<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>Mutter G�ttin der Welt</book-title><date value="1990-11-01">1990</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Uwe</first-name><last-name>Anton</last-name></translator><sequence name="Flucht aus Katmandu" number="2"/></title-info><src-title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Kim</first-name><middle-name>Stanley</middle-name><last-name>Robinson</last-name></author><book-title>Mother Goddess of the World </book-title><date value="1987-10-01">1987</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>Cosmopilit</nickname></author><program-used>calibre 2.53.0, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2016-09-15">15.9.2016</date><id>CD4ADDD5-C887-4CE7-9B19-62C94400EDCD</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Kim Stanley Robinson. Flucht aus Katmandu</book-name><publisher>Bastei L�bbe</publisher><city>Bergisch Gladbach</city><year>1990</year><isbn>3-404-24137-1</isbn></publish-info></description><body><title><p>Kim Stanley Robinson</p><p>Mutter G�ttin der Welt</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Mein Leben nahm an jenem Abend wieder seltsame Z�ge an, als ich Freds Fredericks in der N�he von Chimoa und der Schlucht des Dudh Kosi �ber den Weg lief. Ich f�hrte damals einen Trek und freute mich sehr, Freds zu sehen. Er reiste mit einem anderen Bergsteiger, einem Tibetaner namens Kunga Norbu, der sehr wenig Englisch zu sprechen schien, abgesehen von �Hallo� und �Guten Morgen�, was er beides zu mir sagte, als Freds uns miteinander bekannt machte, wenngleich gerade die Sonne untergegangen war. Meine Trekking-Gruppe hatte es sich schon f�r die Nacht in den Zelten bequem gemacht, und so strebten Freds und Kunga und ich den Teeh�usern entgegen, die neben dem Trail am Waldrand standen. Wir sahen in sie hinein; die beiden ersten waren f�r die Trekker gewienert, doch das dritte war ein Teehaus alten Stils, das nur von Tr�gern besucht wurde. Wir verschwanden darin.</p><p>Es bestand aus einem einzigen niedrigen Raum; wir mu�ten uns nicht nur unter den Balken b�cken, die das Schieferdach trugen, sondern auch unter der Rauchschicht. Die H�user auf dem Land in Nepal haben traditionell keine Kamine, und der Rauch von ihren Holz�fen steigt einfach zur Decke hinauf und sammelt sich dort in einer sehr dicken Schicht, die sich senkt, bis sie durch die Dachtraufe sickert. Warum die Nepali keine Kamine benutzen, die ich eigentlich f�r eine ziemlich grundlegende Erfindung halte, ist eine Frage, die niemand beantworten kann; ein weiteres gro�es Geheimnis von Nepal.</p><p>F�nf Holztische waren von Rawang- und Sherpa-Tr�gern besetzt, die sich auf den B�nken ausgestreckt hatten. Am einen Ende des Raumes knisterte der Ofen. Flammen vom Ofen und eine zischende Coleman-Lampe spendeten das Licht. Wir sagten Namaste zu den Nepali, die uns anstarrten, und tauchten unter dem Rauch hinweg, um am Tisch neben dem Ofen Platz zu nehmen.</p><p>Wir lie�en Kunga Norbu bestellen, da er mehr Nepalesisch sprach als Freds oder ich. Als er fertig war, kicherten die Rawang-Ofenh�ter, gingen zum Ofen und kamen mit drei gro�en Bechern tibetanischen Tees zur�ck.</p><p>Ich beschwerte mich mit eindeutigen Worten bei Freds dar�ber. �Verdammt, ich dachte, er wollte Chang bestellen!�</p><p>Sie m�ssen wissen, da� tibetanischer Tee kein gew�hnlicher Lipton�s ist. Man macht ihn aus einer schwarzen Fl�ssigkeit, die gar nicht aus Teebl�ttern gebraut wird, sondern aus irgendeiner Wurzel, und die so bitter ist, da� man Wunden damit desinfizieren k�nnte. Dann sch�ttet man eine Menge Salz in dieses Gebr�u, r�hrt kr�ftig um und gie�t schlie�lich noch gro�z�gig ranzige Yakbutter hinzu, die schmilzt und nach oben treibt.</p><p>Es schmeckt schlimmer, als es klingt. Ich habe eine Strategie f�r den Umgang mit diesem Zeug entwickelt, wann immer mir ein Becher angeboten wird. Ich sehe aus dem n�chsten Fenster und begie�e die Pflanzen damit. Solange ich das nicht zu schnell mache und man mir keinen zweiten Becher anbietet, komme ich damit klar. Aber hier war das unm�glich, da uns �ber zwanzig lachende Augenpaare anstarrten.</p><p>Kunga Norbu sa� �ber den Tisch gebeugt, schlurfte aus seinem Becher und machte �Ooh!� und �Ahh!� und bedachte die Ofenh�ter mit Komplimenten. Sie nickten und betrachteten Freds und mich genauer, wobei sie sich ein breites Grinsen nicht verkneifen konnten.</p><p>Freds ergriff seinen Becher und trank einen gro�en Schluck vom Tee. Er schmatzte wie ein Weinpr�fer mit den Lippen. �Ausgezeichnet�, sagte er, leerte den Becher und hielt ihn unseren Gastgebern hin. �Mehr?� sagte er und zeigte in den Becher.</p><p>Die Tr�ger heulten geradezu. Unser Wirt f�llte Freds� Becher neu, und er machte sich wieder dar�ber her und schmatzte nach jedem Schluck. Ich gab aus einer Tropfflasche, die ich immer bei mir habe, etwas Jodl�sung in meinen Becher, r�hrte um und hielt mir die Nase zu, um einen Schluck zu trinken, und auch das fanden sie komisch.</p><p>Also verstanden wir uns jetzt ganz gut mit den Teehausg�sten, und als ich Chang bestellte, brachten sie gleich einen ganzen Krug. Wir g�ssen es in die kleinen angeschlagenen Teehausgl�ser und machten uns dar�ber her.</p><p>�Was habt ihr also vor, Kunga Norbu und du?� fragte ich ihn.</p><p>�Na ja�, sagte er, und ein seltsamer Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. �Das ist eigentlich eine ziemlich lange Geschichte.�</p><p>�Dann erz�hl� sie mir.�</p><p>Er schaute unsicher drein. �Sie ist zu lang, um sie heute abend zu erz�hlen.�</p><p>�Wie bitte? Eine Geschichte, die zu lang ist, als da� Freds Fredericks sie erz�hlen k�nnte? Unm�glich, Mann. Ich hab� mal geh�rt, wie du f�r Laure die Bibel zusammengefa�t hast, und das dauerte nur eine Minute.�</p><p>Freds sch�ttelte den Kopf. �Sie ist l�nger als die Bibel.�</p><p>�Ich verstehe.� Ich belie� es dabei, und wir drei tranken wieder Chang, was ein Wei�bier ist, das aus Reis oder Gerste gebraut wird. Wir tranken eine Menge davon, eine in verschiedener Hinsicht gef�hrliche Angelegenheit, aber das k�mmerte uns nicht. W�hrend wir tranken, sanken wir immer tiefer auf den Tisch, um unter der Rauchschicht zu bleiben, und au�erdem erschien uns es ganz nat�rlich, allm�hlich unter den Tisch zu rutschen. Schlie�lich lagen wir da wie ein Schluck Wasser in der Kurve.</p><p>Freds unterhielt sich mit Kunga Norbu weiterhin auf Tibetanisch, und ich wurde neugierig. �Freds, du sprichst kaum ein Wort Nepalesisch, wie kommt es da, da� du so gut Tibetanisch kannst?�</p><p>�Ich habe ein paar Jahre in Tibet verbracht. Ich studierte in den buddhistischen Lamaklostern.�</p><p>�Du hast in buddhistischen Lamaklostern in Tibet studiert?�</p><p>�Na klar! Sieht man das nicht?�</p><p>�Na ja �� Ich machte eine nichtssagende Handbewegung. �Ich glaube, das erkl�rt es wohl ��</p><p>�Dort habe ich �brigens auch Kunga Norbu kennengelernt. Er war mein Lehrmeister.�</p><p>�Ich dachte, er sei Bergsteiger.�</p><p>�Ist er auch! Er ist ein kletternder Lama: Es gibt �brigens ziemlich viele davon. Wei�t du, als die Chinesen in Tibet einfielen, schlossen sie alle Kl�ster, zerst�rten die meisten sogar. Die M�nche mu�ten jetzt arbeiten, und die Lamas gingen entweder nach Nepal oder zogen zu den Bergh�hlen hinauf. Sp�ter wollten die Chinesen dann zu Propagandazwecken mit dem Bergsteigen anfangen, um zu zeigen, wie richtig die Gedanken des Vorsitzenden Mao gewesen waren. Die H�he des Himalaja machte ihnen aber ziemlich zu schaffen, und so benutzten sie haupts�chlich Tibetaner, die sie als Chinesen ausgaben. Und als Tibetaner mit der gr��ten praktischen Bergerfahrung erwiesen sich die buddhistischen M�nche, die ziemlich viel Zeit in wirklich hochgelegenen, abgeschiedenen Schlupfwinkeln verbracht hatten. Acht der neun sogenannten Chinesen, die 1975 den Gipfel des Everett bezwangen, waren in Wirklichkeit Tibetaner.�</p><p>�War Kunga Norbu einer davon?�</p><p>�Nein. Obwohl er gern dabeigewesen w�re, das kann ich dir sagen. Aber er kam bei der chinesischen Expedition 1980 ziemlich weit die Nordwand hinauf. Er ist ein wirklich starker Kletterer. Und auch ein gro�er Guru, ein echter Heiliger.�</p><p>Kunga Norbu hatte mitbekommen, da� wir �ber ihn sprachen, und betrachtete mich �ber den Tisch. Er war klein und drahtig, hatte langes schwarzes Haar und sah sehr z�h aus. Wie viele Tibetaner wirkte er fast wie ein Indianer vom Stamm der Navajos oder Apachen. Als er mich ansah, stellte sich ein seltsames Gef�hl bei mir ein: Es war, als w�rde er glatt durch mich hindurch in die Unendlichkeit sehen. Oder zu einem anderen, genauso weit entfernten Ort. Die Lamas haben diesen Blick zweifellos kultiviert.</p><p>�Und was macht ihr beiden also hier oben?� fragte ich; mir war etwas unbehaglich zumute.</p><p>�Wir wollen mit meinen englischen Freunden den Lingtren besteigen. M��te toll werden. Und danach unternehmen Kunga und ich vielleicht noch was auf eigene Faust.�</p><p>Wir stellten fest, da� wir den Krug Chang geleert hatten, und bestellten noch einen. Wenn wir so weitermachten, w�rde man uns nicht einmal mehr mit einem Schluck Wasser in der Kurve vergleichen k�nnen.</p><p>Pl�tzlich sagte Kunga Norbu etwas zu Freds und deutete auf mich. �Wirklich?� sagte Freds, und sie wechselten noch ein paar Worte. Schlie�lich wandte Freds sich an mich. �Tja, das ist eine ziemlich gro�e Ehre, George. Kunga m�chte, da� ich dir sage, wer er wirklich ist.�</p><p>�Sehr nett von ihm�, sagte ich. Ich stellte fest, da� ich den ganzen Kopf bewegen mu�te, um zu sprechen, da ich mit dem Kinn auf dem Tisch lag.</p><p>Freds senkte die Stimme, was mir unn�tig vorkam, da wir die beiden einzigen Menschen im Raum waren, die Englisch sprachen. �Wei�t du, was ein Tulku ist, George?�</p><p>�Ich glaub� schon�, sagte ich. �Einige der buddhistischen Lamas hier oben sollen Reinkarnationen fr�herer Lamas sein, und sie werden Tulkus genannt, nicht wahr? Der Abt von Tengboche soll einer sein.�</p><p>Freds nickte. �Das stimmt.� Er schlug Kunga Norbu auf die Schulter. �Na ja, unser Kunga hier ist auch ein Tulku.�</p><p>�Ich verstehe.� Ich �berlegte, wie man sich in solch einer Situation zu verhalten hatte, doch mir fiel wirklich nichts ein, und so hob ich schlie�lich m�hsam das Kinn vom Tisch und streckte die Hand aus. Kunga Norbu ergriff und sch�ttelte sie mit einem bescheidenen L�cheln.</p><p>�Ich meine es ernst�, sagte Freds.</p><p>�He!� sagte ich. �Habe ich behauptet, du w�rdest es nicht ernst meinen?�</p><p>�Nein. Aber du glaubst es nicht, oder?�</p><p>�Ich glaube, da� du es glaubst, Freds.�</p><p>�Er ist wirklich ein Tulku! Ich meine, ich habe Beweise gesehen, wirklich! Sein Ku kongma, also seine erste Inkarnation, war Tsong Khapa, ein sehr wichtiger tibetanischer Lama, 1555 geboren. Man hat das Kloster Kum-Bum an seiner Geburtsst�tte errichtet.�</p><p>Ich nickte, da ich keine Worte fand. Schlie�lich f�llte ich unsere kleinen Gl�ser auf, und wir sprachen einen Toast auf Kunga Norbus Alter. Er sch�ttete das Chang wirklich in sich hinein, als h�tte er mehrere Leben �bung darin. �So�, sagte ich und rechnete nach. �Dann ist er etwa 431.�</p><p>�Genau. Und ich kann dir sagen, er hat ein schweres Leben gehabt. Die Chinesen rissen Kum-Bum nieder, kaum, da� sie das Land �bernommen hatten, und bis das Kloster dort wieder aufgebaut ist, mu� Tsong Khapa ein J�nger bleiben. Verstehst du, obwohl er ein gro�er Tulku ist ��</p><p>�Ein gro�er Tulku�, wiederholte ich; mir gefiel der Klang der Worte.</p><p>�Ja, obwohl er ein gro�er Tulku ist, ist er immer der J�nger eines noch gr��eren namens Dorjee gewesen. Dorjee Lama ist so ziemlich der wichtigste �berhaupt�� nur der Dalai Lama steht noch �ber ihm��, und Dorjee ist ein strenger, strenger Guru.�</p><p>Mir fiel auf, da� Kunga Norbu bei der Erw�hnung von Dorjees Namen die Stirn gerunzelt und sein Glas aufgef�llt hatte.</p><p>�Dorjee ist so hart, da� der einzige J�nger, der es je bei ihm ausgehalten hat, unser Kunga hier ist. Dorjee�� wenn man sein Student werden will und ihn fragt, schl�gt er einen mit einem Stock. Er macht das ein paar Jahre lang, um sich zu vergewissern, da� man ihn wirklich als Lehrer haben will. Und dann nimmt er einen echt durch die Mangel. Anscheinend benutzt er die Methoden der Ts�an-Sekte aus China, die ziemlich grob sind. Um einem den Kurzen Weg zu zeigen, schl�gt er einen mit seinem Schuh auf den Kopf.�</p><p>�Jetzt, da du es erw�hnst � er sieht wirklich ein wenig aus wie ein Bursche, dem man mit einem Schuh auf den Kopf geschlagen hat.�</p><p>�Was kann er daf�r? Er ist seit �ber vierhundert Jahren Dorjees Sch�ler, und es ist immer dasselbe. Also hat er Dorjee gefragt, wann er ein Guru aus eigenem Recht sein w�rde, und Dorjee sagte, erst, wenn das Kloster auf Kungas Geburtsst�tte wieder aufgebaut sei. Und er sagte, da� <emphasis>das</emphasis> niemals geschehen w�rde, wenn es Kunga nicht gel�nge, eine � na ja, eine gewisse Aufgabe zu erf�llen. Ich kann dir noch nicht genau sagen, was das f�r eine Aufgabe ist, aber glaub� mir, sie ist schwer. Und Kunga war fr�her <emphasis>mein</emphasis> Guru, verstehst du, und so kam er zu mir und hat mich um Hilfe gebeten. Und deswegen bin ich also hier.�</p><p>�Ich dachte, du h�ttest gesagt, du w�rdest mit deinen englischen Freunden den Lingtren erklettern?�</p><p>�Das werde ich auch.�</p><p>Ich war mir nicht sicher, ob es am Chang oder dem Rauch lag, aber ich war etwas verwirrt. �Na ja, was auch immer. Das klingt nach einem echten Abenteuer.�</p><p>�Darauf kannst du wetten.�</p><p>Freds sprach auf Tibetanisch mit Kunga Norbu, anscheinend, um ihm zu erkl�ren, was er mir gesagt hatte. Schlie�lich antwortete Kunga ausf�hrlich.</p><p>�Kunga meint, du k�nntest ihm auch helfen�, sagte Freds zu mir.</p><p>�Ich glaube, ich passe�, sagte ich. �Wei�t du, ich habe meine Trekking-Gruppe.�</p><p>�O ja, ich wei�. Au�erdem wird es ziemlich hart werden. Aber Kunga mag dich�� er sagt, du h�ttest den Geist von Naropa.�</p><p>Kunga nickte nachdr�cklich, als er den Namen Naropa h�rte, und sah mit diesem in die Ferne gerichteten Blick durch mich hindurch.</p><p>�Das freut mich zu h�ren�, sagte ich. �Aber ich glaube, ich passe trotzdem.�</p><p>�Wir werden ja sehen, was passiert�, sagte Freds und schaute nachdenklich drein.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Viele Gl�ser Chang sp�ter taumelten wir in die Nacht hinaus. Freds und Kunga Norbu zogen ihre Jacken an und wanderten mit einem �Gute Nacht!� und einem �Guten Morgen!� zu ihrem Zelt davon. Ich kehrte zu meiner Gruppe zur�ck. Es kam mir schon sehr sp�t vor, war aber erst halb neun.</p><p>Als ich dort stand und unser Zeltdorf betrachtete, sah ich, wie ein Licht den Trail von Lukla hinabholperte. Der Mann, der die Taschenlampe trug, kam n�her�� es war Laure, der Sirdar meiner Gruppe. Er hatte Kunden nach Lukla zur�ckgef�hrt und war nun auf dem R�ckweg. �Laure!� rief ich leise.</p><p>�Hallo, George�, sagte er. �Warum sp�t jetzt?�</p><p>�Ich habe getrunken.�</p><p>�Ah.� Obwohl er die Taschenlampe auf den Boden gerichtet hatte, konnte ich leicht sein breites Grinsen ausmachen. �Gute Idee.�</p><p>�Ja, du solltest dir auch ein Chang g�nnen. Du hast einen langen Tag gehabt.�</p><p>�Nicht lang.�</p><p>�Klar.� Er hatte den ganzen Tag �ber ver�rgerte Kunden nach Lukla zur�ckgef�hrt und mu�te also mindestens f�nfmal so weit marschiert sein wie der Rest von uns. Und jetzt kam er im Licht der Taschenlampe zur�ck. Dennoch war es f�r den Sherpa Laure Tenzing wohl kein besonders schwerer Tag gewesen. Als F�hrer und Yakhirte war er schon sein ganzes Leben in diesen Bergen gewandert, und seine Waden waren so dick wie meine Oberschenkel. Einmal hatten er und drei Freunde aus Jux einen Rekord aufgestellt, indem sie in vier Tagen vom Everest Base Camp nach Katmandu gewandert waren; das sind etwa dreihundert Kilometer, haupts�chlich �ber sehr unebenes Land. Verglichen damit war das heutige Pensum wohl eher ein Spaziergang zum n�chsten Briefkasten.</p><p>Das gr��te Problem waren zweifellos die Kunden gewesen. Ich erkundigte mich danach, und er runzelte die Stirn. �Leute in Hotel gehen, nicht gl�cklich. Sehr, sehr nicht gl�cklich. Sie zur�ckfliegen Katmandu.�</p><p>�Gut, da� wir sie los sind�, sagte ich. �Warum trinkst du nicht ein Chang?�</p><p>Er l�chelte und verschwand in die Dunkelheit.</p><p>Ich schaute zu den Zelten hin�ber, in denen meine schlafenden Kunden lagen, und seufzte.</p><p>Bislang war es ein typischer Videotrek gewesen. Wir waren von Katmandu nach Lukla geflogen. Meine Kunden, die von Hochglanzanzeigen nach Nepal gelockt worden waren, die ihnen versprochen hatten, auf Teufel komm raus Videoaufnahmen machen zu k�nnen, hatten im Flugzeug verr�ckt gespielt, waren durch den Gang gelaufen, hatten sich gegenseitig mit ihren Zoom-Linsen beworfen und so weiter. Sie waren unb�ndig, bis sie die Landepiste von Lukla sahen, die aus der Luft aussieht wie das Spielzeugmodell einer Skischanze. Ziemlich rasch sa�en sie dann auf ihren Pl�tzen, schnallten sich an und schauten drein, als wollten sie ihr Testament machen�� alle bis auf einen molligen kleinen Burschen namens Arnold, der weiterhin wie eine Kegelkugel den Gang auf und ab rollte und sich schlie�lich ins Cockpit dr�ngte, um den Piloten �ber die Schultern filmen zu k�nnen. �Wir landen in Lukla�, sprach er mit tiefer, betont pathetischer Stimme ins Mikro seiner Kamera, wie der Erz�hler eines schlechten Reiseberichts. �Sieht unm�glich aus, aber unsere Piloten sind ganz ruhig.�</p><p>Trotz seiner Anwesenheit landeten wir sicher. Leider versuchte dann einer aus unserer Gruppe zu filmen, wie er das Flugzeug verlie�, und st�rzte schwer die Treppe hinunter. Als ich dann den Schaden begutachtete�� ein verstauchter Kn�chel��, war Arnold wieder da und beugte sich �ber uns, um jedes Zucken und Heulen des Opfers f�r die Ewigkeit festzuhalten.</p><p>Eine zweite Maschine flog den Rest unserer Gruppe ein, begleitet von Laure und meiner Assistentin Heather. Wir machten uns auf den Weg. Ein paar Stunden lang ging alles gut�� der Trail ist hier gleichzeitig die Hauptverkehrsstra�e der Gegend und problemlos zu bew�ltigen. Und die Aussicht ist ehrfurchtgebietend�� das Dudh Kosi-Tal sieht aus wie ein bewaldeter Grand Canyon, nur gr��er. Unsere Gruppe war beeindruckt, und mehrere Kunden filmten den ganzen Tag �ber.</p><p>Dann senkt sich der Trail zum Ufer des Dudh Kosi, und wir erlebten eine �berraschung. Anscheinend hatte der letzte Monsun den Eisdamm eines flu�aufw�rts liegenden Gletschersees zerst�rt, und das Wasser war als alles vernichtende Flut hinabgestr�mt und hatte die Br�cken, Steige, B�ume, einfach alles, mit sich gerissen. So endete unsere sch�ne Hauptverkehrsstra�e abrupt an einer Klippe �ber dem zerw�hlten Flu�bett, und die �rtlichen Tr�ger, f�r die der Trail eine t�gliche Notwendigkeit war, hatten sich auf den Hosenboden gesetzt und einen neuen Pfad gebahnt. Sie waren dabei ziemlich clever vorgegangen, doch es gab wirklich keine gute Alternative zu der alten Strecke; und so wand sich der neue Trail �ber verstreute wei�e Felsbrocken im Flu�bett, f�hrte �ber unstabile neue Sandb�nke und hob und senkte sich �ber schlammige H�nge, die man auf den dicht bewaldeten Felsw�nden freigehauen hatte. Es war eine schwierige Strecke, und selbst erfahrene Trekker hatten ihre Probleme damit.</p><p>Unsere Gruppe war entsetzt. Davon hatte nichts in den Anzeigen gestanden.</p><p>Die Tr�ger liefen barfu� zur n�chsten Teestube voraus, und die Kunden blieben im Schlamm stecken. Sie rutschten aus und heulten. Mehr als einmal wurde die H�henkrankheit erw�hnt, obwohl wir in Wirklichkeit nicht viel h�her als Denver waren. Heather und ich liefen hin und her und ermutigten die M�den. Ich trug schlie�lich drei Videokameras. Laure trug neun.</p><p>Als wir schlie�lich die erste neue Br�cke erreichten, sahen wir aus wie beim R�ckzug von Moskau. Diese Br�cken sind ziemlich h�bsche Beispiele hinterw�ldlerischer Baukunst; da es in dieser Gegend keine Baumst�mme gibt, die lang genug sind, um den Flu� zu �berbr�cken, nehmen sie vier St�mme, schieben sie in den Flu� und verankern sie mit einem gro�en Stapel runder Steine. Dann schieben sie vier weitere St�mme von der anderen Seite heran, bis ihre Enden auf denen der ersten vier liegen. Es funktioniert, aber die Br�cken wirken nicht gerade vertrauenseinfl��end.</p><p>Unsere Gruppe musterte diese erste Br�cke furchtsam. Arnold tauchte hinter uns auf und kaute auf einer nicht angez�ndeten Zigarre, w�hrend er die Szene filmte. <emphasis>�Die Todesbr�cke�,</emphasis> sprach er ins Mikro seiner Kamera.</p><p>�Arnold, bitte�, sagte ich. �Verpi� dich.�</p><p>Er ging zu dem grauen Gletscherwasser des Flusses hinab. �He, George, glaubst du, ich k�nnte ins Wasser, um die �berquerung besser filmen zu k�nnen?�</p><p>�NEIN!� Ich stand schnell auf. �Ein Schritt in den Flu�, und du ertrinkst. Sieh dir die Fluten doch mal an!�</p><p>�Na sch�n, schon gut.�</p><p>Jetzt starrte der Rest der Gruppe mich entsetzt an, als sei ihr nicht schon auf den ersten Blick klar gewesen, da� ein Sturz in den Dudh Kosi in der Tat ein sehr fataler Fehler sein w�rde. Ziemlich viele von ihnen krochen schlie�lich auf H�nden und Knien �ber die Br�cke. Arnold hielt sie alle f�r die Nachwelt fest und filmte seine eigene �berquerung, indem er sich immer wieder im Kreis drehte, wobei ich jedesmal zusammenzuckte. Insgeheim verfluchte ich ihn; ich war mir ziemlich sicher, da� er genau gewu�t hatte, wie gef�hrlich der Flu� war, und nur sichergehen wollte, da� auch alle anderen es erfuhren. Und kurz darauf�� bei der n�chsten Br�cke, um genau zu sein�� forderten die ersten Kunden, nach Lukla zur�ckgebracht zu werden. Nach Katmandu. Nach San Francisco.</p><p>Ich seufzte, als ich daran dachte. Und daran, da� das nur der Anfang war. Eben ein typischer <emphasis>Want To Take You Higher Ltd.-Videotrek.</emphasis> Plus Arnold.</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Fr�h am n�chsten Morgen erlebte ich Arnold wieder in Aktion, als ich sehr verkatert im Herzh�uschen, dem hinter dem Teehaus der Trekker liegenden Klosett, �ber dem ungesund feuchten Loch im Boden hockte. Ich hatte gerade mein Gesch�ft dort erledigt, als ich aufschaute und das gro�e Glasauge einer Zoomlinse sah, das mich �ber die h�lzerne T�r hinweg betrachtete.</p><p>�Nein, Arnold!� rief ich, w�hrend ich versuchte, meine Hand auf die Linse zu legen und gleichzeitig die Hosen hochzuziehen.</p><p>�He, ich will doch nur etwas Lokalkolorit reinbringen�, sagte Arnold und trat zur�ck. �Wei�t du, die Leute sollen sehen, wie es wirklich ist, alle Einzelheiten und so weiter, und diese Klosetts sind schon wirklich toll. Exotisch.�</p><p>Ich bedachte ihn mit einem finsteren Stirnrunzeln. �Dann h�ttest du �ber Jiri anreisen sollen. In den Tieflandd�rfern gibt es �berhaupt keine Schei�h�user.�</p><p>Seine Augen wurden rund, und er schob eine nicht angez�ndete Zigarre vom einen Mundwinkel in den anderen. �Und was macht man denn da?�</p><p>�Na ja, man geht einfach raus und sieht sich um. Sucht sich ein sch�nes Fleckchen aus. Da haben sie meistens ein Schei�feld unten am Flu�. Richtig exotisch.�</p><p>Er lachte. �Du meinst, �berall Haufen?�</p><p>�Ja, sowas in der Art.�</p><p>�Klingt ja toll! Vielleicht marschiere ich lieber zur�ck, anstatt zu fliegen.�</p><p>Ich musterte ihn und r�mpfte die Nase. �Ein ernsthafter Filmemacher, was, Arnold?�</p><p>�Oh, ja. Hast du noch nie von mir geh�rt? Arnold McConnell? Ich drehe Abenteuerfilme f�r die PBS. Und manchmal f�r die Fremdenverkehrs�mter der Skigebiete, Videoverleihe und so weiter. Skifahren, Hanggleiten, Kajakfahren, Parachuting, Bergsteigen, Skateboardfahren�� das hab� ich alles schon gemacht. Hast du nie <emphasis>Der Mann, der den Sambesi hinabschwamm</emphasis> gesehen? Nein? Ach, der gilt schon als Klassiker. Einer meiner besten.�</p><p>Also hatte er gewu�t, wie gef�hrlich der Dudh Kosi war. Ich sah ihn ver�chtlich an. Schwer zu glauben, da� er Abenteuerfilme drehte; er sah eher aus wie die Art von Hollywood-Produzent, �ber die man sich schlechte Witze erz�hlt. �Also drehst du wirklich einen Film �ber diesen Trek?�</p><p>�Ja, klar. Immer bei der Arbeit, h�re nie auf damit. Bin ein Workaholic.�</p><p>�Brauchst du keine gr��ere Crew?�</p><p>�Na, normalerweise schon, aber das hier ist eine andere Sache, einer meiner �Pers�nlichen Tagebuch-Filme�, wie ich sie nenne. Ich hab� ein paar an die PBS verkauft. Mache alle Arbeit allein. Das ist eben meine Version des Solokletterns.�</p><p>�Sch�n. Aber schneid� den Teil raus, wie ich schei�e, ja?�</p><p>�Klar, mach� dir keine Sorgen. Ich mu� nur alles aufs Band kriegen, was ich kann, verstehst du, damit ich hinterher m�glichst viel Material zur Verf�gung habe. Und ich wei� mit allem etwas anzufangen. Deshalb habe ich auch diese Linse. Nur die neueste Ausr�stung f�r mich. Du wirst nicht glauben, was ich alles f�r Sachen habe.�</p><p>�Ich glaub�s dir.�</p><p>Er kaute auf seiner Zigarre. �Nenn� mich einfach Mr. Abenteuer.�</p><p>�Werd� ich.�</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Ich sah Freds und Kunga Norbu in Namche Bazaar nicht mehr und vermutete, da� sie schon mit Freds� englischen Freunden aufgebrochen waren; wahrscheinlich w�rde ich sie erst in der N�he ihres Basislagers wiedersehen, denn ich wollte mit meiner Gruppe ein paar Tage in Namche bleiben, damit sie sich akklimatisieren und die Stadt genie�en konnte. Namche ist die Hauptstadt der Sherpas, und eine dramatisch gelegenere Stadt kann man sich kaum vorstellen; sie kauert auf einem Vorgebirge �ber dem Zusammenflu� des Dudh Kosi und des Bhote Kosi, und die Fl�sse liegen etwa anderthalb Kilometer tiefer in steilen gr�nen Schluchten, w�hrend wei�e Gipfel sich �berall um sie herum fast zwei Kilometer hoch auft�rmen. Die Stadt selbst ist ein hufeisenf�rmiger Ring aus steinernen Geb�uden und steinernen Stra�en, auf denen sich Sherpas, Trekker, Bergsteiger und H�ndler dr�ngen, die zum w�chentlichen Markt kommen.</p><p>Hier kann man einiges erleben, und ich war vollauf besch�ftigt; ich verga� Freds und die Engl�nder v�llig und war daher ziemlich �berrascht, als ich ihnen in Pheriche �ber den Weg lief, einem Hochgebirgsdorf der Sherpas.</p><p>Die meisten dieser hochgelegenen D�rfer sind nur im Sommer bewohnt; die Einheimischen pflanzen dort Kartoffeln an und weiden Yaks. Pheriche jedoch liegt an der Trekkingroute zum Everest, und so ist es fast das ganze Jahr �ber bewohnt, und man hat dort ein paar Lodges errichtet und die einzige Hilfsstation der Himalayan Rescue Association. Es sieht noch immer wie ein Sommerdorf aus: niedrige Felsw�nde trennen Kartoffelfelder voneinander ab, und ein paar Steinh�user mit Schindeld�chern sowie die Lodges und Baracke der Hilfsstation mit ihrem Blechdach. Das alles dr�ngt sich am Ende eines flachen Gletschertals zusammen, auf einer einhundertundf�nfzig Meter hohen Seitenmor�ne. Ein Flu� schl�ngelt sich daran vorbei, und der Boden ist mit Gr�sern und dem hellen Herbstrot der Berberitzenstr�ucher bedeckt. Auf allen Seiten t�rmen sich die phantastischen wei�en Spitzen einiger der eindrucksvollsten Gipfel der Erde auf�� Ama Dablam, Taboche, Tramserku, Kang Taiga; und alles in allem ist es schon ein toller Ort. Meine Kunden �berschlugen sich, um alles zu filmen.</p><p>Wir errichteten unser Zeltdorf auf einem unbenutzten Kartoffelfeld, und nach dem Abendessen taten Laure und ich uns dadurch, um im Himalaya Hotel ein paar Chang zu trinken. Ich betrat die kleine K�che der Lodge und h�rte Freds �He, George!� rufen. Er sa� mit Kunga Norbu und vier Touristen zusammen; wir gesellten uns zu ihnen und dr�ngten uns um einen kleinen Tisch. �Das sind die Freunde, mit denen wir klettern.�</p><p>Er stellte sie vor, und wir sch�ttelten uns die H�nde. Trevor war ein gro�er, schlanker Bursche mit einer Brille mit runden Gl�sern und einem ziemlich irren Grinsen. �Mad Tom�, wie Freds ihn nannte, war klein, hatte einen Lockenkopf und sah ganz und gar nicht verr�ckt aus, obwohl etwas an seiner ruhigen Art einen schon glauben machen konnte, da� er es war. John war klein und kompakt, mit einem schon angegrauten Bart und einem kr�ftigen H�ndedruck. Und Marion war eine gro�e und ziemlich attraktive Frau, obwohl sie wahrscheinlich err�tet w�re oder einen freundlich geknufft h�tte, wenn man es ihr gesagt h�tte�� attraktiv auf eine grobe, ungest�me Art, mit einem starken, strengen Gesicht und dichtem braunem, zur�ckgek�mmtem und geflochtenem Haar. Sie waren Engl�nder, was man auch sofort an ihrem Akzent merkte: Marion und Trevor ziemlich elegant�� Privatschule��, und John und Mad Tom sehr breit und aus Nordengland.</p><p>Wir bestellten Chang, und sie erz�hlten mir von ihrer Kletterpartie. Der Lingtren, ein steiler Gipfel zwischen dem Pumori und dem westlichen Ausl�ufer des Himalaja, ist ein ziemliches St�ck Arbeit, von welcher Seite man ihn auch angeht, und sie waren auf ihre eigene Art ganz aus dem H�uschen: �War schon ein ganz sch�ner Brocken, um die Wahrheit zu sagen�, meinte Trevor fr�hlich.</p><p>Wenn englische Bergsteiger �ber das Bergsteigen sprechen, mu� man wissen, wie man ihre Worte zu �bersetzen hat. �Ein ganz sch�ner Brocken� bedeutet: meidet den Berg.</p><p>�Ich meine, wir sollten statt dessen den Pumori ersteigen�, sagte Marion. �Der Lingtren ist ein perfekter <emphasis>H�gel.�</emphasis></p><p>�Also wirklich, Marion.�</p><p>�Kommt sowieso nicht gegen den Preis f�r den Lingtren an�, sagte John.</p><p>Er bezog sich auf die Geb�hr, die die nepalesische Regierung von den Bergsteigern f�r das Recht erhebt, den Gipfel zu besteigen. Diese Geb�hren richten sich nach der H�he des zu besteigenden Gipfels�� die wirklich hohen Berge sind �beraus kostspielig. Sie berechnet einem f�r den Everest zum Beispiel �ber f�nftausend Dollar, und trotzdem wetteifern jede Menge Leute darum, auf die lange Warteliste zu kommen. Aber einige der schwierigsten Gipfel in Nepal sind im Vergleich zu den Riesen nicht besonders hoch und kommen ziemlich billig. Anscheinend geh�rte der Lingtren dazu.</p><p>Wir beobachteten die Sherpani, die in der K�che der Lodge Abendessen f�r f�nfzig Personen kochte, und zwar unter den starren Blicken der G�ste, die hungrig jede ihrer Bewegungen verfolgten. Dazu hatte sie einen kleinen Holzofen zur Verf�gung (mit Kamin, Gott sei dank), einen Berg Kartoffeln, Nudeln, Reis, ein paar Eier und Kohlk�pfe und mehrere changtrunkene Tr�ger als Helfer, die abwechselnd Geschirr sp�lten oder gro�e Brocken Yakmist f�r das Feuer zerbrachen. Auf den ersten Blick eine schwierige Aufgabe, doch die Sherpani war ganz gelassen: sie kochte die ganze Liste der Bestellungen aus dem Ged�chtnis, schnitt Kartoffeln in Scheiben und warf sie in eine Pfanne, legte Holz nach, warf zwanzig Pfund Nudeln durch die Luft, als seien sie nur ein Pfannkuchen�� und das alles mit der Sicherheit und Gro�tuerei eines erfahrenen Jongleurs. Sie hatte eine geniale Begabung.</p><p>Als zwei Stunden sp�ter die G�ste, die die Gerichte bestellt hatten, die in ihrer strengen Reihenfolge zum Schlu� kamen, ihre Kohlomelettes auf Pommes frites bekamen, leerte sich die K�che bereits; die ersten G�ste gingen zu Bett. Wir anderen machten es uns bei mehr Chang und Geplauder gem�tlich.</p><p>Dann kam ein Trekker in die K�che zur�ck, damit er sein Kurzwellenradio h�ren konnte, ohne die Schl�fer im einzigen Schlafsaal der Lodge zu st�ren. Er sagte, er m�sse die Nachrichten h�ren. Wir alle starrten ihn ungl�ubig an. �Ich mu� wissen, was der Dollar macht�, erkl�rte er. �Habt ihr gewu�t, da� er letzte Woche um <emphasis>acht Prozent</emphasis> gefallen ist?�</p><p>Man trifft alle m�glichen Leute in Nepal.</p><p>In der Tat ist es im Himalaja sehr interessant, die Kurzwelle zu h�ren, denn je nachdem, wie es um die Ionosph�re steht, bekommt man fast alle Sender herein. An diesem Abend h�rten wir zum Beispiel die Stimme des Syrischen Volkes und ein paar Pops�ngerinnen aus Bombay, die die Tr�ger wirklich anmachten. Dann schaltete der Radiobesitzer die BBC-Weltnachrichten ein, was nicht ungew�hnlich war�� sie kamen vielleicht aus Hongkong, Singapur, Kairo oder sogar London selbst.</p><p>Im statischen Rauschen war die gebildete Stimme des Sprechers kaum verst�ndlich. �� britische Everest-Expedition von 1986 ist jetzt auf dem Rongbuk-Gletscher in Tibet und wird im Verlauf der beiden n�chsten Monate der historischen Route folgen, die die Expeditionen der zwanziger und drei�iger Jahre eingeschlagen haben. Unser Korrespondent der Expedition berichtet �� Und dann war die Stimme kaum noch verst�ndlich und ertrank im Rauschen: �� wichtigstes Ziel der Expedition, die Leichen von Mallory und Irvine, die 1924 zum letzten Mal in der N�he des Gipfels gesehen wurden � <emphasis>knister, summ �</emphasis> Chancen betr�chtlich verbessert durch Gespr�che mit einem Teilnehmer der chinesischen Expedition, die angeblich 1980 auf der Nordwand eine Leiche gesehen hat � <emphasis>bzzzzkrkrkr!</emphasis> � Beschreibung des Fundortes sssssssss � Schneegrenze dieses Jahr sehr tief, und alle Betroffenen halten die Erfolgsaussichten f�r <emphasis>sssskrkssss.�</emphasis> Die Stimme ging in einem ohrenbet�ubenden Rauschen unter.</p><p>Trevor musterte uns mit gerunzelter Stirn. �Habe ich richtig geh�rt, da� sie nach Mallorys und Irvines <emphasis>Leichen</emphasis> suchen wollen?�</p><p>Ein Ausdruck tiefen Schreckens legte sich auf Mad Toms Gesicht. Marion r�mpfte die Nase, als ob das Chang sich in tibetanischen Tee verwandelt h�tte. �Ich kann es nicht glauben.�</p><p>Ich wu�te es damals noch nicht, aber das erwies sich f�r Freds als unerwartete Gelegenheit, seinen Plan vorzeitig in die Tat umzusetzen. �Habt ihr nicht davon geh�rt?� sagte er. �Kunga Norbu ist genau wegen der Besteigung hier, von der sie gesprochen haben, wegen der, die 1980 auf der Nordwand eine Leiche gesehen hat.�</p><p>�Ach ja?� sagten wir alle.</p><p>�Ja, ehrlich. Kunga hat an der chinesischen Expedition 1980 zum Nordsattel teilgenommen und suchte nach einem direkten Weg zur Nordwand, als er eine Leiche sah.� Freds sprach auf Tibetanisch mit Kunga Norbu, und Kunga nickte und antwortete ausf�hrlich. Freds �bersetzte f�r ihn: �Er sagt, es sei ein Abendl�nder gewesen, und er h�tte eindeutig schon lange dort gelegen. Hier, er sagt, er kann es auch auf einem Foto zeigen �� Freds holte seine Brieftasche hervor und zog ein Papierkn�uel hervor. Auseinandergefaltet erwies es sich als mitgenommenes Schwarzwei�-Foto des Everest, von der tibetanischen Seite aus gesehen. Kunga Norbu betrachtete es lange, sprach mit Freds dar�ber, lie� sich�� dann von Freds einen Kugelschreiber geben und malte sorgf�ltig einen Kreis auf das Foto.</p><p>�Warum hat er die halbe Nordwand eingekreist?� fragte John. �Das ist doch v�llig sinnlos.�</p><p>�Nee�, sagte Freds. �Sieh doch, es ist ein ganz kleiner Kreis.�</p><p>�Es ist auch ein kleines Foto, oder?�</p><p>�Na ja, er kann die Stelle genau beschreiben�� sie ist da oben auf der Spitze des Schwarzen Rings. Auf jeden Fall ist es jemandem gelungen, eine Expedition zusammenzustellen, die nach den Leichen suchen soll. Nun ist Kunga letztes Jahr nach Nepal geflohen, so da� diese Expedition mit Informationen aus zweiter Hand von seinen Kletterfreunden auskommen mu�. Aber das k�nnte reichen.�</p><p>�Und wenn sie die Leichen finden?�</p><p>�Ich glaube, sie haben vor, sie mit runterzunehmen, nach London zu verschiffen und in der Winchester Cathedral zu begraben.�</p><p>Die Engl�nder starrten ihn an. �Du meinst, Westminster Abbey?� fragte Trevor.</p><p>�Ach ja, richtig, die beiden verwechsle ich immer. Auf jeden Fall haben sie das vor, und sie wollen einen Film daraus machen.�</p><p>Ich st�hnte bei dem Gedanken auf. Noch mehr Video.</p><p>Die vier Engl�nder st�hnten lauter als ich. �Das ist wirklich abscheulich�, sagte Marion.</p><p>�Widerlich�, pflichteten John und Mad Tom ihr bei.</p><p>�Eine Travestie, nicht wahr?� sagte Trevor. �Ich meine, wenn �berhaupt jemand dort oben hingeh�rt, dann diese beiden. Das ist nichts anderes als Grabsch�ndung!�</p><p>Und seine drei Gef�hrten nickten. Auf einer Ebene scherzten sie und t�uschten ihren Zorn nur vor; doch darunter meinten sie es todernst. Sie meinten, was sie sagten.</p></section><section><title><p>5</p></title><p>Um zu verstehen, wieso die Vorstellung sie derma�en aufbrachte, mu� man wissen, welche Bedeutung die Geschichte von Mallory und Irvine f�r die englische Seele hat. Das Bergsteigen war dort immer viel wichtiger als in Amerika�� man k�nnte sagen, da� die Engl�nder diesen Sport in viktorianischen Zeiten erfunden und seitdem immer wieder hervorragende Leistungen darin gebracht haben, sogar noch nach dem Zweiten Weltkrieg, als bei ihnen ziemlich viel auseinanderfiel. Man k�nnte sagen, da� Bergsteigen der Rolls Royce des britischen Sports ist. Whymper, Hillary, das brillante Team, das in den siebziger Jahren mit Bonington kletterte: das alles sind Volkshelden.</p><p>Aber Mallory und Irvine sind die gr��ten �berhaupt. Damals in den zwanziger und drei�iger Jahren hatten die Engl�nder einen Alleinanspruch auf den Everest, da Nepal f�r Ausl�nder verschlossen war und Tibet f�r alle bis auf die Briten, die sich 1904 mit Younghusbands Feldzug ins Land gedr�ngt hatten. Also war der Berg ihr privater Spielplatz, und w�hrend jener Jahre machten sie vier oder f�nf Versuche, die alle scheiterten, was durchaus verst�ndlich ist: sie waren ausger�stet wie die Pfadfinder, mu�ten sich an Ort und Stelle die H�hentechnik aneignen und hatten schreckliches Pech mit dem Wetter.</p><p>Der Versuch, der einem Erfolg am n�chsten kam, fand 1924 statt. Mallory, schon ber�hmt von zwei vorherigen Versuchen, war der Expeditionsleiter. Wie Sie vielleicht wissen, war er der Bursche, der antwortete: �Weil er da ist!�, als man ihn fragte, warum jemand das Ding besteigen wollte. Das ist entweder eine sehr tiefgr�ndige oder eine sehr dumme Antwort, je nachdem, was man von Mallory h�lt. Sie k�nnen sich die Ihnen genehme Interpretation aussuchen: Der Bursche ist in Grund und Boden psychoanalysiert worden. Auf jeden Fall wurden er und sein Partner Irvine zuletzt gesehen, als sie sich kaum vierhundert Meter unter dem Gipfel befanden�� und um ein Uhr mittags an einem Tag, an dem abgesehen von einem kurzen Sturm und Nebel, der den Gipfel vor den Blicken der Beobachter unten verbarg, gutes Wetter herrschte. Also haben sie es entweder geschafft oder auch nicht; aber irgend etwas ging irgendwo auf dem Weg schief, und sie wurden nie wieder gesehen.</p><p>Eine glorreiche Niederlage, ein unergr�ndliches Geheimnis: das ist die Art von Geschichte, die die Engl�nder einfach lieben, wie wir alle anderen auch. Die ganzen Internatstugenden in eine heroische Erz�hlung eingeh�llt�� kein Schriftsteller k�nnte sie sich besser ersinnen. Bis zum heutigen Tag findet diese Geschichte in England ungebrochenes Interesse, und das gilt erst recht f�r die Bergsteigergemeinschaft, die mit ihr aufwuchs und noch immer in Zeitschriftenartikeln, Stammtischgespr�chen und so weiter zahlreiche Spekulationen �ber das Schicksal der beiden M�nner betreibt. Sie lieben diese Geschichte einfach.</p><p>Dort hinaufzuklettern, die Leichen zu suchen, dem Geheimnis ein Ende zu bereiten und die Leichen nach England zu schaffen� Jetzt wissen Sie, warum das meinen Trinkgenossen an diesem Abend wie ein Sakrileg vorkam. Es war wieder so ein moderner Werbegag, ein von einer Werbeagentur ersonnener Plan, Geld zu scheffeln�� eine Entweihung des Gro�en Geheimnisses. Es erinnerte mich in der Tat ein wenig an Videotrekking. Nur noch schlimmer. Also f�hlte ich in gewisser Weise mit ihnen.</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Ich versuchte, mir einen Themenwechsel einfallen zu lassen, um die Engl�nder abzulenken. Doch Freds schien entschlossen, ihrem Tr�bsal noch Zunder zu geben. Er stach mit dem Finger auf das zusammengefaltete Wrack eines Fotos ein. �Wi�t ihr, was ihr tun solltet?� sagte er leise zu ihnen. �Ihr habt gesagt, ihr wolltet den Pumori besteigen? Mann, Schei�e, verzieht euch lieber in die andere Richtung, seid vor der anderen Expedition da und versteckt den alten Mallory. Ich meine, hier habt ihr den eigentlichen Augenzeugen, der euch zu ihm f�hren k�nnte! Unglaublich! Ihr k�nntet Mallory im Eis und Schnee vergraben und euch dann wieder runterschleichen! Wenn ihr das tut, werden sie ihn nie finden!�</p><p>Alle Engl�nder starrten Freds aus weit aufgerissenen Augen an. Dann sahen sie einander an und senkten die K�pfe tief auf den Tisch. Ihre Stimmen wurden leise. �Das ist ein Genie�, fl�sterte Trevor.</p><p>��h, nein�, warnte ich sie. �Er ist kein Genie.� Laure sch�ttelte den Kopf. Selbst Kunga Norbu schaute zweifelnd drein.</p><p>�Was ist mit dem Lho La?� fragte John. �M�ssen wir den nicht erklettern?�</p><p>�Ein Kinderspiel�, sagte Freds sofort.</p><p>�Nein�, protestierte Laure. �Kein Kinderspiel! Pa�! Sehr steiler Pa�!�</p><p>�Ein Kinderspiel�, beharrte Freds. �Ich habe ihn vor ein paar Jahren mit dieser Gruppe erklettert, die die direkte Westroute suchte. Wenn man ihn bestiegen hat, schl�gt man sich einfach auf den Westsattel und hat dann direkt zur Linken die ganze Nordwand vor sich.�</p><p>�Freds�, sagte ich und versuchte ihm klarzumachen, da� er seine Gef�hrten nicht zu solch einer gef�hrlichen und �berdies illegalen Kletterpartie verleiten sollte. �Ihr w�rdet viel mehr Hilfe bei den Hochlagern brauchen, als ihr habt. Dieser Kreis hier ist verdammt hoch oben auf dem Berg.�</p><p>�Stimmt schon�, sagte Freds augenblicklich. �Ziemlich hoch oben. Verdammt hoch oben. Man kann nicht mehr viel h�her kommen.�</p><p>Nat�rlich h�tte ich wissen m�ssen, da� so eine Bemerkung Leute wie die Engl�nder nur noch zus�tzlich anspornte.</p><p>�Man m��te es machen wie damals Woody Sayres�, fuhr Freds fort. �Das war 1962, oder? Sie brachten Sherpas dazu, ihnen �ber Cho Oyo auf den Nup La zu helfen, und schlugen sich dann zum Everest, wo sie den Gyachung Kang besteigen wollten. Sie nahmen ein einziges Lager den ganzen Weg zum Everest mit hinauf und kehrten auf dieselbe Art zur�ck. Sie waren nur zu viert und h�tten ihn fast erklettert. Und der Nup La ist drei�ig Kilometer weiter vom Everest entfernt als der Lho La. Der Lho La liegt praktisch direkt darunter.�</p><p>Mad Tom schob seine Brille die Nase hinauf, zog einen Kugelschreiber hervor und stellte auf dem Tisch Berechnungen an. Marion nickte. Trevor f�llte all unsere Gl�ser mit Chang. John sah �ber Mad Toms Schulter und murmelte ihm etwas zu; anscheinend waren sie f�r die Vorr�te verantwortlich.</p><p>Trevor hob sein Glas. �Na sch�n�, sagte er. �Machen wir mit?�</p><p>Sie alle hoben ihre Gl�ser. �Wir machen mit.�</p><p>Sie toasteten ihrem Plan zu, und ich starrte sie entsetzt an, als ich h�rte, wie die T�r knarrte, und sah, wer die K�che verlie�. �He!�</p><p>Ich sprang auf und zerrte Arnold McConnell in den Raum zur�ck. �Was hast du hier zu suchen?�</p><p>Arnold versteckte etwas hinter seinem R�cken. �Gar nichts. Wei�t du, ich wollte mir nur mein abendliches Glas Milchteeholen ��</p><p>�Er ist es!� rief Marion. Sie griff hinter Arnold und zog seine Kamera hinter seinem R�cken hervor; er versuchte, sie festzuhalten, doch Marion war st�rker als er.</p><p>�Spionierst mich wieder aus, was? Filmst uns aus irgendeiner dunklen Ecke?�</p><p>�Nein, nein�, sagte Arnold. �Ich kann im Dunkeln doch gar nicht filmen.�</p><p>�Filmt in Zelt�, sagte Laure prompt. �Nachts.�</p><p>Arnold funkelte ihn an.</p><p>�H�r mal, Arnold�, sagte ich. �Wei�t du, wir haben hier nur einen draufgemacht, ein kleines privates Gespr�ch �ber ein paar Bechern Chang. Nichts Ernstes.�</p><p>�Oh, ich wei߫, versicherte Arnold mir. �Ich wei�.�</p><p>Marion stand auf und sah auf Arnold hinab. Sie ergaben ein ulkiges Paar�� sie so gro� und schlank, er so klein und st�mmig. Marion dr�ckte auf ein paar Kn�pfe auf der Kamera, bis die Videokassette hinaussprang, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sie konnte einen wirklich furchterregend anfunkeln. �Das ist wohl derselbe Film wie heute morgen, als du mich aufgenommen hast, wie ich geduscht habe, oder?� Sie sah uns an. �Ich war in der kleinen Duschkabine, die sie da aufgebaut haben, und der Blechk�bel mit dem hei�en Wasser war irgendwie verklemmt. Ich mu�te die T�r einen Spalt �ffnen, um hinaufzugreifen und ihn zu l�sen, und da merkte ich pl�tzlich, da� dieser Perverse mich filmte!� Sie lachte w�tend. �Ich wette, du warst ziemlich zufrieden mit dem Material, was, du Vojeur?�</p><p>�Ich wollte gerade aufbrechen, um Yaks zu filmen�, erkl�rte Arnold schnell und sah mit einem bewundernden Blick zu Marion hinauf. �Dann standest du vor mir, und was sollte ich tun? Ich bin Filmemacher, ich filme sch�ne Dinge. Ich k�nnte dich in den Staaten zu einem Star machen�, sagte er ernst. �Du bist wahrscheinlich die sch�nste Bergsteigerin auf der ganzen Welt.�</p><p>�Und das bei der Konkurrenz�, warf Mad Tom ein.</p><p>Ich behielt recht, was Marions Reaktion auf ein derartiges Kompliment betraf: Sie err�tete bis zu den Haarwurzeln und �berlegte, ob sie ihm einen Knuff versetzen sollte�� und h�tte es wohl auch getan, wenn sie allein gewesen w�ren.</p><p>�� Abenteuerfilme in den Staaten, f�r die PBS und die Skigebiete�, fuhr Arnold fort, kaute auf seiner Zigarre und rollte mit den Augen, als Marion mit der Kassette zum Ofen ging.</p><p>Die Sherpani hielt sie zur�ck. �Stinken�, sagte sie.</p><p>Marion nickte und nahm die Videokassette in beide H�nde. Ihre Unterarme spannten sich, und man konnte pl�tzlich jeden Muskel sehen. Und da waren ziemlich viele; sie sahen aus wie d�nne geb�ndelte Dr�hte unter der Haut. Wir alle sahen hin, und instinktiv hob Arnold die Kamera auf die Schulter, bevor ihm einfiel, da� sie ja leer war. Diese Tatsache lie� ihn zusammenzucken, und er fummelte in seiner Jackentasche nach einem Ersatz, als die Kassette in der Mitte zerbrach und das Videoband herausfiel. Marion gab sie der Sherpani, die sie grinsend in eine Kiste mit Kartoffelschalen fallen lie�.</p><p>Wir alle sahen Arnold an. Er kaute auf seiner Zigarre und zuckte die Achseln. �Auf die Art kann ich dich nicht zum Star machen�, sagte er und bedachte Marion mit einem l�sternen Blick. �Wirklich, du solltest mir eine Chance geben. Du w�rest toll.�</p><p>�Ich w�rde es vorziehen, wenn du jetzt gehst�, sagte Marion zu ihm und deutete auf die T�r.</p><p>Arnold ging.</p><p>�Dieser Bursche k�nnte uns �rger machen�, sagte Freds.</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Freds sollte recht behalten.</p><p>Aber Arnold war nicht die einzige Ursache f�r �rger. Meines Erachtens benahm sich Freds selbst etwas eigenartig. Doch wenn ich an die verschiedenen Schrullen dachte, die er in letzter Zeit an den Tag legte�� seine Erkl�rung, sein Freund Kunga Norbu sei ein Tulku, und nun sein pl�tzliches Eintreten f�r die Rettet-Mallorys-Leiche-Kampagne��, konnte ich es mir einfach nicht zusammenreimen. Es ergab keinen Sinn.</p><p>Als Freds� Trupp und meine Trekkinggruppe also am selben Morgen von Pheriche talaufw�rts aufbrachen, ging ich eine Weile mit Freds zusammen. Ich wollte ihm einige Fragen stellen. Doch es waren eine Menge Leute auf dem Trail, und es war nicht einfach, einen Augenblick unter vier Augen mit ihm sprechen zu k�nnen.</p><p>Als Er�ffnung sagte ich: �So, jetzt hast du also eine Frau in deinem Team.�</p><p>�Ja, Marion ist toll. Sie ist wahrscheinlich die beste Kletterin von uns allen. Und unglaublich stark. Du kennst doch diese W�nde in Hallen, die sie in England zum �ben haben?�</p><p>�Nein.�</p><p>�Na ja, das Wetter ist so schlecht da, und die Kletterer sind so fanatisch, da� sie diese zehn oder zw�lf Meter hohen W�nde in Turnhallen aufgebaut haben, mit M�rtel �berzogen und kleinen Handgriffen.� Er lachte. �Es sieht scheu�lich aus�� kleine alte Turnhallen mit schlechter Beleuchtung und ohne Heizung, und die ganzen Leute ziehen sich da Betonw�nde hoch, als sei das eine neue Foltermethode � Auf jeden Fall war ich mal in so einer Halle und hab� mich zu einem Wettrennen mit Marion �berreden lassen, die beiden steilsten W�nde hinauf. Die Leute wetteten auf uns, und die Regel besagte, da� einer von uns ganz nach oben mu�te, wollten die Leute die Wetteins�tze kassieren. Aber wegen einem Loch in der Decke war die Wand feucht, und ich kam etwa bis zur H�lfte hinauf. Also hatte sie gewonnen, aber wollten die anderen den Wetteinsatz kassieren, mu�te sie ganz hinauf. Mit dem Leck war es wirklich unm�glich, aber alle, die auf sie gewettet hatten, riefen ihr zu, sie sollte es versuchen, und so bi� sie einfach die Z�hne zusammen und fing an, diese <emphasis>Bewegungen</emphasis> zu machen, Mann��� Freds ahmte sie mit der Hand in der Luft nach, w�hrend wir marschierten�� �und sie machte sie ganz langsam, damit sie nicht runterfiel. Sie hing an den Fingerspitzen und Zehen da oben, und ich schw�re bei Gott, sie mu� <emphasis>drei Stunden</emphasis> da gehangen haben. Alle anderen h�rten mit dem Klettern auf, um ihr zuzusehen. Ein paar Jungs gingen nach Hause, ein paar baten sie, wieder runterzukommen, ein paar hatten Tr�nen in den Augen stehen. Schlie�lich kam sie dann doch noch ganz rauf und kroch zu der Leiter, um wieder runterzukommen, und die Leute haben sie auf die Schulter genommen. Sie h�tten sie fast zur K�nigin gekr�nt. Eigentlich ist sie schon K�nigin, zumindest, was die englischen Kletterer betrifft�� wenn die echte k�me, und Marion w�re da, w�rde niemand auf Lisbeth achten.�</p><p>Dann dr�ngte sich Arnold zwischen uns und schaute verschw�rerisch drein. �Ich halte diesen Mallory-Plan f�r eine tolle Idee�, fl�sterte er uns mit zusammengebissenen Z�hnen zu. �Ich stehe v�llig hinter euch, und das wird einen <emphasis>tollen Film</emphasis> geben.�</p><p>�Du hast was �bersehen�, sagte ich zu ihm.</p><p>�Wir besteigen nur den Lingtren�, sagte Freds zu ihm.</p><p>Arnold runzelte die Stirn, lie� das Kinn auf die Brust fallen und kaute auf seiner Zigarre. Stirnrunzelnd ging Freds schneller, um seine Gruppe einzuholen, und sie verschwanden bald vor uns au�er Sicht. Also hatte ich meine Chance vertan, mit ihm zu sprechen.</p><p>Wir kamen zum oberen Ende des Pheriche-Tals, wandten uns nach rechts und stiegen zu einem noch h�her gelegenen hinauf. Das war das Tal des Khumbu-Gletschers, einer massiven Eisfl�che, bedeckt mit einem Chaos aus grauem Ger�ll und milchigblauen Schmelzwasserteichen. Wir zogen am Rande des Gletschers entlang und folgten einem Weg �ber seine Seitenmor�ne hinauf nach Lobuche, einem Ort, der aus drei Teeh�usern und einem Zeltplatz besteht. Am n�chsten Tag marschierten wir talaufw�rts nach Gorak Shep.</p><p>Nun ist Gorak Shep (�Tote Kr�he�) nicht der Ort, den man auf Plakaten in Reiseb�ros sieht. Es liegt etwa f�nftausendeinhundert Meter hoch, und da oben hat das Pflanzenleben so ziemlich aufgegeben. Der Ort besteht aus zwei zerlumpten kleinen Teeh�usern unter einem monstr�sen Ger�llh�gel, direkt neben einem grauen Gletscherteich, und sieht alles in allem aus wie die R�ckst�nde einer au�ergew�hnlich gro�en Kiesgrube.</p><p>Doch Gorak Shep hat Berge. Hohe, schneebedeckte Berge auf allen Seiten. Wie hoch? Nun ja, die Nuptse-Wand erhebt sich zum Beispiel volle zweitausend Meter �ber Gorak Shep. Wir sahen eine Lawine, die unter ohrenbet�ubendem Donnern einen winzigen Teil dieser Wand hinabglitt und etwa doppelt so hoch wie das World Trade Center war und trotzdem winzig wirkte.</p><p>Kameras k�nnen diesen gewaltigen Anblick niemals einfangen, doch man mu� es unwillk�rlich versuchen, und meine Gruppe versuchte es in den Tagen, da wir dort kampierten, auf Teufel komm raus. Diejenigen, die gut mit der H�he fertig wurden, trotteten sogar auf den Gipfel des Kala Pattar (�Schwarzer H�gel�) hinauf, einem beliebten Aussichtspunkt mit hervorragendem Blick auf die S�dwestwand des Everest. Am darauffolgenden Tag f�hrten Heather und Laure den gr��ten Teil dieser Leute den Gletscher zum Everest Base Camp hinauf, w�hrend sich die anderen von uns ausruhten. Das Everest-Basislager, das das indische Heer am Anfang der Saison aufgebaut hatte, war praktisch ein Zeltdorf wie das unsere, aber auf dem Weg dorthin gibt es einige sch�ne Eisnadeln und -t�rme zu sehen, und als die Kunden zur�ckkamen, machten sie einen zufriedenen Eindruck.</p><p>Also war auch ich zufrieden. Niemandem hatte die H�henkrankheit �berm��ig zugesetzt, und wir w�rden uns am n�chsten Morgen auf den R�ckweg machen. Ich f�hlte mich hervorragend, sa� am Sp�tnachmittag auf dem H�gel �ber unseren Zelten und tat einfach nichts.</p><p>Doch dann kam Laure den Trail vom Base Camp hinabgeeilt, und als er mich sah, kam er direkt zu mir. �George, George�, rief er dabei lauthals.</p><p>Als er mich erreicht hatte, stand ich auf. �Was ist los?�</p><p>�Ich bleiben sprechen Freunde Tr�ger Indisches Army Base Camp, Freds mich finden, Freds sagen sein Basislager bitte kommen du. Klettern Lho La finden Mann mit Kamera kommen mieten Sherpas fertig mit Freds, sehr schlecht folgen Freds.�</p><p>Nun ist Laures Englisch nicht sehr gut, wie Sie vielleicht festgestellt haben. Doch schlie�lich waren wir alle in seinem Land und sprachen meine Sprache�� und f�r ihn kam Englisch nach Sherpa, Nepalesisch, ein paar Brocken Japanisch und Deutsch. Und wie viele Sprachen sprechen Sie?</p><p>Au�erdem verstehe ich immer den Kern dessen, was Laure sagt, was man nicht unbedingt von allen Einheimischen behaupten konnte. Also rief ich: �Nein! Arnold folgt ihnen?�</p><p>�Ja�, sagte Laure. �Sehr schlimm. Freds sagen kommen bitte holen.�</p><p>�Arnold hat ihre Sherpas angeheuert?�</p><p>Laure nickte. �Sherpas fertig Tr�ger, Arnold mieten.�</p><p>�Verdammt! Wir m�ssen da raufsteigen und ihn holen!�</p><p>�Ja. Sehr schlecht.�</p><p>�Wirst du mit mir kommen?�</p><p>�Was immer du wollen.�</p><p>Ich eilte zu unseren Zelten, um meine Kletterausr�stung zusammenzusuchen, und erz�hlte Heather, was passiert war. �Wie ist er dorthin gekommen?� fragte sie. �Ich dachte, er sei den ganzen Tag mit dir zusammen gewesen.�</p><p>�Mir hat er gesagt, er w�rde mit dir gehen! Er ist euch wahrscheinlich hinauf gefolgt und dann weitergegangen. Mach dir keine Sorgen, es ist nicht deine Schuld. F�hre die Gruppe morgen nach Namche zur�ck, und wir holen euch dann sp�ter ein.� Sie nickte, wirkte aber besorgt.</p><p>Laure und ich brachen auf. Selbst bei Laures Tempo erreichten wir Freds� Basislager erst, als der Mond schon aufgegangen war.</p><p>Ihr Lager bestand jetzt nur noch aus einem einzigen Zelt auf einem flachgetretenen Schneestreifen, direkt unter dem steilen Hang des Khumbu-Tals�� der Schlucht, die Nepal von Tibet trennt. Wir �ffneten den Rei�verschlu� des Zeltes und weckten Freds und Kunga Norbu.</p><p>�Hervorragend!� sagte Freds. �Ich bin froh, da� ihr hier seid! Echt froh!�</p><p>�Erz�hl mir, was passiert ist�, sagte ich.</p><p>�Na ja, dieser Arnold hat sich anscheinend hier raufgeschlichen.�</p><p>�Das wei� ich auch.�</p><p>�Und unsere Sherpas waren fertig, und wir hatten sie bezahlt, und ich glaube, er hat sie von der Stelle weg angeheuert. Sie haben jede Menge Kletterausr�stung dabei, und wir lie�en Leitseile bis zum Lho La hinauf zur�ck, und so haben sie uns gefunden. Ich kann dir sagen, da� mir der Mund ziemlich weit aufstand, als sie im Pa� auftauchten! Die Engl�nder wurden w�tend und sagten Arnold, er solle wieder hinabsteigen, doch er weigerte sich, und, na ja, wie kann man hier oben jemanden zwingen, etwas zu tun, was er nicht will? Wenn man ihm einfach eins vor den Kopf gibt, hat er vielleicht Schwierigkeiten, wieder hinabzusteigen! Also kehrten Kunga und ich um, um dich zu holen, und wir fanden Laure im Basislager, und er sagte, er w�rde dich holen, w�hrend wir die Stellung hielten.�</p><p>�Arnold hat den Lho La bestiegen?� sagte ich erstaunt.</p><p>�Ich sch�tze, er ist ein ziemlich z�her Bursche. Hast du nicht den Film gesehen, den er von der Kajakfahrt den Baltoro hinab drehte? Ein echt radikaler Film, Mann, in der gleichen Kategorie wie <emphasis>Der Mann, der den Everest mit Skiern hinabfuhr,</emphasis> was die Radikalit�t betrifft. Und er hat auch ein paar andere verr�ckte Sachen angestellt, ist mit einem Hanggleiter vom Grand Teton geflogen und hat dabei die ganze Zeit gefilmt. Er ist z�her, als er aussieht. Ich glaube, er t�uscht nur vor, so ein schlaffer Hollywood-Produzent zu sein, damit man ihn untersch�tzt. Auf jeden Fall hat er ein paar ausgezeichnete Sherpas dabei, und mit ihnen und den Leitseilen kam er problemlos hinauf. Und ich glaube, er akklimatisiert sich gut; er ging rum, als sei er auf einem Strand.�</p><p>Ich seufzte. �Das nenne ich einen entschlossenen Filmemacher.�</p><p>Freds sch�ttelte den Kopf. �Der Bursche ist ein Parasit. Wenn wir seinen Arsch nicht wieder runterschleppen, wird er die Engl�nder in den Wahnsinn treiben.�</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Also schickten wir vier uns am n�chsten Tag an, den Lho La zu besteigen, und hatten es schnell mit einer der gef�hrlichsten Klettertouren zu tun, die ich je mitgemacht habe. Sie war nicht in technischer Hinsicht so schwierig�� die Engl�nder hatten an den h�rtesten Stellen Leitseile zur�ckgelassen, was die Sache betr�chtlich vereinfachte. Aber es war trotzdem gef�hrlich, denn wir stiegen einen Eisfall hinauf, das hei�t, einen steil geneigten Gletscher.</p><p>Nun ist ein Gletscher ein Eisbach, wie Sie wissen, und flie�t wie seine fl�ssigen Vettern immer abw�rts. Er flie�t wesentlich langsamer, aber vernachl�ssigen darf man diesen Faktor nicht, besonders nicht, wenn man auf einem steht. Dann h�rt man oft ein Krachen und St�hnen, einen pl�tzlichen Knall oder ein Donnern, und man kommt sich vor, als st�nde man auf dem R�cken eines Lebewesens.</p><p>Wenn so ein Gletscher einen H�gel hinabrollt, beschleunigt sich das alles noch; aus dem Lebewesen wird ein Drache. Das Eis des Gletschers bricht in gewaltige Bl�cke und Scherben auf, die sich gleichm��ig bewegen, dann auf einem Kamm oder einer Klippe zu liegen kommen, hinabst�rzen und zerbrechen oder aufrei�en und tiefe Spalten enth�llen. Als wir uns den Weg durch das Labyrinth des Lho La-Eisfalls hinaufbahnten, bewegten wir uns st�ndig unter Eisbl�cken, die schon ewig dort zu liegen schienen, in Wirklichkeit aber sehr unstabil waren�� sie w�rden irgendwann im n�chsten oder �bern�chsten Monat hinabst�rzen. Ich bin kein Experte, was die Wahrscheinlichkeitstheorie betrifft, aber mir gefiel es trotzdem nicht.</p><p>�Freds�, beklagte ich mich, �du hast gesagt, das sei ein Kinderspiel.�</p><p>�Ist es auch�, sagte er. �Sieh doch, wie schnell wir vorankommen.�</p><p>�Aber nur, weil wir eine Todesangst haben.�</p><p>�Ach ja? He, das sind doch h�chstens f�nfundvierzig Grad oder so.�</p><p>Steiler kann ein Eisfall nicht werden, denn sonst w�rde das Eis sofort und geschlossen bergabw�rts st�rzen. Selbst der ber�hmte Khumbu-Eisfall, auf den wir nun zu unserer Rechten eine phantastische Aussicht hatten, ist nur etwa drei�ig Grad steil. Der Khumbu-Eisfall ist ein unvermeidlicher Teil der Standardroute zum Everest und der bei weitem gef�rchtetste Abschnitt; dort sind mehr Menschen gestorben als irgendwo sonst auf dem Berg. Und der Lho La ist schlimmer als der Khumbu!</p><p>Also fand ich ein paar angemessene Worte �ber unsere Lage, w�hrend wir in der Tat sehr schnell weiterkletterten, und mit den meisten davon wu�te Laure nichts anzufangen. �Toll, Freds�, rief ich ihm zu. �Wirklich ein echtes Kinderspiel!�</p><p>�Auf jeden Fall jede Menge Zuckergu߫, sagte er und kicherte. Und das unter einer Wand, die ihn plattmachen w�rde wie Wile E. Coyote aus diesen Zeichentrickfilmen, falls sie fallen sollte. Ich sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was meinst du?� sagte ich zu Laure.</p><p>�Sehr schlecht�, sagte Laure. �Sehr schlecht, sehr gef�hrlich.�</p><p>�Und was sollten wir deiner Meinung nach tun?�</p><p>�Was immer du wollen.�</p><p>Wir beeilten uns.</p><p>Nun mag ich das Bergsteigen fast so sehr wie alle anderen hier auch, aber ich will nicht behaupten, da� es eine besonders vern�nftige T�tigkeit ist. Besonders an jenem Tage h�tte ich diese Behauptung nicht erhoben. Nun ja, es gibt solche und solche Gefahren. In der Tat treffen Bergsteiger eine Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Gefahren. Objektive Gefahren sind zum Beispiel Lawinen, Steinschlag und St�rme, Ereignisse, an denen man nichts �ndern kann. Subjektive Gefahren sind jene, denen man sich durch menschliche Fehler aussetzt�� man schl�gt ein schlechtes Loch, vergi�t, ein Seil zu sichern, und so weiter. Sie verstehen�� wenn man absolut vorsichtig vorgeht, kann man alle subjektiven Gefahren vermeiden. Und wenn man die subjektiven Gefahren eliminiert hat, hat man es nur noch mit den objektiven Gefahren zu tun. Sie sehen also, da� Bergsteigen eine sehr rationale Angelegenheit ist.</p><p>An diesem Tag befanden wir uns jedoch inmitten einer ganzen Wand objektiver Gefahren, und das machte mich nerv�s. Wir verfuhren wie �blich in solch einem Fall, was hei�t, da� wir uns h�llisch beeilten. Wir vier st�rmten praktisch den Lho La hinauf. Freds, Kunga und Laure waren �u�erst stark und schnell, und ich war auch einigerma�en in Form; au�erdem verf�gte ich �ber den Vorteil eines h�heren Adrenalinaussto�es, als ihn weniger phantasievolle Menschen haben. Also stellten wir einen neuen Rekord auf.</p><p>Dann passierte es. Freds war neben mir, hing mit Kunga Norbu an einem Seil, und Kunga war die volle L�nge des Seils entfernt�� etwas zwanzig Meter�� und f�hrte uns um einen Quergang herum, der unter einer riesigen Eiszacke verlief, wie man die blauen Eisvorspr�nge nennt, die, oft in Gruppen, aus einem Eisfall hervorragen. Kunga war direkt unter dieser Eiszacke, als sie ohne die geringste Warnung abbrach, hinabst�rzte und in tausend St�cke zersplitterte.</p><p>Ich hatte instinktiv tief eingeatmet und wollte gerade schreien, als Kunga Norbu gegen meinen Ellbogen prallte und mich fast hinabgesto�en h�tte. Er war zwischen Freds und mir eingekeilt, und das Seil, das sie zusammenhielt, schlug zwischen unseren Beinen hin und her.</p><p>Beim Versuch, meinen Schrei zu ersticken, w�rgte ich, rang nach Atem und w�rgte erneut. Freds schlug mir auf den R�cken, um mir zu helfen. Kunga war eindeutig da, stand vor uns, greifbar und k�rperlich. Und doch war er unter der Eiszacke gewesen! Die zerbrochenen Eisst�cke lagen frisch und gl�nzend in der Nachmittagssonne vor uns verstreut. Der Block war ohne das geringste Zittern, ohne jede Warnung, abgebrochen und hinabgest�rzt�� Kunga war einfach keine Zeit geblieben, um noch unter ihm hervorzukommen.</p><p>Freds sah meinen Gesichtsausdruck und grinste schwach. �Der alte Kunga Norbu ist ziemlich schnell, wenn es sein mu�.�</p><p>Aber das reichte mir nicht. �Ga gor nee�, sagte ich�� und dann zogen Freds und Kunga mich hoch. Laure eilte zu uns hinauf, die Augen gro� vor Besorgnis.</p><p>�Sehr schlecht�, sagte er.</p><p>�Gar�, versuchte ich und kam nicht weiter.</p><p>�Schon gut, schon gut�, sagte Freds und umfa�te mein Gesicht mit seinen Handschuhen. �He, George. Entspanne dich.�</p><p>�He�, bekam ich heraus, deutete auf die �berreste der Eiszacke und dann auf Kunga.</p><p>�Ich wei߫, sagte Freds stirnrunzelnd. Er wechselte einen Blick mit Kunga, der mich unger�hrt beobachtete. Sie sprachen auf Tibetanisch miteinander. �H�r zu�, sagte Freds. �Steigen wir �ber den Pa�, und dann erkl�re ich es dir. Es wird eine Weile dauern, und es bleibt uns nicht mehr so viel Tageslicht. Au�erdem m�ssen wir einen Weg um diese Eisw�rfel finden, damit wir den Leitseilen folgen k�nnen. Komm schon, Kumpel.� Er gab mir einen Klaps auf den Arm. �Konzentriere dich. Bringen wir�s hinter uns.�</p><p>Also kletterten wir weiter, und Kunga f�hrte so schnell wie zuvor. Ich stand jedoch noch immer unter Schock und sah st�ndig vor mir, wie die Eiszacke mit Kunga darunter zusammenbrach. Er konnte ihr einfach nicht entkommen sein! Und doch war er dort oben vor uns und kletterte die Leitseile hinauf wie ein Affe eine Palme.</p><p>Es war ein Wunder. Und ich hatte es gesehen. Ich hatte verdammte Schwierigkeiten, mich den Rest des Tages �ber auf das Klettern zu konzentrieren.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Kurz vor Sonnenuntergang hatten wir den Lho La �berwunden und unser Zelt auf dem flachen Ausl�ufer des Passes auf tiefem hartem Schnee aufgeschlagen. Es war eine der ger�umigsten Lagerst�tten, die ich je errichtet hatte: auf dem Grat des Himalaja, auf einem breiten Sattel zwischen den h�chsten Bergen der Erde und dem sehr spitzen und wundersch�nen Lingtren. Unter uns war auf der einen Seite der Khumbu-Gletscher, auf der anderen der Rongbuk-Gletscher in Tibet. Wir waren etwa sechstausendsechshundert Meter hoch, und so hatten Freds und seine Freunde noch ein gutes St�ck vor sich, wenn sie zum alten Mallory wollten. Aber nichts �ber uns w�rde so willk�rlich gef�hrlich sein wie der Eisfall. Solange das Wetter hielt, hei�t das. Bislang hatten wir Gl�ck gehabt; dieser Oktober erwies sich als einer der trockensten seit Jahren.</p><p>Es war keine Spur vom englischen Team oder von Arnolds Crew auszumachen, abgesehen von Spuren im Schnee, die um die Seite des Westsattels f�hrten und dann verschwanden. Also waren sie auf dem Weg zum Gipfel. �Verdammt!� sagte ich. �Warum haben sie nicht gewartet?� Jetzt mu�ten wir noch h�her klettern, um Arnold zu erwischen.</p><p>Ich sa� auf dem festgetretenen Schnee vor dem Zelt. Ich war m�de. Und ich war sehr besorgt. Laure k�mmerte sich um den Gaskocher. Kunga Norbu sa� ein St�ck abseits im Schnee und meditierte anscheinend beim Anblick Tibets.</p><p>Freds ging umher und sang �Wooden Ships�; er war eindeutig im Himmel. �Talkin� about very free � and eeeasy � Ich meine, das ist doch ein tolles Lager, oder <emphasis>was?�</emphasis> rief er mir zu. �Sieh dir diesen Sonnenuntergang an. Das ist einfach zuviel. H�tten wir nur noch was Chang mitgenommen. Ich hab aber etwas Hasch. George, jetzt ist an der Zeit f�r ein Pfeifchen, oder?�</p><p>�Noch nicht, Freds�, sagte ich. �Du kommst jetzt her und erkl�rst mir, was, zum Teufel, da unten mit deinem Kumpel Kunga passiert ist. Du hast es mir versprochen.�</p><p>Freds stand da und sah mich an. Wir waren im Schatten�� es war kalt, aber windstill, und der Himmel �ber uns war klar und sehr dunkelblau. Das d�nne Zischen des anspringenden Gaskochers war das einzige Ger�usch.</p><p>Freds seufzte, und sein Gesichtsausdruck wurde so ernst, wie es bei ihm �berhaupt m�glich war: ein Auge v�llig zugekniffen, die Stirn gerunzelt und die Lippen zusammengepre�t. Er sah zu Kunga hin�ber, der dort sa� und uns beobachtete. �H�r zu�, sagte er nach einer Weile. �Du erinnerst dich doch, wie wir uns vor ein paar Wochen in Chimoa einen angesoffen haben?�</p><p>�Ja und?�</p><p>�Und ich habe dir gesagt, da� Kunga Norbu ein Tulku ist.�</p><p>Ich schluckte. �Freds, verschone mich mit diesem Unsinn.�</p><p>�Na ja�, sagte er. �Entweder das, oder ich mu� dir irgendwas vorl�gen. Und ich bin kein so guter L�gner, mein Gesicht oder irgendwas verr�t mich immer.�</p><p>�Freds, werde ernst!� Aber als ich zu Kunga Norbu hin�bersah, der dort mit diesem leeren Gesichtsausdruck und den unheimlichen schwarzen Augen im Schnee sa�, mu�te ich mich unwillk�rlich fragen, ob er nicht doch recht hatte.</p><p>�Es tut mir leid, Mann, wirklich�, sagte Freds. �Ich will dir da nichts vormachen. Aber du mu�t eingestehen, da� ich schon versucht habe, es dir zu sagen. Und es ist die reine Wahrheit. Bei Gott, er ist ein echter Tulku. Die erste Inkarnation des ber�hmten Tsong Khapa, 1555 geboren. Und seitdem weilt er unter uns.�</p><p>�Also hat er George Washington kennengelernt, und so weiter?�</p><p>�Soweit ich wei�, ist Washington nie in Tibet gewesen.�</p><p>Ich starrte ihn an. Er verlagerte unbehaglich sein Gewicht von einem Fu� auf den anderen. �Ich wei�, es f�llt einem nicht leicht, das zu schlucken, George. Glaub mir, ich hatte zuerst auch meine Schwierigkeiten damit. Doch wenn man eine Weile unter Kunga Norbu studiert, sieht man, wie er so viele wunderbare Dinge tut, da� man es einfach glauben mu�.�</p><p>Ich starrte ihn sprachlos weiterhin an. �Wenn man zum ersten Mal sieht, wie er seine Wunder wirkt, ist es ein echter Schock. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Mal. Ich marschierte mit ihm von dem verborgenen Rongbuk nach Namche. Wir gingen direkt �ber den Lho La, wie heute auch, und direkt hinter dem Basislager stie�en wir auf diesen indischen Trekker, der schon blau anlief. Er w�rde eindeutig an der H�henkrankheit sterben, und so trugen Kunga und ich ihn zwischen uns nach Pheriche hinab, was schon ein hartes St�ck Arbeit ist, wie du wei�t. Wir brachten ihn zur Rettungsstation, und ich nehme an, sie haben ihn in den Drucktank gelegt, den sie da haben. Hast du den schon mal gesehen? Sie haben im Hinterzimmer einen Tank, der wie ein kleines U-Boot aussieht, und wenn man einen Burschen mit H�henkrankheit da reinlegt und den Druck auf den der Meeresh�he senkt, geht�s ihm wieder besser. Eine tolle Idee, aber es stellte sich raus, da� die Station diesen Tank von einem Krankenhaus in Tokio gestiftet bekommen hatte, und die Gebrauchsanweisung daf�r ist auf Japanisch, und keiner auf der Station kann Japanisch lesen. Au�erdem ist das nur eine Experimentaltechnik, niemand wei� genau, ob sie funktioniert oder nicht, und keiner da beabsichtigt, mit kranken Trekkern Experimente anzustellen. Also waren wir wieder ganz am Anfang, und diesem Burschen ging es schlechter denn je, und so brachen Kunga und ich nach Namche auf, aber ich wurde m�de, und wir kamen nur echt langsam voran, und pl�tzlich hob Kunga Norbu ihn hoch und warf ihn sich �ber die Schulter, und dann lief er einfach den Trail mit ihm hinab! Ich rief ihm nach und versuchte, mit ihm Schritt zu halten, und ich sage dir, ich <emphasis>raste</emphasis> den Trail runter, und Kunga war trotzdem so schnell, da� ich ihn bald aus den Augen verlor. Er machte gro�e, lange Schritte, als wolle er jeden Augenblick abheben! Ich konnte es einfach nicht glauben!�</p><p>Freds sch�ttelte den Kopf. �Das war das erste Mal, da� ich sah, wie Kunga Norbu in den Lunggom-Seinszustand fiel. Das bedeutet mystischer Langstreckenlauf und war fr�her mal echt beliebt in Tibet. Ein Adept wie Kunga wird <emphasis>Lung-gom-pa</emphasis> genannt, und wenn man es erst mal beherrscht, kann man echt schnell echt weit laufen. Sogar ein bi�chen levitieren. Du hast es heute ja selbst gesehen�� unter diesem Eisblock legte er eine <emphasis>Lung-gom-Bewegung</emphasis> vor.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich ziemlich benommen. �He!�, rief ich Laure zu, der noch immer mit dem Gaskocher besch�ftigt war. �Laure! Freds sagt, da� Kunga Norbu ein Tulku ist!�</p><p>Laure nickte l�chelnd. �Ja, Kunga Norbu Lama sehr guter Tulku!�</p><p>Ich atmete tief ein. Dr�ben im Schnee sa� Kunga Norbu mit �berkreuzten Beinen und blickte auf sein Land hinaus. Oder sonstwo hin. �Ich glaube, jetzt w�re ein Haschpfeifchen nicht schlecht�, sagte ich zu Freds.</p></section><section><title><p>10</p></title><p>Wir brauchten zwei Tage, um Arnold und die Briten einzuholen, zwei Tage m�hsamer Plackerei den Westsattel des Everest hinauf. Hier gab es keine komplizierten Hindernisse: eine weitl�ufige Steigung aus hartem Schnee, und wir mu�ten nur die Steigeisen einschlagen und uns an ihnen hochziehen. Es war eine m�rderische Arbeit. Das schien allerdings nicht f�r Freds, Laure und Kunga Norbu zu gelten. Es mag ja seine Vorteile haben, den Everest mit einem Tulku, einem Langstreckenmeister der Sherpas und einem amerikanischen Raumkadett zu besteigen, aber l�ngere Rasten sind bei ihnen nicht gerade beliebt. Diese drei marschierten den Berg wie zu einem Tubamarsch hinauf, und ich schleppte mich keuchend und schnaubend hinterher und verdammte Arnold mit jedem Schritt.</p><p>Sp�t am zweiten Tag k�mpfte ich mich auf die Kuppe des Westsattels hinauf, eine lange, schneebedeckte Wasserscheide unter dem eigentlichen Westgrat. Als ich dort oben eintraf, hatten Freds und Laure bereits das Zelt aufgeschlagen und sicherten es mit einem Netzwerk aus Kletterseilen im Schnee, w�hrend Kunga Norbu daneben sa� und meditierte.</p><p>Weiter unten den Sattel hinab lagen die Camps zweier anderer Teams, ziemlich eng beeinander, als g�be es hier nicht jede Menge flachen Grund, auf dem man die Zelte aufschlagen konnte. Nachdem ich mich ausgeruht und mehrere Becher hei�er Zitrone getrunken hatte, sagte ich: �Dann wollen wir mal herausfinden, wie die Dinge stehen.� Freds ging mit mir hin�ber.</p><p>Wie es sich herausstellte, standen die Dinge nicht so gut. Die Engl�nder waren in ihrem Zelt, bis zu den H�ften in ihren Schlafs�cken, und tranken Tee. Und sie waren keiner guten Laune. �Der Mann ist absolut verr�ckt�, sagte Marion. Sie litt unter leichtem H�henhusten, und jede Silbe, die sie zu betonen versuchte, verschwand v�llig. �Wir haben <emphasis>ups</emphasis> versucht, ihn abzuh�ngen, aber die Sherpas sind gut, und er ist <emphasis>ups</emphasis> stark.�</p><p>�Ein verdammter Blutsauger ist er�, sagte John.</p><p>Trevor grinste grimmig. Seine untere Gesichtsh�lfte war ziemlich sonnenverbrannt, und seine Lippen sprangen schon auf. �Wir z�hlen darauf, da� du ihn wieder runterbringst, George.�</p><p>�Ich will sehen, was ich tun kann.�</p><p>Marion sch�ttelte den Kopf. �Bei Gott, wir haben es versucht, aber es hat �berhaupt keinen Sinn. Er h�rt einfach nicht zu und plappert nur davon, da� er mich zu einem <emphasis>Staa</emphasis> machen will. Ich wei� nicht, <emphasis>wie</emphasis> ich mit ihm fertig werden soll.� Sie err�tete. �Und keiner dieser tapferen Jungs da ist einverstanden, da� wir einfach r�bergehen und seine verdammte Kamera nehmen und sie nach <emphasis>Tibeee</emphasis> werfen!�</p><p>Die M�nner sch�ttelten die K�pfe. �Wir m��ten mit den Sherpas fertig werden�, sagte Mad Tom geduldig zu Marion. �Was sollen wir denn tun, uns mit ihnen pr�geln? Das kann ich mir nicht mal vorstellen.�</p><p>�Und wenn Mad Tom es sich nicht vorstellen kann�, sagte Trevor.</p><p>Marion knurrte nur.</p><p>�Ich werde mit ihm sprechen�, sagte ich.</p><p>Aber ich mu�te daf�r nirgendwo hingehen, denn Arnold war her�bergekommen, um uns zu begr��en. �Hallo!� rief er fr�hlich. �George, was f�r eine �berraschung! Was f�hrt euch denn hierher?�</p><p>Ich ging aus dem Zelt. Arnold stand vor mir; er hatte zwar einen Sonnenbrand, schien ansonsten aber in Ordnung zu sein. �Du wei�, was mich hierher f�hrt, Arnold. Komm, gehen wir ein St�ck beiseite. Ich bin sicher, da� diese Leute nicht mit dir sprechen wollen.�</p><p>�Oh, nein, ich habe jeden Tag mit ihnen gesprochen! Wir haben uns richtig gut unterhalten. Und heute habe ich eine tolle Nachricht.� Er sprach ins Zelt. �Ich habe mit meinem Zoom zur Nordwand gesehen, und da hat jemand ein Lager aufgeschlagen! Glaubt ihr, da� das die Expedition ist, die nach Mallorys Leiche sucht?�</p><p>Aus dem Zelt kamen Fl�che.</p><p>�Ich wei߫, rief Arnold. �Das setzt uns ziemlich unter Druck, meint ihr nicht auch? Jetzt bleibt uns nicht mehr viel Zeit.�</p><p>�Verpi� dich!�</p><p>Arnold zuckte die Achseln. �Na ja, ich hab�s auf Band, wenn ihr es euch ansehen wollt. Sieht so aus, als w�rden sie Helly-Hansen-Jacken tragen, wenn euch das was sagt.�</p><p>�Du willst mir doch nicht erz�hlen, da� du aus dieser Entfernung die Etiketten lesen kannst?� fragte ich.</p><p>Arnold grinste. �Es ist eine verdammt, gute Zoom-Linse. Wenn ich wollte, k�nnte ich von ihren Lippen ablesen.�</p><p>Ich musterte ihn neugierig. Es schien ihm wirklich gut zu gehen, selbst nach vier Tagen harter Kletterei. Er wirkte eine Spur schlanker, und unter seinen Bartstoppeln hatte er einen ziemlich schlimmen Sonnenbrand�� aber er kaute noch immer auf einer wei� gewordenen Zigarre zwischen zinkoxydierten Lippen und legte noch immer diesen gro��ugigen, verwunderten Ausdruck zu Tage, da� sich �berhaupt jemand f�r seine Filmarbeit interessierte. Ich war beeindruckt; er war eindeutig wesentlich z�her, als ich gedacht hatte. Er erinnerte mich an Dick Bass, den amerikanischen Million�r, der sich in den Kopf gesetzt hatte, die h�chsten Berge eines jeden Kontinents zu besteigen. Wie Bass war Arnold ein Mann mittleren Alters, der Profis bezahlte, damit sie ihn hinaufbrachten; und wie Bass akklimatisierte er sich gut und hatte verdammt starke Nerven.</p><p>Da stand er also vor mir und dachte gar nicht daran, aufzugeben. Ich mu�te mir etwas anderes einfallen lassen. �Arnold, komm� mal mit mir da r�ber und la� diese Leute in Frieden.�</p><p>�Gute <emphasis>Idee�,</emphasis> rief Marion aus dem Zelt.</p><p>�Diese Marion�, sagte Arnold bewundernd, als wir au�er H�rweite waren. �Sie ist wirklich sch�n. Ich meine, stehe echt auf sie.� Er warf sich in die Brust, um zu zeigen, wie verknallt er war.</p><p>Ich funkelte ihn an. �Arnold, es spielt keine Rolle, ob du auf sie stehst oder <emphasis>was,</emphasis> denn sie wollen dich bei dieser Klettertour <emphasis>eindeutig</emphasis> nicht dabei haben. Wenn du sie filmst, zerst�rst du alles, worauf es bei diesem Unternehmen ankommt.�</p><p>Arnold ergriff meinen Arm. �Ist doch Quatsch! Das versuche ich ihnen doch schon die ganze Zeit zu erkl�ren. Ich kann den Film so schneiden, da� niemand erfahren wird, wo Mallorys Leiche liegt. Man wird nur wissen, da� er hier oben in Sicherheit ist, weil vier junge englische Bergsteiger unglaubliche Risiken auf sich genommen haben, um sie vor den Pressefritzen zu retten, die sie nach London schleppen wollten. Eine tolle Sache, George. Ich bin Filmemacher und wei�, wann ich einen Stoff f�r einen tollen Film habe, und das wird ein toller Film werden.�</p><p>Ich runzelte die Stirn. �Vielleicht, aber das Problem ist, da� diese Besteigung illegal ist, und wenn du dar�ber einen Film drehst, kommt das raus, und diese Leute werden von den nepalesischen Beh�rden verbannt werden. Sie d�rfen dann nie wieder nach Nepal einreisen.�</p><p>�Na und? Sind sie nicht bereit, dieses Opfer f�r Mallory zu geben?�</p><p>Ich runzelte die Stirn. �F�r deinen Film, meinst du. Ohne den Film k�nnten sie die Sache durchziehen, ohne da� jemand davon erf�hrt.�</p><p>�Na sch�n, aber ich k�nnte doch ihre Namen weglassen oder so. Ihnen K�nstlernamen verpassen. Marion Davies, wie w�re das?�</p><p>�Das ist ihr echter Name.� Ich dachte nach. �H�r mal, Arnold, du wei�t ja, da� du dieselben Probleme bekommen wirst. Vielleicht lassen sie dich nicht mal aus Nepal raus.�</p><p>Er machte eine abf�llige Handbewegung. �Damit werde ich schon fertig. Ich besorge mir einen Anwalt. Oder verteile Bakschisch, eine Menge Bakschisch.�</p><p>�Aber diese Leute haben nicht das Geld daf�r. Du solltest wirklich vorsichtig sein. Wenn du sie zu sehr bedr�ngst, werden sie zu drastischen Schritten greifen. Zumindest werden sie dich ein St�ck h�her aufhalten. Wenn sie die Leiche finden, werden zwei umkehren und dich festhalten, und die beiden anderen begraben sie, und du bekommst �berhaupt kein Filmmaterial.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Ich habe doch diese Linsen, habe ich dir das nicht gesagt? Mann, ich habe jeden Morgen gefilmt, was die vier zum Fr�hst�ck gegessen haben. Von Marion zum Beispiel habe ich mehrere Stunden Material��� er seufzte�� �und mein Gott, ich k�nnte sie zum Star machen. Auf jeden Fall k�nnte ich das Begr�bnis notfalls von hier aus filmen; also geh� ich das Risiko ein. Mach� dir um mich keine Sorgen.�</p><p>�Ich <emphasis>mache</emphasis> mir keine Sorgen um dich�, sagte ich. �Nimm mein Wort darauf. Aber ich w�nschte, du w�rdest mit mir umkehren. Sie wollen dich hier oben nicht haben, und ich will dich hier oben nicht haben. Es ist gef�hrlich, besonders, wenn das Wetter sich verschlechtert. Au�erdem brichst du den Vertrag mit deiner Reiseagentur, der besagt, da� du meinen Anweisungen auf dem Trek Folge zu leisten hast.�</p><p>�Verklag mich doch.�</p><p>Ich atmete tief ein.</p><p>Arnold legte freundlich eine Hand auf meinen Arm. �Mach� dir nicht so viel Sorgen, George. Sie werden mich lieben, wenn sie erst Stars sind.� Er sah den Ausdruck auf meinen Gesicht und trat zur�ck. �Und du versuche ja keine Tricks mit mir, oder ich h�nge dir eine Entf�hrungsklage an den Hals, und du wirst nie wieder einen Trek f�hren.�</p><p>�Bring� mich ja nicht in Versuchung�, erwiderte ich und kehrte zum Lager der Engl�nder zur�ck.</p><p>Ich ging in ihr Zelt. Laure und Kunga Norbu hatte sich zu ihnen gesellt; es war ziemlich eng. �Kein Gl�ck�, sagte ich. Es �berraschte sie nicht.</p><p>�Ein Superblutsauger�, bemerkte Freds fr�hlich.</p><p>Wir sa�en da und starrten die blauen Flammen des Gaskochers an.</p><p>Dann, wie es unter solchen Umst�nden meistens passiert, sagte ich: �Ich habe einen Plan.�</p><p>Da uns nicht viele M�glichkeiten blieben, war er relativ einfach. Wir w�rden alle zum Lho La zur�ckkehren, und vielleicht sogar zum Basislager, damit Arnold dachte, wir h�tten aufgegeben. Dort unten k�nnten die Engl�nder und Freds und Kunga Norbu dann in den Teeh�usern von Gorak Shep neue Vorr�te kaufen, und Laure und ich w�rden versuchen, Arnold aufzuhalten, indem wir ihm zum Beispiel seine Stiefel stahlen. Dann k�nnten sie an den Leitseilen wieder hinaufklettern und es noch einmal versuchen.</p><p>Trevor schaute zweifelnd drein. �Es ist schwierig, hier hinaufzukommen, und wir haben nicht mehr viel Zeit, falls die andere Exepedition schon auf dem Nordgrat ist.�</p><p>�Ich habe einen besseren Plan�, erkl�rte Freds. �Schaut mal, Arnold folgt euch Briten, aber nicht uns. Wenn wir vier vorgeben w�rden, wieder umzukehren, w�hrend ihr vier direkt den Westgrat angeht, w�rde Arnold <emphasis>euch</emphasis> folgen. Dann k�nnten wir vier uns den Diagonalgraben hinaufschleichen und euch �berholen, indem wir die Hombein-Schlucht nehmen, was ja viel schneller geht. Ihr w�rdet uns nicht sehen, und wir w�ren vor euch oben bei der Leiche.�</p><p>Niemand war von diesem Plan �berm��ig angetan. Die Briten h�tten Mallory gern selbst gefunden, das sp�rte ich deutlich. Und ich hatte nicht die geringste Absicht, noch h�her zu steigen, als ich schon war. Ich war in der Tat sogar entschieden dagegen.</p><p>Aber mittlerweile hatten sich die Briten fest darauf versteift, Mallory vor dem Fernsehen und der Westminster Abbey zu retten. �Das k�nnte klappen�, stimmte Marion zu.</p><p>�Und wir k�nnten den Blutsauger auf dem Grat absch�tteln�, f�gte Mad Tom hinzu. �Das ist ein schwieriges St�ck.�</p><p>�Genau!� sagte Freds gl�cklich. �Laure, machst du mit?�</p><p>�Was immer du wollen�, sagte Laure und grinste. Er hielt es f�r eine gute Idee. Dann fragte Freds auf Tibetanisch Kunga Norbu und erkl�rte uns, Kunga habe dem Plan seinen Segen gegeben.</p><p>�George?�</p><p>�Oh, Mann, nein. Ich w�rde ihn lieber irgendwie anders absch�tteln.�</p><p>�Ach, komm schon!� rief Freds. �Es gibt keine andere M�glichkeit, und du willst uns doch nicht im Stich lassen, oder? Hast du etwa kalte F��e?�</p><p>�Er ist dein verdammter Klient�, stellte John klar.</p><p>�Oh, Mann � Na sch�n.�</p><p>Ich kehrte mit dem Gef�hl zu unserem Zelt zur�ck, da� die Dinge wirklich au�er Kontrolle gerieten. In der Tat war ich im Griff anderer Menschen Pl�ne gefangen, Pl�ne, die ich keineswegs billigte und die von Leuten geschmiedet worden waren, deren geistige Ausgeglichenheit ich bezweifelte. Und das alles auf einem Berg, auf dem �ber f�nfzig Menschen gestorben waren. Es stank zum Himmel.</p></section><section><title><p>11</p></title><p>Doch ich machte trotzdem mit. Am n�chsten Morgen brachen wir das Lager ab und erweckten alle Anstalten, wieder umzukehren. Die Engl�nder gingen zum Westgrat und warfen Arnold d�stere Drohungen zu, als sie an ihm vorbeizogen. Arnold und seine Sherpas hatten bereits gepackt; sie lie�en den Engl�ndern einen kurzen Vorsprung und folgten ihnen dann. Arnold war an ihrem F�hrer Ang Rita angeseilt und konnte es, die Kamera in einer Tasche auf der Brust, gar nicht abwarten, ihnen nachzugehen. Eins mu�te ich ihm lassen�� er war ein verdammt hartn�ckiger Voyeur.</p><p>Wir winkten zum Abschied und blieben auf dem Sattel, bis sie �ber uns und kurzzeitig au�er Sicht waren. Dann eilten wir ihnen nach und bogen nach links in den sogenannten Diagonalgraben ab, der zur Nordseite f�hrt.</p><p>Wir folgten nun der Strecke, die zum ersten Mal im Jahre 1963 Tom Hornbein und Willi Uns�ld genommen hatten. Ein wirklicher Bergsteiger-Klassiker, der durch die Hornbein- Schlucht f�hrt, wie man sie nun nennt. Besorgen Sie sich ein gutes Foto der Nordseite des Everest, und Sie sehen sie�� eine gro�e vertikale Spalte auf der rechten Seite. Es ist eine steile Rinne, doch man kommt etwas schneller hinauf als an der Westseite.</p><p>Also kletterten wir. Es war eine schwierige Strecke, aber keineswegs so furchteinfl��end wie der Lho La. Mein gr��tes Problem an diesem Tag war eine das Wetter betreffende Paranoia. Auf dem Everest nimmt man das Wetter nicht auf die leichte Schulter. Man sagte nicht einfach: �Wenn es jetzt schneit, ist der ganze Tag im Eimer.� Ziemlich viele Leute sind auf dem Everest von St�rmen �berrascht worden und darin umgekommen, darunter auch die Burschen, nach denen wir suchen wollten. Wann immer ich also Wolkenstreifen �ber den Gipfel treiben sah, drehte ich beinahe durch. Und der Wind peitscht fast st�ndig ein Wolkenband vom Gipfel des Everest hin�ber. Ich schaute immer wieder nach oben, sah die Wolken und st�hnte. Freds h�rte mich.</p><p>�He, George, du klingst ja ganz danach, als war� dir auf dieser H�he nicht ganz wohl zumute.�</p><p>�Beeil� dich, ja?�</p><p>�Du willst schneller gehen? Na sch�n, aber ich mu� dir sagen, da� ich schon so schnell gehe, wie ich kann.�</p><p>Das glaubte ich ihm unbesehen. Kunga Norbu trieb mit seinem Eispickel in der Mitte der Schlucht Steigeisen in den hohen Schnee, und Freds war dicht hinter ihm; sie sahen aus wie zwei Dachdecker auf einer Leiter. Ich tat mein Bestes, um ihnen zu folgen, und Laure bildete die Nachhut. Sowohl Freds als auch Laure grinsten ununterbrochen so breit, da� man glauben konnte, sie w�ren auf einem Trip. Es gefiel ihnen so sehr, da� sie sich noch einen Sonnenbrand an den Z�hnen holen w�rden. Mittlerweile schnappte ich nach Luft und zerbrach mir den Kopf �ber diese Gipfelfahne.</p><p>Es war einer der sch�nsten Klettertage meines Lebens.</p><p>Warum, fragen Sie jetzt? Na ja � es ist nicht leicht zu erkl�ren. Aber es verh�lt sich in etwa so: Wenn man sich an einer Felswand befindet und ein paar hundert Meter Luft unter sich hat, nimmt das schon die Aufmerksamkeit in Anspruch. Nat�rlich sagt ein Teil von einem: Oh, mein Gott, jetzt ist alles aus. Warum habe ich das blo� getan? Aber ein anderer Teil sieht ein, da� man die Ruhe bewahren mu�, wenn man nicht sterben will, und verstrickt einen in halbtheoretische Gymnastik�bungen, die einen den Berg hinaufbringen sollen. Man <emphasis>achtet</emphasis> auf die �bungen, wie man noch nie zuvor auf etwas geachtet hat. Schlie�lich findet man sich auf irgendeinem flachen Fleckchen wieder�� achtzig mal hundertzwanzig Zentimeter tun�s schon. Man sieht sich um und begreift, da� man nicht gestorben ist, da� man noch lebt. Und zu diesem Zeitpunkt wird diese Tatsache ziemlich anregend. Man <emphasis>sch�tzt</emphasis> es wirklich, noch zu leben. Es ist eine gewisse Macht, oder ein Privileg, das einem gew�hrt wurde; auf jeden Fall f�hlt man sich ganz hervorragend, als habe man kurzzeitig eine h�here Bewu�tseinsstufe erreicht. Einfach, weil man noch lebt! Und in der R�ckschau h�lt man auch dieses <emphasis>Achten</emphasis> auf die �bungen f�r eine h�here Bewu�tseinsstufe.</p><p>Man kann von solchen Gef�hlen ganz sch�n abh�ngig werden; sie stellen die ultimate Bewu�tseinsver�nderung dar. Drogen kommen nicht an sie heran. Ich will nicht behaupten, da� das ein vern�nftiges Verhalten ist; ich sage nur, da� es passiert.</p><p>Zum Beispiel am Ende dieses besonders eindringlichen Tages in der Hornbein-Schlucht, als wir vier nach einer Blitztour im alpinen Stil, die wir haupts�chlich Kunga Norbus inspirierter F�hrung verdankten, oben angelangten. Wir schlugen das Lager auf einem kleinen flachen Buckel auf, der kaum gro� genug f�r unser Zelt war. Und sahen uns dann um�� was f�r ein Gef�hl! Es war wirklich unbeschreiblich. Es gibt nur vier oder f�nf Berge auf der Erde, die h�her sind als diese Lagerst�tte, und das sah man auch. Es hatte den Anschein, da� wir bis nach Tibet sehen konnten. Nun sieht Tibet haupts�chlich aus wie ein gefriergetrocknetes Nevada, doch von unserer H�he aus bestand es aus einer schneebedeckten Gipfelkette nach der anderen, auf ewig Wei� auf Schwarz, alles von der Nachmittagssonne r�tlich gef�rbt. Die Welt schien nur noch aus Bergen zu bestehen.</p><p>Freds lie� sich, noch immer mit einem iditotischen Grinsen auf dem Gesicht, neben mir auf den Boden fallen. Er hielt einen dampfenden Becher mit hei�er Zitrone in der einen Hand, seine Haschpfeife in der anderen, und sang ��What a looong, str�nge trip it�s been.�� Er nahm einen Zug aus der Pfeife und gab sie mir.</p><p>�Bist du sicher, da� wir hier oben rauchen sollten?�</p><p>�Klar, das hilft dir beim Atmen.�</p><p>�Jetzt h�r� aber auf.�</p><p>�Nein, wirklich. Das Nervenzentrum, das deine unwillk�rliche Atmung regelt, arbeitet nicht mehr, wenn es kein Kohlendioxyd gibt. Und hier oben gibt es kaum welches, aber der Rauch verschafft es dir.�</p><p>Ich kam zum Schlu�, seinem Beispiel aus medizinischen Gr�nden lieber zu folgen. Wir reichten die Pfeife hin und her. Hinter uns sa� Laure im Zelt, summte etwas vor sich hin und holte seinen Schlafsack hervor. Kunga Norbu sa� im Lotussitz auf der anderen Seite des Zeltes und befa�te sich mit seinen eigenen Reichen. Die Welt, alle Berge, gingen unter der Sonne unter.</p><p>Freds atmete gl�cklich aus. �Das mu� der sch�nste Ort auf Erden sein, meinst du nicht auch?�</p><p>Das ist das Gef�hl, von dem ich gesprochen habe.</p></section><section><title><p>12</p></title><p>Wir konnten den Ort eine lange und rastlose Nacht genie�en, denn es ist verteufelt schwer, in solch einer H�he zu schlafen. Die M�digkeit scheint aus dem geistigen Repetoire herausgefallen zu sein, und wenn sie sich dann doch einmal einstellt, f�llt man in das, was man die Cheyne-Stokes-Atmung nennt. Der K�rper l��t sich st�ndig narren, wieviel Sauerstoff er bekommt, und so hyperventiliert man eine Weile und h�rt dann bis zu jeweils einer Minute ganz zu atmen auf. Das ist kein beruhigendes Muster, wenn es einen schlafenden Menschen �berkommen hat, der neben einem liegt; Freds fiel zum Beispiel wirklich hinein, und ich lag die ganze Zeit w�hrend seiner wirklich langen Schweigephasen v�llig wach und machte mir Sorgen, da� er gestorben sein k�nnte. Er hatte anscheinend die gleichen Bef�rchtungen bei mir, jedoch nicht meine Geduld, und wenn ich wirklich einmal einschlief, ri� Freds mich normalerweise wieder ins Bewu�tsein zur�ck, indem er mich am Arm zerrte und sagte: �George, verdammt, atme! Atme!�</p><p>Doch der n�chste Tag d�mmerte wieder klar und windstill herauf, und nach dem Fr�hst�ck marschierten wir am Schwarzen Ring entlang.</p><p>Unsere Route war ungew�hnlich, vielleicht sogar einzigartig. Der Schwarze Ring, h�rter als die Felsschichten dar�ber und darunter, erhebt sich als br�chiger Wall aus der im allgemeinen glatten Felswand. Also hatten wir praktisch eine Art Stra�e, auf der wir gehen konnten. Obwohl sie uneben und aufgerissen war, erreichte sie stellenweise eine Breite von sechs Metern, und eine leichtere Stelle f�r eine �berquerung konnte man sich nicht vorstellen. Hier h�tten sich zahlreiche Lagerst�tten geboten.</p><p>Nat�rlich ist man normalerweise, wenn man sich achttausendvierhundert Meter hoch auf dem Everest befindet, daran interessiert, ziemlich schnell entweder h�her oder tiefer zu gelangen. Da dieser Wall eben verlief und auch keinerlei Route folgte, wurde er nicht h�ufig begangen. Da Freds sagte, da� Kunga Norbu nur von oben auf ihn hinabgesehen hatte, waren wir vielleicht die ersten �berhaupt, die ihm folgten.</p><p>Also wanderten wir diesen Hochweg entlang und machten uns auf die Suche. Freds stie� einen Felsbrocken vom Rand hinab, und wir beobachteten, wie er in den Rongbuk-Gletscher st�rzte, bis er unsichtbar wurde, wenngleich wir ihn noch h�ren konnten. Danach trotteten wir etwas vorsichtiger weiter. Dennoch hatten wir den Grat ziemlich schnell �berquert und schauten dann die gewaltige, glatte Rinne der Gro�en Schlucht hinab. Hier endete der Ring, und der weitere Aufstieg zur ber�hmten Nordwand, an der man Mallory und Irvine zum letzten Mal gesehen hatte, w�re ein h��liches St�ck Arbeit gewesen. Au�erdem hatte Kunga Norbu die Leiche gar nicht an dieser Stelle gesehen.</p><p>�Wir m�ssen sie verpa�t haben�, sagte Freds. �Wir trennen uns, marschieren auf den Seiten und sehen auf dem R�ckweg in jedem Winkel und jeder kleinen Spalte nach.�</p><p>Das taten wir dann auch; wir gingen sehr langsam und n�herten uns dem Ende des Ringes, soweit wir es wagten.</p><p>Wir waren etwa auf halber Strecke zur Hornbein-Schlucht zur�ckgekehrt, als Laure sie fand. Er rief, und wir liefen zu ihm.</p><p>�Ich glaub, mein Schwein pfeift�, sagte Freds und glotzte erstaunt.</p><p>Die Leiche steckte in einem Spalt, bis zur Brust in hartgefrorenem Schnee. Sie lag auf der Seite, so zusammengekauert, da� sie sich auf einer Ebene mit dem Fels auf beiden Seiten des Spaltes befand. Ihre Kleidung war durchgescheuert und verfaulte auf ihr; sie schien aus Strickwolle zu bestehen. Die Art, wie man sie beim Golf in Schottland tr�gt. Ihre Augen waren geschlossen, und unter einer zerfallenden Kapuze wirkte seine Haut papierd�nn. Sechzig Jahre drau�en in Sonne und Sturm, doch immer unter dem Gefrierpunkt, hatten ihn auf seltsame Art und Weise erhalten. Ich hatte das unheimliche Gef�hl, da� er nur schlief und jeden Augenblick aufwachen und aufstehen w�rde.</p><p>Freds kniete neben ihm und grub etwas im Schnee. �Seht mal�� er ist angeseilt, aber das Seil ist gerissen.�</p><p>Er hielt ein paar Zentimeter ausgefasertes Seil hoch�� Naturfasern, schrecklich d�nn. Ich erschauderte, als ich es sah. �So eine primitive Ausr�stung!� rief ich.</p><p>Freds nickte kurz. �Die waren plemplem. Ich glaube nicht, da� er eine Sauerstofflasche dabeihat. Die gab�s damals schon, aber er benutzte sie nicht gern.� Er sch�ttelte den Kopf. �Sie sind wahrscheinlich gleichzeitig gest�rzt. Vielleicht durch eine Schneew�chte gebrochen. Dann fielen sie hier runter, und der hier blieb im Spalt h�ngen, w�hrend der andere �ber den Rand st�rzte und das Seil ri�.�</p><p>�Also liegt der andere unten im Gletscher�, sagte ich.</p><p>Freds nickte langsam. �Und sieh mal ��Er deutete nach oben. �Wir sind fast direkt unter dem Gipfel. Also m�ssen sie es geschafft haben. Oder verdammt kurz vor dem Ziel abgest�rzt sein.� Er sch�ttelte den Kopf. �Und sie haben nur so eine Jacke getragen! Erstaunlich!�</p><p>�Also haben sie es geschafft�, fl�sterte ich.</p><p>�Sieht jedenfalls so aus. Also � wer von den beiden ist das?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Kann ich nicht sagen. Anfang Zwanzig oder Mitte Drei�ig?�</p><p>Unbehaglich betrachteten wir die mumifizierten Gesichtsz�ge.</p><p>�Drei�ig�, sagte Laure. �Nicht jung.�</p><p>Freds nickte. �Meine ich auch.�</p><p>�Dann ist es Mallory�, sagte ich.</p><p>�Hm.� Freds stand auf und trat zur�ck. �Das w�re es dann wohl. Das Geheimnis ist gel�st.� Er sah uns an und sprach kurz mit Kunga Norbu. �Er mu� die meisten Jahre unter Schnee gelegen haben. Aber verstecken wir ihn den Briten zuliebe unter Felsen.�</p><p>Das war leichter gesagt als getan. Da er in der Spalte steckte, mu�ten wir nur ein paar Steine �ber ihn legen. Doch wir fanden schnell heraus, da� es hier kaum irgendwelche losen Steine gab; der Wind hatte sie hinabgerollt. Also mu�ten wir paarweise arbeiten und und gro�e flache Platten heranschaffen, die schwer genug waren, um gegen den Wind bestehen zu k�nnen.</p><p>Diese sammelten wir noch immer, als Freds pl�tzlich nach hinten deutete und sich auf zutageliegenden Fels des Rings setzte. �He, die Briten sind �ber uns auf dem Westgrat! Sie sind fast auf gleicher H�he mit uns!�</p><p>�Arnold kann nicht weit zur�ck sein�, sagte ich.</p><p>�Wir haben hier noch eine Stunde zu tun�, rief Freds. �He, Laure, h�r zu�� geh zu unserem Lager zur�ck und pack unsere Sachen. Und dann gehst du den Briten entgegen und sagst ihnen, sie sollen langsamer werden. Verstanden?�</p><p>�Langsamerwerden�, wiederholte Laure.</p><p>�Genau. Erkl�re ihnen, da� wir Mallory gefunden haben und sie diese Gegend meiden sollen. Verschaffe uns Zeit. Du bleibst bei ihnen und steigst mit ihnen hinab. George und Kunga und ich folgen euch dann, und wir treffen euch bei Gorak Shep.�</p><p>Gorak Shep? Das schien tiefer zu liegen, als es n�tig war.</p><p>Laurenickte. �Langsamerwerden, hinabsteigen, wirtreffen euch bei Gorak Shep.�</p><p>�Du hast�s kapiert, Kumpel. Wir sehen euch dann da unten.�</p><p>Laure nickte und ging los.</p><p>�Also sch�n�, sagte Freds. �Decken wir den Burschen zu.�</p><p>Wir errichteten eine kleine Mauer um ihn und legten dann die gr��te Platte von allen als Grabstein �ber seinen Kopf. Nur zu dritt konnten wir sie hochheben, und wir taumelten herum, um sie in Position zu bringen, ohne seine Ruhe zu st�ren; danach hatten wir wirklich kaum noch Luft.</p><p>Als wir fertig waren, war die Leiche vollst�ndig abgedeckt, und die meiste Zeit �ber w�rde Schnee unser H�gelgrab bedecken, und es w�rde aussehen wie eine kleine Erhebung unter tausenden. Also hatten wir es geschafft. �Sollten wir nicht etwas sagen?� fragte Freds. �Du wei�t schon, ein Gebet oder so?�</p><p>�He, Kunga ist der Tulku�, sagte ich. �Sag� ihm, er soll es machen.�</p><p>Freds sprach mit Kunga. Auf seiner Schneebrille konnte ich kleine Abbilder von Kunga sehen, der wie ein Marsianer aussah. Seit Mallory hatte sich die Bergsteigerkleidung doch ziemlich ver�ndert!</p><p>Kunga Norbu stand am Ende unseres Grabes und steckte die in F�ustlingen steckenden H�nde aus; er sprach eine Weile auf Tibetanisch.</p><p>Danach �bersetzte Freds seine Worte f�r mich. �Geist von Chomolungma, Mutter G�ttin der Welt, wir sind hier, um die Leiche von George Leigh Mallory zu begraben, des ersten Menschen, der deine geheiligten H�nge erstieg. Er war ein Bergsteiger mit gro�em Mut, der niemals aufgab, und wir lieben ihn daf�r�� er zeigte uns sehr rein etwas, das wir alle in uns selbst sch�tzen. Ich m�chte auch hinzuf�gen, da� aus seiner Kleidung und Ausr�stung ersichtlich wird, da� er ein kompletter Idiot war, �berhaupt hier hinaufzusteigen, und m�chte mich in besonderer Ehrfurcht auch vor dieser Eigenschaft verneigen. Und so stehen wir hier, drei Sch�ler deines heiligen Geistes, und ergreifen diesen Augenblick, um diesen Geist hier und in uns und �berall auf der Welt zu ehren.� Kunga neigte den Kopf, und Freds und ich folgten seinem Beispiel und gedachten seiner schweigend; und wir h�rten nur den Wind, der �ber die Mutter G�ttin nach Tibet pfiff.</p></section><section><title><p>13</p></title><p>Na sch�n. Wir hatten unsere Mission vollbracht, Mallory ruhte f�r alle Zeiten sicher auf dem Everest, wir hatten eine �berraschend bewegende Andacht gehalten, und zumindest ich war sehr zufrieden. Doch als wir wieder im Lager waren, benahmen Freds und Kunga sich pl�tzlich sehr seltsam. Laure hatte das Zelt und unsere Rucks�cke ausgepackt und f�r uns zur�ckgelassen, und nun packten Freds und Kunga schnell alles wieder zusammen.</p><p>Ich sagte etwas dahingehend, da� man von Mallorys letzter Ruhest�tte doch eine hervorragende Aussicht habe, und Freds sah mich an und meinte: �Na ja, es gibt noch eine Aussicht, die ein <emphasis>klein wenig</emphasis> besser ist.� Und er fuhr damit fort, fieberhaft zu packen. �Ich wollte sowieso mal mit dir dar�ber sprechen�, sagte er dabei. �Ich meine, nun sind wir schon mal hier, oder? Ich meine, hier sind wir nun.�</p><p>�Ja�, sagte ich. �Hier sind wir nun.�</p><p>�Ich will damit sagen, hier sind wir fast auf achteinhalbtausend Metern auf dem Everest. Und wir haben erst Mittag, und es ist ein parfekter Tag. Ja, wirklich, ein absolut perfekter Tag. Man k�nnte sich keinen sch�neren Tag vorstellen.�</p><p>Ich begriff, worauf er hinauswollte. �Nichts da, Freds.�</p><p>�Na, komm schon! Jetzt sei nur nicht vorschnell, George! Wir haben alle schweren Teile hinter uns, und von hier aus bis zum Gipfel ist es nur noch ein Spaziergang!�</p><p>�Nein�, sagte ich entschlossen. �Wir haben keine Zeit. Und wir haben nicht genug Vorr�te. Und wir k�nnen dem Wetter nicht vertrauen. Es ist zu gef�hrlich!�</p><p>�Zu gef�hrlich! Die ganze Bergsteigerei ist zu gef�hrlich, George, aber mir ist noch nie aufgefallen, da� dich das schon mal gest�rt hat. Denk doch mal nach, Mann! Das ist kein gew�hnlicher Berg, das ist kein Rainier oder Denali, das ist der <emphasis>Everest.</emphasis> Sagarmatha! Chomolungma! Der gro�e E! War es nicht schon immer dein geheimer Wunsch, den Everest zu besteigen?�</p><p>�Naja � nein. Ist es nie gewesen.�</p><p>�Ich glaube dir nicht! Meiner ist es ganz bestimmt, das kann ich dir fl�stern! Und deiner ist es auch.�</p><p>Die ganze Zeit �ber, w�hrend wir uns stritten, ignorierte Kunga Norbu uns, w�hlte in seinem Rucksack und warf verschiedene �berfl�ssige Gegenst�nde heraus.</p><p>Freds setzte sich neben mich und zeigte mir den Inhalt seines Rucksacks. �Ich habe unsere Schlafs�cke, den Gaskocher, einen Topf, Suppe, Zitronenkonzentrat, genug Vorr�te, und hier ist meine Schneeschaufel; wir k�nnen also �berall unser Zelt aufschlagen. Alles, was wir brauchen.�</p><p>�Nein.�</p><p>�Sieh her, George.� Freds nahm seine Schneebrille ab und sah mir in die Augen. �Es war ja ganz nett, Mallory zu begraben und so, aber ich mu� dir sagen, da� Kunga Lama und mich ein � hm � <emphasis>tieferliegender Grund</emphasis> hierher gef�hrt hat. Wir haben uns den Engl�ndern bei ihrer Lingtren-Besteigung angeschlossen, weil ich von dieser Mallory-Expedition aus dem Norden geh�rt hatte. Ich hatte von Anfang an vor, ihnen davon zu erz�hlen, unser Foto zu zeigen, zu behaupten, da� Kunga der Bursche sei, der 1980 Mallorys Leiche gesehen habe, und vorzuschlagen, da� sie ihn verstecken.�</p><p>�Du meinst, Kunga hat Mallorys Leiche gar nicht gesehen?� fragte ich.</p><p>�Nein, hat er nicht. Das habe ich erfunden. Der chinesisehe Bergsteiger, der hier oben eine Leiche gesehen hat, starb ein paar Jahre sp�ter. Also lie� ich Kunga nur das grobe Gebiet einzeichnen, wo der Chinese ihn gesehen haben wollte. Deshalb war ich so �berrascht, als wir den Burschen tats�chlich fanden! Obwohl es einem ja schon der gesunde Menschenverstand verraten m��te, wenn man sich die Nordwand ansieht�� nur der Schwarze Ring h�tte ihn aufhalten k�nnen.</p><p>Ich habe also gelogen und auch vorgeschlagen, wir sollten die Hornbein-Schlucht hinauf und die Leiche suchen, als Arnold sich an die Engl�nder h�ngte, weil ich hoffte, wir w�rden Zeit und Gelegenheit finden, zum Gipfel hinaufzusteigen, wenn das Wetter mitspielt. Wir beide haben einfach darauf <emphasis>gehofft,</emphasis> Mann, und hier sind wir nun. Wir haben alles geplant, Kunga und ich haben alles vorbereitet�� wir haben alle Vorr�te, die wir brauchen, und wenn wir nach der Gipfelbesteigung unser Zelt auf dem S�dgipfel aufschlagen m�ssen, k�nnen wir �ber den S�d�stlichen Sattel hinabsteigen, uns zum indischen Armeeteam durchschlagen und zum Basislager bringen lassen. Das ist die Yakroute, und die ist v�llig problemlos.�</p><p>Er atmete ein paar Mal durch. �Und h�r zu. Kunga Lama hat <emphasis>mystische Gr�nde,</emphasis> um dort hinaufzusteigen. Es hat mit seinem langj�hrigen Guru Dorjee Lama zu tun. Wei�t du noch, da� ich dir in Chimoa erz�hlt habe, Dorjee Lama habe Kunga Norbu eine Aufgabe gestellt, die er l�sen m�sse, bevor das Kloster bei Kum-Bum wieder aufgebaut werde und Kunga endlich selbst ein Lama werden kann? Nun�� die Aufgabe lautete, den <emphasis>Chomolungma zu besteigen!</emphasis> Dieser alte Mistkerl hat zu Kunga gesagt, besteige den Chomolungma, und alles kommt in Ordnung! Er hat sich wohl gedacht, da� er damit einen Sch�ler haben w�rde, der auf dieser Seite vom Nirwana noch mal soviele Reinkarnationen durchlaufen mu�. Aber er hat nicht damit gerechnet, da� sich Kunga Norbu mit seinem alten Sch�ler Freds Fredericks und dessen Kumpel George Fergusson zusammentut!�</p><p>�Augenblick mal�, sagte ich. �Ich verstehe ja, da� es dir wirklich ernst damit ist, und das respektiere ich auch, aber ich komme nicht mit.�</p><p>�Wir brauchen dich, George! Au�erdem steigen wir auf jeden Fall hinauf, und wir k�nnen dich wirklich nicht allein die Westseite hinabsteigen lassen�� das w�re gef�hrlicher, als wenn du mit uns kommst! Und wir besteigen den Gipfel, also mu�t du mitkommen, so einfach ist das!�</p><p>Freds hatte so schnell und nachdr�cklich gesprochen, da� er v�llig au�er Atem war; er deutete mit der Hand auf Kunga Norbu. �Sprich du mit ihm�, sagte er zu Kunga und sagte dann etwas auf Tibetanisch, zweifellos eine Wiederholung seiner Bitte.</p><p>Kunga Norbu zog seine Schneebrille hoch und sah mich sehr ernst an. Er wirkte etwas traurig; es war jener Ausdruck, wie man ihn sieht, wenn man sich weigert, f�r die Heilsarmee zu spenden. Seine schwarzen Augen sahen wie immer direkt durch mich hindurch, und im strahlenden Sonnenlicht in dieser H�he pulsierten seine Pupillen irgendwie, hin und her, hin und her, hin und her. Und ich will verdammt sein, wenn dieser alte Mistkerl mich nicht hypnotisiert hat. Doch, ich glaube schon.</p><p>Aber ich k�mpfte dagegen an. Ich stellte pl�tzlich fest, da� ich meinen Rucksack packte und meine Steigeisen �berpr�fte, ob sie auch wirklich fest waren, und gleichzeitig rief ich Freds zu: �Freds, sei vern�nftig! Niemand steigt ohne Unterst�tzung einfach so den Everest hinauf! Das ist zu gef�hrlich!�</p><p>�He, Messner hat�s getan. Messner kletterte in zwei Tagen vom Nordsattel hinauf, und nur seine Freundin wartete unten im Basislager auf ihn.�</p><p>�Du kannst Reinhold Messner nicht als Beispiel nehmen�, rief ich. �Messner ist verr�ckt.�</p><p>�Nee. Er ist nur z�h und schnell. Und das sind wir auch. Es wird kein Problem sein.�</p><p>�Freds, eine Everestbesteigung wird allgemein als Problem angesehen.� Aber Kunga Norbu hatte den Rucksack geschultert und ging den Hang �ber unserem Lager hinauf, und Freds folgte ihm, und ich folgte Freds. �Und ein ganz gro�es Problem ist�, rief ich, �da� wir keinen Sauerstoff haben.�</p><p>�Heutzutage wird er st�ndig ohne Sauerstoff bestiegen.�</p><p>�Ja, aber man mu� teuer daf�r bezahlen. Man bekommt da oben nicht genug Sauerstoff, und es sterben unglaublich viele Gehirnzellen ab! Wenn wir da raufgehen, werden wir bestimmt <emphasis>Millionen</emphasis> von Gehirnzellen verlieren!�</p><p>�Na und?� Er sah die Berechtigung des Einwandes nicht ein.</p><p>Ich st�hnte auf. Wir stiegen weiterhin den Hang hinauf.</p></section><section><title><p>14</p></title><p>Und so kam es, da� ich mit einem tibetanischen Tulku und einem Verr�ckten aus Arkansas den Mount Everest bestieg. Ein vern�nftiger Mensch h�tte bei so einem Unternehmen niemals mitgemacht, und als ich hinter Freds und Kunga hertrottete, konnte ich in der Tat kaum glauben, da� es geschah. Aber ein jeder qualvolle Atemzug �berzeugte mich vom Gegenteil. Und da es sich nun einmal nicht �ndern lie�, kam ich zum Schlu�, da� es angebracht sei, mich in den richtige Geisteszustand daf�r zu bringen; sonst w�rde es nur um so gef�hrlicher sein. �Ich wollte das schon immer tun�, sagte ich und verbannte den �berm�chtigen Eindruck, dazu hypnotisiert worden zu sein, aus meinen Gedanken. �Wir besteigen den Everest, und das wollte ich schon immer mal.�</p><p>�Das ist die richtige Einstellung�, sagte Freds.</p><p>Ich ignorierte ihn und dachte weiterhin bei jedem zweiten Schritt: �Das wollte ich schon immer.� Nach ein paar hundert Schritten mu�te ich mir eingestehen, da� ich mich halbwegs �berzeugt hatte. Ich meine, der Everest! Denken Sie doch mal dr�ber nach! Wie jeder andere auch hatte ich wohl schon immer insgeheim diesen Wunsch versp�rt.</p><p>Ich will Sie nicht mit den Einzelheiten unserer Route langweilen; wenn es Sie interessiert, k�nnen Sie sie in meinem anonymen Artikel im <emphasis>American Alpine Journal,</emphasis> Ausgabe 1987, nachlesen. In der Tat ging es ziemlich glatt; wir stiegen von der Hornbein-Schlucht quer zum oberen Westsattel auf und nahmen von dort aus den Gipfel in Angriff.</p><p>Ich tat dies in jeweils zehn Schritten auf einmal; die H�he machte mir nun endg�ltig zu schaffen. Ich akklimatisiere mich so gut wie kaum ein anderer, den ich kenne, doch niemand akklimatisiert sich noch bei �ber achteinhalbtausend Metern H�he. Es kommt schlie�lich nur noch darauf an, wie schnell man ersch�pft ist.</p><p>�Versuche, so langsam wie n�tig zu gehen, und vermeide Ruhepausen�, riet mir Freds.</p><p>�Ich gehe schon so langsam, wie ich kann.�</p><p>�Nein, tust du nicht. Versuche einfach, bergaufw�rts zu schleichen. Leg wirklich den ersten Gang ein. Dann f�llst du in einen ganz bestimmten Rhythmus.�</p><p>�Na sch�n. Ich versuch�s.�</p><p>Wir hatten uns gerade gesetzt, um unsere Steigeisen abzunehmen, die nun �berfl�ssig waren. Freds behielt recht, was den Schwierigkeitsgrad unserer Klettertour betraf. Der Grat war breit, nicht sehr steil und ziemlich aufgerissen, so da� �berall unregelm��ige Felstreppen darauf lagen. H�tte er sich auf Meeresh�he befunden, h�tte man ihn buchst�blich hinauf laufen k�nnen. Es war so einfach, da� ich Freds Vorschlag ausprobieren konnte, und ich folgte ihm und Kunga mit Zeitlupenbewegungen hinauf. Bei dieser Geschwindigkeit konnte ich etwa zehn oder f�nfzehn Minuten gehen, bevor ich mich ausruhen mu�te�� wie lange genau, lie� sich nur schwer sagen, da mir jedes Intervall wie ein Nachmittag vorkam.</p><p>Doch bei jeder Rast waren wir ein St�ck h�her. Es lie� sich nicht abstreiten, da� man vom Westgrat eine erstklassige Aussicht hatte: zu unserer Rechten alle Berge Nepals, zu unserer Linken alle Berge Tibets, und Sikkim und Bhutan waren zur Abwechslung auch noch da. Das einzige, was sich noch �ber uns befand, war die Pyramide des letzten Gipfels des Everest, der sich strahlendwei� vor einem schwarzblauen Himmel erhob.</p><p>Bei jeder Rast stellte ich fest, da� Kunga Norbu ein seltsames buddhistisches Lied summte; er sah auf unterschwellige Art und Weise immer gl�cklicher aus, w�hrend Freds� Grinsen immer breiter wurde. �Kannst du glauben, da� wir einen so perfekten Tag erwischt haben? Wundersch�n, was?�</p><p>�Hmm.� Der Tag war wirklich sch�n, doch ich war zu m�de, um ihn zu genie�en. Doch bei jeder Rast flo� ein Teil ihrer Energie in mich hinein, und das war nur gut so, denn sie gingen wirklich schnell voran, und ich brauchte ihre Hilfe.</p><p>Schlie�lich lag wieder Schnee auf dem Grat, und wir mu�ten uns setzen und die Steigeisen wieder anlegen. Mir fiel dieser �beraus einfache Vorgang so schwer, da� ich es fast nicht schaffte. Meine H�nde hinterlie�en rosafarbene Nachbilder in der Luft, und ich zischte und st�hnte bei jedem Zug an den Riemen. Als ich fertig war und aufstand, w�re ich beinahe umgekippt. Die Felsen verschwammen vor mir, und selbst mit der Brille war der Schnee schmerzhaft wei�.</p><p>�Das letzte St�ck�, sagte Freds, als wir den Berg hinaufsahen. Wir machten uns auf den Weg, und die Steigeisen drangen tief in festen Schnee ein. Kunga legte ein unglaubliches Tempo vor. Freds und ich marschierten Seite an Seite im Gleichschritt, um besser mit der geistigen Anstrengung fertig zu werden.</p><p>Freds wollte sprechen, obwohl er keine Atemluft zu verschwenden hatte. �Der alte Dorjee Lama. Wird ziemlich. �berrascht sein. Wenn sie Kum-Bum. Wieder aufbauen. Ha!�</p><p>Ich nickte, als glaubte ich die ganze Geschichte. Das war eine �bertreibung, doch es spielte keine Rolle. Nichts spielte mehr eine Rolle, abgesehen davon, in blendend wei�em Schnee einen Fu� vor den anderen zu setzen.</p><p>Ich habe gelesen, da� sich der Everest genau an der Grenze des Machbaren befindet, was das Bergsteigen ohne Sauerstoffflaschen betrifft. Das wissenschaftliche Team, das nach einer Besteigung, bei der Luft- und Atemproben genommen wurde, zu dieser Schlu�folgerung gelangte, hat sogar erkl�rt, theoretisch sei es �berhaupt nicht m�glich. Aber theoretisch kann eine Hummel auch nicht fliegen. Ein Wissenschaftler stellte die Theorie auf, da� es <emphasis>wirklich</emphasis> nicht m�glich sei, wenn der Everest auch nur hundert Meter h�her w�re.</p><p>Ich glaube ihr. Mit Sicherheit waren die letzten paar Schritte diese Schneepyramide hinauf die schwersten, die ich jemals getan habe. Meine Brust hob und senkte sich mit sinnlosen Atemz�gen, und ich konnte h�ren, wie die Gehirnzellen zu Tausenden zersprangen, <emphasis>knack, knister, plop.</emphasis> Wir n�herten uns dem Gipfel, einer dreieckigen Kuppel aus reinem Schnee; doch ich mu�te langsamer gehen.</p><p>Kunga war uns vorausgeeilt und hatte auf den letzten Metern noch an Geschwindigkeit zugelegt. Als ich auf den Schnee hinabblickte, verlor ich ihn aus den Augen. Dann kamen seine Stiefel in mein Blickfeld, und ich begriff, da� wir es fast geschafft hatten, nur noch ein paar Schritte unter dem h�chsten Punkt waren.</p><p>Der eigentliche Gipfel war eine zerkl�ftete Schneekuppe von etwa zweieinhalb Metern L�nge und einem Meter Breite. Es war keine Berg, aber auch keine breite H�gelspitze; man h�tte darauf kein kleines T�nzchen abhalten wollen.</p><p>�Tja�, sagte ich. �Da sind wir.� Irgendwie konnte ich mich nicht dar�ber begeistern. �Zu schade, da� ich keine Kamera mitgenommen habe.� In Wirklichkeit empfand ich gar nichts.</p><p>Neben mir r�hrte sich Freds. Er schlug mir auf den Arm und deutete zu Kunga Norbu hinauf. Wir waren noch unter ihm; unsere K�pfe befanden sich etwa auf gleicher H�he wie seine Stiefel. Er summte und hatte die Arme ausgestreckt und gehoben, als dirigiere er im Osten ein Symphonieorchester. Ich sah in diese Richtung. Mittlerweile war es Sp�tnachmittag, und der Schatten des Everest dehnte sich bis zum Horizont und sogar dar�ber hinaus aus. Im Osten m�ssen Eispartikel in der Luft gehangen haben, denn pl�tzlich sah ich �ber dem Dunkel des Everest-Schattens einen gro�en Eisbogen. Es war fast ein vollst�ndiger Farbkreis, viel durchsichtiger als ein Regenbogen und am unteren Ende vom dreieckigen Schatten des Berges abgeschnitten.</p><p>In diesem schwach gef�rbten runden Bogen, �ber der dunklen Luft des Schattengipfels, befand sich ein von Licht umgebenes Schattenkreuz. Es war ein Brockengespenst-Ph�nomen, verursacht durch niedrigstehendes Sonnenlicht, das die Schatten von Gipfeln und Bergsteigern auf feuchte Luft wirft und ein helles Halo um sie herum entstehen l��t. Ich hatte schon mal eins gesehen.</p><p>Dann breitete Kunga Norbu ruckartig die H�nde aus, und die ganze Vision verschwand augenblicklich.</p><p>�Mann�, sagte ich.</p><p>�Allerdings�, murmelte Freds und f�hrte mich die letzten qualvollen Schritte auf den Gipfel selbst hinauf, so da� wir neben Kunga Norbu standen. Er hatte den Kopf zur�ckgelegt, und auf seinem Gesicht stand ein L�cheln aus reiner, kindlicher Freude.</p><p>Ich wei� nicht mehr, was wirklich dort oben geschah. Vielleicht wurde ich ohnm�chtig und sah eine Sekunde lang Farben, dachte, es sei ein Eisbogen gewesen, und dann blinzelte ich und sah wieder klar. Aber ich wei�, da� ich in diesem Augenblick, als ich Kunga Norbus entr�cktes Gesicht betrachtete, sicher war, da� er seine Freiheit gewonnen und sich dies oben im Himmel abgezeichnet hatte. Die Aufgabe war vollbracht, er hatte die Arme vor Freude ausgebreitet � Ich glaubte es auf einmal. Ich schluckte und hatte einen Klo� im Hals.</p><p>Nun f�hlte ich es auch; ich f�hlte, wo wir waren. Wir hatten Chomolungma erstiegen. Wir standen auf dem Dach der Welt.</p><p>Freds atmete ein paar Mal ein und aus. �Tja�, sagte er und sch�ttelte Kunga und mir die Hand. �Wir haben es geschafft!� Und dann schlugen wir uns gegenseitig auf den R�cken, bis wir bald vom Berg gefallen w�ren.</p></section><section><title><p>15</p></title><p>Wir waren noch nicht lange oben, als ich schon wieder das Problem des Abstiegs in Betracht zog. Es war nicht mehr viel vom Tag �brig, und wir waren von jedem trauten Heim weit entfernt. �Was nun?�</p><p>�Ich glaube, wir steigen besser zum S�dgipfel hinab und graben uns f�r die Nacht eine Schneeh�hle. Weiter schaffen wir es nicht, und das haben Haston und Scott 1975 auch getan. Es hat bei ihnen geklappt, und auch bei ein paar anderen Gruppen.�</p><p>�Na sch�n�, sagte ich. �Dann mal los.�</p><p>Freds sagte etwas zu Kunga, und wir machten uns an den Abstieg. Augenblicklich stellte ich fest, da� die s�d�stliche Seite nicht so breit oder flach wie die westliche war. In der Tat stiegen wir eine Art schneebedeckten, messerscharfen Grat hinab, aus dem h��liche graue Felsen hinausstachen. Das also war die Yakroute! Wir brauchten eine verdammt harte Stunde, um auf den S�dgipfel hinabzusteigen, und wir schafften es nur, weil wir ununterbrochen bergab kletterten.</p><p>Der S�dgipfel ist ein gro�er Vorsprung im s�d�stlichen Grat, der aus einer Art H�cker�� dem Nebengipfel�� und einem flachen St�ck besteht. Hier fanden wir einen breiten Hang aus sehr tiefem, festem Schnee�� perfekte Bedingungen f�r eine Schneeh�hle.</p><p>Freds holte seine kleine Aluminiumschaufel aus dem Rucksack und machte sich wie ein Hund, der einen Knochen sucht, ans Graben. Ich begn�gte mich damit, mich zu setzen und ihm zuzusehen. Kunga Norbu stand da und betrachtete die schier unendliche Ausdehnung der Gipfel; er wirkte etwas benommen. Ein- oder zweimal brachte ich die Kraft auf, Freds abzul�sen. Nachdem wir einen k�rpergro�en Einstieg gegraben hatten, gaben wir uns mit einer H�hle zufrieden, die gerade gro� genug war, um uns drei aufzunehmen. Sie erinnerte mich etwas an einen Sarg f�r Drillinge.</p><p>Die Sonne ging unter, Sterne kamen hervor, das Zwielicht wurde mitternachtsblau; dann war Nacht. Und es wurde sehr, sehr kalt. Freds erkl�rte, die H�hle sei fertig, und ich kroch zu ihm und Kunga hinein und f�hlte dabei, wie Schneek�rner unter mir knirschten. Wir schlugen mit den K�pfen zusammen und ordneten unsere Schlafs�cke so an, da� wir in einem kleinen Kreis sa�en, auf einem groben Sims �ber unserem Eingangstunnel, in einer fast kreisrunden Kammer. Wenn ich vorn�bergebeugt sa�, blieben mir �ber dem Kopf noch drei Zentimeter Platz. �Na sch�n�, sagte Freds m�de. �Machen wir eine Party.� Er nahm den Gaskocher aus seinem Rucksack, hielt ihn eine Weile in den F�ustlingen, um das Gas darin zu erw�rmen, stellte ihn dann in der Mitte zwischen uns auf den Schnee und z�ndete ihn mit seinem Feuerzeug an. Der blaue Schimmer war blendendhell, das Zischen ohrenbet�ubend. Wir zogen unsere F�ustlinge aus und legten unsere H�nde dar�ber, so da� kaum noch Platz zwischen der Flamme und unserer Haut blieb. Allm�hlich erw�rmte sich unsere H�hle etwas.</p><p>Ihnen kommt es vielleicht seltsam vor, da� sich eine Schneeh�hle �berhaupt erw�rmen kann, doch vergessen Sie nicht, da� wir hier von relativen Temperaturen sprechen. Drau�en war es etwa f�nfundzwanzig Grad unter Null. Dazu der Wind und die H�he, in der es so wenig Sauerstoff gibt, und man stirbt. In der H�hle jedoch gab es keinen Wind. Der Schnee selbst ist gar nicht so kalt, und er ist ein hervorragender Isolator: er erw�rmt sich, wird an der Oberfl�che sogar feucht, und auch das Wasser h�lt die W�rme hervorragend. Dazu noch einen auf Hochtouren laufenden Gaskocher und drei K�rper, die ihre sechsunddrei�ig Grad K�rpertemperatur abgeben, und selbst mit dem Loch nach drau�en steigt die Temperatur leicht auf �ber null Grad. Das ist noch k�lter als in einem Eisschrank, aber im Vergleich zu den f�nfundzwanzig Grad minus drau�en ist es das reinste Strandwetter.</p><p>Also waren wir zuerst richtig zufrieden in unserer kleinen H�hle. Freds scharrte etwas Schnee von den W�nden in seinen Topf und kochte hei�e Zitrone. Er bot mir Mandeln an, doch ich hatte nicht den geringsten Appetit; und wenn ich Mandeln a�, hatte ich sowieso immer den Eindruck, einen Kaffeetisch zu verspeisen. Wir waren jedoch f�rchterlich ausgetrocknet und tranken die hei�e Zitrone, als sie kochte, was in dieser H�he schon etwa bei Badetemperatur der Fall war. Sie schmeckte himmlisch.</p><p>Doch damit war f�r Freds die Party keineswegs erledigt. Sein Feuerzeug scharrte, und in dessen Licht sah ich, wie er ein Loch in die Wand grub und eine Kerze darin aufstellte. Er z�ndete sie an, und ihr Licht wurde von den glatten wei�en W�nden unseres Heims reflektiert. Er unterhielt sich kurz mit Kunga Norbu.</p><p>�Na sch�n�, sagte er, als er fertig war; sein Atem breitete sich wei� in die Luft aus. �Kunga wird jetzt etwas <emphasis>Tumo</emphasis> machen.�</p><p>�Tumo?�</p><p>�Das ist die Kunst, sich ohne Feuer im Schnee selbst zu erw�rmen.�</p><p>Das erregte mein Interesse. �Noch eine Lama-F�higkeit?�</p><p>�Darauf kannst du dich verlassen. Sie kommt nackten Einsiedlern im Winter ganz gelegen.�</p><p>�Das sehe ich ein. Sag ihm, er soll es uns vorf�hren.�</p><p>Mit einigem Knirschen nahm Kunga die Lotusposition ein, mit den gro�en Schneestiefeln an seinen F��en eine beeindruckende Leistung.</p><p>Er zog seine F�ustlinge aus, und wir folgten seinem Beispiel. Dann sah er ins Nichts und begann in einem regelm��igen, tiefen Rhythmus zu atmen. Das ging fast eine halbe Stunde so weiter, und ich bef�rchtete schon, wir w�rden alle erfrieren, bevor ihm warm wurde, als er seine H�nde zu Freds und mir ausstreckte. Wir nahmen sie in die unseren.</p><p>Sie waren so warm, als h�tte er schreckliches Fieber. �ngstlich ber�hrte ich sein Gesicht�� es war warm, aber nichts im Vergleich zu den H�nden. �Mein Gott�, sagte ich.</p><p>�Wir k�nnen ihm jetzt helfen�, sagte Freds leise. �Du mu�t dich konzentrieren, die Energie nutzbar machen, die immer in dir ist. Mit jedem Atemzug st��t du Stolz, �rger, Ha�, Neid, Tr�dheit und Dummheit von dir. Mit jedem Atemzug nimmst du Buddhas Geist, die f�nf Weisheiten und alles Gute in dich auf. Wenn du ganz klar und ruhig bist, stellst du dir einen goldenen Lotus in deiner Magengrube vor � Alles klar? In diesem Lotus stellst du dir die Silbe <emphasis>mm</emphasis> vor, die Feuer bedeutet. Dann mu�t du sehen, wie eine kleine Flamme�� etwa von der Gr��e eines Ziegenk�ttels�� im <emphasis>ram</emphasis> entsteht. Jeder Atemzug danach ist wie ein Blasebalg, der diese Flamme auff�chert, die durch die <emphasis>Tsas</emphasis> im K�rper gleitet, die mystischen Nerven. Stell dir den Proze� in f�nf Stadien vor � Zuerst siehst du das <emphasis>Uma tsa</emphasis> als Feuer, das mehr oder weniger dein R�ckgrat hinaufkriecht � Zweitens, der Nerv hat den Durchmesser deines kleinen Fingers � Drittens, er ist so gro� wie ein Arm � Viertens, dein K�rper ist das Tsa selbst und wird als Feuerr�hre wahrgenommen � F�nftens, das <emphasis>Tsa</emphasis> verschlingt die Welt, und du bist nur eine Flamme in einem Feuermeer.�</p><p>�Mein Gott.�</p><p>Wir sa�en da und hielten Kunga Norbus hei�e H�nde, und ich stellte mich als Feuerr�hre vor; und die W�rme ergo� sich in mich, meine Arme hinauf, durch meinen Oberk�rper�� sie taute sogar meinen erfrorenen Hintern und meine F��e auf. Ich sah Kunga Norbu an, und er sah direkt durch die Wand unserer H�hle in die Ewigkeit, oder wohin auch immer, und seine Augen gl�hten schwach im Kerzenlicht. Es war unheimlich.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange das anhielt�� es schien endlos zu w�hren, obwohl es vermutlich nur etwa eine Stunde dauerte. Doch dann h�rte es auf�� Kungas H�nde wurden k�lter, und unsere K�rper ebenfalls. Er blinzelte mehrere Male und sch�ttelte den Kopf. Dann sagte er etwas zu Freds.</p><p>�Tja�, sagte Freds. �L�nger kann er es dieser Tage nicht durchhalten.�</p><p>�Was?�</p><p>�Tja �� Er bi� sich bedauernd auf die Zunge. �Es ist ungef�hr so. Tulkus neigen dazu, im Verlauf ihrer verschiedenen Inkarnationen ihre Kr�fte zu verlieren. Anscheinend verlieren sie bei jedem Proze� etwas, genauso, als ob man ein Band von einer Kopie zieht, oder so. Es gibt einen Namen daf�r.�</p><p>��bertragungsfehler�, sagte ich.</p><p>�Genau. Na ja, das erwischt sie auch. Man sieht in Tibet sogar jede Menge Tulkus, die v�llige Trottel sind. Kunga ist besser dran, aber er erinnert mich etwas an Paul Revere. Ein kleines Licht im Glockenstuhl, du wei�t schon. Ein gro�er Lama, und ein toller Bursche, aber bei den mystischen Disziplinen nicht mehr besonders m�chtig.�</p><p>�Zu schade.�</p><p>�Finde ich auch.�</p><p>Ich erinnerte mich an Kungas hei�e H�nde und ihre W�rme, die in mich drang. �Also � ist er eigentlich gar kein Tulku, oder?�</p><p>�Oh, ja! Nat�rlich! Und jetzt hat er sich auch vom alten Dorjee Lama befreit und ist selbst ein Lama und niemandes Sch�ler mehr. Es mu� ein tolles Gef�hl sein.�</p><p>�Darauf gehe ich jede Wette ein. Aber wie genau funktioniert das �berhaupt?�</p><p>�Wie man ein Tulku wird?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Es kommt darauf an, seine geistigen Kr�fte zu konzentrieren. Die Tibetaner glauben, da� es gar kein �bersinnliches Ph�nomen ist, sondern nur eine Ausnutzung der nat�rlichen Kr�fte, die wir alle haben. Tulkus haben ihre psychischen Energien unglaublich konzentriert, und wenn man diese Ebene erreicht hat, kann man seinen K�rper verlassen, wann immer man will. Wenn Kunga wollte, k�nnte er in etwa zehn Sekunden sterben.�</p><p>�Sehr n�tzlich.�</p><p>�Ja. Und wenn sie sich also dazu entscheiden, springen sie ins Bardo. Das Bardo ist die andere Welt, die Welt des Geistes, und ein sehr verwirrender Ort�� Halluzinationen sind nichts dagegen! Zuerst geht vor deinem Gesicht ein Licht an, wie das Blitzlicht von Gottes Kamera. Dann sind es nur ein Haufen farbiger Wege, Erscheinungen und so weiter. Wie Kunga es beschreibt, klingt es echt unheimlich. Wenn man nur ein ganz gew�hnlicher Geist ist, kann man leicht die Orientierung verlieren und wird als Schnecke oder als Showmaster einer dieser Spielshows im Vorabendprogramm oder als <emphasis>irgend etwas</emphasis> wiedergeboren. Doch wenn man konzentriert bleibt, wird man in dem K�rper wiedergeboren, den man sich ausgesucht hat, und macht von da ausweiter.�</p><p>Ich nickte einf�ltig. Mir war m�de und kalt, und der Sauerstoffmangel beschleunigte meine Gedankeng�nge nicht gerade; ich konnte Freds� Ausf�hrungen nicht den geringsten Sinn entnehmen, wenngleich das an allen anderen Orten vielleicht genauso gewesen w�re.</p><p>Wir sa�en da. Kunga summte etwas vor sich hin. Es wurde k�lter.</p><p>Die Kerze tropfte und erlosch.</p><p>Es war dunkel. Es wurde noch k�lter.</p><p>Nach einer Weile war nur noch die Dunkelheit da, unser Atmen und die K�lte. Ich f�hlte meinen Hintern und die Beine unterhalb der Knie nicht mehr. Ich wu�te, da� ich auf etwas wartete, hatte jedoch vergessen, worauf. Freds bewegte sich und sprach auf Tibetanisch mit Kunga. Sie schienen weit, weit entfernt zu sein. Sie sprachen mit Menschen, die ich nicht sehen konnte. Eine Weile zappelte Freds hin und her und stie� gegen die W�nde der H�hle. Kunga rief heiser Worte wie �Hak!� und �Phut!�</p><p>Schlie�lich raffte ich mich auf. �Was macht ihr da?� fragte ich.</p><p>�Wir wehren D�monen ab�, erkl�rte Freds.</p><p>Ich war, als ich meine Gef�hrten beobachtete, schon zu der Schlu�folgerung bereit, da� der Sauerstoffmangel einen in den Wahnsinn treiben kann; aber als ich daran dachte, wer sie waren, stellte ich mein endg�ltiges Urteil noch etwas zur�ck. Vielleicht lag es doch nicht am Sauerstoff.</p><p>Eine unbestimmbare Weile sp�ter fing Freds an, Schnee aus dem Tunnel zu schaufeln. �Wirfst du die D�monen raus?� fragte ich.</p><p>�Nein, ich will wieder warm werden. Versuch�s doch auch mal.�</p><p>Ich hatte nicht die Kraft, mich zu bewegen.</p><p>Dann sch�ttelte er mich von einer Seite zur anderen, wechselte ins Englische und erz�hlte mir Geschichten. Eine Geschichte nach der anderen, mit trockener, heiserer, tiefer Stimme. Ich verstand keine davon. Ich mu�te mich darauf konzentrieren, gegen die K�lte anzuk�mpfen. Und auf das Atmen. Freds wurde ganz aufgeregt; er erz�hlte mir eine Geschichte von Kunga, etwas dar�ber, wie er mit einem Freund durch Tibet lief, irgendein <emphasis>Lung-gom-pa-Test,</emphasis> und der Freund schleppte Ketten mit sich, um nicht ganz davonzutreiben. Dann begegneten sie nachts einem frischgebackenen Ehemann, lie�en die Ketten in ein Lagerfeuer fallen � �Die Tr�ger wu�ten vom <emphasis>Lung-gom,</emphasis> und am n�chsten Morgen m�ssen sie versucht haben, es den Engl�ndern zu erkl�ren. Kannst du dir das vorstellen? Tr�ger, die erkl�ren, wie diese Ketten aus dem Nichts kommen � da� Leute sie benutzen, die durch Tibet laufen, damit sie nicht in den Orbit abzischen? Mann, diese Engl�nder m�ssen gedacht haben, sie w�rden das Land Oz erforschen. Meinst du nicht auch? He, George? George? � George?�</p></section><section><title><p>16</p></title><p>Doch schlie�lich ging die Nacht vorbei, und ich war noch da.</p><p>Wir krochen noch vor dem ersten Licht der D�mmerung aus unserer H�hle, stampften mit den F��en, bis wieder etwas Gef�hl in sie zur�ckkehrte, und waren sehr mit uns zufrieden. �Guten Morgen!� sagte Kunga Norbu h�flich zu mir. Und damit hatte er recht. Hochstehende Wolken f�rbten sich �ber uns rosa, und ein Meer aus blauen Wolken trieb weit unter uns �ber Nepal dahin. Die h�heren Gipfel stachen wie Inseln daraus hervor und f�rbten sich ebenfalls langsam rosa. Ich hatte nie einen �berirdischeren Anblick wahrgenommen; es war, als w�ren wir aus der H�hle auf einen anderen Planeten gekrochen.</p><p>�Vielleicht sollten wir einfach den S�dpa� hinab und uns zu diesen indischen Soldaten durchschlagen�, kr�chzte Freds. �Ich habe keine Lust, wieder auf den Gipfel zu klettern, um die Westseite hinabzusteigen.�</p><p>�Du meinst es ernst�, sagte ich.</p><p>Also stiegen wir die S�dseite hinab.</p><p>Peter Habeier, Messners Partner bei der ersten Besteigung des Everest ohne Sauerstofflaschen im Jahre 1979, ist den Grat vom Gipfel bis zum S�dpa� in <emphasis>einer Stunde</emphasis> hinabgerast. Er hatte Angst vor Gehirnsch�den; meines Erachtens ist die Geschwindigkeit seines Abstiegs der beste Beweis daf�r, da� sie schon eingetreten waren. Wir gingen, so schnell wir konnten, was beunruhigend schnell war, und brauchten fast drei Stunden daf�r. Einen Schritt nach dem anderen, einen steilen, verschneiten Grat hinab. Ich weigerte mich, in die tiefen Schluchten zu meiner Rechten und Linken hinabzuschauen. Die Wolken unter uns schwollen an wie die Flut in der Fundy-Bai; unser sch�nes Wetter w�rde bald ein Ende finden.</p><p>Ich kam mir v�llig losgel�st von meinem K�rper vor, beobachtete einfach, wie er marschierte. Unter mir sang Freds ��I get up, I get dow-wow-wown�� aus dem Lied �Close to the Edge� von Yes. Wir gelangte an eine gro�e, schneegef�llte Rinne und rutschten sie achtlos hinab, glitten bei jedem vertr�umten Schritt acht oder zehn Meter weit. Wir alle drei taumelten mittlerweile. Wolken str�mten hinauf, und wie durch Zauberei erschien �berall um uns herum Nebel, aber wir waren schon unmittelbar �ber dem S�dpa�, und es spielte keine Rolle mehr. Ich sah, da� man im Pa� ein Lager aufgeschlagen hatte, und seufzte erleichert auf. Ansonsten w�ren wir verloren gewesen.</p><p>Die Inder sicherten noch ihre Zelte, als wir hineinmarschierten. Eine Woche perfektes Wetter, und sie waren nur bis zum S�dpa� gekommen. Sehr langsam, dachte ich, als wir n�her kamen. Eine Besteigung im Belagerungsstil, eine logistische Pyramide, v�llig auf Nummer Sicher�� und so langsam wie der Bau der anderen Art von Pyramide.</p><p>Als wir den Pa� �berquerten und uns den Zelten n�herten, wobei wir Abfallhaufen von vorherigen Expeditionen ausweichen mu�ten, stellten sich die ersten Sorgen bei mir ein. Sie m�ssen wissen, da� die indische Armee auf dem Everest unglaubliches Pech gehabt hat. Sie haben mehrmals versucht, den Berg zu besteigen, und sind, soweit ich wei�, immer gescheitert. Haupts�chlich wegen der St�rme, doch die Menschen neigen dazu, dies zu ignorieren, und die Inder haben von der Bergsteigergemeinde in Nepal ziemliche Kritik abbekommen. Man hat sie sogar �schreckliche Bergsteiger� genannt. Sie waren also ziemlich empfindlich in dieser Hinsicht, und mir kam sehr langsam in den Sinn, da� sie nicht allzu erfreut sein w�rden, im S�dpa� von drei Bergsteigern begr��t zu werden, die gerade auf der Nordseite vom Gipfel hinabkamen.</p><p>Dann sah uns einer. Er lie� den Holzhammer in seiner Hand fallen.</p><p>�Hallo�, kr�chzte Freds.</p><p>Schnell versammelten sich einige von ihnen um uns. Der Wind wehte nun heftiger, und wir alle waren ihm ungesch�tzt ausgeliefert. �Wer sind Sie?� rief der �lteste Inder dort verdrossen, wahrscheinlich ein Major.</p><p>�Wir haben uns verirrt�, sagte Freds. �Wir brauchen Hilfe.�</p><p>Ah, gut, dachte ich. Freds hat auch daran gedacht. Er wird ihnen nicht sagen, woher wir kommen. Freds hat noch alle Gedanken beisammen. Er wird dieses Problem richtig angehen.</p><p>�Woher kommen Sie?� br�llte der Major.</p><p>Fred deutete auf die Westseite. Gut, dachte ich. �Unsere Sherpas haben gesagt, wir sollten uns rechts halten. Und das haben wir seit Jomosom auch getan.�</p><p>�Woher kommen Sie, bitte?�</p><p>�Jomosom!�</p><p>Der Major richtete sich auf. �Jomosom�, sagte er scharf, �liegt im <emphasis>westlichen Nepal.�</emphasis></p><p>�Oh�, sagte Freds.</p><p>Und wir alle standen da. Anscheinend hatten wir das Freds� Erkl�rung zu verdanken.</p><p>Ich stie� ihn zur Seite. �In Wahrheit haben wir uns gedacht, wir k�nnten Ihnen etwas helfen. Wir haben nicht gewu�t, worauf wir uns einlassen.�</p><p>�Ja!� sagte Freds und machte sich diese neue Taktik dankbar zu eigen. �Vielleicht k�nnten wir ein paar Lasten f�r Sie runtertragen?�</p><p>�Wir steigen noch hinauf!� bellte der Major. �Wir brauchen niemanden, der Lasten nach unten tr�gt.� Er deutete auf den Grat hinter uns, der allm�hlich im Nebel verschwand. �Das ist der Everest!�</p><p>Freds blinzelte ihn an. �Sie machen Witze.�</p><p>Ich stie� ihn wieder an. �Wir brauchen Hilfe�, sagte ich.</p><p>Der Major betrachtete uns eindringlich. �Gehen Sie ins Zelt�, sagte er schlie�lich.</p></section><section><title><p>17</p></title><p>Nun ja, schlie�lich reimte ich eine halbwegs zusammenh�ngende Geschichte �ber uns zusammen: Wir wollten freiwillig Lasten f�r eine Everest-Expedition tragen, obwohl ich niemanden kannte, da� der so dumm sein w�rde, diesen Wunsch zu versp�ren. Freds war mir nicht die geringste Hilfe�� er verga� meine Version immer wieder, kehrte zu seiner ersten Geschichte zur�ck und sagte S�tze wie �Wir m�ssen ein falsches Flugzeug erwischt haben.� Und in beide Versionen pa�te Kunga Norbu nicht so recht hinein; ich behauptete, er sei unser F�hrer, doch wir verstanden seine Sprache nicht. Klugerweise blieb er stumm.</p><p>Trotz alledem gab das indische Team uns zu essen und Wasser, damit wir unseren qu�lenden Durst stillen konnten, und sie begleiteten uns an ihren Leitseilen zu den tieferliegenden Lagern hinab, um auch ganz sicher zu gehen, da� wir ihnen wirklich nicht mehr im Weg standen. Im Verlauf der n�chsten paar Tage f�hrten sie uns das westliche Cwm, das vergletscherte Tal der Stille, und den Khumbu-Eisfall zum Basislager hinab. Ich w�nschte, ich k�nnte Ihnen eine minuti�se Schilderung des ber�hmten Khumbu-Eisfalls geben, doch leider erinnere ich mich kaum daran. Er war gro� und wei� und unheimlich, und ich war m�de. Das ist alles, was ich noch wei�. Und dann waren wir in ihrem Basislager, und ich wu�te, da� es vorbei war. Die erste illegale Besteigung des Everest.</p></section><section><title><p>18</p></title><p>Nun ja, nach dem, was wir durchgemacht hatten, sah Gorak Shep wie Irland aus, und Pheriche wie Hawaii. Und die Luft war die reinste Sauerstoffsuppe.</p><p>Wir erkundigten uns nach den Engl�ndern, nach Arnold und Laure und h�rten immer wieder, da� sie vielleicht einen Tag unter uns waren. Wie es sich anh�rte, jagten die Engl�nder Arnold, dem es unter �u�ersten Anstrengungen gelang, seinen Vorsprung zu halten. Also eilten wir ihnen nach.</p><p>Auf unserem Abstieg kehrten wir jedoch im Kloster Pengboche ein, einem dunklen, unheimlichen alten Gem�uer in einem kleinen Hain schwarzer Kiefern, bei denen es sich angeblich um den Backenbart des ersten Abtes handelte. Dort lie�en wir Kunga Norbu zur�ck, der ziemlich mitgenommen wirkte. Die M�nche im Kloster machten ein gro�es Getue um ihn. Er und Freds verabschiedeten sich �berschwenglich, und er bedachte mich mit einem breiten Grinsen, als er mich zum letzten Mal mit diesem allumfassenden Blick seiner schwarzen Augen durchbohrte. �Guten Morgen!�, sagte er, und wir waren wieder unterwegs.</p><p>Und so trotteten Freds und ich nach Namche hinab, das mich stark an Manhattan erinnerte, und stellten dort fest, da� unsere Freunde, noch immer auf der Jagd nach Arnold, gerade nach Lukla aufgebrochen waren. Unterhalb von Namche beeilten wir uns wirklich, sie einzuholen, doch das gelang uns erst in Lukla selbst. Und dort erwischten wir nur die Engl�nder�� sie standen an der Landepiste und beobachteten, wie das letzte Flugzeug des Tages �ber das schiefe Gras brummte, w�hrend Arnold McConnel, wie wir schnell herausfanden, an Bord eben jenes Flugszeugs war, nachdem er einem Passagier der Maschine einen betr�chtlichen Stapel Rupien f�r dessen Ticket bezahlt hatte. Arnolds Sherpas standen an der Piste und winkten ihm zum Abschied; wie sich herausstellte, hatten sie alle mit dieser einen Klettertour etwa ein Jahreseinkommen verdient und den alten Arnold ziemlich in ihr Herz geschlossen.</p><p>Die Engl�nder hatten das keineswegs. Im Gegenteil, sie sch�umten geradezu vor Wut.</p><p>�Wo seid ihr gewesen?� fragte Trevor.</p><p>�Wir haben den Gipfel bestiegen�, erkl�rte Freds entschuldigend. �Kunga mu�te es aus religi�sen Gr�nden.�</p><p>�Nun ja�, meinte Trevor verdrossen. �Das haben wir ebenfalls in Betracht gezogen, aber <emphasis>wir</emphasis> mu�ten <emphasis>deinen</emphasis> Kunden den Berg hinab verfolgen und versuchen, seinen Film zu bekommen. Den Film, der daf�r sorgen wird, da� wir alle endg�ltig aus Nepal rausgeworfen werden, sollte er jemals aufgef�hrt werden.�</p><p>�Macht euch lieber schon mal mit dem Gedanken vertraut�, sagte Mad Tom d�ster. �Er ist nach Katmandu unterwegs, und wir sind es nicht. Jetzt holen wir ihn nie mehr ein.�</p><p>Nun hat man von Lukla keine au�ergew�hnlich gute Aussicht, verglichen mit dem, was man h�her sehen kann; aber es gibt dort die riesigen gr�nen W�nde der Schlucht, und im Norden sieht man einige der gro�en wei�en Gipfel dahinter; und wenn man das alles sieht und denkt, man d�rfe es nie wieder sehen �</p><p>Ich deutete nach S�den. �Vielleicht haben wir auch mal Gl�ck.�</p><p>�Was?�</p><p>Freds lachte. �Chopper! Da, seht ihr? Ein Trekking- Unternehmen hat Hubschrauber angemietet, um seine Gruppe einzufliegen.�</p><p>Es stimmte. Das ist eine ziemlich �bliche Praxis, ich habe es selbst schon oft genug gemacht. Die t�glichen Fl�ge der RNAC nach Lukla reichen mitten in der Trekking-Saison nicht aus, und so vermietet die nepalesische Luftwaffe freundlicherweise�� und zu exorbitanten Preisen�� ihre Hubschrauber. Nat�rlich ziehen sie es vor, nicht leer zur�ckzufliegen, und nehmen jeden mit, der daf�r bezahlt. Oft�� und so auch an diesem Tag�� stritt eine betr�chtliche Menge lautstark darum, f�r den R�ckflug bezahlen zu d�rfen, und die Konkurrenz ist gro�, obwohl ich f�r meinen Teil niemals verstanden habe, warum die Menschen so besessen darauf sind, nach Katmandu zur�ckzukehren.</p><p>Auf jeden Fall war es an diesem Tag wie an den meisten anderen auch, und eine ganze Schar Trekker sa� um die Ladezone neben der Landepiste herum und verhandelte mit den Sherpa- und Sherpani-Unterh�ndlern, die den Flughafen beherrschen und Fl�ge f�r die Leute besorgen k�nnen. Die Hierarchie unter diesem halben Dutzend Unterh�ndlern ist�� sogar f�r sie selbst�� v�llig obskur, und an diesem Tag hatte wie immer jeder von ihnen eine Liste von Leuten, die bis zu einhundert Dollar f�r einen R�ckflug bezahlt hatten; und bis die Unterh�ndler mit der Hubschrauberbesatzung gesprochen hatten, wu�te niemand, wer diesmal den Zuschlag erhalten w�rde, seine Leute an Bord bringen zu d�rfen. Die Leute hielten diese Vorgehensweise bestenfalls f�r zweifelhaft, und als sie die Hubschrauber sahen, meckerten sie lauthals und warfen ihren Unterh�ndlern �ble Dinge an den Kopf.</p><p>Das war also keine besonders g�nstige Situation f�r uns, denn obwohl wir in einer verzweifelten Lage waren, behaupteten alle anderen, die einen R�ckflug wollten, ebenfalls in einer verzweifelten Lage zu sein, und niemand w�rde freiwillig auf seinen Platz verzichten. Doch gerade, als die beiden Puma-Hubschrauber laut und unter betr�chtlichem Wind landeten, sah ich Heather auf der Landepiste, und ich lief zu ihr und erfuhr, da� sie f�r unsere Expedition bei Pemba Sherpa, einem der m�chtigsten Unterh�ndler dort, Pl�tze gebucht hatte. �Gute Arbeit, Heather!� rief ich. Ich erkl�rte ihr schnell einige Aspekte der Situation, und sie musterte uns mit gro�en Augen und nickte, da� sie verstanden habe.</p><p>Und in der Tat, im Chaos der Trekker, die sich um die Hubschrauber dr�ngten, bei all dem Gest�hne und �chzen und Geschrei und Gemeckere, an Bord gelassen zu werden, war es Pemba, der die Oberhand �ber die anderen Unterh�ndler behielt. Und die �Video-Expedition zum Everest Base Camp� der Firma <emphasis>Want To Take You Higher Ltd.</emphasis> stieg�� einschlie�lich vier englischer und eines amerikanischen Bergsteigers�� unter gro�em Jubel an Bord der beiden Hubschrauber. Mit einem <emphasis>Thukka-thukka-thukka</emphasis> starteten wir.</p><p>�Aber wie wollen wir ihn in Katmandu finden?� sagte Marion �ber den L�rm.</p><p>�Er rechnet nicht mit euch�, sagte ich. �Er glaubt, die letzte Maschine des Tages erwischt zu haben. Also w�rde ich anfangen, im Kathmandu Guest House, in dem wir wohnen, nach ihm zu suchen.�</p><p>Die Engl�nder nickten und schauten grimmig wie Sturmtruppensoldaten drein. Arnold kriegte Probleme.</p></section><section><title><p>19</p></title><p>Wir landeten eine Stunde sp�ter auf dem Flughafen von Katmandu, und die Briten st�rmten hinaus und nahmen sich ein Taxi. Freds und ich nahmen uns ebenfalls eins und versuchten, sie nicht aus den Augen zu verlieren, doch die Engl�nder mu�ten ihrem Fahrer die dreifache Summe angeboten haben, denn ihr kleiner Toyota scho� wie bei einem Motocross-Rennen �ber die staubige Stra�e zwischen dem Flughafen und der Stadt dahin. Also fielen wir zur�ck, und als wir auf dem Hof des Kathmandu Guest House ausstiegen, war ihr Taxi schon fort. Wir bezahlten unseren Fahrer, gingen hinein und fragten einen hochn�sigen Portier nach Arnolds Zimmernummer, und als er sie uns nannte, eilten wir zu dem Zimmer hinauf; es befand sich im zweiten Stock, mit Blick auf den Garten.</p><p>Als wir dort eintrafen, war schon die H�lle los. John und Mad Tom und Trevor hatten Arnold auf einem Bett in der Ecke in die Enge getrieben; sie standen �ber ihm und sorgten daf�r, da� er sich nicht erhob. Marion hatte die eigentliche Arbeit �bernommen; sie warf auf der anderen Zimmerseite eine Videokassette nach der anderen zu Boden und zertrat sie unter ihrem Stiefel. Es herrschte ein lautstarkes Geschrei, das haupts�chlich von Marion und Arnold stammte. �Das ist die, wo ich dusche�, sagte Marion. �Und <emphasis>das</emphasis> ist die, wo ich in meinem Zelt mein Hemd wechsle. Und <emphasis>das</emphasis> ist die, wo ich auf achttausend Metern H�he pinkeln mu�te!� und so weiter, w�hrend Arnold schrie: �Nein, nein!� und �Doch nicht die, mein Gott!� und �Ich verklage euch vor jedem Gericht in Nepal!�</p><p>�Ausl�nder k�nnen sich in Nepal nicht verklagen�, sagte Mad Tom zu ihm.</p><p>Aber Arnold schrie und drohte und jammerte weiterhin; sein sonnenverbranntes Gesicht wurde ganz bla�, sein viel schmaler gewordener K�rper h�pfte auf dem Bett auf und ab, seine gro�en runden Augen w�lbten sich so weit vor, da� ich schon Angst hatte, sie w�rden aus den H�hlen springen oder wie an Federn hinausschie�en. Er nahm seine frische Zigarre, die ihm aus dem Mund gefallen war, und warf sie auf Trevor und John; sie verfehlte die beiden jedoch und traf Marion an der Brust.</p><p>�L�stling�, sagte sie und rieb sich vor Zufriedenheit die H�nde. �Das sind sie also alle.� Sie packte das Durcheinander aus Plastik und Videoband in einen Rucksack. �Und die hier nehmen wir auch noch mit. Und vielen Dank, �brigens.�</p><p>�Diebe�, kr�chzte Arnold.</p><p>Die drei M�nner traten von ihm zur�ck. Arnold sa� wie erstarrt auf dem Bett und betrachtete Marion mit verdutzten, gro�en Augen. Er sah aus wie ein Ballon, den man mit einer Nadel durchstochen hatte.</p><p>�Tut mir leid, Arnold�, sagte Trevor. �Aber wie du eingestehen mu�t, hast du dir das selbst zuzuschreiben. Wir haben dir die ganze Zeit �ber gesagt, da� wir nicht gefilmt werden wollen.�</p><p>Arnold starrte sie sprachlos an.</p><p>�Nun ja�, sagte Trevor. �Das w�re also erledigt.� Und sie gingen.</p><p>Freds und ich musterten Arnold auf dem Bett. Langsam nahmen seine Augen ihren �blichen glotzenden Ausdruck an, doch er wirkte noch immer untr�stlich.</p><p>�Diese Engl�nder sind schon harte Burschen�, sagte Freds. �Sie sind wirklich nicht sehr mitf�hlend.�</p><p>�Na, komm, Arnold�, sagte ich. Nun, da ich nicht mehr f�r ihn verantwortlich war, und, da wir in Katmandu zur�ck waren und ich ihn nie mehr sehen mu�te�� nun, da ich sicher war, da� sein Videoband, das Freds und mir genauso betr�chtliche Probleme wie den Engl�ndern einbringen konnte, zerst�rt war�� nun tat er mir ein bi�chen leid. Nur ein ganz kleines bi�chen. Man konnte ihm deutlich anmerken, da� er wirklich eine Menge durchgemacht hatte, um dieses Band zu bekommen. Au�erdem verhungerte ich allm�hlich. �Na komm, duschen wir, rasieren wir uns und ziehen uns um, und dann lade ich dich zum Abendessen ein.�</p><p>�Ich auch�, sagte Freds.</p><p>Arnold nickte stumm.</p></section><section><title><p>20</p></title><p>Katmandu ist eine seltsame Stadt. Wenn man aus dem Westen dort eintrifft, scheint es sich um den heruntergekommensten und ungesundesten Ort zu handeln, den man sich vorstellen kann: Die Geb�ude sind schlecht und recht aus alten Ziegelsteinen zusammengeschustert, und auf den D�chern sprie�t das Unkraut; die Hotelzimmer sind kahle Gruben; das gesamte Essen, das man hier findet, schmeckt nach Pappe, und man wird oft krank davon; und hier und da auf den schlammigen Stra�en, auf denen Hunde und K�he streunen, liegen gro�e Unrathaufen.</p><p>Dann geht man f�r einen oder zwei Monate in die Berge, auf einen Trek oder eine Klettertour. Und wenn man nach Katmandu zur�ckkehrt, hat sich der Ort v�llig verwandelt. Die einzig m�gliche Erkl�rung daf�r ist die, da� man die Stadt w�hrend der Abwesenheit niedergerissen und durch eine neue ersetzt hat, die �u�erlich genauso aussieht, sich aber im Wesen von der alten grundlegend unterscheidet. Die Unterk�nfte sind unglaublich luxuri�s; das Essen ist hervorragend; die Menschen sehen wohlhabend aus, und ihre Stadt scheint ein Wunder der architektonischen Ausgekl�geltheit zu sein. Katmandu! Was f�r eine Metropole!</p><p>So kam es auch Freds und mir vor, als wir uns in meiner Heimat fern der Heimat eintrugen, dem Hotel Star. Als ich mich unter den h�fthohen Warmwasserhahn unter dem Duschkopf setzte, ertappte ich mich dabei, wie ich in sinnloser Verz�ckung kicherte, und ich h�rte, wie Freds im Nebenzimmer �Going to Kathmandu� bellte: �K-k-k-k-Kath-Man-Du!�</p><p>Eine Stunde sp�ter trafen wir, das Haar noch na�, die Haut rosig geschrubbt, Arnold auf der Stra�e und gingen durch das abendliche Thamel. �Wir sehen wie Kleiderst�nder aus!� stellte Freds fest. Unsere Stadtkleidung schlotterte um uns herum. Freds und ich hatten jeweils etwa zwanzig Pfund verloren, Arnold etwa drei�ig. Und es war nicht nur Fett. In solch einer H�he schmilzt alles dahin.</p><p>�Wir gehen lieber ins Old Vienna und sehen zu, da� wir wieder was auf die Rippen bekommen.�</p><p>Ich sabberte schon bei dem blo�en Gedanken daran.</p><p>Also gingen wir ins Old Vienna Inn und entspannten uns in der warmen, feuchten Athmosph�re des kaiserlichen �sterreich- Ungarn. Nach gro�en Portionen Gulasch, Pariser Schnitzel und Apfelstrudel mit Schlagsahne setzten wir uns ges�ttigt zur�ck. Sinnes�berlastung. Selbst Arnold ging es etwas besser. Er hatte w�hrend des Abendessens geschwiegen, aber das hatten wir andererseits alle; wir waren vollauf besch�ftigt gewesen.</p><p>Wir bestellten eine Flasche Rakschi, ein starkes �rtliches Getr�nk unbestimmbarer Herkunft. Als sie kam, machten wir uns dar�ber her.</p><p>�He, Arnold�, sagte Freds, �du siehst schon besser aus.�</p><p>�Ja, ich f�hle mich gar nicht so schlecht.� Er wischte sich den Mund mit einer an zahlreichen Stellen rot befleckten Serviette ab; wir alle hatten unsere von der Sonne mitgenommenen Lippen mehr als einmal aufgerissen, als wir versuchten, das Essen zu schnell hineinzuschaufeln. Dann schickte er sich bed�chtig an, auf einer neuen Zigarre zu kauen, die er sehr langsam auspackte. �Ganz und gar nicht so schlecht.� Und dann grinste er; er konnte einfach nicht anders, er grinste so breit, da� er wieder nach der Serviette greifen und sich das Blut von den Lippen abtupfen mu�te.</p><p>�Na ja, es ist eine Schande, da� diese Burschen auf deinem Film herumgetrampelt haben�, sagte Freds.</p><p>�Ja, sicher.� Arnold winkte gro�z�gig ab. �So ist nun mal das Leben.�</p><p>Ich war erstaunt. �Arnold, ich kann nicht glauben, da� du da sprichst. Diese Burschen haben deine Videob�nder genommen, die du unter solchen M�hen gedreht hast, und <emphasis>trampeln</emphasis> darauf rum, und du sagst, �so ist nun mal das Leben�.�</p><p>Er nahm einen gro�en Schluck Rakschi. �Na ja�, sagte er und runzelte ein paarmal die Stirn, was ihm ein geradezu teuflisches Aussehen verlieh. Er beugte sich �ber den Tisch zu uns. �Sie haben zumindest eine Kopie davon bekommen.�</p><p>Freds und ich sahen einander an.</p><p>�B�nder im Wert von ein paar hundert Dollar haben sie zerst�rt. Das sollte ich ihnen wohl in Rechnung stellen. Aber ich will mal gro�z�gig sein und es ihnen durchgehen lassen.�</p><p>�Eine Kopie?� sagte ich.</p><p>�Ja.� Er tippte sich mit dem Finger an die Schl�fe. �Habt ihr in der Ecke meines Zimmers im Guest House nicht diesen Kasten gesehen, der so �hnlich wie ein Koffer aussieht?�</p><p>Wir sch�ttelten die K�pfe.</p><p>�Die Briten auch nicht. Nicht, da� sie ihn erkannt h�tten. Es ist eigentlich eine Videoklebepresse. Aber auch ein Kopierer. Man steckt eine Kassette rein und dr�ckt auf einen Knopf, und sie zieht eine Kopie der Kassette, und dann kann man das Original schneiden und kleben. So erstellt man den Endschnitt. Tolles Maschinchen. Die meisten freiberuflichen Videofilmer haben jetzt eine, und diese tragbaren Babys sind wirklich der neueste Schrei. Und in diesem Fall haben sie meinen Arsch gerettet.�</p><p>�Arnold�, sagte ich. �Du wirst diese Burschen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen! Und uns auch!�</p><p>�He�, warnte er uns. �Ich habe den Kopierer unter Verschlu�, also kommt nicht auf dumme Ideen.�</p><p>�Du wirst daf�r sorgen, da� wir auf immer aus Nepal verbannt werden!�</p><p>�Nee. Ich gebe euch K�nstlernamen. Habt ihr da irgendwelche Vorlieben?�</p><p>�Arnold!� protestierte ich.</p><p>�He, h�rt mal�, sagte er und trank noch einen Schluck Rakschi. �Der gr��te Teil der Strecke f�hrte doch durch Tibet, oder? Die Chinesen werden sich einen Dreck darum scheren. Au�erdem kennt ihr doch das nepalesische Tourismusministerium�� glaubt ihr wirklich, da� diese Jungs sich meinen Film �berhaupt nur ansehen, geschweige denn die Namen daraus abschreiben und die Leute dann aufsp�ren, wenn sie sich wieder um ein Visum bem�hen? Macht euch doch nicht l�cherlich!�</p><p>�Hm�, sagte ich und schmierte meine Gehirnzellen mit einem Schluck Rakschi.</p><p>�Was hast du also auf Band?� fragte Freds.</p><p><emphasis>�Alles.</emphasis> Ich habe ein paar gute Bilder mit dem Teleobjektiv gedreht, wie ihr da oben die Leiche findet�� ha! Ihr habt wohl gedacht, ich h�tte das nicht mitbekommen, was? Ich kann euch sagen, ich habe da oben sogar eure <emphasis>Gedanken</emphasis> gefilmt! Das habe ich, und dann, wie die Briten den Grat raufklettern�� einfach alles. Ich werde Stars aus euch machen.�</p><p>Freds und ich wechselten einen erleichterten Blick. �Du kannst die K�nstlernamen ruhig vergessen�, sagte ich.</p><p>�Meinetwegen. Und nachdem ich den Film geschnitten habe, kann keiner mehr sagen, wo auf dem Berg die Leiche lag, und wenn ich die Namen und so weiter belasse, wird es Marion und den anderen bestimmt gefallen. Meint ihr nicht auch? Sie waren einfach sch�chtern. Altmodisch! Ich werde ihnen Kopien des fertigen Films schicken, und er wird ihnen bestimmt gefallen. Marion ganz besonders. Sie sieht wirklich toll aus.� Er wedelte mit der Zigarre, und ein Ausdruck wiederk�uerischer Sehnsucht legte sich auf sein Gesicht. �Ich will euch sogar ein kleines Geheimnis verraten. Dieses Band werde ich pers�nlich �berbringen, und dann mache ich ihr einen Heiratsantrag. Ich glaube, sie mag mich wirklich gern, und ich wette, da� sie einwilligen wird, mich zu heiraten, wenn sie den Film sieht. Glaubt ihr nicht auch?�</p><p>�Klar�, sagte Freds. �Warum nicht?� Er dachte dar�ber nach. �Und wenn nicht in diesem Leben, dann im n�chsten.�</p><p>Arnold betrachtete ihn mit einem seltsamen Blick. �Ich werde ihr den Antrag auf meiner n�chsten Reise machen, die mich wohl nach China und Tibet f�hren wird, wie es jetzt aussieht. Wi�t ihr, da� die Chinesen die tibetanischen Religionen in letzter Zeit wieder etwas lockerer handhaben? Der Portier im Guest House hat mir ein Telegramm gegeben, als ich ging�� mein Agent hat mir gekabelt, da� sich die Beh�rden in Lhasa entschlossen haben, eine ganze Reihe der buddhistischen Kl�ster wieder aufzubauen, die sie w�hrend der Kulturrevolution abgerissen haben, und es sieht so aus, als bek�me ich die Erlaubnis, den Neuaufbau zu filmen. Das ist doch ein toller Stoff f�r eine herzzerrei�ende Schnulze, und ich wette, Marion w�rde sie liebend gern sehen, meint ihr nicht auch?�</p><p>Freds und ich grinsten uns an. �Ich w�rde sie auch gern sehen�, erkl�rte Freds. �Ein Prosit auf die Kl�ster, und auf ein freies Tibet!�</p><p>Wir sprachen einen Toast aus und bestellten eine neue Flasche. Arnold wedelte mit der Zigarre. �Aber diese Mallory-Sache ist das reinste Dynamit. Das wird ein verteufelt guter Film werden.�</p></section><section><title><p>21</p></title><p>Deshalb kann ich Ihnen auch davon erz�hlen�� die Geheimniskr�merei ist absolut �berfl�ssig, sobald erst Arnolds Film l�uft: �Neun gegen den Everest: Sieben M�nner, eine Frau und eine Leiche.� Sowohl die PBS als auch die BBC haben ihn gekauft, und er m��te jetzt jeden Tag gesendet werden. Achten Sie doch mal in Ihrer Fernsehzeitschrift darauf.</p></section></body><binary id="cover" 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