine halbwegs unabh�ngige Macht im Lande bildete, so da� die normale nepalesische Regierung vielleicht nicht unbedingt informiert war. Aber sie waren sich nicht ganz sicher�� auf die typisch schweizerische Art hielten sie sich von allen anderen Regierungen so fern wie m�glich und sprachen die meisten ihrer Hilfsaktionen direkt mit den �rtlichen Beh�rden ab.</p><p>Also waren sie uns keine gro�e Hilfe. Und am n�chsten Tag fanden wir allen Bakschisch zum Trotz in den Verwaltungsb�ros niemanden, der mit uns sprechen wollte.</p><p>George warf die H�nde in die Luft und wandte sich wieder an unseren Freund Steve. �Nenne mir einen Kontaktmann�, bat er ihn. �Ganz gleich, wer er ist.�</p><p>Steve nannte ihm den Namen eines Burschen, der f�r die <emphasis>Nepal Gazette</emphasis> schrieb, der Zeitung, die Bekanntmachungen aller offiziellen Unternehmungen der Regierung ver�ffentlichte. Anscheinend hatte dieser Bursche B.P. Koirala unterst�tzt, den Premierminister, den K�nig Birendras Vater in den sechziger Jahren ins Gef�ngnis geworfen hatte. Das war ein gutes Zeichen, und als wir in das B�ro dieses Burschen im Singha Durbar gingen und George f�nfhundert Rupien auf seinen Schreibtisch legte und sagte: �Wir m�chten Sie zum Essen einladen und Ihnen ein paar Fragen stellen, nichts Geheimes, nur ein paar hilfreiche Informationen!�, da schien der Mann tats�chlich interessiert zu sein. Er sah auf seine Uhr und sagte: �Nun ja, Sir, ich wollte gerade zum Essen gehen. Wenn Sie mich begleiten, will ich mein Bestes geben, Ihre Fragen zu beantworten, falls mir die Antwort bekannt ist.�</p><p>Also luden wir ihn zum Mittagessen ein, und er sa� da und betrachtete uns leicht am�siert. Ein kleiner Hindu-Beamter mit einem roten Punkt auf der Stirn und so weiter. Sein Name war Bahadim Shrestha, und er war unten im Terai geboren. Er hatte die Universit�t Tribhuvan in Katmandu besucht und war dann in die �ffentliche Verwaltung gegangen. Das waren alles gute Zeichen, denn die meisten Verwaltungsbeamte im Singha Durbar waren Brahmin oder Chetri, geboren in Katmandu, und hatten ihre Jobs durch Familienbeziehungen bekommen, als leichte Art, Geld zu verdienen, ohne daf�r arbeiten zu m�ssen. Bahadim stand au�erhalb dieser Menge, und nat�rlich hatte er f�r seine Kollegen nichts �brig. �Die Armut und die schlechte Verwaltung sind die beiden gr��ten Probleme Nepals�, sagte er, �und wir werden das erste niemals l�sen, bevor wir nicht das zweite gel�st haben. Alle zwei oder drei Jahre kommen ausl�ndische Verwaltungsexperten zu uns, um ein neues System zu entwerfen�� Organisation, Bef�rderung, alles sehr genau und mit einer Punktbewertung, das endg�ltige Ende der Korruption, und das Palastsekretariat befiehlt uns, diese Systeme zu benutzen, und noch, bevor jemand sie verstanden hat, sind sie schon wieder in Vergessenheit geraten.� Er sch�ttelte verdrossen den Kopf. �Wir sind ein lebendiges Museum der Verwaltungssysteme.�</p><p>�Allerdings�; sagte George heftig. �Und wenn ich nun herausfinden will, wer im Singha Durbar f�r den Bau einer gewissen Stra�e verantwortlich ist?�</p><p>�Oh, Sir, da werden Sie im Singha Durbar niemanden finden!� Bahadim wirkte angesichts dieses Gedankens schockiert. �Daf�r ist die Regierung zust�ndig.�</p><p>George und ich sahen einander an.</p><p>�Sie m�ssen wissen�, sagte Bahadim und rieb sich mit einem leichensch�nderischen Vergn�gen die H�nde, �da� es in Nepal drei Machtzentren gibt. Singha Durbar und das Panchayat sind ein Zentrum, die ausl�ndischen Hilforganisationen das zweite, und das Palastsekretariat, das direkt f�r K�nig Birendra arbeitet, das dritte. Offiziell wurde nie gekl�rt, wer wof�r verantwortlich ist, doch in der Praxis geschieht nichts ohne den K�nig und seine Berater.�</p><p>�Aber was ist mit der <emphasis>Regierung?�</emphasis> sagte George und verzog angesichts der Arbeit, die wir verschwendet hatten, das Gesicht.</p><p>Bahadim breitete die H�nde aus. �Die Panchayat-Regierung ist f�r Ihre Interessen nicht wichtig. Wie der K�nig so oft sagt, im Panchayat-System besteht keine Gefahr, sich im Labyrinth der Demokratie zu verirren. Sie m�ssen sich mit der wirklichen Verwaltung befassen.�</p><p>�Aber das haben wir doch versucht!�</p><p>�Dann m�ssen Sie sich ans Palastsekretariat wenden.� Er sah die Verwirrung auf Georges Gesicht und zuckte die Achseln. �Es ist ziemlich verwirrend.�</p><p>�Sie machen Witze!� Ziemlich bald w�rde George seinen Kopf festhalten, damit er nicht explodierte. �Aber warum, Bahadim? Warum ist es so verwirrend?�</p><p>�Nun ja.� Bahadim zeichnete mit einem Finger Diagramme. �In der Verwaltung gibt es elf Ministerien und zw�lf �mter, denen Minister oder Direktoren vorstehen.</p><p>Alle haben Stellvertretende Direktoren, Amtssekret�re, Stellvertretende Amtssekret�re und Beamte, deren Ernennung im Amtsblatt bekanntgegeben wird. Aber es gibt keine Befehlskette. Jeder erstattet dem Vorgesetzten Bericht, der ihm genehm ist. Die Vorgesetzten geben Untergebenen auf allen Ebenen Anweisungen, ohne Wissen der direkten Vorgesetzten. Das schafft Probleme, und um sich mit denen zu befassen, wurden zahlreiche neue Positionen auf jeder Ebene geschaffen und besetzt, in den meisten F�llen ohne Wissen des Finanzministeriums. Die Zivilverwaltung wuchs daher so sehr, da� sich das Finanzministerium weigerte, den einzelnen �mtern Geldmittel zukommen zu lassen und nur noch bei pers�nlich haftenden Beamten dazu bereit ist. Also wurde ein Finanzausschu� f�r die Zivilverwaltung gebildet, doch der gab nach einiger Zeit ohne greifbares Ergebnis seine Arbeit wieder auf. Ahnlich ist es mit der Hinzuziehung indischer Experten.� Baradim zuckte die Achseln. �Daher ist es schwierig, herauszufinden, wer f�r welche Entscheidung verantwortlich ist.�</p><p>George setzte die Ellbogen auf den Tisch und hielt seinen Kopf fest. �Mein Gott. Wie ist es denn nur dazu gekommen?�</p><p>Bahadim l�chelte �ber Georges Unwissenheit. �Das ist eine lange Geschichte�, sagte er.</p><p>Und mit demselben �tzenden Vergn�gen erkl�rte er es uns. Er f�hrte George bis zu den Ranas zur�ck, der Familie, die das Land �ber ein Jahrhundert beherrscht hatte. Sie hielten das Amt des Premierministers und alle wichtigen Posten besetzt, w�hrend sie die k�nigliche Familie an der langen Leine hielten und den Reichtum des Landes auf private Konten in Indien umleiteten. Als Hindus hatten sie im Lauf der Zeit in ihrer eigenen Familie ein Kastensystem errichtet; man konnte also ein Rana A, B oder C sein, je nachdem, ob man innerhalb oder au�erhalb der Familie geheiratet hatte, und so weiter. Schlie�lich waren genug Rana-Cs auf die As so sauer, da� sie bereit waren, sie aus ihren �mtern zu jagen, und 1951 kam es zu einer erfolgreichen Revolution, die die gesamte Familie st�rzte. Der damalige K�nig, Tribhuvan, liebte diese Revolution nat�rlich von ganzem Herzen, da sie ihn und seine Familie befreite, und arbeitete an einer neuen Verfassung mit, die nach dem Vorbild des indischen Kongre�partei-Modells eine demokratische Regierung etablierte.</p><p>Doch dann starb Tribhuvan, und sein Sohn Mahendra wurde K�nig, und Mahendra wollte alles selbst bestimmen. Er versuchte, die Macht zu �bernehmen, und die Kongre�partei widersetzte sich ihm, bis er 1960 die Armee �berredete, ihm bei einem Staatsstreich zu helfen, und er verhaftete Premierminister B. P. Koirala, warf ihn ins Gef�ngnis und l�ste das Parlament auf. Damit das nicht so sehr nach dem aussah, was es war, rief er das parteilose Panchayat Raj ins Leben, eine klassische Regierung von Jasagern. Und er setzte die Ranas wieder als Minister ein, um sie besser im Auge behalten zu k�nnen, und so schlichen sie sich wieder in ihre �mter zur�ck, nur, da� der K�nig nun �ber ihnen stand. Bald war alles wieder so wie fr�her, und unter den Ranas wurde das Palastsekretariat die wirkliche Macht im Staate.</p><p>Als Mahendra dann 1972 starb, �bernahm sein Sohn Birendra. Nun war Birendra in Harvard erzogen worden und hatte dort eine ganze Reihe moderner Tugenden gelernt, und man nahm an, da� er nicht so sehr wie sein Vater an einer absoluten Monarchie interessiert sei, was zwar zutraf, aber auch keine Rolle mehr spielte, da sich seine Rana-Minister alles grapschten, woran er nicht interessiert war. Also fiel alles an die Ranas zur�ck, unter einem K�nig, der fast �berfl�ssig war. �Und ich bedauere sehr, sagen zu m�ssen, da� die Krankheit der Korruption verbreiteter ist denn eh und je�, sagte Bahadim grimmig.</p><p>George schaute etwas verzweifelt drein. �Und was, zum Teufel, <emphasis>tun</emphasis> wir jetzt?� fragte er.</p><p>Bahadim zuckte die Achseln. �Was immer Sie tun, m�ssen Sie im Palast tun. Alle Minister von irgendeiner Bedeutung halten dort jeden Morgen ein Durbar.�</p><p>�Was ist das?�</p><p>Bahadim erkl�rte, da� Leute, die die Minister zu irgend etwas bringen wollten, bei kleinen Empf�ngen fr�h am Morgen erscheinen, ein m�glichst gro�es Bakschisch auf den Tisch legen und den Ministern ordentlich schmeicheln mu�ten. Dann w�rde vielleicht etwas geschehen.</p><p>George dachte nach. �H�ren Sie, k�nnten Sie f�r uns herausfinden, welches Amt f�r diese Stra�e zust�ndig ist? Sie m�ssen diese Information doch in der Gazette ver�ffentlicht haben, oder?�</p><p>�Nein, haben sie nicht�, sagte Bahadim. Doch er versprach, Nachforschungen zu betreiben.</p><empty-line/><p>Schon am n�chsten Tag best�tigte er eine der Geschichten, die George w�hrend seiner Zeit im Singha Durbar geh�rt hatte. Die Inder bauten die Stra�e. Definitiv. Kein Zweifel daran. Und alles schien vertuscht zu werden.</p><p>�Was hast du vor, George?� sagte ich also. �Ich meine, was hast du vor, wenn du den Richtigen zu fassen kriegst?�</p><p>Keine Erwiderung von George.</p><p>Doch er f�hrte mich zum Human Fit Tailor Shop an der New Road, wo wir zwei perfekt sitzende Jungunternehmer-Anz�ge erstanden, in denen wir fast �berzeugend wirkten. Und dann gingen wir zum Palastsekretariat, um herauszufinden, was herauszufinden war.</p><p>Das Sekretariat war ein gro�es neues wei�es Betongeb�ude am Rand des Palastgel�ndes, was gleichzeitig auch das Beste daran war�� es lag direkt am Rand von Thamel, so da� wir jeden Tag in unseren Wall-Street-Pseudoanz�gen mit unseren gef�lschten Papieren die Stra�e entlanggehen konnten, nur den K�hen ausweichen mu�ten und schon in zehn Minuten an Ort und Stelle waren.</p><p>Doch in dem Geb�ude ging es �hnlich zu wie im Singha Durbar, nur alles eine Nummer gr��er�� neue B�ros, neue B�rom�bel und Schreibmaschinen, arrogante Beamte in sauberen wei�en Jacken. Wir wurden von einem B�ro zum n�chsten abgeschoben und warteten, bis wir jeden Ri� in den schlechten Betonw�nden gez�hlt hatten, nur um dann herauszufinden, da� der Funktion�r, auf den wir warteten, gern �ber unser Geld sprechen oder es direkt nehmen wollte, aber nichts wu�te und auch nicht wu�te, wer etwas wu�te.</p><p>Und jeden Abend setzte Colonel John uns f�rchterlich zu. Und George litt weiter unter Durchfall. Es wurde langsam zuviel f�r ihn�� eines Tages taumelten wir in den Regen hinaus, und George schaute zu den gro�en Kiefern auf dem Palastgel�nde hoch und sah die riesigen Flederm�use, die mit den K�pfen nach unten an den �sten hingen, und sagte: �Das sind sie! Dahin gehen sie nach Dienstschlu�! He!� Er schrie sie an. �Wo, zum Teufel, ist das B�ro, das f�r die Stra�e verantwortlich ist, ihr Vampire?�</p><p>Passanten starrten uns an. Die Flederm�use r�hrten sich nicht.</p><p>�George�, sagte ich, �du darfst nicht vergessen, da� diese Leute einfach korrupt sein m�ssen. Sie bekommen kein gro�es Gehalt, und diese Stadt ist teuer. Und dann sitzen sie in so einem B�ro, und jeder nimmt Schmiergeld, und sie bekommen ihren Anteil von den Gesamteinnahmen, und was k�nnen sie da schon gro� machen? Es gibt kaum eine M�glichkeit, es zu vermeiden.�</p><p>�Verschone mich mit diesem buddhistischen Quatsch�, schnaubte George. �Das sind Schurken, und Colonel John hat recht, bei manchen Gelegenheiten mu� man sie einfach in den Arsch treten! Wenn sie keine Vampirflederm�use sind, sind sie Geier. Ich w�nschte nur, einer w�rde mal auf mir landen, damit ich ihm seinen verdammten Hals umdrehen k�nnte.�</p><p>Am n�chsten Tag wurde ihm sein Wunsch beinahe erf�llt. Ein Sekret�r im Nationalen Entwicklungsrat, Amt f�r Ausl�ndische Unterst�tzung, Abteilung Indien, warf einen Blick auf George, und seine Augen strahlten pl�tzlich. George l�chelte und erkl�rte, wir k�men von der <emphasis>William T. Sloane Foundation for International Development</emphasis> in Houston, Texas, legte sein Bakschisch auf den Tisch und erkundigte sich nach dem Stra�enprojekt. Oh, nat�rlich, sagte der Sekret�r nickend. Nat�rlich wollten wir direkt mit dem verantwortlichen Minister sprechen, Mr. A.S.J.B. Rana, der jeden Morgen mit Besuchern und interessierten Gruppen im S�dpatio des Palastsekretariats sprach.</p><p>�Rana�, sagte ich zu George, als wir gingen. �Wei�t du, da� sind <emphasis>die</emphasis> Ranas. Alle echten Ranas haben dieselben vier Vornahmen, diesen S.J.B.R.-Quatsch.�</p><p>�Das habe ich nicht gewu�t. Aber das ist gut, sehr gut. Wir kommen endlich in die oberen Regionen.�</p><p>Also schauten wir am n�chsten Morgen bei A.S.J.B. Ranas Durbar vorbei. Erneut brachte man uns gro�es Interesse entgegen, und George fing es auf seine �bliche Art an, erkl�rte, wer wir seien und machte den Eindruck, das Geld hinge wie M�hlsteine an seinen Schulter, die wir unbedingt loswerden wollten. A. Rana, ein glatter Bursche in der �blichen wei�en Jacke, lie� sich herab, Interesse zu zeigen, und gew�hrte uns sp�ter am Tag eine Audienz.</p><p>Also suchten wir ihn auf, pr�sentierten ihm ein Zeichen der Wertsch�tzung, die die Stiftung ihm entgegenbrachte, und George lie� seinen �blichen Spruch los. Finanzielle Unterst�tzung, Stra�enbau in Nepal, Eignungspr�fung derzeitiger Objekte. Fragen, die wir ihm bez�glich der Verl�ngerung nach Chhule stellen wollten. A. Rana war zuvorkommend, sagte, er w�rde die Sache �berpr�fen, und wir sollten sp�ter zur�ckkommen.</p><p>Also kamen wir sp�ter zur�ck. Ich begleitete George nicht immer, doch er ging nun t�glich hin. Und A.S.J.B, schien von Mal zu Mal interessierter, stellte alle m�glichen Fragen �ber die Stiftung und bat offen um finanzielle Unterst�tzung f�r sein Amt, lie� gelegentlich ein winziges Informationsbr�ckchen fallen, best�tigte, da� die Inder die Stra�e bauten, nannte uns Zahlen �ber die Kosten oder schickte uns zu einem seiner Kollegen, der dann ebenfalls Geld verlangte.</p><p>Doch als er sah, da� er George am B�ndchen hatte, wurde er etwas argw�hnisch und dann anma�end. Einmal nahmen wir an einem Durbar teil, bei dem die Gruppe die ganze Zeit �ber Nepalesisch sprach, und A. Rana lachte und sah zu uns oder von uns weg, und es wurde offensichtlich, da� wir der Gegenstand seiner Scherze waren. Und er wollte, da� wir es mitbekamen. Also vermutete ich, da� er wu�te, da� wir nicht die waren, f�r die wir uns ausgaben, und uns nur finanziell melken und sich ein Sp��chen mit uns machen wollte. Doch George meinte, wir sollten trotzdem weitermachen.</p><p>Ein anderes Mal war George allein dort, und ein anderer Minister kam herein und schrie A. Rana w�tend an, und Rana zeigte auf George und sagte laut, daran ist dieser Amerikaner Schuld, er bel�stigt mich st�ndig. Oh, sagte der andere Minister. Der ist das also. Und sie starrten George an und gaben ihm das starke Gef�hl, im Sekretariat gut bekannt zu sein. �Wei�t du, ich glaube, wir sollen als S�ndenb�cke f�r irgendeine Sache dienen, die A. Rana nebenbei abzieht�, knurrte George, als er mir davon erz�hlte.</p><p>Aber das war nichts im Vergleich zum nachfolgenden Tag. Anscheinend hatte A. Rana George hinausbegleitet, und dabei hatten sich ihre Beine gestreift, und bevor Rana sich wieder in der Gewalt hatte, schnappte er: �R�hren Sie mich nicht an!� und schaute ganz angeekelt drein. George kapierte es nicht. Ich erkl�rte ihm, da� wir als Ausl�nder technisch unber�hrbar waren. Unsere Ber�hrung war unrein.</p><p>�Ach, komm schon�, sagte George, und sein Gesicht lief rot an.</p><p>�Das glauben einige Hindus eben.�</p><p>George runzelte die Stirn. Und als ich ihn das n�chste Mal begleitete, bemerkte ich, da� George zur T�r sah, ob A.S.J.B.R. ihn aus dem B�ro beobachtete, und dann in den Schreibtisch des Vorzimmers fa�te und Papiere und so weiter einsteckte. Als uns A. Rana einmal allein lie�, f�llte er sogar einige Formulare auf der Schreibmaschine aus. �Mal sehen, wer hier wen reinlegt�, murmelte er, als er die Formulare in seine Aktentasche steckte.</p><p>Doch mittlerweile nahm A. Rana uns ganz sch�n aus, verlangte jedesmal ein Bakschisch f�r seine Zeit und wimmelte uns dann doch nur wieder ab. George mu�te immer �fter Yongten besuchen, um sich Bargeld zu beschaffen, und Yongten sch�ttelte schon den Kopf. �Sinnlos�, sagte er.</p><p>Colonel John war w�tend. �Die Bulldozer sind schon da, und sie fangen mit dem Bau an, sobald der Monsun aufh�rt! Wir m�ssen etwas <emphasis>unternehmen!�</emphasis></p><p>In der Tat war es noch schlimmer als im Singha Durbar. A. Rana und seine Kumpel im Sekretariat machten sich einen Spa� daraus, mit Georges Gehirn Fu�ball zu spielen, Flanke, Pa�, R�ckgabe, Kopfball, und er litt immer noch an Durchfall und hatte eine Menge Gewicht verloren. Er w�rde jeden Tag zusammenbrechen.</p><p>Und dann lie� uns A. Rana eines Tages in seinem Vorzimmer warten und ignorierte uns ostentativ, telefonierte mit jemandem auf Nepalesisch und lachte eine Menge, und dann legte er auf, kam g�hnend aus seinem Allerheiligsten heraus und entlie� uns mit einer Handbewegung. �Ich mu� jetzt gehen. Kommen Sie sp�ter wieder.�</p><p>Ich h�rte, wie in George die Leitungen durchbrannten. Pl�tzlich stand er vor A. Rana, verstellte ihm den Weg und sagte mit wirklich eindringlicher Stimme: �H�ren Sie zu, Sie kleiner Blechgott, entweder geben Sie mir jetzt die Unterlagen f�r diese Stra�enausweitung, oder ich breche Ihnen Ihr verdammtes Genick.�</p><p>Was nat�rlich genau das war, was man niemals zu einem Beamten in Katmandu sagen darf, wie George selbst es am besten wu�te�� normalerweise war er bei diesen Burschen Mr. Valium. Aber wie gesagt, bei ihm waren die Leitungen durchgebrannt.</p><p>Und A. Rama bl�hte sich augenblicklich wie eine in die Ecke getriebene Kobra auf, rief �Glauben Sie ja nicht, da� Sie mir drohen k�nnen, Sir! Verlassen Sie sofort dieses B�ro!�, und George machte einen Schritt auf ihn zu, drohte, ihn mit seinem Zeigefinger zu ber�hren, und knurrte: �Wer will mich dazu zwingen? Geben Sie mir sofort diese Unterlagen!�</p><p>A. Rana griff nach seinem Telefon und rief: �Verschwinden Sie, oder ich werde Sie von der Polizei entfernen lassen!�</p><p>�Wieso glauben Sie denn, da� die kommt!� rief George, aufgebracht von der Vorstellung. �Sie m�ssen sie bestechen, damit sie �berhaupt kommen! Und dann m�ssen Sie die Leute an der T�r bestechen, damit sie hereinkommen, und woher wollen Sie daf�r das Geld nehmen? Wollen Sie bei einem anderen ausl�ndischen Hilfsprojekt absahnen? Wollen Sie ein anderes Amt beschei�en, um das Geld zu bekommen, das Sie brauchen, um mich aus Ihrem B�ro werfen zu lassen? Sie brauchen zehn Jahre, um mich aus diesem B�ro werfen zu lassen!�, und dann hatte ich ihn an den Schultern gepackt und dr�ngte ihn gewisserma�en heraus, w�hrend ich A. Rana mit meinem Fu� zur�ckhielt, w�hrend sie einander anschrien und alle anderen Beamten auf den Gang liefen, um zu sehen, was los war.</p><p>Wir waren wieder ganz am Anfang.</p><empty-line/><p>An diesem Abend war George untr�stlich. �Ich hab�s verpatzt, Freds, ich hab�s verpatzt.�</p><p>�Ja, das hast du.�</p><p>Wir rauchten ein paar Haschpfeifchen und gingen zum K. C., um dar�ber hinwegzukommen. Und dort sch�ttete George gewaltige Mengen Bier in sich hinein.</p><p>Ziemlich bald war er sternhagelblau. �Ich wei� einfach nicht mehr, wie�s weitergehen soll, Freds. Ich wei� nicht, was ich tun soll.�</p><p>Ich nickte. Tja, mein Kumpel war wirklich �berfordert. Ich meine, was konnte er schon tun? Die Leute, mit denen er sich eingelassen hatte, fra�en die Hilfsorganisationen aller Herren L�nder mit Haut und Haaren, die Weltbank, die IMF, alle riesigen Geldgeber.</p><p>Und dann kam Steve und gesellte sich zu uns, und wir sa�en da und tranken, und Steve erz�hlte uns ein paar seiner Horrorstories aus dem Peace Corps, wie der Palast einmal nicht fl�ssig gewesen war, aber Bestechungsgeld brauchte, damit ihr Kandidat ins Panchayat gew�lt wurde, und so waren sie kurzerhand ins Terai gezogen, hatten jede Menge Laubb�ume gef�llt und das Holz nach Indien verkauft, um die M�use aufzutreiben, und sich dann an die Weltbank gewandt und gesagt, Oh, Sir, Entwaldung, was f�r ein schreckliches Problem f�r uns, kommen Sie, sehen Sie sich das an, und hatten sie dann zu dem St�ck Terai gef�hrt, das sie gerade abgeholzt hatten, und nat�rlich war der Mutterboden schon in Bangladesh, und so gab die Weltbank ihnen Geld, und sie forsteten schnell drei�ig Morgen wieder auf, bauten mitten drin einen Flugplatz und steckten den Rest in die eigene Tasche, und danach zeigten sie allen m�glichen Leuten das Aufforstungsprojekt, lie�en keine Gelegenheit aus, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, angeblich, um die gro�e Aufgabe zu vollenden, w�hrend das Geld nat�rlich sofort f�r Operettenuniformen f�r die Armee und andere weniger wichtige Dinge ausgegeben wurde.</p><p>Und das waren die Leute, mit denen George es zu tun hatte. Mit begrenzten Geldmitteln und ohne Sprachkenntnisse. Was wollte er gegen solche Burschen schon ausrichten?</p><p>Er lie� sich vollaufen und schlug sich mit Bierdosen an den Kopf. Zumindest an diesem Abend. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, da� die Bierdosen aus Indien kamen und noch aus Blech bestanden. �Schon in Ochtnun, bin dran gew�hnt�, sagte George. �Bin jetzt seit �nem Monat mit dem Kopf gegen �ne Ziegelmauer gelaufen, hab� da schon dicke Schwieln.� Er zeigte es uns. <emphasis>Krach.</emphasis> Ich brachte ihn nach Hause.</p><p>Wir wankten durch Thamels enge Stra�en, und George trat in alle Pf�tzen, weil er sich st�ndig umsah. �Sieh doch, Freds. Sieh dir diese armen Schei�er an, ich mein, sieh sie dir an.�</p><p>�He, Mr. Nein!� sagte jemand.</p><p>George sch�ttelte den Kopf und w�re fast umgekippt. �Ich bin Mr. Ja! Mr. Ja! Ja ja ja!�</p><p>Ich verscheuchte die neugierigen Kinder und st�tzte George. Er wankte unsicher weiter. �W�re es nicht toll, wenn Tibet und Nepal einfach die Pl�tze tauschen w�rden, Freds? Wenn sie einfach auf der anderen Seite der Himmies l�gen? Verstehst du, was ich meine?�</p><p>�China h�tte Nepal erobert.�</p><p>�Genau! Dann m��ten die sich mit dieser B�rokratie abgeben! Die k�nnten sie zur Bev�lkerungskontrolle benutzen! Man schickt Leute rein und sieht zu, wie sie verschwinden! Bald g�b�s in China nur noch ein paar Menschen, die die Ranas k�nnten Beijing �bernehmen. Sie m��ten um Gnade winseln.�</p><p>�Gute Idee.�</p><p>�Und die Tibetaner und der Dalai Lama w�ren auf der S�dseite und k�nnten still und friedlich mit ihrem Bruder-von-einem-anderen-Planeten-Trip weitermachen, und w�re das nicht wunderbar, Freds? W�re es das nicht?�</p><p>�Ja, das w�r�s, George. Du bist betrunken. Das sind Alkoholtr�nen. Bringen wir dich nach Hause, rauchen ein paar Pfeifchen und n�chtern dich aus.�</p><p>�Gute Idee.�</p><p>Doch im Star wartete Colonel John auf uns, und er war nicht in der besten Laune und billigte unsere offensichtliche Pflichtvernachl�ssigung nicht. Das hielt uns nicht auf, doch w�hrend wir high wurden, schritt er wie ein mumifizierter Ausbildungssergeant auf und ab, drehte eine Gebetsm�hle und schnappte: �Was sollen wir jetzt tun? Sie haben zweitausend Rupien ausgegeben, und wir k�nnen daf�r nichts vorweisen! Wir sind an die verd�chtigste Beamtenbande auf Erden geraten! Was sollen wir jetzt tun?�</p><p>George nahm einen tiefen Zug und hielt die Luft an, bis er blau anlief. �Keine Ahnung. Ich meine, was k�nnen wir schon tun? Wir haben eine indische Stra�e, mehr wissen wir nicht. Die Schweizer wollen nicht. Warum nicht? Keine Ahnung. Die Inder bauen sie. Den Chinesen wird das nicht grade gefallen, ich meine, die Inder waren auch nicht begeistert, als die Chinesen diese Stra�e von Lhasa nach Katmandu bauten. Oder? Was New Delhi und Beijing betrifft, sind diese Stra�en nur Angriffskorridore, und die beiden benehmen sich ganz sch�n paranoid. Vielleicht k�nnten wir versuchen, ihnen solche Angst einzujagen, da� sie die Stra�e nicht bauen. Einen �berfall vort�uschen, oder sowas in der Art ��</p><p>Der Colonel packte ihn am Hals und hob ihn hoch. �JA!� kreischte er und lie� George aufs Bett zur�ck fallen. �JA!� Er zitterte, als w�re er mit dem Zeh in eine Steckdose geraten.</p><p>�Ja was?� sagte George und massierte seinen Hals.</p><p>Colonel John stach mit einem Finger auf ihn ein. ��berfall! �berfall! �berfall!�</p><p>�V�llig sinnlos. Die kleinen Mistkerle kriechen doch unter der T�r her.�</p><p>Der Colonel ignorierte ihn. �Wir verkleiden ein paar Khampas als Chinesen und �berfallen des Nachts die Armeekasernen in Chhule.�</p><p>�Wie wollen Sie denn an chinesische Uniformen rankommen?� fragte ich.</p><p>�Haben jede Menge davon�, sagte er d�ster. �M�ssen nur die L�cher zun�hen.� Er dachte dar�ber nach. �Wir gehen in derselben Nacht noch nach Tibet r�ber und greifen den n�chsten chinesischen Heeresposten an. Gehen �ber den Nangpa La, damit beide Seiten glauben, der Angriff sei von der anderen Seite gekommen. Halten Shambhala heraus. Grenzzwischenfall, Chinesen reichen Protest ein, Birendra macht R�ckzieher wie �72, und das Stra�enprojekt ist endg�ltig gestorben. JA!� Er beugte sich vor, um George ins Gesicht zu br�llen: <emphasis>�Hervorragender Plan, Soldat!�</emphasis></p><p>Doch George war auf dem Bett ohnm�chtig geworden.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen konnte er sich nicht einmal daran erinnern, wie der Plan aussah, und als wir ihn ihm erkl�rten, konnte er nicht glauben, da� es seine Idee war. �O nein, nicht mit mir, Freds. Du versuchst es schon wieder, und ich will nichts damit zu tun haben!�</p><p>Colonel John packte schon.</p><p>�Denk ans Singha Durbar�, sagte ich zu George. �Denk an Birendra und die Ranas. Denk an A. Shumsher Jung Bahadur Rana.�</p><p>Das hatte seine Wirkung. Er h�tte vielleicht noch etwas gemeckert, wenn er nicht so verkatert gewesen w�re. Er kroch zu seinem Fenster und sah auf die D�cher Thamels hinaus.</p><p>�Na sch�n�, sagte er nach einer Weile. �Ich mache es. Es ist ein dummer Plan, aber er ist besser als <emphasis>das �</emphasis>� Er deutete mit der Hand auf ganz Katmandu.</p><p>Also machten wir uns wieder reisefertig, was f�r Colonel John bedeutete, da� er in den Landrover sprang, und f�r mich, da� ich meinen Rucksack packte; doch George hatte noch <emphasis>einiges</emphasis> zu erledigen. Zuerst kaufte er ein paar gro�e Kanister Benzin. Dann kaufte er fast alle Antibiotika in Katmandu auf, eine Suche, die ihn nicht nur in die kleinen Apotheken um Thamel f�hrte, sondern auch zu vielen Stra�enh�ndlern, die neben anderen H�ndlern, die kandierte Fr�chte oder Weihrauch verkauften, ihre Decken auf den B�rgersteigen ausgebreitet hatten und alle m�glichen Medikamente verkauften; sie versorgten sich bei zur�ckkehrenden Bergsteigerexpeditionen. Er trieb unter anderem auch eine Packung Tinnidazol auf, ein Medikament gegen Giardia, das in den Staaten verboten war�� eine richtige Ochsenkur, man nimmt vier gro�e Pillen, und am n�chsten Tag ist die Giardia in einem tot, zweifellos gemeinsam mit dem gr��ten Teil der Ged�rme. George schluckte dieses Gift auf die blo�e M�glichkeit hin, da� er unter Giardia litt, und nahm seine weiteren Aufgaben in Angriff.</p><p>Eine davon bestand darin, bei unserem Freund Bahadim vorbeizuschauen und sich mit ihm zu beraten; er gab ihm eine Bekanntmachung, die er f�r die <emphasis>Nepal Gazette</emphasis> geschrieben hatte, und einige Briefe, die anscheinend auf A.S.J.B. Ranas Briefpapier geschrieben waren.</p><p>Nach schnellen Besuchen im Schweizerischen Konsulat und dem Palastsekretariat war er dann reisefertig. Colonel John fuhr uns zu dem Bauernhof am Ende der Stra�e, und wir versteckten seinen Landrover und marschierten praktisch drei Tage lang ununterbrochen, um Chhule herum, durch den Rhododendron-Wald, dessen Bl�ten alle abgefallen waren und nun auf dem Boden lagen, und das Hochtal hinauf, in dem nun das Monsun-Wasser mit lautem Get�se abflo�. Dann �ber den Gletscher und den Grat hinauf in den Schnee, �ber den Pa� und hinab nach Shambhala.</p><p>Wir hatten das heilige Tal kaum erreicht, da erz�hlte der Colonel schon allen von Georges Plan. Die Khampas waren allesamt begeistert, doch der Manjushri Rimpoche zeigte sich nicht so enthusiastisch. �Auf keinen Fall darf dabei jemand zu Schaden kommen. Das w�re ein so gro�es Unrecht, da� es alles Gute, was dabei herauskommen k�nnte, zunichte machen w�rde.�</p><p>Colonel John h�rte das nicht gern, doch er stimmte zu, wobei er genau wie Eddie Haskeil klang�� <emphasis>�Nat�rlich</emphasis> nicht, heiliger Rimpoche, wir werden niemand t�ten. Wir werden nur Sachsch�den anrichten.�</p><p>�Wir wollen ihnen nur Angst einjagen�, erkl�rte ich.</p><p>�Ja!� sagte Colonel John und machte sich meine Argumentation zu eigen. �Wir wollen ihnen nur <emphasis>Angst einjagen�,</emphasis> und schon sprudelten Pl�ne aus ihm hervor, wie man den Grenzposten auf beiden Seiten so schreckliche Angst einjagen konnte, da� ein paar Soldaten vielleicht vor Furcht starben, was sehr bedauerlich w�re, aber nicht direkt unsere Schuld. Nicht so direkt wie Kugeln zumindest.</p><p>Mit der Organisation des �berfalls fiel er wieder v�llig in seine Marine Corps-Angewohnheiten zur�ck, stellte zwei Einheiten auf, bildete sie aus, zeichnete Karten und Diagramme und schmiedete Schlachtpl�ne. Sein Plan sah vor, da� die beiden Einheiten ihre Angriffe auf die Grenzposten in Nepal und Tibet zeitlich so durchf�hren sollten, da� sie sich aus beiden Richtungen in den Nangpa La zur�ckziehen, sich dort vereinigen und entkommen w�rden, w�hrend die sie vielleicht verfolgenden Chinesen und Nepali aufeinandertreffen w�rden. Er hielt das f�r eine geniale Idee. Tag f�r Tag kam er mit einem neuen Einfall an, der den Plan noch wirksamer machen sollte. �Okay�, sagte er nach einem dieser Brainstorms, �wir �berfallen Chhule in den Uniformen der chinesischen Armee, aber jeder f�nfte Soldat wird eine dieser D�monenmasken des Klosters tragen, wodurch die Nepali einen unterbewu�ten Schock bekommen. Bewu�t werden sie denken, es w�ren die Chinesen, doch im Unterbewu�tsein werden sie glauben, alle D�monen von Yamantaka w�rden �ber sie herfallen.�</p><p>George runzelte bei diesen Ideen immer nachdr�cklich die Stirn. �Glauben Sie nicht, das w�re etwas �bertrieben?� pflegte er dann zu fragen. �Ich meine, es ist ja wirklich wichtig, da� die Soldaten in Chhule glauben, die Chinesen w�rden sie �berfallen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese D�monenmasken dazu beitragen werden.�</p><p>�Nat�rlich werden sie das�, sagte Colonel John und tat den Einwand ab. �Wir spielen hier mit ihrem Unterbewu�tsein. Psychologische Kriegsf�hrung. Wissen Sie, ich habe nicht umsonst zehn Jahre bei der CIA verbracht. �berlassen Sie diesen Teil einfach mir.�</p><p>�Wenn dort Gurkhas stationiert sind, wird es ihnen v�llig gleichg�ltig sein, wie wir aussehen�, warnte George. �Sie werden das Feuer erwidern.�</p><p>�Da oben sind keine Gurkhas!� schnappte Colonel John. �Da oben ist nur die Nepalesische Milit�rpolizei, die schlechteste Truppe auf Erden.� Und er erz�hlte George einfach nichts mehr von seinen Pl�nen.</p><p>Schlie�lich war alles vorbereitet. Die beiden Gruppen, die die �berf�lle durchf�hren sollten, sollten am selben Abend aufbrechen; die eine w�rde Colonel John nach Nepal, die andere Kunga Norbu nach Tibet f�hren. Der Manjushri Rimpoche hatte uns die Erlaubnis gegeben, einige der Tunnels von Shambhalas uraltem Tunnelsystem zu benutzen, damit wir das Tal unbemerkt verlassen konnten�� allerdings nur den Grat hinauf, auf den Sattel des Nangpa La.</p><p>Nun war der Nangpa La, wie ich schon sagte, der Pa� der alten Salz- und Wollh�ndler zwischen Tibet und Nepal und damit genau der Pa�, den die Chinesen oder Nepali nehmen w�rden, wenn sie die anderen Seite �berfallen wollten. Nicht, da� die Nepali jemals so dumm sein w�rden, China anzugreifen, doch die Chinesen waren davon �berzeugt, da� die Inder die Strecke benutzen und die Existenz Nepals einfach ignorieren w�rden. Also war er f�r unsere Zwecke perfekt geeignet�� er pa�te zu unserer Tarngeschichte, und nichts w�rde etwaige Verfolger ins Gebiet von Shambhala f�hren. Also konnten wir die �berf�lle vornehmen und bei Anbruch der D�mmerung wieder auf dem Nangpa La sein, und wenn wir erst einmal verschwunden waren, konnten etwaige Verfolger die Sache mit ihrer gegenseitigen extremen Paranoia selbst kl�ren.</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte George immer wieder. �Vielleicht sollten wir uns auf die nepalesische Seite beschr�nken. Ich meine, was werden sie glauben, wenn sie beide angegriffen werden?�</p><p>�Beide werden glauben, da� die andere Seite l�gt�, sagte der Colonel, �und beide haben schon seit Jahren gute Gr�nde f�r diese Annahme.�</p><p>Die einzige Frage, die den Colonel wirklich besch�ftigte, bestand darin, ob er die richtige Gruppe f�hrte. Sein tiefster Ha� galt den Chinesen, und ihr Armeeposten w�rde sich im Fall eines Angriffs wahrscheinlich besser seiner Haut zu wehren wissen. Doch genau das war der beste Grund, auf der nepalesischen Seite zu bleiben, denn wenn er und die Khampas sich von einem chinesischen Zug in ein Feuergefecht verwickeln lie�en, w�rden sie wahrscheinlich durchdrehen und sie alle umbringen. Sogar der Colonel sah das ein. Andererseits war die Chance, den furchtsamen Nepali einen h�llischen Schreck einzujagen, sowohl zufriedenstellend als auch sicher�� und war die beste M�glichkeit, die der Manjushri Rimpoche gew�hren w�rde, sich f�r Birendras Verrat am tibetanischen Widerstand 1972 zu r�chen.</p><p>Also versammelten wir uns drei Tage nach unserer R�ckkehr mittags auf dem Klosterhof. D�monenmasken wurden verteilt und Gewehre und M�rser, die den Eindruck machten, als k�men sie aus einem Museum der Kaschmir-Kriege. Ich mu�te einen M�rser tragen, und George bekam einen Rucksack mit Munition daf�r, in dem sich, dem Gewicht nach zu urteilen, Felsbrocken zu befinden schienen. Der Colonel erkl�rte uns, wie sich das Ding bedienen lie�. Es stellte sich heraus, da� die M�rser in der Tat Antiquit�ten waren, und den Khampas war schon vor langer Zeit die Munition f�r sie ausgegangen, so da� sie sich Sprengladungen zusammengebastelt hatten, indem sie gestohlene chinesische Patronen ausschlachteten. Sobald sich diese Sprengladungen in den M�rsern befanden, stopfte man sie mit F�llmaterial aus Yakwolle und dann mit Kanonenkugeln oder Vogeldunst oder Felsbrocken, was immer zur Hand war, und feuerte sie ab.</p><p>Der Manjushri Rimpoche kam heraus und gab uns seinen Segen, und Colonel John hielt eine aufmunternde Rede. Dann gesellte sich der <emphasis>Kuden</emphasis> Kalapas in seiner goldenen Zeremonienrobe zu uns, der wie �blich so benommen aussahen, als w�rde er es nicht mehr lange machen, und fiel pl�tzlich in eine Trance und machte pomp�se Bewegungen, und sie bem�hten sich, ihm seinen Helm aufzusetzen, der um die hundert Pfund wog und aussah, als w�rde er ihn zu Boden zwingen, und sie zogen ihm den Riemen um das Kinn fest, bis er bald erstickte, und dann �bernahm ihn der Geist des Dorje Drakden vollends, und er schritt pl�tzlich mit hervorquellenden Augen auf dem Hof auf und ab und zischte in ersticktem Tibetanisch vor sich hin, das ich nicht verstehen konnte, und schwang ein riesiges Holzschwert und wirbelte herum, so da� wir ihm Platz machen mu�ten. Es war klar wie Klo�br�he, da� Dorje Drakden Besitz von ihm ergriffen hatte und uns anschnaubte�� eine zornige Gottheit, die unter dem dunklen Himmel und dem seltsamen Licht der ewigen Flamme zwischen uns wandelte, und ich will verdammt sein, wenn sich nicht ein Teil ihres Geistes in jeden von uns ergo�. Als Dorje also mit seinem riesigen Schwert auf den Eingang des Klosters deutete, st�rmten wir alle hinein.</p><p>Immer weiter liefen wir, bis die W�nde von Kaiapa von einem schmalen, steinernen Gang ersetzt wurden, und wir liefen weiter durch einen Tunnel, der von Butterlampen erhellt wurde, bis wir dann dunkle Stufen in eine gro�e unterirdische H�hle hinabpolterten, deren W�nde mit Gold beschlagen waren. Anscheinend handelte es sich dabei um den Hauptbahnhof des gewaltigen Tunnelsystems von Shambhala. �Mann�, sagt George. �Davon hast du mir ja gar nichts erz�hlt.�</p><p>�Ich habe selbst nichts davon gewu�t�, sagte ich. Die wenigen Lichtflecke der Butterlampen zeigten uns nicht gerade viel, doch ich sch�tzte, da� sich etwa zwanzig Tunneleing�nge in diese goldene H�hle �ffneten. �Hoffentlich m�ssen wir den R�ckweg nicht allein finden.�</p><p>�Sag sowas nicht.�</p><p>Wir marschierten durch einen der Tunnels los und folgten Kunga Norbu und ein paar Khampas mit Fackeln, die in der Dunkelheit vorausliefen und die Butterlampen f�llten und anz�ndeten. Die Lampen waren in Nischen angebracht, die Statuen von B�npa-D�monen oder Bodhisattvas bargen, so da� wir entweder erschrocken zusammenfuhren oder aufgemuntert wurden, wenn wir an ihnen vorbeigingen. Gelegentlich gelangten wir an Abzweigungen, und normalerweise wandten wir uns nach rechts, aber nicht immer. Wir bewegten uns im Laufschritt, gr��tenteils bergaufw�rts, an manchen Stellen sogar Treppen hinauf, und schlie�lich wurde es ziemlich beschwerlich. Abgesehen von Pf�tzen und kleinen Stalagtiten und den Nischen f�r die Lampen �hnelte ein Tunnel dem n�chsten wie ein Ei dem anderen, so da� wir unm�glich sagen konnten, wie weit wir schon gegangen waren. Doch es m�ssen mehrere Kilometer und �ber zw�lfhundert Meter H�henunterschied gewesen sein, denn soweit liegt der Nangpa La entfernt.</p><p>Dann blieben wir stehen und dr�ngten uns zusammen, w�hrend die F�hrer eine Steint�r �ffneten, und wir traten unter n�chtlichen, wogenden Monsunwolken hinaus auf einen steilen Grat etwas dreihundert Meter �ber dem Nangpa La. Unten im Pa� konnten wir eine Reihe klappriger Gebetsm�hlen und gro�e schlanke Pfosten ausmachen, an denen einmal Gebetsflaggen gehangen hatten. Als ich sie beobachtete, erhaschte ich eine Bewegung, und ein schwaches, hohes Pfeifen trieb an uns vorbei und erzeugte auf meinen Unterarmen eine G�nsehaut. �Oh, ja�, sagte ich, und George zischte �Ein Hinterhalt!�, aber der Colonel sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Yetis�, sagte er. �Der Manjushri Rimpoche hat sich ihrer Unterst�tzung versichert.�</p><p>�Schei�e�, sagte George. Aber im Augenblick wu�te er nichts weiter darauf zu entgegnen. Unten im Pa� bewegten sich Gestalten und verschwanden, und mehr sahen wir sowieso nicht von ihnen, und wir stiegen schnell zum Pa� hinab, wobei wir nur auf freiliegende Steine traten, so da� keine Spuren verraten konnten, woher wir gekommen waren.</p><p>Bei den Gebetsm�hlen trennten wir uns in zwei Gruppen und gingen auf beiden Seiten den Pa� hinab. Danach kam es nur darauf an, mit dem Colonel mitzuhalten, der vorgab, in seinem Landrover zu sein und lief, wo immer es ihm m�glich war, und uns anschrie und auf dem Arsch �ber steile H�nge und durch kalte Gletscherb�che rutschte und der uralten Handelsstra�e folgte.</p><p>Ein paar Stunden sp�ter erreichen wir den Rhododendron-Wald �ber Chhule. Der Regen hatte alle Bl�ten abgeschlagen, und sie lagen wie geplatzte Luftballons einer Geburtstagsfeier auf dem Waldboden, so da� die Erde rosa war und der Himmel ein wogendes, bew�lktes Wei�, seltsam von einem Vollmond indirekt erhellt. Zwischen dem rosafarbenen Boden und dem wei�en Himmel bogen sich Hunderte schwarze, knorrige Rhododendronzweige zu einem leichten, nassen Schnee hoch, der zu fallen begonnen hatte. Es war ein unheimlicher Ort, und als der Mond wie eine Stra�enlampe durch das Unterholz leuchtete, sah er nur noch unheimlicher aus�� rosafarbener Boden, knorrige schwarze �ste, fallender Schnee, Wolken, die am Mond vorbeirasten, und dann und wann in den Augenwinkeln sich bewegende Gestalten.</p><p>Am unteren Waldrand lagen die Ausl�ufer von Chhule, und die Kasernen, in denen die nepalesischen Soldaten untergebracht waren, befanden sich auf unserer Seite des Dorfes, nur durch eine schmale Lichtung von uns getrennt�� drei lange, zweist�ckige Steingeb�ude mit Wellblechd�chern und Fenstern mit Holzrahmen, alle friedlich schlafend in den Tiefen einer normalen Dorf nacht. Irgendwo im Dorf bellte eine Bulldogge, doch in jeder Nacht bellten in jedem Dorf in Nepal Hunde, so da� man sich dar�ber keine Sorgen machen mu�te.</p><p>Schweigend folgten wir den Anweisungen des Colonels und schw�rmten am Waldrand aus. Er ordnete die M�rser-Teams in einem Halbkreis um die Kasernen an und plazierte mich und George hinter einem kleinen, fetten, alten Rhododendron an das eine Ende des Halbkreises. Er sah zu den Kasernend�chern hin�ber und kicherte grimmig. �Es wird sich anh�ren, als w�rden wir ihnen Abfalleimerdeckel um die Ohren knallen. Hier, nehmt die Masken�� ihr seid am Rand ihres Sichtfelds.�</p><p>Er gab uns D�monenmasken und Taschenlampen, und wir setzten die Masken auf, und zum Gl�ck hatten unsere D�monen so gro�e Glotzaugen, da� die eingeschnittenen Pupillenl�cher gro� genug waren, um hindurchzusehen. George verwandelte sich in einen gr�nen, roten, blauen und goldenen Schrecken und grinste mit drei- oder viermal soviel Z�hnen, wie er eigentlich haben sollte. Und ich sah wahrscheinlich ganz �hnlich aus. Sobald das Spektakel begann, sollten wir zwei M�rsersalven abfeuern, dann um die B�ume hervorkommen, die Taschenlampen auf unsere Gesichter richten, um etwas unterbewu�te negative Werbung zu betreiben, und uns wieder hinter die B�ume zur�ckziehen, damit wir nicht von etwaigen Sch�ssen getroffen wurden.</p><p>Ein toller Plan. Obwohl George nicht viel davon hielt. Und als er die Felsbrocken aus seinem Rucksack nahm, um unseren M�rser zu laden, war er noch weniger beeindruckt. �Freds, was ist das? Siehst du das? Diese Steine, sie sind blau! Sind sie nicht blau?� Er richtete eine Sekunde lang seine Taschenlampe auf sie. �Freds, das sind T�rkise!�</p><p>Er lief zwischen den B�umen her, holte den Colonel ein und zerrte ihn zur�ck. �Colonel, wieso zum Teufel bombardieren wir diese Burschen mit <emphasis>T�rkisen?�</emphasis></p><p>Der Colonel hatte schon eine besonders groteske D�monenmaske aufgesetzt, doch irgendwie wurde offensichtlich, da� das wilde Grinsen der Maske dem auf dem Gesicht darunter entsprach. �Wundersch�n, nicht wahr?� sagte der Colonel. �Sie kommen aus ihren Kasernen gelaufen und sehen �berall dieses Zeug liegen und werden denken, <emphasis>da� der Himmel einst�rzt.</emphasis> Sie werden vor Furcht glatt durchdrehen.�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>Schlie�lich sch�ttelte er heftig den Kopf, wobei die Maske verrutschte, und sagte mit ged�mpfter Stimme: �Colonel, ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, da� Sie, wenn Sie diese Burschen mit T�rkisen bombardieren, dann machen Sie es ihnen bestimmt <emphasis>schwer,</emphasis> morgen fr�h daran zu <emphasis>glauben,</emphasis> da� sie von den <emphasis>Chinesen</emphasis> angegriffen worden sind ��</p><p>Doch bevor er seine Frage zu Ende bringen und seine Maske zurecht schieben konnte, war der Colonel schon wieder weg und hatte den Pfiff gegeben, der das Signal f�r den Angriff war. Einer der Khampas, der eine Maske trug, die besonders h��lich war, hatte sich zu einem der Fenster geschlichen, das Gesicht vor das Fenster gehoben, mit der Taschenlampe in das Zimmer und dann auf seine Maske geleuchtet und laut losgekreischt, und das war das Zeichen f�r uns alle, unsere M�rser abzufeuern, in einer aufeinanderfolgenden Salve, die etwa eine halbe Minute dauerte. Der Khampa am Fenster schleppte seinen Arsch wieder in die Deckung der B�ume, und die Sch�tzen er�ffneten das Feuer und ballerten aus allen Barackenfenstern heraus, und dann pfiffen ein Dutzend M�rserladungen T�rkise aus dem Himmel, und zumindest ein paar davon knallten auf die Metalld�cher, die unter den Aufschl�gen f�rchterlich zu dr�hnen anfingen. Und die ganze Zeit �ber tanzten wir D�monen zwischen den B�umen und lie�en das Licht unserer Taschenlampen auf die Masken blitzen, und aus dem Inneren der Baracke erklangen Schreie der sinnlosen Panik, die das Herz des Colonels noch mehrere zuk�nftige Inkarnationen lang w�rmen w�rden.</p><p>Also lief alles zumindest ein paar Minuten lang hervorragend, doch leider lie� sich einer der D�monen von seiner Begeisterung �berw�ltigen und lief zu der n�chsten Baracke, um in ein zerbrochenes Fenster zu starren; wahrscheinlich versp�rte er eine d�monische Unbesiegbarkeit, die jedoch leider fehl am Platze war, denn jemand aus der Kaserne scho� auf ihn. Er fiel zu Boden, und da George und ich ihm am n�chsten waren, liefen wir auf die Lichtung und hoben ihn hoch. Sein rechter Arm war blutverschmiert, und ich hatte den Eindruck, da� er starke Schmerzen hatte, bis mir wieder seine Maske einfiel. Schwarze Wolken waren am Himmel aufgezogen, und es war pechschwarz geworden, schw�rzer konnte es nicht mehr werden, und es schneite heftig, und �berall erklangen Sch�sse, und unser d�monischer Gef�hrte deutete gerade an, da� er allein gehen k�nne, als <emphasis>bumm!,</emphasis> �berall um uns herum Steine zu Boden fielen. Wir wurden von unseren eigenen Leuten unter Besch�� genommen. Ich bekam einen schweren Treffer auf die Schulter und den R�cken ab, und der Khampa auf die Seite, doch George hatte es am schwersten erwischt. Zum Gl�ck neigten die T�rkis-Kanonenkugeln unseres Colonels dazu, schon beim Abfeuern in tausend Splitter zu zerbrechen, so da� sie eher wie Schrot denn wie Bowlingkugeln herunterkamen. Dennoch landeten genug davon auf George, da� er zusammenbrach, gef�llt von dem Rohmaterial f�r mehrere Dutzend T�rkis-Ohrringe.</p><p>Das Zeug schnitt ihm die Haut an Hinterkopf und Schultern auf, und er konnte von Gl�ck sprechen, die Maske zu tragen, denn die fing die meisten Treffer ab. Auch ihn erwischte es schwer. Nun mu�te unser verwundeter Khampa uns helfen, und er zerrte George mit dem unverletzten Arm weiter, und ich nahm ihn an der anderen Seite, und wir zogen ihn schnell in den Rhododendron-Wald zu unserer Rechten.</p><p>Danach gerieten die Dinge etwas au�er Kontrolle. �ber den nepalesischen Kasernen gingen Zeremonienfeuerwerke lautstark in die Luft, und die D�cher dr�hnten noch immer f�rchterlich, doch allm�hlich dr�ngte sich die Schlu�folgerung auf, da� tats�chlich ein paar Gurkhas in Chhule stationiert waren, denn aus einer Kaserne st�rmten Soldaten hervor, v�llig unbeeindruckt von unserem Feuer und nicht darauf achtend, da� der Himmel herunterfiel, und sie schossen mit sehr lauten <emphasis>Brrrp Brrrps</emphasis> auf uns, die auf sehr schweres Gesch�tz hinwiesen, und zu unserer Linken und Rechten regneten Rhododendron-Zweige hinab.</p><p>Da der Manjushri Rimpoche uns befohlen hatten, keinen nepalesischen Soldaten zu t�ten, blieb uns nun nur noch ein sehr hastiger R�ckzug �brig, bei dem wir das Feuer nach Art der chinesischen D�monenarmee erwiderten. Zumindest unsere Gef�hrten erwiderten es, doch der verwundete D�mon und ich hatten genug mit George zu tun, der zwar zu sich gekommen, aber noch unbeholfen und benommen war und unzusammenh�ngend murmelnd zwischen uns hertaumelte, als h�tten die Treffer, die er abbekommen hatte, ihn auf den sehr kurzen Pfad zur Erleuchtung gef�hrt, was ich allerdings bezweifelte. Er war ganz einfach benommen, und wir fielen immer weiter hinter dem Colonel und den Khampas zur�ck.</p><p>Ich prallte gegen einen zur�ckgelassenen M�rser, der noch im Schnee dampfte. <emphasis>Brrrp Brrrps</emphasis> bohrten sich wie N�gel der Furcht in uns, und �ber uns brachen �ste ab und deuteten an, da� diese Reaktion vielleicht nicht ganz unangemessen war. Ich kam zum Schlu�, da� wir noch eine M�rsersalve auf die Nepali abfeuern mu�ten, obwohl mir heutzutage der Grund daf�r nicht mehr ganz klar ist, und ich hatte die Sprengladung und die Yakwolle schon im Lauf, bevor ich feststellte, da� in der N�he weder T�rkise noch andere Felsbrocken lagen.</p><p>Also krochen wir hinter einen Baumstamm, lie�en George wieder zu Atem kommen und glaubten schon, alles sei vorbei, als pl�tzlich ohne das geringste Ger�usch kleine dunkle Gestalten mit langen Armen und seltsamen K�pfen um uns herum auftauchten. Ich w�re unter meiner Maske vor Angst fast geschmolzen, bis ich sah, da� eine davon eine Baseball-M�tze der L. A. Dodgers trug.</p><p>�Buddha!� sagte ich.</p><p>�Na-mas-taiii�, sagte er mit seiner hohen, leisen Stimme.</p><p>Ich nahm meine D�monenmaske ab und ergriff seine schmale Hand, zu �berw�ltigt, um �berrascht zu sein.</p><p>�Was?� sagte George. �Was?�</p><p>�Wir haben Hilfe bekommen�, sagte ich zu ihm, und mit betr�chtlicher Eile bedeutete ich Buddha, da� er den M�rser mit Steinen f�llen solle, wobei ich als Beispiel eine Handvoll abgefallener Rhododendron-Bl�ten nahm. Er verstand mich falsch und stopfte mit drei oder vier seiner Br�der den Lauf schnell mit zusammengedr�ckten Bl�ten voll. �Ach, zum Teufel�, sagte ich und feuerte sie ab, und dann hatten die Yetis uns auch schon gepackt und schleppten uns bergaufw�rts durch den Wald. Sollten die Gurkhas hinter uns doch selbst herausfinden, wieso es pl�tzlich Rhododendron-Brei regnete.</p><p>Auf halber H�he des Gletschertals holten wir den Colonel und die Khampas ein, und unsere Yeti-Freunde lie�en uns fallen, pl�tzlich scheu angesichts der N�he so vieler Fremder mit Gewehren, ob es sich nun um Freunde aus Shambhala oder nicht handelte. �Danke, Buddha!� rief ich ihnen nach, als sie im Wald verschwanden, und dann schleppten der verletzte Khampa und ich George das Tal hinauf, dem Rest unseres Trupps hinterher. Der Khampa rief ihnen etwas auf Tibetanisch zu, und sie warteten auf uns, und dann waren die Gurkhas wieder in Schu�weite, und wir liefen los, dem Nangpa La entgegen, so schnell wir konnten.</p><p>Nun begann es sowohl zu schneien als auch zu regnen, und eine Stunde sp�ter stellten wir fest, da� sich ein Bach, den wir auf unserem Hinweg problemlos durchwatet hatten, nun nicht mehr passieren lie�. Wir liefen flu�aufw�rts und fanden an einer schmalen Stelle ein paar B�ume, und die Khampas f�llten zwei und lie�en sie �ber das Wasser auf einen vorstehenden Felsbrocken auf der anderen Seite fallen. Der Colonel kroch als erster dar�ber und sicherte die Baumspitzen, so gut er konnte. Dann schickten wir George �ber diese Behelfsbr�cke, doch dabei schob er die B�ume auseinander, w�re fast zwischen ihnen in den Bach gefallen und h�tte dabei die Br�cke zum Einsturz gebracht. Er hatte jeweils einen Arm und ein Bein um einen Stamm gelegt und hing fest. �Durchhalten!� schrie der Colonel ihn w�tend an. �Nicht bewegen! Lassen Sie ja nicht los!� Und auf Tibetanisch befahl er dem Rest der Khampas, auf das andere Ufer zu kommen. Den meisten gelang das, ohne auf George zu treten, aber bei weitem nicht allen. Als wir alle dr�ben waren, krochen der Colonel und ich zur�ck und zogen George �ber die beiden B�ume in Sicherheit.</p><p>Das Erlebnis schien George aus seiner Erstarrung gerissen zu haben�� er murmelte nun nicht mehr �Was? Was? Was?�, sondern gab ein deutlich verst�ndliches �Schei�e! Schei�e! Schei�e!� von sich.</p><p>�Na ja�, sagte ich im Versuch, ihn aufzuheitern. �Wenigstens haben wir keine Steigeisen getragen.�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>Nun hatten wir den gr��ten der Fl�sse �berwunden und konnten uns ohne weitere Probleme zum Nangpa La zur�ckziehen. In der Tat erreichten wir den Pa� so genau nach unserem Zeitplan, da� man glauben mochte, es h�tte alles wie am Schn�rchen geklappt, und wer wei�, vielleicht war der Colonel auch dieser Meinung, denn als wir, mit den Gurkhas dicht auf den Fersen, den Pa� hinaufeilten, kam Kunga Norbus Gruppe von der tibetanischen Seite hinaufgeeilt, mit der Chinesischen Armee dicht auf den Fersen, und wir liefen �ber den Grat, verschwanden in unserem Tunnel, knallten die T�r zu und �berlie�en es den Gurkhas und Chinesen, die Dinge zu kl�ren, falls sie dazu imstande sein sollten. �Die bringen sich gegenseitig um�, sagte ich zum Colonel.</p><p>�Gut�, schnaubte er.</p><p>Dann ging es zur�ck durch die Tunnels, jeden Meter im Laufschritt. Zum Gl�ck f�r George ging es bergab, denn als wir den Hauptbahnhof und dann den Klosterkeller erreichten, traten wir ins helle Morgenlicht hinaus, was bedeutete, da� wir die ganze Nacht �ber gelaufen waren. Das war der �bliche Guerilla-Stil der Khampas; ich nehme an, wir hatten in den letzten achtzehn Stunden etwa achtzig Kilometer zur�ckgelegt, zwanzig unter st�ndigem Besch��. Ich war ersch�pft, und George war v�llig fertig. Er sah aus, als h�tte er noch seine D�monenmaske auf, und zwar eine der abscheulicheren, das Gesicht geschwollen und voller blauer Flecken und blutig, den Mund zu einer Grimasse verzerrt und die Augen vor Unglauben hervorquellend, da� er an solch einer Unternehmung wie der unsrigen teilgenommen hatte. Doch wir waren zur�ck.</p><empty-line/><p>Lhamo und die anderen D�rfler k�mmerten sich aufopferungsvoll um George. Mehrere Tage lang w�lzte er sich im Lhamos Haus im Fieber, st�hnte und �chzte, und Sindu und ihr Kind halfen Lhamo, ihn zu f�ttern und ihm das Gesicht abzuwischen, wobei sie sorgsam darauf achteten, nicht die Schnitte und Prellungen zu ber�hren, um die sich Dr. Choendrak auf die �bliche Weise gek�mmert hatte: Er hatte sie gen�ht und so weiter.</p><p>Dr. Choendrak hatte sich auch entschlossen, Georges Dysenterie ein f�r alle Mal zu heilen, und ihm die <emphasis>Rinchen ribus,</emphasis> die wertvollen Pillen, verordnet. Diese Pillen setzen sich aus einhundertf�nfundsechzig Bestandteilen zusammen, darunter wertvolle, zu Pulver zermahlene Metalle und zahlreiche Heilpflanzen, die dann mit regenbogenfarbigen F�den in bunte Baumwolle eingen�ht und mit Wachs versiegelt werden. Zwanzig Apotheker brauchen bis zu drei Monaten, um sie ein solches S�ckchen herzustellen, und das Medikament ist so stark, da� der Patient normalerweise einen ganzen Tag flachliegt, w�hrend das Gleichgewicht seiner Ged�rme wiederhergestellt wird. George lag f�nf Tage v�llig flach, und eine Weile war Dr. Choendrak wirklich um ihn besorgt. Doch schlie�lich erholte er sich und stand auf, ein blo�er Schatten seiner selbst, steifgliedrig und mit einem zottigen Bart, der sein Gesicht aussehen lie�, als w�ren kleine Axtm�rder mit winzigen �xten hinter ihm hergewesen.</p><p>Der Monsun lie� nach, wir hatten mehrere sonnige Tage hintereinander, und George verbrachte die Zeit auf dem Aussichtsfelsen �ber dem W�scheteich und beobachtete die Einheimischen bei ihrem Alltagsleben. Er war noch immer ziemlich krank und schwach, aber da oben brauchte er auch keine Kraft. Neuank�mmlinge am Teich begr��ten ihn auf Tibetanisch, und er antwortete auf Englisch, und alle waren mit diesem Arrangement zufrieden. Die meiste Zeit �ber schlief er auf seinem Felsen wie eine Katze.</p><p>Mittlerweile war Colonel John nach Katmandu gefahren, und als er zur�ckkam, ging ich ganz aufgeregt zu George. �Ha�, sag� ich, �willst du h�ren, was wir getan haben?�</p><p>�Ich wei�, was wir getan haben�, sagte er d�ster.</p><p>�Aber willst du nicht dar�ber in der <emphasis>International Herald Trib�ne</emphasis> lesen?�</p><p>�Was?�</p><p>Ich hielt ihm die zerfledderten Ausgaben der Zeitungen hin, die der Colonel mitgebracht hatte. �Sieht so aus, als h�tte es ein paar Mi�verst�ndnisse gegeben�, sagte ich, w�hrend George von seinem Felsen glitt und sich die Zeitungen schnappte.</p><p>Die erste stammte vom 29. Juli, drei Tage nach unseren �berf�llen. Auf einer der hinteren Seiten stand ein kleiner Artikel mit der �berschrift �Nepal protestiert gegen angebliche Grenzverletzung der Chinesen�, und die �berschrift gab den Bericht im gro�en und ganzen treffend wieder.</p><p>Schon am n�chsten Tag war die Aff�re auf die Titelseite bef�rdert worden�� �Beijing beschuldigt Indien des Angriffs auf Tibet� stand da �ber einem ziemlich umfangreichen Artikel, der die gegenseitigen Anklagen und Beschuldigungen der beiden L�nder wiedergab. Anscheinend waren die Chinesen der Meinung, der Angriff auf ihren Grenzposten sei von der indischen Spezialgrenztruppe durchgef�hrt worden, die dabei Nepal durchquert hatte, damit kein Verdacht auf sie fiel. Und die Inder waren der Meinung, der ganze Vorwurf sei eine L�ge, um von einem chinesischen Angriff auf Nepal abzulenken, den sie, da Nepal auf ihrer Seite des Himalaja lag, f�r eine Bedrohung ihrer ureigenen Sicherheit hielten.</p><p>So weit, so gut. Doch bei der <emphasis>Tribbie</emphasis> vom <emphasis>2.</emphasis> August fand sich oben auf der ersten Seite die breite �berschrift: TRUPPENMASSIERUNG AN DER CHINESISCH-INDISCHEN GRENZE.</p><p>�Oh, mein Gott�, sagte George, w�hrend er den Artikel �berflog, und er sagte es immer und immer wieder, mit immer h�herer Stimme.</p><p>Ein guter Teil der ersten Seite war diesem Artikel und damit zusammenh�ngenden Begleitartikeln gewidmet; sie beschrieben das Verschwinden des DMZ an der indisch-chinesischen Grenze in Kaschmir, den unerwarteten Aufmarsch indischer Truppen in Sikkim und auch, da� die Pakistani die Inder gewarnt hatten, sich nicht mit ihren Kumpels, den Chinesen, anzulegen, w�hrend die Sowjets die Chinesen gewarnt hatten, sich nicht mit ihren Kumpels, den Indern, anzulegen. �Oh, mein Gott�, sagte George immer wieder.</p><p>Und die Zeitung des n�chsten Tages bestand praktisch <emphasis>ausschlie�lich</emphasis> aus der Grenzkrise, alles mit gro�en �berschriften, und auch, wenn man die Tatsache ber�cksichtigte, da� es sich um die in Hongkong erscheinende Ausgabe der <emphasis>Trib</emphasis> handelte, die gro�en Wert auf die Berichterstattung �ber asiatische Angelegenheiten legte, mu�te man eingestehen, da� es sich um eine bedeutende internationale Krise handelte. Es wurden Zusammenst��e zwischen indischen und chinesischen und indischen und pakistanischen Truppen gemeldet, einige davon wirklich ernst. Und amerikanische Satellitenfotos zeigten massive Truppenaufm�rsche an der sowjetischchinesischen Grenze.</p><p>�Oh, mein GOTT�, sagte George. �Wo ist der n�chste Tag? Wo ist der n�chste Tag?�</p><p>�Mehr hat der Colonel nicht mitgebracht.�</p><p>�Was? Er fuhr mitten in dieser Krise ab? Ohne jemandem zu sagen, da� wir sie angezettelt haben? Wie lange ist das her?� Er sah auf das Datum. �F�nf Tage! Oh, mein Gott.�</p><p>Er lief zum Dorf zur�ck und schimpfte Colonel John einen ausgemachten Vollidioten. �Verdammt, vielleicht haben wir gerade den Dritten Weltkrieg ausgel�st!� schrie er ihn an.</p><p>Es stellte sich heraus, da� dem Colonel das ziemlich egal war. Er war der Auffassung, da� der Dritte Weltkrieg eine der wenigen M�glichkeiten war, wie Tibet das chinesische Joch absch�tteln konnte, und wenn dazu eben ein Dritter Weltkrieg n�tig war, hatte John nichts dagegen.</p><p>George nahm ihn daf�r auseinander. �Was w�rde der Manjushri Rimpoche sagen, wenn Sie ihm das erz�hlen? Er w�rde Sie sofort aus diesem Tal werfen!�</p><p>Was wahrscheinlich zutraf. Doch der Colonel schob nur trotzig die Unterlippe hervor. Er wu�te ganz genau, da� der Rimpoche ihm wegen dieser selbsts�chtigen Einstellung einen Tritt in den Arsch geben w�rde, aber er w�rde nicht l�gen�� und das war eben seine Meinung. Wenn die Welt keinen himmelschreienden V�lkermord beenden konnte, dann eben zum Teufel mit ihr. Sollten sie doch Atombomben fressen.</p><p>George war so w�tend, da� er nichts mehr sagen konnte. Er ging zu einer der grasbewachsenen Steinw�nde, die die Dorfstra�e ums�umten, und trat so heftig dagegen, da� mehrere Steine aus der obersten Reihe herausfielen. Dann drohte er, dem Rimpoche von Johns m�rderischen Hoffnungen zu erz�hlen, falls der Colonel uns nicht <emphasis>augenblicklich</emphasis> nach Katmandu zur�ckfahren w�rde.</p><p>John war damit einverstanden, und noch in dieser Nacht marschierten wir �ber den Pa� und zum Landrover hinab und beeilten uns so sehr, da� ich bef�rchtete, George w�rde zusammenbrechen, und am n�chsten Nachmittag waren wir wieder in Thamel, wo das Leben ganz normal weiterging, als st�nden wir �berall sonstwo, nur nicht an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg, obwohl das in Katmandu gar nichts zu bedeuten hatte. Letzte Woche h�tte das Armageddon �ber die Erde hereinbrechen k�nnen, und Katmandu h�tte wahrscheinlich noch nichts davon gewu�t. Hier w�rde man es zuletzt erfahren.</p><p>Also st�rmte George durch die Second-Hand-Buchl�den und versuchte, die neuesten <emphasis>Tribbies</emphasis> aufzutreiben, was ihm allerdings nicht gelang. Das machte ihn geradezu paranoid. �Vielleicht ist das das erste Zeichen�, sagte er immer wieder. �Vielleicht ist das Ende schon da.�</p><p>Schlie�lich fand er eine, wie �blich vier Tage alt�� 5. August, und die erste Seite war immer noch voll von der Krise. Der Leitartikel berichtete von einer Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrates, einer sehr gespannten Sitzung, wie es den Eindruck hatte. Ein weiterer Artikel beschrieb, wie unser Pr�sident gesagt hatte, wenn die Russen und die Chinesen wirklich Meinungsverschiedenheiten h�tten, na ja, dann sollten sie sie vielleicht von Mann zu Mann beilegen. Er k�nnte sich Schlimmeres vorstellen. Diese Auffassung hatte anscheinend den Russen nicht gefallen, die augenblicklich erkl�rten, sie betrachteten die USA als Verb�ndete Chinas und Beteiligte jedweder Aggression der Chinesen.</p><p>So standen die Dinge also. F�r kein Geld auf der Welt konnte George in Katmandu sp�tere <emphasis>Trebbies</emphasis> auftreiben, und au�erdem war die Situation ja sowieso klar. Die Welt stand am Rand des Abgrunds.</p><p>Die einzige Frage war, was wir dagegen tun w�rden.</p><p>�Wir m�ssen es von jedem m�glichen Winkel aus anfangen�, sagte George. �Gott sei Dank habe ich schon einige Vorbereitungen getroffen.�</p><p>Er schien zu glauben, da� die Briefe, die er auf A.S.j.B. Ranas Schreibmaschine getippt und herumgereicht hatte, dem derzeitigen Notfall angepa�t werden konnten. �Ich habe gedacht, Rana wollte uns als S�ndenb�cke f�r irgendeine Schweinerei benutzen, die er im Sekretariat vorhatte�, sagte er, w�hrend er auf den Boden Skizzen entwarf. �Wei�t du noch, wie uns jemand gesagt hat, er glaube, der Auftrag, die Stra�e nach Chhule zu bauen, sei an die Familie eines Ministers vergeben worden? Ich dachte, es k�nne ganz n�tzlich sein, den Eindruck zu erwecken, Rana sei dieser Minister. Er ist schlie�lich wahrscheinlich derjenige, der die Stra�e gebilligt hat, und er lie� uns immer wieder zur�ckkommen, als m�sse er ein Auge auf uns halten, um zu verhindern, da� wir irgend etwas herausfinden. Also schrieb ich ein paar hausinterne Mitteilungen, die ihn belasteten, und verteilte sie, bevor wir aufbrachen. Wenn wir dieses Zeug jetzt unter die richtigen Leute bringen k�nnen ��</p><p>Also zog er am n�chsten Tag seinen Stiftungs-Anzug an und begab sich zum Singha Durbar, und mit seinem mitgenommenen Gesicht sah er so bizarr aus, da� niemand ihn aufzuhalten wagte. Er ging zu den B�ros der <emphasis>Nepal Gazette,</emphasis> trieb Bahadim auf und sagte ihm, er solle unter den wichtigen Ministern die Nachricht verbreiten, der Angriff auf Chhule sei nicht von der chinesischen Armee durchgef�hrt, sondern von einer Fraktion im Palastsekretariat angeordnet worden, die mit einer anderen Fraktion in Fehde l�ge, die alle Vertr�ge f�r die Stra�e nach Chhule gebaut habe.</p><p>Noch am selben Nachmittag ging er zum B�ro der Schweizer. Die Briefe, die George dort zur�ckgelassen hatte, verwickelten A.S.J.B. Rana in eine Verschw�rung, die Stra�e nach Chhule zu sabotieren, Teil der endlosen R�nkez�ge der Familie Rana untereinander, um im Palast mehr Macht zu erlangen. George erz�hlte den Schweizern, die Grenzzwischenf�lle seien nur vorget�uscht worden und beruhten auf den Zwistigkeiten der Familie Rana, und er sagte, die Schweizer sollten diese Information benutzen, um die Dinge in Genf und allgemein auf der internationalen B�hne zu beruhigen. Die Schweizer sagten, sie arbeiteten schon daran.</p><p>Zuletzt an diesem Nachmittag wagte er sich ins Palastsekratriat und suchte das Ministerium f�r Entwicklung, Chinesische Freundschafts-Abteilung, auf. Dieses wurde, wie Bahadim ihm gesagt hatte, von einem Rana geleitet, der pers�nlich und von seinem Amt her ein Rivale unseres A. Rana war, und George hatte ihm vor unserer Abreise die Information untergeschoben, da� A. Rana ihn des Versuchs beschuldige, die Stra�e nach Chhule zu sabotieren. Das hatte den anderen Rana nat�rlich ziemlich paranoid gemacht, und als George zur�ckkam, um ihm zu sagen, da� A. Rana einige Leute dazu gebracht habe, den Grenzzwischenfall vorzut�uschen und nun ausl�ndischen Hilfsorganisationen gegen�ber behaupte, der �berfall sei von diesem Burschen in der Abteilung f�r Chinesische Freundschaft organisiert worden, setzte sich der dortige Rana sofort ans Telefon und machte sich an die Arbeit.</p><p>An diesem Abend war George v�llig ersch�pft, doch er lag dort auf seinem Bett und spielte die Auswirkungen seines Tagwerks durch�� wer wahrscheinlich wem was sagen w�rde, und was dabei herauskommen w�rde. Und am n�chsten Morgen schaute er mit einem weiteren auf A. Ranas Briefpapier verfa�ten Brief bei der Chinesischen Botschaft vorbei. Dieser Brief implizierte, der Einfall in Tibet sei von Tibetanern begangen worden, die verzweifelt einer geheimen S�uberungsaktion der nepalesischen Armee entgehen wollten, die damit gehofft hatte, die Stra�e nach Chhule f�r die Benutzung durch die Spezialtruppe der indischen Armee v�llig sicher zu machen, indem sie alle tibetanischen Guerillas zwang, in ihre Heimat zur�ckzukehren.</p><p>Danach radelte er zur Amerikanischen Botschaft und behauptete dort, er sei ein Freund und Repr�sentant einer Fraktion der verbotenen Nepalesischen Kongre�partei, der Partei, die bis zum K�niglichen Staatsstreich 1960 die legale Regierung gebildet hatte. Sie wollten, da� die Amerikaner wu�ten, da� beide Grenzzwischenf�lle Teil der m�rderischen Machtk�mpfe im korrupten Palastsekretariat seien, da� eine Gruppe im Palast die Stra�e nach Chhule verhindern wollte, indem sie Spannungen zwischen China und Nepal schaffe. Nun, da der Plan v�llig aus der Hand geraten sei, h�tten seine Urheber Angst, sich �ffentlich zu bekennen. George erz�hlte den Amerikanern, die Kongre�partei habe Spione im Palast, die all das herausgefunden h�tten, und sie wollten, da� es die ganze Welt erf�hre, damit die Spannungen beigelegt werden k�nnten.</p><p>Als der Botschaftsbeamte, mit dem George gesprochen hatte, dann den Botschafter oder irgendein anderes hohes Tier holen wollte, stand George schnell auf, fragte einen Sekret�r, wo das Badezimmer sei, schlich sich dann durch den Vordereingang hinaus und radelte davon. Er traf sich mit mir an der Ecke und fuhr mit hoher Geschwindigkeit voraus. Als er mir erz�hlt hatte, was er dem Botschafter gesagt hatte, meinte ich: �He, das ist ja fast die Wahrheit.�</p><p>�Immer die bestm�gliche L�ge�, keuchte er.</p><p>Auf dem Weg nach Thamel radelten wir die Naxal Road entlang und kamen am Palast vorbei. Wir blieben stehen, um ein paar K�he vorbeiziehen zu lassen, und George reckte den Hals und sah zu den Flederm�usen hinauf, die an den Kiefern auf dem Palastgel�nde hingen. �Sie sind in einer Konferenz�, sagte er und lachte schwach. Er war bleich, und sein Gesicht schwei�na�. �Sie versuchen, die Sache zu kl�ren. Ich habe es ihnen mit ihren eigenen Methoden heimgezahlt. Genau Birendras Technik. Verbreite genug gegens�tzliche Informationen, und es kommt zu einer Interferenz. Wie bei Wellentanks im Physikunterricht. Die Wellen kr�useln sich � alles ger�t �� Er hielt inne, und ich dachte, er �berlege sich seine n�chsten Worte. Doch dann kippte er um, prallte gegen eine Kuh und fiel dann auf die Stra�e. War einfach ohnm�chtig geworden.</p><p>Ich hielt ein Taxi an, stopfte ihn hinein und fuhr mit ihm zur Kanadischen Klinik, direkt hinter der Amerikanischen Botschaft. Das war ein Krankenkaus im westlichen Stil, und wenn man krank war, konnte man angesichts der wei�en W�nde und Pasteldrucke und alten Zeitschriften und dem Geruch der Desinfektionsmittel glattweg in Tr�nen ausbrechen.</p><p>Sie nahmen George auf und ern�hrten ihn intraven�s�� er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und litt trotz der wertvollen Pillen noch an Dysenterie. Also war er ziemlich ausgetrocknet, und ein paar seiner Schnittverletzungen hatten sich entz�ndet�� offensichtlich war sein Immunsystem durch Jahre des Antibiotika-Mi�brauchs vor die Hunde gegangen. Kurz gesagt, er war �bel dran.</p><p>Sie quartierten ihn in ihrem kleinen Zweibett-Hospital ein, um ihn wieder auf die Beine zu bringen. Es dauerte eine Weile, und ich brachte ihm jeden Tag die neue Tribbie.</p><p>Und langsam konnten wir, mit unserer Vier-Tage-Verz�gerung an Echtzeit, beobachten, wie sich die Krise abschw�chte und beigelegt wurde. Alle kamen zum Schlu�, es sei ein falscher Alarm gewesen. Ger�chte �ber geheime diplomatische Bem�hungen der Amerikaner und Schweizer bl�hten auf, besonders in Georges Zimmer in der Klinik. Zweifellos eine Intervention in einem kritischen Stadium. Und so beendete George seine Tageslekt�re, erschauderte leicht und schlief dann wieder ein.</p><p>Eines Tages marschierte ich mit den Schweizern durch einen Wolkenbruch zum K.C., und bei ein paar Bieren erz�hlten sie mir, die Stra�e nach Chhule sei toter als Mussolini. Die Inder w�rden sie auf keinen Fall bauen, und Birendra und seine Bande w�rden sie auch auf gar keinen Fall bauen. Zu gef�hrlich.</p><p>Am n�chsten Tag entlie�en die Kanadier George, und ich holte ihn ab. �Du hast es geschafft, George. Sie werden die Stra�e nicht mehr bauen. Bist du nicht froh, da� du dich entschlossen hast, uns zu helfen?�</p><p>Keine Antwort von George.</p><p>Wir fuhren mit einem Taxi nach Thamel und gingen �ber die Hauptstra�e zum Star. George war so sehr ein Geist seiner selbst, da� die Stra�enh�ndler ihn nicht mal erkannten, und sie bequatschten ihn, als sei er ein Fremder und nicht ihr geliebter Mr. Nein. �Geld wechseln? Haschisch? Teppich? Pfeife? Geld wechseln?� Und er starrte sie an, als ziehe er ihr Angebot in Betracht oder versuche zumindest, es zu verstehen. Das mit dem Geldwechsel habe ich selbst oft genug zu verstehen versucht. Ich meine, die Leute auf der Stra�e zahlen einem bei Reise-Schecks mehr als den offiziellen Wechselkurs. Dann verkaufen sie die Reiseschecks f�r mehr, als sie sie gekauft haben. An wen auch immer sie sie verkaufen, der mu� sie wohl doch ebenfalls f�r mehr verkaufen, als er bezahlt hat, und so weiter, und so fort, und ich frage mich, wo endet das? Steckt da nicht jemand am Ende der Reihe ganz sch�n in der Klemme, wenn er sie f�r den offiziellen Wechselkurs verkaufen mu� und jede Menge Geld verliert?</p><p>Auf jeden Fall stand George auf der Stra�e und starrte die Leute an, als habe er Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, bis sie es aufgaben und weiterzogen.</p><p>�Schau mal�, sagte er immer wieder. �Schau mal, Freds. Da liegt ein Abfallhaufen. Direkt auf der Stra�e.�</p><p>�Richtig, George. An dem gehen wir jeden Tag vorbei.�</p><p>�K�he fressen den Abfall. Ratten. Hunde. Kinder.�</p><p>�Richtig.�</p><p>Wir gingen weiter.</p><p>�Gehen wir zum Old Vienna�, sagte er pl�tzlich.</p><p>�Bist du sicher, da� deine Gesundheit das verkraftet?� fragte ich.</p><p>�Ist mir egal.�</p><p>Aber in Wahrheit war es ihm nicht egal. Er hatte so sehr gelitten, da� er vorsichtig wurde, als das Essen auf den Tisch kam, und zum Schlu� kam, er solle wirklich kein Fleisch essen, da wir niemals genau herausgefunden hatten, woher Eva das Fleisch bekam. Er l�ffelte etwas Gulaschso�e und lie� mir die Wasserb�ffelst�ckchen �brig, und schn�ffelte dann zweifelnd an unserem Essen und sah mir traurig zu, wie ich mein Pariser Schnitzel und den Apfelstrudel mit Schlagsahne a�.</p><p>Als wir schlie�lich tr�ge hinaustrotteten, f�hlte sich George also etwas niedergeschlagen, obwohl der letzten <emphasis>Trebbie</emphasis> zufolge, die wir in einem Second-Hand-Gesch�ft hatten auftreiben k�nnen, die Grenzkrise ziemlich beigelegt war. Doch als ich die Zeitung zusammenfaltete, sah ich auf einer der hinteren Seiten einen kleinen F�llartikel mit der �berschrift: �Der Everest ist immer noch der h�chste�.</p><p>�He, sieh dir das mal an�, sagte ich zu George und las ihm den Artikel vor. ��Anfang dieses Jahres haben Wissenschaftler der University of Washington die Bergsteigerwelt verbl�fft, indem sie berechneten, der K2 sei 8858 Meter hoch. Nun hat ein italienisches Team den Everest wieder dorthin gesetzt, wohin er geh�rt, n�mlich mit der neuen H�he von 8872 Metern an die erste Stelle. Das Team berechnete auch den K2 neu und stellte fest, da� er 8816 Meter �ber dem Meeresspiegel liegt. Die Amerikanischen Bergsteiger sind bereit, die italienischen Messungen zu akzeptieren.� Was sagt man dazu! Tolle Neuigkeiten was? Jetzt mu�t du wenigstens nicht mehr mit Kunga Norbu und mir den K2 besteigen.�</p><p>�Gut�, sagte George.</p><p>�Und du hast Shambhala gerettet�, fuhr ich fort. �Du hast das heiligste, wichtigste verborgene Tal der ganzen Welt gerettet.�</p><p>�Gut�, sagte er. �Aber wir brauchen da oben trotzdem noch ein paar Benzin�fen.�</p><p>�Nicht unbedingt. Hast du nicht geh�rt? Der Rimpoche will deine Idee ausprobieren�� sie fertigen ein Keramikrohr an, um die ewige Flamme in eine Gemeinschaftsk�che zu leiten, vielleicht sogar in mehrere. Dr. Choendrak und einige andere M�nche haben schon die ersten Entw�rfe gemacht.�</p><p>�Gut.�</p><p>Aber er war noch immer niedergeschlagen und sah sich noch immer um, als wir durch Thamel zum Hotel Star gingen. �Freds, da w�chst <emphasis>Gras</emphasis> auf dem <emphasis>Dach.�</emphasis></p><p>�Mir gef�llt Gras auf dem Dach.�</p><p>�Freds, das ist eine der gr��ten Stra�en der Hauptstadt dieser Nation, und das ist <emphasis>Schlamm.�</emphasis></p><p>�Richtig.�</p><p>�Und das ist die <emphasis>Hauptstadt</emphasis> dieses Landes.�</p><p>�Richtig. Aber den findest du auch in Teilen von Washington, D. C, wenn ich mich recht entsinne.�</p><p>Er seufzte. �Ja, aber trotzdem ��</p><p>Dann liefen wir dem Bettler und seiner Tochter �ber den Weg. Sie standen da Hand in Hand und streckten uns beide freie H�nde entgegen. Sie sahen aus wie immer, nur da� sie wegen des Monsuns nasser waren, der Bettler mit seinem L�cheln, bei dem er einige Zahnl�cken entbl��te, und das kleine M�dchen, das in ihrem Kleid wie ein UNICEF-Poster aussah und gar nicht so viel anders als Sindus kleiner Junge oben im Tal, und George sagte: �Oh, Mann�, und w�hlte in seiner Brieftasche, holte eine Handvoll Rupien hervor und gab sie dem Bettler. Der Bettler nahm sie und trat zur�ck; er wirkte schockiert.</p><p>George ging ihm nach und sah zu mir zur�ck. �Freds, wir m�ssen etwas tun, meinst du nicht auch?�</p><p>�Du hast gerade etwas getan, George.�</p><p>�Ja, aber das reicht nicht! Ich meine, k�nnten wir sie nicht anstellen, unsere Zimmer zu s�ubern oder die Hotelhalle zu fegen, damit sie einen Job haben?�</p><p>�Die Portiers haben diesem M�dchen mit dem Baby auf dem R�cken den Job gegeben. Das war wohl ein �hnlicher Fall.� Und in der Tat lief das Gesch�ft des Bettlers gut; sein kleines M�dchen war in dieser Gegend eine Menge Rupien wert. Anderen Bettlern ging es im Vergleich zu ihm wirklich schlecht. Aber das sagte ich nicht.</p><p>�Aber k�nnten wir nicht � k�nnten wir ihnen nicht sagen, da� sie einfach unsere Zimmer machen sollen?�</p><p>�Sie w�rden dich nicht verstehen.�</p><p>Der Bettler und das M�dchen zogen sich vorsichtig von uns zur�ck und marschierten dann davon. George lie� die Schultern h�ngen.</p><p>�Wir k�nnen nichts tun, was?�</p><p>�Nein. Nur das, was du gerade getan hast, George.�</p><p>Wir erreichten das Star, gingen auf unsere Zimmer, lasen den Rest der <emphasis>Trib,</emphasis> rauchten ein Pfeifchen zur Nacht und lachten �ber das tolle Abenteuer, wie wir Shambhala gerettet hatten, ganz zu schweigen vom Weltfrieden. Und wir riefen uns unsere Besteigung des Everest in Erinnerung zur�ck, und die Befreiung und Freilassung Buddhas, und ich erz�hlte George zum ersten Mal, wie Buddha und ein paar seiner Br�der bei der Schlacht um Chhule aufgetaucht waren, um uns zu helfen. �Nein�, sagte er. �Du willst mich verarschen.� Und er wollte mir einfach nicht glauben. �DU WILLST MICH VERARSCHEN!�</p><p>Das lie� mich kichern. �Ist das nicht meine Dialogzeile?�</p><p>Und er lachte, und wir unterhielten uns noch etwas, �ber Nathan und Sarah, Jimmy und Rosalynn und alle die anderen und hatten jede Menge Spa�.</p><p>Doch George nahm die Dinge nicht leicht, wirklich nicht. Er war rastlos. Als ich gerade im Begriff stand, endg�ltig zusammenzubrechen, sagte er, er wolle zum K. C. gehen und ein Bier trinken. Ich erwiderte, er solle es nach seiner Genesung nicht �bertreiben, da er immer noch wie der Sensenmann aussah, mit frischen Narben und schwarzen Ringen unter den Augen, das Vorbild eines jeden Magers�chtigen auf der Welt, doch er versicherte mir, er sei in Ordnung, und tigerte los.</p><p>Ein paar Stunden sp�ter weckten mich jedoch die Fl�he in meiner Matratze, und ich sah in Georges Zimmer nach und stellte fest, da� er noch nicht zur�ck war. Es war sp�t f�r das K. C. Besorgt, da� er sich besoffen hatte und zusammengebrochen war, machte ich mich auf, nach ihm zu suchen.</p><p>Thamel war dunkel, es war sp�t, und die schmalen Stra�en waren fast leer. Kein Ger�usch bis auf die Hunde, die in der Nachbarschaft bellten. Das K. C. war geschlossen, und das ganze Viertel lag in pechschwarzer Dunkelheit da.</p><p>Und so stolperte ich fast �ber ihn. Er hatte den Bettler und seine Tochter gefunden, die an der Wand der German Pumpernickel Bakery schliefen, unter einer breiten Dachrinne, wo sie Schutz vor dem Regen fanden und etwas W�rme von den �fen auf der anderen Mauerseite bekamen. George und der Bettler sa�en mit dem R�cken an der Wand, und das kleine M�dchen lag ausgestreckt zwischen ihnen. Alle drei schliefen fest. Georges Kopf ruhte an einem Ziegelstein, und er schnarchte wie eine S�ge, und sein Gesicht war ganz eingefallen, als l�ge er seit vierzig Jahren tot in einer W�ste. Ich trat leicht gegen seine Stiefelsohlen, und er zuckte zusammen, �ffnete die Lider und starrte mit glasigen Augen hoch, ohne wirklich etwas zu sehen. �Wach auf, Bruder�, sagte ich leise. �Komm nach Hause.�</p><p>Keine Antwort von George.</p></section></body><binary id="cover" 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