<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Boris</first-name><last-name>Akunin</last-name></author><book-title>Pelagia und die weissen Hunde</book-title><annotation><p>Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzst�dtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein f�r ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist au�ergew�hnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der �rtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungew�hnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist au�er sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine wei�e Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorg�ngen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens f�llt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbeh�rde. Dieser hat einen anderen Fall aufzukl�ren � den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der N�he aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesf�llen eine geheime Verbindung gibt. . .</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>ru</src-lang><translator><first-name>Renate</first-name><last-name>Reschke</last-name></translator><translator><first-name>Thomas</first-name><last-name>Reschke</last-name></translator><sequence name="Schwester Pelagia" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2017-11-30">30.11.2017</date><id>7fbefefd-c7d6-434d-8ef3-c913de7e8468</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><book-name>Wilhelm Goldmann Verlag</book-name><city>M�nchen</city><year>2003</year></publish-info></description><body><section><title><p>Pelagia und die weissen Hunde</p></title><section><p><image l:href="#cover"/></p></section><section><title><p>ERSTER TEIL</p><p>H�tet euch vor den Hunden</p></title><section><title><p>Saguljais Tod</p></title><p>Ich muss euch aber sagen, dass unsere Stadt um den sechsten August, zur Apfelweihe, wenn der Himmel sich vom Sommer zum Herbst hin�berneigt, gew�hnlich einem wahren Ansturm von Zikaden ausgesetzt ist, so dass man nachts nicht schlafen kann, und wenn man noch so m�de ist � so laut schallt das Gezirpe von allen Seiten, die Sterne sinken tief herab, und der Mond h�ngt ohnehin so dicht �ber den Glockent�rmen, dass er �hnlichkeit gewinnt mit unserem ber�hmten Sauerrahmapfel, den die Kaufleutei der Stadt auch an den Zarenhof liefern und sogar auf europ�ischen Ausstellungen zeigen. H�tte jemand aus der Himmelssph�ren, von wo die n�chtlichen Gestirne herab strahlten, einen Blick auf die Stadt Sawolshsk werfen k�nnen, so w�rde sich ihm wohl das Bild eines Zauberreichs geboten haben: der tr�ge glitzernde Fluss, die blinkenden D�cher, das Flimmern der Gaslaternen, und �ber all dem vielgestaltigen Lichterspiel schwebt der silberne Klang des Zikadenchors.</p><p>Aber nun zu Bischof Mitrofani. Die Natur wurde soeben nur erw�hnt, um zu erkl�ren, warum es in solch einer Nacht nicht leicht war einzuschlafen, selbst f�r einen gew�hnlichen Menschen, dem weniger Sorgen aufgeb�rdet waren als dem Bischof. Nicht umsonst behaupteten �belwoller, die jeder hat, den w�rdigen Seelenhirten nicht ausgenommen, dass nicht der Gouverneur Anton Antonowitsch von Gaggenau, sondern der Bischof der wahre Regent unserer ausgedehnten Region sei.</p><p>Nun ja, ausgedehnt ist sie, aber nicht eben dicht bev�lkert. Die einzige richtige Stadt ist wohl Sawolshsk, und die �brigen, auch die Kreisst�dte, pr�sentieren sich als ausladende Kirchd�rfer mit einem H�uflein steinerner Amtsgeb�ude rund um den einzigen Platz, einer kleinen Kathedrale und hundert bis zweihundert Blockh�usern mit Blechd�chern, die aus irgendwelchen Gr�nden bei uns von alters her gr�n gestrichen sind.</p><p>Aber auch die Gouvernementhauptstadt ist nicht gerade ein Babylon � in der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, hatte sie dreiundzwanzigtausendf�nfhundertelf B�rger beiderlei Geschlechts. Allerdings w�rde die Einwohnerschaft in der Woche nach Christi Verkl�rung, falls bis dahin niemand verschied, um zwei weitere Seelen anwachsen, denn die Ehefrau des Leiters der Gouvernementkanzlei Stops sowie die Kleinb�rgerin Safulina waren in anderen Umst�nden, die Letztere nach einhelliger Meinung sogar schon �ber die Zeit.</p><p>Die Gepflogenheit, die Bev�lkerung genau zu registrieren, war erst vor kurzem von der jetzigen Macht eingef�hrt worden, und das auch nur in den St�dten. Wie viele Leutchen in den W�ldern und S�mpfen hausten, mochte Gott allein wissen, wer sollte die schon z�hlen. Vom Fluss bis zum Uralgebirge zog sich �ber Hunderte Werst undurchdringliche Wildnis hin. Darin gab es Einsiedeleien von Altgl�ubigen sowie Salzsiedereien, und an den Ufern der tiefen dunklen Fl�sse, die zumeist namenlos waren, lebte der Stamm der Syten, ein friedliches und folgsames Volk ugrischer Abstammung.</p><p>Die einzige Erw�hnung der schon uralten Existenz unseres unbedeutenden Gebiets steht in dem �Nishni Nowgoroder Lesebuch�, einer Chronik aus dem f�nfzehnten Jahrhundert. Dort ist die Rede von einem Mann aus Nowgorod namens Ropscha, welchen in den hiesigen W�ldern �wilde kahlb�uchige Heiden weggefangen� und ihm als Opfergabe f�r ihren steinernen G�tzen Schischiga den Kopf abgetrennt hatten, woraufhin, wie der Chronist zu erl�utern f�r n�tig h�lt, �selbiger Ropscha verstorben und verdorben und ohne Haupt beerdigt worden�.</p><p>Aber das war in fernen, mythischen Zeiten. Gegenw�rtig ist es bei uns sch�n und still, an den Landstra�en wird niemand ausgeraubt, auch nicht totgeschlagen, und selbst die W�lfe in den hiesigen W�ldern sind wegen des �berflusses an Getier sichtbarlich dicker und tr�ger als in den anderen Gouvernements. Uns geht es gut, Gott gebe das allen. Und was das Murren der �belwoller betrifft, so wollen wir die Frage, wer der wahre Regent der Region Sawolshsk sei, der Bischof Mitrofani, der Gouverneur Anton von Gaggenau, die �beraus klugen Berater des Gouverneurs oder gar seine Gattin Ljudmila Platonowna, lieber unbeantwortet lassen, da sie uns nichts angeht. Wir sagen nur, dass der Bischof in Sawolshsk erheblich mehr Verehrer und Verb�ndete hat als Feinde.</p><p>Im �brigen haben diese Letzteren in j�ngster Zeit im Zusammenhang mit gewissen Ereignissen Mut gefasst und das Haupt erhoben, was Mitrofani zusamt dem irrsinnigen Zikadengezirpe weitere Gr�nde f�r die Schlaflosigkeit lieferte. Und so furchte er die hohe Stirn in drei L�ngsfalten, so runzelte er die dichten schwarzen Augenbrauen.</p><p>Gut sah er aus, der Sawolshsker Bischof, sein Gesicht war nicht nur ebenm��ig, sondern richtig sch�n, wie es nicht einem Seelenhirten anstand, sondern eher einem altrussischen F�rsten oder einem byzantinischen Heerf�hrer. Er hatte langes graues Haar, sein ebenfalls langer seidiger Vollbart war noch zur H�lfte schwarz, und sein Schnurrbart hatte kein einziges silbriges Haar. Sein Blick war scharf, zumeist sanft und klar, aber umso f�rchterlicher, wenn er sich vor Zorn tr�bte oder Blitze schleuderte. In solchen b�sen Momenten waren die strengen Falten l�ngs der Backenknochen und die Kr�mmung der gro�en, rassigen Adlernase deutlicher ausgepr�gt. Der Bischof hatte eine voll t�nende Bassstimme, die f�r ein herzliches Gespr�ch ebenso taugte wie f�r eine flammende Predigt und f�r eine Staatsm�nnische Rede auf der Versammlung des Heiligen Synod.</p><p>In jungen Jahren hatte Mitrofani eine asketische Lebensweise gepflegt. Er hatte einen h�renen Priesterrock getragen, sein Fleisch durch unabl�ssiges Fasten abget�tet und soll sogar unterm Hemd eiserne Ketten geschleppt haben, aber von derart rauen Eigenarten hatte er sich l�ngst abgewandt, denn er erachtete sie als eitel, unwesentlich und gar sch�dlich f�r die wahre Gottesliebe. Indes er in die Jahre kam und Weisheit gewann, fand er zu Nachsicht gegen�ber seinem Fleisch und dem anderer, und in seiner Alltagsgewandung bevorzugte er nun Leibr�cke aus d�nnem Tuch von dunkelblauer oder schwarzer Farbe. Gelegentlich, wenn die bisch�fliche Autorit�t es erforderte, h�llte er sich in eine lila Soutane aus kostbarstem Samt und lie� die Paradekutsche mit sechs Pferden bespannen, und auf dem hinteren Wagentritt mussten zwei stattliche b�rtige Diener stehen, in betressten gr�nen Kutten, die wie Livreen aussahen.</p><p>Es fanden sich nat�rlich auch welche, die den Bischof insgeheim wegen seiner sybaritischen Neigungen und seiner Vorliebe f�r Prunk r�gten, aber selbst sie verurteilten ihn nicht zu streng, eingedenk seiner hohen Abstammung, denn Mitrofani war von klein auf an Luxus gew�hnt und ma� ihm daher keine gro�e Bedeutung bei � er geruhte nicht, ihn wahrzunehmen, wie sein Schriftf�hrer, Vater Serafim Usserdow, es ausdr�ckte.</p><p>Geboren war der Bischof von Sawolshsk in einer angesehenen H�flingsfamilie, er absolvierte das Pagenkorps und kam von dort zur Gardekavallerie (das war noch unter der Herrschaft von Zar Nikolaus Pawlowitsch). Er f�hrte das f�r die jungen Leute seiner Kreise �bliche Leben, und wenn er sich durch irgendetwas von seinen Altersgenossen unterschied, so allenfalls durch einen gewissen Hang zum Philosophieren, was �brigens bei gebildeten und feinsinnigen J�nglingen nicht gar so selten ist. Im Regiment galt der �Philosoph� als guter Kamerad und ordentlicher Kavallerist, die Vorgesetzten liebten und f�rderten ihn, und mit drei�ig w�re er wom�glich schon zum Oberst aufger�ckt, doch da begann der Krimkrieg. Gott wei�, was f�r Erleuchtungen dem sp�teren Sawolshsker Bischof in seiner ersten Kampfhandlung, einem Reiterscharm�tzel bei Balaklawa, kamen, doch nachdem er von der S�belwunde genesen war, mochte er keine Waffe mehr in die Hand nehmen. Er quittierte den Dienst, nahm Abschied von seinen Angeh�rigen und war alsbald auf Probezeit in einem weit abgelegenen Kloster. Doch auch jetzt noch, besonders wenn Mitrofani anl�sslich eines der zw�lf Hauptfeiertage in der Kirche eine Messe las oder wenn er einer Konsistorialversammlung pr�sidierte, war gut vorstellbar, wie er seinen Ulanen schallend zurief: �Schwadron, S�bel frei! Marsch, marsch!�</p><p>Ein au�ergew�hnlicher Mensch bew�hrt sich auf jedem T�tigkeitsfeld, und Mitrofani verblieb nicht lange in der Anonymit�t des weit abgelegenen Klosters. War er fr�her der j�ngste Schwadronskommandeur einer leichten Kavalleriebrigade gewesen, so war er jetzt der j�ngste orthodoxe Bischof. Er wurde zuerst als Vikar, dann als Oberpriester des Gouvernements zu uns nach Sawolshsk geschickt, und er legte so viel Weisheit und Eifer an den Tag, dass er alsbald auf einen hohen Kirchenposten in die Hauptstadt berufen wurde. Viele sagten ihm f�r die nahe Zukunft schon die hohe wei�e Metropolitenkappe voraus, doch er verbl�ffte alle, indem er wieder von der glatt gefahrenen Stra�e abbog, um R�ckkehr in unsere Ein�de bat und nach langen �berredungsversuchen, zur Freude der Sawolshsker, in Frieden entlassen wurde, um nie wieder diesen bescheidenen Bischofssessel fern der Hauptstadt zu verlassen.</p><p>Aber was hei�t schon fern. Es ist ja altbekannt: je ferner der Hauptstadt, desto n�her zu Gott. Und die Hauptstadt, die hoch sitzt und weit sieht, sie reicht auch tausend Werst weit, wenn ihr solch ein Einfall in den Sinn kommt.</p><p>Und solch ein Einfall war schuld, dass der Bischof diese Nacht nicht schlief, sondern missvergn�gt dem zuwideren Crescendo der Zikaden lauschte. Die hauptst�dtische Phantasie hatte ein Gesicht und einen Namen: Synodalinspektor Bubenzow. Und Mitrofani, indes er erwog, wie diesem r�nkes�chtigen Herrn beizukommen sei, w�lzte sich auf dem weichen Bett aus Entendaunen zum hundertsten Mal von einer Seite auf die andere, �chzend, seufzend, auch st�hnend.</p><p>Die altert�mliche Lagerstatt im bisch�flichen Schlafgemach stammte noch aus Elisabeths Zeiten: Vier S�ulen trugen einen Baldachin in Form des Sternenhimmels. In der erw�hnten Zeit seiner Askese hatte Mitrofani auch auf Stroh und kahlen Brettern vorz�glich geschlafen, bis er zu dem Schluss gelangte, dass die Abt�tung des Fleisches dumm und sinnlos sei, nicht dazu habe es der HERR nach SEINEM Bilde geschaffen, auch zieme es dem Bischof nicht, den ihm untergebenen Klerikern selbstqu�lerische Strenge aufzuzwingen, nach der die Seele das Bed�rfnis nicht habe und zu der die Kirchenordnung nicht verpflichte. In seinen reifen Jahren neigte Mitrofani immer mehr zu der Ansicht, dass die wirklichen Pr�fungen dem Menschen nicht im physiologischen, sondern im geistigen Bereich auferlegt w�rden und dass die Kasteiung des K�rpers keineswegs immer die Rettung der Seele nach sich ziehe. Darum waren die bisch�flichen Gem�cher nicht schlechter ausgestattet als das Haus des Gouverneurs, die Tafel irrt Speisezimmer war unvergleichlich erlesener, und der Apfelgarten war der sch�nste in der ganzen Stadt, mit Lauben, Rotunden und sogar einem Springbrunnen. Friedlich war es da, schattig, inspirierend, und wenn auch die �belwoller tuschelten � lass sie reden, sie reden �ber jeden.</p><p>Mit dem t�ckischen Sp�rhund Bubenzow m�sste man es so machen, �berlegte der Bischof. Als Erstes nach Petersburg schreiben, an Konstantin Petrowitsch, und ihm die Machenschaften seines bevollm�chtigten Nuntius schildern, auch ihm ausmalen, welche Sch�den der Kirche dadurch drohten. Der Oberprokuror war ein kluger Mann, vielleicht schenkte er dem Geh�r. Aber ein Schreiben allein gen�gte nicht, man musste die Gouverneursgattin Ljudmila Platonowna zu einem Gespr�ch bitten, um ihr ins Gewissen zu reden. Sie war eine gutherzige, redliche Frau und w�rde sich gewiss besinnen.</p><p>So k�me alles ins Lot. Ganz einfach.</p><p>Aber auch nachdem ihm leichter ums Herz geworden war, floh ihn der Schlaf weiterhin, und das lag nicht am Vollmond und nicht an den Zikaden.</p><p>Da Mitrofani seine Natur kannte und ihren Mechanismus bis ins Letzte zu ergr�nden gewohnt war, sann er nun dar�ber nach, was f�r ein Wurm an ihm nagte und den Verstand hinderte, sich in die Wolke des Schlafs zu h�llen. Woran lag das?</p><p>War es etwa das k�rzliche Gespr�ch mit der wunderlichen Novizin von adligem Stand, der er die Einkleidung als Nonne verweigert hatte? Er hatte nicht drum herumgeredet, sondern ihr ins Gesicht gesagt: �Was Sie brauchen, meine Tochter, ist nicht der S��e Himmelsbr�utigam, machen Sie sich nichts vor. Sie brauchen einen ganz gew�hnlichen Br�utigam, einen Beamten oder besser einen Offizier. Mit Schnurrbart.� Das h�tte er nat�rlich nicht sagen sollen. Die Folge waren Hysterie und zerm�rbend lange Widerworte. Na gut, das war eine Lappalie. Was gab es noch?</p><p>Er musste einen unangenehmen Entschluss fassen, der den Vater Wirtschafter des Epiphanienklosters betraf. Der Misset�ter war wegen Trunkenheit und wegen unz�chtiger Besuche bei Frauen liederlichen Wandels zur Entlassung aus dem Kloster und zur R�ckstufung in den urspr�nglichen Rang verurteilt worden. Jetzt war noch der Schreibkram zu erledigen � Briefe an Seine Eminenz den Metropoliten und an den Synod. Aber das war Routine und nicht der Grund f�r die innere Unruhe.</p><p>Mitrofani dachte weiter nach, spielte wie in der Kindheit �hei߫ und �kalt� und erkannte pl�tzlich: Der Brief von seiner Tante, der Generalswitwe Tatistschewa, das war die wunde Stelle. Er wunderte sich, aber das Herz best�tigte sogleich � �hei߫, das war es. Eine Dummheit, so schien es, aber in der Seele war ein Ziehen. Ob er ihn noch einmal las?</p><p>Er setzte sich auf, z�ndete die Kerze an, klemmte den Kneifer auf die Nase. Wo war er, der Brief? Da, auf dem Tischchen.</p><p>�Mein lieber Mischenka�, schrieb die alte Marja Tatistschewa, die ihren Neffen nach alter Gewohnheit bei seinem l�ngst vergessenen weltlichen Vornamen nannte, �bist du gesund? Hat dich die verfluchte Gicht losgelassen? Legst du auch immer Kohlbl�tter auf, wie ich dich gehei�en? Mein Apollon Nikolajewitsch selig hat immer gesagt, dass . . .� Es folgte eine ausschweifende Beschreibung der Wunder wirkenden Eigenschaften des Gem�sekohls; der Bischof �berflog ungeduldig die gleichm��igen Zeilen. Seine Augen stie�en auf einen unangenehmen Namen. �Wladimir Lwowitsch Bubenzow hat mich wieder besucht. Was wird nicht alles �ber ihn zusammengelogen: Er w�re ein Gauner oder gar ein Verbrecher. Dabei ist er ein pr�chtiger junger Mann, und er gef�llt mir. Geradezu, ohne D�nkel, und versteht etwas von Hunden. Hast du gewusst, dass er durch die Strjochnins mit mir verwandt ist? Meine Oma Adelaida Sekandrowna war in zweiter Ehe . . .� Nein, das war�s nicht, weiter.</p><p>Aha, da: �Aber all das hat mit der Sache nichts zu tun, und ich schreibe es nur, weil ich aus Herzensschw�che z�gere, zum Wichtigsten zu kommen. Sowie ich dazu ansetze, flie�en die Tr�nen in zwei B�chlein, meine Hand zittert, und mir wird kalt in der Brust. Mischenka, ich schreibe dir nicht von ungef�hr. Ich habe gro�en Kummer, und nur du wirst mich verstehen, die anderen werden h�chstens ein Gel�chter anstimmen und sagen, jetzt hat die dumme alte Gans vollends den Verstand verloren. Ich wollte schon selber zu dir kommen, aber die Kraft reicht nicht, obwohl es ja gar nicht weit ist. Ich liege darnieder und weine, weine. Du wei�t, wie viele Jahre, wie viel Kraft und wie viel Mittel ich aufgewendet habe, um das Werk zu Ende zu f�hren, dem Apollon Nikolajewitsch sein Leben geweiht hatte.� (Hier sch�ttelte der Bischof den Kopf, denn zu dem Werk, dem sein Onkel sein Leben geweiht hatte, verhielt er sich skeptisch.) �So erfahre denn, mein Freund, was f�r eine Missetat sich auf meinem Gut Drosdowka zugetragen hat. Irgendein Widersacher, einer von meinen Leuten wohl, hat Saguljai und Sakidai Gift ins Futter gestreut. Sakidai ist j�nger, den habe ich mit Brechweinstein kuriert, aber Saguljai ist gestorben. Die ganze Nacht hat er gelitten, sich hin und her geworfen, hat Tr�nen geweint wie ein Mensch und mich kl�glich angeguckt, als ob er sagen wollte: Rette mich, M�tterchen, du bist meine ganze Hoffnung. Ich konnte ihn nicht retten. Gegen Morgen hat er j�mmerlich aufgeschrien, ist auf die Seite gesunken und hat den Geist aufgegeben. Ich habe das Bewusstsein verloren und habe drei Stunden gelegen, dann kam der Doktor aus der Stadt. Jetzt liege ich im Bett und bin ganz schwach vor Angst. Denn das ist eine Verschw�rung, Mischenka, eine b�sartige Verschw�rung. Jemand will meine Tierchen umbringen und damit auch mich alte Frau. Bei Gott dem Allerhalter flehe ich dich an, komm her. Nicht um mir als Seelenhirt Trost zu spenden, das brauche ich nicht, sondern zum Ermitteln. Alle sagen, du hast die Gabe, jeden �belt�ter zu durchschauen und jede verbrecherische Intrige aufzukl�ren. Gibt es eine schlimmere Untat als diese? Komm her und rette mich, und ich werde ewig deine Anbeterin sein und in meinem Testament ein reiches Verm�chtnis aussetzen, f�r eine Kirche oder ein Kloster oder auch f�r die Waisenkinder.� Am Schluss des Briefes wechselte die Tante vom verwandtschaftlichen Ton ins Respektvolle, Offizielle: �Mich Ihrer v�terlichen Aufmerksamkeit und Ihren bisch�flichen Gebeten empfehlend und Ihren Segen erflehend, verbleibe ich Eurer Bisch�flichen Gnaden ergebene Magd Marja Tatistschewa.�</p><p>An dieser Stelle scheint eine Erkl�rung zu der Gabe angebracht, von der die Generalswitwe schreibt und die einer geistlichen Person im Bischofsrang nicht so recht zu Gesicht steht. Nichtsdestoweniger besa� Mitrofani neben erhabenen Vorz�gen auch das selten anzutreffende wertvolle Talent, komplizierte R�tsel zu entwirren, namentlich solche mit verbrecherischem Hintergrund. Man kann sogar sagen, er hatte eine richtige Leidenschaft f�r solche Akrobatik des Verstandes, und es war mehrmals vorgekommen, dass Polizeibeh�rden, sogar aus den angrenzenden Gouvernements, bei einer verwickelten Untersuchung respektvoll seinen Rat einholten. Auf diesen seinen Ruhm war der Bischof von Sawolshsk insgeheim sehr stolz, wenngleich nicht ohne Gewissensbisse � erstens weil dieser Stolz zweifellos zur Kategorie der eitlen Ruhmsucht z�hlte, und zweitens aus noch einem Grund, den nur er selbst kannte und noch eine Person, darum verschweigen wir ihn.</p><p>Die Bitte der Tante, zu ihr aufs Gut zu eilen, um die Umst�nde des Todes von Saguljai aufzukl�ren, hatte den Bischof am Abend, beim ersten Lesen des Briefes, belustigt. Auch jetzt, beim nochmaligen Lesen, dachte er: Mumpitz, die Grillen einer alten Frau. Sie wird ein paar Tage liegen bleiben und wieder aufstehen.</p><p>Er l�schte die Kerze und legte sich hin, aber ihm war nicht wohl ums Herz. Er versuchte, f�r die Genesung der Tante zu beten, denn bekanntlich gelangt ein Gebet bei Nacht leichter zu Gott. Auch der heilige Slatoust (Slatoust � altrussische Sammlung von Texten moralisch-belehrenden Inhalts, haupts�chlich von Werken des Ioann Slatoust (347-407). D.�.) schreibt ja, dass Gott der Herr gn�diglich n�chtliche Gebete erh�rt, �wenn du weinst, derweil die meisten Menschen schlummern�.</p><p>Aber sein Gebet kam nicht von Herzen, es war wie Papageiengeschw�tz, und solche Gebete galten ihm nichts. Er auferlegte auch niemandem Gebete als Bu�e, das hielt er f�r L�sterung. Ein Gebet ist kein Gebet, wenn es nur aus dem Munde geht, ohne das Herz zu ber�hren.</p><p>Na sch�n, soll Pelagia hingehen, beschloss Mitrofani. Soll sie herausfinden, was da mit dem verw�nschten Saguljai geschehen ist.</p><p>Sogleich wurde ihm leichter ums Herz, die Zikaden qu�lten ihn nicht mehr mit ihrem vielstimmigen Ges�ge, sondern lullten ihn ein, und der Mond stach nicht mehr in die Augen, sondern wusch das Gesicht wie mit warmer Milch. Mitrofani schloss die Lider, die Stirn gl�ttete sich. Er schlief ein.</p><p>Am Morgen wurden in der Hauskirche anl�sslich des Festes der Verkl�rung Christi, das auch Apfelweihe genannt wird, die Fr�chte gesegnet. Dieses Kirchenfest, nicht das gr��te der zw�lf, liebte Mitrofani f�r seine Frische und gottgef�llige Leichtigkeit. Er selbst hielt keinen Gottesdienst ab, sondern stand hinten auf dem bisch�flichen Podest, von wo er einen besseren Blick hatte auf die mit �pfeln geschm�ckte Kirche, auf die zahlreichen Kirchenbesucher und auf die Priester und die Diakone in ihrem �Apfelornat� � hellblau mit Gold, bestickt mit Fr�chte-und Laubmotiven. Die S�nger des ber�hmten bisch�flichen Chors gingen von zwei Seiten aufeinander zu und schmetterten ihren Gesang, und zwar so, dass der schwere Kristalll�ster unter dem wei�en Gew�lbe mit seinen bunt schillernden Anh�ngern klingelnd erbebte. Vater Amfiteatrow begann die �pfel zu weihen: �Herr unser Gott, du erlaubst denen, so an dich glauben, deine Sch�pfungen zu nutzen, so segne denn die hier liegenden Fr�chte mit deinem Wort. . .�</p><p>Der Gottesdienst zum Apfelfest dauert nicht lange und stimmt freudig. Die Kirche duftet frisch und fruchtig, denn alle haben K�rbe mitgebracht, um die �pfel besprengen zu lassen. Neben Mitrofani stand auf einem Tischchen eine Silberschale mir gro�en roten Ananas�pfeln aus dem Garten des Bischofs � saftig, s��, aromatisch. Und es war eine besondere Auszeichnung und ein Zeichen der Gewogenheit, einen solchen Apfel von ihm geschenkt zu bekommen.</p><p>Mitrofani schickte einen Klosterdiener zum linkem Chor, wo sittsam in einer Reihe die Nonnen standen, denen auferlegt worden war, in der bisch�flichen M�dchenschule zu unterrichten. Der Abgesandte fl�sterte der Vorsteherin, der langen hageren Schwester Christina, ins Ohr, der Bischof wolle den Nonnen �pfel schenken, worauf sie sich umdrehte und sich dankbar verneigte. Zu ihrer Rechten (von hinten nicht gleich zu erkennen) stand Schwester Emilia, die Arithmetik, Geographie und weitere Wissenschaften unterrichtete. Die n�chste war die h�ftlahme Schwester Olimpiada, zust�ndig f�r Religion. Dann folgten zwei gleich aussehende krummr�ckige Schwestern, Amwrossia und Apollinaria, die niemand auseinander halten konnte; die eine lehrte Grammatik und Geschichte, die andere Handarbeiten. Die letzte in der Reihe, schon an der Wand, war die kleine, zierliche Schwester Pelagia (Literatur und Gymnastik). Diese nun war mit niemandem verwechselbar: Ihr Schleier war ein wenig verrutscht, eine r�tliche Haarstr�hne schaute heraus, f�r eine Nonne sch�ndlich und unzul�ssig, und schimmerte in einem Sonnenstrahl wie Bronze.</p><p>Mitrofani seufzte und fragte sich wieder einmal, ob er sich nicht geirrt hatte, als er Pelagia seinerzeit zur Nonnenweihe seinen Segen erteilt hatte. Er hatte gar nicht anders gekonnt, denn das M�dchen war hindurchgegangen durch gro�es Leid und schwere Pr�fungen, denen nicht jede Seele standgehalten h�tte, aber gar zu wenig nonnenhaft war ihr Benehmen: �berm��ig lebhaft, quirlig, neugierig und nicht eben sittsam in ihren Bewegungen. Du alter Esel bist doch genauso, schalt sich der Bischof und seufzte wieder, noch betr�bter.</p><p>Als die Nonnen sich aufstellten, um vom Bischof je einen Apfel zu empfangen, machte er feine Unterschiede: Der einen reichte er die Hand zum Kusse, der anderen strich er sacht �ber den Kopf, der dritten l�chelte er einfach zu, doch mit der letzten, Pelagia, kam es zu einem Zwischenfall. Ungeschickt, wie sie war, trat sie dem Bischof auf den Fu�, prallte mit einer Entschuldigung zur�ck, warf dabei die Hand hoch und stie� mit dem Ellbogen gegen die Silberschale. Es polterte, die Schale klirrte gegen den Steinfu�boden, die roten �pfel kullerten erfreut nach allen Seiten, und die Bengels aus der geistlichen Schule, denen gar nichts zustand, weil sie Frechdachse und Wildf�nge waren, schnappten sich die Ananas�pfel und lie�en nichts �brig f�r die W�rdigen, Verdienten, die hinter Pelagia warteten, dass sie an die Reihe k�men. So ging das immer mit ihr, sie war keine Nonne, sondern ein sommersprossiges Missverst�ndnis.</p><p>Mitrofani m�mmelte, verzichtete aber auf einen Verweis, denn es war im Gotteshaus und an einem Kirchenfest.</p><p>Er sagte nur, indes er sie segnete:</p><p>�Bedeck die Str�hne, das geh�rt sich nicht. Und komm in die Bibliothek, ich will mit dir sprechen.�</p><p>�Ein Esel bildete sich ein, er w�re ein Traber � er bl�hte die N�stern und schlug mit dem Huf die Erde.� (So begann der Bischof das Gespr�ch.) ��Ich �berhole alle!�, schrie er. �Ich bin der Schnellste, der Feurigste!� Und er schrie es so �berzeugend, dass alle ringsum ihm glaubten und sprachen: �Unser Esel ist gar kein Esel, sondern ein Argamak, ein reinbl�tiger Traber. Wir m�ssen ihn zum Rennen schicken, damit er alle Preise gewinnt.� Fortan hatte der Esel kein Leben mehr, denn kaum gab es irgendwo ein Rennen, bekam er sogleich den Z�gel um und musste laufen. �Los, Langohr, lasse uns nicht im Stich!� So ein Leben hatte der Esel.�</p><p>Die Nonne, an die Gleichnisse des Bischofs l�ngst gewohnt, h�rte konzentriert zu. Sie war beim ersten Hinsehen einfach ein junges M�dchen mit einem reinen, h�bschen ovalen Gesicht, das f�r sie einnahm und gar ein bisschen naiv wirkte, doch dieser Eindruck t�uschte, er entstand durch ihre Stupsnase und die erstaunt gehobenen Augenbrauen, doch die runden braunen Augen hinter den ebenso runden Brillengl�sern blickten pr�fend, und es war ihnen anzusehen, dass die junge Frau einiges erlebt und erlitten und �ber das Durchlebte nachgesonnen hatte. Die jugendliche Frische kam von ihrer wei�en Haut, wie Rothaarige sie haben, und von dem unausrottbaren r�tlichen] Gesprenkel ihrer Sommersprossen. i</p><p>�Also, Pelagia, was will dieses Gleichnis besagen?�</p><p>Die Nonne �berlegte. Sie lie� sich Zeit mit der Antwort. Ihre kleinen wei�en H�nde griffen unwillk�rlich nach dem Leinenbeutel, der an ihrem G�rtel hing. Der Bischof wusste, dass sie mit dem Strickzeug in der Hand leichter nachdenken konnte, und sagte:</p><p>�Du darfst gerne stricken.�</p><p>Die spitzen Stahlnadeln klapperten flink drauflos, und Mitrofani verzog das Gesicht, als er daran dachte, welch scheu�liche Werke diese scheinbar geschickten Finger hervorbrachten. Zum Heiligen Osterfest hatte die Schwester ihm einen wei�en Schal �berreicht, auf dem die Buchstaben CE (Christ ist erstanden) so schief eingestickt waren, als h�tten sie das Ende der Fasten schon t�chtig gefeiert.</p><p>�F�r wen wird das?�, fragte er argw�hnisch.</p><p>�F�r Schwester Emilia. Ein G�rtel. Darauf sticke ich ein Muster aus Sch�deln und Knochen.�</p><p>�Ach so�, sagte er beruhigt. �Also, was bedeutet das Gleichnis?�</p><p>�Ich denke so.� Pelagia seufzte. �Es gilt mir armer S�nderin. Mit dieser Allegorie wollt Ihr sagen, Vater, dass aus mir solch eine Nonne wird wie aus dem Esel ein Rennpferd. Und dieses unbarmherzige Urteil sprecht Ihr �ber mich, weil ich in der Kirche die �pfel runtergeworfen habe.�</p><p>�Hast du sie mit Absicht runtergeworfen? Um in der Kirche Unruhe zu stiften? Gestehe.� Mitrofani sah ihr in die Augen, sch�mte sich aber, als er darin den sanften Vorwurf las. �Schon gut, ich mein�s nicht so. Aber mein Gleichnis gilt nicht dir, du hast es nicht erkannt. Wie sind wir Menschen blo� eingerichtet, dass wir jedes Ereignis und jedes gesagte Wort erst mal auf uns selbst beziehen? Das ist Hoffart, meine Tochter. So bedeutsam bist du nicht, dass ich auf dich ein Gleichnis ersinne.�</p><p>Mit pl�tzlichem Verdruss stand er auf, verschr�nkte die H�nde auf dem R�cken und ging auf und ab in der Bibliothek, die es verdient, ihr einige Aufmerksamkeit zu schenken.</p><p>Die bisch�fliche Bibliothek befand sich in idealer Ordnung, sie wurde geleitet von dem �beraus flei�igen Sekret�r Usserdow. In der Mitte der l�ngsten Wand, die keine Fenster und T�ren hatte, stand ein Schrank mit Arbeiten zur Theologie und Patristik, darin wurden Schriften in Kirchenslawisch, Latein, Griechisch und Althebr�isch aufbewahrt. Links davon waren die Schr�nke der Hagiographie mit den Viten der Heiligen, und zwar sowohl der orthodoxen als auch der r�misch-katholischen; rechts Arbeiten zur Kirchengeschichte, Liturgik und Kanonik. Einen besonderen Platz nahm ein ger�umiger Schrank mit] Traktaten zur Asketik ein, eine Reminiszenz an die fr�here Neigung des Bischofs. Dieser Schrank enthielt auch h�chst kostbare Rarit�ten wie die Erstausgaben der �Seelenburg� der �Theresia von Avila� und der �Zierde der geistlichen Hochzeit� des Jan van Ruysbroeck des Verz�ckten. Auf einem langen Tisch quer durch den ganzen Raum stapelten sich gebundene Jahrg�nge von russischen und ausl�ndischen Zeitungen und Zeitschriften, und den Ehrenplatz nahmen die �Sawolshsker Episkopatsnachrichten� ein, eine Gouvernementszeitung, die der Bischof pers�nlich redigierte.</p><p>Die nichtreligi�se Literatur der verschiedensten Richtungen, von Mathematik und Numismatik bis zu Botanik und Mechanik, stand in festen Eichenregalen, welche diel drei �brigen W�nde des Bibliotheksraums f�llten. Das Einzige, was zu lesen der Bischof vermied, weil er es f�r nutzlos hielt, war die Belletristik. Der himmlische Sch�pfer habe hienieden hinl�nglich Wunder, R�tsel und einzigartige Geschichten ersonnen, pflegte der Bischof zu sagen, und so stehe es einem Sterblichen nicht an, sich eigene Welten und Spielzeugmenschen auszudenken, denn gegen Gottes Erfindungen sei ohnehin alles �rmlich und langweilig. Schwester Pelagia freilich widersprach dem Bischof und berief sich darauf, dass Gott der Herr dem Menschen den Wunsch nach Sch�pfertum in die Seele gesenkt habe, und ER wisse am besten, ob das Schreiben von Romanen sinnvoll und n�tzlich sei. Allein, dieser theologische Disput hatte schon lange vor Mitrofani und seiner geistlichen Tochter begonnen, w�rde auch nicht bei ihnen enden.</p><p>Der Bischof blieb vor Pelagia stehen, die dem�tig darauf wartete, dass die nicht ganz begreifliche Gereiztheit ihres geistlichen Lehrers schw�nde, und fragte pl�tzlich:</p><p>�Warum gl�nzt deine Nase? Hast du wieder deine Sommersprossen mit L�wenzahnauszug bek�mpft? Ziemt es wohl einer Braut Christi, sich mit solchen Eitelkeiten abzugeben? Du bist doch eine kluge Frau. Der heilige Diadochos lehrt: �Eine die ihr Fleisch schm�ckt ist schuldig der K�rperliebe, welche ist ein Zeichen der Ungl�ubigkeit. ��</p><p>Aus dem scherzhaften Ton des Bischofs schloss Pelagia, dass das W�lkchen verflogen sei, und antwortete beherzt: �Euer Diadochos, Bisch�fliche Gnaden, ist ein bekannter Dunkelmann. Er will sogar verbieten, sich zu waschen. Wie hei�t es doch in einer seiner Schriften? �Dem Bade bleibe man fern um der Enthaltsamkeit willen, denn unser K�rper erschlafft wohlig in der Feuchte.��</p><p>Mitrofani zog die Brauen zusammen.</p><p>�Ich auferlege dir hundert Verneigungen bis zum Erdboden, damit du nicht wieder unehrerbietig �ber den alten M�rtyrer sprichst. Und mit dem Schm�cken des Fleisches hat er Recht.�</p><p>Pelagia, verlegen geworden, begann sich wortreich zu rechtfertigen: Sie bek�mpfe die Sommersprossen, Gott beh�te, nicht wegen der k�rperlichen Sch�nheit, sondern einzig aus Anstandsgr�nden � eine Nonne mit Sommersprossen auf der Nase, wie sehe denn das aus?</p><p>�Na, na.� Der Bischof sch�ttelte ungl�ubig den Kopf und zauderte noch immer, auf die Hauptsache zu kommen.</p><p>Der �bergang von Keckheit zu Demut und umgekehrt vollzog sich bei Schwester Pelagia stets blitzartig. So auch jetzt � mit funkelnden Augen fragte sie nun schon ganz k�hn:</p><p>�Euer Bisch�fliche Gnaden, Ihr habt mich doch wohl nicht wegen der Sommersprossen herbestellt?�</p><p>Und wieder konnte sich Mitrofani nicht entschlie�en, zur Sache zu kommen. Er r�usperte sich, ging wieder auf und ab. Fragte nach den M�dchen in der Schule. Ob sie flei�ig seien, ob sie gerne lernten, ob die Schwestern ihnen auch nichts �berfl�ssiges beibr�chten, was ihnen im Leben nicht helfe, sondern nur hinderlich sei.</p><p>�Man hat mir erz�hlt, dass du sie das Schwimmen lehren willst. Wozu? Du sollst am Fluss ein Badeh�uschen haben und mit ihnen im Wasser herumpl�tschern? Ist das wohl gut?�</p><p>�Das Schwimmen ist f�r sie notwendig, weil es erstens die Gesundheit kr�ftigt und die Glieder biegsam h�lt und weil es zweitens zum Ebenma� beitr�gt�, erwiderte die Schwester. �Sie kommen ja aus armen Familien und werden keine Mitgift erhalten. Wenn sie gro� sind, m�ssen sie einen Br�utigam finden . . . Aber, Vater, Ihr habt mich doch auch nicht wegen der Schule herbestellt. Wir haben doch schon vor drei Tagen �ber die Schule und das Schwimmen gesprochen.�</p><p>Pelagia geh�rte nicht zu denen, die sich lange an der Nase herumf�hren lassen, darum kam Mitrofani nun endlich auf das zu sprechen, was er sich letzte Nacht vor dem Ein schlafen ausgedacht hatte.</p><p>�Der Esel, von dem ich dir gesprochen habe, bin ich selbst. Deinen dringenden Bitten nachgebend, aber mehr noch meiner eigenen Eitelkeit, die sich f�r einen Seelenhirten �berhaupt nicht schickt, halte ich vor aller Welt geheim, dass die wahre Gr��e im Entr�tseln und Durchschauen von Verborgenem nicht ich alter Dummkopf bin, sondern du, die stille Nonne Pelagia. Von mir, wie von jenem ruhms�chtigen Esel, erwarten alle Wunder und neue Einsichten. Jetzt w�rde mir niemand mehr glauben, wenn ich erkl�rte, dass alles durch deinen Scharfblick aufgekl�rt wurde und ich es dir als Kirchenbu�e auferlegt habe.�</p><p>Die Stricknadeln h�rten auf zu klappern, in den runden braunen Augen blinkten Lichter.</p><p>�Was ist geschehen, Vater? Gewiss nicht in unserem Gouvernement, sonst w�sste ich davon. Ist wieder, wie letztes Jahr in der Fastnachtswoche, Kirchengeld geraubt worden?�, fragte die Schwester mit ungeduldiger Neugier. �Oder ist, Gott beh�te, eine geistliche Person gemeuchelt worden? Was f�r eine Kirchenbu�e wird Euer Bisch�fliche Gnaden mir diesmal auferlegen?�</p><p>�Nein, ein Mensch wurde nicht ermordet.� Mitrofani wandte sich verlegen ab. �Hier geht es um etwas anderes. Nicht um ein Verbrechen. Jedenfalls ist das nichts f�r die Polizei. . . Ich erz�hle es dir, h�re mir erst mal zu. Hinterher kannst du sagen, was du dazu meinst. Stricke nur. Stricke und h�re zu.�</p><p>Er trat ans Fenster, und w�hrend er sprach, blickte er in den Garten und trommelte ab und zu mit den Fingern gegen den Rahmen.</p><p>�Nicht weit von hier, acht Werst wohl, liegt das Gut meiner Tante Marja Afanassjewna Tatistschewa. Sie ist schon sehr alt, doch fr�her einmal galt sie als eine der sch�nsten Frauen von Petersburg. Ich erinnere mich, als ich ein Junge war, kam sie uns �fters besuchen. Sie war jung und lustig, spielte Dame mit mir . . . Sie heiratete einen Offizier, einen Regimentskommandeur, zog mit ihm in verschiedene entlegene Garnisonen, dann nahm er seinen Abschied, und sie lie�en sich hier in Drosdowka nieder. Ihr Mann Apollon Nikolajewitsch, der inzwischen verstorben ist, war ein leidenschaftlicher Hundenarr. Er unterhielt den besten Hundezwinger im Gouvernement, hatte Barsois, Jagdhunde, Vorstehhunde. Einmal kaufte er einen Welpen f�r tausend Rubel, so verr�ckt war er. Aber all das d�nkte ihn noch zu wenig, er tr�umte davon, eine ganz besondere, nie da gewesene Rasse zu z�chten. Mit diesem Vorhaben gab er sich den Rest seines Lebens ab. Er nannte die Rasse �wei�e russische Bulldoggen Sie hat ein Fell, wei� wie Milch, ein besonders platt gedr�cktes Profil (die Hundez�chter haben daf�r einen bestimmten Namen, ich habe ihn vergessen) und lange Haare um die H�ngelefzen. Die haupts�chliche Besonderheit aber, die den ganzen Reiz ausmacht, ist das braune rechte Ohr bei durchweg wei�em Fell. Ich wei� nicht mehr, worin der Sinn besteht. . . Ich glaube, als Apollon Nikolajewitsch bei der Gardekavallerie diente, hatten sie in der Schwadron die Mode, den Helm etwas schief aufzusetzen. Daran soll das Ohr wohl erinnern. Ach ja, noch etwas: Die Hunde sollen reichlichen Speichelfluss haben, zu welchem praktischen Zweck, wei� ich nicht. Kurzum, grauenhaft h�ssliche Scheusale. Apollon Nikolajewitsch verfuhr folgenderma�en. Er lie� alle Herrenh�user in ganz Russland, wo Bulldoggen gehalten wurden, wissen, dass sie Albinowelpen nicht wie �blich ers�ufen, sondern an Generalmajor Tatistschew senden sollten, der die ausgemusterten Tiere f�r gutes Geld kaufen wolle. Wei�e Welpen, noch dazu mit braunem rechtem Ohr, werden bei Bulldoggen sehr selten geboren. Ich wei� es nicht mehr, obwohl ich es viele Male vom Onkel und von der Tante h�rte. Vielleicht einmal bei jedem hundertsten Wurf. Mein Onkel sammelte also diese Missgeburten, zog sie auf und kreuzte sie untereinander. Dabei kamen ganz gew�hnliche r�tliche Welpen heraus, aber vereinzelt auch wei�e mit braunem Ohr. Die suchte er wieder heraus und kreuzte sie, achtete auch darauf, dass sie H�ngelefzen und starken Speichelfluss hatten. Die besondere Schwierigkeit war nat�rlich das verflixte Ohr. Er musste sehr viele aussondern. Und so ging es von Generation zu Generation. Als der Onkel verstarb, war er seinem Traum schon n�her gekommen, befand sich aber noch immer auf halbem Wege. Auf dem Sterbebett trug er seiner Frau als Verm�chtnis auf, das Begonnene zu Ende zu f�hren. Und Marja Afanassjewna war eine wahrhaft goldwerte Ehefrau. Aus der einstigen mond�nen Verf�hrerin war eine Kommandeursgattin und Mutter und dann auch eine Gutsbesitzerin geworden. Und das alles war sie von Herzen gern, brauchte sich nicht zu verstellen. Dieses Frauentalent hatte Gott ihr geschenkt. H�tte ihr Mann ihr nicht vor seinem Tod diesen Auftrag gegeben, so w�re sie wohl nicht mit ihrem Kummer fertig geworden. So aber kam sie dar�ber hinweg, ihre Witwenschaft w�hrt nun schon zwanzig Jahre, sie ist stark und t�tig und von munterem Wesen. Alle ihre Gespr�che, alle ihre Vorhaben drehen sich nur um das Hundethema. Ich habe ihr schon vorgeworfen, ihre Hundeliebe sei �bertrieben, aber sie h�rt nicht auf mich. Einmal habe ich sie im Scherz geneckt:</p><p>�Tantchen, und wenn nun Luzifer k�me und um Ihre christliche Seele b�te, im Tausch gegen einen g�nzlich wei�en Welpen, w�rden Sie darauf eingehen?� � �Gott bewahre, Mischa�, hat sie gesagt, �was redest du da?� Doch dann verstummte sie und dachte nach. Pelagia, ich sage dir, das ist kein Spa� mehr! Wie dem auch sei, sie hat das Werk ihres verstorbenen Mannes fortgef�hrt, hat sich der Z�chtung der wei�en russischen Bulldogge verschrieben und auch Erfolge erzielt. Besonders was die H�ngelefzen, den Speichelfluss und die Plattm�uligkeit betrifft. Mit dem Ohr ist es schwieriger. An idealen Exemplaren hat sie es bis jetzt auf drei R�den gebracht: den Gro�vater Saguljai, der ist schon alt, fast neun Jahre, ferner seinen Sohn Sakidai, vier Jahre, und schlie�lich Saguljais Enkel Sakussai, der zu ihrer Freude vor zwei oder drei Monaten geboren wurde. Der ist in jeder Beziehung makellos, darum hat die Tante alle �brigen, unvollkommenen Hunde ers�ufen lassen, damit sie die Rasse nicht verderben, und zur Aufzucht nur die drei behalten. Oh, ich verga� noch zwei wesentliche Merkmale: Sie m�ssen krummbeinig sein und schwarz gesprenkelte rosa Nasen haben. Sehr wichtig . . .�</p><p>Hier f�hlte sich der Bischof in einer ganz dummen Lage, er stockte und warf einen Seitenblick auf die Nonne. Die bewegte die Lippen, z�hlte die Maschen, lie� kein Befremden erkennen.</p><p>�Hier hast du, kannst selber lesen. Der Brief ist gestern gekommen. Wenn du sagst, die alte Frau ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, schreibe ich ihr was Beruhigendes, und die Sache hat sich.�</p><p>Mitrofani holte den Brief aus dem �rmel des Untergewands und gab ihn Pelagia.</p><p>Die Schwester dr�ckte mit der Fingerspitze den Brillensteg gegen die Nasenwurzel und begann zu lesen. Als sie fertig war, fragte sie beunruhigt:</p><p>�Wer hat ein Interesse daran, die Hunde zu vergiften? Und warum?�</p><p>Diese ernsthafte Frage lie� den Bischof erleichtert aufatmen, und seine Verlegenheit schwand.</p><p>�Ja, warum, das ist es eben. Urteile selbst. Marja Afanassjewna ist eine reiche alte Frau, und an Erben ist kein Mangel. Ihre Kinder sind verstorben, doch da sind Enkel und Enkelin, die jungen F�rsten Telianow. Au�erdem gibt es eine weitl�ufige Verwandtschaft, alle m�glichen Kostg�nger, allerlei Freunde. Sie ist eine gutm�tige Frau, aber z�nkisch. Und sie hat eine starrsinnige Gepflogenheit: Nachgerade jede Woche bestellt sie den Advokaten aus der Stadt und setzt ein neues Testament auf. Hat sie sich �ber jemanden ge�rgert, so streicht sie ihn, und war ihr jemand gef�llig, so erh�ht sie seinen Anteil. Und hier setzt meine �berlegung an. Du m�sstest herausfinden, Pelagia, wen sie das letzte Mal testamentarisch beg�nstigt oder, im Gegenteil, wem sie Enterbung angedroht hat. Einen anderen Sinn kann ich hinter dieser irren Hundevergifterei nicht erkennen, als dass jemand auf diese Weise die Frau ins Grab bringen will. Du hast gelesen, dass sie wegen des Hundes krank geworden ist. W�ren beide krepiert, so w�rde es Marja Afanassjewna nicht �berlebt haben. Wie findest du meine Theorie?�, fragte der Bischof besorgt seine scharfsinnige Sch�lerin. �Ist sie vielleicht zu unwahrscheinlich?�</p><p>�Die Bef�rchtung ist vern�nftig und durchaus wahrscheinlich, andere Gr�nde sind kaum denkbar�, entgegnete die Nonne, f�gte jedoch hinzu: �Aber man m�sste sich schon an Ort und Stelle umsehen. Vielleicht findet sich ja noch ein anderer Grund. Hat Eure Tante denn ein gro�es Verm�gen?�</p><p>�Ja. Das Gut ist ansehnlich und in musterg�ltiger Ordnung. W�lder, Wiesen, M�hlen, Flachs, Hafer, alles erstklassig. Dazu noch Kapital, Wertpapiere auf der Bank. Es w�rde mich nicht wundern, wenn alles zusammen auf eine Million hinausl�uft.�</p><p>�Und kennt Ihr denn die Erben, Vater? Es bedarf schon gro�er Niedertracht, um so etwas zu tun. Direkter Mord w�re kaum eine schwerere S�nde.�</p><p>�Du urteilst von der g�ttlichen Position her, und du tust recht daran. Aber die menschlichen Gesetze sind von den g�ttlichen weit entfernt. Bei direktem Mord ermittelt die Polizei, wer es war und warum er es getan hat. Daf�r setzt es Zwangsarbeit. Hunde vergiften aber, das ist im menschlichen Sinne eine l�ssliche S�nde und im juristischen Sinne gar keine, obwohl die alte Frau mit dieser Methode noch sicherer umzubringen ist als mit Messer oder Kugel.�</p><p>Pelagia warf die H�nde hoch, so dass ihr Strickzeug zu Boden flog.</p><p>�Eine gro�e S�nde ist es im menschlichen Sinne, eine sehr gro�e! Selbst wenn Eure Marja Afanassjewna eine Ausgeburt der H�lle w�re und ein von ihr Gekr�nkter Rache nehmen wollte! Was k�nnen die unschuldigen Kreaturen daf�r? Der Hund ist ein zutrauliches, anh�ngliches Wesen, und Gott der Herr hat ihn mit Treue und der Gabe der Liebe so reichlich ausgestattet, dass die Menschen davon lernen k�nnten. Ich finde, Vater, einen Hund zu t�ten ist noch schlimmer als einen Menschen.�</p><p>�Na, das lass mal, das ist ja gottlos!�, herrschte Mitrofani sie an. �So etwas will ich nie wieder h�ren! Eine lebendige Seele mit einem sprachlosen Tier zu vergleichen!�</p><p>�M�gen sie auch sprachlos sein!� Die eigensinnige Nonne gab nicht klein bei. �Habt Ihr mal einem Hund in die Augen gesehen? Wenigstens Shuk, Eurem Kettenhund am Tor? Tut es mal. Shuks Augen sind beseelter und lebendiger als die tr�ben Lichter von Eurem hochgesch�tzten Usserdow!�</p><p>Der Bischof �ffnete schon den Mund, um seinem gerechten Zorn freien Lauf zu lassen, aber er hielt sich zur�ck. In letzter Zeit f�hrte er einen Kampf mit der S�nde des Herzenszorns, und manchmal gewann er.</p><p>�Ich habe nicht die Zeit, Hofhunden in die Augen zu gucken�, sagte er m�rrisch, doch w�rdevoll. �Und Usserdow lass aus dem Spiel, er ist genau und zuverl�ssig, und dass man zu seiner Seele schwer Zugang findet, liegt an seinem Charakter. Ich will mit dir nicht streiten, schon gar nicht �ber Offenkundiges. Sage mir das eine: Erf�llst du mir meine Bitte?�</p><p>Die Nonne verneigte sich. �Ja, Vater.�</p><p>�Dann erlege ich dir diese Kirchenbu�e auf: Gehe nach Drosdowka. Heute noch. �berbringe Marja Afanassjewna meinen Segen und den Brief, den ich dir geben werde. Beruhige die alte Frau. Und vor allem � finde heraus, was dort vorgeht. Wenn du einen b�sen Plan erkennst, durchkreuze ihn. Wie, das wirst du selber wissen. Und bleibe dort, bis du Klarheit hast.�</p><p>Pelagia fuhr zusammen. �Vater, ich muss am Sonnabend unterrichten.�</p><p>�Zum Unterricht kommst du her, danach zur�ck nach Drosdowka. Genug, gehe jetzt. Aber lasse dich erst noch segnen.�</p><p>Bevor Schwester Pelagia sich auf das Gut der Generalswitwe Tatistschewa begibt, sind ein paar geographische Erl�uterungen vonn�ten, ohne die ein Mensch, der noch nie in Sawolshsk war, M�he h�tte, all das, was weiterhin geschieht, zu glauben oder auch nur zu begreifen.</p><p>Die wichtigste handelnde Person in dieser Geschichte ist der Fluss, der gr��te und ruhmreichste Fluss nicht nur in Russland, sondern auch in ganz Europa. Die Gouvernementhauptstadt ist am linken Ufer, dem Steilufer, errichtet worden. Hier wird die Str�mung des Wassers auf beiden Seiten von Felsen eingeengt, dadurch verliert der f�r seine Erhabenheit ber�hmte Strom zeitweise seine Gutm�tigkeit, wechselt von zerstreuter Gem�chlichkeit zu raschen Lauf, bringt Gischtwellen und dunkle Strudel hervor und berennt und unterh�hlt wie seit Jahrhunderten das Sawolshker Steilufer mit t�ckischen Angriffen. Etwa f�nf Werst stromab wird der linke Uferhang nach und nach flacher und sandiger, der Fluss wird freier und flie�t, nach dem erzwungenen Sturmlauf verpustend, fast eine Werst breit dahin. Allein, die Atempause ist nur kurz � genau da, wo Drosdowka liegt, b�umt sich das trotzige Ufer wieder j�h auf; das Gutshaus mit dem Garten liegt hoch �ber dem Wasser, und der Blick, der sich von dort auftut, gilt zu Recht als der sch�nste im ganzen Kreis.</p><p>Der Weg, den Schwester Pelagia zu gehen hatte, lag also in s�dlicher Richtung, durch das Kasaner Tor auf die Astrachaner Landstra�e, die sich am Fluss entlang zieht, allen seinen launischen Kr�mmungen folgt und sich nie weiter als f�nf Werst von ihm entfernt.</p><p>Bevor Pelagia ihr K�mmerchen im bisch�flichen Kloster, Zelle genannt, verlie�, schlug sie nach alter abergl�ubischer Gewohnheit das Evangelium auf und stie� mit dem Finger auf die erstbeste Zeile. Ihr Auftrag war diesmal nicht erschreckend, man konnte sogar sagen, er war nichtig, doch die Nonne hatte nun mal diese Gewohnheit] Aber die Zeile war sichtlich kein Zufall, denn sie enthielt eine Einfl�sterung oder Warnung: �H�tet euch vor den Hunden und h�tet euch vor den b�sen Menschen.�</p><p>Es war wohl doch eine Warnung, denn als sie die Stadt verlie� und schon den Schlagbaum hinter sich hatte, gab es ein b�ses Vorzeichen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand in der N�he war, holte sie aus der G�rteltasche, in der sie ihr Strickzeug verwahrte, ein Spiegelchen hervor und betrachtete darin ihre Nase, ob die L�wenzahnmilch die frechen Sommersprossen schon gebleicht h�tte. Da raschelte es in den B�schen am Stra�enrand, und heraus kamen zwei Weiber. Schwester Pelagia wollte die Hand hinterm R�cken verstecken, machte es aber so ungeschickt, dass ihr das Spiegelchen herunterfiel. Sie hob es auf � o weh, das Glas hatte zwei Spr�nge �ber Kreuz, und jeder wei�, was f�r ein Zeichen das ist. Es verhei�t nichts Gutes.</p><p>Pelagia nahm b�se Vorzeichen trotz der Klostervorschriften sehr ernst, nicht aus Unwissenheit, nein, sie hatte sich viele Male �berzeugen k�nnen, dass die Leute nicht von ungef�hr seit Jahrhunderten an ihnen festhielten. Wie es in solchen F�llen �blich war, nahm sie eine Hand voll Erde auf, warf sie �ber die linke Schulter, schlug das Kreuzeszeichen (was sie nie ohne Grund tat), sprach ein Gebet an die Heilige Dreifaltigkeit und wanderte weiter.</p><p>An Be�ngstigendes mochte sie nicht denken, vor ihr lag ein wenn auch kleines, so doch interessantes Abenteuer, und ihre Stimmung, vor�bergehend getr�bt durch den Verlust des Spiegels, besserte sich rasch, zumal in dieser zauberhaften Sommerzeit, in der die Sonne der Luft einen goldenen Honigschimmer verleiht, der Himmel hoch und die Erde weit und alles ringsum prallvoll ist von reichem Leben und sanfter Mattigkeit. Aber wozu soll man das beschreiben, auch so wei� ja jeder, wie ein sonniger Augusttag aussieht, wenn es kurz nach Mittag ist.</p><p>Schon zu Beginn hatte Pelagia Gl�ck � ein altes B�uerlein nahm sie auf seinem Fuhrwerk mit. Die Wege in unserm Gouvernement sind neu und eben, man f�hrt, als glitte man �ber Eis, und Pelagia gelangte auf dem weichen Heu bequem bis zur Abzweigung nach Drosdowka.</p><p>An der Gabelung gab es noch ein Vorzeichen, eines, das sich schlimmer nicht denken l�sst. Nachdem Pelagia abgestiegen war und das B�uerlein gesegnet hatte, sah sie etwas abseits etliche Leute, die schweigend ein Fuhrwerk um standen. Aus angeborener Neugier konnte die Schwester daran nicht Vorbeigehen, also trat sie n�her, um zu sehen was sich da zugetragen hatte. Sie dr�ngte sich durch die Bauern und Pilger und sp�hte mit schmalen Augen durch die Brille: ein gew�hnlicher Vorfall auf einer Landstra�e � eine Achse war gebrochen. Aber bei dem schief liegenden Fuhrwerk stand aus irgendwelchen Gr�nden der Kreispolizeichef, und zwei Polizisten versuchten �chzend, das Rad auf ein frisch gef�lltes und notd�rftig gegl�ttetes Eichenst�mmchen zu schieben. Den Polizeichef kannte Pelagia, es war Hauptmann Neruschailo aus dem benachbarten Kreis Tschernojar. In dem Fuhrwerk lag etwas L�ngliches, mit einer Persenning zugedeckt.</p><p>�Was ist das, Pachom Sergejewitsch, ein Ertrunkener?� fragte Pelagia, nachdem sie gegr��t und die Persenning f�r alle F�lle bekreuzigt hatte.</p><p>�Nein, M�tterchen, schlimmer�, antwortete der Polizeichef mit undurchsichtiger Miene und wischte sich mit einem Tuch die himbeerrote Glatze. �Der Fluss hat zwei Tote an Land gesp�lt. Ohne Kopf. Einen Mann und einen Knaben. Da auf dem Sand haben sie nebeneinander gelegen. So ist das. Es wird eine Untersuchung geben. Ich bringe die beiden jetzt ins Gouvernement zur Identifizierung. Blo� wie das gehen soll, wei� der Teufel. Bitte um Vergebung, es ist mir so rausgerutscht.�</p><p>Pelagia sch�ttelte den �Teufel� von der Schulter, damit er dort nicht kleben blieb, und bekreuzigte nunmehr sich selbst.</p><p>�Die sind nicht von hier�, sagte einer aus der Menge �Bei uns hat�s solche Untat noch nie gegeben.� |</p><p>�Ja�, best�tigte ein anderer. �Es muss sie wohl von Nischni Nowgorod her angeschwemmt haben, dort pas</p><p>siert alles M�gliche.�</p><p>Diese Meinung fand allgemeinen Beifall, denn die Sawolshsker mochten die Nishni Nowgoroder nicht, sie hielten sie f�r ein diebisches und nichtsnutziges V�lkchen.</p><p>�Euer Wohlgeboren, lasse uns mal sie anschauen, vielleicht erkennen wir sie ja�, bat ein solid aussehender b�rtiger Mann, der einen guten Rock trug, w�rdevoll, und man sah ihm an, dass er nicht aus m��iger Neugier fragte, nur um Leichen zu begaffen.</p><p>Seine Bitte wurde von mehreren unterst�tzt, und die Weiber �chzten zwar, doch wohl mehr aus Anstand.</p><p>Der Polizeichef setzte die Schirmm�tze auf, �berlegte und nickte Gew�hrung.</p><p>�Warum nicht, ich zeige sie euch. Wom�glich wisst ihr wirklich was . . .�</p><p>Er zog die Persenning weg, und Pelagia wandte sich sofort ab, denn die Leichname waren splitternackt, und es schickte sich nicht f�r eine Nonne, so etwas anzuschauen. Sie hatte aber gerade noch gesehen, dass der linke Arm des Gro�en, Behaarten da, wo die Hand sein sollte, in einem Stumpf endete.</p><p>�O Gott, das Jungchen ist noch ganz klein�, wehklagte eines der Weiber. �So wie mein Afonka.�</p><p>Pelagia sah nicht mehr hin, denn Kirchenbu�e ist Kirchenbu�e, und schlug den Feldweg nach Drosdowka ein.</p><p>Es war schw�l geworden, und von der Erde stieg ein Wabern auf wie an hei�en Tagen, bevor es regnet. Pelagia beschleunigte den Schritt und blickte immer wieder zum Himmel auf, wo eine runde pralle Wolke dahinrollte und rasch anschwoll. Vorn kam die Parkmauer in Sicht, und �ber den B�umen schimmerte gr�n das Dach eines gro�en Hauses, aber es war noch ein St�ck bis dorthin.</p><p>Macht nichts, ich weiche schon nicht durch, sagte sich die Nonne, aber ihre gute Stimmung war verflogen. Ein unw�rdiges Gef�hl bem�chtigte sich ihrer � Neid. Das ist ein richtiger Fall, dachte sie, wie gewichtig hat doch Pachom Sergejewitsch das saftige Wort �Untersuchung� ausgesprochen.</p><p>Der eine darf ein furchtbares Geheimnis aufkl�ren, und der andere soll herausfinden, woran die Bulldogge der Tante verreckt ist. Eine sch�ne Kirchenbu�e hatte ihr der Bischof auferlegt!</p></section><section><title><p>Gewitterwolken �ber Sawolshsk</p></title><p>W�hrend Schwester Pelagia unter dem rasch dunkelnden Himmel auf das Eisentor des Parks von Drosdowka zugeht, machen wir eine Abschweifung, um etliche Geheimnisse unserer Gouvernementpolitik zu erl�utern und Personen vorzustellen, die in dieser dunklen und verworrenen Geschichte eine Schl�sselrolle zu spielen haben.</p><p>Wie schon gesagt, das Gouvernement Sawolshsk dehnt sich weit aus, liegt aber abseits der Zentralgewalt und wird seit alters mit sehr wenig Aufmerksamkeit seitens der h�heren Sph�ren bedacht. Es gab in Sawolshsk nichts W�nschenswertes f�r diese Sph�ren, nur W�lder, Fl�sse, Seen und insbesondere viele S�mpfe, so dass in den Jahren der Wirren (Dynastische Krise in Russland Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts, verbunden mit inneren Unruhen und au�enpolitischen Bedrohungen. D.U) in den Morasten ein ganzer polnischer Wagentross versank, den der Thronr�uber Dmitri ausgesandt hatte, um den Goldenen Berg zu suchen.</p><p>Ein�de, Abgeschiedenheit, B�renwinkel. Die hiesigen Bewohner �hnelten auch zum Teil B�ren, plump und zottig, wie sie waren. Die gewandten Nishni Nowgoroder und die flinken Kostromaer haben sich einen dummen Spruch ausgedacht: Die Sawolshsker haben Blei in den Knochen. Nun, die Sawolshsker m�gen in der Tat Hast und Hektik nicht, denken nicht eben flink und werden das Perpetuum mobile kaum erfinden. Obwohl, wer wei�. Vor etlichen Jahren hat im Kirchdorf Rytschalowka, hundertzwanzig Werst von Sawolshsk, ein K�ster sich ein Hebezeug ausgedacht, um leichter auf den Glockenturm zu kommen. Er mochte nicht mehr tagaus, tagein achtzig steile Stufen rauf � und runtersteigen. Darum h�ngte er einen Stuhl mit Lehne an ein verl�ngertes Pferdegeschirr, verband es mit Hebeln und Antriebsr�dern, und was meint ihr � er war in zwei Minuten oben. Der Bischof pers�nlich reiste an, um das Wunder zu bestaunen. Kopfsch�ttelnd fuhr er ein � oder zweimal mit dem Wunderstuhl auf und ab, dann befahl er, die Konstruktion wieder abzubauen, denn die Glocke m�sse in Demut gel�utet werden, unter ehrf�rchtigem Keuchen, auch f�hre so et was die Kinder in Versuchung. Den K�ster aber schickte Mitrofani nach Moskau, damit er dort Mechanik studiere, und setzte an dessen Stelle einen Mann mit schlichterem Gem�t. Doch dieses Aufblitzen eines urw�chsigen Genies ist eher die Ausnahme. Wir gestehen offen, dass die Sawolshsker insgesamt schwer von Begriff sind und gegen alles Neue Argwohn hegen.</p><p>Auch der derzeitige Gouverneur, Anton Antonowitsch von Gaggenau, wurde bei uns anfangs mit Misstrauen aufgenommen, da er, durchdrungen vom Geist segensreicher Reformen, das ihm anvertraute Gebiet von den F��en auf den Kopf stellen wollte, jedoch versicherte, er werde es vom Kopf auf die F��e stellen. Doch Gott der Herr bewahrte die Sawolshsker vor �berm��igen Ersch�tterungen. Der junge Reformer geriet unter den Einfluss Mitrofanis, bezwang seine Hoffart und m��igte sich, insbesondere nachdem er mit bisch�flichem Segen die begeh-renswerteste der hiesigen Br�ute geehelicht hatte. Dazu hatte er freilich vom lutheranischen zum orthodoxen Glauben �bertreten m�ssen, und sein geistlicher Vater war niemand anders als der Bischof. Baron von Gaggenau hat sich bei uns so gut eingelebt, dass er, als er f�r seine beispielhafte Verwaltung des Gouvernements in ein hauptst�dtisches Ministerium berufen wurde, dies ablehnte, weil es ihm hier besser gefiel. Er war ein Deutscher, aber ganz aus der Art geschlagen. Fr�her pflegte er abends aus einem Porzellant�sschen Gl�hwein zu trinken und f�r sich selbst das Violoncello zu spielen, doch mittlerweile hat er am Moosbeerenschnaps Geschmack gefunden, badet am Dreik�nigsfest in einem Eisloch und bleibt hinterher mindestens drei Stunden lang im Schwitzbad.</p><p>Und wie es sich f�r einen richtigen russischen Mann geh�rt, steht der Gouverneur unterm Pantoffel seiner Frau.</p><p>Aber bei einer Person wie Ljudmila Platonowna unterm Pantoffel zu stehen ist angenehm und erfreulich, eine solche Sklaverei ertr�umen viele. Sie ist eine geborene Tscheremissowa, entstammt also der allerersten Kaufmannsfamilie von Sawolshsk, der schon von Peter dem Gro�en die Grafenw�rde verliehen wurde. Als junges M�dchen war Ljudmila schlank und rank gewesen, doch nachdem sie vier kleine Barone zur Welt gebracht hatte, �nderte sich ihre Gestalt und gewann eine dem Blick wohltuende �ppigkeit, die ihre Sch�nheit noch deutlicher zur Geltung brachte. Mit ihren hellen Augen, rosigen Wangen und vollen Armen wurde die Baronin jenseits der drei�ig zum Ideal russischer Frauensch�nheit, zu der sich hagere und kahlk�pfige Deutsche (Anton von Gaggenau war solch einer) von alters her seelisch und k�rperlich hingezogen f�hlen. Ljudmila erkannte ihre Macht �ber ihren Gatten sehr bald und machte nach Gutd�nken davon Gebrauch, aber dem Gouvernement hat das bislang in keiner Weise geschadet, weil die herzensgute und feinf�hlige Frau alle ihre Kr�fte f�r wohlt�tige und gottgef�llige Werke einsetzte, so dass selbst der Bischof ihren Einfluss auf den Gatten als n�tzlich empfand. Im Zusammenhang mit den letzten Ereignissen freilich sah sich Mitrofani gen�tigt, sein Urteil �ber die weibliche Vorherrschaft zu revidieren, aber davon sp�ter.</p><p>Der wohl einzige Mensch (nat�rlich mit Ausnahme des Bischofs, dessen Autorit�t Ljudmila nie in Frage stellte), dessen Einfluss sie trotz aller Bem�hungen nicht eind�mmen konnte, war der bevollm�chtigte Berater des Barons, Matwej Benzionowitsch Berditschewski, der das Amt des stellvertretenden Staatsanwalts beim Gerichtshof bekleidete. Die Geschichte dieses Beamten ist ungew�hnlich und verdient es, etwas ausf�hrlicher erz�hlt zu werden.</p><p>Der einstige Jude Matwej Berditschewski war, wie der Gouverneur, ein Taufsohn Mitrofanis. Bis zu seinem �bertritt zur rechtgl�ubigen Kirche hatte er den missklingenden Vornamen Mordechai getragen, welchen noch immer schadenfroh seine Feinde benutzen, nat�rlich nur hinter seinem R�cken, denn seine N�he zur Macht ist allen wohl bewusst. Der sp�tere Liebling des Gouverneurs entstammte einer heruntergekommenen Familie, war aber schon als Kind verwaist und, wie seit einiger Zeit bei uns �blich, auf Staatskosten zun�chst in die Vierklassenschule und dann wegen seiner au�erordentlichen F�higkeiten ins Gymnasium aufgenommen worden. Mitrofani war schon fr�h auf den begabten Jungen aufmerksam geworden und schickte ihn nach Abschluss des Gymnasiums auf die Universit�t Sankt Petersburg. Berditschewski behauptete sich auch in der Metropole, er schloss das Studium in k�rzester Zeit mit einem ausgezeichneten Diplom ab und erhielt das Recht, seine Dienststelle frei zu w�hlen, und sei es im Ministerium der Justiz, doch er gab Sawolshsk den Vorzug. Und wirklich, der kluge Mann hatte recht gehandelt. Was w�re er in Petersburg gewesen? Ein Provinzler, ein Plebejer j�discher Herkunft, was bekanntlich noch schlimmer ist als ganz ohne Herkunft zu sein. Bei uns aber wurde er freundlich aufgenommen. Er bekam eine gute Stelle und wurde mit einer fabelhaften Braut verheiratet. Mitrofani pflegte zu sagen, die Ehefrau mache den Mann, und erkl�rte seinen Gedanken anschaulich mit Hilfe einer mathematischen Allegorie: Der Mann sei eine Eins, die Frau eine Null. Wenn jedes f�r sich lebe, sei der Wert des Mannes gering, und die Frau habe gar keinen, doch wenn sie die Ehe eingingen, entstehe eine neue Zahl. Eine gute Frau stelle sich hinter die Eins und verzehnfache ihre Kraft. Eine schlechte aber dr�nge sich vor die Eins und schw�che entsprechend den Mann, indem sie ein Zehntel daraus mache.</p><p>F�r Matwej Berditschewski hatte der Bischof ein gutes und h�usliches M�dchen aus der Familie eines Offiziers ausgesucht. Sie lebten in Liebe und Eintracht, und sie waren so fruchtbar, dass sie in den ersten zehn Jahren ihrer Ehe, die zum Zeitpunkt unserer Erz�hlung gerade herum waren, schon zw�lf Nachfahren beiderlei (doch �berwiegend weiblichen) Geschlechts zur Welt gebracht hatten.</p><p>Wenn es Berditschewkis Wunsch gewesen w�re, h�tte er auch ein anderes, angeseheneres Amt bekleiden k�nnen, und sei es das des Vorsitzenden des Gerichtshofs, aber sein Charakter und seine angeborene Sch�chternheit lie�en ihn lieber im Schatten bleiben; die Macht beriet er nicht in der Beh�rde und nicht im Areopag, sondern lieber privatim, beim Tee oder bei einem Preferencespiel, das er sehr liebte. Als Ankl�ger in Prozessen trat er auch nicht gern in Erscheinung, er berief sich auf seine n�selnde Stimme und sein ungl�ckliches Aussehen. Sch�n war er in der Tat nicht � krumme Nase, zappelig, die eine Schulter deutlich h�her als die andere. Sein nomineller Vorgesetzter, der Gouvernementstaatsanwalt Silesius, ein �u�erlich repr�sentabler, aber stockdummer Mann, trug vor Gericht die von Berditschewski ausgearbeiteten Pl�doyers vor und erntete nicht selten st�rmischen Beifall, w�hrend Berditschewski nur seufzte und ihn beneidete.</p><p>Seine Stellung als graue Eminenz beruhte auf den beiden Sawolshsker S�ulen � dem Bischof und dem Gouverneur. Die dritte S�ule, die sch�ne Ljudmila, konnte den spitzfindigen Juden nicht leiden. Aber die Spannung zwischen Berditschewski und der Baronin war keine w�tende Feindschaft, sondern eher eine eifers�chtige Rivalit�t, so dass am Vergebungssonntag beide Seiten einander ihre Reue aussprachen und einander reinen Herzens vergaben, was ein Fortbestehen der Rivalit�t nach Ostern keineswegs ausschloss.</p><p>Doch o weh, diese idyllische Konstellation ging zu Ende, als am friedlichen Sawolshsker Horizont eine drohende Gewitterwolke erschien. Ein kalter Westwind trieb sie von dem heimt�ckischen, b�sartigen Petersburg heran.</p><p>Eines Abends vor drei Wochen hatte der Polizist, der ordnungshalber bei der Einfahrt in die Stadt wacht und nach alter Gewohnheit bei uns �W�chter� genannt wird, eine Vision. Am fernen Ende der Moskauer Heerstra�e zeigte sich ein Staubw�lkchen, das ungew�hnlich schnell auf Sawolshsk zukam. Bald darauf vernahm der W�chter abgerissene kehlige Laute von unchristlichem Klang und wollte sich schon bekreuzigen, lie� es aber aus Tr�gheit. Alsbald l�ste sich aus der Staubkugel, welche auf der Chaussee heranraste, ein Paar schaumbedeckter Rappen mit herausquellenden irren Augen. �ber ihnen schwang ein schwarzb�rtiger R�uber die pfeifende Peitsche, er trug eine zottige Papacha und einen geflickten Tscherkessenrock, stie� Adlerschreie aus und rollte wild mit den Augen, die so blutunterlaufen waren wie die der Pferde. Bei diesem Anblick riss der W�chter den Mund auf und fragte nicht einmal nach dem Reiseschein. Durch das Fensterchen der Kutsche sah er einen w�rdigen grauhaarigen Mann, der ihm gn�dig zunickte, und im Hintergrund des Wagens undeutlich einen zweiten mit spitznasigem Profil und be�ngstigend funkelnden Augen. Die Kutsche polterte dr�hnend �ber das Pflaster, �berquerte den Kirchplatz und bog in den Torweg des ersten Hauses am Platze, des Hotels �Zum Gro�f�rsten�, ein. Des weiteren wird erz�hlt, dass in dem Moment, da die Kutsche an der bisch�flichen Klosterkirche vorbeisauste, eine Erscheinung zu sehen war: Ein Rabenschwarm kam geflogen und verscheuchte von den Kreuzen der Kirche die Tauben, die diesen erh�hten Punkt seit undenklichen Zeiten als ihren althergebrachten Besitz ansahen. Aber dieser Raben�berfall war sicherlich frei erfunden, denn in unserer Stadt l�gt man gern und einfallsreich.</p><p>Tags darauf hatte sich herumgesprochen, dass ein Revisor vom Synod in der Stadt eingetroffen sei, ein Beamter f�r Sonderauftr�ge beim Oberprokuror Pobedin, der im russischen Imperium nur beim Vor � und Vatersnamen benannt wurde. Es hie�: �Konstantin Petrowitsch hat gestern dem Zaren Hinweise gegeben� oder etwa: �Konstantin Petrowitsch ist auf dem Wege der Besserung�, und niemand fragte, wer dieser Konstantin Petrowitsch sei � es war auch so klar.</p><p>Politisch wohl unterrichtete Leute erkl�rten sogleich im Brustton der �berzeugung, Konstantin Petrowitsch sei mit dem Gouvernement unzufrieden, und dem Bischof wie auch dem Gouverneur Anton von Gaggenau drohten gro�e Unannehmlichkeiten. Sie wussten auch den Grund: Die Sawolshsker Regenten seien nicht eifrig genug bei der Ausrottung anderer Glaubensrichtungen und bei der Verbreitung der Orthodoxie.</p><p>Auch �ber die Person des Revisors wurde einiges bekannt. Unsere Stadt liegt zwar weit entfernt von den Hauptst�dten, dennoch leben wir nicht hinter dem Mond. Wir haben eine vornehme Gesellschaft, unsere Aristokratie bringt ihre T�chter in der Ballsaison nach Petersburg, und sie korrespondiert mit Bekannten. Somit erfahren wir in Sawolshsk von allen bemerkenswerten und interessanten Ereignissen in der gro�en Welt.</p><p>Wladimir Lwowitsch Bubenzow entpuppte sich als eine h�chst interessante Figur. Bis zum Skandal des vorigen Jahres, der nicht nur in Privatbriefen aus Petersburg, sondern auch in der Presse aufs eingehendste beschrieben wurde, hatte er in der Garde gedient und im Ruf eines liederlichen und gef�hrlichen Menschen gestanden, keine Seltenheit bei unseren gl�nzenden Gardisten. Er hatte fr�h sein Erbe angetreten, hatte es fr�h mit Gelagen durchgebracht, war dann abermals reich geworden, und zwar im Kartenspiel, mit dem er so erfolgreich war, dass es sogar auf Duelle hinauslief, jedoch ohne Folgen. Unsere Oberen �ben ja Nachsicht gegen�ber Offiziersduellen, wenn die nicht t�dlich enden und keine schweren Verletzungen zur Folge haben, sie f�rdern sie sogar in gewissem Grade, da sie darin eine Festigung des ritterlichen Geistes und der milit�rischen Ehre sehen. Aber der Krug geht bekanntlich so lange zum Brunnen, bis er bricht.</p><p>Au�er den Karten hatte Bubenzow eine weitere Leidenschaft � die Frauen, er galt als einer der verwegensten Sch�rzenj�ger der Hauptstadt. Aber nun hatte er ein M�dchen aus einer zwar nicht vornehmen, doch angesehenen Familie verf�hrt und war zudem so grausam mit ihr umgegangen, dass die �rmste versucht hatte, sich aufzuh�ngen. Solche Geschichten wurden Bubenzow reichlich nachgesagt, doch diesmal kam er nicht so ohne weiteres davon. Das M�dchen hatte zwei Br�der, der eine Offizier, der andere Student. Von Bubenzow wussten alle, dass er ein begnadeter, genauer, ein teuflischer Sch�tze war und Duelle nicht f�rchtete, denn er konnte seinem Gegner mit einer Kugel die Waffe aus der Hand schie�en und hatte das schon mehr als einmal getan. F�r einen Raufbold, der vom Kartenspiel lebt, ist solch eine Reputation unumg�nglich, denn sie sch�tzt ihn zuverl�ssig vor dem Verdacht des Falschspiels und vor �berfl�ssigen Skandalen.</p><p>Die Br�der des M�dchens wussten, dass nur mit einer Herausforderung keine Satisfaktion zu bekommen war, und beschlossen, auf ihre Weise mit dem Beleidiger abzurechnen. Beide waren k�hne junge M�nner von h�nenhaftem K�rperbau, die mit dem Jagdspie� auf den B�ren losgingen. Eines Morgens lauerten sie Bubenzow vor seiner Haust�r auf, als er wieder einmal vom Kartenspiel kam. Sie hatten sich vorher vergewissert, dass er in Zivil war, sonst w�ren sie nicht um eine Anklage wegen Beleidigung der Uniform herumgekommen. Der eine Bruder, der Student, umklammerte Bubenzow von hinten und hob ihn hoch, und der andere, der Dragoner, schlug ihn mit der Reitpeitsche mehrmals ins Gesicht. Und all das auf offener Stra�e, vor den Augen der Passanten. Bubenzow setzte sich anfangs zur Wehr, wollte sich losrei�en, trat um sich, doch als er die Vergeblichkeit erkannte, kniff er nur noch die Augen zu, damit die nicht verletzt w�rden. Als die Br�der ihr M�tchen gek�hlt hatten, schleuderten sie ihn zu Boden, da sagte der Verpr�gelte leise, aber es wurde geh�rt: �Ich schw�re beim Teufel, dass ich euer ganzes Geschlecht ausl�schen werde.� Genau so sagte er.</p><p>Tags darauf im Morgengrauen duellierte er sich gleich mit beiden, was bei uns in Russland un�blich ist, doch dies war ein besonderer Fall, und die Sekundanten stimmten zu.</p><p>Die Bedingungen besagten, dass Bubenzow sich zuerst mit dem �lteren Bruder schie�en sollte. Drei�ig Schritte Distanz, mit Vorgehen zur Barriere. Bubenzow lie� seinen Gegner keinen Fu�breit n�her kommen, er schoss sofort. Die Kugel traf eine Stelle, die man gar nicht benennen mag. Der Dragoner war kein Jammerlappen, aber er w�lzte sich br�llend und tr�nen�berstr�mt auf der Erde. Und es war klar, dass die Kugel genau dort getroffen hatte, wohin Bubenzow mit teuflischer Treffsicherheit gezielt hatte.</p><p>Nun war der j�ngere Bruder an der Reihe. Er zitterte und war bleich wie Leinwand, denn der Bruder schrie und lie� den Arzt nicht an sich heran. Nerv�s schoss der Student als Erster, ohne richtig zu zielen, und fehlte nat�rlich. Und nun trieb Bubenzow mit ihm ein b�ses Spiel. Er lie� ihn bis zur Barriere vorgehen und zielte lange auf zehn Schritt Distanz. Die Sekundanten glaubten schon, er wolle den Jungen schonen, ihn ein wenig einsch�chtern und dann in die Luft schie�en. Aber Bubenzow f�hrte Eigenes im Schilde.</p><p>Der Student kehrte ihm die Seite zu und hielt noch f�r alle F�lle die Pistole vor die Leibesmitte. Seine Knie zitterten, �ber sein Gesicht rann kalter Schwei�. Sein Kopf ruckte hin und her, er blickte mal in die schwarze M�ndung, mal zur Seite auf den verwundeten Bruder. Bubenzow passte einen Moment ab, da der junge Mann ihm das Profil zukehrte, und schoss ihm mit einer schweren Kugel das Kinn weg.</p><p>Get�tet hatte er die Br�der nicht, aber, wie angedroht, ihr Geschlecht ausgel�scht. Der �ltere konnte keine Nachkommen mehr haben, und den J�ngeren w�rde keine Frau nehmen � seine untere Gesichtsh�lfte war mit einem Tuch verdeckt, hinter dem der Speichel in ein Gef�� lief, und er sprach so undeutlich, dass man ihn ohne �bung nicht verstehen konnte.</p><p>Die Geschichte mit dem Doppelduell wirbelte viel Staub auf, und Bubenzow wurde hart bestraft � zehn Jahre Festung. Dort w�re der grausame R�cher in seinem steinernen Loch verfault, aber irgendwas an ihm interessierte den Oberprokuror Konstantin Petrowitsch. Nicht ein-, nicht zwei � und nicht zehnmal, sondern viel �fter besuchte er den H�ftling in seiner Kasematte und f�hrte leise, gef�hlvolle Gespr�che mit ihm �ber die menschliche Seele, �ber den wahren Sinn des rechten Glaubens und �ber den Kreuzweg Russlands. Diese Gespr�che hatten auf Bubenzow eine solche Wirkung, dass er sein s�ndiges Leben in ganz anderem Licht zu sehen begann und erschrak. Wie erz�hlt wurde, brachte ihm diese Erleuchtung die Gabe des Weinens, und es geschah nicht selten, dass er und Konstantin Petrowitsch sich gar nicht unterhielten, sondern nur weinten und beteten. Der Arrestant neigte schon dazu, das M�nchsgewand anzustreben und sp�ter wohl auch das Bu�kleid der strengsten Klosterregel, aber davon wollte Konstantin Petrowitsch nichts wissen. Das sei noch zu fr�h, Bubenzow sei nicht w�rdig, dem Himmlischen Herrscher zu dienen, ehe er seine Schuld vor der irdischen Macht ges�hnt habe. Er solle erst mal einen unauff�lligen, bescheidenen, uneigenn�tzigen Dienst leisten, solle sich �ben in Demut und Fr�mmigkeit. Bubenzow war auch dazu bereit, wenn er es nur seinem Lehrvater recht machte. Und siehe da, der Oberprokuror erwirkte beim Zaren einen Allerh�chsten Gnadenerlass f�r den Verurteilten und �bernahm ihn als Beamten in seine Dienste.</p><p>Bekanntlich sind uns nicht diejenigen die liebsten Menschen, die uns Gutes getan, sondern diejenigen, denen wir Wohltaten erwiesen haben und von denen wir daf�r � unser ewiger Irrtum � unendliche Dankbarkeit erwarten. Offenbar war das der Grund daf�r, dass Konstantin Petrowitsch den S�nder, den er gerettet hatte, von ganzem Herzen lieb gewann und gro�e Hoffnungen auf ihn setzte, zumal Bubenzow, wie allgemein anerkannt wurde, sich als talentierte und unerm�dliche Arbeitskraft erwies. Es wurde erz�hlt, dass er tats�chlich ein anderer geworden sei, der Rauflust g�nzlich entsagt habe und dem weiblichen Geschlecht gegen�ber �u�erste Vorsicht walten lasse. Seine erste verantwortungsvolle Mission, die Ausrottung der Skopzensekte (Skopzen � Selbstverst�mmler, religi�se Sekte in Russland. D.�.) in einem der n�rdlichen Gouvernements, habe er so entschlossen und energisch bew�ltigt, dass er von seinem Wohlt�ter gr��tes Lob erntete und sogar einer Allerh�chsten Audienz gew�rdigt wurde. Selbstredend finden sich f�r jeden Liebling Fortunas b�se Zungen. Von dem neuen G�nstling des Oberprokurors hie� es, er sei weniger um die gro�e Zukunft Russlands besorgt als um seine eigene Zukunft in diesem zuk�nftigen Russland, aber erheben wir diesen Vorwurf nicht gegen jeden Staatsmann mit ganz wenigen Ausnahmen?</p><p>Einen so ungew�hnlichen Abgesandten also hatte die oberste Kirchenbeh�rde in das verschlafene Sawolshsker Reich geschickt, um daselbst Verwirrung und einen Umschwung herbeizuf�hren. Die Methode, deren sich Bubenzow bediente, um seine noch nicht ganz klaren Ziele zu erreichen, war so originell, dass sie verdient, ausf�hrlich beschrieben zu werden.</p><p>Als Erstes machte der Emiss�r des Heiligen Synods eine Reihe von Besuchen. Er begann mit dem Gouverneur, das verlangten die H�flichkeit und der offizielle Charakter seiner Reise.</p><p>Anton von Gaggenau, der das bislang Geschilderte �ber den Gast aus der Hauptstadt bereits wusste, war gefasst auf einen Neophyten, einen Z�llner Matth�us, eine besonders gef�hrliche Abart von Glaubensh�ter, und wappnete sich mit gr��ter Vorsicht. Daf�r war seine Frau Ljudmila, deren Phantasie weniger die geistige Wiedergeburt dieses Kudejar (Kudejar - legend�rer R�uberhauptmann des 16. Jahrhunderts. D.�.) entflammte als vielmehr dessen fr�heres S�ndenleben, unvers�hnlich gestimmt, obwohl sie ein wenig Herzklopfen hatte. Die Gouverneursgattin malte sich aus, wie in ihrem gem�tlichen Salon ein infernalisch sch�ner Mann erschien, ein Verderber unschuldiger Jungfrauen, ein Wolf im Schafpelz, und hielt sich bereit, einerseits nicht seinem satanischen Zauber zu erliegen und andererseits den Unhold in seine Schranken zu weisen, denn Sawolshsk, das ist nicht das lasterhafte Sankt Petersburg, wo die Frauen leicht zug�nglich und sittenlos sind.</p><p>Es ist ja so, dass mit einer Reputation wie der Bubenzows, noch dazu in der Provinz, wo es wenig Auswahl gab, jeder Mann von leidlichem Aussehen alle Chancen gehabt h�tte, als �interessanter Typ� zu erscheinen.</p><p>Gleichwohl war die Gouverneursgattin im ersten Moment tief entt�uscht. Den Salon betrat, sich verbeugend, ein feingliedriger, um nicht zu sagen, schw�chlicher Herr um die drei�ig, ganz au�erordentlich beweglich in den Gelenken (�schlenkrig� nannte es Ljudmila Petrowna, die sich gern anschaulich ausdr�ckte). Um der Gerechtigkeit willen r�umte sie ein, dass der Besucher gut gebaut war. Seine schmale Figur hatte die federnde Geschmeidigkeit einer Rapierklinge, aber das verlieh ihm eine unvorteilhafte �hnlichkeit mit dem Stutzer Dudeval, dem Tanzlehrer am Sawolshsker Pensionat f�r adlige Fr�ulein. Auch das Gesicht Bubenzows war nicht sch�n: scharfe r�uberische Z�ge, Hakennase und helle starre Augen, die etwas Eulenhaftes hatten. Das einzig Attraktive an dieser Physiognomie waren die geschwungenen Brauen und die dichten Wimpern. Ljudmila mutma�te sogleich, dass er damit seine ungl�cklichen Opfer verf�hrt hatte. Um aber der Hausherrin der Gouverneursvilla zu gefallen, bedurfte es wesentlicherer Vorz�ge, was sie ihm auch zu verstehen gab, indem sie ihm die Hand zum Kuss verweigerte.</p><p>Zu Beginn des Gespr�chs erregte der Petersburger Fant noch mehr ihr Missfallen. Seine Stimme war leise, tr�ge, und er dehnte die Vokale l�ssig in die L�nge. Auf seinem Gesicht spielte ein gelangweiltes liebensw�rdiges L�cheln.</p><p>In der Folgezeit, als die Sawolshsker Bubenzow besser] kennen lernen konnten, wurde deutlich, dass er sich beim ersten Gespr�ch mit Unbekannten immer so gab, es sei denn, er hielt es f�r notwendig, auf seinen Partner einen besonderen Eindruck zu machen. Umso st�rker war der Effekt pl�tzlicher Metamorphosen, wenn sein Geschw�tz unvermutet in Angriffslust umschlug. Diese Methode beherrschte Bubenzow perfekt.</p><p>Mit dem Baron und der Baronin unterhielt er sich �ber allerlei Unwichtiges, das mit dem Ziel seiner Reise nichts zu tun hatte: �ber die zerm�rbende Fahrt, �ber die letzte Mode, �ber die Vorz�ge der englischen Pferde vor denarabischen. Anton von Gaggenau h�rte aufmerksam zu, pflichtete bei und �berlegte, wie gef�hrlich dieser Schw�tzer sein mochte. Dabei spielte er den wohlmeinenden Einfaltspinsel, was ihm, nebenbei bemerkt, hervorragend gelang. Seine Schlussfolgerung war wenig tr�stlich: Bubenzow ist gef�hrlich, �u�erst gef�hrlich sogar.</p><p>Ljudmila beteiligte sich prinzipiell nicht an solchem Geplauder, sie sa� finster da, betrachtete feindselig die erstaunlich kleinen, gepflegten H�nde des gef�hrlichen Beamten, die mit einem Spitzenf�cher spielten (der Abend war schw�l), und dachte: ein sch�ner Graf Nulin (Graf Nulin - Held des gleichnamigen Poems von Alexander Puschkin. D.�.)!</p><p>Der Besucher hatte binnen f�nf Minuten erkannt, wer von den beiden die Hauptperson war, und sah den Gouverneur kaum noch an, sondern wandte sich im Gespr�ch nur noch an dessen Gattin. Sie gewann den Eindruck, dass er es darauf anlegte, sie zu �rgern mit seinem herablassenden Blick unter dichten Wimpern. Das emp�rende Angestarrtwerden schaffte ihr gro�es Unbehagen, als w�re sie nicht ganz angezogen.</p><p>Gegen Ende der halbst�ndigen Visite geschah Folgendes: Der Sekret�r schaute herein, der Baron entschuldigte sich und ging zum Schreibtisch, um ein wichtiges Papier zu unterschreiben (man wei� sogar, was f�r eines � Freistellung des Buchhandels von der Akzise). Da fragte Bubenzow, ohne den Ton noch den Gesichtsausdruck zu �ndern, so tr�ge wie zuvor:</p><p>�Ich habe geh�rt, liebensw�rdige Ljudmila Petrowna, Sie widmen sich mit gro�em Eifer der Wohlt�tigkeit? L�blich, l�blich.�</p><p>Die Gouverneursgattin, unangenehm ber�hrt von seinem Ton, antwortete abweisend, ja, giftig:</p><p>�Gibt es denn einen w�rdigeren Zeitvertreib f�r eine Frau in meiner Stellung?�</p><p>Die eine fein gezeichnete Braue hob sich verwundert, das eine Auge bohrte sich in Ljudmilas Seele, das andere wurde ganz schmal und war kaum noch zu sehen.</p><p>�Was f�r eine Frage! Man sieht sogleich, dass Sie noch nie geliebt haben und wohl gar nicht wissen, was Liebe ist.�</p><p>Die Dame des Hauses lief rot an, fand keine Antwort und glaubte sogar, sich verh�rt zu haben, denn die sonderbare Bemerkung war ohne jeden Ausdruck gefallen. Und da kam schon der Gouverneur zur�ck, so dass die Gelegenheit einer Abfuhr verpasst war.</p><p>Danach schwatzte der Besucher noch ein paar Minuten �ber allerlei Unsinn, aber Ljudmila betrachtete ihn schon mit anderen Augen � �ngstlich und zugleich irgendwie erwartungsvoll.</p><p>Beim Abschied beugte sich der Inspektor �ber ihre Hand, die sie ihm diesmal nicht verweigerte, und raunte:</p><p>�So zerrinnt das Leben. Schade.�</p><p>Der Mann war geschickt � er nutzte aus, dass der Gouverneur gerade selbstvergessen, kieferknackend g�hnte, dabei taktvoll die Hand vor den Mund hielt und so die frechen Worte nicht h�ren konnte.</p><p>Das war alles gewesen. Aber zur allgemeinen Verwunderung, am meisten derjenigen ihres Gatten, begann Ljudmila Platonowna von diesem Tag an, den Petersburger Abgesandten auszuzeichnen, man kann sagen, sie nahm ihn unter ihre Fittiche. Er besuchte sie h�ufig in ihren Gem�chern, einfach so, ohne besonderes Anliegen. Dann h�rte man im Hause Klavierspiel, zweistimmigen Gesang und fr�hliches Gel�chter. Der Gouverneur hatte anfangs versucht, an dem Frohsinn teilzuhaben, doch er wurde sich alsbald leidvoll bewusst, �berfl�ssig zu sein, entfernte sich unter dem Vorwand unaufschiebbarer Pflichten und litt dann noch mehr in der Stille seines Kabinetts. Es gab auch Picknickausfl�ge im kleinen Kreis und Bootsfahrten und sonstige schickliche Zerstreuungen. Bubenzow hegte m�glicherweise aufrichtige Sympathien f�r die Baronin, die, wie schon erw�hnt, mit Sch�nheit und mit seelischen Qualit�ten gesegnet war, doch ihn leitete zweifellos auch etwas anderes: die enge Freundschaft mit der einflussreichsten Frau des Gouvernements, die der Kommissar des Synods f�r seine Pl�ne brauchte.</p><p>Von dem Ehepaar von Gaggenau f�hrte den Neuank�mmling die n�chste Visite direkt zur Frau des Postmeisters, Olimpiada Saweljewna Schestago, deren Salon in Konkurrenz zu dem der Gouverneursgattin stand. Die Gesellschaft von Sawolshsk war damals in zwei heimliche Parteien gespalten, die man als konservativ und progressiv bezeichnen k�nnte (letztere wurde manchmal noch aus alter Gewohnheit liberal genannt, dabei kommt dieses Wort im heutigen Russland immer mehr aus der Mode). Beide Lager wurden von Frauen angef�hrt. Die konservative Partei war, wie es sich geh�rt, die herrschende, und ihre wahre F�hrerin war Ljudmila von Gaggenau. Die meisten Beamten und ihre Frauen scharten sich entsprechend ihrer Stellung, T�tigkeit und nat�rlicher �berzeugung um diese Standarte.</p><p>Zur Oppositionspartei geh�rten vorwiegend aufm�pfige junge Leute wie Lehrer, Ingenieure und Angestellte von Post und Telegraph; die politische F�rbung der Letzteren erkl�rte sich aus ihrer Zugeh�rigkeit zu dem Postamt, dessen Leiter seiner besseren H�lfte Olimpiada in v�lliger Sklaverei verfallen war. Frau Schestago galt in der Stadt als Sch�nheit, doch ganz anderer Art als die Gouverneursgattin: Sie war nicht stattlich und nicht gutherzig, sondern hager und scharfz�ngig, anders ausgedr�ckt, grazi�s und intellektuell, wie sie selbst diese Vorz�ge definierte. Sie entstammte einem millionenschweren Kaufmannsgeschlecht und hatte ihrem Gatten als Mitgift dreihunderttausend zugebracht, was sie ihm bei der kleinsten Verfinsterung des famili�ren Himmels, der gr��tenteils wolkenlos war, unter die Nase rieb. In ihrem reichen, gastlichen Haus wurden solche f�r Sawolshsk exotischen Br�uche gepflegt wie Gottlosigkeit, Lekt�re verbotener Zeitungen und freie Diskussionen �ber den Parlamentarismus. Frau Schestago empfing donnerstags, jeder konnte kommen, und es kamen sehr viele, denn ihre Tafel war �ppig gedeckt und die Unterhaltung nach provinziellen Ma�st�ben zuweilen interessant.</p><p>Da Bubenzows erste Visiten gerade auf einen Donnerstag fielen, pr�sentierte er sich dem progressiven Lager unbesorgt ob der fehlenden Einladung, was auf gr�ndliche Kenntnis der Sitten und der Kr�fteverteilung im Gouvernement hindeutete.</p><p>Sein Besuch bei der Postmeistersgattin machte unter den Liberalen regelrecht Furore, denn sie waren schon zu dem Schluss gelangt, dass der Agent der Reaktion ihretwegen ausgesandt worden sei, um in der Sawolshsker Gesellschaft die Freidenkerei und den Geist des Aufruhrs auszurotten. Das war einerseits Besorgnis erregend, andererseits auch angenehm (seht an, der Oberprokuror pers�nlich ist beunruhigt �ber die hiesigen Karbonari), doch wohl haupts�chlich Besorgnis erregend.</p><p>Aber der �Agent der Reaktion� war gar nicht so Furcht einfl��end. Er gab sich aufgekl�rt und sprach ganz frei �ber die neuere Literatur � �ber den Grafen Tolstoi und �ber die franz�sischen Naturalisten, die man in der Stadt nur vom H�rensagen kannte. Einen vortrefflichen Eindruck machte auch die rasiermesserscharfe Zunge des Gastes. Als der Inspektor der Volksschulen Ilja Nikolajewitsch Fedjakin, der bei den Progressiven als un�bertroffener Sp�tter galt, dem so �beraus selbstsicheren Schw�tzer einen D�mpfer verpassen wollte, erwies sich, dass der einheimische L�sterer dem Petersburger Abgesandten nicht im Geringsten gewachsen war.</p><p>�Es ist nett, solch k�hne Urteile aus dem Mund eines Dieners der Gottesfurcht zu h�ren�, sagte Fedjakin mit ironisch eingekniffenen Augen und strich seinen Spitzbart, was bei ihm auf ernstliche Gereiztheit deutete. �Sie plaudern mit dem Oberprokuror wohl oft �ber die physiologische Liebe bei Maupassant?�</p><p>��Physiologische Liebe�, das ist ja doppelt gemoppelt wie ein wei�er Schimmel�, schnitt ihm Bubenzow das Wort ab. �Oder �berwiegt bei Ihnen in Sawolshsk noch der romantische Blick auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern?�</p><p>Olimpiada err�tete, so peinlich war es ihr vor diesem klugen Mann, dass Fedjakin bei ihr den Ehrenplatz an der Stirnseite der Tafel innehatte, und �u�erte sich hastig gegen jede Scheinheiligkeit in der sexuellen Partnerschaft.</p><p>Bei der Postmeistersgattin ging der gewandte Petersburger noch dreister vor als bei der Frau des Gouverneurs. Als er aufbrach � vor allen anderen G�sten, als wollte er ihnen Gelegenheit geben, ihn ausgiebig durchzuhecheln �, begleitete Olimpiada, die von seinem hauptst�dtischen Glanz schon geblendet war, den teuren Gast in die Diele. Sie reichte ihm die Rechte zum H�ndedruck (der Handkuss war bei den Progressiven selbstredend verp�nt), und Bubenzow griff zu, aber er dr�ckte nicht die Hand, sondern den Ellbogen. Mit einer sanften, doch herrischen Bewegung zog er die Dame des Hauses wortlos an sich und k�sste sie so kr�ftig auf den Mund, dass der armen Olimpiada, die in den neunundzwanzig Jahren ihres Lebens noch nie so gek�sst worden war, die Knie watteweich wurden und vor ihren Augen alles verschwamm. Mit rosigem Gesicht kehrte sie in den Salon zur�ck und unterband aufs energischste alle Versuche des rachs�chtigen Fedjakin, den Gegangenen zu diffamieren.</p><p>Auf diese Weise stellte Bubenzow schon am ersten Tag seines Aufenthalts im Gouvernement gute Beziehungen zu den beiden Sawolshsker K�niginnen her, wobei die Freundschaft mit Olimpiada besonders angenehm war, da ihr Haus unmittelbar an das Postamt grenzte, in dem ihr Gatte Direktor war. Mit ihm stand Bubenzow ebenfalls sehr bald auf freundschaftlichem Fu�, so dass er ihn ohne Umst�nde in seinem Kabinett aufsuchen konnte und freien Zugang zu dem einzigen Telegraphenapparat von Sawolshsk erhielt. Von diesem Privileg machte er eifrig Gebrauch, kam sogar ohne den Telegraphisten aus, da er, wie sich zeigte, mit dem verzwickten Baudot-Apparat bestens umzugehen verstand. Es kam vor, dass der Synodalinspektor noch nach Mitternacht im Postamt vorbeischaute, etwas abschickte, etwas empfing und sich �berhaupt benahm, als w�re er dort zu Hause.</p><p>Wenn aber der Triumph des baltischen War�gers bei den Damen Schwindel erregend und unbestreitbar war, so ging es mit den M�nnern weniger glatt.</p><p>Die einzige wirkliche Eroberung Bubenzows auf diesem Gebiet (Postmeister Schestago z�hlte nicht, da er eine unselbstst�ndige Person war) wurde sein B�ndnis mit dem Polizeimeister Lagrange.</p><p>Das hatte seine Gr�nde. Felix Stanislawowitsch Lagrange war ein Neuling in der Stadt, man hatte ihn hergesandt, um die Stelle des unl�ngst verblichenen Oberstleutnants Gulko einzunehmen, der viele Jahre lang dem Gouverneur und dem Bischof treu zur Seite gestanden hatte. Den Hingegangenen hatten bei uns alle geliebt, alle waren an ihn gew�hnt, und der vom Minister Eingesetzte wurde mit Argwohn aufgenommen. Der neue Polizeimeister war ein gro�er, sch�ner Mann mit sorgsam gestutzten Schl�fen und malerisch geschw�rztem Schnauzbart. Er schien beflissen und ehrerbietig gegen�ber den Vorgesetzten zu sein, aber dem Bischof gefiel er nicht, da er um eine Beichte nachgesucht und dann unaufrichtig gesprochen hatte, auch interessierte er sich gar zu sehr f�r religi�se Fragen.</p><p>Die Stadt sagte dem Polizeimeister seinerseits nicht zu, vor allem weil sie so friedlich und ereignisarm war. Zum Gl�ck kennt man im Gouvernement die revolution�re Seuche �berhaupt nicht; vor Mitrofani und dem Baron ist sie gar nicht erst aufgekommen, und seit sie das Gouvernement regieren, besteht erst recht kein Grund dazu. Wo sollte sie aufflackern? Bei uns gibt es weder gro�e Manufakturen noch Universit�ten, gravierende soziale Ungerechtigkeiten sind nicht zu beobachten, und wenn doch, kann man sich bei der Obrigkeit beschweren und braucht nicht zu meutern. Anders als sonst im Staat �blich, hat das Gouvernement nicht mal eine Gendarmerieverwaltung, denn ehedem, als es noch eine hatte, waren die Angestellten vom Nichtstun dem Suff oder der Melancholie verfallen. Der Sawolshsker Polizeimeister nimmt zugleich auch alle Angelegenheiten der Gendarmerie wahr, und davon hatte sich Lagrange verlocken lassen, als er seiner Ernennung zustimmte. Erst sp�ter begriff er, welch grausamen Scherz das Schicksal mit ihm getrieben hatte.</p><p>Die Umst�nde, unter denen Bubenzow und Lagrange Freundschaft schlossen, blieben den B�rgern der Stadt, denen sonst kaum etwas entging, verborgen, und da die Ann�herung der beiden sich so schnell vollzogen hatte, kursierten Ger�chte: der Inspektor sei nicht von ungef�hr hergeschickt worden, sondern auf Grund einer Verleumdung Lagranges, der mit allen Mitteln den Blick der h�chsten Macht auf seine Person ziehen wollte. Jedenfalls ging Lagrange nach der Ankunft des Synodalinquisitors demonstrativ nicht mehr zum Bischof beichten.</p><p>So war Bubenzow binnen weniger Tage in Sawolshsk ein richtiger Staatsstreich gelungen, indem er fast alle strategischen Punkte einnahm: die Administration in der Person Ljudmila Platonownas, die Polizei in der Person Lagranges und die �ffentliche Meinung mitsamt der Post und dem Telegraphenamt in der Person Olimpiada Saweljewnas. Nun musste er nur noch die Macht der Kirche und der Justiz in die Hand bekommen, aber da erlitt er eine Schlappe.</p><p>Der Bischof, dem Bubenzow am Freitag, dem Tag nach seinen ersten Visiten, seine Aufwartung machte, empfing den ungebetenen Kontrolleur m�rrisch, lie� sich nicht auf leeres Geplauder ein und fragte unumwunden, was f�r einen Zweck der Besuch des bevollm�chtigten Synodalemiss�rs denn eigentlich habe. Bubenzow wechselte sogleich die Gespr�chsrichtung (er hatte scheinheilig mit Zitaten aus der Heiligen Schrift begonnen) und legte b�ndig den Sinn seiner Mission dar:</p><p>�Bisch�fliche Gnaden, Sie wissen bestens, dass die derzeitige Linie des Staates in Bezug auf die religi�se Ausrichtung Russlands darin besteht, die f�hrende und wegweisende Rolle der Orthodoxie als der geistigen und ideellen St�tze des Imperiums allseitig zu st�rken. Unser Reich ist gro�, aber instabil, weil die einen sich mit drei Fingern bekreuzigen, die anderen nur mit zwei Fingern, die Dritten von links nach rechts, weil die Vierten Jehova anbeten und die F�nften gar Mohammed. Das Denken kann und soll verschieden sein, aber in einem Vielv�lkerstaat, der seine Einheit wahren will, darf es nur einen Glauben geben, sonst erwarten uns Streit, Bruderzwist und der vollst�ndige Verfall der Sittlichkeit. Das ist das Credo von Konstantin Petrowitsch, und der Zar vertritt dieselbe Ansicht. Daher die dringlichen Forderungen des Heiligen Synod an die Bisch�fe derjenigen Gouvernements, in denen zahlreiche Andersgl�ubige und Schismatiker leben. Aus den westlichen, aus den baltischen, sogar aus den asiatischen Gouvernements berichten die Bisch�fe jeden Monat �ber Tausende, Zehntausende Bekehrte. Nur aus Sawolshsk, wo die Ketzerei, der Islam und sogar das Heidentum bl�hen und gedeihen, kommen keine erfreulichen Nachrichten. Ich sage geradeheraus: Ich bin vor allem hergesandt worden, um herauszufinden, was der Grund f�r diese Passivit�t ist � Unf�higkeit oder Unwilligkeit.�</p><p>Bubenzow lie� eine angemessene Pause folgen und fuhr dann wesentlich milder fort:</p><p>�Ihre Unt�tigkeit schadet dem monolithischen Charakter des Imperiums und der Idee der russischen Staatlichkeit und ist ein schlechtes Beispiel f�r die anderen Bisch�fe. Ich bin ganz offen zu Ihnen, Bisch�fliche Gnaden, denn ich halte Sie f�r eine praktische Natur und durchaus nicht f�r den sch�ngeistigen Tr�umer, den einige Petersburger in Ihnen sehen. Lassen Sie uns also ohne �quivoques sachlich miteinander sprechen. Sie und ich haben ein gemeinsames Interesse. Wir m�ssen hier im Transwolgaland dem wahren Glauben zu einem Triumph verhelfen � die Altgl�ubigen bis auf den letzten Mann in den Scho� der Orthodoxie zur�ckf�hren, die Baschkiren zu Tausenden taufen oder noch etwas ebenso Beeindruckendes. Das wird Ihnen helfen, Ihre Eparchie von der Ungnade zu befreien, und mir n�tzen, weil diese Ereignisse ein direktes Ergebnis meiner Reise sein werden.�</p><p>Bubenzow sah die Unzufriedenheit im Gesicht seines Gespr�chspartners, nahm sie irrt�mlich f�r Zweifel und f�gte hinzu:</p><p>�Euer Bisch�fliche Gnaden wissen nicht, wie das anzupacken w�re? Bitte sich nicht zu beunruhigen. Daf�r bin ich ja hergesandt worden. Ich werde alles aufs Beste arrangieren. Nur werfen Sie mir keine Kn�ppel zwischen die Beine.�</p><p>Der Bischof, ein direkter Mann, antwortete im gleichen Ton ohne Umschweife:</p><p>�Ihr Credo ist sch�dlich und dumm. Konstantin Petrowitsch ist nicht erst seit gestern auf der Welt und wei� so gut wie ich, dass man niemanden gewaltsam zu einem neuen Glauben bringt, h�chstens zur Befolgung von diesem oder jenem Ritual, und das ist im Sinne des monolithischen Charakters des Staates ohne jede Bedeutung. Ich nehme an, der Herr Oberprokuror verfolgt irgendwelche anderen Ziele, die mit dem Glauben nichts zu tun haben. Beispielsweise die Einf�hrung von polizeilichen Leitungsmethoden auch in der geistlichen Sph�re.�</p><p>�Na und?�. Bubenzow zuckte gleichm�tig die Achseln. �Wenn unser Imperium, Ihres und meines, Bestand hat, so nur dank der Willensanspannung der Machthabenden. Jeder Andersdenkende und Andersglaubende muss stets eingedenk sein, dass er unter Aufsicht und Beobachtung steht und dass man ihm keine Unbotm��igkeit und keine Eigenm�chtigkeit erlaubt. Freiheiten � das ist was f�r Gallier und Angelsachsen, doch unsere Kraft liegt in der Einheit und im Gehorsam.�</p><p>�Sie reden mir von Politik und ich Ihnen von der menschlichen Seele.� Mitrofani holte tief Luft und sagte dann Dinge, die besser ungesagt geblieben w�ren. �In meiner Eparchie gibt es wenig Neubekehrte, weil ich keinen Sinn darin sehe, Altgl�ubige, Muselmanen und deutsche Kolonisten zum orthodoxen Glauben her�berzulocken. Bei mir kann jeder glauben, an was er will, Hauptsache an Gott und nicht an den Teufel. Wenn sie nur ein frommes Leben f�hren, bin ich es zufrieden.�</p><p>Bubenzows Augen blitzten, er sagte freundlich, aber mit unverh�llter Drohung:</p><p>�Eine interessante Auffassung f�r den Bischof eines Gouvernements. Sie deckt sich keineswegs mit der Meinung Konstantin Petrowitschs und des Imperators.�</p><p>In diesem Moment wusste Mitrofani alles �ber seinen Besucher und dessen weitere Demarchen, darum stand er br�sk auf, zum Zeichen, dass das Gespr�ch beendet sei.</p><p>�Ich wei�. Deshalb teile ich Ihnen meine Auffassung ohne Zeugen mit, damit zwischen uns alles klar ist.�</p><p>Auch Bubenzow erhob sich und sagte mit einer Verbeugung:</p><p>�Nun, danke f�r die Offenheit.�</p><p>Er entfernte sich und verschonte fortan das Haus des Bischofs mit seinen Besuchen. Die Kriegserkl�rung war ausgesprochen und angenommen. Nun trat die Pause ein, die dem Beginn einer Schlacht vorauszugehen pflegt, und zu der Zeit, in der unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, war die Windstille noch nicht beendet.</p><p>Bald nach dem erfolglosen Angriff auf die Glaubensfeste folgte der Vorsto� gegen die St�tze der Justiz. Bubenzow, von seinen mittlerweile schon zahlreichen Anh�ngern aufgekl�rt, machte sich nicht an den Vorsitzenden des Gerichtshofes heran und nicht an den Staatsanwalt des Gouvernements, sondern an dessen Stellvertreter Matwej Benzionowitsch Berditschewski.</p><p>Die Unterredung fand im Adelsklub statt, in den Berditschewski aufgenommen war, gleich nachdem er auf Empfehlung des Barons von Gaggenau den Dienstadel erhalten hatte. Den Klub besuchte Berditschewski ziemlich oft, und nicht aus D�nkel, wie er Empork�mmlingen eignet, sondern aus einem ganz prosaischen Grund: In seinem kinderreichen Haus herrschte ein derartiges Tohuwabohu, dass selbst dieser kinderliebe Familienvater gelegentlich eine Atempause ben�tigte. Meistens sa� er abends allein in der Klubbibliothek und spielte mit sich selber Schach, denn in unserer Stadt fand er keinen w�rdigen Gegner in diesem weisen Spiel.</p><p>Bubenzow trat zu ihm, stellte sich vor und bot eine Partie an. Er bekam das Recht des ersten Zugs, und eine Zeit lang herrschte in der Bibliothek v�llige Stille, nur ab und zu knallten die Malachitfiguren aufs Brett. Zu Berditschewskis Erstaunen und Vergn�gen war er an einen ernst zu nehmenden Gegner geraten, so dass er t�chtig zu tun hatte, bis seine Schwarzen die Oberhand gewannen.</p><p>�Einen kleinen Prozess br�uchten wir�, brach Bubenzow pl�tzlich seufzend das Schweigen.</p><p>�Wie meinen?�</p><p>�Sie und ich, wir sind doch Fr�chte vom gleichen Baum�, sagte Bubenzow herzlich. �Wir klettern nach oben und brechen uns die Fingern�gel ab, und alle ringsum sind nur darauf aus, uns hinunterzusto�en. Sie sind ein zum Christentum Bekehrter und haben�s schwer. Gest�tzt werden Sie nur vom Gouverneur und vom Bischof. Doch ich versichere Ihnen, beide, namentlich der Letztere, werden sich nicht lange halten. Was wird dann aus Ihnen?� Er zog den Turm. �Gardez.�</p><p>�Einen kleinen Prozess?�, fragte Berditschewski zur�ck, dabei blickte er konzentriert aufs Brett und zupfte mit den Fingern an seiner langen Nase (eine unangenehme Angewohnheit bei ihm).</p><p>�Genau. Gegen die Altgl�ubigen. Wegen Gottesl�sterung oder, besser, wegen Grausamkeit. Verh�hnung der rechtgl�ubigen Heiligt�mer w�re auch nicht schlecht. Beginnen m�sste man mit einem Kaufmann, einem m�glichst angesehenen. Bei einem Reichen kommt der Geldsack stets vor dem Glauben. Wenn man ihn ordentlich unter Druck setzt, wird er seinen Vorteil erkennen und sich lossagen, und dann werden viele es ihm nachtun. Zurzeit kriegen ja wohl die Polizei und die Konsistorialen und auch Ihre Gerichtsleute von den Altgl�ubigen Schmiergeld, aber wir werden von ihnen nicht Geld verlangen, nein, wir verlangen, dass sie sich mit drei Fingern bekreuzigen, sie und ihre ganze Sippschaft. Na?�</p><p>�Sie kriegen nicht�, antwortete Berditschewski, indes er eine komplizierte Kombination berechnete.</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Die Polizei und die Konsistorialen und auch die Gerichtsleute. Das ist bei uns im Gouvernement nicht �blich, bitte sch�n. Ich schlage das B�uerlein.�</p><p>�Und die Dame?�, sagte Bubenzow verwundert, schlug sie jedoch ohne Z�gern. �So werden auch Ihre G�nner geschlagen werden, und das in k�rzester Zeit. Herr Berditschewski, ich brauche zu meiner Unterst�tzung einen gewiegten Rechtskundigen, der die hiesigen Bedingungen gut kennt. �berlegen Sie es sich. Das k�nnte eine gro�e Karriere ergeben, vielleicht nicht in der reinen Justiz, sondern in der Kirchengerichtsbarkeit. Dort w�re auch Ihr Judentum kein Hindernis. Viele S�ulen der Gesetzgebung entstammen Ihrer Nation, und auch jetzt gibt es unter den Bekehrten eifrige Propagandisten der Orthodoxie. Bedenken Sie auch die Folgen eines Str�ubens.� Er fuchtelte viel sagend mit der geschlagenen Dame. �Sie haben doch Familie. Und wie ich h�re, wird wieder Zuwachs erwartet?�</p><p>Berditschewski war ver�ngstigt und vermied es, den Blick vom Brett zu heben, er murmelte:</p><p>�Entschuldigen Sie, mein Herr, aber erstens sind Sie matt. Und zweitens� (dies sagte er fast fl�sternd und mit zitternder Stimme), �sind Sie ein Lump, ein niedriger Mensch.�</p><p>Sagte es und kniff die Augen zu, denn er dachte gleichzeitig an das Doppelduell und an seine zw�lf Kinder und an den erwarteten Familienzuwachs.</p><p>Bubenzow lachte auf und musterte den blass gewordenen Helden. Er blickte um sich, ob jemand in der N�he war (war nicht), verpasste Berditschewski einen sehr schmerzhaften Nasenst�ber und ging. Berditschewski schniefte, da fielen zwei rote Tropfen aufs Brett, und er machte einen z�gernden Versuch, dem Beleidiger nachzulaufen, aber die aufsteigenden Tr�nen h�llten alles in einen regenbogenfarbenen Schleier. Er stand noch ein Weilchen, dann setzte er sich wieder.</p><p>Nunmehr bleibt nur noch, von dem Gefolge des ungew�hnlichen Synodalkontrolleurs zu berichten, denn dieses Paar war nicht minder malerisch als Bubenzow selbst.</p><p>Sein Sekret�r war Tichon Jeremejewitsch Selig, der w�rdige Herr, der dem W�chter aus dem Fensterchen der schwarzen Kutsche freundlich zugenickt hatte. An dem Namen des Beamten, mehr noch aber an seiner Art sich zu geben und zu reden wurde deutlich, dass er dem geistlichen Stand entstammte. Es hie�, Konstantin Petrowitsch habe den einfachen Psalmenleser in seine N�he geholt, da er an dem bescheidenen Kirchendiener wohl etwas Besonderes wahrgenommen hatte. Im Synod bekleidete Selig nur einen kleinen, unauff�lligen und schlecht bezahlten Posten, aber der Oberprokuror w�rdigte ihn recht oft vertraulicher Vier-Augen-Gespr�che, so dass viele, auch unter den Hierarchen, Angst vor ihm hatten.</p><p>Dem Inspektor Bubenzow war dieser m�usleinstille Beamte mitgegeben worden als Auge der vertrauenden, doch kontrollierenden Macht, und er kam seinen Pflichten zun�chst gewissenhaft nach, aber zum Zeitpunkt der Ankunft in Sawolshsk war er schon g�nzlich dem Zauber seines zeitweiligen Chefs erlegen und zu seinem vorbehaltlosen J�nger geworden, da er offenbar entschieden hatte, dass niemand zwei Herren dienen k�nne. Womit Bubenzow ihn gewonnen hatte, wissen wir nicht, m�chten aber annehmen, dass diese Aufgabe f�r einen so erfinderischen und talentierten Mann nicht sonderlich schwierig gewesen war. Selig blieb seinem Gewerbe treu, doch er schn�ffelte und spionierte jetzt nicht zum Schaden Bubenzows, sondern ausschlie�lich zu dessen Nutzen � durchaus m�glich, dass er als weit blickender Mann in diesem Wechsel seiner Vasallenabh�ngigkeit Vorteile f�r sich erkannt hatte. Er war von kleinem Wuchs, zog ewig den Kopf zwischen die Schultern und hatte unnat�rlich lange Arme mit scherenartigen H�nden, die ihm fast bis zu den Knien reichten, darum hatte Bubenzow ihn in der ersten Zeit �Orang-Utan� genannt, doch sp�ter h�ngte er ihm den noch kr�nkenderen Spitznamen �Unterleibchen� an. (Selig zeichnete sich n�mlich durch besessene Fr�mmigkeit aus, bei ihm war jedes zweite Wort, ob es passte oder nicht, ein Spruch aus der Heiligen Schrift, und er beging einmal die Unvorsichtigkeit, seinem Herrn gegen�ber zu erw�hnen, dass er zum Schutz vor dem Gottseibeiuns unter seinem Gehrock ein �geweihtes Leibchen� trage. Selig nahm die Scherze seines Vorgesetzten, wie es einem Christenmenschen ziemt, nicht �bel, er sagte nur dem�tig: �Ich ents�ndige mich mit Ysop und werde rein sein, ich wasche mich und werde wei�er sein als Schnee.�</p><p>Der Gouvernementsekret�r folgte Bubenzow �berallhin wie ein Schatten, gleichwohl gelang es ihm wie durch ein Wunder, auch an vielen anderen Pl�tzen aufzutauchen, denn er hatte sich in Sawolshsk erstaunlich schnell zurechtgefunden. Man sah ihn bald in der Kirche, mitsingend im Chor, bald auf dem Markt, feilschend mit altgl�ubigen Imkern um den Preis f�r Honig, bald in Olimpiadas Salon, plaudernd mit dem Advokaten Korsch, der in unserem Gouvernement als erster Fachmann f�r Erbangelegenheiten galt.</p><p>Es war verbl�ffend, wie ein Mann wie Selig es verstand, mit dem wilden Kutscher Bubenzows umzugehen und gar Freundschaft zu halten. Dieser Murad Dshurajew wurde in Sawolshsk der Tscherkesse genannt, obwohl er kein Tscherkesse war, sondern einem anderen Bergstamm angeh�rte. Aber wer kannte sich schon bei den Schwarzb�rtigen aus! Murad war bei Bubenzow nicht nur Kutscher, sondern auch Kammerdiener und manchmal Leibw�chter. Niemand wusste so recht, weshalb er seinem Herrn so h�ndisch ergeben war. Bekannt war nur, dass er schon lange bei Bubenzow war, der ihn von seinem Vater geerbt hatte. Bubenzow senior, General im Kaukasus, hatte vor langer Zeit, vor zwanzig oder drei�ig Jahren, den jungen Murad vor Blutr�chern gerettet und nach Russland mitgenommen. Vielleicht gab es da ja noch etwas anderes, Besonderes, aber das fanden die Sawolshsker nicht heraus, und Murad zu fragen fehlte ihnen der Mut. Allein schon sein Aussehen fl��te Furcht ein: kahl rasierter Kopf, das Gesicht bis an die Augen mit dichten schwarzen Haaren zugewachsen, und die Z�hne konnten einen Arm bis zum Ellbogen abbei�en. Russisch sprach er noch immer wenig und schlecht. Seinen mohammedanischen Glauben hatte er beibehalten, was ihm missionarische Bem�hungen von Tichon Selig eintrug, einstweilen ohne Resultat. Er kleidete sich kaukasisch: alter Halbrock, geflickte weiche Lederschuhe, im G�rtel ein riesenlanger silberbeschlagener Dolch. Sein krummbeiniger Schaukelgang und seine breiten Schultern lie�en bullige Kr�fte vermuten, die M�nner f�hlten sich in seiner Gegenwart gehemmt, die einfachen Frauen beklommen. Seltsamerweise genoss Murad bei K�chinnen und Stubenm�dchen den Ruf eines interessanten Kavaliers, obwohl er sie grob und sogar brutal behandelte. In der zweiten Woche nach Bubenzows Ankunft in Sawolshsk taten sich die Feuerwehrleute der Stadt mit den Fleischern zusammen, um dem �Muselmann� eine Lehre zu erteilen und ihm die Lust auf die M�dchen anderer abzugew�hnen. Murad aber trieb ganz allein das Dutzend Angreifer zu Paaren, verfolgte sie lange durch die Stra�en, erwischte den Fleischer Fedka und w�rde ihn gewiss zu Tode gepr�gelt haben, wenn nicht Tichon Selig hinzugekommen w�re.</p><p>Zu Mord und Totschlag kam es also nicht, aber etliche St�dter mit Weitblick wurden nachdenklich, denn sie sahen nach diesem Skandal, besonders da die Polizei nicht wagte, dem Radaubruder Einhalt zu gebieten, das Herannahen wirrer Zeiten voraus. In der Atmosph�re des Gouvernements grummelte es, und �ber den schwarzen Himmel zuckte, lautlos noch, unheildrohendes Wetterleuchten.</p><p>Aber haben wir uns vielleicht gar zu weit von der Grundlinie unserer Erz�hlung entfernt? Schwester Pelagia hat schon l�ngst durch das weit ge�ffnete Tor den Gutspark von Drosdowka betreten, und wir m�ssen uns beeilen, ihr zu folgen.</p></section><section><title><p>Nette Menschen</p></title><p>Der Regen ereilte Pelagia f�nfzig Schritte vom Tor. Er str�mte reichlich und fr�hlich, und er lie� sogleich erkennen, dass er vorhatte, nicht nur die Kutte und das Tuch der Nonne, sondern auch ihr Unterhemd und sogar ihr Strickzeug in der G�rteltasche zu durchn�ssen. Pelegia bekam es mit der Angst. Sie hielt Umschau, ob jemand in der N�he w�re, raffte die R�cke und rannte in beneidenswertem Tempo den Weg entlang, wozu sie durch die englische Gymnastik bef�higt war, die sie, wie schon erz�hlt, in der Eparchialschule unterrichtete.</p><p>Nachdem sie die rettende Allee erreicht hatte, lehnte sie sich mit dem R�cken an den Stamm einer alten Ulme, deren dichte Krone sie zuverl�ssig sch�tzte, wischte die betropften Brillengl�ser blank und blickte zum Himmel.</p><p>Da gab es was zu sehen. Die n�here H�lfte des hohen Firmaments war schwarzviolett, aber nicht von der dumpfen, d�steren F�rbung wie an hoffnungslos verregneten Tagen, sondern mit �ligem Schimmer, als h�tte ein himmlischer Gymnasiast aus �bermut lila Tinte auf ein hellblaues Tischtuch gegossen. Bis zu der ferneren H�lfte des Tischtuchs hatte sich der Fleck noch nicht ausgebreitet, dort schien noch immer die Sonne, und an jeder Seite w�lbte sich ein Regenbogen, der eine heller und kleiner, der andere tr�ber und daf�r gr��er.</p><p>Eine Viertelstunde sp�ter aber hatte sich alles ver�ndert: Der nahe Himmel war nun hell, der fernere dunkel, und das bedeutete, der Regenguss hatte aufgeh�rt. Pelegia verrichtete ein Gebet zum Dank f�r die gl�ckliche Errettung vor dem Nasswerden und schritt durch die endlos lange Allee zu dem Gutshaus.</p><p>Als erster Gutsbewohner begr��te die Nonne ein schneewei�er Welpe mit braunem Ohr, der aus dem Geb�sch gesprungen kam und sich sofort, ohne das leiseste Z�gern, in den Saum ihrer Kutte verbiss. Der Hund war noch nicht heraus aus dem S�uglingsalter, besa� jedoch schon gro�e Entschlossenheit. Den breitstirnigen Kopf hin und her werfend und �rgerlich knurrend, zerrte er an dem festen Stoff, und es war zu sehen, dass er diese Besch�ftigung nicht so ohne weiteres aufgeben w�rde.</p><p>Pelagia nahm den R�uber in die Arme, und sie sah �berm�tige hellblaue Augen, eine schwarz gesprenkelte rosa Nase und samtweiche H�ngeb�ckchen, die mit Erde verschmiert waren, doch weitere Einzelheiten konnte sie nicht wahrnehmen, denn das Hundchen streckte seine lange rote Zunge heraus und beleckte ihr sehr geschickt Nase, Stirn und Brillengl�ser.</p><p>Die Nonne, vor�bergehend erblindet, h�rte jemanden durch die Str�ucher brechen. Eine M�nnerstimme sagte keuchend:</p><p>�Ach, da bist du ja! Hast schon wieder Erde gefressen, du Ausgeburt des Satans! Entschuldige, Schwesterchen, dass ich den B�sen im Munde f�hre. Das Dummchen hat das von seinem Vater und Gro�vater gelernt. Uff, danke, dass du ihn eingefangen hast, ich h�tt ihn sonst nicht erwischt. Flink ist er, der Teufel. Ach, schon wieder, entschuldige!�</p><p>Pelagia dr�ckte mit einer Hand das warme, straffe K�rperchen an die Brust, mit der anderen nahm sie die besabberte Brille ab. Vor sich sah sie einen b�rtigen Mann in Baumwollhemd, Pl�schhose und Ledersch�rze, der G�rtner wohl.</p><p>�Da haben Sie Ihren Sakussai�, sagte sie. �Aber halten Sie ihn fest.�</p><p>�Woher wei�t du seinen Namen?�, fragte der G�rtner erstaunt. �Oder warst du schon bei uns? Ich kann mich nicht erinnern.�</p><p>�Uns Menschen im geistlichen Rang ist durch das Beten mancherlei offenbar, was gew�hnliche Sterbliche nicht wissen�, belehrte ihn Pelagia.</p><p>Ob der B�rtige ihr glaubte oder nicht, wer wei�, aber er holte ein F�nfzehnkopekenst�ck hervor und schob es ihr mit einer Verneigung in die Tasche.</p><p>�Hier, Schwesterchen, aus reinem Herzen.�</p><p>Pelagia wies es nicht zur�ck. Zwar brauchte sie kein Geld, aber Gott freute sich auch �ber eine kleine Spende, wenn sie aus reinem Herzen kam.</p><p>�Geh lieber nicht ins Haus�, empfahl ihr der G�rtner, �spare dir die M�he. Unsere Herrschaft gibt frommen Besuchern kein Almosen, aus Prinzip.�</p><p>�Ich habe Marja Afanassjewna einen Brief vom Bischof zu �berbringen�, erkl�rte Pelagia. Der Mann von Drosdowka zog ehrerbietig die Schirmm�tze, verneigte sich und ging von �Schwesterchen� �ber zu �M�tterchen�.</p><p>�Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, M�tterchen. Und ich dr�ng mich auf mit einem Geldst�ck. Folgen Sie mir bitte.�</p><p>Er ging voraus und hielt mit beiden H�nden den sich str�ubenden, �rgerlich winselnden Sakussai.</p><p>Rechterhand war eine kleine Wiese mit einer wei�steinernen Laube darauf, dort erging sich ein sonderbarer Herr im Havelock, auf dem Kopf einen breitkrempigen Hut. Unterm Arm trug er einen schwarz lackierten Holzkasten und in der Hand ein langes Dreibein mit Metallspitzen. Dieses stie� er in die Erde und montierte darauf den Kasten, und nun war klar, dass es ein photographischer Apparat war, selbst in unserem entlegenen Gouvernement keine Seltenheit mehr.</p><p>Der Herr warf einen gleichg�ltigen Blick auf die Nonne und sagte zu dem G�rtner:</p><p>�Na, Gerassim, hast du den Ausrei�er erwischt? Ich gehe hier im Park spazieren und nehme auf, wie der Dunst von der Erde aufsteigt. Ein seltener optischer Effekt.�</p><p>Der Herr sah gut aus mit dem gepflegten Bart und den gelockten langen Haaren. Es war gleich zu sehen, dass er nicht von hier stammte. Er gefiel Pelagia.</p><p>�Er ist ein photographischer K�nstler�, erkl�rte Gerassim seiner Begleiterin, als sie ein St�ck weiter waren. �Aus Piterburch. Bei uns zu Besuch. Ein Freund von unserm Gutsverwalter Stepan Schirjajew. Er hei�t Arkadi Sergejewitsch Poggio.�</p><p>Sie gingen weitere hundert Schritte, doch das gr�ne Dach war noch immer weit weg. Hinter ihnen schmatzten Hufe �ber den etwas aufgeweichten Weg. Pelagia drehte sich um und sah eine leichte zweir�drige Kutsche, darin sa� ein rosiger Herr mit einem wei�en Kastorhut und einem leinenen Gehrock.</p><p>�Beste Gesundheit w�nsch ich, Kirill Nifontowitsch�, sagte Gerassim mit einer Verbeugung. �Sie eilen zum Abendessen?�</p><p>�Wohin sonst? Brrr, brrr.�</p><p>Die blassen �uglein richteten sich mit kindlicher Neugier auf Pelagia, und die runden Wangen falteten sich zu einem gutm�tigen L�cheln.</p><p>�Wen eskortierst du denn da, Gerassim? Oho, und da hast du auch den Erbprinzen.�</p><p>�Die Schwester bringt der Herrin einen Brief vom Bischof.�</p><p>Der Herr in der Kutsche machte eine ehrerbietige Miene und l�pfte den Hut von der schwei�igen Glatze.</p><p>�Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Kirill Nifontowitsch Krasnow, Gutsbesitzer und Nachbar. Steigen Sie ein, M�tterchen, ich nehme Sie mit, was wollen Sie sich abm�hen. Auch das Hundchen kann mitfahren, Marja Afanassjewna hat gewiss schon Sehnsucht, steht auf der Treppe vor dem Haus, guckt sich nach ihm die Augen aus.�</p><p>�Ist das von Puschkin?�, fragte Pelagia und setzte sich neben den sympathischen Schw�tzer.</p><p>�Zu viel der Ehre.� Er verbeugte sich und knallte mit der Peitsche. �Nein, von mir, ich dichte selbst. Die Zeilen fliegen mir zu bei jedem Anlass und auch ohne Anlass. Nur zu Gedichten f�gen sie sich nicht, sonst w�re ich schon so ber�hmt wie Nekrassow und Nadson.�</p><p>Er deklamierte:</p><p>Meine Verszeilen sind mir recht,</p><empty-line/><p>sie sind vielleicht nicht mal ganz schlecht.</p><empty-line/><p>Sind sie auch nicht voll auf der H�he,</p><empty-line/><p>so tun sie doch niemandem wehe.</p><p>Nach wenigen Minuten fuhren sie bei dem gro�en Haus vor, das mit allen Attributen der Pracht aus dem vorigen Jahrhundert ausgestattet war � dorische S�ulenreihe, missmutig blickende L�wen auf Postamenten und sogar bronzene Einh�rner aus Gro�-J�gersdorf zu beiden Seiten der Treppe.</p><p>In der Diele fragte Krasnow fl�sternd ein bildh�bsches Stubenm�dchen:</p><p>�Wie geht�s ihr, Tanja? Schau, ich bringe ihr Sakussai.�</p><p>Die blau�ugige Tanja mit den schwellenden Lippen seufzte.</p><p>�Sehr schlecht. Sie isst nicht und trinkt nicht. Weint nur. Grad vorhin ist der Doktor weggefahren. Er hat nichts gesagt, blo� mit dem Kopf gesch�ttelt.�</p><p>Im d�mmerigen Schlafzimmer der Kranken roch es nach Lavendeltropfen. Pelagia erblickte ein breites Bett; eine f�llige alte Frau mit H�ubchen lag halb sitzend auf einem Berg �ppiger Kissen. Es waren noch andere Leute im Zimmer, welche die Nonne nicht gleich von der Schwelle her in Augenschein nehmen mochte, �berdies mussten sich die Augen erst an die Dunkelheit gew�hnen.</p><p>�Sakussai?�, fragte die Alte mit Bassstimme, richtete sich auf und streckte die vollen welken Arme vor. �Da bist du ja, mein H�ngeb�ckchen. Danke, V�terchen, dass du ihn gebracht hast.� (zu Krasnow) �Und wer ist da noch? Eine Nonne? Ich seh dich nicht, tritt n�her.� (zu Pelagia)</p><p>Pelagia trat ans Bett und verneigte sich.</p><p>�Marja Afanassjewna, ich bringe Ihnen vom Bischof den Segen und den Wunsch nach baldiger Genesung. Damit sendet er mich, die Nonne Pelagia, zu Ihnen.�</p><p>�Was soll mir sein Segen!�, murrte die Generalswitwe Tatistschewa. �Warum kommt er nicht selbst? Ha, eine Nonne schickt er, dr�ckt sich. Ich werde alles aus dem Testament streichen, was der Kirche zugedacht war.�</p><p>Der Welpe war schon in ihren H�nden, er leckte das alte, runzlige Gesicht.</p><p>Zu F��en Pelagias t�nte ein lautes Bellen, und ein breitbr�stiger R�de stemmte die wei�en Vorderpfoten aufs Bett, er hatte eine platte Nase und eine beleidigt gefaltete steil gew�lbte Stirn.</p><p>�Sei nicht eifers�chtig, Sakidai�, sagte die Kranke. �Es ist ja dein S�hnchen, dein Fleisch und Blut. Na komm, lass dich streicheln.�</p><p>Sie zauste dem Erzeuger Sakussais das breite Genick und kraulte ihn hinterm Ohr.</p><p>Pelagia musterte derweil verstohlen die Leute im Schlafzimmer.</p><p>Der junge Mann und das junge M�dchen waren gewiss Enkel und Enkelin der Witwe. Er hie� Pjotr Georgijewitsch, sie Naina Georgijewna, beide Telianow, nach dem Vater. Sie waren vermutlich die Hauptbeg�nstigten des Testaments.</p><p>Pelagia versuchte sich vorzustellen, wie dieser hell�ugige br�nette J�ngling, der von einem Bein aufs andere trat, den armen Hunden Gift ins Futter streute. Es gelang ihr nicht.</p><p>Zu dem bildsch�nen M�dchen � gro�, stolz, mit launisch herabgezogenen Mundwinkeln � stellten sich auch keine schlechten Gedanken ein.</p><p>Da war noch ein Mann in Jackett und Russenhemd, der hatte ein schlichtes und angenehmes Gesicht, zu dem der Kneifer und der kurze dunkelblonde Spitzbart nicht recht passten. Wer das war, wusste Pelagia nicht.</p><p>�Der Bischof sendet Ihnen ein Schreiben�, sagte sie und reichte Frau Tatistschewa den Brief.</p><p>�Warum sagst du das nicht gleich? Gib her.�</p><p>Marja Tatistschewa sah die Nonne nun genauer an, nahm die Brille und die ganze Haltung zur Kenntnis und �nderte ihren Ton:</p><p>�Geben Sie ihn mir, M�tterchen, ich will ihn lesen. Und ihr alle geht zu Abend essen. Ihr m�sst hier nicht die Besorgten spielen. Und Sie gehen bitte auch essen, M�tterchen. Tanja, mach ihr ein Zimmer fertig, das Eckzimmer, in dem neulich dieser Selig �bernachtet hat. Das passt gut zusammen. Er Selig, sie selig, denn sie ist ja die Braut Christi. Wenn Bubenzow wiederkommt, wie er angek�ndigt hat, quartieren wir Selig im Seitenfl�gel ein. Hol ihn der Kuckuck, er ist mir zuwider.�</p><p>Die redselige Tanja brachte die Besucherin in ein sauberes, helles Parterrezimmer, dessen Fenster in den Park blickte, und erz�hlte ihr von dem Selig, der vor ihr darin gewohnt hatte. Pelagia wusste, wer das war (wie sollte sie nicht, wo doch in den letzten Wochen im Bischofskloster nur noch von dem Synodalinspektor und seinen Gehilfen die Rede war), h�rte aber aufmerksam zu. Tanja kam jedoch gleich auf den Tscherkessen zu sprechen, der zwar Furcht einfl��e, aber auch ein Mensch sei, der sich nach einem freundlichen Wort sehne.</p><p>�Als ich ihn abends auf dem Hof traf, hab ich nur so gezittert. Er hat mich mit seinen schwarzen Augen angeguckt, und pl�tzlich hat er mich umgefasst, hier so. Ich bin ganz erstarrt, und er . . .�, plauderte Tanja halb fl�sternd, w�hrend sie das Kissen aufsch�ttelte, doch dann kam sie zur Besinnung. �Oi, M�tterchen, was red ich da! Ihr d�rft doch so was gar nicht h�ren als Nonne!�</p><p>Pelagia l�chelte dem netten M�dchen zu. Sie wusch sich nach dem Fu�weg und b�rstete den Stra�enstaub von der Kutte. Dann stand sie ein Weilchen am Fenster und blickte in den Park. Der war wundersch�n, wenngleich verwildert. Oder war er gerade deshalb sch�n?</p><p>Auf einmal h�rte sie ganz in der N�he Stimmen. Zuerst eine M�nnerstimme, ged�mpft und vor starker Erregung �berkippend:</p><p>�Ich schw�re dir, ich tu�s! Danach kannst du nicht mehr hier leben! Ich werde dich zwingen wegzufahren!�</p><p>Schwester Pelagia hatte in ihrem Leben nur sehr wenige Liebeserkl�rungen geh�rt, aber das reichte aus, um sogleich zu erkennen � das hier war die Stimme eines wahnsinnig Verliebten.</p><p>�Wenn ich wegfahre, dann nicht mit Ihnen�, sagte eine M�dchenstimme. �Und ob ich wegfahre, ist noch die Frage.�</p><p>Du �rmster, dachte Pelagia, sie liebt dich nicht.</p><p>Sie wurde neugierig. Sacht �ffnete sie den Fensterfl�gel und linste hinaus.</p><p>Gleich rechts von ihrem Zimmer war die Hausecke. Das junge M�dchen stand genau an der Kante, so dass ihr R�cken nur halb zu sehen war. An dem rosa Kleid aber erkannte Pelagia, dass es Naina Telianowa war. Schade, der Mann war nicht zu sehen.</p><p>In diesem Moment l�utete die Glocke zum Abendessen.</p><p>Der Tisch war auf der ger�umigen Veranda gedeckt, die mit der Balustrade und der Vortreppe an den Park grenzte. Hinter den B�umen war die Weite das Flusses zu ahnen, der seine Wasser am Hochufer von Drosdowka vorbeif�hrte.</p><p>Pelagia erblickte neue Gesichter und kam nicht gleich dahinter, wer wer war, aber die Mahlzeit und das anschlie�ende Teetrinken dauerten geraume Zeit, und danach sah sie schon etwas klarer.</p><p>Au�er den Personen, die sie bereits kannte � den Geschwistern, dem Photok�nstler Arkadi Poggio und dem benachbarten Gutsbesitzer Kirill Krasnow �, sa�en am Tisch der Mann im Russenhemd (nicht sch�n, aber von einnehmendem �u�erem), ein weiterer Mann mit Bart und b�urischem Gesicht, aber in einem Tweedanzug, und ein farbloses Frauenzimmer mit einem albernen H�tchen, das mit k�nstlichen Paradies�pfeln geschm�ckt war.</p><p>Der Unsch�ne war der Gutsverwalter Stepan Trofimowitsch Schirjajew. Der B�rtige im Tweedanzug hie� Donat Abramowitsch Sytnikow, war ein reicher Altgl�ubiger aus dem Transwolgaland und hatte vor kurzem in der N�he ein Landhaus erworben. Das verwelkte Frauenzimmer hie� Miss Wrigley. Welche Rolle sie in Drosdowka spielte, war nicht ersichtlich, doch sie geh�rte h�chstwahrscheinlich zu der verbreiteten Kategorie der englischen, franz�sischen und deutschen Gouvernanten, die ihre russischen Z�glinge aufgezogen und unterrichtet und sich unter dem Dach ihrer Herrschaft so eingerichtet hatten, dass sie nicht mehr wegzudenken waren.</p><p>Zu Beginn des Abendessens erlebte Schwester Pelagia eine unangenehme Ersch�tterung.</p><p>Frau Tatistschewa erschien, auf Tanjas Schulter gest�tzt, und f�hrte Sakidai und Sakussai an der Leine. Der Brief des Bischofs hatte sie sichtlich erleichtert, aber ihre Laune hatte sich nicht gebessert. Der Bischof sagte immer, manchen Kranken m�sse man nicht mit Arzneien voll stopfen, sondern t�chtig erz�rnen. Diese Methode schien er hier angewendet zu haben.</p><p>Die Bulldoggen, Vater und Sohn, wurden beiseite gef�hrt, wo den Ersteren eine Sch�ssel mit Markknochen, den Letzteren eine mit G�nseleber erwartete. Nun begann ein Knirschen und Schmatzen, und an den beiden Hinterteilen, dem gro�en und dem kleinen, wackelten rhythmisch die wei�en Schwanzstummel.</p><p>�Miss Wrigley, was haben Sie da f�r eine Orangerie auf dem Hut?�, fragte Frau Tatistschewa, dabei lie� sie den Blick um den Tisch wandern und hielt Ausschau, wen sie noch �rgern k�nnte. �Sie sind mir eine sch�ne jugendliche Naive. Aber warum nicht, Sie sind ja eine reiche Erbin. H�chste Zeit, sich nach einem Freier umzugucken.�</p><p>Pelagia spitzte die Ohren und musterte die Engl�nderin mit gr��erem Interesse. Sie sah eine lebendige Mimik, d�nne Lippen, verschmitzte F�ltchen um die Augen.</p><p>Der pl�tzliche Angriff hatte Miss Wrigley keineswegs eingesch�chtert, sie parierte ihn ohne die geringste Unterw�rfigkeit und sprach fast akzentfrei:</p><p>�Sich nach einem Freier umzugucken ist es nie zu sp�t. Nicht mal in Ihrem Alter, Marja Afanassjewna. Sie k�ssen Ihren Sakidai so oft, dass es l�ngst an der Zeit w�re, die Beziehung zu legalisieren. Was geben Sie sonst Naina f�r ein Beispiel.�</p><p>Das Gel�chter rund um den Tisch zeigte Pelagia, dass die Hausfrau nur so streng tat und ihre Tyrannei eher gespielt war.</p><p>Nachdem die Engl�nderin ihr Paroli geboten hatte, richtete die Generalswitwe den zornigen Blick auf die Nonne.</p><p>�Unser Bischof, was mein Neffe ist, der ist auch gut. Ich kann hier krepieren, und er macht seine Witze. Was klapperst du mit den Augen, M�tterchen?�, sagte sie �rgerlich, wieder per du, zu Pelagia. �Darf ich vorstellen, meine Herrschaften: die neu erschienene Seherin in der Kutte. Sie wird mich retten, indem sie meinem Widersacher die Maske herunterrei�t. Mein Neffe Mischenka sei bedankt f�r die Gef�lligkeit. H�rt mal her, was er mir schreibt.�</p><p>Sie holte den Brief hervor, setzte die Brille auf und las vor:</p><p>�Und damit Sie Ihre Ruhe wiederfinden, Tantchen, schicke ich Ihnen meine vertraute Gehilfin, Schwester Pelagia. Sie ist eine Person von scharfem Verstand und wird schnell herausfinden, wem Ihre kostbaren Hunde ein Dorn im Auge waren. Sollte es einer Ihrer N�chsten gewesen sein, der Ihnen �bel will, was ich nicht glauben mag, so wird Pelagia den Frevler alsbald ermitteln und entlarven.�</p><p>Am Tisch war es still geworden. Was f�r eine Miene die einzelnen Leute machten, konnte Pelagia nicht sehen, da sie selbst puterrot dasa� und sich tief �ber den Teller mit dem Aalquappensouffle beugte.</p><p>In dieser Verlegenheit verweilte sie ziemlich lange, darauf bedacht, m�glichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber niemand versuchte, ein Gespr�ch mit ihr anzukn�pfen. Ihr einziger Freund bei diesem beabsichtigten oder zuf�lligen Scherbengericht war der freche Sakidai, der unter den Tisch geschl�pft war und ihr seine faltenreiche Schnauze aufs Knie legte. Seine Markknochen hatte er schon verputzt, und nun erkannte er mit untr�glicher Sicherheit, wer von den Menschen am Tisch sich am leichtesten erpressen lie�.</p><p>Der �lteste vom Geschlecht der wei�en russischen Bulldoggen blickte die Nonne unverwandt an, den runden Kopf zur Seite geneigt und die Sokratesstirn gerunzelt. Pelagia war hungrig, aber unter diesem in die Seele dringenden Blick zu essen war ihr peinlich. Verstohlen nahm sie ein H�ppchen Souffle von der Gabel und senkte die Hand unters Tischtuch. Hei�er Atem umwehte ihre Finger, die raue Zunge kitzelte, das St�ckchen Fisch verschwand.</p><p>Das Gespr�ch bei Tisch wurde interessant, es drehte sich um Talent und Genie.</p><p>�Von mir wurde schon als Kind gesagt: ein Talent, ein Talent�, erz�hlte Poggio und kniff ironisch ein Auge ein. �Als ich noch dumm war, habe ich mir viel darauf eingebildet, doch dann kam ich zu Verstand und dachte: Nur ein Talent? Warum ist Raffael ein Genie und ich nur ein Talent? Worin besteht der Unterschied zwischen ihm und mir? Ich bin nach Italien gereist, habe mir Raffaels Madonna angesehen � eindeutig genial. Dann meine Bilder � alles, wie es sich geh�rt: originell, subtil, feiner als Raffael, viel feiner. Und sofort zu erkennen: talentiert, bitte die Unbescheidenheit zu entschuldigen, aber nicht ge-ni-al.� Er dehnte die Silben. �Darum habe ich die Malerei aufgegeben � Talent, doch kein Genie. Jetzt mache ich photographische Bilder, und man sagt, sie sind gut. Zeugen von Talent. Aber das macht nichts, Genies gibt�s noch nicht in der photographischen Kunst, und Raffael steht mir nicht im Licht.� Poggio lachte unfroh. �Aber Stepan hier, mit dem ich in der Akademie studiert hab, war auf dem Weg zum Genie. Du h�ttest das Malen nicht aufgeben sollen, Stepan. Ich habe gesehen, wie du neulich ein kleines Aquarell gemacht hast. Mit der Technik ist es nicht weit her, aber k�hn, k�hn. Solche Sachen bringen jetzt in den Pariser Salons viel Geld, und du warst schon vor zwanzig Jahren so weit. Sag mal, als du nach so vielen Jahren wieder zum Pinsel gegriffen hast, hat da nicht dein Herz frohlockt?�</p><p>Stepan Schirjajew antwortete m�rrisch und widerwillig, mit gesenktem Blick:</p><p>�Frohlockt oder nicht, ist doch egal. Das Aquarell hab ich einfach so gemalt, hatte sonst nichts zu tun. Heu haben wir schon gemacht, und f�r Getreide ist es noch zu fr�h. Eine Verschnaufpause . . . Wozu Vergangenes aufr�hren. Es hat sich so ergeben, also gut. Talent, Genie, alles dasselbe. Man muss die Sache tun, die einem obliegt. Und je eifriger, desto besser.�</p><p>Pelagia hatte den Eindruck, dass Schirjajew �ber Poggio ver�rgert war, und den schien die Abfuhr ein wenig zu entmutigen.</p><p>Um dem Gespr�ch eine scherzhafte Wendung zu geben, wandte er sich der Nonne zu und fragte mit �bertriebener Ehrerbietung:</p><p>�Und was meint die heilige Kirche zum Thema Genie und Talent?�</p><p>Das Gespr�ch interessierte die Nonne, und die Kontrahenten gefielen ihr, darum wich sie nicht aus.</p><p>�Was den Standpunkt der Kirche angeht, da sollten Sie lieber einen W�rdentr�ger fragen, doch nach meinem bescheidenen Verst�ndnis besteht der Sinn des irdischen Lebens darin, das Genie in sich zu entdecken.�</p><p>�Das soll der Sinn sein?�, fragte Poggio verwundert. �Nicht Gott? Sie trauen sich ja was, Schwester.�</p><p>�Ich meine, in jedem Menschen ist ein Genie verborgen, eine kleine �ffnung, durch die Gott zu sehen ist�, erkl�rte Pelagia. �Doch nur wenigen gelingt es, sie zu entdecken. Die meisten Menschen tappen herum wie blinde K�tzchen und finden sie nicht. Und wenn doch einmal das Wunder geschieht, begreift der Mensch sofort � das ist es, wozu ich auf die Welt gekommen bin, und er lebt ruhig und selbstsicher weiter, ohne andere zu fragen. Das eben ist Genie. Talente kommen bedeutend �fter vor. Das sind die Menschen, die das verwunschene Fensterchen nicht gefunden haben, ihm aber ganz nahe sind und vom Widerschein des wundersamen Glanzes leben.�</p><p>Um besser zu �berzeugen, schwenkte sie die Hand gen Himmel, doch so ungeschickt, dass sie mit dem weiten �rmel eine Tasse umriss und Kirill Krasnow das Hosenbein verbr�hte.</p><p>Der �rmste h�pfte auf einem Bein, so hei� war das. H�pfte, st�hnte und sprach dazu:</p><p>Und die Nonne von Schemacha</p><empty-line/><p>sprach zum Zaren voller T�cke:</p><empty-line/><p>�Koch dich bei lebend�gem Leibe</p><empty-line/><p>und zerlege dich in St�cke.�</p><p>Pelagia w�re vor Scham am liebsten in die Erde gesunken, sie brach fast in Tr�nen aus. Au�erdem konnte sie nicht zu Ende sprechen, so laut lachten alle.</p><p>Schirjajew freilich h�tte das Gespr�ch gern fortgesetzt, er sah die Nonne aufmerksam an und fragte:</p><p>�So also denken Sie �ber das Genie?�</p><p>Aber Frau Tatistschewa, die sich bei der theoretischen Diskussion weidlich gelangweilt hatte, warf r�cksichtslos ein:</p><p>�M�tterchen, anstatt zu theoretisieren und die Leute zu verbr�hen, sollten Sie lieber baldigst herausfinden, wer Saguljai und Sakidai vergiften wollte.�</p><p>Soeben kam der G�rtner Gerassim vom Park herein und brachte eine Schale mit �pfeln, Birnen und Pflaumen. Sein Erscheinen hatte auf Miss Wrigley, die bislang teilnahmslos Pajitos geraucht hatte, eine �berraschend belebende Wirkung.</p><p>�Was haben Sie blo� dauernd mit Ihren Bulldoggen! Das sind verfressene Gesch�pfe, die ewig im Park rumlaufen und das auch schon dem kleinen Baby beibringen. Und �berall lauter Unrat im Park! Gestern habe ich mit eigenen Augen eine krepierte Kr�he gesehen, wirklich wahr! Sie, liebe Schwester, sollten lieber herausfinden, wer meinen Rasen so zertrampelt hat.�</p><p>Am Tisch ein Seufzen und St�hnen, und Pelagia begriff, dass Miss Wrigleys Rasen bei den Ureinwohnern von Drosdowka ein Dauerthema war.</p><p>�Nein, wer ihn zertrampelt hat, wei� ich selber.� Die Engl�nderin hob kriegerisch den Finger. �Schwester, Sie brauchen mir nur zu helfen, Beweise zu finden, denn bei uns mag man an eindeutige Dinge nicht glauben.�</p><p>�Was brauchen wir diesen bl�den Rasen�, sagte Gerassim vor sich hin, w�hrend er die Fr�chte kunstvoll auslegte. �Der muss gar nicht erst zertrampelt werden.�</p><p>�Die beiden f�hren seit langem einen Rasenkrieg, Miss Wrigley und der G�rtner�, erkl�rte der Enkel Pjotr der Nonne und zog vergn�gt die rote Nase kraus. �Sie wirft ihm seine Faulheit vor und hat zu p�dagogischen Zwecken ein paar Quadratmeter englischen Rasen angelegt, dr�ben beim Steilufer. Um zu zeigen, wie das Gras im Park aussehen soll. Aber Gerassim will es nicht lernen und hat wohl sogar Sabotage begangen. Jedenfalls hat jemand den kostbaren Rasen vorgestern total zertrampelt.�</p><p>�Sie vers�ndigen sich, Pjotr Georgijewitsch�, sagte Gerassim gekr�nkt. �Die rasierten Stoppeln mag man nicht mal bespucken, geschweige denn zertrampeln. Man darf die Natur nicht verhunzen, Gr�nzeug und B�ume sollen wachsen, so wie Gott es will.�</p><p>�Auf Gott beruft er sich!�, kommentierte Miss Wrigley diese Doktrin. �M�nner finden doch immer eine Ausrede f�r ihr Nichtstun.�</p><p>Aber der Wortwechsel blieb lasch und ohne Eifer, und der lange Augustabend bot keinen Anreiz f�r Erbitterung.</p><p>Nach einer anhaltenden friedlichen Pause sagte die Enkelin Naina pl�tzlich etwas unpassend:</p><p>�Ja, die M�nner sind grausam und frevlerisch, aber ohne sie w�re �berhaupt nichts los auf der Welt.�</p><p>W�hrend der Mahlzeit war die junge Frau traurig und in sich gekehrt, beteiligte sich nicht am Gespr�ch und schien auch gar nicht zuzuh�ren. Pelagia blickte immer wieder zu ihr hin und versuchte zu ergr�nden, ob das ihre Natur war oder ob heute etwas Besonderes mit ihr vorging. Vielleicht lag der Grund f�r ihre sonderbare Entr�cktheit in dem Gespr�ch, das die Nonne vor dem Abendessen teilweise mit angeh�rt hatte? Aber wer war der Mann gewesen, der mit vor Leidenschaft �berkippender Stimme gesprochen hatte? Ob er hier mit am Tisch sa�?</p><p>Au�erdem staunte Pelagia dar�ber, wie sonderbar die Vorsehung mit den Geschwistern umgegangen war, als sie deren Aussehen ganz verschieden gestaltete. Pjotr, ein noch junger Mann (dem Aussehen nach um die drei�ig), hatte schwarze Haare, von der Sonne gebleichte Brauen und Wimpern und einen mehlwei�en Teint, von dem sich die gro�e rote Nase grotesk abhob. Bei Naina waren die Farben umgekehrt verteilt: goldblonde Haare, schwarze Brauen und Wimpern, zartrosa Wangen und eine fein gemei�elte Nase mit einem zierlichen H�cker. Sie war eine Sch�nheit, die zweifellos M�nnern den Kopf verdrehen und sie zu jeder Wahnsinnstat verleiten konnte. F�r Pelagias Geschmack war die eigensinnige Mundkr�mmung ein Makel, doch h�chstwahrscheinlich brachte just diese gebrochene Linie mehr als alles andere die M�nner um den Verstand.</p><p>Naina schien in Drosdowka eine Sonderstellung einzunehmen � der unverst�ndliche Satz, den sie fallen gelassen hatte, zog ein angespanntes Schweigen nach sich, als warteten alle, ob sie noch etwas hinzuf�gen w�rde.</p><p>Und das tat sie denn auch, aber sie folgte dabei offenbar einem inneren Gedanken, so dass der Sinn nicht deutlicher wurde: �Liebe ist immer ein Frevel, selbst wenn sie gl�cklich ist, denn dieses Gl�ck ist mit Sicherheit auf irgendwessen Ungl�ck aufgebaut.�</p><p>Schirjajews Kopf zuckte wie von einem Schlag, Poggio l�chelte gequ�lt, und der reiche Sytnikow fragte:</p><p>�Wenn Sie gestatten, wie darf man das verstehen?� Er umfasste den grau melierten r�tlichen Kinnbart mit seinen kurzen Fingern.</p><p>�Liebe ohne Verrat gibt es nicht�, fuhr Naina fort, dabei starrte sie mit weit offenen schwarzen Augen vor sich hin. �Denn jeder Liebende verr�t seine Eltern, verr�t seine Freunde, verr�t die ganze Welt um des einen Menschen willen, der dieser Liebe vielleicht gar nicht w�rdig ist. Ja, die Liebe ist auch ein Verbrechen, das liegt klar auf der Hand . . .�</p><p>�Was bedeutet das � auch?�, fragte Sytnikow achselzuckend. �Was ist das f�r eine Manier, in Andeutungen zu reden?�</p><p>�Sie will sich interessant machen�, fauchte ihr Bruder. �Sie hat irgendwo gelesen, dass die modernen Fr�ulein in den Hauptst�dten in R�tseln sprechen, und das �bt sie nun an uns.�</p><p>In diesem Moment trat Tanja zu Pjotr, um ihm Tee nachzuschenken, und Pelagia sah, dass er ihr f�r einen Moment die Hand dr�ckte.</p><p>�Danke, Tatjana Sotowna�, sagte er z�rtlich. Das Stubenm�dchen ergl�hte und blickte verstohlen zu der Generalswitwe. �Wie denken Sie �ber die Liebe?�</p><p>�Unsereins ist nicht zum Denken da�, lispelte Tanja. �Daf�r gibt�s die gebildeten Leute.�</p><p>�Unsere Nonne hat aber guten Appetit�, bemerkte Krasnow und zeigte auf die leere Platte, von der Pelagia sich gerade die letzte Schinkenscheibe genommen hatte. �Obwohl wir die Fasten haben, Schwesterchen?�</p><p>�Macht nichts�, antwortete Pelagia versch�mt. �Heute ist doch das Fest der Verkl�rung Christi, da erlaubt es die Klosterordnung.�</p><p>Sie tat, als f�hrte sie den Schinken zum Munde. Sakidai stie� ihr sogleich emp�rt die Schnauze ans Knie � du vergisst dich. Pelagia lie� unauff�llig die Hand sinken, stopfte den Schinken dem Erpresser in den Rachen und gab ihm einen Stups gegen die feuchte kalte Nase: Schluss, mehr gibt�s nicht. Sakidai verschwand im Nu.</p><p>�Wenn ich die Vorschriften unserer rechtgl�ubigen Kirche mag�, sagte Krasnow, �dann weil ihre Di�tvorschriften so wohl durchdacht sind. Das verzwickte System der Fasten und des Fleischgenusses nach dem Fasten ist, medizinisch gesehen, eine ideale Hilfe f�r Magen und Darm. Nein wirklich, warum lachen Sie, ich meine es ernst! Das Fleischessen im Herbst und im Winter unterst�tzt die Ern�hrung in der kalten Jahreszeit, und die Gro�en Fasten reinigen den Darm vor der Pflanzennahrung im Fr�hjahr und im Sommer. Die rechtzeitige Darmentleerung ist der Eckpfeiler des intellektuellen und geistigen Lebens! Ich zum Beispiel kompensiere mein Nichteinhalten der Fastengebote durch allabendliche Klistiere mit Kamillenaufguss, was ich nur weiterempfehlen kann. Ich habe zu diesem Thema sogar einen Vierzeiler geschrieben:</p><p>Warte mit dem Schlafen, Sch�ne!</p><empty-line/><p>Du hast Wichtiges vergessen:</p><empty-line/><p>Dir zur innren Reinigung</p><empty-line/><p>Die Kamille zuzumessen.�</p><p>�Hol Sie der und jener, Kirill Nifontowitsch!�, rief lachend Frau Tatistschewa. �H�ren Sie nicht auf ihn, M�tterchen, er ist bei uns der Anh�nger des Fortschritts. F�hrt mit dem Veloziped �ber die Wiese und erschreckt die K�he. Und besuchen Sie ihn nie unangek�ndigt, er sitzt oft splitternackt auf dem Dach und nimmt Sonnenb�der. Pfui Schande! Und sehen Sie die Stoppeln rund um seine Glatze? Alle Jahre zu Beginn des Sommers rasiert er sich die Haare ab, damit sein Sch�del atmen kann. Vor kurzem hat er sein Gut verpf�ndet, um von Sawolshsk bis zu sich nach Hause eine Telegraphenleitung zu legen. Und wissen Sie, wozu? Um telegraphisch mit dem Postmeister Dame zu spielen. Wenn er wenigstens gut spielen t�te, aber nein, er verliert dauernd.�</p><p>�Na und?� Krasnow war nicht beleidigt. �Ich spiele ja nicht aus Ehrgeiz, sondern um unsere Sawolshsker Wilden zu belehren. Sie sollen wissen, was Fortschritt ist. In Europa werden t�glich neue Entdeckungen und Erfindungen gemacht, in Amerika bauen sie H�user, die bis in die Wolken reichen, und unsere langsch��igen Altgl�ubigen, die sich mit zwei Fingern bekreuzigen, laufen vor Lokomotiven davon und kneifen vor den Gaslaternen die Augen zu, um sich nicht mit der Teufelsflamme zu besudeln.�</p><p>�Das stimmt, unsere Altgl�ubigen sind misstrauisch gegen�ber dem Neuen, aber doch nicht alle�, trat Sytnikow f�r seine Landsleute ein. �Die Jungen wachsen nach, und bei uns hier �ndert sich alles. Mich hat dieser Tage ein Kaufmann von der Sekte der Priesterlosen aufgesucht, Awwakum Silytsch Wonifatjew, um mir Wald zu verkaufen. Sie werden sich erinnern, bevor ich ihn begr��en ging, habe ich hier beim Tee erz�hlt, dass er mit f�nfzehn Jahren an eine dreiunddrei�igj�hrige Frau verheiratet wurde. Pjotr Georgijewitsch, Sie waren nicht dabei, Sie hatten in Sawolshsk zu tun�, sagte er zu Telianow.</p><p>Schirjajew nickte.</p><p>�Gewiss, eine pikante Geschichte, passt zu den hiesigen Sitten. Bubenzow hat noch gesagt, die Staatsmacht will euer Altgl�ubigentum hier ausrotten, um Schluss zu machen mit dieser Barbarei. Und, haben Sie Wonifatjew den Wald abgekauft?�, fragte Schirjajew. �Wie viele Dessjatinen?�</p><p>�Guter Wald, nur Kiefern. Knapp dreitausend Dessjatinen, blo� ziemlich weit weg, am Oberlauf der Wetluga. Eine Menge Geld hat er mir abgekn�pft, f�nfunddrei�igtausend. Aber das macht nichts, ich geb dem Wald noch zehn, f�nfzehn Jahre zum Wachsen, dorthin wird gerade eine Schmalspurbahn gebaut, dann krieg ich daf�r bestimmt dreihunderttausend. Aber darum geht�s nicht. Wonifatjew hatte seinen Sohn mit, interessanter Bengel. W�hrend sein Vater und ich, wie �blich, lange feilschten, bis wir einschlugen, hatte ich den Jungen in die Bibliothek gesetzt, damit er sich nicht langweilt, und ihm �pfel und Pfefferkuchen hingestellt. Einmal schau ich rein, ob er nicht eingeschlafen ist, da seh ich, er liest in meinem Fachbuch f�r Elektromotoren, das hatte ich mir k�rzlich aus Moskau kommen lassen. Ich frag ihn: Wozu liest du das? Da sagt er: Onkel, wenn ich gro� bin, will ich eine elektrische Bahn durch den Wald bauen. Eine Schneise schlagen und Schienen verlegen, das ist langwierig und teuer. Ich, sagt er, stelle starke Masten auf und h�nge kleine Waggons an Seile. Das ist billiger und bequemer und geht schneller. Und da sagen Sie und Bubenzow, wir sind Wilde . . .�</p><p>�Sakidai!�, rief die Generalswitwe pl�tzlich und schlug die H�nde zusammen. �Sakidai! Wo steckt der Hund? Ich hab ihn schon eine Weile nicht gesehen!�</p><p>Alle hielten Umschau, und Schwester Pelagia linste unter den Tisch. Die Bulldogge war nicht auf der Terrasse. Der kleine Sakussai lag mit ausgestreckten Pfoten friedlich schnaufend neben der leeren Sch�ssel, doch sein Erzeuger war verschwunden.</p><p>�In den Park ist er gelaufen�, konstatierte Miss Wrigley. �Dort wird er wieder irgendeinen Dreck fressen.�</p><p>Frau Tatistschewa griff sich ans Herz.</p><p>�Ach mein Gott . . .� Sie schrie gellend: �Sakidai, wo steckst du?�</p><p>Pelagia sah staunend gro�e Tr�nen aus ihren Augen rinnen. Die Herrin von Drosdowka versuchte aufzustehen, sank aber wie ein Sack in den Korbsessel zur�ck.</p><p>�Liebe Leute�, murmelte sie. �Geht, lauft . . . Sucht ihn. Gerassim! Beeilt euch! Tanja, lass jetzt die Tropfen. Geh mit, ihn suchen. Die Tropfen kann mir die Schwester geben, sie kennt ja den Park nicht. Bringt ihn mir!�</p><p>Im Handumdrehen leerte sich die Terrasse � alle, auch die st�rrische Miss Wrigley und die eigensinnige Naina, liefen in den Park, um den Hund zu suchen. Nur die schluchzende Frau Tatistschewa und Schwester Pelagia blieben zur�ck.</p><p>�Zwanzig sind zu wenig, ich will drei�ig Tropfen.�</p><p>Mit fliegender Hand nahm die Witwe das Glas mit den Herztropfen und trank.</p><p>�Geben Sie mir Sakussai!�, verlangte sie und dr�ckte den verschlafenen Welpen an die Brust.</p><p>Sakussai �ffnete ein wenig die Augen und schlug leise an, weigerte sich aber aufzuwachen. Er kuschelte sich unter die umf�ngliche B�ste der Witwe und wurde still.</p><p>Aus dem Park klangen die Stimmen und das Gel�chter der Sucher, die sich untereinander verst�ndigten, w�hrend sie den weitl�ufigen Park durchsuchten. Die ungl�ckliche Frau Tatistschewa sa�, nicht tot noch lebendig, da und redete, redete, als wollte sie so die Sorge verscheuchen.</p><p>�Ach, M�tterchen, dass mein Haus voller Menschen ist, besagt gar nichts, ich bin schrecklich allein, niemand liebt mich wirklich, nur meine Kinderchen.�</p><p>�Ist das wenig?�, sagte Pelagia tr�stend. �Diese beiden pr�chtigen jungen Leute.�</p><p>�Sie meinen Pjotr und Naina? Ich spreche von meinen Hunden. Pjotr und Naina . . . denen bin ich nur im Wege. Meine Kinder hat der Herr zu sich genommen. Am l�ngsten hat Polina gelebt, die J�ngste, aber auch ihr war nur eine kurze Zeit beschieden. Sie starb, als sie Naina zur Welt brachte. Ein gutes M�dchen war sie, lebhaft, mit hei�em Herzen, aber als Frau stockdumm, und Naina kommt nach ihr. Polina hat gegen meinen und meines Mannes Willen fr�h geheiratet, diesen lausigen kleinen F�rsten aus Georgien, der nichts anderes konnte als den Leuten blauen Dunst vormachen. Ich wollte nichts mit der Sippe zu tun haben, aber als Polina die Augen zugemacht hatte, taten mir die Waisen leid. Ich habe sie losgekauft und zu mir genommen.�</p><p>�Losgekauft? Wie denn?�, fragte Pelagia verwundert.</p><p>Die Generalswitwe machte eine wegwerfende Handbewegung.</p><p>�Ganz einfach. Ich habe ihrem Vater versprochen, seine Schulden zu bezahlen, wenn er mir ein Papier unterschreibt, dass er seinen Sohn und seine Tochter nie wiedersieht.�</p><p>�Und das hat er unterschrieben?�</p><p>�Was sollte er machen? Unterschreiben oder ins Kittchen.�</p><p>�Und er hat sich nie wieder gemeldet?�</p><p>�Doch, hat er. Vor f�nfzehn Jahren hat er mir einen weinerlichen Bettelbrief geschrieben. Gebettelt hat er nicht um ein Wiedersehen mit den Kindern, sondern um eine geldliche Zuwendung. Sp�ter soll er nach Amerika gegangen sein. Ob er noch lebt, wei� ich nicht. Aber die Enkel hat er mir verdorben mit seinem Gockelblut. Pjotr ist ein T�lpel. Aus dem Gymnasium haben sie ihn geworfen wegen dummer Streiche. Von der Universit�t ist er geflogen wegen Aufruhr. �ber den Minister habe ich ihn freigebeten, damit er unter meine Obhut durfte, eigentlich sollte er nach Sibirien. Der Junge ist gutm�tig und feinf�hlig, aber eben sehr . . . dumm. Er hat keinen Charakter und taugt zu keiner Aufgabe. Er versucht, Stepan Schirjajew zu helfen, aber er bringt nicht mehr Nutzen als eine Nonne Nachwuchs.�</p><p>Pelagia r�usperte sich zum Zeichen, dass der Vergleich unpassend war, aber Frau Tatistschewa hatte f�r solche Feinheiten keinen Sinn. Mit gequ�lter Stimme rief sie aus:</p><p>�Mein Gott, warum dauert das so lange? Wenn blo� nichts passiert ist . . .�</p><p>�Und was ist mit Naina Georgijewna?�, fragte Pelagia, um die Gutsherrin von ihren unruhigen Gedanken abzulenken.</p><p>�Die kommt nach ihrer Mutter�, sagte die Witwe heftig. �Ebenso launisch, nur hat sie von dem F�rsten obendrein den Hang zur Wichtigtuerei geerbt. Mal wollte sie Schauspielerin werden und hat dauernd Monologe deklamiert, dann wieder zog es sie zur Malerei, und jetzt kapiert man �berhaupt nichts mehr, so wirr redet sie. Ich bin ja selber schuld, hab sie zu sehr verw�hnt, als sie noch klein war. Das Waisenkind hat mir Leid getan. Sie war Polina so �hnlich . . . Was, bringen sie ihn?�</p><p>Sie erhob sich vom Sessel, horchte und setzte sich wieder.</p><p>�Nein, ich hab mich geirrt. Was aus ihnen werden soll, wenn ich nicht mehr bin, das wei� Gott allein. Meine ganze Hoffnung liegt bei Stepan. Er ist ehrlich, treu, rechtschaffen. Das w�re der Richtige f�r Naina, und er liebt sie, das sehe ich, aber begreift sie denn, was an M�nnern sch�tzenswert ist? Stepan ist unser Z�gling. Er ist hier auf gewachsen, hat dann an der Akademie studiert, um Kunstmaler zu werden, und da ist mein Apollon gestorben. Stepan war zwar noch ein Jungchen, aber er hat das Studium hingeworfen, ist nach Drosdowka zur�ckgekommen, hat die Wirtschaft in die H�nde genommen und macht das so gut, dass mich das ganze Gouvernement beneidet. Doch er ist nicht mit dem Herzen dabei, das sehe ich. Aber er murrt nicht, empfindet das als seine Pflicht. . . Ich stehe in seiner Schuld, ich S�nderin. Vorgestern habe ich mit ihm gezankt, auch mit den Enkeln, war ganz au�er mir wegen Saguljais Tod. Habe mein Testament ge�ndert, und jetzt sch�me ich mich . . .�</p><p>Pelagia wollte schon den Mund aufmachen, um nach den �nderungen im Testament zu fragen, doch sie biss sich auf die Zunge, denn mit der Hausfrau geschah Unheimliches.</p><p>Die Witwe riss den Mund auf, ihre Augen quollen vor, die Falten unterm Kinn bebten in kleinen Wellen.</p><p>Der Schlag hat sie getroffen, dachte die Nonne erschrocken. Sehr wahrscheinlich, bei ihrer Beleibtheit.</p><p>Aber Frau Tatistschewa zeigte keine L�hmungserscheinungen, im Gegenteil, sie riss die Hand hoch und zeigte mit dem Finger auf etwas hinter der Nonne.</p><p>Pelagia drehte sich um und sah: Aus dem Park kam, eine dunkelrote Spur ziehend, Sakidai zur Terrassentreppe gekrochen. In dem h�ckerigen wei�en Sch�del des Hundes steckte ein Beilchen, aus irgendwelchen Gr�nden blau lackiert, so dass die wei�-blau-rote Farbskala exakt die Farben der russischen Fahne wiedergab.</p><p>Sakidai kroch mit letzter Kraft, die Zunge herausgestreckt, und blickte auf einen einzigen Punkt � dahin, wo Frau Tatistschewa vor Grauen erstarrt war. Er winselte nicht, er jaulte nicht, er kroch nur. Kurz vor der Veranda verlie� ihn die Kraft, er stie� mit dem Kopf gegen die unterste Stufe, zuckte ein paarmal und war tot.</p><p>Frau Tatistschewas Kleid raschelte, sie sank zur Seite, und ehe Schwester Pelagia sie auffangen konnte, st�rzte sie zu Boden. Der Kopf der alten Frau schlug krachend auf die Kieferndielen. Der kleine Sakussai, seiner weichen Wiege verlustig, kullerte wie ein wei�er Ball �ber die Veranda und kl�ffte kl�glich.</p></section><section><title><p>Das Schlangennest</p></title><p>Einen Schlaganfall stellte der Arzt nicht fest, aber er machte auch keine Hoffnungen. Das sei ein Nervenfieber, dagegen k�nne die Medizin nichts ausrichten. Es komme vor, dass selbst ein kerngesunder Mensch nach einer Ersch�tterung innerhalb weniger Stunden daran sterbe, doch hier k�men das vorger�ckte Alter, das Herz und das hysterische Naturell noch dazu. Auf die Frage, was man denn nun tun solle, gab er die seltsame Antwort: �Ablenken und erfreuen.�</p><p>Wie aber sie ablenken, wenn sie immerfort nur von dem einen sprach? Womit erfreuen, wenn ihren Augen unaufh�rlich Tr�nen entstr�mten? �berdies lie� sie keinen der N�chsten an sich heran, sie schrie: �Ihr alle seid M�rder!�</p><p>Der Arzt fuhr wieder ab, nachdem er f�r die Visite die ihm zustehende Verg�tung erhalten hatte. Der Familienrat beschloss, Schwester Pelagia um die geistliche Betreuung der Patientin zu bitten, zumal diese selbst weder Enkel noch Nachbarn, nicht einmal den Gutsverwalter sehen wollte, nur immer wieder nach der Nonne fragte und sie nachgerade st�ndlich zu sich ins Schlafzimmer zitierte.</p><p>Pelagia folgte ihrem Ruf, setzte sich zu ihr ans Kopfende und lauschte ihren fieberhaften Reden. Die Vorh�nge waren zugezogen, auf einem kleinen Tisch brannte eine Lampe mit gr�nem Schirm, es roch nach Anis und Minzek�chlein. Die Witwe schluchzte, dr�ckte sich verschreckt in die Kissen, verfiel dann wieder in Wut, aber nicht f�r lange, denn zu anhaltendem Zorn fehlte ihr die Kraft. Fast st�ndig lag Sakussai ihr zur Seite, und sie streichelte ihn, nannte ihn �Waisenkind� und f�tterte ihn mit Schokolade. Der �rmste war schon ganz ermattet von der Bewegungslosigkeit und probte von Zeit zu Zeit den Aufstand mit Gebell und Gewinsel. Dann nahm Tanja ihn an die Leine und f�hrte ihn spazieren, doch solange die beiden unterwegs waren, war die Hausfrau von Unruhe erf�llt und blickte immer wieder zu der gro�en Wanduhr.</p><p>Pelagia empfand nat�rlich Mitleid mit der Kranken, wunderte sich aber zugleich, woher die schwache Frau, die kaum die Zunge bewegen konnte, so viel Grimm nahm.</p><p>Frau Tatistschewa k�sste Sakussai auf die faltenreiche Schnauze und sagte:</p><p>�Wie viel besser als die Menschen sind doch die Hunde!�</p><p>Sie horchte auf die Stimmen, die ged�mpft aus der Tiefe des Hauses drangen, und fl�sterte voller Hass:</p><p>�Das Haus ist ein Schlangennest.�</p><p>Oder sie guckte auf die H�nde der Nonne, die flink mit den Stricknadeln klapperte, und verzog das Gesicht.</p><p>�Was stricken Sie denn da, M�tterchen? Irgendwas Gr�ssliches. Schmei�en Sie�s weg.�</p><p>Am unangenehmsten aber waren die Anf�lle schlimmster Verd�chtigungen, welche die Witwe mehrmals am Tag �berkamen. Dann st�rzte die Dienerin los, um Schwester Pelagia zu suchen. Sie fand sie entweder in deren Zimmer, in der Bibliothek oder im Park und brachte sie zu der Kranken, die sich unter der Zudecke zusammenkr�mmte, so dass nur die fiebrig gl�nzenden Augen hervorsahen.</p><p>�Ich wei�, das war Pjotr, niemand sonst!�, fl�sterte sie. �Er hasst mich, will mich umbringen! Er ist ja zwangsweise hier, und ich bin dem Polizeichef f�r ihn verantwortlich. Er hat mich Benckendorff (Benckendorff, Alexander Graf von (1783-1844) - ab 1826 Chef des Gendarmeriekorps und der Dritten Abteilung. D.�.) genannt und noch ganz anders. Er war�s, diese Telianowsche Ausgeburt! Ich bin ihm nur im Wege. Er wollte die Dorfkinder unterrichten, das habe ich nicht zugelassen, denn er h�tte ihnen nichts Gutes beigebracht. Geld gebe ich ihm auch nicht, das w�rde er nur seinen Nihilisten schicken. Und dann hat er hier noch g�nzlich den Verstand verloren, meine Tanja will er heiraten. Ein Stubenm�dchen! �Gro�mutter�, hat er gesagt, �wagen Sie nicht, Tanja zu duzen, Sie m�ssen den Menschen in ihr sehen.� Gut, was? Mein Enkel will ein Flittchen vom Hofgesinde ehelichen! Wenn er wenigstens besinnungslos in sie verliebt w�re, doch nein. Es ist so eine Idee von ihm � sich zu opfern, um aus einer Halbanalphabetin eine aufgekl�rte Frau zu machen. �Gro�e Aufgaben�, sagt er, �sind was f�r gro�e Leute, ich jedoch bin ein kleiner Mensch, und meine Aufgabe wird klein sein, aber daf�r gut. Wenn jeder von uns auch nur einen Menschen gl�cklich macht, hat er nicht umsonst gelebt.� Ich zu ihm: �Du wirst das M�dchen ohne Liebe nicht gl�cklich machen, und wenn du sie von oben bis unten vergoldest und ihr s�mtliche B�cher der Welt vorliest. Wozu ihr den Kopf verdrehen? Ich habe schon einen Br�utigam f�r sie ausgeguckt, den Sohn vom Aufk�ufer, der passt bestens zu ihr. Du setzt ihr nur einen Floh ins Ohr, und nachher trauert sie ihr Leben lang den unerf�llten Tr�umen nach.� Und am besch�mendsten, er schl�ft nicht mal mit ihr, der Trottel! Ich denke mir, wenn er n�chtlicher Weile �fters zu ihr ginge, w�rde er sich die H�rner absto�en und zur Vernunft kommen. Was gucken Sie mich so vorwurfsvoll an, M�tterchen? Ich habe mein Leben gelebt und wei�, wovon ich rede.�</p><p>Eine Stunde sp�ter hatte sie schon anderes im Kopf.</p><p>�Nein, Naina war�s. Die ist ganz liebestoll. Ich kenne diese Veranlagung bestens, ich war genauso. Ich h�tte meine Eltern eigenh�ndig erw�rgen k�nnen, nur um frei zu sein. Besonders als ich mich mit siebzehn dummerweise in den Gemeindepopen verliebte. Der war sch�n, jung und hatte eine Stimme wie Samt. Fast w�re ich mit ihm durchgebrannt, aber zum Gl�ck hat mein Vater selig mich abgepasst, mich verbl�ut und in die Kammer gesperrt. Auch Naina hat sich in irgendwen verknallt, es schwirren ja genug Kerle um sie herum. Nun steht die Gro�mutter ihrem Gl�ck im Wege. Sie hat sich einen ausgesucht, mit dem ich nie im Leben einverstanden w�re, das wei� sie und will nun �ber meine Leiche an ihr Ziel. Vielleicht ist das ihr Charakter. Ach, Naina, Naina, habe ich dich nicht geliebt, habe ich dir nicht meine ganze Seele gegeben? Mein Sakussai, mein wei� gefl�geltes Engelchen, nur du wirst mich nicht verraten, nicht wahr, mein S��erchen?�</p><p>Dann, eine Weile sp�ter, traf Pelagia die Witwe in selbstloser Vers�hnlichkeit. Vor Edelmut schluchzend, sagte die Witwe:</p><p>�Setz dich, M�tterchen, und h�r zu. Mir ist aufgegangen: Es war Stepan, und ich gebe ihm keine Schuld. Wie viel von seiner Lebenszeit hat er mir geopfert. Seit zwanzig Jahren ist er st�ndig bei mir. Seinen Traum hat er aufgegeben, sein Talent begraben, ist mit vierzig noch Junggeselle. Ich lebe doch von seiner unerm�dlichen Arbeit. Ohne ihn w�re das Verm�gen meines Mannes l�ngst in Rauch aufgegangen, bei meiner Dummheit, doch er hat es bewahrt und gemehrt. Dabei ist er auch ein lebendiger Mensch. Vielleicht denkt er: Die Alte hat ihr Leben gelebt, nun wird es Zeit, dass sie abtritt. Poggios Ankunft hat ihm den Kopf verdreht, klarer Fall. Stepan hat die Staffelei vom Dachboden geholt, hat sich Farben aus der Stadt mitgebracht, und seine Augen sind anders geworden. Nun, ich verstehe ihn und verurteile ihn nicht . . . Aber er h�tte es mir auch ins Gesicht sagen k�nnen. Soundso, Marja Afanassjewna, ich habe genug f�r Sie gearbeitet, jetzt lassen Sie mich bitte gehen. Aber das sagt er nicht. Es ist ihm peinlich. Lieber eine alte Frau umbringen als undankbar vor ihr dazustehen. Ich kenne diese Sorte, da geht Stolz und Leidenschaft Hand in Hand . . . Doch nein, ich bin ja blind! Nicht Stepan war es, sondern Poggio!� Sie richtete sich m�hsam auf. �Stepan hofft vielleicht insgeheim, dass ich bald abkratze, doch ein hilfloses Hundchen vergiften, nein. Aber Poggio, der ja! Nur spa�eshalber oder um einem Freund zur Freiheit zu verhelfen! Verdorben ist er, ein Satan! An Naina hat er sich rangemacht, hat Bildchen von ihr gemalt und sie photographiert. Und den Stepan bringt er durcheinander . . . Ich merke l�ngst, dass er mich anguckt wie ein Wolf. Er war�s, er! Und hat sich hier als Dauergast eingenistet, den dritten Monat schon. Anfangs wollte er einen �knappen Monat� bleiben. Er wird nicht abreisen, ehe er mich ins Grab gebracht hat!�</p><p>In k�rzester Zeit wuchs ihr eine neue �berzeugung zu, so unersch�tterlich wie die bisherigen.</p><p>�Sytnikow! Der ist ein furchtbarer Mensch, der braucht nur Gewinne, daf�r verkauft er dem Teufel seine Seele. Nicht umsonst hei�t es, er habe wegen des Geldes geheiratet und hinterher seine Frau vergiftet. Auch den Grund kenne ich, warum ich ihm im Wege bin. Das Gorjajewsche �dland! Seit langem will er, dass ich�s ihm abtrete, weil er da einen Umschlagplatz errichten m�chte, die Stelle passt gut daf�r. Ich habe ihm gesagt, ich verkaufe nicht. Seine Lastk�hne w�rden mir die ganze Aussicht vermiesen! Aber er gibt nicht auf. Alles muss nach seiner Nase gehen. Sonst macht ihm das Leben keinen Spa�. Seine Frau hat er zu Tode gebracht, und nun will er auch mich zu Tode bringen. Und wenn ich nicht mehr bin, werden ihm Pjotr und Naina nicht nur das �dland, sondern alles hier verkaufen, und dann schleunigst ab in die Hauptstadt und ins Ausland. Also macht es f�r Donat Sytnikow Sinn, mich bald ins Jenseits zu bef�rdern. Aber sie alle werden ihr blaues Wunder erleben.� Die Alte zeigte matt eine Feige. �Ich habe vor drei Tagen mein Testament noch einmal umgeschrieben und alles der Engl�nderin vermacht. Ich wollte denen nur einen Schreck einjagen, aber jetzt lasse ich�s so. Da sie mich nicht mehr leiden k�nnen, soll Janet Wrigley ihre Herrin sein. Dann werden sie schon sehen.�</p><p>Pelagia hatte den wirren Reden der Kranken anfangs sehr aufmerksam zugeh�rt und sie in Beziehung gesetzt zu ihren eigenen �berlegungen und Beobachtungen, aber jede neue Hypothese �bertraf die vorhergehende an Aberwitz.</p><p>Die letzte war schon g�nzlich au�erhalb des gesunden Menschenverstandes.</p><p>�Kirill Krasnow�, sagte Frau Tatistschewa scharf akzentuiert, als Tanja die Nonne wieder einmal ins Schlafzimmer brachte. �Er ist t�ckisch, eine Bestie, spielt aber den Narren. Wieso trabt er jeden Tag hier an? Geld will er von mir. Im Herbst kommt sein Gut unter den Hammer mitsamt seinen wunderbaren Telegraphen. Er sagt: �Dann sterbe ich.� Und das wird er auch, ganz bestimmt. Was soll er machen ohne sein Gut Krasnowka? Er l�uft rum und jammert. Bittet um anderthalbtausend, die er an Zinsen bezahlen muss. Ich habe ihm gesagt, von mir kriegt er sie nicht. Schon mehr als einmal habe ich ihm was gegeben. Jetzt reicht�s. Und nun will er sich an mir r�chen. Bestimmt denkt er: Wenn ich sterben muss, braucht auch die alte Hexe nicht mehr zu leben.�</p><p>Pelagia redete der Leidenden ins Gewissen, damit sie, falls sie denn wirklich aus dieser Welt schiede, nicht die S�nde solcher Verbitterung mitnehme:</p><p>�Marja Afanassjewna, und wenn Sie Kirill Nifontowitsch vielleicht doch das Geld leihen, damit er sich beruhigt? Was bedeuten Ihnen schon die anderthalbtausend? Ins Jenseits k�nnen Sie sie nicht mitnehmen, dort brauchen Sie kein Geld.�</p><p>Dieses schlichte Argument �berzeugte die Witwe.</p><p>�Ja, ja�, murmelte sie, sah den schlafenden Sakussai an, und ihr Blick wurde milder. �Was soll ich damit, Miss Wrigley kriegt sowieso alles. Ich geb�s ihm. Soll er noch ein J�hrchen strampeln. Ich gebe ihm zweitausend.�</p><p>�Das mit dem Testament ist auch nicht gut�, fuhr die Nonne, von dem Erfolg ermutigt, fort. �Miss Wrigley ist gewiss eine w�rdige Frau, aber Pjotr und Naina gegen�ber ist es unrecht. Die k�nnen schlie�lich nichts daf�r, dass sie von Ihnen zum M��iggang erzogen wurden und keinen Beruf erlernt haben. Sie m�ssten dann ohne Erbteil durch die Welt gehen. Und vor Ihrem Gutsverwalter m�ssten Sie sich im Jenseits sch�men. Der hat seine besten Jahre f�r Sie geopfert. Sie haben selber gesagt, dass er Ihr Verm�gen betr�chtlich gemehrt hat. W�re das nicht eine S�nde?�</p><p>�Ja, M�tterchen�, gestand die Witwe kl�glich. �Sie haben Recht. Ich habe mich ereifert. Ich muss ja nicht nur meine Enkel bedenken, sondern auch noch andere Verwandte. He, Tanja! Sie soll zu mir kommen . . . Tanja, lass Korsch aus der Stadt holen. Ich will, dass er kommt und das Testament �ndert.�</p><p>Wenn Pelagia nicht im Schlafzimmer der Generalswitwe sa�, ging sie meist im Park spazieren. Sie verbrachte nicht wenig Zeit in der Bretterbude am Steilufer. Hier lagen, blau lackiert, Hacken, Spaten, S�gen, Harken, Hackmesser und sonstiges Gartenger�t von Gerassim. Von hier hatte der unbekannte Verbrecher das Beilchen geholt. Pelagia las vertrocknete Erdkl�mpchen vom Fu�boden auf, zerrieb sie zwischen den Fingern und kroch auf allen vieren um die H�tte herum, fand aber keine Anhaltspunkte. Die H�tte war nie verschlossen, das Beil h�tte jeder nehmen k�nnen, und weder au�en noch innen gab es irgendwelche Spuren. Blieb nur, die weiteren Ereignisse abzuwarten.</p><p>Innerhalb von zwei Tagen hatte Pelagia den ganzen Park kreuz und quer durchstreift. Sie war auch auf den ber�hmten englischen Rasen gesto�en, ein kleines Quadrat von sorgsam gestutztem Gras, auf dem tats�chlich vor kurzem jemand t�chtig herumgetrampelt haben musste, aber die elastischen Halme richteten sich schon wieder auf, und es war abzusehen, dass diese Pflanzst�tte der Zivilisation bald in alter Sch�nheit wiederhergestellt sein w�rde. Von hier war es ein Katzensprung zum Fluss, eine frische Brise wehte, und neben dem Rasen schwankten im Wind die noch gr�nen, doch schon leblosen Zweige einer d�nnen, angewelkten Espe. Die Nonne schaute �fter hier vorbei, setzte sich in die wei�e Laube oberhalb des Steilufers, strickte an dem G�rtel f�r Schwester Emilia, sa� auch lange still da, blickte auf den breiten Fluss, in den Himmel, auf die �berschwemmten Wiesen des anderen Ufers. Sch�n war es, �ber die kleinen Waldwiesen und �ber die zugewucherten Wege zu wandern, wo die Luft von Bienen durchsummt und vom Laub der B�ume durchraschelt war.</p><p>Aber der Frieden war tr�gerisch, nicht echt, die Nonne sp�rte in der elektrisierten Luft von Drosdowka Aufregung und h�rte einen bestimmten Ton, als ob jemand eine d�nne, aufs �u�erste gespannte Saite zupfte. Erstaunlich, dass sie das Gut am ersten Tag als einen Garten Eden empfunden hatte. Pelagia war nicht darauf aus, jemanden zu belauern oder zu belauschen, gleichwohl wurde sie immer wieder gegen ihren Willen Zeugin unverst�ndlicher Szenen und undurchschaubarer Konflikte zwischen den hiesigen Einwohnern.</p><p>Am dritten Tag schlenderte Pelagia morgens aufs Geratewohl zwischen den B�umen, blinzelnd gegen das durchs Laub sickernde Sonnenlicht, und sah pl�tzlich vor sich eine Lichtung, darauf sa�en, den R�cken zum Geb�sch gekehrt, Schirjajew und Poggio. Beide trugen einen breitkrempigen Hut und einen langen weiten Kittel und hatten ein Skizzenbuch vor sich. Die Nonne rief sie nicht an, um sie nicht zu st�ren, aber einen neugierigen Blick wollte sie riskieren, besonders nach dem, was tags zuvor �ber die Begabung Schirjajews gesagt worden war.</p><p>Pelagia stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals. Sie sah bei Poggio, in Aquarell skizziert, die alte Eiche am anderen Rand der Lichtung, die war erstaunlich gut getroffen � die reinste Augenweide. Die Arbeit Schirjajews jedoch war leider eine Entt�uschung. Die Farben waren aufgetragen, wie es gerade kam: nicht zu erkennen, ob es sich um eine Eiche oder einen Waldschrat mit �bergro�em zerrauftem Sch�del handelte. Obwohl Poggios sorgf�ltig gearbeitetes Bild der Nonne gefiel, fand sie Schirjajews Gekleckse viel interessanter. Insgesamt war es eine r�hrende Szene: Alte Freunde widmeten sich ihrer Lieblingsbesch�ftigung und sprachen auch gar nicht miteinander, da sie von ihrer Kunst und voneinander alles wussten.</p><p>Pl�tzlich machte Schirjajew eine besonders schwungvolle Handbewegung, und der Pinsel spr�hte einen Regen gr�ner Spritzer auf die Skizze.</p><p>�Das ist ja nicht auszuhalten!�, schrie Schirjajew den Freund an. �Sich verstellen, das Spiel von Licht und Schatten diskutieren, von der Natur reden � wie ich dich hasse! Has-se!�</p><p>Poggio drehte sich ebenso heftig ihm zu, und die beiden �hnelten pl�tzlich zwei Kampfh�hnen vor dem Duell.</p><p>Pelagia erstarrte und hockte sich erschrocken hin. Es w�re schm�hlich, ertappt zu werden.</p><p>Von da an sah sie nicht mehr hin, sondern horchte nur noch � notgedrungen, denn sie f�rchtete zu rascheln, wenn sie zur�ckwich.</p><p>�Du warst mit Naina zusammen?�, fragte Schirjajew. �Gib�s zu, du warst?�</p><p>Das Wort �warst� klang so bedeutungsvoll, dass Pelagia err�tete und ihre Neugier auf die Skizzen sehr bereute.</p><p>�So was fragt man nicht, und so was gibt man nicht zu�, antwortete Poggio im gleichen Ton. �Das geht dich nichts an.�</p><p>Schirjajew schnappte nach Luft.</p><p>�Du bist ein Zerst�rer, ein Satan! Du beschmutzt und verdirbst alles nur mit deinem Atem! Ich liebe sie seit vielen Jahren. Wir haben miteinander geredet und getr�umt. Ich habe ihr versprochen, dass . . . sobald ich frei bin, fahre ich mit ihr nach Moskau. Sie wird Schauspielerin, ich male wieder, und wir lernen das Gl�ck kennen. Aber sie will nicht mehr Schauspielerin werden!�</p><p>�Daf�r will sie jetzt Malerin werden�, spottete Poggio. �Jedenfalls wollte sie es bis vor kurzem. Was sie jetzt will, wei� ich nicht.�</p><p>Schirjajew h�rte nicht hin, er schrie Zusammenhangloses, das sich in ihm angestaut hatte.</p><p>�Du bist ein Lump. Du liebst sie ja gar nicht. Wenn du sie liebtest, w�rde es mir wehtun, aber ich w�rde es hinnehmen. Aber du betreibst es nur aus Langeweile!�</p><p>Krachend zerriss Stoff. Pelagia bog mit den Armen die B�sche auseinander, sie f�rchtete Mord und Totschlag. Viel fehlte nicht. Schirjajew hatte Poggio mit beiden H�nden am Kragen gepackt.</p><p>�Ja, aus Langeweile�, knirschte der mit gepresster Stimme. �Anfangs. Jetzt habe ich den Kopf verloren. Aber sie braucht mich nicht mehr. Vorige Woche hat sie mich noch angefleht, sie nach Paris mitzunehmen, sprach von einem Mansardenatelier mit Blick auf den Boulevard des Capucines, von Sonnenunterg�ngen an der Seine. Und pl�tzlich ist alles anders. Sie benimmt sich unbegreiflich. Und ich verliere den Verstand. Gestern . . . gestern habe ich zu ihr gesagt: �Gut, fahren wir. Zum Teufel mit allem. Von mir aus � Paris, Mansarde, Boulevard, ganz wie du willst.� � Lass los, ich krieg keine Luft.�</p><p>Schirjajew lockerte den Griff, fragte gequ�lt:</p><p>�Und sie?�</p><p>�Gelacht hat sie. Ich . . . ich war ganz au�er mir. Ich habe ihr gedroht. Es gibt da ein Mittel . . . Du brauchst das nicht zu wissen. Sp�ter erf�hrst du�s, dann ist sowieso alles egal.� Poggio lachte absto�end. �Oh, ich wei� genau, was da vorgeht. Ich und du, Stepan, wir z�hlen nicht mehr, wir haben den Abschied gekriegt, ohne Pension. Eine interessantere Figur ist aufgetaucht. Aber ich lasse mich nicht behandeln wie ein Rotzjunge! Wenn sie w�sste, was f�r Frauen mir zu F��en gelegen haben! Ich werde sie in den Schmutz treten! Ich werde sie zwingen, mit mir abzureisen!�</p><p>�Du Schuft, wage nicht, ihr zu drohen! Ich zertrete dich wie einen Wurm!�</p><p>Mit diesen Worten packte Schirjajew seinen ehemaligen Studienkollegen an der Gurgel, diesmal noch w�rgender als zuvor. Die Staffeleien fielen zu Boden, die beiden M�nner st�rzten verklammert ins dichte Grass.</p><p>�O Gott, lasse es nicht zu�, wehklagte Pelagia leise und sprang auf, denn das Rascheln brauchte sie unter diesen Umst�nden nicht mehr zu f�rchten. Sie lief ein St�ckchen zur�ck und schrie:</p><p>�Sakussai! Machst du da solchen Krach? Du ungezogener Bengel! Schon wieder bist du weggelaufen!�</p><p>Das Get�mmel auf der Lichtung h�rte augenblicklich auf. Pelagia ging nicht dorthin, sie wollte die M�nner nicht in Verlegenheit bringen, sondern rief noch ein paarmal, trampelte durchs Geb�sch und entfernte sich. Es gen�gte, dass die Streith�hne sich besonnen hatten und sich wieder wie Menschen benahmen.</p><p>Sie beschloss, den Park k�nftig zu meiden und Stattdessen friedlich in der Bibliothek zu sitzen.</p><p>Sie kam vom Regen in die Traufe.</p><p>Kaum hatte sie sich in dem gro�en Zimmer mit den hohen Schr�nken voller B�cher in anheimelnden goldgepr�gten Einb�nden niedergelassen, hatte sich mit hochgezogenen F��en in den gewaltigen Ledersessel gekuschelt und den duftenden alten Band der �Lettres provinciales� von Pascal aufgeschlagen, da quietschte die T�r, und jemand kam herein � wer, konnte sie hinter der hohen Lehne nicht sehen.</p><p>�Hier k�nnen wir uns aussprechen�, sagte die ruhige, selbstsichere Stimme von Donat Sytnikow. �In die Bibliothek schaut kaum mal jemand, da st�rt uns keiner.�</p><p>Pelagia wollte sich r�uspern oder sich zeigen, aber sie kam nicht dazu. Eine andere Stimme (von Naina Teli-anowa) sprach ein paar Worte, wonach Pelagia, h�tte sie sich gemeldet, alle Beteiligten in eine peinliche Lage gebracht h�tte.</p><p>�Wollen Sie mir wieder Herz und Hand antragen, Donat Abramowitsch?�</p><p>Wie sie hier alle verzaubert hat, dachte Pelagia kopfsch�ttelnd und bedauerte den gesetzten, kaltbl�tigen Industriellen, der, nach der sp�ttischen Frage zu urteilen, nicht auf Gegenliebe hoffen durfte.</p><p>�Nein�, antwortete Sytnikow wieder ruhig. Leder knarrte, man hatte wohl auf dem Sofa Platz genommen. �Zurzeit kann ich nur mein Herz anbieten.�</p><p>�Wie darf ich das verstehen?�</p><p>�Ich erkl�r�s Ihnen. In den letzten Tagen habe ich Sie besser kennen gelernt als in all den Monaten, in denen ich wegen Ihrer schwarzen Augen immer wieder hergekommen bin. Ich sehe, ich habe mich geirrt. Als Ehefrau eignen Sie sich nicht f�r mich, und ich bin auch nichts f�r Sie. Ich bin kein Schw�tzer, sondern geradeheraus, ohne Umschweife. Aus meinen Gef�hlen f�r Sie habe ich kein Geheimnis gemacht, aber ich habe mich auch nicht aufgedr�ngt. Ich gab Ihnen Zeit einzusehen, dass au�er mir hier niemand als Partner f�r Sie in Frage kommt. Schirjajew ist ein Phantast und ein Langweiler, da w�rden Sie mit Ihrem Charakter sich nach einem halben Jahr entweder aufh�ngen oder sich der Ausschweifung ergeben. Poggio, der taugt allenfalls zum Spa�. Sie haben ihn doch nicht etwa ernst genommen, oder? Ein kleines Menschlein, ein Garnichts. Und jetzt Ihre neue Passion. Ich habe eigentlich nichts dagegen. Am�sieren Sie sich, ich kann warten, bis diese Laune vergeht. Aber diesmal spielen Sie mit dem Feuer, dieser Herr hat m�chtige Z�hne. Nur bedeuten Sie ihm nichts, er hat andere Interessen. Sie sind jetzt nicht ganz bei sich, meine Worte langweilen Sie � h�ren Sie dennoch auf Donat Sytnikow. Ich bin wie eine steinerne Mauer, auf die kann man sich st�tzen, hinter ihr sich verstecken. Ich bitte Sie um eines: Wenn Ihr Plan platzt, gehen Sie nicht ins Wasser. Es w�re schade um solche Sch�nheit. Kommen Sie lieber zu mir. Zur Ehefrau nehme ich Sie nicht, das hat keinen Zweck, aber als Geliebte sehr gern. Sie brauchen mich gar nicht so anzufunkeln, ich mache Ihnen ein sachliches Angebot. Als meine Geliebte haben Sie es besser und angenehmer � keine Sorgen mit der Hauswirtschaft, keine Kinderaufzucht, und vor Klatsch brauchen Sie sich nicht zu f�rchten. Es wird keinen geben. Ich plane derzeit, mein Hauptkontor nach Odessa zu verlegen. Mir ist es hier am Fluss zu eng, ich will aufs Meer. Odessa ist eine fr�hliche, s�dliche Stadt mit freien Sitten. Dort k�nnen Sie machen, was Sie wollen. Wenn Sie malen wollen, besorg ich Ihnen die besten Lehrer, andere als Ihr Poggio. Wenn Sie Schauspielerin werden wollen, schenke ich Ihnen ein Theater. Sie k�nnen dann selbst bestimmen, welche St�cke gespielt werden, Sie k�nnen die besten Schauspieler engagieren, sogar aus Petersburg, und sich die sch�nsten Rollen aussuchen. Mein Geld reicht f�r alles. Und als Mensch bin ich anst�ndig und zuverl�ssig und nicht so verbraucht wie Ihr jetziger Erw�hlter. Das ist es, was ich Ihnen zu sagen habe.�</p><p>Naina h�rte sich diese unglaubliche Rede bis zu Ende an, ohne ihn zu unterbrechen. Einen wie Sytnikow zu unterbrechen w�rde sich auch nicht jeder getraut haben, der war eine zu starke Pers�nlichkeit.</p><p>Aber als er verstummte, lachte das Fr�ulein. Nicht laut, doch so sonderbar, dass es Pelagia kalt �ber den R�cken lief.</p><p>�Wissen Sie, Donat Abramowitsch, wenn mein Plan, wie Sie sagen, tats�chlich platzt, gehe ich lieber ins Wasser als mit Ihnen. Aber er wird nicht platzen. Hier tun sich ja Abgr�nde auf, dass einem die Luft wegbleibt. Ich habe es satt, wie eine Stoffpuppe behandelt zu werden, an der jeder herumzerrt. Ich will mein Schicksal selber in die Hand nehmen. Und nicht nur meins. Wenn leben, dann aus dem Vollen. Nicht als Sklavin, sondern als Herrin!�</p><p>Wieder knarrte das Leder � Sytnikow war aufgestanden.</p><p>�Was Sie da reden, verstehe ich nicht. Ich sehe nur, Sie sind nicht ganz bei sich. Darum gehe ich. Denken Sie �ber meine Worte nach, sie sind ernst gemeint.�</p><p>Die T�r ging auf und schloss sich wieder, aber Naina blieb noch. F�nf Minuten lang, vielleicht auch l�nger, h�rte Pelagia untr�stliches Schluchzen und konzentriertes Schniefen. Dann ein Fl�stern, halb b�se, halb leidenschaftlich.</p><p>Die Nonne horchte und verstand:</p><p>�Dann ist er eben eine Ausgeburt, und wenn schon. Ganz egal . . .�</p><p>Sobald es m�glich war, ging Pelagia hinaus in den Korridor, um in ihr Zimmer zu gelangen. Unterwegs sch�ttelte sie sorgenvoll den Kopf.</p><p>Aber bevor sie ihr Zimmer erreichte, lief ihr Tanja �ber den Weg. In der einen Hand trug sie ein B�ndelchen, mit der anderen zog sie an der Leine Sakussai hinter sich her, der sich mit allen vier Pfoten str�ubte.</p><p>�M�tterchen�, sagte sie erfreut, �wollen Sie nicht mitkommen? Frau Tatistschewa ist eingeschlafen, und ich gehe ins Dampfbad, ich hab�s schon am Morgen geheizt. Sie waschen sich, und ich bleib derweil bei dem Hund. Hinterher passen Sie auf ihn auf. Das w�rde mir sehr helfen. Ich kann ihn schlie�lich nicht in den Waschraum mitnehmen. Er l�sst mir auch so schon keine Ruhe, die sabbernde Missgeburt.�</p><p>Pelagia l�chelte freundlich und willigte ein. Zumindest im Dampfbad w�rde sie niemanden beobachten und belauschen m�ssen.</p><p>Das Dampfbad befand sich hinter dem Haus � eine geduckte Blockh�tte aus bernsteingelben Kiefernbohlen mit winzigen Fensterchen unterm Dach. Aus dem bauchigen Schornstein stieg wei�er Rauch.</p><p>�Wasch dich nur, ich bleibe hier�, sagte die Nonne, setzte sich in dem kleinen sauberen Vorraum auf das B�nkchen und nahm den Welpen in den Arm.</p><p>�Ich danke auch sch�n, Sie helfen mir sehr, ich lauf mir die Hacken ab, bin ganz verschwitzt und komm nicht zum Waschen oder zum Baden im Fluss�, schnatterte Tanja, w�hrend sie sich flink auszog und die zum Knoten gebundenen blonden Haare l�ste.</p><p>Pelagia betrachtete wohlgef�llig die wie gemei�elte Figur des M�dchens. Eine Artemis, Herrin des Waldes, fehlt nur noch der K�cher mit Pfeilen �ber der Schulter.</p><p>Kaum war Tanja hinter der T�r des Waschraums verschwunden, t�nte drau�en ein leichtes Pochen.</p><p>�Tanja, Tanja�, fl�sterte eine M�nnerstimme durch den T�rspalt. �Mach auf, Herzbl�ttchen. Ich wei�, dass du da drin bist. Ich hab dich mit dem B�ndel gesehen.�</p><p>Sollte das Krasnow sein? Pelagia stand verwirrt auf, ihre Kutte raschelte.</p><p>�Ich h�re dein Kleidchen rascheln. Zieh�s nicht an, bleib, wie du bist. Mach auf, niemand kann es sehen. G�nnst du es mir nicht? Davon f�llt dir kein Stein aus der Krone. Ich habe dir zu Ehren ein Gedicht gemacht. H�r zu.</p><p>So wie die Wolke voller Nass</p><empty-line/><p>als Regen auszuflie�en trachtet,</p><empty-line/><p>so wie der gelbgesicht�ge Mond</p><empty-line/><p>der Erde in die Arme schmachtet,</p><empty-line/><p>so schaue ich voller Verlangen</p><empty-line/><p>der h�bschen Tanja ins Gesicht,</p><empty-line/><p>bin seit dem siebenten Dezember</p><empty-line/><p>auf ihre K�sse stets erpicht.</p><p>Siehst du, ich habe mir den Tag gemerkt, an dem wir Schlitten gefahren sind. An dem Tag habe ich dich lieb gewonnen. Lauf nicht mehr vor mir davon, Tanjuscha. Pjotr wird dir keine Gedichte schreiben. Mach auf, ja?�</p><p>Der Anbeter horchte ein Weilchen und fuhr dann drohend fort:</p><p>�Mach endlich auf, sonst erz�hl ich Pjotr Georgijewitsch, wie du neulich mit dem Tscherkessen, ich hab�s gesehen! Dann redet er dich nicht mehr mit Sie an! Auch Marja Afanassjewna erz�hl ich�s, dann jagt sie dich Flittchen vom Hof. Mach auf, sag ich!�</p><p>Pelagia riss mit einem Ruck die T�r auf und verschr�nkte die Arme vor der Brust.</p><p>Kirill Krasnow, der Nachbar, in wei�er Tolstoi-Bluse und Strohhut, stand mit ausgebreiteten Armen auf der Schwelle, die Lippen gespitzt im Vorgeschmack des Kusses. Die blassblauen Augen klapperten verwirrt.</p><p>�Oi, M�tterchen, Sie . . . Warum haben Sie sich nicht gleich zu erkennen gegeben? Wollten Sie mich zum Gesp�tt machen?�</p><p>�Das kann manch einem nicht schaden�, antwortete Pelagia streng.</p><p>Krasnow blitzte sie an mit einem Blick, in dem keine Spur der sonst �blichen kindlichen Naivit�t mehr war. Er drehte sich um und verschwand hinter der Ecke des Badeh�uschens.</p><p>Wahrlich ein Schlangennest, dachte Pelagia.</p><p>Nach dem Dampfbad schlenderten sie in gel�ster Stimmung durch die abendliche K�hle, das nasse Haar straff mit einem Tuch umwunden. Sie hatten auch Sakussai gewaschen, trotz seines Kl�ffens und Jaulens. Er war jetzt noch wei�er, und die kurzen Fellhaare standen gestr�ubt wie bei einem Entenk�cken.</p><p>Vor dem Pferdestall hielt eine staubbedeckte schwarze Kutsche. Ein finsterer schwarzb�rtiger Mann in einem schmutzigen Tscherkessenrock, eine runde Filzm�tze auf dem Kopf, schirrte die Rappen ab.</p><p>Tanja griff nach Pelagias Ellbogen und hauchte mit ersterbender Stimme:</p><p>�Er ist gekommen . . . Herr Bubenzow ist da.�</p><p>Dabei blickte sie wie verzaubert dem Schwarzb�rtigen nach, der eines der Pferde in den Stall f�hrte.</p><p>Pelagia musste an die Drohung Krasnows denken und sah ihre Begleiterin genauer an. Deren Gesicht hatte einen entr�ckten Ausdruck, die Pupillen waren geweitet, die vollen rosa Lippen leicht ge�ffnet.</p><p>Der Tscherkesse blickte nur kurz zu den beiden Frauen. Er gr��te nicht, nickte nicht � er f�hrte das zweite Pferd am Z�gel.</p><p>Tanja ging langsam zu ihm, machte eine Verbeugung, sagte leise:</p><p>�Guten Tag, Murad Dshurajewitsch. Wieder mal bei uns?�</p><p>Er antwortete nicht. Stand da, blickte m�rrisch zur Seite, wickelte den gemusterten Z�gelriemen um das breite behaarte Handgelenk.</p><p>Dann ging er wieder zu der Kutsche, fegte den Staub ab.</p><p>Tanja ging ihm nach.</p><p>�Sie sind bestimmt m�de von der Fahrt? M�chten Sie kalte Milch? Oder Kwass?�</p><p>Der Tscherkesse drehte sich nicht um, zuckte nicht mal mit der Schulter.</p><p>Pelagia seufzte nur und ging kopfsch�ttelnd weiter.</p><p>�Ihre Sachen sind ganz schmutzig�, h�rte sie hinter sich Tanjas Stimme. �Ziehen Sie sie aus, ich wasch sie Ihnen. Bis morgen ist alles trocken. Bleiben Sie �ber Nacht?�</p><p>Schweigen.</p><p>An der Haust�r drehte Pelagia sich um und sah, wie Bubenzows Kutscher, noch immer mit finsterer Miene, zum offenen Tor des Pferdestalls ging und Tanja an der Hand hinter sich herzog � so wie eben das Pferd. Das M�dchen folgte ihm gehorsam mit raschen Trippelschritten, und hinter ihr ging ebenso gehorsam an der Leine Sakussai.</p><p>Vor dem Schlafgemach der Generalswitwe stand dem�tig ein grauhaariger, doch noch nicht alter Mann mit zerknittertem l�chelndem Gesicht und extrem langen Armen; er trug einen bis oben zugekn�pften schwarzen Gehrock und eine vorsintflutliche schwarze Hose, die an den Knien blank gewetzt war. In den gefalteten H�nden hielt er ein ziemlich dickes Gebetbuch.</p><p>�Segnen Sie mich, M�tterchen!�, rief er mit d�nnem Stimmchen, als er der Nonne ansichtig wurde, und vertrat ihr den Weg. �Ich bin der Tichon Jeremejewitsch Selig, ein unw�rdiger Wurm. Erlauben Sie mir, Ihr heiliges H�ndchen zu k�ssen.� Schon streckte er seine zupackende Pranke aus, doch Pelagia nahm ihre Hand hinter den R�cken.</p><p>�Das d�rfen wir nicht�, sagte sie und musterte den Fr�mmling. �Die Klosterregel verbietet�s.�</p><p>�Nun, dann ohne Handkuss, segnen Sie mich nur mit dem Kreuzeszeichen�, stimmte Selig sogleich zu. �Auch dieses wird mir eine Wohltat sein. Bitte verweigern Sie es mir nicht, denn es steht geschrieben: �Ekle dich nicht vor meinen s�ndigen Geschw�ren, sondern lindere sie mit dem Salb�l deiner Gnade.��</p><p>Nachdem er den Segen erhalten hatte, verbeugte er sich tief, blieb aber stehen.</p><p>�Sie sind doch gewiss Schwester Pelagia, die Abgesandte des hochw�rdigen und allerheiligsten Bischofs Mitrofani? Wie ich wei�, sind Sie untergebracht in dem K�mmerchen, welches zuvor ich innegehabt, und das freut mich sehr, ma�en Sie eine wahrhaft w�rdige Person sind. Ich selbst habe mein Obdach im Seitenfl�gel, unter den Knechten und Dienern, was mir zu verstehen gibt: Verlasse diesen Platz, du bist nicht w�rdig, hier zu sein. Ich gehorche ohne Murren, eingedenk der Worte des Propheten: Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine andere.�</p><p>�Warum gehen Sie nicht hinein zu Marja Afanassjewna?�, fragte die Nonne, die das Geh�rte verlegen machte.</p><p>�Ich traue mich nicht�, sagte Selig sanft. �Ich wei�, dass mein Anblick der edlen Herrin zuwider ist, auch hat mein geehrter Dienstherr Wladimir Bubenzow mir befohlen, hier zu warten, vor der T�r des Gemachs. Erlauben Sie, dass ich Ihnen �ffne.�</p><p>Er wich endlich zur Seite und �ffnete Pelagia den T�rfl�gel, dabei brachte er es fertig, ihr die feuchten Lippen auf die Hand zu dr�cken.</p><p>Im Zimmer sa� neben dem Bett ein schlanker, eleganter Herr, der hatte ein Bein �ber das andere geschlagen und wippte mit dem kleinen schmalen Fu�. Auf das Ger�usch hin drehte er sich um, sah, dass es die Nonne war, wandte sich wieder der Frau im Bett zu und setzte die unterbrochene Rede fort:</p><p>�Kaum hatte ich erfahren, Tantchen, dass Ihr Leiden sich verschlimmerte, da lie� ich alle Staatsgesch�fte fahren und bin hergeeilt. Korsch hat es mir gesagt, der Advokat. Er kommt morgen fr�h zu Ihnen. Aber was machen Sie denn f�r Sachen? Sch�men Sie sich was. Ich will Sie doch unter die Haube bringen, habe schon einen Br�utigam ausgeguckt, einen friedlichen alten Mann. Der muckst sich nicht, pariert Ihnen aufs Wort.�</p><p>Erstaunlich � die Antwort war ein schwaches, doch eindeutiges Lachen. �Also wei�t du, Wolodja! Einen alten Mann? Der kann doch wohl nicht viel taugen?�</p><p>Du? Wolodja? Pelagia traute ihren Ohren nicht.</p><p>�Und ob er was taugt!� Bubenzow lachte mit blitzenden wei�en Z�hnen. �Er ist auch ein General, wie der verstorbene Onkel. Sooolch ein Schnauzbart, Reckenbrust, und wenn er Mazurka tanzt, ist er nicht zu halten.�</p><p>�Was du immer zusammenredest!� Frau Tatistschewa lachte klirrend, bekam einen Hustenanfall und konnte lange nicht verpusten. �Ach, du bist mir ein Schelm. Denkst dir was aus, um mich alte Frau zu erheitern. Und ich f�hl mich tats�chlich besser.�</p><p>Die Anwesenheit Bubenzows schien der Kranken wirklich wohl zu tun, denn sie fragte Pelagia gar nicht nach Sakussai.</p><p>Es sah ganz so aus, dass der b�se Inspektor, �ber den Pelagia so viel Scheu�liches geh�rt hatte, auch vom Bischof selbst, gar nicht solch ein Satan war. Die Nonne fand Bubenzow ganz annehmbar: gesellig, fr�hlich und gut aussehend, besonders wenn er l�chelte.</p><p>Mochte er noch bei der Kranken sitzen und sie von ihren finsteren Gedanken ablenken.</p><p>Bubenzow schilderte nun aufs am�santeste, wie Selig den wilden Murad zum Christentum zu bekehren suchte, zu Ungunsten des mohammedanischen Halbmonds, und Pelagia retirierte leise zum Ausgang, um nicht zu st�ren.</p><p>Sie stie� die T�r auf, die gegen etwas prallte, das sofort nachgab. Im Korridor richtete sich Tichon Selig aus tiefer B�cke auf. Er hatte gehorcht!</p><p>�S�ndig bin ich, M�tterchen, die S�nde der Neugier plagt mich�, murmelte er und rieb die geprellte Stirn. �Ich bin sehr besch�mt und entferne mich.�</p><p>Zwei Sp�her unter einem Dach, ist das nicht zu viel?, dachte Pelagia und sah ihm nach.</p><p>Am Abend trafen sich alle wie gew�hnlich auf der Terrasse beim Samowar. Bubenzow benahm sich ganz anders als im Schlaf gemach der Hausherrin. Er l�chelte nicht, war zur�ckhaltend, unfreundlich � kurz, er gab sich wie ein Mensch, der seinen Wert kennt und weitaus h�her einsch�tzt als den der anderen. So gefiel er Pelagia schon viel weniger. Eigentlich �berhaupt nicht.</p><p>Es fehlten nur Frau Tatistschewa, die von Tanja im Schlafzimmer mit Tee versorgt wurde, und von den Dauerg�sten Sytnikow, der gleich nach Ankunft der schwarzen Kutsche seinen Hut und seinen Stock genommen hatte und gegangen war � bis zu seinem Sommerhaus waren es drei Werst zu Fu� durch den Park, �ber eine Wiese und ein Feld. Pelagia hatte sich zun�chst gewundert, doch dann fiel ihr ein, was sie �ber den Wortwechsel zwischen Sytnikow und Bubenzow zum Thema der unzivilisierten Altgl�ubigen geh�rt hatte, damit war das Verhalten Sytnikows erkl�rt. Auf dessen Stuhl sa� nun Selig, der sich aber kaum am Gespr�ch beteiligte. Nur ganz zu Anfang, als man am Tisch Platz nahm, hatte er den �berfluss an Lebkuchen, Konfekten, Konfit�ren in Augenschein genommen und streng gesagt:</p><p>�Die V�llerei schadet der Reinheit der Seele. So hat schon der Heilige Kassian gelehrt, das Fressen und Prassen zu meiden, den Leib nicht zu �bers�ttigen und weniger der S��m�ulerei zu huldigen.�</p><p>Aber Bubenzow fuhr ihn an:</p><p>�Halt den Mund, Unterleibchen, das ist nicht deine Sache.�</p><p>Worauf Tichon Selig nicht nur dem�tig verstummte, sondern auch eifrig der S��m�ulerei huldigte.</p><p>Die Richtung des Gespr�chs ergab sich sehr bald. Bubenzow erz�hlte von dem erstaunlichen Vorkommnis, das Sawolshsk entsetzt hatte, morgen das ganze Gouvernement erbeben lassen und �bermorgen das Imperium ersch�ttern w�rde.</p><p>�Sie haben sicherlich geh�rt von den beiden kopflosen Leichen, die im Kreis Tschernojar an Land gesp�lt wurden�, begann Bubenzow, wobei er die sch�nen Brauen runzelte. �Die polizeiliche Untersuchung hat die Identit�t der Ermordeten nicht feststellen k�nnen, denn das ist ohne Kopf fast unm�glich. Immerhin hat sich ergeben, dass der Mord h�chstens drei Tage zur�ckliegt, also wurde er irgendwo in der N�he ver�bt, innerhalb des Gouvernements Sawolshsk. Als ich davon erfuhr, habe ich mir Gedanken gemacht, zu welchem Zweck der oder die �belt�ter es f�r n�tig hielten, den Opfern den Kopf abzuschneiden.�</p><p>Bubenzow machte eine Pause und lie� den Blick sp�ttisch �ber die Anwesenden gleiten, wie um sie aufzufordern, dieses R�tsel zu l�sen.</p><p>Alle schwiegen und sahen den Erz�hler unverwandt an, Naina Telianowa sa� gar vorgebeugt, und ihre gl�nzenden schwarzen Augen saugten sich an ihm fest. Sie blickte den ganzen Abend nur ihn an, ohne es zu verbergen. Es war ein seltsamer Blick � Pelagia glaubte zeitweilig Abscheu darin zu sp�ren, doch mehr noch brennendes Interesse und eine nicht nur leidenschaftliche, sondern verz�ckte Verwunderung.</p><p>Die Nonne bemerkte, dass Schirjajew und Poggio, die weit voneinander entfernt sa�en, unentwegt, als h�tten sie sich abgesprochen, den Kopf drehten und mal das Fr�ulein und mal den Gegenstand ihrer verz�ckten Aufmerksamkeit betrachteten. Schirjajews Wange zierte ein doppelter dunkelroter Kratzer (zweifellos die Spur von Fingern�geln), und Poggio hatte unter dem rechten Auge einen wei�en Puderfleck.</p><p>Bubenzow jedoch schien Nainas Blicken keinerlei Bedeutung beizumessen. Er hatte sie noch kein einziges Mal angesprochen, und wenn er �berhaupt mal zu ihr hinsah, dann mit tr�ger Gleichg�ltigkeit.</p><p>Da sich das Schweigen in die L�nge zog und Pelagia auf den Fortgang neugierig war, warf sie ein:</p><p>�Vielleicht wurden die K�pfe gerade deshalb abgetrennt, damit die Toten nicht identifiziert werden k�nnen?�</p><p>�Weit gefehlt!� Bubenzows Mund verzog sich zu einem zufriedenen L�cheln. �So w�rden die hiesigen M�rder nicht denken, au�erdem stammen die Ermordeten nicht von hier, sonst w�rde sie ja jemand vermissen und identifizieren k�nnen. Nein, da steckt etwas anderes dahinter.�</p><p>�Aber was?�, fragte Pjotr Telianow. �Spannen Sie uns nicht auf die Folter!�</p><p>�Ropscha�, antwortete Bubenzow, faltete die H�nde vor der Brust und lehnte sich auf dem Stuhl zur�ck, als h�tte er damit alles ersch�pfend erl�utert.</p><p>Es klirrte � Schwester Pelagia hatte ihr L�ffelchen fallen lassen.</p><p>�Was-was?� Krasnow hatte sich auf das Klirren umgedreht und den Namen nicht verstanden.</p><p>�Ropscha?�, fragte Pjotr verdutzt. �Ah, Moment mal. . . Der aus der Chronik! Der Mann aus Nowgorod, dem die Heiden in unserer Gegend unter Ioann dem Dritten den Kopf abgeschlagen haben. Aber erlauben Sie, was hat dieser Ropscha mit uns hier zu tun?�</p><p>Die Nasenfl�gel des Synodalinspektors zitterten raubgierig.</p><p>�Nichts. Aber die Heiden haben sehr mit uns zu tun. Uns wird seit langem gemeldet, dass die hiesigen Syten zwar �u�erlich die rechtgl�ubigen Br�uche einhalten, insgeheim aber ihre G�tzen anbeten und scheu�lichen Br�uchen anh�ngen. �brigens hat in der Zeit Ropschas hier derselbe Stamm gelebt und dieselben G�tter verehrt.�</p><p>�Unwahrscheinlich�, sagte Schirjajew achselzuckend. �Ich kenne die Syten, das ist ein stilles, friedliches V�lkchen. Ja, sie haben ihre eigenen Sitten, ihren Aberglauben und ihre Feste. Vielleicht ist auch noch etwas von ihrem alten Glauben lebendig. Aber t�ten und K�pfe abschneiden? Unsinn. Warum haben sie dann seit Ropscha eine Pause von f�nfhundert Jahren eingelegt?�</p><p>�Das ist es eben.� Bubenzow lie� den Blick siegesbewusst die Tafel entlanggleiten. �Die von mir durchgef�hrte Untersuchung hat ein hochinteressantes Faktum zu Tage gef�rdert. Seit einiger Zeit geht bei den Waldsyten das Ger�cht, in K�rze werde auf dem Himmelsfluss in einem heiligen Nachen der Gott Schischiga gefahren kommen, der viele Jahre auf einer Wolke geschlafen habe, und man m�sse ihm seine Lieblingsspeise vorsetzen, damit er nicht z�rne. Und seine Lieblingsspeise, das geht aus der Chronik hervor, sind Menschenk�pfe. Daher meine Vermutung (eigentlich keine Vermutung, sondern v�llige Gewissheit), dass Schischiga schon bei den Syten eingetroffen ist und m�chtigen Hunger hat.�</p><p>�Was reden Sie denn da!�, schrie Schirjajew w�tend. �Das sind ja absurde Vermutungen!�</p><p>�Nein, leider nicht.� Bubenzow machte ein ernstes, man kann sagen, gar amtliches Gesicht. �Tichon Selig hat hier seine Zeit genutzt und sich �berall Vertrauensleute geschaffen, auch an den entlegensten Pl�tzen. Also, die Zutr�ger melden, unter den jungen Syten sei g�rende Unruhe zu beobachten. Es gibt Hinweise, dass in einer abgelegenen Dickung auf einer Lichtung ein G�tze aufgestellt wurde, der den Gott Schischiga darstellt, und dass ihm abgeschnittene K�pfe dargebracht werden.�</p><p>�Bravo!� Naina klatschte pl�tzlich Beifall. Alle sahen sie verst�ndnislos an. �Schischiga und Menschenopfer, das ist einfach genial! Wladimir Lwowitsch, ich habe mich nicht in Ihnen get�uscht. Was wird Ihre Geschichte in ganz Russland f�r Staub aufwirbeln!�</p><p>�Sehr schmeichelhaft.� Bubenzow neigte den Kopf und begegnete etwas verwundert ihrem Blick, aus dem nicht mehr Abscheu und Verwunderung sprach, sondern Begeisterung. �Es ist in der Tat ein Skandal von gesamtstaatlichem Ausma�. Z�gelloses Heidentum ist eine Schande f�r eine europ�ische Macht, und die Schuld daf�r liegt voll und ganz bei den �rtlichen Beh�rden, namentlich den kirchlichen. Gut, dass ich jetzt hier bin. Sie k�nnen sicher sein, meine Damen und Herren, dass ich mit dieser Geschichte aufr�umen, die Schuldigen ermitteln und die Wilden aus dem Wald in den Scho� der Kirche zur�ckf�hren werde.�</p><p>�Zweifellos�, bemerkte Poggio grienend. �Sie sind ein Gl�ckspilz, Herr Bubenzow. Ein solches Los zu ziehen!�</p><p>Aber Bubenzow hatte sich wohl ganz in die Rolle des Staatsmanns und Inquisitors hineingesteigert und war jetzt nicht geneigt zu Scherzen.</p><p>�Sie sollten solche Sp��e lassen, mein Herr�, sagte er streng. �Die Sache ist furchtbar, ja, ungeheuerlich. Wir wissen nicht, wie viele Leichen ohne Kopf noch auf dem Grunde der Fl�sse und Seen liegen. Sicher ist auch, dass es weitere Opfer geben wird. Wir haben von Vertrauten bereits erfahren, wie das Ritual des Mordes vor sich geht. N�chtlicherweile schleichen sich die Diener Schischigas an den einsamen Wanderer heran, werfen ihm von hinten einen Sack �ber den Kopf, ziehen den Strick um seinen Hals zusammen und schleppen ihn ins Geb�sch oder an ein anderes einsames Pl�tzchen. Dort schneiden sie ihm den Kopf ab, werfen den Rumpf ins Moor oder ins Wasser und tragen den Sack mit der Beute zu ihrem G�tzen.�</p><p>�O my God!� Miss Wrigley bekreuzigte sich.</p><p>�Man muss diesen G�tzentempel unbedingt ausfindig machen und Wissenschaftler von der Kaiserlichen Gesellschaft f�r Etnographie kommen lassen�, rief Krasnow mit Feuereifer. �G�tzenanbetung nebst Kopfjagd ist ja eine ganz seltene Erscheinung in unseren Breiten!�</p><p>�Wir suchen ihn�, sagte Bubenzow drohend. �Und wir werden ihn finden. Ich habe aus Petersburg bereits telegraphisch alle notwendigen Vollmachten erhalten.�</p><p>�Erinnern Sie sich?�, rief Naina wieder ganz unpassend. �Bei Lermontow?</p><p>Beherrschend all den Erdentrug,</p><empty-line/><p>S�te er freudlos aus das B�se.</p><empty-line/><p>Und nie traf er mit seiner Kunst</p><empty-line/><p>Etwas, das Widerpart gewesen � (Nachdichtung: Roland Erb)</p><p>Meine Herren, warum sind Sie so langweilig? Sehen Sie doch, der Mond � welch geheimnisvolle b�se Kraft! Lassen Sie uns im Park spazieren gehen. Wirklich, Wladimir Lwowitsch, kommen Sie!�</p><p>Sie sprang auf, lief zu Bubenzow und streckte ihm die schmale Hand hin. Mit ihr war etwas vorgegangen, und wohl etwas sehr Sch�nes � ihr Gesicht strahlte in Gl�ck und Ekstase, ihre Augen spr�hten Funken, die fein gemei�elten Nasenl�cher waren gebl�ht. Die pl�tzliche Aufwallung des wunderlichen Fr�uleins setzte niemanden in Erstaunen, waren doch alle an ihre j�hen Stimmungsumschw�nge gew�hnt.</p><p>�Spazieren gehen, warum nicht�, sagte Krasnow unbek�mmert und stand auf. �Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten, Miss.� Er reichte der Engl�nderin den elegant gebogenen Arm. �Aber lassen Sie mich nicht allein, sonst wird mir noch von hinten ein Sack �ber den Kopf gest�lpt, ha-ha.�</p><p>Naina stand noch immer vor Bubenzow und streckte ihm die Hand hin, aber er blickte die sch�ne Frau von unten gelassen und selbstsicher an.</p><p>�Keine Zeit, Naina Georgijewna�, sagte er endlich in gleichm�tigem Ton. �Ich muss zu Tantchen. Und ich will noch vor der Nacht ein Memorandum f�r die Polizeiwache schreiben. Es gibt eine Anordnung aus Petersburg, mir eine Wache beizugeben. Das ist eine ernste Sache. Ich habe heute die erste Drohung erhalten, schriftlich � sie liegt bei der Akte.�</p><p>Das Fr�ulein sagte z�rtlich zu ihm:</p><p>�Ach, lieber Wladimir Lwowitsch, die beste Wache ist die Liebe. Ihr sollten Sie vertrauen, nicht der Polizei.�</p><p>Wenn Bubenzows Absage sie ver�rgert hatte, so lie� sie sich nichts anmerken.</p><p>�Wie Sie meinen.� Sie l�chelte sanft, wandte sich den �brigen M�nnern zu und sagte mit anderer Stimme � fordernd und gebieterisch: �Gehen wir in den Park. Aber jeder f�r sich, damit es graulicher ist, wir werden uns Zurufen.�</p><p>Sie lief die Stufen hinunter und verschwand in der Dunkelheit. Schirjajew, Poggio und Pjotr folgten ihr schweigend. Der Letztere drehte sich um und fragte:</p><p>�Und was ist mit Ihnen, Schwester Pelagia? Kommen Sie, der Abend ist wirklich wunderbar.�</p><p>�Nein, Pjotr Georgijewitsch, ich mache auch noch einen Besuch bei Ihrer Gro�mutter.�</p><p>Sie folgte dem strengen Inspektor Bubenzow. Auf der Terrasse, die eben noch voller Menschen gewesen war, blieb allein Selig zur�ck, der sich Himbeerkonfit�re in ein Sch�lchen f�llte.</p><p>�Morgen fr�h werden Sie sich viel besser f�hlen, Tantchen, und wir machen eine Spazierfahrt�, sagte Bubenzow in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete; er hielt das Handgelenk der Witwe und sah ihr direkt in die Augen. �Zuerst aber erledigen wir die Sache mit dem Anwalt. Sehr gut, dass Sie ihn herbestellt haben. Es w�re wirklich schandbar, wenn Sie Drosdowka einer Kostg�ngerin vermachten. Das w�re ja, als wenn Elisabeth von England die Krone ihrer Hofn�rrin vererbte. So was macht man nicht, Tantchen.�</p><p>�Aber wem dann? Pjotr und Naina?�, widersprach Frau Tatistschewa kaum h�rbar. �Die w�rden doch alles verpulvern. Sie w�rden das Gut verkaufen, aber nicht einem anst�ndigen Menschen, denn die Adligen haben jetzt kein Geld, sondern irgendeinem Geldsack. Der rodet den Park und macht aus dem Haus eine Fabrik. Janet Wrigley w�rde nichts ver�ndern, sondern alles so lassen, wie es ist. Sie w�rde Pjotr und Naina Geld geben, die sind ja sozusagen ihre Familie, aber ihnen keine Dummheiten erlauben.�</p><p>�K�nigin Elisabeth hat anders gehandelt � sie machte Jakob Stuart zum Erben, obwohl sie Verwandte hatte, die ihr n�her standen als er. Der Grund: Sie sorgte sich um das Wohl ihres Reiches. Stuart war ein Mann von wahrhaft staatsm�nnischem Verstand. Die K�nigin konnte sicher sein, dass er ihr Reich nicht nur bewahren, sondern auch st�rken, dass er ihr unendlich dankbar sein und die Erinnerung an sie in hohen Ehren halten w�rde.�</p><p>Pelagia staunte am meisten dar�ber, dass Bubenzow sich durch die Anwesenheit Au�enstehender nicht im Geringsten beirren lie�. Nun, Tanja hatte sich tags�ber abgerackert und d�ste zur�ckgelehnt auf ihrem Stuhl, aber sie, Pelagia, sa� daneben, am Fu�ende des Betts, und klapperte absichtlich laut mit den Stricknadeln, damit der schamlose Kerl zur Besinnung k�me.</p><p>Aber woher!</p><p>Bubenzow beugte sich vor und sah Tantchen tief in die Augen.</p><p>�Ich wei�, wie Ihr Andenken zu verewigen w�re. Sie brauchen kein Grabmal aus Carrarer Marmor und keine Kapelle. Das sind alles tote Steine. Sie brauchen ein anderes Denkmal, ein lebendiges, das sich von Drosdowka aus in ganz Russland verbreitet und dann in der ganzen Welt. Wer wird Ihr edles und m�hevolles Werk fortsetzen, die Z�chtung der wei�en Bulldogge? Die anderen sehen darin ja nur eine dumme Laune, eine Verr�cktheit. Ihre Miss Wrigley kann Hunde nicht ausstehen.�</p><p>�Das stimmt�, kr�chzte Frau Tatistschewa. �Im vorigen Jahr hat sie sogar gewagt, sich einen Kater anzuschaffen, aber Saguljai und Sakidai haben ihn in St�cke gerissen.�</p><p>�Na sehen Sie. Ich aber war schon als Kind ein Hundenarr. Mein Vater hatte ausgezeichnete Barsois. Man kann sagen, ich bin in einem Hundezwinger aufgewachsen. Es braucht noch zehn Jahre, damit sich aus diesem Kerlchen� � er kraulte Sakussai, der s�� neben der Witwe schlummerte, hinterm Ohr � �eine dauerhafte Rasse entwickelt. Sie wird den Namen Tatistschew tragen, so dass noch in hundert, zweihundert Jahren . . .�</p><p>In diesem Moment wurde Sakussai, der durch die Ber�hrung wach geworden war und die ihn kraulende Hand konzentriert beobachtete, aktiv � er schnappte mit seinen spitzen Z�hnchen nach dem gepflegten Finger.</p><p>�Aua!�, schrie Bubenzow und riss die Hand weg, so dass der Welpe kopf�ber zu Boden flog, doch er war nicht beleidigt, sondern kl�ffte vergn�gt, sch�ttelte den rundstirnigen Kopf und sauste spornstreichs zur T�r, die einen Spaltbreit offen geblieben war.</p><p>�Haltet ihn!� Die Witwe fuhr in Panik vom Kissen hoch. �Tanja, Tanja! Schon wieder!�</p><p>Das Stubenm�dchen sprang schlaftrunken auf und verstand nicht. Auch Bubenzow erhob sich.</p><p>Das runde wei�e Hinterteil blieb in dem schmalen T�rspalt stecken, aber nicht lange. Die dicken Beinchen strampelten, die T�r ging etwas weiter auf, und Sakussai st�rmte ins Freie.</p><p>�Halt!�, schrie Bubenzow. �Keine Bange, Tantchen, ich fange ihn.�</p><p>Zu dritt � Bubenzow, Pelagia und Tanja � liefen sie in den Korridor. Der wei�e Welpe war schon am anderen Ende. Als er seinen Ausbruch hinreichend gew�rdigt sah, kl�ffte er triumphierend und verschwand um die Ecke.</p><p>�Er l�uft in den Park!�, rief Tanja. �Die T�r steht offen!�</p><p>Sakussai lief schneller als seine Verfolger, er schl�pfte auf die Veranda, und Pelagia sah gerade noch das wei�e B�llchen von der Treppe in die Dunkelheit springen.</p><p>�Wir m�ssen ihn schnell fangen, sonst wird Tantchen verr�ckt�, sagte Bubenzow besorgt, dann kommandierte er milit�risch: �Du, wie hei�t du gleich, du gehst nach links, die Nonne nach rechts, ich in der Mitte. Ruft die anderen, damit sie mitsuchen. Vorw�rts!�</p><p>Gleich darauf war die schl�frige Ruhe des Parks dahin, denn es wurde vielstimmig nach dem Fl�chtling gerufen.</p><p>�Sakussaichen!�, rief Pelagia.</p><p>�Sakussai, hierher, du dummes Tier!�, schrie Tanja hinter einem Himbeergestr�pp mit hoher Stimme.</p><p>�Herrschaften, Sakussai ist entwischt!�, informierte Bubenzow in munterem Kavalleristentenor die verstreuten Spazierg�nger im Park.</p><p>Die z�gerten nicht, sich zu melden.</p><p>�Au!�, rief Pjotr Georgijewitsch von weitem. �Er entkommt uns nicht, der Qu�lgeist! Wir finden ihn und bringen ihn um!�</p><p>�Fasst ihn, fasst ihn!�, hetzte Krasnow aus dem Birkenw�ldchen. �Miss Wrigley, ich gehe auf die Lichtung, und Sie suchen dort!�</p><p>�berall knackten Zweige, t�nten fr�hliche Stimmen, schallte Gel�chter. Es begann das �bliche, zum Ritual gewordene Spiel.</p><p>Schwester Pelagia starrte in die Dunkelheit und horchte, ob nicht irgendwo das bekannte Winseln ert�nte. Einige Zeit sp�ter, zehn Minuten vielleicht, schon nahe am Flussufer, erblickte sie vorn etwas Wei�es. Sie beschleunigte den Schritt � er war es, Sakussai. Er war wohl vom Herumlaufen erm�det und hatte sich unter der halb vertrockneten kleinen Espe hingelegt, gleich neben dem englischen Rasen.</p><p>�Da bist du ja!�, rief Pelagia leise und dachte nur daran, den Ausrei�er nicht zu erschrecken, sonst mussten sie ihn die halbe Nacht im Unterholz suchen.</p><p>Im Geb�sch raschelten hastige Schritte, da eilte noch jemand hierher.</p><p>Die Nonne schlich zu dem Welpen, b�ckte sich und griff mit dem Siegesruf �Ich hab ihn!� nach den runden Flanken.</p><p>Sakussai gab keinen Laut von sich und r�hrte sich nicht.</p><p>Pelagia hockte sich hin. Ihr Herz krampfte sich zusammen, ihr wurde eng in der Brust und sehr hei�.</p><p>Der Kopf des Welpen war seltsam platt. Im Gras lag ein gro�er flacher Stein, darauf blinkte im Mondlicht ein feuchter Fleck von anklebender nasser Erde. Auch die Erdmulde war zu sehen, aus der der Stein herausgehoben worden war.</p><p>Sakussais Schn�uzchen sah im Tode lang und traurig aus. Jetzt hatte er wirklich �hnlichkeit mit einem Engelchen.</p><p>Die Schritte im Geb�sch raschelten noch immer, aber sie kamen nicht n�her, sondern entfernten sich, wurden leiser. Erst jetzt ging Pelagia auf: Jemand eilte nicht hierher, sondern von hier weg.</p></section><section><title><p>Angst</p></title><p>Marja Tatistschewa lag im Sterben. Schon zu Beginn der Nacht, als sie aus Tanjas wildem Geheul erkannte, was geschehen war, verlor sie die Sprache. Sie lag auf dem R�cken, r�chelte, starrte mit aufgerissenen Augen zur Decke, und ihre pummeligen Finger tasteten unruhig �ber den Saum der Zudecke, wie um etwas wegzuwischen, was aber nicht gelang.</p><p>Mit der schnellsten Troika wurde der Arzt aus der Stadt geholt. Er bef�hlte die Kranke da und dort, dr�ckte, horchte ab, gab ihr eine Spritze, damit sie nicht erstickte, ging dann hinaus in den Korridor und sagte:</p><p>�Es geht zu Ende. Sie braucht die Letzte �lung.�</p><p>Dann sa� er im Salon, trank Tee mit Kognak, plauderte halblaut mit Schirjajew �ber die Ernteaussichten und schaute alle halbe Stunde ins Schlafzimmer, ob die Kranke noch atmete. Sie atmete noch, doch schw�cher und schw�cher und sank immer wieder ins Vergessen.</p><p>Lange nach Mitternacht wurde der Geistliche aus dem Bett geholt und hergebracht. Er war zerzaust und nicht ganz wach, doch im vollen Ornat und mit den geweihten Gaben. Als er aber bei der Sterbenden eintrat, schlug sie die Augen auf und machte lallend deutlich: Ich will nicht.</p><p>�Sie wollen nicht die Letzte �lung, Gro�mutter?�, fragte erschrocken Pjotr, den die dramatischen Ereignisse stark verst�rten.</p><p>Die Sterbende sch�ttelte kaum erkennbar den Kopf.</p><p>�Was m�chten Sie dann?�, fragte Pelagia, �ber sie gebeugt. �Einen Popen?�</p><p>Die Witwe schloss die Lider, �ffnete sie wieder, hob m�hsam einen zitternden Finger und zeigte zur Seite und nach oben.</p><p>Pelagia folgte der Richtung ihres Fingers. Da war nichts Besonderes zu sehen: die Wand, eine Lithographie der Stadt Petersburg, ein Portr�t des verstorbenen Apollon Tatistschew und ein Photo von Mitrofani im vollen Bischofsornat.</p><p>�Sie m�chten die Letzte �lung vom Bischof?�, erriet die Nonne.</p><p>Die Witwe schloss wieder die Lider und lie� den Finger sinken. Also ja.</p><p>Wieder wurde nach Sawolshsk geschickt, auf den Klosterhof, und man wartete auf Mitrofani.</p><p>Bis zum Morgen ging niemand schlafen, alle streiften durchs Haus. Irgendwo unterhielten sich leise zwei oder drei Leute, ein anderer sa� allein da. Pelagia konnte die Leute nicht beobachten, leider, denn das h�tte mancherlei Aufschluss gegeben. Wom�glich h�tte sich der M�rder des kleinen Sakussai irgendwie verraten. Aber die Christenpflicht stand �ber den weltlichen Sorgen, und so sa� die Nonne unentwegt bei Frau Tatistschewa, sprach Gebete und fl�sterte Worte des Trostes, welche die Leidende wahrscheinlich gar nicht h�rte. Erst im Morgengrauen ging Pelagia f�r eine halbe Stunde in den Park und kehrte h�chst nachdenklich zur�ck.</p><p>Die Sonne ging auf, kletterte immer h�her, schon war die Mittagsstunde vor�ber, doch der Bischof kam nicht. Der Arzt sch�ttelte den Kopf und sagte, die Kranke halte nur aus Trotz noch durch, sie habe sich in den Kopf gesetzt, unter allen Umst�nden die Ankunft ihres Neffen abzuwarten und nicht eher zu gehen, als bis sie ihn vor sich sehe.</p><p>Der Anwalt Korsch kam. Bubenzow setzte Pelagia vor die T�r, damit sie beim Umschreiben des Testaments nicht st�rte. Als Zeugen berief er Selig und Krasnow, denn Naina verlie� ihr Zimmer nicht, und Pjotr bat, ihn zu verschonen; Schirjajew verzog angewidert das Gesicht � jetzt an das Testament zu denken.</p><p>All das missfiel Pelagia au�erordentlich, aber sie konnte nichts tun. Donat Sytnikow kam, mochte sich aber nicht in die Familienangelegenheiten einmischen � sollte alles seinen Gang gehen (woraus folgte, dass er gar nicht so sehr auf das Gorjajewsche �dland erpicht war, wie es die misstrauische Marja Tatistschewa geargw�hnt hatte).</p><p>Aber vergeblich waren Bubenzows Bem�hungen um die Sterbende, eine Neufassung des Testaments kam nicht zu Stande. Nach einer Stunde verlie� Korsch das Schlafzimmer, wischte sich den Schwei� ab und bat um Kwass.</p><p>�Es ist nirgendwo �blich, aus einem Lallen den letzten Willen eines Menschen zu erraten�, sagte er verdrossen zu Pelagia. �Ich bin doch kein Jahrmarktsclown, sondern Mitglied der Notarsgilde.� Und er befahl, seinen Wagen anzuspannen, wollte auch nicht zum Mittagessen bleiben.</p><p>Bubenzow sprang ihm aufgebracht hinterher, holte den Widerspenstigen ein, fasste ihn am Ellbogen und fl�sterte laut auf ihn ein. Was, blieb unbekannt, aber Korsch reiste trotzdem ab.</p><p>Wutentbrannt schrie Bubenzow der Kutsche hinterher:</p><p>�Das wird Ihnen noch Leid tun!�</p><p>Der Anwalt fuhr davon, aber st�ndig trafen neue G�ste ein, die von dem traurigen Ereignis geh�rt hatten: Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, die Notabein aus dem Gouvernement, sogar der Adelsmarschall. So viel Menschen w�ren kaum erschienen, um sich von der Generalswitwe zu verabschieden, h�tte es nicht die Ger�chte gegeben, die in der Gegend umgingen. Die Gesichter der Versammelten zeigten neben der angemessenen Trauer auch eine gewisse Aufregung, und zwei W�rter, leise ausgesprochen, waren h�ufig zu h�ren: Welpe und Testament.</p><p>Und um Miss Wrigley war eine seltsame Bewegung, die immer sp�rbarer wurde. Als endg�ltig feststand, dass das Testament in Kraft blieb, wurde die Engl�nderin zum Mittelpunkt einer Art von Strudel. Fl�chtig bekannte und ganz unbekannte Damen und Herren traten zu ihr, sprachen Worte des Mitgef�hls und blickten ihr neugierig in die Augen. Andere mieden demonstrativ die Erbin und zeigten deutlich Missbilligung und sogar Abscheu. Die arme Miss Wrigley verlor den Kopf und lief immer wieder los, um Naina und Pjotr zu suchen, mit denen sie sich aussprechen wollte.</p><p>Aber Naina verlie� nicht ihr Zimmer, und ihren Bruder Pjotr hatte Bubenzow mit Beschlag belegt. Pelagia kam heraus, um nach dem Bischof Ausschau zu halten, und sah, wie Bubenzow den verwirrten Pjotr von den Leuten wegzog, die eine Hand um seine Schulter gelegt, mit der anderen gestikulierend. Sie h�rte Satzfetzen: �. . . die Umst�nde untersuchen und anfechten, unbedingt anfechten�.</p><p>Aber der amtliche Mensch hatte auch so genug zu tun. Am Morgen kam ein Eilbote im Galopp zu ihm geritten, am Mittag noch einer. Beide Male sa� Bubenzow eine Weile mit ihnen in der Bibliothek, dann sprengten die geheimnisvollen Reiter ebenso verwegen wieder zur�ck. Es war zu sehen, dass die Untersuchung in Sachen der verschwundenen K�pfe sehr gewissenhaft gef�hrt wurde.</p><p>Bischof Mitrofani kam erst gegen Abend, als ihn keiner mehr erwartete.</p><p>Pelagia trat zu ihm, um seinen Segen zu empfangen, und sagte vorwurfsvoll:</p><p>�Marja Afanassjewna wird sich freuen. Sie hat ja so gewartet, die Arme.�</p><p>�Macht nichts�, antwortete der Bischof. Zerstreut bekreuzigte er alle, die zu seiner Begr��ung herauskamen. �Nicht sie, der Tod hat gewartet. Dem Knochenmann schadet es nichts, ein bisschen zu erm�den.�</p><p>Er war irgendwie unfeierlich, sachlich, als w�re er nicht gekommen, um einer Sterbenden die Letzte �lung zu geben, sondern um die Di�zese zu inspizieren oder um einer anderen dienstlichen Angelegenheit willen.</p><p>�L�fte die Kutsche, es ist ganz stickig drinnen�, befahl er dem Zellendiener, der neben dem Kutscher auf dem Bock sa�.</p><p>Und zu Pelagia sagte er:</p><p>�Los, f�hre mich.�</p><p>�Vater, und die heiligen Gaben?�, erinnerte sie ihn. �Sie braucht doch die Letzte �lung.�</p><p>�Die �lung? Warum nicht, die kann sogar gesund sein. Vater Alexi!�</p><p>Aus der Kutsche stieg schwerf�llig ein Subdiakon in brokatenem Chorgewand, in der Hand das Hostiengef��.</p><p>Sie durchschritten den halb dunklen Korridor, wo an den W�nden Menschen standen und sich verneigten; Stimmen fl�sterten: �Segnet mich, Bisch�fliche Gnaden.� Mitrofani spendete den Segen, schien aber niemanden zu erkennen und zeigte eine konzentrierte Miene. Er schickte alle aus dem Schlafgemach und lie� nur Pelagia und Alexi bleiben.</p><p>�Was ist, Magd Gottes, du willst sterben?�, fragte er ernst die Kranke im Bett; er redete sie mit �du� an, also sprach nicht der Neffe Mischa, sondern der strenge Seelenhirt. �Du m�chtest vor den Himmlischen Vater treten? Hat ER dich denn gerufen, oder willst du von dir aus zu ihm? Wenn von dir aus, ist es eine S�nde.�</p><p>Aber seine drohenden Worte hatten keine Wirkung auf die Leidende. Sie sah den Bischof mit starrem, finsterem Blick an und wartete.</p><p>�Na gut�, seufzte er und zog die schwarze Reisekutte �ber den Kopf, darunter trug er den goldbestickten Ornat mit der wertvollen Bischofspanhagia auf der Brust. �Bereiten Sie alles vor, Vater.�</p><p>Der Diakon stellte eine kleine Silberschale auf den Nachttisch und sch�ttete aus einem Beutelchen Weizenk�rner hinein. In die Mitte stellte er ein leeres R�ucherf�sschen und legte sieben Kerzen hin. Mitrofani weihte das Salb�l und den Wein, f�llte das F�sschen, z�ndete die Kerzen an. Er bestrich der Sterbenden Stirn, Nase, Wangen, Lippen, Brust und H�nde und sprach dann gef�hlvoll das Gebet:</p><p>�Vater im Himmel, Arzt Leibes und der Seele, Du sandtest Deinen Eingeborenen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, der jedwede Krankheit heilet und vor dem Tode errettet: So heile auch Deine Magd Marja von ihrer k�rperlichen und seelischen Breste und belebe sie mit dem Segen Deines Sohnes Christus und den Gebeten der Heiligen Mutter Gottes, der Jungfrau Maria . . .�</p><p>Siebenmal verrichtete der Bischof den vorgeschriebenen Ritus nebst Gebet, und jedes Mal l�schte er eine Kerze. Marja Tatistschewa lag friedlich da, blickte dem�tig auf die Kerzenflammen und bewegte lautlos die Lippen, wie um es auszusprechen: �Herr, erbarm dich.�</p><p>Nachdem Mitrofani die Gebete abgeschlossen hatte, zog er einen Stuhl ans Bett, setzte sich und sagte mit allt�glicher Stimme:</p><p>�Mit dem heiligen Abendmahl warten wir noch ein bisschen. Ich denke, es wird genug sein mit der Letzten �lung.�</p><p>Die Kranke zuckte unzufrieden mit dem Mundwinkel und st�hnte kl�glich, aber der Bischof wischte es mit der Hand weg.</p><p>�Lieg still und h�r zu. Du bist seit gestern Abend nicht gestorben, also kannst du auch warten, solange der Bischof mit dir redet. Und wenn du dennoch sterben willst, dann aus Trotz.�</p><p>Nach dieser Pr�ambel schwieg der Bischof ein Weilchen, dann sprach er anders weiter, halb laut, doch traurig und gef�hlvoll.</p><p>�Man bekommt oft zu h�ren, darunter auch von Leuten, die nicht blind, sondern sehenden Auges glauben, das Leben w�re eine kostbare Gabe Gottes. Mir aber will scheinen, dass es �berhaupt keine Gabe ist, denn eine Gabe m�chte der Seele und dem K�rper nur Annehmlichkeit bereiten, doch im Leben der sterblichen Menschen ist wenig Annehmlichkeit vorgesehen. K�rperliche und seelische Martern, S�nden und Laster, der Verlust von Nahestehenden � das ist unser Leben. Eine sch�ne Gabe, nicht? Darum denke ich, man soll das Leben nicht als Gabe auffassen, sondern als eine Art Kirchenbu�e, wie sie M�nchen auferlegt wird, und jeder Mensch bekommt seine eigene nach Ma�gabe seiner Kr�fte, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Kraft der Seele ist bei uns allen verschieden, also sei es auch die Last der Bu�e. Wen Gott lieb hat, den nimmt er schon im S�uglingsalter zu sich. Anderen misst er eine mittlere Frist zu, und wen er besonders pr�fen will, den belastet er mit langem Leben. Die Gabe kommt dann, nach dem Leben. Wir unvern�nftigen S�nder f�rchten sie und nennen sie Tod, dabei ist der Tod die lang ersehnte Begegnung mit unserem Allgn�digen Vater. Der Herr pr�ft jeden auf seine Weise und wird sich in SEINEM unendlichen Erfindungsreichtum niemals wiederholen, doch ist es eine gro�e S�nde und ein gro�er Verdruss f�r den Sch�pfer, wenn jemand eigenm�chtig die ihm zugemessene Bu�frist verk�rzen will. Nicht der Mensch bestimmt die Begegnung mit IHM, sondern Gott allein. Darum verh�lt sich die Kirche so unbeugsam zum Selbstmord und sieht in ihm die schlimmste S�nde. Wenn es dir schlecht geht, wenn du Schmerzen hast, wenn dir bitter ist � dulde. Der HERR wei�, wie viel Festigkeit in einer Seele ist, und ER wird SEINEM Kind keine zu schwere Last aufb�rden. Es soll dulden und ertragen, und das wird seine Seele l�utern und erheben. Aber was du machst, ist Selbstmord.� Mitrofani sagte es �rgerlich und gab den vertraulichen Ton auf. �Du bist eine gesunde, kr�ftige alte Frau! Warum spielst du hier Kom�die? Wegen einer wei�en Bulldogge betr�bst du Gott den Herrn und willst deine Seele verderben! Du bekommst von mir nicht die Absolution vor dem Tode, merke es dir, denn die heilige Kirche kennt mit Selbstm�rdern keine Nachsicht! Und solltest du trotzen wollen, so lasse ich dich au�erhalb der Friedhofsmauer in ungeweihter Erde begraben. Und dein Testament werde ich bei den weltlichen Beh�rden anfechten, denn das Verm�chtnis eines Selbstm�rders ist nach russischem Gesetz unwirksam!�</p><p>Die Augen der Sterbenden spr�hten w�tende Funken, die Lippen m�mmelten, aber kein Laut kam heraus. Daf�r erzitterten die fromm �ber der Brust gefalteten H�nde, und die oben liegende Rechte zeigte m�hsam den Daumen zwischen Zeige � und Mittelfinger.</p><p>�Na bitte�, rief der Bischof erfreut. �Du willst mit dem Zeichen des Teufels aus dem Leben gehen. Das passt zu dir. Wenn du tot bist, werde ich nicht dulden, deine Finger zu l�sen, dann kannst du mit der Feige im Sarg liegen, und alle werden es sehen.�</p><p>Die Witwe lockerte die Finger, und die Rechte legte sich w�rdevoll wieder auf die Linke.</p><p>Der Bischof sch�ttelte den Kopf und sagte sanft, als k�nne er nie die Beherrschung verlieren:</p><p>�Schau, Marja, du hast in deinem Leben viele bittere Schalen leeren m�ssen: Deinen geliebten Mann hast du zu Grabe getragen, vier Kinder hast du �berlebt. Und bist nicht gestorben. Sind dir wirklich diese stumpfschn�uzigen K�ter lieber als deine Angeh�rigen? Das w�re sch�ndlich.�</p><p>Mitrofani wartete auf irgendein Zeichen, aber die Witwe schloss nur die Augen.</p><p>�Ich wei�, in dir ist noch viel Leben, du hast deine Zeit nicht verbraucht. Und noch eines musst du bedenken. Wem Gott ein langes Leben zugemessen hat, der hat es am schwersten, denn seine Pr�fung w�hrt sehr lange. Daf�r wird ihm aber eine besondere Belohnung zuteil. Je l�nger ich auf der Welt lebe, desto mehr deucht mich, dass ein hinf�lliges Alter weniger eine Pr�fung ist als vielmehr eine Gnade Gottes. Eine wirkliche Gabe. Erst im vorger�ckten und weisen Alter verliert der Mensch die Todesangst. Das Welken des Fleisches und das Erl�schen des Verstandes sind eine treffliche Vorbereitung auf das andere Leben. Der Tod f�llt dich nicht mit einem Schlag, sondern kommt langsam, tropfenweise, und das ist wohl nicht g�nzlich ohne S��e. Nicht umsonst weilen viele hochbetagte M�nche, Skimniks (Skimnik - M�nch der strengsten Ordensregel, D.�.), an der Neige ihrer Jahre weniger hier als dort, in paradiesischer Seligkeit. Es kommt vor, dass ihr Fleisch nach dem Tode nicht verwest, zum Erstaunen der Menschen. Aber was reden wir von heiligen M�nchen. Jeder sehr alt gewordene Mensch hat alle seine Bekannten, die er liebte oder hasste, schon dort, sie warten auf ihn, darum hat er keine Furcht. Er wei� ja, dass alle � die kl�ger waren als er oder d�mmer, b�ser oder g�tiger, mutiger oder feiger �, alle, die er gekannt hat, die schreckliche Schwelle �berschritten haben. Also ist sie gar nicht so schrecklich . . .�</p><p>Marja Tatistschewa hatte der umf�nglichen Predigt des Bischofs gelauscht, und jetzt l�chelte sie beruhigt. Mitrofani runzelte die Stirn, er hatte eine andere Reaktion erwartet. Er seufzte, bekreuzigte sich, redete ihr aber nicht mehr ins Gewissen.</p><p>�Nun gut, wenn du f�hlst, deine Zeit ist gekommen, wenn du gerufen wirst, halte ich dich nicht. Dann gebe ich dir das heilige Abendmahl, spreche alle Gebete und lege dich in die geweihte Erde, wie es sich geh�rt. Ich wollte dich erschrecken. Stirb, so du es wirklich willst. Wenn das Leben dich nicht mehr h�lt, nicht mehr lockt, wie soll ich schwacher Mensch dich halten! Aber . . .� Er wandte sich dem Diakon zu und befahl: �Bringt sie her, Vater!�</p><p>Vater Alexi nickte und ging hinaus. Im Schlafgemach wurde es still. Marja Tatistschewa lag mit geschlossenen Augen da, und ihr Gesicht sah aus, als l�ge sie nicht mehr im Bett, sondern im offenen Sarg, aufgebahrt in der Kirche, und aus den hohen Gew�lben s�ngen ihr die Engel s��e Lieder. Mitrofani stand auf, trat zu einer Lithographie an der Wand und betrachtete sie interessiert.</p><p>Alsbald ging die T�r auf, und der Diakon und der Zellendiener brachten einen Korb herein, der oben eine kleine �ffnung hatte. Sie stellten ihn auf den Fu�boden, verneigten sich vor dem Bischof und traten zur�ck zur Wand.</p><p>Im Korb raschelte es seltsam, und es piepste sogar. Pelagia reckte neugierig den Hals und stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu linsen, aber Mitrofani hatte schon den Deckel abgenommen und senkte beide H�nde hinein.</p><p>�Da, Tantchen�, sagte er mit normaler Stimme. �Das wollte ich Ihnen zeigen, solange Sie noch leben. Darum bin ich so sp�t gekommen. Auf mein Gehei� haben meine Abgesandten den ganzen Distrikt abgesucht, und ich habe sogar den Telegraphen benutzt, obwohl ich, wie Sie wissen, diese Neuerungen nicht mag. Bei dem Major a. D. Sipjagin fand sich in einem Wurf ein wei�er Bulldoggenwelpe weiblichen Geschlechts. Auch das Ohr, schauen Sie, stimmt. Und aus Nishni Nowgorod kam vor zwei Stunden als Geschenk des Kaufmanns erster Gilde Saikin mit einem schnellen Dampfboot ein wei�er R�de, anderthalb Monate alt. Der ist in jeder Hinsicht eine Pracht. Die H�ndin ist nicht ganz wei�, hat ein r�tliches N�schen, doch daf�r besonders krumme Beinchen. Sie hei�t Mussja. Sipjagin wollte sie nicht hergeben, seine Tochter mochte sich nicht von ihr trennen. Ich musste mit dem Kirchenbann drohen, weil es den Tod einer Christenseele bedeutet h�tte, was von mir sogar ungesetzlich war. Der R�de hat noch keinen Namen. Schauen Sie, sein Ohr ist braun, die Nase, wie vorgeschrieben, rosa und gesprenkelt und, vor allem, die Schnauze sehr platt. Wenn sie gro� sind, kann man sie neu kreuzen. Dann ist die wei�e Bulldogge in zwei bis drei Generationen wiederhergestellt.�</p><p>Er zog die beiden dickb�uchigen Welpen aus dem Korb. Der eine war etwas gr��er, kl�ffte b�se und strampelte mit den Pfoten, der andere war friedlich.</p><p>Pelagia drehte sich nach der Sterbenden um und sah, dass sie sich auf magische Weise ver�ndert hatte und nicht mehr f�r den Sarg taugte. Mit gro�en Augen betrachtete sie die kleinen Bulldoggen, und ihre Finger auf der Brust bewegten sich schwach, als wollten sie etwas ergreifen.</p><p>Kaum h�rbar fragte sie mit zitternder Stimme:</p><p>�Und der Speichelfluss?�</p><p>Der Bischof fl�sterte Pelagia zu: �Den Arzt�, dann trat er zum Bett und setzte die beiden Welpen der Witwe auf die Brust.</p><p>�Sehen Sie selbst. Da l�uft es fadend�nn.�</p><p>Pelagia schl�pfte in den Korridor mit einer Miene, dass der Arzt, der in der N�he stand, verstehend nickte.</p><p>�Aus?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, noch benommen von dem geschauten Gotteswunder, und zeigte schweigend: Gehen Sie hinein.</p><p>Der Arzt blickte zwei Minuten sp�ter heraus. Seine Miene war verlegen und sachlich.</p><p>�Das erste Mal in siebenundzwanzig Jahren Praxis�, sagte er zu den an der T�r Wartenden und rief: �He, ist da wer? Zimmerm�dchen! Hei�e Bouillon, m�glichst kr�ftig!�</p><p>Der Bischof empfing Pelagia in den ihm zugewiesenen Gem�chern erfrischt und vergn�gt. Er hatte sich gewaschen und einen hellgrauen Leibrock angelegt und k�hlen Kwass getrunken.</p><p>�Na, was sagen die Rechtgl�ubigen?�, fragte er und l�chelte verschmitzt. �Reden sie �ber die wundersame Errettung?�</p><p>�Sie sind fast alle weggefahren�, meldete Pelagia. �Was Wunder, bei solch einem Ereignis. Es dr�ngt sie, den Angeh�rigen davon zu erz�hlen. Aber der Adelsmarschall ist noch hier, ebenso Bubenzow und sein Sekret�r.�</p><p>�Er hat wohl den Schwanz eingezogen, der verr�ckte Kerl?� Mitrofani wurde ernst. �W�hrend du, Pelagia, hier deine Zeit vertan hast, sind bei uns in Sawolshsk Dinge passiert. . .�</p><p>Die Nonne nahm den Vorwurf ohne Murren, mit geneigtem Kopf hin. Sie trug ja wirklich Schuld � hatte den kleinen Sakussai nicht bewahren k�nnen, und wenn Frau Tatistschewa sich wieder erholte, dann nicht durch ihre Bem�hungen.</p><p>�Bubenzow hat gro�e Anstrengungen unternommen, hat solchen Unsinn zusammengeredet und in ganz Russland solchen L�rm geschlagen, dass ich gar nicht wei�, ob ich das abwehren kann . . .�</p><p>Und der Bischof erz�hlte Pelagia all das, was sie schon von Bubenzow geh�rt hatte, nur deutete er die Morde g�nzlich anders.</p><p>�All dieses Gerede �ber den Gott Schischiga ist dummes Zeug. Irgendwelche Unholde haben zwei Menschenseelen umgebracht, haben sie ausgezogen und ihnen den Kopf abgetrennt � aus �bermut oder blinder Wut oder aus sonstigen Gr�nden. Was gibt es auf der Welt nicht alles f�r Unmenschen. Aber Bubenzow hat sich gefreut und sogleich seine F�den gesponnen. Die vorsintflutliche Chronik kam ihm dabei bestens zupass. Ich wei� selber, dass unsere Syten mehr dem Namen nach Christen sind und noch mancherlei heidnischem Aberglauben anh�ngen, aber sie sind ein stilles, friedliches V�lkchen. Morden, das bringen sie nicht fertig, nicht mal Stehlen. Aber dieser Satan hat in wenigen Tagen den Bodensatz der menschlichen Seelen aufger�hrt, hat Leute zu Ohrenbl�sern und Verleumdern gemacht. Wie es im Evangelium hei�t: �Dann werden sich viele �rgern und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen.� Pfui, wie scheu�lich! Jetzt haben viele schon Angst, abends aus dem Hause zu gehen, und sie verrammeln die T�ren zur Nacht, das hat es seit zehn Jahren nicht gegeben, seit die R�uber ausgerottet wurden. Aber macht nichts, der Satan ist die Versuchung, der Herr die Erl�sung. Auf jede b�se Tat folgt die Gerechtigkeit. So wie heute hier in Drosdowka.�</p><p>Mitrofani, zum erfreulichen Thema zur�ckgekehrt, kam wieder in gehobene Stimmung.</p><p>�Was meinst du, Pelagia?� Seine Augen lachten. �Ist es eine l�ssliche S�nde, wenn ich ein bisschen stolz bin?�</p><p>�Wie solltet Ihr nicht�, sagte die Nonne aufrichtig. �Gott wird nicht z�rnen. Ihr habt Marja Afanassjewna gerettet, und das haben alle gesehen und k�nnen es best�tigen.�</p><p>�So ist es. Ganz besonders freut mich, dass ich dem unbekannten Schurken, der die Hunde umgebracht hat, diesem heimlichen M�rder, die Karten durcheinander gebracht habe. Der Widerling hat sich gewiss schon die H�nde gerieben, dass er die alte Frau in den Tod getrieben hat, und dann dieses.� Der Bischof formte seine Finger zu dem gleichen Gebilde, das er gerade eben als Zeichen des Teufels bezeichnet hatte. �Wir sind eine kr�ftige Rasse. Tantchen wird noch zehn Jahre leben, mit Gottes Hilfe auch f�nfzehn, und die h�sslichen Viecher neu z�chten.�</p><p>Ganz kurz nur war Mitrofani stolz, dann fand er wohl, dass es genug sei. Er blickte Pelagia pr�fend an und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Na, die Kirchenbu�e ist wohl nicht ganz einfach? Du hast vielleicht gedacht, es ist eine Kleinigkeit, den Tod von solch l�cherlichen Hunden aufzukl�ren, da hast du schon ganz andere Knoten entwirrt, stimmt�s? Aber du siehst, die Sache hat sich von selbst erledigt. Ich habe immer von einem Schurken gesprochen. Dabei handelt es sich um eine Frau. Das Bild ist klar. Die Witwe Tatistschewa war ihren rechtm��igen Erben b�se und hat ihnen zum Schur das Testament zu Gunsten der Engl�nderin ge�ndert. Nicht im Ernst, nur zur Abschreckung. Da hat sich bei der Lutheranerin aus Habgier der Verstand verfinstert, in ihrer Situation sehr verst�ndlich. Auf ihre alten Tage konnte sie von der Kostg�ngerin zur reichen Frau werden. Das w�rde jeden um die Vernunft bringen.�</p><p>�Miss Wrigley ist nicht alt�, sagte Pelagia. �Um die f�nfzig.�</p><p>�Umso mehr. Es ist das Alter, wo die Kr�fte allm�hlich nachlassen und die Angst vor dem morgigen Tag einsetzt. Jetzt wird man sie nat�rlich wegjagen, und zu Recht. Undank ist eine schwere S�nde und Verrat die allerschlimmste.�</p><p>�Man darf sie nicht wegjagen�, erkl�rte Pelagia entschlossen. �Miss Wrigley hat die Hunde nicht get�tet. Als Saguljai und Sakidai vergiftet werden sollten, war das Testament noch nicht zu ihren Gunsten ge�ndert. Ich meine, das Verm�chtnis spielt hier gar keine Rolle.�</p><p>�Wieso nicht? Weshalb wollte man die alte Frau sonst ins Grab bringen? Und wer soll das Ganze ausgeheckt haben, wenn nicht die Engl�nderin?�</p><p>Mitrofani sah seine geistliche Tochter verwundert an. Sie hob die von der Sonne ausgebleichten r�tlichen Brauen, und dann platzte sie heraus:</p><p>�Weshalb, wei� ich nicht, aber wer die Hunde umgebracht hat, wei� ich wohl.�</p><p>An der T�r klopfte es zaghaft, aber beharrlich, im unpassendsten Moment. Der Subdiakon Alexi schaute herein.</p><p>�Euer Bisch�fliche Gnaden, die Gesellschaft ist im Salon versammelt und bittet Sie zu kommen. Ich habe gesagt, der Bischof ruhen aus von der Reise, aber ich soll Sie sehr bitten. Der Adelsmarschall wartet nur noch auf Sie, seine Kutsche ist schon angespannt, aber ohne Ihren Segen f�hrt er nicht. Vielleicht kommen Sie?�</p><p>Der Bischof lie� den Blick von Vater Alexi zu Pelagia gleiten. Auf seiner Stirn bildeten sich drei steile Falten.</p><p>�Wir werden wohl ein langes Gespr�ch haben, Pelagia. Jetzt komm mit in den Salon. Ich werde meiner Pflicht nachkommen, dann reden wir weiter.�</p><p>Im Salon war in der Tat die ganze Gesellschaft versammelt, und sie empfing den Bischof mit begeistertem Stimmengewirr, das vielleicht in Applaus ausgeartet w�re ohne die Achtung vor seinem hohen Rang. Bubenzow trat vor und sagte gef�hlvoll:</p><p>�Ewigen Dank, Bisch�fliche Gnaden, f�r die Tante.�</p><p>Dazu hatte er guten Grund � nun konnte er sich wieder um das Testament k�mmern. Mitrofanis zufriedenes Gesicht verfinsterte sich f�r einen Moment (wohl bei diesem Gedanken), und er wandte sich von dem unangenehmen jungen Mann ab.</p><p>Von der anderen Seite schlich schon Selig herzu, er sagte weinerlich:</p><p>�So geht unser Leben: Blumen und Rauch und Morgentau wahrlich. Eure heilige Hand bitte, zum Kusse . . .�</p><p>�Meine Herrschaften!�, rief Krasnow laut. �Soeben wurde ein Gedicht geboren. Bitte um Geh�r, Herrschaften, aus dem Stegreif. Im Stil des gro�en Dershawin (Gawrila Dershawin (1743-1816) - klassischer russischer Dichter. D.�.)! �Ode auf die wundersame Errettung der K�nigin von Drosdowka, Marja Tatistschewa, aus der Todesgefahr�.</p><p>Ich blas die jubelnde Schalmei</p><empty-line/><p>Und sing in aller Russen Namen</p><empty-line/><p>Das gl�ckerf�llte Hosianna</p><empty-line/><p>F�r unsrer Herrin frohe Rettung.</p><p>Vom b�sen Gift der schwarzen Schlange,</p><empty-line/><p>Das deine undankbare Magd</p><empty-line/><p>Den wei�en Engeln eingegeben,</p><empty-line/><p>Erlitten sie den t�ck�schen Tod.</p><p>Allein, die Vorsehung hat nicht gewollt,</p><empty-line/><p>Dass solche Schurkerei gel�nge,</p><empty-line/><p>Des Bischofs Hand, sie zog entschlossen</p><empty-line/><p>Den gift�gen Stachel aus der Wunde.�</p><p>�Kirill Nifontowitsch!�, rief Miss Wrigley mit zitternder Stimme, unterbrach damit die Deklamation und streckte die mageren H�nde nach dem Dichter aus. �Haben auch Sie sich von mir abgewandt?�</p><p>Bubenzow l�chelte giftig.</p><p>�Ausgezeichnet! Der vorlaute Dieb verr�t sich selbst.�</p><p>Es hatte sich ergeben, dass die Engl�nderin in der Mitte eines leeren Kreises stand, wie mit Absicht der allgemeinen Betrachtung preisgegeben.</p><p>�Miss Wrigley hat Gro�mutters Hunde wirklich nicht gemocht, aber anzunehmen, dass sie . . . Nein, undenkbar.� Pjotr sch�ttelte den Kopf. �Sie kennen sie ja gar nicht, Wladimir Lwowitsch. Das hei�t, von au�en k�nnte es verd�chtig erscheinen, muss es sogar, aber ich kenne Miss Wrigley seit meiner fr�hesten Kindheit, kann mich voll f�r sie verb�rgen und versichere Ihnen, dass diese Vermutung keinerlei Grundlage . . .�</p><p>�Sie war�s, die Engl�nderin, wer denn sonst�, unterbrach einer der G�ste diese wirren Versicherungen. �Solch ein Vorgehen ist irgendwie unrussisch. Nicht einfach t�ten, sondern einem Menschen das Herz brechen. Viel zu ausgekl�gelt f�r einen Rechtgl�ubigen. Aber wozu noch reden, der Fall ist klar.�</p><p>Selig schloss sich an.</p><p>�Wer Augen hat, der sehe, wer Ohren hat, der h�re.�</p><p>�Schluss mit dem Unsinn!� Naina trat zu Miss Wrigley und nahm ihre Hand. �Don�t listen to them. They do not know what they are saying. (H�ren Sie nicht auf sie. Sie wissen nicht, was sie reden.)�� Naina lie� den hasserf�llten Blick von einem zum anderen gleiten. �Sie haben schon das Urteil gesprochen! Ich lasse nicht zu, dass man sie kr�nkt!�</p><p>Die Engl�nderin schluchzte und legte die Stirn dankbar an Nainas Schulter.</p><p>�Aber Naina Georgijewna, es steht nicht in Ihrer Macht, die gesetzlich vorgeschriebene Untersuchung abzuwenden�, bemerkte der Adelsmarschall. �Wir verstehen nat�rlich Ihre Gef�hle und achten sie, doch ob hier ein Verbrechen vorliegt und wer daf�r verantwortlich ist, soll die Polizei untersuchen. Nach meiner tiefen �berzeugung hat ein Verbrechen stattgefunden, und es ist als Mordanschlag zu werten. Ich bin sicher, dass das Geschworenengericht so entscheiden wird.�</p><p>�Katorga?�, piepste Miss Wrigley entsetzt und sah sich gehetzt um. �Sibirien?�</p><p>�Dachten Sie Brighton?�, antwortete b�se der Adelsmarschall, stolz auf seine Kenntnis europ�ischer Badeorte.</p><p>Die Engl�nderin senkte den Kopf und weinte leise, sie hoffte wohl auf nichts mehr. Naina, hochrot vor Unmut, legte ihr den Arm um die Schultern und fl�sterte tr�stlich auf sie ein, aber Miss Wrigley sagte immer wieder bitter:</p><p>�Nein, nein, ich bin hier eine Fremde, the Jury will condemn me (Die Geschworenen werden mich verurteilen.) . . .�</p><p>Schwester Pelagia, der die kl�gliche Szene das Herz zerriss, sah den Bischof flehend an. Der nickte beruhigend. Er klopfte mit dem Krummstab auf den Fu�boden, r�usperte sich, und sofort verstummten alle und wandten sich ehrfurchtsvoll ihm zu.</p><p>�Lasst diese Frau in Ruhe�, dr�hnte er. �Sie ist unschuldig.�</p><p>�Aber das Testament, Euer Bisch�fliche Gnaden?� Der Adelsmarschall breitete die Arme aus. �Das oberste Prinzip lautet doch: cui bono (Wem n�tzt es).�</p><p>�Graf Gawriil Alexandrowitsch.� Der Bischof drohte ihm belehrend mit dem Finger. �Piroggen backen ist Sache des B�ckers, und Ihre Sache ist es, sich um Ihre Adligen zu k�mmern, nicht aber Ermittlungen anzustellen, wof�r Sie, nicht b�se sein, keinerlei Voraussetzungen mitbringen.�</p><p>Der Adelsmarschall l�chelte verlegen, und Mitrofani sprach ruhig weiter:</p><p>�Es ist unrecht, die Versicherungen der beiden jungen Leute, die diese Frau fast seit ihrer Geburt kennen, in den Wind zu schlagen. Wenn Ihnen das aber nicht gen�gt, dann bitte: Als der erste Hund get�tet wurde, war das Testament noch gar nicht auf Miss Wrigley umgeschrieben. Na, Gawriil Alexandrowitsch, wo bleibt da Ihr cui bono?�</p><p>�Tja, das stimmt!� Poggio knackte respektlos mit den Fingern. �Der Bischof ist ja scharfsinnig.�</p><p>Der nun g�nzlich konfuse Adelsmarschall breitete wieder die Arme aus.</p><p>�Aber erlauben Sie mal, wer hat dann die Hunde umgebracht? Oder soll das geheim bleiben?�</p><p>Das Schweigen war so angespannt, und die Blicke aller richteten sich so erwartungsvoll auf den Bischof, dass er der Verlockung nachgab.</p><p>�Vor den Menschen geheim, vor Gott nicht�, sagte er gewichtig. �Und von IHM wissen es SEINE Diener.�</p><p>Da erstarb im Salon jede Bewegung. Bei der T�r stand, mit beiden H�nden das wei�e Sch�rzenband haltend, das Zimmerm�dchen Tanja. Bubenzow hielt den Kopf skeptisch geneigt. Miss Wrigley hatte eben die Tr�nen trocknen wollen, aber die Hand mit dem T�chlein stockte. Selbst die stolze Naina sah den Bischof wie verzaubert an.</p><p>Mitrofani ergriff Pelagia bei der Hand und zog sie in die Mitte des Raums.</p><p>�Auf mein Gehei� hat sich Schwester Pelagia, die mein scharfes Auge ist, etliche Tage hier aufgehalten. Ich befehle dir, meine Tochter, den Leuten hier zu erz�hlen, was du herausgefunden hast. Die Sache hat gar zu sehr die Gem�ter bewegt und die Seelen verst�rt, darum wollen wir beide kein Geheimnis daraus machen.�</p><p>Pelagia senkte den Kopf und schob die Brille auf der Nasenwurzel vor und zur�ck, was bei ihr ein Zeichen von Missvergn�gen war, doch dem Bischof zu z�rnen schickte sich nicht f�r sie. Es blieb ihr nur der Gehorsam.</p><p>�Wenn Ihr mir dazu Euren Segen erteilt, will ich es erz�hlen�, sagte sie, ihre Erregung niederk�mpfend. �Aber zuvor bekenne ich mich schuldig und bitte um Vergebung. Ich h�tte es fr�her herausfinden m�ssen. Dann k�nnte das Tierchen noch leben, und Marja Afanassjewna w�re die leidvolle Ersch�tterung, die sie fast ins Grab gebracht h�tte, erspart geblieben. Erst heute fr�h ist mir etwas aufgegangen, und auch nicht bis ins Letzte . . .�</p><p>Alle h�rten der Nonne sehr aufmerksam zu, au�er vielleicht Bubenzow, der stand, die H�nde in den H�ften, und betrachtete die Klosterfrau mit sp�ttischer Verwunderung. Sein Spie�geselle Selig, vom Beispiel seines Herrn angesteckt, benutzte die Pause, um halblaut zu verk�nden:</p><p>�Lasset eure Weiber schweigen, denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt.�</p><p>�Entstellen Sie nicht die Heilige Schrift, das ist eine gro�e S�nde und �berdies strafbar.� Mitrofani lie� ihm die Gemeinheit nicht durchgehen. �Bei dem heiligen Apostel hei�t es: schweigen in der Gemeinde � in dem Sinne, dass w�hrend des Gottesdienstes die geschw�tzigen Weiber zu schweigen haben, aber den Mund verbietet das christliche Gesetz den Frauen nicht. Das, Verehrter, verwechseln Sie wohl mit dem Islam.�</p><p>�Vergebung, Bisch�fliche Gnaden, mein Ged�chtnis hat nachgelassen�, antwortete Selig dem�tig und verbeugte sich vor dem W�rdentr�ger bis fast zur Erde.</p><p>Pelagia bekreuzigte sich, sie wusste, dass gleich darauf in dem stillen Raum ein Gebr�ll losgehen w�rde wie in Sodom und Gomorrha, aber da war nichts zu machen, und sie begann:</p><p>�Hier in Drosdowka sind drei Morde geschehen, einer vor f�nf Tagen, einer vorgestern und einer gestern Abend. Ja, es waren Morde, auch wenn keine Menschen umgebracht wurden. Der erste Mord war vorbereitet und umsichtig geplant. Jemand wollte mit einem Schlag Saguljai und Sakidai vergiften. Beim zweiten und dritten Mal kam es anders: Der M�rder war unvorbereitet, handelte �berst�rzt, schlug zu mit einem Gegenstand, der eben zur Hand war. Sakidai wurde mit einer Axt erschlagen, die aus dem Gartenschuppen stammte. Gestern gen�gte ein ge-wohnlicher Stein, das Tierchen wird nicht mal mehr gepiepst haben . . .�</p><p>Die Nonne bekreuzigte sich wieder, obwohl das bei einem Hund nicht n�tig gewesen w�re. Na und, es w�rde nichts verschlimmern.</p><p>�Klar ist eines: Die Ermordung der Hunde hat mit dem Testament nichts zu tun, weil, wie der Bischof gesagt hat, dessen �nderung keine Auswirkung auf die b�sen Absichten des Hundem�rders hatte, der f�hrte seine finstere Sache zu Ende. Er wollte entweder Frau Tatistschewa umbringen oder ein anderes Ziel erreichen, von dem wir nichts wissen. Aber auch im letzteren Fall sind die Handlungen dieses Menschen abscheulich, denn er nahm die Leiden der ungl�cklichen Frau gleichg�ltig in Kauf. Er musste ja wissen, dass er ihre seelische und physische Gesundheit zerst�rte . . . Am r�tselhaftesten jedoch ist dies.� Pelagia schob die rutschende Brille hoch. �Weshalb die Eile bei Sakidai und Sakussai? Warum ging der M�rder solch ein Risiko ein? Beide Male waren Leute im Park. Die konnten etwas sehen, den M�rder entlarven. Ich zum Beispiel h�tte gestern ums Haar den �belt�ter am Schauplatz seines Verbrechens erwischt, habe sogar seine Schritte geh�rt, hatte aber Angst, ihm nachzulaufen, und als ich mir ein Herz fasste, war es zu sp�t. Hinter der Grausamkeit und Dreistigkeit des M�rders steckt eine besondere Leidenschaft. Hass oder Angst oder noch etwas. Ich wei� es nicht und will nicht raten. Ich hoffe, dass der �belt�ter oder, genauer, die �belt�terin es uns selbst erz�hlt.�</p><p>��belt�terin?�, �chzte Schirjajew. �Sie wollen sagen, Schwester, dass der M�rder weiblichen Geschlechts ist?�</p><p>Alle redeten durcheinander. Mitrofani warf einen zweifelnden Blick auf Pelagia und bedauerte wohl schon, sie zum Erz�hlen ermuntert zu haben.</p><p>�Also doch die Engl�nderin?�, fragte der Graf vollends verwirrt.</p><p>Naina reckte herausfordernd das fein gemei�elte Kinn.</p><p>�Nein, Sie haben es doch geh�rt. Die Anspielung ist deutlich. Au�er Miss Wrigley ist hier nur noch eine Frau � ich.�</p><p>�Und Tatjana Sotowna, die ist wohl keine Frau?�, sagte Pjotr, er f�hlte sich f�r seine Dulcinea beleidigt, begriff aber sofort, dass sein Eintreten nicht ganz gl�cklich war, und wurde verlegen. �Ach, verzeihen Sie, Tanja, damit wollte ich nicht sagen . . .�</p><p>Er besann sich und ging wie ein w�tender Hahn auf die Nonne los.</p><p>�Was f�r ein Quatsch! Hysterie! Woher wollen Sie wissen, dass es eine Frau war? Sie hatten wohl eine Offenbarung, was?�</p><p>Tichon Selig, der Pelagia wohl noch immer nicht seine Verbannung in den Seitenfl�gel verziehen hatte, tat eine angebrachte �u�erung:</p><p>�Der Narren Mund speit eitel Narrheit.�</p><p>Er blickte, Unterst�tzung heischend, zu Bubenzow, aber der sah ihn gar nicht an, sondern musterte die Nonne, anders als bisher, mit sichtlichem Interesse. Er benahm sich �berhaupt sonderbar: Gew�hnlich in Gesellschaft gro�e Reden schwingend und andere nicht zu Wort kommen lassend, hatte er hier den ganzen Abend noch nicht den Mund aufgetan.</p><p>�Eine Offenbarung gab es nicht�, antwortete Pelagia ruhig, �ihrer bedarf es auch nicht, wenn ein gew�hnlicher Menschenverstand es tut. Als es heute hell wurde, bin ich hin zu der Stelle, wo Sakussai gestern erschlagen wurde, Der Erdboden dort war ganz zertrampelt, jemand war ziemlich lange um die Stelle herumgegangen. Neben der Mulde in der Erde, wo der Stein gelegen hatte, war die Spur des rechten Fu�es tiefer eingedr�ckt. Eine ebensolche Spur gab es da, wo der T�ter sich geb�ckt hatte, um den Welpen auf den Kopf zu schlagen. Ein Damenschuh mit Absatz. Solche Schuhe tragen im Hause nur zwei Personen � Miss Wrigley und Naina Georgijewna.� Pelagia entnahm ihrer G�rteltasche ein Blatt Papier mit dem gezeichneten Umriss einer Schuhsohle. �Dies ist die Spur, der Fu� misst neuneinhalb Zoll. Das l�sst sich nachpr�fen.�</p><p>�Mein Fu� misst nicht neuneinhalb, sondern elf Zoll�, rief erschrocken Miss Wrigley, die sich schon zum zweiten Mal an diesem Abend verd�chtigt sah. �Da, schauen Sie her.�</p><p>Die Engl�nderin hob den Schn�rschuh hoch, aber niemand sah hin � alle st�rzten zu Naina, um sie von Pelagia wegzuziehen.</p><p>Die exaltierte junge Frau hatte die Nonne am Kragen gepackt, sch�ttelte sie und schrie:</p><p>�Hast es ausgeschn�ffelt, ausspioniert, du schwarze Maus! Ja, ich hab�s getan, ich war�s! Aber warum, das geht keinen was an!�</p><p>Die Brille flog zu Boden, krachend zerriss Stoff, und als Naina endlich loslassen musste, war auf der Wange der Nonne ein blutiger Kratzer zu sehen.</p><p>Und nun begann ein Gebr�ll, wie Pelagia es vorausgesehen hatte.</p><p>Nainas Bruder Pjotr lachte unsicher.</p><p>�Nein, Naina, nein. Warum beschuldigst du dich? Willst du wieder originell sein?�</p><p>Am lautesten schrie Schirjajew, Qual in der Stimme:</p><p>�Aber warum, Naina? Das ist doch schrecklich! Gemein!�</p><p>�Schrecklich? Gemein? Es gibt Grenzen, jenseits derer Schrecklichkeit und Gemeinheit nicht mehr existieren!�</p><p>In ihrem lodernden Blick war nicht ein Schatten von Schuldbewusstsein, Reue oder wenigstens Scham, da war nur Ekstase und ein seltsamer Triumph. Man kann sogar sagen, dass ihr Aussehen in diesem Moment etwas Majest�tisches hatte.</p><p>�Bravo! Ich wei�! �Macbeth�, zweiter Akt, ich glaube, auch zweite Szene.� Arkadi Poggio tat, als wolle er applaudieren. �Wie Lady Macbeth: �Meine H�nde sind blutig, wie die deinen; doch ich sch�me mich, dass mein Herz so wei� ist.�(�bersetzung: Dorothea Tieck.) Das Publikum rast, die ganze B�hne liegt voller Blumenstr�u�e. Bravo!�</p><p>�J�mmerlicher Narr, unbegabter Pinselschwinger!�, zischte das gef�hrliche Fr�ulein. �Aus der Kunst hat man Sie vertrieben, und Ihr h�lzerner Kasten wird Sie nicht retten. Nicht lange, dann wird jeder, der nicht zu faul ist, ein Photograph sein, und dann haben Sie nur noch eine M�glichkeit � auf dem Jahrmarkt lebendige Bilder vorzuf�hren!�</p><p>Pjotr nahm seine Schwester bei der Hand.</p><p>�Naina, Naina, besinn dich! Du bist au�er dir, ich werde den Arzt rufen.�</p><p>Im n�chsten Moment w�re er von einem heftigen Sto� beinahe zu Boden gest�rzt, und der Zorn der w�tenden Furie ergoss sich �ber ihren Bruder:</p><p>�Pjotr, mein herzliebstes Br�derchen! Erlaucht! Du verziehst das Gesicht? Du magst nicht mit �Erlaucht� angeredet werden? Du bist ja unser Demokrat, du machst dir nichts aus Titeln. Das kommt, weil du dich deines Namens sch�mst. F�rst Telianow, das klingt irgendwie zweifelhaft. Was sind denn das f�r F�rsten, deren Namen man noch nie geh�rt hat? Wenn du Obolenski oder Wolkonski hie�est, w�rdest du Durchlaucht nicht verschm�hen. Du solltest heiraten, heirate deine Tanja. Die ist die richtige F�rstin f�r dich. Blo� was wirst du mit ihr machen, Pjotr, na? Kluge B�cher lesen? Einer Frau gen�gt das nicht, ganz und gar nicht. Doch zu anderem bist du nicht f�hig. Schon drei�ig und noch immer Knabe. Sie wird dir weglaufen und zu einem handfesten Kerl gehen.�</p><p>�Verdammt, was soll das!�, rief der Adelsmarschall entr�stet. �So was Unanst�ndiges, und das in Gegenwart des Bischofs und uns allen! Die ist ja hysterisch, richtig hysterisch!�</p><p>Schirjajew zog die junge Frau zur T�r.</p><p>�Komm, Naina. Ich muss mit dir sprechen.�</p><p>Sie lachte b�se.</p><p>�Nat�rlich, mit mir sprechen und reine Tr�nen vergie�en. Wie ihr mir alle zum Halse heraush�ngt mit euren herzlichen Gespr�chen! Bu-bu-bu, ssu-ssu-ssu�, �ffte sie nach, �Pflicht gegen�ber der Menschheit, Verschmelzung der Seelen, binnen hundert Jahren die Welt in eine bl�hende Landschaft verwandeln! Anstatt das M�del einfach in den Arm zu nehmen und zu k�ssen! Idiot! Mit leeren H�nden wirst du dastehen!�</p><p>Auch Sytnikow wollte etwas sagen, er machte schon den Mund auf, aber nach dem Strafgewitter, das auf seine Vorredner niedergegangen war, zog er es vor zu schweigen. Gleichwohl bekam auch er sein Fett ab.</p><p>�Und Sie, Donat Abramowitsch, was gucken Sie mich an wie ein Uhu? Sie k�nnen das nicht guthei�en? Oder tun Ihnen die Hundchen Leid? Ist es wahr, dass Sie Ihre Zwei-Zentner-Gattin mit Pilzen vergiftet haben? Um f�r die Neue Platz zu schaffen? Vielleicht f�r mich? Ich bin zwar damals noch im kurzen R�ckchen rumgelaufen, aber Sie sind ja ein Mensch, der weit vorausschaut!�</p><p>Naina verschluckte ein kurzes, gepresstes Schluchzen und st�rzte zur T�r, und alle traten verst�rt auseinander, um ihr Platz zu machen. Auf der Schwelle blieb sie stehen, lie� den Blick durch den Raum gleiten und f�r einen Moment auf Bubenzow verweilen (der vergn�gt l�chelte und den Skandal sichtlich genoss) und verk�ndete:</p><p>�Ich ziehe weg, ich werde in der Stadt leben. Denken Sie von mir, was Sie wollen, das ist mir schnuppe. Und Sie alle, eingeschlossen die gerissene Nonne und den ehrenwertesten Mitrofani, belege ich mit dem Kirchenbann.�</p><p>Nach diesem h�sslichen Scherz lief sie hinaus und warf die T�r krachend ins Schloss.</p><p>�In alten Zeiten h�tte man gesagt: Sie ist vom Teufel besessen�, schloss der Bischof traurig.</p><p>Sytnikow knurrte beleidigt: �Bei uns in der Kaufmannschaft w�rde man sie mit Ruten peitschen, dann w�rde der Teufel im Nu aus ihr herausfahren.�</p><p>�Wie bringen wir das blo� der Gro�mutter bei?�, sagte Pjotr und fasste sich an den Kopf.</p><p>Bubenzow fuhr zusammen.</p><p>�Tantchen darf es nicht erfahren! Das w�rde sie umbringen. Sp�ter, nicht jetzt. Soll sie sich erst ein wenig erholen.�</p><p>Der Adelsmarschall sorgte sich um etwas anderes.</p><p>�Aber was ist das f�r ein sonderbarer Hundehass? Wohl wirklich eine Form von Irresein. Es gibt so eine psychische Krankheit � die Kynophobie.�</p><p>�Das ist kein Irresein.� Pelagia besah ihr Taschentuch � blutete der Kratzer noch? Gut, dass die Brille nicht zerbrochen war. �Da waltet irgendein Geheimnis. Das muss man herausfinden.�</p><p>�Gibt es denn einen Anhaltspunkt?�, fragte der Bischof.</p><p>�Der findet sich, wenn man sucht. Eines l�sst mir keine Ruhe . . .�</p><p>Aber Schirjajew lie� die Nonne nicht ausreden.</p><p>�Was ist blo� mit mir los, ich bin wie bet�ubt!� Er sch�ttelte den Kopf, wie um ein Trugbild zu verscheuchen. �Man muss sie aufhalten! Sie legt Hand an sich! Das ist ein Fieber!�</p><p>Er lief hinaus in den Korridor. Pjotr folgte ihm. Poggio z�gerte kurz und ging dann auch.</p><p>�Die reinste Hundehochzeit�, konstatierte Sytnikow.</p><p>Der Mond war zwar am Abnehmen, sah aber noch sch�n rund aus und strahlte nicht weniger als ein Kristalll�ster, und auch die Sterne beschienen wie kleine Lampions das tiefblaue Firmament, so dass die Nacht nur wenig dunkler war als der Tag.</p><p>Der Bischof und Pelagia schlenderten durch die Hauptallee des Parks. Hinter ihnen her zogen die Pferde die Kutsche, die fast mit den B�umen und B�schen verschmolz, sie setzten schl�frig die Hufe und klirrten mit dem Zaumzeug.</p><p>�Dieser elende Rabe�, sagte Mitrofani. �Hast du gesehen, wie er nach dem Anwalt Korsch schickte? Jetzt wird er nicht mehr loslassen und sich sein Teil abrei�en. Dieses verdrehte M�dchen hat ihm seine Aufgabe erleichtert � eine Erbin weniger. Pelagia, ich m�chte dich um etwas bitten. Bringe es der Hausfrau schonend bei, damit es sie nicht wieder umwirft. Es ist ja nicht leicht, so etwas �ber die eigene Enkelin zu erfahren. Und bleibe noch eine Zeit lang hier.�</p><p>�Es wird sie nicht umwerfen. Ich glaube, Vater, Marja Afanassjewna interessiert sich viel weniger f�r die Men-sehen als f�r die Hunde. Ich will nat�rlich gern bei ihr sitzen und ihr m�glichst Trost spenden, aber f�r den Fall w�re es besser, ich gehe in die Stadt.�</p><p>�Was f�r ein Fall?�, fragte der Bischof verwundert. �Der Fall ist abgeschlossen. Und du wolltest herausfinden, weshalb Naina die Hunde get�tet hat.�</p><p>�Das besch�ftigt mich ja, Vater. Hier geht etwas Ungew�hnliches vor, wovon es mir kalt den R�cken herunterl�uft. Ihr habt vorhin scharfsichtig gesagt: vom Teufel besessen.�</p><p>�Aberglauben ist das.� Der Bischof war noch mehr verwundert. �Glaubst du etwa an die satanische Besessenheit? Ich habe das doch bildlich gemeint. Es gibt keinen D�mon, es gibt das allgegenw�rtige B�se, das die Seelen versucht.�</p><p>Pelagia blickte mit blitzender Brille zum Bischof auf.</p><p>�Es gibt keinen D�mon? Wer hat denn heute den ganzen Abend grinsend die Z�hne gebleckt �ber die menschliche Niedertracht?�</p><p>�Du meinst Bubenzow?�</p><p>�Wen sonst? Er ist ein D�mon mit allem, was dazugeh�rt. Er ist b�sartig, giftig und verf�hrerisch. Ich bin sicher, dass er hinter der ganzen Sache steckt. Habt Ihr gesehen, Vater, was f�r Blicke Naina ihm zugeworfen hat? Als ob sie Lob von ihm erwartete. Das ganze Theater mit Geschrei und Z�hneknirschen hat sie doch f�r ihn aufgef�hrt. Wir �brigen sind f�r sie gar nichts, nur Kulisse.�</p><p>Der Bischof schwieg, er hatte solche Blicke nicht wahrgenommen, aber er vertraute Pelagias Beobachtungsgabe mehr als seiner eigenen.</p><p>Sie gelangten durch das Parktor auf eine freie Stelle. Die Allee m�ndete in die Stra�e, die zur Astrachaner Chaussee f�hrte. Der Bischof blieb stehen, damit die Kutsche herank�me.</p><p>�Was willst du in der Stadt? Naina bleibt nicht dort. Sobald sich die Kunde von ihren Streichen herumgesprochen hat, wird niemand mehr sie kennen wollen. Und wo soll sie dort leben? Sie wird bestimmt wegfahren, nach Moskau oder Petersburg oder gar ins Ausland.�</p><p>�Um nichts auf der Welt. Sie wird immer da sein, wo Bubenzow ist�, sagte die Nonne �berzeugt. �Und ich muss auch in der N�he sein. Was das vernichtende Urteil der Leute betrifft, so ist es f�r Naina in ihrem derzeitigen Zustand nur eine Wonne. Und sie wei� auch, wo sie dort leben soll. Ich habe vom Zimmerm�dchen geh�rt, dass Naina in Sawolshsk ein eigenes Haus besitzt, das sie von einer Verwandten geerbt hat. Klein, aber sch�n gelegen und mit Garten.�</p><p>�Du meinst also, dass Bubenzow in die Sache verwickelt ist?� Der Bischof setzte einen Fu� auf das Trittbrett der Kutsche, beeilte sich aber nicht mit dem Einsteigen. �Das k�me sehr zupass. Wenn man ihn einer offenkundigen Lumperei �berf�hren k�nnte, w�rde er im Synod an Glaubw�rdigkeit verlieren. Ich f�rchte sonst, ich komme mit seiner Umtriebigkeit nicht mit. Aller Wahrscheinlichkeit nach stehen uns die schlimmsten Pr�fungen noch bevor. H�r zu, komm morgen zur�ck auf den Klosterhof. Wir werden gemeinsam �berlegen, wie unserem Kummer abzuhelfen w�re. Ohne Frau Lissizyna wird es wohl nicht gehen.�</p><p>Diese r�tselhaften Worte hatten eine seltsame Wirkung auf die Nonne: Sie schien sich zu freuen und gleichzeitig zu erschrecken.</p><p>�Es ist doch S�nde, Vater. Und wir hatten gelobt . . .�</p><p>�Macht nichts, der Fall ist wichtig, viel wichtiger als die fr�heren�, sagte der Bischof seufzend und nahm Platz auf dem Sitz, gegen�ber dem Vater Subdiakon. �Es ist mein Entschluss, ich bin daf�r verantwortlich vor Gott und den Menschen. Nun, ich segne dich, meine Tochter. Leb wohl.�</p><p>Die Kutsche rollte fast lautlos die staubige Stra�e entlang, und Schwester Pelagia kehrte in den Park zur�ck.</p><p>Sie ging die Allee entlang, oben war es zwar hell, aber die B�ume zu beiden Seiten bildeten zwei dunkle W�nde, und es sah aus, als bewegte sich die Nonne auf dem Grund einer sonderbaren erleuchteten Schlucht.</p><p>Vor ihr schimmerte mitten auf der Allee ein helles Viereck, darauf war ein kleines dunkles Rechteck. Als sie und der Bischof vor f�nf oder zehn Minuten hier gegangen waren, hatte nichts dort gelegen.</p><p>Pelagia beschleunigte den Schritt, um die interessante Erscheinung aus der N�he zu betrachten, erreichte die Stelle und hockte sich hin.</p><p>Merkw�rdig: ein gro�es wei�es Tuch und darauf ein Buch in schwarzem Ledereinband. Sie nahm es in die Hand � ein Gebetbuch. Ein ganz gew�hnliches Gebetbuch, wie es sie �berall gab. Na so was!</p><p>Pelagia wollte nachsehen, ob zwischen den Seiten etwas steckte, doch da h�rte sie hinter sich ein Rascheln. Zum Umdrehen kam sie nicht mehr, jemand st�lpte ihr einen Sack �ber den Kopf, der an den Wangen scheuerte. Noch begriff sie nichts, vor �berraschung stie� sie einen Schrei aus, verschluckte sich und kr�chzte � um den Sack wurde eine Schlinge zusammengezogen. Da erfasste sie t�dliches Entsetzen. Sie zappelte, tastete �ber das Sacktuch und den derben Strick. Aber starke Arme packten sie, sie konnte sich nicht losrei�en noch die Schlinge lockern. Jemand atmete ihr von hinten laut und abgerissen ins rechte Ohr, sie jedoch bekam keine Luft.</p><p>Sie versuchte, mit ihrer schwachen Faust nach hinten zu schlagen, doch das war wirkungslos, denn sie konnte nicht ausholen. Sie stie� mit dem Fu� und traf auch, aber kaum sp�rbar, ihre Kutte milderte den Sto�.</p><p>Als es ihr schon in den Ohren summte und der schwarze Strudel sie immer st�rker in sich hineinzog, riss sie das Strickzeug aus der G�rteltasche, fasste die Stricknadeln fest und stie� sie in etwas Weiches � einmal, zweimal.</p><p>�Aaah!�</p><p>Ein tiefes Gebr�ll, der Griff lockerte sich. Noch einmal stie� Pelagia mit den Nadeln zu, doch diesmal schon ins Leere.</p><p>Niemand hielt sie mehr fest, niemand presste ihr die Armbeuge auf die Kehle. Sie plumpste auf die Knie, riss die verdammte Schlinge auf, zog den Sack �ber den Kopf und schnappte r�chelnd nach Luft.</p><p>�Mutter . . . Gottes�, murmelte sie, �unsere . . . liebe Frau . . . sch�tze uns vor den sichtbaren . . . und unsichtbaren Feinden . . .�</p><p>Als ihr ein wenig klar vor den Augen wurde, sah sie sich nach allen Seiten um.</p><p>Niemand. Aber die Spitzen der Stricknadeln waren dunkel von Blut.</p></section></section><section><title><p>ZWEITER TEIL</p><p>Und h�tet euch</p><p>vor den b�sen Menschen</p></title><section><title><p>Die Soiree</p></title><p>Jetzt �berspringen wir einen guten Monat und kommen zur Aufl�sung unserer verworrenen Geschichte, genauer, zum Anfang dieser Aufl�sung, der zusammenfiel mit einer Abendgesellschaft f�r geladene G�ste im Hause von Olimpiada Saweljewna Schestago. Die Postmeistersgattin selbst bevorzugte f�r dieses Fest zu Ehren der modernen Kunst den klangvollen Namen Soiree, und so m�ge es denn auch hier so hei�en, zumal diese �Soiree� in Sawolshsk nicht so bald in Vergessenheit geraten d�rfte.</p><p>Was den hier �bersprungenen Monat angeht, so kann man nicht sagen, dass in dieser Zeit rein gar nichts vorgefallen w�re, im Gegenteil, es war sehr viel vorgefallen, aber alle diese Ereignisse hatten keinen direkten Bezug zu unserer Erz�hlung, darum streifen wir sie nur, gehen, wie die Alten sagten, �leichten Fu�es� dar�ber hin.</p><p>Der bescheidene Name unseres Gouvernements erregte Aufsehen in ganz Russland und �ber die Grenzen hinaus. Es verging kaum ein Tag, an dem die Zeitungen der Hauptstadt nicht �ber uns schrieben, und sie teilten sich in zwei Lager: Die Anh�nger des einen behaupteten, die Region Sawolshsk sei Schauplatz einer neuen Schlacht auf dem Kulikowo-Feld (In dieser Schlacht schlug 1380 ein russisches Heer unter Dmitri Donskoi die Tataren unter Mamai. D.�.) , in der ein heiliger Kampf gef�hrt werde f�r Russland, den Glauben und die christliche Kirche. Die Opponenten dagegen sahen in dem Geschehen mittelalterliches Dunkelm�nnertum und eine neue Inquisition. Selbst die Londoner �Times� schrieb, wenngleich nicht auf der ersten und nicht auf der zweiten Seite, dass im Russischen Imperium, in einem Kr�hwinkel namens Zawolger (sic!), F�lle von Menschenopfern aufgedeckt worden seien, dass aus diesem Anlass der Zar einen Kommissar entsandt und das ganze Gebiet seiner Zwangsverwaltung unterstellt habe.</p><p>Nun, das mit der Zwangsverwaltung war eine L�ge der Engl�nder, aber die Dinge liefen in der Tat so, dass einem der Kopf schwirrte. Wladimir Bubenzow, der aus den h�chsten Sph�ren Zuspruch erhalten hatte, entfaltete die Untersuchung im Falle der K�pfe (genauer, ihres Fehlens) mit wahrhaft napoleonischem Schwung. Es wurde eine Au�erordentliche Kommission in Sachen Menschenopfer ins Leben gerufen, deren Leitung Bubenzow pers�nlich �bernahm; sie bestand aus den von Petersburg hergeschickten Ermittlern und etlichen Untersuchungsf�hrern und Polizeibeamten der Provinz, und Bubenzow suchte jeden einzelnen pers�nlich aus. Die Kommission unterstand weder dem Gouverneur noch dem Bezirksstaatsanwalt und war ihnen nicht rechenschaftspflichtig.</p><p>Weitere Leichen wurden zum Gl�ck nicht gefunden, aber die Polizei verhaftete einige Syten, und einer der Festgenommenen schien gest�ndig: Hinter den menschenleeren Wolotschajewer S�mpfen, in den schwarzen W�ldern gebe es eine Lichtung, auf der in der Nacht zum Freitag f�r Schischiga Feuer angez�ndet und S�cke mit Opfergaben gebracht w�rden, doch was die enthielten, w�ssten nur die �ltesten.</p><p>Der wackere Bubenzow r�stete eine Expedition aus und �bernahm selbst die Leitung. Er durchstreifte tagelang S�mpfe und Dickichte und entdeckte tats�chlich eine verd�chtige Lichtung, auf der es zwar keinen steinernen G�tzen gab, wohl aber schwarze Spuren von Lagerfeuern und Tierknochen. Im n�chstgelegenen Sytendorf verhaftete er den Starost und ein altes M�nnlein, das angeblich ein Schamane war. Die beiden wurden in einen Leiterwagen gesetzt und �ber den Kn�ppeldamm abtransportiert, aber auf einer Insel mitten im Sumpf �berfielen sytische Bauern mit Kn�ppeln und Messern den Konvoi, um die beiden �ltesten zu befreien. Die Leibw�chter Bubenzows gaben Fersengeld, und Selig sprang vor Angst in den Sumpf, in dem er ums Haar versunken w�re, aber der Inspektor selbst war keiner von der zaghaften Sorte: Er schoss einen der Angreifer tot, und zwei weitere erstach der Tscherkesse mit seinem furchtbaren Dolch, die �brigen entflohen.</p><p>Sp�ter kehrte Bubenzow mit einem Kommando Soldaten in das Dorf zur�ck, aber die H�user waren leer � die Syten hatten sie verlassen und waren tiefer in den Wald gezogen. Bubenzows Heldentat wurde in allen Zeitungen gefeiert, auch in den Illustrierten, die ihn als Recken mit Schnauzbart und Adlernase abbildeten, vom Zaren bekam der Held den Annen-Orden und von Konstantin Petrowitsch ein Lob, dem Kenner mehr Gewicht beima�en als dem Orden.</p><p>Im Gouvernement schienen alle verr�ckt geworden zu sein. Bei den Waldsyten waren solche Untaten noch nie vorgekommen. Sie hatten selbst in der Zeit Pugatschows (Pugatschow, Jemeljan (1742-1775) - Anf�hrer eines Bauernaufstands; Michelson, Iwan (1740-1807) - General, schlug 1773 den Pugatschow-Aufstand nieder. D.�.) nicht rebelliert, sondern Michelson als F�hrer gedient � was hatte sie jetzt auf gehetzt?</p><p>Manche sagten, Bubenzow habe sie gegen sich aufgebracht, als er ihre angesehenen �ltesten gefesselt auf den schmutzigen Leiterwagen werfen lie�, aber viele, sehr viele, urteilten anders: Recht habe der scharfsichtige Inspektor gehabt, und in der Wildnis hausten tats�chlich schlimme Teufel.</p><p>Unruhe erfasste das Transwolgaland. Die Leute befuhren die Waldwege nur noch in Gruppen, und das in unserem stillen Gouvernement, wo seit Jahren kein Mensch mehr an solche Vorsichtsma�nahmen gedacht hatte.</p><p>Bubenzow reiste mit einer bewaffneten Eskorte, besuchte eigenm�chtig die Kreisst�dte, verlangte Rechenschaft von Stadthauptleuten, Milit�rchefs und Kreisrichtern, und alle f�gten sich ihm.</p><p>Solch eine Doppelherrschaft war bei uns entstanden. Was Wunder? Der Bischof war durch die Untaten der Heiden in den Augen der Kirchenbeh�rden kompromittiert, und viele Geistliche, die ihren Mantel nach dem Wind h�ngten, antichambrierten nicht mehr auf dem Klosterhof beim Bischof, sondern im Hotel �Zum Gro�f�rsten� bei Bubenzow. Die administrative Macht stand auch nicht mehr auf unersch�tterlich festen Beinen. Polizeimeister Lagrange zum Beispiel hatte zwar dem Gouverneur noch nicht den Gehorsam aufgek�ndigt, aber er lief mit jeder Weisung des Herrn von Gaggenau, selbst wenn es um Bagatellen ging wie die Einf�hrung von Nummern f�r Droschken, erst mal zwecks R�ckversicherung zum Synodalinspektor. Lagrange erkl�rte allen, der Baron sitze die letzten Tage auf dem Stuhl des Gouverneurs, und im Kreise von Freunden und Untergebenen lie� er gar durchblicken, zum n�chsten Gouverneur von Sawolshsk werde niemand anders ernannt als er, Felix Lagrange.</p><p>In diesem letzten Monat war das ganze Geb�ude unserer Lebensordnung im Gouvernement in eine Schieflage geraten, obwohl es doch wohl fest gemauert war, mit Verstand, nicht vom Dach nach unten wie in anderen russischen Gegenden, sondern vom Fundament nach oben. Aber diese Allegorie ist sehr spitzfindig und bedarf erkl�render Worte.</p><p>Vor zwanzig Jahren war unser Gouvernement eines von vielen gewesen: Armut, Suff, Unwissenheit, Beh�rdenwillk�r, Raub�berf�lle auf den Landstra�en. Kurzum, das gew�hnliche Leben in Russland, das sich in allen Teilen unseres unermesslichen Imperiums mehr oder weniger �hnelte. Das Leben verlief nach einer ein f�r alle Mal festgelegten Ordnung.</p><p>Wollen mal sagen, ein Kaufmann hat vor, seine Waren auf dem Fluss oder durch den Wald zu transportieren. Als erstes besucht er den richtigen Mann (er wei�, wer das ist in seinem Landkreis) und f�hrt den zehnten Teil an ihn ab, dann kann er beruhigt aufbrechen, und niemand wird ihn anr�hren oder behelligen � kein R�uber, kein Polizist, kein Akziseeinnehmer. Unterl�sst er diesen Besuch und hofft er auf seine starke Eskorte oder auf das ber�hmte russische Wird-schon-gut-gehen, so ist er selber schuld an den Folgen. Vielleicht kommt er ja ungeschoren durch den Wald, vielleicht aber auch nicht. Und auf dem Fluss kann ihm, insonderheit bei Nacht, auch alles M�gliche zusto�en, noch dazu in der starken Str�mung.</p><p>Wenn jemand in der Stadt einen Laden oder eine Sch�nke aufmachen will, ist es dasselbe Lied. Er muss mit dem richtigen Mann sprechen, ihm den zehnten Teil in Aussicht stellen, und schon l�sst Gott sein Gesch�ft florieren. Der Sanit�tsarzt ben�rgelt nicht die Fliegen auf der Theke noch die Ratten im Keller, und der Steuerinspektor gibt sich mit einem kleinen Obolus zufrieden.</p><p>Jeder wei� Bescheid �ber den richtigen Mann, der Polizeichef und der Staatsanwalt und der Reviervorsteher, aber niemand behindert ihn in seinen Gesch�ften, weil der richtige Mann mit aller Welt gut Freund oder gar verwandt und verschw�gert ist.</p><p>Es ist vorgekommen, dass aus der Hauptstadt ein redlicher Natschalnik hergeschickt wurde, der nicht nur redlich, sondern auch t�chtig und entschlossen war und die feste Absicht hatte, reinen Tisch zu machen und alsbald ein Reich der Ordnung und Gerechtigkeit zu errichten, aber auch solchen Adlern wurden im Transwolgaland rasch die Fl�gel gestutzt, wo es anging � im Guten, mit Geschenken oder anderen Liebensw�rdigkeiten, und wenn der Mann ganz unbestechlich war, mit Verleumdungen, zumal an Zeugen kein Mangel war, der richtige Mann brauchte nur zu pfeifen, und schon wurde �ble Nachrede verbreitet.</p><p>Vor drei�ig Jahren kam ein Polizeimeister in unsere Stadt, das war noch vor dem verstorbenen Gulko. Der war vollkommen unbestechlich. Die ganze Polizei hat er umgekrempelt: etliche rausgeworfen, andere vor Gericht gestellt, die �brigen zum Zittern gebracht. Das schuf Aufregung, das verletzte alte, zuverl�ssig funktionierende Beziehungen. �ber kurz oder lang wagte sich dieser Robespierre an die �richtigen Leute� heran, er war so verwegen. Aber das setzte seinem W�ten ein Ende. Er ging mit seinen Kollegen auf die Entenjagd, da schlug das Boot um. Alle retteten sich schwimmend an Land, nur der Chef hatte kein Gl�ck. Lediglich ein halbes Jahr lang hatte er bei uns sein Unwesen getrieben. Und das war der Polizeimeister, ein gro�er Mann! Mit einem Kreispolizeichef oder Untersuchungsf�hrer, wenn sie nicht spurten, wurde einfacher verfahren: nachts ein Kn�ppel �ber den Kopf oder ein Schuss aus dem Geb�sch, und fertig. Das wurde den R�ubern in die Schuhe geschoben, an denen in unseren W�ldern kein Mangel war. Die Polizei ermittelte zum Schein ein wenig und schloss dann die Akte. Aber was erz�hle ich so lange davon, das ist Zeitverschwendung. In jedem Gouvernement gibt es solche Geschichten zuhauf.</p><p>Aber dann war aus Petersburg Mitrofani als Bischof zu uns gekommen, zum zweiten Mal und diesmal endg�ltig. Vor nunmehr fast zwanzig Jahren. Er kannte bereits die hiesigen Sitten und Gebr�uche und ging daher nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern begann mit seiner stillen Beh�rde: redete den Popen ins Gewissen, sich nicht bestechen zu lassen, und f�hrte in den Kl�stern strenge Regeln ein. Einige Geistliche versetzte er, andere ermahnte er, �berdies hatte er aus der Hauptstadt Welt � und Klostergeistliche mitgebracht, junge Akademiker.</p><p>In den Kirchen und Gemeinden wehte nun ein anderer Wind. Priester und Kleriker waren nicht mehr betrunken, predigten verst�ndlich, nahmen Spenden nur in dem vorgeschriebenen Umfang. Das ging nat�rlich nicht von heute auf morgen, es brauchte schon seine zwei bis drei Jahre. Diese Neuerungen raubten anfangs niemandem den Schlaf, nicht den richtigen Leuten noch den diebischen Natschalniks. Die Popen verloren die Lust am feinen Essen und am weichen Schlafen � das war ihre Sache. Und dass sie in den Kirchen viel �ber Tugend und Redlichkeit sprachen, war ja ihre Pflicht. Wer h�rte den Langm�hnigen schon richtig zu? Doch allm�hlich festigte sich die Autorit�t der Geistlichen, und die Kirchen waren viel besser besucht als fr�her.</p><p>Mitrofanis Beziehungen zur Hauptstadt hatten zudem bewirkt, dass der alte Gouverneur in den Ruhestand geschickt wurde; mit ihm hatte der Bischof ernsthafte Konflikte gehabt. Und es kam der neue, Baron Anton Antonowitsch von Gaggenau, damals knapp drei�ig Jahre alt. Er war flexibel, energiegeladen, europ�isch und ein Gerechtigkeitsfanatiker.</p><p>Der Baron schlug sich mit den �rtlichen Sitten herum, biss sich an dieser Mauer die Z�hne aus und verfiel aus lauter Verzweiflung in administrative Strenge, die bekanntlich alle �bel nur vergr��ert. Gottlob war er nicht dumm, obwohl er ein Deutscher war � und er suchte beim Bischof Rat und Belehrung. Wie brachte Mitrofani es fertig, seine geistliche Beh�rde so zu lenken, dass alles anst�ndig zuging, nicht wie bei anderen Bisch�fen in den Gouvernements?</p><p>Der Bischof entgegnete, das sei ganz einfach: Man m�sse weniger lenken, dann gehe alles ganz von selbst, nur eine feste Basis m�sse man legen.</p><p>Wie denn, widersprach der junge Baron hitzig, wenn das Volk so verroht und verdorben sei.</p><p>Die Menschen seien verschieden, es gebe gute und schlechte, belehrte ihn der Bischof, doch gr��tenteils seien sie weder so noch so, sondern glichen Fr�schen, welche die Temperatur des sie umgebenden Milieus ann�hmen. Man m�sse daf�r sorgen, dass sich das Klima im Gouvernement erw�rme und verbessere, dann w�rden auch die Menschen sich bessern. Dies sei die einzige Pflicht der Macht, das rechte Klima zu schaffen, um alles �brige k�mmere sich Gott der Herr.</p><p>�Aber wie kann man es erw�rmen, das Klima hier?�, suchte der Gouverneur zu verstehen.</p><p>�Man muss den Menschen W�rde einpflanzen. Sie sollen sich selbst und andere achten. Ein Mensch mit W�rde wird nicht stehlen, nicht kriechen, nicht betr�gen, das empf�nde er als sch�ndlich.�</p><p>Hier war der Baron von dem Bischof beinahe entt�uscht, er machte sogar eine wegwerfende Handbewegung.</p><p>�Ach, Bisch�fliche Gnaden, Sie sind ein Idealist. Wir sind doch hier nicht in der Schweiz, sondern in Russland. Ist es etwa lange her, dass hier die Bauern st�ckweise verkauft wurden wie Vieh? Wo soll da W�rde herkommen? Das Gedeihen dieses zarten Pfl�nzchens dauert Jahrhunderte.�</p><p>Mitrofani, der zu dieser Zeit ja noch j�nger war und eine Schw�che f�r rhetorische Effekte hatte, antwortete b�ndig und belehrend nach antiker Manier:</p><p>�Gesetzlichkeit, Sattheit, Aufkl�rung. Sonst nichts.�</p><p>�Ach, Bisch�fliche Gnaden, ich plage mich ja ab f�r die Einhaltung der Gesetzlichkeit, aber es ist zwecklos! Niemand will nach dem Gesetz leben � nicht die unten und nicht die oben.�</p><p>�Und das wird auch so bleiben. Die Menschen halten sich nur an solche Gesetze, die vern�nftig und f�r die Mehrheit vorteilhaft sind. Ein kluger Gesetzgeber gleicht einem erfahrenen G�rtner im �ffentlichen Park. Wenn der seinen Rasen ges�t hat, legt er nicht gleich Gehwege an, sondern schaut erst mal, wo es f�r die Leute am bequemsten ist zu gehen, und dort pflastert er Wege.�</p><p>�Ja, ein kluger G�rtner.� Der Baron senkte die Stimme. �Aber bei uns in Russland gibt�s alle m�glichen Gesetze. Nicht Sie und ich denken sie uns aus, daf�r sind die h�chsten Instanzen da. Doch die Einhaltung dieser Gesetze zu �berwachen ist mir aufgegeben.�</p><p>Der Bischof schmunzelte.</p><p>�Es gibt das g�ttliche und das menschliche Gesetz. Und einhalten muss man nur diejenigen menschlichen Gesetze, die den g�ttlichen nicht zuwiderlaufen.�</p><p>Der Gouverneur zuckte die Achseln.</p><p>�Erlauben Sie, das begreife ich nicht. Wie Sie wissen, bin ich ein Deutscher. F�r mich gilt: Gesetz ist Gesetz.�</p><p>�Darum bin ich Ihnen ja beigegeben�, antwortete Mitrofani freundlich dem begriffsstutzigen Gouverneur. �Sie, mein Herr, werden mich fragen, welches Gesetz von Gott ist und welches vom B�sen. Ich werde es Ihnen erkl�ren.�</p><p>Und er erkl�rte es, doch diese Erkl�rung dauerte nicht eine oder zwei Stunden, sondern viel l�nger, und die ausgiebigen Gespr�che mit dem Bischof wurden dem jungen Gouverneur mit der Zeit zur festen Gewohnheit.</p><p>Eine allgemeine Folge dieser Gespr�che bestand darin, dass sich das Leben im Transwolgaland allm�hlich, Jahr f�r Jahr, zum Besseren wandte, so dass in den benachbarten Gouvernements Neid aufkam.</p><p>Am Tag nach der R�ckkehr Wladimir Bubenzows, der wie ein r�mischer Triumphator die gefangenen Syten-�ltesten in die Stadt brachte (eine unglaubliche Menschenmenge hatte sich versammelt, um das einmalige Schauspiel zu bestaunen: zwei gefesselte Diener des Gottes Schischiga plus drei Leichen auf dem Leiterwagen), berief Bischof Mitrofani eine au�erordentliche Beratung seiner engsten Verb�ndeten ein, die er mit schwarzem Humor �Rat in Fili� (In dem Dorf Fili bei Moskau fand am 1.9.1812 der Kriegsrat statt, der die R�umung Moskaus beschloss. D.�.) nannte. Auch seine Einf�hrungsrede begann er im allegorischen Geist:</p><p>�Feldmarschall Kutusow konnte Moskau aufgeben, weil er R�ckzugsr�ume hatte, aber wir, meine Herren, k�nnen uns nicht zur�ckziehen. Die Hauptstadt ist weniger eine Konzentration des �ffentlichen Lebens als vielmehr sein Symbol, und ein Symbol kann man zeitweilig aufgeben. Wir aber leben im Transwolgaland, und das ist f�r uns kein abstraktes Symbol, sondern unser einziges Haus, und wir haben weder das Recht noch die M�glichkeit, es b�sen Kr�ften zur Sch�ndung zu �berlassen.�</p><p>�Das ist zweifellos richtig�, best�tigte Anton von Gaggenau aufgeregt. Und Berditschewski f�gte hinzu:</p><p>�Ein Leben au�erhalb von Sawolshsk ist f�r mich undenkbar, aber wenn es diesem Inquisitor gelingen sollte, sich mit seinen Vorstellungen durchzusetzen, kann ich hier nicht mehr existieren.�</p><p>Mitrofani nickte, als h�tte er diese Antwort erwartet.</p><p>�Jeder von uns dreien hatte zu verschiedenen Zeitpunkten das Angebot, in der Hauptstadt einen h�heren Posten zu �bernehmen, aber wir sind nicht hingefahren. Warum nicht? Weil wir begriffen hatten: Die Hauptstadt ist ein Reich des B�sen, und wer dorthin ger�t, verliert sich selbst und setzt seine Seele Bedrohungen aus. Unsere hiesige Welt ist schlicht und gut, denn sie ist n�her bei der Natur und bei Gott. In der Provinz kann man, selbst wenn man die Macht aus�bt, seine lebendige Seele bewahren, in Petersburg ist das unm�glich. Von der Hauptstadt geht nur Schaden aus, nur Gewalt gegen die Nat�rlichkeit. Wir alle haben die Pflicht, die uns anvertraute Region vor solcher Heimsuchung zu sch�tzen. Der Teufel ist m�chtig, aber seine Macht ist nicht von Dauer, denn sie beruht nicht auf den Vorz�gen des Menschen, sondern auf seinen Lastern, das hei�t, nicht auf Kraft, sondern auf Schw�che. Gew�hnlich zerst�rt das B�se sich selbst, zerf�llt von innen her. Aber darauf warten d�rfen wir nicht, denn dann w�rde zu viel Gutes, das wir m�hsam aufgebaut haben, noch eher zerst�rt sein als das B�se. Wir m�ssen handeln. Ich habe Sie hergebeten, meine Herren, um mit Ihnen einen Plan festzulegen.�</p><p>�Stellen Sie sich vor, Bisch�fliche Gnaden, ich habe auch schon daran gedacht�, sagte Baron von Gaggenau. �Und da ist mir Folgendes in den Sinn gekommen. Mein �lterer Bruder Karl Antonowitsch ist, wie Sie wissen, Stallmeister und wird einmal monatlich zum kleinen Abendessen in allerh�chster Anwesenheit gebeten, wo der Zar ungezwungen mit ihm plaudert und ihn nach allem M�glichen ausfragt. Ich werde Karl einen ausf�hrlichen Brief schreiben und ihn um Unterst�tzung bitten. Er hat ein staatsm�nnisches K�pfchen und wird gewiss den Fall so darzustellen wissen, dass der Imperator unserer Not gegen�ber nicht teilnahmslos bleiben kann.�</p><p>�Mein Sohn, leider plaudert Konstantin Petrowitsch viel �fter mit dem Zaren als einmal monatlich�, sagte der Bischof seufzend. �Es ist anzunehmen, dass Seine Majest�t f�r Bubenzow eingenommen ist, und diese Meinung zu �ndern wird nicht einfach sein. Leider kommt vielen einflussreichen Personen in Petersburg unser Skandal sehr gelegen.�</p><p>Anton von Gaggenau sagte wehm�tig:</p><p>�Aber wir m�ssen doch etwas tun. Diese Spinne vom Synod erscheint mir schon im Traum. Dann liege ich da und kann mich nicht r�hren, und er wickelt und wickelt mich in seinen klebrigen Faden . . .�</p><p>Eine lastende Pause trat ein, die von Matwej Berditschewski beendet wurde. Blass geworden, verk�ndete er entschlossen:</p><p>�Meine Herren, ich wei�, was zu tun ist. Ich fordere ihn zum Duell, jawohl! Wenn er sich weigert, sich mit mir zu schie�en, ist er vor der Gesellschaft blamiert, niemand l�sst ihn mehr �ber die Schwelle, und die Sawolshsker Damen, die ihn jetzt umtanzen, werden ihm die kalte Schulter zeigen. Nimmt er aber meine Forderung an, so jagt ihn der Oberprokuror von seinem Posten. So oder so, es wird f�r uns gut sein.�</p><p>Diese originelle Idee lie� die Teilnehmer der Beratung erstarren. Der Baron sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wenn er annimmt, werden Sie sich wirklich mit ihm schie�en m�ssen, und er wird Ihnen die verdorbene Karriere nicht verzeihen, Matwej Benzionowitsch. Und wenn Sie an der Barriere stehen, was machen Sie dann? Ich habe auf der Jagd gesehen, wie Sie schie�en. Statt des Rebhuhns haben Sie mir die M�tze durchl�chert. Sie m�ssen auch an Ihre Kinder denken.�</p><p>Berditschewski wurde noch blasser, denn er besa� eine sehr lebhafte Phantasie und stellte sich sogleich seine Gattin in Trauerkleidung vor, auch die Kinderchen in schwarzen M�nteln und Anz�gen, aber er beharrte:</p><p>�Sei�s drum . . .�</p><p>�Ach, Unfug.� Der Gouverneur winkte ab. �Sie k�nnen ihn gar nicht fordern, er wird Ihnen keinen Anlass liefern.�</p><p>Da lief der blasse Berditschewski pl�tzlich puterrot an und gestand den j�ngsten schm�hlichen Vorfall:</p><p>�Einen Anlass gibt es. Er hat mir einen Nasenst�ber versetzt, so heftig, dass die Nase geblutet hat, und ich habe es hingenommen. Weil ich an meine Kinder gedacht habe . . .�</p><p>Der Baron erkl�rte:</p><p>�Laut Duellregeln muss eine Forderung binnen vierundzwanzig Stunden nach der Beleidigung ausgesprochen werden und keinesfalls sp�ter. Sie sind also zu sp�t dran, Matwej Benzionowitsch.�</p><p>�Dann gebe ich ihm auch eins auf die Nase, und er wird wissen, wof�r.�</p><p>�Er wird es wissen, aber andere nicht�, warf der Bischof ein. �Dann landen Sie wom�glich wegen Tobsucht im Irrenhaus. Nein, das geht nicht. Ein Duell ist auch nicht christlich. Dazu kann ich meinen Segen nicht erteilen.�</p><p>�Also Folgendes.� Berditschewski fasste nach seiner Nase und drehte sie hin und her. �Dann probieren wir es anders, mit einem Trojanischen Pferd.�</p><p>�Wie denn das?�, fragte der Gouverneur erstaunt. �Wer soll dieses Pferd sein?�</p><p>�Der Polizeimeister Lagrange. Er ist so etwas wie Bubenzows rechte Hand geworden, und Bubenzow vertraut ihm vieles an. Und ich habe als Staatsanwalt einiges gegen ihn in der Hand.�</p><p>Berditschewski war jetzt ruhig und sachlich, und seine Stimme zitterte nicht mehr.</p><p>�Lagrange hat vorgestern von dem altgl�ubigen Kaufmann Pimenow ein Geschenk angenommen. Siebentausend Rubel in Scheinen. Er hat sie Pimenow abgepresst mit der Drohung, ihn f�r Schm�hreden gegen die Br�uche der rechtgl�ubigen Kirche in Haft zu nehmen.�</p><p>�Was sagen Sie da!�, rief der Baron. �Das ist ja unerh�rt!�</p><p>(Seine Verwunderung ist begreiflich, denn in unserem Gouvernement gab es die direkte Schmiergeldnahme, noch dazu seitens eines hohen Beamten, nur noch in der �berlieferung.)</p><p>�Aber er hat es genommen, sieht wohl neue Zeiten kommen. Ich habe eine schriftliche Meldung von Pimenow. Noch habe ich nichts unternommen. Ich k�nnte mit Felix Lagrange sprechen. Er ist nicht sehr klug, aber er wird es kapieren. Dann kann er zum Schein Bubenzows Gehilfe bleiben, wird mir aber insgeheim eingehend �ber die Pl�ne und Umtriebe unseres lieben Freundes berichten.�</p><p>Mitrofani �chzte, seufzte.</p><p>�Ach, ich wei� nicht, ich wei� nicht. . . Ich werde beten und Gott befragen, ob solche Tricks zul�ssig sind. Gewiss, ER duldet mitunter, dass B�ses mit B�sem ausgemerzt wird, aber es ist trotzdem nicht sch�n.�</p><p>�Noch weniger sch�n ist es, die H�nde in den Scho� zu legen und nichts zu tun, und Sie, Bisch�fliche Gnaden, sind mit jedem Vorschlag unzufrieden�, sagte der Gouverneur vorwurfsvoll.</p><p>�Sie haben Recht, mein Sohn. Es ist besser zu s�ndigen als willenlos B�ses zu dulden. Sie, Anton Antonowitsch, sollten wirklich Ihrem Bruder schreiben, dass er mal mit dem Zaren redet. Damit Seiner Majest�t nicht nur von einer Seite ins Ohr geblasen wird. Und du, Matwej, handle nach deinem Ermessen.� Der Bischof sprach Berditschewski so famili�r an, da er ihn schon als Halbw�chsigen gekannt hatte. �Dich muss man nicht belehren. Und noch etwas . . .� Mitrofani h�stelte. �Anton Antonowitsch, bitte sagen Sie Ihrer Frau nichts von unseren Pl�nen.�</p><p>Das lange Gesicht des Barons spiegelte tiefes Leid.</p><p>�Und Sie, Vater?�, fragte Berditschewski eilig, um die Peinlichkeit zu �berspielen. �Was gedenken Sie zu tun?�</p><p>�Ich werde beten�, sprach der Bischof nachdr�cklich. �Damit Gott uns erl�sen m�ge. Des Weiteren setze ich gro�e Hoffnungen auf die Hilfe einer Person, die Sie nicht kennen.�</p><p>Also, der schwindende Sommer sah die V�ter des Gouvernements in Unruhe und Verwirrung, und sie hatten triftige Gr�nde daf�r, aber wahr ist auch, dass f�r unsere Sawolshsker Gesellschaft das Leben noch nie so spannend war wie in diesen August � und Septembertagen.</p><p>Dabei ging es nicht nur um die politische und religi�se Ersch�tterung, die unsere Region binnen weniger Tage in ganz Russland ber�hmt machte. Derartige Ereignisse sind geeignet, die Gem�ter zu bewegen, aber ein besonderer Nervenkitzel geht von ihnen nicht aus, und doch war bei uns gerade nervliche Erregung zu beobachten � jene besondere Erregung, die nur �berspannte und vor Neugier vibrierende Frauen bewirken k�nnen. Denn der wichtigste Nerv der Gesellschaft definiert sich bekanntlich durch die Stimmung der Vertreterinnen des schwachen Geschlechts. Wenn sie sich langweilen und Tr�bsal blasen, wird in der Welt alles klein, d�rr und grau. Wenn sie hingegen, von Erregung gepackt, den Schlaf absch�tteln, beschleunigt das Leben sofort seinen Puls, erbl�ht, f�llt sich mit T�nen und Farben. In den Hauptst�dten befinden sich die Damen fast st�ndig in der bebenden Ekstase, einem gro�en Ereignis beizuwohnen, oder im Vorgeschmack dieses beseligenden Zustands, was auch erkl�rt, warum sich die Frauen ewig danach rei�en, aus der Provinz wegzukommen nach Petersburg oder zur Not nach Moskau, in den L�rm, die Lichter und den schimmernden Glanz eines nie endenden Festes. In der Abgeschiedenheit hingegen verfallen die Damen von der Stille und Langeweile in Hysterie und Melancholie, doch umso ungest�mer kochen die aufgestauten Gef�hle hoch, wenn das Wunder geschieht und �ber den g�hnenslangweiligen heimischen Penaten pl�tzlich die Sonne eines wirklichen Skandals erstrahlt. Dann haben die Damen Dramatik und Leidenschaften und s��es Getratsche � noch dazu ganz aus der N�he, und sie stehen fast mit auf der B�hne und m�ssen nicht vom vierten Rang aus durch die Lorgnette gucken wie in den Hauptst�dten.</p><p>Im Mittelpunkt dieses spannenden Lebens, zu dessen Arena seit einiger Zeit das stille Sawolshsk geworden war, stand nat�rlich Wladimir Lwowitsch Bubenzow, der einstige S�nder und jetzige Held, das hei�t, eine Figur, die f�r das Herz der Frauen hochgef�hrlich war. Die Beziehungen des Synodalemiss�rs zu der Gouverneursgattin Ljudmila Platonowna, zu der Postmeistersgattin Olimpiada Schestago und noch einigen L�winnen von �rtlicher Bedeutung wurden zum wichtigsten Gespr�chsthema in unseren Salons. �ber die Art dieser Beziehungen wurden die unterschiedlichsten Meinungen ge�u�ert, von barmherzig bis anz�glich, und es sei zugegeben, dass Letztere deutlich �berwogen.</p><p>Eine weitere, fast ebenso pikante Quelle f�r Gerede war Naina Georgijewna Telianowa. Nachdem sie das Gut ihrer Gro�mutter verlassen hatte und nach Sawolshsk gezogen war, zeigte sie nicht die geringste Neigung, weiter in andere Regionen zu fliehen, das hei�t, es war genauso gekommen, wie es die scharfsinnige Schwester Pelagia vorhergesagt hatte. Alle Welt wusste nat�rlich, was f�r eine b�se Rolle sie in der Sache mit den ungl�cklichen Hunden gespielt hatte, und kaum jemand wollte noch mit der verr�ckten F�rstin zu tun haben, doch die allgemeine Ablehnung focht das energische Fr�ulein �berhaupt nicht an. Es zeigte sich, dass die von Schwester Pelagia seinerzeit ge�u�erten Bef�rchtungen hinsichtlich der �rmlichen Lage, in die Naina geraten w�rde, wenn ihr das Erbe ihrer Gro�mutter entzogen w�re, g�nzlich unbegr�ndet waren. Neben der pr�chtigen kleinen Villa besa� Naina auch eigenes Kapital, Erbteil von einem entfernten Onkel. Das war wei� Gott kein Reichtum, reichte aber hin, um sich ein Stubenm�dchen zu halten und sich nach der neuesten Mode zu kleiden. Naina zeigte sich ganz ungeniert in der �ffentlichkeit und f�hrte sich �berhaupt so auf, dass sie mit ihren Extravaganzen zeitweilig sogar die missionarischen und amour�sen Gro�taten Bubenzows in den Schatten stellte.</p><p>Allein schon die t�glichen abendlichen Ausfahrten des �berdrehten Fr�uleins auf dem Petersburger Boulevard, den Champs-�lysees von Sawolshsk!</p><p>Angetan mit einem die Sinne bet�renden Kleid (jedes Mal einem neuen) und einem �berbreiten befiederten Hut, in der Hand einen durchschimmernden Sonnenschirm, fuhr Naina in der Kutsche gem�chlich die Esplanade entlang, musterte herausfordernd die ihr entgegenkommenden Damen und befahl dem Kutscher, auf dem Kirchplatz vor dem Gasthof �Zum Gro�f�rsten� zu halten. Hier blickte sie lange, manchmal bis zu einer halben Stunde, unverwandt auf die Fenster, hinter denen Bubenzow wohnte. Diese ihre Gepflogenheit hatte sich herumgesprochen, und wenn die Stunde herankam, sammelte sich bei der Umfriedung bereits eine kleine Menschenmenge, die das wunderliche Fr�ulein begaffte. Zwar hatte nie jemand gesehen, dass sich die T�r ge�ffnet und der Inspektor die F�rstin hereingebeten h�tte, aber diese Unzug�nglichkeit machte die Situation noch skandal�ser.</p><p>Am Tag vor dem Gedenken an die Enthauptung Johannes des T�ufers roch es in der Stadt nach einem neuen Skandal, obwohl noch ungewiss war, worin der bestehen w�rde. Der Geruch aber war intensiv und untr�glich. Und die Ger�chte weckten gr��te Hoffnungen.</p><p>Es stand ein Ereignis ins Haus, das f�r Sawolshsk selten, um nicht zu sagen, erstmalig war � eine �ffentliche Bilderausstellung, doch es handelte sich nicht um Gymnasiastenzeichnungen oder kleine Aquarelle, wie sie von den Mitgliedern der Gesellschaft �Beamtenfrauen f�r Sittsamkeit� getuscht wurden, sondern um Photographien des ber�hmten hauptst�dtischen K�nstlers Arkadi Sergejewitsch Poggio.</p><p>Die Vernissage f�r geladene G�ste � mit Champagner und H�ppchen � war f�r den traurigen Gedenktag anberaumt worden, der bekanntlich strengste Einhaltung der Fastenregeln verlangt. Allein schon dies wurde als Provokation empfunden. Noch auff�lliger war die viel sagende Geheimniskr�merei, mit der die Schirmherrin der Ausstellung, Olimpiada Schestago, die Einladungen an einen kleinen Kreis von Freunden und Bekannten verschickte. Es wurde gemunkelt, den wenigen Gl�cklichen solle etwas ganz Besonderes gezeigt werden, und die Bef�rchtung ging um, man werde nach der Vernissage das Interessanteste gar nicht zu sehen bekommen, ja, vielleicht werde die �ffentliche Ausstellung abgesagt.</p><p>Die Postmeistersgattin badete in den Wellen der allgemeinen Aufregung. Sie hatte noch nie so viele Einladungen zu Soireen, Namenstagen und Jours fixes gleichzeitig erhalten. Sie nahm nicht alle wahr, sondern w�hlte sorgf�ltig aus und spannte alle auf die Folter, und wenn sie direkt um eine Einladung gebeten wurde, antwortete sie, der Raum sei zu klein, und der K�nstler wolle nicht zu viele Besucher haben, da seine Arbeiten dann schlecht zu sehen seien. Am Tag nach der Vernissage herzlich gern.</p><p>Endlich war der bedeutsame Abend angebrochen.</p><p>Die Ausstellung befand sich in einem einzeln stehenden Seitenfl�gel des Postmeisterhauses mit Eingang von der Stra�e her. Hier wohnte Arkadi Poggio schon einen Monat, seit er aus dem Gut Drosdowka weggezogen war. Das hatte er aus nicht recht ersichtlichen Gr�nden getan, denn auff�lligen Zwist zwischen ihm und den Gutsbewohnern hatte es nicht gegeben, doch scharfsichtige Beobachterinnen hatten wahrgenommen, dass sein Auszug zeitlich zusammenfiel mit der Emigration der F�rstin Naina. Im Erdgeschoss der Wohnung befand sich ein ger�umiger Salon, in dem die Ausstellung untergebracht war, und davor ein Besuchszimmer. Der erste Stock hatte zwei Zimmer: In dem einen schlief Poggio, und in dem anderen, dicht mit Stores verh�ngt, hatte er sein Photolabor eingerichtet.</p><p>Die geladenen G�ste kamen nicht alle auf einmal, sondern nach und nach, darum wurde die Umsicht der Hausfrau, die im Vorraum einen Tisch mit Imbissh�ppchen aufgebaut hatte, geb�hrend gew�rdigt.</p><p>Fast als Erste kamen Stepan Schirjajew und Pjotr Telianow, was die Mutma�ungen �ber einen Zwist zwischen Poggio und den Gutsbewohnern endg�ltig widerlegte. Schirjajew war blass und verkrampft, als argw�hnte er in der Ausstellung etwas f�r ihn Unangenehmes. Daf�r gab sich sein junger Begleiter fr�hlich, machte Scherze und trachtete danach, heimlich die Nase in den verschlossenen Salon zu stecken, so dass Olimpiada auf den Schelm ein besonderes Auge haben musste.</p><p>Von Seiten des K�nstlers waren �berdies geladen: Donat Sytnikow und Kirill Krasnow. Die Generalswitwe Tatistschewa war zwar von ihrem Leiden genesen, hatte aber noch nicht wieder das Gut verlassen, und wenn sie eine Ausfahrt unternommen h�tte, w�rde sie kaum die Ausstellung des ungeliebten �Knipsers� mit ihrem Besuch beehrt haben (so nannte sie Poggio nach dem Ger�usch seines Photoapparats).</p><p>Von Seiten der Hausfrau waren mehr G�ste geladen: Bubenzow mit seinem Sekret�r, der Adelsmarschall Graf Gawriil Alexandrowitsch (diesmal mit Gattin), ein paar besonders vertraute und verl�ssliche liberale Freunde und schlie�lich eine gewisse Polina Andrejewna Lissizyna, die erst vor kurzem aus Moskau zugereist war und schon mit allen Gr��en der Sawolshsker Gesellschaft Freundschaft geschlossen hatte. Olimpiadas Gatte war von der Teilnahme an der Soiree ausgeschlossen worden, da er sich nichts aus Kunst machte und nicht mit Bubenzow Zusammentreffen sollte.</p><p>Alle waren schon versammelt, und jeden Moment musste die Hauptperson eintreffen � Wladimir Bubenzow, der von Staatsangelegenheiten aufgehalten wurde, sein Kommen aber verbindlich zugesagt hatte. Die G�ste hatten schon t�chtig dem Champagner zugesprochen, sie be�ugten mit wachsender Neugier den Urheber der Festlichkeit. Poggio ging von einer Gruppe zur n�chsten, scherzte fortw�hrend, wischte sich mit einem Taschentuch die H�nde und blickte immer wieder ungeduldig zur T�r, wohl um in Gedanken den Versp�teten zur Eile zu treiben.</p><p>Nun n�herte er sich der Moskauerin, um die sich einer der �rtlichen Fortschrittler bem�hte, und rief �bertrieben lebhaft:</p><p>�Nein, Polina Andrejewna, Sie m�ssen mir unbedingt erlauben, Sie zu portr�tieren! Je l�nger ich Ihr Gesicht anschaue, desto interessanter finde ich es. Noch wunderbarer w�re, wenn Sie Ihre Schwester �berreden k�nnten, sich zusammen mit Ihnen abbilden zu lassen. Es ist geradezu verbl�ffend, wie verschieden Gesichtsz�ge sein k�nnen, die alle Merkmale famili�rer �hnlichkeit aufweisen!�</p><p>Lissizyna l�chelte, ihre braunen Augen blitzten, aber sie sagte nichts.</p><p>�Seien Sie mir nicht gram, Polina, aber solch ein Doppelportr�t w�rde aufs anschaulichste allen demonstrieren, wie verbrecherisch Frauen, die sich von der Welt zur�ckziehen, an sich selbst handeln. Ihre Schwester Pelagia ist eine graue Maus, Sie sind eine feurige L�win. Sie gleicht dem tr�ben Mond, Sie gleichen der blendenden Sonne. Nase, Brauen, Augen sind bei beiden gleich gezeichnet, aber niemals w�rde jemand Sie mit Ihrer Schwester verwechseln. Sie ist wohl wesentlich �lter als Sie?�</p><p>�Ist das ein Kompliment oder der Wunsch, mein Alter zu erfahren?�, Lissizyna lachte hellauf und zeigte dabei gleichm��ige wei�e Z�hne. Sie schlug Poggio scherzhaft mit dem schwarzen F�cher aus Strau�enfedern auf den Arm. �Und wagen Sie nicht, in meiner Gegenwart Pelagia schlecht zu machen. Wir sehen uns so selten! In fr�heren Zeiten hat sie mich manchmal in Moskau besucht, doch sie wurde in ein fernes Kloster geschickt.�</p><p>Sie schwenkte ihr Rachewerkzeug, um sich Luft auf die entbl��ten Schultern zu f�cheln, die allerliebst mit apfelsinenfarbenen Sommersprossen gesprenkelt waren, sch�ttelte die �ppigen rotblonden Locken und blickte mit eingekniffenen Augen zur Uhr.</p><p>�Sind Sie kurzsichtig?�, fragte der scharfsichtige Poggio. �Es ist zwanzig nach acht.�</p><p>�Kurzsichtigkeit liegt bei uns in der Familie�, gestand Polina und l�chelte entwaffnend. �Aber ich mag keine Brille tragen.�</p><p>�Sie w�re Ihnen nicht abtr�glich�, versicherte Poggio galant. �Also, wie ist es mit dem Portr�t?�</p><p>�Um nichts in der Welt! Wom�glich wollen Sie das Bild ausstellen.� Polina verfiel in verschw�rerisches Fl�stern. �Was haben Sie da f�r eine �berraschung, na? Wom�glich gar was Unanst�ndiges?�</p><p>Poggio l�chelte ein wenig gequ�lt und gab keine Antwort. Die rothaarige Zauberin sah ihn von unten herauf pr�fend an, die runde Stirn gekraust, und schien eine Denkaufgabe l�sen zu wollen.</p><p>Ach, was soll ich den Leser an der Nase herumf�hren, zumal er schon l�ngst alles erraten hat.</p><p>Vor dem nerv�sen K�nstler stand (im dekolletierten Samtkleid, mit wei�en Handschuhen bis zum Ellbogen, das Gesicht eingerahmt von kunstvoll gedrehten kupferroten Locken) nicht Polina Andrejewna Lissizyna, sondern . . .</p><p>Das hei�t nicht, dass sie �berhaupt nicht Polina gewesen w�re, denn fr�her einmal hatte sie in der Tat so gehei�en, aber dann hatte sie den Vor � und Vatersnamen abgelegt und sich einfach Pelagia genannt.</p><p>Um zu verstehen, wie es zu der unglaublichen, ja, l�sterlichen Verwandlung der Nonne in eine mond�ne Dame gekommen war, m�ssen wir zwei Wochen zur�ckgehen.</p><p>Damals erlebte der Sommer seine letzten Tage, flussaufw�rts fuhren Lastk�hne mit Melonen aus Astrachan und Zarizyn, und Bischof Mitrofani hatte soeben seinen �Rat in Fili� abgehalten.</p><p>�Hier liegt eine Gefahr nicht nur f�r mich und den Gouverneur. Das w�re halb so schlimm, ja, viertel so schlimm. Aber unsere ganze Ordnung ist bedroht. Als Hirt darf ich nicht die H�nde in den Scho� legen, wenn eine gierige Bestie meine Herde zu verschlingen droht. Ich kann keinen unbeobachteten Schritt tun, mir sind die H�nde gebunden, �berall wimmelt es von Bubenzows Sp�hern, und man wei� nicht, wem man noch trauen kann. Schon haben sie ihm zugetragen, dass ich gestern mit dem Gouverneur und Berditschewski konferiert habe, das wei� ich zuverl�ssig. Ohne dich, Pelagia, komme ich nicht weiter. Du musst mir helfen. Wir werden den Brand von zwei Seiten her l�schen. Wie im vorigen Jahr, als du mit mir in Kasan warst, um die geraubte Ikone Unserer lieben Frau von Athos zu suchen.�</p><p>So schloss der Bischof seine Rede. Er promenierte mit seiner geistlichen Tochter auf den Wegen des bisch�flichen Parks, obwohl es ein tr�ber Tag mit Nieselregen war. So weit war es schon gekommen � der Bischof musste f�rchten, in seinen eigenen Gem�chern ein vertrauliches Gespr�ch zu f�hren. Die W�nde hatten Ohren.</p><p>�Also soll ich wieder die Polina spielen?�, fragte die Nonne seufzend. �Ihr habt doch gelobt, es sei das letzte Mal. Ich sage das nicht, weil ich Angst habe, man k�nnte mich entlarven und mich aus dem Nonnenstand verweisen. Die Verstellung macht mir sogar Spa�. Aber gerade das f�rchte ich. Die weltliche Verlockung. Diese Verkleidungen lassen mein Herz h�her schlagen. Und das ist S�nde.�</p><p>�Das mit der S�nde soll nicht deine Sorge sein�, sagte Mitrofani streng. �Ich auferlege es dir als Kirchenbu�e, und ich habe es zu verantworten. Das Ziel ist edel, und das Mittel, wenngleich ungesetzlich, ist nicht unehrenhaft. Gehe zu Schwester Emilia und sage ihr, dass ich dich ins Euphemienkloster schicke. Du f�hrst aber mit dem Dampfer bis Jegorjew, gibst dir dort das erforderliche Aussehen und kommst �bermorgen hierher zur�ck. Ich werde dich in die H�user einf�hren, in denen Bubenzow verkehrt � bei Graf Gawriil Alexandrowitsch, beim Gouverneur und seiner Gattin und bei den anderen. Dann musst du weitersehen. Da hast du.� Er gab Pelagia einen Lederbeutel. �Die Toiletten bestellst du bei Leblanc, der hat auch Parf�ms und Lippenstifte und was du sonst noch brauchst. Und deine roten Zotteln l�sst du dir frisieren wie in Kasan, mit solchen Korkenzieherlocken. Und nun geh mit Gott.�</p><p>Quartier nahm Pelagia � nein, nicht Pelagia, sondern die junge Moskauer Witwe Polina Andrejewna Lissizyna � bei der Obristenwitwe Antonina Iwanowna Grabbe, einer alten Freundin Mitrofanis. Die alte Frau wusste nichts von der Verkleidung, nahm aber die Besucherin freudig auf und brachte sie komfortabel unter, und alles w�re wunderbar gewesen, h�tte sich die herzensgute Frau nicht in den Kopf gesetzt, die nette, ungl�ckliche Dame so bald wie m�glich unter die Haube zu bringen.</p><p>Daraus erwuchsen der Konspirantin zahlreiche Peinlichkeiten. Die Obristenwitwe bat fast jeden Tag junge und weniger junge Herren ledigen oder verwitweten Standes zum Tee, und sie alle bekundeten, zur gr��ten Verlegenheit Polina Andrejewnas (nennen wir sie so), lebhaftes Interesse f�r ihre wei�e Haut, ihre gl�nzenden Augen und ihre Frisur �Bronzehelm�: oben glatt und gescheitelt, am Hinterkopf gewellt und an den Seiten je drei Korkenzieherlocken. Es kam sogar zu Rivalit�ten. So erschien der Ingenieur Surkow, ein gut aussehender Mann, mit einem gewaltigen Strau� Chrysanthemen, der Gymnasialinspektor Poluektow aber gleich mit einem ganzen Korb voll, worauf der Erste auf den Zweiten den ganzen Abend eifers�chtig war.</p><p>Schwester Emilia, die, bevor sie den Schleier nahm, dreimal Braut gewesen war und sich daher als gro�e Kennerin m�nnlicher Gepflogenheiten ansah, hatte die Nonnen belehrt, dass die M�nner Aufmerksamkeiten bestimmter Art (so sagte sie: �Aufmerksamkeiten bestimmter Art�) nicht allen Frauen erwiesen, sondern nur solchen, die gewisse Signale aussendeten, mitunter sogar ungewollt. Das k�nne ein Blick sein, ein pl�tzliches Err�ten oder ein kaum wahrnehmbarer Geruch, f�r den M�nnernasen �u�erst empf�nglich seien. Dieses Signal bedeute: Ich bin zu haben, ihr k�nnt euch mir n�hern. Zum Beweis f�hrte Emilia, die unter anderem auch Naturkundelehrerin war, Beispiele aus dem Leben der Tiere an, haupts�chlich der Hunde. Christina, Olimpiada, Am-wrossia und Apollinaria lauschten ihr mit angehaltenem Atem, da sie in der Welt keine Gelegenheit gehabt hatten, m�nnliche Gepflogenheiten kennen zu lernen. Pelagia hingegen h�rte traurig zu, denn in der Rolle der Madame Lissizyna hatte sie Erfahrungen gesammelt, die ihr zeigten: Ja, sie sendete Signale aus, dass sie zu haben sei. Durch einen Blick, durch ein pl�tzliches Err�ten oder durch einen verflixten Geruch. Am unangenehmsten war, dass die Nonne sich in der Rolle der leichtsinnigen Madame Lissizyna wie ein Fisch im Wasser f�hlte und ihre sonstige Unbeholfenheit sonderbarerweise verschwand. Ihr Benehmen wurde sicherer, ihre Bewegungen grazi�ser, und ihre H�ften schwangen verr�terisch, so dass die M�nner sich nach ihr umdrehten. Nach jedem derartigen Rollenwechsel musste sie mehr als tausend Verneigungen verrichten und hundertmal zur Mutter Gottes beten, um zur gottgef�lligen Ruhe zur�ckzufinden.</p><p>Diesmal hatte Pelagia sich die S�nde wohl vergeblich auf die Seele geladen. In den zwei Wochen, in denen sie auf Soireen, Diners und B�llen gl�nzte, hatte sie nicht viel N�tzliches herausfinden k�nnen. Bubenzow besuchte Naina nicht, sie ihn auch nicht. Wenn sie sich irgendwo trafen, dann heimlich. Doch das war unwahrscheinlich, da Naina Telianowa t�glich demonstrativ zu dem Hotel fuhr. Einmal schaute Pelagia mit der Postmeistersgattin bei Bubenzow vorbei und sah auf dem Tisch einen Umschlag, auf dem unten schr�g die Buchstaben NT standen, aber der Brief war nicht entsiegelt und lag dort allem Anschein nach schon seit Tagen.</p><p>Etwas erfolgreicher waren Pelagias Recherchen in der Syten-Angelegenheit.</p><p>Ein interessanter Umstand ergab sich aus einem Gespr�ch mit dem Pathologen Wiesel, einem Protege der barmherzigen Frau Grabbe. Bubenzow n�mlich hatte von der unheilschweren Waldlichtung, auf der mutma�lich der blutgierige Schischiga angebetet wurde, Bodenproben mitgebracht, die von einer blutartigen Fl�ssigkeit durchtr�nkt waren, und den Auftrag, diese Proben zu analysieren, hatte Wiesel erhalten. Die Laboruntersuchung ergab, dass es in der Tat Blut war, doch nicht Menschen-, sondern Elchblut, und das wurde dem Polizeimeister Lagrange gemeldet. Aber diese wichtige Information gelangte der Presse und der �ffentlichkeit nicht zur Kenntnis.</p><p>Der Gendarmerie-Rittmeister Prischibjakin, aus Petersburg abkommandiert, um die Au�erordentliche Kommission zu unterst�tzen, erz�hlte Polina Lissizyna, ihr hei� ins Ohr atmend und sie mit dem gewichsten Schnurrbart kitzelnd, unter dem Siegel der Verschwiegenheit von getrockneten Menschenk�pfen, die bei dem Schamanen der Syten gefunden worden w�ren, und versprach, sie der jungen Witwe zu zeigen, wenn sie ihn im Hotel besuchen k�me. Frau Lissizyna glaubte ihm und kam � und? Getrocknete K�pfe hatte Prischibjakin nicht vorzuweisen, statt dessen lie� er einen Champagnerkorken knallen und trachtete, sie zu umarmen. Sie musste ihm, gleichsam aus Ungeschicklichkeit, den Ellbogen in die Leisten rammen, was den einfallsreichen Rittmeister blass und schweigsam machte, er st�hnte nur und folgte der entflatternden Besucherin mit leidendem Blick.</p><p>Mit dem Untersuchungsf�hrer Borissenko, ebenfalls von der Au�erordentlichen Kommission, hatte sie mehr Gl�ck. Auf dem Ball im Adelsklub spreizte er sich vor der wissbegierigen reizvollen Frau und erz�hlte ihr, die verhafteten Syten seien stur und wollten keine wahrheitsgem��en Aussagen machen, die anderen aber, die von Schischiga und Menschenopfern erz�hlten, verwickelten sich immerfort in Widerspr�che, so dass die Protokolle hinterher umgeschrieben werden m�ssten.</p><p>All das war beachtenswert, doch es setzte die �Sawolshsker Partei� nicht in den Stand, die Invasion aus Petersburg mit einem entschlossenen Gegenangriff zu beantworten. Darum hatte Frau Lissizyna der Er�ffnung der Photoausstellung solche Bedeutung beigemessen: Es schien einen Bezug zu den Ereignissen in Drosdowka zu geben, und diesmal konnte sich vielleicht etwas kl�ren. Wom�glich war das die geheimnisvolle Bedrohung, mit der Arkadi Poggio die F�rstin Naina einzusch�chtern versucht hatte? �berdies w�rde auch Bubenzow dort sein. Also musste Frau Lissizyna unbedingt zu einer Einladung f�r die Vernissage kommen, was ihr dank ihrem Einfallsreichtum auch gelungen war.</p><p>Am Tag vor der Soiree geriet sie in ernsthafte Bedr�ngnis, da die Einladung den Damen ein �dekolletiertes Abendkleid� vorschrieb. Bisher hatte sie sogar auf B�llen Schultern, Brust und R�cken mit einem Gazeschleier bedeckt, was die Moden�rrinnen in der Stadt f�r den letzten Moskauer Chic hielten und nachmachten. Aber die Kleidervorschriften der Gastgeberin zu ignorieren w�re einem Affront gleichgekommen, der besonders sp�rbar gewesen w�re, da die Moskauerin nachgerade die einzige Dame zu sein schien, die von Olimpiada einer Einladung gew�rdigt worden war. Das Missvergn�gen der wichtigsten Konfidentin und Bundesgenossin Bubenzows zu erregen w�re zumindest unvern�nftig gewesen.</p><p>Die arme Pelagia sa� fast einen halben Tag in ihrem Schlafzimmer vor dem Toilettenspiegel und zog den Ausschnitt des schamlosen Samtkleides mal zum Kinn hoch, mal lie� sie ihn in die von Monsieur Leblanc vorgegebene Tiefe sinken.</p><p>Dabei sei eingestanden, dass sich ihr Dekollete sehen lassen konnte, denn ihre Sommersprossen waren zum Herbst vorn fast ganz verschwunden, aber sie waren auf die Schultern hin�bergewechselt, vermutlich eine Folge des h�ufigen Schwimmens, und verliehen nach ihrer Meinung diesem Teil ihrer Anatomie �hnlichkeit mit zwei goldenen Apfelsinen. Alle w�rden dorthin starren.</p><p>Entsetzlich, aber sie hatte keine Wahl.</p><p>Das Messinggl�ckchen klingelte � jemand war von der Stra�e hereingekommen, und Frau Lissizyna sah Poggio sich auf die Zehenspitzen stellen und den Hals recken.</p><p>Eingetroffen waren Bubenzow und sein Adlatus Selig. Polina Lissizyna vermerkte noch die Entt�uschung, die dem K�nstler den Mund herabzog, dann richtete sie mit allen anderen ihre Aufmerksamkeit auf den Ank�mmling.</p><p>Bubenzow nickte den G�sten leicht zu, hielt es jedoch nicht f�r notwendig, sich f�r die Versp�tung zu entschuldigen. Der Hausfrau dr�ckte er die Hand und hielt ihre langen blassen Finger ein wenig fest, was sie err�ten und erbl�hen lie�.</p><p>�So, nun sind alle beisammen!�, rief sie fr�hlich. �Na, Arkadi Sergejewitsch, sagen wir Sesam �ffne dich?� Und sie zeigte auf die verschlossene T�r zum Salon.</p><p>�So geht es nicht. Die Nachz�gler m�ssen erst die Gelegenheit bekommen, ein Gl�schen zu trinken�, widersprach der K�nstler und blickte wieder zum Eingang. �Der Champagner ist gewiss attraktiver als meine langweiligen Landschaften.�</p><p>�Es ist Fastenzeit�, sagte Selig vorwurfsvoll. �Wladimir Lwowitsch und ich sind Gottesm�nner. Zeigen Sie uns lieber Ihre Bilder.�</p><p>Bubenzow hatte schon am Glas genippt, aber er stellte es sogleich hin. Mit erwartungsvoll hochgezogenen Brauen sagte er: �Ja, wirklich, �ffnen Sie. Wir wollen doch sehen, womit Sie uns so neugierig gemacht haben.�</p><p>Poggio wurde blass. Er bezwang seine Erregung und sagte, gleichsam ver�rgert �ber sich selbst, sehr hastig: �Na gut, soll es so sein. Also, meine Damen und Herren, wie einige von Ihnen wissen, bin ich hierher gekommen, um etliche Arbeiten f�r eine Ausstellung im Moskauer Rumjanzew-Museum zu machen. Der Titel: Das verschwindende Russland. Die poetische Welt eines alten Adelsguts, das Bild eines verwilderten Gartens, von Efeu umrankte Lauben, abendlicher Dunst und sonstiger romantischer Schnickschnack. Aber was soll ich das beschreiben � sehen Sie selbst.�</p><p>Mit einer �bertrieben heftigen, gleichsam verzweifelten Geste stie� er die beiden T�rfl�gel auf und bat in den Salon.</p><p>Die kleine Ausstellung � nicht mehr als drei Dutzend Arbeiten � war einfach, aber kunstvoll arrangiert. Das flimmernde Licht der Gasl�mpchen warf keine st�renden Lichtreflexe, sondern verlieh den schwarzwei�en Bildern den Eindruck lebendiger Realit�t. Rechts und links hingen an den W�nden anmutige Landschaften und Studien, welche die unauff�llige, doch bezaubernde Sch�nheit des Drosdowka-Parks, der Weite des Flusses, des bauf�lligen Gutshauses zur Geltung brachten. Die Betrachter wanderten langsam an den Photographien vorbei, nickten beif�llig und gelangten an die der T�r gegen�berliegende Wand, und hier erstarrten sie und gingen nicht weiter, so dass es dort sehr bald zum Stau kam.</p><p>Frau Lissizyna erreichte die geheimnisvolle Stelle als eine der ersten, sie stie� einen leisen Ruf aus und griff sich ans Herz.</p><p>Da hingen drei �ber einen halben Meter gro�e Photos mit dem gemeinsamen Untertitel �An der Meeresbucht�. Jedes davon zeigte eine nackte Frau, allem Anschein nach jedes Mal dieselbe. �Allem Anschein nach� deshalb, weil das Gesicht der Posierenden nicht zu erkennen war. Auf dem linken Bild kauerte sie am Wasser, den Kopf gesenkt, die langen Haare mit eingeflochtenen Wasserpflanzen hingen herab. Auf dem rechten Bild lag die Frau mit dem R�cken zum Betrachter, den Arm �ber den Kopf gelegt; der Vordergrund war Sand, der Hintergrund das Wasser voller Blinklichter. Das mittlere Bild zeigte die Frau en face, sie stand bis zu den H�ften im Wasser und hielt die H�nde vors Gesicht; auf dem nassen blonden Haar trug sie eine Krone aus Lilien, und zwischen den leicht gespreizten Fingern blitzten lachende Augen. Es sei zugegeben, dass die Arbeiten meisterlich ausgef�hrt waren, aber nat�rlich gab es nicht deshalb ein solches Gedr�nge.</p><p>Also, da war er, der herrliche, entsetzliche, einzigartige Skandal, dessen Herannahen die Stadt Sawolshsk mit ihrer empfindlichen Nase gewittert hatte! Und dabei ging es keineswegs um die Abbildung einer nackten Frau. Wir leben zwar im Kr�hwinkel, aber doch nicht in Persien, und mit Aktbildern, selbst als Photographie, sind unsere Kunstliebhaber nicht zu irritieren. Nein, der Kitzel lag in der Person der Nackten, deren Figur die Betrachter gierig anstarrten. War sie es oder nicht?</p><p>Sytnikow �chzte, fuhr mit f�nf Fingern durch den Bart, sch�ttelte missbilligend den Kopf, hatte es jedoch nicht eilig weiterzugehen. Im Gegenteil, er setzte den Kneifer auf, der gar nicht zu ihm passte, und vertiefte sich in die Details, als sch�tzte er eine Partie Waren ab.</p><p>Schirjajew bot einen kl�glichen Anblick. Er war bis zum Haaransatz blut�bergossen, sein Atem ging sto�weise, seine Finger lockerten sich und ballten sich wieder zu F�usten. Auch Poggio benahm sich sonderbar. Er beglotzte die eigenen Werke mit krankhaftem, irrlichterndem L�cheln und schien das Publikum vergessen zu haben.</p><p>Als Letzter trat Bubenzow herzu. Mit Kennermiene, den Kopf zur Seite geneigt, be�ugte er das Triptychon und fragte auflachend:</p><p>�Wer ist die Nymphe?�</p><p>Poggio fuhr zusammen und winkte l�ssig ab.</p><p>�Ach, eine hiesige Einwohnerin. H�bsch, nicht?�</p><p>Da ert�nte von hinten eine laute, sp�ttische Stimme:</p><p>�Was gibt�s denn da zu schauen, Herrschaften? Wohl ein Meisterwerk?�</p><p>In der T�r stand die F�rstin Naina Telianowa, unsagbar sch�n in einem wei�en Kleid, um das sich ein blutroter G�rtel schlang, auf dem Kopf ein Samth�tchen mit Schleier, durch den ihre riesengro�en schwarzen Augen funkelten.</p><p>Der gr��te Skandal stand also noch bevor.</p><p>�Da sind Sie ja doch noch!�, schrie Poggio und ging ihr einen Schritt entgegen. �Zu sp�t! Oder dachten Sie, ich mache Spa�?�</p><p>�Es war Absicht�, antwortete sie und ging auf die G�ste zu. �Ich wollte mal sehen, was f�r Teufel in Ihnen stecken.�</p><p>Mit Bedacht langsam schritt sie am Landschaftsteil der Ausstellung vor�ber, verhielt sogar vor einer nicht sonderlich bemerkenswerten Studie, um die Spannung zu steigern. Endlich gelangte sie zu dem H�uflein, das sich vor dem Triptychon dr�ngte. Alle traten eilig auseinander, um ihr Platz zu machen.</p><p>W�hrend Naina die skandal�sen Photos betrachtete, war es sehr still. Frau Lissizyna sah, dass einige der Besucher mit besonderem Interesse die Nackenlinie des gef�hrlichen Fr�uleins studierten und mit dem von hinten abgelichteten Modell verglichen. Die �hnlichkeit war gro�, sehr gro�.</p><p>Endlich drehte Naina sich um, und es war zu sehen, dass ihre anf�ngliche Bravour etwas nachgelassen hatte, und die Augen unter dem d�nnen Schleier gl�nzten auffallend � doch nicht von Tr�nen?</p><p>�Was hat das eigentlich mit einer Meeresbucht zu tun?�, fragte Kirill Krasnow laut, offenbar um dem Moment die Sch�rfe zu nehmen. �Das ist doch ein Motiv aus Puschkins �Ruslan und Ludmila�.�</p><p>�Genau�, antwortete Poggio und sah Naina mit entz�ndeten Augen an.</p><p>�Sie haben die Nixe dargestellt, das ist es! �Von Zauber ist die Bucht umschauert, Der Schrat geht um, die Nixe lauert.�(Nachdichtung von Martin Reman�).�</p><p>Poggio �ffnete die roten Lippen zu einem erbarmungslosen L�cheln und sagte gedehnt:</p><p>�M�glich. Oder eine andere Stelle aus �Ruslan� . . .� Er fuhr fort, jedes Wort akzentuierend: ��Ach, Recke, das war ja Naina.��</p><p>Ohne ein einziges Wort (und das war das Schlimmste) st�rzte sich Schirjajew auf seinen ehemaligen Studienkollegen und schlug ihm in rasender Wut die Faust ins Gesicht, so dass der K�nstler gegen die Wand flog und aus seinem Mund Blut in den Bart floss.</p><p>�Stepan, was machst du?�, schrie Pjotr entsetzt und legte Schirjajew von hinten die Arme um die Schultern. �Was hast du denn?� Und pl�tzlich ging ihm ein Licht auf: �Du hast gedacht, das ist Naina?�</p><p>Nun kam es zu einer wirklich skandal�sen Szene. Mehrere M�nner hielten Schirjajew fest, der sich losrei�en wollte und nichts sagte, nur r�chelte. Pjotr Telianow hielt beide H�nde vors Gesicht und schluchzte laut. Poggio aber, der mit seinem blutenden Mund wie ein Vampir aussah, gab etwas von sich, das ein Husten, aber auch ein hysterisches Lachen sein konnte.</p><p>Naina drehte sich pl�tzlich j�h zu Bubenzow um, der die Rauferei mit sorglosem L�cheln beobachtete, und fragte ihn mit klirrender Stimme:</p><p>�Na, lustig?�</p><p>�Nicht sehr�, antwortete er halblaut.</p><p>�F�rst der Finsternis�, fl�sterte Naina und prallte erschrocken von ihm zur�ck, dann f�gte sie etwas Unverst�ndliches hinzu: �F�rst und F�rstin, wie das passt. . .�</p><p>Ohne das Ende des Kampfes abzuwarten, st�rmte sie Hals �ber Kopf davon.</p><p>�Madame Telianowa beherrscht nicht die Kunst des B�hnenabgangs�, sagte Bubenzow ironisch zur Gastgeberin. �Einfach hinausgehen, das bringt sie nicht fertig, sie muss unbedingt rennen.�</p><p>Olimpiada sah aus wie eine siegreiche Nike � die Soiree hatte ihre Erwartungen weit �bertroffen.</p><p>�Es reicht, meine Herren!�, verk�ndete sie laut. �Was sind denn das f�r Kindereien. Daran ist nur der Champagner schuld. Kommen Sie morgen zur offiziellen Er�ffnung. Ich denke, es wird interessant werden.�</p><p>Aber tags darauf fand keine allgemeine Er�ffnung statt, denn es gab nichts zu er�ffnen.</p><p>Und niemanden, der es h�tte tun k�nnen.</p></section><section><title><p>�Dieselben, doch nicht alle</p></title><p>Aber immer der Reihe nach, denn hier ist jedes, selbst das scheinbar unwichtigste Detail von Bedeutung.</p><p>Als Arkadi Poggio um halb zehn Uhr morgens noch nicht zum Fr�hst�ck erschienen war, dachte sich Olimpiada zun�chst nichts dabei, denn ihr Gast aus der Hauptstadt zeichnete sich, wie es einem freischaffenden K�nstler ziemt, nicht eben durch P�nktlichkeit aus. Doch nach einer Viertelstunde, als das Omelett nicht mehr warten konnte, schickte sie einen Lakai. Der �berquerte den Hof und ging auf die Stra�e, denn anders gelangte man nicht zu dem einzeln stehenden Fl�gel, l�utete das Gl�ckchen und klopfte sicherheitshalber, bekam jedoch keine Antwort.</p><p>Da wurde die Postmeistersgattin unruhig, denn Poggio konnte ja einen Schw�cheanfall erlitten haben nach den gestrigen Erlebnissen und dem sehr f�hlbaren Faustschlag, den Schirjajew ihm verpasst hatte. Der Lakai wurde ein zweites Mal ausgesandt und bekam den Schl�ssel mit. Den brauchte er freilich nicht, denn Poggio hatte in seiner Zerstreutheit die T�r nicht abgeschlossen. Der Sendbote ging hinein, und nach ein paar Augenblicken durchgellte sein Schrei das Haus.</p><p>An dieser Stelle sei erw�hnt, dass in unserer Stadt seit etlichen Jahren T�tungsdelikte sehr selten vorgekommen waren. Eigentlich hatte sich diese S�nde das letzte Mal vor zwei Jahren ereignet, als zwei Lastfuhrleute sich wegen einer Marktsch�nheit in die Haare kriegten und der eine dem anderen einen Kn�ppel zu heftig �ber den Sch�del zog. Und f�nf Jahre davor war aus Liebe Folgendes geschehen: Zwei Gymnasiasten aus der sechsten Klasse hatten sich mit Schusswaffen duelliert. Der eine von ihnen hatte einen Liebesbrief abgefangen, der an die h�bsche Tochter unseres Stadtarchivars Benewolenski gerichtet war. Pistolen hatten die Jungen nicht, sie schossen sich mit Jagdgewehren und waren beide tot. �ber diese Geschichte schrieben s�mtliche Zeitungen, wenngleich nat�rlich nicht so exponiert wie �ber den jetzigen Zwischenfall mit den Syten. Das arme M�dchen, das ohne eigenes Zutun zum Anlass der zwiefachen T�tung geworden war, wurde von seinem Vater f�r immer zu Verwandten in ein entlegenes Gouvernement geschickt, wohl gar nach Wladiwostok.</p><p>Aber diesmal war keine besoffene Schl�gerei und kein jugendlicher Maximalismus die Ursache, sondern es deutete alles auf vors�tzlichen Mord, der noch dazu mit besonderer Bestialit�t ver�bt worden war. Unbekannte kopflose Leichen, aus Gott wei� was f�r einer tiefen Ein�de angeschwemmt � das ist das eine. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn sich eine solche Untat mitten in Sawolshsk ereignet, in der vornehmsten Stra�e, und das Opfer ein ber�hmter Mann aus der Hauptstadt war, bestens bekannt in der guten Gesellschaft. Das Entsetzlichste bestand darin, dass das Verbrechen � daran zweifelte niemand � von einem Mitglied dieser Gesellschaft begangen worden war, �berdies aus Motiven, welche die Phantasie gewaltig anheizten (es muss nicht erw�hnt werden, dass der skandal�se Ausgang der Soiree bei der Postmeistersgattin sich noch am selben Abend in der ganzen Stadt herumgesprochen hatte).</p><p>�ber diese Motive wurde haupts�chlich getratscht, und was die Person des M�rders angeht, so gab es verschiedene Mutma�ungen, die von mindestens drei Parteien vertreten wurden. Die meisten geh�rten zur �Schirjajew-Partei�. Die n�chstkleinere Partei sah als Schuldige die beleidigte Naina Telianowa, der nach der Geschichte mit den Hunden aber auch alles zuzutrauen war. Die dritte Partei verd�chtigte Pjotr Telianow und berief sich auf dessen nihilistische Ansichten und das kaukasische Blut. Wir sagten �mindestens drei Parteien�, denn es gab auch noch eine vierte mit nur wenigen Anh�ngern, die jedoch einflussreich waren, denn sie standen dem Gouverneur und Matwej Berditschewski nahe. Diese raunten, hier sei so oder anders Bubenzow beteiligt, aber damit wurde gar zu eindeutig der Wunsch mit der Realit�t verwechselt.</p><p>Es nimmt nicht wunder, dass schon gegen Mittag ganz Sawolshsk von dem furchtbaren Ereignis wusste. Die Einwohner wirkten zugleich best�rzt und bes�nftigt, und der allgemeine Zustand der Gem�ter war so, dass der Bischof in den Kirchen Vers�hnungsgebete verrichten lie� und pers�nlich in der Kathedrale die Predigt hielt. Er sprach von den schweren Pr�fungen, die �ber die Stadt gekommen seien, und es wurde deutlich, dass er keineswegs nur die Ermordung des Photographen meinte.</p><p>Unmittelbar bevor Mitrofani zu der Predigt fuhr, besuchte ihn im Klosterhof der durch Eilboten hergebetene stellvertretende Staatsanwalt Berditschewski.</p><p>�H�r zu, Matwej�, sagte der Bischof, der schon Talar und Oberkleid, aber noch nicht die Mitra und das Panhagion trug. ��bertrage die Untersuchung dieses Falls keinem anderen, leite sie selbst. Ich schlie�e nicht aus, dass etwas aufgedeckt wird, was zu der bewussten Person f�hrt.� Mitrofani warf einen fl�chtigen Blick auf die angelehnte T�r. �Urteile selbst. Sowohl der Ermordete als auch die Person, die er allem Anschein nach treffen wollte, sind unserem durchtriebenen Freund bestens bekannt, und mit der letzteren unterh�lt er irgendwelche besonderen Beziehungen. Au�erdem geh�rt er zu den wenigen, die bei der gestrigen Auseinandersetzung dabei waren . . .�</p><p>Matwej Berditschewski fuchtelte mit beiden H�nden und fiel dem Bischof sogar ins Wort, was noch nie vorgekommen war:</p><p>�Vater, das kann ich nicht! Erstens muss ich dann den Tatort aufsuchen, und ich f�rchte mich vor Toten . . .�</p><p>�Na, na.� Mitrofani drohte ihm mit dem Finger. �Die Schw�che des Herzens muss man bezwingen. Bist du Staatsanwalt oder nicht? Ich nehme dich mit zu dem Alten Friedhof, von dem die S�rge umgebettet werden, da der Fluss das Ufer untersp�lt hat. Ich werde, wie es sich geh�rt, Gebete sprechen, und dich beauftrage ich, das Ausgraben der sterblichen �berreste zu beaufsichtigen. Das wird deine Nerven st�rken.�</p><p>�Ach, es geht nicht nur um den Toten.� Berditschewski sah dem Bischof bittend in die Augen. �Ich habe kein Talent zum Ermittler. Eine Anklageschrift aufsetzen oder auch ein Verh�r f�hren, das kann ich, aber einen Kriminalfall aufkl�ren, das nicht. Sie, Vater, besitzen die Gabe, R�tsel zu l�sen. Schade, dass Sie nicht selbst dorthin fahren k�nnen, es schickt sich nicht f�r Sie.�</p><p>�Ich fahre nicht hin, aber ich gebe dir mein wachsames Auge mit. Komme herein, meine Tochter�, rief der Bischof und wandte sich der T�r zu, die zu den inneren Gem�chern f�hrte.</p><p>Herein trat eine magere Nonne in schwarzer Kutte und schwarzem Schleier und verneigte sich schweigend. Berditschewski, der Pelagia schon �fters gesehen hatte und wusste, dass sie Mitrofanis besonderes Vertrauen genoss, erhob sich und antwortete mit einer nicht minder h�flichen Verbeugung.</p><p>�Du nimmst Schwester Pelagia mit�, gebot der Bischof. �Sie beobachtet gut, ist scharfsinnig und kann dir sehr n�tzen.�</p><p>�Aber dort sind bestimmt schon Polizisten und Lagrange pers�nlich.� Berditschewski breitete die Arme aus. �Wie soll ich die Anwesenheit einer Nonne erkl�ren?�</p><p>�Sage, der Bischof kommt nach der Predigt, das gesch�ndete Haus neu zu weihen, und schickt die Nonne, um alles vorzubereiten und zu richten, damit dem Bischof nichts Anst��iges in die Augen f�llt. Und was Lagrange betrifft, so pariert der Spitzbube dir jetzt doch wohl aufs Wort.� Er sah Pelagia mit blitzenden Augen an. �Sage ihm, die Nonne ist still und dem�tig und von kargem Verstand, sie wird die Untersuchung nicht behindern.�</p><p>W�hrend sie mit der Kutsche durch die Dworjanskaja fuhren, schwiegen beide, denn Pelagia empfand ein wenig Scheu vor dem klugen und hochgelehrten Begleiter, und Berditschewski hatte kaum Umgang mit geistlichen Personen (Mitrofani z�hlte nicht, das war ein Sonderfall) und wusste �berhaupt nicht, wor�ber er sich mit einer Nonne unterhalten sollte.</p><p>Endlich hatte er sich ein geeignetes Thema zurechtgelegt, er �ffnete den Mund und sagte:</p><p>�M�tterchen . . .� Doch schon verstummte er verlegen, denn er dachte sich, dass einer jungen Frau, selbst wenn sie Nonne war, diese Anrede seitens eines kahlk�pfigen und schon ein wenig aufgeschwemmten Herrn weit �ber drei�ig kaum angenehm sein d�rfte.</p><p>Jedes Mal hatte er Schwierigkeiten im Umgang mit Pelagia, obwohl er noch nicht oft mit ihr geredet hatte. Die Nonne hatte nach seiner Meinung die sehr irritierende Eigenschaft, mal wie eine reife und weise Frau zu wirken, mal wie ein kleines M�dchen, so wie zum Beispiel jetzt.</p><p>�Das hei�t . . . Schwester�, verbesserte er sich, �Sie sind doch die Schwester� (das war nun ganz dumm) �von Polina Andrejewna Lissizyna, nicht?�</p><p>Die Nonne nickte irgendwie unbestimmt, und Berditschewski f�rchtete schon, eine ihm unbekannte Etikette verletzt zu haben, die es Nonnen verbot, �ber ihre in der Welt verbliebenen Angeh�rigen zu sprechen.</p><p>�Ich habe nur so gefragt . . . Sie ist eine sehr kluge und sympathische Frau und sieht Ihnen ein wenig �hnlich.� Er warf einen vorsichtigen Blick auf seine Begleiterin, die neben ihm auf dem Ledersitz schaukelte, und f�gte hinzu: �Ein ganz klein wenig.�</p><p>Wer wei�, wohin dieses etwas ungewandte Gespr�ch noch gef�hrt h�tte, wenn die Equipage nicht auf den Kirchplatz eingebogen w�re, den Hauptplatz unserer Stadt mit der Kathedrale, dem Gouverneurshaus, den wichtigsten �mtern, dem Konsistorium und dem Hotel �Zum Gro�f�rsten�, wo vor vielen Jahren in der Tat der Gro�f�rst Konstantin Pawlowitsch abgestiegen war, als er eine Erkundungsreise in die �stlichen Gouvernements des Imperiums unternahm.</p><p>Vor der gusseisernen Umfriedung dieses vornehmen Hotels dr�ngten sich l�rmende Menschen, und es waren sogar Polizeim�tzen zu sehen. Dort geschah etwas Ungeh�riges, und das in unmittelbarer N�he zu den Residenzen der geistlichen und der weltlichen Macht, was Berditschewski als Amtsperson nicht hinnehmen konnte. Um die Wahrheit zu sagen, hatte er �berhaupt eine Schw�che f�r Situationen, in denen er sich als Natschalnik zeigen konnte.</p><p>�Bleiben Sie sitzen, Schwester�, sagte er gewichtig zu Pelagia, lie� den Kutscher anhalten und ging rekognoszieren.</p><p>Den w�rdevollen Beamten lie� man ungehindert durch zum Mittelpunkt der Ansammlung, und da zeigte sich, dass alle auf Bubenzows Kaukasier starrten.</p><p>Der Tscherkesse war sturzbetrunken und vollf�hrte einen wahnwitzigen Tanz, wobei er ab und zu einen kehligen Schrei ausstie�. Er trappelte auf der Stelle, trippelte grazi�s mit seinen gro�en F��en in abgetragenen Mokassins, sprang von Zeit zu Zeit h�chst geschickt auf die Zehenspitzen und beschrieb �ber seinem kahl rasierten Sch�del blitzende Kreise mit seinem Dolch von ungeheurer Gr��e. Es war zu sehen, dass er schon lange so tanzte und noch lange weiterzutanzen vorhatte.</p><p>�Was ist denn das?�, fragte Berditschewski stirnrunzelnd den Reviervorsteher.</p><p>�Sie sehen ja selbst, Euer Hochwohlgeboren. Es geht schon fast eine Stunde, dass er hier herumtobt. Davor hat er in der Sch�nke �Zum Spiegel� die Spiegel zerschlagen und die Kellner mit Fu�tritten traktiert, noch fr�her war er in der Sch�nke �Samson�, wo er auch randaliert hat, aber auch da ist er auch schon betrunken hingekommen.�</p><p>�Warum haben Sie das nicht unterbunden?�</p><p>�Wir haben�s versucht, Euer Hochwohlgeboren. Aber er hat dem Polizisten Karassjuk die Fresse blutig geschlagen, und mich h�tte er beinahe mit dem Schwert da massakriert.�</p><p>�Erschie�en muss man ihn�, sagte b�se ein Polizist, der sich ein blutiges Taschentuch vors Gesicht hielt, das war wohl Karassjuk. �Es bleibt nichts anderes �brig, sonst bringt er noch jemanden um.�</p><p>�Von wegen erschie�en!�, zischte der Reviervorsteher. �Das ist doch der Diener von Wladimir Bubenzow.�</p><p>�Und wo haben Sie Ihre Augen?�, wandte sich Berditschewski an Tichon Selig, der verlegen in den ersten Reihen stand. �Schaffen Sie Ihren Wilden hier weg.�</p><p>�Ich bin ja schon seit der Nacht hinter ihm her�, versetzte Selig kl�glich. �Halte ein mit dem Trinken, hab ich ihm gesagt. Aber er h�rt ja nicht. Er darf keinen Schnaps trinken, �berhaupt nicht. Er ist ja kein russischer Mensch, was will man da erwarten. Entweder er trinkt keinen Tropfen, oder er macht einen halben Eimer (Eimer � russisches Fl�ssigkeitsma�, etwa 12 Liter. D. �.) nieder und wird zum Tier. Irgendein schlechter Mensch hat ihn zum Trinken verleitet. Jetzt wird er tanzen, bis er umf�llt.�</p><p>Berditschewski, der die Blicke der Menge auf sich gerichtet sah, sprach mit unanfechtbarer Autorit�t:</p><p>�Das geh�rt sich nicht. Schlie�lich ist das hier der Kirchplatz. Gleich kommt der Bischof, um die Predigt zu halten. Schaffen Sie ihn sofort weg!�</p><p>Aus der Menge kamen Rufe:</p><p>�Ein ganz Schlauer! Schaff ihn doch selber weg, wenn du dich traust!�</p><p>Da begriff Berditschewski, dass er in eine Falle getappt war, die er sich selbst gestellt hatte. Warum nur hatte er die Kutsche anhalten lassen? Aber zur�ckweichen war unm�glich.</p><p>Und von dem Reviervorsteher und dem verpr�gelten Polizisten war Hilfe nicht zu erwarten.</p><p>Mit den Kaumuskeln spielend, um sich zu ermutigen, machte Berditschewski einen Schritt und noch einen und n�herte sich dem Furcht einfl��enden T�nzer. Der stimmte pl�tzlich ein wildes, doch auf seine Art melodisches Lied an und fuchtelte blitzschnell mit dem Dolch.</p><p>�Sofort aufh�ren!�, schnauzte Berditschewski, so laut er konnte.</p><p>Der Tscherkesse richtete den blutunterlaufenen Blick auf ihn.</p><p>�Hast du geh�rt!�</p><p>Berditschewski machte einen Schritt und noch einen.</p><p>�Der arme Kerl�, sagte jemand in der Menge.</p><p>Ob der Tscherkesse oder Berditschewski gemeint war, blieb ungewiss, aber der Staatsanwalt bezog es auf sich, fasste sich ein Herz und streckte die Hand aus, um den Kaukasier am �rmel zu packen, doch da beschrieb die Stahlklinge � sssst � einen Bogen haarscharf an Berditschewskis Fingern vorbei, und vom Revers des Beamten flogen, glatt abgetrennt, zwei Wappenkn�pfe.</p><p>Berditschewski stie� unwillk�rlich einen Schrei aus und sprang beiseite. Wutentbrannt �ber diese Dem�tigung rief er dem Reviervorsteher zu:</p><p>�Bubenzow herholen, schnell! Wenn er seinen Kaukasier nicht zur Ruhe bringt, lasse ich dem in die Beine schie�en.�</p><p>�Wladimir Lwowitsch schl�ft noch und hat verboten, ihn zu wecken�, erkl�rte Selig.</p><p>�Ich warte genau zehn Minuten.� Berditschewski schwenkte �rgerlich seine silberne Uhr. �Dann lasse ich schie�en.�</p><p>Tichon Selig trippelte zu dem Hotel, und auf dem Platz trat interessiertes Schweigen ein.</p><p>Der Tscherkesse setzte seinen unvergleichlichen Tanz fort, wie aufgezogen. Berditschewski stand mit der Uhr in der Hand da und kam sich idiotisch vor. Karassjuk schob mit sichtlichem Vergn�gen Patronen in die Revolvertrommel.</p><p>Als bis zum Ablauf des Ultimatums nur noch eine Minute blieb, sagte der Reviervorsteher nerv�s:</p><p>�Euer Hochwohlgeboren, Sie werden bezeugen, dass ich in keiner Beziehung . . .�</p><p>�Er kommt, er kommt!�, l�rmte die Menge.</p><p>Aus dem Hotel trat gem�chlich Bubenzow in einem seidenen Hausmantel, einen T�rkenfes mit Quaste auf dem Kopf. Man machte ihm Platz. Er blieb stehen, stemmte die H�nde in die H�ften und blickte eine Weile auf seinen �bergeschnappten Janitscharen. Dann g�hnte er und bewegte sich sacht auf ihn zu. Eine Frau �chzte auf. Der Tscherkesse schien seinen Herrn nicht zu sehen, er tanzte weiter, wich aber dabei langsam zur�ck zum Hotel. Bubenzow ging noch immer sacht auf ihn zu, ohne ein Wort zu sagen, bis der Tscherkesse stehen blieb. Seine Augen waren starr wie bei einem Toten.</p><p>�Genug getanzt, du Dummkopf?�, sagte Bubenzow in die Stille hinein. �Komm, schlaf dich aus.�</p><p>Er drehte sich um und ging zur�ck ins Hotel, ohne zur�ckzuschauen. Murad folgte ihm gehorsam, und neben ihm trippelte Selig.</p><p>Alle sahen dem malerischen Dreigespann schweigend hinterher.</p><p>Ein Kirchendiener bekreuzigte sich und sagte im Bass:</p><p>�Ihm ist Macht gegeben �ber die b�sen Geister.�</p><p>Auch Pelagia bekreuzigte sich, die, wie wir schon wissen, niemals grundlos das Kreuz schlug.</p><p>Vor der T�r der Wohnung, die bis vor kurzem der arme Poggio bewohnt hatte, dr�ngte sich ebenfalls ein dichter Ring von Gaffern, und bei der Vortreppe stand mit rollenden Augen ein Wachtmeister. Pelagia, bevor sie hineinging, bekreuzigte sich noch einmal, und wieder nicht ohne Grund.</p><p>Das Besuchszimmer sah fast genauso aus wie am Tag zuvor, nur waren die Tische jetzt leer. Umso schrecklicher war das Bild, das sich der Nonne im Salon bot. S�mtliche Photographien waren nicht nur von der Wand gerissen, sondern auch in winzige Schnipsel zerfetzt, die den Fu�boden bedeckten. Ein Tobs�chtiger hatte nicht wenig Zeit darauf verwendet, Poggios Ausstellung in nichts zu verwandeln.</p><p>Die Treppe von der oberen Etage herab kam Polizeimeister Lagrange gelaufen. Als er Berditschewski sah, l�chelte er beflissen.</p><p>�Matwej Benzionowitsch, Sie kommen selbst? Ist ja auch richtig.�</p><p>Er verbeugte sich und dr�ckte Berditschewski die Hand, warf einen verwunderten Blick auf Pelagia, gab sich jedoch mit Berditschewskis Erkl�rung zufrieden und lie� von da an die Nonne g�nzlich unbeachtet. Es war zu sehen, dass er gl�nzender Laune war.</p><p>�Was gibt�s hier schon zu sehen�, sagte er und zeigte mit einer l�ssigen Handbewegung auf den Salon. �Kommen Sie mit nach oben. Das ist ein Anblick.�</p><p>Oben gab es nur zwei Zimmer, das Schlafzimmer und das andere, in dem Poggio, wie erw�hnt, sein Photolabor eingerichtet hatte. Da es n�her lag, schauten sie zuerst da hinein.</p><p>�Bitte�, sagte Lagrange stolz. �Total zertr�mmert.�</p><p>Und wirklich, das Labor sah noch schlimmer aus als die Ausstellung. Mitten im Raum lag, mit gro�em Schwung hingeschmettert oder mit den F��en zertrampelt, der Kodak-Apparat, und drum herum blinkten wie winzige Eisschollen die Scherben der photographischen Platten.</p><p>�Keine Einzige ist heil geblieben, alles zersplittert�, erkl�rte der Polizeimeister forsch, wie um die F�higkeiten des unbekannten Verbrechers herauszustreichen.</p><p>�Spuren?�, fragte Berditschewski mit einem Blick auf die beiden Polizeibeamten, die mit Lupen auf dem Fu�boden herumkrochen.</p><p>�Was soll es hier f�r Spuren geben�, antwortete der �ltere und hob das ausgemergelte faltige Gesicht. �Sie sehen ja, als ob eine Herde Elefanten herumgetrampelt w�re. Sinnlos, dass wir Scherben zusammenf�gen. Zu jeder Platte geh�rte ein Papierchen mit dem Titel. Wei�e Laube, Sonnenuntergang am Fluss, Die kleine Nixe. Wir passen die Splitter aneinander wie in einem Kinderpuzzle. Wom�glich findet sich was Brauchbares. Aber das ist unwahrscheinlich.�</p><p>�Soso.� Berditschewski fragte Lagrange halblaut: �Und wo ist. . . der Tote?�</p><p>�Kommen Sie.� Lagrange lachte. �N�chste Nacht werden Sie nicht schlafen k�nnen. Ein Stillleben.�</p><p>Berditschewski wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn und folgte dem dunkelblau uniformierten Virgil durch den Korridor. Pelagia ging leise als Letzte.</p><p>Poggio lag im Bett und blickte feierlich zur Decke, als d�chte er �ber h�chst Bedeutsames nach � jedenfalls nicht �ber das j�mmerliche Stativ, das ihn an das Bett nagelte und aus ihm herausragte, eingeklemmt im Gew�lbe des Brustkorbs.</p><p>�Absolut t�dlich�, sagte der Polizeimeister und zeigte mit dem Finger im wei�en Handschuh. �Der Sto�, schauen Sie bitte, wurde vertikal gef�hrt. Also hat der Ermordete gelegen und nicht versucht aufzustehen. Wahrscheinlich hat er geschlafen. Er schlug die Augen auf und war sofort im Himmelreich. Erst hinterher hat der M�rder alles zertr�mmert und zerschmettert.�</p><p>Berditschewski zwang sich, die drei zusammengeschobenen Beine des Stativs zu betrachten, die tief im K�rper des Toten steckten. Sie waren aus Holz, aber unten mit Messing beschlagen und sicherlich sehr spitz.</p><p>�Ein starker Sto߫, sagte er, um Kaltbl�tigkeit bem�ht, und versuchte, das Stativ mit den Fingern zu umgreifen, doch die schlossen sich nicht. �Eine Frau kann das nicht getan haben. Das Ding ist zu schwer und l�sst sich nicht richtig umfassen.�</p><p>�Das denke ich auch�, pflichtete Lagrange ihm bei. �Also scheidet Telianowa aus. Der Fall ist eigentlich sonnenklar. Ich habe nur auf den Untersuchungsf�hrer gewartet, meine Leute haben schon alles genau unter die Lupe genommen. M�chten Sie nicht das Protokoll unterschreiben?�</p><p>Berditschewski verzog das Gesicht �ber diese eindeutige Verletzung der Vorschriften � ein Protokoll der Tatortuntersuchung durfte nicht ohne einen Vertreter der Staatsanwaltschaft aufgesetzt werden, darum las er absichtlich langsam. Aber es war nichts daran auszusetzen � Lagrange verstand sich auf die Polizeiarbeit, das musste man ihm lassen.</p><p>�Was f�r Mutma�ungen haben Sie?�, fragte Berditschewski.</p><p>�Vielleicht gehen wir lieber hinunter in den Salon, bis der da hinausgetragen ist�, schlug Lagrange vor.</p><p>So geschah es.</p><p>Sie stellten sich in eine Ecke des leeren Salons. Der Polizeimeister z�ndete seine Pfeife an, Berditschewski holte ein Heftchen hervor. Auch Schwester Pelagia war im Raum, sie kroch auf dem Fu�boden herum, als wolle sie M�ll beseitigen, in Wirklichkeit aber sammelte sie die Photoschnipsel ein und setzte sie zusammen. Die beiden M�nner achteten nicht auf sie.</p><p>�Ich h�re.� Berditschewski stand bereit zum Notieren.</p><p>�Der Kreis der Verd�chtigen ist nicht gro�, derer, die ein Mordmotiv haben k�nnten, noch kleiner. Wir m�ssen nur herausfinden, wer von den Letzteren kein Alibi hat, und fertig.�</p><p>Lagrange sah verj�ngt aus: Die Augen gl�hten, der Schnauzbart zitterte siegesbewusst, die Hand durchschnitt energisch die Luft, die Fachausdr�cke sprudelten nur so aus seinem Mund. Man konnte denken, dass er in den letzten Wochen seine Meinung �ber das langweilige Sawolshsk ge�ndert hatte. Was allein der Fall der Syten wert war! Aber dieser Paukenschlag war Bubenzow Vorbehalten. Daf�r konnte bei der Untersuchung dieses delikaten Mordfalls niemand dem Polizeimeister in die Quere kommen. Es ergab sich �berdies die pr�chtige M�glichkeit, dem gescheiten und gef�hrlichen Herrn Berditschewski die eigene Unersetzlichkeit zu demonstrieren, die momentan in Zweifel stand wegen des Missgriffs, den er mit dem Schmiergeld getan hatte.</p><p>�Sagen Sie selbst, Matwej Benzionowitsch.� Lagrange pfl�ckte einen Fussel vom �rmel des stellvertretenden Staatsanwalts. �Der Zusammenhang zwischen dem n�chtlichen Mord und dem abendlichen Skandal liegt auf der Hand, oder?�</p><p>�Wird wohl so sein.�</p><p>�An der Soiree bei Olimpiada Saweljewna nahmen, die Damen nicht gez�hlt, zehn Personen teil. Nun, den Herrn Synodalinspektor und den Adelsmarschall k�nnen wir au�er Acht lassen, denn sie sind hochgestellte Leute und haben kein erkennbares Motiv. Von Seiten des Verblichenen waren eingeladen: der Gutsverwalter Schirjajew, F�rst Telianow, der Kaufmann erster Gilde Sytnikow und der Gutsbesitzer Krasnow. Von Seiten der Hausfrau: der Gymnasialdirektor Sonin, der Anwalt Kleist und der Architekt Brandt. Au�erdem hatte Bubenzow seinen Sekret�r Selig mitgebracht.�</p><p>�Wird wohl so sein�, sagte Berditschewski wieder, w�hrend er schnell mit dem Bleistift kritzelte. �Und Sie verd�chtigen nat�rlich vor allem Schirjajew und in zweiter Linie Telianow?�</p><p>�Nicht so schnell.� Lagrange l�chelte entz�ckt. �Ich mag den Kreis der Verd�chtigen noch nicht einengen. Nehmen wir nur die Damen. Die F�rstin Telianowa war die Zielscheibe des gestrigen Skandals. Wenn sie den Mord auch nicht selbst begangen hat, kann sie Anstifterin oder Beteiligte gewesen sein; ich komme darauf zur�ck. Nun zu Madame Lissizyna.�</p><p>Pelagia erstarrte, ohne das Photo der Nackten am Strand fertig zusammengef�gt zu haben.</p><p>�Eine h�chst ungew�hnliche Person. Man wei� nicht, was sie so lange in Sawolshsk macht. Angeblich ist sie hergekommen, um ihre Schwester wiederzusehen, eine Nonne. Warum treibt sie sich dann auf B�llen und in Salons herum? �berall geht sie hin, alle kennen sie. Sie ist lebhaft, kokett, verdreht den M�nnern den Kopf. Nach allem zu urteilen, eine Abenteurerin.�</p><p>Berditschewski schielte verlegen zu Pelagia, doch die tat, als h�tte sie nichts geh�rt, sie besch�ftigte sich konzentriert mit ihren Schnipseln.</p><p>�Heute fr�h habe ich eine telegraphische Anfrage an das Departement geschickt, ob Polina Andrejewna Lissizyna vielleicht in irgendeinen Fall verwickelt gewesen sei. Und was meinen Sie? Sie war, und gleich dreimal! Vor drei Jahren in Perm, als der M�nch Pafnuti ermordet wurde. Voriges Jahr in Kasan, als die wundert�tige Ikone geraubt wurde, und schlie�lich in Samara, als es um den Untergang des Dampfers �Swjatogor� ging. In allen drei F�llen trat sie vor Gericht als Zeugin auf. Wie finden Sie das?�</p><p>Berditschewski blickte wieder zu der Nonne, aber nicht verlegen, sondern fragend.</p><p>�Ja, interessant�, gab er zu. �Aber wir haben ja schon festgestellt, dass eine Frau f�r diesen Mord nicht in Frage kommt.�</p><p>�Trotzdem ist Lissizyna teuflisch verd�chtig. Aber egal, das kl�ren wir noch. Und jetzt kommen wir zu den Verd�chtigen ersten Grades, das hei�t, zu denen, die Poggio seit langem kennen und Grund hatten oder haben konnten, ihn zu hassen.� Lagrange hob den Zeigefinger. �An erster Stelle nat�rlich Schirjajew. Er liebt die Gr�fin Telianowa bis zum Wahnsinn und ist schon w�hrend der Vernissage auf Poggio losgegangen, man konnte ihn kaum von ihm wegrei�en. Der zweite ist ihr Bruder, Pjotr Telianow.� Der Polizeimeister hob den Mittelfinger. �Hier ist wahrscheinlich auch verletzte Eitelkeit im Spiel. Telianow hat sp�ter als alle anderen begriffen, dass seiner Schwester ein schwerer Schimpf angetan wurde, und stand damit als Dummkopf oder Feigling da. Er ist ein unausgeglichener junger Mensch mit schlechten Neigungen. Er steht unter �ffentlicher Aufsicht, und ich traue diesem Nihilisten jede Schurkerei zu. Wenn er sogar schon nach den Grundlagen des Staates ausgeholt hat, was soll ihm da ein Menschenleben wert sein? Und hier w�re es sogar in gewissem Sinne entschuldbar � er trat f�r die Ehre seiner Schwester ein. Aber das ist noch nicht alles.� Zu den zwei Fingern gesellte sich der Ringfinger, freilich eingebogen. �Sytnikow. Ein verschlossener Herr, aber mit Leidenschaften. Nach meinen Informationen ist er keineswegs gleichg�ltig gegen�ber den Reizen der Telianowa. Und da haben Sie auch schon das Motiv � Eifersucht auf den erfolgreicheren Rivalen, Sytnikow w�rde nie als R�uber in der Nacht auftreten, das w�re unter seiner W�rde, aber einen seiner Leute losschicken, das br�chte er wohl fertig. Seine Angestellten sind s�mtlich Altgl�ubige. B�rtig, finster, gegen die Macht eingestellt.� Die Idee von den altgl�ubigen M�rdern schien nach Lagranges Geschmack zu sein. �Ja, durchaus m�glich. Man wird es Bubenzow melden m�ssen.�</p><p>�Apropos Bubenzow�, bemerkte Berditschewski mit harmloser Miene. �Da ist ja auch nicht alles klar. Man behauptet, die F�rstin Telianowa habe Poggio nicht einfach so verlassen, sondern wegen Bubenzow.�</p><p>�Humbug.� Der Polizeimeister schwenkte die Hand mit gespreizten Fingern. �Weibertratsch. Mag ja sein, dass die Telianowa sich nach Bubenzow verzehrt, kein Wunder, er ist ja auch ein besonderer Mann. Aber sie ist ihm v�llig gleichg�ltig. Auch wenn fr�her zwischen ihnen was gewesen sein sollte. Wo ist das Motiv? Eifersucht auf eine Geliebte, die ihm nichts bedeutet und die er loswerden m�chte? Deswegen einen Mord begehen? Das gibt es nicht, Matwej Benzionowitsch.�</p><p>Berditschewski musste zugeben, dass Lagrange Recht hatte.</p><p>�Wie gehen wir nun vor?�, fragte er.</p><p>�Ich meine, f�r den Anfang w�re es nicht schlecht, alle drei gr�ndlich zu verh�ren . . .�</p><p>Der Polizeimeister sprach nicht weiter, denn er sah etwas abseits die Nonne stehen. Die Photoschnipsel lagen, s�uberlich zu Quadraten geordnet, auf dem Fu�boden l�ngs der Wand.</p><p>�Was haben Sie denn hier zu suchen?�, rief er gereizt. �Packen Sie das zusammen und gehen Sie. Noch besser, Sie fegen den ganzen M�ll hier zusammen.�</p><p>Pelagia verneigte sich schweigend und stieg hinauf in den ersten Stock.</p><p>Die Polizeibeamten, welche die Haussuchung durchgef�hrt hatten, sa�en im Laboratorium und rauchten Papirossy.</p><p>�Na, Schwesterchen?�, sagte fr�hlich der Polizist mit dem faltigen Gesicht. �Was verloren?�</p><p>Die Nonne sah, dass die Glasscherben eingesammelt und geordnet worden waren wie die Schnipsel im Salon. Der Spa�vogel war ihrer Blickrichtung gefolgt und bemerkte:</p><p>�Da sind welche bei, die Sie nicht ansehen sollten. Er war ein lebenslustiger Herr, dieser Poggio. Schade, dass die Bilder nicht wiederherzustellen sind.�</p><p>Pelagia fragte:</p><p>�Sagen Sie, mein Herr, gibt es hier eine Photoplatte mit dem Titel �Ein regnerischer Morgen�?�</p><p>Der Polizist h�rte auf zu l�cheln und zog verwundert die Brauen hoch.</p><p>�Seltsam, Schwester, dass Sie danach fragen. In dem Verzeichnis hier steht �Ein regnerischer Morgen�, aber die Platte haben wir nicht gefunden. Keinen Splitter. Wahrscheinlich war er damit unzufrieden und hat sie weggeworfen. Was wissen Sie dar�ber?�</p><p>Pelagia schwieg, die r�tlichen Brauen zusammengezogen. Sie �berlegte.</p><p>�Also, was ist denn nun mit dem �Regnerischen Morgen?�, beharrte der Faltige.</p><p>�St�ren Sie nicht, mein Sohn, ich bete�, antwortete die Nonne zerstreut, drehte sich um und stieg hinunter.</p><p>Im Salon n�mlich fehlte das Photo mit diesem Titel. Alle aus den Schnipseln zusammengesetzten Bilder entsprachen den an den W�nden gebliebenen Titeln, selbst die drei mit der nackten Unbekannten, die den Skandal ausgel�st hatten. Von der Aufnahme aber, die den unauff�lligen Titel �Ein regnerischer Morgen� trug, war nicht das winzigste Fragment vorhanden.</p><p>�Und doch muss Bubenzow auch vernommen werden!�, h�rte sie, als sie den Salon betrat.</p><p>Berditschewski und Lagrange schienen sich �ber den Kreis der Verd�chtigen nicht einigen zu k�nnen.</p><p>�Einen solchen Mann durch Zweifel zu beleidigen! Besinnen Sie sich, Herr Berditschewski! Nat�rlich unterstehe ich Ihnen, aber . . . Was willst du denn noch?�, schnauzte der Polizeimeister Pelagia an.</p><p>�Man muss alle zusammenholen, die gestern hier waren, und gemeinsam f�r das Seelenheil des verschiedenen Gottesknechts beten�, sagte sie und sah Lagrange mit ihren gl�nzenden braunen Augen dem�tig an. �Vielleicht wird der Unmensch von Reue erfasst.�</p><p>�Raus hier!�, blaffte Lagrange. �Weshalb haben Sie sie �berhaupt mitgebracht?�</p><p>Berditschewski nickte Pelagia unbemerkt zu und nahm den Polizeimeister beim Ellbogen.</p><p>�Ich wei�, was zu tun ist. Beten bringt nat�rlich nichts, aber eine Gegen�berstellung w�re als Untersuchungsexperiment gar nicht schlecht. Wir holen alle gestrigen Teilnehmer zusammen, angeblich um zu rekonstruieren, wer wann wo war und was er gesagt hat. . .�</p><p>�Ausgezeichnet!�, griff Lagrange auf. �Sie haben gro�es kriminalistisches Talent! Und die F�rstin Telianowa muss unbedingt dabei sein. Allein ihr Anblick wird die Kampfh�hne wieder in Rage bringen, und dann verr�t sich der M�rder. Das Verbrechen ist ja nicht kaltbl�tig, sondern im Affekt begangen worden. Ein leidenschaftlicher Mensch kann sich nicht beherrschen. Heute Abend holen wir sie zusammen. Und ich verliere keine Zeit und �berpr�fe die Alibis der Hauptverd�chtigen.�</p><p>�Vergessen Sie auf keinen Fall Bubenzow.�</p><p>�Sie schaffen mich noch, Matwej Benzionowitsch, Sie schneiden einem Ihnen ergebenen Menschen ohne Messer ins Herz�, klagte Lagrange bitter. �Und wenn er mir dann b�se ist?�</p><p>�Passen Sie auf, dass ich Ihnen nicht b�se werde�, antwortete Berditschewski leise.</p><p>Alles wurde genauso arrangiert wie bei der ungl�cksseligen Soiree, sogar mit H�ppchen und Wein (nat�rlich nicht Champagner, das w�re �bertrieben gewesen). Der gl�ckliche Gedanke, aus der erniedrigenden polizeilichen Prozedur einen Gedenkabend f�r Arkadi Poggio zu machen, war der Postmeistersgattin Olimpiada gekommen, die sich heute noch mehr als Geburtstagskind f�hlte als tags zuvor. Als sie am Morgen von der Trag�die erfuhr, war sie nat�rlich zun�chst erschrocken und hatte sogar nach Frauenart den armen Poggio bedauert, auch ein paar Tr�nen vergossen, doch etwas sp�ter, als klar wurde, dass der skandal�se Ruhm ihrer Soiree ihre k�hnsten Erwartungen �bertraf und die wichtigsten Ereignisse wom�glich noch bevorstanden, war ihre Trauer wie weggeblasen, und sie nutzte die zweite Tagesh�lfte, um das schwarze Moirekleid herzurichten, das seit der letzten Beerdigung eingemottet im Schrank hing.</p><p>Zu dieser neuen Soiree waren beinahe dieselben Leute erschienen, diesmal nicht eingeladen, sondern vorgeladen. Aus begreiflichen Gr�nden fehlte Arkadi Poggio, ihn ersetzten der stellvertretende Staatsanwalt und der Polizeimeister. Au�erdem war im Gegensatz zum Vortag von Anfang an die F�rstin Naina Telianowa anwesend, die eine offizielle Benachrichtigung bekommen hatte und p�nktlich um neun eingetroffen war, obwohl Lagrange bef�rchtet hatte, sie unter Bewachung herschaffen zu m�ssen.</p><p>Die Verursacherin des Ungl�cks (die meisten Anwesenden hielten sie daf�r) stellte mit ihrer Ankunft die Hausfrau sofort in den Schatten. Sie war heute noch sch�ner als sonst. Das lila Trauerkleid stand ihr vorz�glich, die langen schwarzen Handschuhe betonten die Schlankheit ihrer Arme, und die samtigen Augen verstr�mten ein besonderes, geheimnisvolles Licht. Ihr war nicht die geringste Verlegenheit anzumerken, im Gegenteil, sie benahm sich wie die K�nigin, um derentwillen dieser Leichenschmaus veranstaltet wurde.</p><p>Der Hauptverd�chtige war still, schweigsam und v�llig ver�ndert. Polina Lissizyna bemerkte verwundert, dass sein Gesicht heute bes�nftigt und sogar zufrieden aussah.</p><p>Daf�r str�ubte F�rst Pjotr Telianow sozusagen alle Stacheln wie ein Igel, lie� st�ndig Sottisen gegen die Vertreter der Macht los, emp�rte sich lautstark �ber das sch�ndliche Spektakel und wandte sich demonstrativ von seiner Schwester ab, um zu zeigen, dass er mit ihr nichts zu tun haben wollte.</p><p>Von den �brigen Teilnehmern fiel Krasnow auf, der unentwegt schluchzte und sich in ein gewaltiges Tuch schn�uzte. Zu Beginn des Abends hatte er den Wunsch ge�u�ert, eine Ode zum Ged�chtnis des Toten vorzutragen, konnte aber nur zwei Strophen zu Geh�r bringen, da Berditschewski die Deklamation wegen Unangebrachtheit unterband. Die Strophen gingen so:</p><p>Starb in der Bl�te seiner Jahre,</p><empty-line/><p>Magier der Linse und des Lichts.</p><empty-line/><p>Des Schicksals Schwert, es blitzte blutig,</p><empty-line/><p>Gehorsam dem Befehl des Henkers.</p><p>Und Gottes lebensvolle Flamme,</p><empty-line/><p>Sie leuchtet nun niemandem mehr,</p><empty-line/><p>Und voll Entsetzen sank die Erde</p><empty-line/><p>In allertiefste Finsternis.</p><p>Bubenzow kam wieder als Letzter und wieder ohne Entschuldigung � wie denn auch, Lagrange erging sich in wortreichen Rechtfertigungen und bat um Verzeihung, dass er einen so besch�ftigten Menschen von seinen staatswichtigen Aufgaben abhielt.</p><p>�Nicht doch, Sie tun nur Ihre Pflicht�, warf Bubenzow gelangweilt hin, lie� sich von seinem Sekret�r einen Aktendeckel geben und nahm in einem Sessel Platz. �Ich hoffe nur, dass es nicht lange dauert.�</p><p>�Noch gestrigen Tags sprach er mit euch, und pl�tzlich kam ihm die schreckliche Todesstunde. Denn wir alle werden verschwinden, werden sterben, Kaiser gleichwie F�rsten, Reiche gleichwie Arme, das ganze Menschengeschlecht�, sprach Tichon Selig gef�hlvoll, und nach diesen traurigen Worten begann eigentlich das Experiment.</p><p>Lagrange packte den Stier bei den H�rnern.</p><p>�Meine Damen und Herren, ich darf Sie in den Salon bitten�, sagte er und �ffnete die T�r zum Nebenzimmer.</p><p>Genau wie am Abend zuvor begaben sich die G�ste in den Ausstellungsraum. Allerdings hingen da heute keine Bilder, nur die Papierstreifen mit den Titeln der unwiederbringlich verlorenen Kunstwerke waren geblieben.</p><p>Lagrange zeigte auf den Titel �An der Meeresbucht�.</p><p>�Ich hoffe, Sie alle erinnern sich an die drei Photographien einer entbl��ten Frau, die hier, hier und hier gehangen haben�, begann er und stie� den Zeigefinger dreimal gegen die leere Tapete.</p><p>Die Antwort war Schweigen.</p><p>�Ich wei�, das Gesicht des Modells war auf keinem der Bilder vollst�ndig zu sehen, aber ich w�nsche, dass Sie mit vereinten Bem�hungen versuchen, einige Z�ge zu rekonstruieren. Es w�re f�r die Untersuchung enorm wichtig, diese Frau zu identifizieren. Aber vielleicht kennt sie einer der Anwesenden?�</p><p>Der Polizeimeister starrte die F�rstin Telianowa an, doch die bemerkte den pr�fenden Blick gar nicht, denn sie guckte nicht auf den Sprecher, sondern auf Bubenzow. Der aber stand abseits und studierte konzentriert ein Papier.</p><p>�Nun gut�, sagte Lagrange drohend. �Dann gehen wir den langsamen und taktlosen Weg. Wir rekonstruieren das Aussehen des Modells in Teilen, und zwar in den Teilen, die gew�hnlich unter der Kleidung verborgen sind, denn �ber das Gesicht werden wir kaum viel erfahren. Trotzdem, beginnen wir mit dem Kopf. Welche Farbe hatten die Haare der Person?�</p><p>�Sie waren hell, mit einem goldenen Schimmer�, sagte die Gattin des Adelsmarschalls. �Sehr dicht und ein wenig gelockt.�</p><p>�Ausgezeichnet.� Der Polizeimeister nickte. �Ich danke Ihnen, Jewgenia Anatoljewna. Ungef�hr so?� Er zeigte auf die L�ckchen, die unter Naina Telianowas Hut hervorschauten.</p><p>�Sehr gut m�glich�, lispelte die Gr�fin err�tend.</p><p>�Und der Hals? Was ist zu dem zu sagen?�, fragte Lagrange und seufzte mit der Miene eines Menschen, dessen Geduld zu Ende geht. �Danach reden wir eingehend �ber die Schultern, den R�cken, die B�ste, den Bauch, die Beine. Und die sonstigen Teile der Figur, einschlie�lich der H�ften und Pobacken, ohne die geht es nicht.�</p><p>Lagranges Stimme wurde drohend, und das peinliche Wort Pobacken sprach er singend, mit besonderem Nachdruck.</p><p>�Aber vielleicht brauchen wir das alles gar nicht?�, wandte er sich unverbl�mt an die F�rstin Telianowa.</p><p>Die l�chelte ruhig, sie genoss sichtlich die auf sie gerichteten Blicke und die allgemeine Verlegenheit. Sie zeigte nicht das geringste Anzeichen der Schamhaftigkeit, die sie am Vorabend fast zum Weinen gebracht h�tte.</p><p>�Nun, mal angenommen, Sie fragen als N�chstes nach der Brust und den Pobacken�, sagte sie achselzuckend. �Und weiter? Wollen Sie alle Frauen des Gouvernements nackend ausziehen, um sie zu identifizieren?�</p><p>�Wieso denn alle?�, zischte Lagrange. �Nur die Verd�chtigen. Und das Ausziehen brauchen wir nicht, wozu solch ein Skandal? Es wird gen�gen, ein paar besondere Merkmale zu vergleichen. Ich f�hre ja diese Befragung aus formalen Gr�nden und zur nachfolgenden Protokollierung durch, dabei habe ich schon mit etlichen der Anwesenden gesprochen und wei�, dass die uns interessierende Person auf der rechten Pobacke zwei auff�llige Muttermale und unterhalb der Br�ste einen hellen Pigmentfleck von der Gr��e einer Halbrubelm�nze hat. Sie ahnen ja nicht, F�rstin, wie aufmerksam ein M�nnerauge solche Einzelheiten wahrnimmt.�</p><p>Das war auch f�r die unbeugsame Naina zu viel, sie lief puterrot an und wusste nichts zu sagen.</p><p>Da kam ihr Frau Lissizyna zu Hilfe.</p><p>�Ach, meine Herren, warum reden wir immer nur von denselben Photographien!�, zwitscherte sie, bem�ht, von dem anst��igen Thema abzulenken. �Hier waren doch so viele wunderbare Landschaften! Dort zum Beispiel hing eine fabelhafte Arbeit, die mich sehr beeindruckt hat. Erinnern Sie sich? Sie hie� �Ein regnerischer Morgen�. So etwas Expressives, so ein Spiel von Licht und Schatten!�</p><p>Berditschewski warf der Dame, die sich so unpassend eingemischt hatte, einen missvergn�gten Blick zu, und Lagrange zog gar drohend die Brauen zusammen und schien die Zwitscherin zur Ordnung rufen zu wollen, aber daf�r war Naina Telianowa �ber den Themenwechsel sichtlich erfreut.</p><p>�Aber ja, �ber dieses interessante Bild h�tten wir reden sollen!�, rief sie und lachte b�se, schien auf etwas anzuspielen. �Ich habe es gestern genau betrachtet, jedoch nicht weil es so expressiv war. Meine liebwerte Dame, das Bemerkenswerteste daran war durchaus nicht das Spiel von Licht und Schatten, sondern ein interessantes Detail . . .�</p><p>�Aufh�ren!�, br�llte Lagrange, er verf�rbte sich dunkelrot. �Es wird Ihnen nicht gelingen, mich in die Irre zu f�hren! All das Herumgerede bringt nichts, wir verschwenden nur Zeit.�</p><p>�So ist es�, sprach Selig. �Es steht geschrieben: Die Seligen halten sich die Ohren zu, auf dass sie das Ungute nicht h�ren. Und es steht geschrieben: Bist du unter Unvern�nftigen, so h�te deine Zeit.�</p><p>�Ja, Lagrange, Sie verschwenden wirklich Zeit�, sagte pl�tzlich Bubenzow und blickte von seinem Papier auf. �Ich wei� nicht, was ich zuerst machen soll, und Sie veranstalten hier solch ein Melodram. Sie haben mir doch vorhin gemeldet, Sie h�tten einen sicheren Beweis. Legen Sie ihn vor, und fertig.�</p><p>Nach diesen Worten warf Berditschewski, der weder von einem sicheren Beweis noch von Lagranges Absprache mit Bubenzow Kenntnis hatte, dem Polizeimeister einen w�tenden Blick zu. Der wurde verlegen und wusste nicht, vor wem er sich in erster Linie rechtfertigen sollte.</p><p>�Meine Herren�, sagte er, �ich wollte vor allem anschaulich die Logik des Verbrechens aufzeigen. Und aus Barmherzigkeit dem T�ter die Chance geben, ein Gest�ndnis abzulegen. Ich dachte, wir stellen jetzt fest, dass die Photographien die F�rstin Telianowa abbilden, dann braust Schirjajew auf, tritt f�r sie ein und gesteht. . .�</p><p>Alle �chzten auf und wichen vor Schirjajew zur�ck. Er stand wie festgewachsen, bewegte nur den Kopf nach rechts und links.</p><p>�So?�, bedr�ngte Berditschewski den Polizeimeister. �Sie haben also einen sicheren Beweis gegen Schirjajew?�</p><p>�Matwej Benzionowitsch, ich habe noch nicht melden k�nnen�, stammelte Lagrange, �das hei�t, es ging mir um den Effekt, Entschuldigung.�</p><p>�Was soll denn das? Reden Sie zur Sache!�, fuhr Berditschewski ihn an.</p><p>Lagrange wischte sich den Schwei� von der Stirn.</p><p>�Was soll ich reden, der Fall ist klar. Schirjajew ist in die F�rstin Telianowa verliebt und hat davon getr�umt, sie zu heiraten. Da aber erscheint der Herzensbrecher Poggio aus der Hauptstadt. Er verdreht ihr den Kopf, verf�hrt sie. Es ist ganz klar, dass sie es war, die ihm f�r die Nacktaufnahmen posierte. Schirjajew hat schon seit einiger Zeit von Poggios Beziehungen zu der F�rstin gewusst oder es zumindest geahnt, aber sich etwas vorzustellen ist etwas anderes als ein anschaulicher Beweis, noch dazu so skandal�ser Art. Die Beweggr�nde f�r Poggios unanst�ndige Handlungsweise will ich nicht beurteilen, denn sie haben mit dem hier zu untersuchenden Verbrechen nicht unmittelbar zu tun. Gestern hat sich Schirjajew vor aller Augen mit den F�usten auf den Beleidiger gest�rzt und w�rde ihn wohl gleich hier totgeschlagen haben, wenn man ihn nicht weggezogen h�tte. Darauf hat er die Nacht abgewartet, ist in die Wohnung eingedrungen und hat die Sache zu Ende gef�hrt. Und aus noch ungestillter Rachsucht s�mtliche Schaffensfr�chte seines Feindes zerst�rt, auch den Apparat, mit dessen Hilfe Poggio ihm, Schirjajew, die schwere Beleidigung zuf�gte.�</p><p>�Aber all das haben wir doch schon besprochen�, sagte Berditschewski unzufrieden. �Diese Version ist wahrscheinlich, beruht jedoch nur auf Mutma�ungen. Wo bleibt der �sichere Beweis�?�</p><p>�Matwej Benzionowitsch, ich hatte Ihnen versprochen, die Alibis aller Hauptverd�chtigen zu �berpr�fen. Damit haben sich meine Agenten heute besch�ftigt. F�rst Telianow hat sich gestern volllaufen lassen, er hat bis tief in die Nacht geweint und geschrien, und dann haben seine Diener ihm Bouillon zu trinken gegeben. Das ist ein Alibi. Herr Sytnikow ist von hier direkt in die Warschawskaja-Stra�e gefahren, in das Etablissement der Madame Gruber, und war dort bis zum Morgen in Gesellschaft einer gewissen Semfira, die laut Pass Matrjona Sitschkina hei�t. Das ist auch ein Alibi.�</p><p>�Sieh mal an, der Altgl�ubige�, sagte Bubenzow und stie� einen Pfiff aus. �Ich m�chte wetten, dass Semfira Sitschkina eine gewisse �hnlichkeit mit Naina Telianowa hat, nach der sich Seine Ehren seit langem die Finger leckt.�</p><p>Sytnikow, best�rzt �ber diese Wendung, schwieg, aber er warf Bubenzow einen Blick zu, aus dem klar wurde: Der scharfsinnige Psychologe hatte sich nicht geirrt.</p><p>�Nun, und was Herrn Schirjajew betrifft�, spielte der Polizeimeister seinen Trumpf aus, �so hat er kein Alibi. Mehr noch, es wurde glaubhaft festgestellt, dass er zur Nacht nicht nach Drosdowka zur�ckkehrte, in keinem Hotel der Stadt �bernachtete und auch keinen seiner hiesigen Bekannten aufsuchte. Gestatten Sie also die Frage�, wandte er sich schroff an Schirjajew, �wo und wie haben Sie die letzte Nacht verbracht?�</p><p>Schirjajew senkte den Kopf und schwieg. Seine Brust hob sich schwer.</p><p>�Das ist der sichere Beweis, der einem Gest�ndnis gleichkommt.�</p><p>Lagrange wies mit einer theatralischen Geste auf den �berf�hrten Verbrecher. Dann klatschte er dreimal laut in die H�nde.</p><p>Herein kamen zwei Polizisten, die offensichtlich schon vorher informiert worden waren, denn sie traten sofort zu Schirjajew und nahmen ihn bei den Armen. Er zuckte mit dem ganzen K�rper, sagte aber auch jetzt nichts.</p><p>�In die Verwaltung bringen�, gebot Lagrange. �In die Zelle f�r Adlige. Ich komme mit Herrn Berditschewski, ihn verh�ren.�</p><p>Schirjajew wurde zum Ausgang gef�hrt. Er blickte immer wieder zur�ck zu der F�rstin, und sie sah ihn mit einem sonderbaren L�cheln an, ungewohnt sanft und beinahe z�rtlich. Zwischen ihnen war kein Wort gewechselt worden.</p><p>�Sie sehen�, sagte Lagrange bescheiden, vor allem an Bubenzow und Berditschewski gewandt, �die Untersuchung hat wirklich nicht lange gedauert. Meine Damen und Herren, ich danke allen f�r die Mithilfe und bitte um Entschuldigung, falls ich Ihnen unangenehme Momente bereitet habe.�</p><p>Diese zur�ckhaltenden und vornehmen Worte waren so erhaben gesprochen, wie es der Moment erforderte, und als jetzt Naina Telianowa das Wort nahm, glaubten zun�chst alle, dass sie Lagrange meinte.</p><p>�Das ist ein edler Mann, nicht wie die anderen�, sagte sie nachdenklich, wie f�r sich, doch dann hob sie die Stimme: �Schade, meine Herren Gesetzesh�ter, Sie werden Stepan Trofimowitsch freilassen m�ssen. Ich wollte ihn pr�fen � ob er es sagt oder nicht. Denken Sie nur, er hat es nicht gesagt! Ich bin sicher, er w�rde eher in die Zwangsarbeit gehen, als es preiszugeben. Stepan Trofimowitsch hat keinen Mord begangen, denn er war die ganze letzte Nacht bei mir. Wenn meine Aussage Ihnen nicht gen�gt, k�nnen Sie ja das Zimmerm�dchen fragen. Als er gestern mit den F�usten f�r meine Ehre eintrat, hat es mir innerlich einen Ruck gegeben . . . Aber das geht Sie nichts an. Warum klappern Sie mit den Augen?�</p><p>Sie lachte sehr unangenehm und warf Bubenzow einen seltsamen Blick zu, herausfordernd und zugleich flehend. Der l�chelte schweigend, wie in Erwartung weiterer Gest�ndnisse. Als klar wurde, dass alles gesagt, das Untersuchungsexperiment fehlgeschlagen war und Lagrange, v�llig best�rzt, die Sprache verloren zu haben schien, fragte Bubenzow sp�ttisch die Vertreter der Macht:</p><p>�Na, ist das Konzert beendet? K�nnen wir gehen? Unterleibchen, bring mir den Havelock.�</p><p>Der Sekret�r schl�pfte sogleich hinaus, kam wieder herein und reichte seinem Gebieter den leichten Samthavelock und die Schirmm�tze.</p><p>�Habe die Ehre.� Bubenzow verbeugte sich sardonisch und begab sich zum Ausgang.</p><p>Von hinten sah er in seinem eleganten Aufputz genauso aus wie der geckenhafte Gardist, der er vor kurzem noch gewesen war.</p><p>�Derselbe Havelock�, sagte Naina Telianowa laut. �Dieselbe Schirmm�tze. Wie sie im Mondlicht geblinkt hat. . .�</p><p>Es war nicht zu erkennen, ob das Fr�ulein die untr�stliche Ophelia spielte oder ob sie wirklich den Verstand verloren hatte und wirr redete.</p><p>�Wir verlassen euren fauligen Sumpf. Vielleicht heiraten wir, und ich bekomme sogar Kinder. Dann wird mir alles verziehen�, fuhr die F�rstin mit ihrem Unsinn fort. �Aber zuerst m�ssen die Schulden beglichen werden, damit alles gerecht zugeht. Nicht wahr, Wladimir Lwowitsch?�</p><p>Bubenzow, der schon in der T�r stand, drehte sich fr�hlich verst�ndnislos zu ihr um.</p><p>Da schritt die F�rstin Telianowa majest�tisch an ihm vor�ber, wobei sie ihn mit der Schulter streifte, und verschwand im Vorzimmer. Offenbar hatte sie doch gelernt, gemessen von der B�hne abzugehen.</p><p>�Ein eisernes Fr�ulein�, sagte Sytnikow begeistert. �Ich wei� ja nicht, um wessen Schulden es geht, aber an dessen Stelle m�chte ich nicht sein.�</p><p>�Tja�, brummte Berditschewski. �Und Schirjajew werden wir freilassen m�ssen, Felix Stanislawowitsch.�</p><p>Der Polizeimeister murmelte:</p><p>�Das ist nicht gesagt. Verh�ren werden wir ihn unbedingt, auch die F�rstin und das Zimmerm�dchen. Eine verbrecherische Absprache ist denkbar. Von einer so hysterischen und unanst�ndigen Person kann man auf alle m�glichen Exzesse gefasst sein.�</p><p>Aber ihm h�rte niemand mehr zu. Die Teilnehmer des Experiments waren einer nach dem anderen gegangen.</p><p>Polina Lissizyna kehrte voller Sorgen in ihre Wohnung bei der Obristenwitwe zur�ck. Die ehrenwerte Antonina Iwanowna hatte sich gleich nach dem Abendessen zur Ruhe begeben und lag zu dieser sp�ten Stunde schon in s��en Tr�umen, und Polina war froh, nicht mit Gespr�chen und Befragungen behelligt zu werden.</p><p>In ihrem Zimmer zog sie sich rasch aus, legte dann aber kein Nachtgewand an, wie zu erwarten, sondern entnahm ihrer Reisetasche die schwarze Kutte und verwandelte sich blitzgeschwind in die dem�tige Schwester Pelagia. Auf leisen Sohlen durchquerte sie den Korridor und schl�pfte durch die K�che hinaus auf die Stra�e.</p><p>Die winddurchwehte Neumondnacht nahm die Klosterschwester willig in ihre schwarze Umarmung, und Pelagia huschte, ein kaum erkennbarer Schatten, an den schlafenden H�usern entlang.</p><p>Vom Standpunkt Pelagias war das �Untersuchungsexperiment� des Polizeimeisters sehr n�tzlich gewesen, so n�tzlich, dass es dringend notwendig geworden war, unter vier Augen mit Naina Telianowa zu reden, jetzt gleich, ohne den n�chsten Tag abzuwarten. Die r�tselhafte Photographie mit dem Titel �Ein regnerischer Morgen� war Polina Lissizynas Ged�chtnis g�nzlich entschwunden, und doch gab ihr Gesp�r ihr ein, dass genau dort der Schl�ssel zu der h�sslichen Geschichte zu finden sein konnte. Nat�rlich w�re es einfacher gewesen, gleich nach dem Untersuchungsexperiment in der Maske der Madame Lissizyna direkt die F�rstin aufzusuchen, aber anst�ndige Damen fuhren nicht allein durch die n�chtliche Stadt und gingen erst recht nicht zu Fu�, das w�re zu auff�llig gewesen, doch auf die bescheidene Nonne achtete niemand.</p><p>Sie hatte ein ganzes St�ck zu gehen, bis zum Flussufer, wo das alte Haus stand, das die F�rstin Telianowa geerbt hatte. Mitternacht r�ckte n�her. Um diese Zeit schliefen in Sawolshsk nur die Verliebten nicht � und die Wachposten (die schliefen �brigens auch, wenngleich in ihrem Schilderhaus), darum begegnete der Nonne unterwegs keine Menschenseele.</p><p>Einen seltsamen Anblick bietet unsere friedliche Stadt in einer tr�ben Herbstnacht. Es ist, als w�re die ganze Einwohnerschaft auf den Wink einer geheimnisvollen Kraft in weite Fernen entschwunden, und geblieben w�ren nur die dunklen H�user mit den schwarzen Fenstern, die niederbrennenden Laternen und die sinnlosen Glockent�rme mit den verwaisten Kreuzen. Und wenn einen schlaflosen Menschen aus Nervenschw�che der Grusel �berkommt, kann er leicht auf die Vorstellung verfallen, dass in der Nacht in Sawolshsk die Macht gewechselt hat und bis zum Morgen, der Sonne und Licht zur�ckbringt, hier die Kr�fte der Finsternis regieren, von denen jedwede Niedertracht und Schlechtigkeit zu erwarten ist.</p><p>Scheu�lich war es in der Stadt. Menschenleer, ohne Leben, unheildrohend.</p></section><section><title><p>Nacht. Fluss</p></title><p>Als Pelagia in die Warrawkin-Gasse einbog, die zum Hause der F�rstin f�hrte, zuckte �ber den Himmel ein lautloses � und dadurch noch erschreckenderes � blendend grelles Wetterleuchten, und danach erschien die Dunkelheit so dicht, dass die Nonne unwillk�rlich stehen blieb, da sie die Umrisse der H�user nicht mehr erkennen konnte. Als sie sich ein wenig gew�hnt hatte, machte sie ein paar Schritte, und abermals ein wei�es Aufflammen, und abermals musste sie die Augen zukneifen und warten. Und jetzt drang aus weiter Ferne ein langsam grollender Donner.</p><p>Und so ging es weiter: ein, zwei Dutzend Schritte durch die tiefe Finsternis, dann das satanische Aufzucken des grellen Lichts und wieder die Schw�rze, angef�llt mit dem dumpfen Br�llen des auf die Stadt zurasenden Sturms.</p><p>Das Haus zu finden war nicht schwer. Der n�chste Blitz entriss der Dunkelheit die kleine Villa mit dem toten, zugenagelten Obergeschoss, den h�lzernen Zaun und dahinter das windgezauste Laub der B�ume. Wenn das Donnergrollen verstummte, war zu h�ren, wie irgendwo hinter dem Haus und den B�umen der aufgew�hlte Fluss ungeb�rdig rauschte. Hier ragte das Ufer besonders steil auf, und das Flussbett verengte sich auf sechshundert Meter, so dass selbst an ganz ruhigen Tagen der eingeschn�rte Strom st�rmisch und �rgerlich an der Steilk�ste vorbeisauste; bei schlechtem Wetter aber tobte und sch�umte der Fluss derma�en, dass er, gleichsam erz�rnt �ber die ihn einzw�ngende Stadt, das verhasste Ufer zu untersp�len und die Stadt in sein gischtendes Wasser zu rei�en trachtete.</p><p>Der Garten hinter dem Haus m�ndete in einen Birkenhain, in dem sich an sch�nen Abenden die Sawolshsker gern ergingen � der Blick von dort auf die Weite des Flusses war gar zu sch�n. Dieser Hain war zum Tode verurteilt, denn in einem, in zwei, h�chstens in f�nf Jahren w�rde der Fluss das Ufer so weit ausgewaschen haben, dass er das W�ldchen entwurzeln und stromab tragen w�rde bis ins Kaspische Meer, vielleicht noch weiter. Eine Welle w�rde einen voll gesogenen und salzgetr�nkten Birkenstamm ans ferne persische Gestade werfen, und dunkelh�utige Menschen w�rden sich versammeln, um das Wunder zu bestaunen. Eine der Birken hatte sich nach dem Fr�hjahrshochwasser bereits �ber den Fluss geneigt, sie hielt sich noch mit der letzten Wurzel am Ufer fest und schwebte �ber der Str�mung, anzusehen wie ein wei�er Zeigefinger. Die mutigeren Jungs schaukelten auf der Birke, und viele sagten, man m�sse den Baum hinuntersto�en, bevor ein Ungl�ck geschehe, aber das zu tun fand sich keiner.</p><p>Pelagia kr�mmte sich fr�stelnd im Wind, sie stand ein Weilchen bei der Pforte und blickte auf die dunklen Fenster des Hauses. Sie w�rde die F�rstin Naina Telianowa zu wecken haben. Das war gewiss peinlich, doch es musste sein.</p><p>Die Pforte �ffnete sich kr�chzend, die Stufen der alten Vortreppe knarrten mehrstimmig wie die Tasten eines ausgetrockneten Klaviers. Die Nonne horchte, ob von innen etwas zu h�ren war. Stille. Wenn nun niemand zu Hause war?</p><p>Entschlossen bet�tigte sie den Messingklopfer, der das Gl�ckchen ersetzte. Und horchte wieder.</p><p>Doch, es war jemand da � sie h�rte eine Stimme, oder quietschte eine T�rangel?</p><p>�Machen Sie auf!�, schrie die Nonne. �Ich bin�s, Schwester Pelagia vom Klosterhof!�</p><p>War sie geh�rt worden? Kein Laut.</p><p>Sie r�ttelte an der T�r, die war verriegelt. Also war jemand zu Hause, schlief jedoch und h�rte nicht. Oder h�rte doch, wollte aber niemanden einlassen?</p><p>Pelagia klopfte weiter, um zu zeigen, dass sie nicht unverrichteter Dinge gehen w�rde. Der Messingb�gel schlug so laut, dass die Hausfrau oder das Zimmerm�dchen auf-wachen musste.</p><p>Und wieder kam aus der Tiefe des Hauses, schon deutlicher, eine leise, irgendwie rufende Stimme. Jemand schien ein paar T�ne zu singen und wieder zu verstummen.</p><p>Das war sehr sonderbar.</p><p>Pelagia stieg die Vortreppe hinunter und blickte zu den Fenstern. Wie zu erwarten, waren sie angelehnt, der Abend vor dem Gewitter war schw�l gewesen. Die Nonne raffte ihr Gewand fast bis zum G�rtel, stieg auf einen Vorsprung, hielt sich am Fensterbrett fest und stie� das Fenster auf.</p><p>Aber sie konnte nichts sehen, drinnen war es stockfinster.</p><p>�Hallo!�, rief Pelagia furchtsam. �Ist jemand da? Naina Georgijewna, sind Sie da? Naina Georgijewna!�</p><p>Keine Antwort, nur der Fu�boden knarrte leise � da ging jemand, oder das Haus seufzte.</p><p>Die Schwester bekreuzigte sich, und in diesem Moment entlud sich der Himmel in einem glei�enden Blitz, und das Zimmer war so hell beleuchtet wie an einem sonnigen Mittag. Das dauerte nur eine Sekunde, aber es gen�gte Pelagia, um einen kleinen Salon zu erkennen und mittendrin auf dem Fu�boden etwas Wei�es, L�ngliches.</p><p>�Heilige Mutter Gottes, erbarme dich�, murmelte Pelagia und stieg �ber das Fensterbrett.</p><p>Von wegen �eisernes Fr�ulein�! Sie war nach Hause gekommen und � in Ohnmacht gefallen. Kein Wunder nach den Ersch�tterungen. Aber wo war das Zimmerm�dchen?</p><p>Pelagia hockte sich hin, tastete mit den H�nden, ber�hrte etwas Warmes. Das d�nne Gewebe eines Hemdes, eine weiche Brust, ein Gesicht. Pelagia entnahm ihrer G�rteltasche Phosphorz�ndh�lzer und riss eines an.</p><p>Es war nicht Naina Telianowa, sondern ein unbekanntes rundgesichtiges M�dchen � barh�uptig, im Nachthemd, ein Tuch �ber die Schultern geworfen. Wahrscheinlich das Zimmerm�dchen. Die Augen waren geschlossen, der Mund stand etwas offen. Die Haare sahen seltsam aus, an den Enden hell, doch oben, �ber der Stirn, schwarz und gl�nzend. Pelagia fasste hin � und zog die Hand mit einem Schrei zur�ck. Nass. Ihre Finger sahen nun auch schwarz aus. Blut!</p><p>Das Z�ndholz erlosch, und Pelagia wich auf allen vieren zur�ck zum Fenster. Die Brille fiel leise klirrend zu Boden, aber nach ihr suchen mochte sie nicht.</p><p>Aus dem Fenster klettern und Hals �ber Kopf weglaufen von diesem schrecklichen schweigsamen Haus!</p><p>Aber da war wieder der Laut von vorhin � die leise, gleichsam rufende Stimme. Nur war jetzt zu h�ren, dass es kein Rufen und kein Singen war, sondern ein schwaches St�hnen. Es kam aus dem dunklen Innern des Hauses, und da konnte sie nicht davonlaufen.</p><p>Mit stockendem Herzen richtete sich Pelagia auf, zeichnete ein winziges Kreuz �ber ihre linke Brusth�lfte und betete in Gedanken zu ihrer Schutzpatronin, der heiligen Pelagia, die sie nur in �u�erster Not anzurufen pflegte:</p><p>�Bitte Gott f�r mich, heilige Gottesdienerin Pelagia, an die ich mich voll Inbrunst wende, hilf mir und bete f�r meine Seele . . .�</p><p>Und da half ihr die Gottesdienerin, die sch�ne R�merin, die verbrannt worden war. Ein schwaches Wetterleuchten erhellte f�r einen Moment die Finsternis, und Pelagia erblickte auf dem Fensterbrett einen Messingleuchter mit einer Kerze. Das war ein gutes Zeichen, es kr�ftigte ihre Seele.</p><p>Das erste Z�ndholz zerbrach in ihren zitternden Fingern, das zweite auch, erst das dritte setzte die Kerze in Brand, und die Nonne konnte jetzt Umschau halten.</p><p>Das Erste, was ihr ins Auge fiel, war ein deutlicher Stiefelabdruck auf dem Fensterbrett mit der Spitze nach innen. Pelagia wandte dem Fenster den R�cken zu und hob die Hand mit dem Leuchter h�her. Jetzt war zu sehen, dass der Kopf des Zimmerm�dchens in einer dunklen Lache lag. Die verlorene Brille blinkte. Pelagia hob sie auf, fand das linke Glas gesprungen, hatte aber keine Zeit, sich zu �rgern.</p><p>Folgendes Bild zeichnete sich ab. In der Nacht, als im Hause schon alles schlief, war jemand durchs Fenster eingestiegen und hatte wohl L�rm gemacht. Das Zimmerm�dchen war nachsehen gekommen, und der Eindringling hatte sie mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf geschlagen.</p><p>Pelagia hockte sich hin und ber�hrte mit dem Finger die Schl�fe, um die Ader zu f�hlen. Doch die pulsierte nicht, das M�dchen war tot. Die Nonne murmelte ein Gebet, aber ohne Inbrunst, sie horchte.</p><p>Wieder das St�hnen. Ganz nah, vielleicht zehn Schritte.</p><p>Sie machte einen Schritt, einen zweiten, einen dritten, bereit, beim ersten Anzeichen einer Gefahr die Kerze hinzuwerfen und zur�ckzust�rzen zum offenen Fenster.</p><p>Vor ihr war eine dunkle T�r�ffnung.</p><p>Der Korridor?</p><p>Pelagia machte noch einen Schritt und erblickte Naina Telianowa.</p><p>Die F�rstin lag im Korridor auf dem Fu�boden, gleich neben dem Salon.</p><p>Sie trug ein leichtes Neglige und ein Spitzenh�ubchen. Ein bestickter Samtpantoffel lag abseits. Weiter hinten war eine T�r zu erkennen, die wohl ins Schlafzimmer f�hrte. Aber Pelagia hatte keine Zeit, sich umzusehen, denn Nainas H�ubchen war von Blut durchtr�nkt, die gro�en Augen der Herzensbrecherin blickten starr nach oben, darin spiegelten sich zwei Lichtp�nktchen. Und dann sah die Schwester noch einen gro�en Stein, der auf dem Fu�boden lag. Unwillk�rlich dachte sie an den toten Sakussai unter dem B�umchen und bekreuzigte sich.</p><p>Naina Telianowa lebte noch, aber es ging mit ihr zu Ende, das begriff die Nonne sofort, als sie mit den Fingern den scharfen Rand der eingeschlagenen Sch�deldecke ber�hrte. Einst w�hrend ihrer Novizenzeit hatte Pelagia im Klosterspital gearbeitet, so dass sie einige medizinische Erfahrung besa�.</p><p>Die langen Wimpern zuckten, der Blick der Sterbenden richtete sich langsam, gleichsam widerwillig auf die Nonne.</p><p>�Ah, Schwester Pelagia�, sagte die F�rstin kein bisschen verwundert, sie schien sich sogar zu freuen.</p><p>Deutlich, etwas gedehnt sprechend (wie es bei Sch�delverletzungen zu sein pflegt), teilte sie mit:</p><p>�Ich sterbe jetzt.� Sprach�s und schien sich ein wenig �ber ihre Worte zu wundern. �Ich sp�re es. Aber ich habe keine Angst. Tut auch nicht weh.�</p><p>�Ich lauf los und hol Hilfe�, sagte Pelagia schluchzend.</p><p>�Nicht n�tig, es ist zu Ende. Ich mag nicht wieder allein sein im Dunkeln.�</p><p>�Wer hat das getan?�</p><p>�Ich habe ihn nicht gesehen. Da war L�rm. Ich habe gerufen, Dunjascha war still. Ich wollte nachsehen � ein Schlag. Dann nichts mehr. Sp�ter habe ich aus weiter Ferne eine Frauenstimme geh�rt, die rief: �Naina Georgijewna!� Niemand da. Dunkel. Ich dachte: Wo bin ich, was ist mit mir . . .� Ihre Mundwinkel zuckten, sie wollte wohl l�cheln. �Es ist gut, dass ich sterbe. Das Beste, was passieren kann. Und dass Sie hier sind, ist ein Zeichen, ein Gotteswunder. ER vergibt mir. Ich bin schuldig vor ihm. Ich schaff�s nicht mehr, alles zu erz�hlen, es verschwimmt. Vergeben Sie mir einfach meine S�nden. Dass Sie kein Priester sind, macht nichts, Sie sind eine geistliche Person.�</p><p>Pelagia, mit den Z�hnen klappernd, sprach die vorgeschriebenen Worte:</p><p>�Gleichwie die Regentropfen im Sommer, so schwinden m�hlich meine schlimmen und niederen Tage, errette mich, Mutter Gottes . . .�</p><p>Naina Telianowa sagte: �Erbarme dich, erbarme dich . . .�, aber immer leiser. Ihre Kr�fte lie�en unerbittlich nach. Als die Nonne das Gebet beendet hatte, konnte die F�rstin nicht mehr sprechen und l�chelte nur schwach.</p><p>Pelagia beugte sich �ber sie und fragte:</p><p>�Was war auf dem Photo? Mit dem regnerischen Morgen?�</p><p>Es schien, dass die Antwort ausbleiben w�rde. Aber nach einer Weile regten sich die blassen Lippen:</p><p>�Eine Espe . . .�</p><p>�Was f�r eine?�</p><p>�Eine le-ben-dige. Und eine Hacke.�</p><p>�Wer ist lebendig? Was f�r eine Hacke?�</p><p>Hinter Pelagia knarrte der Fu�boden, nicht so leise wie vorhin, sondern sehr vernehmlich, wie unter einem schweren Fu�.</p><p>Pelagia fuhr herum und schrie auf. Aus dem dunklen Schlafzimmer erschien langsam, wie unwirklich, wie in einem Alptraum, eine schwarze Silhouette.</p><p>�Aah!�, schrie die Nonne und lie� die Kerze fallen, die sofort erlosch.</p><p>Das rettete ihr das Leben. In der tiefschwarzen Finsternis waren rasche Schritte zu h�ren, und �ber den Kopf der hingekauerten Nonne hinweg pfiff, ihre Stirn mit einem Luftzug streifend, etwas Schweres.</p><p>Die Nonne hastete geb�ckt in den Salon. Hier war es auch stockfinster, nur die drei grauen Rechtecke der Fenster zeichneten sich undeutlich ab. Von hinten h�rte Pelagia einen keuchenden Atem und das Scharren von Schuhen auf dem gebohnerten Fu�boden. Pelagia und ihr Verfolger konnten einander nicht sehen. Aus Furcht, sich durch ein Ger�usch zu verraten, blieb sie reglos stehen und starrte in die Dunkelheit. Poch-poch-poch, h�mmerte ihr armes Herz, und dieser Trommelwirbel � so schien es Pelagia � erf�llte den ganzen Salon.</p><p>Jemand bewegte sich in der Dunkelheit, kam aus dem Korridor n�her. Die Finsternis pfiff: ssst! Und noch einmal, schon n�her: ssst!</p><p>Pelagia begriff: Der Mann schlug mit einem Kn�ppel, oder was er da hatte, aufs Geratewohl zu. Sie musste weg. Also st�rzte sie zu dem mittleren grauen Rechteck. Dabei warf sie einen Stuhl um, verw�nschte ihr ewiges Ungeschick, hielt sich aber auf den F��en. Daf�r stolperte der Verfolger, der hinter ihr hertrampelte, �ber den Stuhl und polterte zu Boden. Ein anderer w�rde aufgeschrien oder geflucht haben, doch dieser gab keinen Laut von sich.</p><p>Pelagia stieg aufs Fensterbrett, blieb aber mit der Kutte an einem Vorsprung h�ngen. Sie zog aus Leibeskr�ften, doch das derbe Gewebe gab nicht nach. Eine kr�ftige Hand packte die Nonne von hinten am Kragen, und diese Ber�hrung schien ihre Kr�fte zu verzehnfachen. Sie zerrte mit aller Gewalt, und da riss die Kutte am Saum und am Kragen � und Gott der Herr errettete sie, sie sprang nach drau�en. Ob sie sich wehgetan hatte, wusste sie nicht. Sie sp�hte nach rechts und links.</p><p>Rechts waren die Pforte und die Stra�e. Dorthin durfte sie nicht. Bis sie die Pforte ge�ffnet hatte, w�rde er sie einholen. Und selbst wenn es ihr gelang, die Stra�e zu erreichen, w�rde sie in der Kutte nicht entkommen.</p><p>Dieser Gedanke durchzuckte ihr Gehirn, und schon rannte sie nach links, hinter die Hausecke.</p><p>Von oben prasselte urpl�tzlich ein Sturzregen nieder, so dicht, dass Pelagia sich fast verschluckt h�tte. Nun war �berhaupt nichts mehr zu sehen. Sie lief durch den Garten, durch den Hain, die H�nde vorgestreckt, um nicht gegen einen Stamm zu prallen.</p><p>In der N�he schlug ein Blitz ein. Pelagia drehte sich im Laufen um und sah die wei�en St�mme, die gl�serne Wand des Regens und dahinter, zwanzig Schritte entfernt, etwas Schwarzes, Bewegliches.</p><p>Sie konnte nicht weiter. Noch ein Dutzend Schritte, dann g�hnte der Abgrund. Pelagia sah ihn nicht, aber sie sp�rte seinen Hauch. Der Fluss war in dem ohrenbet�ubend peitschenden Sturzregen nicht zu h�ren.</p><p>Vor ihr war der Abgrund, hinter ihr patschten Schritte durch die Pf�tzen, nicht mal sehr eilig, denn der Verfolger wusste genau, dass die Nonne nirgendshin mehr fliehen konnte, vielleicht f�rchtete er auch, sie k�nnte sich unter einem Busch verstecken</p><p>Links war undeutlich etwas Wei�es zu erkennen. Eine Art Finger zeigte nach vorn und ein wenig aufw�rts, dahin, wo abends der erste Stern aufzuschimmern pflegte.</p><p>Die Birke! Die �ber dem Steilhang schwebte!</p><p>Pelagia lief zu dem sterbenden Baum, lie� sich auf alle viere nieder und kroch vorw�rts, bem�ht, nicht daran zu denken, dass es unter ihr vierzig Meter in die Tiefe ging. Sie erreichte die Baumkrone, umklammerte den Stamm, schmiegte sich mit der Wange an die rauhe Rinde. War sie vom Ufer aus zu sehen oder nicht?</p><p>Nat�rlich war sie zu sehen � schwarz auf wei�!</p><p>Pelagia setzte sich mit einem Ruck auf, lie� die F��e herunterh�ngen. Sie riss sich das schwarze Tuch ab, warf es weg. Sie zog die Kutte �ber den Kopf, aber die war schwer, voll gesaugt, wollte nicht in die Dunkelheit fliegen, klebte sich an ihre Ellbogen, an ihr Kinn. Als sie endlich nachgab, nahm sie aus Rache die Brille mit. Aber was n�tzte die Brille, wenn ohnehin nichts zu sehen war?</p><p>Pelagia drehte sich mit dem Gesicht zum Ufer und lehnte sich mit dem R�cken an einen dicken abgebrochenen Ast. Sie hatte nur noch das leinene Unterhemd an und zitterte am ganzen Leibe, aber nicht vor K�lte, sondern vor Entsetzen.</p><p>�Besch�tzerin, Besch�tzerin�, fl�sterte die Nonne, und ihr fiel nicht ein, wie das Gebet an die Heilige Gottesmutter weiterging.</p><p>Der Regen �berschwemmte ihr Gesicht, Wasserstrahlen peitschten den schr�g ragenden Stamm, tief unten br�llte der Fluss, aber Pelagias angespanntes Geh�r fing auch andere Ger�usche auf.</p><p>Schl�ge von Holz gegen Holz. Schritte. Knacken von Zweigen.</p><p>Irgendwann h�rt das auf, sagte sich die Nonne. Das kann nicht ewig so weitergehen. Er wird dort noch eine Weile herumstreifen und dann gehen.</p><p>Aber die Zeit schien still zu stehen. Vielleicht ist dies das Weitende, kam es pl�tzlich der Nonne in den Sinn. Vielleicht h�rt alles auf: die Finsternis, die Sintflut, das herzzerrei�ende Entsetzen, die Schritte in der Dunkelheit � Schlimmeres war ohnehin nicht auszudenken.</p><p>Ach, ausgerechnet jetzt musste ein Blitz �ber den Himmel zucken. Dabei war das Gewitter schon weitergezogen zu den W�ldern jenseits des Flusses, und geblieben waren nur der Regen und der Wind.</p><p>Aber ein letztes Aufflackern erhellte den Birkenhain, und da sah Pelagia ganz in der N�he, zwischen den nass gl�nzenden B�schen, eine schwarze Gestalt. Und noch schlimmer war, dass auch sie entdeckt war.</p><p>Die Schritte kamen n�her. Die Birke schwankte � jemand hatte sich auf den Stamm gestellt.</p><p>Die Nonne rutschte, mit den H�nden nachhelfend, auf den Hinterbacken immer weiter. Der Stamm knarrte, neigte sich. Jetzt �berragte er den Abgrund nicht mehr schr�g, sondern parallel zum Fluss.</p><p>�Gehen Sie weg�, rief Pelagia mit zitternder Stimme, denn sie konnte das Schweigen nicht l�nger ertragen. �Ich wei� nicht, wer Sie sind, ich habe Sie nicht gesehen. Sie haben also nichts zu bef�rchten. Laden Sie sich nicht noch eine S�nde auf die Seele, es reicht so schon. Sie kriegen mich sowieso nicht, dann st�rzen wir zusammen ab.�</p><p>Der schwarze Schweiger schien selber erkannt zu haben, dass der Baum die doppelte Last nicht tragen w�rde.</p><p>Es blieb ein Weilchen still. Dann h�rte Pelagia Ger�u-sche, die sie nicht gleich zu deuten wusste. Es gluckerte, schmatzte, h�mmerte. Die Birke wurde lebendig, sie schwankte, knarrte.</p><p>Er untergr�bt die Wurzel, begriff Pelagia pl�tzlich. Und als sie es begriffen hatte, war ihre Angst verschwunden. Es erwies sich, dass Angst ein anderer Name f�r Hoffnung ist. Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, wird auch die Angst sinnlos.</p><p>Das Gebet fiel ihr wieder ein: �Besch�tzerin, barmherzige Mutter Gottes! Zu dir flehe ich Ungl�ckliche, ich schlimme S�nderin, vernimm du mein Flehen und mein Seufzen . . .�</p><p>Bei den Worten �wie ein Schiff im Strudel versinke ich im Meer meiner S�nden� senkte sich der Birkenstamm immer st�rker und warf die Nonne in den schwarzen und hallenden Raum.</p><p>Mit ausgebreiteten Armen flog sie frei und lautlos durch die Leere, hin zu dem L�rm, dem Gebr�ll, dem Gepl�tscher.</p><p>�. . . von nun an und in alle Ewigkeit. Amen.�</p><p>Der Fluss empfing sie unerwartet weich federnd. Pelagia sp�rte keine N�sse, denn sie war ohnehin v�llig durchweicht, und dass sie nicht mehr in der Luft war, sondern unter Wasser, merkte sie an der Eingeengtheit und der verlangsamten Abw�rtsbewegung.</p><p>Sie ruderte mit den Armen, stie� sich mit den Beinen ab und strebte nach oben. Aber das Wasser wollte sie nicht loslassen, sondern zog sie irgendwohin, wirbelte sie herum, und sie konnte nicht l�nger die Luft anhalten. Gleich, gleich �ffne ich den Mund, und dann komme, was will, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte keine Kraft mehr und riss den Mund weit auf, bereit, den Fluss in ihre Lungen einzulassen, aber ihre Lippen saugten kein Wasser ein, sondern Luft und Spritzer, denn in diesem Moment war ihr Kopf aus gischtenden Wellen aufgetaucht.</p><p>Sie atmete gierig ein, noch mal und noch mal, verga� das Ausatmen, hustete, da zog die Unterwasserstr�mung sie hinunter, und sie verschwand wieder unter Wasser.</p><p>Diesmal war das Auftauchen noch m�hevoller, denn die schweren Schuhe wollten ihren K�rper in die Senkrechte strecken, damit der Fluss es leichter h�tte, sie auf den Grund zu ziehen. Pelagia kr�mmte sich zusammen und zog die Schuhe aus, da wurde der Kampf mit dem Wasser leichter. Sie strampelte in den einh�llenden Umarmungen der Str�mung, stie� sich ab und glitt nach oben, nach oben.</p><p>Wieder schluckte sie Luft, der Fluss trug seine Beute durch die Dunkelheit, wirbelte sie wie zum Vergn�gen herum, mal im Uhrzeigersinn, mal ihm entgegen. Ganz in ihrer N�he, nicht mit der Hand zu erreichen, aber erkennbar, schwamm etwas Helles in derselben Richtung wie sie und ebenso schnell. Pelagia ahnte mehr, als sie sah: die Umrisse abgebrochener �ste, und sie begriff, das war ihre Birke, ihre Leidensgef�hrtin.</p><p>Die wenigen Meter zu dem Baum zu �berwinden war gar nicht einfach. Der Fluss schien zu glauben, dass Pelagia mit ihm spielen wolle, und ging bereitwillig darauf ein. Wenn sie schon so nahe heran war, dass ihre Finger die glitschige Borke ber�hrten, warf der Fluss den Baum leicht und fr�hlich, wie einen Holzspan, zur Seite. Einmal trieb es ihn weit weg, und Pelagia verlor die rettende Silhouette aus dem Blick. Lange w�rde sie sich nicht mehr �ber Wasser halten k�nnen, zu oft wirbelte es sie herum, und von Zeit zu Zeit wurde sie von einer Welle �bersp�lt, so dass sie sich heftig verschluckte.</p><p>Als Pelagia sich schon mit dem Verschwinden des Baums abgefunden hatte, schwamm er von selbst aus der Dunkelheit heran und klopfte mit einem Zweig an ihren Hinterkopf.</p><p>Abgek�mpft hielt sich Pelagia erst mal an einem Ast fest und genoss es, dass sie nicht mehr zu strampeln brauchte. Als sie wieder bei Puste war, erklomm sie den Stamm. Ein paarmal glitt sie ab, kratzte sich die Schulter auf, aber schlie�lich schaffte sie es doch und setzte sich rittlings auf die Birke.</p><p>Vor langer Zeit, in ihrem fr�heren Leben, war Pelagia eine gute Reiterin gewesen und war gern in aller Fr�he �ber die Wiesen galoppiert, hatte so ihr Inneres bet�ubt. Etwas �hnliches empfand sie auch jetzt, doch pl�tzlich wurde die Str�mung ruhiger, Pelagia und der Fluss waren ein Ganzes, sie war ein Teil von ihm. Sie sa� einfach auf einer unbequemen Holzbank, die nirgends mehr hinjagte, sondern sich nur leicht auf der Stelle drehte.</p><p>Jetzt war nicht nur die Zeit entschwunden, sondern auch der Raum. Daf�r kam die K�lte, die sie vorher nicht wahrgenommen hatte. Sie sp�rte auch wieder den Sturzregen, schwere Tropfen prasselten ihr auf die Stirn und gegen die Wangen.</p><p>Ihre Z�hne fingen an zu klappern, dann erzitterten die Schultern, und es wurde ganz schlimm, als sie kein Gef�hl mehr in den H�nden hatte. Wie es weitergehen w�rde, war leicht zu erraten: Die Finger w�rden sich �ffnen und den Ast loslassen, dann w�rde sie in den Fluss st�rzen und keine Kraft mehr haben, um gegen die Str�mung zu k�mpfen.</p><p>Genauso w�rde es kommen, nicht anders, denn einen anderen Ausweg konnte es nicht geben.</p><p>Ein Entschluss blieb ihr noch, aber der machte ihr Angst. Sie konnte selber ins Wasser springen und versuchen, ans Ufer zu gelangen. Aber wohin sollte sie schwimmen, nach rechts oder links? Sie war vom linken Steilufer in den Fluss gest�rzt, und wie viel Zeit seitdem verstrichen war, wusste sie nicht. Es konnte sie durchaus zur Strommitte treiben, vielleicht gar ans rechte Ufer. Lange zu schwimmen vermochte sie nicht mehr. Wenn sie sich in der Richtung irrte, war Schluss, dann hatte die liebe Seele Ruhe.</p><p>Nun, wenn es so war, hatte Gott der Herr wohl beschlossen, seine Magd Pelagia zu sich zu rufen. Eine Nonne soll sich vor dem Tod nicht f�rchten. Wenn der Sensenmann urpl�tzlich um die Ecke gesprungen kommt und einem seinen hei�en stinkenden Atem ins Gesicht bl�st, dann ist Erschrecken verzeihlich. Wenn man aber Zeit hat, sich bereit zu machen und Mut zu fassen, ist die Furcht vor dem Tode dumm und s�ndhaft.</p><p>Entschlossen lie� sich die Schwester links vom Stamm ins Wasser gleiten und stie� sich mit den F��en kr�ftig von ihm ab. Die Str�mung war hier nicht mehr gar so wild, die Einengung war vorbei, und der Fluss hatte die Ebene gewonnen. Bei v�lliger Dunkelheit ins Ungewisse zu schwimmen war unheimlich, und Pelagia wusste schon bald nicht mehr, ob sie noch die Richtung hielt. Arme und Beine taten rhythmisch ihre Arbeit, aber das lange Hemd, das ihr an den Knien klebte, behinderte sie sehr. Ob sie es abwarf? Pelagia malte sich aus, wie der Fluss ihre Leiche an Land sp�lte: nackt, mit aufgel�sten Haaren. Also nein, wenn schon ertrinken, dann im Hemd.</p><p>Und das Ertrinken war offenbar unvermeidlich. Die H�nde gehorchten ihr kaum noch, und das Ufer war noch immer nicht in Sicht. Vergib mir, Herr, dachte Pelagia m�de. Ich habe getan, was ich vermochte. Sie drehte sich auf den R�cken und �berlie� sich dem Willen der Str�mung. Schade nur, dass der Himmel nicht zu sehen war � gern h�tte sie ein letztes Mal einen Stern geschaut, doch nein.</p><p>Als sie mit Kopf und Schultern an etwas Unnachgiebiges stie�, begriff sie nicht sofort, dass es Sand war.</p><p>Das Ufer war nicht zu sehen, aber Pelagia konnte es mit den H�nden ber�hren.</p><p>Das tat sie denn auch: lie� sich auf die Knie nieder und streichelte mit beiden H�nden den kalten, durchweichten Sand. Nachdem sie f�r ihre wunderbare Rettung ein Dankgebet gesprochen hatte, wrang sie ihr Hemd aus, setzte sich hin und umgriff ihre Schultern. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war und wohin sie gehen musste. Es regnete noch eine Zeit lang und h�rte dann auf. Pelagia wrang wieder ihr Hemd aus; um warm zu werden, h�pfte sie mal auf dem einen Fu�, mal auf dem anderen. Dann sa� sie ein Weilchen, h�pfte, sa� wieder, h�pfte, und ihr Hemd, �ber einen angeschwemmten Baumknorren gebreitet, schimmerte tr�bwei�.</p><p>Als sie wieder umhersprang und sich schallend gegen die H�ften klatschte, bemerkte sie auf einmal, dass die Dunkelheit ausd�nnte. Da war der Wasserrand, auf dem Sand lag eine tote M�we, und wenn vor ihr alles zu einer Masse verschwamm, lag das nicht an der Nacht, sondern daran, dass �ber dem schmalen Streifen Sand das Steilufer aufragte. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie auch die obere Kante und den grauen Himmel dar�ber.</p><p>Pelagia hockte sich erschrocken hin. Wenn, Gott beh�te, ein schlafloser Mensch in der Morgenfrische spazieren ging und herunterblickte, w�rde er ein sch�nes Bild sehen: Da sprang eine barh�uptige Hexe splitternackt herum und schwenkte die Arme. Schrecklich!</p><p>Sie zog das nasskalte Hemd �ber und dachte zum ersten Mal �ber ihre Lage nach. Erstens hatte die Str�mung sie vielleicht irgendwo angetrieben, wo es keine menschliche Behausung gab. Und zweitens, wenn es eine gab, war es auch nicht einfach. Schickte es sich etwa f�r eine Nonne, in solchem Aufzug vor Menschen zu erscheinen?</p><p>Sie ging das Ufer entlang und entdeckte einen kaum erkennbaren Pfad, der nach oben f�hrte. Der Aufstieg war steil, und die F��e traten immer wieder auf spitze Steine, darum blickte Pelagia nur nach unten, und als sie dann doch einmal den Kopf hob, um zu sehen, ob es noch weit war, �chzte sie auf. Oberhalb der Kante schimmerte wei� ein wunderliches Gebilde. Die Umrisse kamen ihr bekannt vor. Sie stieg noch etwas h�her und blickte nur noch nach oben.</p><p>Eine Laube. Wei�e S�ulchen, Gitterwerk, ein rundes Dach. Es war die wohl bekannte Laube im Park von Drosdowka, von der aus man einen so sch�nen Blick auf den Fluss hatte.</p><p>Pelagia war sich nicht im Klaren, ob es gut oder schlecht war, dass die Str�mung sie ausgerechnet nach Drosdowka getragen hatte. Nat�rlich waren Bekannte eher hilfsbereit als Fremde, aber ihnen gegen�ber war auch die Scham gr��er.</p><p>Die B�ume im Park waren nass und sahen tr�bsinnig aus. Von der Erde stieg wei�licher Dunst auf, durchscheinend noch, doch schon sich verdichtend. Pelagia fror erb�rmlich. Bis zum Tagesanbruch war es noch eine Weile hin. Was tun?</p><p>H�pfend, mit den Z�hnen klappernd, lief sie die Allee entlang zum Haus. Sie wollte den Morgen abwarten, sich irgendwo verstecken, und wenn Tanja oder eine andere Bedienstete herauss�he, sie leise rufen. Etwas anderes blieb ihr nicht �brig. Sie konnte ja nicht mitten in der Nacht in solch unanst�ndigem Aufzug, mit nassen roten Zotteln bei der Generalswitwe eindringen.</p><p>Bei dem Badeh�uschen blieb sie stehen. Sie r�ttelte an der T�r, schade, abgeschlossen, drinnen w�r�s ein bisschen w�rmer gewesen. Im Freien ging die K�lte durch und durch, und das H�pfen half nicht.</p><p>Doch da entsann sich Pelagia des G�rtnerb�dchens. Das war bestimmt nicht abgeschlossen.</p><p>Sie lief die Allee zur�ck. Das nasse Hemd klebte ekelhaft an den Beinen.</p><p>Da war das B�dchen. Tats�chlich, die T�r war offen.</p><p>Pelagia betrat die dunkle H�tte. Vorsichtig, um nicht auf etwas Spitzes zu treten, ging sie in eine Ecke und setzte sich hin. Wenigstens war es trocken, Gott sei Dank.</p><p>Allm�hlich wurde es hell. Die Ritzen in den Bretterw�nden wurden sichtbar, auch das Inventar: Harken, Spaten, Messer, Beile, Hacken.</p><p>Hacken? Wie hatte Naina Telianowa gesagt? Eine lebendige Espe und eine Hacke?</p><p>Was mochte das bedeuten?</p><p>Da Pelagia nichts zu tun hatte, drehte und wendete sie diese Worte im Geiste. Auf dem Photo mit dem Titel �Ein regnerischer Morgen� waren also eine Hacke und eine Espe zu sehen. Eine lebendige Espe. Was gab es denn noch f�r Espen, tote etwa?</p><p>Die sterbende F�rstin hatte also phantasiert? Nein, sie hatte auf Pelagias Frage geantwortet.</p><p>Espen gab es im Park reichlich, eine lebendiger als die andere.</p><p>Nein! Die Schwester fuhr hoch. Eine Espe war tats�chlich tot � neben der hatte der arme erschlagene Sakussai gelegen. Ob die F�rstin dieses B�umchen gemeint hatte? Auf dem Photo war es wohl noch lebendig? Doch was war daran Besonderes, und was war mit der Hacke?</p><p>Pelagia hielt es nicht mehr in dem B�dchen, die unterschiedlichsten Vermutungen rasten ihr durch den Kopf. Warum sa� sie hier, wenn sie hingehen und nachsehen konnte?</p><p>Sie lief zu der Stelle, wo die Espe stand. Hier im Park war ihr alles vertraut, und alsbald war sie bei dem denkw�rdigen englischen Rasen, neben dem das verdorrte B�umchen aus der Erde ragte.</p><p>Was hatte es damit auf sich?</p><p>Pelagia hockte sich hin, ber�hrte die vertrockneten Bl�ttchen, fuhr mit der Hand den glatten Stamm hinunter. Nanu, bei den Wurzeln war die Erde aufgew�hlt? Ach ja, Sakussai hatte da gescharrt.</p><p>Doch nein, das konnte nicht ein Welpe getan haben.</p><p>Die Nonne b�ckte sich tiefer und betrachtete die Grube.</p><p>Ihr fiel ein, dass der G�rtner Gerassim gesagt hatte, der unverst�ndige Sakussai h�tte von seinem Vater und Gro�vater gelernt, Erde zu fressen. Etwa hier?</p><p>Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie, dass das Gras auf dieser Seite der Espe anders war als ringsum � niedriger und d�nner.</p><p>Was mochte die Hunde hier interessiert haben?</p><p>Pelagia nahm ein St�ckchen und stocherte in der Erde, doch die gab nicht recht nach. Sie musste einen Spaten aus dem B�dchen holen.</p><p>Gedacht, getan. Aber sie nahm keinen Spaten, sondern eine Hacke, damit ging es noch besser.</p><p>Sie spuckte in die H�nde, wie sie es bei den Arbeitern gesehen hatte, als die auf dem Klosterhof eine Wasserleitung verlegten, holte aus, schlug zu, scharrte weg. Noch einmal und noch einmal. Sie kam rasch voran. Beim zehnten Schlag zitterte sie nicht mehr, ihr war warm geworden. Der Nebel w�lkte �ber dem Gras, stieg von den Kn�cheln hoch zu den Knien.</p><p>Das Hackenblatt drang in etwas Knirschendes, wie in einen Kohlkopf. Pelagia zog � an dem Werkzeug hing etwas Rundes, Dunkles, so gro� wie ein Kinderkopf. Eine Tr�bung ihres Verstandes und ein pl�tzliches Dr�hnen in den Ohren lie�en sie nicht gleich begreifen, dass es genau das war � ein Kinderkopf: gelb-lila, mit zusammengeklebten hellen Haaren und leidvoll eingesunkenen Aug�pfeln.</p><p>Pelagia, mit zuckenden Lippen, schleuderte die Hacke mit dem grauenhaften Fund beiseite, doch so heftig, dass sie auf der nassen Erde ausrutschte und in die Grube st�rzte, die sie selbst ausgehoben hatte. Aufheulend wollte sie wieder herausklettern und griff nach einer kalten, glitschigen Wurzel, doch die l�ste sich aus der Erde.</p><p>Und da sah Pelagia, dass es keine Wurzel war, sondern eine menschliche Hand � behaart, mit blauen Fingern�geln und ohne Ringfinger.</p><p>Der armen Nonne wurde schwarz vor Augen, denn es gibt eine Grenze f�r die Duldungsf�higkeit des Menschen. Pelagia brauchte Gott sei Dank vor nichts mehr zu erschrecken, denn sie sackte in sich zusammen und rutschte in tiefer Ohnmacht in die Grube.</p></section><section><title><p>Kleine Geschenke</p></title><p>Als Pelagia die Augen �ffnete, sah sie �ber sich das Himmelsgew�lbe. Es war dunkelblau, niedrig, von tr�ben unbeweglichen Sternen �bers�t, und st�tzte sich, wie in alten B�chern beschrieben, auf vier S�ulen. Damit war best�tigt, dass Kopernikus Unrecht gehabt hatte, was die Nonne keineswegs verwunderte, sondern eher erfreute. �ber die Liegende beugte sich, einen gro�en Teil des Himmels verdeckend, Bischof Mitrofani � riesengro�, graub�rtig, mit sch�nem und traurigem Gesicht. Pelagia begriff, dass er in Wirklichkeit der Herr Zebaoth war, und sie freute sich noch mehr, wunderte sich aber zugleich �ber ihre eigene Blindheit: Wieso hatte sie diese so offenkundige Tatsache nicht schon fr�her begriffen? Ihr wurde auch klar, dass dies alles ein Traum war, aber ein sch�ner Traum, vielleicht sogar ein wesentlicher Traum.</p><p>�Was klapperst du mit den Augen, skandal�se Person?�, fragte Herr Zebaoth, wie es sich f�r Gott geh�rte, scheinbar streng, aber auch liebevoll. �Du hast das hochheilige Lager des Bischofs mit deinem Frauenk�rper besudelt, was hier noch nie vorgekommen ist, und l�chelst auch noch. Wie soll ich fortan darin schlafen? Ich werde �rgere Qualen fleischlicher Anfechtung leiden als der Heilige Antonius. Pelagia, ich werde dich dem geistlichen Gericht �bergeben wegen unz�chtigen Benehmens, damit du�s wei�t. Eine sch�ne Braut Christi: liegt schmutzig, nass und fast nackt in dieser scheu�lichen Grube. Sei bitte so gut und erkl�re mir, dem unverst�ndigen Priester, wie du dort hinein geraten bist. Wie bist du darauf gekommen, dass die K�pfe der Ermordeten dort vergraben sind?� Mitrofani beugte sich noch tiefer herab und legte Pelagia besorgt die angenehm k�hle Hand auf die Stirn. �Wenn dir das Reden schwer f�llt, dann schweige lieber. Deine Stirn ist ganz schwitzig. Der Doktor sagt, das Fieber kommt von einer starken Ersch�tterung. Du warst �ber einen Tag bewusstlos. Man hat dich getragen und in einer Kutsche hergebracht, und du hast ausgesehen wie Dornr�schen. Was ist passiert? Du schweigst? Na, dann schweig nur, schweige.�</p><p>Erst jetzt begriff die Nonne das R�tsel der S�ulen und des Himmelsgew�lbes. Es war der Baldachin �ber dem altert�mlichen Bett im Schlafgemach des Bischofs; auf dunkelblauen Samt waren brokatene Sterne gestickt.</p><p>Pelagia f�hlte sich sehr schwach, aber keineswegs krank, eher angenehm ermattet, wie nach langem Schwimmen.</p><p>Ich bin ja auch geschwommen, erinnerte sie sich, und so lange.</p><p>Sie bewegte die Lippen, erprobte ihre Stimme. Es kam ein heiseres �A-a-a� heraus.</p><p>Der Bischof schreckte hoch. �Brauchst du etwas? Soll ich dir etwas bringen? Oder den Doktor rufen?�</p><p>Er sprang auf, bereit, Hilfe zu holen.</p><p>�Setzt Euch, Vater�, sagte Pelagia und betastete behutsam die schmerzenden Schultermuskeln. �Setzt euch und h�rt zu.�</p><p>Und sie erz�hlte dem Bischof alle Begebenheiten, von dem �Untersuchungsexperiment� bis zu den schrecklichen Ausgrabungen. Bei der blo�en Erinnerung daran zitterte ihre Stimme, und Tr�nen traten ihr in die Augen.</p><p>Mitrofani h�rte zu, ohne sie zu unterbrechen, nur an den kritischsten Stellen murmelte er leise �Himmlischer Vater� oder �Jesus� und bekreuzigte sich.</p><p>Als Pelagia ihre Erz�hlung beendet hatte, kniete der Bischof vor der in der Ecke h�ngenden Ikone des Erl�sers nieder und sprach ein kurzes, aber gef�hlvolles Dankgebet.</p><p>Dann setzte er sich ans Bett und sagte, h�ufig blinzelnd:</p><p>�Vergib mir, liebe Pelagia, um Christi willen, dass ich dich auf solchen Leidensweg geschickt habe. Ich selbst werde es mir herrschs�chtigem Unhold bis zur Todesstunde nicht verzeihen. Kein noch so gemeinn�tziges Ziel eines Bischofs ist es wert, dass einer Christenseele, noch dazu schwachen Frauenschultern, eine solche Last aufgeb�rdet wird.�</p><p>�Das mit den schwachen Frauenschultern will ich nicht geh�rt haben�, sagte Pelagia gekr�nkt. �Ich m�chte mal sehen, welcher Mann bei solchem Sturm, noch dazu nachts, so lange im Fluss geschwommen w�re. Und mit dem gemeinn�tzigen Ziel sollte man auch nicht so achtlos umgehen. Wo steht in der Heiligen Schrift geschrieben, dass man dem b�sen Geist kampflos weichen soll? Etwas Schlimmeres gibt es wohl nicht. Erz�hlt mir lieber, was hier inzwischen geschehen ist, w�hrend ich bewusstlos lag. Ihr spracht von den �K�pfen�? Sind es die n�mlichen, die angeblich dem Gott Schischiga zum Opfer dargebracht wurden? Ich habe allerdings nur einen Kopf gesehen, von einem Kind, au�erdem noch eine abgehackte Hand. Wo kommt die her?�</p><p>�Warte, warte, nicht alles auf einmal.� Mitrofani verschloss ihr den Mund mit der Hand. Seine Finger rochen anheimelnd nach Buchr�cken und Weihrauch. �In der Grube war noch ein zweiter Kopf, du bist nicht ganz bis zu ihm vorgedrungen. Auch Kleidung lag in der Grube. Ja, die K�pfe geh�ren zu den Leichen, die im vorigen Monat vom Fluss angesp�lt wurden. Die Identit�t des Mannes ist jetzt festgestellt, anhand des fehlenden Fingers. Erinnerst du dich, dass einer Leiche die Hand abgehackt war? Wahrscheinlich wurde sie abgehackt, um die Identifizierung zu erschweren, denn das ist ja ein auff�lliges Merkmal.�</p><p>�Ber bi bi?�, lallte Pelagia durch Mitrofanis Hand, sie meinte: Wer sind sie?</p><p>Der Bischof verstand.</p><p>�Der Kaufmann Awwakum Wonifatjew aus dem Landkreis Gluchow und sein neunj�hriger Sohn Sawwa. Der Kaufmann war bei Donat Sytnikow gewesen und hatte ihm den Wald verkauft. Danach verschwand er. Zu Hause vermisste man ihn nicht, denn er hatte zu seiner Frau gesagt, dass er sie f�r immer verlasse und nicht zur�ckkehren werde. Die beiden kamen nicht gut miteinander aus, sie war bedeutend �lter als er. Offensichtlich wollte sich Wonifatjew mit dem Erl�s irgendwo ein neues Leben aufbauen. Daraus ist nichts geworden. Fest steht, dass Sytnikow den Wald f�r f�nfunddrei�igtausend gekauft und das Geld Wonifatjew sofort in bar gegeben hat, wonach dieser sogleich mit seinem Sohn aufgebrochen ist, obwohl es schon sp�t war. Sytnikow sagt, er habe ihm eine Kalesche angeboten, aber der Kaufmann habe abgelehnt. Er wollte sich im Ausspannhof im nahen Dorf Schelkowo eine Troika nehmen, aber dort ist er nie angekommen. Die Polizei hat Sytnikow nat�rlich zum Verh�r mitgenommen, ich denke jedoch, er ist unschuldig. Er ist zu reich, um sich wegen f�nfunddrei�igtausend eine solche S�nde auf die Seele zu laden. Aber vielleicht hat ihn doch der Teufel der Habgier verwirrt � alles kann sein. Es geht jedoch um etwas anderes . . .� Mitrofanis Augen funkelten verwegen. �Wichtig ist, dass . . .�</p><p>Er nahm die Hand von Pelagias Lippen, um den Finger triumphierend zu heben, und die Nonne nutzte umgehend die gewonnene Freiheit zu einem Zwischenruf: �. . . sich Inspektor Bubenzow in die Nesseln gesetzt hat.�</p><p>Der Bischof schmunzelte.</p><p>�Ich wollte sagen, dass die teuflischen R�nke entlarvt sind, aber du, meine Tochter, hast dich genauer ausgedr�ckt. Es hat sich herausgestellt, dass die Wonifatjews aus Geldgier umgebracht wurden, dass es kein Menschenopfer gab und auch keinen G�tzentempel f�r Schischiga. Bubenzow hat die ungl�cklichen Syten umsonst drangsaliert. Seine ganze Untersuchung und seine Au�erordentliche Kommission sind keinen Pfifferling wert. Dieses Geschenk haben wir von Gott erhalten. Deine Talente und dein Mut haben es zu uns gebracht. Unser kleiner D�mon hat jetzt das Nachsehen. Er muss unverrichteter Dinge abfahren und wird obendrein von seinem G�nner einen R�ffel bekommen f�r dieses Durcheinander.�</p><p>�Er wird nicht abfahren�, erkl�rte Schwester Pelagia leise und bestimmt. �Und auch keinen R�ffel bekommen.�</p><p>Mitrofani griff nach dem Kreuz auf seiner Brust.</p><p>�Nicht abfahren? Keinen R�ffel? Wieso nicht? Was soll er denn jetzt noch hier?�</p><p>�Im Gef�ngnis sitzen�, entgegnete Pelagia. �Mit einem R�ffel wird er nicht davonkommen. Darauf steht Katorga, Vater. Zwanzig Jahre. F�r den Doppelmord aus Habgier wird das Gericht nicht weniger verh�ngen.�</p><p>�Rachsucht ist eine schwere S�nde�, sprach der Bischof belehrend, �diesem Gef�hl darf man nicht nachgeben. Bubenzow ist nat�rlich ein Schurke, aber ein solches Verbrechen w�re selbst f�r ihn zu ungeheuerlich: zwei unschuldige Menschen t�ten, davon ein Kind, ihnen den Kopf abschneiden, und alles nur, um seine Karriere voranzubringen? Das geht zu weit, meine Tochter. Auch ich habe mich anfangs an diesem Gedanken berauscht, aber dann habe ich mich besonnen. Nein, Pelagia, unser Aufschneider hat niemanden get�tet, er hat sich dieses Ereignis nur zu Nutze gemacht. In der alten Chronik werden auch ein abgeschnittener Kopf und der Gott Schischiga erw�hnt. Klingt doch glaubw�rdig. Also, was wissen wir von dem Mord? Sehr wenig. Die beiden wurden unweit von Drosdowka get�tet. Sind von Sytnikows Landhaus nicht weit gekommen. Der oder die M�rder haben das Geld genommen und die Leichen vom Steilufer in den Fluss geworfen, der sie weiter stromab an Land gesp�lt hat. Die K�pfe, die Hand und die Kleidung wurden im Park vergraben, unter der Espe. Jetzt wird man den Verbrecher nicht mehr finden. Es ist zu viel Zeit vergangen.�</p><p>Pelagia h�rte nicht mehr zu, sondern rief:</p><p>�Ach, darum hat sie die Hunde get�tet!�</p><p>Sie setzte sich mit einem Ruck im Bett auf, aber von der heftigen Bewegung drehte sich alles vor ihren Augen, und sie legte sich wieder hin. Als der Schwindel vor�ber war, fuhr sie fort:</p><p>�Jetzt ist alles klar. Nat�rlich ging es nicht ums Erbe. Es ging um die Bulldoggen selbst. Sie konnten frei herumlaufen und stromerten durch den Park. Unter der Espe witterten sie einen interessanten Geruch und begannen zu buddeln. Naina Telianowa hat das beobachtet. Zuerst hat sie die Hunde wohl einfach davongejagt, aber sie kamen immer wieder. Da hat sie beschlossen, sie zu vergiften . . .�</p><p>�Moment mal . . .� Mitrofani runzelte die Stirn. �Demnach m�sste ja Naina den Kaufmann und seinen Sohn get�tet und ihnen die K�pfe abgeschnitten haben. Unsinn!�</p><p>�Nein, get�tet hat sie sie nicht. Aber sie wusste, wer es getan hat, und sie wusste von den K�pfen.�</p><p>�Die F�rstin als Mitt�terin? Aber weshalb?�</p><p>�Nicht Mitt�terin, eher Augenzeugin. Zuf�llig. Wie konnte das geschehen?� Pelagia blickte den Geistlichen nicht an. Sie bewegte die Brauen, krauste die sommersprossige Nase, kurzum, sie dachte nach. �Sie ging abends und sogar nachts oft allein im Park spazieren. Nicht au�ergew�hnlich bei einem romantischen M�dchen. Offenbar hat sie gesehen, wie der M�rder die K�pfe vergrub.�</p><p>Mitrofani sch�ttelte ungl�ubig den Kopf.</p><p>�Sie hat es gesehen und verschwiegen? Das ist doch ein teuflischer Frevel.�</p><p>�Genau!�, rief die Nonne. �Teuflisch! Darum geht es! �Liebe ist immer ein Frevels das waren ihre Worte.�</p><p>�Was denn, war sie Diabolus verfallen?�, wunderte sich der Bischof.</p><p>�Aber nicht doch, Vater, nicht Diabolus, der Liebe war sie verfallen.�</p><p>�Ich verstehe nicht . . .�</p><p>�Nat�rlich.� Pelagia machte eine abwehrende Handbewegung und tat, als spreche sie mit sich selbst. �Ein leidenschaftliches junges M�dchen, mit Phantasie, voll unverbrauchter Gef�hle. Von Kind an verw�hnt, exzentrisch, auch grausam. Sie lebte wie im Traum dahin und liebte den einzigen passablen Mann ihrer Umgebung, Schirjajew, sprach mit ihm �ber das Sch�ne und Ewige, tr�umte davon, Schauspielerin zu werden. Dar�ber w�re sie eine alte Jungfer geworden, denn Marja Tatistschewa ist eine Dame von robuster Gesundheit, und bis zu ihrem Tode h�tte sich Schirjajew nicht von Drosdowka wegger�hrt und auch nicht um Nainas Hand angehalten. Aus seiner Sicht w�re es wohl unsittlich gewesen, jemanden zu n�tigen, der von ihm abh�ngig war. Das Dilemma besteht darin, dass er voller Skrupel ist. Er liebt Naina leidenschaftlich, aber an ihrer Keuschheit hat er sich nicht vergriffen. Was er aber h�tte tun sollen�, f�gte Pelagia halblaut hinzu. �Dann w�rde sie vielleicht noch leben.�</p><p>�H�r auf, der Unzucht das Wort zu reden�, rief der Bischof seine geistliche Tochter zur Ordnung. �Und schweife nicht ab. Sprich zur Sache.�</p><p>�Dann ist pl�tzlich Poggio aufgetaucht, ein Mann aus der gro�en weiten Welt. Und der hatte keine Skrupel. Er verdrehte der F�rstin den Kopf, verf�hrte sie. Obwohl das nicht schwer war, denn sie war schon �berreif. Sie verga� ihre Theatertr�ume und wollte nun Malerin werden. Aber zu der Zeit, als ich nach Drosdowka kam, waren Paris und Palette bereits Vergangenheit, und auch Poggio war abgetan. Naina ging m�rrisch und schweigsam umher, benahm sich geheimnisvoll und sprach in R�tseln. Ich hatte sogar den Eindruck, dass sie nicht ganz bei Sinnen war. Und so muss es auch gewesen sein. Dass sie nicht davor zur�ckschreckte, die Hunde zu t�ten, dass sie das Leben ihrer Gro�mutter aufs Spiel setzte und sie auch wirklich beinahe ins Grab gebracht h�tte, kann nur eins bedeuten � sie hatte sich besinnungslos verliebt und alle anderen Gef�hle ausgeschaltet.�</p><p>�In wen, in Bubenzow?�, fragte der Bischof, der Pelagias Gedankeng�ngen kaum folgen konnte. �Er war doch nur zu einem kurzen Besuch in Drosdowka. Allerdings versteht er sich meisterlich auf Frauen. Nat�rlich, er kann sie verlockt haben, ganz bestimmt sogar. Aber was hat Wonifatjew damit zu tun?�</p><p>�Ganz einfach. An dem Abend, an dem der Wald verkauft wurde, hatte Sytnikow zun�chst bei den Nachbarn in Drosdowka gesessen, auf der Veranda Tee getrunken und von dem Kaufmann, von dem bevorstehenden Gesch�ft erz�hlt. Zu der Zeit war auch Bubenzow dort. Er hatte mit Sytnikow eine Auseinandersetzung �ber die Br�uche der Altgl�ubigen, man hat mir davon erz�hlt. Dann, als Sytnikow beleidigt gegangen war . . .�</p><p>�Ja, ja!�, unterbrach der Bischof sie aufgeregt. �Lass mich zu Ende f�hren! Das verliebte und wahrscheinlich schon verf�hrte Fr�ulein spazierte nachts durch den Park. Vielleicht konnte sie vor Leidenschaft nicht schlafen, vielleicht wartete sie auf den Angebeteten. Sie sah, wie er die K�pfe vergrub, und dachte, es sei ein satanisches Ritual und Bubenzow der Satan. Und da sie ihn ma�los liebte, beschloss sie, sich in das Heer Satans einzureihen! Sie warf sich dem D�mon an die Brust, schwor ihm . . .�</p><p>�Ach, Bisch�fliche Gnaden, was Ihr Euch so ausdenkt!� Pelagia fuchtelte mit den H�nden. �Ihr solltet Romane f�r Zeitschriften schreiben. Nichts hat sie ihm geschworen. Es ist sogar anzunehmen, dass sie vor Entsetzen erstarrte und sich nicht zu erkennen gab. Sie hat ihm in meiner Gegenwart mehrmals Andeutungen gemacht, die ich erst jetzt verstehe, aber Bubenzow hat nur gel�chelt und die Achseln gezuckt. Er kam offenbar gar nicht auf die Idee, dass sie alles wusste. Und f�r den Satan hat sie ihn damals, in der Nacht des Verbrechens, wohl kaum gehalten. Sicherlich war sie verwirrt und wusste nicht, was sie denken und tun sollte. Aber die Liebe einer Frau ist f�hig, alles zu rechtfertigen. Ich erinnere mich, dass Naina sagte: �Die Liebe ist auch ein Verbrechens wobei sie das Wort �auch� betonte. Sie hatte beschlossen, ihren Liebsten zu sch�tzen. Darum tat sie den Hunden Gift ins Futter. Ich habe gesehen, mit was f�r einem Blick sie Bubenzow empfing, als er wieder nach Drosdowka kam: einem sehr eigenartigen, sogar angewiderten Blick. Doch das �nderte sich schlagartig, als er von dem Syten-Fall sprach. Ich konnte nur staunen: Naina war wie ausgewechselt. Sie lebte auf, ihre Wangen r�teten sich, und sie sah Bubenzow mit ganz anderen Augen an � voll Verg�tterung und Begeisterung. Sie hatte begriffen, warum er die K�pfe abgeschnitten hatte. Anstatt voller Entsetzen vor ihm zur�ckzuschaudern, geriet sie in Verz�ckung. Ihr Liebster war kein einfacher R�uber, nein, er besa� unglaublichen Ehrgeiz und spielte mit Menschen wie ein wahrer D�mon. Darum ihre Worte: �Wladimir Lwowitsch, ich habe mich nicht in Ihnen get�uscht.� Sie deklamierte aus Lermontows �D�mon�, und als er von Bedrohung und einer Leibwache sprach, sagte sie: �Die beste Wache ist die Liebe.� Dann gab sie ihm zu verstehen, dass sie ihm treu zur Seite stehen werde, aber er begriff es nicht.� Pelagia seufzte traurig. �Eine Frau, eine richtige Frau, aufopferungsvoll und blind vor Liebe.�</p><p>�Wage nicht, um eine solche Liebe zu seufzen�, unterbrach Mitrofani sie m�rrisch. �Eine solche Liebe wird dir nicht mehr werden. Sie ist gestorben, deine Liebe. Statt ihrer ist dir eine andere, h�here Liebe gegeben. Du bist die Braut Christi. Vergiss das nicht.�</p><p>Die Nonne l�chelte �ber den strengen Ton des Geistlichen.</p><p>�Ja, ich habe mit meiner Liebe mehr Gl�ck als die arme Naina. Dass Bubenzow ein B�sewicht, ein Verbrecher, ein Teufel in Menschengestalt ist, das hat sie ihm alles verziehen. Nicht verziehen hat sie ihm, was keine Frau verzeihen kann: kalte, kr�nkende Gleichg�ltigkeit. Ich wundere mich �ber Bubenzow. Er hat es sich doch bei all seinen Vorhaben zur Gewohnheit gemacht, das schwache Geschlecht auszunutzen, und er kennt sich mit Frauenherzen aus. Wieso hat er die Gefahr, die ihm von Naina drohte, nicht rechtzeitig erkannt und eine solche Unvorsichtigkeit begangen? Anfangs brauchte er sie, vielleicht aus Erw�gungen, die mit dem Erbe der Generalswitwe zusammenhingen. Doch dann hatte er wohl eine M�glichkeit gefunden, ohne deren Enkelin auszukommen. Oder Naina war ihm zu erm�dend mit ihrer �berspannten Leidenschaft und ihren Gef�hlsausbr�chen. So oder anders trieb Bubenzow das Fr�ulein mit seiner K�lte zum �u�ersten. Schon allein daraus wird klar, dass er von ihren Erkenntnissen nichts ahnte und ihre Anspielungen ihrem Hang zu melodramatischen Auftritten zuschrieb. Auf der Soiree bei Olimpiada Schestago sah er ein Photo, das ihn beunruhigte. Das Photo hie� �Ein regnerischer Morgen�. Eine Parkecke nach dem Regen: Gras, Geb�sch, eine kleine Espe � nichts Besonderes. Keiner der anderen G�ste beachtete das Bild, zumal es weitaus interessantere Photos gab. Aber wenn sich nun jemand fr�her oder sp�ter dieses gef�hrliche Photo genauer ansah? Es musste vernichtet werden, und das konnte nur durch ein ablenkendes Man�ver geschehen, damit die Ermittlung von Anfang an in eine falsche Richtung ging.�</p><p>�Was war denn so Entsetzliches auf diesem Bild?�</p><p>�Ich nehme an, darauf war die Espe zu sehen, unter der die K�pfe vergraben lagen. Das Photo wurde wahrscheinlich am Morgen nach dem Doppelmord gemacht. Der Baum, obzwar schon dem Tod geweiht, denn seine Wurzeln waren von der Hacke besch�digt, war noch nicht verdorrt und sah lebendig aus. Das Wichtigste jedoch � am Baum lehnte die Hacke, die der M�rder dort vergessen hatte. Oder sie lag im Gras � das wei� ich nicht. Einer von den Bewohnern Drosdowkas oder von den st�ndigen G�sten h�tte dieses seltsame Detail bemerken, es zu dem unbegreiflichen Welken des Baums in Beziehung setzen, sich an den zertrampelten Rasen und den Tod Sakussais erinnern und dadurch dem Verbrecher auf die Spur kommen k�nnen.�</p><p>�Ja, ja.� Der Geistliche nickte. �Wo mag die Hacke hingekommen sein?�</p><p>�Vielleicht hat der M�rder sie am n�chsten Tag weggebracht. Am wahrscheinlichsten aber ist, dass es Naina war.�</p><p>�Demnach hat Bubenzow nur wegen dieses Photos Poggio ermordet und die Ausstellung vernichtet?�</p><p>�Ja, zweifellos. Denn von allen Bildern und allen Platten ist nur der �Regnerische Morgen� verschwunden. Die skandal�sen Bildchen mit der nackten Naina haben den Verbrecher �berhaupt nicht interessiert. Aber der Skandal kam Bubenzow zustatten: der Verdacht fiel auf Schirjajew.�</p><p>�Ja, so ist es gewesen.� Mitrofani neigte den Kopf, pr�fte, ob alles zusammenpasste, und war zufrieden. �Aber mit der Ermordung Nainas ging Bubenzow ein gro�es Risiko ein. Denn diesen Mord konnte Schirjajew nicht begangen haben � er wurde zu der Zeit bei der Polizei verh�rt.�</p><p>�Schirjajew schied auch als Poggios M�rder aus, nachdem Naina �ffentlich erkl�rt hatte, dass er die Nacht mit ihr verbracht habe. Bubenzow musste das Risiko eingehen, weil Naina ihm w�hrend des Untersuchungsexperiments direkt zu verstehen gab, dass sie alles wusste und ihn nicht weiter decken w�rde. Erinnern Sie sich, dass ich Ihnen sagte, sie habe gedroht, die Schulden zu begleichen? Und das h�tte sie getan, weil sie sich von der teuflischen Versuchung freigemacht hatte und dem D�mon nicht l�nger dienen wollte. Vielleicht war sie mit ihrer Geduld am Ende, oder ihr Stolz war erwacht. Oder sie hatte ihre Wahl getroffen � zu Gunsten von Schirjajew. Allerdings spielte sie mit dem Feuer. Bubenzow konnte sie nicht mehr am Leben lassen, nicht einen Tag. Und er t�tete sie. Und ihr Dienstm�dchen. Was bedeutet einem solchen verworfenen Geist ein kleines Menschenleben?�</p><p>�Auch dich h�tte er fast get�tet�, sagte Mitrofani mit leiser, drohender Stimme, und sein Blick loderte.</p><p>�Ja. Sogar zweimal.�</p><p>Pelagia stie� einen Seufzer aus und erz�hlte, wie in Drosdowka, als sie den Bischof zum Parktor begleitet hatte und auf der Allee zur�ckging, jemand sie erw�rgen wollte.</p><p>�Ich habe es damals niemandem erz�hlt, denn das h�tte Bubenzow in den Kram gepasst. Er h�tte es wieder auf die Syten geschoben. Welch ein Geschenk f�r die synodalen Ermittler � �berfall auf eine Nonne! Bubenzow hatte erst am Abend zuvor erz�hlt, dass die Syten auf einsamen Landstra�en ihren Opfern einen Sack �ber den Kopf st�lpen. Jetzt verstehe ich, wer mich erw�rgen wollte und warum. Erinnern Sie sich, als ich Naina vor allen entlarvte, sagte ich, dass ich es dabei nicht bewenden lassen w�rde.�</p><p>�Ja, ich erinnere mich.� Der Bischof nickte. �Du hast gesagt, dass da ein Geheimnis walte, das du noch kl�ren m�sstest.�</p><p>�Das war dumm von mir, unvorsichtig�, sagte Pelagia, senkte bescheiden die Augen und f�gte hinzu: �Also hat Bubenzow meine F�higkeiten hoch eingesch�tzt, wenn er mich ausschalten wollte.�</p><p>Mitrofani donnerte drohend:</p><p>�Gott ist barmherzig und verzeiht alle m�glichen Untaten, sogar noch schlimmere als diese. Aber ich bin nicht Gott, sondern ein s�ndiger Mensch, und deinetwegen werde ich Bubenzow zu Staub zermahlen. Sage mir nur, kann ich nach dem Gesetz handeln oder muss ich mir andere Mittel einfallen lassen? Du hast doch beide Male nicht gesehen, wer dich �berfallen hat. Also gibt es auch keine Beweise?�</p><p>�Nur indirekte.�</p><p>Pelagia f�hlte sich so weit gekr�ftigt, um sich im Bett aufzusetzen. Der Bischof schob ihr ein Kissen in den R�cken.</p><p>�Wir haben drei Verbrechen, die eindeutig miteinander zu tun haben: Zuerst wurden Vater und Sohn Wonifatjew ermordet, dann Arkadi Poggio, dann Naina Telianowa und ihr Dienstm�dchen�, erkl�rte Pelagia. �Aus den schon genannten Gr�nden geh�rt Bubenzow in allen drei F�llen zu den Verd�chtigen. Richtig?�</p><p>�Aber bei all diesen Ereignissen waren auch noch andere in der N�he�, wandte der Bischof ein. �In Drosdowka und auf der Abendgesellschaft der Postmeistersgattin waren au�erdem Schirjajew, Pjotr Telianow, Sytnikow und dieser Reimeschmied, wie hei�t er gleich . . . Krasnow! Sie alle h�tten Gr�nde haben k�nnen, Wonifatjew und seinen Sohn umzubringen. Und die �brigen zwei Morde geschahen aus Angst vor Entlarvung.�</p><p>�Richtig, Vater. Aber Pjotr Telianow scheidet aus, weil er an dem Tag, an dem die Wonifatjews zu Sytnikow kamen, noch in der Stadt war. Das wurde in meinem Beisein erz�hlt, ich habe es mir gemerkt. Was Krasnow und Sytnikow angeht, so h�tten sie Wonifatjew nat�rlich t�ten k�nnen. Der Erste wegen der f�nfunddrei�igtausend. Der Zweite . . . na, sagen wir, weil er sich mit seinem Gast in die Haare geraten war. Aber der Haken dabei ist, dass die F�rstin weder den einen noch den anderen gedeckt h�tte.�</p><p>�Einverstanden. Aber was ist mit Schirjajew?�, fragte der Bischof mehr der Ordnung halber.</p><p>�Vater, wir hatten doch schon festgestellt, dass er den Mord in der Warrawkin-Gasse nicht begehen konnte, weil er noch in Haft war.�</p><p>�Ja, richtig. Also konnte au�er Bubenzow niemand alle drei Morde ver�ben?�</p><p>�So ist es. Aber nicht drei Morde, sondern f�nf�, berichtigte Pelagia. �Denn der erste und der letzte waren Doppelmorde. Bei gr�ndlicher �berlegung bleibt als Verd�chtiger nur Bubenzow. Bedenken Sie, dass er in der Nacht, in der Poggio ermordet wurde, ganz allein war; Murad Dshurajew zog stockbetrunken durch die Kneipen, und der Sekret�r Selig versuchte, den Raufbold zur Vernunft zu bringen. Vielleicht hatte Bubenzow seinen Diener zum Trinken verleitet, weil er wusste, wie das enden w�rde?�</p><p>Die Nonne breitete die Arme aus.</p><p>�Das ist alles, was wir haben. Unter gew�hnlichen Umst�nden w�re es ausreichend f�r eine Verhaftung, aber Bubenzow ist ein besonderer Fall. Selbst wenn Berditschewski einen Haftbefehl ausstellt, f�rchte ich, dass Polizeimeister Lagrange ihn nicht ausf�hrt. Er wird sagen, es g�be keine eindeutigen Beweise. F�r ihn ist Bubenzow Zar und Gott in einem. Nein, aus der Verhaftung wird nichts.�</p><p>�Das muss dich nicht bek�mmern�, sagte Mitrofani. �Du hast dein Teil getan. Ruh dich jetzt aus und sammle Kr�fte. Ich ordne an, dass du nicht behelligt wirst, und wenn du etwas brauchst, ziehst du an dieser Samtschnur. Dann kommt sofort ein Zellendiener und erf�llt dir jeden Wunsch.�</p><p>Der Bischof zeigte, wie sie an der Schnur ziehen musste, und gleich darauf erschien im T�rspalt ein fades Gesicht mit d�nnem Bart und schwarzer Kappe.</p><p>�Patapi, schick nach Matwej Berditschewski. Und zwar hurtig.�</p><p>Matwej Berditschewski war sehr aufgeregt.</p><p>Nicht wegen des Polizeimeisters � der war butterweich. Das hei�t, zuerst, als er den Haftbefehl sah, war er kreidewei� geworden und ins Schwitzen gekommen, doch dann setzte Berditschewski ihm auseinander, dass nach dem Scheitern der Syten-Angelegenheit der Synodalinspektor sowieso erledigt war, und da fasste Lagrange Mut und nahm sich der Sache mit �u�erster Umsicht an.</p><p>Nicht Zweifel an der Loyalit�t der Polizei beunruhigten den Staatsanwalt, sondern die gro�e Verantwortung und mehr noch die Fragw�rdigkeit der Beweise. Eigentlich gab es fast keine Beweise, nur Verdachtsmomente, auf denen keine wirkliche Anklage aufzubauen war. Nun, Bubenzow war an dem einen wie an dem anderen Tatort gewesen, er konnte den einen wie den anderen Mord begangen haben, doch was folgte daraus? Ein guter Verteidiger w�rde solche Mutma�ungen zerpfl�cken. Hier musste gr��ere Vorarbeit geleistet werden, und Berditschewski war nicht sicher, ob er das schaffen w�rde. F�r einen Moment beneidete er sogar die Ermittler fr�herer Zeiten. Die hatten es leicht gehabt. Man schnappte einen Verd�chtigen, legte ihn auf den Streckbock, und er gestand ganz von selbst. Nat�rlich dachte der fortschrittliche und zivilisierte Berditschewski nicht im Ernst an Folter, doch ohne ein Gest�ndnis des Angeklagten war hier nichts zu machen, und das war von Bubenzow nicht zu erwarten. Berditschewski setzte seine ganze Hoffnung auf das Verh�r von Bubenzows Spie�gesellen Selig und Dshurajew. Man musste jeden einzeln bearbeiten, vielleicht ergaben sich irgendwelche Widerspr�che, Angriffspunkte, F�den, an denen man ziehen und wom�glich das ganze Kn�uel entwirren konnte.</p><p>Ein Fluchtversuch w�re gut, noch besser Widerstand bei der Verhaftung, tr�umte Berditschewski vor sich hin, als sie schon zur Festnahme fuhren.</p><p>F�r alle F�lle � immerhin ging es um die Verhaftung eines M�rders � hatten sie die Operation nach allen Regeln der Kunst vorbereitet. Lagrange hatte drei Dutzend Polizisten zusammengeholt, ihnen befohlen, die Revolver zu fetten, und h�chstselbst �berpr�ft, ob sie noch wussten, wie man damit schie�t. Bevor sie losfuhren, hatte der Polizeimeister einen richtigen Plan auf Papier gezeichnet.</p><p>�Der Kreis hier, Matwej Benzionowitsch, ist der Platz. Die punktierte Linie ist die Umz�unung, dahinter der Hof des �Gro�f�rsten�. Das gro�e Quadrat ist das Hauptgeb�ude des Hotels, das kleine der Generalsfl�gel. Bubenzow ist dort, meine M�nner haben das �berpr�ft. Die H�lfte der Leute stelle ich auf den Platz, die �brigen verstecken sich hinter der Umz�unung. Hinein gehen nur wir beide und noch zwei, drei M�nner . . .�</p><p>�Nein�, unterbrach ihn Berditschewski. �Ich gehe allein hinein. Wenn wir mit solch einer Meute anr�cken, sehen sie uns durchs Fenster und vernichten, Gott beh�te, die Beweise, die ich dort zu finden hoffe. Ich tue so, als wollte ich Bubenzow eine Visite abstatten. Dann sage ich ihm, dass der Gouverneur ihn umgehend zu sprechen w�nsche. Aber sowie ich mit ihm auf den Hof herauskomme, nehmen wir den Guten fest. Sollte etwas schief gehen, rufe ich, damit Sie mir zu Hilfe kommen.�</p><p>�Warum wollen Sie Ihre Kehle anstrengen?� Der gez�hmte Lagrange sch�ttelte vorwurfsvoll den Kopf. �Da haben Sie meine Trillerpfeife. Pfeifen Sie, und schon stehe ich vor Ihnen, wie aus der Erde gewachsen.�</p><p>Doch au�er sachlichen Erw�gungen hatte Berditschewski auch pers�nliche Gr�nde, Bubenzow eigenh�ndig zu ergreifen. Er wollte dem infamen Petersburger gar zu gern den denkw�rdigen Nasenst�ber heimzahlen. Voller Vorfreude, unw�rdig eines Christenmenschen, aber darum nicht weniger s��, malte er sich aus, wie Bubenzows hochm�tige Visage erbleichte und sich verzerrte, wenn er, Berditschewski, l�ssig hinwerfen w�rde:</p><p>�Legen Sie, bitte sch�n, die H�nde auf den R�cken. Ich erkl�re Sie f�r verhaftet.�</p><p>Oder noch besser, in weltm�nnischem Ton:</p><p>�Sehen Sie, mein Herr, Sie sind verhaftet. Wie fatal.�</p><p>Doch als er nun allein den Hof �berquerte, war ihm nicht wohl. Im Bauch krampfte es, und die Kehle war trocken.</p><p>Um sich Mut zu machen, blieb er kurz auf der Vortreppe des Fl�gels stehen. In dem schmucken eingeschossigen H�uschen befand sich das beste Appartement des Hotels, vorgesehen f�r hochm�gende Personen, die in staatlichem Auftrag das Gouvernement bereisten, desgleichen f�r Wohlhabende, die es als anst��ig empfanden, mit den �brigen Hotelg�sten unter einem Dach zu n�chtigen.</p><p>Die Stores im Fl�gel waren zugezogen, und Berditschewski bekam einen Schreck � wom�glich hatte sich Lagrange geirrt, und Bubenzow war gar nicht da?</p><p>Die Angst um das Gelingen des Plans vertrieb die nervliche Schw�che, und Berditschewski, der eigentlich erst l�uten wollte, stie� einfach die T�r auf und ging hinein.</p><p>Von der Diele kam er in ein gro�es Zimmer, voll gestellt mit offenen Truhen und Koffern. An einem Tisch sa�en Selig und Dshurajew und schoben auf einem Brett wei�e und schwarze Steine hin und her. Wahrscheinlich Nardy, mutma�te Berditschewski, der nur Schach und Preference gelten lie�.</p><p>�Melden Sie Herrn Bubenzow, dass der steilvertretende Staatsanwalt Berditschewski ihn unverz�glich zu sprechen w�nscht�, sagte er in eisigem Ton zu dem Sekret�r.</p><p>Der verneigte sich ehrerbietig und verschwand hinter der T�r, die zu den inneren Gem�chern f�hrte. Der Tscherkesse warf einen fl�chtigen Blick auf den Besucher und starrte wieder auf das Brett, wobei er Unverst�ndliches vor sich hin brabbelte. Bemerkenswert war, dass der Wilde nicht einmal im Raum die Pelzm�tze und den Dolch ablegte.</p><p>Selig kam zur�ck und sagte:</p><p>�Wenn ich bitten darf.�</p><p>Bubenzow sa� missgelaunt am Tisch und schrieb etwas. Er erhob sich nicht und gr��te nicht. Nur f�r einen Moment riss er den Blick vom Papier und fragte:</p><p>�Was wollen Sie?�</p><p>Diese unverhohlene Flegelhaftigkeit beruhigte Berditschewski vollends, denn er wusste: Hunde, die bellen, bei�en nicht. Bubenzow konnte nicht mehr zubei�en, seine Bei�erchen waren stumpf geworden.</p><p>�Gedenken Sie abzureisen?�, erkundigte sich Berditschewski h�flich.</p><p>�Ja.� Bubenzow warf w�tend den Federhalter hin, und auf das gr�ne Tuch spritzte Tinte. �Da der Gouverneur auf Ihren Antrag hin die Ermittlung einstellen lie�, habe ich hier nichts mehr zu tun. Macht nichts, meine Herren Sawolshsker, ich fahre nach Petersburg und komme wieder. Und dann nehme ich euer Armenhaus auseinander.�</p><p>Noch nie hatte Berditschewski den Synodalinspektor so gereizt gesehen. Wo war nur dessen tr�ge Herablassung geblieben?</p><p>�Das wird nicht gehen�, sagte Berditschewski scheinbar bek�mmert und seufzte.</p><p>�Was wird nicht gehen?�</p><p>�Abzureisen.� Berditschewski spielte sich in seine Rolle ein und breitete die Arme aus. �Der Gouverneur bittet Sie, ihn umgehend aufzusuchen. Ja, er befiehlt es.�</p><p>�Befiehlt?�, brauste Bubenzow auf. �Ich pfeife auf seine Befehle!�</p><p>�Wie belieben, aber Seine Exzellenz haben angeordnet, dass Sie das Gouvernement nicht verlassen d�rfen, solange Sie keine zufrieden stellende Erkl�rung abgeben hinsichtlich der ungesetzlichen Inhaftierung der Syten-�ltesten und der T�tung der drei Syten, die ihre �ltesten zu befreien versuchten.�</p><p>�Bl�dsinn! Alle wissen, dass die Syten mit der Waffe in der Hand die Vertreter der Macht angegriffen haben. Die sind selber schuld. Und was die ungesetzliche Inhaftierung der �ltesten angeht � das werden wir noch sehen. Sie decken G�tzenanbeter? Na sch�n, der Oberprokuror wird Sie daf�r zur Rechenschaft ziehen.� Bubenzow erhob sich und legte den Gehrock an. �Zum Teufel mit Ihnen. Ich werde bei Ihrem Gaggenau vorbeifahren. Nicht seinetwegen, sondern wegen Ljudmila Platonowna. Ein nettes Frauchen. Ich werde ihr zum Abschied das H�ndchen k�ssen.�</p><p>Bubenzows Augen bekamen einen unguten Glanz � offensichtlich beabsichtigte er, dem Gouverneur zu guter Letzt noch einen dem�tigenden Streich zu spielen.</p><p>Das k�nnte Ihnen so passen, dachte Berditschewski und unterdr�ckte mit M�he ein triumphierendes L�cheln. Da haben Sie sich geschnitten, mein Herr.</p><p>Sie gingen. Die Spie�gesellen des Inspektors spielten nicht mehr Nardy. Selig war mit dem Gep�ck besch�ftigt, der Tscherkesse stand am Fenster und sp�hte auf den Hof.</p><p>Pl�tzlich geschah etwas Unverhofftes. Mehr noch � etwas Unwahrscheinliches und Unvorstellbares.</p><p>Mit zwei katzenhaften Spr�ngen war Dshurajew bei Berditschewski und packte ihn mit seinen kurzen eisenharten Fingern an der Gurgel.</p><p>�V�rrat!�, schrie er heiser. �Wolodja, g�h nicht. Ein Hinterhalt!�</p><p>�Was faselst du?� Bubenzow starrte ihn an. �Bist du �bergeschnappt? �</p><p>Berditschewski zog die Pfeife aus der Tasche und blies aus aller Kraft hinein. Im n�chsten Augenblick ert�nte auf dem Hof das Getrappel vieler Stiefel.</p><p>Mit einem Schlag seiner sehnigen Hand streckte der Kaukasier Berditschewski zu Boden, st�rzte zu einem der Koffer und griff sich einen langl�ufigen Revolver.</p><p>�Halt!�, schrie Bubenzow, aber zu sp�t.</p><p>Dshurajew hatte mit dem Lauf die Fensterscheibe eingeschlagen und feuerte dreimal hinaus. Gellendes Geheul, und im n�chsten Moment wurde vom Hof zur�ckgeschossen, in so dichter Folge, dass von den W�nden und der Decke Stuck spritzte, auf dem Klavier eine Vase mit Chrysanthemen zersprang und die Wanduhr pl�tzlich mit verzweifeltem Get�se auseinander flog.</p><p>Selig lie� sich auf den Boden plumpsen und kroch zur T�r. Bubenzow ging in die Hocke. Als die Schie�erei ein wenig nachlie�, sagte er ver�chtlich:</p><p>�Murad, du bist ein Esel! Nun l�ffle die Suppe auch aus, die du dir eingebrockt hast. Ich gehe durch den Hinterausgang zum Pferdestall. Dann reite ich nach Petersburg. Das schaff ich schon. Und du feure noch ein bisschen, damit ich wegkomme, und ergib dich dann. Ich werde dich herausholen. Verstanden?�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er in geb�ckter Haltung. Selig kroch ihm auf dem Bauch hinterher.</p><p>�V�rstanden, Wolodja, nicht so schw�r�, sagte der Tscherkesse leise. �Aber Murad kann sich nicht �rg�b�n.�</p><p>Er zielte und schoss. Im Hof schrie wieder jemand, und darauf folgten Salven. Einen g�nstigen Moment abpassend, feuerte der Kaukasier noch einmal, aber diesmal hatte er kein Gl�ck. Die M�tze fiel vom kahl rasierten graublauen Sch�del, und auf der Wange hatte sich eine rote Furche eingekerbt, aus der Blut sickerte. Murad wischte mit dem �rmel seines schmutzigen Beschmet w�tend das Blut weg und schoss �ber das Fensterbrett.</p><p>Berditschewski focht einen qualvollen inneren Kampf aus. Auf der einen Seite war lediglich die Pflicht, auf der anderen waren die Ehefrau, zw�lf (eigentlich schon fast dreizehn) Kinderchen und als Zugabe das eigene Leben. Die Gewichte waren ungleich verteilt. Berditschewski beschloss, sich still zu verhalten, schlie�lich konnte man Bubenzow immer noch verfolgen. Aber kaum hatte er diesen rettenden Entschluss gefasst, trat eine Kampfpause ein, und sich bekreuzigend schrie er verzweifelt:</p><p>�Lagrange, Hinterausgang!�</p><p>Murad drehte sich drohend um, und Berditschewski sah ein riesiges schwarzes Loch, das direkt auf seine Nasenwurzel starrte. Trocken knackte der Hahn, dann noch einmal, der Tscherkesse fluchte in seiner Sprache und warf den nutzlosen Revolver weg.</p><p>Doch die wundersame Rettung war ein Trugschluss, denn der Kaukasier z�ckte seinen gewaltigen Dolch und st�rzte sich auf den armen Berditschewski. Der schlug den furchtbaren Menschen auf den Wangenknochen, aber das war, als schlage die Faust gegen Stein. Gebannt von dem geheimnisvollen Geflimmer der breiten Klinge, erstarrte der stellvertretende Staatsanwalt.</p><p>Der Tscherkesse packte seinen Gefangenen am Genick, setzte ihm den kalten Stahl an die Gurgel und sagte, einen Geruch von Blut und Knoblauch verstr�mend:</p><p>�Sp�ter st�ch ich dich ab, nicht j�tzt. Sonst t�ten sie mich sofort. Wenn Wolodja Vorsprung hat, st�ch ich dich ab.�</p><p>Berditschewski kniff die Augen zu, er konnte die wahnsinnigen Augen, den schwarzen Bart und die blutende Wange nicht mehr sehen.</p><p>Drau�en schrie Lagrange:</p><p>�Fahr die Droschke in die Kupetscheskaja! Ihr drei, marsch zu den Stadttoren. Die Schlagb�ume runter! Jelissejew, nimm dir vier Mann und ab zum Pferdestall!�</p><p>Jetzt kommt Bubenzow nicht mehr weg, dachte Berditschewski, doch Trost brachte ihm das nicht. Er kriegte kaum Luft, so fest hielt ihn Murad im W�rgegriff. Vor Entsetzen wurde ihm �bel, und ihn durchzuckte sogar der Gedanke: Soll er doch zustechen, dann hat die Qual ein Ende.</p><p>�ber das Fensterbrett schob sich vorsichtig der Kopf von Lagrange.</p><p>�Herr Berditschewski, sind Sie am Leben?�</p><p>Dshurajew antwortete:</p><p>�Wenn du dich einmischst, ist �r tot.�</p><p>Da wurde der Polizeimeister mutiger, hob die Hand mit dem Revolver �ber das Fensterbrett und sagte grienend:</p><p>�Na, Dshurajew, hast du alle Kugeln verschossen? Ich habe mitgez�hlt. Wenn du Seiner Hochwohlgeboren ein H�rchen kr�mmst, knall ich dich ab wie einen tollw�tigen Hund. Lebendig nehm ich dich nicht gefangen. Das schw�r ich bei Gott dem Herrn.�</p><p>�Murad f�rchtet nicht d�n Tod�, antwortete der ver�chtlich und hielt Berditschewski wie einen Schild vor sich.</p><p>Lagrange kletterte langsam aufs Fensterbrett.</p><p>�Das l�gst du, mein Lieber. Den Knochenmann f�rchtet jeder.�</p><p>Er setzte sich vorsichtig aufs Fensterbrett.</p><p>�Noch ein Schritt, und ich st�che ihn ab�, versprach der Tscherkesse leise.</p><p>�Schon gut�, beruhigte ihn der Polizeimeister. �Ich lege meinen Revolver hier hin.�</p><p>Er legte wirklich die Waffe an die Kante des Fensterbretts, so dass die M�ndung �ber dem Boden schwebte, und schlug ein Bein �ber das andere.</p><p>�Dshurajew, einigen wir uns g�tlich.� Lagrange holte ein Etui hervor und steckte sich eine Papirossa an. �Du hast mir zwei M�nner durchl�chert. Daf�r m�sste ich dich auf der Stelle umlegen. Aber wenn du jetzt Seine Hochwohlgeboren losl�sst und dich ergibst, bring ich dich lebendig ins Gef�ngnis. Und wir werden dich nicht mal schlagen, mein Offiziersehrenwort.�</p><p>Dshurajew knurrte nur.</p><p>�Na, habt ihr ihn?�, fragte Lagrange in den Hof hinaus.</p><p>Ihm wurde etwas geantwortet, aber die Worte waren nicht zu verstehen.</p><p>�Ach, ihr Strolche, ihr habt ihn entwischen lassen?�, br�llte der Oberst aufgebracht und hieb mit der Faust auf das Fensterbrett, doch so ungeschickt, dass er genau den Revolverlauf traf.</p><p>In v�lliger �bereinstimmung mit den physikalischen Gesetzen vollf�hrte der Revolver einen raffinierten Salto in der Luft und krachte mitten in der Stube auf den Boden.</p><p>Der Tscherkesse lie� seinen Gefangenen los und war mit einem Raubtiersprung bei der Waffe.</p><p>Und da zeigte sich, dass der fliegende Revolver ein Trick des gewieften Polizeimeisters war. Wie durch Hexerei hielt Lagrange einen zweiten, kleineren Revolver in der Hand, und der spie Feuer und Qualm gegen Dshurajew.</p><p>Die Kugeln schleuderten den Kaukasier gegen die Wand, aber er sprang sofort wieder auf die Beine und r�ckte mit dem Dolch gegen den Polizeimeister vor.</p><p>Lagrange zielte genauer, schoss noch dreimal und traf jedes Mal, doch Murad fiel nicht, aber jeder Schritt machte ihm jetzt gr��ere M�he.</p><p>Als der Tscherkesse nur noch einen Meter von Lagrange entfernt war, sprang dieser auf den Boden, setzte Murad die M�ndung direkt an die Stirn, und die obere Sch�delh�lfte flog in Splittern auseinander.</p><p>Der Tote schwankte und st�rzte endlich zu Boden.</p><p>�Ist der z�hlebig, der Teufel�, sagte der Polizeimeister, �ber den Leichnam gebeugt und sch�ttelte verwundert den Kopf. �Geradezu ein Wiederg�nger. Sehen Sie, er klappert noch mit den Augen. Das glaubt einem keiner.�</p><p>Dann trat er zu Berditschewski, der nach all den Ersch�tterungen halb tot war, und hockte sich neben ihn.</p><p>�Alle Achtung, Matwej Benzionowitsch, Sie sind ein Draufg�nger.� Er wiegte respektvoll den Kopf. �Dass Sie keine Angst hatten, das vom Hinterausgang zu rufen!�</p><p>�Aber es hat nichts gen�tzt�, sagte Berditschewski mit schwacher Stimme. �Bubenzow ist trotzdem entkommen.�</p><p>Lagrange lachte, dass seine wei�en Z�hne blitzten.</p><p>�Aber woher denn! Wir haben ihn gefasst, auch seinen sauberen Sekret�r. Direkt im Pferdestall.�</p><p>�Im Ernst?� Berditschewski verstand �berhaupt nichts mehr.</p><p>�Ich habe absichtlich geflucht, f�r den Tscherkessen. Damit der Trick mit dem fliegenden Revolver echter aussah.�</p><p>Vor Begeisterung und Erleichterung fand Berditschewski nicht gleich die richtigen Worte.</p><p>�Ich . . . Wirklich, Felix Stanislawowitsch, Sie sind mein Retter . . . Das werde ich Ihnen nicht vergessen . . .�</p><p>�Das w�nsche ich mir sehr.� Der wackere Polizeimeister blickte Berditschewski forschend in die Augen. �Ich werde Ihnen auch k�nftig treu und redlich dienen, Ehrenwort. Aber h�ngen Sie die Geschichte mit dem Schmiergeld nicht an die gro�e Glocke, verdammt soll sie sein. Der Teufel hat mich geritten. Ich habe das Geld dem Kaufmann zur�ckgegeben. Legen Sie beim Bischof und beim Gouverneur ein gutes W�rtchen f�r mich ein, ja?�</p><p>Berditschewski stie� einen Sto�seufzer aus, er dachte daran, wie er gegen die bei Beamten verbreitete Bestechlichkeit gewettert hatte, die wie Distelgestr�pp alle guten Absichten durchwucherte; und nahmen sie kein Geld, dann zumindest kleine Geschenke.</p><p>Und ein gerettetes Leben � ist das kein Geschenk?</p></section><section><title><p>Die Gerichtsverhandlung</p></title><p>Der Prozess �ber die Sawolshsker Morde fand in dem erstaunlich ger�umigen und geschmackvollen neuen Geb�ude des Gouvernementsgerichts statt. Anton von Gaggenau hatte selbst den architektonischen Entwurf best�tigt und den Bau pers�nlich beaufsichtigt, weil er ihm eine besondere Bedeutung beima�. Er pflegte zu sagen, dass man aus dem �u�eren eines Gerichtsgeb�udes schlie�en k�nne, ob die Gesetzlichkeit in dem jeweiligen Ort geachtet werde. In Russland seien die Gerichtsgeb�ude schmutzig, eng, sch�big, darum geschehe in ihnen so viel Unrecht und Missbrauch. Der Gouverneur vertrat unbeirrt die vielleicht naive �berzeugung: Wenn ein Gerichtssaal eine gewisse �hnlichkeit mit einem sauberen und sch�nen Gottestempel habe, werde es dort auch bedeutend weniger Rechtsverletzungen geben. Und noch eine Erw�gung hatte den Gouverneur bewogen, f�r den Bau eine so betr�chtliche Summe bereitzustellen: Das neue Gerichtsgeb�ude sollte das goldene Jahrhundert der Sawolshsker Geschichte markieren, das sich auf dem festen Fundament von Gesetzlichkeit und Rechtlichkeit gr�ndete.</p><p>Der Bau war gerade rechtzeitig fertig geworden, denn in dem fr�heren Gerichtssaal h�tten nicht einmal die Ehreng�ste Platz gefunden, die zu dem Prozess erschienen. Der neue Tempel der Themis fasste m�helos an die f�nfhundert Zuschauer. Das war nat�rlich nur ein kleiner Teil derer, die der Verhandlung des Aufsehen erregenden Falles beiwohnen wollten, doch f�r die notwendigen Leute reichten die Pl�tze (zu diesen Leuten geh�rten au�er den offiziellen Personen und den Ehreng�sten die Creme der Sawolshsker Gesellschaft, zahlreiche Journalisten, Schriftsteller aus der Hauptstadt und Vertreter des juristischen Standes, die wie Heuschrecken aus ganz Russland zu diesem gerichtlichen Turnier gestr�mt waren). Die au�erordentliche Pr�senz der Juristen erkl�rte sich auch daraus, dass als Verteidiger Lomejko pers�nlich gewonnen werden konnte, eine Leuchte der russischen Anwaltschaft und europ�ische Ber�hmtheit. Allen war noch sein vorj�hriger Triumph gegenw�rtig, als er Freispruch f�r die Schauspielerin Granatowa erwirkte, diese hatte die Ehefrau ihres Liebhabers, des Theaterunternehmers Anatoliski, erschossen.</p><p>Gegen einen so gef�hrlichen Gegner konnte der beschr�nkte Gouvernementsstaatsanwalt nat�rlich nicht antreten, und der Bischof, im Bunde mit dem Gouverneur, n�tigte teils durch �berredung, teils durch Gewalt Berditschewski, das Amt des �ffentlichen Ankl�gers zu �bernehmen. Diese Wahl wurde auch dadurch bef�rdert, dass Berditschewski sich durch seinen Einsatz bei der Festnahme der gef�hrlichen Verbrecher den Ruhm eines Helden erworben hatte, zumindest im Gouvernement.</p><p>Die Reputation eines Draufg�ngers und eines Mannes der Tat war Berditschewski unsagbar angenehm, denn in der Tiefe seiner Seele wusste er sehr wohl, dass er sie nicht verdiente. Aber der Preis f�r den Ruhm war nicht gering.</p><p>Vor Aufregung verlor der stellvertretende Staatsanwalt schon zwei Wochen vor dem Prozess Schlaf und Appetit. Er wusste selbst nicht, wen er mehr f�rchten sollte: den gewieften Lomejko, die scharfz�ngigen Zeitungsreporter oder den Zorn des allm�chtigen Oberprokurors Konstantin Petrowitsch. Letzterer hatte eine ganze Delegation unter der Leitung des stellvertretenden Oberprokurors Heller zur Verhandlung entsandt, denn der Sawolshsker Skandal hatte dem Prestige der h�chsten Glaubensh�ter-Instanz des Reiches schweren Schaden zugef�gt.</p><p>Zum ersten Mal musste Berditschewski vor einem breiten (und auch hohen) Publikum auftreten. Nun, wenn er stotterte oder mit zitternder Stimme spr�che, w�re das nicht weiter schlimm, man w�rde es einem Staatsanwalt der Provinz nachsehen. Schlimmer war, dass die Anklage auf schwachen F��en stand.</p><p>Auf Rat seines Anwalts hatte Bubenzow w�hrend der Ermittlung keine Aussagen gemacht. Frech schwieg er, betrachtete den schwitzenden Berditschewski wie eine Assel, polierte sich die Fingern�gel, g�hnte. In seine Zelle zur�ckgekehrt, schrieb er Beschwerden an h�here Instanzen.</p><p>Selig wiederum, unter dem Verdacht der Beihilfe verhaftet, redete viel, teilte aber nichts N�tzliches mit. Zumeist klagte er �ber seine Gesundheit und schwafelte �ber G�ttliches. Also mussten die Beweggr�nde des Verbrechens w�hrend der Verhandlung aufgedeckt werden.</p><p>So war der Stand der Dinge an dem Tag, an dem sich vor den gl�cklichen Besitzern von Gastkarten die hohen T�ren des neuen Gerichtsgeb�udes �ffneten und die Verhandlung begann, die nicht nur in die Annalen unseres Gouvernements eingehen sollte, sondern auch in die Lehrb�cher der Jurisprudenz.</p><p>Die Anordnung der Pl�tze im Saal unterschied sich von der sonst �blichen dadurch, dass hinter dem Richtertisch noch zwei Reihen Sessel f�r die angesehensten G�ste aufgestellt waren. Da sa�en der stellvertretende Oberpro-kuror des Heiligen Synods und seine zwei n�chsten Gehilfen, der Gouverneur und der Adelsmarschall, beide mit Gattin, die Gouverneure der beiden Nachbargouvernements (selbstredend ebenfalls mit Gattin) und Bischof Mitrofani, hinter dessen Schultern wie ein schwarzes V�gelchen eine Nonne hervorschaute, die vom Saal einstweilen �berhaupt nicht wahrgenommen wurde.</p><p>Den Vorsitz f�hrte der geachtetste und gelehrteste unserer Richter, der im Generalsrang war. Alle wussten, dass er aus Altersgr�nden bereits den Abschied eingereicht hatte, und erwarteten von ihm v�llige Unvoreingenommenheit. F�r jeden Juristen ist es schmeichelhaft, eine lange und w�rdige Karriere mit einem so herausragenden Prozess zu beschlie�en. Die beiden anderen Mitglieder des Gerichts waren hoch angesehene Friedensrichter, der eine noch jung, der andere wohl �lter als der Vorsitzende.</p><p>Den hauptst�dtischen Anwalt Lomejko begr��te das Publikum mit lebhaftem Beifall, und er wuchs in die H�he und Breite wie ein aufgehender Hefeteig. Bescheiden und w�rdevoll verneigte er sich vor dem Gericht, vor den Zuschauern und mit betontem Respekt vor Bischof Mitrofani, was bei den Einwohnern sehr gut ankam. Guri Samsonowitsch Lomejko hatte wohl selbst �hnlichkeit mit dem Bischof � ebenso stattlich, klar�ugig, mit grau meliertem Vollbart.</p><p>Auch der Staatsanwalt wurde freundlich begr��t, wenn auch vorwiegend von den Ortsans�ssigen, die ihm daf�r lauter applaudierten als der hauptst�dtischen Koryph�e. Berditschewski, blass, mit blauen Lippen, verbeugte sich steif und raschelte mit einem dicken Sto� von Papieren.</p><p>Sodann wurden in langwieriger Prozedur die Geschworenen vorgestellt, und hier bewies der Verteidiger eine erstaunliche H�rte, indem er entschieden zwei altgl�ubige Kaufleute, einen �ltesten der Syten und merkw�rdigerweise sogar den Direktor des Gymnasiums ablehnte. Der Ankl�ger legte keinen Protest gegen solches Ansinnen ein, er gab mit seiner ganzen Haltung zu verstehen, dass die Zusammensetzung der Geschworenen keine Bedeutung habe, denn der Fall sei ohnehin klar.</p><p>In diesem Sinne hielt Berditschewski auch sein Pl�doyer. Er begann erwartungsgem�� verworren und unbeholfen und schn�uzte sich gar beim zweiten Satz, aber dann fing er sich (besonders als ihm teilnahmsvoll applaudiert wurde) und sprach im Weiteren gewandt, glatt und zuweilen sogar beseelt.</p><p>Er hatte sich sorgf�ltig vorbereitet und die wichtigsten Passagen auswendig gelernt. Gegen Ende der zweiten Stunde legte er eine effektvolle Pause ein, zeigte mit drohend erhobenem Finger auf den Angeklagten und richtete die Augen himmelw�rts, ohne l�cherlich zu wirken, was kaum einem Staatsanwalt gelingt. Sein Pl�doyer wurde viele Male von Beifall unterbrochen, und einmal erntete er sogar eine Ovation (als er aufs anr�hrendste �ber die verf�hrte und verlassene F�rstin Telianowa sprach � hier konnten etliche Damen ein Schluchzen nicht unterdr�cken).</p><p>Es war ein vorz�gliches Pl�doyer mit feinsten psychologischen Nuancen und umwerfenden rhetorischen Fragen. Wir h�tten es gern ausf�hrlich wiedergegeben, aber das w�rde zu viel Platz einnehmen, denn es dauerte mehr als drei Stunden. Auch f�gte es den uns bereits bekannten, etwas unausgegorenen Schlussfolgerungen von Schwester Pelagia kaum etwas Neues hinzu, aber es verlieh ihnen mehr Gewicht, �berzeugungskraft und sogar Glanz. Mit Bedauern verzichten wir auf die ganze Psychologie und die Beispiele rhetorischer Kunst und beschr�nken uns auf die Hauptpunkte der Anklage.</p><p>Also, dem Angeklagten Bubenzow wurde zur Last gelegt: der Mord an dem Kaufmann Wonifatjew und seinem minderj�hrigen Sohn, der Mord an dem Petersburger Photok�nstler Arkadi Poggio, der Mord an der F�rstin Naina Telianowa und ihrem Dienstm�dchen Jewdokia Syskina und schlie�lich Widerstand bei der Festnahme, was die schwere Verwundung zweier Polizisten zur Folge hatte, von denen einer inzwischen verstorben war. Der Staatsanwalt bat das Gericht, Bubenzow zu unbefristeter Zwangsarbeit zu verurteilen und seinen Komplizen Selig, der zweifellos von den Verbrechen seines Vorgesetzten gewusst hatte und sich der Verhaftung durch Flucht hatte entziehen wollen, zu einem Jahr Gef�ngnis mit anschlie�ender Verbannung.</p><p>Berditschewski nahm wieder Platz, er war heiser, aber zufrieden mit sich. Ihm wurde sch�ner Beifall gespendet, sogar von den angereisten Juristen, was ein erfreuliches Zeichen war. Er wischte sich den Schwei� von der Stirn und warf einen fragenden Blick auf den Bischof, der seinen Protege w�hrend des Pl�doyers mehrfach durch ein Neigen des Kopfes und ein wohlwollendes Senken der Augenlider ermuntert hatte. Auch jetzt beantwortete er den Blick des Staatsanwalts mit einem billigenden Nicken. Ja, Berditschewskis Pl�doyer war in der Tat gelungen.</p><p>Die Verhandlung wurde nach einer Pause fortgesetzt, die angereisten Rechtskundigen hatten sie genutzt, um den Fall zu er�rtern. Die Mehrheit neigte zu der Ansicht, dass die Anklage vern�nftig aufgebaut war und der hinterw�ldlerische Staatsanwalt mit seinem Pl�doyer dem Verteidiger eine harte Nuss zu knacken gegeben hatte. Doch Lomejko war nicht der Mann, der sich davon schrecken lie�, wahrscheinlich w�rde er mit seiner virtuosen Rhetorik brillieren und den Wortk�nstler der Provinz in den Schatten stellen.</p><p>Aber das von allen anerkannte Genie des gro�en Anwalts bestand gerade darin, dass er die in ihn gelegten Erwartungen nicht erf�llte, sondern � �bertraf.</p><p>Der Anfang seines Pl�doyers war, gelinde gesagt, merkw�rdig.</p><p>Lomejko trat nach vorn und stellte sich so hin, dass er den Zuschauern den R�cken zuwandte, den Geschworenen die Seite, das Gesicht aber dem Gericht, was ganz ungew�hnlich war. Er breitete halb verlegen, halb verdrossen die Arme aus und verharrte eine ganze Weile in dieser wunderlichen Haltung, ohne ein Wort zu sagen.</p><p>Im Saal, der schon zur Ruhe gekommen war, wurde getuschelt, St�hle knarrten, aber der Verteidiger schwieg noch immer. Er hob erst an zu sprechen, als der Vorsitzende befremdet auf seinem Stuhl herumrutschte und im Saal wieder angespannte Stille eingetreten war.</p><p>�Ich wei� nicht . . . ich wei� nicht, was ich zu dem Pl�doyer des verehrten Ankl�gers sagen soll�, wandte sich Lomejko in leisem vertraulichem Ton an das Gericht und verk�ndete unvermittelt: �Wissen Sie, ich bin n�mlich gar nicht so weit von hier aufgewachsen. Ich habe meine Kindheit am hiesigen Fluss verbracht. Ich habe diese Luft in mich eingesaugt, bin mit ihr gro� geworden . . . Dann bin ich weggefahren, in ein lautes, gesch�ftiges Leben eingetaucht, aber, wissen Sie, meine Seele blieb immer dem Fluss verbunden. Ich sage ohne Pathos, was ich denke. Hier, inmitten dichter W�lder und bescheidener, unergiebiger Felder, schl�gt das eigentliche Herz Russlands. Deshalb, meine Herren�, hier ver�nderte sich die Stimme des Redenden kaum merklich, gewann allm�hlich an Elastizit�t, Kraft und vielleicht auch unterschwelliger Drohung, �deshalb, meine Herren, macht es mich krank, wenn ich von Erscheinungen asiatischer Roheit erfahre, wie sie leider allzu oft in der tiefen russischen Provinz Vorkommen. Ich habe viel Gutes �ber Sawolshsk und die hier eingef�hrte Ordnung geh�rt, darum glaube ich aufrichtig, dass das hohe Gericht keinen Anlass geben wird, der Voreingenommenheit und des Lokalpatriotismus verd�chtigt zu werden. Leider war es gerade dieser unappetitliche Geruch, der mir und den G�sten Ihrer Stadt aus den �u�erungen meines verehrten Opponenten entgegenschlug.�</p><p>Dieser Anfang machte die Richter einerseits w�tend, andererseits nerv�s angesichts der in ihre Notizbl�cke kritzelnden Reporter, der Zeitungszeichner und der unnachsichtigen Publizisten, die hier die �ffentliche Meinung des unermesslichen Imperiums vertraten.</p><p>Der Anwalt aber hatte sich inzwischen von den Richtern abgewandt und fixierte nun die Geschworenen. Zu ihnen sprach er ganz schlicht und ohne jeden drohenden Unterton:</p><p>�Meine Herren, ich m�chte ein �briges Mal auf das verweisen, was Sie nat�rlich auch ohne mich wissen. Heute findet das wichtigste Ereignis in Ihrem Leben als B�rger statt. Einen solchen Prozess hat es in Ihrer stillen Stadt noch nie gegeben und wird es hoffentlich nie wieder geben. Ich habe Sie lange mit Fragen gequ�lt und etliche als Geschworene abgewiesen, aber ich tat es ausschlie�lich im Interesse der Rechtsprechung. Ich verstehe sehr wohl, dass Sie alle lebendige Menschen sind. Jeder hat sich wahrscheinlich schon seine Meinung gebildet, Sie haben mit Ihren Angeh�rigen, Freunden und Bekannten �ber die Umst�nde des Falls gesprochen . . . Ich bitte Sie inst�ndig nur um eines.� Er faltete die H�nde wie zum Gebet. �Verurteilen Sie die beiden Angeklagten nicht im Voraus. Sie sind ohnehin schon gegen sie eingenommen, weil Sie in ihnen die Verk�rperung einer fremden und feindseligen Kraft sehen, deren Name Petersburg ist. Dieser Kraft begegnen Sie mit Argwohn und Misstrauen, h�ufig leider zu Recht. Ich r�ume ein, dass Bubenzow den einen oder anderen von Ihnen gekr�nkt oder erz�rnt hat. Er ist ein komplizierter, unbequemer Mensch. Solche geraten immer in vertrackte Situationen � manchmal aus eigener Schuld, manchmal durch eine Laune des ungerechten Schicksals. Wenn das Gericht mir eine kurze Abschweifung von dem zu verhandelnden Fall erlaubt, werde ich Ihnen eine kleine Geschichte �ber Wladimir Bubenzow erz�hlen. �brigens ist es gar keine Abschweifung, denn Sie haben �ber ein menschliches Schicksal zu befinden und m�ssen wissen, was f�r ein Mensch er ist. . .�</p><p>Der Verteidiger machte wieder eine Pause, als pr�fe er, ob man ihm aufmerksam zuh�rte. Man h�rte ihm h�chst aufmerksam zu � es herrschte v�llige Stille, bis auf leises St�hleknarren.</p><p>�Vielleicht zeigt diese Geschichte meinen Klienten in einem noch ung�nstigeren Licht, aber ich erz�hle sie trotzdem, denn sie macht seinen Charakter sehr augenf�llig . . . Also, mit f�nfzehn Jahren verliebte sich Wladimir Bubenzow. Leidenschaftlich, besinnungslos, wie das in fr�her Jugend so ist. In wen, fragen Sie? Darin liegt eben die Unvernunft, denn die Herzensdame des jungen Pagen war eine Gro�f�rstin, ich werde ihren Namen nicht nennen, denn sie ist jetzt die Gattin eines europ�ischen gekr�nten Hauptes.�</p><p>Durch die Reihen der Journalisten ging ein Raunen � sie �berlegten, von wem die Rede sein k�nnte, und hatten es wohl bald heraus.</p><p>�Wladimir Bubenzow schrieb Ihrer kaiserlichen Hoheit zuerst einen Liebesbrief, sp�ter wurde er n�chtens unter dem Fenster ihres Schlafgemachs erwischt. Die Folge war ein �u�erst unangenehmer Skandal. Um im Pagenkorps bleiben zu d�rfen, sollte der Knabe seinen Vorgesetzten um Verzeihung bitten. Er weigerte sich strikt und wurde relegiert, damit war ihm der Weg zu einer gl�nzenden Hofkarriere verbaut. Ich habe diese lang zur�ckliegende Geschichte erw�hnt, damit Sie die wesentliche Besonderheit im Charakter meines Mandanten besser verstehen. Er ist ein stolzer Mann, meine Herren, und daran ist nicht zu r�tteln. Wenn gegen ihn ungeheuerliche, ja, absurde Beschuldigungen erhoben werden, verschm�ht er es, sich zu rechtfertigen. Er schweigt stolz.�</p><p>Es ist anzunehmen, dass diese �kleine Geschichte� sich nicht so sehr an die Geschworenen richtete, gr��tenteils �ltere und gesetzte M�nner, sondern vor allem an die weibliche H�lfte des Publikums, deren Haltung bei solchen Prozessen gew�hnlich die Atmosph�re bestimmt. Die Frauen, die auch schon vorher Bubenzow mit gierigem Interesse betrachtet hatten, w�rdigten die Anekdote nach Geb�hr, und ihre Neugier erfuhr eine gewisse Metamorphose � war sie zuvor �berwiegend beklommen gewesen, so wurde sie jetzt �berwiegend teilnahmsvoll.</p><p>Nachdem der geschickte Advokat diesen wichtigen, wenn auch unauff�lligen Sieg errungen hatte, offenbarte er sogleich seine Schl�ue.</p><p>�Ach, wie schade, dass Vertreterinnen des sch�nen Geschlechts nicht als Geschworene zugelassen sind�, sagte er mit einem zutiefst aufrichtigen Seufzer. �Sie sind weitaus barmherziger als die M�nner. Aber ich, meine Herren Geschworenen, bitte Sie keineswegs um Barmherzigkeit oder, Gott beh�te, um Nachsicht f�r Wladimir Bubenzow.�</p><p>Es ergab sich von selbst, dass von dem zweiten Angeklagten kaum die Rede war. Entweder war der demutsvolle Selig f�r den L�wen der Anwaltschaft ohne Interesse, oder Lomejko ging davon aus, dass ein Freispruch der Hauptfigur ganz nat�rlich auch Seligs Haftentlassung nach sich ziehen w�rde.</p><p>�Ihre Nachsicht w�rde diesen stolzen Mann nur peinigen. Vor allem deshalb� (hier t�nte die Stimme des Verteidigers pl�tzlich wie eine Bronzeglocke), �weil er Ihrer Nachsicht nicht bedarf!!�</p><p>Einige Geschworene runzelten bei diesen Worten die Brauen, Lomejko aber flog mit behenden Schritten zu dem langen Tisch, an dem die zw�lf Volksvertreter sa�en, und bat mit sanfter Stimme:</p><p>�Schonen Sie ihn nicht. Vergessen Sie nur Ihren Groll gegen ihn. Sie haben nicht �ber seinen schlechten Charakter zu urteilen, nicht �ber seine Ausschweifung und seinen Ehrgeiz, sondern �ber schreckliche, grauenhafte Verbrechen, die, das versichere ich Ihnen, Bubenzow nicht begangen hat. Was ich Ihnen im Folgenden beweisen werde.�</p><p>Es stellte sich heraus, dass alles Bisherige nur die Ouvert�re zur eigentlichen Verteidigung gewesen war. Die Zuh�rer setzten sich raschelnd bequemer zurecht und machten sich auf ein langes Pl�doyer gefasst, aber Lomejko trug seine Argumentation in weniger als einer Viertelstunde vor.</p><p>�Meine Herren, Sie haben das endlose Pl�doyer des Ankl�gers geh�rt, das eher dem Geheul von Hamlets Vater glich als einem seri�sen juristischen Diskurs.�</p><p>Im Umkreis des stellvertretenden Oberprokurors wurde beif�llig gelacht.</p><p>�Ich habe gesehen, meine Herren, dass dieses Pl�doyer Sie leider beeindruckt hat. Dabei war es ausschlie�lich auf billiger Effekthascherei aufgebaut. Das Fehlen von Beweisen wurde durch literarisch aufgeputzte Banalit�ten und Vermutungen kaschiert, hinter denen nichts steht. Ich m�chte niemanden kr�nken, aber das war ein Musterbeispiel f�r provinzielle Schw�lstigkeit in ihrer schlimmsten Form. In Moskau oder Petersburg ist derartiges Geschw�tz l�ngst aus der Mode. Dort h�tte man unseren Ankl�ger einfach ausgepfiffen, wie es eine miserable Schauspielerleistung auch verdient.�</p><p>Berditschewski lief rot an und wandte sich emp�rt zu dem Vorsitzenden um, doch der machte ein ratloses Gesicht. Offenbar waren auch die Geschworenen verwirrt.</p><p>�Und nun zur Sache.� Der Zauberer wechselte erneut den Ton, der nun nicht mehr giftig und mitleidig war, sondern trocken und sachlich. Jetzt sprach ein pedantischer Gelehrter, der wissenschaftlich fundierte und jedem auch nur halbwegs verst�ndigen Menschen einleuchtende Fakten vortrug. �Meine Herren, ich werde Ihnen erz�hlen, wie es wirklich war. Ich kannte die Wahrheit von Anfang an, habe aber meine Mandanten angewiesen, Stillschweigen zu bewahren, weil die hiesigen Ermittler nicht unparteiisch sind, weil sie nach Rache d�rsten und sicherlich die Umst�nde des Falls verzerrt h�tten, wie das die beamteten Rechtsverdreher seit eh und je in unserem leidgepr�ften Russland so gern tun.�</p><p>Den Beifall, mit dem der liberale Teil des Publikums diese Bemerkung w�rdigte, lie� Lomejko v�llig unbeachtet. Er wartete, bis er verebbt war, und fuhr fort:</p><p>�Nacht, eine �de Landstra�e. Durch graue Wolken schimmert unheilverk�ndend der Mond, es riecht nach Regen, Wind heult. Zwei Menschen gehen die Stra�e entlang: ein b�rtiger, mit kreisrund geschnittenem Haar, der andere noch ein Kind. Der Mann h�lt den Knaben umfasst, dieser lehnt das blonde K�pfchen an die Schulter des Vaters und schlummert im Gehen. Ringsum Stille � kein Mensch, keine Bewegung, nur aus dem Wald schallt das wehm�tige Rufen einer Eule . . .�</p><p>Lomejko bedeckte die Augen mit der Hand, und es hatte den Anschein, dass sich seinem Blick lebendige Bilder boten, die er nur wiederzugeben brauchte.</p><p>�Pl�tzlich taucht am Stra�enrand eine verschwommene Gestalt auf. Der Unbekannte hebt die Hand, als brauche er Hilfe. Arglos fragt der Kaufmann: �Was willst du, guter Mann?� Und da st��t ihm der Unbekannte ein Messer in die Kehle, wirft ihn zu Boden und zieht die blutige Wunde von Ohr zu Ohr. Das Kind, vor Entsetzen versteinert, sieht weinend, wie sein Vater get�tet wird. Dann steht der Unbekannte auf, packt den Knaben bei den schmalen Schultern, blickt ihm in die schreckgeweiteten Augen und st��t ihm die scharfe Klinge in den d�nnen Hals. Das Flehen um Gnade geht �ber in ein R�cheln, ein Glucksen . . . Warten Sie, das ist noch nicht alles!�, rief der Advokat, an die hysterisch aufschluchzenden Zuh�rerinnen gewandt. �Ich habe Ihnen noch nicht das schlimmste Grauen beschrieben � wie der M�rder die leblosen K�rper zerst�ckelt, die K�pfe abtrennt. Wie die Wirbel knacken, wie eine Font�ne schwarzen Bluts hochschie�t. . . Und nun sehen Sie Wladimir Lwowitsch an.� Eine abrupte Wendung, eine ausgestreckte Hand. �Und sagen Sie ehrlichen Gewissens, k�nnen Sie sich den ehemaligen Gardef�hnrich, den Synodalinspektor in der Rolle eines solchen Schl�chters vorstellen? Nat�rlich nicht! Jetzt zu dem Mord an dem Photok�nstler Poggio. Zu welchen Mutma�ungen sich der Staatsanwalt auch verstiegen hat, es liegt doch v�llig auf der Hand, dass es sich um ein Verbrechen aus Leidenschaft handelt. Herr Bubenzow hat geraume Zeit in Ihrer Stadt verbracht. Sie hatten Gelegenheit, seinen Charakter und seine Angewohnheiten zu studieren. Sie kennen seine gleich bleibende K�lte und sein blasiertes Gehaben, das auf viele so absto�end gewirkt hat. Halten Sie es wirklich f�r vorstellbar, dass dieser beherrschte Verstandesmensch mit einem Stativ zum Schlag ausholt, dass er in blinder Raserei Photographien zerrei�t und Glasplatten zertrampelt? Sehen Sie ihn genauer an! Er ist ein feingliedriger Mensch, nicht breit in den Schultern, von zartem K�rperbau. H�tte er denn die Kraft besessen, mit dem schweren Stativ einen Sto� von derart satanischer Wucht zu f�hren?�</p><p>Nach diesem ersten wesentlichen Argument (das Bisherige war lediglich Psychologie gewesen) begab sich Lomejko wieder in die Gefilde der Gef�hle und fuhr in demselben strengen und unsentimentalen Ton fort.</p><p>�Na sch�n, meine Herren, lassen wir die Argumente der Logik und des Verstands vorerst beiseite, und wenden wir uns dem Herzen zu, dem Instinkt, der uns nie im Stich l�sst. Es kommt vor, dass uns der Verstand beharrlich einredet: Das ist schwarz, schwarz, und wir sind schon drauf und dran, es zu glauben, aber dann kommt das Herz pl�tzlich zu sich, sch�ttelt den Kopf� (das Bild vom Herzen, das den Kopf sch�ttelt, war etwas zweifelhaft, aber alle waren so von seiner Rede hingerissen, dass sie nicht darauf achteten) �und ruft: �Aber wie kann es schwarz sein, wenn es doch wei� ist!� Ich wende mich an die Damen im Saal. Viele von Ihnen haben mit Bubenzow gescherzt, gelacht und, ich bitte um Vergebung, kokettiert. Sie haben mit ihm musiziert, sind zum Picknick gefahren und dergleichen mehr. Halten Sie es wirklich f�r m�glich, dass dieser Verehrer weiblicher Sch�nheit f�hig gewesen w�re, der F�rstin Telianowa mit einem Stein den Sch�del einzuschlagen? Betrachten Sie doch nur diesen entsetzlichen, groben Gegenstand.� Lomejko zeigte auf den wuchtigen Pflasterstein, der auf dem Tisch mit den Beweisst�cken lag. �K�nnen Sie sich Wladimir Lwowitsch mit einer solchen Waffe in der Hand vorstellen?�</p><p>�Nein! Niemals!�, rief Olimpiada Saweljewna laut, und viele Damen pflichteten ihr gl�hend bei.</p><p>�Sie bezweifeln es�, konstatierte der Verteidiger. �Und Sie haben Recht, denn der Angeklagte hat nichts von alledem getan. Sie fragen, wer hat dann all die Ungl�cklichen get�tet? Wer ist dieses Ungeheuer? Das will ich Ihnen gern sagen. Die Herren Ermittler haben vor lauter B�umen den Wald nicht gesehen, doch f�r einen unvoreingenommenen Menschen ohne Scheuklappen ist der Fall v�llig eindeutig.�</p><p>Der Verteidiger stemmte die H�nde in die Seiten, reckte den Bart in die H�he und holte zum entscheidenden Schlag aus:</p><p>�Ja, Bubenzow ist schuldig. Aber nicht des Mordes, sondern unverzeihlicher Blindheit. Wie �brigens zahlreiche der hier Anwesenden. Er vermochte nicht das wilde Ungeheuer zu durchschauen, das lange Zeit seine G�nnerschaft genoss. Ja, ja, Sie haben mich richtig verstanden. Der M�rder war in allen F�llen Murad Dshurajew, das ist v�llig klar. Ihm hat es nichts ausgemacht, dem Kaufmann und seinem Sohn die Kehle durchzuschneiden. Und die f�nfunddrei�igtausend, die Wonifatjew bei sich hatte, waren f�r Dshurajew ungeheuer viel Geld. Er war an jenem Tag in Drosdowka, erfuhr von dem Verkauf des Waldes, und alles Weitere war sehr einfach. Ein Kutscher kann sich leichter unauff�llig vom Haus entfernen als ein Gast, der noch dazu im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Und auch mit dem Abtrennen der K�pfe hatte dieser Baschi-Bosuk, wie Sie verstehen werden, keine Schwierigkeiten.�</p><p>Das war zweifellos ein Treffer. Die beste Best�tigung daf�r war das Gewisper, das durch den Saal ging.</p><p>�Und nun erinnern wir uns an die Umst�nde des Todes von Poggio. In jener Nacht randalierte Dshurajew. Er zog durch die Sch�nken und Kneipen, tauchte bald da, bald dort auf. Seltsamerweise dachte niemand dar�ber nach, warum der Kaukasier, der sonst nie trank, pl�tzlich rotsah. Aber es ist wieder v�llig klar. Wenn es in Dshurajew etwas Menschliches gab, dann war es seine h�ndische Ergebenheit gegen�ber seinem Herrn. Er wusste, dass Bubenzow die Frau nicht mit Poggio teilen wollte. Die Kaukasier haben zu derartigen Konflikten ein v�llig anderes Verh�ltnis als wir zynischen und �bers�ttigten Europ�er. Wir wollen auch nicht vergessen, dass aus Dshurajews Sicht Naina Telianowa keine Giaur war, sondern die Tochter eines kaukasischen F�rsten. Man muss annehmen, dass er die Wahl seines Herrn billigte � wohl mehr als der Herr selbst.� (Diese feine Bemerkung fand volle Zustimmung bei dem weiblichen Teil des Publikums.) �Herr Selig sagte mir, er habe dem Tscherkessen von dem Skandal auf der Vernissage erz�hlt, von Poggios Absicht, die F�rstin Telianowa in Schande zu bringen, indem er fatale Photographien zur allgemeinen Besichtigung ausstellte. Wer von Ihnen schon mal im Kaukasus war, kann ermessen, wie ehrverletzend ein derartiges Verhalten f�r ein M�dchen ist und f�r alle, die mit ihr durch verwandtschaftliche oder andere Bande verbunden sind. Die Frau, die der Tscherkesse f�r die w�rdige Braut seines Herrn hielt, wurde, ich bitte die Damen, das grobe Wort zu verzeihen, splitterfasernackt zur Schau gestellt, zur Belustigung des Publikums.�</p><p>Oh, da ging ein Raunen durch den Saal, und die Reporter kratzten mit ihren Bleistiften �bers Papier.</p><p>�Derartige Beleidigungen werden im Kaukasus mit Blut ges�hnt. Daher auch die besondere Grausamkeit des Mordes, das blindw�tige Vernichten der Bilder, aller, ohne Ausnahme. Nur ein unb�ndiges orientalisches Temperament ist zu solcher Raserei f�hig. Die unhaltbaren Vermutungen, die wir vom Staatsanwalt bez�glich einer Espe und einer Hacke geh�rt haben, sind allenfalls f�r, pardon, Kriminalromane geeignet. Die Staatsanwaltschaft hat versucht, auf einem zuf�lligen Zusammentreffen von Umst�nden ein ganzes Geb�ude der Anklage zu errichten. Es nimmt nicht wunder, dass diese abstruse Konstruktion beim ersten Ansto� in sich zusammengefallen ist . . . Nun, und bei dem dritten Mord ist alles noch einfacher. Dshurajew hatte den Hauptbeleidiger get�tet, doch das stellte ihn nicht zufrieden. Der Rausch verflog, aber der Schmerz der Kr�nkung, die seinem Herrn zugef�gt worden war, peinigte weiterhin sein wildes Herz. Denn die gr��te Kr�nkung war seinem Herrn von der Frau angetan worden, die beinahe seine Gattin geworden w�re. Sie hatte ihn nicht nur betrogen, sondern sich wie eine ver�chtliche Dirne aufgef�hrt. In der muselmanischen Welt werden solche Frauen bekanntlich gesteinigt. Genau das hat Dshurajew getan. Er nahm einen Stein und t�tete Naina Telianowa. Und dass er bei der Gelegenheit auch das v�llig unschuldige Hausm�dchen umbrachte � kam es diesem Wilden etwa auf eine christliche Seele mehr oder weniger an?�</p><p>Lomejko stie� einen tiefen Seufzer aus.</p><p>�Nun zum letzten Punkt. Vergessen Sie nicht, dass es Dshurajew war, der bei der Inhaftierung Widerstand leistete. Verst�ndlich, denn er hatte daf�r als einziger gewichtige Gr�nde.�</p><p>Lomejko schloss unspektakul�r und abrupt, worin sich wahrscheinlich hauptst�dtischer Chic �u�erte:</p><p>�Das w�re meinerseits alles, meine Herren. Wie Sie sehen, habe ich Sie nicht so lange gequ�lt wie der Staatsanwalt. Denn ich habe Argumente, er dagegen Sentiments. F�llen Sie eine Entscheidung, das ist Ihr Recht und Ihre Pflicht. Aber der Fall ist vollkommen klar.�</p><p>Ovationen gab es nicht, denn die Reaktion auf das Pl�doyer war gemischt: Bubenzows Anh�nger frohlockten unverhohlen, seine Gegner waren sichtlich verwirrt.</p><p>Der Staatsanwalt hob sogleich die Hand, und es begann der Schlagabtausch der gegnerischen Parteien.</p><p>�Dann ist Ihr Mandant also ein Unschuldslamm, das nicht einmal ahnte, was f�r einen Wolf im Schafpelz es sich herangezogen hatte?�, rief Berditschewski hitzig.</p><p>Viele lachten, denn mit einem Lamm hatte Bubenzow nun wirklich keine �hnlichkeit. Ermutigt fuhr Berditschewski fort:</p><p>�Meint der Herr Verteidiger nicht auch, dass die Geschichte mit den K�pfen dem Synodalinspektor sehr gelegen kam? Kaum war Bubenzow zur Ausmerzung des Heidentums bei uns in Sawolshsk eingetroffen, da wurden auch schon Menschen ohne Kopf gefunden, genauso, wie es in der vierhundert Jahre alten Chronik steht.�</p><p>Lomejko erwiderte ironisch:</p><p>�Vielleicht hat mein Mandant auch die Chronik selbst geschrieben?�</p><p>Wieder ert�nte Gel�chter, lauter als beim vorigen Mal. In der Kunst des Gepl�nkels war Berditschewski dem schlagfertigen Hauptst�dter nicht gewachsen.</p><p>�Es ist gar nicht so wichtig, wer die Morde ausgef�hrt hat�, lie� sich Berditschewski auf ein wesentliches Zugest�ndnis ein, denn er konnte die Argumente der Verteidigung nicht widerlegen. �M�glich, dass sich Bubenzow nicht selbst die H�nde schmutzig gemacht hat. Aber wenn Dshurajew Blut vergoss, handelte er mit Wissen Bubenzows!�</p><p>�Haben Sie daf�r Beweise?� Der Advokat kniff die Augen ein. �Oder ersch�ttern Sie nur die Luft, wie gehabt?�</p><p>�Der unbedarfte, ungebildete Kaukasier h�tte sich eine so raffinierte Intrige nicht ausdenken k�nnen�, erregte sich Berditschewski. �Und in den Feinheiten der Photokunst kannte er sich auch schwerlich aus. Immerhin wurden nicht nur die Bilder zerrissen, sondern auch die Platten zerschlagen. Woher dieses Wissen um den photographischen Prozess? Ich erinnere daran, dass der M�rder genau das Bild und die Platte mitgenommen hat, die den Ort preisgaben, wo die Leichen vergraben waren. Wie erkl�ren Sie das?�</p><p>Lomejko l�chelte herablassend.</p><p>�Sehr einfach, Herr Kollege. Als Dshurajew die Ausstellung zertr�mmerte, sah er auf einem der Bilder die Stelle, die er nur zu gut kannte. Er blickte genauer hin � da war die von ihm vergessene Hacke. Es ist nicht schwer zu erraten, was f�r eine Gefahr solch ein Bild f�r den M�rder darstellte. Das ist das ganze R�tsel. Und dann, Herr Ankl�ger, m�chte ich ganz energisch protestieren gegen die widerw�rtige Geringsch�tzung von Andersst�mmigen, die aus Ihren Worten herauszuh�ren war. �Der unbedarfte, ungebildete Kaukasier�. Bei Ihnen kommt es so heraus, als w�re der eigentlich gar kein richtiger Mensch gewesen. Aber er war sehr wohl ein Mensch, der nur andere Traditionen und einen anderen Glauben hatte, aber durchaus eigene Ehrbegriffe, weitaus strengere als unsere. Sehr schade, dass die Polizei Dshurajew get�tet hat. Ich h�tte gern seine Verteidigung �bernommen. Sch�men Sie sich, mein Herr. Man sollte nicht jeden mit dem eigenen Ma� messen, denn es leben auf der Welt nicht nur Russen.�</p><p>F�r diese redlichen Worte wurde der Verteidiger belohnt mit dem st�rmischen Beifall des fortschrittlichen Teils der Anwesenden, wobei am lautesten die Publizisten klatschten. Berditschewski err�tete qualvoll, weil er dieselben Ansichten vertrat.</p><p>�Und der Fluchtversuch? Warum wollte Bubenzow fliehen, wenn er unschuldig ist?�, besann er sich.</p><p>Lomejko d�mpfte die Stimme, als sei es ihm peinlich, auf eine so einf�ltige Frage zu antworten.</p><p>�Erlauben Sie, was blieb ihm denn anderes �brig, als der Tscherkesse das Feuer er�ffnete? Ihre trefflichen Polizisten h�tten alle drei mit Kugeln durchsiebt. Au�erdem konnte Bubenzow nicht auf eine faire Untersuchung hoffen. Und wir sehen nun, wie Recht er hatte.�</p><p>Berditschewski sah, wie die Lippen des Angeklagten in einem triumphierenden L�cheln zuckten.</p><p>�Es reicht�, sagte der stellvertretende Oberprokuror vernehmlich. �Der Fall ist v�llig klar.�</p><p>Berditschewski warf Mitrofani einen verzweifelten Blick zu, und der Geistliche machte ihm ein Zeichen.</p><p>�Herr Vorsitzender�, erkl�rte Berditschewski unverz�glich. �Ich bitte darum, einen Zeugen der Anklage anzuh�ren.�</p><p>Als sich herausstellte, dass der Bischof aussagen wollte, sprang der Verteidiger auf und rief:</p><p>�Ich protestiere! Der Bischof hatte mit der Ermittlung nichts zu tun, ich habe die Materialien aufmerksam studiert. Folglich beabsichtigt er mit seiner Autorit�t als hoch geachteter Geistlicher die Meinung der Geschworenen zu beeinflussen.�</p><p>Mitrofani l�chelte, erheitert von dem Gedanken, das Gericht k�nnte ihm nicht das Wort erteilen. Der Vorsitzende, tiefrot im Gesicht, antwortete der hauptst�dtischen Koryph�e scharf:</p><p>�Das stimmt nicht! Obwohl Bisch�fliche Gnaden formal nicht an der Ermittlung beteiligt war, wissen alle sehr genau, dass er die T�tigkeit der Ermittler leitete. �berdies ist sein Scharfblick in solchen F�llen weithin bekannt, nicht nur in unserer Provinz.� Das letzte Wort betonte der Richter, um dem Anwalt seine Sticheleien heimzuzahlen. �Sondern dar�ber hinaus.�</p><p>�Wie Sie w�nschen.� Lomejko neigte den Kopf, doch bevor er sich setzte, sagte er:</p><p>�Ich bitte Sie inst�ndig, Bisch�fliche Gnaden, missbrauchen Sie nicht Ihr Wort als Geistlicher. Es wiegt schwer, umso gr��er ist daher die Verantwortung.�</p><p>Der Auftritt eines solchen Zeugen stellte eine umwerfende Sensation dar, und einer der Zeichner kroch vor Eifer sogar auf dem Fu�boden n�her an den Geistlichen heran, um dessen majest�tische Haltung beim Eid einzufangen.</p><p>Mitrofani wandte sich nicht an die Geschworenen, sondern direkt an den Verteidiger, als sehe er in ihm die Schl�sselfigur dieser erbitterten juristischen Schlacht.</p><p>�Sie sprachen von Verantwortung�, sagte er klar und laut. �Und wahrlich, Sie haben Recht. Auf jedem, der vor einem menschlichen Gericht aussagt, liegt eine gro�e Verantwortung. Doch unvergleichlich gr��er ist unsere Verantwortung vor dem J�ngsten Gericht. Das scheinen Sie vergessen zu haben.�</p><p>Lomejko senkte dem�tig den Kopf, als wage er einem so respektablen Opponenten nicht zu widersprechen, bleibe aber bei seiner Meinung.</p><p>�Sie sind doch ein begabter Mensch und verf�gen �ber einen scharfen Verstand�, fuhr Mitrofani vorwurfsvoll fort. �Wozu die Rabulistik? Der Kaufmann und sein Sohn, die drei armen Syten, der K�nstler, die beiden jungen Frauen, der Polizist und dann noch der Kaukasier � sie alle mussten ihr Leben lassen. Und sie alle hatten irgendwie mit Bubenzow zu tun. Das werden Sie doch nicht bestreiten? Bei uns in Sawolshsk ging es still und friedlich zu. Dann erschien dieser Mann, und es war, als h�tte jemand unsere gesegnete Gegend mit dem b�sen Blick verhext. Pl�tzlich gab es Morde, gegenseitige Verd�chtigungen, Hass, Gemeinheit, Zutr�gerei, Zwistigkeiten in den Familien, Angst. Was ich jetzt sage, werden viele Freidenker und Gottlose f�r Aberglauben und R�ckst�ndigkeit halten, aber es ist die reine Wahrheit. Unter uns sind Menschen, die das B�se in sich tragen. Es gibt viele solcher Menschen, und sie sehen genauso aus wie alle �brigen. Darum haben wir keine Angst vor ihnen und gehen vertrauensvoll, mit offenen Herzen und Armen, auf sie zu.� Hier umfing der Geistliche mit einem viel sagenden Blick die Galerie, wo unsere Sawolshsker Damen sa�en. �Und wir erkennen die Tr�ger des B�sen erst, wenn es ihnen aus eigens�chtigen Gr�nden in den Sinn kommt, uns zu verletzen oder zu vernichten. Dann heulen und wehklagen wir, sind aber kaum mehr zu retten, denn diese b�sen Menschen haben Z�hne aus Stahl, Krallen aus Eisen und Herzen aus Stein.�</p><p>Der Geistliche glich jetzt einem alttestamentarischen Propheten, und seine Stimme dr�hnte, als f�hre er im Tal des Todes von Balaklawa (Stadt auf der Krim, wo 1854 ein Gefecht zwischen Russen und Engl�ndern stattfand. D.�.) eine Schwadron in den Kampf gegen englische Husaren.</p><p>�Wissen Sie, was f�r eine Plage unser Gouvernement heimgesucht hat? Das B�se ist zu uns gekommen. Und wir, die wir hier leben, haben das alle gef�hlt, der eine fr�her, der andere sp�ter. Ihr Mandant ist nicht einfach ein b�ser Mensch, er ist ein Diener des B�sen. Sein ganzes Leben, sein ganzes Benehmen legt davon Zeugnis ab. Ein gef�hrlicher Diener, denn er ist klug, gerissen, wendig, verwegen und sch�n. Ja, ja, sch�n. Der Teufel hat ihn mit einer honigs��en Sprache, einer einlullenden Stimme, mit Macht �ber die Schwachen und vielen anderen Gaben ausgestattet.�</p><p>Hier leistete sich Bubenzow ein starkes St�ck: Er formte mit den Fingern hinter dem R�cken des Geistlichen zwei H�rner und streckte die Zunge heraus. Der eine und andere prustete, doch auf die meisten Anwesenden machte dieser Ausfall einen �u�erst unangenehmen Eindruck.</p><p>�Sehen wir uns diejenigen seiner Taten an, die nicht einmal Sie bestreiten k�nnen�, fuhr der Bischof fort, nach wie vor nur an den Anwalt gewandt. �Sie sagten, den Kaufmann Wonifatjew und seinen Sohn habe nicht er get�tet, sondern sein Bedienter. Nehmen wir an, nehmen wir nur einmal an, dass es wirklich so ist. Dieses schlimme Verbrechen hat Bubenzow zum Vorwand genommen, um ein noch schlimmeres zu begehen: Er erhob eine falsche Anschuldigung gegen ein ganzes Volk, l�ste eine Welle des Hasses und der Intoleranz aus und veranstaltete eine sch�ndliche und widerliche Jagd auf Andersgl�ubige. Und wie behandelte er Naina Telianowa? Er verf�hrte sie, zerst�rte ihr Leben und verh�hnte ihr zwar s�ndhaftes, doch aufrichtiges Gef�hl. Und er hat sie nicht aus Liebe verf�hrt, nicht einmal aus Leidenschaft, sondern aus einer fl�chtigen Laune heraus oder, schlimmer noch, aus Eigennutz. Bubenzow hat Naina Telianowa willentlich oder unwillentlich zu widerw�rtigen Taten und zur Mitt�terschaft an einem ungeheuerlichen Mord angestiftet. Danach hat er sie get�tet. Ja, ja, er hat Naina Telianowa, ihr Hausm�dchen und den K�nstler auf dem Gewissen.�</p><p>Das konnte Lomejko nicht mehr dulden, denn er sah, was f�r eine Wirkung die Rede des Bischofs auf die Geschworenen hatte.</p><p>�Aber erlauben Sie!�, schrie er und erhob sich. �Das meinen Sie im �bertragenen Sinn, aber das Gesetz erkennt so etwas nicht an! Herr Vorsitzender, das ist eine Verletzung der Verfahrensregeln! Ich protestiere!�</p><p>�Man kann es auch im direkten Sinne verstehen�, sagte Mitrofani bedeutend leiser. �Was hatten Sie denn f�r Argumente, mit denen Sie die Anklage zu entkr�ften versuchten? Der schm�chtige Bubenzow h�tte gar nicht die Kraft gehabt, Poggios Brust mit dem schweren Stativ zu durchbohren? Sie sprachen, wenn ich mich recht entsinne, von satanischer Kraft�? Ein sehr passender Ausdruck. Denn auch ich denke an satanische Kraft, wenn ich sehe, welch b�se Energie und teuflische Uners�ttlichkeit Herr Bubenzow hier in unserem Gouvernement an den Tag gelegt hat. Ja, er ist feingliedrig und hager, aber Menschen von solcher Beschaffenheit verf�gen bekanntlich �ber einen besonderen Vorrat an nervlicher Energie. Wut oder Raserei bef�higt sie zu wahren Wundern an Kraft, was auch die medizinische Wissenschaft best�tigt. Aber warum in die Ferne schweifen.� Der Bischof tat, als sei ihm gerade erst ein treffendes Beispiel eingefallen. �Sie selbst haben das im vergangenen Jahr im Prozess gegen die Kleinb�rgerin Baranowa sehr anschaulich beschrieben. Ihre Mandantin, eine siebzehnj�hrige N�herin, hatte mit blo�en H�nden ihren Peiniger erw�rgt und in der Hitze des Gefechts die achtundneunzig Kilogramm schwere Leiche sogar noch zum Teich geschleift. Ich habe in der Presse Ihr Pl�doyer gelesen, das der Baranowa ein mildes Urteil eintrug. Erinnern Sie sich, dass Sie von �nervlicher Raserei� sprachen?�</p><p>Das war ein vernichtender Schlag, vor allem deshalb, weil er Lomejko v�llig unverhofft traf. Wer h�tte gedacht, dass ein Provinzgeistlicher so gut informiert war?</p><p>Aber Mitrofani war schon weiter.</p><p>�Da Sie die Materialien des Falls gelesen haben, ist Ihnen bekannt, dass jemand versuchte, die Nonne Pelagia Lissizyna zu ermorden, nachdem sie Naina Telianowas Anschlag auf die wei�en Bulldoggen aufgedeckt hatte. Unter den Sachbeweisen sind ein Sack und ein Strick, die Tatwaffen. Bubenzow war bei der Entlarvung der F�rstin Telianowa zugegen, Murad Dshurajew jedoch nicht. Wenn Dshurajew der alleinige M�rder war, woher wusste er, dass Schwester Pelagia ihm gef�hrlich werden konnte?�</p><p>Der Anwalt warf einen fragenden Blick auf Bubenzow � der zuckte nur die Achseln.</p><p>�Und dann . . .� Mitrofani machte eine Pause, womit er zu verstehen gab, dass gleich das Wichtigste folgen w�rde. �Sagen Sie, Herr Verteidiger, in wen war Naina Telianowa verliebt, in Dshurajew oder in Bubenzow?�</p><p>Das Publikum erfasste den Sinn der Frage nicht sofort, aber Lomejko erbleichte und zupfte sich den Bart.</p><p>�Die Toten, Herr Advokat, verm�gen auch Zeugnis abzulegen. Gott der Herr hat ihnen eine solche Kraft verliehen. �ber all Ihren Wortspielen haben Sie das Wesentliche au�er Acht gelassen: Naina Telianowa h�tte so Aberwitziges � Stillschweigen �ber die vergrabenen K�pfe, T�tung der Hunde � nur f�r den Mann getan, den sie von ganzem Herzen liebte. Aber nicht f�r den unkultivierten Tscherkessen, den Sie uns so hartn�ckig als den M�rder pr�sentieren. Was sagen Sie dazu? Wer sieht hier den Wald vor lauter B�umen nicht?�</p><p>Es verging eine halbe Minute, eine Minute. Die juristische Koryph�e schwieg. Der Saal hielt den Atem an, denn alle f�hlten, dass sich in diesen Augenblicken der Prozess entschied.</p><p>Da wandte sich Mitrofani zum erstenmal an den Angeklagten und fragte scharf:</p><p>�Und was sagen Sie darauf, Herr Verbrecher?�</p><p>Bubenzow fuhr hoch und �ffnete den Mund, um zu antworten, aber in diesem Moment geschah etwas, das auch Mitrofani nicht voraussehen konnte.</p><p>�Aaaah!�, ert�nte ein gellendes Geschrei, genauer, Geheul, und Tichon Selig, der bislang mucksm�uschenstill dagesessen hatte, so dass man ihn schon fast vergessen hatte, lief um die Barriere der Anklagebank herum zur Saalmitte.</p><p>Er plumpste auf die Knie, verneigte sich dreimal bis zum Boden vor dem Gericht, den Geschworenen und den Zuschauern und wurde von einem krampfhaften Schluchzen gesch�ttelt. Zwei Polizisten fassten ihn unter den Armen und versuchten ihn auf die F��e zu stellen, doch er wollte partout nicht aufstehen, so dass sie ihn zur Anklagebank zur�ckschleifen mussten.</p><p>�S�ndig bin ich durch und durch!�, greinte der �bergeschnappte Sekret�r. �Weh mir Verruchtem!�</p><p>Der Richter l�utete drohend das Gl�ckchen, und Selig verneigte sich wieder bu�fertig.</p><p>�Euer Barmherzigkeit�, schluchzte er. �Lassen Sie mich ein aufrichtiges Wort sagen.�</p><p>Er wandte sich seinem Banknachbarn zu, faltete die H�nde wie zum Gebet und rief:</p><p>�Bekennen Sie Ihre Schuld, Wladimir Lwowitsch! Vergeben Sie mir Schwachkopf, aber ich habe keine Kraft mehr. Viel S�nde haben wir beide auf uns geladen, oh, so viel! Seine Bisch�fliche Gnaden haben die Wahrheit gesprochen von den b�sen Menschen, genau das sind wir allzumal. Bei Gott dem Allm�chtigen flehe ich Sie an, bereuen Sie!�</p><p>Die Polizisten mussten Bubenzow an den Schultern packen und konnten selbst zu zweit den wutbleichen Inspektor kaum festhalten, was aufs �berzeugendste Mitrofanis Worte von der Kraft nervlicher Raserei best�tigte.</p><p>Der Bischof schritt hoheitsvoll zu seinem Platz. Ihm wurde nicht applaudiert, das wagte man nicht, doch die respektvolle Stille, die den Geistlichen begleitete, war triumphaler als jede Ovation.</p><p>�Sie m�chten eine Aussage machen?�, fragte der Vorsitzende.</p><p>�Ja, das m�chte ich!� Selig fuhr sich mit dem �rmel �ber das tr�nennasse Gesicht. �Ganz und gar offenherzig! Ich will die Seele erleichtern!�</p><p>Er stand auf und hob mit zitternder Stimme an:</p><p>�Wahrlich, das B�se ist all�berall, und ich bin sein ruchloser Diener. Schuldig ist Wladimir Lwowitsch, Herr Bubenzow, an all diesen schrecklichen Morden, er hat get�tet. Aber auch ich habe gefehlt und bin schuldig, sintemal ich geschwiegen, vertuscht und Vorschub geleistet habe � aus Schw�che und aus Angst um mein Leben!�</p><p>Bubenzow riss sich mit solcher Kraft los, dass die Polizisten zur Seite flogen, aber ihnen kamen noch zwei zu Hilfe, und zu viert zwangen sie den Tobenden auf den Platz zur�ck. Bewegen konnte er sich nicht mehr, aber er rief:</p><p>�Bist du verr�ckt geworden, Unterleibchen?�</p><p>�Da sehen Sie�s�, sagte Selig und flog am ganzen Leib. �Auch jetzt �berf�llt mich ein Zittern, wenn ich seine Stimme h�re. Wahrlich, er ist der Satan. Voller Verlockung und Verf�hrung. Ihm ist eine gro�e Macht �ber Menschen gegeben. Und ich Wurm habe der Versuchung nicht widerstanden, als ich begriff, was f�r Fittiche ihn trugen. In diese friedliche Stadt ist er eingefallen, um sie in Staub, Asche und St�hnen zu verwandeln � und alles zu seiner eigenen Erhebung. Er wollte zu den Gipfeln irdischer Macht aufsteigen, und daf�r h�tte er vor nichts Halt gemacht. Er sagte zu mir: �Unterleibchen, halte dich an meinem Rockscho� fest und lass nicht los. Ich werde mich emporschwingen und dich mitnehmen.� Aber er sagte auch: �Pass auf, Unterleibchen, wenn du dich gegen mich stellst, zerquetsche ich dich wie eine Laus.� Und er h�tte mich zerquetscht, er ist so ein Mensch. Er hat mich benebelt und eingesch�chtert, hat mich verleitet, und ich wurde sein treuer Hund. Niedrig und gemein habe ich gehandelt, S�nde getan. Das Einzige, womit ich mich nicht besudelte, sind Mord und Totschlag, aber auch das nur wegen meiner schwachen Nerven . . .�</p><p>Selig konnte vor Schluchzen nicht weitersprechen, so dass ihm der Gerichtsdiener Wasser geben musste. Als er sich etwas beruhigt hatte, fuhr er fort.</p><p>�Er machte noch Sp��e und spottete: ��ber einen Ehrgeizigen sagt man, dass er �ber Leichen geht, aber ich klettere wirklich �ber diese Leichen nach ganz oben.� Ich k�nnte noch viel dar�ber erz�hlen, wie er die ungl�cklichen Syten gequ�lt und eingesch�chtert hat. Und ich hab�s ihm nachgetan, wollte mir seine Anerkennung verdienen . . . Und mit den Wonifatjews war es so. Wladimir Lwowitsch hat schreckliche Schulden, noch von fr�heren Zeiten her. Hier, in Sawolshsk, ist er einherstolziert wie ein L�we, aber in Petersburg ist er eher wie ein Hase herumgehuscht, musste sich vor seinen Gl�ubigern verstecken. Das war auch seiner Karriere abtr�glich, der Oberprokuror pers�nlich hat ihn ins Gebet genommen, dass sich derlei nicht ziemt f�r einen Synodalbeamten. Und als wir nun bei der Generalswitwe in Drosdowka wohnten, kam das Gespr�ch auf den angereisten Kaufmann. Wladimir Lwowitsch nahm mich beiseite und fl�sterte: �Frag den Sytnikow, wie viel er f�r den Wald haben will.��</p><p>�Was l�gst du da zusammen?�, rief Bubenzow au�er sich vor Wut, und der Richter verwarnte ihn: Noch ein Wort, und er werde aus dem Saal gef�hrt.</p><p>�Was soll ich jetzt noch l�gen?� Selig blickte sich �ngstlich nach seinem einstigen G�nner um. �Jetzt muss ich die Wahrheit sagen. So ist das. Wie er erfuhr, dass Wonifatjew drei�igtausend bekommen wird, vielleicht auch vierzigtausend, gl�hten seine Augen. Ich sa� da und dachte mir nichts weiter dabei. Als Sytnikow nach dem Streit mit Wladimir Lwowitsch wegging, sagte der zu mir: �Geh ihm nach und bitte ihn, mir nicht b�se zu sein, und frage ihn auch gleich, ob er seinen Gast nicht herbringen will, w�r doch interessant, sich so einen Wilden anzugucken.� Ich dachte, es geht ihm um die Sache, denn er wollte ja den Altgl�ubigen zu Leibe r�cken. Erst sp�ter hatte er die Eingebung, sich die Heiden vorzunehmen. Also, ich komme zur�ck und berichte ihm: Nein, er bringt den Altgl�ubigen nicht her. Der Kaufmann will nach Abschluss des Handels gleich weiter, trotz der sp�ten Stunde. Aha, sagt Wladimir Lwowitsch, er schien das Interesse verloren zu haben. Nachts klopfte ich an seine T�r, denn mir war da eine Idee gekommen, eine l�sterliche Idee, was f�r eine, sage ich nicht, denn ich sch�me mich, und es tut auch nichts zur Sache. Also, ich klopfte, klopfte, er machte nicht auf. Zuerst habe ich mich gewundert, alldieweil er einen leichten Schlaf hat. Aber dann dachte ich mir, dass er bestimmt bei dem Fr�ulein schl�ft.�</p><p>Selig wischte sich mit seiner Pranke die Stirn und trank einen Schluck Wasser.</p><p>�Und wie ich am Morgen zu ihm kam, sah ich, dass sein Havelock nass war, vor Tagesanbruch hatte es geregnet. Aber ich ma� dem dazumal keine Bedeutung bei. Ein paar Tage vergingen, die Leichen ohne Kopf wurden gefunden, und Wladimir Lwowitsch hat sofort vom Opferritual der Syten geredet. Er kannte sich mit ihrer Religion und ihren Sitten so gut aus, dass ich nur gestaunt habe. Und nat�rlich hab ich mich auch gefreut. Das kam ja unserm Auftrag entgegen . . .�</p><p>Der Redende stockte.</p><p>�Nein, ich will hier nicht heucheln. Es soll wie bei der Beichte sein. An mir nagte der Wurm des Zweifels, von Anfang an. Es l�uft alles zu glatt, habe ich mir gedacht. Als ob uns der Beelzebub in die Hand spielt. . . Dass Wladimir Lwowitsch den Leichen selber die K�pfe abgeschnitten haben k�nnte, ist mir nat�rlich nicht in den Sinn gekommen. Aber nun hat sich eins zum andern gef�gt, und ich musste an Sytnikow denken, an das leere Zimmer und den nassen Havelock . . . Auch das mit dem Photok�nstler ist jetzt verst�ndlich. Deshalb hat er Murad betrunken gemacht, niemand sonst. Damit ich ihm nicht im Wege bin, sondern die ganze Nacht wie ein H�ndchen hinter dem Murad herlaufe, von einer Kneipe in die andre. Ich glaube, Wladimir Lwowitsch hatte schon damals den Hintergedanken, im Falle eines Falles die Morde auf Murad abzuw�lzen. Weshalb sonst benutzte er das Stativ?� Selig zeigte auf das Beweisst�ck. �Es w�re ja auch einfacher gegangen. Wladimir Lwowitsch ist sehr kr�ftig, er sieht nur so mickrig aus, ist aber ganz muskul�s, und wenn er in Rage ger�t, verh�te Gott, dass man ihm da in die H�nde f�llt. . . Zu guter Letzt hat er sich vor mir �berhaupt nicht mehr geniert. Als ihm die Gr�fin Telianowa bei dem Untersuchungsexperiment offen drohte, war er finster wie eine Gewitterwolke. Er ging im Zimmer auf und ab und gr�belte, dann sagte er pl�tzlich: �Ich geh jetzt in die Nacht hinaus. Wenn jemand nach mir fragt, sag ihm, ich h�tte mich schlafen gelegt.� Er kam erst gegen Morgen zur�ck. Ganz durchn�sst und schmutzig . . .�</p><p>Seligs Aussage wurde auf ganz emp�rende und ungeh�rige Weise unterbrochen.</p><p>Die nachlassende Wachsamkeit der Polizisten ausnutzend, schwang sich Bubenzow leicht, ja, grazi�s �ber die Barriere, flog auf seinen ungetreuen Spie�gesellen zu und schlug ihn mit aller Kraft aufs Ohr, warf ihn sodann zu Boden und krallte ihm die kleinen, aber eisenharten H�nde in die Kehle.</p><p>Die Polizisten eilten Selig zu Hilfe, es kam zu einer abscheulichen Szene, und die Verhandlung musste unterbrochen werden.</p><p>Als der Prozess weiterging, sa�en die beiden Angeklagten getrennt, Bubenzow au�erdem zwischen zwei Polizisten und mit Handfesseln. Das Aussehen des Inspektors war gar nicht mehr synodal: Auf der Stirn prangte ein gro�er Bluterguss, der Kragen war zerrissen, die Augen gl�nzten fiebrig, kurzum, ein wahrer Satan.</p><p>Selig hatte noch mehr gelitten. Ein Ohr war geschwollen und stand ab, die Nase glich einer R�be (Bubenzow hatte es noch fertig gebracht, seine Z�hne hineinzuschlagen), am schlimmsten aber war, dass er nicht mehr reden konnte, denn die eisernen Finger des Inspektors hatten ihm den Kehlkopf besch�digt. Selig machte zwar den Versuch, aber sein Ge�chze und Gekr�chze war nicht zu verstehen, und der Vorsitzende Richter beschloss, den �rmsten nicht weiter zu qu�len, zumal der Fall ohnehin klar war.</p><p>Der Richter fragte mehr der Ordnung halber, ob von den Anwesenden noch jemand �ber Kenntnisse verf�ge, die geeignet seien, die Anklage oder die Verteidigung zu unterst�tzen.</p><p>In diesem Moment �bergab ihm der Gerichtsdiener einen Zettel. Der Richter las ihn, hob erstaunt die Brauen, zuckte die Achseln und verk�ndete:</p><p>�Es hat sich noch ein Zeuge gemeldet. Genauer, eine Zeugin. Pelagia Lissizyna. Laut Gesetz bin ich verpflichtet, ihr das Wort zu erteilen. M�chten Sie die Anklage unterst�tzen?�</p><p>Er blickte �ber den Brillenrand in den Saal, um zu sehen, ob sich jemand erhob.</p><p>Unruhe im Publikum, denn die Zeugin erhob sich hinter dem Richtertisch aus einem der Sessel f�r die Ehreng�ste.</p><p>Die kleine Gestalt in Schwarz wurde murrend empfangen. Alle waren m�de vom langen Sitzen und von den Gem�tsbewegungen, und was konnte jetzt noch Neues kommen? Mehr als lebensl�ngliche Zwangsarbeit w�rde der Angeklagte ohnehin nicht erhalten, aber auch keinesfalls weniger. Selbst der Bischof sch�ttelte missbilligend den Kopf, wohl in der Annahme, seine geistliche Tochter sei der Versuchung eitler Ruhmsucht erlegen.</p><p>Pelagias Rede war nicht lang, aber von entscheidender Bedeutung f�r den Prozess, darum wollen wir sie vollst�ndig und wortw�rtlich anf�hren und lassen vor�bergehend das leidenschaftslose Protokoll sprechen. Gerichtsstenograf war der Sohn unseres Priors, Leonid Krestowosdwishenski, ein sehr bef�higter J�ngling, dem viele eine gl�nzende literarische Laufbahn Voraussagen, doch das Protokoll verfertigte er �u�erst penibel, ohne Ausschm�ckung, lie� sich h�chstens hin und wieder zu einer Anmerkung hinrei�en, so dass dieses offizielle Dokument ein wenig an ein Theaterst�ck erinnert. Hinzugef�gt sei nur, dass Pelagia sehr leise sprach, so dass in den hinteren Reihen viele nicht alles verstanden.</p><p>Also, nachdem die Zeugin den Eid gesprochen hatte, machte sie ihre Aussage.</p><p>�Lissizyna: Herr Richter, Herren Geschworene, Bubenzow hat die Morde, die ihm zur Last gelegt werden, nicht begangen.</p><p>Im Saal L�rm und Geschrei. Bei den Geschworenen Aufregung.</p><p>Vorsitzender: Eine interessante Erkl�rung. Wer war es dann?</p><p>Lissizyna: Bubenzow ist nat�rlich ein Unmensch, Bisch�fliche Gnaden hat das alles sehr richtig beschrieben, aber er ist kein M�rder. Die Wonifatjews, den Photok�nstler, Naina Telianowa und ihr Stubenm�dchen hat dieser Mann dort get�tet. Auch mich hat er zweimal versucht umzubringen, aber der Herr hat mich bewahrt.</p><p>Sie zeigt auf den Angeklagten Selig. Der will etwas rufen, ist aber wegen seines besch�digten Kehlkopfs dazu nicht imstande. Tumult im Saal.</p><p>Vorsitzender (das Gl�ckchen l�utend): Was f�r Begr�ndungen haben Sie f�r eine solche Erkl�rung?</p><p>Lissizyna: Darf ich zuerst erkl�ren, warum Bubenzow nicht der M�rder ist? Zun�chst die Sache mit den K�pfen . . . Mir hat keine Ruhe gelassen, dass Bubenzow Nainas Anspielungen und Drohungen so ruhig aufnahm und die junge Frau mit seiner Gleichg�ltigkeit nur noch mehr aufbrachte. Weshalb sollte er so mit dem Feuer spielen? Ein Wort von ihm h�tte gen�gt, und sie w�re ganz f�gsam geworden. Unverst�ndlich. Andererseits h�tte die F�rstin keinen anderen als Bubenzow in dieser schrecklichen Angelegenheit gedeckt, und aus ihrem Auftreten war ersichtlich, dass sie etwas Besonderes �ber ihn wusste. Heute, als Seine Bisch�fliche Gnaden unsere Aufmerksamkeit auf diesen Umstand lenkte und nachwies, dass der Verdacht gegen Murad Dshurajew unbegr�ndet ist, fiel mir pl�tzlich ein, was Naina nach dem Untersuchungsexperiment zu Bubenzow sagte. �Derselbe Havelock, dieselbe Schirmm�tze. Wie sie im Mondlicht geblinkt hat . . .� Keiner der Anwesenden konnte mit diesen Worten etwas anfangen, es waren ja auch alle daran gew�hnt, dass die F�rstin in R�tseln sprach. Aber jetzt ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Als Naina das sagte, ging Bubenzow schon zur T�r, und sie sah ihn von hinten. Verstehen Sie?</p><p>Vorsitzender: Gar nichts verstehe ich. Aber fahren Sie fort.</p><p>Lissizyna: Ja doch! Ich sehe jetzt ganz deutlich, wie alles war. In der Nacht, in der die Wonifatjews ermordet wurden, ging Naina im Park spazieren. Vielleicht hoffte sie, Bubenzow w�rde herauskommen, doch der war zu dieser Zeit schon gegen sie abgek�hlt, da er einen Plan ausgeheckt hatte, sich ohne ihr Zutun das Erbe von Frau Tatistschewa zu erschleichen. Vielleicht konnte sie auch aus verst�ndlicher Erregung nicht schlafen. Da sah sie pl�tzlich zwischen den B�umen Bubenzow, genauer, seine Silhouette: Havelock, die bekannte Schirmm�tze. Wahrscheinlich rief sie ihn nicht an, weil er zu weit weg war. Bubenzow benahm sich so geheimnisvoll, dass die F�rstin beschloss, sich nicht zu erkennen zu geben und ihm zu folgen. Ich wei� nicht, ob der M�rder zu diesem Zeitpunkt die Leichen bereits in den Fluss geworfen hatte, aber dass er die abgeschnittenen K�pfe vergrub, hat Naina zweifellos gesehen. Als empfindsame, phantasiebegabte Frau hielt sie diese unwahrscheinliche Szene sicherlich f�r ein mystisches Ritual. Oder sie erstarrte vor Entsetzen, was unter solchen Umst�nden auch nat�rlich w�re. In diesem Zustand � eine Mischung von Entsetzen und Erstarrung � sah ich sie drei Tage sp�ter, als ich nach Drosdowka kam. Naina Telianowa h�tete geflissentlich das Geheimnis der vergrabenen K�pfe, wof�r sie sogar die wei�en Bulldoggen t�ten musste, an denen ihre Gro�mutter so hing. Dennoch hatte Bubenzow sie sehr verst�rt. Als er aber wieder in Drosdowka erschien und dar�ber sprach, dass er die Ermittlung gegen die blutgierigen Heiden aufgenommen hatte, dachte sie, jetzt seinen Plan verstanden zu haben: einen ungeheuerlich dreisten und hinrei�end unmenschlichen Plan. Damals sprach sie auch vom D�mon. Wahrscheinlich fand sie, dass satanische Spiele mit dem Schicksal von Menschen eine weitaus berauschendere Kunst seien als Theater und Malerei. Sie ist nicht die Erste, die dieser Versuchung erlag.</p><p>Vorsitzender: Das klingt alles sehr glaubhaft. Aber woraus schlie�en Sie, dass Selig der M�rder ist?</p><p>Lissizyna: Er gab hier an, dass er Sytnikow nach dem Kaufmann ausgefragt hatte. Nur von ihm wissen wir, dass er in Bubenzows Auftrag handelte. Und au�erdem, Bubenzow steckt zwar bis �ber die Ohren in Schulden, aber mit den f�nfunddrei�igtausend w�re er nicht weit gekommen. In der Stadt wird erz�hlt, dass seine Schulden in die Hunderttausende gehen. H�tte er sich wegen einer f�r seine Begriffe so geringf�gigen Summe etwa die H�nde schmutzig gemacht? Anders Selig. F�r ihn sind f�nfunddrei�igtausend ein Verm�gen. Doch au�er Bereicherung verfolgte er noch ein anderes Ziel: Er wollte seinem G�nner bei der Karriere behilflich sein und zusammen mit ihm die Leiter hochklettern. So schnitt er die K�pfe nicht nur ab, um die Spuren zu verwischen, sondern verkn�pfte damit weiter reichende Pl�ne. Vielleicht hat er Bubenzow erst auf die Idee gebracht, die kopflosen Leichen gegen die Syten zu verwenden. (Erregung im Saal) Selig ist ein vorausschauender Mensch. Bevor er ein Verbrechen beging, traf er jedes Mal Vorsichtsma�regeln. Als er sich auf den Weg machte, um die Wonifatjews zu t�ten, trug er f�r alle F�lle den Havelock und die Schirmm�tze seines Chefs. Er k�nnte ja gesehen werden. Und er wurde gesehen! Und ganz sicher war es Selig, der in der Nacht, in der Poggio ermordet wurde, Dshurajew betrunken machte. Es war f�r ihn ein Leichtes, sich f�r ein St�ndchen zu entfernen, w�hrend der Tscherkesse in der n�chsten Kneipe trank.</p><p>Vorsitzender: �Es war f�r ihn ein Leichtes� ist aber kein Beweis.</p><p>Lissizyna: Sie haben Recht, Euer Ehren. Aber wenn Sie mir erlauben . . . (geht zum Tisch mit den Beweisst�cken und nimmt das Photostativ; tritt zu Bubenzow) Wladimir Lwowitsch, bitte strecken Sie die H�nde vor. (Der Angeklagte Bubenzow sitzt unbeweglich und blickt die Nonne an. Dann streckt er die gefesselten H�nde �ber die Barriere.) Versuchen Sie, das Stativ mit den Fingern zu umfassen. Sehen Sie, meine Herren? Er hat zu kleine H�nde. Er h�tte das schwere Stativ einfach nicht fest genug halten k�nnen, um einen Sto� von solcher Gewalt zu f�hren. Daraus folgt, dass er Poggio nicht get�tet hat.</p><p>Tumult im Saal. Rufe: �Das stimmt!�, �T�chtig, die Nonne!� und dergleichen. Der Vorsitzende l�utet das Gl�ckchen.</p><p>Lissizyna: Erlauben Sie mir noch eine Demonstration. (tritt mit dem Stativ zu dem Angeklagten Selig) Nun probieren Sie es, Tichon Jeremejewitsch.</p><p>Selig versteckt die H�nde, die bislang auf dem Gel�nder der Barriere lagen, rasch hinter dem R�cken. Viele im Saal springen auf. Der Vorsitzende l�utet das Gl�ckchen.</p><p>Lissizyna: Das Stativ ist so kompakt, dass ein gew�hnlicher Mann es nicht zu umfassen vermag, Herr Selig jedoch hat au�ergew�hnlich gro�e H�nde. Ihm macht das keine Schwierigkeit . . . Ich habe noch eine Bitte an das Gericht. W�re es m�glich, bei Herrn Selig eine Leibesuntersuchung vorzunehmen? Vor allem seine rechte H�fte und den Oberschenkel genau zu betrachten. Als mir in Drosdowka im Park jemand einen Sack �ber den Kopf warf, habe ich den Angreifer zweimal mit meinen Stricknadeln ins Bein gestochen. Ziemlich tief. Die vier Einstiche m�ssen noch zu sehen sein.</p><p>Selig (springt auf und kr�chzt): Hexe! Hexe!</p></section><section><title><p>Der schwarze M�nch</p></title><p>Nachdem Schwester Pelagia gesprochen hatte, wurde die Verhandlung fortgesetzt, aber der Ausgang stand fest, und die Aufmerksamkeit des Publikums irrte ab. Selig wurde zur Leibesuntersuchung hinausgef�hrt, und richtig � er hatte auf der rechten H�fte vier rosa Punkte. Es kam zwischen den Parteien nicht zu Diskussionen, denn der Staatsanwalt war von den j�hen Wendungen etwas abgestumpft, und der Verteidiger sah recht zufrieden aus: Um seinen Mandanten stand es nicht schlecht, und f�r das Schicksal Seligs f�hlte er sich nicht verantwortlich.</p><p>So seltsam es ist, aber Selig begann nicht zu weinen und zu winseln. Auf die Frage, ob er sich schuldig bekenne, die Morde begangen zu haben, sch�ttelte er nur den Kopf. Er sa� mit unbewegtem Gesicht, hielt die Augen halb geschlossen und schien weder die Frage des Richters noch die Antwort der Geschworenen, noch das Urteil zu h�ren. Sein runzliges Gesichtchen hatte sich gegl�ttet und sogar eine gewisse Bedeutsamkeit gewonnen. Bubenzow hingegen wirkte ausgesprochen nerv�s; er rutschte auf seinem Platz hin und her, blickte bald zu seinem Sekret�r, bald mit gerecktem Hals zu Schwester Pelagia, und sein Gesicht hatte einen verdutzten, ja, d�mmlichen Ausdruck. Die Nonne sa� da, ohne bis zum Ende der Verhandlung ein einziges Mal die Augen zu heben, so dass sie Bubenzows Verhalten wahrscheinlich gar nicht wahrnahm.</p><p>Das Urteil verwunderte niemanden. Tichon Selig, der sich nicht schuldig bekannt und das geraubte Geld nicht zur�ckgegeben hatte, wurde zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Bubenzow wurde freigesprochen, und schon eine Stunde sp�ter verlie� er unsere Gouvernementshauptstadt, in den Augen der meisten mit Schande bedeckt, von einigen Frauen insgeheim beweint.</p><p>Nach und nach kam Sawolshsk wieder zur Ruhe, so, als w�re ein Stein in einen Teich gefallen und h�tte das Wasser aufgew�hlt. Spritzer schossen auf, Wellen zogen Kreise, aber bald verebbten sie, das Wasser bes�nftigte und gl�ttete sich, und der Teich schlief wieder ein, obwohl noch klingende Bl�schen an die Oberfl�che stiegen.</p><p>Ljudmila von Gaggenau erschien nach langer Zeit beim Bischof zur Beichte. Verweint ging sie von ihm weg, mit ger�teten, aber klaren Augen. Danach hatte Mitrofani auch ein l�ngeres Gespr�ch mit dem Gouverneur, dem er zu verstehen gab, dass er keinen Grund habe, sich zu beunruhigen. Zwar hatte der Geistliche nicht das Beichtgeheimnis verletzt und auch mehr in Andeutungen gesprochen, dennoch erlegte er sich hinterher eine strenge Kirchenbu�e auf.</p><p>Berditschewski bat den Gouverneur um Nachsicht f�r den Polizeimeister Lagrange, erhielt aber eine Absage. Damit h�tte er seine Dankespflicht als erf�llt ansehen k�nnen, doch er ging auch noch zum Bischof, ohne jede Hoffnung, einzig zur Beruhigung seines Gewissens. Mitrofani nahm die F�rsprache erstaunlicherweise mit Verst�ndnis auf und sagte: �Man muss Lagrange nicht vor Gericht stellen. Auch nicht aus dem Dienst jagen. Ich denke, er ist kein verlorener Mensch. Er h�tte es ja auch sehr einfach so arrangieren k�nnen, dass Murad dich umgebracht h�tte, dann w�re er aus allem heraus gewesen. Richte ihm aus, dass ich mit dem Gouverneur rede.� Der Polizeimeister blieb im Amt und geht nun auch zum Bischof zur Beichte.</p><p>Doch noch fr�her, direkt am Prozesstag, kam es zu einem Vorfall, der gesondert erw�hnt werden muss.</p><p>Als die Geschworenen sich zur Beratung zur�ckgezogen hatten und im Saal alle auf einmal losredeten, um ihre Eindr�cke vom Prozess und ihre Vermutungen �ber den Urteilsspruch auszutauschen, meinte der Bischof es seiner W�rde schuldig zu sein, sich dem Geschnatter zu entziehen, und suchte auf Einladung des Richters das Zimmer f�r Ehreng�ste auf. Er bedeutete Schwester Pelagia, ihm zu folgen. Verdrossen schritt er durch den Korridor, blickte auf seine F��e und stie� den Bischofsstab zornig auf den Boden.</p><p>Als sie unter vier Augen waren, k�sste die Nonne dem Geistlichen schuldbewusst die Hand und sagte etwas konfus:</p><p>�Ihr habt Recht, Vater, Bubenzow ist ein b�ser Mensch und eine Ausgeburt der H�lle. Jetzt kommt er frei, und obwohl seine synodale Karriere beendet ist, wird er noch viel B�ses tun. Er besitzt eine gro�e Kraft. Er wird seine Wunden lecken und von neuem Hass und Kummer s�en. Aber man kann doch nicht Unrecht mit Unrecht ausrotten! Ich habe erst im allerletzten Moment begriffen, wie es wirklich war, sonst h�tte ich unbedingt Euren Segen f�r meinen Auftritt erbeten. Genauer, ich h�tte Euch gebeten, als Zeuge zu sprechen. Aber es war keine Zeit mehr, der Richter war schon im Begriff, sich an die Geschworenen zu wenden. Darum habe ich gesprochen. Nun ist es so gekommen, dass ich Euch vor aller �ffentlichkeit in ein ung�nstiges Licht gestellt habe. K�nnt Ihr mir verzeihen?�</p><p>Sie blickte den Bischof �ngstlich, fast verzweifelt an. Mitrofani stie� einen Sto�seufzer aus und strich seiner geistlichen Tochter �ber den Kopf.</p><p>�Dass du mich als eitlen Dummkopf vorgef�hrt hast, geschieht mir ganz recht. Damit ich mir nicht zu viel einbilde. Und mir keinen fremden Lorbeer aneigne. Ich kenne diese s�ndhafte Schw�che an mir, und ich bin daf�r gestraft worden. Aber das w�re halb so schlimm. Du besch�mst mich, Pelagia, besch�mst mich sehr. Und erschreckst mich. Wie gef�llig alles aussieht, wenn man die Welt durch gef�rbtes Glas betrachtet. Und man w�hlt die Farbe, die einem gef�llt. Und dann erscheint dir dein pers�nlicher Feind pl�tzlich als Verbrecher und Feind des ganzen Menschengeschlechts, und dein Freund, auch wenn er noch so s�ndig ist, als lichter Engel. M�gen die Politiker die Welt durch gef�rbte Gl�ser betrachten, ein Geistlicher darf das nicht. F�r ihn muss das Glas farblos sein, und am besten w�re gar kein Glas . . .� Der Bischof wiegte bek�mmert den Kopf. �Und dass man B�ses nicht mit B�sem ausrotten kann, auch damit hast du Recht. Man w�rde nur das eine �bel durch ein anderes, noch gr��eres, ersetzen. Aber das Bubenzowsche B�se ist von ganz besonderer Art. Es vergeht sich nicht am Gesetz, sondern an der menschlichen Seele. Auf dem Gerichtsweg ist diesem B�sen nicht beizukommen, das vermag nur Gottes Kirche. Es ist die Pflicht der Kirche, �ber das B�se zu wachen und es zu entlarven.�</p><p>Die Nonne fuhr zusammen und sagte hastig:</p><p>�Aber ich denke, Vater, dass Gottes Kirche eine ganz andere Bestimmung hat. Dass es nicht notwendig ist, �ber das B�se zu wachen und es zu entlarven. Denn daraus entsteht nur Angst. Wir sollten uns nicht mit dem B�sen besch�ftigen, sondern mit dem Guten. Sanftheit und Liebe sind vonn�ten. Aus Angst erw�chst niemals Gutes.�</p><p>�So urteilst du �ber die Gottesfurcht?�, fragte der Bischof drohend. �Besinne dich, Pelagia!�</p><p>�Gott soll man nicht f�rchten, sondern lieben. Und die Menschen sollten auch die Kirche nicht f�rchten, sondern lieben. Die Kirche mit irdischer Macht zu verflechten ist erst recht S�nde.�</p><p>�Was ist daran S�nde?�, fragte Mitrofani weniger ver�rgert als verwundert. �Geht es Sawolshsk schlechter, wenn der Gouverneur auf mich h�rt?�</p><p>Leider konnten sie nicht zu Ende sprechen, denn der aufgeregte Berditschewski schaute herein und verk�ndete:</p><p>�Bisch�fliche Gnaden, alles vorbei! Die Geschworenen sind gleich wiedergekommen. Selig ist schuldig � einstimmig. Bubenzow nicht schuldig � auch einstimmig. Die Reporter haben nicht einmal das Urteil abgewartet. Sie dr�ngen sich hier im Korridor und warten auf Sie.�</p><p>�Auf uns?� Die Stimme des Geistlichen vibrierte. �Nun ja, dann werde ich den bitteren Kelch bis zur Neige leeren, geschieht mir recht.� Er stand entschlossen auf und fasste Pelagia bei der Hand. �Geh du als Erste hinaus. Das ist deine Stunde. Aber spreize dich nicht zu sehr. Denke daran, dass du Christi Braut bist.�</p><p>Kaum trat Pelagia in den Korridor, wurde sie von Magnesiumblitzen geblendet, sie machte zwei Schritte und blieb ratlos stehen. Vor sich sah sie viele aufgelebte M�nnergesichter, die meisten glatt rasiert, aber mit gezwirbeltem Schnurrbart.</p><p>Kr�ftige Schultern schubsten die Nonne zur Seite. Gehr�cke und Jacketts umringten den gebeugten Bischof.</p><p>Ein unsch�ner Mann mit vorstehenden Backenknochen, Zarenko pers�nlich, der ber�hmte Petersburger Publizist, sagte respektvoll:</p><p>�Bisch�fliche Gnaden, Ihre erhabene Weisheit hat das Publikum tief beeindruckt. Sie haben eine fulminante Rede gehalten und das B�se in Gestalt von Inspektor Bubenzow entlarvt. Zwar kann er sich dem Gericht der Menschen entziehen, doch vor dem Gericht Gottes ist er schuldig. Den unbedeutenden M�rder, den gew�hnlichen Verbrecher zu entlarven haben Sie Ihrer Gehilfin �berlassen, was sie auch trefflich getan hat, zweifellos nach Ihren Weisungen.�</p><p>�Nein, nein, von sich aus!�, rief Mitrofani erschrocken. �Es war Pelagia!�</p><p>Diese r�hrende Bekundung von Bescheidenheit wurde mit verstehendem L�cheln aufgenommen, und etliche Reporter notierten sogleich die Worte des Bischofs, in denen sie bewundernswerte Demut und eine Absage an die Eitelkeit sahen.</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Auch Zarenko l�chelte. �Sie haben nichts damit zu tun. Ebenso wie in allen vorangegangenen F�llen, die mit Ihrer Beteiligung gel�st wurden, geb�hrt das Verdienst Ihrer Schwester Polixena.�</p><p>�Pelagia�, berichtigte der Geistliche verwirrt und suchte mit den Augen seine Gehilfin.</p><p>Pelagia stand am ge�ffneten Fenster, mit dem R�cken zu den Journalisten. War sie verstimmt? Gekr�nkt?</p><p>Wir k�nnen den Leser beruhigen. Sie war keineswegs gekr�nkt. Sie stand einfach da und blickte hinaus, weil drau�en der Vorfall seinen Anfang nahm, den wir schon erw�hnten.</p><p>Der Platz, auf den die Fenster des Bezirksgerichts gingen, war zu dieser vorabendlichen Stunde fast menschenleer. An der Laterne strichen tr�ge zwei Hofhunde herum, ein kleiner Junge, angetan mit einem langen Kittel und Stiefeln, h�pfte auf einem Bein �ber eine Pf�tze. Doch am anderen Ende, wo die Kleine Kupetscheskaja in den Platz m�ndete, klapperten Hufe �ber das Pflaster, rumpelten R�der, klirrte Pferdegeschirr. Das Get�se kam geschwind n�her, und schon bald waren zwei schaumbedeckte Schimmel zu erkennen, die eine gefederte Kutsche zogen. Auf dem Bock stand peitschenschwingend ein eingestaubter M�nch in einer schwarzen, im Wind wehenden Kutte, barh�uptig und mit langen zerzausten Zotteln, und etwas sp�ter war zu sehen, dass seine Stirn voller Blut war und die Augen herausquollen. Die wenigen Passanten, die dieses Bild sahen, blieben wie angewurzelt stehen.</p><p>Vor dem Gerichtsgeb�ude zog der M�nch die Z�gel an, brachte die Pferde zum Stehen, sprang auf die Erde und rief Pelagia zu . . .</p><p>Doch wir wollen nicht verraten, was er rief, denn das ist der Beginn einer ganz anderen Geschichte, die noch erstaunlicher ist als die Geschichte der wei�en Bulldogge.</p><p>Pelagia drehte sich rasch zu dem Geistlichen um. Der sah den seltsamen M�nch nicht und h�rte nicht seinen Ruf, sp�rte aber sofort Ungutes. Sanft, doch energisch schob er den Korrespondenten beiseite und . . .</p></section></section></section></body><binary id="cover" 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