<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>det_history</genre><author><first-name>Boris</first-name><last-name>Akunin</last-name></author><book-title>Pelagia und der schwarze Moench</book-title><annotation><p>Ein geheimnisvoller schwarzer M�nch versetzt ein russisches Provinzst�dtchen in Angst und Schrecken. In mondhellen N�chten sieht man die schwarze Gestalt �ber die Wasser des Blauen Sees wandeln, ganz in der N�he des Klosterkomplexes Neu-Ararat. Die Bewohner der Gegend halten die Erscheinung f�r eine Reinkarnation eines heiligen M�nches, der achthundert Jahre zuvor auf einer Insel im Blauen See eine Einsiedelei begr�ndet hatte. Seither bereiten sich dort die M�nche des Klosters auf ihren Tod und die Abberufung durch Gott vor. Da die Einsiedelei zu den Hauptattraktionen des Klosters z�hlt, um das herum der gesch�ftst�chtige Abt Witali Kureinrichtungen, Restaurants und einen schwungvollen Devotionalienhandel eingerichtet hat, bittet Witali den Erzbischof Mitrofani um Hilfe. Um den Ger�chten und der aufkommenden Panik unter den M�nchen Einhalt zu gebieten, schickt Mitrofani seinen Sch�tzling Aljoscha an den Blauen See, sehr zum Unmut von Schwester Pelagia, die lieber selbst gefahren w�re. Doch im Klosterkomplex haben Nonnen keinen Zutritt, und so muss erst so manches Ungl�ck geschehen, bis Pelagia sich am Ende doch noch in die Ermittlungen einschaltet . . .</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>ru</src-lang><translator><first-name>Dorothea</first-name><last-name>Trottenberg</last-name></translator><sequence name="Schwester Pelagia" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name>Unknown</last-name></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2017-11-30">30.11.2017</date><id>3bf0393a-a79d-4f6f-b685-f92410fc10da</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Wilhelm Goldmann Verlag</publisher><city>M�nchen</city><year>2004</year><isbn>3-442-45500-6</isbn></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#cover"/></p></section><section><title><p>Pelagia und der schwarze Moench</p></title><section><title><p>PROLOG</p><p>Wassilisk erscheint</p></title><p>. . . n�herte sich mit einigen weit ausholenden Schritten der Nonne. Er blickte aus dem Fenster, sah die schaumbedeckten Pferde, den v�llig aufgel�sten M�nch und zog drohend seine buschigen Augenbrauen zusammen.</p><p>�Er hat mir zugerufen: �M�tterchen, ein Unheil! Er ist bereits hier! Wo ist der Bischof?��, sagte Pelagia halblaut zu Mitrofani.</p><p>Bei dem Wort �Unheil� nickte Mitrofani befriedigt, als habe er von diesem unm��ig langen Tag, der �berhaupt kein Ende nehmen wollte, nichts anderes erwartet. Er gab dem abgerissenen, staubbedeckten Boten (aus seiner ganzen Art und seinen Worten wurde deutlich, dass dieser M�nch, der wer wei� woher herbeigeeilt kam, ein Bote war, ein Ungl�cksbote obendrein) einen Wink mit dem Finger: Na, komm schon herauf.</p><p>Der M�nch verbeugte sich vor dem Bischof kurz, aber tief, beinahe bis zum Boden, lie� die Z�gel fallen, st�rzte ins Gerichtsgeb�ude und bahnte sich den Weg durch das Publikum, das nach dem Prozess herausstr�mte. Der Anblick des Gottesdieners � barh�uptig, mit blutenden Kratzern auf der Stirn � war derart ungew�hnlich, dass die Menschen sich umsahen, die einen neugierig, die anderen besorgt. Die st�rmische Er�rtertung der soeben beendeten Verhandlung und des erstaunlichen Urteils brach j�h ab. Ein neues Ereignis schien sich abzuzeichnen, ja, war vielleicht schon eingetreten.</p><p>So ist es immer in solch stillen Gew�ssern wie unserem friedlichen Sawolshsk: Da herrschen f�nf oder zehn Jahre Ruhe und Frieden und verschlafene Reglosigkeit, und pl�tzlich braust ein Orkan nach dem anderen �ber uns hinweg, dass sogar die Glockent�rme sich zur Erde neigen.</p><p>Der Ungl�cksbote eilte die wei�e Marmortreppe hinauf. Am oberen Treppenabsatz, unter den Gewichten der blinden Themis, hielt er inne, da er nicht sogleich wusste, in welche Richtung er gehen sollte, nach rechts oder nach links, doch dann erblickte er ganz am Ende des Gangs eine Schar von Korrespondenten aus der Hauptstadt sowie zwei Gestalten in schwarzen Kutten, eine gro�e und eine kleine: Bischof Mitrofani und daneben die bebrillte Schwester, die zuvor am Fenster gestanden hatte.</p><p>Mit seinen gro�en Stiefeln �ber den hallenden Boden polternd, st�rzte der M�nch auf den Bischof zu, wobei er schon von weitem ein Geschrei erhob:</p><p>�Eminenz, er ist bereits hier! Ganz nah! Er verfolgt mich! Riesig und schwarz!�</p><p>Die Journalisten aus Petersburg und Moskau, darunter auch richtige Kapazit�ten dieser Profession, die wegen des Aufsehen erregenden Prozesses nach Sawolshsk gekommen waren, starrten den sonderbaren M�nch verwundert an.</p><p>�Wer verfolgt dich? Wer ist schwarz?�, fragte der Bischof. �Sprich deutlich. Wer bist du? Woher kommst du?�</p><p>�Der dem�tige M�nch Antipa aus Ararat.� Der Unbesonnene verbeugte sich hastig und langte nach seinem K�ppchen, um es sich vom Kopf zu rei�en, aber das K�ppchen war nicht mehr da, er hatte es irgendwo verloren. �Wassilisk, wer sonst! Er, der Schutzpatron! Aus der Einsiedelei ist er gekommen. Lasst die Glocken l�uten, Eminenz, lasst die heiligen Ikonen hinaustragen! Die Prophezeiung des Johannes erf�llt sich! �Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie seine Werke sind!� Das ist das Ende!�, heulte er auf. �Es ist alles zu Ende!�</p><p>Die Leute aus der Hauptstadt waren durch die Nachricht vom Ende der Welt nicht zu ersch�ttern, sie spitzten lediglich die Ohren und r�ckten n�her an den M�nch heran, der Gerichtsdiener hingegen, der schon angefangen hatte, den Korridor zu fegen, blieb bei diesem entsetzlichen Geschrei vor Schreck wie angewurzelt stehen, lie� seinen Besen fallen und bekreuzigte sich.</p><p>Der Vorbote der Apokalypse konnte vor Angst und Schrecken nicht mehr zusammenh�ngend reden � er zitterte am ganzen K�rper, und �ber sein kreidebleiches, von einem Bart umwuchertes Gesicht rollten die Tr�nen.</p><p>Wie immer in kritischen Situationen legte der Bischof Tatkraft und Entschlossenheit an den Tag. Mitrofani wandte ein uraltes Rezept an, demzufolge das beste Mittel gegen Hysterie eine anst�ndige Ohrfeige ist, und versetzte dem j�mmerlich schluchzenden M�nch mit seiner m�chtigen Hand zwei schallende Backpfeifen, woraufhin dieser sofort mit dem Zittern und Jammern auf h�rte. Er riss die Augen auf und schluckte, und der Bischof nutzte die Gelegenheit, den Kurier am Kragen zu packen und ihn zur n�chstgelegenen T�r zu ziehen, hinter der sich das Gerichtsarchiv befand. Pelagia, die beim Knallen der Ohrfeigen mitleidig aufgest�hnt hatte, eilte hinterher.</p><p>Dem Archivar, der sich nach Beendigung der Gerichtssitzung gerade einen Tee hatte g�nnen wollen, gab der Bischof lediglich ein Zeichen mit der Augenbraue � schnell wie der Wind war der Beamte verschwunden, und die geistlichen Personen blieben zu dritt im Archiv zur�ck.</p><p>Der Bischof setzte den schluchzenden Antipa auf einen Stuhl und hielt ihm ein noch kaum anger�hrtes Glas Tee unter die Nase: �Hier, trink!� Er wartete, bis der M�nch, dessen Z�hne ans Glas schlugen, seine zusammengeschn�rte Kehle benetzt hatte, und fragte dann ungeduldig:</p><p>�Nun, was hat sich da bei euch in Ararat zugetragen? Erz�hl.�</p><p>Die Korrespondenten waren drau�en vor der verschlossenen T�r geblieben. Sie harrten eine Zeit lang aus, wiederholten ein ums andere Mal die r�tselhaften Worte �Wassilisk� und �Ararat� und gingen dann, noch immer v�llig entgeistert, allm�hlich auseinander. Eines war klar � sie alle waren Fremde und kannten sich mit unseren Sawolshsker Heiligt�mern und Legenden nicht aus. Die Hiesigen, die h�tten das sofort verstanden.</p><p>Da es hingegen auch unter unseren Lesern solche geben mag, die noch nie im Gouvernement Sawolshsk waren, ja, die vielleicht nicht einmal davon geh�rt haben, f�gen wir an dieser Stelle, bevor wir das Gespr�ch im Gerichtsarchiv beschreiben, einige Erl�uterungen ein, die �berm��ig ausf�hrlich erscheinen m�gen, aber dennoch f�r das Verst�ndnis des weiteren Verlaufs der Erz�hlung vollkommen unabdingbar sind.</p><p>***</p><p>Womit sollte man am besten beginnen?</p><p>Wahrscheinlich mit Ararat. Besser gesagt, mit Neu-Ararat, dem Kloster Neu-Ararat, dem ber�hmten Kloster, das sich ganz im Norden unseres weitl�ufigen, aber d�nn besiedelten Gouvernements befindet. Dort, auf bewaldeten Inseln inmitten der Wasser des Sineje Osero, des Blauen Sees, der seinen Ausma�en nach eher einem Meer gleicht (und im Volksmund daher auch �Blaues Meer� genannt wird), suchten von alters her heilige M�nche Zuflucht vor dem Get�mmel und der Schlechtigkeit der Welt. Mit der Zeit ver�dete das Kloster, und auf dem ganzen Archipel verblieb nur eine Hand voll Eremiten in abgeschiedenen Zellen und Klausen, aber niemals, auch nicht zur Zeit der Wirren, erlosch das Klosterleben vollst�ndig.</p><p>Daf�r gab es einen besonderen Grund, n�mlich die Wassilisk-Einsiedelei, doch �ber sie werden wir sp�ter berichten, denn die Einsiedelei existierte immer f�r sich, unabh�ngig vom eigentlichen Kloster. Letzteres gelangte im neunzehnten Jahrhundert aufgrund der g�nstigen Bedingungen unserer friedlichen, ruhigen Zeit zu pr�chtiger Bl�te � zun�chst dank der unter wohlhabenden Pilgern in Mode gekommenen Heiligt�mer des Nordens, und in allerj�ngster Zeit durch die Beflissenheit des derzeitigen Archimandriten Witali II., der so genannt wird, weil es im vergangenen Jahrhundert bereits einen Klostervorsteher gleichen Namens gegeben hat.</p><p>Dieser ungew�hnliche kirchliche W�rdentr�ger hat Neu-Ararat zu nie gesehenem Wohlstand gef�hrt. Seine Hochehrw�rden � entsandt, ein ruhiges Inselkloster zu leiten � �berlegte ganz zu Recht, dass die Mode ein flatterhaftes Wesen sei und man, solange ihr Blick nicht auf irgendein anderes, nicht weniger ehrw�rdiges Kloster falle, aus dem Strom der Opfergaben den gr��tm�glichen Nutzen ziehen m�sse.</p><p>Er begann damit, dass er die fr�here Klosterherberge, die bauf�llig geworden und schlecht gef�hrt worden war, durch eine neue ersetzte, dass er eine vorz�gliche Gastwirtschaft mit Fastenspeisen er�ffnete und Bootsfahrten entlang der Flu�arme und Buchten einf�hrte, damit die wohlhabenden G�ste es nicht eilig h�tten, diesen gesegneten Ort, der mit seiner Sch�nheit, seiner reinen Luft und den Reizen der Natur den besten finnischen Kurorten in nichts nachsteht, wieder zu verlassen. Danach gab er den so entstandenen �berschuss an Mitteln geschickt wieder aus, indem er sich daranmachte, allm�hlich eine komplizierte und �beraus eintr�gliche Wirtschaft zu begr�nden, mit mechanisierten Meiereien, einer Werkst�tte f�r Ikonenmalerei, einer Fischfangflottille und R�ucherkammern, ja sogar einer kleinen Eisenwarenmanufaktur, die die besten Fensterriegel in ganz Russland anfertigt. Er erbaute auch eine Wasserleitung und sogar eine Schienenbahn von der Anlegestelle zu den Warenlagern. Einige der erfahrenen M�nche begannen zu murren, das Leben in Neu-Ararat sei nicht mehr gottgef�llig, doch diese Stimmen klangen sch�chtern und drangen, �bert�nt vom munteren Klopfen der betriebsamen Baustellen, nahezu gar nicht nach au�en. Auf der Hauptinsel Kanaan lie� der Klostervorsteher eine Vielzahl neuer Geb�ude und Kirchen errichten, die durch ihre solide Bauweise und Pracht verbl�fften, obgleich sie sich nach Meinung von Architekturkennern nicht immer durch makellose Sch�nheit auszeichneten.</p><p>Einige Jahre zuvor war eigens eine Regierungskommission herbeigereist, an ihrer Spitze der Minister f�r Handel und Industrie, der kenntnisreiche Graf Litte h�chstselbst, um das �Wirtschaftswunder� von Neu-Ararat zu untersuchen und herauszufinden, ob es nicht m�glich w�re, die Erfahrung dieser so erfolgreichen Entwicklung zum Nutzen des ganzen Imperiums zu verwenden.</p><p>Es stellte sich heraus, dass dies nicht m�glich war. Bei der R�ckkehr in die Hauptstadt meldete der Graf dem Zaren, Vater Witali sei der Verfechter einer fragw�rdigen �konomischen Theorie, die den wahren Reichtum des Landes nicht in seinen nat�rlichen Ressourcen, sondern in der Arbeitsliebe seiner Bev�lkerung sehe. Der Archimandrit habe Gl�ck, weil seine Bev�lkerung eine ganz besondere sei: M�nche, die alle Arbeiten aus kl�sterlichem Gehorsam durchf�hrten, zudem ohne jede Klage. So ein Arbeiter stehe am Butterfass oder, sagen wir, an der Drehbank, denke weder an seine Familie noch an die Flasche � und rette dabei obendrein noch seine Seele. Daher r�hrten auch die Qualit�t der Produktion und die f�r die Konkurrenten undenkbaren wohlfeilen Preise.</p><p>F�r den russischen Staat war dieses �konomische Modell ganz entschieden nicht geeignet, doch in den Grenzen des Vater Witali anvertrauten Archipels trug es wahrhaft bemerkenswerte Fr�chte. Das Kloster mit all seinen D�rfern und Meiereien und seinen Wirtschaftsgeb�uden erinnerte am Ende selbst an einen kleinen Staat, der, wenn nicht souver�n, so doch in jedem Fall vollkommen selbst verwaltet und lediglich dem Bischof des Gouvernements, Seiner Eminenz Mitrofani, rechenschaftspflichtig war.</p><p>Die Zahl der M�nche und Klosterbr�der wuchs unter Vater Witali auf eineinhalb Tausend an, und die Bev�lkerung des Hauptguts, wo neben den Br�dern noch eine Vielzahl von Lohnarbeitern mit Kind und Kegel lebte, stand derjenigen einer Kreisstadt in nichts nach, besonders wenn man die Pilger hinzuz�hlte, deren Strom entgegen den Bef�rchtungen des Klostervorstehers nicht nur nicht versiegte, sondern auch noch anschwoll. Nun, da die Klosterwirtschaft auf festen F��en stand, w�re der Abt zwar liebend gerne ohne die Pilger ausgekommen, die ihn nur von unaufschiebbaren Angelegenheiten, die Verwaltung der Gemeinde Neu-Ararat betreffend, abhielten (unter den Pilgern waren ber�hmte, einflussreiche Personen, die besondere Zuwendung verlangten), aber da war nichts mehr zu machen. Die Menschen kamen von weit her, und sie fuhren nicht etwa mit dem Klosterschiff �ber den gewaltigen Blauen See, um die gewerblichen Errungenschaften des flei�igen Seelenhirten zu betrachten, sondern um sich vor den Heiligt�mern von Neu-Ararat zu verneigen, deren wichtigstes die Wassilisk-Einsiedelei ist.</p><p>Die Einsiedelei ist im �brigen f�r Besucher v�llig unzug�nglich, denn sie befindet sich auf einer kleinen, bewaldeten Klippe, die die Bezeichnung Okolny Ostrow � Nachbarinsel � tr�gt und Kanaan genau gegen�berliegt, und zwar mit ihrer unbewohnten Seite. In Neu-Ararat eintreffende Pilger pflegen am Ufer auf die Knie zu fallen und die kleine Insel, wo die heiligen Eremiten hausen, die f�r die ganze Menschheit beten, mit and�chtigen Blicken zu betrachten.</p><p>Aber erz�hlen wir, wie versprochen, ausf�hrlicher �ber die Wassilisk-Einsiedelei sowie �ber ihren legend�ren Stifter.</p><p>***</p><p>Vor langer, langer Zeit, vor etwa sechshundert, vielleicht aber auch achthundert Jahren (in der genauen Chronologie ist �Die Vita des heiligen Wassilisk� etwas widerspr�chlich), streifte ein Eremit durch die unwegsamen W�lder, von dem man zuverl�ssig nur so viel wei�, dass er Wassilisk hie�, nicht mehr jung war, ein beschwerliches, am Anfang besonders s�ndhaftes Leben gef�hrt hatte, das aber in der Neige der Jahre vom Licht der wahren Reue und des Strebens nach Rettung erleuchtet wurde. Zur S�hne f�r die fr�heren, frevelhaften Jahre hatte der M�nch das Gel�bnis abgelegt, die ganze Erde zu umwandern, bis er den Ort ausfindig machte, an dem er dem Herrn am besten dienen konnte. Manchmal meinte er in einem frommen Kloster, manchmal, im Gegenteil, unter gottlosen Heiden den Ort gefunden zu haben, an dem er bleiben m�sse, der dem�tige M�nch Wassilisk, doch alsbald ergriff ihn der Zweifel, ob nicht ein anderer, der ebenfalls dort lebte, dem Allerh�chsten genauso gut diene, und getrieben von diesem Gedanken, der ihm fraglos von oben eingegeben wurde, zog der M�nch weiter, aber nirgends fand er das, was er suchte.</p><p>Eines Tages dann erblickte er, als er die dichten Zweige einer Tanne beiseite schob, vor sich blaues Wasser, das unmittelbar am Waldesrand begann und dem dunkelgrauen Himmel entgegenlief, um sich mit ihm zu vereinigen. Niemals zuvor hatte Wassilisk so viel Wasser gesehen, und in seiner Einfalt nahm er dieses Begebnis als ein gro�es Wunder des Herrn; er beugte die Knie, betete bis zum Einbruch der Dunkelheit und dann noch lange im Finstern.</p><p>Und der M�nch hatte eine Erscheinung. Ein Feuerfinger schnitt den Himmel in zwei H�lften, sodass die eine hell und die andere schwarz wurde, und bohrte sich in die schaumbedeckten Wogen. Eine Donnerstimme verk�ndete Wassilisk: �Suche nicht weiter. Gehe dahin, wohin zu gehen dir gezeigt wird. Dort ist der Ort, von dem aus es nicht weit ist zu Mir. Diene Mir nicht unter den Menschen, wo eitles Get�mmel herrscht, sondern im Schweigen, und in einem Jahr werde ich dich rufen.�</p><p>In seiner rettenden Einfalt kam der M�nch gar nicht auf die Idee, an der m�glichen Umsetzung dieser wunderlichen Forderung, mitten ins Meer zu gehen, zu zweifeln, und er ging, und das Wasser gab nach unter ihm, aber es trug, wor�ber Wassilisk eingedenk des Wandeins auf dem Wasser im Evangelium nicht allzu erstaunt war. Er ging und ging, das Glaubensbekenntnis sprechend, die ganze Nacht hindurch und dann den ganzen Tag; gegen Abend wurde ihm bang, und er f�rchtete, in dieser Wasserw�ste jenen Ort, den ihm der Finger gewiesen hatte, nicht zu finden. Und da widerfuhr dem M�nch ein zweites Wunder, was im Leben der Heiligen nicht h�ufig vorkommt.</p><p>Als es dunkelte, erblickte der M�nch in der Ferne ein kleines Feuerf�nkchen. Er ging in diese Richtung und erkannte mit der Zeit, dass es eine Kiefer war, die auf der Spitze eines H�gels in Flammen stand, dass der H�gel direkt aus dem Wasser aufragte und sich dahinter noch mehr Land erstreckte, flacher und weiter (das war das heutige Kanaan, die Hauptinsel des Archipels).</p><p>Und Wassilisk lie� sich in einer H�hle unter der verbrannten Kiefer nieder. Er lebte dort einige Zeit in v�lligem Schweigen und unabl�ssigem inneren Gebet, und ein Jahr darauf erf�llte der Herr sein Versprechen � er rief den reuigen S�nder zu Sich und gab ihm einen Platz neben Seinem Thron. Die Einsiedelei aber, ebenso wie das sp�ter in der Nachbarschaft entstandene Kloster, wurde Neu-Ararat genannt zu Ehren des Berges, der allein sich noch �ber den Wassern erhob und die Gerechten errettete, als �alle Brunnen der gro�en Urflut aufbrachen und sich die Fenster des Himmels �ffneten�.</p><p>Die Vita verschweigt, wie Wassilisks Nachfolger vom Wunder mit dem Feuerfinger erfuhren, wenn der M�nch doch striktes Schweigen bewahrte, aber seien wir nachsichtig mit einer �berlieferung aus alter Zeit. Als Zugest�ndnis an den Skeptizismus unserer rationalistischen �ra r�umen wir sogar ein, dass der heilige Gr�nder der Einsiedelei vielleicht nicht durch wundersames Wandeln auf dem Wasser zu den Inseln gelangte, sondern mit einem Flo� oder, sagen wir, in einem ausgeh�hlten Baumstamm � das mag sein. Eine Tatsache hingegen bleibt unbestreitbar, die von vielen Generationen gepr�ft wurde und bei Bedarf sogar mit Dokumenten belegt werden kann: Keiner der Eremiten, die sich in den unterirdischen Zellen der Wassilisk-Einsiedelei niederlie�en, musste lange auf Gottes Ruf warten. Nach einem halben oder einem ganzen Jahr, und wenn es lange dauerte, nach eineinhalb Jahren erlangten alle Auserw�hlten, die nach Rettung trachteten, das Gew�nschte, sie lie�en ein H�uflein Knochenstaub zur�ck und fuhren aus dem irdischen Reich auf in das andere, das himmlische Reich. Das lag nicht etwa an der k�rglichen Nahrung oder an dem rauen Klima. Es sind viele andere Einsiedeleien bekannt, deren Eremiten gr��ere Taten vollbrachten und ihr Fleisch weit inbr�nstiger kreuzigten, und doch dauerte es l�nger, bis der Herr ihnen verzieh und sie zu sich nahm.</p><p>Daher ging das Ger�cht, dass die Wassilisk-Einsiedelei von allen Orten auf Erden Gott am allern�chsten gelegen sei, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Himmelreich, weshalb sie auch die Nachbarinsel genannt wurde. Manche, die das Archipel zum ersten Mal besuchten, glaubten, dieser Name r�hre von der N�he zu Kanaan her, wo alle Kirchen waren und der Archimandrit lebte. Doch diese kleine Insel war nicht nahe beim Archimandriten, sondern nahe bei Gott.</p><p>In dieser Einsiedelei lebten immer nur drei besonders w�rdige M�nche, und f�r die M�nche in Neu-Ararat gab es keine h�here Ehre, als ihren Erdenweg in den H�hlen der Einsiedelei zu vollenden, auf den Knochen der fr�heren Gerechten.</p><p>Nat�rlich rissen sich bei weitem nicht alle Klosterbr�der um den baldigen Aufstieg ins himmlische Reich, denn auch unter den M�nchen gibt es viele, denen das irdische Leben verlockender erscheint als das nachfolgende. Dennoch herrschte niemals Mangel an Freiwilligen, im Gegenteil, es gab eine ganze Reihe von M�nchen, die es sehns�chtig danach verlangte und unter denen es, wie es in einer Reihe Wartender sein muss, zu Streitereien und Disputen, selbst zu ernsthaften Intrigen kam � so ungeduldig waren einige von ihnen, m�glichst bald die schmale Wasserstra�e zu �berqueren, die Kanaan von der Nachbarinsel trennte.</p><p>Von den drei Eremiten war immer einer der �lteste, und dieser wurde zum Abt geweiht. Nach den Regeln der Einsiedelei war es ihm als Einzigem gestattet, den Mund zu �ffnen � und er durfte nur einen Satz sprechen, der aus der Heiligen Schrift stammen musste und bei dem lediglich das letzte Wort frei gew�hlt werden konnte, in welchem dann gew�hnlich der Hauptsinn des Gesagten enthalten war. Es hei�t, in alten Zeiten sei dem Abt nicht einmal das erlaubt gewesen, doch nachdem das Kloster in Kanaan entstanden war, vergeudeten die Eremiten keine Zeit mehr damit, sich ihre k�rgliche Nahrung zu suchen � Beeren, Wurzeln und W�rmer (weiter gab es nichts Essbares auf der Nachbarinsel) � , sondern sie erhielten alles Notwendige aus dem Kloster. Nun verbrachten die heiligen Einsiedler ihre Zeit damit, Rosenkr�nze aus Zedernholz zu schnitzen, f�r die die Pilger dem Kloster viel Geld zahlten � bis zu drei�ig Rubel pro St�ck.</p><p>Einmal am Tag fuhr ein Boot zur Nachbarinsel, das die Rosenkr�nze abholte und das N�tige brachte. Das Oberhaupt der Einsiedelei kam dann zum Boot hinunter und sprach ein kurzes Bibelzitat, das eine Bitte enthielt, gew�hnlich praktischer Natur: Bestimmte Vorr�te waren zu beschaffen, Heilmittel oder Schuhe oder eine warme Decke sollten gebracht werden. Der M�nch sprach etwa: �Da trug er ihm auf, und er brachte ihm auch � eine Decke� oder �So trage mir auf das Wasser � Birne�. Hier stammte der Anfang der Rede aus dem ersten Buch Mose, als Isaak sich an seinen Sohn Esau wendet, und das letzte Wort bezeichnete den Bedarf des t�glichen Lebens. Der F�hrmann pr�gte sich das Gesagte ein, �berbrachte es Wort f�r Wort dem Vater Wirtschafter oder dem Vater Kellermeister, und diese erfassten den Sinn � gelegentlich auch ohne Erfolg. Nehmen wir doch �das Wasser � Birne�. Man erz�hlt sich, eines Tages habe der Abt d�ster gesprochen: �Und alle seine Eingeweide drangen heraus� und dabei den Stab eines der M�nche vorgezeigt. Die Klosteroberen bl�tterten lange in der Heiligen Schrift, entdeckten diese merkw�rdigen Worte in der Apostelgeschichte, wo der Selbstmord des schm�hlichen Judas beschrieben wird, und erschraken f�rchterlich in der Annahme, ein Eremit habe die schlimmste aller Tods�nden begangen. Drei Tage lang l�utete man die Glocken, man fastete strengstens und hielt kurze Gottesdienste ab, um den Frevel zu s�hnen, doch sp�ter stellte sich heraus, dass der M�nch lediglich an Diarrh� erkrankt war und der Abt darum gebeten hatte, Birnensud zu schicken.</p><p>Sagte der �lteste der Einsiedelei zum F�hrmann �Jetzt l�ssest du deinen Knecht in Frieden dahingehen�, so bedeutete das, dass Gott einen der Eremiten zu sich genommen hatte, und sogleich trat ein neuer Auserw�hlter aus der Reihe der Anw�rter an dessen Stelle. Manchmal sprach nicht der Abt, sondern einer der beiden anderen, die das Schweigegel�bde abgelegt hatten, die verh�ngnisvollen Worte. Auf diese Weise erfuhr man im Kloster, dass der Abt in das himmlische Reich abberufen worden war und die Einsiedelei von dem Tag an ein neues Oberhaupt hatte.</p><p>Einmal, vor vielleicht hundert Jahren, wurde einer der Eremiten von einem B�ren angefallen, der von fernen Gestaden herbeigeschwommen war und sich anschickte, den Ungl�cklichen in St�cke zu rei�en. Jener fing unversehens an, �Br�der, Br�der!� zu schreien. Die beiden anderen kamen herbeigelaufen und verscheuchten den B�ren mit ihren St�cken, w�nschten aber danach nicht mehr, mit dem Bruder, der das Schweigegel�bde gebrochen hatte, zusammenzuleben, und schickten ihn ins Kloster zur�ck, wo der Vertriebene gramgebeugt alsbald verstarb, ohne noch einmal den Mund ge�ffnet zu haben; ob er jedoch zu Gottes hellen Augen vorgelassen wurde oder bei den s�ndigen Seelen ausharren muss, ist nicht bekannt.</p><p>Was gibt es sonst �ber die Einsiedler zu sagen? Sie trugen ein schwarzes Gewand, eine Art Sack aus grobem Stoff, von einem Strick zusammengehalten. Die schmale Kapuze war tief ins Gesicht gezogen und an den R�ndern zusammengen�ht, um die v�llige Abgeschlossenheit von der eitlen Gesch�ftigkeit der Welt zu unterstreichen. F�r die Augen waren in der spitz zulaufenden Kapuze zwei Sehschlitze angebracht. Wenn die Pilger, die am Ufer von Kanaan beteten, einen der heiligen M�nche erblickten (was sehr selten geschah und als besonderes Gl�ck galt), dann bot sich ihrem Blick ein schwarzer Sack dar, der sich langsam �ber die bemoosten Kieselsteine vorw�rts bewegte � als sei es kein Mensch, sondern ein k�rperloser Schatten.</p><p>Aber nun, da wir �ber Neu-Ararat, die Einsiedelei und den heiligen Wassilisk erz�hlt haben, ist es an der Zeit, ins Gerichtsarchiv zur�ckzukehren, wo Bischof Mitrofani bereits mit der Befragung des M�nchs Antipa aus Neu-Ararat begonnen hat.</p><p>***</p><p>�Dass mit der Einsiedelei etwas nicht stimmt, sagt man bei uns schon seit langem.� (So begann Bruder Antipa, der sich dank der Ohrfeigen und des Tees ein wenig beruhigt hatte, seine unglaubliche Erz�hlung.) �An Christi Verkl�rung ging Agapi, ein Klosterbruder, gegen Abend auf die Landzunge hinaus, um die Unterkleider f�r die �lteren Br�der zu waschen. Pl�tzlich sah er bei der Nachbarinsel einen Schatten auf dem Wasser. Schatten hin oder her, wer wei�, was einem im Dunkeln alles so erscheinen kann. Agapi bekreuzigte sich also, lie� sich aber weiter nicht st�ren und sp�lte seine W�sche aus. Doch da h�rte er etwas wie einen leisen Ton �ber dem Wasser. Er hob den Kopf � heilige Muttergottes! Der schwarze Schatten schwebte �ber den Wellen, schien sie nicht einmal zu ber�hren, und undeutliche Worte waren zu vernehmen. Agapi verstand nur: �Ich verfluche� und �Wassilisk�, doch das war ihm bereits genug. Er lie� die W�sche fallen, st�rzte Hals �ber Kopf davon zu den Zellen der Br�der und schrie, Wassilisk sei zur�ckgekehrt, er sei zornig und verfluche alle.</p><p>Agapi, ein dummer Knabe, war noch nicht lange in Ararat, niemand glaubte ihm, und f�r die zur�ckgelassene W�sche, die von einer Welle weggesp�lt worden war, bekam er vom Vater Unterkellermeister eine ordentliche Kopfnuss. Doch danach erschien der schwarze Schatten auch anderen Br�dern: zuerst Vater Ilari, einem �beraus ehrbaren und zur�ckhaltenden M�nch, dann Bruder Melchisedek und danach Bruder Diomid. Immer in der Nacht, bei Mondschein. Jeder h�rte andere Worte: der eine Verw�nschungen, der andere Ermahnungen und der Dritte etwas ganz und gar Unzusammenh�ngendes, je nach Windrichtung, doch sie alle sahen ein und dasselbe und k�ssten zum Schwur in Gegenwart des hochehrw�rdigsten Witali die Ikone: Jemand in Schwarz, bis zu den F��en verh�llt, mit einer spitz zulaufenden Kapuze, wie sie die M�nche auf der Insel trugen, schwebte �ber dem Wasser und sprach mit drohend erhobenem Finger.</p><p>Als der Archimandrit von den wundersamen Erscheinungen erfuhr, schalt er die Br�der t�chtig. �Ich kenne euch, ihr Klatschbasen�, sagte er. �Einem Narren entschl�pft ein albernes Wort, und die anderen erz�hlen es freudig �berall herum. Es hei�t zu Recht, ein M�nch sei schlimmer als ein schwatzhaftes Weib.� Er schimpfte ausgiebig und verbot dann strengstens, nach Einbruch der Dunkelheit auf die Seite von Kanaan zu gehen, auf der sich die Landzunge zur Nachbarinsel hin erstreckt.�</p><p>Hier unterbrach der Bischof den Erz�hler:</p><p>�Ja, ich erinnere mich. Vater Witali hat mir von den t�richten Ger�chten geschrieben, er klagte �ber die Beschr�nktheit der M�nche. Seiner Meinung nach r�hrt sie von Tatenlosigkeit und M��iggang her, weshalb er meinen Segen erbat, s�mtliche Br�der bis hin zu den hieromonachischen R�ngen zu gemeinn�tziger Arbeit heranziehen zu d�rfen. Ich habe ihm dazu den Segen erteilt.�</p><p>Schwester Pelagia nutzte die Unterbrechung in der Erz�hlung und fragte flink:</p><p>�Sagen Sie, Bruder, wie viele Klafter sind es ungef�hr von der Stelle, an der man Wassilisk gesehen hat, bis zur Nachbarinsel? Zieht sich die Landzunge weit hinaus in den See? Und wo genau befand sich der Schatten � direkt bei der Einsiedelei oder doch in einiger Entfernung davon?�</p><p>Antipa warf blinzelnd einen Blick auf die vorwitzige Nonne, doch er beantwortete die Fragen:</p><p>�Von der Landzunge bis zur Nachbarinsel werden es etwa f�nfzig Klafter sein. Und was den Schutzpatron angeht, so war ich der Erste, der ihn von nahem gesehen hat. Vorher hat man ihn blo� aus der Ferne gesehen, von unserem Ufer aus war er nicht richtig zu erkennen. Aber mir ist Wassilisk ganz nah gekommen, wie von hier bis zu dem Bild dort.�</p><p>Und er deutete auf die Fotografie mit dem Portr�t des Gouverneurs von Sawolshsk an der gegen�berliegenden Wand, bis zu der es etwa f�nfzehn Schritte waren.</p><p>�Es ist also nicht mehr irgendein Schatten, sondern schon der Schutzpatron Wassilisk selbst?�, donnerte der Bischof den M�nch an, w�hrend er mit der ganzen Hand seinen dichten Bart raufte, was bei ihm ein Zeichen wachsender Ver�rgerung war. �Witali hat ganz Recht! Ihr M�nche seid schlimmer als Marktweiber!�</p><p>Antipa zog bei den drohenden Worten den Kopf ein und konnte nicht weitersprechen, sodass Pelagia ihm zu Hilfe kommen musste. Sie r�ckte das Metallgestell ihrer Brille zurecht, stopfte eine rote Haarstr�hne, die sich gel�st hatte, unter ihre Haube und sagte vorwurfsvoll:</p><p>�Eminenz, Sie selbst sprechen immerzu davon, dass voreilige Schlussfolgerungen nur Schaden bringen. Wir sollten den heiligen M�nch anh�ren, ohne ihn zu unterbrechen.�</p><p>Antipa erschrak noch heftiger und war �berzeugt, der Bischof werde nach einer derart naseweisen Bemerkung noch mehr in Rage geraten, doch Mitrofani z�rnte der Schwester nicht, und das w�tende Funkeln in seinen Augen erstarb. Er gab dem M�nch einen Wink:</p><p>�Sprich weiter. Aber gib nur Acht, dass du nicht l�gst.�</p><p>Die Erz�hlung wurde fortgef�hrt, wenn auch etwas �berladen durch die Rechtfertigungen, in denen der ver�ngstigte Antipa meinte sich ergehen zu m�ssen.</p><p>�Ich habe aus folgendem Grund die Anweisung des Archimandriten nicht befolgt: Meine Aufgabe im Kloster ist, Kr�uter zu sammeln und die Br�der zu heilen, zu einem weltlichen Arzt zu gehen, gilt als Frevel. Und bei uns, bei den Kr�utersammlern im Kloster, ist es so � jedes Kraut muss unbedingt am Tage seines Schutzheiligen gepfl�ckt werden. Die Landzunge, die der Einsiedelei gegen�berliegt, ist der Ort auf ganz Kanaan, an dem die meisten Kr�uter wachsen. Unter dem Schutz des Gro�m�rtyrers Bonifatius w�chst dort Sumpf-Schlangenwurz gegen Rauschzust�nde durch Weingenuss, Flohkn�terich gegen Verirrungen der Leidenschaft w�chst unter dem Schutz der heiligen Fomaida, die rote Johannisbeere, die vor b�sem Zauber bewahrt, w�chst dort unter dem Schutz des heiligen M�rtyrers Kiprian, und viele andere Heilpflanzen mehr. Wegen des Verbots hatte ich weder Bitterling noch Drachenwurz gesammelt, die man w�hrend des Nachttaus pfl�cken muss. Aber zum Tag des Gro�m�rtyrers Jewfimi, der vor Sch�ttelfieber sch�tzt, bl�ht die sp�te Stachelgurke, und diese Stachelgurke kann man nur in einer einzigen Nacht im ganzen Jahr pfl�cken. H�tte ich diese M�glichkeit etwa verstreichen lassen sollen? Also war ich ungehorsam.</p><p>Als alle Br�der schlafen gegangen waren, schlich ich still und heimlich in den Hof hinaus, ich lie� den Zaun hinter mir und ging �ber das Feld bis zur Abdankungskapelle, in der die Eremiten eingeschlossen werden, bevor sie in die Einsiedelei eintreten, und von dort ist es nicht mehr weit zur Landzunge. Zu Anfang war mir bang, ich bekreuzigte mich immerzu und blickte mich nach allen Seiten um, aber dann war es nicht mehr schlimm, und ich sch�pfte Mut. Es ist schwierig, die sp�te Stachelgurke zu suchen, dazu sind Erfahrung und gro�e Sorgfalt vonn�ten. Es war nat�rlich finster, aber ich hatte eine Lampe mitgebracht, eine �llampe. Ich hatte sie auf der einen Seite mit einem Lappen verh�ngt, damit man sie nicht sehen konnte. Ich kroch auf allen vieren umher, pfl�ckte die Bl�ten ab und dachte gar nicht mehr an den Archimandriten oder den heiligen Wassilisk. Ich kroch geradewegs bis zum Rand der Landzunge hinunter, wo nur noch Wasser zu sehen war, aus dem hie und da Felsen emporragten. Als ich gerade umkehren wollte, h�rte ich pl�tzlich aus der Dunkelheit. . .�</p><p>Bei der schrecklichen Erinnerung erbleichte der M�nch, er atmete hastig, begann mit den Z�hnen zu klappern, und Pelagia goss ihm aus dem Samowar hei�es Wasser nach.</p><p>�Vielen Dank, Schwester . . . Pl�tzlich drang eine Stimme aus der Dunkelheit her�ber, leise, aber vernehmlich, und jedes Wort war deutlich zu h�ren: �Geh hin. Sage es allen.� Ich wandte mich zum See und erschrak derma�en, dass ich die Lampe und den Kr�uterkorb fallen lie�. �ber dem Wasser schwebte eine verschwommene, schmale Gestalt, als st�nde jemand auf einem Felsen. Aber es gab dort keinen Felsen. Pl�tzlich . . . pl�tzlich dann ein �berirdisches Strahlen, hell, weit heller als das Licht der Gaslampen, die heutzutage bei uns in Neu-Ararat die Stra�en beleuchten. Und da stand er auch schon in aller Deutlichkeit vor mir. Schwarz, in einer Kutte, hinter seinem R�cken str�mte Licht hervor, direkt �ber dem Abgrund, eine kleine Welle pl�tscherte zu seinen F��en. �Geh hin�, sprach er. �Sage es, sie soll ver�den.� Sprache und zeigte mit dem Finger auf die Nachbarinsel. Dann kam er direkt �ber das Wasser auf mich zu, er machte einen Schritt, einen zweiten, einen dritten. Ich schrie auf, schlug die H�nde �ber dem Kopf zusammen, drehte mich um und st�rzte davon, so schnell ich konnte . . .�</p><p>Der M�nch schluchzte auf und wischte sich die Nase mit dem �rmel ab. Pelagia strich dem Leidenden seufzend �ber den Kopf, und dadurch verlor Antipa vollkommen die Fassung.</p><p>�Ich rannte zum Vater Archimandrit, und der stie� w�ste Schimpfworte gegen mich aus � er glaubte mir nicht�, klagte Antipa mit weinerlicher Stimme. �Er hat mich bei Wasser und Brot in die Strafzelle gesetzt und die T�r verschlossen. Vier Tage habe ich da gesessen, gezittert und den ganzen Tag lang gebetet, meine Eingeweide waren ganz zusammengeschrumpft. Als ich herauskam, taumelte ich. Aber Seine Hochw�rden hatte sich schon eine neue Aufgabe f�r mich zurechtgelegt: Ich sollte von Kanaan nach Ukatai, der am entferntesten gelegenen Insel fahren und k�nftig dort arbeiten, bei der Schlangenzucht.�</p><p>�Wozu denn das?�, wunderte sich Mitrofani.</p><p>�Doktor Korowin hat den Archimandriten auf diese Idee gebracht. Donat Sawwitsch ist ein gewitzter Mann, Seine Hochw�rden h�rt auf ihn. Er hat gesagt, Schlangengift stehe bei den Deutschen hoch im Preis, also z�chten wir jetzt Nattern. Wir pressen ihnen das Gift aus dem widerlichen Rachen und schicken es nach Deutschland.� Antipa spuckte aus, schlug das Kreuzzeichen �ber seinem Mund, um sich mit dem frevelhaften Spucken nicht zu vers�ndigen, und griff in seine Kutte. �Aber die erfahrensten, mit g�ttlicher Weisheit begabtesten M�nche hielten eine geheime Versammlung ab und rieten mir, nicht nach Ukatai zu fahren, sondern mich zu Eurer Ehrw�rdigen Eminenz zu fl�chten und �ber alles zu berichten, was ich gesehen und geh�rt habe. Sie haben mir auch einen Brief mitgegeben. Hier ist er.�</p><p>Der Bischof runzelte die Stirn, griff nach dem grauen Papier, setzte das Pincenez auf und begann zu lesen. Ohne Umst�nde blickte Pelagia ihm dabei �ber die Schulter.</p><cite><p>Hochw�rdigste, hochgeachtetste Eminenz!</p><p>Wir, die unten genannten M�nche des Klosters Neu-Ararat, fallen Eurer Ehrw�rdigen Eminenz dem�tig zu F��en und flehen, Sie m�chten in Ihrer Weisheit nicht Ihren erzbisch�flichen Zorn auf uns lenken, weil wir eigenm�chtig und vermessen gehandelt haben. Wenn wir es wagten, unserem hochehrw�rdigen Archimandriten Ungehorsam zu leisten, dann nicht aus Starrsinn, sondern einzig und allein aus Gottesfurcht und dem Bestreben, Ihm zu dienen. Ewig eitel ist die Arbeit des irdischen Lebens, und Menschen verfallen auf hohle Gedanken, doch alles, was Bruder Antipa Eurer Eminenz zur Kenntnis bringt, ist die reine Wahrheit, denn dieser M�nch ist bei uns bekannt als ehrlicher, uneigenn�tziger Bruder, der keineswegs zu eitlen Tr�umereien neigt. Au�erdem haben wir alle, die hier unterzeichnen, das Gleiche gesehen wie er, wenn auch nicht aus solcher N�he.</p><p>Vater Witali hat sein Herz gegen uns erh�rtet und erh�rt uns nicht, und unterdessen gibt es in der Bruderschaft Unstimmigkeiten und Zweifel, ja, es ist furchtbar: Was mag dieses bedr�ckende Vorzeichen bedeuten? Warum erhebt der heilige Wassilisk, der Schutzpatron dieses heiligen Klosters, drohend den Finger und belegt seine hohe Einsiedelei mit Schm�hungen?</p><p>Und was haben die Worte �Sie soll ver�den� zu bedeuten? Beziehen sie sich auf die Einsiedelei, auf die Klosteranlage, oder sind sie vielleicht in einem noch weiteren Sinne gemeint, den wir, die wir schwach im Geiste sind, uns nicht vorzustellen wagen? Es ist lediglich Eurer Ehrw�rdigen Eminenz gestattet und m�glich, diese schrecklichen Erscheinungen zu deuten. Daher flehen wir Sie an, Ehrw�rdigste Eminenz, lassen Sie weder uns noch Bruder Antipa bestrafen, sondern lassen Sie das Licht Ihrer Weisheit �ber diesem entsetzlichen Vorfall leuchten.</p><p>Wir bitten um Ihre heiligen Gebete, verneigen uns tief und verbleiben Ihre unw�rdigen und schuldbeladenen Diener</p><text-author>Hieromonach Ilari</text-author><text-author>Hieromonach Melchisedek</text-author><text-author>Bruder Diomid</text-author></cite><p>�Vater Ilari hat ihn geschrieben�, erkl�rte Antipa respektvoll. �Ein �beraus kluger Mann, ein Gelehrter. Wenn er wollte, k�nnte er Abt sein oder sogar noch h�her stehen, doch Stattdessen sucht er sein Seelenheil bei uns und tr�umt davon, in die Wassilisk-Einsiedelei zu kommen, er steht auf der Liste obenan. Und nun diese Unannehmlichkeiten . . .�</p><p>�Ich kenne Ilari�, nickte Mitrofani, w�hrend er die Bittschrift betrachtete. �Ich erinnere mich an ihn. Nicht dumm, aufrichtigen Glaubens, aber �bereifrig.�</p><p>Der Bischof nahm das Pincenez ab und musterte den Kurier pr�fend.</p><p>�Wieso bist du so abgerissen, mein Sohn? Und warum hast du keine Kopfbedeckung? Du hast doch sicher nicht schon seit Ararat die Pferde so gehetzt? �ber das Wasser ist das kaum m�glich, es sei denn, du kannst auf dem Wasser wandeln wie Wassilisk.�</p><p>Mit diesem Scherz wollte der Bischof den M�nch sicherlich aufmuntern und ihn etwas beschwichtigen, um sich ausf�hrlich mit ihm unterhalten zu k�nnen, doch er erzielte genau das gegenteilige Resultat.</p><p>Antipa sprang pl�tzlich vom Stuhl auf, lief zu dem schmalen Fensterchen des Archivs und blickte hinaus, wobei er unzusammenh�ngend vor sich hin murmelte:</p><p>�Mein Gott, wie konnte ich das vergessen! Er ist doch schon hier, in der Stadt! Allerheiligste Schutzpatronin, beschirme und verteidige uns!�</p><p>Er wandte sich zum Bischof um und erkl�rte:</p><p>�Ich bin durch den Wald gefahren, weil ich m�glichst bald bei Ihnen sein wollte. Als ich in Sineosjorsk vom Schiff ging, hat mir der Kreisrichter seine Kutsche gegeben, damit ich schneller in Sawolshsk ankomme. Auch in Sineosjorsk hatte man schon von Wassilisks Erscheinen geh�rt. Und als ich auf die Stadt Zufuhr, ragte er pl�tzlich �ber den Kiefern auf!�</p><p>�Wer ist denn er?�, rief Mitrofani zornig aus.</p><p>Antipa fiel polternd auf die Knie und rutschte auf den Bischof zu, wobei er versuchte, dessen Rocksch��e zu ergreifen.</p><p>�Er selbst, Wassilisk! Er hat mich ganz offensichtlich verfolgt, mit Siebenmeilenschritten oder durch die Luft! Schwarz und riesig hat er mich �ber die B�ume hinweg mit weit aufgerissenen Augen angestarrt! Da habe ich die Pferde angetrieben! Die Zweige peitschten mir ins Gesicht, der Wind pfiff, aber ich preschte vorw�rts. Ich wollte Euch warnen, dass er schon da ist!�</p><p>Die findige Pelagia erriet als Erste, worum es sich handelte.</p><p>�Er meint das Denkmal, Vater! Jermak Timofejewitsch!�</p><p>Hier muss man erkl�ren, dass im vorvorigen Jahr auf Anordnung des Gouverneurs Anton Antonowitsch von Gaggenau oben am Steilufer des Flusses das majest�tische Monument �Jermak Timofejewitsch bringt dem Osten die gute Nachricht� errichtet wurde. Dieses Denkmal, das h�chste am ganzen Fluss, ist der besondere Stolz unserer Stadt, und keine der angesehenen Nachbarst�dte, weder Nischni Nowgorod noch Kasan oder Samara, kann sich mit etwas Vergleichbarem r�hmen. Jeder Landstrich braucht etwas, worauf er stolz sein kann! Wir haben jetzt das Monument.</p><p>Einige Historiker sind der Ansicht, Jermak Timofejewitsch habe den ber�hmten Sibirienfeldzug, dem unser Reich den gr��ten Teil seiner unermesslichen L�ndereien zu verdanken hat, von unserem Kreis aus begonnen, und zum Gedenken daran hat man den bronzenen H�nen errichtet. Mit diesem verantwortungsvollen Auftrag wurde ein Sawolshsker Bildhauer betraut, der vielleicht nicht so talentiert wie manch einer seiner Kollegen aus der Hauptstadt, daf�r aber ein echter Patriot und �berhaupt ein guter Mensch ist, der von allen Sawolshskern f�r seine Seelengr��e und Gutherzigkeit geliebt wird. In der Tat verlieh der Bildhauer dem Helm des Eroberers von Sibirien das Aussehen einer M�nchskappe, was den armen Bruder Antipa, der mit unseren Neuerungen nicht vertraut war, zu seiner abergl�ubischen Verirrung verleitete.</p><p>Aber es gab Schlimmeres! Im vergangenen Herbst hatte der Kapit�n eines Schleppdampfers, der Lastschiffe mit Wassermelonen aus Astrachan hinter sich herzog, seine ganze Flotte vor Schreck auf eine Sandbank gesetzt, als er hinter der Biegung des Flusses hervorgefahren kam und �ber dem Steilhang das G�tzenbild mit den hervortretenden Augen erblickte; nachher schwammen noch wochenlang gr�n gestreifte B�lle auf dem Fluss, die heimatlichen Breiten zustrebten. Und beachten Sie, das war ein Kapit�n, was will man da von einem armen M�nch erwarten?</p><p>Nachdem Mitrofani dem M�nch seinen Irrtum erl�utert und ihn beschwichtigt hatte, lie� er Antipa in die bisch�fliche Herberge bringen, wo er die Entscheidung �ber sein Schicksal abwarten sollte. Es war klar, dass der Fl�chtling nicht zu dem strengen Archimandriten von Neu-Ararat zur�ckkehren konnte, man w�rde ihm einen Platz in einem anderen Kloster suchen m�ssen.</p><p>Als der Bischof und seine geistliche Tochter allein waren, fragte er sie:</p><p>�Nun, was h�ltst du von dieser ungereimten Geschichte?�</p><p>�Ich glaube ihm�, antwortete Pelagia ohne zu z�gern. �Ich habe Bruder Antipa in die Augen geblickt, er l�gt nicht. Er hat beschrieben, was er gesehen hat, und nichts hinzugedichtet.�</p><p>Der Bischof zog die Augenbrauen hoch und unterdr�ckte sein Missfallen. Zur�ckhaltend sprach er:</p><p>�Du hast das mit Absicht gesagt, um mich zu necken. Du glaubst nicht an Gespenster, ich kenne dich doch.�</p><p>Aber sogleich wurde er gewahr, dass er in die Falle getappt war, die ihm seine listige Gehilfin gestellt hatte, und er drohte ihr mit dem Finger:</p><p>�Ach so, du meinst, er selbst glaubt diesen Unsinn. Er hatte eine Erscheinung, die man wissenschaftlich als Halluzination bezeichnet, und hielt diese f�r eine wirkliche Begebenheit. Meinst du das?�</p><p>�Nein, Vater�, seufzte die Nonne. �Er ist ein einfacher, vern�nftiger Mann, �der keineswegs zu eitlen Tr�umereien neigt�, wie es in dem Brief hei�t. Menschen wie er haben keine Halluzinationen � dazu haben sie viel zu wenig Fantasie. Ich glaube, ihm ist tats�chlich jemand erschienen, der mit ihm gesprochen hat. Und au�erdem hat nicht nur Antipa diesen schwarzen M�nch gesehen, es gibt schlie�lich noch andere Augenzeugen.�</p><p>Geduld hatte nie zu den Qualit�ten des Bischofs geh�rt, und nach der purpurroten Farbe zu urteilen, die sich �ber Mitrofanis hohe Stirn und seine Wangen ergoss, war sie nun ersch�pft.</p><p>�Und die gegenseitige Beeinflussung, f�r die es in den Kl�stern nicht wenige Beispiele gibt, hast du wohl vergessen?�, entr�stete er sich. �Wei�t du noch, wie den Schwestern im Marienkloster der Teufel erschien: zuerst der einen Schwester, dann der anderen und schlie�lich allen �brigen! Sie haben ihn in allen Einzelheiten beschrieben und Worte wiedergegeben, die eine redliche Nonne nicht kennen kann. Du selbst hast damals geraten, einen Nervenarzt ins Kloster zu schicken!�</p><p>�Das war etwas ganz anderes, ein gew�hnlicher Fall von weiblicher Hysterie. Aber hier bezeugen es erfahrene M�nche�, widersprach die Nonne. �Wenn es Unruhe gibt in Neu-Ararat, dann wird das kein gutes Ende nehmen. Die Ger�chte �ber den schwarzen M�nch sind schon bis Sawolshsk gedrungen. Man m�sste der Sache nachgehen.�</p><p>�Welcher Sache denn?! Du glaubst doch wohl nicht im Ernst an diese Erscheinungen? Sch�m dich, Pelagia, das ist Aberglaube! Der heilige Wassilisk hat schon vor achthundert Jahren das Zeitliche gesegnet, er hat keinen Grund, um die Insel zu kreuzen und hirnlose M�nche in Angst und Schrecken zu versetzen!�</p><p>Pelagia verneigte sich dem�tig, als gebe sie zu, dass der Bischof v�llig zu Recht zornig sei, doch ihrer Stimme und vor allem ihren Worten war wenig Demut anzumerken.</p><p>�Aus Ihren Worten spricht m�nnliche Beschr�nktheit, Eminenz. M�nner verlassen sich in ihrem Urteil zu sehr auf das Sehen und zu wenig auf die �brigen f�nf Sinne.�</p><p>�Vier.� Mitrofani konnte es nicht unterlassen, sie zu verbessern.</p><p>�Nein, Eminenz, die �brigen f�nf. Nicht alles auf der Welt kann man mit Sehen, H�ren, Tasten, Riechen und Schmecken erfassen. Es gibt noch einen weiteren Sinn, der keine Bezeichnung hat und uns gegeben ist, damit wir Gottes Welt nicht nur mit dem K�rper, sondern auch mit der Seele f�hlen k�nnen. Es ist merkw�rdig, dass ich, eine an Geist und Verstand schwache Nonne, Ihnen das erkl�ren muss. Haben nicht Sie in Predigten wie im privaten Gespr�ch viele Male von diesem Sinn gesprochen?�</p><p>�Ich meinte damit den Glauben und das sittliche Ma�, das jedem Menschen von Gott gegeben ist! Aber du erz�hlst mir da von einer Fata Morgana!�</p><p>�Und wenn schon.� Starrsinnig sch�ttelte die Nonne den Kopf. �Um unsere Welt herum und in ihr existiert noch eine andere, unsichtbare, und vielleicht nicht nur eine. Wir Frauen sp�ren das besser als M�nner, weil wir uns weniger vor Gef�hlen f�rchten. Sie werden doch nicht abstreiten, Eminenz, dass einem an manchen Orten ganz hell zumute wird (gew�hnlich erbaut man dort Gottes Kirchen), w�hrend es einen an anderen Orten kalt �berl�uft? Es gibt keinen Grund daf�r, man beschleunigt einfach den Schritt und bekreuzigt sich obendrein.</p><p>So ging es mir immer am Tschorny Jar, dort �berkam mich immer ein Fr�steln. Und was war? Genau an der Stelle hat man die Kanone gefunden!�</p><p>Diese Bemerkung, die Pelagia als unwiderlegbares Argument anf�hrte, verlangt eine Erkl�rung. Bei Tschorny Jar, etwa eine halbe Werst von Sawolshsk entfernt, wurde vor zwei Jahren ein Schatz entdeckt, ein alter Bronzem�rser, bis oben hin voll von Dukaten und Edelsteinen, der offenbar seit jenen Zeiten hier in der Erde lag, als Pugatschows �Enaral� Tschika Sarubin durch diese Gegend zog, der von dem Usurpator zum Grafen Tschernyschew gemacht wurde. Gewiss wurden viele Tr�nen und viel Blut vergossen, um einen solchen Schatz anzuh�ufen. (Es sei angemerkt, dass f�r ebendieses Geld und an ebendieser Stelle jenes gro�artige Monument errichtet wurde, das Bruder Antipa beinahe zu Tode erschreckt hatte.)</p><p>Doch das Argument mit der Kanone �berzeugte den Bischof nicht. Mitrofani schlug die H�nde zusammen.</p><p>�Ach, das mit dem Fr�steln hast du doch sp�ter hinzuerfunden!�</p><p>Und so f�hrten der Bischof und seine geistliche Tochter ihren Disput noch lange fort, bis sie sich beinahe v�llig zerstritten. Daher �berspringen wir das Ende des Streitgespr�chs �ber den Aberglauben und kommen gleich zu seinem praktischen Abschluss, der nicht mehr im Gerichtsarchiv, sondern bereits in der Residenz des Bischofs, w�hrend der feierlichen Teestunde, vollzogen wurde.</p><p>***</p><p>Zur Teegesellschaft, die am n�chsten Tag zu Ehren des gl�cklichen Ausgangs des Gerichtsprozesses gegeben wurde, hatte der Bischof neben Schwester Pelagia noch einen seiner geistlichen Z�glinge eingeladen, den Stellvertreter des Bezirksstaatsanwalts, Matwej Benzionowitsch Berditschewski, der ebenfalls zum Triumphe der Gerechtigkeit beigetragen hatte. Auf dem Tisch stand neben dem Samowar eine Flasche Cahors-Wein, und Naschwerk war im �berfluss vorhanden: Lebkuchen, kandierte Fr�chte, allerlei Konfit�ren sowie die unvermeidlichen Apfelk�chlein mit Baiserhaube, die der Bischof �ber alles liebte.</p><p>Man sa� im Speisesaal, an dessen W�nden Kopien der beiden Lieblingsikonen von Mitrofani hingen: die wundert�tige Ikone �Bes�nftigung der b�sen Herzen� und die wenig bekannte Ikone �Judas k�sst Christus den Erl�ser�, beides gro�artige Arbeiten mit wertvollen Silberbeschl�gen. Der Bischof hatte diese Ikonen nicht einfach so hier aufgeh�ngt, sondern zu einem besonderen Zweck � sie sollten ihn an das Wichtigste im christlichen Glauben erinnern: dass der Herr alles verzeiht und jede Seele, selbst die allerniedertr�chtigste, annimmt, denn es gibt keine Seele, f�r die nicht Hoffnung auf Rettung besteht. Der Bischof neigte infolge seines leidenschaftlichen Charakters dazu, das, und besonders das Allverzeihen, zu vergessen, er wusste um diese seine S�nde und strebte danach, sie zu �berwinden.</p><p>Man unterhielt sich zun�chst �ber den Prozess, vergegenw�rtigte sich seine verschiedenen Wendungen und Wechself�lle und kam dann auf den bevorstehenden Zuwachs in der Familie Berditschewski zu sprechen � der k�nftige Vater war beunruhigt, weil das Kind sein dreizehntes sein w�rde, aber der Bischof machte sich �ber den Juristen lustig. Er sagte: �Ihr Neophyten seid immer die schlimmsten Pessimisten� und tadelte Matwej Benzionowitsch wegen seines Aberglaubens, welcher f�r einen aufgekl�rten Menschen eine Schande sei.</p><p>Von der Bemerkung �ber den Aberglauben kam man ganz nat�rlich auf den schwarzen M�nch zu sprechen. Dabei muss angemerkt werden, dass nicht irgendwer, sondern der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt diese geheimnisvolle Erscheinung als Erster erw�hnte, obwohl er bei der Aussprache im Gerichtsarchiv gar nicht dabei gewesen war und �berhaupt nichts davon wusste.</p><p>Wie sich herausstellte, sprach schon die ganze Stadt �ber die wilde Kutschfahrt, die der M�nch aus Neu-Ararat am vorigen Tag veranstaltet hatte. Auch �ber das Erscheinen von Wassilisk sowie �ber die schlimmen Vorzeichen wusste man bereits Bescheid. Bruder Antipa hatte mit der Peitsche auf die Pferde eingedroschen und dabei nicht nur die Katze von Olimpiada Saweljewna Schestago, einer einflussreichen Sawolshsker B�rgerin, �berfahren, sondern obendrein allerlei alarmierende Worte geschrien � �Rettet euch, ihr Rechtgl�ubigen!�, �Wassilisk naht!� und dergleichen mehr � und zu erfahren verlangt, wo er den Bischof finden k�nne.</p><p>Es erwies sich, dass Schwester Pelagia Recht gehabt hatte: Man musste etwas unternehmen. Das bestritt der Bischof, der nach der gestrigen Aufregung nun wieder einen k�hlen Kopf hatte, auch gar nicht mehr, doch bez�glich der zu ergreifenden Ma�nahmen herrschte unter den Teilnehmern des Gastmahls Uneinigkeit.</p><p>Mitrofani, der seine zahlreichen Erfolge als oberster Seelenhirte dem Herrn zuschrieb, sich selbst voller Demut nur als sichtbares Werkzeug einer unsichtbar wirkenden Kraft ansah und in seinen Worten ein vollkommener Fatalist war, pflegte gerne zu sagen: �Wenn es Gott gef�llt, wird es unfehlbar geschehen, und wenn es Gott nicht gef�llt, bedarf ich dessen nicht.� In seinen Taten aber lie� er sich mehr von der Maxime �Vertraue auf Gott, aber sei auf der Hut� leiten, und man muss sagen, er war meist auf der Hut und belastete den Herrn nicht mit �berfl�ssigen Sorgen.</p><p>Keine Frage also, dass der Bischof sogleich Feuer und Flamme war, selbst nach Neu-Ararat zu fahren, um die M�nche zur Vernunft zu bringen und dem Treiben Einhalt zu gebieten (er lehnte die M�glichkeit eines echten Mysteriums entschieden ab und erachtete das Erscheinen von Wassilisk entweder als allgemeine Tr�bung des gesunden Menschenverstands oder aber als Intrige).</p><p>Der umsichtige Matwej Benzionowitsch riet dem Bischof von der Reise ab. Er �u�erte sich dahin gehend, dass Ger�chte eine schwer zu b�ndigende und gef�hrliche Materie seien. Man brauche viel Mehl, wenn man jedem das Maul stopfen wolle. Administratives Eingreifen zeitige in derartigen F�llen den gleichen Effekt wie Kerosin beim Feuerl�schen � die Flammen w�rden nur noch heftiger entfacht. Berditschewski machte folgenden Vorschlag: Der Bischof d�rfe auf keinen Fall nach Neu-Ararat fahren, er m�sse sich vielmehr den Anschein geben, als gehe dort nichts Besonderes vor, w�hrenddessen aber einen besonnenen, feinf�hligen Beamten entsenden, der insgeheim die ganze Angelegenheit untersuchen, die Quelle der Ger�chte herausfinden und einen ausf�hrlichen Bericht dar�ber abliefern k�nnte. Es war offensichtlich, dass Matwej Benzionowitsch mit dem �besonnenen Beamten� sich selbst meinte und so seine st�ndige Bereitschaft zeigte, alle laufenden Gesch�fte und selbst Familienangelegenheiten hintanzustellen, wenn es seinem geistlichen Lehrer von Nutzen sein mochte.</p><p>Was Pelagia anging, so stimmte sie mit Berditschewski in Bezug auf die Unzweckm��igkeit einer erzbisch�flichen Inspektion �berein, doch fand sie es wenig vern�nftig, einen weltlichen Mann zur Insel zu senden, der zum einen vielleicht nicht s�mtliche Feinheiten des Klosterlebens und der m�nchischen Psychologie zu erfassen vermochte und der zweitens . . . Nein, dieses zweite Argument wollen wir besser wortw�rtlich anf�hren, damit es voll und ganz in der Verantwortung der streitbaren Nonne bleibt:</p><p>�In Bezug auf unerkl�rliche Ph�nomene und Herzensregungen sind M�nner zu geradlinig�, verk�ndete Pelagia, w�hrend sie flink mit ihren Stricknadeln klapperte � nach dem dritten Glas Tee hatte sie den Bischof um Erlaubnis gefragt und ihr Strickzeug hervorgeholt. �F�r alles, was ihnen unbedeutend scheint, interessieren sich die M�nner nicht, dabei verbirgt sich im Unbedeutenden bisweilen das Wesentliche. Wo es etwas zu erbauen oder besser noch zu zerst�ren gilt, dort haben M�nner nicht ihresgleichen. Wenn man aber Geduld beweisen muss, Verst�ndnis, ja vielleicht auch Mitgef�hl, dann sollte man die Angelegenheit besser einer Frau anvertrauen.�</p><p>�Aber eine Frau f�llt beim Anblick eines Gespensts sofort in Ohnmacht, oder, schlimmer noch, sie wird hysterisch�, neckte der Bischof die Nonne. �Und damit ist uns nicht geholfen.�</p><p>Pelagia betrachtete ihre schief und krumm geratene Maschenreihe und seufzte, ohne sie aber wieder aufzutrennen � mochte sie bleiben, wie sie war.</p><p>�Eine Frau f�llt nie und nimmer in Ohnmacht, und sie wird auch nicht hysterisch, wenn keine M�nner in der N�he sind�, bemerkte sie. �Weibliche Ohnmachtsanf�lle, Hysterie und Weinerlichkeit � all das sind m�nnliche Erfindungen. Ihr m�chtet gerne glauben, dass wir schwach und hilflos sind, also richten wir uns nach euch. F�r diese Angelegenheit w�re es am besten, wenn Ihr, Vater, mir f�r zwei oder drei Wochen Urlaub bewilligen wolltet. Ich w�rde nach Kanaan fahren, mich vor den dortigen Heiligt�mern verneigen und gleichzeitig nachsehen, was f�r ein Gespenst dort auf dem Wasser wandelt. In der Schule k�nnten sich derweil Schwester Apollinaria und Schwester Ambrosia um meine M�dchen k�mmern. Die eine w�rde den Turnunterricht �bernehmen, die andere die Literatur, und alles w�re in sch�nster Ordnung . . .�</p><p>�Daraus wird nichts.� Der Bischof unterbrach die Tr�umereien seiner geistlichen Tochter mit sichtlicher Befriedigung. �Oder hast du vergessen, Pelagijuschka, dass Nonnen in Ararat der Zutritt verwehrt ist?�</p><p>Damit hatte er der Nonne den Mund verschlossen.</p><p>In der Tat war gem�� der strengen Klosterordnung von Neu-Ararat Nonnen und Klosterschwestern der Zutritt zu den Inseln verboten. Diese alte Regelung bestand seit dreihundert Jahren, kam indes bis heute unnachgiebig zur Anwendung.</p><p>Dies war nicht immer so gewesen. In alter Zeit hatte es neben dem M�nnerkloster auch ein Frauenkloster gegeben, doch war es aufgrund dieser N�he zu allerlei Versuchungen und Ausschweifungen gekommen, und als der Patriarch Nikon im Bestreben, die Ehre des M�nchsstands wiederherzustellen, die Klosterordnung allenthalben strenger gestaltete, wurde das Frauenkloster aufgel�st und den Nonnen der Aufenthalt auf den Inseln im Blauen See verboten. Weltliche Frauen durften Wallfahrten zum Kloster unternehmen, und es kamen viele Pil-gerinnen, aber den Br�uten Christi war der Zutritt verwehrt, f�r sie gab es andere Heiligt�mer.</p><p>Pelagia schien Mitrofani widersprechen zu wollen, doch als ihr Blick auf Berditschewski fiel, schwieg sie. So war die Diskussion um den schwarzen M�nch, die von den drei kl�gsten Menschen des Gouvernements Sawolshsk entfacht worden war, in eine Sackgasse geraten.</p><p>Wie gew�hnlich in derartigen F�llen fand Bischof Mitrofani einen Ausweg aus der schwierigen Lage � in seiner �blichen paradoxen Manier. Nach der Theorie des Bischofs haben Paradoxa die Eigenschaft, zu umst�ndliche Gedankengeb�ude des menschlichen Verstands umzusto�en und somit unerwartete und bisweilen k�rzere Wege zur L�sung problematischer Aufgaben zu er�ffnen. Der Bischof brachte seine Gespr�chspartner gerne mit einem unerwarteten Satz oder einer unglaublichen Entscheidung aus der Fassung, nachdem er zuvor eine Miene h�chst weiser und strenger Konzentration angenommen hatte.</p><p>Auch jetzt, als man alle Argumente ausgesch�pft und keinen Ausweg gefunden hatte und ein bedr�cktes Schweigen eingetreten war, runzelte der Bischof seine wei�e Stirn mit den drei Querfalten; er senkte die Lider und begann, den Rosenkranz aus Sandelholz durch seine bemerkenswert wei�en und gepflegten Finger laufen zu lassen (Mitrofani lie� seinen H�nden stets betont sorgf�ltige Behandlung angedeihen und erschien au�erhalb seiner Gem�cher fast nie ohne seidene Handschuhe, was er damit erkl�rte, dass eine geistliche Person, die mit den heiligen Gaben zu tun hatte, m�glichst penibel auf ihre H�nde zu achten habe).</p><p>Der Bischof verharrte etwa eine Minute in dieser Haltung, schlug dann seine blauen Augen auf, in denen ein kleiner Funke blitzte, und sagte in einem Ton, der keine Widerrede duldete:</p><p>�Aljoscha Lentotschkin wird fahren.�</p><p>Matwej Benzionowitsch und Pelagia seufzten nur.</p><p>***</p><p>Selbst mit �u�erster Anstrengung h�tte man schwerlich einen paradoxeren Kandidaten f�r eine geheime Inspektion in dieser delikaten innerkirchlichen Angelegenheit finden k�nnen.</p><p>Alexej Stepanowitsch Lentotschkin, der wegen seines jugendlichen Alters und der rosig gerundeten Wangen hinter seinem R�cken nie anders als Aljoscha genannt wurde (viele nannten ihn auch in seiner Gegenwart so, und er war dar�ber nicht gekr�nkt), lebte erst seit kurzem in unserer Stadt, doch er war sogleich in den Kreis der besonderen Favoriten des Bischofs aufgenommen worden.</p><p>Daf�r gab es im �brigen v�llig verzeihliche Gr�nde, war doch Alexej Stepanowitsch der Sohn eines alten Kameraden des Bischofs, der bekanntlich vor der M�nchsweihe als Kavallerieoffizier gedient hatte. Mitrofanis Dienstkamerad war als Major im letzten T�rkenkrieg gefallen und hatte eine nahezu v�llig mittellose Witwe mit zwei minderj�hrigen Kindern, einer Tochter und einem Sohn, hinterlassen.</p><p>Der kleine Aljoscha war ein sehr aufgeweckter Knabe, der mit elf Jahren bereits ohne weiteres Integralrechnungen l�ste und mit zwanzig ein naturwissenschaftliches oder mathematisches Genie zu werden versprach.</p><p>Die Lentotschkins lebten nicht in Sawolshsk, sondern in der gro�en Universit�tsstadt K., die ein St�ck weiter flussabw�rts lag, und als f�r Aljoscha die Zeit gekommen war, sich f�r ein Studium zu entscheiden, wurde er nicht nur ohne Studiengeb�hren an der dortigen Universit�t aufgenommen, sondern auch noch mit einem Stipendium bedacht, damit er lernen und sein Talent zum Ruhme seiner Heimatstadt entfalten konnte. Ohne Stipendium h�tte er trotz Erlasses der Geb�hren nicht studieren k�nnen, weil seine Familie vollkommen mittellos war.</p><p>Mit dreiundzwanzig Jahren, kurz vor dem Abschluss des Studiums, trat Alexej Stepanowitsch endg�ltig in die Fu�stapfen von Wissenschaftlern wie Evariste Galois oder Michael Faraday, was seine Umgebung anerkannte und wor�ber er selbst ganz unverh�llt sprach. Der junge Mann verf�gte indes neben seinen ungemein gro�en F�higkeiten auch �ber eine enorm hohe Meinung von sich selbst, was bei fr�hreifen Talenten keine Seltenheit ist. Er bezeugte keinen Respekt vor Autorit�tspersonen, hatte eine spitze Zunge und war dreist und hochm�tig, was bekanntlich Evariste Galois gehindert hatte, ein reifes Alter zu erreichen und die Welt mit dem ganzen Glanz seines viel versprechenden Genies zu verbl�ffen.</p><p>Nein, Alexej Stepanowitsch wurde nicht im Duell erschossen wie der junge Franzose, aber er war in eine Geschichte geraten, die ein �bles Ende f�r ihn nahm.</p><p>Eines Tages hatte er die K�hnheit besessen, mit der Beurteilung einer Abhandlung, die er in Chemie oder Physik geschrieben hatte, nicht einverstanden zu sein � einer Beurteilung, die Serafim Wikentjewitsch Nossatschewski selbst verfasst hatte, eine Koryph�e der russischen Wissenschaft, der zudem Geheimrat und Prorektor der Universit�t von K. war. In dieser Beurteilung zeigte sich der ehrw�rdige Gelehrte nicht ausreichend begeistert von den Schlussfolgerungen des begabten Studenten, womit er Lentotschkin in Rage versetzte. Der junge Mann f�gte der Beurteilung Nossatschewskis eine �beraus freche Bemerkung hinzu und sandte das Heft zur�ck.</p><p>Der Gelehrte war furchtbar gekr�nkt (in der Bemerkung wurden seine Entdeckungen sowie der Wert des Beitrags Seiner Exzellenz zur Wissenschaft generell in Zweifel gezogen), und unter Aufbietung seiner administrativen Macht lie� er dem unversch�mten Studenten das Stipendium streichen.</p><p>Alexej Stepanowitsch hatte sich nat�rlich emp�rend aufgef�hrt, aber mit R�cksicht auf das jugendliche Alter und die unzweifelhafte Begabung des Studenten h�tte Nossatschewski sich auch mit einer weniger drakonischen Strafe begn�gen k�nnen. Der Entzug des Stipendiums bedeutete, dass Lentotschkin die Universit�t verlassen und unverz�glich eine Stellung antreten musste � und sei es als Buchhalter in der Dampfschifffahrt � , womit er all seine gro�en Tr�ume w�rde begraben k�nnen.</p><p>Viele verurteilten die Grausamkeit des prorektoralen Verdikts, einige dr�ngten Alexej Stepanowitsch, sich schuldig zu bekennen, und sagten, Nossatschewski sei streng, aber nicht nachtragend, doch sein Stolz lie� das nicht zu. Der junge Mann w�hlte einen anderen Weg; er sah sich als Ritter, der einen Zweikampf mit dem Drachen aufnimmt � und streckte die Schlange mit einem t�dlichen Schlag nieder. Er r�chte sich so, dass der Herr Geheimrat gezwungen war . . .</p><p>Aber wir wollen nicht vorgreifen. Die Geschichte verdient es, der Reihe nach erz�hlt zu werden.</p><p>Serafim Wikentjewitsch Nossatschewski hatte eine Schw�che, die der ganzen Stadt bekannt war � seine krankhafte Wollust. Dieser Diener der Wissenschaft konnte, obgleich er bereits ein stattliches Alter erreicht hatte, kein h�bsches Fr�tzchen, keine gelockte Str�hne �ber einem zarten Ohr sehen, ohne sich in einen bocksbeinigen Satyr zu verwandeln, wobei er obendrein keinen Unterschied zwischen anst�ndigen Damen und Kokotten der aller�belsten Sorte machte. Wenn dieses unsittliche Verhalten von der Gesellschaft verziehen wurde, dann nur aus Achtung vor einer Koryph�e der Universit�t von K. und weil Nossatschewski seine Eskapaden nicht zur Schau stellte, sondern kluge Diskretion wahrte.</p><p>Und auf ebendiesem Fu� erwischte ihn unser junger Paris.</p><p>Aljoscha selbst war sehr gut aussehend, aber er war nicht von m�nnlicher, sondern eher von m�dchenhafter Sch�nheit: Mit seinem Lockenkopf, den dichten Augenbrauen, den seidigen, elegant geschwungenen Wimpern und dem Pfirsichflaum auf den rosigen Wangen geh�rte er zu jenen sch�nen Menschen, die lange nicht altern und noch mit vierzig ihre frische Gesichtsfarbe und den Glanz ihrer Haut bewahrt haben, danach aber schnell Runzeln und Falten bekommen, wie ein angebissener und dann vergessener Apfel.</p><p>Bei all seiner Jugend wirkte Aljoscha noch j�nger als er war � der reinste Cherub. Als er das Festtagskleid seiner Schwester anzog, eine �ppige Per�cke �berst�lpte, ein Sch�nheitspfl�sterchen anklebte und sich die Lippen rot anmalte, verwandelte er sich in eine so �berzeugende Kokotte, dass der woll�stige Serafim Wikentjewitsch nicht umhin konnte, sie zu beachten, umso mehr, als das verf�hrerische M�dchen wie mit Absicht immerzu in der N�he des Anwesens Seiner Exzellenz spazieren ging.</p><p>Nossatschewski schickte seinen Kammerdiener zu der Flaneurin hinaus. Dieser berichtete, die Mademoiselle sei zwar ein leichtes M�dchen, doch sie k�nne sich ihre Kavaliere aussuchen und promeniere nicht des Geldverdienens wegen �ber die Pariser Stra�e, sondern um sich zu erquicken. Der Satyr befahl dem Diener, er m�ge ihn in das Korsett einschn�ren, zog seine Atlasweste und den samtenen Gehrock mit den goldenen Pailletten �ber und schickte sich an, die Verhandlungen h�chstselbst zu f�hren.</p><p>Die Zauberin lachte und kokettierte �ber ihren F�cher hinweg mit funkelnden Blicken, weigerte sich aber, Serafim Wikentjewitsch zu begleiten, und entfernte sich alsbald, nachdem sie dem gelehrten Mann vollkommen den Kopf verdreht hatte.</p><p>Zwei Tage verlie� er das Haus nicht und sah immerzu aus dem Fenster, ob die Nymphe sich nicht von neuem zeigen w�rde.</p><p>Das tat sie � am dritten Tag. Dieses Mal lie� sie sich auf eine �bereinkunft ein, nachdem er ihr zweihundert Rubel und einen Saphirring als Zugabe versprochen hatte. Doch sie stellte eine Bedingung: Der Kavalier sollte im Hotel Sanssouci, einem luxuri�sen, aber hinsichtlich der Reputation leicht zweifelhaften Etablissement, das beste Zimmer nehmen und sich um zehn Uhr abends dort zum Rendezvous einfinden. Der gl�ckliche Nossatschewski erkl�rte sich mit allem einverstanden und klopfte bereits um f�nf vor zehn mit einem �ber die Ma�en gro�en Rosenbukett in der Hand an die T�r der im Voraus bestellten Suite.</p><p>Im Salon brannten zwei Kerzen, orientalische Wohlger�che hingen in der Luft. Eine gro�e, schlanke Gestalt in Wei� streckte dem Prorektor die Hand entgegen, wich aber sogleich mit einem Lachen zur�ck und begann mit dem vor Leidenschaft vergehenden Nossatschewski zu flirten, indem sie sich spielerisch um den Tisch verfolgen lie�, und als Serafim Wikentjewitsch vollkommen au�er Atem war und um Gnade flehte, diktierte sie ihre Bedingung: Alle Anordnungen der Siegerin seien widerspruchslos zu erf�llen.</p><p>Seine Exzellenz kapitulierte nur zu gerne, umso mehr, als die Konditionen verlockend klangen: Die Sch�ne selbst wollte den Liebhaber entkleiden und ihn ins Boudoir f�hren.</p><p>In angenehmer Vorfreude erschauernd, gestattete Nossatschewski den leichten, flinken Fingern, ihn zu entkleiden. Er widersetzte sich auch nicht, als die fantasievolle Sch�ne ihm die Augen mit einem Tuch verband, ein Spitzenh�ubchen auf den Kopf setzte und ein rosafarbenes Strumpfband um sein rheumatisches Knie wand.</p><p>�Gehen wir ins Reich der Tr�ume, mein K�ken�, wisperte die hinterlistige Verf�hrerin und bugsierte den des Augenlichts beraubten Prorektor in Richtung des Schlafzimmers.</p><p>Er vernahm das Quietschen der sich �ffnenden T�r, bekam dann einen heftigen Sto� in den R�cken, lief ein paar Schritte vorw�rts und fiel beinahe hin. Hinter ihm wurde der T�rfl�gel zugeschlagen.</p><p>�Mein V�gelchen!�, rief Serafim Wikentjewitsch ungl�ubig. �Kindchen! Wo bist du denn?�</p><p>Zur Antwort dr�hnte ihm vereintes Gel�chter aus einem Dutzend rauer Kehlen entgegen, und ein disharmonischer Chor hob an zu schreien:</p><p>Serafim Wikentjewitsch,</p><p>Er ist uns lieb und teuer,</p><p>Hat sich zu uns begeben heuer.</p><p>Dann ging es ganz abscheulich weiter, unter Miauen und Geheule:</p><p>Sima, Sima, Sima,</p><p>Sima, Sima, Sima,</p><p>Sima-Sima-Sima-Sima,</p><p>Sima, sing nur immer!</p><p>Nossatschewski riss entsetzt das Tuch herunter und sah auf dem unendlich gro�en Bett � la Louis-quinze eine Reihe von Studenten der Universit�t von K. sitzen, die zu den schlimmsten Trunkenbolden geh�rten und nun die unanst�ndige Nacktheit ihres Prorektors dreist betrachteten, den teuren Champagner direkt aus der Flasche tranken und die Fr�chte und die Schokolade bereits verschlungen hatten.</p><p>Erst jetzt wurde dem ungl�cklichen Prorektor klar, dass er Opfer einer Verschw�rung geworden war. Serafim Wikentjewitsch st�rzte zur T�r und riss an der Klinke, doch er konnte sie nicht �ffnen, der rachs�chtige Aljoscha hatte sie von au�en verschlossen. Auf das h�hnische Geschrei hin kamen die Angestellten durch die Dienstbotent�r hereingelaufen, und dann kam auch noch der Stadtw�chter von drau�en herbeigerannt. Es gab den abscheulichsten Skandal, den man sich nur denken kann.</p><p>Das hei�t, offiziell gab es gar keinen Skandal, weil die verworrene Geschichte vertuscht wurde, doch bereits am n�chsten Tag wusste man in der Stadt wie auch im ganzen Gouvernement K. in allen haarstr�ubenden und wie gew�hnlich noch �bertriebenen Einzelheiten �ber die �Benefizvorstellung� des Geheimrats Bescheid.</p><p>Nossatschewski reichte freiwillig seinen R�cktritt ein und verlie� K. f�r immer, denn zu bleiben war v�llig ausgeschlossen. Es kam vor, dass mitten in einer ernsthaften, ja sogar wissenschaftlichen Unterhaltung ein Gespr�chspartner Nossatschewskis unvermittelt flammend rot wurde, vor unterdr�cktem Gel�chter beinahe platzte und sich angestrengt r�usperte � er sah dann offenbar den Prorektor nicht mit dem Stern des Annenordens vor sich, sondern mit einem Spitzenh�ubchen und rosafarbenem Strumpfband.</p><p>Die Geschichte hatte f�r Serafim Wikentjewitsch noch weitere traurige Konsequenzen. Nicht nur, dass er von da an das Interesse am sch�nen Geschlecht v�llig verloren hatte, sondern er zeigte seitdem auch ein unvorteilhaftes Zittern des Kopfes sowie ein Zucken des Auges, und seine fr�here wissenschaftliche Brillanz war nicht mehr zu beobachten.</p><p>Doch auch der Urheber des Schabernacks ging nicht straflos aus. Selbstverst�ndlich erfuhren alle auf der Stelle, wer dem Prorektor diesen Streich gespielt hatte (die Kameraden von Alexej Stepanowitsch strengten sich nicht sonderlich an zu verbergen, wem diese Reprise zuzuschreiben war), und die Obrigkeit des Gouvernements gab dem ehemaligen Studenten zu verstehen, er m�ge besser seinen Wohnort wechseln.</p><p>Darauf schrieb die untr�stliche Mutter unserem Bischof und flehte ihn an, den nichtsnutzigen Spr�ssling des Majors Lentotschkin zu sich nach Sawolshsk zu holen und unter seine bisch�fliche Obhut zu nehmen, ihn zu einem n�tzlichen Mitglied der Gesellschaft zu machen und ihm seine Flausen und seinen �bermut auszutreiben.</p><p>Mitrofani war einverstanden � zun�chst im Gedenken an seinen Kriegskameraden, aber sp�ter dann, als er Alexej Stepanowitsch n�her kennen lernte, war er froh �ber ein solches M�ndel.</p><p>***</p><p>Lentotschkin junior bezauberte den strengen Bischof durch seine unbek�mmerte Frechheit und die v�llige Geringsch�tzung seiner in jeder Beziehung vom Bischof abh�ngigen Lage. Was Mitrofani bei jemand anders um keinen Preis geduldet h�tte � Respektlosigkeit und Spott � , erz�rnte ihn bei Alexej Stepanowitsch nicht, es belustigte ihn vielmehr, entz�ckte ihn vielleicht sogar.</p><p>Zun�chst einmal war Aljoscha Atheist � keiner von diesen Agnostikern, Sie wissen schon, wie es sie derzeit unter gebildeten Menschen h�ufig gibt, wen man auch fragt, beinahe jeder gibt zur Antwort: �Ich halte die Existenz einer H�heren Vernunft f�r m�glich, aber vollkommen verb�rgen daf�r kann ich mich nicht� � , und zwar ein eingefleischter Atheist. Bei ihrer ersten Begegnung in der bisch�flichen Residenz war es zwischen dem jungen Mann und Mitrofani in der Hauskapelle, unter den strahlenden Blicken der Evangelisten, der Gerechten und der Gro�m�rtyrer, zu einem Streit �ber die Allwissenheit und die Barmherzigkeit des Herrn gekommen, der damit endete, dass der Bischof den Gottesl�sterer mit einem Schlag in den Nacken davonjagte. Doch sp�ter, als er sich wieder beruhigt hatte, lie� er erneut nach ihm schicken, bewirtete ihn mit Bouillon und Piroggen und sprach nun wieder ganz anders mit ihm: heiter und freundschaftlich. Er suchte dem jungen Mann eine passende Stellung als Konsistorialauditor, quartierte ihn bei einer guten, f�rsorglichen Wirtin ein und hie� ihn, ohne Umst�nde in den bisch�flichen Gem�chern zu verweilen, wovon Lentotschkin, der in Sawolshsk noch keine Bekanntschaften geschlossen hatte, auch ungeniert Gebrauch machte: Er kam zu den Mahlzeiten, sa� stundenlang in der bisch�flichen Bibliothek und schwatzte in Gegenwart von Mitrofani weitschweifig �ber alle m�glichen Themen. Viele Menschen h�tten es als gro�es Gl�ck erachtet, dem Bischof zuh�ren zu d�rfen, der nicht nur erbaulich, sondern auch im h�chsten Ma�e zu Herzen gehend zu reden wusste, Lentotschkin hingegen schwadronierte meistens selbst � und Mitrofani unterbrach ihn nicht, sondern lauschte ihm mit sichtlichem Vergn�gen.</p><p>Diese Ann�herung kam zweifellos deshalb zustande, weil der Bischof es von allen menschlichen Qualit�ten am meisten zu sch�tzen wusste, wenn jemand einen scharfen Verstand hatte und nicht liebedienerisch war, und Lentotschkin verf�gte �ber diese beiden Charakterz�ge in h�chstem Ma�e. Schwester Pelagia, die Alexej Stepanowitsch von Anfang an nicht leiden konnte (Eifersucht findet man schlie�lich auch bei Personen des kl�sterlichen Stands), erkl�rte, Mitrofani beg�nstige den Jungen in seinem �bereifer, ihm die Flausen auszutreiben und den Glauben in ihm zu wecken. Als die Nonne den Bischof des eitlen Ehrgeizes �berf�hrte, bestritt dieser ihn nicht, sondern er rechtfertigte sich und erkl�rte, das sei eine kleine S�nde, die zum Teil sogar durch die Heilige Schrift verziehen sei, denn es steht geschrieben: �Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein �ber einen S�nder, der Bu�e tut, mehr als �ber neunundneunzig Gerechte, die der Bu�e nicht bed�rfen.�</p><p>Uns aber scheint, es lag au�er diesem l�blichen Bem�hen um die Rettung einer menschlichen Seele auch noch ein psychologischer Grund vor, �ber den der Bischof sich wohl eher keine Rechenschaft ablegte. Mitrofani war aufgrund seines M�nchsstands die s��e B�rde der Vaterschaft verwehrt, aber die entsprechenden Emotionen des Herzens hatte er noch nicht vollst�ndig ausgelebt, und w�hrend Pelagia bei ihm bis zu einem gewissen Grade die Stelle einer Tochter einnahm, war der Platz eines Sohnes vor dem Auftauchen von Alexej Stepanowitsch nicht besetzt gewesen. Der scharfsinnige Matwej Benzionowitsch, selbst erfahrener Vater zahlreicher Kinder, war der Erste, der Schwester Pelagias Aufmerksamkeit auf diesen m�glichen Grund f�r die ungew�hnliche Zuneigung des Bischofs zu dem vorwitzigen J�ngling lenkte, und bewies, auch wenn er im Grunde seines Herzens nat�rlich gekr�nkt war, gen�gend Ironie, um zu scherzen: �Seine Eminenz h�tte vielleicht auch mich gerne als Sohn genommen, doch dann h�tte er obendrein ein Dutzend Enkelkinder adoptieren m�ssen, und zu einer solchen Heldentat wird sich kaum jemand bereit finden.�</p><p>Wenn sie beieinander waren, erinnerten Mitrofani und Aljoscha (man m�ge uns diesen respektlosen Vergleich verzeihen) mehr an einen gro�en alten Hund und sein mutwilliges Junges, das herumtollt und bald den Vater am Ohr zerrt, bald auf ihm herumklettert, bald ihn mit seinen winzigen Z�hnchen in die Nase bei�t; eine Zeit lang ertr�gt der Alte diese Neckerei mit Ergebenheit, aber wenn das H�ndchen sich zu ungeb�rdig auff�hrt, bellt er es leicht an, oder er dr�ckt es mit seiner m�chtigen Pfote zu Boden � aber sachte, um es nicht zu verletzen.</p><p>***</p><p>Am Tag nach der denkw�rdigen Teestunde musste der Bischof in einer unaufschiebbaren Angelegenheit zu einer weit entfernten Di�zese fahren, doch er verga� seinen Entschluss nicht und rief gleich nach seiner R�ckkehr Alexej Stepanowitsch zu sich, nachdem er noch zuvor nach Berditschewski und Pelagia geschickt hatte, um ihnen � nun schon ohne jedes Paradox � seine Gr�nde darzulegen.</p><p>�Die Entscheidung, ausgerechnet Lentotschkin zu schicken, hat einen zweifachen Grund�, erl�uterte der Bischof seinen Ratgebern. �Zum einen ist es f�r die ganze Sache besser, wenn sich jemand mit diesen Chim�ren auseinander setzt, der nicht zum Mystizismus neigt� (bei diesen Worten warf der Bischof einen Seitenblick auf seine geistliche Tochter), �sondern der ein Mensch von m�glichst skeptischer, ja materialistischer Weltanschauung ist. Seinem Charakter nach neigt Alexej Stepanowitsch dazu, jedem unerkl�rlichen Ph�nomen auf den Grund zu gehen und nichts auf Treu und Glauben anzunehmen. Er ist klug, erfindungsreich und unverfroren obendrein, was sich im gegebenen Fall als sehr angebracht erweisen kann. Und zum anderen�, Mitrofani hob den Finger, �nehme ich an, dass auch f�r den Entsandten selbst diese Mission nicht ohne Nutzen sein wird. Mag er nur sehen, dass es Menschen gibt � und zwar viele denen das Geistige teurer ist als das Fleischliche. Mag er die reine Luft des heiligen Klosters atmen. Dort in Ararat, so habe ich geh�rt, ist die Luft eine ganz besondere: Die Brust f�ngt vor Begeisterung an zu klingen, als atme man alles �bel aus und paradiesische Ambrosia ein.�</p><p>Der Bischof schlug die Augen nieder und f�gte leise, fast unwillig hinzu:</p><p>�Er ist ein lebhafter, wissbegieriger Junge, aber ihm fehlt der Angelpunkt, den einem Menschen allein der Glaube gibt. Wer �rmer an Verstand und schw�cher an Gef�hl ist, der kann wohl auch so auskommen � er wird irgendwie �berleben, aber Aljoscha ist ohne Gott dem Untergang geweiht.�</p><p>Berditschewski und Pelagia warfen sich verstohlen einen Blick zu, und aus einem pl�tzlichen schweigenden Einverst�ndnis heraus widersprachen sie dem Bischof nicht � das w�re respektlos und auch grausam gewesen.</p><p>Bald erschien auch Alexej Stepanowitsch, der nicht ahnte, welche weit reichenden Pl�ne der Bischof mit ihm hatte.</p><p>Lentotschkin begr��te die Anwesenden, sch�ttelte seine kastanienbraunen Locken, die ihm beinahe bis zur Schulter reichten, und erkundigte sich fr�hlich:</p><p>�Warum haben Sie denn Ihre gesamte Inquisition zusammengerufen, Torquemada? Welche Folter haben Sie sich f�r den H�retiker ausgedacht?�</p><p>Der junge Mann hatte, wie gesagt, einen �beraus scharfen Verstand und begriff sogleich, dass diese Versammlung nicht von ungef�hr zustande gekommen war, so wie er auch den besonderen Ausdruck auf den Gesichtern der Anwesenden bemerkte. Und was �Torquemada� betrifft, so handelte es sich dabei um einen Scherz von Alexej Stepanowitsch, der Vater Mitrofani gerne mit dem Namen irgendwelcher historischer Personen von geistlichem Stand belegte: Bald nannte er ihn Kardinal Richelieu, bald Protopop Awwakum oder sonst wie, je nach dem Verlauf des Gespr�chs und der Stimmung des Bischofs, bei dem man in der Tat bisweilen den staatsm�nnischen Verstand des franz�sischen Duc, die ungest�me Leidenschaft des altgl�ubigen M�rtyrers und wohl auch die Furcht gebietende Strenge des kastilischen Gro�inquisitors entdecken konnte.</p><p>Mitrofani l�chelte nicht �ber den Scherz, sondern berichtete mit absichtlich d�rren Worten �ber die beunruhigenden Vorkommnisse in Neu-Ararat und erl�uterte dem jungen Mann ohne �berfl�ssige Worte den Sinn des Auftrags, um mit der folgenden Bemerkung zu schlie�en:</p><p>�Ein Konsistorialauditor f�hrt laut Dienstvorschrift nicht nur die Buchhaltung, sondern besch�ftigt sich auch mit sonstigen Angelegenheiten der Eparchie, die einer besonderen �berpr�fung bed�rfen. Also fahr hin und �berpr�fe das. Ich verlasse mich auf dich.�</p><p>Alexej Stepanowitsch h�rte sich die Geschichte von dem schwarzen M�nch, der �ber das Wasser wandelt, zun�chst mit ungl�ubigem Staunen an, als f�rchte er, man halte ihn zum Narren; er warf sogar zweimal eine h�mische Bemerkung ein, bis er begriff, dass dies eine ernsthafte Unterhaltung war, und seine Scherze unterlie�, auch wenn er von Zeit zu Zeit nicht ohne Schalk eine Augenbraue nach oben zog.</p><p>Alexej Stepanowitsch h�rte den Bischof zu Ende an, schwieg dann eine Weile, sch�ttelte den Kopf und schien den �zweifachen Grund� f�r die unerwartete Entscheidung seines G�nners sehr gut zu durchschauen.</p><p>Er l�chelte mit seinen vollen Lippen, wodurch sich auf seinen roten Wangen pr�chtige Gr�bchen bildeten, und breitete begeistert die Arme aus:</p><p>�Nun, Sie sind ein Schlaumeier, Bischof von Autun! Sie wollen wohl zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? W�nschen Sie meine Meinung �ber diese mysteri�sen Vorf�lle zu h�ren? Ich denke, dass . . .�</p><p>�Was du denkst, ist hier nicht von Belang�, unterbrach ihn der Bischof, dem die Anspielung auf Talleyrand noch weniger gefiel als der Vergleich mit dem Gro�inquisitor.</p><p>�Ich denke aber trotzdem!� versetzte Lentotschkin kampflustig.</p><p>Mitrofani runzelte die Stirn, um dem Spa�vogel zu verstehen zu geben, dass er seine Grenzen weit �berschritten habe.</p><p>Er schlug das Kreuz �ber den J�ngling und sprach leise:</p><p>�Fahr hin. Der Herr sch�tze dich.�</p></section><section><title><p>ERSTER TEIL</p><p>Die Expedtion nach Kanaan</p></title><section><title><p>DIE ERSTE EXPEDITION</p><p>Abenteuer eines Sp�tters</p></title><p>Alexej Stepanowitsch brauchte nicht lange, um seine Vorbereitungen zu treffen, und so begab er sich bereits am zweiten Tag nach dem Gespr�ch mit dem Bischof auf seine geheime Expedition, nachdem er strengste Anweisung erhalten hatte, auf jeden Fall mindestens alle drei Tage einen schriftlichen Bericht zu schicken.</p><p>Die Reise nach Neu-Ararat nahm, wenn man das Warten auf das Schiff in Sineosjorsk und die anschlie�ende �berfahrt einberechnet, etwa vier Tage in Anspruch, und der erste Brief traf nach genau einer Woche ein, was bedeutete, dass Aljoscha ungeachtet seines ganzen Nihilismus ein gewissenhafter Entsandter war, der seine Vorgaben genau einhielt.</p><p>Der Bischof war sehr zufrieden, sowohl mit der P�nktlichkeit als auch mit dem Bericht selbst, und vor allem damit, dass er sich in dem Jungen nicht get�uscht hatte. Er rief Berditschewski und Schwester Pelagia zu sich und las ihnen das Schreiben laut vor, wobei er von Zeit zu Zeit �ber den unm�glichen, allzu forschen Stil die Stirn runzelte.</p><p>***</p><p>Alexej Stepanowitschs erster Brief</p><p>Dem glorreichen Erzbischof Turpin von seinem getreuen Paladiny der entsandt wurde, mit Zauberern und Sarazenen zu k�mpfen</p><p>O weiser; strenger Hirte,</p><empty-line/><p>Schrecken der verstockten Abergl�ubigen,</p><empty-line/><p>Leuchte des Glaubens und der Philokalie,</p><empty-line/><p>Verteidiger der Schutzlosen, Verfolger der Hoff�rtigen!</p><empty-line/><p>Zu deinen F��en bringe ich dem�tig dar Meine einfache, schmucklose Erz�hlung.</p><empty-line/><p>Ahoi!</p><p>Als ich, auf der quietschenden Fuhre schaukelnd,</p><empty-line/><p>Mich schleppte zum K�nigreich Sawolshsk</p><empty-line/><p>Und z�hlte auf diesem betr�blichen Wege</p><empty-line/><p>Ausgefahrene Wagenspuren und ebenso Mulden,</p><empty-line/><p>F�nfzehntausendeinhunderteins an der Zahl,</p><p>Dacht ich kein einziges Mal</p><empty-line/><p>Schlecht �ber Eure Eminenz</p><empty-line/><p>Noch rief ich L�sterliches aus.</p><empty-line/><p>Ahoi!</p><p>Doch kaum funkelten fern unter der Sonne</p><empty-line/><p>Die spiegelnden Wasser des heiligen Blauen Meers,</p><empty-line/><p>Ward ich gefangen von der zauberhaften Landschaft,</p><empty-line/><p>Verga� auf einmal alle Last,</p><empty-line/><p>Und betend ging ich an Bord</p><empty-line/><p>Des dampfenden, schneewei�en Schiffes,</p><empty-line/><p>Das im Gedenken an Wassilisk benannt ist.</p><empty-line/><p>Ahoi!</p><p>Und eine lange Nacht, mondhell und kalt,</p><empty-line/><p>Zitterte ich unter der j�mmerlichen Decke.</p><empty-line/><p>Versucht ich jedoch die Lider zu schlie�en,</p><empty-line/><p>Dr�ngten sich sogleich vernehmlich in meinen Traum</p><empty-line/><p>Des Kapit�ns wunderliche Schimpferei,</p><empty-line/><p>Der Matrosen Betges�nge</p><empty-line/><p>Und der Glocken Stundengel�ut.</p><p>Um nun aber von der erm�denden Dichtkunst zur gew�hnlichen Prosa �berzugehen: An der Anlegestelle von Neu-Ararat ging ich unausgeschlafen und w�tend wie ein Teufel von Bord. O je, verzeihen Sie, Vater; das hat sich von selbst geschrieben, wenn ich es aber durch streiche, dann gibt es eine Schmiererei, und das haben Sie doch gar nicht gerne, also zum Teufel damit, mit dem Teufel, passons.</p><p>Um die Wahrheit zu sagen, es war nicht nur der Schiffsl�rm, der mich nicht schlafen lie�, sondern auch das Buch, das Sie mir zum Abschied in den Korb mit den unvergleichlichen Quarkk�chlein aus der bisch�flichen K�che legten, wobei Sie unschuldig hinzuf�gten: �Achte nicht auf den Titel, Aljoscha, und erschrick nicht, das ist keine geistliche Lekt�re, sondern ein kleiner Roman, damit dir der Weg nicht zu lang wird.� Oh, Sie t�ckischster aller babylonischen G�tzenpriester!</p><p>Der Titel � �Die D�monen� � und der ungew�hnliche Umfang des �kleinen Romans� schreckten mich tats�chlich ab, und ich begann erst auf dem Schiff zu lesen, beim Pl�tschern der Wellen und dem Kreischen der M�wen. In der Nacht las ich bis zur H�lfte, und ich glaube, ich habe verstanden, warum Sie mir dieses sperrige, aber inspirierte Traktat, das sich als Belletristik geb�rdet, zugesteckt haben. Selbstverst�ndlich nicht wegen des n�rrischen Gauners Petruscha Werchowenski und seiner Karikatur-Karbonari, sondern Stawrogins wegen, an dessen Beispiel Sie mir wohl demonstrieren wollen, in welch t�dlicher Gefahr ich schwebe: den �bermenschen zu spielen und mich dann in einen Hanswurst zu verwandeln, oder; wie Sie sich auszudr�cken pflegen, �die unsterbliche Seele zugrunde zu richten�.</p><p>Am Ziel vorbeigeschossen, eminence! Es gibt einen prinzipiellen Unterschied zwischen mir und dem byronistischen Herrn Stawrogin. Er f�hrt sich flegelhaft auf, weil er an Gott glaubt (ich sehe es vor mir, wie Sie an dieser Stelle die Stirn runzeln � aber gut, schreiben wir GOTT) und beleidigt ist: �Wieso richtest Du nicht Deinen v�terlichen Blick auf mich Flegel, wieso w�schst Du mir nicht den Kopf, stampfst nicht mit dem Fu� auf? Dann stelle ich eben noch etwas an, sieh nur, welchen Unfug ich treibe! Au! Wo bist Du denn? Wach auf! Ich nehme an, es gibt Dich �berhaupt nicht.� Stawrogin langweilt sich unter normalen Menschen, gib ihm den Allerh�chsten Gespr�chspartner. Ich hingegen glaube im Unterschied zu dem Sch�nder der kleinen M�dchen und Verf�hrer der Idioten weder an GOTT noch an Gott, und dazu stehe ich unverbr�chlich. Mir reicht die Gesellschaft der Menschen vollkommen aus.</p><p>Als Sie mir zum Namenstag den Roman �Krieg und Frieden� des Grafen Tolstoj schenkten, war das schon eine zutreffendere literarische Anspielung. Mit Bolkonski habe ich mehr �hnlichkeit � nat�rlich nicht in Bezug auf seine vornehme Herkunft, aber was sein Interesse f�r den Bonapartismus anbelangt. Ich stehe im vierundzwanzigsten Lebensjahr, aber ein Toulon ist nicht in Sicht, auch in ferner Zukunft nicht. F�rst Bolkonski hat aber vor lauter Sattheit und Blasiertheit einen derart unm��igen Ehrgeiz entwickelt � schlie�lich erhielt er alle nur denkbaren Leckerbissen Fortunas wie Zugeh�rigkeit zum Adel, Reichtum und Sch�nheit einfach so, aufgrund seiner Geburt � , dass ihm nichts anderes �brig und zu w�nschen blieb als ein Abgott f�r das ganze Volk zu werden. Ich hingegen komme aus der hungrigen, missg�nstigen Schicht, was mich im �brigen erheblich mehr mit Napoleon als mit Tolstojs Aristokraten verbindet und meine Aussichten auf eine Kaiserkrone erh�ht. Scherz beiseite, aber wenn man satt ist, ist es schwerer, ein Bonaparte zu werden, als wenn man hungrig ist, denn ein voller Magen neigt nicht zur Gewandtheit, sondern zum Philosophieren und zum friedlichen Schlummer.</p><p>Aber ich habe mich verschwatzt. Sie erwarten von mir keine Auslassungen �ber Literatur, sondern Spionageberichte �ber die Unruhen und Wirren auf Ihrem Stammgut.</p><p>Ich beeile mich, Eure Heiligkeit zu beruhigen. Wie �blich in derartigen F�llen sieht die unselige �rtlichkeit aus der Ferne weit schrecklicher aus als von nahem. Wenn man in Sawolshsk sitzt, k�nnte man meinen, in Neu-Ararat spr�che alles �ber den schwarzen M�nch und der allt�gliche Gang des Lebens sei v�llig mesmerisiert.</p><p>Aber keine Spur! Das Leben hier pulsiert und brodelt lebhafter als in Ihrer Gouvernementshauptstadt, und �ber den heiligen Wurdalak, verzeihen Sie, Wassilisk, habe ich bislang keinerlei Gerede vernommen.</p><p>Zun�chst war ich entt�uscht von Neu-Ararat, denn am Morgen meiner Ankunft hingen dicke Wolken �ber dem See, die sich mit einem gr�sslichen kalten Schauer �ber den Inseln abregneten, und vom Deck des Dampfers aus sah ich eine Landschaft von der Farbe einer nassen Maus: graue, nassgl�nzende Glockent�rme, die eine furchtbare �hnlichkeit mit Klistierrohren haben, und die trostlosen D�cher des St�dtchens.</p><p>Eingedenk dessen, dass alle meine Ausgaben aus Ihrer Schatzkammer bezahlt werden, befahl ich dem Gep�cktr�ger; mich zum besten Hotel am Ort zu bringen, das den stolzen Namen �Arche Noah� tr�gt. Ich erwartete, eine Art Blockhaus zu sehen, von Kirchenl�mpchen beleuchtet, mit einem Paar von jedem Tier; wie es auf der Arche Noah sein muss, doch ich wurde angenehm �berrascht. Das Hotel ist ganz im europ�ischen Stil eingerichtet: Das Zimmer hat ein Bad, Spiegel und Stuck an der Decke.</p><p>Den Gro�teil der G�ste machen Petersburger und Moskauer Damen im platonischen Alter aus, aber am Abend erblickte ich an einem Tischchen des Cafes im Erdgeschoss eine Traumprinzessin, wie es sie in Sawolshsk nicht gibt. Ich wei� nicht, ob etwas Derartiges in der Geschichte der Geschlechterbeziehungen schon vorgekommen ist, doch ich verliebte mich gleich beim Anblick ihres R�ckens in die sch�ne Unbekannte, noch bevor sie sich umdrehte. Stellen Sie sich vor; g�ttesf�rchtiger Hirte, eine schlanke Gestalt in einem erlesenen Kleid aus schwarzer Seide, ein breitkrempiger Hut mit Strau�enfedern und ein zarter, biegsamer, in seiner Vollkommenheit blendender Hals, �hnlich einer sich nach oben verj�ngenden Alabasters�ule.</p><p>Als sie meinen Blick sp�rte, wandte die Prinzessin mir ihr Profil zu, das ich nicht ganz deutlich erkennen konnte, weil das Gesicht ihrer Hoheit von einem rauchgrauen Voile-Schleier verh�llt war, doch das, was ich sah, war v�llig ausreichend: Eine feine, kaum merklich gebogene Nase, ein feucht blitzendes Auge. . . Sie kennen doch diese weibliche Besonderheit (aber nein, woher auch � Ihrem Z�libat?), mit einem Seitenblick, ohne sich allzu auff�llig umzudrehen, einen m�glichst weiten Umkreis zu erfassen. Ein Mann m�sste dazu den Hals und die Schultern drehen, aber so eine Verf�hrerin wirft kaum einen Blick zur Seite und hat augenblicklich alles Notwendige gesehen.</p><p>Ich bin sicher, dass die Prinzessin meine bescheidene (nun gut � meine unbescheidene) Person in allen Einzelheiten erblickt hatte. Und beachten Sie, sie wandte sich nicht sogleich ab, sondern ber�hrte zun�chst mit einer leichten Geste ihren Hals und wandte mir erst dann wieder ihren k�niglichen Nacken zu. Wie viel bedeutet diese Geste, dieser unwillk�rliche Flug der zarten Finger zur Quelle des Atems!</p><p>Ach ja, ich verga� zu erw�hnen, dass die Sch�ne allein im Cafe sa� � geben Sie zu, das ist eher un�blich � was mich zus�tzlich neugierig machte. M�glicherweise wartete sie auf jemanden, vielleicht aber blickte sie einfach nur aus dem Fenster, auf den Platz hinaus. Angeregt von ihren zarten Fingern, meinen geheimen Bundesgenossen, verwandte ich all meine mathematischen F�higkeiten auf die L�sung dieser Aufgabe: Wie k�nnte ich auf schnellstem Wege eine Bekanntschaft mit dieser Circe von Neu-Ararat ankn�pfen? Doch es gelang mir nicht, dieses Integral zu l�sen. Sie erhob sich unvermittelt, lie� ein paar Silberm�nzen auf den Tisch fallen und ging schnell hinaus, nachdem sie mir unter ihrem Schleier hervor noch einen kohlschwarzen Blick zugeworfen hatte. Der Kellner sagte, die Dame sei h�ufig im Cafe. Das hei�t, ich habe also noch eine Chance, �berlegte ich, und da ich nichts Besseres zu tun hatte, malte ich mir allerlei verf�hrerische Bilder aus, die Sie als geistliche Person nicht unbedingt kennen m�ssen.</p><p>Ich schildere Ihnen besser meine Eindr�cke von der Insel.</p><p>An einen merkw�rdigen Ort habt Ihr mich geschickt, Rebbe.</p><p>Der zentrale Platz, an dem das Hotel gelegen ist, sieht aus, als sei man in einer Stadt wie Baden-Baden: zwei � und sogar dreist�ckige H�user aus Stein, in leuchtenden Farben gestrichen, ein ordentliches Publikum spaziert umher, am Abend ist es beinahe so hell wie am Tag. Allenthalben gibt es �beraus weltliche, ich w�rde sogar sagen, eitle Einrichtungen mit unglaublichen Namen: die Restauration �Balthasars Gastmahl�, wo man Fleisch essen kann, den Coiffeursalon �Dalila�, das Souvernirl�dchen �Gaben des Wolchow�, das Bankkontor �Spende der Witwe� und dergleichen mehr. Geht man nur wenige Minuten weiter, kommt es einem vor, als sei man kurz nach Gr�ndung unserer schwinds�chtigen Hauptstadt, etwa im Jahre 1704, ans Ufer der Newa geraten: Arbeiter laufen mit Schubkarren umher, schlagen Pfosten in den sumpfigen Boden, s�gen Balken und heben Gruben aus. Es sind s�mtlich b�rtige M�nner in schwarzen Kutten, aber mit hoch gekrempelten �rmeln und Sch�rzen aus Wachstuch, die Verk�rperung des revolution�ren Traums � den parasit�ren Klerikerstand zu gesellschaftlich n�tzlicher Arbeit zu zwingen.</p><p>Mehrmals am Tag trifft man an den unerwartetsten Orten auf den Gebieter dieses ganzen Ameisenhaufens, die Oberameise Witali den Zweiten (sic!), der tats�chlich �hnlichkeit mit Peter dem Gro�en hat: Er ist hoch aufgeschossen, gebieterisch und ungest�m und macht so weit ausholende Schritte, dass die Kutte sich wie ein Ballon aufbl�ht und seine Suite kaum mithalten kann. Das ist kein Pope, sondern eine Kanonenkugel. Man m�sste Euch, M�nch Pereswet, direkt mit ihm konfrontieren und sehen, wer wen bezwingt. Ich w�rde wahrscheinlich trotz allem auf Euch setzen � der Archimandrit schie�t vielleicht schneller als Sie, aber Sie haben das gr��ere Kaliber!</p><p>Hier auf den Inseln hat man sich anscheinend die f�r Russland sehr ungew�hnliche Kunst angeeignet, aus allem � und sogar aus nichts � Geld zu machen. Bei uns ist es normalerweise doch umgekehrt: Je mehr Golderz oder Diamanten uns vor den F��en liegen, desto verheerender sind die Verluste, aber hier � kaum hatte Witali beschlossen, die unbrauchbare steinige Erde auf dem Prawednitscheski-Vorgebirge nutzbar zu machen, entdeckte man, dass es sich nicht um gew�hnliche, sondern um heilige Steine handelt, weil sie mit dem Blut der heiligen M�rtyrer benetzt sind, denen die berittenen Landsknechte des schwedischen Grafen Delagardi dort vor dreihundert Jahren den Garaus machten. Die Steine haben tats�chlich eine rotbraune Farbe, doch ich nehme an nicht vom Blut, sondern weil sie mit Mangan durchsetzt sind. Das ist aber auch v�llig unwichtig, wichtig ist, dass die Pilger heute selbst St�cke von den runden Feldsteinen abhauen und mit nach Hause nehmen. Dort steht ein M�nch mit einer Spitzhacke und einer Waage. Wenn man die Spitzhacke benutzen will, muss man f�nfzehn Kopeken bezahlen. Wenn man einen heiligen Stein mitnehmen will, muss man ihn wiegen und bezahlen � neunundneunzig Kopeken das Pfund. So l�sst Witali die untaugliche Parzelle allm�hlich r�umen, und die Klosterkasse hat ihren Vorteil davon. Ist das nicht schlau ausgedacht?</p><p>Oder das Wasser. Eine ganze Schar von M�nchen f�llt das hiesige Brunnenwasser in Flaschen ab, setzt Verschl�sse auf die Flaschen und beklebt sie mit einem Etikett: �Erzbisch�fliches Nass aus Neu-Ararat, gesegnet von Seiner Hochehrw�rden Vater Witali�, und dieses H2O wird dann en gros aufs Festland geschickt � nach Petersburg und besonders ins fromme Moskau. In Ararat aber sind zur Bequemlichkeit der Pilger wahre Wunderwerke aufgestellt, �Automaten mit heiligem Wasser�: In einem h�lzernen Pavillon stehen komplizierte Apparaturen, die sich die hiesigen Kulibins ausgedacht haben. Steckt man ein F�nfkopekenst�ck in einen Schlitz, f�llt dieses auf ein Ventil, woraufhin sich eine Klappe �ffnet und heiliges Wasser in ein Kr�glein flie�t. Man kann es auch teurer haben: f�r zehn Kopeken wird dem Wasser noch Himbeersirup beigemengt, ein ganz besonderer; �dreifach gesegneter�. Es hei�t, im Sommer stehen die Leute Schlange vor den Automaten, aber ich hatte kein Gl�ck � zum Herbst wird der Pavillon geschlossen, damit die ausgekl�gelte Technik durch den Nachtfrost keinen Schaden nimmt. Aber das macht nichts, fr�her oder sp�ter wird Witali eine Dampfmaschine zum Beheizen auf stellen lassen, dann werden die Automaten ihm auch im Winter Fr�chte einbringen.</p><p>Und dann noch Folgendes: Einige Desjatinen besten Landes au�erhalb der Stadt hat der Archimandrit einer privaten psychiatrischen Heilanstalt vermietet, wof�r er entweder f�nfhunderttausend oder siebenhunderttausend im Jahr bekommt. Diese betr�bliche Institution wird von einem gewissen Donat Korowin geleitet, aus der Familie jener Korowins, denen die H�lfte der Bergwerke und der Fabriken im Ural geh�rt. Die Cousins des Doktors saugen also ihre Br�der in Christo bis aufs Blut aus, w�hrend Donat Sawwitsch verletzte Seelen heilt. Allerdings sagt man, dieser millionenschwere �skulap nehme nur einige wenige Auserw�hlte, deren Krankheit ihm vom wissenschaftlichen Standpunkt aus interessant genug erscheint, in sein wunderbares Krankenhaus auf.</p><p>Ich habe seine Heilanstalt gesehen. Keine W�nde, keine Schl�sser an den T�ren, nur Wiesen und W�ldchen, Puppenh�uschen, kleine Pagoden, Gartenlauben, Teiche und B�che, Orangerien � ein paradiesischer Ort. Da m�chte ich mich wohl auch ein, zwei Wochen lang kurieren lassen. Korowin arbeitet nach der allerfortschrittlichsten Methode, die f�r die Psychiatrie sogar revolution�r ist. Aus der Schweiz und selbst � man wagt es kaum auszusprechen � aus Wien kommen Leute, um bei ihm zu lernen. Nun, vielleicht auch nicht um zu lernen, sondern aus Neugierde, aber es ist trotzdem sehr schmeichelhaft.</p><p>Das Revolution�re besteht darin, dass Korowin seine Patienten nicht unter Verschluss h�lt, wie es seit alters in zivilisierten L�ndern �blich ist, und dass sie sich v�llig frei bewegen k�nnen, wie und wo es ihnen beliebt. Das verleiht der Menschenmenge auf den Stra�en von Neu-Ararat etwas besonders Pikantes. Da muss man sich erst mal zurechtfinden: Wer von denen, die einem da begegnen, ist ein ganz normaler Mensch, der auf die Insel gekommen ist, um zu beten, seine Seele zu reinigen und heiliges Wasser zu trinken, und wer ist ein Narr und Korowins Patient?</p><p>Manchmal freilich braucht man sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen. Ich war zum Beispiel noch nicht einmal an Land gegangen, als sich mir eine �beraus farbenpr�chtige Figur n�herte. Stellen Sie sich vor: das B�rtchen zu einem Knoten gezwirbelt, den Schnurrbart v�llig abrasiert, einen Schirm unter den Arm geklemmt (und ich erinnere daran, dass ein scheu�licher; kalter Regen niederging), eine Baskenm�tze � la Doktor Faust auf dem Kopf und auf der langen Nase eine riesige Brille mit dicken violetten Gl�sern.</p><p>Dieser Faust oder vielmehr Kapit�n Fracasse fixierte mich mit einem �beraus unverfrorenen Blick, drehte irgendwelche metallenen Hebel am Gestell seines Okulars und murmelte in h�chst besorgtem Tonfall: �Ei-ei-ei. Brustkorb � kalte Grau-Gr�n-Skala, Stirn � hei�, hochrot. Sehr, sehr gef�hrlich. Nehmen Sie sich in Acht vor Ihrem Verstand.� Dann wandte er sich an den Herrn, mit dem ich die Kabine geteilt hatte, einen f�lligen Rechtsanwalt aus Moskau, um auch dem eine Frechheit an den Kopf zu werfen: �Sie haben eine braune Emanation, ausgehend von der linken Gehirnh�lfte. Trinken Sie keinen Wein, und essen Sie nichts Fettes, andernfalls werden Sie Herrn Kondrati kennen lernen.� Der Advokat ist nicht zum ersten Mal in Ararat, er will sich an den frisch ger�ucherten Renken und dem Moosbeerensaft des Klosters g�tlich tun, das heilige Magenw�sserchen trinken und die frische Luft atmen. Das Hotel �Arche Noah� ist seine Empfehlung. Auf die seltsame Wahrsagung des violetten Fracasse reagierte mein Cicerone mit v�lligem Gleichmut, und er erkl�rte mir, wie es sich mit der psychiatrischen Heilanstalt verhielt, um dann hinzuzuf�gen: �Sie brauchen nicht zu erschrecken, Monsieur Lentotschkin, Gewaltt�ter gibt es bei Donat Sawwitsch nicht.�</p><p>Am selben Tag kam ich beim Mittagessen in der Speisewirtschaft �Alles vom Grill� mit einem interessanten Subjekt ins Gespr�ch, das ebenfalls etwas mit Korowins Heilanstalt zu tun hat. Sie kennen meine Theorie, dass es verlorene Zeit ist, den Organismus mit Kalorien zu st�rken, ohne unterdessen Augen und Gehirn zu besch�ftigen, weshalb ich einen gebratenen Zander verzehrte und dabei kein Auge von Ihrem Roman lie�. Pl�tzlich trat ein Mann von vornehmstem �u�eren an meinen Tisch und sagte: �Verzeihen Sie, mein Herr, dass ich Sie bei dem doppelten Vergn�gen, leibliche wie geistige Nahrung aufzunehmen, unterbreche, doch ich habe auf dem Buchr�cken den Namen des Autors gesehen. Sie lesen doch ein Werk von Herrn Dostojewski?� Die unverbl�mte Anrede wurde durch ein so freundliches, entwaffnendes L�cheln wettgemacht, dass es einfach unm�glich war, sich zu �rgern. �Ja�, erwiderte ich, �das ist der Roman �Die D�monen�. Haben Sie ihn nicht gelesen?� Er fuhr zusammen und zuckte �beraus spa�ig mit der Wange. �Nein�, sagte er, �ich habe ihn nicht gelesen, aber viel dar�ber geh�rt. Hier auf der Insel gibt es eine Bibliothek und eine Buchhandlung, aber der Archimandrit billigt den Verkauf weltlicher B�cher nicht. Er hat nat�rlich auf seine Art v�llig Recht, aber so haben wir hier einfach nicht genug gute Romane und neue Theaterst�cke.�</p><p>Ein Wort gab das andere, und wir kamen ins Gespr�ch. Er setzte sich zu mir an den Tisch und erz�hlte mir bald die Geschichte seines Lebens, eine recht ungew�hnliche Geschichte. Er hei�t Lew Nikolajewitsch und ist allem Anschein nach ein pr�chtiger Mensch, kann keiner Fliege etwas zuleide tun und spricht �ber niemanden schlecht. Ich selbst bin ja, wie Sie wissen, ganz anders und mag keine Fastenbr�der; doch dieser Lew Nikolajewitsch hat es mir irgendwie angetan.</p><p>Er kommt aus Sankt Petersburg und hat sogleich ehrlich zugegeben, dass er zuvor in Korowins Krankenhaus war � man hatte ihn nach entsetzlichen Erlebnissen, an die er sich �berhaupt nicht erinnern kann, in �u�erst schlechtem, beinahe unzurechnungsf�higem Zustand dort eingeliefert. Der Doktor sagt, es sei besser so, man solle Vergangenes nicht wieder aufr�hren, sondern m�sse das Leben neu anpacken. Jetzt ist Lew Nikolajewitsch vollkommen geheilt, aber er will nicht mehr weg von Kanaan. Er hat eine Zuneigung zu Korowin gefasst und f�rchtet sich vor der Welt. So hat er es ausgedr�ckt: �Ich f�rchte mich vor der Welt � ich will nicht von neuem scheitern. Hier ist es friedlich und ruhig, hier ist Gottes Sch�nheit, und alle Menschen sind sehr gut. Um in der gro�en Welt zu leben, braucht man Kraft � eine Kraft, mit der man die ganze Last der Welt auf sich nehmen kann, ohne niedergedr�ckt zu werden. Gro� ist der; der mit Jesus sagen kann: �Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.� Aber es steht auch geschrieben: �B�rde einem Schwachen keine unzumutbaren Lasten auf.� Ich bin schwach, mir geht es besser hier auf der Insel.� Eine originelle Figur; dieser ehemalige Petersburger. Sie m�ssten sich einmal mit ihm unterhalten,, Sie beide w�rden Gefallen aneinander finden. Ich erz�hle Ihnen deshalb von Lew Nikolajewitsch, weil Ihre �D�monen� jetzt bei ihm sind. So werde ich nicht erfahren, wie Werchowenskis Verschw�rung ausgegangen ist. Das ist nat�rlich bedauerlich, aber Lew Nikolajewitsch hat das Buch mit einem solchen Verlangen betrachtet � es war offensichtlich, dass er gerne darum gebeten h�tte, sich aber nicht traute. Nun, da habe ich es ihm gegeben. Ohnehin habe ich jetzt keine Zeit, Romane zu lesen, ich wurde schlie�lich von der heiligen Inquisition als Exorzist hierher gesandt.</p><p>Denken Sie nur nicht, Scheich ul-Islam, dass ich hier lediglich in Restaurants und Kaffeestuben herumsitze oder nach Prinzessinnen Ausschau halte (du Sch�ne, wo bist du?). Ich bin immerhin schon auf ganz Kanaan herumgeklettert und habe die Nachbarinsel von allen Seiten mit dem Binokel inspiziert � beinahe w�re ich dabei aus dem Boot gefallen. Alle drei Eremiten habe ich gesehen, wie sie aus ihrer H�hle hervorkrochen und sich Bewegung verschafften. Sie gehen ganz gekr�mmt und schleppen sich nur mit M�he dahin � das sind keine Menschen, sondern Maulw�rfe. Ich kann mich r�hmen: Der Abt (er hat eine wei�e Borte an seiner Kapuze) hat mich mit seiner allerheiligsten Aufmerksamkeit bedacht � er hat mit seinem Stock gedroht, ich solle nicht n�her herankommen.</p><p>Ich habe herausgefunden, dass der Obermaulwurf Vater Israil hei�t und eine h�chst interessante Biografie hat. Vor seiner M�nchsweihe war er einer jener reichen M��igg�nger, die sich vor lauter Nichtstun und Blasiertheit irgendein Hobby zulegen, sich dieser Schrulle mit Leidenschaft widmen und daf�r ihr ganzes Leben und ihr Verm�gen hingeben. Dieser w�hlte ein gar nicht so seltenes, daf�r aber �ber die Mafien zeitraubendes Steckenpferd � er sammelte Frauen, und er war darin so geschickt, dass ein gewisser Prorektor im Ruhestand, ein fr�herer Bekannter von mir, im Vergleich zu ihm als reinster Seraph erscheint. Die Wissbegierde dieses neuen Don Juans war derma�en uners�ttlich, dass er angeblich einen geografischen Atlas der vergleichenden weiblichen Anatomie erstellte und sich zu diesem Zweck auf besondere Lustreisen durch verschiedene L�nder begab, darunter so exotische wie Annam, das K�nigreich Hawaii oder Schwarzafrika. Und in unserem rechtgl�ubigen Vaterland ist erst gar nicht zu z�hlen, wie viele hochanst�ndige Matronen er verf�hrte, wie viele stolze Jungfrauen er verdarb, denn er verf�gte �ber ein besonderes Talent, die Herzen der Frauen zu verzaubern. Dabei spielte wohl auch seine Reputation eine Rolle. Einen anderen Stutzer h�tten die Damen wohl nicht einmal angesehen, doch kaum verbreitet sich die Kunde, jemand sei ein gef�hrlicher Verf�hrer, suchen alle pl�tzlich etwas Anziehendes, ja Unwiderstehliches an ihm: die Augen oder die H�nde, und wenn sich gar nichts Besonderes finden l�sst, verleiht man ihm eine magnetische Aura.</p><p>Ach, ich n�rgle nur aus Neid herum. Es w�re nicht �bel, so zu leben wie der M�nch Israil: Kapriolen schlagen, so lange man im Saft steht, und wenn es Zeit wird und die Gesundheit nachl�sst, die unsterbliche Seele retten � und zwar mit der gleichen Leidenschaft, mit der man zuvor ges�ndigt hat. Nur hat der Abt vor dem himmlischen Gl�ubiger eine sehr gro�e Schuld auf sich geladen, Israil hockt bereits zwei Jahre in diesem himmlischen Vorzimmer, sechs Mitbr�der hat er schon begraben, aber seine Schuld ist noch nicht abgegolten. Man sagt, in achthundert Jahren habe niemand so lange auf der Nachbarinsel ausharren m�ssen � so ein gro�er S�nder ist er.</p><p>Damit beende ich die vorgeschriebenen Reden und rufe den Segen Allahs auf dein lichtstrahlendes Antlitz, o Gebieter.</p><p>Alexej Lentotschkin, Sklave der Lampe</p><p>PS: Und nun, da Sie bereits endg�ltig zu dem Schluss gekommen sind, dass ich Sie in diesem Brief nur mit meinem Geschw�tz �ber die hiesigen Kuriosit�ten unterhalten will, wende ich mich der eigentlichen Sache zu.</p><p>Sie sollen wissen, gr��ter Weiser der Weisen, dass ich die L�sung des R�tsels um Ihren schwarzen M�nch so gut wie in der Tasche habe. Ja, ja. Und diese L�sung verspricht �beraus komisch zu werden. Das hei�t, ich wei� bereits, worin der Trick besteht, mir ist nur noch nicht klar, wer sich da am�siert, indem er vorgibt, Wassilisk zu sein, und zu welchem Zweck das geschieht, aber die Antwort auf diese Fragen werde ich heute herausfinden, denn allem Anschein nach wird die Nacht heute mondhell sein.</p><p>Mein Tagesablauf an den vergangenen drei Tagen sah folgenderma�en aus: Morgens habe ich lange geschlafen, dann begab ich mich auf Expeditionen zu Land und zu Wasser, und mit Einbruch der Dunkelheit legte ich mich auf der Landzunge, die sich zur Nachbarinsel hin erstreckt, auf die Lauer. Ich habe keinerlei �bernat�rliche Ereignisse beobachtet, doch vermutlich nur, weil die N�chte schwarz und v�llig mondlos waren, und bekanntlich bevorzugt der Heilige eine himmlische Illumination. Weil ich nichts Besseres zu tun hatte, sprang ich von einem Stein zum anderen, fuhr ein wenig in einer Schaluppe herum (ein kleines Boot, das ich von einem Einwohner gemietet habe), weil ich pr�fen wollte, ob es nicht m�glich ist, sich so auf einen Stein zu stellen, dass es aussieht, als stehe man auf dem Wasser. Das ist sehr wohl m�glich, hingegen ist es unm�glich, sich auch nur zwei oder drei Schritte fortzubewegen, davon habe ich mich �berzeugt, und ich kam zu der Auffassung, die M�nche m�ssten sich das Wandeln auf dem Wasser in ihrem Schreck zusammenfantasiert haben. Doch in der dritten Nacht, also gestern, entdeckte ich einen h�chst pikanten Umstand, der alles erkl�rt. Doch ich schweige, ich schweige. Kein Wort mehr.</p><p>Es ist wirkungsvoller, wenn ich Ihnen den ganzen Hintergrund auf einmal enth�llen kann, und das wird sp�testens morgen geschehen. In zwei Stunden, sobald es dunkel wird und der Mond aufgeht, mache ich mich auf zum Zweikampf mit dem Gespenst. Und da bei einer Schlacht mit der jenseitigen Welt der Untergang oder bestenfalls der Verlust des Verstands droht, schicke ich diesen meinen Brief mit dem Paketboot der Abendpost. Qu�len Sie sich bis zur morgigen Post, Erzbischof von Reims, vergehen Sie vor Neugierde und Ungeduld!</p><p>Ein Damaszenerschwert am G�rtel,</p><empty-line/><p>In ein echtes Panzerhemd geh�llt,</p><empty-line/><p>Zum Kampf gegen den unbesiegbaren Riesen</p><empty-line/><p>Macht sich bereit der k�hne Recke.</p><empty-line/><p>Und ist ihm beschieden, in der Schlacht</p><empty-line/><p>Seinen verwegenen Kopf hinzugeben,</p><empty-line/><p>So gedenke seiner mit einem Gebet, Eminenz,</p><empty-line/><p>Und du, Prinzessin aus dem Cafe,</p><empty-line/><p>Benetze den Leichnam des Helden mit Tr�nen.</p><empty-line/><p>Ahoi!</p><p>***</p><p>Das war der Wortlaut des Briefes. Zu Anfang hatten Matwej Benzionowitsch und Pelagia l�chelnd zugeh�rt � der Vergleich des Bischofs mit dem Erzbischof Turpin von Reims, dem unerbittlichen Verfolger der Mauren und Waffenbruder des Grafen Roland Roncesvalles, belustigte sie. Doch gegen Ende der umfangreichen Epistel zeigten die Nonne und der stellvertretende Staatsanwalt eine betretene Miene, und Berditschewski bezeichnete Alexej Stepanowitsch, der sich offenbar interessant machen wollte, sogar als �Schuft�. Sie beschlossen, auf Aljoschas Provokation nicht einzugehen und sich bez�glich der r�tselhaften Anspielungen im Postscriptum nicht in Vermutungen zu ergehen, sondern den morgigen Bericht aus Neu-Ararat abzuwarten und dann alles ausf�hrlich zu diskutieren.</p><p>Doch am n�chsten Tag war kein Brief von Lentotschkin in der Post. Weder am zweiten noch am dritten oder vierten Tag kam ein Brief. Der Bischof war �ber die Ma�en besorgt und �berlegte, ob er nicht Vater Witali �ber den verschwundenen Emiss�r unterrichten sollte, und wenn er dies nicht tat, so lediglich, weil es ihm unangenehm war: Er h�tte dem Archimandriten bekennen m�ssen, dass Alexej Stepanowitsch ohne sein Wissen nach Ararat geschickt worden war.</p><p>Am siebten Tag, als der abgeh�rmte, von Schlaflosigkeit ersch�pfte Mitrofani schon erwog, h�chstpers�nlich zum Blauen See zu fahren (aus Angst um Aljoscha k�mmerten den Bischof diplomatische Verwicklungen inzwischen nicht mehr), traf endlich ein Brief ein, der aber v�llig anders war als er erste. Der Bischof rief wieder seine Berater zu sich und las ihnen das Schreiben vor, wobei aber seine Miene keine Zufriedenheit mehr ausdr�ckte, sondern eher Best�rzung. Bei diesem Brief gab es keinerlei Einleitung oder Anrede, Aljoscha kam sofort zur Sache.</p><p>***</p><p>Alexej Stepanowitschs zweiter Brief</p><p>Ich wei�, dass ich mit der Fortsetzung �ber alle Ma�en im R�ckstand bin, doch daf�r gibt es Gr�nde, �ber die man nicht scherzt. Ganz recht: nicht scherzt. Der schwarze M�nch ist kein Trick eines gewitzten Spitzbuben, wie ich zun�chst annahm, sondern hier ist etwas ganz anderes im Spiel. Vorl�ufig habe ich selbst noch nicht begriffen, was genau.</p><p>Am besten erz�hle ich alles der Reihe nach. Zum einen will ich nicht den Faden verlieren, zum anderen m�chte ich selbst begreifen, wie das alles passiert ist und was sich zuerst ereignet hat und was danach. Sonst wird mir ganz schwindlig.</p><p>Nachdem ich den vorherigen Brief an Sie abgeschickt und reichlich zu Abend gegessen hatte (ist seither wahrhaftig erst eine Woche vergangen � mir scheint, es sind Monate oder sogar Jahre), ging ich zur Landzunge wie zu einem fr�hlichen Picknick, und ich freute mich schon im Voraus darauf, welchen Streich ich dem vermeintlichen Mystifikator spielen w�rde, der friedliche M�nche in Angst und Schrecken versetzt. Zwischen zwei gro�en Findlingen, an einer Stelle, die ich mir zuvor ausgesucht hatte, lie� ich mich mit allem Komfort nieder. Ich setzte mich auf eine Decke, die ich aus dem Hotel mitgenommen hatte, in der Thermoskanne gluckerte Tee mit Rum, in meinem B�ndel hatte ich s��e Piroggen aus der bemerkenswerten Konditorei � Versuchung des hl. Antonius�. Ich sa� also da, a� einen Happen, lachte still in mich hinein und wartete, dass der Mond aufging. Auf dem See war es stockfinster, kein Waldgeist (besser gesagt kein Wassergeist) lie� sich blicken, nur die Nachbarinsel hob sich als dunkler Flecken vom Wasser ab.</p><p>Doch da zog sich eine gelbe Spur �ber die weite, glatte Wasserfl�che, die Tintenschw�rze der Nacht begann zu schillern, die Finsternis gab nach, wich an den Rand des Himmels zur�ck, und in der Mitte erstrahlte der Mond. Im selben Augenblick erschien unmittelbar vor mir eine schmale schwarze Silhouette, die die blasse Scheibe des Nachtgestirns teilweise verdeckte. Ich bin bereit, Stein und Bein zu schw�ren: Gerade eben, vor einer Sekunde, war sie noch nicht da gewesen, und pl�tzlich war sie da � ein spitzer Kegel, lang gezogen, leicht schwankend. Und zwar nicht an der Stelle, wo ich sie erwartet h�tte (dort ragt ein flacher Stein leicht aus dem Wasser hervor), sondern etwas weiter seitlich, wo �berhaupt keine Steine mehr sind.</p><p>Im ersten Moment fragte ich mich nur verbl�fft, woher die Gestalt so pl�tzlich kommen konnte. Zwar war es bis zum Mondaufgang dunkel gewesen, aber nicht so dunkel, dass ich einen Menschen auf zehn Schritt Entfernung nicht gesehen h�tte!</p><p>Nach meinem Plan hatte ich sofort bei Erscheinen von �Wassilisk� in einem langen Mantel mit Kapuze, �hnlich dem Gewand der Eremiten, aus meinem Versteck hervorkommen und mit Grabesstimme rufen wollen: �Ich bin es, der heilige Wassilisk! Schande �ber dich, du Usurpator!� Das w�rde dem Schreckgespenst einen Schrecken einjagen, dachte ich, und es von seinem Stein ins Wasser schleudern.</p><p>Beim Anblick der seltsamen schwarzen Gestalt, die �ber dem See zu schweben schien, geschah etwas mit mir � und zwar ganz deutlich im physiologischen Sinne. Ich versp�rte eine unerkl�rliche K�lte, die mich �berlief, und ich konnte zwar meine Arme und Beine noch bewegen (ich erinnere mich noch sehr gut, dass ich die Thermoskanne auf den Boden stellte und mit der Hand an meine eiskalte Stirn fasste), aber nur langsam und mit gro�er M�he, wie unter Wasser. Niemals im Leben habe ich etwas �hnliches erlebt.</p><p>Hinter dem R�cken der schweigenden Silhouette str�mte ein Licht hervor, das weit heller war als das Mondlicht. Nein, ich kann es nicht gut beschreiben, denn �str�men� ist nicht der richtige Ausdruck daf�r, aber ich wei� nicht, wie ich es besser erkl�ren soll. Gerade eben war nichts da gewesen als das Strahlen des Mondes � und pl�tzlich schien es, als sei die ganze Welt erleuchtet, so dass ich blinzeln musste und die Augen mit der Hand abschirmte.</p><p>Das Blut pulsierte mir so laut in den Ohren, dass ich fast nichts mehr h�rte, aber dennoch vernahm ich deutlich vier Worte, auch wenn sie ganz leise gesprochen wurden: �Nicht Rettung, sondern Verwesung�, wobei die schwarze Gestalt mit der Hand zur Nachbarinsel wies. Als sie aber begann, sich direkt �ber das Wasser auf mich zuzubewegen, fiel die Erstarrung von mir ab, und ich ergriff auf schmachvollste Weise, schreiend und offenbar sogar schluchzend, die Flucht. Einen wackeren Paladin haben Sie sich ausgesucht, Sie kurzsichtiger Kirchenf�rst!</p><p>Dann aber, als ich die Kapelle erreicht hatte, sch�mte ich mich. Wenn es sich vielleicht um ein besonders t�ckisches Spiel handelte, dann durfte ich keinen Narren aus mir machen lassen, sagte ich mir. Wenn es aber kein Spiel war . . . Das w�rde bedeuten, dass Gott der Herr existiert, dass das Universum in sieben Tagen erschaffen wurde, dass es Engel im Himmel gibt und sich die Himmelsgestirne um die Erde drehen. Da aber all das vollst�ndig unm�glich ist, gibt es auch keinen Wassilisk. Nach dieser Schlussfolgerung machte ich mich h�chst energisch in umgekehrter Richtung auf den Weg zur�ck zur Landzunge, aber das r�tselhafte Strahlen und die schwarze Silhouette waren nicht mehr zu sehen. Mit lauten, kr�ftigen Schritten, um mir Mut zu machen, ging ich am Ufer auf und ab und pfiff dabei das Lied vom Popen und seinem Hund vor mich hin. Ich �berzeugte mich endg�ltig von der unersch�tterlichen Stofflichkeit der Welt, sammelte meine Thermoskanne und die Hab Seligkeiten aus dem Hotel wieder ein und kehrte zur �Arche� zur�ck.</p><p>Aber den Bericht wollte ich nicht schreiben, ohne Wassilisk noch ein weiteres Mal gesehen und mir Gewissheit verschafft zu haben � entweder dar�ber, dass es sich um ein Kunstst�ck handelt, oder dar�ber, dass ich den Verstand verloren habe und in die Heilanstalt von Doktor Korowin geh�re.</p><p>Wie zum Trotz war der Himmel in den beiden folgenden N�chten bedeckt. Ich spazierte durch die Stra�en von Ararat, die ich schon nicht mehr sehen konnte, trank heiliges Mineralwasser und Kaffee aus Jamaika, und vor lauter Langeweile las ich allerlei dummes Zeug im Lesesaal des Klosters. Die dritte Nacht endlich versprach mondhell zu werden, und mit stockendem Herzen traf ich meine Vorbereitungen, um wieder auf die Landzunge zu gehen. Durch die erzwungene Unt�tigkeit, das Warten und die inneren K�mpfe waren meine Nerven zum Zerrei�en gespannt, so dass mich kurz vor der Expedition beinahe v�llig der Mut verlie�. Ich durfte mir aber die Gelegenheit nicht entgehen lassen, und so fasste ich einen Entschluss, der mir wahrhaft salomonisch vorkam.</p><p>Im vorigen Brief schrieb ich bereits �ber den Rechtsanwalt aus Moskau, den Freund ger�ucherter Renken und frischer Luft. Er hei�t Kubowski und kommt schon seit einigen Jahren jeden Herbst nach Kanaan. Er sagt, der November sei hier besonders sch�n. Wir logieren im selben Hotel und haben ein paarmal gemeinsam zu Mittag gegessen, wobei er etwa f�nfmal so viel gegessen und getrunken hat wie ich (und ich habe keinen schlechten Appetit, was Kusma Saweljewitsch � Ihr Koch und mein Wohlt�ter � bezeugen kann). Kubowski ist ein Mann von n�chterner, beinahe kynischer Mentalit�t, ohne jegliches Interesse an �bernat�rlichen Ph�nomenen. So neigt er dazu, s�mtliche Er-sch einungsformen der menschlichen Psychologie ausschlie�lich vom Standpunkt der Aufnahme, Verdauung oder Ausscheidung von Nahrung aus zu betrachten. Wenn er mich beispielsweise in Gedanken �ber den schwarzen M�nch versunken antrifft, sagt er: �Ei, ei, mein Bester, Sie m�ssen etwas Scharfes essen, dann geht die ganze Melancholie vorbei.� Oder wenn ich ihm von Ferne die romantische Dame zeige, die mich um ein Haar davon abgehalten h�tte, meine Aufgabe f�r Sie zu erf�llen (ach, Traumprinzessin, mir steht jetzt nicht der Sinn nach dir!), bemerkt Kubowski kopfsch�ttelnd: �Wie blass die �rmste aussieht. Sicherlich isst sie schlecht, nicht nahrhaft genug, das ist die Ursache f�r einen empfindlichen Magen und eine tr�ge Verdauung. Dagegen hilft ein wenig St�r mit Moosbeerensirup, und darauf ein Gl�schen italienischer Grappa oder franz�sischer Calvados. Das belebt den Darm.� Nun, Sie verstehen, was f�r ein Subjekt das ist. Also habe ich mir �berlegt, ihn unter dem Vorwand eines f�r die Verdauung nutzbringenden Nachtspaziergangs mitzunehmen. Erstens w�rde es in Gesellschaft nicht so unheimlich sein, zweitens w�rde der Rechtsanwalt Wassilisk nicht sehen k�nnen, wenn es sich um eine Halluzination handelte, und drittens w�rde man einen so prosaischen Menschen nicht hinters Licht f�hren, wenn es sich um einen Zirkustrick handelte. Ich habe meinen Gef�hrten absichtlich nicht vorgewarnt � um das Experiment nicht zu gef�hrden.</p><p>Doch augenscheinlich bestand darin mein Fehler, meine Schuld.</p><p>Alles geschah genauso wie neulich. Ich platzierte Kubowski absichtlich mit dem Gesicht in Richtung Nachbarinsel und starrte selbst ununterbrochen auf die bewusste Stelle. Dort war niemand, nichts und niemand, das ist unbestreitbar.</p><p>Doch kaum brach der Mond durch die leichten Wolken, erschien auf dem Wasser auch schon die bekannte Gestalt, fast sofort von blendendem Glanz umh�llt.</p><p>Die Stimme vernahm ich dieses Mal nicht, weil mein Kyniker, der sich gerade ein Schokoladenbonbon in den Mund stecken wollte, wie wild zu schreien anfing und unerwartet flink davor st�rzte. Ich konnte ihm kaum folgen (ja, ja, kaum kroch mir diese abscheuliche Grabesk�lte �ber die Haut, verlor ich mein ganze Entschlusskraft) und h�tte ihn wohl am Stadtrand noch nicht eingeholt, wenn Kubowski nicht auf halber Strecke pl�tzlich mit dem Gesicht nach unten zu Boden gest�rzt w�re. Ich hockte mich neben ihn und sah, dass er r�chelte, mit den Auge rollte und keine weiteren Anzeichen mehr zeigte, auf stehen un davonlaufen zu wollen . . .</p><p>Er starb. Nicht dort, auf dem Weg, sondern am n�chsten M0rgen in der Krankenstube des Klosters. Eine Gehirnblutung. Mit anderen Worten, dem Rechtsanwalt war jener Herr Kondrati erschienen, vor dem ihn der violette Doktor Faust gewarnt hatte.</p><p>Was meinen Sie, Eminenz, wer hat den bedauernswerten Vielfra� get�tet � ich oder der schwarze M�nch? Selbst wenn er es war � ich bin dennoch ein Mitt�ter.</p><p>W�hrend die barmherzigen Br�der (b�rtige M�nche mit wei�en Kitteln �ber ihren schwarzen Kutten) den Verstorbenen zur Eishaus brachten, ging ich direkt von der Krankenstube zur Heilanstalt des Doktor Korowin, und trotz der fr�hen Stunde ver langte ich, unverz�glich die Koryph�e f�r Nervenleiden und psychische Erkrankungen zu sprechen. Man wollte mich zun�chst um keinen Preis vorlassen, weil ich keine Empfehlung hatte, aber Sie kennen mich ja: Wenn n�tig, gehe ich auch durch ein Nadel�hr. Ich hatte zwei Fragen an die Koryph�e. Erstens: Gibt es ein das Geh�r und das Auge affizierende Gruppenhalluzination? Zweitens: Hatte ich vielleicht den Verstand verloren?</p><p>Korowin widmete sich zun�chst der zweiten Frage und beantwortete sie erst nach einer Stunde. Er stellte mir Fragen �ber Papa, Mama und weitere Vorfahren bis hin zu Urgro�vater Pantelejmon Lentotschkin, der an S�uferwahnsinn verstorben ist Dann leuchtete er mir in die Pupillen, klopfte mir mit dem Hammer auf die Gelenke und lie� mich anschlie�end geometrische Figuren zeichnen. Am Schluss verk�ndete er: �Sie sind vollkommen gesund, aber irgendetwas hat Ihnen einen solchen Schreck eingejagt, dass Sie geradezu hysterisch sind. So, nun zu Ihrer Geschichte mit der Halluzination.� Ich erz�hlte ihm alles. Erh�rte aufmerksam zu, nickte und lieferte mir dann folgende Erkl�rung, mit der ich mich in dem Moment v�llig zufrieden gab:</p><p>�In Herbstn�chten kommt es auf den Inseln wegen des besonderen Ozongehalts der Luft und der Wirkung des Wasserspiegels nicht selten zu allerlei optischen T�uschungen�, erl�uterte Korowin. �Gelegentlich, besonders bei Mondlicht, sieht man eine schwarze S�ule, die sich �ber das Wasser bewegt und eine poetische oder religi�se Natur wohl an einen M�nch in Klosterkleidung erinnern kann. Im Grunde genommen ist das eine gew�hnliche Trombe.� �Was?� Ich verstand ihn nicht. �Eine Windhose. Windhosen k�nnen auch lokal begrenzt Vorkommen: �berall herrscht Windstille, doch unversehens bildet sich an einer Stelle infolge der Schwankung des Luftdrucks ein Luftstrom, und zwar ein ziemlich heftiger Luftstrom. Er wirbelt Laub und M�ll vom Ufer auf, ballt beides zusammen zu einem Konus � da haben Sie Ihren schwarzen M�nch. Besonders wenn Sie schon damit rechnen, ihn zu sehen.�</p><p>Als ich den Doktor verlie�, war ich beinahe wieder ganz beruhigt und bedauerte nur den ungl�ckseligen Kubowski, doch je weiter ich mich von der Heilanstalt entfernte, desto lauter erhob sich die Stimme des Zweifels in mir. Und das �berirdische Licht? Und die Worte, die ich so deutlich vernommen hatte? Die Erscheinung konnte kein Wirbelwind sein � daf�r bewegte sie sich zu langsam vorw�rts, nur wenige Schritte, au�erdem hatte sie scharf umrissene Konturen.</p><p>Die weiteren Ereignisse best�tigten, dass Windhosen und der Ozongehalt der Luft mit der Angelegenheit nichts zu tun haben.</p><p>Nachdem er einen Menschen umgebracht hatte, war Wassilisk gleichsam von der Kette gelassen, und er beschr�nkte sich nicht mehr auf die Landzunge.</p><p>In der folgenden Nacht erschien er Bruder Kleopa, dem F�hrmann, der von allen Einwohnern in Ararat als Einziger die Wassilisk-Einsiedelei besuchen kann: Einmal am Tag bringt er den Eremiten alles Notwendige und holt die fertigen Rosenkr�nze ab. Eines Nachts, als Kleopa vom Besuch bei einem Freund zur�ckkam und durch den Klosterbezirk schlenderte, erschien ihm Wassilisk direkt beim Friedhof. Er versetzte dem F�hrmann einen m�chtigen Sto� vor die Brust, sodass dieser zu Boden st�rzte, und verbot ihm mit Donnerstimme, zur Nachbarinsel zu fahren, denn �jener Ort ist verflucht�.</p><p>Das Aufsehen erregende an diesem Vorfall wurde etwas relativiert, weil allgemein bekannt ist, dass Bruder Kleopa sich beim Weintrinken keinerlei Zur�ckhaltung auferlegt � auch in jener Nacht war er bei der R�ckkehr in seine Zelle betrunken. Selbst der Augenzeuge konnte also nicht beschw�ren, dass ihm der heilige Wassilisk nicht nur im Traum erschienen war. Nichtsdestoweniger verbreitete sich das Ger�cht wie ein Lauffeuer in ganz Kanaan.</p><p>Zwei N�chte danach ereignete sich ein Vorfall, der unleugbar war und sehr schwere, ja tragische Konsequenzen nach sich zog.</p><p>Bruder Kleopa konnte die Erscheinung nicht erschrecken, weil er immer am helllichten Tag zur Einsiedelei hin�berrudert; in der Nacht hingegen, wenn der schwarze M�nch erscheint, ist er gew�hnlich nicht mehr n�chtern und kennt keine Angst. Au�er ihm aber ist in der schmalen Wasserstra�e, die Kanaan von der Nachbarinsel trennt, h�ufig auch der Bakenw�rter unterwegs, zu dessen Aufgaben es geh�rt, die Baken zur Kennzeichnung der Fahrrinne, die von Str�mung und Wind h�ufig abgetrieben werden, wieder an ihren richtigen Platz zu bringen. Dieser Bakenw�rter ist kein M�nch, sondern ein Weltlicher. Er lebt mit seiner jungen, hochschwangeren Frau in einer kleinen H�tte am Nordufer von Kanaan, das beinahe unbewohnt ist. Das hei�t, er lebte dort � jetzt steht die H�tte leer.</p><p>Vorgestern nach Mitternacht erwachten der Bakenw�rter und seine Frau von einem lauten Klopfen am Fenster. Dort sahen sie, vom Mondlicht �bergossen, eine schwarze Kapuze, und sie begriffen sofort, wer sie da besuchte. Der n�chtliche Gast drohte den schreckensstarren Eheleuten mit dem Finger und ritzte dann mit einem durch Mark und Bein gehenden Quietschen etwas auf die Scheibe (ein Kreuz, wie sich sp�ter herausstellte, nach alter Art mit drei Querbalken).</p><p>Darauf verschwand die Erscheinung, doch die Frau erlitt durch die Aufregung eine Fehlgeburt, und w�hrend ihr Mann unterwegs war, Hilfe zu holen, verblutete die �rmste. Der Bakenw�rter erz�hlte der Klosterverwaltung von der n�chtlichen Erscheinung und schickte sich an, zwei S�rge zu zimmern: einen f�r seine Frau, den anderen f�r sich selbst, denn er erkl�rte steif und fest, er wolle nicht mehr leben. Am Abend setzte er sich in sein Boot, fuhr aufs Wasser hinaus, band sich einen Stein um den Hals und st�rzte sich in den See � viele Menschen haben das vom Ufer aus beobachtet. Man suchte nach dem Ertrunkenen, konnte ihn aber nicht finden, sodass der zweite Sarg unbenutzt blieb.</p><p>Die Stadt ist nicht mehr wiederzuerkennen. Das hei�t, tags�ber ist sie genauso belebt wie fr�her, die Pilger haben es nicht eilig mit der Abreise, weil Neugierde und die Lust am Geheimnisvollen st�rker sind als Vernunft und Furcht, doch nachts sind die Stra�en v�llig ausgestorben. �ber die Wassilisk-Einsiedelei wird nichts Gutes geredet. Man sagt, kein Ort sei schrecklicher als der, auf dem fr�her ein Segen lag und der dann vom �bel heimgesucht wurde � sei es eine vernachl�ssigte Kirche, ein gesch�ndeter Friedhof oder erst recht eine gottgef�llige Einsiedelei. Unter den Br�dern und den Bewohnern der Stadt herrscht zunehmend die Meinung, man solle auf den Schutzpatron h�ren und die Eremiten von der Nachbarinsel fortbringen � andernfalls w�rde der Schwarze M�nch noch schlimmer z�rnen.</p><p>Der Archimandrit ist mit einer Prozession durch ganz Kanaan gezogen und hat die H�tte des Bakenw�rters mit Weihwasser besprengt, aber dennoch geht niemand mehr dorthin. Ich bin �brigens dort gewesen (allerdings morgens, bei Sonnenlicht). Ich habe das ber�chtigte Kreuz gesehen, das in die Scheibe geritzt ist. Ich habe es sogar ber�hrt.</p><p>Denken Sie nur nicht, Zauberer Merlin, Ihr Ritter h�tte es nun endg�ltig mit der Angst zu tun bekommen. Ich bin bereit, die Auffassung, dass das Universum nicht ausschlie�lich aus Materie besteht, einer Pr�fung zu unterziehen, doch das bedeutet keineswegs die Kapitulation, sondern den Wechsel der Methodik. Anscheinend muss man nur die eine R�stung ausziehen und eine andere anziehen. Aber ich habe nicht die Absicht, mich zu ergeben, und um Ihre Hilfe bitte ich einstweilen noch nicht.</p><p>Ihr Lancelot vom See</p><p>***</p><p>Dieser in jeder Hinsicht erstaunliche Brief rief bei den Teilnehmern der Zusammenkunft unterschiedliche Reaktionen hervor.</p><p>�Er will mutig erscheinen, ist aber zu Tode erschrocken�, bemerkte der Bischof. �Ich erinnere mich noch sehr gut, wie schrecklich es ist, wenn die Welt auf den Kopf gestellt wird. Nur war es bei mir umgekehrt: Von Kindheit an hatte ich geglaubt, dass der Geist die Welt beherrscht, und als mich das erste Mal der Verdacht beschlich, es gebe keinen Gott, sondern nur Materie, wurde mir bang und unbehaust zumute. Damals bin ich M�nch geworden, um die Welt wieder zurechtzur�cken.�</p><p>�Wie?�, fragte Berditschewski verdutzt. �Sie, Sie hatten solche Zweifel? Und ich nahm immer an, dass . . .�</p><p>Er wurde verlegen und sprach nicht weiter.</p><p>�Dass nur du solche Zweifel hast?�, beendete Mitrofani den Satz mit einem unfrohen Lachen. �Und dass in mir nur Heiligkeit ist? Nein, Matwej, das gibt es nur bei K�pfen, die arm an Verstand sind; einem denkenden Menschen werden schwere Versuchungen zur Pr�fung gesandt. Selig ist nicht der, der nie in Versuchung ger�t, sondern derjenige, der diese �berwindet. Jemand, der niemals und an nichts zweifelt, ist in der Seele tot.�</p><p>�Also glauben Sie an diese Wunder, Vater?�, fragte Schwester Pelagia und unterbrach ihr Stricken. �An die Erscheinung, an das Wandeln auf dem Wasser und so weiter? Fr�her haben Sie ganz anders gesprochen.�</p><p>�Was meint der Junge nur mit dem Wechsel der R�stung?�, murmelte der Bischof nachdenklich vor sich hin, als h�tte er die Frage nicht geh�rt. �Ich verstehe das nicht. . . Ach, wie interessant und vieldeutig sind die Wege des Herrn!�</p><p>Pelagia hingegen machte eine Bemerkung psychologischer Natur.</p><p>�Nach dem ersten Brief hatte ich angenommen, Ihr Gesandter habe sich von der verf�hrerischen Dame ablenken lassen und Ihren Auftrag vergessen, was auch die Unterbrechung in der Korrespondenz erkl�rt h�tte. Die Dame wird aber hier nur einmal fl�chtig erw�hnt. Ich wei� nicht, ob Alexej Stepanowitsch die Wahrheit �ber die Erscheinung schreibt, doch es ist vollkommen klar, dass der junge Mann tats�chlich eine schwere Ersch�tterung erlebt hat. Andernfalls h�tte er eine so anziehende Person nicht einfach vergessen.�</p><p>�Frauen haben nur eines im Kopf�, bemerkte der Bischof verdrossen und runzelte die Stirn. �Immerzu �bersch�tzt ihr eure Wirkung auf die M�nner. Es gibt geheimnisvollere Dinge auf der Welt als romantische Unbekannte mit einem Schleier. Man muss dem Jungen helfen. Er braucht Unterst�tzung, auch wenn er das abstreitet.�</p><p>Matwej Benzionowitsch, der die �berlegungen des Bischofs und seiner geistlichen Tochter mit verwundert hochgezogenen Augenbrauen angeh�rt hatte, konnte sich nicht mehr zur�ckhalten:</p><p>�Meinen Sie das im Ernst? Wahrhaftig, Vater, ich wundere mich �ber Sie! Sie nehmen diese M�rchen doch wohl nicht f�r bare M�nze? Lentotschkin f�hrt Sie an der Nase herum, er spielt sich doch nur schamlos auf! Selbstverst�ndlich ist er die ganze Zeit hinter seiner Prinzessin hergelaufen, und nun denkt er sich M�rchen aus, um sich �ber Sie lustig zu machen. Das ist doch offensichtlich! Eines nur will mir nicht in den Kopf � wie konnten Sie diesen leichtsinnigen Gr�nschnabel mit einer so verantwortungsvollen Mission betrauen? Bei Ihrer Menschenkenntnis!�</p><p>Aus den Worten des stellvertretenden Bezirksstaatsanwalts sprachen so viel Logik und gesunder Menschenverstand, dass Mitrofani in Verlegenheit geriet und selbst Pelagia zwar den Kopf sch�ttelte, aber nicht widersprach.</p><p>So gingen sie auseinander, ohne einen Beschluss gefasst zu haben. Wertvolle Zeit verstrich ungenutzt. Das wurde zwei Tage sp�ter deutlich, als der dritte Brief eintraf.</p><p>Von den herbstlichen Regeng�ssen waren die Stra�en untersp�lt, die Postkutsche hatte gro�e Versp�tung, und so brachte man dem Bischof den Brief erst mitten in der Nacht. Ungeachtet der sp�ten Stunde schickte der Bischof unverz�glich nach Berditschewski und Pelagia.</p><p>***</p><p>Alexej Stepanowitschs dritter Brief</p><p>Heureka! Die Methode ist gefunden!</p><p>Das Schwierigste war, sich vom materialistischen Koordinatensystem loszusagen, das f�lschlicherweise zweidimensional ist. Es ignoriert die dritte Dimension, die ich als die mystische bezeichnen w�rde � ich bin sicher, mit der Zeit wird sich ein anderer, weniger emotionaler Terminus finden lassen. Doch zun�chst muss man ein Untersuchungssystem und eine Messtechnik ausarbeiten. Die zeitgen�ssische Wissenschaft besch�ftigt sich �berhaupt nicht damit, weil sie sich in voller �bereinstimmung mit Ihrem angebeteten Ekklesiasten befindet, der da gesagt hat: �Krummes kann nicht gerade werden, und was es nicht gibt, kann man nicht z�hlen.� Aber unterdessen hat der Begr�nder des wissenschaftlichen Fortschritts, Galilei, eine andere These entwickelt. Er formulierte das wichtigste Dogma eines Wissenschaftlers so: �Messen, was messbar ist � messbar machen, was nicht messbar ist.�</p><p>Folglich muss man das Mystische messbar machen.</p><p>Die materialistische Wissenschaft mag diese Aufgabe nicht anerkennen, doch fr�her, vor dem Anbruch der Epoche der Vernunft, gab es noch eine andere Wissenschaft, die magische Wissenschaft, die jahrhundertelang versucht hat, das zu berechnen, was man gemeinhin als �bernat�rlich bezeichnet. Und so weit mir bekannt ist, hat sie auf diesem Gebiet einiges erreicht!</p><p>Diese Pr�misse, zu der ich erst vorgestern gelangt bin, hat mich auch zur L�sung der Aufgabe gef�hrt.</p><p>Ich habe wohl schon geschrieben, dass es im Kloster eine Bibliothek gibt, in der eine Vielzahl neuer und alter B�cher religi�sen Inhalts zusammengetragen ist. Ich war auch zuvor schon dort gewesen und hatte aus lauter Langeweile einiges durchgebl�ttert, �Das geistliche Alphabet� etwa, Johannes Klimakos, Efrem Sirin oder das �V�terbuch von Neu-Ararat�, aber dieses Mal habe ich mich mit Sinn und Verstand auf die Suche gemacht.</p><p>Und siehe da, am zweiten Tag, also gestern, habe ich ein Buch aus dem Jahre 1747 gefunden, eine �bersetzung aus dem Lateinischen: ��ber die Beschw�rung der guten Geister und die Bezwingung der b�sen Geister.� Ich fing an zu lesen und erschauerte! Genau das, was ich brauche! Ganz genau! (Dieser Zufall ist �brigens ein weiterer Beweis f�r die Existenz der mystischen Dimension.)</p><p>In diesem alten Buch steht schwarz auf wei� geschrieben: �Und wenn der k�rperlose Geist da, wo das K�rperliche ist� (modern ausgedr�ckt, das Materielle), �ein Zeichen von sich hinterl�sst, dann ist dieses Zeichen wie ein Schwanz, an dem man den Geist packen und aus der K�rperlosigkeit in die Welt ziehen kann.� Die weitschweifigen, naiven Ausf�hrungen �ber die Fehlerhaftigkeit des Satans, der sich im Unterschied zum allgegenw�rtigen Herrn manchmal Vers�umnisse zuschulden kommen l�sst und deshalb besiegt werden kann und muss, werde ich hier nicht wiedergeben, sondern ich komme gleich zur Sache.</p><p>Wenn also eine Substanz, die der mystischen Dimension angeh�rt, aus Unachtsamkeit ein stoffliches Zeichen ihrer Anwesenheit in unserer materiellen Welt hinterlassen hat, dann kann dieses physische Zeichen vom Menschen benutzt werden, um das Phantom in die Welt der Stofflichkeit zu holen, die von unseren Sinnesorganen wahrgenommen wird. Das ist die Hauptsache!</p><p>Weiter wird in diesem Traktat auf mehreren Seiten ausf�hrlich dargelegt, was man dazu tun muss.</p><p>Man muss sich genau um Mitternacht, wenn die dritte Dimension sich mit den beiden anderen vereinigt und als Resulta die Transformation der Zeit stattfindet (die im irdischen Sinn innezuhalten scheint), vor das Zeichen hinstellen, das Kreuz schlagen und die magische Formel sprechen: �Komm, unreiner Geh (oder: heiliger Geist, je nach Bedarf), zu dem Zeichen, das du hinterlassen hast, gem�� der �bereinkunft von Gabriel mit den Teufel.� Dabei muss der Bittsteller v�llig nackt sein, er darf weder Ringe noch ein Brustkreuz oder irgendwelche anderen Ge genst�nde am K�rper tragen, denn jeder dieser Gegenst�nde selbst der allerkleinste, wird im Moment der Transformation um ein Vielfaches schwerer und behindert die Bewegung.</p><p>Die Formel l�sst nicht nur sofort den unachtsamen Geist von dem Bittsteller erscheinen, sie sch�tzt diesen auch vor Gefahr Und wenn der Geist trotzdem Rache nehmen will (das geschieh allerdings nur bei b�sen Geistern, w�hrend Wassilisk allem Anschein nach in die Kategorie der guten Geister geh�rt), kann man sich einfach mit den Worten: �Credo, credo, Domine!� vor den Angriff sch�tzen. (Ich nehme an, auch das einfache �Ich glaube ich glaube, Herr!� wird seinen Zweck erf�llen � es geht hier schlie�lich nicht um den Klang, sondern um den Sinn der Worte.</p><p>Ein materielles Zeichen gibt es: das Kreuz auf dem Fenster in der H�tte des Bakenw�rters. Nachts ist dort keine Menschenseele, sodass ich mit meiner Nacktheit niemanden schockiere (au�erdem kann ich zun�chst hineingehen und mich erst dann entkleiden). Die magische Formel habe ich auswendig gelernt, und das Gebet zu behalten, ist auch nicht schwer.</p><p>Versuchen wir es, Probieren geht �ber Studieren. Im schlimmsten Falle mache ich mich zum Narren � aber das ist auch nicht weiter schlimm.</p><p>Wenn es nicht gelingt, werde ich weiterforschen, wie man das Unmessbare messbar machen kann.</p><p>Heute Nacht werde ich hingehen. Behalten Sie mich nicht in schlechter Erinnerung, Vater. Wenn etwas passiert, mag in Ihren Gebeten wenigstens bisweilen erinnerlich sein</p><p>Ihr Sie liebender und verehrender</p><empty-line/><p>Aljoscha Lentotschkin</p><p>***</p><p>Man m�sse nach Neu-Ararat fahren, und zwar unverz�glich, verk�ndete der Bischof sogleich nach der Verlesung des Briefes, ohne seine Ratgeber nach ihrer Meinung zu fragen, als sei das bereits wohl durchdacht und beschlossene Sache. Im �brigen wussten Berditschewski und Pelagia anscheinend vor Best�rzung ohnehin nicht recht, was sie sagen sollten.</p><p>Daf�r hatte Mitrofani, w�hrend er auf sie wartete, bereits alles durchdacht.</p><p>�Der Junge tappt v�llig im Nebel�, sagte er. �Ich bekenne mich schuldig. Ich wollte sein Auge f�r das Geistige �ffnen, doch die Explosion war zu grell und hat ihn geblendet. Wir m�ssen Aljoscha herausholen, und sei es mit Gewalt, das ist jetzt das Allerwichtigste. Der Wunder von Neu-Ararat werden wir uns sp�ter annehmen. Jetzt bedarf es eines Mannes mit milit�rischer Mentalit�t: entschlussfreudig, ohne D�nkel, ohne zu viel Fantasie. Du, Matwej, bist dazu nicht geeignet.�</p><p>Matwej Benzionowitsch hielt sich zwar keineswegs f�r einen Mann mit milit�rischer Mentalit�t, war aber dennoch leicht gekr�nkt.</p><p>�Und wer soll das sein, Eminenz, dieser Mann ohne Fantasie?�, erkundigte er sich mit einem leicht h�hnischen Unterton, �berzeugt, der Bischof rede von sich selbst.</p><p>Die Antwort war unerwartet.</p><p>�Denk nur nicht, ich meine mich selbst. Ich bin Geistlicher, und es k�nnte sein, dass ich gegen�ber mystischen Eindr�cken nicht gen�gend gefeit bin. Wenn schon Lentotschkin nicht standhalten konnte . . .� Mitrofani sch�ttelte den Kopf, als wundere er sich erneut dar�ber, auf welch t�nernen F��en Aljoschas Nihilismus stand. �Lagrange wird fahren.�</p><p>Diese Wahl war auf den ersten Blick nicht weniger �berraschend als die vorherige Entscheidung des Bischofs, in einer innerkirchlichen Angelegenheit einen atheistischen J�ngling zu entsenden.</p><p>Das hei�t, einerseits mochte der Sawolshsker Polizeimeister Felix Stanislawowitsch Lagrange allein aufgrund seines Amte ein durchaus angemessener Kandidat f�r die Durchf�hrung einer schnellen, entschlossenen Operation sein, aber dies nur wenn man den Hintergrund nicht kannte. Es war n�mlich so dass der Herr Oberst vom Bischof als S�nder angesehen wurde und auf dessen Dr�ngen hin noch vor kurzem wegen einiger abenteuerlicher Handlungen beinahe vor Gericht gekommen w�re. Letzthin jedoch war Lagrange so gut wie vergeben worden, und er hatte sogar angefangen, beim Bischof zur Beichte zu gehen. Man muss annehmen, dass hier wieder einmal der bereit; erw�hnte Ehrgeiz des Bischofs zum Tragen kam, der weniger daran interessiert war, ein Hirte f�r lichte Seelen zu sein, als vielmehr an die Seelen der Verstockten und Tauben zu klopfen</p><p>Matwej Benzionowitsch wollte den Mund �ffnen, um zu widersprechen, schloss aber seine Lippen sogleich wieder. Ihn war eingefallen, dass die Wahl auf den zweiten Blick gar nicht so schlecht war, weil . . . Doch davon fing der Bischof gerade selbst an:</p><p>�Felix Stanislawowitsch kommt zwar zu mir zur Beichte, doch er macht das so, wie er zum Postenstehen oder zur Wachabl�sung antritt, als erf�lle er die Vorschriften eines Reglements. Er rapportiert mir in allen Einzelheiten, wie oft er Mutterfl�che gebraucht und bei welchen unanst�ndigen Frauenzimmern er sich aufgehalten hat, und wenn er die Vergebung der S�nden erh�lt, klirrt er mit den Sporen, macht rechtsum kehrt und Abmarsch. Er geh�rt zu jenen seltenen Menschen, denen der Glaube zu �berhaupt nichts dient. �brigens�, l�chelte Mitrofani, �w�re der Oberst gewiss sehr gekr�nkt, wenn ihr jemand einen Materialisten nennen w�rde, er w�rde demjenigen wohl eins aufs Maul geben. Er ist ein zuverl�ssiger Soldat auf sein Polizeigesch�ft versteht er sich, und er ist ein tapferer Kerl, wie es nicht viele gibt. Ich lasse ihn morgen rufen und bitte ihn zu fahren � er wird es mir nicht abschlagen.�</p><p>So verfuhr der Bischof dann auch: Er lie� den Polizeimeister rufen und instruierte ihn, worauf es diesem selbstredend nicht in den Sinn kam, sich zu widersetzen � er kam dem Wunsch des Bischofs ebenso widerspruchslos nach, wie er einen Befehl vom Gouverneur oder vom Direktor des Polizeidepartements entgegengenommen h�tte. Er versprach, gleich am n�chsten Morgen die dienstlichen Angelegenheiten seinem Stellvertreter zu �bergeben und sich auf den Weg zu machen.</p><p>Doch noch vor seiner Abreise brachte ein Sonderkurier am Abend einen neuen Brief aus Ararat, der den Bischof, Berditschewski und Pelagia vollkommen ersch�tterte, auch wenn er gleichzeitig vieles erkl�rte.</p><p>Aber wozu den Inhalt mit eigenen Worten wiedergeben, da kommt es nur zu Missverst�ndnissen. Hier ist es, dieses Dokument. Wie hei�t es so sch�n � kein Kommentar.</p><p>Ehrw�rdige Eminenz,</p><p>ich bin nicht sicher, ob Sie genau derjenige sind, an den dieser Brief zu richten w�re, doch niemand hier kennt den Wohnort oder die Familienverh�ltnisse des jungen Mannes, der im Hotel �Arche Noah� in Neu-Ararat unter dem Namen Alexej Stepanowitsch Lentotschkin abgestiegen ist. In dem Zimmer, in dem er logierte, wurde auf dem Tisch ein Umschlag mit der Aufschrift �An den Ehrw�rdigsten Vater Mitrofani, Bisch�fliche Residenz, Sawolshsk� gefunden, und daneben lag ein leeres Blatt Papier, als habe Lentotschkin beabsichtigt, Ihnen einen Brief zu schreiben, sein Vorhaben aber nicht mehr ausf�hren k�nnen. Deshalb wende ich mich auch an Sie, Eminenz, in der Hoffnung, dass Sie diesen J�ngling kennen, seine Verwandten von dem Ungl�ck, das ihn getroffen hat, in Kenntnis setzen und mir eventuell Einzelheiten aus seinem fr�heren Leben mitteilen k�nnen, was f�r die Wahl der richtigen Heilmethode �u�erst wichtig ist.</p><p>Herr Lentotschkin (wenn das sein richtiger Name ist) leidet a) einer extremen Form geistiger Verwirrung, die es nicht zul�sst dass man ihn von der Insel wegbringt. Heute bei Morgengrauen suchte er Zuflucht in meiner psychiatrischen Heilanstalt, wobei er sich in einem solch beklagenswerten Zustand befand, dass ich gezwungen war, ihn bei mir zu behalten. Fragen beantwortet er nicht, er murmelt nur fortw�hrend vor sich hin: �Credo, credo Domine�, und von Zeit zu Zeit h�lt er wie im Fieberwahn verworrene, sinnlose Monologe. Die �berf�hrung des Kranken an einen anderen Ort ist augenscheinlich nicht zweckm��ig, zudem ist der Charakter seiner Manie f�r mich als Medicus interessant. Ich nehme an, Sie haben von meiner Klinik geh�rt, doch m�glicherweise wissen Sie nicht, dass ich bei weitem nicht jede geistige Verwirrung behandle, sondern lediglich solche, die von der psychiatrischen Wissenschaft bislang noch nicht hinreichend untersucht sind. Der Fall Lentotschkin ist ein solcher.</p><p>Ich werde Sie nicht mit den traurigen Einzelheiten belasten weil ich nicht ganz sicher bin, dass Sie meinen neuen Patienten kennen. Wenn man die religi�se Thematik seiner (unverst�ndlichen und nahezu zusammenhanglosen) Fieberfantasien bedenkt, k�nnte man leicht vermuten, dass Lentotschkin die Absicht hatte, dem Bischof des Gouvernements zu schreiben, so wie einige meiner Sch�tzlinge eben Seiner Majest�t dem Zaren, den Papst oder dem Kaiser von China schreiben.</p><p>Wenn Sie aber nichtsdestotrotz wissen, wie man sich mit der Verwandten von Lentotschkin in Verbindung setzen kann, dann tun sie dies eilends. Aus Erfahrung wei� ich, dass der Zustand dieser Kranken, von seltenen Ausnahmen abgesehen, sich sehr rasch verschlechtern und alsbald zum Tode f�hren kann.</p><p>Ich verbleibe der respektvolle Diener</p><empty-line/><p>Eurer Ehrw�rdigen Eminenz,</p><empty-line/><p>Donat Sawwitsch Korowin, Doktor der Medizin</p></section><section><title><p>DIE ZWEITE EXPEDITION</p><p>Abenteuer eines Tapferen</p></title><p>Im Zusammenhang mit dieser neuen, betr�blichen Wendung der Ereignisse (es ist verwunderlich, dass derart kluge K�pfe sie nicht vorhergesehen haben), kam erneut der Streit auf, wer nach Ararat fahren sollte. Letzten Endes beharrte der Bischof auf seiner bereits getroffenen Entscheidung, und der Polizeimeister wurde nach Neu-Ararat geschickt, obgleich dem ein scharfes Wortgefecht zwischen Vater Mitrofani und Schwester Pelagia vorausging � Matwej Benzionowitsch bewahrte in Bezug auf Lagrange Neutralit�t und schwieg daher meistenteils.</p><p>Das Wortgefecht entz�ndete sich am gordischen Knoten. Es begann damit, dass der Bischof Oberst Lagrange mit dem tatkr�ftigen Alexander verglich, der den t�ckischen Knoten, als er ihn nicht l�sen konnte, einfach mit einem Schwert durchhieb und so die schwierige Situation hervorragend meisterte. Genauso w�rde nach Meinung des Bischofs auch Lagrange handeln, der als Soldat angesichts einer verzwickten Aufgabe nicht passen, sondern diese frontal angehen w�rde, was sich in einer so ungew�hnlichen Angelegenheit als das wirksamste Mittel heraussteilen mochte.</p><p>��berhaupt scheint mir�, bemerkte der Bischof, �je komplizierter und verwirrender die Lage, desto einfacher ist der Ausweg.�</p><p>�Da t�uschen Sie sich aber, Vater!�, rief Pelagia in h�chster Aufregung. �Welche gef�hrlichen Worte Sie da aussprechen! Wenn Sie, der weiseste und g�tigste Mensch, den ich kenne, dieser Meinung sind, was soll man da von den irdischen F�hrern erwarten, die ohnehin bei der kleinsten Schwierigkeit geneigt sind, zum Schwert zu greifen? Den gordischen Knoten mit einem Hieb zu zerteilen ist kein gro�es Verdienst, das k�nnte jeder Narr. Aber nach Alexanders Heldentat gab es ein Wunder weniger auf der Welt!�</p><p>Mitrofani wollte widersprechen, aber die Nonne wehrte mit den H�nden ab, woraufhin der Seelenhirte seine geistliche Tochter verwundert anstarrte, denn noch nie hatte er ihrerseits eine solche Respektlosigkeit erlebt.</p><p>�Es gibt keine einfachen Auswege aus schwierigen Situationen! Begreifen Sie das doch!�, ereiferte sich die Nonne. �Ihre Soldaten k�nnen nur immer alles zerst�ren und verderben! Wo Takt, Vorsicht und Geduld vonn�ten w�ren, kommen sie mit ihren Stiefeln, S�beln und Kanonen und richten ein solches Chaos an, dass man nachher lange damit zu tun hat, alles wieder heil zu machen, zu flicken und auszubessern.�</p><p>Der Bischof fragte verwundert:</p><p>�Was denn, braucht man deiner Meinung nach �berhaupt keine Soldaten?�</p><p>�Aber sicher doch! Wenn der Gegner einf�llt und das Vaterland verteidigt werden muss, sind Soldaten notwendig. Etwas anderes aber darf man ihnen nicht anvertrauen! Keine zivilen und erst recht keine geistlichen Angelegenheiten! Doch bei uns in Russland wird Soldaten ja alles M�gliche aufgetragen! Um in einem diffizilen Mechanismus etwas in Ordnung zu bringen, ist der S�bel ein ungeeignetes Instrument. Und Ihren Oberst nach Ararat zu schicken, das hei�t, einen Elefanten in einen Porzellanladen zu stecken!�</p><p>�Na und?� Mitrofani, der sich f�r den milit�rischen Stand gekr�nkt f�hlte, schnitt ihr das Wort ab. �Hannibal hat mit seinen Elefanten die Alpen �berquert! Ja, Felix Stanislawowitsch wird keine besondere Nachsicht �ben. Er wird die Inseln auf den Kopf stellen, aber er wird den �belt�ter ergreifen, der Aljoscha ins Irrenhaus gebracht hat! Gespenst oder nicht, Lagrange ist das einerlei. Und damit Schluss. Geh jetzt, Pelagia. Mein Entschluss steht fest.�</p><p>Er wandte sich ab und segnete die Nonne nicht einmal zum Abschied, so erbost war er.</p><p>***</p><p>Auf dem Oberdeck des Raddampfers �Heiliger Wassilisk�, dessen Schaufeln gesch�ftig das dunkle Wasser des Blauen Sees durchpfl�gten, stand ein stattlicher, wohl gebauter Herr in einem karierten Dreiteiler, wei�en Gamaschen und englischer Schirmm�tze mit Ohrenklappen, der interessiert sein Spiegelbild in der Fensterscheibe einer Kabine betrachtete. Das Panorama der vom Abendnebel �berzogenen Bucht und der blinkenden Lichter von Sineosjorsk reizte den Passagier nicht, er wandte dieser poetischen Landschaft den R�cken zu. Er drehte sich hin und her, um zu pr�fen, ob sein Jackett gut sa�, strich �ber seinen vortrefflich gezwirbelten Schnurrbart und war zufrieden. Selbstredend w�re eine blaue, goldbetresste Uniform hundertmal besser, �berlegte er, doch ein richtiger Mann bietet auch in Zivil keinen �blen Anblick.</p><p>Er konnte sich nicht weiter bewundern, weil in der Kabine das Licht eingeschaltet wurde. Zun�chst durchschnitt ein schmaler Streifen die Dunkelheit, der sich schnell zu einem hellen Rechteck vergr��erte, in dem sich eine Silhouette abzeichnete; dann verschwand das Rechteck (die T�r zum Gang war geschlossen worden), und in der n�chsten Sekunde flammte die Gaslampe auf. Eine anziehende junge Dame nahm die Hand vom Schalter, setzte den Hut ab und betrachtete sich zerstreut im Spiegel.</p><p>Der schnurrb�rtige Passagier dachte gar nicht daran, sich zu entfernen � im Gegenteil, er trat noch n�her an die Fensterscheibe heran und musterte die schlanke Gestalt der Dame mit aufmerksamem Kennerblick.</p><p>Da wandte die Bewohnerin der Kabine sich schlie�lich zum Fenster, und als sie den hereinsp�henden Herrn bemerkte, flogen ihre Augenbrauen in die H�he, und ihre Lippen bewegten sich � man muss annehmen, dass sie �Ach!� oder etwas in der Art ausrief.</p><p>Der gut aussehende Mann war keineswegs verlegen, sondern zog galant seine Schirmm�tze und verbeugte sich. Die Dame bewegte erneut lautlos die Lippen, dieses Mal l�nger, und die Bedeutung der von au�en nicht zu h�renden Worte lie� sich wiederum ohne Schwierigkeit erraten: �Was w�nschen Sie, mein Herr?�</p><p>Anstatt zu antworten oder sich zu entfernen, klopfte der Passagier mit dem Fingerkn�chel fordernd an die Scheibe. Als die Reisende, neugierig geworden, das Fenster ein wenig �ffnete, sagte der Herr mit klarer, wohlklingender Stimme:</p><p>�Felix Stanislawowitsch Lagrange. Verzeihen Sie meine Direktheit, Madame, ich bin Soldat, aber bei Ihrem Anblick hatte ich pl�tzlich das Gef�hl, als sei au�er uns beiden niemand mehr auf diesem Schiff. Nur Sie und ich, und weiter keine Menschenseele. Ist das nicht eigenartig?�</p><p>Die Dame err�tete und wollte schweigend das Fenster schlie�en, doch nach einem n�heren Blick auf das angenehme Gesicht des Soldaten und besonders auf seine runden, h�chst erwartungsvollen Augen schien sie es sich unversehens anders zu �berlegen, und der Moment, Unbeugsamkeit zu zeigen, war verpasst.</p><p>Bald darauf sa�en der Oberst und seine neue Bekannte im Salon bei den Pilgern (alles ausnehmend schickliche Leute), wo sie Bowle tranken und plauderten.</p><p>Eigentlich redete vor allem Natalja Henrichowna (so hie� die Dame), w�hrend der Polizeimeister den Mund praktisch nicht aufmachte, weil das im Fr�hstadium einer Bekanntschaft �berfl�ssig ist � er zeigte lediglich ein r�tselhaftes L�cheln in seinem parf�mierten Schnurrbart und warf seiner Gespr�chspartnerin schmachtende Blicke zu.</p><p>Die sanft err�tete Dame, Gattin eines Petersburger Zeitungsverlegers, erz�hlte, sie sei ersch�pft vom hektischen Leben der Hauptstadt und habe beschlossen, ihre Seele zu reinigen, weshalb sie nun unterwegs sei zur heiligen Insel.</p><p>�Wissen Sie, Felix Stanislawowitsch, im Leben kommt pl�tzlich der Moment, da man sp�rt, dass es so nicht weitergehen kann�, gestand Natalja Henrichowna. �Dann muss man innehalten, sich umsehen, der Stille lauschen und erkennen, was f�r einen selbst das Wichtigste ist. Daher bin ich allein unterwegs � um zu schweigen und zu lauschen. Und um den Herrn um Verzeihung zu bitten f�r alle gewollten und ungewollten Verfehlungen. Verstehen Sie mich?�</p><p>Der Oberst hob viel sagend die Augenbrauen: O ja!</p><p>Eine Stunde sp�ter machten sie einen Spaziergang an Deck, und Lagrange, der seine Gef�hrtin vor dem k�hlen Wind sch�tzte, verringerte die Distanz zwischen seiner m�nnlichen Schulter und der zarten Schulter von Natalja Henrichowna auf ein Minimum.</p><p>Als der �Heilige Wassilisk� die schmale Einfahrt der Bucht hinter sich lie� und in die schwarze Weite hinausfuhr, wurde der Wind pl�tzlich heftig, w�tende, wei� gez�hnte Wellen klatschten gegen das Schiff, und der Oberst musste die Dame hin und wieder umfassen, wobei seine Hand mit jedem Mal l�nger auf der biegsamen Taille verweilte.</p><p>Die Matrosen, alles M�nche in hochgesch�rzten Leibr�cken, rannten �ber das Deck, zurrten die tanzenden Rettungsboote fest und murmelten dabei Gebete vor sich hin. Auf der Br�cke war die massive Gestalt des Kapit�ns zu sehen, der ebenfalls eine Kutte trug, aber noch mit einer Ledersch�rze angetan war und einen breiten Lederg�rtel um die H�ften gewunden hatte. Mit heiserer Bassstimme br�llte der Kapit�n in sein Sprachrohr:</p><p>�Porfiri, gleich kriegst du Salb�l ins Maul! Gib zwei Schlag zu!�</p><p>Am Heck, wo der Wind weniger w�tete, hielten die Spazierg�nger inne. Natalja Henrichowna lie� ihren Blick �ber die endlosen aufgew�hlten Wasser und den tief h�ngenden schwarzgrauen Himmel schweifen und erzitterte.</p><p>�Mein Gott, wie entsetzlich! Als seien wir in ein Loch zwischen Zeit und Raum gefallen!�</p><p>Lagrange verstand: Es war Zeit, die Attacke an der ganzen Front zu beginnen. Eine ver�ngstigte Frau war das gleiche wie ein unter Kart�tschenbeschuss zitternder Feind.</p><p>Er f�hrte einen gl�nzenden Angriff. Er wechselte zu einem tiefen, vibrierenden Bariton und sagte:</p><p>�Im Grunde bin ich ungeheuer einsam. Und manchmal, wissen Sie, verlangt es mich so nach Verst�ndnis, nach W�rme und . . . Z�rtlichkeit, ja, ja, ganz gew�hnlicher menschlicher Z�rtlichkeit.�</p><p>Er senkte seine Stirn auf die Schulter der Dame, wof�r er leicht die Knie beugen musste, und seufzte tief.</p><p>�Ich . . . Daf�r bin ich nicht nach Ararat gekommen�, fl�sterte Natalja Henrichowna verwirrt} sie schien seinen Kopf zur�ckschieben zu wollen, fuhr aber gleichzeitig mit den Fingern durch Felix Stanislawowitschs dichtes Haar. �Ich wollte keine neuen S�nden begehen, sondern um Vergebung f�r die alten bitten . . .�</p><p>�So bitten Sie eben um Vergebung f�r alles zusammen.� Damit f�hrte der Oberst ein in seiner Logik nicht zu widerlegendes Argument an.</p><p>Nach weiteren f�nf Minuten k�ssten sie einander in der dunklen Kabine � vorl�ufig noch romantisch, doch die Finger des Polizeimeisters tasteten bereits nach den Kn�pfen an Natalja Henrichownas Kleid und �ffneten ganz sacht den obersten.</p><p>Mitten in der Nacht erwachte Felix Stanislawowitsch von einem starken Ruck, er st�tzte sich auf den Ellbogen und erblickte dicht neben sich die erschrockenen Augen einer Frau. Obgleich die schmale Koje nicht f�r zwei gedacht war, hatte der Oberst, wie immer �brigens, ausgezeichnet geschlafen, und wenn er jetzt erwacht war, so bedeutete dies, dass es sich tats�chlich um einen ernsthaften Sto� gehandelt haben musste.</p><p>�Was war das?�, Lagrange war so schlaftrunken, dass er sich nicht erinnerte, wo er sich befand, doch er blickte sogleich zur T�r. �Ihr Mann?�</p><p>Die Dame (wie hie� sie blo� noch?) hauchte ganz leise:</p><p>�Wir sinken . . .�</p><p>Der Oberst sch�ttelte den Kopf und erwachte nun endg�ltig. Er h�rte das W�ten des Sturms und sp�rte die Ersch�tterung des Schiffsrumpfs � es war eigenartig, dass die Liebenden noch nicht aus dem Bett geschleudert worden waren.</p><p>�Ihr Fleisch fressenden Missgeburten!�, lie� sich irgendwo von oben das Gebr�ll des Kapit�ns vernehmen. �Sodomistische Sadduz�er! Der Moloch soll euch Nattern verschlingen!�</p><p>Von �berall her, von drau�en wie vom Unterdeck, erschollen nun die verzweifelten Schreie und das Schluchzen der ver�ngstigten Passagiere.</p><p>Natalja Henrichowna (so hie� sie) erkl�rte im Brustton der �berzeugung:</p><p>�Das gilt mir, meiner Schmach! Das ist die Strafe f�r den S�ndenfall auf dem Weg ins heilige Kloster.�</p><p>Sie fing bitterlich und verzweifelt an zu weinen.</p><p>Lagrange t�tschelte beschwichtigend ihre feuchte Wange und kleidete sich mit milit�rischer Eile an.</p><p>�Wohin wollen Sie?�, rief die Pilgerin entsetzt, doch da schlug auch schon die T�r zu. In drei�ig Sekunden war der Polizeimeister bereits an Deck.</p><p>Er hielt seine Schirmm�tze fest, die schon davonfliegen wollte, und taxierte im Handumdrehen die Situation. Es war wie in einem Wasserklosett.</p><p>Der Kapit�n rannte auf der Kommandobr�cke umher und versuchte vergeblich, das halbe Dutzend Matrosen, das auf den Knien lag und betete, zum Aufstehen zu bewegen. Felix Stanislawowitsch h�rte: �In Deiner Gnade suchen wir Zuflucht, Heilige Mutter Gottes . . .� Das Steuerrad auf der Kommandobr�cke wirbelte wie betrunken hin und her, das Schiff schlingerte durch die tosenden Wellen und trieb richtungslos dahin.</p><p>Lagrange st�rzte zum Kapit�n und fragte: �Warum haben Sie das Steuer losgelassen, Nachimow?�</p><p>Der Kapit�n fuhr mit seiner riesigen Pranke durch die Luft.</p><p>�Weil ich es alleine nicht herumrei�en kann! Dieses Schiffchen ist Pfusch, bei schwerem Seegang kann es den Kurs nicht halten! Ich habe es dem Archimandriten gesagt! Dieser Kahn ist gemacht, um Damen auf der Newa umherzuschippern, aber nicht f�r das Blaue Meer! Wir treiben auf den Teufelsstein zu, dort gibt es Sandb�nke!�</p><p>In diesem Moment lief ein Ruck durch das Schiff, und es blieb stehen wie aufgebockt. Beide, der Polizeimeister wie der Kapit�n, flogen gegen die Wand und fielen beinahe zu Boden. Das Schiff rutschte ein wenig und begann dann, sich langsam um die eigene Achse zu drehen.</p><p>�Es ist vorbei, wir sind aufgelaufen!�, schrie der Kapit�n verzweifelt. �Wenn es uns jetzt nicht gelingt, den Bug zu drehen, haben wir in einer Viertelstunde Schieflage, und dann sind wir verloren! Ach, diese stinkenden B�cke!� Er schwenkte den Arm in Richtung seiner betenden Mannschaft. �Man m�sste ihnen ordentlich die Schnauze polieren, aber ich darf nicht, ich habe Gewaltlosigkeit gelobt!�</p><p>Felix Stanislawowitsch runzelte konzentriert die Stirn.</p><p>�Und wenn wir ihnen die Schnauze polieren, was dann?�</p><p>�Alle gemeinsam m�ssen sich in die Trossen legen, dann k�nnten wir es schaffen. Ach, was machen wir jetzt nur?�</p><p>Der Kapit�n schlug die H�nde zusammen, fiel ebenfalls auf die Knie und begann n�selnd zu sprechen:</p><p>�Nimm hin, o Herr, die Seele Deines Sklaven, in Dich, unseren Herrn und Sch�pfer und Gott, legen wir all unsere Zuversicht . . .�</p><p>�In die Trossen legen?�, fragte der Oberst eifrig. �Das haben wir gleich.�</p><p>Er trat zu dem am n�chsten knienden M�nch, beugte sich nieder zu ihm und sagte vertraulich:</p><p>�Na, na, stehen Sie auf, Vater, sonst drehe ich Ihnen das heilige Abendmahl im Magen herum.�</p><p>Der betende M�nch schenkte der Warnung kein Geh�r. Da packte Felix Stanislawowitsch ihn, stellte ihn mit einer ruckartigen Bewegung auf die Beine und erf�llte seine grimmige Absicht im Handumdrehen. Er lie� den heiligen Mann vor Verbl�ffung rote Suppe mit Einlage ausspeien und nahm sich sogleich den zweiten vor. Keine Minute war vergangen, und alle Matrosen an Deck waren in v�llige Subordination gebracht.</p><p>�Wo muss man jetzt hier ziehen?�, erkundigte sich Lagrange beim Kapit�n, der angesichts von so viel Organisationstalent erstarrt war.</p><p>Und alles ging gut, der Herr war gn�dig, alle Matrosen legten sich mit ihrem ganzen Gewicht gemeinsam in die Trossen, der Bug des Schiffes wurde gewendet, und niemand ertrank.</p><p>***</p><p>Bevor sie auseinander gingen, als das Schiff bereits an der Anlegestelle von Neu-Ararat lag, hielt Bruder Jonas (so hie� der Kapit�n) Felix Stanislawowitschs Hand noch lange in seiner eisernen Pranke.</p><p>�Geben Sie Ihren Dienst auf�, dr�hnte Jonas, w�hrend er den Oberst mit seinen klaren blauen Augen, die sich in dem breiten, derben Gesicht erstaunlich ausnahmen, unverwandt anblickte. �Kommen Sie zu mir als Obermaat. Sie w�ren wahrhaftig ein guter Seemann. Hier auf dem Blauen Meer ist es sehr interessant, das haben Sie selbst erlebt. Und gleichzeitig k�nnen Sie Ihre Seele retten.�</p><p>�Vielleicht in Bezug auf die Damen an Bord�, �berlegte der Polizeimeister, w�hrend er �ber seinen Schnurrbart strich, denn in dem Moment trat Natalja Henrichowna ans Fallreep, die eine strengere Miene aufgesetzt und das leichtsinnige H�tchen gegen ein schlichtes schwarzes Tuch eingetauscht hatte. Ein Gep�cktr�ger schleppte einen ganzen Berg von Koffern, Reisetaschen und Schachteln hinter ihr her und brachte es fertig, diese ganze Cheops-Pyramide auf dem Kopf zu balancieren. Die Pilgerin blieb stehen, bekreuzigte sich und verbeugte sich tief vor der pr�chtigen Stadt � besser gesagt, vor ihrer erleuchteten Uferstra�e, denn von Neu-Ararat selbst war nichts zu sehen, weil es bereits dunkel war. Das Schiff hatte einen halben Tag auf der Sandbank festgesteckt, als man auf einen Schlepper wartete, und die Insel daher mit gro�er Versp�tung und erst nach Einbruch der Dunkelheit erreicht.</p><p>Lagrange verneigte sich galant vor der Gef�hrtin seines romantischen Abenteuers, aber diese war offenbar bereits so sehr auf Erleuchtung und Reinigung der Seele eingestellt, dass sie ihm nicht einmal den Kopf zuwandte, sondern einfach an ihm vorbeischritt.</p><p>Ach, die Frauen, l�chelte Felix Stanislawowitsch, der genau wusste, wie segensreich die weibliche Psyche eingerichtet war, und das sehr sch�tzte.</p><p>�Gut, Vater, wir sehen uns, wenn ich zur�ckfahre. Ich nehme an, das wird in ein oder zwei Tagen sein, wohl kaum sp�ter. Was meinen Sie, wird sich das Wetter bis dahin beruhi . . .�Er drehte sich wieder zum Kapit�n um, sprach aber nicht weiter, weil Bruder Jonas irgendwohin zur Seite blickte und sein Gesicht verbl�ffend verwandelt war: Es war gleichzeitig entz�ckt und best�rzt, als h�re der wackere Kapit�n den unheilvollen Gesang der Sirenen oder als erblicke er eine �ber das Wasser wandelnde Jungfrau, was Seefahrern Erfolg verhei�t und sie allen Kummer vergessen l�sst.</p><p>Lagrange folgte der Blickrichtung des seltsam verstummten Kapit�ns und entdeckte in der Tat eine geschmeidige, m�dchenhafte Silhouette, die aber nicht �ber schaumbedeckte Wellenk�mme glitt, sondern reglos unter einer Laterne am Anleger stand. Die junge Dame winkte Jonas gebieterisch mit dem Finger heran, und mit somnambulen Gang schritt dieser zum Fallreep, ohne sich noch einmal nach seinem k�nftigen Obermaat umzusehen.</p><p>Felix Stanislawowitsch, seinem Charakter und seinem Amt nach ein neugieriger Mensch und zudem als feurige Natur nicht unempfindlich gegen�ber weiblicher Sch�nheit, packte seine gelbe Reisetasche aus patentiertem Schweinsleder, um sich dem Kapit�n verstohlen an die Fersen zu heften, oder vielmehr, wie es die Seeleute ausdr�cken, in seinem Kielwasser zu segeln. Instinkt und Erfahrung sagten dem Oberst, dass die junge Dame mit der wunderbaren Figur und der selbstbewussten Haltung bestimmt ein sch�nes Gesicht hatte. Er musste sich einfach Gewissheit verschaffen!</p><p>�Guten Tag, Lidia Jewgenjewna�, brummte Jonas sch�chtern, w�hrend er auf die Unbekannte zuging.</p><p>Diese streckte ihm herrisch ihre in einen langen, grauen Handschuh geh�llte Hand hin � doch wie sich herausstellte nicht zum Kuss, und auch nicht, um ihm die Hand zu sch�tteln.</p><p>�Haben Sie es mitgebracht?�</p><p>Der Kapitan zog etwas ganz Kleines aus seiner M�nchskutte hervor und legte es in die schmale Hand, doch was genau es war, konnte der Oberst nicht sehen, weil die junge Dame ihm in diesem Moment den Kopf zuwandte und mit einer raschen Bewegung ihren Schleier ein wenig l�ftete � offensichtlich, um den Unbekannten besser betrachten zu k�nnen. Daf�r reichten ihr zwei, h�chstens drei Sekunden, aber dieser fl�chtige Augenblick war f�r Lagrange genug, um zu erstarren.</p><p>Oho!</p><p>Der Polizeimeister griff sich mit der Hand an seinen engen Kragen. Diese gro�en, unergr�ndlichen, seltsam flimmernden Augen! Diese ausgepr�gten Wangenknochen! Die geschwungenen Wimpern! Der traurige Schatten auf den wehrlosen Lippen! Zum Teufel auch!</p><p>Mit der Schulter stie� Lagrange Bruder Jonas, der wie ein Auerochse dastand, beiseite und l�pfte seine Schirmm�tze.</p><p>�Gn�dige Frau, ich bin zum ersten Mal hier, ich kenne niemanden und wei� nichts von der Stadt. Ich m�chte mich vor den Heiligt�mern verneigen. Helfen Sie einem Mann, der viel und schwer gelitten hat. Raten Sie dem reuigsten aller S�nder, wohin er seine Schritte zuerst lenken soll. Zum Kloster? Zur Wassilisk-Einsiedelei? Oder vielleicht in eine Kirche? Im �brigen, gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Felix Stanislawowitsch Lagrange, Oberst, vormals Kavallerist.�</p><p>Das Gesicht der Sch�nen war bereits wieder von dem federleichten Schleier verh�llt, doch unter dessen Rand war zu sehen, wie sich der reizende Mund zu einer geringsch�tzigen Grimasse verzog.</p><p>Die junge Dame, die der Kapit�n mit Lidia Jewgenjewna angesprochen hatte, schenkte der raffinierten, psychologisch untadeligen Approche des Polizeimeisters keinerlei Beachtung, verbarg das kleine Etwas in ihrem Ridik�l, wandte sich gr�zi�s um und ging von dannen.</p><p>Bruder Jonas stie� einen tiefen Seufzer aus, und Lagrange fing an zu blinzeln. Das war unerh�rt! Zuerst hatte ihn die Petersburger Ziege nicht einmal einer Verabschiedung gew�rdigt, und jetzt auch noch diese Erniedrigung!</p><p>Beunruhigt zog der Oberst einen praktischen kleinen Spiegel aus der Westentasche, um zu pr�fen, ob vielleicht mit seinem Gesicht etwas nicht in Ordnung sei � ein pl�tzliches nerv�ses Ekzem etwa, ein Pickel oder, Gott bewahre, ein Popel, der ihm aus der Nase hing? Doch nein, sein �u�eres � das m�nnliche Kinn, der energische Mund, der pr�chtige Schnurrbart und die ebenm��ige, vollkommen saubere Nase � war so sch�n und angenehm anzusehen wie immer.</p><p>Ein Idiot mit Baskenm�tze, nicht besonders gro�, aber mit einer riesigen dunklen Brille, verdarb dem Oberst endg�ltig die Laune. Der Mann versperrte Lagrange den Weg, hantierte aus irgendeinem Grund an der Fassung seiner Clown-Brille und brummte dazu:</p><p>�Vielleicht dieser hier? Rot � das ist gut, das ist m�glich. Aber der Kopf! Himbeerrot! Nein, nicht geeignet!� Und dann �berschritt er vollends die Grenzen anst�ndigen Benehmens, indem er erbost mit den Armen vor dem Oberst herumfuchtelte. �Gehen Sie, gehen Sie! Was stehen Sie hier herum? Eine Eiche? Eine Stirn aus Gusseisen!�</p><p>Was f�r ein St�dtchen!</p><p>***</p><p>Die �Arche Noah�, �ber die Felix Stanislawowitsch vom Bischof geh�rt hatte, war abgesehen von den Preisen in jeder Hinsicht ein gutes Hotel. Wo gibt es denn so etwas � sechs Rubel f�r ein Zimmer? Der Oberst hatte selbstredend eine gewisse Summe aus der pers�nlichen Schatulle des Bischofs erhalten, die zur Bezahlung selbst einer so verschwenderischen Unterkunft v�llig ausgereicht h�tte, doch der Polizeimeister legte die Findigkeit an den Tag, die ihm �berhaupt in h�chstem Ma�e eigen war: Er schrieb sich im G�stebuch des Hotels ein und bekundete die feste Absicht, das Zimmer f�r mindestens drei Tage zu mieten, blieb aber dann unter dem Vorwand, die Aussicht gefalle ihm nicht, doch nicht in der �Arche�, sondern suchte sich ein g�nstigeres Obdach. Das Hotel �Zuflucht der Dem�tigen� verlangte von den G�sten nur einen Rubel pro Zimmer, das hei�t, es blieben f�nf Rubel Reinerl�s pro Tag. Vater Mitrofani geh�rte nicht zu denen, die sich mit Kleinigkeiten aufhalten, und sollte eines Tages der Revisor des Konsistoriums seine Nase in die Abrechnung stecken, dann bitte sehr, hier haben Sie den Beweis � F. S. Lagrange hat sich im G�stebuch der �Arche Noah� eingetragen, und alles �brige sind alberne Mutma�ungen.</p><p>Nachdem der Polizeimeister die Nacht in einem winzigen Zimmer mit Aussicht auf die blinde Ziegelmauer der kl�sterlichen Fischr�ucherei verbracht hatte, trank er am Morgen Tee, um dann unverz�glich zur Rekognoszierung zu schreiten. Die Informationen, die der Bischof von Alexej Stepanowitsch Lentotschkin erhalten hatte, bedurften einer allseitigen, sorgf�ltigen �berpr�fung, da sie wirklich in jeder Hinsicht Zweifel hervorriefen, in erster Linie, was die Pers�nlichkeit des Emiss�rs selbst betraf, den der Oberst ein wenig kannte und den er bei sich nie anders nannte als �der junge H�pfer�. Nicht genug damit, dass dieser ein leichtsinniges, verantwortungsloses Subjekt war, das man nach seinem abscheulichen Verhalten in der Stadt K. eigentlich unter Polizeiaufsicht h�tte stellen m�ssen, � jetzt war er auch noch durchgedreht. Wer wei�, wann die Tr�bung seines Gehirns eingesetzt hatte � vielleicht hatte er ja schon bei der Ankunft in Neu-Ararat eine Meise, dann w�re ohnehin alles, was er geschrieben hatte, erstunken und erlogen.</p><p>Felix Stanislawowitsch bewaffnete sich mit einem Plan von Neu-Ararat und unterteilte die Stadt in Quadrate, die er um zwei Uhr mit offenen Ohren und Augen bereits s�mtlich durchk�mmt hatte. Was ihm auffiel, notierte er in einem eigens daf�r bestimmten kleinen Heft.</p><p>Beim Brunnen mit heilkr�ftigem Wasser unterhielten sich einige respektabel aussehende Pilger ehrw�rdigen Alters halblaut �ber die Ereignisse der vergangenen Nacht, die trotz des abnehmenden Mondes hell gewesen war.</p><p>�Er wurde wieder gesehen�, erz�hlte ein Herr im grauen Zylinder mit Trauerflor, die Stimme geheimnisvoll ged�mpft. �Psoi Timofejewitsch hat durchs Fernrohr geschaut, vom Glockenturm der Unbefleckten Empf�ngis aus. N�her hat er sich nicht herangewagt.�</p><p>�Und was hat er gesehen?�, Die Zuh�rer r�ckten n�her.</p><p>�Sie wissen schon. Ihn. Er wandelte auf dem Wasser. Dann verschwand der Mond hinter einer Wolke, und als er wieder hervorkam, war er nicht mehr da . . .�</p><p>Der Erz�hler bekreuzigte sich, und alle anderen folgten seinem Beispiel.</p><p>�Psoi Tim.�, notierte Lagrange, um den Zeugen sp�ter ausfindig machen und befragen zu k�nnen. Aber im Verlauf seiner Rekognoszierung vernahm er das Gerede �ber die gestrige Wandlung auf dem Wasser nicht nur ein � oder zweimal. Es zeigte sich, dass au�er dem unbekannten Psoi Timofejewitsch noch einige andere Wagemutige aus sicherer Entfernung die Landzunge beobachtet hatten, und sie alle hatten etwas gesehen, ja, einer behauptete obendrein, der schwarze M�nch gehe nicht einfach auf dem Wasser, sondern er schwebe �ber dem Wasser. Ein anderer hatte auf Wassilisks R�cken Fl�gel ausgemacht, mit Flugh�uten wie bei einer Fledermaus (Sie wissen schon, wer solche hat!).</p><p>Im Schnitzelrestaurant �Zum wohl gen�hrten Kalb� h�rte der Polizeimeister mit an, wie sich zwei �ltere Damen dar�ber stritten, ob es schicklich gewesen sei, die Frau des Bakenw�rters und ihr vorzeitig geborenes Kind in geweihter Erde zu bestatten, und ob dadurch nicht der Klosterfriedhof entweiht worden sei. Nicht umsonst sei er vorgestern am Zaun gesehen worden � von einer Hostienb�ckerin, die darob so erschrocken war, dass sie bis jetzt noch stotterte. Sie einigten sich darauf, dass man die Frau des Bakenw�rters h�tte begraben k�nnen, ihre ungetaufte Leibesfrucht hingegen h�tte man besser verbrennen und den Staub in alle Winde zerstreuen sollen.</p><p>Auf einer Bank an einem Platz nah beim See sa�en graub�rtige M�nche, die zu den �lteren der Bruderschaft geh�rten. In schicklichem, halblautem Ton er�rterten sie, dass jedes Zweifeln in Glaubensfragen zu Unsicherheit und Versuchung f�hre, und einer von ihnen, dem die anderen mit besonderer Aufmerksamkeit lauschten, rief dazu auf, die Wassilisk-Einsiedelei eine Zeit lang zu schlie�en, um zu sehen, ob der Schutzpatron nicht Ruhe gebe, und wenn er daraufhin mit dem Unfug aufh�re, dann bedeute das, man m�sse die Nachbarinsel als unheimlichen, m�glicherweise sogar verfluchten Ort unbewohnt lassen.</p><p>Der Oberst stand eine Zeit lang hinter der Bank und gab sich den Anschein, als bewundere er den Sternenhimmel (der Mond war an diesem Tag aus astronomischen Gr�nden nicht zu sehen). Dann schlenderte er weiter.</p><p>Er h�rte noch so allerlei. Man hatte Wassilisk bei Nacht nicht nur auf dem Wasser und beim Friedhof gesehen, sondern auch in Ararat selbst: in der N�he der abgebrannten Kosmodamian-Kirche, an der Klostermauer, in der Gethsemane-Grotte. Bei allen, denen er erschien, wies der schwarze M�nch warnend auf die Nachbarinsel.</p><p>Es zeigte sich also, dass der �junge H�pfer� in der Darlegung der Fakten keineswegs gelogen hatte. Es hatte tats�chlich gewisse Erscheinungen gegeben, deren Sinn und Bedeutung bislang nicht gekl�rt war. Die erste Aufgabe konnte mit dieser eingehenden Untersuchung als erledigt betrachtet werden.</p><p>F�r die weitere Reihenfolge der Ermittlungsarbeiten war Folgendes vorgesehen: Einholung der Aussage von Doktor Korowin und Befragung des verr�ckten Lentotschkin, nat�rlich nur, wenn dieser sich �berhaupt noch artikulieren konnte. Und danach, sobald alle vorl�ufigen Informationen zusammengestellt sein w�rden, ein Hinterhalt auf der Landzunge mit unverz�glicher Arretierung des Gespensts und Feststellung seiner Identit�t.</p><p>Kurz, es boten sich keine gro�en Schwierigkeiten. Felix Stanislawowitsch hatte schon verwickeltere Kn�uel zu entwirren gehabt.</p><p>Die Zeit war bereits fortgeschritten und f�r eine Visite in der Heilanstalt unangebracht, und der Oberst wandte sich in Richtung �Zuflucht der Dem�tigen�, wobei er den Unterhaltungen der Menschen, die ihm begegneten, nicht mehr so aufmerksam lauschte und nunmehr die Sitten und Gebr�uche in Neu-Ararat einer genauen Betrachtung unterzog.</p><p>Lagrange fand unleugbar Gefallen an der Stadt. Sauberkeit, Ruhe und Ordnung, N�chternheit. Keine Vagabunden, keine Bettler (wer w�rde sie schon aufs Schiff lassen, damit sie dann auf die Insel k�men?), keine Zerlumpten, die ein �rgernis f�rs Auge darstellen. Die einfachen Leute, die nicht dem geistlichen Stand angeh�rten � Fischer oder Handwerker etwa � , waren reinlich und anst�ndig gekleidet, die Weiber trugen wei�e Kleider, hatten runde Gesichter und wohl gen�hrte K�rper. Alle Laternen waren heil, die Trottoire bestanden aus glatt gehobelten Balken, die Fahrd�mme waren von guter Qualit�t und ohne Risse. In ganz Russland konnte man wohl kein zweites so vorbildliches St�dtchen finden.</p><p>Der Oberst hatte noch ein anderes, zutiefst berufliches Interesse an Neu-Ararat. Als eine Ansiedlung, die aus dem Klosteranwesen hervorgegangen und auf Kirchenbesitz gelegen war, fiel die Stadt nicht unter die Verwaltungshoheit des Bezirks, sondern unter die direkte Verwaltung des Archimandriten, weshalb sie auch nicht �ber die �blichen Verwaltungsorgane verf�gte. Lagrange wusste aus der Gouvernementsstatistik, dass auf den Inseln niemals Verbrechen oder Ungemach vorkamen. Er wollte verstehen, wie man hier ohne Polizei, ohne Beamte, ohne Feuerwehr auskommen konnte.</p><p>Die Antwort auf die letzte Frage war bald gefunden � als habe sich jemand eigens f�r den Sawolshsker Polizeimeister eine anschauliche Vorf�hrung ausgedacht.</p><p>Als er �ber den zentralen Platz des St�dtchens ging, vernahm Lagrange pl�tzlich L�rm, Schreie und st�rmisches Glockengel�ut, und er sah kleine Jungen, die mit eifriger, konzentrierter Miene Hals �ber Kopf alle in eine Richtung rannten. Felix Stanislawowitsch, der ein Gesp�r f�r au�ergew�hnliche Ereignisse hatte, sog mit seiner feinen Nase die Luft ein, erkannte, dass es nach Rauch roch, und begriff: ein Feuer.</p><p>Er beschleunigte seinen Schritt und folgte den Jungen. Er bog um eine Ecke, bog noch einmal ab, und richtig: Das �Unges�uerte Brot�, ein h�lzerner Pavillon im pseudo-klassischen Stil, stand in Flammen und sah aus wie ein purpurroter, in der Dunkelheit erbl�hter Strauch. Die Flammen loderten heftig, ihnen war kein Einhalt zu gebieten � offenbar sprangen �berall Funken �ber, und der Koch hielt Maulaffen feil. Da war er, in wei�er M�tze und wei�er Sch�rze, und bei ihm zwei K�chenjungen. Sie sprangen um die Brandst�tte herum und fuchtelten mit den H�nden. Aber vergebens, das Geb�ude war verloren, man konnte es nicht mehr l�schen, stellte der Oberst mit erfahrenem Blick fest. Man musste aufpassen, dass das Feuer nicht auf das Nachbarhaus �bergriff. Ach, hier m�sste eine Feuerspritze her.</p><p>Doch noch w�hrend er das dachte, erklangen hinter der Stra�enbiegung Glockengel�ut, Hufgetrappel und munteres Geklirr, und nacheinander kamen zwei Gespanne die vom Feuer erleuchtete Stra�e entlanggejagt.</p><p>Das erste war eine verwegene, mit Rappen bespannte Troika, in der ein hagerer M�nch mit violettem K�ppchen und wertvollem Brustkreuz stand, zu voller Gr��e aufgerichtet (der Archimandrit selbst, wie Felix Stanislawowitsch sogleich anhand des Kreuzes erriet). Ihm folgte in h�chster Eile ein sechssp�nniges Fuhrwerk mit Falben, die eine hochmoderne L�schmaschine hinter sich herzogen, wie man sie in Sawolshsk noch nicht einmal von ferne gesehen hatte. Zu beiden Seiten des blitzenden, kupfernen Ungeheuers thronten sieben M�nche in blank geputzten Helmen, mit Brandhaken, Pickeln und �xten in der Hand.</p><p>Der Hochehrw�rdige sprang mit beiden Beinen auf den Boden und begann mit gellender Stimme Kommandos zu erteilen, die von den Feuerwehrleuten mit einer Exaktheit ausgef�hrt wurden, die den Oberst begeisterte.</p><p>Im Handumdrehen hatten sie den Feuerwehrschlauch aus Persenning entrollt und die Pumpe an ein Wasserfass angeschlossen, und nun besprengten sie zun�chst reichlich das benachbarte Geb�ude, das noch kein Feuer gefangen hatte, um danach die B�ckerei zu l�schen.</p><p>Es war noch keine halbe Stunde vergangen, und die Gefahr war vollkommen gebannt. Mit Brandhaken zerrten die M�nche die verbrannten Balken heraus; das verkohlte, nasse Holz qualmte, und Vater Witali unterzog, einem siegreichen Heerf�hrer auf einem von Leichen �bers�ten Schlachtfeld gleich, den niedergeschlagenen Koch einer gestrengen Befragung.</p><p>�Was f�r ein Pope!�, dachte Lagrange beif�llig. �Schade, dass er keine milit�rische Laufbahn eingeschlagen hat, er w�re ein ausgezeichneter Regimentskommandeur geworden. Oder sogar ein Divisionsgeneral.�</p><p>Auch die Frage der Polizei kl�rte sich. Gott wei� woher � das Feuer brannte noch lichterloh � , erschien pl�tzlich eine Kolonne hoch gewachsener M�nche in kurzen Kutten, mit Stiefeln und wei�en Armbinden angetan. Der Kommandant war ein kr�ftiger rotgesichtiger Hieromonach, der aussah, wie man sich den Leiter eines st�dtischen Polizeireviers vorstellte. Jeder M�nch trug einen imponierenden Gummikn�ppel am G�rtel � eine �u�erst humane, in jeder Hinsicht ausgezeichnete Erfindung der Neuen Welt: Wenn man einem Raufbold mit diesem Ding eins �ber die R�be zog, schlug es ihm nicht das Hirn raus, sondern es lie� ihn nachdenklich werden.</p><p>Die M�nche hatten im Nu eine Kette um das Feuer gebildet und dr�ngten die Menge zur�ck, wozu die Kn�ppel gar nicht notwendig waren, weil die Gaffer die Anordnungen der Ordnungsh�ter ergeben befolgten.</p><p>Und Felix Stanislawowitsch wurde klar, warum auf den Inseln Ordnung herrschte und es hier keine Verbrechen gab. Solche wackeren Burschen k�nnte ich auch gebrauchen, dachte er voller Neid.</p><p>W�hrend er durch die ruhigen, sich schnell leerenden Stra�en zu seinem Nachtlager zur�ckkehrte, �berlie� er sich einem Anfall von Inspiration. Unter dem Eindruck des Erlebten kam dem Oberst eine gl�nzende Idee zur allgemeinen Umgestaltung der Gendarmerie und der Polizei.</p><p>Man m�sste einen m�nchischen Ritterorden gr�nden, in der Art des Deutschen Ordens, um dem ganzen Geb�ude der russischen Staatlichkeit ein solides Fundament zu geben, tr�umte Felix Stanislawowitsch. Man w�rde die besten, dem Thron am meisten ergebenen tapferen K�mpen aufnehmen, die Abstinenz, unbedingten Gehorsam gegen�ber der Obrigkeit, Uneigenn�tzigkeit und Ehelosigkeit geloben m�ssten. Ein Keuschheitsgel�bde w�re wohl nicht n�tig, aber Ehelosigkeit w�re gut. Damit lie�e sich vielen Problemen aus dem Weg gehen. Das hei�t, einfache Polizisten und selbst Offiziere der niederen R�nge br�uchten keine Ordensmitglieder zu sein, aber nur diejenigen sollten hohe R�nge in der Hierarchie bekleiden k�nnen, die das Gel�bnis abgelegt hatten. Nun, eben wie beim geistlichen Stand, wo es die weltliche und die kl�sterliche Geistlichkeit gab. Dann w�rden ein wirkliches K�nigreich der Ordnung und das Diktat strikter Gesetzlichkeit anbrechen.</p><p>Der Oberst war so gefesselt von seinen gro�artigen Pl�nen, er klapperte mit seinen Abs�tzen so kr�ftig �ber die Eichenbohlen des Trottoirs, dass er beinahe an der �Zuflucht der Dem�tigen� vorbeimarschiert w�re (was im Dunkeln nicht schwierig war, denn das Aush�ngeschild f�r freie Zimmer wurde einzig vom Licht der Sterne beleuchtet).</p><p>Der fromme Diener riss sich von seinem Buch los, das von feuchten, klebrigen H�nden beschmutzt und zweifellos religi�sen Inhalts war, und blickte den Gast �ber den Rand seines eisernen Brillengestells hinweg missbilligend an. Er kaute eine Zeit lang auf den Lippen und sagte dann:</p><p>�Sie hatten Besuch von einer Person.�</p><p>�Was f�r eine Person?�, wunderte sich Lagrange.</p><p>�Weiblichen Geschlechts�, teilte der Fastenbruder noch unfreundlicher mit. �Mit einem gro�en Hut und einem kleinen Netz vor dem Gesicht. Keine Pilgerin.�</p><p>�Das war sie!�, erkannte Felix Stanislawowitsch, als er von dem �kleinen Netz� h�rte. Sein tapferes Herz schlug schneller und heftiger.</p><p>Wie hatte sie erfahren, wo er ab gestiegen war?</p><p>Ach, gab der Polizeimeister sich gleich selbst die Antwort, die Stadt war klein, es gab nur wenige Hotels, und er war ein stattlicher Mann. Es d�rfte nicht schwierig gewesen sein, ihn zu finden.</p><p>�Wer war die Dame, kennst du sie?�, fragte er und beugte sich vor. �Wie hei�t sie?�</p><p>Er wollte sogar zehn oder auch f�nfzehn Kopeken auf das Schreibpult legen, doch Stattdessen schlug er mit der Faust darauf.</p><p>�Nun!�</p><p>Der Diener warf einen respektvollen Blick auf die ausnehmend kr�ftige Faust, die Missbilligung in seinem Blick verschwand, und er schm�ckte seine Rede mit sch�nen Worten:</p><p>�Das ist uns nicht bekannt. Wir haben sie in der Stadt schon gesehen, aber uns hat sie das erste Mal beehrt.�</p><p>Das schien glaubw�rdig � die wundersch�ne, elegante Dame hatte in diesem Loch nichts verloren.</p><p>�Sie hat Ihnen eine Notiz hinterlassen. Hier, bitte!�</p><p>Der Oberst ergriff den schmalen verschlossenen Umschlag und roch daran. Er duftete nach einem w�rzigen, feinen Aroma, das Felix Stanislawowitschs Nasenfl�gel leicht erbeben lie�.</p><p>Nur zwei Worte: �Mitternacht. Sinai.�</p><p>Was hatte das zu bedeuten?</p><p>Sein honigs��es Herz sagte dem Polizeimeister sogleich: Das waren Zeit und Ort f�r ein Treffen. Nun, die Zeit war klar � zw�lf Uhr null null. Aber was war �Sinai�? Offensichtlich eine Allegorie.</p><p>Denk nach, befahl Lagrange sich selbst, nicht umsonst hat Seine Exzellenz der Gouverneur damals gesagt: �Ich bewundere die Sch�rfe Ihres Verstands, Oberst.� Vor allem war es nur noch eine Dreiviertelstunde bis Mitternacht!</p><p>�Sinai, Sinai, erfahre wohl . . .� Nachdenklich sang Felix Stanislawowitsch eine Zeile aus dem Liedchen �Ein Bukett voller Liebe� vor sich hin.</p><p>Der Diener, noch immer unter dem Eindruck der Faust des Polizeimeisters, fragte hilfsbereit:</p><p>�Sie interessieren sich f�r den Sinai? Das ist verlorene Liebesm�h. Um diese Zeit ist dort niemand mehr. Die Nikolajewski-Klause ist geschlossen, vor morgen kommen sie da nicht rein.�</p><p>Es stellte sich heraus, dass Sinai keineswegs, beziehungsweise nicht nur der heilige Berg war, auf dem Moses mit dem Herrn gesprochen hatte, sondern au�erdem eine bekannte Sehensw�rdigkeit von Neu-Ararat, ein steiler Felsen am See, wo man zum heiligen Nikolaus, dem Knecht Gottes, betete.</p><p>Die majest�tische Knappheit der Notiz war beeindruckend. Weder �ich erwarte Sie� oder �kommen Sie� noch eine Erkl�rung, was �Sinai� war. Die unersch�tterliche �berzeugung, dass er alles verstehen und ihrem Ruf unverz�glich Folge leisten w�rde. Dabei hatte sie ihn nur einen Augenblick gesehen! Eine G�ttin!</p><p>Felix Stanislawowitsch erkundigte sich, wie er zum Sinai komme (der etwas mehr als eine Werst westlich des Klosters gelegen war), und machte sich auf zum n�chtlichen Stelldichein.</p><p>Sein Herz stockte in freudiger Erwartung, und wenn etwas seine Euphorie �berschattete, dann nur die Scham �ber die �rmliche �Zuflucht der Dem�tigen�. Er w�rde sagen, er sei inkognito in geheimer Mission gekommen, ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, �berlegte der Oberst unterwegs. Das w�rde besser klingen, geheimnisvoller.</p><p>Die Stra�en von Neu-Ararat waren in der Nacht v�llig ausgestorben. Auf dem ganzen Weg zum Kloster begegnete ihm nur eine einzige lebende Seele, eine Katze, eine schwarze obendrein.</p><p>An der wei�en Klostermauer und der Kirchenpforte vorbei erreichte der Oberst den Waldrand. Er ging noch etwa eine Viertelstunde �ber einen breiten, ausgetretenen, leicht ansteigenden Pfad, dann traten die B�ume auseinander und vor ihm lag ein H�gel mit einem spitz zulaufenden kleinen Turm, hinter dem nichts mehr war au�er dem schwarzen, sternen�bers�ten Himmel.</p><p>Munter ausschreitend lief Felix Stanislawowitsch den H�gel hinan und blieb dann stehen: Direkt hinter der Klause fiel der H�gel j�h ab. Weit unten, unterhalb des steilen Abhangs, pl�tscherte das Wasser, aus dem Findlinge hervorblitzten, und dahinter erstreckte sich die endlose Weite des Blauen Sees und seiner gleichm��ig wogenden Wassermassen.</p><p>Eine au�erordentliche Landschaft, dachte Lagrange und nahm seine Schirmm�tze ab � nicht etwa aus Ehrfurcht vor der Gr��e der Natur, sondern damit die englische Kopfbedeckung nicht vom Wind davongetragen w�rde.</p><p>Doch wo war sie? Sie hatte sich doch wohl keinen Scherz erlaubt?</p><p>Nein! Eine schlanke Gestalt l�ste sich von der Balkenwand und kam langsam n�her. Die Strau�enfedern wippten �ber der Hutkrempe, der Schleier flatterte wie ein leichtes Spinngewebe vor dem Gesicht. Die Hand in dem langen Handschuh (sie trug jetzt nicht mehr graue, sondern wei�e Handschuhe) flog empor, um die Hutkrempe festzuhalten. Eigentlich waren nur diese flatternden wei�en H�nde zu sehen, weil das schwarze Kleid der geheimnisvollen Person mit dem Dunkel verschmolz.</p><p>�Sie sind stark, das habe ich an Ihrem Gesicht sofort erkannt�, sagte die junge Dame ohne lange Vorrede mit einer tiefen, klangvollen Stimme, bei der Felix Stanislawowitsch aus irgendeinem Grunde ein Schauer �berlief. �Es gibt heutzutage so viele schwache M�nner, Ihr Geschlecht degeneriert. Bald, in ein � oder zweihundert Jahren, werden M�nner nicht mehr von Frauen zu unterscheiden sein. Doch Sie sind anders. Oder habe ich mich get�uscht?�</p><p>�Nein!�, rief der Polizeimeister aus. �Sie t�uschen sich keineswegs! Aber . . .�</p><p>�Sie sagen �aber�?�, unterbrach ihn die geheimnisvolle Unbekannte. �Habe ich mich nicht verh�rt? Dieses Wort verwenden nur schwache M�nner.�</p><p>Felix Stanislawowitsch erschrak und f�rchtete, sie werde sich sofort umdrehen und in der Finsternis verschwinden.</p><p>�Ich wollte sagen �Der Abendstern�, doch vor Aufregung habe ich mich versprochen�, redete er sich heraus. �Der Abendstern, mein ewiger Besch�tzer, hat mich auf diese Insel gef�hrt, hat meinem Herzen gesagt, dass es hier, gerade hier, diejenige treffen wird, von der es seit langem tr�umte . . .�</p><p>�Mir ist nicht nach sch�nen Redensarten zumute�, unterbrach ihn die Sch�ne erneut. Das schwache Licht der Sterne spiegelte sich in ihren Augen, verst�rkte sich um ein Vielfaches und begann zu funkeln. �Ich bin v�llig verzweifelt, und nur deshalb wende ich mich an den Erstbesten mit der Bitte um Hilfe. Dort, am Anleger, schien mir einfach, dass . . . dass . . .�</p><p>Ihre bezaubernde Stimme zitterte, und Lagrange verga� auf der Stelle s�mtliche galanten Tiraden, die er sich zurechtgelegt hatte.</p><p>�Was?�, fl�sterte er. �Was schien Ihnen? Um Christi willen!�</p><p>�. . . dass Sie mich retten k�nnten�, vollendete sie ihren Satz kaum h�rbar, wobei sie grazi�s ihren Arm schwenkte. Dieser wei� auf schwarz beschriebene Kreis erinnerte Felix Stanislawowitsch an den Fl�gelschwung eines verletzten Vogels.</p><p>Bis ins Innerste aufgew�hlt rief er:</p><p>�Ich wei� nicht, welches Ungl�ck Ihnen widerfahren ist, doch mein Wort als Offizier � ich werde alles f�r Sie tun! Alles! Erz�hlen Sie!�</p><p>�F�rchten Sie sich auch nicht?� Sie blickte ihm forschend ins Gesicht. �Ich sehe, dass Sie tapfer sind.�</p><p>Unvermittelt wandte sie sich ab, und ihr wei�er, zarter Nacken befand sich direkt vor Lagranges Augen. Der Oberst h�tte gerne seine Lippen darauf gepresst, doch er wagte es nicht. So viel zu seiner Tapferkeit.</p><p>�Da ist ein Mann . . . Ein furchtbarer Mann, ein echtes Ungeheuer. Er ist der Fluch meines Lebens.� Die junge Dame sprach langsam, als bereite ihr jedes Wort M�he. �Ich werde Ihnen seinen Namen vorl�ufig nicht nennen, ich kenne Sie noch zu wenig . . . Sagen Sie mir nur, ob ich mich auf Sie verlassen kann.�</p><p>�Das steht au�er Zweifel�, erwiderte der Polizeimeister, der sich sogleich wieder gefangen hatte. Ein Schuft, der ein armes M�dchen qu�lt � damit w�rde er schon fertig werden. Wenn er erst Oberst Lagrange kennen lernt, wird er weich wie Butter. �Ist er hier, dieser Mann? Auf der Insel?�</p><p>Sie sah sich nach Felix Stanislawowitsch um und gab ihm Gelegenheit, ihr gemei�eltes Profil zu bewundern. Sie nickte.</p><p>�Ausgezeichnet, gn�dige Frau. Morgen muss ich einen Doktor hier in der Stadt aufsuchen, einen gewissen Korowin, sowie einen seiner Patienten. Aber von �bermorgen an stehe ich vollkommen zu Ihrer Verf�gung.�</p><p>Die junge Dame wandte sich nun ganz zu Lagrange um und sch�ttelte den Kopf, als k�nne sie es nicht recht glauben oder als sei sie im Zweifel. Nach einer langen Pause (wie lange sie dauerte, ist schwer zu sagen, weil Felix Stanislawowitsch unter ihrem flirrenden Blick erstarrte und das Zeitgef�hl verlor) bewegten sich die zarten Lippen und wisperten:</p><p>�Nun denn, umso besser.�</p><p>Mit einem Ruck zog sie den Handschuh aus, um ihm mit einer majest�tischen Geste die Hand zum Kuss hinzuhalten.</p><p>Der Oberst beugte sich �ber die wohl riechende, unerwartet warme Haut. Von der Ber�hrung wurde ihm schwindlig � auf ganz nat�rliche Weise, wie nach ein paar Glas Rumpunsch.</p><p>�Das reicht�, sagte die junge Dame, und Lagrange wagte wiederum nicht, eigenm�chtig zu handeln. Er wich sogar zur�ck. Hatte er das n�tig?</p><p>�Wie . . . Wie hei�en Sie?�, fragte er heftig atmend.</p><p>�Lidia Jewgenjewna�, antwortete sie zerstreut, w�hrend sie auf den Oberst zutrat und �ber seine Schulter hinweg blickte.</p><p>Felix Stanislawowitsch drehte sich um. Sie standen unmittelbar am Rand des Felsens. Noch einen Schritt zur�ck, und er w�rde den steilen Abhang hinunterst�rzen.</p><p>Lidia Jewgenjewna st�hnte auf:</p><p>�Ich halte es hier nicht mehr aus! Dahin, ich will dahin!�</p><p>Mit einer weit ausholenden Geb�rde deutete sie auf den See, vielleicht auch auf den Himmel. Oder auf die gro�e Welt, die hinter den dunklen Wassern verborgen lag?</p><p>Der Handschuh entglitt ihren Fingern, beschrieb eine elegante Spirale im leeren Raum und schwebte in die Tiefe. Schulter an Schulter beugten sie sich vor und erblickten tief unten auf einem Felsvorsprung ein kleines wei�es Etwas, das leicht im Winde flatterte.</p><p>�Muss ich wirklich hinunterklettern?� Der Polizeimeister zuckte in Gedanken zur�ck, doch seine Finger kn�pften bereits ganz von selbst das Jackett auf.</p><p>�Eine Kleinigkeit�, erkl�rte Felix Stanislawowitsch munter, in der Hoffnung, sie werde ihm Einhalt gebieten. �Ich hole ihn gleich.�</p><p>�Ja, ich habe mich nicht in ihm get�uscht.� Lidia Jewgenjewna nickte best�tigend, woraufhin der Oberst nicht blo� hinunterklettern, sondern sich schwalbengleich hinunterst�rzen wollte. Angst schien es nie gegeben zu haben.</p><p>Sich am Wurzelwerk festklammernd, vorsichtig mit den F��en Steine und kleinste Vorspr�nge ertastend, begann er den Abstieg. Zweimal w�re er beinahe abgest�rzt, doch der Herr besch�tzte ihn. Das flatternde, schmale St�ck Stoff kam immer n�her. Gut, dass der Handschuh nicht bis ganz nach unten geflogen, sondern auf der H�lfte des Abhangs h�ngen geblieben war.</p><p>Da war es ja, das teure St�ck!</p><p>Lagrange streckte sich vor und steckte die seidene Troph�e in seinen Ausschnitt. Er blickte empor. Bis zur oberen Felskante war es ein gutes St�ck, aber das machte nichts � hinaufklettern war einfacher als hinunter.</p><p>Es dauerte noch eine Zeit, bis er v�llig verdreckt, keuchend und schwei�nass wieder oben ankam.</p><p>�Lidia Jewgenjewna, hier ist Ihr Handschuh!�, verk�ndete er triumphierend und sah sich um.</p><p>Aber auf dem H�gel war keine Lidia Jewgenjewna mehr. Sie war verschwunden.</p><p>***</p><p>�So, Sie sind also sein Onkel m�tterlicherseits, sagen Sie?�, vergewisserte sich Korowin, wobei er Felix Stanislawowitsch aufmerksam musterte und sein Blick aus irgendeinem Grunde auf dem Hals des Besuchers haften blieb. �Und Sie arbeiten bei einer Bank?�</p><p>Lagrange hockte nun schon seit fast einer Stunde im Kabinett des Doktors, und dabei war bislang noch nichts herausgekommen. Donat Sawwitsch hatte sich als ein schwieriger Gespr�chspartner erwiesen, der sich beharrlich der psychologischen Beeinflussung widersetzte, deren Regeln die besten K�pfe im Polizeidepartement und im Gendarmeriekorps ausgearbeitet hatten.</p><p>In v�lliger �bereinstimmung mit der neuesten Vernehmungswissenschaft hatte der Polizeimeister versucht, schon in der allerersten Minute ihrer Bekanntschaft die richtige Hierarchie herzustellen und festzulegen, wer der �Vater� und wer der �Sohn� ist. Er sch�ttelte dem hageren, glatt rasierten Doktor kr�ftig die Hand, blickte ihm angelegentlich direkt in die Augen und sagte mit einem freundlichen L�cheln:</p><p>�Eine vortreffliche Einrichtung haben Sie da. Ich habe schon viel dar�ber geh�rt und gelesen und bin sehr beeindruckt. Es ist einfach ein Gl�ck, dass Aljoschik in so zuverl�ssige H�nde geraten ist.�</p><p>Das Kompliment wurde absichtlich mit �beraus leiser Stimme vorgetragen, damit der Opponent sofort richtig zuh�rte, seine Nackenmuskeln mobilisierte und unwillk�rlich den Kopf vorneigte. Zudem w�rde Korowin nach dem Gesetz der Komplementarit�t dann laut sprechen und seine Stimmb�nder anstrengen m�ssen. Damit w�re die erste Etappe zur Etablierung einer Beziehung erfolgreich abgeschlossen, und der psychologische Vorteil l�ge gleich von Anfang an beim Oberst.</p><p>Der Doktor aber beherrschte die Methode des diskursiven Positionsaufbaus nicht schlechter als der Polizeimeister. Er hatte sie bestimmt an seinen Patienten ausf�hrlich ge�bt. H�tte die Unterhaltung nicht auf Donat Sawwitschs Territorium, sondern in einem strengen Kabinett mit dem Portr�t Seiner Majest�t des Zaren an der Wand stattgefunden, w�re der Vorteil auf Felix Stanislawowitschs Seite gewesen, so aber musste er seine Marschrichtung �ndern.</p><p>Als der Arzt, ohne den Blick abzuwenden, dem Oberst energisch die Hand sch�ttelte und auf dessen schmeichelhafte Worte kaum vernehmlich antwortete: �Ich bitte Sie, was ist das schon f�r ein Gl�ck?�, begriff Lagrange sogleich, dass er an den Falschen geraten war. Der Hausherr setzte den Besucher in einen au�erordentlich bequemen, aber niedrigen und leicht nach hinten geneigten Sessel, w�hrend er selbst hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, so dass Felix Stanislawowitsch gezwungen war, zu Korowin aufzusehen. Der Doktor ergriff auch sofort die Initiative zum Gespr�ch.</p><p>�Es ist sehr gut, dass Sie so schnell gekommen sind. Nun, erz�hlen Sie schon.�</p><p>�Was soll ich erz�hlen?�, fragte Lagrange verwirrt.</p><p>�Das ganze Leben Ihres Neffen, von den allerersten Tagen an. Wann er den Kopf halten konnte, mit wie viel Monaten er laufen lernte, wie lange er ins Bett gemacht hat. Und seinen Stammbaum, in allen Einzelheiten. Der junge Mann war einmal bei mir, noch vor seinem Raptus, und ich habe eine erste Befragung durchgef�hrt, doch ich muss die Angaben �berpr�fen . . .�</p><p>Der Polizeimeister verfluchte sich f�r die ungl�cklich gew�hlte Identit�t und begann zu fantasieren und eine Million verschiedener idiotischer Fragen zu beantworten. Aber bis jetzt war es ihm noch nicht gelungen, zur Sache zu kommen.</p><p>�Ja, ich arbeite bei einer Bank�, erwiderte er. �Bei der Wolga-Kaspischen Bank, als Oberkontorist.�</p><p>�Aha, als Kontorist.� Donat Sawwitsch seufzte, entnahm dem goldenen Zigarettenetui mit Brillantmonogramm eine Papirossa, von der er einen Tabakkr�mel blies. �Und woher haben Sie dann diesen Streifen am Hals ? Hier. So etwas haben f�r gew�hnlich Soldaten, von der st�ndigen Ber�hrung eines Uniformkragens . . . Oder Gendarmen.�</p><p>Dieser Teufelsdoktor! Eine geschlagene Stunde hatte er sich jetzt �ber ihn lustig gemacht, ihn allerlei Bl�dsinn �ber Windpocken und Neigung zur Onanie bei seinem verg�tterten Neffen verzapfen lassen, und dabei hatte er l�ngst alles durchschaut!</p><p>Felix Stanislawowitsch grinste gutm�tig und breitete die Arme aus, als lasse er dem Scharfsinn seines Gespr�chspartners die geb�hrende Anerkennung widerfahren. Er musste eine andere Taktik einschlagen.</p><p>�Nun ja, Herr Korowin. Sie kann man nicht aufs Glatteis f�hren. Sie haben ganz Recht. Ich bin nicht der Kontorist Tscherwjakow. Ich bin der Sawolshsker Polizeimeister Lagrange. Sie verstehen, ein Mann in meiner Position besch�ftigt sich nicht mit Kleinigkeiten. Ich bin hier in einer au�erordentlich wichtigen Angelegenheit, wenn auch nicht offiziell. Dabei geht es . . .�</p><p>�. . . um einen gewissen M�nch, der ungeniert auf dem Wasser wandelt und des Nachts die t�richten Einwohner in Angst und Schrecken versetzt�, fiel der mit allen Wassern gewaschene Doktor ein und stie� einen Rauchkringel aus. �Und wodurch, wenn Sie gestatten, hat dieses Phantom die Aufmerksamkeit Ihrer uners�ttlichen, das hei�t, ich wollte sagen unerm�dlichen Beh�rde erregt? Sie halten doch wohl den heiligen Wassilisk nicht f�r das ber�chtigte Gespenst, mit dem die Herren Marxisten die Ausbeuter einsch�chtern?�</p><p>Lagrange wurde feuerrot und wollte den unversch�mten Quacksalber in seine Schranken weisen, doch in dem Moment geschah etwas Merkw�rdiges.</p><p>Der Tag war im Unterschied zum vorhergehenden sonnig und ungew�hnlich warm, weshalb die Fenster des Kabinetts offen standen. Es war herrlichstes Wetter, kein W�lkchen stand am Himmel, kein L�ftchen wehte, nur der Goldglanz des Blattwerks und das schillernde Flirren der Luft waren zu sehen. Und doch schwankte mit einem Mal der offen stehende Fensterfl�gel, nur ganz sacht, aber dem professionellen Blick des Polizeimeisters entging die Ver�nderung nicht. So, so � Felix Stanislawowitsch wollte sich das merken. Warten wir mal ab, was noch kommt.</p><p>Er beobachtete den interessanten Fensterfl�gel weiter aus dem Augenwinkel heraus und senkte die Stimme.</p><p>�Nein, Donat Sawwitsch, mit dem Gespenst des Kommunismus hat der schwarze M�nch ganz und gar keine �hnlichkeit. Aber es gibt Unruhe und Aufregung bei den Einwohnern, und das f�llt in unsere Zust�ndigkeit.�</p><p>�Folglich ist Lentotschkin ein Polizeispitzel?� Korowin sch�ttelte verwundert den Kopf. �Darauf kommt man im Leben nicht. Er ist offenbar ein f�higer Bursche, er h�tte es weit gebracht. Aber dazu wird es jetzt wohl leider nicht kommen. Der Junge kann einem Leid tun, es steht �u�erst schlecht um ihn. Das Schlimmste aber ist, dass ich keinen auch nur entfernt vergleichbaren Pr�zendenzfall finden konnte. Ich wei� einfach nicht, wie ich ihn heilen kann. Unterdessen vergeht die Zeit, wertvolle Zeit. Lange wird er es so nicht mehr machen . . .�</p><p>Endlich war man zur Sache gekommen.</p><p>�Was hat er Ihnen von den Ereignissen jener Nacht erz�hlt?�, fragte der Oberst und z�ckte seinen Notizblock.</p><p>Der Doktor zuckte die Schultern.</p><p>�Nichts. Rein gar nichts. Er war gar nicht in der Lage, etwas zu erz�hlen.�</p><p>Ich bin ihm unsympathisch, konstatierte Lagrange in Gedanken, und zwar so sehr, dass er es nicht einmal f�r n�tig h�lt, das zu verbergen. Macht nichts, mein Bester, die Fakten wirst du mir ohnehin darlegen, so kommst du mir nicht davon.</p><p>Er sagte nichts, sondern klopfte nur viel sagend mit dem Bleistift auf das Papier: Fahren Sie fort, ich h�re.</p><p>�Am vergangenen Dienstag, also vor genau einer Woche, weckte mich der Pf�rtner bei Morgengrauen. Ihr �Neffe� hatte sich gewaltsam Zutritt zum Gel�nde verschafft, er war ganz zerzaust und zerkratzt, seine Augen quollen hervor, und er war vollkommen nackt.�</p><p>�Wie das denn?�, fragte Felix Stanislawowitsch ungl�ubig. �Vollkommen nackt? Und er war so �ber die Insel spaziert?�</p><p>�Nackter geht es nicht. Er wiederholte unabl�ssig ein und dasselbe: �Credo, Domine, credo!� Da er schon vorher bei mir gewesen war, als . . .�</p><p>Ich wei�, ich wei�, nickte der Oberst ungeduldig, weiter.</p><p>�Ach, Sie wissen davon?� Der Doktor kratzte sich an der Nasenwurzel. �Hm, das hei�t, er hatte noch Gelegenheit, Ihnen von seinem ersten Besuch zu berichten . . . Jedenfalls, als ich sah, in welchem Zustand er sich befand, wollte ich ihn ins Haus bringen lassen. Aber das war unm�glich! Er schrie und riss sich los, die beiden Pfleger konnten ihn nicht einmal ins Vorzimmer tragen. Sie versuchten, ihm eine Decke �berzuwerfen � es war schlie�lich kalt � , aber es war wieder das Gleiche: Er schlug um sich und warf die Decke ab. In ihrem �rger haben sie ihn in die Zwangsjacke gesteckt, aber er bekam solche Kr�mpfe, dass ich sie ihm wieder ausziehen lie�. Ich bin �berhaupt ein Gegner von Zwangsmitteln bei der Heilung. Ich begriff zun�chst nicht. . .�</p><p>Donat Sawwitsch setzte die Brille ab, putzte gem�chlich die Gl�ser und fuhr erst danach mit seiner Erz�hlung fort.</p><p>�Hm, ja, also ich begriff zun�chst nicht, dass ich es mit einem ungew�hnlich starken Fall von Klaustrophobie zu tun hatte, bei dem der Kranke nicht nur den Aufenthalt in geschlossenen R�umen f�rchtet, sondern auch keine Kleidung am K�rper ertragen kann . . . Ich sage Ihnen, das ist ein sehr seltener Fall, weder in Lehrb�chern noch in Aufs�tzen habe ich je davon geh�rt. Daher habe ich Ihren �Neffen� zu Forschungszwecken hier behalten. Au�erdem ist es unm�glich, ihn von hier wegzubringen. Zum einen wird er sich erk�lten. Und �berhaupt, wie soll man ihn unter dem Gesichtspunkt der �ffentlichen Moral splitterfasernackt transportieren? Die Pilger w�ren emp�rt, und auch der Archimandrit w�rde keine Nachsicht zeigen.�</p><p>Felix Stanislawowitsch runzelte die Stirn, w�hrend er die erstaunlichen Informationen verdaute. Den Fensterfl�gel (der sich �brigens nicht mehr bewegte) hatte der Polizeimeister v�llig vergessen.</p><p>�Warten Sie, Doktor, aber . . . wo haben Sie ihn denn untergebracht? Lebt er etwa nackt in der freien Natur?�</p><p>Korowin brach in ein zufriedenes, herablassendes Lachen aus und erhob sich.</p><p>�Kommen Sie, Herr Oberkontorist, Sie sollen es selbst sehen.�</p><p>***</p><p>Die Heilanstalt des Doktor Korowin befand sich am sch�nsten Fleck der Insel Kanaan, auf einem sanft geneigten, bewaldeten H�gel, der sich n�rdlich des St�dtchens erhob. Lagrange wunderte sich zun�chst, dass es keine Z�une und Tore gab. Ein schmaler, mit fr�hlichen gelben Ziegelsteinen gepflasterter Weg schl�ngelte sich zwischen Wiesen und W�ldchen dahin, wo kleine H�uschen ganz unterschiedlicher Bauart in einiger Entfernung voneinander standen: Es gab Steinh�uschen und solche aus Baumst�mmen oder Brettern, es gab schwarze, wei�e und bunte H�uschen, solche mit gl�sernen W�nden und solche ohne Fenster, es gab H�uschen mit kleinen T�rmen und solche mit flachen D�chern wie im Orient � kurz: Es gab wei� der Teufel was alles. Diese wunderliche Ansiedlung erinnerte Lagrange an ein Bild aus dem Buch �Das St�dtchen in der Tabatiere�, das er als Kind sehr geliebt hatte, doch seither waren beinahe vierzig Jahre vergangen, und sein Geschmack hatte sich sehr ver�ndert.</p><p>Sein erster Eindruck, noch bevor er Donat Sawwitsch kennen lernte, war folgender: Hier waren Verr�ckte einem noch Verr�ckteren zur Heilung anvertraut. Wo hatten die Aufsichtsbeamten des Gouvernements nur ihre Augen?</p><p>Jetzt aber, als er dem Doktor �ber das Gel�nde der Heilanstalt folgte, beachtete der Oberst diese Puppenh�user nicht mehr, sondern er richtete seine Aufmerksamkeit auf die dichten Wei�dornb�sche, die den Weg s�umten. Dort schlich jemand umher, auf der anderen Seite, und zwar nicht besonders geschickt � er streifte raschelnd das trockene Blattwerk und knackte mit den Zweigen. Mit zwei Spr�ngen h�tte man auf der anderen Seite der Hecke sein und den, der dort herumstapfte, am Kragen packen k�nnen, doch Lagrange beschloss, nichts zu �berst�rzen.</p><p>Sie bogen in einen schmalen Pfad ein, der von gl�sernen Treibh�usern mit Gem�sebeeten, Blumen und Obstb�umen ges�umt war.</p><p>Das hingegen ist l�blich, dachte der Oberst beif�llig, als er durch die Glasw�nde Erdbeeren, Apfelsinen und sogar Ananas erkannte. Korowin war offenbar ein Mann mit Geschmack.</p><p>Bei der gr��ten Orangerie, einem Palmenhaus, das aussah wie eine Luftspiegelung �ber dem Ozean, wie eine �ber den tr�ben n�rdlichen Wassern schwebende �ppiggr�ne tropische Insel, blieb der Doktor stehen.</p><p>�Sehen Sie. Neunhundert Quadratklafter Palmen, Bananenstauden, Magnolien und Orchideen. Das hat mich einhundertvierzigtausend gekostet. Daf�r ist es ein richtiger Garten Eden geworden.�</p><p>Lagranges Geduld war nun endg�ltig zu Ende.</p><p>�H�ren Sie zu, Sie Kurpfuscher!� Der Oberst riss drohend die Augen auf. �Glauben Sie denn, ich bin hergekommen, um mir Blumen anzusehen? Jetzt reicht es mir aber! Wo ist Lentotschkin?�</p><p>Felix Stanislawowitsch war Furcht erregend in seinem Zorn. Selbst die Hafenpolizisten, hart gesottene Kerle, erstarrten dann vor Schreck. Aber Donat Sawwitsch zuckte nicht mit der Wimper.</p><p>�Na, dort dr�ben, unter der Glaskuppel, inmitten der Laubh�tten des Paradieses.� Er zeigte auf das Palmenhaus. �Er hat sich selbst dorthin verkrochen, am allerersten Tag. Das ist der einzige Ort, an dem er sich aufhalten kann. Es ist warm, W�nde und Dach sind nicht zu sehen. Wenn er Hunger hat, isst er eine Frucht. Wasser gibt es auch, eine Wasserleitung ist da. Sie wollten ihn sehen. Bitte sehr! Er ist nur sehr menschenscheu. Vielleicht versteckt er sich � da drin ist ein richtiger Dschungel.�</p><p>�Das macht nichts, wir finden ihn schon�, versicherte der Polizeimeister �berzeugt. Er riss die T�r auf und marschierte in die feuchte, klebrige Hitze, die seinen Kragen auf der Stelle pitschnass werden und einen kitzligen Schwei�faden den R�cken hinunterrinnen lie�.</p><p>Er trabte den Hauptweg entlang und drehte den Kopf nach rechts und nach links.</p><p>Donat Sawwitsch hingegen fiel sofort zur�ck.</p><p>Aha! Hinter einem ausladenden Gew�chs, dessen Namen der Oberst nicht kannte � es war giftgr�n, mit Fleisch fressenden roten Knospen � blitzte etwas hervor, das von der Farbe her ein K�rper sein konnte.</p><p>�Alexej Stepanowitsch!� rief der Polizeimeister. �Herr Lentotschkin! Bleiben Sie stehen!�</p><p>Von wegen! Die breiten, gl�nzenden Blatter erzitterten, und das leichte Geraschel davoneilender F��e erklang.</p><p>�Doktor! Gehen Sie linksherum, ich gehe rechtsherum!� kommandierte Lagrange, und er nahm die Verfolgung auf.</p><p>Er stolperte �ber eine dicke, sich �ber den Boden windende Ranke und schlug mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Das half. Vom Boden aus erblickte Felix Stanislawowitsch ein St�ck eines Fu�es, der hinter dem haarigen Stamm einer Palme hervorragte � etwa zehn Schritt entfernt, nicht mehr. Also da hast du dich versteckt, mein Bester!</p><p>Der Oberst stand auf, klopfte sich Ellbogen und Knie ab und rief:</p><p>�Es ist gut, Donat Sawwitsch! Soll er nur! Wenn er nicht will, dann eben nicht.�</p><p>Langsam kroch er durch das Geb�sch � ein Sprung zur Seite, und schon hatte er den nackten Mann an der Schulter gepackt.</p><p>Er war es � der Adlige Alexej Stepanowitsch Lentotschkin, 23 Jahre alt, kein Zweifel. Die kastanienbraunen Locken, die blauen Augen (die im Moment wild aufgerissen waren), das ovale Gesicht, der hagere K�rper, Gr��e ein Meter siebenundsiebzig.</p><p>�Na, na, du brauchst nicht zu zittern�, sagte der Polizeimeister beg�tigend, denn es w�re ihm merkw�rdig vorgekommen, einen Verr�ckten mit nacktem Hintern zu siezen. �Bischof Mitrofani schickt mich, ich bin gekommen, um dir zu helfen.�</p><p>Der Junge machte keinen Versuch, sich loszurei�en, und blieb friedfertig stehen, zitterte aber heftig.</p><p>�Ich gebe ihm eine Spritze, damit er keinen Radau macht�, lie� sich Korowins Stimme vernehmen.</p><p>Der Doktor holte ein flaches Metallk�stchen aus der Kitteltasche. In drei�ig Sekunden hatte er eine Spritze mit einer durchsichtigen Fl�ssigkeit aus einem kleinen Fl�schchen aufgezogen, als Aljoscha j�mmerlich zu weinen anfing und sich dem Polizeimeister an die Brust warf. Es sah nicht so aus, als w�rde er Radau machen.</p><p>�Ich sehe schon, ich habe mich get�uscht, Sie sind wirklich sein hei� geliebter Onkel�, bemerkte Korowin kaltbl�tig und steckte die aufgezogene Spritze in die Tasche.</p><p>�Ach, scheren Sie sich zum Teufel�, winkte Lagrange ab, und er strich dem Verr�ckten unbeholfen �ber seinen lockigen Hinterkopf. �Ei, ei, ei, wie uns der ganze Unsinn erschreckt hat. Aber wir werden es ihnen zeigen. Husch, fort mit euch, werden wir sagen! Diesen Wassilisk werde ich im Nu schnappen, der wird mir keine M�tzchen machen. Der soll sich nur trauen, jetzt ist es aus mit ihm!�</p><p>Lentotschkin schluchzte, aber nicht mehr so krampfhaft wie zu Anfang.</p><p>Der Oberst r�ckte ein St�ck ab und fragte schmeichelnd:</p><p>�Was hat dich denn so erschreckt? Na damals, in der Nacht? Sag schon, hab keine Angst.�</p><p>�Ps-s-st�, zischte der J�ngling und legte den Finger an die Lippen. �Er h�rt uns.�</p><p>�Wer, der schwarze M�nch? Der h�rt gar nichts. Der schl�ft tags�ber�, erkl�rte Felix Stanislawowitsch, der sich dar�ber freute, dass Aljoscha sich so zusammenh�ngend ausdr�ckte. �Sprich ganz leise, er wacht schon nicht auf.�</p><p>Der Verr�ckte warf Korowin von der Seite einen furchtsamen Blick zu, r�ckte dicht an Lagrange heran und fl�sterte ihm ins Ohr:</p><p>�Das Kreuz ist gar kein Kreuz, es ist genau umgekehrt. Krrr an der Scheibe, die W�nde trrr, die Decke schschsch, und du kannst nicht weglaufen. Die T�r ist klein, da kommt man nicht durch. Und die Fenster sind �berhaupt winzig-winzig-klein.� Er zeigte mit seinen Fingern wie klein. �Das H�uschen hopp-schwopp, eine H�tte auf H�hnerbeinen.�</p><p>Alexej Stepanowitsch stie� ein feines Kichern aus, doch gleich darauf verzerrte sich sein Gesicht vor Entsetzen.</p><p>�Ich bekomme keine Luft! Es ist so eng! A-a-ah!�</p><p>Er zitterte am ganzen K�rper und fing an zu murmeln:</p><p>�Credo, Domine, credo, credo, credo, credo, credo, credo, credo, credo, credo, credo, credo, credo . . .�</p><p>Er wiederholte das lateinische Wort hundert-, vielleicht auch zweihundertmal, und es war offensichtlich, dass er so bald nicht aufh�ren w�rde.</p><p>Lagrange packte den Jungen bei den Schultern und sch�ttelte ihn geh�rig durch.</p><p>�Genug jetzt! Erz�hl weiter!�</p><p>�Was soll ich erz�hlen?�, fragte Lentotschkin unversehens mit ruhiger, vern�nftiger Stimme. �Geh hin, zu der H�tte auf H�hnerbeinen. Um Mitternacht. Dort wirst du schon sehen. Pass nur auf, dass es dich nicht zusammenschn�rt, sonst bricht dir das Herz. Bums � und Spritzer fliegen zur Seite!�</p><p>Er fuhr zusammen, wollte sich aussch�tten vor Lachen und wiederholte ein ums andere Mal: �Bums! Bums! Bums!�</p><p>�Es reicht!�, verk�ndete Donat Sawwitsch energisch. �Sie regen ihn nur auf, und er ist ohnehin schon so geschw�cht.�</p><p>Lagrange wischte sich mit seinem Taschentuch den Schwei� vom Hals.</p><p>�Was ist denn das f�r eine H�tte? Wovon redet er?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Er fantasiert blo߫, erwiderte der Doktor unfreundlich, w�hrend er dem Kranken geschickt eine Nadel in die Hinterbacke stach.</p><p>Lentotschkin h�rte beinahe sofort auf zu lachen, ging in die Hocke und g�hnte.</p><p>�Genug, gehen wir.� Korowin zog den Oberst am �rmel. �Er wird gleich einschlafen.�</p><p>Lagrange verlie� das Palmenhaus tief in Gedanken versunken. Von dem �jungen H�pfer� war offenkundig keine Hilfe zu erwarten. Der Gesandte des Bischofs war zu einem kompletten Idioten geworden. Na, egal, irgendwie w�rde er auch ohne ihn auskommen. Es war ein klarer Tag, was bedeutete, dass es eine helle Nacht geben w�rde. Es war Neumond vorbei, also genau die richtige Zeit f�r den schwarzen M�nch. Heute Abend w�rde er sich auf dieser Landzunge auf die Lauer legen. Und sobald der Kerl sich zeigen w�rde, w�rde er ihn auf frischer Tat ertappen. Was machte es schon aus, dass er ein Gespenst war? Im vorletzten Jahr, als er noch seine fr�here Stellung im Kreis Priwislenski bekleidete, hatte Felix Stanislawowitsch h�chstpers�nlich Stas, den Blutsauger, den Lubliner Vampir, verhaftet. So gerissen er auch war, dieser Werwolf � da hatte er keinen Mucks mehr gemacht.</p><p>Doch bevor er nach Ararat zur�ckkehrte, musste er noch etwas anderes erledigen.</p><p>Als er aus der Tropenhitze in die erquickende n�rdliche K�hle hinaustrat, horchte der Polizeimeister in die Stille; eine halbe Minute stand er reglos da, um dann zielstrebig in die B�sche zu st�rzen und einen sich heftig wehrenden Mann hervorzuziehen � ebenjenen Spion, der schon vorhin am Weg herumgeschlichen war und vermutlich auch unter dem Fenster gelauscht hatte, jemand anders konnte es gar nicht gewesen sein.</p><p>Wie sich herausstellte, kannte er ihn. Wenn man so jemanden einmal gesehen hat, vergisst man ihn nie wieder: die schwarze Baskenm�tze, der karierte Mantel, die violette Brille und der gezwirbelte Bart. Es war der Flegel von der Anlegestelle.</p><p>�Wer bist du?�, br�llte der Oberst. �Was spionierst du herum?�</p><p>�Wir m�ssen! Unbedingt! �ber alles!�, sprudelte der Knirps hervor, wobei er Worte und ganze Satzteile verschluckte, sodass sein ganzes Geschw�tz keinen Sinn ergab. �Ich habe es geh�rt! Obrigkeit! Heilige Pflicht! Wei� der Teufel, womit! Hier ist der Tod, und sie! Niemand, keine Menschenseele! Taube, Blinde, Himbeerrote!�</p><p>�Sergej Nikolajewitsch, mein Bester, beruhigen Sie sich.� Korowin redete freundlich auf den Schreihals ein. �Sie werden wieder Kr�mpfe bekommen. Dieser Herr wollte den jungen Mann besuchen, der im Palmenhaus wohnt. Was haben Sie denn gedacht?� Halblaut erkl�rte er dem Oberst: �Auch einer meiner Patienten, Sergej Nikolajewitsch Ljampe. Ein �beraus talentierter Physiker, aber ein ziemlich absonderlicher Kauz.�</p><p>�Absonderlich ist gut�, brummte Felix Stanislawowitsch vor sich hin, doch er lockerte seinen eisernen Griff und lie� den Gefangenen los. �Der ist v�llig durchgedreht und l�uft hier frei herum. Wei� der Teufel, was bei Ihnen f�r Zust�nde herrschen.�</p><p>Der niedergeschlagene Physiker rang flehentlich die H�nde und rief:</p><p>�Ein schrecklicher Irrtum! Ich dachte, nur ich! Aber das bin nicht ich! Das ist noch jemand anders! Es ist alles anders! Aber das ist unwichtig! Ich muss dorthin!� Er zeigte irgendwohin zur Seite. �Eine Kommission ist n�tig! Nach Paris! Mascha und Toto! Sie sollen herkommen! Wenn sie es sehen, werden sie verstehen! Sagen Sie es ihnen allen! Der Tod! Und es wird noch weitergehen!�</p><p>Aus, genug jetzt! Lagrange hatte die Nase voll von Unterhaltungen mit Idioten. Er tippte sich undelikat mit dem Finger an die Schl�fe und ging davon, doch der Verr�ckte wollte sich noch immer nicht beruhigen. Er �berholte den Oberst, lief voraus, klammerte sich mit den H�nden an seine idiotische Brille und st�hnte verzweifelt:</p><p>�Himbeerrot, ein himbeerroter Kopf! Hoffnungslos!�</p><p>***</p><p>Der Polizeimeister folgte dem mit Ziegeln gepflasterten schmalen Weg, der sich zwischen den H�geln hindurchschl�ngelte, und um keine Zeit zu verlieren, hielt er direkten Kurs auf den Glockenturm des Klosters, dessen zwiebelf�rmige goldene Kuppel �ber den Baumwipfeln hervorblitzte. Er ging durch einen lichten Hain, �ber eine Waldwiese und durch gelblich rotes Buschwerk, bis er schlie�lich zu einer Lichtung kam, von der aus das Gel�nde zur Ebene hin abfiel und man einen ausgezeichneten Blick auf die Stadt und das Kloster, auf beinahe die halbe Insel und obendrein noch auf die Weite des Sees hatte.</p><p>Am Rande der Lichtung, in einem Pavillon mit durchbrochenen Gitterw�nden, sa� ein Mann in Strohhut und kurzer Joppe. Als er die energischen Schritte hinter sich vernahm, schrie der Unbekannte erschrocken auf und verbarg mit einer hastigen Bewegung etwas unter dem Mantel, der neben ihm auf der Bank lag.</p><p>Diese Geb�rde war Lagrange aus dem Polizeidienst bestens bekannt. So versteckt ein auf frischer Tat ertappter Dieb sein Diebesgut. Man kann ihn ohne zu z�gern am Kragen packen und auffordern, die Taschen auszuleeren � irgendetwas Verd�chtiges wird sicher zum Vorschein kommen.</p><p>Das diebische Subjekt sah sich zum Oberst um und zeigte ein sanftes, verwirrtes L�cheln.</p><p>�Verzeihen Sie, ich hielt Sie f�r . . . jemand ganz anders. Ach, das w�re mir jetzt aber ungelegen gekommen!�</p><p>Da bemerkte er Felix Stanislawowitschs von Berufs wegen argw�hnischen Blick und fing leise an zu lachen:</p><p>�Sie haben wohl angenommen, ich h�tte hier eine Mordwaffe versteckt oder sonst etwas Schreckliches? Nein, mein Herr, es ist ein Buch.�</p><p>Bereitwillig hob er den Mantel an, unter dem sich tats�chlich ein Buch befand, ein ziemlich dickes Buch in einem braunen Ledereinband. Entweder etwas Unz�chtiges oder etwas Politisches � eines von beiden musste es sein. Warum h�tte er es sonst verstecken sollen?</p><p>Doch dem Polizeimeister war nicht nach verbotener Lekt�re.</p><p>�Was geht das mich an?�, brummte er ver�rgert. �Was ist denn das f�r eine Art, einen Fremden mit solchen Albernheiten zu bel�stigen . . .�</p><p>Er ging weiter, um den Fu�weg hinunter in die Stadt zu nehmen.</p><p>Der gespr�chige Herr rief ihm hinterher:</p><p>�Donat Sawwitsch macht mir auch immer Vorw�rfe, dass ich zu aufdringlich bin und die Leute bel�stige. Entschuldigen Sie.�</p><p>In der Stimme, mit der diese Worte ausgesprochen wurden, lag keine Spur von Beleidigung. Lagrange blieb wie angewurzelt stehen, wenn auch nicht etwa aus Reue �ber seine Schroffheit, sondern weil er den Namen des Doktors vernommen hatte.</p><p>Der Oberst kehrte zum Pavillon zur�ck und betrachtete den Unbekannten genauer. Er sah die zutraulich aufgesperrten blauen Augen, die weiche Linie der Lippen und den kindlich-naiv zur Seite geneigten Kopf.</p><p>�Sie sind gewiss einer der Patienten des Herrn Korowin?�, erkundigte sich der Polizeimeister mit ausgesuchter H�flichkeit.</p><p>�Nein�, antwortete der Blonde, wiederum ohne im Geringsten gekr�nkt zu sein. �Ich bin jetzt v�llig gesund. Aber es stimmt, fr�her war ich in Behandlung bei Donat Sawwitsch. Er k�mmert sich auch jetzt noch um mich. Er gibt mir Ratschl�ge und beaufsichtigt meine Lekt�re. Ich bin n�mlich schrecklich ungebildet, ich habe nie etwas Richtiges gelernt.�</p><p>Anscheinend bot sich hier eine gute Gelegenheit, zus�tzliche Informationen �ber den scharfz�ngigen Doktor zu sammeln. Man sah sofort, dass diese Schlafm�tze nichts f�r sich behalten konnte � der w�rde bereitwillig alles ausplaudern, wonach man ihn fragte.</p><p>�Gestatten Sie vielleicht, dass ich mich ein wenig zu Ihnen setze?�, fragte Lagrange, w�hrend er die Stufen emporstieg. �Hier ist die Aussicht wirklich sehr sch�n.�</p><p>�Ja, sehr sch�n, deshalb sitze ich auch so gerne hier. Neulich, als die Luft ganz besonders durchsichtig war, wissen Sie, was mir da eingefallen ist?� Der Blondhaarige r�ckte ein St�ck, um Platz zu machen, und fing wieder an zu lachen. �Man m�sste mal einen eingefleischten Atheisten hierher verpflanzen, einen von denen, die immerzu wissenschaftliche Beweise f�r die Existenz Gottes verlangen, und diesem Skeptiker die Insel und den See zeigen. Da h�tte er seinen Beweis, andere braucht es gar nicht. Finden Sie nicht auch?�</p><p>Felix Stanislawowitsch stimmte ihm sofort eifrig zu, w�hrend er �berlegte, wie er die Unterhaltung am besten in produktive Bahnen lenken k�nnte, aber sein redseliger Gespr�chspartner hatte offenbar eigene Vorstellungen �ber die bevorstehende Konversation.</p><p>�Es kommt mir sehr gelegen, dass Sie sich zu mir gesellen. Ich habe hier in einem Roman sehr viele wichtige Dinge gelesen und m�chte mich schrecklich gerne mit jemandem dar�ber aus tauschen. Zudem habe ich viele Fragen. Und Sie haben ein so kluges, energisches Gesicht. Man sieht sofort, dass Sie zu allem eine feste Meinung haben. Sagen Sie doch, was ist Ihrer Ansicht nach das ungeheuerlichste Verbrechen, das ein Mensch begehen kann?�</p><p>Der Polizeimeister �berlegte eine Weile, dachte an die Bestimmungen des Strafrechts und erwiderte dann:</p><p>�Hochverrat.�</p><p>Der Romanleser schlug die H�nde zusammen, und vor lauter Aufregung zuckte seine rechte Wange.</p><p>�Oh, wie �hnlich wir denken! Stellen Sie sich vor, ich meine ebenfalls, dass es nichts Schlimmeres als Verrat gibt und geben kann! Das hei�t, ich meine nicht einmal Hochverrat (obwohl es nat�rlich nicht richtig ist, einen Eid zu brechen), sondern den Verrat am anderen. Besonders, wenn jemand schwach ist und dir von ganzem Herzen vertraut. Ein Kind zu verf�hren, das dich verg�ttert und nur durch dich gelebt hat � das ist entsetzlich. Oder �ber ein armseliges, schwachsinniges Wesen zu spotten, das von allen unterdr�ckt wird und auf der ganzen Welt nur an dich allein geglaubt hat. Vertrauen oder Liebe zu schm�hen � das ist wohl schlimmer als Mord, obwohl es vom Gesetz nicht bestraft wird. Das hei�t doch, seine unsterbliche Seele zugrunde zu richten. Wie denken Sie dar�ber?�</p><p>Felix Stanislawowitsch runzelte die Stirn und antwortete umst�ndlich:</p><p>�Nun, bei Verf�hrung Minderj�hriger sieht das Gesetz Zwangsarbeit vor, aber was die �brigen Arten allt�glichen Verrats betrifft � nat�rlich nur, soweit es sich nicht um finanzielle Betr�gereien handelt � , ist die Lage komplizierter. Viele Menschen, insbesondere M�nner, halten Ehebruch �berhaupt nicht f�r, eine S�nde. Aber auch bei unserem Geschlecht gibt es Ausnahmen.� Er wurde lebhaft, weil er sich bei der Gelegenheit an eine pikante Geschichte erinnerte. �Ich hatte einen Kommilitonen, einen gewissen Bulkin. Er war der tugendhafteste Ehemann, hatte einen Narren gefressen an seiner Ehefrau. Wir alle besuchten nach dem Unterricht gelegentlich ein Freudenhaus auf der Ligowka, aber er ging unbeirrt nach Hause, ein richtiger Sonderling. Nach dem Examen wurde er zum Baltischen Geschwader abkommandiert, und zwar zur Spezialeinheit.� Der Oberst stockte erschrocken, weil er sich verraten hatte, und warf einen besorgten Blick auf seinen Gespr�chspartner. Seine Sorge war umsonst � der Blonde schaute noch immer arglos, interessiert und friedlich drein. �Nun ja, also Folgendes. Er ging mit dem Geschwader auf Fahrt, manchmal sehr lange, mehrere Monate. Die Offiziere st�rzten in jedem Hafen sofort zum Bordell, aber Bulkin blieb in der Kaj�te und bedeckte das Medaillon mit dem Antlitz seiner Frau mit K�ssen. Etwa ein Jahr lang war er so unterwegs und qu�lte sich, bis er einen ausgezeichneten Kompromiss fand.�</p><p>�So?�, freute sich der Blonde. �Ich h�tte gedacht, da k�nnte es keinen Kompromiss geben.�</p><p>�Bulkin war ein heller Kopf! Bei analytischen Aufgaben war er immer der Klassenbeste!� Felix Stanislawowitsch sch�ttelte begeistert den Kopf. �Was der sich ausgedacht hat! Von einem Maskenbildner lie� er eine Maske aus Pappmaschee anfertigen, das genaue Abbild des Gesichts seiner angebeteten Gattin, und sogar eine goldgelbe Per�cke klebte er obendrauf. Von dem Tag an st�rmte Bulkin immer als Erster in die Lasterh�hlen. Er griff sich irgendeine � pardon � Schickse, die h�sslicher als die anderen und deshalb nat�rlich billiger war, setzte ihr die Maske seiner Frau auf, und hinterher war sein Gewissen v�llig rein. Er sagte: Vielleicht bin ich mit meinem K�rper untreu, nicht aber mit meiner Seele. Und er hatte Recht! Die Kameraden jedenfalls respektierten ihn.�</p><p>Lagranges Geschichte brachte seinen Gespr�chspartner in Verlegenheit. Er blinzelte mit seinen Schafsaugen und breitete die Arme aus.</p><p>�Ja, das ist wohl kein richtiger Verrat. . . Obwohl ich mich mit dieser Art Liebe nicht auskenne . . .�</p><p>Felix Stanislawowitsch hatte Schlappschw�nze noch nie leiden k�nnen, doch an diesem Wunderling fand er aus irgendeinem Grunde gro�en Gefallen. Und zwar so gro�en, dass er � unglaublich! � pl�tzlich gar keine Lust mehr hatte, ihn auszuhorchen, und sich �ber sich selbst wundern musste.</p><p>Anstatt nun bei diesem idealen Informanten Erkundigungen �ber den Verd�chtigen einzuziehen (Doktor Korowin z�hlte f�r Felix Stanislawowitsch zu den verd�chtigen Personen), fing der Polizeimeister unvermittelt in einer f�r ihn ganz untypischen Weise an:</p><p>�H�ren Sie, mein Herr, das ist mein zweiter Tag hier auf der Insel . . . Das hei�t, streng genommen sogar der erste, denn ich bin erst gestern Abend angekommen . . . Ein seltsamer Ort, so ganz anders als �berall sonst. Was man auch anpackt, was man sich auch ansehen will � alles verschwimmt wie im Nebel. Sie sind doch schon lange hier?�</p><p>�Das dritte Jahr.�</p><p>�Dann sind Sie wohl daran gew�hnt. Sagen Sie mir doch ganz offen und unverh�llt, was halten Sie von all dem?�</p><p>Die beiden letzten Worte waren f�r den Oberst, der sich gew�hnlich klar und deutlich ausdr�ckte, geradezu merkw�rdig nebul�s, und er unterstrich sie mit einer unbestimmten Geb�rde, als wolle er das Kloster, die Stadt, den See und sonst noch etwas umfassen.</p><p>Nichtsdestoweniger begriff sein Gespr�chspartner sehr gut, wovon er redete.</p><p>�Sie meinen den schwarzen M�nch?�</p><p>�Ja. Glauben Sie an ihn?�</p><p>�Daran, dass viele ihn tats�chlich gesehen haben? Das glaube ich, da habe ich �berhaupt keinen Zweifel. Man braucht den Leuten nur in die Augen zu sehen, wenn sie davon erz�hlen. Sie l�gen nicht, ich merke sofort, wenn jemand l�gt. Eine andere Frage ist, ob sie etwas gesehen haben, das wahrhaftig existiert, oder lediglich das, was ihnen gezeigt wurde . . .�</p><p>�Wer hat es ihnen gezeigt?� Lagrange spitzte die Ohren.</p><p>�Nun, das wei� ich nicht. Schlie�lich sehen wir alle, jeder von uns, nur das, was uns gezeigt wird. Vieles, was wahrhaftig existiert und was andere Menschen sehen, sehen wir nicht, im Gegenzug dazu wird uns gelegentlich etwas gezeigt, was nur f�r unseren Blick bestimmt ist. So etwas kommt gar nicht so selten vor. Fr�her hatte ich beinahe jeden Tag eine Erscheinung. Genau das war meine Krankheit, wie ich heute wei�. Wenn einem Menschen zu oft etwas gezeigt wird, was nur er sehen soll, dann ist das wahrscheinlich Wahnsinn.�</p><p>Ach, Bruder, wir kommen nicht zusammen, dachte der ge-nasf�hrte Oberst. Es war an der Zeit, die fruchtlose Unterhaltung zu beenden, er hatte ohnehin den halben Tag nahezu umsonst vertan. Um der unn�tzen Begegnung wenigstens irgendeinen Sinn abzugewinnen, fragte Felix Stanislawowitsch:</p><p>�W�rden Sie mir nicht vielleicht zeigen, in welche Richtung von hier die Landzunge liegt, wo sich das Gespenst am h�ufigsten zeigt?�</p><p>Der Blonde erhob sich beflissen, trat zum Gel�nder und erkl�rte:</p><p>�Sehen Sie den Stadtrand? Dahinter ist ein gro�es Feld, dann kommt der Schiffsfriedhof, dort, wo die Masten aufragen. Weiter links schimmert etwas Wei�es, das ist der verlassene Leuchtturm. Der braune Kegel, das ist die Abdankungskapelle, wo die Totenmesse f�r die Eremiten gelesen wird. Daneben zieht sich ein schmaler Streifen ins Wasser, der wie ein Finger auf die kleine Insel weist. Diese kleine Insel ist die Einsiedelei, und der Streifen ist die Landzunge. Dort dr�ben, zwischen der Kapelle und der H�tte des Bakenw�rters.�</p><p>�Eine H�tte?�, vergewisserte sich der Oberst stirnrunzelnd. War das vielleicht die H�tte, von der Lentotschkin geredet hatte?</p><p>�Ja, wo dieser entsetzliche Vorfall geschehen ist. Es gab sogar zwei Vorf�lle: zuerst die Frau des Bakenw�rters, und dann dieser junge Mann, der nackt in die Klinik gelaufen kam. Er ist dort �bergeschnappt, in der H�tte.�</p><p>Der Polizeimeister durchbohrte den Ortsans�ssigen mit seinem Blick.</p><p>�Woher wissen Sie, dass es genau dort war?�</p><p>Der andere drehte sich um und klimperte mit seinen hellen Wimpern.</p><p>�Wo denn sonst? In der H�tte hat man am Morgen seine Kleider gefunden, ordentlich zusammengelegt. Auf einer Bank. Und seine Halbstiefel und den Hut. Er muss also noch ganz normal und anst�ndig bekleidet hineingegangen sein, bevor er dann in v�lliger geistiger Umnachtung wieder hinauslief und offenbar direkt zum Haus von Donat Sawwitsch rannte.�</p><p>Erst jetzt fiel dem Oberst der letzte Brief von Alexej Stepanowitsch wieder ein � stimmt, darin hatte er vom H�uschen des Bakenw�rters geschrieben und von seiner Absicht, nachts dahin zu gehen. Felix Stanislawowitsch hatte diese Stelle �brigens nur �berflogen, weil Lentotschkin beim Verfassen seines dritten Berichts offenkundig bereits v�llig durchgedreht war und nur noch Bl�dsinn schwafelte.</p><p>Jetzt aber stellte sich heraus, dass es gar nicht so ein Bl�dsinn gewesen war. Das hei�t, was die Mystik und die magische Formel angeht, nat�rlich schon, doch irgendetwas war in jener Nacht in der H�tte passiert. Was hatte er vorhin gesagt? �Geh hin, zu der H�tte auf H�hnerbeinen. Um Mitternacht. Dort wirst du schon sehen. Pass nur auf, dass es dich nicht zusammenschn�rt, sonst bricht dir das Herz.� Zugegeben, den letzten Satz konnte man dem Wahnsinn zuschreiben, aber was den Ort und die Zeit anging, lohnte es sich, dar�ber nachzudenken.</p><p>Und in diesem Moment begann sich im Kopf des Polizeimeisters eine Idee zu regen.</p><p>***</p><p>Zur Nacht war der Plan ausgereift, und er erschien so unleugbar zweckdienlich und einfach, dass er die vorherige Disposition � dem hemmungslosen Wassilisk auf der Landzunge aufzulauern � vollkommen verdr�ngte.</p><p>Ein weiterer nicht unwichtiger Umstand trug dazu bei, dass Lagrange seine Absichten endg�ltig �nderte: Nach Sonnenuntergang herrschte auf der Insel Finsternis, und es war klar, dass die Sichel des zunehmenden Mondes, nicht gr��er als ein abgeschnittener Fingernagel, noch zu klein und zu schmal war, um die Landzunge ausreichend zu beleuchten, was bedeutete, dass es keinen vern�nftigen Grund gab, dort im Hinterhalt zu sitzen.</p><p>Eine andere Sache war die bauf�llige H�tte, bei der ein Kreuz mit drei Querbalken in die Scheibe geritzt war (bei der R�ckkehr in sein Hotel hatte der Oberst den Brief mit gr��ter Aufmerksamkeit gelesen und sich alle Einzelheiten gemerkt). Die Nacht, in der der �junge H�pfer� � mit f�r ihn �beraus betr�blichen Konsequenzen � die H�tte aufgesucht hatte, war, wie Lagrange bei den Einwohnern herausgefunden hatte, mondlos gewesen, was aber nicht verhindert hatte, dass geschah, was geschah. Das bedeutete, es stellte keinen Hinderungsgrund dar, wenn der Mond nicht schien.</p><p>Also: Er w�rde genau um Mitternacht dort eintreffen, so wie der Geisteskranke es geschrieben hatte, die magische Formel sprechen und sehen, was passiert. Das war eigentlich der ganze Plan.</p><p>Ein anderer w�re vielleicht davor zur�ckgeschreckt, sich auf eine so undurchsichtige, in keinem Reglement, in keiner Dienstanweisung beschriebene Unternehmung einzulassen, aber nicht so Oberst Felix Stanislawowitsch Lagrange.</p><p>Als der Polizeimeister in der undurchdringlichen Finsternis auf die schreckliche H�tte zuging (es war genau f�nf Minuten vor Mitternacht), schlug sein Herz gleichm��ig, seine H�nde zitterten nicht, und sein Schritt war fest.</p><p>Rings umher aber war es unheimlich. Fern im Wald schrie ein Uhu, vom Wasser her wehten K�lte und Grauen, und ansonsten herrschte absolute Totenstille, sodass man den eigenen Herzschlag h�ren konnte, als hielte man sich die Ohren zu. Als sich Lagranges Augen an die Finsternis gew�hnt hatten, machten sie weiter vorn die windschiefen Umrisse der aus Balken gezimmerten H�tte aus, und es schien dem Oberst unglaublich, dass hier noch vor wenigen Tagen eine junge, gewiss gl�ckliche Familie gewohnt hatte, die ihren allt�glichen Verrichtungen nachgegangen war und ihr erstes Kind erwartet hatte. Nichts Lebendiges, Warmes, Freudiges konnte an einem solchen Ort gedeihen.</p><p>Felix Stanislawowitsch erschauerte � ihn fr�stelte pl�tzlich, obwohl er ein wollenes Wams unter dem Jackett und der Weste trug. F�r alle F�lle (wei� der Teufel f�r welche) zog er seine Smith &amp; Wesson unter der Achsel hervor und steckte sie unter den G�rtel.</p><p>Die T�r war mit zwei �ber Kreuz gelegten Brettern vernagelt. Der Polizeimeister steckte die Finger in den Spalt hinter dem einen Brett, zog aus Leibeskr�ften daran und w�re beinahe hingefallen, so leicht sprangen die N�gel aus dem morschen Holz. Ein widerw�rtiges Splittern und Knirschen durchbrach die Stille, mit heftigem Fl�gelschlag erhob sich ein gro�er Vogel vom Dach.</p><p>Lagrange entdeckte das Fenster sofort: ein graues Quadrat auf schwarzem Grund.</p><p>Nun musste er zum Fenster treten, sich bekreuzigen und sagen: �Komm, unreiner Geist, zu dem Zeichen, das du hinterlassen hast, gem�� der �bereinkunft von Gabriel mit dem Teufel.� Verflixt, wenn er sich nur nicht versprach!</p><p>Mit ausgestreckten Armen ging Felix Stanislawowitsch vorsichtig weiter. Die Finger ertasteten seitw�rts etwas H�lzernes, Gro�es. Eine Truhe? Eine Kiste?</p></section><section><title><p>DIE DRITTE EXPEDITION</p><p>Abenteuer eines Klugen</p></title><p>Die Nachricht �ber den Selbstmord von Oberst Lagrange erreichte Sawolshsk erst drei Tage nach diesem entsetzlichen Vorfall, da es auf den Inseln keinen Telegrafen gab und alle Mitteilungen, selbst au�erordentlich wichtige, wie in alter Zeit �berbracht wurden � per Post oder per Eilboten.</p><p>In den Briefen des Klostervorstehers an die weltliche und die geistliche Obrigkeit des Gouvernements fanden sich nur sehr knappe Angaben zu den Umst�nden des Dramas. Der K�rper des Polizeimeisters war in einem verlassenen Haus gefunden worden, in dem fr�her die Familie des Bakenw�rters gelebt hatte, der einige Tage zuvor ebenfalls Hand an sich gelegt hatte. Doch w�hrend im letzteren Fall die Ursache des wahnsinnigen und vom Standpunkt der Religion aus unverzeihlichen Verbrechens mindestens verst�ndlich war, mochte der Archimandrit �ber die Gr�nde, die den Polizeimeister zu diesem verh�ngnisvollen Schritt bewogen hatten, nicht einmal Vermutungen anstellen. Er betonte besonders, dass er �ber die Ankunft eines hohen Polizeioffiziers (der Rang des Ank�mmlings war erst post mortem bei der Durchsicht seines Zimmers und seiner Sachen entdeckt worden) in Neu-Ararat keinerlei Kenntnis gehabt habe, und er erbat, ja, er forderte diesbez�glich eine Erkl�rung von Seiten des Gouverneurs.</p><p>An Einzelheiten wurde lediglich Folgendes mitgeteilt: Der Oberst hatte sich mit einem Schuss aus seinem Revolver in die Brust get�tet. Es gab leider keinerlei Zweifel daran, dass es sich tats�chlich um einen Selbstmord handelte: Der Tote hielt die Waffe umklammert, in deren Trommel eine Kugel fehlte. Das t�dliche Blei war direkt ins Herz gedrungen und hatte dieses Organ in St�cke gerissen, sodass der Tod allem Anschein nach augenblicklich eingetreten war.</p><p>Damit endete der Brief an Gouverneur von Gaggenau, w�hrend die Epistel an den Bischof noch einen ziemlich ausf�hrlichen Zusatz aufwies. Darin machte der Archimandrit den Bischof darauf aufmerksam, welche Konsequenzen der sch�ndliche Vorfall f�r den Frieden, die Ruhe und die Reputation des heiligen Klosters nach sich ziehen k�nnte, auf die ohnehin schon ein Schatten gefallen sei durch allerlei beunruhigende Ger�chte (dieser zur�ckhaltende Ausdruck bezog sich zweifellos auf die sattsam bekannten Erscheinungen des Schwarzen M�nchs). Dank der gn�digen Vorsehung Gottes, so schrieb der Klostervorsteher, w�ssten bislang nur wenige Leute von dem Ungl�ck: der Kirchendiener, der den Leichnam entdeckt hatte, drei Br�der der Friedensw�chter (so hie� die Klosterpolizei in Neu-Ararat) und der Diener des Hotels, in dem der Selbstm�rder abgestiegen war. Allen sei ein Schweigegel�bde abgenommen worden, doch sei es zweifelhaft, ob es gelingen w�rde, den Skandal vor den Einwohnern und den Pilgern v�llig geheim zu halten. Vater Witalis Brief schloss mit den Worten: �. . . und ich hege sogar die Bef�rchtung, dass diese fr�her so friedvolle Insel wie einstmals Albion den gottlosen Beinamen �Insel der Selbstm�rder� erh�lt, weil innerhalb kurzer Zeit bereits zwei Menschen diese schlimmste aller Tods�nden begangen haben.�</p><p>Der Bischof gab allein sich selbst die Schuld an der Trag�die. Geb�ckt und mit einem Mal gealtert, erkl�rte er seinen vertrauten Ratgebern:</p><p>�Das alles ist allein meinem Stolz und meiner Anma�ung zuzuschreiben. Ich habe auf niemanden geh�rt, alles selbst entschieden, und das nicht nur einmal, sondern zweimal. Zuerst habe ich Aljoscha zugrunde gerichtet, und jetzt Lagrange. Und das Unertr�glichste ist � ich habe nicht nur ihre sterblichen K�rper der Schande preisgegeben, sondern ihre unsterblichen Seelen. Bei dem einen ist die Seele von schwerem Leiden gezeichnet, der andere hat seine Seele endg�ltig vernichtet. Das ist hundertmal schlimmer als der einfache Tod . . . Ich habe mich geirrt, grausam geirrt. Ich glaubte, ein Soldat mit seiner Gradlinigkeit und mangelnden Fantasie sei nicht anf�llig f�r seelische Verzweiflung und mystische Schrecken. Ich habe nicht bedacht, dass Menschen von solchem Charakter sich nicht biegen k�nnen, sondern zerbrechen, wenn sie mit einem Ph�nomen konfrontiert sind, das ihr einfaches, klares Weltbild zerst�rt. Tausendmal Recht hattest du, meine Tochter, als du vom gordischen Knoten sprachst. Offenbar hat unser Oberst einen Knoten gesehen, den er nicht zu l�sen imstande war. Seine Ehre gestattete ihm nicht, den R�ckzug anzutreten, also wollte er den komplizierten Knoten mit aller Kraft zerschlagen. Und der Name dieses gordischen Knotens ist � Gottes Welt. . .�</p><p>Der Bischof konnte nicht mehr an sich halten und brach in Tr�nen aus, aber da er aufgrund seiner Charakterst�rke keine Neigung zum Weinen hatte und �berhaupt nicht �ber die Gabe der Tr�nen verf�gte, brachte er nicht sonderlich w�rdevolle Laute hervor: zun�chst ein dumpfes St�hnen, ein Kr�chzen im Hals und dann ein ausdauerndes Schneuzen ins Taschentuch. Doch die Unbeholfenheit dieser Klage um eine verlorene Seele wirkte auf die Anwesenden st�rker als jedes Schluchzen: Matwej Benzionowitsch musste blinzeln und zog ein riesengro�es Taschentuch hervor, und Schwester Pelagia machte die m�nnliche Knauserei beim Weinen wett, indem sie unverz�glich in Tr�nen zerfloss.</p><p>Der Bischof fasste sich als Erster wieder.</p><p>�Ich werde f�r Felix Stanislawowitschs Seele beten. Allein, in meiner Hauskapelle. In der Kirche darf man f�r einen Selbstm�rder nicht beten. Auch wenn er selbst Gott zur�ckgewiesen hat und es keine Vergebung f�r ihn geben wird, er verdient trotzdem ein gutes Angedenken im Gebet.�</p><p>�Es gibt keine Vergebung?� schluchzte Pelagia. �Keinem Selbstm�rder wird Vergebung gew�hrt? Niemals, niemals, selbst in tausend Jahren nicht? Wissen Sie das ganz sicher, Eminenz?�</p><p>�Aber ja � so sagt es die Kirche, schon von alters her.�</p><p>Die Nonne trocknete ihr wei�es, mit blassen Sommersprossen �bers�tes Gesicht und zog konzentriert die Augenbrauen zusammen.</p><p>�Aber wenn jemand die B�rde des Lebens nicht mehr erdulden kann? Wenn ein Mensch unertr�glichen Kummer hat oder eine qu�lende Krankheit, oder wenn er von Folterknechten gequ�lt und zum Verrat gezwungen wird? Wird auch diesen nicht vergeben?�</p><p>�Nein�, versetzte Mitrofani streng. �Deine Fragen zeugen von Kleingl�ubigkeit. Der Herr wei�, wer welche Pr�fungen ertragen kann, und er wird keine einzige Seele �ber die Ma�en pr�fen. Wem er aber eine schwere Pein sendet, dessen Seele erweist sich als besonders standfest, und dem Grad der Standfestigkeit entspricht die Pr�fung. Alle heiligen Gro�m�rtyrer waren so. Keiner von ihnen f�rchtete die Folter, keiner hat Hand an sich gelegt.�</p><p>�Aber Heilige gibt es einen auf eine Million. Und was ist mit denen, die sich nicht aus Furcht oder Schw�che, sondern um ihrer N�chsten willen zugrunde richten? Ich erinnere mich, dass Sie aus der Zeitung vorgelesen haben, es ging um den Kapit�n eines Dampfers, der bei einem Schiffsungl�ck seinen Platz im Rettungsboot einem anderen �berlie� und dadurch mit dem Schiff gesunken ist. Sie waren ganz begeistert davon und haben ihn gelobt.�</p><p>Berditschewski seufzte gequ�lt, weil er schon im Voraus wusste, wie diese unangebrachte Diskussion enden w�rde. Pelagia w�rde den Bischof mit ihren Fragen und Argumenten in Rage bringen, es w�rden Schimpfworte fallen und sinnlos Zeit verloren gehen. Dabei h�tten sie �ber Wichtigeres zu reden.</p><p>�Ich war begeistert als B�rger der irdischen Welt. Aber als geistliche Person, die verpflichtet ist, sich um die Unsterblichkeit der Seele zu k�mmern, gr�me ich mich �ber eine solche Handlung und verurteile sie.�</p><p>�So, so�, blitzte die Nonne mit scharfem Blick, um dann dem Bischof einen Schlag zu versetzen, den die Briten wohl als unsportlich bezeichnet h�tten. �W�rden Sie auch Iwan Sussanin verurteilen, der freiwillig vor die polnischen S�bel trat, um die Zarendynastie zu retten?�</p><p>Mitrofani wurde allm�hlich �rgerlich und fuhr sich mit den Fingern durch den Bart.</p><p>�Iwan Sussanin hat vielleicht gehofft, er k�nne im letzten Moment den Feinden entkommen und in den Wald fliehen. Solange es Hoffnung gibt, und sei sie noch so klein, ist es kein Selbstmord. Wenn Soldaten in eine gef�hrliche Attacke oder sogar, wie es hei�t, �in den sicheren Tod� gehen, hofft doch ein jeder von ihnen auf ein Wunder und fleht zu Gott darum. In der Hoffnung liegt der ganze Unterschied, in der Hoffnung! Solange die Hoffnung lebt, lebt auch Gott. Du bist eine Nonne, du solltest das wissen!�</p><p>Pelagia beantwortete den Vorwurf mit einer dem�tigen Verbeugung, gab aber dennoch keine Ruhe.</p><p>�Und als Christus zum Kreuz ging, hatte er da auch Hoffnung?�, fragte sie leise.</p><p>Im ersten Moment erfasste der Bischof den ganzen Sinn dieser k�hnen Frage nicht, und er runzelte nur die Stirn. Als er ihn aber erkannte, erhob er sich zu voller Gr��e, stampfte mit dem Fu� auf und schrie:</p><p>�Aus dem Erl�ser einen Selbstm�rder machen?! Weiche von mir, Satan! Fort!�</p><p>Da d�mmerte es auch der Nonne, dass sie in ihrer Wissbegierde alle Grenzen des Erlaubten �berschritten hatte. Pelagia raffte die Sch��e ihrer Kutte zusammen, zog den Kopf ein und huschte durch die T�r, auf die der drohende Finger des Bischofs wies.</p><p>So kam es, dass der weitere Aktionsplan ohne die st�rrische Nonne ausgearbeitet wurde, unter vier Augen, zwischen dem Bischof und Matwej Benzionowitsch. Dabei muss man ber�cksichtigen, dass das betr�bliche Schicksal, das die beiden Auserw�hlten des Bischofs ereilt hatte, Mitrofani seiner �blichen Selbstsicherheit beraubt hatte (und der Streit mit seiner geistlichen Tochter hatte ein �briges zu seiner Niedergeschlagenheit getan), weshalb der Bischof mehr zuh�rte und mit allem einverstanden war. Berditschewski hingegen, der den Seelenhirten aufrichtig bedauerte, sprach gespreizter und hitziger als �blich.</p><p>�Da reden wir immerfort �ber knifflige Knoten�, sagte er, �und hier ist alles so verworren, dass wir nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht. Aber die Leute meines Standes werden nicht umsonst Rechtsverdreher genannt. Wir Richter sind Meister darin, Kn�uel aufzuwickeln und Schn�rkel zu schreiben. Wenn wir einen Knoten kn�pfen, ist der echte Gordische Knoten ein Kinderspiel dagegen. Daf�r aber kann niemand solche Gebinde besser entwirren als wir. Stimmt es oder nicht?�</p><p>�Stimmt�, best�tigte der Bischof mit wehm�tiger Miene, w�hrend er zur T�r blickte, ob Pelagia nicht zur�ckk�me.</p><p>�Und wenn das so ist, dann muss ich nach Neu-Ararat fahren. Dieses Mal haben wir allen Grund f�r eine ganz offizielle, von mir aus sogar eine geheime gerichtliche Untersuchung. Ein Polizeimeister, der Hand an sich gelegt hat, das ist kein Scherz, das ist kein Aberglaube mehr und auch keine Ausgeburt einer hysterischen Fantasie, sondern etwas Unerh�rtes. Das Ministerium wird eine Erkl�rung von unserem Anton Antonowitsch verlangen, und auch der Zar wird eine Erkl�rung von ihm fordern.�</p><p>�Ja, vom Gouverneur wird man nat�rlich eine Erkl�rung verlangen.� Mitrofani nickte unentschlossen.</p><p>�Folglich muss man wissen, was man antworten soll. Sie selbst d�rfen auf gar keinen Fall fahren, schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Weder seinem Rang noch dem Gesetz nach kann sich ein Bischof der strafrechtlichen Untersuchung eines Selbstmords annehmen.�</p><p>�Dann fahren wir zusammen. Du wirst dich um die geheime Untersuchung der Umst�nde von Lagranges Tod k�mmern, und ich k�mmere mich um den schwarzen M�nch.� In den Augen des Bischofs flackerte das fr�here Feuer auf, erlosch aber sogleich wieder. �Dann sehe ich den armen Aljoscha wieder . . .�, sprach Mitrofani mit versagender Stimme.</p><p>�Nein.� Berditschewski schnitt ihm das Wort ab. �Das w�re ja ein sch�nes Geheimnis, wenn wir beide nach Ararat f�hren! Da w�rden wir vielleicht ein Aufsehen erregen! Nicht nur, dass der Bischof herbeieilt, um den schwarzen M�nch zu treffen, er bringt auch noch gleich den Stellvertreter des Gouvernements-Staatsanwalts mit. Lachhaft! Nein, Vater, geben Sie mir Ihren Segen, und lassen Sie mich allein fahren.�</p><p>Der Bischof war heute offenkundig etwas aus dem Gleichgewicht geraten, er war schwach und apathisch. Seine Wimpern glitzerten wieder verd�chtig. Mitrofani erhob sich und k�sste den Beamten auf die Stirn.</p><p>�Du bist Gold wert, Matjuscha. Und du hast einen goldrichtigen Kopf. Aber am meisten sch�tze ich es, dass du zu diesem Opfer bereit bist. Meinst du, ich w�sste nicht, was das f�r dich bedeutet? Schlie�lich steht deine Marja kurz vor der Entbindung. Fahr hin, finde heraus, was hinter dem Geheimnis steckt. Du siehst selbst, es ist ein schreckliches Geheimnis, dazu eines, dem man mit gew�hnlichen Mitteln nicht beikommt. In Christi Namen flehe ich dich an: Pass auf dich auf � auf dein Leben und deinen Verstand!�</p><p>Um nicht zu zeigen, wie ger�hrt er war, erwiderte Matwej Benzionowitsch schneidig:</p><p>�Das macht nichts, Eminenz! So Gott will, erledige ich die Angelegenheit, und dann bin ich noch vor der Geburt wieder da. Nicht umsonst hei�t es im Volksmund: Kaum l�uft ein Jud durchs T�rchen, klappt alles wie am Schn�rchen.�</p><p>Doch als er in der Kutsche nach Hause fuhr, verging sein Schneid, ihm wurde bang ums Herz, und je n�her er dem Hause kam, desto schlimmer wurde es. Wie sollte er es seiner Frau sagen? Wie sollte er ihr in die Augen sehen?</p><p>Er sah ihr erst gar nicht in die Augen. Noch im Vorzimmer k�sste er sie auf die Wange, dr�ckte sie an sich und fl�sterte ihr ins Ohr: �Maschenka, mein Engel, es gibt da einen Fall. . . Eine au�erordentlich wichtige Reise . . . Nur f�r eine Woche, ich kann das unm�glich ablehnen. Ich beeile mich, so gut es geht, mein gro�es Ehren. . .�</p><p>Unverz�glich wurde er aus seiner Umarmung zur�ckgesto�en und mit harten, aber gerechten Worten beschimpft. Er �bernachtete im Kabinett, auf dem harten Diwan, aber am schlimmsten war es, dass er sich bei der Abreise am fr�hen Morgen nicht im Guten von seiner Frau verabschieden konnte. Die Kinder k�sste und segnete er, alle zw�lf Seelen, aber es gelang ihm nicht, sich mit der unbeugsamen Mascha zu vers�hnen.</p><p>In der Schublade seines Schreibtischs hinterlie� er Verf�gungen �ber seinen Besitz � f�r alle F�lle, als verantwortungsvoller Mensch.</p><p>Ach, Mascha, Mascha, werden wir uns Wiedersehen?</p><p>***</p><p>Reue � das war das Gef�hl, von dem der stellvertretende Staatsanwalt auf dem Weg zum Archipel von Sineosjorsk beherrscht wurde. Worauf hatte er sich da, einer fl�chtigen Anwandlung folgend, eingelassen? Und wof�r?</p><p>Wof�r, oder besser gesagt: f�r wen, das war klar � f�r seinen geliebten Mentor und Wohlt�ter, aber auch, um die Wahrheit herauszufinden, wozu ein Diener der Jurisprudenz verpflichtet ist. Aber da war noch die moralische, ja philosophische Frage: Welches ist die erste Pflicht des Menschen � die Gesellschaft oder die Liebe? In der einen Waagschale liegen B�rgersinn, berufliche Reputation, m�nnliche Ehre und Selbstachtung, in der anderen dreizehn Seelen � eine weibliche und zw�lf kindliche (und bald, so Gott will, w�rde eine weitere, ganz kleine, hinzukommen). Wenn es nur um ihn selbst ginge, w�re es halb so schlimm, doch diese dreizehn Seelen, die ohne ihn verloren w�ren und die ihm, um die Wahrheit zu sagen, viel teurer waren als alle die Millionen, die die Erde bev�lkern, was konnten sie daf�r? Man mochte es drehen und wenden, wie man wollte, Matwej Benzionowitsch w�rde so und so als Verr�ter dastehen. W�rde er der Familie den Vorrang geben und sich vor der Aufgabe dr�cken, dann w�rde er seine Prinzipien und die Gesellschaft verraten. W�rde er hingegen ehrlich der Gesellschaft dienen, w�re er ein Schuft und ein Judas vor Mascha und den Kindern.</p><p>Bei weitem nicht zum ersten Mal bedauerte Matwej Benzionowitsch, den Weg eines Gesetzesh�ters eingeschlagen zu haben, der f�r einen anst�ndigen Menschen so beschwerlich ist. W�re er Rechtsanwalt oder juristischer Konsultant geworden, bef�nde er sich gewiss nicht in dieser moralischen Zwickm�hle.</p><p>Aber nein, sagte sich Berditschewski darauf, ebenfalls nicht zum ersten Mal. Jeder Mensch, selbst derjenige, der nicht im Staatsdienst steht und ein privates Leben f�hrt, erlebt unausweichlich Interessenkonflikte, bei denen er w�hlen muss, was er opfern will. Diese Erfahrung h�lt Gott f�r jeden Lebenden bereit, damit er sich erkennen und sein Kreuz der Schulter anpassen kann � wenn nicht das eine, dann w�rde er das andere tragen k�nnen.</p><p>Seine Seele war voll Unrat, auch ohne die moralischen Qualen wegen der Entscheidung, die er getroffen hatte. Es war so, dass Matwej Benzionowitsch die Eigenschaften, die er in seiner Seele entdeckte, ganz und gar nicht gefielen. Anstatt sich befl�gelt und beseelt von dem Verlangen, die Wahrheit zu finden, in die Untersuchung zu st�rzen, empfand der stellvertretende Staatsanwalt ein ganz anderes Gef�hl, das man vornehm als Kleinmut oder einfacher ausgedr�ckt als entsetzliche Feigheit bezeichnen konnte.</p><p>Welcher Leidenschaft, welcher Alptr�ume hatte es bedurft, damit ein h�hnischer Nihilist den Verstand verlor und ein rauer, unerschrockener Polizeioffizier sein Herz in St�cke schoss? Was f�r ein Moloch hatte sich dort eingenistet, auf dieser verfluchten Insel? Und war ein gew�hnlicher, keineswegs besonders heldenhafter Mensch imstande, sich auf einen Zweikampf mit einer solchen Schreckgestalt einzulassen?</p><p>Als gebildeter, fortschrittlicher Mensch glaubte Matwej Benzionowitsch nat�rlich nicht an b�se M�chte, an Erscheinungen und dergleichen mehr. Andererseits aber konnte man nach Hamlets Maxime � �Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich tr�umt, Horatio� � die theoretische M�glichkeit der Existenz irgendwelcher anderer, bislang von der Wissenschaft noch nicht entdeckter Energien und Substanzen nicht vollst�ndig ausschlie�en.</p><p>Berditschewski sa� verzagt und ungl�cklich an Deck des Dampfers, h�llte sich in seinen leichten Palmerston mit der Pelerine (da die Untersuchung geheim war, hatte er seinen guten Uniformmantel nicht mitgenommen) und seufzte in einem fort.</p><p>Wohin er seinen Blick auch lenkte, ihm missfiel einfach alles. Die sauert�pfischen Mienen der mitreisenden Pilger, die d�steren Weiten des gro�en Sees, die schlurfende Gangart der Matrosen mit ihren finsteren Gesichtern. Der Kapit�n hingegen sah aus wie ein Seer�uber, auch wenn er eine Kutte trug. Er war riesengro�, hatte ein rotes Gesicht und eine weithin schallende Stimme. Er warf seiner lang berockten Mannschaft solche Ausdr�cke an den Kopf, dass er besser gleich richtige Mutterfl�che benutzt h�tte. Oder sagt man vielleicht Dinge wie: �Willst du das Weihrauchfass in den Stei�?� Und was bitte ist denn �Weicheier� f�r ein Ausdruck?</p><p>Letztendlich ging Berditschewski in die Kabine, legte sich in seine Koje und bedeckte den Kopf mit einem Kissen. Er seufzte noch eine Zeit lang. Dann schlief er ein. Er hatte einen scheu�lichen Traum.</p><p>Er war noch kein Kollegienrat, sondern der kleine Junge Mordka und rannte durch die Skornjaschnaja-Vorstadt, verfolgt von einer Horde schweigender, b�rtiger M�nche, die, Weihrauchf�sser schwingend, immer n�her und n�her kamen � er h�rte das Poltern der Stiefel und ihren keuchenden Atem � , bis sie ihn eingeholt hatten und sich auf ihn st�rzten. Er schrie: �Ich bin rechtgl�ubig, der Bischof selbst hat mich getauft!� Er riss sein Hemd auf, aber das kleine Kreuz an seiner Brust war nicht mehr da, er hatte es verloren. Matwej Benzionowitsch schluchzte auf und prallte mit dem Hinterkopf gegen die Zwischenwand. Schlaftrunken tastete er nach seinem Brustkreuz, um dann einen Schluck Wasser zu nehmen und wieder in seine Koje zur�ckzusinken.</p><p>Am n�chsten Morgen stand der stellvertretende Staatsanwalt mit seiner Plaidh�lle am Bug des Schiffes, bleich und von edlem Fatalismus erf�llt: Tu, was du tun musst, komme, was da wolle. Aus dem dichten Nebel kam die Insel Kanaan auf ihn zu.</p><p>Zun�chst war �berhaupt nichts zu sehen. Dann tauchte aus dem milchigen Nebel pl�tzlich ein schwarzer, zottiger Buckel auf � ein kleiner, mit Gestr�uch bewachsener Felsen. Dahinter erschien ein weiterer, kleinerer Felsen, und dann immer mehr. Die Umrisse einer dunklen, lang gezogenen Landzunge zeichneten sich ab, von der Glockengel�ut in dumpf dr�hnendem Wogen wie durch Watte her�berscholl.</p><p>Die Sonne versuchte, die aufget�rmten Wolken zu durchdringen: Hier und da war der Nebel von rosa oder sogar goldgl�nzendem Licht �bergossen, aber das war weiter oben, n�her beim Himmel, w�hrend es unten grau, tr�b und dunkel war.</p><p>W�hrend er �ber das Fallreep zu der kaum erkennbaren Anlegestelle hinunterkletterte, f�hlte Matwej Benzionowitsch sich, als steige er in eine k�rperlose Wolke hinab. Von irgendwoher erschollen Stimmen und Geschrei: �Wer m�chte in die �Arche Noah�, das allerbeste Hotel am Platze?� . . . �Zimmer in der �Zuflucht der Dem�tigen� zu vermieten, sehr g�nstig, nur ein Pappenstiel� und dergleichen mehr.</p><p>Berditschewski lauschte angestrengt und bewegte sich dann in Richtung eines feinen Knabenstimmchens, das die Reisenden in die Pension �Das Gelobte Land� zu locken versuchte. Selbstironisch fragte er sich: Wohin soll ein Jude denn sonst gehen?</p><p>Vor dem milchigen Hintergrund trat eine schlanke Gestalt mit einem breitkrempigen Hut mit Strau�enfedern hervor, die aber sogleich wieder verschwand. Ein Kleid rauschte, Abs�tze klapperten, ein Hauch von Parf�m hing in der Luft � nicht �Maigl�ckchen�, das Mascha immer benutzte, sondern ein besonderer, aufregender Duft. Mit einem Mal stach Matwej Benzionowitsch ein feiner, gleichsam eigens f�r ihn gesandter Sonnenstrahl ins Auge, und der Nebel l�ste sich rasch auf. Das hei�t, er l�ste sich nicht auf, sondern er wurde von allen vier Seiten her zur Mitte hin zusammengeschoben, so wie man ein schmutziges Tischtuch vom Tisch nimmt, um es auszusch�tteln.</p><p>Verbl�fft ob dieser ungest�men Ver�nderung sah Berditschewski, dass er mitten auf einer adretten Stra�e mit sch�nen Steinh�usern, einer h�lzernen Fahrbahn und akkurat gepflanzten B�umen stand; auf den Trottoiren flanierte das Publikum, und linker Hand, etwas oberhalb der Stadt, leuchteten die wei�en Mauern des Klosters � ohne T�rme und Glockent�rme, so weit hatte sich das Nebeltuch noch nicht gel�ftet.</p><p>Der Beamte blickte zur�ck, um die Dame zu betrachten, die allein durch ihr Erscheinen den Nebel vertrieben hatte, doch er konnte gerade noch eine auf dem Hut wippende Strau�enfeder und einen spitzen Absatz erkennen, der unter der Schleppe eines Trauerkleides hervorblitzte, bevor sie um die Ecke bog.</p><p>Wie viele solcher fl�chtigen Begegnungen es im Leben gibt, �berlegte der stellvertretende Staatsanwalt, w�hrend er dem Jungen von der Pension folgte. Eine Verhei�ung, die sich nie erf�llen wird, streift mit raschelnder Feder deine Wange, bet�ubt deine Sinne und huscht davon. Tag f�r Tag Myriaden verpasster Gelegenheiten, nicht zustande gekommener Wendungen des Schicksals. Doch da gab es nichts zu seufzen, man musste den einmal eingeschlagenen Weg mit W�rde gehen.</p><p>Und Berditschewskis Gedanken schlugen eine dienstliche Richtung ein.</p><p>Er w�rde die Sachen des Polizeimeisters und (der Beamte erschauerte in Gedanken) die Leiche in Augenschein nehmen. Vorher, noch aus der Pension, w�rde er dem Archimandriten und Doktor Korowin eine Notiz zukommen lassen, dass er als Ermittler eingetroffen sei und unverz�glich ein Treffen verlange. Bei Ersterem w�rde er sich f�r, sagen wir, zwei Uhr nachmittags ank�ndigen, bei Letzterem f�r f�nf Uhr.</p><p>***</p><p>�Eintritts�ffnung etwa so gro� wie eine Kopeke, zwischen der sechsten und siebten Rippe, drei Zoll unterhalb und einen halben Zoll links von der linken Brustwarze. Austritts�ffnung an einem heraustretenden, von der Kugel zersplitterten Wirbel (offenbar der siebte), etwa so gro� wie ein F�nfkopekenst�ck. An anderen sichtbaren Verletzungen gibt es eine Beule, einen Zoll rechter Hand des Scheitels, die offenbar davon herr�hrt, dass der Kopf nach dem Fall des K�rpers konvulsivisch auf den Boden auf geschlagen ist. . .�</p><p>Matwej Benzionowitsch hatte noch nie zuvor ein Protokoll einer Leichenschau erstellen m�ssen. Im Gouvernement waren daf�r ein medizinischer Sachverst�ndiger, ein polizeilicher Ermittlungsleiter sowie Beamte aus den niedrigeren R�ngen der Staatsanwaltschaft zust�ndig. Hier in Neu-Ararat aber gab es in Ermangelung von Verbrechen und selbst einer Polizei niemanden, dem man diese schwierige Aufgabe h�tte anvertrauen k�nnen. Berditschewski kannte die Terminologie zwar, aber nicht sehr gut, und so bem�hte er sich, alles so detailliert wie m�glich mit eigenen Worten zu beschreiben. Hin und wieder unterbrach er die Arbeit, um einen Schluck Wasser zu trinken.</p><p>Matwej Benzionowitsch hatte eine besch�mende und bei seinem Beruf sogar sch�dliche Schw�che: Er hatte eine entsetzliche Angst vor Toten, besonders wenn sie halb verwest oder entstellt waren. Die Leiche von Oberst Lagrange � das musste man zugeben � sah noch vergleichsweise anst�ndig aus. In den wei�en, reglosen Gesichtsz�gen lag sogar eine gewisse Bedeutsamkeit, um nicht zu sagen Gr��e � eine Qualit�t, �ber die das Gesicht des Polizeimeisters zu Lebzeiten �berhaupt nicht verf�gt hatte. Weit mehr noch qu�lte Berditschewskis empfindsames Herz der Leichnam eines alten M�nchs, der auf einem Zinktisch neben dem Oberst lag. Zum einen war der Alte v�llig nackt, und bei einer geistlichen Person wirkte dieser nat�rliche menschliche Zustand unziemlich. Schlimmer aber war, dass der M�nch w�hrend eines chirurgischen Eingriffs am Bauch gestorben war, weshalb man ihn zwar aufgeschnitten und sogar einen Teil der Eingeweide schon heraus genommen hatte, dann aber zu faul gewesen war, ihn wieder zuzun�hen. Der stellvertretende Staatsanwalt hatte sich absichtlich so hingesetzt, dass er dem schauerlichen Toten den R�cken zuwandte, und doch versp�rte er eine leichte �belkeit. Daran, was er in der n�chsten Nacht tr�umen w�rde, wollte er besser gar nicht erst denken.</p><p>Matwej Benzionowitsch kratzte mit der Feder und wischte sich h�ufig den Schwei� von der Glatze, obwohl es in der Leichenkammer keineswegs hei� war � aus der offen stehenden T�r zum Eiskeller, aus dem man den Tisch mit der Leiche des Polizeimeisters hereingerollt hatte, kam frostige Luft hereingeweht. Endlich war die unangenehmste Arbeit beendet. Der stellvertretende Staatsanwalt befahl, den Tisch in die K�lte zur�ckzurollen, und ging erleichtert ins Nebenzimmer, wo die Sachen des Selbstm�rders aufbewahrt wurden.</p><p>�Wohin mit ihm?� erkundigte sich der Diener, der zu ihm hereintrat und die H�nde an seinem speckigen Leibrock abwischte. �Auf die Erde, oder wird er hier begraben?�</p><p>Berditschewski verstand den Sinn der Frage nicht sogleich. Als ihm aber aufging, dass man mit �Erde� hier das Festland bezeichnete, war er unwillk�rlich begeistert von der Klosterterminologie. Als sei man hier nicht auf einer Insel, sondern im Himmel.</p><p>�Wir werden ihn �berf�hren. Wenn ich zur�ckfahre, nehme ich ihn mit. Wo sind die Sachen? Und seine Kleider?�</p><p>In der Reisetasche fand sich nichts Bemerkenswertes. Lediglich ein beeindruckender Vorrat an Pomade zum Fixieren des Schnurrbarts erregte die Aufmerksamkeit des Ermittlers sowie ein Pariser Album mit unanst�ndigen Fotografien, das Felix Stanislawowitsch offenbar zur Zerstreuung mit auf die Reise genommen hatte. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort und ohne Zeugen h�tte Matwej Benzionowitsch das frivole B�chlein gern selbst durchgebl�ttert, doch im Moment war ihm nicht danach zumute.</p><p>Besonders die Waffe interessierte den Ermittler � ein Revolver der Marke Smith &amp; Wesson, Kaliber 45. Berditschewski roch daran und tastete innen am Lauf nach Schmauchspuren (vorhanden), pr�fte die Trommel (f�nf Kugeln steckten, eine fehlte). Dann legte er den Revolver zur Seite.</p><p>Er untersuchte die Kleider, die zu einem Stapel aufgeschichtet und einzeln nummeriert waren. Am Kleidungsst�ck Nr. 3 (Jackett) erkannte man unterhalb der linken Brusttasche ein kleines Loch mit verbrannten R�ndern, wie es bei einem Schuss aus n�chster N�he zu erwarten war. Matwej Benzionowitsch verglich das Loch im Jackett mit denjenigen in den Kleidungsst�cken Nr. 5 (Weste), Nr. 6 (wollenes Wams), Nr. 8 (Oberhemd) und Nr. 9 (Leibhemd). Alles passte ganz genau zusammen. Auf beiden Hemden und zum Teil auch auf dem Wams waren Blutspuren zu erkennen.</p><p>Kurzum, es bot sich ein eindeutiges Bild. Der Selbstm�rder hatte die Waffe in der linken Hand gehalten und diese dabei ziemlich weit abgespreizt. Deshalb verlief der Schusskanal von links unten nach rechts oben. Das war einigerma�en merkw�rdig � es w�re viel einfacher gewesen, den langl�ufigen Revolver mit beiden H�nden am Griff zu packen und sich die Kugel direkt ins Herz zu schie�en. Im �brigen war auch die Tat selbst, milde ausgedr�ckt, merkw�rdig, denn niemand, der bei klarem Verstand war, w�rde sich freiwillig durchl�chern. Wahrscheinlich hatte er einfach auf den Abzug gedr�ckt, und der Schuss war losgegangen . . .</p><p>�Und was ist das?�, fragte Berditschewski, der mit zwei Fingern einen wei�en Damenhandschuh mit dem Schildchen Nr. 13 hochhielt.</p><p>�Ein Handschuh�, antwortete der Diener gleichm�tig.</p><p>Seufzend formulierte der Staatsanwalt seine Frage genauer:</p><p>�Wie kommt der hierhin? Und warum ist er blutig?�</p><p>�Der Herr trug ihn an der Brust, unter dem Hemd.� Der M�nch zuckte die Schultern. �Weltlicher Tand.�</p><p>Die feine Seide wies bei n�herer Betrachtung ebenfalls ein Loch auf.</p><p>Hm. Matwej Benzionowitsch entschied, sich mit Schlussfolgerungen bez�glich des Handschuhs vorl�ufig zur�ckzuhalten, doch er legte den interessanten Gegenstand zur Seite, zu den Briefen und dem Revolver. Die f�r das Untersuchungsverfahren notwendigen Gegenst�nde packte er in Lagranges Reisetasche (er musste sie schlie�lich irgendwie transportieren) und quittierte ihren Empfang mit seiner Unterschrift im Register.</p><p>Der M�nch im Nebenzimmer sang leise etwas vor sich hin, w�hrend er mit gro�en Stichen den Bauch des alten Mannes zun�hte. Als er genauer hinh�rte, verstand Berditschewski in etwa Folgendes:</p><p>�Ich klage und weine, denk ich an den Tod, seh ich sie im Sarge liegen, die nach Gottes Abbild geschaffene Sch�nheit, H�sslichkeit und Schmach . . .�</p><p>In der Jackentasche klingelte seine Breguet: einmal laut, zweimal leise. Ein ausgezeichneter Chronometer, ein echtes Wunderwerk schweizerischen Uhrmachergenies, das ihm Vater Mitrofani zum zehnten Hochzeitstag geschenkt hatte. Das Klingeln bedeutete, dass es jetzt halb zwei Uhr mittags war � Zeit, den Klostervorsteher von Neu-Ararat aufzusuchen.</p><p>***</p><p>Die Unterhaltung mit Vater Witali gestaltete sich kurz und unangenehm.</p><p>Der Archimandrit empfing den Gouvernementsbeamten bereits h�chst ver�rgert. Matwej Benzionowitsch hatte das nat�rlich so geplant: Mit dem jeden Widerspruch ausschlie�enden Ton seines Briefes und der genauen Zeitangabe hatte er den Klostervorsteher aus dem Gleichgewicht bringen wollen � einerseits, um ihm in Erinnerung zu rufen, dass es noch eine andere, h�here Macht gab als die seine, und andererseits, um Wi-tali zu Schroffheit und ungeschminkten Worten zu provozieren. Genauer betrachtet kommt man so den Dingen n�mlich schneller auf den Grund als mit Verbeugungen oder verschleierten Andeutungen.</p><p>Nun, Schroffheit hatte Berditschewski bewirkt, sogar im �berma�.</p><p>Seine Hochehrw�rden marschierte an der Treppe zum prunkvollen Sitz des Klostervorstehers ungeduldig auf und ab; er trug eine uralte Kutte, die er aus irgendeinem Grunde fast bis zum G�rtel gesch�rzt hatte, sodass man seine hohen, schmutzigen Stiefel sehen konnte, und schwenkte seine Uhr, die die Form eines Zwiebelturms hatte.</p><p>�Ah, der Staatsanwalt!�, rief er, als er Berditschewski erblickte. �Es ist drei Minuten nach zwei. Sie lassen auf sich warten? Ist das nicht sehr unversch�mt?�</p><p>Anstelle einer Antwort deutete Matwej Benzionowitsch, gleichfalls ohne ein Wort der Begr��ung, auf die allem Anschein nach erst k�rzlich angebrachte Uhr, die den pr�chtigen Glockenturm schm�ckte. Es war gerade noch zu sehen, wie der Minutenzeiger auf die Zw�lf sprang. Und in dem Moment erklang, wie mit Absicht, auch das Glockenspiel � alles in allem sehr effektvoll.</p><p>�Mir fehlt die Zeit, lange Gespr�che zu f�hren, ich habe genug andere Sorgen!�, br�llte Witali noch w�tender. �Wir werden uns auf dem Weg unterhalten. Da, da dr�ben.� Er deutete auf einen aus Balken zusammengezimmerten Schuppen, der jenseits der Klostermauer in der Ferne zu sehen war. �Wir rei�en den alten Schweinestall ab und bauen einen neuen.�</p><p>Daher also die hochgesch�rzte Kutte und die Kanonenstiefel. Die Audienz fand auf dem Viehhof statt, wo Schmutz und Unrat kn�chelhoch lagen � Matwej Benzionowitschs Halbstiefel und seine Hose waren im Nu schmutzig.</p><p>Die M�nche zerrten mit Hakenstangen die Dachschindeln vom Schuppen herunter, und der Klostervorsteher beaufsichtigte das Ganze, sodass der Staatsanwalt sein Anliegen unter Krach, Gepolter und Geschrei erl�utern musste, wobei Witali nicht allzu aufmerksam zuzuh�ren schien.</p><p>Das allein h�tte gereicht, Berditschewskis Missfallen zu erregen, doch bald tauchte ein weiterer Umstand auf, der seine urspr�ngliche Antipathie gegen�ber dem Archimandriten auf ein H�chstma� verst�rkte. Mit einem bohrenden Blick, den Matwej Benzionowitsch nur allzu gut kannte und verstand, fixierte Vater Witali die Hakennase des Sawolshsker Emiss�rs, die knorpeligen Ohren und die unslawisch schwarzen, sp�rlichen Haare, und sein Gesicht nahm einen ganz eigent�mlichen, angewiderten Ausdruck an.</p><p>Als er von der Untersuchung des Selbstmords und der Besorgnis der Gouvernementsbeh�rden �ber die eigenartigen Vorg�nge in Neu-Ararat h�rte, erkl�rte der Archimandrit finster:</p><p>�Ich sage, was ich denke. Sie k�nnen hinterher Verleumdungen schreiben, so viel Sie wollen � das k�mmert mich nicht. Aber wagen Sie blo� nicht, Ihre lange Nase in geistliche Angelegenheiten zu stecken. Was den Selbstmord betrifft � machen Sie sich von mir aus mit dieser Schandtat zu schaffen, so viel Sie wollen. Aber alles andere geht Sie �berhaupt nichts an.�</p><p>�Was soll das denn bedeuten?!� Der stellvertretende Staatsanwalt keuchte vor Emp�rung. �Aus welchem Grunde, Eure Hochehrw�rden, wollen Sie mir befehlen, womit. . .�</p><p>�Aus folgendem Grunde�, unterbrach ihn Vater Witali. �Hier auf den Inseln bin ich das Oberhaupt, und ich trage die Verantwortung f�r alles. Umso mehr in den Fragen, die die Geistlichkeit betreffen. F�r diese Dinge ist Ihre Nationalit�t nicht geeignet. Ich halte es f�r einen Affront von Seiten der Obrigkeit, dass man so jemanden als Ermittler nach Ararat schickt. Hier ist ein empfindsames, verwandtes, tiefgl�ubiges Herz vonn�ten und nicht. . .�</p><p>Der Klostervorsteher sprach nicht zu Ende und spuckte aus. Das war eine noch gr��ere Kr�nkung.</p><p>Berditschewski sah, dass die Sache auf einen offenen Eklat zusteuerte, und hielt sich zur�ck, ohne Witalis Unversch�mtheit mit gleicher M�nze heimzuzahlen.</p><p>�Erstens, heiliger Vater, gestatten Sie mir, Ihnen die Worte des Apostels Paulus in Erinnerung zu rufen, nach denen es keine Jud�er und keine Hellenen gibt und wir alle eins in Christo sind�, sagte er leise. �Und zweitens bin ich ebenso rechtgl�ubig wie Sie.�</p><p>Matwej Benzionowitsch trug diese Worte so w�rdevoll und ruhig vor (obgleich er innerlich nat�rlich zitterte und brodelte), dass er selbst seine Freude daran hatte.</p><p>Aber kann man einen verbissenen Judophoben mit W�rde packen?</p><p>�Unseren russischen Glauben kann nur ein Russe durch und durch verstehen und annehmen�, stie� Vater Witali mit ver�chtlich gekr�uselten Lippen hervor. �Und besonders f�r j�dischen Hochmut und Egoismus ist der orthodoxe Glaube weder mit dem Verstand noch mit dem Herzen zu erfassen. Fort mit euch, nehmt eure Krallen von den russischen Heiligt�mern! Und was eure Taufe angeht, so hei�t es im Volksmund: Ein getaufter Jud ist ein vergebener Dieb.�</p><p>Mit diesen Worten drehte der Archimandrit dem Staatsanwalt den R�cken zu, stapfte mit schmatzendem Ger�usch durch den Dreck und verschwand im Stall � hoch gewachsen, schwarz, aufrecht und gerade wie eine Hopfenstange. Berditschewski verlie� kochend vor Wut das Kloster.</p><p>Da das Gespr�ch so schnell vorbeigegangen war � es hatte keine zehn Minuten gedauert � , blieb bis zu seinem Treffen mit Doktor Korowin noch viel Zeit. Um sie nicht nutzlos zu vergeuden und sich zugleich bei einem Gang an der frischen Luft zu beruhigen, beschloss der stellvertretende Staatsanwalt, durch die Stadt zu spazieren und sich mit ihrer Topographie, ihren Gewohnheiten und Besonderheiten bekannt zu machen.</p><p>Es war erstaunlich: Dieselben Stra�en, die auf Matwej Benzionowitsch beim ersten Augenschein einen sauberen, gepflegten und ordentlichen Eindruck gemacht hatten, schienen ihm jetzt unheimlich, ja unheilvoll. Der Blick des Ank�mmlings ruhte nun mehr und mehr auf den unfreundlich zusammengepressten Lippen der Pilger, auf den im �berfluss vorhandenen Kirchen, Kirchlein und kleinen Kapellen, auf der ethnischen Einheitlichkeit der Menschen, die ihm begegneten: Niemand, der eine dunkle Haut, schwarze Augen und eine Hakennase gehabt oder wenigstens geschielt h�tte, sie alle waren Gro�russen, blond, mit grauen Augen und Stupsnasen.</p><p>Niemals zuvor hatte Berditschewski eine so heftige, ausweglose Einsamkeit versp�rt wie in diesem Paradies der Rechtgl�ubigen. War es denn ein Paradies? Ein Dutzend hoch gewachsener M�nche mit Kn�ppeln am G�rtel kam an ihm vorbeimarschiert � ein sch�ner Garten Eden unter der Knute dieses Reaktion�rs Vater Witali, der alles Andersdenkende bek�mpfte. In den Buchhandlungen wurde ausschlie�lich geistliche Lekt�re verkauft, an Zeitungen gab es nur den �Kirchenboten�, die �Fackel der Rechtgl�ubigkeit� und den �B�rger� des F�rsten Meschtscherski. Es gab weder ein Theater noch ein Blasorchester im Park oder, Gott beh�te, einen Tanzsaal. Daf�r gab es Essen in H�lle und F�lle. Essen und beten � das ist euer ganzes Paradies, w�tete Matwej Benzionowitsch in Gedanken.</p><p>Als sich aber sein Gef�hl der Beleidigung und seine Wut auf den Archimandriten ein wenig gelegt hatten, �berlegte Berditschewski getreu der Maxime der Intelligenzija audiatur et altera pars, dass Witali im Grunde genommen nicht einmal so Unrecht hatte, was die Beurteilung seiner, Berditschewskis, Person anging. Ja, er war hochm�tig. Ja, er war ein Skeptiker, der nicht einfach naiv und offenherzig glauben konnte. Und wenn er freim�tig und sich selbst gegen�ber vollkommen aufrichtig war, dann beruhte seine ganze Religiosit�t nicht auf der Liebe zu Jesus, den Matwej Benzionowitsch niemals mit eigenen Augen gesehen hatte, sondern auf der Liebe zu Bischof Mitrofani. Das hei�t, angenommen, Berditschewskis geistlicher Vater w�re kein orthodoxer Bischof, sondern ein weiser Scheich oder ein buddhistischer Meister, dann w�rde der Kollegienrat jetzt mit einem Turban oder mit einem kegelf�rmigen Strohhut herumlaufen. Blo� h�tten Sie damit im Russischen Reich keine Karriere machen k�nnen, gn�diger Herr, setzte Matwej Benzionowitsch f�r sich selbst noch eins drauf und versank endg�ltig in Selbsterniedrigung.</p><p>Nun wurde ihm erst recht mulmig, weil sich der irdischen Einsamkeit � die eine zeitweilige war und sich lediglich auf die Insel Kanaan beschr�nkte � noch die metaphysische hinzugesellte. Herr, vergib mir Kleingl�ubigkeit und Zweifel, betete der verst�rte stellvertretende Staatsanwalt, und er blickte sich nach allen Seiten um, ob sich nicht vielleicht eine Kirche in der N�he bef�nde, um vor dem Antlitz des Erl�sers so schnell wie m�glich um Vergebung zu bitten.</p><p>Es konnte gar nicht anders sein � schlie�lich war er in Neu-Ararat und nicht in Petersburg. Ganz in der N�he, nur zwanzig Schritt entfernt, war eine kleine Kirche, und noch n�her, eigentlich direkt vor seiner Nase, an der Wand der Klosterschule, hing eine gro�e Ikone unter einem Schutzdach aus Blech, und zwar nicht irgendeine, sondern die des �Erl�sers, nicht von Menschenhand gemalt�. In diesem Zusammentreffen erblickte Matwej Benzionowitsch ein Zeichen von oben, und so ging er nicht erst bis zur Kirche. Er lie� sich vor der Ikone auf die Knie fallen (die Hose war nach seinem Ausflug auf den Viehhof ohnehin verdorben, und er w�rde sich umziehen m�ssen) und begann zu beten � so leidenschaftlich und inbr�nstig wie nie zuvor.</p><p>Herr, betete Berditschewski, sende mir den einfachen, kindlichen, vorurteilslosen Glauben, damit er mich auf immer unterst�tze und mich in der Versuchung nicht verlasse. Lass mich an die Unsterblichkeit der Seele und an das Leben nach dem Tode glauben, lass Weisheit die Eitelkeit abl�sen, lass mich nicht st�ndlich um meine Lieben bangen, sondern an die Ewigkeit denken, lass mich standhaft bleiben vor der Versuchung, lass mich . . . Es wurde ein langes Gebet, denn Matwej Benzionowitsch hatte eine Vielzahl von Bitten an den Allerh�chsten, und sie alle aufzuz�hlen, w�re langweilig.</p><p>Niemand st�rte den Beter, niemand starrte den anst�ndigen Herrn, der sich die Knie auf dem Trottoir durchscheuerte, an � die Passanten machten einen respektvollen Bogen um ihn, umso mehr, als derartige Szenen f�r Neu-Ararat v�llig normal waren.</p><p>Das Einzige, was den Staatsanwalt von der seelenreinigenden Besch�ftigung ablenkte, war ein klingendes Kinderlachen, das von der Treppe der Schule her�berdrang. Dort, inmitten einer Horde kleiner Jungen, sa� ein Mann mit einem weichen Hut, und die Schlingel hatten offenkundig ihren Spa� mit ihm � und er mit ihnen. Berditschewski blickte sich einige Male verdrossen nach dem L�rm um, sodass er Gelegenheit hatte, einige Besonderheiten im Gesicht dieses Kinderfreunds zu bemerken � es war ein �beraus angenehmes, offenes und ein wenig einf�ltiges Gesicht.</p><p>Als Matwej Benzionowitsch schlie�lich seine Tr�nen abwischte und sich von den Knien erhob, kam der Unbekannte auf ihn zu; h�flich zog er seinen Hut und begann sich zu entschuldigen:</p><p>�Ich bitte um Verzeihung, dass wir Ihr Gebet durch unser Geschw�tz gest�rt haben. Die Kinder lassen mir keine Ruhe und fragen mich immerzu �ber allerlei Dinge aus. Es ist erstaunlich, wie wenig ihnen die Lehrer erkl�ren, zumal was das Allerwichtigste betrifft. Sie haben Angst, den Lehrern zu viele Fragen zu stellen, alle Lehrer hier sind M�nche, und zwar �beraus strenge. Aber vor mir haben sie keine Angst�, l�chelte der Mann, und an diesem L�cheln wurde deutlich, dass es wahrlich keinen Grund gab, ihn zu f�rchten. �Entschuldigen Sie, dass ich so ohne weiteres auf Sie zugekommen bin. Ich bin �beraus gespr�chig, wissen Sie, und Sie haben mich mit der Aufrichtigkeit Ihres Gebets sehr beeindruckt. Es kommt nicht oft vor, dass man einen gebildeten Mann so inbr�nstig und mit Tr�nen in den Augen vor der Ikone sieht. Zu Hause, im stillen K�mmerlein, mag das noch angehen, aber hier auf offener Stra�e! Sie haben mir sehr gefallen.�</p><p>Berditschewski machte eine leichte Verbeugung und wollte weitergehen, doch nach einem genaueren Blick auf den Unbekannten kniff er die Augen zusammen und erkundigte sich vorsichtig:</p><p>�Ehern, gestatten Sie, gn�diger Herr, dass ich nach Ihrem Vor-und Vatersnamen frage? Sie hei�en nicht zuf�llig Lew Nikolajewitsch?�</p><p>Von seiner Art und seiner �u�eren Erscheinung her hatte der sympathische Herr eine gro�e �hnlichkeit mit dem Literaturliebhaber aus Aljoscha Lentotschkins Brief. Berditschewski, ein leidenschaftlicher Schachspieler, verf�gte �ber ein hervorragendes Ged�chtnis, und dieser Name war nicht schwer zu behalten � der gleiche Vor � und Vatersname wie bei Graf Tolstoj.</p><p>Der Mann wunderte sich, wenn auch nicht �berm��ig � er machte ohnehin den Eindruck, als rechne er st�ndig damit, dass das Leben f�r ihn �berraschungen, zudem meist freudige, bereithielt.</p><p>�Ja, so hei�e ich. Und woher wissen Sie das?�</p><p>Auch in dieser zuf�lligen Begegnung vermeinte der aufgekl�rte Berditschewski g�ttliche Vorsehung zu erkennen.</p><p>�Wir haben einen gemeinsamen Bekannten, Alexej Stepanowitsch Lentotschkin. Das ist der Herr, der Ihnen ein Buch geschenkt hat, ein Werk von Fjodor Dostojewski.�</p><p>Auch angesichts dieser �bernat�rlichen Kenntnisse bekundete Lew Nikolajewitsch nur m��ige Verwunderung.</p><p>�Ja, ich erinnere mich sehr gut an diesen bedauernswerten jungen Mann. Wissen Sie, dass ihm ein Ungl�ck zugesto�en ist? Er hat den Verstand verloren.�</p><p>Matwej Benzionowitsch sagte darauf gar nichts, sondern gab nur mit den Augenbrauen seiner Verbl�ffung Ausdruck: Nein, was Sie nicht sagen!</p><p>�Wegen des schwarzen M�nchs.� Der Gespr�chspartner senkte die Stimme. �Er ging nachts in diese H�tte, wo ein Kreuz auf die Fensterscheibe geritzt ist, und verlor den Verstand. Er hat dort irgendetwas gesehen. Und an genau derselben Stelle hat sich sp�ter ein anderer Mann, den ich ebenfalls fl�chtig kannte, mit einer Pistole erschossen. O je, was habe ich da ausgeplaudert! Das ist doch ein Geheimnis�, erschrak Lew Nikolajewitsch. �Man hat es mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit erz�hlt, und ich habe mein Wort gegeben. Bitte erz�hlen Sie es nicht weiter, einverstanden?�</p><p>So, so, sagte sich der Ermittler, w�hrend er hartn�ckig seine � Nasenwurzel rieb, um das heftige Pulsieren seines Blutes zu beruhigen. So, so.</p><p>�Ich werde es niemandem sagen�, versprach er und heuchelte ein leicht gelangweiltes G�hnen. �Aber wissen Sie, Sie sind mir ebenfalls sehr sympathisch. Zudem haben wir jetzt noch einen weiteren gemeinsamen Bekannten entdeckt. H�tten Sie nicht Lust, mit mir eine Tasse Tee oder Kaffee zu trinken? Wir k�nnten uns �ber dies und das unterhalten. Von mir aus auch �ber Dostojewski.�</p><p>�Es w�re mir eine Ehre!�, freute sich Lew Nikolajewitsch. �Wissen Sie, man trifft hier so selten belesene, kultivierte Menschen. Und schlie�lich finden nicht alle es interessant, sich mit mir zu unterhalten. Ich bin weder klug noch gebildet und rede manchmal dummes Zeug. Wir k�nnen in den �Barmherzigen Samariter� gehen. Dort gibt es ganz originellen Tee, mit einem leichten Rauchgeschmack. Und gar nicht teuer.�</p><p>Berditschewski w�re bereitwillig sofort mitgegangen, um sich mit dem neuen Bekannten zu unterhalten, doch die Breguet in seiner Tasche klingelte viermal laut und einmal leise. Es war bereits Viertel nach vier � da konnte man sehen, wie lange er gebetet hatte.</p><p>�Teuerster Lew Nikolajewitsch, ich habe eine unaufschiebbare Verabredung, die etwa zwei oder drei Stunden in Anspruch nehmen wird. Wenn wir uns vielleicht danach treffen k�nnten . . .� Der stellvertretende Staatsanwalt verlieh seinen Worten eine fragende Intonation und wartete das Kopfnicken seines Gegen�bers ab, bevor er weitersprach: �Ich hei�e Matwej Benzionowitsch, und heute Abend, wenn wir uns treffen, werde ich Ihnen mehr von mir erz�hlen. Wo finde ich Sie?�</p><p>�Bis sieben Uhr spaziere ich gew�hnlich in der Stadt umher, ich sehe mir die Leute an und denke �ber das nach, was mir gerade so einf�llt�, erkl�rte der wertvolle Zeuge. �Um sieben nehme ich im Wirtshaus �Zu den f�nf Broten� das Abendessen ein, und danach sitze ich, wenn es nicht regnet und kein starker Wind bl�st � aber heute ist ein klarer Tag, wie Sie sehen � irgendwo auf einer Bank am See. Meist bleibe ich lange da sitzen, manchmal bis zehn Uhr . . .�</p><p>�Ausgezeichnet�, unterbrach Berditschewski ihn. �Da treffen wir uns. Nennen Sie mir einen Ort. . .�</p><p>Lew Nikolajewitsch �berlegte ein wenig.</p><p>�Treffen wir uns an der Uferstra�e, bei der Rotunde, damit wir uns nicht verpassen. Kommen Sie auch gewiss?�</p><p>�Da k�nnen Sie ganz sicher sein�, l�chelte der stellvertretende Staatsanwalt.</p><p>***</p><p>Matwej Benzionowitsch wischte sich die feuchte Stirn ab und griff sich ans Herz. Maschenka hatte ja so Recht, eigentlich m�sste er Gymnastik treiben und auf dem Fahrrad fahren, wie alle aufgekl�rten Menschen, die sich um ihre k�rperliche Gesundheit sorgen. Wo gibt es denn so etwas � mit achtunddrei�ig Jahren schon einen Schmerbauch und Atemnot und v�llig unbeweglich!</p><p>�Alexej Stepanytsch, also wirklich, genug herumgespielt, es reicht jetzt!�, rief er in Richtung der tropischen Gew�chse, wo das Getrappel flinker, blo�er F��e zu vernehmen war. �Ich bin es, Berditschewski, Sie kennen mich doch gut! Bischof Mitrofani schickt mich zu Ihnen!�</p><p>Dieses Spiel � Berditschewski wusste nicht, ob sie Verstecken oder Fangen spielten, wahrscheinlich beides zusammen � , zog sich nun schon sehr lange hin, und der stellvertretende Staatsanwalt war bereits v�llig ersch�pft.</p><p>Donat Sawwitsch Korowin war am Eingang zum Palmenhaus stehen geblieben. Er rauchte eine Zigarre und beobachtete mit Interesse die Man�ver der beiden Seiten. Matwej Benzionowitsch hatte Lentotschkin selbst noch gar nicht gesehen, doch der Junge war sicher hier, ein � oder zweimal war hinter dem breiten, gl�nzenden Blattwerk eine nackte Schulter aufgeblitzt.</p><p>�Warten Sie, gleich geht ihm die Luft aus�, sagte der Doktor. �Er wird von Tag zu Tag schw�cher. Vor einer Woche, als ich ihn untersuchen musste, sind die Pfleger eine halbe Stunde hinter ihm hergelaufen, sie mussten ihn sogar von einer Palme herunterholen. Vorgestern reichten dazu f�nfzehn Minuten, und gestern zehn. Das ist schlecht.�</p><p>Er h�tte mir auch seine Pfleger leihen k�nnen, dachte der Staatsanwalt ver�rgert. Er will mir wohl demonstrieren, dass die Gouvernementsbeh�rden einer weltber�hmten Koryph�e nichts zu sagen haben. Sicher war der Doktor �ber den Ton des Briefes beleidigt, wie der Klostervorsteher auch.</p><p>Berditschewski gefiel aber der Doktor, im Unterschied zum Archimandriten, schon eher. Er war ruhig, t�chtig, ein wenig sp�ttisch, aber ohne zu provozieren. Er hatte den Ermittler angeh�rt und einen vern�nftigen Vorschlag gemacht: �Sehen Sie sich Ihren Lentotschkin zuerst einmal an, und dann kommen wir wieder hierher und unterhalten uns weiter.�</p><p>Doch war es, wie bereits gesagt, gar nicht so einfach, sich Alexej Stepanowitsch anzusehen.</p><p>Ein paar Minuten sp�ter gelang es, den menschenscheuen Dschungelbewohner in eine Ecke zu dr�ngen, und da endlich fand die Lauferei ein Ende. Aus einem dichten, mit unnat�rlich blauen Bl�ten �bers�ten Geb�sch (hinter dem nur noch die Glaswand war) kam ein Lockenkopf mit erschrocken aufgerissenen blauen Augen zum Vorschein. Der Junge war sehr abgemagert und hatte seine rosige Gesichtsfarbe verloren, bemerkte Matwej Benzionowitsch, und seine Haare hingen zerzaust herunter.</p><p>�Lasst mich�, sagte Aljoscha mit weinerlicher Stimme. �Bald fliege ich in den Himmel. Dann kommt Er n�mlich und holt mich. Wartet noch ein wenig.�</p><p>Auf Anraten von Donat Sawwitsch trat der Staatsanwalt nicht n�her an den Kranken heran, um nicht einen Anfall auszul�sen. Er blieb stehen, breitete die Arme aus und begann so sanft wie m�glich:</p><p>�Alexej Stepanowitsch, ich habe Ihren letzten Brief noch einmal gelesen, in dem Sie von der magischen Formel und vom H�uschen des Bakenw�rters schreiben. Erinnern Sie sich, was dort passiert ist, in dem Haus?�</p><p>Von hinten feixte Korowin:</p><p>�Sie sind ja von der schnellen Truppe! Er wird Ihnen bestimmt sofort alles erz�hlen!�</p><p>�Geh nicht dahin�, sagte Aljoscha pl�tzlich mit d�nner Stimme zu Berditschewski. �Du wirst umkommen.�</p><p>Der Doktor kam n�her und stellte sich neben den stellvertretenden Staatsanwalt.</p><p>�Pardon�, fl�sterte er. �Ich hatte Unrecht. Sie haben eine besondere Wirkung auf ihn.�</p><p>Ermuntert durch seinen Erfolg, machte Matwej Benzionowitsch einen halben Schritt nach vorn.</p><p>�Alexej Stepanowitsch, mein Lieber, der Bischof ist Ihretwegen um seine Ruhe und seinen Schlaf gebracht. Er kann es sich nicht verzeihen, Sie hierher geschickt zu haben. Lassen Sie uns zu ihm fahren. Er hat mir befohlen, nicht ohne Sie zur�ckzukehren. Sollen wir fahren, ja?�</p><p>�Ja�, murmelte Aljoscha.</p><p>�Und uns �ber jene Nacht unterhalten, ja?�</p><p>�Ja.�</p><p>Berditschewski blickte sich triumphierend nach dem Arzt um: Wie hatte er das gemacht? Der aber runzelte besorgt die Stirn.</p><p>�Ihnen ist dort gewiss etwas Ungeheuerliches zugesto�en, ja?� Matwej Benzionowitsch verfolgte seine Linie so behutsam wie ein Fischer, der seine Angelschnur auslegt.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ihnen ist Wassilisk erschienen, ja?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und er hat sie erschreckt, ja?�</p><p>�Ja.�</p><p>Der Doktor zog den Ermittler zur Seite.</p><p>�Warten Sie. Er wiederholt doch immer nur Ihr letztes Wort, merken Sie das denn nicht? Diese Angewohnheit zeigt er seit etwa drei Tagen. Rezitative Obsession. Er kann sich immer nur f�r einen Moment konzentrieren. Er h�rt Sie gar nicht.�</p><p>�Alexej Stepanowitsch, h�ren Sie mich?�, fragte der stellvertretende Staatsanwalt.</p><p>�Mich�, wiederholte Lentotschkin, und es wurde klar, dass Donat Sawwitsch leider Recht hatte.</p><p>Matwej Benzionowitsch seufzte entt�uscht.</p><p>�Was passiert mit ihm?�</p><p>�Eine Woche, vielleicht zwei, und . . .� Der Doktor sch�ttelte beredt den Kopf. �Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, hei�t das.�</p><p>�Was f�r ein Wunder?�</p><p>�Wenn ich nicht ein Mittel entdecke, mit dem man den Krankheitsprozess aufhalten und umkehren kann. Nun gut, gehen wir. Sie werden nichts aus ihm herausbekommen, ebenso wenig wie Ihr Vorg�nger.�</p><p>In Korowins Kabinett zur�ckgekehrt, sprachen sie nicht mehr �ber den ungl�cklichen Alexej Stepanowitsch, sondern �ber Berditschewskis �Vorg�nger�, also �ber den verstorbenen Lagrange.</p><p>�Von Berufs wegen m�sste ich eigentlich ein guter Physiognom sein�, sagte Donat Sawwitsch, wobei er bald auf Berditschewski, bald aus dem Fenster blickte. �Und ich t�usche mich nur sehr, sehr selten in einem Menschen. Doch ich muss zugeben, Ihr Polizeimeister hat mich mit seinem Unfug in Verlegenheit gebracht. Ich h�tte mich mit Gewissheit daf�r verb�rgt, dass er ein ausgeglichener Typ mit ausgepr�gter Selbstachtung und primitiv-sachlicher Weltanschauung ist. Diese Typen neigen weder zum Suizid noch zu psychotraumatischen Geistes-Verwirrungen. Wenn sie Selbstmord begehen, dann vielleicht aus einer vollkommen ausweglosen Lage heraus � aus Angst vor einer schmachvollen gerichtlichen Untersuchung etwa, oder wenn ihnen durch eine verschleppte Syphilis die Nase einf�llt und sie ihre Sehkraft verlieren. Wenn Menschen wie er den Verstand verlieren, dann aus ganz banalen, langweiligen Gr�nden: Der Vorgesetzte hat sie im Dienst �bergangen, oder der Lotteriegewinn ist auf die n�chstfolgende Losnummer gefallen � es gab mal so einen Fall mit einem Dragonerhauptmann. Jemanden wie Ihren Lagrange w�rde ich nie als Patienten annehmen. Uninteressant.�</p><p>Wie von selbst, ohne besondere Anstrengung der beiden Gespr�chspartner, ergab es sich, dass die anf�ngliche gegenseitige Wachsamkeit, ja sogar Bissigkeit verflog, und einem Gespr�ch zwischen zwei klugen, einander respektierenden M�nnern Platz machte.</p><p>Matwej Benzionowitsch trat zum Fenster und betrachtete die schmucken H�uschen, in denen Korowins Sch�tzlinge lebten.</p><p>�Der Unterhalt der Kranken kostet Sie wahrscheinlich eine gro�e Summe?�</p><p>�Beinahe eine Viertelmillion im Jahr. Wenn man das durch achtundzwanzig teilt (so viele Patienten habe ich derzeit), entfallen auf jeden ungef�hr achttausend, obwohl die Ausgaben nat�rlich sehr unterschiedlich hoch sind. Lentotschkin kostet mich beinahe nichts. Er lebt wie die V�glein am Himmel. Und bald wird er davonfliegen, f�rchte ich, �in den Himmel�� Der Doktor l�chelte traurig.</p><p>Ersch�ttert von dieser unglaublichen Zahl, rief Berditschewski aus:</p><p>�Achttausend! Aber das ist. . .�</p><p>�Wahnsinn, wollen Sie sagen?�, l�chelte Donat Sawwitsch. �Eher die Laune eines Million�rs. Andere geben ihr Geld f�r Luxusgegenst�nde oder f�r Kokotten aus, und ich habe eben meine eigene Vorliebe. Das ist keine Philanthropie, denn ich tue das nicht der Menschheit zuliebe, sondern zu meinem eigenen Vergn�gen. Aber auch f�r wohlt�tige Zwecke gebe ich nicht wenig Geld aus, denn von allen irdischen G�tern sch�tze ich mein eigenes Gewissen am h�chsten, und ich will es vor Qualen bewahren.�</p><p>�Aber meinen Sie nicht, man k�nnte Ihre Viertelmillion f�r eine viel gr��ere Anzahl von Menschen nutzbringend ausgeben?� Matwej Benzionowitsch konnte sich die Spitze nicht verkneifen.</p><p>Der Arzt l�chelte wieder, noch gutm�tiger.</p><p>�Sie meinen f�r die Hungernden und die Obdachlosen? Nun, auch sie vergesse ich selbstverst�ndlich nicht. Die Eink�nfte aus meinem ererbten Verm�gen belaufen sich auf eine halbe Million im Jahr. Genau die H�lfte gebe ich wohlt�tigen Gesellschaften als freiwillige Verm�genssteuer oder, wenn Sie so wollen, als Abzahlung f�r mein reines Gewissen, daf�r verfahre ich mit dem Rest des Geldes nach meinem eigenen Gutd�nken. Ich genie�e foie gras ohne jedes Schuldgef�hl, und wenn ich den Doktor spielen will, dann mache ich das. Und bin dabei vollkommen mit mir im Reinen. W�re Ihnen die H�lfte Ihrer Eink�nfte im Tausch gegen einen tiefen Schlaf, einen gesunden Appetit und Seelenfrieden etwa zu schade?�</p><p>Matwej Benzionowitsch breitete nur die Arme aus, weil er sich schwer tat, auf diese Frage zu antworten. Er konnte doch einem Million�r nicht von seinen zw�lf Kindern und der Abzahlung des Bankdarlehens f�r das H�uschen mit Garten erz�hlen.</p><p>�F�r mich pers�nlich gebe ich wahrhaftig nur eine Kleinigkeit aus, etwa zwanzig � oder drei�igtausend�, fuhr Korowin fort. �Alles �brige wird f�r mein Steckenpferd ausgegeben. Jeder meiner Patienten ist ein echter Schatz. Sie alle sind ungew�hnlich, haben Talent, �ber jeden von ihnen k�nnte man eine Dissertation schreiben oder auch ein Buch. Ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich nicht jeden nehme, sondern eine sorgf�ltige Auswahl treffe und nur solche akzeptiere, die mir sympathisch sind. Andernfalls l�sst sich keine Vertrauensbeziehung herstellen.�</p><p>Er blickte den stellvertretenden Staatsanwalt an, l�chelte ihm �beraus wohlwollend zu und sagte:</p><p>�So jemanden wie Sie h�tte ich wahrscheinlich aufgenommen. Nat�rlich nur, wenn Sie ein seelisches Leiden h�tten.�</p><p>�Tats�chlich?�, fragte Berditschewski und lachte geschmeichelt. �Was bin ich denn Ihrer Meinung nach f�r ein Mensch?�</p><p>Donat Sawwitsch wollte ihm gerade antworten, aber als sein Blick sich erneut zum Fenster wandte, erkl�rte er:</p><p>�Das werden wir jetzt erfahren.�</p><p>Er �ffnete einen Fensterfl�gel und rief:</p><p>�Sergej Nikolajewitsch! Lauschen Sie schon wieder? Ei, ei, ei. Sagen Sie lieber, ob Sie Ihre bemerkenswerte Brille dabeihaben? Ausgezeichnet! W�rden Sie nicht so liebensw�rdig sein, auf eine Minute zu mir hereinzukommen?�</p><p>Bald darauf betrat ein schm�chtiger Mann das Kabinett, der einen mittelalterlich aussehenden Umhang trug, eine gro�e Baskenm�tze auf dem Kopf hatte und eine Segeltuchtasche in der Hand hielt, aus der ein klopfendes Ger�usch zu h�ren war.</p><p>�Was haben Sie denn da?�, erkundigte sich der Doktor interessiert und deutete auf die Tasche.</p><p>�Proben�, antwortete das merkw�rdige Subjekt und musterte Berditschewski ausf�hrlich. �Mineralien. Vom Ufer. Emanationsanalyse. Ich habe es erkl�rt. Aber Sie ja taub. Wer ist das? Warum von ihm?�</p><p>�Ach ja, darf ich vorstellen: Herr Berditschewski, H�ter von Recht und Ordnung. Er ist gekommen, um unsere geheimnisvollen Vorkommnisse zu untersuchen. Herr Ljampe, genialer Physiker und gleichzeitig mein Patient.�</p><p>�Verstehe.� Der stellvertretende Staatsanwalt warf Korowin einen schr�gen Blick zu und sagte vorsichtig zu dem �Physiker�: �Hm, freut mich sehr. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl.�</p><p>�H�ter? Untersuchen?!�, rief der Verr�ckte, ohne auf Berditschewskis Begr��ung einzugehen. �Aber das . . . Ja, ja! Schon l�ngst! Dem Aussehen nach ganz anders als der andere! Sofort, sofort. . . Ach, wo ist sie nur? Wo hab ich sie?�</p><p>Er war so au�er sich, dass Matwej Benzionowitsch unbehaglich zumute wurde und �berlegte, ob der Verr�ckte sich nicht gleich auf ihn st�rzen w�rde, aber der Doktor blinzelte ihm beruhigend zu.</p><p>�Suchen Sie Ihre bemerkenswerte Brille? Aber da ist sie doch, in der Brusttasche. Ich wollte Sie gerade bitten, eine Chromospektrographie an diesem Herrn vorzunehmen.�</p><p>�Was bitte?� Der Staatsanwalt war jetzt noch besorgter. �Eine Chromo. . .�</p><p>�Eine Chromospektrographie. Das ist eine von Sergej Nikolajewitschs Erfindungen. Er hat entdeckt, dass jeder Mensch von einer Emanation umgeben ist, die man mit blo�em Auge nicht wahrnehmen kann. Die Farbe dieser Strahlung wird vom Zustand der inneren Organe, von der geistigen Entwicklung und sogar von den sittlichen Qualit�ten eines Menschen bestimmt�, begann Korowin mit vollkommen ernster Miene zu erl�utern. �Die Brille von Herrn Ljampe ist in der Lage, diese unsichtbare Aura sichtbar zu machen. Und man muss sagen, in Bezug auf die physische Gesundheit erweist sich Sergej Nikolajewitschs Emanationsdiagnose nicht selten als zutreffend.�</p><p>Das M�nnchen hatte unterdessen eine riesige Brille mit violetten Gl�sern aufgesetzt, die er auf Berditschewski richtete.</p><p>�Gut�, murmelte Ljampe. �Ausgezeichnet . . . Nicht so wie der andere . . . Nichts Himbeerrotes . . . Gelbgr�n unterlegt � ei, ei, ei. . . Na, macht nichts, daf�r gibt es Orange . . . Der Kopf . . . So . . . Das Herz . . . Wissen Sie, dass Ihre Leber nicht gesund ist?�, fragte er unvermittelt mit ganz normaler Stimme, und Matwej Benzionowitsch zuckte zusammen, weil er in der letzten Zeit tats�chlich �fter Stiche rechts in der Seite versp�rt hatte, besonders nach dem Essen.</p><p>Der Geisteskranke zog seine alberne Brille von der Nase, packte den Ermittler am Arm und sprudelte hervor:</p><p>�Reden! Unbedingt! Unter vier Augen! Ich warte schon lange, sehr lange! Viel Blau! Das hei�t, Sie k�nnen es verstehen! Sofort! Zu mir, zu mir! Oh, endlich!�</p><p>Er zerrte Berditschewski hinter sich her, und zwar so energisch, dass der versch�chterte Beamte sich kaum losrei�en konnte.</p><p>�Beruhigen Sie sich, Sergej Nikolajewitsch, beruhigen Sie sich�, kam ihm der Doktor zu Hilfe. �Jetzt werde ich mich mit Matwej Benzionowitsch noch zu Ende unterhalten, und dann schicke ich ihn zu Ihnen ins Laboratorium. Gehen Sie schon vor, warten Sie dort.�</p><p>Als der Patient, vor sich hin murmelnd und mit den Armen herumfuchtelnd, verschwunden war, fl�sterte Donat Sawwitsch mit Furcht einfl��endem Blick:</p><p>�Sie haben h�chstens f�nf Minuten, um das Gel�nde der Heilanstalt zu verlassen. Sonst kommt Ljampe zur�ck, und so leicht werden Sie ihn dann nicht wieder los.�</p><p>Es war ein gut gemeinter Ratschlag, und Berditschewski hielt es f�r klug, ihn zu befolgen, umso mehr, als es ihm nicht notwendig schien, sich weiter in der Klinik aufzuhalten.</p><p>***</p><p>Matwej Benzionowitsch schritt �ber den mit gelben Ziegeln gepflasterten Weg, der sich zwischen sanft abfallenden, bewaldeten H�geln entlangschl�ngelte � es musste wohl derselbe sein, den eine Woche zuvor der ungl�ckliche Lagrange genommen hatte, als er Doktor Korowin verlie�. Was war in der Seele des todgeweihten Polizeimeisters vorgegangen? Hatte er gewusst, dass er seinen letzten Tag auf dieser Welt verbrachte? Woran hatte er gedacht, als er hinunterblickte auf die Stadt, das Kloster, den See?</p><p>Es war eigentlich nicht schwer, sich Felix Stanislawowitschs Gedankengang vorzustellen. Vermutlich war er gegen Abend schon fest entschlossen, der interessanten H�tte einen n�chtlichen Besuch abzustatten und zu �berpr�fen, welche unreine Kraft sich da einen Zugang zur Welt der Menschen verschafft hatte. Das sah dem wackeren Oberst �hnlich! Einfach mit dem Kopf durch die Wand, komme, was da wolle.</p><p>Na, aber wir werden anders vorgehen, beschloss der stellvertretende Staatsanwalt, obwohl nat�rlich auch wir dieses bedeutsame H�uschen nicht au�er Acht lassen wollen. Zuallererst nehmen wir es bei Tageslicht in Augenschein � das hei�t, nicht mehr heute, sondern morgen, denn es wird bereits dunkel, und au�erdem brauchen wir Zeugen.</p><p>Und weiter? Er w�rde die Fensterscheibe mit dem Kreuz aus dem Rahmen herausschneiden und nach Sawolshsk schicken, um eine Expertise anfertigen zu lassen.</p><p>Nein, das w�rde zu lange dauern. Besser w�rde er Semjon Iwanowitsch herkommen lassen, zusammen mit drei oder vier Polizeibeamten, die etwas von ihrer Sache verstanden, damit er nicht von diesem niedertr�chtigen Witali und seinen Friedensw�chtern abh�ngig w�re. Man m�sste in der H�tte und davor rund um die Uhr Wachposten aufstellen. Und dann werden wir ja sehen, was an diesem Teufelswerk dran ist.</p><p>Hm, sagte sich Berditschewski pl�tzlich, und er blieb stehen. Ich denke ja selbst schon wie ein waschechter Duckm�user. Als w�sste ich nicht, dass man, wenn es hier wahrhaftig um mystische Dinge geht, sehr leicht den d�nnen Faden zur irdischen Realit�t zerrei�en kann. Da haben wir ihn, den gordischen Knoten, gegen den ich gek�mpft habe.</p><p>Lagrange, Gott hab ihn selig, war ein Holzkopf, aber selbst er hat begriffen, dass man �bernat�rliche Ph�nomene nur allein, Auge in Auge, ohne Zeugen und Polizeibeamte, beobachten kann. Um der Genauigkeit des Experiments willen muss man so vorgehen, wie Lentotschkin schrieb: Man muss allein sein, sich nackt ausziehen und die magische Formel sprechen. Und erst, wenn nichts Besonderes passiert, kann man mit fester materialistischer �berzeugung eine Untersuchung mit den gew�hnlichen Mitteln durchf�hren.</p><p>Matwej Benzionowitsch wusste selbst, dass diese �berlegungen in den Bereich der Spekulation geh�rten, weil er nachts nirgendwohin gehen w�rde, und schon gar nicht an einen Ort, an dem ein Mann den Verstand verloren und ein anderer sich eine Kugel ins Herz gejagt hatte.</p><p>Sich auf ein solches Abenteuer einzulassen, w�re dumm, ja l�cherlich, und vor allem unverantwortlich gegen�ber Mascha und den Kindern.</p><p>Von hier aus wandten sich Berditschewskis Gedanken nat�rlicherweise seiner Familie zu.</p><p>Er dachte an seine Frau, die seinem Leben F�lle, Sinn und Gl�ck verliehen hatte. Wie lieb und gut Mascha war, besonders w�hrend der Schwangerschaft, auch wenn ihre Augen in dieser Zeit ger�tet und die Lider von feinen �derchen durchzogen waren, auch wenn ihre Nase sich wie ein Entchen vorst�lpte. Der stellvertretende Staatsanwalt dachte l�chelnd daran, wie gerne Mascha sang, obwohl sie �berhaupt kein musikalisches Geh�r hatte, er l�chelte beim Gedanken an ihre abergl�ubische Furcht vor den Scharten im Mond und vor roten Kakerlaken, an die widerspenstige Locke im Nacken und eine Vielzahl anderer Kleinigkeiten, die nur f�r diejenigen eine Bedeutung haben, die lieben.</p><p>Die �lteste Tochter, Katjenka, kam Gott sei Dank nach ihrer Mutter. Sie war ebenso energisch wie diese, sie ruhte ebenso in sich selbst, wusste ebenso genau, was sie wollte und wie sie es erreichen konnte.</p><p>Die zweite Tochter, Ljudmilotschka, schlug eher nach dem Vater � sie weinte gerne, war mitf�hlend und empfindsam gegen�ber der Natur. Sie w�rde es schwer haben im Leben. Wenn Gott ihr doch einen liebevollen, g�tigen Br�utigam geben w�rde!</p><p>Die dritte Tochter, Nastjenka, versprach ein echtes musikalisches Talent zu werden. Wie federleicht ihre rosigen Fingerchen �ber die Tasten glitten! Wenn sie herangewachsen w�re, w�rde man sie unbedingt nach Petersburg bringen und Iossif Solomonowitsch vorstellen m�ssen.</p><p>Das gedankliche Inventarisieren seiner zahlreichen Familienmitglieder war Berditschewskis liebster Zeitvertreib, doch dieses Mal kam er nicht einmal bis zur vierten Tochter, Lisanka. Hinter einer Wegbiegung hervor kam Berditschewski eine Reiterin auf einem Rappen entgegen, und diese Erscheinung war so unerwartet, so unvereinbar mit dem ged�mpften Gel�ut der Klosterglocken und der eint�nigen Landschaft, dass Matwej Benzionowitsch erstarrte.</p><p>Der Hengst trabte leicht zur Seite geneigt dahin, wie es reinrassige und besonders �berm�tige Pferde gelegentlich machen, sodass der stellvertretende Staatsanwalt die wie eine Amazone zu Pferd sitzende Reiterin von oben bis unten betrachten konnte � von dem H�tchen mit dem Schleier bis zu den Spitzen ihrer Lackstiefel.</p><p>Als sie auf gleicher H�he mit dem Fu�g�nger war, sah sie ihn von oben herab an, und unter dem pfeilspitzen Blick ihrer schwarzen Augen erbebte der besonnene Staatsanwalt am ganzen K�rper.</p><p>Das war sie, ohne jeden Zweifel! Die Unbekannte, die allein durch ihr Erscheinen die Nebeldecke von der Insel gefegt hatte. Ein Kardinalsbirett aus purpurrotem Samt hatte den Hut mit den Strau�enfedern abgel�st, doch sie trug noch immer ein Trauerkleid, und Berditschewskis feine Nase roch das bekannte Aroma ihres Parf�ms, aufregend und gef�hrlich.</p><p>Matwej Benzionowitsch blieb stehen und lie� seinen Blick �ber die grazi�se Reiterin schweifen. In der rechten Hand hielt sie eine Reitgerte, mit der sie die gl�nzende Kruppe des Pferdes weniger schlug, als dass sie sie sacht streichelte, und in der linken Hand hielt sie ein spitzenbesetztes Taschentuch.</p><p>Mit einem Mal riss sich der leichte Stofffetzen los, wie ein verspielter Schmetterling flatterte er durch die Luft, um sich dann am Wegrand niederzulassen. Die Amazone bemerkte den Verlust nicht und galoppierte davon, ohne sich nach dem wie versteinert dastehenden Mann umzusehen.</p><p>Mag es da liegen bleiben, warnte Berditschewskis gesunder Menschenverstand, oder wohl eher sein Selbsterhaltungstrieb. Das Unerf�llbare wird ja eben deshalb so genannt, weil es nicht in Erf�llung gehen kann.</p><p>Doch seine F��e trugen Matwej Benzionowitsch bereits von selbst zu dem hinuntergefallenenen Taschentuch.</p><p>�Gn�dige Frau, warten Sie!�, schrie der Ermittler mit sich �berschlagender Stimme. �Ihr Taschentuch! Sie haben Ihr Taschentuch verloren!�</p><p>Er musste dreimal rufen, bevor die Reiterin sich umwandte. Als sie begriff, was er wollte, nickte sie und kehrte um. W�hrend sie gem�chlich n�her ritt, musterte sie den Herrn im Palmerston und den schmutzigen Halbstiefeln mit einem merkw�rdigen halb fragenden, halb sp�ttischen L�cheln.</p><p>�Ich danke Ihnen�, sagte sie und z�gelte ihr Pferd, ohne die Hand nach dem Taschentuch auszustrecken. �Sie sind sehr liebensw�rdig.�</p><p>Berditschewski reichte ihr das Tuch und starrte begierig in das bet�rende Gesicht der Dame � oder war sie ein Fr�ulein? Diese tiefen, leicht mandelf�rmigen Augen! Die k�hne Linie des Mundes, das widerspenstige Kinn und der bittere, kaum merkliche Schatten unter den Wangenknochen.</p><p>Doch er musste jetzt etwas sagen. Er konnte sie nicht einfach nur anstarren.</p><p>�Ein Batistt�chlein . . . Es w�re schade, wenn Sie es verloren h�tten�, murmelte der stellvertretende Staatsanwalt, und er sp�rte, dass er rot wurde wie ein kleiner Junge.</p><p>�Sie haben kluge Augen. Empfindsame Lippen. Ich habe Sie noch nie zuvor hier gesehen.� Die Amazone strich dem Rappen �ber den samtweichen Hals. �Wer sind Sie?�</p><p>�Berditschewski�, stellte er sich vor, und er konnte sich gerade noch zur�ckhalten, seine Funktion zu erkl�ren � aber vielleicht h�tte das die Sch�ne wenigstens bewogen, ihn nicht mehr so sp�ttisch anzusehen?</p><p>Anstatt seine Funktion zu nennen, begn�gte er sich mit dem Rang:</p><p>�Kollegienrat.�</p><p>Aus irgendeinem Grunde fand sie das lustig.</p><p>�Kollegienrat?� Die Unbekannte fing an zu lachen und zeigte ihre wei�en, ebenm��igen Z�hne. �Ich k�nnte jetzt gut einen Ratgeber gebrauchen. Oder einen Berater? Ach, einerlei. Geben Sie mir einen Rat, verehrter Kollegienberater, was f�ngt man mit einem verpfuschten Leben an?�</p><p>�Um wessen Leben handelt es sich?�, fragte Matwej Benzionowitsch heiser.</p><p>�Um meines. Vielleicht aber auch um Ihres. Sagen Sie, Herr Berater, k�nnten Sie Ihr ganzes Leben ausl�schen, vernichten � um eines einzigen Augenblicks willen? Nicht einmal um eines Augenblicks, sondern um der Hoffnung auf einen Augenblick willen, die sich m�glicherweise nicht erf�llt?�</p><p>Berditschewski stammelte:</p><p>�Ich verstehe Sie nicht. . . Sie sagen eigenartige Dinge.�</p><p>Doch er hatte sehr wohl verstanden, er hatte alles bestens verstanden. Das, was ihm auf gar keinen Fall passieren konnte, weil sein ganzes Leben so g�nzlich anders verlief, war auf einmal nah, sehr nah. Ein Augenblick? Eine Hoffnung? Und was war mit Mascha?</p><p>�Glauben Sie an das Schicksal?� Die Reiterin l�chelte jetzt nicht mehr, ihre reine Stirn hatte sich umw�lkt, die Reitgerte schlug fordernd auf die Kruppe des Pferdes, und der Rappe trat nerv�s von einem Bein auf das andere. �Daran, dass alles vorherbestimmt ist und dass es keine zuf�lligen Begegnungen gibt?�</p><p>�Ich wei� nicht. . .�</p><p>Daf�r wusste er, dass er zugrunde ging, und er war bereit dazu, er sehnte es sogar herbei. Der orangefarbene Streifen des Sonnenuntergangs breitete sich zu beiden Seiten des schwarzen Pferdes aus, als seien diesem pl�tzlich Feuerfl�gel gewachsen.</p><p>�Ich glaube daran. Ich habe das Tuch fallen lassen, Sie haben es aufgehoben. Vielleicht ist es auch gar kein Tuch?�</p><p>Der stellvertretende Staatsanwalt blickte zerstreut auf das St�ck Stoff, das er noch immer fest zwischen den Fingern hielt, und er dachte: Ich stehe hier wie ein Bettler mit ausgestreckter Hand.</p><p>Die Stimme der Reiterin nahm einen drohenden Klang an:</p><p>�Wollen Sie, dass ich jetzt das Pferd wende und davongaloppiere? Dass Sie mich nie Wiedersehen? Dann werden Sie nie erfahren, wer wen betrogen hat � Sie das Schicksal oder das Schicksal Sie.�</p><p>Sie riss am Zaumzeug, wandte sich um und hob die Reitgerte.</p><p>�Nein!�, rief Matwej Benzionowitsch, der Mascha, seine zw�lf Kinder und das kommende, dreizehnte, mit einem Schlag vergessen hatte � so unertr�glich erschien ihm der Gedanke, die merkw�rdige Amazone k�nnte davonpreschen und ein f�r alle Mal in der immer dichter werdenden Dunkelheit verschwinden.</p><p>�Dann halten Sie sich am Steigb�gel fest, ganz fest, sonst fallen Sie hin!�, befahl sie.</p><p>Wie verzaubert klammerte Berditschewski sich an den silbernen B�gel. Die Reiterin stie� einen gutturalen Schrei aus und schlug mit der Reitgerte auf das Pferd ein, woraufhin der Rappe im scharfen Trab lospreschte.</p><p>Matwej Benzionowitsch rannte aus Leibeskr�ften, ohne zu begreifen, was mit ihm vorging. Nach etwa f�nfzig, oder vielleicht auch hundert Schritten strauchelte er, mit dem Gesicht nach unten st�rzte er zu Boden und �berschlug sich noch mehrmals.</p><p>Aus der Dunkelheit erklang sich schnell entfernendes Gel�chter.</p><p>�Was ist das nur f�r eine Insel!�, sagte der Ermittler immer wieder wie von Sinnen, w�hrend er auf dem Weg sa� und seinen schmerzenden Ellbogen rieb. Die Fingerkn�chel waren blutig und zerschrammt, aber Matwej Benzionowitsch hatte das Batistt�chlein nicht fallen gelassen.</p><p>***</p><p>Nach diesem unglaublichen Vorkommnis, das so v�llig anders war als alles, was Matwej Benzionowitsch bislang erlebt hatte, war der stellvertretende Staatsanwalt offenkundig nicht ganz bei sich. Nur so lie� sich der Umstand erkl�ren, dass er jedes Zeitgef�hl verloren hatte und sich nicht erinnern konnte, wie er zur�ck ins Hotel gelangt war. Als der Schock schlie�lich nachlie� und er zu sich kam, entdeckte er, dass er in seinem Zimmer auf dem Bett sa� und stumpf zum Fenster hinausschaute, auf eine am Himmel h�ngende Apfelsinenscheibe � den zunehmenden Mond.</p><p>Mit einer mechanischen Geste zog er seine Uhr aus der Westentasche. Es war eine Minute nach zehn, woraus Matwej Benzionowitsch den Schluss zog, dass ihn wahrscheinlich das Klingeln seiner Breguet in die Realit�t zur�ckgeholt hatte, obgleich er sich nicht daran erinnern konnte, etwas geh�rt zu haben.</p><p>Lew Nikolajewitsch! Er hatte bis sp�testens um zehn Uhr auf der Bank auf ihn warten wollen!</p><p>Der Beamte sprang auf und lief aus den Zimmer. Er ging nicht � er rannte die Stra�e und die Uferstra�e entlang. Die Passanten blickten sich nach ihm um; im gesitteten Neu-Ararat war ein Mann, der durch die Stra�en rannte, noch dazu sp�tabends, offenbar eine Seltenheit.</p><p>Nur um mit einem Zeugen zu sprechen, selbst wenn es sich um einen wichtigen Zeugen handelte, w�re Berditschewski nicht so Hals �ber Kopf davongest�rzt, doch er hatte pl�tzlich das unwiderstehliche Verlangen, Lew Nikolajewitschs klares, gutm�tiges Gesicht zu sehen und mit ihm zu reden, einfach zu reden � �ber etwas Einfaches, Bedeutsames, das weit wichtiger war als alle Nachforschungen.</p><p>Die wei�e Kuppel der Rotunde, eine der �rtlichen Sehensw�rdigkeiten, war von weitem zu erkennen. Der stellvertretende Staatsanwalt war v�llig ersch�pft, als er sie erreichte, und er hatte die Hoffnung bereits auf gegeben, Lew Nikolajewitsch noch anzutreffen. Doch von der Bank erhob sich eine hagere Gestalt, die ihm entgegentrat und zur Begr��ung den Arm schwenkte.</p><p>Beide freuten sich au�erordentlich. Bei Matwej Benzionowitsch konnte man das verstehen, aber auch Lew Nikolajewitsch war allem Anschein nach h�chst zufrieden.</p><p>�Und ich dachte schon, Sie w�rden nicht kommen!�, rief er aus, w�hrend er dem Beamten kr�ftig die Hand sch�ttelte. �Ich habe trotzdem gewartet, f�r alle F�lle. Aber nun sind Sie da! Das ist gut, das ist vortrefflich.�</p><p>Es war eine helle oder � wie poetische Naturen sagen � zauberhafte Nacht. Lew Nikolajewitschs Augen und sein wunderbares L�cheln waren von solchem Wohlwollen erf�llt, und Berditschewskis Seele war so best�rzt und gequ�lt, dass er, kaum war er wieder zu Atem gekommen, diesem Mann, den er nur fl�chtig kannte, erz�hlte, was er erlebt hatte. Von seinem Charakter und seiner tief verwurzelten Sch�chternheit her neigte Matwej Benzionowitsch keineswegs zu vertraulichen Gest�ndnissen, schon gar nicht gegen�ber Fremden. Doch zum einen erschien ihm Lew Nikolajewitsch aus irgendeinem Grunde nicht fremd, und zum anderen versp�rte er ein �beraus dringendes Bed�rfnis, sich auszusprechen und seine Seele zu erleichtern.</p><p>Ohne etwas zu besch�nigen, erz�hlte Berditschewski von der geheimnisvollen Reiterin und seinem Sturz (im w�rtlichen wie im moralischen Sinn), wobei er sich von Zeit zu Zeit die �ber die Wangen rollenden Tr�nen abwischte.</p><p>Lew Nikolajewitsch erwies sich als idealer Zuh�rer � er lauschte ernsthaft, ohne zu unterbrechen, und im h�chsten Ma�e mitf�hlend, sodass er selbst beinahe in Tr�nen ausgebrochen w�re.</p><p>�Sie machen sich grundlos Vorw�rfe!�, rief er aus, kaum hatte der Staatsanwalt geendet. �Wahrhaftig, ganz ohne Grund! Ich wei� wenig �ber die Liebe zwischen Mann und Frau, doch man hat mir erz�hlt � und ich hatte auch Gelegenheit, dar�ber zu lesen � , dass selbst der vorbildlichste, tugendhafteste Familienvater eine zeitweilige Tr�bung des Verstands erfahren kann. Schlie�lich lebt jeder Mensch, auch der alleranst�ndigste, im Grunde seines Herzens in der Erwartung eines Wunders, und sehr h�ufig scheint ihm eine ungew�hnliche Frau dieses Wunder zu sein. Das gibt es auch bei Frauen, doch besonders h�ufig kommt es bei M�nnern vor � einfach deshalb, weil M�nner mehr zum Abenteuer neigen. Das, was Sie erz�hlt haben, ist doch eine Kleinigkeit. Das hei�t, nat�rlich ist es keine Kleinigkeit, das ist mir so herausgeplatzt, um Sie zu tr�sten, doch es ist schlie�lich nichts passiert. Sie sind v�llig rein vor Ihrer Gemahlin . . .�</p><p>�Ach nein, ganz und gar nicht!�, unterbrach Matwej Benzionowitsch den gutm�tigen Menschen. �Und es ist viel schlimmer, als wenn ich in betrunkenem Zustand in einem unz�chtigen Haus gewesen w�re. Das w�re einfach eine Schweinerei gewesen, k�rperlicher Schmutz, aber ich habe Verrat begangen, echten Verrat! Und wie schnell, wie leichtfertig � in einem Augenblick!�</p><p>Lew Nikolajewitsch sah seinen Gespr�chspartner aufmerksam an und sagte nachdenklich:</p><p>�Nein, das ist noch kein echter, kein wirklich schlimmer Verrat.�</p><p>�Und was ist Ihrer Meinung nach echter Verrat?�</p><p>�Echter, satanischer Verrat ist, wenn man jemanden direkt verr�t, Auge in Auge, und wenn einem diese Niedertracht besonderes Vergn�gen bereitet.�</p><p>�Ach was, Vergn�gen!� Berditschewski winkte ab. �Aber was die Niedertracht angeht, so bin ich der niedertr�chtigste Schuft. Das wei� ich nun, und mit diesem Wissen muss ich leben . . . Ach�, er sch�ttelte sich. �Wenn ich diesen Augenblick nur wieder gutmachen k�nnte, ihn von der Seele waschen! Ich w�re zu jeder Pr�fung, zu jeder Qual bereit, damit ich mich wieder f�hlen k�nnte wie . . .� � er hatte sagen wollen �ein edler Mensch�, doch er sch�mte sich und sagte nur: �. . . ein Mensch.�</p><p>�Es ist n�tzlich, ja unabdingbar, sich zu pr�fen�, stimmte Lew Nikolajewitsch zu. �Ich bin der Meinung, dass . . .�</p><p>�Warten Sie!�, unterbrach ihn der stellvertretende Staatsanwalt, dem pl�tzlich eine Idee gekommen war. �Warten Sie! Ich wei�, welche Pr�fung ich mir auferlegen muss! Sagen Sie mir, um Christi willen, sagen Sie mir, wo befindet sich das Haus, in dem der Bakenw�rter wohnte? Kennen Sie es?�</p><p>�Nat�rlich kenne ich es�, versetzte Lew Nikolajewitsch verwundert. �Es ist dort dr�ben, Sie gehen am Ufer entlang bis zur Landzunge, und dann nach links. Es sind etwa zwei Werst. Aber warum wollen Sie das blo� wissen?�</p><p>�Sehen Sie, es ist so . . .�</p><p>Und Berditschewski gab dem Herzensfreund alle Geheimnisse der Ermittlung preis � offenbar lud diese Nacht dazu ein. Er erz�hlte von Aljoscha Lentotschkin, von Lagrange und selbstverst�ndlich auch von seiner eigenen Mission. Der Zuh�rer konnte nur immer wieder �Ach� sagen und den Kopf sch�tteln.</p><p>�Ich schw�re Ihnen�, sprach Matwej Benzionowitsch abschlie�end, und er hob die Hand, als m�sse er einen Eid vor Gericht ablegen, �dass ich mich unverz�glich, noch in dieser Minute, ganz allein zu dieser Teufelsh�tte aufmachen, bis Mitternacht warten und sie dann betreten werde, wie Alexej Stepanowitsch und Felix Stanislawowitsch es getan haben. Es ist mir egal, wenn dabei nichts herauskommt, wenn alles Aberglaube und leeres Geschw�tz ist. Die Hauptsache ist, dass ich meine Angst �berwinde und damit meine Selbstachtung wiedererlange!�</p><p>Lew Nikolajewitsch sprang auf und rief begeistert aus:</p><p>�Wie wunderbar Sie das gesagt haben! An Ihrer Stelle w�rde ich genauso handeln. Aber wissen Sie was . . .�, und mit einer hastigen Bewegung packte er Berditschewski am Ellbogen. �Sie d�rfen nicht allein gehen. Das ist viel zu unheimlich. Nehmen Sie mich mit. Nein, wahrhaftig! Lassen Sie uns zusammen gehen, ja?�</p><p>Flehentlich blickte er Matwej Benzionowitsch in die Augen, sodass es diesem die Brust zusammenschn�rte und ihm erneut Tr�nen die Wangen hinunterliefen.</p><p>�Ich danke Ihnen�, sagte der stellvertretende Staatsanwalt gef�hlvoll. �Ich wei� Ihre Bereitschaft zu sch�tzen, doch mein Herz sagt mir, dass ich allein gehen muss. Sonst kommt nichts dabei heraus, und es ist keine echte Bu�e.� Er rang sich ein L�cheln ab und versuchte sogar zu scherzen. �Zudem sind Sie ein so engelgleiches Wesen, dass die unreine Macht Sie in Verlegenheit st�rzen k�nnte.�</p><p>�Gut, gut�, nickte Lew Nikolajewitsch. �Ich werde Sie nicht st�ren. Wissen Sie was, ich begleite Sie bis zur H�tte und halte mich dann abseits. F�nfzig Schritt entfernt, oder sogar hundert. Aber begleiten werde ich Sie ganz gewiss. Sie werden sich weniger einsam f�hlen, und ich mache mir weniger Sorgen. Wer wei�, was passiert. . .�</p><p>Berditschewski war schrecklich froh �ber diesen Vorschlag, der einerseits die selbst auferlegte Pr�fung nicht schm�lerte, der aber andererseits eine gewisse, wenn auch fiktive Unterst�tzung versprach. Er freute sich � und auf der Stelle �rgerte er sich �ber sich selbst, dar�ber dass er sich freute.</p><p>Er runzelte die Stirn und sagte:</p><p>�Nicht hundert Schritt. Zweihundert.�</p><p>***</p><p>Sie trennten sich auf der kleinen Br�cke �ber dem schmalen rei�enden Fluss, der nicht mehr als zwanzig Klafter entfernt in den See m�ndete.</p><p>�Da ist es, das Haus des Bakenw�rters.� Lew Nikolajewitsch deutete auf einen dunklen W�rfel, dessen helles Strohdach im Mondlicht leuchtete. �Darf ich wirklich nicht mitkommen?�</p><p>Berditschewski sch�ttelte den Kopf. Er wollte nicht sprechen, weil er seine Z�hne fest zusammengebissen hatte und bef�rchtete, sie w�rden, wenn er nur den Mund aufmachte, besch�mend zu klappern anfangen.</p><p>�Nun, mit Gottes Hilfe�, sagte der treue Sekundant aufgeregt. �Ich werde hier warten, bei der Abdankungskapelle. Wenn etwas ist, schreien Sie, dann komme ich sofort gelaufen.�</p><p>Anstelle einer Antwort umfasste Matwej Benzionowitsch unbeholfen Lew Nikolajewitschs Schultern, um ihn f�r einen Moment an sich zu ziehen, bevor er ihm noch einmal zuwinkte und dann auf die H�tte zuging.</p><p>Es waren noch zwei Minuten bis Mitternacht, aber es war auch nicht weit zu gehen � nicht einmal zweihundert, sondern h�chstens einhundertf�nfzig Schritte.</p><p>Unsinn, sagte sich der stellvertretende Staatsanwalt, w�hrend er die H�tte einem genauen Augenschein unterzog. Ich wei� schlie�lich ganz genau, dass nichts geschehen wird. Es kann gar nichts geschehen. Ich werde hineingehen, eine Weile dort stehen bleiben, wieder hinausgehen und mir wie ein kompletter Trottel Vorkommen. Zum Gl�ck habe ich einen so gutherzigen Zeugen. Ein anderer w�rde sich lustig machen und in der ganzen Welt herumposaunen, dass der Stellvertreter des Gouvernements-Staatsanwalts sich zu einem Stelldichein mit der unreinen Macht begibt und obendrein vor Angst schlottert.</p><p>Vom Ehrgeiz geweckt, regte sich in seiner Seele ein Funken von Tapferkeit. Man musste ihn nun behutsam, wie ein im Wind zitterndes Fl�mmchen, anfachen und durfte ihn nicht erl�schen lassen.</p><p>�Na, na, na�, sprach Berditschewski vor sich hin, w�hrend er z�giger ausschritt.</p><p>Trotzdem machte er vor der schief und krumm vernagelten T�r Halt und bekreuzigte sich hastig, so, dass es von hinten nicht zu sehen war. Sich nackt auszuziehen, w�re nat�rlich Unsinn, beschloss Matwej Benzionowitsch. Er konnte sich ohnehin nicht richtig erinnern, wie die magische Formel aus dem mittelalterlichen Traktat lautete. Na, das machte nichts, irgendwie w�rde er auch ohne diese Formel zurechtkommen. Er musste das in die Scheibe eingeritzte Kreuz ber�hren und dabei etwas von einer �bereinkunft von Gabriel mit dem Teufel sagen. Komm, heiliger Geist � so hie� es wohl. Und wenn es dann losging, m�sste er schnellstens auf Lateinisch ausrufen, dass er an den Herrn glaubte, und alles w�re aufs Beste eingerichtet.</p><p>Das Feixen lie� den Ermittler Mut sch�pfen. Er packte den Beschlag der T�r und zerrte aus Leibeskr�ften daran.</p><p>Wie sich herausstellte, h�tte er sich gar nicht anstrengen m�ssen � der T�rfl�gel gab ganz leicht nach.</p><p>Matwej Benzionowitsch ging �ber den knarrenden Fu�boden und versuchte herauszufinden, wo das Fenster war. Unschl�ssig blieb er stehen, doch in dem Moment erhellte der Mond, der sich zuvor f�r kurze Zeit hinter einer Wolke versteckt hatte, das Himmelsgew�lbe von neuem, und linker Hand leuchtete ein silbriges Quadrat auf.</p><p>Der Ermittler wandte den Kopf und stie� einen erstickten Schrei aus.</p><p>Dort stand jemand!</p><p>Reglos, schwarz, mit einer spitz zulaufenden Kapuze!</p><p>Nein, nein, nein � Berditschewski sch�ttelte den Kopf, um die Erscheinung zu vertreiben. Als k�nne er das Gesch�ttel nicht ertragen, explodierte der Kopf pl�tzlich in einem unertr�glichen Schmerz, der den Sch�del und das Hirn durchdrang.</p><p>Sein ersch�ttertes Bewusstsein verlie� Matwej Benzionowitsch, weiter sah und h�rte er nichts mehr.</p><p>Sp�ter � er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war � fanden die Sinne zu dem ungl�cklichen Ermittler zur�ck, wenn auch nicht alle: Der Gesichtssinn wollte offenbar nicht wiederkehren, Berditschewskis Augen waren ge�ffnet, aber sie sahen nichts.</p><p>Er lauschte. Er konnte das hastige Klopfen seines Herzens, sogar das Schlagen seiner Wimpern h�ren � so still war es. Durch die Nase sog er den Geruch von Staub und Holzsp�nen ein. Der Kopf schmerzte, der K�rper kribbelte, das hei�t, er lebte.</p><p>Aber wo war er? In der H�tte?</p><p>Nein. Dort war es zwar dunkel, aber nicht so wie hier, nicht so absolut dunkel � wie in einem Sarg.</p><p>Matwej Benzionowitsch wollte sich aufsetzen und schlug sich die Stirn an. Er bewegte die Arme und konnte die Ellbogen nicht abspreizen. Er zog die Knie an, und sie stie�en gegen etwas Festes.</p><p>Da begriff der stellvertretende Staatsanwalt, dass er tats�chlich in einem zugenagelten Sarg lag, und er begann zu schreien. Nicht sehr laut zun�chst, als h�tte er die Hoffnung noch nicht verloren:</p><p>�A-a! A-a-a!�</p><p>Dann aus Leibeskr�ften:</p><p>�A-a-a-a!!!!�</p><p>Berditschewski schrie, bis er keine Luft mehr hatte, und brach dann in ersticktes Schluchzen aus. Sein Gehirn, das logisches Denken gewohnt war, nutzte die kurze Atempause und zeigte ihm die L�sung eines R�tsels auf � wenn auch zu sp�t. Deshalb also hatte Lagrange sich mit der linken Hand, von unten nach oben zielend, erschossen! Er hatte die Waffe im Sarg nicht anders halten k�nnen. Irgendwie hatte er die langl�ufige Smith &amp;: Wesson herausgezogen, aufs Herz gerichtet und abgedr�ckt.</p><p>O welch grimmiger Neid auf den verstorbenen Polizeimeister packte Matwej Benzionowitsch! Welche Erleichterung, welch unwahrscheinliches Gl�ck w�re es, jetzt einen Revolver zur Hand zu haben! Einmal auf den Abzug dr�cken, und der Alptraum h�tte ein Ende, ein f�r alle Mal.</p><p>Berditschewski schluckte die Tr�nen hinunter und murmelte: �Mascha, Maschenka, verzeih mir . . . Ich habe dich schon wieder verraten, und zwar noch schlimmer, als dort auf dem Weg! Ich verlasse dich, lasse dich allein zur�ck . . .�</p><p>Doch das Gehirn verrichtete weiterhin seine Arbeit, die jetzt niemandem mehr etwas n�tzte. Er verstand nun, warum Lentotschkin, nachdem er im Sarg gelegen hatte, keine Decken und W�nde ertragen konnte und �berhaupt nichts, was den K�rper beengte.</p><p>Das Schluchzen brach ganz von selbst ab, denn Berditschewski war etwas eingefallen.</p><p>Lentotschkin war doch auf irgendeine Art und Weise dem Sarg entkommen! Verr�ckt zwar, aber lebendig! Das hei�t, dass es noch Hoffnung gab.</p><p>Das Gebet! Wie hatte er das nur vergessen k�nnen!</p><p>Aber Matwej Benzionowitsch hatte sein Latein, das er in den langen Jahren am Gymnasium und auf der Universit�t so eifrig gelernt hatte, vor lauter Schreck vollkommen vergessen. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wie �o Herr!� auf Lateinisch hie�.</p><p>Also br�llte der geistliche Sohn von Bischof Mitrofani auf Russisch los:</p><p>�Ich glaube, o Herr, ich glaube!!!�</p><p>Er schlug wild um sich, stemmte sich mit Stirn, H�nden und Knien gegen den Deckel der h�lzernen Kiste � und ein Wunder geschah. Der obere Teil des Sargs flog krachend zur Seite, Berditschewski setzte sich auf, schnappte nach Luft und sah sich nach allen Seiten um.</p><p>Es war noch immer dieselbe H�tte, die ihm nach der �gyptischen Finsternis ungew�hnlich hell vorkam, und er konnte den Ofen in der Ecke und sogar die Ofengabel erkennen. Auch das Fenster war an seinem Platz, aber die unheimliche Silhouette war verschwunden.</p><p>Unentwegt �Ich glaube, o Herr, ich glaube� vor sich hin murmelnd, kletterte Berditschewski �ber den Rand und fiel krachend auf den Boden � der Sarg hatte auf einem Tisch gestanden.</p><p>Ohne den Schmerz, der durch seinen ganzen K�rper fuhr, zu beachten, rutschte er auf allen vieren flink zur T�r.</p><p>Er kroch �ber die Schwelle, sprang auf und lief hinkend zu dem kleinen Fluss.</p><p>�Lew! Nikolajewitsch! Zu Hilfe! Retten Sie mich!�, rief der stellvertretende Staatsanwalt heiser, und er hatte Angst, sich umzusehen � was, wenn der Schwarze mit der spitz zulaufenden Kapuze hinter ihm hergest�rmt k�me? �Helfen Sie mir! Ich falle!�</p><p>Da war die kleine Br�cke, da war das Gel�nder. Lew Nikolajewitsch hatte versprochen, hier zu warten.</p><p>Berditschewski rannte nach rechts und nach links, aber da war niemand.</p><p>Das konnte einfach nicht sein! Lew Nikolajewitsch war kein Mensch, der einfach weglaufen w�rde!</p><p>�Wo sind Sie?�, st�hnte Matwej Benzionowitsch. �Mir ist �bel, ich habe Angst!�</p><p>Als sich lautlos eine dunkle Gestalt von der Mauer der Kapelle l�ste, kreischte der ersch�pfte Ermittler auf, weil er glaubte, der schreckliche Verfolger h�tte ihn �berholt und erwarte ihn nun dort vorn.</p><p>Aber nein, den Konturen nach zu urteilen war das Lew Nikolajewitsch. Schluchzend st�rzte Berditschewski auf ihn zu.</p><p>�Gott. . . Gott sei Dank! Ich glaube, o Herr, ich glaube! Warum haben Sie denn nicht geantwortet? Ich dachte schon . . .�</p><p>Als er sich seinem Kampfgef�hrten n�herte, stie� er hervor:</p><p>�Ich . . . Ich wei� nicht, was das war, doch es war furchtbar. . .. Ich glaube, ich verliere den Verstand! Lew Nikolajewitsch, mein Lieber, was ist das nur? Was ist mit mir?�</p><p>Da wandte die schweigsame Gestalt ihr Gesicht dem Mondlicht zu, und Berditschewski verstummte best�rzt.</p><p>Lew Nikolajewitschs Antlitz hatte eine eigenartige Metamorphose erfahren. Die Z�ge waren dieselben, doch sein Antlitz war kaum merklich und gleichzeitig ganz deutlich ver�ndert.</p><p>Sein sanfter, freundlicher Blick war funkelnd und drohend, die Lippen kr�uselten sich in grausamem Spott, die Schultern waren gestrafft, eine scharfe Falte durchzog seine Stirn wie die Spur eines Dolchs.</p><p>�Das hier�, erwiderte der bis zur Unkenntlichkeit ver�nderte Lew Nikolajewitsch mit pfeifender Stimme, w�hrend er sich mit dem Finger an die Schl�fe tippte. �Das ist mit dir, mein Freund, �bergeschnappt bist du. Du siehst wirklich idiotisch aus!�</p><p>Matwej Benzionowitsch wich erschrocken zur�ck, und Lew Nikolajewitsch, dessen linke Wange leicht zuckte, fletschte seine bemerkenswert wei�en Z�hne und schrie dreimal triumphierend:</p><p>�Idiot! Idiot! Idiot!�</p><p>Erst jetzt erfasste Berditschewski mit dem letzten Zipfel seines rasch schwindenden Bewusstseins, dass er tats�chlich den Verstand verloren hatte, und zwar nicht erst vorhin in der H�tte, sondern schon sehr viel fr�her. In seinem kranken Kopf vermischten sich Traum und Wirklichkeit, und er konnte nicht mehr sagen, welches der Ereignisse dieses ungeheuerlichen Tages wahrhaftig passiert und welches eine Ausgeburt seines verwirrten Verstands gewesen war.</p><p>Den Kopf zwischen die Schultern gezogen und ein Bein nachziehend, lief der verr�ckte Staatsanwalt aufs Geratewohl den mondbeschienenen Weg hinunter, wobei er ununterbrochen vor sich hin murmelte:</p><p>�Ich glaube, o Herr, ich glaube!�</p></section></section><section><title><p>ZWEITER TEIL</p><p>Die Pilgerfahrt der Frau Lissizyna</p></title><section><title><p>Eine Adlige aus dem Gouvernement Moskau</p></title><p>Ausgerechnet am Vorabend des Tages, an dem der zweite Brief von Doktor Korowin eintraf, kam es zwischen dem Bischof und Schwester Pelagia zu einem Gespr�ch �ber M�nner und Frauen. Das hei�t, der Bischof und seine geistliche Tochter disputierten h�ufig �ber dieses Thema, aber dieses Mal waren sie wie mit Absicht bei der Frage nach dem schwachen und dem starken Geschlecht aneinander geraten. Pelagia wollte beweisen, dass man die Frauen zu Unrecht als das �schwache Geschlecht� bezeichnete, das sei nicht wahr, au�er vielleicht in Bezug auf die Muskelkraft, und selbst dann nicht immer. Die Nonne hatte sich in ihrem Eifer sogar dazu hinrei�en lassen, dem Bischof den Vorschlag zu machen, mit ihm um die Wette zu laufen oder zu schwimmen, um zu sehen, wer schneller w�re, doch sie besann sich gleich wieder und bat um Verzeihung. Mitrofani war keineswegs ver�rgert dar�ber, sondern er fing an zu lachen.</p><p>�Wir w�rden ein sch�nes Bild abgeben�, meinte der Bischof. �Du und ich im Sturmschritt die Bolschaja Dworjanskaja hinunter, die Kutten hochgerafft, die Beine blitzen darunter hervor, mein Bart steht im Wind wie ein Reisigbesen, deine roten Locken flattern. Die Leute w�rden sich das ansehen und sich bekreuzigen, aber uns w�re das alles egal � wir w�rden zum Fluss laufen, uns ins Wasser st�rzen und kraulen, was das Zeug h�lt.�</p><p>Auch Pelagia musste lachen, lie� aber vom Thema nicht ab.</p><p>�Es gibt kein starkes Geschlecht und kein schwaches. Jedes Geschlecht ist in mancher Hinsicht stark und in anderer schwach. In Bezug auf Logik sind die M�nner nat�rlich st�rker, daher auch ihre gr��ere Bef�higung zur Naturwissenschaft, aber gerade darin liegt auch der Nachteil. Ihr M�nner wollt immerzu allem mit der Geometrie zu Leibe r�cken; was man nicht in geometrische Figuren und rechte Winkel pressen kann, das lasst ihr au�er Acht, und daher entgeht euch das Wichtigste. Au�erdem seid ihr Wirrk�pfe und redet unentwegt allerlei Unsinn zusammen, und dann verheddert ihr euch! Auch der Stolz behindert euch, ihr f�rchtet nichts mehr, als in eine l�cherliche oder erniedrigende Lage zu geraten. Uns Frauen aber ist das egal, wir wissen sehr gut, dass diese Bef�rchtung albern und kindisch ist. Bei unwichtigen Dingen kann man uns leicht in Verwirrung bringen, aber bei wichtigen, wirklich bedeutsamen Dingen lassen wir uns durch die Logik nicht aus dem Konzept bringen.�</p><p>�Warum erz�hlst du das alles?�, fragte Mitrofani mit einem sp�ttischen L�cheln. �Wozu diese Philippika? Soll das hei�en, die M�nner sind dumm, man muss ihnen die Macht �ber die Gesellschaft wegnehmen und sie euch �bergeben?�</p><p>Die Nonne schob mit dem Finger ihre Brille hoch, die ihr in der Aufregung auf die Nasenspitze hinuntergerutscht war.</p><p>�Nein, Eminenz, Sie h�ren mir �berhaupt nicht zu! Beide Geschlechter sind auf ihre Art klug und dumm, stark und schwach. Aber auf verschiedene Weise! Darin liegt auch die Gr��e von Gottes Idee, das ist der Sinn der Liebe und der Ehe, dass die Schw�chen eines jeden durch die St�rken des Ehegatten gest�tzt werden.�</p><p>Der Bischof war jedoch heute nicht zu einer ernsthaften Unterhaltung aufgelegt. Er spielte den Erstaunten:</p><p>�Willst du dich etwa verheiraten?�</p><p>�Ich spreche nicht von mir selbst. Ich habe einen anderen Br�utigam, der mich besser st�tzt als jeder Mann. Ich spreche davon, dass es nicht richtig ist, Vater, sich in ernsten Angelegenheiten nur auf den m�nnlichen Verstand zu verlassen und die weibliche St�rke und die m�nnliche Schw�che zu vergessen.�</p><p>Mitrofani h�rte zu und lachte still vor sich hin, was Pelagia nur noch mehr in Aufruhr versetzte.</p><p>Schlie�lich machte sie ihrem Unmut Luft: �Am schlimmsten aber ist Ihr herablassendes L�cheln! Das ist typisch m�nnlicher Hochmut, der f�r einen M�nch ganz und gar nicht angebracht ist! Hat man Ihnen nicht gesagt: �Es gibt kein m�nnliches Geschlecht, es gibt kein weibliches, denn ihr alle seid eins in Jesus Christus�?�</p><p>�Ich wei�, warum du mir eine Predigt h�ltst und so w�tend bist�, erwiderte der scharfsinnige Hirte darauf. �Du bist beleidigt, dass ich nicht dich nach Neu-Ararat geschickt habe. Und du bist eifers�chtig auf Matwej. Wie wird er nur alles entwirren, ohne dass dein roter Lockenkopf daran beteiligt ist? Und er wird es in jedem Fall entwirren, denn er ist vorsichtig, scharfsinnig und logisch.� Mitrofani h�rte auf zu l�cheln und sagte in ernstem Ton: �Meinst du, ich w�rde dich nicht sch�tzen? Meinst du, ich w�sste nicht, wie findig du bist, was f�r ein feines Gesp�r und welche Menschenkenntnis du hast? Aber du wei�t selbst, dass Nonnen in Ararat keinen Zutritt haben. Die Klosterordnung verbietet es.�</p><p>�Das haben Sie schon einmal gesagt, und ich wollte in Gegenwart von Berditschewski keinen Streit anfangen. Nat�rlich ist Schwester Pelagia der Zutritt verboten. Polina Andrejewna Lissizyna hingegen darf sehr wohl dorthin.�</p><p>�Wag es nicht, daran zu denken!�, sagte der Bischof streng. �Es reicht! Wir haben ges�ndigt und Gott erz�rnt, nun ist es genug. Ich gestehe, ich bin selbst schuld, dass ich dir im Namen der Wahrheit und des Triumphs der Gerechtigkeit meinen Segen zu solcher Ausschweifung gegeben habe. Ich habe alle Schuld auf mich genommen. Und wenn man im Synod von diesem Unfug erfahren w�rde, w�rde man mich mit einem Schlag in den Nacken von der Kanzel verjagen und m�glicherweise sogar des�Amtes entheben. Doch nicht aus Angst um meinen Bischofsumhang habe ich mir das fest vorgenommen, sondern aus Angst um dich. Hast du vergessen, dass deine Schauspielerei dich letzthin beinahe das Leben gekostet h�tte? Das ist vorbei, Frau Lissizyna wird es nicht mehr geben, und ich will nichts mehr davon h�ren!�</p><p>Noch lange stritten sie sich wegen dieser geheimnisvollen Frau Lissizyna, ohne dass einer den anderen �berzeugen konnte, und als sie schlie�lich auseinander gingen, beharrten sie beide auf ihrer Meinung.</p><p>Am Morgen dann brachte die Post dem Bischof einen Brief von der Insel Kanaan, vom Psychiater Doktor Korowin.</p><p>Der Bischof �ffnete den Umschlag, las den Brief, fasste sich ans Herz und brach zusammen.</p><p>In den Gem�chern des Bischof setzte nun ein nie da gewesener Tumult ein: �rzte kamen gelaufen, der Gouverneur kam zu Pferde angesprengt � ohne Hut, auf einem ungesattelten Pferd, der Adelsmarschall eilte von seinem Landgut herbei.</p><p>Auch Schwester Pelagia durfte nat�rlich nicht fehlen. Ganz leise kam sie herein, sie sa� eine Weile im Empfangszimmer, blickte die umhereilenden �rzte erschrocken an und wartete einen passenden Moment ab, um den Sekret�r des Bischofs, Vater Usserdow, beiseite zu nehmen. Dieser erz�hlte, wie das Ungl�ck passiert war, und zeigte ihr den ungl�ckseligen Brief, in dem von dem neuen Patienten in Doktor Korowins Krankenhaus die Rede war.</p><p>Den Rest des Tages und die ganze Nacht verbrachte die Nonne kniend in der Hauskapelle des Bischofs � aber nicht auf dem Betstuhl, sondern auf dem nackten Boden. Inbr�nstig betete sie f�r die Heilung des Kranken, dessen Tod ein Ungl�ck w�re, f�r den gesamten Kreis ebenso wie f�r die vielen, die den Bischof liebten. Ins Schlafgemach, wo der Kranke gepflegt wurde, dr�ngte Pelagia sich nicht hinein � es gab auch ohne sie gen�gend Leute, die ihm ihre Aufwartung machen wollten, zudem h�tte man sie wohl nicht vorgelassen. Ein ganzes Konsilium praktizierte seine Kunst an dem bewusstlosen K�rper, und aus Sankt Petersburg waren, von einem Telegramm herbeigerufen, bereits die drei wichtigsten Koryph�en auf dem Gebiet der Herzkrankheiten eingetroffen.</p><p>Am Morgen kam der j�ngste Arzt d�ster und bleich zu Pelagia, die noch immer am Boden kniete. Er sagte:</p><p>�Er ist zu sich gekommen. Er will Sie sehen. Aber nicht lange. Und um Christi willen, Schwester, kein Geschluchze. Er darf nicht aufgeregt werden.�</p><p>Pelagia erhob sich m�hsam, rieb sich die blauen Flecken an den Knien und betrat das Schlafgemach.</p><p>Wie schlecht es in dem traurigen Gemach roch! Nach Kampfer, Kittelst�rke und abgekochtem Metall. Mitrofani lag schwer atmend und �chzend auf der hohen, altert�mlichen Bettstatt, deren dunkelblauer Baldachin mit einem Bild des Himmelsgew�lbes geschm�ckt war. Pelagia bemerkte best�rzt die t�dliche Bl�sse seines Gesichts, die scharf hervortretenden Z�ge und vor allem eine allgemeine Starre, die so unvereinbar war mit dem t�tigen Charakter des Bischofs.</p><p>Die Nonne schluchzte auf, und sofort h�stelte der �rgerliche Doktor hinter ihrem R�cken. Pelagia l�chelte erschrocken und trat so, mit diesem kl�glichen, unpassenden L�cheln auf den Lippen, zum Bett.</p><p>Der Kranke warf ihr einen schr�gen Blick zu. Er senkte leicht die Lider � er hatte sie erkannt. Mit M�he bewegte er die violetten Lippen, aber er bekam keinen Laut heraus.</p><p>Pelagia fiel, noch immer l�chelnd, auf die Knie und r�ckte dicht an das Bett heran, um die Worte aus den Lippenbewegungen erraten zu k�nnen.</p><p>Der Bischof blickte ihr in die Augen, aber nicht mit einem friedlichen, segnenden Blick, wie es in einem solchen Augenblick h�tte sein sollen, sondern streng, ja drohend. Er nahm alle seine Kr�fte zusammen und fl�sterte nur die drei merkw�rdigen Worte:</p><p>�Wag es nicht. . .�</p><p>Pelagia wartete, ob er noch etwas sagen w�rde, und als nichts mehr kam, nickte sie beschwichtigend, k�sste die welke Hand des Kranken und erhob sich. Der Doktor stupste sie bereits in die Seite: Gehen Sie, gehen Sie.</p><p>W�hrend sie langsam durch die R�ume schritt, fl�sterte Pelagia die Worte eines Bu�gebetes vor sich hin:</p><p>�Vergib mir, Gott, reinige meinen Ungehorsam durch die Gr��e Deiner Gnade und durch die Vielzahl Deiner Wohltaten, denn ich wei� um meinen Ungehorsam, und meine Schuld steht mir vor Augen . . .�</p><p>Der Sinn des Gebets trat alsbald zutage. Die Nonne ging aus dem Schlafgemach nicht zur�ck in die Hauskapelle, sondern huschte in das Kabinett des Bischofs, das leer war und im Halbdunkel lag. Ohne im Geringsten zu z�gern, �ffnete sie mit einem Schl�ssel die Schreibtischschublade, zog die Bronzeschatulle heraus, in der Mitrofani seine pers�nlichen Ersparnisse aufbewahrte, die gew�hnlich f�r B�cher, f�r Messgew�nder oder f�r die Armen ausgegeben wurden, und steckte sich mit ruhiger Hand den ganzen Packen Papiergeld in die Kutte, ohne einen einzigen Rubel in der Schatulle zu belassen.</p><p>Mit ruhigem, w�rdevollem Gang �berquerte Pelagia den Hof, der von den Equipagen der Besucher voll gestellt war, doch kaum war sie in den Garten eingebogen, hinter dem sich das Geb�ude der Eparchialschule befand, fiel sie in einen unschicklichen Laufschritt.</p><p>Sie ging zur Zelle der Schulleiterin und erkl�rte, sie m�sse gem�� dem Willen des Bischofs f�r eine gewisse, noch unbestimmte Zeit verreisen und bitte die Direktorin, eine Vertretung f�r ihre Unterrichtsstunden zu suchen. Die gute Schwester Christina, die die unvorhergesehenen Abwesenheiten der Lehrerin f�r russische Sprache und Leibes�bungen schon gewohnt war, erkundigte sich weder nach dem Zweck noch nach dem Ziel der Reise, sondern w�nschte lediglich zu erfahren, ob Pelagia gen�gend warme Sachen habe, damit sie sich unterwegs nicht erk�lte. Die Nonnen k�ssten einander auf die Schulter, Pelagia holte einen kleinen Koffer aus ihrem Zimmer, nahm einen Kutscher und lie� sich schnellstm�glich zur Anlegestelle fahren � bis zur Abfahrt des Schiffes verblieb weniger als eine halbe Stunde.</p><p>***</p><p>Am n�chsten Tag stieg sie gegen Mittag bereits das Fallreep am Anleger von Nischegorodsk hinunter, allerdings nicht in ihrer Kutte, sondern in einem bescheidenen schwarzen Kleid, das sie aus ihrem Koffer genommen hatte. Aber das war nur die erste Etappe ihrer Metamorphose.</p><p>Im Hotel bat die rothaarige Dame um einen Stapel der aller-neuesten Modejournale, und mit einem Bleistift bewaffnet ging sie daran, allerlei wunderliche Wortzusammensetzungen auf ein Blatt zu schreiben, etwa �Gros de Naples, capote �cossaise, Peplon aus Trippsamt, woll. Umhang� und dergleichen mehr.</p><p>Nachdem sie diese Forschungsarbeit, f�r die sie nicht weniger als zwei Stunden aufwandte, mit der gr��tm�glichen Sorgfalt beendet hatte, besuchte Pelagia Dubois et fils, das beste Konfektionsgesch�ft von Nischegorodsk, wo sie dem Verk�ufer erstaunlich genaue und detaillierte Anweisungen gab, die mit ehrerbietiger Verbeugung entgegengenommen und unverz�glich aus gef�hrt wurden.</p><p>Eine weitere halbe Stunde sp�ter, nachdem sie eine mit B�ndeln, Schachteln und Kartons beladene Equipage zum Hotel geschickt hatte, machte sich die Diebin des bisch�flichen Verm�gens, inzwischen in das r�tselhafte �Peplon aus Trippsamt� gekleidet (ein gerade geschnittenes, nicht korsettiertes Gewand aus Utrechter Samt), an ein Unterfangen, das f�r eine Nonne nun vollends unglaublich war: Sie begab sich in einen Coiffeur-Salon und lie� ihre kurzen Haare nach der letzten Pariser Mode � la joli ch�rubin ondulieren, was zu ihrem ovalen, sommersprossigen Gesicht sehr vorteilhaft aussah.</p><p>Derartig herausgeputzt, verwandelte sich die Dame aus Sa-wolshsk, wie es bei Frauen zu sein pflegt, nicht nur �u�erlich, sondern auch innerlich. Ihr Gang wurde leicht, beinahe schwebend, die Schultern strafften sich, sie hielt den Kopf nicht mehr nach unten geneigt, sondern hoch erhoben. Die M�nner blickten sich im Vorbeigehen nach ihr um, und zwei Offiziere blieben sogar stehen, wobei der eine pfiff und der andere ihn vorwurfsvoll zurechtwies: �Aber Michel, was ist denn das f�r eine Art!�</p><p>Am Eingang der Reiseagentur �Cook and Kantorowicz� wurde die elegant gekleidete Dame von einer b�sartigen, schmutzigen Zigeunerin bel�stigt. Sie drohte ihr mit unausweichlichem Unheil, Alptr�umen und Tod durch Ertrinken und verlangte ein Zehnkopekenst�ck daf�r, dass sie Ungl�ck abwenden wollte. Pelagia f�rchtete sich nicht etwa vor der Wahrsagerin, zumal sie selbst vor nicht allzu langer Zeit gl�cklich dem Untergang in den Wellen entkommen war, dennoch gab sie der Hexe Geld, aber nicht nur zehn Kopeken, sondern einen ganzen Rubel, damit diese sich insk�nftig besserte und nicht mehr alle Menschen f�r ihre Feinde hielte.</p><p>In der Agentur, die auch einen kleinen Laden mit Reisebedarf f�hrte, wurden weitere einhundertf�nfzig Rubel der bisch�flichen Ersparnisse ausgegeben � diesmal f�r zwei pr�chtige schottische Koffer, ein Manik�re-Set, ein Brillenetui aus Perlmutt, das man am G�rtel befestigen konnte (was sowohl sch�n wie praktisch war), und f�r eine Fahrkarte zum Kloster Neu-Ararat, wohin man mit der Eisenbahn bis Wologda, dann mit der Kutsche bis Sineosjorsk und weiter mit dem Schiff fahren musste.</p><p>�Machen Sie eine Wallfahrt?�, erkundigte der Angestellte sich respektvoll. �Genau die richtige Zeit, jetzt ist es noch nicht zu kalt. M�chten Sie nicht vielleicht sofort ein Hotel buchen?�</p><p>�K�nnen Sie mir eines empfehlen?�, fragte die Reisende.</p><p>�Unl�ngst sind die Frau unseres Stadthauptmanns und ihre Tochter im Hotel �Kopf des Holofernes� abgestiegen. Sie haben es sehr gelobt.�</p><p>��Kopf des Holofernes�?� Die Dame runzelte die Stirn. �Gibt es nicht eins, das weniger blutr�nstig ist?�</p><p>�Aber nat�rlich! Es gibt noch das Hotel �Arche Noah� oder die Pension �Das Gelobte Land�. Und wenn eine Dame vollends abgeschirmt vom m�nnlichen Geschlecht logieren m�chte, kann sie in der �Keuschen Jungfrau� absteigen. Eine �beraus fromme Einrichtung f�r vornehme und wohlhabende Pilgerinnen. Die Preise sind niedrig, aber daf�r wird erwartet, dass jede Dame einen Betrag f�r die Klosterkasse spendet, mindestens hundert Silberrubel. Wer dreihundert oder mehr gibt, wird mit einer pers�nlichen Audienz beim Archimandriten belohnt.�</p><p>Die letzte Bemerkung schien die k�nftige Pilgerin sehr zu interessieren. Sie �ffnete ihr neues Ridik�l, holte ein B�ndel Papiergeld (von noch immer betr�chtlichem Umfang) heraus und begann zu z�hlen. Der Angestellte beobachtete diese Prozedur taktvoll und and�chtig. Bei f�nfhundert Rubel h�rte die Kundin auf zu z�hlen und erkl�rte unbek�mmert:</p><p>�Gut, die �Keusche Jungfrau� also.� Sie steckte das Geld zur�ck in ihr T�schchen, ohne den Rest zu z�hlen.</p><p>�Wird Ihre Zofe bei Ihnen im Zimmer wohnen, oder soll sie separat untergebracht werden?�</p><p>�Aber ich bitte Sie!� Die Dame sch�ttelte vorwurfsvoll ihre kupferroten Locken. �Mit einer Zofe auf Wallfahrt? Das ist aber nicht sehr christlich. Ich werde alles selbst machen � mich anziehen, waschen, vielleicht sogar frisieren.�</p><p>�Pardon. Wissen Sie, nicht alle sind so korrekt . . .� Der Angestellte f�llte ein Formular aus und tunkte dabei die Stahlfeder immer wieder geschickt in das Tintenfass. �Auf welchen Namen darf ich das Papier ausstellen?�</p><p>Die Pilgerin seufzte und bekreuzigte sich aus irgendeinem Grunde.</p><p>�Schreiben Sie: Polina Andrejewna Lissizyna, Witwe, Erbadlige aus dem Gouvernement Moskau.�</p></section><section><title><p>Reiseskizzen</p></title><p>Da die Heldin unserer Erz�hlung sich anders nennt, nachdem sie ihre Kutte abgelegt hat, werden auch wir sie bei diesem neuen Namen nennen � aus Respekt vor dem geistlichen Stand und um Zweideutigkeiten zu vermeiden. Also eine Adlige namens Lissizyna � sie wird es wissen.</p><p>Umso mehr, als die geistliche Tochter des Oberhirten von Sawolshsk sich mit ihrem neuen �u�eren allem Anschein nach keineswegs weniger wohl f�hlte als vorher. Es war nicht schwer zu bemerken, dass die Reise f�r sie keine Last, sondern im Gegenteil eine Annehmlichkeit und ein Vergn�gen darstellte.</p><p>Bei der Zugfahrt blickte die junge Dame wohlwollend aus dem Fenster auf die leeren Felder und Fluren und die W�lder, die ihr Herbstkleid noch nicht v�llig abgeworfen hatten. In der Reiseagentur hatte Polina Andrejewna als Dreingabe zu ihren �brigen Eink�ufen ein pr�chtiges Samtbeutelchen f�r Handarbeiten bekommen, das sie bequem um den Hals h�ngen konnte, und nun verk�rzte sie sich die Zeit, indem sie eine warme Jacke aus Merinowolle strickte, die Bischof Mitrofani im kalten Winter, besonders nach einem so schweren Herzanfall, sicherlich gut w�rde gebrauchen k�nnen. Es war eine h�chst komplizierte Arbeit, ein Zopfmuster mit bunten Eins�tzen aus Boucle-Wolle, und sie machte keine befriedigenden Fortschritte: Die Maschen wollten sich nicht gleichm��ig legen, die bunten F�den waren zu fest gestrickt und verzogen das ganze Muster, aber der Lissizyna selbst schien ihr Erzeugnis zu gefallen. Bisweilen unterbrach sie die Arbeit, um das formlose Werk ihrer H�nde mit geneigtem Kopf und sichtlichem Vergn�gen zu betrachten.</p><p>Als die Reisende genug hatte vom Stricken, machte sie sich ans Lesen, und sie brachte es fertig, sich dieser Besch�ftigung nicht nur in dem ruhigen Eisenbahnwaggon, sondern auch in der schaukelnden Kutsche zu widmen. Sie las abwechselnd zwei schmale B�cher, von denen das eine � Feofan Zatvorniks �Abriss einer christlichen Moralunterweisung� � f�r eine Wallfahrt h�chst angemessen, das andere hingegen � �Lehrbuch der Ballistik. Zweiter Teil� � sehr merkw�rdig war, aber mit ebenso viel Aufmerksamkeit und Interesse gelesen wurde.</p><p>Als sie in Sineosjorsk an Bord des Dampfers �Heiliger Wassilisk� ging, offenbarte Polina Andrejewna einen ihrer wichtigsten Charakterz�ge � ihre uners�ttliche Neugier � in vollem Umfang. Sie erkundete das ganze Schiff, unterhielt sich mit den in M�nchskutten gekleideten Matrosen und beobachtete, wie die gewaltigen R�der das Wasser schaufelten. Sie sp�hte in den Maschinenraum, h�rte zu, wie ein Mechaniker den Passagieren, die das w�nschten, die Funktion von Schwungr�dern, Kurbelwellen und Kessel erkl�rte. Die Lissizyna setzte eigens ihre Brille auf (die nach der Verwandlung der Sawolshsker Nonne in eine Moskauer Adlige von der Nase in das Perlmuttetui umgezogen war) und warf sogar einen Blick in die Feuerung, wo die gl�henden Kohlen Furcht erregend zischten und prasselten.</p><p>Mit anderen Neugierigen, ausschlie�lich Personen m�nnlichen Geschlechts, begab sie sich danach zur Erkundung auf die Kommandobr�cke des Kapit�ns.</p><p>Die Exkursion wurde veranstaltet, um die Gastfreundschaft und die Gro�herzigkeit von Neu-Ararat zu demonstrieren, die sich nicht nur auf die Grenzen des Archipels erstreckte, sondern auch das Schiff umfasste, das den Namen des heiligen Klostergr�nders trug. Die Erkl�rungen �ber die Fahrrinne, die Steuerung des Schiffs und die unberechenbaren Sineosjorsker Winde gab ein Gehilfe, ein friedlich aussehender M�nch mit einer Baumwollkalotte, obwohl die Lissizyna weit mehr an Bruder Jonas, dem Kapit�n des Schiffes, interessiert gewesen w�re � einem rotgesichtigen R�uber mit dichtem Bart und einer Fischerkappe aus Segeltuch, der h�chstpers�nlich am Steuer stand und unter diesem Vorwand die Passagiere gar nicht beachtete.</p><p>Dieses farbenpr�chtige Subjekt sah ganz und gar nicht aus wie ein M�nch, auch wenn er gleichfalls eine Kutte trug, und daher konnte Polina Andrejewna sich nicht enthalten, an ihn heranzutreten und ihn zu fragen:</p><p>�Sagen Sie, heiliger Vater, ist es schon lange her, dass Sie die M�nchsweihe empfangen haben?�</p><p>Der grobe Klotz sah sie von oben herab scheel an und schwieg � w�rde sie von ihm ablassen? Als er begriff, dass sie keine Ruhe geben w�rde, brummte er unwillig:</p><p>�Vor f�nf Jahren.�</p><p>Unverz�glich r�ckte die Passagierin dicht an den Kapit�n heran, damit man sich bequemer unterhalten k�nnte.</p><p>�Und was haben Sie zuvor gemacht?�</p><p>Der Kapit�n stie� einen tiefen Seufzer aus, der keinen Zweifel offen lie�: Wenn es nach ihm ginge, w�rde er ihre Fragen gar nicht beanworten, sondern die unverfrorene Dame flugs von der Br�cke jagen, wo Weiber nichts verloren hatten.</p><p>�Das gleiche. Steuermann war ich. Auf einem Walf�nger.�</p><p>�Wie interessant!�, rief Polina Andrejewna aus, keineswegs eingesch�chtert durch den unfreundlichen Tonfall. �Deshalb hat man Sie wohl auch Jonas genannt? Wegen der Wale, ja?�</p><p>Der Kapit�n vollbrachte eine echte Heldentat christlicher Demut und verzog den Mund ein wenig, was offenkundig ein besonders liebensw�rdiges L�cheln bedeuten sollte.</p><p>�Nicht wegen der Wale � wegen eines Wals. Ein Bartenwal hat unser Boot mit seiner Fluke in St�cke geschlagen. Alle anderen sind ertrunken, ich allein bin wieder aufgetaucht. Der Wal hat mich zwischen seine Barten eingesogen, aber offenbar habe ich ihm nicht geschmeckt � er hat mich wieder ausgespuckt. Danach hat mich ein Schoner aufgelesen. Ich war vielleicht eine halbe Minute im Rachen des Bartenwals, doch das hat gereicht, um einen Schwur zu tun: Sollte ich �berleben, wollte ich M�nch werden.�</p><p>�Was f�r eine erstaunliche Geschichte!� Die Passagierin war begeistert. �Und das Verbl�ffendste daran ist, dass Sie nach Ihrer Rettung tats�chlich M�nch geworden sind. Wissen Sie, wie viele Menschen in der Minute der Verzweiflung Gott ein Gel�bnis ablegen, aber nur die wenigsten halten es hinterher ein.�</p><p>Jonas h�rte auf, ein L�cheln vorzut�uschen, und zog seine buschigen Augenbrauen in die H�he.</p><p>�Ein Wort ist ein Wort.�</p><p>In diesem Ausspruch lagen zu gleichen Teilen so viel Unbeugsamkeit und Schmerz, dass es der Lissizyna um den armen Walf�nger entsetzlich Leid tat.</p><p>�Ach, Sie h�tten auf keinen Fall M�nch werden d�rfen�, sagte sie best�rzt. �Der Herr h�tte Sie verstanden und Ihnen vergeben. Das M�nchtum sollte eine Belohnung sein, f�r Sie aber ist es eine Strafe. Sie sehnen sich gewiss nach Ihrem fr�heren Leben? Ich kenne die Seeleute. Ohne Wein, ohne Fluchen k�nnt ihr nur schwer sein. Und dann das Keuschheitsgel�bde . . .� schloss die barmherzige Pilgerin halblaut, wie f�r sich, in bedauerndem Tonfall.</p><p>Der Kapit�n hatte es dennoch geh�rt und warf der taktlosen Person einen Blick zu, unter dem Polina Andrejewna erschrak und alsbald den R�ckzug von der Br�cke auf das Deck antrat, um sich von da aus wieder in ihre Kabine zu begeben.</p></section><section><title><p>Das M�nnerparadies</p></title><p>Der grimmige Blick des Kapit�ns wurde zu einem gewissen Grad verst�ndlich, als der �Heilige Wassilisk� morgens am Anleger von Neu-Ararat festmachte. In Erwartung eines Tr�gers hatte Polina Andrejewna sich noch ein wenig an Bord aufgehalten und war nun beinahe die Letzte, die das Schiff verlie�. Eine schlanke junge Dame in Schwarz, die an der Anlegestelle ungeduldig auf jemanden wartete, erregte ihre Aufmerksamkeit. Nachdem sie die Dame geflissentlich gemustert und einige Be-</p><p>Sonderheiten ihrer Kleidung registriert hatte (die zwar sehr ausgesucht, aber ein wenig d�mod� war � den Modejournalen nach zu urteilen wurden derart breite H�te und hohe �berschuhe mit Silberkn�pfen in dieser Saison nicht mehr getragen), schloss die Lissizyna, dass es sich bei der Dame um eine Einwohnerin von Neu-Ararat handeln musste. Sie war sch�n, was aber durch ihre Bl�sse und ihren allzu unsteten, feindseligen Blick beeintr�chtigt wurde. Die Einheimische musterte die Moskauer Adlige gleichfalls forschend, und ihre Augen blieben an dem Umhang und den roten Locken h�ngen, die unter dem H�tchen Modell �Schelmischer Page� hervorquollen.. Das sch�ne Gesicht der Unbekannten verzerrte sich b�se, und sie wandte sich ab, als sie jemanden an Deck ersp�hte.</p><p>Die neugierige Polina Andrejewna trat ein St�ck beiseite, drehte sich um, setzte ihre Brille auf und wurde f�r diese Umsichtigkeit durch den Anblick einer interessanten Szene belohnt.</p><p>Bruder Jonas trat ans Fallreep und blieb beim Anblick der schwarzen Dame wie angewurzelt stehen. Doch kaum hatte sie ihn mit einer knappen, gebieterischen Geste herbeigewinkt, als der Kapit�n auch schon beinahe im Laufschritt zur Anlegestelle hinunterst�rmte. Polina Andrejewna musste wieder an das m�nchische Keuschheitsgel�bde denken, und sie sch�ttelte den Kopf. Sie konnte ein weiteres aufschlussreiches Detail bemerken: Als Jonas bei der Dame ankam, wandte er ihr nur ganz leicht den Kopf zu (das breite, derbe Gesicht des Kapit�ns war noch r�ter als gew�hnlich) und ber�hrte, ohne stehen zu bleiben, nur fl�chtig ihre Hand. Die brillenbewehrten Augen der Frau Lissizyna bemerkten jedoch, dass etwas Kleines, Papierenes, Quadratisches � entweder ein Umschlag oder eine zusammengefaltete Notiz � aus der Pranke des ehemaligen Walf�ngers in die schmale, in graues Wildleder geh�llte Hand der Dame wechselte.</p><p>Ach, die �rmste, seufzte Polina Andrejewna, bevor sie weiterging und mit Interesse die heilige Stadt betrachtete.</p><p>Gl�cklicherweise war das Wetter der Pilgerin ausnehmend gewogen. Die fahle Sonne beleuchtete mit melancholischem Gleichmut die goldenen Kuppeln der Kirchen und Glockent�rme, die wei�en Mauern des Klosters und die bunten D�cher der H�user. Am meisten gefiel ihr, dass die leuchtenden Farben des Herbstes in Neu-Ararat noch nicht erloschen waren: Die B�ume waren goldgelb, braun und rot, und der Himmel leuchtete, ganz untypisch f�r November, in einem strahlenden Blau. In Sawolshsk hingegen, das viel weiter s�dlich lag, waren die Bl�tter schon lange abgefallen, und die Pf�tzen waren am Morgen mit einer d�nnen, schmutzigen Eisschicht bedeckt.</p><p>Polina Andrejewna erinnerte sich, dass der Gehilfe des Kapit�ns in der Kommandokabine von einem besonders milden Klima gesprochen hatte, welches sich durch die Launen der warmen Str�mungen und nat�rlich das Wohlwollen des Herrn gegen�ber diesem heilsamen Ort erkl�ren lasse.</p><p>Noch bevor die Reisende in ihrem Hotel ankam, hatte sie bereits alle Besonderheiten von Neu-Ararat gesehen und sich einen ersten Eindruck von dieser wunderlichen Stadt verschafft.</p><p>Neu-Ararat schien der Lissizyna ein pr�chtiges, vern�nftig angelegtes St�dtchen zu sein, das aber gleichzeitig einen ungl�cklichen oder, wie sie es in Gedanken nannte, armseligen Eindruck machte. Nicht in dem Sinne, dass Stra�en oder H�user �rmlich ausgesehen h�tten � gerade in dieser Hinsicht war alles in sch�nster Ordnung: Die H�user waren gediegen, meistenteils aus Stein gebaut, die zahlreichen Kirchen prunkvoll, wenn auch klobig, ohne jede die Seele erhebende Himmelsst�rmerei, und die Stra�en waren eine Augenweide � kein Staubkorn, keine Pf�tzen. �Armselig� nannte Polina Andrejewna die Stadt deshalb, weil sie ihr irgendwie unfroh vorkam, nicht so, wie sie es von einem Kloster, das Gott nahe war, erwartet h�tte.</p><p>Einige Zeit sp�ter konnte die Pilgerin sich auch den Grund f�r dieses Unbehagen erkl�ren. Doch das war erst sp�ter, nachdem Frau Lissizyna bereits ihr Zimmer im Hotel bezogen hatte. Sie verk�ndete dort als Allererstes, dass sie dem Vater Klostervorsteher pers�nlich eine Spende von f�nfhundert Rubeln �bergeben wolle, und erhielt noch am selben Tag eine Audienz. Die Klientel der �Keuschen Jungfrau�, ebenso wie der Kreis der Angestellten, bestand ausschlie�lich aus Frauen, weshalb in der Einrichtung der Zimmer bestickte kleine Vorh�nge, gepolsterte H�ckerchen, kleine Kissen und mit Stoff bezogene B�nkchen vorherrschten � diese �berladene Ausstaffierung gefiel der neuen Bewohnerin, die die Einfachheit der Klosterzelle gewohnt war, ganz und gar nicht. Und als sie dieses Frauenparadies verlie� und wieder hinaus auf die Stra�e ging, machte der Kontrast Polina Andrejewna pl�tzlich deutlich, wieso die Stadt ihr ein unbehagliches Gef�hl verursachte.</p><p>Die Stadt hatte auch etwas von einem Paradies, aber nicht von einem Frauen-, sondern von einem M�nnerparadies. Hier hatten M�nner in allem das Sagen, sie hatten alles nach ihrem Gutd�nken eingerichtet, ohne R�cksicht auf ihre Frauen, T�chter oder Schwestern, und deshalb sah die Stadt aus wie die Kaserne eines Garderegiments: geometrisch perfekt, adrett und sauber, ja geleckt, aber leben mochte man darin nicht.</p><p>Nach dieser Entdeckung machte sich die Lissizyna mit noch gr��erer Neugier daran, nach allen Seiten die Augen offen zu halten. So also w�rden die M�nner das Leben auf Erden einrichten, wenn man ihnen ihren Willen lie�e! Beten, mit dem Besen herumwedeln, sich B�rte wachsen lassen und in Formation marschieren (Polina Andrejewna kam gerade eine Kolonne der kl�sterlichen �Friedensw�chter� entgegen). Da bekam sie Mitleid mit allen: mit Neu-Ararat, mit den M�nnern und den Frauen. Die M�nner taten ihr aber trotzdem mehr Leid als die Frauen, weil Letztere ohne Erstere auskommen k�nnen, wohingegen die M�nner gewiss zugrunde gehen, wenn sie sich selbst �berlassen sind. Entweder sie verwildern und werden flegelhaft, oder sie verfallen in stumpfe Teilnahmslosigkeit. Man wei� nicht, was schlimmer ist.</p></section><section><title><p>Ein K�tzchen wird gerettet</p></title><p>Wie bereits gesagt, war der freigebigen Spenderin eine unverz�gliche Audienz bei Seiner Hochw�rden, Vater Witali, gew�hrt worden, und so machte sich die Reisende nach Verlassen des Hotels auf den Weg zum Kloster.</p><p>Mit seinen wei�en Mauern und zahlreichen Kuppeln war das ber�hmte Kloster von nahezu allen Punkten der Stadt aus zu sehen, denn es befand sich an jenem Ende der Stadt, das auf einer leichten Anh�he �ber dem See lag. Der Weg von den letzten H�usern der Stadt zu den ersten Geb�uden au�erhalb der Klostermauern, die meist Wirtschaftszwecken dienten, verlief durch einen Park am Steilufer, zu dessen Fu� sich friedlich die rastlosen blauen Wellen kr�uselten.</p><p>W�hrend sie am See entlangwanderte, fasste Polina Andrejewna ihren wollenen Umhang fester, denn der Wind war k�hl, aber dennoch ging sie nicht tiefer in den Park hinein, weil sich von hier oben ein fast schmerzhaft sch�ner Blick auf den See bot und der b�ige Westwind zudem weniger K�hlung als vielmehr Erfrischung brachte.</p><p>Kurz vor der Klostergrenze war auf einer offenen Wiese, die anscheinend ein beliebtes Ausflugsziel der �rtlichen Bev�lkerung darstellte, etwas Ungew�hnliches im Gange, und die neugierige Lissizyna wandte sich unverz�glich dorthin.</p><p>Zun�chst sah sie eine Schar von Menschen, die sich aus irgendeinem Grunde direkt am Ufer bei einer alten �berh�ngenden Erle versammelt hatten, dann vernahm sie das Weinen eines Kindes und andere feine, durchdringende Laute, von denen sie nicht sagen konnte, woher sie kamen, die aber gleichfalls sehr j�mmerlich klangen. Polina Andrejewna, die aus ihrer Erfahrung als Lehrerin alle Schattierungen kindlichen Weinens kannte, bemerkte mit Besorgnis, dass dieses Weinen �beraus bitterlich und aufrichtig klang.</p><p>Eine halbe Minute reichte der jungen Dame, sich ein Bild von der Lage zu machen.</p><p>Im Grunde handelte es sich um eine ganz gew�hnliche, teils sogar komische Geschichte. Ein kleines M�dchen hatte mit einem K�tzchen gespielt und ihm erlaubt, auf den Baum zu klettern. Das flaumige Katzenkind hatte seine Krallen in die schartige Baumrinde geschlagen und sich dabei so weit und hoch hinausgewagt, dass es jetzt nicht mehr zur�ckkonnte. Die Situation war gef�hrlich, denn die Erle stand �berh�ngend am steilen Abhang, und das K�tzchen sa� auf dem l�ngsten und d�nnsten Ast fest, unter dem in der Tiefe die schaumbedeckten Wellen pl�tscherten.</p><p>Man konnte sofort sehen, dass dem armen Ding nicht zu helfen war. Schade � es war ein ganz reizendes, h�bsches K�tzchen: wei�es Fell wie Schwanengefieder, runde, blaue �uglein und um den Hals ein liebevoll gebundenes Atlasb�ndchen.</p><p>Noch mehr Mitleid hatte sie mit der Besitzerin, einem kleinen M�dchen von vielleicht sechs oder sieben Jahren. Auch sie war allerliebst mit ihrem adretten Sarafan, dem gebl�mten T�chlein, unter dem helle Locken hervorquollen, und ihren Bastsch�hchen, die aussahen wie Spielzeugschuhe.</p><p>�Kusja! Kusjenka!�, schluchzte die Kleine. �Komm her, du f�llst runter!�</p><p>Von �herkommen� konnte keine Rede sein. Das K�tzchen klammerte sich mit letzter Kraft an das Ende des Asts. Der Wind schaukelte das wei�e K�rperchen, sodass es bald nach rechts, bald nach links schwankte und gewiss bald ganz heruntergesch�ttelt werden w�rde.</p><p>Polina Andrejewna beobachtete das traurige Bild und griff sich ans Herz. Ein noch nicht allzu lange zur�ckliegendes Ereignis fiel ihr ein, als sie in der gleichen Lage gewesen war wie dieses K�tzchen und allein durch Gottes Vorsehung gerettet worden war. Bei der Erinnerung an diese entsetzliche Nacht bekreuzigte sie sich und sprach fl�sternd ein Gebet � aber nicht aus Dankbarkeit �ber ihre wundersame Rettung, sondern f�r das arme verdammte K�tzchen: �O Herr, lass das Tierchen leben! Was kostet Dich eine solche Kleinigkeit?�</p><p>Sie wusste selbstverst�ndlich genau, dass nur ein Wunder das K�tzchen retten konnte und es f�r die Vorsehung keinen Anlass gab, mit Wundern um sich zu werfen. Es w�re geradezu l�cherlich gewesen, nicht erhaben.</p><p>Die Leute in der Menge schwiegen nat�rlich nicht � einer tr�stete das M�dchen, andere diskutierten, wie man das dumme K�tzchen da herunterholen k�nnte.</p><p>Jemand sagte: �Man m�sste hinaufklettern, das Bein auf einem Ast abst�tzen und das K�tzchen mit einem Fangnetz holen�, obwohl hier im Park ganz offensichtlich kein Fangnetz zu beschaffen war. Ein anderer �berlegte laut vor sich hin: �Man k�nnte auf den Ast klettern und versuchen, sich vorzustrecken, aber dann bricht der Ast und man f�llt hinunter. Es mag ja noch angehen, wegen eines Gesch�fts sein Leben zu riskieren, aber wegen einer Katze . . .� Und er hatte Recht, vollkommen Recht.</p><p>Polina Andrejewna wollte schon weitergehen, um nicht mit anzusehen, wie das wei�e, flaumige Kn�uel fiepend in die Tiefe segeln w�rde, und nicht mit anzuh�ren, wie herzzerrei�end das kleine M�dchen dann weinen w�rde (man sollte sie wegbringen), doch in dem Moment gesellte sich eine neue Person dazu, die so interessant war, dass die angebliche Moskauerin es sich anders �berlegte und nicht weiterging.</p><p>Ein hoch gewachsener, hagerer Herr in einem stutzerhaften wei�en Mantel und einer ebenfalls wei�en, leinenen Schirmm�tze stie� das Publikum ohne viel Federlesens beiseite. Der energische Herr fiel ohne jeden Zweifel unter die ber�chtigte Kategorie �bildsch�ner Mann�, zu der ein Mann bekanntlich keineswegs wegen seiner klassisch-regelm��igen Z�ge gez�hlt wird (obwohl dieser goldhaarige, blau�ugige Herr slawischen Typs ganz und gar nicht h�sslich war), sondern weil er einen allgemeinen Eindruck ruhiger Gelassenheit und bezaubernder Verwegenheit zu vermitteln wei�. Diese beiden Qualit�ten, die unweigerlich auf nahezu alle Frauen wirken, zeigten sich so deutlich im Gesicht und in der ganzen Art dieses eleganten Herrn, dass die sich in der Menge befindlichen Damen und Fr�ulein, die Frauen und M�dchen ihm sofort besondere Aufmerksamkeit schenkten.</p><p>Auch Frau Lissizyna bildete da keine Ausnahme und dachte bei sich: �So etwas, was es f�r Typen gibt in Ararat. Ist der hier etwa auch auf einer Wallfahrt?�</p><p>Doch der Neuank�mmling verhielt sich im Folgenden so, dass sich die besondere Aufmerksamkeit gegen�ber seiner Person in eine gebannte Aufmerksamkeit verwandelte (was, nebenbei bemerkt, beim Erscheinen eines �bildsch�nen Mannes� keine Seltenheit ist).</p><p>Der sch�ne Mann hatte mit einem Blick die Lage erfasst und richtig eingesch�tzt und schleuderte ohne das geringste Z�gern seine M�tze zu Boden, wohin auch der modische Mantel flog.</p><p>Einem der Gaffer, dem Aussehen nach ein Handwerker, befahl der Herr:</p><p>�He, du da, marsch, auf den Baum! Nur keine Bange, du musst nicht auf den Ast klettern. Wenn ich �Los!� schreie, sch�ttelst du ihn mit aller Kraft.�</p><p>Es war unm�glich, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten. Der Handwerker lie� seine speckige Schirmm�tze ebenfalls zu Boden fallen, spuckte in die H�nde und kletterte auf den Baum.</p><p>Das Publikum hielt den Atem an � und wie weiter?</p><p>Und weiter lie� der sch�ne Mann seinen ebenfalls wei�en Gehrock ins Gras fallen, er nahm Anlauf und sprang ins Bodenlose.</p><p>Aah!</p><p>Selbstverst�ndlich schreibt man �ber das �Bodenlose� gew�hnlich aus Effekthascherei, denn jedermann wei�, dass au�er dem einen und endg�ltigen Bodenlosen alle anderen Abgr�nde, sei es zu Land oder zu Wasser, unweigerlich irgendeinen Boden haben. Und so war auch dieser Abgrund nicht bodenlos, sondern vielleicht zehn Klafter tief. Doch das allein h�tte vollkommen ausgereicht, um sich durch den Aufprall auf dem Wasser zu verletzen und zu ertrinken, ganz zu schweigen davon, dass vom See eine bleierne K�lte heraufwehte.</p><p>Wie man es auch betrachtete, die Tat war der reine Wahnsinn. Sie war nicht heldenhaft, sondern wirklich wahnsinnig. Wenn es wenigstens etwas gewesen w�re, um dessentwillen sich Heldentum gelohnt h�tte.</p><p>Mit dem oben erw�hnten �Aah!� dr�ngten sich alle �ber dem steilen Abhang zusammen, um zu ersp�hen, ob nicht der �berm�tige blonde Kopf aus den Wellen auftauchte.</p><p>Da war er! Wie ein Tennisball tanzte er zwischen den erstaunten Wellenk�mmen.</p><p>Dann tauchte ein Arm auf und winkte. Eine klingende, vom hilfsbereiten Wind getragene Stimme schrie herauf:</p><p>�Los!�</p><p>Der Handwerker sch�ttelte den Ast aus Leibeskr�ften, und das K�tzchen st�rzte mit einem erb�rmlichen Fiepen in die Tiefe. Es schlug etwa einen Klafter neben dem verr�ckten Herrn auf, der es in Sekundenschnelle packte und �ber die Wellen hochhielt.</p><p>Die Zuschauer jubelten und schrien vor Begeisterung und waren v�llig au�er sich.</p><p>Mit der freien Hand rudernd, schwamm der Held (der doch ein Held und kein Verr�ckter war, wie die Reaktion des Publikums bewies) zum Fu� des Abhangs, kletterte mit M�he auf einen nassen Findling und balancierte unmittelbar am Rand der Brandung entlang zu einem in den Fels gehauenen Pfad. Von oben kam man ihm bereits entgegengelaufen, um ihn unterzuhaken, ihn trockenzureiben und zu umarmen.</p><p>Nach einigen Minuten war der sch�ne Mann, empfangen von allgemeinem Jubelgeschrei, oben angelangt. Er lie� sich jetzt von niemandem mehr unterhaken oder abtrocknen, geschweige denn umarmen. Er ging f�r sich, ganz blau gefroren und zitternd vor K�lte, eine Haarstr�hne klebte ihm an der Stirn. So nass und �berhaupt nicht elegant schien er Polina Andrejewna noch sch�ner als in seiner schneewei�en Kleidung. Und nicht nur ihr allein � das konnte man an den vertr�umten Gesichtern der Frauen ablesen.</p><p>Der wunderbare Retter blickte sich zerstreut um und lie� seinen Blick auf der sch�nen rothaarigen Dame verweilen, die ihn nicht, wie die anderen, begeistert, sondern eher erschrocken betrachtete.</p><p>Er trat n�her, in der Hand noch immer das durchn�sste, schm�chtige K�tzchen. Ihr direkt in die Augen blickend, fragte er sie:</p><p>�Wer sind Sie?�</p><p>�Ich hei�e Lissizyna�, erwiderte Polina Andrejewna leise.</p><p>Der Held hatte gro�e schwarze, von hellblauen Ringen mit einem Schatten von Lapislazuli umgebene Pupillen.</p><p>�Ich bin Witwe�, f�gte die durch diesen Blick eingesch�chterte Dame hinzu, ohne zu wissen, warum.</p><p>�Witwe?�, fragte der Herr langsam, und er l�chelte auf eine ganz besondere Weise: als liege Polina Andrejewna mit Petersilie und Sellerie verziert vor ihm auf einer Platte.</p><p>Die Lissizyna wich unwillk�rlich ein St�ck zur�ck und erkl�rte hastig:</p><p>�Ich habe einen Br�utigam.�</p><p>�Sind Sie nun Witwe oder Braut?�, lachte der Verf�hrer sp�ttisch und blitzte mit seinen wei�en Z�hnen. �Na, einerlei.�</p><p>Er drehte sich um und ging weiter.</p><p>Wie gut er aussah! Polina Andrejewna tastete nach dem kleinen Kreuz, das sie unter ihrem Kleid auf der Brust trug, und presste die Finger darauf.</p><p>Nur eines st�rte sie. Der Held schleuderte das K�tzchen dem gl�cklichen kleinen M�dchen vor die F��e, ohne es auch nur anzusehen und sein verworrenes Dankesgestammel anzuh�ren.</p><p>Er warf seinen Mantel, den man ihm beflissen reichte, �ber die Schulter (er war nicht mehr so blendend wei� wie zuvor), und setzte seine M�tze leicht schr�g auf den Kopf, wie es sein musste.</p><p>Dann ging er davon, ohne sich ein einziges Mal umzusehen.</p></section><section><title><p>Der Traum vom Krokodil</p></title><p>Als Frau Lissizyna hochrot und mit einem schuldbewussten Blinzeln die Klosteranlage betrat, hatte sie sich noch nicht g�nzlich von der aufw�hlenden Begegnung erholt. Doch der strenge, feierliche Anblick des Klosters und die gro�e Menge schwarz gekleideter M�nche und Klosterbr�der halfen Polina Andrejewna, zur geb�hrenden Stimmung zur�ckzufinden.</p><p>Vorbei an der Hauptkirche sowie an den Zellen � und Wirtschaftstrakten gelangte die Pilgerin zum Innenbereich des Klosters, wo inmitten von Blumenbeeten zwei pr�chtige Geb�ude standen. Das waren die Wohnsitze des Klostervorstehers und des Bischofs: In dem einen Haus logierte der Klostervorsteher von Neu-Ararat, Vater Witali, und das zweite war f�r die Unterbringung der hohen Obrigkeit vorgesehen, sollte diese w�nschen, die Heiligt�mer der Insel mit einem Besuch zu beehren. Man muss sagen, dass h�ufig Vertreter der Obrigkeit auf Kanaan weilten, und zwar Vertreter der kirchlichen wie auch solche der synodalen und der weltlichen Obrigkeit. Nur der Bischof des Gouvernements, f�r den es nach Kanaan n�her war, als wenn er aus Moskau oder Petersburg h�tte anreisen m�ssen, war seit vielen Jahren kein einziges Mal auf der Insel gewesen. Nicht aus Geringsch�tzung, ganz im Gegenteil � aus Respekt vor der Umsicht des Archimandriten. Der Bischof pflegte gerne zu sagen, auf die Faulen m�sse man ein Auge haben, bei den Flei�igen hingegen gebe es nichts zu beaufsichtigen, und entsprechend dieser Maxime zog er es vor, nur diejenigen der ihm unterstellten Kl�ster und Di�zesen regelm��ig zu besuchen, um die es weniger gut bestellt war.</p><p>Vater Witalis Zellendiener bat die Spenderin, im Empfangszimmer zu warten, an dessen W�nden Ikonen und Entw�rfe f�r verschiedene Geb�ude aufgeh�ngt waren. Die Lissizyna verneigte sich vor den Ikonen, betrachtete aufmerksam die Baupl�ne und bedauerte die k�mmerliche Geranie, die auf dem Fensterbrett nicht recht gedeihen wollte, als sie auch schon zu Seiner Hochehrw�rden gerufen wurde.</p><p>Vater Witali empfing die Pilgerin zuvorkommend, segnete sie von der H�he seiner h�nenhaften Gestalt aus und neigte sich sogar zu ihren roten, unter dem Tuch hervorquellenden Haaren hinunter, als wolle er sie k�ssen, doch es war offensichtlich, dass der Klostervorsteher viel zu tun hatte und die fremde Dame so schnell wie m�glich wieder loswerden wollte.</p><p>�M�chten Sie die Spende dem Kloster im Allgemeinen zukommen lassen, oder ist sie f�r einen besonderen Zweck bestimmt?�, fragte er, w�hrend er das Kontorbuch aufklappte, um das Scherflein der Witwe darin einzutragen.</p><p>�Ganz nach Gutd�nken Eurer Hochehrw�rden�, erwiderte Polina Andrejewna. �Erlauben Sie, dass ich mich setze?�</p><p>Witali seufzte, weil ihm klar war, dass er an einem seelenrettenden Gespr�ch nicht vorbeikam � f�r ihre Spende wollte die Witwe Lissizyna eine Viertelstunde, wenn nicht l�nger, bei ihm sitzen.</p><p>�Ja, wenn Sie sich bitte hierher bem�hen wollen.� Er deutete auf einen unbequemen, eigens f�r derartige F�lle angeschafften Stuhl, mit Rippen entlang der Sitzfl�che und Dornen an der R�ckenlehne � mehr als eine Viertelstunde hielt man es auf einem solchen Inquisitionsstuhl nicht aus.</p><p>Polina Andrejewna nahm Platz und stie� einen Schmerzenslaut aus, machte aber keine Bemerkung �ber den erstaunlichen Stuhl.</p><p>Sie lobte die wunderbare Ordnung in Ararat, den Anstand und die N�chternheit der Bev�lkerung, die industriellen Neuerungen und die gro�artigen Bauten, und der Archimandrit h�rte wohlwollend zu, denn Frau Lissizyna wusste vorz�glich schmeichelnde Worte zu sagen und ihm nach dem Munde zu reden. Dann wandte sie sich dem Wesentlichen zu, um dessentwillen sie f�nfhundert Rubel ausgegeben hatte.</p><p>�Was haben Eure Hochehrw�rden f�r eine St�tze an der Wassilisk-Einsiedelei! Einerseits die Gnade, und dann die Pilger!�, freute sich die Besucherin f�r Neu-Ararat. �Kaum ein Kloster verf�gt �ber eine so unsch�tzbare Kostbarkeit.�</p><p>Witali verzog sein rundes Gesicht, das so gar nicht zu seiner lang gestreckten Gestalt passte.</p><p>�Ich kann Ihnen nicht zustimmen, meine Tochter. F�r den fr�heren Klostervorsteher, meinen Vorg�nger, war die Nachbarinsel sehr eintr�glich, aber f�r mich ist sie, offen gestanden, nur eine Last. Die Pilger kommen heutzutage weniger wegen der Einsiedelei als vielmehr zur geistigen und k�rperlichen Erholung nach Ararat. Wir haben hier doch ein richtiges Paradies, das dem Garten Eden gleicht! Und auch ohne die Pilger stehen wir, Gott sei Dank, auf festen F��en. Die Einsiedelei bringt uns nur Unruhe und Unstimmigkeiten in die Bruderschaft. So manches Mal, das k�nnen Sie mir glauben, tr�ume ich von einem Erlass des Synods, der alle Einsiedeleien schlie�en und das Eremitenleben verbieten w�rde, damit die Hierarchie und die Ordnung nicht mehr gest�rt wird.� Der Klostervorsteher stampfte mit seinem schweren Fu� auf, dass der Boden dr�hnte. �Ich sehe, Sie sind eine kluge Frau, Sie denken zeitgem��, sodass ich mit Ihnen v�llig offen und ohne Umschweife reden kann. Was ist denn daran heilig, wenn der Abt auf der Nachbarinsel ein unverbesserlicher W�stling ist! Ach, haben Sie davon noch nicht geh�rt?�, fragte Witali, als er bemerkte, dass sich das Gesicht seiner Gespr�chspartnerin verzog (gut m�glich, dass diese Grimasse nicht durch Verwunderung, sondern durch den unbequemen Stuhl hervorgerufen wurde). �Der M�nch Israil war in der Vergangenheit ein furchtbarer W�stling, ein echter Luzifer der Sinnlichkeit! Er hat die anderen Eremiten �berlebt und nun, bitte sehr, ist er der Vorsteher der Einsiedelei, der oberste H�ter der Sineosjorsker Heiligkeit, ein ganzes Jahr bereits. Der Herr nimmt ihn einfach nicht zu sich. Und ich, obwohl ich Klostervorsteher bin, habe bei der Ernennung nicht mitzureden, weil die Nachbarinsel ihre eigenen Regeln hat!�</p><p>Polina Andrejewna sch�ttelte betr�bt und voller Mitgef�hl den Kopf.</p><p>�H�ren Sie mir auf mit der Wassilisk-Einsiedelei!� Der Hochehrw�rdige ereiferte sich immer mehr. �Hier im Kloster habe ich den Genuss geistiger Getr�nke strengstens verboten, und wer gegen dieses Gebot verst��t, den schicke ich nach Ukatai, oder ich setze ihn in die Strafzelle, bei Wasser und Brot, aber die Einsiedelei l�sst alkoholische Ausschweifungen zu, v�llig ungestraft, und man kann einfach nichts dagegen ausrichten!�</p><p>�Die heiligen M�nche trinken Wein?� Die Lissizyna schlug ihre braunen Augen nieder.</p><p>�Nein, nicht die M�nche trinken. Bruder Kleopa trinkt � der F�hrmann, der als Einziger zur Nachbarinsel fahren darf. Er h�lt kein Ma� im Trinken und macht beinahe jeden Abend Radau, br�llt Lieder � und nicht immer geistlichen Inhalts. Davonjagen kann ich ihn nicht, es gibt niemanden, der ihn ersetzen k�nnte. Die anderen f�rchten sich alle, und zwar nicht nur zur Insel zu fahren, sondern sich nur dem Ufer zu n�hern. Mit keiner Strafandrohung kann man sie zwingen.�</p><p>�Warum denn das?�, fragte die Spenderin mit Unschuldsmiene. �Was gibt es denn dort so Schreckliches?�</p><p>Der Archimandrit blickte forschend auf sie hinunter.</p><p>�Haben Sie es noch nicht geh�rt?�</p><p>�Was denn, heiliger Vater?�</p><p>Unwillig brummte er:</p><p>�Ach, dummes Zeug. Sie werden es noch fr�h genug zu h�ren bekommen. Ich sage ja, diese Einsiedelei ist eine Brutst�tte der Fantasie und des Aberglaubens.�</p><p>�ber den schwarzen M�nch erz�hlte er der aus Moskau angereisten Dame nichts � er musste nachdenken, und es war schade um die Zeit.</p><p>�Sitzen Sie bequem, meine Tochter?�, fragte Witali zuvorkommend mit einem Blick auf die Wanduhr. �Klosterm�bel sind hart, nicht zur Erquickung, sondern zur Kasteiung des Fleisches bestimmt.�</p><p>�Vollkommen bequem�, versicherte Polina Andrejewna, die nicht den geringsten Wunsch zeigte, sich zu verabschieden.</p><p>Da versuchte es der Klostervorsteher mit einem Umweg:</p><p>�Das Mittagsmahl steht bevor. Teilen Sie doch unsere Klostermahlzeit mit dem Vater Kellermeister und dem Vater Wirtschafter. Ich selbst werde heute nicht zu Mittag essen, ich habe viel zu tun, aber versuchen Sie doch unser Essen. Heute ist kein Fastentag, es gibt Fleisch von frisch geschlachtetem Rind und Klosterw�rste. Unser Rindfleisch ist in ganz Russland ber�hmt. Zum Essen braucht man kein Messer, man kann es mit der Gabel zerteilen, so zart und weich ist es. Und alles deshalb, weil die Tiere bei mir nicht auf die Weide kommen, sondern in der Box bleiben � man bringt ihnen saftiges Gras, tr�nkt sie mit Kwass und walkt ihnen die Flanken durch. Wahrhaftig, kosten Sie davon � Sie werden es nicht bereuen.�</p><p>Doch auch die Verf�hrung zur V�llerei zeigte keine Wirkung auf die l�stige Besucherin.</p><p>�Und ich dachte, dass in Kl�stern die w�hrend der Fastentage verbotenen Speisen �berhaupt nie gegessen werden, auch nicht zu Zeiten, in denen der Verzehr von Fleisch gestattet ist�, bemerkte Frau Lissizyna, w�hrend sie sich mit sichtlichem Vergn�gen im Stuhl zur�cklehnte.</p><p>�Bei mir sehr wohl, und ich sehe darin keine S�nde. Schon zu Beginn meiner T�tigkeit habe ich begriffen, dass jemand, der kein Fleisch isst, kein guter Arbeiter sein kann, er hat einfach nicht die Kraft. Deshalb bekommt meine Bruderschaft nahrhaftes Essen. Die Heilige Schrift verbietet schlie�lich den Verzehr von Fleisch nicht, sie h�lt ihn nur in einem vern�nftigen Rahmen. Es steht geschrieben: �Du darfst Fleisch essen nach dem Segen des HERRN, deines Gottes, den er dir gegeben hat�, und weiter steht geschrieben: �Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst�.�</p><p>�Tut es Ihnen nicht Leid, die armen K�he und Schweine zu t�ten?�, fragte Polina Andrejewna vorwurfsvoll. �Sie sind schlie�lich auch Gesch�pfe Gottes, tragen den Funken des Lebens in sich.�</p><p>Dem Hochehrw�rdigen wurde diese Frage anscheinend nicht zum ersten Mal gestellt, denn er hatte keine M�he, darauf zu antworten:</p><p>�Ich wei�, ich wei�. Ich habe geh�rt, dass heutzutage bei Ihnen in der Hauptstadt der Vegetarismus in Mode ist und viele sich f�r den Schutz der Tiere einsetzen. Man sollte besser die Menschen sch�tzen. Sehen Sie, gn�dige Frau, inwiefern ist unsere Lage besser? Um das Vieh k�mmert man sich wenigstens, bevor man es zum Schlachthof bringt, es wird gem�stet und gepflegt. Bedenken Sie: K�he und Schweine kennen keine Todesangst und haben kein Bewusstsein davon, dass sie sterblich sind. Ihr Leben ist ruhig und berechenbar, denn bevor sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, werden sie nicht unters Messer geschickt. Uns hingegen, uns Menschen, kann in jedem Moment unseres Daseins ein Unheil ereilen. Wir wissen nicht, was uns morgen erwartet, und bereiten uns st�ndlich auf einen pl�tzlichen Tod vor. Wir haben auch unseren Schlachter, nur wissen wir wenig von seinen Regeln und Vorstellungen. Er braucht von uns nicht fettes Fleisch und guten Milchertrag, sondern etwas ganz anderes � aber was genau, k�nnen wir uns nicht vorstellen, und dieses Nichtwissen macht alles hundertmal schlimmer. Sparen Sie also Ihr Mitleid f�r die Menschen auf.�</p><p>Die Besucherin lauschte aufmerksam und dachte daran, dass auch Vater Mitrofani kein gro�er Anh�nger des fleischlosen Essens war und immer die Worte des Eremiten Sossima Werchowski zitierte: �Strebt nicht nur nach Fasten. Gott hat nirgendwo gesagt: Wenn ihr fastet, seid ihr meine Sch�ler, sondern er sagt: Habt Liebe f�reinander.�</p><p>Doch es war Zeit, dem Gespr�ch eine andere Richtung zu geben, da der Besuch neben dem Ziel, die Haltung des Archi-mandriten in Bezug auf Wassilisk zu kl�ren, noch einen weiteren Zweck verfolgte.</p><p>�Ist es wahr, was man erz�hlt, Vater, dass Ungl�ubigen der Weg nach Kanaan verboten ist, damit die heilige Erde nicht entweiht wird? Stimmt es, dass alle Bewohner der Inseln ausnahmslos eifrige Verfechter des rechten Glaubens sind?�</p><p>�Wer hat Ihnen denn diesen Unsinn erz�hlt?�, wunderte sich Witali. �Bei mir arbeiten viele Tagel�hner, sofern sie �ber notwendiges Wissen verf�gen oder ein Handwerk beherrschen. Um ihren Glauben k�mmere ich mich nicht, sie sollen ihre Arbeit erledigen, und damit hat es sich. Es gibt hier Fremde und Andersgl�ubige, sogar Atheisten. Wissen Sie, ich bin kein Anh�nger des Missionierens. Gebe Gott, dass ich die Meinen h�ten kann, eine fremde Herde, die noch dazu aus r�udigen Schafen besteht, brauche ich nicht.� An dieser Stelle lenkte der Archimandrit ganz von selbst, ohne dass es weiterer Ermunterung bedurft h�tte, das Gespr�ch genau dahin, wo Polina Andrejewna es haben wollte. �Hier auf der Insel lebt zum Beispiel ein Million�r, ein gewisser Korowin. Er f�hrt eine Heilanstalt f�r Gem�tskranke. Soll er nur, ich lege ihm keine Hindernisse in den Weg, solange er keine Gewaltt�ter aufnimmt und zuverl�ssig zahlt. Er selbst ist ein v�llig gottloser Mensch, nicht einmal zum heiligen Osterfest kommt er in die Kirche, doch er verwendet sein Geld f�r eine gottgef�llige Sache.�</p><p>Die Besucherin schlug die H�nde zusammen:</p><p>�Ich habe �ber die Heilanstalt von Doktor Korowin gelesen! Es hei�t, er vollbringe wahre Wunder bei der Heilung von nervlich-psychischen Erkrankungen.�</p><p>�Gut m�glich.�</p><p>Witali schielte erneut auf die Uhr.</p><p>�Und ich habe geh�rt, dass er nur auf besondere Empfehlung behandelt und nicht mit sich reden l�sst. Ach, ich w�nschte so sehr, dass er mich behandeln w�rde! Ich qu�le mich so, ich leide so sehr! Sagen Sie, Vater, k�nnten Sie mir nicht eine Empfehlung f�r den Doktor mitgeben?�</p><p>�Nein.� Der Hochehrw�rdige runzelte die Stirn. �Das ist bei uns nicht �blich. Halten Sie sich an den �blichen Weg: Wenden Sie sich an seine Praxis in Petersburg oder Moskau, dort wird dar�ber entschieden.�</p><p>�Ich habe entsetzliche Visionen�, klagte Polina Andrejewna. �Ich kann nachts nicht schlafen. Die Psychiater in Moskau wollen mich nicht behandeln.�</p><p>�Was sind denn das f�r Erscheinungen?�, erkundigte der Klostervorsteher sich beklommen, als er sah, dass die Besucherin sich noch umst�ndlicher auf ihrem Stuhl zurechtsetzte.</p><p>�Sagen Sie, Eure Hochehrw�rden, haben Sie schon einmal ein lebendiges Krokodil gesehen?�</p><p>Witali blinzelte �berrascht.</p><p>�Nein. Warum fragen Sie?�</p><p>�Ich habe eines gesehen. In Moskau, vorige Weihnachten. Eine englische Menagerie gastierte in der Stadt, und ich war so dumm, da hinzugehen.�</p><p>�Wieso denn dumm?�, seufzte der Archimandrit.</p><p>�Weil es ganz entsetzlich aussah! Gr�n, h�ckrig, ein Rachen voll riesiger Z�hne, und mit diesem Rachen l�chelt er, der �gyptische Pharao! Es war schauerlich! Und die winzigen, blutd�rstigen �uglein l�cheln ebenfalls! Nie im Leben habe ich etwas Entsetzlicheres gesehen! Und seither tr�ume ich davon, jede Nacht tr�ume ich von seinem grauslichen L�cheln!�</p><p>Die Besucherin, die bis zu diesem Moment ein �beraus ruhiges und vern�nftiges Verhalten an den Tag gelegt hatte, verlor die Fassung und geriet in heftige Erregung, woran zu erkennen war, dass eine psychiatrische Behandlung ihr in der Tat nicht schaden k�nnte. Schlie�lich kommt es h�ufig vor, dass ein in jeder Hinsicht normaler, ja besonnener Mensch an einem bestimmten Punkt v�llig manisch reagiert. Bei der Moskauer Witwe war offensichtlich das afrikanische Reptil der Ausl�ser f�r eine derartige Geistesverwirrung.</p><p>Nachdem er noch einige weitere krankhafte Tr�ume angeh�rt hatte, einer schrecklicher als der andere (und alle unweigerlich unter Beteiligung des l�chelnden Schuppentiers), gab Vater Witali nach: Er ging zum Tisch und warf einige Zeilen auf ein Papier, dass die Tinte nur so spritzte.</p><p>�So, meine Tochter. Hier haben Sie eine Empfehlung. Fahren Sie zu Donat Sawwitsch, ich habe unaufschiebbare Dinge zu erledigen, verzeihen Sie.�</p><p>Frau Lissizyna sprang auf, wobei sie unwillk�rlich mit der Hand an ihre auf dem Stuhl gemarterten weichen K�rperteile langte, las die Notiz durch und war nicht zufrieden.</p><p>�Nein, Vater. Was ist denn das f�r eine Empfehlung: �Ich bitte die �berbringerin dieses Schreibens anzuh�ren und ihr nach M�glichkeit Hilfe zu erweisen�? Das schreibt man in Beh�rden auf ein Gesuch, wenn man sich die Leute vom Hals schaffen will. Sie m�ssen nachdr�cklicher und fordernder schreiben, Vater.�</p><p>�Was hei�t denn fordernder?�</p><p>�Gn�diger Herr Donat Sawwitsch�, begann Polina Andrejewna zu diktieren. �Wie Sie wissen, bel�stige ich Sie selten mit Bitten pers�nlicher Natur, daher beschw�re ich Sie, mein Anliegen nicht abzulehnen. Meine Herzensfreundin und Schwester im Geiste Frau Lissizyna, die von einem schweren seelischen Leiden �bermannt ist, ben�tigt schnellstm�gliche . . .�</p><p>Bei �Herzensfreundin und Schwester im Geiste� str�ubte sich der Klostervorsteher, woraufhin Polina Andrejewna sich erneut auf dem Stuhl niederlie�, ihr Strickzeug aus dem Beutel holte und anfing, einen weiteren Traum zu erz�hlen: Wie ihr auf ihrem kalten Witwenlager der verstorbene Gemahl erschienen sei und sie ihn umarmt und gek�sst habe, als pl�tzlich unter der Nachtm�tze der gr�ssliche Rachen mit den gro�en, scharfen Z�hnen hervorl�chelte und die schrecklichen F��e ihr die Krallen in die Seite . . .</p><p>Der Archimandrit, ansonsten unersch�tterlich, ertrug es nicht, den furchtbaren Traum zu Ende anzuh�ren, und kapitulierte. Er schrieb die Empfehlung wie verlangt, Wort f�r Wort.</p><p>Also hatte Frau Lissizynas Fleisch die Pr�fung auf dem Stuhl nicht umsonst erduldet � nun konnte sie sich ernsthaft an die Untersuchung machen.</p></section><section><title><p>Interessante Menschen</p></title><p>Wie h�tte sich der hochehrw�rdige Witali gewundert, h�tte er dem Gespr�ch zuh�ren k�nnen, das die absonderliche Dame aus Moskau mit Doktor Korowin f�hrte! Polina Andrejewna erz�hlte dem Leiter der Klinik nichts von einem l�chelnden Schuppentier oder zweideutigen Tr�umen. Zu Anfang machte sie den Mund fast gar nicht auf und musterte den selbstsicheren, glatt rasierten Herrn, der das Empfehlungsschreiben las.</p><p>Zugleich �berflog sie das Kabinett mit einem Blick � ein ganz gew�hnliches Kabinett mit Diplomen und Fotografien an den W�nden. Ungew�hnlich war lediglich ein Bild in einem pr�chtigen Bronzerahmen, das �ber dem Schreibtisch hing: eine h�chst �berzeugend und detailliert dargestellte Krake, die in jedem ihrer langen, saugnapfbesetzten Tentakel eine sich windende, nackte menschliche Gestalt hielt. Das Gesicht des Monsters (wenn man den Rumpfkopf der riesigen Molluske denn als �Gesicht� bezeichnen konnte) erinnerte verbl�ffend an das bebrillte, herrische Gesicht von Donat Sawwitsch selbst, wobei man unm�glich sagen konnte, wodurch diese �hnlichkeit zustande kam � die gigantische Krake hatte vom Aussehen her nichts Karikaturistisches oder Gek�nsteltes an sich.</p><p>Als er die Notiz des Archimandriten gelesen hatte, blickte der Doktor die Besucherin �ber seine goldene Brille hinweg mit Interesse an.</p><p>�Noch nie habe ich von Vater Witali ein so kategorisches Schreiben erhalten. In welcher Beziehung stehen Sie zum Hochehrw�rdigen, dass er sich so f�r Sie ins Zeug legt?� Donat Sawwitsch l�chelte sp�ttisch. ��Schwester im Geiste� � ein h�bscher Ausdruck. Es ist doch wohl nichts Romantisches? Das w�re unter psycho-physiologischem Gesichtspunkt sehr aufschlussreich � ich habe den Vater Klostervorsteher immer zum klassischen Typus des unausgelebten Knabensch�nders gez�hlt. Sagen Sie, Frau . . . �h . . . Lissizyna, sind Sie in der Tat so schwer krank? Hier hei�t es: �Retten Sie eine von unertr�glichen Leiden gepr�fte weibliche Seele.� Auf den ersten Blick macht es nicht gerade den Eindruck, als sei Ihre Seele von Leiden gepr�ft.�</p><p>Polina Andrejewna, die sich bereits eine Meinung �ber den Herrn des Kabinetts gebildet hatte, deutete auf den Brief und winkte mit einem unbek�mmerten L�cheln ab.</p><p>�Damit haben Sie ganz Recht. Und was den Archimandriten betrifft, wohl auch. Er kann Frauen nicht ausstehen. Was ich schamlos ausgenutzt habe, um dem armen Kerl mit Gewalt einen Passierschein f�r Ihre Zitadelle zu entrei�en.�</p><p>Der Doktor hob leicht die Augenbrauen und verzog ansatzweise die Mundwinkel, als wolle er sie zu einem L�cheln �ffnen.</p><p>�Wozu brauchen Sie mich?�</p><p>�In Moskau erz�hlt man so interessante Dinge �ber Sie! Mein Entschluss, zu einer Wallfahrt nach Neu-Ararat aufzubrechen, war eine Anwandlung, die mich selbst �berrascht hat. Sie wissen ja, wie das bei uns Frauen ist. Jetzt bin ich hier, und ich habe keine Ahnung, womit ich mich besch�ftigen soll. Nun, ich habe versucht zu beten, aber die Anwandlung ist leider vorbei. Ich habe mir den Archimandriten angesehen. Au�erdem fahre ich mit dem Kutter im Archipel umher . . .� Polina Andrejewna breitete die Arme aus. �Und ich fahre erst in vier Tagen zur�ck.�</p><p>Die Aufrichtigkeit der sch�nen jungen Dame ver�rgerte Korowin nicht, sondern erheiterte ihn eher.</p><p>�Ich bin also eine Art Sehensw�rdigkeit f�r Sie?�, fragte er und l�chelte jetzt richtig und nicht nur mit halber Kraft.</p><p>�Nein, nein, wo denken Sie hin!�, erschrak die leichtsinnige Besucherin, die aber ihr Lachen auch nicht mehr unterdr�cken konnte. �Das hei�t, h�chstens im allerehrerbietigsten Sinne. Nein, wahrhaftig, man hat mir �ber Sie wahre Wunderdinge berichtet! Es w�re eine S�nde gewesen, mir die Gelegenheit entgehen zu lassen!�</p><p>Nachdem sie ihren Gespr�chspartner durch ihre Offenheit f�r sich eingenommen hatte, f�hrte Polina die Unterhaltung gem�� der Regeln f�r den richtigen Umgang mit M�nnern. Regel Nummer eins lautete: Wenn du einem Mann gefallen willst, schmeichle ihm. Je kl�ger und einf�hlsamer der Mann ist, desto kl�ger und einf�hlsamer muss man schmeicheln. Je ungeschliffener der Mann, desto ungeschliffener die Lobspr�che. Da Doktor Korowin offenkundig nicht zu den Dummk�pfen geh�rte, ging Polina Andrejewna daran, sich der Sache auf Umwegen zu n�hern.</p><p>Unvermittelt wurde sie ernst und erkl�rte:</p><p>�Sie interessieren mich sehr. Ich m�chte verstehen, was f�r ein Mensch Sie sind. Warum verschleudert der Erbe der Korowinschen Millionen die besten Jahre seines Lebens und gewaltige Mittel f�r die Heilung von Geisteskranken? Sagen Sie, wieso haben Sie beschlossen, sich mit der Psychiatrie zu besch�ftigen? Aus �bers�ttigung? Aus leerer Neugierde und Verachtung gegen�ber den Menschen? Aus dem Wunsch heraus, mit k�hlen H�nden in der menschlichen Seele zu w�hlen? Wenn ja, dann ist das interessant. Doch ich hege den Verdacht, dass es noch einen gewichtigeren Grund gibt. Ich sehe Ihrem Gesicht an, dass Sie nicht �bers�ttigt sind . . . Sie haben lebhafte, feurige Augen. Oder t�uschte ich mich, und es ist nur die Neugierde, die da aus ihnen leuchtet?�</p><p>Geben Sie einem Mann zu verstehen, dass er Sie ma�los interessiert, dass nur Sie allein sehen, wie einzigartig und unvergleichlich er ist, wobei es nicht so wichtig ist, ob im guten oder im schlechten Sinn � das ist im Grunde der Sinn der ersten Regel. Zugegebenerma�en musste Polina Andrejewna nicht sonderlich heucheln, weil sie aufrichtig davon �berzeugt war, dass jeder Mensch, wenn man ihn nur geb�hrend betrachtete, in seiner Art einzigartig und schon deshalb interessant war. Umso mehr galt das f�r einen so ungew�hnlichen Herrn wie Donat Sawwitsch Korowin.</p><p>Der Doktor musterte die Besucherin forschend, als wolle er sich auf die Ver�nderung, die mit ihr vorgegangen war, einstellen. Dann begann er leise und in vertraulichem Ton:</p><p>�Nein, ich habe mich nicht aus Neugier der Psychiatrie zugewandt. Eher aus Verzweiflung. Interessiert Sie das wahrhaftig?�</p><p>�Sehr!�</p><p>�Ich bin aus jugendlichem Narzissmus an die medizinische Fakult�t gegangen. Zu Anfang habe ich nicht in der psychiatrischen, sondern in der physiologischen Abteilung studiert. Mit neunzehn Jahren hielt ich mich f�r einen G�nstling Fortunas, f�r einen gl�cklichen Prinzen, der alles hatte, was ein Sterblicher besitzen kann, und ich wollte nur eines: das Geheimnis des ewigen oder wenigstens des sehr langen Lebens finden. Unter reichen Leuten ist das eine ziemlich verbreitete Art von Manie � ich habe jetzt auch einen Patienten, dessen Narzissmus pathologische Formen angenommen hat. Was nun mich selbst angeht, so habe ich vor zwanzig Jahren davon getr�umt, meinen Organismus so gut zu verstehen, dass ich eine m�glichst lange Funktionsdauer w�rde sicherstellen k�nnen . . .�</p><p>�Was hat Sie von diesem Weg abgebracht?�, rief die Lissizyna aus, als eine kleine Pause in der Rede des Doktors eintrat.</p><p>�Das, was �berm��ig rationale junge M�nner wahrscheinlich immer von ihrer vorausberechneten Bahn abbringt.�</p><p>�Die Liebe?�, erriet Polina Andrejewna.</p><p>�Ja. Eine leidenschaftliche, un�berlegte, alles umfassende Liebe � also eine Liebe, wie sie sein muss.�</p><p>�Wurde Ihr Gef�hl nicht erwidert?�</p><p>�O doch, ich wurde ebenso leidenschaftlich geliebt wie ich selbst liebte.�</p><p>�Warum sprechen Sie mit solchem Kummer dar�ber?�</p><p>�Weil es die traurigste und ungew�hnlichste Liebesgeschichte ist, die ich kenne. Wir f�hlten uns unwiderstehlich voneinander angezogen, doch wir konnten uns nicht eine Minute lang in den Armen halten. Sobald ich mich dem Gegenstand meiner Anbetung auf Arml�nge n�herte, wurde sie krank: Tr�nen st�rzten ihr aus den Augen, die Nase lief, die Haut bedeckte sich mit rotem Ausschlag, eine unertr�gliche Migr�ne presste ihr die Schl�fen zusammen. Sobald ich mich zur�ckzog, verschwanden die Krankheitssymptome fast augenblicklich. Wenn ich nicht Student der Medizin gewesen w�re, h�tte ich wahrscheinlich einen b�sen Zauber vermutet, doch im zweiten Studienjahr wusste ich bereits von der r�tselhaften, unerbittlichen Krankheit mit dem Namen idiosynkratische Allergie. In vielen F�llen kann man nicht sagen, woher sie kommt, und noch weniger, wie man sie heilen kann.� Donat Sawwitsch schlug die Augen nieder und sch�ttelte l�chelnd den Kopf, als wundere er sich dar�ber, dass ausgerechnet ihm so etwas geschehen konnte. �Wir haben unbeschreiblich gelitten. Die m�chtige Kraft der Liebe zog uns zueinander hin, aber meine Ber�hrungen brachten meiner Angebeteten nur Unheil . . . Ich las alles, was die Medizin �ber Idiosynkrasie wei�, und ich verstand: Die Wissenschaften der Chemie und der Biologie waren noch zu wenig erforscht, und im Verlauf meines irdischen Daseins w�rden sie nicht gen�gend Fortschritte machen, um diesen Mechanismus der physiologischen Ablehnung eines Organismus durch einen anderen zu �berwinden. Damals beschloss ich, zur Psychiatrie zu wechseln, um mich mit der Erforschung der menschlichen Seele zu besch�ftigen. Auch mit meiner eigenen Seele, die mir einen so �blen Streich gespielt und mich von allen Frauen auf der Welt ausgerechnet diejenige hatte lieb gewinnen lassen, die f�r mich offenkundig unerreichbar war.�</p><p>�Und Sie haben sich getrennt?�, rief Polina Andrejewna, die von der Erz�hlung selbst sowie von dem zur�ckhaltenden Ton beinahe zu Tr�nen ger�hrt war.</p><p>�Ja. Es war meine Entscheidung. Nach einiger Zeit hat sie geheiratet. Ich hoffe, sie ist gl�cklich. Ich hingegen bin, wie Sie sehen, ledig geblieben und lebe nur f�r meine Arbeit.�</p><p>Ungeachtet ihrer raschen Auffassungsgabe hatte Frau Lissi-zyna nicht sogleich erraten, dass der schlaue Doktor mit ihr ebenfalls ein Spiel spielte � nur kein weibliches, sondern ein m�nnliches Spiel, das gleichfalls uralt und unersch�tterlich in seinen Regeln war. Eine zuverl�ssige Methode, Zugang zum Herzen einer Frau zu erlangen, ist es, ihren Sinn f�r Rivalit�t zu wecken. Am besten erz�hlt man eine romantische Geschichte �ber sich, die unbedingt ein trauriges Ende haben muss, und beweist damit gewisserma�en: Sehen Sie, zu welcher Gef�hlstiefe ich fr�her f�hig war und vielleicht auch heute noch f�hig w�re, wenn sich ein w�rdiges Objekt f�nde.</p><p>Als Polina Andrejewna das Man�ver durchschaute, zollte sie ihm Anerkennung, und sie musste innerlich lachen. Eine originelle Geschichte, unabh�ngig davon, ob sie der Wahrheit entsprach. Zudem war aus dem ganzen Monolog zu schlie�en, dass die Besucherin dem Doktor gefiel, und das war zweifellos schmeichelhaft, aber auch der Angelegenheit dienlich.</p><p>�Also ist Ihnen Ihre Arbeit teuer?�, erkundigte die Lissizyna sich Anteil nehmend.</p><p>�Sehr sogar. Meine Patienten sind ungew�hnliche Menschen, jeder ist auf seine Art ein Unikum. Und Einzigartigkeit ist eine Art von Talent.�</p><p>�Welche Talente haben denn Ihre Patienten? Ach bitte, erz�hlen Sie!�</p><p>Die runden Augen der rothaarigen Besucherin weiteten sich noch mehr in erwartungsvoller Vorfreude. An dieser Stelle kam Regel Nummer zwei zur Anwendung: den Mann auf ein Thema lenken, das ihn mehr als alles andere interessiert, um dann richtig zuzuh�ren. Wie viele m�nnliche Herzen wurden mithilfe dieser einfachen Methode bereits erobert! Wie viele dumme Trinen, wie viele Br�ute ohne Mitgift haben einen Freier gefunden, dass ringsum alle nur noch Baukl�tze staunen konnten � wie haben sie es nur angestellt, dass sie so ein unverdientes Gl�ck haben? Ganz einfach: Sie k�nnen zuh�ren.</p><p>Wenn Polina Andrejewna etwas konnte, dann zuh�ren. Wo es n�tig war, zog sie die Augenbrauen hoch, von Zeit zu Zeit seufzte sie und griff sich auch einmal an die Brust, aber ohne auch nur im Geringsten zu �bertreiben, und vor allem ohne jegliche Heuchelei, sondern mit vollkommen unverf�lschtem Interesse.</p><p>Donat Sawwitsch schien zun�chst ungern zu erz�hlen, doch angesichts der Tatsache, dass man ihm so vorbildlich zuh�rte, lie� er sich allm�hlich mitrei�en.</p><p>�Meine Patienten sind selbstverst�ndlich nicht normal, doch das bedeutet lediglich, dass sie von einer von der Gesellschaft anerkannten Durchschnittsnorm abweichen, das hei�t, sie sind ungew�hnlicher, exotischer, wunderlicher als �normale� Menschen. Ich bin prinzipiell gegen den Begriff �Norm� als Vergleichsterminus im Bereich der menschlichen Psyche. Jeder von uns hat seine eigene Norm. Und die Pflicht des Individuums vor sich selbst besteht darin, �ber diese Norm hinauszuwachsen.�</p><p>An dieser Stelle nickte Frau Lissizyna, als h�tte der Doktor eine These verk�ndet, die ihr schon in den Sinn gekommen war und der sie vollkommen zustimmte.</p><p>�Der Mensch ist ebendeshalb wertvoll, er ist deshalb interessant und, wenn Sie wollen, auch deshalb gro߫, fuhr Korowin fort, �weil er sich zum Besseren ver�ndern kann. Immer. In jedem Alter, nach jedem Fehler, jedem moralischen Versagen. In unserer Psyche ist der Mechanismus der Selbstvervollkommnung angelegt. Wenn dieser Mechanismus nicht benutzt wird, rostet er, und dann degradiert der Mensch, dann sinkt er unter die eigene Norm hinab. Ein anderer Eckstein meiner Theorie lautet: Jeder Mangel, jedes Versagen einer Pers�nlichkeit ist gleichzeitig ein Vorteil, eine Erhabenheit � man muss diesen Punkt des seelischen Reliefs nur um hundertachtzig Grad drehen. Und da haben Sie mein drittes grundlegendes Prinzip: Jedem Leidenden kann geholfen werden, und jeden Unverstandenen kann man verstehen. Wenn man ihn verstanden hat, kann man die Arbeit mit ihm beginnen und einen Schwachen stark, einen Benachteiligten wertvoll, einen Ungl�cklichen gl�cklich machen. Ich stehe nicht h�her als meine Patienten, liebe Polina Andrejewna, ich bin nicht kl�ger oder besser als sie � h�chstens reicher, obwohl auch �u�erst wohlhabende Menschen darunter sind.�</p><p>�Sie glauben, dass man jedem Menschen helfen kann?� Die Zuh�rerin, sichtlich bewegt von den Worten des Doktors, schlug die H�nde zusammen. �Aber es gibt doch Abweichungen, die sehr schwer zu heilen sind! Etwa schwere Trunksucht oder, schlimmer noch, Opiumsucht!�</p><p>�Gerade das ist Unsinn�, l�chelte der Doktor herablassend. �Damit habe ich meine Experimente damals begonnen. Ich besitze eine eigene kleine Insel im Indischen Ozean, weitab von allen Seestra�en gelegen. Dort habe ich hoffnungslose Alkoholiker und Drogenabh�ngige untergebracht. Auf der ganzen Insel gibt es keinerlei berauschende Getr�nke, f�r kein Geld der Welt. Dort ist �brigens gar kein Geld im Umlauf. Einmal in drei Monaten kommt ein Schoner von den Malediven und bringt alles Notwendige.�</p><p>�Laufen sie nicht weg?�</p><p>�Wer zur�ckkehren will, kann jederzeit mit dem Schoner die Insel verlassen. Niemand wird mit Gewalt dort festgehalten. Ich meine, man darf dem Menschen die freie Wahl nicht nehmen. Wenn er sich zugrunde richten will, dann ist das sein gutes Recht. Die wahre Schwierigkeit stellen also nicht die Sklaven der Flasche oder der Wasserpfeife dar, sondern Menschen, zu deren Anomalie man einfach nicht den passenden Schl�ssel findet. Mit solchen Patienten arbeite ich hier, in Kanaan. Manchmal mit Erfolg, manchmal leider ohne.�</p><p>Korowin seufzte.</p><p>�Im Cottage Nummer siebzehn wohnt derzeit ein Telegrafist der Eisenbahn, der behauptet, die Bewohner eines anderen Planeten h�tten ihn entf�hrt und mehrere Jahre bei sich behalten, wobei ihre Jahre bedeutend l�nger seien als die auf der Erde, weil ihre Sonne viel gr��er sei als unsere.�</p><p>�Ziemlich scharfsinnig beobachtet f�r einen einfachen Telegrafisten�, bemerkte Polina Andrejewna.</p><p>�Das ist noch gar nichts! Sie sollten mal h�ren, wie er vom Wufer (so hei�t der Planet) erz�hlt � besser als Swift und Jules Verne zusammen! Ganz lebendig, in allen Details! Und die technischen Einzelheiten � da vergisst man die Zeit beim Zuh�ren. Und die Sprache! Er gibt mir Unterricht in der Wufer-Sprache. Ich habe eigens angefangen, ein Glossar anzulegen, um ihn zu ertappen. Was glauben Sie? Er hat sich kein einziges Mal vertan, er wei� alle W�rter noch! Die Grammatik ist erstaunlich logisch, viel konsequenter als in allen mir bekannten Sprachen dieser Erde!�</p><p>Die Lissizyna faltete die H�nde, so interessant war die Erz�hlung �ber den anderen Planeten.</p><p>�Und wie erkl�rt er seine R�ckkehr?�</p><p>�Er erkl�rt, man h�tte ihm gleich gesagt, dass man ihn nur f�r eine gewisse Zeit mitnehmen, ihn beherbergen und anschlie�end heil und unversehrt wieder zur�ckbringen werde. Weiterhin behauptet er, dass auf dem Wufer nicht wenige G�ste von der Erde seien, blo� w�rde bei den meisten die Erinnerung gel�scht, damit sie bei der R�ckkehr auf die Erde keine Schwierigkeiten h�tten. Aber mein Patient habe gebeten, man m�ge ihm alle Erinnerungen lassen, und deshalb leidet er jetzt. Erinnern Sie mich �brigens daran, dass ich Ihnen ein anderes Beispiel f�r die Launen des Ged�chtnisses bringe . . .�</p><p>Offensichtlich ritt Korowin sein Steckenpferd, von dem er so bald wohl nicht ablassen w�rde, aber Polina Andrejewna wollte auch gar nicht, dass er aufh�rte.</p><p>�Er sagt, die Wuferianer beobachteten das Leben auf der Erde schon sehr lange, seit Jahrhunderten.�</p><p>�Und warum lassen sie sich nicht mal blicken?�</p><p>�Von ihrem Standpunkt aus betrachtet seien wir noch zu unzivilisiert. Wir m�ssten zuerst unsere eigenen Probleme l�sen und aufh�ren, einander zu qu�len. Erst dann w�rden wir reif genug sein f�r die interplanetarische Kommunikation. Nach ihren Berechnungen k�nne das fr�hestens im Jahre 2080 erfolgen, und auch das nur im g�nstigsten Fall.�</p><p>�Ach, das dauert ja noch!�, sagte die Lissizyna betr�bt. �Das werden Sie und ich nicht mehr erleben.�</p><p>Donat Sawwitsch l�chelte:</p><p>�Ich bitte Sie, das sind Ausgeburten einer kranken Fantasie, auch wenn es sich sehr logisch anh�rt. In Wirklichkeit ist unser Telegrafist nirgendwo gewesen. Er war mit Freunden auf der Jagd und hat eine Ente angeschossen. Dann kroch er ins Binsendickicht, um die Troph�e zu holen. Er war nicht l�nger als f�nf Minuten weg, und als er zur�ckkam, ohne Ente und ohne Gewehr, benahm er sich sehr eigenartig und begann sofort, vom Planeten Wufer zu erz�hlen. Man brachte ihn auf direktem Wege ins Kreiskrankenhaus, und viele Monate sp�ter kam er zu mir. Ich k�mpfe um ihn, ich k�mpfe wirklich. Das Wichtigste ist, ein Loch in seinen logischen Panzer zu schlagen, seine Hirngespinste zu entlarven. Bislang ist es mir noch nicht gelungen.�</p><p>�Wie interessant das ist!�, seufzte Polina Andrejewna tr�umerisch.</p><p>�Freilich ist das interessant!� Der Doktor zeigte jetzt die Miene eines Sammlers, der voller Stolz die gr��ten Sch�tze seiner Kollektion vorf�hrt. �Der Telegrafist benimmt sich wenigstens ganz manierlich (au�er dass er tags�ber schl�ft und die ganze Nacht hindurch die Sterne anstarrt). Aber erinnern Sie sich, ich habe doch von dem Wahnsinnigen erz�hlt, der ewig leben will, �hnlich wie ich in meiner Jugend? Er hei�t Weller, Cottage Nummer neun. Er konzentriert sich v�llig auf seine Gesundheit und sein langes Leben. Der lebt bestimmt bis zum Jahre 2080, wenn die vom Planeten Wufer angeflogen kommen, um unsere Bekanntschaft zu machen. Er nimmt nur gesunde Nahrung zu sich, deren chemische Zusammensetzung er ganz genau berechnet. Er lebt in einem hermetisch abgeschlossenen, sterilisierten Geb�ude. Er tr�gt immer Handschuhe. Die Angestellten und ich unterhalten uns mit ihm nur durch ein Gazefenster. In die psychiatrische Klinik ist Weller gekommen, nachdem er sich freiwillig einer Kastration unterzogen hat � er behauptet, jeder Samenerguss raube achtundvierzig Stunden Lebensenergie, weshalb M�nner im Durchschnitt sieben bis acht Jahre weniger lebten als Frauen.�</p><p>�Aber ohne frische Luft und Bewegung wird er nicht lange leben!�</p><p>�Keine Sorge, Weller hat alles bedacht. Erstens wurde nach einer von ihm angefertigten Zeichnung ein kompliziertes Bel�ftungssystem im Cottage eingebaut. Zweitens macht er von morgens bis abends Gymnastik und Atem�bungen, oder er �bergie�t sich mit hei�em und kaltem � selbstverst�ndlich destilliertem � Wasser. Tagt�glich unternimmt er einen einst�ndigen Spaziergang an der frischen Luft, mit unglaublichen Vorsichtsma�nahmen. Dabei ber�hrt er die Erde nicht mit den F��en, er hat eigens gelernt, auf Stelzen zu gehen, �um keine giftigen D�mpfe aus dem Boden aufzunehmen�. Die Stelzen stehen drau�en auf der Vortreppe seines Hauses, deshalb fasst Weller sie immer nur mit Handschuhen an. Weller beim Spaziergang � das ist ein Bild, sage ich Ihnen! Kommen Sie doch einmal, um sich das anzusehen, zwischen neun und zehn Uhr morgens. In einen Anzug aus Wachstuch geh�llt, eine Atemmaske auf dem Gesicht, stapft er mit seinen h�lzernen Gehhilfen �ber den Boden: bum, bum, bum! Wie die Statue des Commendatorel�</p><p>Der Doktor brach in Gel�chter aus, und Polina Andrejewna stimmte bereitwillig ein.</p><p>�Was wollten Sie denn noch �ber die Launen des Ged�chtnisses erz�hlen?�, fragte sie, noch immer lachend. �Auch etwas Komisches?�</p><p>�Ganz im Gegenteil. Etwas sehr Trauriges. Ich habe eine Patientin, die jeden Morgen, wenn sie erwacht, noch einmal den schrecklichsten Tag ihres Lebens durchlebt, als sie die Nachricht vom Tode ihres Mannes erhielt. Damals fing sie an zu schreien, dann fiel sie in Ohnmacht und lag die ganze Nacht bewusstlos da. Seither scheint ihr jeden Morgen, sie sei aus der Ohnmacht zu sich gekommen und habe die schreckliche Nachricht erst am Abend zuvor erhalten. F�r sie ist gleichsam die Zeit stehen geblieben, der Schmerz �ber den Verlust l�sst �berhaupt nicht nach. Sie �ffnet morgens die Augen � ein Schrei, Tr�nen, Hysterie . . . Ihr ist eigens ein Arzt zur Seite gestellt, der sie beruhigt und ihr erkl�rt, dass das Ungl�ck lange her ist, sieben Jahre. Zu Anfang glaubt sie ihm nat�rlich nicht. Mit Beweisen und Erkl�rungen vergeht die erste H�lfte des Tages. Um die Mittagsstunde herum l�sst die Kranke sich �berzeugen, sie beruhigt sich ein wenig und fragt, was in diesen sieben Jahren passiert sei. Sie interessiert sich lebhaft f�r alles. Gegen Abend ist sie dann ganz ruhig und friedlich. Sie legt sich mit einem L�cheln zu Bett und schl�ft ruhig wie ein kleines Kind. Und wenn sie morgens aufwacht, geht alles von vorne los: der Schmerz, das Schluchzen, die Suizidversuche. Ich k�mpfe dagegen an, aber bislang kann ich nichts ausrichten. Der Mechanismus des psychischen Schocks ist noch zu wenig erforscht, man muss nach dem Gef�hl vorgehen. Es ist sehr schwer, bei dieser Patientin zu sein, weil sich tagt�glich das Gleiche wiederholt. L�nger als zwei oder drei Wochen halten die �rzte das nicht aus, dann m�ssen sie ausgetauscht werden . . .�</p><p>Als er sah, dass seiner Zuh�rerin die Tr�nen in den Augen standen, sagte Donat Sawwitsch munter:</p><p>�Na, na! Nicht alle meine Patienten sind ungl�cklich. Es gibt auch einen, der ist vollkommen gl�cklich. Sehen Sie das Bild?�</p><p>Der Doktor wies auf die bereits erw�hnte Krake, die Polina Andrejewna das ganze Gespr�ch hindurch immer wieder betrachtet hatte � es war etwas Besonderes an diesem Gem�lde, das einen den Blick nicht abwenden lie�.</p><p>�Ein Werk von Konon Jessichin. Haben Sie schon mal von ihm geh�rt?�</p><p>�Nein. Er hat ein bemerkenswertes Talent!�</p><p>�Jessichin ist ein Genie�, nickte Korowin. �Ein echtes, unverf�lschtes Genie. Wissen Sie, er geh�rt zu den K�nstlern, die malen, als habe vor ihnen keine Malerei existiert, kein Raffael, kein Goya, kein C�zanne. �berhaupt niemand � bis Konon Jessichin geboren wurde, der erste K�nstler der Erde, und etwas schuf, das die Leinwand unter seinem Pinsel lebendig werden l�sst.�</p><p>�Jessichin? Nein, kenne ich nicht.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Kaum jemand wei� von Jessichin � nur wenige Kunstkenner, und selbst die sind �berzeugt, er sei seit langem verstorben. Denn Konon Petrowitsch ist v�llig umnachtet, seit mehr als f�nf Jahren hat er das Cottage Nummer drei nicht verlassen, und vorher hat er zehn Jahre in einem gew�hnlichen Irrenhaus gesessen, wo ihm die idiotischen Arzte im Bestreben, ihn wieder �normal� werden zu lassen, weder Farben noch Stifte gegeben haben.�</p><p>�Worin besteht seine Geisteskrankheit?�, Polina Andrejewna blickte immer noch auf die Krake, die sie mit ihrem seltsamen kalten Blick immer mehr in ihren Bann schlug.</p><p>�Wissen Sie noch, was bei Puschkin steht? �ber die Unvereinbarkeit von Genie und Verbrechen? Jessichins Beispiel zeigt, dass sie hervorragend vereinbar sind. Konon Petrowitsch ist ein uneinsichtiger, echter Verbrecher. Die Faszination f�r sein Werk hat alle �brigen Gef�hle in seiner Seele ausgel�scht. Nicht mit einem Mal, sondern ganz allm�hlich. Das einzige Wesen, das Jessichin geliebt hat, leidenschaftlich geliebt hat, war seine Tochter, eine stilles, prachtvolles M�dchen, das fr�h die Mutter verloren hat und allm�hlich an Schwindsucht zugrunde gegangen ist. Monatelang ist er praktisch nicht von ihrem Bett gewichen, ging h�chstens f�r ein, zwei Stunden in sein Atelier, um zu malen. Als es auf das Ende zuging, hat er die Leinwand ins Kinderzimmer getragen und dieses �berhaupt nicht mehr verlassen. Er a� nicht, trank nicht, schlief nicht. Diejenigen, die ihn in dieser Zeit gesehen haben, erz�hlen, dass Jessichin entsetzlich aussah: die Haare zottig, unrasiert, das Hemd mit Farbflecken beschmiert, malte er das Portr�t seiner Tochter � im Wissen darum, dass dieses Portr�t das letzte sein w�rde. Er hat niemanden ins Zimmer gelassen, alles selbst gemacht: dem M�dchen zu trinken gegeben, ihr die Medikamente verabreicht und das Essen gebracht, und dann wieder zum Pinsel gegriffen. Als das M�dchen im Todeskampf lag, verfiel Jessichin in Raserei � doch nicht vor Schmerz, sondern vor Begeisterung, wegen des wunderbaren Wechselspiels von Licht und Schatten auf dem schmerzverzerrten, ausgemergelten Gesichtchen. Die Leute, die sich im Nebenzimmer versammelt hatten, vernahmen das j�mmerliche St�hnen hinter der verschlossenen T�r. Das sterbende M�dchen weinte, bat um Wasser, doch vergebens � Jessichin konnte sich nicht von dem Bild losrei�en. Als sie schlie�lich die T�r einbrachen, war das M�dchen schon gestorben, aber Jessichin sah sie nicht einmal an, weil er immerzu etwas auf der Leinwand ausbesserte. Die Tochter brachte man zum Friedhof, den Vater ins Irrenhaus. Und das Bild, wenn auch nicht vollendet, wurde auf dem Pariser Salon unter dem Titel �La mort triomphante� ausgestellt und erhielt dort den ersten Preis.�</p><p>�Der Verstand des Vaters konnte den Schmerz nicht ertragen und hat sich einen Schutzschild in Form von Arbeit errichtet.� So legte die gutherzige Polina Andrejewna die Geschichte aus.</p><p>�Meinen Sie?� Donat Sawwitsch nahm die Brille ab, putzte sie und setzte sie wieder auf. �Ich hingegen ziehe, wenn ich Jessichins Fall betrachte, eher den Schluss, dass ein echtes, bedeutendes Genie nicht zu voller Reife gelangen kann, wenn nicht einige Bereiche der Seele absterben. Indem Konon Petrowitsch mit der Liebe zu seiner Tochter auch den Rest von Menschlichkeit in sich vernichtete, hat er sich f�r die Kunst befreit. Das, was er in seinem Cottage erschafft, wird einmal die bedeutendsten Gem�ldegalerien der Welt schm�cken. Und wer von den dankbaren Nachfahren wird dann an das weinende M�dchen denken, das sterben musste, ohne dass ihr Durst noch einmal gel�scht wurde? Ich habe keinen Zweifel, dass sich k�nftige Generationen an meine Heilanstalt, an mich selbst, ja, auch an die Insel Kanaan nur deshalb erinnern werden, weil hier ein Genie gelebt und gearbeitet hat. Wollen Sie �brigens Jessichin und seine Bilder einmal sehen?�</p><p>Frau Lissizyna antwortete nicht gleich und nicht sehr �berzeugt:</p><p>�Ja . . . Vielleicht schon.�</p><p>Sie �berlegte noch einmal, nickte und sagte dann entschlossener:</p><p>�Unbedingt. Bringen Sie mich hin.�</p></section><section><title><p>Warm, w�rmer, hei�!</p></title><p>Vor ihrem Besuch bei Doktor Korowin war die Lissizyna noch einmal im Hotel gewesen, wo sie ihren leichten Umhang gegen einen langen schwarzen Mantel mit Kapuze eingetauscht hatte, weil sie offenbar damit rechnete, dass es sich abends abk�hlen w�rde. Aber die � wenn auch fahle � Sonne hatte tags�ber die Luft angenehm erw�rmen k�nnen, und f�r einen Spaziergang auf dem Klinikgel�nde war es nicht n�tig, den Mantel anzuziehen. Polina Andrejewna begn�gte sich damit, einen Schal um die Schultern zu legen, und Korowin blieb, wie er war, in Weste und Gehrock.</p><p>Das Cottage Nummer drei befand sich ganz am Rand der mit Kiefern bewachsenen Anh�he, die Korowin vom Kloster gemietet hatte. Das kleine Haus mit den wei� verputzten W�nden schien Polina Andrejewna nicht weiter bemerkenswert, besonders im Vergleich mit den �brigen Cottages, von denen viele durch ihr bizarres Aussehen auffielen.</p><p>�Bei diesem Haus liegt der ganze Reiz im Innern�, erkl�rte Donat Sawwitsch. �Jessichin k�mmert es nicht, wie seine Behausung von au�en aussieht. Au�erdem sagte ich ja bereits � er verl�sst das Haus nie.�</p><p>Sie betraten das Haus ohne anzuklopfen. Erst nachher begriff Polina, warum: Der K�nstler h�tte sie ohnehin nicht geh�rt, und wenn er sie geh�rt h�tte, h�tte er keine Antwort gegeben.</p><p>Polina sah, dass das Cottage aus einem einzigen Raum mit f�nf gro�en Fenstern bestand, eines in jeder Wand und ein weiteres in der Decke. In diesem Studio gab es keinerlei M�bel. Wahrscheinlich a� und schlief Jessichin direkt auf dem Boden.</p><p>Im �brigen kam die Besucherin nicht dazu, den Raum einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, so verbl�fft war sie von den W�nden und der Decke dieser wunderlichen Behausung.</p><p>Alle Fl�chen mit Ausnahme des Bodens und der Fenster waren mit Leinwand bespannt, die fast vollst�ndig mit �lfarben bemalt war. Die Decke stellte den Nachthimmel dar, so genau und �berzeugend, dass man, w�re nicht die quadratische Fensterscheibe gewesen, durch die vom Sonnenuntergang zart gef�rbte Wolken zu sehen waren, sich leicht h�tte t�uschen lassen und meinen k�nnen, das Haus habe �berhaupt kein Dach. An der Wand zur Nordseite hin war der Kiefernwald abgebildet, an der Wand nach Osten der zum Fluss und zu den Meiereien hin sanft geneigte Abhang, die Wand nach Westen hin zeigte die Wiese und die beiden Nachbarcottages, und die Wand nach S�den Buschwerk. Es war nicht schwer zu bemerken, dass der K�nstler mit verbl�ffender Genauigkeit die Landschaft ringsum abgebildet hatte. Nur schien sie bei Jessichin viel ausdrucksvoller und weitr�umiger, das durchs Fenster zu sehende Original wirkte dagegen wie eine blasse Kopie der gemalten Landschaft.</p><p>�Er begeistert sich gerade f�r Landschaften�, erkl�rte Donat Sawwitsch halblaut, und er deutete auf den K�nstler, der mit dem R�cken zu den Ank�mmlingen an der Wand zur Ostseite hin stand und konzentriert mit einem kleinen Pinsel �ber die Leinwand fuhr, ohne sich umzusehen. �Momentan arbeitet er an dem Zyklus �Tageszeiten�. Sehen Sie: Hier ist der Sonnenaufgang, hier der Morgen, hier der Mittag, hier der Abend, und an der Decke die Nacht. Die Hauptsache ist, dass man rechtzeitig die Leinwand wechselt, sonst beginnt er ein neues Bild direkt auf dem alten. Ich habe in all den Jahren eine bedeutende Sammlung angelegt � eines Tages werde ich damit alle Ausgaben f�r die Klinik bestreiten k�nnen�, scherzte Korowin. �Und wenn nicht ich, dann meine Nachfolger.�</p><p>Vorsichtig n�herte sich die Lissizyna dem Genie, das an der �Abendwand� arbeitete, von der Seite her, um Jessichin besser betrachten zu k�nnen.</p><p>Sie sah ein hageres, unaufh�rlich Grimassen schneidendes Profil, grau melierte, schmutzige Str�hnen, die in die Stirn hingen, einen speckigen Kittel, einen feinen Speichelfaden, der von einer welken Lippe herunterlief.</p><p>Das Bild selbst machte bei n�herer Betrachtung auf die Besucherin einen ebenso unangenehmen, wenn auch unleugbar starken Eindruck. Ohne jeden Zweifel war es ein geniales Werk: Die erleuchteten Fenster der beiden gemalten Cottages, der Mond �ber ihren D�chern, die dunklen Silhouetten der Kiefern atmeten Geheimnis, Grauen und Sterben � es war nicht einfach eine Abendstimmung, sondern ein allumfassender Abend, Vorbote ewiger Finsternis und ewigen Schweigens.</p><p>�Warum ersch�ttert uns das Unangenehme und H�ssliche in der Kunst mehr als die Sch�nheit, die den Blick erfreut?� Polina Andrejewna erschauerte. �In der Natur kommt das nie vor, dort gibt es auch Abscheuliches, doch nur als Hintergrund f�r das Sch�ne.�</p><p>�Sie sprechen �ber das Werk des Himmlischen Sch�pfers, die Kunst aber ist das Werk irdischer Sch�pfer�, erwiderte der Doktor, der die Bewegungen des Pinsels verfolgte. �Da haben Sie eine weitere Best�tigung daf�r, dass K�nstler ihren Stammbaum vom aufr�hrerischen Engel des Satans herleiten. Konon Petrowitsch!� Er erhob pl�tzlich die Stimme und klopfte dem Maler auf die Schulter. �Was soll denn das darstellen?�</p><p>Die Lissizyna sah, dass ein wenig abseits von einem der Cottages, in gleicher H�he mit dem Dach, etwas Eigenartiges gemalt war: eine unnat�rlich lang gezogene Gestalt in einem oben spitz zulaufenden schwarzen Kittel, auf langen, d�nnen Beinen, die aussahen wie Spinnenbeine. Unwillk�rlich blickte die junge Dame aus dem Fenster, doch dort konnte sie nichts Derartiges entdecken.</p><p>�Das ist ein M�nch�, bemerkte Polina Andrejewna mit unschuldiger Stimme. �Aber ein etwas seltsamer.�</p><p>�Das ist nicht blo� ein M�nch, sondern der schwarze M�nch, die Hauptsehensw�rdigkeit von Kanaan�, nickte Donat Sawwitsch. �Sie haben wahrscheinlich von ihm geh�rt. Eines verstehe ich nicht . . .�Er klopfte dem K�nstler noch einmal auf die Schulter, diesmal kr�ftiger. �Konon Petrowitsch!�</p><p>Der aber dachte �berhaupt nicht daran, sich umzudrehen, und Frau Lissizyna machte sich innerlich bereit. Eine gl�ckliche Verkettung von Umst�nden schien ihr die Aufgabe zu erleichtern. Warm, sehr warm!</p><p>�Der schwarze M�nch?�, fragte sie. �Das Gespenst von Wassilisk, das angeblich auf dem Wasser wandelt und alle erschreckt?�</p><p>Korowin machte ein finsteres Gesicht, weil er sich �ber den starrsinnigen K�nstler �rgerte.</p><p>�Nicht nur das. Er hat auch noch angefangen, mir neue Patienten zu verschaffen.�</p><p>Noch w�rmer!</p><p>�Konon Petrowitsch, ich rede mit Ihnen! Und wenn ich eine Frage stelle, gehe ich nicht eher, als bis ich eine Antwort habe�, sagte der Doktor streng. �Soll das hier Wassilisk sein? Wer hat Ihnen von ihm erz�hlt? Sie reden doch mit niemandem au�er mit mir. Woher wissen Sie von ihm?�</p><p>Ohne sich umzudrehen, brummte Jessichin:</p><p>�Ich wei� nur, was meine Augen sehen.�</p><p>Er tippte kurz mit dem kleinen Pinsel an die schwarze Gestalt und Polina Andrejewna schien es, diese schwanke leicht, als k�nne sie im Wind ihr Gleichgewicht kaum halten.</p><p>�Neue Patienten?� Die Besucherin warf Korowin von der Seite her einen Blick zu. �Wohl auch interessante?�</p><p>�Ja, aber sehr schwere F�lle. Besonders einer, ein richtiger Junge noch. Er hockt im Palmenhaus, nackt wie der Urvater Adam, daher wage ich nicht, ihn Ihnen zu zeigen. Schnell fortschreitende traumatische Idiotie � er siecht vor unseren Augen dahin. Er l�sst niemanden in seine N�he, nimmt keine Nahrung von den Pflegern an. Er isst, was auf den B�umen w�chst, aber wie lange kann man von Bananen und Ananas leben? Noch eine Woche, im h�chsten Falle zwei, und er stirbt � wenn ich keine Heilmethode finde. Aber leider ist mir das bis jetzt nicht gelungen.�</p><p>�Und der Zweite?�, fragte die neugierige Dame. �Ebenfalls Idiotie?�</p><p>�Nein, Entropose. Eine sehr seltene Erkrankung, die dem Autismus sehr nahe kommt, aber nicht angeboren, sondern erworben ist. Eine Heilmethode hat die Wissenschaft bislang noch nicht. Dabei war er ein ausgesprochen kluger Mann, ich habe ihn kennen gelernt, als er noch bei vollem Verstand war . . . Aber leider ist er innerhalb eines Tages � besser gesagt in einer Nacht � zum Wrack geworden.�</p><p>Hei�! Ach, wie gl�cklich sich alles f�gte!</p><p>Frau Lissizyna seufzte:</p><p>�In einer Nacht? Was ist ihm denn nur zugesto�en?�</p></section><section><title><p>Der arme Tropf Berditschewski</p></title><p>�Der Mann wurde Opfer einer Halluzination, die durch vorhergehende Ereignisse sowie durch eine allgemeine krankhafte Anf�lligkeit seiner Natur ausgel�st wurde und einen Schock hervorrief. In der ersten Zeit hat der Patient viel und leidenschaftlich geredet, daher ist mir die Natur der Erscheinung mehr oder weniger klar. Berditschewski (so hei�t dieser Mann) ging aus irgendeinem Grunde mitten in der Nacht in ein verlassenes Haus, in dem k�rzlich ein Ungl�ck passiert ist. Auf sehr empfindsame Menschen �ben solche Orte eine ganz besondere Wirkung aus. Ich werde Ihnen nicht alle fantastischen Einzelheiten wiedergeben, die man von diesem Haus erz�hlt, sie sind nicht so wichtig. Doch Berditschewskis Halluzination ist �beraus typisch: Ihm erschien Wassilisk, und danach sah er sich lebendig in einen zugenagelten Sarg gelegt. Ein klassischer Fall von �berlagerung einer thanatophoben Depression durch eine pr�pubert�re mystische Psychose, die selbst bei sehr gebildeten Leuten stark verbreitet ist. Ausl�ser f�r das Wahngebilde waren vermutlich irgendwelche realen Ereignisse. Dort in der H�tte stand wirklich ein Sarg auf dem Tisch, den der fr�here Bewohner des Hauses f�r sich gezimmert hatte, der aber nicht benutzt worden war. Das Zusammenspiel von Dunkelheit, Knarren, Schattenspiel und diesem schockierenden Gegenstand � all das f�hrte bei Berditschewski zu einem Raptus.�</p><p>Frau Lissizyna lauschte dieser klugen, mit wunderlichen Termini gespickten Lektion mit gr��ter Aufmerksamkeit. Der K�nstler hingegen m�hte sich weiterhin an seiner Leinwand ab und bekundete nicht das geringste Interesse an der Erz�hlung, ja, er schien sie kaum zu h�ren.</p><p>�Wie bitte, er sah in dem dunklen Zimmer einen leeren Sarg und ist auf der Stelle �bergeschnappt?�, fragte Polina Andrejewna ungl�ubig.</p><p>�Schwer zu sagen, was dort tats�chlich geschehen ist. Ohne jeden Zweifel hat Berditschewski etwas �hnliches wie einen epileptischen Anfall gehabt. Er muss wohl �ber den Boden gerollt sein und sich an irgendwelchen Ecken und Ger�tschaften gesto�en und in Kr�mpfen gewunden haben. Seine H�nde waren verschrammt, die N�gel abgebrochen und die Finger voller Splitter, am Hinterkopf hatte er eine Beule, die B�nder am linken Sprunggelenk waren �berdehnt, und er hatte sich eingen�sst, was ebenfalls typisch ist f�r einen epileptischen Anfall.�</p><p>Die Zuh�rerin konnte ihre Erregung nicht verbergen und bat:</p><p>�Lassen Sie uns an die frische Luft gehen. Diese W�nde erdr�cken mich . . .�</p><p>�Also ist dieser Ungl�ckliche vollkommen verr�ckt?�, fragte sie leise beim Hinausgehen.</p><p>�Wer, der K�nstler?�</p><p>�Nein, Berditschewski.�</p><p>Donat Sawwitsch breitete die Arme aus:</p><p>�Sehen Sie, bei einer Entropose zieht sich der Mensch Tag f�r Tag mehr in sich zur�ck, er reagiert mit der Zeit nicht mehr auf das, was um ihn herum vorgeht. Eine andere Bezeichnung f�r diese Krankheit lautet Petrose, weil der Kranke sich allm�hlich gleichsam in einen Stein verwandelt. Berditschewski hat infolge der Ersch�tterung einen vollkommenen Pers�nlichkeitszerfall erlitten. Aber schlimmer noch ist, dass er weiterhin nachts Halluzinationen hat. Er hat Angst, allein zu bleiben, also habe ich ihn im Cottage Nummer sieben untergebracht, wo ein anderer interessanter Patient wohnt, der seiner Besch�ftigung nach Wissenschaftler ist, ein Physiker. Er hei�t Sergej Nikolajewitsch Ljampe. Er ist ein gutm�tiger Mensch, ein Engel geradezu, und daher hat er nichts gegen den Hausgenossen einzuwenden. Sie kommen ausgezeichnet miteinander aus. Ljampe stellt mit Berditschewski irgendwelche klugen Experimente an, die im �brigen v�llig harmlos sind, und beide sind zufrieden.�</p><p>Polina Andrejewna tat, als habe sich ihre sprunghafte Aufmerksamkeit nun dem verr�ckten Physiker zugewandt:</p><p>�Noch ein interessanter Patient? Ach, bitte erz�hlen Sie!�</p><p>Sie kamen auf die Wiese und blieben stehen. Das Tageslicht war beinahe verd�mmert, in den Cottages und Klinikgeb�uden brannte hier und da schon das Licht.</p><p>�Sergej Nikolajewitsch Ljampe ist wahrscheinlich auch ein Genie, wie Jessichin. Nur muss Jessichin sein Genie nicht mit Worten unter Beweis stellen � wenn er ein Bild malt, ist alles sofort klar. Ljampe hingegen ist Wissenschaftler, zudem betreibt er merkw�rdige Forschungen, die an Scharlatanerie grenzen. Da bedarf es einleuchtender und m�glichst beredter Erkl�rungen. Das Schlimme ist aber, dass Sergej Nikolajewitsch an einer ausgesprochen schweren Diskursivit�tsst�rung leidet.�</p><p>�Woran bitte?� Die Lissizyna verstand nicht.</p><p>�Eine St�rung der zusammenh�ngenden Rede. Einfach ausgedr�ckt, seine Worte k�nnen mit den Gedanken nicht mithalten. Was er sagt, ist beinahe unm�glich zu verstehen. Selbst ich kann in neun von zehn F�llen nicht erraten, was er genau sagen will. Nun, und die anderen halten ihn ohnehin f�r einen Idioten. Doch Ljampe ist ganz und gar kein Idiot. Er hat das Gymnasium mit Auszeichnung abgeschlossen und war der Jahrgangsbeste an der Universit�t. Nur hat er nicht wie alle anderen studiert, sondern auf seine ganz besondere Weise: Er durfte alle Examina schriftlich ablegen, man hat f�r ihn eine Ausnahme gemacht.�</p><p>�Und worin besteht sein Genie?� Polina Andrejewna verfolgte behutsam ihr Ziel. �Was sind das f�r Versuche, die er anstellt mit diesem, wie hei�t er noch gleich � Boguslawski?�</p><p>�Berditschewski�, verbesserte der Doktor. �Wenn Jessichin ein Genie des B�sen ist, dann ist Ljampe zweifellos ein Genie des Guten. Er hat die Theorie, dass alles um uns herum von unsichtbaren Strahlen durchdrungen ist und dass jeder Mensch eine Emanation aus verschiedenen Farben und Schattierungen verstr�mt. Sergej Nikolajewitsch hat viele Jahre f�r die Erfindung eines optischen Instruments aufgewandt, das imstande w�re, diese Aura zu erkennen und zu analysieren.�</p><p>�Und was ist das f�r eine Aura?�, fragte die Lissizyna, die das Gespr�ch vorl�ufig noch nicht wieder auf Berditschewski bringen wollte.</p><p>�Am meisten interessiert Sergej Nikolajewitsch die Emanation der Moral.� Korowin l�chelte, aber nicht sp�ttisch, sondern eher gutm�tig. �Irgendwelche wertvollen orangeroten Strahlen, an denen man seelische Vornehmheit und Gutherzigkeit erkennen kann. Ljampe behauptet, wenn man lernen w�rde, diese Emanation zu sehen, g�be es keine b�sen Men-sehen auf der Welt, weil diesen n�mlich kein anderer Ausweg bliebe, als in sich die Strahlung des Orangespektrums zu entwickeln.�</p><p>�Was f�r ein au�ergew�hnlicher Mensch!�, verk�ndete die Besucherin energisch. �Ich muss ihn unbedingt sehen, koste es, was es wolle! Er soll meine orangefarbene Emanation untersuchen!�</p><p>Der Doktor zog seine Uhr aus der Tasche.</p><p>�Nun, Ljampe wird Sie wohl kaum untersuchen. Erstens sch�tzt er Frauen nicht �berm��ig, und zweitens hat er einen strikten Tagesablauf. Um diese Zeit macht er seine Versuche, wenn ich mich nicht t�usche. Wollen Sie sich das ansehen? Es ist ohnehin gleich nebenan. Da vorne ist es, Cottage Nummer sieben.�</p><p>�Sehr gerne!�</p><p>�Gut, ich erf�lle Ihre Bitte. Und hinterher erf�llen Sie mir eine Bitte, abgemacht?�</p><p>Korowins Augen funkelten listig.</p><p>�Welche?�</p><p>�Das sage ich Ihnen nachher�, l�chelte Donat Sawwitsch. �Keine Angst, ich verlange nichts Schlimmes von Ihnen.�</p><p>Sie waren unterdessen bei einem pr�chtigen zweist�ckigen Blockhaus im Alpenstil angelangt, das mit einer breiten Treppe und einem gemei�elten Schornstein auf dem sanft abfallenden Dach versehen war.</p><p>An der T�r gab es weder einen Klopfer noch eine Klingel oder eine Glocke. Seltsamer aber noch erschien Polina Andrejewna, dass keine T�rklinke vorhanden war � ihr war unklar, wie man eine solche T�r �ffnen sollte.</p><p>Der Doktor erkl�rte es ihr:</p><p>�Sergej Nikolajewitsch lebt nach dem Prinzip: �Ich brauche keine Fremden, ich freue mich immer �ber Freunde.� Das hei�t, ein Fremder kann klopfen, solange er will, und kommt nicht hinein, aber die Freunde, die das Geheimnis kennen, k�nnen einfach so, ohne Voranmeldung, eintreten.�</p><p>Er dr�ckte an der Seite auf einen unauff�lligen Knopf, und die T�r sprang federnd auf.</p><p>�Das ist ja entz�ckend!�, rief Frau Lissizyna begeistert aus, als sie das Vorzimmer betrat.</p><p>�Linker Hand befindet sich der Eingang ins Schlafzimmer, rechter Hand der zum Laboratorium. Die Treppe f�hrt in den ersten Stock, dort ist das Observatorium, wo das Opfer der mysteri�sen Vorg�nge, Herr Berditschewski, sich zeitweilig niedergelassen hat. Wir m�ssen also nach rechts.�</p><p>Die Beleuchtung im Laboratorium war ungew�hnlich: An der Wand �ber einem Tisch, der mit allerlei komplizierten Instrumenten unbekannten Verwendungszwecks �bers�t war, brannte ein grelles elektrisches Licht, doch der l�ngliche, metallene Lampenschirm verhinderte, dass das Licht gestreut wurde, sodass alle anderen Ecken des recht ger�umigen Laboratoriums im dichten Schatten versanken.</p><p>Im Raum herrschte eine Unordnung, die kaum zuf�llig entstanden war, sondern absichtlich herbeigef�hrt sein musste. Am Boden lagen B�cher, eine Sanduhr, Papierfetzen, einige sorgsam ausgehobene, quadratische Rasenplatten, irgendwelche Steine. Der Physiker selbst, ein kleines M�nnchen mit zottigem Haar, sa� bei der Lampe auf einem Stuhl. Der einzige Sessel war mit einem gro�en Haufen Lumpen belegt, sodass die Ank�mmlinge sich nirgendwo niederlassen konnten.</p><p>�Ja, ja�, sagte Ljampe anstelle einer Begr��ung. �Wozu?�</p><p>Er blickte die unbekannte Dame an und runzelte die Stirn. Dann wiederholte er:</p><p>�Wozu?�</p><p>Korowin f�hrte seine Begleiterin n�her heran.</p><p>�Frau Lissizyna hier hat den Wunsch ge�u�ert, Sie kennen zu lernen. Sie m�chte das Spektrum ihrer Emanation erfahren. Schauen Sie sie doch einmal durch Ihre bemerkenswerte Brille an. Wie finden Sie die orangerote Strahlung?�</p><p>Der Physiker brummte undeutlich, aber offenkundig ver�rgert vor sich hin:</p><p>�Sie haben keine. Nur aus dem Scho�. Reproduktionsautomaten. Kein Gehirn. Himbeerrote, himbeerrote, himbeerrote. Alles Gehirn ist nur einer zuteil geworden, Mascha.�</p><p>�Mascha? Welche Mascha?�, fragte Polina Andrejewna, die gespannt zugeh�rt hatte.</p><p>Ljampe winkte ab, ohne sie zu beachten, und sprang auf Korowin zu:</p><p>�Orange kommt sp�ter. Nicht zu denen. Emanation des Todes, das habe ich gesagt. Mascha und Toto! Nur schlimmer! Tausendmal! Ach, warum denn, warum!�</p><p>�Ja, ja.� Donat Sawwitsch nickte ihm freundlich zu wie einem Kind. �Ihre neue Emanation. Ich w�rde gern wissen, was Ihnen an der vorherigen nicht gepasst hat? Wenigstens haben Sie sich nicht so aufgeregt. Sie haben mir schon von der Emanation des Todes erz�hlt, ich erinnere mich. Ich hoffe, Sie erinnern sich auch noch, wie das damals ausging.�</p><p>Das M�nnchen verstummte sofort, wich j�h vor dem Doktor zur�ck, sprang zur Seite und presste die Hand auf den Mund.</p><p>�Na sehen Sie, so ist es besser�, sagte Korowin. �Wie laufen die Versuche mit Ihrem getreuen Sancho Pansa? Wo ist er �brigens? Oben?�</p><p>Polina Andrejewna begriff, dass es um Berditschewski ging, und hielt den Atem an.</p><p>�Ich bin hier�, erklang aus dem Halbdunkel die ihr wohl bekannte, nur seltsam tr�ge Stimme von Matwej Benzionowitsch.</p><p>Das, was die Lissizyna f�r einen nachl�ssig auf den Sessel geworfenen Haufen alter Lumpen gehalten hatte, bewegte sich und sprach weiter:</p><p>�Guten Tag, gn�diger Herr. Guten Tag, gn�dige Frau. K�nnen Sie mir verzeihen, dass ich Sie nicht fr�her begr��t habe? Ich dachte nicht, dass meine bescheidene Anwesenheit f�r irgendjemanden Bedeutung haben k�nnte. Sie, gn�diger Herr, sagten �Sancho Pansa�. Das ist aus einem Roman des spanischen Schriftstellers Miguel Cervantes. Sie meinten mich damit. Um Christi willen, verzeihen Sie, dass ich nicht aufstehe. Ich habe �berhaupt keine Kraft. Ich wei�, wie unh�flich das ist, besonders in Gegenwart einer Dame. Verzeihen Sie, verzeihen Sie. Es gibt keine Vergebung . . .�</p><p>Matwej Benzionowitsch entschuldigte sich noch eine ganze Zeit lang in diesem kl�glichen, verlorenen Tonfall, den Polina Andrejewna noch nie zuvor bei ihm vernommen hatte. Mit einem Ruck drehte sie den Lampenschirm herum, sodass der Mann im Sessel vom Lichtkegel erfasst wurde, und st�hnte auf.</p><p>Wie furchtbar ver�ndert war der scharfsichtige, energische Stellvertreter des Gouvernements-Staatsanwalts! In seinem K�rper schien kein einziger Knochen mehr zu sein � sein R�cken war ganz krumm, die Schultern hingen herab, die H�nde lagen willenlos auf den Knien. Seine heftig blinzelnden Augen blickten v�llig ausdruckslos, die Lippen bewegten sich immerzu und stammelten zahllose, allm�hlich leiser werdende Entschuldigungen.</p><p>�Mein Gott, was ist Ihnen zugesto�en?�, schrie die Lissizyna entsetzt und lie� s�mtliche spitzfindigen Pl�ne au�er Acht.</p><p>Als sie das Cottage Nummer sieben betrat, war Polina Andrejewna darauf vorbereitet, dass Matwej Benzionowitsch, der sie auch fr�her schon als �Moskauer Adlige� gesehen hatte, seine alte Bekannte erkennen w�rde, und sie hatte sich f�r diesen Fall eine glaubw�rdige Erkl�rung zurechtgelegt, doch nun war offensichtlich, dass ihre Bef�rchtungen vergebens gewesen waren. Berditschewski wandte seinen Blick langsam der jungen Dame zu, blinzelte und erkl�rte h�flich:</p><p>�Mir ist eine sehr unangenehme Sache zugesto�en. Ich habe den Verstand verloren. Verzeihen Sie, aber da kann man nichts machen. Es ist mir wirklich sehr unangenehm. Verzeihen Sie, um Christi willen . . .�</p><p>Korowin trat zu dem Kranken, packte seine schlaffe Hand und f�hlte den Puls.</p><p>�Ich bin es, Doktor Korowin. Sie k�nnen mich nicht vergessen haben, wir haben uns erst heute Morgen gesehen.�</p><p>�Jetzt erinnere ich mich�, sagte Berditschewski langsam und nickte wie ein Holzklotz. �Sie sind der Leiter dieser Einrichtung. Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht sofort erkannt habe. Ich wollte Sie nicht kr�nken. Ich wollte niemanden kr�nken. Noch nie. Verzeihen Sie mir, wenn Sie k�nnen.�</p><p>�Ich verzeihe Ihnen�, unterbrach Donat Sawwitsch ihn hastig, und an seine Begleiterin gewandt erkl�rte er: �Wenn man ihm nicht Einhalt gebietet, wird er sich stundenlang entschuldigen. Das sind die unersch�pflichen Abgr�nde eines universalen Schuldbewusstseins.� Er beugte sich �ber den Patienten und hob mit dem Finger ein Augenlid an. �Hm, tja. Sie haben wieder schlecht geschlafen. Weshalb, wieder Wassilisk?�</p><p>Matwej Benzionowitsch r�hrte sich nicht, versuchte nicht einmal, sein offen stehendes Lid zu schlie�en, und begann zu weinen � leise, kl�glich, untr�stlich.</p><p>�Ja. Er hat zum Fenster hereingeschaut, geklopft und mir gedroht. Er kommt und raubt meinen Verstand. Mir ist doch jetzt schon fast nichts mehr geblieben, aber er kommt immer wieder. . .�</p><p>�Zu Anfang habe ich ihn dr�ben auf dem Diwan schlafen lassen�, Korowin wies auf eine dunkle Ecke. �Doch der schwarze M�nch begann, nachts bei Herrn Berditschewski ans Fenster zu klopfen. Dann habe ich ihm oben ein Bett machen lassen, im Observatorium. Zwei N�chte hatten wir Ruhe, und jetzt, Sie sehen es, sind Wassilisk Fl�gel gewachsen, und er kommt ohne weiteres bis in den ersten Stock.�</p><p>�Ja�, schluchzte der stellvertretende Staatsanwalt. �Er schert sich nicht darum. Ich habe die magische Formel gerufen, und da hat er sich zur�ckgezogen und ist einfach verschwunden.�</p><p>�Immer noch die gleiche Formel? �Ich glaube, oh Herr�</p><p>�Ja.�</p><p>�Na sehen Sie, Sie haben gar nichts zu bef�rchten. Wassilisk f�rchtet sich vor Ihrer magischen Formel.�</p><p>Berditschewski fl�sterte mit zitternder Stimme:</p><p>�In der Nacht kommt er wieder, raubt mir noch den letzten Verstand. Und dann vergesse ich, wer ich bin. Ich verwandle mich in ein Tier. Das bereitet Ihnen eine Menge Unannehmlichkeiten, Sie sind schlie�lich kein Veterin�r, Sie behandeln keine Tiere. Ich bitte schon im Voraus um Entschuldigung . . .�</p><p>�Hm, ja�, seufzte Donat Sawwitsch und rieb sich entmutigt das Kinn. �Ich kann ihm nat�rlich zur Nacht ein Morpheogenum verabreichen, aber wer wei�, was er dann tr�umt. Vielleicht etwas viel Schlimmeres . . . Was soll ich nur machen?�</p><p>Polina Andrejewna zerriss es vor Mitgef�hl mit dem Kranken das Herz, aber wie man ihm helfen konnte, wusste sie nicht.</p><p>�Morpheogenum ist Unsinn�, brummte Ljampe. �Zu mir. Und ganz einfach. Zu zweit. Mir ist es egal, er hat keine Angst.�</p><p>�Sollen wir sein Bett in Ihrem Schlafzimmer aufschlagen? Wollen Sie das sagen?� Korowin fuhr zusammen. �Warum nicht, wenn er nichts dagegen hat, ist das vielleicht ein Ausweg.�</p><p>�He, Sie!�, rief der Physiker Berditschewski zu, als sei dieser taub. �Wollen Sie bei mir? Aber ich schnarche.�</p><p>Der Kranke tastete hastig nach den Armlehnen, erhob sich aus dem Sessel und fuchtelte mit den H�nden. Die weinerliche Apathie wurde pl�tzlich von h�chster Erregung abgel�st:</p><p>�Das m�chte ich sehr gerne! Ich werde Ihnen ungew�hnlich, beispiellos dankbar sein! Mit Ihnen bin ich beruhigt! Schnarchen Sie, so viel Sie wollen, Herr Ljampe, das ist sogar noch besser! Ich bin Ihnen so dankbar, so dankbar!�</p><p>�Zum Teufel mit Ihrer Dankbarkeit!�, schrie Ljampe drohend. �Den Terror mit H�flichkeit � davonjagen!�</p><p>Matwej Benzionowitsch wollte sich f�r seine H�flichkeit entschuldigen, doch der Physiker schrie nur noch energischer auf ihn ein, und der Kranke verstummte.</p><p>Als der Doktor und seine Besucherin sich verabschiedeten, fragte der �bergeschnappte Ermittler Frau Lissizyna sch�chtern:</p><p>�Haben wir uns nicht schon einmal getroffen? Nein? Verzeihen Sie, verzeihen Sie. Ich habe mich wohl get�uscht. Das ist mir so unangenehm. Seien Sie mir nicht b�se . . .�</p><p>Polina Andrejewna fing vor Mitleid beinahe an zu weinen.</p></section><section><title><p>Ein Skandal</p></title><p>Auf dem R�ckweg sah Frau Lissizyna bek�mmert und nachdenklich aus, der Doktor hingegen war anscheinend nach wie vor bester Laune. Hin und wieder warf er mit einem r�tselhaften L�cheln einen Blick auf seine Begleiterin, und einmal rieb er sich sogar die H�nde, wie in der Vorfreude auf etwas Interessantes oder Angenehmes.</p><p>Schlie�lich brach Donat Sawwitsch das Schweigen:</p><p>�Nun, Polina Andrejewna, ich habe Ihre Bitte erf�llt und Ihnen Ljampe gezeigt. Jetzt sind Sie an der Reihe. Erinnern Sie sich an unsere Abmachung? Eine Hand w�scht die andere.�</p><p>�Wie kann ich denn meine Schulden bei Ihnen begleichen?�, fragte die Lissizyna, die ein listiges Funkeln in den Augen des Psychiaters bemerkt hatte.</p><p>�Das ist ganz einfach. Bleiben Sie zum Abendessen bei mir. Nein, wahrhaftig�, f�gte Korowin eilig hinzu, als er bemerkte, dass ein Schatten �ber das Gesicht der Dame lief, �es wird ein ganz unschuldiger Abend, au�er Ihnen ist noch eine Person eingeladen. Und mein Koch ist ausgezeichnet, ma�tre Armand aus Marseille. Er h�lt nichts von der Klosterk�che, und f�r heute hat er Filet vom jungen Lamm mit einer delizi�sen Sauce versprochen, au�erdem Zander mit Krebsschw�nzen gef�llt, Pastetchen Mignon und viele andere schmackhafte Dinge. Danach bringe ich Sie in die Stadt zur�ck.�</p><p>Die unerwartete Einladung kam Polina Andrejewna sehr gelegen, doch sie sagte nicht sogleich zu.</p><p>�Was f�r eine Person?�</p><p>�Eine sch�ne, �beraus schillernde junge Dame�, erwiderte der Doktor mit einem undurchsichtigen L�cheln. �Ich bin sicher, Sie werden Gefallen aneinander finden.�</p><p>Frau Lissizyna hob das Gesicht zum Himmel, sah den Mond an, der hinter den B�umen hervorgekrochen kam, und �berlegte.</p><p>�Nun denn, gef�llter Zander � das klingt verlockend.�</p><p>Sie hatten noch nicht an dem f�r drei Personen gedeckten Tisch Platz genommen, als die �schillernde junge Dame� eintraf.</p><p>Von drau�en erklang leichtes Hufgetrappel, Pferdegeschirr klirrte, und gleich darauf betrat ein sch�nes junges M�dchen (vielleicht auch eine junge Dame) in einem schwarzen Seidenkleid ungest�m das Speisezimmer. Sie schob ihren federleichten Schleier zur�ck und rief klangvoll: �Andre!�, stockte aber, als sie sah, dass noch eine dritte Person im Zimmer war.</p><p>Die Lissizyna erkannte in der st�rmischen jungen Dame dieselbe Person, die an der Anlegestelle auf Kapit�n Jonas gewartet hatte, und auch die Sch�ne erinnerte sich zweifellos an sie. Die feinen Z�ge verzerrten sich, wie damals am Anleger, zu einer Grimasse, nur war diese jetzt noch feindseliger. Die Nasenfl�gel erbebten, die schmalen Brauen zogen sich �ber der Nasenwurzel zusammen, und in den (nach Polina Andrejewnas Meinung sogar �berproportional) gro�en Augen funkelten b�se Fl�mmchen.</p><p>�Nun sind alle versammelt!�, verk�ndete Donat Sawwitsch fr�hlich und erhob sich. �Darf ich bekannt machen � Lidia Jewgenjewna Borejko, die sch�nste der Jungfrauen Kanaans, und das ist Polina Andrejewna Lissizyna, Pilgerin aus Moskau.�</p><p>Die rothaarige Dame nickte der Schwarzhaarigen mit einem �beraus freundlichen L�cheln zu, das aber nicht erwidert wurde.</p><p>�Andre, ich habe Sie tausendmal gebeten, mir nicht immer meinen scheu�lichen Familiennamen ins Ged�chtnis zu rufen!�, rief Frau Borejko mit einer Stimme, die ein Mann wahrscheinlich als klingend beschrieben h�tte, wohingegen Frau Lissizyna sie als unangenehm schrill empfand.</p><p>�Was ist denn Scheu�liches an dem Namen Borejko?� fragte Polina Andrejewna mit einem noch zuvorkommenderen L�cheln, und als wolle sie ausprobieren, wie es klang, wiederholte sie: �Borejko, Borejko . . . Ein ganz gew�hnlicher Name.�</p><p>�Das ist es ja gerade�, erkl�rte der Doktor mit ernsthafter Miene. �Wir k�nnen alles* Gew�hnliche nicht ertragen, es ist vulg�r. Lidia Jewgenjewna � das h�rt sich melodisch an, vornehm. Sagen Sie�, wandte er sich an die Dunkelhaarige, immer noch mit derselben respektvollen Miene, �warum tragen Sie immer Schwarz? Tragen Sie Trauer um Ihr Leben?�</p><p>Polina Andrejewna fing an zu lachen und wusste Korowins Belesenheit zu w�rdigen, Lidia Jewgenjewna jedoch erkannte das aus einem modernen Theaterst�ck stammende Zitat anscheinend nicht.</p><p>�Ich trauere darum, dass es auf der Welt keine echte Liebe mehr gibt�, erwiderte sie d�ster, w�hrend sie sich zu Tisch setzte.</p><p>Die Mahlzeit war in der Tat k�stlich, der Doktor hatte nicht zu viel versprochen. Polina Andrejewna, die den ganzen Tag nichts gegessen hatte, w�rdigte die Tartelettes mit fein geschnittenen Artischocken ebenso nach Geb�hr wie die Pastetchen mit Kalbsherz oder die winzigen canap�s royaux � wie von Zauberhand leerte sich ihr Teller, um von neuem mit Speisen gef�llt zu werden und alsbald wieder leer vor ihr zu stehen.</p><p>In einem aber hatte Korowin sich get�uscht: Die Frauen fanden offenkundig kein Gefallen aneinander.</p><p>Besonders deutlich war das Lidia Jewgenjewnas Verhalten zu entnehmen. Sie nippte kaum an dem moussierenden Wein, r�hrte die Speisen �berhaupt nicht an und betrachtete ihr Visavis mit unverh�llter Abneigung. In ihrer normalen Rolle als Nonne h�tte Polina Andrejewna gewiss ein Mittel gefunden, um das Herz der feindseligen jungen Dame mit wahrhaft christlicher Demut zu r�hren, doch die Rolle einer Dame der Gesellschaft rechtfertigte ein ganz anderes Benehmen.</p><p>Es zeigte sich, dass Frau Lissizyna die britische Kunst des looking down vorz�glich beherrschte, das hei�t, auf jemanden herabzusehen � selbstverst�ndlich im �bertragenen Sinne, denn Mademoiselle Borejko war gr��er als sie. Das hinderte Polina Andrejewna jedoch nicht daran, sie �ber ihre hochm�tig erhobene sommersprossige Nase hinweg zu betrachten und von Zeit zu Zeit mit den Brauen ein kaum merkliches Erstaunen anzudeuten, das, wenn es von einer nach der letzten Mode gekleideten Dame aus der Hauptstadt kam, das Herz jeder Provinzlerin empfindlich verletzen musste.</p><p>�Diese Puff�rmel sind ganz reizend�, sagte die Lissizyna dann etwa, wobei sie mit dem Kinn auf Lidia Jewgenjewnas Schultern wies. �Ich selbst habe sie fr�her hei� geliebt. Es ist h�chst bedauerlich, dass man in Moskau jetzt eng anliegende �rmel tr�gt.�</p><p>Unvermittelt beachtete sie die Br�nette, die vor Wut ganz blass war, �berhaupt nicht mehr, und sie begann, sich mit dem Hausherrn ausf�hrlich �ber Literatur zu unterhalten � ein Thema, bei dem Frau Borejko nicht mitreden wollte oder konnte.</p><p>Den Doktor schien diese vor seinen Augen stattfindende unblutige Schlacht �beraus zu am�sieren, und er goss noch �l ins Feuer.</p><p>Zun�chst hielt er eine Lobrede auf rote Haare, die nach seinen Worten ein zuverl�ssiges Anzeichen f�r einen au�ergew�hnlichen Charakter seien. Polina Andrejewna horte das sehr gerne, doch unter den Blicken von Lidia Jewgenjewna, die ihr die von Donat Sawwitsch hochger�hmten �Feuerlocken� wohl mit Vergn�gen einzeln ausgerissen h�tte, zuckte sie unwillk�rlich zusammen.</p><p>Selbst der pr�chtige Appetit der Moskauer Pilgerin diente Korowin als Anlass f�r ein Kompliment. Als er bemerkte, dass Polina Andrejewnas Teller schon wieder leer war, gab Donat Sawwitsch dem Lakaien ein Zeichen und sagte:</p><p>�Mir haben Frauen, die sich nicht zieren, sondern gut und mit Vergn�gen essen, schon immer gefallen. Das ist ein untr�gliches Zeichen echter Lebensfreude. Nur eine Frau, die Geschmack am Leben findet, ist in der Lage, einem Manne Gl�ck zu schenken.�</p><p>Mit dieser Bemerkung fand die Mahlzeit ein abruptes, ja st�rmisches Ende.</p><p>Lidia Jewgenjewna schleuderte ihre blitzende, von keiner Ber�hrung mit Speisen befleckte Gabel von sich und schlug die H�nde zusammen wie ein verletzter Vogel seine Fl�gel.</p><p>�Peiniger! Folterknecht!�, schrie sie so laut, dass das Kristall auf dem Tisch klirrte. �Warum qu�lst du mich! Und sie, sie . . .�</p><p>Mit einem stechenden Blick auf Frau Lissizyna st�rzte Lidia Jewgenjewna aus dem Zimmer. Der Doktor dachte gar nicht daran, ihr hinterherzulaufen � im Gegenteil, seine Miene trug den Ausdruck v�lliger Zufriedenheit.</p><p>Polina Andrejewna war von diesem letzten Blick der exaltierten jungen Dame � einem Blick, in dem w�tender, verzehrender Hass brannte � so ersch�ttert, dass sie sich fragend an Korowin wandte.</p><p>�Verzeihen Sie.� Der Doktor zuckte die Schultern. �Ich erkl�re Ihnen gleich, was dieser Auftritt zu bedeuten hat. . .�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, erwiderte die Lissizyna kalt, w�hrend sie sich erhob. �Verschonen Sie mich mit Ihren Erkl�rungen. Ich verstehe jetzt nur allzu gut, dass Sie diesen Ausgang des Gespr�chs vorausgesehen und meine Anwesenheit f�r mir nicht bekannte, aber �ble Zwecke benutzt haben.�</p><p>Donat Sawwitsch sprang auf und blickte jetzt nicht mehr zufrieden, sondern best�rzt.</p><p>�Ich schw�re Ihnen, es ist nichts �bles daran! Das hei�t, einerseits bin ich nat�rlich schuldig vor Ihnen, dass . . .�</p><p>Polina Andrejewna lie� ihn nicht ausreden:</p><p>�Ich werde Ihnen nicht zuh�ren. Leben Sie wohl.�</p><p>�Warten Sie! Ich habe versprochen, Sie in die Stadt zur�ckzubringen. Wenn . . . wenn meine Gesellschaft Ihnen so unangenehm ist, dann fahre ich nicht mit, aber gestatten Sie wenigstens, Ihnen die Equipage zur Verf�gung zu stellen!�</p><p>�Ich brauche nichts von Ihnen. Ich kann Intriganten und Manipulanten nicht ertragen�, entgegnete die Lissizyna ver�rgert, bereits im Vorzimmer, und sie warf sich ihren Mantel �ber die Schultern. �Sie brauchen mich nicht wegzubringen. Irgendwie komme ich schon selbst zur�ck.�</p><p>�Aber es ist schon sp�t, und es ist dunkel!�</p><p>�Das macht nichts. Ich habe geh�rt, dass es auf Kanaan keine Verbrecher gibt, und vor Erscheinungen habe ich keine Angst.�</p><p>Sie wandte sich stolz um und ging hinaus.</p></section><section><title><p>Eine aus dem Kriegsvolk</p></title><p>Als sie Korowins Haus verlassen hatte, beschleunigte Polina Andrejewna ihren Schritt. Hinter den B�schen setzte sie die Kapuze auf, sie schlug die Mantelenden fest �bereinander und war beinahe unsichtbar in der Finsternis. Selbst wenn Korowin gewollt h�tte, w�re es nicht einfach gewesen, seine zart besaitete Besucherin in der Herbstnacht ausfindig zu machen.</p><p>Um die Wahrheit zu sagen: Polina Andrejewna war keineswegs gekr�nkt �ber den Doktor, und es bliebe noch zu kl�ren, wer wen im Laufe des ungl�cklich verlaufenen Abendessens ausgenutzt hatte. Zweifellos hatte der Doktor seine eigenen Gr�nde, die schwarz�ugige Sch�nheit zu erz�rnen, doch auch Frau Lissizyna hatte nicht ohne Grund die Rolle der arroganten Dame aus der Hauptstadt gespielt. Alles war genauso gekommen, wie sie es beabsichtigt hatte: Polina Andrejewna befand sich v�llig allein mitten auf dem Klinikgel�nde und hatte v�llige Handlungsfreiheit. Deswegen hatte sie zuvor den Umhang gegen den langen Mantel eingetauscht, in dem man sich so bequem in der Dunkelheit bewegen und nahezu unsichtbar bleiben konnte.</p><p>Das Ziel des Angriffs, der den Skandal und den Streit provoziert hatte, war erreicht. Nun stand ihr eine weniger schwierige Aufgabe bevor � im Wald das Palmenhaus ausfindig zu machen, wo der ungl�ckliche Aljoscha Lentotschkin zwischen tropischen Gew�chsen hauste. Sie musste ihn allein sehen, ohne Zeugen und vor allem ohne den Leiter der Heilanstalt.</p><p>Frau Lissizyna blieb auf der Allee stehen und versuchte, sich zu orientieren.</p><p>Vorhin, als sie mit Donat Sawwitsch zum Haus des verr�ckten K�nstlers gegangen war, hatte sie rechts �ber der Hecke eine gl�serne Kuppel gesehen � wahrscheinlich war das das Palmenhaus.</p><p>Aber wo war die Stelle? Hundert Schritt entfernt? Oder zweihundert?</p><p>Polina Andrejewna ging weiter und starrte in die Dunkelheit.</p><p>Hinter einer Wegbiegung hervor kam ihr pl�tzlich jemand mit schnellem, ruckartigem Gang entgegen, und die Kundschafterin konnte gerade noch zur�ckweichen und sich reglos gegen die Str�ucher dr�cken.</p><p>Der Jemand, hoch aufgeschossen und mit geb�ckter Haltung, schlenkerte mit seinen langen Armen. Pl�tzlich blieb er zwei Schritte von der Frau entfernt stehen und murmelte:</p><p>�Also. Noch einmal, und deutlicher: Die Endlosigkeit des Universums bedeutet eine endlose Wiederholbarkeit von Varianten zur Reihung von Molek�len, und das bedeutet, dass die durch mich bestimmte Reihung von Molek�len noch unz�hlige Male wiederholt wird, und daraus folgt, dass ich nicht allein im Universum bin, sondern dass es mich in endloser Menge gibt, und wer genau aus dieser Menge sich jetzt hier befindet, ist absolut unm�glich zu bestimmen . . .�</p><p>Noch einer aus Doktor Korowins Sammlung �interessanter Menschen�, erriet die Lissizyna. Der Patient nickte sich befriedigt zu und schritt vorbei.</p><p>Er hatte sie nicht bemerkt. Uff!</p><p>Polina Andrejewna holte tief Luft und ging weiter.</p><p>Was blinkte denn da rechter Hand im Mondlicht? Es sah aus wie ein Glasdach. Das Palmenhaus?</p><p>Es war das Palmenhaus, ein riesiges Geb�ude � ein richtiger Glaspalast.</p><p>Leise quietschte die durchsichtige, fast unsichtbare T�r, und der Lissizyna schlugen seltsame D�fte, Feuchtigkeit und W�rme entgegen. Sie machte ein paar Schritte auf einem kleinen Weg, blieb mit dem Fu� irgendwo h�ngen, an einem Schlauch oder einer Liane, und streifte mit der Hand irgendwelche Stacheln.</p><p>Sie schrie auf vor Schmerz und lauschte.</p><p>Stille.</p><p>Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und rief:</p><p>�Alexej Stepanowitsch!�</p><p>Nichts, kein Rascheln.</p><p>Sie versuchte es lauter:</p><p>�Alexej Step anowitsch! Aljoscha! Ich bin es, Pelagia!�</p><p>Was raschelte denn da in der N�he? Waren das Schritte?</p><p>Sie lief schnell in die Richtung, aus der das Ger�usch kam, und schob Zweige und Halme auseinander.</p><p>�So antworten Sie doch! Wenn Sie sich verstecken, kann ich Sie nicht finden!�</p><p>Ihre Augen gew�hnten sich allm�hlich an die Dunkelheit, die doch nicht so undurchdringlich war. Ein blasses Licht sickerte ungehindert durch das Glasdach, wurde von den breiten, gl�nzenden Bl�ttern zur�ckgeworfen, funkelte in den Tautropfen und verdichtete die bizarren Schatten.</p><p>�Ah-ah!� Polina Andrejewna stie� einen erstickten Schrei aus und fasste sich ans Herz.</p><p>Direkt vor ihrer Nase hing, leicht hin � und herschaukelnd, ein vollkommen nacktes, mageres menschliches Bein, das im matten Glanz des Mondes sahnigwei� schimmerte.</p><p>Und da, wenige Zoll daneben, aber nicht mehr im Licht, sondern im Schatten, baumelte auch das zweite Bein.</p><p>�Mein Gott, mein Gott. . .� Frau Lissizyna bekreuzigte sich, wagte aber nicht, den Kopf zu heben � sie wusste ja, was sie dort sehen w�rde: einen Erh�ngten mit aufgerissenen Augen, herausquellender Zunge und lang gerecktem Hals.</p><p>Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und tippte vorsichtig an das Bein � war es schon erkaltet?</p><p>Das Bein zuckte pl�tzlich zur�ck, von oben erklang ein Kichern, und mit einem Schrei, der noch durchdringender war als der vorherige, sprang Polina Andrejewna zur�ck.</p><p>Aljoscha Lentotschkin hing nicht, nein, er sa� auf dem dicken, ausladenden Zweig eines unbekannten Baumes und schlenkerte sorglos mit den Beinen. Sein Gesicht war vom hellen Mondlicht �bergossen, doch Polina Andrejewna erkannte den Cherub von fr�her fast nicht mehr, so abgemagert war er. Seine wirren Haare hingen verfilzt herab, seine Wangen hatten die kindlichen Rundungen verloren, Schl�sselbeine und Rippen standen hervor wie die Metallspitzen bei einem aufgespannten Regenschirm.</p><p>Frau Lissizyna wandte hastig den Blick ab, der unwillk�rlich weiter nach unten geglitten war als erlaubt, sch�mte sich aber gleich darauf: Vor ihr stand kein Mann, sondern ein ungl�ckliches, schwaches Wesen, nicht mehr das �berm�tige H�ndchen, das den nachsichtigen Vater Mitrofani angekl�fft hatte, sondern ein ausgesetztes Wolfsjunges � hungrig, krank, r�udig.</p><p>�Das kitzelt�, sagte Alexej Stepanowitsch und kicherte wieder.</p><p>�Komm runter, Aljoschenka, komm herunter�, bat sie, obwohl sie Lentotschkin fr�her immer nur mit Vor � und Vatersnamen und mit �Sie� angeredet hatte. Doch unter diesen Umst�nden, da es um den Verstand des Jungen so traurig bestellt und er obendrein v�llig nackt war, w�re es eigenartig gewesen, solche F�rmlichkeiten zu wahren.</p><p>�Na komm schon.� Polina Andrejewna streckte ihm beide Arme entgegen. �Ich bin es, Schwester Pelagia. Erkennst du mich?�</p><p>In fr�heren Zeiten hatten Alexej Stepanowitsch und die geistliehe Tochter des Bischofs gegenseitig eine starke Abneigung empfunden. Ein � oder zweimal hatte der k�hne J�ngling sogar versucht, sich mit der Nonne einen �blen Scherz zu erlauben, daraufhin aber eine unerwartet heftige Abfuhr erhalten, und seither hatte er so getan, als beachte er sie �berhaupt nicht mehr. Doch jetzt ging es nicht um die fr�here Rivalit�t oder dumme alte Rechnungen. Polina Andrejewna zerriss es das Herz vor Mitleid.</p><p>�Hier, sieh mal, was ich dir mitgebracht habe�, sagte sie freundlich, wie zu einem kleinen Jungen; aus ihrem Handarbeitsbeutel, den sie um den Hals h�ngen hatte, holte sie die Tartelettes, Canap�s und Pastetchen hervor, die sie w�hrend des Essens geschickt von ihrem Teller hatte mitgehen lassen. Doktor Korowins Besucherin hatte also doch keinen so gewaltigen Appetit.</p><p>Der entbl��te Faun sog gierig den Geruch ein und sprang herunter. Er konnte das Gleichgewicht nicht halten, schwankte und fiel hin.</p><p>Er ist ja ganz schwach, seufzte Polina Andrejewna, und sie fasste den Jungen um die Schultern.</p><p>�So, nun iss!�</p><p>Sie musste Alexej Stepanowitsch nicht lange bitten. Gierig packte er zwei Pastetchen auf einmal und stopfte sie sich in den Mund. Er hatte sie noch nicht hinuntergeschluckt, als er die Hand wieder ausstreckte.</p><p>Noch eine Woche, h�chstens zwei, und er stirbt, erinnerte die Lissizyna sich an die Worte des Arztes, und sie biss sich auf die Lippen, um nicht in Tr�nen auszubrechen.</p><p>Und was n�tzte es nun, dass sie ihre Findigkeit unter Beweis gestellt und sich hierher durchgeschlagen hatte? Wie konnte sie ihm helfen? Denn es war offensichtlich, dass Lentotschkin sie bei ihren Nachforschungen nicht w�rde unterst�tzen k�nnen.</p><p>�Gedulden Sie sich, mein armer Junge�, sagte sie und strich �ber seine wirren Haare. �Wenn es sich um R�nke des Teufels handelt, ist Gott st�rker. Wenn es sich aber um Intrigen b�ser Menschen handelt, dann werde ich sie aufdecken. Ich werde Sie ganz bestimmt retten. Ich verspreche es!�</p><p>Der Sinn der Worte war dem Verr�ckten wohl kaum begreiflich, aber der sanfte, freundliche Ton fand einen Widerhall in seiner verirrten Seele. Aljoscha schmiegte den Kopf an die Brust seiner Tr�sterin und fragte leise:</p><p>�Kommst du auch wieder? Bitte komm. Sonst holt er mich bald. Kommst du wieder?�</p><p>Polina Andrejewna nickte schweigend. Sprechen konnte sie nicht, die mit letzter Kraft zur�ckgehaltenen Tr�nen stiegen ihr die Kehle hoch.</p><p>Erst als sie das Palmenhaus verlassen hatte und ein wenig in das W�ldchen hineinging, lie� sie ihren Gef�hlen freien Lauf. Sie setzte sich direkt auf den Boden und weinte um sie alle: um den ungl�cklichen Lentotschkin, um den apathischen, niedergeschlagenen Matwej Benzionowitsch, um Lagrange, der sich umgebracht hatte, und um das �beranstrengte, kranke Herz von Bischof Mitrofani. Sie weinte lange, eine halbe Stunde, oder vielleicht auch eine Stunde, aber sie konnte sich noch immer nicht beruhigen.</p><p>Der Mond stand schon hoch am Himmelsgew�lbe, irgendwo im Wald schrie ein Uhu, in den Fenstern der Cottages erloschen die Lichter, eines nach dem anderen, aber die verkleidete Nonne vergoss noch immer ihre Tr�nen.</p><p>Der unbekannte, aber schreckliche Gegner war ein schlauer Bursche, und jeder Schlag zog einen entsetzlichen, nicht wieder gutzumachenden Verlust nach sich. Das tapfere Heer des Sawolshsker Bischofs � Verteidiger des Guten, J�ger des B�sen � war geschlagen, und der Heerf�hrer selbst lag von einer schweren, vielleicht t�dlichen Krankheit ans Bett gefesselt darnieder. Von Mitrofanis ganzem Kriegsvolk war nur sie, eine schwache, schutzlose Frau, noch unversehrt. Die ganze Last der Verantwortung lag nun auf ihren Schultern, und sie konnte nicht den R�ckzug antreten.</p><p>Dieser erschreckende Gedanke lie� ihre Tr�nen nicht noch heftiger flie�en, wie es eigentlich h�tte sein m�ssen, sondern paradoxerweise versiegen. Frau Lissizyna steckte das feuchte Taschentuch ein, erhob sich und ging durch das Buschwerk weiter.</p></section><section><title><p>Nachts in der Wohnst�tte des Leidens</p></title><p>Es war jetzt leichter, sich auf dem Klinikgel�nde zu bewegen: Polina Andrejewna hatte bereits eine bessere Vorstellung von seiner Geografie, und der Mond stand hell leuchtend hoch am Himmel. Die Kriegerin wunderte sich fl�chtig �ber das milde Klima, das der Insel selbst im November so klare, laue N�chte bescherte, und begab sich frischen Mutes zun�chst zum Haus des Klinikherrn.</p><p>Doch die Fenster in der wei�en, mit einer Kolonnade geschm�ckten Villa waren dunkel, der Doktor schlief schon. Die Lissizyna stand eine Weile davor und lauschte, h�rte aber nichts Besonderes und ging weiter.</p><p>Nun f�hrte sie ihr Weg zum Cottage Nummer drei, zu der Behausung des verr�ckten K�nstlers.</p><p>Jessichin schlief nicht: Sein Haus war erleuchtet, und hinter dem hellen Rechteck eines Fensters huschte hin und wieder ein unruhiger Schatten vorbei.</p><p>Polina Andrejewna umrundete das Cottage, um von der gegen�berliegenden Seite aus hineinzusp�hen.</p><p>Sie warf einen Blick hinein.</p><p>Konon Petrowitsch lief hastig an der Wand entlang und malte Mondflecke, die die Erde sprenkelten, auf das �Abend�-Bild. Das Gem�lde war nunmehr vollendet, und in seiner Vollendung stand es dem Zauber des echten Abends in nichts nach, ja, es �bertraf diesen vielleicht sogar. Doch Frau Lissizyna interessierte lediglich der Teil der Leinwand, wo der K�nstler die l�ngliche schwarze Silhouette auf Spinnenbeinen gemalt hatte. Poli-na Andrejewna blickte sie lange an, als versuche sie, eine knifflige R�tselaufgabe zu l�sen.</p><p>Dann steckte Jessichin den Pinsel in seinen G�rtel und kletterte auf eine Stehleiter, die mitten im Raum aufgebaut war. Die Beobachterin presste Wange und Nase gegen die Scheibe, um zu erkennen, was der K�nstler da oben machen w�rde.</p><p>Konon Petrowitsch ging nach der Vollendung des �Abends� sogleich daran, die �Nacht� zu Ende zu malen, ohne sich die kleinste Atempause zu g�nnen.</p><p>Die Lissizyna sch�ttelte den Kopf und gab die Beobachtung auf.</p><p>Der n�chste Punkt auf ihrer Route war das Cottage Nummer sieben, nebenan, wo der Physiker Ljampe mit seinem Gast wohnte.</p><p>Auch hier schlief man noch nicht. In allen Fenstern im Erdgeschoss brannte Licht. Polina Andrejewna erinnerte sich: Das Schlafzimmer lag links vom Eingang, das Laboratorium rechts. Matwej Benzionowitsch befand sich wahrscheinlich im Schlafzimmer.</p><p>Sie hielt sich mit den H�nden am Fensterbrett fest, stemmte den Fu� gegen einen Mauervorsprung und sp�hte hinein.</p><p>Sie sah zwei Betten. Das eine war zugedeckt und leer. Neben dem anderen brannte eine Lampe, in den hoch aufget�rmten Kissen befand sich ein Mann in halb sitzender, halb liegender Lage, der seinen Kopf nerv�s bald nach links, bald nach rechts drehte. Berditschewski!</p><p>Die Kundschafterin reckte den Hals, um zu sehen, ob Ljampe im Zimmer war, und dabei streifte der Verschluss ihrer Kapuze mit einem leichten Klirren die Fensterscheibe; es war kaum zu h�ren, doch Matwej Benzionowitsch zuckte zusammen und wandte sich zum Fenster. Sein Gesicht verzerrte sich vor Schreck. Der stellvertretende Staatsanwalt machte eine krampfhafte Bewegung mit dem Unterkiefer, als wolle er einen Schrei aussto�en, doch dann rollte er mit den Augen und lie� bewusstlos den Kopf aufs Kissen sinken.</p><p>Ach, wie dumm! Polina Andrejewna schrie vor �rger auf. Als der ungl�ckliche Kranke im Fenster die schwarze Silhouette mit der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze erblickte, musste er nat�rlich annehmen, ihm sei erneut Wassilisk erschienen. Sie musste Matwej Benzionowitsch diesen Irrtum erkl�ren, selbst wenn es ein Risiko war.</p><p>Sie versuchte nicht weiter, sich zu verbergen, sondern presste das Gesicht gegen die Scheibe, �berzeugte sich davon, dass der Physiker nicht im Schlafzimmer war, und schritt zur Tat.</p><p>Das Fenster war nat�rlich verriegelt, doch f�r die Turnlehrerein war das angelehnte L�ftungsfensterchen v�llig ausreichend.</p><p>Die Lissizyna lie� den Mantel zu Boden fallen, da er ihre Bewegungsfreiheit einengte, und vollbrachte ein wahres Wunder an Gelenkigkeit, als sie sich blitzschnell durch die schmale �ffnung wand. Sie st�tzte sich mit den Fingern auf der Fensterbank ab, vollf�hrte einen bemerkenswerten Purzelbaum in der Luft (wobei ihr Rock sich zu einer unziemlichen Glockenform aufbl�hte, aber es gab ja keine Zeugen) und landete geschickt auf dem Boden. Sie machte nur sehr wenig L�rm. Polina Andrejewna wartete, ob nicht im Korridor Schritte erklangen, doch nein, es war alles gut gegangen. Der Physiker war wohl zu sehr abgelenkt von seinen merkw�rdigen Experimenten.</p><p>Sie zog einen Stuhl ans Bett und strich dem Kranken behutsam �ber die eingefallenen Wangen, die gelbliche Stirn und die gequ�lt zusammengekniffenen Lider. Sie befeuchtete ein Tuch mit Wasser aus einem Glas, das auf dem Nachttisch stand, und rieb dem Kranken die Schl�fen ab. Seine Wimpern zuckten.</p><p>�Matwej Benzionowitsch, ich bin es, Pelagia�, fl�sterte sie, dicht an sein Ohr geneigt.</p><p>Er schlug die Augen auf, erblickte das sommersprossige Gesicht mit den besorgt aufgerissenen Augen und l�chelte.</p><p>�Schwester . . . Was f�r ein sch�ner Traum . . . Ist der Bischof auch hier?�</p><p>Berditschewski drehte den Kopf, offenbar in der Hoffnung, auch Vater Mitrofani zu sehen. Als er ihn nicht entdeckte, klagte er missmutig;</p><p>�Wenn ich nicht schlafe, ist es schlimm. Am besten w�re es, gar nicht mehr aufzuwachen.�</p><p>�Gar nicht mehr aufwachen � so ein Unsinn.� Polina Andrejewna strich dem armen Kerl noch immer �ber das Gesicht. �Aber es w�rde Ihnen gut tun, wenn Sie jetzt ein wenig schlafen k�nnten. Schlie�en Sie die Augen, atmen Sie tief durch. Sie werden sehen, dann erscheint Ihnen auch der Bischof im Traum.�</p><p>Matwej Benzionowitsch kniff gehorsam die Augen zusammen, atmete tief und eifrig � offenbar w�nschte er sich sehr, vom Bischof zu tr�umen.</p><p>Vielleicht ist doch nicht alles so schlimm, sagte sich Polina Andrejewna, um sich zu tr�sten. Wenn ich sage, wer ich bin, erkennt er mich. Und an den Bischof erinnert er sich auch.</p><p>Frau Lissizyna behielt die T�r im Auge und warf einen Blick in den Nachttisch. Nichts Bemerkenswertes: Taschent�cher, ein paar leere Blatt Papier, ein Portemonnaie. Im Portemonnaie Geld und eine Fotografie seiner Frau.</p><p>Daf�r fand sich unter dem Bett eine gelbe Reisetasche aus Schweinsleder. Am Schloss hing ein kleines Kupferschild mit dem Namen F. S. Lagrange. Darin befand sich das von Berditschewski gesammelte Untersuchungsmaterial: das Protokoll von Lagranges Leichenschau, Alexej Stepanowitschs Brief an den Bischof, der in einen Lappen eingewickelte Revolver (Polina Andrejewna sch�ttelte nur den Kopf � sch�n dumm von Korowin, das musste man sagen, dass er keine Zeit gefunden hatte, einen Blick auf die Sachen des Patienten zu werfen), und noch zwei andere Gegenst�nde unbekannter Herkunft: ein wei�er Handschuh mit einem kleinen Loch und ein schmutziges Batistt�chlein.</p><p>Die Reisetasche beschloss die Lissizyna mitzunehmen � wozu brauchte Berditschewski sie noch? Sie sah sich um, ob es im Zimmer sonst noch etwas gab, was sie gebrauchen k�nnte. Auf dem Nachttisch von Ljampes Bett sah sie ein dickes Heft. Sie z�gerte kurz, nahm es dann an sich, trug es zur Lampe und begann, es durchzubl�ttern.</p><p>O weh, es war unm�glich, von all diesen Formeln, Tabellen und K�rzeln etwas zu verstehen. Auch war die Handschrift des Physikers nicht deutlicher, als seine Art zu reden. Polina Andrejewna seufzte entt�uscht und schlug das Titelblatt auf. Als eine Art Motto stand dort mehr oder weniger leserlich geschrieben:</p><cite><p>Messen, was messbar ist � messbar machen, was nicht messbar ist.</p><text-author>G. Galilei</text-author></cite><p>Jetzt war es aber genug!</p><p>Die ungebetene Besucherin legte das Heft wieder an seinen Platz und kletterte durch das L�ftungsfenster zur�ck. Zuerst warf sie die Reisetasche hinaus (es war nichts darin, was kaputtgehen konnte), dann zw�ngte sie sich selbst hindurch.</p><p>Der Abstand zum Erdboden drau�en war gr��er als der zu den Dielen im Zimmer, doch der Purzelbaum gereichte ihr wieder zur Ehre. Die biegsame Springerin landete wohlbehalten in der Hocke, richtete sich auf und sch�ttelte den Kopf: Nach dem hell erleuchteten Schlafzimmer schien ihr die Nacht undurchdringlich, und wie zum Trotz hatte sich auch noch der Mond hinter einer Wolke verkrochen.</p><p>Frau Lissizyna beschloss zu warten, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gew�hnt hatten, und st�tzte sich mit der Hand an der Mauer ab. Doch mit Polina Andrejewnas Geh�r war alles in Ordnung, und als sie hinter ihrem R�cken ein Ger�usch vernahm, drehte sie sich schnell um.</p><p>Ganz in der N�he, vielleicht einen Klafter entfernt, tauchte eine schmale schwarze Gestalt aus dem Dunkel auf. Frau Lissizyna, vor Schreck ganz starr, erkannte deutlich eine spitz zulaufende Kapuze mit Sehschlitzen und bemerkte, wie die unheimliche Silhouette sich um die eigene Achse drehte, woraufhin ein Pfeifen die Luft zerschnitt und von der Seite her ein mit aller Kraft gef�hrter Schlag auf ihren Sch�del niedersauste.</p><p>Polina Andrejewna st�rzte hint�ber und fiel r�cklings auf die Reisetasche von Lagrange.</p></section><section><title><p>Neue S�nden</p></title><p>Erst am n�chsten Morgen konnte die Lissizyna das ganze Ausma� des erlittenen Schadens erkennen.</p><p>Wie lange sie ohnm�chtig an der Mauer von Cottage Nummer sieben gelegen hatte, bevor sie vor K�lte wieder zu sich gekommen war, wusste sie nicht mehr. Taumelnd und sich den Kopf haltend hatte sie sich ins Hotel geschleppt, sie konnte sich nicht erinnern, wie. Ohne sich auszuziehen, war sie auf das Bett gesunken und sofort in einen tiefen, an Bewusstlosigkeit grenzenden D�mmerzustand gefallen.</p><p>Sie erwachte sp�t, kurz vor Mittag, und setzte sich an ihren Toilettentisch, um sich im Spiegel zu betrachten.</p><p>Ein sch�ner Anblick! Es war unbegreiflich, wie die k�rperlose Erscheinung, noch dazu aus einem Klafter Entfernung, Polina Andrejewna so hatte zu Boden werfen k�nnen, doch der Schlag gegen die Schl�fe und auf den Sch�del war sehr real gewesen: Seitlich vom linken Auge befand sich eine riesige, blutunterlaufene Schwellung, die sich nach unten und oben hin beinahe �ber die ganze Gesichtsh�lfte ausbreitete.</p><p>Der Kummer �ber ihre Verunstaltung lie� sogar die Erinnerung an den schrecklichen mysteri�sen Vorfall verblassen und in den Hintergrund treten.</p><p>Verzagt wandte Frau Lissizyna dem Spiegel ihr unversehrtes Profil zu und betrachtete es schr�g von der Seite � es sah ganz anst�ndig aus. Dann aber blickte sie wieder von vorn in den Spiegel und st�hnte. Und von der linken Seite betrachtet sah ihr Gesicht wahrscheinlich aus wie eine Aubergine.</p><p>Das war sie, die Sch�nheit des Fleisches � Staub und Moder, mit einer saftigen Ohrfeige als Preis, sagte sich Polina Andrejewna, und sie dachte an ihren nur vor�bergehend aufgegebenen Stand als Nonne. Der Gedanke war richtig, ja l�blich, doch brachte er ihr keinen Trost.</p><p>Vor allem � wie sollte sie in diesem Zustand auf die Stra�e gehen? Sie konnte doch nicht eine Woche lang im Zimmer sitzen, bis der blaue Fleck verschwunden war!</p><p>Sie musste sich etwas �berlegen.</p><p>Schwer seufzend und mit einem schlechten Gewissen holte die Lissizyna eine Kosmetikgarnitur aus dem Koffer � ein weiteres Geschenk der Reiseagentur �Cook and Kantorowicz�, das man ihr zusammen mit dem bereits erw�hnten Handarbeitsbeutel �berreicht hatte. Nur hatte die Pilgerin die Kosmetik, im Unterschied zu dem praktischen Beutelchen, nat�rlich nicht benutzen wollen. Sie hatte sie einer weltlichen Frau schenken wollen, aber daraus w�rde nun nichts werden.</p><p>Eine sch�ne Nonne, kein Zweifel, sagte sich Polina Andrejewna in Gedanken, als sie den h�sslichen blauen Fleck �berpuderte. Und obendrein beneidete sie die Br�netten: Diese hatten eine dicke, br�unliche Haut, die schnell heilte, f�r Rothaarige mit ihrer blassen Haut hingegen waren blaue Flecken einfach eine Katastrophe.</p><p>Es sah trotz allem schlimm aus, selbst mit der Kosmetik. Im lasterhaften Petersburg oder im leichtsinnigen Moskau konnte man sich in diesem Zustand wahrscheinlich noch auf der Stra�e zeigen, vor allem, wenn man einen Schleier trug, doch im frommen Ararat war nicht daran zu denken � man wurde m�glicherweise sogar gesteinigt, wie es der Dirne im Evangelium fast widerfahren w�re.</p><p>Was sollte sie machen? Gepudert konnte sie das Haus nicht verlassen, und ohne Puder, mit dem blauen Fleck, erst recht nicht. Aber es war keine Zeit zu verlieren.</p><p>Sie �berlegte hin und her, und schlie�lich fiel ihr etwas ein.</p><p>Sie zog ein ganz einfaches Kleid aus schwarzem Tibetstoff an. Dann h�llte sie den Kopf in ein Pilgertuch, das sie so tief wie m�glich ins Gesicht zog, bis zu den Augenwinkeln. Den noch sichtbaren Teil des blauen Flecks �berpuderte sie. Wenn man nicht allzu genau hinsah, fiel der Fleck kaum auf.</p><p>Sie huschte zum Ausgang und bedeckte die Wange mit dem Tuch. Die gelbe Reisetasche hatte sie bei sich � sie wagte nicht, sie im Zimmer zur�ckzulassen. Man wei� ja, wie Hotelangestellte sind � �berall stecken sie ihre Nase hinein, w�hlen in den Sachen. Gott beh�te, dass sie den Revolver oder das Protokoll der Leichenschau finden w�rden. Die Tasche war keine allzu gro�e Last und zog ihr nicht die Arme herunter.</p><p>Auf der Stra�e hielt die Pilgerin den Blick gesenkt, und sie ging ruhig und dem�tig bis zu dem zentralen Platz, an dem sie gestern ein kleines Gesch�ft f�r Klosterbekleidung gesehen hatte.</p><p>Bei dem als Verk�ufer t�tigen M�nch kaufte sie f�r drei Rubel f�nfundsiebzig Kopeken das Gewand eines Klosterbruders: ein K�ppchen, einen leichten baumwollenen Leibrock, einen Stoffg�rtel. Um keinen Verdacht zu erregen, sagte sie, sie kaufe die Sachen als Geschenk f�r das Kloster. Der Verk�ufer wunderte sich keineswegs, die Pilger kauften h�ufig Gew�nder f�r die Ordensbr�der, eben daf�r war das Gesch�ft ja da.</p><p>Also hatte Polina Andrejewna sich eine neue Maskerade ausgedacht, noch unziemlicher und l�sterlicher als die erste. Aber was h�tte sie denn tun sollen? Au�erdem war ihr eben erst eingefallen, dass sie sich als bescheidener M�nch verkleidet noch ungehinderter w�rde bewegen k�nnen.</p><p>Sie lie� sich die neue Idee durch den Kopf gehen und hielt Ausschau nach einem geeigneten Ort, wo sie sich w�rde umkleiden k�nnen. Sie spazierte durch weniger belebte Stra�en und blickte sich nach allen Seiten um.</p><p>Ob als Folge des Schlags oder aus Arger �ber ihr verunstaltetes �u�eres, jedenfalls war Frau Lissizyna heute nerv�s und unruhig. Seit sie das Hotel verlassen hatte, versp�rte sie ein eigenartiges, mit Worten schwer zu beschreibendes Gef�hl. Als sei sie nicht allein, als ginge jemand neben ihr, unsichtbar, der sie beobachtete oder sie aussp�hte. Und dieses Beobachten hatte offenkundig einen b�sen, feindseligen Zweck. Polina Andrejewna schalt sich f�r ihren Aberglauben und ihre weibliche Empfindlichkeit, blickte sich aber mehrmals um. Sie sah nichts. Einige M�nche gingen auf der Stra�e ihren Gesch�ften nach, jemand stand in einem Torbogen und las eine Kirchenzeitung, jemandem waren die Streichh�lzer heruntergefallen, und er b�ckte sich, um sie aufzuheben. Ganz gew�hnliche Passanten.</p><p>Sp�ter verga� die Lissizyna das ungute Gef�hl, weil sie einen ausgezeichneten Platz zum Umkleiden entdeckt hatte, der obendrein nur f�nf Minuten von der �Keuschen Jungfrau� entfernt lag.</p><p>An der Ecke der Uferstra�e stand ein zugenagelter Pavillon mit dem Schild: �Heiliges Wasser. Automaten�. Die Fassade war zur Promenade hin ausgerichtet, der r�ckw�rtige Teil zu einem geschlossenen Zaun.</p><p>Polina Andrejewna umrundete die Bretterbude und schl�pfte durch einen Spalt zwischen Pavillon und Zaun. Welch ein Gl�ck � die T�r war nur mit einem ganz simplen Vorh�ngeschloss versperrt. Die unternehmungslustige Dame stocherte ein wenig mit der Stricknadel darin herum (vergib, o Herr, auch diese S�nde), und schon huschte sie hinein.</p><p>Entlang der W�nde standen sperrige Metallk�sten mit kleinen Kr�nen, der Platz in der Mitte war leer. Durch die Ritzen zwischen den Brettern sickerte Licht, die Stimmen der Spazierg�nger von der Uferstra�e drangen herein. In der Tat, der Ort war hervorragend geeignet.</p><p>Die Lissizyna zog flink ihr Kleid aus. Sie �berlegte, was sie mit den langen Unterhosen machen sollte, und lie� sie an � der Leibrock war lang, man w�rde nichts sehen, zudem war es w�rmer so. Schlie�lich war es nicht mehr Juli.</p><p>Die Schuhe sahen zwar aus wie M�nnerschuhe und hatten abgerundete Spitzen, wie es die neueste Mode verlangte, aber dennoch waren sie f�r einen Klosterbruder zu stutzerhaft. Aber Polina Andrejewna rieb sie mit Staub ein und beschloss, das m�sste reichen. Frauen kennen sich im Schuhwerk f�r M�nche nicht aus, und M�nche sind M�nner und haben kein Auge f�r solche Kleinigkeiten, weshalb sie wohl kaum darauf achten w�rden.</p><p>Den Beutel mit dem Strickzeug lie� sie umgeh�ngt. Vielleicht w�rde sie irgendwo warten oder jemanden beobachten m�ssen. Viele M�nche besch�ftigten sich mit Strickarbeiten, also w�rde das keinen Verdacht erregen, und zum Klappern der Nadeln konnte man besser denken.</p><p>Sie schob den Beutel unter das Gewand, mochte er da h�ngen.</p><p>Die Reisetasche verbarg sie zwischen den Automaten. Sie zupfte die kurzen Haare unter der Kappe hervor, zog den Leibrock zurecht und rieb den Puder mit der Hand ab.</p><p>Kurzum, eine bescheidene junge Dame hatte den Pavillon betreten, und nach zehn Minuten kam ein schmaler, rothaariger junger M�nch heraus, ganz unauff�llig, wenn man nat�rlich den riesigen blauen Fleck auf der linken Gesichtsh�lfte au�er Acht lie�.</p></section><section><title><p>Lauter R�tsel</p></title><p>Wenn die Handlungen der Ermittlerin bis zu diesem Moment noch mehr oder weniger nachvollziehbar waren, so w�re jemand, dem es eingefallen w�re, der Lissizyna heimlich zu folgen, jetzt doch einigerma�en verdutzt gewesen, denn das Verhalten der Pilgerin war nun ganz und gar nicht mehr logisch.</p><p>Im �brigen m�ssen wir, um Missverst�ndnisse zu vermeiden, den Namen der Heldin unserer Erz�hlung in �bereinstimmung mit ihrem neuen �u�eren bringen, so wie es bereits einmal geschehen ist. Anders lassen sich doppeldeutige S�tze nicht vermeiden, etwa: �Polina Andrejewna warf einen Blick in die Zellen der Br�der� � dabei ist Frauen bekanntlich der Zutritt zu den inneren Klosterr�umen der M�nche strengstens untersagt. Also folgen wir im Weiteren nicht Polina Andrejewna oder der Witwe Lissizyna, sondern einem Klosterbruder, der sich, um es noch einmal zu sagen, an diesem Tag sehr merkw�rdig verhielt.</p><p>Im Verlauf von etwa zwei bis zweieinhalb Stunden, beginnend ab Mittag, konnte man den jungen M�nch in den verschiedensten Teilen der Stadt, innerhalb des Klosterbezirks und selbst in den bereits erw�hnten Zellen der Br�der antreffen. Seinem nachl�ssigen Gang nach zu urteilen schlenderte er m��ig, fast gelangweilt, umher: Bald stand er hier und h�rte zu, bald beobachtete er dort etwas. Mehrmals sprachen �ltere M�nche den herumlungernden Knaben an, einmal sogar die Friedensw�chter. Streng erkundigten sie sich, wer er sei und ob er sich den blauen Fleck nicht vielleicht von einem Betrunkenen oder bei einem Handgemenge geholt habe. Friedfertig und mit zarter Stimme erwiderte der J�ngling dann, er hei�e Pelagi und sei mit dem heiligen Walaam als Novize nach Ararat gekommen, und einen blauen Fleck habe er, weil ihm der Vater Kellermeister f�r seine Faulheit eine Lehre erteilt habe. Diese Erkl�rung stellte alle zufrieden, denn der Vater Kellermeister war f�r seine rauen Sitten bekannt, und in der Stadt und im Kloster konnte man nicht selten derart �Belehrte� antreffen � mit einem blauen Flecken den einen, mit einer Beule den anderen, mit einem abstehenden roten Ohr den Dritten. Dann verabschiedete der junge M�nch sich und ging seiner Wege.</p><p>Gegen drei Uhr nachmittags war Pelagi bei seinen Streifz�gen durch die Stadt in der N�he der Landzunge angelangt, gegen�ber der Nachbarinsel. Dieser Ort war in den vergangenen Wochen bei Pilgern und Ortsans�ssigen in Verruf geraten, weshalb das Ufer v�llig menschenleer war.</p><p>Der Klosterbruder spazierte �ber die Landzunge bis zu deren �u�erstem Ende und sprang dann von Stein zu Stein, wobei er sich immer weiter in Richtung der Insel vorwagte. Aus unerkl�rlichen Gr�nden stie� er dabei mit einem Stock, den er irgendwo aufgelesen hatte, ins Wasser. Bei einem der Findlinge sa� er lange in der Hocke und tastete mit den H�nden im kalten Wasser herum, als fange er Fische. Er fing nichts, aber er freute sich �ber irgendetwas und schlug sogar die kalten H�nde zusammen.</p><p>Er kehrte zur�ck zum Anfang der Landzunge, wo ein altes Boot vert�ut war, richtete sich daneben auf einem Stein ein und begann, sich mit den Stricknadeln zu besch�ftigen, wobei er sich hin und wieder nach allen Seiten umsah.</p><p>Recht bald schon erschien derjenige, auf den der Knabe allem Anschein nach gewartet hatte.</p><p>Auf dem Pfad, der von der alten Kapelle zum Ufer f�hrte, kam ihm ein sehr ungn�dig aussehender M�nch mit zottigem Bart, buschigen Augenbrauen, einem gro�fl�chigen, zerknitterten Gesicht und einer bl�ulichen, gro�porigen Nase entgegen.</p><p>Pelagi sprang auf, lief ihm entgegen und machte eine tiefe Verbeugung.</p><p>�Sind Sie nicht der ehrw�rdige M�nch Kleopa?�</p><p>�Bin ich.� Der M�nch warf dem jungen Kerl einen finsteren Blick zu, sch�pfte mit der Hand Wasser aus dem See und trank. �Was willst du?�</p><p>Er stie� einen leidvollen Seufzer aus, wobei er den Klosterbruder mit s�uerlichem Schnapsgeruch einh�llte, und holte dann die Ruder aus dem Geb�sch.</p><p>�Ich bin gekommen, um Euren heiligen Segen zu erbitten�, sprach Pelagi mit hoher Tenorstimme.</p><p>Bruder Kleopa wunderte sich zun�chst, war aber seiner seelischen und k�rperlichen Verfassung nach heute weniger zum Staunen als zu Reizbarkeit aufgelegt, daher schwenkte er seine wuchtige Pranke in Richtung des Jungen.</p><p>�Du machst wohl Witze? Ich werde dir einen Segen geben, du rothaariger Bengel! Gleich schlag ich dir auch noch dein zweites Auge blau!�</p><p>Der junge M�nch wich ein paar Schritte zur�ck, lief aber nicht davon.</p><p>�Aber ich wollte Ihnen mit einem halben Rubel meine Verehrung �berbringen�, sagte er, und er holte tats�chlich eine Silberm�nze aus dem �rmel und zeigte sie Kleopa.</p><p>�Gib her.�</p><p>Der F�hrmann nahm den halben Rubel, biss mit seinen vom Tabak gelben Z�hnen darauf und war zufrieden.</p><p>�Also was willst du, sag schon.�</p><p>Der Klosterbruder stammelte verlegen:</p><p>�Ich habe einen Traum. Ich will ein heiliger alter M�nch werden.�</p><p>�Alt wirst du sicher�, versprach Kleopa, den die Silberm�nze milder gestimmt hatte. �In f�nfzig Jahren bist du sowieso alt, da kannst du gar nichts machen. Wenn du nicht vorher stirbst, hei�t das. Und was die Heiligkeit angeht, so l�ufst du doch jetzt schon im Leibrock herum, dabei bist du noch ein richtiges K�ken. Wie hei�t du denn?�</p><p>�Pelagi, heiliger Vater.�</p><p>Kleopa versank in Gedanken und suchte sich offenbar die Heiligen ins Ged�chtnis zu rufen.</p><p>�Etwa zum Gedenken an den heiligen Pelagi Laodikiski, der seine rechtgl�ubige Frau �berzeugt hat, die Bruderliebe h�her als die Gattenliebe zu achten? Aber wie alt war er damals, der heilige Pelagi, du hingegen hast doch noch nichts vom Leben gesehen. Was hat dich denn zu den M�nchen verschlagen, du Trottel! Genie� dein Leben, s�ndige reichlich, und dann kannst du es abbeten, so wie es die Weisen machen. Dr�ben in der Einsiedelei� � er wies mit dem Kopf zur Insel � �Vater Israil, das ist ein gr�ndlicher Mann. Der hat sein Vergn�gen gehabt, reihenweise Frauen vernascht, und heute ist er Abt. Er hat auf Erden gut gelebt und sich im Himmel ein Pl�tzchen bei Vater und Sohn gesichert. So muss man es machen.�</p><p>Die braunen Augen des jungen M�nchs fingen an zu leuchten.</p><p>�Ach, wenn ich doch nur einen einzigen Blick auf den heiligen M�nch werfen k�nnte!�</p><p>�Setz dich hin und warte. Manchmal kommt er ans Ufer, aber selten � seine Kr�fte lassen nach. Man sieht, dass er bald auffahren wird.�</p><p>Pelagi beugte sich zu dem F�hrmann und fl�sterte:</p><p>�Wenn ich doch einmal in seine N�he d�rfte! Wenn Sie mich auf die Insel mitnehmen w�rden, Vater, w�rde ich ewig f�r Sie beten.�</p><p>Kleopa stie� den Jungen sachte beiseite und band das Tau los.</p><p>�Also das willst du! Wei�t du, was es daf�r gibt?�</p><p>�Ist es wirklich v�llig unm�glich?�, fragte der Rothaarige leise, wobei er in seiner kleinen wei�en Faust die Ecke eines Geldscheins sehen lie�.</p><p>Bruder Kleopa sah genau hin � anscheinend ein Rubel.</p><p>�Das geht nicht�, seufzte er bedauernd. �Wenn das herauskommt, muss ich in die Strafzelle. Eine Woche, vielleicht auch zwei. Ich kann nicht bei Brot und Wasser sitzen, vom Wasser schwillt mir der Kopf an.�</p><p>�Aber ich habe geh�rt, dass sich heutzutage au�er Ihnen sowieso keiner von den Br�dern auf die Insel traut. Man wird Sie nicht in die Strafzelle sperren, Vater. Wie soll es denn herauskommen? Hier ist doch niemand.�</p><p>Und damit steckte er ihm den Geldschein in die Hand, der Verf�hrer.</p><p>Kleopa nahm den Schein und betrachtete ihn gedankenverloren.</p><p>Da kam pl�tzlich, ganz wie von selbst, noch ein zweiter Geldschein hinzu.</p><p>Der rothaarige kleine Teufel hatte ihn dem F�hrmann gewaltsam zwischen die unentschlossenen Finger gestopft.</p><p>�Nur einen einzigen Blick, ja?�</p><p>Der M�nch faltete die beiden Scheine auseinander, strich sie liebevoll glatt und sch�ttelte sein graues Zottelhaar.</p><p>�Mit beiden Augen wird das bei dir ja auch nichts, hihi!�, wieherte Kleopa, sehr zufrieden mit seinem Scherz. �Wo hast du denn deine Visage so zugerichtet, he? Hast dich wohl mit den Handwerkern in der Wolle gehabt? Ein stilles Wasser, aber man sieht, dass du es faustdick hinter den Ohren hast. Ist es wegen der M�dchen? Oh, du wirst nicht lange Klosterbruder bleiben, Pelagi. Sie werden dich rausschmei�en. Sag, waren es die Handwerker? Wegen der M�dchen?�</p><p>�Ja, genau�, bekannte der junge M�nch mit gesenktem Kopf.</p><p>�So, so. �Ich will ein heiliger alter M�nch werden��, spottete Kleopa, w�hrend er sich den halben Rubel und die Geldscheine hinter den G�rtel stopfte. �Und auf die Insel willst du wohl aus �bermut? L�g nicht, sag die Wahrheit!�</p><p>�Das ist doch schlie�lich interessant.� Pelagi schneuzte sich und schl�pfte damit endg�ltig in seine neue Rolle.</p><p>�Woher hast du denn so viel Geld? Aus dem Opferstock stibitzt?�</p><p>�Nein, Vater, wo denken Sie hin! Mein Papachen ist Kaufmann. Er hat Mitleid mit mir und schickt mir manchmal Geld.�</p><p>�Kaufmann � das ist gut. Hat er dich wegen deiner Streiche ins Kloster gesteckt? Macht nichts, wenn er Mitleid hat, wird er sich auch erbarmen und dich wieder aufnehmen, warte nur. Also, Pelagi�, der F�hrmann �berflog das leere Ufer mit einem Blick und �berlegte. �Letztes Jahr ist Folgendes passiert: Ich hab mir die ganze rechte Hand an Vater Martiris Fresse aufgeschlagen � der stinkende Hund hat seine Z�hne in meine Faust geschlagen. Ich hab mir so die Hand verletzt, dass ich nicht mehr rudern konnte. Da hab ich mit Iesikil dem Feger abgemacht, dass er mir hilft: ich am einen Ruder, er am anderen . . . Drei Tage haben wir das so gemacht. Ja, so war das. Wenn man uns jetzt sieht, sag ich, dass mir wieder die Hand wehtut. Steig ein!�</p><p>Er riss einen Streifen Stoff vom Unterkleid ab und band ihn sich um die Hand.</p><p>Sie setzten sich an die Ruder und fuhren los.</p><p>�Jetzt h�r mir gut zu�, warnte Kleopa streng. �Dass du mir keinen Fu� aus dem Boot setzt! Auf die Insel darf nur ich allein. Und sperr die Ohren auf, was der M�nch sagt, mein Kopf ist l�chrig geworden, und er sagt es nicht zweimal. Manchmal habe ich seine Worte, ehrlich gesagt, schon wieder vergessen, bis ich beim Vater Wirtschafter bin. Dann erfinde ich etwas, was mir gerade so einf�llt.�</p><p>Pelagi warf beim Rudern hin und wieder einen Blick �ber die Schulter auf die langsam n�herkommende Nachbarinsel. Dort war alles leer und reglos: schwarze Steine, welkes graues Gras, Kiefern ragten auf der Spitze des H�gels in die H�he wie zu Berge stehende Haare.</p><p>Das Boot lief mit dem Bug auf Sand. Bruder Kleopa nahm den Korb mit Lebensmitteln und sprang ans Ufer. Seinem Partner drohte er mit dem Finger: Du bleibst sch�n ruhig hier sitzen!</p><p>Der Klosterbruder drehte sich auf der Bank herum, st�tzte das Kinn in die H�nde und sperrte die Augen auf � kurz, er machte sich bereit.</p><p>Er sah, wie einer der schwarzen Findlinge sich pl�tzlich bewegte, als spalte er sich in zwei Teile, einen gr��eren und einen kleineren. Der kleinere Teil richtete sich auf und sah aus wie ein kompakter schwarzer Sack, oben spitz zulaufend, unten breiter.</p><p>Langsam setzte er sich in Bewegung und kam hinunter, dem Streifen der Brandung entgegen. Pelagi erkannte zwei H�nde, einen Stab, die wei� eingefassten Kanten des Gewands, das Zeichen des Abts, und unterhalb der Kapuzenspitze einen Sch�del mit gekreuzten Knochen. Die Hand des Knaben machte ganz von selbst das Kreuzzeichen.</p><p>Mit einer ge�bten Bewegung legte der F�hrmann die mitgebrachten Dinge auf einen flachen Stein: drei kleine Brote, drei irdene T�pfe, ein S�ckchen mit Salz. Dann trat er zu dem M�nch, ber�hrte dessen gelbliche, knochige Hand fl�chtig mit den Lippen und wurde mit dem Kreuzzeichen gesegnet.</p><p>Pelagi sa� ganz zusammengekauert im Boot. Der Sch�del mit den Knochen war nat�rlich ein schauerlicher Anblick, aber am schlimmsten waren die Sehschlitze vor dem verh�llten Gesicht, durch die zwei gl�nzende Augen direkt auf den Klosterbruder blickten. Aber selbst das war dem gesichtslosen M�nch Israil noch nicht genug. Obwohl er nur mit M�he gehen konnte, kam er unmittelbar an das Boot heran, stellte sich vor den versch�chterten jungen M�nch und starrte ihn eine Weile an � er war es wohl nicht gew�hnt, neben Kleopa noch andere Abgesandte aus der Au�enwelt zu sehen.</p><p>Der F�hrmann erkl�rte:</p><p>�Ich hab mir die Hand verletzt, alleine kann ich nicht rudern.�</p><p>Der Abt nickte und starrte den Neuling weiterhin unverwandt an. Kleopa r�usperte sich und fragte:</p><p>�Wie hei�t der heutige Spruch?�</p><p>Pelagi schien, der schwarze Mann sei zusammengezuckt, als sei er aus seiner Nachdenklichkeit oder Benommenheit aufgefahren. Er wandte sich an den M�nch, und eine tiefe, heisere Stimme sprach sehr deutlich, mit Pausen zwischen den Worten:</p><p>�Jetzt l�ssest du deinen Knecht in Frieden dahingehen � Tod.�</p><p>�Oh, mein Gott!� Kleopa erschrak und bekreuzigte sich hastig. �Na warte . . .�</p><p>Er kletterte eilig ins Boot zur�ck und stie� sich dabei mit dem Fu� vom Ufer ab.</p><p>�Was bedeutet das, Onkelchen?�, fragte der Knabe, w�hrend er sich nach dem heiligen M�nch umsah, der auf seinen Stab gest�tzt reglos dastand. �Was hat er da vom Tod gesagt?�</p><p>�Dir werd ich geben � �Onkelchen�!�, fuhr Kleopa ihn besorgt an. �Leg dich ins Ruder, mach schon, los!�</p><p>Erst als sie am Ufer von Kanaan waren, erkl�rte er:</p><p>�Wenn es hei�t: Jetzt l�ssest du deinen Knecht in Frieden dahingehend dann ist einer der Eremiten gestorben. Morgen werde ich an seiner Stelle jemand anders hinfahren. Vater Ilari kann es schon kaum noch abwarten. Heute Abend wird man die Messe f�r ihn lesen und ihn zur Abdankungskapelle geleiten, wo er sich in der Einsamkeit von der Welt verabschiedet, seine Kapuze zun�ht und die L�cher hineinschneidet. Und sobald es tagt, bringe ich einen Lebenden zu den Toten hin�ber . . . Ach, wieso die Menschen blo� nicht mehr auf der Welt leben wollen!� Kleopa sch�ttelte seinen zottigen Sch�del. �Israil, das ist ein M�nch! Denk mal an, er hat schon sieben �berlebt. Er muss ordentlich ges�ndigt haben, dass der Herr ihn noch nicht zu sich l�sst. Wer von ihnen wohl gestorben ist? Feognost oder David? Was hat er noch genau gesagt?�</p><p>�Jetzt l�ssest du deinen Knecht in Frieden dahingehen � Tod��, wiederholte Pelagi. �Aber warum hat er noch �Tod� hinzugef�gt?�</p><p>Kleopa bewegte die Lippen und versuchte sich zu erinnern. Auf die Frage zuckte er nur die Schultern: Dar�ber m�ssen wir uns nicht den Kopf zerbrechen!</p><p>Nun, was gibt es noch �ber die Geschehnisse dieses Tages zu berichten?</p><p>Vielleicht sollten wir noch vom H�uschen des Bakenw�rters erz�hlen, obwohl das nun vollends unbegreiflich ist.</p><p>Nachdem Pelagi sich von dem F�hrmann verabschiedet hatte, ging er nicht sofort zur�ck in die Stadt, sondern spazierte zuerst am Ufer entlang bis zu einer einsamen H�tte, ebenjener unheimlichen H�tte, die in unserer Erz�hlung schon mehr als einmal vorkam. Von der Landzunge aus war es �berhaupt nicht weit: hundert Schritt bis zur Abdankungskapelle, und dann noch etwa hundertf�nfzig Schritt.</p><p>Der Klosterbruder umrundete das unansehnliche H�uschen und warf durch das staubige kleine Fenster einen Blick hinein. Er presste die Wange an die Scheibe und fuhr mit den Fingern �ber das grob eingeritzte Kreuz mit den drei Querbalken. Er sagte nur ein einziges Wort: �Aha.�</p><p>Dann ging er pl�tzlich in die Hocke und fing an, mit den H�nden in der Melde zu scharren. Er hob einen winzigen Gegenstand auf, hielt ihn dicht vor die Augen (das Licht des Herbsttages erlosch allm�hlich, man konnte nur noch schlecht sehen) und sagte zum zweiten Mal: �Aha.�</p><p>Von da aus ging der Knabe furchtlos zu der vernagelten T�r und r�ttelte daran. Als sich die T�r zwar knarrend, aber ziemlich leicht �ffnen lie�, musterte er aufmerksam die aus dem T�rfl�gel ragenden N�gel. Er nickte vor sich hin.</p><p>Dann ging er hinein. Im Halbdunkel war ein grob gezimmerter Tisch zu erkennen und darauf ein offener Sarg, dessen Deckel auf dem Boden lag. Der Klosterbruder betastete den Sarg hier und da, hob aus irgendeinem Grunde den Deckel auf, legte ihn an seinen Platz und klopfte von oben leicht darauf. Mit einem Knirschen fiel der Deckel zu.</p><p>Der J�ngling ging zum Fenster, wo zwei Strohs�cke lagen. Aus irgendeinem Grunde schichtete er sie aufeinander. Dann kletterte er mit einem besorgten Blick auf das schnell schw�cher werdende Licht im Fenster auf eine Bank und fuhr mit der Handfl�che �ber die glatt geschliffenen Balken an den W�nden. Er begann ganz oben, unter der Decke, fuhr �ber die folgende Reihe und ging dann tiefer und immer tiefer. Als er seine geheimnisvolle Handlung an der einen Wand beendet hatte, ging er zur n�chsten Wand und besch�ftigte sich noch lange mit dieser seltsamen T�tigkeit.</p><p>Als sich die Fensterscheibe von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne rosa f�rbte, sagte Pelagi zum dritten Mal: �Aha!� � dieses Mal freudiger und lauter als zuvor.</p><p>Er zog eine Stricknadel aus seinem Leibrock, stocherte damit an einem der Balken herum und zog mit den Fingern etwas ganz Winziges hervor, nicht gr��er als eine Kirsche.</p><p>L�nger hielt er sich nicht in der H�tte auf.</p><p>Schnellen Schrittes ging er den verlassenen Weg entlang in Richtung Neu-Ararat, und eine halbe Stunde sp�ter befand er sich bereits auf der Uferstra�e, bei den Automaten mit dem heiligem Wasser.</p><p>Er ging zun�chst daran vorbei (es waren zu viele Leute unterwegs), passte den richtigen Moment ab und schl�pfte durch den Spalt zwischen dem Pavillon und dem Zaun.</p><p>Zehn Minuten sp�ter trat eine bescheidene junge Dame hinaus auf die Promenade, das Gesicht bis zu den Augen in ein schwarzes Pilgertuch geh�llt � wahrscheinlich eine unn�tige Vorsichtsma�nahme, denn um diese Abendstunde h�tte man den blauen Fleck ohnehin nicht gesehen.</p></section><section><title><p>Einiges kl�rt sich</p></title><p>Am Abend schrieb Polina Andrejewna in ihrem Zimmer einen Brief.</p><cite><p>An Bischof Mitrofani, dem ich Licht, Freude und St�rke w�nsche!</p><p>Wenn Sie, Vater, diesen meinen Brief lesen, dann bedeutet das, dass mich ein Ungl�ck ereilt hat und ich keine M�glichkeit hatte, Ihnen alles selbst zu erz�hlen. Aber was hei�t �Ungl�ck�? Vielleicht ist das, was die Menschen gew�hnlich als Ungl�ck bezeichnen, in Wahrheit eine Freude, denn was soll Schlimmes daran sein, wenn der Herr jemanden von uns zu sich beruft? Selbst wenn er uns nicht zu sich ruft, sondern einer schweren Pr�fung unterzieht, gilt es nicht betr�bt zu sein, sind wir doch ebendeshalb in diese Welt geboren � um Pr�fungen zu bestehen.</p><p>Aber was predige ich Ihnen, dem Seelenhirten, das Offensichtliche? Verzeihen Sie mir, die ich so t�richt bin.</p><p>Aber mehr noch bitte ich um Verzeihung f�r meinen Betrug, mein eigenm�chtiges Handeln und meine Flucht. Verzeihen Sie mir, dass ich Sie um Ihr ganzes Geld gebracht und oft mit meinem Starrsinn ver�rgert habe.</p><p>Nun, und jetzt, da Sie mir vergeben haben (wie sollten Sie mir nicht vergeben, wenn mir doch ein Ungl�ck geschehen ist?), komme ich direkt zur Sache, denn es gibt viel zu notieren, und ich habe heute Nacht noch etwas zu erledigen. Doch dar�ber erst ganz zum Schluss. Zun�chst werde ich Ihnen alles der Reihe nach darlegen, so wie Sie es gern haben (also nicht nach �Weiber-� sondern nach �M�nnerart�), und Ihnen berichten, was ich von anderen geh�rt habe, was ich mit eigenen Augen gesehen habe und welche Schl�sse ich daraus ziehe.</p><p><strong>Was ich geh�rt habe:</strong></p><p>Viele Menschen in Kanaan haben nachts den schwarzen M�nch gesehen. Die einen erschreckt Wassilisk mit seinem unvermittelten Auftauchen, andere erschrecken, weil sie von ferne gesehen haben, wie er irgendwo herumschleicht oder irgendwohin rennt. Von solchen und �hnlichen Geschichten habe ich in der Stadt und im Kloster wohl ein gutes Dutzend geh�rt. Die vorherrschende Meinung bei den M�nchen und den Einwohnern ist Folgende: Mit der Wassilisk-Einsiedelei stimmt etwas nicht, weil einer der Eremiten dem Feind der Menschen seine Seele verkauft hat; nun ist der Ort verflucht, man sollte die M�nche wegbringen, die Nachbarinsel zum Niemandsland erkl�ren und verbieten, dort anzulegen oder auch nur in ihre N�he zu kommen.</p><p>Ich sage vorweg, dass das alles blanker Unsinn ist. Der heilige Wassilisk ist keineswegs vom Himmel herabgestiegen, sondern verweilt friedlich bei Gottes Thron, wo er auch hingeh�rt. An dieser Geschichte ist nichts Mysteri�ses, das Ganze ist lediglich ein �bler Schwindel. Heute, am Ende des zweiten Tages hier auf Kanaan, bin ich vollkommen �berzeugt, dass die Erscheinungen des schwarzen M�nchs nichts als ein geschicktes, findiges Spektakel sind.</p><p><strong>Was ich gesehen habe:</strong></p><p>F�r das Geheimnis vom �Wandeln auf dem Wasser� gibt es eine ganz einfache Erkl�rung. Bei den Findlingen, die am Ende der Landzunge aus dem Wasser ragen, habe ich zwischen dem vierten und dem f�nften Stein eine ganz gew�hnliche Holzbank im Wasser ertastet. Sie ist an einer seichten Stelle versteckt, seitlich auf den Grund gelegt, und deshalb nicht zu sehen. Wenn man sie auf die Metallf��e stellt, befindet sich die Sitzfl�che nur einen Zoll unterhalb der Wasseroberfl�che. Nachts, sogar aus ganz geringer Entfernung, sieht es unweigerlich so aus, als wandte derjenige, der �ber diese Bank geht, einfach auf dem Wasser. Was das ��berirdische Strahlen� angeht, von dem Wassilisk angeblich umgeben ist, kann ich nichts Zuverl�ssiges sagen, doch ich nehme an, dass eine starke elektrische Lampe in etwa diesen Effekt erzeugt, wenn man sie hinter dem R�cken h�lt und unvermittelt einschaltet: Der Lichtkegel umrei�t dann die Silhouette ganz deutlich und verstr�mt ein grelles Streulicht in die Dunkelheit. Auf M�nche, die schon vom �Wandeln auf dem Wasser� zu Tode erschrocken sind und kaum jemals elektrisches Licht gesehen haben d�rften, muss dieser simple Trick einen au�erordentlichen Eindruck machen. Und wahrscheinlich nicht nur auf die M�nche, sondern auf jeden fantasiebegabten oder zu mysteri�sen Dingen neigenden Menschen. Stellen Sie sich vor: Nacht, Mond, unnat�rlich grelles Licht, eine schwarze, gesichtslose Gestalt, die �ber dem Wasser schwebt. Ich bin ihr auf dem Festland begegnet und schon vor Schreck erstarrt! Nein, das �berspringe ich jetzt, sonst schreibe ich wieder nach �Weiberart�! Von meiner Begegnung mit �Wassilisk� erz�hle ich besser sp�ter.</p><p>Nun zu der Ihnen aus Aljoschas Brief bekannten H�tte des Bakenw�rters, in der Felix Stanislawowitsch umgekommen ist und Alexej Stepanowitsch und Matwej Benzionowitsch ihren Verstand verloren haben.</p><p>Dort hat der �belt�ter einen raffinierten Trick angewandt als auf der Landzunge, aber auch dort ist nichts Mysteri�ses im Spiel.</p><p>Das Kreuz auf der Fensterscheibe ist mit einem gew�hnlichen eisernen Nagel eingeritzt � ich habe ihn im Gras unter dem Fenster gefunden. Als der Verbrecher mitten in der Nacht mit der M�nchskapuze und den Sehschlitzen darin drau�en vor dem Fenster erschien und mit dem Nagel �ber die Scheibe kratzte, war es kein Wunder, dass die arme Frau des Bakenw�rters vor Schreck eine Fehlgeburt hatte.</p><p>Und mit Ihren Abgesandten ist der �belt�ter dann wie folgt verfahren:</p><p>Er hat sich in dem dunklen Zimmer versteckt. M�glicherweise hat er zur Ablenkung am Fenster eine Vogelscheuche mit einer spitz zulaufenden Kapuze aufgestellt � jedenfalls habe ich dort zwei Strohs�cke entdeckt, die in der H�tte nichts zu suchen haben. Als Aljoscha, Lagrange und sp�ter Berditschewski nach dem Betreten der H�tte die reglose Silhouette entdeckten und sich ihr zuwandten, schlug der Verbrecher ihnen mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf. Daher auch die �Beule, einen Zoll rechter Hand des Scheitels�, von der ich im Protokoll �ber die Leichenschau von Felix Stanislawowitschs Leichnam gelesen habe. Davon, dass der Kopf konvulsivisch auf den Boden aufschlug, wie Matwej Benzionowitsch in seinem Protokoll vermutet, kann gar keine Rede sein. Berditschewski hatte gleichfalls Spuren von Schl�gen am Kopf, ebenso wie zweifellos auch Lentotschkin, als er in die Klinik kam, was Doktor Korowin nicht weiter beachtenswert fand, weil beide am K�rper noch eine Vielzahl anderer Verletzungen aufwiesen: Hautabsch�rfungen, Kratzwunden, blaue Flecken. Als er mir von Berditschewski erz�hlte, erw�hnte der Doktor noch verschrammte H�nde und abgebrochene N�gel. Damit konnte ich mir ein Bild des Verbrechens machen.</p><p>Nachdem der Misset�ter sein Opfer bewusstlos gemacht hatte, legte er es in den Sarg (auf dem Tisch steht ein Sarg, den der Bakenw�rter f�r sich selbst angefertigt hatte, der dann aber nicht benutzt wurde, weil die Leiche des Ertrunkenen nie gefunden wurde) und verschloss diesen mit dem Deckel. Ich habe den Deckel auf den Sarg gelegt und gesehen, dass die L�cher f�r die N�gel besch�digt sind � jemand hat den Deckel mit heftigen Schl�gen von unten her bearbeitet. Ich nehme an, das ist zweimalpassiert: Das erste Mal war es Aljoscha, der lebendig begraben wurde, das zweite Mal Matwej Benzionowitsch.</p><p>Einer solchen Pr�fung ist selbst der allerst�rkste Verstand nicht gewachsen � insofern ist die Rechnung des Verbrechers aufgegangen. Doch er hat sich damit nicht begn�gt, aber davon weiter unten.</p><p>Zun�chst zu Lagrange. Bei Felix Stanislawowitsch hatte der Misset�ter offenbar keinen Erfolg. Entweder war der Kopf des Polizeimeisters zu hart, oder es war sonst etwas, jedenfalls hat der Oberst nicht das Bewusstsein verloren und sich offenbar auf einen Zweikampf mit dem �belt�ter eingelassen, der ihn daraufhin mit einem Schuss aus n�chster N�he t�tete.</p><p>Ja, ja, Lagrange ist kein Selbstm�rder, er wurde unschuldig get�tet, was Sie eigentlich freuen m�sste. So erkl�rt sich auch der seltsame Verlauf des Schusskanals � von unten nach oben und von links nach rechts. Genau dies w�re der Weg der Kugel, wenn jemand, den der Oberst � vermutlich mit den H�nden an den Schultern oder an der Gurgel � gepackt hielt, mit der rechten Hand von unten geschossen h�tte.</p><p>Eingedenk dessen, dass die Kugel in der Leiche nicht gefunden wurde, folglich aus dem K�rper ausgetreten sein muss, habe ich die W�nde abgetastet und entdeckt, was ich gesucht habe. Jetzt haben wir einen unwiderlegbaren Beweis f�r den Mord.</p><p>Die Kugel, die ich aus einem Balken gezogen habe, ist nicht vom Kaliber 45 wie bei der Smith &amp;Wesson des Polizeimeisters, sondern vom Kaliber 38 und wurde aus einem Colt abgefeuert, was ich anhand meines Lehrbuchs der Ballistik �berpr�ft habe. Nach dem Mord hat der Verbrecher aus dem Revolver seines Opfers in die Luft gefeuert und die Waffe dann in die Hand des Oberst gelegt, um einen Selbstmord vorzut�uschen.</p><p>Nun kehre ich zu unseren Freunden zur�ck, die der �belt�ter nicht get�tet, sondern um den Verstand gebracht hat, was vielleicht noch schlimmer ist. Wenn Sie nur gesehen h�tten, welche Witzfigur der spottlustige Alexej Stepanowitsch geworden ist und wie wenig Verstand dem klugen Matwej Benzionowitsch geblieben ist! Es ist eine S�nde, so etwas zu sagen, aber mich w�rde es wahrscheinlich weniger schmerzen, wenn sie tot w�ren . . .</p><p>Das Widerlichste an diesem Pseudo-Wassilisk aber ist, dass er sich mit seiner Gewalttat nicht begn�gt und den ungl�cklichen Verr�ckten keine Ruhe l�sst.</p><p>Aus Aljoscha Lentotschkins dunklen Worten kann man schlie�en, dass das �Phantom� ihm bis heute erscheint. Und was Berditschewski angeht, so war ich selbst Zeugin und sogar Opfer, als der Verbrecher ein weiteres Mal versuchte, auch den letzten glimmenden Funken von Verstand in Matwej Benzionowitschs Seele auszul�schen.</p><p>Gestern Nacht sah ich den schwarzen M�nch mit eigenen Augen. Ach, es war entsetzlich! Er kam nat�rlich nicht, um mich zu erschrecken � er wollte Berditschewski. Der B�sewicht bet�ubte mich mit einem Schlag auf den Kopf (man merkt, dass er �bung hat) und entkam unerkannt. Trotzdem hat mir gerade dieser Zusammensto� die Augen ge�ffnet, sodass ich nicht mehr einen Teufel, sondern einen Menschen suche, auch wenn sich dieser wohl nicht allzu sehr von einem Teufel unterscheidet.</p><p>Ich bin nicht sofort darauf gekommen, womit er den Schlag ausgef�hrt hat, denn er befand sich immerhin in einiger Entfernung von mir. Aber dann fiel mir eine Geschichte ein, die mir der Doktor erz�hlt hatte, und ein Bild, das ein K�nstler hier in der Klinik gemalt hat (mit ihm m�ssten Sie sich unterhalten, ihn m�ssten Sie belehren!), und da wurde mir alles klar.</p><p>�Wassilisk� schlug mich mit einer Stelze, wie es sie auf Jahrm�rkten gibt. Es w�rde jetzt zu weit f�hren und auch nichts n�tzen, wenn ich Ihnen erkl�rte, woher hier in der Klinik Jahrmarktsstelzen kommen, aber eines ist klar: Der Verbrecher benutzte sie, um durch ein Fenster im ersten Stock in das Zimmer zu blicken, in dem Berditschewski vorher lag, und zwar immer mit demselben Ziel: ihn zu erschrecken und ihm den Garaus zu machen. Gestern Abend ist Berditschewski vom ersten Stock ins Erdgeschoss verlegt worden, aber Wassilisk hatte seine Stelzen trotzdem dabei. Hei�t das, der schwarze M�nch wusste nicht, dass Berditschewski verlegt worden war? Dann ist er wohl kaum ein �bernat�rliches Wesen.</p><p><strong>Und nun die Schlussfolgerungen:</strong></p><p>Wer sich hinter der Maske des w�tenden Wassilisk verbirgt, ist mir nicht bekannt, aber ich habe meine Vermutungen, was er mit den �beltaten bezweckt.</p><p>Dieser Mensch (und es ist ein Mensch, kein Wesen aus einer anderen Welt) will die Wassilisk-Einsiedelei aufl�sen, und er hat sein Ziel schon beinahe erreicht.</p><p>Warum? Das ist die wichtigste Frage, und eine Antwort darauf habe ich vorl�ufig noch nicht, nur Vermutungen. Einige werden Ihnen v�llig unwahrscheinlich Vorkommen, doch vielleicht n�tzen sie Ihnen, falls Sie die Angelegenheit ohne mich zu Ende bringen m�ssen.</p><p>Ich beginne mit dem Klostervorsteher, Vater Witali. Die Einsiedelei ist dem Hochehrw�rdigen ein Dorn im Auge, weil sie in wirtschaftlicher Hinsicht ihre Bedeutung verloren hat (Sie m�ssen schon verzeihen, dass ich solche Ausdr�cke verwende, doch ich nehme an, der Archimandrit selbst denkt etwa so), w�hrend sie ihn im Hinblick auf seinen mehr als reichlich vorhandenen Ehrgeiz sogar st�rt, weil sie seine in der Tat h�chst bedeutsamen Leistungen als Vorsteher von Neu-Ararat �berschattet. Die Eink�nfte aus dem Verkauf der Rosenkr�nze, von denen die Bruderschaft fr�her lebte, sind heute l�cherlich und k�nnen keinerlei Vergleich mit den �brigen Einkommensquellen standhalten. Auch ist die Einsiedelei nicht mehr der wichtigste Anziehungspunkt f�r die Pilger, denn die wohlhabenden Pilger, die Vater Witali bevorzugt, legen mehr Wert auf gesunde Luft, Heil spendendes Wasser und malerische Bootsfahrten. Der Archimandrit ist der Meinung, dass die Nachbarinsel und ihre Bewohner nur den Geist der Bruderschaft st�ren, die Br�der von ihrer t�tigen Arbeit abhalten und insgeheim die Autorit�t und Macht des Klostervorstehers untergraben, indem sie st�ndlich daran erinnern, dass es noch eine andere Macht gibt, die unvergleichlich h�her steht als die des Archimandriten. Witali ist von strengem, ja grausamem Charakter. Wie weit seine Machtbesessenheit und sein Ehrgeiz reichen, wei� Gott.</p><p>Eine andere M�glichkeit ist eine Verschw�rung unter den M�nchen, denen es missf�llt, dass Witalis wirtschaftlicher Eifer auf Kosten der geistigen Einkehr und der Seelenrettung geht. Dass der Hoch ehrw�rdige unter den �lteren Br�dern eine Gruppe von Gegnern hat (der K�rze halber bezeichne ich sie als �Mystiker�), unterliegt keinerlei Zweifel. Es ist m�glich, dass einige der �Mystiker� beschlossen haben, den Pilgern einen Schreck einzujagen und Witalis Autorit�t innerhalb der Kirchenhierarchie, zum Beispiel bei Ihnen, zu untergraben. Dann k�nnte das Spektakel mit dem Schwarzen M�nch dazu dienen, Neu-Ararat von der Gesch�ftigkeit und von den vielen Menschen zu befreien. Es ist ja bekannt, dass falsch verstandene Fr�mmigkeit zu T�cke und sogar Fanatismus f�hren kann � die Geschichte der Religion ist �bervoll von traurigen Beispielen.</p><p>Es ist auch m�glich, dass einer der Eremiten aus der Einsiedelei der Schuldige ist. Warum und weshalb � dar�ber will ich nicht einmal Vermutungen anstellen, weil ich bislang fast nichts �ber das Leben der heiligen M�nche wei�. Allerdings drehen sich alle diese verworrenen Ereignisse auf die eine oder andere Weise um die Einsiedelei. Das hei�t, man muss auch diese Idee pr�fen. Ich war heute auf der Nachbarinsel (ja, ja � z�rnen Sie mir nicht), und der Abt Israil hat mir ein R�tsel aufgegeben, dessen Sinn mir nicht klar ist. Ich werde noch einmal dahin fahren m�ssen.</p><p>Nun noch zwei ganz andere M�glichkeiten, die nichts mit der Kirche zu tun haben.</p><p>Doktor Donat Sawwitsch Korowin, Inhaber und Leiter der Heilanstalt, ist ein bemerkenswerter Typ. Dieser philanthropische Million�r ist h�chst ungew�hnlich und neigt zu allerlei Spielereien und Experimenten mit lebendigen Menschen. Von ihm k�nnte man durchaus erwarten, dass er zu Forschungszwecken ein solches T�uschungsman�ver anstellt: sagen wir, um die Wirkung mysteri�ser Ereignisse auf unterschiedliche Temperamente zu untersuchen oder etwas in der Art. Danach w�rde er im �Heidelberger Jahrbuch f�r Psychiatrie� oder sonst wo einen Aufsatz dazu ver�ffentlichen, um seinen Ruf als Koryph�e zu untermauern � der meiner ungebildeten Ansicht nach nicht allzu verdient ist (zwar behandelt er seine Patienten in einem fort, aber irgendwie werden sie trotzdem nicht gesund).</p><p>Und schlie�lich k�nnte auch jemand von Korowins Patienten �Wassilisk� spielen. Diese sind ausnahmslos ganz extraordin�re Menschen, die sich frei bewegen. Insgesamt sind es achtundzwanzig Patienten (mit Alexej Stepanowitsch und Matwej Benzionowitsch drei�ig), und ich habe erst einige von ihnen gesehen. Man m�sste sie genauer unter die Lupe nehmen, nur wei� ich nicht, wie ich das anstellen soll. Mit Donat Sawwitsch liege ich im Streit, den ich allerdings selbst angezettelt habe. Doch das ist nicht das Problem � es w�re nicht schwer, mich wieder mit ihm zu vers�hnen. Aber solange ich noch die Spuren der Begegnung mit dem schwarzen M�nch im Gesicht trage, trete ich Korowin besser nicht unter die Augen. F�r ihn bin ich eine ganz gew�hnliche, h�bsche Frau (verst�ndlich, bei dem hiesigen Fischmangel), aber mit der Sch�nheit ist es nicht mehr weit her, wenn das halbe Gesicht verquollen ist. M�nner sind nun einmal so, dass sie mit einer h�sslichen Frau nicht einmal reden wollen.</p><p>Ich sehe direkt vor mir, wie an dieser Stelle ein ironisches L�cheln auf Ihr Gesicht tritt. Ich werde mich nicht verstellen, Sie durchschauen mich ja ohnehin. Ja, mir ist der Gedanke unangenehm, dass Donat Sawwitsch Polina Andrejewna Lissizyna, die er auf eine ganz besondere Weise angesehen und mit Komplimenten �berh�uft hat, in diesem Zustand sehen k�nnte. Ich bekenne es, ich bin schwach und eitel.</p><p>Nun schreibe ich noch die letzten Zeilen, und dann gehe ich.</p><p>Es ist eine mondhelle Nacht � gerade richtig. In solchen N�chten erscheint Wassilisk bei der Landzunge. Mein Plan ist ganz einfach: Ich verstecke mich am Ufer und versuche, dem Betr�ger auf die Schliche zu kommen.</p><p>Wenn mein Spaziergang vergebens ist, werde ich mich ab morgen um den Abt und die Nachbarinsel k�mmern.</p><p>Wenn aber der Spaziergang mit dem oben erw�hnten Ungl�ck enden sollte, so vertraue ich darauf dass mein Schreiben Eure Eminenz erreicht.</p><text-author>Ihre liebende Tochter Pelagia</text-author></cite></section><section><title><p>Eine schreckliche Erscheinung</p></title><p>Als Polina Andrejewna den Brief beendet hatte, blickte sie aus dem Fenster und runzelte besorgt die Stirn. Der Himmel, der eben noch klar gewesen war, �bergossen vom gleichg�ltigen Leuchten des Mondes, ver�nderte die Farbe: Der Nordwind �berzog den unergr�ndlichen Sternenhimmel vom Horizont her mit einem schwarzen Wolkenvorhang. Sie musste sich beeilen.</p><p>Die Lissizyna wollte den Brief an den Bischof auf dem Tisch liegen lassen, doch da fiel ihr das neugierige Personal ein. Sie �berlegte hin und her und versteckte die Bl�tter dann in dem Beutel mit ihrem Strickzeug, den sie um den Hals h�ngen hatte. Sie hatte sich Folgendes �berlegt: Sollte sie das Schicksal von Lagrange ereilen oder gar, Gott beh�te, das von Lentotschkin und Berditschewski (bei dem Gedanken daran erschauerte Polina Andrejewna), w�rde der Brief ohnehin nicht verloren gehen. Er w�rde den Bischof nur umso fr�her erreichen. Und sollte es dem Bischof nicht beschieden sein, sich von seinem Krankenlager zu erheben (sie stie� einen schmerzlichen Seufzer aus), mochte sich die Polizeiobrigkeit darum k�mmern.</p><p>Alles weitere ging sehr schnell.</p><p>Sie warf den Mantel mit der Kapuze �ber, packte die Reisetasche und ging hinaus in die Nacht.</p><p>Die Uferstra�e lag jetzt v�llig verlassen da, und die Ermittlerin gelangte ohne jede Verz�gerung in den vernagelten Pavillon. Fr�stelnd im eiskalten Wind, schritt bald darauf ein junger M�nch im schwarzen, wehenden Leibrock den Weg entlang, der von Neu-Ararat zur Landzunge f�hrte.</p><p>Der Himmel wurde immer schneller dunkel. Wie sehr Pelagi auch seinen Schritt beschleunigte, der d�stere Vorhang zog sich immer dichter und dichter �ber dem friedlichen Anblick der n�chtlichen Gestirne zusammen.</p><p>Angesichts der unweigerlich nahenden Finsternis beunruhigten den Klosterbruder zwei Fragen. W�rde der Ausflug nicht vergebens sein, w�rde der Misset�ter nicht davon ablassen, Wassilisk zu spielen? Und h�tte Pelagi nicht besser Lagranges Revolver mitnehmen sollen, f�r den Fall, dass Wassilisk trotzdem auftauchte? Wozu sollte die Waffe nutzlos in der Reisetasche zwischen den Metallk�sten liegen? Mit dem Revolver h�tte sich Pelagi an dem verlassenen, dunklen Ufer bedeutend wohler gef�hlt.</p><p>Unsinn, sagte sich Pelagi. Die Waffe w�rde ihm nichts n�tzen. Er w�rde doch nicht auf eine lebende Seele schie�en, um sein eigenes Leben zu retten? Der junge M�nch dachte nicht mehr an den Revolver, er machte sich nur noch Sorgen wegen des Mondes, der gerade hinter eine Wolke verschwand.</p><p>Jeder alteingesessene Kanaaner h�tte Pelagi erz�hlen k�nnen, dass der Mond sich bei Nordwind nie l�nger als f�r wenige kurze Augenblicke zeigte und selbst dann nicht klar zu sehen war, sondern durch einen leichten Wolkenschleier schien. Aber der Klosterbruder hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit erfahrenen Leuten �ber die Launen des Sineosjorsker Mondes zu sprechen, und daher blickte er immer noch hoffnungsvoll auf das silbrig milchige Himmelsgew�lbe.</p><p>An der Landzunge machte Pelagi sich so klein wie m�glich und presste sich dicht an den Boden. Mucksm�uschenstill kauerte er neben einem gro�en Stein und blickte zu der Stelle hin�ber, an der der �belt�ter so gerissen seine Bank versteckt hatte.</p><p>Mit jeder Minute wurde die Nacht finsterer. Zuerst konnte man noch die Wasseroberfl�che sehen, die im w�tenden Nordwind all ihre Falten runzelte, doch bald erloschen die Lichtreflexe auf dem Wasser, und man konnte die N�he des Sees nur am Klatschen der Wellen erraten und an dem frischen, feuchten Geruch, als werde irgendwo in der N�he eine Gurke von ungeheuren Ausma�en zerschnitten.</p><p>Der junge M�nch sa� da, die Arme um die Schultern geschlungen, und seufzte entt�uscht. Wo war denn nun Wassilisk? Geh mal �ber das Wasser, wenn es nicht ruhig daliegt, sondern sich widerborstig str�ubt � so geht der ganze Effekt verloren.</p><p>Im Grunde h�tte er gehen und zum Hotel zur�ckkehren sollen, doch Pelagi z�gerte noch und konnte sich nicht recht entschlie�en, sei es aus Starrsinn, sei es aus Instinkt. Dann aber, als der Knabe schon vor K�lte schlotterte und aufgeben wollte, wurde sein langes Warten belohnt. Im Himmelsvorhang tat sich ein Riss auf, und durch Wolkenfetzen hindurch beleuchtete der Mond f�r einige Augenblicke den See � nur schwach, mehr schlecht als recht, aber ausreichend, um dem Blick des Beobachters ein unheimliches Schauspiel zu bieten.</p><p>Inmitten der schmalen Wasserstra�e, die die gro�e Insel von der kleinen trennte, erblickte Pelagi ein auf den Wellen schaukelndes Boot und darin stehend eine schwarze Gestalt mit einer spitzen Kapuze. Die Gestalt b�ckte sich, hob etwas Helles, Weiches empor und warf es �ber Bord.</p><p>Der Klosterbruder schrie auf, weil er ganz deutlich zwei nackte, hagere, willenlos baumelnde Beine erkannt hatte. Das Wasser schlug �ber dem K�rper zusammen, und im n�chsten Augenblick schloss sich auch der Riss im Himmel.</p><p>Pelagi wusste selbst nicht, ob er diesen Teufelskram nicht nur getr�umt hatte. Das war gut m�glich, bei der Dunkelheit und dem fahlen Licht.</p><p>Doch da kam dem jungen M�nch ein Gedanke in den Sinn, bei dem er noch einmal aufschrie.</p><p>Er raffte den Saum seines Leibrocks hoch, sodass die R�schen der langen Damenunterhosen aufblitzten, und rannte im Trab vom Ufer weg ins Innere der Insel.</p><p>W�hrend er lief, murmelte er ein verworrenes Gebet vor sich hin, das er sich auf die Schnelle ausgedacht hatte: �Rette, o Herr, das Lamm vor den Z�hnen der W�lfe! Ja, Du wirst auferstehen und Deine Feinde verjagen, und die, die Dich verabscheuen, werden vor Deinem Antlitz fliehen!�</p><p>Die Schuhe trappelten jetzt �ber den mit Ziegeln gepflasterten Weg, doch das Laufen wurde nicht einfacher, denn der Weg stieg leicht an � je weiter er f�hrte, desto steiler wurde er.</p><p>Am Rand des Kiefernwaldes, wo das Gel�nde von Korowins Klinik begann, fiel der L�ufer in Schritttempo, weil er v�llig au�er Atem war.</p><p>Die Fenster der kleinen H�user waren dunkel, die Gem�tskranken schliefen.</p><p>Als Pelagi �ber einer dichten Wand aus Buschwerk das Glasdach des Palmenhauses erahnte, begann er wieder zu laufen.</p><p>Er st�rmte in das Palmenhaus und schrie mit verzweifelter, sich �berschlagender Stimme:</p><p>�Alexej Stepanowitsch! Aljoscha!�</p><p>Stille.</p><p>Er rannte durch das �ppige Gestr�uch und atmete mit offenem Mund die bet�renden tropischen D�fte ein.</p><p>�Aljoschenka! Sag doch etwas! Ich bin es, Pelagia!�</p><p>Aus einer Ecke kam ein kalter Luftzug. Der junge M�nch wandte sich in diese Richtung und starrte in die Finsternis.</p><p>Zun�chst knirschten Glasscherben unter seinen F��en, und erst dann entdeckte Pelagi das riesige Loch in der Glaswand des Palmenhauses.</p><p>Er setzte sich auf den Boden und bedeckte das Gesicht mit den H�nden.</p><p>Oh, was f�r ein Ungl�ck!</p></section><section><title><p>Gulliver und die Liliputaner</p></title><p>�Kommst du auch wieder? Bitte komm. Sonst holt er mich bald. Kommst du wieder?� Aljoscha Lentotschkins Stimme, besonders der kindliche, von sch�chterner Hoffnung erf�llte Tonfall der letzten drei Worte, hatte sich ihm so deutlich ins Ged�chtnis gebrannt, peinigte die Seele jetzt, da nichts mehr zu �ndern war, so sehr, dass Pelagi sich die Ohren zuhielt. Es half nicht.</p><p>Er h�tte nicht den Verbrecher verfolgen, sondern den armen Alexej Stepanowitsch retten m�ssen, immer in der N�he sein, ihn sch�tzen und beruhigen m�ssen. Es war schlie�lich klar (und in dem Brief an Mitrofani beschrieben), dass der �belt�ter nicht von seinen Opfern ablie�, sie qu�lte und zugrunde richtete. Wie hatte er die Bitte um Hilfe in Aljoschas Gestammel nicht erkennen k�nnen?</p><p>Nachdem Pelagi sich eine Zeit lang gegr�mt und mit Vorw�rfen gequ�lt hatte, erhob er sich seufzend, sch�ttelte eine Glasscherbe vom Saum und machte sich auf den R�ckweg.</p><p>Mochte Korowin am Morgen durch den G�rtner vom Verlust seines Patienten erfahren. Es war sinnlos, Zeit f�r �berfl�ssige Erkl�rungen zu verschwenden, und au�erdem war noch unklar, welche Rolle der Doktor in dieser ganzen Geschichte spielte. Es hatte jetzt auch keinen Zweck, sich �ber das Vorgefallene den Kopf zu zerbrechen, er drohte ohnehin zu bersten, der arme Kopf. Er sollte besser ins Bett gehen und versuchen zu schlafen. Guter Rat kommt �ber Nacht.</p><p>Bald seufzend, bald schluchzend schleppte der Klosterbruder sich den n�chtlichen Weg entlang zur Stadt. Er schl�pfte in den Pavillon, um sich aus einem m�nnlichen Wesen wieder in ein weibliches zu verwandeln.</p><p>Gerade hatte er das K�ppchen und den Leibrock abgelegt und das zusammengerollte Kleid aus der Reisetasche gezogen, als pl�tzlich etwas Unglaubliches geschah.</p><p>Einer der riesigen eisernen Schr�nke l�ste sich wie von Zauberhand von der Wand und bewegte sich geradewegs auf Polina Andrejewna zu. Sie sa� in der Hocke, starrte von unten her wie versteinert auf dieses Wunder und konnte sich nicht einmal richtig erschrecken.</p><p>Dabei war es wahrhaft erschreckend. Der Automat verdeckte den hellen Flecken der T�r, und Frau Lissizyna sah � nein, nicht einen Schrank, sondern eine riesige Silhouette in einer schwarzen M�nchskutte.</p><p>Polina Andrejewna presste die Arme vor die Brust (sie trug in diesem Moment nur ein Hemd und die langen Unterhosen) und sagte mit zitternder Stimme:</p><p>�Ich habe keine Angst vor dir! Ich wei�, dass du kein Gespenst bist, sondern ein Mensch!�</p><p>Und dann machte sie etwas, wozu sie sich in ihrem frommen Nonnengewand wohl kaum entschlossen h�tte: Sie richtete sich zu voller Gr��e auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und schlug der alptraumhaften Erscheinung mit der Faust dahin, wo sich das Gesicht befinden musste � einmal und dann noch einmal und noch einmal.</p><p>Frau Lissizyna hatte keine gro�e Faust, aber sie war stark und kantig, doch die Schl�ge zeigten keinerlei Wirkung, Polina Andrejewna zerkratzte sich nur die Kn�chel an etwas Stachligem, Hartem.</p><p>Gigantische Pranken packten die H�nde der K�mpferin und pressten sie gegeneinander. Eine Hand umklammerte Polina Andrejewnas zarte Handgelenke, die andere wickelte mit unbeschreiblicher Geschicklichkeit einen Strick darum.</p><p>Obwohl sie die H�nde nicht mehr einsetzen konnte, ergab sich Polina Andrejewna nicht � sie trat mit den Beinen und zielte dabei auf die Knie des Gegners, oder nach M�glichkeit auch h�her.</p><p>Der Angreifer ging in die Hocke, wobei er nur wenig kleiner war als die stehende Dame, und fesselte mit einigen raschen Bewegungen ihre Fu�kn�chel. Die Lissizyna wollte zur�ckspringen, doch da sie nicht mehr von einem Bein auf das andere treten konnte, fiel sie zu Boden.</p><p>Nun konnte sie nur noch zur letzten weiblichen Waffe greifen � zum Schreien. Vielleicht h�tte sie von Anfang an schreien sollen, anstatt die F�uste zu schwingen.</p><p>Sie riss den Mund auf, so weit es ging, und wollte um Hilfe schreien � vielleicht war eine Patrouille der Friedensw�chter auf der Uferstra�e unterwegs, oder einfach sp�te Passanten � , doch eine unsichtbare Hand stopfte ihr einen rauen, widerlich sauren Lappen zwischen die Z�hne und band, damit sie den Knebel nicht ausspucken konnte, noch ein Tuch dar�ber.</p><p>Dann hob der Kraftprotz die hilflose Gefangene mit Leichtigkeit hoch, indem er sie beim Nacken und bei den gefesselten Beinen packte wie ein Schaf, und warf sie auf ein am Boden ausgebreitetes St�ck Sackleinwand, das Polina Andrejewna erst jetzt bemerkte. Der gut vorbereitete �belt�ter rollte den K�rper �ber den Boden und wickelte ihn dabei gleichzeitig in das Sackleinen ein, sodass Frau Lissizyna sich in Sekundenschnelle aus einer unbekleideten Dame in einen formlosen Ballen verwandelte.</p><p>Das dumpf br�llende, sich windende B�ndel wurde in die Luft gehoben, �ber eine Schulter, breit wie ein Pferder�cken, geworfen, und Polina Andrejewna sp�rte, dass sie davongetragen wurde. Im Takt der weit ausholenden, gleichm��igen Schritte wippend, versuchte sie zun�chst noch, um sich zu schlagen und Protestlaute von sich zu geben, doch in dem engen Sack konnte sie sich fast gar nicht bewegen, und ihr St�hnen, durch den Knebel und das grobe Sackleinen ged�mpft, konnte wohl kaum jemand h�ren.</p><p>Bald wurde ihr schlecht; das Blut schoss ihr in den herabh�ngenden Kopf, das Schaukeln verursachte ihr �belkeit, und vor allem lie� das verdammte Sackleinen, das v�llig verstaubt war, sie nicht atmen. Polina Andrejewna musste niesen, doch es ging nicht � versuchen Sie das mal mit einem Knebel im Mund!</p><p>Am schlimmsten aber war, dass der R�uber anscheinend beabsichtigte, seinen Fang unglaublich weit weg zu schaffen, bis ans Ende der Welt. Er ging und ging unaufh�rlich weiter, ohne einmal zu verschnaufen, ja ohne anzuhalten, und die qu�lende Reise nahm kein Ende. Der Gefangenen, der allm�hlich die Sinne schwanden, kam es vor, als liege die Insel Kanaan l�ngst hinter ihnen (dort gab es nirgends solche Weiten), und ein Riese marschiere mit ihr �ber die Wasser des Blauen Sees.</p><p>Als Frau Lissizyna vor �belkeit und Atemnot bereits kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren, klangen die Schritte des geheimnisvollen B�sewichts pl�tzlich nicht mehr dumpf, sondern knarrend, und dem Schwanken des Gehens gesellte sich ein anderes Schwanken hinzu, als woge die Erde unter ihnen. Es ist doch wohl nicht wirklich Wasser, schoss es ihr durch die schwindenden Sinne. Aber woher kam dann das Knarren?</p><p>Hier fand die beschwerliche Wanderung schlie�lich ein Ende. Das B�ndel wurde ohne viel Federlesens auf etwas Hartes geworfen, nicht auf die Erde, sondern eher auf einen Bretterboden. Ein Knirschen ert�nte, das Quietschen verrosteter T�rangeln. Dann wurde die Gefangene wieder hochgehoben, aber nicht mehr horizontal, sondern vertikal, zudem mit dem Kopf nach unten, und in ein Loch oder eine Grube hinuntergelassen � an einen Ort jedenfalls, der viel tiefer lag als der Boden. Polina Andrejewna stie� mit dem Scheitel gegen etwas Festes, dann wurde der Sack fallen gelassen, und er schlug polternd auf etwas Flachem auf. Von oben quietschte und knirschte es wieder, eine T�r schlug zu. Mit einem dumpfen Dr�hnen entfernten sich Schritte, als ginge jemand �ber die Decke, und es wurde still.</p><p>Die Lissizyna lag eine Weile da und lauschte. Irgendwo in der N�he pl�tscherte Wasser, und zwar sehr viel Wasser. Was gab es sonst noch zu sagen �ber ihr Gef�ngnis (nach dem Quietschen der T�r zu urteilen hatte man sie irgendwo eingesperrt)? Vermutlich lag es nicht auf dem Festland, sondern auf einem Schiff, und das Wasser pl�tscherte nicht einfach so � es schlug an die Bordwand oder vielleicht gegen den Anleger. Als sie ihr Geh�r noch mehr anstrengte, vernahm Polina Andrejewna ein leises Fiepen, das ihr aus irgendeinem Grunde ganz und gar nicht gefiel.</p><p>Nachdem sie erste Eindr�cke gesammelt hatte, ging sie ans Werk.</p><p>Zuallererst musste sie sich von dem widerlichen Sackleinen befreien. Die Lissizyna w�lzte sich vom R�cken auf die Seite, dann auf den Bauch und wieder auf den R�cken, bis sie gegen eine Wand stie�. Es gelang ihr nicht, sich vollst�ndig zu befreien, sie war immer noch fest eingewickelt, aber der obere Teil des Sackleinens hatte sich gel�st, sodass sie nun zwei weitere Sinnesorgane einsetzen konnte: den Geruchssinn und das Sehen. Letzteres n�tzte ihr allerdings nicht viel � au�er undurchdringlicher Finsternis konnten die Augen der Eingekerkerten nichts erkennen. Was den Geruchssinn anging, so roch es in ihrem Gef�ngnis nach Brackwasser, altem Holz und Fisch. Vielleicht noch nach rostigem Eisen. Im Gro�en und Ganzen brachte das alles keine Klarheit.</p><p>Doch nach etwa zehn Minuten, als sich ihre Augen an die Dunkelheit gew�hnt hatten, stellte sich heraus, dass die Finsternis nicht gar so undurchdringlich war. In der Decke gab es schmale, lange Ritzen, durch die Licht sickerte � wenn auch sp�rlich, nur wenig besser als die Schw�rze, aber wenigstens ein bisschen Licht. Dank dieser d�ster-grauen Beleuchtung begriff Polina Andrejewna mit der Zeit, dass sie in einem engen, mit Brettern verkleideten Raum lag � allem Anschein nach im Kielraum eines kleinen Fischkutters (wie sonst war der durchdringende Geruch nach Fisch zu erkl�ren?).</p><p>Der Kahn schien vollkommen altersschwach zu sein, nicht nur an der Decke drang das Licht durch die Spalten, sondern auch oben an den Bordw�nden. Bei hohem Wellengang w�rde dieser Panzerkreuzer gewiss Wasser schlucken oder vielleicht sogar komplett untergehen.</p><p>Doch die Navigationsaussichten des gebrechlichen Schiffs machten Frau Lissizyna bedeutend weniger Sorgen als ihr eigenes Schicksal. Denn die ohnehin schon schlimme Angelegenheit nahm unterdessen eine unerwartete und �u�erst unangenehme Wendung.</p><p>Das Fiepen, das auch vorher schon zu h�ren gewesen war, verst�rkte sich, und ein kleiner Schatten huschte �ber das Sackleinen. Dann ein zweiter, ein dritter.</p><p>Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen beobachtete die Gefangene, wie sich eine M�useschar langsam auf ihr Kinn zubewegte.</p><p>Die Bewohner des Kielraums hatten sich anfangs wahrscheinlich versteckt, jetzt aber beschlossen zu erkunden, was f�r ein gigantischer Gegenstand da so pl�tzlich in ihrem M�useuniversum aufgetaucht war.</p><p>Polina Andrejewna war keineswegs feige, doch die kleinen, flinken, raschelnden Bewohner der finsteren Unterwelt riefen bei ihr immer Widerwillen und ein unerkl�rliches, mysteri�ses Entsetzen hervor. W�ren die Fesseln nicht gewesen, h�tte sie dieses widerliche Loch mit einem Kreischen blitzschnell verlassen. So aber hatte sie nur zwei M�glichkeiten: entweder besch�mend und vor allem sinnlos zu br�llen und den Kopf hin und her zu werfen, oder aber den Verstand zu Hilfe zu rufen.</p><p>Denk doch nur, M�use, sagte sich Frau Lissizyna. Vollkommen harmlose Tierchen. Sie schnuppern an dir und verschwinden wieder.</p><p>Da fielen ihr die Ratten ein, die den Stadthauptmann beschnuppert hatten, und Polina Andrejewna tr�stete sich zus�tzlich mit der �berlegung, dass M�use keine Ratten sind, nicht �ber Menschen herfallen und nicht bei�en. Eigentlich war es sogar lustig. Sie haben ebenfalls schreckliche Angst, da � nur m�hsam krabbeln sie hoch, wie die Liliputaner bei Gulliver.</p><p>Ein kalter Schwei�tropfen rollte ihr �ber die Schl�fe. Die mutigste Maus war ganz nah herangekommen. Polina Andrejewnas Augen hatten sich inzwischen so an die Dunkelheit gew�hnt, dass sie die Besucherin in allen Details erkennen konnte, bis zu ihrem kurzen, abgenagten Schwanz. Die widerliche Kreatur kitzelte mit ihren Barthaaren das Kinn der Rationalistin, und der Verstand kapitulierte unverz�glich.</p><p>Die Gefangene b�umte sich mit dem ganzen K�rper auf, stie� einen lauten Schrei aus und w�lzte sich zur�ck in die Mitte des Kielraums. Das befreite sie von den M�usen, doch daf�r hatte sie sich jetzt wieder in das Sackleinen eingewickelt. Dann schon besser so, sagte sich die Lissizyna, w�hrend sie auf das wilde Klopfen ihres Herzens lauschte.</p><p>Doch es waren keine f�nf Minuten vergangen, als auf dem Sackleinen, direkt �ber ihrem Gesicht, erneut hartn�ckige kleine Pfoten kratzten. Polina Andrejewna stellte sich vor, was geschehen w�rde, wenn die Maus mit dem kurzen Schwanz sich in den Sack zw�ngen w�rde, und w�lzte sich schnell wieder zur�ck zur Wand.</p><p>Sie lag da und atmtete durch die Nase. Sie wartete.</p><p>Und bald wiederholte sich das Ganze: das Fiepen, der vorsichtige Marsch �ber ihre Brust, das Herumw�lzen auf dem Boden.</p><p>Nach einiger Zeit wurde es zur Routine: Die Gefangene warf die ungebetenen G�ste ab, indem sie sich in dem Sackleinen hin und her rollte. Die M�use fanden anscheinend Geschmack an diesem interessanten Spiel, und mit der Zeit wurde der Abstand zwischen ihren Besuchen immer k�rzer. Polina Andrejewna kam sich allm�hlich vor wie der Zug aus einer Rechenaufgabe, der mit immer k�rzeren Haltezeiten von Punkt A nach Punkt B und zur�ck f�hrt.</p><p>Als �ber ihr (man musste annehmen, auf dem Deck) Schritte erklangen, erschrak die Lissizyna nicht, sondern sie freute sich. Komme, was da wolle, wenn nur dieser schauderhafte Walzer aufh�rte!</p><p>Es kamen zwei: zu dem schwerf�lligen B�rengang, den Polina Andrejewna bereits vorher geh�rt hatte, gesellten sich leichte, klappernde Schritte.</p><p>Die Luke polterte, und die Gefangene blinzelte � so grell schien ihr das blaugraue Licht der Nacht.</p></section><section><title><p>Die Kaiserin von Kanaan</p></title><p>Eine gebieterische Frauenstimme sagte:</p><p>�Nun zeig sie mir schon!�</p><p>Polina Andrejewna lag gerade am Haltepunkt B, an der Wand, sodass ihr Gesicht frei war, und sie sah, dass eine Anlegeleiter heruntergelassen wurde.</p><p>Mit den Abs�tzen voran kamen riesige Stiefel die Sprossen heruntergepoltert, dar�ber wehte der Saum einer schwarzen Kutte.</p><p>Das blendende Licht einer Kerosinlampe flackerte an der Decke und an den W�nden. Die gigantische Gestalt, die beinahe den halben Kielraum einnahm, drehte sich um, und die Lissizyna erkannte ihren Entf�hrer.</p><p>Bruder Jonas, der Kapit�n des Dampfers �Heiliger Wassilisk� !</p><p>Der M�nch stellte die Lampe auf den Boden und postierte sich neben der am Boden liegenden Gefangenen, die H�nde �ber dem Bauch gefaltet.</p><p>Die Frau, deren Gesicht Polina Andrejewna nicht sehen konnte, setzte sich an der ge�ffneten Luke in die Hocke, feiner Stoff raschelte, und ihre Stimme, die Polina Andrejewna nun seltsam bekannt vorkam, befahl:</p><p>�Wickle sie aus, ich sehe ja nichts.�</p><p>Lidia Jewgenjewna Borejko, die hysterische Besucherin von Doktor Korowin!</p><p>Bevor die Gefangene noch verstehen konnte, was vor sich ging, zerrten derbe H�nde sie mit einem Ruck aus dem Sackleinen und lie�en sie auf den Boden fallen.</p><p>Polina Andrejewna setzte sich mit M�he und Not auf und schleppte sich dann zu einem h�lzernen Vorsprung, der sich am Boden um den ganzen engen Raum zog. Es war dieser Vorsprung, gegen den sie gesto�en war, als sie sich auf dem Boden hin � und hergew�lzt hatte, und keine Wand! Er war unbequem zum Sitzen, aber immerhin war das w�rdiger, als auf dem Boden zu liegen. Auch wenn von W�rde kaum die Rede sein konnte, wenn man nur in der Unterw�sche dasa�, mit gefesselten Armen und Beinen und einem Knebel im Mund.</p><p>Frau Borejko stieg die Sprossen herab, aber nicht bis ganz unten, sondern sie blieb in einer erh�hten Position stehen. Unter dem schwarzen Samtmantel sah man ein Seidenkleid, ebenfalls schwarz, am Hals schimmerte triumphierend eine Reihe gro�er Perlen. Polina Andrejewna bemerkte, dass Korowins Bekannte heute noch �ppiger herausgeputzt war als bei ihrer letzten Begegnung: An den Fingern funkelten Ringe, an den Handgelenken Armb�nder, und selbst der Schleier war kein gew�hnlicher, sondern in der Art eines goldenen Spinnennetzes gearbeitet, kurz, Lidia Jewgenjewna sah wahrhaft majest�tisch aus. Der Kapit�n betrachtete sie begeistert � nein, nicht begeistert, sondern ehrf�rchtig, so wie die Heiden wahrscheinlich die goldgesichtige G�ttin Ischtar betrachtet hatten.</p><p>Frau Borejko warf der nichtsw�rdigen Gefangenen einen ver�chtlichen Blick zu und sagte:</p><p>�Sieh mich an, und sieh dich an! Du bist eine erb�rmliche, schmutzige, vor Furcht zitternde Sklavin. Und ich bin die Kaiserin. Diese Insel geh�rt mir, es ist meine Insel! Ich herrsche �ber dieses M�nnerreich, und zwar uneingeschr�nkt! Jeder Mann, der hier lebt, und jeder, der hierher kommt, wird mein � wenn ich es w�nsche. Ich bin Kalypso, ich bin die N�rdliche Semiramis, ich bin die Kaiserin von Kanaan! Wie konntest du es wagen, du rothaarige Katze, nach meiner Krone zu trachten? Du Usurpatorin! Du bist mit der Absicht gekommen, mir meinen Thron abspenstig zu machen! Das habe ich sofort begriffen, als ich dich dort an der Anlegestelle zum ersten Mal sah. Solche wie du verirren sich sonst nicht hierher, sonst kommen nur ruhige, fromme M�uschen, aber du feuerrote F�chsin wolltest meinen H�hnerstall haben!�</p><p>Bei der Erw�hnung der M�use schielte Polina Andrejewna zum Boden, doch die kleinen Partner des schrecklichen Spiels hatten sich offenbar vor dem L�rm und dem Licht in den Spalten verkrochen.</p><p>�Die Heiligt�mer von Ararat interessieren dich gar nicht!�, fuhr die Furcht erregende Lidia Jewgenjewna mit ihrer erstaunlichen Rede fort. �Mein Sklave� (dabei deutete sie auf Jonas), �ist dir gefolgt. Du hast keine einzige Kirche besucht, keine einzige Kapelle! Wozu auch, schlie�lich bist du ja nicht deshalb hier!�</p><p>Also das war des R�tsels L�sung! Die Erkenntnis der Ermittlerin kam sp�t � zu sp�t. Alle ihre Vermutungen, die wahrscheinlichen wie die unwahrscheinlichen, waren falsch. Die Wahrheit war fantastisch, unvorstellbar! Wie h�tte sie auch ahnen k�nnen, dass eine der Einwohnerinnen sich zur �Kaiserin von Kanaan� proklamiert hatte! Deshalb also hatte sich die gl�nzende Frau Borejko auf dieser abgelegenen Insel niedergelassen, deswegen wollte sie nicht weg von hier! Sie war unbestreitbar sch�n, elegant, auf ihre Art sogar majest�tisch. Doch in Petersburg w�re sie eine von vielen, in der Gouvernementsstadt eine von mehreren gewesen, und selbst in der tiefsten Provinz mochte sich eine Rivalin finden. Hier hingegen, in dieser kleinen M�nnerwelt, gab es keine, die sich mit ihr messen konnte. Damen der Gesellschaft gab es �berhaupt keine, die Frauen aus dem einfachen Volk z�hlten nicht. Und die Pilgerinnen, die hierher kamen, hatten anderes im Sinn: Sie trugen fromme Mienen zur Schau, gingen in schwarze T�cher geh�llt und hatten keine Augen f�r M�nner � warum auch, gab es doch dort, woher sie kamen, um f�r ihre S�nden um Vergebung zu flehen, mehr als genug Kavaliere.</p><p>Die Borejko hatte sich hier auf der Insel ihren eigenen Staat eingerichtet. Und sie hatte ihren pers�nlichen Dschinn, ihren treuen Sklaven � Kapit�n Jonas. Das war er, der schwarze M�nch, in h�chsteigener Person! Er stand da mit einem t�richten, seligen L�cheln auf seinem wettergegerbten Gesicht. Jemand wie er w�rde ergeben jeder Laune seiner Gebieterin nachkommen, sogar ein Verbrechen begehen. W�rde sie anordnen, die Untergebenen in Angst und Schrecken zu versetzen, ihrem Herzen eine mystische Furcht einzupflanzen � Jonas w�rde es tun. W�rde sie befehlen, zu t�ten, jemanden um den Verstand zu bringen, zu entf�hren � er w�rde auch das ausf�hren, ohne zu zaudern.</p><p>Polina Andrejewna war so ersch�ttert, dass sie gar nicht dazu kam, die m�glichen Motive f�r dieses ungeheure Vorhaben zu durchdenken, doch eines wusste sie ganz sicher: Weiblicher Ehrgeiz ist unm��iger und absoluter als der m�nnliche; wenn er sich von irgendeiner Seite bedroht f�hlt, ist er zu jeder T�cke und Grausamkeit bereit. Man musste die wutschnaubende �Kaiserin� �ber den Irrtum aufkl�ren, dem sie hinsichtlich der Absichten der angeblichen Pilgerin erlegen war (Polina Andrejewna brauchte die M�nner von Neu-Ararat, ja M�nner �berhaupt, ganz gewiss nicht), andernfalls w�rde Lidia Jewgenjewna in ihrer Erbitterung noch eine Freveltat begehen. Was w�rde ihr das noch ausmachen, nach alldem, was sie schon begangen hatte?</p><p>Die an den Handgelenken zusammengebundenen H�nde wollte nach dem Knebel greifen, aber da war nichts zu machen: Der geschickte Seemann hatte die Fesseln an H�nden und F��en miteinander verbunden, sodass es unm�glich war, den straffen Knoten am Hinterkopf zu erreichen.</p><p>Die Gefangene begann zu br�llen und gab zu verstehen, dass sie etwas sagen wollte. Es klang j�mmerlich, doch Lidia Jewgenjewna lie� sich nicht erweichen.</p><p>�Suchst du Mitleid? Zu sp�t! Andere h�tte ich dir verziehen, aber ihn � niemals!� Ihre Augen funkelten so hasserf�llt, dass Polina Andrejewna erkannte: Sie w�rde ihr ohnehin nicht zuh�ren, f�r sie war l�ngst alles entschieden.</p><p>Wen Lidia Jewgenjewna ihr nicht verzeihen wollte, erfuhr die Lissizyna freilich nicht, weil die Kl�gerin stolz die Arme in die Seiten stemmte, mit der Geste einer r�mischen Kaiserin, die einen Gladiator zum Tode verdammt, die Hand nach unten streckte und verk�ndete:</p><p>�Dein Urteil ist gef�llt und wird sofort vollstreckt. Jonas, h�ltst du deinen Schwur?�</p><p>�Ja, Kaiserin�, erwiderte der Kapit�n heiser. �Ich mache alles, was du willst.�</p><p>�Dann fang an!�</p><p>Jonas kramte in einer dunklen Ecke herum und zog ein Brecheisen hervor. Er spuckte in die H�nde und packte das Brecheisen fester.</p><p>Er w�rde ihr doch nicht den Sch�del einschlagen? Polina Andrejewna kniff die Augen zusammen.</p><p>Ein Knacken ert�nte, dann das Krachen von splitternden Bohlen.</p><p>Sie schlug die Augen auf und sah, dass der H�ne mit Schwung die Bordwand durchschlug, und zwar anscheinend unterhalb der Wasserlinie, denn durch das Loch str�mte Wasser herein. Der Kapit�n holte wieder aus und schlug von neuem zu. Dann noch einmal und noch einmal.</p><p>Schon str�mten gurgelnd an vier Stellen schwarze, �lig gl�nzende Wassermassen herein.</p><p>�Es reicht.� Lidia Jewgenjewna gebot dem Zerst�rer Einhalt. �Ich will, dass es m�glichst lange dauert. Mag sie br�llen vor Entsetzen und den Tag und die Stunde verfluchen, da sie in mein Reich einzudringen wagte!�</p><p>Nachdem sie dieses furchtbare Urteil gesprochen hatte, stieg Frau Borejko die Leiter hinauf an Deck. Jonas polterte hinterher.</p><p>Der Boden war nicht mehr zu sehen, das Wasser bedeckte ihn bereits v�llig. Polina Andrejewna zog die Beine hoch zur Sitzfl�che, richtete sich mit M�he und Not auf und presste sich mit dem R�cken gegen die Bordwand.</p><p>Wie abscheulich! Das Wasser trieb die M�use aus den Spalten hervor, und mit �ngstlichem Fiepen kletterten sie an den langen Unterhosen der Gefangenen empor.</p><p>Von oben erscholl ein h�misches Gel�chter:</p><p>�Jetzt ist sie eine richtige F�rstin Tarakanowa! Mach die Luke zu!�</p><p>Die Leiter verschwand durch die Luke, der Deckel schlug zu, und im Kielraum wurde es finster.</p><p>Durch die Bohlen der Decke h�rte sie das Gespr�ch der M�rder mit an.</p><p>Die Frau sagte:</p><p>�Warte am Ufer, bis es gesunken ist. Dann komm zu mir. Vielleicht bekommst du eine Belohnung.�</p><p>Die Antwort war ein begeistertes Gebr�ll.</p><p>�Ich habe gesagt: vielleicht�, unterbrach Lidia Jewgenjewna den frohlockenden Jonas.</p><p>Sich entfernende Schritte. Stillev</p><p>In der Welt, die f�r Frau Lissizyna jetzt auf das Ausma� eines Holzk�figs geschrumpft war, gab es nichts au�er Finsternis und dem Gurgeln des Wassers. Am schlimmsten erschien es der zum Tode verurteilten Polina Andrejewna nun, dass ihr Brief an den Bischof � der in seinem deduktiven Teil falsch sein mochte, aber dennoch vieles erkl�rte und erhellte � mit ihr zusammen untergehen w�rde. So w�rde niemand erfahren, dass Wassilisk kein Phantom und keine Chim�re war, sondern das �ble Spiel eines verbrecherischen Verstandes.</p><p>Trotzdem durfte sie nicht aufgeben. Erst wenn man alles Menschenm�gliche versucht hatte, durfte man sich ins Unab�nderliche ergeben und der Vorsehung Gottes anvertrauen.</p><p>Nur hatte Polina Andrejewna, die gefesselt in der Falle sa�, wahrhaftig nicht viele M�glichkeiten.</p><p>Weder konnte sie den Knebel herausnehmen, noch ihre H�nde befreien.</p><p>Also muss ich versuchen, die F��e frei zu bekommen, sagte sie sich. Sie setzte sich in die Hocke � und tats�chlich, ihre Finger ertasteten den Strick an den Kn�cheln.</p><p>O weh, es waren keine einfachen, sondern irgendwelche kompliziert gekn�pften Knoten, bestimmt Seemannsknoten, die so fest verzurrt waren, dass sie sie mit den Fingern�geln nicht aufzupfen konnte.</p><p>Dem Pl�tschern nach zu urteilen, war das Wasser schon beinahe bis zur Sitzfl�che gestiegen. Irgendwo ganz nah fiepte eine Maus, doch Polina Andrejewna konnte sich jetzt nicht um weibliche �ngste k�mmern. Wenn sie doch nur mit den Z�hnen am Knoten zupfen k�nnte! Sie kr�mmte sich zusammen, so gut es ging, und scheuerte heftig an dem Tuch, das um ihren Mund gebunden war. Bei dem Versuch, es hinunterzuzerren, renkte sie sich beinahe den Unterkiefer aus und stach sich obendrein mit etwas Spitzem in die Brust.</p><p>Was war das?</p><p>Nadeln, Stricknadeln! Unter dem Hemd hing der Beutel mit ihrer Handarbeit.</p><p>Die Lissizyna tastete flink mit den H�nden unter dem Hemd nach dem Beutelchen und hatte in Sekundenschnelle eine Stricknadel hervorgezogen. Nun musste sie das spitze Metallende der Stricknadel in den Knoten stecken, daran ziehen und ihn lockern.</p><p>Das kalte Wasser leckte an den Sohlen und drang allm�hlich in ihre Schuhe.</p><p>Geschafft! Die F��e waren frei!</p><p>Die H�nde w�rde sie zwar nicht befreien k�nnen, doch daf�r konnte sie sie nun nach oben strecken.</p><p>Zuerst band sie das straffe Tuch auf und riss den l�stigen Knebel aus dem Mund. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und stemmte die gefesselten F�uste gegen die Luke.</p><p>Ach! Die Luke war mit einem Riegel versperrt. Selbst jetzt konnte sie sich nicht aus dem Kielraum befreien.</p><p>Doch Polina Andrejewna verzweifelte nicht. Sie lie� sich auf die Knie fallen (das Wasser spritzte nach allen Seiten weg), beugte sich vor und begann, den Boden abzutasten.</p><p>Da war es, das Brecheisen. Es lag dort, wo Jonas es hatte fallen lassen.</p><p>Jetzt musste sie sich noch einmal zu voller Gr��e aufrichten, ausholen und mit aller Kraft gegen die Luke schlagen.</p><p>Das Eisen durchbrach die morsche Luke. Noch ein paar Schl�ge, und der Riegel sprang aus der Halterung. Die Lissizyna warf die Luke zur�ck und erblickte �ber sich den Himmel, kurz vor Morgengrauen. Die Luft war muffig und feucht, doch sie roch nach Leben.</p><p>Polina Andrejewna klammerte sich mit den Fingern an den Rand der �ffnung, zog sich hoch und st�tzte sich zuerst mit dem einen, dann mit dem anderen Ellbogen ab � als Turnlehrerin fiel ihr das nicht sonderlich schwer.</p><p>Als sie an Deck sa�, blickte sie hinunter in das Loch. Dort wogte das schwarze, t�dliche Wasser, das jetzt immer schneller und schneller hereinstr�mte � vermutlich waren die Lecks durch den Wasserdruck gr��er geworden.</p><p>Was war das f�r ein kleiner Fleck an der Oberfl�che?</p><p>Sie sah genauer hin � eine Maus. Die einzige, die �berlebt hatte, alle anderen waren ertrunken. Und auch diese strampelte mit letzter Kraft.</p><p>Die wundersam gerettete Polina Andrejewna verzog angeekelt den Mund, beugte sich hinab, packte die graue Schwimmerin (es war die Maus mit dem Stummelschwanz) und schleuderte sie weit weg von sich aufs Deck.</p><p>Die Maus sch�ttelte sich wie ein Hund und flitzte, ohne sich nach ihrer Retterin auch nur umzusehen, �ber das Fallreep ans Ufer.</p><p>Und sie tat gut daran � das Deck befand sich beinahe schon auf gleicher H�he wie die Wasseroberfl�che.</p><p>Frau Lissizyna blickte sich um. Sie sah halb versunkene Barkassen, aus dem Wasser aufragende Masten und im seichten Wasser ganz verfaulte h�lzerne Schiffsgerippe.</p><p>Ein Schiffsfriedhof f�r alte K�hne und Fischerboote � dahin hatte Kapit�n Jonas, der vor Leidenschaft den Verstand verloren hatte, seine Beute geschleppt.</p><p>Wenn man vom Teufel spricht � da kam der Kapit�n auch schon!</p><p>Aus dem fahlen Nebel tauchte eine massive, schwarze Silhouette am Ufer auf, die langsam auf das Fallreep zusteuerte.</p></section><section><title><p>Langstreckenlauf</p></title><p>Polina Andrejewna stachen die H�nde des M�nchs ins Auge, die gem�chlich und ihrer Sache gewiss die �rmel seiner Kutte hochkrempelten. Die Bedeutung dieser Geste war so offensichtlich, dass die Wiederauferstandene den segensreichen Duft des Lebens sogleich verga� und, dem Beispiel ihrer flinken Leidensgenossin folgend, in Windeseile zum Fallreep st�rzte.</p><p>Sie rannte �ber die schwankenden Bretter an Land, tauchte unter der gespreizten Pranke des Kapit�ns hindurch und st�rmte �ber Steine und Ger�ll und dann �ber den kleinen Pfad in die Richtung, wo sich nach ihrer Berechnung die Stadt befinden musste.</p><p>Sie blickte sich um und sah, dass Jonas mit seinen Stiefeln polternd hinterhergelaufen kam. Aber wie h�tte er es mit der leichtf��igen L�uferin aufnehmen k�nnen? Zudem ist es etwas ganz anderes, in einer langen Kutte zu laufen als in leichten Satinhosen, die die Bewegungsfreiheit nicht einengen.</p><p>Kein Zweifel � w�re es ein Wettkampf bei den Olympischen Spielen gewesen, dieser neuen europ�ischen Volksbelustigung, dann h�tte nicht der Verfolger, sondern sein Opfer die Medaille im Sprint davongetragen.</p><p>Frau Lissizyna lag erst zwanzig, dann f�nfzig und dann hundert Schritte vorn. Das Trampeln der Stiefel war beinahe nicht mehr zu h�ren. Doch jedes Mal, wenn sie sich umblickte, sah sie den hartn�ckigen Kapit�n, der gar nicht daran dachte aufzugeben und noch immer hinter ihr herlief.</p><p>Der Pfad lag v�llig verlassen, zu beiden Seiten erstreckten sich nackte Wiesen � kein einziges Haus, nur niedrige Wirtschaftsgeb�ude, dunkel und menschenleer. Sie konnte sich auf nichts verlassen als auf ihre eigenen Beine.</p><p>Die F��e stie�en sich gleichm��ig von dem federnden Boden ab: eins, zwei, drei, vier � einatmen, eins, zwei, drei, vier � ausatmen, aber die gefesselten H�nde st�rten sie, je l�nger sie lief, desto mehr. Gem�� der englischen Sportwissenschaft waren ein weit ausholender Schwung der Arme und die tatkr�ftige Mitwirkung von Ellbogen und Schultern Voraussetzung f�r das richtige Laufen, aber davon konnte mit zusammengebundenen Handgelenken und mit vor die Brust gepressten H�nden keine Rede sein.</p><p>Dann, als der Weg allm�hlich leicht anstieg, ging ihr die Luft aus. Entgegen der richtigen Technik atmete Polina Andrejewna schon sowohl mit dem Mund als auch mit der Nase und auch nicht mehr zwischen dem vierten und dem f�nften Laufschritt, sondern wie es gerade kam. Sie stolperte mehrmals und konnte sich kaum auf den Beinen halten.</p><p>Das Trampeln der Stiefel kam allm�hlich n�her, und die Lissizyna erinnerte sich, dass die neuesten Richtlinien f�r die Olympischen Spiele neben dem Sprint, also dem Kurzstreckenlauf, auch noch den Langstreckenlauf vorsahen. In dieser Disziplin w�rde wohl eher Bruder Jonas den Sieg davontragen.</p><p>Der Nebel l�ste sich auf, und die Morgend�mmerung gewann allm�hlich an Kraft, sodass man nun sehen konnte, welche Distanz noch zu �berwinden war. Linker Hand, etwa eine Werst, wenn nicht eineinhalb entfernt, zeichneten sich die verschlafenen grauen Umrisse der Stadt mit ihren Glockent�rmen ab. So weit w�rde Polina Andrejewna, deren Kr�fte inzwischen ersch�pft waren, nicht mehr laufen k�nnen, ihre ganze Hoffnung setzte sie darauf, dass ihr jemand begegnen und sie retten w�rde. Und wenn nicht?</p><p>Rechter Hand, nicht mehr als dreihundert Schritt entfernt, schimmerte an der Klippe ein einsamer wei�er Turm, wahrscheinlich ein Leuchtturm. Dort musste doch jemand sein!</p><p>Halb laufend, halb gehend, st�rzte sie keuchend auf den schmalen, steinernen Turm zu. Sie h�tte schreien und um Hilfe rufen m�ssen, doch daf�r reichten ihre Kr�fte nicht mehr.</p><p>Erst als sie schon ganz dicht beim Leuchtturm war, bemerkte die Lissizyna die kreuzweise mit Brettern vernagelten Fenster, den mit br�unlichem Gras �berwucherten Hof und den zur H�lfte eingest�rzten Zaun.</p><p>Der Leuchtturm war verlassen, unbewohnt!</p><p>Sie rannte noch ein St�ck weiter darauf zu, ohne Sinn, einfach aus dem Lauf heraus. Sie stolperte �ber einen kleinen Erdh�gel und fiel unmittelbar vor dem windschiefen Fl�gel des ge�ffneten Tors zu Boden.</p><p>Sie hatte keine Kraft, sich zu erheben, und warum auch? Stattdessen st�tzte sie sich auf die Ellbogen, sie warf den Kopf zur�ck und fing an zu weinen. Nicht, weil sie um Hilfe rufen wollte (wer w�rde sie hier h�ren?), sondern aus Verzweiflung. Da bin ich, o Herr, die Nonne Pelagia, mit weltlichem Namen Polina Lissizyna. Ich bin verloren!</p><p>Nachdem sie ihre Angst hinausgeschrien hatte, wandte sie sich dem nahenden Poltern der Stiefel zu.</p><p>Der Kapit�n war durch die Verfolgungsjagd nicht allzu sehr au�er Atem geraten, nur sein Gesicht hatte sich noch st�rker ger�tet.</p><p>Polina Andrejewna presste die H�nde an die Brust (es sah aus, als flehe sie um Gnade) und sagte eindringlich:</p><p>�Bruder Jonas! Was habe ich Ihnen getan? Ich bin Ihre Schwester in Christus! Bringen Sie keine lebende Seele um!�</p><p>Sie dachte, er w�rde nicht antworten.</p><p>Doch der M�nch blieb bei der am Boden liegenden Frau stehen, wischte sich mit dem �rmel die Stirn ab und brummte:</p><p>�Ich habe meine Seele zugrunde gerichtet, was soll ich da Mitleid mit einer fremden haben?�</p><p>Er sah sich um, nahm einen gro�en, kantigen Stein vom Wegrand und hob ihn �ber den Kopf. Ohne die Augen zu schlie�en, blickte Frau Lissizyna nach oben. Nicht zu ihrem M�rder � zum Himmel. Er war tr�be und streng, aber voller Licht.</p><p>�He, mein Bester!�, erscholl pl�tzlich eine klingende, gelassene Stimme.</p><p>Polina Andrejewna, die sich schon damit abgefunden hatte, dass ihr rothaariger Kopf nun zertr�mmert werden w�rde, starrte Jonas verdutzt an. Der hielt immer noch den Stein �ber dem Kopf und wandte sich zum Leuchtturm um. Und richtig, die Stimme kam von dort.</p><p>Die zuvor geschlossene T�r zum Turm stand nun offen. Auf der niedrigen Treppe stand ein Herr in einem Morgenrock mit Quasten und gemusterten persischen Hausschuhen. Offenbar kam er gerade aus dem Bett.</p><p>Die Lissizyna erkannte den Herrn sofort. Wie sollte es auch anders sein? Als ob man dieses k�hne Gesicht, diese blauen Augen und diese schr�g in die Stirn fallende goldblonde Haarstr�hne vergessen k�nnte!</p><p>Er war es, er, der Katzenretter, der Mann, der die Herzen der Frauen h�her schlagen lie�.</p><p>Welch ein bet�render Anblick!</p></section><section><title><p>Die Versuchung der heiligen Pelagia</p></title><p>�Leg den Stein hin, du Sklave Gottes�, sagte der bildsch�ne Mann, und er musterte interessiert den kr�ftigen M�nch und die zu seinen F��en liegende junge Frau. �Und dann komm her, ich ziehe dir die Ohren lang, damit du wei�t, wie man mit Damen umgeht.�</p><p>Er sah einfach gro�artig aus, als er diese k�hnen Worte sprach: hager, wohlgestaltet, ein sp�ttisches L�cheln auf den schmalen Lippen. David, der Goliath zum Kampf herausfordert � dieser Vergleich fiel Frau Lissizyna ein, die von den Ereignissen v�llig �berrumpelt war.</p><p>Doch im Unterschied zu dem biblischen Zweikampf befand sich der Stein nicht in der Hand des wundersch�nen Helden, sondern in der des Riesen. Mit dumpfem Gebr�ll wandte dieser sich um und schleuderte dem so unerwartet aufgetauchten Zeugen das Geschoss entgegen.</p><p>Der schwere Stein h�tte den Blonden mit Sicherheit umgeworfen, doch der wich geschickt aus, und der Stein prallte gegen den offen stehenden T�rfl�gel, schlug diesen entzwei, fiel dann auf die Vortreppe, sprang alle drei Stufen, eine nach der anderen, hinunter und bohrte sich in den Dreck.</p><p>�Na so etwas! Nun stehst du da mit deinen langen Sch��en.�</p><p>Die sp�ttische Miene des Ritters wurde ernst, sein Kinn schob sich vor, die Augen zeigten ein st�hlernes Blitzen. Der wundervolle Besch�tzer st�rzte sich auf den M�nch, nahm eine elegante Boxerhaltung ein und gab eine ganze Salve gezielter, krachender Schl�ge auf die breite Visage des Kapit�ns ab, die aber leider auf Jonas keinerlei Eindruck machten.</p><p>Der gro�e, plumpe Kerl wehrte den energischen Gegner ab wie eine l�stige Fliege, um ihn dann an den Schultern zu packen, hochzuheben und ihn gut zwei Klafter weit durch die Luft zu werfen. Die Zuschauerin st�hnte nur auf.</p><p>Der Blonde sprang sofort wieder auf und riss sich den f�r diese Gelegenheit denkbar ungeeigneten Morgenrock vom Leib. Er trug kein Hemd darunter, sodass sich Polina Andrejewnas Blick der schlanke, sehnige Bauch und die muskul�se, mit goldenen Haaren bewachsene Brust darbot.�Nun glich der K�mpfer noch mehr einem David.</p><p>Der Bewohner des Leuchtturms hatte offenbar eingesehen, dass er den Kampf gegen einen solchen B�ren nicht mit blo�en H�nden aufnehmen konnte, und blickte sich nach rechts und nach links um, ob sich nicht eine Waffe finden lie�e. Mit Erfolg � neben einem Schuppen mit windschiefem, l�chrigem Dach lag eine alte Gabeldeichsel im Gras.</p><p>David st�rzte in zwei S�tzen dahin, packte sie mit beiden H�nden und beschrieb damit einen pfeifenden Kreis �ber dem Kopf. Die Chancen der beiden Widersacher schienen nun gleich zu stehen. Polina Andrejewna fasste neuen Mut, richtete sich halb auf und verbiss sich mit den Z�hnen in dem Strick. Sie musste schnellstm�glich ihre H�nde befreien und zu Hilfe eilen!</p><p>Goliath war ob der Gabeldeichsel beileibe nicht erschrocken, vielmehr marschierte er mit geballten F�usten und gesenktem Kopf geradewegs auf den Feind zu. Als der improvisierte Kn�ppel auf seinen Scheitel niederfuhr, dachte der Kapit�n nicht daran, in die Knie zu gehen, sondern er schwankte nur leicht. Daf�r war die Gabeldeichsel in der Mitte geborsten wie ein Streichholz.</p><p>Der Kapit�n packte den Gegner erneut bei den Schultern, nahm Anlauf und schleuderte ihn von sich, dieses Mal aber nicht auf den Boden, sondern gegen die Mauer des Leuchtturms. Es war einfach erstaunlich, dass der Blonde von dieser Ersch�tterung nicht das Bewusstsein verlor!</p><p>Taumelnd stieg er die Vortreppe hinauf, um den R�ckzug ins Haus anzutreten, wo er m�glicherweise eine Waffe hatte, mit der er sich wirksamer w�rde verteidigen k�nnen als mit der morschen Gabeldeichsel. Doch Jonas durchschaute die Absicht des sch�nen Herrn, st�rzte mit Gebr�ll vorw�rts und holte ihn ein.</p><p>�ber den Ausgang des Zweikampfs konnte es keinen Zweifel mehr geben. Mit der einen Pranke dr�ckte der M�nch den armen Paladin gegen den T�rpfosten, und die andere ballte er, gem�chlich ausholend, zur Faust, um ihm den vernichtenden und wahrscheinlich t�dlichen Schlag zu versetzen.</p><p>Da endlich hatte Frau Lissizyna sich von den Fesseln befreit. Sie sprang auf und st�rmte mit einem durchdringenden, schrillen Kreischen voran, um ihrem Verteidiger beizustehen. Aus dem Lauf heraus sprang sie dem Kapit�n auf den R�cken, umfasste ihn mit den Armen und biss ihn in den Hals, der nach Salz schmeckte und hart war wie ein Stockfisch.</p><p>Jonas sch�ttelte die federleichte Dame ab, wie ein B�r einen Hund absch�ttelt: Er wand seinen Rumpf heftig hin und her, und Polina Andrejewna flog zur Seite. Durch den Ruck aber hatte der Kapit�n, der am Rand der Vortreppe stand, das Gleichgewicht verloren, er schwankte kurz, ruderte mit beiden Armen, und David lie� sich die g�nstige, einmalige Gelegenheit nicht entgehen und stie� den st�mmigen Burschen aus Leibeskr�ften mit der Stirn gegen das Kinn.</p><p>Der Fall des H�nen aus eigentlich nicht so gro�er H�he war ein gewaltiger Anblick und glich dem Sturz der S�ule auf der Place Vend�me (Polina Andrejewna hatte einmal ein Bild gesehen, auf dem die Pariser Kommunarden die S�ule der Bonapartisten st�rzen). Bruder Jonas krachte mit dem R�cken zu Boden und schlug mit dem Hinterkopf auf ebenjenen kantigen Stein, den er noch vor nicht allzu langer Zeit als Mordwaffe hatte verwenden wollen. Dieser Aufprall wurde von einem entsetzlichen Knirschen begleitet, der Riese blieb reglos liegen, die m�chtigen Arme weit ausgebreitet.</p><p>�Danke Dir, o Herr�, fl�sterte Frau Lissizyna eindringlich. �Das war gerecht.�</p><p>In derselben Minute allerdings sch�mte sie sich f�r ihre Blutr�nstigkeit. Sie trat zu der am Boden liegenden Gestalt, hockte sich daneben und hob ein schlaffes Lid an, um zu pr�fen, ob der M�nch noch lebte.</p><p>�Er lebt�, seufzte sie erleichtert. �Daf�r muss man einen kr�ftigen Sch�del haben!�</p><p>Ihr Gefechtsgenosse stieg die Stufen herab, setzte sich auf die Vortreppe und betrachtete angeekelt seine zerschrammten Fingerkn�chel.</p><p>�Zum Teufel mit ihm. Wenn er doch krepiert w�re!�</p><p>Ohne Eile musterte er interessiert die Dame in der verschmutzten Unterw�sche. Polina Andrejewna err�tete und bedeckte den sch�ndlichen blauen Flecken mit der Hand.</p><p>�Ach, die Witwe, die eine Braut ist.� Der sch�ne Mann hatte sie trotzdem erkannt. �Ich wusste, dass wir uns Wiedersehen w�rden � und nun ist es soweit. Na, na.� Er schob ihre Hand zur Seite und stie� einen Pfiff aus. �Was haben Sie f�r eine empfindliche Haut! Sie sind doch nur hingefallen, und schon haben Sie einen blauen Fleck.�</p><p>Behutsam (es kam ihr sogar z�rtlich vor) fuhr er mit dem Finger �ber die blaue Stelle. Frau Lissizyna wich nicht zur�ck und erkl�rte auch nicht, dass der blaue Fleck keineswegs neu, sondern von gestern war.</p><p>Der erstaunliche Blonde blickte ihr direkt in die Augen, seine Lippen versuchten sich zu einem fr�hlichen L�cheln zu verziehen, was aber nicht ganz gelang, weil aus seinem Mundwinkel Blutstropfen sickerten.</p><p>�Sie sind tapfer, solche Frauen gefallen mir.�</p><p>�Drehen Sie sich um�, sagte Polina Andrejewna leise, w�hrend sie ihren Blick von seinem Gesicht auf die zerkratzte Schulter lenkte. �Sehen Sie, Ihr ganzer R�cken ist aufgesch�rft. Er blutet. Man muss ihn waschen und verbinden.�</p><p>Ohne R�cksicht auf seine verletzte Lippe fing er an zu lachen. Zwischen seinen wei�en Z�hnen war ebenfalls Blut.</p><p>�Krankenschwester sind Sie also auch noch! Sie sollten mal sich selbst ansehen.�</p><p>Er stand auf, fasste die Dame mit einer Hand um die Schultern, mit der anderen unter den Knien, nahm sie auf die Arme und trug sie ins Haus. Polina Andrejewna wollte sich widersetzen, doch nach allem, was sie nervlich und physisch durchgemacht hatte, hatte sie keine Kraft mehr, und es war beruhigend und tr�stlich, sich an die warme, starke Brust des energischen Mannes zu schmiegen. Gerade eben noch, vor einer Minute, hatte es schlimm gestanden um sie, einfach furchtbar, und jetzt war alles richtig und gut � so �hnlich empfand Frau Lissizyna in diesem Moment. Sie brauchte an nichts weiter zu denken, sich nicht zu beunruhigen. Es war jemand da, der wusste, was zu tun war, der bereit war, alle Entscheidungen zu treffen.</p><p>�Danke�, fl�sterte sie, als ihr einfiel, dass sie ihrem Retter noch nicht gedankt hatte. �Sie haben mich vor dem sicheren Tod gerettet. Es ist ein wahres Wunder.�</p><p>�Und was f�r ein Wunder!� Der sch�ne Blonde legte sie behutsam auf eine Bettstatt, die mit einem B�renfell bedeckt war. �Sie haben Gl�ck gehabt, gn�dige Frau. Ich habe mich erst vor einer Woche hier niedergelassen. Der Leuchtturm ist seit langem unbewohnt. Daher auch der vernachl�ssigte Zustand � seien Sie bitte nachsichtig!�</p><p>Er wies mit dem Arm auf das Zimmer, das Polina Andrejewna in ihrem jetzigen wohligen Zustand au�erordentlich romantisch vorkam. Die eine H�lfte des einzigen Fensters, bei dem die Scheibe fehlte, war mit einem eingerollten Kosakenumhang verh�ngt, daf�r aber er�ffnete sich durch die andere H�lfte ein herrlicher Blick auf den See und die in der Ferne bl�ulich schimmernde Nachbarinsel. Die Einrichtung des Raumes bestand lediglich aus einem wackligen Tisch, der mit einem prachtvollen, samtenen Tischtuch bedeckt war, einem weichen t�rkischen Sessel mit einem Berg von Kissen und der bereits erw�hnten Bettstatt. In dem ru�geschw�rzten Kamin knackten noch die in der Nacht nicht ganz niedergebrannten Holzscheite. Der einzige Schmuck der nackten Mauern war ein bunter orientalischer Teppich, an dem ein Gewehr, ein Dolch und eine lange, verzierte t�rkische Tabakpfeife hingen.</p><p>�Wie kommt es, dass Sie hier allein wohnen? Warum?�, fragte die Gerettete nicht besonders h�flich. �Ach, verzeihen Sie, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Polina Andrejewna Lissizyna aus Moskau.�</p><p>�Nikolaj Wsewolodowitsch�, erwiderte der Hausherr mit einer Verbeugung, aber ohne seinen Familiennamen zu erw�hnen. �Ich logiere hier ausgezeichnet. Und was den Grund angeht. . . Hier gibt es keine Menschen, nur den Wind und die Wellen. Aber wir wollen uns sp�ter unterhalten.� Er goss hei�es Wasser aus dem Samowar in eine Sch�ssel und nahm ein sauberes Tuch vom Tisch. �Zuerst k�mmern wir uns um Ihre Wunden. Geruhen Sie bitte, Ihr Hemd hochzuziehen.�</p><p>Dieses Ansinnen lehnte Polina Andrejewna selbstverst�ndlich ab, doch lie� sie sich das Gesicht, die Absch�rfungen an den Ellbogen und sogar die von den Fesseln wund gescheuerten Kn�chel waschen. Nikolaj Wsewolodowitsch w�re wohl kein besonders f�higer, daf�r aber ein sehr sorgsamer Krankenpfleger geworden. Als sie sah, wie behutsam er ihr den nassen Schuh auszog, blinzelte Frau Lissizyna ger�hrt, und sie nahm es ihm nicht �bel, als er ihr dabei mit dem Finger schmerzhaft auf den geprellten Kn�chel dr�ckte.</p><p>�Ich kann gar nicht ausdr�cken, wie dankbar ich Ihnen bin. Am meisten daf�r, dass Sie, ohne zu z�gern und ohne zu wissen, worum es ging, einem v�llig unbekannten Menschen beigestanden haben.�</p><p>�Eine Kleinigkeit.� Der Hausherr winkte ab und wusch eine Kratzwunde am Fu�gelenk aus. �Das ist doch nicht der Rede wert.�</p><p>Es war offensichtlich, dass er nicht kokettieren wollte, sondern seinem bemerkenswerten Handeln tats�chlich keinerlei Bedeutung beima�. Er hatte einfach das f�r ihn Naheliegendste getan, genau wie damals, als er das K�tzchen gerettet hatte. Das nahm Polina Andrejewna am meisten f�r ihn ein. Sie bem�hte sich, dem Helden nicht ihre verunstaltete Gesichtsh�lfte zuzuwenden, und musste ihn daher immerzu von der Seite her ansehen.</p><p>Ach, er gefiel ihr wirklich sehr! Wenn Nikolaj Wsewolodowitsch die Intimit�t der Situation aus genutzt und sich auch nur einen zweideutigen Blick, nur einen aufdringlichen H�ndedruck gestattet h�tte, w�re Frau Lissizyna sogleich wachsamer gewesen und an ihre Pflicht und Schuldigkeit gemahnt worden, doch die F�rsorge des Hausherrn war aufrichtig br�derlicher Natur, und ihr Herz verpasste den Moment, auf der Hut zu sein.</p><p>Als Polina Andrejewna sich dabei ertappte, dass sie Nikolaj Wsewolodowitsch nicht ganz so ansah, wie es sich geh�rte, und erschrak, war es schon zu sp�t: Ihr Herz klopfte viel schneller, als es sollte, und die Ber�hrungen des improvisierten Doktors riefen im ganzen K�rper ein gef�hrliches Gef�hl angenehmer Mattigkeit hervor.</p><p>Es war h�chste Zeit, den Herrn um St�rkung des Geistes und �berwindung der Versuchung zu bitten, doch im Zimmer war weder eine Ikone noch das allerkleinste Heiligenbild.</p><p>�Na also.� Nikolaj Wsewolodowitsch nickte zufrieden. �Wenigstens wird es sich nicht entz�nden. Und nun Sie.�</p><p>Er wandte der auf der Bettstatt liegenden Dame seinen nackten, auf gesch�rften R�cken zu.</p><p>Es folgten noch schlimmere Versuchungen. Polina Andrejewna setzte sich auf und begann, die wei�e Haut ihres Retters abzureiben, wobei sie sich kaum zur�ckhalten konnte, mit der Handfl�che seinen R�cken zu streicheln.</p><p>Besonders ungut waren die hin und wieder eintretenden Pausen. In den Jahren als Nonne hatte sie vergessen, dass solche Unterbrechungen im Gespr�ch gef�hrlicher als alles andere sind. Sogleich h�rt man das eigene, heftige Atmen, und die Schl�fen beginnen zu h�mmern.</p><p>Polina Andrejewna war pl�tzlich befangen, weil sie nicht angezogen war, und blickte sich um, ob sie etwas fand, das sie sich umlegen k�nnte. Sie fand nichts.</p><p>�Ist Ihnen kalt?�, fragte Nikolaj Wsewolodowitsch, ohne sich umzudrehen. �Nehmen Sie doch den Kosakenumhang, es ist sowieso nichts anderes da.�</p><p>Frau Lissizyna ging �ber den kalten Boden zum Fenster und h�llte sich in das streng riechende Schaffell. Sie war nun etwas gefasster, und der durch das Fenster hereinwehende Wind k�hlte angenehm ihr ger�tetes Gesicht.</p><p>In der Ferne, da wo die Landzunge begann, stand eine Schar M�nche, die auf etwas warteten. Dann �ffnete sich die T�r der Abdankungskapelle, und ein gesichtsloser Mann, der in ein schwarzes, nach oben hin spitz zulaufendes Gewand geh�llt war, trat heraus. Die versammelten M�nche verneigten sich tief vor ihm. Er schlug das Kreuz �ber sie und wandte sich zum Ufer. Erst jetzt bemerkte Polina Andrejewna das Boot mit dem Ruderer. Der schwarze Mann setzte sich in den Bug, wobei er Kanaan den R�cken zuwandte, und das Boot fuhr zur Nachbarinsel. Dort, direkt an der Wasserkante, warteten zwei weitere gesichtslose M�nche in Eremiten-Kapuzen.</p><p>�Bruder Kleopa bringt den neuen Eremiten zur Einsiedelei�, sagte die Lissizyna zu Nikolaj Wsewolodowitsch, der auch zum Fenster getreten war, und kniff die Augen zusammen (das Brillenetui war zusammen mit dem Kleid in dem vernagelten Pavillon am Boden zur�ckgeblieben). �Er hei�t Vater Ilari. Er kann es kaum erwarten, das irdische Jammertal zu verlassen. Ein gelehrter Mann, er hat viele Jahre lang Theologie studiert, aber das Wichtigste hat er nicht begriffen: Der Herr braucht von uns nicht den Tod, sondern das Leben . . .�</p><p>�Diese Bemerkung kommt gerade zur rechten Zeit�, fl�sterte Nikolaj Wsewolodowitsch ihr ins Ohr, woraufhin er sie unvermittelt bei den Schultern packte und zu sich umdrehte.</p><p>Er sah von oben auf sie herab und fragte sp�ttisch:</p><p>�Also: Wessen Witwe sind Sie, und wessen Braut?�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, umarmte er sie und k�sste sie auf die Lippen.</p><p>In diesem Moment erinnerte sich Polina Andrejewna aus irgendeinem Grund an eine schreckliche Szene, die sie vor langer Zeit, noch in der Kindheit, erlebt hatte. Die kleine Polinka war mit den Eltern unterwegs, um einen Besuch auf dem Nachbargut zu machen. Mit dem Wind jagten sie schnell dahin, �ber die zugefrorene Moskwa. Vorweg fuhr der Schlitten mit den Geschenken (es war um die Weihnachtszeit). Pl�tzlich ert�nte ein trockenes Knacken, auf der glatten wei�en Oberfl�che zeigte sich ein schwarzer Riss, und eine unbezwingbare Kraft sog das Gespann in die Tiefe � zuerst den Schlitten mit dem Kutscher, dann das schnaubende, mit den Vorderhufen ausschlagende Pferd . . .</p><p>Dieses Knacken, das sich ihr f�r immer eingepr�gt hatte, vernahm Polina Andrejewna auch jetzt. Sie sah es erneut vor sich, wie mit eigenen Augen: Unter dem Reinen, Wei�en trat das Dunkle, Schreckliche zutage, das um sich griff und sich weiter und weiter ausbreitete.</p><p>Zitternd stemmte sie die H�nde gegen die Brust des Verf�hrers und bat:</p><p>�Nikolaj Wsewolodowitsch, mein Lieber, haben Sie Erbarmen . . . Qu�len Sie mich nicht! Ich darf das nicht. Auf gar keinen Fall!�</p><p>Das wurde so aufrichtig, so kindlich und ungek�nstelt vorgebracht, dass der s��e Verf�hrer seine Umarmung lockerte, einen Schritt zur�cktrat und sich scherzhaft verbeugte.</p><p>�Ich respektiere Ihre Treue gegen�ber Ihrem Br�utigam und werde k�nftig nicht mehr wagen, einen Anschlag darauf zu ver�ben.�</p><p>Da k�sste Polina Andrejewna ihn, aber nicht auf die Lippen, sondern auf die Wange. Sie schluchzte:</p><p>�Danke, danke . . . f�r . . . f�r Ihre Barmherzigkeit.�</p><p>Nikolaj Wsewolodowitsch seufzte bek�mmert.</p><p>�Ja, es ist ein gro�es Opfer f�r mich, denn Sie sind ungew�hnlich verf�hrerisch, gn�dige Frau, besonders mit Ihrem blauen Fleck.� Er l�chelte, als er bemerkte, dass die Dame hastig den Kopf zur Seite drehte und ihm einen schr�gen Blick zuwarf. �Doch zum Dank f�r meine heroische Zur�ckhaltung sagen Sie mir wenigstens, wer der Gl�ckliche ist. Wem bewahren Sie so unverbr�chlich die Treue, ungeachtet des einsamen Ortes, ungeachtet des Gef�hls aufrichtiger Dankbarkeit, das Sie erw�hnten, und, ich bitte um Verzeihung, ungeachtet Ihrer Erfahrung � Sie sind schlie�lich kein junges M�dchen mehr.�</p><p>Trotz des unbeschwerten Tonfalls sp�rte man, dass der sch�ne Blonde in seinem Ehrgeiz gekr�nkt war. Deshalb, und weil sie in einem solchen Moment nicht l�gen wollte, bekannte Polina Andrejewna:</p><p>�Mein Br�utigam ist � Er.�</p><p>Als Nikolai Wsewolodowitsch ungl�ubig die Brauen hob, erkl�rte sie:</p><p>�Es ist Jesus. Sie haben mich in weltlicher Kleidung gesehen, aber ich bin Nonne, Seine Braut.�</p><p>Sie h�tte alles M�gliche erwartet, nicht jedoch das, was dann folgte.</p><p>Das Gesicht des sch�nen Mannes, das bis zu diesem Moment einen gelassenen, sp�ttischen Ausdruck gezeigt hatte, verzerrte sich pl�tzlich: Die Augen traten hervor, die Wimpern zitterten, rosa Flecken traten auf die Wangen.</p><p>�Eine Nonne?!�, rief er aus. �Eine Braut Christi?�</p><p>Seine rote Zunge fuhr aufgeregt �ber die Oberlippe. Nikolaj Wsewolodowitsch war wie verwandelt und zog sie mit einem sonderbaren, Unheil verk�ndenden Auflachen wieder dicht an sich.</p><p>�F�r jeden anderen h�tte ich verzichtet. Aber nicht f�r Ihn! Nun, wir werden ja sehen! Ich h�tte meine Braut besch�tzen k�nnen, aber wird Er es auch k�nnen?�</p><p>Ohne jede Zartheit, nur mit roher Leidenschaft, st�rzte er sich auf die entgeisterte Dame. Er zerriss ihr Hemd und �bers�te Hals, Schulter und Brust mit K�ssen. Der t�ckische Kosakenumhang glitt sofort zu Boden.</p><p>�Was machen Sie da?�, rief Frau Lissizyna entsetzt aus und warf den Kopf zur�ck. �Das ist eine Freveltat!�</p><p>�Ich liebe Freveltaten!�, knurrte der B�sewicht, w�hrend er ihr �ber den R�cken und die H�ften strich. �Das ist mein Handwerk!� Er brach wieder in schallendes Gel�chter aus. �Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Der Satan von Neu-Ararat! Ich bin hierher gesandt, um dieses stille Wasser aufzur�hren, um die Ungeheuer aufzust�ren, die es in seinen Tiefen so zahlreich gibt!�</p><p>Nikolaj Wsewolodowitsch fand gro�es Gefallen an seinem Scherz. Er brach in ein krampfhaftes, manisches Lachen aus, und Polina Andrejewna zuckte zusammen, weil ihr ein neuer Gedanke gekommen war.</p><p>Was war denn diese ganze Geschichte mit dem wieder auferstandenen Wassilisk? Nichts anderes als ein ungeheuerliches, l�sterliches Theater f�r leicht zu beeindruckende Einfaltspinsel! Diese f�r ein fremdes Publikum inszenierte Vorstellung sah nicht nach einer Frau aus. Eine Frau handelte immer f�r eine bestimmte, konkrete Person, und nicht f�r zuf�llige Zuschauer oder zuf�llige Opfer. Hier sp�rte man echte m�nnliche, unpers�nliche Grausamkeit, das Spiel eines pervertierten m�nnlichen Ehrgeizes. Und wie viel Geschicklichkeit und Erfindungsgeist waren vonn�ten, um diese ganze Kom�die mit Gespenstern und dem Wandeln auf dem Wasser zu veranstalten! Nein, die �Kaiserin von Kanaan� und ihr Sklave, der so schwer von Begriff war, hatten damit nichts zu tun.</p><p>�Also, Sie haben das alles gemacht?�, seufzte Polina Andrejewna. �Sie . . . ?! Welch ein entsetzlicher, grausamer Scherz! Wie viel B�ses haben Sie angerichtet, wie viele Menschen zugrunde gerichtet! Und das alles nur so, aus Langeweile! Sie sind wirklich ein Satan!�</p><p>Nikolaj Wsewolodowitschs rechte Wange zuckte nerv�s, als tanze sein Gesicht einen diabolischen Cancan.</p><p>�Ja, ja, ich bin der Satan!�, fl�sterten die schmalen roten Lippen. �Gib dich dem Satan hin, Braut Christi!�</p><p>Er hob die Frau mit Leichtigkeit auf die Arme, lie� sie auf das B�renfell fallen und warf sich auf sie. Polina Andrejewna hob die Hand, um dem Sch�nder die N�gel in die Augen zu schlagen, sp�rte aber pl�tzlich, dass sie es nicht konnte, und das war besch�mender und schlimmer als alles andere.</p><p>Gib mir Kraft, flehte sie zu ihrer Schutzheiligen, der heiligen Pelagia. Die vornehme R�merin, die einem Sohn des Kaisers versprochen war, wollte eher einen grausamen Tod sterben, als mit dem sch�nen Heiden zu s�ndigen. Sie wollte sich lieber in den gl�henden, kupfernen Stier des Phalaris sperren lassen, als in den Armen des Verf�hrers sch�ndlich schwach zu werden.</p><p>�Verzeih mir, verzeih mir, rette mich�, stammelte die arme Frau Lissizyna und bekannte damit die verw�nschte weibliche Schw�che vor dem Ewigen Br�utigam.</p><p>�Gerne!�, feixte Nikolaj Wsewolodowitsch, w�hrend er ihre langen Hosen herunterzerrte.</p><p>Doch es erwies sich, dass auch der Himmlische Br�utigam die Ehre Seiner Braut zu sch�tzen vermag.</p><p>Als Polina Andrejewna schon schien, es sei alles verloren und es gebe keine Rettung, drang von drau�en eine laute Stimme herein:</p><p>�He, he, Childe Harold! Sind Sie hier vor K�lte noch nicht verreckt? Nun ist auch noch Ihre T�r eingeschlagen. Ich bringe Ihnen ein Plaid und einen Korb von ma�tre Armand mit dem Fr�hst�ck! He, Herr Terpsichorow, was ist, schlafen Sie etwa noch?�</p><p>Blitzschnell lie� Nikolaj Wsewolodowitsch von seinem Opfer ab.</p><p>Das Gesicht des Hausherrn ver�nderte sich nun schon zum zweiten Mal beinahe bis zur Unkenntlichtkeit � die d�monische Fratze verwandelte sich in die erschrockene Miene eines gescholtenen kleinen Jungen.</p><p>�Oh je! Das ist Donat Sawwitsch!�, jammerte der erstaunliche Herausforderer Gottes, w�hrend er den Morgenrock �berzog. �Jetzt werde ich etwas zu h�ren bekommen!�</p></section><section><title><p>Interessante Menschen � 2</p></title><p>Polina Andrejewna, die das Wunder noch gar nicht fassen konnte, erhob sich rasch, h�llte sich mehr schlecht als recht in die �berreste ihrer W�sche und st�rzte zur T�r.</p><p>An dem windschiefen Zaun stand Doktor Korowin und band das Zaumzeug eines kr�ftigen Ponys, das einer zweisitzigen englischen Kutsche vorgespannt war, am Torpfosten fest. Donat Sawwitsch trug einen Canotier-Hut mit schwarzem Band und einen hellen Mantel. Er nahm ein gro�es B�ndel und einen Korb aus der Kutsche und wandte sich um, ohne aber die abgerissene Dame (die sich �brigens instinktiv wieder ins Haus zur�ckgezogen hatte) zu bemerken, und starrte den bewusstlos am Boden liegenden Bruder Jonas an.</p><p>�Haben Sie den M�nch betrunken gemacht?�, fragte der Doktor kopfsch�ttelnd. �Treiben Sie immer noch Ihr Unwesen? Offen gestanden ist das keine gro�e Freveltat, zum echten Stawrogin fehlt Ihnen noch einiges. Wahrhaftig, Herr Terpsichorow, Sie sollten diese Rolle fallen lassen, sie passt �berhaupt nicht. . .�</p><p>Da entdeckte Korowin die hinter einem Mauervorsprung hervorlugende Frau im Negligee und verstummte. Zuerst blickte er verst�ndnislos drein, dann runzelte er die Stirn.</p><p>�Aha�, bemerkte er finster. �So ist das. Das war ja zu erwarten. Nat�rlich, schlie�lich ist Stawrogin ein gro�er Charmeur. Guten Morgen, gn�dige Frau. Ich f�rchte, ich muss Ihnen einiges erkl�ren . . .�</p><p>Donat Sawwitsch stieg bei diesen Worten bereits die Vortreppe empor � und verstummte aufs Neue, weil er seine Besucherin von vorgestern erkannt hatte.</p><p>�Polina Andrejewna, Sie?�, fragte der Doktor best�rzt. �Das ist nun nicht . . . Meine G�te, was ist mit Ihnen? Was hat er mit Ihnen angestellt?!�</p><p>Korowin streifte das �bel zugerichtete Gesicht und die kl�gliche Bekleidung der Dame mit einem Blick und st�rmte ins Zimmer. Er schleuderte den Korb und das Plaid zur Seite, packte Nikolaj Wsewolodowitsch bei den Schultern und r�ttelte ihn so, dass dessen Kopf vor und zur�ck schwankte.</p><p>�Das ist eine Niedertracht, mein Lieber! Jawohl! Damit haben Sie alle Grenzen �berschritten! Ein zerfetztes Hemd � bitte sehr. Verf�hrer, afrikanische Leidenschaft und all das, aber warum eine Frau ins Gesicht schlagen? Sie sind kein genialer Schauspieler, Sie sind einfach ein Schuft, das sage ich Ihnen!�</p><p>Der Blonde, den Donat Sawwitsch mit Terpsichorow angeredet hatte, rief kl�glich:</p><p>�Ich schw�re, ich habe sie nicht geschlagen!�</p><p>�Schweigen Sie, Sie Lump!�, schrie Korowin ihn an. �Mit Ihnen befasse ich mich sp�ter.�</p><p>Er st�rzte zu Polina Andrejewna, die anhand dieses merkw�rdigen Zwiegespr�chs nur eines begriff: Wie Furcht erregend Nikolaj Wsewolodowitsch auch war, der Inhaber der Klinik war offenbar noch Furcht erregender. Wie sonst k�nnte der Satan von Neu-Ararat solche Angst vor ihm haben?</p><p>�Das ist �bel�, seufzte der Doktor, als er sah, dass die Dame gehetzt vor ihm zur�ckwich. �Was haben Sie denn, meine liebe Polina Andrejewna, ich bin es doch, Korowin. Erkennen Sie mich wirklich nicht? Eine weitere Patientin kann ich nicht gebrauchen. Gestatten Sie, dass ich Ihnen das hier umlege.�</p><p>Er hob das Plaid vom Boden auf und h�llte Frau Lissizyna sorgsam darin ein, woraufhin diese unvermittelt zu weinen anfing.</p><p>�Ach Terpsichorow, Terpsichorow, was haben Sie nur angerichtet!�, sagte Donat Sawwitsch, w�hrend er der weinenden Frau �ber die roten Haare strich. �Es ist schon gut, meine Liebe, es ist schon gut. Ich schw�re, ich rei�e ihm den Kopf ab und serviere ihn Ihnen auf einer Schale. Und Sie nehme ich jetzt mit zu mir, ich verabreiche Ihnen eine kr�ftigende Br�he und gebe Ihnen eine Beruhigungsspritze . . .�</p><p>�Ich brauche keine Spritze�, schluchzte Polina Andrejewna. �Bringen Sie mich lieber in mein Hotel.�</p><p>Korowin sch�ttelte den Kopf. Mit einem freundlichen Vorwurf, als spreche er zu einem unvern�nftigen Kind, sagte er:</p><p>�In diesem Zustand? Davon will ich nichts h�ren. Sie sollten sich einmal ansehen. Und wenn Sie sich etwas gebrochen oder gequetscht haben? Oder wenn Sie, Gott beh�te, eine Gehirnersch�tterung haben? Nein, meine Liebe, ich habe den Eid des Hippokrates geschworen. Wir fahren jetzt. Wo ist Ihr Kleid?�</p><p>Er blickte sich suchend um und warf sogar einen Blick unter die Bettstatt. Die Lissizyna schwieg betreten, der ungl�ckliche Nikolaj Wsewolodowitsch ebenfalls.</p><p>�Nun gut, zum Teufel mit dem Kleid. Wir finden schon etwas f�r Sie.�</p><p>Er fasste Polina Andrejewna um die Schulter und f�hrte sie zum Ausgang. Sie hatte keine Kraft mehr, sich zu widersetzen, und au�erdem konnte sie wohl kaum in diesem d�shabill� in der Stadt auftauchen.</p><p>Donat Sawwitsch fing aus irgendeinem Grunde an, sich zu entschuldigen. Er lie� das Pferdchen in einen leichten Trab fallen und sagte zerknirscht:</p><p>�Ein schrecklicher Vorfall. Ich wei� nicht, wie ich mich rechtfertigen soll. So etwas ist bei mir noch nie vorgekommen. Sie haben nat�rlich das Recht, sich bei den Beh�rden zu beschweren, eine Klage gegen mich einzureichen und so weiter. F�r meine Klinik ist das mit Unannehmlichkeiten verbunden, es f�hrt vielleicht sogar zur Schlie�ung, aber � mea culpa, also muss ich auch die Verantwortung tragen.�</p><p>�Was haben Sie denn damit zu tun?�, wunderte sich Polina Andrejewna und zog ihre frierenden F��e hoch � die Schuhe waren beim Leuchtturm zur�ckgeblieben, aber sie h�tten ihr auch nichts gen�tzt, feucht und durchn�sst, wie sie waren. �Warum m�ssen Sie die Verantwortung f�r die Verbrechen dieses Mannes tragen?�</p><p>Sie wollte dem Doktor schon die ganze Wahrheit �ber den schwarzen M�nch er�ffnen, kam aber nicht dazu, denn Korowin winkte �rgerlich ab und sprudelte erregt hervor:</p><p>�Weil Terpsichorow mein Patient ist und nicht gerichtlich belangt werden kann. Er steht unter meiner Obhut, ich trage die Verantwortung f�r ihn. Wie konnte ich mich bei der Diagnose nur so t�uschen! Das ist vollkommen unverzeihlich! Eine latente Aggressivit�t nicht erkennen, und was f�r eine! Mit den F�usten auf eine Frau losgehen � das ist einfach ein Skandal! In jedem Fall schicke ich ihn zur�ck nach Petersburg. In meiner Klinik gibt es keinen Platz f�r Raufbolde.�</p><p>�Wer ist Ihr Patient?� Die Lissizyna traute ihren Ohren nicht. �Nikolaj Wsewolodowitsch?�</p><p>Der Doktor l�chelte bitter.</p><p>�Hat er sich Ihnen so vorgestellt, als Nikolaj Wsewolodowitsch? Ja nat�rlich! Oh, wenn ich herausbekomme, wer ihm diesen Schund zugesteckt hat!�</p><p>�Welchen Schund?� Polina Andrejewna verstand �berhaupt nichts mehr.</p><p>�Sehen Sie, Laert Terpsichorow (das ist nat�rlich sein B�hnenname) ist einer meiner interessantesten Patienten. Er war Schauspieler, ein Genie, wie man so sagt, von Gottes Gnaden. Wenn er in einem Theaterst�ck spielte, identifizierte er sich v�llig mit seiner Rolle. Publikum und Kritik schwelgten in Begeisterung. Die besten Schauspieler sind bekanntlich diejenigen mit einer schwach ausgepr�gten Individualit�t, deren �Ich� nicht verhindert, dass sie in immer neue Rollen schl�pfen. Bei Terpsichorow nun ist das eigene �Ich� �berhaupt nicht vorhanden. Wenn er keine Rolle hat, liegt er von morgens bis abends auf dem Diwan und starrt die Decke an, wie eine Marionette beim Puppenspieler in der Truhe liegt. Doch kaum muss er sich in eine Rolle versetzen, lebt er auf, sammelt neue Kr�fte und Energie. Frauen haben sich bis zum Wahnsinn, bis zur Raserei in ihn verliebt. Er war dreimal verheiratet, und jedes Mal dauerte die Ehe nur wenige Wochen, die l�ngste einige Monate. Dann erkannte die jeweilige Ehefrau, dass ihr Auserw�hlter eine Null ist, ein Nichts, und dass sie sich nicht in Laert Terpsichorow, sondern in einen literarischen Helden verliebt hatte. Aufgrund seiner pathologisch unterentwickelten Pers�nlichkeit identifizierte sich dieser Schauspieler jedes Mal so sehr mit seiner Rolle, dass er sich auch im Alltag nicht von ihr l�sen konnte und sozusagen f�r den Autor weiterdachte, improvisierte und neue Situationen und Repliken dazuerfand. Und zwar so lange, bis man ihm das n�chste St�ck zum Einstudieren gab. Seine erste Frau hat also Tschazki geheiratet und fand sich dann als Freundin bei Chlestakow wieder. Die zweite Frau verlor ihr Herz an Cyrano de Bergerac und geriet alsbald an den Geizigen Ritter. Die dritte verliebte sich in den melancholischen Prinzen von D�nemark, und eh sie sich versah, verwandelte der sich in den stutzerhaften Grafen Almaviva. Nach der dritten Scheidung hat Terpsichorow mich aufgesucht. Er liebte seine letzte Frau sehr und war vor Verzweiflung kurz vor dem Selbstmord. Er sagte: �Ich gebe das Theater auf, aber retten Sie mich, helfen Sie mir, mein Ich zu finden!��</p><p>�Und, hat es nicht geklappt?�, fragte Polina Andrejewna, die von der merkw�rdigen Geschichte gefesselt war.</p><p>�Doch, doch. Der echte Terpsichorow ist nur ein Schatten seiner selbst. Von morgens bis abends verharrt er in Passivit�t und Schwermut und ist tiefungl�cklich. Zum Gl�ck fiel mir ein Buch in die H�nde, ein Band mit �bersetzten Erz�hlungen, in dem ein �hnlicher Fall beschrieben wird. Dort wird auch ein Rezept vorgeschlagen � nat�rlich zum Scherz, doch die Idee schien mir produktiv.�</p><p>�Und was ist das f�r eine Idee?�</p><p>�Vom Standpunkt des Psychiaters aus eine ganz vern�nftige: Nicht jede Abweichung der Psyche muss korrigiert werden, das kann die Individualit�t zerst�ren. Man muss aus der Schw�che eine St�rke machen. Schlie�lich wird jede Vertiefung zu einer Erh�hung, wenn man sie um hundertachtzig Grad dreht. Wenn der Mann ohne Schauspielerei nicht sein kann und nur dann ein t�tiges Leben f�hrt, wenn er irgendeine Rolle spielt, muss man ihn eben mit einem Repertoire versorgen. Dazu muss man Rollen ausw�hlen, die die besten, erhabensten Qualit�ten der menschlichen Seele zur Geltung kommen lassen, und nicht etwa Chlestakow, den Geizigen Ritter oder, Gott beh�te, Richard den Dritten.�</p><p>�Dann ist �Nikolaj Wsewolodowitsch� also Nikolaj Wsewolodowitsch Stawrogin aus dem Roman �Die D�monen�?�, seufzte Frau Lissizyna. �Aber warum haben Sie eine so gef�hrliche Rolle f�r Ihren Patienten ausgesucht?�</p><p>�Ich habe die Rolle ja nicht ausgesucht!�, rief der Doktor aufgebracht. �Ich achte sehr genau auf seine Lekt�re, ich wei�, welche Rolle ihn fesseln k�nnte, und darum ist �Der Idiot�, ebenfalls ein Roman von Herrn Dostojewski, seit einem Jahr das einzige Buch, das erlesen darf. Von allen Figuren des Romans passt nur F�rst Myschkin zu Terpsichorow. Und die Rolle war so recht nach seinem Geschmack. Er hat sich in den stillen, lauteren Lew Nikolajewitsch Myschkin verwandelt, den besten aller Erdenb�rger. Alles ging wunderbar, bis ihm irgendein Flegel �Die D�monen� zugesteckt hat, was mir entgangen ist. Stawrogin ist nat�rlich ein viel interessanterer Typ als F�rst Myschkin, also hat Terpsichorow das Repertoire gewechselt. Byronismus, Gottlosigkeit und Poetisierung des B�sen sind im dramatischen Sinne weit reizvoller als christliche Milde, Verst�ndnis und ewiges Verzeihen. Als ich es bemerkte, war es zu sp�t � Laert war bereits g�nzlich verwandelt, und ich konnte wieder von vorn anfangen. F�r die Zeit der Krise habe ich ihn m�glichst weit weg von den �brigen Patienten untergebracht und eine erfreulichere Lekt�re als �Die D�monen� gesucht. Man muss sagen, das ist ganz und gar keine einfache Aufgabe. Doch ich h�tte nicht gedacht, dass Stawrogin so gef�hrlich sein kann, au�erdem habe ich Laerts sch�pferische Fantasie untersch�tzt. Aber trotzdem � ein Stawrogin, der Frauen schl�gt, das ist schon eine sehr k�hne Interpretation der Figur. Immerhin ist er ein Aristokrat.�</p><p>�Er hat mich nicht geschlagen�, sagte Frau Lissizyna leise, die sich zusammenreimen konnte, woher der arme Verr�ckte den schlechten Roman bekommen hatte. Vater Mitrofani hatte Aljoscha den Roman als Reiselekt�re mitgegeben � aus p�dagogischen Erw�gungen, und das war nun das Resultat!</p><p>Polina Andrejewna f�hlte sich in gewissem Grade mitschuldig (sie war es gewesen, die den Bischof zur Lekt�re von Romanen ermuntert hatte) und bat:</p><p>�Schicken Sie Nikolaj Wsewolodowitsch nicht fort, ihn trifft keine Schuld. Ich werde mich nicht beschweren.�</p><p>�Wirklich?� Korowin strahlte und drohte dem unsichtbaren Terpsichorow mit dem Finger. �Nun, jetzt wirst du den Zucker aus dem �Blauen Vogel� einstudieren!� Doch sogleich lie� er den Kopf wieder h�ngen. �Ich muss zugeben, dass ich kein guter Seelenheiler bin. Es sind zu wenige, denen ich helfen kann. Der Fall Terpsichorow ist schwer, aber nicht hoffnungslos, doch wie ich Lentotschkin retten soll � das ist mir ein R�tsel.�</p><p>Die Lissizyna erschauerte, als sie begriff, dass Aljoschas Verschwinden noch nicht entdeckt war, und sagte gar nichts.</p><p>Die zweir�drige Kutsche glitt bereits durch den Kiefernwald, vorbei an den bunten, verschiedenartigen H�uschen der Klinik. Hinter einer Biegung tauchte die Villa des Doktors auf, in deren Einfahrt eine viersp�nnige, niedrige geschlossene Kutsche stand. Sie war schwarz und hatte ein goldenes Kreuz am Wagenschlag.</p><p>�Seine Hochehrw�rden geruht mich zu besuchen�, wunderte sich Donat Sawwitsch. �Wieso das? Gew�hnlich l�sst er einen rufen und gibt beizeiten Bescheid. Offenbar ist etwas Besonderes vorgefallen. Ich f�hre Sie in meinen Privatfl�gel, Polina Andrejewna, und werde anordnen, dass man sich um Sie k�mmert. Ich selbst hingegen, verzeihen Sie ergebenst, gehe ins Kabinett zum Herrscher der Insel.�</p><p>Doch es kam anders, als Korowin gedacht hatte. Der Archimandrit hatte die heranrollende Kutsche wohl schon durchs Fenster gesehen und kam ihnen in der Vorhalle entgegen. Das hei�t, er kam ihnen entgegengest�rzt: ganz in Schwarz, aufgebracht und drohend mit dem Stab auf den Boden klopfend. Er streifte die abgerissene Person weiblichen Geschlechts nur mit einem fl�chtigen Blick, kr�uselte angewidert die Lippen und wandte sich ab, als f�rchte er, seine Augen w�rden durch einen derart unz�chtigen Anblick besudelt werden. Ob er die gro�z�gige Pilgerin erkannte oder nicht, war unklar. Auch wenn er sie erkannt h�tte, w�re es nicht schlimm, beruhigte sich Frau Lissizyna, er w�rde dann annehmen, der wunderlichen Dame sei im Traum wieder das Krokodil erschienen.</p><p>�Guten Tag, Vater.� Korowin neigte den Kopf und sah den zornigen Klostervorsteher mit heiterer Verwunderung an. �Womit habe ich die unerwartete Ehre verdient?�</p><p>�Brechen Sie den Vertrag?� Witali polterte mit seinem Stab auf den Boden. �Der Vertrag, mein Herr, ist wertvoller als Geld! Was haben Sie mir versprochen? Die Finger von den Br�dern zu lassen! Und nun?�</p><p>�Ja, was nun?�, fragte der keineswegs erschrockene Doktor. �Was ist denn Entsetzliches geschehen?�</p><p>�Die �Wassilisk� konnte am Morgen nicht auslaufen! Der Kapit�n ist nicht da! Nicht in seiner Zelle, nicht am Anleger, nirgends! Die Passagiere sind in Aufruhr, im Laderaum liegt eine Fracht, die keinen Aufschub duldet � Sauerrahm aus dem Kloster, und niemand kann das Schiff lenken!� Seine Hochehrw�rden griff nach dem Brustkreuz, offenbar um sich an die christliche Sanftmut zu erinnern. Es half nichts. �Ich habe eine Ermittlung durchgef�hrt! Jonas wurde gestern Abend mit Ihrer babylonischen Hure gesehen!�</p><p>�Wenn Sie �ber Lidia Jewgenjewna Borejko sprechen�, versetzte Donat Sawwitsch gelassen, �so ist sie keineswegs eine Hure. Ihre Diagnose lautet anders: pathologische Quasi-Nymphomanie mit obsessiver Aufdringlichkeit und defizit�rer Libido. Mit anderen Worten, sie geh�rt zu den bildsch�nen Koketten, die den M�nnern den Kopf verdrehen, sich aber auf gar keinen Fall anr�hren lassen.�</p><p>�Wir hatten eine Abmachung!�, br�llte Witali ohrenbet�ubend laut. �Meine M�nche hat sie in Ruhe zu lassen! Sie mag mit den Touristen �ben! Hatten wir das so abgemacht oder nicht?�</p><p>�Ja�, gab der Doktor zu. �Aber vielleicht hat Ihr Jonas sich ihr gegen�ber nicht wie ein M�nch verhalten?�</p><p>�Bruder Jonas ist eine einfache, arglose Seele. Ich selbst nehme ihm die Beichte ab, kenne alle seine harmlosen S�nden zur Gen�ge.�</p><p>Korowin runzelte die Stirn.</p><p>�Eine einfache Seele, sagen Sie? Ich habe in Lidia Jewgenjewnas Schlafzimmer ein P�ckchen Kokain gefunden und zwei weitere leere P�ckchen mit Spuren des Pulvers. Wissen Sie, wer ihr dieses Zeug vom Festland liefert? Ihr Seefahrer.�</p><p>�Das ist eine L�ge!!! Wer Ihnen das gesagt hat, ist ein Verleumder und ein L�stermaul!�</p><p>�Lidia Jewgenjewna selbst hat es zugegeben.� Donat Sawwitsch machte mit der Hand eine Geste zum See hin. �Und Ihr verlorenes Schaf, die einfache Seele, liegt zurzeit sternhagelvoll beim alten Leuchtturm. Sie k�nnen hinfahren und sich selbst �berzeugen. Frau Borejko trifft also keine Schuld, dass das Schiff nicht auslaufen kann.�</p><p>Die Augen des Archimandriten spr�hten Feuer, aber er stritt nicht weiter. Wie eine schwarze Windhose sprang er nach drau�en und knallte den Wagenschlag zu. Er schrie:</p><p>�Fahr zu! Na, mach schon!�</p><p>Mit einem Ruck stob die Kutsche davon, sodass der Schotter unter den R�dern nach allen Seiten spritzte.</p><p>�Also ist die Borejko ebenfalls Ihre Patientin?�, fragte Polina Andrejewna fassungslos.</p><p>Der Doktor runzelte die Stirn und lauschte auf das ungest�me Hufgetrappel, das in der Ferne verklang.</p><p>�Wenn er jetzt blo� nicht behauptet, Terpsichorow w�rde den Kapit�n abf�llen . . . Verzeihung, was sagten Sie? Ach, die Borejko. Nun, selbstverst�ndlich ist sie meine Patientin. Sieht man ihr das nicht an? Eine recht verbreitete Ausformung der weiblichen Pers�nlichkeit, gew�hnlich femme fatale genannt, die jedoch bei Lidia Jewgenjewna bis ins �u�erste Extrem gesteigert ist. Sie muss sich unentwegt als Objekt der Begierde einer m�glichst gro�en Anzahl von M�nnern f�hlen. Gerade das Verlangen der anderen verschafft ihr emotionale Befriedigung. Fr�her lebte sie in der Hauptstadt, doch nach einigen tragischen Geschichten, die mit Duell und Selbstmord endeten, vertrauten ihre Eltern sie meiner Obhut an. Das Leben auf der Insel hat einen g�nstigen Einfluss auf Lidia Jewgenjewna. Erheblich weniger M�nner, die sie reizen k�nnten, fast keine Versuchungen, und vor allem � �berhaupt keine Rivalinnen. Sie empfindet sich als die Sch�nste dieser abgeschlossenen kleinen Welt und ist daher ganz beruhigt. Hin und wieder testet sie ihre Reize an einem der Touristen, um sich von ihrer Unwiderstehlichkeit zu �berzeugen, und das reicht ihr. In diesen kleinen Streichen sehe ich nichts Gef�hrliches. Die Borejko hat versprochen, ihre Finger von den M�nchen zu lassen, und wenn sie sich nicht daran h�lt, sind strenge Sanktionen vorgesehen. Offenbar ist dieser Jonas tats�chlich selbst schuld.�</p><p>�Kleine Streiche?�, bemerkte Frau Lissizyna mit einem traurigen L�cheln, und sie erz�hlte dem Doktor von der �Kaiserin von Kanaan�.</p><p>Korowin h�rte zu und konnte sich nur noch an den Kopf fassen.</p><p>�Das ist entsetzlich, einfach entsetzlich!�, sagte er mit gebrochener Stimme. �Welch ein ungeheurer R�ckfall! Und die Verantwortung liegt wiederum ganz bei mir. Mein Experiment mit dem Abendessen zu dritt war ein kompletter Fehlschlag. Sie haben mir damals keine Gelegenheit gegeben, Ihnen zu erkl�ren . . . Sehen Sie, Polina Andrejewna, es gibt verschiedene Modelle f�r die Beziehungen eines Psychiaters zu seinen Patientinnen. Eines davon, ein sehr effektives, besteht darin, die Verliebtheit einer Patientin auszun�tzen. Meine Macht �ber die Borejko, mein Mittel zur Einflussnahme auf sie besteht darin, ihren Ehrgeiz anzustacheln. Ich bin der einzige Mann, den all ihre R�nke und Reize als femme fatale v�llig unger�hrt lassen. Wenn ich nicht so unzug�nglich w�re, w�re Lidia Jewgenjewna l�ngst mit einem ihrer Verehrer durchgebrannt, doch solange es ihr nicht gelingt, mich zu erobern, wird sie nicht davonlaufen, das l�sst ihr Ehrgeiz nicht zu. Von Zeit zu Zeit muss man Salz in diese Wunde streuen, was ich mit Ihrer Hilfe versucht habe zu tun. Der Effekt hat leider meine Erwartungen �bertroffen. Anstatt nur ein wenig eifers�chtig zu werden, weil ich einer reizenden Besucherin Aufmerksamkeiten erweise, hat die Borejko in Ihrem Besuch ein Komplott vermutet, woraufhin sie in einen paranoid-hysterischen Zustand geraten ist. Letztendlich haben Sie daf�r beinahe mit dem Leben bezahlt. Ach, das werde ich mir nie verzeihen!�</p><p>Donat Sawwitsch war so best�rzt, dass die barmherzige Frau Lissizyna ihn auch noch tr�sten musste. Sie verstieg sich sogar zu der Behauptung, sie selbst sei an allem schuld, weil sie die arme Psychopathin mit Absicht gereizt habe (was zum Teil der Wahrheit entsprach). Und was die Fehler des Arztes betraf � wer sei denn dagegen gefeit, besonders bei einer so heiklen Angelegenheit wie der Heilung einer kranken Seele. Jedenfalls gelang es ihr mit M�he und Not, den niedergeschlagenen Doktor zu beschwichtigen.</p><p>In seinem Kabinett klingelte der Doktor nach dem Dienst habenden Arzt. D�ster sagte er:</p><p>�Lidia Jewgenjewna Borejko soll sofort zu mir kommen. Bereiten Sie eine Beruhigungsspritze vor, es ist gut m�glich, dass sie einen Anfall bekommt. Die Oberschwester soll f�r Frau Lissizyna Schuhe und Kleidung heraussuchen, au�erdem braucht sie unbedingt eine entspannende Massage und ein Lavendelbad.�</p></section><section><title><p>Blau, gr�n, gelb, blassgelb</p></title><p>Das Ergebnis all dieser n�chtlichen und morgendlichen Aufregungen sah folgenderma�en aus: Polina Andrejewna war � wie der arme Tor � so schlau als wie zuvor.</p><p>In der wichtigsten Angelegenheit, derentwegen sie nach Neu-Ararat gekommen war, hatte sie keinerlei Fortschritte gemacht. Am �rgerlichsten aber war, dass sie zweimal in dieser kurzen Zeit von ganzem Herzen zun�chst an eine M�glichkeit geglaubt hatte, dann an eine andere, und es war noch unklar, welche von beiden absurder war. Nie zuvor war die scharfsinnige Schwester Pelagia so konfus gewesen. Nat�rlich war ein ruhiges Nachdenken unter den besonderen Umst�nden unm�glich gewesen, aber trotz allem war es ihr jetzt, mit klarem Kopf, peinlich.</p><p>Die Resultate der Ermittlungen �ber den schwarzen M�nch waren kl�glich.</p><p>Da waren zun�chst einmal die vorzeitig Verstorbenen: der Rechtsanwalt Kubowski, der einen solchen Schreck erlitten hatte, dass er einem Schlaganfall erlegen war, dann die Frau des Bakenw�rters und ihr ungeborenes Kind, der ertrunkene Bakenw�rter, der erschossene Lagrange und schlie�lich der arme Aljoscha Lentotschkin.</p><p>Kubowski hatte man in einem Zinksarg auf dem Schiff fortgebracht, die ungl�ckliche Mutter und ihr ungeborenes Kind in der Erde verscharrt, Felix Stanislawowitsch lag im Leichenschauhaus, von Eisklumpen bedeckt, die Leiche des Ertrunkenen war von dunklen Unterwasserstr�mungen abgetrieben worden . . .</p><p>Aber war das Schicksal des umnachteten Matwej Benzionowitsch etwa erfreulicher?</p><p>Im Gedenken an Aljoscha Lentotschkins Schicksal (den Korowins Pfleger auf der ganzen Insel vergeblich gesucht hatten) ging Frau Lissizyna in den n�chsten Tagen h�ufig zu Berdi-tschewski, doch es gab keinen Trost, es ging ihm immer schlechter. Entweder erkannte er die Besucherin nicht, oder sie interessierte ihn �berhaupt nicht. Sie sa�en einander gegen�ber und schwiegen. Dann ging Polina Andrejewna schweren Herzens nach Hause.</p><p>Die schreckliche Nacht mit ihren verh�ngnisvollen Ereignissen hatte mit einer Farce geendet. Und nat�rlich mit einer strengen Bestrafung der Schuldigen.</p><p>Der Hochehrw�rdige degradierte Bruder Jonas vom Kapit�n zum Heizer und setzte ihn zun�chst einmal f�r einen Monat bei Wasser, Brot und Gebet in die Strafzelle.</p><p>Doktor Korowin verfuhr mit seinen Sch�tzlingen nicht minder streng.</p><p>Lidia Jewgenjewna durfte (ebenfalls einen Monat lang) weder Puder noch Parf�m oder Lippenstift benutzen und auch nichts Schwarzes tragen.</p><p>Der Schauspieler Terpsichorow wurde mit einem einzigen Buch � dem Roman �Arme Leute�, einem anderen, aber harmlosen Werk von Fjodor Dostojewski � unter Hausarrest gestellt, damit er die gef�hrliche Rolle des �B�rgers aus dem Kanton Uri� vergessen und sich in die Figur des sanftm�tigen, stillen Makar Dewuschkin einfinden konnte. Als Polina Andrejewna den Arrestanten zwei Tage sp�ter besuchte, registrierte sie verbl�fft die Ver�nderung, die mit ihm vorgegangen war. Der ehemalige Verf�hrer l�chelte sie sanft und freundlich an und nannte sie �mein T�ubchen� oder �M�tterchen�. Offen gestanden war die Besucherin ob dieser Metamorphose verstimmt � in seiner fr�heren Rolle war Terpsichorow weit reizvoller gewesen.</p><p>An weiteren erw�hnenswerten Ereignissen ist zu vermerken, dass in einer liberal gesonnenen Moskauer Zeitung ein Aufsatz �ber die wundersamen Vorkommnisse in Neu-Ararat und den schlechten Ruf der Nachbarinsel erschien. Zweifellos hatte ein Pilger davon erz�hlt. Erstmals fanden die von den heiligen M�nchen hergestellten Rosenkr�nze im Klosterladen keinen Absatz mehr. Vater Witali lie� einen Ausverkauf veranstalten, wobei der Preis f�r einen Rosenkranz zun�chst auf neun Rubel neunundneunzig und sp�ter sogar auf vier Rubel neunundneunzig gesenkt wurde. Erst dann konnten wieder Rosenkr�nze verkauft werden, aber l�ngst nicht alle. Das war ein schlechtes Zeichen. In der Stadt wurde schon ganz offen dar�ber gesprochen, dass die Einsiedelei ungut, unrein geworden sei und man sie f�r eine gewisse Zeit schlie�en und den Zutritt zur Nachbarinsel f�r wenigstens ein Jahr verbieten m�sse, um zu sehen, ob der heilige Wassilisk sich wieder beruhige.</p><p>Allerdings schien der Schutzpatron sich ohnehin ausgetobt zu haben: Er wandelte nicht mehr �ber das Wasser und versetzte niemanden in der Stadt mehr in Angst und Schrecken. M�glicherweise war der Grund daf�r, dass die N�chte jetzt immer ganz finster und mondlos waren.</p><p>Was Frau Lissizyna anging, so war sie in dieser Zeit vor�bergehender Ruhe beinahe immer tief in Gedanken versunken und gr��tenteils unt�tig. Morgens sa� sie lange vor dem Spiegel, sie betrachtete ihr verletztes Gesicht und beobachtete, wie der blaue Fleck seine Farbe ver�nderte. Ein Tag verlief wie der andere und unterschied sich vom vorhergehenden anscheinend nur durch diese Farbver�nderungen. F�r sich selbst nannte sie die Tage nach ihrer Farbe.</p><p>Der erste dieser stillen Tage, die auf die Nacht folgten, als Polina Andrejewna zun�chst beinahe ertr�nkt und dann beinahe entehrt worden war, z�hlte nicht � man kann sagen, dass es ihn gar nicht gab. Nach dem Bad, der Massage und einer Beruhigungsspritze f�r die Nerven hatte die Dulderin beinahe vierundzwanzig Stunden geschlafen, um erst am Morgen darauf erquickt und gest�rkt in das Hotel zur�ckzukehren.</p><p>Sie betrachtete sich im Toilettenspiegel und sah, dass das Mal auf ihrem Gesicht nicht mehr rotblau, sondern einfach nur blau war. So nannte sie diesen ganzen Tag.</p><p>Am Nachmittag des �blauen Tages� schl�pfte Polina Andrejewna im Pavillon in das Gewand des Klosterbruders (das zusammen mit den anderen Sachen seit dem vorgestrigen Abend wohlbehalten am Boden gelegen hatte), wobei sie sich hin und wieder unwillk�rlich nach den d�steren Silhouetten der Automaten umblickte.</p><p>Von dort aus machte sich der magere, kleingewachsene M�nch auf den Weg zur Landzunge, wo er auf den F�hrmann wartete. Bruder Kleopa erschien p�nktlich, genau um drei Uhr, und war h�chst erfreut, als er Pelagi erblickte � nicht so sehr wegen des Klosterbruders selbst als vielmehr wegen des zu erwartenden Bakschischs. Er fragte gesch�ftig:</p><p>�Nun, f�hrst du heute mit, oder wie? Meine Hand tut immer noch weh.� Dabei zwinkerte er ihm zu.</p><p>Er bekam einen Rubel und erz�hlte, wie er gestern Morgen den M�nch Ilari zur Nachbarinsel gebracht hatte und wie die beiden anderen Eremiten den neuen Mitbruder empfangen hatten: Der eine hatte ihn schweigend gek�sst, das hei�t seine Kapuze mit seiner eigenen ber�hrt, und der Abt hatte laut gesprochen: �Dein ist der Himmel, Feognost.�</p><p>�Wieso Feognost?�, wunderte sich Pelagi. �Der heilige Vater hei�t doch Ilari?�</p><p>�Ich hab es zu Anfang selbst nicht kapiert. Ich dachte, Israil ist nun endg�ltig altersschwach geworden und hat die Namen verwechselt. Seine Mitbr�der hie�en n�mlich Feognost und David. Doch als ich dem Vater Wirtschafter die Worte des Abts �berbrachte und ihm sagte, was ich davon hielt, hat er mich wegen meiner Respektlosigkeit ausgescholten und mir den Sinn erkl�rt. Die ersten W�rter �Dein ist der Himmel� verhei�en das Himmelreich, sie sind aus dem Psalm Ethan. Mit diesen Worten muss der Abt jeden neuen Eremiten begr��en. Das letzte Wort hingegen ist frei w�hlbar und f�r das Kloster bestimmt. Der Vater Wirtschafter hat gesagt, der M�nch h�tte uns damit erkl�rt, wer von den Br�dern in den Himmel eingegangen ist, n�mlich nicht David, sondern Feognost.�</p><p>Pelagi �berlegte kurz.</p><p>�Vater, Sie sind doch schon lange F�hrmann. Sie haben gewiss auch den letzten Eremiten zur Insel gefahren?�</p><p>�Zu Ostern, den M�nch David. Und vorher, im letzten Jahr zu Mari� Entschlafung, den M�nch Feognost. Davor Amfilochi, und davor Geronti . . . Oder vielleicht Agapit? Nein, Geronti . . . Viele von unseren Besch�tzern habe ich hin�bergebracht, ich kann mich gar nicht an alle entsinnen.�</p><p>�Dann hat der Abt gewiss jeden neuen M�nch so empfangen, dass er mitgeteilt hat, wer entschlafen ist, und Sie haben es einfach vergessen.�</p><p>�Nichts habe ich vergessen!�, entgegnete Bruder Kleopa entr�stet. ��Dein ist der Himmels das wei� ich noch, das hat er immer gesagt. Aber er hat danach nie einen Namen genannt. Es hat sich immer erst hinterher durch allerlei Anspielungen herausgestellt, wer von den Eremiten seine Seele dem Herrn �bergeben hatte. F�r uns Lebende sind sie sowieso schon in die ewige Ruhe eingegangen, die Bruderschaft hat die Totenmesse gelesen und sie zur Abdankungskapelle geleitet. Israil h�tte es nicht sagen m�ssen. Aber offenbar sp�rt er sein Ende nahen, und sein Herz ist milde geworden.�</p><p>Sie fuhren zur Insel, Kleopa am einen Ruder, Pelagi am anderen.</p><p>Der M�nch Israil kam ihnen entgegen, nahm die mitgebrachten Dinge an sich, �bergab die seit dem Vortag geschnitzten Rosenkr�nze und sagte:</p><p>�Und David erbebte das Herz � dunkel.�</p><p>Pelagi schien es, der Abt habe das letzte Wort langsamer und lauter gesprochen und dabei nicht Kleopa, sondern seinen jungen Gehilfen angeblickt, aber wie sollte man sich da sicher sein, bei diesen schmalen Sehschlitzen?</p><p>Kaum hatten sie wieder abgelegt, als der Klosterbruder leise fragte:</p><p>�Was hat er gesagt? Ich kann da keinen rechten Sinn erkennen.�</p><p>��Und David erbebte das Herz � dunkel�: Das bezieht sich auf den M�nch David. Offenbar hat er es wieder am Herzen. Als David in die Einsiedelei kam, hat der Abt h�ufig Spr�che aus dem Ersten Buch Samuel gew�hlt, in dem viel �ber K�nig David steht. Der Name ist derselbe, also hat man schon ein Wort gespart. Und was war das letzte Wort � �dunkel�? Na, das soll der Vater Wirtschafter herausfinden, der ist ein kluger Kopf.�</p><p>Soweit der �blaue� Tag. Die weiteren Ereignisse lohnt es sich nicht zu erw�hnen � sie sind zu unbedeutend.</p><p>***</p><p>Der n�chste Tag war der �gr�ne� Tag. Das hei�t, er war nicht ganz gr�n, nicht laubgr�n, sondern eher meergr�n � der Bluterguss verlor allm�hlich sein kr�ftiges Blau, verblasste und schien nun gr�nlich zu werden.</p><p>Um drei Uhr �berreichte Pelagi dem F�hrmann zwei F�nfzigkopekenst�cke. Sie legten ab.</p><p>Bruder Kleopa �bergab dem Abt eine Arznei f�r den M�nch David. Israil nahm sie entgegen und wartete noch eine Weile. Dann seufzte er tief auf, blickte dem rothaarigen M�nch direkt in die Augen und sagte etwas ganz Merkw�rdiges:</p><p>�Wer Ohren hat zu h�ren, der h�re � cucullus.�</p><p>�Was war das?�, fragte Pelagi, als der M�nch sich eilig davonmachte.</p><p>Kleopa zuckte die Schultern.</p><p>��Wer Ohren hat zu h�ren, der h�re� � das ist klar, das ist aus der Apokalypse des Johannes, obwohl ich nicht begreife, warum er das gesagt hat, aber was er zum Schluss noch hinzugef�gt hat, das habe ich nicht verstanden. So etwas �hnliches wie �Kuckuck�. Ich habe offenbar doch Recht, was Israil angeht, der Vater Wirtschafter hat mich zu Unrecht als Flegel beschimpft. Bei dem Alten piept es, Kuckuck.� Er tippte mit dem Finger an die Schl�fe.</p><p>Den gespannt hochgezogenen Augenbrauen nach zu urteilen, war Pelagi anderer Meinung, doch er widersprach nicht, sondern sagte nur:</p><p>�Morgen fahre ich wieder mit, in Ordnung?�</p><p>�Von mir aus kannst du mitfahren, solange dir Papas Rubelchen nicht ausgehen.�</p><p>Dann kam der �gelbe� Tag � der Bluterguss hatte seine Farbe von Gr�n zu einem Gelbton gewechselt.</p><p>An diesem Tag sprach der M�nch Folgendes:</p><p>�Und der Chrisambereiter mischt das Salb�l � non facit.�</p><p>�Bei dem piept es schon wieder�, res�mierte Bruder Kleopa. �Bald spricht er nur noch in der Vogelsprache. Diesen Unsinn werde ich mir nicht merken, ich werde dem Vater Wirtschafter irgendwas erz�hlen.�</p><p>�Warten Sie, Vater�, mischte Pelagi sich ein. �Der Chrisambereiter kommt im Buch Jesus Sirach vor. Damit ist ein Arzt gemeint, und das Mischen des Salb�ls meint eine Arznei, auch Mischung oder wissenschaftlich Mixtur genannt. Aber warum er �non facit� gesagt hat, wei� ich nicht.�</p><p>Er sprach mehrmals �non facit, non facit� vor sich hin und verstummte dann, ohne sich weiter mit dem F�hrmann zu unterhalten. Zum Abschied sagte er:</p><p>�Bis morgen.�</p><p>Am n�chsten Tag bot Polina Andrejewnas Gesicht wieder einen ganz manierlichen Anblick, es schimmerte nur noch in einem zarten Blassgelb. Der Tag hatte die gleiche Schattierung, es war ein milder, sonniger Tag, mit einem leichten Dunstschleier �berzogen.</p><p>Pelagi hatte es so eilig, die Nachbarinsel zu erreichen, dass er sich ordentlich ins Zeug legte und kr�ftiger als n�tig ruderte, weshalb das Boot anfing, sich zu drehen. Schlie�lich erhielt er f�r seinen ungeb�hrlichen Eifer von Bruder Kleopa eine Kopfnuss, und sein Schwung erlahmte.</p><p>Der Abt wartete am Ufer. Pelagis Idee mit der Mixtur war anscheinend richtig gewesen � der M�nch nahm das Fl�schchen entgegen und nickte. Dann sagte er dem Klosterbruder Folgendes:</p><p>�Gr�me dich nicht, er ist gesund � monachum.�</p><p>Der junge M�nch nickte, als h�tte er genau diese Worte zu h�ren erwartet.</p><p>�Na, Gott sei Dank, es sieht so aus, als ob es dem Kranken besser ginge�, bemerkte Kleopa auf dem R�ckweg. �Hast du geh�rt, wie er David genannt hat � monachum. Der heilige M�nch benimmt sich wirklich wunderlich . . . Was ist, kommst du morgen wieder?�, fragte der F�hrmann den merkw�rdig schweigsamen Knaben.</p><p>Der schien gar nicht zuzuh�ren.</p><p>Das war am �blassgelben� Tag, und dann kam der letzte Tag, an dem alles zu Ende ging.</p><p>An diesem letzten Tag geschah so viel, dass der Herr mir helfen m�ge, nicht den Faden zu verlieren und nichts auszulassen.</p></section><section><title><p>Der letzte Tag. Morgen</p></title><p>Fangen wir ganz vorne an, mit dem fr�hen Morgen.</p><p>Um neun Uhr, es war noch nicht richtig hell, erscholl vom See her�ber ein langanhaltendes Tuten � der Dampfer �Heiliger Wassilisk� aus Sineosjorsk war eingelaufen, unter dem Kommando eines angeheuerten Kapit�ns. Frau Lissizyna hatte um diese Zeit schon Kaffee getrunken, sa� vor dem Spiegel und betrachtete voller Wohlgefallen ihr makelloses Gesicht. Sie drehte den Kopf bald hierhin, bald dorthin und konnte sich gar nicht satt sehen. Das Tuten des Dampfers h�rte sie zwar, doch ma� sie ihm keinerlei Bedeutung bei.</p><p>Das war unbedacht.</p><p>Nach dem dumpfen, dr�hnenden Signal war eine Stunde, vielleicht auch etwas mehr, vergangen, und Polina Andrejewna hatte in der Zeit gefr�hst�ckt, sich angekleidet und sich fertig gemacht, um Berditschewski zu besuchen, als ein M�nch, der Zellendiener des Archimandriten Witali, an ihre T�r klopfte.</p><p>�Der hochehrw�rdige Vater bittet Sie, ihn aufzusuchen�, sagte der M�nch mit einer Verneigung, um dann h�flich, aber entschlossen hinzuzuf�gen: �Jetzt gleich. Die Kutsche wartet.�</p><p>Auf die Fragen der erstaunten Pilgerin antwortete der M�nch nur ausweichend. Eigentlich antwortete er gar nicht, sondern gab nur Interjektionen von sich. Doch der Miene des Abgesandten entnahm die Lissizyna, dass sich im Kloster etwas Au�erordentliches zugetragen haben musste.</p><p>Wenn er nicht reden wollte, dann sollte er es eben lassen.</p><p>Sie z�gerte, ob sie die Reisetasche mitnehmen sollte, lie� sie dann aber doch zur�ck. Mit einer t�dlichen Waffe ins Kloster zu fahren, w�re l�sterlich. Zum Schutz vor den neugierigen Angestellten wickelte sie den Revolver in ihre Spitzenunterhosen und stopfte ihn ganz zuunterst in die Tasche. Ob das helfen w�rde, wusste Gott allein.</p><p>Sie erreichten das Kloster schnell, in zehn Minuten.</p><p>Als sie aus der Equipage kletterte und ihren Blick �ber den Klosterhof schweifen lie�, war Polina Andrejewna �berzeugt: ja, es war etwas geschehen.</p><p>Die M�nche schritten nicht langsam und gemessen, einer hinter dem anderen, wie gew�hnlich, sondern sie rannten �ber den Hof. Ein M�nch fegte das ohnehin saubere Pflaster, ein anderer schleppte Bettzeug und Kopfkissen, am erstaunlichsten aber war der Anblick der Chors�nger des Archimandriten, die mit hochgerafften Kutten in die Hauptkirche trabten, der dickwanstige, gewichtige Dirigent allen voran.</p><p>Was hatte das alles zu bedeuten?</p><p>Ihr Begleiter f�hrte die Dame nicht in den Wohnsitz des Klostervorstehers, sondern in den des Bischofs, der wichtigen Besuchern Vorbehalten war und ansonsten leer stand. In Polina Andrejewnas Herzen regte sich eine Ahnung, die sie aber f�r unrealistisch hielt und sofort unterdr�ckte, um nicht entt�uscht zu werden.</p><p>Doch ihre Ahnung hatte sie nicht getrogen!</p><p>Als Polina Andrejewna in den Speisesaal trat, fiel die Sonne durchs Fenster auf ihr Gesicht sowie auf die R�cken der an der langen, mit einem wei�en Tischtuch gedeckten Tafel sitzenden Personen, daher sah sie zu Anfang nur die Umrisse einiger M�nner, die in geziemender Reglosigkeit verharrten. An der Schwelle machte sie eine ehrerbietige Verneigung, als sie pl�tzlich Witalis Stimme vernahm:</p><p>�Hier, Eminenz, ist die Person, die Sie zu sehen w�nschten.� Polina Andrejewna zerrte hastig die Brille aus dem Etui, kniff die Augen zusammen und stie� einen Seufzer aus. Auf dem Ehrenplatz, umgeben von den Vertretern der Klosterobrigkeit, sa� Mitrofani � gesund und munter, wenn auch vielleicht ein wenig eingefallen und blass.</p><p>Der Bischof musterte die �Moskauer Adlige� von Kopf bis Fu� mit einem Blick, der nichts Gutes verhie�, und kaute auf den Lippen. Er segnete sie nicht, ja, er nickte nicht einmal.</p><p>�Sie mag mit uns essen, ich werde sp�ter mit ihr sprechen.� Damit wandte er sich an den Klostervorsteher, um das unterbrochene Gespr�ch fortzusetzen.</p><p>Die Lissizyna setzte sich ganz an den Rand und war mehr tot als lebendig � vor Freude, aber nat�rlich auch vor Furcht. Sie bemerkte, dass der Bischof mehr graue Haare im Bart hatte, dass seine Wangen eingefallen und seine Finger schmal geworden waren und leicht zitterten, was fr�her nicht so gewesen war. Sie seufzte.</p><p>Die Brauen des Bischofs fuhren streng nach oben und wieder nach unten. Es war klar, dass er ihr z�rnte, aber wie sehr, konnte sie nicht feststellen. So sehr Polina Andrejewna ihren geistlichen Vater auch mit flehenden Blicken bedachte, ihr wurde keine Aufmerksamkeit zuteil. Daraus schloss sie: Er z�rnte ihr sehr.</p><p>Sie seufzte wieder, doch nicht mehr so bitterlich wie beim ersten Mal. Sie begann zuzuh�ren, wor�ber sich der Bischof und der Klostervorsteher unterhielten.</p><p>Das Gespr�ch drehte sich um abstrakte Dinge wie die m�nchische Gemeinschaft.</p><p>�Ich halte mich in meinen Handlungen an die �berzeugung, Eure Ehrw�rdige Eminenz, dass ein M�nch wie ein Toter unter den Lebenden sein soll. Unerm�dliche Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft und Gebete � dies soll sein Leben sein, und weiter braucht er nichts�, sagte Witali, offenbar als Antwort auf eine Frage oder vielleicht einen Vorwurf. �Deshalb bin ich streng mit der Bruderschaft und lasse ihr keine Freiheit. Bei der M�nchsweihe haben sie selbst ihrer Freiheit entsagt, zum Ruhme Gottes.�</p><p>�Ich kann Eurer Hochehrw�rden nicht zustimmen�, versetzte Mitrofani lebhaft. �Meiner Meinung nach muss ein M�nch lebendiger als jeder Laie sein, weil doch gerade er wirklich lebt, das hei�t, ein geistiges Leben f�hrt. Sie sollten den Ihnen Anvertrauten mit Respekt begegnen, denn jeder von ihnen hat eine erhabene Seele. Aber bei Ihnen werden sie in den Kerker gesteckt, sie sind ausgemergelt vor Hunger und zudem, so hei�t es, bekommen sie sogar Pr�gel verabreicht.� Bei diesen Worten warf der Bischof einen Blick auf einen beleibten M�nch, der rechts vom Archimandriten sa�; Polina Andrejewna wusste, dass das der schreckliche Vater Triadi war, der Kellermeister des Klosters. �Solche Handgreiflichkeiten kann ich nicht dulden.�</p><p>�M�nche sind wie Kinder�, widersprach der Klostervorsteher. �Sie sind der gew�hnlichen irdischen Sorgen enthoben. Sie sind �ngstlich, krankhaft neugierig, halten ihre Zunge nicht im Zaum. Viele leben von Kindheit an innerhalb der Klostermauern und sind in der Seele Kinder geblieben. Bei ihnen muss man v�terliche Strenge walten lassen.�</p><p>Der Bischof bemerkte zur�ckhaltend:</p><p>�Dann sollten Sie eben niemanden in den M�nchsstand aufnehmen, der keine Lebenserfahrung besitzt und sich selbst noch nicht erkannt hat. F�r den Menschen gibt es noch andere Wege zur Rettung als den M�nchsdienst. Und von diesen Wegen gibt es eine unendliche Vielzahl. Nur dem Einf�ltigen d�nkt, das M�nchtum sei der direkte Weg zum Herrn, doch in Gottes Welt ist der direkte Weg nicht immer der k�rzeste. Ich m�chte erneut an Eure Hochehrw�rden appellieren: Lassen Sie sich nicht zu sehr durch die Strenge verf�hren. Christi Kirche soll nicht Furcht einfl��en, sondern Liebe wecken. Sonst m�chte man beim Blick auf unsere kirchlichen Angelegenheiten Gogol zitieren: �Es stimmt einen traurig, dass am Guten nichts Gutes ist.��</p><p>Vater Witali lauschte der Belehrung mit starrsinnig gesenktem Kopf.</p><p>�Und ich antworte Eurer Eminenz darauf nicht mit den Worten eines weltlichen Autors, sondern mit einem Wort des ehrw�rdigen M�nchs Sossima Werchowski: �Wenn wir nicht mit den Heiligen sind, dann werden wir mit den Teufeln sein; einen dritten Ort gibt es f�r uns nicht.� Der Herr siebt unter den Menschen aus und entscheidet, wer gerettet werden und wer untergehen soll. Diese Auswahl ist hart und schrecklich, wie kann man da ohne Strenge vorgehen?�</p><p>Polina Andrejewna wusste, dass der Bischof den seligen M�nch Sossima Werchowski besonders sch�tzte und der Einwand des Archimandriten ins Schwarze getroffen hatte.</p><p>Mitrofani schwieg. Die �brigen M�nche blickten ihn erwartungsvoll an. Pl�tzlich f�hlte Frau Lissizyna sich schrecklich unwohl: Sie allein sa� hier in weltlicher Kleidung, der einzige helle Fleck inmitten all der schwarzen Kutten. Wie eine Meise oder ein Kanarienvogel, der sich in einen Rabenschwarm verirrt hatte.</p><p>Nein, sagte sich Polina Andrejewna, ich bin aus demselben Holz geschnitzt. Und sie sind keineswegs Raben, sie sprechen �ber wichtige Dinge, sorgen sich um die ganze Menschheit.</p><p>Was w�rde Mitrofani dem Klostervorsteher sagen?</p><p>�Der Katholizismus l�sst das Fegefeuer zu, weil es nur wenige vollkommen gute oder vollkommen schlechte Menschen gibt�, sprach der Bischof langsam. �Das Fegefeuer muss man nat�rlich im geistigen Sinne begreifen, als einen Ort der Reinigung von dem Schmutz, der an uns haftet. Unser orthodoxer Glaube hingegen erkennt das Fegefeuer nicht an. Ich habe lange nachgedacht, woher diese Unbeugsamkeit kommt, und ich bin zu einem Schluss gekommen: Es ist nicht Strenge, sondern gr��ere Barmherzigkeit. Denn es gibt keine vollkommen schwarzen S�nder, deren Schuld nicht abgetragen werden kann, in jedem �belt�ter, selbst im allerverstocktesten, glimmt ein lebendiges Fl�mmchen. Und unsere orthodoxe H�lle nimmt im Unterschied zur katholischen niemandem die Hoffnung, selbst Judas nicht. Ich glaube, die H�llenqualen bei uns sind nicht f�r immer und ewig gedacht. Die orthodoxe H�lle ist auch ein Fegefeuer, weil jeder s�ndigen Seele dort ihre Frist zugewiesen ist. Es kann nicht sein, dass der Herr in Seiner Barmherzigkeit eine Seele auf ewig straft, ohne die M�glichkeit zur Vergebung. Wozu gibt es dann die Qualen, wenn nicht zur Reinigung?�</p><p>Die M�nche von Neu-Ararat warfen sich gegenseitig Blicke zu, ohne etwas zu dieser Auffassung zu sagen, und Polina Andrejewna sch�ttelte den Kopf. Sie wusste, dass der Bischof bei Gespr�chen �ber Religion bisweilen Gedanken ausdr�ckte, die als freidenkerisch oder sogar als h�retisch aufgefasst werden konnten. Im engeren Kreis mochte das noch angehen, da war es nicht schlimm. Doch vor diesen Buchstabengelehrten? Sie w�rden ihn denunzieren und verleumden.</p><p>Aber Mitrofani hatte seine Strafpredigt noch nicht beendet.</p><p>�Ich mache Eurer Hochehrw�rden noch weitere Vorw�rfe. Ich habe geh�rt, dass Sie den weltlichen Machthabern Gef�lligkeiten erweisen, wenn sie Sie besuchen. Man hat mir erz�hlt, dass Sie im vergangenen Jahr, als die Gro�f�rstinnen eine Wallfahrt zu Ihnen machten, zu jedem Heiligtum einen Teppich ausgelegt haben und Ihr Chor ein Konzert f�r sie gegeben hat. Und das bei minderj�hrigen M�dchen! Und warum sind Sie h�chstpers�nlich zum Generalgouverneur gefahren und haben seine Sineosjorsker Datscha geweiht und sogar eine wundert�tige Ikone mitgenommen?�</p><p>�Um der gottgef�lligen Sache willen!�, rief Witali hitzig aus. �Wir leben schlie�lich mit unserem K�rper auf der Erde! Daf�r, dass ich den Kaiserlichen Hoheiten einen Gefallen erwies, wurde dem Kloster von der kaiserlichen Beh�rde in Petersburg ein Grundst�ck f�r eine Kirche verliehen. Und der Generalgouverneur schickte aus Dankbarkeit eine f�nfhundert Pud schwere Bronzeglocke. Das kommt doch nicht mir zugute, dem gro�en S�nder Witali, sondern der Kirche!�</p><p>�Ach, ich f�rchte, unsere Kirche muss f�r die Umarmung mit der weltlichen Macht einen hohen Preis zahlen�, seufzte der Bischof. �Und m�glicherweise in gar nicht so ferner Zeit. . . Nun gut�, f�gte er nach einer kurzen Pause hinzu und l�chelte pl�tzlich. �Gleich nach der Ankunft streiten � das kann nichts Gutes geben. Ich wollte Ihre ber�hmte Insel ansehen, Vater Witali. Ich tr�ume seit langem davon.�</p><p>Der Archimandrit neigte ehrerbietig den Kopf.</p><p>�Ich habe mich schon gewundert, womit ich Eure Eminenz erz�rnt habe, dass Sie Ararat nie mit Ihrem Besuch beehren. Wenn Sie geruht h�tten, mir fr�hzeitig Bescheid zu geben, h�tte ich Ihnen einen w�rdigeren Empfang bereitet. So aber � seien Sie nachsichtig.�</p><p>�Ich bin kein Freund von gro�em Prunk�, sagte der Bischof gutm�tig, wobei er tat, als bemerke er den versteckten Vorwurf in den Worten des Klostervorstehers nicht. �Ich m�chte alles so sehen, wie es tagt�glich aussieht. Ich fange gleich jetzt damit an.�</p><p>�Wollen Sie denn nicht tafeln?�, fragte der Vater Kellermeister beunruhigt. �Unseren Sineosjorsker Fisch probieren, die gef�llten Pasteten, das Eingesalzene, den Honig und die Pfefferkuchen?�</p><p>�Feierlichen Dank, aber die �rzte gestatten es nicht.� Mitrofani klopfte sich auf die linke Brustseite und erhob sich. �Ich trinke Br�he, esse langweiligen d�nnen Brei, das reicht mir.�</p><p>�Nun denn, ich bin bereit, Sie zu geleiten, wohin Sie befehlen.� Auch Witali erhob sich und nach ihm die �brigen. �Die Kutsche ist angespannt.�</p><p>Der Bischof sagte freundlich:</p><p>�Mir ist bekannt, wie viel Eure Hochehrw�rden zu tun haben. Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit mit leeren Ehrenbezeigungen, das schmeichelt mir nicht, und f�r Sie ist es kein Vergn�gen.�</p><p>Der Archimandrit runzelte die Stirn:</p><p>�Dann werde ich Eurer Eminenz Vater Silvan oder Vater Triadi zur Begleitung geben. Sie k�nnen nicht ganz allein gehen.�</p><p>�Das ist nicht n�tig. Ich f�hre hier schlie�lich keine Inspektion durch, wie Sie anzunehmen scheinen. Es ist ein lang gehegter Traum von mir, die Insel als einfacher Pilger zu besuchen. Ganz ohne Arg und ohne Vorgesetzten-All�ren.�</p><p>Die Stimme des Bischofs war in der Tat ohne Arg, doch Witali schaute noch m�rrischer drein � er glaubte nicht an Mitrofanis Aufrichtigkeit. Er meinte sicher, der Bischof wolle die Klosterbesitzungen ohne Einfl�sterer und Beobachter besichtigen. Und damit hatte er ganz Recht.</p><p>Erst jetzt sah der Bischof Polina Andrejewna an.</p><p>�Frau . . . Lissizyna wird mit mir fahren, sie ist eine alte Bekannte von mir. Leisten Sie einem alten Mann Gesellschaft, Polina Andrejewna, sagen Sie nicht Nein.� Als er sie unter seinen dichten Brauen hervor ansah, sprang die Lissizyna sofort auf. �Wir werden �ber alte Zeiten plaudern, Sie erz�hlen mir, wie es Ihnen geht, und wir k�nnen unsere Eindr�cke �ber das heilige Kloster austauschen.�</p><p>Der Tonfall verhie� nichts Gutes, zumindest schien es Polina Andrejewna so.</p><p>�Gut, Vater�, stammelte sie mit gesenktem Blick.</p><p>Der Klostervorsteher starrte sie misstrauisch an. Mit einem b�sen L�cheln erkundigte er sich:</p><p>�Was macht das Krokodil, M�tterchen, hat es von Ihnen abgelassen?�</p><p>Die Lissizyna schwieg und senkte den Kopf noch tiefer.</p><p>Sie fuhren in derselben Kutsche durch das Tor, die Polina Andrejewna aus dem Hotel abgeholt hatte. Noch war nichts gesprochen worden. Die Verbrecherin war aufgeregt und wusste nicht, was sie zuerst machen sollte: ihr Handeln bereuen, sich rechtfertigen oder gleich zur Sache kommen. Mitrofani hingegen schwieg mit Bedacht, damit ihr der volle Umfang ihrer Schuld zu Bewusstsein k�me.</p><p>Er sah aus dem Fenster auf die adretten Stra�en von Neu-Ararat und schnalzte beif�llig mit der Zunge. Dann begann er so unvermittelt zu sprechen, dass Frau Lissizyna sogar zusammenzuckte.</p><p>�Nun, und dieses Krokodil � was ist das wieder f�r ein Schabernack?�</p><p>�Ich habe ges�ndigt, Vater. Ich habe den Hochehrw�rdigen belogen�, bekannte Polina Andrejewna dem�tig.</p><p>�Du hast ges�ndigt, Pelagijuschka. Was hast du alles angestellt . . .�</p><p>Jetzt ging es los. Sie seufzte reuevoll und schlug besch�mt die Augen nieder.</p><p>Mitrofani aber z�hlte jede ihrer S�nden auf und nahm dabei die Finger zu Hilfe:</p><p>�Du hast den Schwur gebrochen, den du deinem geistlichen Vater gegeben hast, als er krank und dem Tode nahe daniederlag.�</p><p>�Ich habe nicht geschworen!�, sagte sie flink.</p><p>�Keine Ausfl�chte! Du hast meine unausgesprochene Bitte � nicht nach Ararat zu fahren � ausgezeichnet verstanden, du hast genickt und mir die Hand gek�sst. Ist das etwa kein Schwur, du treulose Schlange?�</p><p>�Eine Schlange, wie sie im Buche steht�, stimmte Polina Andrejewna zu.</p><p>�Du hast verbotene Kleidung angezogen, dem Stand der Nonnen Schande bereitet. Du l�ufst mit blo�em Hals herum, ein sch�ndlicher Anblick!�</p><p>Hastig bedeckte die Lissizyna ihren Hals mit einem Tuch, doch sie versuchte, diesen Anklagepunkt zur�ckzuweisen:</p><p>�Zu anderer Zeit haben Sie selbst mir dazu Ihren Segen gegeben.�</p><p>�Aber dieses Mal habe ich dir nicht nur keinen Segen dazu gegeben � ich habe es rundheraus verboten�, versetzte Mitrofani. �Stimmt das oder nicht?�</p><p>�Das stimmt. . .�</p><p>�Ich wollte dich bei der Polizei anzeigen. Es ist unentschuldbar, dass ich das nicht getan habe. Du hast deinem Seelenhirten Geld gestohlen! Tiefer kann man nicht mehr fallen! Zur Zwangsarbeit m�sste man dich schicken, das ist der richtige Ort f�r eine Diebin.�</p><p>Polina Andrejewna hatte keine Einw�nde � es gab keine.</p><p>�Und wenn ich dich, eine entlaufene Nonne und R�uberin, nicht zur polizeilichen Fahndung im ganzen Reich ausgeschrieben habe � mit deinen roten Haaren und den Sommersprossen h�tte man dich schnell gefunden � , dann allein aus Dankbarkeit f�r meine Genesung.�</p><p>�Wof�r?�, wunderte sich die Lissizyna, die dachte, sie habe sich verh�rt.</p><p>�Sobald ich von Schwester Christina erfuhr, dass du dich auf mich berufen hattest und weggefahren warst, sobald ich begriff, was du vorhattest, ging es aufw�rts mit meiner Gesundheit. Ich sch�mte mich, Pelagijuschka�, sagte der Bischof leise, und es wurde deutlich, dass er ihr �berhaupt nicht z�rnte. �Ich sch�mte mich f�r meine Schw�che. Da lag ich wie ein greinendes altes Weib im Bett und l�ffelte den Absud vom Doktor! Meine ungl�cklichen Kinder hatte ich in der Not fallen gelassen, alles auf weibliche Schultern abgew�lzt. Ich sch�mte mich so sehr, dass ich am zweiten Tag wieder aufrecht sitzen, am vierten Tag gehen und am f�nften Tag ein wenig in der Kutsche durch die Stadt fahren konnte, und am achten Tag machte ich mich auf den Weg � hierher, zu Euch. Professor Schmidt, der aus Petersburg gekommen war, um mich zu begraben, sagt, eine so schnelle Heilung eines gerissenen Herzmuskels habe er noch nie erlebt. Der Professor ist wieder in die Hauptstadt zur�ckgefahren und war sehr stolz auf sich. Jetzt wird man ihm f�r seine Visiten und Konsultationen noch mehr Geld zahlen. Dabei hast du mich geheilt, nicht er.�</p><p>Schluchzend bedeckte Polina Andrejewna die ausgemergelte, bleiche Hand des Bischofs mit K�ssen. Er k�sste sie auf den Scheitel.</p><p>�Sieh mal an, parf�miert hat sie sich auch�, brummte der Bischof, der nun nicht mehr so tat, als sei er ver�rgert. �Nun gut, lass uns jetzt aber zur Sache kommen.�</p><p>Die Lissizyna zog den Brief aus dem Ausschnitt und streckte ihn dem Bischof hin.</p><p>�Lesen Sie besser das hier, da steht das Wichtigste drin. Jeden Abend habe ich etwas hinzugeschrieben. So ist es ist k�rzer und klarer, als wenn ich es erz�hle. Oder m�chten Sie es h�ren?�</p><p>Mitrofani setzte sein Pincenez auf.</p><p>�Lass mich nur lesen. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich dich.�</p><p>Es war ein langer Brief, mit alldem, was sie in fast einer Woche hinzugeschrieben hatte, waren es fast zehn Seiten. Hier und da war das Papier feucht geworden, einige Zeilen waren verwischt.</p><p>Die Kutsche hielt an. Der M�nch auf dem Kutschbock nahm die Kappe ab und fragte:</p><p>�Wohin m�chten Sie fahren? Wir sind schon aus der Stadt heraus.�</p><p>�Zur Heilanstalt von Doktor Korowin�, sagte Polina Andrejewna halb laut, um den Bischof nicht beim Lesen zu st�ren.</p><p>Sie fuhren weiter.</p><p>Voller Mitleid registrierte sie die Ver�nderungen, die die Krankheit im Antlitz des Bischofs hinterlassen hatte. Ach, er war zu fr�h aufgestanden. Wenn nur kein neues Ungl�ck geschehen w�rde. Doch unt�tig im Bett zu liegen, w�re noch schlimmer gewesen.</p><p>Einmal schrie der Bischof auf wie im Schmerz. Sie erriet, dass er die Stelle las, wo es um Aljoscha ging.</p><p>Schlie�lich legte der Bischof die Bl�tter beiseite und versank in d�stere Gedanken. Er hatte keine Fragen gestellt � offenbar war alles klar dargelegt.</p><p>Dann brummte er:</p><p>�Und ich nichtsnutziger alter Mann habe Pillen geschluckt und wieder gehen gelernt. . . Ach, es ist besch�mend.�</p><p>Polina Andrejewna konnte es nicht ab warten, wieder zur Sache zu kommen.</p><p>�Die r�tselhaften Ausspr�che von Vater Israil lassen mir keine Ruhe, Eminenz. Das hei�t doch . . .�</p><p>�Warte noch mit deinen R�tseln.� Mitrofani winkte ab. �Dar�ber reden wir sp�ter. Zuerst die Hauptsache: Ich will Matjuscha sehen. Steht es schlecht um ihn?�</p><p>�Ja.�</p></section><section><title><p>Der letzte Tag. Mittag</p></title><p>�Sehr schlecht�, best�tigte Doktor Korowin. �Mit jedem Tag wird es schwieriger, an ihn heranzukommen. Die Entropose schreitet fort. Von Tag zu Tag wird der Kranke hinf�lliger und teilnahmsloser. Die n�chtlichen Halluzinationen haben aufgeh�rt, doch ich sehe darin keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung: Die Psyche braucht keine Anreize mehr, Berditschewski hat die F�higkeit verloren, solche starken Gef�hle wie Furcht zu empfinden, sein Selbsterhaltungsinstinkt ist geschw�cht. Gestern habe ich ein Experiment gemacht: Ich habe befohlen, ihm kein Essen zu bringen, bis er selbst danach verlangt. Er hat nichts gesagt, einfach den ganzen Tag hungrig dagesessen . . . Inzwischen erkennt er die Leute nicht mehr, wenn er sie nicht tags zuvor gesehen hat. Der Einzige, der ein wenigstens einigerma�en zusammenh�ngendes Gespr�ch mit ihm f�hren kann, ist sein Nachbar Ljampe, aber auch der ist ein ganz besonderes Subjekt und kein Meister an Beredsamkeit � Polina Andrejewna hat es erlebt, sie kennt ihn. Meine ganze Erfahrung sagt mir, dass es nur noch schlimmer wird. Wenn Sie wollen, k�nnen Sie den Kranken mitnehmen, aber sogar in der allermodernsten Schweizer Klinik, auch bei Schwanger selbst, wird das Ergebnis dasselbe sein. Leider ist die moderne Psychiatrie in derartigen F�llen hilflos.�</p><p>Zu dritt � der Doktor, der Bischof und die Lissizyna � betraten sie das Cottage Nummer sieben. Sie warfen einen Blick ins Schlafzimmer. Zwei leere Betten, davon eines � Berditschewskis � mit zerkn�lltem Bettzeug, das zweite ordentlich zugedeckt.</p><p>Sie gingen ins Laboratorium. Obwohl es heller Tag war, waren die Vorh�nge zugezogen, und es brannte kein Licht. Es war still.</p><p>�ber der R�ckenlehne des Sessels ragte Matwej Benzionowitschs Scheitel hervor, dessen zunehmende Kahlheit, die fr�her immer mit kunstvoll zur�ckgek�mmten Haaren �berdeckt gewesen war, schutzlos und nackt vor ihnen lag. Auf das Ger�usch der Schritte hin drehte der Kranke sich nicht um.</p><p>�Wo ist denn Ljampe?�, fragte Polina Andrejewna fl�sternd.</p><p>Korowin senkte seine Stimme nicht:</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Wann immer ich komme, nie ist er da. Ich habe ihn schon einige Tage nicht mehr gesehen. Sergej Nikolajewitsch ist eine selbstst�ndige Person. Vielleicht hat er irgendeine andere Emanation entdeckt und ist mit seinen �Feldforschungen� besch�ftigt � diesen Ausdruck verwendet er immer.�</p><p>Der Bischof war an der Schwelle stehen geblieben. Er betrachtete den Hinterkopf seines geistlichen Kindes und blinzelte heftig.</p><p>�Matwej Benzionowitsch!�, rief Frau Lissizyna.</p><p>�Sprechen Sie lauter�, riet Donat Sawwitsch. �Er reagiert nur noch auf starke Reize.�</p><p>Sie rief aus vollem Halse:</p><p>�Matwej Benzionowitsch! Sehen Sie, wen ich Ihnen mitgebracht habe!�</p><p>Polina Andrejewna hegte die leise Hoffnung, dass Berdi-tschewski beim Anblick seines geliebten Mentors aufger�ttelt werden und zum Leben erwachen w�rde.</p><p>Auf das Rufen hin blickte der stellvertretende Staatsanwalt sich suchend nach der Quelle des Ger�uschs um. Als er sie fand, sah er nur die Frau an. Ihre Begleiter w�rdigte er keines Blickes.</p><p>�Ja?�, fragte er langsam. �Was w�nschen Sie, gn�dige Frau?�</p><p>�Fr�her hat er die ganze Zeit nach Ihnen gefragt!� fl�sterte sie Mitrofani verzweifelt zu. �Und jetzt sieht er Sie nicht einmal an . . . Wo ist denn Herr Ljampe?�, fragte sie behutsam und trat ein St�ckchen n�her.</p><p>Berditschewski sagte ausdruckslos und gleichg�ltig:</p><p>�Unter der Erde.�</p><p>�Sehen Sie?� Korowin zuckte die Schultern. �Er reagiert nur noch auf die Intonation und die grammatische Konstruktion einer Frage, aber die Antworten sind v�llig sinnlos. Das ist ein neues Stadium der seelischen Krankheit.�</p><p>Der Bischof trat einen Schritt vor und schob den Doktor energisch zur Seite.</p><p>�Lassen Sie mich nur machen. Physische Verletzungen des Gehirns sind zweifellos Sache der Medizin, aber wenn es um die Krankheit einer Seele geht, in der sich, wie man in alter Zeit sagte, der Teufel eingenistet hat, dann f�llt dies in meine Zust�ndigkeit, Doktor.� Mit machtvoll erhobener Stimme befahl er: �Lassen Sie mich mit Herrn Berditschewski allein. Und kommen Sie nicht eher wieder herein, als bis ich Sie rufe. Wenn ich mich eine Woche lang nicht melde, hei�t das, Sie kommen eine Woche lang nicht herein. Und zwar niemand, kein Mensch. Haben Sie das verstanden?�</p><p>Donat Sawwitsch l�chelte:</p><p>�Ach, Eminenz, das steht nicht in Ihrer bisch�flichen Macht, glauben Sie mir. Diesen Teufel kann man nicht mit Gebeten und Weihwasser austreiben. Und in meiner Klinik gestatte ich keine mittelalterlichen Methoden.�</p><p>�Ach nein?� Stirnrunzelnd blickte der Bischof sich zum Doktor um. �Aber Sie gestatten den Kranken, unter den Gesunden umherzuspazieren? Was haben Sie hier in Ararat f�r ein Durcheinander angerichtet! Man kann nicht einmal erkennen, wer �berhaupt zurechnungsf�hig ist. Ohnehin wei� man auf der Welt nicht immer, wer verr�ckt ist und wer nicht, aber bei Ihnen auf der Insel ist doch alles Lug und Trug! Da kann auch ein Gesunder Selbstzweifel bekommen. Sie machen besser, was ich Ihnen sage. Andernfalls werde ich den Betrieb Ihrer Institution auf kirchlichem Grund und Boden verbieten.�</p><p>Korowin wagte es nicht, weiter zu streiten. Er breitete die Arme aus � bitte sehr, machen Sie, was Sie wollen � , wandte sich um und verlie� den Raum.</p><p>�Gehen wir, Matjuscha.�</p><p>Der Bischof nahm den Kranken liebevoll bei der Hand und f�hrte ihn aus dem dunklen Laboratorium ins Schlafzimmer.</p><p>�Pelagia, du kommst nicht mit. Wenn es so weit ist, rufe ich dich.�</p><p>�Gut, Vater, ich warte im Laboratorium.� Die Lissizyna verneigte sich.</p><p>Der Bischof setzte Berditschewski aufs Bett und zog f�r sich selbst einen Stuhl heran. Sie schwiegen eine Weile. Mitrofani blickte Matwej Benzionowitsch an, und der blickte die Wand an.</p><p>Der Bischof hielt es nicht mehr aus und fragte: �Matwej, hast du mich wahrhaftig nicht erkannt?�</p><p>Erst da richtete Berditschewski seinen Blick auf ihn. Er blinzelte und fragte unsicher:</p><p>�Sie sind doch eine geistliche Person? Das ist eine Panhagia, was Sie da an der Brust tragen. Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Ich habe Sie wahrscheinlich im Traum gesehen.�</p><p>�Fass mich nur an, das ist kein Traum. Freust du dich denn nicht, mich zu sehen?�</p><p>Folgsam ber�hrte Matwej Benzionowitsch ihn am �rmel. Er antwortete h�flich:</p><p>�Aber ja, sehr sogar.�</p><p>Er blickte den Bischof wieder an und begann pl�tzlich zu weinen � langsam und lautlos, aber mit einem Strom von Tr�nen.</p><p>Mitrofani freute sich, dass Matwej Benzionowitsch Gef�hle zeigte, und sei es auf diese Weise. Er strich dem �rmsten �ber den Kopf und sagte immer wieder:</p><p>�Weine nur ein wenig, weine nur, mit den Tr�nen flie�t auch das Gift aus der Seele.�</p><p>Aber Berditschewski schien sich darauf einzurichten, ausgiebig zu weinen. Die Tr�nen fl�ssen unaufh�rlich und irgendwie sehr eint�nig. Es war ein merkw�rdiges Weinen, �hnlich einem anhaltenden herbstlichen Spr�hregen. Als der Bischof seinem geistlichem Sohn das Gesicht abwischte, war sein Taschentuch auf der Stelle durchn�sst, und das Taschentuch war von betr�chtlichem Ausma�, beinahe einen Arschin gro�.</p><p>Der Bischof runzelte die Stirn.</p><p>�Na, na, jetzt hast du aber genug geweint. Ich komme schlie�lich mit guten, mit sehr guten Nachrichten.�</p><p>Matwej Benzionowitsch schlug ergeben die Augen nieder, und sofort versiegten die Tr�nen.</p><p>�Das ist gut, wenn es gute Nachrichten gibt�, bemerkte er.</p><p>Mitrofani hatte damit gerechnet, dass Berditschewski nachfragen w�rde, und konnte es nicht mehr abwarten. Triumphierend verk�ndete er:</p><p>�Du bist in den n�chsth�heren Rang bef�rdert! Ich gratuliere. Darauf hast du doch schon lange gewartet. Jetzt bist du Staatsrat.�</p><p>�Ich kann gar kein Staatsrat sein.� Berditschewski legte bedachtsam seine Stirn in Falten. �Verr�ckte k�nnen keinen Rang f�nfter Klasse bekleiden, das ist gesetzlich verboten.�</p><p>�Und ob sie das k�nnen�, scherzte der Bischof versuchshalber. �Ich kenne sogar Beamte der vierten und auch � man wagt es kaum zu sagen � der dritten Klasse, die eigentlich in die Irrenanstalt geh�ren.�</p><p>�Ach ja?�, fragte Matwej Benzionowitsch ein wenig verwundert. �Dabei l�sst das Reglement f�r den Staatsdienst so etwas ganz gewiss nicht zu.�</p><p>Er schwieg wieder.</p><p>�Aber das ist noch nicht die wichtigste Nachricht.� Der Bischof klopfte Berditschewski aufs Knie, woraufhin der zusammenzuckte und weinerlich das Gesicht verzog. �Du hast einen Jungen bekommen, einen Sohn! Er ist gesund und munter, und Mascha geht es gut.�</p><p>�Es ist sehr sch�n�, nickte der stellvertretende Staatsanwalt, �wenn alle gesund sind. Ohne Gesundheit kein Gl�ck � da n�tzen auch Ruhm und Reichtum nichts.�</p><p>�Sie haben auch schon einen Namen ausgesucht. Sie haben hin und her �berlegt, und jetzt hei�t er . . .� Mitrofani machte eine Pause �Akaki. Er hei�t nun Akaki Matwejewitsch. Ist das nicht ein sch�ner Name?�</p><p>Matwej Benzionowitsch hie� auch den Namen gut.</p><p>Wieder trat Stille ein. Dieses Mal schwiegen sie mindestens eine halbe Stunde. Berditschewski machte das offensichtlich nichts aus. Er r�hrte sich kaum und starrte nur vor sich hin. Vielleicht zweimal, als Mitrofani sich regte, richtete Berditschewski seinen Blick auf ihn und l�chelte wohlwollend.</p><p>Weil er nicht wusste, wie er die undurchdringliche Mauer durchbrechen sollte, kn�pfte der Bischof ein Gespr�ch �ber die Familie an � zu diesem Zweck hatte er aus Sineosjorsk Fotografien mitgebracht. Matwej Benzionowitsch betrachtete die Aufnahmen mit h�flichem Interesse. Uber seine Frau sagte er:</p><p>�Ein h�bsches Gesicht, aber sie l�chelt gar nicht.�</p><p>Auch die Kinder gefielen ihm.</p><p>�Ganz bezaubernde Knirpse haben Sie, Vater�, bemerkte er. �Und so viele. Ich wusste gar nicht, dass Personen von kl�sterlichem Stand Kinder haben d�rfen. Leider darf ich keine Kinder haben, weil ich verr�ckt bin. Laut Gesetz d�rfen Verr�ckte keine Ehe eingehen, und wenn so jemand bereits verheiratet ist, wird die Ehe f�r ung�ltig erkl�rt. Mir scheint, ich war fr�her auch verheiratet. Ich meine mich daran zu erin. . .�</p><p>In diesem Moment klopfte es vorsichtig, und das sommersprossige Gesicht von Polina Andrejewna lugte durch die T�r � im denkbar ung�nstigsten Augenblick. Der Bischof bedeutete seiner geistlichen Tochter mit einer Geb�rde: geh weg, st�re uns nicht, und die T�r wurde wieder geschlossen. Doch der Augenblick war verpasst, Berditschewski erging sich nicht mehr in Erinnerungen, er war abgelenkt von einer Kakerlake, die langsam �ber den Nachttisch krabbelte.</p><p>Es vergingen Minuten, Stunden. Das Tageslicht wurde schw�cher und erlosch. Im Zimmer wurde es dunkel. Niemand klopfte mehr an die T�r, niemand wagte den Bischof und seinen geistesverwirrten Sch�tzling zu st�ren.</p><p>�Nun denn�, sagte Mitrofani, w�hrend er sich �chzend erhob. �Ich bin m�de. Ich werde mich f�r die Nacht einrichten. Dein Physiker ist ohnehin nicht da, und wenn er auftaucht, kann der Doktor ihn woanders unterbringen.�</p><p>Er legte sich auf das zweite Bett und streckte seine tauben Glieder.</p><p>Matwej Benzionowitsch lie� zum ersten Mal Anzeichen von Unruhe erkennen. Er entz�ndete die Lampe und drehte sich zum Bischof um.</p><p>�Sie d�rfen hier nicht bleiben�, sagte er nerv�s. �Dies ist ein Haus f�r Verr�ckte, und Sie sind gesund.�</p><p>Mitrofani g�hnte und machte ein Kreuzzeichen �ber dem Mund, damit der b�se Geist nicht hereinfl�ge.</p><p>�Wieso bist du verr�ckt? Du br�llst nicht herum und w�lzt dich nicht auf dem Boden.�</p><p>�Ich w�lze mich nicht auf dem Boden, aber dass ich gebr�llt habe, ist schon vorgekommen�, bekannte Berditschewski. �Wenn ich gro�e Angst hatte.�</p><p>�Na, dann br�llen wir eben zusammen.� Die Stimme des Bischofs klang unger�hrt. �Ich werde dich jetzt nie mehr allein lassen, Matjuscha. Wir werden immer zusammen sein. Denn du bist mein geistlicher Sohn, und ich liebe dich. Wei�t du, was das ist � Liebe?�</p><p>�Nein�, antwortete Matwej Benzionowitsch. �Ich wei� jetzt �berhaupt nichts.�</p><p>�Liebe bedeutet, immer zusammen zu sein. Besonders, wenn es dem, den man liebt, schlecht geht.�</p><p>�Sie d�rfen hier nicht bleiben! Wieso begreifen Sie das denn nicht? Sind sind doch ein Bischof!�</p><p>Aha! Mitrofani ballte im Halbdunkel die F�uste. Es ist ihm wieder eingefallen! Na also!</p><p>�Das ist mir v�llig einerlei, Matjuscha. Ich bleibe bei dir. Und du wirst jetzt keine Angst mehr haben, denn zu zweit hat man keine Angst. Dann sind wir eben beide verr�ckt, du und ich auch. Doktor Korowin wird mich aufnehmen, das ist ein interessanter Fall f�r ihn: Der Bischof des Gouvernements hat den Verstand verloren.�</p><p>�Nein!�, widersprach Berditschewski hartn�ckig. �Man wird nicht zu zweit verr�ckt!�</p><p>Auch das schien dem Bischof ein gutes Zeichen zu sein � bis jetzt war Matwej Benzionowitsch immer mit allem einverstanden gewesen.</p><p>Mitrofani setzte sich im Bett auf und lie� die Beine baumeln. Er blickte dem ehemaligen Ermittler geradewegs in die Augen und sagte:</p><p>�Ich glaube auch gar nicht, dass du den Verstand verloren hast, Matwej. Du hast vielleicht einen kleinen Vogel. Das kommt vor bei sehr klugen Menschen. Die wollen oft die ganze Welt in ihren Kopf stopfen. Aber sie passt da nicht hinein, Gottes ganze Welt. Sie hat viele Ecken, darunter auch sehr scharfe, und wenn die durch den Sch�del aufs Gehirn dr�cken, verletzen sie es.�</p><p>Matwej Benzionowitsch fasste sich an die Schl�fen und klagte:</p><p>�Ja, es dr�ckt. Wissen Sie, wie weh das manchmal tut?�</p><p>�Das kann ich mir vorstellen. Ihr klugen Leute, wenn ihr etwas nicht ins Hirn stopfen k�nnt, dann weicht ihr zur�ck, verliert den Verstand. Es ist euch nicht gegeben, auf etwas anderes zur�ckzugreifen, denn der Mensch kann au�er seinem Verstand nur noch eine andere St�tze haben � den Glauben. Du aber, Matjuscha, glaubst nicht richtig, so viel du auch sagst �Ich glaube, oh Herr. Der Glaube ist eine Gabe Gottes, die nicht jedem zuteil wird und f�r sehr kluge Menschen zehnmal schwerer zu erlangen ist. So kommt es, dass du den Verstand verloren und den Glauben nicht gefunden hast, darin liegt deine ganze Verr�cktheit. Nun, den Glauben kann ich dir nicht geben, das liegt nicht in meiner Macht. Aber ich kann versuchen, dir den Verstand zur�ckzugeben. Damit Gottes Welt wieder Platz in deinem Kopf findet.�</p><p>Berditschewski h�rte zwar argw�hnisch, aber sehr aufmerksam zu.</p><p>�Lesen kannst du doch wohl noch? Na also, hier, lies, was eine andere kluge Person schreibt, die noch kl�ger ist als du. Lies das �ber den Sarg, �ber die Kugel und �ber Wassilisk auf Stelzen.�</p><p>Der Bischof zog Polina Andrejewnas Brief aus dem �rmel und reichte ihn seinem Nachbarn.</p><p>Der nahm ihn und hielt ihn unter die Lampe. Zu Anfang las er langsam, leise f�r sich, wobei er eifrig die Lippen bewegte. Auf der dritten Seite fuhr er zusammen, er h�rte auf, die Lippen zu bewegen und fing heftig an zu blinzeln. Er drehte das Blatt um und begann auf der n�chsten Seite, sich nerv�s die Haare zu raufen.</p><p>Mitrofani beobachtete ihn hoffnungsvoll und bewegte ebenfalls die Lippen � er betete.</p><p>Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, rieb Matwej Benzionowitsch sich verbissen die Augen. Raschelnd drehte er die Seiten wieder um und fing noch einmal von vorne an zu lesen. Die Finger fuhren an die Spitze seiner langen Nase � eine Angewohnheit aus dem fr�heren Leben des stellvertretenden Staatsanwalts, die ihn in Momenten der Anspannung befallen hatte.</p><p>Unvermittelt zuckte er zusammen, er legte den Brief weg und drehte sich mit dem ganzen K�rper zum Bischof um.</p><p>�Was soll das � Akaki? Mein Sohn hei�t Akaki? Was ist denn das f�r ein Name? War Mascha damit etwa einverstanden!?�</p><p>Der Bischof machte das Kreuzzeichen, fl�sterte ein Dankgebet und presste die Lippen voller Inbrunst an die wertvolle Panhagia.</p><p>Er sagte leichthin und munter:</p><p>�Das habe ich erfunden, Matwejuschka. Ich wollte dich wachr�tteln. Mascha hat noch nicht geboren, das Kind kommt erst noch.�</p><p>Matwej Benzionowitsch runzelte die Stirn:</p><p>�Und das mit dem Staatsrat stimmt auch nicht?�</p><p>Auf das von Gekeuche und Schluchzern unterbrochene schallende Gel�chter, das aus dem Schlafzimmer drang, wurde die T�r ohne Anklopfen ge�ffnet. Aber nicht Frau Lissizyna, sondern Doktor Korowin und sein Assistent sp�hten herein, beide im wei�en Kittel � sie kamen wohl von der Visite. Voller Schrecken starrten sie auf den hochrot angelaufenen Bischof, der sich die Tr�nen trocknete, und auf den zerzausten Patienten.</p><p>�Ich h�tte nicht gedacht, Herr Kollege, dass die entropische Schizophrenie ansteckend ist�, murmelte Donat Sawwitsch.</p><p>Der Assistent rief aus:</p><p>�Eine bahnbrechende Entdeckung, Herr Kollege!�</p><p>Nachdem Mitrofanis Lachanfall vor�ber war und er sich die Tr�nen abgewischt hatte, sagte er dem verst�rten stellvertretenden Staatsanwalt:</p><p>�Das mit dem Rang habe ich mir nicht ausgedacht, das w�re eine unverzeihliche S�nde. Ich gratuliere also, Eure Wohlgeboren.�</p><p>Donat Sawwitsch betrachtete den Gesichtsausdruck seines Patienten und st�rzte auf ihn zu.</p><p>�Gestatten Sie.� Er ging vor dem Bett in die Hocke, f�hlte Matwej Benzionowitsch mit der einen Hand den Puls und zog ihm mit der anderen die Lider hoch. �Es ist ein Wunder! Was haben Sie mit ihm gemacht, Eminenz? He, Herr Berditschewski! Zu mir! Sehen Sie mich an!�</p><p>�Was schreien Sie denn so, Doktor?� Der frisch gebackene Staatsrat verzog das Gesicht und r�ckte ein St�ck beiseite. �Ich bin schlie�lich nicht taub. Was ich Ihnen schon lange sagen wollte: Sie t�uschen sich, wenn Sie denken, dass die Kranken Ihre beiseite gesprochenen Kommentare den anderen �rzten, den Schwestern oder den Besuchern gegen�ber nicht h�ren. Sie sind hier immerhin nicht im Theater.�</p><p>Korowin fiel die Kinnlade herunter, was in Kombination mit der Maske sp�ttischer Selbstsicherheit, die er so fest verinnerlicht hatte, einigerma�en merkw�rdig aussah.</p><p>�Donat Sawwitsch, bekommt man bei Ihnen abends etwas zu essen?�, erkundigte sich der Bischof. �Ich habe seit heute Morgen praktisch nichts gegessen. Wie ist es mit dir, Matwej, hast du keinen Hunger?�</p><p>Berditschewski entgegnete noch nicht sehr �berzeugt, aber nicht mehr so leblos wie fr�her:</p><p>�Etwas zu essen w�re vielleicht nicht schlecht. Und wo ist Frau Lissizyna? Ich kann mich nicht besonders gut erinnern, was hier vorgefallen ist, aber sie hat mich besucht, das habe ich doch wohl nicht getr�umt?�</p><p>�Das Abendessen gibt es sp�ter! Nachher!�, rief Korowin in h�chster Aufregung. �Sie m�ssen mir auf der Stelle erz�hlen, an welche Ereignisse der vergangenen zwei Wochen Sie sich erinnern! In allen Einzelheiten! Sie, Herr Kollege, stenografieren jedes Wort mit! Das ist sehr wichtig f�r die Wissenschaft! Und Sie, Eminenz, verraten mir unverz�glich Ihre Heilmethode. Sie haben gewiss einen Schock angewandt, nicht wahr? Und welchen genau?�</p><p>�Aber nein.� Mitrofani schnitt ihm das Wort ab. �Zuerst das Abendessen. Und schicken Sie nach Pela. . . nach Polina Andrejewna. Wo ist sie �berhaupt?�</p><p>�Frau Lissizyna ist weggefahren�, erwiderte Donat Sawwitsch zerstreut, und er sch�ttelte wieder den Kopf. �Nein, so etwas habe ich wirklich noch nie geh�rt oder gelesen! Nicht einmal im �Jahrbuch f�r Psychopathologie und Psychotherapie�!�</p><p>�Wohin denn? Und wann war das?�</p><p>�Es war noch hell. Sie bat, ins Hotel gebracht zu werden. Sie wollte Ihnen etwas sagen, aber Sie haben sie nicht hereingelassen. Ach ja, vorher hat sie bei mir im Kabinett noch etwas aufgeschrieben. Sie bat darum, Ihnen einen Umschlag und irgendeine Tasche zu �bergeben. Den Umschlag habe ich hier, ich habe ihn in die Kitteltasche gesteckt. Aber in welche? Und die Tasche steht hinter der T�r im Vorzimmer.�</p><p>Der Assistent brachte bereits ungefragt die Tasche � eine gro�e, aber offenbar nicht besonders schwere Reisetasche aus Wachstuch.</p><p>W�hrend Donat Sawwitsch die zahlreichen Taschen seines Kittels und seines �berrocks abklopfte, warf der Bischof einen Blick in die Reisetasche.</p><p>Er zog ein Paar hohe Gummistiefel heraus, eine elektrische Lampe von ungew�hnlicher Konstruktion (sie war mit einer kleinen, durchl�cherten Blechplatte abgedeckt) und ein zusammengedrehtes schwarzes St�ck Stoff. Er rollte ihn auseinander � es war eine Kutte mit einer durch einen Zwirnfaden nachl�ssig zusammengehaltenen Kapuze. An der Brust befand sich ein Einschnitt, damit man die Kapuze Zur�ckschlagen konnte, die Kapuze selbst war mit den R�ndern zusammengen�ht und hatte zwei Sehschlitze. Mitrofani steckte befremdet den Finger hinein, zuerst in das eine, dann in das andere Loch.</p><p>�Was ist, Doktor, haben Sie den Brief gefunden? Geben Sie her.�</p><p>Er setzte das Pincenez auf. W�hrend er den zugeklebten Umschlag �ffnete, brummte er:</p><p>�Seit dem fr�hen Morgen machen wir nichts anderes, als die Briefe einer gewissen Person zu lesen . . . Was ist denn das f�r ein Gekrakel, das sieht ja aus, als w�re ein Huhn �ber das Papier marschiert. Offenbar hatte sie es sehr eilig . . .�</p></section><section><title><p>Noch ein Brief</p></title><cite><p>Ich bin gleich zu Ihnen gest�rmt, aber zur Unzeit. Ich habe eine wichtige Nachricht, doch Ihre Besch�ftigung ist hundertmal wichtiger. M�ge der Herr Ihnen helfen, Matwej Benzionowitsch den verlorenen Verstand zur�ckzugeben. Wenn Ihnen das gelingt, sind Sie ein wahrer Zauberer und Wundert�ter.</p><p>Verzeihen Sie, dass ich nicht gewartet habe und wieder eigenm�chtig handle, aber ich wei� ja nicht, wie lange sich die Heilung hinzieht. Sie sagten, es k�nne eine ganze Woche dauern, aber es ist v�llig unm�glich, so lange zu warten. Vermutlich darf man gar nicht mehr warten, denn Gott allein wei�, was im Kopf dieses Menschen vorgeht.</p><p>Auch wenn ich in Eile bin, bem�he ich mich, alles in der richtigen Reihenfolge zu schreiben.</p><p>W�hrend ich auf Sie wartete und mich um den Ausgang dieser schwierigen (und vielleicht gar unm�glichen ?) Angelegenheit sorgte, wusste ich nicht so recht, wohin mit mir. Ich streifte durch das Haus, zun�chst nur durch das Laboratorium, dann auch durch die anderen Zimmer, was nat�rlich sehr ungeh�rig von mir ist, aber es lie� mir keine Ruhe, dass Donat Sawwitsch gesagt hatte, er habe Ljampe seit mehreren Tagen nicht gesehen. Zwar k�nnen sich die Patienten frei bewegen, aber trotzdem ist das eigenartig. Zudem wurde mir klar, dass ich mich zu sehr auf Vater Israil und die Nachbarinsel konzentriert und dar�ber die Heilanstalt fast v�llig aus den Augen verloren hatte � das hei�t die Vermutung, jemand von den Insassen k�nnte der Verbrecher sein. Und wenn man an die Nacht denkt, als der schwarze M�nch mich �berfallen hat, liegt gerade dieser Gedanke nicht fern.</p><p>Erstens: Wer konnte von den Stelzen des krankhaft reinlichen Patienten wissen und davon, wo man sie sich ausleihen kann? Nur jemand, der mit den Gewohnheiten der Patienten und mit der Lage der Geb�ude bestens vertraut ist.</p><p>Zweitens: Wer konnte wissen, wo genau Matwej Benzionowitsch untergebracht ist, in der Nacht einen Schreck einjagen? Die Antwort ist dieselbe.</p><p>Und drittens: Nur jemand mit unmittelbarem Bezug zur Klinik konnte Lentotschkin ungehindert im Palmenhaus besuchen, so oft er wollte (Alexej Stepanowitschs Worten war deutlich zu entnehmen, dass der schwarze M�nch ihn mehrfach aufgesucht hatte) und den armen Jungen sp�ter t�ten und seine Leiche fortschaffen.</p><p>Das hei�t, wenn man es ganz genau bedenkt, h�tte dies auch ein Au�enstehender tun k�nnen � ich bin schlie�lich auch unbemerkt in das Palmenhaus gelangt � doch f�r jemanden von hier w�re es einfacher gewesen.</p><p>Pl�tzlich machte ich mir Sorgen, ob nicht auch dem Physiker etwas zugesto�en war. Wenn er nun etwas gesehen hat, was er nicht hat sehen sollen, und ebenfalls auf dem Grund des Sees liegt ? Mir fielen Ljampes unzusammenh�ngende Reden ein, in denen er eindringlich von einer mysteri�sen Emanation des Todes sprach, von einer schrecklichen Gefahr.</p><p>Also beschloss ich, in der Garderobe zu schauen, ob sein Mantel da war. Zuvor fragte ich den Pfleger, was Herr Ljampe �blicherweise anzieht, wenn er das Haus verl�sst. Ich fand heraus, dass er immer dasselbe tr�gt: eine schwarze Baskenm�tze, einen karierten Mantel mit Pelerine, Gummistiefel und auf jeden Fall einen gro�en Regenschirm, unabh�ngig vom Wetter.</p><p>Stellen Sie sich meine Aufregung vor, als ich all diese Dinge an ihrem Platz in der Garderobe fand! Ich ging in die Hocke, um die Gummistiefel genauer zu betrachten � manchmal kann man an getrockneten Dreckkl�mpchen sehr vieles ablesen: ob es lange her ist, dass die Schuhe das letzte Mal au�erhalb des Hauses getragen wurden, �ber welche Art von Boden sie gegangen sind und dergleichen mehr. Dabei fiel mir die Tasche aus Wachstuch ins Auge, die in eine dunkle Ecke hinter dem Schuhschrank gestopft war.</p><p>Wenn Sie noch keinen Blick in die Tasche werfen konnten, tun Sie es jetzt. Sie werden darin alle n�tigen Beweismittel entdecken: das Gewand des schwarzen M�nchs, die Stiefel, in denen man bequem �auf dem Wasser wandeln� kann, und die Lampe, die ein grelles Licht wirft, das nach oben und zu den Seiten hin streut. Wie Sie sich gewiss erinnern, hatte ich etwas in der Art vermutet.</p><p>Im ersten Moment dachte ich: Das hat jemand heimlich da versteckt. Der Verbrecher hat es da versteckt. Doch dann hielt ich einen von Ljampes Gummistiefeln gegen die Sohle eines Lederstiefels und �berzeugte mich � dieselbe Gr��e. Der Physiker hat kleine F��e, fast wie eine Frau, sodass ein Irrtum ausgeschlossen ist. Da gingen mir sozusagen die Augen auf.</p><p>Nat�rlich, der schwarze M�nch � das ist Ljampe, der verr�ckte Physiker. Es kann eigentlich niemand anders sein. Ich h�tte viel fr�her darauf kommen m�ssen.</p><p>Ich nehme an, es war so:</p><p>Im Bann seiner manischen Idee von einer �Emanation des Todes�, die angeblich von der Nachbarinsel ausgeht, fasste Ljampe den Plan, alle Menschen von diesem �verfluchten� Ort zu vertreiben. Bekanntlich kommt es bei Geisteskranken h�ufig vor, dass sie bei der Umsetzung ihrer wahnhaften Ideen wahre Wunder an Geschicklichkeit und List vollbringen.</p><p>Zuerst dachte der Physiker sich den Trick mit Wassilisk aus, der �ber das Wasser wandelt � die im Wasser verborgene Bank, die Kapuze, die raffinierte Lampe, die Grabesstimme, mit der er dem entsetzten Augenzeugen befahl: �Geh hin und sage es allen. Dieser Ort soll ver�den� und anderes mehr. Dieser Einfall zeigte zwar eine Wirkung, aber keine ausreichende.</p><p>Da f�hrte Ljampe sein Spektakel auch auf dem Festland auf, wobei es zu einem echten Verbrechen kam � zum Tod der schwangeren Frau des Bakenw�rters und sp�ter zum Tod des Bakenw�rters selbst. Wahnsinn dieser Art hat die Eigenschaft, immer gr��ere Kreise zu ziehen, den Wahnsinnigen zu immer ungeheuerlicheren Taten anzustacheln.</p><p>Wie die �bergriffe auf Aljoscha, Felix Stanislawowitsch und Matwej Benzionowitsch ausgef�hrt wurden, habe ich Ihnen bereits beschrieben. Ich bin sicher, dass es genau so gewesen ist.</p><p>Ljampe f�rchtete jedoch, dass Lentotschkin oder Berditschewski sich von dem f�rchterlichen Schock erholen und sich an irgendein Detail erinnern k�nnten, das zum Verbrecher f�hrt. Daher verfolgte und erschreckte er sie in der Klinik weiterhin. Lentotschkin war in einem erb�rmlichen Zustand, bei ihm brauchte es nicht viel. Aber Berditschewski, dessen Ged�chtnis und Verstand weitgehend funktionierten, widmete Ljampe besondere Aufmerksamkeit. Er wusste es einzurichten, dass Matwej Benzionowitsch in seinem Cottage untergebracht wurde, sodass Wassilisks Opfer sich unter st�ndiger Beobachtung des schwarzen M�nchs selbst befand. Und Berditschewski in der Nacht einen Schrecken einzujagen, war f�r den Physiker mehr als einfach. Er ging nach drau�en, stellte sich auf die Stelzen und klopfte im ersten Stock ans Fenster � das war alles.</p><p>Mir fiel ein, dass Ljampes Bett leer war, als ich mich zu Matwej Benzionowitsch ins Schlafzimmer schlich. Ich dachte, er sei im Laboratorium bei der Arbeit, tats�chlich aber befand Ljampe sich zu der Zeit drau�en, wo er sich, als Wassilik verkleidet, auf seinen Auftritt vorbereitete. Als ich pl�tzlich durch das L�ftungsfenster kletterte und auf den Boden sprang, blieb ihm nichts anderes �brig, als mich durch einen Schlag mit seiner Stelze zu bet�uben.</p><p>Das wollte ich Ihnen mitteilen, als ich einen Blick ins Zimmer riskierte. Sie haben mich weggeschickt, und ganz zu Recht. Es ist besser so.</p><p>Ich �berlegte also weiter. Wo steckte Ljampe? Und warum hatte er seinen Mantel nicht angezogen? Man hatte ihn schon mehrere Tage nicht gesehen � vielleicht seit jener Nacht nicht mehr, in der Alexej Stepanowitsch get�tet wurde?</p><p>Das entsetzliche Bild stand mir wieder vor Augen: das Boot, die Silhouette des schwarzen M�nchs, der magere, nackte K�rper, der �ber Bord geworfen wurde. Und pl�tzlich schoss es mir durch den Kopf: Ein Boot! Ljampe hatte ein Boot!</p><p>Wozu? Vielleicht, um damit heimlich zur Nachbarinsel zu fahren?</p><p>Ich setzte mich an den Tisch und schrieb schnell alle Ausspr�che von Vater Israil auf sechs insgesamt. Im vorigen Brief habe ich Ihnen geschrieben, dass ich meine, in diesen seltsamen Worten verbirgt sich eine geheime Botschaft, deren Sinn ich einfach nicht entr�tseln kann.</p><p>Hier sind sie, diese kurzen S�tze, jeden Tag einer.</p><p>�Jetzt lassest du deinen Knecht in Frieden dahingehen � Tod.�</p><p>�Dein ist der Himmel � Feognost.�</p><p>�Und David erbebte das Herz � dunkel.�</p><p>�Wer Ohren hat zu h�ren, der h�re � cucullus.�</p><p>�Und der Chrisambereiter mischt das Salb�l � non facit.�</p><p>�Gr�me dich nicht, er ist gesund � monachum.�</p><p>Das letzte Wort eines jeden Satzes habe ich mit einem Gedankenstrich ab getrennt, weil es immer das Wort ist, das der Abt dem Zitat aus der Heiligen Schrift hinzugef�gt hat. Ich �berlegte mir, ob es sein k�nnte, dass die geheime Botschaft immer nur in diesem letzten Wort enthalten ist. Also schrieb ich die letzten Worte jedes Ausspruchs nacheinander auf. Dabei kommt Folgendes heraus:</p><p>�Tod � Feognost � dunkel � cucullus � non facit � monachum.�</p><p>Zuerst dachte ich, das ist Unsinn, doch dann las ich die Zeile ein zweites Mal, ein drittes Mal, und schlie�lich d�mmerte es mir.</p><p>Diese Zeile enth�lt nicht nur eine, sondern zwei Botschaften, die aus je drei W�rtern bestehen!</p><p>Der Sinn der ersten Botschaft ist vollkommen klar!</p><p>Der Tod von Feognost ist dunkel.</p><p>Das wollte der alte M�nch dem Klostervorsteher mitteilen! Die Umst�nde, unter denen der Eremit Feognost vor sechs Tagen gestorben ist, sind verd�chtig. Au�erdem hat er noch ein Zitat aus der Apokalypse hinzugef�gt: �Wer Ohren hat zu h�ren, der h�re.� Aber die M�nche haben es nicht geh�rt, nicht verstanden.</p><p>Was bedeutet das: �Der Tod ist dunkel�? Geht es vielleicht um Mord? Wenn ja, wer hat dann den heiligen M�nch umgebracht und zu welchem Zweck?</p><p>Die Antwort gab mir die zweite Botschaft, �ber die ich mir nicht lange den Kopf zerbrechen musste. Der Schl�ssel ist das Wort �monachum�, was auf Lateinisch �M�nch� hei�t � der Abt hat Latein gesprochen. �Cucullus� bedeutet �Kapuze�. Dann ergibt sich �cucullus non facit monachum�, also: �Eine Kapuze macht noch keinen M�nch� oder �Nicht jeder, der eine Kapuze tr�gt, ist ein M�nch!�</p><p>Warum auf Lateinisch, fragte ich mich, als ich die volle Bedeutung dieser Worte noch nicht erkannt hatte. Der Vater Wirtschafter, dem man alle Worte des Abtes �berbrachte, konnte die fremde Sprache wohl kaum verstehen, au�erdem w�rde der nicht besonders gebildete Bruder Kleopa dieses Kauderwelsch falsch wiedergeben. Der M�nch Israil muss das gewusst haben.</p><p>Das bedeutet, der lateinische Spruch war nicht f�r die Bruderschaft, sondern f�r mich gedacht. Zudem hatte der Eremit an den letzten drei Tagen nur noch mich angesehen, wie um das besonders zu betonen.</p><p>Woher wusste er, dass ein bescheidener junger M�nch mit einem blauen Auge Latein kann? Das ist mir ein R�tsel! Aber so oder so ist es offensichtlich: Israil wollte, dass nur ich allein ihn verstehe. Offenbar hat er sich darauf verlassen, dass der Vater Wirtschafter nicht besonders aufgeweckt ist.</p><p>An dieser Stelle kehrten meine Gedanken wieder zur Hauptsache zur�ck, und mir ging die Bedeutung des lateinischen Spruchs auf. Ich begriff nun, was der M�nch hatte sagen wollen! Der neue Tr�ger der Eremitenkapuze ist nicht Vater Ilari, sondern ein Verbrecher � Ljampe! Dort ist er, deshalb sieht man ihn hier nicht mehr, deshalb sind alle seine Kleider an ihrem Platz!</p><p>Dem Physiker ist es gelungen, auf die Nachbarinsel zu kommen! Und wenn das so ist, dann hat er in jener Nacht folglich nicht nur einen Mord begangen, sondern zwei! Und es gab zwei Leichen. Blo� hat der Mond nicht lange genug hinter den Wolken hervorgelugt, sodass ich nur die H�lfte des schrecklichen Rituals gesehen habe. Der �belt�ter hat Lentotschkin f�r immer den Mund gestopft, aber warum er Berditschewski verschont hat, wei� Gott. Vielleicht sind auch in einem verh�rteten, wahnsinnigen Herzen nicht alle Gef�hle abgestorben, und Ljampe hat in den Tagen, die er unter einem Dach mit Matwej Benzionowitsch verbracht hat, eine Zuneigung zu seinem sanftm�tigen Mitbewohner gefasst.</p><p>In der Nacht schlich der Wahnsinnige sich in die Abdankungskapelle, wo Vater Ilari sich allein auf die Askese vorbereitete, betete und die Kapuze zun�hte. Dann beging er den Mord, und am Morgen trat nicht der M�nch, sondern der Verbrecher im schwarzen Gewand hinaus zum Boot.</p><p>Ich wei� nicht, ich kann nicht einmal vermuten, welche ungeheuerlichen Fantasien diesen getr�bten Verstand beherrschen. Er wird doch nicht Vorhaben, auch die beiden anderen Eremiten zu t�ten ?</p><p>Als ich so weit gekommen war, w�re ich beinahe erneut zu Ihnen ins Zimmer gest�rmt. Es ging schlie�lich um Menschenleben, Sie h�tten mir sicher verziehen! Es war h�chste Zeit, zur Einsiedelei aufzubrechen und den Usurpator zu entlarven!</p><p>Ich hielt schon die T�rklinke in der Hand, aber da befielen mich Zweifel</p><p>Und was w�re, wenn ich mich t�usche? Pl�tzlich ist Ljampe gar nicht auf der Nachbarinsel, und ich veranlasse Sie, die Abgeschiedenheit der heiligen Einsiedelei zu st�ren! Die Folgen einer solchen Schm�hung w�rden entsetzlich sein. Seit achthundert Jahren hat kein Fremder seinen Fu� dahin gesetzt! Diese Schm�hung w�rde dem Bischof nicht verziehen werden. Man w�rde �ber Sie herfallen, Sie in St�cke rei�en, entehren � Vater Witali g�be sich sicher alle M�he. Welch ein Verlust w�re das f�r das Gouvernement. Was hei�t f�r das Gouvernement � f�r die ganze orthodoxe Kirche!</p><p>Was hingegen k�nnte einer t�richten, neugierigen Frau passieren? Nun, man w�rde sie mit Schimpf und Schande mit dem n�chsten Schiff zur�ckschicken, mehr nicht.</p><p>Daher habe ich mir Folgendes �berlegt: Ich gehe jetzt in die Stadt und verkleide mich als Klosterbruder. Dann gehe ich zur Landzunge, dort ist Bruder Kleopas Boot vert�ut. Sobald es dunkel wird (und es wird jetzt schon fr�h dunkel), fahre ich zur Nachbarinsel � gebe Gott, dass niemand mich vom Ufer aus sieht.</p><p>In der Einsiedelei werde ich meinen Verdacht �berpr�fen und dann zur�ckkommen. Wenn ich mich get�uscht habe, ist es nicht weiter schlimm. Selbst mit der ganzen Heiligen Schrift wird es Vater Israil nicht gelingen, den M�nchen in Neu-Ararat meine unerh�rte Dreistigkeit zu verraten � mit einem Wort pro Tag! Und selbst wenn, bei ihrer langen Leitung w�rden sie es ohnehin nicht begreifen.</p><p>Es ist sehr gut m�glich, dass ich wieder zur�ck bin, bevor Sie Matwej Benzionowitschs Zimmer verlassen, der bis dahin hoffentlich durch Gottes Gnade und Ihre Herzensweisheit wiedererstanden ist.</p><p>Tadeln Sie mich nicht,</p><text-author>Ihre Tochter Pelagia</text-author></cite></section><section><title><p>Der letzte Tag. Abend</p></title><p>W�hrend er die letzten Zeilen des Briefes las, griff Mitrofani sich an den Bart, und als er fertig war, lief er unruhig hin und her � er st�rzte zur T�r, hielt inne, wandte sich zu Berditschewski um.</p><p>�Ach, ein Ungl�ck, ein Ungl�ck, Matwej! Diese tollk�hne Person, sie ist zur Einsiedelei unterwegs! Sie sorgt sich um mich! Dass man mich der Schm�hung bezichtigen k�nnte! Nicht wegen der Schm�hung muss man sich sorgen, sondern dass er sie umbringt!�</p><p>�Wer? Wen bringt er um?� wunderte sich Matwej Benzionowitsch, der nicht mehr gewohnt war, richtig zu �berlegen � aber wie h�tte er das auch anstellen sollen, ohne den Brief gelesen zu haben?</p><p>Der Bischof steckte ihm den Brief zu und st�rzte zum Doktor:</p><p>�Schnell, wir m�ssen schnell zur Einsiedelei! Ein weiterer Mord macht ihm doch nichts aus!�</p><p>�Wem denn?� Auch Korowin verstand nicht recht, worum es</p><p>ging.</p><p>�Ihrem Physiker, Ljampe! Er ist der schwarze M�nch, das ist einwandfrei erwiesen! Er ist auch der M�rder! Er hat sich auf der Nachbarinsel versteckt! Und Pelagia, das hei�t also die Lissizyna, ist dahin gefahren, direkt in die H�hle des L�wen!�</p><p>Der stellvertretende Staatsanwalt, der sich noch nicht richtig in den Brief hatte vertiefen k�nnen, sch�ttelte ungl�ubig den Kopf:</p><p>�Ljampe soll auf der Nachbarinsel sein? Aber nein, Vater, da ist er ganz gewiss nicht!�</p><p>�Wo denn sonst?� Mitrofani drehte sich zu ihm um.</p><p>�Dort.� Berditschewski deutete mit der Hand nach unten. �Unter der Erde.�</p><p>Der Bischof erstarrte. War er doch noch nicht ganz gesund? Oder fing er schon wieder an zu fantasieren?</p><p>�Das hei�t, ich wollte sagen, im Keller�, erkl�rte Matwej Benzionowitsch. �Er hat sich seit einiger Zeit noch ein anderes Laboratorium eingerichtet. Dort arbeitet er auch. Ich habe ihm geholfen, die Blechplatten hinunterzutragen, die er vom Dach gerissen hat. Sergej Nikolajewitsch hat mir etwas von einer Emanation erz�hlt, von irgendwelchen gef�hrlichen Experimenten, die er macht, aber ich habe das nicht verstanden, ich war ja nicht ganz bei mir. Auch die Instrumente sind alle im Keller. Er ist praktisch die ganze Zeit unten. Einmal am Tag kommt er heraus, isst ein St�ck Brot und geht wieder hinunter.�</p><p>Der Ermittler sprach langsam und suchte m�hsam nach Worten; er war offenkundig noch nicht ganz wiederhergestellt, aber mit einem Verr�ckten hatte er keine �hnlichkeit mehr.</p><p>�Wo ist dieser Keller?�, fragte der Bischof den Doktor, weil er nicht sicher war, ob er Berditschewski glauben sollte. Vielleicht gab es gar keinen Keller?</p><p>�Dort dr�ben, wenn Sie mir bitte folgen m�chten.�</p><p>Donat Sawwitsch f�hrte sie ins Vorzimmer, von dort in die Vorratskammer und von der Vorratskammer �ber eine steinerne Treppe nach unten. Es war dunkel, der Assistent entz�ndete ein Streichholz.</p><p>�Hier ist die T�r. Aber der Keller war immer leer, da ist kein Laboratorium . . .�</p><p>Korowin hatte noch nicht ausgesprochen, als er an der T�rklinke zog und aus dem T�rspalt ein �berirdisches r�tliches Licht str�mte. Ein leises Geklapper drang heraus, Glas klirrte.</p><p>Mitrofani sp�hte hinein.</p><p>An einem langen Tisch voller Apparaturen und Instrumente, deren Verwendungszweck nicht recht zu erkennen war, stand eine kleine Gestalt in einem weiten Kittel. An der Decke brannte eine Lampe, die mit einem roten Tuch umh�llt war � daher auch die eigent�mliche Beleuchtung.</p><p>Der kleine Mann stand �ber den Tisch gebeugt und blickte durch ein kompliziertes Mikroskop auf einen kleinen Schraubstock, in den eine schwarze Metallplatte vertikal eingespannt war. Hinter der Platte stand ein leerer Glaskolben auf einem Spezialuntersatz. Nein, der Kolben war nicht leer: Auf dem Boden glitzerte ein winziges K�rnchen � irgendein Pulver oder vielleicht auch feiner Sand.</p><p>Der Forscher war so absorbiert von seiner Arbeit, dass er die Schritte nicht h�rte. Er sah wunderlich aus: Auf dem Kopf trug er einen Feuerwehrhelm, und vor der Brust hatte er eine Zinksch�ssel befestigt, eine ganz gew�hnliche Zinksch�ssel zum W�schewaschen.</p><p>�Also hier ist der Feuerwehrhelm�, sagte der Assistent halblaut. �Frolow war bei mir und hat sich beklagt. Ich wollte Sie wegen dieser Lappalie nicht bel�stigen, Donat Sawwitsch.�</p><p>Ohne dem Assistenten zu antworten, trat Korowin einen Schritt vor und rief laut:</p><p>�Herr Ljampe! Sergej Nikolajewitsch! Was sind denn das f�r geheime Gew�lbe hier im Keller?�</p><p>Der kleine Mann drehte sich um und machte den Ank�mmlingen mit der Hand abwehrende Zeichen.</p><p>�Fort, fort! Verboten! Man kann sie nicht abhalten, mit nichts! Ich habe Eisen versucht, Kupfer, Stahl, Zinn und jetzt Zink � wie ein Messer durch die Butter! Jetzt mit Blech.� Er deutete auf ein St�ck Dachblech, das am Tischrand lag. �Dann Blei, dann Silber! Irgendetwas muss sie doch abhalten k�nnen!�</p><p>Neben dem Blech lagen tats�chlich eine matt schimmernde Metallplatte und ein gl�nzendes Silbertablett.</p><p>�Aha�, konstatierte Korowin. �Das Tablett ist aus meinem B�fett entwendet. Sind Sie auch noch kleptomanisch veranlagt? Sch�men Sie sich, Sergej Nikolajewitsch. Und Sie sind ein Apologet der Moral.�</p><p>Der Physiker brummte verlegen und undeutlich:</p><p>�Ja, nicht sch�n. Aber wo sonst? Zeit! Niemand, kein Einziger! Alles selbst! Wenn es Gold w�re. Gold habe ich sehr. Und verwandte Metalle! Oder dann gleich Platin, damit Gleich zu Gleich. Aber wo, wo?�</p><p>Mitrofani trat vor und fixierte den schw�chlichen Ljampe von oben herab. Mit seiner vollt�nenden, keinerlei Widerspruch duldenden Stimme sagte er:</p><p>�Ich werde Ihnen Fragen stellen, gn�diger Herr. Und Sie werden klar und deutlich, ohne Umschweife, antworten.�</p><p>Der Gelehrte musterte den Bischof mit zur Seite geneigtem Kopf. Dann sprang er pl�tzlich auf einen Stuhl und riss den roten Lappen von der Lampe, sodass der Raum nun normal beleuchtet war.</p><p>Selbst als er auf dem Stuhl stand, war Ljampe nur wenig gr��er als der majest�tische Bischof. Der seltsame Mann griff in die Kitteltasche, holte eine gro�e Brille mit violetten Gl�sern hervor, setzte sie sich auf die Nase und begann, den Bischof erneut in Augenschein zu nehmen, dieses Mal noch umst�ndlicher.</p><p>�Ach, ach�, gackerte er, �so viel Blau! Und Orange, Orange! So viel wie noch nie!�</p><p>Er riss die Brille herunter und starrte Mitrofani begeistert an.</p><p>�Ein wunderbares Spektrum! Ach, wenn das fr�her! Sie k�nnen! Sagen Sie ihnen! Sie sind so! Selbst der!� Der Gelehrte zeigte auf Donat Sawwitsch. �Ich ihm, und er mit der Nadel! Die �brigen schlimmer! Himbeerrote, alles himbeerrote! Man braucht etwas! Und zwar bald! Man h�lt sie nicht ab!�</p><p>Der Bischof wartete stirnrunzelnd, dass Ljampe sich beruhigen w�rde.</p><p>�Spielen Sie nicht den Idioten! Ich wei� alles. Geh�rt das Ihnen?�</p><p>Er gab Berditschewski einen Wink: Gib schon her. Der stellvertretende Staatsanwalt, der sich unter der Lampe eingerichtet hatte, um Pelagias Botschaft zu lesen, kramte die Kutte, die Stiefel und die Lampe aus der Tasche und vertiefte sich dann wieder in den Brief. Das Verh�r schien ihn �berhaupt nicht zu interessieren.</p><p>Beim Anblick der unwiderlegbaren Beweisst�cke blinzelte Ljampe und atmete heftig durch die Nase � er war verwirrt, aber weniger als zuvor, als der Doktor ihn des Diebstahls �berf�hrt hatte.</p><p>�Meins, ja. Na und? Niemand schlie�lich! Ausgedacht. Wenn schon himbeerrote. Brauchen nicht verstehen, h�tten sie sich nicht eingemischt. Schade.�</p><p>�Wozu haben Sie dieses sch�ndliche Spektakel veranstaltet?�, fragte der Bischof mit erhobener Stimme. �Warum haben Sie die Menschen erschreckt?�</p><p>Ljampe presste die H�nde gegen die Brust und plapperte nur noch schneller. Es war offensichtlich, dass er mit aller Kraft versuchte, etwas f�r ihn sehr Wichtiges zu erkl�ren, und einfach nicht begreifen konnte, warum man ihn partout nicht verstehen wollte.</p><p>�Ach, aber ich doch! Himbeerrote, undurchdringliche! Ich versucht! Diesem Gesichtslosen! Er kein Wort! Ich ihm!� Wieder zeigte er auf Korowin. �Und er mich stechen! Dreckszeug. Dann zwei Tage Kopf! Sie h�ren nicht! Stimme! In der W�ste!�</p><p>�Er meint die Bet�ubungsspritze, die ich ihm verabreichen musste�, erkl�rte der Doktor. �Wie nachtragend von ihm, das war doch schon vor drei Monaten! Er war damals v�llig �berreizt. Mehr noch als jetzt. Die Spritze war harmlos, er hat vierundzwanzig Stunden geschlafen und sich wieder beruhigt. Hat mir ein Heft zugesteckt, ich sollte seine Aufzeichnungen lesen. Aber von wegen � das waren lauter Formeln. Und an den R�ndern stand, schief und krumm, mit Tausenden von Ausrufezeichen, etwas von einer �Emanation des Todes�.�</p><p>�Damit deutlicher!�, rief Ljampe, der vor Verzweiflung sabberte. �Das muss anders. Ich dachte! Es geht nicht um Tod! Man kann sie nicht aufhalten, das ist es. �Penetration� vielleicht? Weil durch alles hindurch! Aber �penetrierende Emanation� kann man nicht aussprechen!�</p><p>�Folglich streiten Sie nicht ab, dass Sie als Wassilisk verkleidet �ber das Wasser gewandelt sind und sich mit Ihrer raffiniert konstruierten Lampe von hinten angeleuchtet haben?�, unterbrach ihn der Bischof.</p><p>�Ja, Aberglauben f�r die Abergl�ubigen. Wenn sie nicht h�ren. Oh, ich bin schlau.�</p><p>�Und Sie haben dem Bakenw�rter durchs Fenster gedroht und mit einem Nagel seine Scheibe zerkratzt? Und nachher sind Sie in der H�tte �ber Lentotschkin hergefallen, �ber Lagrange und Matwej Benzionowitsch?�</p><p>�Welche H�tte?�, brummte Sergej Nikolajewitsch. �Mit Nagel auf Scheibe � brrr, widerlich!� Er sch�ttelte sich. �Zum Teufel H�tte! Das Wichtigste! Alles andere Bl�dsinn!�</p><p>�Haben Sie nicht auf Stelzen gestanden und bei Matwej Benzionowitsch ans Fenster geklopft?�</p><p>Der Physiker fragte verwundert:</p><p>�Wieso Stelzen? Und klopfen?�</p><p>Der stellvertretende Staatsanwalt hatte den Brief zu Ende gelesen und sagte leise:</p><p>�Eminenz, das kann er nicht gewesen sein. Pelagia irrt sich. �berlegen Sie: Sergej Nikolajewitsch wusste, dass man mich in der Nacht vom ersten Stock ins Erdgeschoss umquartiert hatte. Wozu h�tte er dann Stelzen benutzen sollen? Nein, das war jemand anders. Jemand, der nicht wusste, dass ich ins Schlafzimmer im Erdgeschoss umgezogen war.�</p><p>Anscheinend war Berditschewskis F�higkeit zum logischen Denken zur�ckgekehrt, und das freute den Bischof. Doch das w�rde ja bedeuten . . .</p><p>�Also gab es noch einen anderen Wassilisk?� Der Bischof sch�ttelte den Kopf, damit dieser besser denken konnte. �Einen Raufbold? Der Pelagia geschlagen und zuvor auf die gleiche Art und Weise auch Sie, Aljoscha und Lagrange �berfallen hat? So eine Ungereimtheit!�</p><p>Matwej Benzionowitsch bemerkte vorsichtig:</p><p>�Zu Schlussfolgerungen bin ich noch nicht bereit. Aber sehen Sie sich doch Sergej Nikolajewitsch an. Meinen Sie, er h�tte genug Kraft, einen bewusstlosen K�rper aufzuheben und in den Sarg auf dem Tisch zu legen? Alexej Stepanowitsch � das mag ja noch angehen, obwohl das auch unwahrscheinlich ist, aber mich h�tte er ganz sicher nicht hochheben k�nnen. Ich habe einen schweren Knochenbau, ich wiege mehr als f�nf Pud.�</p><p>Mitrofani blickte pr�fend von Berditschewski zu dem ausgemergelten Physiker. Er seufzte.</p><p>�Nun gut, Herr Ljampe. Und wo waren Sie in jener Nacht? Na, als Matwej Benzionowitsch zu Ihnen ins Schlafzimmer verlegt wurde?�</p><p>�Wie wo? Hier?� Der Gelehrte umriss die W�nde des Kellers mit der Hand und wies dann mit dem Finger auf die Instrumente. �Alles Wichtige hierher. Immerhin aus Stein. Ich � nun gut, ich bin Forscher. Aber er�, Ljampe wies mit dem Kopf auf Berditschewski, �er darf das nicht. Gef�hrlich.�</p><p>�Aber was ist denn so gef�hrlich?�, rief der Bischof aus, der den ungereimten �u�erungen aufmerksam zuh�rte. �Was ist denn das f�r eine Gefahr, von der Sie andauernd reden?�</p><p>Ljampe verstummte, be�ugte den Doktor und fuhr sich nerv�s mit der Zunge �ber die Lippen.</p><p>�Wort?�, fragte er den Bischof leise.</p><p>�Welches Wort?�</p><p>�Ehrenwort. Nicht unterbrechen. Und nicht stechen.�</p><p>�Mein Wort. Ich werde Sie nicht unterbrechen, und ich werde nicht zulassen, dass man Ihnen eine Spritze gibt. Reden Sie, aber langsam. Regen Sie sich nicht auf.�</p><p>Doch Sergej Nikolajewitsch war das zu wenig.</p><p>�Darauf.� Er deutete auf die Brust des Bischofs, der die seltsamen Reden des Knirpses anscheinend allm�hlich verstand und die Panhagia k�sste.</p><p>Da nickte Ljampe befriedigt und begann zu sprechen, wobei er sich mit aller Kraft bem�hte, verst�ndlich zu sprechen.</p><p>�Emanation. Penetrationsstrahlen. Meine Bezeichnung. Mascha will es anders. Aber mir besser so.�</p><p>�Schon wieder die Strahlen!�, st�hnte Donat Sawwitsch. �Nein, meine Herren, machen Sie, was Sie wollen, aber ich habe das Kreuz nicht gek�sst, also lassen Sie uns an die frische Luft gehen, Herr Kollege.�</p><p>Die beiden �skulapj�nger verlie�en den Keller, und Sergej Nikolajewitsch wurde sogleich ruhiger.</p><p>�Ich wei�. Ich rede nicht so. Die ganze Zeit voraus. Worte zu langsam. Ein vollkommeneres Kommunikationssystem n�tig. Um sofort den Gedanken. Dar�ber nachgedacht. Durch Elektromagnetik? Oder biologischen Impuls? Dann werden mich alle verstehen. Wenn Gedanken direkt � von Auge zu Auge, das w�re am allerbesten. Nein, die Augen sind schlecht.� Er ereiferte sich. �Augen ausstechen! Verwirren nur! Aber das geht nicht! Alles auf das Sehen. Aber Sehen � T�uschung, fal-sehe Information. Unwesentliches � ja, aber Hauptsache verpasst. Armseliger Apparat.� Ljampe zeigte auf sein Auge. �Nur sieben Spektralfarben! Aber es gibt Tausende, Millionen, unz�hlige!�</p><p>Hier sch�ttelte er den Kopf und verschr�nkte die Arme vor der Brust.</p><p>�Nein, nein, nicht dar�ber. �ber die Penetration. Ich bem�he mich. Langsam. Wort!�</p><p>Der Physiker blickte erschrocken zum Bischof � h�rte er auch noch zu, hatte er sich auch nicht abgewandt? Doch nein, Mitrofani lauschte konzentriert und geduldig.</p><p>�Dort Nachbarinsel, ja?� Sergej Nikolajewitsch zeigte nach rechts.</p><p>�Ja�, nickte der Bischof, obgleich er keine Ahnung hatte, in welcher Richtung sich von hier aus die Einsiedelei befand.</p><p>�Legende, ja? Wassilisk. Feuerfinger vom Himmel, brennende Kiefer.�</p><p>�Ja, nat�rlich, das ist eine Legende�, stimmte der Bischof zu. �Die Religion kennt viele magische �berlieferungen, sie spiegeln den Hang des Menschen zum Wunderbaren. Diese Geschichten muss man sinnbildlich verstehen, nicht buchst�blich.�</p><p>�Gerade buchst�blich!�, rief Ljampe. �Buchst�blich! So war es! Der Finger, die Kiefer! Sogar Kohle ist da! Versteinert, aber offensichtlich Stamm!�</p><p>�Warten Sie, warten Sie, mein Sohn�, unterbrach ihn Mitrofani. �Wie k�nnen Sie den heruntergebrannten Stamm der Kiefer gesehen haben? Waren Sie etwa . . .� Die Augen des Bischofs weiteten sich. �Waren Sie etwa auf der Nachbarinsel!?�</p><p>Sergej Nikolajewitsch nickte, als sei das nichts Besonderes.</p><p>�Aber . . . warum?�</p><p>�Brauchte gute Emanation. B�se, graue Farbe, viel. Keine Seltenheit. Aber reines Orange, wie bei Ihnen, fast nie. Selbst genaue Schattierung ging nicht. Aber notwendig � f�r die Wissenschaft. Lange �berlegt. Heureka! Die Eremiten heilige M�nner, wahr? Selbstsucht, Gier, Hass fast gleich null, wahr? Bedeutet starke sittliche Emanation! Logik! Pr�fen, messen. Wie? Ganz einfach. Nachts im Boot, hin�bergefahren.�</p><p>�Sie sind zur Einsiedelei gefahren, um die sittliche Emanation der Eremiten zu messen?�, fragte der Bischof ungl�ubig. �Mit Ihren violetten Okularen?�</p><p>Ljampe nickte, sehr zufrieden, dass man ihn verstand.</p><p>�Aber das ist doch strengstens verboten!�</p><p>�Unsinn. Aberglaube.�</p><p>Der Bischof wollte sich entr�sten und zog sogar seine Brauen hoch, doch die Neugier war st�rker als sein gerechter Zorn. Er konnte sich nicht zur�ckhalten und fragte leise:</p><p>�Und was ist dort, auf der Insel?�</p><p>�H�gel, Kiefern, H�hle. Reich des Todes. Kahle. Unangenehm. Aber egal, Hauptsache � Kugel.�</p><p>�Was?�</p><p>�Kugel. Es ist dort so. Gang, an den Seiten R�ume. Innen drin, unter der Spitze � eine runde.�</p><p>�Was ist rund?�</p><p>�H�hle. Dahin geraten. Gew�lbe durchgeschlagen. Dann Loch, mit Wurzeln, Gras, Erde, jetzt nicht zu sehen. Aber Stamm noch zu sehen. Achthundert Jahre, aber zu sehen! Kohle. Kugel, wie gro�er, gro�er K�rbis. Noch gr��er. Wie . . .� Ljampe sah sich nach allen Seiten um. �Wie Sessel.�</p><p>�In einer runden H�hle, die sich unter der Spitze des H�gels befindet, liegt eine Kugel?�, pr�zisierte Mitrofani. �Was ist das f�r eine Kugel?�</p><p>Sergej Nikolajewitsch seufzte gequ�lt:</p><p>�Aber ich doch schon. Von oben. Gew�lbe durchgeschlagen. Noch damals, als Wassilisk. Meteorit. Gefallen, durchgeschlagen, Kiefer in Brand gesetzt. Nachts weit zu sehen. Er auch gesehen.�</p><p>�Wer, der heilige Wassilisk?� Der Bischof rieb sich die Stirn. �Warten Sie. Sie wollen sagen, dass er vor achthundert Jahren gesehen hat, wie ein Himmelsk�rper auf die Erde fiel. Er glaubte, das sei ein Fingerzeig Gottes, ging �ber das Wasser und stie� in der Nacht anhand der brennenden Kiefer auf die Insel?�</p><p>��ber das Wasser zu gehen ist unm�glich�, bemerkte der Physiker unerwartet zusammenh�ngend. �Dichte gestattet nicht. Nicht ging. Fuhr. Unwichtig. Wichtig, was dort ist. In der H�hle. In die ich geraten.�</p><p>�Und was ist da?�</p><p>�Uran. Davon geh�rt? Kennen Sie? Uranpechblende. Fundst�tte.�</p><p>Der Bischof �berlegte und nickte dann.</p><p>�Ja, ja, im �Anzeiger f�r Physik� habe ich dar�ber gelesen. Uran ist ein Element, das �ber ungew�hnliche Eigenschaften verf�gt. Die besten K�pfe Europas erforschen derzeit Uran und auch noch ein anderes Element, Radium. Und Uranpechblende ist, wenn ich mich nicht t�usche, ein Mineral, dessen Urangehalt sehr hoch ist. Das stimmt doch?�</p><p>�Geistliche Person, aber Sie kennen sich aus. Sehr sch�n�, lobte Sergej Nikolajewitsch. �Himmelblaue Aura. Ein kluger Kopf.�</p><p>�Na, von mir aus. Was ist nun mit Ihrer Uranpechblende?�</p><p>Ljampe setzte eine wichtige Miene auf.</p><p>�Meine Entdeckung. Kern beginnt sich zu spalten. Selbst. Besonderer Mechanismus n�tig. Namen ausgedacht: �Kernspalter�. Unwahrscheinlich schwierige Bedingungen. Vorl�ufig nicht m�glich. In der Natur theoretisch m�glich. Aber bei seltenem Zusammentreffen. Ausgerechnet hier! H�chst selten!� Er st�rzte zum Tisch und raschelte mit den Seiten seines dicken Notizbuchs. �Hier, hier! Ich ihm, und er sticht! Hier! Meteorit, sehr hohe Temperatur � erstens. Vorkommen Uranpechblende � zweitens. Unterirdische Quellen � drittens! Und fertig! Spalter! Nat�rlicher! In Gang gekommen! Energie des Kerns, Kettenreaktion! Einmal ausgel�st � nicht aufzuhalten! Achthundert Jahre! Ich Mascha und Toto Brief! Nein, sie glauben es nicht! Denken, ich Verstand verloren! Weil aus dem Irrenhaus!�</p><p>�Jetzt warten Sie mal!�, bat Mitrofani, dem vor Anspannung Schwei�tropfen auf die Stirn traten. �Durch den Sturz eines Meteoriten auf ein Uranvorkommen wurde ein nat�rlicher Mechanismus in Gang gesetzt, und durch ihn begann Energie auszustr�men. Ich kenne mich damit nicht aus, aber nehmen wir einmal an, es ist alles so, wie Sie sagen. Worin liegt dann die Gefahr?�</p><p>�Wei� nicht. Kein Arzt. Nicht aufgeschrieben, wei� nicht. Aber �berzeugt. Vollkommen �berzeugt. Ich war einige Stunden da, Erbrechen, Fieber. Die Eremiten die ganze Zeit. Dann sterben. Ein halbes Jahr, ein Jahr � Tod. Verbrechen! Aufh�ren! Aber niemand! Sie h�ren nicht! Ich bin zu dem, mit dem Sch�del. Er hat mit dem Arm . . .�</p><p>�Mit welchem Sch�del?� Der Bischof verstand wieder nichts mehr. �Von wem reden Sie?�</p><p>�Na, auf der Stirn. Hier. Der ohne Gesicht, mit L�chern. Dort.� Der Physiker zeigte wieder in Richtung der Nachbarinsel.</p><p>�Ein Eremit? Der M�nch Israil? Dessen Kapuze mit einem Sch�del und Knochen bestickt ist?�</p><p>�Ja. Der Oberste. Nein, winkt er! Ich zu Korowin, aber er mit der Nadel! Ich das Heft, aber er liest nicht!� Sergej Nikolajewitschs Stimme zitterte wegen der Kr�nkung, die man ihm zugef�gt hatte. ��berlegt, �berlegt, etwas ausgedacht, schwarzer M�nch. Sie erschrecken sich. Verfluchter Ort. Dann in Ruhe forschen. Ohne St�rungen.�</p><p>�Aber wie haben Sie die Emanation entdeckt? Ich entsinne mich, einmal gelesen zu haben, dass eine derartige Strahlung mit den Sinnesorganen nicht wahrgenommen werden kann.�</p><p>Ljampe l�chelte stolz:</p><p>�Nicht sofort. Am Anfang Probe der Kugel. Sofort begriffen � Meteorit. Geschmolzene Oberfl�che. Regenbogenfarben. Sch�n. Besonders mit Lampe. Geheimnis der Einsiedelei. Heilig. M�nche Geheimnis. Achthundert Jahre. Deswegen auch Schweigen wahrscheinlich. Damit nichts ausplappern. Probe so und so. Nichts. Ungew�hnliche H�rte. Wieder hingefahren. Feile aus geh�rtetem Stahl. Trotzdem �berhaupt nicht. Dann Diamantfeile. Aus Antwerpen. Mit Post. Geholfen. In Viertelstunde � hier, drei Gramm.� Er zeigte auf das H�ufchen Pulver in dem Glaskolben. �F�r Analyse genug.�</p><p>�Sie haben per Post eine Diamantfeile aus Antwerpen bestellt?� Mitrofani wischte sich mit einem Tuch den Schwei� ab, und er sp�rte, dass sich sein Kopf trotz der himmelblauen Aura weigerte, all diese erstaunlichen Informationen aufzunehmen. �Aber das muss doch sehr teuer sein?�</p><p>�Schon m�glich. Egal. Korowin hat viel Geld.�</p><p>�Und Donat Sawwitsch hat nicht einmal gefragt, wozu Sie dieses seltsame Ding brauchten?�</p><p>�Doch. Ich froh. Erkl�ren � er mit H�nden. �Will nichts von Emanation, Sie bekommen Ihre Feile.� Bitte sehr. Hauptsache � bekommen.�</p><p>Der Bischof blickte neugierig zum Tisch.</p><p>�Wo ist sie denn? Wie sieht sie aus?�</p><p>Der Gelehrte winkte nachl�ssig ab:</p><p>�Weg. Schon lange. Egal, nicht mehr n�tig. Nicht mit Dummheiten unterbrechen!�, ereiferte er sich. �Kreuz gek�sst! Zuh�ren!�</p><p>�Aber ja, mein Sohn, verzeihen Sie�, beschwichtigte ihn der Bischof, und er drehte sich zu Berditschewski um � h�rte der auch zu? Das tat er, und zwar h�chst aufmerksam, doch seiner gerunzelten Stirn nach zu urteilen, verstand er nur sehr wenig. Im Unterschied zum Bischof interessierte Matwej Benzionowitsch sich kaum f�r neue Entdeckungen der Naturwissenschaften, mit Ausnahme juristischer Zeitschriften las er beinahe nichts, und �ber die geheimnisvollen Eigenschaften von Radium und Uran hatte er selbstverst�ndlich noch nie etwas geh�rt.</p><p>�Also, was hat die Analyse der Meteoritensubstanz ergeben?�, fragte der Bischof.</p><p>�Platin-Iridium-Klumpen. Von dort.� Ljampe zeigte an die Decke. �Manchmal aus dem Kosmos. Aber selten, und so ein gro�er nie. Nat�rlich, mit Stahlfeile �berhaupt nicht! Dichte zweiundzwanzig! Nur mit Diamant. Wegbewegen unm�glich. Hundertf�nfzig bis zweihundert Pud.�</p><p>�Zweihundert Pud Platin!�, �chzte der stellvertretende Staatsanwalt. �Aber das ist ja ein enormer Wert! Was kostet eine Unze Platin?�</p><p>Sergej Nikolajewitsch zuckte mit den Schultern.</p><p>�Keine Ahnung. Aber gar kein Wert. Blo� Gefahr. In achthundert Jahren v�llig penetriert. Ich habe es entdeckt: Strahlen.� Er wies mit dem Kinn auf den Glaskolben. �Geht durch alles hindurch. Genau wie Toto geschrieben hat. �ber den Versuch mit der Fotoplatte. Und Mascha hat geschrieben. Fr�her. Korowin dann Brief an sie. Dass ich im Irrenhaus. Jetzt nicht mehr schreiben.�</p><p>�Ja, ja, ich habe �ber die Pariser Experimente mit Radiumstrahlung gelesen�, erinnerte sich der Bischof. �Antoine Henri Becquerel hat sie durchgef�hrt, und die Eheleute Curie, Pierre und Marie.�</p><p>�Pierrot � himbeerroter Kopf�, fiel Ljampe ein. �Unangenehm. Mascha sch�n dumm. Besser alte Jungfer. Aber Toto Becquerel klug, himmelblau. Ich sage doch immer: Mascha und Toto! Ignoranten! Korowin auch! Sch�ne Insel! Zum Anleger gegangen, ins Spektroskop geschaut. Vielleicht pl�tzlich jemand Kluges. Hilft. Ihnen erkl�ren. Ich �berhaupt nicht. Gut jetzt Sie. Verstanden, ja?�</p><p>Er sah den Bischof voller Furcht und Hoffnung an.</p><p>�Verstanden?�</p><p>Mitrofani trat zum Tisch, nahm behutsam den Glaskolben und betrachtete die mattgl�nzenden Feilsp�ne.</p><p>�Der Klumpen ist also mit sch�dlichen Strahlen verseucht?�</p><p>�Durch und durch. Und ganze H�hle. Achthundert Jahre! Auch wenn nur sechshundert, egal. Nicht Insel � Schafott!� Sergej Nikolajewitsch packte den Bischof bei den �rmeln seines Gewands. �Sie sind ihr Oberhaupt! Verbieten! Niemand! Kein Einziger! Und die zur�ck. Wenn nicht zu sp�t. Obwohl, f�r sie zu sp�t. Ich h�rte, k�rzlich ein Neuer. Wenn er noch nicht in der runden, oder nicht lange, dann vielleicht, vielleicht. Retten. Die zwei anderen � nein. Aber diesen noch m�glich. Wie lange? F�nf Tage? Sechs?�</p><p>�Er meint den neuen Eremiten, von dem Schwester Pelagia f�lschlich annahm, es sei Ljampe�, erkl�rte Berditschewski dem Bischof, der best�rzt die Stirn runzelte. �So etwas, mir w�re nie in den Sinn gekommen, dass Ihre Nonne und Frau Lissizyna ein und dieselbe Person sind.�</p><p>�Ich erkl�re dir das sp�ter�, sagte Mitrofani verlegen. �Verstehst du, Matwej, nach den Ordensregeln ist das nat�rlich eine unzul�ssige, ja emp�rende Sache, aber . . .�</p><p>�Genug Dummheiten.� Ljampe zerrte r�cksichtslos am Gewand des Bischofs. �Die wegbringen. Keine Neuen hinlassen. Blo� mich. Zuerst abschirmendes Material notwendig. Ich suche. Noch nichts. Kupfer nicht, Stahl nicht, Blech nicht. Vielleicht Blei. Oder Silber. Sie klug. Ich zeige.�</p><p>Er zog den Bischof zum Tisch, bl�tterte sein Heft durch, fuhr mit dem Finger �ber die Berechnungen und Formeln. Mitrofani sah mit Interesse zu, nickte hin und wieder sogar � entweder aus H�flichkeit, oder weil er tats�chlich etwas davon verstand.</p><p>Berditschewski warf �ber Sergej Nikolajewitschs schmale Schulter hinweg ebenfalls einen Blick in das Heft. Er seufzte. In seiner Westentasche klingelte es viermal.</p><p>�Meine G�te, Eminenz!�, rief der stellvertretende Staatsanwalt. �Es ist vier Uhr nachts! Und Polina Andrejewna, Pelagia, ist immer noch nicht da! Es wird doch nicht etwas . . .�</p><p>Er verschluckte den Rest der Frage, weil Mitrofanis Gesicht sich mit einem Mal zu einer erschrockenen, schuldbewussten Grimasse verzerrte.</p><p>Der Bischof stie� das interessante Heft von sich, raffte ungn�dig sein Gewand zusammen und st�rmte polternd die Kellertreppe hinauf.</p></section><section><title><p>Die H�hle</p></title><p>In der �Keuschen Jungfrau�, wohin Polina Andrejewna aus der Klinik gefahren war, um die f�r ihre Expedition notwendigen Sachen zu holen, erwartete die Dame eine Unannehmlichkeit.</p><p>Alle Vorsichtsma�nahmen, die sie getroffen hatte, um Lagranges gef�hrliche Hinterlassenschaft vor der �bergro�en Neugier des Hotelpersonals zu sch�tzen, hatten nicht geholfen. Schon im Vestib�l bemerkte die Lissizyna, dass die Angestellte an der Rezeption sie irgendwie seltsam musterte � entweder misstrauisch oder furchtsam. Und als sie einen Blick in die Reisetasche warf, entdeckte sie, dass jemand sich daran zu schaffen gemacht hatte: Der Handschuh mit dem Schussloch lag anders da als vorher, und der Revolver war irgendwie anders in die Spitzenunterhosen gewickelt.</p><p>Das macht auch nichts mehr, sagte sich Polina Andrejewna. Mochte es nun gehen, wie es wollte. Wenn bei dem n�chtlichen Ausflug alles gut gehen sollte, dann w�rde auch die Sache mit der Waffe glimpflich abgehen. Der Bischof w�rde es schon richten.</p><p>Aber sie konnte es auch einfacher haben. Sie w�rde sich umziehen, den Revolver aus der Reisetasche nehmen und im Pavillon verstecken, und wenn die Friedensw�chter kommen sollten, w�rde sie sagen, das dumme Zimmerm�dchen h�tte getr�umt. Ich bitte Sie, was soll denn eine Pilgerin mit einer Waffe?</p><p>Jedenfalls w�rde sie die Reisetasche so oder so mitnehmen m�ssen.</p><p>Sie legte ein paar Kerzen und Streichh�lzer hinein. Was noch? Das war wohl alles.</p><p>Sie setzte sich kurz hin, um noch einmal innezuhalten, bekreuzigte sich � und los ging es, hinaus in die dichter werdende D�mmerung.</p><p>Auf der Uferstra�e beim Pavillon musste sie lange warten. Der Abend war klar und windstill, und es waren so viele Spazierg�nger unterwegs, dass sie nicht hinter den Bretterverschlag schl�pfen konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.</p><p>Polina Andrejewna spazierte auf und ab, wickelte sich fest in ihren langen Mantel und verging fast vor Ungeduld, aber das Publikum wollte sich noch immer nicht zerstreuen. Direkt neben dem Pavillon hatte sich eine Gesellschaft nicht mehr junger Damen versammelt, die dar�ber diskutierten, dass der Bischof des Gouvernements eingetroffen war � ein nach Ararater Ma�st�ben kolossales Ereignis. Die Pilgerinnen ergingen sich in allerlei Mutma�ungen, und es war offensichtlich, dass sie so bald nicht wieder aufh�ren w�rden.</p><p>War es �berhaupt n�tig, sich umzuziehen, �berlegte Polina Andrejewna pl�tzlich. Der Zutritt zur Nachbarinsel war f�r Frauen wie Klosterbr�der gleicherma�en verboten. Und wenn sie sich w�rde rechtfertigen m�ssen, dann umso mehr f�r die Maskerade. Eine Frau in M�nchskleidung � das war nicht nur eine l�sterliche, sondern gewiss auch eine kriminelle Handlung.</p><p>Also wartete sie nicht l�nger, sondern ging, wie sie war, im Damenkleid und mit Reisetasche.</p><p>Wie bereits gesagt, war es ein mondheller, klarer Abend, und bald hatte Frau Lissizyna Bruder Kleopas Boot gefunden.</p><p>Sie lie� ihren Blick �ber das Ufer schweifen � es war alles ruhig, keine Menschenseele weit und breit.</p><p>Sie setzte sich ins Boot, fl�sterte ein Gebet vor sich hin und griff zu den Rudern.</p><p>Aus der Dunkelheit kam die Nachbarinsel auf sie zu; sie war rund und mit Kiefern bewachsen, wodurch sie aussah wie ein Igel, der die Stacheln aufgestellt hatte. Mit einem widerlichen Knirschen lief der Kiel auf Grund, der Bug bohrte sich in das Ger�ll am Ufer.</p><p>Polina Andrejewna hockte sich hin und lauschte. Au�er dem Pl�tschern des Wassers und dem verschlafenen Rauschen der Kiefern war kein Laut zu h�ren.</p><p>Sie klemmte die Bootskette unter einen schweren Stein. Dann umrundete sie die kleine Insel, wobei sie in Spiralen h�her stieg. W�re der Mond nicht gewesen, h�tte sie den Eingang zur Einsiedelei wohl kaum gefunden: eine kleine dunkle Eichent�r, eingefasst von ungleichm��igen, bemoosten Steinen.</p><p>Die kleine T�r war direkt in den Abhang eingelassen und blickte nicht in Richtung Kanaan, sondern in Richtung des Sees, dahin, wo am Abend die Sonne unterging.</p><p>Auch wenn sie nicht besonders furchtsam war, musste sie ihren ganzen Mut zusammennehmen, bevor sie den kupfernen T�rklopfer packte.</p><p>Sie zog sachte daran und rechnete damit, dass die Einsiedelei zur Nacht mit einem Riegel versperrt w�re. Aber nein, die T�r gab leicht nach. Vor wem h�tte man hier auch die T�r zusperren sollen?</p><p>Das Quietschen war nicht laut, aber in der vollkommenen Stille ert�nte es so klar und deutlich, dass Polina Andrejewna zusammenzuckte. Doch sie hielt nur f�r einen Augenblick inne, bevor sie erneut am T�rklopfer zog.</p><p>Drinnen herrschte Finsternis. Keine von silbrigem Licht �bergossene Finsternis wie drau�en, sondern echte, undurchdringliche Finsternis, die modrig und irgendwie eigenartig roch � nach Wachs vielleicht, nach M�usen oder nach altem Holz. Oder vielleicht einfach nach dem Staub, der sich �ber die Jahrhunderte hinweg hier angeh�uft hatte?</p><p>Als die Kundschafterin einen Schritt weiterging und die T�r hinter sich zuzog, war es, als sei Gottes Welt verschwunden, von Finsternis und Tonlosigkeit verschluckt, nur durch den eigenartigen Geruch und sonst nichts erkennbar.</p><p>Polina Andrejewna blieb stehen und schnupperte. Sie wartete eine Weile, ob ihre Augen sich an die Dunkelheit gew�hnen w�rden. Doch das geschah nicht � offenbar drang �berhaupt kein Licht, und sei es noch so verschwindend wenig, hier herein.</p><p>Sie holte die Streichh�lzer aus der Reisetasche, riss eines an und entz�ndete eine Kerze.</p><p>Ein ziemlich breiter Stollen, dessen Gew�lbe sich in der Dunkelheit verlor, f�hrte in die Tiefe des H�gels. Die W�nde waren uneben, wei�lich, entweder mit Kalksteinbl�cken oder mit Muschelkalkstein belegt. Frau Lissizyna hielt die Kerze ein St�ck h�her und stie� einen Schrei aus.</p><p>Dazu hatte sie auch allen Grund. Es waren keineswegs Kalksteinbl�cke, sondern lauter Tote, einer �ber den anderen gelegt und zu einem �bermannshohen Stapel aufgeschichtet. Keine Skelette, sondern aus getrocknete Gebeine, mit Haut �berzogene Mumien, mit eingefallenen Augenh�hlen, eingesunkenen M�ndern und fromm �ber der Brust gefalteten H�nden. Als sie die knochigen Finger des obersten Leichnams mit den langen gebogenen N�geln sah, st�hnte Polina Andrejewna leise auf. Es war entsetzlich!</p><p>Sie h�tte den schaurigen Ort am liebsten schnellstm�glich verlassen, aber das ging nicht. Die Reihen mit Toten zogen sich an den W�nden entlang, es waren Hunderte und Aberhunderte. Diejenigen, die sich nah am Eingang befanden, waren fast nackt, sp�rlich bedeckt von vermoderten Kleidungsfetzen � offenbar waren sie am l�ngsten tot; dann wurden die W�nde allm�hlich dunkler, weil die Gew�nder der M�nche besser erhalten waren. Aber die Kapuzen, die die Gesichter der heiligen M�nche zu Lebzeiten bedeckt hatten, waren s�mtlich aufgeschnitten, und Frau Lissizyna registrierte verbl�fft die erstaunliche �hnlichkeit dieser Totenk�pfe: Mit ihren glatten Sch�deln, ohne Augenbrauen, ohne Schnurrb�rte oder B�rte, sogar ohne Wimpern, glichen die Gerechten einander wie Br�der. Bei dieser Entdeckung verflog mit einem Mal Polina Andrejewnas Angst, die sie beinahe dazu bewogen h�tte davonzulaufen, so schnell wie m�glich davonzulaufen aus diesem Totenreich.</p><p>Es war kein Totenreich, sagte sie sich, sondern die Pforte zum Paradies. Es war gleichsam die Garderobe, in der die reinen Seelen ihr irdisches Gewand ablegten, bevor sie ins Himmelreich eintraten. Hier war es, dieses Gewand, das sie nicht mehr ben�tigten. Hier lag es und verfiel.</p><p>Allerdings war der Verfall nicht besonders stark, verbesserte sich die Ermittlerin, die wieder Mut gesch�pft hatte. Diese K�rper geh�rten schlie�lich nicht einfachen Menschen, sondern heiligen M�nchen. Daher sind auch ihre Gebeine unverg�nglich. Eigentlich m�sste es hier nach Aas und Verwesung stinken, aber wenn hier etwas verwest, dann h�chstens die Zeit selbst. Das ist der Geruch, den man hier wahrnimmt: die Verwesung der Zeit.</p><p>Furchtlos ging sie nun zwischen den aus Leichenstapeln bestehenden W�nden weiter. Dann h�rten die Gebeine auf. Polina Andrejewna erblickte linker Hand die nackte Steinwand und rechter Hand einen niedrigen Stapel mit nur drei Leichen.</p><p>Sie beugte sich �ber den obersten Leichnam und erkannte, dass dieser Mensch erst vor kurzem gestorben war. Durch die Falten der aufgeschnittenen Kapuze blitzte der kahle Scheitel hervor, das nackte, zerfurchte Gesicht schien nicht tot, sondern schlafend.</p><p>Der alte M�nch Feognost. Er war vor einer Woche verstorben, roch aber nicht nach Verwesung. Oder war die Zusammensetzung der Luft hier in der H�hle eine andere? Diesen l�sterlichen Gedanken, den ihr gewiss der ewige Zweifler und Feind der Menschen eingefl�stert hatte, vertrieb Polina Andrejewna entschieden. Er war ein heiliger M�nch, darum verweste er nicht.</p><p>Der Stollen f�hrte weiter in die undurchdringliche Finsternis und verlief leicht ansteigend. Von dort oben, aus dem Inneren des H�gels, drang unvermittelt ein kaum vernehmbarer Laut, beunruhigend und schrecklich unangenehm, als w�rde in der Ferne jemand mit einer Eisenkralle gleichm��ig �ber eine Glasscheibe schleifen.</p><p>Frau Lissizyna zuckte zusammen. Sie ging einige Schritte weiter � der Laut verschwand. Hatte man sie geh�rt?</p><p>Nein, nach einer Minute nahm die Kralle ihre Arbeit wieder auf. Ihr Herz klopfte heftig: Flederm�use! O Herr, sch�tze und verteidige mich vor t�richten Weiber�ngsten. Denk doch nur � Flederm�use. Sie sind nicht gef�hrlich. Und es stimmt auch nicht, dass sie Blut saugen, das sind Kinderfantasien.</p><p>Sie blieb unentschlossen stehen, starrte in die unheimliche Finsternis und machte pl�tzlich ein paar Schritte voran: Der Stollen f�hrte noch weiter, aber in den W�nden traten die Umrisse von drei T�ren hervor, zwei auf der rechten, eine auf der linken Seite. Unter der T�r zur Linken schimmerte ein feiner Lichtstreifen hervor.</p><p>Die Zellen der Eremiten!</p><p>Die weibliche �ngstlichkeit vor den fliegenden Gesch�pfen war auf der Stelle vergessen. Sie konnte sich jetzt nicht um solche Dummheiten k�mmern, wenn die Hauptsache, das Wichtigste, um dessentwillen sie sich auf all diese Schrecken eingelassen hatte, so nah war!</p><p>Die Lissizyna schlich zu der T�r, unter der das Licht hervorsickerte. Diese T�r hatte, wie auch die Au�ent�r, keinen Riegel, aber sie war tadellos ge�lt. Als Polina Andrejewna sachte an der T�r zog, quietschte und knarrte sie nicht.</p><p>Sie musste die Kerze ausblasen.</p><p>Sie schmiegte sich dicht an den schmalen Spalt und erblickte einen groben Tisch, von einer �llampe beleuchtet, und einen Mann, der �ber ein Buch gebeugt war (man konnte h�ren, wie eine Seite beim Umbl�ttern raschelte). Der Mann sa� mit dem R�cken zu ihr, sein Kopf war ideal rund und gl�nzend, wie der eines Bauern beim Schachspiel.</p><p>Um die Zelle besser �berblicken zu k�nnen, zog die Lissizyna die T�r ein wenig weiter auf � ein winziges St�ck nur, doch jetzt fiel es der hinterlistigen T�r ein zu quietschen.</p><p>Der Stuhl knarrte. Der Mann am Tisch wandte sich j�h um. Die Lampe beleuchtete ihn von hinten, weshalb sein Gesicht nicht zu erkennen war, doch vorn an der Kutte sah man die wei�e Doppelkante, das Zeichen des Abts. Es war der M�nch Israil!</p><p>Polina Andrejewna schlug in Panik die T�r zu, was dumm war. Nun stand sie in der undurchdringlichen Finsternis, und vor lauter Schreck hatte sie sogar vergessen, in welcher Richtung sich der Ausgang befand. Und wie sollte sie laufen, wenn es stockfinster war?</p><p>So stand sie erstarrt im v�lligen Dunkel, aus dem das qu�lende, kreischende Ger�usch herankroch: Krschik, krschik, krschik, krschik. Gleich w�rde ein Fledermausfl�gel ihre Wange streifen!</p><p>Doch sie stand nur kurze Zeit so da, insgesamt wenige Sekunden.</p><p>Die T�r �ffnete sich, und der Stollen wurde hell.</p><p>Auf der Schwelle stand der Abt mit der Lampe in der Hand. Sein Sch�del war ebenso nackt wie der des toten Feognost, und auch er hatte weder Bart noch Schnurrbart � wenigstens hatte er noch Brauen und Wimpern, sonst w�re er noch entsetzlicher anzusehen gewesen. Auf dem entbl��ten Gesicht hoben sich die gro�e, stark ausgepr�gte Nase und der Mund mit den runden, weichen Lippen ab. Den stechenden Blick der schwarzen Augen erkannte Polina Andrejewna wieder, auch wenn sie ihn zuvor nur durch die Schlitze in der Kapuze gesehen hatte.</p><p>Der M�nch sch�ttelte den kahlen Kopf und sagte mit seiner wohl bekannten Stimme, die niedrig und ein wenig heiser war:</p><p>�Bist du doch gekommen. Hast du es herausgefunden. Sieh mal an, du bist mutig.�</p><p>Er war offenbar nicht besonders erstaunt, dass da um Mitternacht eine ungebetene Besucherin in der Einsiedelei auftauchte.</p><p>Doch Polina Andrejewna war nicht dar�ber verbl�fft.</p><p>�Heiliger Vater, Sie sprechen?�, stammelte sie.</p><p>�Mit ihnen nicht.� Israil wies mit dem Kopf auf die beiden gegen�berliegenden T�ren. �Mit mir selbst, wenn ich allein bin, ja. Komm herein. Nachts darf man sich nicht im Zugang aufhalten.�</p><p>�Was hei�t das? Im Zugang? Im Zugang wozu?� Frau Lissizyna blickte in die Tiefe des Stollens. �Und warum nicht?�</p><p>Auf die erste Frage gab Israil keine Antwort. Auf die zweite sagte er:</p><p>�Die Regeln verbieten es. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang hat man in den Zellen zu sein, sich der Lekt�re, dem Gebet und dem Schlaf hinzugeben. Komm herein.�</p><p>Er trat zur Seite, und sie ging in die Zelle � eine enge, in den Fels gehauene Kammer, deren ganze Einrichtung aus einem Tisch, einem Stuhl und einer in der Ecke liegenden Matratze bestand. An der Wand hing eine dunkle Ikone mit einem flackernden L�mpchen davor, in der Ecke prasselte ein kleines �fchen, dessen Rauchabzug direkt in das niedrige Deckengew�lbe ging. Daneben war ein schwarzer Spalt zu erkennen, vermutlich ein Luftschacht.</p><p>So also sieht ein bu�fertiges Leben aus, dachte die Lissizyna mitleidig, als sie die �rmliche Behausung betrachtete. Hier wird f�r das ganze Menschengeschlecht gebetet.</p><p>Der Eremit bedachte die n�chtliche Besucherin mit einem eigenartigen Blick, als warte er auf etwas oder als wolle er sich �ber etwas Gewissheit verschaffen. Dieser Blick war so angespannt, dass Polina Andrejewna erschauerte.</p><p>�Du bist h�bsch . . .�, sagte der M�nch kaum vernehmlich. �Du bist sch�n, ja, besser noch � du bist voller Leben. Nicht schlecht, gar nicht schlecht.� Er schlug breit das Kreuz und verk�ndete sich selbst mit ganz anderer, freudiger Stimme: �Gerettet! Erl�st! Der Herr hat mich befreit!�</p><p>Seine Augen waren nun nicht mehr wachsam und forschend, sondern gleichsam lichterf�llt und strahlend.</p><p>�Setz dich auf den Stuhl�, sagte er freundlich. �Lass dich einmal richtig ansehen.�</p><p>Sie setzte sich auf die Stuhlkante und blickte den merkw�rdigen Eremiten vorsichtig an.</p><p>�Sie scheinen ja auf mich gewartet zu haben, Vater.�</p><p>�Stimmt�, best�tigte der Abt, und er stellte die Lampe auf den Tisch. �Ich habe gehofft, dass du kommst. Ich habe zu Gott gebetet.�</p><p>�Aber . . . Aber wie haben Sie es erraten?�</p><p>�Dass du kein M�nch bist, sondern eine Frau?� Israil streifte ihr behutsam die Kapuze vom Kopf, zog seine Hand aber sofort zur�ck. �Ich habe einen Instinkt f�r das weibliche Geschlecht, man kann mich nicht t�uschen. Ich habe euch immer, mein ganzes Leben lang, am Geruch erkannt, an der Haut und der K�rperbehaarung. Meine Haare sind inzwischen zwar fast alle ausgefallen�, l�chelte der M�nch, �aber trotzdem habe ich sogleich begriffen, wer du bist. Und dass du mutig bist. Du hast keine Angst gehabt, dich als Klosterbruder zu verkleiden und zur Insel zu kommen. Man sieht auch, dass du klug bist, du hast einen aufgeweckten, wissbegierigen Blick. Und als du das zweite Mal kamst, wurde mir klar: Du hattest den besonderen Sinn in meinen Worten erfasst. Nicht so wie die Dummk�pfe in Ararat. Und die anderen Male habe ich nur noch f�r dich gesprochen, nur auf dich gebaut. Dass du es erraten w�rdest.�</p><p>�Was? Die Sache mit Feognosts Tod?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Was ist denn mit ihm passiert?�</p><p>Israil wandte erstmals seinen Blick von ihrem Gesicht ab und legte seine Stirn in Falten.</p><p>�Er wurde umgebracht. Anfangs dachte ich, er sei eines nat�rlichen Todes gestorben, seine Zeit sei gekommen . . . Er hatte bis zum Mittag seine Zelle nicht verlassen. Ich beschloss, nach ihm zu sehen. Er lag still und leblos auf seinem Kiefernreisig (Feognost hatte keine Matratze haben wollen). Er war schwach gewesen, hatte sich nicht wohl gef�hlt, daher war ich �berhaupt nicht verwundert. Ich wollte ihm den ge�ffneten Mund schlie�en, und pl�tzlich sah ich F�den zwischen seinen Z�hnen. Rote Wollf�den. Feognost hatte ein rotes Wolltuch, das er sich immer um den Hals wickelte. Dieses Tuch lag etwas weiter weg auf dem Tisch, ordentlich zusammengefaltet. Das ist ja eigenartig, dachte ich. Ich faltete das Tuch auseinander und betrachtete es genauer. An einer Stelle war das Gewebe aufgerissen, F�den hingen heraus . . .�</p><p>�Jemand war nachts hereingekommen�, unterbrach Frau Lissizyna flink, �hatte Feognost sein eigenes Tuch auf das Gesicht gepresst und ihn erstickt. Anders ist es nicht zu erkl�ren. Der M�nch wollte nach Luft schnappen und blieb mit den Z�hnen in der Wolle h�ngen, daher auch die F�den zwischen den Z�hnen. Danach hat der M�rder das Tuch zusammengefaltet und auf den Tisch gelegt.�</p><p>Der Abt sch�ttelte beif�llig den Kopf:</p><p>�Ich habe mich nicht in dir get�uscht, du bist klug. Du hast sofort alles durchschaut. Ich habe dazu viel l�nger gebraucht als du. Aber schlie�lich begriff ich, und mir wurde bang ums Herz. Wer hatte diese Freveltat begehen k�nnen? Ich war es nicht. Wer dann? Doch nicht Vater David? Vielleicht war er von einem Teufel besessen, der ihn zu dieser �beltat verleitet hatte? Aber David ist noch schw�cher als Feognost, er kann sich wegen seines Herzleidens fast gar nicht mehr von seinem Lager erheben. Er konnte es nicht gewesen sein! Also muss es ein Fremder gewesen sein. Jemand anderes. So sieht es doch aus?�</p><p>�Ja�, nickte Polina Andrejewna, die es nicht eilig hatte, dem M�nch ihre Vermutungen mitzuteilen � ihr schien, der heilige Eremit habe noch nicht alles erz�hlt.</p><p>�Vor etwa drei Monaten war jemand hier. Wie du, nachts. Er kam zu mir in die Zelle�, sprach Israil und best�tigte damit ihre Annahme.</p><p>�Klein, zerzaust, am ganzen K�rper zuckend?�, fragte sie.</p><p>Der M�nch kniff die Augen zusammen.</p><p>�Ich sehe, du kennst ihn. Ja, er war klein. Er hat ungereimtes Zeug geredet und die ganze Zeit gesabbert. Er sah aus wie ein Narr in Christo. Aber er hat ihn nicht umgebracht.�</p><p>Bei diesen Worten holte Frau Lissizyna ihre Brille aus dem Etui, setzte sie auf die Nase und blickte den Abt sehr aufmerksam an.</p><p>�Sie sagen das so �berzeugt. Warum?�</p><p>�Er war nicht so einer. Ich habe eine gute Menschenkenntnis. Und ich habe seine Augen gesehen. Mit solchen Augen bringt man niemanden um, noch dazu heimlich im Schlaf. Ich habe nicht verstanden, was er mir da erz�hlt hat. Von irgendwelchen Strahlen. Er wollte meine ganze Glatze genau untersuchen. Ich habe ihn davongejagt. Doch ich habe mich nicht bei den Araratern beklagt. Es w�re schwer gewesen, ihnen das zu erkl�ren, mit einem Wort pro Tag, und au�erdem hat dieser Narr in Christo keinen Schaden angerichtet . . . Nein, meine Tochter. Feognost hat jemand anders erstickt. Und mich d�nkt, ich wei� auch, wer.�</p><p>�Cucullus non facit monachum?� Polina Andrejewna nickte verst�ndnisvoll.</p><p>�Ja. Das habe ich nur zu dir gesagt, damit der F�hrmann es nicht verstand.�</p><p>�Aber woher wussten Sie, dass ich Latein verstehe?�</p><p>Der M�nch l�chelte mit seinen vollen Lippen, die so wenig zu seinem asketischen, hageren Gesicht passten.</p><p>�Meinst du, ich kann eine gebildete Frau nicht von einer K�chin unterscheiden? Auf deiner Nasenwurzel ist der Abdruck eines Brillenb�gels � man sieht ihn kaum, aber ich habe ein gutes Auge f�r Kleinigkeiten. Die feinen Falten hier�, er deutete mit dem Finger auf ihre Augenwinkel, �kommen vom �berm��igen Lesen. Was denkst du nur, meine Liebe, �ber Frauen wei� ich alles. Ein Blick gen�gt, und ich kann jeder Frau ihr Leben erz�hlen.�</p><p>Frau Lissizyna ertrug so anma�endes Verhalten nicht, auch wenn es von einem heiligen M�nch kam.</p><p>�So, so, jeder Frau also. Was sagen Sie denn �ber mein Leben?�</p><p>Israil neigte den Kopf zur Seite, als wolle er �berpr�fen, was er ohnehin schon wusste. Dann fing er gelassen an:</p><p>�Du bist etwa drei�ig Jahre alt. Nein, eher einunddrei�ig. Du bist kein Fr�ulein, aber auch keine verheiratete Frau. Ich nehme an, Witwe. Einen Geliebten hast du nicht, und du willst auch keinen haben, weil. . .�, er griff nach der Hand seiner best�rzten Zuh�rerin und musterte ihre Fingen�gel und die Handfl�che, �weil du Nonne oder Klosterschwester bist. Du bist auf dem Land aufgewachsen, auf einem mittelrussischen Landgut, hast dann aber in den Hautpst�dten gelebt und in der guten Gesellschaft verkehrt. Dein gr��ter Wunsch ist es, ein geistliches Leben zu f�hren, doch das f�llt dir schwer, weil du jung und voller Tatendrang bist. Und vor allem � du bist voller Liebe, voller unverbrauchter Liebe, die aus dir hervorbricht.� Der M�nch seufzte. �Frauen wie dich habe ich am meisten gesch�tzt. Es gibt nichts Wertvolleres auf der Welt. Vor einiger Zeit, vor etwa f�nf oder sechs Jahren, hast du ein gro�es Ungl�ck erlebt, einen gewaltigen Schmerz, nach dem du der Welt entsagen wolltest. Sieh mir in die Augen. Ja, so ist es . . . Ich sehe es, ich sehe, was f�r ein Schmerz das war. Soll ich es sagen?�</p><p>�Nein!� Polina Andrejewna fuhr zusammen. �Das ist nicht n�tig!�</p><p>Der M�nch zeigte ein sanftes, verhaltenes L�cheln.</p><p>�Wundere dich nicht, hier ist keinerlei Zauberei im Spiel. Du hast wahrscheinlich davon geh�rt. Ich bin vom passionierten L�stling zum M�nch geworden. Die Frauen waren der ganze Sinn meiner fr�heren Existenz. Ich habe Evas Schwestern mehr als alles andere auf der Welt geliebt. Nein, das stimmt nicht: Ich habe nichts au�er den Frauen geliebt. So weit ich mich zur�ckerinnere, war ich schon immer so, von fr�hester Kindheit an.�</p><p>�Ja, ich habe geh�rt, dass Sie fr�her ein Don Juan sondergleichen waren, Sie sollen tausend Frauen gehabt und sogar einen Atlas dazu erstellt haben.�</p><p>Sie blickte den abgezehrten Greis mit einer scheuen Neugierde an, die sich f�r eine Person geistlichen Stands �berhaupt nicht geziemte.</p><p>�Der Atlas ist dummes Zeug, ein zynischer Scherz. Und dass ich mit tausend Frauen geschlafen haben soll, ist Unsinn. Das ist keine gro�e Heldentat, sondern Arithmetik. Das kann jeder, und es ist nicht teuer, wenn man vor Drei-Rubel-Dirnen nicht zur�ckschreckt. Nein, meine Liebe, der K�rper allein war mir immer zu wenig, ich wollte auch die Seele erobern.�</p><p>Der M�nch hatte sich ver�ndert, als er �ber die Frauen zu sprechen begann. Sein Blick wurde sanft und tr�umerisch, sein Mund verzog sich zu einem traurigen L�cheln, und seine Rede wurde freier, als spreche nicht ein M�nch, sondern ein gew�hnlicher Mann.</p><p>�Was ist denn das Bezauberndste an den Frauen? Ihre unendliche Vielfalt. Und auch ich ver�nderte mich mit jeder, die ich liebte. Wie ein Frosch, der die Temperatur seiner Umgebung annimmt. Daf�r haben sie mich geliebt. Daf�r, dass ich, wenn auch nicht lange, so doch allein f�r sie existierte und nur mit ihnen lebte. Und wie sie mich liebten! Ich lebte durch ihre Liebe und ern�hrte mich davon, wie ein Vampir von frischem Blut. Nicht vor Wollust war mir schwindlig, sondern von dem Wissen, dass sie um meinetwillen ihre unsterbliche Seele zu geben bereit waren! Dass ich f�r sie mehr war als Gott! Nur Frauen verm�gen so zu lieben.� Der Abt lie� den Kopf h�ngen und stie� einen reum�tigen Seufzer aus. �Aber sobald ich K�rper und Seele erobert, sobald ich genug Blut getrunken hatte, wurde mir langweilig. Gef�hle vort�uschen, das konnte ich noch nie, ich halte es f�r eine Gemeinheit. Ich kannte kein Mitleid mit denen, die ich verlie�. Es ist eine gro�e S�nde, ein Herz zu erobern und es dann mit Schwung zu Boden zu schleudern. Herzensbrecher � das h�rt sich nur sch�n an, dabei gibt es keinen schlimmeren Verbrecher auf Erden . . . Und das war mir immer bewusst. Tropfen f�r Tropfen, Jahr f�r Jahr sammelte sich das Gift in mir. Und als der Becher voll war und �berlief, �berkam mich die Erleuchtung, ich wei� nicht, ob zu meinem Wohl oder zu meinem Leidwesen � wahrscheinlich beides. Ich bereute. Es gab da eine Geschichte, ich erz�hle dir nachher davon, ich will dir nur zuerst berichten, wie es mit mir weiterging . . . Um meine Seele zu retten, ging ich ins Kloster, doch brachte mir das kein Seelenheil, denn auch in Kl�stern herrscht viel eitles Get�mmel. Da fasste ich die Absicht, hierher zu kommen, in die Wassilisk-Einsiedelei. Ich wartete vier Jahre, bis ich an die Reihe kam. Nun f�hre ich schon zwei Jahre ein bu�fertiges Leben, und ich kann mein Seelenheil nicht finden. Als Einzigem von all denen, die fr�her von hier ins Himmelreich eingegangen sind, ist mir eine so lange Pr�fung beschieden � f�r meine S�nden. Wei�t du, welche Pein mir das M�nchtum bereitete?� Der M�nch blickte Polina Andrejewna zweifelnd an, als k�nne er sich nicht entscheiden, ob er es sagen solle oder nicht. �Ich werde es dir sagen. Du bist schlie�lich kein dummes M�dchen. Die Sinnlichkeit qu�lte mich. Unabl�ssig, die ganzen Jahre als M�nch hindurch. Tags�ber und besonders nachts. Das war meine Pr�fung, meinen S�nden entsprechend. Unter den M�nchen wurde immer gefl�stert � ich wei� nicht, woher sie das wussten � , dass einen der Herr in der Wassilisk-Einsiedelei zuallererst von den Sehns�chten der Sinne befreit, um die Gedanken seiner L�mmer zu reinigen und sie f�r ihn bereitzumachen. Und wahrhaftig, alle anderen Eremiten waren bald frei von Sinnlichkeit, nur ich nicht. Kaum wurde es Nacht, hatte ich woll�stige Erscheinungen. Hier fallen einem schnell die Haare aus, am Kopf wie am K�rper, das ist hier einfach so. Ich behielt meine Haare am l�ngsten von allen. Erst als ich Abt wurde, alle anderen �berlebt hatte, fielen sie aus.�</p><p>�Und warum fallen die Haare aus?�, fragte Frau Lissizyna mit einem mitleidigen Blick auf den kahlen Scheitel des M�rtyrers.</p><p>Der erkl�rte ihr:</p><p>�Das ist eine besondere Gnade Gottes, ebenso wie die Befreiung von der fleischlichen Leidenschaft. In den ersten Wochen machen L�use und Fl�he den M�nchen sehr zu schaffen � die Regeln der Einsiedelei gestatten es nicht, sich zu waschen. Und ohne Haare ist es f�r uns sehr viel leichter, wir k�nnen unsere H�nde and�chtig zum Gebet falten, anstatt uns damit schmachvoll zu kratzen.� Fromm legte er seine Handfl�chen aneinander. �Mich aber haben die Insekten mehr als ein Jahr gequ�lt. Und als meine Qualen noch immer kein Ende hatten, habe ich mit Hiob gesagt: �Mein Geist ist zerbrochen, meine Tage sind ausgel�scht, das Grab ist da.� Doch es gab weder Grab noch Vergebung f�r mich. Erst vor kurzem ist es besser geworden. Ich sp�re, dass mein K�rper schw�cher wird. Ich kann nur mit M�he gehen, der Leib beh�lt die Nahrung nicht bei sich, und morgens, wenn ich aufstehe, dreht sich mir der Kopf.� Israil l�chelte verz�ckt. �Das bedeutet, das Ende ist nah. Ich muss nicht mehr lange auf die Erl�sung warten. Au�erdem wurde mir in der letzten Zeit bei meiner gr��ten Pein Linderung zuteil. Der Herr hat den Teufel der Sinnlichkeit abberufen. Jetzt habe ich lichte, freudige Tr�ume. Als ich dich erblickte, so jung und sch�n, lauschte ich in mich hinein � nichts r�hrte sich. Folglich hat mich der Herr gereinigt. Er hat mich gereinigt und mir vergeben.�</p><p>Polina Andrejewna freute sich, dass es f�r den heiligen M�nch nun leichter wurde, seine Seele zu retten, doch es war Zeit, auf Dringenderes zu sprechen zu kommen.</p><p>�Was also wollten Sie mir mit Ihrem lateinischen R�tsel sagen, Vater? Dass Ihr neuer Mitbruder nicht Ilari ist, sondern jemand anders, der sich durch einen Betrug hier eingeschlichen hat?�</p><p>Israil l�chelte heiter, weil er in Gedanken noch immer bei der baldigen Gl�ckseligkeit weilte.</p><p>�Was, meine Tochter? Ach so, Ilari. Ich wei� nicht, wir zeigen einander schlie�lich unsere Gesichter nicht, und zu sprechen ist uns nicht gestattet. Das Notwendige erkl�ren wir einander durch Zeichen. Fr�her einmal habe ich Bruder Ilari im Kloster gesehen, doch das ist lange her. Ich erinnere mich nicht an sein Aussehen, nicht einmal an seine Gr��e. Ich wei� also nicht, ob er es ist oder nicht, doch eines wei� ich ganz gewiss: Der neue M�nch ist nicht hergekommen, um seine Seele zu retten. Er schnitzt keine Rosenkr�nze, und tags�ber l�sst er sich nie au�erhalb seiner Zelle blicken. Einmal bin ich zu ihm hineingegangen, um ihn an das gemeinsame kontemplative Gebet zu erinnern (ein stilles Gebet, das wir abhalten). Er lag da und schlief. Er hat abgewunken, sich auf die Seite gedreht und weitergeschlafen. Und das am helllichten Tag!�</p><p>�Und was macht er nachts?�, fragte die Lissizyna rasch.</p><p>�Das wei� ich nicht. Nachts bin ich hier, in der Zelle. Die Regeln sind streng, es ist nicht gestattet, die Zelle zu verlassen.�</p><p>�Aber Sie haben das Schweigegel�bde gebrochen und mit mir geredet! Es kann doch nicht sein, dass Sie noch nie nachts in den Stollen hinausgegangen sind?�</p><p>�Noch nie!�, versetzte der Abt streng. �Kein einziges Mal. Und ich werde es auch nicht tun. Dass ich mit dir so ausf�hrlich rede, hat einen besonderen Grund . . .�</p><p>Er stockte und schlug pl�tzlich die H�nde vor das Gesicht. Er schwieg.</p><p>Polina Andrejewna wartete, solange ihre Geduld reichte, und erkundigte sich dann:</p><p>�Was ist das f�r ein besonderer Grund?�</p><p>�Ich will dich um Verzeihung bitten�, erwiderte der M�nch dumpf.</p><p>�Mich!?�</p><p>�Ich werde keine andere Frau mehr sehen . . .� Er nahm die H�nde vom Gesicht, und Polina Andrejewna sah, dass Israils Augen nass von Tr�nen waren. �Der Herr hat mich gepr�ft und mir vergeben, daf�r ist er Gott. Aber gegen�ber euch, meinen Schwestern, habe ich schwere Schuld auf mich geladen. Wie kann ich die Welt verlassen, ohne dass eine Frau mir vergeben hat? Ich werde dir nicht alle meine abscheulichen Taten erz�hlen, das w�rde zu lange dauern. Nur die Geschichte, die ich vorhin erw�hnte. Sie liegt mir schwerer auf dem Herzen als alles andere. Es ist die Geschichte, mit der meine Einsicht begann. H�r zu, und sage mir nur, ob eine weibliche Seele mir vergeben kann. Das w�rde mir schon reichen . . .�</p></section><section><title><p>Die Beichte eines Herzensbrechers</p></title><p>Und er begann zu erz�hlen.</p><p>�Es ist eine Geschichte, aber es waren zwei Frauen. Die erste war noch ein ganz junges M�dchen. Sie reichte mir kaum bis zum Ellbogen, ein zartes, zerbrechliches Wesen. Aber das ist dort keine Seltenheit. Es war am Schluss meiner Weltreise, die sich �ber vier Jahre hingezogen hatte. Ich war in Europa aufgebrochen und beendete meine Reise am Ende der Welt, in Japan. Ich hatte viel gesehen. Ich sage nicht �viel Verschiedenes�, sondern eher �viele Verschiedene� � das ist pr�ziser.</p><p>In Nagasaki und sp�ter dann in Yokohama hatte ich mir die Geishas und die joro (so hei�en die Dirnen bei ihnen) zur Gen�ge angesehen. Als ich schon Weiterreisen wollte, weil mich in Japan nichts wirklich interessierte, sah ich im Haus eines Beamten seine j�ngste Tochter. Mit ihren schmalen Augen starrte sie mich an wie einen wilden Gorilla, was heftige Erregung in mir weckte. Das wird gewiss interessant, dachte ich, so etwas hatte ich auch noch nie erlebt.</p><p>Das M�dchen war streng erzogen, nach Samurai-Art, sie war nur halb so gro� und kaum ein Viertel so alt wie ich, und ich war in ihren Augen ein behaartes Monster, zudem meiner wichtigsten Waffe, der Sprache, beraubt � wir konnten uns �berhaupt nicht verst�ndigen.</p><p>Nun, ich blieb in Tokio und begann, h�ufiger im Hause dieses Beamten zu verkehren. Wir freundeten uns an. Ich diskutierte �ber Politik, trank Kaffee mit Lik�r und schaute mir das T�chterchen an. Sie durfte offenbar erst seit kurzem dabei sein, wenn G�ste kamen, und war noch sehr scheu. Wie kann man den passenden Schl�ssel zu dieser kleinen Lackschatulle finden, �berlegte ich?</p><p>Es war kein gro�es Problem. Erfahrung, und mehr noch Kenntnis des weiblichen Herzens konnte man mir nicht absprechen.</p><p>Auf die �bliche Weise konnte ich ihr nicht gefallen, zu sehr unterschied ich mich von den M�nnern, denen sie f�r gew�hnlich begegnete. Also m�sste ich meine Fremdartigkeit ausspielen.</p><p>Eines Tages sagte mir ihre Mama in scherzhaftem Ton, dass die Tochter mich immer mit einem B�ren vergleiche � einem sehr gro�en B�ren mit Backenbart.</p><p>Nun gut, dann war ich eben ein B�r.</p><p>Bei Matrosen im Hafen kaufte ich ein lebendiges B�renjunges, einen sibirischen Braunb�ren, und brachte ihn ihr als Geschenk. Mochte sie sich ruhig an die Behaarung gew�hnen. Es war ein pr�chtiger B�r, ausgelassen und freundlich. Meine kleine Japanerin spielte von morgens bis abends mit ihm. Sie gewann ihn sehr lieb, streichelte und k�sste ihn, und er fuhr ihr mit der Zunge �bers Gesicht. Ausgezeichnet, dachte ich. Das Tier hat sie ins Herz geschlossen, also wird sie auch mich lieb gewinnen.</p><p>Und wahrhaftig blickte sie nun auch den Geber mit andern Augen an, ohne Argwohn, aber voller Neugierde. Als vergleiche sie ihn mit ihrem Liebling. Ich legte mir absichtlich einen tapsigen Gang zu, lie� meinen Backenbart dichter wachsen und verlieh meiner Stimme einen brummenden Klang.</p><p>Allm�hlich freundeten wir uns an. Sie nannte mich Kumatjan, was in ihrer Sprache �B�r� bedeutet.</p><p>Und weiter? Das �bliche, wenn ein M�dchen im M��iggang dahinlebt und das k�rperliche Erbl�hen Sehns�chte weckt. Sie sucht etwas Neues, Unbekanntes, Ungew�hnliches. Und da ist ein exotischer Ausl�nder. Der ihr mancherlei fesselnde Dinge aus aller Welt zeigt. Postkarten aus Paris und aus Petersburg, Wolkenkratzer in Chicago. Und vor allem hatte sie sich an das Fell des B�ren gew�hnt und ihre physische Scheu vor mir verloren. Bald fasste sie nach meiner Hand, bald strich sie mir �ber den Schnurrbart � sie fand das interessant. Und die Neugier junger M�dchen ist ein leicht entflammbares Material.</p><p>Ich werde keine Einzelheiten erz�hlen, das ist langweilig. Die gr��te Schwierigkeit bestand darin, mich ihr, um es wissenschaftlich auszudr�cken, im biologischen Sinne so weit anzun�hern, dass eine Kreuzung m�glich wurde. Aber als wir nicht mehr eine Japanerin und ein B�r aus �bersee waren, sondern ein unschuldiges junges M�dchen und ein erfahrener Mann, ging alles seinen Gang, wie ich es schon viele Male zuvor erlebt hatte.</p><p>Als ich Japan verlie�, war die Japanerin jedenfalls bei mir � sie hatte sich selbst eingeladen. Die Eltern werden wohl nie erfahren haben, wohin ihre Tochter entschwunden ist.</p><p>Bis Wladiwostok liebte ich sie sehr. Auch nachher noch, als wir mit der Eisenbahn fuhren. Doch mitten in Sibirien begann mich ihre kindliche Leidenschaft allm�hlich zu langweilen. Ich konnte mit ihr schlie�lich nicht einmal reden. Sie aber entflammte nur noch heftiger in Liebe. Wenn ich nachts aufwachte, schlief sie nicht. Sie lag auf den Ellbogen gest�tzt da und starrte mich mit ihren Schlitzaugen unentwegt an. Bei den Frauen lodert die Liebe am heftigsten, wenn sie sp�ren, dass man ihrer langsam �berdr�ssig wird, das ist zur Gen�ge bekannt.</p><p>Als wir uns Petersburg n�herten, konnte ich sie nicht mehr sehen. Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich sie loswerden k�nnte. Zu ihren Eltern zur�ckschicken? Die waren schlie�lich keine gew�hnlichen papa und maman, sondern Samurai. Am Ende w�rden sie das M�dchen noch umbringen, das w�re schade. Aber wohin mit ihr? Sie kannte keine Sprache au�er ihrer Vogelsprache. Sollte ich ihr eine Abfindung zahlen? Sie w�rde das Geld nicht annehmen, au�erdem w�rde sie mich nicht in Ruhe lassen, sie war krankhaft anh�nglich. Sie konnte nichts, mit Ausnahme von dem, was ich sie in der Kaj�te und im Eisenbahncoupe so eifrig gelehrt hatte.</p><p>Der Gedanke daran brachte mich auf eine Idee. Ich hatte von einem der Mitreisenden im Zug geh�rt, dass w�hrend meiner Abwesenheit in Petersburg ein neues Etablissement er�ffnet worden war, das von einer gewissen Madame Posdnjajewa gef�hrt wurde. Ein elegantes Bordell mit jungen M�dchen aus aller Herren L�nder: Italienerinnen, T�rkinnen, Negerinnen, Annamitinnen � alles, was das Herz begehrt. Das Etablissement hatte bei den Petersburger Herren gro�en Erfolg.</p><p>Ich fuhr zur Posdnjajewa, um sie kennen zu lernen. Ich �berzeugte mich, dass die M�dchen gut behandelt wurden. Die Bordellbesitzerin erkl�rte, sie zahle einen Teil vom Verdienst der M�dchen f�r jede auf ein eigenes Bankkonto ein. Am n�chsten Morgen gab ich ihr meine Kleine zu treuen H�nden. Als Grundstock zahlte ich in ihrem Namen tausend Rubel bei der Bank ein.</p><p>Nur gereichte der Japanerin dieses Geld nicht zum Nutzen. Als sie verstand, wohin ich sie gebracht hatte und dass ich nicht die Absicht hatte, sie wieder mitzunehmen, sprang sie kopf�ber aus dem Fenster und schlug auf dem Pflaster auf. Sie warf sich noch etwas hin und her, wie ein Fisch, den man ans Ufer geworfen hatte, und dann h�rte sie auf.</p><p>Als ich davon erfuhr, war ich nat�rlich betr�bt, aber nicht allzu stark, denn zu der Zeit hatte ich mich bereits f�r ein neues Objekt begeistet, das unerreichbarste von allen.</p><p>Dieses Objekt war niemand anders als Madame Posdnjajewa, die Eigent�merin des Etablissements. Als ich wegen der Japanerin mit ihr verhandelt hatte, hatte sie einen gro�en Eindruck auf mich gemacht. Sie war nicht mehr jung, etwa vierzig Jahre alt, aber sie hatte zarte Haut und war sehr gepflegt, und an ihren Augen war zu erkennen, dass sie viel von der Welt gesehen hatte. Sie durchschaute jeden Mann und verachtete sie alle. Ihr Herz war ein Stein, ihre Seele eine Brandst�tte, ihr Verstand eine arithmetische Maschine.</p><p>Nachdem ich diese abschreckende Person kennen gelernt hatte, wurde ich allm�hlich von heftiger Leidenschaft f�r sie erfasst. Alle m�glichen Frauen hatten mich geliebt, aber eine wie sie, kalt und grausam, noch niemals. Oder war sie etwa gar nicht f�hig zur Liebe? Umso verlockender, in dieser Asche zu graben, ein nicht ganz heruntergebranntes St�ck Kohle zu finden, sachte und behutsam zu blasen und eine alles verschlingende Flamme zu entfachen. Wahrhaftig die Tat eines Herkules, wenn es gel�nge.</p><p>Ich brauchte weniger als einen Monat f�r die Belagerung von Troja. Zun�chst einmal w�rde Frau Posdnjajewa mich mit anderen Augen ansehen m�ssen als die anderen M�nner, beschloss ich. F�r sie gab es zwei Kategorien von Vertretern unserer Gattung: diejenigen, an denen man sich infolge von Alter, Armut oder Krankheit nicht bereichern konnte, und diejenigen, die f�r das Laster zahlen wollten und konnten. Erstere existierten f�r sie �berhaupt nicht, Letztere verachtete sie und pl�nderte sie schonungslos aus. Wie ich sp�ter herausfand, schreckte sie auch vor Erpressung nicht zur�ck (in ihrem Etablissement gab es allerlei ausgekl�gelte Vorrichtungen, mittels derer die Besucher heimlich beobachtet und fotografiert werden konnten).</p><p>Ich musste also einen Platz zwischen diesen beiden Kategorien von M�nnern einnehmen und ihr zeigen, dass man sich zwar an mir bereichern konnte, ich aber keine k�ufliche Liebe brauchte. Zudem sind Frauen wie sie, die mit allen Wassern gewaschen sind und alles durch eigene Kraft erreicht haben, erpicht auf raffinierte Schmeicheleien.</p><p>Also gew�hnte ich mir an, beinahe t�glich ihre Lasterh�hle aufzusuchen. Doch ging ich nicht zu den jungen Damen, sondern ich sa� bei der Gastgeberin, f�hrte kluge, zynische Gespr�che von der Art, wie sie ihr gefallen mochten. Und jedes Mal lie� ich Geld da � eine gro�z�gig bemessene Summe, doppelt so viel wie die �bliche Bezahlung.</p><p>Sie war unschl�ssig und konnte mich keiner bestimmten Kategorie Mann zuordnen. Dann bildete sie sich ein, ich sei in sie verliebt, und sogleich wurde sie mir gegen�ber von noch gr��erer Verachtung erf�llt als gegen�ber ihren �brigen Kunden. Einmal sagte sie lachend zu mir: �Was raspeln Sie S��holz? Ich wundere mich �ber Sie. Sie sind doch sonst nicht so sch�chtern. Gott sei Dank bin ich keine ing�nue. Wenn Sie mit mir ins Bett wollen, sagen Sie es. Sie haben so viel Geld bezahlt, dass ich mich Ihnen schon aus Anstand nicht verweigern werde.� Ich dankte ihr h�flich, nahm ihre Einladung an, und wir gingen in ihr Schlafzimmer.</p><p>Es war eine merkw�rdige Liebesnacht: Wir wollten einander mit unserer Kunst beeindrucken und blieben beide v�llig kalt dabei. Sie, weil sie schon seit langem ausgebrannt war. Ich, weil ich etwas anderes von ihr wollte. Zum Schluss sagte sie ersch�pft: �Ich begreife Sie nicht�. Und das war der erste Schritt zum Sieg.</p><p>Ich besuchte sie auch weiterhin, aber ich dr�ngte mich nicht ins Schlafzimmer, und sie lud mich nicht ein. Sie beobachtete mich, starrte mich an, als suche sie etwas lange Vergessenes herauszufinden.</p><p>Ich begann, sie �ber ihre Vergangenheit auszufragen. Nicht �ber ihr Leben als erwachsene Frau, Gott bewahre. �ber die Kindheit, die Eltern, die Freundinnen auf dem Gymnasium. Das war notwendig, damit sie an eine andere Zeit erinnert wurde, als ihre Seele und ihre Gef�hle noch nicht abgestorben waren. Madame Posdnjajewa antwortete zun�chst kurz angebunden und unwillig, aber dann wurde sie gespr�chiger � man brauchte nur zuh�ren. Und zuh�ren konnte ich.</p><p>So �berwand ich die zweite Stufe, ich gewann ihr Vertrauen, und das allein war keine geringe Tat.</p><p>Als sie mich einige Wochen sp�ter zum zweiten Mal in ihr Boudoir einlud, verhielt sie sich schon ganz anders, nicht so mechanisch. Am Ende brach sie unvermittelt in Tr�nen aus. Sie war selbst furchtbar erstaunt � dreizehn Jahre lang habe ich keine einzige Tr�ne vergie�en k�nnen, sagte sie, und mit dir fange ich pl�tzlich an zu weinen.</p><p>Eine Liebe wie die, mit der die Posdnjajewa mich beschenkte, hatte ich nie zuvor gekannt. Als sei ein Damm gebrochen, als w�rde ich von der Str�mung ergriffen und mitgerissen. Es war ein wahres Wunder � zu beobachten, wie eine tote Seele zum Leben erwacht. Wie wenn in der W�ste pl�tzlich ein klarer Quell aus dem Sand, aus der aufgesprungenen Erde sprudelt, �ppiges Gr�n wuchert und Blumen von unerh�rter Sch�nheit erbl�hen.</p><p>Sie schloss ihr Bordell. Das Geld, das sie durch ihre Kuppelei angeh�uft hatte, verteilte sie an die M�dchen, die sie in alle vier Winde ziehen lie�. Ihre verh�ngnisvolle Fotosammlung vernichtete sie. Und sie selbst ver�nderte sich so, dass sie nicht wiederzuerkennen war. Sie wurde j�nger und frischer, geradezu m�dchenhaft. Vom fr�hen Morgen an sang und lachte sie. Zwar weinte sie auch oft, aber ohne Bitterkeit � sie vergoss einfach die �ber all die Jahre nicht geweinten Tr�nen.</p><p>Und ich liebte sie. Ich konnte mich gar nicht genug erfreuen am Resultat meiner Arbeit.</p><p>Einen Monat lang, vielleicht zwei, freute ich mich.</p><p>Im dritten Monat nicht mehr.</p><p>Eines Morgens (sie schlief noch) verlie� ich das Haus, setzte mich in einen Fiaker, fuhr zum Bahnhof und reiste nach Paris ab. Ich hinterlie� ihr eine Nachricht: Die Wohnung ist bis Ende des Jahres bezahlt, in der Schatulle ist Geld, verzeih, leb wohl.</p><p>Sp�ter erz�hlte man mir, als sie beim Aufwachen meine Nachricht gelesen habe, sei sie nur mit einem Hemd bekleidet aus dem Haus gelaufen, die Stra�e hinuntergerannt und nie mehr in die Wohnung zur�ckgekehrt.</p><p>Nach einem halben Jahr kehrte ich aus dem Ausland zur�ck. Es war schon Winter. Ich mietete ein Haus und nahm mein fr�heres Leben wieder auf, doch irgendetwas ging mit mir vor, ich empfand keine Freude mehr an den fr�heren Lustbarkeiten.</p><p>Eines Tages fuhr ich auf dem Weg zu einer au�erhalb der Stadt gelegenen Villa �ber den Ligowski-Prospekt, als ich sie, die Posdnjajewa, in der Gosse entdeckte, schmutzig, r�udig, mit grauen Haaren, fast zahnlos. Sie konnte mich nicht sehen, weil sie v�llig betrunken umhertorkelte.</p><p>Im selben Moment war der unsichtbare Becher zum �berlaufen gef�llt. Ich zitterte am ganzen K�rper, war �ber und �ber mit kaltem Schwei� bedeckt und sah, wie sich vor mir die H�lle auftat. Ich erschrak und war zutiefst besch�mt.</p><p>Ich lie� die Streunerin mitnehmen und in einem ordentlichen Zimmer unterbringen. Ich fuhr zu ihr, bat sie um Vergebung. Doch meine fr�here Geliebte hatte sich erneut ver�ndert. In ihr war keine Liebe mehr, nur Feindseligkeit und Habsucht. Der bl�hende Garten war vertrocknet, die wunderbare Quelle versiegt. Und mir wurde klar � die schlimmste Freveltat ist nicht, eine lebendige Seele zugrunde zu richten, sondern eine tote Seele zum Leben zu erwecken, um sie dann von neuem und endg�ltig zu vernichten.</p><p>Ich vermachte der Ungl�cklichen mein gesamtes Verm�gen und ging ins Kloster, um mich zu fangen und vom Schmutz zu reinigen. Das ist meine ganze Geschichte.</p><p>Und nun sag mir, meine Schwester, gibt es Vergebung f�r meine Verbrechen oder nicht?�</p><p>Polina Andrejewna, ersch�ttert von der Erz�hlung, schwieg.</p><p>�Das wei� allein der Herr . . .�, sagte sie schlie�lich, wobei sie vermied, den reuigen S�nder anzusehen.</p><p>�Gott wird es vergeben. Das wei� ich. Vielleicht hat er mir schon vergeben�, erwiderte Israil ungeduldig. �Aber sag du mir, als Frau: Kannst du mir vergeben? Sag die Wahrheit!�</p><p>Sie versuchte auszuweichen:</p><p>�Ist denn meine Vergebung so viel wert? Schlie�lich haben Sie mir nichts B�ses angetan.�</p><p>�Sehr viel�, versetzte der Abt entschlossen, als habe er lange dar�ber nachgedacht. �Wenn du mir verzeihst, dann w�rden auch sie mir verzeihen.�</p><p>Polina Andrejewna wollte ihm tr�stende Worte sagen, doch sie konnte nicht. Das hei�t, es w�re nicht einmal schwierig gewesen, sie auszusprechen, doch sie wusste, der M�nch w�rde ihre Unaufrichtigkeit sp�ren, und das w�re noch schlimmer.</p><p>Als sie schwieg, verd�sterte sich das Gesicht des Einsiedlers. Leise sprach er:</p><p>�Ich wusste es . . .� Er legte ihr die Hand auf die Schulter. �Steh auf und geh. Kehre zur�ck in die Welt. Du darfst nicht hier bleiben. Und ich m�chte mich entschuldigen, schlie�lich habe ich dich absichtlich hierher in die Einsiedelei gelockt. Nicht Feognosts wegen und auch nicht Ilaris wegen. Es ist nichtig, wer get�tet hat und warum. Der Herr wird jedermann Gerechtigkeit widerfahren lassen, und keine einzige gute Tat wird ohne Belohnung, keine einzige b�se Tat ohne Bestrafung bleiben. Die geheimnisvollen Worte sollten dich hierher locken, weil ich vor meinem Tod noch einmal eine Frau sehen und um Verzeihung bitten wollte . . . Das habe ich getan, aber mir ist nicht verziehen worden. So sei es also. Geh.�</p><p>Er konnte es kaum abwarten, dass die Besucherin wegging, ihn in seiner Einsamkeit zur�cklie�, und stie� die T�r auf.</p><p>Frau Lissizyna trat hinaus in den Stollen und h�rte von neuem das kaum vernehmliche, widerliche Kreischen.</p><p>�Was ist das?�, fragte sie erschauernd. �Flederm�use?�</p><p>Israil erwiderte gleichg�ltig:</p><p>�Flederm�use gibt es hier nicht. Und was nachts in der H�hle vor sich geht, wei� ich nicht. Es ist ein Ort, an dem alles M�gliche geschehen kann. Es ist schlie�lich nicht irgendwas, sondern ein St�ck der Himmelskugel.�</p><p>�Was?�, fragte Polina Andrejewna erstaunt. �Ein St�ck der Himmelskugel ?�</p><p>Der M�nch verzog das Gesicht und schien sich zu �rgern, dass er zu viel gesagt hatte.</p><p>�Du darfst davon gar nichts wissen. Geh jetzt. Erz�hle niemandem, was du hier gesehen hast. Aber das wirst du nicht tun, du bist klug. Verlauf dich nur nicht. Zum Ausgang musst du nach rechts gehen.�</p><p>Die T�r schlug zu, und Polina Andrejewna stand in v�lliger Finsternis.</p><p>Sie entz�ndete eine Kerze und lauschte auf das unbegreifliche Ger�usch. Dann ging sie los.</p><p>Allerdings nicht nach rechts, sondern nach links.</p></section><section><title><p>Wassilisk</p></title><p>Der Stollen, den der M�nch Israil als Zugang bezeichnet hatte, f�hrte allm�hlich ansteigend immer h�her. Nun waren zu beiden Seiten nackte W�nde, und Polina Andrejewna �berlegte, dass hier noch Platz f�r viele Hunderte von Leichen war.</p><p>Das Ger�usch wurde immer lauter und unertr�glicher, die eiserne Kralle schien nicht �ber Glas zu fahren, sondern �ber ein wehrloses, entbl��tes Herz. Einmal konnte die Lissizyna es nicht mehr ertragen, sie blieb stehen, stellte die Reisetasche auf die Erde und hielt sich die Ohren zu, auch wenn so die Gefahr bestand, dass ihre Haare an der Kerze, die sie zwischen die Finger geklemmt hatte, Feuer fingen.</p><p>Das geschah nicht, doch ihr tropfte Wachs auf die Schl�fe, und diese gl�hende, lebendige Ber�hrung st�rkte Polina Andrejewnas Nerven.</p><p>Sie ging weiter.</p><p>Der Stollen, der bis jetzt fast gerade oder wenigstens nicht merklich gekr�mmt verlaufen war, machte pl�tzlich eine Biegung um neunzig Grad.</p><p>Frau Lissizyna sp�hte um die Ecke und erstarrte.</p><p>Weiter vorn schimmerte mattes Licht. Die Erkl�rung f�r das eigenartige kreischende Ger�usch war ganz nah.</p><p>Polina Andrejewna blies die Kerze aus und schlich, eng an die Wand gepresst, vorsichtig um die Ecke.</p><p>Auf Zehenspitzen huschte sie lautlos voran.</p><p>Der Stollen verbreiterte sich zu einer runden H�hle, deren Gew�lbe sich hoch oben in der Finsternis verlor.</p><p>Aber Polina Andrejewna blickte gar nicht empor � so sehr fesselte sie das Bild, das sich ihren Augen bot.</p><p>Mitten in der H�hle lag eine ebenm��ige runde Kugel, die zu einem Drittel in der Erde versunken war. Vom Umfang her entsprach sie in etwa einem dicken Schneeball, wie ihn Kinder als Rumpf f�r einen Schneemann nehmen. Die Oberfl�che schillerte in allen Regenbogenfarben � violett, gr�n, rosa. Dieses Schauspiel war so wunderbar, so unerwartet nach dem langen Umherirren im Dunkel, dass die Lissizyna einen Seufzer ausstie�.</p><p>Neben der Kugel stand eine Lampe. Sie beleuchtete die glitzernde Oberfl�che, lie� sie Lichtflecken und Funken spr�hen.</p><p>Zwischen der Lampe und der Kugel kauerte ein schwarzer, geb�ckter Schatten, der mit gleichm��igen Bewegungen hin und herwippte. Das widerliche Kreischen erscholl genau im Takt dieser Bewegungen.</p><p>Polina Andrejewna machte noch einen kleinen Schritt, doch im selben Augenblick brach das Ger�usch unvermittelt ab, und in der eintretenden Stille klang das Tappen ihrer Schuhsohle pl�tzlich ohrenbet�ubend laut.</p><p>Die geb�ckte Gestalt erstarrte, als w�rde sie lauschen. Sie machte eine vorsichtige Bewegung, als streiche sie �ber die Kugel oder als streife sie behutsam etwas ab.</p><p>Was tun? Sollte sie still stehen bleiben, in der Hoffnung, dass alles gut gehen w�rde, oder Rei�aus nehmen?</p><p>Frau Lissizyna stand in einer �u�erst unbequemen Position da: Der eine Fu� war vorgestellt und trug ihr ganzes K�rpergewicht, der andere stand auf Zehenspitzen.</p><p>Und nun kitzelte es sie auch noch unb�ndig in der Nase. Das Niesen konnte sie unterdr�cken, indem sie einen Finger heftig auf die Nasenwurzel presste, doch einen krampfhaften Atemzug konnte sie nicht zur�ckhalten.</p><p>Der schwarze Mensch (wenn es denn ein Mensch war) machte eine hastige Bewegung, deren Sinn Polina Andrejewna nicht sogleich erfasste. Erst als der obere, runde Teil der Silhouette pl�tzlich spitz zulief, verstand sie: Er hatte eine Kapuze �ber den Kopf gezogen.</p><p>Es hatte keinen Sinn, sich noch zu verstecken. Weglaufen aber wollte Frau Lissizyna nicht.</p><p>Sie ging geradewegs auf den M�nch zu (jetzt konnte man sehen, dass es ein M�nch war), der sich zu voller Gr��e aufgerichtet hatte; er wich zur�ck.</p><p>Wenige Schritte vor dem schmalen, schwarzen Schatten blieb Polina Andrejewna stehen � so unheimlich glitzerten die Augen in den Sehschlitzen der Kapuze. Genau so musste Wassilisks Blick funkeln, nicht der des heiligen gerechten Wassilisk, sondern der des schrecklichen Abgesandten der H�lle mit dem Kr�tenk�rper, dem Schlangenschwanz und dem Hahnenkopf. Der todbringende Blick des Ungeheuers, der Steine zerspringen, Blumen verdorren und Menschen tot umfallen l�sst.</p><p>�So einer sind Sie also, Alexej Stepanowitsch�, sagte Polina Andrejewna erschauernd.</p><p>Der schwarze M�nch regte sich nicht, und da fuhr sie fort � leise und bed�chtig:</p><p>�Ja, Sie sind es, Sie. Es kann niemand anders sein. Zun�chst dachte ich an Sergej Nikolajewitsch Ljampe, doch jetzt, w�hrend ich allein in der Finsternis durch den Stollen ging, wurde mir alles klar. Das ist h�ufig so: Wenn die Augen blind sind, sehen Verstand und Seele besser, und sie lassen sich nicht durch Sinnest�uschungen ablenken. Sergej Nikolajewitsch h�tte Sie niemals vom Palmenhaus bis zum See schleppen k�nnen. Er ist viel zu schwach dazu, seine Kr�fte h�tten nicht ausgereicht, und es ist ein weiter Weg. Dann wieder lie� mir Galileis Spruch von der Messbarkeit des Unmessbaren, den ich in Ljampes Heft mit den Formeln gesehen hatte, keine Ruhe. Wo hatte ich ihn vorher geh�rt? Erst jetzt erinnerte ich mich, wo das war. Das stand in Ihrem dritten Brief. Folglich mussten Sie damals schon in Ljampes Laboratorium gewesen sein und einen Blick in sein Heft geworfen haben. Pl�tzlich passte alles zusammen, und mir wurde alles klar. Nur schade, dass das nicht fr�her geschah.� Polina Andrejewna wartete, ob der M�nch etwas darauf sagen w�rde, doch dieser schwieg. �Am ersten Tag fanden Sie die unterhalb der Wasserlinie verborgene Bank, und in Ihrem Brief machten Sie eine Anspielung auf diesen pikanten Umstand und versprachen, am folgenden Tag wirkungsvoll des R�tsels L�sung zu liefern. In der Nacht machten Sie sich auf, den schwarzen M�nch aufzusp�ren, und Sie hatten Erfolg. Sie verfolgten den Mystifikator bis zur Heilanstalt, um herauszubekommen, wer sich dahinter verbirgt. Sie steckten Ihre Nase in seine Aufzeichnungen . . . Ich habe keine Ahnung von diesen Formeln, aber Sie kennen sich damit aus. Nicht umsonst hat man Sie auf der Universit�t zum k�nftigen Faraday auserkoren. Dort haben Sie etwas �ber die H�hle und diese Kugel gelesen, was alle Ihre Pl�ne umgeworfen hat, woraufhin Sie Ihr eigenes Spiel zu spielen begonnen haben.� Misstrauisch blickte sie auf die geheimnisvoll funkelnde Kugel. �Was ist denn an dieser Kugel so Besonderes, dass Sie ihretwegen ein solches Risiko eingegangen sind und so viele Menschen zugrunde gerichtet haben?�</p><p>�Alles�, sagte der M�nch, schlug die Kapuze zur�ck, die nun nicht mehr vonn�ten war, und sch�ttelte seinen Lockenkopf. �In dieser Kugel liegt alles, was ich mir w�nsche. Vollkommene Freiheit, Ruhm, Reichtum, Gl�ck! Erstens enth�lt sie mindestens sechshunderttausend Solotnik des wertvollsten Metalls der Welt, und jeder Solotnik bedeutet einen Monat sorgenfreies Leben. Zweitens, und das ist die Hauptsache, ist mir dank diesem schwachsinnigen Knirps ein gro�artiges Projekt eingefallen, eine wunderbare Idee! Au�er mir wird das niemand verstehen, niemand wird seine Bedeutung erkennen. Als man mich von der Universit�t jagte, dachte ich schon, es sei alles vorbei. Aber nein, hier ist sie, meine Zukunft.� Er umriss die H�hle mit einer weit ausholenden Geste. �Ich brauche keinen akademischen Grad und auch keine langj�hrige Assistentenzeit bei einer Provinzkoryph�e. Ich werde mein eigenes Laboratorium einrichten, in der Schweiz. Ich werde die Emanationstheorie selbst ausarbeiten! Niemand hat mir etwas zu sagen, ich muss niemanden um Geld bitten! Die Welt wird Lentotschkin kennen lernen!� Alexej Stepanowitsch beugte sich vor und strich liebevoll �ber die schillernde Oberfl�che der Kugel. �Schade, dass ich nur so wenig Platin-Iridium absch�rfen konnte. Aber das macht nichts, f�r meine Zwecke reicht auch das, was da ist.�</p><p>Er drehte sich zu Polina Andrejewna um, und seine eingefallenen Wangen, auf denen keine Spur der fr�heren Gr�bchen mehr zu erkennen war, verzogen sich zu einer Art L�cheln.</p><p>�Sie haben mich zu fr�h aufgesp�rt, Schwester. Daf�r kann ich mich wenigstens aussprechen, sonst habe ich immer nur mit mir selbst geredet. So dauert es wahrhaftig nicht lange, bis einem das Gehirn weich wird. Sie sind eine Person von scharfem Verstand, Sie werden meinen Plan zu w�rdigen wissen. Es ist doch keine schlechte Idee, oder? Besonders mit der Nacktheit wie im Paradies, was? Ich musste mich doch irgendwie auf Kanaan einnisten, bis ich alles vorbereitet hatte. Tags�ber ruhe ich mich im Garten Eden aus, esse Ananas (die verfluchten Dinger h�ngen mir schon zum Hals heraus), und nachts ziehe ich die Kutte unter dem Geb�sch hervor, streife als schwarzer M�nch auf der Insel umher und erschrecke die Bewohner. Die Hauptsache aber � niemand hat Verdacht gesch�pft. Ljampe und ich, wir waren ein pr�chtiges Paar, beide als Wassilisk verkleidet � die Neugierigen und die Beter haben wir s�mtlich vom Ufer verscheucht. Ach, einen Monat noch, dann h�tte ich nicht f�nf, sondern f�nfzig oder hundert Pfund abgefeilt. Damit h�tte ich nicht nur ein Laboratorium, sondern ein ganzes Forschungszentrum einrichten k�nnen. Wie ein nat�rlicher Spalter funktioniert, ist bekannt und durch Ljampes Experimente best�tigt�, sagte er halb laut mehr zu sich selbst als zu Polina Andrejewna. �Jetzt kann man versuchen, einen k�nstlichen Spalter herzustellen, f�r die erste Zeit reicht das Geld, und dort werden sich ein paar Gelds�cke finden, die etwas springen lassen . . .�</p><p>�Was ist das, ein Spalter?�, fragte die Lissizyna ganz Ohr.</p><p>Alexej Stepanowitsch fuhr zusammen und bedachte sie mit einem weiteren tr�ben L�cheln.</p><p>�Das verstehen Sie sowieso nicht. Sie sollten besser meinem Plan die geb�hrende Anerkennung zollen. Habe ich das nicht alles wunderbar ausgeheckt? Da sitzt ein friedlicher Idiot im Glashaus, nackt wie die Engel im Himmel, er spricht in R�tseln und lockt die dummen Karauschen zu seiner Angel in die abgelegene H�tte. Und schwupps zappeln sie am Haken, dann einen Schlag vor die Stirn und ab in den Eimer. Ich wei�, dass Sie, Mademoiselle Pelagia, mich noch nie ausstehen konnten, aber geben Sie zu: Das habe ich mir pr�chtig ausgedacht!�</p><p>�Ja, sehr erfinderisch.� Polina Andrejewna wollte das gar nicht bestreiten. �Aber auch sehr unbarmherzig. Und gerade, weil Sie so grausam sind, habe ich Sie nie gemocht. Es hat mir schon nicht gefallen, auf welch gemeine Weise Sie sich f�r die Kr�nkung an dem Prorektor ger�cht haben.�</p><p>Alexej Stepanowitsch ging in der H�hle auf und ab und sch�ttelte seine Finger aus, die von der Arbeit erm�det waren.</p><p>�Ja, nat�rlich. F�rst Bolkonski h�tte sich nie so verhalten. Daher ist er auch kein Bonaparte geworden. Aber ich werde einer. Da ist es, mein Toulon.� Lentotschkin zeigte wieder mit dem Kopf auf die wunderbare Kugel. �Von diesem St�tzpunkt aus kann ich die andere Kugel, die noch viel gr��er ist, aus den Angeln heben. Ach, ich h�tte Ihnen damals mit der Stelze richtig eins �berziehen sollen! Nur sechs N�chte habe ich mit der Kugel verbracht. Und jetzt muss ich mich davonmachen. Macht nichts, das, was ich jetzt habe, reicht f�r meine Zwecke.�</p><p>Er schlug sich an die Brust und blieb vor dem schwarzen Schlund des Stollens stehen. Er f�hrte die Hand an den Mund und leckte die Handfl�che ab � sie war voller aufgeplatzter Schwielen, aus denen das Blut tropfte. Doch nicht die Schwielen erregten Frau Lissizynas Aufmerksamkeit, sondern der merkw�rdige l�ngliche Gegenstand, der in Alexej Stepanowitschs Fingern blitzte.</p><p>�Was haben Sie denn da?�</p><p>�Das?� Er zeigte ihr einen schmalen Keil, der mit glitzernden P�nktchen �bers�t war. �Das ist eine mit Diamantstaub beschichtete Feile. Nur damit kann man Platin-Iridium abschaben. Die habe ich mir von unserem guten Ljampe ausgeliehen. Er ist nat�rlich ein kompletter Strohkopf, aber f�r die Idee des Kernspalters und die Analyse der Meteroritenmaterie bin ich ihm dankbar.�</p><p>Polina Andrejewna verstand weder, was das f�r eine Idee war, noch was �Meteoritenmaterie� bedeutete, doch sie fragte nicht weiter � erst jetzt erkannte sie, das Lentotschkin ihr mit seinem scheinbar ziellosen Herumlaufen in der H�hle den einzigen Fluchtweg abgeschnitten hatte.</p><p>�Werden Sie mich auch umbringen?�, fragte sie leise, und sie starrte wie gebannt auf die funkelnde Feile. �Wie Lagrange, wie Feognost, wie Ilari?�</p><p>Aljoscha presste die Hand an die Brust, als wolle er sich rechtfertigen.</p><p>�Wenn ich jemanden umbringe, dann nicht ohne Grund, sondern weil es nicht anders geht. Lagrange war selbst schuld, er hatte einen so harten Kopf, dass ich ihn nicht bet�uben konnte, ich musste ihn erschie�en. Feognost hinderte mich daran, in die Einsiedelei zu gelangen, er hielt meinen Platz besetzt. Und f�r Ilari hatten die Br�der doch ohnehin schon die Totenmesse gelesen . . .�</p><p>Seine wei�en Z�hne blitzten, und es wurde deutlich, dass der erfinderische J�ngling sich keineswegs rechtfertigte, sondern dass er sich lustig machte. Doch das L�cheln verschwand sogleich wieder, und er fragte mit ernster, erstaunter Stimme:</p><p>�Eines verstehe ich nicht. Was haben Sie denn erwartet, als Sie hierher kamen? Sie wussten doch bereits, dass Sie hier nicht den schw�chlichen Ljampe, sondern mich finden w�rden! Haben Sie auf meine Ritterlichkeit gegen�ber einer Dame gehofft? Das war vergebens. Sosehr ich es auch w�nschte, aber ich kann Sie nicht am Leben lassen, Schwester. Ich brauche noch vierundzwanzig Stunden, um vom Archipel zu verschwinden.�</p><p>Er seufzte betr�bt, blinzelte aber gleich danach und zeigte mit einem breiten L�cheln seine Z�hne � er hielt sie erneut zum Narren.</p><p>�Um die ganze Wahrheit zu sagen, selbst ohne diese �berlegung h�tte ich Ihnen den Garaus gemacht. Sie tun mir ganz und gar nicht Leid, Sie durchtriebene Maus. Was brauche ich bei meinem k�nftigen wissenschaftlichen Ruhm eine Zeugin wie Sie?�</p><p>Alexej Stepanowitsch hob die Hand mit der Feile hoch, und die Feile spr�hte bunte Funken, genau wie der Zauberstab im M�rchen.</p><p>�Schauen Sie nur hin, Mademoiselle Pelagia. Ein wundersch�ner Traum. Von solcher Sch�nheit den Tod zu empfangen � selbst Kleopatra h�tte Sie beneidet. Und so scharf, sie wird Ihren rothaarigen Kopf ohne weiteres von einem Ohr zum �ndern durchbohren. Ich werde Sie auf den Stapel legen, unter einen der vertrockneten Gerechten.� Tr�umerisch kniff Aljoscha die Augen zusammen. �Die Eremiten werden es nicht sofort bemerken. Erst wenn Sie verfaulen und anfangen zu stinken. Schlie�lich sind Sie keine Gerechte, also auch nicht unverg�nglich!� Er brach in schallendes Gel�chter aus. �Und f�r Sie ist es ein Trost. So kommen Sie wenigstens nach dem Tod unter einen Mann zu liegen.�</p><p>Polina Andrejewna wich ein St�ck zur�ck, die Reisetasche wie einen Schild vor die Brust gepresst. Voller Panik tasteten ihre Finger nach dem Verschluss.</p><p>�Gehen Sie, Alexej Stepanowitsch. Laden Sie nicht noch mehr Schuld auf Ihre Seele, Sie haben auch so schon gen�gend Unheil angerichtet. Ich schw�re Ihnen in Christi Namen, dass ich vor morgen Nachmittag drei Uhr nichts unternehmen werde. Sie k�nnen die Insel morgen fr�h mit dem Paketboot verlassen.�</p><p>Sie knipste die vernickelten K�gelchen am Verschluss der Reisetasche auf und fuhr mit der Hand hinein. Darin lag, eingewickelt in ihre Unterhose, Lagranges Revolver. Sie w�rde nat�rlich nicht schie�en, doch zur Einsch�chterung w�rde der Revolver dienlich sein. Dann w�rde auch Aljoscha begreifen, was sie sich erhofft hatte, als sie allein in die gef�hrliche H�hle gekommen war.</p><p>Alexej Stepanowitsch machte ein paar rasche Schritte nach vorn, und Polina Andrejewna erkannte pl�tzlich, dass sie es nicht mehr schaffen w�rde, den Revolver aus der zarten Spitze auszuwickeln. Sie h�tte ihn vorher herausnehmen m�ssen, als sie noch im Stollen war.</p><p>Sie duckte sich gegen die unebene Wand. Weiter zur�ckweichen konnte sie nicht.</p><p>Der falsche M�nch hatte keine Eile. Er baute sich vor der zusammengekauerten Frau auf, als messe er ab, wohin er schlagen solle � ins Ohr, wie er gedroht hatte, in den Hals oder in den Bauch.</p><p>Das Ol in der Lampe war beinahe heruntergebrannt und gab nur noch ganz wenig Licht. Hinter Aljoschas R�cken g�hnte schwarz die vollkommene Finsternis.</p><p>�Was guckst du so d�ster?�, fragte Alexej Stepanowitsch grinsend. �Du wolltest deine H�rner ausprobieren, aber Gott hat dir keine gegeben? Wenn das so ist, h�ttest du nicht zur Corrida kommen sollen, du hornlose Kuh.� Er sang eine Weise aus einer modernen Oper und f�hrte dabei seine Feile wie ein Torero den Degen: �Toreador, prends garde � toi!�</p><p>Pl�tzlich brach der Gesang ab, und er sackte in sich zusammen, als sei ein Kn�ppel auf seinen Lockenkopf heruntergesaust, unter dessen Schlag er weggeknickt war.</p><p>Ein wenig hinter der Stelle, an der gerade noch Aljoscha gestanden hatte, war ein langer schwarzer Schatten in einer spitz zulaufenden Kapuze zu erkennen. Polina Andrejewna wollte aufschreien, sog aber nur scharf die Luft ein.</p><p>�Die Regeln der Einsiedelei habe ich deinetwegen verletzt�, erklang die brummige Stimme des Eremiten Israil. �Ich habe in der Nacht meine Zelle verlassen. Ich habe die S�nde der Gewaltanwendung auf mich geladen. Und alles deshalb, weil ich wei�, dass Frauen deines Schlages starrsinnig und neugierig bis zur Unvernunft sind. Um keinen Preis w�rst du in die Welt zur�ckgekehrt, ohne hier alles mit deiner sommersprossigen Nase ausgekundschaftet zu haben. Und nun, sieh nur, wie weit du gekommen bist. Das ist er, der Himmelssplitter, den wir Eremiten �ber hunderte von Jahren geh�tet haben. Das ist ein Zeichen, das uns von unserem heiligen Gr�nder, dem gerechten Wassilisk, gesandt wurde. Aber sieh dich vor, zu niemandem ein Wort dar�ber. Abgemacht?�</p><p>Frau Lissizyna nickte nur schweigend, denn nach all diesen Schrecken hatte sie die Gabe der Rede noch nicht wiedergefunden.</p><p>�Und wer ist dieser J�ngling?�, fragte der Abt, w�hrend er sich auf seinen Stab gest�tzt �ber den am Boden liegenden Aljoscha beugte.</p><p>Sie kam nicht mehr dazu, ihm zu antworten.</p><p>Aljoscha b�umte sich auf und bohrte dem Einsiedler die Feile mitten in die Brust. Dann zog er sie wieder heraus und stach erneut zu.</p><p>Israil brach �ber seinem M�rder zusammen. Er tastete mit den H�nden auf dem Boden herum, doch konnte er weder aufstehen noch seinen Kopf heben.</p><p>Lentotschkin ben�tigte nur wenige Augenblicke, um den knochigen K�rper des alten M�nchs abzusch�tteln und aufzustehen, doch das reichte Polina Andrejewna, um in die Mitte der H�hle zu laufen, den Revolver aus der Reisetasche zu holen und ihn aus der Spitze zu wickeln. Sie lie� die Reisetasche zu Boden fallen, umklammerte mit beiden H�nden den geriffelten Griff des Revolvers und zielte auf Alexej Stepanowitsch.</p><p>Der blickte sie furchtlos an. Er grinste schief und rieb sich den verletzten Hinterkopf. Dann zog er dem Eremiten m�helos die Feile aus der Brust, als sei diese aus Butter.</p><p>�K�nnen Sie mit einer Feuerwaffe umgehen, Schwesterchen?�, fragte Lentotschkin schalkhaft. �Wissen Sie, auf welches Kn�pfchen Sie dr�cken m�ssen?�</p><p>L�ssig kam er auf sie zugeschlendert. Die Diamantsplitter an der Feile waren jetzt dunkel vor Blut und glitzerten nicht mehr.</p><p>�Ja, das wei� ich! Das ist ein Revolver, Marke Smith &amp; Wesson, Kaliber .45, sechssch�ssig, mit Zentralfeuer und Double Action.� Frau Lissizyna sprudelte ihre dem Lehrbuch der Ballistik entnommenen Kenntnisse hervor. �Die Kugel wiegt drei Solotnik, Ausgangsgeschwindigkeit hundert Klafter in der Sekunde, durchschl�gt ein dreiz�lliges Kiefernbrett aus zwanzig Schritt Entfernung.�</p><p>Nur schade, dass ihre Stimme sich dabei �berschlug.</p><p>Aber das machte nichts, es wirkte auch so.</p><p>Alexej Stepanowitsch war reglos stehen geblieben. Verwirrt blickte er in die schwarze �ffnung des Laufs.</p><p>�Und wo ist der Colt, Kaliber .38?�, fragte Polina Andrejewna, die ihren Vorteil ausbaute. �Der, mit dem Sie Lagrange erschossen haben? Geben Sie her, aber langsam und mit dem Griff nach vorn.�</p><p>Als Aljoscha nicht gehorchte, sagte sie nichts weiter, sondern spannte den Hahn. Das Knacken, das ihr gar nicht so laut vorkam, dr�hnte in der Stille der H�hle beeindruckend laut.</p><p>Der M�rder zuckte zusammen, lie� die Feile zu Boden fallen und hob die H�nde hoch.</p><p>�Ich habe ihn nicht! Ich habe ihn ins Wasser geworfen, noch in derselben Nacht! Ich h�tte ihn doch nicht im Palmenhaus verstecken k�nnen, am Ende h�tte der G�rtner ihn noch gefunden.�</p><p>Die Ermittlerin hatte inzwischen Mut gesch�pft und fuchtelte drohend mit dem langen Lauf herum:</p><p>�Sie l�gen! Sie hatten doch auch keine Angst, das Gewand von Wassilisk zu verstecken!�</p><p>�Ach was � eine Kutte und ein Paar alte Stiefel. Wenn sie jemand gefunden h�tte, h�tte er sich nichts dabei gedacht. Ah!� Alexej Stepanowitsch schlug die H�nde zusammen und starrte entsetzt an der Lissizyna vorbei auf eine Stelle hinter ihrem R�cken. �Wa . . . Wassilisk!�</p><p>Leider fiel Polina Andrejewna auf diesen nicht besonders raffinierten Bubenstreich herein � eine Dummheit macht auch der Gescheiteste. Sie drehte sich alarmiert um und starrte in die Finsternis. Vielleicht war ja der Schatten des heiligen Schutzpatrons wahrhaftig erschienen, um seinen Schatz zu verteidigen?</p><p>Da war kein Schatten, und der flinke Aljoscha nutzte den Moment, um sich zu b�cken und zum Stollen zu rennen.</p><p>�Halt!�, schrie Polina Andrejewna mit schrecklicher Stimme. �Halt, oder ich schie�e!�</p><p>Und sie wollte ebenfalls in den Stollen st�rmen.</p><p>Ein St�hnen hinderte sie daran. Ein qualvolles St�hnen voll uns�glichen Leids.</p><p>Sie wandte sich um und sah Vater Israil, der auf den Ellbogen gest�tzt seine zitternde, ausgemergelte Hand nach ihr ausstreckte.</p><p>�Geh nicht weg, lass mich nicht so liegen . . .�</p><p>Sie schwankte nur einen Augenblick.</p><p>Mochte er fliehen. Barmherzigkeit war wichtiger als Vergeltung, selbst als Gerechtigkeit. Und was h�tte sie davon, wenn sie dem �belt�ter hinterherjagte? Wenn er nun nicht stehen bleiben w�rde? Sie k�nnte doch nicht deshalb auf ihn schie�en. Und wohin konnte er schon fliehen, mit Kleopas kleinem Boot mit den schmalen Rudern? Bis Kanaan w�rde er es schaffen, aber aufs Festland w�rde er damit nie kommen.</p><p>Polina Andrejewna verscheuchte alle unwichtigen Gedanken, trat zu dem Sterbenden, setzte sich auf den Boden und bettete den Kopf des M�nchs auf ihre Knie. Behutsam streifte sie die Kapuze ab. Sie sah die schwach zuckenden Wimpern, die lautlos sich bewegenden Lippen.</p><p>Die Lampe leuchtete noch einmal hell auf und erlosch. Sie musste eine Kerze anz�nden und sie auf einem Stein befestigen.</p><p>Der M�nch bereitete sich unterdessen darauf vor, seine Seele in die Freiheit zu entlassen, und hatte bereits die H�nde �ber der Brust gefaltet.</p><p>Pl�tzlich aber bewegte er kl�glich die Brauen. Er blickte Polina Andrejewna �ngstlich und inst�ndig flehend an. Seine Lippen fl�sterten nur das eine Wort:</p><p>�Verzeih . . .�</p><p>Und da vergab sie ihm � ohne jede Anstrengung, einfach, weil sie es konnte. Dann beugte sie sich �ber ihn und k�sste ihn auf die Stirn.</p><p>�Gut�, l�chelte der M�nch, und er schloss die Augen.</p><p>Nach einigen Minuten �ffneten sich die Augen wieder, doch sein Blick war schon erloschen, tot.</p><p>***</p><p>Als Frau Lissizyna zum Ufer hinunterging, um zu sehen, ob es Alexej Stepanowitsch gelungen war, mit Kleopas Boot nach Kanaan zu fahren, warteten dort zwei �berraschungen auf sie. Erstens war das Boot genau dort, wo sie es vert�ut hatte � v�llig unversehrt. Und zweitens bewegte sich vom gegen�berliegenden Ufer her eintr�chtig rudernd eine ganze Flottille auf die Nachbarinsel zu. Die Dollen quietschten, die Ruderer �chzten, die Fackeln loderten hell.</p><p>Im Bug des vordersten Bootes stand, kampflustig mit dem Stab herumfuchtelnd, Bischof Mitrofani. Sein langer Bart flatterte im frischen Wind.</p></section></section><section><title><p>EPILOG</p><p>Aller Betr�bten Freude</p></title><p>Derselbe Wind wehte auch auf der anderen, zur offenen Weite des Sees hin gelegenen Seite der Nachbarinsel, doch blies er hier nicht nur frisch, sondern stark und heftig.</p><p>Ein junger Mann in einer Kutte mit zur�ckgeschlagener Kapuze zog ein zwischen zwei Findlingen verborgenes, wendiges Boot hervor, setzte sich hinein, stie� sich mit dem Ruder ab und lie� dieses, als er ein St�ck auf den See hinaus gerudert war, auf den Boden des Bootes fallen. Stattdessen stellte er einen leichten Mast auf und setzte ein wei�es Segel in den Wind. Das leichte Boot glitt pfeilschnell durch die Wellen � schneller wahrscheinlich als der Dampfer, zumal der Dampfer den Windungen der Fahrrinne folgen musste, w�hrend Sandb�nke f�r das kleine Boot kein Problem darstellten.</p><p>Der Segler hatte einen Kompass dabei, den er hin und wieder zu Rate zog* offenbar weil er bef�rchtete, im Dunkeln vom Kurs abzukommen. Von Zeit zu Zeit drehte er am Steuerruder, oder er ver�nderte den Winkel des Segels, doch als die aufgehende Sonne einen roten Schimmer �ber den von einem Dunstschleier bedeckten See warf, beruhigte der junge Mann sich endg�ltig.</p><p>Der erste zaghafte Sonnenstrahl zeichnete n�mlich eine Linie bis zum Horizont und entz�ndete am Rande des Himmels einen goldenen Funken, der nicht mehr erlosch. Das war der Glockenturm der Kirche �Aller Betr�bten Freude�, der wichtigsten Kirche der Stadt Sineosjorsk, der an klaren Tagen drei�ig Werst weit zu sehen war. Folglich war das Boot nicht vom Kurs abgekommen, sondern genau in die richtige Richtung gefahren.</p><p>Der Steuermann richtete den Bug des kleinen Bootes so aus, dass er geradewegs auf die Kirche zusteuerte, und summte ein fr�hliches Lied vor sich hin.</p><p>Alles f�gte sich, wie es besser nicht sein konnte. Noch zwei Stunden, und die Fahrt w�rde ein Ende haben. Dass der Wind drehen w�rde, war nicht anzunehmen. Schade nat�rlich, dass er nicht mehr von den wertvollen Feilsp�nen hatte zusammenkratzen k�nnen, doch es waren auch so etwa f�nf Pfund.</p><p>Der kleine, aber schwere Sack hing unter seiner Kutte, zwischen Brustkorb und Bauch. Der Strick hatte ihm den Nacken ein wenig wund gerieben, aber das war nicht der Rede wert. F�nf Pfund, also beinahe f�nfhundert Solotnik, jeder zu . . .</p><p>Er musste seine Berechnungen unterbrechen, weil ihn pl�tzlich �belkeit befiel. Keuchend und w�rgend, von Kr�mpfen gesch�ttelt, beugte der junge Mann sich �ber die Bordwand. Danach kroch er entkr�ftet auf den Boden, wischte sich den Schwei� ab und l�chelte unbek�mmert. Anf�lle von �belkeit und Schw�che hatten ihn in letzter Zeit h�ufiger heimgesucht � das kam wahrscheinlich von der schlechten Ern�hrung und der nervlichen Anspannung. Wenn er sich ausruhte und besser ern�hrte, w�rde das alles Vorbeigehen.</p><p>Er rieb sich verbissen die Schl�fen, um den Schwindel zu vertreiben. Ein B�schel lockiger Haare blieb zwischen den Fingern h�ngen, und das beunruhigte den jungen Mann weit mehr als der vorherige Anfall. Aber auch nicht f�r lange. Nat�rlich, sagte er sich, einen Monat habe ich mir die Haare nicht gewaschen. Ein Wunder, dass ich mir keine Filzl�use zugezogen habe. Macht nichts, ich fahre dritter Klasse bis Wologda, ganz bescheiden, und dort ziehe ich mich um und steige in einem guten Hotel ab, wo es ein Zimmer mit Bad gibt, ein Restaurant und einen Coiffeursalon.</p><p>Und das Laboratorium w�rde er besser doch nicht in der Schweiz, sondern in Amerika einrichten. Das w�re sicherer. Nat�rlich w�rde er einen anderen Namen annehmen m�ssen. �Mister Basilisk� zum Beispiel, das w�re doch gar nicht schlecht?</p><p>Er fing an zu lachen, aber das Lachen missgl�ckte und ging in einen langen, qu�lenden Hustenanfall �ber. Er wischte sich die Lippen ab und zog die schwarze Kapuze fester um den Hals. Vielleicht war es auch besser, dass er nicht l�nger auf der Insel geblieben war? Schon bald w�rde die K�lte einsetzen, der Herbst hatte sich ohnehin schon ungew�hnlich lange hingezogen. Wenn er sich jetzt noch eine Lungenentz�ndung zuz�ge, k�me das h�chst ungelegen. Er hatte keine Zeit, krank zu sein.</p><p>Die neue Strahlenphysik er�ffnete Perspektiven, die der j�mmerliche Kleingeist des schwachsinnigen Ljampe und die Pariser Laborratten nicht erfassen konnten. �Todesstrahlen�! Nur einem Idioten konnte so ein Bl�dsinn einfallen. Das war einfach eine neue Art Energie, nicht gef�hrlicher als magnetische oder elektrische Strahlung. Die unermessliche Macht des Atomkerns � darin lag der Schl�ssel. Wer das zuerst begreifen w�rde, der k�nnte die Welt beherrschen. Mit vierundzwanzig war er dazu gerade im richtigen Alter, wie Bonaparte.</p><p>Die Sonne flammte �ber dem Scheitel des Triumphators auf, wo eine runde kahle Stelle leuchtete, die einer Tonsur sehr �hnlich war.</p></section></section></body><binary id="cover" 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