<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>antique</genre><author><first-name>Sa�a</first-name><last-name>Stani�ic</last-name></author><book-title>Wie der Soldat das Grammofon repariert</book-title><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang></title-info><document-info><author><first-name>Sa�a</first-name><last-name>Stani�ic</last-name></author><program-used>calibre 3.8.0, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date>26.4.2019</date><id>58b14f61-3800-41b6-99dd-00e1cd3543d8</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Random House DE</publisher><year>2009</year></publish-info></description><body><section><p><image l:href="#cover"/></p><p><emphasis>F�r meine Eltern | Mojim roditeljima</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Inhaltsverzeichnis</strong></p><p><emphasis>Widmung</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wie lange ein Herzstillstand f�r hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wie s�� Dunkelrot ist, wie viele Ochsen man f�r eine Wand braucht, warum das Pferd von Kraljevi� Marko mit Superman verwandt ist und wie es sein kann, dass ein Krieg zu einem Fest kommt</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wer gewinnt, wenn Walross pfeift, wonach ein Orchester riecht, ab wann man Nebel nicht mehr schneiden kann und wie eine Geschichte zu einer Abmachung wird</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wann Blumen Blumen sind, wie Mister Hemingway und Genosse Marx zueinander stehen, wer der wahre Tetrismeister ist und wof�r Bogoljub Balvans Schal sein Gesicht herhalten muss</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wann etwas ein Ereignis ist, wann ein Erlebnis, wie viele Tode Genosse Tito hat und wie der ehemals gefeierte Dreiersch�tze hinter das Lenkrad eines Centrotrans-Busses gelangt</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Was Milenko Pavlovi�, genannt Walross, von seiner sch�nen Reise mitbringt, wie das Bein des Stationsvorstehers zum Leben erwacht, wof�r man Franzosen gebrauchen kann und warum die Anf�hrungsstriche �berfl�ssig sind</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wohin schlechter Musikgeschmack f�hrt, was der Dreipunktemann anprangert und wie schnell ein Krieg ist, wenn er einmal Anlauf genommen hat</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Was wir im Keller spielen, wie die Erbsen schmecken, warum die Stille ihre Z�hne fletscht, wer richtig hei�t, was eine Br�cke aush�lt, warum Asija weint, wie Asija strahlt</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wie der Soldat das Grammofon repariert, was Genie�er trinken, wie wir schriftlich in Russisch stehen, warum D�bel Spucke essen und wie es sein kann, dass eine Stadt zersplittert</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Emina auf den Armen durch ihr Dorf getragen,</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>26. April 1992</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>9. Januar 1993</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>17. Juli 1993</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>8. Januar 1994</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Hallo. Wer? Aleksandar! So was, woher rufst du an? Nicht schlecht! Beschissen, und selbst?</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>16. Dezember 1995</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>was ich eigentlich will</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>1. Mai 1999</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Aleksandar, ich m�chte das Paket unbedingt � dir � schicken.</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p><strong>Als alles gut war</strong></p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Eis</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wunsch</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Parade</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>1. Mai 1989 oder Das K�ken in der Pionierhand</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Es gibt keine Partisanen mehr</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Eine sch�ne Reise</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wie man verschwindet</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Warum �ika Doktor jemandem die Wade aufgeschnitten hat</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Warum Vukoje Wurm mit der drei Mal gebrochenen Nase meine Nase nicht bricht</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Warum �ika Hasan und �ika Sead unzertrennlich sind und womit auch der kl�gste Welsgelehrte nicht rechnen kann</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wie sich Schachspiel zu Weltpolitik verh�lt, warum Opa Slavko wei�, dass morgen die Revolutionen kommen und wie es sein kann, dass manchmal etwas so schwer zu sagen ist</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Welches Versprechen ein Staudamm halten muss, wie die sch�nste Sprache der Welt klingt und wie oft ein Herz schlagen muss, um die Scham zu schlagen</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Warum H�user mitf�hlend und selbstlos sind, was sie musizieren und warum ich ihnen w�nsche, dass sie mitf�hlend und selbstlos bleiben, und vor allem fest</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Welcher Sieg der sch�nste ist, was mir Opa Slavko zutraut und warum alle so tun, als w�rde die Angst kleiner werden, wenn man �ber sie nicht spricht</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Wie es der dreisten Drina geht, wie es der lippenlosen Drina wirklich geht, was sie vom kleinen Herrn Rzav h�lt und wie wenig man braucht, um gl�cklich zu sein wie ein Falke</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>11. Februar 2002</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Ich bin Asija. Sie haben Mama und Papa mitgenommen. Mein Name hat eine Bedeutung. Deine Bilder sind gemein</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Von dreihundertdrei�ig zuf�llig gew�hlten Nummern in Sarajevo ist bei ungef�hr jeder f�nfzehnten ein Anrufbeantworter dran</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Was die Wise Guys weise macht, wie hoch der Einsatz auf die eigene Erinnerung sein darf, wer gefunden wird und wer erfunden bleibt</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Was hinter Gottes F��en gespielt wird, wof�r sich Kiko die Zigarette aufhebt, wo Hollywood liegt und wie Mikimaus zu antworten lernt</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Ich habe Listen gemacht</p><empty-line/><p><emphasis/></p><p>Chefgenosse des Unfertigen</p><empty-line/><p><emphasis>Danksagung</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis/></p><p><emphasis>Copyright</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wie lange ein Herzstillstand f�r hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat</strong></p><p><strong>O</strong> pa Slavko ma� meinen Kopf mit Omas W�schestrick aus, ich bekam einen Zauberhut, einen spitzen Zauberhut aus Kartonpapier, und Opa Slavko sagte: eigentlich bin ich noch zu jung f�r so einen Quatsch und du schon zu alt.</p><p>Ich bekam einen Zauberhut mit gelben und blauen Sternen, sie zogen gelbe und blaue Schweife, dazu schnippelte ich eine kleine Mondsichel und zwei Dreiecksraketen aus, eine flog Gagarin, die andere Opa Slavko.</p><p>Opa, mit dem Hut lasse ich mich nirgendwo blicken!</p><p>Das will ich hoffen!</p><p>Am Morgen des Tages, an dessen Abend er starb, schnitzte mir Opa Slavko aus einem Ast den Zauberstab und sagte: im Hut und im Stab steckt eine Zauberkraft, tr�gst du den Hut und schwingst du den Stab, wirst du der m�chtigste F�higkeitenzauberer der blockfreien Staaten sein. Vieles wirst du revolutionieren k�nnen, solange es mit den Ideen von Tito konform geht und in �bereinstimmung mit den Statuten des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens steht.</p><p>Ich zweifelte an der Zauberei, aber ich hatte keine Zweifel an meinem Opa. Die wertvollste Gabe ist die Erfindung, der gr��te Reichtum die Fantasie. Merk dir das, Aleksandar, sagte Opa ernst, als er mir den Hut aufsetzte, merk dir das und denk dir die Welt sch�ner aus. Er �bergab mir den Stab. Ich zweifelte an nichts mehr.</p><empty-line/><p>Es ist �blich, dass man hin und wieder wegen der Verstorbenen traurig wird. Bei uns findet das statt, wenn Sonntag, Regen, Kaffee und Oma Katarina zusammenkommen. Oma schl�rft dann aus ihrer Lieblingstasse, der wei�en mit dem Sprung im Griff, weint und erinnert sich an alle Toten und an die guten Dinge, die sie gemacht haben, bevor ihnen das Sterben dazwischenkam. Heute sind Familie und Freunde bei Oma, weil wir uns an Opa Slavko erinnern, der seit zwei Tagen vorl�ufig tot ist, so lange, bis ich meinen Zauberstab und meinen Hut wiederfinde.</p><p>Noch nicht gestorben in meiner Familie sind Mutter, Vater und Vaters Br�der � Onkel Bora und Onkel Miki. Nena Fatima, die Mutter meiner Mutter, h�lt sich noch gut, bei ihr sind nur die Ohren und die Zunge gestorben � sie ist taub wie eine Kanone und stumm wie Schneefall. Sagt man. Tante Gordana ist auch noch nicht gestorben, sie ist Onkel Boras Frau und schwanger. Tante Gordana, eine blonde Insel im dunklen Haarmeer unserer Familie, wird von allen Taifun genannt, weil sie viermal lebendiger lebt als normale Menschen und achtmal schneller l�uft und vierzehnmal hektischer redet. Sie legt selbst die Strecke von der Klosch�ssel zum Waschbecken im Sprint zur�ck und hat an der Ladenkasse alles ausgerechnet, bevor es die Kassiererin eintippen kann.</p><p>Alle sind wegen Opa Slavkos Tod zu Oma gekommen, reden aber �ber das Leben in Tante Taifuns Bauch. Niemand zweifelt daran, dass Tante ihr Baby sp�testens am Sonntag, maximal am Montag bekommen wird, Monate zu fr�h, aber schon fertig wie im neunten. Ich schlage vor, das Baby Speedy Gonzales zu nennen. Tante Taifun sch�ttelt ihre blonden Locken: sindwirmexikaner? Wirdnm�dchenkeinemaus! Emawirdsiehei�en.</p><p>Und Slavko, f�gt Onkel Bora leise hinzu, Slavko, wenn es ein Junge wird.</p><p>Gro� und �berall ist heute die Liebe f�r Opa Slavko, bei allen Schwarzangezogenen, die bei Oma Katarina Kaffee trinken und verstohlen zum Sofa sehen, auf dem Opa sa�, als Carl Lewis in Tokio den Weltrekord aufstellte. Opa starb in 9,86 Sekunden, sein Herz lieferte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Carl Lewis � das Herz stand still, und Carl raste wie ein Wahnsinniger. Opa keuchte, und Carl riss die Arme in die Luft und warf sich eine amerikanische Fahne �ber die Schultern.</p><p>Die Trauerg�ste bringen Pralinen und W�rfelzucker mit, Cognac und Schnaps. Sie m�chten Omas Trauer mit S��em aufwiegen und trinken gegen ihre eigene an. Die m�nnliche Trauer riecht nach Rasierwasser. Sie steht in kleinen Runden in der K�che und betrinkt sich. Die weibliche Trauer sitzt mit Oma um den Wohnzimmertisch, schl�gt Namen f�r das neue Leben in Tante Taifuns Bauch vor, und diskutiert die ges�ndeste Schlafposition in den ersten Monaten. Als Opas Name f�llt, schneiden die Frauen Kuchen und bieten sich gegenseitig die St�cke an. Sie zuckern den Kaffee und r�hren ihn mit L�ffeln um, die aussehen wie Spielzeugbesteck.</p><p>Immer loben Frauen Kuchen.</p><p>Ur-Oma Mileva und Ur-Opa Nikola sind nicht hier, weil ihr Sohn zu ihnen kommt, nach Veletovo, weil er in dem Dorf begraben werden soll, wo er geboren wurde. Was das miteinander zu tun hat, wei� ich nicht. Man m�sste dort tot sein d�rfen, wo man viel und gern am Leben war. Mein Vater unter unserem Keller, den er �das Atelier� nennt, und kaum je verl�sst, unter seinen Leinw�nden und seinen Pinseln. Oma egal wo, Hauptsache, die Nachbarinnen sind auch da und es gibt Kaffee und Pralinen. Ur-Oma und Ur-Opa unter ihrem Pflaumengarten in Veletovo. Wo war meine Mutter viel und gerne?</p><p>Opa Slavko in den besten Geschichten oder unter dem Parteib�ro.</p><p>Noch zwei Tage halte ich es vielleicht ohne ihn aus, bis dahin werden meine Zauberutensilien schon noch auftauchen.</p><p>Ich freue mich darauf, Ur-Opa und Ur-Oma wieder zu sehen. Sie haben, seit ich darauf achte, nie s�� gerochen und sind im Durchschnitt circa hundertf�nfzig Jahre alt. Trotzdem sind sie am wenigsten gestorben und am meisten am Leben von allen in der Familie, ausgenommen Tante Taifun, aber sie gilt nicht, denn sie l�uft nicht unter Menschen, sondern unter Naturkatastrophen und hat einen Propeller im Hintern. Sagt Onkel Bora manchmal und k�sst den R�cken seiner Naturkatastrophe.</p><p>Onkel Bora wiegt so viel, wie meine Urgro�eltern alt sind.</p><empty-line/><p>Auch noch nicht gestorben in meiner Familie ist Oma Katarina, obwohl sie am Abend, an dem Opas gro�es Herz die schnellste Krankheit der Welt bekam, gew�nscht und geklagt hatte: allein, was soll ich ohne dich, allein will ich nicht, Slavko, mein Slavko, wehe mir!</p><p>Mehr noch als vor Opas Tod f�rchtete ich mich vor dieser gro�en, auf Knien rutschenden Trauer meiner Oma, allein, wie lebe ich jetzt allein! Oma schlug sich gegen die Brust und flehte darum, Opa zu toten F��en, selbst nicht mehr am Leben zu sein. Ich atmete nur noch schnell, aber nicht mehr leicht. Oma war so schwach, dass es mir vorkam, als w�rde ihr K�rper auf dem Boden ganz weich werden, weich und rund. Im Fernsehen sprang eine gro�e Frau in den Sand und freute sich dar�ber. Zu Opas F��en schrie Oma die Nachbarn herbei, sie kn�pften sein Hemd auf, Opas Brille verrutschte, sein Mund hing schief � ich schnitt, wie immer, wenn ich nicht weiterwusste, kleine Dinge aus, mehr Sterne f�r meinen Zauberhut. Trotz der Angst und so kurz nach einem Sterben sah ich, dass Omas Porzellanhund auf dem Fernseher umgefallen war und dass die Teller mit den Fischgr�ten vom Abendessen immer noch auf der geh�kelten Tischdecke standen. Ich h�rte jedes Wort der herumwuselnden Nachbarn, verstand alles trotz Omas Wimmern und Jaulen. Die zerrte an Opas Beinen, Opa rutschte vom Sofa nach vorne. Ich versteckte mich in der Ecke hinter dem Fernseher. Aber auch hinter tausend Fernsehern h�tte ich mich nicht verstecken k�nnen vor Omas verzerrtem Gesicht, nicht vor dem verdrehten, vom Sofa abfallenden Opa, nicht vor dem Gedanken, dass meine Gro�eltern nie h�sslicher waren als jetzt.</p><p>Ich h�tte Oma gern die Hand auf den zitternden R�cken gelegt � ihre Bluse w�re nass vor Schwei� gewesen � und gesagt : Oma, nicht! Es wird alles gut! Opa ist doch in der Partei und die Partei befindet sich in �bereinstimmung mit den Statuten des Bundes der Kommunisten, ich finde blo� meinen Zauberstab gerade nicht. Es wird alles wieder gut, Oma.</p><p>Doch ihr trauriger Wahnsinn machte mich stumm. Je lauter sie sich wand, lasst mich!, desto mutloser wurde ich in meinem Versteck. Je mehr Nachbarn sich von Opa ab- und der Oma zuwandten, die Untr�stliche tr�sten wollten, als verkauften sie ihr etwas, das sie nicht im Geringsten brauchte, desto panischer wehrte sie sich. Je mehr Tr�nen ihre Wangen, ihren Mund, ihr Klagen, ihr Kinn bedeckten wie �l eine Pfanne, desto mehr Details schnitt ich aus dem Wohnzimmer: das B�cherregal mit Marx, Lenin, Kardelj, links unten �Das Kapital�, der Fischgeruch, die Zweige auf der Tapete, vier Gobelins an der Wand � spielende Kinder auf einer Dorfstra�e, bunte Blumen in einer bunten Blumenvase, Schiff auf unruhiger See, H�uschen am Wald �, ein Foto von Tito und Gandhi, die sich mittig �ber Schiff und H�uschen die Hand geben, der Satz: Wie kriegen wir sie von ihm los?</p><p>Immer mehr Leute kamen hinzu, einer nahm dem anderen den Platz weg, als gelte es, etwas nachzuholen oder zumindest nichts mehr zu verpassen und in der N�he zu einem Tod so lebendig wie m�glich zu sein. Opas zu schneller Tod ver�rgerte die Nachbarn oder lie� sie schuldbewusst zu Boden sehen. Niemand hatte Opas Herz folgen k�nnen, auch Oma nicht, wehe mir, warum, warum, warum, Slavko. Teta Amela aus dem zweiten Stock sank nieder, jemand br�llte: Herz Jesu!, ein anderer verfluchte sofort Jesus� Mutter und einige weitere Familienmitglieder noch dazu. Oma zerrte an Opas Hosenbeinen, schlug nach den beiden Sanit�tern, die mit ihren K�fferchen im Wohnzimmer auftauchten, H�nde weg!, schrie sie. Die Sanit�ter trugen unter ihren Kitteln Holzf�llerhemden und zogen Oma von Opas Beinen ab, als l�sten sie eine Muschel vom Stein. Opa w�rde f�r Oma erst dann tot sein, wenn sie ihn losl�sst. Sie lie� nicht los. Die Wei�kittel horchten in Opas Brust, einer hielt ihm einen Spiegel vors Gesicht und sagte: nichts.</p><p>Ich schrie, dass Opa noch da sei, und dass sein Tod nicht konform mit den Zielen des Kommunistischen Bundes gehe. Aus dem Weg, meinen Zauberstab her und ich beweise es euch!</p><p>Niemand beachtete mich. Die Holzf�ller-Sanit�ter gruben in Opas Hemd und leuchteten mit einem Stift in sein Auge. Ich zog das Stromkabel, und der Fernseher verstummte. In der Ecke neben der Steckdose hingen lose Spinnwebenf�den. Um wie viel leichter als ein Menschentod wiegt ein Spinnentod? Welches tote Bein ihres Ehemannes umklammert die Spinnenfrau? Ich nahm mir vor, niemals wieder eine Spinne in eine Flasche einzusperren und langsam Wasser hineinlaufen zu lassen.</p><p>Wo war mein Zauberstab?</p><p>Ich wei� nicht, wie lange ich in der Ecke gestanden habe, bevor mich mein Vater am Arm fasste, als nehme er mich gefangen. Er �bergab mich meiner Mutter, sie zerrte mich durch das Treppenhaus in den Hof. Die Luft roch nach Mirabellenmaische, auf dem Megdan brannten Feuer. Vom Megdan aus kann man fast die ganze Stadt sehen, vielleicht auch in den Hof vor dem gro�en Haus mit seinen f�nf Stockwerken, f�r Vi�egrad schon ein Hochhaus, wo sich eine junge Frau mit langem schwarzen Haar und braunen Augen zu einem Jungen mit der gleichen Haarfarbe und den gleichen Mandelaugen beugte. Sie pustete ihm Str�hnen aus der Stirn, ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen. Was sie zu dem Jungen fl�sterte, war auf dem Megdan nicht zu h�ren. Wahrscheinlich war auch nicht zu erkennen, dass der Junge, nachdem ihn die Frau umarmt und lange, lange fest gehalten hatte, nickte. So wie man nickt, wenn man etwas verspricht.</p><empty-line/><p>Am Abend des dritten Tages nach Opa Slavkos Tod sitze ich in der K�che und bl�ttere Fotoalben durch. Ich nehme alle Fotos von Opa Slavko aus dem Album heraus, noch wei� ich nicht, was ich mit ihnen vorhabe. Im Hof legt sich unsere Kirsche mit dem Wind an, ein Sturm. Nachdem ich Opa Slavko die F�higkeit gegeben haben werde, wieder zu leben, wird mein n�chster Streich sein, uns allen die F�higkeit zu geben, Ger�usche festzuhalten. Wir werden den Wind in den Kirschbl�ttern und das Rumoren des Donners und das n�chtliche Hundebellen im Sommer in ein Album aus T�nen legen k�nnen. Und hier hacke ich Holz f�r den Kamin � so werden wir unser Leben aus T�nen stolz vorf�hren wie sonst die Bilder aus dem Adria-Urlaub. Kleine Ger�usche wird man in der Faust tragen k�nnen. Meiner Mutter w�rde ich ihr Lachen der guten Tage �ber die Sorgen im Gesicht legen.</p><p>Die br�unlichen Fotos mit dem breiten, wei�en Rand riechen nach Plastiktischdecken und zeigen Menschen mit komischen, nach unten breiter werdenden Hosen. Vor den Fassaden eines unfertigen Vi�egrads steht ein kleiner Mann in Bahnw�rteruniform und sieht geradeaus, steif wie ein Soldat: Opa Rafik.</p><p>Opa Rafik, der Vater meiner Mutter, ist schon lange endg�ltig tot, er ist in der Drina ertrunken. Ich kannte ihn kaum, erinnere mich aber an ein Spiel mit ihm, ein einfaches Spiel. Opa Rafik zeigte auf etwas, und ich nannte davon den Namen, die Farbe und das Erste, was mir dazu einfiel. Er zeigte auf sein Taschenmesser, und ich sagte: Messer, grau und Lokomotive. Er zeigte auf einen Spatz, und ich sagte: Vogel, grau und Lokomotive. Opa Rafik zeigte durch das Fenster in die Nacht, und ich sagte: Tr�ume, grau und Lokomotive, und Opa deckte mich zu und sagte: schlaf eisern.</p><p>Die Zeit meiner grauen Periode war die Zeit meiner Besuche beim Augenarzt, der nichts feststellte, au�er, dass ich mir zu schnell Sachen merken konnte, zum Beispiel die Reihenfolge der kleinen und gro�en Buchstaben auf seinem Plakat. Frau Krsmanovi�, das m�ssen Sie ihm irgendwie austreiben, sagte der Arzt und verschrieb meiner Mutter Tropfen wegen ihrer immer ger�teten Augen.</p><p>Vor Lokomotiven und Z�gen f�rchtete ich mich damals sehr. Opa Rafik hatte mich zu der stillgelegten Eisenbahn-Trasse mitgenommen, die abbl�tternde Farbe von der alten Lok gekratzt, ihr habt mir das Herz gebrochen, gefl�stert und die schwarze Farbe zwischen den Handfl�chen zerrieben. Auf dem Nachhauseweg � Pflasterstein, grau, Lokomotive, meine Hand in seiner gro�en, mit scharfen Farbsplittern geschw�rzten � beschloss ich aus Sorge um mein Herz, zu Z�gen gut zu sein. Nur kamen ja schon lange keine mehr durch unsere Stadt. Einige Jahre sp�ter zeigte mir meine erste nicht erwiderte Liebe, Danijela mit dem sehr langen Haar, wie albern ich die ganze Zeit war, mein Herz vor Zugbruch zu sch�tzen, wenn sie es doch sei, die mir die wirkliche Bedeutung von Herzbruch offenbaren w�rde.</p><p>Abbl�tternde Farbfetzen und das graue Spiel sind meine einzige Erinnerung an Opa Rafik, es sei denn, alte Fotos z�hlen als Erinnerungen. An Opa Rafik mangelt es �berhaupt bei uns. So gern und so viel meine Familie beim Kaffee �ber sich und andere Familien und �ber die Toten bei sich und bei den anderen Familien erz�hlt, so selten wird dabei Opa Rafik bedacht. Nie sieht jemand in den Kaffeesatz und seufzt: ach, Rafik, mein Rafik, wenn du das erleben k�nntest! Nie mutma�t jemand, was Opa Rafik zu irgendetwas sagen w�rde, sein Name f�llt weder als Dank noch als Vorwurf.</p><p>Weniger am Leben als Opa Rafik kann kein Toter sein.</p><p>Die Toten haben es in ihrer Erde einsam genug, warum l�sst man auch noch die Erinnerung an Opa Rafik vereinsamen?</p><p>Mutter kommt in die K�che und �ffnet den K�hlschrank. Sie will Brote schmieren f�r die Arbeit, legt Butter und K�se auf den Tisch. Ich sehe in ihr Gesicht, suche darin Opa Rafiks Fotogesicht.</p><p>Mama, siehst du Opa Rafik �hnlich?, frage ich, als sie sich an den Tisch setzt und Brot auspackt. Sie schneidet die Tomate auf. Ich warte und stelle die Frage noch einmal, jetzt erst h�lt Mutter inne, Messerschneide auf der Tomate. Was f�r ein Opa war Opa Rafik?, frage ich weiter, warum spricht niemand �ber ihn? Wie soll ich jemals wissen, was f�r einen Opa ich hatte?</p><p>Mutter legt das Messer zur Seite und die H�nde in den Scho�. Mutter hebt die Augen. Mutter sieht mich an.</p><empty-line/><p>Du hattest keinen Opa, Aleksandar, du hattest einen Traurigen. Der trauerte um seinen Fluss und seine Erde. Der kniete sich hin, kratzte in dieser seiner Erde, bis ihm die Fingern�gel brachen und Blut kam. Der streichelte Gras und roch daran und weinte in die Grasb�schel wie das kleinste Kind � meine Erde, wie bist du mir getreten und jedem Gewicht ausgeliefert. Du hattest keinen Opa, einen Dummen hattest du. Der soff und soff. Der a� Erde, w�rgte Erde, kroch dann auf allen vieren ans Ufer, sp�lte sich mit dem Flusswasser den Mund aus. Wie liebte dein Trauriger seinen Fluss! Seinen Cognac � dein Dummer, der nur lieben konnte, was er unterjocht und gedem�tigt sah. Der nur lieben konnte, wenn er soff und soff.</p><p>Drina, welch vernachl�ssigter Fluss, welch vergessenes Sch�n!, heulte er, wenn er aus einer der Kneipen getorkelt kam, einmal das Brillengestell verbogen, ein anderes Mal die Hose voll gepisst, dieser Gestank! Welch liederliche Marotte das Alter, weinte er, wenn er stolperte und fiel, sich am Fluss festhalten wollte, um nicht abzuheben. Wie oft fanden wir ihn nachts unter dem ersten Br�ckenbogen, b�uchlings, die Finger in die Wasseroberfl�che gekrallt. Aufgedunsene H�nde, blau, halb zu F�usten geballt. Blumen hielt er in den Fluss, Steine, manchmal eine Cognacflasche. Jahre ist das so gegangen. Seit sie die Eisenbahn abgeschafft hatten, seit kein Zug mehr durch die Stadt fuhr, dem dein Trauriger Weichen stellen, Signale setzen und Schranken heben konnte. Er verlor seine Arbeit und verlor dar�ber kein Wort, es gab nichts mehr zu tun, und es gab nichts zu sagen. Er wurde in Rente geschickt und versoff sie Tag um Tag, erst heimlich, oben am Bahnhof, der keiner mehr war, wo aber noch die alte Lokomotive stand. Sp�ter am Fluss und mitten in der Stadt, voll pl�tzlicher, dummer Liebe zum Wasser und zu seinen Ufern.</p><p>Keinen Opa, einen Verbitterten hattest du. Der trank und trank und trank sich lebensmatt. Wenn er doch blo� Schach oder die Partei oder uns so geliebt h�tte wie seine Z�ge und dann seinen Fluss, am meisten seinen Weinbrand! Wenn er doch blo� auf uns geh�rt h�tte und nicht auf die tiefe, unergr�ndliche Drina!</p><p>Am Abend der Nacht, in der er starb, ritzte dein Gehetzter Buchstaben ins Ufer. Drei Liter Wein hatte er getrunken, ein abgeschlagener Flaschenhals war sein Stift, er schrieb dem Fluss einen langen Brief. Wir zogen ihn an den F��en aus dem Schlamm, er winselte und schrie in den Fluss: wie soll ich dich, wie soll ich allein etwas so Gro�es retten?</p><p>Dass etwas derma�en Trauriges so stinken kann! Man hatte uns gerufen, als seine Schreie und seine Lieder unertr�glich geworden waren. Auf den Armen trug Papa ihn nach Hause, legte ihn mitsamt der Kleidung in die Badewanne, wo sich dein Besoffener zweimal w�tend �bergab, alle Angler verfluchend, m�gen sich eure Waffen gegen eure eigenen M�nder wenden, weil ihr im Flussmagen mit den Haken so stochert, den Fischen � was f�r ein stummer Schmerz! � die Lippen zerrei�t! Soll eure Haut, Verbrecher, abgezogen werden mit stumpfen Messern, hol euch die Tiefe, Boote, Drecksbenzin, alle Wehre, alle Turbinen, alle Bagger! Ein Fluss: nur Wasser und Leben und Kraft und nichts sonst!</p><p>Um Mitternacht wusch ich ihm das Haar und den Schildkr�tennacken, wusch ihn hinter den Ohren und unter den Achseln. Er k�sste meine H�nde und sagte, er wisse genau, wer ich sei. Trotz Tr�nen erkenne er, wessen Kn�chel er streichele und erinnere alles: was f�r ein Kleinod die Liebe sei und was f�r ein Drecksack das Schicksal.</p><p>Ich bin deine Tochter, sagte ich drei Mal, und er gab mir in dieser, seiner letzten Nacht, drei Versprechen: saubere Kleidung, kein Alkohol, Leben. Er erf�llte nur eines. Seine Bahnw�rterm�tze fand man unter dem ersten Br�ckenbogen, man fand die Cognacflasche, ihn fand man nicht. Mit Heugabeln stocherten wir im Uferwasser der Drina nach ihm. Warum war er noch einmal losgezogen? Was gab es noch in dieser Mainacht zu lieben? Die Kaschemmen waren alle l�ngst geschlossen, als ich ihn nach seinem Bad, nach seinen Versprechen zugedeckt hatte. Augerechnet ein Angler entdeckte den K�rper flussabw�rts im Schilf. Das Gesicht unter Wasser, die F��e am Ufer � seine geliebte Drina k�sste ihn in den Tod, eine Trauung f�r deinen Traurigen, der nur ein Versprechen hielt �, er hatte sich fein gemacht f�r diese Hochzeit: er trug seine Uniform mit dem Eisenbahnerwappen. So viele N�chte hatte er den Tod gesucht, besa� bis dahin den Mut nicht, ihn zu finden, behielt den Kopf nie lang genug unter Wasser, damit ihm die Drina seine einzige und letzte Tr�ne wurde.</p><p>Und als er f�r die Todesfeier vorbereitet werden sollte, zw�lf Stunden nur nachdem ich ihn in drei Lebensversprechen gewaschen hatte, war wieder ich es, die den Schwamm nahm, den h�rtesten, den ich finden konnte, war wieder ich es, die den d�rren Oberk�rper abschrubbte, wie man Teppiche schrubbt, die Seife in den gelben, faltigen Bauch rieb und die schlaffen Waden b�rstete. Finger und Gesicht r�hrte ich nicht an. Dein Trauriger hatte in seinem Ufer gew�hlt, und was w�re ich f�r eine Tochter gewesen, ihm die Erde unter den N�geln auszuschaben? Ihm, der verlangt hatte, wenn ich verrecke, will ich keinen Sarg! Wie liebte dein Trauriger seinen grausamen Fluss, wie liebte er die Weiden und den Fisch und den Schlamm! Du hattest keinen Opa, Aleksandar, du hattest einen Dummen. Nur warst du zu klein, um dich an seine Dummheit zu erinnern. Du mochtest, dass er zu allem graugraugrau sagte, das fandest du lustig, warum auch immer. Nur f�r seinen Fluss erfand er die malerischsten Farben, nur die Drina sah er sich genau an, dein Trauriger, der nur dann lachen konnte, wenn er sein Spiegelbild im Wasser betrachtete. Du hattest keinen Opa, Aleksandar, du hattest einen Traurigen.</p><empty-line/><p>Ich sehe meine Mutter mit tausend Fragen an. Sie hat mir den Traurigen gesungen, als h�tte sie das Lied seit dem Tag ge�bt, an dem er ertrunken war. Sie hat gesungen, als geh�rte er ihr nicht und doch so z�rtlich w�tend, dass ich Angst hatte, ein blo�es Kopfnicken von mir k�nnte ihn ihr stehlen. �ber unsichtbare Dinge sch�ttelt sie jetzt den Kopf und legt die Brotscheiben in eine Reihe auf den Tisch.</p><p>Von den tausend Fragen stelle ich nur zwei. Was hat Opa an das Ufer geschrieben? Und warum habt ihr ihm nicht geholfen ?</p><p>Meine Mutter ist eine kleine Frau. Sie f�hrt sich durch das lange Haar, die Finger als Kamm. Sie pustet mir ins Gesicht, als w�rden wir spielen. Sie packt die Butter aus. Packt den K�se aus. Schmiert die Butter aufs Brot. Legt eine Scheibe K�se auf die Butter. Legt Tomaten auf den K�se. Streut zwischen Zeigefinger und Daumen Salz auf die Tomaten. Nimmt das Brot auf die Handfl�che. Presst eine zweite Brotscheibe darauf. Presst fest.</p><empty-line/><p>Die Kirsche trotzt dem Sturm alles ab, peitscht mit ihren Zweigen um sich. Erst wie einzelne M�nzen in einer Spardose, dann immer schneller klopft es gegen unser Vordach, ein Hagel. Nachdem meine Mutter die K�che verlassen hat, �ffne ich das Fenster und lege ein Foto von Opa Slavko und mir auf den Sims. Der kalte Wind greift nach meinem Gesicht, ich schlie�e das Fenster. Auf den anderen br�unlichen Fotos stehen Leute in l�ngs gestreiften Badeanz�gen, kn�cheltief in der Drina. Solche Badenz�ge gibt es heute nicht mehr, die H�ndin und ihre vier Welpen wahrscheinlich auch nicht. Der junge Opa Slavko mit Hut streichelt die Welpen und freut sich. Welches ist das letzte Foto von ihm? Wie alt werden Hunde und kenne ich einen der Welpen? Irgendwann gibt es von Hunden und Menschen keine neuen Fotos mehr, weil ihr Leben fertig ist. Wie aber fotografiert man ein Lebenzuende? Wenn ich fertig bin, fotografiert mich in der Erde, werde ich allen sagen. In siebzig Jahren geht das. Fotografiert, wie mir die N�gel wachsen und wie ich d�nner werde und meine Haut verliere.</p><p>Alles Abgeschlossene und jeder Tod kommen mir unn�tig und ungl�cklich und unverdient vor. Sommer werden Herbst, H�user werden abgerissen und Menschen auf den Fotos werden Fotos auf den Grabsteinen. So viele Dinge sollten nicht fertig werden � Sonntage nicht, damit Montage nicht kommen, Staud�mme nicht, damit Fl�sse nicht aufgehalten werden. Tische sollten nicht lackiert werden, vom Geruch bekomme ich Kopfweh, die Ferien nicht Schulanfang, die Zeichentrickfilme nicht Nachrichten. Auch meine Liebe zu Danijela mit dem sehr langen Haar h�tte nicht zu einer unerwiderten werden d�rfen. Und man sollte niemals Zauberh�te mit Opa fertig gebastelt haben, sondern mit ihm endlos �ber die Vorteile eines Lebens als Zauberer im Dienst des Kommunistischen Bundes reden und dar�ber, was passieren kann, wenn man Brot mit Sternenschweifstaub w�rzt.</p><p>Ich bin gegen das Enden, gegen das Kaputtwerden! Das Fertige muss aufgehalten werden! Ich bin der Chefgenosse f�r das Immerweitergehen und unterst�tze das Undsoweiter!</p><p>Im letzten Fotoalbum finde ich ein Bild von der Br�cke �ber die Drina. Die Br�cke sieht aus wie immer, nur dass Ger�ste ihre elf B�gen umz�unen. Menschen stehen auf dem Ger�st, sie winken, als sei die Br�cke ein Schiff, das gleich abfahren wird, den Fluss hinab. Trotz der Ger�ste sieht die Br�cke fertig aus. Sie ist komplett, die Ger�ste k�nnen ihrer Sch�nheit und ihrem Nutzen nichts anhaben. Dieses riesige Vollendetsein unserer Br�cke macht mir nichts aus. Die Drina ist rei�end, schnell: die breite, die gef�hrliche Drina � ein junger Fluss!</p><p>Wenn du schnell flie�t, ist das wie laut schreien.</p><p>Heute w�lzt sie sich tr�ge dahin, mehr See als Fluss, das Wasser ist vom Staudamm entmutigt worden � die langsame Drina, an den R�ndern wie ausgefranst von Treibholz und Schmutz. Ich l�se die Br�cke vorsichtig aus dem Album. Die Oberfl�che ist k�hl und glatt, so ist heute der damals wilde, ungez�hmte Fluss. Ich stecke das Foto in die Hosentasche, es wird zerknittern und Eselsohren bekommen.</p><p>Ich will unvollendete Dinge schaffen. Ich bin kein H�userbauer und in Mathe, bis auf Kopfrechnen, bedenklich schlecht. Ich wei� nicht, wie man Ziegel herstellt. Aber ich kann malen. Das und meine gro�en Ohren und den Ausruf: nicht jetzt, siehst du nicht, dass ich besch�ftigt bin!, habe ich von meinem K�nstlervater. Ich werde K�nstler des guten Unvollendeten ! Pflaumen ohne Kern, Fl�sse ohne D�mme und Genosse Tito in T-Shirt werde ich malen! K�nstler m�ssen durchdachte Serien schaffen, mein Hausk�nstler Vater nennt das ein Erfolgsrezept und hat es mir in seinem Atelier verraten. Au�er den Leinw�nden und den Farben lagern dort F�sser mit Sauerkraut, Kisten mit alter Kleidung und das Kinderbett, dem ich entwachsen bin. Ganze Wochenenden verbringt Vater in seinem Atelier. Ein Maler darf nie mit dem zufrieden sein, was er sieht � Wirklichkeit abbilden hei�t vor ihr kapitulieren!, ruft er, wenn ich an der T�r klopfe, weil Fu�b�lle und Fahrradschl�uche wieder Luft verlieren. K�nstler m�ssen umbilden und neu bilden, K�nstler sind Weltver�nderer und Weltenerschaffer!, meint mein Vater mit der Baskenm�tze, w�hrend er den Ball aufpumpt. Er spricht nicht zu mir, er erwartet keine Antwort. Im Atelier laufen franz�sische Chansons, sp�tabends Pink Floyd, und die T�r ist abgeschlossen.</p><p>Durchdachte Serien sind die L�sung. Sollen andere Flugzeuge fliegen und im Zoo die Pelikane entlausen � ich werde ein Fu�ball spielender, angelnder Serienk�nstler des Unfertigen sein! Keines meiner Bilder wird zu Ende gemalt, jedem wird etwas Wichtiges fehlen.</p><p>Ich hole meine Malsachen, den Farbkasten, Papier leihe ich mir von meinem Vater. In ein Marmeladenglas gebe ich Wasser und weiche die Pinsel ein. Das leere Blatt liegt vor mir. Das erste Bild des Unfertigen muss die Drina sein, der lausb�bische Fluss, noch ohne den Staudamm. Ich gebe Blau und Gelb auf den Mischteller, ziehe den ersten Strich gr�n �ber das Blatt, das Gr�n ist zu matt, ich dunkle es vorsichtig nach, male eine Kurve, ich helle es auf, zu kalt, ich gebe Ocker hinzu, Gr�n, Gr�n, aber so ein Gr�n wie Drinas Gr�n kriege ich in hundert Jahren nicht hin.</p><empty-line/><p>Die Toten sind einsamer als wir Lebenden es je sein k�nnen. Sie k�nnen einander durch Sarg und Erde nicht h�ren. Und die Lebenden gehen hin und pflanzen Blumen auf die Gr�ber. Die Wurzeln wachsen in die Erde und brechen durch den Sarg. Irgendwann ist der Sarg voll mit Wurzeln und mit dem Haar der Toten. Die k�nnen dann nicht mal mehr Selbstgespr�che f�hren. Wenn ich sterbe, m�chte ich ein Massengrab. In einem Massengrab h�tte ich keine Angst vor der Dunkelheit und w�re nur deswegen einsam, weil mich mein Enkel so vermissen wird, wie ich meinen Opa Slavko jetzt.</p><p>Ich bin opalos und unter meiner Stirn stauen sich die Tr�nen. Alles, was auf der Welt wichtig ist, findet man in der Morgenzeitung, im Kommunistischen Manifest oder in den Geschichten, die uns Tr�nen oder Lachen entlocken, am besten beides auf einmal. So klug sprach Opa Slavko. Wenn ich so alt bin wie er wurde, habe ich seine klugen S�tze, die gro�en Adern wie an den Unterarmen meines Vaters, die Rezepte meiner Oma und den seltenen frohen Blick meiner Mutter.</p><p>Am Morgen des vierten Tages nach Opas Tod weckt mich Vater, und ich wei� sofort: Opas Beerdigung. Ich habe getr�umt, dass alle in meiner Familie gestorben sind, nur ich nicht, was sich so anf�hlte, als w�re ich auf einmal sehr weit weg und f�nde nicht mehr zur�ck.</p><p>Pack deine Sachen, wir fahren.</p><p>Mein Vater weckt mich nur bei Katastrophen, sonst k�sst mich Mutter aufs Haar. Vater k�sst mich grunds�tzlich nicht. Unter M�nnern ist das schwierig. Er setzt sich auf die Bettkante, als m�chte er noch etwas sagen. Ich richte mich auf. So sitzen wir jetzt da. Papa, ich sehe dich an, wie man jemanden ansieht, wenn man zuh�rt, schau, ich stehe nicht auf, es ist gut, wenn du mir jetzt all das erz�hlst, was ich schon wei�, mir erkl�rst, was ich schon verstanden habe, was aber erst dann vollst�ndig ist, nachdem es der Vater dem Sohn erz�hlt und erkl�rt hat. Sage ich nicht, und Vater sagt auch nichts. So reden wir miteinander. So reden wir h�ufig miteinander. Er arbeitet, verschwindet nach der Arbeit in seinem Atelier und bleibt die ganze Nacht dort. Am Wochenende schl�ft er lang. Sieht er Nachrichten, herrscht Redeverbot. Ich beschwere mich nicht, mit anderen spricht er noch viel weniger als mit mir. Ich bin zufrieden und meine Mutter ist froh, dass sie sich um meine Erziehung allein k�mmern kann, da reden Vater und ich ihr nicht rein.</p><p>In seinem Nichtssagen sieht mein Vater heute aus wie jemand ohne Muskeln. Er ist seit Opas Tod bei Oma geblieben. Die rief gestern sp�t an und fragte, wie es dem Kleinen geht. Sie dachte, meine Mutter sei dran. Ich schwieg. Wir werden jetzt Slavko waschen, verabschiedete sie sich. Ich stellte mir vor, wie Opa gewaschen und angezogen wurde. Ich sah keine Gesichter, ich sah nur H�nde, die an Opa zerrten. Die H�nde warfen alles an Bettw�sche aus dem Schlafzimmer und lie�en die Laken aufkochen, weil man das so macht, wenn ein Toter in der N�he liegt. Vom Waschen deines toten Vaters platzen dir die �derchen in den Augen und deine H�nde werden kleiner und du musst sie dir st�ndig ansehen. Mein stiller Vater sitzt auf der Bettkante, die Augen ger�tet, die H�nde auf den Knien mit Handfl�chen nach oben. Wenn ich so alt bin wie Vater, habe ich seine Falten. Falten beschreiben, wie gut man gelebt hat. Ich wei� nicht, ob mehr Falten ein besseres Leben bedeuten. Mutter sagt nein, aber ich habe auch das Gegenteil geh�rt.</p><p>Ich stehe auf. Vater zieht das Laken gerade, klopft das Kissen aus. Hast du schwarze Sachen?</p><p>Kein: Opa.</p><p>Kein: Opa ist tot.</p><p>Kein: Aleksandar, dein Opa kommt nicht mehr.</p><p>Kein: So schnell wie ein herzpl�tzlicher Stillstand kann kein Leben sein.</p><p>Kein: Opa schl�ft nur � das w�rde ich ihm noch mehr ver�beln, als dass er jetzt das Fenster �ffnet und die Decke zum L�ften hinaush�ngt.</p><p>Ich nehme ein schwarzes Hemd vom B�gel. Mir wird klar, dass mein Vater auf mich z�hlt. Er hat eingesehen, dass Magie unsere letzte Chance ist. Wir k�nnen gleich los, sage ich, ich muss nur vorher etwas aus Opas Wohnung holen. Etwas Wichtiges.</p><p>Unterwegs im Auto sagt er: Onkel und Oma sind schon vorgefahren.</p><p>Kein Wort �ber das Begr�bnis von ihm, und ich verschweige, dass ich der m�chtigste Enkelzauberer der blockfreien Staaten bin. Keine Angst, gib du Gas und ich stelle meinen Opa f�r mich und deinen Vater f�r dich wieder her. Ich schweige, weil mir auf einmal so schwer f�llt, ein Kind zu sein.</p><p>Ich atme tief ein. K�che. Gebratene Zwiebeln, nichts von Opa. Schlafzimmer. Ich schmiege mein Gesicht an die Hemden. Wohnzimmer. Ich setze mich auf das Sofa. Dort sa� Opa. Nichts. Ich stelle mich in die Ecke hinter dem Fernseher. Nichts. Die Spinnweben sind noch da. Ich sehe aus dem Fenster in den Hof. Nichts. Unser Yugo, der Motor l�uft, Vater ist ausgestiegen. Der Zauberhut auf der Vitrine. Ich klettere auf einen Stuhl, falte den Hut vorsichtig zusammen und verstaue ihn im Rucksack. Der Rucksack! Ich w�hle darin � der Zauberstab. Ich wollte ihn meinem besten Freund Edin zeigen, f�llt mir ein, und zu Demonstrationszwecken unserem Geschichtslehrer etwas Unwichtiges brechen. Der �berspringt fast alle Lektionen mit Partisanen, dabei gibt es keine besseren K�mpfe als den Volksbefreiungskampf und die Spiele von Roter Stern Belgrad, meiner Lieblingsmannschaft. Fast immer gewinnen wir und wenn wir verlieren, dann tragisch. Opas Tod hat den Lehrer vorl�ufig gerettet.</p><empty-line/><p>Ich trage, wie alle, Schwarz, aber Schwarz tragen kann nicht alles sein, was man auf einer Beerdigung machen muss, also ahme ich abwechselnd Onkel Bora und meinen Vater nach. Wenn Onkel Bora den Kopf senkt, senke ich den Kopf. Wenn Vater ein paar Worte mit jemandem wechselt, merke ich sie mir und wiederhole sie bei jemand anderem. Ich kratze mich am Bauch, weil sich Onkel Bora an seinem gro�en Bauch kratzt. Es ist hei�, ich kn�pfe mein Hemd auf, weil Vater sein Hemd aufkn�pft. Das ist der Enkel, fl�stern die Leute.</p><p>Tante Taifun hat die Sargtr�ger �berholt und muss zur�ckgerufen werden. Sie fragt, ob sie helfen kann. Diesekriecherei, sagt sie, bringtmichum.</p><p>Ur-Oma und Ur-Opa gehen hinter dem Sarg. Ur-Opa tr�gt sein langes, wei�es Haar offen. Ich h�tte ihm gern von meinem Zauberplan erz�hlt, weil er selbst Zauberer ist, aber ich fand keine gute Gelegenheit dazu. Opa Slavko erz�hlte einmal bei einem Fest in Veletovo, Ur-Opa h�tte vor langer Zeit in nur einer Nacht den gr��ten Stall Jugoslawiens ausgemistet, weil sein Besitzer ihm daf�r die Hand seiner Tochter � meiner heutigen Ur-Oma � versprach. Opa war sich nicht sicher, wann sich das Ganze ereignet hatte. Vor zweihundert Jahren!, rief ich, und Onkel Miki tippte sich an den Kopf: damals gab es noch kein Jugoslawien, Zwerg, es waren die k�niglichen St�lle nach dem Ersten Weltkrieg. Mikis Variante gefiel mir, sie machte Ur-Oma zu einer Prinzessin. Opa erz�hlte, Ur-Opa h�tte nicht nur den Riesenstall ausgemistet, sondern in der gleichen Nacht zwei K�hen beim Kalben geholfen, eine immense Geldsumme gegen die besten Romm�spieler der Stadt gewonnen und eine Gl�hbirne im Haus seines Schwiegervaters repariert � die, wie ich fand, schwierigste Aufgabe, wenn man bedenkt, dass nichts auf der Welt kaputter sein kann als eine kaputte Gl�hbirne. Ohne Magie w�re das alles nicht zu schaffen gewesen. Prinzessin Ur-Oma �u�erte sich nicht dazu, l�chelte aber vieldeutig. Ihr h�ttet mal seine Oberarme sehen m�ssen, sagte sie, noch nie hat eine Augenfarbe so gut zu Oberarmen gepasst, wie bei meinem blau�ugigen Nikola.</p><p>Ich stehe vor der Grube und ich wei�, dass es m�glich ist. Schlie�lich habe ich Carl Lewis die F�higkeit gezaubert, den Weltrekord zu laufen. Nicht alle Amerikaner sind also Kapitalisten, Genosse Lewis zumindest ist keiner, mein Stab und mein Hut zaubern ausschlie�lich im Sinne der Partei. Ich stehe vor der Grube, in die Opa, ehemals Vorsitzender des Vi�egrader Lokalkomitees, gleich gelegt werden soll, und wei�: es kann funktionieren.</p><p>Ur-Opa klettert in die Grube und rei�t mit beiden H�nden Steine und Wurzeln aus den Erdw�nden. Wie sieht es hier aus?, sagt er. Mein Sohn, meiner!</p><p>Es ist schwer, sich Opa Slavko als Sohn vorzustellen. S�hne sind h�chstens sechzig Jahre alt. So um die sechzig sind fast alle, die Opa heute verabschieden. Die Frauen, das Haar unter schwarzen T�chern, tragen Parf�m, weil sie den Geruch vom Tod korrigieren wollen. Hier riecht der Tod nach frisch gem�htem Rasen. Die M�nner tuscheln, kleine, bunte Abzeichen an den Brusttaschen ihrer schwarzen Sakkos, H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, auch ich verschr�nke meine.</p><p>Vater hilft Ur-Opa aus der Grube und stellt sich hinter mich. Seine H�nde dr�cken schwer auf meine Schultern. Die Reden beginnen, die Reden dauern, die Reden nehmen kein Ende, ich will aber mit dem Zauberritual niemanden unterbrechen, das w�re unh�flich. Ich schwitze. Die Sonne brennt, die Zikaden zirpen. Onkel Bora wischt sich mit einem hellblauen T�chlein den Schwei� aus dem Gesicht. Ich wische mir mit dem �rmel �ber die Stirn. Onkel Miki setzt sich ins Gras. Er und einige alte Frauen sind allerdings die einzigen, die sitzen, also bleibe ich stehen. Einmal beobachtete ich heimlich eine Beerdigung, auf der es keine langen langweiligen Reden gab, sondern eine kurze unverst�ndliche. Ein b�rtiger Mann in Frauenkleidern sang und schwenkte eine goldene Kugel an einer Kette. Aus der Kugel rauchte es und der Tod roch nach gr�nem Tee. Sp�ter erfuhr ich, dass der Mann ein Pope war. Bei uns gibt es keinen Popen � bei uns reden sechzigj�hrige Brustorden. Niemand ist witzig. Alle loben Opa, oft sagen sie dasselbe, als h�tten sie voneinander abgeschrieben. Sie klingen wie Frauen, wenn sie Kuchen loben. Weil der Tote unter der Erde nichts mehr h�ren kann, soll ihm das Letzte, was er hier oben h�rt, gut tun. Aber so korrekt, wie mein Opa war, w�rde er sofort jedes Sch�nreden richtig stellen. Nein, Genosse Poljo, w�rde er sagen, ich habe nicht jeden Tag unser Land reformiert, ich habe letzten Freitag nichts daf�r getan, um die Inflationsrate zu senken, und am Samstag habe ich lange geschlafen und habe nicht die Erf�llung des Plans in verschiedenen Kollektiven der Region vorangetrieben. Sonntags gehe ich mit meinem Enkel, dem Zauberer hier, spazieren. Wir nehmen immer einen anderen Weg und erfinden Geschichten, das ist das Herrliche bei uns in Vi�egrad, uns gehen die Wege und die Geschichten niemals aus � kleine, gro�e, komische, traurige, unsere Geschichten! Und wo gibt es denn so was, dass der Enkel mehr Geschichten kennt als der Opa? Als er so klein war, Opa w�rde Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger erheben, hat er sich Gedanken �ber die weitere Biografie von Mary Poppins gemacht. Genossin Poppins hat ihre bl�de K�nigin satt, �ndert ihren Namen in Marica, zieht nach Jugoslawien zu uns in das Hochhaus und heiratet Herrn Musikprofessor Petar Popovi� aus dem vierten Stock. Der ist zwar schon verheiratet und auf Regenschirme allergisch, spielt aber so ausgezeichnet Klavier, dass Marica ihm nicht widerstehen kann. Sie bet�rt ihn mit ihrem Gesang und ihren eng geschn�rten Stiefeln. Mit dem Regenschirm fliegt Marica �ber die Stadt und will nichts mehr von Kinderbetreuung wissen, sie bekommt eine Arbeit in der Endmontage des �Partisan�, woraufhin die Werkzeugfabrik Monat um Monat die planm��ig geforderte Warenmenge um das Zweifache �bertrifft. Aber ich schweife ab, w�rde Opa mit den Fingern schnippen, ich wollte eigentlich noch etwas berichtigen: ich habe nicht immer einen guten Rat f�r jeden. Zum Beispiel f�r die jungen Leute � ich wei� wirklich nicht, was ich ihnen raten soll, au�er vielleicht, uns weniger zu vertrauen und mehr Johann Sebastian zu h�ren. Und wenn unsere Nachbarn aus dem zweiten Stock ihren M�ll neben dem Container abstellen, da bin ich weit von jeder H�flichkeit entfernt, Genosse Poljo! Ich bin ein zickiger Nachbar! Ich schimpfe lauthals durch das Treppenhaus, und wenn es noch mal vorkommt, leere ich den M�ll vor der Nachbarst�r aus, jawoll, das mache ich! Es stimmt auch nicht, dass ich Kohlen in die Keller von irgendwelchen alten Witwen schleppe, w�rde Opa abwinken, ich mag alte Witwen nicht besonders! In einer Sache hast du allerdings Recht, h�tte Opa gesagt, Omas Hand genommen und mit dem Daumen �ber ihren Handr�cken gestreichelt. Ich helfe meiner Katarina mit dem Geschirr, ich sauge die Wohnung und koche liebend gern. Katarina musste nie den ganzen Tag auf den Beinen stehen, solange ich auf meinen stehen konnte! Warum sollen M�nner nicht kochen? Am liebsten mache ich einen Wels f�r meinen Enkel und f�r meine stolze Genossin. Mit Zitrone, Knoblauch, Petersilienkartoffeln. Und eines steht �ber allen anderen Dingen, Genosse Poljo: Aleksandar ist der beste Angler von hier bis zur Donau, Opas Sonne, ist er, ja.</p><empty-line/><p>Wie lange ich in Gedanken vor Opas Sarg stand, wei� ich nicht. Ich wei� nicht, wann ich mich unter den schweren H�nden meines Vaters befreite und wann ich um die Grube lief, aus der es nach Sonntagsregen roch. Wann setzte ich den Hut mit den gelben und den blauen Sternen auf, die sich um die Mondsichel drehen, obwohl Opa mir am Tag, an dessen Abend er st�rker als alle Magie gestorben war, erkl�rt hatte, nicht Sterne um Monde � Monde drehen sich um Sterne? Wie lange zeigte ich mit dem Stab auf den f�nfzackigen Stern am Kopfende des Sarges, wie oft schlug ich um mich, als sie mich forttragen wollten? Was fluchte ich, wie viel weinte ich? Und werde ich jemals Carl Lewis verzeihen, dass er meine ganze Zauberkraft f�r seinen Weltrekord aufgebraucht hatte, so dass f�r Opa nichts �brig blieb? Alles f�r die 9,86 Sekunden am 25. August 1991, am Abend des Abends, an dem man von Megdan aus nicht h�ren konnte, wie eine Mutter zu ihrem Sohn fl�sterte: du hattest einen liebenden Opa, er ist jetzt nie wieder hier. Aber seine Liebe f�r uns ist unendlich, seine Liebe verschwindet niemals. Aleksandar, du hast jetzt einen unendlichen Opa.</p><p>Wir hatten ein Versprechen aus Geschichten, Mama, nickte der Sohn entschieden und schloss die Augen, als zauberte er ohne Stab und Hut, ein ganz einfaches Versprechen: niemals aufh�ren zu erz�hlen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wie s�� Dunkelrot ist, wie viele Ochsen man f�r eine Wand braucht, warum das Pferd von Kraljevi� Marko mit Superman verwandt ist und wie es sein kann, dass ein Krieg zu einem Fest kommt</strong></p><p><strong>I</strong>ch kann jetzt nicht mehr, ich lasse mich jetzt fallen, ich liege jetzt da, inmitten der summenden S��e von zertretenem Fruchtfleisch. Kleine Fliegen summen um meinen Kopf, die dunkelrote S��e der Pflaumen klebt mir im Mund, um die Lippen und an den H�nden, ich f�ttere die Fliegen, als seien sie V�gel. Wir schn�beln.</p><p>Pflaumenernte in Veletovo: Ur-Oma Mileva und Ur-Opa Nikola haben zum Erntefest in ihr Dorf geladen. Die ganze Familie ist versammelt, noch tragen einige Schwarz wegen Opa Slavko, Schwarz ist das Gegenteil von Sommer, also brennt die beleidigte Sonne ihnen hei� auf die R�cken, das nachtragende Mistst�ck, sagt Ur-Oma, und wischt sich mit dem Handr�cken den Schwei� von der Stirn.</p><p>Opas Tod ist das Gegenteiligste von Sommer.</p><p>Den Pflaumenhunger habe ich von meiner Mutter. Neulich, als sie sah, wie sehr ich mich �ber die Pflaumenernte freute, erz�hlte sie mir, sie habe in den letzten Monaten der Schwangerschaft nur noch Eiskunstlaufen gesehen und Unmengen an Pflaumen gegessen: tags�ber Pflaumen, abends Hackfleisch mit Schokolade, zwischendurch Karotten und wenn ich Durst hatte, literweise Kaffee.</p><p>Und hier und da ein Zigarettchen, was?, erg�nzte mein Vater, ohne die Augen von der Zeitung zu heben.</p><p>Vater hatte meine Geburt verschlafen.</p><p>Ich bin meiner Mutter pflaumen- und hackfleisch�hnlich und malte f�r sie und mich eine Pflaume ohne Kern im Hackfleischmantel. Auch Mutter tr�gt heute S�� und Dunkelrot im Gesicht wie einen Bart. Wirst trotzdem zu Mittag essen m�ssen, warnt sie mich von der Leiter, mach mal langsamer!</p><p>Mach mal weniger, w�re der bessere Rat, denn ich habe gerade einen Weltrekord an Pflaumen gegessen. Zwei Weltrekorde Magenschmerzen habe ich jetzt, ich liege da und lasse mich umsummen.</p><p>Die Pflaume ist eine verstaubte Frucht.</p><p>Das ist das Erste, wor�ber du lachst, Aleksandar, sagte Mutter, als wir �ber die Ernte sprachen. Nach Opas Tod, sagte sie nicht.</p><empty-line/><p>Das sind Wege f�r den Arsch, nicht f�r ein Auto!, fluchte mein Vater gestern Morgen auf der Stra�e nach Veletovo und sah kopfsch�ttelnd unter die Motorhaube unseres gelben Yugos.</p><p>Yugos sind f�r vier und nicht f�r sechs, erwiderte Mutter und steckte sich eine Zigarette an.</p><p>Daran liegt es nicht, es liegt an seinem Charakter! Ich habe kein Auto, ich habe einen Esel auf Reifen! Vater trat gegen die Felge.</p><p>Ein Esel �, setzte Mama zu einer Antwort an, entfernte sich dann aber gl�cklicherweise, um ihre Zigarette mit den Blumen am Wegesrand zu rauchen.</p><p>Schon bei seiner ersten Fahrt war unser damals nagelneuer Yugo auf der kurvigen Stra�e nach Veletovo stehen geblieben, mit laufendem Motor, als wollte er sich nur kurz die Landschaft anschauen: die Str�ucher reifer Brombeeren, den Bach unter den Tannen, Farne in der Farbe der leuchtend roten Dauerwelle meiner Mutter. Vater hatte die H�nde vom Lenkrad gehoben und, mehr Gas geht nicht, mit den Schultern gezuckt. Ein Teil der Strecke zu den Urgro�eltern wird seitdem jedes Mal gelaufen. Auf dem R�ckweg springt der Yugo sofort an. Der Einzige, der sich niemals daran gew�hnen wird, ist mein Vater.</p><p>W�hrend er sich gestern die Finger am Motor schwarz reparierte, versuchte ich, meinen Onkeln und Nena Fatima klar zu machen, dass man mich beim Romm� nicht gewinnen lassen muss. Die Zeit der Daumenlutscherprivilegien ist vorbei!, rief ich, ich tue doch nur so, als w�rde ich keine vierzehn Karten auf einmal halten k�nnen, um euch in Sicherheit zu wiegen !</p><p>Ich warf mein Blatt schwungvoll in die Mitte des Steines, an dem wir hockten, um mich lauter zu machen, ohne dass meine Stimme lauter wurde. Meine Mutter war die Chefgenossin solcher Gesten. Sie konnte den Tisch verlassen, ihren Kopf sch�tteln, die Arme in die Seiten stemmen und die Augenbrauen so lautstark zusammenziehen, dass ich mir die Ohren zuhalten wollte.</p><p>Und du, Onkel � ich tippte Bora mit dem Zeigefinger gegen die Schulter �, wenn du mir schon in die Karten siehst, dann bitte, damit du den Buben, den du �brigens selbst gebrauchen kannst, auf der Hand beh�ltst und nicht, um ihn mir zu servieren, ich bin doch keine Inkompetenz!</p><p>Das Wort �Inkompetenz� habe ich von meinem Vater. Er benutzt es, wenn im Fernsehen Politik gezeigt wird oder wenn er mit Onkel Miki �ber die Fernsehpolitik streitet. �Sympathisieren� ist ein anderes wichtiges Wort und hat schon mehrmals zu Michaufmeinzimmerschicken gef�hrt und zu Tagelangmiteinanderkeinwortwechseln zwischen den Br�dern. H�tte ich einen Bruder, w�ren wir genau das Gegenteil von meinem Vater und Onkel Miki. Wir w�rden miteinander ernsthaft reden und trotzdem w�rde niemand vor unserer Lautst�rke Angst haben brauchen.</p><p>Inkompetenz bedeutet: etwas machen, obwohl man keine Ahnung davon hat, Jugoslawien regieren zum Beispiel.</p><p>Onkel Bora sagte: in Ordnung, sammelte die Karten auf, mischte sie, und wir lie�en die n�chste Partie Nena Fatima gewinnen. Hinter uns knallte Vater die Motorhaube zu und Bora hielt ihm seine Zigarettenschachtel hin. Wir machten uns zu Fu� auf den Weg.</p><p>Mein Vater war ein Veletovo-Raucher. Die einzigen Zigaretten in seinem Leben rauchte er auf der Strecke Stehengebliebener Yugo � Haus der Urgro�eltern. Auch gestern: zwei Schachteln in zwei Stunden. In einer Pause, die wir f�r Onkel Bora einlegen mussten, der aus dem Schnaufen nicht mehr herauskam, malte ich unseren Yugo ohne Auspuff auf der Stra�e nach Veletovo. Fr�her Morgen, an den Gr�sern gl�nzte der Tau, die V�gel trillerten und die Verwandten, deren Yugos niemals stehen blieben, �berholten uns hupend.</p><empty-line/><p>Ich kr�mme mich vor Magenschmerzen unter einem Himmel reifer Fr�chte an gebogenen �sten und muss dringend aufs Klo. Schnell den H�gel hinauf, �ber die Veranda, wo Onkel Bora Plastiktischdecken in die Tische nagelt. Als heute Morgen entschieden wurde, wer hier bleibt und pfl�ckt und wer auf der Veranda f�r die Feier aufbaut, wandte er sich als einziger Mann schwerf�llig zum Gehen. Tante Taifun rief ihm hinterher: Einbisschenkletternw�rddirguttun! Wie schnell ihre Zunge war! W�rter, die erst die eigenen S�tze, dann alles Zuh�ren �berholten!</p><p>Mir w�rde es vielleicht gut tun, aber denk doch mal an die armen B�ume, winkte ihr Mann ab und schleppte seine hundertf�nfzig Kilo den H�gel hinauf. Und als wollte er seine Meinung �ber Pflaumen im Allgemeinen �u�ern, putzte er einen Apfel am �rmel ab und biss mit einer Gewalt hinein, dass der Apfel auseinander brach und der Saft ihm �ber beide Doppelkinne lief. Unerschrocken verzog der gro�e Mann das Gesicht und schloss gen�sslich die Augen.</p><p>Dasistdochdieh�he! Dasistdochdieh�he! Tante Taifun raufte sich das Haar. Wir starrten gebannt auf Dampfwalze und seine schwangere Naturkatastrophe, so sch�n muss die Liebe sein, seufzte Ur-Oma und wischte sich eine Tr�ne aus dem Augenwinkel.</p><p>Meine Tante spricht eine deutsche Autobahn schnell. Seit Jahren stampft Onkel Bora in Deutschland Teer mit einer Dampfwalze zu schnellsten Autobahnen der Welt, und Tante Taifun kellnert in einer Rastst�tte. Fragt mich jemand, was mein Onkel beruflich macht, erw�hne ich die Walze nicht. Er ist Gastarbeiter, sage ich. Ich wundere mich zwar, dass es Orte gibt, wo G�ste arbeiten m�ssen, bei uns l�sst man einen Gast nicht einmal abwaschen, aber unser Nachbar, �ika Veselin, hatte Bora einmal eine Dampfwalze genannt, der fette Geizsack br�uchte gar keine Maschine, der m�sste sich nur hinlegen und rollen. Ich bat meine Mutter, Onkel Bora Di�t beizubringen, damit er nicht weiter anschwoll und damit die Leute nicht so schlecht �ber ihn redeten. Sie fand sich damals selbst zu dick und machte eine Pflaumen-Hackfleisch-Di�t. Sie sagte: die Leute sind nicht gemein, weil Bora dick ist, sondern weil sie glauben, dass er einen D-Mark-dicken Geldbeutel hat.</p><p>Gastarbeiter sieht man nur in der eigenen Familie gern.</p><p>Onkel Bora nagelt jetzt in Zeitlupentempo die Tischdecken in die Tische, w�hrend Tante Taifun unten am H�gel zwischen den B�umen wirbelt und an den �sten r�ttelt, Pausebrauchenwirnichtweiterweiterweiter ! Bora pfeift aus dem Hals wie Papas Kreiss�ge, kurz bevor sie ausgeht.</p><p>Das Besteck klimpert im Plastikeimer, den Ur-Oma auf den Tisch neben den Tellerstapel knallt. Sie stellt sich mir breitbeinig in den Weg, ganz nach ihrem Vorbild, dem Chefgenossen aller Cowboys � Marschall Rooster, allerdings mit Gabeln statt Colts an der H�fte: wohin Verbrecher? Sie tr�gt sogar ihre Augenklappe. Jedes Mal, wenn wir in Veletovo zu Besuch sind, muss ich mir mit Ur-Oma ansehen, wie sich der m�rrische Trunkenbold Rooster und Miss Ross in die Haare kriegen.</p><p>So, genauso, habe ich fr�her ausgesehen, nur mit rosiger Haut, seufzt Ur-Oma und zeigt auf Miss Ross. Ur-Omas Tr�nen beim Abspann folgt das High Noon auf der Veranda. Im Winter, wenn die Grillen nicht zu h�ren sind, �bernimmt Ur-Oma ihre Rolle. Sie presst die Lippen zusammen und zirpt Furcht erregend. Ihre Fingerpistolen tr�gt sie tief, z�ckt sie immer schneller als der ewige Gr�nschnabel. Ur-Oma ist schneller als der Wind und kann mit ihrer Augenklappe sp�ttischer dreinblicken als John Wayne.</p><p>Sehr alte Menschen leben zwei Leben. Im ersten Leben husten sie, gehen gebeugt, seufzen: ach, ach, ach! Im anderen, dem Augenklappenleben, tratschen sie mit Brennnesseln �ber die Nachbarn, halten sich f�r einen Sheriff und verlieben sich in Verandast�hle oder Bienen.</p><p>Wohin Verbrecher?, gleitet Ur-Omas Hand an der H�fte herab, der Daumen entsichert die Gabel. Ich t�usche rechts an und st�rme links an ihr vorbei ins Haus. Mann, Ur-Oma! Es ist High Noon im Bauch! Sekunden, die �ber Weltrekorde im Sichindiehosenmachen entscheiden, aus dem Weg!</p><p>Das neue Klo. Innenklo. Die halbe Wand haben Ur-Opa und vier Ochsen daf�r rausgerissen, vier Ochsen k�nnen so was gut, zwei w�ren besser gewesen, dann h�tte man sich sp�ter nicht �berlegen m�ssen, was tun mit zu viel Loch und dem niedergerissenen Gel�nder. Ur-Opa fand schnell die L�sung und f�gte das neue Klo an den Balkon � der ist jetzt kleiner, daf�r ist das Klo gr��er, und man kann es vom Balkon aus durch einen Vorhang betreten, L�ftung inklusive, sagt Ur-Oma. Gleichzeitig wurde der vierhundertj�hrige Zar Au�enklo gest�rzt und man musste nie wieder im Stehen m�ssen. Vor Jahren der erste Fernseher im Dorf, schwarz-wei�, zwei Programme, im zweiten die herumwuselnden P�nktchen, die sich Ur-Oma vor dem Schlafengehen ansah, jetzt das erste Innenklo � meine Urgro�eltern waren der Zeit in Veletovo immer vierzig Kilometer voraus.</p><p>Das neue Klo wurde mit einem Fest eingeweiht. Im Ausland denken die Leute, dass wir hier immer feiern, sagt mein Gastarbeiteronkel. Das stimmt nicht ganz, wir m�ssen ja auch irgendwann das Gefeierte aufr�umen. Au�erdem kostet so ein Fest auch allerhand, also m�ssen die Eltern tags�ber arbeiten. Meinen Urgro�eltern ist f�r ein Fest aber tats�chlich jeder Anlass recht. Einmal haben sie zwei N�chte durchgefeiert, weil Ur-Oma einen faustgro�en Meteoriten zwischen den Karotten gefunden hatte. Das war eine Stunde, nachdem Superman im neuen Fernseher gezeigt wurde. Aus dem Meteoriten, drei Kilo Karotten und sieben Geheimgew�rzen kochte Ur-Oma Suppe. Das ganze Dorf, rief sie um Mitternacht mit glasigen Augen und versuchte mit einem Judo-Griff eine Eiche zu entwurzeln, das ganze Dorf riecht nach Kryptonit!</p><p>Zum Klofest kamen alle Nachbarn. Selbst Radovan Bunda aus dem hohen Gebirge, der Strom nur vom H�rensagen kannte und mit seinen H�hnern redete. Unter Nachbarn versteht man in Veletovo n�mlich etwas anderes als in Vi�egrad. In Veletovo gelten auch die Pe�i�s als Nachbarn, obwohl sie einen halben Tag laufen, wenn sie zu meinen Urgro�eltern wollen. Nicht, weil sie zu arm f�r ein Auto sind � arm sind sie zwar auch, aber es gibt bei ihnen keine Stra�e, auf der irgendetwas fahren k�nnte. Die erwachsenen Pe�i�s sind alle �ber zwei Meter gro�, auch die Frauen und die Alten. Ich war einmal vor langer Zeit bei ihnen zu Hause. Ich erinnere mich an die s�uerliche Ziegenmilch, an Holzspielzeug, und dass ich mich fragte, warum sie nicht h�here Decken bauen, wenn sie doch alle so riesig sind. Wird bei den Pe�i�s oder bei uns ein Kind geboren oder heiratet jemand, besucht man einander. Man ist sich Patenzeuge und Taufzeuge. Meine Mutter sagt, dass ich keinen Patenbesuch von den Pe�i�s bekam. Das habe etwas mit ihr zu tun und mit ihrer Seite der Familie. Nichts Schlimmes, sagt meine Mutter und fragt: w�rst du gern getauft worden?</p><p>Was ist das?, antworte ich.</p><p>Na siehst du, sagt sie.</p><p>In der Schlange vor dem neuen Klo t�nzelten die Nachbarn vor Druck und aus Vorfreude. Ur-Opa durfte als Erster. Er trug seinen schwarzen Gehrock, klopfte sich auf den Bauch und prahlte lauthals: vier Tage habe ich nicht! Tam-tam, tam-tam-tam, klapperte er Anfeuerungsrhythmen mit dem Klodeckel.</p><p>Einige, mich inklusive, klatschten mit. Beste Stimmung vorm Innenklo, sechzehn Zuschauer, eine F�nf-Mann-Musikkapelle, perfektes Klowetter, moderierte ich. Ur-Oma reichte Ur-Opa eine Schnapsflasche, feierlich, als �bergebe sie ihm die Stafette der Jugend. Er setzte der Flasche das Schnapsglas wie einen Hut auf und blieb f�nfundvierzig Minuten sitzen. Drau�en begannen die Nachbarn und die Verwandten laut durcheinander zu reden, um nicht alle Ger�usche h�ren zu m�ssen, die im neuen Klo tobten. Wenn er nicht st�hnte und schrie und wie ein Moped ratterte, sang Ur-Opa. Ich legte das Ohr an die T�r, um seine tiefe Stimme h�ren zu k�nnen. Wie die T�r vibrierte! Mein Ur-Opa klang wie die dickste Saite von einem Bass! In seinen Liedern sprang jemand namens Kraljevi� Marko auf einem Wein trinkenden Pferd �ber die Drina und metzelte T�rken. So viele, ich kam mit dem Z�hlen gar nicht nach. Spannender als die armen Schurkent�rken fand ich aber die Frage, ob alle Wein trinkenden Pferde fliegen konnten. Als Ur-Opa nach f�nfundvierzig Minuten herauskam und die Hand sieghaft zur Faust ballte, war der Schnaps halb leer und das Gl�schen f�r immer verschwunden.</p><p>Die Sp�lung, du Schaf!, lobte ihn Ur-Oma laut und ernst, sah in die Sch�ssel und bekreuzigte sich nach sechzig Jahren zum ersten Mal. Dann wurde der Rest der guten Birne getrunken und die F�nf-Mann-Musikkapelle spielte einen Walzer. Anschlie�end er�ffnete sie den Tanz mit Zigeunermusik, die keinem gefiel, weil das Schnelle zu fr�h kam. Wir k�nnen doch noch liegen, ohne uns festzuhalten, ihr Dilettanten!, rief Ur-Opa und konnte nicht aufh�ren zu tanzen.</p><p>Jetzt durften auch die Nachbarn das neue Klo ausprobieren, die M�nner zuerst. Ich habe Herzklopfen, sagte jemand, bevor er die T�r hinter sich schloss. Radovan Bunda war der Letzte in der Schlange. Immer ungehaltener grummelte er vor sich hin und hielt sich vorne und hinten fest. Kurz bevor er an die Reihe kam, br�llte er: ja, wie qu�lt ihr einen Weithergereisten, ihr neumodischen Vagabunden!, kn�pfte sich im Laufen eilig die Hosen auf und st�rmte Richtung Au�enklo.</p><p>Welches Au�enklo?, muss sich Radovan vor Ort gefragt haben � zwei Ochsen hatten doch das H�uschen aus der Erde gerissen wie Unkraut. Ich brauch keine Sch�ssel, keine Sp�lung und keine Kacheln! Ich brauch nicht mal ein Loch!, wird Radovan sp�ter auf die Freiheit ansto�en.</p><p>Das alles f�llt mir im Innenklo ein, w�hrend ich drei�ig Minuten, fast so lang wie Ur-Opa, furchtbar an meinem Pflaumenweltrekord leide. Endlich drau�en und schon habe ich Marschall Roosters Fingercolt im R�cken � Tischdecken schrubben, Rothaut!, befiehlt Ur-Oma, die mir an der T�r aufgelauert hat.</p><p>Ich fahre lustlos mit dem Tuch �ber die Flecken und frage sie, warum Onkel Miki gefeiert wird, wenn er doch weggeht. Ich w�rde lieber feiern, wenn er aus der Armee zur�ckkommt.</p><p>Gelbe und an den Spitzen braune Z�hne hat Ur-Oma, sie lacht und nickt: ja, ja. Das da, deutet sie auf einen gr�nlichen Klumpen, das ist Kryptowitz � Kryptonit auf Sliwowitz. Das kriegst du nicht weg. Gab zwar einen anst�ndigen Batzen Gold, aber auch einen t�chtigen Gestank. Ur-Oma zwinkert mir zu und nimmt den Finger aus meinem Nacken, um sich die Augenklappe zurechtzur�cken.</p><p>�ber Opa Slavko spricht Ur-Oma nicht mit mir. Ihr seid alle meine Kinder, leicht habe ich es nicht, sagte sie zu Vater, als wir in Veletovo ankamen. Den du geboren hast, willst du nicht begraben. Meine eigene Freude begrabe ich.</p><p>Vater antwortete nicht.</p><p>Ur-Opa antwortete, indem er nach Worten suchte.</p><p>Ich vermisse ihn auch, sage ich jetzt leise und lege das Tuch weg. Ur-Oma nimmt die Augenklappe ab. Ihre braunen, gro�en Augen. Ein d�nnes Haar aus dem Muttermal an ihrer Wange. Die gebl�mte Kittelsch�rze �ber dem Schwarz. Ich schleiche mich aus ihrer Laune davon. Die Sonne scheint. Ich klettere auf einen Pflaumenbaum. Vater singt selbstvergessen. Mutter lacht. Nena Fatima zieht ihre Stiefel aus. Tante Taifun f�llt Eimer und Eimer und streichelt �ber ihren gro�en Bauch. Onkel Miki hat ein Huhn an den Beinen gepackt und schleppt es zum Hof.</p><empty-line/><p>Es gibt Rohwurst mit rotem Paprika und Knoblauch, es gibt ger�ucherten Schinken, es gibt ger�ucherten Speck, es gibt Ziegenk�se, Schafsk�se, Kuhk�se, es gibt gebratene Kartoffeln mit Lauch, es gibt gekochte Eier; Zahnstocher gibt es, die Zahnstocher stecken in der Rohwurst, im Schinken, im K�se, in den Eierscheiben; es gibt Wei�brot, es gibt goldenes Maisbrot, immer gebrochen wird das Brot, niemals geschnitten; es gibt Knoblauchbutter, Leberpastete, Kajmak, es gibt Kohlsuppe, Kartoffelsuppe und auf der H�hnersuppe schwimmen daumengro�e Fettaugen, das Brot wird in die Suppen getunkt ; es gibt Bohnenbr�he, ein Gr�uel!, es gibt gebratene Bohnen, es gibt Bohnensalat; es gibt reis- und hackfleischgef�llte Wei�krautrouladen, es gibt hackfleischgef�llte Paprika, hackfleischgef�lltes Hackfleisch, Hackfleisch und Pflaumen: Mutter und ich sehen uns an, sie fragt nach Schokolade; es gibt Schokolade, es gibt H�hnchen, es gibt Gurkensalat, so ein derma�en unbeachtetes Essen wie diesen Gurkensalat habe ich noch nie gesehen; es gibt warmes Baklawa, der Sirup aus Zucker, Zimt, Honig und Nelken trieft �ber die Finger auf die Hose, auf das Hackfleisch; so s��, schreit jemand, so s��, es ist Onkel Bora, er steht vor lauter S��genuss auf � im Stehen und mit geschlossenen Augen leckt er sich die Finger, so s��!, nicht auszuhalten!, aufh�ren!, mehr!; es gibt Pflaumen �ber Pflaumen, es gibt Pflaumenstrudel mit Vanillezucker und Pflaumenkompott, es gibt gebratene Pflaumen mit Zuckerguss ; es gibt Melonen, die F�nf-Mann-Musikkapelle aus Dilettanten macht ausgerechnet f�r die Melonen eine Pause, es ist mir ein R�tsel, warum man sie nach ihrem misslungenen Kloauftritt wieder eingeladen hat, aber sie sind da, st�rzen sich auf die Melonenst�cke, schl�rfen, schlotzen, schmatzen, �berhaupt schl�rfenschlotzenschmatzen auf einmal alle und als Erstes nach der Pause spielt die Kapelle �In der sch�nen, alten Stadt Vi�egrad�. Aaah!, f�hrt aber Ur-Opa dazwischen vor Lust und Wut und spuckt eine Kanonade Melonenkerne in Richtung Trompete, aah!, das geht nicht, so etwas Zartes doch nicht zur Melone, ihr Dilettanten! Dabei ist er l�ngst beim Lamm � links ein Melonenboot, rechts eine Lammkeule, und dann abwechselnd nagen, aah! Ja, es gibt auch Lamm, das graue Fleisch t�rmt sich auf den Blumentellern, und gleich wird es auch Spanferkel geben: Tante Taifun dreht den Spie�, gie�t Bier �ber den Schweiner�cken und Wein �ber den Schweinebauch, vor Hitze und Anstrengung rotwangig, einenstuhlbrauchichnicht, und das blonde Haar fliegt ihr um den Kopf. Tante Taifun kurbelt mit beiden H�nden so wild, dass Asche unter dem Spanferkel stiebt, bistsduzulangsambr�tsnichtharmonisch. Griebe aus gekochtem, gesalzenem, gepresstem Schweinefett gibt es, es gibt gebratenen Schweinedarm, es gibt Schweinef��e und -ohren, mit Gelee �berzogen, es gibt nichts, was es nicht gibt.</p><p>Ich schleppe den Eimer mit der Melonenrinde zum Schweinegehege und bewerfe die Schweine damit. Schweine st�rt das nicht, sie haben dicke Haut, sie essen die Rinde und w�hlen mit ihren weichen Schnauzen im Matsch. Ich treffe die fetteste Sau am Bauch. Sie grunzt und k�mmert sich nur um die Rinde, Abdr�cke meiner Z�hne auf ihrem Futter, so ist das Schweineleben. Das n�chste Mal, wenn wir ein Schwein schlachten, darf ich mitjagen, darf es mit zu Boden dr�cken, darf es aufspie�en � hinten rein, unter der Wirbels�ule entlang und durch das Maul raus. Ur-Opa versprach mir das heute. Den Magen ausschaben und auswaschen darf ich zwar auch, ich m�chte aber gar nicht mit meinen H�nden dort hineingreifen, wo die Melonenrinde sein k�nnte. Auch das Messer lasse ich lieber meinen Vater oder meine Onkel f�hren. Kehle durchschneiden sei effektiv, meint mein Vater, Onkel Bora sch�ttelt den Kopf: wo das Herz ist, da ist es am effektivsten, Onkel Miki ist alles egal, wenn nur das Schwein am Ende ordentlich tot ist.</p><p>Ginge es nach Ur-Opa, d�rfte ich sowieso viel mehr machen, nicht nur Schweine schlachten. Ich k�nnte essen, was ich wollte und m�sste nicht zur Schule. Ur-Opa sagt: in der Stadt werden aus Jungen keine M�nner und in der Schule aus den Dummen keine Gro�herzigen. In der Stadt bekommt man eine schlechte Nase und sieht zwei Meter weniger.</p><p>Ur-Opa ging nur bis zum Buchstaben �t� in die Schule, weil danach nichts Wichtiges mehr kommt. Nur dreimal verlie� er sein Dorf: zweimal, um Krieg zu f�hren und einmal, um eine Frau zu erobern. Drei Siege erlangte er. Stolz, unverw�stlich, immer singend, immer den Tr�nen oder dem Gel�chter nah. Die Familie erz�hlt jedem Gast gerne, wie Ur-Opa letztes Jahr zu Ostern � immer ist es letztes Jahr zu Ostern gewesen � einen seiner Ochsen an den H�rnern packte, ihn mit einer Hand in die Knie zwang, mit der anderen das erste Maigl�ckchen des Jahres f�r Ur-Oma pfl�ckte und danach allein in nur vier Tagen den Acker umpfl�gte. Der Ochse, den ein Mensch so erniedrigen kann, soll er gesagt und dem Ochsen die N�stern get�tschelt haben, verdient es nicht, seine Hufe �ber meinen Boden zu ziehen. Wenn man ihn fragt, wie alt er ist, sagt Ur-Opa: ich bin noch jung, ich habe noch nie ein Schiff gesehen und noch nie einem L�gner Ehrlichkeit beigebracht.</p><p>Wenn ich so alt bin wie mein Ur-Opa Nikola, werde ich ein Mal Segel gesetzt haben, ein Mal einen L�gner begr��t und ihn als ehrlichen Menschen verabschiedet haben, ein Mal einen Esel �berredet haben, meinen Weg zu gehen und ein Mal so gesungen haben wie Ur-Opa, mit einer Stimme kr�ftig wie ein Gebirge, ein Schiff, eine Ehrlichkeit und ein Esel zusammen.</p><p>Zur�ck zu Tisch, denn es gibt Kaffee, und Ur-Oma liest allen aus dem Kaffeesatz die Zukunft. Mir verhei�t sie eine unerf�llte Sehnsucht und drei gro�e Liebschaften in den n�chsten drei Monaten. Mutter lacht, ruft dazwischen: er ist doch viel zu jung, und Ur-Oma tadelt mich, dass ich so jung Kaffee trinke und korrigiert sich auf zwei Liebschaften und eine Aff�re � die aber wird eine unkomplizierte K�nstlerin sein, so gr�ne Augen hast du noch nicht gesehen!</p><p>F�r keine Zukunft braucht sie mehr als zwei Minuten, f�r Onkel Mikis braucht sie drei�ig, wiegt sich hin und her und beendet keinen Satz; dann gibt es auf einmal B�rek, es gibt Pita mit Kartoffeln, Pita mit Brennnesseln, Pita mit K�rbis, es gibt Walnusskuchen und einen Schluck Rotwein f�r mich; es gibt keine Reihenfolge, es gibt kein Hintereinander, es gibt st�ndig jemanden, der sagt, er k�nne nicht mehr, er bekomme unm�glich noch einen Bissen herunter, es gibt abwehrend fuchtelnde H�nde und niemanden, der das Gefuchtel ernst nimmt, es gibt kein Zur�ck, es gibt beleidigte Gesichter, wenn jemand ernsthaft droht, beim n�chsten halben Huhn sterben zu m�ssen; der Wein gibt dir z�heres Blut, sagt Ur-Oma und schenkt mir nach, wenn uns niemand zusieht ; zu allem gibt es Wei�brot, Onkel Bora belegt kaltes Wei�brot mit warmem Wei�brot, sagt: ich bin im Wei�brothimmel, danach gehts r�ber ins Apfelweinparadies � das allerdings macht am Tag der Pflaume nur Probleme, das wei� Onkel Bora auch und lacht, als ihm Ur-Opa Sliwowitz ins Gesicht h�lt: wie willst du ihn trinken, freiwillig oder durch die Nase? Es gibt Bier, Weinbrand, es gibt Cognac, Eis klimpert in den Gl�sern. Leere Teller gibt es niemals. Und es gibt Nata�a, es gibt diese Nata�a im Bl�mchenkleid, mit nackten F��en und roten Wangen wie im Fieber. Es gibt Nata�a schon den ganzen Abend, sie jagt und jagt und jagt mich, komm gek�sst!, ruft sie immerfort, komm gek�sst! Sie findet jedes meiner Verstecke. Ich fliehe unter den Tisch, entschlossen, dort ein Jahrhunderttausend zu warten, bis sie von mir abl�sst mit ihrer Zahnl�cke und ihren gespitzten Lippen, komm gek�sst, komm gek�sst! Ausgerechnet der lautere Marschall Rooster verr�t mich ruchlos, unter dem Tisch ist er, schnapp ihn dir, so sind die Jungens aus der Stadt, f�rchten sich vor uns, verkriechen sich zwischen die Tischbeine! Taucht Nata�a also zu mir ab und robbt auf mich zu, und wie sie da so robbt, muss ich an Petak denken, Ur-Opas Sch�ferhund, wie er sich heute auf das quietschende, blutende Ferkel gest�rzt hatte. Komm gek�sst, komm gek�sst, und die laute Trompete und die singende Familie und niemand da, der Nata�a einen Tritt gibt. Ich weiche zur�ck, schon mit dem R�cken an den Beinen meiner Mutter, als es das Gebr�ll gibt. Es gibt eine br�llende M�nnerstimme und pl�tzlich keine Musik mehr. Es gibt keinen Gesang. Es gibt eine Stille.</p><p>Nata�a erstarrt neben mir. Wir sp�hen Kopf an Kopf unter der Tischdecke: es gibt Onkel Mikis besten Freund Kamenko zu sehen, er steckt seine Pistole in die Trompete und br�llt, dass sich seine Wangen um zwei w�tende Gesichter r�ter f�rben und sein Kopf um zwei K�pfe breiter schwillt: was soll das hier? So eine Musik in meinem Dorf! Sind wir hier in Veletovo oder in Istanbul? Sind wir Menschen oder Zigeuner ? Unsere K�nige und Helden sollt ihr besingen, unsere Schlachten und den serbischen Gro�staat! Miki geht morgen in die Waffen und ihr stopft ihm am letzten Abend mit diesem t�rkischen Zigeunerdreck die Ohren?</p><empty-line/><p>Ein Spanferkel zu fangen, ist nicht einfach! Weil Schweine schnell sind und gut in den Kurven liegen. Und weil Schweine mitdenken!, �berraschte uns mein Vater zu Beginn des Festes mit einer Rede, der l�ngsten, die wir alle je von ihm geh�rt haben. Das Schwein sieht das gewetzte Messer und rechnet zwei und zwei zusammen. Es sagt sich: in Ordnung, jetzt aber nichts wie weg hier. Hat das Schwein etwa eine Vision?, fragte mein Vater und sah in die Runde. Seit Jahren findet es keinen Ausweg aus seinem Gehege, warum sollte es in den n�chsten zwanzig Sekunden anders sein? Die Schl�chter sind schon zu riechen. Panik und Instinkt wohnen im Schweinekopf T�r an T�r. Im gemeinsamen Garten bl�ht sp�rlich das Mitdenken: eine helle Blume f�r die hellen Momente ! So eine Blume pfl�ckt das Schwein, es quiekt und prescht los! Der letzte Schl�chter hat das Tor hinter sich noch nicht geschlossen. Der letzte Schl�chter ist Bora. Er sieht sich den Tunnel seiner Beine an und fragt: war das etwa das Schwein? Ja, war es, mein Bora, war es, und das Schwein rauscht auch schon �ber den Hof und raus auf die Wiesen. Wir hinterher, das entfesselte Tier galoppiert �ber die Wiesen in die Freiheit! Und wisst ihr was? Einem so raffinierten Schwein, einem so schnellen und eleganten Schwein, einem Schwein, das eine Vision hat, g�nne ich die Freiheit! Raus aus der kollektiven Stumpfheit und dem Stallmief und ab in die Individualit�t!, rief mein Vater und breitete die Arme aus. Vor dem Schwein der Wald mit den wilden Kollegen, dar�ber die Berge und hier � unsere Wiesen: ein ges�nderes Gr�n hat nur die Drina, man m�chte auf die Knie gehen und Gras fressen. Das Schwein quiekt, und ich sage euch, das ist der reinste Freudenruf! Das Schwein bequiekt seine Revolution! Bora bleibt als Erster stehen, ist er �berhaupt hinterhergelaufen? Ich gebe es auch bald auf, nur Miki rennt weiter. Mein kleiner Bruder Miki, sagte Vater und sah zu der Stelle, wo Miki sa�. Der wird ja auch Soldat, das merkt man ihm an, das Schwein hat f�nfzig, vielleicht sechzig Meter Vorsprung, aber Miki will davon nichts wissen und schreit, dass man es �ber die Wiesen, in den Wald und hoch in die Berge h�rt: davon will ich nichts wissen! Gerade noch in List und in Geschwindigkeit unschlagbar, stoppt das Schwein pl�tzlich. Es dreht seinen Kopf zu meinem kleinen Bruder. Was ist das jetzt? Das Schwein steht da und guckt zu den Bergen, zu Miki, zu den Bergen, zu Miki. Und erst als er es fast eingeholt hat, rast es wieder los, aber nicht mehr zum Wald in die Freiheit, sondern zur�ck in den Hof. Es knallt zwischen Stall und Scheune und bleibt hinten, wo es enger wird, stecken. Den Rest habt ihr ja gesehen, nur mit der Kabelrolle und dem Traktor konnten wir es entkorken.</p><p>Mein Vater hob sein Glas. Mein Vater, der Schl�chter, rief mit glasigen Augen: auf meinen Bruder! Alle stie�en auf Miki an. Ein Spanferkel zu schlachten ist kein Spa�!, rief Vater. Weil Schweine mitdenken, mein Bora hier aber eher nicht. Weil es Bora nicht mit der Kehle, sondern unbedingt mit dem Herzen machen wollte. Und weil er vergessen hat, Petak anzubinden. Dabei kannst du beim Schlachten nur zwei Fehler machen: vergessen, den Hund anzubinden, der durchdreht, wenn er das ganze Blut riecht, oder den Stich daneben setzen, so dass auch das Vieh durchdreht und eine Ewigkeit braucht, bis es krepiert.</p><p>Bis der Schmerz so gro� wird, dass man ihn mit diesem Leben nicht mehr aush�lt, stellte ich mir vor.</p><p>Onkel Bora hatte beide Fehler begangen.</p><p>Fick doch die g�ttlichen Schweinef��e, Bora, da ist vielleicht die Niere, aber doch nicht das Herz!, hatte Onkel Miki seinen Bruder angeschrien und mit dem ganzen Gewicht sein Knie in das Schwein am Boden gedr�ckt. Das Blut spritzte in alle Richtungen. Schon jagte das Bellen n�her. Petak schoss �ber den Hof, �berholte die eigene Zunge. Bora, Mann!, schrie Miki, und Petak sprang um die M�nner und das blutende Schwein. Er bellte nicht mehr, er schrie, der Sabber quoll durch seine gefletschten Z�hne und triefte ihm die Schnauze herab. Miki konnte das Schwein nicht loslassen, weil Bora wieder mit dem Messer ausholte, Petak, aus! Aus!, schrie er, mein Vater trat nach dem Hund, der jaulte auf und Bora stach ein zweites Mal zu.</p><empty-line/><p>Aus! Aus die Musik!, br�llt jetzt dieser Kamenko, obwohl die Dilettanten gar nicht mehr spielen und vor Kamenkos Pistole zur�ckweichen. Nur der Trompeter r�hrt sich nicht, die Trompete noch an den Lippen wie bei dem letzten heiteren Ton und der letzte heitere Ton noch in der Luft, nur nicht mehr heiter. Der Pistolenlauf r�hrt in der Trompete. Kamenkos Arm zittert, der Trompeter zittert, ein kalter Wind geht. Kamenko mit seinem Gebr�ll und Petak mit seinem Gebell wetzen den Wind scharf wie Onkel Bora das l�ngste Schlachtmesser f�r das Schweineherz.</p><p>Bell nur, bell, murmelt Kamenko mit starrem Blick und zieht langsam die Pistole aus der Trompete.</p><p>Bleib unten, fl�stert meine Mutter und schiebt meinen Kopf unter den Tisch. Ich sehe trotzdem alles, ich sehe wie Kamenkos Arm zuckt, es gibt den Schuss, es gibt die Schreie, es gibt das Scheppern der Trompete, als sie auf dem Boden landet. Nata�a f�llt mir um den Hals, f�llt mir in die Arme, bei�t nicht, k�sst nicht, sie fl�stert nur: was war das?</p><p>Etwas so Lautes, dass Petak verstummt. Etwas so Erschreckendes, dass meine Mutter mit den Beinen zuckt. Etwas so Wichtiges, dass es die Berge wiederholen � wie ferner Donner klingt der Hall. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht h�lt der Trompeter beide H�nde an sein rechtes Ohr, kr�mmt sich aber, als sei er in den Magen geschlagen worden. Zu nah war die Pistole, warum so nah?, m�chte ich schreien, Nata�a lehnt ihren Kopf an meinen R�cken, umarmt mich. Das muss doch nicht sein, w�rde ich mich gern wehren, aber gerade jetzt muss das vielleicht doch sein.</p><p>Aus! Aus die Musik! Gespielt wird jetzt, was ich befehle!, befiehlt Kamenko und tritt nach der Trompete. Hat unser Volk Schlachten gewonnen, damit Zigeuner auf unsere Lieder schei�en?</p><p>Nur Ur-Opas Schnarchen st�rt die Stille nach Kamenkos Frage. Kein Schuss, kein Bellen, keine Befehle dieser Welt k�nnen einem solch melodischen Schlaf etwas anhaben. Bevor sich Kamenko erhob und das Lied von der sch�nen Emina unterbrach, hatte Ur-Opa die erste Strophe gesungen, singend war er auch eingeschlafen, den Kopf auf dem Tisch.</p><p>Kamenko st��t den Trompeter gegen die Wand und dr�ckt ihm den Arm unter das Kinn. Das Leder an seinen Stiefeln ist abgescheuert bis zum Metall. Der Trompeter r�chelt und Ur-Oma tupft sich die Mundwinkel mit einem Blatt Kopfsalat ab, zieht ihre Augenklappe auf und stellt sich breitbeinig hinter Kamenko. High Noon, Cowboy!, ruft sie ihm zu, bewaffnet mit zwei Gabeln. Ich z�hle bis drei! Eins, Kamenko, mein gesunder Kamenko, wusstest du, dass ich deinen Gro�vater Kosta gestillt habe, weil die Milch seiner Mutter zu schwach war? An meiner Milch wurde dein Kosta gesund und gro�, f�r seinen gro�en Kopf konnte ich nichts. Er spielte mit meinem Slavko und tanzte auf unseren Festen. Und wenn deinem Kosta nach einem Lied war, schnallte er sich selbst das Akkordeon um und griff wie ein Mann in die Tasten, dass die Musiker gar nicht hinterherkamen! Zwei, Kamenko, mein sch�ner Kamenko, jetzt hast du dir dieses Haar wachsen lassen und diesen Bart, fuchtelst mit dieser Pistole herum und hast dir auf die M�tze ein Wappen gen�ht, schief, aber das kann man lernen. Wei�t du aber, dass dein Gro�vater Kosta gegen solche M�tzen und die doppelk�pfigen Adler auf den M�tzen in den Krieg zog, dass er zwei Mal an derselben Schulter verwundet wurde und zwei Mal an derselben Wade? Drei, Kamenko, mein schie�w�tiger Bandit, warum ballerst du in unser Haus? Mit diesen H�nden haben wir es in den Boden gekellert und in die Wolken gerissen, und du schie�t ihm mitten in den Hals, da, wo seine Seele sitzt!</p><p>Kamenko schubst den Trompeter von sich weg und wendet sich Ur-Oma zu. Jaja, das Haus � Sofort erheben sich in seinem R�cken die V�ter. Ich zahl dir den M�rtel, aber wer entsch�digt mich f�r mein von diesem Dreckspack beleidigtes Ohr? Kamenko sticht mit der Pistole zwischen Ur-Oma und den in der Ecke ineinander gekn�uelten Musikern. Ur-Omas Finger spielen ungeduldig �ber den Gabeln in ihrem Rock. Gegen Marschall Rooster, den schnellsten Colt von Veletovo, hat Kamenko keine Chance. Miki ist mein Blutsbruder, seine Familie � meine Familie, Respekt und Ehre diesem Blut!, sagt Kamenko und dreht seine Unterarme nach au�en, weil man bei Blut und Bruder an Handgelenke denken muss. Miki starrt geradeaus und knetet Brot in der Faust. Er hat die �rmel umgekrempelt, bei�t so fest auf das Brot, dass die Muskeln in seinem Unterkiefer spannen. Die V�ter huschen auf Kamenko zu, mein Vater der schnellste � noch schneller hebt Kamenko die Pistole, dreht sich um und deutet im Halbkreis f�r jeden Vater einen Schuss an, bang, bang, bang, sagt er.</p><p>Ich halte mir die Ohren zu, die V�ter bleiben stehen. Mein Vater in Schrittstellung, die Arme angewinkelt, vorgebeugt, wie vor dem entflohenen Schwein.</p><p>Aber, aber, aber! Kamenko dreht eine zweite, langsamere Runde, schwenkt mit der Pistole, als w�rde er den Kopf sch�tteln. Jedes �Aber� ist f�r einen Vater, das vierte gilt Ur-Oma: aber hat mein Gro�vater seine Schulter und seine Wade nicht seinem Land und seinem Volk geopfert? W�hrend wir hier sitzen, pl�ndern die Ustaschas unser Land, sie vertreiben und schlachten unser Volk! Hat nicht mein Gro�vater auch gegen die Ustaschas gek�mpft? Hat er, Frau Krsmanovi�, hat er! Ich lasse mir nicht l�nger von Zigeunern Ustaschalieder und T�rkengeheule vorsetzen! Ich will f�r unseren Miki unsere Musik! Lieder aus der ruhmreichen Zeit, die war und die wieder kommen wird! Kamenko schl�gt sich mit der freien Hand gegen die Brust. Und zwar sofort! Nicht zum Reden, zum Tanzen bin ich hier! Wirds bald, gib, gib, gib!</p><p>Nicht der dicke Dilettantens�nger legt aber los, sondern Ur-Opa wacht auf. Ruckartig hebt er den Kopf vom Tisch und setzt das Lied �ber die sch�ne Emina an genau der Stelle fort, an der es Kamenko mit seiner Pistole ausgeschossen hatte. Mit gr�lender Trauer, als w�rde die eitle Emina vor Ur-Opas Veranda stehen und seinen Gru� nicht erwidern �</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>� ja joj nazvah selam, al� moga mi dina, ne ��e ni da �uje lijepa Emina �</emphasis></p><empty-line/><p> � braust Ur-Opas Stimme auf, und Petak steigt heulend ein. Verdutzt sieht Kamenko den wei�haarigen S�nger an. Eminas Haar, zu Z�pfen geflochten, riecht nach Hyazinthen, unter ihrem Arm eine silberne Sch�ssel, im Lied steht sie unter einem Jasmin, in Veletovo unter einer Pflaume �</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>� no u srebren ibrik zahitila vode pa po ba�ti �ule zalivati ode �</emphasis></p><empty-line/><p> � breitet Ur-Opa die Arme aus und wirft den Kopf in den Nacken. Kamenko und ich lie�en uns vom Lied gleicherma�en ablenken, und als ich wieder zu ihm sehe, haben ihn die V�ter zu Fall gebracht, mein Vater kniet auf dem Arm mit der Pistole, bis Kamenko losl�sst �</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>S grana vjetar duhnu pa niz ple�i puste rasplete joj one pletenice guste �</emphasis></p><empty-line/><p> � spielt der Wind mit Eminas dichtem Haar. Lauter als Ur-Opas Gesang, Petaks Geheul und Kamenkos schmerzerf�llter Schrei, als ihn die V�ter auf den Bauch drehen, Gesicht gegen den Boden, ist jetzt nur noch einer � Onkel Miki. Nicht, weil er die Stimme hebt, sondern weil er seit der Pistole in der Trompete zum ersten Mal �berhaupt etwas sagt �</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>� zamirisa kosa ko zumbuli plavi, a meni se krenu bururet u glavi �</emphasis></p><empty-line/><p> � Eminas Hyazinthenhaar bringt meinen verliebten Ur-Opa v�llig durcheinander, und Miki sagt: lasst ihn sofort los!</p><p>Mann, Miki, der Typ ist krank! Nata�as Vater, ein unrasierter Bauer mit buschigen Augenbrauen, dreht Kamenko den Arm hinter den R�cken. Mein Vater hebt die Pistole mit Zeigfinger und Daumen auf �</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>� malo ne posrnuh, mojega mi dina, no meni ne do�e lijepa Emina.</emphasis></p><empty-line/><p> � so gut riecht Emina, dass man sich in ihrer N�he kaum auf den Beinen halten kann.</p><p>Ich hab gesagt: loslassen!, schreit Miki und beugt sich �ber seinen Freund. Kamenko, du h�ttest doch nicht wirklich auf jemanden geschossen?</p><p>Aber f�r Fragen und Antworten ist keine Zeit, die V�ter sehen sich an, hoch damit, halten Kamenko gegen die Wand, an seinem Kinn Spucke und Blut. Die Wange an die Fassade gedr�ckt, japst er: isjagut � lass � isgut!</p><p>Ur-Opa braucht keine Musik, die Dilettanten w�rden sie ihm jetzt auch nicht spielen k�nnen, sie sehen sich besorgt das Ohr ihres Trompeters an. Ur-Opa ist aufgestanden, singt den letzten Vers �</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>� samo me je jednom pogledala mrko, niti haje, al�ak, �to za njome crko�!</emphasis></p><empty-line/><p> � und tanzt: nur einen d�steren Blick hat Emina f�r Ur-Opa �brig, sie schert sich um seine Liebe nicht. Ur-Opa tanzt um die Tische und schnappt sich Kamenkos Pistole von meinem Vater. Er tanzt zu den St�llen und schie�t so lang in den gro�en Misthaufen, bis aus den Sch�ssen Klicke werden. Mit dem Stiefel st��t er die Pistole in den Mist, bis sie verschwunden ist, dr�ckt den R�cken durch und sagt: hachja �</p><empty-line/><p>Es gibt f�r manches keine Erkl�rung, es gibt das Hachja; es gibt einen w�tenden Kamenko auf einer winzigen Veranda in einem winzigen Dorf in den Bergen �ber der kleinen Stadt Vi�egrad; es gibt den langhaarigen Kamenko, er h�lt sich den schmerzenden Arm, man f�hrt ihn von der Veranda weg, wirft seine Tarnjacke auf den Boden; es gibt einen laut atmenden Kamenko, der im Kuhmist nach seiner Pistole w�hlt; es gibt den br�llenden Kamenko, jetzt w�hl ich in der Schei�e, aber wenn unsere Zeit kommt, werden die Verr�ter Schei�e fressen! Es gibt einen Platzregen, sommerliche zwei Minuten lang, es gibt den dicken Dilettantens�nger, der von Ur-Opa Nikola die doppelte Gage verlangt und sie bekommt, falls, legt Ur-Opa dem Dicken die Hand auf die Wange, falls du meine Hyazinthe morgen fr�h weckst mit � er fl�stert ihm etwas ins Ohr. Der Hyazinthe dr�ckt Ur-Opa einen Kuss unter die Augenklappe. Es gibt die Armee f�r Onkel Miki, es gab im Fr�hling einen Streit zwischen Sohn und Vater, zwischen Onkel und Opa, es gab ein Verbot, Miki, das ist nicht die Zeit, um in die Armee zu gehen, keine Diskussionen! Es gab mich im Nebenzimmer und Opa Slavko gibt es nicht mehr, ich erz�hlte niemandem von diesem Streit, man verpetzt die Familie nicht. Es gab ein Fest, es gab Drohungen, es gab eine Pr�gelei, es gab einen Schuss, vielleicht muss das immer so sein, wenn in die Armee gegangen wird, man ist noch gar nicht richtig dort, da kommt der Krieg schon hierher. Es gibt die Sorge, Miki k�nnte dorthin geschickt werden, wo nicht nur in die Misthaufen geschossen wird, es gibt den traurigen Abschied von Miki, es gibt Tr�nen f�r Miki und eine Ohrfeige f�r Miki, du unversch�mtes Balg! Die Ohrfeige gibt es, weil der morgige Soldat sagt: Kamenko hat doch Recht, wir d�rfen uns nicht alles gefallen lassen, es ist an der Zeit, dass wir den Ustaschas und den Mudschaheddin die Stirn bieten, es gibt daf�r die Ohrfeige, es gibt verstohlene Blicke zu meiner Mutter und zu meiner Nena Fatima; es gibt die taubstumme Nena Fatima, die in die Runde sieht, als h�tte sie jedes Wort und jede Geste und jeden Schuss verstanden: besch�mt und traurig. Es gibt ein Dazugeh�ren und ein Nichtdazugeh�ren, pl�tzlich ist die Veranda dem Schulhof gleich, auf dem mich Vukoje Wurm gefragt hat: was bist du eigentlich? Die Frage klang nach �rger, und ich wusste die richtige Antwort nicht. Es gibt Kamenko nicht mehr auf der Veranda, er ist abgezogen, ohne seine Pistole gefunden zu haben, geblieben sind seine Drohungen. Es gibt Kamenkos Pistole, Ur-Opa zieht sie aus seinem Stiefel, alles sauber, sagt er zu Miki, aber ein ganz sch�ner Mist, was du da faselst; es gibt n�mlich auch Scham, es gibt mich, der sich sch�mt, und zwar nicht weil Onkel Miki jemandem Recht gibt, der sie nicht mehr alle hat, ich sch�me mich f�r mich selbst, weil ich es mutig finde, dass mein Onkel f�r seinen Freund einsteht. Es gibt aber auch die Scham, weil sich Mutter sch�mt und Nena Fatima wie einer Katze den R�cken streichelt; �ber den Tisch sagt Mutter so leise, ich glaube, Miki h�rt sie gar nicht: Mann, Miki, was soll das denn � Es gibt meinen Vater, der wie so oft nichts sagt, es gibt seine Gesichtsfarbe, gegen die ich Penicillin gespritzt bek�me. Es gibt die Ustaschas, es gibt das Geschichtsbuch, in dem steht, dass die Partisanen diese Ustaschas genauso niedergemacht haben wie auch die Nazis und die Tschetniks und die Mussolinis und �berhaupt alle, die etwas gegen Jugoslawien und die Freiheit hatten. Es gibt auch die Mudschaheddin, sie reiten durch die W�ste und ziehen sich Bettlaken an. Es gab Vukoje Wurms Frage auf dem Schulhof, ich hielt sie f�r eine Drohung und die Erkl�rung meiner Mutter f�r einen Witz. Ich bin ein Gemisch. Ich bin ein Halbhalb. Ich bin Jugoslawe � ich zerfalle also. Es gab den Schulhof, der sich wunderte, wie ich so etwas Ungenaues sein konnte, es gab Diskussionen, wessen Blut im K�rper st�rker ist, das m�nnliche oder das weibliche, es gab mich, der gerne etwas Eindeutigeres gewesen w�re oder etwas Erfundenes, das Vukoje Wurm nicht kannte, oder etwas, das er nicht auslachen konnte, eine deutsche Autobahn, ein Wein trinkendes, fliegendes Pferd, ein Schuss in den Haushals.</p><p>Es gibt mich, der sp�ter ein Fest ohne Pistolen malen wird. Es gibt Nata�as N�he, es gibt Nata�as Bl�mchenkleid, es gibt Nata�as F��e mit schmutzigen Sohlen, es gibt ihre Z�pfe, geflochten wie die von Emina aus Ur-Opas Lied; es gibt diese Kussj�gerin Nata�a, mein Held, sagt sie zu mir, meinmein Held, und schlie�t die Augen, komm gek�sst, komm gek�sst; es gibt mich, so sitze ich da, inmitten der summenden Weltrekords��e von Nata�as K�ssen, wie kleine Fliegen summen sie um meinen Kopf, ihre dunkelrote S��e an Stirn, an Wange, an Wange, an Stirn.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wer gewinnt, wenn Walross pfeift, wonach ein Orchester riecht, ab wann man Nebel nicht mehr schneiden kann und wie eine Geschichte zu einer Abmachung wird</strong></p><p><strong>D</strong>er ehemals gef�rchtete Dreiersch�tze Milenko Pavlovi�, den man wegen seines borstigen Schnurrbarts und seiner h�ngenden Wangen Walross nennt, pfiff nach seinem Karriereende jeden Samstag Spiele der h�chsten jugoslawischen Liga und fuhr am n�chsten Tag so zur�ck, dass er zum Mittagessen wieder zu Hause war. Von sechzig Spielen, die er geleitet hat, gewannen die Heimmannschaften f�nfundf�nfzig.</p><p>An diesem Samstag, Ende April 1991, begleitete ihn sein Sohn Zoran zu einem Spiel nach Split, und Zoran schlug vor, gleich nach dem Bingo zur�ckzufahren. Bingo und Bohneneintopf mit Rippchen nach dem Spiel im teuersten Hotel der Stadt. Eine ordentliche Portion f�r Walross, denn er hatte ordentlich gepfiffen, und die Zuschauer skandierten nach dem Offensivfoul vier Sekunden vor Abpfiff: Walross! Walross! Walross!, und nicht die Namen ihrer Spieler. Der Sieg der Gastgeber fiel knapp aus, nicht zu knapp war Walross� Bingogewinn.</p><p>Ich kann keinen schlafenden Beifahrer gebrauchen, sagte Walross, pennst du mir weg, setz ich dich auf dem Romanija aus. Er leckte sich die Finger ab, mit denen er die Rippchen gehalten hatte. Bis zum Knochen ordentlich abgenagt hatte der ordentliche Schiedsrichter das Fleisch. Die Rechnung ging aufs Haus. Der Birnenkuchen ging aufs Haus. Die Birnenschn�pse gingen aufs Haus. Walross kippte seinen dritten runter und stie� beim vierten mit dem Hotelbesitzer auf den Sieg der Jugoplastika an. Walross! Walross! Walross!, riefen Kellner und Ehreng�ste.</p><p>Walross! Ein Lied f�r Walross!, lallte der Hotelier, ein feister Ungar namens Agoston Szabolcs, und lockerte die Krawatte. Aus der K�che schl�ngelte eine schnelle Akkordeonmelodie in die Stube. Der Koch trat die T�r auf und schaukelte durch den Saal. Hier bin ich das Orchester! Um seinen grandiosen Bauch riss er das rote Akkordeon auseinander, an der H�fte baumelte eine fettige Fleischgabel, Schwei� troff ihm ins L�cheln. Die kurzen Finger rutschten �ber die Tasten, das Vorspiel roch nach Rind, nach Knoblauch, nach Metall. Sofort bewohnten zwanzig satte M�nner das Lied, zwanzig siegreiche Stimmen, mit jeder Strophe und jedem Klaren kaputter, gewonnener, verliebter. Der Koch grinste wie unter Qualen. Der Koch pfiff. Der Koch tropfte. Der Koch stellte seinen Fu� wie etwas Totes auf dem Stuhl ab, um das Akkordeon zu st�tzen. Joooj!, litt der Koch und rief den Schnaps zu sich. Aus der Flasche sch�ttete er sich den Schnaps in die Kehle, ohne dass das Lied stockte, als er die Hand von den Tasten hob, ich bin das Orchester!, gurgelte er, ich!</p><p>Die Kellner nahmen Bestellungen auf, bestellten immer das Doppelte f�r sich. Sie drehten die Tabletts auf den Fingerkuppen, umarmten einander und schunkelten zu den Liedern, Matrosen in Schwarz.</p><p>Der achte, rief Walross und warf das siebte Glas �ber die Schulter, ist f�r meinen Kleinen, blo� darf er noch nicht, ich verwalte das so lange.</p><p>Klein ist kleiner als ich, wehrte sich Zoran und trank die letzten Tropfen aus jedem Glas, ohne das Gesicht zu verziehen. Agoston Szabolcs tat es ihm gleich, nur nahm er volle Gl�ser, schlief nach dem zehnten ein, den Ellenbogen im �bervollen Aschenbecher. Alle Maul halten!, schnauzte der Koch und das Akkordeon fl�sterte dem Hotelier einen r�hrseligen Cs�rd�s ins Ohr. Die M�nner erhoben und suchten sich, schlossen den Kreis. Arm in Arm traten sie auf. Gl�ser trafen die Wand und blieben ganz, da erhob sich auch Agoston Szabolcs zum Tanz, noch bevor er aufwachte. Auch Milenko stieg in den Reigen, legte den Kopf in den Nacken, mehr Wolf als Walross.</p><p>Die ersten hundert Kilometer blieb Zoran wach � beim Gesang seines Vaters war an Schlaf nicht zu denken. Zwei Stunden sp�ter trank er den ersten Thermoskannenkaffee und kurz vor Sarajevo war ihm nach der dritten Packung Traubenzucker ein wenig schlecht. Als ihn sein Vater auf dem Romanija weckte, guck mal, Zoran, Nebel wie Zement!, rieb er sich die Augen und rief sofort: gar nicht habe ich geschlafen!</p><p>Jaja, nur kurz die Augen zugemacht, ganz so wie ich. Wir m�ssen uns beide dringend die Augen vertreten, das n�chste Mal rettet uns die Wiese vielleicht nicht mehr. Das Auto stand ein gutes St�ck feldein, rechter Hand ging es steil bergab, wohin, sah man nicht. F�nf Uhr morgens, Nebel wie Zement, Zoran!</p><p>Auf dem Romanija war es Nacht, Morgen, kalt und Fr�hling in einem. Vater und Sohn stiegen aus, der gro�e Mann streckte sich und kratzte sich den Schnurrbart. Zoran g�hnte, hob einen Stein auf und warf ihn in den Nebel. Auf den Gr�sern und den Schuhen lag der Tau. Sie pinkelten links und rechts an einer Tanne vorbei, bergab durch Nebelzement, pfiffen jeder f�r sich, jeder fr�hlich. Walross lehnte sich an die warme Motorhaube, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen die Zigarette. Zoran pfl�ckte L�wenzahn und G�nsebl�mchen und etwas Hellblaues, das er nicht kannte, und dr�ckte sie zu einem Strau�. Er packte die restlichen Rippchen aus und wickelte die St�ngel in die Alu-Folie. Er hielt von Blumen nicht viel, und genauso sah der Strau� auch aus, schei�e, lobte ihn sein Vater, aber Blumen sind Blumen, deine Mutter wird sich freuen.</p><p>Sie freute sich nicht. Die Haust�r stand offen, offen trug Zorans Mutter ihr Haar. Sie freute sich nicht, sie war nackt, aber warum eigentlich Nebelzement?, fragte sich Zoran. Niemals war etwas so weich gewesen wie der Nebel auf dem Romanija, an dem Sonntag, als Zoran und sein Vater Milenko, genannt Walross, schon am Morgen das Haus betraten, sechs Stunden fr�her als geplant. Die T�r stand offen, offen stand auch der Rei�verschluss von Bogoljub Balvan, dem Trafikanten.</p><empty-line/><p>Zoran sitzt auf der Treppe vor Meister Stankovskis Fris�rladen und starrt auf ein Foto zwischen seinen H�nden. Zoran mag die Prinzessinnen unter den M�dchen � langes Haar m�ssen sie haben, blass und schlank m�ssen sie sein, und stolz. Wie die Frau auf dem Foto. Und wie Ankica, Zorans Ankica mit den schwarzen Locken.</p><p>Ich setze mich neben ihn und reiche ihm die T�te mit den Sonnenblumenkernen. Zoran ist drei Jahre �lter als ich, und ich darf gelegentlich etwas f�r ihn erledigen. Heute musste ich mit seiner Ankica reden. Ich musste mich bei Zorans Ankica f�r Zoran entschuldigen.</p><p>Obwohl der Laden geschlossen bleibt, muss Zoran auch heute ran. Er soll Meister Stankovski beim Packen helfen, weil der ein paar Tage in Urlaub f�hrt. Urlaub � ja, klar, sagte Zoran, als ich ihn heute Morgen zum ersten Mal traf, und zog mit dem Zeigefinger die Haut unter seinem Auge nach unten.</p><p>Nat�rlich, sagte ich und machte dasselbe.</p><p>Sonst kehrt Zoran das Haar zusammen, poliert die Spiegel und reinigt mit winzigen B�rsten die beiden Panesamig-Rasierer. Meister Stankovski behauptet, die seien besser als Panasonic � sch�rfer und billiger, und Hand aufs Herz: woher sollen Japaner auch wissen, was B�rten gut tut?</p><p>Sieht meine kleine �sterreicherin nicht wie Ankica aus?, fragt Zoran, als ich ihm die Sonnenblumenkerne reiche und wischt unsichtbare Staubk�rner von dem zerknitterten Schwarz-Wei�-Bild.</p><p>Ihre Augen kommen mir bekannt vor, nicke ich und sehe mir die junge Frau mit den langen Locken und einer wei�en Kleidglocke genauer an. Ich habe das Foto schon oft gesehen, Zoran zeigt es immer, wenn er von �sterreich oder von M�dchen schw�rmt.</p><p>Die gucken da alle so, sagt Zoran und die Prinzessin mustert uns streng, kannst du dir das vorstellen � ein Land, in dem alle M�dchen so gucken? Irre!</p><p>Du, Zoran, sage ich, die guckt ja wie Bruce Lee �</p><p>Ganz genau, gibt er vertr�umt und gar nicht �berrascht zur�ck, die �sterreicherinnen gucken alle wie Bruce Lee. Haben aber sch�neres Haar und diesen Hals �</p><p>Wir schweigen beide und sehen uns das Foto an. Diesen Hals! Zoran riecht an den Sonnenblumenkernen. Es ist nicht schwer mit Zoran zu schweigen, denn es ist nicht leicht, mit ihm zu reden. Ihn interessieren nur B�cher, Prinzessinnen, allen voran Ankica, �sterreich und sein Vater, das Walross. Immer steckt ein Buch hinten in seiner Jeanstasche, die Jeans ist ausgewaschen, auf seinen Turnschuhen ein wei�er Stern.</p><p>Grissgott, fl�stert er zu dem Foto und k�sst die Ecke, in der in geschwungenen Buchstaben Hissi oder Sissi zu lesen ist. Grissgott, kiss die Hand, scheene Frau! Zorans Lippen sind leicht vorgeschoben, wenn er �sterreichisch spricht, gespitzt f�r einen kleinen Kuss. Kiss die Hand, hibsche Frau, kiss die Hand! Kung Fu!</p><p>Zoran lehnt sich nach hinten auf die Stufen und kneift die Augen zusammen. Die Sonne steht tief, kaum jemand ist auf der Stra�e zu sehen. Mit Zoran schweigen ist auch deswegen leicht, weil man nie wei�, wie man ihm eine Frage stellen soll.</p><p>Wo warst du so lange?, fragt er mich, und spuckt eine Schale im hohen Bogen auf die Stra�e.</p><p>Kurz zu Hause. Meine Alten haben gestritten, ich habe an der T�r gelauscht.</p><p>Wer war schuld?</p><p>Ging nicht um sie. Ging darum, dass alle wegfahren. Und um die Lage. Lage, Lage, Lage � Was sich anbahnt, was man tun soll und so.</p><p>Hm. Zoran knackt einen Kern zwischen den Z�hnen, legt das Foto auf die Treppe und f�hrt sich mit der Hand durch das Haar. Was bahnt sich denn an?</p><p>Keine Ahnung, da hat meine Alte die T�r aufgerissen.</p><p>Hm.</p><p>Wenn ich mit Zoran rede, nenne ich meine Eltern �die Alten�. Wir schweigen wieder, man h�rt nur das Knacken und das Spucken. Ein Spatz landet vor den Schalen.</p><p>Ich habe es ihr ausgerichtet, sage ich, nachdem die Stille etwas zu still wird. Zoran blinzelt in die Sonne. Wir waren allein, wie du gesagt hast, ich habe ihr dann einfach erz�hlt, so und so ist es.</p><p>So und so ist es, wiederholt Zoran.</p><p>Ja, dass es dir Leid tut. Dass du dich entschuldigst. Ja, und dass es nicht wieder vorkommen wird �</p><p>Wie sah sie aus?</p><p>Was?</p><p>Wie sah meine Ankica aus?</p><p>Ja, hm, so wie immer, Locken und Augen und all das. Sie hat gesagt, du h�ttest schon die ersten beiden Male versprochen, dass es nicht mehr vorkommen wird. Sie hat gesagt, dass sie dich hasst und nie wieder sehen will. Sie hat gesagt, du sollst gef�lligst keine Zwerge zu ihr schicken, wenn du mit ihr reden willst, das sei fast schlimmer als deine Unbeherrschtheit. Das fand ich wiederum nicht so gut von ihr.</p><p>Sie hat nicht Unbeherrschtheit gesagt. Zoran sch�ttelt den Kopf und schnippt eine Schale weg.</p><p>Sie hat Ohrfeigen gesagt, das hat sie gesagt. Es reicht, hat sie gesagt, du machst sie nicht mehr froh.</p><p>Dreimal hat Zoran seine Ankica schon geohrfeigt. Seine Ankica, von der jeder wei�, dass sie seine Ankica ist und dass Zoran Ankicas Zoran ist. Beim ersten Mal soll er zu ihr gesagt haben: das ist daf�r, dass man mir etwas genommen hat, das ich niemals zur�ckbekomme.</p><p>Du solltest dich wirklich selbst bei ihr entschuldigen, Zoran, sage ich, und es ist mir peinlich, so etwas sagen zu m�ssen. Ich habe es in einem Film geh�rt, da klang es aber tausendmal besser und es ging um einen Detektiv, der lange Zeit die Falsche gejagt hatte.</p><p>Zoran steht auf und st�tzt sich bequem auf das Gel�nder. Er sieht sich wieder das Foto an.</p><p>Warum schl�gst du sie wirklich?, frage ich ihn. Ich traue mich nicht, ihn auf seinen Teil der Abmachung anzusprechen.</p><p>Nach der Schule, sagt Zoran zum Foto, fahre ich in dieses �sterreich. Und morgen gibt es f�r meine Ankica Rosen. Merk dir eins, Aleksandar: Blumen sind nicht einfach Blumen. Meine Ankica wird mitkommen, dann brauche ich keine �sterreicherinnen, da k�nnen sie Bruce-Lee-Augen machen, so viel sie wollen. Servus, junges Frolein, Servus � Er verstaut das Foto in die Hemdtasche, sagt: so musst du dir n�mlich dein M�dchen vom ersten Tag an halten, dann kann dir das, was meinem Vater passiert ist, niemals passieren:</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wann Blumen Blumen sind, wie Mister Hemingway und Genosse Marx zueinander stehen, wer der wahre Tetrismeister ist und wof�r Bogoljub Balvans Schal sein Gesicht herhalten muss</strong></p><p><strong>A</strong>n diesem Sonntag kamen Vater und ich aber schon am Morgen zur�ck nach Hause, sechs Stunden fr�her als geplant. Die T�r stand offen, offen stand auch der Rei�verschluss von Bogoljub Balvan, dem Trafikanten. Meine Mutter kniete vor Bogoljub, das Haar zerzaust, als w�re sie gerade aufgewacht, dann aber h�tte sie zumindest ihr Nachthemd angehabt. Sie streichelte die Trafikantenschenkel und schob den Kopf wie ein Huhn vor und zur�ck.</p><p>Der Blumenstrau� klemmte zwischen Vaters Hand und der Sporttasche, die St�ngel platt gedr�ckt, aber Blumen sind Blumen. Ich sah ihn an, wollte, dass er mir dieses Huhn und diesen Trafikanten erkl�rt. Er lie� den Strau� fallen, die Tasche auf den Strau�. Noch hatten Mutter und Bogoljub uns nicht bemerkt. Vater f�hrte seine Schiedsrichterpfeife zum Mund und pfiff. Die beiden erschraken, Mutter biss die Z�hne zusammen, Bogoljub br�llte auf vor Schmerz. Sie machte sich vom Trafikantenscho� los, wischte sich �ber den Mund und taumelte auf Vater zu. Gott hilf mir, Milenko!, flehte sie mit Str�hnen in der Stirn und riss Omas geh�kelte Decke vom Tisch, um sich zu bedecken. Die Blumenvase kippte und das Wasser ergoss sich �ber die Tischplatte, Blumen sind Blumen � Rosen aus Bogoljubs Trafik.</p><p>Moment mal, murmelte Vater und sprang auf sie zu. Kraftvoll streckte er den Arm aus: Offensivfoul. Mit der Faust deutete er ihr � bis dorthin und keinen Schritt n�her. Auf dem Boden neben Bogoljubs F��en lagen zwei B�cher. Moment mal, liegen dort Marx und Hemingway nebeneinander?</p><p>Bogoljub Balvan riss die Augen auf. Maria, Mutter Gottes !, winselte er, trippelte zwischen �Das Kapital� und �Der alte Mann und das Meer� und zog an seinem Rei�verschluss. Heiligemuttergottes, piepste er und pustete auf die immer noch schmerzende Stelle im Schritt, Maria, mein Seelenheil, mach, dass er nicht klemmt!</p><p>Aber der Rei�verschluss klemmte, also verfluchte Bogoljub den Namen der Gottesmutter, der heiligen Gottesmutter aller Rei�verschl�sse und lie� Vater keine andere Wahl, als loszudonnern, dass es die ganze Nachbarschaft und die halbe Stadt h�ren und niemals vergessen w�rde: Fick doch die Sonne, Dragica! Hab ich uns das Haus mit diesen meinen H�nden hingestellt, damit du darin herumhurst? Hab ich uns das Regal gezimmert und die B�cher ausgesucht, damit sich ein Trafikantenarschloch am Genossen Marx und an Mister Hemingway reibt? Lass sofort die Tischdecke los, h�rst du! Den Flei� deiner eigenen Mutter beschmutzt du! Und du, Bogoljub, kennen wir uns seit den Pionieren, damit du in meinem Haus den Pionierschwur der Freundschaft brichst und mich besch�mst und erz�rnst, indem du meiner Dragica den Mund stopfst, sie zu einer Ehebrecherin machst? Hab ich dir damals das Geld f�r die Trafik geliehen, ohne einen einzigen Dinar Zins zu verlangen, damit du in meinem Haus reaktion�r und gl�ubig wirst und dich mit deinem Schwanz in solche Schulden st�rzt, die du in diesem Leben nicht mehr zur�ckzahlen kannst? Fick doch die heilige Trafikantenmutter! Raus hier! Beide! Und wenn euch euer Leben lieb ist, stellt ihr die B�cher ins Regal zur�ck!</p><p>Mutter r�umte zitternd die Klassiker ein und sammelte ihre Kleidung auf. Bogoljub hatte immer noch alle H�nde voll zu tun und half ihr nicht. Er hob die Schultern und schluchzte kaum h�rbar: ich wollte ja gar nicht � Wir haben nur �</p><p>Moment mal! Vater riss sich das Hemd vom Leib und sah zum flimmernden Fernsehbildschirm. Unser C-64 lag auf dem Boden, Kabelsalat, zwei Joysticks, Salzstangen, Zahnstocher in K�sest�ckchen auf Vaters Lieblingsteller, dem mit den kleinen Basketb�llen. Das Momentmal war kaum verklungen, da hatte Vater auch schon Bogoljub derart eine gehemingwayt, dass es den Trafikanten kapital gegen das Regal drehte. �Tito � Die Partei, Teil 2� und �Also sprach Zarathustra� fielen heraus, was nebeneinander keine so gro�e Trag�die ist. Mutter r�umte auch sie winselnd ein und Vater zeigte dem Fernseher ein technisches Foul an: Moment mal � habt ihr Tetris gespielt?</p><p>Die Highscoreliste war zu sehen: Bogoljub belegte die Pl�tze eins bis drei. Er hatte seine Resultate mit BOG unterschrieben � Gott �, und Vater griff hinter das Regal und lud die Flinte. Habt ihr in meinem Haus meine Rekorde gebrochen? Er schloss das linke Auge und zielte tief. Mutter und der Trafikant rannten panisch aus dem Haus. Vater sicherte die Flinte und lehnte sie gegen das B�cherregal. Er hob die H�nde vors Gesicht, drehte und besah sie, als wunderte er sich, so etwas wie Daumen oder N�gel oder Schicksalslinien zu besitzen. Dann setzte er sich vor den Fernseher und spielte bis sp�t in die Nacht Tetris, im Unterhemd, ohne ein Wort zu sagen oder sich die H�nde zu waschen, wie er es sonst immer tat, wenn er nach den Spielen nach Hause kam, und bevor er Mutter und mich umarmte.</p><p>Ich a� die restlichen Rippchen, sie schmeckten nach Erde. Ich zerrupfte die Blumen: Ankica liebt mich, liebt mich nicht, liebt mich und liebt mich. Auf meine Fragen kam von Vater keine Antwort. Ich machte mich �ber die Salzstangen und den K�se her. Vater a� nicht, sprach nicht, stapelte Steine und polierte zwischendurch die Flinte, bis das Eisen gl�nzte. Um Mitternacht machte er mit 74 360 Punkten alles klar � MIL MIL MIL, hie� es auf den ersten drei Pl�tzen.</p><p>Gott, sagte Vater, ist tot.</p><p>Bring alles her, Zoran, ein Glas brauche ich nicht. Er zog sich bis auf die Unterhose aus, und ich brachte ihm Schnaps, Brandy und Wein, sah eine Zeit lang zu � kippen, absetzen, kippen, absetzen. Da aber ernsthaftes Saufen ohne Gesang und Gesellschaft das Langweiligste auf der Welt ist, schlief ich irgendwann auf dem Sofa ein.</p><p>Vater trank, bis die Spatzen loszwitscherten. Dann schulterte er die Flinte, schlenderte durch die Stra�en, schoss im Morgengrauen auf die Spatzen und traf keinen einzigen. Er klingelte bei Bogoljub, rief: komm raus, auf dass wir uns wie Br�der k�ssen! Da sich im Haus aber nichts r�hrte, schoss er alle Fenster kaputt und die T�r auf, warf das B�cherregal um und schlug mit der Flinte gegen den Fernseher, ohne dass das Glas brach. Also st�pselte er Bogoljubs C-64 ein, legte die Flinte quer �ber den Scho� und �berbot BOGs Tetris-Highscore im ersten Versuch. Dann z�ndete er Bogoljubs Marx-Gesamtausgabe an, und w�hrend die Flammen an H�he gewannen, kackte er auf den Teppich.</p><p>Ich war von den ersten Sch�ssen aufgewacht und Vater durch die Stadt gefolgt, zuerst allein, sp�ter mit einigen �lteren Vi�egradern, die um diese Zeit angeln gingen. Sie knabberten gesalzene K�rbiskerne und wetteten. Auf den Fernseher setzten die wenigsten. Ich setzte zehntausend Dinar auf das Tetristalent meines Vaters � Mutter hatte in der Eile ihren Geldbeutel vergessen � und gewann f�nfundvierzigtausend. Und gerade als Vater seine Hose herunterlie� und sich in Bogoljub Balvans Flur anstrengte, kamen die beiden Polizisten Pokor und Kodro hinzu, verschlafen, blass und unrasiert. Ihre Uniformen rochen nach gebratener Leber. Sie rauchten. Papa hatte nicht an Toilettenpapier gedacht, aber Bogoljubs Schal hatte eine brauchbare L�nge. Er wickelte den gebrauchten Schal um den Fernseher und die Polizisten baten ihn, sich erst mal die H�nde zu waschen. So geht das nicht. Eigentum. Mutwillig. Feuer. Geldstrafe. Mitkommen.</p><p>Vater h�rte sich an, was Pokor und Kodro zu sagen hatten, st�tzte sich auf die Flinte und gab ihnen in allem Recht. Dann aber erz�hlte er ihnen ehrlich und traurig, was das Hurenst�ck in seinem Haus getrieben hat, warum Vertrauensbruch im Brustkorb mehr als Rippenbruch schmerzt, wie viele Spatzen er am Leben lie�, weil der Spatz so eine gemarterte Kreatur ist, und wie viel zu viel, wie lebensl�nglich lang er sich daf�r sch�me, dass die sch�nen Augen seines einzigen Sohnes diese Schmach sehen mussten.</p><p>Die Polizisten nahmen ihre M�tzen ab, kratzten sich mit den Schirmen am Nacken, nickten und sch�ttelten abwechselnd ihre ungek�mmten K�pfe. Zum Schluss hob Vater die Schultern und zeigte ihnen seine Handfl�chen: und sagt ihr mir jetzt noch mal: so geht es nicht und: Eigentum! Jede Strafe zahle ich, aber mitkommen werde ich nicht, bevor die Rechnung nicht beglichen ist. Das, was mir genommen wurde, bekomme ich niemals so zur�ck, wie es war. Alles, was ich ihm nehmen werde, ist ersetzbar, also nehme ich ihm viel.</p><p>Pokor und Kodro zogen sich zur�ck in Bogoljubs K�che, fr�hst�ckten und berieten sich. Die Angler packten ihre Hocker aus und boten mir Apfelsaft an, aus Kanistern ohne Etikett. Als Pokor und Kodro ihre M�tzen wieder aufsetzten und gru�los Kaffee trinken gingen, nickten die Alten zustimmend. Ihre Wette hatten die Polizisten verloren � sie nahmen Vater nicht mit.</p><p>Bogoljub hatte geahnt, was ihm bl�hte. Er war Trafikant mit Leib und Seele, trug immer den gleichen, dunkelroten Overall und konnte alles sofort oder sp�testens �bermorgen besorgen. Aus der Trafik hatte er gerettet, was er tragen und fahren konnte. Den Rest r�umte mein Vater aus. Er schlug die Fensterscheiben ein, warf bis zum letzten Stift alles einzeln von der Br�cke in die Drina. Auch Schubladen, Wandregale, Zeitungsst�nder � alles, was nicht niet- und nagelfest war, landete im Fluss, und sp�ter auch das Niet- und Nagelfeste. Niemand hielt ihn auf, mehr als zwanzig M�nner sahen zu, wie er als Letztes die T�r aus den Angeln riss und in die Fluten warf.</p><p>In der Stadt hatte sich herumgesprochen, was uns im eigenen Haus zugesto�en war. Man reichte Vater Schnaps und Lauch, Amela brachte ihm warmes Brot und Salz, Amela backt das beste Brot der Welt. Mir t�tschelten alte M�nner den Kopf und sahen aus, als m�ssten sie weinen und fluchen zugleich. Betrunken wie er war, nahm mich Vater zur Seite und sagte nur: Zoran, ich fahre jetzt weg. Du bleibst bei Tante Desa. Ich komme zur�ck, ich muss uns aber erst alles neu besorgen. �Das Kapital� f�r mich und eine Mutter f�r dich. Er steckte mir zweihundert D-Mark in die Hemdtasche und griff mir zum Abschied in den Nacken. Mit dem Auto donnerte er zweimal gegen die Trafik, dann fuhr er hupend aus der Stadt.</p><empty-line/><p>Und jetzt?, frage ich Zoran, obwohl ich wei�, was jetzt ist: Zorans Mutter war am gleichen Tag, an dem auch sein Vater die Stadt verlassen hatte, mit Bogoljub nach Sarajevo durchgebrannt. Sie lie� ihm �ber seine Tante Desa etwas Geld zukommen, Desa aber verwaltete das Geld genauso, wie Zorans Vater die f�r Zoran gedachten Birnenschn�pse in Split. Zoran schlief auf dem Dachboden seiner Tante und verdrosch jeden Tag nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen seine beiden Cousins. Zoran verpr�gelt nur den, der es wirklich verdient. Seine beiden Cousins, weil sie Gro�m�uler sind oder Edin, weil er Ballett tanzt, aber daf�r entschuldigte er sich, als er erfuhr, dass Edin keinen Vater hat. Das Haus seiner Eltern hatte Desa an Saisonarbeiter vom Staudamm vermietet. Sie war geschieden und verbrachte viel Zeit bei den m�den M�nnern vom Staudamm. Immer loben die M�nner sie, Onkel Miki sagt: Desa ist unsere Marilyn Monroe.</p><p>Jetzt, sagt Zoran, steht auf und zerstreut meine Gedanken an seine immer nach Honig riechende Tante, jetzt ist es so, dass ich G�nsebl�mchen und L�wenzahn � Schei�blumen sind Schei�blumen � nicht ausstehen kann. Meiner Mutter war der Rosendreck lieber. Blumen sind nicht einfach Blumen.</p><p>Das stimmt, das kann ich best�tigen, Danijela mit dem sehr langen Haar hat bei meinen G�nsebl�mchen einen Furcht erregenden Lachanfall bekommen.</p><p>Zoran schnappt sich den Besen und kehrt die Schalen vor den Stufen zusammen. Ein Schlaks wie sein Vater, lange Arme, lange Beine, gedrungener Oberk�rper. Das Haar �ber den Ohren ungek�mmt, dicht. Die abgetragene Jeansjacke seines Vaters zieht er selbst bei gr��ter Hitze nicht aus. Das Reisig kratzt �ber den Asphalt, das einzige Ger�usch in der nachmitt�glichen Stille.</p><p>Mutter und ich haben telefoniert, sagt Zoran und holt mit dem Besen aus. Sie sagt, sie kann nicht zur�ck. Wegen der Leute. Was die Stadt redet. Dass das alles nicht stimmt. Ich soll zu ihr nach Sarajevo ziehen.</p><p>Und was sagst du?</p><p>Zoran zieht Schleim in den Hals, mit einem harten, kratzenden Ger�usch, und spuckt auf den Boden. Ich sage: gut, Mutter, ganz wie du willst, aber das, was ich dir zu sagen h�tte, das ist schlimmer als das, was die Leute reden. Deswegen ziehe ich niemals zu dir und deswegen ziehst du niemals zu mir � weil ich es dir jeden Tag bis ans Ende des Lebens sagen w�rde und ich jeden Tag sehen m�sste, wie sich dein H�hnchensch�del bewegt, wenn du mir antwortest.</p><p>Die Ladenglocke bimmelt, Meister Stankovskis Glatze erscheint im T�rspalt. Zoran � Pause, nicht Ferien!</p><p>Komme, sagt der und lehnt den Besen an das Gel�nder. Das Klacken der Hufe ist zu h�ren. Musa Hasanagi� f�hrt Karfiol, seine Stute, an den Z�geln �ber den Platz. Zoran und er begr��en sich mit Handschlag. Musa nimmt seinen Zylinderhut ab, und Zoran f�hrt der Stute �ber den wei�en Fleck auf der Stirn.</p><p>Viele Geschichten kennt Zoran nicht. Das kommt daher, weil ihm im eigenen Leben etwas so Unglaubliches passiert ist, dass er nichts mehr erfinden muss. Wie sich sein betrogener Vater an Bogoljub Balvan r�cht � davon kann er immer wieder erz�hlen. Manchmal dauert die Erz�hlung keine zwei Minuten � Tetris wird nicht gespielt und nichts in den Fluss geworfen, Zorans Vater poliert den ganzen Tag seine Flinte und weint auf die Flinte und poliert das dann weg und weint und poliert. Sie endet so, dass Zoran ihn auf den Knien bittet, den Lauf wieder aus dem Mund zu nehmen.</p><p>Zoran und Musa verabschieden sich ernst, auch mir gibt Zoran die Hand, nickt und verschwindet im Inneren des Ladens. Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Ein Reisebus biegt hinter mir um die Kurve, der Fahrer tr�gt eine M�tze. Der Schnurrbart, die langen Arme, die langen Finger am Lenkrad, das dunkle Haar, das ihm unter der M�tze hervorlugt und �ber den Ohren liegt. Genau wie seinem Sohn.</p><p>Gibt es irgendwo Geschichten, bin ich sofort irgendwo.</p><p>Wie gelangte aber der einst gef�rchtete Dreiersch�tze und nicht so gute Flintensch�tze, Milenko Pavlovi�, genannt Walross, hinter das Lenkrad? Und sollte ich nicht sofort zum Laden zur�ckgehen und Zoran berichten, dass sein Vater wieder da ist, dieses Mal nicht zu fr�h, eher ein Jahr zu sp�t?</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wann etwas ein Ereignis ist, wann ein Erlebnis, wie viele Tode Genosse Tito hat und wie der ehemals gefeierte Dreiersch�tze hinter das Lenkrad eines Centrotrans-Busses gelangt</strong></p><p><strong>E</strong>in Ereignis ist es, wenn Herr Fazlagi� in unser Klassenzimmer st�rmt. Der p�nktliche Herr Fazlagi� rast mit einem triefend nassen Schwamm an die Tafel, als sei er nicht Lehrer, sondern Feuerwehrmann, der eine brennende Tafel l�schen will. Da wir t�glich Serbokroatisch haben, r�ckt Herr Fazlagi� jeden Tag aus, um die Tafel zu l�schen und mit tausend Beispiels�tzen unsere Rechtschreibung zu retten. Herr Fazlagi� ist vielleicht ein guter Feuerwehrlehrer, genau wei� man das nicht, denn bei den meisten von uns bleiben seine Rettungsversuche wirkungslos. Wir werden, allen Herren Fazlagi�s dieser Welt zum Trotz, � und � niemals unterscheiden k�nnen, und die Tafel hat auch nie gebrannt.</p><p>Edin und ich haben es mehrmals versucht. Erst mit Matheheften, dann mit einer halb vollen Cola-Flasche Benzin, die Edin aus der Garage seiner Mutter mitgebracht hatte. Ich blieb skeptisch: so eine Tafel ist gar nicht aus Holz, und wie viel Benzin brauchst du, um eine Messingtafel anzuz�nden? Eine Tankstelle k�nntest du auf Messing kippen, trotzdem brennt Messing nicht, sagte ich, und wiederholte das Wort Messing so oft, bis Edin die Benzincola ins Licht hielt, die Augen zusammenkniff und, stimmt ja eigentlich, nickte. Mit Messing kannst du Glas schneiden und Glas brennt auch nicht, warum also sollte Messing brennen, lass uns das Zeug an �ika Spok verkaufen oder einen Frosch anz�nden.</p><p>Benzin ist Alkohol und �ika Spok ein S�ufer, wie ihn jede Stadt braucht. Mit Daumen am Ohr und dem kleinen Finger an den Lippen telefoniert �ika Spok bis tief in die Nacht mit den Sternen; er schmeichelt dem gro�en B�ren und verspricht: eines Tages hab ich eine Waffe, die ist so stolz, damit erleg ich dich und schneider mir eine Sternb�renm�tze.</p><p>Vielleicht sind das nicht ganz genau seine Worte, ich w�nsche mir aber jedes Mal, wenn mich seine Schreie wecken, er w�rde den B�r sachlich �ber sein Schicksal aufkl�ren und ihn nicht beschimpfen und verd�chtigen: meine Sterne sind das, die du tr�gst, diebisches Vieh! Oder Nacht und Nacht mit Flaschen um sich werfen und Fl�che loslassen, die von der B�renmutter und von Abh�utung handelten. Nicht in seine Betten, die Parkb�nke, kotzen, nicht in seiner Kotze schlafen.</p><p>Edin und ich entschieden uns f�r den Frosch und gegen �ika Spok, weil der so friedlich schlief, im Sitzen an die Moscheemauer gelehnt. Es dauerte zwei Stunden, bis wir einen fangen konnten. Ich z�ndete das Streichholz an, dann ein zweites. Der Frosch muss sich in diesem Augenblick so einiges �ber sein derzeitiges Leben gedacht haben und �ber die ganze bl�de Situation, in die er geraten war. Anstatt am Flussufer die Backen aufzublasen und nach M�cken mit der Zunge zu peitschen, hockte er in einem Pappkarton und wurde mit Benzin geduscht, w�hrend �ber ihm zwei dunkelhaarige K�pfe brennende Holzst�bchen auf seinen R�cken warfen und auf eine spektakul�re Explosion warteten. Das vierte und das f�nfte Streichholz erloschen ebenfalls, und das Benzin roch nach vergorenem Apfelsaft.</p><p>Wenn man Streichh�lzer auf einen reglos �ber sein Schicksal nachdenkenden Frosch wirft, tut einem diese eingesperrte Fr�schigkeit sehr schnell sehr Leid, aber man versucht es trotzdem mit noch einem Streichholz. Erst dann gibt man dem Frosch seinen Teich zur�ck, wirft die geleerte Colaflasche hinterher und z�ndet den Karton an.</p><p>Ein Ereignis war es auch, als am ersten Tag des Schulj ahres unser Serbokroatischlehrer auf die Leiter stieg und das Bild des Genossen Tito von der Wand nahm. Er stemmte es gegen den Bauch und sagte mit feierlicher Stimme zu Titos gro�em Gesicht, zu Titos Schulterpolstern und Titos Offiziersstreifen: ab heute nennt ihr mich Herr Fazlagi� und nicht mehr Genosse Lehrer, ist das klar?</p><p>Nach der Pause, die Erwachsene machen, wenn sie etwas mit feierlicher Verk�ndungsstimme gesagt haben, schnippte ich mit den Fingern und stand auf, wie man uns gelehrt hatte : Aufstehen, wenn wir etwas zu sagen haben. Herr Fazlagi�, Nicht-mehr-Genosse-Lehrer, wie dreckig ist denn Nicht-mehr-Genosse-Tito?</p><p>Ich legte nachdenklich den Daumen unter das Kinn und den Zeigefinger �ber die gesch�rzten Lippen und machte eine Pause, die man macht, wenn man so tut, als w�rde man den n�chsten Satz mit �nur mal angenommen, dass� anfangen.</p><p>Nur mal angenommen, dass Tito nicht v�llig verdreckt ist, dann m�ssten Sie ihn gar nicht wegbringen. Wir, seine Kameraden Pioniere, sagte ich und breitete die Arme aus wie ein Volkss�nger, schrubben unseren ehemaligen Pr�sidenten schnell auf dem Klo sauber!</p><p>Ich konnte die Augen der gemeinten Pioniere unkameradschaftlich rollen h�ren und machte wieder Punkte auf der Seltsamkeitsskala, die ich sowieso uneinholbar anf�hrte. Edin trank jeden Tag in der gro�en Pause ein rohes Ei, sammelte Insektenbeinchen und tanzte Ballett, war aber trotzdem weit abgeschlagen. Edin machte sogar durch sein Aussehen Punkte: schm�chtig, knochig, blass, mit blauen �derchen �ber den Schl�fen und hervorquellenden Aug�pfeln wie bei einem Pferd. Keine seiner Bewegungen war je fl�ssig, ich wusste gar nicht, was der beim Ballett lernte � mit eckigen Schritten huschte er an den W�nden entlang wie jemand, der aus Geheimnissen bestand, schaute links, rechts, in den Himmel, alles, weil er Agent werden wollte. Aleksandar, Frauen stehen auf 007, und ich kann jedes Ger�usch nachmachen, nur den Herzschlag nicht. Tats�chlich kamen st�ndig irgendwelche Laute aus dem Edinmund � selbst wenn er still hielt, hielt er nicht still, sondern pfiff und rasselte und kl�ffte und zwitscherte, immer so leise, dass es nicht auffiel, au�er man ging mit dem Ohr ganz nah an seinen Mund heran. Wenn wir zu zweit waren, verlor er alles Verhuschte, wirkte ges�nder, sprach langsamer und wusste eine Menge �ber Biologie und den weiblichen K�rper. Zum Beispiel, dass der eine Wunde hat, die alle drei�ig Tage blutet, was ganz sch�n gef�hrlich werden k�nnte, wenn die Erde aus irgendeinem Grund beschl�sse, sich drei�igmal schneller zu drehen.</p><p>Herr Fazlagi� sah mich noch immer an. Auch die Klasse sah mich an, also wollte man, dass ich weitersprach. Titoschrubben w�rde auch mit dem Parteikomitee bestimmt in Ordnung gehen, wenn es das Komitee noch g�be, sagte ich ermutigt durch die Aufmerksamkeit. Und ich frage meine Oma, ob sie uns einen ihrer Gobelins ausleihen kann, solange Herr Broz, Nicht-mehr-Genosse-Tito, vom Unterricht abwesend ist. Es gibt da einen ganz sch�nen mit einem Schiff im Sturm. Ist doch besser als der Fleck an der Wand.</p><p>Vukoje Wurm, der auf seine dreimal gebrochene Nase stolz war, traf mich mit einer zusammengekn�llten Todesdrohung am Hinterkopf. Er z�hlte darin die Foltermethoden auf, die nach der Schule auf mich warten w�rden, und nannte mich Klugschajsa und Komunistenschwajn.</p><p>Meine zusammengekn�llte Antwort verfehlte ihn knapp.</p><p>Genau genommen hatte Tito an diesem ersten Tag des Schuljahres keinen Fleck hinterlassen. Flecken sind etwas Schmutziges, die Wand hinter Titos R�cken war aber sauber � ein wei�es Rechteck, um das sich die restliche, beigefarbene Wand schloss. Den hellen Ausschnitt hatte Tito besch�tzt, deswegen war er sauber geblieben.</p><p>Auch uns, seine Pioniere, hatte Tito besch�tzt.</p><p>Man sagt das so, obwohl Tito sich nicht vor uns stellte und Dissidenten bruce-lee-kickte, die etwas gegen uns oder gegen den Roten Stern hatten. Er fand die Jugend fortschrittlich f�r den Fortschritt und die gute Laune Jugoslawiens, er hatte sogar seinen Geburtstag auf den Tag der Jugend gelegt. Auf Fotos war er oft mit Pionieren zu sehen, er lachte und die Pioniere lachten, und unter dem Bild stand, dass Tito und die Pioniere lachten.</p><p>Ich traf Tito ein Mal. Das z�hlt aber kaum, weil ich da zu sehr S�ugling war, und ein Treffen, an das man sich nicht erinnert, das ist ein ziemlich k�mmerliches Treffen. Tito besuchte Vi�egrad, und als sein wei�er Mercedes ohne Dach vorbeifuhr, winkte er mir zu, behauptete Opa Slavko. Er behauptete auch, mit Tito eine Stunde lang im Hotel Vi�egrad �ber die Stilllegung der Bahnstrecke gestritten zu haben. Gegen Tito war sogar er machtlos, durch unsere Stadt fuhren bald keine Z�ge mehr und Opa Rafik verlor seine Arbeit.</p><p>Wenn ich so alt bin wie Tito, habe auch ich eine wei�e Limousine, in der man hinten stehen darf. Edin ist mein Fahrer, mein linientreuer Sekret�r-bester-Freund und Agent, zust�ndig f�r Vogelstimmen und das Biologieministerium, weil er so viel �ber den Frauenk�rper wei�.</p><p>Unser gerahmter Genosse wurde gar nicht sauber gemacht. Das kapierten auch diejenigen, die keine ehemalige fachpolitische Beraterin f�r das Lokalkomitee des BdKJ als Mutter hatten und deren Opa nicht alles erkl�ren konnte. Mit unserem Tito geschah etwas anderes. Unser Tito starb. Noch mal. Indem man seine Bilder aus den Klassenzimmern nahm, starb Josip Broz Tito zum dritten Mal.</p><empty-line/><p>Edin tippte mir gegen die Schulter. Psst � Aleks, was hast du Vukoje Wurm geschrieben?</p><p>Nichts. Ich habe seine Rechtschreibfehler verbessert.</p><empty-line/><p>Seinen ersten Tod hatte Tito am 4. Mai 1980 um 15.05 Uhr. Da starb aber nur sein K�rper, und Jahr um Jahr stehen am 4. Mai um 15.05 Uhr alle Menschen auf der Welt und im All still und gedenken Tito, au�er in Amerika und in der Sowjetunion und auf dem Jupiter, weil auf dem Jupiter kein Leben m�glich ist. Sirenen jaulen, Autos fahren nicht weiter, und ich krame in meinem Ged�chtnis nach einem passenden, traurigen Marx-Zitat, um die Schweigeminute zu beschlie�en und irgendjemanden zu beeindrucken. Mir ist nie eines eingefallen.</p><p>Karl Marx hat keinen einzigen traurigen Satz geschrieben.</p><p>Nach seinem ersten Tod zog Tito mit einem K�fferchen Reden und Aufs�tze in unsere Herzen ein und baute sich dort eine pomp�se Villa aus Ideen. Opa Slavko beschrieb die Villa so: die W�nde bestehen aus Wirtschaftsprojekten, die Dachziegel aus Friedensbotschaften und durch die roten Fenster sieht man auf einen Garten mit Mohn, bl�henden Zukunftsparolen und einem Brunnen, aus dem man unendlich viele Kredite sch�pfen kann. Mit den Jahren machten immer mehr Leute, was sie wollten und interessierten sich immer weniger f�r Titos Ideen, und wenn sich niemand f�r eine Idee interessiert, dann ist die Idee tot.</p><p>So starb Tito das zweite Mal.</p><p>Aber er lebte weiter in Gedichten und Zeitungsartikeln und B�chern. Bald wurde es aber richtig, diese B�cher nicht zu besitzen und die Gedichte nicht gelesen zu haben. Dann wurde es noch richtiger, die B�cher ins Regal zu stellen, die fr�her verboten waren, und irgendwann wurde es am richtigsten, Zeitungsartikel und B�cher selbst zu schreiben, die fr�her verboten gewesen w�ren. Nach Opas Tod war es meine Mutter, die mir von all diesen Dingen erz�hlte. Sie war Politologin und kannte sich aus. Opa sagte: Marxistin, und freute sich dar�ber. Sie selbst freute sich nicht. Wenn man mich fr�her fragte, was meine Mutter von Beruf sei, z�gerte ich keine Sekunde: Fachpolitische Beraterin f�r das Lokalkomitee des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens!, rief ich tantetaifunschnell. Sie schreibt die Reden f�r die Sekret�re und den Pr�sidenten des Lokalkomitees, diese Hohlk�pfe. Hohlk�pfe sagte ich nicht laut, ich wusste aber, dass sie das waren, weil sich meine Mutter hunderte Male �ber das vielf�rmig Hohle an ihnen beschwert hatte. Das leere Gehirn, das l�ckenhafte Ged�chtnis, die Kluft zwischen Versprechen und Machen, der l�cherige Geldbeutel, und: Saufen wie die L�cher, aber kriegen keinen vern�nftigen Satz aufs Papier.</p><p>Wenn man mich heute fragt, was meine Mutter von Beruf ist, sage ich meistens: m�de. Am m�desten ist man, wenn man immer zu viel arbeitet und immer nur davon spricht, dass man immer zu viel arbeitet. Arbeit macht alt. Meine Eltern kommen von der Arbeit nach Hause und reden �ber die Arbeit. Vater zieht sein Hemd aus und w�scht sich im Bad die F��e. Er arbeitet in einer Fabrik, in der Holz zu M�beln gehauen wird, ist aber leider kein Holzf�ller, sondern sitzt zwischen Taschenrechnern in einem Zimmer mit Tischkalender und tr�gt ein Hemd. Zu Hause tr�gt er nie Hemden und arbeitet in seinem Atelier, nennt das aber nicht Arbeit. Er sagt, er kann Zahlen noch weniger ausstehen als unsere Regierung. Vater putzt seine Brille und verzieht das Gesicht, wenn er aus kurzer Distanz auf den Brillengl�sern nach Flecken sucht. Wenn ich so alt bin wie er, habe ich sein graues Haar an den Schl�fen. Wenn ich so alt bin wie meine Mutter, werde ich auch eine Stunde lang ununterbrochen von Sorgen erz�hlen k�nnen, nur werden das nicht meine eigenen sein. Mutter hatte eigentlich Eiskunstl�uferin werden wollen. Jetzt l�uft sie sich in unserem Gericht m�de. Sie sagt: diese Gesetzgebung ist fast schon sympathisch, so unbeholfen ist sie. Abends schmiert sie Brote f�r die Arbeit: Ich schmiere dann mal die Brote f�r die Arbeit � immer sagt sie genau diesen Satz, das ist wie Vaters F��ewaschen. Ich frage mich, warum sie die Butter nicht f�r sich und Vater aufs Brot streicht. Eine Arbeit, rief ich einmal, muss doch nichts essen, und meine Mutter antwortete: dochdoch, mich frisst sie Tag f�r Tag.</p><p>�ber die praktische Umsetzung marxistischer Ideologie, den Selbstverwaltungssozialismus, Titos Au�enpolitik oder wie man einen Fisch am besten ausnimmt, hatte ich immer am liebsten mit Opa gesprochen. Mit meinem Vater waren solche Unterhaltungen sehr schwierig. Er neigte dazu � wenn er �berhaupt Lust hatte, mit mir zu reden �, sich alles M�gliche auszudenken, um sich seine Inkompetenz nicht anmerken zu lassen. Anstatt �ber Jugoslawien, sprach er von einem namenlosen K�nigreich, in dem es W�rter f�r Dinge gibt, die nicht existieren, und Dinge gibt, f�r die keine W�rter existieren d�rfen. Wenn jemand ein Wort f�r etwas erfindet, das sonst namenlos in der Welt herumsteht, wird er zur Strafe auf eine Insel geschifft, die ebenfalls keinen richtigen Namen tr�gt und deswegen �die nackte Insel� genannt wird.</p><p>Gute Geschichten erz�hlen zu k�nnen wird vererbt, aber �berspringt schon mal eine Generation.</p><p>In unseren Schulb�chern lebte Tito am l�ngsten. Geschichte, Serbokroatisch, nicht einmal Mathe kam ohne ihn aus. Die Entfernung von Jajce nach Biha� betr�gt 160 Kilometer. Ein Yugo f�hrt mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h von Jajce nach Biha�. Zur gleichen Zeit l�uft unser Josip Broz Tito mit einer gleich bleibenden Geschwindigkeit von 10 km/h von Biha� nach Jajce. Bei welchem Kilometer treffen sie sich?</p><p>Um meine v�llige Ahnungslosigkeit in dieser Sache zu �bert�nchen, emp�rte ich mich, es sei wohl ganz klar, dass ein Yugo und ein Tito gar nicht auf der gleichen Stra�e sein k�nnen, da doch alles abgesperrt w�re, wenn unser Pr�sident einen Spaziergang gemacht h�tte. Eine Sicherheitsvorkehrung, f�gte ich hinzu, die ich sehr begr��e.</p><p>Aber Mathelehrer sind da unerbittlich.</p><p>�ber Titos Leben im Geschichtsbuch �rgerte sich einmal ein neuer Lehrer so laut, dass man ihn aus dem Zimmer des Schuldirektors auf dem Flur h�ren konnte. Ich bin ein Historiker !, schrie er, kein M�rchenonkel!</p><p>Ich erz�hlte Opa Slavko vom Historiker, und am n�chsten Tag holte Opa mich von der Schule ab, mit Brille, mit Mantel, mit Gehstock, den er gar nicht brauchte, mit Hut und seinen unz�hligen Parteiorden. Zuvor hatte man auf dem Flur die Stimme meines Opas geh�rt, die des Historikers nicht.</p><p>Auch in den Fernsehsendungen lebte Tito sein drittes Leben. Die Partisanenfilme wurden so oft gezeigt, dass ich bei einigen mitsprechen konnte. Mein Lieblingsfilm hei�t �Schlacht an der Neretva�. Die Neretva ist nur fast so gr�n wie die Drina, und ihre sch�nste Br�cke in Mostar hat zehn B�gen weniger als unsere Br�cke. In Mostar war ich letztes Jahr mit meiner Klasse. M�nner sprangen von der ziemlich hohen Br�cke in die Neretva und alle klatschten. In dem Film springt ein ganzes Heer von Typhuskranken in den Fluss. Ihr Anf�hrer ruft: mir nach, Typhuskranke, �bers Wasser in die Freiheit ! Dann ertrinkt er. Ein anderer Spruch aus der �Schlacht�: Unser Volk singt auch, wenn es get�tet wird. H�tte Marx diesen Film gesehen, w�re ihm vielleicht ein trauriger Satz eingefallen.</p><p>Ich wasche mir die H�nde vor dem Essen, damit ich keinen Typhus bekomme.</p><p>In meinem Zweitlieblingsfilm jagen Bergm�nner mit einer unglaublichen Menge an Dynamitstangen eine unglaubliche Menge Nazis in die Luft. Kumpel bleiben in der Mine wie Matrosen auf dem Grund der See, sagt einer der Bergleute. Ein deutscher Soldat sieht in die Ferne und sagt: und doch sind wir die Schuldigen. Weil wir naiv waren und schwach. Die Schwachen geh�ren nicht in die Geschichte. Nur eines tut mir Leid: dass ich als Soldat sterben werde und nicht als Bergmann.</p><p>Tito lebte auch auf Gedenkfeiern, Kundgebungsfeiern und Feiertagsfeiern. Auf d�steren Treffen �lterer M�nner mit ungeb�gelten Hemden und Frauen mit gef�rbten Dauerwellen in verrauchten Hinterzimmern, wo ich in Begleitung meiner Mutter endlose Stunden verbrachte. Man a� Schinken und murrte, die Zeiten fr�her, die Zeiten fr�her, ja, das waren Zeiten fr�her. Sogar Opa Slavko wurde dort z�nkisch, beschwerte sich �ber dies und jenes und kam mir, so n�rgelnd, so schlecht gelaunt, zehn Jahre grauer vor als sonst. Ich hustete und hatte am n�chsten Morgen rote Augen.</p><p>Letztes Jahr im Sommer, zwei Wochen nach Opas Tod, weigerte ich mich zum ersten Mal, mit meiner Mutter auf ein Treffen irgendwelcher Ehemaligen im Keller der Stadtbibliothek zu gehen. Opa muss auch nicht mehr hin! Ich blieb stur, und Mutter sah nicht entt�uscht, sondern erschrocken aus. Sie zog sich an, malte sich vor dem Schlafzimmerspiegel die Fingern�gel rot und schloss dann die Schlafzimmert�r. Als sie mich zum Abschied umarmte, roch sie nach Wein. Ich zeichnete unsere Fahne mit dem f�nfzackigen Stern und musste die ganze Zeit an Mutters rote N�gel denken. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich klopfte so lange an die Ateliert�r, bis mein Vater zugab, dass er zu Hause war und versprach, Mutter mit mir abzuholen.</p><p>Im Bibliothekskeller hing die jugoslawische Fahne an einem Heizungsrohr, ein Mann mit Brille auf der Nasenspitze las laut aus einem Riesenw�lzer. Das Grammofon schaltete trotzdem niemand aus. In den K�sew�rfeln auf den Tellern steckten Zahnstocher, sie trugen kleine, selbstgemachte F�hnchen mit Titos Portr�t. Meine Mutter tippelte mit der Hand zum Rhythmus der Musik. Sie war die einzige Frau im Raum und die einzige Person unter sechzig. Auf dem Weg von unserem Haus hierher hatte sie sich eine neue Frisur gemacht. Vater blieb am Eingang stehen und spielte mit dem Autoschl�ssel. Als sie uns bemerkte, stand Mama langsam auf und griff nach ihrer Tasche. Sie verabschiedete sich von niemandem. Niemand verabschiedete sich von ihr. Jemand hustete, ein anderer stand auf und drehte die Platte um. Das war Mutters letztes Treffen. Ich konnte nicht erkennen, ob sie besonders gl�cklich oder besonders traurig dar�ber war, sie h�rte einfach auf, hinzugehen, wie ich vielleicht irgendwann aufh�ren werde, zu wachsen. Und sie hatte auch keine neue Frisur im Bibliothekskeller. Im rauchbew�lkten Licht sah meine Mutter einfach nur ganz anders aus.</p><p>Und geblieben waren auch Bilder �ber Bilder von Tito � in B�ros, in Schaufenstern, in Wohnzimmern neben den Familienportr�ts, in den Schulen. Tito auf einer Yacht, Tito hinter dem Rednerpult, Tito mit einem M�dchen, das ihm Blumen �berreicht. Tito Hand in Hand mit E. T. gab es als Puzzle. Als man dann die Bilder aus den Klassenr�umen entfernte, starb Tito zum dritten Mal. Genosse Jeleni�, genannt Fizo, blieb ein Genosse und lie� als einziger Lehrer an diesem ersten Schultag Titos Portr�t an der Wand � Admiralsuniform und Sch�ferhund. Fizo postierte sich gru�los hinter sein Pult, setzte die Brille auf und trug etwas in unser Klassenbuch ein. Jeder legt ein Arbeitsheft und ein Formelheft an, sagte der strengste Lehrer der Schule, ohne aufzusehen, das wird ein schwieriges Jahr.</p><empty-line/><p>Herr Fazlagi�, Nicht-mehr-Genosse-Lehrer, entfernte damals nicht nur Titos st�hlerne Stirn im vergoldeten Rahmen, sondern sogar die rote Fahne aus der Glasvitrine, die bei jeder Schulparade am Kopf des Sch�lerzuges getragen wurde. Nach meiner Frage, ob nicht wir Pioniere Tito sauber machen k�nnten, begann er mit gro�em Ernst eine lange, ernste Rede: das ist eine ernste Angelegenheit, Aleksandar Krsmanovi�, und deine Ironie h�chst unpassend! Ernsthafte Ver�nderungen im System gehen vor. Die neue Titulatur und die Beseitigung der �berbleibsel des Personenkultes sind ernst zu nehmende Bestandteile des Demokratisierungsprozesses! Die Lehrerlippen bewegten sich weiter, der Lehrermund reihte einen langen Satz an den anderen. Das Bild setzte Herr Fazlagi� mehrmals ab und sch�ttelte seine Arme durch. Anstatt es aber stehen zu lassen, hob er es jedes Mal wieder auf und hielt es, w�hrend er weitersprach, bis zur Pause in den H�nden.</p><p>Um zu zeigen, dass ich den Ernst der Angelegenheit, des Systems, der Titulatur und des Personenkultes begriffen hatte, kam ich am n�chsten Tag in meiner viel zu kleinen, aber immer noch, wie ich fand, schmucken, dunkelblauen Pionieruniform zur Schule. Ich setzte mich beim Herrn Fazlagi� in die erste Reihe, sozialistisch aufrecht, wie es Opa immer gefordert hatte. Sogar meine Fingern�gel hatte ich mir sauber gepult, ich spreizte die Finger vor mir auf dem Tisch, wie es fr�her Pflicht gewesen war, als es noch den Hygiene-Aufpasser als Klassenfunktion�r gegeben hatte. Bei der ersten Frage, die Herr Fazlagi� der Klasse stellte, sprang ich auf und rief: betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen �brig geblieben als dieselbe gespenstische Gegenst�ndlichkeit, eine blo�e Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, das hei�t der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne R�cksicht auf die Form ihrer Verausgabung.</p><p>Drei Stunden Nachsitzen. Drei Lehrer passten auf mich auf, ihre grimmigen Mienen hielten Vortr�ge �ber den gesellschaftlich-politischen Ideologiewechsel beziehungsweise Umbruch, drohten mir: wirst du nicht vern�nftig, bleibst du jeden Tag nach der Schule hier.</p><p>Sch�ler bleiben in der Schule wie Matrosen auf dem Grund der See, sagte ich und malte mir zwei rote Filzstiftstreifen diagonal �ber die Wangen, nur eins tut mir Leid: dass ich als Sch�ler sterben werde und nicht als Bergmann.</p><p>Es gab daraufhin zwar ein erneutes Wortgewitter, dann aber durfte ich nach Hause, weil auch Lehrer ein Privatleben haben. Ich nahm mir vor, die Bedeutung der Ausdr�cke Provokation, famili�re Gehirnw�sche und politischer Ideologiewechsel beziehungsweise Umbruch genauer unter die Lupe zu nehmen. Klar geworden ist mir die Bedeutung von Ironie. Ironie ist eine Frage, auf die man keine Antwort, sondern �rger bekommt.</p><empty-line/><p>Edin dreht sich zu mir und sagt: Jasnas Hemd. Edin, der Chefgenosse der Biologie, erkl�rt mir, was Jasnas Hemd ausbeult. Freitag, dritte Stunde, Herr Fazlagi� l�scht so gehetzt die Tafel, dass ihm das Wasser aus dem Schwamm in den �rmel l�uft. Schnell sind Edin und ich uns einig � ausbeulen ist kein gutes Wort f�r Jasnas Hemd. Ausbeulen ist falsch, weil ausbeulen nach Autot�ren klingt, das aber, was unter Jasnas Hemd von einem Tag auf den anderen geschehen war, hatte mit einer Autoreparatur nichts zu tun. Mit verbogenen Achsen hat Jasnas rotes Hemd auch nichts zu tun. Warum Edin und ich uns in ihrer N�he so benehmen, als sei sie gleichzeitig die wichtigste und die unwichtigste Sache auf der Welt, ist Edin etwas klarer als mir. Brotteig, einen Hund streicheln, einen Radiosender suchen, so sei das Untechnische unter Jasnas Hemd am besten zu bedienen, erkl�rt mir Edin. Sanft m�sse man sein und: pr�zise. Du musst das Anfassen perfekt beherrschen, sonst rennen die dir weg!, fl�stert der Chefgenosse der Biologie und sieht vertr�umt zu Jasna hin�ber. Einmal anfassen, seufzt er, dann kann ich von mir aus auch verrecken.</p><p>Das Wort �pr�zise� habe ich aus Edins Mund noch nie geh�rt, und als seine Stimme bei �perfekt� etwas lauter wird, schleudert Herr Fazlagi� seinen Schl�sselbund mit voller Wucht auf das Lehrerpult. Stille. Schlagartig. Pr�zise.</p><p>Der Schl�ssel ist ein Erlebnis. F�r Edin, f�r mich, auch f�r Jasna. Denn Edin, ich und Jasna haben ja pers�nlich damit zu tun, dass Herr Fazlagi� so gereizt ist. Im Gereiztsein ist der ehemalige Genosse Lehrer sowieso unschlagbar. Mindestens einmal pro Woche prophezeit er mit bebender Stimme: ihr bringt mich noch nach Sokolac! Mit �ihr� sind wir gemeint, die er zum Beispiel bei dem Versuch erwischt, die Tafel anzuz�nden, oder wir, die kollektiv den ersten Schulaufsatz des Jahres mit kyrillischen Buchstaben schrieben, obwohl es nach Titos drittem Tod ausdr�cklich gehei�en hatte: es wird nicht mehr kyrillisch geschrieben. Und auf Sokolac gibt es ein Irrenhaus. Da kommen Adolf Hitlers hin und Leute, die sich f�r einen Stuhl halten. Auch Herr Fazlagi� schafft es dorthin. Und wenn seine Nerven nah am Sokolac sind, haut er gern mit Dingen auf das Pult. Die flache Hand, das Klassenbuch, die Landkarte der T�rkei, die Herr Fazlagi� seit Neuestem als Vorzeigeland f�r dies und jenes lobt. Heute ist es sein vierzehn Kilo schwerer Schl�sselbund, mit dem wahrscheinlich ganz Jugoslawien und die halbe T�rkei ge�ffnet werden k�nnten. In den noch gar nicht verhallten Knall br�llt er: perfekt? Was ist denn so perfekt, Edin, und was willst du anfassen ? Deine Noten jedenfalls sind genau das Gegenteil von perfekt und anfassen solltest du mal deine B�cher!</p><p>Der L�rm und das Geschrei erschrecken Edin; er springt vom Stuhl, dreht eine Pirouette, streckt die Brust vor, breitet die Arme aus und ruft: Ich will nichts anfassen! Und mit �perfekt� war unser Umzug gemeint, meine Mutter und ich ziehen weg. Aleksandar will helfen, da habe ich perfekt gesagt �</p><p>Edin zieht gar nicht weg, aber der Umzug ist eine gute Ausrede, denn Herr Fazlagi� fragt nicht weiter, sagt nur noch: ihr k�nnt das auch in der Pause besprechen.</p><p>Diese ersten warmen Wochen des Jahres sind die Zeit der Ausz�ge. Ein gro�er Aufbruch ist ausgebrochen, ansteckend wie eine Fr�hlingsgrippe. Ganze Familien sind befallen, man erkennt kaum die Autos unter so viel Gep�ck. Die Leute verlassen die Stadt so �bereilt, so beharrlich verreisen sie, dass sie keine Zeit finden, den Zur�ckbleibenden �Auf Wiedersehen� zu sagen. So hektisch brechen sie auf, als w�rden sie ihre Teppiche und ihre Sofas vor einem Hochwasser retten wollen. Die Idee, Sofas aufzuladen, finde ich gut. Wenn ich bei Oma bin, sitze ich immer auf Opa Slavkos Sofa. Wenn ich fernsehe, wenn ich esse, wenn ich schlafe und wenn ich h�ren will, ob mein Herz stehen geblieben ist. Die Ladas und die Yugos sind derma�en voll beladen, dass die Unterb�den bei der Tankstelle �ber den ausgebauchten Asphalt schleifen. Diese Stra�e bringt sie nach Titovo U�ice, vielleicht sogar nach Belgrad oder nach Bulgarien, und wenn sie fr�her abbiegen, nach Veletovo. Aber etwas sagt mir, da will gerade niemand hin. Wo sie alle hinwollen, wissen Edin und Zoran nicht, meine Eltern auch nicht, und als ich gestern nach der Schule Kostina, den Schulhausmeister, fragte, wohin es in den Urlaub gehe, lachte er nerv�s, als h�tte er Angst vor mir.</p><p>Edin und ich verbrachten gestern den ganzen Nachmittag vor der Tankstelle. Jeder in Vi�egrad kennt die Stra�e dort, man geht vom Gas, und der Auspuff bleibt dran. Gestern schien es aber, als h�tten die Leute ihre Stra�en vergessen : schwer beladen rasten sie �ber die Hubbel, und die Unterb�den krachten so laut, dass eine alte Frau im Haus gegen�ber ein Kissen auf den Sims legte und sich aus dem Fenster lehnte, um nichts zu verpassen. Am fr�hen Abend fuhr lange Zeit niemand mehr mit Koffern auf dem Dach vorbei. Ein Specht flog vor�ber, und ich musste an die einen und die anderen V�gel denken. Die einen V�gel �berwintern hier trotz der K�lte, die anderen V�gel fliegen in die W�rme. Sitzen die einen V�gel auf den Oberleitungen und sehen den anderen V�geln hinterher wie wir den Autos? Bekommen sie ein mulmiges Gef�hl, wenn die anderen V�gel von s�dlichen Orten singen � jetzt aber schnell in die Sonne, Nester zwischen Kokosn�sse hauen und nur noch Mandarinen fressen? Verdrehen sie die Augen und singen: ihr eingebildeten Formationsflieger! Die anderen V�gel k�mmert es nicht, dass die einen V�gel dableiben, sie pfeifen ihnen die Meinung: ihr k�nnt doch auch, anstatt euch die Schn�bel abzufrieren, und ich fragte Edin: k�nnen V�gel eigentlich die Augen verdrehen ?</p><p>Der Golf von Danilo Gorki n�herte sich der Tankstelle so schnell, dass Edin und ich aufstanden und einige Schritte weg von der Stra�e machten. Danilo ist unser Nachbar, Sohn der alten Mirela, und Kellner im Restaurant M�ndung. Ein junger Mann, den die halbe Stadt kennt, weil seine letzte Freundin ihm einen Abschiedsbrief schrieb, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte. Der Brief bestand aus einem Satz, den sie mit Wandfarbe auf die Stra�e unter Danilos Fenster schrieb.</p><p>Der Unterboden von Danilos Golf krachte �ber die gr��te W�lbung. Er hielt an und trat gegen den Auspuff, der jetzt nicht mehr zu seinem Golf geh�rte. Edin und ich gratulierten einander, als w�re uns und unserer Stra�e gerade etwas Gro�es gelungen. �ber die fluchte jetzt der w�tende Danilo, Most, Loch, Schweinedarm und M�tter kamen vor. Wir gr��ten ihn �berschw�nglich, als er, den Auspuff hinter sich her ziehend, die Tankstelle betrat. Die alte Mirela stieg aus, stellte sich an den Stra�enrand und sah zur�ck zur Stadt, als w�rde sie auf jemanden warten. Eine Stunde sp�ter konnten sie und ihr Sohn weiterfahren.</p><p>Edin spuckte durch die Z�hne, sah Danilos davontuckerndem Golf hinterher und sagte in Richtung Titovo U�ice, in Richtung Belgrad, in Richtung Bulgarien: du, Aleks, ich glaube, die fliehen.</p><p>Ich widersprach nicht. M�des Vogelgezwitscher umgab uns in der D�mmerung. Die rennen davon, sagte Edin leiser und zupfte sich Steinchen aus der Handfl�che, die sich hineinbohrten, da er sich auf die H�nde gelehnt hatte.</p><p>Aber wovor?, fragte ich.</p><empty-line/><p>Danilo, an dir ist vom Hirn zum Schwanz alles winzig!</p><empty-line/><p>Herr Fazlagi� wendet sich ab, er ist zufrieden mit Edins Antwort. Arbeitshefte heraus, sagt er, ich hoffe, ihr habt gestern gut zugeh�rt, als ich den Unterschied zwischen Ereignis und Erlebnis erl�utert habe, denn eure heutige Aufgabe ist ein Aufsatz zum Thema: �Eine sch�ne Reise.�</p><p>Mal etwas anderes als �Meine Heimat� oder �Warum mich der Blick aus dem Fenster auf meine Stadt gl�cklich und stolz macht� oder �Tag der Republik ist auch mein Tag�.</p><p>Eine sch�ne Reise, und zwar als Erlebnis � kein Ereignis! Herr Fazlagi� sah uns an. Vukoje, ab dem zwanzigsten Rechtschreibfehler lese ich gar nicht weiter. Faruk, alles was ich nicht lesen kann, gibt Punktabzug. Und Aleksandar, ich will nichts �ber deine Eichen entwurzelnde Ur-Oma wissen oder wie Toiletten in deiner Familie eingeweiht werden oder wie sich deine Tante Wirbelsturm und Carl Lewis ein Wettrennen �ber die Br�cke liefern und dr�ben in Tokio rauskommen! Du hast dieses Jahr bei allen Aufs�tzen das Thema verfehlt � z�gle gef�lligst deine Fantasie! Herr Fazlagi� tritt an meinen Tisch und beugt sich zu mir hinunter. Und f�r die direkte Rede, sagt er und st�tzt sich mit den F�usten auf die Tischplatte, gibt es Anf�hrungszeichen, das wei�t du, das brauche ich dir nicht jedes Mal zu erkl�ren. Ihr habt eine Stunde!</p><p>Herr Fazlagi� klingt beleidigt. Als er noch Genosse Lehrer hie�, brummte er mir eine Strafarbeit auf, weil ich meine Fantasie gez�gelt hatte und in �Meine Heimat� sieben Seiten mit auswendig gelernten geografischen und wirtschaftlichen Statistiken �ber Jugoslawien voll schrieb. �Meine Heimat� war jedes Jahr mindestens zwei Mal Thema. Also wies ich in einer Fu�note auf meine vergangenen Arbeiten hin sowie auf die Tatsache, dass sich meine Einstellung trotz Inflation nicht ge�ndert hatte und nicht so schnell �ndern wird. In einer zweiten Fu�note schlug ich Herrn Fazlagi� vor, einen Blick in meine Gedichtsammlung zu werfen, insbesondere auf die Gedichte: �8. M�rz 1989 oder Meiner fachpolitischen Beraterin schenke ich Tannenw�lder voll Mutterliebe�, �1. Mai 1989 oder Das K�ken in der Pionierhand� und �Genosse Tito, in meinem Herzen stirbst du niemals�.</p><p>Opa Slavko hatte meine verfehlten Themen gemocht, Mutter mochte die schlechten Noten nicht so und Vater ma� der Schule keine gro�e Bedeutung bei, er sagte: lass dich auf keine Pr�geleien ein!</p><p>Ich schlage die erste leere Seite in meinem Arbeitsheft auf. �Eine sch�ne Reise.� Mit meinen Eltern fahre ich jeden Sommer an die Adria, immer nach Igalo. Das Arbeitersyndikat von Varda, der Firma, in der mein Vater Hemd und Krawatte tr�gt, organisiert das. Hunderte von Vi�egradern, die in Varda arbeiten, packen ihre Koffer und ihre Familien zusammen und sagen: ja, dieses Hotel wurde uns zugeteilt, wir h�tten aber lieber das gehabt, in dem wir �86 waren. Varda f�hrt nach Igalo, man verschiebt f�r einen Monat die Leute aus einer kleinen Stadt ohne Meer in eine kleine Stadt mit Meer. Ich kenne mich in Igalo genauso gut aus wie in Vi�egrad, und zwar nicht nur wegen der allj�hrlichen Fahrt dahin, sondern auch, weil die Hotelbetten und die Regale, eigentlich das gesamte Mobiliar, sogar der Parkettboden und die Holzverkleidung, exakt so in unseren Schlafzimmern und an den W�nden wieder zu finden sind � Varda-Produkte. M�chte man �ber eine sch�ne Reise schreiben, schreibt man nicht �ber Igalo.</p><p>In der Ecke des Blattes habe ich, vor lauter Gedanken an Igalo, einen Kopf gekritzelt. Die Mundwinkel nach unten gezogen, ein Schnurrbart. Jetzt kriegt der Kopf zwei lange Arme anstelle von Ohren. Walross. Eine sch�ne Reise f�r Zorans Vater, den ehemals gef�rchteten Dreiersch�tzen und nicht so guten Flintensch�tzen Milenko Pavlovi�! Walross� sch�ne Reise zu einer neuen Frau und zu neuem Gl�ck! In dem Wissen, eine gute Geschichte ist niemals ein verfehltes Thema, schreibe ich den Titel auf:</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Was Milenko Pavlovi�, genannt Walross, von seiner sch�nen Reise mitbringt, wie das Bein des Stationsvorstehers zum Leben erwacht, wof�r man Franzosen gebrauchen kann und warum die Anf�hrungsstriche �berfl�ssig sind</strong></p><p><strong>W</strong>eil jeder alles sagen und denken und nicht sagen darf, und wie sollen Anf�hrungsstriche f�r nichtgesagtes Denken aussehen, oder f�r gelogenes Sagen, oder f�r Denken, das gar nicht wichtig genug ist, um gesagt zu werden, oder f�r das wichtige Gesagte, das nicht geh�rt wurde?</p><empty-line/><p>Betrunken und betrogen wie er war, hatte Milenko Pavlovi�, genannt Walross, seinen Sohn zur Seite genommen und gesagt: Zoran, ich fahre jetzt weg, ich muss uns alles neu besorgen � �Das Kapital� f�r mich und eine Mutter f�r dich. Er war in sein Auto gestiegen und hupend aus der Stadt gefahren. Niemand wusste, wohin seine Reise ging.</p><p>Gestern, nach einem Jahr, kam Walross wieder. Er fuhr noch hupender in die Stadt, als er sie damals verlassen hatte, am Steuer eines Busses von Centrotrans. In diesen Tagen hauten alle ab von hier, niemand wei� wohin, nur Walross kehrte stolz zur�ck, niemand wusste woher, und das Erste, was er sagte, als seine Schuhe Vi�egrad ber�hrten, war:</p><p>Will jemand einen Bus kaufen?</p><p>So ein Bus verkauft sich bestimmt nicht leicht, sagte ich zu Walross au�er Atem. Ich war neben dem siegreich langsam durch die Stra�en kurvenden Gef�hrt her gerannt, ich wollte sehen, was Walross von seiner Reise mitgebracht hatte.</p><p>Der Bus ist ein bisschen schief, sagte Armin, der Stationsvorsteher, und kratzte sich unter seiner Stationsvorsteherm�tze. Er meinte nicht den Bus an sich, er meinte, wie Walross ihn geparkt hatte � der vordere Rechte stand auf dem Gehweg. Armin ging in die Hocke, die Knie knackten, er sah unter den Bus, fuhr mit dem Finger �ber verrostetes Blech, �ffnete den Kofferraum und trat gegen die Reifen. Nickte dreimal und sagte: ein guter Bus, ich kenne ihn, den kannst du nicht verkaufen, der geh�rt uns schon.</p><p>Klar kennst du ihn, riss Walross die H�nde jubelnd in die Luft, aber seid ihr miteinander verwandt, du und der Bus? Weil, deinen Onkel verkaufe ich dir nicht, aber die Zeit, in der man nur das verkaufen durfte, was einem geh�rt, ist in diesem Land l�ngst vorbei.</p><p>Hinter dem grinsenden Walross erschien eine junge Frau in der Bust�r. Der verga� jeden Handel und stopfte sich das Hemd in die Hose. Rotes Haar mit schwarzen Spangen, roter Schal mit schwarzen Streifen, rote St�ckelschuhe mit schwarzen Schnallen, Schuhgr��e f�nfzehn, wenn es hochkommt; auch die weit ausgeschnittene Bluse und der Mini-Rock waren rot-schwarz. Der Marienk�fer lachte, und ich war sehr erleichtert, dass seine Z�hne einfach wei� waren.</p><p>Walross reichte der Rothaarigen seinen Unterarm, den sie l�chelnd ergriff. Ihre roten Schuhe ber�hrten den aufgeplatzten Asphalt kaum. So schwebend und mit den Wimpern klimpernd sah die junge Frau die kleine Gruppe an, die zusammengekommen war, um das Wunder Walross zu begr��en, und die Gruppe senkte den Blick, sofern sie Mann war, und nahm die M�tze ab, sofern sie eine hatte.</p><p>Willst du nicht sie verkaufen?, schoss es Armin durch den Kopf, so begierig jedenfalls stierte er auf Walross� Neue. Als w�re sie ein Sonntagabendwestern, der noch nie gelaufen ist. Armin pfiff kaum h�rbar, aber h�rbar durch die Z�hne, so pfeift man, wenn man etwas Teures sieht. Die Augen der Rothaarigen hatten mit Armins Pfiff etwas zu tun, hellblau neben dem ganzen Rot-Schwarz. Auch wie schlank und lang ihr Hals war! Armin klopfte zum vielleicht zwanzigsten Mal gegen den hei�en rechten Vorderreifen, dieses Bein hatte er nicht mehr im Griff.</p><p>Das, das ist meine Milica!, sagte Walross seine Milica mit einer so feierlichen Stimme an, als wollte er eigentlich verk�nden : alle herh�ren, jeder soll wissen, dass das meine Milica ist! Milenkos sch�ne Milica!</p><p>Jeder wusste von Walross� Ungl�ck, jeder hatte mitbekommen, wie er vor den Augen seines einzigen Sohnes betrogen wurde und wie ein Trafikant seinen B�cherschrank mitsamt dem �Kapital� gedem�tigt und beschmutzt hatte. Es klatschte trotzdem niemand, als der Marienk�fer an Walross� Seite st�ckelte. Rot-Schwarz hei�t bei uns noch lange nichts, die Busstation ist kein Kino und so eine Dosis Lippenstift, das kann f�r einen Mund, rein medizinisch, nicht gut sein!</p><p>Vorsichtig setzte Walross Milicas Gep�ck ab, die eigene Sporttasche pfefferte er auf den B�rgersteig, dass Staub aufstob. Den Schl�ssel reichte er Armin, als h�tte der Geburtstag, und Armin blieb nichts �brig, als sich zu bedanken und endlich von dem Reifen abzulassen. Walross� Neue warf den Schal um ihren schlanken Hals, und ein so winziges T�schchen wie ihres hatte ich noch nie gesehen, der Lippenstift passt hinein, aber dann wird es eng f�r die Kopfschmerztablette.</p><p>Wo ist eigentlich der Fahrer?, fragte ich Walross, nachdem er die Umstehenden mit Handschlag begr��t hatte, wie es Pr�sidenten auf den Flugh�fen tun, die Hand der Gastgeber mit beiden H�nden fassend.</p><p>Der Fahrer sammelt Pilze auf dem Romanija, antwortete Walross und boxte mir auf den Oberarm, was mir gefiel. Und wo ist mein Sohn, Halunke?</p><p>Der sammelt Haare bei Meister Stankovski, antwortete ich und t�nzelte vor Walross wie Mohammed Ali, ich komme gerade von dort. Er tr�gt deine Jacke, immer.</p><p>Soso, die Jacke, nickte Walross und seine Handfl�che kassierte eine rechte Gerade und einen Uppercut. Dann wird er das alte Ding heute das letzte Mal getragen haben, in Triest tr�gt man keine Jeansjacken, und ich habe alles neu f�r ihn.</p><p>Milica schob sich die Sonnenbrille aus dem Haar ins Gesicht und lie�, stirnrunzelnd, den Blick �ber die kleine Busstation schweifen. Das Geb�sch am Rand, so blassgr�n, konnte jemandem so Gepunkteten nicht gefallen. Wahrscheinlich auch die �lflecken auf dem Asphalt nicht oder das d�sende Hunderudel oder die L�cher im rostigen Zaun oder der Reifenliebhaber Armin, der sich unter dem Hemd am Bauch kratzte. Ihre Inspektion beendete Milica �ber die Sonnenbrille hinweg � bei mir. Was war nicht in Ordnung? Ich hatte gro�e Ohren, das fanden aber Frauen im heiratsf�higen Alter normalerweise sympathisch. Ich hatte einen schiefen Haarschnitt, aber daf�r konnte ich nichts und Meister Stankovski so einiges. Milica schob langsam die Lippen auseinander, zeigte Z�hne, sie besa� circa vierzig mehr als normale Menschen, und auf einem ihrer zw�lf Schneidez�hne funkelte ein Diamant. Die Z�hne k�nnten eine Art Lachen sein, dachte ich, und wirklich: etwas gefiel ihr an mir! Begeistert schlug sie die H�nde vor die Brust, ihre Entt�uschung �ber die sch�bige Busstation war verflogen. Sie kniff mir mit beiden H�nden in die Wangen und in die Nase mit einem unglaublich s��en Duft. Aber wenn es etwas gibt, rief ich und wischte mir mit den �rmeln �ber die Wangen, das ichpers�nlich ersch�tternd finde, dann sind das Finger in meinem Gesicht!</p><p>�Ichpers�nlich� sagte meine Mutter, wenn sie anderer Meinung sein wollte und �ersch�tternd�, wenn sie mal wieder sehr besorgt war.</p><p>Wie er redet!, jauchzte Milica und klatschte in die H�nde. Ihre Stimme klang wie die letzte Klaviertaste rechts. Wie drollig er den Mund auf- und zumacht! Sie trat einen Schritt von mir zur�ck, als w�rde sie ein Bild in einer Galerie bewundern. Walross freute sich, weil seine Milica sich freute, er wollte sie umarmen, aber er war inzwischen mit Koffern und Taschen und T�ten so sehr behangen, dass er sich nicht wirklich gut bewegen konnte.</p><p>Wie alt bist du, Liebling? Milica kam wieder einen Schritt n�her, ich zog mich drei Schritte zur�ck.</p><p>Man munkelt Verschiedenes, zwischen acht und vierzehn, je nach Bedarf, aber auf jeden Fall zu alt, um gekniffen zu werden, murmelte ich und folgte Walross, um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen. Der hatte sich schweren Schrittes in Richtung Zentrum aufgemacht. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Armin den Bus r�ckw�rts herausfuhr, das konnte er nicht haben, dass einer seiner Busse mit dem vorderen Rechten aufsa�. Den Marienk�fer behielt ich im Auge. Wer wei�, wozu jemand noch f�hig war, der Str�mpfe trug, die wie ein Spinnennetz aussahen.</p><p>�ika Milenko, wo warst du eigentlich die ganze Zeit?</p><p>Auf der Reise � kreuz und quer durchs Land. Durch das flache Pannonien, �ber die Dinariden, an die K�ste, bis nach Italien. Keine schlechte Reise. Weil ich kaum Geld hatte, gab ich mich mit f�nf S�tzen Franz�sisch aus der Marseillaise und dem Rezept f�r Lammkeule Bretagner Art als Jacques aus und stellte meine Milica jedem als Mademoiselle Bretagne vor. Franzosen machen unsereinen gl�cklich, weil sie wie wir zu lieben wissen, weil sie das Akkordeon genauso gut beherrschen und weil sie aus ihrem Unverm�gen, ehrliches Brot zu backen eine Kunst gemacht haben! Als Jacques und Bretagne bekamen wir immer zu essen und ein Bett zum Schlafen und um uns besser kennen zu lernen. �berall erkl�rte man uns, warum Jugoslawien so ein feines Land gewesen sei, das h�rte sich an, als w�rde man �ber einen Toten sprechen. Unsere Maskerade ging so lange gut, bis wir auf einen echten Franzosen stie�en. Mit dem betranken wir uns dann mit franz�sischem Ros�, bis er zugab, doch nur Mazedonisch mit franz�sischem Akzent gesprochen zu haben, und dass der Wein ein Landwein aus der Gegend sei, mit Schnaps gestreckt. Da hatte der auch schon zu viel von seinem Landwein und weinte in Milicas Scho�, so viele Jahre f�r ein Motorrad habe er gespart, um die sch�nste Frau im Dorf zu beeindrucken, die sch�nste Frau habe aber irgendwann einen geheiratet, der nicht mal ein Fahrrad besa�.</p><p>Auf dem Weg durch Vi�egrad am 2. April 1992 sagte Walross : es w�re gut, wenn alle das Unterwegssein trainiert h�tten wie ich. Alle werden bald lange Reisen machen m�ssen. Ich bleibe, komme, was wolle.</p><p>Auf dem Weg an der Feuerwache vorbei, wurde Walross ernst und sagte: hier werden Milica und ich gl�cklich.</p><p>Auf dem Weg blieb Walross an der Moschee stehen und trank Wasser aus dem Hahn in der Mauer.</p><p>Auf dem Weg, der gar nicht lang genug war, dass er mir das alles h�tte erz�hlen k�nnen, was er mir erz�hlte, war Milenko um jeden Spazierg�nger froh, der ihn erkannte und gr��end stehen blieb, weil er dann die schweren Taschen absetzen konnte. Viele gr��ten herzlich, herzlich auch deswegen, weil sie froh waren, dass da wieder einer mehr in der Stadt war, die t�glich kleiner wurde.</p><p>Musa, sagte Walross zu Musa Hasanagi�, der seine Karfiol an den Z�geln f�hrte, Musa, Bruder, halten wir zusammen?</p><p>Immer, sagte Musa und Karfiol nickte, wie es Pferde tun.</p><p>Auf dem Weg zu seinem Sohn, den er viel zu lange nicht gesehen hatte, und auf dem Weg zum Satz: ich bin zur�ck, und der Krieg ist mir auf den Fersen, erz�hlte Walross von seiner Reise, der letzten, so sagte er, die man f�r lange Zeit so voller Sorgen und doch so sorglos gemacht haben wird in diesem Land:</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wohin schlechter Musikgeschmack f�hrt, was der Dreipunktemann anprangert und wie schnell ein Krieg ist, wenn er einmal Anlauf genommen hat</strong></p><p><strong>M</strong>eine Karre ist gleich auf dem Romanija stehen geblieben. Nicht zu fassen! Genau da, wo ich mit meinem Zoran einmal Pinkelpause gemacht habe, will der Motor nicht mehr. Nebel wie Zement, nach wie vor. Ich � zu Fu� weiter, dann kam der Bus. Der Fahrer hat Musik aufgedreht. Mein Kopf hat Schmerzen aufgedreht. Sag ich zu ihm: du bist nicht allein hier. Er lacht mich aus: bin ich nicht, aber ich fahre dich und solange ich dich fahre, geh�rt mir die Lautst�rke und dir der Sitz. Da hat er Recht. Das geb ich zu. Da streit ich mich nicht. Aber die Musik wird nicht nur nicht leiser, sie wird auch noch schlechter. Sie wird widerlich. Der hat eine Kassette reingetan und singt von den scharfen Schwertern an der blutigen Drina. Ich noch mal vor: gut, die Lautst�rke und das Radio und das Lenkrad und die Geschwindigkeit und deine Nasenhaare geh�ren dir, aber das hier, das sind meine Ohren. Und das, womit meine Ohren und meine Drina sich abgeben m�ssen, damit bin ich nicht zufrieden und ganz und gar nicht einverstanden. Und weil du mitsingst � da habe ich ihm gegen die Schulter getippt �, bin ich auch mit dir nicht zufrieden und ganz und gar nicht einverstanden. Als Fahrer nicht und als Mensch, der so einen Schwachsinn auswendig kann, auch nicht. Abschalten oder ich schie� dir die Eier weg! Der dreht aber bis zum Anschlag auf. In die Schlacht, alle Helden!, hat er mich angebr�llt, dass ich dachte, gleich fliegen wir von der Stra�e und das Letzte, was ich im Leben geh�rt habe, ist gro�serbisches Eselsgeschrei. Weil singen konnte der nicht, sonst w�re er auch kein Busfahrer geworden. Ich habe Kopfweh und mein Leben ist gerade nicht das einfachste Leben, habe ich dem Esel ins Ohr gefl�stert. Und dass ich zwar Serbe bin, mich aber sch�me, wenn ich so einen M�ll h�re. Es gibt nichts Gef�hrlicheres als einen betrogenen Mann mit Kopfweh, der sich sch�mt und in seiner Tasche unter den Unterhemden eine geladene Flinte hat. Aleksandar, versprich mir, du dr�ckst nie einem Busfahrer eine Flinte unters Auge, wirfst ihn aus seinem Bus, trittst ihn zusammen und erschie�t seine Kassette!</p><p>Pionierehrenwort!</p><p>Es gibt keine Pioniere mehr, Halunke.</p><p>Man ist lebensl�nglich Pionier!</p><p>Walross nickte zufrieden. Ja, jetzt bin wohl ich der Bus, habe ich zu den Passagieren gesagt, und jeder kanns haben, wie er will. Ich bring euch vor die Haust�r oder wohin auch immer, ihr habt daf�r bezahlt. Wer nicht mit einem solchen Kopfweh und einer solchen Flinte mitfahren m�chte, den lasse ich gleich raus, bin auch nicht sauer. Da waren also diese Gesichter, M�nner und Frauen, sie haben mich angeguckt, alle ein bisschen besorgt und alle schwarzhaarig; alle � nur meine Milica rothaarig, sie sa� auf dem F�nfer hinten und malte sich den Mund an. Aah! Da war mir sofort klar, dass ich das nicht ganz ernst gemeint haben konnte, dass ich jeden rauslasse. Weil so eine � entkommt mir nicht.</p><p>Milica l�chelte und senkte die Augen. Walross legte die Taschen ab, schloss ihre Taille in seine gro�e Basketballhand und zog Kreise �ber den rotschwarzen Stoff ihrer Bluse.</p><p>Drei Leute sind sofort ausgestiegen, hob Walross drei Finger, ein vierter � Walross z�ckte den kleinen Finger � ist aufgestanden. Ein winziger, alter Mann mit einem viel zu gro�en Hut, Schl�fenlocken und sch�bigem Frack. So winzig, ich habe ihn hinter dem Sitz gar nicht gesehen. Alles an ihm war entweder klein und kurz oder gro� und lang. Er musste auf die Lehne klettern, um seine Tasche von der Ablage holen zu k�nnen. Ein ganz, ganz, ganz kleiner N�rgler war das, dem hast du die Ehrlichkeit und die Trauer an den Lippen angesehen! Noch auf der Lehne hat er sich eine kleine Brille vor die Riesenaugen geschoben und eine Rede gehalten in seiner Dreipunktsprache : dass es bei uns immer so mit F�usten � dass wir immer � es zerrei�t mir � es zerrei�t mich � Waffen � pr�geln � sogar mit Worten � pr�geln � schelten � fauchen � fluchen � wie damals � immer schon � und das ist nur � ihr werdet noch sehen � das ist erst � ein Land der Schl�ger � nie ruht es � nie ruht es sich aus �</p><p>Aleksandar, so einen langen Bart hast du nicht gesehen wie den Bart, in den der Dreipunktemann gen�rgelt hat! Er hat ihn sich an seiner Fliege vorbeigek�mmt, zwei lange Wasserf�lle Bart. So stand er dann vor mir, ich kann alles wiederholen, was er gesagt hat: sinnlos � sinnlos � m�ssen wir uns immer so � k�nnte viel leichter sein � wie damals � Stiefel auf Eis � der See zugefroren � solch eine K�lte � auch den kleinsten Nagel haben sie � genau f�nfzig Jahre ist es her � man gab mir zu essen � ich wollte zu Gott � so ein Hunger � die Popen, die guten Popen � Glaube oder Essen � Jungchen, Jungchen � von K�lte kannst du erblinden � nichts habe ich gerettet � nichts � so sind die Kriege � so war der damals � nichts habe ich gerettet � die einsamsten Menschen lieben nur sich selbst �</p><p>Genau das hat der Dreipunktemann gesagt, man kann es gar nicht vergessen. Dann hat er sich in der ersten Reihe hingelegt und weiter in seinen Bart gemurmelt. So einen langen Bart hast du nicht gesehen, hast du nicht.</p><p>Hast du nicht, sagte Milica.</p><p>Hast du nicht, sagte ich und nach einer Pause, leise, auf den Marienk�fer schielend, und warum hast du die mitgebracht?</p><p>Ich bin nicht mitgebracht worden!, emp�rte sich Milica, ich bin hergefahren, weil ich es so wollte. M�nner mit einer Meinung, gro�en H�nden, Kopfweh, einer Flinte und so einem � sie sah an Walross herunter � Arsch in der Hose imponieren mir. Ups! Darfst du schon solche W�rter benutzen?</p><p>Imponieren? Ich bin Jugoslawe!</p><p>Walross lachte und Milica lachte. Sie war anders als die Frauen in Vi�egrad. Immer suchte sie mit den Augen die Umgebung ab, als w�rde sie jemanden erwarten, auch wenn sie sich unterhielt, sogar wenn sie lachte. Nur auf ihren Walross konzentrierte sie sich ganz. Sie wird es bei uns schwer haben.</p><p>�Das Kapital�, sagte Walross, habe ich mir nicht wieder besorgt, meine alte Ausgabe habe ich nachts gelesen, wenn ich nicht schlafen konnte, und ich schw�re, ich habe kein Wort verstanden. Meine Milica habe ich bestens verstanden. Sie und der Dreipunktemann waren die letzten Passagiere, nachdem ich alle anderen nach Hause gebracht hatte. Der Dreipunktemann erz�hlte uns, dass man sein Zuhause und seine Synagoge und seine Erinnerung daran, wie man S�tze beendet, gepl�ndert hat. Nur den Hut, den Koffer, den Bart und die Fliege habe er noch. Tarirara k�nnt ihr mich � das ist mein � ich hei�e � Tarirara war aber nicht sein echter Name, den echten hat man ihm auch genommen. Tarirara war sein Lied. Gedankenverloren kratzte er mit dem Nagel am Gummi unter dem Fenster, tarirara, tarirara �, hat er gesungen. Zwei Monate ist er mit uns gefahren. Ich lie� ihn ans Lenkrad, um meine Milica auf der letzten Sitzreihe besser kennen zu lernen.</p><p>Einmal, nachts, irgendwo im slowenischen Hochgebirge, ich lerne gerade Milicas Hals besser kennen, da knallt es! Der Bus bricht links durch die Leitplanke, kracht bergab durch Dickicht, dass es dir die Knochen neu sortiert, schl�gt unten auf, ich kann Milica gerade noch festhalten.</p><p>Nicht schlecht �, ruft vorne der Dreipunktemann und winkt einer Radkappe zum Abschied. Um uns eine riesige, leere Fl�che und Wind. Der Dreipunktemann macht ein paar Schritte und rutscht fast aus. Sagt er: das � das � nichts konnte ich retten, so viele Jahre sind � aber jetzt �</p><p>Aleksandar! Wir stehen auf Eis! Der Bus steht auf Eis! Auf einem zugefrorenen See! Wohin das Auge sieht: nichts, aber das dunkelblau! Meine Milica und ich tanzen Polka auf dem Eis! Im Scheinwerferlicht lerne ich ihre eisblauen Augen kennen. Der Dreipunktemann holt aus seinem K�fferchen ein Paar Schlittschuhe und erz�hlt uns seine Geschichte. Er kennt keine Pausen mehr, er ist geheilt von den drei Punkten!</p><p>Kufen auf Eis, nachts, sagte Milica, der Dreipunktemann f�hrt in die Dunkelheit, tarirara, tarirara �</p><p>Ich habe das Licht ausgeschaltet, und Milica und ich haben uns endg�ltig kennen gelernt. Am n�chsten Morgen sind wir �ber den See gefahren, der gute Bus drehte einige Pirouetten, so gl�cklich wie wir und der Bus war niemand auf der Welt. Bis wir im Radio von Kroatien geh�rt haben. Nach Osijek, hat Milica sofort gerufen, mein Vater!</p><p>Kennst du Osijek, Halunke?</p><p>Ich kannte Osijek.</p><p>Merk dir Osijek gut!</p><p>Ich kannte Osijek aus dem Fernsehen. Osijek brannte, und es gab etwas Unfassbares zu sehen, unter Decken oder Laken lag es immer wieder auf der Stra�e, in den H�fen. Stiefel. Unterarme. Opa Slavko war nicht da, um zu best�tigen, dass das, was ich sah, das war, was ich bef�rchtete. Meine Eltern sagten, es sei weit weg.</p><p>In Osijek habe ich Milicas Vater links und rechts gek�sst und war sofort ehrlich mit ihm. Milica, habe ich gesagt, Milica und keine andere!</p><p>Mach ihr blo� das Leben nicht schwer, hat er gesagt, und mir seine Uhr, seinen Tisch und seine Karamellbonbons geschenkt. Dann philosophierten wir ein bisschen. Weibsbilder, Ehe, Trafikanten, Holzhacken, Leben, Gewicht des Lebens. Das philosophierte ich. Er philosophierte: am meisten wog das Leben im Sommer dreiundvierzig. Auf der Flucht vor den Italienern. Nichts gegessen tagelang. Nichts getrunken. Der Himmel � blaue Lava. Z�ndet dir das Haar aufm Kopf. Ein Hof. Niemand da. Ein Schuppen. Niemand da. Aber Schinken �ber Schinken. In P�kellake. Ger�uchert. Von der Stange weg a�en wir den. Leckten das Salz ab. Und verga�en das Wasser. Niemand hatte Wasser. Zu viel Salz, zu viel Sonne. Und im Dorf sonnten sich die Italiener um den Brunnen. Dreimal so viele. Da war das Leben schwer. Niedergem�ht haben wir sie. Ordnung und Taktik. Jeder Schuss ein Treffer. Uns ging niemand tot. Und der Brunnen leer. Der Brunnen leer. Da war das Leben schwer.</p><p>Ich erz�hlte ihm einen Witz: Die Italiener und die Partisanen k�mpfen Tag und Nacht in einem Wald, da kommt der F�rster und schmei�t sie beide raus.</p><p>Milicas Vater hat nicht gelacht. Er hat sein Unterhemd ausgezogen und uns Sauerkrautsaft nachgeschenkt, als drau�en die ersten Sch�sse fielen. Wir reden doch nur dar�ber, was soll das denn jetzt?, hat er gerufen. Milica hat ihren Vater an die eine Hand genommen, mich an die andere. Papa, du gehst. Milenko, du f�hrst ihn. Ich bleibe, sonst nehmen sie uns das Haus auseinander.</p><p>Du kommst mit!</p><p>Ich lasse das Haus nicht allein!</p><p>Ich lasse dich nicht allein!</p><p>Beweis es mir und komm gleich zur�ck!</p><p>Und wie sie da stand, meine Milica, Frau und Kommandant, da habe ich ihr all meine Liebe geschworen. Milenko, jetzt ist nicht die Zeit daf�r, hat sie gesagt. Ihr Vater hat sich gewehrt, aber wir zogen ihm das Unterhemd wieder an. Bis Zagreb � keine Kontrollen, wir hatten Gl�ck. Ich � sofort zur�ck, tief in der Nacht war ich da. Die H�lle. Vom Westen her kam man noch rein, aber die H�lle! Die Laternen kaputt, die H�user im Dunkeln oder in Flammen. �berall Leute, nicht einer gl�cklich. Den Bus stellte ich in einem Hof ab und dachte: das wars, Bus! Fast h�tte ich das Haus nicht mehr gefunden. Im Fenster � eine Kerze. Milica ist in der K�che gesessen und hat ganz langsam eine Kartoffel gesch�lt. Vor ihr ein uraltes Fernsehprogramm. Sie hat geweint �</p><p>Ich dachte, du w�rst �, unterbrach ihn Milica.</p><p>War ich aber nicht, und Milica k�sste seine Schulter.</p><p>Raus hier und ab in die Sonne: ab nach Italien. Der Bus war noch da und sogar ganz. Milica hat sich ans Steuer gesetzt, weil sie sich in der Stadt auskannte. Die Soldaten kannten sich aber auch aus, Stra�ensperre, aussteigen, der Bus wird militarisiert. Sag ich: das ist aber ein friedliebender Bus. Und davon habe ich das hier � Walross b�ckte sich, Milica strich ihm das Haar aus der Stirn. Eine Narbe zog sich an Walross� Haaransatz entlang. Ich bin nicht ohnm�chtig geworden, sagte er, darauf bin ich stolz. Wollen wir mal sehen, wer schneller ist, hat dann Milica gesagt, unser Bus oder euer Krieg. Sie hat aufs Gaspedal gedr�ckt und ab ging es durch die Absperrung. Ein Soldat war noch im Bus, meine Flinte auch, er hat das Gleichgewicht verloren, ich nicht, dann war kein Soldat mehr im Bus.</p><p>Und den Fu� nahm ich erst wieder auf der Piazza Verdi in Triest vom Gaspedal, sagte Milica und blieb vor einem Schaufenster stehen.</p><p>Und der Krieg?, fragte ich.</p><p>Der Krieg war uns auf den Fersen, hatte aber kein Visum f�r Italien, sagte Walross.</p><p>Hat er ein Visum f�r Vi�egrad?</p><p>Walross blieb stehen und sah sich um. Wir waren am Platz der Befreiung angekommen. Hier hatte Meister Stankovski seinen Laden. Zoran war nicht zu sehen. Walross legte die Taschen ab und umarmte mich. Wie mutig bist du, Aleksandar ?, fragte er ernst.</p><p>Ich verliere leicht den Kopf, sagte ich, kann mir aber dann alles am besten merken.</p><p>Wie er redet, sagte Milica, dieses Mal sagte sie es mit fester Stimme.</p><p>Du machst das schon, Walross strich sich links und rechts �ber den Schnurrbart und lief auf die Kreuzung. Autos blieben stehen, niemand hupte. Er stieg auf die Motorhaube eines roten Mercedes, formte mit den H�nden einen Trichter um seinen Mund und schrie: Vi�egrad! Ich bin zur�ck, und der Krieg ist mir auf den Fersen! Vi�egrad!, rief er, Vi�egrad, Walross ist zur�ck! Zoran!, rief er, dein Vater ist hier. Zoran! Der Krieg ist mir auf den Fersen, aber wir sind eine Familie, und niemand kann uns was!</p><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>E</strong>rst kamen die einen, dann kamen die anderen, die einen fragten sich, wie stehen wir eigentlich zu Synagogen, sie salzten die Gurken und fr�hst�ckten auf dem Toraschrein und versammelten sich im Schtiebel und �berlegten und wussten es nicht genau, dann zogen sie weiter, und der harte Winter kam; alles gefror, mir in den Adern das Blut und im Gesicht die Tr�nen, denn die anderen fragten nichts, als sie kamen, sie stie�en mich in den Schnee, damit sie in Ruhe arbeiten konnten, alles aus Stein, rief einer, aber die B�cher k�nnen wir; das h�rten die Popen, sie gingen vor den Soldaten auf die Knie, dickb�uchige Priester mit M�dchenaugen liebkosten z�rtlich die Soldatenstiefel, beteten und flehten um Gnade f�r das Haus und f�r die B�cher und f�r mich; aber die Soldaten hatten l�ngere B�rte als die Popen, gut, sagte der betrunkenste Soldat, brennen wird nichts, schafft alles auf den See; die Popen sagten Dank und aus ihrer Kirche war die Orgel zu h�ren, der Bass verbeugte sich tief, w�hrend die Synagoge ausgeweidet wurde, alles karrten sie auf den gefrorenen See, die Torarolle, meine Tefillin, meine Kippa, den Talmud, die alten, alten B�cher, und als die Synagoge leer war wie ihre Herzen, zogen sie mich an den Beinen �ber Schnee und Eis und fesselten mich an den Toraschrein mitten auf dem See, bald ist Fr�hling, Jud, keine Sorge, lachten sie und riefen mich vom Ufer, damit ich jedes M�dchen sehen konnte, bevor sie es in die Synagoge warfen, damit ich es lebend gesehen hatte, bevor sie es tot zu mir brachten, Stunden oder Tage sp�ter; hier �berwintern wir, sangen sie und schlachteten Schweine vor der Bima, stellten Wachen an den See ab, damit ich nicht entkam und damit sie gerufen wurden, wenn die Eisdecke nachgab ; die Popen f�tterten mich mit Brot, machten mich sauber, und Tag um Tag wurde es w�rmer, der Schnee schmolz, r�ter war der Vollmond am Pessach nie, ich konnte die Blumen am Ufer aufstehen sehen und das d�nne Eis unter den schnellen F��en der Popen knacken h�ren: bevor die Heiligt�mer und ich nicht versunken waren, wollten die Soldaten nicht weiter, der Krieg rannte ihnen nicht davon; die Sonne kam und ging, das Eis blieb und die Ungeduldigen drohten meinem Hals mit ihren Messern, aber sie drohten vom Ufer aus, weil sie sich nicht mehr herzukommen trauten, den J�ngsten, der sich beweisen wollte, mussten sie retten, er brach gleich am Ufer ein, und ich wusste, dieses Eis wird auch den Sommer aushalten, wenn es sein muss, es wird mich eher mein Hunger t�ten als der See, denn ich glaube mit meinem ganzen Glauben, dass der Sch�pfer, gelobt sei sein Name, wohl all denen vergilt, die seine Gebote erf�llen, und denen �bel tut, die seine Gebote brechen; ein paar Mal schossen sie auf mich und trafen den Schrein, ich schloss die Popen in meine Gebete bis zum Schluss, bis ich entkr�ftet einschlief, nur noch Haut und Knochen, leicht wie ein Morgenlied; die Popen weckten mich, Rabbi Avram, sie sind weg!, riefen sie gl�cklich �ber das Eis, Rabbi Avram?, riefen sie bang, weil ich mich nicht r�hrte; aber ich stand auf, die Seile l�ngst locker, ich lief mit zittrigen Beinen �ber den See, meine Beine lenkte der Hunger, ich dachte nur an das Essen, an Kauen, an Schmecken, es wird sich doch auch bei den Popen auf die Schnelle etwas Koscheres finden, dachte ich, an Fressen und nicht an die Torarolle dachte ich, nicht an den Talmud, nicht an die alten, ehrw�rdigen B�cher, nichts habe ich mitgenommen, mit leeren H�nden ging ich �ber den See und hinter mir brach das Eis in meinen Fu�spuren durch, als w�rde sich mein Gewicht versp�ten ; ich kehrte nicht um, und als mich die Popen ans Ufer zogen, verbanden sich die L�cher meiner Schritte zu einem einzelnen, gewaltigen Riss im Eis, es krachte ohrenbet�ubend, als sich nun von allen Seiten neue Risse ins Eis keilten und in der Mitte des Sees aufeinander trafen, unter dem Toraschrein, er ist als Erster verschwunden, nur Sekunden, bevor alles andere, nichts habe ich gerettet, in die Tiefe sank: mein Name, meine W�rde, mein Atem f�r lange S�tze, meine Selbstachtung, mein Vertrauen; eins wusste ich aber, w�hrend die Popen mir Wasser gaben, ich wusste, die ganze Welt ist nur ein sehr kurzer Steg, und keine Angst darf man haben vor der Tiefe darunter.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Was wir im Keller spielen, wie die Erbsen schmecken, warum die Stille ihre Z�hne fletscht, wer richtig hei�t, was eine Br�cke aush�lt, warum Asija weint, wie Asija strahlt</strong></p><p><strong>K</strong> aum haben die M�tter zum Abendessen gerufen, mit fl�sternden Stimmen, st�rmen Soldaten das Hochhaus, fragen, was gibt es, setzen sich zu uns an die Sperrholzplattentische im Keller. Sie bringen eigene L�ffel mit, an ihren Handschuhen fehlen die Kuppen. So unbedingt dringen die Soldaten ein, wie sie auch unbedingt die Namen von allen wissen wollen, wie sie in die Decke schie�en m�ssen, wie sie �ika Hasan und �ika Sead aus dem Treppenhaus in den Keller schubsen und zu einem mit Stirnband bringen. Der aber tunkt Brot in die Erbsenbr�he, sagt: nicht unbedingt jetzt. Schnell zu Tisch, Soldaten, bitte, es wird doch kalt, hatten die M�tter nicht gerufen. Es gibt keinen Platz f�r Rucks�cke und Gewehre und Helme auf den kleinen Tischen, aber Zoran und ich machen f�r die Kalaschnikow gerne Platz. Wie hei�t ihr? Wir hei�en ganz gut und d�rfen deswegen Helme tragen. Wie es sein kann, dass ein Helm nach Erbsenbr�he riecht, wei� ich nicht.</p><p>Bevor die Soldaten kamen, war alles so, wie es zuletzt immer gewesen ist. Ich durfte ab neun Uhr drei�ig nicht aus dem Keller, durfte Marija nicht an den Z�pfen ziehen, tat es aber doch, ich musste Erbsen essen, obwohl diese Erbsen nach Bohnen schmeckten. P�nktlich um neun Uhr drei�ig begann auch heute Morgen, wie an jedem Morgen in den letzten neun Tagen, der Krach. Schweres Gesch�tz, nickten die Leute, und sagten entsprechende Buchstaben und Zahlen auf, VRB 128, T84. �ika Sead und �ika Hasan stritten dar�ber, welcher Buchstabe mit welcher Zahl wohin schoss, und ob getroffen wurde. Sie sagten: theoretisch. Als das Kaufhaus gegen�ber getroffen wurde, sagten sie: praktisch, und lachten. �ika Sead und �ika Hasan sind Witwer und Rentner, immer am Streiten, immer am Wetten, den einen erwischt man selten ohne den anderen, niemals aber erwischt man sie beide bei derselben Meinung. Das schwere Gesch�tz, sagte �ika Hasan heute Morgen, ballert vom Panos runter; nein, sagte �ika Sead und putzte seine Brille mit einem kleinen Tuch, die stehen auf der Unteren Lijeska.</p><p>Uns Kindern gef�llt �Artillerie� besser als �Schweres Gesch�tz�. Die Einschl�ge der Artillerie und das Gekl�ff der Maschinengewehre kann Edin am besten nachahmen. Deshalb will ihn jede Mannschaft f�r sich haben, wenn wir Artillerie im Keller spielen. Drei gegen drei, keine Bomben erlaubt, nein, Marija, du darfst nicht mitmachen, Gefangene d�rfen gekitzelt werden, unbegrenzte Munition, im Aufgang zum Treppenhaus � Waffenruhe. Wenn Edin tattattatterte, spitzte er die Lippen und sch�ttelte sich wie ein Verr�ckter! Fast immer gewann die Truppe, in der Edin diente. Kein Wunder bei seinen Salven und seinem Sch�tteln.</p><p>Auch heute Nachmittag gab es ein Gefecht, sogar Zoran spielte mit, nat�rlich als Kommandant. Edin war bei den anderen. Normalerweise liefen die Mannschaften vor dem ersten Schuss in entgegengesetzte Richtungen, versteckten sich in finsteren Kellerecken und warteten lauernd: Wer verl�sst die Stellung als Erster und st�rmt zum Angriff? Manchmal st�rmte keiner, und es wurde langweilig � wir begannen mit Murmeln zu spielen und verga�en, dass Krieg war. Leichte Beute f�r den Feind, wenn er dich dann doch �berrennt, und deine Waffe ist nur ein Glask�gelchen zwischen Daumen und Zeigefinger, meines immerhin mit einer vierfachen Feder darin.</p><p>Heute folgten wir den anderen heimlich, anstatt uns zu verstecken. Sie verbarrikadierten sich hinter zwei Sauerkrautf�ssern und einem verrosteten Bettgestell. Zoran sp�hte um die Ecke und Ne�o nahm sein Winchester-Repetiergewehr von der Schulter. Wir hatten Ne�o schon hundert Mal gesagt: die Winchester, das geht nicht, so eine alte M�hle hat hier nichts verloren mit ihrer Bison-Gravur und ihren zw�lf Schuss. Da kann er gleich mit Pfeil und Bogen kommen. Schie� ich eben genauer. Gar nicht genau schoss er, und sah dabei auch noch komisch aus. Am Abend vor dem Schlafengehen und morgens nach dem Aufstehen klebte ihm seine Mutter mit Panzerband die abstehenden Kartoffelohren am Kopf fest, und die grauen Klebestreifen erinnerten uns st�ndig daran, ihn zu h�nseln, ich wei� gar nicht, was die gegen gro�e Ohren hatte.</p><p>Zoran winkte uns heran. Edin und seine beiden Kameraden, Enver und Safet, zwei Uhrmachers�hne aus der Nachbarschaft, die immer �berall zu sp�t kamen, hockten, den R�cken uns zugewandt, da und malten Br�ste auf die Sauerkrautf�sser. Zoran legte den Zeigefinger auf die Lippen und ging geduckt voran, ich hinterher, das Gewehr fest in den H�nden. Leise war das nicht, ich trat auf Steinchen, sie schliffen �ber dem rauen Kellerboden, kleine Explosionen, dachte ich, dann st�rmte Zoran los, Hurrrraaaa!, rief ich und riss das Gewehr in die H�he. �berrascht und erschrocken wichen Verteidiger vor Aggressoren zur�ck, tasteten nach ihren Waffen, nur Edin verharrte, drehte den Kopf zu mir, lie� die Kreide fallen und hob sein Maschinengewehr. Bevor er die Lippen spitzen und sich zu sch�tteln beginnen konnte, warf ich mich auf ihn. Zuckte er zusammen? Duckte er sich? Wollte er ausweichen ? Ich wei� nicht, sah nichts. Wir st�rzten zu Boden, rollten umeinander. Ich schoss in seine Seite, du bist tot, rief ich, hab dich, rief ich, trrrr. Er sagte: warte mal, es blutet, stand auf, langte unter die Nase, als w�rde er aus seiner gekr�mmten Hand Wasser trinken und zeigte mir das Blut in der Handmulde. Es blutet, sagte er, mit dem Knie hast du mich, und das Blut rann ihm um den Mund und in den �rmel. Wie viel Blut hat so eine Nase?, fragte er, und ich sagte: vier Literflaschen voll.</p><p>Ne�o sah sich seine Winchester an und sch�ttelte den Kopf: Leute, bin ich froh, wenn wir wieder rausd�rfen, kicken � schon wieder Ladehemmung.</p><p>Als Edins Mutter das Blut sah, legte sie die Hand vor den weit aufgesperrten Mund, riss die Augen auf und hechtete auf ihren Sohn zu. Halt deinen Kopf nach hinten, was ist passiert?</p><p>Aleks � Knie �, murmelte Edin.</p><p>Knie!, schrie sie und packte Edin am Ohr, als h�tte sein Ohr und nicht mein Knie das Nasenbluten verschuldet. Sie zerrte Edin zur Treppe, kehrte aber an der Schwelle um, als h�tte sie etwas vergessen, hatte sie auch � mich. Es nutzte nichts, dass Edin �keine Absicht� rief, ihre Wut traf auch mein Ohr: sie sch�ttelte dran, bis es knackte.</p><empty-line/><p>Soldaten haben den M�nnern in den Bauch geschossen. Vorn�ber sind die zusammengesackt. Wie wenn du einen Volley abkriegst � so ist das. Das habe ich, fantasierte Edin, als er zur�ckkam, oben aus dem Fenster gesehen. Er fl�sterte und dr�ckte ein Handtuch an seine Nase. Ich glaubte ihm kein Wort, sagte aber nichts, welche Soldaten �berhaupt, �ika Aziz, der Einzige mit einer Waffe in der N�he, spielte gerade mit offenem Mund �Ghostbusters� auf seinem C-64, die Nachbarn sahen ihm rauchend zu, und Walross sagte gelangweilt: ordentlich platt gemacht, ich bin dran.</p><p>Erst wenn kein Blut mehr kommen und wenn seine Mutter nicht mehr in der N�he sein w�rde, wollte ich ihm zeigen, was ich von seinen M�rchensoldaten hielt. Edin faltete das Handtuch auf und zeigte mir, wie viel Blut er verloren hatte. Viel Blut war das, zwei Literflaschen vielleicht, aber ich wusste � Blut w�chst nach. Edins Mutter sch�ttelte den Kopf. Sie stemmte die H�nde in die Seiten und lief vor mir auf und ab. Sie klimperte am ganzen K�rper. So viel Schmuck? Sie zog die Augenbrauen zusammen und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor meiner Nase herum, die Armreife bimmelten heftig. Warte nur!, zischte sie durch die Z�hne. Ich sch�mte mich aber nicht f�r den Tritt und hatte keine Angst vor ihr � Edin und ich vertrugen uns doch l�ngst wieder. Warte nur! Ich wartete und bald bimmelte sie davon, zu den anderen M�ttern und den T�pfen auf dem Herd.</p><p>Die Erbsen k�chelten schon auf dem Gottseidank-dass-wirnoch-Strom-haben. Durch das Luftgitter fiel immer weniger Licht. Zu h�ren waren vereinzelte Sch�sse, ab und an eine Salve, dann Stille, dann eine ferne Explosion, dann wieder Geknatter. Es kam von den Stra�en und nicht mehr aus den Bergen. Gegen sieben Uhr wurde es drau�en so ruhig, dass unsere M�tter uns ermahnten, stilljetztstill!, obwohl wir gar nichts sagten. Alles war wie immer, nur die Stille dr�ckte lauter als sonst. Warum h�rten alle der Stille zu?</p><p>Die Stille fletscht die Z�hne, fl�sterte Walross. Sonst sagte er �fletschen� zur Aprilsonne, wenn sie strahlt, ohne zu w�rmen. Sogar die Rufe der M�tter klangen wie gefl�stert: Abendessen! Die Gro�v�ter dr�ngten ihre K�pfe dicht �ber ein kleines Transistorradio zusammen. Ich w�nschte mir Opa Slavko hinzu. Was w�rde er sagen, jetzt, da alles zu unaussprechlicher Stille geworden war? Lange schon kam auch keine Musik mehr, immer redeten sie im Radio nur. Heiser sprach jetzt jemand davon, dass sich unsere Truppen von ihren Stellungen zur�ckzogen, um sich neu zu formieren. Schweigend st�tzten Gro�v�ter Ellenbogen auf Knie und K�pfe auf H�nde, oder standen auf und st�tzten sich kopfsch�ttelnd auf ihre St�cke. Alle fieberten mit unseren Truppen und den Stellungen unserer Truppen, obwohl niemand genau wusste, wer das war, diese unsere Truppen, und was das f�r wichtige Stellungen waren, die aufgegeben werden mussten. Erst als die heisere Radiostimme den Namen einer Stadt sagte, die genauso hie� wie unsere Stadt, wussten alle etwas. Auch ich wusste ein wenig � die heisere Stimme sprach �Vi�egrad� wie etwas aus, wovor man in keinem Versteck sicher war. Dieses Wissen war es, das in der Stille seine Z�hne fletschte. Ich reihte die Murmeln aus meinen Taschen von hell nach dunkel auf dem Boden aneinander und trat mit der Sohle darauf. Jede Einzelne musste knirschen.</p><p>Was wir sonst wissen sollten, das redeten uns die M�tter ein. Nur abgekochtes Wasser trinken, ab halb zehn in den Keller gehen, �ika Aziz� C-64-Rekorde nicht �berbieten. Als die heisere Radiostimme jetzt Vi�egrad sagte, und ich mich fragte, wie kann es sein, dass eine Stadt f�llt, muss das nicht ein Beben geben?, wussten selbst die M�tter nicht, was zu tun war. Sie salzten die Erbsen und r�hrten im Topf.</p><p>Drau�en l�ste eine hupende Hochzeitsgesellschaft die Stille ab. Zoran, Edin und ich schlichen aus dem Keller hinaus � erst in das Treppenhaus, der vorsichtige Blick aus dem Fenster, dann in den Hof, dann auf die Stra�e �, niemand hielt uns auf, aber die Rufe der Mutter h�rten wir bereits hinter uns. Was sollte das jetzt? Br�utigame mit Bart, oben Tarnjacke, unten Trainingshose fuhren vorbei. Gel�ndewagen hupten, Lastwagen hupten. Eine Armee von b�rtigen Br�utigamen fuhr vorbei, sie schossen den Himmel an und feierten, die Stadt zur Braut genommen zu haben. Auf den Wagend�chern und den Motorhauben schaukelten Br�utigame im Takt der Stra�enl�cher, die sie selbst ausgeschachtet hatten, morgens ab neun Uhr drei�ig, neun Tage lang, jeden Tag. Die H�nde hielten sie flach �ber die Augen, schielten darunter hervor, mieden die untergehende Sonne. Hinten hingen aus den Anh�ngern Beine in Gr�n und Braun, baumelten wie Zierde.</p><p>Die ersten Panzer ziepten die Stra�e hinauf. Ihre Ketten hinterlie�en wei�e Ritzen im Asphalt und machten, wo sie �ber B�rgersteige fuhren, Beton zu Kies. Es gab kein Halten mehr: wer �lt die denn, was quietschen die so?, rief ich, und schon rannten wir auf die Panzer zu � rennen, das konnten am schnellsten wir! Die M�tter griffen sich in die langen R�cke und klagten uns nach, so schnell eilten wir zu den Panzern. Ja, wer f�hrt die denn, wie sieht das Lenkrad aus und k�nnen wir mit? An den G�rten vorbeiklappern, an den H�fen vorbei, in denen Koffer standen und Menschen, die sie verzweifelt in Kofferr�ume pressten und auf Autod�cher stapelten. Wie es wimmerte und trillerte unter diesen Metallf�usten � der Zeigefinger ausgestreckt! Was zerrieb die Faust, was mahlte das Metall, was presste die Faust aus, wohin zeigte der Finger? Sogar die Br�cke bog sich unter den Zahnr�dern, ihre B�gen werden bersten, da ist Oma Katarinas Porzellan nichts dagegen. Im kleinen Park vor der Br�cke, in dem die Statue von Ivo Andri� stand, bevor sie niedergerissen wurde, hielten wir an. Wir wollten h�ren, wie laut es w�rde, wenn die Br�cke brach.</p><p>Die M�tter schlossen zu uns auf, ich holte mir von meiner eine ehrlich gemeinte Ohrfeige ab. Sie wusste, dass ich den Panzern auch auf das andere Ufer gefolgt w�re. Mir dr�hnte nach der Ohrfeige der Kopf, so wie von den Panzern die Ziegeld�cher vibrierten. Ich hielt mir die Hand an die Wange, und h�rte, wie die st�hlernen Hundertf��ler die Stra�e zu Staub raspelten.</p><p>Die Br�cke hielt.</p><p>Edin am Ohr, mich am �rmel zerrten uns die M�tter zur�ck in den Keller.</p><p>Asija, meine Asija, war nicht mitgelaufen. Sie sa� auf der untersten Treppenstufe, da sitzt man doch, wenn man keine Munition mehr hat, Spielregel: Treppenaufgang � Waffenruhe. Ich setzte mich dazu, rieb mir die schmerzende Wange, sie rieb sich die Augen. Ich sagte: Kanonenrohr, sagte: Tarnfarben, sagte: schneller als Edin. Asija stand auf und rannte weinend die Treppe hinauf.</p><p>Vor zwei Tagen hatte Asija schon einmal geweint. Sie hatte geweint, bis sie einschlief, ihre Hand in meiner. Asijas Onkel Ibrahim hatte es getroffen, als er sich in �ika Hasans Bad rasieren wollte und den Kopf zum Spiegel neigte. In den Hals und ein bisschen in das Kinn hatte es ihn getroffen durch das kleine Fenster im Bad. �ika Hasan erz�hlte es den anderen, und ich h�rte an der T�r mit: minutenlang hat Ibrahim nach Luft gerungen, um Luft gek�mpft, als wollte er einen unendlichen Atem sch�pfen, um von all den Dingen zu erz�hlen, die uns bevorstehen. Aber ich hatte, senkte �ika Hasan die Stimme, keine Luft f�r Ibrahim, und er kletterte in den Tod, ohne seine Geschichte begonnen zu haben, dabei ist sie auch ungesagt eine Legende geworden! �ika Hasan zeigte, wie er die H�nde gehoben hatte, weil alle um Ibrahim blo� herumgestanden waren, und Hasan erz�hlte, wie er die Augen schloss, weil an Ibrahims Kopf und an den Fliesen und am Spiegel das Blut klebte. �berall Blut, sagte er � �berall die Farbe von Kirschen, stellte ich mir vor, und wie sie von den Fingern troff, die in Ibrahims Hals gebohrt wurden, damit er Luft bekam.</p><p>Ich w�re Asija sofort nachgelaufen, h�tten die M�tter nicht ein zweites Mal zum Abendessen gerufen und w�re nicht Glas im Treppenhaus zerbrochen und jede Stille unter Sch�ssen und Rufen und Fl�chen verflogen. Asija weint, weil Soldatenf�uste nach Eisen riechen und niemals nach Seife. Weil den Soldaten die Gewehre um die Nacken baumeln und T�ren unter ihren Tritten nachgeben, als gebe es keine Schl�sser. Sie weint, denn so hatten Soldaten auch in Asijas Dorf die T�ren eingeschlagen, sie weint und versteckt sich auf dem Speicher, in dem wir M�use jagen, in dem Staub auf den Vitrinen liegt und Fahrr�der rosten. Dort werde ich meine Asija gleich finden.</p><p>Hier, im Keller, sch�pfen die M�tter Erbsen f�r uns und die Soldaten. Der mit dem schwarzen Stirnband bricht das Brot und verteilt die St�cke � wehe mir, wenn ich das Brot mit Dreck unter den N�geln anfassen w�rde.</p><p>Die heisere Radiostimme sagt: Vi�egrad.</p><p>Der Soldat mit dem Stirnband sagt: jaja, und steht auf.</p><p>Die Radiostimme sagt: nach erbitterten Gefechten gefallen.</p><p>Der Soldat kratzt sich unter dem Stirnband: gutgut, und nimmt Anlauf.</p><p>Die Radiostimme hebt sich: aber unsere Truppen formieren sich neu!</p><p>Der Soldat murmelt: mmh interessant, aber irgendwie � verantwortungslos. Oder wollt ihr noch mal auf die Fresse? Er tritt mit Vollspann gegen den kleinen schwarzen Kasten, und die Radiostimme sagt nichts mehr. Der Soldat wirft den Gro�v�tern die verbogene Antenne und einen Knopf vor die F��e: was zum basteln, wer es repariert, dem kauf ichs ab. Er setzt sich wieder. Und ihr! Mehr Speck in die Erbsen! So werde ich nicht satt! Ohne Speck w�re das Leben nur noch lumpig. Du da hinten, du wirst mir Speck aufschneiden � er zeigt mit dem L�ffel auf Amela aus dem zweiten Stock. Amela mit den langen schwarzen Z�pfen legt dem Soldaten ein paar Streifen rotes Fleisch �ber die Hand, sie will sie zudecken. Hast du dir das Kleid selbst gen�ht?, fragt der Soldat Amela und leckt am Fleisch, sag Ja, und ich werde deine geschickten Finger k�ssen. Sag vielleicht nicht Nein.</p><p>Amela backt das beste Brot der Welt. Sie sagt nichts. Auch �ika Hasan und �ika Sead, die vor den Sperrholzplattentischen ihre M�tzen in den H�nden kneten, haben auf keine Soldatenfrage eine Antwort.</p><p>Eci-peci-pec �, reimz�hlt der Soldat mit dem Stirnband und zielt zum Schluss mit dem Finger auf �ika Sead, nimmt ihm die Brille ab und haucht gegen die Gl�ser. Einer mit Strumpfmaske bindet �ika Seads H�nde mit Draht hinter den R�cken.</p><p>Ich bitte Sie, fleht �ika Hasan die Soldaten an, ich bitte Sie, nicht �, aber das Stirnband setzt sich die Brille auf.</p><p>Im Treppenhaus wieder ein Schuss; sein Echo mischt sich in die Stimmen besorgter Menschen. Wie aus einer Muschel am Ohr klingt das Rauschen der Stimmen von oben bis in den Keller. Asijas Stimme fehlt mir, ich muss Asija finden. Ich �berhole den Soldaten, der �ika Sead wegf�hrt und bin auch im Treppenhaus der schnellste. Die Soldaten jagen in Tarnfarben hinab-hinauf, gr�len: runter! Raus! Nein! Papiere ! Nein! H�nde! Was? Papiere! Wie hei�t du? Wie hei�t du? Nehmen immer drei, immer sieben Stufen auf einmal. Ziehen in die Wohnzimmer ein, die nach Apfelkompott riechen. W�ten in den wei�en Schlafzimmern. R�tteln an Schr�nken, an Schubladen, an Truhen. Schmieren die T�ren mit ihrer Sprache voll, Kreuze und doppelk�pfige V�gel, rausraus, alle raus! Wieder und wieder dringt Soldatenbefehl in das Muschelrauschen. Gesichter werden gegen die Wand gepresst, �ber die K�pfe die Arme an den rissigen Putz gedr�ckt. Wen suchen die, einen Namen rufen sie. Ich kenne diese Soldaten nicht, den Namen sehr gut � Aziz.</p><p>Wenn Soldaten fluchen, winselt das Treppenhaus. Wenn sie l�rmen, wenn sie br�llen, wenn sie brechen, wenn sie pr�geln, wenn sie schimpfen, wenn sie nach Aziz rufen, du verfickter Hurensohn!, bittet die Treppenhausmuschel: aufh�ren ! Ich z�hle die Stufen auf dem Weg zum Speicher so laut ich kann und h�re trotzdem alles. Ich sehe: �ika Muharem im zweiten Stock, �ika Husein und �ika Fadil im dritten, die Soldaten dr�cken ihre K�pfe gegen das Treppenhaus-Gel�nder. Den Nacken von oben mit den Gewehrkolben oder von der Seite mit dem Stiefel. �ika Fadils M�tze liegt auf dem Boden. Ich renne vorbei, gr��e die Nachbarn nicht, ich z�hle und z�hle. Gegen den Kopf von Herrn Musikprofessor Popovi� wird nicht gedr�ckt. Herr Popovi� tr�gt Anzug und Fliege, seine Frau Lena eine Perlenkette �ber der schwarzen Bluse. Die Arme vor der Brust verschr�nkt, fragt Herr Popovi� einen der Soldaten: was wollen Sie denn, Herrschaften? Hier sind nur ehrliche Menschen.</p><p>Wir wollen, dass du dein Maul h�ltst! H�ltst du die Fresse, wird nix passieren, und Herr Musikprofessor Popovi� h�lt sein Maul.</p><p>Ich will zu Asij a, das ist alles, auch ich halte mein Maul, damit nichts passiert. So schnell wie m�glich zu Asija, sie wird Angst haben, sie wird wieder weinen, ich werde sie finden auf dem Speicher mit den vielen Besen, mit Spinnweben zwischen den leeren Flaschen und mit den M�usen, die man niemals sieht, aber immer h�rt. Ich st�rze durch die T�r zum Speicher, Asija zuckt zusammen und dr�ckt sich gegen die Wand. Du bist es, du bist es! Schnell, die T�r zu, schnell, sie finden uns sonst! Sag mir, finden sie uns? Asija streckt die Arme nach mir aus und fragt schluchzend: hast du meine Mama und meinen Papa bei den Soldaten gesehen? Sind Mama und Papa vielleicht mit den dummen Soldaten zur�ckgekommen ? Die haben sie mitgenommen, weil sie einen falschen Namen haben. Woher ihre Eltern zur�ckkommen sollen, wei� Asija nicht: das wei� niemand, fl�stert sie, und niemand soll wissen, dass wir hier sind! Wenn die Soldaten dich finden, nehmen sie dir deinen Ausweis ab und wenn du einen falschen Namen hast, fahren sie dich im Lastwagen mit der gr�nen Plane weg. Wie Mama und Papa. Vielleicht bringen mich, hebt Asija pl�tzlich ihren Kopf von meinen H�nden und ruft unter noch mehr Tr�nen, vielleicht bringen mich die Soldaten zu Mama und Papa, wenn ich ihnen meinen Namen sage, h�rst du? Vielleicht ist es jetzt f�r mich gut, falsch zu hei�en, h�rst du?</p><p>Ich h�re es � und h�re Schritte, die sich n�hern. Ich h�re schwere Stiefel und wei�, dass ich den richtigen Namen trage. Und obwohl der Soldat mit gelbem Bart schmunzelt, obwohl er nicht nach Schwei� und Schnaps riecht wie die anderen, obwohl er nur will, dass wir ins Treppenhaus zur�ckgehen, schreie ich ihn an: ich hei�e Aleksandar und das, das ist meine Schwester Katarina, das ist Katarina, nur meine Schwester Katarina!</p><p>Der Name meiner Oma, davon bin ich �berzeugt, kann nicht falsch sein. Omas haben niemals falsche Namen. Meine Asija ist meine Katarina, das ist alles dasselbe. Der Soldat sieht sich auf dem Speicher um, unter seinen Stiefeln winseln die Dielen. Raus mit euch! Er spricht leise und w�hlt mit den Fingern im Bart, der sich gelb und dicht in sein Gesicht frisst. Asija z�gert. Der Soldat geht vor ihr in die Hocke, sein Bart ber�hrt ihre Wange. Sie dreht den Kopf weg. Der Soldat atmet in das M�dchengesicht. Der Soldat fl�stert: aufstehen! Ich denke: aufstehen, bitte, aufstehen! Asija erhebt sich langsam und geht hinaus. Ich folge ihr, der Soldat schlie�t die T�r, ihr r�hrt euch nicht vom Fleck, verstanden?</p><p>Im Flur im f�nften Stock r�hren wir uns nicht vom Fleck. Asija reibt sich die Wange. Meine Mutter ruft meinen Namen durch das Treppenhaus. Aleksandar, du kommst sofort runter !</p><p>Ihr bleibt hier, befiehlt der Soldat.</p><p>Nicht mehr die M�tter, die Soldaten sagen uns jetzt, was wir wissen sollen. Ich antworte: Katarina ist bei mir.</p><p>Mutter fragt nicht nach.</p><p>Wir warten. Alle warten. Wie lange und worauf, wei� niemand. Die ganz Kleinen werden von ihren Gro�en keine Sekunde losgelassen. Sie werden in Armbeugen gewippt, quengeln und bekommen auf alles �shhh� zur Antwort. Ein fetter Soldat sieht uns an, als h�tten wir etwas gestohlen. Unter uns fallen Sch�sse, der Fette sagt: da habt ihr es. Wir nicken und setzen uns zum gefesselten �ika Hasan.</p><p>Im Fenster am Flurende h�ngt die Nacht. Drau�en brummen die Motoren und singen die Soldaten. �ika Hasan sagt: die ziehen weiter nach Westen ins Landesinnere, theoretisch. �ika Sead ist nicht mehr da, um zu widersprechen.</p><p>Die Br�utigame im Haus sind nicht mehr in Feierlaune, m�de spazieren sie �ber und zwischen und unter uns. Einer singt das fr�hliche Lied, alle kennen es, er singt allein und schl�ft dabei ein. Mit einer Plastikt�te und einem Topf kommen zwei neue Soldaten auf unser Stockwerk, der eine zeigt schiefe Z�hne und steckt dem schlafenden S�nger den Finger ins Ohr. Aus der T�te holt er Brot, Salz und Bier. Packt aus der Alu-Folie zwei gebratene H�hnchen. Aus dem Topf dampft es, gekochte Kartoffeln. Gro�e Messer mit schartiger Klinge und Kerben im Griff: Teller brauchen die nicht.</p><p>Alle T�ren im f�nften Stock stehen offen oder liegen auf dem Boden � man muss �ber die T�r laufen, um in eine Wohnung zu kommen. �ika Sead hat dort gewohnt, wo zwei Soldaten jetzt hineingehen. Die Tischbeine scharren �bers Parkett, und der Tisch passt doch nicht durch den T�rrahmen. Da stehen die Soldaten, zwei drinnen, einer drau�en, was jetzt? Der mit dem gr��ten Hunger nagt schon am H�hnerbein, im Stehen. Die beiden in �ika Seads Wohnung setzen sich an den Tisch, einer setzt sich vom Flur aus dran. So wird das gemacht, Soldaten bohren die Finger ins Fleisch, spie�en es auf die schartigen Messer, essen das Fleisch von den Messerspitzen.</p><p>Alle zwei Minuten erlischt das Licht im Treppenhaus. F�r Sekunden verh�llt die Dunkelheit das Warten. Nicht genug Zeit, um Konturen zu erfassen. Sofort knipst jemand das Licht wieder an. Jede Dunkelheit ist ein kleines Verschwinden, eine kleine Genesung. In einer solchen dunklen Sekunde fl�stert Asija: vergiss mich nicht! Das Vergessen kitzelt an meinem Ohrl�ppchen, ich wei� nicht, warum sie das sagt, warum sie das jetzt sagt, ich wei� nicht, was ich ihr antworten soll. Das Licht lebt wieder, Asija dreht sich das Haar auf den Finger, Tr�nen haben Adern aus Schmutz �ber ihre Wangen gezogen.</p><p>Wenn die Neonr�hren angehen � ein gro�es Blinzeln jedes Mal, aber kein Aufwachen. Die Soldaten verschwinden nicht, sie ziehen ihre Stiefel aus und sehen sich ihre Zehen an. Das Warten endet nicht.</p><p>Asija und ich haben Durst, man l�sst uns in �ika Seads Wohnung. Nichts darin ist geschlossen: keine T�r, kein Fenster, kein Schrank, keine Anrichte, keine Schublade � nicht ein einziges Geheimnis gibt es hier noch. Auf dem Teppich liegen Messer und Gabel und Teller und Tassen und Gew�rze und ein einzelner gro�er Schuh, in den jemand Milch gegossen hat.</p><p>Ich wasche Asij as Gesicht.</p><p>Asija w�scht mein Gesicht.</p><p>Als wir wieder im Treppenhaus sind, steht eine Soldatin mit zierlicher Nase, gr�nen Augen und knallrotem Haar auf unserem Platz neben �ika Hasan und liest ein Buch. Die Pausen, die das Licht einlegt, st�ren die sch�ne Soldatin, sie haut gegen den Lichtschalter. Aus einer Wohnung schiebt sie ein Sofa in den Flur und setzt sich direkt unter den Schalter.</p><p>Einmal, unmittelbar nachdem die Rothaarige das Licht angeknipst hat, deutet Asija mit einem Kopfnicken auf sie und beginnt fl�sternd zu z�hlen. Bei hundertsiebzehn geht das Licht aus. Die Soldatin haut gegen den Schalter. Das n�chste Mal sind wir schneller, fl�stert Asija und beginnt wieder zu z�hlen. Es w�rde sicher reichen, uns am Schalter bereitzuhalten, um schneller zu sein, aber wir z�hlen, und k�nnen uns f�r jede gleichzeitig gefl�sterte Zahl sp�ter etwas w�nschen. Bei hundert legen wir die H�nde hinter dem R�cken an den Schalter, ich lasse die Rothaarige auf der anderen Flurseite nicht aus den Augen, bei hundertf�nf prasselt drau�en eine Gewehrsalve, bei hundertelf fl�stere ich: solange wir einander nicht verlieren, k�nnen wir einander nicht vergessen, bei hundertsiebzehn lacht die Rothaarige laut, die Dunkelheit holt ihre Freude ein, ich nehme Asijas Hand, gemeinsam dr�cken wir den Schalter. Asijas Strahlen ist in diesem Sieg, da sie vor Gl�ck in die H�nde klatscht, heller als jedes Licht. Ruhe da hinten!</p><p>Die Soldatin mit dem roten Haar will lesen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wie der Soldat das Grammofon repariert, was Genie�er trinken, wie wir schriftlich in Russisch stehen, warum D�bel Spucke essen und wie es sein kann, dass eine Stadt zersplittert</strong></p><p><strong>D</strong>ie M�tter geben Wasser in die Kuhlen aus Mehl, die Soldaten einander zum Abschied die H�nde, einer mit goldenem Eckzahn fragt: wollen wir nicht alle warten auf warmes Brot, der andere sagt: nein, und zu uns: wir stellen Wachen auf, nach acht verl�sst mir keiner das Geb�ude, macht euch nicht die Stra�e zum Grab, es gibt Sch�neres. M�de Soldaten boxen schlafenden Soldaten gegen die Schulter, stecken ihnen das Korn ihrer Gewehre in die Nase, aufauf, Abmarsch, auf! Der mit Gold im Mund will keinen Abmarsch jetzt, warmes Brot will der. Aber fester k�nnen die H�nde den Teig nicht ballen und die Finger doch nicht schneller kneten im Teig, wei� er das denn nicht? Er wei� es nicht, und was bringt es, dass er Amela nach Seife fragt, sich mit Eisenschwamm Lauge in die H�nde reibt, selbst die Finger tunkt in den Teig? Seine Arme legt er um Amelas Taille, ihre H�nde birgt er in seinen F�usten, r�hrt so in der Sch�ssel. Amela mit den geflochtenen Z�pfen, aber auch Str�hnen im Gesicht. Mit Mehl an der err�teten Wange und jetzt besorgt gefurchter Stirn, wenn der Soldat mit seinem Ohr an ihrem Nacken lauscht, unter Amelas geflochtenen Z�pfen den anderen Frauen r�t: schlie�t die T�r, wenn ihr hinausgeht, alle, sofort! Sie schlie�en die T�r, lehnen an der Wand, reichen einander die Zigarette, spucken auf den Zeigefinger, streichen die Spucke auf die Kippe und die Tr�nen von den Wangen. Fl�stern: Amela, Amela, Amela.</p><p>Einen Abend und eine Nacht waren die Soldaten unter uns, sie st�rmten das Geb�ude und sahen sofort nach, was es in den Schubladen gab. Sie trieben alle in das Treppenhaus, schossen und schimpften g�hnend: welcher Idiot muss denn jetzt noch schie�en? Weinten doch die B�lger ohne Unterlass, wenn es durch das Treppenhaus gellte und der Putz von der Decke br�ckelte. Die Kleinen schrien nach ihren M�ttern, obwohl sie ihnen auf den Armen lagen, ihnen im Scho� sa�en, sie l�ngst umarmten. Schreie und der feine Putz. Und f�r �ika Hasan Fesseln am Gel�nder und der Gewehrkolben im Genick, wo ist dein Sohn, Alter, wo ist die Missgeburt?</p><p>Eine Abendd�mmerung und einen unruhigen Schlaf lang waren die Soldaten unter uns; sie schliefen auf unseren Laken, im Treppenhaus schliefen wir, die Wachen weckten uns tief in der Nacht, sie spielten zwei gegen zwei mit einem H�hnerknochen im Flur. Ihre Panzer parkten im Hof, ihre Hunde waren namenlos, schlecht gelaunt und kinderlieb.</p><p>Abmarsch der Soldaten, w�hrend die M�tter Brot backen. Aus �ika Seads Wohnung tritt ein Sieger auf den Flur, zieht den Kopf unter dem T�rrahmen ein, kein Helm der Welt passt auf diesen gr��ten Kopf der Welt, er br�uchte eine Wanne. So ein Siegersch�del wiegt zwei eckige Steine schwer, und wenn der Sieger blinzelt, rollt ein Steinschlag aus seinen Augen. Der Sieger schreit seinen M�nnern und der Soldatin mit dem roten Haar zu: gleich gibt es was, M�nner, gleich ist Zeit f�r Genie�er.</p><p>Er schleift ein Grammofon hinter sich her, wie eine Gans zum Schlachten hat er es am Trichter gepackt, hebt es �ber die Schwelle. In seiner Pranke ist der Plattenspieler spielzeuggro�. Gleich! M�nner! �ika Seads Grammofon links, die glanzpolierte Kalaschnikow rechts. Gleich, gleich, gleich, hallt es im Treppenhaus, und die Bewaffneten und die Gefesselten horchen. Der Sieger mit dem gr��ten Kopf der Welt setzt den Tonarm auf die Platte, aber nichts geschieht gleich. Was ist das f�r ein Mut!, schreit er und schl�gt und tritt auch gleich gegen den Kasten. M�nner, ich habs gleich!, rei�t er an den Kn�pfen, legt die Schalter um, r�ttelt am Tonarm, nimmt die Platte ins Visier, �berlegt es sich und treibt den Lauf in den Trichter.</p><p>W�re ich F�higkeitenzauberer.</p><p>Im Grammofon knackt es. So fein muss es klingen, wenn ein Habicht behutsam, um ihm nicht wehzutun, einen Spatz k�sst. Die Nadel sticht in die Platte � Zither, Akkordeon! Zu schnell schlingert die Melodie, aber jetzt dreht der Sieger am richtigen Regler. Es ist das allen bekannte Lied � nichts darf dich zur�ckhalten, einander umarmen m�sste man gleich! Sich aneinander klammern hier, jetzt, dazu, normalerweise, fest sich halten im Gleichschritt! Niemand r�hrt sich aber, blo� die Soldaten heben die Gewehre �ber die K�pfe und jaulen mit ihren Hunden auf. Klagen und frohlocken: joooj! Pfeifen spitz, gellen um die Wette, joooj, lauter, zacka-zacka-zacka-za! Greifen einander z�rtlich um die Taille, zwei Schritte rechts, einer links, joooj! Greift der Sieger der sch�nen Rothaarigen um die Schultern und schie�t �ber ihren Kopf ein Fragezeichen in die Decke � alle schie�en sie zur Antwort, zum Refrain und � joooj! � zur tollw�tigen Begeisterung �ber das Lied. Schaukeln zu viert, zu f�nft schon im Halbkreis. Einander um-Taille-um-Schulter: zweirechts-einslinks, zu siebt durch den engen Flur. Zweirechts-joooj-einslinks an �ika Hasan vorbei, der in seine Fessel fl�stert: was f�r eine Zeit ist blo� gekommen, dass du dich vor einem Reigen f�rchten musst und vor Lied und Gesang die Ohren verschlie�t?</p><p>Zither und Akkordeon zerren die Soldaten in den zornigen Reigen, M�tzen zu Boden geworfen � joooj! �, jetzt die S�ngerin, die Stimme, kurz zu h�ren, die Soldaten steigen ein: die Stimme sind wir! Das Grammofon sind wir! Die Schreie der B�lger h�rt niemand mehr � ein Winseln unter dem kehligen Mitdonnern der vor Freude w�tenden Armee. Die Armee singt, niemand h�lt sie auf, sie singt zweirechts-einslinks:</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Ni�ka Banja, topla voda, za Ni�lije �iva zgoda</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis> Sve od Ni�a pa do Banje, idu cure na kupanje, </emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>mi Ni�lije meraklije ne mo�emo bez rakije,</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis> bez rakije �ljivovice i bez mlade cigan�ice.</emphasis></p><empty-line/><p>Ist es nicht so, M�nner?, singt der Reigen. Ist es nicht genau so? M�dchen nehmen ein warmes Bad, wir Genie�er trinken Sliwowitz, ohne Sliwowitz k�nnen wir M�nner nicht. Singt auch der Soldat mit dem goldenen Zahn, der nach warmem Brot gierte und Teta Amelas H�nde in seine presste und in den Teig tauchte. Er kommt aus Amelas Wohnung, das Lied auf den Lippen, das Hemd aufgekn�pft. Hinter ihm kniet Amela mit einem nassen Schleier aus Str�hnen im Gesicht. Lauter als alle singt dieser Hungrige: ohne eine junge Zigeunerin k�nnen wir Genie�er nicht. Auf seinen Fingern und Kn�cheln, unter den N�geln � gelber Teig. Er schraubt seine Feldflasche auf und setzt sie an die wunde Lippe. Ist es nicht so, M�nner? Ohne Schnaps und Zigeunerinnen k�nnen wir nicht!</p><empty-line/><p>W�re ich F�higkeitenzauberer. Dinge k�nnten trotzen, Gel�nder, Grammofone, Gewehre, Genicke, geflochtene Z�pfe.</p><empty-line/><p>Fische bei�en fr�hmorgens am besten. Ich habe den W�rmern Kaffeesatz gegeben, sage ich zu Edin, die sind aufgedreht wie Tante Taifun. Erst gehen wir an den Rzav auf D�bel, dann zur Schule, mal sehen, ob sie noch steht.</p><p>Wir spucken von der Br�cke in den kleinen Nebenfluss der Drina. Die D�bel lecken mit ihren Fischlippen die Wasseroberfl�che von unten. Edin spuckt wieder, sagt: so eine Schule kriegst du nicht kaputt, aber warum essen Fische eigentlich Spucke?</p><p>Es regnet gleich, sage ich. Vielleicht gehen wir das letzte Mal �ber die Br�cke. Warum bauen die nicht mal so eine wie die �ber der Drina, die alles aush�lt?</p><p>Die schafft es, sagt Edin, Panzer hat sie auch getragen.</p><p>�bermorgen ist sie weg, sp�testens, wetten?</p><p>An der M�ndung zweier Fl�sse leben. Fr�h schwimmen lernen und gut, fr�h angeln lernen und gut, fr�h lernen, zur Schneeschmelze das Wasser aus voll gelaufenen Kellern zu pumpen. Die Nacht war ein einziger Wolkenbruch � die Soldaten gaben uns Decken, aber die W�nde im Treppenhaus atmeten Betonk�lte aus, und ich wachte mehrmals auf. Aus �ika Seads Wohnung fiel Licht in den Flur, ich lie� Fingerschattenv�gel �ber die Wand fliegen und hoffte, dass ein Donner das stetige Regenrauschen st�ren w�rde, aber kein Donner kam. Wie man Fingerschattentiere dressiert, hatte mir Opa Slavko gezeigt. Die V�gel unter ihnen bekamen l�ngst die F�higkeit zugezaubert, meine Schlaflosigkeit in den S�den zu fliegen. Erst am Morgen, kurz bevor der Soldatenreigen das Geb�ude verlie�, h�rte der Regen auf, ohne dass die Wolken verschwanden.</p><p>Falls die M�tter mitkriegen, dass wir weg sind, sage ich, d�rfen wir bestimmt nicht zum Rzav, wenn die Flut die Br�cke aushebt. Wovor haben sie Angst? Wenn Soldaten in der Stadt sind, k�nnen sie die Stadt doch nicht beschie�en.</p><p>Edin zuckt mit den Schultern. In den Fluss wirbeln Regentropfen erste Kreise hinein. Wir stellen uns unter die Br�cke. Ich steche den Haken durch einen Wurm und werfe aus. Edin stochert eine Zeit lang mit einem Stock im Schlamm, macht das Ger�usch des Regens nach, der auf den Fluss prasselt. Die Posen treiben mit der Str�mung, der Regen nimmt zu und die Soldaten fragen: bei�en sie? Drei B�rtige und der Sieger mit dem gr��ten Kopf der Welt. Woher kommen die denn nun schon wieder?</p><p>Nein. Nur kleine. Zu viel L�rm f�r die Fische in den letzten Tagen. Tauchen ab in tiefere Gew�sser.</p><p>So, so. Verstecken sich. Mal sehen, wie gut.</p><p>Die Handgranate versinkt sofort. Die Soldaten tragen Regenm�ntel und neigen die Oberk�rper nach vorne, wenn sie rauchen. Es gie�t in B�chen, in Str�men, Fl�sse gie�t es auf den Fluss und jetzt auch auf die abw�rts treibenden Fischschuppen und Fischb�uche. Sammeln geht nicht, der Rzav ist hier zu tief, zu schnell und im April noch zu kalt, und schmecken w�rde ein solcher Fang ganz sicher nicht.</p><p>Aus dem Geb�sch auf dem anderen Ufer l�st sich ein hellbrauner Mischling, trinkt aus dem Fluss.</p><p>Jungs, wetten?</p><p>Nein!</p><p>Die erste Salve trifft nicht; der Hund zuckt zusammen, springt auf, t�nzelt seitw�rts, bleibt stehen und hebt die spitze Schnauze. Wittert er die Wette?</p><p>F�nfzig, dass ich ihn diesmal kriege, sagt der Sieger zu den B�rtigen, einer spuckt in die Hand und schl�gt ein. Wie ein Sch�del so gro� sein kann und eine Wette nach Schnaps und Erde riechen?</p><p>Die zweite Salve.</p><empty-line/><p>Nat�rlich war es ein Wels! Hundert Kilo, vielleicht zweihundert wog der, sch�tzt Edin auf dem Weg zur Schule und breitet die Arme aus, als wollte er jemanden umarmen: so gro� muss der gewesen sein, mindestens!</p><p>Ich kenne mich mit Welsen aus und glaube Edin kein Wort. Die Schnur kann auch mal rei�en, wenn sich der Haken irgendwo am Grund verf�ngt, und au�erdem sind die Welse unbescheidene Fische, sie geben sich nicht ab mit dem kleinen Rzav. Zwei D�bel haben wir gefangen, und wer r�hrt eigentlich so in den Wolken herum? � bis auf die Haut sind wir vom Regen durchn�sst.</p><p>Unter Vord�chern Soldaten, hinter Sands�cken Soldaten, in Kneipen Soldaten � Wirte und G�ste zugleich. Am gr��ten Kaufhaus der Stadt fragen wir: d�rfen wir da rein? Der Soldat steigt aus dem Schaufenster, sagt: auf Scherben aufpassen, und schnallt den Fernseher auf den Beifahrersitz. Wir meiden die Glassplitter, obwohl sie herrlich knirschen. Soldaten, Edin und ich kaufen ein. Wir nehmen so viele Stifte und Hefte mit, wie wir tragen k�nnen. Als wir in der Schule ankommen, ist alles nass. Das aufgeweichte Papier stapeln wir auf der Heizung, aber was macht man mit f�nfhundert Anspitzern ? So wie die Schule aussieht, werden wir sie niemals wieder brauchen. Mit den Anspitzern legen wir eine Spur in den dunklen G�ngen, �ber Glassplitter und Schutt, durch verw�stete Klassenr�ume. Im Lehrerzimmer ist kein Fenster mehr heil, vor den Fenster�ffnungen Tischt�rme und Stuhlbeingeflechte und zehntausend leere Patronenh�lsen zwischen hunderttausend Splittern. Unsere Anspitzerspur trifft auf eine Blutspur. Edin und ich folgen ihr bis zu einem gro�en Fenster und sehen auf die Stadt unter dem donnerlosen Regen. Mitten im Raum ein Berg aus zerfledderten Klassenb�chern � die roten Einb�nde. Manche fragten nach dem Alphabet ab, andere schlugen eine zuf�llige Seite auf.</p><p>Nachsehen, wie wir m�ndlich in Russisch stehen?, frage ich, aber auf der Bergkuppe liegt ein riesiger Haufen eingetrockneter Schei�e, �ber dem zwei Fliegen ihre Rechtecke ziehen, und wir geben uns mit der Vier schriftlich zufrieden.</p><p>Sag mal, Edin, warum haben die den Hund so abgeschossen ?</p><p>Edin zuckt mit den Schultern, hebt einige Patronenh�lsen auf und schmei�t sie einzeln durch das Fenster. Im Sommer, sagt er, habe ich unten ein Tor auf die Fassade gemalt. Mit roter Kreide, auf Zehenspitzen. Zwei Mal musste ich den Arm absetzen und durchsch�tteln, so hoch war die Latte. Ich war gerade fertig, da kam Hausmeister Kostina raus und fragte: was das denn werden soll. Ich: Na, ein Tor. Er: Abwischen, Nachsitzen.</p><p>Kein einziges Mal draufgehalten?, frage ich.</p><p>Kein einziges Mal, sagt Edin und entkeilt ein paar St�hle, h�tte ja ein Fenster kaputtgehen k�nnen.</p><p>Im Labor kniet Fizo, unser Physiklehrer, vor einem weiteren Teppich aus Scherben und sagt, als wir uns neben ihn hocken: der Unterricht findet statt, wir m�ssen nur aufr�umen. Ich habe drei heile Messbecher gefunden und zwei Brenner. Eure Lochkameras sind bis auf zwei alle kaputt, das Federpendel ist ganz, die meisten Gl�hbirnen nicht. Zieht euch Handschuhe an und passt mit dem Glas auf. Alles Blutbefleckte liegen lassen.</p><p>Das Meiste wird liegen gelassen. Fizo nimmt seine Brille ab, kramt ein Tuch aus der Hemdtasche, wischt sich �ber die Augen, dann �ber die Gl�ser. Edin findet eine unversehrte Pipette, h�lt sie hoch, ruft: gut-gut-gut, und lacht. Fizo nickt, ja, gut, und holt den Besen. Gleich machen wir weiter, habt ihr eure Hefte dabei? Gleich, gleich, ich m�chte euch einige Formeln diktieren. Danach d�rft ihr nach Hause gehen, gut?</p><p>Im Labor ist nichts mehr an seinem Platz. Tito �ber der Tafel ist es. Unter meinen Sohlen knirscht es lauter, je leiser ich auftreten m�chte. Titos wei�e Admiralsuniform. Titos Sch�ferhund. Titos rechtes Auge: ein Einschussloch. Tito ist schon wieder gestorben, zum vierten Mal. Diesmal wurde er erschossen.</p><p>Platte Symbolik, sagt Fizo.</p><p>Unter Titos ein�ugigem Leichnam kann ich in einer Schule, die keine Schule mehr ist, oder nur Fizos Schule ist und die Schule seines Widerstands, seiner Stromarbeit, seiner Stromleistung, nichts mehr wirklich wichtig nehmen. �Symbolik� werde ich sp�ter zwar nachschlagen, aber nur, weil mich das Wort w�tend macht. Ich will wissen, ob Ein�ugige lieber links oder rechts blind w�ren und will wissen, wie viel Blut wir wirklich haben und will wissen, ob jeder Schuss in den Hals t�dlich ist. Ich will wissen, wie viele Tode Tito noch hat.</p><p>Nichts im Labor ist an seinem Platz. Ich stehe da.</p><p>Krsmanovi�, ruft Fizo, m�chtest du uns nicht helfen?</p><p>Genosse Jeleni�, ich wei� nicht, wie.</p><p>Ich wische die Tafel mit dem trockenen Schwamm. W�re ich F�higkeitenzauberer, k�nnte Glas selbst entscheiden, ob es zerbricht, und Fizo, der strengste Lehrer der Schule, sagt: gut.</p><empty-line/><p>Gut, sagt der Soldat mit dem goldenen Zahn, als Edin und ich mit den Angeln, den Fischen und den Kaufhausheften in unsere Stra�e einbiegen. Vielleicht haben die M�tter noch nichts gemerkt und au�erdem: wir waren in der Schule, das ist nie falsch. M�ssen also nur die Fische weg, die Angeln verstecken wir gleich im Hof.</p><p>Gut, aber was sollen die Fische auf dem Dach?, fragt der Soldat, als ich die T�te mit unserem Fang auf die Trafik lupfe, hinter der er hervorkommt, seinen Rei�verschluss hochziehend, Brotteig an den H�nden.</p><p>F�r die Katze, sagt Edin.</p><p>Gut, sagt der Soldat, f�r die Katz, alles ist f�r die Katz, alle Schlachten f�r die Katz, alle H�hneraugen f�r die Katz, wenn ich meine Emina nicht finde. Kennt ihr Emina? Amela ist meine Emina nicht.</p><p>Ich erinnere mich an Ur-Opas Lied auf dem Erntefest, an die eitle Emina mit dem Hyazinthenhaar. Der Soldat setzt sich auf den Bordstein zu einem Mann mit weitem wei�en Gewand und sch�tterem Haar, packt den Tabak aus und beginnt, eine Zigarette zu drehen. Die H�nde des Mannes stecken bis �ber die Kn�chel in einem schwarzen Zylinderhut, mit dem er nerv�s spielt. Erst am Zylinderhut erkenne ich den Mann, so aufgequollen ist sein Gesicht, so geb�ckt kauert er da. Es ist Musa Hasanagi�, aber wo ist seine Karfiol?</p><p>Ich bitte Sie, fleht Musa den Soldaten an, sagen Sie mir, was mit ihr passieren wird!</p><p>Die Pferde tun mir schon Leid, sagt der Soldat und beleckt das Papierchen, welcher Krieg war der schlimmste f�r das Pferd? Welchen Krieg haben wir jetzt? Neunzehnvierzehn, neunzehnzweiundvierzig, neunzehnzweiundneunzig � damals sind die Pferde wie Fliegen gestorben. Jetzt sterben den Pferden die Menschen weg, und die Pferde haben doch die Freiheit verlernt.</p><p>Edin st��t mich mit dem Ellenbogen in die Seite, los jetzt!, aber ich kann mich nicht bewegen, ich kann nicht weg, solange der Soldat in diesem Ton spricht, solange er in diesem Ton erz�hlt. Er setzt Musa den Zylinder auf den Kopf und schiebt ihm die Zigarette zwischen die Lippen. Aus dem Rucksack holt er einen Brotlaib und bricht gro�e St�cke ab, f�ttert den Alten. Amelas Brot. Musa kaut zahnlos, an seinen H�nden rasseln die Handschellen.</p><p>M�dchen habe ich viele umgeworfen, sagt der Soldat, nur eines davon, Emina, lie� ich ungek�sst. Wie sie mir Kirschen aus der Hand a�! Mich mit ihrem Kinn am Handgelenk kitzelte ! Der Soldat senkt verlegen den Kopf und kratzt den Teig unter den N�geln aus.</p><p>Emina ist dir entkommen! Sie ist dir entkommen!, ruft Musa, und seine Augen gl�nzen.</p><empty-line/><p>Da bist du, da bist du! Meine Mutter rennt mir entgegen, als Edin und ich den Hof betreten. Aleksandar, h�r gut zu: wir fahren weg. Pack deine Sachen. Beeil dich. Ein paar Tage raus.</p><p>Das Treppenhaus ist fast leer, �ika Milomir fegt rauchend den Flur, ascht auf den Boden und fegt das wieder weg. Die meisten Wohnungen stehen offen, die Nachbarn r�umen schweigend auf, Glas �berall.</p><p>Oma Katarina steht am offenen Fenster. Oma?</p><p>Edin und ich stellen uns zu ihr. Oma?</p><p>Vier Soldaten mit Bart wollen ein Pferd von der Br�cke in den Fluss werfen. Sie f�hren es an den Z�geln. Das Pferd und die Soldaten sehen von der Br�cke �ber das Gel�nder in den Fluss. Die Soldaten schieben, strengen sich an. Das Pferd steht da. Von alleine klettert es nicht �ber das Gel�nder. Ich bin der Selbstherrlichen satt!, schreit einer der B�rte wie ein Schwerh�riger und h�lt dem Pferd die Pistole an den wei�en Fleck auf der Stirn. Die Soldaten rauchen. Die Soldaten t�tscheln dem Pferd die N�stern. Die Soldaten f�hren das Pferd von der Br�cke ans Ufer zur�ck.</p><p>Erschie�t das Vieh doch einfach, ruft ihnen einer mit Sonnenbrille zu. Der spielt Gameboy auf seinem regennassen Panzer.</p><p>Pferde erschie�t man, wenn sie nicht mehr k�nnen, schreit der mit dem Z�gel in der Hand und f�hrt das Pferd in tieferes Gew�sser.</p><p>Karfiol frisst gern Karfiol, sagt Oma. Wo gibt es das denn, ein Pferd mit diesem Namen?</p><p>Musa Hasanagi� trug den Zylinderhut und dressierte seine Karfiol. Edin und ich sahen h�ufig zu. Das Grammofon spielte Bolero. Die Stute flanierte im Schritt dazu, trabte mit erhobenem Kopf. Traversale!, rief Musa und klopfte gegen den Zylinder. Passage!, rief er. Er schnippte mit den Fingern, und Karfiol drehte sich auf der Stelle.</p><p>Ein Schuss f�llt, das Pferd scheut, Oma zuckt zusammen. H�tte das mein Slavko erlebt, fl�stert sie in ihre Hand, w�re sein Herz nicht stehen geblieben, sondern zehntausendfach zersplittert.</p><p>Der Soldat mit dem Teig an den H�nden l�uft gem�chlichen Schrittes �ber die Stra�e, Zylinderhut auf dem Kopf, die T�te mit unseren Fischen in der Hand. Ich dr�cke mein Gesicht an Omas H�fte. Sie m�sste Edin und mich vom Fenster fortschicken, sie m�sste das Fenster schlie�en. Sie fl�stert: Karfiol, was f�r ein h�sslicher Name f�r so ein sch�nes Tier.</p><p>Karfiol scheut, Karfiol buckelt, Karfiol tritt mit den Vorderbeinen nach dem Soldaten, Karfiol rei�t sich los, Karfiol prescht durch das Wasser auf das Ufer zu. Am Ufer stehen drei Soldaten mit Bart und rauchen freih�ndig, die Gewehre im Anschlag.</p><p>Zitternd mache ich einen Schritt vom Fenster weg und halte mir die Ohren zu. Ich st�rze r�ckw�rts aus dem Zimmer, packe meinen Rucksack. Edin hilft mir ernst und stumm. Ich schmiere drei letzte Bilder des Unfertigen aufs Papier und verstecke sie mit den restlichen hinter Oma Katarinas Kleiderschrank, neunundneunzig an der Zahl. Emina, weit weg vom Soldaten mit dem goldenen Zahn. Karfiol im Galopp ohne Z�une weit und breit. Pistole, nicht geladen.</p><p>Im Treppenhaus begegne ich meinem Vater, er hetzt die Stufen hinauf, nickt mir zu wie einem Bekannten, Schwei�flecken unter dem Arm. In jedem Stockwerk rufe ich Asijas Namen und bekomme keine Antwort. Das Gep�ck stopfe ich in den Haufen auf dem R�cksitz unseres Yugos, der jetzt, so voll beladen, wie die anderen Autos aussieht, die in den letzten Tagen Vi�egrad aufgegeben haben. Nena, kriegst du Luft da hinten? Nena Fatima l�chelt mich an, und die T�te mit meinen Malsachen f�llt ihr in den Scho�. Ich will den Fu�ball mitnehmen, Mutter sch�ttelt den Kopf, und ich passe ihn Edin zu. Vater und Oma kommen aus dem Geb�ude, Oma k�sst weinend die weinenden Nachbarinnen und bleibt vor einem der Wachsoldaten stehen. Sie mustert ihn von Kopf bis Fu�, steigt auf die Zehenspitzen und zischt ihm etwas ins Ohr. Der Soldat grinst h�misch und zuckt mit den Schultern. Oma zw�ngt sich auf den R�cksitz neben Nena Fatima.</p><p>Edin hat den Ball mit der Sohle gestoppt. Aus seiner Hosentasche holt er ein St�ck Kreide und l�sst es zwischen den Fingern kreisen. Er wippt auf dem verbogenen Garagentor, in das gestern ein Panzer beim Einparken gedonnert ist. Ein Soldat stieg oben heraus, besah fluchend den Schaden, wischte mit dem �rmel �ber das Metall und fuhr wieder weg. Das Tor fiel aus den Angeln, die kleinen Fenster brachen. Edin macht das Ger�usch des brechenden Tores nach und schabt mit der Fu�spitze in den Scherben. Irgendwie, sagt er, ist die ganze Stadt zersplittert. Haust du jetzt auch ab?</p><p>Nur kurz, antworte ich, und muss schlucken.</p><p>Wir gehen also doch nie wieder �ber die Br�cke zusammen. Ich wette mit dir, ruft er und winkt schon, dieses Jahr kommt kein Hochwasser mehr. Es kann gar nicht kommen, schreit er, das darf nicht sein, nicht auch noch ein Hochwasser, weint er, wie soll das denn gehen: eine Stadt ohne ihre Menschen und ohne ihre Br�cken, von denen wir Fische mit Spucke f�ttern, wie soll das denn gehen? Sagt er � vielleicht: ich h�re ihn nicht mehr, sehe im R�ckspiegel, wie er mit der Kreide die Pfosten aufmalt, die Latte so hoch ansetzt, dass er drei Mal die Hand durchsch�tteln muss. Den Ball volley nimmt, oben links, den Ball aus der Drehung nimmt, Aufsetzer, halbhoch rechts � jeder Schuss ein Treffer, bis der Regen die Kreide verwischt.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Emina auf den Armen durch ihr Dorf getragen,</strong></p><p><strong>I</strong>ch habe Emina auf den H�nden durch ihr Dorf getragen, sagt der Soldat mit Gold im Mund und Teig an den H�nden, von Haus zu Haus Eminas Gewicht ernst und ohne viele Worte getragen. Ihre Arme um meinen Hals gelegt, damit sie mir nicht f�llt. Schrankt�ren mit Stiefeln eingetreten, tausend Kleider gesehen, hundert Stoffe ber�hrt, bis ich endlich in einer Truhe aus dunkelstem Kirschholz das Tuch f�r meine Emina fand. Weicher als Seide und schneewei� f�r Eminas wei�e Haut und ihr schwarzes Haar. Dieses sch�nste Tuch und meine sch�nste Zigeunerin habe ich zum Dorfplatz getragen. Meine Kameraden gaben den durstigen Dorfbewohnern Wasser und karrten sie in die Lastwagen.</p><p>Was macht ihr da?, schrie ich die Gef�hrten an, das d�rft ihr noch nicht! Eine Schneiderin brauche ich und jemanden, der meiner Braut und mir aufspielt! Ich sang das Lied, und die Kompanie gab mir im Chor Recht. Schneiderinnen lie� ich den Stoff bef�hlen, hielt das Ende �ber die Erde, kein Dreck durfte dran, nur Dreck von diesen meinen H�nden. Musikanten lie� ich Instrumente aus den Flammen retten: wer legt denn jetzt schon Feuer? Hier wird im Morgengrauen eine Hochzeit gefeiert! Bist du das Akkordeon, von dessen schnellen Fingern alle sprechen, alter Mann? Schneiderin, n�hst du Emina aus diesem Stoff ein Kleid, so fein, wie es im Leben noch niemand getragen hat? Alter Mann, gute Schneiderin, wollt ihr eure Leben retten?</p><p>Meine Tochter und meinen Enkel lass nur am Leben, flehte der Alte. Meine Schwester und ihre Kleinen lass nur am Leben, fl�sterte die Schneiderin und k�sste den wei�en Stoff. Die Lastwagen fuhren los, und kaum dass sie das Dorf verlassen hatten, ratterten die Gewehre.</p><p>Warum schie�t ihr so viel?, rief ich, als die Kameraden nach f�nf Minuten zur�ckkamen, und schlug dem Fahrer mit der flachen Hand aufs Ohr, nie wieder so! Macht es nie wieder so! Fahrt doch tiefer in den Wald!</p><p>Wahnsinniger!, schmeichelte mir der Fahrer und schlug zur�ck, wo ist deine Waffe, Wahnsinniger? Wir werden angegriffen ! Und Sch�sse und Stellung halten und die Br�cke sichern und Zehn auf die Flanke und weg von den Flammen und der Funker und wo sind die schweren MGs und Vladimir nein und raus und Adler bitte kommen wir stehen unter Beschuss und Explosionen und Vladimir und Dule am Boden und Vladimir zuckt und nach hinten durch und eng beisammen bleiben M�nner und zur�ck und Einschl�ge und der rieselnde Schutt und Blut zwischen den Fingern und lass ihn da � lasst mich nicht da und R�ckzug und als die Nacht kommt und die Schlacht endet, rufe ich Eminas Namen in die Dunkelheit und bekomme keine Antwort. Ob sie den Stoff mitgenommen hat? Ob sie mit der Schneiderin und dem alten Musikanten durch das brennende Land zieht? Wir gaben das Dorf auf, und seitdem suche ich meine Emina, und meine Ruhe finde ich nicht.</p><p>Der Soldat zupfte den trockenen Teig von seinen Fingern. Er sa� mit nacktem, nassen Oberk�rper neben dem alten Musa und spielte mit Musas Handschellen. Fl�sterte: Emina, Emina, Emina.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>26. April 1992</strong></p><p><strong>L</strong> iebe Asija, wenn mein Opa Slavko noch am Leben w�re, w�rde ich ihn fragen, wof�r man sich jetzt am meisten sch�men m�sste.</p><p>Ich schreibe dir, ich habe dich nicht mehr gefunden, ich habe mich f�r die Erde gesch�mt, weil sie die Panzer ausgehalten hat, die uns auf der Stra�e nach Belgrad entgegenkamen. Mein Vater hupte f�r jeden Panzer, jeden Jeep und jeden Lastwagen. Hupst du nicht, halten sie dich an.</p><p>An der Grenze nach Serbien haben sie uns angehalten. Ein Soldat mit schiefer Nase fragte, ob wir Waffen im Auto h�tten. Vater sagte: ja, Benzin und Streichh�lzer. Die beiden lachten, und wir durften weiterfahren. Ich verstand nicht, was daran komisch war, und meine Mutter sagte: ich bin die Waffe, die sie suchen. Ich fragte: warum fahren wir dem Feind in die Arme?, und musste versprechen, in den n�chsten zehn Jahren keine Fragen mehr zu stellen.</p><p>Der Regen nahm kein Ende, die Stra�e war verstopft, immer wieder blieben wir stehen. Einmal liefen maskierte Bewaffnete mit wei�en Handschuhen hinter zwei M�nnern an der Wagenkolonne entlang. Die M�nner waren geknebelt, ihre Augen mit einem Tuch verbunden und ich wollte versprechen, das Erinnern in den n�chsten zehn Jahren einzustellen, aber Oma Katarina war gegen das Vergessen. F�r Oma ist die Vergangenheit ein Sommerhaus mit einem Garten, in dem die Amseln zwitschern und die Nachbarinnen zwitschern und man Kaffee aus einem Brunnen sch�pft, w�hrend Opa Slavko und seine Freunde um sie herum Verstecken spielen. Und die Gegenwart ist eine Stra�e, die wegf�hrt von diesem Sommerhaus, unter Panzerketten wimmert, nach schwerem Rauch riecht und Pferde hinrichtet. Beides m�sse man erinnern, fl�sterte mir Oma auf dem R�cksitz zu, die Zeit, als alles gut war, und die Zeit, in der nichts gut ist.</p><p>Asija, wir sind entkommen und unsere Bekannten in Belgrad umarmen uns erst, als w�ren wir Eichen, dann, als w�ren wir zerbrechlichstes Glas, und ich w�nsche euch allen in Vi�egrad Entkommen und Umarmen.</p><p>Vi�egrad kam gleich im Fernsehen, hier sind diejenigen die Aggressoren, die in unserem Fernsehen die Verteidiger waren, und die Stadt ist nicht gefallen, sondern befreit worden, weil nicht ein Held, sondern ein Verr�ckter den Staudamm sprengen wollte. Der Nachrichtensprecher sagte, Schulen haben den Unterricht und Betriebe wieder die Arbeit aufgenommen. Die Telefonarbeiter anscheinend nicht � wir bekommen immer nur das Besetztzeichen.</p><p>Nena Fatima warf Bohnen f�r Oma Katarina und las aus den Bohnen Oma Katarinas Zukunft wortlos ab. Ich fragte Nena Fatima, was sie eigentlich will. Nena beachtete mich nicht. Ich sagte: mich jetzt anzuschweigen, kann sp�ter schwerwiegende Traumata bei mir ausl�sen. Ich habe keine Ahnung, antwortete ich, als Mutter fragte, woher ich das habe.</p><p>Asija, kannst du aus den Bohnen lesen?</p><p>Oma Katarina will zur�ck nach Vi�egrad. Vater versuchte nicht, es ihr auszureden, Mutter schrie, als sie h�rte, dass Vater schwieg.</p><p>Vater will schweigen.</p><p>Mutter will schreien.</p><p>Ich frage mich, was Onkel Miki will. Immer noch wei� niemand, wo er ist.</p><p>Ich will eine Geschichte aus einer anderen Welt oder aus einer anderen Zeit h�ren, aber alle reden nur vom Jetzt und von der Frage: und was jetzt? Wenn ich von dieser Zeit und dieser Welt erz�hlen w�rde, m�sste ich danach versprechen, es in den n�chsten zehn Jahren nie wieder zu tun. Beginnen w�rde ich so: Kaum haben die M�tter zum Abendessen gerufen, mit fl�sternden Stimmen, st�rmen Soldaten das Hochhaus, fragen, was gibt es, setzen sich zu uns an die Sperrholzplattentische im Keller.</p><p>Ich muss mir nichts ausdenken, um von einer anderen Welt und von einer anderen Zeit zu erz�hlen.</p><p>Heute Nacht h�rte ich Mutter schlafend seufzen, sie wachte mit verkrustetem Blut unter der Nase auf. Mit den Nachbarn gibt es Probleme, weil wir in ihrer N�he sind und sie diese N�he nicht m�chten. H�tte man auch ihnen einen Krieg gegeben, h�tten sie sofort auf uns geschossen. Religion ist nicht das Opium des Volkes, sondern sein Untergang. Sagt jedenfalls mein Vater. Ein Junge aus der Stra�e nannte mich einen Bastard. Meine Mutter habe mein serbisches Blut vergiftet. Ich wusste nicht, ob ich ihn daf�r zusammenschlagen sollte oder trotzig und stolz sein. Ich war weder trotzig noch stolz, und wurde zusammengeschlagen.</p><p>Asija, ich schicke dir ein Bild mit. Das bist du auf dem Bild. Es gibt leider keine solche Farbe wie dein Haar sch�n ist, deswegen erkennst du dich vielleicht nicht. Es ist mein letztes Bild des Unfertigen. Es ist unfertig, weil du alleine drauf bist. Fr�her habe ich das Unfertige gemocht.</p><empty-line/><p>Viele Gr��e,</p><empty-line/><p>Aleksandar.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>9. Januar 1993</strong></p><p><strong>L</strong>iebe Asija, ich wollte dir aus dem �W�rthersee� schreiben � Z�ge haben in Deutschland Namen �, aber der W�rthersee war so schnell, dass meine Augen mit der Landschaft nicht mitkamen und mir ein wenig �bel wurde von so vielen schnellen Feldern und H�usern und einer schnell verdr�ckten Packung runder Kekssandwiches mit Schokoladenbelag. Wir wohnen seit zwei Wochen bei meinem Onkel Bora und meiner Tante Taifun in einer Stadt namens Essen, gleich an einer Autobahn. Oma Katarina ist zur�ck nach Vi�egrad, sie sagte: ich will bei meinem Mann bleiben.</p><p>Wo er ist, braucht er niemanden, sagte mein Vater.</p><p>Jeder braucht jemanden und die Toten sind die einsamsten, sagte ich und musste aus dem Zimmer. Noch haben wir von Oma nichts geh�rt, es ist schwer, durchzukommen.</p><p>Nena Fatima hat seit Belgrad ein Geheimnis. Die ganze Zeit schreibt sie etwas, versteckt es aber unter ihrem Kopftuch. Wenn ich mir eine Stimme f�r Nena Fatima aussuchen k�nnte, w�re sie die einer souver�nen Hexe, die noch was zu lachen hat, bevor das M�rchen einen guten Ausgang nimmt: ein wenig kratzig, selbstbewusst und voller Pl�ne. W�rde meine Nena kluge Sachen sagen, wenn sie spr�che? Wie kl�nge ihr Gesang?</p><p>Silvester war eine Katastrophe. Ich bekam eine Jeans geschenkt. Onkel Bora kaufte Raketen und B�ller, und wir setzten uns bunte H�te auf den Kopf und h�rten unsere Musik etwas lauter als sonst. Meine Mutter sagte: egal, was ich koche, es schmeckt nicht. Mein Vater sagte: egal, was ich trinke, es hilft nicht, und begrub das Gesicht in den H�nden, da war es kurz vor Mitternacht. Um zw�lf umarmte jeder jeden, dann verschossen Onkel Bora und ich das Feuerwerk und die kleine Ema, der kleine Taifun, wachte auf und schrie.</p><p>Wie war es bei dir? Liegt bei euch eigentlich Schnee? Hier schon, aber nur f�r f�nf Minuten, und er sieht aus, als w�re er schon im Fallen schmutzig geworden, er kommt br�unlich auf die Erde.</p><p>Ab morgen gehe ich in eine deutsche Schule. Ich werde versuchen, nicht so taubstumm zu sein wie Nena Fatima und habe deswegen die ersten zehn W�rterbuchseiten auswendig gelernt. Onkel Bora sagt, ich sei in Mathe den Deutschen drei Jahre voraus. Wenn man mein mangelndes Mathetalent davon abzieht, bleibt immerhin noch ein Jahr. Die Schulnoten sind hier falsch herum und in unserem Stadtteil gibt es fast nur T�rken. In den Kaufh�usern kann man Nintendo spielen, es ist mir noch nicht gelungen, �ber Nacht in so einem Kaufhaus vergessen zu werden, aber ich habe schon einen Plan. Meine Mutter war letzte Woche krank, konnte dem Arzt aber das Aussehen ihrer Schmerzen nicht erkl�ren und kam noch kr�nker zur�ck.</p><p>F�nf oder sechs andere Familien aus Bosnien wohnen mit uns im Haus, f�nfundzwanzig Leute auf zwei Stockwerken. Es ist alles sehr eng, die B�der immer besetzt, und ich kann mit der Fernbedienung von meinem Onkel den Fernseher von �ika Zahid ausschalten, das macht ihn wahnsinnig, er glaubt an Nazi-Geister. Gleich in der N�he ist ein kleiner Bahnhof, und �ika Zahid wartet dort auf Gr�n, um die Schienen zu �berqueren. Mit seinem Sohn Sabahudin fahre ich auf Sofakissen Bob unter der Autobahnbr�cke. Sabahudin hat sich nach seiner Ankunft drei Tage lang die Z�hne mit Rasierschaum geputzt.</p><p>Gestern wurden wir f�r Deutschland erlaubt. In einem gro�en B�ro mit hundert T�ren warteten wir drei Stunden vor dem Buchstaben K. Die Wartenden sprachen unsere Sprache, die man nicht mehr serbokroatisch nennen soll, dr�ngten sich um den Aschenbecher und hinterlie�en Matsch auf dem Boden und Sohlenstempel an der Wand. Um uns K�s k�mmerte sich Frau Fo�. Sie l�chelte milde, feine Gr�bchen, und in den Kragen ihrer rosafarbenen Bluse hatte sich eine rosafarbene Brosche festgebissen. �berall im K-Zimmer grinste eine Maus mit dem Namen Diddl von den Postkarten. Frau Fo� war der freundlichste und der geduldigste Mensch auf der Welt, sie grinste wie ihre Maus und schenkte meiner Mutter ein Taschentuch. Wir konnten nicht viel sagen, mussten es aber auch nicht, Frau Fo� wusste, was mit uns zu tun sei. Wir bekamen Stempel in unsere P�sse, weil Frau Fo� mit uns hier einverstanden war. � ist jetzt mein Lieblingsbuchstabe und eine sehr sch�ne Erfindung, weil darin zwei s untergekommen sind. Ich w�rde gern Alek�andar Kr�manovi� hei�en und sagte zu Frau Fo� im Hinausgehen: Aal, aalglatt, Aas, ab, ab�ndern, Ab�nderung, abarbeiten, Abart, abartig, Abbau, abbauen, abbei�en, abbekommen, abblasen, Danke! Danke wusste ich, obwohl ich noch nicht so weit war mit dem W�rterbuch. Onkel Bora sagt, Frau Fo� habe ihn noch nie verarscht.</p><p>Asija, wir schlafen alle in diesem kleinen Zimmer und sind alle eine Spur w�tender als zu Hause, auch in den Tr�umen. Manchmal wache ich auf und male Fingerschattenv�gel an die Wand, eine Laterne vor dem Fenster sieht streng zu uns hinein, als passte sie auf, und Onkel Bora versprach, die helle Drecksau bald zu f�llen. F�r Gardinen gibt es keine Geldpriorit�t, auch nicht f�r eine Leinwand und Farben f�r Vater, aber Mutter und er suchen schon eine Arbeit.</p><p>Heute Nacht wachte Tante Taifun kurz nach mir auf. Sie ist langsamer geworden, meine sch�ne schnelle Tante mit dem hellen Haar, die vor Liebe f�r ihre Tochter Ema Tr�nen in den Augen tr�gt und tausend gute W�nsche f�r jeden �brig hat. Im grellen Laternenlicht z�hlte ich die M�digkeiten in ihrem Gesicht, Falten und Schatten. Sie l�chelte mich an, fl�sterte: Aleks, niemand hat so einen Kopf wie du, meine Sonne, hab nur keine Angst.</p><p>Asija, hab nur keine Angst! Ich h�tte so gern mehr Erinnerungen an dich, ich h�tte gern Erinnerungen an dich von der L�nge einer Reise von Essen nach Vi�egrad und zur�ck. Zur�ck w�rdest du mitkommen.</p><p>Wasserh�hnchen ist bisher das lustigste deutsche Wort.</p><empty-line/><p>Ich gr��e dich herzlich,</p><empty-line/><p>Alek�andar.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>17. Juli 1993</strong></p><p><strong>L</strong>iebe Asija, von Oma Katarina wei� ich, dass du schon letzten Winter nach Sarajevo geflohen bist. Von ihr habe ich auch diese Adresse. Sie konnte mir nicht sagen, ob du meine ersten beiden Briefe erhalten hast, es k�me kaum Post an, Pakete sowieso nicht, aber auch Briefe verschwinden.</p><empty-line/><p>DESWEGEN SCHICKE ICH IN DIESEM BRIEF 17 MARK UND 20 PFENNIG. DAS IST ALLES, WAS ICH HABE. LIEBER BRIEF�FFNER, BEHALTEN SIE DAS GELD, ABER BITTE KLEBEN SIE DAF�R DEN UMSCHLAG WIEDER ZU UND LASSEN SIE IHN WEITERREISEN! ES SIND NUR WORTE DARIN UND EIN VERMISSEN, UND ES WERDEN KEINE MILIT�RISCHEN GEHEIMNISSE AUSGEPLAUDERT, DENN ICH BIN KLEINER ALS 1,60m UND MIR VERR�T NIE JEMAND WELCHE. ABER ICH M�CHTE EINER SEHR WICHTIGEN PERSON SEHR WICHTIGE DINGE SAGEN, VON MIR AUS K�NNEN SIE SOGAR WEITERLESEN, HAUPTSACHE, SIE WERFEN DEN BRIEF DANACH NICHT WEG! VIELEN DANK!</p><empty-line/><p>Liebe Asija, meine Mutter arbeitet in einer W�scherei und hat jetzt weniger Zeit, um krank zu sein. Sie sagt, in der H�llenhalle ist es so hei�, dass ihr Gehirn kocht. Mutter hat die F�higkeit verloren, Dinge sch�n zu sehen. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen, sie qualmt wie die Essener Schornsteine. Vater ist im selben Betrieb wie Onkel Bora. Die beiden sind tagelang unterwegs. Sie arbeiten schwarz. Schwarz hei�t: die Arbeit macht dir den R�cken kaputt und dich gleichzeitig zum Verbrecher, obwohl du nicht wirklich klaust.</p><p>Nena Fatima h�lt sich am besten. Sie kocht f�r uns alle und badet lang, und ich sehe ihr keinen Kummer an. Einmal erwischte ich sie beim Pfeifen, was bei dem eigentlich tonlosesten Menschen �berhaupt unendlich sch�n klingt. Sie hat sich mit den Kassiererinnen im Supermarkt angefreundet und bringt ihnen jeden Tag Kaffee an die Kassen. Daf�r darf sie Dinge klauen, die weniger als f�nf Mark kosten, und die Kassiererinnen tun so, als w�rden sie es nicht bemerken.</p><p>Hinter ihr Geheimnis bin ich noch nicht gekommen, sie schreibt und schreibt, ihr Zettel ist voll gekritzelt bis an den Rand. Wenn meine Eltern �ber Dinge reden, die wir nicht haben, wie Gesundheit und Geld und unser Haus in Vi�egrad, muss ich immer aus dem Zimmer, und Nena Fatima steht stramm an der T�r und h�lt Wache, damit ich nicht lausche. Die Dinge, die ich nicht h�ren darf, sind die grausamsten.</p><p>Wenn man mich fragt, woher ich komme, sage ich, das sei eine schwierige Frage, weil ich aus einem Land komme, das es dort, wo ich gelebt habe, nicht mehr gibt. Hier nennt man uns Jugos, auch die Ungarn oder die Bulgaren nennt man Jugos, das ist einfacher f�r alle.</p><p>Ich habe mein erstes Zeugnis bekommen, noch ohne Noten, au�er in Mathe, aber die ist nicht der Rede wert. Es reicht zu sagen, dass mein Vorsprung sehr schnell geschmolzen ist. In Deutsch mussten wir einen Aufsatz zum Thema �Essen, ich habe dich gern� schreiben, und ich schrieb, wie man bei uns B�rek macht. Jeder las seinen Aufsatz laut vor, und als ich dran war, lachte sich die Klasse schlapp. Dazu musst du wissen, dass Essen �hrana� bedeutet. Ich wusste das, aber da ich an der Stadt Essen gar nichts gerne habe, schrieb ich eben �ber das Hackfleisch und den Yufka-Teig. Das war ziemlich schwierig, weil ich das Wort f�r Hackfleisch nicht kannte, und versuch mal jemandem Hackfleisch zu erkl�ren! Die anderen Sch�ler aus Bosnien kopierten das Rezept und nahmen es mit nach Hause, weil sie der Meinung waren, dass Zwiebeln nicht reinm�ssen und dass man Bl�tterteig nehmen soll. Josip und Tomislav, zwei Jungs aus Kroatien, meinten, bei ihnen g�be es gar kein B�rek. Kannst du dir das vorstellen, Asija? Ein b�rekloses Land?</p><p>Asija, ich vermisse die launische Drina. Hier gibt es angeblich auch einen Fluss, die Ruhr, aber ich finde, nicht jedes Wasser, das flie�t, muss gleich Fluss genannt werden.</p><p>Gestern spielte ich Stadt-Land-Fluss mit Philipp, Sebastian und Susanne und wurde mit Duisburg, Deutschland, Drina, �Drachenmaul�, Dragan, Deutschlehrer, Dalmatiner nicht Letzter. �Drachenmaul� k�nnte ich dir gar nicht �bersetzen. Gestern ist mir auch zum ersten Mal ein Wort auf Bosnisch nicht eingefallen, �Birke�, ich musste es nachschlagen: �breza�. Birken wachsen hier in einem Park, den man Kruppwald nennt. Ganz Essen ist eigentlich eine Riesengarage und man m�chte dem Unkraut zwischen den Bordsteinen danken, dass es hier aush�lt.</p><p>Birke und Drachenmaul und Wechselbl�tiges Tausendblatt und Enzian und die Ruhr. Ich merke mir das alles, Asija. Ich sammle die deutsche Sprache. Sammeln wiegt die schweren Antworten und die schweren Gedanken auf, die ich habe, wenn ich an Vi�egrad denke, und die ich ohne Opa Slavko in der N�he nicht aussprechen kann. Du kanntest Opa Slavko nicht, er w�re der Einzige gewesen, der dein Haar h�tte erkl�ren k�nnen.</p><p>Am Morgen ihrer R�ckkehr nach Vi�egrad hat mir Oma ein leeres Buch geschenkt. Die erste Seite hat sie selbst beschrieben. Neben der Geschichte von Andri�, in der Aska den Wolf schwindelig tanzt und so mit dem Leben davonkommt, ist diese eine Seite von meiner Oma das Hochgesch�tzteste, das ich jemals gelesen habe.</p><p>Asija, ich erinnere mich nicht an die Birken. Es kommt mir vor, als w�re ein Aleksandar in Vi�egrad und in Veletovo und an der Drina geblieben, und ein anderer Aleksandar lebt in Essen und �berlegt sich, doch mal an die Ruhr angeln zu gehen. In Vi�egrad, bei seinen unfertigen Bildern, gibt es einen angefangenen und nicht zu Ende gebrachten Aleksandar. Nicht ich bin mehr Chefgenosse des Unfertigen, das Unfertige ist mein Chefgenosse. Ich male nichts Unfertiges mehr. Ich schreibe in Omas Buch Geschichten von der Zeit, als alles gut war, damit ich sp�ter nicht �ber das Vergessen klagen kann. W�re ich F�higkeitenzauberer, Asija, w�rden die Erinnerungen schmecken wie damals das Stela-Eis.</p><empty-line/><p>Erinnerst du dich an mich?</p><empty-line/><p>Aleksandar.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>8. Januar 1994</strong></p><p><strong>L</strong>iebe Asija, Nancy Kerrigan wurde beim Eislauf-Training mit einer Eisenstange am Knie verletzt. Ihre Konkurrentin Tonya Harding ist in das Attentat verstrickt. Das kam gerade in den Nachrichten, und meine Mutter verlie� w�tend das Wohnzimmer. Anschlie�end kam Somalia. Somalia und Bosnien, das ist jetzt alles gleich, nur dass es bei uns keine schwarzen Kinder mit kurzem Haar und geschultertem Gewehr gibt. Und kein �l, sagt Onkel Bora.</p><p>Meine Mutter hat sich �Magie auf dem Eis 1 � 6� gekauft, sechs Video-Kassetten mit Portr�ts aller Stars und Berichten von irgendwelchen Eiskunstlauf � Meisterschaften und Olympiaden � auch Sarajevo ist dabei. Abends sitzt sie vor dem Fernseher und murmelt: Rittberger, Salchow, Lutz und Toeloop, doppelt und dreifach. Manchmal schaltet Nena Fatima den Fernseher aus und versteckt die Kassette. Und Mutter sitzt immer noch da und sagt: Axel, Flip. Ihre H�nde sind von der W�scherei derma�en kaputt, dass ich kein anderes Wort daf�r finde als kaputt.</p><p>Wir haben eine neue Wohnung, nur f�r unsere Familie. In die alte kam dreimal die Polizei. Die tr�gt hier Gr�n und ist auch sonst anders als bei uns, sie legt die Hand an den Pistolengriff und will keinen Schnaps. Sie sieht nicht nur ernst drein, sie meint es auch so und dreht dir schon mal den Arm auf den R�cken, wenn du dich ihr, wie �ika Zahid, zu schnell n�herst. Wir bekamen Fristen und lie�en sie verstreichen, weil wir nicht wussten, wohin. An dem Morgen, bevor die Polizisten zum letzten Mal und zahlreicher als sonst an der T�r nicht klingelten, sondern fest klopften, sagte mein Vater: wir ziehen um. Er a� sein Brot zu Ende, und wir packten. Ich habe was f�r uns, sagte er, der Vermieter holt noch sein Sofa ab. Dann k�nnen wir rein.</p><p>In der neuen Wohnung haben wir viel mehr Platz und sind weg von all dem Schmutz und Tratsch und Krach und dem Pfeifen der Autobahn und dem Gef�hl, dass man nie im Leben entfernter sein k�nnte von einem Zuhause. Asija, wo ist dein Zuhause? Ich habe keine Ahnung, wo du bist. Gibt es in Sarajevo �berhaupt noch Adressen?</p><p>Ich habe Vi�egrad angerufen. Bis auf Oma Katarina und Zoran habe ich niemanden erreicht. Oma Katarina redet viel �ber fr�her. Wir h�ren ihr zu, wir widersprechen ihren Erinnerungen nicht, wir sagen: gut, Oma.</p><p>Erinnerst du dich an Zoran? Ein Freund aus Vi�egrad, ein schweigsamer Rebell! Er sagt, die Stadt ist voller serbischer Fl�chtlinge. Sie wohnen in der Schule oder haben sich einfach die leeren H�user und Wohnungen von den vertriebenen Bosniaken genommen. Und die sind vielleicht jetzt in den serbischen Wohnungen. Am Ende wird niemand dort sein, wo er vorher war. Auch in unserem Haus lebt eine Familie. Oma sagt, das sei in Ordnung, weil sie kleine Kinder haben. Zoran sagt, die Vi�egrader k�nnen die Neuen nicht ausstehen, er selbst hasse sie, so viel gesprochen hat Zoran noch nie, Zorans Hass ist gro�.</p><p>Schalke 04 ist meine Lieblingsmannschaft, ich habe einen Angelschein und mein bester Freund hier, Philipp, hat mir �Sensible Soccer� ausgeliehen, ich h�re Nirvana und tr�ume auf Deutsch. Ich tr�ume von einem PC, damit ich Sensible Soccer wirklich spielen kann und Philipp nicht anl�gen muss, wie viele Tore ich gegen Brasilien geschossen habe.</p><p>Ich lasse mir das Haar wachsen.</p><empty-line/><p>Viele herzliche Gr��e,</p><empty-line/><p>Aleksandar.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Hallo. Wer? Aleksandar! So was, woher rufst du an? Nicht schlecht! Beschissen, und selbst?</strong></p><p>� ich hasse auch, dass das Wasser mittags abgedreht wird und dass die Laternen nicht funktionieren und dass der Strom st�ndig ausf�llt und dass der M�ll nicht abgeholt wird und dass es so kalt sein muss, hasse ich am allermeisten. Sie haben beide Moscheen niedergebrannt, niedergerissen haben sie die, und jetzt soll das ein Park sein, aber das ist kein Park, das ist eine kaputte Leere, um die vier B�nke aufgestellt wurden, und ich hasse jeden, der sich da hinsetzt, nicht mal Mister Spok tut es, und ab und zu kommt einer mit der Gie�kanne vorbei, aber es will dort nichts wachsen. Du w�rdest sagen: eine klaffende Wunde, und dass aus einer Wunde nichts wachsen kann. Dann w�rdest du irgend so einen Zauberquatsch beschw�ren, aber du br�uchtest eine schei�m�chtige Magie, um die Dinge hier besser zu machen. Die Soldaten haben einen Reigen um die Tr�mmer der Moschee getanzt. Ich hasse das Gymnasium, ich hasse die Lehrer dort, ich hasse es, dass wir zu vierundf�nfzigst in einer Klasse sein m�ssen, ich hasse es, dass ich f�r alles anstehen muss, weil es an allem mangelt, au�er an Menschen und am Tod. Ich hasse meinen Vater, ich hasse seinen Stolz und seinen Trotz und seine Prinzipien. Seit einem halben Jahr versuchen Milica und ich, ihn zu �berreden, diese H�lle zu verlassen, und ich hasse es, dass er davon nichts wissen will; ich hasse, dass er eine Trafik aufgemacht hat, genau dort, wo Bogoljubs Trafik stand, aber was sollte er sonst machen: Basketballschiedsrichter sind das Unn�tigste �berhaupt, hier spielt niemand mehr irgendetwas, sogar die Turnhalle ist voller Leute, ich wei� nicht mal, ob das Gefangene sind oder Fl�chtlinge. Ich hasse die Soldaten. Ich hasse die Volksarmee. Ich hasse die Wei�en Adler. Ich hasse die Gr�nen Barette. Ich hasse den Tod. Ich lese, Aleksandar. Ich lese und liebe das Lesen, der Tod ist ein Meister aus Deutschland, er ist gerade ein Weltmeister aus Bosnien. Ich hasse die Br�cke. Ich hasse die Sch�sse in der Nacht und die Leichen im Fluss, und ich hasse es, dass man das Wasser nicht h�rt, wenn der K�rper aufschl�gt, ich hasse es, dass ich so weit weg bin von allem, von der Macht und von dem Mut; ich hasse mich, weil ich mich oben am alten Gymnasium verstecke, und ich hasse meine Augen, weil sie nicht genau erkennen k�nnen, wer die Leute sind, die in die Tiefe gesto�en werden und im Wasser erschossen werden, vielleicht sogar schon im Flug. Andere werden gleich auf der Br�cke get�tet, und am n�chsten Morgen knien die Frauen dort und schrubben das Blut ab. Ich hasse den Typen vom Staudamm in Bajina Ba�ta, der sich beschwert, man solle nicht so viele Leute auf einmal in den Fluss werfen, weil die Abfl�sse verstopfen. Ich hasse die Hotels � Vilina Vlas und Bikavac, ich hasse die Feuerwehrstation, ich hasse die Polizeistation, ich hasse Lastw�gen voller M�dchen und Frauen, die zur Vilina Vlas fahren, ich hasse brennende H�user und brennende Fenster, durch die brennende Menschen vor die Gewehre springen, und ich hasse es, dass die Arbeiter arbeiten, dass die Lehrer lehren, dass die Tauben sich in die Luft werfen, und dass es so kalt ist, hasse ich am allermeisten. Weil der schei� Schnee nichts, nichts, nichts verdeckt, wir aber unsere Augen so gekonnt verdecken, als h�tten wir nur das gelernt in all den Jahren der Nachbarschaft und der Br�derlichkeit und der Einheit. Ich hasse es, dass alle alles verurteilen, dass alle alles hassen, dass alle auch im Hass die Guten sind, dass ich der Gute bin, hasse ich noch mehr als den Schnee und den serbischen Bronzesoldaten. Ich hasse es, dass ich mich nicht traue, den Bildhauer zu fragen, warum sein Denkmal ein Schwert tr�gt und kein blutiges Messer. Und ich hasse dich. Ich hasse dich, weil du weg bist, ich hasse mich, weil ich bleiben muss, hier, wo die Zigeuner es nicht f�r n�tig halten, ihre Zelte aufzuschlagen, wo sich Hunde zusammenrotten und niemand in der Drina schwimmen geht. Du hast mir einmal erz�hlt, dass du mit der Drina gesprochen hast. Spinner. Ich frage mich, was sie jetzt erz�hlen w�rde, wenn sie es wirklich k�nnte. Was w�rde sie schmecken, wenn sie einen Geschmack h�tte? Wie schmeckt so eine Leiche? Kann auch ein Fluss hassen, was meinst du?</p><p>Mein Hass ist endlos, Aleksandar. Auch wenn ich die Augen schlie�e, ist alles da.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>16. Dezember 1995</strong></p><p><strong>L</strong>iebe Asija, Onkel Miki lebt! Er ist endlich wieder zu Hause in Vi�egrad, er wohnt sogar in unserem Haus. Drei Jahre wusste niemand, was mit ihm war, dann schickte er einen Brief an Oma. Ihm gehe es gut, er wolle bald zur�ck, las uns Oma den Brief am Telefon vor. Zur�ck von wo, stand nicht darin. Oma erz�hlte, Leute h�tten Miki schon �92 in Vi�egrad gesehen.</p><p>Im Hotel Bikavac?, hob Vater die Stimme, auf keinen Fall!</p><p>�ber Oma Katarina und die Telefonate mit ihr sch�ttelt niemand mehr den Kopf. Vater sagte einmal in den H�rer: ich wei� nicht, ich wei� einfach nicht. Er presste seine Lippen zusammen und griff sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. Oma kennt keine Gegenwart mehr und hat f�r jeden von uns eine eigene Vergangenheit. Ich zahle den Kredit zur�ck, erkl�rt sie, den mir die Zeit gew�hrt hat. Jeden ereilt seine Vergangenheit in der Omaversion. Vor einem halben Jahr stellte man bei ihr astronomische Zuckerwerte fest, und die Insulin-Behandlung verwandelte ihr Leben in eine Achterbahnfahrt. Den Tagen, an denen sie am Telefon bek�mmert und nachdenklich klingt, folgen aufgedrehte Anrufe bei der ganzen Verwandtschaft. Tante Taifun meint, wir w�rden �bertreiben und alles viel zu ernst nehmen, es sei doch nett, zu erfahren, wie man fr�her gewesen sei. Seit Tante Taifun auch einen Anruf von Oma bekommen hat, sagt sie zu dem Thema nichts mehr.</p><p>Gestern gab es ein Fest. Onkel Bora nannte es �Die Dayton-Flaschensitzung� und schrieb eine Rede voller Witze �ber Krieg, Frieden, Vegetarier und mein langes Haar. Ich kann mir schon einen Zopf machen. Mein Vater sagte: Witze �ber Dayton braucht man nicht zu machen, Dayton ist der gr��te Witz. Ein Friedensabkommen, das die ethnische S�uberung politisch akkreditiert! Vater wird sein Leben lang fast alles sagen und fast nie etwas tun. Da sind wir uns sehr �hnlich, er und ich, blo� sage ich etwas mehr als er und tue noch etwas weniger.</p><p>Ich stelle mir vor, dass die Freude �ber den Frieden bei euch noch viel gr��er ist. Wenn ich ehrlich bin: ich freue mich zwar auch sehr, aber jetzt habe ich Angst, was mit uns passiert. Es sieht so aus, als m�ssten wir zur�ck nach Bosnien. Ich m�chte aber nicht in die Stadt zur�ck, aus der man alle vertrieben hat. Nicht zur�ckzuwollen, ist die einzige Sache, in der meine Eltern und ich einer Meinung sind. Als sie sich mit Onkel und Tante dar�ber unterhielten und Mutter sagte, eher krepiere ich, als den M�rdern in die Augen zu sehen, stand Nena Fatima auf, schrieb �danke und auf wiedersehen� auf das Dekolletee der �TV Spielfilm�-Frau, riss das Blatt ab und klebte es sich auf die Stirn.</p><p>Nena Fatima tr�gt ihr Kopftuch nur noch, wenn es drau�en nieselt, und in Essen nieselt es immer. Sie hat einen Riesengarten mitten im Innenhof angelegt. Tomaten und Gurken und Paprika. Der Hausmeister war da und mit ihm die Polizei, sie sahen sich Nenas Garten an, und wir sind alle auf die Anzeige gespannt. Nena Fatima ist der einzige Mensch in der Familie, mit dem ich zurechtkomme. In den Garten kacken die ganzen Terrier von unseren Nachbarn rein, und ich esse jetzt gar keinen Salat mehr.</p><p>Ich sa� mit Nena im Garten, als sie mir ihr Geheimnis gab. Sie griff unter ihr Kopftuch und legte einen lapprigen, eingerissenen Zettel zwischen uns. Sie reichte mir einen Kamm und drehte sich um. Nenas langes Haar. Ich k�mmte es. Als ich fertig war, stand sie auf und lie� den Zettel da.</p><empty-line/><p>Viele liebe Gr��e,</p><empty-line/><p> Aleksandar.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>was ich eigentlich will</strong></p><p><strong>I</strong>ch will reden wieder reden ich will reden wieder reden aber einen grund brauch ich soll ein guter grund sein das ist so</p><empty-line/><p>ich will alles sehen</p><p>auch im grab will ich weitersehen am liebsten auch im schlaf ich will einen guten grund nichts zu sehen tod ist kein guter grund ich will sehen was ich koche</p><empty-line/><p>ich will in die welt will ich</p><p>der mistkrieg kommt mir grad recht</p><p>mit meinem mann mit dem rafik das war ja nix</p><p>der hat seinen gekr�mmten r�cken im kopf getragen sein ganzes leben war gekr�mmt und geduckt das war ja nix ich will jetzt noch ein bisschen jung sein so alt bin ich nicht mit dem rafik konnt ich nur alt sein musst zuhause bleiben der hat gearbeitet und ich war daheim und er wollt nicht dass m�nner sehen wie sch�n ich mein haar hab</p><empty-line/><p>ich will immer sch�nes haar das braucht pflege</p><empty-line/><p>ich will in die welt raus und deswegen bin ich raus von rafik weil er prinzipien hatte von drina bis china</p><empty-line/><p>ich will freundlich sein</p><p>ich will eine unmaskierte sonne aber wer kann schon wolken aufhalten</p><empty-line/><p>w�r ich zauberer wie du w�r das anders mit dem regen und dem fortschritt und den vulkanen und megdan w�rde feuer spucken ganz andere sorgen h�tten wir als jetzt</p><empty-line/><p>ich will euch noch ein bisschen n�tzlich sein aber mir mehr</p><empty-line/><p>ich will nicht immer zu jedem gut sein lieber warte ich</p><empty-line/><p>ich will wissen wie du mit zwanzig bist und was du wei�t so alt war dein opa als ich ihn heiraten musste</p><p>in meinem dorf stand ein walnussbaum unter dem hat es im sommer so oft geschneit wie es unverheiratete m�dchen gab ich will einen anderen mann finden oder auch nicht</p><empty-line/><p>ich will nie wieder vieh h�ten und keine h�flichen v�gel</p><empty-line/><p>ich will einmal auf etwas stolz sein das ich zerbrochen hab</p><empty-line/><p>ich will nicht an einsamkeit sterben oder an schuld oder an einer fischgr�te oder an einem fluss ich will beim sterben das gef�hl haben ganz viel schmuck zu tragen das ist so</p><empty-line/><p>ich will einmal fliegen und einmal auf einen vulkan steigen und da einen stein reinwerfen.</p><empty-line/><p>nena fatima</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>1. Mai 1999</strong></p><p><strong>L</strong>iebe Asija, entschuldige, dass ich dir so lange nicht geschrieben habe. Bekommst du �berhaupt meine Briefe? Gibt es dich? Ich schreibe weiter, ich bin in letzter Zeit ohnehin viel allein, mache mir aber nichts aus.</p><p>Meine Eltern leben seit einem Jahr in den USA. In Florida. F�r immer, erst mal. Vater hat eine Kokosnuss gepfl�ckt und seit sieben Jahren wieder das erste Bild gemalt. Er nennt es �Selbstportr�t mit Coconut� und die gew�hlten Farben ein Duett von Ocker und Braun auf sattgr�ner Sommerwiese. Mutter fing in einer Anwaltskanzlei an, sie meint, das sei nicht schwer, die Gesetze seien viel �bersichtlicher als bei uns. Sie hat sich Schlittschuhe gekauft, f�hrt jeden Sonntag zur Eishalle und m�chte ein Footballspiel im Stadion sehen, ohne meinen Vater. Sie findet, die Spielerhosen sitzen so gut.</p><p>Wenn sie nicht ausgewandert w�ren, h�tte man sie nach Bosnien zur�ckgeschickt. Freiwillige R�ckkehr nennt sich das. Ich finde, etwas Verordnetes kann nicht freiwillig sein und eine R�ckkehr keine R�ckkehr, wenn es sich um einen Ort handelt, dem die H�lfte der ehemaligen Bewohner fehlt. Das ist ein neuer Ort, dahin kehrt man nicht zur�ck, da f�hrt man zum ersten Mal hin. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie es w�re, in Bosnien zur Schule zu gehen. Ich sehe nur mein altes Klassenzimmer und Edin in der Bank hinter mir. Titos Bild h�ngt noch an der Wand. Wegen der Schule durfte ich hier bleiben, meine Eltern fanden es sinnvoll, dass ich das Abitur in Deutschland mache. Mutter schrieb mir elf Rezepte auf, zehn einfache und das Pflaumenhackfleischschnitzel. Sie erkl�rte mir, was Kochw�sche ist.</p><p>Das letzte Jahr in Essen ging es uns etwas besser. Mutter k�ndigte eines Morgens einfach in der W�scherei. Sie meldete sich f�r einen Deutschkurs an, lernte drei Monate lang jeden Tag. Danach schrieb sie siebzig Bewerbungen. Bei der einundsiebzigsten erw�hnte sie nicht, dass sie Bosnierin ist und bekam einen Job als Kassiererin.</p><p>Mit Vater sprach ich hier so selten, dass ich manchmal �berrascht war, wenn ich meinen Namen in seiner Stimme h�rte. Mutter war krank, dann gesund geworden, Vater still, dann �lter geworden und jetzt sitzt er in der Sonne, malt wieder Stillleben und verkauft sie sogar.</p><p>Wei�t du, Asija, ich habe mir keine M�he gegeben. Ich habe mir all die Zeit keine M�he gegeben, nachzufragen oder �berhaupt zu fragen, was meine Eltern denken oder was sie wollen oder wie ich helfen kann, damit es uns hier besser geht. Es war mir peinlich, zu ihren Vorstellungsgespr�chen mitzugehen, es war mir peinlich, die an sie gestellte Frage zu �bersetzen: wie gut ist Ihr Deutsch? F�r meine taubstumme Nena Fatima habe ich mich nie gesch�mt, obwohl sie bei Witzen lachte und im Schlaf redete. Sie hatte hier mehr Freundinnen, als ich jemals Freunde haben werde. Sie h�rte ihnen zu, wenn sie sich unterhielten, wurde um Meinung gefragt, nickte oder sch�ttelte den Kopf. Dann sa� sie aber auf dem B�rgersteig vor dem Haus und hat sich die Zehenn�gel geschnitten. �ber Florida hat sie sich am allermeisten gefreut. Sie steht fr�h auf und schwimmt im Swimming-Pool der Nachbarn jeden Tag eine Bahn mehr.</p><p>Ich w�nschte mir manchmal, dass man mich �Alexander� schreibt und oft, dass man mich einfach in Ruhe l�sst. Lange Zeit dachte ich, dass ich meine Pubert�t nur spiele, damit sich meine Eltern keine Sorgen machen. Irgendwann wollte ich aber wirklich keinen Krieg mehr sehen und von keinem Leiden mehr etwas wissen, von keiner Flucht.</p><p>Heute ist 1. Mai, und Oma Katarina m�chte mir ein Paket aus Vi�egrad schicken. Oma Katarina m�chte mir immer am 1. Mai ein Paket schicken. Fotos von Tito, Opas Reden und Orden, meine Pionieruniform. Oma erz�hlt mir jedes Jahr um diese Zeit, dass ich die Uniform besonders gern an kirchlichen Feiertagen getragen habe, ganze Passagen aus dem �Kapital� auswendig konnte und ihre Bedeutung verstanden habe.</p><p>Und mein Vater kauft sich jetzt Kautabak und sagt: Kokosn�sse !, sagt: ich bin der erste Bosnier, der wei�, wie Kautabak funktioniert, und Mutter sagt: die Jacksonville Jaguars haben diese Saison ein gutes Team. Abends werden andere Bosnier eingeladen. Mothermade �evap�i�i und Supermarkt-Hamburger werden auf der Veranda gegrillt, und die Grillen zirpen, der Asphalt k�hlt ab und riecht nach Zimt. Ein gewisser Dino Safirovi� erz�hlt, wie er mit seiner Truppe gegen die Serben Fu�ball zwischen den Sch�tzengr�ben gespielt hat, wie er den entscheidenden Schuss mit dem Gesicht gehalten hat, seitdem aber keine Verschlusslaute mehr bilden kann. Er erz�hlt, wie er in einem hohlen Baumstamm Feuer machen wollte, in dem eine Handgranate lag, und meine Mutter sagt, dass sie mich vermisst. Sie kauft slowenischen Wein, und Vater ist der Meinung, unsere Grillen w�rden den amerikanischen den Arsch versohlen.</p><p>Asija, ich wollte deinen Namen im Internet suchen und dabei ist mir aufgefallen, dass ich deinen Nachnamen gar nicht sicher wei�, obwohl ich ihn immer so selbstverst�ndlich auf die Umschl�ge schrieb. Ich las seitenweise Vermisstenlisten, Asija kam zweimal vor, das hat nichts zu hei�en. Ich fand immerhin heraus, was dein Name bedeutet.</p><p>Wenn ich nach meinem eigenen Namen suche, bekomme ich einen Treffer. �Sommernachtstraum� im Schultheater. Ich habe Puck gespielt. Puck ist ein Elf, dem sein K�nig den Auftrag erteilt, ihm eine Blume zu bringen, deren Nektar auf den Augen eines Schlafenden daf�r sorgt, dass der sich in die erste lebende Kreatur verliebt, die er sieht. Keine so tolle Geschichte, aber Puck kann zaubern. Zwischendrin wird jeder mal geliebt, sogar einer mit einem Eselskopf, und alles darf ein Traum sein, wenn das Publikum es am Ende so beschlie�t. Asija, ich kann Nazis weismachen, dass ich aus Bayern bin, ich sage: stamme. Ich kann mich auf Kosten der Friesen am�sieren, die sind so ein bisschen wie die Montenegriner bei uns � wenn ihr Rei�verschluss heute nicht offen ist, pinkeln sie halt morgen. Ich freue mich f�r f�nf Nationalmannschaften. Wenn jemand sagt, ich sei ein gelungenes Beispiel f�r Integration, k�nnte ich ausflippen.</p><empty-line/><p>Asiya (Asija) w.</p><p>Als arab. Name: heilend, pflegend; Friedensstifterin.</p><p>Nach der �berlieferung der Name der gl�ubigen Frau des Pharaos, die Moses aus dem Nil rettete.</p><p>Mein Vater fragt, ob ich w�sste, dass j�hrlich mehr Menschen von Kokosn�ssen get�tet werden als von Haien. Coconuts are murderers, sagt er.</p><p>Ich beschlie�e, alles getr�umt zu haben.</p><empty-line/><p>Herzliche Gr��e,</p><empty-line/><p> Aleksandar.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Aleksandar, ich m�chte das Paket unbedingt � dir � schicken.</strong></p><p><strong>H</strong>abe es allein � f�r dich � gepackt. Karl und Friedrich und Clara und Tito. Die ganze Bande ist drin. Erinnerst du dich? Du mochtest Karl. Slavkos Parteibuch m�chte ich unbedingt dir schicken. Seine Festreden. Seine Aufs�tze. Was f�r eine malerische Handschrift dein Opa hatte! Gro�buchstaben wie Ranken! Niemand schreibt ja mehr mit der Hand. Bestimmt tippst auch du alles mit einer Schreibmaschine. Unanst�ndig ist das! Wie soll man durch eine Maschine erfahren, mit wem man es zu tun hat? Oder willst du etwa nur den Lippenstift deines M�dchens k�ssen? Zeitungsartikel �ber Opa m�chte ich unbedingt � dir � schicken! Du hast auf seinem Scho� gesessen und mit ihm Kreuzwortr�tsel gel�st! Ach, Slavko und seine Kreuzwortr�tsel! Was noch? Fotos von Vladimir Iljitsch, Fotos von Tito bekommst unbedingt du. Was ist das hier? �Die Aufgaben der revolution�ren Jugend� ? Ja, wunderbar! Du bist die Jugend! Ach, die Handschrift deines Opas in den Kreuzwortr�tseln! Ach, Titos Uniform und wie gut wir es damals hatten, wir Schafe! Ich mochte das ganze Theater drum herum nicht leiden. Meinen Slavko habe ich doch nicht wegen seiner Tagungsprotokolle und seiner Referate geheiratet. Politik umarmt miserabel! Was soll ich noch mit Arbeiterliedern und Clara-Zetkin-Briefmarken und mit Flugzetteln, die erkl�ren, wie man sich zu verhalten hat, wenn Tito in die Stadt kommt? Punkt eins: Schm�cken wir unsere Terrassen und stellen wir so viele Gr�npflanzen wie m�glich aus! Nehmen wir alles andere au�er den Gr�npflanzen, zum Beispiel Unterhosen, Bettw�sche etc., von den Terrassen! Ja wo gibt es denn so was! Der ist auch gut, Punkt vier: Jeder soll mindestens eine Blume mitbringen, die auf die Stra�e zu werfen ist, und zwar hundert Meter vor dem ersten Wagen in Titos Kolonne. Auf den Wagen vom Genossen Tito darf auf keinen Fall etwas geworfen werden. Aleksandar, ich habe das alles nie gebraucht und du hast doch bestimmt immer noch Ambitionen dieser Art. Slavko und du seid zwar niemals �ber das Warenkapitel im �Kapital� hinausgekommen, ohne beide einzunicken, aber du hast daraus ganze Passagen auswendig zitiert. Und deine blaue M�tze und das rote Halstuch hast du sogar dann freiwillig getragen, wenn kein Feiertag war. Auch dann noch, als die Pionieruniform gar nicht mehr Pflicht war, H�nde hinter dem R�cken verschr�nkt, wie es dein Opa immer getan hat. Beim Abschlussfest in der vierten Klasse warst du der Fahnentr�ger. Die halbe Schule ist hinter dir und der Roten Fahne marschiert. Deine Ohren haben vor Gl�ck und Aufregung gegl�ht. Die Fahne war riesig. In einer Marschpause wurde ein Gedicht �ber die Stirn von irgendeinem Kommandanten aufgesagt, da hast du dich hingesetzt und die Fahne auf dem Boden abgelegt. Es gibt ein Foto, wie du dich vor der Fahne ausruhst. Das Foto m�chte ich unbedingt � dir � schicken. Sag mal, �ffnen die Deutschen immer noch alle Pakete aus Jugoslawien? �berwachen sie uns immer noch? Ich m�chte dich nicht in die unangenehme Lage bringen, erkl�ren zu m�ssen, wozu du das Material brauchst. Slavko sollte eine Rede beim neunten Kongress des BdKJ halten. Neunzehnsiebzig war das und keine kleine Sache. Es ist dann aber leider kein Referent krank geworden. Diese Rede m�chte ich unbedingt � dir � schicken. Die Rolle und die Perspektiven von Ehe und Familie im Proletariat! Ach, Slavko und seine Perspektiven! Die Mutterfrage! Die Erziehungsfrage! Die sexuelle Frage! Hochaktuell! Slavko war emp�rt �ber die Tugendheuchelei der Bourgeoisie! Und ich � ich war seine stolze Genossin! Ach, mein Slavko � Aleksandar, wann heiratest du endlich?</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Als alles gut war</strong></p><empty-line/><p>von Aleksandar Krsmanovi�</p><empty-line/><empty-line/><p>Mit einem Vorwort von Oma Katarina</p><empty-line/><p> und einem Aufsatz f�r Herrn Fazlagi�</p><empty-line/><p><emphasis>F�r meinen Opa Slavko</emphasis></p><empty-line/><p><strong>A</strong>leksandar, du warst vier. Du hast bei uns geschlafen. Zwischen Opa und mir. Hattest du so am liebsten. Opa musste fr�h weg. Parteikomitee. Du hast gequengelt. Du wolltest mit. Er hat dir etwas zugefl�stert. Du bist ruhig geworden. Hast gelacht, gelacht hast du. Deine Mutter ist sp�ter zu uns gekommen. Sie wollte mit dir zum Fris�r. Sie wusste, dass Opa nicht da war. Sonst nahm er dich immer mit. Und dann kam nichts weg. Den Denkern fallen Haare in die Stirn. So war dein Opa. Mama und ich sind in die Nachbarschaft auf einen Kaffee. Zu Amela. Zeitverschwendung, hast du gesagt. Du bist oben geblieben. Du hast deine kleinen Autos sortiert. Du hast mit ihnen nie richtig gespielt, hast sie immer nur umgeparkt. Zu jedem Auto hast du etwas erfunden. Wo es herkommt. Wer es f�hrt. Welche Probleme die zickige Fahrerfrau hat. Der Auspuff vom Porsche hat Partisanenlieder ger�hrt. Wir sind nach einer Stunde zur�ckgekommen. Die Autos waren nicht geordnet. Sie lagen einfach da. Du lagst da, vor Slavkos Sofa. Du hast ferngesehen. Der Ton war leise und die Autos nicht in Ordnung. Du hast den Fernseher ausgeschaltet. Du hast dir das Haar aus der Stirn gestrichen. Die Autos lagen herum. Ich habe die Vase sofort gesehen. Dass sie nicht da war, auf dem Fensterbrett. Und nirgendwo sonst. Auch hast du nicht gesaugt. Weil du vor Staubsaugern Angst hattest. Vor Waschmaschinen auch. Die winzigen Scherben im Teppich. Du hast danach nie von der Vase gesprochen. Ich habe danach nie von der Vase gesprochen. Und Opa ist die Vase wahrscheinlich nie aufgefallen. Dass sie nicht mehr da war. Obwohl sie sein Geschenk war. Das wusstest du. Er hat drei Tage lang Blumen f�r mich gepfl�ckt. Er hat die ganze Wohnung mit Blumen ausgeschm�ckt. Ich habe nie davor und nie danach so viele Blumen auf einmal gesehen. Und in der Vase war roter Mohn gewesen. Die Autos lagen da. Du hast dich angezogen. Ich habe dich angesehen. Du hast gesagt, dass ihr jetzt zum Fris�r geht. Deine Mutter hat sich gewundert. Ich habe nichts gesagt. Ich habe dich nicht auf die Stirn gek�sst. Ich habe dir nicht gesagt, dass es am Abend warme Milch geben wird. Du hast immer genau zw�lf Minuten gewartet und dann hast du warme Milch getrunken. Ich habe dir nicht gesagt, dass alles in Ordnung ist. Dir nicht gesagt, dass du ein Kind bist. Dir nicht gesagt, dass du unsere Sonne bist und wegen ein paar Scherben keine Angst haben musst. Dir nicht gesagt, wie ich mich freue, wenn du zwischen Opa und mir schl�fst. Und dir nicht gesagt, wie ich mich freue, dass du jeden Tag mit f�nf Fragen beginnst. Bevor du uns guten Morgen w�nschst, f�nf Fragen. Was hast du blo� immer in deinen Tr�umen gemacht? Ich habe dir nicht gesagt, dass alles gut ist. Ihr seid gegangen. Ich habe die Milch aufgesetzt. Ich habe deine kleinen Autos umgeparkt. Den Ferrari nach vorne gestellt. Sein Fahrer ist ein W�stennomade mit einem sehr kranken Gro�vater. Der liegt in einem Zelt in einem blockfreien afrikanischen Staat. Mit schwacher Stimme sagt er zu seinem Enkel: meine Sonne, ich sterbe bald, habe aber einen letzten Wunsch. Es gibt einen fernen Ort, da ist das Wasser fest. Du kannst es werfen wie einen Stein. H�ltst du den Stein lang genug in der Hand, verwandelt er sich in weiches, kaltes Wasser. Bevor ich sterbe, will ich einmal einen solchen Stein trinken. Bring ihn mir, meine Sonne. Seitdem irrt der junge Nomade in seinem Ferrari durch die Welt und sucht einen Weg, seinem Opa Steinwasser in die W�ste zu bringen. Deine Geschichte aus einer Zeit, als niemand dachte, dass nichts in Ordnung war. Als alles gut war.</p><empty-line/><p>Deine Oma Katarina</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Eis</strong></p><p><strong>E</strong>is gibt es immer, dieses Eis gibt es nicht immer, es ist mein Lieblingseis und hat einen Lieblingsnamen: Stela. Wenn ich eine Schwester dann habe, sage ich zu meiner Mutter und pule mit dem blauen Plastiksch�ufelchen im Eisbecher, dann hei�t sie Stela, ja? Habe ich zugenommen?, fragt mich meine Mutter erschrocken, und ich sage: nein, aber in dieser Familie habe auch ich etwas zu sagen.</p><p>Meine Geburt wurde von meinem Vater verschlafen und meine Mutter war sofort danach ohnm�chtig geworden, so viel Blut und Schei�e auf einmal habe sie einfach nicht vertragen, so dass der einzige anwesende und bei Bewusstsein gebliebene Verwandte, mein Onkel Bora, mit vollem Recht sofort ausgerufen hatte: Aleksandar soll er hei�en, der h�ssliche Drecksack.</p><p>Ich war da zwar noch sehr klein, aber so einen Satz vergisst du niemals.</p><p>Mein Lieblingseis Stela ist ein Vanilleeis. Es kommt in einem blauen Becher. Im Eisk�hlschrank liegen � in Plastik eingepackt � farbige Sch�ufelchen. Wenn man Stela kauft, kann man sich ein farbiges Sch�ufelchen nehmen, kostenlos. Blau ist mein Favorit. Stela ist ein schwangeres Eis. Es tr�gt ein Geheimnis. Irgendwo vergraben in der Vanille, manchmal ganz oben, manchmal in der Mitte, manchmal am Boden, versteckt sich eine eisige, dunkelrote, saure Sauerkirsche.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wunsch</strong></p><p><strong>M</strong>eine Eltern wissen nichts davon. Ich bin in der Moschee. Ich wei�, wie es geht: auf den Knien an etwas Sch�nes denken, das noch nicht wahr geworden ist. Sich das Sch�ne mit jeder Verbeugung w�nschen. Mach, dass es wahr wird! Die Moschee ist mit bunten Teppichen ausgelegt, von au�en eine Rakete, von innen ein Magen. Ich habe Angst. Ich bin etwas Besonderes, denn ich trage als Einziger Schuhe. In der Moschee ist nicht April, nicht Fr�hling. Ich verbeuge mich und verbeuge mich und verbeuge mich.</p><p>Mach, sehr geehrte Moschee, mach, dass Roter Stern Meister wird. Mach, sehr geehrte Moschee, mach, dass Roter Stern Meister wird. Mach, sehr geehrte Moschee, mach, dass Roter Stern Meister wird.</p><p>Mach, sehr geehrte Moschee, mach, dass Mama vergisst, wie Seufzen geht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Parade</strong></p><p><strong>D</strong>ie Pionierm�tze trage ich schief, ich bin ein wilder Pionier. Ich sitze vor der Roten Fahne, ersch�pft und sehr zufrieden. Der Chor singt die Internationale.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>1. Mai 1989 oder Das K�ken in der Pionierhand</strong></p><p><strong>I</strong>ch klettere auf den Sessel, streiche mir das Haar aus der Stirn und r�uspere mich:</p><empty-line/><p>Es ist der erste Mai,</p><empty-line/><p>die roten Flaggen streichelt der Wind</p><empty-line/><p>sie flattern deinen Namen: Tito.</p><empty-line/><p>Der Muttervogel legt ein Ei</p><empty-line/><p>in unser Nest aus Br�derlichkeit,</p><empty-line/><p>n�mlich auf meine Hand.</p><empty-line/><p>In der Pionierhand schl�pft das K�ken</p><empty-line/><p>es wird gleich muskul�s wie Rambo I</p><empty-line/><p>mit blau-wei�-rotem Gefieder und adriatischen Augen.</p><empty-line/><p>Es ist eine Taube f�r den Frieden</p><empty-line/><p>ein Adler ist es f�r den Kampf</p><empty-line/><p>ein H�hnchen f�r das Mittagessen.</p><empty-line/><p>Ein Dinosaurier ist es f�r die Kinder,</p><empty-line/><p>der Dinosaurier singt f�r Tito und die Arbeiterklasse</p><empty-line/><p>die Internationale.</p><empty-line/><p>Der Vogel frisst den ersten Mai</p><empty-line/><p>und weil der erste Mai Zukunft ist</p><empty-line/><p>wird der Vogel gro� und zuk�nftig</p><empty-line/><p>wie unser Jugoslawien.</p><empty-line/><p>Lese ich, streiche mir das Haar aus der Stirn, bedanke mich und klettere in Opa Slavkos Applaus hinunter.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Es gibt keine Partisanen mehr</strong></p><p>Es gibt Kommissare. Es gibt Uniformen und Soldaten darin und Maschinengewehre davor und Gener�le. Es gibt den roten, f�nfzackigen Stern. Es gibt Paraden, es gibt den Volksbefreiungskampf, es gibt Schallplatten mit Liedern, die jeder auswendig kann. Es gibt Schwarzbrot und Schlangen f�r das Schwarzbrot, und es gibt den Opa, der mit den Partisanen alles M�gliche und Unm�gliche befreit hat. Es gibt die Pionierm�tzen, die aussehen wie Partisanenm�tzen, nur sind sie blau, und ich trage meine auch dann, wenn ich nicht muss. Es gibt wei�e Schokolade mit N�ssen, es gibt in der K�che die gro�e orangenfarbene Gasflasche, wir spielen Basketball, der Ring von der Gasflasche ist der Korb, ich hei�e Dra�en Petrovi� und treffe jeden Dreier. Auf der Gasflamme kocht Oma Milch auf. Ich warte immer genau zw�lf Minuten und trinke warme Milch, auf der anderen Platte kocht Oma Bettlaken auf. Es gibt Verbandszeug im Bad, es gibt im Hof einen Riesenm�lleimer, der nicht sehr oft geleert wird, es gibt Indianer, es gibt Motorradfahrer in Lederjacken, die manchmal in der Stadt Pause machen und den M�dchen nicht anders nachgucken als unsere Jungs. Es gibt bei uns um die Ecke das gr�ne Haus mit dem merkw�rdigen Dach. Es gibt die Japaner, die einzigen Japaner, die sich jemals in unsere Stadt verirrt haben, stiegen im gr�nen Haus mit dem merkw�rdigen Dach ab, niemand hat gesehen, ob sie es jemals wieder verlassen haben. Es gibt heimlich gemalte Hakenkreuze, so verboten, dass jedes gehakenkreuzte Papier zerkn�llt wird und im M�ll landet. Es gibt die Drina. Es gibt stundenlanges Anderdrinasitzen und angeln. Es gibt in der Drina Welse, ich kenne einen mit Schnurrbart und Brille. Es gibt Computerspiele, die hei�en �Boulder Dash� oder �Space Invaders� oder �International Soccer�, ich breche einen Rekord nach dem anderen. Es gibt zum Geburtstag ein Fahrrad, mein erstes: �Pony�, gr�n und schnell. Ich fahre im Kreis, ich bin ein Sprinter mit dicken Beinen und engem Trikot. F�r das Trikot werde ich ausgelacht, aber was wissen Unwissende �ber Erodimanik. Es gibt Plastikt�ten. Meine Oma wirft keine Plastikt�te weg, sie w�scht sie aus, wenn Schafsk�sewasser ausgelaufen ist, sie verwahrt sie in einem bodenlosen Raum namens �pajz. Sie hebt alles auf, sie sagt: man wei� nie, welche Zeiten kommen. Es gibt eine Idee, mein Vater sagt: ich mache einen Laden auf f�r K�nstlerbedarf. Es gibt den K�nstlerbedarf, es gibt den Sonntagnachmittag, als mir Ne�os Schwester Elvira hinter einem Grabstein auf dem Megdaner Friedhof gezeigt hat, wie der Unterschied zwischen mir und ihr aussieht.</p><p>Er sieht nicht gut aus.</p><p>Es gibt mich, der so getan hatte, als w�sste er das nicht schon lange.</p><p>Es gibt auf dem Grabstein einen Partisanen. Er steckt in einem kleinen runden Rahmen, guckt ernst und tr�gt die M�tze mit dem f�nfzackigen Stern.</p><p>Partisanen aber gibt es keine mehr.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Eine sch�ne Reise</strong></p><p><strong>M</strong>it meinen Eltern fahre ich jeden Sommer nach Igalo. Die ganze Fabrik, in der mein Vater arbeitet, f�hrt nach Igalo. Das Syndikat verschiebt f�r einen Monat die Leute aus einer kleinen Stadt ohne Meer in eine kleine Stadt mit Meer. In Igalo gibt es eine K�nstlerkolonie. Der Einzige, der sich auf Igalo freut, ist also mein Vater. Die M�nner und die Frauen der K�nstlerkolonie tragen langes Haar und sonst nichts, und Vater ist deprimiert, wenn er zu Hause wieder eine Krawatte umbinden muss. Ob sich meine Mutter freut � auf Igalo oder auf �berhaupt irgendetwas �, ist schwer zu sagen.</p><p>�Familie, wir fahren dieses Jahr na-ach ��, rief letzte Woche mein Vater mit der Stimme eines enthusiastischen Fernsehmoderators und winkte mit den Hotelprospekten.</p><p>�Ach, Papa, du sprichst doch nur, weil ich Herrn Fazlagi�, Nicht-mehr-Genosse-Lehrer, beweisen soll, dass ich die Anf�hrungsstriche beherrsche.�</p><p>�Ja, und au�erdem spreche ich nie mit der Stimme eines enthusiastischen Fernsehmoderators.�</p><p>�� Igalo-o!�, sagte meine Mutter mit der Stimme einer m�den Fernsehmoderatorin, die das Elend ansagt, an dem sie nichts �ndern kann, und ging packen.</p><p>Die wirklich sch�ne Reise h�tte dieses Jahr stattfinden k�nnen, wenn Mister Spok h�tte mitkommen d�rfen. Eine sch�ne Reise f�r Mister Spok, den Chefgenossen der Stadts�ufer, der nie irgendwohin verreist. Wenn ich Mister Spok �ber die Stra�e torkeln sehe, muss ich an meinen Opa Rafik denken, was schwer ist, weil ich Opas Gesicht nicht erinnere, sondern nur eine Geschichte �ber einen Ertrunkenen kenne. Ein Frosch tut mir Leid, weil er nicht versteht, dass man ihn gerade anz�nden will, Onkel Bora tut mir Leid, weil er sich zwingt, eine Kniebeuge zu machen, es aber nie schafft, Sie, Herr Fazlagi�, tun mir Leid, weil Sie bald verlernen werden, wie das Lachen funktioniert, wenn Sie nicht aufh�ren, so verbissen zu sein. Und Mister Spok tut mir Leid, weil er sagt: �Ich bin mieser dran als ein K�ter, ich habe nicht mal ein Rudel. Alles um mich herum ist aus Stein � Stra�en, Berge, Herzen, ich habe nie ein Meer bei mir.�</p><p>Ich wollte Herrn Spok das Meer geben, das w�re die sch�nstm�gliche Reise f�r ihn. Ich schrieb �Gewinnspiel� auf eine bunte Postkarte, �Mister Spok� und �Igalo�. Ich gratulierte Mister Spok, ohne ihm die Hand zu geben. Das war der schwierigste Teil. Ich lud Mister Spok zu uns ein, damit er duschen und sich k�mmen konnte. Nach dem ersten Duschen bat ich ihn, noch einmal zu duschen. Den geduschten und gek�mmten Mister Spok fragte ich, ob er w�sste, wie man sich rasiert, aber er wusste es nicht. Ich �bergab ihm als Teil des Gewinns einen der zwei Anz�ge aus dem Kleiderschrank meines Vaters und gleich vier Krawatten, weil ich wusste, wie sehr Vater Krawatten hasste. Ich zog mir die Hose an, die meine Eltern f�r meine beste hielten. So vorbereitet, geduscht, gek�mmt und n�chtern warteten Mister Spok und ich im Wohnzimmer auf meine Eltern. Ich fragte Mister Spok, ob er auf Kommando weinen k�nne.</p><p>Meine Mutter kam zuerst und fragte blo�, ob Mister Spok Vegetarier sei. �Ich esse alles�, antwortete er, und ich gab ihm einen Apfel, zwei Scheiben Brot und zwei Eier, die konnte er sich sp�ter kochen, daf�r war jetzt keine Zeit, schon kam Vater durch die T�r. Mit der Moderatorenstimme rief ich: �Familie, wir fahren dieses Jahr nach Igalo, und zwar mi-it �� Ich zeigte auf Mister Spok, der daraufhin f�rchterlich zu weinen begann. Bittend hob ich die Augenbrauen und umarmte meinen Vater, was uns sicher beiden sehr seltsam vorkam.</p><p>�Aleksandar, in mein Atelier!�, befahl er, und Mister Spok h�rte auf zu weinen. �Das ist wirklich sozial�, lie� er mich wissen, �leider ist es so, dass nur Familienangeh�rige in den Genuss der Syndikatsangebote kommen. Herr Spokovi� kann nicht mit, es tut mir Leid.�</p><p>�K�nnt ihr nicht Mister Spok adoptieren? Das w�rde gleich zwei Probleme l�sen: er k�nnte mit nach Igalo, und ich w�re nicht mehr Einzelkind.�</p><p>�Das sind keine wirklichen Probleme, Sohn.�</p><p>�Das ist auch kein wirkliches Gespr�ch, Vater.�</p><p>�Gr�� mir Herrn Fazlagi�.�</p><p>�Mach ich.�</p><p>�Das Thema hast du trotzdem verfehlt.�</p><p>�Aber formal habe ich alles richtig gemacht.�</p><empty-line/><p>Aleksandar Krsmanovi�</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wie man verschwindet</strong></p><p><strong>I</strong>m besseren Deutschland ist eine Wand umgefallen und ab jetzt gibt es nur noch das schlechtere Deutschland. Der Wand musste das fr�her oder sp�ter passieren. Sagen alle. Onkel Bora, der Gastarbeiter, wie ihn jede Familie braucht, sagt: das schlechtere Deutschland sei f�r ihn eh besser, weil es ihn bezahlt und weil es da hundert gleiche H�user in einer Reihe gibt, so dass niemand neidisch ist, und eine �bersichtliche Verkehrsf�hrung gibt es, und die Ampeln stehen nicht nur da, sondern k�nnen wirklich Gr�n, und es gibt Lothar Matth�us und Tanpons, die Tante Taifun passen. Das sind kleine Wattest�bchen, die schiebt sich Tante Taifun in den Arsch, um sich ein bisschen zu bremsen. Bei uns gibt es zwar manchmal auch Tanpons, aber bei zu schnellen Leuten greifen die vielleicht nicht richtig, ich wei� es auch nicht.</p><p>Weil das mit der Wand jetzt geregelt wurde, gibt es bei uns SIDA und einen Stromausfall. Auf der hohen Wand, die gar nicht umgefallen aussieht, schwenken fr�hliche Menschen schwarz-dunkelgrau-hellgraue Flaggen. W�hrend die sich da oben freuen, arbeiten andere unten noch und klopfen Steinchen aus der Wand. Mein Onkel Bora sagt: die Deutschen arbeiten halt immer.</p><p>Deutschland sieht sehr verstopft aus, �berall Menschen, man erkennt die Stra�e gar nicht mehr.</p><p>Jetzt wieder der Nachrichtensprecher mit dem ordentlichen Haar. Er sagt: Epidemie, und sagt: USA, und sagt: Geschlechtskrankheit, und sagt: in Jugoslawien weitere vier F�lle best�tigt. SIDA, sagt er und hebt eine Augenbraue. Astronauten sehen jetzt in kleine Teleskope und jemand sagt: Virus, und: Blut, und: t�dlich.</p><p>Weil die Wand im besseren Deutschland umgefallen ist, kommt alles Schlimme zu uns! Auch der Stromausfall kommt zu uns � Oma erschrickt, Ton aus, der Fernseher knistert nur noch, alles schwarz. So muss es circa sein, wenn man lebt und dann auf einmal nicht mehr lebt. Man erschrickt ein bisschen und irgendjemand z�ndet eine Kerze an. Das macht bei uns Opa, und die Gesichter am Tisch bekommen im Kerzenlicht die Farbe gebratener Kartoffelh�lften, die SIDA haben. An einem Abend lerne ich wie W�nde umfallen, wie Menschen umfallen und sogar wie das Licht umf�llt: immer ist eine Krankheit zust�ndig und dem Umfallen folgt das Verschwinden. Das bessere Deutschland ist krank geworden und verschwunden. Ich verstehe Verschwinden. SIDA ist eine stolze Krankheit, sie kennt nicht einmal Kleinbuchstaben und gibt sich nicht ab mit so etwas wie Husten und Hundestreicheln. Ihr ist unser Blut wichtig.</p><p>Ich lege mich auf den Teppich. Im Liegen kann ich nicht umfallen oder mir in den Finger schneiden und SIDA bekommen. Trotzdem warte ich, w�hrend Opa Slavko, Oma Katarina, Tante Taifun und Onkel Bora Romm� im Kerzenlicht spielen, ich warte, dass ich verschwinde.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Warum �ika Doktor jemandem die Wade aufgeschnitten hat</strong></p><p><strong>M</strong>otorradfahrer d�sen durch Vi�egrad. �sterreicher, Schweizer, Italiener. Die Deutschen haben die gr��ten Maschinen. Michael f�hrt Kawasaki, J�rgen f�hrt Honda. �ika Doktor sagt: Deutschland und Japan sind immer schon gut befreundet gewesen, erinnern sich aber ungern daran.</p><p>Manchmal sitzen die auch zu zweit drauf, sie sind ganz aus Leder. Im Restaurant M�ndung trinken die ledernen Motorradfahrer eine Limonade und finden unsere Fl�sse gut. �ika Doktor, den wir so nennen, weil er jemandem die Wade aufgeschnitten hat, zwinkert uns zu: das ist nicht nur Limonade, was ich den Motorradfahrern ausschenke. Hat �ika Doktor keine G�ste und nichts zu tun, setzt er sich in den Hotelgarten, l�sst sein Taschenmesser auf- und zuschnappen und schl�ft in der Sonne ein.</p><p>Wir z�hlen f�nfzehn Motorradfahrer seit Juni, aber wir stehen auch nicht immer nur da und z�hlen Motorradfahrer.</p><p>Da ist etwas von mir drin, weiht uns �ika Doktor in das Geheimnis seiner Limonade ein. Er sagt nicht, welcher Teil von ihm es ist, und wir w�rden es den ledernen Deutschen sowieso niemals verraten k�nnen, da W�rter bei ihnen zu Hause aus ideologischen Gr�nden anders sind, als hier bei uns, wo niemand so ein Motorrad f�hrt, weil sich niemand in den komischen Lederklamotten auf die Stra�e trauen w�rde.</p><p>Edin und ich teilen uns eine Limonade beim �ika Doktor, sitzen breitbeinig da und tun so, als w�ren wir Deutsche. Hans kugl kluf nust lust bajern minhen danke danke. Damit �ika Doktor uns vielleicht verr�t, welchen Teil von sich er immer in die deutsche Limonade macht.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Warum Vukoje Wurm mit der drei Mal gebrochenen Nase meine Nase nicht bricht</strong></p><p><strong>H</strong>eute hat man Tito aus den Klassenzimmern abgeh�ngt, und Vukoje Wurm versprach, mich nach der Schule zu brechen.</p><p>Es klingelt zum Ende der letzten Stunde. Alle st�rmen aus der Klasse, Vukoje zeigt auf mich und streicht mit dem Daumen quer �ber seinen Hals. Edin zuckt mit den Schultern. Ich stelle mich neben dich, sagt er, dann muss er auf zwei einpr�geln und wird schneller m�de.</p><p>Edin hat die besten Ideen.</p><p>Vukoje Wurm mit der drei Mal gebrochenen Nase wartet im Schulhof. Er ist nicht allein. Vukoje, altes Haus, wie geht es dir?, rufe ich ihm zu. Vukoje zieht seine Jacke aus, schn�rt seine Stiefel, schubst mich mehrmals und fragt, ob ich lieber Tritte, Schl�ge oder W�rge h�tte. Sofort umringt uns eine Sch�lertraube.</p><p>W�rge, weil es keine W�rge gibt, antworte ich.</p><p>Gute Antwort, sagt ein hoch gewachsener junger Mann, tritt aus der Sch�lerschar und baut sich vor Vukoje auf. Er �berragt ihn um drei K�pfe. Zisch ab, zischt er Vukoje an, sonst macht diese meine Stirn Pudding aus dieser deinen.</p><p>Vukoje bleibt stehen, stemmt die H�nde in die Seiten. Auf seinem Nasenr�cken zieht sich eine Perlenschnur Sommersprossen. Er spuckt einen d�nnen Faden seitlich aus und zeigt drohend mit dem Finger auf mich. Erst, als Vukoje mit seinen Leuten langsamen Schrittes davontrottet, erkenne ich meinen Retter. Damir Ki�i�. Damir gilt als das gr��te Fu�balltalent, das unsere Stadt je hervorgebracht hat, und er war sogar mal auf unserer Schule.</p><p>Danke!, sage ich, nachdem sich auch die anderen Sch�ler mit entt�uschten Gesichtern auf den Nachhauseweg gemacht haben.</p><p>Ich h�tte es ja eigentlich gern gesehen, sagt Damir.</p><p>Guhkoh, ruft Edin wie ein Kuckuck, faltet seine H�nde und l�sst die Kn�chel knacken. Gegen uns h�tte Vukoje eh keine Chance, sagt er.</p><p>Damir, was machst du in der Stadt, ich dachte, du spielst jetzt in Sarajevo?, frage ich.</p><p>Damir lacht. Nennt mich Kiko, sagt er.</p><p>Kiko, stimmt das eigentlich, was die Leute erz�hlen? Dass du den Ball mit dem Kopf so oft wie du willst hochhalten kannst?, fragt Edin. Die �bertreiben doch.</p><p>Wir k�nnen ja wetten � Kiko kratzt sich an der Stirn, und die Wette ist eine, die wir unm�glich verlieren k�nnen. Kiko lacht, das K�gelchen unter der Haut in seinem Hals springt auf und ab, und wir schlagen ein.</p><empty-line/><p>Sonntag, zw�lf Uhr. Der Schulhof ist leer, bis auf ein M�dchen, das vorsichtig ihre ersten Runden mit dem Fahrrad dreht, von der Mutter am Sattel festgehalten.</p><p>Edin bringt den Ball mit. Wir schie�en ein paar Mal aufs Tor.</p><p>Meinst du, er kommt?, fragt Edin.</p><p>Klar kommt er. Hast du das Geld?</p><p>Sommer ist, wenn der Ball aufsetzt und es so hei� ist, dass die Hitze ein Raum wird, in dem das Leder gegen den Beton klatscht und es einen Hall gibt. W�re ich F�higkeitenzauberer, w�rden Winter und Herbst zwei Feiertage sein, irgendwann im November, Fr�hling w�re ein anderes Wort f�r den April, und der Rest des Jahres h�tte die F�higkeit, Sommer zu sein, damit das Leben hallt, der Asphalt schmilzt und Mutter mir Joghurt auf meinen Sonnenbrand schmiert.</p><p>Da ist er. Gib mal das Geld!</p><p>Hallo, Jungs!</p><p>Hallo!</p><p>Ganz sch�n hei�, was?</p><p>Ja.</p><p>Habt ihr die Kohle?</p><p>Brauchst nicht nachz�hlen, sage ich und reiche Kiko das B�ndel. Er f�hrt sich mit Zeigefinger und Daumen �ber die Zunge und sortiert die zusammengekn�llten Scheine auf der Hand. Reicht mir seinen Einsatz. Du z�hl lieber nach.</p><p>Alles da, sage ich.</p><p>Dann kann es ja losgehen.</p><p>Moment! Edin hat ein Lineal in der Hand. Er legt es Kiko an den Fu� und arbeitet sich �ber den Unterschenkel, Oberschenkel, �ber die H�fte bis zum Kopf hinauf. Daf�r muss er sich schon ordentlich strecken. Die Mutter hat das M�dchen losgelassen; es schreit und f�hrt schlenkernd, wird langsamer und rutscht nach vorne, bremst mit den F��en ab. Die Mutter klatscht, die Kleine zetert: du hast mich nicht gehalten, du hast mich losgelassen, schreit sie, noch mal!, will sie.</p><p>Edin sagt: hundertzweiundneunzig.</p><p>Seit letzte Woche vier Zentimeter gewachsen, nicht schlecht, grinst Kiko, zieht sein Hemd aus und wirft den Ball hoch. Eins, zwei, z�hlt Edin, drei, vier, und die Hitze ist ein schreiendes M�dchen auf einem Fahrrad, f�nf, sechs, z�hlt er, und der Sp�tsommer ist eine hundertzweiundneunzig Zentimeter gro�e Wette, sieben, acht, z�hlt er, und das M�dchen ruft: Mama, schau, ich fahre, ich fahre, ich kann es!, neun, zehn, z�hlen wir, und bei zehn beginnt Kiko zu pfeifen, elf, zw�lf, er steht fast regungslos da, zieht blo� den Kopf immer ein wenig ein, kurz bevor der Ball seine Stirn ber�hrt, bei der dreizehn k�pft er ihn hoch in die Luft, sonst bringt es Ungl�ck, ruft er, und der Ball fliegt und fliegt und Edin sagt: vierzehn, f�nfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, f�nfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, drei�ig, einunddrei�ig, zweiunddrei�ig, dreiunddrei�ig, vierunddrei�ig, f�nfunddrei�ig, sechsunddrei�ig, siebenunddrei�ig, achtunddrei�ig, neununddrei�ig, vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig, dreiundvierzig, vierundvierzig, f�nfundvierzig, sechsundvierzig, siebenundvierzig, achtundvierzig, neunundvierzig, f�nfzig, einundf�nfzig, zweiundf�nfzig, dreiundf�nfzig, vierundf�nfzig, f�nfundf�nfzig, sechsundf�nfzig, siebenundf�nfzig, achtundf�nfzig, neunundf�nfzig, sechzig, einundsechzig, zweiundsechzig, dreiundsechzig, vierundsechzig, f�nfundsechzig, sechsundsechzig, siebenundsechzig, achtundsechzig, neunundsechzig, siebzig, einundsiebzig, zweiundsiebzig, dreiundsiebzig, vierundsiebzig, f�nfundsiebzig, sechsundsiebzig, siebenundsiebzig, achtundsiebzig, neunundsiebzig, achtzig, einundachtzig, zweiundachtzig, dreiundachtzig, vierundachtzig, f�nfundachtzig, sechsundachtzig, siebenundachtzig, achtundachtzig, neunundachtzig, neunzig, einundneunzig, zweiundneunzig, dreiundneunzig, vierundneunzig, f�nfundneunzig, sechsundneunzig, siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig, hundert, hunderteins, hundertzwei, hundertdrei, hundertvier, hundertf�nf, hundertsechs, hundertsieben, hundertacht, hundertneun, hundertzehn, hundertelf, hundertzw�lf, hundertdreizehn, hundertvierzehn, hundertf�nfzehn, hundertsechzehn, hundertsiebzehn, hundertachtzehn, hundertneunzehn, hundertzwanzig, hunderteinundzwanzig, hundertzweiundzwanzig, hundertdreiundzwanzig, hundertvierundzwanzig, hundertf�nfundzwanzig, hundertsechsundzwanzig, hundertsiebenundzwanzig, hundertachtundzwanzig, hundertneunundzwanzig, hundertdrei�ig, hunderteinunddrei�ig, hundertzweiunddrei�ig, hundertdreiunddrei�ig, hundertvierunddrei�ig, hundertf�nfunddrei�ig, hundertsechsunddrei�ig, hundertsiebenunddrei�ig, hundertachtunddrei�ig, hundertneununddrei�ig, hundertvierzig, hunderteinundvierzig, hundertzweiundvierzig, hundertdreiundvierzig, hundertvierundvierzig, hundertf�nfundvierzig, hundertsechsundvierzig, hundertsiebenundvierzig, hundertachtundvierzig, hundertneunundvierzig, hundertf�nfzig, hunderteinundf�nfzig, hundertzweiundf�nfzig, hundertdreiundf�nfzig, hundertvierundf�nfzig, hundertf�nfundf�nfzig, hundertsechsundf�nfzig, hundertsiebenundf�nfzig, hundertachtundf�nfzig, hundertneunundf�nfzig, hundertsechzig, hunderteinundsechzig, hundertzweiundsechzig, hundertdreiundsechzig, hundertvierundsechzig, hundertf�nfundsechzig, hundertsechsundsechzig, hundertsiebenundsechzig, hundertachtundsechzig, hundertneunundsechzig, hundertsiebzig, hunderteinundsiebzig, hundertzweiundsiebzig, hundertdreiundsiebzig, hundertvierundsiebzig, hundertf�nfundsiebzig, hundertsechsundsiebzig, hundertsiebenundsiebzig, hundertachtundsiebzig, hundertneunundsiebzig, hundertachtzig, hunderteinundachtzig, hundertzweiundachtzig, hundertdreiundachtzig, hundertvierundachtzig, hundertf�nfundachtzig, hundertsechsundachtzig, hundertsiebenundachtzig, hundertachtundachtzig, hundertneunundachtzig, hundertneunzig, hunderteinundneunzig, hundertzweiundneunzig.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Warum �ika Hasan und �ika Sead unzertrennlich sind und womit auch der kl�gste Welsgelehrte nicht rechnen kann</strong></p><p><strong>�</strong>ika Hasan und �ika Sead angeln nicht aus Vergn�gen, sie angeln nicht aus Lust am Kampf mit dem Fisch, sie angeln nicht, weil sie Ruhe suchen, sie angeln nicht, weil man nichts Schlechtes denken kann, w�hrend man in der Drina angelt. Hasan angelt, weil er mehr Fische fangen will als Sead, Sead angelt, weil er mehr Fische fangen will als Hasan. Ich bin es, der aus all den anderen Gr�nden angelt, und weil mir gebratener Fisch schmeckt, und ich fange trotzdem mehr als die beiden zusammen.</p><p>Als Hasan nach dem Unfalltod seiner Frau das erste Mal Blut gespendet hatte, tat es ihm Sead ein paar Tage sp�ter gleich. Das ging immer so weiter und neulich lie� Hasan alle wissen, dass er seinen Freund l�ngst abgeh�ngt habe: 82 zu 53 Blutliter f�r ihn.</p><p>Ich stehe an der Br�cke und gehe mit Blutegeln auf Wels. In der Hitze des Fr�hsommers ist Hasans und Seads Weg von der Br�cke zu mir eine einzige riesige Diskussion. Ich h�re nicht genau, wor�ber die beiden streiten, nach den heftigen Gesten und Gespr�chsfetzen zu urteilen, geht es um Leben, Tod und Gurkensalat. Klares Wasser, Aleksandar!</p><p>Ihr Lamentieren unterbrechen sie, um aufzubauen: ein dreibeiniger Hocker und ein vierbeiniger Hocker, ein wei�er Angelkasten und ein schwarzer Angelkasten, Grash�pfer und W�rmer. Kaum sind ihre Posen im Fluss, geben sich die Streith�hne gegenseitig die Schuld, sie zu nah aneinander ausgeworfen zu haben. Es glaubt doch der bl�deste Huchen nicht, dass der Grash�pfer und der Wurm miteinander baden gehen!, sch�ttelt Hasan den Kopf.</p><p>Normalerweise st�ren mich beim Angeln alle Ger�usche, die nicht vom Fluss kommen, aber das Geplapper der beiden ist lustig und braucht einen Schiedsrichter, so dass ich st�ndig lachen muss und um ein Urteil gebeten werde, was nicht das Schlechteste ist. Unentschieden gibt es bei mir nicht. Das w�rde wom�glich dazu f�hren, dass sie aufh�ren und nur noch angeln, und das wollen weder sie noch ich, noch die Fische.</p><p>Und gerade als ich gefragt werde, ob ich eher f�r Sead bin, der sagt, Vegetarier h�tten einen an der Klatsche, oder f�r Hasan, der sagt: so schlimm sind die nicht und �berhaupt � es ist kein Fisch ohne Gr�ten und kein Mensch ohne M�ngel, da wird meine Pose so heftig unter Wasser gezogen, dass ich ohne nachzudenken, hart anschlage. Die Pose taucht gar nicht wieder auf, der Widerstand ist gewaltig, die Schnur spannt, und Hasan ruft: ach, du dicker � Er sieht, dass ich so einem Ruck nicht widerstehen kann, gezogen werde und ins Wasser rutsche, mich mit beiden H�nden an die weit gebogene Rute klammernd. Sead greift nach der Rute, ungeschickt, die Brille fliegt ihm von der Nase und landet im Fluss. Sofort l�sst er los und taucht suchend die Arme ins Wasser. Ich gebe endlich mehr Schnur, mehr Platz f�r das rasende Ungeheuer. Soll noch ein bisschen schwimmen k�nnen, soll erst mal noch ein bisschen schwimmen, aber gleich, mein Lieber, komme ich zu Atem.</p><p>Ein Fisch ist in einer Geschichte immer gr��er als in den H�nden des Anglers, der die Geschichte von dem Fisch erz�hlt, unterbricht Opa Slavko meine Erz�hlung.</p><p>Mein Fisch ist ein Wels und jetzt genauso gro� wie am Haken, leite ich in die Geschichte zur�ck, wie es mir Opa beigebracht hat. Dass es ein Wels ist, erkennen wir, als er sich nach einer Viertelstunde zum ersten Mal oben zeigt, mindestens zwei Meter sch�n! Und so kr�ftig wie ein Hasan und ein Aleksandar zusammen, oder ein Sead und ein Aleksandar, nie aber wie ein Hasan und ein Sead � das geht nicht, weil das sofort in einen Streit m�ndet, in dem die Angel vergessen wird.</p><p>Nach einer halben Stunde habe ich immer noch nicht den Wels, der Wels aber auch nicht mich oder Sead seine Brille. Der Fisch hat uns m�de gemacht, nicht wir ihn � sobald wir ihn n�her ans Ufer holen, schl�gt er mit dem kr�ftigen Schwanz, zerrt wie ein Hund rechts-links an der Schnur, taucht pl�tzlich ab, so dass sich die Rute gef�hrlich kr�mmt und die Schnur kurz vor dem Rei�en steht. Sead ist immer schweigsamer geworden und schl�gt vor, aufzugeben. Hasan ist immer redseliger geworden und zieht jetzt, da Sead aufgeben will, Hemd und Hose aus, macht f�nf Kniebeugen und springt in den Fluss. Die Sonne steht hoch, es ist hei�, Hasan taucht auf. Junge, gib jetzt alles, den holen wir uns!</p><p>Ich kurbele die Schnur ein, bis das Gewicht zu sp�ren ist, der Wels sp�rt meines, zieht nach links, diesmal nicht, ich gebe Kontra, wie weh das dem Fisch tun muss! Diesmal nicht, denkt sich auch der Wels, zieht voll in die Str�mung, ich � zwei Schritte vor, den Fu� gegen einen Stein. Sead springt mir zu Hilfe, lassen Sie, sage ich und rei�e an der Angel, bis sie ein C in der Luft schreibt, das ist pers�nlich, jetzt � oder er hat es verdient, st�hne ich. Hasan n�hert sich, kraftvoll mit den Armen ausholend, der Stelle, an der die Schnur aus dem Fluss kommt. Meine Arme zittern, die Angel zittert, bei jeder Umdrehung der Spule warte ich auf das zackende Ger�usch. Ich sp�re mein Herz rasen, lasse keinen Zentimeter nach. Als gebe er das Zeichen f�r diese letzte Runde, wirft sich der Wels aus dem Fluss, gibt an mit seinen hellen Narben im schwarzen, schuppenlosen R�cken, mit seiner Sprungh�he, mit seinen gelben, herausfordernden Augen: ich habe die Sch�nheit eines gelehrten Mannes, und das ist nicht der einzige Kampf, den ich gewonnen haben werde. Er rechnet mit mir und kennt jeden meiner Tricks, er rechnet aber nicht mit den verr�ckten Vi�egradern. Mit letzter Kraft halte ich ihn an der Oberfl�che, alles will rei�en, die Rute, die Schnur, meine Arme. Hasan taucht ein und mit ihm taucht der Fluss in eine gro�e Stille.</p><p>Nichts zu sehen. Kein Hasan, kein Wels. Die Schnur lockert sich, beschreibt einen Bogen auf der Oberfl�che. Vorbei, denke ich, weg. Aber mit einem Mal bricht der Wels aus, zieht wieder an, wuchtig stemmt er sich mir entgegen, �berrascht mich � ich lasse nicht los, falle, schlage mit dem Kopf auf, der Griff entgleitet mir, aus meinem Kinn tropft Blut, und im Fluss, nicht weit vom Ufer in der kalten Drina, ringen Hasan und der Wels auf der Oberfl�che, ein Stechen und Spritzen und Strudeln und Sichwinden. Im Liegen schnappe ich nach der Rute, werde auf dem Bauch in den Fluss gezogen. Sead greift nach meinen Beinen, stachelt mich an: Junge, hol ihn da raus! Unter Wasser kurbele ich weiter, jetzt nur ein Gewicht, keine Gegenwehr am Haken. Sead zieht mich ans Ufer, vor uns taucht erst das wenige an Hasans Haar aus dem Wasser, dann sein Gesicht, mit Tang bedeckt, schlie�lich in seiner Umarmung: der Wels. Der Wels mit Schnurrbart und Seads Hornbrille auf der Nase.</p><p>Ich bleibe liegen, lache, lache, blute. Hasan lacht und spuckt Wasser und Matsch, bis zum Grund hat er mich �, sagt er. Am lautesten lacht Sead: Herr Gelehrter! Die steht Ihnen viel besser als mir, wischt er dem Wels die Brillengl�ser ab. Ich lege meine Hand auf den k�hlen, gro�en Fischkopf, streichle dem m�den Gelehrten �ber den R�cken und die lange Bauchflosse, �berlege, was von ihm ich behalten k�nnte, Schuppen hat er nicht und hat nichts mitgebracht.</p><p>Loslassen?, frage ich</p><p>Und Hasan und Sead sind zum ersten Mal einer Meinung.</p><p>Und, was hast du behalten?, fragt Opa.</p><p>Den Tag, sage ich und sehe ihn an.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wie sich Schachspiel zu Weltpolitik verh�lt, warum Opa Slavko wei�, dass morgen die Revolutionen kommen und wie es sein kann, dass manchmal etwas so schwer zu sagen ist</strong></p><p><strong>O</strong>pa Slavko und ich werfen als Erstes einige schlafende K�he um, dann spielen wir Schach auf einer umgefallenen Kuh, bis die Dame dem K�nig eine scheuert und mit dem schwarzen Bauer auf einem wei�en Springer nach Bulgarien durchbrennt, in die Heimat des schwarzen Springers an das Schwarze Meer. So viel schwarz-wei�!</p><p>Das kommt von der propagandistischen Schwarz-Wei�-Malerei in der Weltpolitik, Schach-Matt!, sagt Opa und schl�gt eine Zeitung auf, die in drei�ig Jahren gedruckt werden wird. Ich helfe derweil Ur-Oma mit einer Eiche. Sie schultert die Eiche auf und kocht Eichenbr�he. Erde tropft von den Wurzeln, ich pflanze Hackfleischpflaumen hinein.</p><p>Ist Propaganda nebenberuflich K�nstlerin?, rufe ich von der Drina, mit einem Wels ringend. Der Wels tr�gt Schnurrbart und Brille, und Opa sagt: Propaganda ist der Name einer M�rchenerz�hlerin.</p><p>Zeitungen und Opa verhalten sich zueinander wie etwas sehr Billiges, das jeder hat, zu etwas sehr Teuerem, das nur ich habe.</p><p>Aleksandar, wor�ber sprichst du eigentlich st�ndig mit der Drina? Opa setzt sich Johann Sebastians Per�cke auf und korrigiert im Sportteil Roter Stern auf den ersten Tabellenplatz.</p><p>Ich fl�stere es ihm zu und k�sse sein Haar, als sei er der Enkel. Opa riecht nach Kreuzwortr�tseln auf frisch gedrucktem Zeitungspapier und reicht mir eine Packung Stela-Eis.</p><p>Schafe sind nicht wirklich zu Boden gefallene Wolken, sage ich und f�hre Opa die Stimme Drinas vor. Die Stimme flie�t so kalt aus meiner Hand, dass Opa und ich ins Haus schwimmen und ein Bett mit Turzismen beziehen: �jastuk�, �jorgan�, ��ar�af� � Kissen, Decke, Laken. Die T�rken haben ihre Sprache zu uns gebracht, sagt Opa und winkt Marica Popovi� zu, die vor dem Fenster vorbeifliegt, und wenn man viel Zeit miteinander verbringt, redet man irgendwann �hnlich.</p><p>Mir sagt man nach, ich rede wie mein Opa. Ein gr��eres Kompliment gibt es nicht.</p><p>Mandeln sind die schlimmste K�rperpropaganda! Ich lege mich in das frisch bezogene Bett und huste. Ich leide an einer Mandelentz�ndung und verteile mir Spucke �bers Gesicht, damit man von einer nochniegeweinten Menge an Tr�nen ausgeht und mich nicht den Penicillinspritzen ausliefert.</p><p>Essig-Kartoffel-Wickel senken wirklich das Fieber. Opa bringt mir Mandarinen und Hackfleischpflaumen ans Bett, und erkl�rt: das hungrige Fieber wandert in die Waden.</p><p>Walross sagt: die einzigen Wickel, die helfen, sind Schnapswickel an den F��en, aber daf�r bist du zu jung. Es gibt nichts Schlimmeres, als durch die Sohlen besoffen zu werden.</p><p>Zieh dich an, wir fahren, befiehlt Vater.</p><p>K�nstler sind die unnachgiebigste Sorte Nebenberuf.</p><p>Auf dem Weg ins Krankenhaus halten wir an der Br�cke, weil Ivo Andri� gerade versucht, mit einem Pferd �ber die Drina zu springen. Ganz Vi�egrad ist da, und tanzt. Im Vorprogramm liefern sich Tante Taifun und Carl Lewis ein Rennen �ber die Br�cke. Der Nobelpreistr�ger gibt dem Pferd Wein zu trinken, und sie laufen an.</p><p>Ich werde niemals m�de, zuzusehen, wie sich Opa rasiert. Ich halte mich am Waschbecken und bekomme eine G�nsehaut am Kopf, so still sind mein Opa und ich.</p><p>Hufe schlagen gegen den Asphalt und Ivo Andri� hebt ab.</p><p>Meinst du, er schafft es?, fragt Opa und pfl�ckt drei Tage lang Blumen f�r Oma.</p><p>Schwer zu sagen.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Welches Versprechen ein Staudamm halten muss, wie die sch�nste Sprache der Welt klingt und wie oft ein Herz schlagen muss, um die Scham zu schlagen</strong></p><p><strong>F</strong>rancesco zog gegen�ber bei der alten Mirela zur Untermiete ein, und die alte Mirela packte ihre verstaubten Schminksachen aus, stellte fest, dass das Puder zerbr�selt und der Lippenstift unbrauchbar war, kaufte sich noch am gleichen Tag alles neu und zupfte mit rosigen Wangen an den Tomaten in ihrem Garten herum. Aus dem Garten konnte man prima in Francescos Zimmer sehen. An lauen Sommerabenden sa� Francesco auf der Veranda, sa� mit einem Riesenzirkel bewaffnet �ber Pl�nen von unserem Staudamm; er trug ein Unterhemd, und auf die Veranda konnte man vom Garten aus auch prima sehen. Die Frauen aus unserer Stra�e, sp�ter auch aus der ganzen Stadt, kamen vorbei, um der alten Mirela mit dem Gras, den Karotten, den Gurken und dem Kirschbaum zu helfen, ein Wunder der Botanik, was aus diesem bisschen Graugr�n innerhalb von einem halben Jahr erwuchs. Edin und ich nannten Mirelas Garten einen Urwald, und Edin schwor, auf einem K�rbis eine goldene Hornotter gesehen zu haben. Meine Mutter lugte hinter den Gardinen hervor, bevor sie zur Arbeit ging, weil Francesco � bevor er zur Arbeit ging � an der Kirsche in Mirelas Garten Klimmz�ge machte. Die Kirsche und die Wangen meiner Mutter bl�hten wie selten, also beschloss ich, mich mit Francesco entweder anzufreunden, oder ihn fortzujagen.</p><p>Eines Abends stellte ich mich an den Zaun und starrte Francescos R�cken so eindringlich an, dass mein Blick an seiner Wirbels�ule hoch in seinen Kopf kletterte und Francesco sich umsehen musste. Ich verstand ihn nicht, er verstand mich nicht. Ich zeigte auf den Ball, dann auf ihn, und sagte: Dino Zoff. Die Wette war einfach: hielt Francesco mindestens drei meiner f�nf Sch�sse, durfte er bleiben. Hielt er zwei oder nur einen, musste ich seine Pl�ne verbrennen und seinen Zirkel und sein Unterhemd im Garten bei den Erdbeeren vergraben, danach Fr�sche, Tauben und Katzen in seinem Zimmer einquartieren, alles kein Problem. Lie� er aber auch nur einen einzigen Schuss absichtlich durch, wollte ich unserem Metzger, Mislav Saki�, genannt Massaker, erz�hlen, dass seine Frau neulich unter der Kirsche ein Sommerkleidchen trug, mit ihrem Haar spielte und sehr lachte, bevor sie sich von Francescos Unterhemd verabschiedete.</p><p>So wurden Francesco und ich Freunde. Die unerm�dlichen G�rtnerinnen und die s��en Kuchenb�ckerinnen hatten keinerlei Interesse, Francesco vom Italienischen abzubringen � ganz im Gegenteil, also brachte ich ihm gleich am ersten Abend, nachdem er alle meine Sch�sse mit Leichtigkeit gehalten hatte, einiges bei. �Ich hei�e�, �ich bin Staudamm-Ingenieur� und �nein, bitte, ich bekomme wirklich keinen Bissen mehr runter� konnte er schon sagen. Ich zeigte in seinem W�rterbuch auf �Ehe�, auf �bisschen�, auf �Schn�rkel� und auf �Augenbraue�. Dann zeigte ich auf meine Ohren und sagte: Simpatiko, was nicht gelogen war und italienisch klang. Francesco sprach mir nach: Ich. Bin. Ein. Bisschen. Verheiratet. Aber. Meine. Frau. Hat. Bei. Weitem. Nicht. So. Barocke. Augenbrauen. Oder. So. Sympathische. Gro�e. Ohren. Wie. Sie.</p><p>Das sagst du, erkl�rte ich Francesco, wenn dir eine Frau gef�llt � ich zeigte auf mein Auge und luftbildhauerte die Umrisse einer Frau mit einem breiten Hintern, wie es M�nner machten, nachdem sie viel R�ucherfleisch gegessen hatten. Zu meiner Mutter und zu h�sslichen Frauen sagst du: ich bin �u�erst verheiratet, obwohl Sie �u�erst freundlich sind. Ich war schlie�lich nicht auf Francescos Veranda gekommen, um Limonade zu trinken � es galt einen famili�ren Auftrag zu erf�llen. Als uns die alte Mirela selbstgemachten Kirschkuchen auf die Veranda brachte, sagte Francesco zu ihr: obwohl �u�erst freundlich. Er hatte alles verstanden. Nachdem sie gegangen war, deutete er in seinem W�rterbuch auf �h�sslich�, auf �Frau�, auf �nein�, dann auf �Mann�, auf �Junge�, auf �nicht� und anschlie�end auf sein Auge und auf das Wort �lernen�. Francesco baute nicht nur Staud�mme, er war auch ein Chefgenosse der Liebe.</p><p>Seit diesem Abend besuchte ich ihn h�ufig. Das W�rterbuch lag zwischen uns auf dem Tisch, Francesco zeichnete, ich machte meine Hausaufgaben, trank Limonade oder las im Lexikon der Weltmusik. Francesco erkl�rte mir, dass Italien ein Stiefel sei. Ich malte eine Sandale, die zur H�lfte in der Adria steckte und schenkte sie ihm. Meine ersten S�tze auf Italienisch gingen so: Bella Sinjorina! Mi kjamo Alessandro. Posso offrirti una limonata? Ich sagte das zu Edin und legte die H�nde auf mein Herz. Edin sah mich an, als w�re ich ein Operns�nger oder ein Japaner in Vi�egrad, und entfernte sich sehr wortlos, sehr langsam und sehr kopfsch�ttelnd. Ich �be doch blo� f�r Jasna, rief ich ihm hinterher.</p><p>Ich versuchte Francesco zu erkl�ren, dass Italiener und Jugoslawen mehr als nur Nachbarn seien, denn wer sich so etwas Sch�nes wie ein Meer teilt und so etwas Gr�ssliches wie einen Zweiten Weltkrieg, der m�sse zum Beispiel miteinander mehr singen. Ich wei� nicht, ob er das verstand, bei Mussolini rief er: nonono! Ich mochte es, wie konzentriert er mit dem Stift am Lineal entlangfuhr, wie d�nn die Linien waren, die er zu Rechtecken schloss, oder wie er stundenlang Zahlen in den Taschenrechner geben konnte und halblaut �kvatro� sagte oder ��inkve� oder ��entomila�. �ber �mila� freute ich mich am meisten und sagte: siehst du, Francesco, Meer, Krieg und dasselbe Wort f�r lieb!</p><p>Mitte August kamen die Regen. Heftig, kurz, voraussehbar, nicht einmal die Grillen klangen �berrascht, wenn es gegen das Verandadach trommelte. Wir waren still, obwohl wir viel redeten � unsere Stimme war das Bl�ttern im W�rterbuch, wir zeigten auf die W�rter und bildeten S�tze mit L�cken bis nach Italien.</p><p>Es gab auch Abende, an denen wir nichts sagten, weder mit unserer Stimme noch mit der Stimme des W�rterbuchs. An einem solchen Abend schrieb ich einen langen Brief an Opa Slavko, in dem ich mich f�r die Stelle eines F�higkeitenzauberers in der Partei bewarb. Dem Brief h�ngte ich eine Liste von F�higkeiten an, die noch erzaubert werden m�ssen. Francesco trank Wein und zeichnete in seinen Pl�nen. Immer roch er zuerst am Wein, bevor er das Glas an die Lippen setzte, und als er mit der Arbeit fertig war, massierte er sich die Schl�fen, was mich m�de und zufrieden machte.</p><p>Ein anderes Mal nahm mich Francesco auf eine Wiese an der Drina, packte silbern gl�nzende Kugeln aus einer schwarzen Ledertasche und begann mit ihnen durch die Gegend zu werfen. Bo�a, sagte er. Erbrachte mir die Regeln bei und dass man zwar Bo�a sagte, aber �Boccia� schrieb. Ich versuchte, Francesco zu erkl�ren, dass wir Jugoslawen �berall sparten, sogar bei unserer Schrift, und dass zwei �c� nebeneinander einfach ein �c� zu viel sind. Schon am n�chsten Abend spielte Walross mit, eine Woche sp�ter waren wir zu sechst, dann zu acht. Francesco polierte die Kugeln, und Metzger Massaker sagte Dinge wie �Pallino� oder �Volo�. H�tte Francesco mehr als sechzehn Kugeln gehabt, die ganze Stadt h�tte bald Boccia gespielt. Ich war immer dabei, Francesco hatte das so beschlossen, einmal wurde ich sogar nicht sehr Letzter.</p><p>Ich schmierte mir Nivea ins Haar, damit es in die gleiche �lige Ordnung kam wie bei Francesco und lernte die Namen der italienischen Nationalspieler auswendig. Immer noch hielt er alle meine Elfmeter. Italienische Musik war langsam, und die S�nger litten sehr. Ich erfuhr, dass nicht alle Italiener schwarzes Haar haben und verriet Francesco, dass nicht alle Jugoslawen B�rek m�gen. Francesco roch nie nach Schwei� oder Waschmittel, daf�r immer nach dem gleichen, zitronigen Parf�m. Wenn ich einmal so alt wie Francesco sein werde, wollte auch ich Hemden mit einem Alligator darauf tragen und Schuhe, die immer gl�nzen, ich wollte nach der Zitrone aus einer Welt riechen, in der jedes Wort auf � i endet. Und eines Abends erz�hlte �ika Sefer, ein kleiner, eleganter Mann im Anzug und so etwas wie der Vizechefgenosse vom Staudamm, ausgerechnet bei uns zu Hause, dass Francesco M�nner liebte. Ich schaltete den Fernseher aus. Alles wurde anders, und das Anders hatte mit Francesco zu tun. Ich h�rte �ika Sefer zu und verstand nichts. �ika Sefer sorgte sich um etwas, das er Ansehen nannte und um etwas, das er Arbeitsklima nannte. Und anst�ndig, sagte er, ist das ja wahrlich nicht. �ika Sefer am�sierte sich �ber Francescos ordentliches Haar, und meine Mutter war �ika Sefers Echo: anst�ndig, sagte sie, ist das wahrlich nicht. So etwas h�tte ich wirklich nie gedacht.</p><p>Was �so etwas� und was �nie gedacht� im Schaukelstuhl, in dem Francesco die alten italienischen Zeitungen las? Was �so etwas� und was �nie gedacht� in unserer Stra�e, wo am n�chsten Tag meine Mutter mit den Nachbarinnen versammelt stand und verstohlen zu Francescos Veranda sah? Was �so etwas wirklich nie gedacht�?</p><p>Bald tuschelte jeder, und nicht wie bisher nur die Frauen, �ber Francesco. Krank so was, sch�ttelte man den Kopf, und ich lernte, dass es Lieben und Lieben gibt und dass nicht jedes Lieben ein gutes ist. Francesco fuhr weiterhin p�nktlich und mit zur�ckgek�mmtem Haar zur Arbeit, er verstand noch weniger als ich, oder es war ihm egal, und das machte mich rasend. Gut gelaunt las er mir etwas aus seiner Zeitung vor und gr�belte wie eh und je �ber seinen bl�den Pl�nen, auch nachdem er eines Morgens den Kratzer an seiner Autot�r entdeckte, der nach Schl�ssel und nach Absicht aussah. Beim Boccia spielte nur noch Walross mit. Die anderen M�nner sa�en auf den B�nken am Ufer, sie a�en K�rbiskerne und sahen auf den Fluss.</p><p>Ich wurde w�tend, weil nicht mehr ich meine Mutter vor Francescos Unterhemd besch�tzen musste, sondern meine Mutter zu meinem Vater sagte, mich m�sse man vor dem Italiener besch�tzen � sieh doch wie sie miteinander reden. W�tend, weil unser W�rterbuch das Wort f�r �so etwas wirklich nicht gedacht� nicht kannte.</p><p>Eine Woche nach �ika Sefers Besuch sa� ich mit Francesco auf der Veranda. Es gab keine Limonade, und der Kuchen war von vorgestern. Ich hustete, setzte mich auf den Schaukelstuhl in der Ecke, dann wieder an den Tisch, dann auf die Verandastufen. Ich rupfte Gras aus und zerrieb es zwischen den Handfl�chen, zuckte mit den Schultern, als Francesco in seinem W�rterbuch auf �was�, auf �sein� und auf �geschehen� zeigte. Ke kose su�esso, Alessandro?</p><p>Ich bl�tterte zu �Entschuldigung�.</p><p>Die alte Mirela kam auf die Veranda, sie knetete ein kariertes Geschirrtuch in den H�nden und bat mich zu �bersetzen: Francesco soll sp�testens n�chste Woche ausziehen. Ich zuckte mit den Schultern, reihte ein paar italienisch klingende Laute aneinander. Francesco fragte verwirrt wieder: ke kose su�esso?</p><p>Ich sagte: su�esso kvatromila viel, und zu Mirela: er bittet um zwei Wochen, dann ist er sowieso weg.</p><p>Mirela �berlegte. Aber keinen Tag l�nger, sagte sie und nahm ihre Limonadenkaraffe mit, ihr Kuchenblech, ihr Kaffeegeschirr. Im Hinausgehen fl�sterte sie mir zu: ganz sch�n sp�t, du solltest schon zu Hause sein.</p><p>Meine Wut war jetzt etwas mit Maul und Fangz�hnen und Klauen und hing, kopf�ber schaukelnd, in meiner Kehle.</p><p>Francesco hatte mir das Datum seiner Abreise an einem der sch�nsten Veranda-Abende aufgeschrieben, als noch nichts su�esso war; er hatte mir Fotos gezeigt, auch die von dem falsch gebauten Turm. Ich hielt den Finger darauf und fragte: tu � Ingenieur?, und wir lachten.</p><p>Pisa, sagte Francesco, meine Vi�egrad! Einige Schwarz-Wei�-Bilder zeigten einen besonders gro�en Staudamm. Francesco wurde ernst und deutete auf den See: Lago di Vajont. Der Damm war Furcht erregend in den Himmel gezogen, ich wusste genau, in meinem n�chsten Traum vom Fallen werde ich dort oben abheben. Francesco kniff die Augen zusammen und bl�tterte um � zu einem Dorf, das unter Wasser stand. Dann bl�tterte er zu dem riesenhaften Staudamm zur�ck, �ber den riesenhaft viel Wasser gesch�umt und auf das Dorf und seine Menschen geschlagen haben musste. Francesco tippte auf den Damm und sagte: mio pap&#xE0;.</p><p>Am Abend, als die alte Mirela Francesco k�ndigte, schlich ich mich von der Veranda ohne ein Arrivederci. Ich setzte mich vor das B�cherregal und las �Das Kapital�. Aber ich las nicht wirklich. Ich dachte an Francescos Zitronenduft, an Limonade und Sommerwind im summenden Garten, und an die Nacht, als Francesco auf die Brotscheibe zeigte, die im Himmel zwischen den Kirschbaum�sten hing, und sagte: la luna &#xE8; molto bella!</p><p>Ich legte mich flach auf den Boden, um zu verschwinden.</p><p>Es gibt keine h�sslichen Frauen, es gibt nur M�nner, die als Jungs nicht gelernt haben, wie man richtig hinsieht, hatte mir Francesco doch am allerersten Abend zu erkl�ren versucht! In keiner Enzyklop�die stand irgendetwas �ber M�nnerliebe und auf dem Schulhof sagten wir �Schwuchtel� zu den Schw�chsten und den Blassesten. Auch ich w�rde bei einer Schl�gerei diejenigen so beschimpfen, die ich hasste, nur dass ich Schl�ge einstecken mehr hasste, als Leute beschimpfen, also kam das nie vor. Ich wartete am n�chsten Morgen, bis Francesco zur Arbeit fuhr und kletterte �ber den Zaun in Mirelas Garten. Auf dem Veranda-Tisch lagen Francescos Zeichenutensilien. Ich wog den Zirkel auf der Hand, das Metall war k�hl. Ich grub ein Loch.</p><p>Francesco besuchte ich nicht mehr und mied es, auf die Stra�e zu gehen, wenn er auf der Veranda sa�. Ich sch�mte mich. Die Scham hatte einen eigenen Herzschlag. Alles, was die Leute �ber Francesco sagten und alles, was ich selbst dachte, lie� das Schamherz lauter schlagen.</p><p>Nach einer Woche klingelte Francesco bei uns. Das hatte er noch nie getan. Ich war auf meinem Zimmer, Vater kam aus seinem Atelier und begr��te ihn. Ich lauschte durch den T�rspalt, meine Ohren, mein ganzer Kopf f�hlten sich gef�rbt an, und keine Farbe dr�ckt so sehr wie Rot. Alessandro, kal�io?, fragte Francesco, und mein Vater antwortete: nein, nein.</p><p>Am Tag seiner Abreise lehnte Francesco am Zaun, der Fu� auf dem Ball. Erwartete, dass ich aus der Schule kam, wartete auf ein letztes Elfmeterschie�en. Ich war in die Stra�e gebogen, hatte ihn gesehen und mich versteckt. Wie ein Dieb dr�ckte ich mich an eine Hauswand und nahm den Umweg durch die Pflaumeng�rten nach Hause. Ich lugte aus dem K�chenfenster: Schulkinder liefen an Francesco vorbei, ciao Francesco!, riefen sie, er passte ihnen lachend den Ball, ciao ragazzi! Ich ging auf mein Zimmer und setzte die Liste der Zauberf�higkeiten fort. Es klingelte an der T�r. Mutter rief meinen Namen. Ich dachte: etwas pl�ndert mich aus. Ich schwieg.</p><p>Du bist ja doch da, sagte sie, als ich am Abend mein Zimmer hungrig verlie�. Auf dem Tisch lag ein Paket. Von dem Italiener, sagte Mutter, die Francesco seit kurzem nur noch nach seinem Staat nannte. Ich a� Bohnen, immer gab es Bohnen, wenn ich mich elend f�hlte.</p><p>W�re ich F�higkeitenzauberer, ich w�rde Limonade immer so schmecken lassen, wie am Abend, als mir Francesco erkl�rte, der italienische Mond sei verdienterma�en ein weiblicher Mond. W�re ich F�higkeitenzauberer, k�nnten wir jeden Abend zwischen acht und neun Uhr alle Sprachen verstehen. W�re ich F�higkeitenzauberer, w�rde jeder Staudamm der Welt halten, was er verspricht. W�re ich F�higkeitenzauberer, g�be es kvatromila Auswege aus jeder elenden Laune. W�re ich F�higkeitenzauberer, w�ren wir wirklich mutig.</p><p>Das Paket war recht schwer. Mein Name, und darunter: Francesco Bailo. Im Karton t�nte es metallen. Bocce. Ich l�ste die Schnur und hob den Deckel. Oben lag ein Foto von dem gro�en Staudamm am Lago di Vajont. Ich werde niemals erfahren, ob Francescos pap&#xE0; der Ingenieur gewesen ist oder einer der Dorfbewohner.</p><p>Mama, quanto costa un biglietto per Pisa?, fragte ich, und Mutter ging mit ihrer Nase an meinen Hals: mmh, junger Mann, Sie riechen aber gut.</p><p>Ich wei�, sagte ich, denn ich wusste es wirklich, so gut, sagte ich, und bl�tterte im kleinen W�rterbuch. Ich zeigte mit der Fingerspitze auf �grazie�, zeigte mit der Fingerspitze auf �di�, zeigte mit der tr�nenfeuchten Fingerspitze auf �tutto�.</p><empty-line/><p>Mio caro amico Alessandro,</p><p>puoi dirti fortunato sein junge in so sch�ne stadt. Drina mache sch�ne auge jeden. Boden wachsen kirsche, pflaume und klar wasser per la limonata. Ich lasse walross boccia gewinnen. Euer staudamm jetzt niemals defekt. Dein pap&#xE0; e mamma e tu e tutto � sicher. Aber niemand arrivederci sagen. Also sage Francesco: arrivederci allora e a presto!</p><p>Geschenke per te, mio caro mago: bocce, parf�m mit die zitrone, w�rterbuch, azzuri trikot! e cartina di Vi�egrad. Ich zeichne! Deine haus e haus di alte gute Mirela! La vita, mio Alessandro, &#xE8; solo questione di fortuna. Sich erinnern uns gut, bitte, und veranda und stille und dschungel mit hornotter und mit barocche m�dchen unter la luna!</p><empty-line/><p>Grazie quattromila!</p><empty-line/><p> Francesco</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Warum H�user mitf�hlend und selbstlos sind, was sie musizieren und warum ich ihnen w�nsche, dass sie mitf�hlend und selbstlos bleiben, und vor allem fest</strong></p><p><strong>H</strong>�user sind mitf�hlend und selbstlos und sie k�nnen kein Instrument spielen, das ist bedauerlich. W�ren H�user Menschen, w�ren sie Vegetarier oder Veganer oder Vgnr oder wahrscheinlich sogar nur Vg. Als Vg nimmst du nichts zu dir, was auch nur theoretisch einen Herzschlag haben k�nnte, also auch kein Wasser, weil f�r Indianer, das wei� ich von Opa, in so einem Amazonas ein ganzer Gott schwimmen kann oder zumindest ein ganzer Glaube.</p><p>Wenn es in der Drina auch einen Gott geben w�rde, fragte ich einmal Opa, die Welse w�ren Fisch-Popen, oder?</p><p>Oder Fisch-Hodschas, nickte Opa.</p><p>W�re ich F�higkeitenzauberer, g�be es musizierende H�user, musikalisch circa so begabt wie Johann Sebastian Bach, dessen Verdienste und die grandiose Per�cke ich aus dem Musiklexikon kenne, das mir Herr Musikprofessor Popovi� geschenkt hat, ein mit Opa Slavko befreundeter Opa. Auch die Bedeutungen des Wortes �barock� kann man in dem Lexikon nachschlagen, ich habe sie auswendig gelernt, eine Zeit lang war �barock� mein Hauptkomplimentwort und wurde erst neulich von �exquisit� abgel�st.</p><p>Bei einer Gro�mutter, die allein wohnt und fernsieht und Blumen gie�t und d�ngt und wartet, dass jemand durch die T�r kommt und immer zu viel gekocht hat, weil sie sich an sich selbst so allein nicht gew�hnen kann, w�rde das Haus Lieder aus einer Zeit spielen, die viel leiser war, weil es mehr wiederk�uende K�he gab und weniger Auspuffe und Staubsauger.</p><p>Das Haus meines Serbokroatischlehrers Herr Fazlagi� w�rde wie das Meer rauschen, weil das den Blutdruck senkt.</p><p>Das Haus meiner Familie h�tte ein Repertoire, so gro� und unberechenbar wie die Menge und Sorten der Launen, die unter unserem Dach mit und in uns wohnen. Unsere K�che w�rde �The Doors� spielen, weil Jim Morrison den sorgenvollen Blick meiner Mutter in einen sehns�chtigen Blick verwandelt. Franz�sische Chansons w�rden erklingen, wenn Vater in seinem Atelier verschwindet. Johann Sebastian, wenn Onkel Miki und mein Vater zusammen Politik schauen und Vater schreit: nein, wir streiten nicht, wir diskutieren nur laut! Wenn Vater, franz�sische Chansons pfeifend, Mutter zum Abendessen in die M�ndung ausf�hrt: Pink Floyd. Herr Floyd macht erwachsen und nervt so angenehm. Ich nippe an Vaters Cognac und sehe fern ohne Ton.</p><p>Die letzten drei Minuten von Ravels Bolero auf voller Lautst�rke, wenn Tante Taifun vorbeikommt.</p><p>In Nena Fatimas Garten an der Drina w�rden die Sonnenblumen Lieder spielen, die Nena als M�dchen gesungen hat und die sie noch heute alle auswendig kennt. Stumm w�rde Nena mitsummen, und wenn ihr Tr�nen k�men � weil etwas auswendig zu k�nnen h�ufig das Traurigste auf der Welt ist �, w�rde der pfiffige Schornstein einen Reigen spielen. Tr�nen und Reigen gehen nicht zusammen. Das Besondere an meinen musizierenden H�usern w�re, dass sie auch jemand, der taub ist wie eine Kanone, h�ren k�nnte.</p><p>Mein Haus w�rde mit der Stimme meines Ur-Opas singen und einmal am Tag etwas versprechen, was von Dauer sein w�rde.</p><p>Ich stelle das Lexikon der Weltmusik zur�ck ins Regal und frage meine Mutter, wann sie mich bitte endlich zwingen wird, ein Instrument zu lernen oder drei oder gleich Akkordeon. Sie sieht Nachrichten: Barrikaden und brennende Fahnen. Ich stelle die Frage im gleichen Wortlaut noch einmal.</p><p>Ich male zehn waffenlose Soldaten.</p><p>Ich male Mutters Gesicht, l�chelnd, heiter, sorglos.</p><p>W�re ich F�higkeitenzauberer, k�nnten Bilder sprechen, w�hrend wir sie malen.</p><p>W�re ich F�higkeitenzauberer, k�nnten H�user Versprechen halten. Und sie m�ssten versprechen, nicht D�cher zu verlieren oder in Flammen aufzugehen. W�re ich F�higkeitenzauberer, w�rden die Einschusslochnarben �ber die Jahre wieder zuwachsen.</p><p>Was musiziert eigentlich ein Hochhaus im Krieg?</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Welcher Sieg der sch�nste ist, was mir Opa Slavko zutraut und warum alle so tun, als w�rde die Angst kleiner werden, wenn man �ber sie nicht spricht</strong></p><p><strong>K</strong>einer konnte ahnen, dass ich gewinnen w�rde. Onkel Miki gibt mir einen Klaps auf den Hinterkopf und sagt: es konnte ja keiner ahnen, dass du gewinnst. Meine Mutter streicht mir eine Str�hne hinter das Ohr, aber sie f�llt sofort wieder zur�ck in die Stirn. Also wirklich, das h�tte niemand ahnen k�nnen, sagt sie und nimmt mein Gesicht zwischen die H�nde.</p><p>Die Keiner-konnte-ahnen-Siegerehrung ist gerade vorbei, der Zweitplatzierte mindestens sechsmal �lter und zweimal gr��er als ich. Er gibt mir die Hand, unsere Angelruten kreuzen sich wie Degen. Onkel Miki schiebt ihn zur Seite � er mag mich zwar nicht besonders, aber andere mag er noch weniger, und zu lange gratulieren ist immer verd�chtig.</p><p>Mein Vater war nicht mitgekommen. Er musste ein Bild in seinem Atelier fertig machen. In letzter Zeit macht er st�ndig seine Bilder fertig und sobald er eines fertig hat, f�ngt er zwei neue an. In seinem Atelier ist kein Platz mehr, das Schlafzimmer muss herhalten, Mutter wacht nachts auf und schreit: �berall Gesichter!</p><p>Ich sehe zum Fluss, dann zu meiner Goldmedaille, ich habe nicht vor, sie jemals wieder abzunehmen. Mit der Medaille bin ich ein Qualifizierter, und am n�chsten Samstag sollen sich in Osijek an der Drau alle Qualifizierten treffen. Die besten Angler der Republik, sagte ein dicker, kleiner Mann, als er mir die Urkunde �berreichte, woraufhin ihn Miki von ganz hinten im Publikum anschrie: eh, Fettsack, guck nicht so skeptisch!</p><p>Miki ist � so nah am Wasser und mit einem Sieger verwandt � Feuer und Flamme. Er ist au�er mir auch der Einzige in der Familie, der Ahnung vom Angeln hat. Heute durfte er nicht mitmachen, weil er neulich �ika Luka in die Drina geworfen hat, als der Onkels Angelschein sehen wollte. Miki bestreitet das: der bl�de Schn�ffler ist ausgerutscht und wenn ich nicht zuf�llig in der N�he gewesen w�re, um ihn rauszuholen, h�tte bald jemand einen ziemlich h�sslichen Wels am Haken gehabt.</p><p>Mit Brille und Schnurrbart, wie es sich geh�rt, erg�nzte ich, als Miki unschuldig die Schultern hob. Ich war auf seiner Seite, denn �ika Luka mag weder Menschen noch Fische, noch sich selbst, durch ihn habe ich gelernt, was das Wort �frustriert� bedeutet.</p><p>Ich habe heute wegen des Geheimnisses in meinem Futter gewonnen. Paniermehl mit Wasser angemischt, etwas Vanillezucker dazu, Leberwurstst�ckchen plus das Geheimnis. Die D�bel flippten aus, nachdem ich angef�ttert hatte, sie sprangen aus dem Wasser und schrien: aufh�ren!, so gut schmeckte ihnen die geheimnisvolle Mischung.</p><p>Osijek muss ja gar nicht sein, versuche ich Mutter zu vertr�sten, ihr habt ja wirklich nicht ahnen k�nnen, dass ich gewinne.</p><p>Osijek ist n�mlich ein Problem, niemand kann mich hinfahren, da niemand ahnen konnte, dass ich gewinne und deshalb alle schon Pl�ne gemacht haben. Sagt meine Mutter. Sie sagt nicht: weil in Kroatien geschossen wird. Sie sagt nicht: weil in Osijek ein Panzer ein rotes Auto zermalmt hat. Sie sagt nicht, dass deswegen das Finale l�ngst abgesagt ist, falls da oben �berhaupt noch jemand daran denken kann, Dinge abzusagen.</p><p>Ich habe doch selbst Angst!</p><p>Die Drei, meine Startnummer, steckt immer noch im Ufer, hier zog ich heute Mittag drei Stunden lang ein Moderlieschen nach dem anderen an Land, einige enthusiastische D�bel und sogar einen kleinen Huchen. Er entglitt mir, weil mich Onkel Miki von hinten anschrie: was machst du denn da, Trottel, lass nicht los, spinnst du!</p><p>Ich versichere mich, dass niemand zusieht, gehe in die Hocke und streiche mit dem Handr�cken �ber die Wasseroberfl�che. Wie h�rt sich dein Herzschlag an?</p><p>Auch zu Hause lasse ich die Medaille um. Meine Mutter ruft in den Keller: Picasso, wir sind wieder da, komm mal hoch, hier gibt es was zu sehen.</p><p>Onkel Miki wirft sich auf die Couch und schaltet den Fernseher ein. Der Kaffee wird aufgesetzt, mein Vater kommt pfeifend ins Wohnzimmer, reibt sich mit einem Tuch �ber die H�nde.</p><p>Du riechst nach Fisch, sagt er und will an mein Haar.</p><p>Du riechst nach Azeton, sage ich und ducke mich.</p><p>Er tippt die Medaille an. Nicht schlecht!</p><p>Ja, sage ich, ganz gut, aber Vater sieht mich gar nicht mehr an, sondern die F��e seines Bruders auf der Couch. Er schiebt sie unsanft auf den Boden und setzt sich zu ihm.</p><p>Kaffee und Platzregen. An Augustnachmittagen muss das so sein. Im Fernsehen kommt Osijek, sogar die Drau wird gezeigt. Vielleicht ganz sch�n, aber wenn um dich herum H�user brennen, kannst du schlecht sch�n sein.</p><p>Der Krieg wird ausgeschaltet, als Opa Slavko kommt und sich mir gegen�ber setzt. Er sieht sich die Urkunde und die Medaille an. Ich habe es geahnt, sagt er, ach was, ich habe es gewusst.</p><p>Niemand hat es ahnen k�nnen, Opa, wie willst du es gewusst haben?</p><p>Opa hebt die Augenbrauen. Ich habe dich beobachtet, letzte Woche an der Br�cke, gestern an der M�ndung.</p><p>Ich habe dich gar nicht bemerkt.</p><p>Ich kann sehr leise gucken.</p><p>Und wie konntest du sehen, dass ich gewinnen werde?</p><p>Ich habe dir angesehen, dass du gl�cklich bist. Ich habe deinem Mund angesehen, dass er sich bewegt, dabei warst du allein.</p><p>Ich musste ein Gedicht auswendig lernen.</p><p>Ich glaube, du hast dich unterhalten.</p><p>Opa, ich war allein.</p><p>Opa Slavko beugt sich zu mir und fl�stert: ich glaube, du warst nicht allein, ich glaube, der Fluss war auch da.</p><p>Opa!</p><p>Aleksandar!</p><p>Wir lehnen uns beide zur�ck, fallen in die Lehne unserer St�hle wie zwei Boxer zwischen den Runden, nur dass Boxer einander selten anlachen. Opas Haar ist dicht und fest und an den Seiten ergraut, wie Vaters Haar und wie mein Haar in drei�ig Jahren; er h�ngt die Daumen in seine Hosentr�ger �ber der Brust, beide sch�tteln wir den Kopf. Ich w�re gern ein mit meinem Opa befreundeter Opa, wir w�rden zu unseren Enkeln in R�tseln sprechen und jeden Abend mit hinter dem R�cken verschr�nkten gemeinsamen Erinnerungen und alten Streitigkeiten spazieren gehen.</p><p>H�ttest du auch in Osijek gewonnen?, fragt Opa, wissend, dass ich nie nach Osijek kommen werde.</p><p>Nein.</p><p>Warum nicht?</p><p>Jetzt beuge ich mich vor und fl�stere: es ist doch nicht mein Fluss dort.</p><p>Wusstest du, sagt Opa, dass es V�lker gibt, die kein einziges Spiel haben, in dem es am Ende einen Gewinner gibt?</p><p>Im Amazonas?</p><p>Circa.</p><p>Wir lehnen uns zur�ck und sehen uns zufrieden um. Jetzt erst f�llt mir auf, dass sonst die ganze Zeit niemand gesprochen hat. Mutter steht an der T�r und tr�gt heute keine Sorgenfalten. Miki und Vater kneten beide irgendetwas in ihren H�nden. Oma ist beim feinen Tellerklirren. Ich sehe meine Familie an, als w�re uns allen etwas gelungen.</p><p>Wollen wir morgen Carl Lewis gucken?, frage ich Opa. Ich angle uns das Abendessen, du br�tst es, dann gucken wir, ob Carl unter zehn Sekunden bleibt, ja?</p><p>Was ich mir w�nsche, fragt sp�ter, als alle weg sind und ich schon im Bett liege, meine Mutter. Sie nennt mich ihren Chefgenossenangler. Sie wei�, wie sehr ich das Wort �Chefgenosse� mag. Zu m�den Siegern ist man sanft.</p><p>Ich w�nsche mir, dass alles f�r immer gut bleibt, sage ich.</p><p>Wie ist gut?, fragt Mutter und setzt sich auf die Bettkante.</p><p>Wenn du mir heute Abend Brote f�r morgen machst und ich morgen angeln gehen darf und du dir keine Sorgen machst, wo ich bleibe, und Opa ewig lebt und ihr alle ewig lebt und die Fische nicht aufh�ren im Fluss zu sein und Osijek aufh�rt, zu brennen und Roter Stern auch n�chstes Jahr den Europapokal holt und Oma Katarina nie der Kaffee und die Nachbarinnen ausgehen und Nena Fatima eigentlich alles h�rt, obwohl sie nichts h�rt und die H�user musizieren und sich ab sofort niemand mehr Gedanken �ber Kroatien machen muss und es K�stchen gibt, in die Geschm�cker passen, so dass wir sie untereinander tauschen k�nnen und wir das Umarmen nicht verlernen und �</p><p>Die Lippen meiner Mutter zittern. In Ordnung, sagt sie und sagt zum ersten Mal, seit es hierf�r erste Male gibt, nicht: aber fahr nicht so weit raus.</p><empty-line/><p>Ich suche mir die dicksten W�rmer aus. Sie winden sich. Mit dem Schraubenzieher steche ich L�cher in den Deckel vom Marmeladenglas. Die Drina entlang auf dem Fahrrad, zwei Stunden durch den Morgennebel und durch D�rfer ohne Namen. Angle, fange, schwimme, rede mit dem Fluss, erz�hle ihm alles, esse die Brote: R�ucherschinken auf Kajmak. Pflaumenmarmelade auf Pflaumenmarmelade. So dick. Lasse die Huchen frei. Lache laut, weil ich wei�, die Drina mag es, wenn Sieger so lachen. Lache die Huchen frei. Ich lache so laut, und die Drina sagt: ich habe es doch gewusst.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Wie es der dreisten Drina geht, wie es der lippenlosen Drina wirklich geht, was sie vom kleinen Herrn Rzav h�lt und wie wenig man braucht, um gl�cklich zu sein wie ein Falke</strong></p><p><strong>M</strong>ein Vi�egrad ist in alle Richtungen in die Berge gewachsen. Mein Vi�egrad geht in zwei Fl�ssen auf, sie haben sich hier verabredet, Drina und Rzav, eine endlose Verabredung, st�ndig, in jeder Sekunde. Wer ist zu wem gekommen, wer von euch war zuerst da?, rufe ich von der M�ndung. Und wie sahen sie aus und wie h�rten sie sich an: die letzten zehn Sekunden, in denen das Wasser erst noch bevorstand und dann � auf einmal? � ihr zueinander kamt?</p><p>Die Berge begleiten die Drina, kn�pfen sie ein zwischen steile Felsen, lassen, was ich spreche, hallen. Je h�her die Felsen, desto tiefer der Fluss, so kommt es mir vor, und desto verlorener ist man selbst, egal, ob in einem Boot oder hier am Ufer.</p><p>Gestern konnte keiner ahnen, dass ich gewinne, heute fahre ich mit dem Fahrrad die Drina entlang und m�chte nichts als angeln. Es ist fr�her Morgen, es ist Sonntag, der Nebel pfeift mir kalt um die Ohren. Meine Mutter hat die Brote geschmiert und zwei �pfel in den Rucksack gelegt. Die kannst du dir unterwegs besorgen, holte mein Vater sie wieder heraus und nahm sie mit in das Atelier. �Stillleben eines schiffbr�chigen Herrschaftssystems und eines defekten Yugos auf steiniger Stra�e� hei�t das Bild, an dem er seit Wochen sitzt.</p><p>R�ucherschinken, Kajmak, Pflaumenmarmelade, fingerdick auf dem Schwarzbrot. Meine beiden Angeln ragen aus dem Rucksack. Onkel Miki versprach vor zwei Jahren, mir zu jedem Geburtstag eine immer noch bessere zu schenken, und Onkel Miki ist jemand, der vom Angeln fast so viel Ahnung hat wie ich, und niemand, der Versprechen bricht.</p><p>Ich will an der Drina hundertdrei�ig Jahre alt werden.</p><p>So weit drau�en war ich allein noch nie. Die Fr�he und der Sonntag st�ren die Bauern auf den engen Feldern nicht. Drei Frauen mit Kopft�chern und mit Hacken in den gro�en H�nden richten sich auf und sehen mir hinterher. Die Felsen und der Fluss zw�ngen den Boden ein, die Felder sind lang gestreckt. So auch der Apfelgarten, aus dem ich, wie von Vater verordnet, �pfel stehle, zwei rote, zwei gelbe: ein schmaler, umz�unter Streifen, zwischen Klippen und Wasser. Ich will gerade wieder auf das Rad steigen, als die Sonne durch den Nebel bricht, so unbeherrscht durch die noch dichten Schwaden, dass ihr Licht splittert, die Splitter auf den Fluss fallen und glitzernd in die kr�uselnden Wellen schneiden. Vom langhaarigen Ge�st zweier Trauerweiden und wei�en Klippent�rmen fast versteckt, funkelt es am eifrigsten in einer kleinen Bucht jenseits des Gartens. Ab sofort ist ihr Name Lichtlagune, weil ungew�hnliche Orte einen Namen brauchen, das ist wie mit den Sternen. Das Fahrrad lehne ich an den schiefen Zaun, eine Eidechse klettert sofort auf den Lenker und z�ngelt mich an. Ich zeige ihr den Vogel und trete durch den Torbogen aus �berbordenden Weiden�sten an das Wasser, das immer noch vor Sonnensplittern rast. In der Bucht liegt ein moosbewachsener Baumstamm quer, links wird sie von Klippen abgerundet, deren Gipfel man durch die neblige Luft h�chstens erahnt. Ein Falke stiebt von dem Baumstamm auf, das schieferblaue Gefieder taucht in den Nebel, die Schwanzfedern sind ein roter Schweif: kju, ruft der Falke, ket-ket, ruft er, �berschl�gt sich in der Luft, als w�re das alles ein riesiger Spa�. Das Geflatter seiner spitzen Fl�gel klingt nur allm�hlich aus, dann raschelt nur noch der Wind in den Weiden, beugt der Stille vor. Ich sehe mich um, der Zaun ist von hier aus nicht mehr zu erkennen, nicht die Apfelb�ume und keine Stra�e, ich bin in einem Zimmer, Lichtlagune.</p><p>Ich packe die Angeln aus und setze mich auf einen Stein direkt am Wasser. Der Fluss holt hier mit viel Schwung zu einer Umarmung aus, ich sitze in seiner Armbeuge. Opa Slavko sagt, die Drina sei ein dreister Fluss. Deswegen macht es mir nichts aus, wenn mich die Erwachsenen dreist nennen, ich finde Dreistigkeiten gut und schreie hinaus auf das Wasser: Sie dreister � Sie � sch�ner � dreister � Fluss � sch�ner Fluss, hallt es im Canyon, kju, ket-ket, antwortet der Falke, und in den Fluss gischt etwas Gro�es, vielleicht hat der Falke einen Stein geworfen. Das Plantschen ist aber tiefer und l�nger als ein Treffen von Stein und Wasser sonst. Ich sehe nirgendwo Spritzer oder Ringe, es kann kein Stein gewesen sein, es war die Drina selbst. Sie hat sich ger�uspert, der Wind wird st�rker, Drina holt Luft und fragt: wieso denn dreist?</p><p>Ich kratze mit der Schuhspitze etwas Ufererde zusammen und trete darauf, weil das unter der Sohle so ein sch�nes Gef�hl gibt. Ich wei� es nicht, sage ich, vielleicht weil Sie im Herbst unnahbar tr�b und schnell sind, im Winter nicht gefrieren, im Fr�hling alles �berschwemmen und im Sommer meinen Opa Rafik ertr�nken wie ein K�tzchen?</p><p>Ich warte. Die Drina schweigt. Die Felsen schweigen nicht. Steine l�sen sich und kullern in den Fluss. Die Lichtlagune wird dunkler. Ein Grollen weiter oben im Berg. Die Drina antwortet nicht. Aus dem Rucksack hole ich die Dose mit dem Fischfutter und die Angeln. Kju. Ket-Ket. Ich werde w�tend, weil Drina schweigt, und sehe auf den Fluss: Sie sagen nichts? Sie erinnern sich gar nicht an Opa Rafik?</p><p>Ich dr�cke die Futterkugel kurz unter die Oberfl�che und schleudere sie w�tend hinaus. Paniermehl, Honigkuchen und Lakritz � gemahlen, Haferflocken, zerschnittene Maden. Die Kugel landet mit einem dumpfen Platschen, aus dem die Drina fragt: wie sah dein Opa aus?</p><p>Das m�ssten Sie besser wissen, sage ich und tauche die H�nde zum Waschen ein, Sie haben ihn zuletzt gesehen und ich war noch zu klein.</p><p>Es tut mir Leid.</p><p>Ich war sehr klein.</p><p>M�chtest du schwimmen?</p><p>Danke, nicht so bald, nachdem ich �ber den Tod gesprochen habe.</p><p>Ich entscheide mich f�r einen sechser Einfachhaken. Tun Ihnen die Haken eigentlich weh?, frage ich.</p><p>Willst du das nicht lieber die Fische fragen?</p><p>Ich stecke den ersten Regenwurm auf den Haken und werfe weit aus. Die Pose bewegt sich langsam mit der Str�mung.</p><p>Was ist das f�r ein Gef�hl mit den ganzen Fischen?</p><p>Es kitzelt, wenn sie springen.</p><p>Ich fahre mit der Hand �ber die Oberfl�che, kitzelt es auch, wenn jemand eine kaputte Waschmaschine in Sie schmei�t?</p><p>Schweine!</p><p>Ich richte mich auf und ziehe die Schnur ein. Der Wurm noch dran. Ich werfe aus, etwas weiter nach links, n�her an den Felsen. Drina? Wie kommt es, dass Sie keinen Dialekt sprechen?</p><p>Sprichst du einen?</p><p>Ich sehe auf die Pose und antworte nicht. Wenn ich es tun w�rde, mit einem �Nein�, w�rde sie �na also� erwidern. Vielleicht erz�hlt sie, wenn ich nichts sage, von alleine weiter: wie gut sie mit dem Rzav wirklich befreundet ist, wie sehr sie der Staudamm st�rt und ob sich auch Fl�sse f�rchten. Ich verrate nicht, wie sehr ich sie beneide, weil sie so viel sehen kann, von der Quelle bis zur Save, zum Himmel, in die Erde, rechts, links, das ist eine Menge Blick.</p><p>Rzav sei ein feiner Herr, spielt sie kollegial um die Felsen, obwohl er jeden Fr�hling seine cholerischen Anf�lle auslebe und �ber die Ufern trete. Und der Staudamm stopfe ihr den Mund, schnell flie�en sei wie laut schreien. Sie gibt zu, ja, Angst zu haben. Der Winterk�lte trotze sie und die Herbstregen w�hlen sie nicht auf, aber sie habe davor Angst, dass die Sch�sse auch uns mit Krieg anstecken. Gegen den Felsen klagt sie, unz�hlige Kriege habe sie durchgemacht, einer scheu�licher als der andere. So viele Leichen habe sie tragen m�ssen, so viele gesprengte Br�cken ruhen f�r immer auf ihrem Grund. Ich solle ihr glauben, wird sie am Ufer tr�b, nichts auf der Welt leide so sehr wie ein Br�ckenstein ohne seine Br�cke. Auch habe sie sich nie verstecken k�nnen und vor keinem Verbrechen die Augen verschlie�en, sch�umt sie vor Wut, ich habe nicht mal Augenlider! Ich kenne keinen Schlaf, kann niemanden retten und nichts verhindern. Ich will mich ans Ufer klammern, kann aber nichts festhalten, ich bin ein scheu�licher Aggregatzustand! Ein unendliches Leben lang keine H�nde! Wenn ich mich verliebe, k�sse ich nicht und wenn ich gl�cklich bin, greife ich nicht in die Akkordeontasten. Ja, Aleksandar, das ist eine Menge Blick, eine Menge Blick ganz umsonst.</p><p>Einmal, zweimal zuckt die Pose, ich stehe auf, ahne einen dritten Biss, die Pose taucht ganz ab, ich gebe Kontra und sp�re sofort das Gewicht an der Angel, lasse etwas Schnur, schlage wieder an und wei� � ich habe ihn. Er erm�det schnell, ein junger Huchen, ich gebe ihm die Drina zur�ck und sie l�sst ihn einen Bogen springen.</p><p>Drina, ich brauche einen gr��eren f�r morgen. Wenn Opa Slavko schon kocht, dann soll es ein anst�ndiger Fisch sein. Was meinen Sie, gewinnt Carl Lewis die hundert Meter?, frage ich und werfe wieder aus, aber der Fluss gibt keine Antwort mehr. Der Wind wird st�rker, oder es ist ein Schluchzen der Schlucht, oder m�chte der Nebel auch etwas sagen? Er lichtet sich, und die Sonne ist jetzt wieder ganz da f�r die Lagune, die Grillen sind ganz da f�r die Lagune, ket-ket, ruft der Falke und st�rzt sich in die Schlucht, ket-ket, und ich frage mich, ob auch die Drina genau jetzt eine G�nsehaut hat � die kr�uselnden Wellen �, ket-ket, kju, ket-ket.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>11. Februar 2002</strong></p><p><strong>L</strong>iebe Asija, habe ich dich erfunden? Habe ich unsere H�nde an den Lichtschalter gef�hrt wegen einer r�hrenden Geschichte �ber Kinder im Krieg? Du hast mir deinen Nachnamen nie verraten, trotzdem adressierte ich jeden Brief, als h�tte ich ihn gekannt. Ich erinnere mich an den Morgen des Soldatenreigens. Die Stadtarchitektur hat aus Regenwolken, Tarnfarben und Glassplittern bestanden. Edin und ich wollten etwas v�llig Normales machen, etwas so Einfaches sp�ren wie das Gewicht eines Fisches an der Angel. Du kommst nicht vor. Nicht ver�ngstigt im Treppenhaus, nicht Steine in den Fluss werfend, ich sehe dein sch�nes Haar zwischen den gem�chlich pl�ndernden Soldaten nicht. Du bist nicht mitgekommen, wir haben nie Abschied genommen, Asija.</p><p>Keine Briefe mehr. Ich betrinke mich und rufe Bosnien an, entschuldige die Theatralik. Die Uhr auf meinem Notebook zeigt an: �23:23 Montag, 11. Februar 2002.� An welchem Tag war unser Lichtschalter? Keine Briefe mehr, Asija, hat es dich jemals gegeben?</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Ich bin Asija. Sie haben Mama und Papa mitgenommen. Mein Name hat eine Bedeutung. Deine Bilder sind gemein</strong></p><p><strong>I</strong>ch fahre mit dem Mauszeiger �ber die Uhr. �23:23 Montag, 11. Februar 2002.� Ich klicke, das Fenster �Eigenschaften von Datum und Uhrzeit� erscheint. An welchem Tag war der Lichtschalter, welcher Tag der 6. April 1992? Ich stelle das Datum um zehn Jahre zur�ck. Gleich blitzt es, und mein Vater wird ein Buch auf meinen Kopf legen und mit Bleistift meine Gr��e am T�rrahmen markieren. Gleich blitzt es, und ich werde 1,53m gro� sein, und</p><empty-line/><p>Vater weckt mich: Aleksandar, heute f�llt die Schule aus, wir gehen zu Oma, zieh dich an, ich sage dir, was du mitnimmst.</p><p>Man w�chst im Schlaf.</p><empty-line/><p>Gleich blitzt es. Ich erwarte, zur�ckversetzt zu werden an einen Tag � der Computer zeigt an: an einen Montag �, an dem ich vor meinem Vater Angst haben werde. Angst vor seiner Liste der Dinge, die ich packen soll, vor seiner Mahnung: nur das, was du brauchst. Angst, weil er nicht sagt, wof�r.</p><p>Was braucht man?</p><empty-line/><p>�7:23 Montag, 6. April 1992.� Gleich blitzt es, und ein fast vergessenes Gef�hl wird zum Blick auf staubverklebte Spinnweben an den Kellerw�nden in Erwartung des n�chsten Einschlags. Ich mache eine Liste von Gegenst�nden im Keller meiner Gro�mutter, an die ich mich erinnere. Ausgediente B�gelbretter, kopflose Puppen, Kleiders�cke mit Hemden, die nach altem K�rbis riechen, Kohlen und Kartoffeln und Zwiebeln, Motten und Katzenpisse. Unter Detonationen flackernde Gl�hbirnen. G�nsehaut um G�nsehaut. Nicht, weil die Angst so gro� ist, sondern weil die Wahrscheinlichkeit, dass man im Frieden einschl�ft und im Krieg aufwacht, so klein ist.</p><empty-line/><p>Heute f�llt die Schule aus. Im Wohnzimmer sitzt meine Mutter und n�ht sich Geldscheine in ihren Rock.</p><empty-line/><p>All das, was vor dem Aufwachen unvorstellbar war, wird Vater mit seinen Worten und seiner Nervosit�t einl�uten. All das, was vor dem Unvorstellbaren gut war, r�ckt mit Vaters Unsicherheit und den ersten Granaten in die Ferne. Einen Frosch anz�nden wollen ist weiter weg als Japan; Tr�ume von Jasnas ausgebeultem Hemd so unpassend, dass ich mich f�r sie sch�me; die Pflaumenernten ausgefeiert, die Geheimzeichen, wie sich Edin gegen die unsichtbaren Verteidiger freilaufen soll, unn�tz. Was geschehen wird, ist so unwahrscheinlich, dass keine Unwahrscheinlichkeit �brig bleibt, um eine erfundene Geschichte zu erz�hlen.</p><p>Ich mache eine Liste von Dingen, f�r die ich nie bestraft wurde. Die Tafel anz�nden. Fr�sche, Tauben und Katzen in �ika Veselins Wohnung einquartieren, nachdem er Onkel Bora eine Dampfwalze genannt hat. Durch das Fenster sp�hen, als Zorans Tante Desa die m�den M�nner vom Staudamm besuchte. Schneeb�lle auf Windschutzscheiben werfen. Pr�sidenten des Lokalkomitees anrufen und mit verstellter Stimme sagen: hier Tito, Sie sind hohl. Anspitzer und Hefte aus dem Kaufhaus stehlen. Omas Blumenvase zerschlagen.</p><empty-line/><p>Warum bist du nicht auf der Arbeit, Papa?</p><p>Vater dr�ckt die Stecknadeln an meinem Poster von Roter Stern mit dem Daumen tiefer in die Wand. Du packst den gro�en Rucksack, sagt er. Sieben Unterhosen. Sieben Paar Socken. Regenjacke. M�tze. Feste Schuhe. Du ziehst die Turnschuhe an. Zwei Hosen. Einen dicken Pullover, zwei-drei Hemden und T-Shirts, nicht zu viele. Die gr�ne Angel-Weste mit den vielen Taschen. Ein Handtuch, Zahnpasta, Zahnb�rste, Seife. Ich habe dir Taschent�cher und deinen Pass unten auf den Tisch gelegt � Hast du ein Lieblingsbuch?</p><p>Ja.</p><p>Das ist gut, nickt Vater, streicht meine Keiner-konnte-ahnen-dass-du-gewinnst-Urkunde glatt und schlie�t die T�r nicht, als er hinausgeht.</p><empty-line/><p>�7:43 Montag, 6. April 1992.� Neben den Taschent�chern wird ein Taschenmesser liegen und ein Notizblock mit Adressen und Nummern von allen unseren Bekannten und Verwandten. Vater wird in seinem Atelier sein. Die Leinw�nde, die Bilder, die Farben, die Pinsel � er verstaut alles in einer Ecke und verh�ngt es mit Decken. Ich kauere auf der Treppe und sehe ihm zu. Er schiebt meine alte Matratze vor die Leinw�nde und setzt dem Ganzen seine Baskenm�tze auf. Er schlie�t die T�r ab. Wir fahren zur Oma, das Hochhaus hat einen gro�en Keller. Die erste Granate dr�hnt im gro�en Keller eng und poliert. Ich werde denken: eng und poliert. Nicht wie im Film, nicht ernsthaft explodierend, nicht bebend, nicht rieselnd. Etwas Schweres, das nicht gen�gend Raum hat, um auseinander zu brechen � eng. Und frei vom Rauschen, klar, sauber, metallisch glatt � poliert � wird das Enge in die Kellerw�nde gespritzt und Emilija Slavica Krsmanovi� macht in die Stille nach der f�nfzigsten Granate ein B�uerchen.</p><empty-line/><p>�0:21 Dienstag, 12. Februar 2002.� Ich mache eine Liste von Omas Nachbarn, die wie wir Schutz im Keller gesucht haben. Ich erweitere sie um die Nachbarn aus unserer Stra�e, die mir einfallen. Schreibe auf ein n�chstes Blatt �Kneipen, Restaurants, Hotels�, darunter: Caf� Galerie. Restaurant M�ndung. Hotel Bikavac. Hotel Vi�egrad. Hotel Vilina Vlas.</p><p>Ich w�hle mich durch Suchmaschineneintr�ge zu:</p><p>�fu�ball im krieg sarajevo training beschuss�,</p><p>�vi�egrad genozid handke scham verantwortung�,</p><p>�opfer unschuldig bombardement belgrad�,</p><p>�milo�evi� internationales versagen interessen�.</p><p>Ich scrolle durch Foren, lese mir Beleidigungen und nostalgische Schwelgereien durch, klicke und klicke und notiere mir fremde Erinnerungen, Montenegriner-Witze, Kochrezepte, Namen der Helden und der Feinde, Augenzeugenberichte, Frontberichte, lateinische Namen der Drina-Fische, lade mir neue bosnische Musik herunter, klicke auf den ersten Link zu: �den haag eigentor europ�ische union srebrenica�, und lese, der Kriegsverbrecher Radovan Karad�i� halte sich in Belgrad auf, worauf mein Computer abst�rzt. Ich dr�cke die Reset-Taste. Mein Gesicht spiegelt sich im schwarzen Bildschirm, und ich wei� mit einem Mal nicht mehr, wonach ich hier, in meiner Wohnung mit Blick auf die Ruhr, Tausende Kilometer von meiner Drina entfernt, suche. Das Hintergrund-Foto von der Br�cke in Vi�egrad erscheint, aber nicht einmal das Foto habe ich selbst geschossen.</p><empty-line/><p>�16:14 Donnerstag, 9. April 1992.� Der Lastwagen f�hrt vor. Sechs steigen aus. Zwei bleiben da, trinken Cola. Sie tragen Stiefel. Vier sp�hen durch die Fenster im Erdgeschoss. Sie durchqueren den Hof. Krsmanovi� und Spahi�. Zwei Familien? Mischehe? Untermieter? Das Schloss gibt nach. Zwei durchsuchen das Wohnzimmer. Zwei steigen in den Keller. Sie schie�en die Kellert�r auf. Sie rei�en die Decken herunter. Sie zerl�chern das Stillleben �Die Schlange und der optimistische Brief an eine junge Demokratie� und �Das Portr�t von B. als Virtuosin z�rtlicher Geigen�. Sie sto�en die alte Matratze zur Seite. Sie machen sich die M�he und zerbrechen jeden einzelnen Pinsel. Sie bemalen sich mit Acrylfarben gegenseitig die Gesichter. Sie tragen Turnschuhe. Sie treten durch die Leinw�nde. Einer setzt sich die Baskenm�tze auf.</p><empty-line/><p>Ich rufe Oma an. Ich wecke sie. Sie klingt besorgt, warum rufst du so sp�t an?</p><p>Oma, steht noch das gr�ne Haus mit dem merkw�rdigen Dach? Wird die Turnhalle noch benutzt, was wird gespielt, welche Liga sind wir?</p><p>Aleksandar �?</p><p>Oma, es ist wichtig. Ich habe von dem Haus in der Pionirska-Stra�e in der Zeitung gelesen. Ist es vollst�ndig niedergebrannt? Was ist mit �ika Aziz? Haben die Soldaten ihn jemals gefunden? Leben �ika Hasan und �ika Sead noch?</p><p>Ich habe Listen gemacht. Oma schweigt.</p><p>Wie steht es mit den Br�cken? Ist noch mal eine �berschwemmung gekommen, seit wir weg sind?</p><p>Du hast, sagt Oma mit ruhiger, verschlafener Stimme, fr�her immer deine Schritte gez�hlt. Die ganze Stadt hast du mit deinen Spazierg�ngen abgemessen.</p><p>2349 von dir zu uns nach Hause, sage ich und bin erstaunt, dass ich das nach zehn Jahren noch wei�.</p><p>Deine Beine sind l�nger geworden, sagt Oma, komm her und lauf die Wege wieder.</p><p>Die beiden Moscheen habe ich mir aufgeschrieben, obwohl ich wei�, dass sie abgerissen wurden. Freunde, seitenweise Namen, seitenweise Spitznamen, Listen �ber Listen, Wetten auf die Erinnerung. Ich habe Listen gemacht, und jetzt muss ich alles sehen.</p><p>Du musst mir das Paket nicht schicken, sage ich zu Oma, ich hol das Zeug selbst ab. Ich buche den Flug noch heute Nacht.</p><p>Du solltest die Pflaumenbl�te abwarten und mit dem Bus kommen. Omas Stimme hat nichts von der �berdrehten Leichtigkeit fr�herer Telefonate. Stell dich nicht auf Urlaub ein, Aleksandar. Wir warten.</p><p>Wer?</p><p>Du bist sp�t, und es muss sauber gemacht werden. Du bist nie hier, um mir zu helfen, und bald ist Fr�hling.</p><p>Oma?</p><p>Ich freue mich, Aleksandar, ich brate dir Hackfleisch und mache die Milch warm, ich freue mich, ja.</p><empty-line/><p>�3:13 Dienstag, 12. Februar 2002.� Ich habe nicht vor, zu schlafen.</p><p>�sniperallee barrikaden wasserkanister�,</p><p>�harry hitler potter milo�evi� gotovina deli�,</p><p>�es gibt kein absolutes b�se und kein absolutes erinnern�,</p><p>�ALEKSANDAR KRSMANOVI� WO WARST DU?�,</p><p>�billigfl�ge sarajevo�.</p><p>Ich w�hle 0038733 f�r Sarajevo und f�ge dahinter wahllos Ziffern an. Ich frage nach Asija. Es gibt nirgends eine Asija, meistens gibt es nicht einmal einen Anschluss. Mehrmals verschlafene, dann ver�rgerte Stimmen. Ein Anrufbeantworter. Hallo? Ich bin es, Aleksandar. Ich komme. Bist du da? Asija?</p><empty-line/><p>�10:09 Samstag, 11. April 1992�, gleich blitzt es. Am f�nften Tag der Belagerung schlagen Granaten in den Bergen ein, gleiten nur gelegentlich in die Stadt ab. Im Hof vor dem Hochhaus dr�ngen sich K�he und Schafe, Hufe auf dem Beton zwischen Fiats und Yugos.</p><p>In der Nacht sind Fl�chtlinge in den Keller und das Treppenhaus eingezogen. Alte und M�tter und Babys, wie hei�e Brote in Tuch gewickelt. Sie suchen Schutz im gro�en Geb�ude, weil in ihren D�rfern keine Geb�ude mehr f�r Schutz �brig sind � keine gro�en, keine kleinen, keine ganzen. Nur halbe W�nde, Ru� und Keller, und wie sieht ein Keller ohne Haus aus? Ich male, das Papier auf den Knien, ein Glas ohne Sprung.</p><p>Sie bleiben! Je mehr, desto geselliger!, beschlie�t Walross, und seine Stimme hallt durch das Treppenhaus. Er ist so etwas wie der B�rgermeister vom Hochhaus geworden unter Pr�sident Aziz, der eine Waffe besitzt, wie es sich f�r einen Pr�sidenten geh�rt. Walross gewinnt beim Uno gegen die Bauern, ich lerne seine Regeln beim Zuschauen.</p><p>Unsere Pferde hat man uns genommen. Unsere S�hne h�tte man uns auch genommen, wenn die nicht vorher in die Waffen gegangen w�ren, seufzen die Bauern wegen ihrer Pferde, senken wegen ihrer S�hne den Blick, klagen um ihre M�dchen.</p><p>Die werden in unseren D�rfern nicht Halt machen, sagt ein Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart, ich frage nach seinem Namen, schreibe �Ibrahim� auf einen Becher und schenke ihm Wasser ein. Die zahnlosen Frauen kauen das Brot mit offenem Mund. Sie riechen s�uerlich und legen sich im Flur schlafen. Man muss �ber sie steigen, sie wachen auf und schimpfen kraftlos. Ich nenne sie nicht Fl�chtlinge, ich sage: Schutzlinge. Sie haben ein M�dchen mit so hellem Haar besch�tzt, dass ich meinen Vater fragen muss, ob es f�r so ein Hell einen Farbnamen gibt.</p><p>Er sagt: Sch�n.</p><p>Ich sage: Sch�n ist keine Farbbezeichnung.</p><p>Sch�n und ihr Onkel mit dem gezwirbelten Schnurrbart essen mit uns im Keller. Ibrahim wartet, bis Sch�n mit dem Kopf auf seinem Scho� eingeschlafen ist und erz�hlt leise von ihrer Flucht. Entkr�ftet und hungrig seien er und seine Nichte auf die anderen Schutzlinge gesto�en. Die Schutzlinge f�tterten sie und betteten das kr�nkliche Sch�n in einem zur H�lfte abgeschnittenen Lada, der von zwei Eseln gezogen wurde. Wir sind die Letzten aus unserem Dorf, Ibrahim �berlegt kurz, wir sind die Letzten aus unserem Nichts. Unsere H�user gibt es nicht mehr. Ich erz�hle euch alles, damit ihr wisst, mit wem wir es zu tun haben, aber erst will ich schlafen. Und dann, gute Leute, dann will ich mich rasieren, der Bart ist mir voll Erinnerung an die schlimmste Nacht. Ibrahim streichelt Sch�n �ber das Haar. Die Kleine hat alles verloren, sagt er, alles und jeden.</p><p>Mehr muss er nicht sagen. Ich lasse Sch�n nicht aus den Augen, ich lasse nicht zu, dass ihr jemals wieder etwas zust��t. Sch�n spricht nicht. Sch�n kann so ruhig sitzen, dass sie unsichtbar wird. Wenn Sch�n nicht in meiner N�he ist, suche ich sie. Sch�n klammert sich an eine abgewetzte Tasche. Am Taschengurt baumelt ein schmutziger, zerrupfter Teddyb�r.</p><p>Ich hei�e Aleksandar. Ich male unfertige Bilder, schau, das sind B�cher ohne Staub, das ist Jurij Gagarin ohne Neil Armstrong, hier ist ein Hund ohne Halsband. Das ist Nena Fatimas ungeflochtener Zopf. Ich hei�e Aleksandar, und immer fehlt etwas nicht so Sch�nes. Findest du Jungs mit gro�en Ohren sympathisch?</p><p>Ich bin Asija. Sie haben Mama und Papa mitgenommen. Mein Name hat eine Bedeutung. Deine Bilder sind gemein.</p><p>Wo sind Asijas Eltern?</p><p>Kenne ich einen der Soldaten da drau�en? Ist Miki vielleicht bei ihnen?</p><p>Was braucht man? Das Taschenmesser, die f�nfzig Mark und etwas Gl�ck, ist das alles?</p><p>Wie schwer wiegen Erinnerungen in einem Bart?</p><empty-line/><p>�5:09 Dienstag, 12. Februar 2002.� Ich habe alle Vi�egrader Stra�ennamen notiert, alle Kinderspiele, ich habe eine Liste von Gegenst�nden aufgestellt, die es in der Schule gab, mitsamt den f�nfhundert Anspitzern, die Edin und ich wie H�nsel und Gretel �ber den Bombenschutt verteilt hatten. Ich will die Vergangenheitsschablonen nachzeichnen. Im Schlafzimmer meiner Gro�mutter liegt ein Karton mit neunundneunzig unfertigen Bildern. Ich fahre nach Hause und male jedes einzelne zu Ende.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Von dreihundertdrei�ig zuf�llig gew�hlten Nummern in Sarajevo ist bei ungef�hr jeder f�nfzehnten ein Anrufbeantworter dran</strong></p><p><strong>G</strong>uten Abend. Mein Name ist Aleksandar Krsmanovi�. Ich rufe Sie an, weil ich versuche, etwas �ber eine Kindheitsfreundin herauszufinden, die w�hrend des B�rgerkriegs aus Vi�egrad nach Sarajevo geflohen ist. Ihr Name ist Asija. Ich bin alle anderen Wege gegangen, �mter, Internet � ohne Ergebnis. Ich nenne Ihnen ihren Nachnamen nicht, weil ich mir leider nicht sicher bin, ob er stimmt. Bitte melden Sie sich bei mir unter: Null-null-vier-neun-eins-sieben-vier-achtf�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht, wenn Sie irgendetwas �ber jemanden mit diesem Namen wissen. Asija ist heute Anfang zwanzig und hatte damals sehr helles, blondes Haar. Vielen Dank.</p><empty-line/><p>Guten Abend. Mein Name ist Aleksandar Krsmanovi�. Ich rufe Sie an, weil ich versuche, etwas �ber eine Kindheitsfreundin herauszufinden, die w�hrend des B�rgerkriegs aus Vi�egrad nach Sarajevo geflohen ist. Ihr Name ist Asija. Ich bin alle anderen Wege gegangen, �mter, Internet � ohne Ergebnis. Ich nenne Ihnen ihren Nachnamen nicht, weil ich mir leider nicht sicher bin, ob er stimmt. Bitte melden Sie sich bei mir unter: Null-null-vier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht, wenn Sie irgendetwas �ber jemanden mit diesem Namen wissen. Asija ist heute Anfang zwanzig und hatte damals sehr helles, blondes Haar. Vielen Dank.</p><empty-line/><p>Hallo? Herr Sutijan? Ich hoffe, ich spreche Ihren Namen richtig aus � ich habe Ihre Nummer zuf�llig gew�hlt, weil ich so entt�uscht bin von Absichten. Ich hei�e Aleksandar und rufe aus Deutschland an, wo ich seit unserem Krieg lebe. Gibt es in Ihrem Bekanntenkreis eine Frau namens Asija? Es ist kein h�ufiger Name, vielleicht haben Sie ihn mal geh�rt und k�nnen mir einen Hinweis geben, wo ich seine Tr�gerin finde. Der Name bedeutet Friedensstifterin, ich suche meine Asija und meinen Frieden finde ich nicht, solange ich nicht wei�, was mit meiner Asija ist. Das klingt kitschig und betrunken, und das ist es auch. Meine Nummer, Herr Sutijan, falls Ihnen irgendetwas einf�llt: Null-null-vier-neun-eins-sieben-vieracht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht.</p><empty-line/><p>Hallo, Asija, hier spricht Aleksandar. Du bist nicht da. Ich habe gerade einen Flug nach Sarajevo gebucht. Ich komme Montag an. W�rde mich freuen, wenn wir uns treffen k�nnten. Du erreichst mich unter: Null-null-vier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht.</p><empty-line/><p>Guten Abend, hier ist Aleksandar. Asija �? Bist du da �? Bitte heb ab � Wei�t du, du fehlst mir, und w�rdest du abheben, k�nnte ich dir vielleicht sagen, was es genau ist, das mir an dir fehlt. In zehn Jahren sammelt sich so einiges an. Wie tr�gst du dein Haar? Magst du Hackfleisch? Ich liebe Hackfleisch. Ich bin ab Montag drei Tage in Sarajevo. Null-nullvier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs- acht.</p><empty-line/><p>Asija? Hier spricht Aleksandar. Der mit den gro�en Ohren aus Vi�egrad. Der aus dem Keller. Der dich Sch�n nannte, weil es keine bessere Farbbezeichnung f�r dein Haar gab. Der dein Bruder war f�r einen Tag. Lass uns in Sarajevo oder in Vi�egrad an das zusammen Erlebte erinnern. Null-null-vierneun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht. Asija? Hallo, Aleksandar hier. Montage sind die besten Tage, um etwas zu beginnen. Fast zehn Jahre ist es her, dass wir uns gesehen haben. Das macht circa f�nfhundertzwanzig Montage, was nicht nach viel klingt. Wenn man es sich aber genau �berlegt, sind das eine Menge Montage, an denen man h�tte etwas beginnen k�nnen. Ich w�rde gerne wissen, was du in deinem Leben alles begonnen hast, ich mache ein paar Tage dort weiter, wo ich mal zu Ende gegangen bin. Nullnull-vier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei- sechs-acht.</p><empty-line/><p>Ich habe sechs Briefe geschrieben, Asija, und mir f�r jeden Umschlag einen anderen Nachnamen f�r dich ausgedacht, aber immer denselben aufgeschrieben. Bosnien ist, verglichen mit nur sechs Briefen, grenzenlos. In meiner Vorstellung bist du eine Geigerin. Du hast Hornhaut an den spitzen Fingern und verausgabst dich bei jedem Konzert. Wenn jemand fragt, wie es dir geht, wei�t du vor Stolz gar nicht, wo anfangen. Du l�ufst jeden Tag f�nf Kilometer, sprichst Franz�sisch und pfeifst auf Frankreich. Ich bin ab Montag unten, ruf mich bitte an: Null-null-vier-neun-eins-sieben-vieracht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht.</p><empty-line/><p>Hallo, hier ist Aleksandar Krsmanovi�. Asija? W�re sch�n, wenn wir uns sehen k�nnten, ich komme am f�nfundzwanzigsten an. Holunder und Pflaumen und Quitten gibt es dann noch nicht, daf�r die wohlriechendsten Treppenh�user. Du kannst mich gern anrufen unter: Null-null-vier-neun-einssieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht.</p><empty-line/><p>Entschuldigen Sie die St�rung. Es gab einmal ein blondes M�dchen mit dem arabischen Namen Asija und einen dunkelhaarigen Jungen mit dem keinesfalls arabischen Namen Aleksandar. Die M�glichkeit einer Liebesgeschichte ist durchaus gegeben: die Eltern k�nnten religi�s sein und gegen diese Beziehung, die Konvention ist auf jeden Fall dagegen, der Krieg macht jedes Dagegen zwingender. Alles schrecklich, weil doch das Herz entscheidet und so weiter. Ich muss Sie entt�uschen. F�r eine Liebesgeschichte waren Asija und Aleksandar zu jung. Sie hatten noch kein Gef�hl f�r das tragische Potenzial ihres Gl�cks und ihres m�glichen Ungl�cks. Asiya, die Besch�tzte! Al�ksandros, der Sch�tzende! Ha! Die beiden hielten H�nde und schalteten Licht ein, zu einer Zeit, als nur Verr�ckte daran dachten, unbeschwert zu sein. Nullnull-vier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei- sechs-acht. Das ist meine Nummer, falls Sie Genaueres erfahren m�chten. Entschuldigen Sie die St�rung.</p><empty-line/><p>Die Koffer sind gepackt. Der Wein schmeckt gut. Nirgendwo wachsen so gute Pflaumen wie in Vi�egrad. Null-nullvier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs- acht. Ich bin permanent erreichbar, die letzten zehn Jahre quasi. Ich habe ein Portr�t von Vi�egrad in drei�ig Listen geschrieben. Zuerst reise ich zu dir, Asija.</p><empty-line/><p>Ja, guten Abend. Ich bin nichts Besonderes. Meine Geschichte ist nichts Besonderes. Guten Abend. Ich komme zu allem zu sp�t. Ich komme zum Besonderen zu sp�t. Ich komme zu meiner Biografie zu sp�t. Guten Abend, Bosnien, ruf doch mal an: Null-null-vier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zweisechs-drei-sechs-acht.</p><empty-line/><p>Asija, ich werde dein Haar suchen und in allen Gesichtern deine Stirn. In alle Gespr�che werde ich deinen Namen wie einen Samen s�en und hoffen, dass er zu einer Blume w�chst. Lieber Anrufbeantworter, kennen Sie eine Blume namens Asija? Falls ja: null-null-vier-neun-eins-sieben-vieracht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht. Entschuldigung �</p><empty-line/><p>Haaaallo? Haaaallo? Jemand da? Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind, ich bin Aleksandar Krsmanovi�, Student, Enkel, Fl�chtling, langhaarig, gro�ohrig, auf der Suche nach seiner Erinnerung. Auf der Suche nach einem M�dchen. Eigentlich einer Frau. Asija. Kennen Sie Asija? Ich habe einmal einen irren Soldaten getroffen, der eine Emina gesucht hat. Kennen Sie eine Asija? Ich suche programmatisch. Das Programm: die �berh�hung der eigenen Geschichte und endlose Listen. Null-null-vier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechsdrei-sechs-acht.</p><empty-line/><p>Asija? Asija? Asija? Asija. Asija. Asija.</p><empty-line/><p> Eines Tages fragte ein vorz�glicher Frager:</p><empty-line/><p> Wer ist das, was ist das? Verzeih mir!</p><empty-line/><p> Wo liegt es,</p><empty-line/><p> Woher kommt es,</p><empty-line/><p> Wohin geht es,</p><empty-line/><p> Dieses</p><empty-line/><p> Bosnien?</p><empty-line/><p> Sag!</p><empty-line/><p> Und der Befragte gab darauf eine schnelle Antwort:</p><empty-line/><p> Irgendwo gibt es so ein Bosnien, verzeih mir,</p><empty-line/><p> Ein Land kalt und karg,</p><empty-line/><p> Hungrig und nackt,</p><empty-line/><p> Und �berdies noch,</p><empty-line/><p> Verzeih mir,</p><empty-line/><p> Trotzig</p><empty-line/><p> Vor Schlaf.</p><empty-line/><p>Ich bin es, Aleksandar. Das Gedicht ist von Mak Dizdar. Wenn du es bekommst, ruf an unter: Null-null-vier-neun-eins-sieben-vier-acht-f�nf-zwei-sechs-drei-sechs-acht. Ich m�chte dir die Geschichte von der B�ckerin erz�hlen, die in einer Sommernacht �92 drei�ig S�cke Mehl �ber die Vi�egrader Stra�en, �ber die Br�cke und �ber die Schande ausstreute und sich danach in ihrem kleinen Laden � �</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Was die Wise Guys weise macht, wie hoch der Einsatz auf die eigene Erinnerung sein darf, wer gefunden wird und wer erfunden bleibt</strong></p><p><strong>A</strong>n Kikos richtigen Namen k�nnen sich Mesud und Kemo nicht erinnern. Die beiden M�nner haben mir stundenlang zwischen Kaffee und Kaffee Legenden und Legend�res �ber Fu�ball in Jugoslawien, in Bosnien, in Sarajevo erz�hlt. Wir sitzen in einem kleinen Wettcaf� oberhalb der Altstadt und Mesud sagt: vielleicht hat er einfach nur Kiko gehei�en, wie die Brasilianer.</p><p>Kiko � die Neun, Kiko � das Kopfballungeheuer, Kiko � der Eisensch�del von der weichen Drina hatte in der letzten Halbsaison vor dem Krieg drei�ig Tore gemacht, davon zwanzig mit dem Kopf, drei mit rechts, und die restlichen sieben alle mit dem schw�cheren linken und alle in seinem letzten Spiel, nur einige Tage bevor in Sarajevo die ersten Sch�sse fielen.</p><empty-line/><p>Ich bin gestern in Sarajevo gelandet, habe mir ein Zimmer gemietet, drei Tage f�r drei�ig Euro bei einer jungen Frau mit drei T�chtern. Ich fuhr die Endhaltestellen der Stra�enbahn ab, hinaus zu den grauen T�rmen der Plattenbauten, spazierte durch die Altstadt, mit H�nden hinter dem R�cken verschr�nkt, Blick gegen den Boden gerichtet, als sei ich in Gedanken und geh�re somit hierher, es gibt keine nachdenklichen Touristen. Ich wollte wissen, wor�ber man in der Stadt spricht, traute mich aber nicht nachzufragen. Ich h�rte zu. Ich wollte wissen, wie man auf die D�cher gelangt, ich ging Treppenh�user riechen, bekam in der Bibliothek eine Nummer, die zu einem Tisch mit Leselampe geh�rte. Ich sah Studenten beim Lernen zu. Am Abend wurde �Orpheus und Eurydike� aufgef�hrt, ich wollte wissen, was die Unterwelt sein wird, in die der Sohn des Flussgottes steigt, um das schon Verlorene noch einmal zu verlieren, aber ich bekam keine Eintrittskarte, es freute mich, dass Dinge ausverkauft waren. Mich freute alles, was nicht nach Ruine, sondern nach Reichtum aussah oder nach Sorglosigkeit, obwohl ich mir einredete, sorglos sein geht doch gar nicht. Ich stieg auf ein Dach. Ich hatte das Gef�hl, etwas aufgegeben zu haben, sah auf die Stadt und wusste nicht, was es war. Ich wollte nicht tanzen, ich wollte sehen, wie man tanzte. Vor dem Club gab es keine Schlange, ich wartete trotzdem und kaufte mir dann doch blo� die S�ddeutsche von gestern in einem Kiosk in der N�he. Auf dem Bett in meinem Zimmer fand ich einen Zettel von der Vermieterin: Pita ist im Ofen, falls du Hunger hast. Ich hatte Hunger, die Fingerschattenv�gel flogen wieder �ber bosnische W�nde, ich schlief drei Stunden.</p><p>Am zweiten Tag kochte ich Kaffee f�r die Vermieterin und fragte sie nach Asija. Ich fragte �berall nach Asija und hielt Ausschau nach Asijas hellem Haar. In den Stra�enbahnen, an den Endhaltestellen, zwischen den Plattenbauten und in den Caf�s der Altstadt. Ich las Namensschilder, stieg auf D�cher und suchte die Gegend ab. In jedes Gespr�ch streute ich ihren Namen, versuchte, Beamte und Notare von der Dringlichkeit meiner Suche zu �berzeugen, bekam Einblick in Namenregister, in Fl�chtlingsstatistiken, in Opferlisten, man sagte mir, ich k�me reichlich sp�t, ich bat h�flich, es bei konstruktiven Kommentaren zu belassen. In der Musikhochschule bl�tterte ich heimlich die Mitgliederkartei der Bibliothek durch, immer noch �berzeugt, dass Asija Geigerin ist. In der Videothek durfte ich die Kundendaten nicht sehen, im Sonnenstudio schon. Unterwegs zwischen den Orten las ich das Telefonbuch. Acht Asijas rief ich an, bei sechs entschuldigte ich mich f�r die St�rung, zwei waren nicht zu Hause, was Anlass zur Hoffnung gab.</p><p>Die Stra�e gibt es in Sarajevo nicht, sagte der Taxi-Fahrer, als ich ihm Asijas Adresse nannte, die mir Oma Katarina vor Jahren gegeben hatte, und lie� sich das auf mein Dr�ngen hin von der Zentrale best�tigen. Ich lie� mich in eine Stra�e fahren, die �hnlich klang wie die auf meinem Zettel, klingelte an f�nf T�ren und las mir alle Klingelschilder durch. Der Himmel war bew�lkt, ich gelangte an das Ende der Stra�e und sah mich um. Kinder schrieben mit bunter Kreide ihre Namen auf den Asphalt. Ich verlasse Sarajevo nicht, bevor ich etwas gefunden habe.</p><p>Ich kaufte ein Buch �ber den Genozid in Vi�egrad. Ich wollte so lange durch die Stadt streunen, bis mir ein streunender Hund begegnete oder bis mich jemand erkannte, der aus Vi�egrad hierher geflohen ist. Ich wollte Wellensittichen beim Schn�beln in einem Fenster zusehen und fragte verstohlen nach Pflaumenmarmelade zu meinen �evap�i�i. Verarsch mich nicht, gab der Kellner zur�ck, sp�ter kam der Regen und anstatt zur F�hrerscheinstelle zu gehen, betrat ich das kleine Wettcaf� mit dem Blick auf die Altstadt.</p><empty-line/><p>Mesud, der mit seinem Schnurrbart spielt, mich eindringlich mustert und sagt: Kiko. Kiko von der weichen Drina. Wie du.</p><empty-line/><p>Ich wollte einen Kaffee trinken und warten, dass der Regen aufh�rt. Vier Fernseher an der Wand, in allen lief Teletext, ein Billardtisch in der Mitte des Raumes, Aschenbecher auf den Plastiktischen. M�nner in Lederjacke oder Trainingsanzug beugten sich konzentriert �ber Quotentabellen. Ich bestellte einen t�rkischen Kaffee. An einem Tisch vor der breiten Glasfront lasen zwei �ltere M�nner Zeitung, einer trug eine Trainingsjacke mit der Aufschrift �Rot-Wei�-Essen� und der Nummer 11.</p><p>So ein Zufall, sagte ich, ich wohne in Essen.</p><p>Die M�nner senkten die Zeitungen und sahen sich um. Ich stand hinter ihnen, Kaffeetasse in der Hand. Sie schwiegen.</p><p>Die Jacke, sagte ich und deutete mit der Tasse auf den Mann mit dem Schnurrbart. Der andere gab Zucker in seinen Kaffee, schl�rfte vorsichtig und widmete sich wieder seiner Zeitung.</p><p>Deutschland, Regionalliga Nord, Sonntag gegen D�sseldorf, gibt ein Unentschieden, sagte der mit der Jacke. Der Schnurrbart verdeckte seinen Mund, bewegte sich auf und ab, als kaute der Mann.</p><p>Ich bin Aleksandar, ist da noch frei?, h�rte ich mich sagen, dabei klang die tiefe Stimme unter dem Schnurrbart nicht gerade einladend.</p><p>Wir sind die Wise Guys, sagte die Stimme und der Arm zeigte auf den freien Stuhl.</p><p>Was hei�t das?, fragte ich und setzte mich dazu.</p><p>Dass ich Recht habe, wenn ich sage: spiel am Sonntag Unentschieden auf dein Essen gegen D�sseldorf.</p><p>Die Wise Guys: Mesud mit Schnurrbart und Sportjacke, die ihm sein Schwiegersohn vor Jahren aus Deutschland mitgebracht hatte, und Kemo, der Diabetiker, der sich den Diabetes nicht einreden l�sst. Kemo war der stillere der beiden. Er sa� die meiste Zeit in Sportzeitungen vertieft, schrieb Zahlen auf und malte Kreise, Dreiecke, Blitze und wieder Zahlen daneben. Mesud f�hrte zahllose Gespr�che mit den kurzhaarigen M�nnern, die immer wieder an unseren Tisch traten und Dinge sagten wie: Anderlecht under?, Zidane gelbgesperrt, unentschieden?, Deportivo ausw�rts � Handicap zwei, was meinen Sie, �ika Mesud? F�r jeden Spieler hatte der eine Antwort und einen Rat, ich konnte kein System dahinter erkennen.</p><p>Wie oft wetten Sie?, fragte ich die Wise Guys.</p><p>Nein, nein, hob Mesud abwehrend die H�nde, wir wetten nicht, wirst ja nicht gl�cklich damit. Wir sind da, falls jemand den Statistiken nicht glaubt oder nicht weiterwei�, das ist alles.</p><p>Viele wussten nicht weiter und kamen fr�her oder sp�ter auf einen kleinen Plausch oder mit einer Frage an unseren Tisch. Ein sch�chterner Mann mit Anzug und Fliege wollte wissen, wie die Chancen stehen, dass Inter heute gewinnt. Ich war noch nie in Mailand, sagte Mesud, Finger weg von Italien. Kemo hob den Daumen: Inter packt es.</p><p>Der Laden wurde voller, die Spieler f�llten ihre Scheine gegen die Wand aus. Musik wurde eingeschaltet, eine Frau sang davon, wie es ist, betrogen zu werden, dann sang ein Mann davon, wie es ist, zu betr�gen, in beiden Liedern kamen beste Freunde vor. Vor den Spielautomaten bauten sich Lederjacken auf, schlugen auf die Kn�pfe, es knallte, knallte, knallte. Der Regen hatte aufgeh�rt, aber mir war nicht nach Gehen, ich wollte, dass man mich f�r einen Bekannten von Kemo und Mesud hielt. Niemand fragte mich etwas, ich setzte zehn KM auf Essen � D�sseldorf: unentschieden.</p><p>Zwei h�chstens Zehnj�hrige stie�en mit Queues die wei�e Kugel gegen die Bande. Kemo warf eine M�nze f�r sie ein und fuhr dem kleineren der beiden durch das flachsblonde Haar. Die Kugeln rumorten im Tisch, im Teletext blinkten die ersten Live-Ergebnisse, drau�en wurde es dunkel. Wir sprachen �ber Roter Stern, wir sprachen �ber die Nationalmannschaft damals und die Nationalmannschaften heute, Mesud sagte: w�ren wir heute ein Land, w�ren wir unbesiegbar. Der Flachsblonde versenkte eine Kugel nach der anderen, Benfica, schrie jemand pl�tzlich, sind doch Hurenb�cke alles!, ein Stuhl fiel um, am Nachbartisch erz�hlte jemand, dass sein Cousin Husein jeden Tag mit Schei�e gef�llte Briefe an die Staatsanwaltschaft schickt, ein anderer fragte, was das an Porto kostet, dann verlor ich den Faden. Der flachsblonde Junge trank Fanta aus der Dose und traf die Zehn, die Zehn traf die Vierzehn und die Vierzehn verschwand im Loch. Ein Trainingsanzug meinte: kennt ihr den?, und ich h�tte einfach warten m�ssen, aber ich fragte: kennen, wen?, und der Trainingsanzug erz�hlte einen Witz. Ich wollte alles ganz genau wissen und sofort, und wusste �ber nichts Bescheid.</p><p>Mujo und Suljo gehen spazieren. Pl�tzlich f�llt Mujo um. Suljo ruft den Notarzt an: Schnell, ich glaube Mujo ist tot! Der Notarzt: alles mit der Ruhe, vergewissern Sie sich zuerst, ob er wirklich tot ist. Es herrscht kurz Stille, dann h�rt man einen Schuss. Suljo in sein Telefon: Und was jetzt?</p><p>Der Flachsblonde deutete mit dem Queue auf die Schwarze, dann auf das Loch in der Mitte und lehnte nach dem Sto� das Queue gegen den Tresen. Sein Gegner zahlte ihm eine zweite Fanta und verlie� kopfsch�ttelnd das Caf�. Seine Kugeln waren alle noch auf dem Tisch, Kemo nickte anerkennend, der Junge nickte ernst zur�ck.</p><p>Hier wirst du zweierlei Leute finden, wandte sich Mesud zu mir: die, die alles vermissen und die, die �ber alles schimpfen. Ich selbst schimpfe nie �ber das Vermissen und werde nie das Schimpfen vermissen. Er hob die Schultern und grinste �bers ganze Gesicht. Zweiundsechzig in Chile, rief er, dem Land ging es gut, und wenn es dem Land gut geht, geht es auch dem Sport nicht schlecht. Heute ist es so: schei�e hier � schei�e dort. Dann, Halbfinale gegen die Tschechen. Pele hat damals gesagt, der beste Spieler �berhaupt, noch besser als er selbst, sei die Nummer Zehn von den Jugoslawen. Er hat den Namen nicht aussprechen k�nnen, umso lieber sag ich ihn: Dragoslav �ekularac!</p><p>Mesud lehnte sich zur�ck und sah mich an. Der Name sagte mir nichts. Ich nickte, sagte: Dragoslav, ja.</p><p>Die besten Ausw�rtsfahrten waren Split und Rijeka, warf Kemo ein, und auch sein Gesicht erhellte sich. Die Siebziger an der Adria, mein lieber Hase! Wir haben Tschechinnen mit ins Stadion genommen! Wie diese Spiele ausgegangen sind � keine Ahnung, Bruder. Die schrieben uns danach Briefe und im Krieg schickten sie Zigaretten.</p><p>Auf die Frage, wer gerade die Tabelle in Bosnien anf�hrt, gab Kemo zwei L�ffelpyramiden Zucker in seinen Verl�ngerten und sch�ttelte den Kopf: ach was, Bosnien �, winkte er ab. Du kannst auf das letzte Kaff in Finnland wetten, aber hier, auf die eigene Liga, vergiss es!</p><p>Was Kleines, sagte Mesud, was S��es, sagte Kemo sp�ter am Abend, als die meisten Spiele liefen und jeder nur noch auf die Teletext-Tafeln starrte. Ich besorgte uns Spinatfladenbrot, Kajmak und Baklawa. Als ich mit dem Essen zur�ckkam, empfing mich Jubel. Inter war in F�hrung gegangen.</p><p>Woher kommst du eigentlich?, fragte Mesud, den Blick auf das warme Fladenbrot gerichtet.</p><p>Aus Vi�egrad, sagte ich und dachte zum ersten Mal seit Stunden wieder an Asija, an Oma Katarina, an meine Listen. Die Reise f�hlte sich gerade nicht wie eine Reise an.</p><p>Gut. Gute Stadt. Mesud biss in das Fladenbrot. Drina ist ein guter Fluss, gute Fu�baller hatte sie nie. Bis auf einen vielleicht. Kemo, kannst du dich an � und jetzt wird Mesud �Kiko� sagen und �erinnern�. Wie hat der noch mal richtig gehei�en? Er ist direkt aus der Jugend zu den Profis. Einen Kopfball nach dem anderen hat er reingewuchtet. Eine Sprungkraft, wird Mesud schw�rmen, aufst�tzen musste der sich nicht. Mann, Mann, Mann, auf der Trib�ne hast du es knallen geh�rt! Kiko, wird Mesud sagen, Kiko von der weichen Drina. Wie du.</p><empty-line/><p>Im Teletext flimmern die Ergebnistafeln gr�n und rot. Die H�nde der alten M�nner sind rau und trocken, ungehobelt und grob, Narben und H�cker, wir w�nschen uns zum Abschied Gelingen. In der Altstadt flimmern die Laternen, in den dunklen Wohnzimmern die Fernseher. Ein kalter Wind kommt auf, die Sterne sind nicht zu sehen. Ich vergrabe die H�nde in die Taschen, schlage den Jackenkragen hoch. Das sind meine H�nde in den Taschen. Das sind meine Schritte. Das ist mein Schl�ssel. Hier schlie�e ich die T�r auf. Hier gehe ich auf Zehenspitzen die trotzig knarrende Treppe hinauf. Das ist mein Leisesein. Das ist mein Zimmer. Hier liegt mein Koffer. Hier stapeln sich die Listen. Hier stapeln sich die Stra�en. Hier stapeln sich die Namen. Hier knie ich vor dem Koffer. Hier lese ich �Damir Ki�i�. Hier steht �Damir Ki�i� � Kiko�.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Was hinter Gottes F��en gespielt wird, wof�r sich Kiko die Zigarette aufhebt, wo Hollywood liegt und wie Mikimaus zu antworten lernt</strong></p><p><strong>U</strong>m 14.22 Uhr funkten sie den Waffenstillstand in den Sch�tzengraben der Territorialen Verteidigung. Den dritten in diesem Monat. Um 14.28 Uhr schoss vom n�rdlichen Waldrand, aus dem serbischen Graben, der Ball im hohen Bogen auf die Lichtung, die auf etwa zweihundert Metern die Stellungen trennte, setzte zwei Mal auf und rollte zu den beiden zusammengeschossenen Tannen, die schon in den letzten Kriegsauszeiten als Pfosten gedient hatten.</p><p>Der Befehlshabende der Territorialen, Dino Safirovi�, genannt Dino Zoff, hechtete aus dem Stand auf den Grabenrand, formte mit den H�nden einen Trichter um seinen Mund und streckte den Oberk�rper nach hinten, als er auf die andere Seite rief, was ist, Tschetniks, wollt ihr wieder auf die Fresse? Er langte sich in den Schritt und schob die H�fte vor und zur�ck, vor und zur�ck, lief dann einige Meter in Richtung Ball, zu der Stelle, wo �ora ausgestreckt lag mit einem Riesenloch im Kopf.</p><p>Wir haben eure M�tter schon zwei Mal arschgefickt, Mudschaheddiner Fotzen, t�nte eine heisere Stimme aus dem serbischen Graben, w�hrend sich Kiko, Kiko � die Neun, Kiko � das Kopfballungeheuer, Kiko � die Eisenstirn von der weichen Drina � zu Dino Zoff gesellte, �ora an den Kn�cheln fasste und hinter sich zum Graben schleifte. Er deckte ihn mit seinem Mantel zu und strich die blutigen Str�hnen aus seiner Stirn, schau mal wie du aussiehst, mein �ora, fl�sterte er, Gras und Erde �berall.</p><p>Neben ihm schnalzte Meho mit der Zunge, kramte aus dem Ranzen das rot-wei�e Trikot von Roter Stern und streifte es �ber seine Weste. Umst�ndlich leerte er die Taschen: ein Schweizer-Messer, ein Feuerzeug, zwei Handgranaten, eine angebrochene Konserve Wurstaufstrich. Das Foto von Audrey Hepburn k�sste er mehrmals verz�ckt und steckte es wieder ein. Auf Dino Zoffs fragenden Blick grinste er, sagte: jedem seinen Talisman, hast du gewusst, dass Maradona seine Unterhose �, da bemerkte er Kiko und den toten �ora und hielt inne. Er h�tte nicht rausgehen d�rfen, egal wie dunkel �, setzte Meho an, entschuldigend und anklagend zugleich, begegnete aber Kikos Blick, seufzte und schob ihm eine Schachtel Drina unter die Nase. Jeder im Trupp wusste, dass Meho noch Kippen besa�, es wurde gemunkelt, die Schachtel sei sogar halb voll. Kiko nahm sich die vorletzte. Er lenkte sie waagrecht an die Oberlippe und sog ihren Duft auf.</p><p>Mirabellen, murmelte er und schloss die Augen, Hanifas Hals, wenn sie mich nach dem Training abgeholt hat, Kaffee, der richtige, t�rkische. Siehst du, mein �ora, du gehst drauf und ich krieg ne Kippe. Mit den Fingerspitzen streifte Kiko �ber �oras Augenlider und steckte sich die Zigarette hinters Ohr. F�r nach dem Spiel, sprach er mit gesenktem Kopf.</p><p>F�nf-zwei und Zwei-eins hatten die Serben die letzten beiden Waffenruhen f�r sich entschieden. Ein gewisser Milan Jevri�, genannt Mikimaus, machte im ersten Spiel drei der f�nf Tore. Mikimaus war ein zwanzigj �hriger Bauernbursche, der auf Zweimetersechs hundert Kilo wog, allein gesch�tzte drei�ig in diesem Felsmassiv von einem Kopf, das er mitsamt Nasenvorsprung und zwei-drei d�nnen Haarb�scheln auf seinem Ochsennacken trug. Eigentlich ein Innenverteidiger, �berraschte er mit seiner Schusskraft sich selbst am meisten, als er zu Beginn der zweiten Halbzeit vorst�rmte, aus drei�ig Metern draufhielt und Dino Zoff geradewegs ins Gesicht traf. Erst als Marko, einer der beiden serbischen St�rmer, Dino einen Schnaps unter die Nase hielt, kam der wieder zu sich, sprach aber in den n�chsten zwei Stunden nur noch fehlerloses Latein und gab einige Weisheiten von Cicero von sich. Seit diesem Volltreffer spielte Mikimaus im offensiven Mittelfeld und h�mmerte aus jeder erdenklichen Lage auf das Leder ein. Wenn er einen seiner Sch�sse mit dem rechten Vollspann abfeuerte und der Ball kugelscharf aufs Tor strich, warf sich Dino Zoff jedes Mal nicht furchtlos, aber tapfer in die Flugschneise, blieb danach regelm��ig mit schmerzverzerrtem Gesicht oder benommen liegen. Wahrscheinlich, weil die Brecher von Mikimaus anders nicht zu halten waren, vielleicht aber auch in der Hoffnung auf die Wiederkehr von Markos Schnaps. Mikimaus� Sch�sse waren keine Kunstsch�sse, sie kamen ohne Effet oder Au�enrist aus und �berraschten nach dem ersten Mal niemanden mehr. In ihrer Schn�rkellosigkeit entsprachen sie Mikimaus� selten ge�u�erten, geradlinigen Gedanken, sie waren einfache Anstrengungen, f�r die der gro�e Mann gelobt und gef�rchtet wurde und die er daher wie ein Kind mit Begeisterung wiederholte.</p><p>Einen einzigen Makel hatte Mikimaus� rechtsf��ige Gewalt und den nutzten die Territorialen gnadenlos aus. Nach jedem Schuss entlud der Riese seine ganze Kraft und Freude in einem Schrei, der musikalisch zwischen dem Brunstruf eines Stieres und dem Bremsger�usch eines F�nfundzwanzigtonners mit Anh�nger auf steil absch�ssiger Stra�e lag � Original Monika Sele�!, rief Kozica, der ziegenb�rtige Linksau�en der Territorialen, nach einem solchen Aufjauchzen durch Berg und Tal, und prustete los.</p><p>Spielt Monika heute wieder mit?, oder: Monika, Monika, spiel an mir Mundharmonika!, frotzelten seitdem Dino Zoffs M�nner und st�hnten laut, sobald Mikimaus am Ball war. Und dieses Gebirge von einem Mann, f�r den es keine passende Uniform gegeben hatte, so dass er seine riesenhaften Latzhosen von Zuhause anbehielt, wurde durch die Sticheleien verunsichert. Im zweiten Spiel d�mpfte er seine Schreie, prompt fielen auch seine Weitsch�sse zur�ckhaltender aus und bereiteten Dino Zoff kein Kopfzerbrechen mehr. Wenn ein Gegenspieler in seiner N�he aufjodelte, zuckte Mikimaus zusammen, der Felsenkopf kippelte auf den vergleichsweise schm�chtigen Schultern und die schmale Stirn furchte sich vor Gedanken. Gerne h�tte Mikimaus sie ge�u�ert, wenn man ihm nur etwas mehr Zeit gegeben h�tte, aber schon verlagerte sich das Spielgeschehen auf die andere Seite und der Sp�tter fegte davon.</p><p>Auch heute johlte Kozica beim Warmmachen auf die serbische Seite: ach, wie schade, dass Fr�ulein Graf nicht auf den Igman kommen konnte! Sie ist in Wimbledon, l�sst aber Monika liebe Gr��e ausrichten, das mit dem Nagellack geht klar. Uh, uh, uh, rief Kozica und seine Kameraden fielen mit ein.</p><p>Zweimal vierzig Minuten, erste Halbzeit ein Schiedsrichter von den Territorialen, zweite ein Serbe � wenn schon beschissen wurde, dann gleichm��ig verteilt beschissen. Zwischen den Tannenpfosten am s�dlichen Rand der Lichtung zog Mikimaus ein Seil als Latte fest. Das andere Tor bestand aus �berresten des Zauns, der einen der beiden Karrenwege ges�umt hatte, die sich auf der Lichtung kreuzten. Der Maschendraht zwischen den Zaunlatten wurde gekappt, die Pfosten mit Brettern auf zweieinhalb Meter verl�ngert. Wer die Wege kontrollierte, kam am Berg schneller voran und musste sich nicht durch dichte und ungenau kartografierte W�lder schlagen, mit mehr Minen als Pilzen in der Erde. Darum ging es hier seit zwei Monaten � um zwei Karrenwege. Einer davon ging weiter unten im Tal in eine asphaltierte Stra�e �ber, die nach Sarajevo f�hrte. In ordentlichen Zeiten zogen Fliegen ihre Quadrate �ber getrockneten Rinderkot, mittlerweile kam kein neuer Kot zum Trocknen hinzu. Die Rinder von den Bauern, die nicht h�her ins Gebirge getrieben wurden, hatte man l�ngst erlegt, und die Menschen vergruben ihre Schei�e. Die Fliegen kreisten jetzt �ber den Leichen, die nicht immer sofort unter die Erde gebracht werden konnten.</p><p>Um 16 Uhr trafen die Mannschaften in der ungef�hren Mitte des Spielfeldes aufeinander, die restlichen Soldaten lie�en sich als lebende Aus-Linien in langen Reihen auf die Wiese nieder. Waffen trug niemand sichtbar, einige Gewehre lehnten gegen B�ume. Die Spieler passten sich den Ball zum Aufw�rmen schweigsam zu, die Seitenwahl gewannen die Serben.</p><p>Etwas abseits umarmten sich Kiko und Mikimaus. Sie kannten sich aus der Schule, beide waren sie in der achten Klasse zweimal sitzen geblieben, das war ungew�hnlich. Noch ungew�hnlicher war es, dass jemand auch noch zweimal die erste Klasse wiederholen musste, die vierte und die sechste. Einmal, mitten in einer Matheklausur, fragte der Junge mit dem immer offenem Mund, wie man eigentlich lernte. Bei den Mitsch�lern galt er als stiller, gutm�tiger Koloss, der auf die Frage, wann Kolumbus Amerika entdeckt hatte, aus dem Fenster sah und �Kartoffelk�fer� antwortete. Der knapp siebzehnj�hrige Kiko dagegen z�hlte zu den besten Fu�balltalenten des Landes. W�hrend er von den Vereinen der ersten Liga umworben wurde, schuftete Mikimaus Tag und Nacht auf dem Bauernhof seiner Eltern, und nichts deutete darauf hin, dass bessere Tage und bessere N�chte kommen w�rden.</p><p>Und sie kamen doch � mit dem Krieg. Mikimaus fragte: wo ist der Krieg?, seine Mutter antwortete: Gott sei Dank noch weit weg, er fragte: gut, f�r wen sind wir?, sein Vater gab zur�ck: du bist Serbe. Am n�chsten Tag stand Mikimaus mit einem Rucksack in der T�r, der auf seinem weiten R�cken wie ein Kosmetikt�schchen aussah. Er sagte zu seinem Vater, zu den zehn Spiegeleiern vor seinem Vater, zur hellblau befliesten K�che, zur gekerbten Tischplatte aus Kirschholz, zum staubigen Hof, zum Mistgestank aus dem Stall, zum Pflug, der ihm den R�cken so endlos mit Muskeln durchzogen hatte, zu den zahllosen Maiss�cken, in die er Nacht um Nacht mit voller Wucht trat, aus Wut �ber den Vater, �ber Vaters zehn Spiegeleier jeden Morgen, �ber die Tischplatte, in die er seinen Namen eingeritzt hatte, als er einmal zwei Wochen unter dem Tisch hatte schlafen m�ssen, �ber den Hof, wo ihn sein Vater in den Staub warf und mit F��en nach ihm trat, �ber den Mist, in dem er sein ganzes Leben watete, �ber den Pflug, weil er kein Ochse war: Auf Wiedersehen, ich bin jetzt weit weg, ich bin im Krieg.</p><p>Mikimaus� Vater kaute zu Ende, trank seinen Blumenkohlsaft aus und wischte sich mit dem Geschirrtuch �ber den Mund. Er schob den Stuhl nach hinten, erstarrte aber in der festen Stimme seines Sohnes, der sagte: stehst du auf, machst du einen Schritt, dreh ich dir den Hals um wie einem Huhn, ich bin jetzt weit weg. F�nf Tage wanderte Mikimaus, fragte sich durch, sagte so oft, er sei Serbe, bis man ihm ein Gewehr gab. Kann ich schie�en gehen?, wollte er wissen, und lernte, wie man lud und entsicherte. Er wurde auf den Igman geschickt, wo die serbischen Truppen die Belagerung von Sarajevo vorbereiteten. Mikimaus klagte nie. Er fand sie besser als das Zuhause, die abgelegenen Orte, �ber die seine Kameraden sagten, Gott habe sie l�ngst verlassen und vergessen, und so ein Gott dreht sich nicht noch mal um. Sie sagten: hinter Gottes F��en.</p><p>Der Spitzname machte Mikimaus nichts aus. Ich mag auch die Ente und den Hund, sagte er, Pluto ist halt ein bisschen tollpatschig. In der Schule hatte er noch nicht Mikimaus gehei�en, und Kiko nannte ihn heute noch Milan.</p><p>Milan, sagte Kiko und legte Mikimaus die Hand auf den Oberarm, ihr habt heute Nacht �ora weggefickt.</p><p>Mikimaus hob die Augenbrauen, zog den Kopf ein und holte Luft f�r eine Antwort. Sein Gesicht verlor jegliche Symmetrie, blass und mit den Aknenarben sah es aus wie unbehauener Stein. Kiko wartete auf eine Antwort, aber Mikimaus atmete blo� aus und schloss seinen pausenlos ge�ffneten Mund. Presste die Lippen zusammen wie andere den Blick senken.</p><p>Ein schriller Pfiff signalisierte das Ende des Aufw�rmens.</p><p>Mikimaus nahm Kikos Hand von seinem Arm. Kiko, die haben gesagt: Mikimaus, du spielst wieder hinten.</p><p>Dass er der Einzige gewesen war, der in dieser Nacht geschossen hatte, sagte Mikimaus nicht. Aus dem Wald flog ein schwerer Vogel auf, und der gro�e Mann lief zur�ck in die Abwehr.</p><p>Gavro, der serbische Spielmacher, ein schwarzhaariger Lockenkopf mit einem t�towierten Raben an der Schulter, pfiff dem Vogel spitz hinterher. Gavro pfiff nur dann nicht und summte kein Liedchen, wenn er sprach oder a�. Sogar im Schlaf schnarchte er unter seinem Schnurrbart ein klangvolles �An der sch�nen, blauen Donau�. Der Vogel �berflog die Lichtung und segelte im S�den talw�rts hinter die B�ume. Gavro schnappte sich den Ball und ging zum Schiri, der wie gebannt auf seine Uhr starrte.</p><p>Fick die Sonne, Mann, wartest du auf ein Zeichen Allahs? Ist nicht so, dass wir Zeit haben, Mann!</p><p>Der Angesprochene w�rdigte ihn keines Blickes, sah weiter auf den Sekundenzeiger, also schnippte Gavro den Ball mit der Fu�spitze hoch, hielt ihn mit links und rechts abwechselnd in der Luft, balancierte ihn auf der Stirn, lie� ihn auf dem Oberschenkel abtropfen und stoppte ihn auf dem Spann. Dazu trillerte er die Melodie von �Somewhere over the rainbow� in einer so lauten Weise sch�n, dass sich K�pfe nach ihm drehten. Die M�nner blinzelten in diesem Konzert aus Nachmittagssonne, Ballgeschick und wohlklingenden Melodien, traten von einem Bein auf das andere oder standen einfach herum und st�tzten die H�nde auf die H�ften. Ruhig wurde es auf Igman h�ufiger in den letzten Monaten, vor allem nachts, wenn auf der Lichtung und im Tal die Waffen ruhten. Aber so friedlich wie vor dem Ansto� und zu Gavros Angedenken an vielleicht Glenn Miller, war es hinter Gottes F��en seit langem nicht mehr gewesen.</p><p>General Mikado, der Befehlshabende der serbischen Einheit, schlug dem Pfeifenden mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf, nahm ihm den Ball vom Fu�, pfiff selbst schrill in die Finger und spielte den ersten Pass. Kannste sieben Sekunden fr�her abpfeifen, rief der Mann mit gedrungenem Oberk�rper und schr�gen Augenschlitzen, denen er seinen Spitznamen verdankte. Er st�rmte am Schiri vorbei und wich auf den rechten Fl�gel aus, wo er keine zwei Minuten sp�ter das Eins-null f�r die Serben vorbereiten w�rde � eine Flanke auf den Kopf von ebenjenem pfeifenden Gavro.</p><p>In den fr�hen Achtzigern hatte Dejan Gavrilovi� Gavro eine Karriere als Klarinettist aufgegeben, um Fu�ball-Profi zu werden. Es folgten f�nf Jahre Abstiegskampf in der zweiten Liga, dann ein Kreuzbandriss. W�hrend der Genesungszeit hatte er wieder mit der Klarinette begonnen und gab Ende der Achtziger mit seinem Bruder Konzerte in Belgrader Jazzkneipen. Sie nahmen eine Platte auf, die nicht unbeachtet blieb. Im November einundneunzig wurde der Bruder eingezogen und fiel nur vier Tage sp�ter in der kroatischen Provinz. Gavro legte ein zweites Mal die Klarinette weg, dieses Mal, um Soldat zu werden. Er focht in ebenjener Provinz, erlebte das Ende des Krieges in Kroatien und erkundigte sich, ob er kurz mal duschen k�nne und wie es mit frischen Handt�chern aussehe, als er gefragt wurde, ob er sich weiterr�chen wolle, an Sarajevo zum Beispiel.</p><p>Das Zwei-null machte Mikimaus mit einem seiner Gewaltsch�sse. Er eroberte sich den Ball an der Eckfahne � ein in die Erde gerammtes Gewehr � und marschierte durch die Reihen des Feindes, begleitet von sp�ttischen Zurufen, aber nicht konsequent genug angegriffen. Die Beleidigungen schienen ihm dieses Mal nichts auszumachen, noch in der eigenen H�lfte peilte er Dino Zoff an, der Mund sperrangelweit offen wie eh und je. Ein Doppelpass, eine K�rpert�uschung, Schuss, uuh!, und Dino Zoff konnte den Ball nicht entscheidend ablenken. Nach dem Schuss war Mikimaus schlagartig stehen geblieben und hatte die Kugel mit zum Gru� erhobenem Arm verfolgt, als verabschiedete er einen guten Freund auf eine lange Reise.</p><p>Die Territorialen hatten ihre einzige gute Torchance Ende der ersten Halbzeit, als Kiko einen Alleingang durch die gegnerische Defensive mit einem Tannenpfostenknaller abschloss. Im direkten Gegenzug spielte Gavro, der Klarinettist, einen Pass auf Marko in die Sturmspitze, Meho kam aber einen Tick schneller an den Ball und drosch ihn mit voller Wucht aus dem Strafraum, aus dem Spielfeld, aus der Lichtung und in den Wald.</p><p>Eh, fick doch die Waldfee, sch�ttelte Meho den Kopf und ging in die Hocke, als m�sse er sich �bergeben. Der Schiri pfiff, zeigte erst auf Meho, dann zum Wald � eine Geste, die es wohl bei keinem anderen Fu�ballspiel auf der Welt gab, und die bedeutete: Meho hat die Schei�e verbockt, also hat er das Ding auch zu holen. Einen Plan, wo genau die Minen lagen, konnte man ihm allerdings nicht mitgeben, vermutlich existierte so etwas gar nicht. Die Minen aber existierten ganz gewiss. Noch bevor sich die Front um die Lichtung verh�rtete, hatten die Serben bei einem Versuch, von hinten an die Territorialen heranzukommen, zwei Mann in dem Wald verloren und vom dritten ein Bein. So isses gut, holt sie euch brav alle zur�ck und lasst ja keine liegen, schade um die Ziegenb�cke, hatte es damals von den Stellungen der Territorialen gedr�hnt.</p><p>Dino Zoff griff Meho unter die Arme. Mensch, Meho, fl�sterte er, haben wir es nicht tausend Mal besprochen: eine gute Abwehr haut den Ball nicht weg! Hinten sch�n abgekl�rt, kurze P�sse, das kann doch echt nicht schwer sein.</p><p>Kann nicht schwer sein, fl�sterte auch Meho zu sich, als er, begleitet von zwei Sanit�tern, am Waldrand ankam und sich umschaute. Alle Spieler und beide Aus-Linien sahen in seine Richtung. Irgendjemand winkte, also winkte Meho zur�ck. Der Ball lag etwa zwanzig Meter vom Waldrand entfernt, friedlich unter rotem Farn auf Moos gebettet. Die Sonne durchflutete das Waldst�ck mit glei�endem Licht, die Strahlen fielen schr�g durch die Bl�tter auf den leicht ansteigenden Waldboden, der dem zitternden Mann im Trikot von Roter Stern Dutzende Minen verheimlichte. Das Trikot! Panisch zog Meho den rot-wei�en Dress seiner Lieblingsmannschaft aus, k�sste den Stern und faltete es auf dem Boden sorgf�ltig zusammen.</p><p>Meho, warte mal! Marko war seinem Gegenspieler die kleine Anh�he hinauf gefolgt. Hier, f�r den Ball, zwinkerte der serbische St�rmer und reichte Meho eine kugelsichere Weste, wickel ihn gut ein, bevor du zur�ckl�ufst.</p><p>Meho starrte die schwarze Weste an.</p><p>Sag mal, Meho, wie kommt das denn eigentlich? Marko hob Mehos Trikot auf und sch�ttelte den Kopf. Die sind doch Belgrader?</p><p>Mehos Kinn zitterte. Immer und ewig die Rot-Wei�en!, schnarrte er und wischte sich den Schwei� aus der Stirn. Er streifte Markos Weste �ber und sagte mit bebender Stimme: geh du mal lieber zur�ck, und dann in akzentfreiem Englisch, indem er einen Schritt in den Wald trat: this could get fuckin� dangerous.</p><p>Mit Mehos Trikot in der Hand lief Marko zu den anderen zur�ck. Man sa� im Gras, unterhielt sich und sah zu den B�umen, auch nachdem Meho in ihrem Schatten verschwunden war. Gavro kratzte sich mit einem Holzsplitter unter den Fu�n�geln und pfiff eine verspielte Melodie vor sich hin. Der satte Pfeifton schaukelte zwischen den nackten Oberk�rpern der serbischen Elf und tanzte vor den konzentrierten Gesichtern der Territorialen. Ein Klezmer, und sie alle h�rten demselben Lied zu, einige tippten zum Takt ins Gras oder sich gegen den Oberschenkel � andere nicht, das war der einzige Unterschied. Den B�umen beim Waldsein zuzusehen, war ein zuh�rendes Warten. Auf Meho, auf ein neues Lied oder auf einen Knall.</p><p>Es knallte, als General Mikado wieder auf Gavros Hinterkopf schlug. Das Lied verstummte, und der General fragte laut und betonte jede Silbe, als w�rde er auf einer B�hne sprechen: was machen wir eigentlich, wenn uns wegen des Schwachkopfs der Ball kaputtgeht?</p><p>Niemand antwortete. Der General kratzte sich im behaarten Nacken.</p><p>Die beiden Sanit�ter am Waldrand a�en Brot und sahen in den Wald. Sie wollten sich Mehos Spur so genau wie m�glich einpr�gen, damit sie ihr folgen und sofort eingreifen konnten, falls er in die Luft flog.</p><p>Meho flog nicht in die Luft, er kackte sich nur die Hose voll, das kann man auswaschen. Die Seinen und auch einige Serben jubelten ihm zu, als er mit dem Ball unter dem Arm und dem Kopf auf den Schultern auf die Lichtung stolzierte, als h�tte er gerade in der Nachspielzeit des Finalspiels gegen mindestens Brasilien das Eins-null geschossen und w�rde sich auf den Weg zu den Stehpl�tzen machen, um sich feiern zu lassen. Aus der N�he sah sein Stolz mehr nach Zorn aus, aus der N�he zitterte der Arm mit dem Ball, aus der N�he hatte Meho ein graues Gesicht, eine dicke, blaue Ader mitten auf der Stirn und roch ganz sch�n streng. Aus der N�he sagte er: hier der Ball, alles klar, geht gleich weiter, ich m�sste mich mal umziehen, aber ich hab nichts mehr. Und zu Marko: komm her, Trikottausch � Schusssicher gegen Roter Stern, und wei�t du, es ist mir egal, woher meine Mannschaft kommt, die Jungs spielen doch nur Fu�ball. Als ich so gro� war � Meho zeigte in H�he seiner H�fte �, waren sie meine Helden. Das Finale gegen Marseille einundneunzig! Dieser Sieg! Dieses Elfmeterschie�en! Es ist mir auch egal, ob du Serbe bist. Solang du nicht auf mich schie�t oder mit meiner Frau schl�fst, ist mir alles egal.</p><p>Meho streifte sich sein Trikot �ber und stakste zur�ck zum Graben, der bis auf den dicken, in der Sonne d�senden Funker Sejo und drei Verwundete, die Domino spielten, g�nzlich leer war. Mein Gott, wie viel Mist hier herumliegt! Es m�sste mal ordentlich aufger�umt werden, wie leben wir hier �berhaupt? Er zog die Augenbrauen zusammen und sah sich im zugem�llten Graben um, als w�rde er ihn zum ersten Mal betreten. Direkt vor ihm lag eine leere Konserve Wurstaufschnitt, sie war so sauber geleckt, dass sich keine einzige Fliege f�r sie interessierte. Er lupfte sie aus dem Graben. Mit Wasser aus einem wei�en Plastikkanister wusch er sich ausf�hrlich, sp�lte seinen Arsch aus und schrubbte mit dem sauberen Hosenbein die Innenseite seines Oberschenkels ab.</p><p>Und wie ich da so ein bisschen o-beinig in diesem Abfalleimer von einem Sch�tzengraben stand, mein �ora, hinter Gottes verpilzten F��en, mein armer �ora, und wie ich da so Wasser �ber meine Finger goss, dachte ich mir die ganze Zeit: ja nicht zu viel Wasser verschwenden, Meho, nimm Gras und Bl�tter, wenns sein muss, und wie ich dann auch noch so br�unliche Tropfen zwischen den H�rchen abwischen musste, ehrlich, da musste ich pl�tzlich so heftig flennen, ich musste so heftig flennen, mein guter �ora, ich hab geglaubt, die Tr�nen flie�en mir nicht nach unten �ber die Wangen, sondern schie�en glatt nach vorne durch die Augen ab, ehrlich. Ich sag dir, mein �ora, ein Schei�tag, und ich hoffe, du verstehst, wenn ich mir jetzt deine Hose leihe, keine Angst, ist nicht kalt bei uns hier drau�en, die Sonne scheint, sie hat mir im Wald genau gezeigt, wo ich auftreten darf, ehrlich, mit den Strahlen aufm Boden! Nackt kann ich die Tschetniks jedenfalls nicht schlagen, wir liegen Zwei-null hinten, ich sag ja, ein Schei�tag, �ora, aber wem sag ich das? Meho strich dem Toten �bers Haar und kn�pfte ihm die Tarnhose auf, nur f�r das Spiel, �ora, sagte er, du kriegst sie danach zur�ck, Pionierehrenwort!</p><p>Die etwa f�nfzig Meter bis zum Spielfeld �berquerte Meho im Laufschritt. Die letzten zehn brauchte er, um zu begreifen, dass sein Schei�tag noch lang nicht zu Ende war. Seine Einheit war in H�he des Tannentors aufgereiht, manche hielten die H�nde am Hinterkopf. Im Halbkreis vor ihnen standen an die zehn Serben mit Maschinengewehren im Anschlag, andere rannten kreuz und quer �ber die Lichtung und sammelten die restlichen Waffen zusammen. Von niemandem beachtet, lag der Ball abseits, sah dort, in h�herem Gras, eher aus wie ein Stein. Meho blinzelte, bewegte lautlos die Lippen.</p><p>General Mikado deutete eine Umarmung an. Aah, rief er, das war doch mal ein Parf�m, das zu einem Moslem passt!</p><p>W�hrend Meho nach Waffen durchsucht, dann � das Gewehr im R�cken � zu den anderen getrieben wurde, war in der Ferne die Artillerie zu h�ren. Einzelne Gewehrsalven, durch Weite und durch Sonne weich gefiltert, matt und ein bisschen m�de. Der dicke Sejo, der Funker der Territorialen, w�lzte sich mit einem panischen Gesichtsausdruck auf den Grabenrand, doch bevor er verk�nden konnte, was inzwischen jeder aus den Kampfger�uschen geh�rt und verstanden hatte, dass die Waffenruhe n�mlich vorbei war, feuerte der serbische Torwart mehrere Sch�sse auf ihn ab. Sejo knickte ein, erst auf ein Knie, dann seitlich weg, und blieb absonderlich verrenkt liegen, das Knie weiterhin gegen den Boden.</p><p>Du verficktes Schwein!, schrie Dino Zoff in die ersten Sch�sse, l�ste sich aus dem Haufen der Gefangenen und hob beschw�rend die H�nde mit den Torwarthandschuhen, wir ergeben uns doch, wir wehren uns nicht, wir wehren uns � Weiter kam er nicht, General Mikado holte ihn ein und dr�ckte ihm die Pistole erst an den Hinterkopf, dann, indem er ihn zu Boden stie�, seitlich an den Hals.</p><p>Ich sehe das anders, Affe! Spucke benetzte Dino Zoffs Wange und Mund. Ich sehe, dass ihr euch ganz erbittert wehrt, ich sehe, dass ihr bis zum letzten Mann k�mpft! Leider, leider sehe ich aber keinen Mudschaheddin, der �berleben wird, um von der glorreichen letzten Schlacht zu erz�hlen. General Mikado schob Dino von sich und zielte jetzt mit der Pistole auf seine Brust. Seine Soldaten hatten sich � ein drei�igk�pfiges Erschie�ungskommando � vor die Gefangenen in Position gebracht.</p><p>In Ordnung! Dino riss den Arm �ber den Kopf, in Ordnung, dann k�mpfen wir eben, lass uns weiterspielen!</p><p>Was? General Mikado verzog angewidert das Gesicht.</p><p>Du willst Unbewaffnete abknallen? Gut, ich trau dir Schlimmeres zu, wei� gar nicht, wie ich meine Jungs zur�ckgehalten h�tte, wenn wir schneller an den Waffen gewesen w�ren. Aber das Spiel ist noch nicht zu Ende! In Dinos Mund sammelte sich Spucke. Eine Halbzeit haben wir noch! Bist du Fu�baller genug, kicken wir weiter. Und falls wir das Spiel noch drehen und du dann auch noch Mann genug bist, wird hier niemand hingerichtet, niemand! Gewinnt ihr �, er blickte sich nach seinen Leuten um und richtete sich auf, dann bleibst du halt dein Leben lang ein verfickter, j�mmerlicher M�rder!</p><p>Und Dino Safirovi�, den man aus der Schule geschmissen hat, weil Latein und die klassischen Lehren zwar f�r die Erziehung junger Menschen ganz wesentlich sind, Saufen dagegen nicht � zog die Handschuhe fester �ber die Finger. Und Dino Safirovi�, der Cicero-Liebhaber, der sich freiwillig gemeldet hatte, weil er dachte, dass es an der Front weniger Alkohol gab, und er unbedingt mit dem Trinken aufh�ren wollte, klatschte in die H�nde, dass Staub spr�hte. Und Dino Safirovi�, genannt Dino Zoff, die Katze vom Trebevi�, sah General Mikado in die Augen und fauchte: komm schon, Mann, komm schon!</p><p>Das Zwei-eins k�pfte Kiko in der vierten Minute der zweiten Halbzeit, im selben Augenblick, als es im Tal eine gr��ere Explosion gab. Das zweite Zwei-eins k�pfte er f�nf Minuten sp�ter, und auch dieses wurde wegen angeblichen Abseits aberkannt. Diese meine Stirn, klopfte sich Kiko gegen den Hinterkopf, war nicht im Abseits.</p><p>Doch es half nichts. General Mikado hatte Dino Zoffs Herausforderung belustigt angenommen, unter der Bedingung, dass er selbst nicht nur mitmachte, sondern das Spiel als Schiedsrichter leitete. Gelbe Karten habe ich keine da, sagte der General, f�rs Meckern gibts ne Kugel.</p><p>Dem Drei-null f�r seine Mannschaft war ein klares Torwartfoul vorausgegangen. Dino Zoff wurde bei einer Flanke unterlaufen und st�rzte zu Boden, �berhaupt gingen die Serben so entschlossen und mit so einer H�rte vor, als w�rde ihr Leben und nicht das ihrer Gegner von dem Spielergebnis abh�ngen.</p><p>Beim Drei-eins zog Kozica ansatzlos aus der zweiten Reihe ab, und der Ball rauschte ins Tor. Eine Minute sp�ter wurde Kozica mit einer Platzwunde an der Stirn vom Platz getragen, nachdem ein Aus-Linien-Soldat ihn erst von den Beinen geholt, dann mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen hatte. �ber die Au�en griffen die Territorialen danach nicht mehr an.</p><p>In der sechzigsten Minute prallten Mikimaus und Kiko zusammen. Sie st�rzten zu Boden, das Spiel lief weiter. Die Sonne ber�hrte im Westen die Baumkronen, die M�cken schwirrten umher durch die ansetzende D�mmerung. Seit sich Mikimaus� Zweimetersechs nach Kikos beiden nicht gegebenen Treffern um den besten Mann der Territorialen k�mmerten, kam Kiko zu keinem Kopfball mehr. Nach dem Zusammenprall hielten sich beide die Brust, blieben sitzen. Kiko verzog das Gesicht, gut, dass man Rippen hat, sagte er, und Mikimaus nickte: ganz gut, diese Rippen. Seine Pupillen wanderten unruhig �ber Kikos Gesicht, er holte Luft und stie� sie wieder aus. Schon wollte der gro�e Mann aufstehen, st�tzte sich mit der Faust ab. Die aber ergriff Kiko, fl�sterte: ja, steh auf, mein Milan, nicht wieder sitzen bleiben, blo� nicht mehr sitzen bleiben.</p><p>Nicht?, wunderte sich Mikimaus, sperrte den Mund weit auf und blieb beim n�chsten Kopfball von Kiko zwar nicht sitzen, aber wie angewurzelt stehen, er sprang nicht hoch, Aufsetzer, Drei-zwei.</p><p>Nach dem Anschlusstreffer wusste General Mikado alle Bem�hungen der Territorialen zu verhindern, sich dem Tor seiner Mannschaft auch nur zu n�hern. Jeder Zweikampf wurde als Foul gewertet, jeder Pass in die Spitze abgepfiffen, jeder Einwurf ging an seine Mannschaft, sogar offensichtliche Befreiungsschl�ge, die im Aus landeten.</p><p>Zwei Minuten vor Spielende tankte sich Kiko auf halblinks durch; er mied jeglichen K�rperkontakt, um General Mikado keinen Anlass zu geben, Foul zu pfeifen, wich aus, bog sich, sprang. Mit letzter Kraft flankte er vor das serbische Tor � ein ungef�hrlicher Ball auf den kurzen Pfosten, der rechte Verteidiger der Serben schlug jedoch ein Luftloch, Mikimaus verfehlte den Aufsetzer, der Rest � Freund und Feind � rutschte am Ball vorbei oder war zu �berrascht, um �berhaupt zu reagieren, und die Kugel kullerte zu Meho. Der war in der zweiten Halbzeit nur gedankenverloren �ber die Wiese geirrt und hatte wie hypnotisiert vor sich hingemurmelt: kann doch nicht so schwer sein, meine Audrey, nicht so schwer; man hatte ihn vom Feld geschoben, weil er auch den eigenen Leuten im Weg stand, aber nachdem drei Spieler verletzungsbedingt runtermussten � gefoult oder von den Aus-Linien brutal zusammengetreten �, wurde er wieder auf den Platz geholt.</p><p>Da lag also der Ball vor seinen F��en, aber Meho sah gar nicht hin, entr�ckt starrte er gen Osten. Aus dem Tal war heftiges Artilleriefeuer zu h�ren, blechern, hohl. Verlangsamt wie eine Wiederholung im Fernsehen und als ginge ihn keine seiner eigenen Bewegungen irgendetwas an, verlagerte er das Gewicht nach links und knipste den Ball locker mit rechts hinter dem Standbein ins Tor. F�r dich, sagte er mit br�chiger Stimme und langte unter sein Trikot, ein Tor f�r dich! Mit gl�nzenden Augen f�hrte er Audrey Hepburns Foto an die Lippen, fl�sterte: jetzt ist echt Hollywood, meine Audrey, eh fick mich f�r ein Happy End!</p><p>1986 war Meho in den USA � seine einzige Reise in den Westen. F�nf Jahre hatte er von seinem Maurergehalt gespart, bei seinem Vater gewohnt und niemals unn�tig Geld ausgegeben. Abend um Abend sah er sich amerikanische Filme an, am liebsten Thriller, Horror und Audrey. Er lernte auf Englisch zu fluchen und konnte akzentfrei Kaffee bestellen.</p><p>Nach seinem Tor schlich Meho �ber den Platz, den Kopf in den Nacken gelegt. Das Spiel lief weiter, einmal traf ihn der Ball im R�cken, aber der Himmel, nicht der Ball, interessierte Meho. Jemand rief seinen Namen, we are the champions, antwortete Meho. Am Strafraum seiner Mannschaft angekommen, blieb er stehen und pr�fte mit gestrecktem Arm, ob es regnete. Er r�mpfte die Nase und kreuzte die Arme vor der Brust, als k�me wirklich ein Regen und der w�re kalt. Jemand fiel vor seine F��e, Aufregung, Tumulte, ein Pfiff, eine Gewehrsalve.</p><p>Warum sind meine Fingern�gel nur noch dreckig? Ich w�rde so gern telefonieren, einmal wieder irgendjemanden anrufen. Recht laut unterhielt sich Meho mit dem Himmel, stand dabei im Wege, wurde geschubst, taumelte.</p><p>Eine Spielertraube hatte sich um General Mikado gebildet. Erst als jemand in die Luft feuerte, nahmen die M�nner Abstand. Elfmeter!, rief der General und schnappte sich den Ball. Dino Zoff sch�ttelte den Kopf, nie und nimmer war das Foul!, winkte er ab und fixierte den Ball, der jetzt auf dem abgeschrittenen Elfmeterpunkt lag. General Mikado trat an, nachdem er zuvor selbst auch den Gefoulten gemimt und f�r sich den Elfmeter gepfiffen hatte.</p><p>Halt dein bl�des Maul! Der serbische Torwart fuhr Dino Zoff von der Seite an. Er war nach dem vermeintlichen Foul vom eigenen Strafraum �ber den ganzen Platz gerannt, hatte sich von einem der Soldaten am Feldrand eine Pistole geben lassen und zielte jetzt damit von der linken Tanne auf Dino. Kann sein, du h�ltst den Elfer, kniff er das Auge zusammen, aber h�ltst du auch eine Kugel?</p><p>General Mikado grinste, hob den Daumen in Richtung seines Torwarts und lief an.</p><p>Meho hatte dem Elfmetersch�tzen l�ngst den R�cken gekehrt und entfernte sich vom Strafraum, sah nicht zur�ck. Vielleicht wird unten, erz�hlte er seiner Audrey, blo� feierlich geschossen, weil der Schei�krieg vorbei ist. Mit dem kurzen Haar sah Audrey wie ein Junge aus. Sie trug Schwarz und lehnte sich an eine wei�e Wand. Meho blickte von dem Foto auf und sah zerstreut zur Stelle, an der einige Buchen den Rand des Plateaus s�umten und der Karrenweg eine enge Linkskurve um einen Felsen beschrieb, bevor der steile Abstieg ins Tal begann. Vom Osten kam Wind auf, nahm zu. Meho, schon in der N�he der B�ume angekommen, konnte sehen, wie der Wind die Bl�tter erzittern lie�. Auch Meho zitterte, st�rker noch, als im Wald, von Minen umgeben. Die Windb�e k�hlte Mehos Gesicht unter Tr�nen ab, die kamen, nachdem in seinem R�cken der Schuss aus der Pistole des serbischen Torwarts fiel und ein heller Schlag wie eine sehr laute Ohrfeige folgte. Es waren dieses Mal keine rei�enden Fluten, aber es waren m�nnlich viele. Eh, fick doch die Wasserh�hne, murmelte Meho und rieb sich die Augen, ohne anzuhalten.</p><p>Hinter ihm raunte die Menge, ein jubelnder Aufschrei folgte, dann Ger�usche und Rufe, die der m�de Meho wahrscheinlich gar nicht mitbekam und kaum h�tte einordnen k�nnen, so wie er auch den serbischen von dem bosniakischen Jubel nicht h�tte unterscheiden k�nnen, man freute sich hierzulande eigentlich gleich. Und auch wenn er das Tor gesehen h�tte, das bejubelt wurde, es w�re f�r ihn unm�glich gewesen, aus dieser Entfernung mit Gewissheit zu sagen, ob der Ball sechzig oder siebzig oder sogar achtzig Meter weit geflogen war, bevor er sich ins serbische Tor senkte. Gleich w�rde Meho n�mlich die Buchen am Ende der Lichtung erreicht haben. Er w�rde einen Blick ins Tal werfen, obwohl aus einer H�he von �ber tausend Metern Krieg vom Frieden genauso wenig zu unterscheiden ist, wie die Worte oder das Lachen seiner Freunde von dem Lachen seiner Feinde. Aber die Aussicht war beeindruckend: unbeschreiblich sch�n, fl�sterte Meho zu Audrey, Sekunden bevor er niedergestreckt wurde. Die Kugeln trafen die Zehn auf dem rot-wei�en Trikot. Sie wurde am 29. Mai 1991 von Dejan Savi�evi� getragen, als Roter Stern im Finale des Europapokals der Landesmeister Olympique Marseille im Elfmeterschie�en besiegte. Meho hatte das Spiel zusammen mit seinem Vater gesehen. Der Empfang war schlecht, Mehos Vater musste die ganzen neunzig Minuten die Antenne in einer bestimmten Stellung �ber dem Kopf halten, damit das Bild nicht rauschte. Er traute sich nicht einmal, sie in der Halbzeit abzusetzen, also schmierte ihm Meho Wurstbrote und f�tterte ihn. Am n�chsten Tag kaufte sich Meho das Trikot mit der Zehn und seinem Vater einen neuen Fernseher.</p><p>Der serbische Torwart hatte Meho mit seinem ersten Schuss erst Tr�nen in die Augen getrieben, dann mit zwei weiteren Sch�ssen zwei Kugeln in den R�cken. Der erste Schuss galt Dino Zoff, verfehlte ihn aber um Zentimeter und traf den Tannenpfosten. Der Torwart hatte zu fr�h gefeuert, der Knall lenkte General Mikado beim Anlauf ab, sein Elfmeter krachte gegen die rechte Tanne und prallte dem reglos verharrendem Dino Zoff direkt in die Arme. Der sah ungl�ubig von einem konsternierten Sch�tzen zum anderen, dann von einem Pfosten zum anderen, schlie�lich zum verlassenen Tor auf der anderen Seite des Feldes. Dann schlug er den Ball mit voller Wucht ab.</p><p>Eh, fick mich doch der Orkan, so �hnlich h�tte Meho die schlingernde Flugbahn des Balles f�r dieses Tor begl�ckw�nscht. Mag sogar sein, dass es dieselbe Windb�e war, die ihm die Tr�nen trocknete und dann Dino Zoffs Schuss den notwendigen Auftrieb gab, damit der Ball im serbischen Tor landen konnte. General Mikado erstarrte im Jubel der Territorialen, z�gerte, offenbar unsicher, was er tun sollte.</p><p>Unser Ball! Absto�!, sagte er. Niemand h�rte ihn, so laut war der Jubel �ber das Drei-vier. Absto�, Tor z�hlt nicht!, rief der General lauter, Absto�, schrie er, kein Tor! Er pfiff in die Finger, aber erst, als der serbische Torwart die zwei Sch�sse auf Meho abgab, wurde es um ihn still. Der General deutete in Richtung der serbischen H�lfte. Kein Tor! Kein Tor!</p><p>In das weinrote Samttuch gewickelt, lag Gavros Klarinette gewiss immer noch dort, wo er sie abgelegt hatte, bevor er in den Krieg gezogen war: auf dem Schrank im Wohnzimmer des elterlichen Hauses, das auch im Winter und auch nach dem Tod seines Bruders nach Lavendel roch. Jetzt und hier, hinter Gottes F��en, brauchte Gavro kein Instrument, um sich eine Zugabe ehrlich zu verdienen � er fiel in Mikados schrillen Pfiff ein, dehnte und hob ihn in F-Dur, band eine Kette leichtf��iger, eing�ngig kindlicher Melodien daran, wandte sie unerwartet in einen Walzer, �ber dessen verspielte Sechsachteln er pl�tzlich einen wilden Cs�rd�s loslie� � und w�hrend seine Komposition an Farbe und Fahrt gewann, setzte sich Dejan Gavrilovi�, genannt Gavro, ein hervorragender Belgrader Klarinettist, ins Gras.</p><p>Der Cs�rd�s r�ttelte Mikimaus auf. Nicht sitzen bleiben, knurrte er seinen Mitspieler an, der den Ball hinter dem Tor geholt hatte. Mikimaus nahm ihm den Ball weg und marschierte �ber den Platz. Nicht sitzen bleiben, rief er etwas lauter. Neben Gavro lie�en sich zwei weitere serbische Spieler auf die Wiese nieder und machten ebenfalls keine Anstalten, weiterspielen zu wollen.</p><p>Auf General Mikados Hals malte der Zorn rote Flecken, und als der General, in Wirklichkeit Leutnant und die l�ngste Zeit seines Lebens Fliesenleger mit vier T�chtern, deren Vornamen alle mit �Ma� begannen, das dritte Mal am heutigen Tag nach Gavros Hinterkopf ausholte, packte die Klarinettistenhand das Fliesenlegerhandgelenk. Aus dem Cs�rd�s flammte Spanisches auf, das machst du nie wieder, sprachen Gavros Augen, und der Flamenco gab dazu den Refrain. Gavro pfiff, Mikimaus marschierte, und Marko schlug den eigenen Torwart nieder und nahm ihm die Pistole ab.</p><p>Eh, fick doch Mohammed Ali!, h�tte Meho Markos schlichten linken Haken gelobt. So aber war General Mikado � was ist das jetzt, verfickt noch mal! � der Einzige, der fluchte, als sein Torwart zu Boden ging und sein St�rmer sich den Schmerz aus der Hand absch�ttelte. Was ist das jetzt?, schrie der General und biss in Gavros Finger, die sein Handgelenk umklammerten, was wollt ihr �, br�llte er mit dem Blut des Klarinettisten an den Z�hnen und sah sich um. Absto�!, befahl er Mikimaus, der den Ball zur Mitte des Feldes trug.</p><p>Einer nach dem anderen setzten sich seine Spieler hin. Ein Putsch, das also �, lachte der General, Deserteure!, schlug er um sich, �berl�ufer, Kriegsgericht werd ich euch! Auch die Aus-Linien gingen ins Gras, einige Soldaten machten aber ihre Waffen schussbereit, unsicher, ob sie damit auch auf die eigenen Leute zielen sollten.</p><p>Die meisten serbischen Soldaten sahen zu Boden, nicht so, als h�tten sie Angst vor ihrem Vorgesetzten, sondern, als w�re ihnen der cholerische Mann mit dem behaarten R�cken peinlich. Als sch�mten sie sich f�r etwas, als w�ssten sie keine Antwort auf eine sehr einfache Frage, die ihnen gerade gestellt worden war. General Mikado schrie sich in Rage, sein ganzer Hals wurde ein einziger roter Fleck, alles abknallen!, schrie er, gebt mir mein verficktes Gewehr! Er wich zur�ck, drehte sich im Kreis. Niemand hielt ihn auf, niemand antwortete auf die sehr einfache Frage. Auch die Territorialen standen in der Gegend, als w�ren sie blo� Requisite auf dieser B�hne, auf der ein kleiner, kr�ftiger Mann mit nacktem Oberk�rper tobte.</p><p>Niemand fand eine Antwort auf die sehr einfache Frage � au�er Mikimaus. In der Schule waren die meisten Fragen zu schwierig f�r ihn gewesen, zu Hause hatte ihm sein Vater mit dem ledernen G�rtel Ausrufezeichen in den R�cken gepeitscht, und hier, hinter Gottes F��en, gab es keine Fragen, nur Befehle. Milan Jevri�, genannt Mikimaus, legte den Ball auf den ungef�hren Ansto�punkt, st�tzte den Fu� darauf und donnerte in einer Lautst�rke �ber die Soldatenk�pfe, �ber General Mikado, der an eine Waffe gekommen war, aber z�gerte, sie zu gebrauchen, �ber den Platz, �ber die Sch�tzengraben, �ber Mehos toten K�rper, �ber die Buchen, �ber den Wind, �ber das Tal, so laut also und so deutlich, als wollte er in diesem einen Schrei alle Antworten geben auf alle von ihm bisher unbeantworteten Fragen: Vier-drei f�r die!, antwortete Milan Jevri�, genannt Mikimaus, auf die einfache Frage. Die f�hren eins, stellte er fest, aber vielleicht rei�en wir noch was in der Nachspielzeit, vielleicht, schob Mikimaus die Unterlippe vor, geht hier noch was.</p><p>Seine Worte richteten die serbische Abwehr auf, das serbische Mittelfeld erhob sich, und der serbische Sturm goss Pflaumenschnaps, nicht auf die schmerzende Mohammed-Ali-Faust, sondern in die eigene Kehle, in einer Menge, dass Dino Zoff sehns�chtige Augen machte.</p><p>Mikimaus r�umte hinten alleine ab, der Rest st�rmte. Der neue Schiedsrichter Gavro zeigte acht Minuten Nachspielzeit an. Die Territorialen verteidigten mit zehn Mann und droschen jeden Ball in die serbische H�lfte. Nicht zu fest, die Minen. Die B�lle kamen prompt wieder, Mikimaus haute sie stur lang und hoch in die Spitze zur�ck. In der letzten Minute kamen die Territorialen zu einem Konter, Kiko scheiterte an Mikimaus, der jetzt �berall zu finden war, auch im Tor. Mikimaus� Antwort folgte umgehend, denn Mikimaus hatte zu antworten gelernt. Er schnappte sich den Ball und dribbelte durch die Reihen der Territorialen, als w�re er nicht mit Mistgabeln, sondern mit Maradona aufgewachsen. Die Adern an seinem Hals traten hervor, er presste die Lippen zusammen, rannte zwei bosniakische Verteidiger einfach um und drosch aus gut drei�ig Metern die Kugel auf Dino Zoffs Tor. Alles an Kraft steckte der riesenhafte Mann in diesen einen Schuss, sein Aufschrei danach lie� dutzende V�gel aus dem Wald aufstieben. Und der Ball, dieser schmutzige, notd�rftig geflickte Ball, strich �ber die Lichtung auf Dino Zoffs Tor.</p><p>Um 17.55 Uhr pfiff Gavro ab. Mikimaus� Schuss war die letzte Aktion. Die Spieler lie�en sich ersch�pft ins Gras fallen. Der Pfiff verhallte. Niemand klatschte. Niemand jubelte. Aus dem Tal schwappte schwere Stille auf das Plateau. Ruhig wurden die Waffen aufgehoben. Marko hielt die Schnapsflasche schr�g �ber Dino Zoffs Mund, bis einige Tropfen die Lippen benetzten, sich dort mit dem Blut mischten.</p><p>Aah, Sliwowitzum bonum deorum donum! Hab ich ihn gehabt?, lispelte Dino Zoff und schenkte Marko einen Zahn. Die Sonne warf lange Baumschatten auf die Lichtung hinter Gottes F��en, hinter Gottes F��en in Soldatenstiefeln, hinter Gottes F��en, an denen Blasen trieben, hinter Gottes dribbelnden F��en.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Ich habe Listen gemacht</strong></p><p><strong>I</strong>n einem Hof zwischen Wolkenkratzern an der Peripherie von Sarajevo schnurrt mir eine Katze mit aufgerichtetem Schwanz um die Beine. Mit dem R�cken zu mir macht sich ein junger Mann bereit. Er zieht die Jacke aus. Er dehnt sich. Es dauert, er ist nicht der schnellste. Ein Ball liegt neben ihm. Die Katze sieht mich an. Die Katze leckt ihre Pfote. Der Mann wirft den Ball in die Luft. Der Ball landet auf seiner Stirn. Und landet auf seiner Stirn. Und landet auf seiner Stirn, vier, f�nf, er hat die Arme angewickelt und zieht jedes Mal, sieben, acht, den Kopf ein, wenn der Ball landet, elf, zw�lf. Ein gro�er, kahl geschorener, bosnischer Kopf boxt, dreizehn, den Ball in die H�he, l�sst ihn, vierzehn, auf dem flachen Hinterkopf kurz zu Atem kommen, f�nfzehn, sechzehn, im Nacken eine Narbe. Neunzehn, zwanzig wiederkehrende Bewegungen des Oberk�rpers, dreiundzwanzig, vierundzwanzig Aufsetzer, die Katze miaut, die Kr�cken des Mannes schleifen �ber den Beton, der Muezzin beginnt bei drei�ig, einunddrei�ig zu singen. Minimal bewegt der Mann den Oberk�rper, bevor er den Ball annimmt, f�nfunddrei�ig, sechsunddrei�ig, das Gesicht brauche ich nicht zu sehen, um zu wissen, dass ich ihn gefunden habe, achtunddrei�ig, neununddrei�ig, die Kr�cken schaben �ber den Asphalt, vierundvierzig, f�nfundvierzig. W�re ich F�higkeitenzauberer gewesen, h�tte ich dem Sommertag, als Edin und ich auf ihn wartend auf dem Schulhof schwitzten und der Schwei� auf den Asphalt fiel und der Asphalt in der Sonne schmolz, ich h�tte dem Tag die F�higkeit genommen, vorbeizugehen, siebenundvierzig, achtundvierzig, und dem M�dchen auf dem Fahrrad h�tte ich das Gleichgewicht einer Zirkusakrobatin gegeben. Kiko auf Kr�cken, Kiko im wei�en Hemd und Jeans, am linken Bein unter dem Stumpf zusammengebunden, Kiko � die Neun, Kiko der Eisensch�del von der weichen Drina, f�nfzig, einundf�nfzig �</p><p>In Kikos kleiner Wohnung im vierzehnten Stock trinken wir Kaffee, den uns seine Frau Hanifa auf gebl�mten Untertassen serviert. Keine geh�kelten Tischdeckchen, kein buntes Sofa vor dem Fernseher, kein Fernseher, keine laut tickende Uhr zu h�ren, wenn geschwiegen wird. Eine schlicht eingerichtete, helle Wohnung mit Parkettboden und M�beln aus Kirschholz.</p><p>Ja, sagt Kiko, mein letztes Spiel als Profi. Ich habe gesagt, ich schie�e drei St�ck, alle mit meinem Linken. Der Typ hat den vierten reingelassen, damit er die Wette gewinnt, dabei wollte ich nur flanken. Habe ich ihm also noch drei reingezimmert. Die sind anschlie�end auf einen Abstiegsplatz gerutscht. Aber abgestiegen ist in dem Jahr keiner. Das Land ist abgestiegen. Fu�ball war egal.</p><p>Dann brach der Krieg aus, und Hanifa floh nach �sterreich und studierte Design.</p><p>Dann brach der Krieg aus und der Torwart, gegen den Kiko gewettet hatte, sa� in der t�rkischen zweiten Liga auf der Bank. Er wurde einmal eingewechselt, als sich die Nummer Eins verletzte, und hielt in der Nachspielzeit einen Elfmeter.</p><p>Dann brach der Krieg aus und ein sehr popul�rer Volkss�nger gab ein Konzert f�r die Soldaten, die Verwundeten und die Politiker. Man verlangte Eintritt, und die Verwundeten sagten sp�ter, das sei ein Schei�konzert gewesen: nachdem sie den Eintritt bezahlt h�tten, sei vom Geld nichts f�r das Bier �brig geblieben, und von den Politikern lie�en sie sich bestimmt nicht einladen.</p><p>Kikos Sohn Milan setzt sich zu mir und zeigt mir einen sehr gro�en Popel. Hastdu Schokolade?, fragt er.</p><p>Gehst du in den Kindergarten?, frage ich ihn.</p><p>Hanifa war die Erste, die ich in Sarajevo angesprochen habe, und die Erste �berhaupt, die ich gek�sst habe, sagt Kiko und geht nach nebenan, Fotos von dem Kuss holen.</p><p>Ich werde auch die Letzte sein, verstanden?, ruft sie ihm hinterher.</p><p>Nicht, wenn uns das n�chste eine Tochter wird!, antwortet Kiko und bringt die Fotoalben. Ich habe mich freiwillig gemeldet. Dachte, ich k�nnte es so hinbiegen, dass ich in der Stadt bleibe. Zwei Jahre gings gut. Dann wurde ich auf den Igman geschickt. Man hat uns gesagt: vom Igman h�ngt das Schicksal Sarajevos ab. Den Ball hatte ich immer dabei. Immer.</p><p>Hastdu Bombons?</p><p>Kiko legt das Album vor mir auf den Tisch und geht neben Hanifa in eine Art Hocke, was mit einem Bein grotesk aussieht � ich denke wirklich: grotesk, obwohl ich gleichzeitig denke, so einen Gedanken nicht zulassen zu d�rfen.</p><p>Dann brach der Krieg aus und niemand nannte ihn Krieg. Das, sagte man. Oder Schei�e. Oder Gleichvorbei, als w�rde man einem Kind den Anblick einer Spritze erleichtern wollen. Zu Hanifa sagte Kiko: geh du, und sie sagte: ich komme zur�ck, wenn das vorbei ist. Hoffentlich ist die Schei�e gleich vorbei, dachte sich Kiko und wurde auf den Igman beordert.</p><p>Da oben war ich also, in der schlimmsten Vukojebina, die man sich vorstellen kann. Kiko zeigt mir im Fotoalbum die sch�ne Hanifa auf dem R�cksitz eines Mofas. Vorne sitzt er selbst, ohne Helm. Das war im Herbst einundneunzig, sagt er. Mein Mofa! Mein Gl�ck!</p><p>Er bl�ttert um. Milan quengelt, reibt sich die Augen.</p><p>Hanifa sagt: ich habe ein bisschen Deutsch gelernt, in den drei Jahren Graz. Aber Vukojebina k�nnte ich nicht �bersetzen. Kennst du Vukojebina?</p><p>Wo W�lfe � miteinander �, sage ich vorsichtig mit dem Blick auf Milan.</p><p>Hinter Gottes F��en, ruft Kiko dazwischen, ich habe gesehen, wie sich da ein Pferd in eine Schlucht gest�rzt hat, weil es keine Kraft mehr hatte, unsere Artillerie den Berg hinab-, hinaufzuschleppen, �ber Wege, die keine Wege sind. Umgebracht hat es sich � Kiko bl�ttert gedankenverloren um. Man sieht ihn neben einem Riesen von einem Mann stehen. Der Riese tr�gt eine Latzhose und eine M�tze, die auf seinem massigen Kopf verloren wirkt. Sie sind beide bewaffnet. Kiko tr�gt eine Lilie der bosniakischen Armee an der Brusttasche, der gro�e Mann die Kokarde mit dem serbischen Doppeladler an der M�tze. Sie haben einander den Arm �ber die Schulter gelegt und sehen verbissen geradeaus. Verbissen t�rmen sich auch die kargen Felsen hinter ihnen auf.</p><p>Wer ist das?, fragt Kiko seinen Sohn und zeigt auf die Latzhose. Der Kleine steckt sich die halbe Faust in den Mund. Milan, wer ist das?, wiederholt Kiko.</p><p>�ika Mikimaus!, jauchzt Milan wie �ber jemanden, der immer, wenn er vorbeikommt, Schokolade und Bonbons mitbringt, und Hanifa sagt: Vukojebina, das kann man eigentlich nicht �bersetzen.</p><p>Soll man auch nicht. Kiko nimmt Milan auf den Scho�. Einen solchen Ort darf keine andere Sprache als unsere beschreiben k�nnen, sagt er.</p><p>Der Soldat neben Kiko hat den Mund ge�ffnet, als schnappe er nach Luft. Wie kam es zu dem Foto?, frage ich.</p><p>Eine Waffenruhe. Das neben mir, das ist Milan Jevri�, sagt Kiko, und sein Sohn ruft: Mikimaus! Kiko k�sst ihn auf den Hinterkopf. Mein Milan tr�gt wegen ihm einen serbischen Namen. Kiko bl�ttert weiter. Ein Foto von ihm in einem Sch�tzengraben, kn�cheltief im tr�ben Wasser. Igman, hinter Gottes F��en, sagt er und bl�ttert um. Der mit dem gr�nen Barett, das ist Meho. Ein Wahnsinniger. Wahnsinnig, weil er ein zu gro�es Herz hatte. Und hier teile ich Zigaretten an die Gefangenen aus. Das sind Hanifa und ich in Mostar. Mein Milan nach der Geburt, dreieinhalb Kilo. Wir m�ssen mal die Fotos sortieren, sagt Kiko und bl�ttert, und auf dem letzten ist ein Ball zu sehen, ein zerschlissener Fu�ball im hohen Gras.</p><empty-line/><p>Ich steige in den 13-Uhr-Bus nach Vi�egrad. Drei andere M�nner haben bereits Platz genommen, einer liest Zeitung, einer schl�ft, einer sieht mich an. Ich setze mich in die letzte Reihe, die Sitze sind braun und gelb gemustert, die Kopflehnen gl�nzen fettig. Es wird 13.00 Uhr. Es wird 13.05 Uhr. Vor der T�r raucht ein Mann mit lichtem Haar und Falten unter den Augen eine Zigarette, dann noch eine, nach der dritten steigt er ein und setzt sich ans Steuer. Kurz bevor der Motor anspringt, seufzt der Bus. Ich kann ihn verstehen, er hat es in seinem Alter nicht leicht auf diesen Stra�en, ich schlafe, den Kopf am vibrierenden Fenster, ein.</p><p>Die Drina weckt mich. Ich schlage die Augen auf, als der Bus in einer kleinen Ortschaft, deren Name mir nicht einfallen will, auf die Stra�e biegt, die parallel zum Fluss bis nach Vi�egrad f�hrt. Zahlreiche Tunnels kappen immer wieder das Tageslicht, nur wenige sind beleuchtet. Ich ziehe auf die rechte Fensterseite um, links schichten sich klotzige Felsen auf, d�nn bemoost und sp�rlich von abgezehrten Pflanzen bewachsen. Rechts: mein Fluss. Ich best�tige mir den Gedanken � mein Fluss, die warmgr�ne Drina, gefasst und makellos sauber. Die Angler, die Klippen, die Abstufungen von Gr�n.</p><p>Wir n�hern uns der Stadt auf der kurvigen Stra�e, vorbei am Staudamm, in dessen N�he Nester aus Treibholz und Plastik treiben. Das Tal weitet sich, gleich wird man die Br�cke sehen k�nnen. Meister, kannst du hier mal halten, ruft ein junger Mann, der unterwegs zugestiegen sein muss, und der Bus �chzt.</p><p>Als hinter einer engen Kurve der Blick auf die Br�cke frei wird, bin ich �berrascht, obwohl ich mir fest vorgenommen habe, alles so vorzufinden, wie es immer war. Dem Reflex, die B�gen zu z�hlen, widerstehe ich, sie ist komplett. Der Fahrer schiebt eine Kassette ein, und ich muss an Walross denken, und an mein Versprechen, niemals eine Kassette zu erschie�en. Es l�uft Madonna.</p><p>Eh, Boris, alle Ehre, aber muss das jedes Mal sein?, fragt der Mann mit der Zeitung. Der Fahrer dreht lauter, like a virgin, singt er und tippt mit den Fingern im Takt auf das Lenkrad.</p><p>Der Busbahnhof kommt mir viel kleiner vor als fr�her, aber genauso sch�big. Boris steuert eine der f�nf Parkinseln an, abseits parken vier heruntergekommene Busse, darunter � ich erkenne ihn sofort � der Centrotrans-Bus, mit dem Walross halb Jugoslawien befahren hat. Die Karosserie verwahrlost, der Rost fletscht die Z�hne, graues Unkraut wuchert von innen durch die Fenster, belegt die Felgen. Ich steige als Letzter aus, wohin, junger Mann?, ruft Boris, aber ich tue, als sei ich nicht gemeint und betrete den kleinen Warteraum im Bahnhofsgeb�ude. Die T�r existiert nicht mehr, Uringeruch steigt mir in die Nase, der Ticketschalter ist verlassen, die Wandfarbe, etwas zwischen Beige und Gelb, bl�ttert ab. Hallo?, rufe ich hinein, es hallt. Ich m�chte Armin begr��en, den Stationsvorsteher mit dem unbeherrschten Bein, er steht auf einer meiner Listen. Ist er �berhaupt in der Stadt? War Armin Muslim?</p><p>Wen suchst du? Boris steht hinter mir, raucht, eine Hand spielt mit dem Schl�ssel in seiner Hosentasche.</p><p>Armin, den Stationsvorsteher, sage ich und wende mich zum Gehen, aber Boris versperrt mir den Weg, nimmt einen Zug von seiner Zigarette und sagt: einen Armin hat es hier nie gegeben.</p><p>Ach, sage ich, sehe an Boris vorbei, die anderen Passagiere sind schon verschwunden. Boris, ich und f�nf Busse, davon vier kaputte mit rostigen Felgen, m�ssen das hier unter uns ausmachen.</p><p>Wohin willst du?, fragt er und deutet mit der Zigarette auf meine Reisetasche.</p><p>Wer Madonna h�rt, kann doch nicht gef�hrlich sein, geht mir durch den Kopf, und ich sage so beil�ufig wie m�glich: ach, ich besuche meine Gro�mutter.</p><p>Boris runzelt die Stirn, h�lt die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger, wenn er einen Zug nimmt. Wie hei�t sie?</p><p>Katarina, sage ich lauter als beabsichtigt, Katarina Krsmanovi�, Zucker und Diabetes, stottere ich, in letzter Zeit kann sie nicht mehr, versuche ich zu erkl�ren, bemerke dann eine Ver�nderung im Gesicht des Busfahrers. Sein Blick wechselt von aufdringlich zu neugierig. Er l�sst mich ausreden und dr�ckt, nach einem letzten kurzen Zug, die Zigarette mit der Schuhsohle aus.</p><p>Kennst du Miki Krsmanovi�?, fragt er.</p><p>Ja, das ist mein Onkel.</p><p>Onkel, so? Boris sieht sich um, zieht seine Hose hoch und setzt eine riesige Sonnenbrille auf. Er greift nach meiner Tasche, ich ziehe die Hand zur�ck und mache einen Schritt in den Warteraum. Wir haben den gleichen Weg, sagt er.</p><p>M�ssen Sie nicht weiter?</p><p>Schon, sagt er, aber ich fahre ungern mit leerem Magen. Komm, ich helfe dir mit der Tasche.</p><p>Geht schon, ist nicht schwer, sage ich und nehme ihm die Tasche aus der Hand. Sie kennen meinen Onkel?</p><p>Nein, sagt er und spuckt durch die Z�hne, Gott sei Dank nicht.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Beinamen. Der mit dem unbeherrschten Bein. Zylinderhut. Mein Trauriger. Der Dreipunktemann. Taifun. Der singend ins Gebirge stieg und niemals wieder zur�ckkam. Walross und Marienk�fer. Kartoffel-Aziz. Massaker. Der mit Gold im Mund.</p><empty-line/><p>Boris und ich kommen am Fu�ballstadion vorbei, Jugendliche trainieren den Kopfball, ich denke an Kikos Stirn. Ein Mann mit langem Zopf wirft ihnen B�lle zu, die sie in die Maschen k�pfen. Der Mann tr�gt Anzug und Seidenschal. Einen Torwart gibt es nicht. Boris und ich laufen schweigend nebeneinander, hinter uns das Klatschen des Balles gegen das Geb�lk. Boris zuckt mit den Schultern. Wir �berqueren die Br�cke �ber den Rzav, von der Edin und ich am Tag des Soldatenreigens die Fische mit Spucke gef�ttert haben. Der Fluss ist seicht, wei�e Schauminseln treiben mit der Str�mung. Ich spucke. Die Br�cke hat alle Hochwasser ausgehalten.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Barbe, D�bel, Frauennerfling, Gr�ndling, Hasel, Huchen, Karpfen, Moderlieschen, Wels mit Brille und Schnurrbart.</p><empty-line/><p>�ber Onkel Miki sprechen wir nicht mehr, auf meine Nachfrage winkt Boris ab und redet von anderen Dingen. Er lenkt mich von den Farben und den Ger�chen der Stadt ab, fragt, wie alt ich damals gewesen sei, wo genau ich in Deutschland gelebt habe, ob ich ihm ein Visum besorgen k�nne und was dran sei an den Ger�chten �ber Madonna und Guy Ritchie. Zum Abschied, vor dem Hochhaus, in dem Oma Katarina lebt, sagt er dann: nichts f�r ungut. Wei�t du nichts, bist du ein Idiot. Wei�t du viel und gibst du es zu, bist du ein gef�hrlicher Idiot. Vi�egrad wei� immer genau, wie viel es wissen darf und verraten soll.</p><p>Im Hof vor dem Hochhaus spielen sechs schwarzhaarige Jungs Fu�ball, Schulranzen als Pfosten, der Ball rollt mir vor die F��e; ich stelle die Tasche ab. Sie greifen nach einer ersten Verlegenheit an, wer ist bei mir?, rufe ich, wer ist bei mir? Einer l�uft sich auf links frei, �iko!, ruft er, ich passe ihm in den Lauf, er hat nur noch den Torwart vor sich und t�uscht an.</p><p>Im Treppenhaus brennt kein Licht, die Lichtschalter sind rausgerissen. Dr�hte ragen aus den L�chern, d�nne, kopflose H�lse, blau und rot. Die G�nge enger, die Treppen k�rzer als damals, und die Luft tr�gt so schwer Brot, als w�rden alle im Haus gleichzeitig backen. Kein Name am Klingelschild, wo Teta Amela, die beste Brotb�ckerin der Welt, gewohnt hat. Meine Oma hustet hinter der geschlossenen T�r, an deren Klingelschild �Slavko Krsmanovi� steht. Es klingelt nicht, kein Strom, ich klopfe.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Die Moscheen. Eine der beiden soll wieder aufgebaut werden. Es gibt konkrete Pl�ne daf�r und konkrete Proteste dagegen. An den Kastanien, nicht weit von dem Platz, wo das Minarett der gr��eren Moschee in den Himmel wies, h�ngen wie fr�her die Todesanzeigen. Die gr�n umrandeten mit arabischen Schriftzeichen und die schwarz umrandeten mit dem Kreuz. Es steht vierzehn zu eins f�r die toten Christen. Nur wenige Muslime sind in ihre H�user zur�ckgekehrt.</p><empty-line/><p>Aleksandar, sagt Oma Katarina, ich habe Brot gebacken, gleich setze ich die Milch auf.</p><p>Die Umarmung ist kurz. Oma reicht mir bis zum Hals, am Hals k�sst sie mich, ich erschrecke vor ihr, und ich erschrecke auch vor mir selbst, weil ich mich ein wenig vor ihrem feuchten Mund und den kitzelnden H�rchen an ihrer Oberlippe ekle. Komm, sagt sie, du bist m�de, lass dich ansehen. Ja, dein Opa.</p><p>Omas Haar ist schwarz gef�rbt, an der Wurzel zieht das Wei� nach, sie riecht s�uerlich wie feuchter Mais und versucht, meine Tasche zu heben. Trinkst du eigentlich Kaffee?, fragt sie.</p><p>Lass nur, sage ich und trage das Gep�ck ins Schlafzimmer. Am T�rrahmen kann ich ablesen, wie gro� ich am 6. April 1992 gewesen bin: 1,53m. Die ersten Granaten fielen, mein Vater spitzte den Bleistift und rief mich zu sich. Daf�r ist noch Zeit, stell dich hier hin. Heute messe ich mich selbst und betr�ge auf Zehenspitzen, wie ich damals Vater betrogen habe, um zwei-drei Zentimeter. Knapp �ber mein Haar ritze ich einen Bleistiftstrich in das Holz des T�rrahmens. Aus der K�che riecht es nach Milch. Ich warte, 1,80m gro�, zw�lf Minuten und trinke warme Milch.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Das gr�ne Haus mit dem merkw�rdigen Dach ist immer noch ein gr�nes Haus mit merkw�rdigem Dach. Im einzigen gro�en Fenster ein Bonsai. Auf dem merkw�rdigen Dach eine Satellitensch�ssel. Das Dach f�llt steil und reicht fast zum Boden. Ich sp�he durch das Fenster. Mitten im kleinen Zimmer hockt eine junge Frau im Schneidersitz auf einer Bambusmatte. Sie hat die Augen geschlossen. Ihre H�nde ruhen, mit den Handfl�chen nach oben, auf ihren Knien. Daumen und Mittelfinger ber�hren sich.</p><p>Im kleinen Park neben dem Haus steht die alte Lokomotive. Sie wurde restauriert und neu lackiert, ich fahre mit der Hand �ber ihre Front: glattes, k�hles Eisen. Opa Rafik, grau, Lokomotive. Ein �lteres Touristenehepaar bittet mich, ein Foto von ihnen vor der Lokomotive zu schie�en. Sie tragen Panamah�te. Sie kaufen Andenken aus Holz, die Br�cke, die Moschee als Kettenanh�nger, einen Mini-Ivo-Andri�: meine Fantasie ist unermesslich.</p><empty-line/><p>Ich packe aus. Diabetiker-Kirschmarmelade. Oma Katarina bricht in Gel�chter aus, ich esse keine Marmelade, die ich nicht selbst gekocht habe! Sie wickelt das Glas wieder ein und bittet mich, es im �pajz abzustellen. Liste der Geruchsorte. Keller: Erbseneintopf und Kohlen. Der Friedhof in Veletovo: frisch gem�htes Gras. Zorans Tante Desa: Honig. Soldaten: Eisen und Schnaps. Drina: Drina. �pajz, die Speisekammer: Sauerteig und morsches Holz � darin der Brotkasten, die Konserven, der Zucker, das Mehl, die T�ten in T�ten, die Motten, die unergr�ndlichen Schachteln und die verrostete Mausefalle. Hinter einem Regal liegt seit unserer Flucht meine Angel. Die Spule werde ich �len m�ssen, der Haken ist verrostet. Oma, rufe ich aus der kleinen Kammer, seit wann essen M�use Korken?</p><p>Wir gehen jetzt �berall Kaffee trinken, sagt Oma und verl�sst die Wohnung. Ich habe Respekt vor klugen M�usen, ruft sie aus dem Treppenhaus.</p><p>Kaffee ist f�r Oma nicht nur ein Getr�nk, Kaffee ist: die wei�en Gardinen der Nachbarin in den Himmel zu loben, weil sie so gut gewaschen sind. Ich trinke den ersten Kaffee meines Lebens mit meiner Gro�mutter bei Teta Magda im vierten Stock. Ich habe Listen gemacht. Hochhausbewohner. Der Mythos besagt, dass ich meine ersten Schritte in Magdas Arme gemacht habe. Es seien hierzu weder S��igkeiten notwendig gewesen, noch Pflaumen und Hackfleisch. Mit ihrem langen Hals und der langen Nase sieht Magda wie ein Storch aus. Magda aus dem vierten Stock ist eine m�de gewordene mythische Gestalt, sie muss ihren Kopf st�tzen, weil er von alleine nicht mehr gerade aufsitzen will. Sie legt ihm die Hand unter, was sie gleichzeitig vertr�umt und ersch�pft aussehen l�sst. Ihre Wangen sind eingefallen, die d�nnen Haare Str�nge aus silbrigem Blei. Meine Katarina, sagt Magda, ich k�nnte alles in Grund und Boden schlafen. Du bist gewachsen, Aleksandar. Sie mustert mich aus gr�nen Augen.</p><p>Sie sehen gut aus, sage ich und wei� nicht, was das soll.</p><p>Jaja, sagt Magda und streicht sich eine Bleistr�hne aus der Stirn. Du bist mir damals, das wei�t du gar nicht mehr, sagt sie, und Oma und ich lehnen uns zur�ck, weil jetzt mit abgewetzter Stimme der Mythos gesungen wird, du bist mir damals in die Umarmung geschritten, zu mir getrippelt ohne fremden Halt, im Gesicht ein Lachen, dein Erobern begann, hallo, gro�e Welt, ich bin jetzt bereit, entz�ckt warst du von deiner Kraft, das Gleichgewicht hat dich gefunden, hinein in meinen Arm.</p><p>Milomir aus dem ersten Stock macht einen starken Kaffee. Im Krieg, sagt er, war meine gr��te Sorge, ob mich eine Granate oder ein Sniper trifft, heute habe ich so viele Sorgen, dass ich gar nicht wei�, welche meine gr��te ist. Pockennarbig, arthritisch, eine qualmende Zigarette hinter dem R�cken haltend, verbeugt er sich und k�sst zum Abschied die Hand meiner Gro�mutter. Katarina, sagt er zur Hand, besuch mich bald wieder.</p><p>Nach zwei Schlucken kam schon der Kaffeesatz.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Kneipen, Restaurants, Hotels. Das Restaurant M�ndung an der M�ndung von Rzav und Drina mit Blick auf beide Fl�sse. Ich erinnere mich an den Kuppelbau mit weitl�ufiger Terrasse, erinnere mich an die seltenen Abende mit Schnakenstichen und dem schl�frigen Quaken der Fr�sche, wenn wir nur zu dritt, Vater, Mutter und ich, in der M�ndung zu Abend a�en und Musiker an unseren Tisch kamen. Vater faltete einen Geldschein und steckte ihn in das Akkordeon, und der Akkordeonspieler grinste und verneigte sich in Richtung meiner Mutter.</p><p>Schutt, Steine, Eisenstangen, verru�te Balken und gebrochene Bretter sind mit dem runden Fundament der M�ndung zu einem Kranz verflochten, in dessen Mitte ich jetzt stehe, links auf die Drina sehe, rechts auf den Rzav. Unter der Sohle knirschen die Scherben eines Salzstreuers. Die Fr�sche quaken.</p><empty-line/><p>Oma Katarina und ich sitzen im Wohnzimmer und sehen uns �Isabella� an. Ich habe heute so viel Kaffee getrunken, ich zittere und kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals wieder schlafen kann. Die Telenovela hei�t eigentlich anders, Isabella ist die sch�ne, immer ein bisschen leidende, grundgute Protagonistin. Oma verfolgt t�glich drei Telenovelas: die um sechzehn Uhr, die um neunzehn Uhr und Isabella um einundzwanzig Uhr. In der Werbepause spritzt sie sich Insulin, ich kann nicht hinsehen. Sie schiebt ihre Bluse hoch und erz�hlt von einer Bombe, die unter dem Tisch eines frisch verm�hlten Paares explodierte, als der Br�utigam die Torte anschnitt. Die Braut und der Hund, der unter dem Tisch an den F��en des Br�utigams schlief, kamen dabei ums Leben. Dem Hund zimmerte man einen kleinen goldenen Sarg und warf ihn in die Drina. Die Braut beerdigte man in ihrem Hochzeitskleid, aber ohne die Schuhe, denn die waren nur ausgeliehen.</p><p>Oma spritzt sich Insulin und atmet laut durch den Mund. Ich kann nicht hinsehen. Ich kann nicht hinh�ren. Je mehr Geschichten ich kenne, sage ich und stelle den Fernseher lauter, desto weniger kenne ich mich aus.</p><p>Oma sieht geradeaus zum Fernseher. Isabella, sagt sie und presst Zeige- und Mittelfinger an den Einstich, darf ihrer Stiefmutter nicht so blind vertrauen.</p><p>Man m�sste, schreibe ich sp�ter in das Als-alles-gut-war-Buch, das ich Oma vor meiner Abfahrt zur�ckschenken werde, man m�sste einen ehrlichen Hobel erfinden, der von den Geschichten die L�ge abraspeln kann und von den Erinnerungen den Trug. Ich bin ein Sp�nesammler.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Herr Musikprofessor Popovi�. Ich klingle an der T�r im vierten Stock, seine Ehefrau Lena macht auf, eine aufw�ndig gekleidete Dame, das Haar hochgesteckt, goldene Ohrringe und Moschusduft, sie ist ausgehfertig, sie geht nirgendwohin. Ich brauche ihr nichts zu erkl�ren, Katarina, sagt sie und l�chelt, hat mir erz�hlt, dass Sie in der Stadt sind. Kommen Sie!</p><p>Herr Popovi� schaltet den Fernseher aus und erhebt sich, als ich das Wohnzimmer betrete. Er sieht mich neugierig an und reicht mir die Hand. Erst als mich seine Frau vorstellt, erinnert er sich an mich: Aleksandar! Das ist ja eine �berraschung! Nimm Platz, mein Sohn, nimm Platz. Ehrlich gesagt, ich h�tte dich fast nicht erkannt.</p><p>Wir setzen uns an einen niedrigen Glastisch. Frau Popovi� verschwindet in der K�che und serviert uns eine Minute sp�ter einen �bervollen K�seteller, dazu f�r mich ein Bier, f�r ihren Mann Wasser und zwei rote Pillen auf einem Silbertablett.</p><p>Ja, sagt Herr Popovi�, ich erinnere mich. In der Studienzeit war ich ja mit deinem Gro�vater befreundet, sp�ter dann auch politisch. Slavko war ein begnadeter Redner, seine Ideen verstanden nur wenige in der Partei, und beinahe niemand hie� sie gut. Es waren also ganz ausgezeichnete Ideen.</p><p>Ich nicke und genie�e die tiefe, bed�chtige Stimme des alten Mannes, seine Unaufgeregtheit, ich sehe in seine hellen Augen, die gro� werden, wenn er spricht. Seine Frau setzt sich uns gegen�ber, faltet die H�nde im Scho� und mustert ihn aufmerksam, als sei er der Gast.</p><p>Ohne Slavkos Einsatz, setzt Herr Popovi� seine kleine Rede fort, w�re zum Beispiel die Stadtbibliothek niemals erweitert worden, und bis heute profitieren die Schulen, ja die ganze Stadt profitiert davon. Wie lange ist das wohl schon her �</p><p>Ich spie�e einen K�sew�rfel auf den Zahnstocher, der K�se ist sehr kalt und schmeckt nach Paprika. In der Wohnung stehen blumenverzierte Schr�nke und Kommoden, eine gro�e Jugendstil-Lampe, ein Schreibpult aus dunklem Holz, dar�ber Titos Portr�t. Notenb�cher und Schallplatten in Regalen, auf dem Boden, �berall. In der Ecke das Klavier, daneben ein Grammofon. Ich sehe wieder zu Herrn Popovi�, er hat die Augen zusammengekniffen und streckt mir die Hand entgegen. Professor Petar Popovi�, und Sie sind?</p><p>Bitte?</p><p>Frau Popovi� r�uspert sich. Petar, sagt sie, das ist Aleksandar, Slavkos Enkelsohn.</p><p>Slavko Krsmanovi�?, ruft Herr Popovi� und seine Gesichtsz�ge erhellen sich, das ist ja eine sch�ne �berraschung! Sie haben sich ganz sch�n ver�ndert, Aleksandar! Wissen Sie, Ihr Gro�vater kam h�ufig mit Ihnen bei uns vorbei. Wir verstanden uns sehr gut, der Vi�egrader Cicero und ich. Sie waren da gerade mal � also ich sch�tze Sie h�chstens auf � Herr Popovi� wird erneut nachdenklich, legt die Hand unter das Kinn. Ich sehe zu seiner Frau, die immer noch l�chelt. Es f�llt dir ein, Petar, sagt sie leise, es f�llt dir ein, nur langsam.</p><p>Herr Popovi� zieht die Augenbrauen zusammen. Lena, sagt er zu seiner Frau, wer ist der Herr?</p><p>Aleksandar Krsmanovi�, �bernehme ich dieses Mal, stehe auf und gebe dem alten Mann im grauen Pullunder und mit den akkurat gescheitelten Haaren ein weiteres Mal die Hand. Ich besuche meine Gro�mutter. Sie haben mir einmal ein Musiklexikon zum Geburtstag geschenkt.</p><p>Herr Popovi� lacht, steht ebenfalls auf und nimmt meine Hand herzlich fest zwischen seine beiden. Nat�rlich, ruft er, das Lexikon der Weltmusik! Sie sind Slavkos Enkelsohn! Setzen Sie sich doch, setzen Sie sich, Lena, holst du uns bitte Bier, Sie trinken doch Bier?</p><p>Gern, sage ich, und Herr Popovi� blickt mich freundlich an, ein l�chelnder Herr zwischen Schallplatten und Notenb�chern. Opa Slavko hatte immer sein Klavierspiel gelobt und ihn als den einzig wahren Intellektuellen der Stadt bezeichnet. Nachdem seine Frau in der K�che verschwunden ist, dr�ckt Herr Popovi� meine Hand fester und fl�stert vertraulich: mein ganzes Leben lang gehe ich mit der Sch�nheit und der Liebensw�rdigkeit meiner Frau so leichtsinnig um wie sonst nur mit der Geschichte und dem Tod.</p><p>Herr Popovi� trinkt einen Schluck Wasser und betrachtet sein Glas aus n�chster N�he, es beschl�gt. Herr Popovi� kn�pft die Hemds�rmel auf. Sind nicht echt, sagt er und zeigt auf die goldenen Manschettenkn�pfe mit silbernem Violinschl�ssel.</p><p>Seine sch�ne Liebensw�rdige kommt mit den Bieren zur�ck ins Wohnzimmer und sieht gerade noch, wie mir ihr Mann die Hand entgegenstreckt und sagt: Petar Popovi�, mit wem habe ich die Ehre?</p><p>Nachdem ich mich vorgestellt habe, steht er auf. Etwas Musik, Herr Krsmanovi�?, fragt er und k�sst im Vorbeigehen seine Frau. Bach? Sie kommen mir vor, als w�rden Sie Johann Sebastian zu sch�tzen wissen, den hierzulande Untersch�tzten. �Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn�, schl�gt er vor. Ich bin erfreut, singt er, das Elend dieser Zeit noch von mir heute abzulegen. Pam-ta-tam, singt er, und bleibt vor dem Grammofon stehen, und steht da.</p><p>Vielleicht ist es besser so, sagt Frau Popovi� und nimmt einen Schluck Bier aus der Flasche, man kann sich vor der Erinnerung verstecken und l�sst sich von dieser abscheulichen Gegenwart nicht Tag um Tag ohrfeigen.</p><p>Herr Popovi� wendet sich vom Grammofon ab und geht zum B�cherregal. Nach kurzem �berlegen holt er eines der Notenb�cher heraus und bl�ttert darin, als suche er eine bestimmte Stelle, pam-ta-tam, singt er.</p><empty-line/><p>Die Strecke Zuhause � Oma Katarina: 2349 Schritte. Ich habe Listen gemacht: Schrittdistanzen. Zuhause ist auf der anderen Seite der Drina. Oma schl�ft noch, schnarcht klaglos, ich k�nnte sie wecken, um zu fragen, wer �berhaupt dort wohnt, aber ich wei� nicht mehr, wie sie am liebsten geweckt wird, und es ist mir unangenehm, dass ich die Antwort auf die Frage nicht selbst wei�.</p><p>2250 Schritte sind es heute, und auf dem T�rschild hei�t es: Miki. Ich stehe auf Beton, der Garten wurde betoniert, wie geht es den Regenw�rmern? Ich klingle nicht. Einfach: Miki.</p><p>Ich habe Listen gemacht. Unsere Stra�e. Ich laufe von Haus zu Haus, kenne diesen Balkon, kenne diese Reifenschaukel im Hof, kenne den Geschmack geklauter Mirabellen aus diesem Garten, kenne keinen einzigen Namen auf den Briefk�sten bis auf Danilo Gorkis.</p><p>Danilo und ich sitzen auf seiner Veranda, der Tisch, der Schaukelstuhl, alles noch so, wie ich es in der Erinnerung an Francesco behalten habe. Der Garten ist verwahrlost, die Kirsche wurde gef�llt, die alte Mirela, Danilos Mutter, lebt nicht mehr. Danilo wohnt allein in dem gro�en Haus, steht jeden Tag um f�nf Uhr auf, geht angeln, und wenn er den Fang nicht verkaufen kann, isst er ihn selbst. Seine Gefriertruhe steckt voller Fische. Lieber den ganzen Tag angeln, und nichts am Haken, sagt er, als den ganzen Tag schuften, und nichts in der Tasche. Viele meinen, heutzutage k�nne man nur gl�cklich sein, wenn man �berhaupt eine Arbeit hat, nicht mal bezahlt m�sse sie sein. Ich schei�e auf so ein Gl�ck.</p><p>Ich frage Danilo, ob er wei�, wohin es seinen Kollegen aus der M�ndung verschlagen hat, den wir als Kinder �ika Doktor nannten. Liste: Mythen. Ich erz�hle die Geschichte von der Limonade f�r die ledernen Motorradfahrer.</p><p>Danilo sagt, er wisse es schon. Ich warte, dass er weiterspricht, frage, als er es doch nicht tut: und wo?</p><p>Ich war mit deinem Onkel in der gleichen Einheit, sagt er und deckt den Tisch, deswegen bist du doch hier, oder?</p><p>�ika Doktor, der einem Mann die Wade aufgeschnitten hat, weil der die Z�hne seiner Schwester mit den Z�hnen eines Pferdes verglichen hatte.</p><p>Vor lauter Fisch, sagt Danilo, riecht man den Fisch nicht mehr.</p><p>Von drau�en dringen ged�mpft Rufe spielender Kinder zu uns herein. Danilo fragt, ob ich verheiratet sei, gibt �l in die Pfanne und legt zwei Fische hinein.</p><p>Gut so, sagt er, die Frauen sind Teufel mit guter Haut.</p><p>Ja, sagt Danilo Gorki und �ffnet das Fenster zur Stra�e, ich wei� es schon.</p><empty-line/><p>Zuhause � Schule: 1803 Schritte, gez�hlt am Tag einer Mathe-Arbeit, f�r die ich heroisch gelernt hatte und die ich trotzdem ohne eine einzige richtige L�sung abgab. Heute sind es 1731. Die Sch�ler stehen in Gr�ppchen und reden laut durcheinander. Ich schreite den Strafraum des kleinen Fu�ballplatzes ab, dem die Tore abhanden gekommen sind. Hier gewann Kiko die Wette gegen Edin und mich. Ich laufe �ber den Hof zu Kostina, dem Hausmeister. Der d�rre Mann in blauer Latzhose und einem Stift hinter dem Ohr lehnt an der Wand.</p><p>Herr Kostina, sage ich, die Tore sind ja weg.</p><p>Die Tore sind weg, wiederholt er und kratzt sich entlang der dicken Venen an seinem Unterarm. Im Hof lachende M�dchenstimmen.</p><p>Was halten Sie davon, wenn ich eins an die Fassade male?</p><p>Nicht viel, murmelt Herr Kostina.</p><p>Es l�utet scheppernd und wie verlangsamt. Aneinander schlagende T�pfe, denke ich. Die Kinder umsp�len uns, eine Flut bunter Rucks�cke, die l�rmend ins Geb�ude str�mt.</p><p>Neue Klingel?, frage ich, weil es au�er dem Offensichtlichen nichts zu sagen gibt.</p><p>Dieselbe seit drei�ig Jahren, nur nachl�ssig geworden. Der Hausmeister spricht langsam, z�h wie die Klingel.</p><p>Die Aula hat immer nach feuchter Pappe und Nuss-Nougat-Creme gerochen. Ich bleibe vor dem Eingang stehen.</p><p>Sagen Sie, Herr Kostina, ist Fizo noch hier?</p><p>R�ckkehrer, eh? An einem Montag nicht mehr aus der Pause zur�ckgekommen. Herr Kostina st��t sich angestrengt von der Wand ab und schleicht in das Geb�ude. Der Hof ist jetzt ruhig, bis auf den Jungen, der nicht zu sp�t kommen will und �ber das torlose Feld hetzt.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Ich sitze im f�nften Stock bei Radovan Bunda, w�hrend seine Frau mir den ersten Kaffee meines zweiten Tages in Vi�egrad serviert. Es ist fr�her Morgen, ich musste einen Termin machen, sieben Uhr war der einzig freie. Kraftstrotzend, nicht ein Mal im Leben krank gewesen und nie um einen Fluch verlegen, war Radovan Bunda fr�her ein gern gesehener Gast bei den Festen meiner Urgro�eltern in Veletovo. Im Winter einundneunzig verlie� er sein Dorf, in dem man sich vor der Elektrizit�t, dem Jeansstoff und dem Vollmond f�rchtete, und zog nach Vi�egrad. Am ersten Tag in der Stadt verkaufte er seine Schafe und mietete sich die Wohnung im f�nften Stock. Seine beiden K�he bekam er nicht durch das Treppenhaus und verkaufte auch sie. Von dem Geld kaufte er einen Stuhl, einen Tisch, seinen ersten Staubsauger, seinen ersten K�hlschrank und sein erstes Mineralwasser mit Kohlens�ure. Er z�chtete H�hner auf dem Dach, das Kukuriku des Hahns erklang noch vor dem Muezzin und weckte das ganze Haus. Dann aber schlug am ersten Tag der Gefechte um Vi�egrad eine Granate oben ein und keines der H�hner gab jemals wieder ein Gackern von sich. Als Radovan seine stummen Hennen sah, beschloss er, aus der Stadt zu fliehen. Er lud die H�hner in den K�hlschrank und den K�hlschrank auf den R�cken und wanderte los. Einen sichereren Ort als sein altes Dorf habe er sich nicht vorstellen k�nnen, erz�hlt er mir und gibt S��stoff in seinen Kaffee. Den Blick auf die Tasse gerichtet, sagt er: mein Dorf war aber kein Dorf mehr, weil f�r D�rfer brauchst du Menschen. Ich bin von T�r zu T�r gegangen, alle Schl�sser waren aufgebrochen, und in den Schlafzimmern schliefen sie nicht, in den Schlafzimmern lagen sie tot. In Betten, auf roten Kissen. Alle Serben, und wir waren, bis auf ein Haus, alle Serben. Es war das Haus vom guten Mehmed, ich habe geklopft, er hat aufgemacht, er hat gesagt: mein Radovan. Er hat mir seine H�nde gezeigt und mich wie einen Bruder umarmt.</p><p>Radovan macht eine Pause, r�hrt in seinem Kaffee, nimmt einen Schluck. Von der Stra�e dringt das Summen der Motoren zu uns, Rufe, ein Pfiff. Die schlimmste Nacht, sagt Radovan und presst die Lippen zusammen, die Hunde haben sie mit Benzin �bergossen und an der Leine angez�ndet. Meine Gro�mutter, die einen schlechten Schlaf hatte und sich nachts auf der Veranda m�de schaukelte, haben sie neben der Schaukel gehenkt. Alle anderen erschossen, und sie baumelte dort. Sollte das wie Selbstmord aussehen? Nie w�re sie von alleine darauf gekommen, so was Dummes, h�tte sie gesagt, ich habe doch nur dieses Eine!</p><p>Radovan Bunda beerdigte das Dorf und trat mit den H�hnern den R�ckweg an, um Rache zu nehmen. Unterwegs sammelte er vierzehn spitze Steine f�r jedes der vierzehn Opfer und weinte sieben Tage lang. Sechs N�chte machte er kein Auge zu und in der siebten gestand er sich ein, kein M�rder sein zu k�nnen. Hass kann ich, Blut kann ich nicht. Ich werde reich, habe ich mir gesagt, und dann mal sehen. Ich bin wieder hier eingezogen und habe mich von allem fern gehalten, ehrlich. Beim Herrn Musikprofessor Popovi� habe ich schreiben gelernt, auch besser sprechen, schneller denken und gewitzt schmeicheln gelernt, ein Jahr lang jeden Tag beim Herrn Popovi�, er hat zum Abschied immer Klavier gespielt. Dann hat er Mozart vergessen, dann hat er Brahms vergessen, dann hat er Vivaldi vergessen, am Ende ist ihm nur noch Bach geblieben. Willst du reich werden, mein Radovan, musst du die Rhetorik beherrschen! Das hat der Herr Musikprofessor zu mir gesagt, da ging es ihm noch gut.</p><p>Radovan verkaufte alles au�er die H�hner. Mit dem Geld lud er Schmuggler und Diebe zum Abendessen ein, lauschte, wenn sich Politiker und Angeber unterhielten, sah einem Arzt und drei Blauhelmen beim Pokern zu und gab dem Arzt Zeichen.</p><p>Und als ich genug dar�ber erfahren hatte, wie die Dinge laufen, sagt Radovan und breitet die Arme aus, habe ich einen Laster angehalten und mich mit dem Fahrer ein bisschen gezankt, nicht schlimm. Das Ding war voll mit Medikamenten und unterwegs zu einem B�rgermeister, der sie weiterverkaufen wollte. Den Laster habe ich bei einem meiner Schmuggler untergestellt und dem Poker-Arzt habe ich gesagt: so, jetzt bist du dran.</p><p>Radovans K�hlschrank ist heute der einer amerikanischen Gro�familie. Zus�tzlicher Wohnraum, begehbar. Auf dem engen Top seiner blonden Frau steht �Princess Bitch� in Glitzersilber. Eine zweite, rothaarige Frau kommt herein und k�sst Radovan auf den Mund � ich muss das Beziehungsgeflecht hier �berdenken. Radovan stellt mir beide Frauen mit Vornamen vor, bei beiden klingt es nach Ypsilon am Namensende, beiden langt er an den Hintern. Princess Bitch und die Rothaarige rauchen am Fenster, weit vorn�bergebeugt in den Vi�egrader Morgen.</p><p>Die haben mein ganzes Dorf ausgel�scht, sagt Radovan, aber ehrlich, ich hatte noch ein Leben! Ich habe in Medikamente investiert, dann in Schrott. Irgendwann war aber alles Schrott, die Stadt, das ganze Schei�land war Schrott, und Schrott war nichts mehr wert. Ich habe einen Raum gemietet, Kaffee und Grillfleisch verkauft und das ganze �McRadovan� genannt. Eine Kneipe von vielen, aber ich war die erste, in der man wetten konnte. Alle sind sie gekommen, meine �rzte, meine Blauhelme, meine Fl�chtlinge, meine Politiker, meine Erfinder, meine Schmuggler. Der Einzige, der gewonnen hat, war aber ich, McRadovan Bunda.</p><p>Radovan ist ein st�mmiger Mann, sorgf�ltig rasiert und sonnengebr�unt. Dass er lange W�rter meistens auf der ersten Silbe betont, ist ein letztes �berbleibsel seines Dialekts, sein Haarwachs riecht nach Apfel. Radovan raucht nicht und beschreibt, wenn er von Geld spricht, mit den H�nden einen Kreis in der Luft, die Finger weit gespreizt. Der ganze f�nfte Stock geh�rt ihm. Er hat die Zwischenw�nde durchbrochen, Wohnungen zu weitl�ufigen Zimmern zusammengeschlossen und die ganze Front zur Stra�e verglast. Er hat B�ros eingerichtet, ein �ppiges Schlafgemach mit Himmelbett und vergoldetem Spiegelrahmen, zwei G�stezimmer gibt es, Radovan sagt: unsere Hotels kannst du niemandem zumuten. Er zeigt mir alles, findet die Bilder in den B�ros zu kitschig, aber seine Mitarbeiter m�gen sie. Radovan l�chelt. Meine M�dchen singen, sagt er. Die Musik gibt es noch nicht, aber ein Video. Er f�hrt es mir vor, Princess Bitch und die Rothaarige tanzen. Radovan spielt darin Radovan mit Hut.</p><p>Der Speicher, in dem sich Asija versteckt hatte, ist jetzt eine aufger�umte Abstellkammer. Radovan �ffnet die Luke zum Dach und sofort sind gackernde H�hner zu h�ren. Die haben sich irgendwann von dem Schock erholt, sagt er und streut eine Hand voll K�rner aus. Radovan Bunda stellt sich an den Rand des Hochhauses und sieht auf die erwachende Stadt.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. Zoran Pavlovi�. Mein Zoran. Walross� Zoran. Besitzer von Meister Stankovskis Fris�rladen. Ich sitze auf dem alten Fris�rstuhl, Zoran steht hinter mir, links eine Haarspange, rechts eine gro�e Schere. Zorans lange Arme, Zorans schmale Lippen, Zorans ernste, unbewegliche Miene.</p><p>Wo hast du eigentlich gelernt?, frage ich und fahre mir mit der Hand durchs Haar.</p><p>Hier und da, das Meiste bei Stankovski. Ich lege jetzt los, ja? Alles ab?</p><p>Alles. Ich ziehe die Hand zur�ck, verstecke sie unter dem Umhang. Zoran klammert mein Haar mit der Spange zu einem Zopf und setzt die Schere an.</p><p>Aleks?</p><p>Ja?</p><p>Mann, Mann, Mann �</p><p>Was?</p><p>Sieh dir uns doch mal an! Guck mal in den Spiegel!</p><p>Zoran h�lt meinen Zopf in der Hand, unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Wenn das ein Problem ist �, sage ich.</p><p>Ach, was Problem, Mann. Alles ab?</p><p>Komm schon, sonst �berlege ich es mir noch.</p><p>Mein Zoran. Walross� Zoran. Die Schere trennt ab, er zeigt mir den Zopf. Im Gesumm des Panesamig-Rasierers schweigen wir. Ich bin Zorans letzter Kunde. Er schlie�t den Laden und schl�gt den Jackenkragen hoch. Du isst heute bei uns zu Abend, sagt er. Ich fahre mir mit der Hand �ber den Sch�del. Zoran steckt die H�nde in die Taschen, zieht die Schultern vor dem k�hlen Abend hoch, windig und sternenlos ist es.</p><p>Die rote Fassade und die schwarzen Fensterrahmen waren nat�rlich Milicas Idee, und in der ersten Zeit nach der Renovierung ging kaum jemand an Walross� Haus vorbei, ohne lachend oder kopfsch�ttelnd stehen zu bleiben. Ich musste die Schande �bert�nchen, erz�hlte der gro�e Mann jedem, der es wissen wollte, auch innen haben wir gestrichen. Zoran, sein Vater und seine Stiefmutter zogen in das Haus, nachdem Walross gleich am ersten Tag seiner R�ckkehr Desas Saisonarbeiter rausgeworfen hatte. Beim Moussaka mit Ei, zu dem mich Zoran eingeladen hat, sagt Milica lachend: Desa hat zwar herumgezickt, aber dann habe ich mal ein W�rtchen mit ihr gewechselt. Milica tr�gt ein rot-schwarzes Holzf�llerhemd, schwarze Jeans und unter den gro�en blauen Augen immer noch keine einzige Falte.</p><p>Alles neu, Halunke, sagt Walross zu mir, steht kauend auf, und breitet mitten im Wohnzimmer die Arme aus. In drei Monaten haben meine Milica und ich das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Walross� Schnurrbart ist ab, ich starre auf das, was fehlt zwischen Nase und Lippe, ich komme kaum zu Wort.</p><p>Diese drei Monate verbrachte Zoran im Grazer Gef�ngnis, auf die Abschiebung wartend, nachdem er an einem nebligen M�rzmorgen die �sterreichische Grenze hatte �berqueren wollen. Walross erz�hlt die Geschichte, w�hrend Zoran die Kartoffeln salzt, den Blick unverwandt auf seinen Teller gerichtet. Walross erz�hlt, wie dicht der Nebel war, in dem sich sein Sohn verstecken wollte, wie wenig gefehlt hat, dass Zoran den Grenzposten entwischt w�re, wie schlecht das Essen im Gef�ngnis war. Der Nebel, sagt er und tupft sich den Mund mit Brot ab, immer der Nebel in unseren Geschichten.</p><p>Nebel wie Zement, murmelt Zoran und nimmt seine Halbschwester Eliza auf den Schoss. Eliza ist zwei Jahre alt und hat jetzt schon die h�ngenden Wangen ihres Vaters. Milica mustert mich, die Beine �berschlagen, wippt mit dem Fu�. Zoran hilft Eliza mit dem Puzzle.</p><p>Du wirst es nicht glauben, Halunke, sagt Walross, erinnerst du dich an Francesco? Der schwule Italiener, den ich beim Boccia auseinander genommen habe? Halt dich fest!</p><p>Aus einer Keksdose voller Fotos � auf die Schnelle erkenne ich ein Basketballspiel und Walross und Milica vor ihrem Bus � holt er einen Brief heraus. Eine halbe Seite in Francescos gebrochenem Serbokroatisch. Ob es Walross gut gehe, er habe sich Sorgen gemacht, immer wieder Nahrung und Medikamente nach Vi�egrad geschickt, ob etwas angekommen sei? Auch mein Name taucht in Francescos Hoffnungen auf. Mit dem Brief kam ein Foto. Es zeigt Francesco, eine junge Frau und ein kleines M�dchen auf einem Staudamm. Nicht zu glauben!, klopft Walross auf das Foto. �Meine Frau Kristina und meine Tochter Drina� steht auf der R�ckseite.</p><p>�sterreich �, sagt Zoran, als wir am sp�ten Abend in die K�lte hinausgehen und unsere M�tzen aufsetzen. Ankica wollte nie mit. Ich habe sie zu sehr erschreckt.</p><p>Die Nacht riecht nach verbrannter Kohle, ich suche nach einem halbwegs sinnvollen Gedanken f�r Zoran, du kannst ja zu mir nach Deutschland, sage ich, und Zoran zieht die Luft in die Nase und klopft mir auf den R�cken.</p><p>Caf� Galerie. Liste: Kneipen, Restaurants, Hotels. Turbo-Folk und Eminem und der Junge mit dem Seitenscheitel und einer Narbe, die schuppt, am Kinn. Er legt ein Stoffherz auf jeden Tisch und unter das Herz eine handgeschriebene Erkl�rung seines Handicaps. Es gibt rote und rosafarbene Herzen. Der Junge sieht niemandem in die Augen, er ist fast unsichtbar im betrunkenen Gesang. Im Caf� Galerie kennt man die Lieder auswendig, und der Junge sammelt die Herzen so konzentriert ein, als r�umte er ein menschenleeres Zimmer auf. Es ist hei�, das Caf� �bervoll, die Scheiben beschlagen.</p><p>Komisch, sage ich zu Zoran, ich gehe zum ersten Mal in Vi�egrad aus.</p><p>Auch hier Teletext-Tafeln mit Live-Ergebnissen. Essen gegen D�sseldorf: Eins-eins, ich habe gewonnen.</p><p>Zoran sagt: du verpasst nichts.</p><p>Wir sitzen uns in der �u�ersten Ecke des Caf�s gegen�ber, ich h�re ihn kaum, die Box direkt �ber unseren K�pfen. Zoran schweigt die meiste Zeit, ich stelle Fragen und bekomme selten mehr als ein Kopfsch�tteln zur�ck. Mit Zoran zu schweigen, war nie wirklich unangenehm, es war eher ein Gef�hl, dass ich nichts zu erz�hlen wusste, das ihm Worte entlocken konnte. Heute Abend ist es �hnlich: egal, ob ich vom Krieg spreche, von der Zeit danach, von Frauen oder Studium oder Fu�ball � in Zoran regt sich nichts, seine Antworten fallen knapp aus, meistens sind sie nicht mehr als Gesten. Nach dem dritten Bier gebe ich es auf, wie ein Journalist Themen in Zorans Ohr zu schreien, lehne mich in den Sessel zur�ck und nicke zur Musik. Zoran bestellt zwei Biere und winkt mir dann zu, als w�rde er mich aus einem anderen Raum zu sich rufen. Ganz nah kommt er an mein Ohr und schreit so laut, dass ich zusammenzucke: guck dich doch mal um, Aleks! Guck dich bitte mal um! Kennst du hier irgendjemanden? Du kennst ja noch nicht mal mich! Du bist ein Fremder, Aleksandar! Zoran starrt mich aus der N�he an. Sei froh!</p><p>Ich spreche zur Seite: ich will nur meine Erinnerung mit dem Jetzt vergleichen.</p><p>Zorans Augen sind ger�tet, er blinzelt nicht. Ich erz�hl dir mal was f�r den Vergleich!, schreit er und klingt w�tend, nicht nur, weil er laut ist.</p><p>aleksandar?</p><p>Hallo?</p><p>aleksandar?</p><p>Wer ist da? Ich verstehe Sie ganz schlecht! ich bin es ich bin es so hohe b�ume hier so gesunde es ist herrlich b�ume so hoch</p><p>Nena? Nena Fatima, bist du es? ich hab ihn unterwegs gesehen im mond ja so einen schlanken hals hat er morgen will ich hinauf will ich</p><p>Nena, wo bist du denn, was � zwei schwarze bauen mein zelt auf h�flich sind die ich kann da aber nicht schlafen ist doch viel zu kalt morgen nehmen wir den weg mit dem st�rksten wind am mittag setz ich mich an den krater</p><p>Das gibt es doch gar nicht, wei� Mama � ach junge was soll ich noch warten ich bin es schnee wird liegen auf dem mount st helens sagen sie ich will einmal auf etwas stolz sein das mir niemand glaubt</p><p>Nena, gib mir bitte die Mama, ist sie in der N�he? man kann sich wirklich nicht f�r immer im stillen freuen junge einen guten grund hab ich jetzt ich bin ja da junge ich bin geflogen und musste mich anschnallen hab ich aber nicht</p><p>Nena � aleksandar ich war nie gl�cklicher ich werf einen stein in einen vulkan</p><p>Rufst du bitte Mama an, rufst du gleich an? keine sorge sie w�rde verstehen die schwarzen verstehen mich nicht ich will in der h�tte schlafen ich geh da jetzt rein so so hohe b�ume und so weites atmen und ein unmaskierter mond</p><p>Nena � Tust du mir einen Gefallen? du hast rafiks stimme mein junge</p><p>Wirfst du auch einen f�r mich hinein? mach ich junge einen ganzen berg werf ich ich bin ja da.</p><p>Nena Fatima kichert. Nena Fatimas Lachen eines Jungen. Ich versuche, so leise wie m�glich zu sein, das Tor zum Garten quietscht, ich nehme an einem kleinen Tisch Platz, den es fr�her hier nicht gab. Das Tor geh�rt uns nicht, der Garten und der Tisch auch nicht. Nur das Fr�her geh�rt uns noch, Nena und mir, Sonnenblumen haben sich in ihrem Garten nach meiner Nena gedreht, wenn sie ihr Haar flocht.</p><p>Im Haus r�hrt sich nichts. Auch der Blick auf die Drina geh�rt uns nicht: am Ufer vor dem Haus schneite es im Sommer, wenn die Pappeln und die Kastanien bl�hten. Nena stellte sich unter die B�ume und �ffnete ihr Haar. Von einer der Kastanien hing ein Seil, am Seil baumelte ein Reifen, am Reifen baumelte ein Junge, zitternd vor K�lte und Lust, der Wind s�te Flocken in seinen Sprung.</p><p>Der Blick auf die Br�cke geh�rt uns nicht. Am f�nften Br�ckenbogen hielt ich mich am seifigen Stein fest und wurde das erste und das einzige Mal w�tend auf Opa Slavko. Er zwang mich, die B�gen zu schwimmen, aber mir war zu kalt und die Str�mung zu stark, ich hatte Angst und wollte ihn nicht entt�uschen. Immer weiter bin ich geschwommen, durch Bogen flussaufw�rts, durch Bogen flussabw�rts, bis mich die Drina mit gleichm�tiger Beharrlichkeit einnahm, als geh�rte ihr mein K�rper. Das Licht, das durch die Wasseroberfl�che bricht, von unten gesehen, ist das unheimlichste Licht, wenn es dazu hinter der Nase im Kopf zu brennen beginnt. Opa griff nach mir, dem Ausgleitenden, dem Verschwindenden, schleppte mich, den Hustenden, den Schimpfenden, auf dem R�cken zur�ck zum Ufer, sagte: bald bist du sieben, bis dahin musst du alle B�gen schaffen.</p><p>Die Pappeln und die Kastanien sind weg, Brennholz. Auf der blanken B�schung w�hlt ein Hund im M�ll. Ein Angler steht am Kanalisationsrohr und f�ttert die Fische mit Brot an. Opa, ich habe es niemals geschafft, aber Nena wirft f�r mich einen Stein ins Magma.</p><empty-line/><p>Aleksandar, ich wei�, wie Haut aussieht, wenn man ihren Mensch hinter einen Wagen bindet und stundenlang durch die Stadt zieht. Hin und zur�ck. Zoran schreit gegen die Musik an. Erinnerst du dich an �ika Sead? Man sagt, sie haben ihn aufgespie�t und wie ein Lamm gegrillt, irgendwo neben der Stra�e nach Sarajevo. Und wenn du dich an �ika Sead erinnerst, dann erinnerst du dich auch an �ika Hasan. Zweiundachtzig Liter Blut hat er vor dem Krieg gespendet, damit hat er immer geprahlt. �ika Hasan haben sie Tag f�r Tag auf die Br�cke gebracht, damit er die Leichen der Hingerichteten in die Drina wirft. Hasan hat den Toten die Arme ausgebreitet, er hat ihre K�rper an seinen gelehnt, er hat sie auf sich ausruhen lassen, bevor er sie loslie�. Zweiundachtzig Tote hat er so in der Drina bestattet. Und als sie ihm den dreiundachtzigsten befohlen haben, ist er auf das Gel�nder geklettert und hat selbst die Arme ausgebreitet. Das ist alles, soll er gesagt haben, ich will nicht mehr.</p><p>Ich habe Listen gemacht. �ika Hasan und �ika Sead.</p><empty-line/><p>Pokor steht auf keiner Liste. Auf dem Weg zur�ck von Nena Fatimas Haus � 986 Schritte � treffe ich auf einen Polizisten, der ein riesiges Netz Zwiebeln durch die T�r seines Dienstwagens zu stopfen versucht. Pokor ist wieder Polizist. Ich erkenne ihn an seinem unordentlichen roten Haar, als er die M�tze im Gefecht mit den Zwiebeln abnimmt. Pokor war auch vor dem Krieg Polizist, seinen Sohn traf ich h�ufig beim Angeln und schwieg mit ihm hervorragend. Das Ger�cht, dass Pokor aufgestiegen war � vom gem�tlichen Polizisten zum Anf�hrer gewaltt�tiger Freisch�rler �, gelangte damals sogar zu uns nach Deutschland. Man gab Pokor den Spitznamen Herr Pokolj und Herr Gemetzel soll seinen M�nnern mehrfach den Befehl erteilt haben, seinem Namen alle Ehre zu machen.</p><p>Herr Pokolj ist auf dem Platz der Befreiung, der heute nicht mehr so hei�t, sondern den Namen eines serbischen K�nigs oder Helden tr�gt, wieder nur Pokor und steckt in der blauen Polizistenuniform. Er strengt sich an, aber das Netz passt nicht durch die T�r. Der ganze Wagen ist voll mit Zwiebeln, Schalen bl�ttern ab und schweben auf die Stra�e. Andere Autos umkurven langsam den blauen Golf, und ich bleibe stehen. Pokor st��t das Netz zu Boden und tritt mehrmals wutschnaubend dagegen. Schwer atmend sieht er sich um und zieht seine Hose hoch, die den Ansatz seiner Arschritze freigegeben hat. Auch in seinen Hosentaschen stecken Zwiebeln. Er nickt herausfordernd in meine Richtung: was ist? Was gibts zu glotzen?</p><p>Kann ich Ihnen helfen?, frage ich.</p><p>Wessen bist du?, gibt Pokor zur�ck.</p><p>Ich verstehe die Frage nicht sofort, sie ist mir seit so vielen Jahren nicht mehr gestellt worden, nur langsam d�mmert es mir: mit �wessen� sind meine Eltern gemeint � eine Frage, die man Kindern stellt, die sich verlaufen haben. Ich nenne den Vor- und Nachnamen meines Vaters.</p><p>Du bist Aleksandar, oder? Er wiederholt den Vornamen meines Vaters und sagt auch den meiner Mutter, er sagt ihn zweimal, das zweite Mal ist es eine Frage. Und ich m�sste sofort Ja sagen. Ich m�sste ihren Namen sofort und mit fester Stimme wiederholen, m�sste den sch�nen, arabischen Namen meiner Mutter stolz bejahen, und Pokor erkl�ren, dass der Name Schiff bedeutet oder Fr�hling oder Genuss. Und ich m�sste Pokor ins Gesicht sagen, es sei eine Ungeheuerlichkeit, dass M�rder in diesem Land nicht nur frei herumlaufen d�rfen, sondern auch noch eine Polizeiuniform tragen. Aber ich z�gere und sehe an dem Mann in seinem fleckigen Blau vorbei zu den Zwiebeln, die das ganze Auto ausf�llen. Ich z�gere und schlucke und will die Frage �berh�rt haben. Die Scham, die mir in den Hals steigt, kann ich nicht hinunterschlucken.</p><p>Pokor sch�ttelt sich, als sei ihm kalt. Miki ist in der Stadt, oder?, fragt er und quetscht sich, als ich auch darauf nichts erwidere, gru�los in den f�r einen solchen Mann und eine solche Menge Zwiebeln viel zu kleinen Wagen.</p><p>Ich habe Angst vor einem serbischen Polizisten, der mit �mutma�licher� und �es gab daf�r genug Zeugen� beschrieben wird. Eine vielleicht unbegr�ndete Angst, aber sie reicht aus, um meine Mutter zu verleugnen vor dem kleinen Polizisten Pokor, der in den letzten zehn Jahren drei�ig Kilo zugenommen hat und den jetzt Zwiebelgestank umgibt. Das letzte Netz l�sst er auf dem Asphalt liegen. Und nimmt jemandem die Vorfahrt, als er in die Stra�e einbiegt, die � wie auch der Platz, auf dem ich vor Scham wie angewurzelt stehe � einen neuen Namen tr�gt. Von einem K�nig oder von einem Helden.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht, aber das ist nicht der Punkt.</p><empty-line/><p>Ich habe Listen gemacht. M�dchen. Elvira. Danijela. Jasna. Nata�a. Asija. Nein, Marija, du darfst nicht mitmachen. Marija war zu jung und zu sehr M�dchen f�r so ziemlich alles, das wir anstellen wollten.</p><p>Ihre Mutter �ffnet mir die T�r, eine dunkelhaarige Frau mit rosigen Wangen, Marijas Locken und Mehlabdr�cken auf der Kochsch�rze. Sie zeigt entschuldigend auf die Sch�rze und rennt in die K�che. Komm rein, Aleks!, ruft sie � auf Deutsch. T�pfe klappern, �l zischt, gut schaust aus, ruft sie, d�Oma hat di ank�ndigt. Willst zu Marija? Die is unten.</p><p>Ja, ich wollte mal Hallo sagen, rufe ich auf Deutsch zur�ck, erleichtert �ber die Unkompliziertheit der Begegnung.</p><p>Die is im Keller, lugt Marijas Mutter aus der K�che. Gleich gibts Schnitzel.</p><p>Im Erdgeschoss erschreckt mich eine Katze, sie faucht und springt, ich bleibe stehen, sie bleibt stehen und dreht sich nach mir um. Aus dem Keller dringt Musik nach oben, das Licht wirft den Schatten des Gel�nders an die Wand. Ich folge der grauen Katze nach unten, was macht Marija hier? Die Musik wird lauter, ich steige nicht die Stufen meiner Erinnerung zur�ck, ich steige in einen Keller, es ist nur ein Keller.</p><p>Hier stritten meine Eltern.</p><p>Hier war ich der Schnellste.</p><p>Hier sa� die verschreckte Asija.</p><p>Hier zog ein Soldat den Gewehrlauf �ber die St�be am Gel�nder, klacka-klacka-klacka-klacka-klacka.</p><p>Es ist nur ein Keller, ich habe genug Kreise geschlossen in den letzten Tagen, habe Lust auf Tauben, die nur das tun, was Tauben immer tun. Auf dem Boden liegt ein kleiner CD-Player, ich kenne die verspielten Beats: �Swayzak�.</p><p>Swayzak, liest eine junge Frau von der anderen Seite des Raumes meine Gedanken, James Taylor habe ich in M�nchen kennen gelernt, er hat mir erz�hlt, egal, was er tr�umt, immer kommen Hunde vor und bellen ihn an. Ihm ist das so unheimlich gewesen, dass er sich irgendwann einen Dobermann angeschafft hat; mit dem hat er in einem Bett geschlafen, und die Traumhunde haben Ruh gegeben, Hallo! Sagt also Marija mit Tuchrock um die H�ften und Tuch im Haar, das ihr die Locken aus der Stirn h�lt. Sie reicht mir einen Spachtel, d�nn wie ein Schraubenzieher, zeigt auf eine kleine Wunde am Daumen, sagt: schei� Katze hat mich erschreckt. Marijas Augen sind im d�mmrigen Licht gelbgr�n, sie neigt den Kopf, Staub �ber der Augenbraue, die Lippen auf die Wunde gepresst.</p><p>Hallo, sage ich, Aleksandar.</p><p>Sollen wir uns jetzt kennen lernen, so mit H�ndedruck und allem? Marija l�chelt.</p><p>Ich suche nach Taschent�chern f�r ihren Daumen, obwohl ich wei�, dass ich keine habe, denke: was f�r ein Gr�n!, denke: ich habe doch Listen gemacht. Marija schaltet die Musik aus, ja, ich zeige dir alles, sagt sie, aber erst essen wir, du isst doch mit uns? Gut.</p><p>Das Schnitzel ist paniert, Marija und ihre Mutter beschreiben mir M�nchen. Marija sagt: Starnberger See, sagt: den FC Bayern mag man automatisch, sagt: nat�rlich gehe ich wieder zur�ck, ich mache hier nur fertig, sagt: ohne gute Musik kriege ich nichts hin. Die beiden haben acht Jahre in der N�he von M�nchen gelebt, sie sind zur�ckgekommen, weil Marijas Gro�vater gestorben und die Gro�mutter krank geworden ist � sie sitzt mit uns am Tisch, wiegt sich hin und her und l�chelt, wenn ihr Name f�llt. Ich erz�hle, was mir an Essen gef�llt, breche eine Lanze f�r das Ruhrgebiet, als Marija meint, der Pott sei uncharmant; wir reden �ber Dialekte und Mentalit�ten, wir reden �ber Deutschland, nein, sage ich, also Sylt ist wirklich besser als sein Ruf. Marija fragt, ob ich schon mal eine schlafende Kuh umgeworfen habe, lacht und f�hrt die H�nde vor das Kinn, als wolle sie ihr Lachen auffangen.</p><p>Marija, du darfst nicht mitmachen, sagt sie sp�ter am Abend, klar wei� ich das noch, Jungs!</p><p>Auch der zweite Wein schmeckt nach Karamell, wir liegen auf gelben Strandliegen im Keller. Marija studiert Kunst in Belgrad, Bildhauerei im zweiten Jahr. Das, was hier entsteht, nennt sie ihre erste ernsthafte Arbeit, sie mache sich nicht zu viele Gedanken �ber Dinge, die gr��er oder abstrakter sind als Jahreszeiten, also modelliert sie Gipsplastiken von Menschen im Alltag und zieht ihnen Tennissocken an oder Ohrensch�tzer mit Hasenohren oder ein T-Shirt, auf dem f�r eine Arznei gegen Rheuma geworben wird. Die beiden gr��ten Kellerr�ume hat sie mit Wandteppichen behangen, von der Decke h�ngen Spiralen aus Aluminium, Schleifen aus Plastik, Mosaike aus buntem Glas, Puppen aus Pappmaschee und in der Mitte des Raumes ein Landschaftsgem�lde: Konzeptuelles, sagt Marija, und die Provence! Ein Stromaggregat sorgt f�r etwas Licht, die spr�den, grauen W�nde von damals kommen mir so unwirklich vor wie</p><p>die Sperrholzplattentische an der L�ngswand,</p><p>die besorgten Stimmen unserer M�tter,</p><p>der Herd in der Ecke,</p><p>�ika Aziz� C-64, um den wir uns versammelten, w�hrend drau�en auf die Stadt eingepr�gelt wurde,</p><p>die gelben Begonien unter dem L�ftungsgitter, wo heute Marija ihre Schaber, Messer, Feilen lagert. Aus den Sperrholzplatten hat sie Gie�k�sten gebaut, quadratische Gestelle verkleidet mit Furnier.</p><p>Mein letzter Freund, sagt sie, war Tae-Kwan-Do-Vizemeister von Serbien. Wir waren zw�lf Stunden zusammen. Dann hat er mir erz�hlt, er sei Tae-Kwan-Do-Vizemeister von Serbien. Marija macht eine Pause. Geht es dir eigentlich gut, Aleksandar?</p><p>Nicht immer, jetzt ja, sage ich und hebe mein Glas.</p><p>Auf die Leute, sagt sie und trinkt. Hast du jemals von Edin geh�rt?</p><p>Er ist in Spanien.</p><p>Und?</p><p>Ich sehe mir die Farbe des Weines sehr genau an. Johannisbeere. Ehrlich gesagt, ich wei� es nicht. Ich wei� nur, dass er in Spanien ist oder war. Ich habe ihn mal angerufen, aber er war nicht da. Ich habe meine Nummer auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.</p><p>Und das war es? Aleks! Ich glaub das nicht! Ihr wart unzertrennlich! Ein einziges Mal angerufen �</p><p>Ich habe dreihundert Mal Sarajevo angerufen, sage ich.</p><p>Marija wartet, dass ich weiterrede. Du kommst gut zurecht?, frage ich. Es ist k�lter geworden, der Wein ist fast leer, und ich m�chte mich heute Abend an nichts mehr erinnern, was �lter ist als drei Stunden.</p><p>Ich ziehe Gipsm�nnchen Boxershorts an, sagt Marija und trinkt ihren Wein aus. Morgen zusammen fr�hst�cken? Holst du mich ab?, fragt sie, schreibt sich meine Telefonnummer auf, streift das Kopftuch ab und nimmt zwei Stufen auf einmal.</p><p>Ich schalte die Musik aus, das Aggregat summt. Ich atme tief ein. Gips. Ich setze mich auf die Treppe.</p><p>Dort die Strandliegen.</p><p>Dort die Wandteppiche.</p><p>Dort die leeren Weinflaschen.</p><p>Dort br�t ein Pfarrer mit Tarzan-Sch�rze einen Fisch.</p><p>Dort schmiert ein Junge im Tanga-Slip ein Brot.</p><p>Dort schl�ft die graue Katze.</p><p>Hier, ich. Spielregel: Treppenaufgang � Waffenruhe. Hier auf der Treppe neben mir sa� Asija und weinte. Hier, ich, der heute Abend die Erinnerung nicht mehr vorhatte.</p><p>Hier, an einem der Sperrholzplattentische, rauchte Onkel Bora eine nach der anderen und erz�hlte, dass er tags zuvor mit dem Rauchen aufgeh�rt h�tte, Pionierehrenwort! Die Sperrholztische wurden gebastelt, damit wir besser essen und Domino spielen k�nnen. Ich lernte das Wort �provisorisch�, und zwei M�nner trugen einen Herd in den Keller. Der Herd ist jetzt nicht mehr hier, aber dort m�ht ein Mann in Flip-Flops den Rasen, und mein Onkel schwor, es mit seinem Schwur ernst gemeint zu haben, Sonntage seien die besten Tage, um etwas aufzugeben, und Montage die besten, um etwas zu beginnen. Kurz vor Mitternacht h�tte er schnell seine letzte Schachtel ausgeraucht und dann begonnen, weltber�hmte Bauwerke mit Streichh�lzern nachzubauen: den Eiffelturm, die �gyptischen Pyramiden, die Berliner Mauer. Als am Morgen die ersten Engen, Polierten in Vi�egrad einschlugen, traf eine davon das Dach von Onkel Boras Haus. Tante Taifun lie� vor Schreck das Fr�hst�ckstablett fallen, die beiden Kaffeetassen verloren ihre Henkel, und mein Onkel lobte den Kleber in h�chsten T�nen: die Berliner Mauer hat gehalten, die Dachziegel und das Porzellan nicht.</p><empty-line/><p>Seit Bora, Taifun und ihre Ema in Omas Keller gekommen sind, raucht Onkel Bora wieder und beschreibt, wie es geklungen hat und was alles gezittert hat, als die Granate die Ziegel von seinem Dach abbl�tterte. Auf den Knien balanciert er einen kleinen, quadratischen Klotz Streichh�lzer und zeigt jedes Mal darauf, wenn er �Berliner Mauer� sagt.</p><p>Ihm gegen�ber sitzt Tante Taifun und stillt ihre Ema. Ich h�re meine Mutter zu Oma Katarina sagen: Gordana ist ganz sch�n blass.</p><p>Das w�hlt mich auf. Nicht weil Tante Taifun blass ist oder so ungewohnt ruhig, sondern weil meine Mutter sie bei ihrem richtigen Namen nennt. Ich male eine Kamillenblume ohne St�ngel und schenke sie meiner Tante, weil ich wei�, dass Kamillentee beruhigt. Ema greift nach dem Papier. Ich kann ihre Hand ganz in meine Faust schlie�en.</p><p>Nach dem f�nfzigsten Einschlag h�re ich auf zu z�hlen � z�hle lieber die jungen Katzen: in der �u�ersten Ecke des Kellers leckt eine graue Katzenmutter ihre vier grauen Jungen ab. Onkel Bora hat die Geschichte mit den Kaffeetassen, dem Dach und dem Kleber jedem Anwesenden zwei Mal erz�hlt, das macht circa sechzig Mal das Wort �Henkel�, circa zwanzig Mal den Satz: Die DDR war eh ein Witz, und genau drei Mal die Frage: Mein Gott, was ist hier los?</p><p>Der Keller ist gro� genug, von Ecke zu Ecke zu Ecke zu Ecke dreihundert Schritte. Niemand schickt uns zum Spielen, obwohl alles auf eine Weise gefl�stert wird, als d�rften wir es nicht h�ren. Wir beginnen, uns zu langweilen, Marija kann mit verbundenen Augen niemanden finden und irrt tastend durch die Korridore. Ne�o ist da, Edin ist da. Wenn ich mit Marija rede, sehe ich immer in ihr Haar. Marija hat Locken wie sonst niemand, den ich kenne. Auch auf ihre Gr�bchen muss ich sehen, weil sie sich als kleine Strudel in ihre Wangen drehen, wenn sie lacht. Auf ihre Augen, weil sie gelb und gr�n sind. Im Keller spielt Marija die meiste Zeit allein unter den Begonien im L�ftungsschacht, aus Plastilin bastelt sie K�nnchen und L�ffel und einen Tisch und trinkt aus Plastilintassen unsichtbaren Kaffee mit unsichtbaren G�sten.</p><p>Immer mehr Leute, die nicht in dem Geb�ude leben, str�men in den Keller. Ich freue mich am meisten �ber Walross und Zoran. Auch Milica, der Marienk�fer, st�ckelt zu uns hinab. Walross hat eine T�te voller Fr�chte mitgebracht. In den Bergen geht es ganz sch�n ab, sagt er, das gr�ne Haus mit dem merkw�rdigem Dach, in dem die Japaner verschwunden sind, h�tte es fast erwischt, und den Gem�seladen an der Ecke. Ich habe Geld auf dem Tresen gelassen, ehrlich. Wir brauchen Vitamine. Er bricht einen Apfel entzwei und gibt Zoran eine H�lfte.</p><p>Saugen M�cken eigentlich die Vitamine aus unserem Blut?</p><p>Milica in ihrem Rot-Schwarz setzt sich neben Tante Taifun. Sch�n, sagt sie zu Emas Haarflaum und in die Runde: ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn wir bleiben, bis das vorbei ist.</p><p>Ich habe l�ngst begonnen, Milica zu m�gen.</p><p>Folgende Fragen stelle ich nicht:</p><p>Wer schie�t?</p><p>Wer schie�t auf wen?</p><p>Warum?</p><p>Wann ist das vorbei?</p><p>Werden D�cher in Vi�egrad wie die D�cher in Osijek brennen?</p><p>Wird die Fu�ballsaison weitergehen?</p><p>Wird die Schule weitergehen?</p><p>Wer verteidigt uns?</p><p>Wann ist das vorbei?</p><p>Was, wenn eine Granate Opa Slavkos Grab trifft?</p><p>Warum steht Tante Taifun nicht auf, rennt los und entwaffnet alle, bevor sie nachladen k�nnen?</p><p>Wird das Hochhaus auf uns st�rzen, wenn eine Enge, Polierte es trifft?</p><p>Ist bei den Fischen jetzt alles wie immer?</p><p>Was braucht man jetzt?</p><p>Wozu das Taschenmesser?</p><p>Wozu die f�nfzig Mark und was genau bedeutet: falls wir getrennt werden?</p><p>Mein Gott, was ist hier los?</p><p>Wann ist das vorbei?</p><p>Wo ist eigentlich Nena Fatima?</p><p>Meine Mutter!, schreit meine Mutter und st�rmt aus dem Keller. Vater holt sie auf halber Treppe ein, ob sie denn �bergeschnappt sei, meine Mutter, Mann!, warte!, ich habe meine Mutter vergessen!, ob sie denn taub sei, lass mich!, ob sie denn nicht h�re, was drau�en los ist, eben darum, lass mich!</p><p>Vater l�sst aber nicht los, hat sie mit einem Arm umfasst.</p><p>Ich muss zu ihr, sagt Mutter etwas ruhiger und versucht, sich aus seinem Griff herauszuwinden. Vater packt sie an der Schulter, will sie hinunterschieben, ein stummes Gezerre, Mutter st�hnt.</p><p>Meine Eltern sind mir peinlich. Es ist mir unangenehm, dass sie Nena vergessen haben und dass sie von allen angestarrt werden. Ich sitze da, frage mich mit Onkel Boras Stimme: mein Gott, was ist hier los? Es ist Granatenzeit, und meine Eltern sehen aus, als w�rden sie sich pr�geln. Mutter wehrt sich nicht mehr so heftig, ich habe sie vergessen, sagt sie, meine eigene Mutter, klagt sie und dr�ckt die Handballen an die Augen. Milica tr�stet sie, wird schon nichts sein, er ist ja gleich bei ihr. Mit �er� ist mein Vater gemeint. Niemand h�lt ihn auf halber Treppe auf.</p><p>Mein Gott, was ist hier los?</p><p>Mein Gott, was ist hier los?</p><p>Mein Gott, was ist hier los?</p><p>�ika Aziz, den wir wegen seiner gro�en Zehen Kartoffel-Aziz nennen, hat sich erst ein wei�es Tuch als Stirnband umgebunden, dann seinen C-64 im Keller angeschlossen und h�lt jetzt eine Rede. Das Gewehr in der Armbeuge, den Lauf zur Decke gerichtet, in der Hemdtasche eine Sonnenbrille, Zahnstocher im Mundwinkel: alle herkommen!</p><p>Alle kommen hin. Wenn ich so alt bin wie Aziz, habe auch ich Koteletten und bin Chefgenosse der Gewehrcowboys. Ich werde beachtenswert viele Zahnstocher verbrauchen und �alle herkommen� deutlich aussprechen.</p><p>Aziz, bei deiner Mutter, sag mal, was ist hier los?, fragt �ika Milomir aus dem ersten Stock. Milomir raucht auch im Schlaf, so sehr riecht er nach Zigaretten. Aziz sieht �ber ihn hinweg, �ber uns alle sieht er hinweg, und schnallt den G�rtel ein Loch enger. Mit seiner Khaki-Hose und dem offenen Hemd �ber einem wei�en Unterhemd ist Aziz ein provisorischer Soldat, aber auch der einzige mit einer richtigen Waffe weit und breit, nicht einmal Walross hat seine Flinte dabei. Aziz wohnt im dritten Stock und hat die unglaublichsten Spiele auf seinem C-64. Zur Luft �ber unseren K�pfen sagt er: und jetzt alle wegtreten. Die aber, die sich dem Aggressor entgegenstellen wollen, um dieses Objekt und die darin befindlichen Personen zu verteidigen, kommen mit mir.</p><p>Wer ist der Aggressor?</p><p>Warum ist er aggressorisch?</p><p>Wie viele Enge, Polierte h�lt ein Staudamm aus?</p><p>Kann Aziz uns retten?</p><p>Was ist schlimmer: wenn dich eine Kugel trifft und zwischen den Rippen hinten wieder rauskommt, oder wenn dich eine Kugel trifft und drinbleibt, zum Beispiel im Hals, oder wenn drei�ig Enge, Polierte den Staudamm treffen und die Flut kommt?</p><p>Wird Vi�egrad aussehen wie dieses Dorf unter Francescos Lago di Vajont?</p><p>Welche Technik braucht man, um einen Zahnstocher so schnell aus einem Mundwinkel in den anderen zu schieben?</p><p>Nena Fatima s�t Sonnenblumen in ihrem Garten. Nena Fatima ist taub wie eine Kanone und h�rt die Kanonen nicht, die Granaten �ber unsere Stadt s�en. Ich nehme meiner Nena die Taubheit nicht ab. Sie sieht mich immer an, als w�rde sie jedes Wort verstehen und auf jede Frage die kl�gste Antwort wissen, und einmal ist sie nach der vierten Lottozahl aus der K�che ins Wohnzimmer gerannt und hatte alle vier richtig. Von der K�che aus kann man den Fernseher nicht sehen.</p><p>Dann aber schl�gt eine Granate in den Berg �ber Nenas H�uschen ein, und alles, was sie macht, ist � weitermachen: die Erde mit einer Hacke auflockern und Sonnenblumensamen aussch�tten. Gewehrfeuer, Flammen, Sirenen, und Nena Fatima schlie�t den Schlauch an den Hahn hinter dem Haus und w�ssert den Boden.</p><p>Meine Nena ist an dem Tag taub geworden, als Opa Rafik mit dem Gesicht die Drina geheiratet hat. Diese Heirat ging in Ordnung, weil Nena und Opa Rafik seit Jahren geschieden waren, eine Seltenheit in unserer Stadt. Nachdem Opa Rafik beigesetzt wurde, soll sie an seinem Grab gesagt haben: ich habe nichts gekocht, nichts mitgebracht und nichts Schwarzes angezogen, aber zu verzeihen habe ich ein Buch voll. Sie soll eine Menge Zettel ausgepackt und angefangen haben, daraus vorzulesen. Einen Tag und eine Nacht soll sie dagestanden und Wort f�r Wort, Satz f�r Satz, Seite f�r Seite � verziehen haben. Danach sprach sie nichts mehr und reagierte nie wieder auf irgendeine Frage.</p><p>Nena Fatima hat die genauen Augen eines Falken, kju, ket-ket, sie erkennt mich, bevor ich in ihre Stra�e einbiege, und tr�gt Kopft�cher. Nenas Haar ist Geheimsache � lang und rot und sch�n verr�t sie es mir, wenn wir im Sommer vor ihrem H�uschen B�rek essen und die Drina mit Hackfleisch f�ttern. Kalter Joghurt, gesalzene Zwiebeln, warme Ger�uschlosigkeit von Nenas Schaukeln im Schneidersitz. Der Teig gl�nzt vor n�tzlichem Fett. Nena wiegt sich hin und her und z�ndet sich eine Zigarette an, wenn ich satt bin. Ich bin der leiseste Enkel der Welt, um ihre Stille und unseren Sonnenuntergang nicht zu zerstreuen. Die Schw�le sammelt sich �ber dem Fluss und sieht aufmerksam Nena Fatima zu, die sich summend die Geheimsache zu einem langen Zopf flechtet. Mit niemandem lache ich mich so leise kaputt wie mit meiner Nena, niemandem sonst k�mme ich das Haar.</p><p>Nena Fatima kommt in Begleitung meines Vaters in den Keller. Sie bleibt auf der untersten Treppenstufe stehen wie Aziz bei seiner Rede. Sie r�ckt das Kopftuch gerade und hinterl�sst dabei einen Streifen Erde auf der Stirn. Sie war im Garten, sagt Vater. Mutter umarmt Nena Fatima, als sei Nena die Tochter, die sich verlaufen hat, w�tend und froh. Nena gestikuliert mit dem Daumen zum Mund: ich habe Durst. Ich schreibe �Fatima� auf einen Becher. Alle Becher bekommen unsere Namen. Einen habe ich �Slavko� genannt, einen anderen �Johann Sebastian�, einen dritten �Herpes� und einen vierten �J�rgen, der Motorradfahrer�. Milica fand das unglaublich komisch und beschriftete ihren mit �Marienk�fer�. Nena trinkt aus. Mit dem Wasser aus dem zweiten Becher w�scht sie sich die H�nde. Alle sehen sie an. Sie �ffnet den Mund, einatmend, als m�chte sie sich erkl�ren. Aber sie g�hnt blo�, schmatzt gen�sslich, und k�sst Ema auf die Stirn.</p><p>Ema ist eine Kussablage.</p><p>Nena, fl�stere ich, sei froh!</p><p>Wenn man den ganzen Tag den Krach h�rt und dann der Krach ausgeht, fragt man sich: wo ist der Krach hin? Kommt er n�her, um besser zu treffen? Ist die Munition aus? Arbeiten Soldaten nicht in Schichten? Oder ist alles vorbei? Trotz dieser n�chtlichen Ruhe muss ich auf dem Boden schlafen, Regel Nummer eins: weg von den Fenstern, sagt meine Mutter. Ich schlafe unter dem Couchtisch, Mutter hat an der Unterseite ein Kissen �ber meinem Kopf geklebt, damit ich mich nicht sto�e, falls ich hochschrecke. Sie deckt mich zu.</p><p>Ein Hochhaus, und alle schlafen auf dem Boden, weil man auf einem Bett dem Fenster n�her w�re. Alle sehen vom Boden aus fern, es kommen nur Nachrichten und Pressekonferenzen und Bilder von Menschen in langen Kolonnen. Ich lerne, was �organisierter Widerstand� bedeutet, wer die Territoriale Verteidigung ist und wozu Barrikaden dienen.</p><p>Ich schlie�e die Augen und h�re Opa Slavkos Stimme. Im Wohnzimmer und im Kissen �ber meinem Kopf und drau�en vor dem Fenster. Ich konzentriere mich so sehr darauf, herauszufinden, woher die Stimme kommt, dass ich kein Wort verstehe. Zum ersten Mal, seit er tot ist, lebt Opa wieder, und ich verpasse es. An Einschlafen ist nicht mehr zu denken, ich hole mir aus der K�che einen Zahnstocher und breche Regel Nummer eins: Jemand mit einem K�hlschrank auf dem R�cken �berquert die Kreuzung vor dem Geb�ude. Es ist Radovan Bunda aus dem f�nften Stock, er setzt den K�hlschrank nicht ein einziges Mal ab und verschwindet, die Stra�e hinauf in die Dunkelheit. Ich lege mich wieder unter den Tisch, warte, dass Opas Stimme wieder kommt. Um Mitternacht kann ich den Zahnstocher schon sehr schnell aus einem Mundwinkel in den anderen schieben. Am n�chsten Morgen weckt mich mein Vater.</p><p>Hier, Aleksandar, Onkel hat dir die Mauer dagelassen.</p><p>Wo ist er hin?</p><p>Ja.</p><p>Onkel Bora, Tante Taifun und Ema sind �ber Nacht aus der Stadt geflohen. Niemand hielt das f�r klug, niemand hielt das f�r nicht klug, niemand hielt sie auf.</p><p>W�re ich F�higkeitenzauberer, w�rden wir alle so schnell sein wie Tante Taifun, damit wir jeder Kugel ausweichen k�nnen. Au�erdem w�rden die Wolken wie Spinnennetze kleben, damit die Granaten an ihnen haften bleiben. Die Feuer h�tten eine Meinung, damit sie entscheiden k�nnen, ob.</p><p>Ich male ein Lagerfeuer ohne Rauch. Ich male einen Eintopf ohne Bohnen. Ich male ein Snipergewehr ohne Sniper. Ich male ein Blatt Papier ohne Knick.</p><p>Meine Mutter m�chte heute dringend keine Familienmitglieder vergessen, nach der zweiten Detonation zerrt sie mich weg von der T�r, an der ich Vater und Herrn Musikprofessor Popovi� lausche. Er ist jetzt vielleicht da oben, sagt Vater zu Herrn Popovi�, und was macht er, wenn man ihm befiehlt: Miki, schie�! Was macht er dann?</p><p>Er wird sich weigern, antwortet der alte vornehme Herr, Miki ist ein guter Junge. Er wird sich l�ngst in Sicherheit gebracht haben. Ein kluger Junge.</p><p>Das Licht im Treppenhaus flackert, als es das dritte Mal kracht, eine nahe Enge, Polierte. Durch die Flure laufen Menschen in Pyjamas in den Keller. Teta Magda rettet den Kaffee auf einem gro�en Tablett. Sie flucht heftig und tritt mehrmals mit der Schuhspitze gegen die T�r von Teta Amelas Wohnung, Amela-a, nimm Zucker mit, soll Gott dir geben, dass dir Gl�ck begegnet! Amela-a!</p><p>Aziz winkt uns wie ein Verkehrspolizist durch, ich bleibe stehen und frage: �ika Aziz, ist das nicht ein bisschen gef�hrlich, mit dem Zahnstocher im Mund zu schlafen? Dabei schiebe ich meinen Zahnstocher von links nach rechts.</p><p>Rasiert sieht Aziz unsoldatiger aus.</p><p>Im Keller an den Sperrholzplattentischen: Fremde. Sie fragen nicht, ob sie bleiben d�rfen, was gut ist, weil ich das selbstverst�ndlich finde. Milica k�mmert sich um sie, redet mit jedem, zieht ihre roten St�ckelschuhe aus, hilft barfu�, das Gep�ck zu sortieren.</p><p>Zoran sagt: kommt mal mit, nein, Marija, du darfst nicht.</p><p>Mit vereinten Kr�ften l�sst sich das L�ftungsgitter hochstemmen und zur Seite schieben. Habt ihr Angst?, fragt Zoran. Wer w�rde das jetzt zugeben, und schon sind wir drau�en, durchqueren den Hof. Wir bleiben vor dem Kiosk auf der Tito-Stra�e stehen. Niemand ist zu sehen. In der Ferne � Explosionen.</p><p>Nicht schlecht, sagt Zoran und zeigt uns auf Seite vier die blonde Frau im tarngr�nen H�schen und sonst nichts. Den Stein, mit dem er die Trafikscheibe eingeschlagen hat, steckt er in die Hosentasche. Wehe euch, Trafiken, wenn ein Walross in der N�he ist!</p><p>Edin liest die Titelseite der Zeitung von gestern. Kein Krieg, sagt er, nur Barrikaden und Sport. Eine Zeitmaschine m�sste man haben, es blitzt, und wir fahren zur�ck zur letzten Woche und warnen alle. Und keiner glaubt uns, weil wir nicht mal wissen, wof�r die Barrikaden da sind.</p><p>Doch, ich wei� es, sage ich, aber bevor ich es erkl�ren kann, pfeift es schrill �ber uns, blitzt es wirklich, Glas birst, ein Sto� in den R�cken, der mich zu Boden dr�ckt. Ich berge mein Gesicht in den H�nden, Scherben rieseln auf mich nieder, ein gl�serner Hagel, jemand schreit.</p><p>Aus dem Asphalt steigt Rauch auf. Zoran und Ne�o liegen ausgestreckt auf der Stra�e. Edin steht immer noch da mit der Zeitung in den zitternden H�nden. So blass ist Edin, so blass ist er, und aus seiner Nase rinnt Blut, dass ich glaube, sein ganzes Blut aus dem Gesicht kommt jetzt durch die Nase heraus. Ich versuche, aufzustehen, mein R�cken f�hlt sich kalt an, ich habe etwas im Auge.</p><p>Fick doch die Matrosin, faucht Zoran und schiebt hektisch das Heft mit den ungew�hnlichen Frauenberufen unter sein Hemd. Ne�o richtet sich langsam auf, er blutet aus der Hand und z�hlt die Finger nach. Am Haus gegen�ber hat es alle Fenster erwischt, auch das gro�e Schaufenster am Schuhladen im Erdgeschoss. Edin sagt: ich h�re alles und nichts auf einmal. Er leckt mit der Zunge das Blut von der Oberlippe. Das Trafikfenster hinter ihm ist durchl�chert, faserige Risse haben sich ins Glas gesaugt.</p><p>Ich komme auf die Knie hoch, Zoran reicht mir die Hand.</p><p>Ein gro�es, nach unten zugespitztes Dreieck l�st sich versp�tet aus dem Schaufensterrahmen und zerspringt auf dem B�rgersteig, ein Startschuss: wir rennen los, vier Carl Lewise, zwei im Pyjama, zwei blutend. Habt ihr Angst gehabt?, fragt Zoran erneut, und man gibt es vor Zoran trotz allem nicht zu.</p><p>Steckt mir Glas im R�cken?, frage ich.</p><p>Edin klopft sich mit dem Finger an die Schl�fe: ich h�re so einen Ton, sagt er, so einen ganz, ganz hohen Ton h�re ich.</p><p>Die Berliner Mauer in meiner Hosentasche hat gehalten.</p><p>Ist Ema in Sicherheit?, frage ich nicht, nachdem wir in den Keller zur�ckgeschlichen sind, und uns hinsetzen, als sei nichts gewesen.</p><p>Ich male mit zitternder Hand einen schlanken Onkel Bora.</p><p>Blute ich?</p><p>Ich male eine Wunde ohne Blut.</p><p>Was, falls dieser Mann wirklich unseren Staudamm sprengt, wie er es im Radio fluchend verspricht, obwohl der andere Mann zu ihm sagt: alle Ehre, aber das mach bitte nicht! Der Mann am Staudamm hat auch Ivo Andri�s Statue im Park vor der Br�cke mit einem Vorschlaghammer zertr�mmert. Ihm ist alles zuzutrauen.</p><p>Ich male eine Eidechse mit Schwanz.</p><p>Was, wenn jemand herausfindet, dass wir in die Trafik eingebrochen sind?</p><p>Wie viel Dynamit braucht es f�r so einen Staudamm und was w�rden sich die Drina und die Fische denken?</p><p>Ich male einen Moment der Ruhe.</p><empty-line/><p>Dort liest ein Baby in Milit�rjacke Zeitung.</p><p>Dort zieht sich ein Junge mit Goldzahn eine Rolex an.</p><p>Dort r�hrt ein ein�ugiger Riese mit einem Kreuz am Halsband und einem Halbmond am Armband in einem Topf.</p><p>Dort hantiert ein Zahnarzt im Mini-Rock mit einem Bohrer.</p><p>Hier, auf der Treppe zum Keller: ich. Hier, neben mir: Asija. Asijas lange Fingern�gel.</p><p>Dort f�ttert eine Frau in K�chensch�rze einen Hund mit Miniaturen einer Frau in K�chensch�rze.</p><p>Dort saugt eine noch unbehauene Figur, hier sagt Asija: deine Bilder sind gemein, und dreht sich das Haar auf den Finger. Ich bin Asija, sagt sie. Sie haben Mama und Papa mitgenommen. Mein Name hat eine Bedeutung. Einmal kam ein Mann in unser Dorf, um alle Fragen zu beantworten. Er war spindeld�rr, hatte eine Glatze und nur noch ein Ohr, in das man schreien musste, damit er die Frage verstand. Jeder im Dorf durfte dem Einohrigen eine Frage stellen und schenkte ihm f�r die Antwort einen Karton mit zehn K�ken oder eine Flasche Schnaps oder einen Briefumschlag. Der Einohrige hatte ein einohriges Pferd, das einen Wagen zog. Auf dem Wagen stapelten sich Geschenke. Ich zeigte dem Mann ein Holzscheit. In die Rinde hatte ich meinen Namen eingeritzt. Was bedeutet Asija?, schrie ich in das Ohr. Keine Ahnung, schrie der Einohrige zur�ck, warum fragst du? Er roch so nach Most und Pferd, dass ich mein Gesicht in unserem Bach waschen musste. Ein Jahr sp�ter reihten die Soldaten alle aus dem Dorf auf. Onkel Ibrahim und ich konnten uns im Wald verstecken. Ein Soldat las die Namen aus unseren P�ssen laut vor. Ein anderer bekreuzigte sich und goss Benzin �ber unsere Haust�r.</p><p>Dort putzt sich ein Herr mit Monokel die Z�hne.</p><p>Dort rasiert sich eine Frau mit Zylinderhut die Beine.</p><p>Spielregel: Treppenaufgang � Erinnerung. Ich stehe auf und schalte das Aggregat aus. Das Licht erlischt. Liste: Stille. Stille der dunklen Sekunde mit Asija im Treppenhaus, bevor wir auf den Lichtschalter dr�cken. Stille, die ihre Z�hne fletscht. Mein Vater. Stille nach Kamenkos Schuss. Francesco und die Veranda-Stille. Meine stille Nena Fatima. Stille meiner letzten zehn Jahre.</p><empty-line/><p>Hinter dem Kleiderschrank in Omas Schlafzimmer liegt noch der Karton. Ich lege die Bilder auf dem Boden aus. Ich lege die Bilder auf der Kommode aus, ich lege die Bilder auf den Betten aus. Ich lege die Bilder auf das Fensterbrett, auf den Tisch und unter den Tisch. Neunundneunzig Bilder des Unfertigen, auf der R�ckseite beschriftet, ich werde jedes einzelne zu Ende malen. Ein Bild von der unfertigen Kindheit ist nicht darunter. Ich beginne mit dem Falken im Sturzflug, den ich an dem Tag in der Lichtlagune gemalt hatte, noch bin ich der</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Chefgenosse des Unfertigen</strong></p><p>Falke im Sturzflug.</p><empty-line/><p>Unser Yugo ohne Auspuff auf der Stra�e nach Veletovo.</p><empty-line/><p>Jugoslawien mit Slowenien und Kroatien.</p><empty-line/><p>Nena Fatimas Haar, ungeflochten.</p><empty-line/><p>Die Drina ohne die neue, h�ssliche Br�cke.</p><empty-line/><p>Die junge Drina ohne Staudamm.</p><empty-line/><p>K�rbis, unaufgeschnitten.</p><empty-line/><p>Tito im T-Shirt.</p><empty-line/><p>Tito ungek�mmt.</p><empty-line/><p>Tito ohne Schussloch als Auge.</p><empty-line/><p>Fenster, offen in einen sonnigen Tag.</p><empty-line/><p>Vaters �Portr�t von B. als Virtuosin z�rtlicher Geigen� ohne die bl�den Geigen.</p><empty-line/><p>Opa Rafik ohne Cognacflasche.</p><empty-line/><p>Barfu� sein.</p><empty-line/><p>Menschenschatten unter einer Laterne ohne Mensch.</p><empty-line/><p>Kerze ohne Docht.</p><empty-line/><p>Freitagnachmittag, Samstag und Sonntag ohne Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitagmorgen.</p><empty-line/><p>Edins Kreidetor auf der Schulfassade ohne Hausmeister.</p><empty-line/><p>Eidechse mit Schwanz.</p><empty-line/><p>Gerade Nase von Vukoje Wurm, meinem Klassenkameraden, der vier Mal versuchte, mir meine zu brechen, aber irgendetwas kam immer dazwischen. Gemalt von Vukoje selbst in einem Moment ungeahnter Sanftmut.</p><empty-line/><p>Van Gogh, Vaters Vorbild, mit beiden Ohren (sehr gro�).</p><empty-line/><p>B�cher, auf denen kein Staub liegt.</p><empty-line/><p>Sonnenaufgang (sehr rot).</p><empty-line/><p>Eine umgefallene Kuh. Opa Slavko und ich spielen Schach auf ihr.</p><empty-line/><p>Jugoslawische Fahne, bevor der Stern verschwand.</p><empty-line/><p>Wolkenloser Regenguss.</p><empty-line/><p>Statue von Ivo Andri�, noch mit Ivo Andri�s Kopf.</p><empty-line/><p>Strand von Igalo ohne die Vi�egrader in der Sonne.</p><empty-line/><p>Milenkos Milica ungeschminkt in Schwarz-Wei�.</p><empty-line/><p>Der Friedhof in Veletovo ohne Opa Slavkos Grabstein.</p><empty-line/><p>Carl Lewis ohne Goldmedaille.</p><empty-line/><p>Emina weit weg vom Soldaten mit dem goldenen Zahn.</p><empty-line/><p>Ein B�rek, unaufgegessen.</p><empty-line/><p>Unfertiges Puzzle: Tito gibt E. T. die Hand.</p><empty-line/><p>Sternenloser Sternenhimmel.</p><empty-line/><p>Flugzeug ohne Rauch aus dem Heck.</p><empty-line/><p>Karfiol im Galopp ohne Z�une weit und breit.</p><empty-line/><p>Grammofon ohne Soldatenreigen in der N�he.</p><empty-line/><p>Wunde ohne Blut.</p><empty-line/><p>Hammer ohne Sichel.</p><empty-line/><p>Pflaume ohne Kern im Hackfleischmantel.</p><empty-line/><p>Zehn schlafende Soldaten.</p><empty-line/><p>Zehn waffenlose Soldaten.</p><empty-line/><p>Hund ohne Halsband.</p><empty-line/><p>Die sch�ne, gro�e Kawasaki ohne den ledernen J�rgen.</p><empty-line/><p>Moment der Ruhe.</p><empty-line/><p>Johann Sebastians Per�cke. Ohne Johann Sebastian.</p><empty-line/><p>Mamas Gesicht, l�chelnd, heiter, sorglos.</p><empty-line/><p>Lagerfeuer ohne Rauch.</p><empty-line/><p>Fest ohne Pistolen.</p><empty-line/><p>Pistole, nicht geladen.</p><empty-line/><p>Wels mit Schnurrbart und Brille, aus der Drina hechtend, im h�chsten Punkt seines Fluges, vier Meter �ber der Oberfl�che.</p><empty-line/><p>Handfl�che ohne Schicksalslinien.</p><empty-line/><p>Ur-Opa strahlend jung: mit Faltenschluchten, Ohrenb�schen, Bartdickicht, Haarwiese, Augenseen und einem kleinem Pflug unter dem Arm.</p><empty-line/><p>Jurij Gagarin ohne Neil Armstrong.</p><empty-line/><p>Neil Armstrong ohne Mond.</p><empty-line/><p>Radovan Bundas K�he im ersten Stock.</p><empty-line/><p>Ein Snipergewehr ohne Sniper.</p><empty-line/><p>Fu�ballspiel, Anpfiff.</p><empty-line/><p>Torschuss.</p><empty-line/><p>Wurf.</p><empty-line/><p>Magic Johnson ohne SIDA.</p><empty-line/><p>Dra�en Petrovi� beim Dreier-Wurf ohne Autounfall.</p><empty-line/><p>Die Tabelle aus dem Jahr 1989. Noch f�hrt Roter Stern.</p><empty-line/><p>K�se ohne Loch.</p><empty-line/><p>Meine Antwort auf Francescos Abschiedsbrief.</p><empty-line/><p>�ika Spok ohne den Flachmann an seinen Lippen.</p><empty-line/><p>Eintopf ohne Bohnen.</p><empty-line/><p>Der Orkan namens Walross, gerade dabei, Bogoljub Balvans Trafik leer zu fegen.</p><empty-line/><p>Lokomotive ohne Waggons.</p><empty-line/><p>Romm�spiel, alle Karten auf der Hand.</p><empty-line/><p>Brot ohne Brotkasten.</p><empty-line/><p>Onkel Bora, schlank.</p><empty-line/><p>Kleiderb�gel ohne Hemd.</p><empty-line/><p>�ika Hasan und �ika Sead im Streit.</p><empty-line/><p>Blatt Papier ohne Knick.</p><empty-line/><p>Panzer ohne Zahnr�der.</p><empty-line/><p>Rambo I.</p><empty-line/><p>Karl Marx vor der Rasur.</p><empty-line/><p>Halbmond.</p><empty-line/><p>Genosse Fazlagi�, noch nicht Herr Fazlagi�.</p><empty-line/><p>Ein unbeschriebener Wegweiser.</p><empty-line/><p>Penizillinspritze ohne Nadel.</p><empty-line/><p>Schulhof vor dem Regen.</p><empty-line/><p>Blumen ohne Unkraut.</p><empty-line/><p>Die nackte Teta Desa ohne die M�nner vom Staudamm.</p><empty-line/><p>Eine Schie�erei, aber niemand liegt, kein Blut ist zu sehen.</p><empty-line/><p>Noch nicht kalt gewordene Milch (12 Minuten).</p><empty-line/><p>Schnee ohne Fu�spuren.</p><empty-line/><p>Teig an den H�nden von Teta Amela, der besten Brotb�ckerin der Welt.</p><empty-line/><p>Francesco, unverabschiedet.</p><empty-line/><p>Glas ohne Sprung.</p><empty-line/><p>H�nde dr�cken einen Lichtschalter.</p><empty-line/><p>Selbstportr�t mit beiden Opas.</p><empty-line/><p>Spiegelbild.</p><empty-line/><p>Als alles gut war.</p><empty-line/><p>Leeres Blatt.</p><empty-line/><p>Trotziges, kaputtes Grammofon.</p><empty-line/><p>Asija.</p><empty-line/><p>Es ist sp�t am Abend, und die meisten Bilder sind noch nicht fertig gemalt. Ich musste lange dar�ber nachdenken, wie ich Marx rasieren soll oder was ich an einem Sternenhimmel ohne Sterne gut fand, was mit dem leeren Blatt gemeint war und wohin mit Radovans K�hen. Jetzt liegt Emina vor mir, die Skizze eines Frauengesichts.</p><p>Aleksandar? Oma Katarina klopft und kommt herein. Hast du Hunger?</p><p>Ich bin gleich so weit, Oma.</p><p>Kurz steht dir besser, sagt sie und wendet sich zum Gehen, bleibt aber in der T�r stehen und f�hrt mit den Fingern �ber die Gr��enmarkierungen. Morgen ist die Seelenmesse, wir wollen zu Opa nach Veletovo.</p><p>Es ist das erste Mal, dass sie Opa Slavko erw�hnt. Wie oft f�hrst du noch zum Grab?, frage ich.</p><p>Wann immer ich es schaffe. Die Stra�e ist ja ganz zugewachsen und zu Fu� ist es ein weiter Weg. Ur-Opa und Ur-Oma k�mmern sich um das Grab. Erinnerst du dich an den Tag, als Slavko beerdigt wurde? Ich habe dich von der Grube weggezerrt und gefragt, was du meinst, was Opa jetzt von mir wollen w�rde.</p><p>Was habe ich geantwortet?</p><p>Ich wei� es nicht, sagt Oma, das ist es ja. Du kommst also mit, ja?</p><empty-line/><p>Dass du ihn nicht vergisst. Und dass du dir alles genau merkst: was in der Zeitung steht, was die Leute reden, was du siehst, was du h�rst. Und dass du dann jeden Sonntag mit mir zu ihm gehst und ihm in aller Ruhe alles erz�hlst. Er soll auch ohne Zeitung und Brille und Spaziergang wissen, was los ist. Du machst die Wirklichkeit. Dann gehst du weg und l�sst uns ein St�ndchen allein. Die Geschichten �bernehme ich.</p><empty-line/><p>Oma weckt mich, indem sie am Laken unter mir zerrt, als wolle sie es mit mir darauf aussch�tteln. Der Wecker zeigt sechs Uhr, neben Oma steht Miki. Guten Morgen, Aleksandar.</p><p>Ich habe von einer Mischfrau aus Asija und Marija getr�umt, mit hellen Locken. Ich habe Asijamarija ein Omelette-Fr�hst�ck ans Bett gebracht. Morgen, Onkel, sage ich und verliere den Kampf um die Decke, liege da in Unterhose vor Oma im schwarzen Kleid und meinem breitschultrigen Onkel im schwarzen Anzug. Miki dreht das Gesicht zum Fenster, der H�cker auf der Nase, die Augenbraue im hohen Bogen, es ist noch fr�h, sagt er, wir Jungs fahren mal eine Runde. Das Profil meines Opas, sein sch�ner Mund.</p><p>Miki startet den Wagen, ich steige ein, wir schweigen. Wie geht es dir, Onkel?, frage ich nach einer Weile. Miki sieht geradeaus, niemand auf der Stra�e, wir sind gleich da, sagt er. Er f�hrt mit mir zur Br�cke. Wir steigen aus. Ich folge ihm, er l�uft bis zur Mitte und sieht in die Drina. Der Wind zieht kalt durch das Tal, �ber den Himmel rasen Wolken.</p><p>Miki f�hrt mit mir zu einem Haus in der Pionirska Stra�e. Das Haus hat eine neue, gelbe Fassade, die es von den schmutzigen Nachbarschaftsh�usern abhebt. Wind kommt auf. Auf der Bank unter dem Fenster sitzt ein alter Mann mit Hut, seinen Stock auf dem Scho�. Was machst du nach dem Studium?, fragt mich Miki. Der alte Mann spuckt seinen Kaugummi in die Hand und packt ihn mit zitternden Fingern in die Alu-Folie. Es kostet ihn viel Zeit und als er fertig ist, nimmt ihm Miki das K�gelchen ab. Geht�s?, ruft er dem Alten ins Ohr.</p><p>K-k-k, sagt der Alte, gt, gt.</p><p>Miki f�hrt mit mir zum Hotel Bikavac, das kein Hotel mehr ist. Die kleinen, heruntergekommenen Bungalows sind jetzt Wohnungen f�r die, die sich nichts anderes leisten k�nnen.</p><p>Hast du eine Freundin?, fragt Miki und sieht zum Himmel. Es riecht nach Regen, sagt er, und: wann hast du vor, Kinder zu zeugen? Er klopft an mehrere T�ren, eine wird aufgemacht, eine blasse Frau, das Gesicht noch zerknittert vor Schlaf, fragt unwirsch, was wir wollen.</p><p>Guten Morgen sagen, sagt Miki.</p><p>Miki f�hrt mit mir zum Hotel Vilina Vlas. Etwa auf dem halben Weg, in Kosovo Polje, parken wir bei einer Brandruine. Miki hebt einen Stein auf und reibt mit den Daumen �ber den Ru�. Auf dem Parkplatz vor Vilina Vlas bietet er mir eine Zigarette an und wirft die halb volle Packung weg, als ich sie nicht annehme.</p><p>Auf dem R�ckweg durch die Stadt biegt er zur Polizeiwache ab. Die Polizisten begr��en ihn mit �Miki�. Jeder gr��t. Ohne anzuklopfen, betritt er ein kleines B�ro, Pokor zieht sofort die F��e vom Tisch und legt die Zeitung weg. Schl�ssel, sagt mein Onkel, und Pokor reicht ihm einen gro�en Bund.</p><p>Alles klar, Miki?, aber Onkel w�rdigt ihn keines Blickes mehr.</p><p>In den Zellen ist niemand. Miki schlie�t die gr��te Zelle auf, und legt den verru�ten Stein aus Kosovo Polje auf die enge Liege, sagt: mach mal schnell das mit dem Studium fertig und sieh zu, dass du an Kohle kommst.</p><p>Miki hat Listen gemacht. Miki f�hrt mit mir zur Feuerwehrstation. Er geht vor dem Garagentor in die Hocke. Dahinter standen fr�her die beiden gro�en, roten Wagen, f�r die ich keine kindliche Begeisterung aufbringen konnte. Miki faltet die H�nde im Scho� und sieht mich von unten an. Auch ich gehe in die Hocke, aber er beh�lt seinen Blick dort, wo kurz zuvor noch mein Kopf gewesen ist. Dein Vater und Bora halten es nicht f�r n�tig, sagt er und zieht scharf die Luft durch die Nase ein, ihre eigene Mutter zu besuchen. Vielleicht meinen sie, Geld schicken, das reicht schon. Es reicht aber nicht. Sie ist unsere Mutter und w�re ohne mich allein. Und das sind keine guten Zeiten, um allein zu sein. Miki spricht mit ruhiger Stimme, seine H�nde trennen sich und kommen wieder zusammen. Dein Vater und Bora haben mit mir ein Problem. Das ist eine Sache unter uns, das hat mit unserer Mutter nichts zu tun. Sag ihnen das.</p><p>Vater hat gesagt, sie planen �, setze ich an, aber Miki unterbricht mich und findet auf Anhieb meine Augen: dein Vater hat seit sieben Jahren kein Wort mit mir gesprochen. Dein Vater schickt Geld und Fotos von einem Schwimmbad und von deiner Mutter im Badeanzug. F�r deinen Vater bin ich weniger wert als ein ausgespuckter Kaugummi. Miki spricht gelassen, ich blicke zu Boden. Aber das geht so nicht!, schreit er pl�tzlich, das geht so nicht!, schreit er, das geht nicht, so nicht!, schreit er, schreit er, schreit er, das geht so nicht, nicht so! Miki h�mmert mit der Faust gegen das Tor, hinter dem die Feuerwehrw�gen parken, es ist ein einzelner Hieb.</p><p>Ich nehme meinem K�rper die Bereitschaft, sich aufzulehnen, nicht ab. Ich vertraue meinem Mund nicht, nachzufragen, erlaube meinen Augen keinen herausfordernden Blick, meinem Gesicht keine strenge Miene, den H�nden keine geballte Wut. Ich bin �berragend im Beschreiben von Gesten.</p><empty-line/><p>Miki f�hrt mit mir nach Hause. Oma trinkt Kaffee mit den Nachbarinnen. Frau Popovi� und Teta Magda tragen Schwarz und kritisieren die heraufziehenden Wolken. Frau Popovi� bedankt sich bei mir, dass ich vorbeigekommen sei, ich frage, wof�r, sie sagt, ihr Mann spiele den ganzen Morgen Klavier, Regenst�cke, ich sage: damit habe ich nichts zu tun � ich auch nicht, sagt sie.</p><p>Oma m�chte vorne fahren, Miki parkt aus, sie sagt: einmal hat Slavko f�r mich die Wohnung in Blumen gelegt, einmal hat er vor dem ZK, statt einer Rede, Rotk�ppchen in einer eigenen Fassung vorgetragen, einmal hat er prophezeit, es kann nicht gut ausgehen, dass wir alle nur Ideale haben, aber keine Alternativen zu den Idealen, und einmal hat er dar�ber nachgedacht, mich zu betr�gen, ich habe es an seinen K�ssen geschmeckt.</p><p>Kaum haben wir die asphaltierte Stra�e verlassen, gibt es kein Vorankommen mehr. So, sagt Miki und zieht die Handbremse. Die L�cher im Boden sind so zahlreich und so tief, dass auch das Laufen schwer f�llt. Von den Seiten greifen Brombeerranken und wildes Gestr�pp nach uns, dornige Ranken, sogar Rosenst�cke, nur ein schmales Spalier bleibt, dar�ber haben junge Eichen ihre Zweige gekreuzt. Es wird schnell warm im Pflanzenkanal, der Wind tr�gt s�� riechende Verwesung heran. �ber uns schlie�en sich die Wolken zu einem regenschweren, grauen Mosaik.</p><p>Es ist unglaublich, sage ich und schlage nach dem Summen um meinen Kopf, so viele Insekten im M�rz.</p><p>Ja, unglaublich, keucht Oma Katarina und zeigt auf das Geb�sch vor uns. Ich bleibe stehen. In das Dickicht gepackt, zwei, drei Meter �ber uns: die Karosserie eines gelben Yugos. Oma und Onkel laufen an dem gestrandeten Wagen vorbei, den allein Schlingen, �ste und Lianen in der Luft halten. Ich n�here mich vorsichtig dem in Dornenranken geschn�rten Wagen und rei�e mir einen blutigen Striemen in den Unterarm, als ich ein paar Zweige zur Seite dr�cke, um einen Blick auf das Kennzeichen zu werfen. Unser alter Yugo, der ausnahmslos jedes Mal auf dieser Strecke stehen geblieben ist, Esel, Idiot, Kretin von einem Auto, wie ihn Vater dann nannte, hat seinen letzten Parkplatz gefunden. Ein Auto verliebt in einen Weg � anders kann ich mir das, was ich sehe, nicht erkl�ren.</p><p>Das Pflanzenspalier �ffnet sich zu einer Wiese, hier h�rt der Weg auf, hier ist es noch nie weitergegangen, hier liegt Tau und auf den Gipfeln Schnee. Zum Haus meiner Urgro�eltern geht es bergauf durch den Pflaumengarten. Die B�ume wurden seit langem nicht mehr abgeschliffen, Grind und Moos haben sich an ihre Rinde gesaugt, Pilze sprie�en am Fu� der St�mme. Wer denkt an was?, frage ich mich, als Oma, Onkel, dann ich, nacheinander �ber die Rinde eines der B�ume streichen.</p><p>Im Hof zwischen Stall und Haus steht ein Tisch, das Tischtuch aus wei�en Laken ist mit Steinen beschwert. Am Kopfende greift sich Ur-Opa Nikola in das lange Haar. Der Wind, Kinder, der Wind, singt er, fasst mein Kinn und meinen Sch�del mit knochigen Fingern. Aleksandar, meine Sonne, singt er heiser, Miki, komm her, halt dich an mir fest, klagt er.</p><p>Ur-Opa ist seltsam l�nglich geworden, barfu� sucht er Halt auf feuchtem Gras, wehrt sich gegen den Wind. Sein Gehrock, fleckig und zerknittert, reicht ihm kaum �ber die H�ften, das dunkle Gesicht von Moos und Pilz bewachsen � es sind nur Schatten. Er singt uns willkommen, es will aber kein Lied werden, Ur-Opas Stimme ist eine heisere Feile, die den W�rtern die Kraft abschleift.</p><p>Ur-Oma hat das Haar geflochten und die Z�pfe zu einer Krone dunklen Silbers um den Kopf gewickelt. Sie sitzt im Schafsfellmantel, Blumenkittel und Wollstr�mpfen �ber Gummistiefeln, breitbeinig auf dem gro�en Stein beim leeren Schweinegehege. Sie bleibt auch sitzen, als ich sie begr��e, bleibt sitzen, als ich sie umarme, ganz weich ist sie, ich dr�cke sie an mich, wie umarmt man jemanden, der federleicht ist und steinalt, wie fest darf man dr�cken?</p><p>Ur-Oma? Ich ber�hre sie an der Schulter. Ur-Oma? An ihren Stein geschmiegt kaut meine Ur-Oma mit offenem Mund an einem unsichtbaren Bissen, kratzt mit dem Fingernagel in den Stein, sieht mit ihren gro�en braunen Augen durch alles hindurch.</p><p>F�r dich immer noch Marshall Rooster!, wird sie rufen und ihre Augenklappe aufsetzen, wenn ich ihr den R�cken zudrehe. Ich drehe ihr den R�cken zu, und es donnert �ber den Bergen.</p><p>Es gibt etwas R�ucherfleisch, in dicken und schiefen Scheiben, es gibt verkrusteten Schafsk�se, es gibt das Brot, das Brot ist warm und weich und s��, es gibt tr�ben Pflaumensaft, es gibt Kajmak, Oma Katarina sp�lt noch einmal das Besteck, und dann essen wir doch mit den Fingern; es gibt gekochte Kartoffeln, es gibt die Schalenreste auf den gekochten Kartoffeln, es gibt sieben Zahnstocher. Onkel Miki schneidet das Brot, Oma nimmt ihm das Messer aus der Hand. Es gibt Griebenschmalz, es gibt Salz, es gibt zwei Zwiebeln, es gibt hackfleischgef�llte Paprika, es gibt Sauergurken, es gibt die Di�tmarmelade aus Deutschland, es gibt Schnaps und s��en Wein, davon k�nnen Blinde wieder sehen, sagt Ur-Opa heiser und hebt sein Glas. Auf meinen Slavko, sagt er, trinkt und bleibt stehen. Die ganze Zeit bleibt Ur-Opa am Kopf des Tisches stehen, und Ur-Oma isst auf ihrem Stein, mit dem Teller im Scho�. Wie geht es dem Ischias, Vater?, fragt Oma; was ist das?, antwortet Ur-Opa, und habe ich euch mal erz�hlt, fragt er, wie ich neunzehnvierzehn gegen die �sterreicher eine Br�cke war? Es gibt gekochten Sellerie, es gibt einen Hunger, den ich nicht stillen kann, es gibt hier keine Nachbarn, die f�ttern sich gegenseitig, sagt Ur-Opa, und lassen Krankheiten f�r sie entscheiden, wo ihnen der Kopf w�chst und wo ihnen der Arsch h�ngt. Es gibt Risse in der Fassade, es kommt kein Grunzen aus dem Schweinestall, es gibt mitten im Hof das Grab f�r Petak.</p><p>Meine Mileva und ich, sagt Ur-Opa, werden den Himmel �berleben.</p><p>Das Essen in K�rben laufen wir zum kleinen Friedhof. Zur Seelenmesse wird zwei Mal gegessen, erkl�rt mir Oma, erst ohne den Toten, dann mit ihm, dazu gibt es Wein.</p><p>Opa h�tte von solchen Br�uchen nichts gehalten, sage ich.</p><p>Die Wolkendecke h�ngt schwer und schwarz �ber den Pflaumenb�umen, die d�rren �ste strecken sich zu den Blitzen. Es geht, sagt Oma, um das Beieinandersein.</p><p>Ur-Opas wei�es Haar liegt im Wind wie ein Schleier. Ich hole ihn ein, will wissen, was mit Ur-Oma los sei, sie war von ihrem Stein nicht zu l�sen.</p><p>Meine Mileva hat den leichtesten Kopf auf der Welt, sagt er und springt pl�tzlich zur Seite, schl�gt mit H�nden um sich und winkelt den Arm an, als w�rde er etwas in den Schwitzkasten nehmen, worauf es schlagartig windstill wird. Meine Mileva, sagt er au�er Atem, mit etwas Gro�em unter dem Arm ringend, steht von ihrem Stein nur auf, wenn es Wichtiges zu tun gibt oder die Nacht zum Schlafen kommt.</p><p>Die Latten am Friedhofszaun sind schief, das Holz moderig und rissig, die N�gel vom Rost zerfressen. Es blitzt unentwegt, donnert, als m�ssten die Wolken eingerissen werden, damit es zu regnen beginnt. Miki sch�ttelt den Kopf und lacht, obwohl niemand gesprochen hat. Die ersten, schweren Tropfen fallen.</p><p>Opas Grab ist sauber und robust und der einzige wei�e Fleck weit und breit. Ich lege die Kartoffeln ab, den Schnaps, den Wein, die Gl�ser, der Marmor gl�nzt schon vom Regen. Es gibt keine Partisanen mehr, sage ich zu Miki. Er h�rt nicht zu.</p><p>In den Stein gerahmt ist ein ovales Bild: mein schwarzwei�er Opa sieht mich an und sieht in mich, lauscht mit den Augen und wei� schon, wie alles ausgehen wird.</p><p>An der Stelle, wo ich mir Opas Kopf vorstelle, bohrt Oma die Erde mit einem L�ffel auf und steckt eine Zigarette in das Loch.</p><p>Opa hat doch gar nicht geraucht, sage ich.</p><p>Heimlich, sagt Oma, und Miki z�ndet seinem Vater und sich die Zigaretten an. Das Grab ist eine Festtafel, es regnet immer heftiger, wir setzen uns auf den Rand, essen jetzt noch einmal. Die Asche von Opas Zigarette kr�mmt sich. Der Regen trifft die Zwiebeln, trifft die Kartoffeln und schl�gt gegen den Deckel vom Paprikatopf. Ich esse, als h�tte ich seit Tagen gehungert, manchmal legt jemand etwas auf das Grab, eine Gurke, eine Scheibe Brot mit Griebenschmalz, ich salze das Brot und salze die Erde mit, bohre selbst ein Loch hinein, f�lle es mit Schnaps. Ja, das ist gut, vier Krsmanovi�s an einem Ort, sagt Ur-Opa und richtet die Augen gen Himmel. Wei�t du eigentlich, mit wem du dich anlegst, Regen, du Esel?</p><p>Der Regen wei� es nicht, kommt in Wellen �ber uns, und als Oma sagt: wie viel Gl�ck mein Mann verdient hat, und ich sage: wie viele Geschichten mein Opa gegeben hat, und Ur-Opa fragt, wie viel Schnaps noch da sei, und Miki Opa mit feuchtem Brot f�ttert und sagt: es gibt nichts, worauf wir gemeinsam stolz sein w�rden, Vater, und an nichts sind wir zusammen schuld, als wir das alles sagen, kann niemand mehr wissen, wer gerade wie heftig weint. Ich wei� auch nicht, wann Ur-Oma zu uns getreten ist, ich sehe nur, dass sie vor dem Grabstein auf die Knie geht und Opas Foto k�sst, jedes Auge einmal.</p><p>Mein Kind, mein Kind, h�tte ich tausend geboren, w�re mir kein Herz so gelungen wie dein Herz. Ur-Oma k�sst das feuchte Grab, dann mit Erde am Mund ihren Mann, der im Regen l�nger und l�nger wird. Sie kann nur seine Schulter k�ssen, von den Zehenspitzen aus. Mit ihrem h�lzernen Kamm k�mmt sie sein nasses Haar, immer wieder sticht sie in die vom Wind verknoteten Str�hnen.</p><empty-line/><p>Ich esse und trinke und esse und trinke und esse, der Regen l�uft mir den Nacken herunter, Opas Zigarette ist aufgeraucht. Ur-Oma reicht mir Zauberstab und Hut. Der Hut passt mir noch, der Stab ist, wie die ganze Welt, kleiner als in meiner Erinnerung. Miki grinst mich an, ich trete zu ihm, unsere Brustk�rbe ber�hren sich, ich sehe die Poren in seinen Wangen, ich nehme den Hut ab und will ihn Miki aufsetzen, er schl�gt meine Hand weg, jemand schubst jemanden, der Hut und der Stab landen im Matsch. Es donnert �ber und hinter mir und links und rechts gleichzeitig, gibst du mal Ruh!, singt Ur-Opa und sch�ttelt die Faust in die Wolken. Ur-Oma zieht ihre Augenklappe auf, Miki l�st seine Krawatte.</p><empty-line/><p>Opa, nicht alle deine Geschichten habe ich behalten, aber einige eigene habe ich aufgeschrieben und werde sie dir vorlesen, sobald der Regen aufh�rt. Die Idee habe ich von Nena Fatima, die Stimme von Opa Rafik, das Buch, aus dem ich lese, von Oma, die Adern an den Unterarmen von deinem Sohn, der jetzt Kokosn�sse malt, die Schwermut von meiner Mutter. Mir fehlt alles, um meine Geschichte als einer von uns zu erz�hlen: Drinas Mut fehlt mir, die Stimme des Falken, das felsenharte R�ckgrat unserer Berge, Walross� Unbeirrbarkeit und der Enthusiasmus des ehrlich Vermissenden. Aber auch Armin, der Stationsvorsteher, fehlt mir, �ika Hasan und �ika Sead im ewigen Streit, Kikos Bein, Edin, der vergisst, dass er gerade einen Wolf nachahmt und vor der eigenen Stimme erschrickt, die �M�ndung� fehlt, unser Garten, man hat ihn betoniert, die Karfiol, die Namen der B�ume, der Magen f�r den Schnaps, die Fu�balltore im Schulhof. Du fehlst. Und die Wahrheiten, sie fehlen mir am meisten, solche Wahrheiten, in denen wir nicht mehr Zuh�rer oder Erz�hler sind, sondern Zugeber und Vergeber. Unser Versprechen, immer weiterzuerz�hlen, breche ich jetzt.</p><p>Eine gute Geschichte, h�ttest du gesagt, ist wie unsere Drina: nie stilles Rinnsal, sie sickert nicht, sie ist ungest�m und breit, Zufl�sse kommen hinzu, reichern sie an, sie tritt �ber die Ufer, brodelt und braust, wird hier und da seichter, dann sind das aber Stromschnellen, Ouvert�ren zur Tiefe und kein Pl�tschern. Aber eines k�nnen weder die Drina noch die Geschichten: f�r beide gibt es kein Zur�ck. Das Wasser kann nicht umkehren und ein anderes Bett w�hlen, so wie kein Versprechen jetzt doch gehalten wird. Kein Ertrunkener taucht auf und fragt nach einem Handtuch, keine Liebe findet sich doch, kein Trafikant wird gar nicht erst geboren, keine Kugel schie�t aus einem Hals zur�ck ins Gewehr, der Staudamm h�lt oder h�lt nicht. Die Drina hat kein Delta.</p><p>Und weil man nichts r�ckg�ngig machen kann, h�ttest du dich und uns ausgedacht, wie wir auf dir sitzen und essen, Bilder f�r den Regen h�ttest du dir ausgedacht, und Oma, wie sie dir eine zweite Zigarette in deinen Mund aus Erde steckt, dann Ur-Oma, die mich zum Duell herausfordert, mal sehen, ob du mir nach zehn Jahren im wilden Westen endlich das Wasser reichen kannst.</p><empty-line/><p>Der Regen ist schwer und kalt. Nass bis auf die Haut schleppen wir das Geschirr und das aufgeweichte Brot zum Haus zur�ck. Mir ist schwindlig, es gibt keinen Himmel mehr. Ur-Opa kann den Wind nicht l�nger festhalten, der entwischt, wird st�rker, im Hof kullert einer der Steine vom Tisch, das Laken l�st sich und hebt ab. Ur-Oma bleibt stehen, nicht das gute, murmelt sie, nicht das gute. Ur-Opa fasst sich an den R�cken und lacht vor Schmerzen. Das Laken zieht durch den Regen, wie kann es so nass fliegen, frage ich mich, dabei ist es l�ngst vor Ur-Omas F��en gelandet, sie wickelt Miki hinein.</p><p>Mein Telefon klingelt. Ur-Opa beugt sich, als wolle er etwas aufheben, die Hand am R�cken, und ich gehe ran: Pfeifen und Rauschen und die Stimme einer Frau. Was?, rufe ich, nichts. Das Rauschen wird zu einem Regenguss an Stimmen, es ist, als lausche ich zwei Millionen Telefonaten auf einmal, ich kann keinem folgen, R�ckkopplung, die Stimmen weg. Ur-Oma rollt Miki unter den Tisch, ich presse die andere Hand ans andere Ohr und stelle mich auf die Veranda, das Dach �ber meinem Kopf kappt pl�tzlich alle Ger�usche im Telefon. Ich trete zur�ck in den Regen, Knacken, laufe �ber den Hof, rutsche die B�schung hinab, die Frauenstimme. Asija?, rufe ich erst leise, dann lauter: Asija? Verrauscht kommt die Antwort, ist es �berhaupt eine Antwort: Aleksandar. Wer ist da?, frage ich und meine Stimme pfeift, wer ist da?, als Echo zur�ck, ich muss mich setzen, ich habe unglaublich viel gegessen und getrunken und das zweimal, ich kann jetzt nicht mehr, ich lasse mich jetzt fallen, ich liege jetzt da, inmitten der summenden S��e eines Regens an Stimmen, wo?, heult es zweimillionenfach, mir ist �bel, ich kann nicht mehr, �ber mir, einen, vielleicht zwei Meter �ber mir � die Wolken. Der Regen f�llt mir den Mund, Stimmen wie Fliegen im Ohr. Ja, sage ich, ich bin jetzt hier. Aleksandar?, sagt die Frauenstimme, und es ist ein Fluss, in dem ich liege, meine eigene Regen-Drina habe ich bekommen, und ich sage: ich bin ja hier.</p><p>Dank an Katharina Adler, Martina Bachler, Nadja K�chenmeister, Benjamin Lauterbach, Michael Lentz, Thomas Pletzinger, Ilma Rakusa, Simon Roloff und Leipzig f�r die Unterst�tzung.</p><empty-line/><p>Dank an Goran Bogdanovi�, Hamdo Opra�i�, Kristina und Petar Stani�i�, Mejrema und Hamed He�imovi� und Vi�egrad f�r die Geschichten.</p><empty-line/><p>Ohne sie w�ren Aleksandars Augen und Ohren nie so gro� geworden.</p><empty-line/><p>Dank an das K�nstlerhaus Lukas in Ahrenshoop f�r die Ruhe, den Schutzraum und die D�nen.</p><empty-line/><p>Dank an das Kulturreferat der Landeshauptstadt M�nchen und die Villa Waldberta f�r das Vertrauen, den Sport und den Starnberger See.</p><empty-line/><p>�Wie der Soldat das Grammofon repariert� wurde im Rahmen des Grenzg�nger-Programms von der Robert Bosch Stiftung gef�rdert.</p><p>� 2006 Luchterhand Literaturverlag, M�nchen in der Verlagsgruppe Random House GmbH Satz: Greiner &amp; Reichel, K�ln</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>eISBN 9783641015435</p><empty-line/><p>www.luchterhand-literaturverlag.de</p><p>www.randomhouse.de</p><p><image l:href="#0"/></p><p><strong>Table of Contents</strong></p><p>Widmung</p><p>Inhaltsverzeichnis</p><p>Wie lange ein Herzstillstand f�r hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat</p><p>Wie s�� Dunkelrot ist, wie viele Ochsen man f�r eine Wand braucht, warum das Pferd von Kraljevi� Marko mit Superman verwandt ist und wie es sein kann, dass ein Krieg zu einem Fest kommt</p><p>Wer gewinnt, wenn Walross pfeift, wonach ein Orchester riecht, ab wann man Nebel nicht mehr schneiden kann und wie eine Geschichte zu einer Abmachung wird</p><p>Wann Blumen Blumen sind, wie Mister Hemingway und Genosse Marx zueinander stehen, wer der wahre Tetrismeister ist und wof�r Bogoljub Balvans Schal sein Gesicht herhalten muss</p><p>Wann etwas ein Ereignis ist, wann ein Erlebnis, wie viele Tode Genosse Tito hat und wie der ehemals gefeierte Dreiersch�tze hinter das Lenkrad eines Centrotrans-Busses gelangt</p><p>Was Milenko Pavlovi�, genannt Walross, von seiner sch�nen Reise mitbringt, wie das Bein des Stationsvorstehers zum Leben erwacht, wof�r man Franzosen gebrauchen kann und warum die Anf�hrungsstriche �berfl�ssig sind</p><p>Wohin schlechter Musikgeschmack f�hrt, was der Dreipunktemann anprangert und wie schnell ein Krieg ist, wenn er einmal Anlauf genommen hat</p><p>Was wir im Keller spielen, wie die Erbsen schmecken, warum die Stille ihre Z�hne fletscht, wer richtig hei�t, was eine Br�cke aush�lt, warum Asija weint, wie Asija strahlt</p><p>Wie der Soldat das Grammofon repariert, was Genie�er trinken, wie wir schriftlich in Russisch stehen, warum D�bel Spucke essen und wie es sein kann, dass eine Stadt zersplittert</p><p>Emina auf den Armen durch ihr Dorf getragen,</p><p>26. April 1992</p><p>9. Januar 1993</p><p>17. Juli 1993</p><p>8. Januar 1994</p><p>Hallo. Wer? Aleksandar! So was, woher rufst du an? Nicht schlecht! Beschissen, und selbst?</p><p>16. Dezember 1995</p><p>was ich eigentlich will</p><p>1. Mai 1999</p><p>Aleksandar, ich m�chte das Paket unbedingt � dir � schicken.</p><p>Als alles gut war</p><p>Eis</p><p>Wunsch</p><p>Parade</p><p>1. Mai 1989 oder Das K�ken in der Pionierhand</p><p>Es gibt keine Partisanen mehr</p><p>Eine sch�ne Reise</p><p>Wie man verschwindet</p><p>Warum �ika Doktor jemandem die Wade aufgeschnitten hat</p><p>Warum Vukoje Wurm mit der drei Mal gebrochenen Nase meine Nase nicht bricht</p><p>Warum �ika Hasan und �ika Sead unzertrennlich sind und womit auch der kl�gste Welsgelehrte nicht rechnen kann</p><p>Wie sich Schachspiel zu Weltpolitik verh�lt, warum Opa Slavko wei�, dass morgen die Revolutionen kommen und wie es sein kann, dass manchmal etwas so schwer zu sagen ist</p><p>Welches Versprechen ein Staudamm halten muss, wie die sch�nste Sprache der Welt klingt und wie oft ein Herz schlagen muss, um die Scham zu schlagen</p><p>Warum H�user mitf�hlend und selbstlos sind, was sie musizieren und warum ich ihnen w�nsche, dass sie mitf�hlend und selbstlos bleiben, und vor allem fest</p><p>Welcher Sieg der sch�nste ist, was mir Opa Slavko zutraut und warum alle so tun, als w�rde die Angst kleiner werden, wenn man �ber sie nicht spricht</p><p>Wie es der dreisten Drina geht, wie es der lippenlosen Drina wirklich geht, was sie vom kleinen Herrn Rzav h�lt und wie wenig man braucht, um gl�cklich zu sein wie ein Falke</p><p>11. Februar 2002</p><p>Ich bin Asija. Sie haben Mama und Papa mitgenommen. Mein Name hat eine Bedeutung. Deine Bilder sind gemein</p><p>Von dreihundertdrei�ig zuf�llig gew�hlten Nummern in Sarajevo ist bei ungef�hr jeder f�nfzehnten ein Anrufbeantworter dran</p><p>Was die Wise Guys weise macht, wie hoch der Einsatz auf die eigene Erinnerung sein darf, wer gefunden wird und wer erfunden bleibt</p><p>Was hinter Gottes F��en gespielt wird, wof�r sich Kiko die Zigarette aufhebt, wo Hollywood liegt und wie Mikimaus zu antworten lernt</p><p>Ich habe Listen gemacht</p><p>Chefgenosse des Unfertigen</p><p>Danksagung</p><p>Copyright</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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