<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Tad</first-name><last-name>Williams</last-name></author><book-title>Der Drachenbeinthron</book-title><annotation><p>Dies ist die Geschichte von Simon Mondkalb und Ineluki Sturmk�nig und von ihrer t�dlichen Feindschaft im Lande Osten Ard.</p><p>Auf der uralten Feste Hochhorst w�chst der rotsch�pfige, wenig anstellige, aber ungemein wi�begierige K�chenjunge Simon auf. Von dem skurrilen, greisen Doktor Morgenes als Lehrling angenommen, lernt er Lesen, Schreiben und die Geschichte seines Landes.</p><p>Einst herrschten in Osten Ard die Sithi, ein Elbenvolk, bis aus dem hohen Norden die Menschen kamen und sie mit kaltem Eisen vertrieben. Nur mit Hilfe schw�rzester Magie vermochte Ineluki, der Sohn des Elbenk�nigs, einige wenige seines Volkes zu retten. Er selber gilt als tot.</p><p>Simon wird in die letzten Jahre der Regierung des siebten K�nigs seit jener gro�en Schlacht hineingeboren. Es ist der schon zu Lebzeiten sagenumwobene Johan Presbyter, der den Feuerdrachen Shurakai erschlug. Aus dessen Knochen lie� sich der K�nig einen Thron aus Drachenbein bauen. Als Johan mit �ber hundert Jahren stirbt, hinterl��t er zwei S�hne; Elias, der �ltere, wird neuer Hochk�nig von Osten Ard. Er ger�t immer mehr unter den Einflu� seines Ratgebers Pryrates, eines machtgierigen und skrupellosen Zauberpriesters. Aus Mi�trauen gegen�ber seinem Bruder Josua schlie�t Elias zur Sicherung seiner Herrschaft einen Bund mit den Nornen. Von diesen bleichen, schwarzverh�llten Wesen erh�lt der junge K�nig das Schwert �Leid�, eines der drei magischen Schwerter von Osten Ard.</p><p>Ohne Elias' Wissen hat Pryrates als Gegenleistung Josuas Leben versprochen. Der Prinz wird von ihm in einem der unterirdischen Verliese des Hochhorstes gefangengehalten. Durch Zufall entdeckt ihn dort der stets neugierige Simon und befreit ihn mit Morgenes' Hilfe. Als Pryrates davon erf�hrt, mu� auch Simon fliehen: In letzter Sekunde kann der Doktor ihn in einen Geheimgang schicken, dann setzt er sich und das Haus in Brand.</p><p>Der F�nfzehnj�hrige wei�, dass er jetzt auf sich allein gestellt ist, denn Pryrates fordert seinen Kopf. Von nun an k�mpft Simon um sein Leben � und um Osten Ard.</p></annotation><date>1991</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><translator><first-name>Verena</first-name><middle-name>C.</middle-name><last-name>Harksen</last-name></translator><sequence name="Osten Ard" number="1"/></title-info><src-title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Tad</first-name><last-name>Williams</last-name></author><book-title>The Dragonbone Chair</book-title><date>1988</date><lang>en</lang></src-title-info><document-info><author><nickname>N/A</nickname></author><program-used>FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2019-07-28">2019</date><src-ocr>Sonnenbrille, legolas</src-ocr><id>923888E1-F5D1-475B-875C-CB13FBB9BC37</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><isbn>3-8105-2313-5</isbn></publish-info></description><body><title><p>Tad Willams</p><p>Der Drachenbeinthron</p></title><section><image l:href="#1"/><empty-line/></section><section><title><p>Vorbemerkung des Verfassers</p></title><epigraph><p>�Ich habe mir eine Aufgabe zur Freude der Menschen gestellt und zum Wohlgefallen der edlen Herzen, f�r die Herzen, zu denen ich mich hingezogen f�hle, f�r die Menschen, in die ich hineinsehe. Ich meine nicht alle Menschen; nicht die, von denen ich h�re, da� sie keinen Schmerz ertragen k�nnen und nur in Freude leben wollen. Die lasse auch Gott in Freude leben! Diesen Menschen und diesem Leben ist meine Erz�hlung unbequem: ihr Leben und das meine gehen auseinander. Ich meine andere Menschen, und zwar die, die in sich vereint tragen ihre s��e Bitterkeit, ihr angenehmes Leid, ihre innige Liebe, ihren sehns�chtigen Schmerz, ihr angenehmes Leben, ihren leidvollen Tod, ihren angenehmen Tod, ihr leidvolles Leben. Dieses Leben erstrebe ich, zu diesen Menschen will ich geh�ren, mit ihnen sterben oder leben.�</p><text-author>Gottfried von Stra�burg, Prolog zu <emphasis>Tristan und Isolde</emphasis></text-author></epigraph><p>Dieses Werk w�re ohne die Hilfe vieler Menschen nicht m�glich gewesen. Mein Dank gilt Eva Cumming, Nancy Deming-Williams, Arthur Ross Evans, Peter Stampfel und Michael Whelan, die alle ein entsetzlich langes Manuskript lasen und mir dann Unterst�tzung, n�tzlichen Rat und gescheite Anregungen spendeten; er gilt auch Andrew Harris f�r logistische Hilfe weit �ber den Rahmen jeder Freundschaft hinaus; und vor allem meinen Lektorinnen Betsy Wollheim und Sheila Gilbert, die so lange und hart daran mitgearbeitet haben, da� ich das beste Buch schrieb, das ich schreiben konnte.</p></section><section><title><p>Zueignung</p></title><p>Dieses Buch ist meiner Mutter Barbara Jean Evans gewidmet, die mir die innige Zuneigung zu Kr�tenburg, den Hundertackerw�ldern, dem Auenland und vielen anderen verborgenen Orten und L�ndern jenseits der bekannten Felder vermittelt hat. Sie hat auch die tiefe Sehnsucht in mich gelegt, selbst Dinge zu entdecken und andere daran teilhaben zu lassen. Ich m�chte dieses Buch mit ihr teilen.</p></section><section><title><p>Warnung des Verfassers</p></title><p>Wanderer im Lande Osten Ard werden davor gewarnt, sich blind auf alte Regeln und Formen zu verlassen; sie sollten alle Rituale sorgsam beobachten, denn oft verlarvt der <emphasis>Schein</emphasis> das <emphasis>Sein</emphasis>.</p><p>Das Qanuc-Volk der schneebedeckten Troll-Fj�lle hat ein Sprichwort: �Wer davon �berzeugt ist, das Ende der Dinge zu wissen, die er gerade erst beginnt, ist entweder au�erordentlich weise oder ganz besonders t�richt; so oder so ist er aber gewi� ein <emphasis>ungl�cklicher</emphasis> Mensch, denn er hat dem Wunder ein Messer ins Herz gesto�en.�</p><p>Um es deutlicher zu sagen: Wer zum ersten Mal dieses Land besucht, sollte sich vor voreiligen Schl�ssen h�ten.</p><p>Die Qanuc pflegen auch zu sagen: �Willkommen, Fremder. Die Pfade sind t�ckisch heute.�</p></section><section><title><p>Vorwort</p></title><p>�� Das Buch des wahnsinnigen Priesters, so sagen jene, die es in H�nden gehalten haben, ist sehr gro� und so schwer wie ein kleines Kind. Man entdeckte es an der Seite von Nisses, der tot und l�chelnd neben dem Turmfenster lag, aus dem vor wenigen Augenblicken sein Gebieter, K�nig Hjeldin, in den Tod gesprungen war.</p><p>Die rostbraune Tinte, gebraut aus Lammsblatt, Nieswurz und Raute � und aus einer noch r�teren, dunkleren Fl�ssigkeit �, ist trocken und flockt leicht von den d�nnen Seiten. Die unverzierte Haut eines haarlosen Tieres von nicht festzustellender Gattung bildet den Einband.</p><p>Diejenigen der heiligen M�nner von Nabban, die es nach Nisses' Dahinscheiden lasen, erkl�rten es f�r ketzerisch und gef�hrlich, aber aus irgendeinem Grund verbrannten sie es nicht, wie es �blicherweise mit solchen Schriften geschieht. Statt dessen ruhte es viele Jahre in den schier unendlichen Archiven der Mutter Kirche, in den tiefsten, geheimsten Gew�lben der Sancellanischen �donitis. Nun aber scheint es aus der Onyxschatulle, in der es bewahrt wurde, verschwunden zu sein; der (zu keiner Zeit geschw�tzige) Orden der Archive gibt �ber den jetzigen Verbleib nur unbestimmte Ausk�nfte.</p><p>Einige Leser von Nisses' ketzerischem Werk behaupten, da� alle Geheimnisse Osten Ards darin enthalten seien, von der d�steren Vergangenheit dieses Landes bis zu den Schatten der Dinge im Scho� der Zukunft. Die �donitischen Pr�fpriester sagen nur, der Inhalt sei �unheilig�.</p><p>In der Tat mag es stimmen, da� Nisses' Schriften das Kommende so deutlich � und man darf annehmen: so absonderlich � voraussagen, wie sie das Gewesene aufzeichnen. Man wei� jedoch nicht, ob die gro�en Taten unserer Zeit � vor allem, soweit es uns betrifft, Aufstieg und Triumph von Johan dem Priester � Teil der Aufzeichnungen Nisses' sind, obwohl gewisse Andeutungen daf�r sprechen. Vieles von dem, was er schreibt, ist geheimnisvoll und verbirgt seinen Sinn in seltsamen Reimen und dunklen Anspielungen. Ich habe niemals das ganze Werk gelesen, und viele, die es getan haben, sind schon lange tot.</p><p>Das Buch tr�gt, in den kalten, harten Runen von Nisses' Geburtsst�tte hoch im Norden, den Titel DU SVARDENVYRD, was soviel hei�t wie <emphasis>Das Verh�ngnis der Schwerter</emphasis>��</p><cite><text-author>aus <emphasis>Leben und Regierung K�nig Johan Presbyters</emphasis> von Morgenes Ercestres</text-author></cite></section><section><title><p>ERSTER TEIL</p><p>Simon Mondkalb</p></title><section><title><p>I</p><p>Grash�pfer und K�nig</p></title><p>An diesem Tag aller Tage r�hrte sich etwas Fremdartiges tief im d�mmernden Herzen des Hochhorstes, im verwirrenden Kaninchenbau der Burg mit ihren stillen G�ngen und efeu�berwucherten H�fen, in den M�nchsverstecken und den feuchten, schattendunklen Kammern. H�flinge und Dienerschaft, sie alle rissen die Augen auf und fl�sterten, K�chenjungen tauschten �ber den Waschwannen bedeutungsvolle Blicke. In allen G�ngen und Torh�fen der gewaltigen Feste schienen sich Menschen mit ged�mpfter Stimme zu unterhalten.</p><p>Der allgemeinen Stimmung atemloser Erwartung nach h�tte es der erste Fr�hlingstag sein k�nnen, aber der gro�e Kalender in Doktor Morgenes' vollgestopftem Zimmer zeigte etwas anderes: Man befand sich erst im Monat Novander. Der Herbst hielt die T�r auf, und langsam wanderte der Winter herein.</p><p>Was diesen Tag von allen anderen unterschied, war nicht die Jahreszeit, sondern ein Ort: der Thronsaal auf dem Hochhorst. Drei lange Jahre waren seine Pforten auf Befehl des K�nigs geschlossen gewesen, die buntfarbigen Fenster von schweren Vorh�ngen verh�llt. Nicht einmal die mit der Hausreinigung betraute Dienerschaft hatte die Schwelle �bertreten d�rfen, was der obersten Kammerfrau unendliche pers�nliche Qualen bereitet hatte. Drei Sommer und drei Winter war der Saal ungest�rt geblieben. Jetzt stand er nicht mehr leer, und die ganze Burg summte von Ger�chten.</p><p>Um die Wahrheit zu sagen, es gab einen Menschen im gesch�ftigen Hochhorst, einen zumindest, der nicht seine ganze Aufmerksamkeit auf jenen lange unbewohnten Raum gerichtet hatte, eine Biene im murmelnden Stock, deren einsames Lied nicht zur Tonart des gr��eren Gesumms pa�te. Dieser eine hockte im Herzen des Heckengartens in einer Nische zwischen dem stumpfroten Stein der Kapelle und der Flanke eines zum Skelett entlaubten Heckenl�wen und glaubte, niemand werde ihn vermissen. Der Tag war bisher recht unerfreulich verlaufen � die Frauen steckten alle mitten in ihrer Arbeit und hatten wenig Zeit, Fragen zu beantworten, es hatte zu sp�t Fr�hst�ck gegeben, und kalt war es auch noch gewesen. Wie gew�hnlich hatte man ihm verwirrende Anordnungen erteilt, und niemand hatte auch nur ein bi�chen Zeit auf seine Probleme verwendet �</p><p>Das war, dachte er m�rrisch, ja auch nicht anders zu erwarten. Wenn er nicht diesen riesigen, prachtvollen K�fer entdeckt h�tte � der da durch den Garten gekrochen war, selbstzufrieden wie ein erfolgreicher Dorfbewohner �, w�re der ganze Nachmittag eine einzige Zeitvergeudung gewesen.</p><p>Mit einem Zweig verbreiterte er die winzige Stra�e, die er in die dunkle, kalte Erde an der Mauer gekratzt hatte, aber trotzdem wollte der Gefangene nicht vorw�rtslaufen. Vorsichtig kitzelte er den gl�nzenden Panzer, aber der dickk�pfige K�fer r�hrte sich nicht. Der Junge runzelte die Stirn und sog an der Oberlippe.</p><p>�<emphasis>Simon!</emphasis> Wo im Namen der heiligen Sch�pfung steckst du da!� Der Zweig entsank seinen kraftlosen Fingern, als h�tte ihm ein Pfeil das Herz durchbohrt. Langsam drehte er sich zu der Gestalt um, die hinter ihm aufragte.</p><p>�Nirgendwo��, wollte Simon sagen, aber noch w�hrend das Wort dem Mund entfloh, packte ihn ein knochiges Fingerpaar am Ohr und zerrte ihn ruckartig auf die F��e. Vor Schmerz jaulte er auf.</p><p>�Komm mir nicht mit �nirgendwo�, junger Strolch�, bellte ihm Rachel der Drache, die Oberste der Kammerfrauen, mitten ins Gesicht � eine H�hengleichheit, die nur dadurch erzielt wurde, da� Rachel auf den Zehenspitzen stand und der Junge von Natur aus zu schlechter Haltung neigte; denn Rachel fehlte fast ein Fu� an Simons L�nge.</p><p>�Ja, Herrin, es tut mir leid, tut mir leid�, murmelte Simon und bemerkte betr�bt, da� der K�fer auf einen Spalt in der Mauer der Kapelle und damit auf seine Freiheit zusteuerte.</p><p>�Mit �tut mir leid� kommst du auf die Dauer auch nicht durch�, knurrte Rachel. �Jedermann im ganzen Haus rackert sich ab, damit alles bereit ist, nur du nicht! Und als ob das nicht schlimm genug w�re, mu� <emphasis>ich</emphasis> auch noch meine kostbare Zeit verschwenden, um dich zu suchen! Wie kannst du so ein unartiger Junge sein, Simon, wenn du dich doch l�ngst wie ein Mann benehmen solltest? Wie kannst du nur?�</p><p>Der Junge, vierzehn schlaksige Jahre alt und in peinlichster Verlegenheit, antwortete nicht. Rachel starrte ihn an. <emphasis>Traurig genug,</emphasis> dachte sie, <emphasis>dieses rote Haar und die Pickel, aber wenn er dann noch so nach oben schielt und eine Flunsch zieht, sieht er ja geradezu schwachsinnig aus!</emphasis></p><p>Simon, seinerseits seine Ergreiferin anglotzend, sah, da� Rachel schwer atmete und kleine Dampfw�lkchen in die Novanderluft pustete. Au�erdem zitterte sie, wenn Simon auch nicht sagen konnte, ob vor K�lte oder vor Zorn. Es kam eigentlich auch nicht darauf an, so oder so machte es alles noch schlimmer f�r ihn.</p><p><emphasis>Sie wartet immer noch auf eine Antwort � wie m�de und ver�rgert sie aussieht!</emphasis> Er lie� die Schultern noch deutlicher h�ngen und warf finstere Blicke auf die eigenen F��e.</p><p>�Na, dann komm eben so mit. Der gute Gott wei�, da� ich genug Arbeit habe, um einen faulen Burschen damit in Trab zu halten. Wei�t du nicht, da� der K�nig vom Krankenbett aufgestanden und heute in seinen Thronsaal gegangen ist? Bist du denn taub und blind?� Sie packte ihn am Ellenbogen und schob ihn vor sich her durch den Garten.</p><p>�Der K�nig? K�nig Johan?� fragte Simon �berrascht.</p><p>�Nein, du unwissender Knabe, K�nig Wer-wei�-was! <emphasis>Nat�rlich</emphasis> K�nig Johan!� Rachel blieb auf dem Absatz stehen, um eine d�nne Str�hne schlaffes, stahlgraues Haar unter die Haube zur�ckzuschieben. Ihre Hand bebte.</p><p>�So, hoffentlich bist du nun gl�cklich�, sagte sie endlich. �Du hast mich so durcheinandergebracht und aufgeregt, da� ich es geschafft habe, respektlos mit dem Namen unseres guten, alten K�nigs Johan umzugehen. Und das, wo er so krank ist, und �berhaupt.� Sie schniefte laut, beugte sich dann vor und versetzte Simon einen schmerzhaften Klaps auf die dicke Stelle seines Arms. �Komm du nur mit.�</p><p>Sie stapfte weiter, den nichtsnutzigen Jungen im Schlepptau.</p><p>Simon hatte nie ein anderes Zuhause gekannt als die alterslose Burg mit dem Namen Hochhorst, was soviel bedeutete wie Hohe Feste. Sie trug den Namen zu Recht: Der Gr�nengel-Turm, ihr h�chster Punkt, ragte weit �ber die �ltesten und h�chsten B�ume hinaus. H�tte der Engel selbst, der auf der Turmspitze stand, einen Stein aus der gr�nspanigen Hand fallen lassen, w�re dieser Stein fast zweihundert Ellen in die Tiefe gest�rzt, bevor er in den brackigen Burggraben gefallen w�re und dort den Schlaf der gewaltigen Hechte gest�rt h�tte, die dicht �ber dem jahrhundertealten Schlamm dahintauchten.</p><p>Der Hochhorst war weit �lter als s�mtliche Generationen erkynl�ndischer Bauern, die in den D�rfern und auf den Feldern rund um die gro�e Festung geboren wurden, gearbeitet hatten und gestorben waren. Die Erkynl�nder waren lediglich die bisher letzten, die Anspruch auf die Burg erhoben � viele andere vor ihnen hatten sie ihr eigen genannt, auch wenn sie niemandem je wirklich ganz geh�rt hatte. Die Au�enmauer um das weitl�ufige Festungsgel�nde zeigte das Werk unterschiedlicher H�nde und Zeitalter: den rohbehauenen Fels und die groben Balken der Rimmersm�nner, das wahllose Flickwerk und die fremdartigen Steinmetzarbeiten der Hernystiri, ja sogar die �bersorgf�ltige Mauerkunst der Handwerker aus Nabban. Alles jedoch �berragte der Gr�nengel-Turm, den die unsterblichen Sithi errichtet hatten, bevor die Menschen ins Land kamen, damals, als sie �ber ganz Osten Ard herrschten. Die Sithi hatten als erste hier gebaut und ihre vorzeitliche Feste auf der Landzunge gegr�ndet, die �ber den Kynslagh und die Wasserstra�e zum Meer hinausblickte. <emphasis>Asu'a</emphasis> hatten sie ihre Burg genannt; wenn es einen wirklichen Namen hatte, dieses Haus so vieler Herren, dann lautete er Asu'a.</p><p>Das Sch�ne Volk war l�ngst aus den grasigen Ebenen und dem wogenden H�gelland verschwunden, zumeist in die W�lder und zerkl�fteten Berge geflohen oder an andere, f�r Menschen unbewohnbare St�tten. Das Gerippe der Burg, ein Heim f�r die R�uber der Macht, blieb zur�ck. Asu'a � der Widerspruch: stolz und sch�big zugleich, festlich und abweisend, scheinbar unber�hrt vom Wechsel seiner Bewohner. Asu'a � der Hochhorst: Wie ein Gebirge ragte er massig �ber Umland und Stadt, �ber seinem Lehen zusammengekauert wie eine schl�frige, honigschnauzige B�rin �ber ihren Jungen.</p><p>Oft hatte es den Anschein, als sei Simon der einzige Bewohner der gewaltigen Burg, der sich in seine Lebensstellung nicht hineinfinden wollte. Die Maurer verputzten die wei�get�nchte Verblendung des Wohngeb�udes und st�tzten die br�ckelnden Burgmauern � obwohl das Br�ckeln manchmal schneller voranzuschreiten schien als die Instandsetzung �, ohne sich je den Kopf dar�ber zu zerbrechen, wie oder warum die Welt sich drehte. Die K�chen- und Kellermeister pfiffen vergn�gt und rollten riesige F�sser mit S�dwein und gep�keltem Rindfleisch hierhin und dorthin. An der Seite des Burg-Seneschalls feilschten sie mit den Bauern um die b�rtigen Zwiebeln und erdfeuchten Mohrr�ben, die jeden Morgen s�ckeweise in die K�che des Hochhorstes geschleppt wurden. Und Rachel und ihre Kammerm�dchen hatten immer schrecklich viel zu tun; sie schwangen ihre aus Stroh gebundenen Besen, jagten den Staubflocken nach, als gelte es, ungeb�rdige Schafe zu h�ten, murmelten fromme Verw�nschungen �ber den Zustand, in dem <emphasis>manche Leute</emphasis> bei der Abreise ihre Zimmer hinterlie�en, und �bten eine allgemeine Schreckensherrschaft �ber die Liederlichen und Nachl�ssigen aus.</p><p>Inmitten all dieses Flei�es war der ungeschickte Simon der sprichw�rtliche Grash�pfer im Ameisenhaufen. Er wu�te, da� er es nie zu etwas Rechtem bringen w�rde; das hatten ihm schon viele Leute gesagt, die fast alle erwachsen � und vermutlich kl�ger als er � waren. In einem Alter, in dem andere Jungen l�ngst lautstark nach m�nnlicher Verantwortung begehrten, war Simon noch ein unsteter Wirrkopf. Ganz gleich, welche Aufgabe man ihm �bertrug, schon bald schweifte seine Aufmerksamkeit ab, und er tr�umte von Schlachten und Recken und Seereisen auf hohen, gl�nzenden Schiffen � und auf geheimnisvolle Weise zerbrach dann etwas oder ging verloren oder wurde falsch gemacht.</p><p>Manchmal war er �berhaupt nicht aufzufinden. Wie ein magerer Schatten dr�ckte er sich �berall in der Burg herum, konnte so behende wie die Dachdecker und Glaser jede Wand hinaufklettern und kannte so viele G�nge und Verstecke, da� das Burgvolk ihn den �Geisterjungen� nannte. Rachel gab ihm h�ufig Kopfn�sse und rief ihn �Mondkalb�.</p><p>Endlich hatte Rachel der Drache seinen Arm losgelassen, und Simon zog mi�mutig die F��e nach, w�hrend er der obersten der Kammerfrauen hinterher schlurfte wie ein Stock, der sich im Rocksaum verfangen hat. Er war erwischt worden, sein K�fer entkommen und der Nachmittag ruiniert.</p><p>�Was soll ich machen, Rachel�, murmelte er unwirsch, �in der K�che helfen?�</p><p>Rachel schnaubte ver�chtlich und watschelte weiter, ein Dachs mit Sch�rze. Voller Bedauern blickte sich Simon nach den sch�tzenden B�umen und Hecken des Gartens um. Seine Schritte mischten sich mit denen der Kammerfrau und hallten feierlich in dem langen Steinkorridor wider.</p><empty-line/><p>Die Kammerfrauen hatten Simon aufgezogen, aber da er ganz sicher nie eine der ihren werden w�rde � denn ganz abgesehen davon, da� er ein Junge war, konnte man ihm offensichtlich keine feineren Hausarbeiten anvertrauen �, hatte man sich gemeinschaftlich bem�ht, eine passende Arbeit f�r ihn zu finden. In einem gro�en Haus, und der Hochhorst war zweifellos das gr��te Haus �berhaupt, war f�r Leute, die nicht arbeiteten, kein Platz. Simon hatte eine Art Besch�ftigung in den Burgk�chen gefunden, aber selbst in dieser anspruchslosen Stellung war er wenig n�tzlich. Die anderen K�chenjungen lachten und pufften einander, wenn sie Simon betrachteten, der � bis zu den Ellenbogen im Wasser, die Augen in selbstvergessener Tr�umerei zugekniffen � gerade die Kunst des Vogelflugs erlernte oder Traumjungfrauen vor imagin�ren Untieren errettete, w�hrend sein Waschpr�gel quer durch die ganze Wanne davontrieb.</p><p>Der Legende nach war einst Herr Fluiren � ein Verwandter des ber�hmten Herrn Camaris von Nabban � in seiner Jugend auf den Hochhorst gekommen, um ein Ritter zu werden, und hatte in eben dieser Sp�lk�che ein ganzes Jahr gearbeitet, so unsagbar dem�tig war er gewesen. Die K�chenleute hatten ihn geneckt, erz�hlte man, und ihn �H�bschhand� genannt, weil die schreckliche Schufterei das feine Wei� seiner Finger nicht beeintr�chtigen wollte. Simon brauchte nur die eigenen rosagesottenen Pfoten mit den gesprungenen N�geln anzuschauen, um zu wissen, da� <emphasis>er</emphasis> nicht der verwaiste Sohn eines gro�en Herrn war. Er war ein K�chenjunge und Eckenausfeger, und damit hatte es sein Bewenden.</p><p>K�nig Johan hatte, wie jedermann wu�te, in kaum h�herem Alter den Roten Drachen erschlagen; Simon k�mpfte mit Besen und T�pfen. Nicht, da� das einen gro�en Unterschied bedeutet h�tte: Die heutige Welt war anders und ruhiger als in des K�nigs Jugend, was sie gro�enteils dem alten Herrscher selber verdankte. In den dunklen, endlosen Hallen des Hochhorstes wohnten keine Drachen mehr, zumindest keine feuerspeienden. Allerdings kam Rachel, wie Simon oft innerlich fluchte, mit ihrer sauren Miene und den gr��lichen Kneifefingern ihnen nahe genug.</p><p>Sie erreichten das Vorzimmer des Thronsaals und damit den Mittelpunkt der ungewohnten Betriebsamkeit. Die Kammerfrauen bewegten sich im Laufschritt und brummten von Wand zu Wand wie Fliegen in einer Flasche. Rachel blieb mit in die H�fte gestemmten F�usten stehen und musterte ihr Reich, und dem L�cheln nach, das ihren d�nnen Mund zusammenzog, schien sie zufrieden.</p><p>Simon, einen Augenblick unbeachtet, kauerte an einer teppichgeschm�ckten Wand. Krummr�ckig starrte er aus den Augenwinkeln auf das neue M�dchen Hepzibah, das rundlich und lockenhaarig war und sich mit einem unversch�mten H�ftschwung fortbewegte. Als sie mit einem �berschwappenden Wassereimer an ihm vorbeikam, fing sie seinen Blick auf und l�chelte breit und am�siert zur�ck. Simon sp�rte, wie ihm knisterndes Feuer vom Hals bis in die Wangen stieg und drehte sich um, um an den ausgefransten Wandbeh�ngen herumzuzupfen.</p><p>Rachel war der Blickaustausch nicht entgangen.</p><p>�Da� dich der Herr auspeitschen m�ge wie einen Esel, Junge! Hab ich dir nicht gesagt, du solltest dich an die Arbeit machen? Los damit!�</p><p>�Los damit? Was denn?� rief Simon und h�rte tiefgekr�nkt, wie Hepzibahs silberhelles Lachen aus dem Gang her�berschwebte. In ohnm�chtiger Wut zwickte er sich in den eigenen Arm. Es tat weh.</p><p>�Nimm den Besen hier und geh die Wohnung des Doktors ausfegen. Der Mann lebt wie ein Hamster, der alles in seinen Bau schleppt, und wer wei�, wohin der K�nig noch gehen will, jetzt, da er wieder auf den Beinen ist!� Ihr Ton zeigte deutlich, da� Rachel die allgemeine Aufs�ssigkeit der M�nner selbst durch eine k�nigliche Stellung nicht gemindert fand.</p><p>�Die Wohnung von Doktor Morgenes?� fragte Simon. Zum ersten Mal, seit er im Garten erwischt worden war, besserte sich seine Laune. �Sofort!� Er schnappte sich den Besen und war schon fort.</p><p>Rachel schnaubte und drehte sich um, die fleckenlose Vollkommenheit des Vorzimmers zu pr�fen. Sie fragte sich einen kurzen Augenblick, was wohl hinter der gewaltigen T�r des Thronsaales vorgehen mochte, verbannte dann jedoch diese Gedankenabschweifung so unbarmherzig, wie sie eine umhersummende M�cke erschlagen h�tte. Mit H�ndeklatschen und st�hlernen Blicken trieb sie ihre Legionen zusammen und f�hrte sie hinaus aus dem Vorraum und hinein in eine andere Schlacht gegen ihren Erzfeind, die Unordnung.</p><empty-line/><p>Dort in jener Halle hinter der T�r hingen in langen Reihen verstaubte Banner an den W�nden, ein verschossenes Bestiarium phantastischer Tiere: der sonnengoldene Hengst des Mehrdon-Stammes, Nabbans schimmernder Eisvogel-Helmschmuck, Eule und Ochse, Otter, Einhorn und Basilisk � Glied um Glied schweigender, schlafender Gesch�pfe. Kein Luftzug bewegte diese fadenscheinigen Stoffbahnen; selbst die Spinnweben hingen leer und ungeflickt herunter.</p><p>Aber trotzdem hatte sich eine Kleinigkeit ver�ndert im Thronsaal: In diesem Raum voller Schatten gab es wieder etwas Lebendiges. Mit der d�nnen Stimme eines kleinen Jungen oder eines sehr alten Mannes sang jemand ein leises Lied.</p><p>Am �u�ersten Ende der Halle hing zwischen den Standbildern der Hochk�nige des Hochhorstes ein gewichtiger Wandteppich, ein Gobelin mit dem k�niglichen Wappen, Feuerdrachen und Baum. Die grimmigen Malachitstatuen, eine Sechser-Ehrenwache, flankierten einen riesigen, schweren Sitz, der ganz aus vergilbendem Elfenbein geschnitzt zu sein schien, mit knotigen, kn�chrigen Armlehnen, die R�ckenlehne �berragt von einem ungeheuren, vielzahnigen Schlangensch�del mit Augen wie schattige Teiche.</p><p>Auf diesem Sessel und davor sa�en die beiden Figuren. Die kleine, buntscheckig gekleidete, sang; es war ihre Stimme, die vom Fu� des Thrones aufstieg, zu schwach, um auch nur ein einziges Echo auszul�sen. Zu ihr hinunter beugte sich eine abgemagerte Gestalt, die auf der Kante des Thrones hockte wie ein altes Raubtier � ein m�der, gefesselter Raubvogel, angekettet an den stumpfen Knochen.</p><p>Der K�nig, drei Jahre lang krank und geschw�cht, war zur�ckgekehrt in seine staubige Halle. Er lauschte dem kleinen Mann, der zu seinen F��en sang; die langen, fleckigen H�nde des K�nigs umklammerten die Armlehnen seines gro�en, vergilbenden Thrones. Er war ein hochgewachsener Mann � einst sogar sehr hochgewachsen, jetzt aber gebeugt wie ein M�nch beim Gebet. Er trug ein Gewand von himmelblauer Farbe, das an ihm herunterhing, und war b�rtig wie ein Usires-Prophet. Quer �ber seinem Scho� lag ein Schwert, das gl�nzte, als sei es frisch poliert; auf der Stirn sa� die eiserne Krone, �ber und �ber mit seegr�nen Smaragden und geheimnisvollen Opalen besetzt.</p><p>Das M�nnchen zu F��en des K�nigs hielt einen langen, stillen Augenblick inne und begann dann ein neues Lied.</p><poem><stanza><v>Kannst du Tropfen z�hlen,</v><v>wenn kein Regen f�llt?</v><v>Kannst im Flu� du schwimmen,</v><v>der kein Wasser h�lt?</v><v>Kannst du Wolken fangen?</v><v>Das kann nie geschehn �</v><v>und der Wind rief �Warte!�</v><v>im Vor�bergehn.</v><v>Ja, der Wind rief �Warte!�</v><v>im Vor�bergehn�</v></stanza></poem><p>Als die Weise verklungen war, streckte der gro�e alte Mann im blauen Gewand die Hand nach unten, und der Narr nahm sie. Keiner von beiden sagte ein Wort.</p><p>Johan Presbyter, Herr von Erkynland und Hochk�nig von ganz Osten Ard, Gei�el der Sithi und Verteidiger des wahren Glaubens, Schwinger des Schwertes Hellnagel, Verderben des Drachen Shurakai �</p><p>Johan der Priester sa� wieder auf seinem Thron aus Drachenbein. Er war alt, sehr alt, und hatte geweint.</p><p>�Ach, Strupp�, fl�sterte er endlich, und seine Stimme war tief, doch br�chig vom Alter, �das mu� wohl doch ein unbarmherziger Gott sein, der mich in diesen elenden Zustand versetzen konnte.�</p><p>�Vielleicht, Herr.� Der kleine alte Mann im buntscheckigen Wams l�chelte ein runzliges L�cheln. �Vielleicht � aber gewi� w�rden andere nicht �ber Grausamkeit klagen, wenn sie Eure Stellung im Leben erreicht h�tten.�</p><p>�Aber das meine ich ja gerade, alter Freund!� Der K�nig sch�ttelte unwillig den Kopf. �In diesem Schattenalter schwacher Hinf�lligkeit sind alle Menschen gleich geworden. Jeder holzk�pfige Schneiderlehrling hat mehr vom Leben als ich!�</p><p>�Ach, nicht doch, Herr�� Strupps grauer Kopf wackelte von einer Seite auf die andere, aber die Gl�ckchen an seiner Kappe, lange schon ohne Kl�ppel, klingelten nicht. �Herr, Ihr beklagt Euch zu angemessener Zeit, doch ohne angemessene Vernunft. Alle Menschen, ob gro� oder klein, geraten in diesen Zustand. Ihr hattet ein sch�nes Leben.�</p><p>Johan der Priester hielt den Griff von Hellnagel vor sich wie einen Heiligen Baum. Er fuhr sich mit dem R�cken der langen, schmalen Hand �ber die Augen.</p><p>�Kennst du die Geschichte dieser Klinge?� fragte er. Strupp sah mit scharfem Blick zu ihm auf; er hatte die Geschichte viele Male geh�rt.</p><p>�Erz�hlt sie mir, o K�nig�, erwiderte er ruhig.</p><p>Johan der Priester l�chelte, lie� aber den lederumwundenen Griff vor sich nicht aus den Augen. �Ein Schwert, kleiner Freund, ist die Verl�ngerung der rechten Hand eines Mannes � und der Endpunkt seines Herzens.� Er hob die Klinge h�her, bis sich ein Lichtschimmer aus einem der winzigen, hohen Fenster darin fing. �Genauso ist der Mensch die gute rechte Hand Gottes � er ist der Scharfrichter von Gottes Herz. Verstehst du?�</p><p>J�h beugte er sich hinab, die Augen unter buschigen Brauen vogelblank. �Wei�t du, was das ist?� Seine zitternden Finger deuteten auf ein St�ckchen krummes, rostiges Metall, das mit Golddraht im Heft des Schwertes befestigt war.</p><p>�Sagt es mir, Herr.� Strupp wu�te es ganz genau.</p><p>�Das ist der einzige Nagel des wahren Richtbaumes, den es in Osten Ard noch gibt.� Johan der Priester f�hrte den Schwertgriff an die Lippen und k��te ihn. Dann hielt er das k�hle Metall an die Wange. �Dieser Nagel stammt aus der Handfl�che von Usires �don, unserem Erl�ser � aus seiner Hand�� Die Augen des K�nigs, in die von oben sekundenlang ein seltsames Halblicht fiel, waren feurige Spiegel. �Und dann ist da nat�rlich auch die Reliquie�, f�gte er nach einem Augenblick des Schweigens hinzu, �der Fingerknochen Sankt Eahlstans des Gemarterten, des vom Drachen Get�teten, genau hier im Griff��</p><p>Wieder eine Pause der Stille. Als Strupp aufblickte, hatte sein Gebieter von neuem angefangen zu weinen.</p><p>�Pfui, pfui �ber alles!� st�hnte Johan. �Wie kann ich mich der Ehre Gottes w�rdig erweisen, wenn immer noch soviel S�nde, solch schwere S�ndenlast, meine Seele befleckt? Ach, der Arm, der einst den Drachen erschlug, kann heute kaum noch die Milchtasse heben, geschweige denn das Schwert des Herrn. Ich sterbe, mein lieber Strupp, ich sterbe!�</p><p>Der Narr beugte sich vor, l�ste eine der knochigen K�nigsh�nde vom Schwertgriff und k��te sie. Der alte K�nig schluchzte.</p><p>�Ich bitte Euch, Gebieter�, flehte Strupp. �Weint doch nicht mehr! Alle Menschen m�ssen sterben � Ihr, ich, jedermann. Bringen uns nicht jugendliche Torheit oder ein Mi�geschick zu Tode, so ist es unser Schicksal, dahinzuleben wie die B�ume, �lter und �lter zu werden, bis wir endlich schwanken und st�rzen. So geht es mit allen Dingen. Wie k�nnt Ihr Euch dem Willen des Herrn widersetzen?�</p><p>�Aber ich habe dieses Reich <emphasis>gegr�ndet</emphasis>!� Johan Presbyter erf�llte bebender Zorn, als er die Hand aus dem Griff des Narren ri� und sie j�h auf die Armlehne des Thrones fallen lie�. �Das <emphasis>mu�</emphasis> jeden S�ndenfleck auf meiner Seele aufwiegen, so schwarz er auch sein mag! Ganz gewi� wird der Gute Gott das in seinem Rechnungsbuch stehen haben! Ich zog diese Menschen aus dem Schlamm, gei�elte die verfluchten, heimt�ckischen Sithi aus dem Land, gab den Bauern Recht und Gesetz � das Gute, das ich getan habe, <emphasis>mu�</emphasis> schwer wiegen.� Seine Stimme wurde vor�bergehend schw�cher, als wanderten seine Gedanken in die Ferne.</p><p>�Ach, mein alter Freund�, meinte er endlich mit bitterer Stimme, �und jetzt kann ich nicht einmal mehr die Mittelgasse bis zum Marktplatz hinuntergehen! Im Bett mu� ich liegen oder mich am Arm j�ngerer M�nner durch dieses kalte Schlo� schleppen. Mein � mein Reich liegt verfaulend auf der Streu, w�hrend vor meiner Schlafzimmert�r die Diener fl�stern und auf Zehenspitzen gehen! Alles in S�nde!�</p><p>Die Worte des K�nigs hallten von den Steinw�nden des Saales wider und zerfielen langsam zwischen den tanzenden Staubk�rnchen. Strupp ergriff von neuem die Hand des Herrschers und dr�ckte sie, bis der K�nig seine Fassung wiedergewonnen hatte.</p><p>�Nun gut�, bemerkte Johan der Priester nach einiger Zeit, �wenigstens wird mein Elias mit festerer Hand regieren, als ich es jetzt kann. Als ich heute sah, wie hier alles verf�llt�, er machte eine Handbewegung, die den ganzen Thronsaal umfa�te, �habe ich beschlossen, ihn aus Meremund zur�ckzurufen. Er mu� sich darauf vorbereiten, die Krone zu �bernehmen.� Der K�nig seufzte. �Wahrscheinlich sollte ich dieses weibische Geflenne einstellen und dankbar sein, da� ich habe, was viele K�nige nicht haben: einen starken Sohn, der mein Reich zusammenh�lt, wenn ich nicht mehr bin.�</p><p>�<emphasis>Zwei</emphasis> starke S�hne, Herr.�</p><p>�Pah!� Der K�nig verzog das Gesicht. �Ich k�nnte Josua vieles nachsagen, aber ich glaube nicht, da� �St�rke� dazugeh�rt.�</p><p>�Ihr seid zu hart mit ihm, Gebieter.�</p><p>�Unsinn. Willst du mich belehren? Kennt der Narr den Sohn besser als sein Vater?� Johans Hand zitterte, und sekundenlang schien es, als wolle er sich m�hsam erheben. Endlich lie� die Spannung nach.</p><p>�Josua ist ein Zyniker�, begann der K�nig mit ruhigerer Stimme weiterzusprechen. �Ein Zyniker, ein Melancholiker, kalt zu seinen Untertanen. Ein K�nigssohn ist ja nur von Untertanen umgeben � und jeder einzelne davon kann ein Meuchelm�rder sein. Nein, Strupp, er ist seltsam, mein j�ngerer, vor allem, seit � seit er die Hand verlor. Ach, barmherziger �don, vielleicht ist es meine Schuld.�</p><p>�Was meint Ihr, Herr?�</p><p>�Ich h�tte mir vielleicht eine neue Frau nehmen sollen, nach Ebekahs Tod. Ein kaltes Haus war es ohne K�nigin � vielleicht ist das der Grund f�r das merkw�rdige Wesen des Jungen. Aber Elias ist trotzdem nicht so.�</p><p>�Prinz Elias' Wesen ist von einer gewissen rohen Geradlinigkeit�, murmelte der Narr, aber falls der K�nig es h�rte, lie� er es sich nicht anmerken.</p><p>�Ich danke dem wohlt�tigen Gott, da� Elias der Erstgeborene ist. Hat einen tapferen, kriegerischen Charakter, der Junge � ich glaube, wenn <emphasis>er</emphasis> der J�ngere w�re, s��e Josua nicht sicher auf dem Thron.� Bei dem Gedanken sch�ttelte der K�nig mit kalter Zuneigung den Kopf, tastete dann nach unten, packte seinen Narren beim Ohr und kniff ihn, als sei der kleine Alte ein Kind von f�nf oder sechs Jahren.</p><p>�Versprich mir eins, Strupp��</p><p>�Ja, Herr?�</p><p>�Wenn ich sterbe � und das wird bald sein, denn ich glaube nicht, da� ich den Winter �berlebe �, mu�t du Elias in diesen Saal f�hren � meinst du, da� die Kr�nung hier stattfinden wird? Und wenn schon � dann mu�t du eben warten, bis sie vorbei ist. Anschlie�end bring ihn her und gib ihm Hellnagel. Ja, nimm das Schwert jetzt an dich, und verwahre es. Ich f�rchte, da� ich vielleicht schon sterbe, w�hrend er noch weit weg ist, in Meremund oder an einem anderen Ort, und ich m�chte, da� das Schwert mit meinem Segen ohne Umwege in seine H�nde gelangt. Verstehst du mich, Strupp?�</p><p>Mit zittrigen H�nden schob Johan der Priester das Schwert in die gepr�gte Scheide zur�ck und bem�hte sich einen Augenblick vergeblich, das Wehrgehenk abzuschnallen, an dem sie befestigt war. Die Verschn�rung hatte sich verhakt, und der Narr hob sich auf die Knie, um mit kr�ftigen alten Fingern an dem Knoten zu arbeiten.</p><p>�Wie lautet der Segen, Herr?� fragte er, die Zunge zwischen den Z�hnen, w�hrend er an dem Knotengewirr herumzupfte.</p><p>�Sag ihm das, was ich dir gesagt habe. Erz�hl ihm, da� das Schwert die Spitze seines Herzens und seiner Hand ist, so wie wir die Werkzeuge von Herz und Hand Gottvaters sind � und sag ihm, da� kein Preis, und sei er noch so edel, es wert ist � es wert ist�� Der K�nig z�gerte und f�hrte die bebenden Finger an die Augen. �Nein, achte nicht darauf. Sprich nur von dem, was ich dir �ber das Schwert erz�hlt habe. Das gen�gt.�</p><p>�Ich werde es tun, mein Gebieter�, erwiderte Strupp. Er runzelte die Stirn, obwohl er den Knoten gel�st hatte. �Ich werde Euren Wunsch mit Freuden erf�llen.�</p><p>�Gut.� Johan der Priester lehnte sich wieder in seinen Drachenbeinthron zur�ck und schlo� die Augen. �Sing mir noch etwas, alter Freund.�</p><p>Und Strupp sang. Die verstaubten Banner �ber ihnen schienen ganz leise zu schwanken, als wandere ein Fl�stern durch die zuschauende Menge, durch die uralten Reiher und tr�b�ugigen B�ren und die anderen, die noch fremdartiger waren.</p></section><section><title><p>II</p><p>Eine Zwei-Frosch-Geschichte</p></title><p><emphasis>M��iggang ist aller Laster Anfang.</emphasis> �ber diesen Spruch, eine von Rachels Lieblingsweisheiten, dachte Simon mi�mutig nach, als er auf das Sortiment von Pferdepanzerteilen starrte, die jetzt �ber die ganze L�nge der Wandelhalle des Burgpfarrers verstreut lagen. Nur einen Augenblick vorher war er noch vergn�gt den langen, mit Steinplatten gefliesten Gang hinuntergeh�pft, der an der �u�eren L�ngswand der Kapelle entlangf�hrte, auf dem Weg zu Doktor Morgenes' Wohnung, die er ausfegen sollte. Nat�rlich hatte er ein bi�chen mit dem Besen herumgefuchtelt und sich vorgestellt, es w�re die Baum-und-Drachen-Fahne der Erkyngarde von Johan Presbyter, die er, Simon, gerade in die Schlacht f�hrte. Vielleicht h�tte er besser aufpassen m�ssen, wo er mit dem Besen herumwedelte � aber welcher Trottel h�ngte auch eine Pferder�stung in die Wandelhalle des Pfarrers? Unn�tig zu erw�hnen, da� das Scheppern gewaltig gewesen war und Simon jede Sekunde damit rechnete, da� der d�rre, rachs�chtige Vater Dreosan herunterkommen w�rde.</p><p>Hastig machte sich Simon daran, die schmuddligen Panzerplatten aufzusammeln, von denen einige aus den Lederriemen gerissen waren, welche die R�stung zusammenhielten. Dabei dachte er �ber einen anderen von Rachels Grunds�tzen nach: <emphasis>F�r leere H�nde findet der Teufel schon eine Arbeit.</emphasis> Das war nat�rlich t�richt und erbitterte ihn. Schlie�lich waren es nicht die Leere seiner H�nde oder die M��igkeit seiner Gedanken, die ihn in Schwierigkeiten geraten lie�en. Nein, es waren vielmehr sein <emphasis>Tun</emphasis> und <emphasis>Denken</emphasis>, die ihm immer wieder ein Bein stellten. Wenn sie ihn nur in Ruhe lassen wollten!</p><p>Vater Dreosan war immer noch nicht aufgetaucht, als Simon endlich alle Teile der R�stung auf einen wackligen Haufen geschichtet und diesen dann eilig unter den Rock eines Tischbehangs geschoben hatte. Dabei h�tte er fast noch den auf dem Tisch stehenden goldenen Reliquienbeh�lter umgeworfen. Aber endlich war, ohne weiteres Mi�geschick, die verr�terische R�stung au�er Sicht, und nur ein geringf�gig sauberer aussehender Fleck an der Wand deutete noch darauf hin, da� es �berhaupt jemals eine solche R�stung gegeben hatte. Simon ergriff seinen Besen und schabte damit eifrig �ber den ru�igen Stein, um die R�nder zu verwischen, damit der helle Fleck nicht so auffiel. Dann rannte er weiter den Gang hinunter und an der Wendeltreppe zur Chorempore hinaus ins Freie.</p><p>Als er von neuem den Heckengarten erreichte, aus dem ihn der Drache gerade so grausam entf�hrt hatte, hielt Simon einen Augenblick inne, um den stechenden Geruch von gr�nem Laub einzuatmen und so die letzten Reste des Talgseifengestanks aus seiner Nase zu vertreiben. Ein ungew�hnliches Gebilde in den oberen Zweigen der Festeiche zog seinen Blick auf sich. Der Baum am entfernten Ende des Gartens war uralt, knorrig und hatte derart ineinander gewachsene �ste, da� er aussah, als w�re er jahrhundertelang unter einem riesigen Scheffelkorb weitergewachsen. Simon kniff die Augen zusammen und hob die Hand gegen das schr�g einfallende Sonnenlicht. Ein Vogelnest! Und so sp�t im Jahr!</p><p>Es war knapp. Schon hatte er den Besen fallengelassen und war mehrere Schritte in den Garten hineingelaufen, als ihm einfiel, da� er ja mit einem Auftrag zu Morgenes geschickt worden war. Keine andere Aufgabe h�tte Simon daran gehindert, in einer Sekunde auf dem Baum zu sein, aber ein Besuch beim Doktor war eine besondere Verg�nstigung, selbst wenn er mit Arbeit verbunden war. Simon versprach sich, da� das Nest nicht lange unerforscht bleiben w�rde, und setzte seinen Weg fort, zwischen den Hecken hindurch und in den Hof vor dem Inneren Zwingertor.</p><p>Zwei Gestalten hatten soeben das Tor durchschritten und kamen auf ihn zu; die eine langsam und kurzbeinig, die andere noch langsamer und noch kurzbeiniger. Es waren Jakob der Wachszieher und sein Gehilfe Jeremias. Letzterer trug einen gro�en, schweraussehenden Sack �ber der Schulter und bewegte sich, soweit das �berhaupt m�glich war, noch tr�ger als sonst. Simon rief ihnen im Vorbeilaufen einen Gru� zu. Jakob l�chelte und winkte.</p><p>�Rachel will neue Kerzen f�r den Speisesaal�, rief der Wachszieher, �also bekommt sie Kerzen!� Jeremias machte eine saure Miene.</p><p>Ein kurzer Trab den grasigen Abhang hinunter brachte Simon an das massive Torhaus. �ber den Zinnen hinter ihm schwelte noch ein Splitter Nachmittagssonne, und die Schatten der Wimpel auf der Westmauer huschten wie dunkle Fische �ber das Gras. Der rotwei� uniformierte W�chter, kaum �lter als Simon, l�chelte, als der Meisterspion vor�berjagte, in der Hand den t�dlichen Besen, das Haupt gesenkt f�r den Fall, da� die Tyrannin Rachel zuf�llig aus einem der hohen Turmfenster blicken sollte.</p><p>Sobald Simon unter dem Fallgitter durch und im Schatten der hohen Tormauer allen Blicken entzogen war, verlangsamte er seinen Schritt wieder. Der unbestimmte Schatten des Gr�nengel-Turms �berbr�ckte den Burggraben; die verzerrte Silhouette des Engels, der auf seiner Turmspitze triumphierte, lag am �u�ersten Rand des Wassers in einer Lache aus Feuer.</p><p>Wenn er schon hier war, entschied Simon, konnte er genausogut ein paar Fr�sche fangen. Es w�rde nicht allzu lange dauern, und der Doktor konnte sie meist gut gebrauchen. Es w�rde nicht einmal bedeuten, da� er seinen Auftrag hinausschob, sondern war vielmehr eine Erweiterung seines Dienstes. Allerdings w�rde er sich beeilen m�ssen, es wurde schon bald Abend. Simon konnte bereits h�ren, wie sich die Grillen m�hsam auf eine der letzten Vorstellungen des schwindenden Jahres einstimmten und die Ochsenfr�sche mit ihrem unterdr�ckten, dumpf dr�hnenden Kontrapunkt einsetzten.</p><p>Der Junge stieg in das lilienbedeckte Wasser, hielt sekundenlang lauschend inne und sah zu, wie sich der �stliche Himmel zu mattem Violett verdunkelte. Neben Doktor Morgenes' Wohnung war der Burggraben sein liebster Ort in der ganzen Sch�pfung � jedenfalls von dem, was er bisher davon gesehen hatte. Mit einem unbewu�ten Seufzer zog er den formlosen Stoffhut vom Kopf und watete an die Stelle, wo Teichgras und Hyazinthen am dichtesten standen.</p><p>Als Simon endlich am Mittleren Zwinger ankam, war die Sonne bereits untergegangen, und der Wind pfiff durch die Katzenschw�nze, die um den Burggraben herumwuchsen. Mit triefenden Kleidern, in jeder Tasche einen Frosch, stand der Junge vor Morgenes' T�r. Er klopfte an die dicke T�felung und achtete dabei sorgf�ltig darauf, das fremdartige Symbol nicht zu ber�hren, das mit Kreide auf das Holz gemalt war. Durch harte Erfahrung hatte er gelernt, nichts, was dem Doktor geh�rte, ungefragt anzufassen. Eine kleine Weile verging, bevor Morgenes' Stimme sich h�ren lie�.</p><p>�Geht weg�, sagte sie in �rgerlichem Ton.</p><p>�Ich bin es � Simon!� rief der Junge und klopfte nochmals. Diesmal gab es eine l�ngere Pause, gefolgt vom Ger�usch schneller Schritte. Die T�r schwang auf, und Morgenes, dessen Kopf kaum bis an Simons Kinn reichte, stand vor ihm. Sein Gesicht lag im Dunkeln; sekundenlang schien er starr vor sich hinzuglotzen.</p><p>�Was?� fragte er endlich. �Wer?�</p><p>Simon lachte. �Na, ich nat�rlich. M�chtet Ihr ein paar Fr�sche?� Er zog einen der Gefangenen aus seinem Verlies und hielt ihn an einem glibbrigen Bein in die H�he.</p><p>�Oh, oh!� Der Doktor schien wie aus tiefem Schlaf zu erwachen. Er sch�ttelte den Kopf. �Simon � aber nat�rlich! Komm herein, Junge! Du mu�t mich entschuldigen � ich bin ein wenig zerstreut.� Er �ffnete die T�r so weit, da� Simon an ihm vorbei in den schmalen Innengang schl�pfen konnte, und schlo� sie dann wieder.</p><p>�Fr�sche, wie? Hmmmm, Fr�sche�� Morgenes stakste den Korridor hinunter. Im Gl�hen der blauen Lampen, die den Gang s�umten, schien die d�rre Gestalt des Doktors wie ein Affe zu h�pfen anstatt zu gehen. Simon, dessen Schultern die kalten W�nde zu beiden Seiten fast ber�hrten, folgte. Er hatte noch nie verstehen k�nnen, wie R�umlichkeiten, die von au�en so klein wirkten wie die des Doktors � und er hatte von den Mauern des Zwingers auf sie hinabgeschaut und war im Hof ihre Ausdehnung abgegangen �, wie so eine kleine Wohnung derart lange Korridore haben konnte.</p><p>Simons Gedankeng�nge wurden von einem pl�tzlichen H�llenl�rm unterbrochen: Pfiffe, Knaller und etwas, das wie das hungrige Gebell von hundert Hunden klang.</p><p>Morgenes machte einen �berraschten Satz und sagte: �O Name eines Namens, ich habe vergessen, die Kerzen zu l�schen. Warte hier.� Mit flatternden wei�en Haarstr�hnen rannte der kleine Mann den Gang hinunter, �ffnete die T�r am Ende einen winzigen Spalt � das Heulen und Pfeifen schwoll an � und huschte schnell hinein. Simon vernahm einen erstickten Ausruf.</p><p>J�h verstummte der entsetzliche L�rm � so schnell und vollst�ndig, als ob � <emphasis>als ob man eine Kerze ausl�scht</emphasis>, dachte Simon.</p><p>Der Doktor streckte den Kopf heraus, l�chelte und winkte den Jungen herein.</p><p>Simon, der schon fr�her Szenen dieser Art erlebt hatte, folgte dem alten Mann vorsichtig in dessen Werkstatt. Ein hastiges Eintreten konnte � und das war noch das Wenigste � bedeuten, da� man auf irgend etwas Sonderbares trat, dessen Anblick Unbehagen bereitete.</p><p>Von den Urhebern des gr��lichen Geheuls von eben war keine Spur mehr zu erkennen. Wieder staunte Simon �ber den Unterschied zwischen dem, was Morgenes' Wohnung zu sein schien � eine umgebaute Wachkaserne von vielleicht zwanzig Schritt L�nge, an die efeu�berwucherte Mauer der Nordostecke des Mittleren Zwingers geduckt �, und ihrem Anblick von innen, der ein weitl�ufiges Zimmer offenbarte, das zwar eine niedrige Decke hatte, aber beinahe so lang wie ein Turnierplatz war, wenn auch weit schmaler. Im orangefarbenen Licht, das durch die lange Reihe kleiner Fenster zum Hof hereinsickerte, sp�hte Simon nach dem hintersten Ende des Raumes und stellte fest, da� er gro�e M�he haben w�rde, es von der T�r aus, in der er stand, mit einem Stein zu treffen.</p><p>Aber dieser merkw�rdige Dehneffekt war ihm durchaus vertraut. Tats�chlich sah das ganze Zimmer trotz der angsteinfl��enden Ger�usche eigentlich aus wie immer � so als h�tte eine Horde geistesgest�rter Kr�mer ihre Verkaufstische aufgebaut und dann mitten in einem wilden Sturmwind j�h die Flucht ergriffen. Der gro�e Refektoriumstisch, der sich �ber die ganze L�nge der einen Wand ausdehnte, war �bers�t mit Rillenglasr�hren, K�sten und Tuchbeuteln mit Pulvern und stechenden Salzen sowie mit komplizierten Konstruktionen aus Holz und Metall, an denen Retorten und Phiolen und andere undefinierbare Beh�lter hingen. Den Mittelpunkt des Tisches bildete eine gewaltige Messingkugel, aus deren gl�nzender Oberfl�che winzige, eckige H�hne hervorragten. Sie schien in einer Sch�ssel mit silbriger Fl�ssigkeit zu schwimmen, und Sch�ssel und Kugel balancierten auf der Spitze eines Dreifu�es aus geschnitztem Elfenbein. Aus den H�hnen pustete Dampf, und der Messingball drehte sich langsam um sich selbst.</p><p>Auf Fu�boden und Wandregalen wimmelte es von noch seltsameren Dingen. Polierte Steinbl�cke, Kehrbesen und lederne Schwingen lagen auf den steinernen Platten verstreut und machten sich mit Tierk�figen, teils leer, teils besetzt, den Platz streitig, mit Metallger�sten unbekannter Gesch�pfe, mit zerrupften Pelzen oder nicht zusammenpassenden Federn bedeckt, mit Platten aus scheinbar klarem Kristall, wahllos an den mit Gobelins verzierten W�nden aufgestapelt � und mit B�chern, �berall mit B�chern, halb ge�ffnet fallengelassen oder hier und da im Zimmer aufgestellt wie riesenhafte, plumpe Schmetterlinge.</p><p>Es gab auch Glaskugeln mit farbigen Fl�ssigkeiten, die ohne Hitze vor sich hin blubberten, und eine flache Schachtel mit glitzerndem schwarzem Sand, der sich unaufh�rlich neu formte, als fegten ihn unmerkliche W�stenwinde. Von Zeit zu Zeit w�rgten h�lzerne Wandschr�nkchen bemalte Holzv�gel hervor, die unversch�mt piepten und wieder verschwanden. Daneben hingen Karten von L�ndern mit g�nzlich fremdartiger Geographie � obwohl Geographie zugegebenerma�en ein Gebiet war, auf dem sich Simon ohnehin nicht sonderlich sicher f�hlte. Alles in allem war die H�hle des Doktors ein Paradies f�r einen wi�begierigen jungen Mann � ganz ohne Zweifel der wunderbarste Ort in ganz Osten Ard.</p><p>Morgenes war inzwischen am anderen Ende des Raumes unter einer schlaff herabh�ngenden Sternkarte auf und ab gewandert. Sie verband die hellen Himmelspunkte durch eine gemalte Linie, so da� die Gestalt eines seltsamen Vogels mit vier Fl�geln entstand. Mit einem kleinen triumphierenden Pfiff beugte der Doktor sich pl�tzlich nach unten und fing an zu graben wie ein Eichh�rnchen im Fr�hling. Hinter ihm erhob sich ein Schneegest�ber aus Schriftrollen, buntbemalten Lappen, Miniaturgeschirr und winzigen Pokalen von irgendeinem Zwergen-Abendbrottisch. Endlich richtete er sich wieder auf, wuchtete einen gro�en Kasten mit Glasw�nden in die H�he, watete zum Tisch, stellte den Glasw�rfel hin und griff sich, offenbar wahllos, von einem Gestell ein Flaschenpaar.</p><p>Die Fl�ssigkeit in der einen hatte die Farbe des Sonnenuntergangshimmels drau�en; sie schmauchte wie ein Weihrauchf��chen. Die andere Flasche war mit etwas Blauem und Z�hfl�ssigem gef�llt, das, als Morgenes die beiden Flaschen umdrehte, ganz, ganz langsam in den Kasten rann. Als sie sich vermischten, wurden die beiden Fl�ssigkeiten so klar wie Bergluft. Der Doktor breitete seine Arme aus wie ein fahrender K�nstler. Einen Augenblick herrschte Stille.</p><p>�Fr�sche?� fragte er dann und wedelte mit den Fingern. Simon sprang herbei und zog die beiden Tiere, die gefangen in seinen Manteltaschen steckten, hervor. Der Doktor ergriff sie und warf sie mit schwungvoller Geb�rde in das Aquarium. Die beiden verbl�fften Amphibien plumpsten in die durchsichtige Fl�ssigkeit, sanken langsam auf den Grund und begannen dann energisch in ihrem neuen Heim umherzuschwimmen. Simon lachte erstaunt und erheitert.</p><p>�Ist das Wasser?�</p><p>Der alte Mann drehte sich um und blickte ihn mit hellen Augen an. �Mehr oder weniger, mehr oder weniger � so!� Morgenes fuhr sich mit langen, verkr�mmten Fingern durch den sch�tteren Bartkranz. �Soso � hab Dank f�r die Fr�sche. Ich glaube, ich wei� schon, was ich mit ihnen anfange. V�llig schmerzlos. Vielleicht macht es ihnen sogar Spa�, obwohl ich nicht glaube, da� sie die Stiefel gern anziehen werden.�</p><p>�Stiefel?� wunderte sich Simon, aber der Doktor wuselte schon wieder im Zimmer herum. Jetzt schob er einen Stapel Landkarten von einem niedrigen Hocker und winkte Simon, sich hinzusetzen. �Nun also, junger Mann, welche M�nze schulde ich dir f�r dein Tagwerk? Ein Fithingst�ck? Oder vielleicht m�chtest du lieber <emphasis>Coccindrilis</emphasis> hier als Haustier?� Kichernd schwang der Doktor eine mumifizierte Eidechse.</p><p>Bei der Eidechse z�gerte Simon einen Augenblick � es mu�te herrlich sein, sie in den W�schekorb zu schmuggeln, damit sie dort von dem neuen M�dchen Hepzibah entdeckt w�rde � Der Gedanke an Kammerm�dchen und Saubermachen wollte sich in seinem Kopf festsetzen und reizte ihn; irgend etwas verlangte, da� er sich daran erinnerte, aber Simon verdr�ngte es. �Nein�, sagte er schlie�lich, �ich w�rde lieber ein paar Geschichten erz�hlt bekommen.�</p><p>�Geschichten?� Fragend beugte sich Morgenes vor. �Geschichten? Du solltest lieber zum alten Shem Pferdeknecht in die St�lle gehen, wenn du so etwas h�ren m�chtest.�</p><p>�Nicht diese Art�, erkl�rte Simon schnell. Hoffentlich hatte er den Doktor nicht gekr�nkt; alte Leute waren so empfindlich. �Ich meine Geschichten �ber wirkliche Dinge. Wie es fr�her war � Schlachten, Drachen � �ber das, was sich tats�chlich ereignet hat!�</p><p>�Aha.� Morgenes setzte sich auf, und das L�cheln kehrte in sein rosiges Gesicht zur�ck. �Jetzt verstehe ich. Du meinst <emphasis>Geschichte</emphasis>, nicht Geschichten.� Der Doktor rieb sich die H�nde. �Das ist besser � viel besser!� Er sprang auf und begann umherzuwandern, wobei er gewandt �ber das auf dem Fu�boden verstreute Ger�mpel stieg. �Nun, wovon m�chtest du h�ren, Junge? Vom Untergang Naarveds? Von der Schlacht von Agh Samrath?�</p><p>�Erz�hlt mir von der Burg�, bat Simon. �Vom Hochhorst. Hat sie der K�nig erbaut? Wie alt ist sie?�</p><p>�Die Burg�� Der Doktor h�rte mit seinen Wanderungen auf, raffte einen Zipfel seines abgetragenen, speckig-grauen Gewandes und rieb damit geistesabwesend an einem von Simons liebsten Wunderdingen herum, einer R�stung von exotischem Schnitt, in wild-blumenbunten Blau- und Gelbt�nen gef�rbt und ganz und gar aus poliertem Holz gefertigt.</p><p>�Hmmm � die Burg�� wiederholte Morgenes. �Ja, das ist in der Tat eine Zwei-Frosch-Geschichte, zum allermindesten. Wenn ich sie dir wirklich <emphasis>ganz</emphasis> erz�hlen sollte, m��test du wohl den Burggraben trockenlegen und mir deine warzigen Gefangenen fuderweise bringen, um daf�r zu bezahlen. Aber f�r heute, glaube ich, tut es erst einmal das nackte Ger�st der Geschichte, und das kann ich dir jedenfalls geben. Halte einen Augenblick Ruhe, bis ich etwas gefunden habe, um mir die Kehle anzufeuchten.�</p><p>W�hrend Simon versuchte, ganz still zu sitzen, ging Morgenes an seinen langen Tisch und griff nach einem Becher mit brauner, sch�umender Fl�ssigkeit. Mi�trauisch schn�ffelte er daran, hob dann den Becher an die Lippen und nahm einen kleinen Schluck.</p><p>Nach kurzer �berlegung leckte er sich die kahle Oberlippe und zupfte begl�ckt an seinem Bart.</p><p>�Ah, dieses Stanshire-Dunkel. Da gibt es keinen Zweifel, nichts geht �ber Bier! Also, wor�ber sprachen wir? Ach ja, die Burg.� Morgenes r�umte eine Stelle des Tisches leer und sprang dann, sorgsam seinen Becher festhaltend, mit verbl�ffender Behendigkeit in die H�he und lie� sich auf der Tischplatte nieder, wobei seine F��e in ihren Pantoffeln eine halbe Elle �ber dem Boden baumelten. Wieder nahm er einen Schluck.</p><p>�Ich f�rchte, diese Geschichte beginnt lange vor unserem K�nig Johan. Fangen wir mit den ersten M�nnern und Frauen an, die nach Osten Ard gelangten � einfachen Leuten, die an den Ufern des Gleniwent lebten. Sie waren gr��tenteils Hirten und Fischer, vielleicht Vertriebene, die �ber eine Landbr�cke, die heute nicht mehr vorhanden ist, aus dem verlorenen Westen kamen. Sie machten den Herrschern von Osten Ard wenig Schwierigkeiten.�</p><p>�Aber ich dachte, Ihr sagtet, sie seien <emphasis>als erste</emphasis> hierher gekommen?� unterbrach Simon, der sich insgeheim freute, den Doktor bei einem Widerspruch ertappt zu haben.</p><p>�Nein, ich sagte, sie waren die ersten <emphasis>Menschen</emphasis>. Die Sithi beherrschten dieses Land, lange bevor ein Mensch es betrat.�</p><p>�Ihr meint, es gab wirklich ein <emphasis>Kleines Volk</emphasis>?� Simon grinste. �So wie Shem Pferdeknecht erz�hlt? Pukas und Niskies und so weiter?� Das war aufregend.</p><p>Morgenes sch�ttelte heftig den Kopf und nahm einen weiteren Schluck. �Es gab sie nicht nur, es <emphasis>gibt</emphasis> sie � obwohl das meiner Erz�hlung vorgreift �, und sie sind ganz und gar kein �Kleines Volk�� warte, Junge, la� mich weiterreden.�</p><p>Simon duckte sich und gab sich M�he, geduldig auszusehen. �Ja?�</p><p>�Nun, wie gesagt, Menschen und Sithi waren friedliche Nachbarn. Sicher gab es gelegentlich Auseinandersetzungen wegen Weideland oder �hnlichen Dingen, aber da die Menschheit ihnen nicht als wirkliche Bedrohung erschien, war das Sch�ne Volk gro�z�gig. Im Lauf der Zeit begannen die Menschen dann, St�dte zu bauen, manchmal nur den Fu�weg eines halben Tages von dem Gebiet der Sithi entfernt.</p><p>Noch sp�ter entstand auf der felsigen Halbinsel Nabban ein gro�es K�nigreich, und die Sterblichen von Osten Ard begannen sich seiner F�hrung unterzuordnen. Kannst du mir noch folgen, Junge?�</p><p>Simon nickte.</p><p>�Gut.� Ein langer Zug aus dem Becher. �Nun, das Land schien gro� genug f�r alle, bis schwarzes Eisen �ber das Wasser kam.�</p><p>�Was? Schwarzes Eisen?� Der scharfe Blick des Doktors lie� Simon sofort wieder verstummen.</p><p>�Die Schiffer aus dem fast vergessenen Westen, die Rimmersm�nner�, fuhr Morgenes fort. �Sie landeten im Norden, bewaffnete M�nner, wild wie B�ren. In ihren langen Schlangenbooten fuhren sie.�</p><p>�Die Rimmersm�nner?� fragte Simon erstaunt. �Wie Herzog Isgrimnur am Hof? In Booten?�</p><p>�Sie waren gro�e Seefahrer, ehe sie hier se�haft wurden, die Ahnen des Herzogs�, best�tigte Morgenes. �Aber als sie landeten, waren sie zun�chst nicht auf der Suche nach Weide- oder Ackerland, sondern auf Raub aus. Doch das Wichtigste war, da� sie das Eisen mitbrachten, oder zumindest das Geheimnis seiner Bearbeitung. Sie schmiedeten eiserne Schwerter und Speere, Waffen, die nicht zerbrachen wie die Bronze von Osten Ard; Waffen, die selbst das Hexenholz der Sithi bezwingen konnten.�</p><p>Morgenes sprang auf den Boden und f�llte seinen Becher aus einem zugedeckten Eimer, der auf einem Dom von B�chern an der Wand stand. Statt an den Tisch zur�ckzugehen, blieb er stehen und strich �ber die gl�nzenden Schulterst�cke der R�stung.</p><p>�Niemand leistete ihnen lange Widerstand � der kalte, harte Geist des Eisens schien die Schiffer selbst ebenso zu erf�llen wie ihre Klingen. Viele Leute flohen nach S�den, in den Schutz der nahen nabbanischen Grenzstationen. Die Nabbani-Legionen, gut organisierte Garnisonsstreitkr�fte, leisteten eine Zeitlang erfolgreich Widerstand. Aber endlich mu�ten sie doch den Rimmersm�nnern die Frostmark �berlassen. Es � gab gro�e Gemetzel.�</p><p>Simon rutschte begeistert hin und her. �Und die Sithi? Ihr habt gesagt, sie hatten kein Eisen?�</p><p>�Es war t�dlich f�r sie.� Der Doktor leckte sich den Finger und rieb einen Fleck vom polierten Holz der Brustplatte.</p><p>�Auch sie konnten die Rimmersm�nner nicht in offener Feldschlacht besiegen, <emphasis>aber</emphasis>�, er wies mit dem staubigen Finger auf Simon, als betreffe die Tatsache den Jungen pers�nlich, �aber die Sithi kannten ihr Land. Sie waren mit ihm verbunden, waren in gewisser Weise ein Teil davon, wie es die Eindringlinge niemals sein konnten. So behaupteten sie sich lange Zeit, indem sie sich langsam an Orte zur�ckzogen, an denen sie m�chtig waren. Und der wichtigste davon � und der Grund daf�r, da� ich dir das alles erz�hle � war Asu'a, der Hochhorst.�</p><p>�<emphasis>Unsere</emphasis> Burg? Die Sithi haben auf dem Hochhorst gewohnt?� Simon konnte den Zweifel in seiner Stimme nicht unterdr�cken. �Wann ist die Burg denn erbaut worden?�</p><p>�Simon, Simon�� Der Doktor kratzte sich am Ohr und hockte sich wieder auf den Tisch. Aus den Fenstern war der Sonnenuntergang inzwischen g�nzlich verschwunden, und das Fackellicht teilte Morgenes' Gesicht in zwei Teile wie eine Maske beim Mummenschanz, halb beleuchtet, halb im Dunkeln. �Vielleicht � nach allem, was ich und alle anderen Sterblichen �berhaupt wissen k�nnen � stand hier schon eine Burg, bevor noch die Sithi selbst ins Land kamen � damals, als Osten Ard so neu und rein war wie ein Bach aus geschmolzenem Schnee. Gewi� aber lebte das Volk der Sithi hier schon ungez�hlte Jahre, ehe der Mensch erschien. Dies ist der erste Ort in Osten Ard, der das Werk gestaltender H�nde erfuhr. Es ist die m�chtigste Stelle des Landes, der Ort, der die Wasserwege beherrscht und �ber das beste Ackerland gebietet. Der Hochhorst und seine Vorg�nger, die noch �lteren Festungen, die unter uns begraben liegen, haben hier gestanden, lange bevor sich die Menschen zu erinnern begannen. Als die Rimmersm�nner kamen, war diese St�tte alt, uralt.�</p><p>Als die Ungeheuerlichkeit dieser Erkl�rung des alten Mannes in Simons Kopf einzudringen begann, wurde ihm schwindlig. Die alte Burg schien ihm pl�tzlich bedr�ckend, ihre Felsenmauern kamen ihm wie ein K�fig vor. Er schauderte und blickte sich hastig um, als griffe jetzt, in dieser Sekunde, etwas Uraltes, Eifers�chtiges mit staubigen H�nden nach ihm.</p><p>Morgenes lachte fr�hlich � ein sehr junges Lachen f�r einen so alten Mann � und h�pfte vom Tisch herunter. Die Fackeln schienen ein wenig heller zu gl�hen. �F�rchte dich nicht, Simon. Ich denke � und wer, wenn nicht ich, sollte es wissen �, da� du den Zauber der Sithi nicht zu f�rchten brauchst. Heutzutage nicht mehr. Die Burg ist vielfach ver�ndert, Stein wurde auf Stein gesetzt und jede Elle von hundert Priestern kr�ftig gesegnet. Gewi�, Judith und ihre K�chenhelfer drehen sich vielleicht manchmal um und stellen fest, da� ein Teller mit Kuchen fehlt, aber ich glaube, das kann man mit einiger Logik eher gewissen jungen M�nnern zuschreiben als Kobolden��</p><p>Eine kurze Folge von Klopft�nen an der Zimmert�r unterbrach den Doktor. �Wer ist da?� rief er.</p><p>�Ich bin's�, erwiderte eine kummervolle Stimme. Es folgte eine lange Pause. �Ich, Inch�, beendete die Stimme ihre Erkl�rung.</p><p>�Bei Anaxos' Gebeinen�, fluchte der Doktor, der exotische Ausdr�cke bevorzugte. �Dann mach die T�r auf � ich bin zu alt, um herumzurennen und Narren zu bedienen!�</p><p>Die T�r schwang nach innen. Der vom Gl�hen des inneren Korridors eingerahmte Mann war wahrscheinlich gro�, lie� aber den Kopf derart h�ngen und den K�rper vorn�berkippen, da� man es nicht mit Sicherheit angeben konnte. Unmittelbar �ber seinem Brustbein schwebte ein rundes, leeres Gesicht wie ein Mond mit einem Strohdach aus stachligem, schwarzem Haar, das man mit einem stumpfen und ungeschickten Messer geschnitten hatte.</p><p>�Tut mir leid, wenn ich � Euch gest�rt habe, Doktor, aber � aber Ihr habt gesagt, �komm fr�h�, sagtet Ihr nicht so?� Die Stimme war dick und z�hfl�ssig wie triefender Speck.</p><p>Morgenes stie� einen �rgerlichen Pfiff aus und zupfte an einer Str�hne seines wei�en Haares. �Ja, das habe ich, aber ich sagte, fr�h <emphasis>nach</emphasis> der Essenszeit, die noch gar nicht gekommen ist. Nun, es hat keinen Sinn, dich jetzt wieder wegzuschicken. Simon, kennst du Inch, meinen Gehilfen?�</p><p>Simon nickte h�flich. Er hatte den Mann ein paarmal gesehen; Morgenes lie� ihn manchmal abends kommen, wenn er Hilfe brauchte, wohl beim Heben schwerer Gegenst�nde. Anderes kam kaum in Frage, denn Inch machte nicht den Eindruck, als k�nne man sich darauf verlassen, da� er vor dem Schlafengehen das Feuer auspinkelte.</p><p>�Also dann, junger Mann, ich f�rchte, das setzt meiner Geschw�tzigkeit f�r heute ein Ende�, bemerkte der Doktor. �Da Inch nun einmal hier ist, mu� ich auch Gebrauch von ihm machen. Komm bald wieder, dann erz�hle ich dir mehr � wenn du willst.�</p><p>�Bestimmt.� Simon nickte Inch noch einmal zu, der die Augen nach ihm rollte wie eine Kuh, und war schon an der T�r, als ihm flammend eine j�he Vision durch den Kopf scho�: ein klares Bild von Rachels Besen, der da lag, wo er ihn fallen gelassen hatte, im Gras am Burggraben, wie der Leichnam eines seltsamen Wasservogels.</p><p><emphasis>Mondkalb!</emphasis></p><p>Er w�rde gar nichts sagen. Er w�rde auf dem R�ckweg den Besen mitnehmen und dem Drachen sagen, es sei alles erledigt. Sie hatte so viel um die Ohren und redete auch nur selten mit dem Doktor, obwohl sie und er zu den �ltesten Bewohnern der Burg geh�rten. Ja, das war offensichtlich der beste Plan.</p><p>Ohne zu verstehen, warum, drehte Simon sich um. Der kleine Mann untersuchte gerade, �ber den Tisch gebeugt, eine gewundene Schriftrolle, w�hrend Inch hinter ihm stand und nur in die Luft stierte.</p><p>�Doktor Morgenes��</p><p>Beim Klang seines Namens sah der alte Mann auf und blinzelte. Er schien erstaunt, da� Simon sich noch im Zimmer befand, und dieser war selber erstaunt dar�ber.</p><p>�Doktor, ich bin ein Dummkopf.� Morgenes w�lbte die Brauen und wartete.</p><p>�Ich sollte Euer Zimmer ausfegen. Rachel hat mich damit beauftragt. Jetzt ist der ganze Nachmittag vorbei.�</p><p>�Oh. Ah!� Morgenes' Nase kr�uselte sich, als jucke sie ihn. Dann zog ein breites L�cheln �ber sein Gesicht. �Mein Zimmer ausfegen, was? Gut, Junge, komm morgen wieder und mach das. Sag Rachel, ich h�tte noch mehr Arbeit f�r dich, falls sie dich freundlicherweise entbehren k�nnte.� Er wandte sich wieder seinem Buch zu, sah dann erneut auf, kniff die Augen zusammen und bi� sich auf die Lippen. W�hrend er so in stillem Nachdenken dasa�, verwandelte sich Simons Hochgef�hl pl�tzlich in Unruhe.</p><p><emphasis>Warum starrt er mich so an?</emphasis></p><p>�Wenn ich mir die Sache recht �berlege, Junge�, sagte der Mann endlich, �wird es hier demn�chst eine ganze Menge Arbeit geben, bei der du mir helfen k�nntest � und irgendwann werde ich auch einen Lehrling brauchen. Komm morgen wieder, wie ich gesagt habe. �ber das andere will ich mit der obersten der Kammerfrauen reden.� Er l�chelte kurz und beugte sich dann wieder �ber seine Schriftrolle. Simon merkte pl�tzlich, da� Inch ihn �ber den R�cken des Doktors anstarrte; unter der ruhigen Oberfl�che seines k�sigen Gesichts regte sich etwas Undeutbares. Simon machte kehrt und rannte aus der T�r. Voller Begeisterung sprang er den blau erleuchteten Gang hinunter und tauchte unter dem dunklen, wolkenverschmierten Himmel ins Freie. Lehrling! Beim Doktor!</p><p>Als er das Torhaus erreichte, machte er halt und kletterte zum Burggraben hinunter, um seinen Besen zu suchen. Die Heimchen waren schon mitten in ihrem Abendchoral. Als Simon den Besen endlich gefunden hatte, hockte er sich einen Augenblick an die Ufermauer und h�rte ihnen zu.</p><p>W�hrend ringsum der rhythmische Gesang aufstieg, lie� Simon die Finger �ber die Steine neben sich gleiten. Er strich �ber die Oberfl�che eines Blocks, der so glattgescheuert war wie handpoliertes Zedernholz. Seltsame Gedanken gingen ihm durch den Kopf: <emphasis>Vielleicht steht dieser Stein schon seit � seit vor der Geburt unseres Herrn Usires an diesem Ort. Vielleicht hat hier in dieser Stille einmal ein Sithijunge gesessen und der Nacht gelauscht �</emphasis></p><p><emphasis>Woher kommt dieser leichte Wind?</emphasis></p><p>Eine Stimme schien zu fl�stern, die Worte zu leise zum H�ren. <emphasis>Vielleicht ist er mit der Hand �ber genau diesen Stein gefahren �</emphasis> Und erneut dieses Fl�stern im Wind: <emphasis>Wir holen es uns wieder, Menschenkind. Wir holen uns alles wieder.</emphasis></p><p>Simon raffte seinen Mantelkragen eng gegen die unerwartete K�lte zusammen, stand auf und kletterte den grasigen Hang wieder hinauf. Er hatte pl�tzlich Sehnsucht nach vertrauten Stimmen und Licht.</p></section><section><title><p>III</p><p>V�gel in der Kapelle</p></title><p>�Beim gesegneten �don��</p><p><emphasis>Klatsch!</emphasis></p><p>�� und Elysia, seiner Mutter��</p><p><emphasis>Klatsch!</emphasis></p><p>�� und allen Heiligen, die da wachen �ber��</p><p><emphasis>Klatsch!</emphasis></p><p>�� wachen �ber � autsch!� Ein Zischen ohnm�chtiger Wut. �Verfluchtes Spinnenpack!� Das Klatschen begann von neuem, vermischt mit Verw�nschungen und Beschw�rungen. Rachel s�uberte die Decke des Speisesaales von Spinnweben.</p><p>Zwei M�dchen krank, ein weiteres mit verstauchtem Kn�chel � das war einer von den Tagen, an denen die Achataugen von Rachel dem Drachen so gef�hrlich glitzerten. Schlimm genug, da� Sarrah und Jael an der Ruhr darniederlagen � Rachel war eine harte Zuchtmeisterin, aber sie wu�te, da� jeder Tag, den man ein krankes M�dchen weiterarbeiten lie�, drei Tage bedeuten konnte, die es am Ende dann doch l�nger ausfiel �, ja, schlimm genug auch, da� Rachel selber die L�cken stopfen mu�te, die dadurch entstanden. Als ob sie nicht ohnehin schon f�r zwei arbeitete! Und nun erkl�rte der Seneschall, der K�nig wolle heute abend in der Gro�en Halle speisen! Zudem war Elias, der Prinzregent, aus Meremund eingetroffen, und nun gab es <emphasis>noch mehr</emphasis> Arbeit!</p><p>Und Simon, vor einer Stunde losgeschickt, um ein paar B�ndel Binsen zu holen, war immer noch nicht zur�ck.</p><p>Da stand sie nun mit ihren m�den, alten Knochen auf einem wackligen Hocker und versuchte mit einem Besen die Spinnweben aus den hohen Deckenwinkeln zu entfernen. Dieser Junge! Dieser, dieser �</p><p>�Heiliger �don, gib mir Kraft��</p><p><emphasis>Klatsch! Klatsch! Klatsch!</emphasis></p><p>Dieser verflixte Bursche!</p><empty-line/><p>Es war ja nicht nur, �berlegte Rachel sp�ter, als sie mit rotem Gesicht und verschwitzt auf den Hocker gesunken war, da� der Junge faul und schwierig war. All die Jahre hatte sie ihr Bestes getan, die Aufs�ssigkeit aus ihm herauszuklopfen; ganz bestimmt, das wu�te sie, war er dadurch ein besserer Mensch geworden. Nein, bei der Guten Mutter Gottes, viel schlimmer war, da� <emphasis>kein anderer Mensch sich um ihn zu k�mmern schien!</emphasis> Simon war so gro� wie ein Mann und alt genug, um bald wie ein Mann arbeiten zu k�nnen � aber nein! Er versteckte sich und entzog sich und tr�umte vor sich hin. Die K�chenhelfer lachten �ber ihn; die Kammerm�dchen verw�hnten ihn und verschafften ihm heimlich Essen, wenn Rachel ihn vom Tisch verbannt hatte. Und Morgenes? Barmherzige Elysia, der Mann <emphasis>ermunterte</emphasis> den Jungen noch!</p><p>Jetzt hatte er Rachel sogar gefragt, ob Simon nicht kommen und t�glich f�r ihn arbeiten k�nne � ausfegen, helfen, die Sachen sauberzuhalten � haha! �, und dem alten Mann ein bi�chen von seiner Arbeit abnehmen. Als ob sie es nicht besser w��te! Die beiden w�rden nur herumsitzen, w�hrend der alte S�ffel Bier kippte und dem Jungen Gott-wei�-was f�r Teufelsgeschichten erz�hlte.</p><p>Trotzdem konnte sie nicht umhin, sein Angebot ernsthaft zu pr�fen. Es war das erste Mal, da� �berhaupt jemand nach dem Jungen gefragt hatte oder ihn gar haben wollte � er lief allen bisher eben immer nur so zwischen den F��en herum! Und Morgenes schien wirklich zu glauben, er tue dem Jungen damit etwas Gutes�</p><p>Rachel sah zu den breiten Deckenbalken hinauf, lie� den Blick in die Schatten schweifen und blies sich eine feuchte Haarstr�hne aus dem Gesicht.</p><p>Sie dachte an damals, an jene Regennacht, mit der alles angefangen hatte � wann war es, vor vierzehn, fast f�nfzehn Jahren? Sie kam sich so alt vor, wenn sie daran zur�ckdachte. Dabei schien alles nur einen Augenblick her zu sein�</p><p>Tag und Nacht war der Regen heruntergeprasselt. Als Rachel vorsichtig �ber den schlammigen Hof ging, wobei sie mit der einen Hand den Mantel �ber dem Kopf, mit der anderen eine Laterne festhielt, trat sie in eine breite Wagenspur und f�hlte, wie ihr das Wasser die Waden hinaufspritzte. Mit einem saugenden Laut kam ihr Fu� frei, aber ohne Schuh. Sie fluchte und hastete weiter. Sie w�rde sich den Tod holen, wenn sie in solch einer Nacht mit einem nackten Fu� herumlief, doch jetzt war keine Zeit, in Pf�tzen herumzustochern.</p><p>In Morgenes' Studierstube brannte Licht, aber es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich Schritte n�herten. Als er die T�r �ffnete, sah sie, da� er schon im Bett gewesen war: Er trug ein langes, dringend ausbesserungsw�rdiges Nachthemd und rieb sich im hellen Lampenlicht benommen die Augen. Die zerw�hlten Decken seines Bettes, das, umgeben von einer sich bedrohlich nach innen neigenden Palisade aus B�chern, am �u�ersten Ende des Zimmers stand, lie� Rachel an das Nest irgendeines scheu�lichen Untiers denken.</p><p>�Doktor, kommt schnell!� rief sie. �Ihr m��t Euch beeilen!�</p><p>Morgenes starrte sie an und trat einen Schritt zur�ck. �Tretet ein, Rachel. Ich habe zwar keine Ahnung, welches n�chtliche Herzklopfen Euch hergef�hrt hat, aber wenn Ihr schon einmal da seid��</p><p>�Nein, nein, t�richter Mann, es ist Susanna! Ihre Zeit ist gekommen, aber sie ist sehr schwach. Ich habe Angst um sie.�</p><p>�Wer? Was? Also gut. Nur einen Augenblick, ich suche meine Sachen zusammen. Was f�r eine furchtbare Nacht! Geht nur vor, ich hole Euch schon ein.�</p><p>�Aber, Doktor Morgenes, ich habe die Laterne f�r Euch mitge��</p><p>Zu sp�t. Die T�r war zu, und Rachel stand allein auf den Stufen. Von ihrer langen Nase tropfte der Regen. Fluchend lief sie zur�ck in die M�gdekammern.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis Morgenes die Treppen hinaufstampfte und sich das Wasser vom Mantel sch�ttelte. Von der T�r aus �berschaute er das Bild mit einem einzigen Blick: auf dem Bett eine Frau mit abgewendetem Gesicht, hochschwanger, st�hnend. Dunkles Haar breitete sich �ber ihre Z�ge, und sie pre�te mit schwei�nasser Faust die Hand einer anderen jungen Frau, die neben ihr kniete. Am Fu� des Bettes stand Rachel mit einer �lteren Frau.</p><p>Diese trat auf Morgenes zu, w�hrend er seine umfangreichen �berkleider abwarf.</p><p>�Nun, Elispeth�, sagte er ruhig. �Wie sieht es aus?�</p><p>�Nicht gut, f�rchte ich, Herr. Ihr wi�t, da� ich sonst allein damit fertiggeworden w�re. Sie m�ht sich seit Stunden, und sie blutet. Ihr Herz ist sehr schwach.� Bei diesen Worten trat auch Rachel n�her.</p><p>�Hm, hm.� Morgenes b�ckte sich und w�hlte in dem mitgebrachten Sack. �Bitte gebt ihr etwas hiervon�, sagte er zu Rachel und reichte ihr eine verkorkte Phiole. �Nur einen Schluck, aber achtet darauf, da� sie ihn auch zu sich nimmt.� W�hrend er weiter in seiner Tasche suchte, zwang Rachel sanft die zusammengebissenen, zitternden Kiefer der Frau auf dem Bett auseinander und go� ihr ein wenig von der Fl�ssigkeit in den Mund. Mit dem Geruch von Schwei� und Blut, der den Raum erf�llte, mischte sich sofort ein stechendw�rziger Duft.</p><p>�Doktor�, meinte Elispeth, als Rachel zur�ckkam, �ich glaube nicht, da� wir Mutter <emphasis>und</emphasis> Kind retten k�nnen � wenn wir �berhaupt einen von beiden durchkriegen.�</p><p>�Ihr m��t das Leben des Kindes retten�, unterbrach Rachel. �Das ist die Pflicht aller Gottesf�rchtigen. Der Priester sagt es. Rettet das Kind!�</p><p>Morgenes warf ihr einen gereizten Blick zu. �Ich werde Gott auf meine Weise f�rchten, gute Frau, wenn es Euch nichts ausmacht. Wenn ich sie rette � und ich will nicht so tun, als k�nnte ich es �, kann sie immer noch ein zweites Kind bekommen.�</p><p>�Nein, das kann sie nicht�, knurrte Rachel w�tend, �ihr Mann ist tot.� Und wenn einer das wissen mu�te, dachte sie, dann Morgenes. Susannas Mann, der Fischer, hatte den Doktor oft besucht, bevor er ertrank � obwohl Rachel sich nicht vorstellen konnte, was die beiden miteinander zu bereden gehabt hatten.</p><p>�Ach was�, bemerkte Morgenes zerstreut, �sie kann ja durchaus noch einen anderen � wer war ihr Mann? Der Fischer?� Ein erschreckter Ausdruck trat auf sein Gesicht, und er eilte an das Bett. Erst jetzt schien er wirklich zu begreifen, wer da lag und auf dem groben Laken sein Leben ausblutete.</p><p>�Susanna?� fragte er leise und drehte das angstvolle, schmerzverzerrte Gesicht der Frau zu sich hin. Eine Sekunde lang �ffnete sie weit die Augen, als sie ihn sah, dann lie� eine neue Welle von Todesqual ihre Lider wieder zufallen. �Was ist hier geschehen?� seufzte Morgenes. Susanna konnte nur st�hnen, und der Doktor sah mit zornigem Gesicht zu Rachel und Elispeth auf. �Warum hat mir niemand gesagt, da� dieses arme M�dchen so kurz vor der Geburt stand?�</p><p>�Sie w�re erst in zwei Monaten soweit gewesen�, antwortete Elispeth sanft. �Das wi�t Ihr. Wir sind genauso �berrascht wie Ihr.�</p><p>�Und warum sollte es Euch k�mmern, wenn eine Fischerswitwe ein Kind bekommt?� fragte Rachel scharf. Auch sie konnte zornig sein.</p><p>�Und warum streitet Ihr Euch jetzt deswegen?�</p><p>Morgenes starrte sie einen Moment an und blinzelte zweimal.</p><p>�Ihr habt vollst�ndig recht�, erwiderte er und wandte sich wieder dem Bett zu. �Ich werde das Kind retten, Susanna�, erkl�rte er der zitternden Frau.</p><p>Sie nickte einmal mit dem Kopf und schrie dann laut auf.</p><empty-line/><p>Es war ein d�nnes, klagendes Jammern, aber es war das Geschrei eines lebendigen S�uglings. Morgenes reichte Elispeth das winzige, rotverschmierte Gesch�pf.</p><p>�Ein Junge�, erkl�rte er und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Mutter. Sie war jetzt ruhig und atmete langsamer, aber ihre Haut war wei� wie Harcha-Marmor.</p><p>�Ich habe ihn gerettet, Susanna. Ich mu�te es tun�, fl�sterte er. Die Mundwinkel der Frau zuckten � es h�tte ein L�cheln sein k�nnen.</p><p>�Ich � wei߅�, hauchte sie, und die Stimme aus ihrer wunden Kehle klang ganz, ganz leise. �Wenn nur � mein Eahlferend � nicht�� Die Anstrengung war zu gro�, und sie verstummte.</p><p>Elispeth beugte sich hinunter, um ihr das Kind zu zeigen, in Decken gewickelt, noch am blutigen Nabel h�ngend.</p><p>�Er ist klein�, l�chelte die Alte, �aber das liegt daran, da� er so fr�h gekommen ist. Wie ist sein Name?�</p><p>�Nennt � ihn � Seoman��, kr�chzte Susanna heiser, �das hei�t � �wartend� �� Sie drehte sich zu Morgenes um und schien noch etwas sagen zu wollen. Der Doktor neigte sich tiefer, bis sein wei�es Haar ihre schneeblasse Wange streifte, aber sie konnte die Worte nicht mehr herausbringen. Gleich darauf keuchte sie einmal, und die dunklen Augen rollten nach hinten, bis man das Wei�e sah. Das M�dchen, das ihre Hand hielt, begann zu schluchzen.</p><p>Auch Rachel f�hlte, da� ihr Tr�nen in die Augen stiegen. Sie machte kehrt und tat, als finge sie an aufzur�umen. Elispeth durchtrennte die letzte Verbindung zwischen dem Kind und seiner sterbenden Mutter. Die Bewegung lie� Susannas rechte Hand, die sie fest in die eigenen Haare gekrallt hatte, heruntersinken und schlaff zu Boden fallen. Die Finger �ffneten sich und gaben etwas Gl�nzendes preis, das �ber die rohen Dielen rollte, bis es neben dem Fu� des Doktors liegenblieb. Aus dem Augenwinkel sah Rachel, wie Morgenes sich b�ckte und den Gegenstand aufhob. Er war klein und verschwand leicht in der Handfl�che des Doktors und von dort in seiner Arzttasche.</p><p>Rachel war emp�rt, aber niemand sonst schien den Vorfall bemerkt zu haben. Sie wirbelte herum, um ihn zur Rede zu stellen, die Augen noch voller Tr�nen. Aber der Ausdruck in seinem Gesicht, der furchtbare Gram, brachten sie zum Verstummen, ehe sie noch ein Wort gesagt hatte.</p><p>�Seoman soll er hei�en�, erkl�rte der Doktor mit heiserer Stimme, und als er n�herkam, waren seine Augen voll fremdartiger Schatten. �Ihr m��t f�r ihn sorgen, Rachel. Seine Eltern sind n�mlich tot.�</p><empty-line/><p>Ein schneller Atemzug. Rachel hatte sich gerade noch gefangen, bevor sie vom Hocker rutschte. Am hellichten Tag einzunicken � sie sch�mte sich f�r sich selbst! Aber das zeigte eben nur, wie str�flich sie sich heute abgerackert hatte, nur um einen Ausgleich f�r das Fehlen der drei M�dchen zu schaffen � und f�r Simon.</p><p>Was sie brauchte, war ein bi�chen frische Luft. Auf einem Hocker zu stehen und wie eine Verr�ckte mit dem Besen herumzufuchteln � kein Wunder, wenn man dabei melancholisch wurde. Sie mu�te einfach einen Augenblick hinaus ins Freie; sie hatte wei� Gott ein Recht auf frische Luft. Was war dieser Simon doch f�r ein Nichtsnutz!</p><p>Nat�rlich hatten sie ihn gro�gezogen, sie und die Kammerfrauen. Susanna hatte keine Verwandtschaft in der N�he, und �ber ihren ertrunkenen Mann, Eahlferend, schien �berhaupt niemand so recht etwas zu wissen; also blieb der Junge auf dem Hochhorst. Rachel hatte so getan, als mache sie einen Riesenaufstand deshalb, aber sie h�tte ihn ebensowenig fortgelassen, wie sie ihren K�nig verraten oder die Betten nicht gemacht h�tte. Rachel war es auch, die ihm den Namen Simon gegeben hatte. Alle, die in k�niglichen Diensten standen, nahmen einen Namen von Warinsten, der Heimatinsel K�nig Johans, an. �Simon� klang am ehesten wie �Seoman�, also blieb es bei diesem Namen.</p><p>Rachel stieg langsam die Stufen zum Erdgescho� hinunter. Sie f�hlte sich ein ganz klein wenig wacklig auf den Beinen und w�nschte, sie h�tte einen Mantel mitgenommen, denn die Luft w�rde recht bei�end sein. Die T�r knarrte � eine schwere T�r, deren Angeln wohl wieder einmal ge�lt werden mu�ten �, und Rachel trat in den Eingangshof. Die Morgensonne lugte eben erst �ber die Zinnen und sp�hte herein wie ein Kind.</p><p>Die Kammerfrau mochte diesen Ort, gerade unter dem steinernen �bergang, der den Speisesaal mit dem Hauptbau der Kapelle verband. Der kleine Hofgarten im Schatten des �berganges war voller Kiefern und Heidekraut, verteilt auf kleine, sanft ansteigende H�gel; der ganze Garten war nicht mehr als einen Steinwurf lang. Wenn sie nach oben schaute, �ber den steinernen Laufgang hin�ber, konnte sie den nadelspitz aufragenden Gr�nengel-Turm sehen, der wei� in der Sonne gl�nzte wie ein elfenbeinerner Sto�zahn.</p><p>Es hatte eine Zeit gegeben, erinnerte sich Rachel, lange vor Simons Geburt, in der sie selbst ein M�dchen gewesen war und in diesem Garten gespielt hatte. Wie manche von ihren M�gden dar�ber lachen w�rden � allein der Gedanke: der Drache als kleines M�dchen! Aber das war sie gewesen, und danach eine junge Dame � und keineswegs unansehnlich, auch das war nichts als die Wahrheit. Damals war der Garten erf�llt gewesen vom Rauschen der Brokate und Seiden, vom Lachen der vornehmen Herren und ihrer Damen, die den Falken auf der Faust und ein heiteres Lied auf den Lippen gehabt hatten.</p><p>Simon dagegen, der immer glaubte, er w��te schon alles � Gott schuf junge M�nner eben dumm, und damit hatte es sich. Diese M�dchen hatten ihn fast unrettbar verzogen und h�tten es ganz geschafft, wenn Rachel nicht ein Auge auf ihn gehabt h�tte. <emphasis>Sie</emphasis> wu�te, was sich geh�rte, auch wenn diese jungen Dinger anderer Meinung waren.</p><p><emphasis>Fr�her war alles anders,</emphasis> dachte Rachel � und bei dem Gedanken wollte der Kiefernduft des schattigen Gartens ihr das Herz zusammenschn�ren. Ein wunderbarer, aufregender Ort war die Burg gewesen: hochgewachsene Ritter mit Helmb�schen und schimmernden R�stungen, und sch�ne M�dchen in pr�chtigen Kleidern, und die Musik � ach, und erst der Turnierplatz, juwelenbunt von Zelten! Jetzt lag die Burg in tiefem Schlaf und tr�umte nur. �ber die hochragenden Zinnen herrschten Leute wie Rachel: K�che und K�chinnen, Kammerfrauen, Senesch�lle und K�chenjungen �</p><p>Wirklich, es war etwas k�hl. Rachel beugte sich vor, zog ihr Umschlagtuch enger und richtete sich dann j�h auf. Sie starrte auf Simon, der, die H�nde auf dem R�cken versteckt, vor ihr stand. Wie in aller Welt war es ihm gelungen, sich ganz unbemerkt anzuschleichen? Und warum hatte er so ein idiotisches Grinsen im Gesicht? Rachel f�hlte, wie die St�rke des Gerechten in ihren K�rper zur�ckflutete. Sein Hemd, noch vor einer Stunde sauber, war schwarz von Schmutz und an mehreren Stellen zerrissen, ebenso die Hosen.</p><p>�Gesegnete Sankt Rhiap, steh mir bei!� kreischte Rachel. �Was hast du angestellt, Dummkopf?� Rhiappa, eine �doniterin aus Nabban, war, von Seepiraten mehrfach gesch�ndet, mit dem Namen des Einen Gottes auf den Lippen gestorben. Sie erfreute sich bei Dienstboten gro�er Beliebtheit.</p><p>�Schau, was ich habe, Rachel!� sagte Simon und zeigte ihr einen zerfetzten, windschiefen Strohkegel: ein Vogelnest, das schwache Piept�ne von sich gab. �Ich habe es unter dem Hjeldin-Turm gefunden. Der Wind mu� es heruntergeweht haben. Drei leben noch, und die will ich aufziehen!�</p><p>�Bist du denn ganz und gar von Sinnen!� Rachels Besen sauste durch die L�fte wie die strafenden Blitze des Herrn, die zweifellos Rhiaps Vergewaltiger vernichtet hatten. �Du wirst diese Kreaturen so wenig in meinem Haushalt aufziehen, wie ich vorhabe, nach Perdruin zu schwimmen! Schmutzige Biester, die �berall herumflattern und den Leuten in die Haare gehen � und sieh dir deine Kleider an! Wei�t du eigentlich, wie lange Sarrah brauchen wird, bis sie das alles wieder geflickt hat?�</p><p>Simon schlug die Augen nieder. Nat�rlich hatte er das Nest nicht auf der Erde gefunden. Es war jenes, das er im Heckengarten entdeckt hatte, halb von seinem Platz auf der Festeiche heruntergerutscht. Er war hinaufgeklettert, um es zu retten, und hatte vor lauter Aufregung bei der Vorstellung von eigenen jungen V�geln �berhaupt nicht an die Arbeit gedacht, die er Sarrah damit machte, dem stillen M�dchen, das die Sachen der Dienstboten ausbesserte. Eine Woge von Schwermut und ohnm�chtigem Zorn �berschwemmte ihn.</p><p>�Aber Rachel, ich habe auch daran gedacht, die Binsen zu pfl�cken!� Vorsichtig hielt er das Nest im Gleichgewicht und zog unter dem Wams ein mageres, zerzaustes, verklumptes Schilfb�ndel hervor.</p><p>Rachels Miene wurde ein wenig weicher, aber die gerunzelten Brauen blieben. �Du denkst einfach nicht nach, Junge, du denkst nicht nach � du bist wie ein kleines Kind. Wenn etwas kaputtgeht oder zu sp�t getan wird, mu� jemand die Verantwortung daf�r �bernehmen. So geht es nun einmal zu in der Welt. Ich wei�, da� du es nicht wirklich b�se meinst, aber mu� du <emphasis>bei-unserer-lieben-Frau</emphasis> so dumm sein?�</p><p>Simon sah vorsichtig auf. Obwohl sein Gesicht noch das richtige Ma� von Kummer und Reue zeigte, konnte Rachel mit ihrem Basiliskenblick erkennen, da� er das Schlimmste �berstanden zu haben glaubte. Ihre Brauen zogen sich von neuem finster zusammen.</p><p>�Es tut mir leid, Rachel, wirklich, es tut mir leid�, sagte er.</p><p>Sie streckte den Arm aus und stie� ihm den Besenstiel gegen die Schulter. �Komm mir nicht mit deinem ewigen �Tut-mir-leid�. Schaff diese V�gel fort und setz sie wieder dahin, wo du sie hergenommen hast. Hier drinnen gibt es keine flatternden, fliegenden Biester.�</p><p>�Ach, Rachel! Ich k�nnte sie doch in einen K�fig tun. Ich werde einen bauen!�</p><p>�Nein, nein und nochmals nein. Nimm sie und bring sie deinem nichtsnutzigen Doktor, wenn du willst, aber trag sie nicht hierher, um damit anst�ndige Leute zu �rgern, die ihre Arbeit tun m�ssen.�</p><p>Simon trottete davon, das Nest in den hohlen H�nden. Irgendwo hatte er einen Fehler gemacht � Rachel h�tte fast nachgegeben, aber sie war eine harte, alte Nu�. Der kleinste Irrtum im Umgang mit ihr bedeutete eine schnelle und schreckliche Niederlage.</p><p>�Simon!� rief sie ihm nach. Er wirbelte herum.</p><p>�Ich kann sie behalten?�</p><p>�Nat�rlich nicht! Sei kein Mondkalb.� Sie schaute ihn durchdringend an. Eine unbehaglich lange Weile verging; Simon trat von einem Fu� auf den anderen und wartete.</p><p>�Du wirst k�nftig f�r den Doktor arbeiten, Junge�, sagte sie dann endlich. �Vielleicht kann er dir ein bi�chen Verstand eintrichtern. Ich bin es leid.� Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. �Denk aber daran, da� du tust, was er dir sagt, und dich bei ihm � und bei dem bi�chen Gl�ck, das dir noch �brigbleibt � f�r diese einzige und letzte Chance bedankst. Verstanden?�</p><p>�Ja, gewi߫, antwortete er gl�cklich.</p><p>�So leicht entkommst du mir nicht. Sei zum Abendessen zur�ck.�</p><p>�Ja, Herrin!� Simon drehte sich um und wollte zu Morgenes rennen, blieb aber noch einmal stehen und wandte sich der obersten Kammerfrau zu: �Danke, Rachel.�</p><p>Rachel stie� einen angewiderten Laut aus und marschierte zur Speisesaaltreppe zur�ck. Simon wunderte sich �ber die vielen Kiefernnadeln, die in ihrem Tuch hingen.</p><empty-line/><p>Ein sanfter Schneenebel begann aus den tiefh�ngenden, zinnfarbenen Wolken herabzuschweben. Das Wetter hatte sich endg�ltig ge�ndert, das wu�te Simon: Jetzt w�rde es bis Lichtme� st�ndig kalt sein. Anstatt die Vogelkinder �ber den zugigen Hof zu tragen, zog er es vor, durch die Kapelle zu huschen und so zur Westseite des Inneren Zwingers zu gelangen. Die Morgenandacht war schon lange vor�ber, und die Kirche mu�te eigentlich leer sein. Vielleicht w�rde Vater Dreosan es nicht sonderlich sch�tzen, wenn Simon durch sein Reich trampelte, aber der gute Vater sa� jetzt ganz bestimmt bei Tisch, widmete sich seinem �blichen, umfangreichen zweiten Fr�hst�ck und stie� bedrohliche Summt�ne �ber die Qualit�t der Butter oder die Zusammensetzung des Honig-und-Brot-Puddings aus.</p><p>Simon stieg die zwei Dutzend Stufen zur Seitent�r der Kapelle hinauf. Der graue Stein der T�rumfassung war mit den nassen �berresten sterbender Schneeflocken besetzt. Die T�r schwang �berraschend ger�uschlos nach innen.</p><p>Um keine verr�terischen nassen Fu�abdr�cke auf den Steinfliesen der Kapelle zu hinterlassen, schob Simon sich durch die Samtvorh�nge an der R�ckseite des Vorraumes und kletterte die Stiege zur Chor-Empore hinauf.</p><p>Die vollgestopfte, stickige Empore, im Hochsommer ein dampfender Folterkasten, war jetzt angenehm warm. Der Fu�boden war �bers�t mit dem Abfall der M�nche, Kleinkram: Nu�schalen, ein Apfelrest, St�ckchen von Schiefertafeln, auf die � ein l��licher Versto� wider das Schweigegel�bde � Botschaften gekritzelt waren; es sah mehr nach einem K�fig f�r Affen oder Tanzb�ren aus als nach einem Raum, in dem Gottesm�nner zusammenkamen, um das Lob des Herrn zu singen. Simon l�chelte und suchte sich leise einen Weg durch die zahlreichen anderen merkw�rdigen Dinge, die da verstreut umherlagen � Ballen schlichten Tuchs, ein paar kleine, wacklige Holzschemel. Es war nett zu wissen, da� diese m�rrisch aussehenden M�nner mit ihren kahlrasierten K�pfen so widerspenstig sein konnten wie Bauernjungen.</p><p>Aufgeschreckt von den pl�tzlichen Lauten eines Gespr�chs, blieb Simon stehen und dr�ckte sich in den Wandvorhang, der den hinteren Teil der Empore abschlo�. In das staubige Tuch gepre�t, hielt er den Atem an, und sein Herz raste. Wenn Vater Dreosan oder der K�ster Barnabas dort unten waren, w�rde er es nie schaffen, unbemerkt wieder herunter- und zur Hintert�r hinauszugelangen. Dann mu�te er sich dort, wo er hineingekommen war, auch wieder hinausschleichen und doch den Weg �ber den Hof nehmen � der Meisterspion im feindlichen Lager.</p><p>Jeden Laut vermeidend, strengte Simon die Ohren an, um den Standort der Sprecher herauszufinden. Es waren zwei Stimmen, die er zu h�ren schien. W�hrend er sich konzentrierte, piepten die V�gelchen in seiner Hand ganz leise. Er kauerte sich nieder, lie� das Nest einen Augenblick achtsam in seiner Ellenbogenbeuge ruhen und nahm den Hut ab � um so schlimmer f�r ihn, wenn ihn Vater Dreosan mit Hut in der Kapelle erwischte! Als er die weiche Krempe von oben �ber das Nest st�lpte, verstummten die Vogelkinder, als sei es Nacht geworden. Mit gr��ter Vorsicht teilte Simon die Vorhangr�nder und steckte den Kopf hindurch. Die Stimmen kamen aus dem Mittelgang vor dem Altar und klangen unver�ndert; man hatte ihn nicht geh�rt.</p><p>Nur wenige Fackeln brannten. Das gewaltige Dach der Kapelle lag fast v�llig im Schatten, die schimmernden Fenster der Kuppel schienen an einem Nachthimmel zu schweben, L�cher in der Dunkelheit, durch die man die Umrisse des Himmels sehen konnte. Simon, seine Findlinge wohlbeh�tet unter dem Hut wissend, kroch auf lautlosen F��en zum Emporengel�nder. Dort hockte er sich in die schattendunkle Ecke neben der Treppe, die in die eigentliche Kapelle hinunterf�hrte, und steckte das Gesicht zwischen die geschnitzten S�ulen der Balustrade, die eine Wange am Martyrium des heiligen Tunath, w�hrend die andere die Geburt der heiligen Pelippa von der Insel streifte.</p><p>�� und du mit deinem gottverfluchten Gejammer�, schimpfte eine der Stimmen. �Ich habe es unaussprechlich satt!� Simon konnte das Gesicht des Sprechers nicht sehen; er kehrte der Empore den R�cken zu und trug einen Mantel mit hohem Kragen. Seinen Gef�hrten jedoch, der ihm gegen�ber auf einer Kirchenbank zusammengesunken war, konnte Simon deutlich ausmachen und erkannte ihn sofort.</p><p>�Leute, denen man etwas sagt, das sie nicht gern h�ren, sprechen oft von �Gejammer�, Bruder�, sagte der auf der Bank und bewegte m�de die schlankfingrige Linke. �Aus Liebe zum Reich warne ich dich vor diesem Priester.� Einen Augenblick Schweigen. �Und im Gedenken an die Zuneigung, die uns einmal verbunden hat.�</p><p>�Du kannst alles sagen, alles, was du willst!� bellte der erste Mann, und sein Zorn klang sonderbar nach Schmerz. �Aber der Thron geh�rt mir, nach dem Gesetz und dem Wunsch unseres Vaters. Nichts, was du denkst, sagst oder tust, kann daran etwas �ndern!�</p><p>Josua Ohnehand, wie Simon den j�ngeren Sohn des K�nigs oft hatte nennen h�ren, erhob sich steif von der Bank. Sein perlgraues Wams und die Beinkleider zeigten kunstvolle Muster in Rot und Wei�; er trug das braune Haar kurz ums Gesicht und hoch aus der Stirn gestutzt.</p><p>�Ich will den Drachenbeinthron nicht, glaub mir das, Elias�, zischte er. Seine Worte waren h�flich, aber sie flogen in Simons Versteck wie Pfeile. �Ich warne dich lediglich vor Pryrates, einem Mann mit � ungesunden Neigungen. Bring ihn nicht hierher, Bruder. Er ist gef�hrlich � <emphasis>glaub mir</emphasis>, denn ich kenne ihn von fr�her, aus der Usires-Priesterschule von Nabban. Die M�nche dort mieden ihn wie einen Pest�bertr�ger. Und doch leihst du ihm noch immer dein Ohr, als w�re er vertrauensw�rdig wie Herzog Isgrimnur oder der alte Herr Fluiren. Sei kein Narr! Er wird der Untergang unseres Hauses sein.� Josua nahm sich zusammen. �Ich will nur eines: dir einen aufrichtigen Rat geben. Bitte, h�r auf mich. Ich habe keinerlei Absichten auf den Thron.�</p><p>�Dann verla� die Burg!� knurrte Elias und drehte seinem Bruder den R�cken zu, die Arme �ber der Brust verschr�nkt. �Geh, damit ich mich darauf vorbereiten kann, zu herrschen wie ein Mann � ohne dein Gejammer und deine Ratschl�ge.�</p><p>Der �ltere Prinz hatte die gleiche hohe Stirn und Adlernase, war jedoch weit kr�ftiger gebaut als Josua; er sah aus wie ein Mann, der mit blo�en H�nden ein Genick zerbrechen kann. Seine Haare, ebenso wie Reitstiefel und Wams, waren schwarz, Mantel und Beinkleid, vom Reisestaub fleckig, gr�n.</p><p>�Wir sind <emphasis>beide</emphasis> unseres Vaters S�hne, o zuk�nftiger K�nig�� In Josuas L�cheln lag Spott. �Die Krone ist von Rechts wegen dein. Was wir einander vorwerfen, braucht dich nicht zu k�mmern. Deine demn�chst k�nigliche Person wird ganz und gar sicher sein � mein Wort darauf. <emphasis>Aber</emphasis>�, seine Stimme wurde eindringlicher, �ich lasse mich nicht, h�rst du, <emphasis>nicht</emphasis> aus meines Vaters Haus weisen, und zwar von niemandem. Auch nicht von dir, Elias.�</p><p>Sein Bruder fuhr herum und starrte ihn an. Als ihre Blicke einander begegneten, kam es Simon vor, als blitzten Schwerter.</p><p>�Was wir einander vorwerfen?� fauchte Elias, und es klang etwas Zerbrochenes und Qualvolles aus seiner Stimme. �Was kannst <emphasis>du</emphasis> mir vorwerfen? Deine Hand?� Er ging ein paar Schritte von Josua fort und blieb mit dem R�cken zu seinem Bruder stehen. Seine Worte kamen stockend vor Bitterkeit. �Den Verlust einer Hand. Ja. Aber deinetwegen stehe <emphasis>ich</emphasis> hier als Witwer, und meine Tochter ist halb verwaist. Sprich mir also nicht von Vorw�rfen!�</p><p>Josua schien eine Weile den Atem anzuhalten, bevor er erwiderte. �Dein Schmerz � ich kenne deinen Schmerz, Bruder�, meinte er endlich. �Wei�t du denn nicht, da� ich nicht nur meine rechte Hand, sondern mein Leben gegeben h�tte?�</p><p>Elias wirbelte herum, griff sich mit der Hand an den Hals und zerrte etwas Glitzerndes aus seinem Wams. Simon starrte mit aufgerissenem Mund durch das Gel�nder. Es war kein Messer, sondern etwas Weiches und Nachgiebiges, wie ein Streifen aus schimmerndem Stoff. Einen h�hnischen Moment lang hielt Elias es seinem Bruder vor das erschreckte Gesicht, schleuderte es dann zu Boden, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte durch den Mittelgang davon. Lange blieb Josua regungslos stehen, bis er sich schlie�lich b�ckte wie ein Tr�umender und den gl�nzenden Gegenstand aufhob � den silbernen Schal einer Frau. Er schaute ihn an, sch�tzte den Glanz in der hohlen Hand, und eine Grimasse des Schmerzes oder der Wut verzerrte seine Z�ge. Mehrmals atmete Simon ein und aus, bevor Josua endlich den Schal in seine Hemdbrust steckte und seinem Bruder aus der Kapelle folgte.</p><p>Ein l�ngerer Zeitraum verstrich, bevor Simon sich sicher genug f�hlte, seinen Lauscherposten zu verlassen und sich zur Hauptt�r der Kapelle zu schleichen. Ihm war, als h�tte er ein seltsames Puppenspiel gesehen, ein Usires-Spiel, f�r ihn allein aufgef�hrt. J�h schien die Welt weniger best�ndig, weniger zuverl�ssig zu sein, da die Prinzen von Erkynland, die Erben von ganz Osten Ard, einander anbr�llten und sich streiten konnten wie betrunkene Wachsoldaten.</p><p>Als er in die Halle sp�hte, erschreckte Simon eine pl�tzliche Bewegung. Eine Gestalt im braunen Wams huschte �ber den Korridor, eine kleine Gestalt, ein junge, vielleicht so alt wie Simon oder j�nger. Der Fremde warf einen Blick nach hinten � ein kurzer Eindruck von verschreckten Augen � und war dann um die Ecke verschwunden. Simon hatte ihn nicht erkannt. Konnte der andere ebenfalls den Prinzen nachspioniert haben? Simon sch�ttelte den Kopf. Er f�hlte sich verwirrt und dumm wie ein Ochse mit Sonnenstich. Er nahm seinen Hut von dem Nest und brachte den V�geln das Tageslicht und zwitscherndes Leben zur�ck. Wieder sch�ttelte er den Kopf. Es war ein beunruhigender Morgen gewesen.</p></section><section><title><p>IV</p><p>Grillenk�fig</p></title><p>Morgenes lief in seiner Werkstatt herum, v�llig in die Suche nach einem Buch vertieft. Er winkte Simon die Erlaubnis zu, sich nach einem K�fig f�r die Jungv�gel umzusehen, und setzte dann seine Jagd fort, wobei er St��e von Manuskripten und Foliob�nden umwarf wie ein blinder Riese in einer Stadt voll zerbrechlicher T�rme.</p><p>Eine Behausung f�r die Nestlinge zu finden war schwieriger, als Simon erwartet hatte; es gab eine Menge K�fige, aber keiner schien ganz der richtige zu sein. Manche hatten so weit auseinanderstehende Gitterst�be, da� sie f�r Schweine oder B�ren gemacht zu sein schienen; andere waren schon mit seltsamen Dingen vollgestopft, die �berhaupt nicht an Tiere erinnerten. Endlich fand er unter einer Rolle gl�nzenden Stoffes einen K�fig, der ihm geeignet schien. Er war kniehoch und glockenf�rmig, aus enggeflochtenen Flu�binsen gefertigt und � bis auf eine Sandschicht am Boden � leer. An der Seite gab es eine kleine, mit einem St�ckchen Seil verschlossene T�r. Simon zupfte den Knoten auf und �ffnete das T�rchen.</p><p>�<emphasis>Halt!</emphasis> H�r sofort auf!�</p><p>�Was?� Simon sprang zur�ck. Der Doktor h�pfte an ihm vorbei und stie� mit dem Fu� die K�figt�r zu.</p><p>�Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe�, keuchte Morgenes, �aber ich h�tte ein bi�chen nachdenken sollen, bevor ich dich hier herumgraben und alles durchw�hlen lie�. Der da ist f�r deine Zwecke nicht brauchbar, f�rchte ich.�</p><p>�Aber warum nicht?� Simon beugte sich vor und kniff die Augen zusammen, konnte jedoch nichts Besonderes entdecken.</p><p>�Nun, mein Schmutzfink, bleib ein wenig hier stehen und r�hr nichts an, dann will ich es dir zeigen. T�richt von mir, nicht daran gedacht zu haben.� Morgenes schaute sich einen Augenblick suchend um, bis er einen lange nicht mehr beachteten Korb mit D�rrobst fand. Er pustete den Staub von einer Feige und trat an den K�fig.</p><p>�Nun pa� genau auf.� Er �ffnete die T�r und warf die Frucht hinein. Sie landete im Sand des K�figbodens.</p><p>�Ja?� fragte Simon verwirrt.</p><p>�Warte�, fl�sterte der Doktor. Kaum war das Wort �ber seine Lippen, als auch schon etwas vorzugehen begann. Zuerst schien es, als schimmere im K�fig die Luft; dann sah man deutlich, da� der Sand selber sich bewegte und rund um die Feige in zartes Strudeln geriet. Pl�tzlich � so pl�tzlich, da� Simon mit �berraschtem �chzen zur�cksprang � �ffnete sich im Sand ein gro�er, zahniger Mund und verschluckte die Feige so schnell, wie ein Karpfen den Spiegel eines Teiches durchbricht, um eine M�cke zu schnappen. Ein kurzes Kr�useln im Sand, dann war es im K�fig wieder still, und alles schien so unschuldig wie zuvor.</p><p>�Was ist unter dem Sand?� keuchte Simon. Morgenes lachte.</p><p>�Das ist es!� Er schien hochzufrieden. �Das ist das Tierchen selber. Es gibt gar keinen Sand, er ist nur eine Art Maskerade. Alles dort auf dem K�figboden ist ein einziges, schlaues Tier. Entz�ckend, nicht wahr?�</p><p>�Ich glaube schon�, antwortete Simon ohne gro�e �berzeugung. �Woher kommt es?�</p><p>�Nascadu, drau�en in den W�stenl�ndern. Du verstehst jetzt, warum ich nicht wollte, da� du darin herumstocherst � ich nehme auch nicht an, da� deine gefiederten Waisen damit sehr gl�cklich geworden w�ren.�</p><p>Morgenes schlo� die kleine T�r wieder, band sie mit einem Lederriemen fest zu und stellte den K�fig hoch oben ins Regal. Dazu war er auf den Tisch gestiegen und wanderte dann �ber dessen ganze L�nge weiter, wobei er geschickt �ber allen M�ll hinwegkletterte, bis er gefunden hatte, was er suchte, und herunterh�pfte. Dieser Beh�lter, aus d�nnen Holzlatten gebaut, enthielt keinen verd�chtigen Sand.</p><p>�Grillenk�fig�, erkl�rte der Doktor und half dem Jungen, die V�gel in ihr neues Heim zu setzen. Ein kleiner Wassernapf wurde hineingestellt, und aus irgendeinem anderen Winkel f�rderte Morgenes sogar noch ein winziges S�ckchen mit S�mereien zutage, die er auf den K�figboden streute.</p><p>�Sind sie denn alt genug daf�r?� fragte Simon erstaunt.</p><p>Der Doktor wedelte sorglos mit der Hand. �Keine Sorge�, erl�uterte er. �Gut f�r ihre Z�hne.�</p><p>Simon versprach seinen V�geln, bald mit etwas Geeigneterem wiederzukommen, und folgte dem Doktor durch die Werkstatt.</p><p>�Nun, junger Mann, der du die Finken und die Schwalben bezauberst�, l�chelte Morgenes, �was kann ich an diesem kalten Vormittag f�r dich tun? Mir scheint, da� wir neulich dein gerechtes und ehrenwertes Froschgesch�ft noch nicht ganz abgewickelt hatten.�</p><p>�Ja, und ich hatte gehofft��</p><p>�Und <emphasis>ich</emphasis> glaube, da war noch etwas anderes?�</p><p>�Was?� Simon dachte scharf nach.</p><p>�Eine Kleinigkeit von einem Fu�boden, der ausgefegt werden sollte. Ein Besen, einsam und verlassen, mit einem Reisigherzen voll schmerzlicher Sehnsucht nach Benutzung��</p><p>Simon nickte d�ster. Er hatte gehofft, seine Lehre w�rde mit verhei�ungsvolleren Dingen beginnen.</p><p>�Oho. Eine gewisse Abneigung gegen niedere Dienste?� Der Doktor hob eine Braue. �Verst�ndlich, jedoch fehl am Platz. Man sollte diese allt�glichen Aufgaben, die den K�rper in Anspruch nehmen, Geist und Herz aber ungefesselt lassen, hochsch�tzen. Nun, wir wollen uns bem�hen, dir �ber deinen ersten Diensttag hinwegzuhelfen. Ich habe mir eine gro�artige Methode ausgedacht.� Er machte einen komischen kleinen Tanzschritt. �Ich rede, du arbeitest. Gut, wie?�</p><p>Simon zuckte die Achseln. �Habt Ihr einen Besen? Ich habe meinen vergessen.�</p><p>Morgenes stocherte hinter der T�r herum und brachte endlich etwas zum Vorschein, das so abgewetzt und voller Spinnweben war, da� man es kaum noch als Kehrwerkzeug erkennen konnte.</p><p>�Nun denn�, sagte der Doktor und pr�sentierte es Simon mit so viel W�rde, als w�re es das pers�nliche Banner des K�nigs, �wovon soll ich dir erz�hlen?�</p><p>�Von den Seer�ubern und ihrem schwarzen Eisen und den Sithi � und nat�rlich von unserer Burg. Und von K�nig Johan.�</p><p>�Aha. Ja.� Er nickte nachdenklich. �Eine ziemlich lange Liste, aber wenn uns dieser hohlk�pfige Faulpelz Inch nicht wieder unterbricht, k�nnte ich sie vielleicht ein bi�chen verk�rzen. Fang an, Junge, fang an � la� den Staub fliegen! �brigens, wo war ich eigentlich in meiner Geschichte stehengeblieben?�</p><p>�Oh, die Rimmersm�nner waren gekommen, und die Sithi zogen sich zur�ck, und die Rimmersm�nner hatten eiserne Schwerter und hackten die Leute in St�cke und brachten sie alle um und t�teten die Sithi mit schwarzem Eisen��</p><p>�Soso�, meinte Morgenes trocken, �jetzt f�llt es mir wieder ein. Hmmm. Nun, um die Wahrheit zu sagen, die Nordr�uber brachten nicht <emphasis>alle</emphasis> um; auch ihr Vordringen und ihre Angriffe waren vielleicht nicht ganz so gnadenlos, wie ich das dargestellt habe. Viele Jahre lebten sie im Norden, bevor sie �berhaupt die Frostmark durchquerten � und selbst dann stie�en sie noch auf ein erhebliches Hindernis: die M�nner von Hernystir.�</p><p>�Ja, aber das Sithi-Volk!� Simon war ungeduldig. Er wu�te alles �ber die Hernystiri � er hatte schon viele Leute aus diesem heidnischen Land im Westen gesehen. �Ihr sagtet, die kleinen Leute h�tten vor den eisernen Schwertern fliehen m�ssen!�</p><p>�Keine �kleinen Leute�, Simon. Ich � o je!� Der Doktor lie� sich auf einen Haufen in Leder gebundene B�cher sinken und zupfte sich am sp�rlichen Kinnbart. �Ich sehe schon, da� ich dir die Geschichte ausf�hrlicher erz�hlen mu�. Erwartet man dich zum Mittagessen?�</p><p>�Nein�, log Simon, ohne zu z�gern. Eine durch nichts unterbrochene Geschichte des Doktors schien ihm ein guter Gegenwert f�r eine von Rachels ber�hmten Trachten Pr�gel zu sein.</p><p>�Gut. Dann wollen wir uns ein St�ck Brot und ein paar Zwiebeln suchen � und vielleicht ein Kr�glein mit irgendeinem Getr�nk � Reden macht durstig �, und dann werde ich versuchen, Schlacke in das reinste Metall, das Metall an sich, zu verwandeln; kurz gesagt: dir etwas beizubringen.�</p><p>Als sie sich verproviantiert hatten, nahm der Doktor wieder Platz.</p><p>�Nun gut und nochmals gut, Simon � oh, und genier dich nicht, beim Essen den Besen zu schwingen. Die Jugend ist ja so beweglich! �, berichtige mich also bitte, wenn ich etwas Falsches sage. Heute haben wir Drorstag, den f�nfzehnten � sechzehnten? � nein, den f�nfzehnten Novander. Und das Jahr 1164, nicht wahr?�</p><p>�Ich glaube ja.�</p><p>�Hervorragend. Leg das da dr�ben auf den Schemel, ja? Also das elfhundertvierundsechzigste Jahr seit wann? Wei�t du das?� Morgenes beugte sich vor.</p><p>Simon zog ein saures Gesicht. Der Doktor wu�te, da� er ein Mondkalb war, und neckte ihn nur. Wie sollte ein K�chenjunge etwas von solchen Dingen wissen? Er fegte schweigend weiter.</p><p>Wenig sp�ter sah er auf. Der Doktor kaute und blickte ihn �ber einen knusprigen Kanten dunklen Brotes gespannt an.</p><p><emphasis>Was f�r scharfe, blaue Augen der alte Mann hatte!</emphasis></p><p>Simon drehte sich wieder um.</p><p>�Nun?� fragte der Doktor mit vollem Mund. �Seit wann?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte Simon und ha�te den Klang seiner eigenen vorwurfsvollen Stimme.</p><p>�So sei es. Du wei�t es nicht � oder wenigstens glaubst du das. H�rst du den Bekanntmachungen zu, wenn der Ausrufer sie verliest?�</p><p>�Manchmal. Wenn ich auf dem Markt bin. Sonst erz�hlt mir Rachel, was sie sagen.�</p><p>�Und was kommt zum Schlu�? Zum Schlu� lesen sie das Datum, erinnerst du dich nicht? Und pa� auf die Kristallvase auf, Junge, du fegst wie ein Mann, der seinen schlimmsten Feind rasiert. Wie hei�t es am Ende?�</p><p>Simon, besch�mt und gereizt, wollte gerade den Besen hinwerfen und fortrennen, als pl�tzlich ein Satz aus den Tiefen seiner Erinnerung aufstieg, begleitet von den Ger�uschen des Marktes � dem Knallen von F�hnchen und Dachplanen im Wind � und dem sauberen Duft des unter die F��e gestreuten Fr�hlingsgrases.</p><p>�Seit der Gr�ndung.� Er war sicher. Er h�rte es, als st�nde er gerade auf der Mittelgasse.</p><p>�Ausgezeichnet!� Der Doktor hob wie zum Ehrengru� den Krug und nahm einen gro�en Schluck. �Und nun � was f�r eine �Gr�ndung�? Mach dir keine Sorgen�, fuhr er fort, als Simon wieder den Kopf sch�tteln wollte. �Ich werde es dir erz�hlen. Ich erwarte nicht, da� junge M�nner von heute � die man mit unverb�rgten Geschichten von fahrenden Rittern und deren Heldentaten aufwachsen l��t � viel �ber den wirklichen Hergang der Ereignisse wissen.� Mit geheuchelter Trauer sch�ttelte der Doktor seinerseits das Haupt. �Es war das <emphasis>Nabbanai-Imperium,</emphasis> das vor elfhundertsoundsoviel Jahren gegr�ndet wurde, von Tiyagaris, dem ersten Imperator. Damals herrschten die Legionen von Nabban �ber alle L�nder der Menschen im Norden und S�den, zu beiden Seiten des Gleniwentflusses.�</p><p>�Aber � aber Nabban ist klein!� Simon war erstaunt. �Es ist ja nur ein kleiner Teil von K�nig Johans Reich!�</p><p>�Das, junger Mann�, versetzte Morgenes, �ist genau das, was wir �Geschichte� nennen. Kaiserreiche haben einen Hang zum Niedergang und K�nigreiche zum Untergang. Im Lauf von ungef�hr tausend Jahren kann alles m�gliche passieren � und Nabbans Bl�tezeit war sogar von weit k�rzerer Dauer. Worauf ich aber hinauswollte, ist, da� Nabban einst �ber die Menschen herrschte, und diese Menschen lebten Seite an Seite mit den Sithi. Deren K�nig regierte hier in Asu'a � dem Hochhorst, wie wir es nennen. Der Erlk�nig � �Erl� ist ein altes Wort f�r Sitha � verweigerte den Menschen das Recht, das Gebiet seines Volkes zu betreten, sofern man es ihnen nicht ausdr�cklich erlaubte; und die Menschen, die die Sithi nicht wenig f�rchteten, gehorchten.�</p><p>�Aber was <emphasis>sind</emphasis> Sithi? Ihr habt gesagt, sie seien kein �Kleines Volk�.�</p><p>Morgenes l�chelte. �Ich wei� dein Interesse zu sch�tzen, Junge � vor allem, wo ich heute noch kein Wort vom T�ten und Verst�mmeln erz�hlt habe! Aber ich w�rde es noch mehr w�rdigen, wenn du nicht so sch�chtern mit dem Besen umgingst. Tanz mit ihm, Junge, tanz mit ihm! Hier, feg das weg, sei so gut.�</p><p>Morgenes trottete zur Wand hin�ber und deutete auf einen Ru�fleck von mehreren Ellen Umfang, der gro�e �hnlichkeit mit einem riesigen Fu�abdruck hatte. Simon beschlo�, keine Fragen zu stellen, und machte sich statt dessen daran, den Fleck von dem wei�verputzten Stein zu kehren.</p><p>�Aaaah! Vielen herzlichen Dank. Das wollte ich schon seit Monaten hier weghaben � seit Allerheiligen letztes Jahr, genau gesagt. Also, wo im Namen der Niederen Vistrils war ich? Oh, deine Frage. Die Sithi? Ja, die waren als erste hier und werden vielleicht noch hier sein, wenn es uns nicht mehr gibt. Wenn es uns <emphasis>alle</emphasis> nicht mehr gibt.</p><p>Sie sind so verschieden von uns wie der Mensch vom Tier � aber trotzdem �hnlich�� Der Doktor unterbrach sich und �berlegte.</p><p>�Um gerecht zu sein, Mensch und Tier in Osten Ard haben nur eine verh�ltnism��ig kurze Lebensspanne, und das trifft auf die Sithi nicht zu. Wenn das Sch�ne Volk auch nicht wirklich unsterblich ist, so doch weit langlebiger als alle Menschen, selbst unser K�nig mit seinen �ber neunzig Jahren. Es kann sein, da� sie �berhaupt nicht sterben, wenn es nicht aus freiem Willen oder durch Gewalt geschieht � vielleicht <emphasis>ist</emphasis> Gewalt sogar etwas Freiwilliges, wenn man ein Sitha ist��</p><p>Morgenes verstummte. Simon starrte ihn mit offenem Mund an.</p><p>�Mach die Klappe zu, Junge, du siehst aus wie Inch. Es ist mein gutes Recht, mich ein bi�chen in meinen Gedanken zu verlieren. Oder m�chtest du lieber wieder zur obersten der Kammerfrauen gehen und ihr zuh�ren?�</p><p>Simons Mund schlo� sich, und er machte sich erneut daran, den Ru� von der Wand zu kehren. Er hatte jetzt den urspr�nglichen Fu�abdruck so ver�ndert, da� die Gestalt eher einem Schaf �hnelte. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, um seine Arbeit zu betrachten. Irgendwo im Nacken juckte ihn die Langeweile: Er hatte den Doktor wirklich gern und war lieber hier als an jedem anderen Ort � aber der alte Mann h�rte ja gar nicht wieder auf! Vielleicht, wenn er oben noch ein bi�chen wegfegte � w�rde es dann aussehen wie ein Hund? Sein Magen knurrte ged�mpft.</p><p>Morgenes fuhr fort � mit, wie Simon fand, vielleicht nicht unbedingt notwendigen Einzelheiten �ber das Zeitalter des Friedens zwischen den Untertanen des alterslosen Erlk�nigs und denen der Empork�mmlinge, der menschlichen Imperatoren.</p><p>�� und so gelangten Sithi und Menschen zu einer Art Gleichgewicht�, erkl�rte der alte Mann. �Sie trieben sogar ein wenig Handel miteinander��</p><p>Simons Magen grollte jetzt laut. Der Doktor l�chelte ein winziges L�cheln und legte die letzte Zwiebel zur�ck, die er gerade vom Tisch genommen hatte.</p><p>�Die Menschen brachten Gew�rze und Farben von den S�dlichen Inseln oder Edelsteine aus den Grianspog<emphasis>-</emphasis>Bergen in Hernystir; daf�r erhielten sie k�stliche Dinge aus den Schatztruhen des Erlk�nigs, kunstreich und geheimnisvoll gefertigte Gegenst�nde.�</p><p>Simons Geduld war zu Ende. �Aber was war mit den Schiffern, den Rimmersm�nnern? Was geschah mit den eisernen Schwertern?� Er sah sich nach etwas E�barem um. Die letzte Zwiebel vielleicht? Vorsichtig schlich er n�her. Morgenes stand mit dem Gesicht zum Fenster. W�hrend er in den grauen Vormittag hinausblickte, steckte Simon das papier�hnliche braune Ding ein und eilte zu dem Fleck an der Wand zur�ck. Die inzwischen wesentlich kleiner gewordene Stelle erinnerte jetzt an eine Schlange.</p><p>Ohne sich vom Fenster abzuwenden, fuhr Morgenes fort: �Ich glaube, in meiner heutigen Geschichte gibt es in der Tat eine ganze Menge friedlicher Zeiten und Leute.� Er wiegte den Kopf und ging an seinen Platz zur�ck. �Der Frieden wird aber bald aufh�ren � nur keine Angst.� Wieder sch�ttelte er den Kopf, und eine d�nne Haarlocke legte sich �ber seine runzlige Stirn. Simon knabberte verstohlen an der Zwiebel.</p><p>�Das goldene Zeitalter von Nabban dauerte etwas �ber vier Jahrhunderte, bis die Rimmersm�nner zum ersten Mal nach Osten Ard kamen. Damals hatte das Nabbanai-Imperium schon begonnen, sich selbst zu vernichten. Tiyagaris' Linie war am Ende ausgestorben, und jeder neue Imperator, der an die Macht kam, war ein anderer Wurf aus dem W�rfelbecher. Einige waren gute M�nner, die das Reich zusammenzuhalten versuchten; andere, wie etwa Crexis der Ziegenbock, waren schlimmer als alle Nordr�uber. Und manche, wie Enfortis, waren einfach nur schwach.</p><p>Es war in Enfortis' Regierungszeit, als die Eisenschwinger kamen. Der Imperator beschlo�, den Norden ganz aufzugeben. Der R�ckzug erfolgte so schnell, da� viele der n�rdlichen Grenzposten sich im Stich gelassen fanden und ihnen nichts �brigblieb, als sich den vorw�rtsdr�ngenden Rimmersm�nnern anzuschlie�en oder zu sterben. Hmmm � langweile ich dich vielleicht, Junge?�</p><p>Simon, der sich an die Wand gelehnt hatte, scho� in die H�he und begegnete Morgenes' wissendem L�cheln.</p><p>�Nein, Doktor, nein! Ich habe nur die Augen zugemacht, um Euch besser lauschen zu k�nnen. Sprecht weiter!�</p><p>Aber tats�chlich machten ihn alle diese Namen, Namen, Namen doch ein bi�chen schl�frig � und er w�nschte sich, der Doktor w�rde sich beeilen und endlich zu den Stellen mit den Schlachten kommen. Andererseits gefiel es ihm, der einzige in der ganzen Burg zu sein, mit dem Morgenes sich unterhielt. Die Kammerm�dchen wu�ten von solchen Dingen gar nichts � <emphasis>M�nnersachen</emphasis>. Was wu�ten M�gde oder Dienstm�dchen von Heeren, Fahnen und Schwertern?</p><p>�Simon?�</p><p>�Ja? Sprecht weiter!� Er wirbelte herum, um den letzten Rest des Flecks zu beseitigen, w�hrend der Doktor weitererz�hlte. Die Wand war sauber. Hatte er fertiggefegt, ohne es zu merken?</p><p>�Nun, ich werde versuchen, die Geschichte ein wenig k�rzer zu fassen, Junge. Wie gesagt, zog Nabban seine Heere aus dem Norden ab und wurde zum ersten Mal ein ausschlie�lich s�dliches Kaiserreich. Nat�rlich war das nur der Anfang vom Ende; im Lauf der Zeit faltete sich das Imperium zusammen wie eine Decke, kleiner und kleiner, bis es heute nicht mehr als ein Herzogtum ist � eine Halbinsel mit ein paar dazugeh�rigen Inseln. Was, im Namen von Paldirs Pfeil, machst du da eigentlich?�</p><p>Simon verrenkte sich wie ein Jagdhund, der sich an einer schwer zug�nglichen Stelle kratzen m�chte. Ja, das war der letzte Rest des Wandschmutzes: ein schlangenf�rmiger Dreckstreifen hinten auf seinem Hemd. Er hatte sich dagegen gelehnt. Verlegen drehte er sich zu Morgenes um, aber der Doktor lachte nur und sprach weiter.</p><p>�Ohne die Garnisonen des Imperiums, Simon, war der Norden ein Chaos. Die Schiffer hatten den n�rdlichsten Teil der Frostmark erobert und nannten ihre neue Heimat Rimmersgard. Damit aber keineswegs zufrieden, stie�en die Rimmersm�nner weiter nach S�den vor und fegten in blutigem Ansturm alles vor sich her. Stapel diese Foliob�nde an der Wand auf, bitte.</p><p>Sie beraubten andere Menschen, zerst�rten ihre Heimat und nahmen viele gefangen; die Sithi traf es am h�rtesten. Sie hielten sie f�r b�se Wesen und jagten das Sch�ne Volk �berall mit Feuer und kaltem Eisen und t�teten sie � Vorsicht mit dem da, sei ein guter Junge.�</p><p>�Da dr�ben, Doktor?�</p><p>�Ja � aber bei Anaxos' Gebeinen, la� sie nicht fallen! Leg sie hin.</p><p>Wenn du w��test, welche gr��lichen mittern�chtlichen Stunden ich auf einem Friedhof in Utanyeat zugebracht habe, um sie in die H�nde zu bekommen! So, schon viel besser.</p><p>Nun waren jedoch die Bewohner von Hernystir � ein stolzes, wildes Volk, das kein Nabbanai-Imperator je wirklich unterworfen hatte � ganz und gar nicht bereit, vor Rimmersgard den Nacken zu beugen. Sie waren entsetzt �ber das, was die Nordleute den Sithi antaten. Von allen Menschen waren die Hernystiri mit dem Sch�nen Volk am besten vertraut � noch heute findet man die Spuren einer uralten Handelsstra�e zwischen dieser Burg und dem Taig von Hernysadharc. Der Herr von Hernystir und der Erlk�nig schlossen einen verzweifelten Bund, und f�r eine Weile geboten sie der Flut aus dem Norden Einhalt.</p><p>Aber selbst ihr vereinter Widerstand konnte nicht ewig dauern. Fingil, der K�nig der Rimmersm�nner, �berrannte die Frostmark und �berschritt die Grenzen zum Gebiet des Erlk�nigs�� Morgenes l�chelte traurig. �Wir kommen jetzt zum Schlu�, junger Simon, hab keine Angst, wir kommen ans Ende von allem �</p><p>Im Jahre 663 erreichten die beiden gewaltigen Heere die Ebenen von Agh Samrath, dem Sommerfeld, im Norden des Gleniwentflusses. F�nf Tage w�hrte das furchtbare, erbarmungslose Gemetzel, und die vereinten Hernystiri und Sithi hielten der Macht der Rimmersm�nner stand. Am sechsten Tage jedoch wurden sie an ihrer ungesch�tzten Flanke verr�terisch von einem Heer von Thrithingsm�nnern �berfallen, die schon seit langem die Reicht�mer des Erkynlandes und der Sithi f�r sich begehrten. Im Schutz der Dunkelheit f�hrten sie einen entsetzlichen Angriff. Die Verteidigung wurde durchbrochen, die Streitmacht der Hernystiri zerschmettert, der Wei�e Hirsch des Hauses Hern in den blutigen Staub getrampelt. Man sagt, zehntausend M�nner aus Hernystir seien an diesem Tag auf dem Schlachtfeld gefallen. Niemand wei�, wie viele Sithi starben, aber auch ihre Verluste waren schrecklich. Die �berlebenden Hernystiri flohen in die W�lder ihrer Heimat zur�ck. Heute ist Agh Samrath in Hernystir ein Name, der nur Ha� und Verlust bedeutet.�</p><p>�<emphasis>Zehntausend!</emphasis>� Simon stie� einen Pfiff aus. Seine Augen gl�nzten, so furchtbar und gro�artig war das alles.</p><p>Morgenes quittierte den Gesichtsausdruck des Jungen mit einer kleinen Grimasse, sagte jedoch nichts dazu.</p><p>�Das war der Tag, an dem die Vorherrschaft der Sithi in Osten Ard endete, auch wenn es drei lange Belagerungsjahre dauerte, bis Asu'a den siegreichen Nordm�nnern in die H�nde fiel. H�tte nicht der Sohn des Erlk�nigs unheimliche, schreckliche Zauberk�nste ge�bt, w�rde wahrscheinlich kein einziger Sitha den Fall der Burg �berlebt haben. So aber blieben viele am Leben, flohen in die W�lder oder nach S�den oder � an andere Orte.�</p><p>Jetzt war Simons Aufmerksamkeit gebannt, als h�tte man sie festgenagelt. �Und der Sohn des Erlk�nigs? Wie hie� er? Was f�r einen Zauber hat er benutzt?� Ein pl�tzlicher Einfall: �Und was ist mit Johan dem Priester? Ich dachte, Ihr wolltet mir auch vom K�nig erz�hlen!�</p><p>�Ein andermal, Simon.� Morgenes f�chelte sich mit einem Sto� hauchd�nnen Pergaments die Stirn, obwohl es recht k�hl im Zimmer war. �Es gibt noch viel zu erz�hlen �ber die dunklen Zeiten nach Asu'as Fall, viele Geschichten. Die Rimmersm�nner haben hier geherrscht, bis der Drache kam. In sp�teren Jahren, als der Drache schlief, hielten wieder andere die Burg. Viele Jahre vergingen, und mehrere K�nige herrschten auf dem Hochhorst, viele dunkle Jahre und viele Tode, bis Johan kam�� Er verstummte und fuhr sich mit der Hand �ber das Gesicht, als wollte er die M�digkeit abstreifen.</p><p>�Aber was wurde aus dem Sohn des Sithik�nigs?� fragte Simon erneut. �Und was war das f�r ein �unheimlicher Zauber�?�</p><p>��ber den Sohn des Erlk�nigs � spricht man besser nicht.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>�Genug gefragt, Junge!� knurrte Morgenes und wedelte mit den H�nden. �Ich bin m�de vom Reden!�</p><p>Simon war gekr�nkt. Er hatte ja nur die ganze Geschichte h�ren wollen; warum regten sich Erwachsene so leicht auf? Aber man durfte schlie�lich nicht das Huhn schlachten<emphasis>,</emphasis> das die goldenen Eier legte.</p><p>�Tut mir leid<emphasis>,</emphasis> Doktor.� Er strengte sich an, ein reuiges Gesicht zu machen, aber der alte Gelehrte mit seinem rosigen, ger�teten Affengesicht und den widerspenstig in die H�he stehenden Haarstr�hnen sah einfach zu komisch aus. Simon f�hlte, wie ein L�cheln seine Lippen kr�uselte. Morgenes sah es, bewahrte jedoch die strenge Miene.</p><p>�Wirklich, es tut mir leid.� Unver�ndert. Was sollte er noch versuchen? �Ich danke Euch, da� Ihr mir diese Geschichten erz�hlt habt.�</p><p>�Keine Geschichten!� br�llte Morgenes. �<emphasis>Geschichte!</emphasis> Und jetzt fort mit dir! Komm morgen fr�h wieder und stell dich aufs Arbeiten ein, denn du hast ja noch nicht einmal mit der Arbeit von heute richtig angefangen!�</p><p>Simon stand auf. Er gab sich M�he, das L�cheln zu unterdr�cken, aber als er sich umdrehte und gehen wollte, ri� es sich los und legte sich �ber sein Gesicht wie eine Bandschlange. Als sich hinter ihm die T�r schlo�, h�rte er Morgenes fluchen, welche unirdischen D�monen ihm schon wieder den Porterkrug versteckt h�tten.</p><empty-line/><p>Die Nachmittagssonne stach durch Risse in den schweren Wolken, als Simon zum Inneren Zwinger zur�ckging. �u�erlich betrachtet, schien er zu tr�deln und Maulaffen feilzuhalten, ein langer, schlaksiger, rothaariger Junge in staubverkrusteter Kleidung. In seinem Inneren aber wimmelte es von sonderbaren Gedanken, ein Bienenstock voller summender, murmelnder Sehns�chte.</p><p><emphasis>Schau diese Burg an</emphasis>, dachte er � alt und tot, Stein auf leblosen Stein gepre�t, ein Felshaufen, von kleingeistigen Kreaturen bewohnt. Aber das war einmal anders gewesen. Gro�e Dinge hatten sich hier ereignet. H�rner waren erklungen, Schwerter hatten geglitzert, gro�e Heere waren aufeinandergesto�en und wieder zur�ckgeprallt wie die Wogen des Kynslagh, die an die Seetor-Mauer schlugen. Jahrhunderte waren seitdem vergangen, aber Simon schien es, als geschehe es gerade jetzt und nur f�r ihn, w�hrend das langsame, vernunftlose Volk, das die Burg mit ihm teilte, vor�berkroch, im Kopf nur die n�chste Mahlzeit und das Nickerchen unmittelbar danach.</p><p><emphasis>Dummk�pfe.</emphasis></p><p>Als er durch das hintere Tor trat, fiel ihm ein Lichtschimmer ins Auge und lenkte seinen Blick auf den Umgang oben auf dem Hjeldin-Turm. Ein M�dchen stand dort, bunt und klein wie ein Schmuckst�ck; ihr gr�nes Kleid und goldenes Haar fingen den Sonnenstrahl auf, als w�re er wie ein Pfeil vom Himmel allein auf sie gezielt gewesen. Simon konnte ihr Gesicht nicht erkennen, aber irgendwie wu�te er genau, da� sie sch�n war � sch�n und gro�m�tig wie das Bildnis der Unbefleckten Elysia, das in der Kapelle stand.</p><p>Sekundenlang entflammte ihn der gr�ngoldene Blitz wie ein Funke, der in trockenes Holz f�llt. Er sp�rte, wie aller �rger und Groll, die er mit sich herumgeschleppt hatte, verschwanden, in einer hastigen Sekunde zu Asche verbrannt. Er f�hlte sich leicht und voller Auftrieb wie Schwanenflaum, die Beute jedes kleinen Windes, der ihn fort blies, ihn vielleicht emportrug zu jenem goldenen Glanz.</p><p>Dann l�ste er den Blick von dem wunderbaren, gesichtslosen M�dchen und sah hinunter auf die eigenen, zerrissenen Kleider. Rachel wartete, und sein Essen war kalt geworden. Eine vertraute, unbestimmte Last kletterte zur�ck auf ihren angestammten Sitz, beugte seinen Nacken und lie� die Schultern herabfallen, als er zu den Dienstbotenquartieren hin�berstapfte.</p></section><section><title><p>V</p><p>Das Turmfenster</p></title><p>Der Novander verspr�hte in Wind und zartem Schnee; geduldig wartete der Decander, das Jahresende am Mantelsaum.</p><p>Nachdem K�nig Johan Presbyter seine beiden S�hne zum Hochhorst zur�ckberufen hatte, erkrankte er aufs neue und zog sich wieder in sein abgedunkeltes Zimmer zur�ck, umschw�rmt von Wund�rzten, gelehrten Doktoren und scheltenden, besorgten Leibdienern. Von Sankt Sutrin, der gro�en Kirche von Erchester, rauschte Bischof Domitis herbei und etablierte sich am Krankenbett, wo er den K�nig zu jeder Tages- und Nachtzeit aus dem Schlaf r�ttelte, um Webmuster und Gewicht der k�niglichen Seele zu inspizieren. Der alte, immer schw�cher werdende Mann ertrug Schmerz und Priester mit stoischer Tapferkeit.</p><p>In der winzigen Kammer neben dem Gemach des K�nigs, die seit vierzig Jahren von Strupp bewohnt wurde, lag einge�lt in seiner in feines Leinen gewickelten Scheide das Schwert Hellnagel ganz unten in der Eichentruhe des Narren.</p><empty-line/><p>Weit und breit �ber das breite Antlitz von Osten Ard flog das Wort: Johan der Priester liegt im Sterben. Sofort schickten Hernystir im Westen und das n�rdliche Rimmersgard Gesandtschaften ans Bett des dahingestreckten Erkynlandes. Der alte Herzog Isgrimnur, Johans Tischgenosse zur Linken an der Gro�en Tafel, brachte f�nfzig Rimmersm�nner aus Elvritshalla und Naarved, die ganze Gesellschaft f�r die Durchquerung der winterlichen Frostmark von Kopf bis Fu� in Pelze und Leder geh�llt. Nur zwanzig Hernystiri begleiteten K�nig Lluths Sohn Gwythinn, aber das helle Gold und Silber, das sie trugen, blitzte wacker und �berstrahlte das �rmliche Tuch ihrer Kleidung.</p><p>Die Burg begann sich mit der Musik lange Zeit nicht mehr vernommener Sprachen zu beleben, Rimmerspakk und Perdruinesisch und Harcha-Zunge. Die rollende Inselmundart von Naraxi schwebte durch den Torhof, und die St�lle hallten wider von dem auf- und absteigenden Singsang der Thrithing-M�nner � die Grasl�nder f�hlten sich immer am wohlsten bei den Pferden. �ber diesen und allen anderen Sprachen hing die dr�hnende Redeweise Nabbans, die gesch�ftige Zunge der Mutter Kirche und ihrer �donitischen Priester, die sich wie immer sofort um das Kommen und Gehen der Menschen und um ihre Seelen k�mmerten.</p><p>Auf dem hohen Hochhorst und unten in Erchester trafen sich diese kleinen Heere von Fremden und flossen wieder auseinander, meist ohne Zwischenf�lle. Obwohl viele der V�lker einst Erbfeinde gewesen waren, hatten fast achtzig Jahre unter dem Schutz des Hochk�nigs viele Wunden heilen lassen. Es wurden mehr Viertelpinten Bier als harte Worte getauscht.</p><p>Eine �rgerliche Ausnahme gab es von dieser Regel der Eintracht, aber eine, die man nur schwer �bersehen oder mi�verstehen konnte. Wo immer sie einander begegneten, unter den breiten Toren des Hochhorstes oder in den schmalen Gassen von Erchester, gerieten Prinz Elias' gr�nuniformierte Soldaten und Prinz Josuas Gefolgsm�nner in ihren grauen Hemden aneinander, stritten sich und spiegelten �ffentlich den privaten Zwist der K�nigss�hne wider. Johans Erkyngarde mu�te mehrfach eingreifen, um unerfreuliche Auseinandersetzungen zu schlichten. Schlie�lich erhielt ein Anh�nger Josuas einen Dolchstich von einem jungen Adligen aus Meremund, der ein enger Freund des Thronerben war. Zum Gl�ck trug Josuas Mann keine ernstliche Verletzung davon � der Stich geschah im Rausch und war schlecht gezielt �, und die Parteig�nger mu�ten sich den tadelnden Worten der �lteren H�flinge f�gen. Die Truppen der beiden Prinzen kehrten zu kalten Blicken und h�hnischen Bemerkungen zur�ck; offenes Blutvergie�en wurde vermieden.</p><p>Es waren seltsame Tage in Erkynland und ganz Osten Ard, Tage, von Sorge und Aufregung gleicherma�en belastet. Der K�nig war noch nicht tot, aber es schien, als werde er es sehr bald sein. Die ganze Welt ver�nderte sich � wie konnte irgend etwas bleiben wie zuvor, wenn Johan der Priester nicht mehr auf dem Drachenbeinthron sa�?</p><empty-line/><p>�Udunstag: Traum � Drorstag: besser � Fraytag: am best� Satrinstag: Markttag � Sonntag: im Nest!�</p><p>Simon nahm die knarrenden Stufen immer zwei auf einmal und sang, so laut er konnte, den alten Reim. Fast h�tte er Sophrona, die W�schebeschlie�erin, umgerannt, die ein Geschwader mit Decken beladener M�gde durch das Tor zum Kieferngarten f�hrte. Mit einem kleinen Aufkreischen warf sie sich gegen den Torpfosten, als Simon vor�bersauste, und drohte dann mit d�rrer Faust seinem davoneilenden R�cken nach.</p><p>�Ich sag's Rachel!� rief sie. Ihre Sch�tzlinge unterdr�ckten das Lachen.</p><p>Wer scherte sich um Sophrona? Heute war Satrinstag � Markttag �, und die K�chin Judith hatte Simon zwei Pfenninge gegeben, um ein paar Sachen f�r sie einzukaufen, und dazu ein Fithingst�ck � wunderbarer Satrinstag! �, das er f�r sich selbst verwenden durfte. Die M�nzen klingelten lieblich und anregend in seinem ledernen Geldbeutel, w�hrend er sich wie auf einer Spirale durch die meilenweiten, langen<emphasis>,</emphasis> kreisf�rmigen H�fe der Burg hinaus ins Freie bewegte, durch das Tor des Inneren Zwingers in den Mittleren Zwinger, der im Augenblick fast leer war, weil seine sonstigen Bewohner, Soldaten und Handwerker, zum gr��ten Teil entweder Dienst hatten oder den Markt besuchten.</p><p>Der Burganger im �u�eren Zwinger wimmelte von Vieh, das sich in der K�lte ungl�cklich aneinanderdr�ngte und von kaum fr�hlicher dreinschauenden Hirten bewacht wurde. Simon trabte an den Reihen niedriger H�user, Lagerr�ume und St�lle vorbei, von denen manche so alt und derart von winternacktem Efeu �berwuchert waren, da� sie nur warzige Ausw�chse der inneren Mauer des Hochhorstes zu sein schienen.</p><p>Durch die Wolken glitzerte die Sonne auf den Steinschnitzereien, die das m�chtige Chalzedon<emphasis>-</emphasis>Antlitz des Nerulagh<emphasis>-</emphasis>Tores dicht bedeckten. Simon, der jetzt etwas langsamer vorantrottete und den Pf�tzen auswich, starrte mit offenem Mund auf die verschlungenen Darstellungen von K�nig Johans Sieg �ber Ardrivis � jener Schlacht, die Nabban endlich unter die Hand des K�nigs gebracht hatte. Pl�tzlich drangen der L�rm schneller Hufe und das schrille Quietschen von Wagenr�dern an sein Ohr. Als er entsetzt aufblickte, fand er sich den wei�en, rollenden Augen eines durch das Nerulagh-Tor heranst�rmenden Pferdes gegen�ber, unter dessen Hufen der Schlamm aufspritzte. Simon warf sich zur Seite und sp�rte einen kalten Windsto� im Gesicht, als das Pferd vorbeidonnerte, wobei der Wagen, den es hinter sich herzog, wild schwankte. Er erhaschte einen kurzen Blick auf den Lenker, der in einen dunklen, scharlachgef�tterten Kapuzenmantel gekleidet war. Die Augen des Mannes durchbohrten ihn, w�hrend der Wagen davonsauste; sie waren schwarz und gl�nzend wie die grausamen Knopfaug�pfel eines Hais. So fl�chtig der Kontakt auch war, Simon kam es vor, als <emphasis>versenge</emphasis> ihn der Blick des Wagenlenkers. Er taumelte zur�ck, klammerte sich an die steinerne Toreinfassung und sah zu, wie der Wagen in der Fahrspur um den �u�eren Zwinger verschwand. Hinter ihm gackerten und flatterten H�hner, soweit sie nicht zerquetscht und blutig in der ausgefahrenen Radspur lagen. Lehmverschmutzte Federn schwebten zur Erde.</p><p>�He, Junge, du bist doch nicht verletzt?� Einer der Torw�chter zog Simons zitternde Hand von den Schnitzereien herunter und stellte ihn wieder auf die Beine. �Dann schau, da� du weiterkommst.�</p><p>Schnee tanzte in der Luft und haftete schmelzend an seinen Wangen, als Simon sich auf den langen Weg bergab nach Erchester machte. Das Klingeln der M�nzen in seiner Tasche folgte jetzt dem langsameren Rhythmus seiner wackligen Knie.</p><p>�Dieser Priester ist verr�ckt wie der Mond�, h�rte Simon den W�chter zu seinem Kameraden am Tor sagen. �W�re er nicht einer von Prinz Elias' M�nnern��</p><p>Drei kleine Kinder, die mit ihrer m�hsam kletternden Mutter den feuchten Bergweg hinaufstiegen, deuteten auf den langbeinigen Simon, als er an ihnen vorbeilief, und lachten �ber den Ausdruck seines blassen Gesichtes.</p><p>Die Mittelgasse war auf ganzer L�nge mit zusammengen�hten Tierh�uten �berdacht, die oberhalb der breiten Durchfahrt von einem Geb�ude zum andern reichten. An jeder Wegkreuzung hatte man gro�e, steinerne Feuerstellen errichtet, deren Rauch gr��tenteils, wenn auch gewi� nicht ganz und gar, durch L�cher im Zeltdach nach oben abzog. Schnee, der durch diese �Kamin�ffnungen� fiel, zischte und dampfte in der hei�en Luft. Leute aus Erchester und vom Hochhorst w�rmten sich an den Flammen oder schlenderten schwatzend umher, wobei sie verstohlen die auf allen Seiten zur Schau gestellten Waren musterten. Unter sie mischten sich Bewohner entfernterer Lehen, und alles dr�ngte auf die breite Mittelgasse, die sich �ber zwei volle Meilen erstreckte, vom Nerulagh-Tor bis zum Platz der Schlachten am anderen Ende der Stadt. Im Strom dieser Menschenansammlung sch�pfte Simon neuen Mut. Was k�mmerte ihn ein betrunkener Priester? Schlie�lich war Markttag!</p><p>Heute war das gew�hnliche Heer von Marktleuten, fliegenden H�ndlern mit schrillen Stimmen, gaffenden Provinzlern, Spielern, Beutelschneidern und Musikanten noch viel gr��er als sonst, vermehrt durch die Soldaten der verschiedenen Abordnungen an den Hof des sterbenden K�nigs. Rimmersmann, Hernystiri, Warinstenner oder Perdruinese � ihr Stolzieren und die bunten Trachten reizten Simons Elsterngeschmack. Er folgte einer Gruppe in Blau und Gold gekleideter Nabbanai-Legion�re, bewunderte ihr prahlerisches Auftreten und die zur Schau getragene �berlegenheit und verstand ohne Sprachkenntnisse die l�ssige Art, in der sie sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf warfen. Gerade wollte er n�her herangehen, weil er hoffte, die kurzen Dolchschwerter, die sie in einer Scheide hoch am G�rtel trugen, etwas genauer betrachten zu k�nnen, als einer von ihnen, ein hell�ugiger Mann mit d�nnem, schwarzem Schnurrbart, sich umdrehte und ihn bemerkte.</p><p>�Heja, Br�der!� sagte er mit einem Grinsen und packte einen anderen am Arm. �Schaut doch! Ein junger Taschendieb, wette ich, der ein Auge auf deinen Geldbeutel hat, Turis!�</p><p>Beide M�nner machten kehrt und bauten sich vor Simon auf. Der St�mmige, B�rtige namens Turis warf dem Jungen einen grimmigen Blick zu und knurrte: �Wenn mich ber�hrt<emphasis>,</emphasis> dann ich w�rde t�ten.�</p><p>Er beherrschte die Westerling-Sprache nicht so gut wie der andere; auch schien ihm dessen Humor abzugehen.</p><p>Inzwischen waren drei andere Legion�re hinzugekommen; langsam begannen sie Simon einzukreisen, bis er sich vorkam wie ein in die Enge getriebener Fuchs.</p><p>�Was gibt es hier, Gelles?� fragte einer der Neuank�mmlinge Turis' Begleiter. �<emphasis>Hu� fauge?</emphasis> Hat er gestohlen?�</p><p>�<emphasis>Nai, nai�</emphasis>�, lachte Gelles, �ich habe nur Turis ein wenig geneckt. Der d�rre Bengel hat nichts angestellt.�</p><p>�Ich habe meinen eigenen Geldbeutel!� sagte Simon emp�rt. Er kn�pfte ihn vom G�rtel und schwang ihn vor den feixenden Gesichtern der Soldaten. �Ich bin kein Dieb! Ich geh�re zum Haushalt des K�nigs! <emphasis>Eures</emphasis> K�nigs!� Die M�nner lachten.</p><p>�Heja, h�rt ihn euch an!� rief Gelles. �<emphasis>Unser</emphasis> K�nig, sagt er k�hn!�</p><p>Simon wurde langsam klar, da� der junge Legion�r betrunken war. Ein Teil seiner Bewunderung � aber bei weitem nicht alle � verwandelte sich in Abscheu.</p><p>�Heja, Burschen!� Gelles wackelte mit den Augenbrauen. ��<emphasis>Mulveiz-nei cenit drenisend</emphasis>� hei�t es � also h�ten wir uns vor diesem Welpen und lassen ihn schlafen!� Ein neuer Heiterkeitsausbruch folgte. Simon, feuerrot im Gesicht, zurrte seinen Geldbeutel wieder fest und wollte sich entfernen.</p><p>�Auf Wiedersehen, Burgmaus!� rief ihm einer der Soldaten sp�ttisch nach. Simon schaute sich nicht um und erwiderte auch nichts, sondern eilte rasch davon.</p><p>Schon hatte er einen der Stein�fen passiert und die �berdachte Mittelgasse verlassen, als er eine Hand auf der Schulter f�hlte. Er fuhr herum, weil er dachte, die Nabbanai-Legion�re seien ihm gefolgt, um ihn noch weiter zu kr�nken, aber vor ihm stand ein rundlicher Mann mit wettergegerbtem, rosigem Gesicht. Der Fremde trug das graue Gewand und die Tonsur eines Bettelm�nches.</p><p>�Vergebung, mein junger Bursche�, sagte er im schnalzend-schnarrenden Tonfall der M�nner von Hernystir, �ich wollte mich nur vergewissem, da� du wohlbehalten bist und diese <emphasis>goirach</emphasis> Kerle dir nichts angetan haben.� Der Fremde streckte die Hand aus und klopfte Simon ab, als suche er nach Sch�den. Seine schwerlidrigen Augen, wenn auch von Falten umgeben, die auf ein h�ufiges L�cheln schlie�en lie�en, hielten etwas zur�ck: einen tieferen Schatten, beunruhigend, doch nicht furchteinfl��end. Simon merkte, da� er ihn, fast gegen seinen Willen, anstarrte und scheute zur�ck.</p><p>�Nein, danke, Vater�, erwiderte er und benutzte vor Schreck die f�rmliche Anrede. �Sie haben sich nur �ber mich lustig gemacht. Es ist nichts passiert.�</p><p>�Gut ist das, sehr gut � Oh, verzeih mir, ich habe mich nicht vorgestellt. Ich bin Bruder Cadrach ec-Crannhyr vom Orden der Vilderivaner.� Er setzte ein kleines, dem�tiges L�cheln auf. Sein Atem roch nach Wein. �Ich kam mit Prinz Gwythinn und seinen M�nnern. Und wer bist du?�</p><p>�Simon. Ich wohne auf dem Hochhorst.� Er machte eine unbestimmte Geb�rde zur Burg hinauf.</p><p>Der M�nch l�chelte erneut, sagte aber nichts und wandte sich dann um, einem vor�bergehenden Hyrkamann nachzuschauen, der, in schreiendbunte Farben gekleidet, einen B�ren mit Maulkorb an der Kette f�hrte. Als das Paar vorbei war, heftete Cadrach die kleinen, scharfen Augen wieder auf Simon.</p><p>�Manche Leute behaupten, die Hyrkas k�nnten mit Tieren sprechen, wu�test du das? Vor allem mit ihren Pferden. Die Tiere sollen jedes Wort verstehen.� Der M�nch zuckte ironisch die Achseln, um anzudeuten, da� ein Gottesmann solchen Unsinn nat�rlich nicht glauben konnte.</p><p>Simon gab keine Antwort. Selbstverst�ndlich hatte er auch schon solche Geschichten �ber die wilden Hyrkam�nner geh�rt, und Shem Pferdeknecht schwor, sie w�ren die reine Wahrheit. Man sah die Hyrkas oft auf dem Markt, wo sie wundersch�ne Pferde zu schamlosen Preisen verkauften und die Einwohner mit Tricks und R�tseln verwirrten. Beim Gedanken an sie und besonders ihren alles andere als ehrenhaften Ruf griff Simon nach unten und packte seinen ledernen Geldbeutel, um sich zu vergewissern, da� er die Sch�tze darin noch f�hlen konnte.</p><p>�Ich danke Euch f�r Eure Hilfe, Vater�, meinte er endlich, obwohl er sich nicht recht erinnern konnte, womit der Mann ihm geholfen haben sollte. �Ich mu� jetzt gehen und Gew�rze einkaufen.�</p><p>Cadrach sah ihn einen langen Augenblick an, als versuche er, sich an etwas zu erinnern, einen Hinweis, der vielleicht in Simons Gesicht verborgen war. Dann erkl�rte er: �Ich w�rde dich gern um einen Gefallen bitten, junger Mann.�</p><p>�Welchen?� erkundigte Simon sich mi�trauisch. �Wie erw�hnt, bin ich in deinem Erchester fremd. Vielleicht k�nntest du so gut sein und mich ein wenig herumf�hren, nur so zur Orientierung. Dann k�nntest du deiner Wege gehen und h�ttest eine gute Tat getan.�</p><p>�Oh.� Simon f�hlte sich ein wenig erleichtert. Seine erste Regung war gewesen, nein zu sagen � es kam so selten vor, da� er einen Nachmittag auf dem Markt ganz f�r sich allein hatte. Andererseits � wie oft fand er Gelegenheit, mit einem �doniterm�nch aus dem heidnischen Hernystir zu plaudern? Auch schien dieser Bruder Cadrach nicht zu denen zu geh�ren, die einem nur Vortr�ge �ber S�nde und Verdammnis halten wollten. Er betrachtete den anderen noch einmal von oben bis unten, aber das Gesicht des M�nches blieb undurchschaubar.</p><p>�Also gut, ich denke, das kann ich tun � sicher. Kommt mit. Wollt Ihr die Nascadu-T�nzer auf dem Platz der Schlachten sehen?�</p><empty-line/><p>Cadrach war ein interessanter Begleiter. Obwohl er viel redete, Simon von der kalten Reise mit Prinz Gwythinn von Hernysadharc nach Erchester erz�hlte und h�ufig Scherze �ber die Vor�bergehenden und ihre mehr oder weniger exotischen Kost�me machte, schien er doch immer etwas zur�ckzuhalten und st�ndig nach irgend etwas auszuschauen, selbst dann, wenn er �ber seine eigenen Geschichten lachte. Einen guten Teil des Nachmittags wanderte er mit Simon �ber den Markt. Sie besahen sich die Tische mit Kuchen und ged�rrtem Gem�se, die vor den Ladenfronten der Mittelgasse standen, und rochen die warmen D�fte der Brotb�cker und Kastanienverk�ufer. Der M�nch bemerkte Simons sehns�chtigen Blick und bestand darauf, da� sie haltmachten und ein grobes Strohk�rbchen mit ger�steten N�ssen kauften, das er freundlich bezahlte, indem er dem Maronenmann mit dem rissigen Gesicht ein behende aus einer Tasche seiner grauen Kutte zutage gef�rdertes Halbfithingst�ck gab. Nachdem sie sich beim Versuch, das Nu�fleisch zu essen, Finger und Zungen verbrannt hatten, kapitulierten sie und blieben stehen, um den komischen Streit zwischen einem Weinh�ndler und einem Gaukler, der den Eingang des Weinladens versperrte, zu verfolgen, w�hrend sie darauf warteten, da� ihr Einkauf abk�hlte.</p><p>Als n�chstes sahen sie einem Usires-Spiel zu, das vor einer Meute kreischender Kinder und hingerissener Erwachsener aufgef�hrt wurde. Die Puppen h�pften auf und ab und machten ihre Verbeugungen; Usires in seinem wei�en Gewand wurde vom Imperator Crexis mit Ziegenh�rnern und Bart verfolgt, der eine lange Hellebarde mit Widerhaken an der Spitze schwang. Endlich wurde Usires gefangengenommen und am Hinrichtungsbaum aufgeh�ngt. Crexis sprang mit schrillen Rufen um den Baum herum und stach und qu�lte den an das Holz genagelten Erl�ser. Die Kinder, in wilder Aufregung, schrien dem Bockspr�nge machenden Imperator Beschimpfungen zu.</p><p>Cadrach stie� Simon in die Seite. �Siehst du?� fragte er und zeigte mit einem dicken Finger auf die Vorderseite der Puppenb�hne. Der Vorhang, der bis auf den Boden hinunterhing, wogte wie in einem starken Wind. Wieder stie� Cadrach Simon an.</p><p>�W�rdest du nicht auch sagen, da� das eine gro�artige Darstellung Unseres Herrn ist?� fragte er, den Blick unverwandt auf das flatternde Tuch gerichtet. Oben tanzte Crexis herum, und Usires litt. �W�hrend der Mensch seine Vorstellung gibt, bleibt der Spielleiter unsichtbar; wir kennen ihn nicht von Angesicht, sondern erkennen ihn nur an der Art, wie seine Puppen sich bewegen. Und manchmal bewegt sich ganz leicht der Vorhang, der ihn vor seinem getreuen Publikum verbirgt. Ach, und wie dankbar sind wir schon f�r die blo�e Bewegung hinter dem Vorhang � dankbar!�</p><p>Simon glotzte. Endlich l�ste Cadrach den Blick vom Puppentheater und sah Simon in die Augen. Ein seltsames, trauriges L�cheln kr�uselte den Mundwinkel des M�nchs und pa�te ausnahmsweise zum Ausdruck seiner Augen.</p><p>�Ach, Junge�, erkl�rte er, �was solltest du auch schon von Fragen der Religion verstehen?�</p><p>Noch eine Weile schlenderten sie auf und ab, bis Bruder Cadrach sich endlich mit vielem Dank f�r die Gastfreundschaft von dem jungen Mann verabschiedete. Als der M�nch gegangen war, streunte Simon noch lange ziellos umher, und fr�he Dunkelheit bedeckte bereits die St�cke Himmel, die durch das Zeltdach sichtbar waren, als ihm endlich sein Auftrag wieder einfiel und er zur Bude des Gew�rzkr�mers eilte. Dort entdeckte er, da� sein Geldbeutel verschwunden war.</p><p>Simons Herz schlug mit dreifacher Geschwindigkeit, als er voller Panik zur�ckdachte. Er wu�te, da� er den Beutel noch am G�rtel gesp�rt hatte, als Cadrach und er stehengeblieben und Maronen gekauft hatten; aber er konnte sich nicht erinnern, ob er ihn im weiteren Verlauf des Nachmittags noch gehabt hatte. Wann immer er aber auch weggekommen war, jetzt war er jedenfalls nicht mehr da � und mit ihm nicht nur sein eigenes Fithingst�ck, sondern auch die beiden Pfenninge, die Judith ihm anvertraut hatte!</p><p>Vergeblich suchte er den Markt ab, bis die Himmelsl�cher so schwarz geworden waren wie ein alter Kessel. Der Schnee, den er vorher kaum wahrgenommen hatte, schien ihm sehr kalt und sehr na�, als er mit leeren H�nden auf die Burg zur�ckkehrte.</p><empty-line/><p>Schlimmer als eine Tracht Pr�gel war, wie Simon herausfand, als er ohne Gew�rze und Geld sein Heim erreichte, der entt�uschte Blick der guten, dicken, mehlbest�ubten Judith. Auch Rachel bediente sich dieses unfairsten aller Schachz�ge, indem sie ihm keine schmerzhaftere Strafe auferlegte als ihren angewiderten Gesichtsausdruck, voller Abscheu �ber sein kindisches Benehmen, und ihm versprach, da� er sich �die Finger bis auf die Knochen abarbeiten� w�rde, um das Geld wieder zu verdienen. Selbst Morgenes, zu dem Simon in halber Hoffnung auf Mitgef�hl lief, schien �ber die Unachtsamkeit des Jungen ein wenig �berrascht zu sein. Insgesamt hatte Simon, auch wenn ihm die Pr�gel erspart geblieben waren, sich noch nie so elend gef�hlt und sich selbst derartig bedauert.</p><empty-line/><p>Sonntag kam und ging, ein dunkler, matschiger Tag, an dem sich der gr��te Teil der Dienerschaft auf dem Hochhorst in der Kapelle aufzuhalten und ein Gebet f�r K�nig Johan zu sprechen schien. Simon hatte genau dieses juckende, gereizte Gef�hl, bei dem man am liebsten gegen irgend etwas treten m�chte, das er normalerweise durch einen Besuch bei Morgenes oder einen Streifzug ins Freie bes�nftigen konnte. Aber der Doktor war besch�ftigt � er hatte sich mit Inch eingeschlossen und arbeitete an etwas, das nach seinen eigenen Worten umfangreich, gef�hrlich und leicht in Brand zu setzen war; Simon wurde dabei nicht gebraucht. Und das Wetter drau�en war so kalt und unfreundlich, da� er sich bei aller Unruhe nicht aufraffen konnte, irgendwo umherzustreifen. So verbrachte er den endlosen Nachmittag mit Jeremias, dem dicken Lehrling des Wachsziehers. Die beiden warfen Steine von einem der T�rmchen der Inneren Zwingermauer und stritten sich eher gelangweilt, ob die Fische im Burggraben im Winter erfroren oder, falls nicht, wohin sie gingen, bis es wieder Fr�hling wurde.</p><empty-line/><p>Die K�lte drau�en, und mit ihr die andere Art K�lte in den Dienstbotenquartieren, hielt auch am Mondtag an, als Simon aufstand. Er f�hlte sich k�mmerlich und unbehaglich. Auch Morgenes schien bedr�ckter und ungeselliger Stimmung zu sein, so da� Simon, sobald er seine Arbeit in der Wohnung des Doktors erledigt hatte, etwas Brot und K�se aus dem Speiseschrank der Anrichte stibitzte und sich fortschlich, um allein zu sein.</p><p>Eine Weile dr�ckte er sich am Archivsaal im Mittleren Zwinger herum und lauschte den trockenen, insektenhaften Ger�uschen der Schreibpriester. Nach einer Stunde jedoch kam es ihm langsam so vor, als sei es seine eigene Haut, auf der die Federn der Schreiber herumkratzten und kratzten und kratzten�</p><p>Er beschlo�, sein Essen mitzunehmen und die Treppe zum Gr�nengel-Turm hinaufzuklettern, etwas, das er nicht mehr getan hatte, seitdem das Wetter umgeschlagen war. Weil der K�ster Barnabas ihn aber mit demselben Vergn�gen von dort verjagen w�rde, mit dem er sich m�hte, in den Himmel zu kommen, entschied sich Simon, die Strecke �ber die Kapelle zum Turm g�nzlich zu vermeiden und lieber seinen privaten Geheimpfad zu den oberen Stockwerken einzuschlagen. Er kn�pfte seine Mahlzeit fest ins Taschentuch und machte sich auf den Weg.</p><p>W�hrend er durch die scheinbar endlosen Hallen der Kanzlei lief und dabei immer wieder von �berdachtem Gang in offenen Hof und von neuem unter Dach kam � dieser Teil der Burg wimmelte von kleinen, rings ummauerten H�fen �, vermied er es abergl�ubisch, zum Turm hinaufzusehen. Au�ergew�hnlich schlank und bleich beherrschte dieser die S�dwestecke des Hochhorstes wie eine Birke einen Steingarten, so unfa�bar hoch und schmal, da� es von unten fast aussah, als stehe er auf irgendeinem fernen Berghang, viele Meilen jenseits der Burgmauer. Simon an seinem Fu� konnte den Turm im Wind beben h�ren wie eine Lautensaite, straff �ber einen himmlischen Wirbel gespannt.</p><p>Die ersten vier Stockwerke des Gr�nengel-Turms sahen nicht anders aus als die der sonstigen Geb�ude auf der Burg. Fr�here Gebieter des Hochhorstes hatten seinen schmalen Sockel in Vormauern und Zinnen aus Granit geh�llt, ob aus dem berechtigten Wunsch nach mehr Sicherheit oder deshalb, weil die Fremdartigkeit des Turms sie beunruhigte, konnte niemand mehr wissen. �ber der H�he der den Turm umschlie�enden Zwingermauer endete diese Panzerung; nackt strebte der Turm nach oben, ein sch�nes Albinowesen, das aus seiner unscheinbaren Verpuppung schl�pfte. Balkone und Fenster mit fremdartigen, abstrakten Mustern waren unmittelbar in die gl�nzende Oberfl�che des Steins gemei�elt, �hnlich den geschnitzten Walz�hnen, die Simon schon oft auf dem Markt gesehen hatte. Von der Turmspitze schimmerte ein fernes Feuer aus Kupfergold und Gr�n: ein weiblicher Engel, den einen Arm wie abschiednehmend ausgestreckt, mit dem anderen die Augen beschattend, mit denen er nach Osten in die Ferne blickte.</p><empty-line/><p>Die riesige, l�rmende Staatskanzlei war heute noch verwirrender als sonst. Vater Helfcenes in Kutten geh�llte Gehilfen eilten hin und her und von einem Raum zum andern oder dr�ngten sich zu zitternd gef�hrten Debatten in der kalten, schneeflockigen Luft der H�fe zusammen. Einige von ihnen, die gerollte Papiere in der Hand und eine zerstreute Miene im Gesicht trugen, versuchten Simon f�r G�nge zum Archivsaal einzuspannen, aber er schwindelte sich durch und behauptete, er sei f�r Doktor Morgenes unterwegs.</p><p>Im Vorzimmer des Thronsaales blieb er stehen und tat, als bewundere er die gewaltigen Mosaiken, w�hrend er darauf wartete, da� der letzte Kanzleipriester vorbeigeeilt und auf der anderen Seite in der Kapelle verschwunden sein w�rde. Als dieser Augenblick gekommen war, hebelte er die T�r auf und schl�pfte in den Thronsaal.</p><p>Die riesigen Angeln knarrten, dann war es still. Simons Schritt hallte von allen W�nden, verstummte dann und verschmolz endlich mit dem tiefen, atmenden Schweigen. Sooft er auch durch den Thronsaal schlich � und er war, soweit er wu�te, mehrere Jahre der einzige Bewohner der Burg gewesen, der ihn noch zu betreten gewagt hatte �, nie schien er ihm anders als ehrfurchteinfl��end.</p><p>Erst letzten Monat, nach K�nig Johans unerwartetem Aufstehen vom Krankenbett, hatten Rachel und ihr Geschwader endlich wieder die verbotene Schwelle �berschritten. Sie hatten sich einen zwei Wochen dauernden Angriff auf Jahre voller Staub und Schmutz geg�nnt, auf zerbrochenes Glas, Vogelnester und die Netze von Spinnen, die l�ngst zu ihren achtbeinigen Ahnen versammelt waren. Doch trotz solchen unbarmherzigen und unvers�hnlichen Reinemachens strahlte der Thronsaal selbst in gr�ndlich gereinigtem Zustand, mit gescheuerten Bodenplatten und abgewaschenen W�nden und manchen von ihrer R�stung aus Staub befreiten Bannern (es waren bei weitem nicht alle), etwas von Alter und Stille aus. Hier schien die Zeit nur an den gemessenen Schritt des Altertums gebunden.</p><empty-line/><p>Das Podest stand am �u�ersten Ende des gro�en Saals in einem Teich aus Licht, das sich aus einem Ornamentfenster des Deckengew�lbes ergo�. Darauf erhob sich der Drachenbeinthron wie ein fremdartiger Altar � leer, von leuchtenden, tanzenden Staubk�rnern umschwebt und flankiert von den Standbildern der sechs Hochk�nige des Hochhorstes.</p><p>Die Knochen des Thrones waren m�chtig, dicker als Simons Beine, und so gegl�ttet, da� sie stumpf gl�nzten wie polierter Stein. Mit wenigen Ausnahmen hatte man sie so zerteilt und wieder zusammengesetzt, da� man, so deutlich auch ihre Gr��e zu erkennen war, nur schwer erkennen konnte, in welchem Teil des gewaltigen Feuerlindwurmk�rpers sie einst verborgen gewesen waren. Nur die R�ckenlehne des Thrones, ein riesenhafter, sieben Ellen hoher F�cher aus gebogenen, gelben Rippen hinter den Samtpolstern des K�nigs, der weit �ber Simons Kopf hinausragte, war sofort als das auszumachen, was sie war. Gleiches galt f�r den Sch�del. �ber der R�ckenlehne des gro�en Thrones ragte er so weit hervor, da� er als Sonnendach dienen konnte, falls jemals mehr als ein d�nner Streifen Sonnenlicht in den d�steren Saal eindringen sollte. Es waren Hirnsch�del und Kiefer des Drachen Shurakai. Die Augenh�hlen erschienen Simon wie zerbrochene schwarze Fenster, die Z�hne wie braune Spie�e, so lang wie seine Hand. Der Drachensch�del hatte die Farbe alten Pergamentes und war von einem Netz winziger Risse �berzogen, und doch lebte etwas an ihm, war schrecklich-wundervoll lebendig.</p><p>�berhaupt besa� der ganze Raum etwas Erstaunliches, Heiliges, das weit �ber Simons Verstand hinausreichte. Der Thron aus schweren, vergilbten Gebeinen, die massiven schwarzen Figuren, die in dem hohen, verlassenen Saal einen leeren Sitz bewachten, das alles schien von einer furchtbaren Macht erf�llt zu sein. Es war, als hielten alle acht Personen im Raum, der K�chenjunge, die Statuen, der ungeheure, augenlose Sch�del, den Atem an.</p><p>Diese gestohlenen Momente versetzten Simon in stille, fast angstvolle Verz�ckung. Vielleicht harrten die Malachitk�nige nur mit schwarzer, steinerner Geduld darauf, da� der Junge mit l�sterlicher Plebejerhand den Drachenbeinthron ber�hrte � harrten � harrten � und w�rden pl�tzlich mit einem grauenvollen, knarrenden Ger�usch zum Leben erwachen! Simon bebte vor nerv�sem Vergn�gen �ber seine eigenen Vorstellungen, machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn und musterte die dunklen Gesichter. Ihre Namen waren ihm einst so vertraut gewesen, ganz unsinnig aneinandergereiht in einem Kinderreim, einem Reim, den Rachel � Rachel? Er konnte sich nicht genau erinnern � ihm beigebracht hatte, als er noch ein kichernder Affe von vielleicht vier Jahren gewesen war. Wenn schon f�r ihn die eigene Kindheit so lange zur�ckzuliegen schien, fragte er sich pl�tzlich, wie mu�te es dann bei Johan dem Priester sein, der so viele Jahrzehnte auf den Schultern trug? Unbarmherzig klar, so wie Simon sich an vergangene Dem�tigungen erinnerte, oder sanft und unbestimmt, wie Geschichten aus glorreicher Vergangenheit? Verdr�ngten die Erinnerungen die anderen Gedanken, wenn man alt war? Oder verlor man sie � die Kindheit, die verha�ten Feinde, die Freunde?</p><p>Wie ging der alte Reim noch? Sechs K�nige�</p><poem><stanza><v>Sechs K�nige einst herrschten in Hochhorst-Hallen weit,</v><v>sechs Herrscher einstmals schritten auf seinen Mauern breit,</v><v>sechs Gr�ber auf den Klippen, hoch �ber Kynslaghs Gruft,</v><v>sechs K�nige dort schlafen, bis j�ngster Tag sie ruft.</v></stanza></poem><p>Das war es!</p><poem><stanza><v>Und Fingil war der erste, Blutk�nig, so hie� er,</v><v>auf rotem Kriegsfl�gel flog er von Norden her.</v></stanza><stanza><v>Sein Sohn war K�nig Hjeldin, ein irrer, b�ser Mann,</v><v>der sprang vom Geisterturme, als Toter kam er an.</v></stanza><stanza><v>Ikferdig der Verbrannte, der hielt getreue Wacht,</v><v>er traf den Feuerdrachen in finstrer Mitternacht.</v></stanza><stanza><v>Drei K�nige von Norden, jetzt alle tot und kalt,</v><v>der Norden herrscht nicht l�nger im Hochhorst stolz und alt.</v></stanza></poem><p>Das waren die drei Rimmersgardk�nige zur Linken des Thrones. War es nicht Fingil, von dem Morgenes gesprochen hatte, der Anf�hrer des Schreckensheeres? Der die Sithi get�tet hatte? Dann mu�ten zur Rechten der vergilbten Gebeine die anderen stehen.</p><poem><stanza><v>Der Reiherk�nig Sulis, genannt der Renegat,</v><v>floh Nabban, doch im Hochhorst, da s�hnt er seine Tat.</v></stanza><stanza><v>Mit Stechpalmk�nig Tethtain von Hernystir war's aus,</v><v>er kam wohl durch die Pforte, doch niemals mehr heraus.</v></stanza><stanza><v>Zuletzt der Fischerk�nig Eahlstan, der weise Mann,</v><v>der weckte auf den Drachen, im Hochhorst starb er dann�</v></stanza></poem><p>Ha! Simon starrte in das traurig verzogene Gesicht des Reiherk�nigs und weidete sich an dem Anblick. <emphasis>Mein Ged�chtnis ist besser, als die meisten Leute hier glauben � besser als das der meisten Mondk�lber!</emphasis> Nat�rlich gab es jetzt endlich einen siebten K�nig im Hochhorst � den alten Priester Johan. Simon �berlegte, ob wohl jemand irgendwann dem Lied einen Vers �ber Johan Presbyter hinzuf�gen w�rde.</p><p>Die sechste Statue, der rechten Armlehne des Thrones am n�chsten, mochte Simon am liebsten. Sie stellte den einzigen geb�rtigen Erkynl�nder dar, der je auf dem gro�en Thron des Hochhorstes gesessen hatte. Er trat n�her, um in die tief eingemei�elten Augen des heiligen Eahlstan zu blicken, den man Eahlstan Fiskerne nannte, weil er vom Fischervolk des Gleniwent abstammte, oder auch den M�rtyrer, weil auch ihn der Feuerdrache Shurakai t�tete, das Untier, das dann endlich von Johan dem Priester vernichtet wurde.</p><p>Anders als bei Ikferdig dem Verbrannten auf der anderen Seite des Thrones war das Gesicht des Fischerk�nigs nicht von Furcht und Zweifel verzerrt dargestellt. Vielmehr hatte der Bildhauer strahlenden Glauben in das steinerne Antlitz gelegt und den undurchsichtigen Augen den Anschein gegeben, als schauten sie ferne Dinge. Der l�ngstverstorbene Meister hatte Eahlstan dem�tig und ehrf�rchtig, zugleich aber auch k�hn gestaltet. In seinen geheimen Gedanken stellte sich Simon oft vor, sein eigener Vater, der Fischer, h�tte so ausgesehen.</p><p>W�hrend er noch so starrte, sp�rte Simon pl�tzliche K�lte an seiner Hand, die an die kn�cherne Armlehne des Thrones gekommen war. Ein K�chenjunge, der den Thron ber�hrte! Er ri� seine Finger los, wobei er sich verwundert fragte, wie die toten �berreste eines so feurigen Tiers sich derart kalt anf�hlen konnten, und stolperte einen Schritt zur�ck.</p><p>Einen Augenblick blieb ihm fast das Herz stehen, denn es war, als neigten sich ihm die Statuen langsam zu, als dehnten sich Schatten auf den Wandbeh�ngen. Hastig zog sich Simon zur�ck. Als nichts mehr folgte, das nach wirklicher Bewegung aussah, richtete er sich mit aller ihm zu Gebot stehenden W�rde auf, verneigte sich vor K�nig und Thron und entfernte sich r�ckw�rtsgehend �ber den Steinboden. Er tastete mit der Hand � <emphasis>ruhig</emphasis>, <emphasis>ruhi</emphasis>g, ermahnte er sich, <emphasis>sei kein Angsthase</emphasis> �, bis er endlich die T�r zum Stehraum fand, seinem eigentlichen Ziel. Er sah noch einmal zur�ck auf das beruhigend unbewegte Bild, dann schl�pfte er hinaus.</p><p>Hinter den schweren Wandbeh�ngen des Stehraums mit ihrem dicken, roten, mit Festszenen bestickten Samt f�hrte eine Treppe in der Mauer zu einem Abtritt ganz oben auf der s�dlichen Galerie des Thronsaales. Simon schimpfte mit sich selber, weil er sich gerade so aufgeregt hatte, und kletterte die Stufen hinauf. Oben angelangt, war es ein leichtes, sich durch den hohen Fensterschlitz des Abtritts zu zw�ngen und auf die darunterliegende Mauer zu steigen. Allerdings war das Kunstst�ck jetzt ein bi�chen m�hsamer als im Septander, als er zuletzt hier gewesen war: Die Steine waren glatt vom Schnee, und es wehte ein energischer Wind. Zum Gl�ck war die Mauerkrone breit; Simon bewegte sich vorsichtig fort.</p><p>Jetzt kam das St�ck, das er am liebsten hatte. Die Ecke der Mauer endete nur f�nf oder sechs Fu� vor dem breiten Windschatten des T�rmchens im vierten Stock des Gr�nengel-Turms. Simon blieb stehen und konnte beinahe das Schmettern der Trompeten und das Aneinanderklirren der Ritter h�ren, die auf den Decks unter ihm fochten, w�hrend er sich bereitmachte, durch den brausenden Wind von einem brennenden Mast zum anderen zu springen �</p><p>Ob sein Fu� beim Absprung leicht ausgerutscht oder seine Aufmerksamkeit von dem imagin�ren Seegefecht unter ihm abgelenkt gewesen war � jedenfalls landete Simon unsanft auf der Kante des T�rmchens. Er schlug mit dem Knie heftig auf den Stein und w�re um ein Haar zur�ck- und hinuntergefallen, wobei er zwei lange Faden tief auf die niedrige Mauer am Fu� des Turmes oder in den Burggraben gest�rzt w�re. Als ihm j�h bewu�t wurde, in welcher Gefahr er geschwebt hatte, begann sein Herz erschreckt zu galoppieren. Aber er schaffte es, sich in den Raum zwischen den hochstehenden Zinnen des T�rmchens gleiten zu lassen, um dann auf dem aus langen Dielen bestehenden Fu�boden weiterzukriechen.</p><p>Leichter Schnee senkte sich auf ihn herunter, als er so dasa� und sich unendlich t�richt vorkam. Er umschlang sein schmerzendes Knie, das brannte wie S�nde, Betrug und Verrat; h�tte er nicht genau gewu�t, wie kindisch er so schon aussehen mu�te, h�tte er geheult.</p><p>Endlich richtete er sich auf und hinkte ins Innere des Turmes. Wenigstens in einem Punkt war das Gl�ck ihm treu geblieben: Niemand hatte seine schmerzhafte Landung geh�rt. Nur er allein wu�te von seiner Schmach. Er untersuchte seine Tasche � Brot und K�se waren unerfreulich plattgedr�ckt, aber noch e�bar. Auch das war ein kleiner Trost.</p><empty-line/><p>Mit dem verletzten Knie Treppen zu steigen war m�hsam, aber schlie�lich hatte es keinen Sinn, in den Gr�nengel-Turm einzudringen � das h�chste Bauwerk im Erkynland, wahrscheinlich sogar in ganz Osten Ard �, und dann nicht �ber die H�he der Hauptmauern des Hochhorstes hinauszukommen.</p><p>Die Turmtreppe war niedrig und eng, die Stufen aus einem glatten, sauberen wei�en Stein gehauen, der keinem anderen in der Burg glich. Er f�hlte sich schl�pfrig an, war aber unter den F��en sicher. Das Burgvolk erz�hlte sich, der Turm sei der einzige unver�ndert gebliebene Teil der urspr�nglichen Sithifeste. Doktor Morgenes hatte Simon einmal gesagt, da� dies nicht stimmte. Ob er damit aber gemeint hatte, der Turm sei doch ver�ndert worden, oder nur, da� es noch andere unber�hrte Reste des alten Asu'a gab, hatte der Doktor in seiner eigenwilligen Art nicht erkl�ren wollen.</p><p>Nachdem er einige Minuten geklettert war, konnte Simon von den Fenstern aus sehen, da� er schon �ber dem Hjeldin-Turm war. Die ein wenig unheimliche Kuppels�ule, in der einst der Wahnsinnige K�nig den Tod gefunden hatte, blickte �ber die weite Fl�che des Thronsaaldaches zum Gr�nengel auf, wie etwa ein eifers�chtiger Zwerg seinen F�rsten anstarrt, wenn niemand ihn beachtet.</p><p>Die steinerne Einfassung im Innern des Treppenhauses war hier anders: eine sanfte Rehfarbe, �ber und �ber bedeckt mit winzigen, r�tselhaften Mustern in Himmelblau. Simon verharrte einen Augenblick an einer Stelle, an der das Licht aus einem hoch oben angebrachten Fenster auf die Wand fiel. Als er aber versuchte, den Windungen eines der zarten blauen Schn�rkel mit den Augen zu folgen, wurde ihm schwindlig im Kopf, und er gab es auf.</p><p>Endlich, als es ihm schon vorkam, als sei er unter Schmerzen stundenlang bergauf gestiegen, erweiterte sich die Treppe zum blendendwei�en Fu�boden des Glockenturmes, der ebenfalls aus dem ungew�hnlichen Stein der Treppen bestand. Obwohl der Turm noch fast hundert Ellen h�her war und sich dabei bis hinauf zu der Engelsgestalt immer mehr verj�ngte, endete die Treppe hier, wo von den gew�lbten Dachbalken die gro�en Bronzeglocken in langen Reihen wie feierliche gr�ne Fr�chte hingen. Die Glockenstube selbst stand der kalten Luft nach allen Seiten offen, damit das ganze Land es h�ren konnte, wenn das Gel�ut des Gr�nengels aus den hohen Fensterb�gen ert�nte.</p><p>Simon hatte sich mit dem R�cken an einen der sechs Pfeiler aus dunkelglattem, felshartem Holz gelehnt, die vom Boden zur Decke reichten. Er kaute an seinem Brotkanten und geno� die Aussicht nach Westen, wo die Wasser des Kynslaghs unaufh�rlich gegen die massive Seemauer des Hochhorstes rollten. Obwohl es ein tr�ber Tag war und Schneeflocken wie verr�ckt vor seinen Augen tanzten, bemerkte Simon mit Staunen, wie klar die Welt dort unten sich seinem Blick entgegenhob. Viele kleine Boote schwammen auf den Wogen des Kynslaghs, M�nner vom See in schwarzen M�nteln beugten sich gelassen �ber die Ruder. Weiter hinten glaubte er undeutlich die Stelle zu erkennen, an der der Gleniwent-Flu� den See verlie� und seine lange Reise zum Meer antrat, ein vielfach gewundener Lauf von einem halben Hundert Meilen, vorbei an Dock-St�dten und Bauernh�fen. Drau�en vor dem Gleniwent, in den Armen des Meeres, bewachte die Insel Warinsten die Flu�m�ndung; hinter Warinsten in westlicher Richtung gab es nichts mehr, nur unz�hlige, unerforschte Meilen Ozean.</p><p>Simon pr�fte das schmerzende Knie und entschied sich vorl�ufig gegen ein Hinsetzen, weil man ja irgendwann einmal wieder aufstehen mu�te. Er zog sich den Hut �ber die Ohren, die vom Wind ger�tet waren und brannten, und nahm ein St�ck br�ckelnden K�se in Angriff. Zu seiner Rechten, allerdings weit au�erhalb seines Gesichtsfeldes, lagen die Wiesen und steilen H�gel von Agh Samrath, �u�erste Marken des K�nigreichs Hernystir und Ort der furchtbaren Schlacht, von der Morgenes ihm erz�hlt hatte. Zur Linken, jenseits des weiten Kynslaghs<emphasis>,</emphasis> wogten die Thrithinge � scheinbar unendliches Grasland. Nat�rlich hatten sie schlie�lich doch ein Ende; dahinter lagen Nabban, die Bucht von Firannos mit ihren Inseln und das Marschland von Wran � alles Gegenden, die Simon nie gesehen hatte und h�chstwahrscheinlich auch nie zu sehen bekommen w�rde.</p><p>Endlich wurden ihm der ewiggleiche Kynslagh und seine eigenen Vorstellungen von einem S�den, den er nicht sehen konnte, langweilig, und er hinkte zur anderen Seite der Glockenstube hin�ber. Vom Mittelpunkt des Raumes aus betrachtet, schien das wirbelnde, gestaltlose Wolkendunkel ein graues Loch zu sein, das ins Nirgendwo f�hrte, und der Turm so etwas wie ein Geisterschiff auf nebligem, �dem Meer. Der Wind heulte und sang um die offenen Fensterh�hlungen, und die Glocken gaben ein schwaches Summen von sich, als habe ihnen der Sturm kleine, ver�ngstigte Geister unter die Bronzehaut gejagt.</p><p>Simon trat an den niedrigen Fenstersims und beugte sich vor, um das wirre Durcheinander der D�cher des Hochhorstes zu �berschauen. Zuerst zerrte der Wind an ihm, als wollte er ihn packen und in die H�he schleudern, so wie ein K�tzchen mit einem welken Blatt spielt. Aber Simon hielt sich fester am feuchten Stein, und bald lie� der Wind nach. Der junge Mann l�chelte: Von seiner Warte sah das prachtvolle Dachgewirr des Hochhorstes � ein jedes von unterschiedlicher H�he und Bauart, mit einem Wald von Schornsteinen, Firstbalken und Kuppeln � aus wie ein Hof voller seltsamer, viereckiger Tiere, von denen eines halb �ber dem R�cken des anderen hing und die um den Platz k�mpften wie Schweine am Trog.</p><p>Nur von den beiden T�rmen �berragt, beherrschte die Kuppel der Burgkapelle den Inneren Zwinger. Graupelschnee bedeckte die farbenpr�chtigen Fenster. Die weiteren Geb�ude der Burg, Wohnquartiere, Speisehalle, Thronsaal und Staatskanzlei, waren samt und sonders von Anbauten �berwuchert, stummen Zeugen der unterschiedlichen Besitzer der Burg. Genauso vollgestopft waren die �u�eren Zwinger und die massive Zwischenmauer, die sich in konzentrischen Kreisen, einer tiefer als der andere, �ber den Berg zogen. Der Hochhorst selbst war niemals �ber seine Au�enmauer hinausgewachsen; die hereindr�ngenden Menschen bauten in die H�he oder teilten das Vorhandene in kleinere und immer kleinere Einheiten.</p><p>Unterhalb der Festung erstreckte sich die Stadt Erchester, Stra�e an Stra�e mit niedrigen H�usern, in einen Mantel aus wei�en Schneewehen geh�llt; nur der Dom erhob sich aus ihrer Mitte, seinerseits �berragt vom Hochhorst und von Simon in seinem Himmelsturm. Hier und da schwebte ein federleichter Rauchfaden nach oben, den der Wind zerfetzte.</p><p>Hinter den Stadtmauern konnte Simon die unbestimmten, vom Schnee gegl�tteten Umrisse der Begr�bnisst�tte ausmachen � des alten Heidenfriedhofes, eines �bel beleumundeten Ortes. Die niedrigen Grash�gel in seinem R�cken reichten fast bis zum Waldrand; �ber ihrer dem�tigen Gemeinde erhob sich der steile Berg Thisterborg so stolz wie der Dom �ber die niedrigen D�cher von Erchester. Simon konnte sie nicht sehen, wu�te aber, da� ein Ring aus Steins�ulen, glattpoliert vom Wind, seinen Gipfel kr�nte; die Dorfbewohner nannten sie �die Zornsteine�.</p><p>Und jenseits von Erchester, noch hinter Begr�bnisst�tte, Grash�geln und steinbekr�nztem Thisterborg, lag der <emphasis>Wald</emphasis>. Aldheorte hie� er, <emphasis>Altherz</emphasis>, und dehnte sich aus wie das Meer, unendlich, dunkel und undurchschaubar. Menschen lebten an seinem Saum und hatten sogar ein paar Stra�en entlang seiner R�nder angelegt; aber nur sehr wenige wagten sich weiter in sein Inneres. Er bildete ein eigenes, gro�es, schattenreiches Land mitten in Osten Ard, das keine Gesandten schickte und nur selten Besucher empfing. Im Vergleich zu seiner Erhabenheit schien selbst der riesige Circoille, der Kammwald von Hernystir im Westen, nichts als ein W�ldchen. Es gab nur einen <emphasis>Wald</emphasis>.</p><p>Das Meer im Westen; der <emphasis>Wald</emphasis> im Osten; der Norden und seine M�nner aus Eisen; das Land der zerschmetterten Reiche im S�den � weit blickte Simon hinaus �ber das Antlitz von Osten Ard und verga� f�r eine Weile sein Knie. Ja, eine Zeitlang war Simon selbst K�nig der ganzen bekannten Welt.</p><empty-line/><p>Als die verhangene Wintersonne den Scheitel des Himmels verlassen hatte, r�stete Simon sich endlich zum Aufbruch. Beim Versuch, das Bein auszustrecken, keuchte er vor Schmerz; in der langen Stunde am Fenstersims war das Knie steif geworden. Es war v�llig klar, da� er den anstrengenden Geheimweg f�r den Abstieg vom Glockenturm nicht benutzen konnte. Er mu�te sein Gl�ck mit Barnabas und Vater Dreosan versuchen.</p><p>Die lange Treppe war eine einzige Qual, aber die Aussicht vom Turm hatte alle Wehleidigkeit verdr�ngt; er bedauerte sich selbst nicht halb so sehr, wie er es ohne dieses Erlebnis getan h�tte. Wie ein niedrig gehaltenes Feuer gl�hte in ihm der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen, und w�rmte ihn bis in die Fingerspitzen. Er w�rde Morgenes bitten, ihm weiteres �ber Nabban und die S�dlichen Inseln zu erz�hlen, und auch �ber die Sechs K�nige.</p><p>Im vierten Stock, dort, wo er urspr�nglich hereingekommen war, h�rte er ein Ger�usch: Unter ihm rannte jemand die Treppe hinab. Sekundenlang verharrte Simon regungslos und �berlegte, ob er entdeckt worden war. Es war nicht verboten, den Turm zu betreten, aber er hatte keinen triftigen Grund daf�r, und der K�ster w�rde vermuten, da� er irgend etwas ausgefressen h�tte. Trotzdem war es sonderbar, da� die Schritte sich entfernten. Ganz bestimmt w�re Barnabas oder jeder andere ohne Z�gern zu ihm hinaufgestiegen, um ihn am vielgeplagten Schlafittchen nach unten zu zerren. Simon kletterte weiter die Wendeltreppe hinunter, zuerst ganz vorsichtig, dann trotz des schmerzenden Knies immer schneller, denn die Neugier hatte ihn gepackt.</p><p>Die Treppe endete in der gro�en Eingangshalle des Turmes, die schwach erleuchtet war; die W�nde und verbla�ten Wandbeh�nge lagen in Schatten geh�llt. Keine Schritte � und auch sonst nichts. So ger�uschlos wie m�glich lief Simon �ber den Steinfu�boden. Jedes versehentliche Kratzen seiner Stiefel stieg zischend bis zu den Eichenrippen der Decke empor. Die Hauptt�r der Halle war geschlossen; das einzige Licht fiel durch die Fenster �ber dem T�rsturz.</p><p>Wie konnte jemand, der eben noch auf der Treppe gewesen war, unbemerkt die riesige T�r ge�ffnet und wieder geschlossen haben? Simon hatte die leichten Schritte sofort geh�rt und sich selber Sorgen �ber das Quietschen gemacht, das die gro�en Angeln verursachen w�rden. Noch einmal blickte er sich pr�fend in der Eingangshalle um.</p><p>Da! Unter der Fransenborte des fleckigen Silbergobelins neben der Treppe lugten zwei kleine, abgerundete Gebilde hervor � Schuhe. Bei genauerer Betrachtung erkannte er auch, wie sich dort, wo sich jemand versteckt hielt, die Falten des alten Wandbehanges bauschten.</p><p>Auf einem Fu� balancierend wie ein Reiher, zog er leise erst den einen, dann den anderen Stiefel aus. Wer konnte es sein? Vielleicht der dicke Jeremias, der ihm nachgeschlichen war, um ihm einen Streich zu spielen? Nun, wenn das der Fall war, w�rde Simon es ihm schon zeigen.</p><p>Mit nackten F��en, und damit auf den Steinen fast ohne einen Laut, schlich er durch die Halle, bis er unmittelbar vor der verd�chtigen Ausbuchtung stand. Als er die Hand nach dem Wandbehang ausstreckte, fiel ihm pl�tzlich der seltsame Satz ein, den Bruder Cadrach, als sie dem Puppenspiel zugeschaut hatten, �ber Vorh�nge gesagt hatte. Simon z�gerte, sch�mte sich dann aber seiner �ngstlichkeit und ri� den Wandbehang zur Seite.</p><p>Anstatt aufzufliegen und den Spion zu enth�llen, ri� der schwere Gobelin jedoch aus seinen Halterungen und fiel wie eine schwere, brettsteife Decke nach unten. Simon erhaschte nur einen schnellen Blick auf ein kleines, erschrecktes Gesicht, bevor das Gewicht des Wandteppichs ihn niederstreckte. W�hrend er noch fluchend und strampelnd, v�llig in den Stoff verwickelt, dalag, scho� eine braungekleidete Gestalt an ihm vorbei.</p><p>Simon konnte h�ren, wie der andere, wer immer es auch sein mochte, sich mit der schweren T�r abplagte, w�hrend er mit dem staubigen Tuch rang, das ihn bedeckte. Endlich kam er frei, rollte auf die F��e und machte einen Satz quer durch den ganzen Raum, um die kleine Gestalt zu packen, bevor sie noch durch die bereits einen Spalt ge�ffnete T�r davonhuschen konnte. Es gelang ihm, mit festem Griff das grobe Wams zu erwischen. Zwischen T�r und Angel war der Spion gefangen.</p><p>Inzwischen war Simon ernstlich zornig, haupts�chlich aus �rger �ber sein eigenes Ungeschick. �Wer bist du?� fauchte er. �Du Leutebespitzler!� Der Gefangene antwortete nicht, sondern zerrte nur noch st�rker. Aber wer immer er war, seine Kraft reichte nicht aus, um sich aus Simons Griff loszurei�en.</p><p>Noch w�hrend er sich anstrengte, den Widerstrebenden durch die T�r zur�ckzuziehen � alles andere als eine leichte Aufgabe �, erkannte Simon verbl�fft den sandfarbenen Brokat zwischen seinen H�nden. Das mu�te derselbe Junge sein, der an der Kapellent�r gelauscht hatte! Simon zog mit aller Macht und ri� endlich Kopf und Schultern des Fremden durch den T�rrahmen, so da� er ihn ansehen konnte.</p><p>Der Gefangene war klein, mit feinen, fast scharfen Z�gen. Nase und Kinn hatten etwas leicht F�chsisches, das jedoch nicht unangenehm wirkte. Die Haare waren schwarz wie Kr�henfl�gel. Einen Moment lang dachte Simon, es k�nne ein Sitha sein � wegen seiner geringen Gr��e �, und versuchte, sich an Shems Geschichten zu erinnern, da� man den Fu� eines Pukas nicht loslassen d�rfte, damit man einen Kessel Gold von ihm gewann, aber bevor er noch etwas von diesem getr�umten Schatz ausgeben konnte, sah er den Angstschwei� und die ger�teten Wangen und fand, da� dies hier kein �bernat�rliches Wesen war.</p><p>�Wie hei�t du eigentlich?� fragte er. Der gefangene Junge versuchte von neuem, sich loszurei�en, war jedoch offensichtlich allzu ersch�pft. Gleich darauf h�rte er ganz auf, sich zu wehren.</p><p>�Dein Name?� beharrte Simon, diesmal in milderem Ton.</p><p>�Malachias.� Keuchend wandte der Junge sich ab.</p><p>�Also gut, Malachias, warum verfolgst du mich?� Er r�ttelte den anderen leicht an der Schulter, nur um ihn zu erinnern, wer hier wen gefangenhielt.</p><p>Der Junge fuhr herum und starrte ihn finster an. Seine Augen waren ganz dunkel.</p><p>�<emphasis>Ich</emphasis> habe dir nicht nachspioniert!� entgegnete er heftig.</p><p>Wieder wandte er das Gesicht ab, aber Simon hatte pl�tzlich das Gef�hl, etwas Vertrautes im Gesicht dieses Malachias entdeckt zu haben, etwas, das er eigentlich erkennen m��te.</p><p>�Und wer bist du, B�rschchen?� fragte Simon und streckte die Hand aus, um das Kinn des Jungen zu sich zu drehen. �Arbeitest du in den St�llen � arbeitest du �berhaupt hier auf dem Hochhorst?�</p><p>Bevor er aber das Gesicht umdrehen und noch einmal anschauen konnte, stemmte ihm Malachias pl�tzlich beide H�nde gegen die Brust und versetzte ihm einen unerwartet harten Sto�. Das Wams des Jungen wurde Simon aus der Hand gerissen, er taumelte zur�ck und landete auf dem Hosenboden. Bevor er auch nur den Versuch machen konnte, wieder aufzustehen, war Malachias durch die T�r entwischt und hatte sie mit lautem, hallendem Kreischen der bronzenen Angeln hinter sich zugeschlagen.</p><p>Simon sa� immer noch auf dem Steinboden � schmerzendes Knie, schmerzendes Hinterteil und t�dlich verletzte W�rde schrien nach Beachtung �, als Barnabas der K�ster aus dem Gang zur Staatskanzlei herbeigeeilt kam, um die Ursache des L�rms zu untersuchen. Wie vom Donner ger�hrt, blieb er in der T�r stehen und blickte vom stiefellos auf den Fliesen hockenden Simon auf den heruntergerissenen und zerw�hlten Wandbehang neben dem Treppenhaus und von dort wieder auf Simon. Barnabas sagte kein Wort, aber ganz oben in seinen Schl�fen begannen Adern zu pochen, und seine Brauen zogen sich zusammen und senkten sich nach unten, bis die Augen nur noch winzige Schlitze waren.</p><p>Simon, �berrumpelt und hilflos, konnte nur noch sitzenbleiben und den Kopf sch�tteln wie ein Trunkenbold, der �ber den eigenen Krug gestolpert und auf der Katze des B�rgermeisters gelandet ist.</p></section><section><title><p>VI</p><p>Das Steinmal auf den Klippen</p></title><p>Zur Strafe f�r diese letzte Untat wurde Simon seines neuen Amtes als Lehrling entsetzt und zu Arrest in den Dienstbotenquartieren verurteilt. Tagelang wanderte er durch die Grenzen seines Gef�ngnisses, von der Sp�lk�che zu den W�schekammern und wieder zur�ck, rastlos wie ein Falke unter der Haube.</p><p><emphasis>Das habe ich mir selbst zuzuschreiben</emphasis>, dachte er manchmal. <emphasis>Ich bin wirklich so dumm, wie der Drache sagt</emphasis>.</p><p>Und zu anderen Zeiten sch�umte er: <emphasis>Warum machen sie mir alle soviel �rger? Man k�nnte glauben, ich sei ein wildes Tier, dem man nicht trauen k�nne.</emphasis></p><p>Rachel, die ein gewisses Mitleid hegte, fand eine Reihe kleinerer Aufgaben, um ihn zu besch�ftigen, so da� die Tage nicht ganz so �de verstrichen, wie es h�tte sein k�nnen; aber das diente Simon nur als weiterer Beweis daf�r, da� er auf ewig ein Karrengaul bleiben sollte. Er w�rde bringen und holen, bis er zu alt war, um �berhaupt noch zu arbeiten, und dann w�rde man ihn hinaus hinter die Burg f�hren und ihm mit Shems abgesplittertem Holzhammer den Sch�del einschlagen.</p><p>So schlichen die letzten Novandertage vor�ber, und schon kroch der Decander zur T�r herein wie ein heimlicher Dieb.</p><empty-line/><p>Am Ende der zweiten Woche des neuen Monats bekam Simon seine Freiheit wieder � wenn man es so nennen konnte. Der Gr�nengel-Turm und bestimmte andere Lieblingspl�tze wurden ihm verboten; seinen Dienst beim Doktor durfte er zwar wieder aufnehmen, jedoch erg�nzt durch zus�tzliche Aufgaben, die es erforderlich machten, da� er sich zur Essenszeit stets wieder in den Dienstbotenquartieren einfand. Aber selbst diese nur kurzen Besuche beim Doktor bedeuteten eine erhebliche Verbesserung. Tats�chlich sah es so aus, als verlasse sich Morgenes immer mehr auf Simon. Er lehrte ihn eine Menge Dinge �ber den Gebrauch und die Pflege der phantastischen Vielfalt von Merkw�rdigkeiten, von denen seine Werkstatt �berquoll. Au�erdem lernte Simon � unter Schmerzen � lesen. Es war unendlich viel m�hsamer, als B�den zu fegen oder staubige Destillierkolben und Becher auszuwaschen, aber Morgenes trieb ihn mit entschlossener Hand an und erkl�rte, ohne Alphabet k�nne aus Simon niemals ein brauchbarer Lehrling werden.</p><empty-line/><p>An Sankt-Tunath, dem einundzwanzigsten Decander, herrschte auf dem Hochhorst gesch�ftiges Treiben. Der Tag dieses Heiligen war der letzte hohe Feiertag vor �donme�, und man bereitete ein gro�es Festmahl vor. Dienstm�gde umkr�nzten Dutzende schlanker, wei�er Bienenwachskerzen, die alle bei Sonnenuntergang angez�ndet werden sollten, mit Mistel- und Stechpalmenzweigen. Aus jedem Fenster w�rde der Schein ihrer Flammen str�men und den umherwandernden Sankt Tunath aus der Mittwinterdunkelheit hereinholen, damit er die Burg und ihre Bewohner segnete. Andere Bediente stapelten pechfeuchte, frischgespaltene Holzscheite in den Kaminen auf oder streuten neue Binsen auf die Fu�b�den.</p><p>Simon, der den ganzen Nachmittag sein Bestes getan hatte, um nicht aufzufallen, wurde trotzdem entdeckt und zu Doktor Morgenes geschickt, wo er herausfinden sollte, ob dieser irgendein f�r Polierzwecke geeignetes �l bes��e � Rachels Truppen hatten s�mtliche Vorr�te aufgebraucht, um der Gro�en Tafel blendenden Glanz zu verleihen, und die Arbeit in der Haupthalle war noch lange nicht beendet. Simon, der schon den ganzen Morgen in der Wohnung des Doktors damit zugebracht hatte, laut � ein z�gerndes Wort nach dem anderen � in einem Buch mit dem Titel �Die unfelbarn Heylmittel der Wranna-Heyler� zu lesen, zog dennoch alles, was Morgenes von ihm verlangen mochte, dem Grauen von Rachels st�hlernem Blick vor. Geschwind wie ein Vogel entflog er der Haupthalle, vorbei an der langen Kanzleihalle und hinaus auf den Inneren Anger unterhalb des Gr�nengels. Sekunden sp�ter hatte er wie ein fl�chtiger Sperber die Zugbr�cke �berquert, und es waren nur Augenblicke vergangen, bis er zum zweiten Mal an diesem Tag vor der T�r des Doktors stand.</p><p>Eine ganze Weile reagierte Morgenes nicht auf sein Klopfen, obwohl Simon von innen Stimmen vernahm. Er wartete so geduldig er konnte, kratzte inzwischen lange Splitter aus dem verwitterten T�rrahmen, und endlich �ffnete der alte Mann. Der Doktor hatte Simon zwar erst vor kurzer Zeit entlassen, machte jedoch keine Bemerkung �ber seine R�ckkehr. Ohne ein Wort lie� er den jungen Mann eintreten; Simon, der seine seltsame Stimmung sp�rte, folgte ihm schweigend durch den von Lampen erhellten Korridor.</p><p>Schwere Vorh�nge verdeckten die Fenster. Als seine Augen sich an die Dunkelheit im Zimmer gew�hnten, konnte Simon zun�chst kein Anzeichen eines Besuchers feststellen. Dann aber erkannte er eine undeutliche Gestalt, die auf einer gro�en Seekiste in der Ecke sa�. Der Mann im grauen Mantel blickte zu Boden. Sein Gesicht war verh�llt, aber der Junge erkannte ihn trotzdem.</p><p>�Verzeiht, mein Prinz�, sagte Morgenes, �das ist Simon, mein neuer Lehrling.�</p><p>Josua Ohnehand schaute auf. Seine blassen Augen � waren sie blau � oder grau? � streiften Simon mit uninteressiertem Ausdruck, so wie ein Hyrkah�ndler ein Pferd betrachten w�rde, das er nicht zu kaufen beabsichtigt. Nach kurzer Musterung wandte der Prinz seine Aufmerksamkeit wieder Morgenes zu, so vollst�ndig, als sei Simon gar nicht mehr vorhanden. Der Doktor forderte den Jungen mit einer Handbewegung auf, in der entgegengesetzten Ecke des Raumes zu warten.</p><p>�Hoheit�, fuhr er dann fort, �ich f�rchte, da� ich hier nichts mehr tun kann. Meine Kunst als Arzt und Apotheker ist am Ende.� Nerv�s rieb sich der alte Mann die H�nde. �Vergebt mir. Ihr wi�t, da� ich den K�nig liebe und es mir furchtbar ist, ihn leiden zu sehen, aber � aber es gibt Dinge, in die sich Menschen wie ich nicht einmischen sollten � zu viele M�glichkeiten, zu viele unvorhersehbare Folgen. Zu diesen Dingen geh�rt auch die Weitergabe eines K�nigreiches.�</p><p>Morgenes, den Simon noch nie in solcher Stimmung erlebt hatte, zog einen Gegenstand an goldener Kette aus dem Gewand und fingerte erregt daran herum. Soweit Simon wu�te, hatte der Doktor, der nur allzugern �ber Prahlerei und Zurschaustellung schimpfte, niemals irgendwelchen Schmuck getragen.</p><p>�Aber, bei Gottes Fluch, ich bitte Euch doch nicht, in die Thronfolge einzugreifen!� Josuas ruhige Stimme war gespannt wie eine Bogensehne. Simon f�hlte sich �beraus unwohl, Zeuge eines derartigen Gespr�ches zu sein, aber er konnte nirgendwo hingehen, ohne noch mehr aufzufallen.</p><p>�Ich habe Euch nicht gebeten, Euch in irgend etwas �einzumischen�, Morgenes�, sprach Josua weiter, �nur gebt mir etwas, das dem alten Mann die letzten Augenblicke leichter macht. Ob er nun morgen stirbt oder erst n�chstes Jahr, Elias wird Hochk�nig, und ich bin immer noch Lehnsherr von Naglimund und von nichts anderem.� Der Prinz sch�ttelte den Kopf. �Denkt doch an den uralten Bund zwischen Euch und meinem Vater � Euch, der Ihr sein Heiler gewesen seid und seit Dutzenden von Jahren sein Leben studiert und aufgezeichnet habt!� Josua fuhr mit der Hand an seinem K�rper vorbei und deutete auf einen Stapel loser Buchbl�tter, die auf dem wurmstichigen Schreibtisch des Doktors aufgeschichtet lagen.</p><p><emphasis>�ber das Leben des K�nigs geschrieben?</emphasis> dachte Simon verwundert. Das war das erste, was er davon h�rte. Morgenes schien heute voller Geheimnisse zu stecken.</p><p>Josua gab noch nicht auf. �Habt Ihr denn kein Mitleid? Er ist wie ein in die Enge getriebener alter L�we, ein gro�es Tier, niedergestreckt von Schakalen! S��er Usires, es ist so ungerecht��</p><p>�Aber, Hoheit�, setzte der Doktor gerade an, als allen dreien im Raum pl�tzlich das Ger�usch hastiger Schritte und Stimmen drau�en im Hof bewu�t wurde. Josua, bleich und mit fiebrigem Blick, war sofort aufgesprungen und hatte das Schwert so schnell gezogen, da� es aussah, als sei es von selbst in seine Hand geflogen. Ein lautes H�mmern ersch�tterte die T�r. Morgenes wollte �ffnen, doch ein Zischen des Prinzen hielt ihn zur�ck. Simon f�hlte sein Herz rasen. Josuas sichtliche Furcht steckte ihn an.</p><p>�Prinz Josua! Prinz Josua!� rief jemand, und das Pochen begann von neuem. Mit schneller Bewegung schob Josua das Schwert in die Scheide zur�ck, trat an Morgenes vorbei in den Gang der Werkstatt und ri� die T�r auf. Vier Gestalten standen unter dem Vordach zum Hof; drei von ihnen geh�rten zu seinen eigenen, grau uniformierten Soldaten, der letzte, der jetzt vor dem Prinzen das Knie beugte, war mit einem gl�nzendwei�en Gewand und Sandalen bekleidet. Wie im Traum erkannte Simon ihn als Sankt Tunath, l�ngst verstorbenes Motiv zahlloser frommer Gem�lde. Was mochte das bedeuten?</p><p>�Ach, Hoheit��, begann der kniende Heilige und hielt inne, um Atem zu holen. Simons Mund, der sich schon zum Grinsen verziehen wollte, als er begriff, da� der Mann auch nur ein Soldat und lediglich verkleidet war, um bei den Festlichkeiten des heutigen Abends die Rolle des Heiligen zu spielen, erstarrte, als er die verst�rte Miene des jungen Mannes sah.</p><p>�Eure Hoheit � Prinz Josua�� wiederholte der Kniende.</p><p>�Was ist, Deornoth?� fragte der Prinz. Seine Stimme kam m�hsam.</p><p>Deornoth, das dunkle, grobgestutzte Soldatenhaar umrahmt vom wei�en Glanz der Kapuze, blickte auf. In dieser Sekunde hatte er wirklich die Augen eines M�rtyrers, ausgebrannt und wissend.</p><p>�Der K�nig, Herr, Euer Vater, der K�nig � Bischof Domitis hat gesagt � er sei tot.�</p><p>Ohne einen Laut schob Josua sich an dem Knienden vorbei und verschwand im Hof, hinter ihm seine Soldaten. Gleich darauf erhob sich auch Deornoth und folgte ihnen, die H�nde nach M�nchsart vorn gefaltet, als habe der Atem der Trag�die die T�uschung in Wirklichkeit verwandelt. Lautlos schwang die T�r im kalten Wind hin und her.</p><p>Als Simon sich zu Morgenes umdrehte, starrte der Doktor den M�nnern nach, und seine alten Augen gl�nzten und standen voller Tr�nen.</p><empty-line/><p>So geschah es, da� K�nig Johan Presbyter endlich starb, am Tage des heiligen Tunath und in ungew�hnlich vorger�cktem Alter: geliebt, verehrt und so ganz und gar ein Teil des Lebens seines Volkes wie das Land selber. Und obwohl man l�ngst damit gerechnet hatte, war die Trauer �ber sein Dahinscheiden gro� und ergriff alle L�nder der Menschen. Ein paar von den Aller�ltesten erinnerten sich, da� es im Jahr 1083 seit Gr�ndung � vor genau achtzig Jahren � auch am Tunathstag gewesen war, da� Johan der Priester den Teufelswurm Shurakai erschlagen und im Triumph durch die Tore von Erchester Einzug gehalten hatte. Als diese Geschichte wieder erz�hlt wurde, nicht ohne einige Ausschm�ckungen, nickten weise H�upter. Von Gott � wie durch jene gro�e Tat offenbart � zum K�nig gesalbt, meinten sie, war er nun am Jahrestag wieder in den Scho� des Erl�sers aufgenommen worden. Man h�tte es voraussehen m�ssen, hie� es.</p><p>Es war traurig zu Mittwinter und zu �donzeit, auch wenn aus allen L�ndern von Osten Ard die Menschen nach Erchester und der Hohen Burg gestr�mt kamen. Tats�chlich begannen viele der Ortsans�ssigen �ber die Besucher zu murren, die nicht nur in der Kirche die besten B�nke beanspruchten, sondern auch in den Wirtsh�usern. Es herrschte auch mehr als nur ein wenig Ver�rgerung dar�ber, da� die Fremdl�nder solch einen Aufwand mit <emphasis>ihrem</emphasis> K�nig trieben; denn obwohl er Gebieter �ber alle gewesen war, hatten ihn die Bewohner von Erchester immer mehr wie einen schlichten Lehnsherrn betrachtet. In j�ngeren, ges�nderen Tagen war er nur allzugern unter die Leute gegangen; zu Pferd und in gl�nzender R�stung hatte er einfach wunderbar ausgesehen. Die B�rger der Stadt, zumindest in den �rmeren Vierteln, redeten oft mit vertraulichem Besitzerstolz von �unserm alten Mann da oben vom Hochhorst�.</p><p>Nun war er fort, befand sich zumindest au�erhalb der Reichweite dieser schlichten Gem�ter. Jetzt geh�rte er den Geschichtsschreibern, den Dichtern und den Priestern.</p><empty-line/><p>In den vorgeschriebenen vierzig Tagen, die zwischen Tod und Bestattung eines K�nigs liegen mu�ten, wurde Johans Leichnam in die Halle der Vorbereitung von Erchester gebracht, wo die Priester ihn in seltenen �len badeten, mit stechend riechenden Kr�uterharzen von den S�dlichen Inseln einrieben und dann von Kopf bis Fu� in wei�es Leinen wickelten, wobei sie ohne Unterla� Gebete von �berw�ltigender Fr�mmigkeit sprachen. Danach bekleideten sie K�nig Johan mit einem schlichten Gewand, wie es junge Ritter beim ersten Gel�bde trugen, und betteten ihn sanft auf eine Bahre im Thronsaal, rings umgeben von schmalen, schwarzen, brennenden Kerzen.</p><p>Sobald Johans K�rper feierlich aufgebahrt war, befahl Vater Helfcene, der Kanzler des K�nigs, �ber der Felsfeste von Wentmund das Hayefur anzuz�nden, etwas, das nur in Kriegszeiten oder bei gro�en Ereignissen geschah. Wenige unter den Lebenden konnten sich noch an das letzte Mal erinnern, als man den gewaltigen Fackelturm in Brand gesetzt hatte.</p><p>Helfcene gebot au�erdem, auf dem Swertclif, oben auf dem �stlich von Erchester gelegenen Vorgebirge, das weit �ber den Kynslagh hinausblickte, eine gewaltige Grube auszuheben. Auf diesem windigen Gipfel erhoben sich bereits die sechs schneebedeckten H�gel der K�nige, die vor Johan Presbyter auf dem Hochhorst geherrscht hatten. Es war elendes Wetter zum Graben, der Boden vom Winter gefroren, aber die Arbeiter auf dem Swertclif waren stolz und ertrugen die bei�ende Luft, die Frostbeulen und die aufgesprungene Haut um der Ehre des Auftrags willen. Der gr��te Teil des kalten Johanever-Monats verging, bevor man mit dem Ausschachten fertig war und die Grube mit einem riesigen Zelt aus rotwei�em Segeltuch �berdeckt hatte.</p><p>Die Vorbereitungen auf dem Hochhorst nahmen einen weniger gem�chlichen Verlauf. Die vier K�chen der Burg gl�hten und qualmten wie gesch�ftige Eisenwerke, w�hrend eine Horde schwitzender K�chenjungen den Leichenschmaus vorbereitete, Fleisch und Brot und Festwaffeln. Der Seneschall Peter Goldsch�ssel, ein kleiner, verbissener, gelbhaariger Mann, war wie ein Racheengel �berall gleichzeitig. Mit derselben Geschicklichkeit kostete er die in gewaltigen F�ssern wogende Br�he, untersuchte die Risse der Gro�en Tafel auf Staub � mit wenig Aussicht, denn hier war Rachel zust�ndig � und �berh�ufte die hin und her eilende Dienerschar mit Verw�nschungen. Es war, dar�ber waren sich alle einig, seine gr��te Stunde.</p><empty-line/><p>Auf dem Hochhorst versammelte sich die Trauergemeinde aus allen V�lkern Osten Ards. Skali Scharfnase von Kaldskryke, Herzog Isgrimnurs ungeliebter Vetter, erschien mit zehn verd�chtig ausschauenden vollb�rtigen Verwandten. Von den drei St�mmen, die �ber die wilden, grasigen Thrithinge herrschten, kamen die Markthane der regierenden Familien. Zur allgemeinen Verbl�ffung stellten die Stammeskrieger ausnahmsweise die Feindseligkeiten untereinander zur�ck und trafen gemeinsam ein � ein Zeichen ihrer Achtung f�r K�nig Johan. Ja, es hie� sogar, als die Nachricht von Johans Tod die Thrithinge erreichte, h�tten die Randwarte der drei St�mme sich an den Grenzen, die sie so eifers�chtig gegeneinander h�teten, getroffen und gemeinsam geweint und die ganze Nacht auf des K�nigs Geist getrunken.</p><p>Aus der Sancellanischen Mahistrevis, dem Herzogpalast in Nabban, schickte Herzog Leobardis seinen Sohn Benigaris mit einer Kolonne von Legion�ren und gepanzerten Rittern, an die hundert K�pfe stark. Als sie aus ihren Kriegsschiffen stiegen, die alle drei Nabbans goldenen Eisvogel auf dem Segel trugen, ging ein bewunderndes Raunen durch die Menge am Anlegeplatz. Sogar f�r Benigaris gab es ein paar respektvolle Hochrufe, als er auf einem hohen, grauen Zelter vorbeiritt; viele jedoch fl�sterten, wenn das der Neffe von Camaris, dem gr��ten Ritter im Zeitalter K�nig Johans, sei, so m�sse dieser Apfel vom Stamm seines Vaters und nicht dem seines Onkels gefallen sein. Camaris war ein h�nenhafter, alle anderen �berragender Mann gewesen, jedenfalls sagten das jene, die alt genug waren, sich noch an ihn zu erinnern; Benigaris dagegen sah, um die Wahrheit zu sagen, ein bi�chen verfettet aus. Aber es war ja auch schon fast vierzig Jahre her, da� Camaris-s�-Vinitta auf dem Meer verschollen war; viele von den J�ngeren hatten den Verdacht, da� sich seine Statur in der Erinnerung der Gro�v�ter und Klatschbasen ein wenig vergr��ert hatte.</p><p>Noch eine weitere bedeutende Abordnung kam aus Nabban, kaum weniger kriegerisch als Benigaris' Leute: der Lektor Ranessin selbst segelte auf einem wunderbaren Schiff �ber den Kynslagh, und auf dem Azursegel strahlten der wei�e Baum und die goldene S�ule der Mutter Kirche. Die Menge am Kai, die Benigaris und die Nabbanai-Soldaten so milde begr��t hatte � als erinnere sie sich noch undeutlich der Tage, in denen Nabban mit Erkynland um die Vormacht gerungen hatte �, empfing den Lektor mit lautem Willkommensruf. Die an der Schiffsl�nde Versammelten dr�ngten vorw�rts, und es erforderte die vereinten Kr�fte der Wachen von K�nig und Lektor, sie zur�ckzuhalten. Trotzdem wurden einige unsanft nach vorn gesto�en, so da� sie in den eiskalten See fielen und nur schnelle Rettung sie vor dem Erfrieren bewahrte.</p><p>�Das ist nicht das, was ich mir gew�nscht h�tte�, fl�sterte der Lektor seinem jungen Adlatus Vater Dinivan zu. �Ich meine � sieh dir nur dieses aufgeputzte Ding da an, das sie mir geschickt haben.� Er deutete auf die S�nfte, ein prunkvolles Gebilde aus geschnitztem Kirschholz mit blauer und wei�er Seide. Vater Dinivan, in schlichtes Schwarz gewandet, grinste.</p><p>Ranessin, ein schlanker, gutaussehender Mann von fast siebzig Jahren, sah mit �rgerlichem Stirnrunzeln auf die wartende S�nfte und winkte dann mit milder Geb�rde einen aufgeregten Offizier der Erkyngarde heran.</p><p>�Bitte entfernt das�, sagte er. �Wir wissen Kanzler Helfcenes F�rsorglichkeit zu w�rdigen, aber wir ziehen es vor, mit dem Volk zu gehen.�</p><p>Das ansto�erregende Transportmittel wurde eiligst fortgeschafft, und der Lektor schritt auf die �berf�llte Kynslagh-Treppe zu. Als er das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> machte � Daumen und kleiner Finger wie ineinandergehakte Zweige, dazu ein senkrechter Strich mit den Mittelfingern �, �ffnete die unruhige Menge langsam einen Durchgang, der �ber die ganze L�nge der gro�en Treppe reichte.</p><p>�Lauft bitte nicht so schnell, Meister�, sagte Dinivan und schob sich an ausgestreckten, winkenden Armen vorbei. �Ihr �berholt sonst noch Eure Wachen.�</p><p>�Und woher wei�t du� � Ranessin lie�, so schnell, da� niemand au�er Dinivan es sah, ein neckendes L�cheln �ber sein Gesicht huschen �, �da� es nicht genau das ist, was ich vorhabe?�</p><p>Dinivan fluchte ganz leise und bereute sofort diese Schw�che. Der Lektor war bereits einen Schritt voraus, und die Menge dr�ngte nach. Zum Gl�ck frischte jetzt der Wind von den Docks auf, und Ranessin war gezwungen, langsamer zu steigen. Mit der freien Hand umklammerte er seinen Hut, der fast so d�nn, hoch und bleich aussah wie Seine Heiligkeit selbst. Als Vater Dinivan merkte, da� der Lektor leicht schr�g im Wind zu liegen begann, schob er sich eilig weiter. Er holte den �lteren ein und packte ihn energisch am Ellbogen.</p><p>�Vergebt mir, Meister, aber Escritor Velligis w�rde es nie verzeihen, wenn ich Euch in den See fallen lie�e.�</p><p>�Nat�rlich, mein Sohn�, nickte Ranessin und formte, w�hrend die beiden weiter die lange, breite Treppe hinaufstiegen, immer wieder nach beiden Seiten das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> in der Luft. �Ich habe nicht gen�gend nachgedacht. Du wei�t ja, wie sehr ich diesen unn�tigen Pomp verachte.�</p><p>�Aber Lektor�, wandte Dinivan milde ein und hob mit dem Ausdruck geheuchelter �berraschung die buschigen Augenbrauen, �Ihr seid Usires �dons weltliche Stimme. Es schickt sich nicht, da� Ihr hier die Stufen hinaufrennt wie ein Seminarsch�ler.�</p><p>Dinivan war entt�uscht, da� diese Worte nur ein leichtes L�cheln auf das Gesicht Seiner Heiligkeit brachten. So kletterten sie in wortlosem Gleichschritt bergan, und der j�ngere Mann hielt weiter den Arm des �lteren in sch�tzendem Griff.</p><p><emphasis>Armer Dinivan</emphasis>, dachte Ranessin. <emphasis>Er gibt sich solche M�he und ist so achtsam. Nicht, da� er mich � immerhin den Lektor der Mutter Kirche � nicht mit einer gewissen Respektlosigkeit behandelte. Nat�rlich tut er das, weil ich es ihm erlaubt habe � zu meinem eigenen Besten. Aber heute bin ich nicht in heiterer Stimmung, und er sollte das wissen.</emphasis></p><p>Selbstverst�ndlich war Johans Tod der Grund � aber es war nicht nur der Verlust eines guten Freundes und hervorragenden K�nigs; es war die damit verbundene Ver�nderung, und die Kirche in Gestalt von Lektor Ranessin konnte es sich nicht erlauben, Ver�nderungen allzuleicht Vertrauen zu schenken. Nat�rlich bedeutete es auch den Abschied � nur in dieser Welt, erinnerte der Lektor sich selber energisch � von einem Mann, der ein gutes Herz und gute Absichten gehabt hatte, auch wenn er bei der Ausf�hrung dieser Absichten bestimmt manchmal allzu direkt vorgegangen war. Ranessin schuldete Johan viel, und nicht das Geringste davon war, da� der Einflu� des K�nigs bei der Erhebung des einstigen Oswin von Stanshire in die H�hen der Kirche und schlie�lich sogar zum Amt des Lektors, das f�nf Jahrhunderte von keinem Erkynl�nder mehr bekleidet worden war, eine gro�e Rolle gespielt hatte. Man w�rde den K�nig sehr vermissen.</p><p>Allerdings setzte Ranessin Hoffnungen auf Elias. Der Prinz war unzweifelhaft mutig, entschlu�kr�ftig, k�hn � s�mtlich Eigenschaften, die S�hne gro�er M�nner nur selten besitzen; freilich war er auch j�hzornig und ein wenig unbedacht, aber das � <emphasis>Duos wulstei</emphasis> � waren Fehler, die durch das Tragen von Verantwortung und durch guten Rat oft geheilt oder doch zumindest gemildert wurden.</p><p>Als er die H�he der Kynslagh-Treppe erreicht und mit seinem hinterherkeuchenden Gefolge den K�nigsweg betreten hatte, der um die Mauern von Erchester herumf�hrte, nahm der Lektor sich vor, dem neuen K�nig einen zuverl�ssigen Ratgeber als Helfer zu senden, der freilich auch mit wachsamem Auge auf das Wohl der Kirche achten sollte, jemanden wie Velligis oder den jungen Dinivan � nein, von Dinivan w�rde er sich nicht trennen. Auf jeden Fall wollte Ranessin einen Mann finden, der ein Gegengewicht zu Elias' blutd�rstigen jungen Edelleuten bildete � und zu diesem aufgeblasenen Schwachkopf Bischof Domitis.</p><empty-line/><p>Der erste Feyever, der Tag vor Elysiame� � Liebfrauentag �, d�mmerte hell, kalt und klar. Die Sonne hatte kaum die spitzt�rmigen Gipfel des fernen Gebirges erklommen, als auch schon eine langsame, feierliche Menge in die Kapelle des Hochhorstes zu str�men begann. Der Leichnam des K�nigs lag auf einer mit Goldstoff und schwarzen Seidenb�ndern verkleideten Bahre vor dem Altar.</p><p>Simon betrachtete die Edelleute in ihren reichen, d�steren Gew�ndern mit grollender Faszination. Er war, geradewegs aus der K�che kommend, auf die unbenutzte Chor-Empore gestiegen und trug sogar noch sein so�enfleckiges Hemd; selbst hier, zusammengekauert im Schatten versteckt, sch�mte er sich seiner armseligen Kleidung.</p><p><emphasis>Und ich als einziger Bedienter hier,</emphasis> dachte er. <emphasis>Der einzige von allen, der mit unserem K�nig in der Burg gewohnt hat. Woher kommen blo� diese aufgeputzten Herren und Damen?</emphasis> Er erkannte nur wenige wieder � Herzog Isgrimnur, die beiden Prinzen und ein paar andere.</p><p>Irgend etwas stimmte daran nicht, da� die dort unten in der Kapelle Sitzenden in ihren Trauerseiden so pr�chtig aussahen, w�hrend auf ihm der Gestank der Sp�lk�che lag wie eine Decke � aber was war es, was hier falsch war? Sollte man den K�chenhelfer der Burg im Kreis der Edlen willkommen hei�en? Oder lag die Schuld bei ihm, weil er es gewagt hatte, sich hier einzudr�ngen?</p><p><emphasis>Und was ist, wenn K�nig Johan alles beobachtet?</emphasis> Bei dem Gedanken �berlief es Simon kalt. <emphasis>Wenn er von irgendwoher zusieht? Wird er Gott erz�hlen, da� ich mich mit meinem dreckigen Hemd hier eingeschlichen habe?</emphasis></p><p>Als letzter trat Lektor Ranessin ein, angetan mit dem vollen Ornat seiner heiligen Amtsgew�nder in Schwarz, Silber und Gold. Auf dem Kopf trug er einen Kranz aus geweihten Ciyanbl�ttern, in der Hand Weihrauchf��chen und Stab aus schwarzem Onyx. Mit einer Geb�rde forderte er die Menge zum Niederknien auf und begann mit dem Eingangsgebet der <emphasis>Mansa-sea-Cuelossan</emphasis>, der Totenmesse. Als er in vollt�nendem Nabbanai, immer noch mit einem winzigen Akzent, den Text sprach, war es Simon, als scheine ein Licht auf Priester Johans Gesicht und als k�nne er den K�nig einen Augenblick lang so sehen, wie er damals anzuschauen gewesen war, als er zum ersten Mal mit leuchtenden Augen, schmutzig vom Kampf, aus den Toren des gerade erst eroberten Hochhorstes geritten war. Wie sehr w�nschte Simon sich, ihn damals erblickt zu haben!</p><p>Als die zahlreichen Gebete beendet waren, erhob sich der versammelte Adel, um das <emphasis>Cansim Falis</emphasis> zu singen; Simon begn�gte sich damit, die Worte lautlos mitzusprechen. Nachdem die Trauernden wieder Platz genommen hatten, begann Ranessin seine Rede, zur �berraschung aller nicht in Nabbanai, sondern in der l�ndlichschlichten Sprache der Westerlinge, die Johan zur gemeinsamen Sprache seines Reiches gemacht hatte.</p><p>�Erinnern wir uns�, intonierte Ranessin, �da�, als der letzte Nagel in den Hinrichtungsbaum geschlagen worden war und man unseren Herrn Usires dort in furchtbaren Qualen zu Tode marterte, eine edle Frau aus Nabban namens Pelippa, Tochter eines m�chtigen Ritters, ihn h�ngen sah und ihr Herz von Mitleid f�r sein Leiden erf�llt wurde. Als nun in dieser Ersten Nacht, in der Usires sterbend und einsam am Baume hing � denn man hatte seine J�nger mit Gei�eln aus dem Hof des Tempels gejagt �, die Dunkelheit hereinbrach, da kam sie zu ihm und brachte ihm Wasser, und sie gab es ihm mit ihrem kostbaren Tuch, das sie in eine goldene Schale tauchte und an seine ausged�rrten Lippen f�hrte.</p><p>Und als sie ihn tr�nkte, weinte Pelippa �ber die Pein des Erl�sers und sprach zu ihm: �Armer Mensch, was hat man dir getan?� Usires antwortete ihr: �Nichts, wof�r der arme Mensch nicht geboren w�re.�</p><p>Da weinte Pelippa wiederum und sprach: �Aber es ist schrecklich genug, da� sie dich um deiner Worte willen t�ten, ohne da� sie dich auch noch mit dem Kopf nach unten aufh�ngen, um dich zu dem�tigen.� Und Usires der Bekehrer sagte: �Tochter, es ist nicht von Bedeutung, wie ich h�nge, denn ich sehe trotzdem Gott, meinem Vater, mitten ins Angesicht.�</p><p>Und das��, der Lektor senkte seinen Blick auf die Versammlung, �� was unser Herr Usires hier gesagt hat, das k�nnen auch wir von unserem geliebten K�nig sagen. Das einfache Volk unten in der Stadt erz�hlt, Johan Presbyter sei nicht von uns gegangen, sondern bleibe bei uns, um �ber sein Volk und sein Osten Ard zu wachen. Das Buch �don verhei�t, da� er schon jetzt in unseren herrlichen Himmel voller Licht und Musik und blauer Berge emporgestiegen ist. Andere, wie unsere Br�der in Hernystir, werden sagen, er sei zu den �brigen Helden gegangen, die in den Sternen wohnen. Aber darauf kommt es nicht an. Denn wo immer er jetzt auch weilen mag, er, der einst der junge K�nig Johan war, ob er in leuchtenden Bergen oder den Gefilden der Sterne thront, dieses eine wissen wir: da� er voller Seligkeit in Gottes Angesicht schaut��</p><p>Als der Lektor seine Rede beendet hatte, standen selbst seine eigenen Augen voller Tr�nen. Die letzten Gebete wurden gesprochen, und die Trauergemeinde verlie� die Kapelle.</p><p>Simon sah in ehrf�rchtigem Schweigen zu, wie K�nig Johans schwarzgekleidete Leibdiener ihm die letzte Ehre erwiesen, ihn umschw�rmten wie K�fer eine abgest�rzte Libelle und ihn mit seinem k�niglichen Gewand und seiner Kriegsausr�stung bekleideten. Er wu�te, da� er sich h�tte entfernen m�ssen � das hier ging weit �ber Einschleichen und Lauschen hinaus und grenzte an Gottesl�sterung �, aber er konnte sich nicht vom Fleck r�hren. Furcht und Trauer waren einem seltsamen Gef�hl der Unwirklichkeit gewichen. Alles kam ihm wie ein Festspiel, ein Mummenschanz vor, bei dem die Figuren sich in ihren Rollen so steif bewegten, als seien ihre Glieder zu Eis gefroren, aufgetaut und wiederum eingefroren.</p><p>Die Diener des toten K�nigs h�llten ihn in seine eiswei�e R�stung und schoben ihm die gefalteten Handschuhe in das Wehrgehenk, lie�en jedoch die F��e blo�. �ber den Brustharnisch zogen sie ein langes, himmelblaues Wams und legten dem Toten einen gl�nzend scharlachroten Mantel um die Schultern, und bei all dem bewegten sie sich so langsam, als litten sie an einem Fieber. Haar und Bart wurden zu Kriegsz�pfen geflochten, und der eiserne Reif, das Zeichen der Herrschaft �ber den Hochhorst, wurde auf seine Stirn gesetzt. Zum Schlu� zog Noah, der alte Knappe des K�nigs, Fingils eisernen Ring hervor, den er bis dahin zur�ckgehalten hatte; die pl�tzlichen Laute seines Kummers zerbrachen die lastende Stille. Noah schluchzte so bitterlich, da� Simon sich fragte, wie er vor lauter Tr�nen �berhaupt genug sehen konnte, um dem K�nig den Ring an den wei�en Finger zu stecken.</p><p>Endlich hoben die schwarzgekleideten K�fer den Leichnam wieder auf die Bahre. Bedeckt von seinem �berwurf aus Goldstoff, wurde er zum letzten Mal aus seiner Burg getragen, drei M�nner auf jeder Seite. Dahinter folgte Noah mit dem drachengekr�nten Kriegshelm des K�nigs. Oben im Schatten der Empore tat Simon einen tiefen Atemzug � ihm war, als h�tte er eine Stunde lang die Luft angehalten. Der K�nig war fort.</p><empty-line/><p>Als Herzog Isgrimnur sah, wie Johan der Priester durch das Nerulagh-Tor getragen wurde und die Prozession des Adels sich hinter ihm zu ordnen begann, �berkam ihn ein sonderbares, unsicheres Gef�hl wie ein Traum vom Ertrinken.</p><p><emphasis>Sei kein Esel, Alter,</emphasis> sagte er zu sich selber. <emphasis>Niemand lebt ewig � auch wenn Johan ein gro�es St�ck davon geschafft hat.</emphasis></p><p>Das Merkw�rdige daran war, da� Isgrimnur immer gewu�t hatte, selbst als sie Seite an Seite in der tobenden H�lle der Schlacht gestanden hatten und die schwarzgefiederten Thrithing-Pfeile an ihnen vor�bergezischt waren wie Uduns � verdammt: wie <emphasis>Gottes</emphasis> Blitze, da� Johan Presbyter im Bett sterben w�rde. Diesen Mann im Krieg zu sehen hie� einen vom Himmel Gesalbten sehen, unber�hrbar und gebieterisch, einen Mann, der lachte, als Blutnebel den Himmel verdunkelte. W�re Johan ein Rimmersmann gewesen � Isgrimnur l�chelte innerlich �, h�tte er ganz gewi� zu den Berserkern geh�rt.</p><p><emphasis>Aber nun ist er tot, und das ist schwer zu begreifen. Seht sie doch an, diese Ritter und Herren � sie haben auch geglaubt, er w�rde ewig leben. Jetzt haben die meisten Angst.</emphasis></p><p>Elias und der Lektor hatten gleich hinter der Bahre des K�nigs Aufstellung genommen. Isgrimnur, Prinz Josua und die blondhaarige Prinzessin Miriamel, Elias' einziges Kind, folgten dichtauf. Auch die anderen hochgestellten Familien standen auf ihren Pl�tzen, ohne das sonst �bliche Gedr�ngel um die g�nstigsten Positionen. Als der Leichnam dann �ber den K�nigsweg nach dem Vorgebirge getragen wurde, schlo� sich hinten auch das einfache Volk an, eine riesige Menge, von der Prozession eingesch�chtert und zum Verstummen gebracht.</p><p>Auf einem Bett aus langen Pf�hlen lag am Fu�e des K�nigsweges die <emphasis>Seepfeil</emphasis>, das Boot des K�nigs. In ihr, so hie� es, sollte Johan einst von den Inseln der Westerlinge nach Erkynland gekommen sein. Es war nur ein kleines Fahrzeug, kaum mehr als f�nf Ellen lang; Isgrimnur bemerkte erfreut, da� man das Holz frisch lackiert hatte, damit es in der tr�ben Feyeversonne schimmerte.</p><p><emphasis>G�tter, wie hat er dieses Boot geliebt!</emphasis> erinnerte sich der Herzog. Sein Amt als K�nig hatte Johan wenig Zeit f�r das Meer gelassen, aber Isgrimnur entsann sich einer wilden Nacht vor drei�ig Jahren oder noch mehr, als der K�nig in einer solchen Stimmung gewesen war, da� es nur noch eines f�r ihn gab: Er und Isgrimnur, damals noch ein junger Mann, mu�ten die <emphasis>Seepfeil</emphasis> auftakeln und auf den windgepeitschten Kynslagh hinausfahren. Die Luft war so kalt gewesen, da� sie bi�. Johan, fast siebzig Jahre alt, hatte gejohlt und gelacht, als die <emphasis>Seepfeil</emphasis> in der hohen D�nung bockte, w�hrend Isgrimnur, dessen Ahnen sich lange vor seiner Zeit f�r das Festland entschieden hatten, das Schanzkleid umklammert und zu seinen zahlreichen alten G�ttern und dem einen neuen Gott gebetet hatte.</p><p>Jetzt legten die Diener und Soldaten des K�nigs den Leichnam ganz sanft in das Boot, wobei sie ihn auf ein Gestell hinunterlie�en, das man f�r die Bahre vorbereitet hatte. Vierzig Krieger der k�niglichen Erkyngarde ergriffen sodann die langen Pf�hle und legten sie auf ihre Schultern. Sie hoben das Boot auf und trugen es fort.</p><p>Der K�nig und die <emphasis>Seepfeil</emphasis> f�hrten die gewaltige Menschenmenge eine halbe Meile um das Vorgebirge �ber der Bucht herum, bis sie endlich Swertclif und das Grab erreichten. Man hatte das dar�ber errichtete Zelt entfernt, und das Loch neben den sechs feierlichen runden Grabh�geln der fr�heren Gebieter des Hochhorstes glich einer offenen Wunde.</p><p>Auf der einen Seite der Grube erhob sich ein massiver Stapel ausgeschnittener Grassoden, daneben ein H�gel aus Steinen und unbehauenem Holz. Auf der anderen Seite, wo man die Erde im flachen Winkel aufgegraben hatte, wurde die <emphasis>Seepfeil</emphasis> niedergesetzt. Sobald das Boot stand, traten der Reihe nach die adligen Familien Erkynlands und die Dienerschaft des Hochhorstes heran, um kleine Dinge als Zeichen ihrer Liebe in das Boot oder das Grab zu legen. Au�erdem war aus jedem Land, das unter dem Hohen Schutz des K�nigs gestanden hatte, ein besonders bedeutendes Kunstwerk geschickt worden, das Johan der Priester mit in den Himmel nehmen sollte � ein Gewand aus kostbarer Seide von der Insel Risa etwa kam aus Perdruin, ein wei�er Porphyr-Baum aus Nabban. Isgrimnurs Leute hatten aus Elvritshalla in Rimmersgard eine silberne Axt mitgebracht, Dwerningswerk, bergblaue Juwelen am Heft. Lluth, K�nig der Hernystiri, hatte aus dem Taig von Hernysadharc einen langen Eschenholzspeer gesandt, �berall mit rotem Gold eingelegt und mit goldener Spitze.</p><p>Die Mittagssonne schien viel zu hoch am Himmel zu stehen. So dachte zumindest Herzog Isgrimnur, als auch er endlich vortrat. Obwohl sie ungehindert �ber das graublaue Himmelsgew�lbe wanderte, schien sie ihre W�rme zur�ckzuhalten. Der Wind wehte sch�rfer und tanzte wirbelnd �ber das Kliff. Isgrimnur trug Johans abgeschabte Kriegsstiefel in der Hand. Er brachte es nicht �ber sich, zu den wei�en Gesichtern hinaufzusehen, die glitzernd wie Schneeflecken im tiefen Wald aus der Menge sp�hten.</p><p>Als er sich der <emphasis>Seepfeil</emphasis> n�herte, warf er einen letzten Blick auf seinen K�nig. Bleicher als die Brust einer Taube sah Johan doch so streng und gro�artig und voll von schlafendem Leben aus, da� Isgrimnur sich dabei ertappte, da� er sich Sorgen um seinen alten Freund machte, der ohne Decke drau�en im Wind lag. Sekundenlang h�tte er fast gel�chelt.</p><p><emphasis>Johan hat immer gesagt, ich h�tte das Herz eines B�ren und den Verstand eines Ochsen</emphasis>, schalt Isgrimnur sich selber. <emphasis>Und wenn es hier oben schon kalt ist, wie kalt wird er es erst in der gefrorenen Erde haben �</emphasis></p><p>Vorsichtig, aber sicher schritt Isgrimnur �ber die steile Rampe aus Erde; wenn n�tig, st�tzte er sich mit der Hand ab. Obwohl ihm dabei der R�cken f�rchterlich schmerzte, wu�te er, da� niemand so etwas von ihm denken w�rde, und er war noch nicht so alt, da� er nicht ein bi�chen stolz darauf gewesen w�re.</p><p>Nacheinander nahm er Johan Presbyters blauge�derte F��e in die Hand und zog ihnen die Stiefel �ber. Innerlich lobte er die geschickten H�nde im Haus der Vorbereitung f�r die Leichtigkeit, mit der er diese Aufgabe erf�llen konnte. Ohne seinem Freund noch einmal ins Gesicht zu sehen, nahm er schnell die Hand des K�nigs und k��te sie. Dann schritt er davon, und es war ihm noch viel seltsamer ums Herz als zuvor. Pl�tzlich kam es ihm vor, als sei es nicht die leblose H�lle seines K�nigs, die man da der Erde anvertraute, w�hrend die Seele frei davonflatterte wie ein frisch entfalteter Schmetterling. Die Geschmeidigkeit der Glieder, das so vertraute, ruhevolle Gesicht � wie Isgrimnur es unz�hlige Male erblickt hatte, wenn der K�nig in einer Schlachtpause ein paar Stunden Schlaf ergattert hatte �, das alles gab Isgrimnur ein Gef�hl, als lasse er einen lebendigen Freund im Stich. Auch wenn er <emphasis>wu�te,</emphasis> da� Johan Presbyter tot war, weil er die Hand des K�nigs gehalten hatte, als dieser die letzten Atemz�ge tat, f�hlte er sich trotzdem wie ein Verr�ter.</p><p>So besessen war er von seinen Gedanken, da� er beinahe mit Prinz Josua zusammengesto�en w�re, der ihm auf seinem Weg zum Grabh�gel geschickt auswich. Isgrimnur erkannte entsetzt, da� Josua auf einem grauen Tuch Johans Schwert Hellnagel vor sich hertrug.</p><p><emphasis>Was geht hier vor?</emphasis> fragte sich Isgrimnur. <emphasis>Was will er mit dem Schwert?</emphasis></p><p>Als der Herzog die vorderste Reihe der Menge erreichte und sich wieder umdrehte, um zuzuschauen, wurde sein Unbehagen noch gr��er. Josua hatte dem K�nig Hellnagel auf die Brust gelegt und verschr�nkte jetzt Johans H�nde �ber dem Griff.</p><p><emphasis>Aber das kann er nicht tun!</emphasis> dachte der Herzog. <emphasis>Das Schwert geh�rt dem Thronerben � ich wei�, da� Johan es Elias geben wollte. Und wenn Elias es wirklich lieber mit seinem Vater beisetzen m�chte, warum legt er es ihm dann nicht selber ins Grab? Wahnsinn! Wundert sich denn sonst niemand dar�ber?</emphasis></p><p>Isgrimnur schaute nach allen Seiten, fand auf den Gesichtern ringsum aber nichts als Trauer.</p><p>Jetzt kam Elias. Langsam schritt er an seinem Bruder vorbei, als nehme er teil an einem feierlichen Tanz � und so �hnlich war es ja auch. Der Thronerbe beugte sich �ber das Schanzkleid des Bootes. Was er seinem Vater mitgab, konnte niemand sehen, aber alle bemerkten, da� auf Elias' Wange, als er sich abwandte, eine Tr�ne glitzerte, w�hrend Josuas Augen trockengeblieben waren.</p><p>Die Trauergemeinde sprach noch ein letztes Gebet. Ranessin, mit in der Seebrise wogenden Gew�ndern, besprenkelte die <emphasis>Seepfeil</emphasis> mit geweihten �len. Dann wurde das Boot langsam �ber die Schr�ge der Grube hinabgelassen. Schweigend arbeiteten die Soldaten mit ihren schweren Pf�hlen, bis es endlich einen Faden tief in der Erde lag. Dann w�lbte man einen hohen Berg aus Holzbohlen dar�ber, den die Arbeiter mit Grassoden bedeckten, einen �ber den anderen geschichtet. Endlich h�ufte man Steine darauf, um das Felsmal f�r Johan den Priester zu vollenden, und die Trauergesellschaft machte sich auf den Weg und wanderte langsam �ber die Klippen am Rande des Kynslaghs nach Hause zur�ck.</p><empty-line/><p>Der abendliche Leichenschmaus in der gro�en Halle der Burg war keine feierlich strenge Zusammenkunft, sondern eher ein Fest voll Mut und Heiterkeit. Gewi�, Johan war tot, aber er hatte ein langes Leben gehabt, weit l�nger als die meisten anderen Menschen, und ein K�nigreich hinterlassen, in dem Wohlstand und Frieden herrschten, mit einem starken Sohn als Thronfolger.</p><p>In den Kaminen stapelten sich die Scheite; die tanzenden Flammen warfen seltsam h�pfende Schatten an die Wand. Schwitzende Dienerinnen und Diener eilten hin und her. Die Feiernden gestikulierten und riefen den K�nigen Trinkspr�che zu, dem alten, der von ihnen gegangen war, und dem neuen, der am n�chsten Morgen gekr�nt werden sollte. Die Burghunde, gro�e und kleine, bellten, balgten sich um heruntergefallene Brocken und w�hlten im Stroh, das den Boden bedeckte. Simon, dienstverpflichtet, mu�te eine schwere Weinkanne von Tisch zu Tisch schleppen und hatte, von gr�lenden Angeheiterten angebr�llt und bespritzt, das Gef�hl, in einer von den l�rmenden H�llen aus Vater Dreosans Predigten seine Arbeit zu tun; die auf den Tischen verstreuten und unter den F��en knirschenden Knochen konnten die �berreste von S�ndern sein, die diese lachenden D�monen erst gequ�lt und dann fortgeschleudert hatten.</p><p>Elias sah schon jetzt wie ein echter Kriegerk�nig aus. Er sa� an der Haupttafel, umgeben von seinen jungen adligen G�nstlingen: Guthwulf von Utanyeat, Fengbald, dem Grafen von Falshire, Breyugar vom Westfold und anderen. Alle trugen sie ein Streifchen von Elias' Gr�n am Trauerschwarz, und alle wetteiferten sie miteinander um den lautesten Trinkspruch, den h�rtesten Scherz. Der zuk�nftige K�nig f�hrte bei diesen Anstrengungen den Vorsitz und belohnte seine Favoriten mit lautem Gel�chter. Von Zeit zu Zeit beugte er sich vor und sagte etwas zu Skali von Kaldskryke, Isgrimnurs Verwandtem, der als besonders geladener Gast an Elias' Tafel sa�. Obwohl er ein gro�er Mann war, falkengesichtig und blondb�rtig, wirkte Skali von der Ehre, zur Seite des Thronfolgers zu sitzen, etwas �berw�ltigt � vor allem, weil Herzog Isgrimnur keine vergleichbare Ehre zuteil geworden war. Aber etwas, das Elias soeben bemerkte, schien ins Schwarze zu treffen; Simon sah den Rimmersmann zuerst l�cheln, h�rte ihn dann schallend loslachen und mit seinem Metallpokal krachend mit dem Prinzen ansto�en. Elias drehte sich mit w�lfischem Grinsen um und sagte etwas zu Fengbald, der in die allgemeine Erheiterung einstimmte.</p><p>Verglichen damit, ging es an dem Tisch, an dem Isgrimnur mit Prinz Josua und einigen anderen sa�, weit ged�mpfter zu; die Stimmung schien zum grauen Gewand des Prinzen zu passen. Obwohl die anderen Edelleute sich M�he gaben, eine Unterhaltung in Gang zu halten, konnte Simon im Vorbeigehen feststellen, da� die beiden Hauptpersonen sich nicht daran beteiligten. Josua starrte in die Ferne, als fesselten die Wandbeh�nge seinen Blick. Genausowenig wie er reagierte Herzog Isgrimnur auf das Tischgespr�ch, aber seine Gr�nde daf�r waren kein Geheimnis. Selbst Simon konnte erkennen, wie finster der alte Herzog zu Skali Scharfnase hin�berstarrte und mit den riesigen, knorrigen H�nden gedankenverloren am Saum seines B�renfellwamses herumzupfte. Die ver�chtliche Art, in der Elias einen von Johans getreuesten Rittern behandelte, war an anderen Tischen nicht unbeachtet geblieben. Einige der j�ngeren Edelleute, wenngleich h�flich genug, es nicht deutlich zu zeigen, schienen das Unbehagen des Herzogs belustigend zu finden. Hinter vorgehaltener Hand tuschelten sie mit hochgezogenen Brauen, um die Gr��e des Skandals anzudeuten. W�hrend Simon dastand und vor sich hinschwankte, verwirrt von dem L�rm, dem Rauch und seinen eigenen konfusen Beobachtungen, ert�nte von einem der hinteren Tische eine laute Stimme, die ihn verw�nschte und nach mehr Wein br�llte. Hastig setzte er sich wieder in Bewegung.</p><p>Sp�ter am Abend, als Simon endlich Gelegenheit fand, sich in einer Nische hinter einem der gewaltigen Wandbeh�nge einen Augenblick auszuruhen, bemerkte er, da� ein neuer Gast am Ehrentisch Platz genommen und sich auf einen hohen Hocker zwischen Elias und Guthwulf gezw�ngt hatte. Der Neuank�mmling war in f�r eine Trauergesellschaft h�chst unpassendes Scharlachrot gekleidet; schwarzgoldene Tressen fa�ten die S�ume seiner �berweiten �rmel ein. Als er sich vorbeugte, um Elias etwas ins Ohr zu fl�stern, betrachtete ihn Simon mit hilfloser Faszination. Der Mann war v�llig haarlos, sogar ohne Augenbrauen und Wimpern, aber die Z�ge geh�rten einem noch jungen Mann. Die eng �ber den Sch�del gespannte Haut schien selbst im grell orangefarbenen Binsenlicht auffallend bla�; die Augen lagen tief in den H�hlen und waren so dunkel, da� sie nur wie gl�nzend schwarze Flecken unter den nackten Brauen wirkten. Simon kannte diese Augen � sie hatten ihn unter dem Kapuzenmantel des Wagenlenkers angeblickt, dessen Fahrzeug ihn am Nerulagh-Tor um ein Haar �berrollt h�tte. Er schauderte und ri� die Augen auf. Es war etwas Widerw�rtiges und zugleich Fesselndes an dem Mann, �hnlich wie bei einer sich wiegenden Schlange.</p><p>�Sieht gr��lich aus, nicht wahr?� sagte eine Stimme an seinem Ohr. Simon machte einen Satz. Ein junger Mann, dunkelhaarig und l�chelnd, stand hinter ihm in der Nische, eine Laute aus Eschenholz liebevoll an das taubengraue Wams gedr�ckt.</p><p>�Ich � es tut mir leid�, stotterte Simon. �Ihr habt mich erschreckt.�</p><p>�Das wollte ich nicht�, lachte der andere. �Ich kam nur vorbei, um zu sehen, ob du mir aushelfen k�nntest.� Er zog die andere Hand hinter dem R�cken vor und zeigte Simon einen leeren Weinbecher.</p><p>�Oh ��, begann Simon. �Es tut mir wirklich leid � ich ruhte mich gerade ein bi�chen aus, Herr � verzeiht mir ��</p><p>�Friede, Freund, Friede! Ich will dir keinen �rger machen, aber wenn du nicht aufh�rst, dich zu entschuldigen, werde ich doch noch zornig. Wie hei�t du?�</p><p>�Simon, Herr.� Hastig hob er die Kanne und f�llte das Gef�� des jungen Mannes. Der Fremde stellte den Becher in einer Vertiefung der Wand ab, fa�te die Laute fester und griff in sein Wams, aus dem er einen zweiten Becher zutage f�rderte. Mit einer Verbeugung hielt er ihn Simon hin.</p><p>�Hier�, meinte er. �Den wollte ich eigentlich stehlen, Meister Simon, aaber ich finde, wir sollten statt dessen gegenseitig auf unsere Gesundheit und das Andenken des alten K�nigs trinken � und bitte nenn mich nicht �Herr�, denn ich bin keiner.� Er klopfte mit dem Becher an die Kanne, bis Simon ihm nochmals eingo�. �Na also!� erkl�rte der Fremde. �Und nun nenn mich Sangfugol � oder, wie der alte Isgrimnur es verst�mmelt, �Zongvogol�.�</p><p>Der Fremde ahmte den Rimmersgard-Akzent so hervorragend nach, da� Simon ein winziges L�cheln zustande brachte. Nachdem er sich verstohlen nach Rachel umgeschaut hatte, setzte er die Kanne hin und f�hrte den Becher, den Sangfugol ihm gegeben hatte, an den Mund. Der rote Wein, stark und sauer, flo� wie Fr�hlingsregen durch seine ausged�rrte Kehle; als er den Becher senkte, war sein L�cheln wesentlich breiter geworden.</p><p>�Geh�rt Ihr zu Herzog Isgrimnurs � Gefolge?� fragte Simon und wischte sich mit dem �rmel die Lippen.</p><p>Sangfugol lachte. Er schien schnell belustigt.</p><p>�Gefolge! Was f�r ein Wort f�r einen Jungen, der Getr�nke bringt! Nein, ich bin Josuas Harfner. Ich wohne auf seiner Burg Naglimund, im Norden.�</p><p>�Liebt der Prinz denn die Musik?� Aus irgendeinem Grund �berraschte Simon dieser Gedanke. Er go� sich noch einen Becher ein.</p><p>�Er sieht immer so ernst aus.�</p><p>�Er ist auch ernst � aber das hei�t doch nicht, da� er die Harfe oder das Lautenspiel geringsch�tzen mu�. Es stimmt zwar, da� er meist meine melancholischen Lieder vorzieht, aber es gibt auch Zeiten, in denen er die �Ballade vom Dreibeinigen Tom� oder anderes in dieser Art h�ren will.�</p><p>Bevor Simon weiterfragen konnte, gab es an der Haupttafel gro�es Gejohle und Heiterkeit. Simon drehte sich um und sah, da� Fengbald einem anderen Mann einen Humpen Wein in den Scho� gesch�ttet hatte. Der andere, der betrunken war, wrang sein Hemd aus, w�hrend Elias und Guthwulf und der Rest der Edelleute spotteten und gr�lten. Nur der kahle Fremde im Scharlachgewand beteiligte sich nicht daran. Seine Augen blieben kalt, und ein schmales L�cheln entbl��te die Z�hne.</p><p>�Wer ist das?� wandte sich Simon wieder Sangfugol zu, der seinen Becher ausgetrunken hatte und jetzt die Laute ans Ohr hielt, an den Saiten zupfte und ganz leicht an den Wirbeln drehte. �Ich meine den Mann in Rot.�</p><p>�Ja�, erwiderte der Harfner, �ich habe gesehen, wie du ihn anstarrtest, als ich kam. Entsetzlicher Kerl, wie? Das ist Pryrates, ein Nabbanai-Priester und einer von Elias' Ratgebern. Die Leute sagen, er w�re ein hervorragender Alchimist, obwohl er daf�r noch recht jung aussieht, findest du nicht? Ganz abgesehen davon, da� die Alchimie eigentlich keine passende Besch�ftigung f�r einen Priester ist. Wenn man zudem etwas genauer hinh�rt, wird sogar gefl�stert, da� er ein Zauberer sein soll, ein schwarzer Magier. Und wenn man noch sch�rfer aufpa�t�� An dieser Stelle wurde, als wollte Sangfugol zeigen, <emphasis>wie</emphasis> scharf man aufpassen m��te, seine Stimme hauchleise, und Simon mu�te sich vorbeugen, um sie �berhaupt zu h�ren; er schwankte leicht und merkte, da� er gerade einen dritten Weinbecher ausgetrunken hatte. �Wenn du ganz, ganz sorgf�ltig hinh�rst��, fuhr der Harfner fort, �wirst du von den Leuten erfahren, da� Pryrates' Mutter eine Hexe war und sein Vater � <emphasis>ein D�mon!</emphasis>� Sangfugol zupfte scharf an einer Lautensaite, und Simon sprang verbl�fft zur�ck. �Aber, Simon, du darfst nicht alles glauben, was du h�rst � schon gar nicht von betrunkenen S�ngern!� Sangfugol beendete seine Worte mit einem Lachen und streckte die Hand aus. Simon starrte sie ratlos an.</p><p>�F�r einen H�ndedruck, mein Freund�, grinste der Harfner. �Es hat mir Freude gemacht, mich mit dir zu unterhalten, aber ich f�rchte, da� ich jetzt wieder an meinen Tisch mu�, wo mich andere mit Ungeduld erwarten. Leb wohl!�</p><p>�Leb wohl.� Simon ergriff Sangfugols Hand und sah dann zu, wie sich der Harfner mit der Gewandtheit des erfahrenen Trunkenboldes durch den Saal schl�ngelte.</p><p>Als Sangfugol wieder Platz genommen hatte, fiel Simons Blick auf zwei M�gde, die gegen�ber an der Korridorwand lehnten, sich mit den Sch�rzen Luft zuf�chelten und schwatzten. Eine davon war Hepzibah, die Neue, die andere Rebah, eines der K�chenm�dchen.</p><p>In Simons Blut machte sich eine gewisse W�rme bemerkbar. Es mu�te ganz einfach sein, jetzt durch den Saal zu gehen und die beiden anzusprechen. Hepzibah hatte so etwas, eine gewisse Keckheit um Augen und Mund, wenn sie lachte � Mit einem mehr als nur leichten Schwindelgef�hl trat Simon in den Saal zur�ck. Das Stimmengewirr umbrandete ihn wie eine Flut.</p><p><emphasis>Augenblick, Augenblick,</emphasis> dachte er, und pl�tzlich wurde ihm hei� und �ngstlich, <emphasis>wie kann ich einfach zu ihnen hingehen und sie ansprechen � merken sie dann nicht, da� ich sie beobachtet habe! Werden sie nicht �</emphasis></p><p>�Heda, fauler Bauernt�lpel! Bring uns noch etwas von diesem Wein!�</p><p>Simon fuhr herum und erblickte Graf Fengbald, rot im Gesicht, der ihm vom Tisch des K�nigs mit dem Pokal zuwinkte. Die M�gde im Korridor schlenderten davon. Simon rannte nach der Nische zur�ck, um seine Kanne zu holen, und mu�te sie aus einem Gewirr von Hunden befreien, die sich um ein Kotelett stritten. Ein Welpe, jung und mager, einen wei�en Fleck im braunen Gesicht, winselte am Rand der Meute; mit den gr��eren Hunden konnte er es nicht aufnehmen. Simon fand auf einem verlassenen Stuhl einen Fetzen fettiger Kruste und warf ihn dem H�ndchen zu, das mit dem Stummelschwanz wedelte und den Leckerbissen sofort verschlang. Dann heftete es sich an Simons Fersen, der die Kanne durch den Saal trug.</p><p>Fengbald und Guthwulf, der gro�m�ulige Graf von Utanyeat, f�hrten eine Art Wettkampf im Armdr�cken durch. Sie hatten die Dolche gezogen und neben ihren Armen in die Tischplatte gerammt. Simon lief, so behende er konnte, um den Tisch herum, go� Wein in die Becher der johlenden Zuschauer und bem�hte sich, nicht �ber den Hund zu stolpern, der ihm st�ndig zwischen den F��en herumsprang. Der Kronprinz sah dem Wettkampf am�siert zu, hatte jedoch seinen eigenen Pagen hinter sich, so da� Simon ihm nicht den Pokal f�llte. Zuletzt schenkte er Pryrates ein und wich dabei dem Blick des Priesters aus. Doch konnte er nicht umhin, den seltsamen Geruch des Mannes zu bemerken, eine r�tselhafte Mischung aus Metall und allzu s��en Gew�rzen. Als er zur�cktrat, sah er das H�ndchen neben Pryrates im Stroh herumw�hlen, irgendeinem heruntergefallenen Schatz auf der Spur.</p><p>�Komm her!� zischte Simon und klopfte auf sein Knie. Aber der Hund achtete nicht auf ihn. Er begann mit beiden Pfoten zu scharren und stie� mit dem R�cken an die rot umh�llte Wade des Priesters. �Komm doch!� fl�sterte Simon wieder.</p><p>Pryrates wandte den Kopf, um nach unten zu blicken. Langsam drehte sich der gl�nzende Sch�del auf dem langen Hals. Er hob den Fu� und lie� seinen schweren Stiefel auf das R�ckgrat des Hundes niedersausen � eine geschwinde, knappe Bewegung, die nur einen Herzschlag dauerte. Knochen splitterten, ein ersticktes Aufjaulen: Der kleine Hund wand sich hilflos im Stroh, bis Pryrates ein zweites Mal den Absatz hob und ihm den Sch�del zerschmetterte.</p><p>Der Priester schaute einen Augenblick teilnahmslos auf den Leichnam und hob dann den Blick. Seine Augen hefteten sich auf Simons entsetztes Gesicht. Das schwarze Starren � ohne Reue, ohne Betroffenheit � packte den Jungen und hielt ihn fest. Pryrates' flache, tote Augen flackerten noch einmal hinab zu dem H�ndchen und wandten sich dann wieder Simon zu. Langsam breitete sich ein Grinsen �ber das Gesicht des Priesters.</p><p><emphasis>Was kannst du dagegen tun, Junge?</emphasis> sagte das L�cheln. <emphasis>Und wen k�mmert es schon?</emphasis></p><p>Die Aufmerksamkeit des Priesters wurde wieder auf die Tafel gelenkt. Simon, befreit, lie� die Kanne fallen und stolperte hinaus, auf der Suche nach einem Ort, an dem er sich �bergeben konnte.</p><empty-line/><p>Es war kurz vor Mitternacht. Gut und gern die H�lfte der Feiernden war zu Bett getaumelt oder dorthin getragen worden. Es schien �u�erst fraglich, ob viele von ihnen morgen bei der Kr�nung �berhaupt anwesend sein w�rden. Simon go� gerade den stark gew�sserten Wein, den Peter Goldsch�ssel um diese Zeit ausschlie�lich noch kredenzen lie�, in den Becher eines betrunkenen Gastes, als Graf Fengbald, der als einziger von der Gesellschaft des zuk�nftigen K�nigs �briggeblieben war, vom Anger drau�en in die Halle stolperte. Der junge Edelmann war zerzaust und seine Hosen standen halb offen, aber sein Gesicht zeigte ein seliges L�cheln.</p><p>�Kommt alle nach drau�en!� rief er. �Kommt sofort hinaus! Kommt und seht!� Er schwankte wieder zur T�r. Wer noch dazu f�hig war, stand auf und folgte ihm. Die M�nner rempelten einander an und machten Witze. Manche sangen betrunken vor sich hin.</p><p>Fengbald stand auf dem Anger, den Kopf in den Nacken geworfen. Das schwarze Haar hing ihm aufgel�st �ber den R�cken seines befleckten Wamses, und er starrte zum Himmel hinauf. Er deutete nach oben; eines nach dem anderen hoben sich die Gesichter der anderen und folgten seinem Blick.</p><p>Quer �ber den Himmel war ein seltsames Bild gemalt. Es sah aus wie eine tiefe Wunde, die das Nachtschwarz mit Blut bespritzte � ein riesenhafter roter Komet, der sich von Norden nach S�den �ber den Himmel erstreckte.</p><p>�Ein Bartstern!� rief jemand. �Ein Omen!�</p><p>�Der alte K�nig ist tot, tot, tot!� schrie Fengbald und fuchtelte mit dem Dolch in der Luft herum, als wollte er die Sterne herausfordern, herabzusteigen und mit ihm zu k�mpfen. �Lang lebe der neue K�nig!� rief er. �Ein neues Zeitalter hat begonnen!�</p><p>Jubelrufe erschallten, und einige der Anwesenden stampften mit den F��en auf und jubelten. Andere begannen einen schwindligen, lachenden Tanz, bei dem sich M�nner und Frauen an den H�nden hielten und im Kreis herumwirbelten. �ber ihnen glomm der rote Stern wie gl�hende Kohle.</p><p>Simon, der den Angeheiterten ins Freie nachgelaufen war, um den Grund f�r den Tumult zu erfahren, wollte gerade wieder in die Halle zur�ckgehen, da sah er Doktor Morgenes im Schatten der Zwingermauer stehen. Der alte Mann, gegen die kalte Luft in ein dickes Gewand geh�llt, bemerkte seinen Lehrling nicht � auch er starrte zu dem Bartstern hinauf, dem scharlachroten Schwerthieb quer �ber das Himmelsgew�lbe. Aber im Gegensatz zu den anderen zeigte sein Gesicht weder Trunkenheit noch Freude. Es wirkte ver�ngstigt und kalt und klein.</p><p><emphasis>Er sieht aus</emphasis>, dachte Simon, <emphasis>wie ein Mann, der ganz allein in der Wildnis dem Hungerlied der W�lfe lauscht.</emphasis></p></section><section><title><p>VII</p><p>Der Erobererstern</p></title><p>Fr�hling und Sommer im ersten Jahr der Regentschaft K�nig Elias' waren zauberhaft, sonnenhell von Pomp und Schaugepr�nge. Ganz Osten Ard schien neugeboren. Die jungen Adligen waren zur�ckgekehrt und f�llten wieder die so lange schweigenden Hallen des Hochhorstes, und der Unterschied war so gro�, da� es schien, als h�tten sie Farbe und Tageslicht an einen Ort gebracht, der vorher dunkel gewesen war. Wie in Johans Jugendtagen war die Burg voller Lachen und Trinken, voll von der Prahlerei gl�nzender Schlachtschwerter und R�stungen. Nachts h�rte man wieder Musik in den von Hecken umfriedeten G�rten, und die wundersch�nen Damen des Hofes huschten in der warmen Dunkelheit zum Stelldichein (oder flohen davor) wie anmutig dahinschwebende Geister. Neues Leben erf�llte auch den Turnierplatz, der bunte Zelte trieb wie ein Blumenbeet Bl�ten. F�r das einfache Volk sah es aus, als w�re jeder Tag Feiertag, denn das Feiern nahm kein Ende. K�nig Elias und seine Freunde tobten sich aus wie Kinder, die bald ins Bett m�ssen und dies wissen. Ganz Erkynland schien zu l�rmen und herumzutollen wie ein vom Sommer berauschter Hund.</p><p>Manche Dorfbewohner murmelten d�ster vor sich hin � es war schwer, die Fr�hjahrsaussaat zu bew�ltigen, wenn soviel Leichtfertigkeit in der Luft lag. Viele der �lteren, sauert�pfischen Priester murrten �ber die Zunahme von Zuchtlosigkeit und V�llerei. Aber die meisten Menschen lachten �ber diese Unheilverk�nder. Noch war Elias' K�nigtum frisch, und das Erkynland � und wie es schien, ganz Osten Ard � war nach einem langen Winter des Alters zu einer Jahreszeit unbek�mmerter Jugend �bergegangen. Was konnte daran unnat�rlich sein?</p><empty-line/><p>Simon merkte, wie sich seine Finger verkrampften, w�hrend er m�hsam die Buchstaben auf das graue Pergament kratzte. Morgenes stand am Fenster und hielt ein langes, gerilltes Glasrohrst�ck gegen das Licht, um es auf Schmutzspuren zu untersuchen.</p><p><emphasis>Wenn er auch nur ein Wort dar�ber sagt, da� es nicht ordentlich saubergemacht w�re, verschwinde ich,</emphasis> dachte Simon. <emphasis>Der einzige Sonnenschein, den ich noch zu Gesicht bekomme, ist der, der sich in den Bechern spiegelt, die ich poliere.</emphasis></p><p>Morgenes trat vom Fenster zur�ck und brachte das St�ck Glasrohr zu dem Tisch hin�ber, an dem Simon �ber seiner Schreibarbeit hockte. Als der alte Mann n�herkam, bereitete sich Simon innerlich auf eine Strafpredigt vor und sp�rte, wie irgendwo zwischen seinen Schulterbl�ttern eine Stelle vor Groll anzuschwellen begann.</p><p>�Vorz�glich gemacht, Simon!� sagte Morgenes statt dessen und legte die Pipette neben das Pergament. �Du pflegst die Sachen hier viel besser, als ich das selbst je k�nnte.� Der Doktor klopfte ihm leicht auf den Arm und beugte sich vor. �Und wie kommst du damit weiter?�</p><p>�Gr��lich�, h�rte Simon sich sagen. Obwohl der Grollknoten noch da war, verabscheute er sich doch selbst wegen des kleinlichen Untertons in seiner Stimme. �Ich meine, ich werde das nie richtig lernen. Ich kann die Buchstaben einfach nicht sauber hinschreiben, ohne da� die Tinte kleckst, und au�erdem kann ich das, was ich da schreibe, sowieso nicht lesen!� Als er das herausgebracht hatte, war ihm ein bi�chen leichter, aber er kam sich immer noch dumm vor.</p><p>�Du machst dir Sorgen um nichts, Simon�, antwortete der Doktor und richtete sich auf. Er schien zerstreut; beim Sprechen huschten seine Augen im Zimmer hin und her. �Erstens machen alle Leute zu Anfang Kleckse, und einige tun es sogar ihr Leben lang � was noch lange nicht hei�t, da� sie nichts Wichtiges zu sagen h�tten. Und zweitens ist es ganz nat�rlich, da� du nicht lesen kannst, was du da schreibst, denn das Buch ist auf Nabbanai geschrieben, und du kannst kein Nabbanai.�</p><p>�Aber wieso mu� ich Worte abschreiben, die ich nicht verstehe?� knurrte Simon. �Das ist doch albern.�</p><p>Morgenes warf Simon einen scharfen Blick zu. �Und weil ich es dir aufgetragen habe, bin ich wohl auch albern?�</p><p>�Nein, so habe ich das nicht gemeint � es ist nur, da߅�</p><p>�Gib dir keine M�he mit Erkl�rungen.� Der Doktor zog sich einen Schemel heran und setzte sich neben Simon. Seine langen, gekr�mmten Finger kratzten ziellos in dem Ger�mpel auf der Tischplatte herum. �Ich lasse dich diese Worte abschreiben, weil man sich leichter auf Form und Gestalt der Buchstaben konzentrieren kann, wenn einen der Inhalt nicht ablenkt.�</p><p>�Hmmmpf.� Simon war nur teilweise befriedigt. �K�nnt Ihr mir nicht wenigstens verraten, was das f�r ein Buch ist? Immer wieder schaue ich mir die Bilder an und kann es trotzdem nicht herausfinden.� Er bl�tterte zur�ck bis zu einer Illustration, die er in den letzten drei Tagen viele Male eingehend betrachtet hatte, dem grotesken Holzschnitt eines Mannes, der ein Geweih trug und gro�e, starre Augen und schwarze H�nde hatte. Zu seinen F��en duckten sich scheu zur�ckweichende Gestalten; �ber dem Kopf des Geh�rnten hing am tintenschwarzen Himmel eine flammende Sonne.</p><p>�Hier zum Beispiel.� Simon deutete auf das seltsame Bild. �Hier unten steht <emphasis>Sa Asdridan Condiquilles</emphasis> � was bedeutet das?�</p><p>�Es hei�t�, entgegnete Morgenes, klappte den Deckel zu und nahm das Buch an sich, ��Der Stern des Eroberers� und geh�rt nicht zu den Dingen, �ber die du etwas zu wissen brauchst.� Er legte das Buch auf einen gef�hrlich schwankenden Sto� an der Wand.</p><p>�Aber ich bin Euer Lehrling!� protestierte Simon. �Wann werdet Ihr mich etwas lehren?�</p><p>�T�richter Knabe! Was, glaubst du, tue ich die ganze Zeit? Ich versuche dir Lesen und Schreiben beizubringen, denn das ist das Wichtigste. Was willst du denn eigentlich lernen?�</p><p>�Magie!� erwiderte Simon, ohne zu z�gern. Morgenes starrte ihn an.</p><p>�Und wie steht es mit Lesen?� erkundigte sich der Doktor mit unheilschwangerer Stimme.</p><p>Simon war ver�rgert. Wie gew�hnlich schien sich alles gegen ihn verschworen zu haben. �Ich wei� nicht�, meinte er. �Was ist denn so wichtig am Lesen und an den Buchstaben? B�cher sind nur Geschichten �ber irgend etwas. Warum sollte ich B�cher lesen wollen?�</p><p>Morgenes grinste, ein altes Wiesel, das ein Loch im Zaun zum H�hnerhof findet. �Ach, Junge, wie k�nnte ich dir b�se sein � was f�r ein wundervoller, hinrei�ender, vollkommener Bl�dsinn!� Der Doktor gluckste anerkennend, tief in der Kehle.</p><p>�Was meint Ihr damit?� Simons Augenbrauen zogen sich zusammen; er runzelte die Stirn. �Warum ist es wundervoller Bl�dsinn?�</p><p>�Wundervoll, weil ich so eine wundervolle Antwort darauf habe�, lachte Morgenes. �Bl�dsinn, weil � nun, weil junge Menschen vermutlich bl�dsinnig auf die Welt kommen � so wie Schildkr�ten mit Panzern und Wespen mit Stacheln � es ist ihr Schutz gegen die Widrigkeiten des Lebens.�</p><p>�Wie bitte?� Simon war nun v�llig ratlos.</p><p>�B�cher�, erl�uterte Morgenes mit gro�er Geste und lehnte sich auf seinem wackligen Schemel zur�ck. �B�cher <emphasis>sind</emphasis> Magie. Das ist die ganz einfache Antwort. Und B�cher sind auch Fallen.�</p><p>�Magie?! Fallen?�</p><p>�Ja, B�cher sind eine Art Magie� � der Doktor nahm den Band zur�ck, den er gerade auf den Stapel gelegt hatte �, �weil sie Zeit und Raum sicherer umspannen als alle Zauberspr�che und Wundermittel. Was hat der-undder vor zweihundert Jahren �ber das-und-das gedacht? Kannst <emphasis>du</emphasis> durch die Zeiten zur�ckfliegen und ihn fragen? Nein � oder doch wahrscheinlich nicht.</p><p>Aber ah! Wenn er seine Gedanken aufgeschrieben hat, wenn es irgendwo eine Schriftrolle oder ein Buch mit seinen Abhandlungen zur Logik gibt � dann spricht er zu dir, �ber Jahrhunderte hinweg! Und wenn du ins ferne Nascadu oder ins verschollene Khandia reisen willst, brauchst du auch nur ein Buch aufzuschlagen��</p><p>�Ja, ja, ich glaube, das verstehe ich alles.� Simon versuchte gar nicht erst, seine Entt�uschung zu verhehlen. Das war nicht das, was <emphasis>er</emphasis> mit dem Wort Magie gemeint hatte. �Und was ist mit den Fallen? Wieso Fallen?�</p><p>Morgenes beugte sich vor und wedelte mit dem ledergebundenen Folianten vor Simons Nase herum. �Alles Geschriebene ist eine Falle�, meinte er vergn�gt, �und zwar von der besten Sorte. Siehst du, ein Buch ist die einzige Fallenart, die ihren Gefangenen, n�mlich das Wissen, f�r immer lebendig h�lt. Je mehr B�cher man hat�, der Doktor machte eine weitausgreifende Geste quer durch das ganze Zimmer, �je mehr Fallen hat man, und desto gr��er ist die Chance, ein ganz besonderes, scheues, gl�nzendes Tier zu fangen, das sonst vielleicht stirbt, ohne da� jemand es zu Gesicht bekommen hat.� Morgenes schlo� mit gro�em Nachdruck, indem er das Buch mit lautem Knall wieder auf den Stapel warf. Eine winzige Staubwolke stieg auf, deren K�rnchen in den Lichtb�ndern herumwirbelten, die durch die Fenstergitter in den Raum fielen.</p><p>Einen Augenblick starrte Simon auf den schimmernden Staub und konzentrierte sich. Den Worten des Doktors zu folgen, glich dem Versuch, mit Fausthandschuhen M�use zu fangen.</p><p>�Aber wie steht es mit der <emphasis>wirklichen</emphasis> Magie?� fragte er endlich, und zwischen seinen Brauen stand eine hartn�ckige Falte. �Magie � wie das, was Pryrates angeblich oben im Turm treibt?�</p><p>Sekundenlang verzerrte ein zorniger � oder war es ein �ngstlicher? � Ausdruck die Z�ge des Doktors.</p><p>�Nein, Simon�, sagte er dann ruhig. �Komm mir nicht mit Pryrates. Das ist ein gef�hrlicher Mann und ein t�richter dazu.�</p><p>Trotz seiner eigenen schrecklichen Erinnerungen an den roten Priester fand Simon die Eindringlichkeit im Blick des Doktors seltsam und ein wenig furchterregend. Er nahm allen Mut zusammen und fragte weiter: �Auch Ihr betreibt doch Magie, oder nicht? Warum ist dann Pryrates gef�hrlich?�</p><p>Morgenes stand pl�tzlich auf, und einen wilden Moment lang f�rchtete Simon, der Alte werde ihn schlagen oder anschreien. Statt dessen ging Morgenes steif zum Fenster und starrte eine kleine Weile hinaus. Von Simons Platz aus sahen die d�nnen Haare des Doktors aus wie ein stachliger Heiligenschein �ber seinen schmalen Schultern.</p><p>Morgenes drehte sich um und kam zur�ck. Sein Gesicht war ernst, schien von Zweifeln gequ�lt. �Simon�, begann er, �wahrscheinlich wird es nichts n�tzen, wenn ich dir das sage, aber ich m�chte, da� du dich von Pryrates fernh�ltst. Geh nicht zu ihm hin und rede nicht �ber ihn � au�er mit mir nat�rlich.�</p><p>�Aber warum?� Im Gegensatz zu dem, was der Doktor vielleicht glaubte, hatte Simon f�r sich schon beschlossen, einen gro�en Bogen um den Alchimisten zu machen. Aber Morgenes war sonst nicht so gespr�chig, und Simon wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. �Was ist so schlecht an ihm?�</p><p>�Ist dir aufgefallen, da� die Menschen sich vor Pryrates f�rchten? Da� sie sich beeilen, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn er von seiner neuen Wohnung im Hjeldins-Turm herunterkommt? Es gibt einen Grund daf�r. Man f�rchtet ihn, weil ihm selbst die richtige Art von Furcht fehlt. Es steht in seinen Augen.�</p><p>Simon steckte den Federkiel in den Mund und fing an, nachdenklich darauf herumzukauen. Er nahm ihn wieder heraus, um zu fragen: �Die richtige Art von Furcht? Was hei�t das?�</p><p>�Es gibt niemanden, der furchtlos ist, Simon, es sei denn, er w�re verr�ckt. Leute, die man furchtlos nennt, verbergen ihre Furcht meist nur geschickt, und das ist etwas ganz anderes. Der alte K�nig Johan wu�te, was Furcht ist, und ganz bestimmt wissen es seine beiden S�hne. Auch ich wei� es. Aber Pryrates � nun, die Leute sehen, da� er das, was wir f�rchten oder respektieren, nicht achtet. Oft ist es diese Eigenschaft, die wir meinen, wenn wir jemanden als verr�ckt bezeichnen.�</p><p>Simon fand das alles faszinierend. Er wu�te nicht genau, ob er wirklich glauben konnte, da� Johan der Priester oder Elias sich je gef�rchtet hatten, aber das Thema Pryrates allein war schon fesselnd genug.</p><p>�<emphasis>Ist</emphasis> er denn verr�ckt, Doktor? Wie k�nnte das sein? Er ist ein Priester und einer der Ratgeber des K�nigs.� Aber Simon dachte an die Augen und das zahnige L�cheln und wu�te, da� Morgenes recht hatte.</p><p>�Ich will es anders formulieren.� Morgenes wickelte eine Locke seines schneewei�en Bartes um den Finger. �Ich habe dir von Fallen erz�hlt, von der Suche nach Wissen, die wie die Jagd nach einem scheuen Tier ist. Nun, w�hrend ich und andere Wissenssucher hinaus zu unseren Fallen gehen, um nachzusehen, was f�r ein buntes Gesch�pf wir zu fangen das Gl�ck gehabt haben, rei�t Pryrates nachts weit seine T�r auf und wartet, was hereinkommt.� Morgenes nahm Simon die Schreibfeder weg und hob dann den �rmel seines Gewandes, um etwas von der Tinte abzutupfen, die Simons Wange zierte. �Das Problem bei Pryrates' Methode ist�, fuhr er fort, �da� man das Tier, das zu Besuch kommt, vielleicht nicht haben will � und da� es dann schwer ist � sehr, sehr schwer �, die T�r wieder zuzumachen.�</p><p>�Ha!� knurrte Isgrimnur. �Ber�hrt, Mann, ber�hrt! Gebt es zu!�</p><p>�Nur der Hauch eines Fl�sterns �ber meiner Weste�, erkl�rte Josua und hob mit geheucheltem Erstaunen eine Braue. �Ich sehe mit Bedauern, da� Euch die Hinf�lligkeit zu solchen Verzweiflungstaten treibt�� Mitten im Satz, ohne den Tonfall zu �ndern, stie� er zu. Isgrimnur parierte klappernd die h�lzerne Klinge mit dem eigenen Schwertgriff und lenkte den Sto� seitlich ab.</p><p>�Hinf�lligkeit?� zischte der �ltere durch gefletschte Z�hne. �Ich werde Euch Hinf�lligkeit geben, da� Ihr heulend zu Eurer Amme zur�ckrennt!�</p><p>Trotz seiner Jahre und seines Umfangs immer noch flink, dr�ngte der Herzog von Elvritshalla vorw�rts. Er schwang das Holzschwert in gro�en B�gen, wobei ihm sein beidh�ndiger Griff gute Dienste leistete. Josua sprang zur�ck und parierte. Das d�nne Haar hing ihm in schwei�feuchten Spitzen in die Stirn. Endlich ersp�hte er eine �ffnung. Als Isgrimnur das �bungsschwert erneut in pfeifendem Schwung auf ihn zusausen lie�, duckte sich der Prinz, leitete mit Hilfe der eigenen Klinge den Hieb des Herzogs von seinem Kopf ab, hakte dann einen Fu� hinter Isgrimnurs Absatz und zog. Der Herzog krachte r�ckw�rts zu Boden wie ein gef�llter Baum. Gleich darauf lie� sich auch Josua neben ihn ins Gras sinken; mit seiner einen Hand nestelte er geschickt die dicke, gepolsterte Weste auf und rollte sich auf den R�cken.</p><p>Isgrimnur, prustend wie ein Blasebalg, sagte mehrere lange Augenblicke gar nichts. Er hatte die Augen geschlossen; Schwei�perlen in seinem Bart gl�nzten im grellen Sonnenlicht. Josua beugte sich �ber ihn und starrte ihn an. Dann machte er ein besorgtes Gesicht und griff nach Isgrimnurs Weste, um sie zu �ffnen. Als er die Finger unter den Knoten schob, scho� die gro�e, rosige Hand des Herzogs nach oben und versetzte ihm einen Schl�fenhieb, der ihn wieder auf den R�cken schleuderte. Der Prinz hob die Hand ans Ohr und zuckte zusammen.</p><p>�Ha!� schnaufte Isgrimnur. �Das wird Euch lehren � junger Welpe!�</p><p>Wieder eine Weile Schweigen. Keuchend lagen die beiden M�nner da und starrten in den wolkenlosen Himmel hinauf.</p><p>�Ihr betr�gt, Kleiner�, bemerkte Isgrimnur endlich und setzte sich auf. �Wenn es Euch das n�chste Mal hier auf den Hochhorst verschl�gt, werde ich mich r�chen. Au�erdem � wenn es nicht so g�tterverdammt hei� und ich nicht so verflucht fett w�re, h�tte ich Euch schon vor einer Stunde die Rippen eingeschlagen.�</p><p>Josua richtete sich ebenfalls auf und beschattete mit der Hand seine Augen. �ber das gelbe Gras des Turnierplatzes n�herten sich zwei Gestalten. Die eine war in ein langes Gewand geh�llt.</p><p>�Es ist <emphasis>wirklich</emphasis> hei߫, bemerkte Josua.</p><p>�Und das im Novander!� �chzte Isgrimnur und zog die Fechtweste aus. �Die Tage des Hundes liegen l�ngst hinter uns, und immer noch diese Hitze! Wo bleibt der Regen?�</p><p>�Vielleicht hat man ihn verscheucht.� Josua sah mit schmalen Augen auf die beiden Herankommenden.</p><p>�Ho, kleiner Bruder!� rief einer von ihnen. �Und der alte Onkel Isgrimnur! Sieht aus, als w�rt ihr beide vom Spielen ersch�pft!�</p><p>�Josua und die Hitze haben mich um ein verdammtes Haar umgebracht, Majest�t�, rief Isgrimnur dem K�nig zu, der jetzt zu ihnen trat. Elias war mit einem kostbaren seegr�nen Wams bekleidet. An seiner Seite schritt in flatternder Robe der dunkel�ugige Pryrates, eine kameradschaftliche Scharlachfledermaus.</p><p>Josua erhob sich und streckte Isgrimnur die Hand entgegen, um dem �lteren beim Aufstehen zu helfen. �Herzog Isgrimnur �bertreibt wie gew�hnlich�, bemerkte der Prinz sanft. �Ich war gezwungen, ihn zu Boden zu schmettern und mich auf ihn zu setzen, um mein eigenes Leben zu retten.�</p><p>�Ja, ja, wir haben eurer Rauferei vom Hjeldin-Turm zugeschaut�, erwiderte Elias und machte eine achtlose Handbewegung dorthin, wo die Steinmasse des Turms die Au�enmauer des Hochhorstes �berragte, �nicht wahr, Pryrates?�</p><p>�Jawohl, mein K�nig.� Pryrates' L�cheln war fadend�nn, seine Stimme ein trockenes Rasseln. �Euer Bruder und der Herzog sind in der Tat gewaltige M�nner.�</p><p>�Darf ich Euch�, begann Isgrimnur, �etwas fragen, Majest�t? So ungern ich Euch jetzt auch mit Staatsangelegenheiten bel�stige?�</p><p>Elias, der mit starren Augen �ber den Platz geblickt hatte, drehte sich mit dem Ausdruck milder Ver�rgerung nach dem alten Herzog um. �Zuf�llig <emphasis>bin</emphasis> ich gerade damit besch�ftigt, mit Pryrates einige wichtige Dinge zu er�rtern. Warum kommst du nicht zu mir, wenn ich bei Hof �ber solche Fragen spreche?� Wieder kehrte er Isgrimnur den R�cken zu. Auf der anderen Seite des Turnierplatzes jagten Guthwulf und Graf Eolair vom Nad Mullagh � ein Verwandter des Hernystir-K�nigs Lluth � einem widerspenstigen Hengst nach, der seine Str�nge zerrissen hatte. Elias lachte �ber den Anblick und stie� Pryrates mit dem Ellbogen in die Seite. Der Priester schenkte ihm ein weiteres fl�chtiges L�cheln.</p><p>�Vergebung, Majest�t�, setzte Isgrimnur von neuem an, �aber ich versuche seit vierzehn Tagen, Euch in dieser Angelegenheit zu sprechen. Immer wieder erkl�rt mir Euer Kanzler Helfcene, Ihr w�ret zu besch�ftigt ��</p><p>�Im Hjeldin-Turm�, f�gte Josua knapp hinzu. Sekundenlang prallten die Blicke der Br�der aufeinander, dann wandte sich Elias dem Herzog zu.</p><p>�Also gut. Um was geht es?�</p><p>�Um die k�nigliche Garnison in Vestvennby. Die Leute wurden vor mehr als einem Monat abgezogen und bis heute nicht ersetzt. Die Frostmark ist immer noch eine wilde Gegend, und ohne die Garnison in Vestvennby habe ich nicht gen�gend M�nner, um die n�rdliche Wjeldhelm-Stra�e zu sichern. Wann wollt Ihr endlich neue Truppen entsenden?�</p><p>Elias hatte den Blick wieder auf Guthwulf und Eolair gerichtet, zwei winzige Gestalten, die in der Hitze schimmerten, w�hrend sie den immer kleiner werdenden Hengst jagten. Ohne sich umzudrehen, antwortete er: �Skali von Kaldskryke sagt, du h�ttest mehr M�nner als n�tig, mein alter Onkel. Er meint, du hortest deine Soldaten in Elvritshalla und Naarved. Warum tust du das?� Seine Stimme war von tr�gerischer Unbek�mmertheit.</p><p>Bevor der verbl�ffte Herzog etwas erwidern konnte, bemerkte Josua: �Wenn er das behauptet, ist Skali Scharfnase ein L�gner. Nur ein Narr kann ihm glauben.�</p><p>Elias wirbelte herum, die Lippen zornig zusammengepre�t. �Ist das wahr, Bruder Josua? Skali ein L�gner? Und das auf dein Wort hin, das Wort eines Mannes, der nie versucht hat zu verbergen, da� er mich ha�t?�</p><p>�Nun, nun�, unterbrach Isgrimnur best�rzt und nicht ohne Furcht, �Elias � Majest�t � Ihr kennt meine Treue. Ich war der best�ndigste Freund, den Euer Vater je hatte.�</p><p>�O ja � mein <emphasis>Vater</emphasis>!� schnaubte Elias.</p><p>�Und la�t bitte nicht Josua Euren Unmut �ber diese skandal�sen Ger�chte � denn um mehr handelt es sich nicht � entgelten! Er ha�t Euch nicht! Er ist Euch so treu, wie ich es bin!�</p><p>�Daran�, erwiderte der K�nig, �zweifle ich nicht. Ich werde Vestvennby eine neue Garnisonsbesatzung schicken, wenn ich es f�r richtig halte, und keinen Augenblick fr�her.� Er starrte die beiden sekundenlang mit weitaufgerissenen Augen an. Pryrates, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, hob die wei�e Hand und zupfte Elias am �rmel.</p><p>�Ich bitte Euch, Herr�, sagte er, �hier ist nicht Zeit noch Ort f�r solche Dinge��, � er warf Josua unter schweren Lidern einen unversch�mten Blick zu �, �� wenn ich das in aller Demut erw�hnen darf.�</p><p>Der K�nig sah seinen G�nstling starr an und nickte dann einmal. �Ihr habt recht. Ich habe mich sinnlos aufgeregt.� Und zu Isgrimnur gewendet, meinte er: �Vergib mir, Onkel, denn wie du selber sagtest, ist es ein hei�er Tag. Verzeih meine Unbeherrschtheit.� Er l�chelte.</p><p>Isgrimnur neigte den Kopf. �Nat�rlich, mein K�nig. Man l��t sich bei dr�ckendem Wetter nur allzu leicht von schlechten Stimmungen beeinflussen. Es ist auch seltsam, so sp�t im Jahr, findet Ihr nicht auch?�</p><p>�In der Tat.� Elias wandte sich dem Priester im roten Mantel zu und grinste ihn breit an. �Sogar Pryrates hier, so heilig auch seine Stellung in der Kirche ist, scheint Gott nicht davon �berzeugen zu k�nnen, da� er uns den Regen gibt, um den wir beten � oder k�nnt Ihr es, mein Ratgeber?�</p><p>Pryrates sah den K�nig seltsam an und duckte dann den Kopf in den Kragen seines Gewandes wie eine Albinoschildkr�te. �Bitte, Herr�, meinte er, �la�t uns unser Gespr�ch wieder aufnehmen und diese Herren ihr Schwertgefecht fortsetzen.�</p><p>�Ja.� Der K�nig nickte. �Fahren wir fort.� Aber als das Paar wenige Schritte getan hatte, blieb Elias stehen, machte langsam kehrt und sah zu Josua hin�ber, der gerade die h�lzernen �bungsschwerter vom trockenen Gras aufhob.</p><p>�Wei�t du, Bruder�, begann der K�nig, �es ist lange her, da� wir beide die St�be gekreuzt haben. Was h�ltst du davon, wenn wir ein paar G�nge machen, da wir gerade alle hier zusammen sind?�</p><p>Ein Augenblick Schweigen. �Wie du w�nschst, Elias�, antwortete Josua dann und warf dem K�nig eine der h�lzernen Klingen zu. Elias fing den Griff geschickt mit der Rechten auf.</p><p>�Tats�chlich�, meinte Elias, und ein halbes L�cheln umspielte seine Lippen, �glaube ich nicht, da� wir noch einmal miteinander gefochten haben, seitdem du deinen � Unfall hattest.� Er machte eine feierliche Miene. �Zum Gl�ck war es nicht die Schwerthand, die du dabei verlorst.�</p><p>�Wirklich ein Gl�ck.� Josua ma� anderthalb Schritte ab und stellte sich Elias gegen�ber.</p><p>�Jedenfalls gibt es allerhand ��, fuhr Elias fort, � �oh, das Wort war nicht gut gew�hlt, wie? Ich bitte um Verzeihung. Es gibt aller<emphasis>lei</emphasis>, das dagegen spricht, mit diesen armseligen Holzrudern herumzufuchteln.� Er schwenkte das �bungsschwert hin und her. �Ich sehe so gern zu, wie du � wie nennst du diese d�nne Klinge, die du so sch�tzt � ach ja, <emphasis>Naidel,</emphasis> also wie du Naidel f�hrst. Schade, da� du sie nicht hier hast.� Ohne Warnung sprang Elias nach vorn und schwang eine harte R�ckhand nach Josuas Kopf. Der Prinz fing den Hieb ab, lie� ihn vorbeigleiten und stie� dann selber vor. Elias parierte den Ausfall und lenkte ihn geschickt zur Seite ab. Die beiden Br�der l�sten sich, traten zur�ck, umkreisten einander.</p><p>�Ja.� Josua hielt sein Schwert gerade vor sich, das schmale Gesicht schwei�glatt. �Zu schade, da� ich Naidel nicht bei mir habe. Genauso schade ist es, da� du Hellnagel nicht hast.� Der Prinz f�hrte einen schnellen Hieb nach unten und ging dann zu einem neuen Drehsto� �ber. Schnell wich der K�nig nach r�ckw�rts aus, um dann seinerseits anzugreifen.</p><p>�Hellnagel?� fragte Elias und atmete ein wenig schwer. �Was willst du damit sagen? Du wei�t, da� es mit unserem Vater im Grabe liegt.� Er duckte sich, schlug einen R�ckhandbogen und dr�ngte Josua nach hinten.</p><p>�Oh, das wei� ich�, antwortete Josua und parierte, �aber vom Schwert eines K�nigs � so wie von seinem Reich � sollte man weise� � ein Sto� � �und stolz� � ein Gegensto� �, �weise und vorsichtig Gebrauch machen � wenn man der Erbe ist.�</p><p>Mit dem Ger�usch einer Axt, die Balken spaltet, trafen die beiden Holzklingen aufeinander. Der Druck setzte sich nach unten fort, bis die Griffe aneinanderstie�en und Elias' und Josuas Gesichter nur noch wenige Zoll voneinander entfernt waren. Unter den Hemden der Br�der spannten sich die Muskeln; einen Augenblick standen sie fast reglos da, die einzige Bewegung ein leichtes Zittern, als sie sich gegeneinander stemmten. Endlich f�hlte Josua, der, anders als der K�nig, den Griff nicht mit beiden H�nden halten konnte, wie seine Klinge abzugleiten begann. Mit einer geschmeidigen Drehung l�ste er sich und sprang zur�ck, das Schwert wieder vor sich nach unten gerichtet.</p><p>Als sie einander �ber dem Rasenst�ck ins Gesicht blickten und nach Luft rangen, klang ein lautes, tiefes Gel�ut �ber den Turnierplatz. Die Glocken des Gr�nengel-Turms verk�ndeten die Mittagsstunde.</p><p>�Da habt Ihr es, edle Herren!� rief Isgrimnur, in dessen Gesicht ein verzerrtes L�cheln stand. Der nackte Ha� aufeinander, den die beiden Br�der ausstr�mten, war unverkennbar gewesen. �Da sind die Glocken, und das bedeutet Essenszeit. Wollen wir von einem Unentschieden ausgehen? Wenn ich nicht bald aus der Sonne herauskomme und einen Humpen Wein finde, werde ich �donme� dieses Jahr nicht mehr erleben. Meine alten Nordknochen sind f�r solch grausame Hitze nicht geschaffen.�</p><p>�Der Herzog hat recht, Herr�, schnarrte Pryrates und legte die Finger auf Elias' Hand, die immer noch das Schwert in die H�he hielt. Ein Reptilienl�cheln machte die Lippen des Priesters schmal. �Wir k�nnen unsere Gesch�fte auf dem R�ckweg erledigen.�</p><p>�Nun gut�, knurrte Elias und warf das Schwert �ber die Schulter. Es schlug auf dem Boden auf, wirbelte einmal um seine Achse und fiel dann hin. �Sei bedankt f�r die �bung, Bruder.� Er drehte sich um und bot Pryrates den Arm. Scharlach und Gr�n entfernten sich.</p><p>�Was meint Ihr, Josua?� fragte Isgrimnur und nahm dem Prinzen das Holzschwert aus der Hand. �Wollen wir einen Becher Wein zu uns nehmen?�</p><p>�Ja, ich denke schon�, erwiderte Josua und b�ckte sich, um die Westen aufzuheben, w�hrend Isgrimnur das Schwert holte, das der K�nig weggeschleudert hatte. Der Prinz richtete sich auf und starrte in die Weite. �Stehen denn immer die Toten zwischen den Lebenden, Onkel?� fragte er leise und strich sich mit der Hand �ber das Gesicht. �Aber la� nur. Komm, wir suchen uns einen k�hlen Ort.�</p><empty-line/><p>�Wirklich, Judith, es ist ganz in Ordnung. Rachel h�tte nichts dagegen��</p><p>Nur wenige Zoll von der R�hrsch�ssel entfernt wurde Simons suchende Hand gepackt. Judith, so rund und rosig sie auch aussah, war ungemein kr�ftig.</p><p>�H�nde weg! �Rachel h�tte nichts dagegen�, ha! Sonst noch etwas? Jeden Knochen in meinem alten schwachen K�rper w�rde sie mir brechen!� Judith schob Simons Hand auf seinen Scho� zur�ck, pustete sich eine Haarstr�hne aus den Augen und wischte sich die Finger an der fleckigen Sch�rze ab. �Ich h�tte wissen m�ssen, da� der leiseste Hauch von �donbrotbacken dich anziehen w�rde wie einen Tro�k�ter aus Inniscrich.�</p><p>Simon malte traurige Muster auf die mehlbestreute Tischplatte. �Aber Judith, du hast doch ganze Berge von Teig � warum kann ich keine Kostprobe aus der Sch�ssel bekommen?�</p><p>Judith wuchtete sich vom Hocker und segelte anmutig, wie eine Barke auf gem�chlichem Flu�, zu einem der Hunderte von K�chenborden. Vor ihr stoben zwei kleine K�chenjungen auseinander wie verschreckte M�wen. �Also, wo��, bemerkte sie sinnend, �ist jetzt dieser Krug mit der s��en Butter?� W�hrend sie so, den Finger im Mund, in nachdenklicher Haltung dastand, rutschte Simon n�her an die R�hrsch�ssel heran.</p><p>�Wag es nicht, B�rschchen!� Judith warf die Worte �ber die Schulter, ohne sich auch nur nach ihm umzudrehen. Hatte sie auf allen Seiten Augen? �Es liegt nicht daran, Simon, da� wir keinen Teig �brigh�tten; aber Rachel will nicht, da� du dir den Appetit f�r das Abendessen verdirbst.� Sie setzte ihre Inspektion der Borde fort, auf denen eine F�lle von Lebensmitteln aufgestapelt war, w�hrend sich Simon zornig br�tend wieder hinsetzte.</p><p>Trotz solcher gelegentlichen Mi�erfolge war die K�che ein wundervoller Ort. L�nger noch als Morgenes' ganze Wohnung, wirkte sie trotzdem klein und gem�tlich, erf�llt von der pulsierenden W�rme der �fen und Herde und den D�ften guter Dinge. Schmorlamm brodelte in eisernen T�pfen, im Ofen gingen die �donbrote auf, und im beschlagenen Fenster hingen wie Glocken papierschalige braune Zwiebeln. Die Luft war schwer vom Geruch der Gew�rze, von scharfem Ingwer und Zimt, Safran, Nelken und kratzigem Pfeffer. K�chenjungen rollten F�sser mit Mehl oder sauer eingelegtem Fisch durch die T�r oder holten mit flachen Holzpaddeln Brotlaibe aus den Back�fen. Einer der Oberlehrlinge kochte auf dem Feuer in einem Topf Mandelmilch-Reisbrei, eine wei�e S��speise f�r den Nachtisch des K�nigs. Und Judith selbst, eine m�chtige, sanfte Frau, die die riesige K�che so anheimelnd erscheinen lie� wie eine Bauernkate, leitete das alles, ohne auch nur einmal die Stimme zu heben, eine freundliche, aber scharf�ugige Beherrscherin ihres Reiches aus T�pfen und Feuerschein.</p><p>Sie kam mit dem fehlenden Krug wieder und ergriff unter Simons mi�billigendem Blick einen langstieligen Pinsel, um die geflochtenen Laibe �donbrot mit der Butter zu bestreichen. �Judith�, fragte Simon nach einer Weile, �wenn jetzt schon bald �donme� ist, warum haben wir keinen Schnee? Morgenes sagt, er h�tte noch nie erlebt, da� er so lange auf sich warten lie�.�</p><p>�Das wei� ich ganz bestimmt nicht�, erwiderte Judith munter. �Wir hatten ja auch im Novander keinen Regen. Ich nehme an, es ist eben ein trockenes Jahr.� Sie runzelte die Stirn und pinselte noch einmal �ber den letzten Brotlaib.</p><p>�Sie haben die Schafe und K�he aus der Stadt auf dem Hochhorst im Burggraben getr�nkt�, fuhr Simon fort.</p><p>�Haben sie das?�</p><p>�Ja. Man kann am Rand die braunen Ringe sehen, die anzeigen, wie der Wasserspiegel gesunken ist. Es gibt Stellen, an denen man stehen kann und wo einem das Wasser nicht einmal bis zu den Knien geht!�</p><p>�Und die hast du zweifellos alle entdeckt.�</p><p>�Ich glaube schon�, erwiderte Simon stolz. �Und letztes Jahr um diese Zeit war alles gefroren. Stell dir doch vor!�</p><p>Judith sah vom Glasieren der Brote auf und betrachtete Simon mit ihren freundlichen bla�blauen Augen. �Ich wei�, da� es aufregend ist, wenn so etwas geschieht�, meinte sie, �aber vergi� nicht, B�rschchen, da� wir das Wasser brauchen. Wenn wir weder Regen noch Schnee bekommen, gibt es auch keine sch�nen Mahlzeiten mehr. Du wei�t ja, da� man aus dem Kynslagh nicht trinken kann.� Der Kynslagh und auch der Gleniwent, der ihn speiste, waren salzig wie das Meer.</p><p>�Nat�rlich wei� ich das�, erwiderte Simon. �Sicher wird es auch bald schneien � oder regnen, weil es so warm ist. Es wird nur einen sehr merkw�rdigen Mittwinter geben.�</p><p>Judith wollte gerade noch etwas bemerken, hielt jedoch inne und blickte �ber Simons Schulter nach der T�r.</p><p>�Ja, M�dchen, was gibt's?� fragte sie. Simon drehte sich um und sah wenige Fu� hinter sich ein wohlbekanntes, lockenhaariges Gesicht � Hepzibah.</p><p>�Rachel hat mich geschickt, um Simon zu holen, Frau Judith�, erkl�rte sie und machte einen nachl�ssigen halben Knicks. �Sie braucht ihn, weil er etwas von einem hohen Regal herunterholen soll.�</p><p>�Nun, Herzchen, da brauchst du nicht zu fragen. Er sitzt hier nur herum und betet mein Backwerk an; nicht, da� er helfen w�rde oder sonst etwas t�te.� Sie scheuchte Simon mit einer Handbewegung hinaus, die er nicht sah, weil er gerade Hepzibahs enggeschn�rte Sch�rze und ihr welliges Haar bewunderte, das ihr H�ubchen weder b�ndigen noch bedecken konnte. �Lysia erbarm sich, Junge; mach, da� du wegkommst!� Judith lehnte sich �ber den Tisch und stupste Simon mit dem Pinselstiel.</p><p>Hepzibah hatte bereits kehrtgemacht und war schon fast zur T�r hinaus. Als Simon hastig von seinem Schemel sprang, um ihr nachzulaufen, legte ihm die K�chenmeisterin eine warme Hand auf den Arm.</p><p>�Hier�, sagte sie, �das hier scheine ich verdorben zu haben � schau nur, es ist ganz schief.� Sie reichte ihm einen krummen Brotlaib, gedreht wie ein St�ck Seil und nach Zucker duftend.</p><p>�Danke!� erwiderte Simon, nahm den Laib, ri� ein St�ck ab und stopfte es sich in den Mund, w�hrend er hastig zur T�r rannte. �Es ist gut!�</p><p>�Nat�rlich ist es das!� rief Judith ihm nach. �Und wenn du es Rachel erz�hlst, ziehe ich dir das Fell �ber die Ohren!� Aber die letzten Worte trafen nur noch einen leeren T�rrahmen.</p><empty-line/><p>Simon brauchte nur wenige Schritte, um Hepzibah einzuholen, die sich nicht sonderlich schnell bewegte.</p><p><emphasis>Hat sie auf mich gewartet?</emphasis> �berlegte er und f�hlte sich eigenartig atemlos, kam dann aber zu dem Entschlu�, da� jeder, den ein Auftrag aus Rachels Klauen befreite, h�chstwahrscheinlich tr�deln w�rde, so gut er k�nnte.</p><p>�M�chtest du � m�chtest du etwas davon haben?� fragte er und schnappte leicht nach Luft. Die kleine Magd nahm ein St�ck von dem s��en Brot und schnupperte daran, bevor sie es in den Mund steckte.</p><p>�Oh, das schmeckt gut, wirklich�, erkl�rte sie dann und schenkte Simon ein strahlendes L�cheln, das ihre Augenwinkel mit Lachf�ltchen umrahmte. �Gib mir noch ein St�ck, ja?� Er tat es.</p><p>Sie verlie�en die Halle und traten in den Hof. Hepzibah kreuzte die Arme, als wollte sie sich selbst umarmen. �Uh, ist das kalt�, sagte sie. Eigentlich war es ziemlich warm � wenn man ber�cksichtigte, da� man sich im Monat Decander befand, geradezu gl�hend hei� �, aber nun, wo Hepzibah es erw�hnte, war Simon �berzeugt, er sp�re eine kalte Brise.</p><p>�Ja, wirklich kalt, in der Tat�, bemerkte er und verstummte dann aufs neue.</p><p>Als sie um die Ecke der Inneren Burg bogen, in der die k�niglichen Wohnungen lagen, deutete Hepzibah auf ein kleines Fenster gerade unterhalb des oberen T�rmchens. �Siehst du das?� fragte sie. �Da habe ich neulich erst die Prinzessin stehen sehen. Sie hat sich das Haar gek�mmt � meine G�te, hat sie nicht h�bsches Haar?�</p><p>Eine vage Erinnerung an Gold, in dem sich die Nachmittagssonne fing, stieg in Simon auf, aber er lie� sich nicht ablenken.</p><p>�Ach, ich finde, du hast viel sch�neres Haar�, erkl�rte er und wandte sich dann ab, um einen der Wachtt�rme in der Mauer des Mittleren Zwingers zu betrachten. Ein verr�terisches Err�ten stahl sich in seine Wangen.</p><p>�Meinst du wirklich?� lachte Hepzibah. �Ich finde, es ist ein f�rchterliches Gestr�pp. Prinzessin Miriamel hat Damen, die es ihr b�rsten. Sarrah � du wei�t, das blonde M�dchen � kennt eine davon. Sarrah sagt, die Dame h�tte ihr erz�hlt, die Prinzessin w�re manchmal ganz traurig, und sie wollte zur�ck nach Meremund, wo sie aufgewachsen ist.�</p><p>Simon schaute mit gro�em Interesse auf Hepzibahs Nacken, der mit lockigen braunen Haarzweiglein bekr�nzt war, die unter ihrer Haube hervorlugten. �Hmmm�, antwortete er.</p><p>�Soll ich dir noch etwas sagen?� fragte Hepzibah und wandte sich vom Turm ab. �Warum starrst du denn so?� schalt sie, aber ihre Augen waren fr�hlich. �H�r auf damit, ich habe dir doch gesagt, da� mein Haar ganz durcheinander ist. Soll ich dir noch etwas �ber die Prinzessin erz�hlen?�</p><p>�Was?�</p><p>�Ihr Vater will, da� sie Graf Fengbald heiratet, aber sie mag nicht. Der K�nig ist sehr b�se auf sie, und Graf Fengbald droht, den Hof zu verlassen und wieder nach Falshire zu gehen, obwohl man sich nicht vorstellen kann, warum. Lofsunu sagt, er w�rde nie gehen, weil in seiner Grafschaft niemand genug Geld hat, um seine Pferde und Kleider und alles andere richtig zu w�rdigen.�</p><p>�Wer ist Lofsunu?� wollte Simon wissen.</p><p>�Oh.� Hepzibah machte ein gelangweiltes Gesicht. �Das ist ein Soldat, den ich kenne. Er geh�rt zu Graf Breyugars Gefolgschaft. Sieht sehr gut aus.�</p><p>Der letzte Rest des �donbrotes verwandelte sich in Simons Mund in feuchte Asche. �Ein Soldat?� fragte er leise. �Ist er � ein Verwandter von dir?�</p><p>Hepzibah kicherte, ein Ger�usch, das Simon langsam ein wenig auf die Nerven zu gehen begann. �Ein Verwandter! Barmherzige Rhiap, nein, das ganz bestimmt nicht! So wie er mir die ganze Zeit nachl�uft!� Sie kicherte wieder; es gefiel Simon noch viel weniger. �Vielleicht hast du ihn schon gesehen�, fuhr sie fort, �er steht Wache in der Ostkaserne. Breite Schultern und Bart.� Sie zeichnete einen Mann in die Luft, in dessen Schatten Simon an einem Sommertag bequem h�tte sitzen k�nnen.</p><p>Simons Gef�hle k�mpften mit seiner vern�nftigeren Natur. Die Gef�hle siegten. �Soldaten sind dumm�, knurrte er.</p><p>�Sind sie nicht!� versetzte Hepzibah. �Nimm das zur�ck! Lofsunu ist ein feiner Mann. Eines Tages wird er mich heiraten!�</p><p>�Ein feines Paar werdet ihr abgeben�, fauchte Simon. Dann tat es ihm leid. �Ich hoffe, ihr werdet gl�cklich�, schlo� er und w�nschte sich nur, die Gr�nde f�r seinen Groll w�ren nicht so kristallklar.</p><p>�Das werden wir bestimmt�, meinte die bes�nftigte Hepzibah. Sie betrachtete eindringlich ein Paar Burgw�chter, die �ber ihnen die Zinnen entlangwanderten, lange Hellebarden auf den Schultern. �Irgendwann wird Lofsunu Unteroffizier, dann werden wir in Erchester ein eigenes Haus haben. Wir werden so gl�cklich sein wie � wie man nur sein kann. Jedenfalls gl�cklicher als die arme Prinzessin.�</p><p>Simon zog eine Grimasse, hob einen runden Stein auf und lie� ihn die Zwingermauer hinunterklappern.</p><empty-line/><p>Doktor Morgenes, der auf den Zinnen auf und ab lief, schaute hinunter und erblickte Simon, der mit einer der jungen Dienstm�gde unten vorbeiging. Eine trockene Brise wehte ihm die Kapuze vom Kopf. Der alte Mann l�chelte und w�nschte Simon innerlich viel Gl�ck � der Junge schien es n�tig zu haben. Seine ungeschickte Haltung und die Anf�lle von Trotz lie�en ihn mehr wie ein Kind als wie einen jungen Mann erscheinen, aber er hatte bereits die H�he eines Mannes und lie� erkennen, da� er sie eines Tages auch ausf�llen w�rde. Simon stand an einer Grenze, ein Bein auf jeder Seite, und sogar der Doktor, dessen Alter sich jetzt niemand im Schlo� mehr vorstellen konnte, erinnerte sich, was das f�r ein Zustand war.</p><p>Pl�tzlich schwirrten hinter ihm Fl�gel in der Luft. Morgenes drehte sich um, jedoch langsam, so als w�re er nicht weiter �berrascht. Jeder Beobachter h�tte einen flatternden grauen Schatten gesehen, der wenige Herzschl�ge lang vor ihm in der Luft hing und dann in den weiten Falten seiner grauen �rmel verschwand.</p><p>Die H�nde des Doktors, eben noch leer, hielten eine kleine Rolle feinen Pergaments, das mit einem schmalen, blauen B�ndchen verschn�rt war. Er barg sie in der Handfl�che und rollte sie dann mit sanftem Finger auf. Die Botschaft war in der s�dlichen Sprache Nabbans und der Kirche abgefa�t, aber die Buchstaben waren die starren Runen von Rimmersgard.</p><cite><p>Morgen � die Feuer von Sturmspitze sind entfacht. Neun Tage lang habe ich von Tungoldyr aus ihren Rauch gesehen und acht N�chte ihre Flammen. Die Wei�f�chse sind wieder erwacht und suchen die Kinder in der Dunkelheit heim. Auch an unseren kleinsten Freund habe ich gefl�gelte Worte gesandt, aber ich glaube nicht, da� sie ihn ahnungslos finden werden. Jemand hat an gef�hrliche T�ren geklopft.</p><text-author>Jarnauga</text-author></cite><p>Neben die Unterschrift hatte der Verfasser unbeholfen eine von einem Kreis umgebene Feder gezeichnet.</p><p>�Merkw�rdiges Wetter, nicht?� bemerkte eine trockene Stimme. �Und doch so angenehm f�r einen Spaziergang auf den Zinnen.�</p><p>Der Doktor fuhr herum und zerkn�llte das Pergament in der Hand. Neben ihm stand l�chelnd Pryrates.</p><p>�Die Luft ist heute voller V�gel�, fuhr der Priester fort. �Seid Ihr ein Vogelliebhaber, Doktor? Kennt Ihr Euch in ihren Gewohnheiten aus?�</p><p>�Ich wei� ein wenig �ber sie � nicht viel�, antwortete Morgenes ruhig. Seine blauen Augen waren schmal geworden.</p><p>�Ich habe auch schon daran gedacht, sie zu studieren�, nickte Pryrates. �Man f�ngt sie leicht, wi�t Ihr � und sie haben so viele Geheimnisse, die einem wi�begierigen Gem�t wertvoll erscheinen k�nnten.� Er seufzte und rieb sich das glatte Kinn. �Nun ja, lediglich ein weiterer Punkt, �ber den man nachdenken m��te � meine Zeit ist jetzt schon so ausgef�llt. Guten Tag, Doktor. Genie�t die Luft.� Er entfernte sich und stieg von den Zinnen. Seine Stiefel klickten auf dem Stein.</p><p>Noch lange, nachdem der Priester gegangen war, stand Morgenes still da und starrte in den graublauen n�rdlichen Himmel.</p></section><section><title><p>VIII</p><p>Bittere Luft und S��e</p></title><p>Der Jonever neigte sich dem Ende zu. Noch immer war kein Regen gefallen. Als die Sonne langsam hinter den Westmauern versank und im hohen d�rren Gras Insekten zu schwatzen begannen, sa�en Simon und Jeremias, der Wachszieherjunge, R�cken an R�cken da und schnauften.</p><p>�Na, komm.� Simon zwang sich aufzustehen. �Noch eine Runde.� Jeremias<emphasis>,</emphasis> nunmehr ohne R�ckhalt, kippte nach hinten<emphasis>,</emphasis> bis er im sch�tteren Gras ausgestreckt dalag wie eine umgedrehte Schildkr�te.</p><p>�Mach du allein weiter�, hechelte er, �ich werde nie ein Soldat.�</p><p>�Nat�rlich wirst du das�, widersprach Simon, den solche Reden �rgerten. �Alle beide werden wir Soldaten. Das letzte Mal warst du viel besser. Los, steh auf.�</p><p>Mit schmerzlichem St�hnen lie� Jeremias sich hochziehen. Unwillig nahm er den Fa�stock entgegen, den Simon ihm reichte.</p><p>�Wir wollen lieber zur�ckgehen, Simon. Mir tut alles weh.�</p><p>�Du gr�belst zu viel�, entgegnete Simon und hob seinen eigenen Stock. �Angriff!�</p><p>Stab krachte gegen Stab.</p><p>�Autsch!� jaulte Simon.</p><p>�Ho, ho� jubelte Jeremias schon weit zuversichtlicher. �Ein t�dlicher Hieb!� Das Klicken und Klappern begann von neuem.</p><empty-line/><p>Es war nicht allein das erfolglose Get�ndel mit Hepzibah, das in Simon die alte Vorliebe f�r den Ruhm des Soldatenlebens wieder neu erwachen lie�. Bevor Elias den Thron bestiegen hatte, war Simon �berzeugt gewesen, es sei sein Herzenswunsch � f�r den er alles in der Welt gegeben h�tte �, Morgenes' Lehrling zu werden und alle Geheimnisse der unordentlichen, magischen Welt des Doktors kennenzulernen. Aber nachdem er das erreicht und den m�hsam strebenden Inch als Helfer des Doktors abgel�st hatte, begann die Herrlichkeit zu verblassen. Es gab einfach viel zu viel <emphasis>Arbeit</emphasis>, und Morgenes nahm es mit allem so verdammt genau. Und hatte Simon auch nur den kleinsten Zauber gelernt? Nichts hatte er. Verglichen mit den langen Stunden des Lesens und Schreibens und Fegens und Putzens im dunklen Zimmer des Doktors schienen ihm gro�e Taten auf dem Schlachtfeld und die bewundernden Blicke junger Frauen ganz und gar nicht verachtenswert.</p><p>Tief unten im nach Talg riechenden Bau Jakobs des Wachsziehers hatte der kriegerische Glanz des ersten K�nigsjahres auch den dicken Jeremias erfa�t. W�hrend der einw�chigen Festveranstaltungen, die Elias fast allmonatlich abzuhalten schien, sammelte sich auf den Turnierlisten alles, was Farben trug im Reich. Wie gl�nzende Schmetterlinge aus Seide und blinkendem Stahl waren die Ritter und �bertrafen alle sterblichen Wesen an Sch�nheit. Der mit Ruhm gew�rzte Wind, der �ber den Turnierplatz wehte, weckte tiefe Sehnsucht in der Brust junger M�nner.</p><p>Wie in ihren Kindertagen gingen Simon und Jeremias zum B�ttcher und holten sich lange Latten, um sich daraus Schwerter zu basteln. Stundenlang droschen sie nach der Arbeit aufeinander ein. Zuerst hielten sie ihre Scheingefechte in den St�llen ab, bis sie Shem Pferdeknecht hinauswarf, um seinen Sch�tzlingen Frieden zu verschaffen; daraufhin zogen sie auf das ungem�hte Gras unmittelbar s�dlich des Turnierplatzes um. Nacht f�r Nacht hinkte Simon in die Dienstbotenquartiere zur�ck, die Hosen kaputt und das Hemd zerrissen, und Rachel der Drache schlug die Augen zum Himmel auf und betete mit lauter Stimme zur heiligen Rhiap, sie vor der T�lpelhaftigkeit von Jungen zu bewahren, um dann die �rmel aufzukrempeln und den blauen Flecken, die Simon sich bereits von Jeremias eingehandelt hatte, noch ein paar hinzuzuf�gen.</p><p>�Ich glaube��, prustete Simon, �das � reicht f�r heute.�</p><p>Jeremias, rot im Gesicht und zusammengekr�mmt, konnte nur noch zustimmend nicken.</p><p>Als sie im schwindenden Licht zur Burg zur�ckmarschierten, schwitzend und keuchend wie Pflugochsen, stellte Simon beif�llig fest, da� Jeremias einiges von seiner Schwerf�lligkeit zu verlieren begann. Noch ein oder zwei Monate, und er w�rde langsam wie ein Soldat aussehen. Vor ihren regelm��igen Zweik�mpfen hatte er eher an eine jener Massen erinnert, in die sein Meister einen Docht hineinstecken w�rde.</p><p>�Das war gut heute, wie?� fragte Simon. Jeremias rieb sich den Kopf unter dem kurzgeschorenen Haar und bedachte Simon mit einem angewiderten Blick.</p><p>�Ich begreife selbst nicht, wie du mich dazu �berreden konntest�, murrte er. �Leute wie uns lassen sie nie etwas anderes werden als Tro�jungen.�</p><p>�Aber auf dem Schlachtfeld ist alles m�glich!� rief Simon. �Vielleicht rettest du das Leben des K�nigs vor Thrithingsm�nnern oder R�ubern aus Naraxi � und wirst daf�r auf der Stelle zum Ritter geschlagen!�</p><p>�Hmmm.� Jeremias war nicht beeindruckt. �Und wie bringen wir sie dazu, da� sie uns �berhaupt annehmen, ohne Familie, ohne Pferde, sogar ohne Schwerter?� Er wedelte mit seinem Stab.</p><p>�Nun�, sagte Simon, �nun ja � ich werde mir etwas ausdenken.�</p><p>�Hmmm�, stimmte Jeremias zu und wischte sich das ger�tete Gesicht mit dem Saum seines Wamses.</p><p>Als sie sich den Burgmauern n�herten, flackerte an einem Dutzend Stellen vor ihnen Fackelschein auf. Was einst offenes, weites Grasland im Schatten der Hochhorst-Au�enmauer gewesen war, glich jetzt einer Wucherung aus elenden H�tten und Zelten, zusammengedr�ngt und ineinanderwachsend wie die Schuppen einer alten, kranken Echse. Das Gras war l�ngst verschwunden; Schafe und Ziegen hatten es bis auf die nackte Erde abgeweidet. W�hrend die zerlumpten Bewohner zwischen ihren armseligen Behausungen herumwimmelten, Lagerfeuer f�r die Nacht errichteten und die Kinder vor der Dunkelheit hereinriefen, wurde der Staub von ihren F��en zu k�rnigen Schwaden aufgewirbelt, die kurz umherschwebten und sich dann niederlie�en, um Kleidung und Zeltmaterial in ein gleichm��ig stumpfes Graubraun zu f�rben.</p><p>�Wenn es nicht bald regnet�, sagte Jeremias und musterte stirnrunzelnd eine Meute kreischender Kinder, die an den farblosen Kleidern einer ebenso farblos aussehenden Frau herumzerrten, �mu� die Erkyngarde sie von hier vertreiben. Wir haben auf die Dauer nicht genug Wasser f�r sie. Sie sollen fortgehen und sich selber ihre Brunnen graben.�</p><p>�Aber wo��, wollte Simon fragen, brach aber j�h ab und ri� weit die Augen auf. Weit hinten auf einem der Trampelpfade durch die Behelfsstadt hatte er ein Gesicht entdeckt, das ihm bekannt vorkam. Nur sekundenlang war es aus der Menge aufgetaucht und sofort wieder verschwunden, aber er war sicher, da� es dem Jungen geh�rte, den er beim Spionieren erwischt und der ihn dem Zorn des K�sters Barnabas ausgeliefert hatte.</p><p>�Da ist der, von dem ich dir erz�hlt habe!� zischte er aufgeregt. Jeremias blickte ihn verst�ndnislos an. �Du wei�t doch, Mal � Malachias! Dem schulde ich noch etwas!� Simon n�herte sich dem Menschenkn�uel, in dem er, davon war er �berzeugt, das Gesicht des Spitzels mit den scharfen Z�gen erblickt hatte. Es waren zumeist Frauen und kleine Kinder, aber auch ein paar �ltere M�nner standen dazwischen, krumm und verwittert wie alte B�ume. Sie umringten eine junge Frau, die vor der �ffnung eines halbverfallenen Schuppens, der hinten unmittelbar an den Stein der gro�en Au�enmauer stie�, am Boden kauerte. Auf dem Scho� hielt sie den blassen K�rper eines winzigen Kindes und wiegte ihn weinend hin und her. Malachias war nirgends zu sehen.</p><p>Simon betrachtete die gleichg�ltigen, ausgemergelten Gesichter der Umstehenden und sah dann auf die weinende Frau.</p><p>�Ist das Kind krank?� fragte er den Mann neben sich. �Ich bin Doktor Morgenes' Lehrling. Soll ich ihn holen gehen?�</p><p>Eine alte Frau hob das Gesicht. Ihre Augen, die in einem sich vielfach kreuzenden Netz schmutziger Runzeln sa�en, waren hart und dunkel wie die eines Vogels.</p><p>�La� uns zufrieden, Burgmann�, sagte sie und spuckte in den Staub. �K�nigsmann. La� uns nur zufrieden!�</p><p>�Aber ich m�chte euch helfen��, begann Simon. Eine kr�ftige Hand packte ihn am Ellenbogen.</p><p>�Tu, was sie sagt, Junge.� Es war ein sehniger alter Mann mit verfilztern Bart. Seine Miene war nicht unfreundlich, als er Simon aus dem Kreis zog. �Du kannst hier nicht helfen, und die Leute sind m�chtig w�tend. Das Kind ist tot. Mach, da� du fortkommst.� Er gab Simon einen sanften, aber festen Sto�.</p><p>Als Simon wiederkam, stand Jeremias noch am selben Fleck. Die Lagerfeuer, die sie auf allen Seiten umgaben, zeigten in ihrem flackernden Licht seine sorgenvolle Miene.</p><p>�Mach nicht so was, Simon�, jammerte er. �Es gef�llt mir nicht hier drau�en, und schon gar nicht nach Sonnenuntergang.�</p><p>�Sie haben mich angesehen, als <emphasis>ha�ten</emphasis> sie mich�, murmelte Simon verwirrt, aber Jeremias eilte bereits voran.</p><empty-line/><p><emphasis>Keine einzige Fackel brannte, und doch herrschte in der Halle ein seltsames, rauchiges Licht. Nirgends auf dem Hochhorst konnte er eine lebende Seele entdecken, aber durch alle G�nge hallte das Ger�usch von Stimmen, die sangen und lachten.</emphasis></p><p><emphasis>Simon ging von einem Zimmer ins andere, zog Vorh�nge beiseite, �ffnete die T�ren von Anrichter�umen, konnte aber niemanden finden. Fast war es, als verh�hnten ihn die Stimmen bei seiner Suche � erst schwollen sie an, dann wurden sie wieder leiser, in hundert verschiedenen Sprachen, von denen er keine einzige kannte, psalmodierend und singend.</emphasis></p><p><emphasis>Endlich blieb er vor der T�r des Thronsaales stehen. Die Stimmen waren lauter denn je und schienen allesamt aus dem gro�en Raum zu rufen. Er griff mit der Hand nach unten; die T�r war nicht verschlossen. Als er sie aufstie�, verstummten die Stimmen, als h�tte das Knarren der Angeln sie vor Schreck zum Schweigen gebracht. Das dunstige Licht quoll heraus und an ihm vorbei wie schimmernder Rauch. Er trat ein.</emphasis></p><p><emphasis>Mitten im Raum stand der vergilbte Thron, der Thron aus Drachenbein. Um ihn herum tanzte ein Kreis von Gestalten, die sich an den H�nden hielten. Sie bewegten sich so langsam, als wateten sie durch tiefes Wasser. Mehrere erkannte er: Judith, Rachel, Jakob den Wachszieher und andere Burgleute; die Gesichter in wilder Fr�hlichkeit verzerrt, verbeugten sie sich voreinander und machten Bockspr�nge. Zwischen ihnen drehten sich vornehmere T�nzer: K�nig Elias, Guthwulf von Utanyeat, Gwythinn von Hernystir; wie die Burgleute kreisten auch sie so langsam und bed�chtig wie altersloses Eis, das Gebirge zu Staub zermahlt. Hier und da ragten hohe Gestalten aus dem schweigenden Ring, schwarzgl�nzend wie K�fer � die Malachitk�nige waren von ihren Sockeln gestiegen, um dem Fest beizuwohnen. Und in der Mitte erhob sich die Masse des ungeheuren Thrones, ein sch�delgekr�nter Berg aus stumpfem Elfenbein, der voll von Lebenskraft zu sein schien, aufgeladen mit uralter Energie, die den Kreis der T�nzer an straffen, unsichtbaren Z�geln hielt.</emphasis></p><p><emphasis>Im Thronsaal war es still, bis auf den d�nnen Faden einer in der Luft zitternden Melodie: das</emphasis> Cansim Falis<emphasis>, die Hymne an die Freude. Die T�ne kamen langgezogen und erweckten Unbehagen, so als seien die unsichtbaren H�nde, die sie zupften, nicht f�r irdische Instrumente geschaffen.</emphasis></p><p><emphasis>Simon f�hlte sich in den grausigen Tanz hineingezogen wie in einen Strudel; ohne die F��e zu heben, bewegte er sich doch unausweichlich weiter nach innen. Mit einer langsamen Drehbewegung, als l�sten sich ineinandergeschlungene Grashalme, wandten sich die K�pfe der T�nzer ihm zu.</emphasis></p><p><emphasis>Inmitten des Ringes, auf dem Drachenthron selbst, gerann eine Dunkelheit eine Dunkelheit aus vielen rastlosen kleinen Teilchen wie ein Fliegenschwarm �, und oben an der Spitze dieser schw�rmenden, wogenden Dunkelheit begannen zwei gl�hende Scharlachfunken aufzuleuchten, als habe ein pl�tzlicher Windsto� sie angefacht.</emphasis></p><p><emphasis>Die T�nzer starrten ihn jetzt an, wenn sie vor�berschwammen, bildeten mit den Lippen wortlos seinen Namen:</emphasis> Simon, Simon, Simon � <emphasis>Auf der anderen Seite des Ringes, hinter der sich windenden Finsternis auf dem Thron, tat sich eine L�cke auf: Zwei verschr�nkte H�nde l�sten sich voneinander, als zerrisse ein morscher Lappen.</emphasis></p><p><emphasis>Als sich die �ffnung auf ihn zudrehte, streckte sich eine der H�nde in fischiger Wellenbewegung nach ihm aus. Sie geh�rte Rachel, und als er n�her kam, winkte sie ihn zu sich. Statt des �blichen mi�trauischen Gesichtsausdruckes stand verzweifelte Fr�hlichkeit in Rachels starren Z�gen. Sie griff nach ihm; auf der anderen Seite hielt der dicke Jeremias die L�cke offen, ein stumpfes L�cheln im blassen Gesicht.</emphasis> �Komm her, Junge�, <emphasis>sagte Rachel, oder wenigstens waren es ihre Lippen, die sich bewegten; die Stimme, sanft und heiser, geh�rte einem Mann.</emphasis> �Komm, kannst du den Platz nicht f�hlen, den wir f�r dich freigelassen haben? Einen ganz besonderen Platz?�</p><p><emphasis>Die tastende Hand packte ihn am Kragen und begann ihn in den Kreis des Tanzes zu ziehen. Er wehrte sich, schlug nach den feuchtkalten Fingern, aber seine Arme hatten keine Kraft. Rachels und Jeremias' Lippen �ffneten sich in breitem Grinsen. Die Stimme wurde noch tiefer.</emphasis></p><p>�Junge! H�rst du mich nicht? Komm schon, Junge!�</p><p>�Nein!� Endlich war der Aufschrei heraus, dem Gef�ngnis von Simons zusammengeschn�rter Kehle entsprungen. �Nein! Ich will nicht. Nein!�</p><p>�Oh, bei Frayas Strumpfb�ndern, Junge, wach auf! Du weckst ja alle anderen.� Wieder sch�ttelte ihn die Hand grob, und pl�tzlich schimmerte Licht. Simon richtete sich auf, wollte schreien und fiel mit einem Hustenanfall wieder zur�ck. �ber ihm lehnte eine dunkle Gestalt, von einer �llampe scharf umrissen.</p><p><emphasis>Eigentlich hat der Junge ja niemanden aufgeweckt,</emphasis> dachte Isgrimnur. <emphasis>Die anderen haben sich auch nur hin- und hergew�lzt und gest�hnt, als ich hereinkam � als h�tten sie alle den gleichen Alptraum. Was f�r eine g�tterverfluchte seltsame Nacht!</emphasis></p><p>Der Herzog sah zu, wie die ruhelosen Gestalten ringsum langsam wieder still wurden und wandte seine Aufmerksamkeit dann erneut dem Jungen zu.</p><p><emphasis>Sieh an � der kleine Welpe hustet ja f�rchterlich. Um die Wahrheit zu sagen, so klein ist er gar nicht mehr, nur d�nn wie ein verhungerndes Fohlen.</emphasis></p><p>Isgrimnur stellte die Laterne in eine Nische und zog das vor den Alkoven gespannte Laken aus hausgesponnenem Tuch zur Seite, damit er die Schultern des Jungen besser anfassen konnte. Er richtete ihn im Bett auf und gab ihm einen derben Klaps auf den R�cken. Der Junge hustete noch einmal und h�rte dann auf. Isgrimnur klopfte ihn noch ein paarmal mit der breiten, haarigen Hand und sagte dann: �Tut mir leid, Bursche, tut mir leid. Nur sch�n langsam.�</p><p>W�hrend der Junge wieder zu Atem kam, sah sich der Herzog in dem durch den Vorhang abgetrennten Alkoven um, in dem das Lattenbett stand. Hinter dem herabh�ngenden Tuch h�rte man die murmelnden Nachtger�usche von etwa einem Dutzend in der N�he schlafenden K�chenjungen.</p><p>Isgrimnur nahm die Laterne wieder in die Hand und sp�hte nach den sonderbaren Dingen, die an der im Schatten liegenden Wand des Alkovens hingen: ein auseinanderfallendes Vogelnest, ein seidenes Band � in dem schwachen Lampenlicht sah es gr�n aus �, das wahrscheinlich von der Festkleidung irgendeines Ritters stammte. Daneben, ebenfalls an in Mauerspalten getriebenen N�geln h�ngend, fanden sich eine Falkenfeder, ein grobgeschnitzter h�lzerner �donbaum und ein Bild, dessen unregelm��iger Rand erkennen lie�, da� es aus einem Buch herausgerissen worden war. Isgrimnur kniff die Augen zusammen und schien einen starr blickenden Mann zu sehen, dem die Haare wild vom Kopf abstanden � oder war es ein Geweih?</p><p>Als er wieder nach unten schaute und �ber das unheilige Gerumpel junger Leute vor sich hinl�chelte, war der Junge zu Atem gekommen. Mit gro�en, unruhigen Augen sah er zu dem Herzog auf.</p><p><emphasis>Mit dieser Nase und dem � was ist es, rot? � Haarschopf sieht der Junge aus wie ein verdammter Marschvogel,</emphasis> dachte Isgrimnur.</p><p>�Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe�, erkl�rte der alte Herzog, �aber du warst der n�chste an der T�r. Ich mu� mit Strupp sprechen � dem Narren. Kennst du ihn?� Der Junge nickte und sah ihm gespannt ins Gesicht. <emphasis>Gut</emphasis>, dachte der Rimmersmann, <emphasis>wenigstens ist er nicht einf�ltig</emphasis>. �Man hat mir gesagt, da� er heute nacht hier schl�ft, aber ich sehe ihn nicht. Wo ist er?�</p><p>�Ihr � Ihr seid�� Der Junge hatte M�he, es herauszubringen. �Ja, ich bin der Herzog von Elvritshalla � und jetzt fang nicht an, dich zu verbeugen und mich mit Titeln zu bel�stigen. Sag mir nur, wo der Narr ist, und ich lasse dich weiterschlafen.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort rutschte der Junge vom Strohsack, stand auf, zog die Decke herunter und warf sie sich um die Schultern. Darunter schaute der Saum seines Hemdes vor und schlotterte um die nackten Beine, als er �ber die ringsum schlummernden M�nner hinwegstieg, von denen einige, in ihre M�ntel geh�llt, mitten auf dem Boden lagen, als h�tten sie es nicht mehr ganz ins Bett geschafft. Isgrimnur ging mit der Lampe hinterher und stapfte vorsichtig �ber die dunklen Gestalten, als folgte er einer von Uduns Geisterjungfrauen durch ein Schlachtfeld voller Erschlagener.</p><p>Auf diese Art durchquerten sie zwei weitere R�ume, der gro�e Geist und der kleine, der gr��ere trotz all seinen Umfangs genauso lautlos. Im letzten Zimmer funkelten noch ein paar tr�be Kohlen im Kamin.</p><p>Auf den Ziegeln vor dem Rost, zusammengerollt in einem Nest aus M�nteln, einen Weinschlauch aus Schafleder noch fest in der hornigen alten Faust, lag schnarchend und vor sich hinmurmelnd Strupp der Narr.</p><p>�Aha�, knurrte Isgrimnur. �Nun, dann vielen Dank, Junge. Geh mit meinen Entschuldigungen zur�ck ins Bett � auch wenn ich glaube, da� du etwas getr�umt hast, aus dem man nur allzugern aufwacht. Also los.�</p><p>Simon drehte sich um und bewegte sich an Isgrimnur vorbei zur T�r. Als er neben ihm war, stellte der Herzog mit leichtem Erstaunen fest, da� der J�ngling beinahe genauso gro� war wie er � und Isgrimnur war kein kleiner Mann. Es waren die Schlankheit des Jungen und sein vorgebeugter Gang, die seine Gr��e nicht auffallen lie�en.</p><p><emphasis>Schade, da� ihm niemand beigebracht hat, sich gerade zu halten,</emphasis> dachte er. <emphasis>Und wahrscheinlich wird er es in der K�che, oder wo er sonst steckt, auch nie lernen.</emphasis></p><p>Als der Junge verschwunden war, b�ckte sich Isgrimnur und sch�ttelte Strupp � zuerst sanft, dann immer kr�ftiger, da ihm klar wurde, da� der kleine Mann sturzbetrunken war; doch selbst das st�rkste R�tteln erbrachte weiter nichts als schwache Protestlaute. Endlich verlor Isgrimnur die Geduld. Er griff nach unten, packte mit jeder Hand einen Kn�chel des �lteren und hielt sie in die Luft, bis Strupp kopf�ber baumelte und nur der Scheitel seines kahlen Kopfes noch den Boden ber�hrte. Strupps Brummen verwandelte sich in ein gequ�ltes Gurgeln und schlie�lich in gute, verst�ndliche Westerlingworte.</p><p>�Was �? � Runter � la� mich � runter! �don verdamm dich��</p><p>�Wenn du nicht bald aufwachst, alter S�ufer, werde ich deinen Kopf auf den Fu�boden h�mmern, bis du in alle Ewigkeiten glaubst, da� Wein Gift ist!� Isgrimnur lie� dem Wort die Tat folgen, indem er die Kn�chel des Narren noch ein paar Handbreit h�her hob und dann den Kopf des Alten nicht allzu sanft auf den kalten Stein zur�cksinken lie�.</p><p>�La� ab! D�mon � ich ergebe mich! Dreh mich um, Mann, dreh mich um � ich bin doch nicht Usires, da� ich hier mit dem Kopf nach unten h�nge � zur Belehrung der � Massen!�</p><p>Isgrimnur lie� ihn vorsichtig hinunter, bis Strupp der L�nge nach auf dem R�cken lag.</p><p>�Besoffensein reicht, du brauchst nicht auch noch zu l�stern, alter Narr�, grollte Isgrimnur und schaute zu, wie Strupp sich m�hsam auf den Bauch rollte. Dabei �bersah er einen schlanken Schatten, der sich hinter ihm gegen die T�r�ffnung pre�te.</p><p>�O gnadenreicher �don�, st�hnte Strupp und richtete sich zu sitzender Stellung auf. �Mu�tet Ihr meinen Kopf als Grabstock benutzen? Falls es ein Brunnen ist, den Ihr aufscharren wolltet, so h�tte ich Euch sagen k�nnen, da� der Boden hier in den Dienstbotenquartieren zu steinig ist.�</p><p>�Genug, Strupp. Ich habe dich nicht zwei Stunden vor Sonnenuntergang aufgeweckt, um Witze auszutauschen. Josua ist fort.�</p><p>Strupp rieb sich den Scheitel und tastete mit der anderen Hand blind nach seinem Weinschlauch. �Fort wohin, Isgrimnur? Um Himmels willen, Mann, habt Ihr <emphasis>mir</emphasis> den Sch�del gebrochen, weil Josua Euch irgendwo treffen wollte und nicht aufgetaucht ist? Ich hatte nichts damit zu tun, das verspreche ich Euch.� Er nahm einen langen Schluck aus dem Schlauch und sch�ttelte sich.</p><p>�Idiot�, sagte Isgrimnur, aber es klang nicht grob. �Ich meine, da� der Prinz <emphasis>fort</emphasis> ist. Nicht mehr auf dem Hochhorst.�</p><p>�Unm�glich�, versetzte Strupp energisch. Mit dem zweiten zittrigen Schluck Malvasier hatte er einen Teil seiner Selbstbeherrschung zur�ckgewonnen. �Er reist nicht vor n�chster Woche ab, das hat er selbst erz�hlt. Er hat mir gesagt, ich k�nnte mitkommen, wenn ich wollte, und sein Hofnarr in Naglimund sein.� Strupp legte den Kopf schief und spuckte aus. �Ich habe ihm erkl�rt, da� ich ihm morgen � das hei�t, inzwischen wohl heute � meine Antwort geben w�rde, denn Elias scheint es gleichg�ltig zu sein, ob ich bleibe oder gehe.� Er sch�ttelte den Kopf. �Und dabei war ich doch seines Vaters liebster Gef�hrte��</p><p>Auch Isgrimnur sch�ttelte � voller Ungeduld � den Kopf, und sein graumelierter Bart bebte. �Nein, er <emphasis>ist</emphasis> fort. Mu� kurz nach Mitternacht aufgebrochen sein, soweit ich das feststellen konnte � jedenfalls hat das der Kerl von der Erkyngarde gesagt, den ich in seinem leeren Zimmer fand, als ich zu unserer Verabredung kam. Josua hatte mich gebeten, so sp�t zu kommen, obwohl ich mich lieber schlafen gelegt h�tte, aber er sagte, es g�be etwas, das nicht warten k�nnte. Klingt das nach einem Mann, der abreisen w�rde, ohne mir auch nur eine Nachricht zu hinterlassen?�</p><p>�Wer wei�?� meinte Strupp, das runzlige Gesicht bedr�ckt und nachdenklich. �Vielleicht war das der Grund, weshalb er Euch sprechen wollte � weil er heimlich fortwollte.�</p><p>�Warum hat er dann nicht gewartet, bis ich da war? Die Sache gef�llt mir nicht.� Isgrimnur hockte sich nieder und stocherte mit einem herumliegenden Stock in den Kohlen. �In den G�ngen dieses Hauses weht heute nacht eine seltsame Luft.�</p><p>�Josua handelt oft merkw�rdig�, erkl�rte Strupp ruhig. �Er ist launenhaft � bei Gott, was hat er f�r Launen! Wahrscheinlich ist er unterwegs, um im Mondschein Eulen zu jagen, oder huldigt sonst einem vertrackten Zeitvertreib. Habt keine Sorge.�</p><p>Nach einem Augenblick des Schweigens stie� Isgrimnur lang den Atem aus. �Ach, bestimmt hast du recht�, meinte er, und sein Ton klang beinahe �berzeugend. �Selbst wenn Elias und er einander offen den Krieg erkl�rt h�tten, k�nnte hier im Haus seines Vaters, vor Gott und dem Hof, doch nichts geschehen.�</p><p>�Nichts, als da� Ihr mir mitten in der Nacht den Kopf einschlagen wollt. Gott scheint heute abend etwas unachtsam zu sein.� Strupp grinste sein Runzelgrinsen.</p><p>W�hrend die beiden M�nner ihre Unterhaltung mit ged�mpfter Stimme vor den matten Kohlen fortsetzten, stahl Simon sich leise zur�ck ins Bett. Er lag noch lange wach und starrte, in seine Decke gewickelt, ins Dunkel; als aber der Hahn unten im Hof endlich das erste aufsteigende Sonnengl�hen bemerkte, war Simon l�ngst wieder eingeschlafen.</p><empty-line/><p>�Und nun Verge�t nur nicht�, warnte Morgenes und wischte sich mit einem leuchtendblauen Tuch den Schwei� von der Stirn, �da� ihr nichts e�t, bevor ihr es zu mir gebracht und mich danach gefragt habt. <emphasis>Vor allem</emphasis> nichts mit roten Flecken. Verstanden? Viele von den Sachen, die ihr mir zusammensuchen solltet, sind reinstes Gift. Vermeidet also jede Dummheit, sofern das �berhaupt m�glich ist. Simon, du bist der Anf�hrer! Ich mache dich f�r die Sicherheit der anderen verantwortlich.�</p><p>Die anderen, das waren Jeremias der Wachszieherjunge und Isaak, ein junger Page aus den Gem�chern des oberen Stockwerks. Der Doktor hatte sich diesen hei�en Feyevernachmittag ausgew�hlt, um eine Pilz- und Kr�uter-Suchaktion im Kynswald zu veranstalten, einem W�ldchen von weniger als einem halben Quadratkilometer Ausdehnung, das sich unter der Westmauer des Hochhorstes an das Steilufer des Kynslaghs duckte. Durch die D�rre waren Morgenes' Vorr�te an wichtigen Grundstoffen besorgniserregend zusammengeschrumpft, und der Kynswald, der so nah am gro�en See lag, schien ein geeigneter Ort zu sein, um die feuchtigkeitsliebenden Sch�tze des Doktors aufzusp�ren.</p><p>W�hrend sie durch den Wald ausschw�rmten, blieb Jeremias zur�ck und wartete, bis das knirschende Ger�usch von Morgenes' Schritten sich im Knistern des braunen Unterholzes verloren hatte.</p><p>�Hast du ihn schon gefragt?� Jeremias' Kleidung war bereits schwei�na�, so da� sie an ihm klebte.</p><p>�Nein.� Simon hatte sich niedergeb�ckt, um einer Pre�patrouille von Ameisen zuzusehen, die im G�nsemarsch den Stamm einer Vestivegg-Kiefer hinaufeilten. �Ich werde es heute tun.�</p><p>�Und wenn er nein sagt?� Jeremias be�ugte die Prozession mit einigem Widerwillen. �Was machen wir dann?�</p><p>�Er wird nicht nein sagen!� Simon stand auf. �Und wenn � nun, dann lasse ich mir eben etwas einfallen.�</p><p>�Was fl�stert ihr denn da?� Der kleine Isaak war auf die Lichtung zur�ckgekehrt. �Es geh�rt sich nicht, Geheimnisse zu haben.� Obwohl er drei oder vier Jahre j�nger war als Simon und Jeremias, hatte der junge Page sich bereits eine �vornehme� Redeweise angew�hnt. Simon warf ihm einen finsteren Blick zu.</p><p>�Das geht dich gar nichts an.�</p><p>�Wir haben uns den Baum hier angeschaut�, erl�uterte Jeremias, der sich sofort schuldig f�hlte.</p><p>�Ich h�tte gedacht�, bemerkte Isaak listig, �da� es hier gen�gend B�ume gibt, die man ansehen kann, ohne heimlich zur�ckzubleiben und sich Geheimnisse zu erz�hlen.�</p><p>�Oh, aber dieser hier�, begann Jeremias, �dieser hier ist ��</p><p>�Vergi� den bl�den Baum�, unterbrach ihn Simon angewidert. �Gehen wir! Morgenes ist weit voraus und wird uns einiges erz�hlen, wenn er mehr sammelt als wir.� Er duckte sich unter einem Ast und watete in das kn�chelhohe Gestr�pp des Waldbodens hinein.</p><p>Es war harte Arbeit. Als sie nach gut anderthalb Stunden eine Pause machten, um einen Schluck Wasser zu trinken und im Schatten auszuruhen, waren die drei Jungen bis zu den Ellenbogen und Knien mit feinem, rotem Staub bedeckt. Jeder trug ein B�ndel mit seinen in ein Tuch gewickelten Funden: Simons war am gr��ten, die B�ndel von Isaak und Jeremias waren von bescheidenerem Umfang. Sie fanden eine gro�e F�hre, die ihnen als gemeinschaftliche R�ckenlehne diente. Die staubigen Beine hatten sie ringsum ausgestreckt wie die Speichen eines Rades. Simon warf einen Stein �ber die Lichtung. Er fiel in einen Haufen abgebrochener �ste und lie� die welken Bl�tter zittern.</p><p>�Warum ist es blo� so hei�?� st�hnte Jeremias und wischte sich die Stirn. �Und warum ist mein Tuch so voll von albernen Pilzen, da� ich mir den Schwei� mit den H�nden abstreifen mu�?� Er hielt die schl�pfrigen, feuchten Handfl�chen hoch.</p><p>�Es ist hei�, weil es hei� ist�, knurrte Simon. �Weil kein Regen f�llt. Mehr nicht.�</p><p>Eine l�ngere Weile verging ohne Worte. Selbst die Insekten und V�gel schienen verschwunden zu sein, sich an dunkle Orte zur�ckgezogen zu haben, um dort schweigend den trockenen, stillen Nachmittag zu verschlafen.</p><p>�Eigentlich m��ten wir noch froh sein, da� wir nicht in Meremund sind�, bemerkte schlie�lich Jeremias. �Sie sagen, dort w�ren tausend Menschen an der Pest gestorben.�</p><p>�Tausend?� sagte Isaak ver�chtlich. Die Hitze hatte sein schmales, blasses Gesicht stark ger�tet. �Viele Tausende! Die ganze Residenz spricht von nichts anderem. Mein Herr l�uft mit einem in Weihwasser getauchten Tuch vor dem Gesicht auf dem Hochhorst herum, und dabei ist die Pest nicht einmal auf hundert Meilen an uns herangekommen.�</p><p>�Wei� dein Herr, was in Meremund vorgeht?� fragte Simon interessiert � Isaak war doch zu etwas n�tze. �Spricht er denn mit dir dar�ber?�</p><p>�Andauernd.� Der kleine Page geno� die Aufmerksamkeit des �lteren. �Der Bruder seiner Frau ist der B�rgermeister. Sie waren unter den ersten, die vor der Pest geflohen sind. Er hat viel Neues von ihnen erfahren.�</p><p>�Elias hat Guthwulf von Utanyeat zur <emphasis>K�niglichen Hand</emphasis> ernannt�, meinte Simon. Jeremias st�hnte und rutschte am Baumstamm herunter, um sich der L�nge nach auf dem fichtennadelbedeckten Boden auszustrecken.</p><p>�Das stimmt�, erwiderte Isaak und kratzte mit einem langen Zweig im Staub. �Und er hat die Pest dort festgehalten. Sie hat sich nicht ausgebreitet.�</p><p>�Woher kommt sie, diese Seuche?� erkundigte sich Simon. �Gibt es Leute in der Residenz, die das wissen?� Er kam sich t�richt vor, einem Kind, das soviel j�nger war als er selbst, Fragen zu stellen, aber Isaak horchte auf den Klatsch im oberen Stockwerk und war nicht abgeneigt, ihn anderen weiterzuerz�hlen.</p><p>�Niemand wei� es genau. Manche Leute sagen, neidische Hernystir-Kaufleute aus Abaingeat jenseits des Flusses h�tten die Brunnen vergiftet. Aber in Abaingeat sind auch viele Leute gestorben.� Isaak sagte es mit einem gewissen Ausdruck der Befriedigung � schlie�lich waren die Hernystiri keine �doniter, sondern Heiden, ganz gleich, was f�r ein hochrangiger Verb�ndeter Lluths Haus unter dem Schutz des Hochk�nigs auch gewesen sein mochte. �Andere behaupten, die D�rre h�tte vor lauter Trockenheit die Erde aufplatzen lassen, und es seien giftige D�nste aus dem Boden gedrungen. Aber was es auch sein mag, mein Herr sagt, da� es keinen verschont, weder reiche Leute noch Priester oder Bauern. Zuerst f�hlt man sich hei� und fiebrig�, � hier �chzte der flach auf dem R�cken liegende Jeremias und betupfte sich die Stirn �, �dann bekommt man �berall Blasen, als h�tte man auf hei�en Kohlen gelegen. Schlie�lich fangen die Blasen an zu n�ssen�� Er unterstrich das letzte Wort mit einer kindischen Grimasse. Feines blondes Haar hing ihm ins ger�tete Gesicht. �Und danach stirbt man. Unter starken Schmerzen.�</p><p>Der Wald ringsum atmete Hitze. Stumm sa�en sie da.</p><p>�Jakob, mein Meister�, nahm Jeremias endlich den Faden wieder auf, �f�rchtet, da� die Pest auch zum Hochhorst kommt, weil so viele schmutzige Bauern unter den Mauern hausen.� Der Kynswald tat einen weiteren, langsamen Atemzug. �Ruben der B�r hat meinem Meister erz�hlt, er habe von einem Bettelm�nch erfahren, da� Guthwulf in Meremund �u�erst hart vorgegangen sei.�</p><p>��u�erst hart?� fragte Simon mit geschlossenen Augen. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Der M�nch hat dem Schmied gesagt, da� Guthwulf, als er als <emphasis>K�nigliche Hand</emphasis> in Meremund ankam, die Erkyngarde mitnahm und zu den H�usern der Kranken ging. Sie brachten H�mmer, N�gel und Bretter mit und versiegelten die H�user.�</p><p>�Mit den Menschen darin?� erkundigte sich Simon, zugleich entsetzt und fasziniert.</p><p>�Nat�rlich. Damit sich die Pest nicht ausbreitet. Sie nagelten die H�user zu, damit die Angeh�rigen der Kranken nicht weglaufen und die Seuche auf andere �bertragen konnten.� Jeremias hob den �rmel und wischte wieder.</p><p>�Aber ich dachte, die Pest k�me von den �blen D�nsten aus der Erde?�</p><p>�Trotzdem kann man sich anstecken. Darum sind ja auch so viele Priester und M�nche und Wund�rzte gestorben. Der M�nch hat erz�hlt, die Stra�en von Meremund w�ren nachts, viele Wochen lang, gewesen wie � wie � was hat er noch gesagt? �Wie die Hallen der H�lle.� Man konnte die Leute in den zugenagelten H�usern heulen h�ren wie Hunde. Endlich, als alles still war, haben Guthwulf und die Erkyngarde die H�user niedergebrannt. Unge�ffnet.�</p><p>W�hrend sich Simon noch �ber diese letzte Einzelheit wunderte, vernahm man das Ger�usch brechender �ste.</p><p>�Heda, ihr Faulpelze!� Aus einem Baumdickicht erschien Morgenes, die Gew�nder mit Girlanden aus Zweigen und Bl�ttern verziert, um die breite Hutkrempe einen Moosrand. �Ich h�tte mir denken k�nnen, da� ich euch flach auf dem R�cken finde.�</p><p>Simon kam m�hsam auf die F��e. �Wir sitzen erst ganz kurz hier, Doktor�, erkl�rte er. �Wir haben lange gesammelt.�</p><p>�Vergi� nicht, ihn zu fragen!� zischte Jeremias und richtete sich auf.</p><p>�Hm�, sagte Morgenes und betrachtete kritisch ihre B�ndel. �Scheint so, als h�ttet ihr es unter den gegebenen Umst�nden ganz ordentlich gemacht. La�t sehen, was ihr gefunden habt.� Er hockte sich nieder wie ein Bauer, der Unkraut aus einer Baumhecke zupft, und fing an, die Sammlungen der Jungen zu durchsieben. �Ah! Teufelsohr�, schrie er und hielt einen muschelf�rmigen Pilz in das einfallende Sonnenlicht. �Hervorragend!�</p><p>�Doktor�, setzte Simon an, �ich wollte Euch um eine kleine Gef�lligkeit bitten.�</p><p>�Hmmm?� Morgenes stocherte in Pilzst�cken herum, wobei er ein ausgebreitetes Taschentuch als Tisch benutzte.</p><p>�Nun, Jeremias m�chte gern in die Garde eintreten � oder wenigstens den Versuch machen. Das Problem ist, da� Graf Breyugar uns Burgleute kaum kennt und Jeremias keine Verbindung zu solchen Kreisen hat.�</p><p>�Das�, versetzte Morgenes trocken, �ist kein Wunder.� Er leerte das n�chste B�ndel aus.</p><p>�Meint Ihr, da� Ihr ihm einen Empfehlungsbrief schreiben k�nntet? Ihr seid �berall wohlbekannt.� Simon versuchte, gelassen zu klingen. Isaak betrachtete den schwitzenden Jeremias mit einer Mischung aus Respekt und Erheiterung.</p><p>�Hmmm.� Der Tonfall des Doktors verriet nichts. �Ich habe den Verdacht, da� ich bei Breyugar und seinen Freunden nur allzubekannt bin.� Er schaute auf und fixierte Jeremias mit scharfem Blick.</p><p>�Wei� Jakob davon?�</p><p>�Er � er kennt meine Gef�hle�, stotterte Jeremias.</p><p>Morgenes stopfte alles Gesammelte in einen Sack und gab den Jungen ihre T�cher zur�ck. Anschlie�end stand er auf und klopfte sich die Bl�tter und Baumnadeln aus dem Gewand.</p><p>�Ich denke, das k�nnte ich�, sagte er dann, als sie sich auf den R�ckweg zum Hochhorst machten. �Ich glaube zwar nicht, da� ich das guthei�e � und noch weniger glaube ich, da� eine Botschaft von mir sie alle respektvoll Haltung annehmen lassen wird �, aber wenn Jakob Bescheid wei�, wird es ja wohl in Ordnung sein.� Sie wateten im G�nsemarsch durch das stachlige Dickicht.</p><p>�Danke, Doktor�, sagte Jeremias atemlos.</p><p>�Ich bezweifle, da� sie dich haben wollen.� Isaak h�rte sich ein bi�chen neidisch an. Je mehr sie sich der Burg n�herten, desto st�rker schien auch seine Hochn�sigkeit wiederzukehren.</p><p>�Doktor Morgenes�, bemerkte Simon und bem�hte sich nach besten Kr�ften um einen Ton wohlwollender Uninteressiertheit, �vielleicht sollte <emphasis>ich</emphasis> den Brief schreiben, und Ihr k�nntet ihn nachsehen und unterzeichnen? W�re das nicht eine gute �bung f�r mich?�</p><p>�Wirklich, Simon�, erwiderte der Doktor und stieg �ber einen umgest�rzten Baumstamm, �das ist eine gl�nzende Idee. Ich freue mich, da� du dich von selbst darum bem�hst. Vielleicht mache ich doch noch einen richtigen Lehrling aus dir!�</p><p>Diese vergn�gte Erkl�rung des Doktors, der Stolz in seiner Stimme, legten sich auf Simon wie ein Umhang aus Blei. Er hatte noch gar nichts <emphasis>getan</emphasis>, ganz zu schweigen von etwas B�sem, aber er kam sich bereits vor wie ein M�rder oder Schlimmeres. Gerade wollte er noch etwas sagen, als ein Aufschrei die erstickende Waldluft zerri�.</p><p>Simon fuhr herum und sah Jeremias, wei� im Gesicht wie Weizenbrei, auf etwas im Dickicht neben dem umgefallenen Baum zeigen. Neben ihm stand schreckerstarrt Isaak. Simon rannte zur�ck, Morgenes nur einen Schritt hinter ihm.</p><p>Es war eine Leiche, die im Fallen halb in das Dickicht gest�rzt war. Obwohl das Gesicht �berwiegend von Geb�sch verdeckt war, zeigte der fast fleischlose Zustand der sichtbaren K�rperteile, da� der Tod schon vor l�ngerer Zeit eingetreten war.</p><p>�Ohohoh�, hechelte Jeremias, �er ist tot! Gibt es denn hier Gesetzlose? Was sollen wir tun?�</p><p>�Sei still�, fuhr Morgenes ihn an, �das ist n�mlich das Erste! La� mich sehen.� Der Doktor raffte den Saum seines Gewandes und watete in das Dickicht hinein, wo er stehenblieb und vorsichtig die �ste anhob, die den gr��ten Teil des K�rpers verbargen.</p><p>Nach den Bartstr�hnen, die noch immer an dem von V�geln und Insekten zerfressenen Gesicht hingen, schien es ein Nordl�nder gewesen zu sein � vielleicht ein Rimmersmann. Er trug unauff�llige Reisekleidung, einen leichten Wollmantel und gegerbte Lederstiefel, die inzwischen verfault waren, so da� an einigen Stellen das Pelzfutter zu sehen war.</p><p>�Wie ist er gestorben?� fragte Simon. Die leeren Augenh�hlen, dunkel und geheimnisvoll, beunruhigten ihn. Der zahnige Mund, von dem das Fleisch geschrumpft und zur�ckgewichen war, schien zu grinsen, als liege der Kadaver hier seit Wochen, voller Freude �ber irgendeinen tristen Scherz.</p><p>Mit einem Stock schob Morgenes das Wams zur Seite. Ein paar Fliegen erhoben sich tr�ge und umkreisten ihn. �Seht�, sagte er.</p><p>Aus einem kreisrunden Loch im ausged�rrten Leib des Toten ragte der Stumpf eines Pfeils, knapp eine Handbreit �ber den Rippen abgebrochen.</p><p>�Der Sch�tze hatte es wohl eilig � und wollte nicht, da� man seinen Pfeil erkennt.�</p><p>Sie mu�ten einen Augenblick auf Isaak warten, der sich ger�uschvoll erbrach, bevor sie zur�ck zur Burg eilen konnten.</p></section><section><title><p>IX</p><p>Rauch im Wind</p></title><p>�Hast du's bekommen? Hat er was gemerkt?� Trotz der vielen Stunden in der Sonne immer noch bla�, h�pfte Jeremias neben Simon her wie die Schafsschwimmblase eines Fischernetzes.</p><p>�Ich hab's�, knurrte Simon. Jeremias' Aufregung irritierte ihn; sie schien nicht recht zu dem m�nnlichen Ernst ihres Vorhabens zu passen. �Du denkst zuviel.�</p><p>Jeremias war nicht beleidigt. �Wenn du es nur hast�, meinte er �bergl�cklich.</p><p>Die Mittelgasse, zum harten Mittagshimmel offen, das Zeltdach zur�ckgerollt, war so gut wie ausgestorben. Hier und da lungerten die M�nner der Stadtwache, in gelben Uniformen, um ihre unmittelbare Zugeh�rigkeit zu Graf Breyugar zu bekunden, aber mit Sch�rpen im Gr�n des K�nigs, in den Hausg�ngen herum oder w�rfelten an den Mauern geschlossener L�den miteinander. Obwohl der Morgenmarkt l�ngst vorbei war, kam es Simon trotzdem so vor, als sei viel weniger Volk auf der Stra�e als gew�hnlich. Haupts�chlich sah man die Heimatlosen, die in den vergangenen Wintermonaten nach Erchester gestr�mt waren, aus ihren Wohnorten vertrieben von ausgetrockneten B�chen und versiegenden Brunnen. Sie standen oder sa�en im Schatten von Steinmauern und Geb�uden, teilnahmslose Klumpen mit langsamen, ziellosen Bewegungen. Die Wachen dr�ngten sich an ihnen vorbei oder stiegen �ber sie hinweg wie �ber Stra�enk�ter.</p><p>Die beiden Jungen bogen von der Mittelgasse nach rechts in den Tavernenweg ein, die gr��te der Fahrstra�en, die die Mittelgasse kreuzten. Hier gab es mehr Leben, obwohl auch jetzt die meisten Menschen Soldaten waren. Die Hitze hatte sie gr��tenteils in die H�user getrieben; sie lehnten sich, Humpen in der Hand, aus den niedrigen Fenstern und betrachteten Simon und Jeremias und das vielleicht halbe Dutzend weiterer Vor�bergehender mit bierseliger Gleichg�ltigkeit.</p><p>Ein Bauernm�dchen im hausgesponnenen Rock, wahrscheinlich die Tochter irgendeines Stallknechts, dem Krug nach zu schlie�en, den sie auf der Schulter balancierte, kam eilig die Stra�e herauf. Ein paar Soldaten pfiffen und riefen ihr nach, aber das M�dchen blickte nicht auf, sondern trottete zielstrebig weiter, das Kinn auf der Brust. Ihre Hast, verbunden mit dem schweren Krug, machte ihre Schritte kurz. Wohlgef�llig beobachtete Simon ihren geschmeidigen H�ftschwung und drehte sich sogar einmal um sich selbst, um sie im Auge zu behalten, bis sie pl�tzlich in ein kleines G��chen einschwenkte und verschwand.</p><p>�Simon, jetzt komm!� rief Jeremias. �Da dr�ben ist es!�</p><p>In der Mitte des Geb�udekomplexes stand, aus dem Tavernenweg aufragend wie ein Felsblock auf ausgefahrener Stra�e, der Dom des heiligen Sutrin. Im Stein seines gewaltigen Antlitzes spiegelte sich stumpf die geduldige Sonne. Die hohen B�gen und gew�lbten Strebepfeiler warfen schmale Schatten �ber die Nester von Wasserspeiern, deren muntere Grimassengesichter vergn�gt gackernd und scherzend �ber die Schultern humorloser Heiliger hinabsp�hten. Von der Fahnenstange �ber den hohen Doppelt�ren hingen drei schlaffe Wimpel: Elias' gr�ner Drache, S�ule und Baum der Kirche, und ganz unten der goldene Kronreif im wei�en Feld der Stadt Erchester. Zwei Stadtwachen lehnten an den ge�ffneten T�ren, und ihre Hellebarden standen mit den Spitzen nach unten im breiten steinernen T�rrahmen.</p><p>�Also los�, bemerkte Simon grimmig und stieg, Jeremias dicht auf den Fersen, die zwei Dutzend Marmorstufen hinauf. Oben hob eine der Wachen nachl�ssig die Hellebarde und versperrte den Eingang. Der Mann hatte die Kapuze seines Kettenhemdes zur�ckgeschlagen, so da� sie ihm um die Schultern hing wie ein Schleier.</p><p>�Was wollt ihr hier?� fragte er mit zusammengekniffenen Augen. �Eine Botschaft f�r Breyugar.� Simon stellte besch�mt fest, da� seine Stimme brach. �F�r Graf Breyugar, von Doktor Morgenes vom Hochhorst.� Ein wenig trotzig streckte er das zusammengerollte Pergament vor. Der Wachmann, der gesprochen hatte, nahm es und warf einen fl�chtigen Blick auf das Siegel. Der andere starrte eindringlich nach oben zum gemei�elten T�rsturz, als hoffe er, dort seine Dienstbefreiung f�r den Tag geschrieben zu finden.</p><p>Die erste Wache reichte Simon achselzuckend das Pergament zur�ck. �Hier durch und dann links. Treibt euch aber nicht herum.�</p><p>Emp�rt richtete sich Simon zu voller H�he auf. Wenn <emphasis>er</emphasis> erst Wachmann war, w�rde er sich um ein Vielfaches w�rdiger benehmen als diese gelangweilten, unrasierten Trottel. Wu�ten sie nicht, welche Ehre es war, das k�nigliche Gr�n zu tragen? Er trat mit Jeremias an ihnen vorbei und ins k�hle Innere von Sankt Sutrin.</p><p>Nichts regte sich im Vorraum, nicht einmal die Luft, aber Simon konnte sehen, wie das Licht auf Gestalten spielte, die sich hinter der T�r�ffnung auf der anderen Seite bewegten. Anstatt sofort nach der T�r links zu gehen, blickte er sich um, ob die W�chter ihn beobachteten � was sie nat�rlich nicht taten �, und marschierte dann weiter, um in das gro�e Hauptschiff des Domes hineinzusehen.</p><p>�<emphasis>Simon</emphasis>!� zischte Jeremias unruhig. �Was tust du da! Da dr�ben, haben sie gesagt.� Er deutete auf die T�r ganz links. Aber Simon achtete nicht auf seinen Begleiter und steckte den Kopf durch die T�r. Nerv�s vor sich hinmurmelnd, kam Jeremias hinterher.</p><p><emphasis>Es ist wie auf einem von diesen frommen Bildern,</emphasis> dachte Simon, <emphasis>ganz hinten sieht man Usires und den Baum, und ganz vorn die Gesichter von Nabbanai-Bauern und solchen Leuten.</emphasis></p><p>Tats�chlich war das Kirchenschiff so gro� und hoch, da� es ihm wie eine ganze Welt vorkam. Von den obersten Deckenb�gen str�mte, von den bunten Fenstern wie durch Wolken ged�mpft, Sonnenlicht herein. Wei�gekleidete Priester bev�lkerten den Altar, putzend und polierend wie kahlgeschorene Dienstm�gde. Simon vermutete, da� sie den Gottesdienst zu Elysiame� vorbereiteten, der in wenigen Wochen stattfinden w�rde.</p><p>N�her an der T�r, ebenso gesch�ftig, sonst aber in jeder Beziehung anders, dr�ngten sich Breyugars Stadtwachen in ihren gelben W�msern, hier und da untermischt mit der gr�nen Tracht der Erkyngarde vom Hochhorst oder der graubraunen oder schwarzen Kleidung eines angesehenen B�rgers von Erchester. Die beiden Gruppen schienen voneinander v�llig getrennt; es dauerte einen Augenblick, bis Simon die Schranke aus Brettern und Schemeln bemerkte, die man zwischen dem vorderen und dem hinteren Teil des Domes errichtet hatte. In pl�tzlichem Erkennen begriff Simon, da� diese Abgrenzung nicht dazu diente, die hin und her eilenden Priester im Inneren der Kirche zu halten, wie man zun�chst h�tte glauben k�nnen � nein, ihr Zweck war vielmehr, die Soldaten auszusperren. Es schien, als h�tten Bischof Domitis und die Priester noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, da� die Besetzung ihrer Kathedrale durch den Befehlshaber der k�niglichen Wachen kein Dauerzustand bliebe.</p><p>Als Simon und Jeremias die Treppe weiter hinaufstiegen, mu�ten sie nacheinander noch drei anderen Wachtposten ihr Pergament zeigen, wobei diese wesentlich wacher waren als die beiden an der schweren Eingangst�r � entweder weil sie hier drinnen keine Sonne ertragen mu�ten, oder weil die N�he zum Gegenstand ihres Schutzes zunehmend gr��er wurde.</p><p>Endlich standen die Jungen in einem �berf�llten Wachraum vor einem narbengesichtigen, zahnl�ckigen Veteran, dessen Miene vielgeplagter Gleichg�ltigkeit zusammen mit dem G�rtel voller Schl�ssel Autorit�t anzeigte.</p><p>�Ja, der edle Graf Breyugar ist heute anwesend. Gebt mir den Brief, ich werde ihn weiterleiten.� Der Unteroffizier kratzte sich unger�hrt am Kinn.</p><p>�Nein, Herr, wir m�ssen ihn selbst �berreichen. Er ist von Doktor Morgenes.� Simon bem�hte sich, energisch zu klingen. Jeremias schlug die Augen nieder.</p><p>�Tats�chlich? Was ihr nicht sagt.� Der Mann spuckte auf den mit S�gemehl bestreuten Fu�boden. Hier und da schimmerten Marmorfliesen durch. ��don soll mich bei�en, was f�r ein Tag! Nun, dann wartet hier.�</p><empty-line/><p>�Aha. Was haben wir hier?� Graf Breyugar sa� am Tisch vor den Knochenresten einer Mahlzeit, die aus kleinen V�geln bestanden hatte. Er hob eine Augenbraue. Seine feingeschnittenen Z�ge waren im Fleisch der H�ngebacken fast verschwunden. Er hatte die H�nde eines Musikers, langfingrig und schmal.</p><p>�Einen Brief, edler Herr.� Simon, auf ein Knie gesunken, streckte ihm die Pergamentrolle entgegen.</p><p>�Dann gib ihn doch her, Junge.� Die Stimme des Grafen war hoch und weibisch, aber Simon hatte geh�rt, da� Breyugar ein furchteinfl��ender Schwertk�mpfer war � diese schlanken H�nde hatten schon viele M�nner get�tet.</p><p>W�hrend der Graf die Botschaft las, wobei er die fettgl�nzenden Lippen bewegte, bem�hte sich Simon, die Schultern gerade und den R�cken steif wie einen Hellebardenstock zu halten. Aus dem Augenwinkel glaubte er zu sehen, da� der grauhaarige Unteroffizier ihn ansah, darum zog er das Kinn ein, starrte geradeaus und dachte dar�ber nach, wie vorteilhaft er doch von den schlaffen Dummk�pfen abstechen mu�te, die an den Domt�ren Wache standen.</p><p>�Bitte la�t Euch � <emphasis>die �berbringer</emphasis> � f�r den Dienst unter der F�hrung Eurer gr�flichen Gnaden � empfohlen sein��, las Breyugar laut. Seine Betonung lie� Simon sekundenlang in Panik geraten � hatte er gesehen, da� Simon aus dem �den� ein �die� gemacht hatte? Er hatte ein bi�chen undeutlich geschrieben, damit es nicht auffiel.</p><p>Graf Breyugar, den Blick auf Simon geheftet, gab seinem Stabsunteroffizier den Brief. Der las ihn, noch langsamer als Breyugar, w�hrend der Edelmann den Jungen von oben bis unten musterte und dann auch dem noch immer knienden Jeremias einen kurzen Blick zuwarf. Als der Unteroffizier den Brief zur�ckreichte, stand ihm ein Grinsen im Gesicht, das zwei fehlende Z�hne und eine rosa Zunge, die im dunklen Abgrund herumbohrte, enth�llte.</p><p>�So.� Breyugar fl�tete den Ton wie einen kummervollen Atemzug. �Morgenes, der alte Apotheker, m�chte, da� ich ein Paar Burgm�use aufnehme und M�nner aus ihnen mache.� Er nahm eine winzige Keule vom Teller und knabberte an dem Knochen. �Unm�glich.�</p><p>Simon f�hlte seine Knie nachgeben und den Magen bis zum Hals hochsteigen. �Aber � aber warum?� stammelte er.</p><p>�Weil ich euch nicht <emphasis>brauche</emphasis>. Ich habe K�mpfer genug. Euch kann ich mir nicht leisten. Niemand kann etwas pflanzen, wenn es nicht regnet, und es stehen schon gen�gend M�nner bei mir nach einer Arbeit an, die sie ern�hrt. Aber das Wichtigste ist, da� ich euch nicht <emphasis>will</emphasis> � ein paar talgweiche Burgjungen, denen im Leben noch nichts Schmerzhaftes zugesto�en ist als ein Klaps auf ihre rosa �rsche, weil sie Kirschen geklaut haben. Macht, da� ihr verschwindet. Wenn es Krieg gibt, weil diese l�sterlichen Heiden in Hernystir sich weiter dem Willen des K�nigs widersetzen oder der Verr�ter Josua wieder auftaucht, k�nnt ihr eine Mistgabel oder Sense f�hren wie die anderen Bauern � oder vielleicht sogar dem Heer folgen und die Pferde tr�nken, falls wirklich nicht genug M�nner da sein sollten. Aber Soldaten, das werdet ihr nie! Der K�nig hat mich nicht zum Befehlshaber seiner Wachen ernannt, damit ich Gr�ndlinge h�te. Unteroffizier, zeig diesen Burgm�usen ein Loch zum Wegrennen.�</p><p>Auf dem ganzen langen Weg zur�ck zum Hochhorst sprachen weder Simon noch Jeremias ein einziges Wort. Als Simon in seinem Alkoven hinter dem Vorhang allein war, zerbrach er sein Fa�stockschwert �ber dem Knie. Er weinte nicht. <emphasis>Er w�rde nicht weinen.</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Es liegt etwas Merkw�rdiges im Nordwind heute,</emphasis> dachte Isgrimnur. <emphasis>Etwas, das wie ein Tier riecht oder ein Sturm, der gleich losbrechen wird, oder beides � irgend etwas Kratziges, das mir die Nackenhaare aufstellt.</emphasis></p><p>Er rieb sich die H�nde, als sei die Luft kalt, was nicht der Fall war, und schob die �rmel seines leichten Sommerwamses � in diesem seltsamsten aller Jahre um Monate zu fr�h angezogen � �ber den von dicken Adern durchzogenen alten Unterarmen zur�ck. Wieder ging er an die T�r und schaute hinaus, peinlich ber�hrt, da� ein alter Soldat wie er solche Halbw�chsigenspiele spielte.</p><p><emphasis>Wo steckt blo� dieser verdammte Hernystirmann?</emphasis></p><p>Er machte kehrt, um sein Hin- und Herwandern wieder aufzunehmen, w�re fast �ber einen Stapel Urkundenk�sten gestolpert und blieb statt dessen mit einer Stiefelschnalle an der untersten Rolle einer kleinen Pyramide aus Pergamenten h�ngen, die seinen ohnehin beschr�nkten Bewegungsspielraum einengten. Vollmundig fluchend, b�ckte er sich gerade noch rechtzeitig, um den Aufbau am Einst�rzen zu hindern. Gewi� war der verlassene Raum im Staatsarchiv � leerger�umt, damit die Schreibpriester dort ihre Elysiame�-Rituale durchf�hren konnten � der beste Ort, den man in der Eile f�r eine heimliche Zusammenkunft hatte finden k�nnen � aber warum konnten die Kerle zwischen ihren verdammten Klecksereien nicht wenigstens soviel Platz lassen, da� ein erwachsener Mann sich noch bewegen konnte?</p><p>Der T�rriegel klapperte. Herzog Isgrimnur, erleichtert, da� das Warten vor�ber war, sprang vorw�rts. Statt vorsichtig hinauszusp�hen, ri� er die T�r weit auf, fand jedoch nicht, wie erwartet, zwei M�nner vor, sondern nur einen.</p><p>�Gelobt sei �don, da� Ihr endlich kommt, Eolair!� bellte er. �Wo ist der Escritor?�</p><p>�Psst!� Der Graf von Nad Mullagh hielt zwei Finger an die Lippen, trat ein und zog die T�r hinter sich zu. �Mehr Ruhe! Der Erzbischof schwatzt gleich nebenan in der Halle herum.�</p><p>�Und was geht mich das an?� rief der Herzog, jedoch nicht so laut wie vorher. �Sind wir Kinder, da� wir uns vor diesem ledrigen alten Eunuchen verstecken m�ssen?�</p><p>�Wenn Ihr ein Treffen wolltet, von dem alle wissen�, erwiderte Eolair und setzte sich auf einen Hocker, �warum verbergen wir uns dann in einem Schrank?�</p><p>�Es ist kein Schrank�, brummte der Rimmersmann, �und Ihr wi�t ganz genau, warum ich Euch hierher bestellt habe und weshalb in der Inneren Feste kein Geheimnis sicher ist. Wo ist Escritor Velligis?�</p><p>�Er fand, ein Schrank sei nicht der rechte Platz f�r die rechte Hand des Lektors�, lachte Eolair. Isgrimnur schwieg still. Wegen seines ger�teten Gesichts hielt er den Hernystirmann f�r betrunken oder zumindest f�r angeheitert. Am liebsten w�re er das auch gewesen.</p><p>�Ich hielt es f�r wichtig, uns an einem Ort zu treffen, an dem man offen reden kann�, erkl�rte Isgrimnur schlie�lich. �Man hat uns in letzter Zeit allzu oft miteinander ins Gespr�ch vertieft gesehen.�</p><p>�Nein, Isgrimnur, Ihr seid es, der recht hat.� Eolair machte eine beruhigende Handbewegung. Er war f�r die Feiern zum Liebfrauentag gekleidet, bei denen er die Rolle des respektvollen Au�enseiters spielte � eine Rolle, die den heidnischen Hernystiri gut stand. Sein Festtagswams aus wei�em Stoff war dreifach geg�rtet, jeder G�rtel mit Gold oder emailliertem Metall verziert, und seine lange schwarze Haarm�hne am Hinterkopf mit einem goldenen Band zusammengebunden. �Ich habe nur einen Scherz gemacht, und es ist ein trauriger Scherz�, fuhr er fort, �wenn K�nig Johans ergebenste Untertanen im Geheimen zusammenkommen m�ssen, um �ber Dinge zu sprechen, die kein Treuebruch sind.�</p><p>Isgrimnur schritt langsam zur T�r und bewegte den Riegel, um sicherzustellen, da� er eingeschnappt war. Dann machte er kehrt, lehnte den breiten R�cken gegen das Holz und kreuzte die Arme �ber der m�chtigen Brust. Auch er war festlich gekleidet, mit feinem, leichtem, blauem Wams und blauen Beinlingen. Aber die Flechten seines Bartes waren vom nerv�sen Herumzupfen bereits gelockert und die Beinlinge am Knie ausgebeult. Der Herzog ha�te es, sich feinzumachen.</p><p>�Nun�, brummte er endlich und warf trotzig den Kopf in den Nacken, �soll ich zuerst reden, oder wollt Ihr es tun?�</p><p>�Wir brauchen uns nicht darum zu sorgen, wer als erster spricht�, erwiderte der Graf.</p><p>F�r eine fl�chtige Sekunde erinnerte die R�te in Eolairs Gesicht, die Farbe auf seinen hohen, schmalen Wangenknochen, den �lteren an etwas, das er vor vielen Jahren einmal gesehen hatte: eine gespenstische Gestalt, auf die er �ber f�nfzig Meter Rimmersgard-Schnee einen kurzen Blick erhascht hatte.</p><p><emphasis>Einen von den �Wei�f�chsen� hat mein Vater ihn genannt.</emphasis></p><p>Isgrimnur fragte sich, ob die alten Geschichten vielleicht doch stimmten � sollte es wirklich Sithiblut in den adligen Familien von Hernystir geben?</p><p>Eolair strich sich im Weiterreden mit der Hand �ber die Stirn, wischte die winzigen Schwei�tropfen ab, und die vor�bergehende �hnlichkeit war verschwunden. �Wir haben oft genug dar�ber gesprochen, um zu wissen, da� die ganze Sache entsetzlich schiefgegangen ist. Wor�ber wir jetzt reden m�ssen � und zwar ungest�rt und unbelauscht ��, er deutete mit der Hand auf den vollgestopften Archivraum, ein dunkles Nest aus Papier und Pergament, dem ein hohes, dreieckiges Fenster Helligkeit gab, �ist, was wir dagegen tun k�nnen. <emphasis>Wenn</emphasis> wir etwas tun k�nnen. Und genau das ist das Problem: <emphasis>Was kann man unternehmen?</emphasis>�</p><p>Isgrimnur war noch nicht bereit, so k�hn �ber Dinge zu sprechen, die, was immer Eolair auch sagen mochte, schon jetzt den schwachen, �belkeit erregenden Geruch von Verrat an sich trugen. �Es ist folgenderma�en�, begann er. �Ich w�re der letzte, der Elias die Schuld an diesem verdammten Wetter geben w�rde. Ich sollte es schlie�lich besser wissen, denn w�hrend es hier hei� wie Teufelsatem und knochentrocken ist, haben wir bei uns im Norden einen furchtbaren Winter; Schnee und Eis sind schlimmer denn je seit Menschengedenken. Also kann man dem K�nig nicht das hiesige Wetter vorwerfen, genauso wenig wie es meine Schuld ist, da� in Rimmersgard die D�cher unter der wei�en Last einst�rzen und in den Stallungen das Vieh erfriert.� Er zupfte heftig, und eine weitere Flechte seines Bartes l�ste sich auf. Aus dem grauen Gestr�pp hing das Band schlaff herunter.</p><p>�Was man Elias allerdings vorwerfen mu�, ist, da� er mich hier festh�lt, aber das ist eine andere Schnur und ein anderer Haken � Nein, das Schlimme ist, da� der Mann sich gar nichts aus allem zu machen scheint! Die Brunnen versiegen, die H�fe liegen brach, in den Feldern schlafen Verhungernde, und die St�dte ersticken an der Pest � und Elias scheint das alles gar nicht zu k�mmern. Steuern und Abgaben steigen, und den ganzen Tag sind diese verfluchten Arschlecker von Adelswelpen, die er seine Freunde nennt, um ihn herum, trinken, singen und raufen und � und�� Isgrimnur grunzte angewidert.</p><p>�Und die <emphasis>Turniere!</emphasis> Bei Uduns rotem Speer, in meiner Jugend war ich genauso wild auf ein Turnier wie alle anderen, aber unter dem Thron seines Vaters zerbr�ckelt das Erkynland zu Staub; die L�nder unter dem K�nigsfrieden sind unruhig wie erschreckte Fohlen, und trotzdem nimmt das Turnieren kein Ende! Und dann diese Bootsfahrten auf dem Kynslagh! Und die Gaukler und die Akrobaten und die B�renhatzen! Es ist so arg, wie es damals in den �rgsten Zeiten von Crexis dem Ziegenbock gewesen sein soll!� Jetzt selbst rot im Gesicht, ballte Isgrimnur die F�uste und stierte zu Boden.</p><p>�In Hernystir� � Eolairs Stimme klang nach dem heiseren Ausbruch des Rimmersmanns sanft und melodisch �, �sagen wir: �Ein Hirte, kein Schl�chter�, und wir meinen damit, da� ein K�nig Land und Volk wie eine Herde h�ten und ihnen nur das nehmen soll, was er unbedingt braucht, da� er sie aber nicht so ausbeuten darf, da� ihm zum Schlu� nichts anderes �brigbleibt als sie aufzuessen.� Eolair sah hinauf zu dem kleinen Fenster und den Pergamentstaubk�rnchen, die im schwachen Licht tanzten. �Das ist es n�mlich, was Elias tut: Er i�t sein Land auf, einen Bissen nach dem anderen, so sicher wie einst der Riese Croich-ma-Feareg den Berg bei Crannhyr verschlang.�</p><p>�Und doch war Elias einmal ein guter Mann�, sagte Isgrimnur gr�belnd, �viel umg�nglicher als sein Bruder. Gewi� sind nicht alle Prinzen zum K�nig geboren, aber mir scheint, da� hier mehr nicht stimmt, als da� nur einem Mann seine Macht nicht bekommt. Irgend etwas liegt verdammt im argen � und es sind nicht nur Fengbald und Breyugar und ihresgleichen, die ihn in den Abgrund f�hren.� Der Herzog war wieder zu Atem gekommen. �Wir wissen doch, da� es dieser b�sartige Bastard Pryrates ist, der ihm die seltsamen Raupen in den Kopf setzt und ihn nachts mit Lichtern und unheiligem L�rm da oben im Turm wachh�lt, so da� man manchmal den Eindruck hat, da� der K�nig nach Sonnenaufgang �berhaupt nicht wei�, wo er ist. Was kann Elias von einem Kerl wie diesem Hurensohn von Priester nur wollen? Er ist der K�nig der bekannten Welt � was k�nnte ihm Pryrates dar�ber hinaus bieten?�</p><p>Eolair, den Blick noch immer auf das Oberlicht geheftet, stand da und wischte sich mit dem �rmel die Stirn. �Ich w�nschte, ich w��te es�, sagte er endlich. �Nun denn. Was also k�nnen wir tun?�</p><p>Isgrimnur kniff die alten, wilden Augen zusammen. �Was hat Escritor Velligis gesagt? Schlie�lich ist es ein Dom der Mutter Kirche, den man mit Sankt Sutrin beschlagnahmt hat. Es sind Herzog Leobardis' Nabbanai-Schiffe � neben denen Eures eigenen K�nigs Lluth �, die Guthwulf unter dem Vorwand der �Pestgefahr� aus dem Reichshafen von Abaingeat gestohlen hat. Leobardis und Lektor Ranessin sind gute Freunde; sie herrschen �ber Nabban wie ein Monarch mit zwei K�pfen. Velligis mu� doch <emphasis>irgend etwas</emphasis> zum Besten seines Gebieters vorbringen k�nnen.�</p><p>�Er hat viel vorzubringen, aber mit wenig Inhalt�, meinte Eolair und lie� sich wieder auf seinen Schemel fallen. Der helle Streifen Sonnenlicht war kleiner geworden, weil die sinkende Sonne den Durchla� teilweise versperrte, und der kleine Raum lag in noch tieferem Schatten. �Velligis behauptet, er wisse nicht, was Herzog Leobardis von diesem Piratenst�ck � drei Kornschiffe, ganz unverhohlen aus einem Hernystirhafen geraubt � h�lt. Was seinen Meister angeht, ist er vage wie stets. Ich glaube, Seine Heiligkeit beabsichtigt, den Friedensstifter zwischen Elias und Herzog Leobardis zu spielen und dadurch zugleich die Stellung Eurer �donitischen Kirche hier am Hof zu st�rken. K�nig Lluth, mein Herr, hat mich beauftragt, als n�chstes nach Nabban zu reisen, und vielleicht werde ich dort die Wahrheit herausfinden. Ich f�rchte aber, falls das wirklich sein Plan ist, irrt sich der Lektor: Denn wenn die Mi�achtung, mit der der K�nig und seine Ohrenbl�ser Velligis behandelt haben, �berhaupt auf etwas hindeutet, dann darauf, da� der K�nig sich unter dem breiten Schatten der Mutter Kirche noch unbehaglicher f�hlt als sein Vater.�</p><p>�So viele Pl�ne!� st�hnte Isgrimnur. �So viele Intrigen � Mir wird ganz schwindlig. Ich bin kein Mann f�r so etwas. Gebt mir ein Schwert oder eine Axt und la�t mich Schl�ge austeilen!�</p><p>�Ist das der Grund daf�r, da� Ihr Euch in Schr�nke zur�ckzieht?� l�chelte Eolair und zauberte aus seinem Mantel einen Schlauch mit Sauerhonigmet. �Es sieht nicht so aus, als g�be es hier jemanden zum Draufhauen. Ich finde, Ihr nehmt Euch auch in Eurem fortger�ckten Alter als Intrigant recht gut aus, ehrw�rdiger Herzog.�</p><p>Isgrimnur runzelte die Stirn und nahm den angebotenen Schlauch. <emphasis>Er ist selber ein geborener Intrigant, unser Eolair,</emphasis> dachte er. <emphasis>Ich sollte zumindest dankbar sein, da� ich jemanden habe, mit dem ich reden kann. Trotz seines ganzen Hernystiri-Geschw�tzes �ber Dichtkunst, mit dem er die Ohren der Damen verstopft, ist er im Kern hart wie Schildstahl � ein guter Verb�ndeter in Zeiten des Verrats.</emphasis></p><p>�Da ist noch etwas.� Isgrimnur gab Eolair den Schlauch zur�ck und wischte sich den Mund ab. Der Graf nahm einen tiefen Zug und nickte dann mit dem Kopf.</p><p>�Heraus damit. Ich bin ganz Ohr � wie ein Circoille-Hase.�</p><p>�Der Tote, den der alte Morgenes im Kynswald fand�, erkl�rte Isgrimnur, �von einem Pfeil erschossen� � Eolair nickte wieder �, �war einer von meinen M�nnern: Bindesekk, aber als sie ihn endlich entdeckten, h�tte ich ihn nicht wiedererkannt, wenn er nicht einen Knochenbruch im Gesicht gehabt h�tte, den er sich vor langer Zeit in meinem Dienst zugezogen hatte. Nat�rlich habe ich nichts gesagt.�</p><p>�Einer von Euren M�nnern?� Eolair hob eine Braue. �Und was wollte er? Wi�t Ihr es?�</p><p>Isgrimnur lachte, ein kurzer, bellender Laut. �Allerdings. Darum habe ich auch geschwiegen. Ich hatte ihn losgeschickt, als Skali von Kaldskryke seine Verwandten mitnahm und nach Norden aufbrach. Scharfnase hat an Elias' Hof f�r meinen Geschmack zu viele neue Freunde gefunden, darum sandte ich Bindesekk mit einer Botschaft zu meinem Sohn Isorn. Solange Elias mich mit seinen l�cherlichen Auftr�gen hier festh�lt, diesen Theatervorstellungen vorget�uschter Diplomatie, die angeblich so wichtig sein sollen � wenn sie das wirklich w�ren, warum vertraut man sie dann einem ungeschliffenen alten Kriegshund wie mir an? �, so lange wollte ich, da� Isorn ganz besonders auf der Hut ist. Ich traue Skali nicht mehr als einem verhungernden Wolf, und mein Sohn hat nach allem, was ich h�re, schon genug �rger zu Hause. Alle Nachrichten, die �ber die Frostmark hierher durchsickern, sind schlecht � tobende St�rme im Norden, unsichere Stra�en, Dorfbewohner, die sich in den gro�en Hallen zusammendr�ngen m�ssen. Wir leben in unruhigen Zeiten, und Skali wei� das.�</p><p>�Glaubt Ihr denn, da� es Skali war, der Euren Mann umbrachte?� Eolair beugte sich vor und reichte Isgrimnur abermals den Schlauch.</p><p>�Ich wei� es nicht, soviel steht fest.� Der Herzog legte den Kopf in den Nacken und tat erneut einen langen Zug. Die Muskeln in seinem dicken Hals pochten; ein d�nner Metfaden troff auf das blaue Wams. �Was ich damit meine: Es sieht zwar sehr danach aus, aber ich habe dennoch Zweifel.� Er rieb einen Augenblick gedankenverloren �ber den Fleck. Denn selbst wenn er Bindesekk gestellt h�tte, w�re es Hochverrat gewesen, ihn zu t�ten. �So sehr er mich auch verachten mag, ist Skali doch mein Lehnsmann, und ich bin sein Lehnsherr.�</p><p>�Aber der Leichnam wurde versteckt.�</p><p>�Nicht sehr gut versteckt. Warum so nahe bei der Burg? Warum nicht abwarten, bis Bindesekk die Wjeldhelmberge erreichte � oder die Frostmarkstra�e, sofern sie �berhaupt passierbar war � und ihn dann erledigen, wo man ihn nie finden w�rde? Au�erdem sieht mir der Pfeil nicht nach Skali aus. Ich k�nnte mir vorstellen, da� er Bindesekk vor lauter Wut mit seiner gro�en Axt in St�cke hackt, aber ihn zu erschie�en und dann in den Kynswald zu werfen? Irgendwie pa�t das nicht zu ihm.�</p><p>�Wer dann?�</p><p>Isgrimnur sch�ttelte den Kopf und sp�rte endlich seinen Met. �Das ist es, was mir Sorgen macht, Hernystirmann�, antwortete er nach einer Weile. �Ich wei� es einfach nicht. Es gehen eigenartige Dinge vor. Geschichten von Reisenden, Ger�chte in der Burg��</p><p>Eolair trat zur T�r, entriegelte sie und schob sie auf, um frische Luft in den kleinen Raum zu lassen. �Wirklich, es sind seltsame Zeiten, Herzog�, sagte er und holte tief Atem. �Doch nun die vielleicht wichtigste Frage von allen: Wo in all dieser sonderbaren Welt steckt Prinz Josua?�</p><empty-line/><p>Simon nahm ein kleines St�ckchen Feuerstein und schickte es mit einer Drehbewegung hinaus in die Weite. Es beschrieb einen anmutigen Bogen durch die Morgenluft und landete dann mit ged�mpftem Aufprall in einem entlaubten, in Tierform gestutzten Busch unten im Garten. Simon kroch an den Rand des Kapellendachs und nahm die Einschlagstelle wie ein erfahrener Katapultsch�tze zur Kenntnis, wobei er besonders auf das Beben der Hinterl�ufe des Hecken-Eichh�rnchens achtete. Dann rollte er von der Dachrinne zur�ck und in den Schatten eines Schornsteins. Er geno� die k�hle Festigkeit der Steine unter seinem R�ckgrat. Von oben starrte das grelle Auge der Marris-Sonne herunter, die sich ihrem mitt�glichen Scheitelpunkt n�herte.</p><p>Es war ein Tag, an dem man am liebsten aller Verantwortung aus dem Weg ging und sich vor Rachels Auftr�gen gleicherma�en dr�ckte wie vor Morgenes' Erl�uterungen. Der Doktor hatte Simons mi�gl�ckten Vorsto� auf das Gebiet der Kriegskunst bisher nicht entdeckt � oder jedenfalls nicht erw�hnt �, und Simon wollte es gern dabei belassen.</p><p>Vor ihm dehnte sich das gro�e Kapellendach, ein Feld aus buckligen, unregelm��igen Schieferplatten, in deren Ritzen dicht geringelte Kn�uel aus braunem und fahlgr�nem Moos spro�ten. Auf wundersame Weise hatte es die D�rre �berlebt und klammerte sich jetzt genauso z�h ans Leben, wie es sich an den zerbrochenen Platten festgesetzt hatte. Die Ebene aus Schiefer marschierte vom Dachrinnenrand bergauf bis zur Kuppel der Kapelle, die durch das Dach brach, wie die Schale einer Meeresschildkr�te die seichten Wellen einer stillen Bucht durchbricht. Von hier aus gesehen wirkten die farbenpr�chtigen Glasfenster der Kuppel, die im Inneren der Kapelle in magischen Bildern aus dem Leben der Heiligen leuchteten, dunkel und flach, eine Parade roh gemalter Figuren vor einer eint�nig grauen Welt. Am h�chsten Punkt der Kuppel hielt ein eiserner Knauf einen goldenen �donbaum in die H�he, aber von Simons Warte aus sah man, da� er lediglich vergoldet war � und das Blattgold sch�lte sich in schmalen Streifen ab und enth�llte den darunter versteckten Zerfall.</p><p>Jenseits der Burgkapelle dehnte sich das D�chermeer in alle Richtungen: die Gro�e Halle, der Thronsaal, die Archive und Dienstbotenunterk�nfte, alles schief und krumm, immer wieder ausgebessert oder ersetzt. Die dar�berhingehenden Jahreszeiten leckten an grauem Stein und bleierner Schindel und nagten sie schlie�lich ab. Zu Simons Linker ragte der schlanke, wei�e Hochmut des Gr�nengel-Turms auf. Weiter hinten schaute hinter dem Bogen der Kapellenkuppel die graue, vierschr�tige Masse des Hjeldin-Turms hervor wie ein Hund, der dasitzt und M�nnchen macht.</p><p>Als Simon so die Weite der D�cherwelt �berblickte, gewahrte er erneut am Rande seines Gesichtsfeldes eine kurze Bewegung. Er fuhr herum und sah, wie in einem Loch am Dachrand das Hinterteil einer kleinen, ru�farbenen Katze verschwand. Er kroch �ber die Schieferplatten, um nachzuschauen. Als er nahe genug war, um das Loch beobachten zu k�nnen, legte er sich wieder auf den Bauch und st�tzte das Kinn auf die Handr�cken. Nichts regte sich mehr.</p><p><emphasis>Eine Katze auf dem Dach,</emphasis> �berlegte er. <emphasis>Nun, hier kann au�er Fliegen und Tauben ganz gut noch jemand wohnen � wahrscheinlich fri�t sie diese herumkratzenden �Dachratten�.</emphasis></p><p>Simon, obwohl er bisher nur Schwanz und Hinterbeine des Tieres zu Gesicht bekommen hatte, empfand eine pl�tzliche Zuneigung zu dieser Dachkatze. So wie er kannte sie die geheimen G�nge, die Ecken und Winkel, und ging �berall hin, ohne um Erlaubnis zu fragen. Wie er folgte diese graue J�gerin ihrem Weg ohne Anteilnahme und Wohlt�tigkeit anderer�</p><p>Obwohl Simon wu�te, da� dies eine schreckliche �bertreibung seiner Situation war, gefiel ihm der Vergleich recht gut. War er nicht beispielsweise vor vier Tagen, dem Tag nach Elysiame�, unbemerkt auf eben dieses Dach geklettert, um das Antreten der Erkyngarde zu beobachten? Rachel der Drache, �rgerlich dar�ber, da� er in alles vernarrt war au�er in seine Pflichten im Haushalt, den sie als sein wahres � von ihm vernachl�ssigtes � Reich ansah, hatte ihm vorher verboten, hinunterzugehen und sich unter die Menge am Haupttor zu mischen.</p><p>Ruben der B�r, der Burgschmiedemeister, ein Mann mit h�ckrigen Schultern und gewaltigen Muskeln, hatte Simon erz�hlt, die Erkyngarde breche nach Falshire auf, zum Ymstrecca-Flu�, �stlich von Erchester. Es gebe dort �rger mit der Wollh�ndlergilde, hatte Ruben dem Jungen erl�utert und ein rotgl�hendes Hufeisen in einen Wassereimer geworfen. Dann hatte er den aufzischenden Dampf beiseitegewedelt und versucht, die verzwickte Lage zu beschreiben: Anscheinend hatte die D�rre einen derartigen Schaden angerichtet, da� die Schafe der Bauern von Falshire, ihr haupts�chlicher Lebensunterhalt, jetzt von der Krone beschlagnahmt werden mu�ten, um die verhungernden, obdachlosen Massen zu ern�hren, die nach Erchester str�mten. Die Wollh�ndler jammerten, da� sie dadurch ruiniert und ebenfalls in den Hungertod getrieben w�rden, zogen in den Stra�en umher und hetzten die Einwohner gegen den unliebsamen Erla� des K�nigs auf.</p><p>Und so war Simon am letzten Tiastag heimlich auf das Kapellendach geklettert, um die Erkyngarde davonreiten zu sehen, mehrere Hundert wohlbewaffnete Soldaten und ein Dutzend Ritter unter dem Befehl Fengbalds, dessen Lehen Falshire war. Als der Graf an der Spitze der Garde auszog, prachtvoll anzusehen in seinem roten Wams mit silbergesticktem Adler, bemerkten ein paar von den Abgebr�hteren in der Zuschauermenge, da� er offenbar deshalb so viele Soldaten mitnehme, weil er f�rchte, seine Untertanen in Falshire w�rden ihn nicht wiedererkennen, so lange sei er nicht mehr dort gewesen. Andere meinten, er habe eher Angst, <emphasis>da�</emphasis> sie ihn erkennen k�nnten � Fengbald hatte sich nicht gerade unerm�dlich f�r die Interessen seines Erblehens eingesetzt.</p><p>Simon erinnerte sich mit W�rme an Fengbalds eindrucksvollen Helm, eine Sturmhaube aus gl�nzendem Silber mit einem ausgebreiteten Schwingenpaar darauf.</p><p><emphasis>Rachel und die anderen haben recht,</emphasis> scho� es ihm pl�tzlich durch den Kopf. <emphasis>Da sitze ich und tr�ume schon wieder vor mich hin. Fengbald und seine adligen Freunde werden nie auch nur erfahren, da� ich am Leben bin. Ich mu� etwas aus mir machen. Schlie�lich will ich ja nicht ewig ein Kind bleiben, oder?</emphasis> Er kratzte mit einem Kieselstein auf einer Schieferplatte herum und versuchte einen Adler zu zeichnen. <emphasis>Au�erdem w�rde ich in einer R�stung bestimmt albern aussehen � oder?</emphasis></p><p>Die Erinnerung an die Soldaten der Erkyngarde, die so stolz zum gro�en Nerulagh-Tor hinausmarschierten, ber�hrte ihn an einem wunden Punkt, w�rmte ihm aber doch zugleich das Herz; tr�ge stie� er die F��e von sich und beobachtete die Katzenh�hle, auf ein Zeichen ihrer Bewohnerin hoffend.</p><empty-line/><p>Es war eine Stunde nach Mittag, als vorn im Loch eine mi�trauische Nase auftauchte. Simon ritt gerade auf einem Hengst durch die Tore von Falshire, aus allen Fenstern mit Blumen �bersch�ttet. Von der pl�tzlichen Bewegung wieder aufs Dach zur�ckgeholt, hielt er den Atem an, als der Rest des Tieres der Nase folgte: eine kleine, kurzhaarige Graue mit einem wei�en Fleck vom rechten Auge bis zum Kinn. Der Junge r�hrte sich nicht, als die Katze, kaum einen halben Faden von ihm entfernt, j�h �ber irgend etwas erschrak und einen Buckel und schmale Augen bekam. Simon f�rchtete, sie h�tte ihn bemerkt, aber als er weiter unbeweglich ausharrte, kam sie pl�tzlich heraus, sprang aus dem Schatten der aufgebogenen Dachkante in den breiten Gang der Sonnenbahn. Entz�ckt schaute Simon zu, wie das graue K�tzchen einen losen Kiesel fand und ihn flach �ber die Dachplatten h�pfen lie�, um ihn dann mit geschickter Pfote einzufangen und das Spiel von neuem zu beginnen.</p><p>Eine ganze Weile sah er den Possen der Dachkatze zu, bis ein besonders komischer Sturz auf das Katzenhinterteil � das K�tzchen war mit beiden Pfoten �ber ein St�ck Schiefer gerutscht und zum Stehen gekommen, indem es kopf�ber in einen Spalt zwischen den Dachplatten gepurzelt war, wo es nun lag und erbost mit dem Schwanz wackelte � ihn dazu brachte, sich zu verraten. Lang unterdr�cktes, prustendes Gel�chter brach sich Bahn; das Tierchen machte einen Luftsprung, �berschlug sich, landete und st�rzte zur�ck in sein Loch, ohne mehr als einen kurzen Blick in Simons Richtung zu werfen. Dieser hastige Abgang lie� den Jungen in einen neuen Lachkrampf verfallen.</p><p>�Mach Platz, Katz!� rief er der Verschwundenen zu. �Platz, du Katz! Ratzenkatz!�</p><p>Als er auf den Eingang des Loches zukroch, um der Grauen ein kleines Liedchen �ber D�cher, Steine und Einsamkeit, die sie miteinander geteilt hatten, vorzusingen (irgendwie war er ganz sicher, da� sie ihm zuh�ren w�rde), fiel Simon etwas anderes ins Auge. Er hielt sich mit der Hand an der Dachkante fest und reckte den Kopf, um genauer hinzusehen. Ein aufkommender Wind zeichnete ihm feine Muster ins Haar.</p><p>Dr�ben im S�dosten, weit jenseits der Grenzen von Erchester und den Vorgebirgen �ber dem Kynslagh, zog sich eine schmierig-dunkelgraue Spur �ber den klaren Marrishimmel, als fahre man mit einem schmutzigen Daumen �ber eine frischgestrichene Wand. Hoch im Hinschauen zerfetzte der Wind den dunklen Streifen, aber nun stiegen von unten gro�e, dunkle Wolken auf, eine wirbelnde Finsternis, so dicht, da� kein Wind sie auseinandertreiben konnte. Am �stlichen Horizont t�rmte sich eine schwarze Wolke.</p><p>Es dauerte einen langen, ratlosen Augenblick, bevor Simon begriff, da� es Rauch war, was er da sah, ein dichtes Rauchgew�lk, das den blassen, reinen Himmel beschmutzte.</p><p>Falshire brannte.</p></section><section><title><p>X</p><p>K�nig Schierling</p></title><p>Zwei Tage sp�ter, am Morgen des letzten Marristages, wollte Simon gerade mit den anderen K�chenjungen zum Fr�hst�ck gehen, als ihn eine schwere, schwarze Hand auf seiner Schulter j�h anhalten lie�. Einen unwirklichen, schrecklichen Augenblick lang fand er sich in seinen Thronsaaltraum zur�ckversetzt, in den schwerf�lligen Tanz der Malachitk�nige.</p><p>Dann aber zeigte sich, da� die Hand einen rissigen, fingerlosen schwarzen Handschuh trug. Auch ihr Besitzer bestand nicht aus dunklem Stein � obwohl es Simon, der verbl�fft in das Gesicht von Inch starrte, vorkam, als h�tte Gott bei der Erschaffung des Menschen Inch nicht darauf geachtet, gen�gend Lebensmaterial bereitzuhalten, so da� dieses in letzter Minute durch etwas Lebloses, Unbewegliches hatte ersetzt werden m�ssen.</p><p>Inch beugte sich hinunter, bis sein b�rtiges Gesicht ganz nahe vor Simons Nase war; selbst sein Atem schien eher nach Stein zu riechen als nach Wein oder Zwiebeln oder anderen gew�hnlichen Dingen.</p><p>�Doktor will dich sehen.� Er rollte die Augen von einer Seite zur �ndern. �Sofort, ungef�hr.�</p><p>Die anderen K�chenjungen warfen neugierige Blicke auf Simon und den massigen Inch, liefen aber ohne Halt weiter. Simon versuchte sich unter der schweren Hand hervorzuwinden und sah verzweifelt zu, wie die anderen verschwanden.</p><p>�Also gut. Ich bin gleich da�, antwortete er, wand sich noch einmal und kam frei. �Ich hole mir nur schnell einen Kanten Brot, den ich unterwegs essen kann.� Er trabte den Gang zum E�raum der Dienstboten hinunter. Als er einen verstohlenen Blick zur�ckwarf, stand Inch immer noch an derselben Stelle und verfolgte seinen R�ckzug mit den ruhigen Augen eines Stiers auf der Wiese.</p><p>Als Simon bald darauf mit einem Brotranken und einem keilf�rmigen St�ck leckeren wei�en K�ses zur�ckkam, bemerkte er zu seinem Kummer, da� Inch auf ihn gewartet hatte. Unaufgefordert marschierte er auf dem Weg zu Morgenes' Wohnung neben ihm her. Simon bot ihm etwas zu essen an und gab sich M�he, ihm dabei zuzul�cheln, aber Inch glotzte nur gleichg�ltig und gab keine Antwort.</p><p>Als sie �ber den von ausgetrockneten Wagenspuren durchzogenen offenen Platz des Mittleren Zwingers kamen und sich durch die Herde von Schreibpriestern schl�ngelten, die sich auf ihrer t�glichen Pilgerfahrt zwischen der Staatskanzlei und der Halle der Archive befand, r�usperte sich Inch, als wollte er etwas sagen. Simon, der sich in seiner Gegenwart derart unwohl f�hlte, da� ihn selbst Schweigen nerv�s machte, sah erwartungsvoll auf.</p><p>�Warum��, begann Inch endlich, �� warum nimmst du mir meinen Platz weg?� Er wandte seine w�chsernen Augen nicht von dem mit Priestern verstopften Pfad vor ihnen ab.</p><p>Jetzt war es Simons Herz, das die Eigenschatten von Stein annahm: kalt, schwer und lastend. Dieses Ackertier, das sich f�r einen Menschen hielt, tat ihm leid, aber er hatte zugleich auch Angst vor ihm.</p><p>�Ich � ich habe dir doch deinen Platz nicht weggenommen.� Sogar in seinen eigenen Ohren hatten die abwehrenden Worte einen falschen Klang. �L��t dich der Doktor nicht weiterhin kommen und sich von dir beim Tragen und Aufbauen von Sachen helfen? Mir bringt er etwas anderes bei, ganz andere Dinge.�</p><p>Schweigend setzten sie ihren Weg fort. Endlich kam Morgenes' Wohnung in Sicht, in den alles �berwuchernden Efeu geduckt wie das Nest eines kleinen, aber einfallsreichen Tieres. Als sie vielleicht noch zehn Schritte davon entfernt waren, packte Inchs Hand Simons Schulter ein zweites Mal.</p><p>�Bevor du kamst�, sagte Inch, und sein breites, rundes Gesicht bewegte sich zu Simon hinunter wie ein Korb, den man von oben aus dem Fenster l��t, �� bevor du kamst, war <emphasis>ich</emphasis> sein Gehilfe. <emphasis>Ich</emphasis> sollte der n�chste sein.� Er zog die Stirn in Falten, schob die Unterlippe vor und runzelte den durchgehenden Balken seiner Augenbrauen zu einem steileren Winkel. Seine Augen waren noch immer mild und traurig. �Doktor Inch, das w�re ich geworden.� Er richtete den Blick auf Simon, der halb und halb f�rchtete, das Gewicht der Tatze auf seinem Schl�sselbein werde ihn zusammenbrechen lassen. �Ich mag dich nicht, K�chenjunge.�</p><p>Inch lie� ihn los und schlurfte davon. �ber der Bergkette seiner gebeugten Schultern war der Hinterkopf fast nicht sichtbar. Simon rieb sich den Nacken. Ihm war ein wenig �bel.</p><empty-line/><p>Morgenes schob gerade ein Trio junger Priester aus seiner Wohnung. Sie waren auffallend � und nach Simons Ansicht einigerma�en ungeh�rig � betrunken.</p><p>�Sie kamen wegen meines Beitrages zum Allernarrenfest�, erl�uterte Morgenes, als er die T�r hinter dem Dreigespann schlo�, das bereits in unzusammenh�ngenden Gesang ausgebrochen war.</p><p>�Halt mir die Leiter, Simon.�</p><p>Auf der obersten Stufe der Leiter balancierte ein Eimer mit roter Farbe. Als der Doktor ihn erreicht hatte, holte er einen Pinsel heraus, der hineingefallen war, und begann sonderbare Zeichen �ber den T�rrahmen zu malen � eckige Symbole, jedes einzelne ein winziges, r�tselhaftes Bild. F�r Simons Augen sahen sie ein wenig wie die uralte Schrift in einigen von Morgenes' B�chern aus.</p><p>�Wozu dient das?� fragte er. Der wild vor sich hin malende Doktor antwortete nicht. Simon nahm die Hand von der Sprosse, um sich am Kn�chel zu kratzen, worauf die Leiter sofort drohend zu schwanken begann. Morgenes mu�te sich am T�rsturz festhalten, um nicht umzukippen.</p><p>�Nein, nein, nein!� bellte er und versuchte m�hsam, Ebbe und Flut der Farbe daran zu hindern, �ber den Eimerrand zu schwappen. �Du solltest es besser wissen, Simon. Die Regel lautet: Alle Fragen nur schriftlich! Aber warte, bis ich wieder unten bin � wenn ich abst�rze und sterbe, ist keiner mehr da, der dir Antwort gibt.� Morgenes machte sich wieder ans Malen und murmelte dabei leise vor sich hin.</p><p>�Entschuldigung, Doktor�, meinte Simon ein wenig �rgerlich, �ich hatte es nur vergessen.�</p><p>Einige Minuten vergingen ohne ein anderes Ger�usch als das des schnurrenden Streichens von Morgenes' Pinsel.</p><p>�Werde ich meine Fragen immer aufschreiben m�ssen? Ich werde es nie schaffen, so schnell zu schreiben, wie mir Dinge einfallen, �ber die ich etwas wissen m�chte.�</p><p>�Das�, erwiderte Morgenes und schielte auf seinen letzten Pinselstrich, �war die Grundidee f�r diese Vorschrift. Du, Junge, erfindest Fragen, wie Gott Fliegen und arme Leute erschafft � in Schw�rmen. Ich bin ein alter Mann und m�chte meine Geschwindigkeit lieber selbst bestimmen.�</p><p>�Aber�, in Simons Stimme mischte sich Verzweiflung, �dann schreibe ich ja f�r den Rest meiner Tage!�</p><p>�Ich kann mir manche wesentlich weniger wertvolle Besch�ftigung vorstellen, mit der du dein Dasein zubringen k�nntest�, bemerkte Morgenes und krabbelte die Leiter hinunter. Dann drehte er sich um und studierte den Gesamteindruck � einen Bogen aus seltsamen Buchstaben, der sich �ber dem gesamten T�rrahmen ausdehnte. �Zum Beispiel�, fuhr er fort und warf Simon einen scharfen, wissenden Blick zu, �k�nntest du einen Brief f�lschen, um dich Breyugars Wachsoldaten anzuschlie�en, und dir dann die Zeit damit vertreiben, da� M�nner mit Schwertern kleine St�ckchen von dir herunterhacken.�</p><p><emphasis>O nein,</emphasis> dachte Simon, <emphasis>erwischt wie eine Ratte in der Falle.</emphasis></p><p>�Das hei�t � Ihr habt davon geh�rt?� fragte er nach einer Weile. Der Doktor nickte, immer noch das verkniffene, zornige L�cheln im Gesicht.</p><p><emphasis>Usires steh mir bei, was er f�r Augen hat � wie Nadeln!</emphasis> Simon schauderte. Der Blick des Doktors war schlimmer als Rachels Drachenstimme.</p><p>Der Doktor beobachtete ihn immer noch. Simon schlug die Augen nieder und brachte es dann endlich heraus, mit einer m�rrischen Stimme, die um Jahre j�nger klang, als er es gern gewollt h�tte:</p><p>�Tut mir leid.�</p><p>Der Doktor, als h�tte man eine Schnur durchschnitten, die ihn fesselte, begann im Zimmer auf und ab zu gehen. �Wenn ich auch nur die geringste Idee gehabt h�tte, wozu du diesen Brief benutzen wolltest��, w�tete er. �Was hast du dir blo� dabei gedacht? Und warum, <emphasis>warum</emphasis> mu�test du <emphasis>mir</emphasis> etwas vorl�gen?�</p><p>Irgendwo im tiefsten Innern freute sich ein St�ck von Simon, da� der Doktor sich so aufregte � ein Teil seines Wesens, der es geno�, da� man ihn beachtete. Ein anderer Teil dagegen sch�mte sich. Und wieder an einer anderen Stelle seines Innenlebens � wie viele Simons gab es dort eigentlich? � sa� ein gelassener, interessierter Beobachter, der abwartete, welcher Teil f�r alle sprechen w�rde.</p><p>Morgenes' Hin- und Herlaufen machte Simon langsam nerv�s.</p><p>�Au�erdem�, rief er dem alten Mann zu, �was k�mmert es Euch? Es ist <emphasis>mein</emphasis> Leben, oder nicht? Ein bl�des K�chenjungenleben! Und sie wollten mich ohnehin nicht haben��, schlo� er undeutlich.</p><p>�Und daf�r solltest du dankbar sein!� fuhr Morgenes ihn an. �Dankbar, da� sie dich nicht genommen haben. Was ist es denn f�r ein Leben? In Friedenszeiten in der Kaserne herumhocken und mit unwissenden T�lpeln W�rfel spielen; im Krieg zerhackt, von Pfeilen durchbohrt und von Hengsten zertrampelt werden. Du wei�t es nicht, du dummer Junge � ein einfacher Fu�soldat zu sein, wenn alle diese hochfahrenden, bauernschindenden Ritter auf dem Schlachtfeld herumtoben, ist nicht besser als bei den Liebfrauentagsspielen den Federball zu machen.� Er machte j�h kehrt und sah Simon ins Gesicht. �Wei�t du, was Fengbald und seine Ritter in Falshire getan haben?�</p><p>Der Junge antwortete nicht.</p><p>�Den ganzen Wollbezirk angesteckt, das haben sie getan! Frauen und Kinder mit den anderen verbrannt, nur weil sie ihre Schafe nicht hergeben wollten. Fengbald lie� die Schafwaschf�sser mit hei�em �l f�llen und die Anf�hrer der Wollh�ndlergilde darin zu Tode sieden. Sechshundert von Graf Fengbalds eigenen Untertanen abgeschlachtet, und er marschierte mit seinen M�nnern singend zur Burg zur�ck! Und dieser Gesellschaft willst du dich anschlie�en��</p><p>Simon war jetzt ernstlich erbost. Er f�hlte sein Gesicht hei� werden und hatte schreckliche Angst, in Tr�nen auszubrechen. Der leidenschaftslose Beobachter-Simon war v�llig verschwunden. �Na und?� schrie er. �Und wen interessiert das?� Morgenes' sichtliches Erstaunen �ber den ungew�hnlichen Ausbruch machte ihn noch elender.</p><p>�Was soll denn aus mir werden?� fragte er und schlug in ohnm�chtiger Wut gegen die Wand. �Es gibt keinen Ruhm in der Sp�lk�che, keinen Ruhm unter den M�gden und keinen Ruhm hier in einem dunklen Zimmer voller � <emphasis>dummer B�cher!</emphasis>�</p><p>Die betroffene Miene des alten Mannes sprengte endlich die allzu sehr beanspruchten Deiche; weinend floh Simon ans entgegengesetzte Ende des Zimmers und kauerte sich dort schluchzend auf der Seekiste zusammen, das Gesicht an die kalte Steinwand gepre�t. Irgendwo drau�en sangen die drei jungen Priester in zerstreuter, betrunkener Harmonie ihre Hymnen.</p><p>Sogleich war der Doktor an Simons Seite und strich dem jungen Mann mit ungeschickter Hand �ber die Schulter.</p><p>�Nun, nun, Junge, nun, nun�, sagte er verwirrt, �was soll dieses Gerede von Ruhm? Hat dich diese Krankheit auch angesteckt? Ein verfluchter blinder Bettler mu� ich gewesen sein � ich h�tte es sehen sollen. Selbst in dein einf�ltiges Herz hat das Fieber sich gefressen, ja, Simon? Es tut mir so leid. Man braucht einen starken Willen oder ein ge�btes Auge, um durch den Flitter den faulen Kern zu erkennen.�</p><p>Simon hatte keine Ahnung, wovon der Doktor redete, aber der Ton von Morgenes' Stimme wirkte bes�nftigend. Gegen seinen Willen sp�rte er, wie sein Zorn schwand � aber das darauf folgende Gef�hl, das ihm als Schw�che erschien, veranla�te ihn, sich aufzusetzen und die Hand des Doktors abzusch�tteln. Er wischte sich mit dem rauhen Wams�rmel das feuchte Gesicht ab.</p><p>�Ich wei� nicht, warum es Euch leid tut, Doktor�, meinte er und versuchte, seine Stimme nicht zittern zu lassen. �<emphasis>Mir</emphasis> tut es leid � weil ich mich wie ein Kind benommen habe.� Er stand auf, und die Blicke des kleinen Mannes folgten ihm, als er den Raum durchquerte und an den langen Tisch trat. Dort blieb er stehen und fuhr mit dem Finger �ber das Durcheinander offener B�cher. �Ich habe Euch belogen und mich selbst zum Narren gemacht�, sagte er, sah dabei aber nicht auf. �Bitte vergebt die Torheit eines K�chenjungen, Doktor, eines K�chenjungen, der glaubte, er k�nnte mehr sein.�</p><p>Im Schweigen, das diesen tapferen Worten folgte, h�rte Simon, wie Morgenes einen wunderlichen Laut von sich gab � weinte er etwa? Aber gleich darauf zeigte es sich nur zu deutlich: Morgenes gluckste vor sich hin � nein, er lachte und versuchte, es hinter seinem wallenden �rmel zu ersticken.</p><p>Simon scho� mit gl�hroten Ohren herum. Sekundenlang fing Morgenes seinen Blick auf, dann sah er zur Seite. Seine Schultern zuckten.</p><p>�Ach, Junge � ach, Junge�, schnaufte er endlich und streckte dem emp�rten Simon eine beruhigende Hand entgegen, �lauf nicht weg! �rgere dich nicht. Du w�rst verschwendet auf dem Schlachtfeld! Ein gro�er Herr solltest du sein und deine Siege am Verhandlungstisch erzielen, weil die bei weitem wichtiger sind als Siege auf dem Schlachtfeld; oder ein Escritor der Kirche, der den Reichen und Lasterhaften ihre unsterblichen Seelen abschmeichelt.� Wieder kicherte Morgenes und kaute dann auf seinem Bart herum, bis der Anfall vor�ber war.</p><p>Simon stand da wie aus Stein, mit finsterem Gesicht, und wu�te nicht, ob man ihm ein Kompliment machte oder ihn beleidigte. Nach und nach gewann der Doktor die Beherrschung zur�ck, sprang auf und trat zum Bierfa�. Ein tiefer Zug beschlo� den Vorgang der Beruhigung, dann wandte sich Morgenes wieder dem Jungen zu und l�chelte.</p><p>�Ach, Simon, Gott segne dich! La� dich vom Scheppern und Prahlen von K�nig Elias' Kumpanen und Banditen nicht so beeindrucken. Du hast einen scharfen Verstand � nun ja, wenigstens manchmal � und Gaben, von denen du selbst noch nichts wei�t. Lern von mir, was du kannst, junger Falke, von mir und von den anderen, die du findest, die dich auch etwas lehren k�nnen. Wer wei�, wie dein Schicksal noch aussehen wird? Es gibt viele Arten von Ruhm.� Er kippte das Fa� und nahm einen weiteren schaumigen Schluck.</p><p>Simon musterte Morgenes sekundenlang sorgf�ltig, um sicherzugehen, da� diese letzten Worte nicht schon wieder eine Neckerei darstellten, und gestattete sich dann endlich ein sch�chternes Grinsen. Er h�rte es gern, wenn man ihn �junger Falke� nannte.</p><p>�Also gut. Und es tut mir wirklich leid, da� ich Euch belogen habe. Aber wenn ich einen scharfen Verstand habe, warum zeigt Ihr mir dann nie etwas Wichtiges?�</p><p>�Zum Beispiel?� erkundigte sich Morgenes, und sein L�cheln schwand.</p><p>�Ach, ich wei� nicht. Magie oder so etwas.�</p><p>�<emphasis>Magie!</emphasis>� zischte Morgenes. �Ist das alles, was du im Kopf hast, Junge? H�ltst du mich f�r irgendeinen Wanderzauberer, einen billigen Hofbeschw�rer, der dir irgendwelche Tricks vorf�hrt?� Simon sagte nichts. �Ich bin immer noch w�tend auf dich, weil du mich angeschwindelt hast�, erg�nzte der Doktor. �Wieso sollte ich dich belohnen?�</p><p>�Ich verrichte jede Arbeit, die Ihr w�nscht, zu jeder Stunde�, erkl�rte Simon. �Ich wasche sogar die Decke ab.�</p><p>�Komm, komm�, versetzte Morgenes, �ich lasse mich nicht erpressen. Und ich sage dir noch etwas, Junge: Gib diese schreckliche Vernarrtheit in die Magie auf, und ich werde dir einen ganzen Monat lang alle anderen Fragen beantworten, ohne da� du eine einzige aufschreiben mu�t! Was h�ltst du davon, he?�</p><p>Simon machte schmale Augen, sagte aber nichts.</p><p>�Das reicht nicht?! Nun gut, ich erlaube dir, mein Manuskript �ber das Leben von Johan dem Priester zu lesen�, bot der Doktor an. �Ich erinnere mich, da� du mich ein paarmal danach gefragt hast.�</p><p>Simon kniff die Augen noch enger zusammen. �Wenn Ihr mich Magie lehrt�, machte er sein Gegenangebot, �bringe ich euch jede Woche eine von Judiths Pasteten und ein Fa� Stanshire-Dunkelbier aus der Vorratskammer.�</p><p>�Aha!� bellte Morgenes triumphierend. �Siehst du! Siehst du, Junge? Du glaubst so fest daran, da� dir magische Kunstst�cke Macht und Gl�ck bringen k�nnten, da� du sogar bereit bist zu stehlen, nur um mich zu bestechen, damit ich dich unterrichte! Nein, Simon, in dieser Sache gibt es kein Handeln.�</p><p>Simon war schon wieder zornig, aber er holte tief Luft und zwickte sich in den Arm.</p><p>�Warum seid Ihr so strikt dagegen, Doktor?� fragte er schlie�lich, als er sich etwas beruhigt hatte. �Weil ich ein K�chenjunge bin?�</p><p>Morgenes l�chelte. �Auch wenn du noch in der Sp�lk�che arbeitest, Simon, bist du trotzdem kein K�chenjunge mehr. Du bist mein Lehrling. Nein, es fehlt dir an nichts � au�er an Alter und Reife. Du begreifst einfach noch nicht, worum du bittest.�</p><p>Simon lie� sich auf einen Schemel fallen. �Ich verstehe es nicht�, murmelte er.</p><p>�Genau.� Morgenes kippte einen weiteren Schluck Bier. �Was du �Magie� nennst, ist in Wirklichkeit nur das Zusammenwirken nat�rlicher Gegebenheiten, elementarer Kr�fte, ganz �hnlich wie Feuer und Wind. Sie gehorchen Naturgesetzen � aber diese Gesetze sind sehr schwer zu lernen und zu begreifen. Manche wird man vielleicht nie verstehen.�</p><p>�Aber warum <emphasis>lehrt</emphasis> Ihr mich diese Gesetze nicht?�</p><p>�Weil ich auch einem Kleinkind, das auf einem Strohhaufen sitzt, keine brennende Fackel in die Hand geben w�rde. Das Kleinkind, und das soll keine Kr�nkung sein, Simon, ist auf diese Verantwortung nicht vorbereitet. Nur wer viele Jahre andere Dinge und Wissensgebiete studiert hat, kann anfangen, die Kunst zu meistern, die einen solchen Reiz auf dich aus�bt. Aber selbst dann ist man nicht unbedingt daf�r geeignet, mit ihrer Macht umzugehen.� Wieder trank der Alte, wischte sich den Mund ab und l�chelte. �Die meisten von uns sind erst dann imstande, von der <emphasis>Kunst</emphasis> Gebrauch zu machen, wenn sie alt genug sind, es besser zu wissen. F�r die Jungen ist es zu gef�hrlich, Simon.�</p><p>�Aber��</p><p>�Wenn du jetzt sagst, �aber Pryrates�, gebe ich dir einen Tritt�, erkl�rte Morgenes. �Ich habe dir schon einmal gesagt, da� er ein Wahnsinniger ist � oder doch beinahe. Er sieht nur die Macht, die man mit Hilfe der <emphasis>Kunst</emphasis> gewinnen kann, und achtet nicht auf die Folgen. Frag mich nach den Folgen, Simon.�</p><p>Stumpfsinnig erkundigte sich Simon: �Und was ist mit den Fol��</p><p>�Man kann keine Kraft in Gang setzen, ohne daf�r zu bezahlen, Simon. Wenn du eine Pastete stiehlst, geht jemand anderes leer aus. Wenn du ein Pferd zu schnell reitest, stirbt das Tier. Wenn du die <emphasis>Kunst</emphasis> dazu verwendest, T�ren zu �ffnen, hast du in der Auswahl deiner Hausg�ste wenig Freiheit.�</p><p>Entt�uscht sah Simon sich in dem staubigen Zimmer um. �Warum habt Ihr diese Zeichen �ber Eure T�r gemalt, Doktor?� fragte er nach einer Weile.</p><p>�Damit die Hausg�ste eines anderen nicht zu <emphasis>mir</emphasis> kommen.� Morgenes b�ckte sich, um den Humpen abzustellen. Dabei glitt etwas Goldenes und Gl�nzendes aus dem Kragen seines grauen Gewandes und fiel nach unten, wo es � an einer Kette pendelnd � baumelte. Der Doktor schien es nicht zu bemerken. �Ich sollte dich jetzt zur�ckschicken. Aber erinnere dich an diese Lektion, Simon, eine Lektion f�r K�nige � oder ihre S�hne. <emphasis>Nichts ist umsonst!</emphasis> Jede Macht hat ihren Preis, und nicht immer erkennt man ihn sofort. Versprich mir, da� du das nicht vergi�t.�</p><p>�Ich verspreche es, Doktor.� Simon, der die Wirkung des Weinens und Geschreis von vorhin zu f�hlen begann, war es schwindlig wie nach einem Wettlauf. �Was ist das?� fragte er und beugte sich vor, um den goldenen, hin- und herpendelnden Gegenstand zu betrachten. Morgenes legte ihn auf seine Handfl�che und lie� Simon einen kurzen Blick darauf tun.</p><p>�Es ist eine Feder�, erkl�rte er knapp. Als er das gl�nzende Ding wieder in sein Gewand versenkte, sah Simon, da� das Kielende der Goldfeder an einer Schriftrolle aus perlwei�em Stein befestigt war. �Eine Feder zum Schreiben�, sagte er verwundert, �ein Federkiel, nicht wahr?�</p><p>�Also gut, eine Schreibfeder�, knurrte Morgenes. �Wenn du nichts Besseres zu tun hast, als mich �ber meinen Schmuck auszufragen, dann troll dich! Und vergi� dein Versprechen nicht. Denk daran!�</p><empty-line/><p>Als Simon durch die heckenges�umten Hofg�rten nach den Dienstbotenquartieren zur�ckwanderte, gr�belte er �ber die Ereignisse dieses seltsamen Vormittags nach. Der Doktor hatte die Sache mit dem Brief herausgefunden, ihn aber weder bestraft noch endg�ltig hinausgeworfen. Zugleich hatte er es aber abgelehnt, Simon etwas �ber Magie beizubringen. Und warum hatte seine Bemerkung �ber den Federkielanh�nger den alten Mann so gereizt?</p><p>Nachdenklich zupfte Simon an den d�rren, knospenlosen Rosenb�schen und stach sich an einem versteckten Dorn in den Finger. Fluchend hielt er die Hand in die H�he. Das helle Blut an seiner Fingerspitze war wie eine rote Kugel, eine einzige scharlachrote Perle. Er steckte den Finger in den Mund und schmeckte Salz.</p><empty-line/><p>In der dunkelsten Stunde der Nacht, am �u�ersten Horn des Allernarrentages, hallte ein furchtbarer Donnerschlag durch den Hochhorst. Er sch�ttelte die Schl�fer in den Betten wach und erzeugte in den dunklen Glockentrauben des Gr�nengel-Turms einen langen, mitf�hlenden Ton.</p><p>Ein paar junge Priester, die in dieser einzigen Nacht des Jahres, in der sie Freiheit genossen, das Mitternachtsgebet fr�hlich beiseite gelassen hatten, warf es von den Schemeln, auf denen sie gesessen, Wein in sich hineingesch�ttet und Bischof Domitis verunglimpft hatten. Die Kraft des Schlages war so gewaltig, da� selbst die Betrunkenen die Woge des Grauens f�hlten, die sie �berschwemmte, als h�tten sie an einer versunkenen Stelle ihres tiefsten Inneren schon immer gewu�t, da� Gott eines Tages seinen Unwillen kundtun w�rde.</p><p>Aber als die zerzauste, erschreckte Truppe sich im Hof zusammendr�ngte, um zu sehen, was sich ereignet hatte, geschorene Me�dienerk�pfe im seidigen Mondlicht wie bleiche Pilze, da fanden sie keine Zeichen des Weltunterganges, mit dem sie alle gerechnet hatten. Abgesehen von ein paar Gesichtern, die anderen, durch den Schlag aufgeschreckten Burgbewohnern geh�rten, die neugierig aus den Fenstern sp�hten, war die Nacht ungetr�bt und klar.</p><empty-line/><p>In seinem schmalen Bett hinter dem Vorhang, seinem Nest inmitten der so sorgsam gehorteten Sch�tze, tr�umte Simon. Im Traum kletterte er auf eine S�ule aus schwarzem Eis, jeder m�hevolle Zollbreit aufw�rts zunichte gemacht von einem fast gleich weiten Hinunterrutschen. Mit den Z�hnen hielt er ein Pergament fest, irgendeine Botschaft. Ganz oben in der kalt brennenden S�ule befand sich eine T�r, und im T�rrahmen kauerte etwas Dunkles, das auf ihn wartete � auf die Botschaft wartete.</p><p>Als er endlich die Schwelle erreicht hatte, scho� schlangenartig eine Hand hervor und ri� das Pergament mit tintiger, dunstiger Faust an sich. Simon versuchte zur�ckzugleiten, sich nach hinten fallen zu lassen, aber aus der T�r scho� eine zweite Klaue und packte sein Handgelenk. Er wurde hochgezerrt, auf ein Paar Augen zu, die rotgl�hend waren wie zwei purpurgrelle L�cher im Bauch eines schwarzen H�llenofens�</p><p>Nach Atem ringend, erwachte er vom Schlaf und vernahm die m�rrischen Stimmen der Glocken, die st�hnend ihrem Mi�vergn�gen Ausdruck gaben und dann wieder in kalten, br�tenden Schlummer sanken.</p><p>Nur ein Mensch in der ganzen gro�en Burg behauptete, etwas gesehen zu haben: Caleb der Pferdejunge, Shems Gehilfe, der ein wenig langsam von Verstand war. Er war schrecklich aufgeregt gewesen und hatte die ganze Nacht nicht schlafen k�nnen. Am n�chsten Morgen sollte er zum Narrenk�nig gekr�nt und auf den Schultern der jungen Priester getragen werden, die mit ihm durch die Burg marschieren, unz�chtige Lieder singen und mit Hafer und Bl�tenbl�ttern werfen w�rden. Danach sollten sie ihn in den Speisesaal bringen, wo er von seinem falschen Thron aus dem Schilf des Gleniwentflusses dem Allernarrenbankett Vorsitzen w�rde.</p><p>Der Pferdebursche erz�hlte jedem, der ihm zuh�ren wollte, er h�tte nicht nur das gro�e Br�llen vernommen, sondern auch <emphasis>Worte</emphasis> geh�rt, eine dr�hnende Stimme, in einer Sprache, von der Caleb nur sagen konnte, da� sie �b�se� war. Er schien sich auch einzubilden, da� er gesehen h�tte, wie eine riesige feurige Schlange aus dem Fenster des Hjeldin-Turms herausgesprungen war und sich in flammenden Windungen um den Turm gelegt hatte, um dann schlie�lich in einem Funkenregen zu vergehen.</p><p>Niemand achtete weiter auf Calebs Geschichte � nicht ohne Grund hatte man den einf�ltigen Jungen zum Narrenk�nig gew�hlt. Au�erdem brachte die Morgend�mmerung dem Hochhorst etwas, das jeden n�chtlichen Donner und sogar die sch�nen Aussichten des Narrentages in den Hintergrund treten lie�. Das Tageslicht machte eine Wolkenbank sichtbar, die sich am n�rdlichen Horizont duckte wie eine Herde fetter, grauer Schafe � Regenwolken.</p><empty-line/><p>�Bei Drors blutrotem Hammer, Uduns schrecklichem Einauge und � und � und bei unserm Herrn Usires! Es mu� etwas geschehen!�</p><p>Herzog Isgrimnur, der vor Zorn schier seine ganze �donitische Fr�mmigkeit verga�, schlug mit der narbigen, pelzknochligen Pranke so hart auf die Gro�e Tafel, da� noch sechs Fu� weiter unten das Geschirr einen Satz machte. Sein breiter K�rper schwankte wie ein �berladenes Schiff im Sturm, als er vom einen Ende der Tafel zum anderen blickte und dann die Faust noch einmal niedersausen lie�. Ein Pokal schwankte kurz hin und her und ergab sich dann der Schwerkraft.</p><p>�Es m�ssen Ma�nahmen ergriffen werden, Majest�t!� br�llte Isgrimnur und zupfte w�tend an seinem g�rtellangen Bart. �Die Frostmark ist in einem Zustand verdammter Anarchie! W�hrend ich mit meinen M�nnern hier herumhocke wie Astknorren an einem Stamm, ist die Frostmarkstra�e zum Schleichweg f�r R�uber geworden. Und ich habe seit �ber zwei Monaten keine Nachricht aus Elvritshalla!� Der Herzog stie� einen so gewaltigen Atemzug aus, da� sein Schnurrbart flatterte. �Mein Sohn ist in furchtbarer Bedr�ngnis, und ich kann nichts tun! Wo bleiben Schutz und Sicherheit des Hochk�nigs, Herr?�</p><p>Rot wie eine R�be lie� sich der Rimmersmann in seinen Stuhl zur�ckfallen. Elias hob l�ssig eine Braue und warf einen Blick auf die anderen Ritter, die rund um den Tisch verstreut sa�en und an Zahl von den leeren St�hlen zwischen ihnen weit �bertroffen wurden. Die Fackeln in den Halterungen warfen lange, flackernde Schatten auf die hohen Wandteppiche.</p><p>�Nun � nachdem unser bejahrter, doch ehrenwerter Herzog seine Meinung kundgetan hat � m�chte sich noch jemand seinem Vorbringen anschlie�en?� Elias spielte mit seinem Goldpokal, den er �ber die halbmondf�rmigen Narben im Eichenholz scharren lie�. �Ist noch jemand hier, der das Gef�hl hat, der Hochk�nig von Osten Ard lasse seine Untertanen im Stich?� Guthwulf, zur Rechten des K�nigs, grinste h�misch.</p><p>Isgrimnur, zutiefst erbost, wollte erneut aufstehen, aber Eolair legte dem alten Herzog beschwichtigend die Hand auf den Arm.</p><p>�Majest�t�, begann Eolair, �weder Isgrimnur noch einer der anderen, die hier gesprochen haben, klagen Euch in irgendeiner Weise an.� Der Hernystir-Mann legte die Handfl�chen flach auf den Tisch. �Was wir sagen wollen, ist lediglich, da� wir Euch bitten � Euch <emphasis>anflehen,</emphasis> Herr �, Euch st�rker mit den Schwierigkeiten derjenigen Eurer Untertanen zu besch�ftigen, die au�erhalb Eures Gesichtskreises hier auf dem Hochhorst leben.� Eolair, dem seine eigenen Worte zu hart erscheinen mochten, zauberte ein L�cheln auf seine beweglichen Z�ge. �Es gibt diese Schwierigkeiten nun einmal�, fuhr er fort. ��berall im Norden und Westen herrscht Gesetzlosigkeit. Hungerleidende M�nner schrecken vor fast nichts zur�ck, und die eben erst zu Ende gegangene D�rre hat die Menschen von ihrer schlimmsten Seite gezeigt � alle Menschen.�</p><p>Elias starrte Eolair, als dieser ausgeredet hatte, wortlos an. Isgrimnur konnte nicht umhin zu bemerken, wie bla� der K�nig aussah. Es erinnerte ihn an die Zeit auf den S�dlichen Inseln, als er Elias' Vater Johan w�hrend eines Fieberanfalls gepflegt hatte.</p><p><emphasis>Dieses helle Auge,</emphasis> dachte er, <emphasis>diese Raubvogelnase. Seltsam, wie diese kleinen Dinge, dieser kurze Gesichtsausdruck, diese Erinnerungen sich von Generation zu Generation vererben, lange nachdem der einzelne Mensch und sein Werk vergangen sind.</emphasis></p><p>Isgrimnur dachte an Miriamel, Elias' h�bsches, melancholisches Kind. Er fragte sich, welche Erblast von ihrem Vater sie wohl mit sich schleppte und welche so ganz anderen Abbilder ihrer sch�nen, vom Ungl�ck verfolgten Mutter, die nun schon zehn Jahre tot war � oder waren es zw�lf?</p><p>Gegen�ber am Tisch sch�ttelte Elias langsam den Kopf, als erwache er aus einem Traum oder versuche, die Weind�nste aus seinem Hirn zu vertreiben. Isgrimnur sah, wie Pryrates, der links neben dem K�nig sa�, schnell seine Hand aus Elias' �rmel zur�ckzog. Es war etwas Widerw�rtiges an dem Priester, dachte Isgrimnur nicht zum ersten Mal, etwas, das viel tiefer reichte als nur seine Haarlosigkeit und die schnarrende Stimme.</p><p>�Nun, Graf Eolair�, erkl�rte der K�nig, und ein fl�chtiges L�cheln kr�uselte sekundenlang seine Lippen, �wenn wir schon von �Verpflichtungen� und solchen Dingen reden, was hat Euer Verwandter K�nig Lluth zu der Botschaft zu sagen, die ich ihm sandte?� Er lehnte sich mit augenscheinlichem Interesse nach vorn, die kraftvollen H�nde auf dem Tisch gefaltet.</p><p>Eolair, der seine Worte sorgsam w�hlte, antwortete in gemessenem Ton: �Wie stets, Herr, sendet er dem edlen Erkynland seinen Respekt und seine Gr��e. Er meint jedoch, da� er, was die Steuern anbetrifft��</p><p>�Den Tribut!� schnaubte Guthwulf, der sich mit einem schmalen Dolch die Fingern�gel reinigte.</p><p>�� was die Steuern anbetrifft, im Augenblick au�erstande ist, gr��ere Zahlungen zu leisten�, schlo� Eolair, ohne die Unterbrechung zu beachten.</p><p>�In der Tat?� fragte Elias und l�chelte wieder.</p><p>�Eigentlich, Herr�, Eolair deutete das L�cheln absichtlich falsch, �hat er mich zu Euch geschickt, um Eure k�nigliche Hilfe zu erbitten. Ihr wi�t, welche Sch�den die D�rre verursacht hat, dazu die Pest. Die Erkyngarde sollte mit uns zusammenarbeiten, um die Handelswege offenzuhalten.�</p><p>�So, soll sie das?� K�nig Elias' Augen glitzerten, und unter den starken Sehnen seines Halses fing ein winziger Puls zu klopfen an. �Jetzt hei�t es schon �sollen�, wie?� Er beugte sich noch weiter vor und sch�ttelte Pryrates' Hand ab, die ihn schlangengeschwind daran hindern wollte. �Und wer seid Ihr�, grollte er, �der kaum entw�hnte Stiefvetter eines Schafhirtenk�nigs, der �berhaupt nur ein K�nig ist, weil mein Vater so willensschwach und nachgiebig war � wer seid Ihr, da� Ihr zu mir von �sollen� sprecht?�</p><p>�Herr!� rief der alte Fluiren von Nabban entsetzt und rang die altersfleckigen H�nde � m�chtige Pranken einst, jetzt krumm und knotig wie Falkenklauen. �Herr!� keuchte er, �Euer Zorn ist k�niglich, aber Hernystir ist ein verl��licher Verb�ndeter unter dem K�nigsfrieden Eures Vaters � ganz zu schweigen davon, da� das Land die Geburtsst�tte Eurer eigenen frommen Mutter war, m�ge ihre Seele in Frieden ruhen! Bitte, Majest�t, sprecht nicht so von Lluth!�</p><p>Elias richtete seine Smaragdaugen auf Fluiren und schien im Begriff, seinen Zorn auf diesen altersschwach gewordenen Helden zu lenken, als Pryrates erneut am dunklen �rmel des K�nigs zupfte und sich nah an ihn heranneigte, um ihm einige Worte ins Ohr zu fl�stern. Die Miene des K�nigs wurde sanfter, aber die Linie seines Kinns behielt die Spannung einer Bogensehne. Sogar die Luft �ber der Tafel schien sich zusammenzuziehen, ein knirschendes Netz aus schrecklichen M�glichkeiten.</p><p>�Verzeiht mir das Unverzeihliche, Graf Eolair�, sagte Elias endlich, und ein sonderbar t�richtes Grinsen zog seine Mundwinkel auseinander. �Vergebt mir meine harten, grundlosen Worte. Es ist weniger als einen Monat her, da� der Regen begann, und der Zw�lfmond davor war f�r uns alle schwierig.�</p><p>Eolair nickte, Unbehagen in den klugen Augen. �Nat�rlich, Hoheit. Ich verzeihe gern. Bitte schenkt auch Ihr mir Eure Vergebung, wenn ich Euch herausgefordert haben sollte.� Auf der anderen Seite der ovalen Tafel faltete Fluiren mit befriedigtem Nicken die fleckigen H�nde.</p><p>Jetzt erhob sich auch Isgrimnur, schwerf�llig wie ein brauner B�r, der auf eine Eisscholle klettert. �Auch ich, Majest�t, will versuchen, in sanftem Ton zu reden, obgleich Ihr alle wi�t, da� das ganz und gar gegen meine Soldatennatur geht.�</p><p>Elias behielt die vergn�gte Grimasse bei. �Vorz�glich, Onkel B�renhaut � wir wollen uns alle miteinander in Vornehmheit �ben. Was wollt Ihr von Eurem K�nig?�</p><p>Der Herzog von Elvritshalla holte tief Atem und zerw�hlte sich mit unruhigen Fingern den Bart. �Mein und Eolairs Volk sind in gro�er Not, Herr. Zum ersten Mal seit den fr�hesten Tagen der Herrschaft von Johan Presbyter ist die Frostmarkstra�e wieder unpassierbar geworden � Schneest�rme im Norden, Stra�enr�uber weiter s�dlich. Mit der k�niglichen Nordstra�e am Wjeldhelm vorbei steht es nicht viel besser. Wir brauchen diese Stra�en, und sie m�ssen offen sein und offengehalten werden.� Isgrimnur wandte sich ab und spuckte auf den Boden. Fluiren zuckte zusammen. �Wie mein Sohn Isorn in seinem letzten Brief schreibt, leiden viele Stammesd�rfer unter Nahrungsmangel. Wir k�nnen keinen Handel mit unseren Waren treiben und die Verbindung zu entfernter wohnenden St�mmen nicht aufrechterhalten.�</p><p>Guthwulf, der an der Tischkante herumschnitzte, g�hnte auff�llig. Heahferth und Godwig, zwei j�ngere Edelleute, die ihre gr�nen Sch�rpen betont zur Schau stellten, kicherten leise.</p><p>�Gewi�, Herzog�, n�selte Guthwulf und schmiegte sich an seine Stuhllehne wie eine sonnenwarme Katze, �macht Ihr das alles nicht uns zum Vorwurf. Verf�gt denn unser Herr, der K�nig, �ber die Kr�fte des allm�chtigen Gottes, da� er den Schnee und die St�rme mit einer Handbewegung zum Stillstand bringen kann?�</p><p>�Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert!� knurrte Isgrimnur.</p><p>�Vielleicht�, bemerkte Pryrates vom oberen Ende der Tafel, und sein breites L�cheln wirkte merkw�rdig anst��ig, �lastet Ihr dem K�nig auch das Verschwinden seines Bruders an, wie wir ger�chtweise vernommen haben?�</p><p>�Niemals!� Isgrimnur war aufrichtig emp�rt. Die Augen des neben ihm sitzenden Eolair wurden schmal, als habe er etwas Unerwartetes gesehen, �Niemals!� wiederholte der Herzog und sah Elias hilflos an.</p><p>�Nun, M�nner, ich wei�, da� Isgrimnur so etwas nie denken w�rde�, erkl�rte der K�nig mit m�der Geb�rde. �Der alte Onkel B�renhaut hat uns beide auf den Knien geschaukelt, Josua und mich. Ich hoffe nat�rlich, da� meinem Bruder nichts �bles zugesto�en ist � die Tatsache, da� er Naglimund nach so langer Zeit immer noch nicht erreicht hat, scheint besorgniserregend �, aber wenn daran irgend etwas Unrechtes sein sollte, dann ist es nicht <emphasis>mein</emphasis> Gewissen, das bes�nftigt werden mu�.� Doch als er zu sprechen aufh�rte, wirkte Elias einen Augenblick unruhig und starrte ins Leere, als streife ihn eine verwirrende Erinnerung.</p><p>�La�t mich wieder zur Sache kommen, Herr�, setzte Isgrimnur seine Rede fort. �Die Stra�en im Norden sind nicht mehr sicher, und daran ist nicht allein das Wetter schuld. Meine M�nner sind zu weit verstreut. Wir brauchen Unterst�tzung � starke M�nner, die der Frostmark wieder Sicherheit geben. Das Markland wimmelt von R�ubern und Gesetzlosen und � und noch Schlimmerem, wie es bei manchen hei�t.�</p><p>Pryrates beugte sich gespannt vor, das Kinn auf die langfingrigen H�nde gest�tzt wie ein Kind, das durchs Fenster dem Regen zuschaut. In seinen tiefliegenden Augen spiegelte sich der Fackelschein. �Was meint Ihr mit �noch Schlimmerem�, edler Isgrimnur?�</p><p>�Unwichtig. Die Leute � machen sich ihre Gedanken, das ist alles. Ihr wi�t, wie die Markbewohner sind�� Der Rimmersmann verstummte und trank verlegen einen Schluck Wein.</p><p>Eolair stand auf. �Wenn der Herzog seine eigenen Gedanken und das, was wir auf den M�rkten und von den Dienstboten geh�rt haben, nicht aussprechen will, werde ich es tun. Die Menschen im Norden f�rchten sich. Es gehen Dinge vor, die man nicht mit schlechtem Wetter und Mi�ernten erkl�ren kann. In meiner Heimat haben wir es nicht n�tig, von Engeln oder Teufeln zu reden. Wir Hernystiri � wir aus dem Westen � wissen, da� Wesen auf dieser Erde aufrecht gehen, die keine Menschen sind � und wir wissen, ob man sich vor ihnen f�rchten mu� oder nicht. Wir Hernystiri kannten die Sithi, als sie noch in unseren Feldern wohnten und die hohen Berge und weiten Wiesen von Erkynland ihr Eigentum waren.�</p><p>Die Fackeln hatten angefangen zu tropfen, und Eolairs hohe Stirn und seine Wangen schienen in schwachem Scharlachglanz zu schimmern. �Wir haben es nicht vergessen�, fuhr er ruhig fort; seine Stimme erreichte sogar den eingenickten Godwig, der den benebelten Kopf hob wie ein Jagdhund, der in der Ferne Rufe h�rt. �Wir Hernystiri erinnern uns an die Zeit der Riesen und die Tage des Fluchs des Nordens, der Wei�f�chse, darum reden wir jetzt ohne Umschweife: B�ses ist erwacht in diesem unheilvollen Winter und Fr�hling. Es sind nicht nur R�uber, die Reisende �berfallen und einsam wohnende Bauern verschwinden lassen. Die V�lker des Nordens f�rchten sich��</p><p>�Ha, �wir Hernystiri�!� Pryrates' h�hnische Stimme durchbrach die Stille und durchbohrte den Zauber jenseitiger Welten wie eine tote Ratte. ��Wir Hernystiri�! Unser edler heidnischer Freund behauptet, ohne Umschweife zu reden!� Pryrates zeichnete einen �bertriebenen <emphasis>Baum</emphasis> auf die Brust seines unpriesterlichen roten Gewandes. Elias' Miene nahm einen Ausdruck hinterh�ltiger Gutgelauntheit an. �Und was tut er? Er setzt uns die umschweifloseste Suppe aus R�tseln und dunklem Geschw�tz vor, die mir je auf den Tisch gekommen ist. Riesen und Elfen!� Pryrates machte eine wegwerfende Handbewegung und lie� den �rmel �ber die Teller mit dem Abendessen flattern. �Als ob Seine Majest�t der K�nig nicht schon genug Sorgen h�tte � sein Bruder verschwunden, die Untertanen hungrig und ver�ngstigt �, als ob dem K�nig selbst nicht schon fast das eigene gro�e Herz br�che! Und Ihr, Eolair, kommt ihm mit heidnischen Gespenstergeschichten aus dem Mund alter Weiber!�</p><p>�Ein Heide mag er sein, jawohl�, grollte Isgrimnur, �aber es steckt mehr �donitische Gutwilligkeit in Eolair als in dem Rudel fauler Welpen, das sich hier am Hof heruml�mmelt��, � hier bellte Baron Heahferth, was Godwig in trunkenes Gel�chter ausbrechen lie� �, �heruml�mmelt, sage ich, w�hrend das Volk von magerer Hoffnung und noch magereren Ernten lebt!�</p><p>�Schon gut, Isgrimnur�, sagte Eolair m�de.</p><p>�Edle Herren!� warf Fluiren nerv�s ein.</p><p>�Nein, man soll Euch Eurer Aufrichtigkeit wegen nicht beleidigen!� brummte Isgrimnur Eolair zu. Schon hob er die Faust, um von neuem auf den Tisch zu donnern, �berlegte es sich dann jedoch und legte sie statt dessen auf die Brust und um den h�lzernen <emphasis>Baum</emphasis>, der dort hing. �Vergebt mir den Ausbruch, mein K�nig. Aber Graf Eolair sagt die Wahrheit. Ob ihre �ngste begr�ndet sind oder nicht, die Menschen f�rchten sich.�</p><p>�Und wovor f�rchten sie sich, lieber alter Onkel B�renhaut?� fragte der K�nig und hielt Guthwulf seinen Pokal zum Nachf�llen hin.</p><p>�Sie f�rchten sich vor der Finsternis�, erwiderte der alte Mann, jetzt voller W�rde. �Sie f�rchten die Finsternis des Winters, und sie haben Angst, da� es in der Welt noch dunkler werden k�nnte.�</p><p>Eolair stellte den leeren Becher umgedreht auf den Tisch. �Auf dem Markt von Erchester f�llen die wenigen H�ndler, die es bis in den S�den geschafft haben, die Ohren der Leute mit Neuigkeiten �ber eine seltsame Erscheinung. Ich habe diese Erz�hlung so oft geh�rt, da� ich fast �berzeugt bin, da� sie inzwischen jeder Mensch in der Stadt kennt.� Eolair hielt inne und sah den Rimmersmann an, der ernsthaft mit dem Kopf nickte und sich den graustr�hnigen Bart strich.</p><p>�Nun?� erkundigte Elias sich ungeduldig.</p><p>�In der �de der Frostmark hat man es gesehen, nachts, ein wundersames Ding: einen Wagen, einen schwarzen Wagen, von wei�en Pferden gezogen ��</p><p>�Wie ungew�hnlich!� spottete Guthwulf, aber Pryrates und Elias tauschten einen schnellen Blick. Dann hob der K�nig eine Braue und schaute wieder zu dem Mann aus dem Westen hin�ber.</p><p>�Fahrt fort�, gebot Elias.</p><p>�Die Leute, die es gesehen haben, sagen, es sei wenige Tage nach Allernarren zuerst erschienen. Sie erz�hlen, es liege ein Sarg auf dem Wagen und schwarze M�nche gingen hinterher.�</p><p>�Und welchem heidnischen Naturgeist schreiben die Bauern diese Erscheinung zu?� Elias lehnte sich langsam im Stuhl zur�ck, bis er den Hernystir-Mann �ber den Nasenr�cken ansah.</p><p>�Sie sagen, mein K�nig, es sei Eures Vaters Leichenwagen � verzeiht Majest�t �, und solange das Land leide, werde er keinen Frieden finden in seinem H�gel.�</p><p>Nach einer Pause, in der das Schweigen dr�ckend auf der Runde lag, erkl�rte der K�nig, und seine Stimme war kaum lauter als das Zischen der Fackeln: �Nun, dann werden wir wohl daf�r sorgen m�ssen, da� mein Vater seine wohlverdiente Ruhe bekommt, nicht wahr?�</p><empty-line/><p><emphasis>Seht sie euch an</emphasis>, dachte der alte Strupp, als er sein verkr�mmtes Bein und den m�den K�rper den Mittelgang des Thronsaals entlangschleppte. <emphasis>Seht sie nur an, wie sie sich da heruml�mmeln und grinsen, als w�ren sie heidnische Thrithingsh�uptlinge und keine �donitischen Ritter von Erkynland.</emphasis></p><p>Elias' H�flinge johlten und riefen ihm alles m�gliche zu, als der Narr vorbeihinkte. Sie drehten die K�pfe nach ihm, als w�re er ein Naraxi-Affe an der Kette. Selbst der K�nig und Graf Guthwulf, die <emphasis>K�nigliche Hand,</emphasis> beteiligten sich an den rohen Sp��en. Elias thronte mit einem Bein �ber der Armlehne des Drachenbeinsitzes wie ein Bauernt�lpel auf einem Tor. Nur Miriamel, die junge K�nigstochter, sa� stumm und aufrecht da, das h�bsche Gesicht feierlich und starr, die Schultern eingezogen, als erwarte sie jeden Augenblick einen Schlag. Ihr honigfarbenes Haar, das weder vom dunklen Vater noch von der rabenlockigen Mutter stammte, hing zu beiden Seiten des Gesichtes wie ein Vorhang herunter.</p><p><emphasis>Sie sieht aus, als wollte sie sich hinter ihrem Haar verstecken,</emphasis> dachte Strupp. <emphasis>Wie sch�ndlich. Sie nennen sie dickk�pfig und vorlaut, das sommersprossige Sch�tzchen, aber ich sehe nur Furcht in ihren Augen. Ich habe den Verdacht, da� sie etwas Besseres verdient als diese prahlerischen W�lfe, die sich jetzt in unseren Burgen herumtreiben, aber angeblich hat sie ihr Vater schon l�ngst diesem versoffenen Angeber Fengbald versprochen.</emphasis></p><p>Strupp kam nur langsam vorw�rts. H�nde, die ihn streicheln oder ihm einen leichten Klaps geben wollten, griffen von �berall her nach ihm und versperrten ihm den Weg zum Thron. Es galt als gl�ckbringend, den Kopf eines Zwerges zu ber�hren. Strupp war freilich kein Zwerg, sondern nur alt, uralt und gebeugt, und die H�flinge am�sierten sich damit, ihn wie einen Zwerg zu behandeln.</p><p>Endlich stand Strupp vor Elias' Thron. Die Augen des K�nigs waren rotger�ndert, vom allzuvielen Trinken oder allzuwenig Schlafen � h�chstwahrscheinlich von beidem. Elias sah mit tr�bem Blick auf den kleinen Mann hinunter. �Schau an, mein lieber Strupp�, sagte er, �du erweist uns die Ehre deiner Gesellschaft.� Der Narr bemerkte, da� die Kn�pfe an der wei�en Bluse des K�nigs offenstanden und die sch�nen Rehlederhandschuhe, die in seinem G�rtel steckten, einen So�enfleck zeigten.</p><p>�Ja, Herr, ich bin gekommen.� Strupp versuchte eine Verbeugung, was mit dem steifen Bein schwierig war; die Edelleute und ihre Damen brachen in Heiterkeit aus.</p><p>�Bevor du uns unterh�ltst, �ltester der Narren�, Elias schwang das Bein von der Armlehne des Thrones herunter und schenkte dem Alten seinen aufrichtigsten Blick, �darf ich vielleicht eine kleine Gunst erbitten? Eine Frage, die ich dir schon lange stellen wollte?�</p><p>�Gewi�, mein K�nig.�</p><p>�Dann sag mir, lieber Strupp, wie es kam, da� man dir einen <emphasis>Hundenamen</emphasis> gab.� In scheinbarer Ratlosigkeit hob Elias die Brauen und sah zuerst zu dem grinsenden Guthwulf hin�ber, dann zu Miriamel, die den Blick abwandte. Die �brigen H�flinge lachten und tuschelten hinter vorgehaltener Hand.</p><p>�Niemand gab mir einen Hundenamen, Herr�, antwortete Strupp gelassen. �Ich selbst w�hlte ihn mir.�</p><p>�Was!� rief Elias und schaute wieder den alten Mann an. �Ich habe gewi� nicht recht geh�rt.�</p><p>�Doch, Herr. Ich habe mir <emphasis>selbst</emphasis> den Hundenamen gegeben! Euer edler Vater pflegte mich zu necken, weil ich ihm so treu war, immer mit ihm ging, nie von seiner Seite wich. Zum Scherz nannte er einen seiner Hunde �Cruinh� � das war mein Taufname.� Der Alte drehte sich halb um, damit das Publikum ihn besser sehen konnte. ��Nun gut�, sagte ich, �wenn es Johans Wille ist, da� der Hund meinen Namen tr�gt, so will ich seinen annehmen.� Und seit dieser Zeit habe ich nie mehr auf einen anderen Namen als Strupp geh�rt, und so soll es bleiben.�</p><p>Strupp gestattete sich ein winziges L�cheln. �Es mag sein, da� Euer verehrter Vater seinen Scherz danach ein wenig bereut hat.�</p><p>Die Antwort schien Elias nicht unbedingt zu gefallen, aber er lachte trotzdem laut auf und schlug sich aufs Knie. �Ein kecker Zwerg, meint Ihr nicht auch?� fragte er und blickte in die Runde. Die anderen, die dort sa�en, versuchten sich der Stimmung des K�nigs anzupassen und lachten h�flich mit � alle au�er Miriamel, die von ihrem hochlehnigen Stuhl auf Strupp hinunterblickte, einen verwirrenden Ausdruck im Gesicht, den der alte Narr nicht entr�tseln konnte.</p><p>�Hm�, meinte Elias, �w�re ich nicht der gute K�nig, der ich bin � w�re ich, sagen wir einmal, ein Heidenk�nig wie Lluth von Hernystir �, dann w�rde ich dir vielleicht dein winziges Runzelk�pfchen abhacken lassen, weil du so �ber meinen verstorbenen Vater sprichst. Aber nat�rlich bin ich kein solcher Tyrann.�</p><p>�Nat�rlich nicht, Majest�t�, erwiderte Strupp.</p><p>�Nun denn, bist du eigentlich gekommen, um uns etwas vorzusingen oder um Purzelb�ume zu schlagen � wobei wir das letztere nicht hoffen wollen, denn du scheinst uns zu gebrechlich f�r solche Possen � Komm, sag es uns.� Elias lehnte sich behaglich in seinem Thron zur�ck und klatschte in die H�nde nach mehr Wein.</p><p>�Zum Singen, Majest�t�, erkl�rte der Narr. Er nahm die Laute von der Schulter und begann die Wirbel zu drehen, um die Saiten zu stimmen. Ein junger Page eilte herbei und f�llte den Becher des K�nigs. Strupp schaute an die Decke, wo vor den vom Regen bespritzten Oberlichtern die Banner der Ritter und Edlen von Osten Ard hingen. Der Staub war entfernt, das Spinnengeflecht zerrissen, aber Strupp schienen die bunten Farben der kleinen Wimpel falsch, zu grell � wie die geschminkte Haut einer Dirne, die ihre eigene Jugendzeit nachzu�ffen versucht und damit auch das noch zerst�rt, was an echter Sch�nheit �briggeblieben ist. Als der aufgeregte Page auch Guthwulf, Fengbald und den anderen die Pokale neu gef�llt hatte, winkte Elias Strupp zu.</p><p>�Herr�, nickte der alte Narr, �ich will Euch von einem anderen guten K�nig vorsingen; freilich war er ein ungl�cklicher und trauriger Herrscher.�</p><p>�Ich mag keine traurigen Lieder�, mischte sich Fengbald ein, der wie �blich stark angetrunken war.</p><p>Guthwulf neben ihm grinste h�hnisch. �Sch.� Die <emphasis>K�nigliche Hand</emphasis> ermahnte ihren Kameraden mit dem Ellenbogen zu schweigen.</p><p>�Wenn uns das Lied nicht gef�llt, k�nnen wir den Zwerg hinterher h�pfen lassen.�</p><p>Strupp r�usperte sich und griff in die Saiten. Mit d�nner, wohlklingender Stimme sang er:</p><poem><stanza><v>Wacholder war ein K�nig einst,</v><v>uralt war er und schwach,</v><v>schneewei� sein Bart vom Kinn zum Knie;</v><v>er sa� im Throngemach.</v></stanza><stanza><v>Wacholder rief von seinem Thron:</v><v>�Bringt meine S�hne mir!</v><v>Die Zeit ist um, ich scheide bald,</v><v>ein andrer herrscht dann hier.�</v></stanza><stanza><v>Sie holten die zwei Prinzen her,</v><v>Hund, Falken, J�gerspie�;</v><v>der j�ngere Prinz Stechpalm war,</v><v>der �ltre Schierling hie�.</v></stanza><stanza><v>�Wir folgten, Vater, Eurem Ruf,</v><v>verlie�en unsre Jagd�,</v><v>sprach Schierling, �was begehrt Ihr, Herr?�</v><v>Der alte K�nig sagt:</v></stanza><stanza><v>�Ich sterbe bald, ihr S�hne mein,</v><v>doch wenn im Grab ich lieg,</v><v>so will ich, da� ihr euch vertragt,</v><v>da� zwischen euch kein Krieg.�</v></stanza></poem><p>�Ich glaube nicht, da� mir der Klang dieses Liedes gef�llt�, knurrte Guthwulf, �es hat einen h�hnischen Ton.�</p><p>Elias hie� ihn schweigen. In seinen Augen lag ein d�sterer Glanz, als er Strupp zum Weitersingen aufforderte.</p><poem><stanza><v>�O Vater, was bef�rchtet Ihr?</v><v>Prinz Schierling hat das Recht.</v><v>Und w�rd ich mit ihm streiten drum,</v><v>ich w�r ein Ritter schlecht.�</v></stanza><stanza><v>Zufrieden h�rt' der Vater ihn</v><v>und schickt' die S�hne fort</v><v>und dankte �dons Gnade f�r</v><v>Prinz Stechpalms edles Wort.</v></stanza><stanza><v>Jedoch in Schierlings Herzen tief</v><v>� und K�nig sollt er sein! �,</v><v>da weckten Stechpalms Worte nur</v><v>Gedanken b�s und klein.</v></stanza><stanza><v>�So s�� spricht Prinzenzunge nicht,</v><v>die Wahrheit sagen kann.�</v><v>Und Schierling denkt: Arglistig sinnt</v><v>mein Bruder �blen Plan.</v></stanza><stanza><v>Er f�rchtete das milde Herz,</v><v>Stechpalm mi�traute er,</v><v>und aus dem Wams er heimlich zog</v><v>ein Tr�nklein gifteschwer.</v></stanza><stanza><v>Die Br�der sa�en froh bei Tisch,</v><v>da go� er es ins Glas</v><v>und hie� Prinz Stechpalm trinken und �</v></stanza></poem><p>�Genug! Das ist Verrat!� br�llte Guthwulf, sprang auf und kippte seinen Stuhl mitten unter die erschreckten H�flinge. Sein Langschwert zischte aus der Scheide. W�re Fengbald nicht verwirrt in die H�he gefahren und ihm dadurch in den Arm gefallen, h�tte Guthwulf sich auf den �ngstlich zur�ckweichenden Strupp gest�rzt.</p><p>Auch Elias war sofort auf den F��en. �In die Scheide mit der Haarnadel, du T�lpel!� schrie er. �Niemand zieht im Thronsaal des K�nigs das Schwert!� Von dem w�tend knurrenden Grafen von Utanyeat wandte er sich dem Narren zu. Der alte Mann, der sich noch nicht von dem erschreckenden Anblick des rasenden Guthwulfs erholt hatte, rang m�hsam um Fassung.</p><p>�Glaube nicht, Zwergengesch�pf, da� uns dein Liedchen erheitert hat�, zischte der K�nig, �oder da� die lange Zeit, die du meinem Vater gedient hast, dich unverletzlich macht � aber denk auch nicht, da� du mit solch stumpfen Dornen die Haut des K�nigs ritzen kannst. Geh mir aus den Augen!�</p><p>�Ich will Euch gestehen, Herr, da� dieses Lied ein neu ersonnenes war�, begann der Narr mit unsicherer Stimme. Seine Schellenkappe sa� schief. �Aber es war nicht��</p><p><emphasis>�Scher dich fort!�</emphasis> fauchte Elias, totenbleich im Gesicht, in den Augen den Blick eines Raubtiers. Hastig humpelte Strupp aus dem Thronsaal, schaudernd vor dem letzten wilden Blick des K�nigs und dem eingesperrten, hoffnungslosen Gesicht der Prinzessin Miriamel.</p></section><section><title><p>XI</p><p>Ein unerwarteter Gast</p></title><p>Am letzten Avreltag, in der Mitte des Nachmittags, war Simon im dunklen Heuboden des Stalls untergetaucht, trieb behaglich in einem kratzigen, gelben Meer dahin, nur den Kopf �ber den staubigen Wogen. Vor dem breiten Fenster funkelte der Heustaub zur Erde, und Simon lauschte dem eigenen gleichm��igen Atem.</p><p>Er war eben erst von der d�steren Galerie der Kapelle heruntergekommen, in der die M�nche die Mittagsriten gesungen hatten. Die reinen, gemei�elten T�ne ihrer feierlichen Gebete hatten ihn ergriffen, wie die Kapelle und die trockenen Verrichtungen in ihren teppichverkleideten Mauern es selten taten; jede einzelne Note sorgsam gehalten und dann liebevoll freigegeben, so wie ein Holzschnitzer zierliche Spielzeugboote in einen Bach setzt. Die singenden Stimmen hatten das geheime Innere seines Herzens in ein s��es, kaltes Netz aus Silber geh�llt; noch immer hielt die z�rtliche Hoffnungslosigkeit der F�den ihn fest. Es war so ein wunderliches Gef�hl gewesen � sekundenlang hatte er empfunden, als bestehe er ganz aus Federn und rasendem Herzschlag, ein ver�ngstigter Vogel in Gottes hohler Hand �</p><p>Aber pl�tzlich hatte er sich dieser F�rsorglichkeit und Zartheit unw�rdig gefunden und war die Galerietreppe hinuntergerannt � er war zu ungeschickt, zu t�richt. Vielleicht w�rde er mit seinen aufgesprungenen K�chenjungenh�nden die sch�ne Musik zu grob anfassen, wie ein Kind, das ahnungslos einen Schmetterling zerdr�ckt.</p><p>Jetzt, oben auf dem Heuboden, begann sein Herz langsamer zu schlagen. Simon vergrub sich tief im muffigen, fl�sternden Stroh und horchte mit geschlossenen Augen auf das sanfte Schnauben der Pferde in ihren Boxen. Er glaubte, die fast unf�hlbare Ber�hrung der Staubk�rnchen zu sp�ren, die in der stillen, schl�frigen Dunkelheit auf sein Gesicht herabrieselten.</p><empty-line/><p>Vielleicht war er eingeschlummert � er wu�te es nicht genau �, aber das n�chste, was er bemerkte, war der pl�tzliche, scharfe Ton von Stimmen unter ihm. Simon rollte sich zur Seite und schwamm durch das kitzelnde Stroh bis zum Rand des Speichers, um nach unten in den Stall zu blicken.</p><p>Sie waren zu dritt: Shem Pferdeknecht, Ruben der B�r und ein kleiner Mann, der Strupp der Narr sein konnte � Simon konnte es nicht mit Sicherheit feststellen, weil er kein Narrengewand trug und einen Hut aufhatte, der den gr��ten Teil seines Gesichts verdeckte. Sie waren alle drei durch die Stallt�r gekommen wie ein Trio lustiger Hanswurste; der Schmied schwang in der Faust � breit wie die Keule eines Fr�hjahrslamms � einen Krug. Sie waren betrunken wie die V�gel im Beerenbusch, und Strupp � wenn er es war � sang ein altes Lied:</p><poem><stanza><v>Hans, nimm eine Maid</v><v>zum frohen Berg hinauf</v><v>und sing vergn�gt hei-ho:</v><v>Halbkronentag�</v></stanza></poem><p>Ruben reichte dem kleinen Mann den Krug. Das Gewicht lie� den anderen mitten im Refrain hinten�berkippen, so da� er einen Schritt zur�ckstolperte und dann r�cklings niederst�rzte. Sein Hut flog davon � ja, es war wirklich Strupp. Simon konnte jetzt das runzlige Gesicht mit dem gespitzten Mund sehen, das sich an den Augen zusammenzuziehen begann, als wolle Strupp lospl�rren wie ein S�ugling. Statt dessen fing er an, hilflos zu lachen, an die Wand gelehnt, den Krug zwischen den Knien. Seine beiden Gef�hrten schwankten unsicher zu ihm hin�ber und hockten sich daneben. Alle in einer Reihe, so sa�en sie da wie Elstern auf einem Zaun.</p><p>Simon �berlegte, ob er sich bemerkbar machen sollte; er kannte Strupp nur fl�chtig, hatte sich aber mit Shem und Ruben immer gut vertragen. Nach kurzem Nachdenken beschlo� er, es nicht zu tun. Es bereitete mehr Spa�, sie heimlich zu beobachten � vielleicht fiel ihm ein Streich ein, den er ihnen spielen konnte. Und so machte er es sich bequem, versteckt und still hoch oben auf dem Speicher.</p><p>�Bei Sankt Muirfath und dem Erzengel�, sagte Strupp, als ein paar triefend nasse Augenblicke verstrichen waren, �das habe ich n�tig gehabt!� Er strich mit dem Zeigefinger �ber den Rand des Kruges und steckte dann den Finger in den Mund.</p><p>Shem Pferdeknecht griff �ber den breiten Bauch des Schmiedes zu ihm hin�ber und nahm den Krug an sich. Er tat einen Zug und wischte sich mit ledrigem Handr�cken die Lippen.</p><p>�Und wo willst du nun hin?� fragte er den Narren.</p><p>Strupp stie� einen Seufzer aus. J�h schien alles Leben aus der kleinen Zechrunde gewichen zu sein. Bedr�ckt starrten die drei zu Boden.</p><p>�Ich habe ein paar Verwandte � entfernte Verwandte � in Grenefod an der Flu�m�ndung. Vielleicht gehe ich dorthin, obwohl sie kaum gl�cklich sein werden, einen weiteren Schnabel f�ttern zu m�ssen. Vielleicht reise ich aber auch nordw�rts nach Naglimund.�</p><p>�Aber Josua ist weg�, meinte Ruben und r�lpste.</p><p>�Aye, auf und davon�, bekr�ftigte Shem.</p><p>Strupp schlo� die Augen und stie� mit dem Hinterkopf gegen das rohe Holz der Pferdestallt�r. �Aber noch halten Josuas Leute Naglimund und werden einen Mann, den Elias' rohe Gesellen aus seiner Heimat vertrieben haben, freundlich aufnehmen � und jetzt wohl noch freundlicher, nachdem die Leute sagen, da� Elias seinen Bruder ermorden lie�.�</p><p>�Aber manche sagen auch, da� <emphasis>Josua</emphasis> ein Verr�ter geworden ist�, warf Shem ein und rieb sich schl�frig das Kinn.</p><p>�Pah!� Der kleine Narr spuckte aus. Auch Simon oben auf dem Boden empfand die W�rme des Fr�hlingsnachmittags, sein einschl�ferndes, lastendes Gewicht. Es verlieh dem Gespr�ch dort unten etwas Beil�ufiges, Fernes � Mord und Verrat h�rten sich an wie Namen von Orten, die weit weg lagen.</p><p>In der langen Pause, die sich anschlo�, f�hlte Simon seine Augenlider unerbittlich abw�rtsschleichen.</p><p>�Vielleicht w�r's doch nicht so recht klug, Bruder Strupp�� � das war der alte Shem, hager und ausged�rrt wie etwas, das man in die R�ucherkammer geh�ngt hat �, �� den K�nig herauszufordern. Warum mu�test du auch so ein aufreizendes Lied singen?�</p><p>�Ha!� Strupp kratzte sich eifrig an der Nase. �Meine westlichen Ahnen, das waren <emphasis>echte</emphasis> Barden, nicht solche hinkenden alten Purzelbaumschl�ger wie ich. Die h�tten ihm ein Lied vorgesungen, da� sich seine Ohren gestr�ubt h�tten! Der Dichter Eoin-ec-Cluias soll einmal ein Zorneslied verfa�t haben, das war so m�chtig, da� alle goldenen Bienen aus dem Grianspog sich auf H�uptling Gormbhata niederlie�en und ihn zu Tode stachen � <emphasis>das</emphasis> nenne ich ein Lied!� Wieder lehnte der Narr den Kopf an die Stallwand. �Der K�nig? Bei Gottes Z�hnen, ich ertrage es nicht, ihm auch nur diesen Namen zu geben. Ich war von klein auf bei seinem seligen Vater � <emphasis>das</emphasis> war ein K�nig, den man mit Recht so nennen konnte! Der hier ist nicht besser als ein R�uber � nicht halb der Mann, der sein � Vater Johan war��</p><p>Strupps Stimme schwankte schl�frig. Shem Pferdeknecht sank langsam der Kopf auf die Brust. Rubens Augen waren offen, aber es schien, als blicke er in die dunkelsten L�cken zwischen den Dachbalken. Neben ihm regte sich Strupp noch einmal.</p><p>�Hab ich euch das erz�hlt?� fragte der Alte unvermittelt, �hab ich euch vom Schwert des K�nigs erz�hlt? K�nig Johans Schwert � Hellnagel? <emphasis>Mir</emphasis> hat er es gegeben, wi�t ihr, und hat gesagt: �Nur du, Strupp, kannst es meinem Sohn Elias weiterreichen! Nur du!�� Auf der gefurchten Wange des Narren gl�nzte eine Tr�ne. ��F�hre meinen Sohn in den Thronsaal und gib ihm Hellnagel�, sagte er zu mir, und das tat ich auch. Ich brachte es ihm in der Nacht, als sein lieber Vater gestorben war � legte es in seine Hand, so wie sein Vater es mir gesagt hatte � und er lie� es fallen! <emphasis>Lie� es fallen!</emphasis>� Strupps Stimme hob sich zornig. �Das Schwert, das sein Vater in mehr Schlachten getragen hat, als eine Bracke Fl�he hat! Ich konnte es kaum fassen � dieses Ungeschick, diese � Unverfrorenheit! H�rt ihr mir zu, Shem � Ruben?� Der Schmied neben ihm grunzte.</p><p>�Psst! Ich war nat�rlich ganz entsetzt. Ich hob es auf und wischte es mit den leinenen Binden ab und reichte es ihm abermals; diesmal ergriff er es mit beiden H�nden. �Es hat sich gedreht�, sagte er, als ob er einf�ltig w�re. Und als er es in der Hand hielt, ging ein seltsamer Ausdruck �ber sein Gesicht, wie�� Der Narr verstummte. Simon f�rchtete schon, er w�re eingeschlafen, aber anscheinend dachte der Kleine nur nach, auf langsame, weinwirre Weise.</p><p>�Sein Gesichtsausdruck�, fuhr Strupp fort, �war wie bei einem Kind, das man bei etwas ganz, ganz B�sem erwischt � ja, genau so! Er wurde bla� und bekam einen ganz schlaffen Mund. Und dann gab er es mir <emphasis>zur�ck!</emphasis> �Begrab das mit meinem Vater�, hat er gesagt. �Es ist <emphasis>sein</emphasis> Schwert, er soll es behalten.� � �Aber er wollte es <emphasis>Euch</emphasis> geben, Herr�, wandte ich ein � aber hat er auf mich h�ren wollen? Hat er? Nein! �Ein neues Zeitalter ist angebrochen, Alter�, erkl�rte er mir, �wir brauchen nicht mehr an diesen �berbleibseln der Vergangenheit zu h�ngen.� K�nnt ihr euch die gottverdammte Unversch�mtheit von so einem Kerl vorstellen?�</p><p>Strupp tastete mit den H�nden, bis er den Krug fand, und hob ihn zu einem langen Zug. Seine beiden Zechgenossen hatten die Augen geschlossen und stie�en rasselnde Atemger�usche aus, aber der alte Mann, versunken in emp�rtes Sinnen, achtete nicht darauf.</p><p>�Und dann wollte er seinem armen, toten Vater nicht einmal die H�flichkeit erweisen, es ihm selber ins Grab zu legen. Wollte es � wollte es nicht einmal anfassen! Lie� seinen j�ngeren Bruder das machen! Lie� Josua�� Strupps kahler Kopf nickte. �Als ob er sich dran verbrannt h�tte � so sah es aus, als er es mir wieder hinhielt � so schnell � verfluchter Welpe�� Strupps Kopf fuhr noch einmal in die H�he, sank dann auf die Brust und hob sich nicht wieder.</p><p>Als Simon leise die Heubodenleiter hinabstieg, schnarchten die drei M�nner schon wie alte Hunde vor dem Kamin. Auf Zehenspitzen schlich er sich hinaus � war nur so freundlich, im Vorbeigehen den Krug zuzukorken und beiseite zu stellen, damit kein j�h im Schlaf ausgestreckter Arm das Gef�� umkippte. Dann trat er in das schr�ge Sonnenlicht des Burgangers.</p><p><emphasis>Soviel Seltsames ist geschehen in diesem Jahr</emphasis>, dachte er, setzte sich an den Brunnen in der Mitte des Angers und warf Steinchen hinein. <emphasis>D�rre und Krankheit, der Prinz verschwunden, in Falshire Menschen verbrannt und get�tet</emphasis> � Aber irgendwie schien das alles gar nicht so ernst zu sein. <emphasis>Es passiert immer jemand anderem</emphasis>, entschied Simon, halb erfreut, halb bedauernd. <emphasis>Alles passiert fremden Leuten.</emphasis></p><p>Sie hatte sich auf dem Fenstersitz zusammengekauert und starrte durch die zierlich ge�tzten Scheiben auf irgend etwas hinunter. Als er eintrat, schaute sie nicht auf, obwohl das Scharren seiner Stiefel auf den Steinplatten ihn deutlich ank�ndigte. Einen Augenblick verharrte er mit �ber der Brust gekreuzten Armen in der T�r, aber noch immer drehte sie sich nicht um. Er schritt auf sie zu, blieb stehen und blickte �ber ihre Schulter.</p><p>Auf dem Anger war nichts zu sehen als ein K�chenjunge, der auf dem Rand der steinernen Zisterne sa�, ein langbeiniger, zerzauster Junge im fleckigen Kittel. Sonst war der Hof leer bis auf ein paar Schafe, schmutzige Wollb�ndel, die den dunklen Erdboden nach Stellen mit jungem Gras absuchten.</p><p>�Was ist?� fragte er und legte ihr die breite Hand auf die Schulter. �Ha�t du mich auf einmal, da� du so ohne ein Wort davonschleichst?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, und ein schneller Streifen Sonnenlicht verfing sich im Netz ihres Haares. Ihre Hand stahl sich hinauf zu seiner und umschlo� sie mit k�hlen Fingern.</p><p>�Nein�, antwortete sie und starrte noch immer auf den Anger hinab. �Aber ich hasse, was ich um mich herum sehe.� Er beugte sich zu ihr, aber hastig ri� sie die Hand los und schlug sie vor ihr Gesicht, als wollte sie es vor der Nachmittagssonne beschirmen.</p><p>�Und was soll das sein?� erkundigte er sich, und eine gewisse Gereiztheit schlich sich in seine Stimme. �M�chtest du lieber wieder nach Meremund und in diesem zugigen Gef�ngnis von Haus leben, das mein Vater mir gab, dort, wo der Fischgestank noch auf dem h�chsten Balkon die Luft vergiftet?� Er griff hinunter und fa�te sie am Kinn, das er mit fester Sanftheit drehte, bis er ihre zornigen, tr�nenfeuchten Augen sehen konnte.</p><p>�Ja!� entgegnete sie und schob seine Hand fort, wich jedoch seinem Blick nicht l�nger aus. �Ja, das m�chte ich. Man kann dort auch den Wind riechen und das Meer sehen.�</p><p>�O Gott, M�dchen, das Meer? Du bist die Herrin der bekannten Welt und weinst, weil du das verdammte Wasser nicht sehen kannst? Schau! Schau dorthin!� Er deutete �ber die W�lle des Hochhorstes. �Und was ist dann der Kynslagh?�</p><p>Ver�chtlich gab sie den Blick zur�ck. �Eine Bucht ist er, eine k�nigliche Bucht, die ergeben darauf wartet, da� der K�nig im Boot darauf herumf�hrt oder schwimmen geht. Kein K�nig besitzt das Meer.�</p><p>�Aha.� Er lie� sich auf ein Sitzkissen fallen, die langen Beine nach beiden Seiten ausgestreckt. �Und hinter all dem steckt vermutlich der Gedanke, da� du auch hier eingesperrt bist, wie? Was f�r ein Unfug! � Ich wei�, warum du dich so aufregst.�</p><p>Sie wandte sich nun ganz vom Fenster ab. Ihr Blick war voller Spannung. �Ihr wi�t es?� fragte sie, und unter der Verachtung regte sich ein winziger Hauch Hoffnung. �Dann sagt mir, warum, Vater.�</p><p>Elias lachte. �Weil du bald heiraten wirst, darum. Es ist ganz und gar nicht �berraschend.� Er r�ckte n�her. �Ach, Miri, du brauchst dich nicht zu f�rchten. Fengbald ist ein Prahlhans, aber er ist jung und noch t�richt. Wenn eine geduldige Frauenhand ihn leitet, wird er sehr bald Manieren annehmen. Und wenn nicht � nun, er w�re wirklich ein Narr, wenn er die Tochter des K�nigs nicht gut behandelte.�</p><p>Miriamels Gesicht verh�rtete sich zu einer Miene der Resignation. �Ihr versteht mich nicht.� Ihre Stimme war ausdruckslos wie die eines Steuereinnehmers. �Fengbald bedeutet mir nicht mehr als ein Felsblock oder ein Schuh. Ihr seid es, um den ich mir Sorgen mache � und Ihr seid es auch, der sich f�rchten mu�. Warum stellt Ihr Euch so zur Schau? Warum verspottet und bedroht Ihr alte M�nner?�</p><p>�Verspotten und bedrohen?� Sekundenlang verzog sich Elias' breites Gesicht zu einer h��lichen Grimasse der Wut. �Dieser alte Hurensohn singt ein Lied, das mich mehr oder weniger beschuldigt, meinen Bruder beiseite geschafft zu haben, und du sagst, ich verspottete ihn?� Der K�nig sprang unvermittelt auf und versetzte dem Kissen einen w�tenden Fu�tritt, der es quer durchs Zimmer fliegen lie�. �Was h�tte ich denn zu f�rchten?� fragte er gleich darauf.</p><p>�Wenn Ihr es nicht wi�t, Vater, obwohl Ihr doch soviel Zeit mit dieser roten Schlange und seinen Teufelsk�nsten verbringt � wenn Ihr nicht selbst f�hlt, was vor sich geht��</p><p>�Was in �dons Namen redest du?� fragte der K�nig hart. �Was wei�t denn du?� Er schlug sich klatschend mit der Hand auf den Schenkel. �Nichts! Pryrates ist mein t�chtigster Diener � er tut f�r mich, was kein anderer kann.�</p><p>�Ein Ungeheuer ist er, ein Nekromant!� rief die Prinzessin. �Und Ihr seid im Begriff, sein Werkzeug zu werden, Vater! Was ist aus Euch geworden? Wie habt Ihr Euch ver�ndert!� Miriamel stie� einen Laut der Qual aus und versuchte, das Gesicht in ihrem langen, blauen Schleier zu vergraben. Dann sprang sie auf und rannte auf Samtpantoffelf��en an ihm vorbei in ihren Schlafraum. Einen Augenblick sp�ter hatte sie die schwere T�r hinter sich zugeworfen.</p><p>�Verdammt sollen alle Kinder sein!� fluchte Elias. �Miri!� rief er und ging an die T�r, �du verstehst <emphasis>nichts</emphasis>! Du wei�t nichts von dem, was der K�nig tun mu�. Und du hast kein Recht zum Ungehorsam. Ich habe keinen Sohn! <emphasis>Ich habe keinen Erben!</emphasis> Und ich bin umgeben von ehrgeizigen M�nnern. Deshalb brauche ich Fengbald. Du wirst mich nicht hindern!� Einen langen Augenblick stand er schweigend da, aber es kam keine Antwort. Er schlug mit der Faust gegen die T�r, da� die Bohlen erbebten.</p><p>�Miriamel! Mach sofort auf!� Als Erwiderung nur Stille. �Tochter�, sagte er endlich und senkte den Kopf, bis er das unnachgiebige Holz ber�hrte, �schenk mir nur einen Erben, und ich gebe dir Meremund. Ich werde daf�r sorgen, da� Fengbald dich in Ruhe l��t. Du kannst den Rest deines Lebens damit zubringen, aufs Meer hinauszustarren.� Er hob die Hand und wischte sich etwas vom Gesicht. �Ich sehe das Meer nicht gern � es erinnert mich an deine Mutter.�</p><p>Noch einmal schlug er gegen die T�r. Das Echo bl�hte auf und verwelkte. �Ich liebe dich, Miri�, sagte der K�nig leise.</p><empty-line/><p>Das T�rmchen an der Ecke der Westmauer hatte das erste St�ck aus der Nachmittagssonne herausgebissen. Ein weiterer Kiesel klapperte in die Zisterne und folgte Hunderten seiner Gef�hrten in die Vergessenheit. <emphasis>Ich habe Hunger</emphasis>, entschied Simon endlich.</p><p>Es w�re kein schlechter Gedanke, �berlegte er, jetzt in die Anrichtek�che hin�berzuschlendern und von Judith etwas zu essen zu erbetteln. Ihm wurde bewu�t, da� er seit dem fr�hen Morgen nichts zu sich genommen hatte. Abendessen w�rde es erst in mindestens einer Stunde geben. Das einzige Problem war, da� Rachel und ihr Geschwader gerade dabei waren, den langen Speisesaalkorridor und die darunterliegenden Zimmer sauberzumachen, die letzte Schlacht in Rachels aufreibendem Fr�hjahrsfeldzug. Auf jeden Fall war es besser, den Drachen soweit m�glich zu umgehen und mit ihm alles, was Rachel �ber das Schnorren von Speisen vor dem Abendbrot zu bemerken haben k�nnte.</p><p>Nachdem er kurz nachgedacht und dabei drei weitere Steine mit Tick-Tack-Tick in den Brunnen hinuntergeschickt hatte, kam Simon zu dem Ergebnis, da� es sicherer w�re, sich unter dem Drachen hindurchzuschleichen, als ihn in gro�em Bogen zu umgehen. Der Speisesaal erstreckte sich �ber die ganze L�nge des oberen Geschosses entlang der Seemauer des Hauptturmes der Burg; es w�rde sehr lange dauern, den Weg �ber die Kanzlei zu nehmen, um dann auf der anderen Seite bei den K�chen herauszukommen. Nein, die einzig m�gliche Route f�hrte durch die Vorratskammern.</p><p>Er riskierte einen schnellen Satz �ber den Burghof zum Westportikus des Speisesaales und schaffte es, unbemerkt hindurchzuschl�pfen. Eine Welle von Seifenwassergeruch und das ferne Klatschen der Schrubber beschleunigten seine Schritte, als er in das abgedunkelte Untergescho� und die R�ume mit den Vorratslagern hinabtauchte, die den gr��ten Teil der Fl�che unter den Speises�len einnahmen.</p><p>Da der Fu�boden hier gute sechs oder sieben Ellen unter der H�he der Inneren Zwingermauern lag, drang nur ein ganz schwacher Schein reflektierten Lichtes durch die Fenster. Die tiefen Schatten beruhigten Simon. Weil hier soviel Brennbares lagerte, kamen so gut wie nie Fackeln in die R�ume; es bestand nur eine �u�erst geringe Wahrscheinlichkeit, da� man ihn entdeckte.</p><p>In dem gro�en Mittelraum waren zahllose F�sser und F��chen, mit Eisenb�ndern zusammengeschmiedet, bis zur Decke gestapelt; eine unbestimmte Landschaft aus rundlichen T�rmen und schmalen Durchg�ngen. Die F�sser konnten alles m�gliche enthalten: Trockengem�se, K�selaibe, Tuchballen aus l�ngst vergangenen Jahren, selbst Ritterr�stungen, die wie gl�nzende Fische in mitternachtsdunklem �l schwammen. Die Versuchung, ein paar von ihnen zu �ffnen und nachzusehen, welche heimlichen Sch�tze darin verborgen lagen, war ungemein gro�, aber Simon besa� kein Brecheisen, um die schweren, festgenagelten Fa�deckel aufzustemmen, und wagte auch nicht, besonderen L�rm zu machen, denn unmittelbar �ber ihm wischten der Drache und seine Legionen Staub und putzten herum wie die Scheuerfrauen der Verdammten.</p><p>Auf halbem Weg durch den langen, d�steren Raum, auf seinem schmalen Pfad zwischen den Fa�t�rmen, die vorkragten wie die Strebepfeiler eines Domes, w�re Simon um ein Haar in ein Loch gefallen, hinunter in die undurchdringliche Finsternis.</p><p>Als er �berrascht und mit klopfendem Herzen zur�cksprang, erkannte er schnell, da� es nicht irgendein Loch war, das da vor ihm im Fu�boden g�hnte, sondern vielmehr eine ge�ffnete und zur�ckgeklappte Fallt�r. Mit einiger Vorsicht konnte er sie umgehen, obwohl der Weg sehr schmal war. Aber warum stand die T�r offen? Schwere Fallt�ren sprangen nicht von allein auf, soviel war klar. Wahrscheinlich hatte eine der Haush�lterinnen etwas aus einem noch tiefer gelegenen Lagerraum geholt und dann nicht gleichzeitig ihre Last tragen und die T�r wieder schlie�en k�nnen.</p><p>Nur einen Augenblick z�gerte Simon, dann kletterte er die Leiter hinunter, die aus der Einstiegs�ffnung ragte. Was mochten in dem Raum dort unten f�r seltsame und aufregende Dinge verborgen sein?</p><p>Unten war es dunkler als oben, und zuerst konnte er �berhaupt nichts erkennen. Sein tastender Fu� trat auf etwas, und als er vorsichtig das Gewicht darauf verlagerte, erwies es sich als ein vertrautes Dielenbrett. Als er aber den anderen Fu� von der Leiter nahm, stie� er auf keinerlei Widerstand, und nur sein fester Griff um die Leitersprosse bewahrte ihn davor, das Gleichgewicht zu verlieren und abzust�rzen: Unter der Leiter befand sich eine zweite Luke, die zu einem noch tiefer liegenden Gescho� f�hrte. Er man�vrierte mit dem baumelnden Fu�, bis er den Rand der unteren Luke fand, und lie� sich dann auf die Sicherheit des Fu�bodens dieses mittleren Raumes hinunter.</p><p>Die Luken�ffnung �ber ihm war ein graues Viereck in der Wand von Dunkelheit. Im schwachen Licht sah er entt�uscht, da� die Kammer, in der er stand, kaum gr��er war als ein Wandschrank; die Decke schien weit niedriger als im oberen Raum, und die W�nde waren von der Stelle, an der er stand, nur wenige Arml�ngen entfernt. Der kleine Raum war bis an die Deckenbalken mit F�ssern und S�cken vollgestopft, und nur ein schmaler Mittelgang, der bis an die hintere Wand reichte, trennte die sich oben schr�g aneinanderlehnenden Vorratsbeh�lter.</p><p>W�hrend sich Simon ohne gro�es Interesse umsah, knackte irgendwo eine Diele, und in der Schw�rze unter sich h�rte er das Ger�usch bed�chtiger Schritte.</p><p><emphasis>O mein Gott, wer mag das sein? Was habe ich jetzt wieder angestellt?</emphasis></p><p>Wie dumm von ihm, nicht daran zu denken, da� die Fallt�r vielleicht deshalb offen stand, weil sich jemand in den darunterliegenden R�umen aufhielt! Schon wieder hatte er sich benommen wie ein T�lpel. Sich innerlich verfluchend, glitt er in den schmalen Gang zwischen den Vorratsbeh�ltern. Die Schritte unten n�herten sich der Leiter. Simon zw�ngte sich r�ckw�rts in eine L�cke zwischen zwei muffigen Stoffs�cken, die rochen und sich anf�hlten, als seien sie voll alter W�sche. Als ihm klar wurde, da� jemand, der nur einen Schritt von der Luke weg in den Durchgang trat, ihn trotzdem bemerken w�rde, sank er halb in die Hocke und verlagerte sein Gewicht vorsichtig auf eine Truhe aus Eichenbrettern. Die Schritte hatten die Leiter erreicht, und die Sprossen fingen an zu knarren � jemand kletterte nach oben. Simon hielt den Atem an. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, warum er auf einmal solche Angst hatte; wenn man ihn erwischte, w�rde es ihm lediglich ein paar Strafen mehr und zus�tzliche scharfe Blicke von Rachel eintragen � warum f�hlte er sich dann wie ein Kaninchen, das die Jagdhunde gewittert haben?</p><p>Das Kletterger�usch setzte sich fort, und sekundenlang schien es, als wollte der Heraufkommende direkt in den gro�en Raum ganz oben weitersteigen � bis das stetige Knarren aufh�rte. In Simons Ohren sang die Stille. Ein Ger�usch, dann noch eines � mit einem dumpfen Gef�hl im Magen erkannte er, da� die unsichtbare Gestalt wieder abw�rts stieg und von der Leiter herunter auf den Boden des Wandschranks trat. Dann herrschte erneut Schweigen; jetzt aber schien die Stille selbst zu pochen. In dem schmalen Gang n�herte sich der langsame Schritt, bis er unmittelbar vor Simons hastig gew�hltem Versteck zum Halten kam. Im tr�ben Licht erkannte der Junge spitze schwarze Stiefel, fast zum Greifen nah; dar�ber hing der schwarz eingefa�te Saum eines scharlachroten Gewandes. Es war Pryrates.</p><p>Simon duckte sich tiefer in die Vorr�te und betete, �don m�ge sein Herz anhalten, das zu schlagen schien wie Donner. Er f�hlte, wie sein Blick gegen seinen Willen nach oben gezogen wurde, bis er zwischen den h�ngenden Schultern der S�cke, die ihn verbargen, hinausstarrte. Durch den schmalen Spalt konnte er das ausdruckslose Gesicht des Alchimisten sehen; einen Augenblick war ihm, als schaute ihm Pryrates direkt in die Augen, und fast h�tte er vor Entsetzen aufgejault. Gleich darauf begriff er, da� es nicht so war; die im Schatten liegenden Augen des roten Priesters waren auf die Wand �ber Simons Kopf gerichtet. Er lauschte.</p><p><emphasis>Komm her.</emphasis></p><p>Pryrates' Lippen hatten sich nicht bewegt, aber Simon h�rte die Stimme so deutlich, als h�tte sie ihm ins Ohr gefl�stert.</p><p><emphasis>Komm her. Sofort!</emphasis></p><p>Die Stimme war fest, aber nicht unvern�nftig. Simon merkte, da� er sich �ber sein Benehmen sch�mte; es gab nichts zu bef�rchten; kindische Torheit, sich hier in der Finsternis zusammenzukauern, wenn er doch aufstehen und den kleinen Scherz zugeben konnte, den er sich erlaubt hatte �</p><p><emphasis>Wo bist du? Zeig dich!</emphasis></p><p>Gerade als die ruhige Stimme in seinem Ohr ihn �berzeugt hatte, da� es nichts Einfacheres g�be, als aufzustehen und zu sprechen � er wollte eben nach den S�cken greifen, um sich aufzurichten �, schweiften Pryrates' schwarze Augen sekundenlang �ber den dunklen Spalt, aus dem Simon hervorsp�hte, und der Blick, der ihn streifte, t�tete jeden Gedanken an ein Sich-Zeigen, wie j�her Frost eine Rosenbl�te welken l��t. Pryrates' Blick ber�hrte Simons verborgene Augen, und im Herzen des Jungen �ffnete sich eine T�r, auf deren Schwelle der Schatten der Vernichtung stand.</p><p>Das hier war der Tod � Simon wu�te es. Unter seinen kratzenden Fingern f�hlte er das kalte Br�ckeln von Grabeserde, das Gewicht dunklen, feuchten Bodens auf Mund und Augen. Auf einmal gab es keine Worte mehr, keine leidenschaftslose Stimme in seinem Kopf, nur ein Ziehen � etwas, das sich nicht greifen lie�, ihn aber zu sich zog, Zollbruchteil um Zollbruchteil. Ein Wurm aus Eis umklammerte sein Herz, w�hrend er dagegen ank�mpfte � dort wartete der Tod, <emphasis>sein</emphasis> Tod. Wenn er nur einen Laut von sich gab, das winzigste Zittern oder Keuchen, w�rde er die Sonne nie wiedersehen. Er schlo� die Augen so fest, da� ihm die Schl�fen wehtaten; er verschlo� trotz der qu�lenden Atemnot Z�hne und Zunge. Die Stille zischte und h�mmerte. Der Zug wurde st�rker. Simon f�hlte sich, als sinke er langsam in die erdr�ckenden Tiefen der See hinab.</p><p>Einem pl�tzlichen Aufjaulen folgte ein erschreckter Fluch von Pryrates. Der ungreifbare W�rgegriff war verschwunden; Simons Augen sprangen auf, und er sah gerade noch ein schlankes, graues Wesen vor�berhuschen, �ber Pryrates' Stiefel springen und mit einem Satz die Luke hinab- und in die Dunkelheit h�pfen. Das verbl�ffte Lachen des Priesters schnarrte durch den vollgestopften Raum und hallte dumpf von den W�nden wider.</p><p>�Eine Katze!�</p><p>Nach einer Pause von einem halben Dutzend Herzschl�gen machten die schwarzen Stiefel kehrt und bewegten sich wieder den Gang entlang. Wenig sp�ter h�rte Simon die Leitersprossen knarren. Er blieb � noch immer erstarrt � sitzen, sein Atem ging flach, alle Sinne waren in h�chster Alarmbereitschaft. Kalter Schwei� rann ihm in die Augen, aber er hob keine Hand, um ihn abzuwischen.</p><p>Endlich, nachdem viele Minuten vergangen und die Leiterger�usche verstummt waren, wagte sich Simon zwischen den sch�tzenden S�cken hervor, schwankend, auf schwachen, zitternden Beinen. Preis Usires und Segen �ber die kleine Ratzenkatze! Aber was nun? Er hatte geh�rt, wie sich der Deckel der oberen Fallt�r schlo� und �ber ihm Schritte ert�nten, aber das hie� nicht, da� Pryrates wirklich fortgegangen war. Es bedeutete ein Risiko, die schwere T�r anzuheben und sich umzusehen; wenn sich der Priester noch im Lagerraum befand, w�rde er es h�chstwahrscheinlich h�ren. Wie sollte Simon hinauskommen?</p><p>Er wu�te, da� er am besten blieb, wo er war und in der Dunkelheit abwartete. Selbst wenn sich der Alchimist noch im oberen Raum aufhielt, mu�te er doch irgendwann mit seiner T�tigkeit dort fertig sein und fortgehen. Es schien das bei weitem Vern�nftigste, aber etwas in Simon str�ubte sich dagegen. Es war eine Sache, Angst zu haben � und Pryrates hatte ihm eine derartige Angst eingejagt, da� er fast den Verstand verloren h�tte �, und es war eine andere Sache, den ganzen Abend eingesperrt in einer dunklen Kammer zu verbringen und die darauf stehenden Strafen zu erleiden, wo doch der Priester so gut wie mit Gewi�heit auf dem Weg zu seinem Horst im Hjeldin-Turm war.</p><p><emphasis>Au�erdem glaube ich nicht, da� er mich wirklich zum Herauskommen gebracht h�tte � oder doch? Wahrscheinlich hatte ich einfach nur so eine wahnsinnige Angst�</emphasis></p><p>Ihm fiel der Hund mit dem gebrochenen R�ckgrat ein. Simon w�rgte und brachte lange Minuten damit zu, tiefe Atemz�ge zu tun.</p><p>Und was war mit der Katze, die ihn vor dem Erwischtwerden gerettet hatte � vor dem <emphasis>Gefangenwerden</emphasis>; das Bild von Pryrates' abgrundschwarzen Augen lie� ihn nicht los: Das war keine Angstphantasie! Wohin war die Katze gelaufen? Wenn sie nach unten in das tiefere Stockwerk gesprungen war, konnte sie bestimmt nicht wieder nach drau�en und w�rde ohne Simons Hilfe elendig umkommen. Eine Ehrenschuld.</p><p>Als er sich leise fortbewegte, bemerkte er ein unbestimmtes Gl�hen, das aus der Bodenluke drang. Brannte dort unten eine Fackel? Oder gab es vielleicht doch noch einen anderen Weg hinaus, eine T�r, die auf einen der unteren Zwinger hinausf�hrte?</p><p>Simon horchte eine Weile lautlos an der offenen Luke, um sicherzugehen, da� ihn diesmal niemand �berraschte. Dann trat er vorsichtig auf die Leiter und stieg nach unten. Ein kalter Luftzug bl�hte sein Wams und �berzog seine Arme mit G�nsehaut; er bi� sich auf die Lippen und z�gerte. Schlie�lich kletterte er weiter.</p><p>Statt wie beim ersten Mal von einem weiteren Absatz unterbrochen zu werden, dauerte Simons vorsichtiger Abstieg dieses Mal l�nger. Zuerst kam das einzige Licht von direkt unter ihm, als klettere er in einen Flaschenhals hinein, dann wurde es insgesamt heller, und bald stie� sein nach unten tastendes Erkunden auf Widerstand: An einer Seite der Leiter ber�hrten seine Zehen Holz � er hatte den Boden erreicht.</p><p>Als Simon von der Leiter trat, sah er, da� keine weitere Luke nach unten f�hrte und die unterste Leitersprosse auf dem Boden ruhte. Die einzige Lichtquelle des Raumes und, nachdem jetzt die oberste Fallt�r verschlossen war, die einzige Beleuchtung �berhaupt, war ein seltsames, gl�hendes Rechteck, das ihm gegen�ber an der Wand schimmerte, eine verschwommene T�r, die in gelblichem Flackerlicht auf die Mauer gemalt zu sein schien.</p><p>Abergl�ubisch machte Simon das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> und schaute sich um. Der Raum war im �brigen leer bis auf einen zerbrochenen Turnier-Schwenkbalken und ein paar andere St�cke ausrangierten Turnierzubeh�rs. Die verl�ngerten Schatten des Raumes lie�en viele Ecken dunkel. Simon konnte nichts entdecken, das f�r einen Mann wie Pryrates von Interesse h�tte sein k�nnen. Er trat n�her an das schimmernde Muster auf der Wand heran und hielt dabei die H�nde ausgestreckt, f�nffingrige, bernsteinumrahmte Silhouetten. J�h flammte das gl�hende Rechteck auf, um dann schnell zu verblassen. Ein Leichentuch v�lliger Schw�rze senkte sich �ber alles.</p><p>Simon war allein in der Finsternis, kein Laut au�er dem Dr�hnen seines Blutes in den Ohren, das klang wie ein ferner Ozean. Er machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn, und das Ger�usch seines am Boden scharrenden Schuhs f�llte sekundenlang die Leere. Ein zweiter Schritt und noch einer � seine ausgestreckten Finger f�hlten kalten Stein � und noch etwas: merkw�rdige, schwache W�rmelinien. Er sank vor der Mauer in die Knie.</p><p><emphasis>Jetzt wei� ich, wie man sich ganz unten in einem Brunnen f�hlt. Hoffentlich wirft wenigstens niemand Steine auf mich herunter.</emphasis></p><p>W�hrend er noch so dasa� und �berlegte, was er als n�chstes anfangen sollte, vernahm er ein schwaches Wispern. Gleich darauf stie� ihn etwas gegen die Brust, und ihm entfuhr ein Ruf der �berraschung. Bei seinem Aufschrei verschwand die Ber�hrung, war jedoch sogleich wieder da. Etwas stupste sanft an sein Wams und schnurrte.</p><p>�Katze!� fl�sterte er.</p><p><emphasis>Du hast mich gerettet, wei�t du.</emphasis> Simon streichelte das unsichtbare Wesen. <emphasis>Komm, schon langsam. Man kann ja kaum ein Ende vom anderen unterscheiden, wenn du dich so windest. Jawohl, du hast mich gerettet, und ich werde dich aus diesem Loch herausholen, in das du geraten bist.</emphasis></p><p>�Nat�rlich stecke ich im selben Loch�, sagte Simon laut. Er hob das pelzige Gesch�pf auf und verstaute es in seinem Wams. Das Schnurren der Katze wurde tiefer im Ton, und sie machte es sich auf seinem warmen Bauch bequem. �Ich wei�, was das gl�hende Ding war�, sagte er ganz leise. �Eine T�r. Eine magische T�r.�</p><p>Allerdings geh�rte diese magische T�r Pryrates, und Morgenes w�rde ihm das Fell �ber die Ohren ziehen, weil er auch nur in ihre N�he gekommen war. Aber Simon empfand eine gewisse verstockte Entr�stung: Schlie�lich war das hier auch <emphasis>seine</emphasis> Burg, und die Vorratskammern geh�rten keinem Empork�mmling von Priester, so furchteinfl��end er auch sein mochte. Auf jeden Fall, wenn er die Leiter hinaufkletterte und Pryrates noch dort war � selbst Simons wieder erwachender Stolz lie� nicht zu, da� er sich Illusionen �ber das machte, was dann geschehen w�rde. Also hie� es, entweder den ganzen Abend am Boden eines pechschwarzen Lochs hockenzubleiben, oder �</p><p>Er pre�te die flache Handfl�che an die Wand und lie� sie �ber die k�hlen Steine gleiten, bis er die W�rmestreifen wiederfand. Er folgte ihnen mit den Fingern und erkannte, da� sie in etwa dem rechteckigen Umri� entsprachen, den er zuerst gesehen hatte. Er legte beide H�nde flach auf die Mitte und dr�ckte, begegnete jedoch nur dem unger�hrten Widerstand m�rtellosen Steins. Wieder dr�ckte er, so fest er konnte; auch jetzt geschah nichts. Als er sich keuchend an die Mauer lehnte, f�hlte er, wie selbst die warmen Stellen unter seinen H�nden erkalteten. Eine pl�tzliche Vision von Pryrates � der Priester, oben in der Dunkelheit lauernd wie eine Spinne, ein breites Grinsen im knochigen Gesicht � lie� Simons Herz h�mmern.</p><p>�O Elysia, Mutter Gottes, mach auf!� murmelte er ohne Hoffnung, die Handfl�chen vor Angstschwei� glitschig. �Mach doch auf!�</p><p>Der Stein wurde pl�tzlich warm, dann so hei�, da� Simon loslassen mu�te. Auf der Wand bildete sich eine d�nne goldene Linie, die wie ein Bach aus geschmolzenem Metall waagerecht dahinflo�, dann an zwei Enden nach unten rann und sich unten wieder vereinigte. Die T�r war da und schimmerte, und Simon brauchte nur die Hand zu heben und sie mit dem Finger zu ber�hren, und schon leuchteten die Linien heller; ja, es zeigten sich Spalten parallel zum Umri� der T�r. Vorsichtig griff er mit den Fingern nach einer Ecke und zog. Lautlos schwang eine Steint�r auf und erf�llte den Raum mit Licht.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis seine Augen sich an die glei�ende Flut gew�hnt hatten. Hinter der T�r f�hrte ein steinerner Gang abw�rts und verschwand um eine Ecke. Er war unmittelbar in den rauhen Fels der Burg gehauen. Gleich hinter der T�r brannte in einem Wandhalter hell eine Fackel. Es war ihr Licht, das ihn so geblendet hatte. Simon stand auf, die Katze in seinem Hemd eine angenehme Last.</p><p>H�tte Pryrates eine Fackel brennen lassen, wenn er nicht vorhatte, wiederzukommen? Und was war das f�r ein seltsamer Gang? Der junge Mann erinnerte sich, da� Morgenes etwas von alten Sithi-Ruinen unter der Burg erz�hlt hatte. Dieses Mauerwerk hier war ganz bestimmt alt, aber grob und roh, ganz anders als die verfeinerte Eleganz des Gr�nengel-Turms. Simon beschlo�, sich schnell einmal umzusehen. Wenn der Gang nicht weiterf�hrte, w�rde er wohl doch die Leiter hinaufklettern m�ssen.</p><p>Die rauhen Steinw�nde des Tunnels waren feucht. Als Simon den Gang hinuntertrottete, konnte er selbst durch den Fels ein dumpfes, dr�hnendes Ger�usch h�ren.</p><p><emphasis>Ich mu� mich unterhalb des Kynslaghspiegels befinden. Kein Wunder, da� die Steine und sogar die Luft so feucht sind.</emphasis> Er f�hlte, wie Wasser, als wollte es seine Gedanken noch unterstreichen, in die N�hte seiner Schuhe drang.</p><p>Wieder machte der Gang eine Biegung. Er f�hrte immer noch abw�rts. Das schw�cher werdende Licht der Fackel am Eingang wurde durch eine neue Lichtquelle ersetzt. Als Simon um die n�chste Ecke bog, wurde der Boden ebener und erweiterte sich, bis er nach etwa zehn Schritten vor einer Mauer aus unbehauenem Granit endete. Hier flackerte eine weitere Fackel in ihrem Ring.</p><p>Links in der Wand g�hnten zwei dunkle L�cher; am Ende, gerade hinter ihnen, schien es noch eine T�r zu geben, die fast unmittelbar neben dem Ende des Ganges lag. Wasser spritzte um Simons Schuhspitzen, als er weiterging.</p><p>Die beiden L�cher schienen einmal Zimmer gewesen zu sein � h�chstwahrscheinlich Zellen �, nun aber hingen zersplitterte T�ren tr�ge in den Angeln; das spr�hende Fackellicht enth�llte im Inneren nichts als Schatten. Ein feuchter Verwesungsgeruch drang aus diesen unbewohnten R�umen; Simon beeilte sich, an ihnen vorbeizukommen. Vor der T�r ganz hinten blieb er stehen. Die Katze in seinem Wams piekte ihn mit zarten Krallen, als er im unsicheren Licht nach den schweren Bohlen sp�hte. Was mochte dahinter liegen? Noch eine modrige Kammer, oder ein Gang, der noch weiter in den vom See zerfressenen Stein f�hrte? Oder vielleicht Pryrates' geheime Schatzkammer, vor allen Sp�herblicken sicher � oder doch vor <emphasis>fast</emphasis> allen?</p><p>In der oberen Mitte der T�r war eine Metallplatte befestigt. Simon konnte nicht erkennen, ob es sich dabei um ein Schlo� oder die Abdeckung eines Gucklochs handelte. Als er es zu �ffnen versuchte, wollte das Metall sich nicht bewegen und hinterlie� Rostflecke auf seinen Fingern. Er blickte sich um und sah neben der offenen T�r zu seiner Linken ein abgebrochenes St�ck T�rangel liegen. Er hob es auf und stemmte es unter das Metall, bis sich die Platte unter widerwilligem Quietschen an einem von Rost und Salz starrgewordenen Scharnier nach oben hob. Noch einen schnellen Blick zur�ck und einen Moment schweigenden Lauschens auf Schritte, dann beugte Simon sich vor und legte das Auge an das Loch in der T�r.</p><p>Zu seiner gro�en �berraschung brannte in einer Wandhalterung des dahinterliegenden Raumes eine Handvoll Binsen. Aber jeder berauschende und schreckenerregende Gedanke daran, Pryrates' geheimen Hort gefunden zu haben, verging sofort beim Anblick des feuchten, mit Stroh bedeckten Bodens und der kahlen W�nde. Aber da war etwas � hinten im Raum � ein dunkles Schattenb�ndel.</p><p>Ein klirrender Laut lie� Simon �berrascht herumfahren. �berw�ltigt von Furcht blickte er sich verzweifelt um und erwartete jeden Augenblick das Stampfen schwerer Stiefel im Gang zu vernehmen. Nochmals ert�nte das Ger�usch, und Simon begriff erstaunt, da� es aus dem Raum hinter der T�r kam. Wieder legte er das Auge vorsichtig an das Loch und starrte ins Dunkel. Hinten an der Wand bewegte sich das Schattenb�ndel; und als es langsam zur Seite schwankte, hallte von neuem das harte, metallische Rasseln in dem kleinen Raum wider. Die Schattengestalt hob den Kopf.</p><p>Simon w�rgte und sprang mit einem Satz von dem Guckloch zur�ck, als h�tte man ihn mitten ins Gesicht geschlagen. In einem schwindligen Moment f�hlte er den festen Boden unter seinen F��en wanken. Ihm war, als h�tte er etwas Vertrautes umgedreht und madenwimmelnde F�ulnis darunter entdeckt.</p><p>Das angekettete Etwas, das ihn da von innen angestarrt hatte � das Etwas mit den gespenstischen Augen � war Prinz Josua.</p></section><section><title><p>XII</p><p>Sechs silberne Sperlinge</p></title><p>Simon taumelte �ber den Angerhof. In seinem Kopf schrien die Gedanken wie eine gewaltige Menschenmenge. Er wollte sich verstecken. Er wollte davonlaufen. Er wollte die entsetzliche Wahrheit herausbr�llen und dann lachen, damit die Burgbewohner stolpernd und sich �berschlagend aus den T�ren gest�rzt kamen. Wie sicher sie doch immer waren, ihrer Sache so sicher, wie sie Vermutungen anstellten und klatschten � und nichts wu�ten! <emphasis>Nichts!</emphasis> Simon wollte laut losheulen und Gegenst�nde umwerfen, aber er konnte sein Herz nicht vom Bann der Furcht befreien, den Pryrates' Aasvogelaugen �ber ihn geworfen hatten. Was sollte er tun? Wer w�rde ihm helfen, die Welt wieder ins Lot zu bringen?</p><p><emphasis>Morgenes.</emphasis></p><p>Noch w�hrend Simon mit schlotternden Gliedern �ber die d�mmrigen Burgh�fe rannte, erschien vor seinem geistigen Auge das ruhige, fragende Gesicht des Doktors und verdr�ngte die t�dlichen Z�ge des Priesters und den angeketteten Schatten dort unten im Verlies. Ohne es recht wahrzunehmen, floh er an dem ebenfalls angeketteten, schwarzgestrichenen Tor des Hjeldin-Turms vorbei und die Stufen zur Staatskanzlei hinauf. In wenigen Sekunden hatte er die langen Korridore durchquert und die T�r zum verbotenen Gr�nengel-Turm aufgerissen. So heftig trieb es ihn nach der Wohnung des Doktors, da� er dem K�ster Barnabas, falls dieser auf ihn gewartet h�tte, um ihn zu fangen, unter den H�nden zerronnen w�re wie Quecksilber. Ein brausender Wind durchfuhr ihn, erf�llte ihn mit wilder Hast, jagte ihn weiter. Noch bevor die Seitent�r des Turms hinter ihm ins Schlo� fiel, war er schon an der Zugbr�cke; Sekunden sp�ter h�mmerte er an Morgenes' T�r. Ein paar Wachen der Erkyngarde sahen gleichg�ltig auf und widmeten sich dann wieder ihrem W�rfelspiel.</p><p>�Doktor! Doktor!� schrie Simon und donnerte auf die T�r ein wie ein wahnsinnig gewordener K�fer. Gleich darauf erschien der alte Mann, mit nackten F��en, Alarm in den Augen.</p><p>�Bei den H�rnern des schnaubenden Cryunnos, Junge! Bist du verr�ckt? Hast du Hummeln gefressen?�</p><p>Ohne ein Wort der Erkl�rung dr�ngte Simon sich an Morgenes vorbei und rannte den Gang entlang. Vor der inneren T�r blieb er keuchend stehen. Der kleine Mann folgte ihm. Nachdem er ihn einen Augenblick scharf und pr�fend gemustert hatte, lie� er Simon eintreten.</p><p>Kaum hatte sich die T�r hinter den beiden geschlossen, als Simon die Geschichte seiner Expedition und ihrer Ergebnisse hervorzusprudeln begann. Der Doktor sch�rte umst�ndlich ein kleines Feuer und go� einen Krug W�rzwein zum W�rmen in einen Topf. W�hrend er sich so bet�tigte, h�rte er Simons Bericht zu und stocherte ab und zu mit einer Frage im Redeflu� des Jungen wie ein Mann, der einen Stock in einen B�renk�fig h�lt. Mit grimmigem Kopfsch�tteln reichte er Simon einen Becher mit dem Gl�hwein und setzte sich dann mit seinem eigenen Becher in einen zerkratzten, hochlehnigen Sessel. Er hatte Pantoffel �ber die d�nnen, wei�en F��e gezogen und hockte nun mit �bereinandergeschl�genen Beinen auf dem Stuhlkissen. Das graue Gewand war ihm �ber die knochigen Schienbeine hinaufgerutscht.</p><p>�� und ich <emphasis>wei�</emphasis>, da� ich keine magischen T�ren anfassen soll, Doktor, ich wei� es, aber ich habe es eben getan, und es war Josua! Es tut mir leid, ich bringe alles durcheinander, doch ich wei� ganz genau, da� ich ihn gesehen habe! Er hatte einen Bart, glaube ich, und sah f�rchterlich aus � aber er war es!�</p><p>Morgenes nippte an seinem Wein und betupfte sich mit dem langen �rmel den Kinnbart. �Ich glaube dir, Junge�, antwortete er. �Das Gegenteil w�re mir lieber, aber auf eine ganz �ble Art ergibt das alles einen Sinn. Es best�tigt eine seltsame Nachricht, die ich erhalten habe.�</p><p>�Aber was <emphasis>machen</emphasis> wir jetzt?� Simon br�llte beinahe. �Er stirbt! Hat ihm Elias das angetan? Wei� der K�nig davon?�</p><p>�Das kann ich wirklich nicht sagen � jedenfalls steht fest, da� Pryrates es wei�.� Der Doktor stellte den Weinbecher hin und erhob sich. Hinter seinem Kopf r�tete der letzte Schein der Abendsonne die schmalen Fenster. �Aber was wir jetzt machen, kann ich dir sagen: F�r dich hei�t es jetzt, zum Abendessen zu gehen.�</p><p>�<emphasis>Abendessen?</emphasis>� Simon verschluckte sich und kleckerte W�rzwein auf sein Wams. �Wo Prinz Josua��</p><p>�Jawohl<emphasis>,</emphasis> mein Junge, genau das. Im Augenblick k�nnen wir gar nichts unternehmen, und ich mu� nachdenken. Wenn du das Abendessen vers�umst, wird es lediglich einen Aufstand geben � wenn auch nur einen ganz kleinen �, und das w�rde genau zu dem beitragen, was wir nicht wollen, n�mlich die Aufmerksamkeit auf uns lenken. Nein, geh jetzt und i� zu Abend � und halt den Mund zwischen den einzelnen Bissen, ja?�</p><empty-line/><p>Die Mahlzeit schien so langsam vor�berzugehen wie die Schneeschmelze im Fr�hjahr. Eingekeilt zwischen ger�uschvoll kauenden K�chenjungen, mit einem Herzen, das doppelt so schnell schlug wie sonst, widerstand Simon dem wilden Drang, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und Becher und Geschirr auf den binsenbestreuten Fu�boden zu schmettern und tanzen zu lassen. Die Belanglosigkeit der Unterhaltung reizte ihn unertr�glich, und der Kartoffelauflauf mit Fleisch, den Judith extra zum Belthainn-Abend gebacken hatte, lag ihm ohne jeden Geschmack und unzerkaubar wie Holz im Mund.</p><p>Rachel sah von ihrem Platz am Kopfende des Tisches mi�billigend zu, wie er unruhig hin und her rutschte. Als Simon so lange stillgesessen hatte, wie es ihm �berhaupt m�glich war, und dann aufsprang, um sich zu entschuldigen, folgte sie ihm zur T�r.</p><p>�Entschuldige bitte, Rachel, aber ich habe es furchtbar eilig!� sagte er und hoffte so, die Lektion, die sie ihm offensichtlich gleich erteilen wollte, abzuwenden. �Doktor Morgenes hat etwas sehr Wichtiges, bei dem ich ihm helfen soll. Bitte!�</p><p>Einen Augenblick sah der Drache aus, als wolle sie ihn mit jenem gr��lichen Griff am Ohr packen und gewaltsam an den Tisch zur�ckbef�rdern, aber irgend etwas in seinem Gesicht oder seinem Tonfall ber�hrte sie; fast h�tte sie gel�chelt.</p><p>�Na gut, ausnahmsweise � aber du bedankst dich zuvor bei Judith f�r das sch�ne St�ck Auflauf, bevor du gehst. Sie hat den ganzen Nachmittag daran gearbeitet.�</p><p>Simon rannte zu Judith hin�ber, die sich an ihrem eigenen Tisch aufgebaut hatte wie ein gewaltiges Zelt. Als er ihre M�hen pries, err�teten ihre runden Wangen lieblich. Bei seinem eiligen R�ckzug zur T�r beugte Rachel sich vor und schnappte ihn am �rmel. Er hielt an und drehte sich um, den Mund bereits zu einer Beschwerde ge�ffnet, aber Rachel erkl�rte nur: �Nun beruhige dich erst einmal und pa� auf dich auf, du Mondkalbjunge. Es gibt nichts, das so wichtig ist, da� man sich umbringt, um es zu erreichen.� Sie gab ihm einen Klaps auf den Arm und lie� ihn frei; noch w�hrend sie ihm nachsah, war er zur T�r hinaus und fort.</p><empty-line/><p>Bis Simon am Brunnen ankam, hatte er Jacke und Mantel angezogen. Morgenes war noch nicht da, und so marschierte der Junge ungeduldig im tiefen Schatten des Speisesaalgeb�udes auf und ab, bis eine leise Stimme an seiner Seite ihn �berrascht zusammenfahren lie�.</p><p>�Tut mir leid, da� du warten mu�test, Junge. Inch kam vorbei, und es war verteufelt schwer, ihn davon zu �berzeugen, da� ich ihn nun doch nicht brauchte.� Der Doktor zog die Kapuze herunter und verbarg sein Gesicht.</p><p>�Wie seid Ihr denn so ger�uschlos erschienen?� fragte Simon und imitierte das Fl�stern des Doktors.</p><p>�Ich bin immer noch einigerma�en beweglich�, erwiderte der Doktor in gekr�nktem Ton. �Zwar bin ich alt, aber noch kein Moribundus.�</p><p>Simon wu�te nicht, was �Moribundus� bedeutete, verstand jedoch, was der Doktor sagen wollte. �Entschuldigung�, wisperte er.</p><p>Schweigend stiegen die beiden die Speisesaaltreppe und in den ersten Lagerraum hinunter. Dort zog Morgenes eine Kristallkugel von der Gr��e eines gr�nen Apfels hervor. Als er daran rieb, flackerte in der Mitte ein kleiner Funke auf, der ganz langsam heller wurde, bis er die F�sser und Ballen ringsum in weiches, honigfarbenes Licht tauchte. Morgenes verh�llte die untere H�lfte der Kugel mit dem �rmel und hielt sie vor sich, w�hrend Simon und er sich vorsichtig einen Weg durch die aufgestapelten Vorr�te suchten.</p><p>Die Fallt�r war geschlossen; Simon konnte sich nicht erinnern, ob er sie zugeworfen hatte, als er wie ein Wahnsinniger hinausgest�rzt war. Sie stiegen vorsichtig, Simon voran, die Leiter hinunter; Morgenes, �ber ihm, hielt die gl�nzende Kugel nach allen Seiten. Simon zeigte ihm die kleine Kammer, in der Pryrates ihn um ein Haar entdeckt h�tte; dann kletterten sie weiter bis ganz nach unten.</p><p>Der Raum dort war so unbewohnt wie zuvor, aber die T�r zum steinernen Gang wieder geschlossen. Simon war fast sicher, da� er sie nicht anger�hrt hatte, und erkl�rte das auch Morgenes. Aber der kleine Mann machte nur eine Handbewegung und trat an die Wand, wo er mit Hilfe von Simons Hinweisen die Stelle fand, an der sich der Spalt <emphasis>gezeigt</emphasis> hatte. Der Doktor rieb mit kreisenden Fingerbewegungen �ber die Mauer und murmelte dabei leise vor sich hin, aber keine Ritze wollte sich sehen lassen.</p><p>Nachdem Morgenes eine Weile vor der Mauer gehockt und mit sich selbst gesprochen hatte, bekam Simon es satt, von einem Fu� auf den �ndern zu h�pfen, und kauerte sich neben ihn.</p><p>�K�nnt Ihr nicht einfach irgendeinen Zauber sprechen, damit sie aufgeht?�</p><p>�Nein!� zischte Morgenes. �Kein vern�nftiger Mensch, ich wiederhole, keiner, benutzt die <emphasis>Kunst,</emphasis> wenn es nicht unbedingt n�tig ist � schon gar nicht, wenn er es mit einem anderen Adepten zu tun hat, wie wir hier mit unserem Vater Pryrates. Ebensogut k�nnten wir meinen Namen auf die Wand malen.�</p><p>W�hrend Simon sich auf seine Fersen zur�cklehnte und eine finstere Miene machte, legte der Doktor die linke Handfl�che auf die Mitte der Stelle, an der die T�r gewesen war. Nachdem er die Oberfl�che einen Moment lang vorsichtig abgeklopft hatte, versetzte er ihr mit der rechten Hand einen kr�ftigen Sto� � die T�r sprang auf, und Fackellicht ergo� sich in den Raum. Der Doktor sp�hte hinein. Dann lie� er den Lampenkristall in den Saum seines umfangreichen �rmels gleiten und holte einen zusammengen�hten Lederbeutel hervor.</p><p>�Ach, Simon, Junge�, kicherte er leise, �was f�r ein Dieb doch aus mir geworden w�re! Das war keine magische T�r � sie war nur mit Hilfe der <emphasis>Kunst</emphasis> versteckt. Jetzt komm mit.� Sie traten in den feuchten Steingang.</p><p>Ein sirupartiges Echo folgte ihren Schritten, als sie den feuchten Gang zu der verschlossenen T�r hinunterrutschten und -stapften. Morgenes beugte sich �ber das Guckloch und warf einen Blick ins Innere.</p><p>�Ich glaube, du hast recht, Junge�, zischte er. �Bei Nuannis Schienbein! Ich w�nschte, es w�re anders.� Er wandte sich dem Schlo� zu und untersuchte es genau. �Lauf ans Ende des Ganges und spitz die Ohren, ja?�</p><p>W�hrend Simon Wache stand, w�hlte Morgenes in seinem Lederbeutel und zog endlich eine lange, nadeld�nne Klinge hervor, die in einem h�lzernen Griff steckte. Damit winkte er Simon vergn�gt zu.</p><p>�Naraxi-Schweinestecher. Wu�te, da� ich den mal gut gebrauchen k�nnte!�</p><p>Er versuchte die Klinge am Schl�sselloch; sie glitt bequem in die �ffnung. Dann nahm er sie wieder heraus und sch�ttelte aus seinem Beutel ein winziges Kr�glein, das er mit den Z�hnen entkorkte. Simon sah gebannt zu. Morgenes kippte den Krug und lie� eine dunkle, klebrige Substanz auf die Nadelklinge flie�en, um dann sofort die Spitze wieder in das Schl�sselloch zu stecken. Als sie in das Schlo� eindrang, hinterlie� sie gl�nzende Spuren. Morgenes wackelte kurz mit dem Schweinestecher hin und her, trat dann einen Schritt zur�ck und z�hlte an den Fingern ab. Als er beide H�nde jeweils dreimal abgez�hlt hatte, packte er den schlanken Griff und drehte. Er verzog das Gesicht und lie� los.</p><p>�Komm her, Simon. Wir brauchen deine starken Arme.� Auf Anweisung des Doktors ergriff Simon das seltsame Werkzeug am unteren Ende und begann zu drehen. Zun�chst glitten seine verschwitzten Handfl�chen von dem polierten Holz ab, dann aber packte er fester zu und f�hlte nach kurzer Zeit, wie im Schlo� etwas einrastete. Gleich darauf h�rte er den Riegel zur�ckgleiten. Morgenes nickte mit dem Kopf, und Simon stie� mit der Schulter die T�r auf.</p><p>Die schwelenden Binsen in der Wandhalterung verbreiteten nur schwaches Licht. Als Simon und der Doktor eintraten, sahen sie, wie die angekettete Gestalt im Hintergrund der Zelle aufblickte und ihre Augen sich langsam weiteten, als erkenne sie die beiden wieder. Der Mund arbeitete, aber nur ein rauher Atemzug kam heraus. Der Gestank nach nassem, beschmutztem Stroh war �berw�ltigend.</p><p>�Ach � ach � mein armer Prinz��, brachte Morgenes hervor.</p><p>W�hrend der Doktor eilig Josuas Handschellen untersuchte, konnte Simon nur zusehen und stand dem rei�enden Strom der Ereignisse so hilflos gegen�ber, als tr�ume er. Der Prinz war qualvoll d�nn und so b�rtig wie ein wandernder Prophet des Unheils; die Hautpartien, die trotz des elenden Sacks, in dem er steckte, zu erkennen waren, bedeckten rote Schw�ren.</p><p>Morgenes fl�sterte etwas in Josua Ohnehands Ohr. Er hatte seinen Beutel wieder hervorgeholt und hielt in der Hand einen flachen Tiegel von der Sorte, in der Damen ihre Lippenschminke aufbewahren. Energisch rieb der kleine Doktor etwas von dem Inhalt erst auf seine eine, dann auf die andere Handfl�che und sah sich noch einmal genau Josuas Fesseln an. Beide Arme waren an einen massiven, in der Mauer befestigten Eisenring gekettet; der eine mit einer Handschelle, der handlose mit einer Art Manschette um den d�nnen Oberarm des Prinzen.</p><p>Als Morgenes mit dem Einschmieren seiner H�nde fertig war, reichte er Simon Tiegel und Beutel. �Jetzt sei ein braver Junge�, sagte er, �und halt die Hand vor die Augen. Ich habe einen in Seide gebundenen Band von Plesinnen Myrmenis � den einzigen n�rdlich von Perdruin � f�r diesen Schlamm eingetauscht. Ich hoffe nur � Simon, <emphasis>bitte</emphasis> halt dir die Augen zu��</p><p>Der Junge hob die H�nde und sah noch, wie Morgenes nach dem Ring griff, der die Kette des Prinzen im Stein festhielt. Gleich darauf blitzte ein rosenroter Lichtstrahl durch Simons verschr�nkte Finger, gefolgt von einem Knall, als schl�ge ein Hammer auf Schiefer. Als er wieder hinsah, lag Prinz Josua inmitten seiner Ketten auf dem Boden; Morgenes kniete mit qualmenden Handfl�chen daneben. Der Mauerring war geschw�rzt und verdreht wie ein verbrannter Haferkuchen.</p><p>�Puh!� Der Doktor schnappte nach Luft. �Ich hoffe nur � ich hoffe � da� ich das nie wieder machen mu�. Kannst du den Prinzen aufheben, Simon? Ich bin sehr schwach.�</p><p>Josua rollte steif zur Seite und sah sich um. �Ich glaube � ich � kann � gehen. Pryrates � hat mir etwas � gegeben.�</p><p>�Unfug.� Morgenes holte tief Atem und kam schwankend auf die F��e. �Simon ist ein kr�ftiger Bursche � los, komm, Junge, halt keine Maulaffen feil! Heb ihn auf!�</p><p>Nach einigem Hin und Her gelang es Simon, die herunterh�ngenden St�cke von Josuas Ketten, die noch immer an Handgelenk und Arm befestigt waren, um die Mitte des Prinzen zu schlingen. Dann nahm er Josua mit Morgenes' Hilfe auf den R�cken wie ein Kind, das man huckepack tr�gt. Er stand auf und holte tief Luft. Zuerst f�rchtete er, er w�rde es nicht schaffen, aber dann schob er sich den Prinzen mit einem ungeschickten H�ftschwung h�her auf den R�cken und stellte fest, da� es selbst mit dem zus�tzlichen Gewicht der Ketten nicht unm�glich war.</p><p>�Wisch dir das alberne Grinsen vom Gesicht, Simon�, ermahnte ihn der Doktor. �Wir m�ssen ihn noch die Leiter hinaufbekommen.�</p><empty-line/><p>Irgendwie gelang es ihnen � Simon, der vor lauter Anstrengung �chzte und beinahe geweint h�tte, Josua, der sich mit seinen schwachen Kr�ften an den Leitersprossen hochzog, und Morgenes, der von hinten schob und ihnen aufmunternde Worte zufl�sterte. Es war ein langer, alptraumhafter Anstieg, aber endlich erreichten sie den Hauptlagerraum. Morgenes huschte voraus, w�hrend Simon sich zum Ausruhen an einen Ballen lehnte, den Prinzen immer noch auf dem R�cken.</p><p>�Irgendwo, irgendwo�� murmelte Morgenes und dr�ngte sich durch die enggestapelten Vorr�te. Als er die S�dwand des Raumes gefunden hatte, leuchtete er mit seinem Kristall vor sich und begann ernsthaft nach etwas zu suchen.</p><p>�Was �?� wollte Simon fragen, aber der Doktor gebot ihm mit einer Geste zu schweigen. W�hrend Morgenes hinter Fa�bergen auftauchte und wieder verschwand, sp�rte Simon eine ganz zarte Ber�hrung auf seinem Haar. Der Prinz strich ihm sanft �ber den Kopf.</p><p>�Wirklich! <emphasis>Wirklich!</emphasis>� hauchte Josua. Simon f�hlte, wie ihm etwas Warmes in den Nacken rann.</p><p>�Gefunden!� kam Morgenes' unterdr�ckter, aber triumphierender Ausruf. �Kommt her!� Simon erhob sich leicht schwankend und trug den Prinzen mit sich. Der Doktor stand an der kahlen Steinwand und deutete auf eine Pyramide aus gro�en F�ssern. Der Lampenkristall verlieh ihm den Schatten eines turmhohen Riesen.</p><p>�<emphasis>Was</emphasis> gefunden?� Simon r�ckte den Prinzen zurecht und starrte um sich. �F�sser?�</p><p>�Allerdings�, kicherte der Doktor. Mit schwungvoller Geb�rde gab er dem runden Rand des obersten Fasses eine halbe Drehung, dessen ganze Seite sogleich aufschwang wie eine T�r und ein h�hlenartiges Dunkel enth�llte.</p><p>Mi�trauisch schaute Simon in die Finsternis. �Was ist das?�</p><p>�Ein Gang, du t�richter Knabe.� Morgenes nahm ihn am Ellenbogen und f�hrte ihn auf das Fa� mit der offenen Seitenwand zu, das kaum mehr als Brusth�he erreichte. �Die Burg ist voll von solchen geheimen Pfaden.�</p><p>Stirnrunzelnd b�ckte sich Simon und sp�hte in die schwarzen Tiefen.</p><p>�Dort hinein?�</p><p>Morgenes nickte. Josuas Retter begriff, da� er nicht aufrecht durch die �ffnung kam, und lie� sich auf die Knie nieder, um ins Innere zu kriechen, auf dem R�cken den Prinzen, der ihn ritt wie ein Fest-Pony.</p><p>�Ich wu�te gar nicht, da� es in den Lagerr�umen solche G�nge gibt�, meinte Simon, und seine Stimme erzeugte ein Echo im Fa�. Morgenes beugte sich vor, um Josuas Kopf unter dem niedrigen Eingang durchzuschieben.</p><p>�Junge, es gibt mehr Dinge, die du <emphasis>nicht</emphasis> wei�t, als Dinge, die ich <emphasis>wei�</emphasis>. Das Ungleichgewicht bringt mich noch zur Verzweiflung. Jetzt halt den Mund, wir haben es eilig.�</p><p>Auf der anderen Seite konnte man wieder stehen. Morgenes' Kristall zeigte ihnen einen langen, gewundenen Gang ohne weitere Besonderheiten, abgesehen von den geradezu m�rchenhaften Ablagerungen von Staub.</p><p>�Ach, Simon�, bemerkte Morgenes, w�hrend sie sich hastig fortbewegten, �ich w�nschte nur, ich h�tte die Zeit, dir ein paar von den R�umen zu zeigen, an denen dieser Gang vorbeif�hrt � einige davon waren die Wohnung einer sehr gro�en, sehr sch�nen Dame. Sie benutzte diesen Gang f�r ihre geheimen Stelldicheins.� Der Doktor sah zu Josua auf, dessen Gesicht an Simons Hals lag. �Jetzt schl�ft er�, murmelte Morgenes. �Alles schl�ft.�</p><p>Der Gang stieg an und senkte sich wieder, wand sich in die eine und die andere Richtung. Sie kamen an vielen T�ren vorbei; an manchen waren die Schl�sser eingerostet, andere hatten Klinken, die so gl�nzend waren wie ein neues Fithingst�ck. Einmal passierten sie eine Reihe schmaler Fenster; bei einem kurzen Blick hinaus sah Simon verbl�fft die Posten auf der Westmauer, deren Umrisse sich gegen den Himmel abzeichneten. Dort, wo die Sonne untergegangen war, hatten die Wolken eine zartrosa T�nung.</p><p><emphasis>Wir m�ssen �ber dem Speisesaal sein</emphasis>, dachte Simon verwundert. <emphasis>Wann haben wir nur die ganze Kletterei hinter uns gebracht?</emphasis></p><p>Sie stolperten vor Ersch�pfung, als Morgenes endlich haltmachte. In diesem Teil des gewundenen Ganges gab es keine Fenster, nur Wandbeh�nge. Einen davon hob der Doktor hoch; nichts als grauer Stein wurde sichtbar.</p><p>�Das war der falsche�, pustete Morgenes und lupfte den n�chsten, worauf sich eine T�r aus rohem Holz zeigte. Er legte das Ohr daran, lauschte einen Augenblick und zog die T�r auf. �Staatsarchiv.� Er wies auf den von Fackeln beleuchteten, breiten Korridor gegen�ber. �Nur ein paar � hundert Schritte von meiner Wohnung.� Sobald Simon und sein Traggast hinausgetreten waren, lie� er die T�r zur�ckschwingen; mit einem gebieterischen Krachen fiel sie ins Schlo�. Als er sich umsah, konnte Simon sie vom Rest der T�felung, die die W�nde des Ganges bedeckten, nicht mehr unterscheiden.</p><p>Nur einmal noch mu�ten sie eine ungesch�tzte Stelle �berqueren, ein ziemlich hastiges Rennen von der Ostt�r der Archivr�ume quer �ber den offenen Anger. W�hrend sie �ber das d�stere Gras schwankten, wobei sie sich so dicht wie m�glich an die Mauer hielten, ohne sich im Efeu zu verfangen, kam es Simon vor, als s�he er im Schatten der Mauer auf der anderen Seite des Hofes eine Bewegung; etwas Gro�es, das unmerklich seine Stellung �nderte, als wollte es beobachten, wohin sie gingen; eine bekannte Gestalt mit gebeugten Schultern. Aber das Licht nahm jetzt schnell ab, und er war sich nicht sicher � es konnte auch nur ein weiterer schwarzer Fleck sein, der vor seinen Augen tanzte.</p><p>Er hatte Seitenstechen, als h�tte jemand seine Rippen zwischen Rubens Schmiedezange geklemmt. Morgenes, der vorausgehumpelt war, hielt die T�r auf. Simon torkelte hinein, setzte seine Last sorgsam ab und brach dann der L�nge lang auf den k�hlen Steinplatten zusammen, verschwitzt und atemlos. Um ihn drehte sich die Welt in schwindelndem Tanz.</p><p>�Hier, Hoheit, trinkt das, hier, nehmt�, h�rte er Morgenes sagen. Etwas sp�ter schlug Simon die Augen wieder auf und st�tzte sich auf einen Ellenbogen. Josua sa� an die Wand gelehnt da; vor ihm hockte Morgenes mit einem braunen Tonkrug.</p><p>�Besser?� erkundigte sich der Doktor.</p><p>Der Prinz nickte schwach. �Schon kr�ftiger. Dieser Trank schmeckt wie das, was Pryrates mir gab � nur nicht so bitter. Er meinte, ich w�rde zu schnell schw�cher � sie brauchten mich heute nacht.�</p><p>�Brauchten Euch? Das h�rt sich nicht gut an � gar nicht gut.� Morgenes reichte Simon den Krug. Das Getr�nk war blasig und sauer, aber es w�rmte. Der Doktor sp�hte zur T�r hinaus und schob dann den Riegel ins Schlo�.</p><p>�Morgen ist Belthainnstag, der erste Maia�, sagte er. �Heute nacht ist � heute nacht ist eine besonders gef�hrliche Nacht, mein Prinz. Steinigungsnacht nennt man sie.�</p><p>Simon f�hlte, wie der Trank des Doktors auf dem Weg in seinen Magen angenehm brannte. Der Schmerz in seinen Gelenken lie� nach, als habe man einen festgezwirbelten Stoffstreifen ein oder zwei Umdrehungen gelockert. Er setzte sich auf; ihm war immer noch schwindlig.</p><p>�Es scheint mir bedenklich, da� sie Euch ausgerechnet in solch einer Nacht �brauchen��, wiederholte Morgenes. �Ich f�rchte, es geht hier um weit Schlimmeres als nur die Gefangenschaft des k�niglichen Bruders.�</p><p>�Diese Gefangenschaft war mir schlimm genug.� Ein schiefes Grinsen verzerrte Josuas abgemagerte Z�ge und verschwand dann, um tiefen Sorgenfalten Platz zu machen. �Morgenes�, fuhr er gleich darauf mit unsicherer Stimme fort, �diese � diese Bastarde von Hurens�hnen haben meine M�nner umgebracht. Es war ein Hinterhalt.�</p><p>Der Doktor hob die Hand, als wollte er den Prinzen an der Schulter packen, lie� sie dann aber ungeschickt wieder sinken. �Gewi�, Herr, gewi�. Seid Ihr sicher, da� Euer Bruder daf�r verantwortlich ist? Oder k�nnte Pryrates auf eigene Faust gehandelt haben?�</p><p>Josua sch�ttelte m�de den Kopf. �Ich wei� nicht. Die M�nner, die uns �berfielen, trugen keine Abzeichen, und nachdem man mich in dieses Loch gebracht hatte, sah ich nur noch den Priester, sonst niemanden � aber es kommt mir seltsam vor, da� Pryrates etwas Derartiges <emphasis>ohne</emphasis> Elias unternommen haben sollte.�</p><p>�Das ist wahr.�</p><p>�Aber wieso? Verdammt sollen sie sein, wieso? Ich trage kein Verlangen nach der Macht � eher das Gegenteil! Ihr wi�t es, Morgenes. Warum also sollte er so etwas tun?�</p><p>�Ich f�rchte, mein Prinz, da� ich das im Augenblick auch nicht beantworten kann; aber ich mu� gestehen, da� die ganze Angelegenheit meinen Verdacht in bezug auf � andere Dinge � sehr stark bekr�ftigt. Andere � n�rdliche Dinge. Erinnert Ihr Euch, jemals von den <emphasis>Wei�f�chsen</emphasis> geh�rt zu haben?� Morgenes' Ton war bedeutungsschwer, aber der Prinz hob nur eine Braue und sagte nichts. �Ihr habt recht, wir haben jetzt keine Mu�e, uns �ber meine Bef�rchtungen zu unterhalten. Unsere Zeit ist knapp, es gibt Dringenderes zu tun.�</p><p>Morgenes half Simon, vom Boden aufzustehen, und begann dann herumzust�bern und nach etwas zu suchen. Der Junge stand da und betrachtete Prinz Josua, der mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte, mit scheuen Blicken. Der Doktor kam mit einem Hammer, dessen Kopf vom vielen Gebrauch rund geworden war, und einem Mei�el zur�ck.</p><p>�Schlag Josua die Ketten herunter, Junge, ja? Ich mu� noch ein paar Sachen erledigen.� Eilig trottete er wieder fort.</p><p>�Hoheit?� sagte Simon ruhig und trat zu dem Prinzen. Josua schlug die tr�ben Augen auf und starrte zuerst auf den Jungen, dann auf die Werkzeuge in seiner Hand. Er nickte.</p><p>Simon kniete neben dem Prinzen nieder und zerbrach mit ein paar scharfen Hieben das Schlo� des Bandes, das Josuas rechten Arm umspannte. Als er auf die linke Seite des Prinzen hin�berwechselte, �ffnete Josua erneut die Augen und legte Simon abwehrend die Hand auf den Arm.</p><p>�Nimm mir an dieser Seite nur die Kette ab, Junge.� Ein gespenstisches L�cheln flackerte �ber sein Gesicht. �Die Handschelle la� mir zur Erinnerung an meinen Bruder.� Er streckte den verdorrten Stumpf des rechten Handgelenks aus. �Wir haben eine Art Kerbholz<emphasis>,</emphasis> wei�t du.�</p><p>Simon �berlief es pl�tzlich kalt, und er zitterte, als er Josuas linken Unterarm gegen die Steinplatten dr�ckte. Mit einem einzigen Hieb durchtrennte er die Kette und lie� die Manschette aus geschw�rztem Eisen oberhalb der fehlenden Hand an ihrem Platz.</p><p>Morgenes erschien mit einem B�ndel schwarzer Kleider. �Kommt, Josua. Wir m�ssen uns beeilen. Es ist schon fast eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit, und wer wei�, wann sie anfangen werden, nach Euch zu suchen. Ich habe meinen Dietrich abgebrochen im Schlo� stecken lassen<emphasis>,</emphasis> aber das wird sie nicht lange daran hindern, Euer Verschwinden zu entdecken.�</p><p>�Was wollen wir tun?� fragte der Prinz, der unsicher auf den F��en stand und sich von Simon in die muffig riechenden Bauernkleider helfen lie�. �Wem in der Burg k�nnen wir vertrauen?�</p><p>�Im Augenblick niemandem � nicht so ohne Vorwarnung. Darum m��t Ihr sofort nach Naglimund aufbrechen. Nur dort seid Ihr in Sicherheit.�</p><p>�Naglimund�� Josua machte einen verwirrten Eindruck. �In all diesen grauenvollen Monaten habe ich so oft von meiner Heimat getr�umt � doch nein! Ich kann nicht fort; ich mu� dem Volk die Falschheit meines Bruders zeigen. Ich werde starke Arme finden, die mich unterst�tzen.�</p><p>�Nicht hier � und nicht jetzt.� Morgenes sprach mit fester Stimme, die hellen Augen gebieterisch. �Ihr w�rdet wieder im Verlies landen, und dieses Mal w�rde man Euch sehr schnell und in aller Heimlichkeit enthaupten. Begreift Ihr nicht? Ihr m��t an einen befestigten Ort gehen, wo Ihr vor Verrat sicher seid, bevor Ihr Anspr�che durchsetzen k�nnt. Wie viele K�nige haben schon ihre Verwandten gefangengesetzt und get�tet � und die meisten blieben ungestraft. Es braucht mehr als Familienstreitigkeiten, um die Bev�lkerung zum Aufstand zu bringen.�</p><p>�Nun gut�, antwortete Josua unwillig, �selbst wenn Ihr recht h�ttet, wie sollte ich entkommen?� Ein Hustenanfall sch�ttelte ihn. �Die Burgtore sind � sind ohne Zweifel f�r die Nacht geschlossen. Soll ich als fahrender S�nger verkleidet zum Inneren Tor schlendern und versuchen, mir den Durchla� zu ersingen?�</p><p>Morgenes l�chelte. Simon war beeindruckt vom Mut des grimmigen Prinzen, der noch vor einer Stunde ohne Hoffnung auf Rettung in einer feuchten Zelle in Ketten gelegen hatte.</p><p>�Wie der Zufall es will, habt Ihr mich mit dieser Frage nicht unvorbereitet getroffen�, erkl�rte der Doktor. �Bitte schaut her.�</p><p>Er ging zur Hinterwand des langen Zimmers, in die Ecke, in der Simon einst an der rauhen Steinmauer geweint hatte. Dort zeigte er auf die Sternkarte, deren miteinander verbundene Konstellationen einen gro�en, vierfach gefl�gelten Vogel formten. Mit einer kleinen Verbeugung zog Morgenes die Karte beiseite. Dahinter lag eine gro�e, viereckige, in den Felsen gehauene �ffnung mit einer Holzt�r.</p><p>�Wie bereits vorgef�hrt, ist Pryrates nicht der einzige hier, der um verborgene T�ren und Geheimg�nge wei�.� Der Doktor lachte vergn�gt. �Vater Rotmantel ist neu am Ort und mu� noch viel �ber diese Burg lernen, die l�nger, als ihr beide es euch vorstellen k�nnt, <emphasis>mein</emphasis> Zuhause gewesen ist.�</p><p>Simon war so aufgeregt, da� er kaum stillstehen konnte, w�hrend Josua ein bedenkliches Gesicht machte. �Wohin f�hrt das, Morgenes?� fragte er. �Es wird mir wenig n�tzen, wenn ich Elias' Verlies und Folterbank entkomme, nur um mich dann im Burggraben des Hochhorstes wiederzufinden.�</p><p>�Habt keine Sorge. Diese Burg ist auf einem Kaninchenbau von H�hlen und Tunneln erbaut, ganz zu schweigen von den Ruinen der noch �lteren Burg unter uns. Das ganze Labyrinth ist so riesig, da� nicht einmal ich es auch nur zur H�lfte kenne � aber ich wei� genug davon, um Euch einen sicheren Ausgang zu verschaffen. Schaut her!�</p><p>Morgenes f�hrte den auf Simons Arm gest�tzten Prinzen an den gro�en, das ganze Zimmer einnehmenden Tisch. Dort breitete er ein zusammengerolltes Pergament aus, dessen R�nder vor Alter grau und ausgefranst waren.</p><p>�Ihr seht�, begann Morgenes, �da� ich nicht m��ig war, w�hrend mein junger Freund sein Abendessen einnahm. Dies ist ein Plan der Katakomben � zwangsl�ufig nur eines Teilbereiches, aber Eure Route ist darauf gekennzeichnet. Wenn Ihr Euch sorgf�ltig daran haltet, werdet Ihr zum Schlu� auf dem Begr�bnisplatz, jenseits der Mauern von Erchester, wieder an die Oberfl�che kommen. Von dort aus findet Ihr sicherlich den Weg zu einem Unterschlupf f�r die Nacht.�</p><p>Nachdem sie die Karte studiert hatten, nahm Morgenes Josua beiseite, und die beiden sprachen im Fl�sterton miteinander. Simon, der sich mehr als nur ein wenig davon ausgeschlossen f�hlte, stand da und betrachtete den Plan des Doktors. Morgenes hatte den Weg mit roter Tinte eingezeichnet. Von den vielen Drehungen und Windungen schwirrte Simon schon jetzt der Kopf.</p><p>Als die beiden M�nner ihre Diskussion beendet hatten, nahm Josua die Karte an sich. �Nun denn, alter Freund�, sagte er ruhig, �wenn ich gehen mu�, dann am besten gleich. Es w�re unklug, f�nde mich die n�chste Stunde noch hier im Hochhorst. �ber die anderen Dinge, die Ihr mir mitgeteilt habt, werde ich sorgf�ltig nachdenken.� Sein Blick schweifte �ber den vollgestopften Raum. �Ich f�rchte nur das Schicksal, das Eure tapferen Taten �ber Euch bringen k�nnten.�</p><p>�Daran k�nnt Ihr nichts �ndern, Josua�, erwiderte Morgenes. �Auch bin ich nicht v�llig ohne Verteidigung; es gibt ein paar Finten und Tricks, von denen ich Gebrauch machen kann. Sobald mir Simon von Eurer Entdeckung berichtete, habe ich mit gewissen Vorbereitungen begonnen. Ich f�rchtete schon seit langem, da� ich zum Handeln gezwungen werden k�nnte; durch das heutige Ereignis ist nur eine geringf�gige Beschleunigung eingetreten. Hier, nehmt diese Fackel.�</p><p>Mit diesen Worten nahm der kleine Doktor eine Kienfackel von der Wand und reichte sie dem Prinzen, dazu einen Sack, der daneben am Haken gehangen hatte.</p><p>�Ich habe Euch etwas zu essen und noch ein wenig von dem Heiltrank eingepackt. Es ist nicht viel, aber Ihr m��t mit leichtem Gep�ck reisen. Bitte beeilt Euch jetzt.� Er hob die Sternkarte hoch und hielt sie von der T�r�ffnung zur�ck. �Sendet mir Botschaft, sobald Ihr sicher in Naglimund angekommen seid, und ich werde Euch noch andere Dinge berichten.�</p><p>Der Prinz nickte und hinkte langsam in die �ffnung des Ganges hinein. Die Fackelflamme schob seinen Schatten tief in den Schacht hinunter, als er sich noch einmal umdrehte.</p><p>�Ich werde Euch das nie vergessen, Morgenes�, erkl�rte er. �Und du, junger Mann � du hast heute eine tapfere Tat getan. Ich hoffe, da� du eines Tages deine Zukunft darauf aufbauen kannst.�</p><p>Simon kniete nieder; seine Gef�hle machten ihn verlegen. Der Prinz sah so abgeh�rmt und grimmig aus. Der Junge empfand Stolz und Trauer und Furcht, die alle zugleich auf ihn einst�rmten und seine Gedanken aufr�hrten und tr�be machten.</p><p>�Lebt wohl, Josua�, sagte Morgenes und legte Simon die Hand auf die Schulter. Zusammen beobachteten sie, wie die Fackel des Prinzen sich im dunklen Gang verlor, bis die Schw�rze sie verschlang. Der Doktor zog die T�r zu und lie� den Vorhang dar�ber fallen.</p><p>�Komm, Simon�, meinte er dann, �wir haben noch viel Arbeit. Pryrates wird seinen Gast f�r die heutige Steinigungsnacht vermissen, und ich kann mir nicht vorstellen, da� ihn das freut.�</p><empty-line/><p>Einige Zeit verging in Schweigen. Simon hockte auf der Tischplatte und lie� die Beine baumeln. Er hatte Angst, geno� aber dennoch die Erregung, die den Raum erf�llte � eine Spannung, die inzwischen �ber der ganzen, sonst so gesetzten alten Burg hing. Morgenes huschte nach allen Richtungen an ihm vor�ber und eilte von einer unverst�ndlichen T�tigkeit zur n�chsten.</p><p>�Das meiste davon habe ich erledigt, als du beim Essen warst, wei�t du, aber ein paar Sachen sind noch �brig, ein paar lose Enden.�</p><p>Die Erkl�rung des kleinen Mannes machte Simon kein bi�chen schlauer, aber es war in so kurzer Zeit so vieles geschehen, da� selbst seine ungeduldige Natur f�rs erste zufriedengestellt war. Er nickte und baumelte weiter mit den Beinen.</p><p>�So, ich glaube, das ist alles, was ich heute abend tun kann�, erkl�rte Morgenes endlich. �Du solltest lieber zur�ck und ins Bett gehen. Komm morgen fr�h wieder her, vielleicht gleich, nachdem du mit deinen Arbeiten dr�ben fertig bist.�</p><p>�Arbeiten?� Simon schnappte nach Luft. �Arbeiten? Morgen?�</p><p>�Aber nat�rlich�, knurrte der Doktor bissig. �Du glaubst doch nicht, da� ein Wunder geschieht, oder? Meinst du denn, der K�nig w�rde sich hinstellen und verk�nden: �Ach, �brigens ist gestern mein Bruder aus dem Verlies entkommen, darum nehmen wir uns heute alle einen Tag frei und schauen nach, wo er geblieben ist� � das glaubst du doch wohl selber nicht, hm?�</p><p>�Nein, ich��</p><p>�Und du w�rdest doch ganz bestimmt nicht sagen: �Rachel, ich kann meine Arbeit nicht machen, weil Morgenes und ich auf Hochverrat sinnen� � oder hast du das vor?�</p><p>�Ganz bestimmt nicht!�</p><p>�Gut. Dann wirst du deine Aufgaben erf�llen und so schnell wie m�glich wieder herkommen, und dann werden wir die Lage pr�fen. Es ist alles viel gef�hrlicher, als du begreifst, Simon, aber ich f�rchte, du steckst jetzt mittendrin, im Guten wie im B�sen. Und ich hatte gehofft, dich aus allem heraushalten zu k�nnen��</p><p>�<emphasis>Woraus?</emphasis> Mittendrin in <emphasis>was</emphasis>, Doktor?�</p><p>�La� gut sein, Junge. Hast du denn immer noch nicht genug? Ich werde morgen versuchen, dir alles zu erkl�ren, was du ohne Schaden wissen darfst, aber die Steinigungsnacht ist nicht die beste Gelegenheit, von Dingen zu reden wie ��</p><p>Ein lautes H�mmern an der Au�ent�r schnitt Morgenes das Wort ab. Sekundenlang starrten Simon und der Doktor einander an. Nach einer Pause klopfte es von neuem.</p><p>�Wer ist da?� rief Morgenes mit so ruhiger Stimme, da� Simon ihn noch einmal anschauen mu�te, um die Furcht im Gesicht des kleinen Mannes zu bemerken.</p><p>�Inch�, kam die Antwort. Morgenes entspannte sich sichtlich.</p><p>�Geh fort�, erwiderte er. �Ich habe dir doch gesagt, da� ich dich heute abend nicht brauche.�</p><p>Kurzes Schweigen. �Doktor�, fl�sterte Simon, �ich glaube, ich habe Inch vorhin gesehen��</p><p>Wieder die monotone Stimme. �Ich denke, da� ich etwas vergessen habe � in Eurem Zimmer vergessen, Doktor.�</p><p>�Komm ein andermal wieder und hol es dir�, rief Morgenes, und diesmal war seine Ver�rgerung echt. �Ich habe jetzt viel zu viel zu tun, als da� ich mich st�ren lassen k�nnte.�</p><p>Simon versuchte es noch einmal. �Ich glaube, ich habe ihn gesehen, als ich den-�</p><p><emphasis>��ffnet sofort die T�r � im Namen des K�nigs!�</emphasis></p><p>Simon f�hlte kalte Verzweiflung nach seinem Magen greifen: Die neue Stimme geh�rte nicht Inch.</p><p>�Beim Niederen Krokodil!� schwor Morgenes in leiser Verwunderung. �Der kuh�ugige Dummkopf hat uns verraten. Ich h�tte nicht gedacht, da� er den Verstand dazu besitzt. <emphasis>Ich will jetzt nicht gest�rt werden!</emphasis>� br�llte er pl�tzlich, sprang zu dem langen Tisch hin�ber und strengte sich an, ihn vor die verriegelte Innent�r zu schieben. �<emphasis>Ich bin ein alter Mann und brauche meine Ruhe!�</emphasis> Simon war mit einem Satz neben ihm und half. In ihm mischte sich Entsetzen mit einer unerkl�rlich aufflackernden, fast freudigen Erregung.</p><p>Drau�en aus dem Gang rief eine dritte Stimme, eine grausame, heisere Stimme: �Allerdings wird deine Ruhe lange dauern, alter Mann.� Simon stolperte und w�re fast gest�rzt, als seine Knie unter ihm nachgaben. Pryrates!</p><p>Ein schreckliches, knirschendes Ger�usch hallte durch den inneren Gang, w�hrend Simon und der Doktor es endlich schafften, den schweren Tisch vor die T�r zu r�cken. ��xte�, sagte Morgenes und sprang auf der Suche nach irgend etwas um den Tisch herum.</p><p>�Doktor!� zischte Simon und h�pfte vor Angst auf und nieder. Von drau�en h�rte man das Echo splitternden Holzes. �Was k�nnen wir tun?� Er wirbelte herum und sah sich einem aberwitzigen Schauspiel gegen�ber.</p><p>Morgenes kniete geduckt auf der Tischplatte, neben sich einen Gegenstand, den Simon gleich darauf als Vogelk�fig erkannte. Der Doktor hatte das Gesicht eng an die Gitterst�be gedr�ckt. Er gurrte und murmelte den Tieren zu, w�hrend Simon schon h�rte, wie die �u�ere T�r zusammenbrach.</p><p>�<emphasis>Was tut Ihr?</emphasis>� keuchte Simon. Morgenes hopste vom Tisch, den K�fig im Arm, und trabte quer durch den Raum zum Fenster. Bei Simons Aufjaulen drehte er sich um, betrachtete gelassen den verst�rten Jungen, l�chelte dann traurig und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Ja, nat�rlich, Junge�, sagte er, �ich mu� mich auch um dich k�mmern, weil ich es deinem Vater versprochen habe. Wie wenig Zeit uns doch verg�nnt war!� Er setzte den K�fig ab, rannte wieder zum Tisch und w�hlte in dem Durcheinander herum. Die Zimmert�r begann unter der Wucht schwerer Schl�ge zu erbeben. Man h�rte rauhe Stimmen und das Klirren gepanzerter M�nner. Morgenes fand, was er suchte, ein Holzk�stchen, und kippte es um, wobei etwas golden Gl�nzendes in seine Hand fiel. Er wollte wieder zum Fenster, blieb dann aber stehen und fischte noch einen Stapel d�nner Pergamente aus dem Chaos auf dem Tisch.</p><p>�Nimm das mit, bitte�, sagte er und reichte Simon das B�ndel, worauf er wieder ans Fenster eilte. �Es ist mein �Leben K�nig Johan Presbyters�, und ich g�nne Pryrates das Vergn�gen nicht, Kritik daran zu �ben.� Entgeistert nahm Simon die Papiere und stopfte sie unter dem Hemd ins G�rtelband. Der Doktor griff in den K�fig und holte einen der kleinen Bewohner heraus, den er in der hohlen Hand barg. Es war ein winziger, silbergrauer Sperling. Simon sah in sprachloser Verwunderung zu, wie der Doktor mit einem St�ckchen Bindfaden ruhig das gl�nzende Schmuckst�ck � einen Ring? � an das Sperlingsbein schn�rte. Am anderen Bein war bereits ein ganz schmaler Pergamentstreifen befestigt. �Sei stark mit deiner schweren B�rde�, sagte Morgenes leise und schien mit dem Vogel zu sprechen.</p><p>Genau �ber dem Riegel brach eine Axtschneide durch die schwere T�r. Morgenes b�ckte sich, hob einen langen Stock vom Boden auf und zerschlug das Oberlicht. Dann setzte er den Sperling aufs Fensterbrett und lie� ihn los. Der Vogel h�pfte einen Augenblick am Rahmen entlang, schwang sich dann in die L�fte und verschwand im Abendhimmel. Auf die gleiche Art befreite der Doktor noch f�nf weitere Sperlinge, bis der K�fig leer war.</p><p>Aus dem Mittelst�ck der T�r hatten die �xte ein gro�es St�ck herausgebissen. Dahinter konnte Simon die zornigen Gesichter und das grelle Fackellicht sehen.</p><p>Der Doktor winkte ihm. �Der Tunnel, Junge, schnell jetzt!� Hinter ihnen ri� ein weiteres zerfetztes Holzst�ck ab und polterte krachend zu Boden. Die beiden rannten durch das Zimmer. Der Doktor dr�ckte Simon etwas Kleines und Rundes in die Hand.</p><p>�Reib das, dann hast du Licht!� sagte er, �es ist besser als eine Fackel!� Er ri� den Vorhang zur Seite und zerrte die T�r auf. �Nun los und beeil dich! Such die Tan'ja-Treppe, dort geht es nach oben!� Als Simon in die M�ndung des Ganges hineinsprang, sackte die gro�e T�r in den Angeln und brach zusammen. Morgenes wandte sich um.</p><p>�Aber Doktor!� schrie Simon. �Kommt mit! Wir k�nnen zusammen entkommen!� Der Doktor sah ihn an und sch�ttelte l�chelnd den Kopf. Mit dem lauten Klirren zerbrechenden Glases kippte der vor die T�r geschobene Tisch um, und ein Trupp Bewaffneter in Gr�n und Gelb dr�ngte sich in den Raum. Inmitten der Erkyngarde stand geduckt wie eine Kr�te in einem Garten aus Schwertern und �xten Breyugar, der oberste der Wachen. Im von Splittern �bers�ten Gang war Inchs massige Gestalt zu erkennen; hinter ihm blitzte scharlachrot Pryrates' Mantel.</p><p>�Halt!� donnerte eine Stimme durch den Raum � bei aller Furcht und Verwirrung brachte Simon es noch fertig, sich zu wundern, da� ein solcher Ton aus Morgenes' gebrechlichem K�rper kommen konnte. Jetzt stand der Doktor vor der Erkyngarde, die Finger in seltsamer Geb�rde gespreizt. Zwischen ihm und den verbl�fften Soldaten begann die Luft sich zu biegen und zu schimmern. Die Substanz des Nichts schien sich unter Morgenes' H�nden, die in wunderlichen Mustern tanzten, zu verfestigen. Sekundenlang beleuchteten die Fackeln die Szene vor Simons Augen, als w�re das Bild auf einem uralten Wandteppich erstarrt.</p><p>�Gott segne dich, Junge�, zischte Morgenes, �aber jetzt <emphasis>weg mit dir! Sofort!</emphasis>� Simon machte einen weiteren Schritt in den Gang hinein.</p><p>Pryrates dr�ngte sich an der benommenen Wache vorbei, ein verschwommener roter Schatten hinter der Mauer aus Luft. Eine seiner H�nde stie� vor wie ein Dolch; ein brodelndes, funkelndes Netz blauer Funken zeigte an, wo sie die dichter werdende Luft ber�hrte. Morgenes taumelte zur�ck, und seine Barriere begann zu schmelzen wie eine Eisscholle. Der Doktor b�ckte sich und ri� aus einem Gestell am Boden zwei Glaspokale.</p><p>�Haltet den Jungen!� schrie Pryrates, und pl�tzlich konnte Simon �ber dem Scharlachmantel seine Augen sehen � kalte schwarze Augen, die ihn festzuhalten schienen � ihn durchbohrten �</p><p>Die schimmernde Luftscheibe zerflo�. �Ergreift sie!� donnerte Graf Breyugar, und die Soldaten st�rmten vorw�rts. Simon beobachtete das Ganze mit krankhafter Faszination. Er wollte davonlaufen, konnte aber nicht, und zwischen ihm und den Schwertern der Erkyngarde stand nichts als � Morgenes.</p><p>�ENKI ANNUKHAI SHI'IGAO!� Die Stimme des Doktors dr�hnte und l�utete wie eine steinerne Glocke. Ein Windsto� kreischte durch das Zimmer, dr�ckte die Fackeln nach unten und l�schte sie aus. Mitten im Strudel stand Morgenes, in beiden ausgestreckten H�nden einen Pokal. Im kurzen Augenblick der Verfinsterung gab es einen Knall, gefolgt von wei�gl�hendem Auflodern, als die Glaspokale in Flammen aufgingen. Einen Herzschlag darauf rannen Feuerstr�me �ber Morgenes' Mantel�rmel, und ein Heiligenschein aus knisternden Feuerzungen umgab seinen Kopf. Eine Welle furchtbarer Hitze trieb Simon zur�ck, als sich der Doktor noch einmal nach ihm umdrehte; schon schien sein Gesicht hinter dem Flammennebel, der es einh�llte, zu zerflie�en und sich zu verwandeln.</p><p>�Geh, mein Junge�, hauchte er, und seine Stimme war wie eine Flamme. �Es ist zu sp�t f�r mich. Geh zu Josua!�</p><p>Simon, von Grauen gepackt, taumelte zur�ck. Die zerbrechliche Gestalt des Doktors zuckte in brennender, strahlender Helle. Morgenes fuhr herum. Er machte ein paar z�gernde Schritte und warf sich dann mit ausgebreiteten Armen auf die schreienden Wachen, die einander in ihrer verzweifelten Hast, durch die zerbrochene T�r zur�ckzuweichen, gegenseitig �ber den Haufen rannten. H�llenflammen schossen aufw�rts und schw�rzten die �chzenden Dachbalken. Die W�nde selbst begannen zu schaudern. Einen kurzen Augenblick h�rte Simon die rauhe, halberstickte Stimme von Pryrates, die sich mit den Lauten von Morgenes' Todeskampf vermengte � dann gab es einen furchtbaren Lichtblitz und ein ohrenbet�ubendes Br�llen. Eine Peitsche aus hei�er Luft schleuderte Simon den Gang hinunter und schlug mit einem Krachen wie vom Hammer des J�ngsten Gerichts die T�r hinter ihm zu. Ganz benommen vernahm er nicht das mahlende, splitternde Aufschreien des zusammenst�rzenden Balkendachs. Die T�r, mit vielen Tausendlasten Steinen und versengter Eiche verkeilt, erschauerte in ihren Grundfesten.</p><empty-line/><p>Lange Zeit lag er da, vom Schluchzen gesch�ttelt, die Tr�nen in seinen Augen von der Hitze getrocknet. Schlie�lich erhob er sich m�hsam. Mit den H�nden ertastete er die warme Steinwand und stolperte in die Dunkelheit hinein.</p></section><section><title><p>XIII</p><p>Zwischenwelten</p></title><p>Stimmen, viele Stimmen � Simon konnte nicht sagen, ob sein Kopf sie hervorgebracht hatte oder die trostlose Finsternis ringsum � Stimmen waren in dieser ersten entsetzlichen Stunde seine einzigen Gef�hrten.</p><p><emphasis>Simon Mondkalb! Schon wieder in der Patsche, Simon Mondkalb!</emphasis></p><p><emphasis>Sein Freund ist tot, sein einziger Freund, seid nett zu ihm, seid nett!</emphasis></p><p><emphasis>Wo sind wir?</emphasis></p><p><emphasis>In Finsternis, auf ewig in Finsternis, fledermausflatternd durch die endlosen Tunnel wie eine verlorene, schreiende Seele �</emphasis></p><p><emphasis>Simon Pilgrim ist er jetzt, verurteilt zum Wandern, zum Wundern</emphasis> �</p><p><emphasis>Nein</emphasis>, schauderte Simon und versuchte die schreienden Stimmen zu b�ndigen, <emphasis>ich will mich erinnern. Ich will mich an die rote Linie auf der alten Karte erinnern und die Tan'ja'Treppe suchen, was immer sie auch sein mag. Ich will mich an die schwarzen Augen des M�rders Pryrates erinnern � und an meinen Freund � meinen Doktor Morgenes.</emphasis></p><p>Er sank auf dem sandigen Tunnelboden zusammen und weinte vor hilflosem, ohnm�chtigem Zorn, ein kaum noch klopfendes Lebensherz in einem Universum aus schwarzem Stein. Die Schw�rze legte sich wie etwas Erstickendes auf ihn, das den Atem aus ihm herausquetschte.</p><p><emphasis>Warum hat er es getan? Warum ist er nicht geflohen?</emphasis></p><p><emphasis>Er starb, um dich zu retten � dich und Josua. W�re er geflohen, h�tte man ihn verfolgt � Pryrates' Zauber war st�rker. Man h�tte euch gefangengenommen, und sie h�tten ungehindert dem Prinzen nachjagen, ihn hetzen und in seine Zelle zur�ckschleppen k�nnen. Deshalb ist Morgenes gestorben.</emphasis></p><p>Simon ha�te die Laute seines eigenen Weinens, dieses abgehackte, schn�ffelnde Ger�usch, dessen Echo nicht enden wollte. Er pre�te alles aus sich heraus, schluchzte, bis seine Stimme nur noch ein trockenes Rasseln war � ein Ton, mit dem er leben konnte, nicht das weinerliche Bl�ken eines verirrten Mondkalbs im Dunkeln.</p><p>Ihm war schwindlig und �bel. Er wischte sich mit dem Hemds�rmel das Gesicht ab und f�hlte pl�tzlich das Gewicht von Morgenes' Kristallkugel in seiner Hand. Der Doktor hatte ihn mit Licht versorgt! Das und die Papiere, unbequem ins G�rtelband von Simons Hosen gestopft, waren sein letztes Geschenk.</p><p><emphasis>Nein</emphasis>, fl�sterte eine Stimme, <emphasis>das vorletzte, Simon Pilgrim.</emphasis></p><p>Simon sch�ttelte den Kopf, um die leckende, murmelnde Angst zu verscheuchen. Was hatte Morgenes gesagt, als er das glitzernde Schmuckst�ck ans d�nne Sperlingsbein band? Sei stark mit deiner schweren B�rde? Warum sa� er hier in der Pechfinsternis, winselnd und sabbernd � war er nicht schlie�lich Morgenes' Lehrling?</p><p>Benommen und zitternd kam er auf die F��e. Unter seinen streichelnden Fingern sp�rte er die Glasoberfl�che des Kristalls warm werden. Er starrte ins Dunkle, dorthin, wo seine H�nde sein mu�ten, und dachte an den Doktor. Wie hatte der alte Mann so h�ufig lachen k�nnen, wo doch die Welt so voll verborgenen Verrates war, voll sch�ner Dinge, aber innerlich verfault? Es gab so viele Schatten, so wenig �</p><p>Vor ihm blitzte ein Nadelstich aus Licht auf � ein Nadelloch im Vorhang der Nacht, der wie ein Leichentuch die Sonne verh�llte. Er rieb fester und ri� die Augen auf. Das Licht bl�hte auf und schlug die Schatten zur�ck; auf beiden Seiten sprangen die W�nde des Ganges hervor, mit gl�hendem Bernstein �berpinselt. Luft schien in seine Lungen zu schie�en. Er konnte sehen!</p><p>Der momentane Auftrieb verging, als er sich umdrehte, um den Gang in beide Richtungen zu �berschauen. Kopfschmerz lie� die W�nde vor seinen Augen verschwimmen. Der Tunnel war fast ohne jedes Merkmal, ein einsames Loch, das sich tief in die Unterseite der Burg grub, bekr�nzt mit bleichen Spinnweb-Girlanden. Weiter oben im Gang bemerkte er eine Kreuzung, die er schon passiert hatte, einen in der Wand g�hnenden Schlund. Er ging zur�ck. Ein schnelles Hineinleuchten mit dem Kristall zeigte hinter der �ffnung nur Mauerst�cke und Ger�ll, eine schr�ge Abfallhalde, die aus der Reichweite des d�nnen Kugellichtes hinausf�hrte. Wieviel weitere Kreuzwege hatte er schon verpa�t? Und woher sollte er wissen, welche die richtigen waren? Eine neue Welle w�rgender Hoffnungslosigkeit �berflutete Simon. Er war hoffnungslos allein, hoffnungslos verirrt. Nie w�rde er sich in die Welt des Lichtes zur�ckfinden.</p><p><emphasis>Simon Pilgrim, Simon Mondkalb � Familie tot, Freund tot � seht ihn wandern und wandern � auf ewig�</emphasis></p><p>�Ruhe!� knurrte er laut und h�rte erschreckt, wie das Wort vor ihm den Weg hinunterrollte, ein Bote mit einer Bekanntmachung des K�nigs-unterder-Erde: �Ruhe � Ruhe � Ru��</p><p>K�nig Simon von den Tunneln begann seinen stolpernden Vormarsch.</p><empty-line/><p>Der Gang wand sich abw�rts ins steinerne Herz des Hochhorstes, ein erstickender, krummer, spinnwebbedeckter Pfad, nur erhellt vom Glanz der Kristallkugel, die Morgenes geh�rt hatte. Dort, wo Simon vor�bergegangen war, f�hrten zerrissene Spinnennetze einen langsamen, gespenstischen Tanz auf; wenn er sich umsah, schienen die F�den ihm nachzuwinken wie die klammernden, knochenlosen Finger von Ertrunkenen. Str�hnen von Seidenf�den hingen ihm im Haar und legten sich klebrig �ber sein Gesicht, so da� er beim Gehen die Hand vor die Augen halten mu�te. Oft f�hlte er, wie etwas Kleines, Vielbeiniges durch seine Finger davonhuschte, wenn er durch ein Netz brach. Dann mu�te er einen Augenblick mit gesenktem Kopf innehalten, bis das Zittern des Ekels nachlie�, das ihn �berfiel.</p><p>Nach und nach wurde es k�lter, und die Gangw�nde schienen Feuchtigkeit auszuatmen. Ein Teil des Tunnels war eingest�rzt; an manchen Stellen lagen heruntergefallene Erde und Steine so hoch in der Mitte des Pfades aufgeh�uft, da� er sich, den R�cken an die feuchten W�nde gepre�t, m�hsam daran vorbeischieben mu�te.</p><p>Genau das tat er � sich an einem Hindernis vorbeizw�ngen, die lichtspendende Hand �ber dem Kopf gehalten, mit der anderen vor sich nach dem Weg tastend �, als er einen stechenden Schmerz f�hlte. Wie mit tausend Nadelstichen scho� es ihm die suchende Hand und den Arm hinauf. Ein Aufblitzen des Kristalls zeigte Simon eine Vision des Grauens: Hunderte, nein, <emphasis>Tau</emphasis>s<emphasis>ende</emphasis> winziger wei�er Spinnen, die �ber seine Hand schw�rmten, in seinen Hemds�rmel quollen und bissen wie tausend brennende Feuer. Simon kreischte auf und schlug den Arm gegen die Tunnelwand. Ein Regen aus Erdklumpen ergo� sich in seinen Mund und die Augen. Seine Schreckensschreie hallten im Gang wider und verstummten schnell. Auf dem feuchten Boden sank er in die Knie und klatschte den stechenden Arm immer wieder auf die Erde, bis der brennende Schmerz allm�hlich nachlie�. Dann kroch er auf H�nden und Knien vorw�rts, fort von dem scheu�lichen Nest oder Brutplatz, dessen Ruhe er gest�rt hatte. W�hrend er sich duckte und mit loser Erde wie wahnsinnig den Arm abrieb, kamen ihm von neuem die Tr�nen und sch�ttelten ihn, als w�rde er ausgepeitscht.</p><p>Als er es �ber sich brachte, einen Blick auf seinen Arm zu werfen, zeigte das Licht des Kristalls unter dem Schmutz nur R�tungen und Schwellungen statt der blutigen Wunden, die er mit Bestimmtheit erwartet hatte. Der Arm pochte, und Simon fragte sich benommen, ob die Spinnen wohl giftig gewesen waren � und das Schlimmste noch kommen w�rde. Als er merkte, da� ihm von neuem das Schluchzen in die Brust stieg und ihm den Atem rauben wollte, zwang er sich zum Aufstehen. Er mu�te weiter. Er mu�te.</p><p><emphasis>Tausend wei�e Spinnen.</emphasis></p><p>Er <emphasis>mu�te</emphasis> weiter.</p><p>Im tr�ben Licht der Kugel ging es stetig nach unten. Es gl�nzte auf von Feuchtigkeit schl�pfrigen Steinen und von Erde erstickten Querg�ngen, durch die sich bleiche Wurzeln schl�ngelten. Bestimmt mu�te er sich inzwischen tief unter der Burg befinden � tief unten in der schwarzen Erde. Nichts deutete darauf hin, da� Josua oder sonst jemand hier vorbeigekommen waren. Simon war bis zur �belkeit klar, da� er in der Dunkelheit und in seiner Verwirrung irgendeine Abzweigung verpa�t haben mu�te und sich nun wie auf einer Wendeltreppe in einen Abgrund hinabbewegte, aus dem es kein Entkommen gab.</p><empty-line/><p>Er war schon so lange weitergestapft, so vielen Kehren und Windungen gefolgt, da� der Gedanke an die schmale rote Linie auf Morgenes' altem Pergament l�ngst seinen Sinn verloren hatte. In diesen engen Wurml�chern, die einem die Luft abschn�rten, gab es nichts, das auch nur entfernte �hnlichkeit mit einer Treppe besa�. Selbst der gl�hende Kristall begann langsam zu flackern. Erneut verlor Simon die Kontrolle �ber die Stimmen, die ihn in den irren Schatten umzingelten wie eine gr�lende Menge.</p><p><emphasis>Dunkel, und es wird immer dunkler. Dunkel, und es wird immer, immer dunkler.</emphasis></p><p><emphasis>Legen wir uns doch ein bi�chen hin. Wir wollen schlafen, nur eine kleine Weile, schlafen�</emphasis></p><p><emphasis>Der K�nig hat ein Tier in sich, und Pryrates ist sein W�rter �</emphasis></p><p><emphasis>�Gott segne dich, Junge�, hat Morgenes zu dir gesagt. Er kannte deinen Vater. Er bewahrte Geheimnisse.</emphasis></p><p><emphasis>Josua geht nach Naglimund. Dort scheint Tag und Nacht die Sonne. In Naglimund essen sie s��en Rahm und trinken klares, leuchtendes Wasser.</emphasis></p><p><emphasis>Die Sonne ist hell. Hell und hei�. Es ist hei�. Warum?</emphasis></p><p>Der feuchte Tunnel war pl�tzlich sehr warm. Simon stolperte weiter, hoffnungslos �berzeugt davon, da� es das erste Fieber des Spinnengiftes war, das er jetzt sp�rte. Er w�rde in der Dunkelheit sterben, der schrecklichen Dunkelheit. Nie wieder w�rde er die Sonne sehen, nie wieder ihr�</p><p>Die W�rme schien sich in seine Lungen zu dr�ngen. Es wurde tats�chlich hei�er!</p><p>Stickige Luft umflo� ihn, klebte ihm das Hemd an die Brust und die Haare an die Stirn. Einen Augenblick durchzuckte ihn noch st�rkere Panik.</p><p><emphasis>Bin ich im Kreis gelaufen? Bin ich stundenlang weitergelaufen, nur um wieder vor den Ruinen von Morgenes' Zimmer zu stehen, vor den verbrannten, schwarzverkohlten Resten seines Daseins?</emphasis></p><p>Aber das war nicht m�glich. Er war st�ndig abw�rts gegangen und nie weiter nach oben gestiegen, als f�r einen Augenblick ebenen Gehens erforderlich. Warum war es dann so hei�?</p><p>In ihm stieg unwiderstehlich die Erinnerung an eine von Shem Pferdeknechts Geschichten auf, eine Erz�hlung vom jungen Priester Johan, der durch die Finsternis auf eine ungeheure, br�tende Hitze zuwanderte � auf den Drachen Shurakai in seiner H�hle unter der Burg � <emphasis>dieser</emphasis> Burg.</p><p><emphasis>Aber der Drache ist tot! Ich habe seine Knochen ber�hrt, einen gelben Sessel im Thronsaal. Es gibt keinen Drachen mehr</emphasis> � kein schlafloses, tiefatmendes rotes Unget�m von der Gr��e des Turnierplatzes, das mit Klauen wie Schwertern und einer Seele, so alt wie die Steine von Osten Ard, in der Dunkelheit lauert � <emphasis>der Drache ist tot</emphasis>.</p><p>Aber hatten Drachen denn keine Br�der? Und was war das f�r ein Ger�usch? Dieses dumpfe, grollende Br�llen?</p><p>Die Hitze war dr�ckend, die Luft dick von bei�endem Rauch. Simons Herz lag wie ein stumpfer Bleiklumpen in seiner Brust. Der Kristall begann zu verblassen, als breite Streifen r�tlichen Lichts das schw�chere Strahlen der Kugel ausl�schten. Der Tunnel wurde flach, kr�mmte sich jetzt weder nach rechts noch nach links, sondern f�hrte �ber eine lange, verwitterte Galerie zu einem gew�lbten T�rbogen hinunter, in dem ein flackernder, orangeroter Schein tanzte. Obwohl ihm der Schwei� das Gesicht hinunterlief, fing Simon an zu zittern. Die T�r zog ihn magisch an.</p><p><emphasis>Dreh dich um und lauf, Mondkalb!</emphasis></p><p>Er konnte nicht. Jeder Schritt kostete M�he, aber er kam n�her. Endlich hatte er den Bogen erreicht und steckte �ngstlich den Kopf durch den Rahmen des Portals.</p><p>Es war eine riesige H�hle, in zuckendes Licht getaucht. Die Felsw�nde schienen geschmolzen zu sein und sich dann abgesetzt zu haben wie Wachs am Fu� einer Kerze, der Stein in langen, senkrechten Tropfrinnen gegl�ttet. Sekundenlang weiteten sich Simons vom Licht geblendeten Augen vor Staunen: am anderen Ende der H�hle kniete �ber ein Dutzend schwarzer Gestalten vor der Gestalt � <emphasis>eines ungeheuren feuerspeienden Drachen!</emphasis></p><p>Gleich darauf erkannte er seinen Irrtum. Die Riesengestalt<emphasis>,</emphasis> die sich an die Steinwand duckte, war ein gewaltiger Ofen. Die schwarzgekleideten Figuren f�tterten seinen flammenden Schlund mit Holzscheiten. <emphasis>Die Gie�erei. Die Schmelzh�tte der Burg!</emphasis></p><p>�berall in der H�hle waren dick vermummte und mit T�chern maskierte M�nner damit besch�ftigt, Kriegsger�t zu schmieden. Schwere Eimer mit gl�hendem Fl�ssigeisen wurden an langen Stangen aus den Flammen gezogen. Geschmolzenes Metall sprang zischend in die H�he, w�hrend es in die Gu�formen rann, und �ber der st�hnenden Stimme des Hochofens hallte das Klingen der H�mmer auf den Ambossen.</p><p>Simon schrak von der T�r zur�ck. Einen Herzschlag lang hatte er sich nach vorn springen und auf die M�nner zust�rzen sehen. Denn es waren Menschen, trotz ihrer sonderbaren Kleidung. In diesem kurzen Augenblick war es ihm vorgekommen, als g�be es nichts Schlimmeres als den dunklen Tunnel und die Stimmen � aber Simon wu�te es besser. Glaubte er denn wirklich, die M�nner aus der Gie�erei w�rden ihn entkommen lassen? Bestimmt kannten sie nur einen Weg aus der flammenden H�hle: nach oben, zur�ck in Pryrates' Klauen � sofern er die H�lle in Morgenes' Wohnung �berlebt hatte �, oder zu Elias' brutaler Rechtspflege.</p><p>Simon hockte sich hin, um seine Gedanken zu ordnen. Der L�rm des Ofens und sein eigener schmerzender Kopf machten es ihm schwer. Er konnte sich nicht erinnern, auf dem letzten Wegst�ck an Quertunneln vorbeigekommen zu sein. An der gegen�berliegenden Wand der Gie�ereih�hle war etwas zu erkennen, das wie eine Reihe von L�chern aussah; vielleicht lagen dort nur Lagerr�ume �</p><p><emphasis>Oder Verliese.</emphasis></p><p>� aber es erschien ebenso wahrscheinlich, da� noch andere Wege in diese Kammer hinein- und hinausf�hrten. Jetzt wieder in den Tunnel zur�ckzukehren, kam ihm t�richt vor.</p><p><emphasis>Feigling! K�chenjunge!</emphasis></p><p>Wie bet�ubt schwankte er unentschieden auf schmalem Grat. Zur�ckgehen und durch dieselben dunklen, von Spinnen verpesteten Tunnel laufen, jetzt, da sein einziges Licht dem Verl�schen entgegenflackerte � oder sich einen Weg durch die br�llende H�lle der Gie�ereiebene suchen � und von dort � wer konnte das wissen? Wof�r sollte er sich entscheiden?</p><p><emphasis>K�nig-unter-der-Erde wird er sein, Herr der weinenden Schatten!</emphasis></p><p><emphasis>Nein, sein Volk ist fort, la�t ihn in Ruhe!</emphasis></p><p>Er schlug sich kr�ftig auf den Sch�del, um die schrecklichen Stimmen zu verscheuchen.</p><p><emphasis>Wenn ich schon sterben mu�,</emphasis> beschlo� Simon endlich und ri� die Herrschaft �ber sein jagendes Herz wieder an sich, <emphasis>dann soll es wenigstens im Licht geschehen.</emphasis></p><p>Vorgebeugt, mit pochendem Kopf, starrte er auf den Schimmer der Kristallkugel in seiner hohlen Hand. Noch w�hrend er darauf schaute, erstarb das Licht, kehrte dann aber bebend zu unsicherem Leben zur�ck. Simon lie� die Kugel in die Tasche gleiten.</p><p>Die Hochofenflamme und die dunklen Gestalten, die sich davor bewegten, warfen pulsierende Streifen in Rot, Orange und Schwarz an die Wand. Simon sprang aus dem Schutz der Dunkelheit hinaus und duckte sich neben die nach unten f�hrende Rampe. Sein n�chstes Versteck sollte ein sch�biges Gebilde aus Ziegeln sein, etwa f�nfzehn oder zwanzig Ellen von der Stelle entfernt, an der er kauerte. Es war ein nicht mehr benutzter Brenn- oder Schmelzofen am �u�ersten Rand der Kammer. Simon holte ein paarmal tief Atem und hastete darauf zu, halb rennend, halb kriechend. Sein Kopf schmerzte von der Bewegung, und als er den massigen Ofen erreicht hatte, mu�te er erst einmal das Gesicht zwischen die Knie klemmen, bis die schwarzen Flecken verschwunden waren. Das rauhe R�hren des Hochofens hallte in seinem Kopf wie Donner und brachte mit seinem schmerzhaften Get�se selbst Simons Stimmen zum Verstummen.</p><p>Von dunklem Fleck zu dunklem Fleck suchte er sich seinen Weg, kleine Inseln d�sterer Sicherheit im Ozean aus Rauch und rotem L�rm. Die Gie�ereiarbeiter blickten nicht auf und entdeckten den Eindringling nicht; kaum, da� sie untereinander ein Wort wechselten. Der ohrenbet�ubende Krach beschr�nkte ihre Mitteilungen auf ausholende Geb�rden, wie bei Gepanzerten im Chaos der Schlacht. Ihre Augen, reflektierende Lichtpunkte �ber den Tuchmasken, schienen nur auf ein einziges Ding zu starren: das helle, unwiderstehliche Leuchten des gl�henden Eisens. Wie die rote Kartenlinie, die sich noch immer durch Simons Erinnerung schl�ngelte, war das strahlende Metall �berall und immer gleich wie das magische Blut eines Drachen. Hier pl�tscherte es �ber den Rand eines Fasses, Tropfen wie Edelsteine verspr�hend; dort wand es sich �ber den Felsen, um zischend in einen T�mpel brackigen Wassers zu rinnen. Aus Eimern leckten gro�e, wei�gl�hende Zungen und tauchten die dick eingepackten Gie�er in d�monisches Scharlachrot. Kriechend, huschend, bewegte sich Simon langsam am Rand der Schmelzh�hle entlang, bis er zu der n�chsten Rampe kam, die aus ihr hinausf�hrte. Die dr�ckende, atmende Hitze und sein sinkender Mut dr�ngten ihn, dort hinaufzuklettern; aber die gestampfte Erde der Rampe zeigte ein tiefes, sich immer wieder kreuzendes Gekritzel von Karrenr�dern. Diese T�r wurde viel benutzt. Seine Gedanken kamen unklar und tr�ge, doch sagten sie ihm, hier sollte er es lieber nicht versuchen.</p><p>Endlich gelangte er an eine Einm�ndung in der H�hlenwand, die ohne Rampe war. Es kostete ihn M�he, den glatten � vom Feuer geschmolzenen? <emphasis>vom Drachen geschmolzenen? �</emphasis> Felsen hinaufzuklettern, aber seine versagende Kraft reichte noch aus, ihn �ber den Rand zu ziehen. Gleich dahinter brach er im sch�tzenden Schatten zusammen und lag der L�nge nach am Boden. Die Kugel, die er aus der Tasche genommen hatte, gl�hte in seiner Hand so schwach wie ein Gl�hw�rmchen in der Falle.</p><empty-line/><p>Als er wieder wu�te, wer er war, merkte er, da� er kroch.</p><p><emphasis>Wieder auf den Knien, Mondkalb?</emphasis></p><p>Die Schw�rze war fast vollst�ndig, und Simon kroch blind in die Tiefe. Der Tunnelboden unter seinen H�nden war trocken und sandig. Lange, lange Zeit kroch er so weiter; selbst die Stimmen begannen zu klingen, als bedauerten sie ihn.</p><p><emphasis>Simon verirrt � verirrt � irrt � irrt�</emphasis></p><p>Nur die langsam abnehmende Hitze best�tigte ihm, da� er sich tats�chlich vom Fleck r�hrte � aber wohin? Worauf zu? Wie ein verwundetes Tier schleppte Simon sich weiter, durch undurchdringlichen Schatten abw�rts, immer abw�rts. W�rde er weiterkriechen bis zum Mittelpunkt der Erde?</p><p>Huschende, vielbeinige Wesen unter seinen Fingern erregten ihn nicht mehr. Die Dunkelheit war vollst�ndig, in ihm und um ihn. Er f�hlte sich beinahe k�rperlos, ein B�ndel ver�ngstigter Gedanken, das es in die r�tselhafte Erde hinunterzog.</p><empty-line/><p>Irgendwo, irgendwann sp�ter begann die dunkel gewordene Kugel, die er schon so lange umklammert hielt, da� sie ein Teil seines K�rpers geworden zu sein schien, wieder zu gl�hen, dieses Mal in einem sonderbaren Azurlicht. Aus einem Kern von pulsierendem Blau wuchs dieses Licht, bis Simon die Augen zusammenkneifen mu�te. Langsam richtete er sich auf und blieb keuchend stehen. H�nde und Knie, frei von der Ber�hrung des Sandes, prickelten.</p><p>Die Tunnelw�nde waren mit schwarzfasrigen Gew�chsen bedeckt, wirr wie ungek�mmte Wolle, aber in den verschlungenen Str�hnen gl�nzten schimmernde Flecke, in denen das neu erbl�hte Licht sich spiegelte. Simon humpelte n�her, um nachzuschauen, und zog mit schwachem, angewidertem Schnauben die Hand zur�ck, als er das schmierigschwarze Moos ber�hrte. Etwas von seiner Pers�nlichkeit war mit dem Licht zu ihm zur�ckgekehrt, und w�hrend er schwankend dastand, dachte er an alles, durch das er hindurchgekrochen war, und zitterte.</p><p>Die Wand unter dem Moos war mit einer Art Kacheln verkleidet, an vielen Stellen abgesplittert und rissig, an anderen g�nzlich verschwunden, so da� die stumpfe Erde zu sehen war. Hinter ihm f�hrte der Tunnel abw�rts. Die ausgetretene Spur, in der er gekommen war, endete dort, wo er stand. Vor ihm f�hrte der Weg weiter ins Dunkle. Er w�rde versuchen, eine Weile aufrecht weiterzugehen.</p><p>Bald weitete sich der Gang. Die gew�lbten Eing�nge zu Dutzenden anderer Korridore m�ndeten auf den Gang, in dem er sich fortbewegte. Meist waren sie mit Erde und Steinen angef�llt. Bald gab es auch Steinplatten unter seinen unsicheren F��en, unebene, zerbrochene Steine, in denen sich das Licht der Kugel seltsam schillernd widerspiegelte. Nach und nach hob sich die Decke �ber ihm aus der Reichweite des blauen Lichtes. Und immer noch f�hrte der Gang tiefer in die Erde hinein. �ber ihm in der Leere flatterte etwas, das wie der Fl�gelschlag ledriger Schwingen klang.</p><p><emphasis>Wo bin ich jetzt? Kann der Hochhorst so tief hinabreichen? Der Doktor hat von Burgen unter Burgen erz�hlt, bis ganz unten im Gebein der Welt. Burgen unter Burgen � unter Burgen�</emphasis></p><p>Ohne es zu merken, hatte er angehalten und sich einem der Querg�nge zugewendet. Irgendwo in seinem Kopf sah er sich selbst und was f�r ein Bild er abgeben mu�te: zerlumpt, mit Erde verschmiert und mit dem Kopf wackelnd wie ein Bl�dsinniger.</p><p>Die �ffnung vor ihm war unversperrt. Ein eigenartiger Duft nach getrockneten Blumen schwebte in dem dunklen Bogen. Simon machte einen Schritt vorw�rts und fuhr sich mit dem Arm, der sich wie schweres, nutzloses Fleisch anf�hlte, �ber den Mund. Mit der anderen Hand hielt er die Kristallkugel in die H�he.</p><p><emphasis>� Wunderbar! Ein wunderbarer Ort!</emphasis></p><p>Es war ein Zimmer, vollkommen im blauen Schein, so vollkommen, als sei es eben erst verlassen worden. Die hochgew�lbte Decke zierte ein Gitterwerk feingemalter Linien, ein Muster, das an ein Dornengeb�sch erinnerte, an bl�hende Ranken oder ein Labyrinth aus tausend Wiesenb�chen. Die runden Fenster waren unter Ger�ll begraben; Erde war hereingefallen und auf den Fliesenboden gerieselt. Alles andere jedoch schien unber�hrt. Ein Bett stand dort � ein Wunder aus kunstvoll geschwungenem Holz � und ein Stuhl, so fein wie Vogelknochen. Mitten im Raum gab es ein Wasserbecken aus poliertem Stein, das aussah, als k�nnte es sich jeden Augenblick mit pl�tscherndem Na� f�llen.</p><p><emphasis>Ein Heim f�r mich. Ein Zuhause unter der Erde. Ein Bett zum Schlafen, zum Schlafen und immer noch Schlafen, bis Pryrates und der K�nig und die Soldaten alle nicht mehr da sind�</emphasis></p><p>Ein paar schleppende Schritte, und er stand vor dem Bett, einem Lager so rein und fleckenlos wie die Segel der Gesegneten. Aus einer Nische dar�ber starrte ein Gesicht auf ihn herunter, das herrliche, kluge Frauengesicht eines Standbildes. Aber irgend etwas stimmte nicht daran: Die Linien waren zu eckig, die Augen zu tiefliegend und weit, die Backenknochen hoch und scharf. Trotzdem war es ein Antlitz von gro�er Sch�nheit, eingefangen in durchsichtigem Stein, f�r immer in traurigem, wissendem L�cheln erstarrt.</p><p>Als er die Hand ausstreckte, um ganz sanft die gemei�elte Wange zu ber�hren, stie� er mit dem Schienbein gegen den Bettrahmen, eine Ber�hrung, so leicht wie ein Spinnenschritt, doch � das Bett zerfiel zu Staub. Gleich darauf, w�hrend er es noch voller Grauen anstarrte, l�ste sich die B�ste in der Nische unter seinen Fingerspitzen in feine Asche auf. In einem einzigen Augenblick schmolzen die Z�ge der Frau. Simon machte einen ungeschickten Schritt zur�ck, das Licht der Kugel flackerte grell auf und verlosch dann bis auf ein tr�bes Gl�nzen. Der Aufprall seines Fu�es auf dem Boden lie� den Stuhl und den zierlichen Brunnen zusammenfallen, Sekunden sp�ter begann auch die Decke herunterzurieseln, und die verschlungenen Zweige zerbr�ckelten zu feinem Staub. Die Kugel flackerte, als Simon auf die T�r zutaumelte, und als er mit einem Satz in den Gang hinaussprang, erl�schte das blaue Licht langsam.</p><p>Wieder stand er im Dunkeln. Er h�rte jemanden weinen. Nach einer langen Minute setzte er sich stolpernd wieder in Bewegung, tiefer hinein in die unendlichen Schatten, und er wunderte sich, wer da noch Tr�nen �brig haben konnte und sie nun vergo�.</p><empty-line/><p>Das Vergehen der Zeit war zu etwas geworden, das nur noch aus pl�tzlichen Ausbr�chen und erschrecktem Zusammenfahren bestand. Irgendwo hatte Simon die erloschene Kugel fallenlassen, die nun in der ewigen Dunkelheit lag wie eine Perle in den schw�rzesten Gr�ben des geheimen Meeres. In einem letzten gesunden Bereich seiner streunenden Gedanken, die jetzt kein Band aus Licht mehr fesselte, wu�te er, da� er immer noch tiefer nach unten stieg.</p><p><emphasis>Nach unten. In den Abgrund. Nach unten.</emphasis></p><p><emphasis>Wohin? Zu was?</emphasis></p><p><emphasis>Von Schatten zu Schatten, wie K�chenjungen sich immer fortbewegen.</emphasis></p><p><emphasis>Totes Mondkalb. Geistermondkalb�</emphasis></p><p><emphasis>Treiben � dahintreiben �</emphasis> Simon dachte an Morgenes, wie sich sein sch�tterer Bart in den Flammen gekr�uselt hatte, dachte an den gl�nzenden Kometen, der rot und b�se auf den Hochhorst heruntergeblickt hatte � dachte an sich selber, wie er durch die R�ume aus schwarzem Nichts nach unten fiel � hinaufstieg? � wie ein kleiner, kalter Stern. Dahintreiben�</p><p>Die Leere war vollst�ndig. Die Finsternis, zuerst nur das Fehlen von Licht und Leben, begann eigene Eigenschaften anzunehmen: enges, w�rgendes Dunkel, wenn die Tunnel schmaler wurden und Simon �ber Halden von Ger�ll und ineinander verstrickten Wurzeln klettern mu�te; oder die hohe, luftige Dunkelheit unsichtbarer Gem�cher, erf�llt vom pergamentenen Rascheln der Fledermausfl�gel. W�hrend er sich den Weg durch diese riesenhaften unterirdischen Galerien ertastete und auf seine eigenen ged�mpften Schritte und das zischende Herunterprasseln von Erde, die sich von den W�nden gel�st hatte, lauschte, verschwand jeder letzte Rest von Ortssinn. Nach allem, was er wu�te, h�tte er genausogut senkrecht die Wand hinaufgehen oder �ber die Decken laufen k�nnen wie eine Fliege. Es gab weder rechts noch links; wenn seine Finger wieder auf feste W�nde und T�ren, die in andere Tunnel f�hrten, stie�en, tastete er sich sinnlos weiter durch noch mehr beengte Durchl�sse und in andere fledermausquiekende, unerme�liche Katakomben.</p><p><emphasis>Geist eines Mondkalbs!</emphasis></p><p>�berall roch es nach Wasser und Stein. Sein Geruchssinn und ebenso sein Geh�r schienen in der blinden, schwarzen Nacht sch�rfer geworden zu sein, und w�hrend er sich m�hsam immer weiter abw�rts tastete, �berschwemmten ihn die Ger�che dieser mittern�chtlichen Welt � feuchte, lehmige Erde, fast so �ppig wie Brotteig, und der milde und doch rauhe Duft der Felsen. Er schwamm in den bebenden, atmenden Ger�chen von Moos und Wurzeln, der gesch�ftigen, s��en F�ulnis winziger Wesen, die lebten und starben. Und �ber allem schwebte, alles durchdringend und alles komplizierend, die saure, mineralische Sch�rfe von Seewasser.</p><p>Seewasser? Augenlos horchte er, jagte die dr�hnenden T�ne des Ozeans. Wie tief war er gekommen? Alles, was er vernahm, waren die Scharrger�usche winziger Wesen und sein eigenes, sto�weises Atmen. Hatte er sich noch unter den Grund des Kynslagh gebohrt?</p><p>Dort! Aus noch gr��erer Tiefe erklangen schwache, melodische T�ne. Tropfendes Wasser. Die W�nde waren feucht.</p><empty-line/><p><emphasis>Du bist tot, Simon Mondkalb. Ein Geist, dazu verdammt, in einer Leere zu spuken.</emphasis></p><p><emphasis>Es gibt kein Licht. Nie hat es etwas Derartiges gegeben. Riechst du die Dunkelheit? H�rst du das Echo des Nichts? So war es stets.</emphasis></p><p>Alles, was er noch hatte, war die Furcht, aber immerhin war das etwas � er f�rchtete sich, also lebte er! Da war die Finsternis, aber da war auch Simon! Und die beiden waren nicht dasselbe. Noch nicht. Nicht ganz�</p><p>Und da, so langsam, da� er die Ver�nderung lange Zeit �berhaupt nicht bemerkte, kam das Licht wieder. Es war ein so schwaches, tr�bes Licht, da� es zuerst weniger hell war als die farbigen Punkte, die vor seinen nutzlosen Augen tanzten. Dann sah er etwas Unheimliches vor sich, eine schwarze Gestalt, einen noch schw�rzeren Schatten. Ein Klumpen sich windender W�rmer? Nein � Finger � eine Hand � <emphasis>seine</emphasis> Hand! Vor ihm zeichneten sich ihre Umrisse ab, in matten Schein geh�llt.</p><p>Die eng aneinander geneigten Tunnelw�nde waren dick mit verschlungenem Moos bewachsen, und dieses Moos war es, das leuchtete � ein bleicher, gr�nwei�er Schimmer, der gerade genug Helligkeit spendete, da� Simon die schw�rzere Dunkelheit des Tunnels vor sich und den das Licht verdeckenden Schatten der eigenen H�nde und Arme erkennen konnte. Aber es war Licht! Licht! Simon lachte tonlos, und seine nebelhaften Schatten h�pften kreuz und quer durch den Gang.</p><p>Der Tunnel m�ndete in eine weitere offene Galerie. Als Simon aufsah und �ber das Sternbild aus leuchtenden Moosen staunte, das an der weit entfernten Decke spro�, f�hlte er einen kalten Wassertropfen am Hals. Langsam tropfte noch mehr Wasser von oben herunter, und jeder Tropfen prallte mit dem Ger�usch eines winzigen H�mmerchens, das gegen Glas klopft, unten auf den Fels. Die gew�lbte Kammer war voll von hohen Steins�ulen, dick an beiden Enden, schmal in der Mitte; manche besa�en nur die Breite eines Haares und erinnerten an Honigf�den. W�hrend Simon sich m�hsam weiterschleppte, wurde ihm in einem entfernten Winkel seines zermarterten Kopfes klar, da� das meiste hier das Werk von Stein und Tropfwasser war, nicht die Arbeit schaffender H�nde. Aber dennoch erschienen Linien im D�mmerlicht, die nicht nat�rlich wirkten: rechtwinklige Spalten in den moos�berwuchterten W�nden, zerst�rte Pfeiler, die sich allzu regelm��ig, um zuf�llig zu sein, zwischen den Stalagmiten erhoben. Simon war im Begriff, einen Ort zu durchqueren, der einmal etwas anderes gekannt hatte als den unaufh�rlichen Rhythmus von Wasser, das in steinerne T�mpel tropft. Einst war das Echo anderer Schritte hier erklungen; aber dieses �einst� hatte nur dann eine Bedeutung, wenn die Zeit noch eine Schranke darstellte. Simon war nun so lange in der Dunkelheit herumgekrochen, da� er vielleicht bis in die neblige Zukunft oder die d�stere Vergangenheit vorgesto�en war � oder in unerforschte Reiche des Wahnsinns, wie sollte er das noch wissen?</p><p>Simon wollte auftreten und f�hlte einen Augenblick erschreckender Leere. Er st�rzte in kalte, nasse Schw�rze. Im Fallen ber�hrten seine H�nde die gegen�berliegende Seite, und das Wasser erwies sich als nur knietief. Er meinte, ein Klauenwesen zu f�hlen, das sein Bein umklammerte, als er sich mit einem Ruck wieder in den Gang hinaufzog und vor mehr als nur K�lte zitterte.</p><p><emphasis>Ich will nicht sterben. Ich will die Sonne wiedersehen!</emphasis></p><p><emphasis>Armer Simon,</emphasis> antworteten seine Stimmen. <emphasis>Verr�ckt in der Dunkelheit. Verr�ckt.</emphasis></p><p>Triefend und frierend hinkte er durch die gr�nlich glimmende Kammer und achtete sorgf�ltig auf schwarze Leere, die n�chstes Mal vielleicht nicht so seicht sein w�rde. Rosig und wei� schimmernde matte Blitze zuckten in den L�chern hin und her, wenn er dar�ber hinwegstieg oder sie vorsichtig umging. Fische? Leuchtende Fische in den Tiefen der Erde?</p><p>Nun, da eine gro�e Kammer in die n�chste und wieder eine andere m�ndete, wurden die Umrisse von Hand gefertigter Dinge unter dem Mantel aus Moos und Steinsinter immer deutlicher. Im tr�ben Halblicht zeigten sich wunderliche Silhouetten: zerbr�ckelte Querstreben, die einst Balkone gewesen sein mochten, bogenf�rmige Vertiefungen, verfilzt von blassem Moos, die Fenster gewesen sein konnten oder Tore. Als er versuchte, mit schmalen Augen in der fast v�lligen Dunkelheit Einzelheiten wahrzunehmen, kam es ihm pl�tzlich so vor, als verschiebe sich sein Sehfeld um ein weniges zur Seite � die �berwucherten Formen, schattenerstickt, schienen gleichzeitig in den Umrissen zu flackern, die sie einst getragen hatten. Aus dem Augenwinkel sah er, wie eine der geborstenen S�ulen, die die Galerie einfa�ten, auf einmal wieder aufrecht stand � ein gl�nzendwei�es Gebilde, in das anmutige Blumengirlanden gemei�elt waren. Als er sich umdrehte, um sie anzustarren, hatte sie sich wieder in einen zerbrochenen Steinhaufen verwandelt, fast v�llig bedeckt mit Moos und heruntergefallener Erde. Die tiefe D�sternis der Kammern verzerrte sich an den R�ndern seines Blickfeldes auf verr�ckte Weise, und in seinem Kopf h�mmerte es. Das unaufh�rliche Ger�usch des fallenden Wassers begann sich anzuf�hlen wie Schl�ge auf sein schwindliges Hirn. Schnatternd kehrten seine Stimmen zur�ck wie von wilder Musik erregte Festg�ste.</p><p><emphasis>Verr�ckt! Der Junge ist verr�ckt!</emphasis></p><p><emphasis>Habt Mitleid, er ist verirrt, verwirrt, verirrt!</emphasis></p><p><emphasis>Wir holen es uns wieder, Menschenkind! Wir holen es uns alles wieder!</emphasis></p><p><emphasis>Verr�cktes Mondkalb!</emphasis></p><p>Und als er einen neuen absch�ssigen Tunnel hinunterstieg, begann Simon noch andere Stimmen im Kopf zu h�ren, Stimmen, die vorher noch nicht dagewesen waren, und die in gewisser Weise zugleich wirklicher und weniger wirklich waren als die, die ihn schon so lange und unerw�nscht begleiteten. Einige von ihnen riefen in Sprachen, die er nicht kannte � sofern er ihnen nicht vielleicht in den uralten B�chern des Doktors begegnet war.</p><p><emphasis>Ruakha, ruakha Asu'a!</emphasis></p><p><emphasis>T'si e-isi'ha as-irigu!</emphasis></p><p><emphasis>Die B�ume brennen! Wo ist der Prinz? Der Hexenwald steht in Flammen, die G�rten brennen!</emphasis></p><p>Um Simon verzerrte sich das Halbdunkel und kr�mmte sich, als st�nde er im Mittelpunkt eines sich drehenden Rades. Er machte kehrt und stolperte blindlings in einen Gang und von dort in einen weiteren hohen Saal, den gequ�lten Kopf mit beiden H�nden festhaltend. Hier herrschte ein anderes Licht: D�nne blaue Strahlen tasteten sich durch Risse in der unsichtbaren Decke, ein Licht, das die Dunkelheit durchdrang, aber dort, wo es einfiel, nichts beleuchtete. Simon roch noch mehr Wasser und fremdartigen Pflanzenwuchs; er h�rte M�nner umherrennen und schreien, weinende Frauen und das Klirren von Metall auf Metall. In der seltsamen Beinah-Schw�rze tobte �berall der L�rm einer furchtbaren Schlacht, ohne ihn selbst jedoch mit einzubeziehen. Er schrie auf � oder glaubte es wenigstens �, konnte aber seine eigene Stimme nicht h�ren, nur das gr��liche Get�se in seinem Kopf.</p><p>Dann, wie um seinen l�ngst feststehenden Wahnsinn zu best�tigen, begannen in der von blauen Lanzenstichen durchbohrten Dunkelheit vage Gestalten an ihm vorbeizueilen, b�rtige M�nner mit Fackeln und �xten, die andere, schlanker gebaute mit Schwertern und Bogen hetzten. Alle, Verfolger und Verfolgte, waren durchsichtig und vage wie Nebel. Keiner ber�hrte oder bemerkte Simon, obgleich er mitten unter ihnen stand.</p><p><emphasis>Jingizu! Aya'ai! O Jingizu!</emphasis> kam ein klagender Ruf.</p><p><emphasis>T�tet die Sithi-D�monen!</emphasis> schrien rauhere Stimmen. Legt Feuer an ihr Nest!</p><p>Seine H�nde, fest �ber die Ohren gelegt, konnten die Stimmen nicht fernhalten. Simon taumelte weiter und versuchte dabei, den vor�berwirbelnden Gestalten auszuweichen. Er fiel durch eine T�r�ffnung und landete auf einem flachen Absatz aus gl�nzendem, wei�em Stein.</p><p>Unter seinen H�nden f�hlte er Moospolster, aber seine Augen sahen nichts als polierte Gl�tte. Er kroch auf dem Bauch weiter, immer noch auf der Flucht vor den entsetzlichen Stimmen, die vor Schmerz oder Wut kreischten. Seine Finger f�hlten Risse und Vertiefungen, aber der Stein sah auch jetzt f�r ihn so fehlerlos aus wie Glas. Er erreichte den Rand und starrte auf ein gro�es, ebenes Feld aus schwarzer Leere, das nach Zeit und Tod und dem geduldigen Ozean roch. Ein unsichtbarer Kiesel rollte unter seiner Hand fort und fiel dann lange Augenblicke lautlos in die Tiefe, bis es weit unter ihm aufspritzte.</p><p>Neben Simon schimmerte etwas Gro�es, Wei�es. Er hob den schweren, schmerzenden Kopf vom Rand des dunklen Teiches und sah auf. Nur ein paar Zoll von der Stelle, an der er lag, sprangen die untersten Stufen einer riesigen Steintreppe vor, einer nach oben schwingenden Spirale, die anstieg, an der H�hlenwand hinaufkletterte, dabei den unterirdischen See umkreiste und endlich oben in der Dunkelheit verschwand. Er rang nach Luft, als eine dr�ngende, bruchst�ckhafte Erinnerung das Get�se in seinem Kopf durchbrach.</p><p><emphasis>Treppe. Die Tan'ja-Treppe. Der Doktor hat gesagt, such die Treppe.</emphasis></p><p>Er krallte sich fest, zog sich an dem k�hlen, polierten Stein hoch und wu�te, da� er unrettbar irrsinnig war oder gestorben und in einer furchtbaren Unterwelt gefangen. Er war unter der Erde, wo sie am finstersten war: Dort konnte es keine Stimmen mehr geben, keine gespenstischen Krieger. Und auch kein Licht, das die Stufen vor ihm glei�en lie� wie Alabaster im Mondschein.</p><p>Also kletterte er, schob sich mit bebenden, vor Schwei� schl�pfrigen Fingern die n�chste hohe Stufe hinauf. W�hrend er weiter nach oben stieg, manchmal stehend, manchmal geduckt, sp�hte er �ber den Rand der Stufen. Der schweigende See, ein riesiger Teich aus Schatten, lag am Grund einer gewaltigen kreisf�rmigen Halle, weit gr��er als die Gie�erei. Die Decke erstreckte sich unerme�lich weit hinauf und verlor sich mit den Spitzen der schlanken, sch�nen wei�en S�ulen, die die H�hle s�umten, irgendwo in der Schw�rze. Ein nebliges, zielloses Licht glitzerte auf den meerblauen und jadegr�nen W�nden und fing sich in den Rahmen hochgew�lbter Fenster, hinter denen jetzt ein drohendes Scharlachfeuer flackerte. Inmitten der perlblassen Nebel schwebte eine dunkle, unbestimmte Gestalt �ber dem See. Sie warf einen Schatten aus Wunder und Entsetzen und erf�llte Simon mit unaussprechlichem, mitleidigem Schrecken.</p><p><emphasis>Prinz Ineluki! Sie kommen! Die Nordm�nner kommen!</emphasis></p><p>Als dieser letzte leidenschaftliche Aufschrei von den dunklen W�nden in Simons Sch�del widerhallte, hob die Gestalt in der Mitte der gro�en Halle den Kopf. Rotgl�hende Augen flackerten in ihrem Gesicht und durchschnitten den Nebel wie Fackeln.</p><p><emphasis>Jingizu</emphasis>, hauchte eine Stimme. <emphasis>Jingizu. Soviel Leid.</emphasis></p><p>Das Scharlachlicht loderte auf. Von unten stieg das Geschrei von Tod und Furcht an Simons Ohr wie eine ungeheure Welle. Und mitten darin erhob die dunkle Gestalt einen langen, schlanken Gegenstand, und die wundersame Kammer erbebte, schimmerte wie ein zerbrochenes Spiegelbild und zerflo� im Nichts. Voller Grauen wandte Simon sich ab, als h�tte man ein erstickendes Bahrtuch aus Verlust und Verzweiflung �ber ihn geworfen.</p><p>Etwas war darin. Etwas Sch�nes war unwiederbringlich zerst�rt worden. Eine Welt war hier gestorben, und Simon f�hlte, wie ihr versagender Schrei sich in sein Herz bohrte wie ein graues Schwert. Die furchtbare Trauer, die ihn zerri�, vertrieb selbst die verzehrende Angst und zwang schmerzhafte, schaudernde Tr�nen aus Brunnen, die l�ngst h�tten ausgetrocknet sein sollen. Simon umarmte die Dunkelheit und taumelte weiter die endlose Treppe hinauf, die sich um die ungeheure Kammer schlang. Schatten und Schweigen verschluckten die Traumschlacht und die Traumhalle unter ihm und tauchten ihn in ein schwarzes Leichentuch, um sein fieberndes Hirn zu verh�llen.</p><empty-line/><p>Unter seiner blinden Ber�hrung verging eine Million Stufen. Eine Million Jahre glitt an ihm vorbei, und er stapfte durch die Leere und ertrank im Leid.</p><p>Dunkelheit um ihn und Dunkelheit in ihm. Das letzte, das er f�hlte, waren Metall unter seinen Fingern und frische Luft auf dem Gesicht.</p></section><section><title><p>XIV</p><p>Das Feuer auf dem Berg</p></title><p>Simon erwachte in einem langgestreckten, dunklen Raum, rings umgeben von stillen, schlafenden Gestalten. Nat�rlich war alles nur ein Traum gewesen! Er lag in seinem Bett, mitten unter den anderen schlummernden K�chenjungen, und das einzige Licht war ein d�nner Streifen Mondglanz, der durch eine T�rritze hereinglitt. Er sch�ttelte den noch immer schmerzenden Kopf.</p><p><emphasis>Warum schlafe ich denn auf dem Boden? Diese Steine sind so kalt �</emphasis></p><p>Und warum lagen die anderen so reglos da, phantastische Schattenwesen mit Helm und Schild, in ordentlichen Reihen auf ihren Betten aufgebahrt wie � wie Tote, die auf das J�ngste Gericht warten? Es <emphasis>war</emphasis> doch alles nur ein Traum gewesen � oder?</p><p>Mit entsetztem Keuchen kroch Simon von der schwarzen Tunnelm�ndung fort und auf den blauwei�en Spalt in der T�r zu. Die Abbilder der Toten, in starrem Stein auf ihre uralten Grabm�ler gebannt, hinderten ihn nicht. Mit der Schulter stie� er die schwere T�r der Krypta auf und fiel vorn�ber ins hohe, feuchte Gras der Begr�bnisst�tte.</p><p>Nach dem, was ihm dort unten in den dunklen H�hlen wie unz�hlige Jahre vorgekommen war, erschien ihm der runde, elfenbeinerne Mond, der hoch �ber ihm in der Dunkelheit seine Bahn zog, wie ein weiteres Loch, ein Loch, das zu einem k�hlen, von Lampen erhellten Ort hinter dem Himmel f�hrte, einem Land der schimmernden Fl�sse und des Vergessens. Er legte die Wange an die Erde und f�hlte, wie sich die feuchten Halme unter seinem Gesicht bogen. Rechts und links von ihm hatten sich Finger aus vom Zahn der Zeit zernagtem Fels durch das Gef�ngnis des Grases gebohrt oder lagen in lang hingestreckten Bruchst�cken da, vom Mond in knochenwei�es Licht getaucht, namenlos und unger�hrt wie die uralten Toten, deren Gr�ber sie einst bezeichnet hatten.</p><p>In Simons Kopf war die dunkle Spanne der Stunden von den letzten feurigen Augenblicken in der Wohnung des Doktors bis hin zum nachtfeuchten Gras der Gegenwart so unfa�bar wie die beinahe unsichtbaren Wolken, die ihre F�den �ber den Himmel zogen.</p><p>Die lauten Rufe und die grausamen Flammen, Morgenes' brennendes Gesicht, Pryrates' Augen, die wie kleine L�cher in die �u�erste Finsternis f�hrten � sie waren so wirklich wie der Atem, den er gerade ausgesto�en hatte. Der Tunnel war nur ein bereits vergehender, halb vergessener Schmerz, ein Nebel aus Stimmen und leerem Wahnsinn. Er wu�te, da� es dort unten unbehauene W�nde und Spinnweben und sich endlos gabelnde Tunnel gegeben hatte. Ihm war, als h�tte es auch lebhafte Tr�ume von Trauer und dem Tod Sch�ner Wesen gegeben. Alles in allem f�hlte er sich verdorrt wie ein Herbstblatt, zerbrechlich und ohne Kraft. Es kam ihm vor, als sei er zum Schlu� auf allen vieren gekrochen � Knie und Arme jedenfalls taten entsprechend weh, und seine Kleider waren zerrissen �, aber seine Erinnerungen schienen in Dunkel geh�llt. Nichts davon war ganz und gar <emphasis>wirklich.</emphasis> Anders als der Begr�bnisplatz, auf dem er jetzt lag, jener stille Anger des Mondes.</p><p>Hinten im Nacken dr�ngte mit weichen, schweren H�nden der Schlaf. Simon k�mpfte gegen ihn an, richtete sich mit langsamem Kopfsch�tteln auf. Hier konnte er kein Nickerchen machen. Zwar hatte ihn, soweit er das sagen konnte, niemand durch die blockierte T�r im Zimmer des Doktors verfolgt, aber das hatte wenig zu bedeuten. Seine Feinde verf�gten �ber Soldaten und Pferde � und die Autorit�t des K�nigs.</p><p>Furcht und ein nicht geringer Zorn verdr�ngten die M�digkeit. Alles andere hatten sie ihm gestohlen: seine Freunde, sein Zuhause � sie sollten ihm nicht auch noch Leben und Freiheit nehmen. Simon blickte sich vorsichtig um. An den schief stehenden Grabsteinen fand er Halt und wischte sich die Tr�nen der Ersch�pfung und der Angst vom Gesicht.</p><p>In etwa einer halben Meile Entfernung ragte die Stadtmauer von Erchester auf, ein mondbeschienener Steing�rtel, der die schlafenden B�rger von der Begr�bnisst�tte und der Welt hinter ihr trennte. Vor den �u�eren Toren dehnte sich das bleiche Band der Wjeldhelm-Stra�e, das sich zu Simons Rechter langsam nordw�rts in die Berge schl�ngelte und zu seiner Linken den Ymstrecca durch das Ackerland unter dem Swertclif begleitete, vorbei an Falshire am gegen�berliegenden Ufer und endlich weiter in die Grasl�nder des Ostens.</p><p>Es war anzunehmen, da� die St�dte an der gro�en Stra�e die ersten Orte waren, an denen die Erkyngarde einen Fl�chtling suchen w�rde. Zudem f�hrte ein gro�es St�ck der Stra�e durch die H�fe des Hasutals, wo Simon, falls er den Weg verlassen mu�te, nur schwer ein Versteck finden w�rde.</p><p>Also kehrte er Erchester und der einzigen Heimat, die er je gekannt hatte, den R�cken und humpelte von der Begr�bnisst�tte fort und auf die fernen Grash�gel zu. Seine ersten Schritte l�sten einen schmerzhaften Ruck in seinem Hinterkopf aus, aber er wu�te, da� es f�r ihn am besten war, wenn er die Schmerzen an Geist und K�rper noch eine Zeitlang unbeachtet lie� und den Hochhorst lieber so weit wie m�glich hinter sich brachte, solange es noch dunkel war; �ber die Zukunft konnte er sich Sorgen machen, wenn er eine sichere Stelle zum Schlafen gefunden hatte.</p><empty-line/><p>Als der Mond �ber den warmen Himmel der Mitternacht zutrieb, wurden Simons Schritte immer schwerer. Die Begr�bnisst�tte schien kein Ende zu nehmen � tats�chlich hatte der Boden angefangen, sich �ber den sanften Buckeln der �u�eren Grash�gel zu heben und zu senken, w�hrend Simon immer noch durch die verwitterten Steinz�hne wanderte, von denen manche einsam und aufrecht dastanden, andere sich zueinander lehnten wie alte M�nner in greisenhaftem Gespr�ch. Er schl�ngelte sich zwischen eingesunkenen S�ulen durch und stolperte �ber den unebenen, mit kleinen Grasbuckeln �bers�ten Grund. Jeder Schritt wurde Simon zur Anstrengung, als watete er durch tiefes Wasser.</p><p>Torkelnd vor M�digkeit, taumelte er einmal mehr �ber einen versteckten Stein und st�rzte schwer zu Boden. Er wollte aufstehen, aber seine Glieder f�hlten sich an wie nasse Sands�cke. Noch ein kleines St�ck kroch er auf allen vieren weiter, dann rollte er sich auf dem schr�gen Abhang eines grasigen Grabh�gels zusammen. Etwas dr�ckte ihn im R�cken, und er drehte sich ungeschickt zur Seite, was aber kaum weniger unbequem war, weil er nun auf Morgenes' gefaltetem Manuskript lag, das in seinem G�rtel steckte. Die starrenden Augen vor Ersch�pfung halb geschlossen, griff er hinter sich und suchte den urspr�nglichen Stein des Ansto�es. Es war ein St�ck Metall, dick mit Rost bedeckt und durchl�chert wie wurmzernagtes Holz. Er wollte es wegr�umen, aber es steckte im Erdboden fest. Vielleicht war der Rest, woraus auch immer er bestehen mochte, tief im Boden des mondbereiften H�gels in der Erde verankert � eine Speerspitze vielleicht? Die G�rtelschnalle oder Beinschiene irgendeiner Kleidung, deren Eigent�mer l�ngst das Gras n�hrte, auf dem er gelegen hatte? Einen tr�ben Moment dachte Simon an alle die K�rper, die hier tief unter der Erde ruhten, an das Fleisch, das einmal voller Leben gewesen war, nun aber in schweigender Finsternis moderte.</p><p>Als ihn endlich der Schlaf �bermannte, war ihm, als s��e er wieder auf dem Kapellendach. Unter ihm dehnte sich die Burg � aber diese Burg bestand aus feuchtem, br�ckelndem Erdboden und blinden, wei�en Wurzeln. Die Menschen dort schliefen in einem fort und w�lzten sich im Traum unruhig hin und her, wenn sie Simon �ber ihren K�pfen auf dem Dachfirst laufen h�rten�</p><p>Im Augenblick lief er � oder tr�umte es zumindest � einen schwarzen Flu� entlang, der l�rmend pl�tscherte, aber nicht das geringste Licht spiegelte, als best�nde er aus fl�ssigen Schatten. Nebel umwaberte den Jungen, und er konnte von dem Land, durch das er ging, nichts erkennen. In der Finsternis hinter sich vernahm er viele Stimmen; ihr Gemurmel vermischte sich mit der halbverschluckten Stimme des schwarzen Wassers, kam n�her, rauschte wie Wind.</p><p>Weder Nebel noch Dunst verh�llten die andere Seite des Flusses. Das Gras auf dem tieferliegenden Ufer bot sich weit und offen seinem Blick dar; in der Ferne stieg ein d�sterer Erlenhain bis an den Rand der Berge hinauf. Das ganze Land jenseits des Flusses war dunkel und feucht � wie zur Morgen- oder Abendd�mmerung; nach kurzer Zeit wurde ihm deutlich, da� es Abend sein mu�te, denn in den H�geln, die sich nahe an den Flu� lehnten, erklang das ferne, einsame Lied der Nachtigall. Alles schien erstarrt und unver�nderlich.</p><p>Er sp�hte �ber das gurgelnde Wasser und sah am anderen Ufer eine Gestalt am Flu�rand stehen: eine ganz in Grau gekleidete Frau, deren langes, glattes Haar die Schl�fen beschattete; in den Armen hielt sie etwas, das sie eng an sich dr�ckte. Als sie zu ihm aufsah, merkte er, da� sie weinte. Es war ihm, als kenne er sie.</p><p>�Wer bist du?� rief er. Kaum waren die Worte heraus, erstarb seine Stimme, verschlungen vom feuchten Zischen des Flusses.</p><p>Die Frau starrte ihn mit ihren gro�en, dunklen Augen an, als wollte sie sich jeden einzelnen seiner Gesichtsz�ge einpr�gen. Endlich sprach sie.</p><p>�Seoman.� Die Worte kamen wie aus einem langen Gang, matt und hohl. �Warum bist du nicht zu mir gekommen, mein Sohn? Der Wind ist kalt, und ich warte schon so lange.�</p><p>�Mutter?� Simon f�hlte eine tiefe Traurigkeit. Das sanfte Rauschen des Wassers schien �berall zu sein. Die Frau fuhr fort.</p><p>�Wir haben uns so lange nicht gesehen, mein einziges Kind. Warum kommst du nicht zu mir? Warum kommst du nicht und trocknest die Tr�nen deiner Mutter? Der Wind ist kalt, aber der Flu� ist warm und mild. Komm � willst du nicht her�berkommen zu mir?� Sie streckte die Arme aus; der Mund unter den schwarzen Augen �ffnete sich zu einem L�cheln. Simon wollte auf sie zugehen, auf seine verlorene Mutter, die nach ihm rief, stieg das weiche Flu�ufer hinunter zum lachenden schwarzen Flu�. Ihre Arme waren ge�ffnet, f�r ihn � f�r ihren Sohn�</p><p>Und dann sah Simon, was sie in den Armen gewiegt hatte und was jetzt von ihrer ausgestreckten Hand baumelte � es war eine Puppe � eine Puppe aus Schilf und Bl�ttern und geflochtenen Grashalmen. Aber die Puppe war schwarz geworden; die verwelkten Bl�tter rollten sich von den Stielen zur�ck � und pl�tzlich begriff Simon, da� nichts Lebendes diesen Flu� in das Land der D�mmerung �berqueren konnte. Er blieb am Rand des Wassers stehen und blickte hinab.</p><p>Unten im tintenschwarzen Wasser glomm ein schwaches Licht; noch w�hrend er es betrachtete, stieg es nach oben und verwandelte sich in drei schlanke, gl�nzende Gebilde. Das Ger�usch des Flusses ver�nderte sich, wurde zu einer Art prickelnder, unirdischer Musik. Das Wasser h�pfte und brodelte, so da� die wahre Gestalt der drei Dinge nicht zu erkennen war, aber Simon hatte das Gef�hl, wenn er es w�nschte, k�nnte er hinabgreifen und sie ber�hren �</p><p>�Seoman!� rief seine Mutter wieder. Er schaute auf und sah, da� sie sich entfernt hatte, schnell kleiner wurde, als sei ihr graues Land ein Sturzbach, der sie von ihm fortri�. Sie hatte ihre Arme weit ausgebreitet, und ihre Stimme war voll bebender Einsamkeit, voller Lust der K�lte f�r die W�rme und der hoffnungslosen Sehnsucht der Finsternis nach dem Licht.</p><p>�Simon � Simon!� Es war ein verzweifelter Klageruf.</p><empty-line/><p>Der Junge sa� stocksteif im Gras, im Scho� des uralten Steinh�gels. Noch immer stand der Mond hoch am Himmel, aber die Nacht war kalt geworden. Nebelschwaden liebkosten die zerbrochenen Steine, und Simon sa� da, und sein Herz klopfte wie rasend.</p><p>�Simon�� Es war ein fl�sternder Ruf aus der Schw�rze weiter hinten. Tats�chlich, es war eine graue Gestalt mit der Stimme einer Frau, die von der nebelbedeckten Begr�bnisst�tte, durch die er gekommen war, leise nach ihm rief � nur eine winzige, sich heftig bewegende graue Gestalt, ein fernes Flackern im Nebel, der dick am Boden hing, dort zwischen den Grabst�tten. Aber als Simon sie sah, war ihm, als m��te ihm das Herz in der Brust zerspringen. Er rannte quer �ber die Grash�gel davon, rannte, als hetze ihn der Teufel selbst mit gierigen H�nden. Die dunkle Masse des Thisterborgs stand am verh�llten Horizont, auf allen Seiten umgaben ihn die Grash�gel, und Simon rannte und rannte und rannte�</p><p>Tausend jagende Herzschl�ge sp�ter wurde er endlich langsamer und verfiel in einen unregelm��igen Gehschritt. Er h�tte nicht weiterrennen k�nnen, auch wenn er dann wirklich dem Erzd�mon zur Beute gefallen w�re; er war ersch�pft, humpelte und versp�rte einen schrecklichen Hunger. Furcht und Verwirrung hingen an ihm wie ein Mantel aus Ketten; der Traum hatte ihn so ver�ngstigt, da� er sich schw�cher f�hlte als vor seinem Schlaf.</p><p>M�hselig weiterstapfend, die Burg immer im R�cken, f�hlte Simon, wie die Erinnerungen an bessere Zeiten sich aufzul�sen begannen und nur ein paar ganz d�nne F�den �briglie�en, die ihn noch mit der Welt von Sonnenschein, Ordnung und Sicherheit verbanden.</p><p><emphasis>Wie war es damals, wenn ich so auf dem Heuboden lag, in aller Ruhe? Jetzt ist gar nichts mehr in meinem Kopf, nur noch ein Wirrwarr aus Worten. War ich gern in der Burg? Habe ich dort geschlafen, bin ich herumgelaufen, habe ich gegessen und geredet und �?</emphasis></p><p><emphasis>Nein, ich glaube nicht. Ich bin wohl immer unter dem Mond � diesem wei�en Gesicht � durch die Grash�gel gewandert wie der armselige, einsame Geist eines Mondkalbs, gewandert und gewandert �</emphasis></p><p>Das pl�tzliche Aufzucken einer Flamme auf dem Gipfel des Berges unterbrach seine d�steren Phantasien. Schon seit einiger Zeit stieg der Boden st�ndig an, und Simon war fast am Fu� des finsteren Thisterborgs angekommen. Der Mantel des Berges aus hohen B�umen stand als massive, undurchdringliche Wand vor der Dunkelheit der eigentlichen Erhebung. Jetzt leuchtete auf dem Kamm des Berges ein Feuer auf, ein Zeichen des Lebens inmitten der Grash�gel und der Feuchtigkeit �ber Jahrhunderten des Todes. Simon setzte sich in einen langsamen Trab, der das �u�erste war, was er in seiner augenblicklichen Verfassung fertigbrachte. Vielleicht war es ein Hirtenfeuer, ein fr�hlicher Brand, um die Nacht in ihre Schranken zu weisen.</p><p><emphasis>Vielleicht haben sie ja etwas zu essen! Eine Hammelkeule � einen Kanten Brot�</emphasis></p><p>Er mu�te sich vorbeugen. Seine Eingeweide verkrampften sich beim blo�en Gedanken an Essen. Wie lange war es her? Erst seit dem Abendbrot? Erstaunlich, wenn man dar�ber nachdachte.</p><p><emphasis>Und selbst wenn sie nichts zu essen haben, wie herrlich wird es sein, einfach nur Stimmen zu h�ren, sich an einem Feuer zu w�rmen � einem Feuer�</emphasis></p><p>J�h sprang eine Erinnerung an hungrige Flammen vor sein geistiges Auge und brachte eine andere Art von hohlem Gef�hl mit sich.</p><p>Durch B�ume und wirres Gestr�pp kletterte er bergan. Der ganze Fu� des Thisterborgs war von Nebel umwallt, als sei der Berg eine Insel, die sich aus spinnwebgrauem Meer erhob. Simon n�herte sich dem Gipfel und erkannte die roh geformten Gestalten der Zornsteine, die die letzte H�he kr�nten. Rot war ihr Umri� in den Himmel ge�tzt.</p><p><emphasis>Mehr Steine. Steine und noch mehr Steine. Wie hat der Doktor sie genannt, diese Nacht</emphasis> � sofern es wirklich noch derselbe Mond war, dieselbe Dunkelheit dieselben matten Sterne wiegte � <emphasis>wie hat Morgenes sie noch gleich genannt?</emphasis></p><p>Steinigungsnacht!</p><p>Das klang, als ob die Steine selbst sie feierten. Als ob, w�hrend Erchester hinter geschlossenen Fensterl�den und verriegelten T�ren im Schlummer lag, die Steine ein Fest veranstalteten. In seinen m�den Gedanken konnte Simon sie sehen, wie sie gewichtig daherschritten, die feiernden Steine, wie sie sich verbeugten und drehten � sich langsam im Kreis drehten�</p><p><emphasis>Trottel!</emphasis> dachte er. <emphasis>Bist du denn ganz verwirrt im Kopf � was kein Wunder w�re. Du brauchst etwas zu essen und Schlaf, sonst wirst du noch wirklich verr�ckt �</emphasis> was immer das bedeutete: wirklich verr�ckt zu werden � war man dann st�ndig zornig? Ganz ohne Angst? Er hatte einmal auf dem Platz der Schlachten eine Irre gesehen, aber sie hatte nur ein Lumpenb�ndel umklammert und sich hin und her gewiegt und dabei klagend geschrien wie eine M�we.</p><p><emphasis>Wahnsinnig unter dem Mond. Ein wahnsinniges Mondkalb!</emphasis></p><p>Simon hatte die letzte, sich rings um den Berggipfel ziehende Baumreihe erreicht. Die Luft war still, als warte sie auf etwas; er sp�rte, wie seine Haare sich str�ubten. Pl�tzlich kam es ihm vern�nftig vor, ganz leise zu gehen und sich diese Hirten in der Nacht erst einmal aus der Distanz anzusehen, anstatt pl�tzlich aus dem Unterholz hervorzubrechen wie ein w�tender Eber. Er duckte sich unter die krummen Glieder einer windzerst�rten Eiche und pirschte sich n�her an das Licht heran. Unmittelbar �ber ihm ragten die Zornsteine auf, konzentrische Ringe hoher, vom Sturm gemei�elter S�ulen.</p><p>Jetzt erkannte er eine Ansammlung menschlicher Gestalten, die inmitten der Steinringe um das tanzende Feuer standen, die M�ntel eng �ber die Schultern gezogen. Irgend etwas an ihnen wirkte steif und unbehaglich, als warteten sie, da� etwas eintr�te, mit dem sie zwar rechneten, das sie jedoch nicht unbedingt herbeisehnten. Im Nordwesten, hinter den Steinen, wurde das Plateau des Thisterborgs schmaler. Dort schmiegten sich windgepeitschtes Gras und Heidekraut dicht an den abfallenden Boden, der sich hinter den Steinen erstreckte und endlich am n�rdlichen Rand des Berges aus der Reichweite des Feuerscheins verschwand.</p><p>Simon starrte die regungslosen Figuren am Feuer an und f�hlte, wie sich die Last der Furcht von neuem auf ihn niedersenkte. Wieso standen sie so unbeweglich da? Waren es �berhaupt lebende Menschen oder unheimliche, aus Holz geschnitzte Bergd�monen?</p><p>Eine der Gestalten n�herte sich dem Feuer und stocherte mit einem Stock darin herum. Als die Flammen aufloderten, sah Simon, da� zumindest dieser Mann zu den Sterblichen geh�rte. Vorsichtig kroch er weiter, bis er unmittelbar vor dem �u�eren Steinring lag. Der Feuerschein fing und r�tete das sekundenlange Aufblitzen von Metall unter dem Mantel der Simon am n�chsten stehenden Gestalt � der Hirte trug ein Panzerhemd.</p><p>Der unendliche Nachthimmel schien sich auf ihn zu legen wie eine Decke, unter der er gefangen war. <emphasis>Alle</emphasis> diese etwa zehn M�nner waren gepanzert � sie geh�rten zur Erkyngarde, das wu�te er jetzt genau. Bitter verfluchte er sich selber, weil er direkt auf ihr Feuer zugelaufen war, wie eine Motte sich in die Kerzenflamme st�rzt.</p><p><emphasis>Warum bin ich immer so ein verdammter, verdammter Esel?</emphasis></p><p>Ein d�nner Nachtwind sprang auf und peitschte die hohen Flammen wie brennende Wimpel. Die in Mantel und Kapuze geh�llten Wachen wandten fast gleichzeitig die K�pfe, langsam und beinahe widerwillig. Sie starrten in die Dunkelheit am Nordrand des Berges.</p><p>Dann h�rte es Simon auch. Ein schwaches Ger�usch �bert�nte den pfeifenden Wind, der das Gras Wellen schlagen lie� und sanft die B�ume sch�ttelte. Unmerklich wurde es lauter: das schmerzliche Kreischen h�lzerner Wagenr�der. Aus der Finsternis l�ste sich ein massiges Gebilde. Vor ihm wichen die M�nner zur�ck, um sich auf der Simon zugewandten Seite des Feuers zusammenzudr�ngen. Noch hatte niemand ein Wort gesprochen.</p><p>Unbestimmte, bleiche Formen, aus denen sich langsam Pferde bildeten, erschienen am Rande des Feuerscheins; hinter ihnen sch�lte sich ein gro�er, schwarzer Wagen aus der Nacht. Zu seinen beiden Seiten gingen mit schwarzen Kapuzen verschleierte Wesen, insgesamt vier, im gleichen w�rdevollen Leichenzugschritt. Im flackernden Licht wurde oben auf dem Wagen eine f�nfte Gestalt sichtbar, die �ber dem Gespann aus eiswei�en Hengsten kauerte. Dieser F�nfte schien auf seltsame Weise gr��er als die anderen und dunkler, als tr�ge er einen Mantel aus Finsternis, und gerade seine reglose Ruhe schien von verborgener, br�tender Macht zu k�nden.</p><p>Noch immer r�hrten sich die Wachen nicht, sondern standen starr und abwartend da. Nur das d�nne Quietschen der Wagenr�der durchschnitt die Stille. Simon, wie angewurzelt, sp�rte einen kalten Druck in seinem Kopf, eine nagende Umklammerung in den Eingeweiden.</p><p><emphasis>Ein Traum, ein b�ser Traum � Warum kann ich mich nicht bewegen?</emphasis></p><p>Der schwarze Wagen und seine Begleiter kamen, sobald sie die Grenze des Feuerscheins �berschritten hatten, zum Halten. Eine der vier stehenden Gestalten hob den Arm. Der schwarze �rmel fiel zur�ck und enth�llte ein Handgelenk samt Hand, beide so d�nn und wei� wie Knochen.</p><p>Das Wesen sprach mit kalter Stimme, tonlos wie berstendes Eis.</p><p>�Wir sind gekommen, den Bund zu halten.�</p><p>Unter den Wartenden entstand Bewegung. Ein Mann trat vor.</p><p>�Wie wir.�</p><p>Simon, der wie gebannt den Fortgang dieser Wahnvorstellung verfolgte, war in keiner Weise �berrascht, Pryrates' Stimme zu erkennen. Der Priester streifte die Kapuze zur�ck. Feuerschein zeichnete die hohe W�lbung seiner Stirn nach und unterstrich die skelettartigen H�hlen seiner Augen. �Wir sind hier � wie es vereinbart ist�, fuhr er fort � war da ein winziges Zittern in seiner Stimme? � �Habt ihr gebracht, was versprochen war?�</p><p>Der knochenwei�e Arm schwang zur�ck und deutete auf den hinter ihm aufragenden Wagen.</p><p>�Das haben wir. Habt auch ihr das Versprochene?�</p><p>Pryrates nickte. Zwei von den Wachen b�ckten sich und wuchteten etwas Schweres aus dem Gras, wo es gelegen hatte. Sie schleppten es herbei und lie�en es dann unsanft vor die gestiefelten F��e des Alchimisten fallen. �Hier liegt es�, erkl�rte Pryrates. �Zeigt nun die Gabe eures Meisters.�</p><p>Zwei der Verh�llten traten zu dem Wagen und hoben vorsichtig einen langen, dunklen Gegenstand herunter. Als sie ihn herantrugen, wobei jeder ein Ende hielt, erhob sich j�h ein bei�ender Wind, der �ber den Berggipfel pfiff. Die schwarzen Gew�nder wogten, und die Kapuze der vordersten Gestalt flog zur�ck.</p><p>Ein Schneegest�ber schimmerndwei�en Haares quoll hervor. Das f�r eine kurze Sekunde sichtbare Antlitz war feingeschnitten wie eine Maske aus d�nnstem, reinstem Elfenbein. Gleich darauf wehte die Kapuze wieder zur�ck.</p><p><emphasis>Was sind das f�r Wesen? Hexen? Geister?</emphasis> Hinter den sch�tzenden Felsen hob Simon eine zitternde Hand, um das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> zu machen.</p><p><emphasis>Die Wei�f�chse � Morgenes sprach von �Wei�f�chsen��</emphasis></p><p>Pryrates � diese D�monen, oder was sie sonst waren � es war alles zu viel. Bestimmt lag er immer noch auf dem Begr�bnisplatz und tr�umte. Er betete, da� es so sein m�ge, und schlo� die Augen, um die gottlosen Bilder zu verscheuchen. Aber der Boden unter ihm roch stechend und unverkennbar nach feuchter Erde, und in seinen Ohren prasselte das Feuer. Als Simon die Augen wieder �ffnete, fand er den Alptraum unver�ndert.</p><p><emphasis>Aber was geht hier vor?</emphasis></p><p>Die beiden schattenhaften Gestalten erreichten den Rand des Feuerkreises. W�hrend die Soldaten noch weiter zur�ckwichen, setzten sie ihre Last ab und traten zur�ck. Es war ein Sarg, zumindest besa� es die gleiche Form, war aber nur drei H�nde hoch. Um seinen Rand schwelte ein geisterhaftes bl�uliches Licht.</p><p>�Bringt uns nun, was ihr versprochen habt�, sagte der erste Schwarzgewandete. Pryrates machte eine Handbewegung, und zwei M�nner schleiften das zu seinen F��en liegende B�ndel nach vorn. Als sie zur�ckgetreten waren, drehte der Alchimist es mit der Fu�spitze um. Es war ein Mann, geknebelt und an den Handgelenken gefesselt. Erst allm�hlich erkannte Simon das runde, blasse Gesicht Graf Breyugars, des obersten der k�niglichen Wachen.</p><p>Lange musterte die verh�llte Gestalt Breyugars zerschundenes Antlitz. Ihre Miene blieb unter den d�steren Falten der Kapuze verborgen, aber als sie sprach, lag ein zorniger Unterton in der klaren, unirdischen Stimme.</p><p>�Das scheint nicht zu sein, was versprochen war.�</p><p>Pryrates hielt seinen K�rper ein wenig schief, als wollte er dem verh�llten Wesen eine geringere Angriffsfl�che bieten.</p><p>�Dieser Mann lie� zu, da� der Versprochene entkam�, erkl�rte er, wobei seine Stimme eine gewisse Besorgnis zu verraten schien. �Er wird die Stelle des Versprochenen einnehmen.�</p><p>Zwischen zwei Wachen dr�ngte sich eine Gestalt nach vorn, trat vor und ragte pl�tzlich neben Pryrates auf. Laut und deutlich erkl�rte sie: �Versprochen? Was bedeutet das: �versprochen�? Wer wurde hier versprochen?�</p><p>Der Priester hob beschwichtigend die Hand, aber sein Gesicht hatte einen strengen Ausdruck. �Bitte, mein K�nig; ich glaube, Ihr wi�t es. Bitte.�</p><p>Elias wandte ruckartig den Kopf und starrte seinen Ratgeber an.</p><p>�Wei� ich es wirklich, Priester? Was habt Ihr in meinem Namen versprochen?�</p><p>Pryrates beugte sich n�her zu seinem K�nig. Ein verletzter Ton trat in die rauhe Stimme. �Herr, Ihr befahlt mir, alles f�r diese Zusammenkunft N�tige vorzubereiten. Das habe ich getan � oder ich h�tte, wenn nicht dieser � <emphasis>cenit</emphasis>�, er stie� mit dem Fu� nach dem gefesselten Breyugar, �in seiner Pflicht Euch gegen�ber versagt h�tte.� Der Alchimist sah zu dem Schwarzverh�llten hin�ber, dessen scheinbare Gleichg�ltigkeit der St�rung gegen�ber trotz allem einen Hauch von Ungeduld ahnen lie�. Pryrates runzelte die Stirn. �Bitte, mein K�nig. Der, von dem wir sprechen, ist nicht mehr da; die Frage nach ihm ist daher m��ig. Bitte!� Er legte leicht die Hand auf die Schulter von Elias' Mantel. Der K�nig sch�ttelte sie ab und starrte den Priester aus dem Schatten seiner Kapuze an, sagte jedoch nichts mehr. Pryrates wandte sich wieder dem Schwarzgewandeten zu.</p><p>�Er, den wir euch bieten � auch sein Blut ist edel. Er ist von hoher Abkunft.�</p><p>�Von hoher Abkunft?� fragte das dunkle Wesen, und seine Schultern zuckten, als lachte es. �O ja, das ist sehr wichtig. Reicht seine Familie viele Generationen der Menschen zur�ck?� Die dunkle Kapuze drehte sich um und suchte den verh�llten Blick ihrer Gef�hrten.</p><p>�Gewi߫, erwiderte Pryrates scheinbar beunruhigt. �Hunderte von Jahren.�</p><p>�Dann wird unser Meister gewi� zufrieden sein.� Und dann lachte das Wesen, ein messerscharfes Trillern der Erheiterung, das Pryrates einen Schritt zur�ckweichen lie�. �Fahr fort.�</p><p>Der Priester warf Elias einen Blick zu, und der K�nig schlug die Kapuze zur�ck. Simon f�hlte, wie sich der drohende Himmel noch tiefer duckte. Das Gesicht des K�nigs, selbst im r�tlichen Feuerschein noch bla�, schien mitten in der Luft zu schweben. Die Nacht wirbelte, und der ausdruckslose Blick des K�nigs zog Licht an wie ein Spiegel in einem von Fackeln erleuchteten Korridor. Endlich nickte Elias.</p><p>Pryrates schritt nach vorn und packte Breyugar beim Kragen. Er zerrte ihn zu der Sargtruhe und lie� ihn dort fallen. Dann �ffnete der Priester die Schnalle seines Mantels. Sein rotes Gewand loderte in stumpfer Flamme. Aus den inneren Falten zog er eine lange, sichelf�rmig gekr�mmte Klinge hervor. Er richtete den Blick auf den n�rdlichsten Punkt der Steinringe, hob die Klinge an die Augen und begann feierlich zu intonieren, w�hrend seine Stimme immer lauter und gebieterischer wurde:</p><poem><stanza><v>An den Dunklen, den Herrn dieser Welt,</v><v>der �ber den n�rdlichen Himmel schreitet:</v><v>VASIR SOMBRIS, FEATA CONCORDIN!</v></stanza><stanza><v>An den Schwarzen J�ger,</v><v>Besitzer der eisigen Hand:</v><v>VASIR SOMBRIS, FEATA CONCORDIN!</v></stanza><stanza><v>An den Sturmk�nig, den Weitausgreifenden,</v><v>Bewohner des Steinernen Berges,</v><v>den Erfrorenen und Brennenden,</v><v>den Schlafenden, der erwacht ist:</v><v>VASIR SOMBRA, FEATA CONCORDIN!</v></stanza></poem><p>Die schwarzgewandeten Gestalten schwankten � au�er dem einen auf dem Wagen, der so still war wie die Zornsteine �, und ein Zischen stieg aus ihrer Mitte und vermischte sich mit dem Wind, der sich von neuem erhoben hatte.</p><p>Und Pryrates' Stimme t�nte erneut:</p><poem><stanza><v>H�re nun an den, der zu dir fleht,</v><v>den K�fer unter deinem schwarzen Absatz;</v><v>die Fliege zwischen deinen kalten Fingern;</v><v>den wispernden Staub in deinem unendlichen Schatten �</v><v>oveiz mei! H�re mich!</v><v>Timior cuelos exaltat mei!</v><v>SCHATTEN-VATER � LASS DEN HANDEL BESIEGELT SEIN!</v></stanza></poem><p>Schlangenschnell zuckte die Hand des Alchimisten nach unten und griff nach Breyugars Kopf. Aber der Graf, der eben noch schlaff vor Pryrates' F��en gelegen hatte, taumelte pl�tzlich vorw�rts und fort von dem verbl�fften Priester, dem nur eine blutige Haarstr�hne in der Hand blieb.</p><p>Hilflos sah Simon zu, wie der glotz�ugige Graf direkt auf sein Versteck zutorkelte. Undeutlich vernahm er Pryrates' zorniges Rufen. Die Nacht, die ihn so eng umschlo�, zog sich noch mehr zusammen, erstickte seinen Atem und lie� es ihm schwarz vor Augen werden. Ein paar von den Wachen sprangen hinter Breyugar her.</p><p>Der Graf war nur noch wenige Schritte entfernt. Mit seinen gebundenen H�nden lief er unbeholfen, stolperte und fiel. Er strampelte mit den Beinen, und sein Atem kam ger�uschvoll wie eine S�ge hinter dem Knebel hervor. Die Wachen fielen �ber ihn her. Simon hatte sich hinter dem Stein, der ihn verbarg, in eine halb kauernde Stellung erhoben, und sein m�des Herz h�mmerte, als wolle es bersten. Verzweifelt strengte er sich an, die schlotternden Beine ruhig zu halten. Die Wachen, zum Greifen nahe, rissen Breyugar mit f�rchterlichen Fl�chen auf die F��e. Einer der M�nner hob das Schwert und versetzte dem Widerspenstigen einen Hieb mit der flachen Klinge. Simon konnte Pryrates sehen, der aus dem Lichtkreis her�berstarrte, das aschfarbene, gebannte Gesicht des K�nigs neben sich. Als Breyugars schlaffe Gestalt zum Feuer zur�ckgezerrt wurde, blickte Pryrates noch immer mit schmalen Augen nach der Stelle, an der der Graf gest�rzt war.</p><p><emphasis>Wer ist dort?</emphasis></p><p>Die Stimme schien auf dem R�cken des Windes senkrecht in Simons Kopf zu fliegen. Pryrates starrte ihm genau in die Augen! Er <emphasis>mu�te</emphasis> ihn sehen!</p><p><emphasis>Komm heraus, wer du auch bist. Ich befehle dir, herauszukommen.</emphasis></p><p>Die Gestalten in den schwarzen Gew�ndern stimmten ein fremdartiges, drohendes Summen an, und Simon k�mpfte gegen den Willen des Alchimisten. Er dachte an das, was ihm um ein Haar in dem Lagerraum widerfahren war und stemmte sich gegen die zwingende Kraft; aber er war geschw�cht, ausgelaugt wie ein alter Lappen.</p><p>Komm heraus, wiederholte die Stimme, und etwas Suchendes griff nach ihm und wollte seinen Geist ber�hren, Simon wehrte sich, versuchte die T�ren seiner Seele geschlossen zu halten; aber das, was in ihn eindringen wollte, war st�rker als er. Es brauchte ihn nur zu finden, ihn zu packen�</p><p>�Wenn der Bund nicht mehr eure Billigung findet�, sagte pl�tzlich eine d�nne Stimme, �dann wollen wir jetzt damit ein Ende machen. Es ist gef�hrlich, das Ritual nur halb auszusprechen � <emphasis>sehr gef�hrlich</emphasis>.�</p><p>Es war der Verh�llte, der da sprach, und Simon konnte f�hlen, wie die suchenden Gedanken des roten Priesters ersch�ttert wurden.</p><p>�W-was?� fragte Pryrates wie ein soeben Erwachter.</p><p>�Vielleicht verstehst du nicht, was du hier tust�, zischte das schwarze Wesen. �Vielleicht begreifst du nicht, um wen und um was es hier �berhaupt geht.�</p><p>�Nein � doch, ich wei� es��, stammelte der Priester, und Simon konnte seine Unruhe sp�ren wie einen Geruch. �Schnell�, wandte er sich an die Wachen, �bringt mir diesen Sack von Unrat!� Die Wachen schleppten ihm Breyugar wieder vor die F��e.</p><p>�Pryrates��, begann der K�nig.</p><p>�Bitte, Majest�t, bitte. Es dauert nur noch einen Augenblick.�</p><p>Zu Simons Grausen steckte ein Teil von Pryrates' Gedanken noch immer in seinem Hirn, ein klebriger Rest, den der Priester nicht zur�ckgezogen hatte. Er konnte die bebende Erwartung des Alchimisten beinahe schmecken, als dieser jetzt Breyugars Kopf nach oben ri�; konnte f�hlen, wie der Priester auf das leise Murmeln der Verh�llten reagierte. Und nun empfand er etwas noch Tieferes, einen Keil aus eisigem Grauen, der gewaltsam in seinen wunden, empfindlichen Verstand eindrang. Etwas unfa�bar Anderes war dort drau�en in der Nacht � etwas entsetzlich Fremdes. Es schwebte �ber dem Gipfel wie eine erstickende Wolke und brannte wie eine verborgene schwarze Flamme in dem, der da auf dem Wagen hockte; auch in den K�rpern der Steine lebte es und erf�llte sie mit seiner gierigen Aufmerksamkeit.</p><p>Die Sichel hob sich. Sekundenlang stand die scharlachrot aufblitzende Kr�mmung der Klinge am Himmel wie ein zweiter Mond, ein alter, roter Halbmond. Pryrates rief in hohen T�nen in einer Sprache, die Simon nicht verstehen konnte:</p><p><emphasis>�A� Samu'sitech'a! � A� Nakkiga!�</emphasis></p><p>Die Sichel fiel, und Breyugar sackte nach vorn. Purpurr�tliches Blut pumpte aus seiner Kehle und spritzte hinunter auf den Sarg. Sekundenlang zuckte der oberste der Wachen wild unter der Hand des Priesters, um dann zu erschlaffen. Das dunkle Rinnsal tropfte weiter auf den schwarzen Sargdeckel. In die bizarre Verflechtung fremder Gedanken verstrickt wie in ein Netz, erlebte Simon hilflos das panikartige Hochgef�hl mit, das Pryrates erfa�te. Dahinter sp�rte er das <emphasis>Andere �</emphasis> etwas kaltes, dunkles, grauenhaft Ungeheures, dessen uralte Gedanken in widerw�rtiger Freude sangen.</p><p>Einer der Soldaten erbrach sich. W�re die matte Bet�ubung nicht gewesen, die ihn l�hmte und verstummen lie�, h�tte Simon das gleiche getan.</p><p>Pryrates stie� den Leichnam des Grafen beiseite; Breyugar sank in einem plumpen Haufen zusammen, austernblasse Finger gegen den Himmel gekr�mmt. Auf der dunklen Truhe rauchte das Blut, und das blaue Licht flackerte heller. Die Linie, mit der es den Rand des Sarges umrahmte, wurde deutlicher. Langsam, entsetzlich langsam, begann sich der Deckel zu heben, als zwinge ihn jemand von innen auf.</p><p><emphasis>Heiliger Usires, der du mich liebst, heiliger Usires, der du mich liebst �</emphasis> Simons Gedanken �berst�rzten sich, ein vor Furcht sinnloses Gewirr <emphasis>� hilf mir, hilf mir, es ist der Teufel dort in der Truhe, er kommt heraus, hilf mir, rette mich, hilf� wir haben es geschafft, wir haben es geschafft!</emphasis> Andere Gedanken, fremde, nicht aus Simons Kopf. <emphasis>Zu sp�t zum Umkehren. Zu sp�t!</emphasis></p><p><emphasis>Der erste Schritt.</emphasis> Die k�ltesten, furchtbarsten Gedanken von allen.</p><p><emphasis>Wie sie bezahlen werden, bezahlen, bezahlen�</emphasis></p><p>Als der Deckel schr�g stand, brach aus dem Inneren das Licht hervor, pochendes Indigoblau, rauchgrau und d�sterpurpur gefleckt, ein schreckliches, verletztes Licht, das pulsierte und blendete. Der Deckel fiel nach hinten, und der Wind d�mpfte sein Heulen, als habe er Angst bekommen, als sei ihm �bel vom Strahlen der langen, schwarzen Truhe. Endlich wurde ihr Inhalt sichtbar.</p><p><emphasis>Jingizu,</emphasis> fl�sterte eine Stimme in Simons Kopf, <emphasis>Jingizu�</emphasis></p><empty-line/><p>Es war ein Schwert. T�dlich wie eine Viper lag es in der Truhe. Vielleicht war es schwarz, aber ein dar�ber schwebender Glanz machte die Schw�rze fleckig, ein kriechendes Grau wie �l auf dunklem Wasser. Der Wind kreischte.</p><p><emphasis>Es schl�gt wie ein Herz � das Herz allen Leides �</emphasis></p><p>In Simons Kopf sang es und rief nach ihm, eine Stimme, grauenvoll und sch�n zugleich, verf�hrerisch wie Krallen, die sanft �ber die Haut kratzen.</p><p>�Nehmt es, Hoheit!� dr�ngte Pryrates durch das Zischen des Windes. Gebannt und wehrlos, w�nschte sich Simon pl�tzlich, stark genug zu sein, um selber danach zu greifen. Warum nicht? Macht sang zu ihm, sang von den Thronen der Gewaltigen, der Verz�ckung gestillter Sehnsucht.</p><p>Elias machte einen z�gernden Schritt vorw�rts. Einer nach dem anderen wichen die Soldaten von ihm zur�ck, machten kehrt und rannten schluchzend oder betend den Berg hinunter, taumelten in die Dunkelheit des Baumg�rtels. Nach wenigen Augenblicken waren nur noch Elias, Pryrates und der versteckte Simon mit den Verh�llten und ihrem Schwert auf dem Gipfel. Elias tat einen zweiten Schritt; jetzt stand er vor der Truhe. Seine Augen waren vor Furcht weit aufgerissen, qu�lender Zweifel schien ihn zu zerrei�en, seine Lippen bewegten sich tonlos. Die unsichtbaren Finger des Windes zupften an seinem Mantel, und die Berggr�ser umschlangen seine Kn�chel.</p><p>�Ihr m��t es nehmen!� sagte Pryrates wieder, und Elias starrte ihn an, als sehe er den Alchimisten zum ersten Mal.</p><p>�Nehmt es!� Pryrates' Worte tanzten wie rasend durch Simons Kopf, Ratten in einem brennenden Haus.</p><p>Der K�nig b�ckte sich und streckte die Hand aus. Vor dem wilden, leeren Nichts im Lied des Schwertes verwandelte sich Simons Lust in j�hes Grauen.</p><p><emphasis>Es ist unrecht! Sp�rt er es denn nicht? Unrecht!</emphasis></p><p>Als Elias' Hand sich dem Schwert n�herte, verstummte das Heulen des Windes. Die vier Vermummten standen regungslos vor dem Wagen; der f�nfte schien in noch tieferen Schatten zu versinken. Ein fast greifbares Schweigen senkte sich �ber den Gipfel.</p><p>Elias fa�te den Griff und hob mit einer einzigen flie�enden Bewegung die Klinge aus dem Sarg. Als er sie vor sich hielt, wich unvermittelt die Furcht aus seinem Gesicht, und die Lippen �ffneten sich zu einem hilflosen, einf�ltigen L�cheln. Er reckte das Schwert in die H�he. Ein blauer Schimmer umspielte die Schneide und zeichnete sie scharf gegen die Schw�rze des Himmels ab. Elias' Stimme war fast ein Wimmern des Gl�cks.</p><p>�Ich � nehme die Gabe des Meisters an. Ich werde � unseren Pakt erf�llen.� Langsam, die Klinge vor sich haltend, sank er auf ein Knie.</p><p><emphasis>�Heil Ineluki Sturmk�nig!�</emphasis></p><p>Wieder erhob sich kreischend der Wind. Simon fuhr zur�ck vor dem lodernden, tanzenden Bergfeuer. Die Gestalten in ihren Gew�ndern hoben die wei�en Arme und intonierten: <emphasis>�Ineluki, a�! Ineluki, a�!�</emphasis></p><p><emphasis>Nein!</emphasis> wirbelten Simons Gedanken, <emphasis>der K�nig � alles verloren! Lauf, Josua!</emphasis></p><p><emphasis>Leid � Leid �ber dem</emphasis> ganzen <emphasis>Land!</emphasis></p><p>Oben auf dem Wagen begann die f�nfte verh�llte Gestalt sich zu winden wie eine Schlange. Das schwarze Gewand fiel von ihr ab, und ein Wesen aus flammendrotem Licht wurde sichtbar, flatternd wie ein brennendes Segel. Eine gespenstische, herzzerrei�ende Furcht ging von ihm aus, w�hrend es begann, vor Simons vom Grauen gebanntem Blick zu wachsen � k�rperlos und wogend, gr��er und gr��er, bis seine leere, im Wind knatternde H�lle alles �berragte, ein Gesch�pf aus heulender Luft und gl�hender R�te.</p><p><emphasis>Der Teufel ist hier! Leid, sein Name ist Leid! Der K�nig hat den Teufel �ber uns gebracht. Morgenes! Heiliger Usires! Rettet mich rettet mich rettet mich!</emphasis></p><p>Wie von Sinnen rannte Simon durch die schwarze Nacht bergab, fort von dem roten Ding und dem jubelnden <emphasis>Anderen.</emphasis> Das Ger�usch seiner Flucht ging im schreienden Wind unter. �ste rissen an seinen Armen und Haaren und schlugen wie Klauen nach seinem Gesicht.</p><p><emphasis>Die eisige Klaue des Nordens</emphasis> � <emphasis>die Ruinen von Asu'a.</emphasis></p><p>Und als er endlich st�rzte und sich �berschlug und sein Geist vor soviel Grauen in die tiefere Dunkelheit floh, da war es ihm im letzten Augenblick, als k�nne er die Steine der Erde selbst h�ren, die unter ihm in ihrem Bett st�hnten.</p></section></section><section><title><p>ZWEITER TEIL</p><p>Simon Pilgrim</p></title><section><title><p>XV</p><p>Eine Begegnung im Gasthof</p></title><p>Das erste, was Simon h�rte, war ein Summger�usch, ein dumpfes Brummen, das hartn�ckig an sein Ohr dr�ngte, w�hrend er sich m�hte, wach zu werden. Er �ffnete ein Auge halb � und starrte auf ein Ungeheuer, eine dunkle, unbestimmte Masse sich windender Beine und glitzernder Augen. Mit einem erschreckten Aufjaulen und wild um sich fuchtelnd, fuhr er in die H�he; die Hummel, die arglos seine Nase erkundet hatte, sauste mit wildem Surren ihrer durchscheinenden Fl�gel davon, um sich einen weniger leicht erregbaren Sitzplatz zu suchen.</p><p>Simon hob die Hand, um seine Augen zu beschatten. Die lebensspr�hende Klarheit der Welt ringsum lie� ihn staunen. Das Tageslicht blendete. Die Fr�hlingssonne hatte, als schritte sie in einer kaiserlichen Prozession einher, nach allen Seiten Gold gestreut, quer �ber die grasigen H�gel; wohin er auch blickte, �berall standen die sanften H�nge �ppig voller L�wenzahn und langstieliger Ringelblumen. Bienen eilten zwischen ihnen hin und her, nippten an einer Bl�te nach der anderen und entdeckten � wie kleine �rzte � zu ihrer gro�en �berraschung, da� ihre Patientinnen alle gleichzeitig wieder gesund wurden.</p><p>Simon lie� sich ins Gras zur�cksinken und verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf. Er hatte lange geschlafen; die strahlende Sonne stand fast senkrecht �ber ihm. In ihrem Schein gl�hten die Haare auf seinen Unterarmen wie geschmolzenes Kupfer; die Spitzen seiner zerrissenen Schuhe schienen so weit entfernt, da� er sie sich fast als Gipfel ferner Berge vorstellen konnte.</p><p>Ein j�her, kalter Erinnerungssplitter stach in seine Schl�frigkeit. Wie kam er hierher? Was �?</p><p>Ein dunkler Schatten an seiner Schulter brachte ihn hastig auf die Knie; beim Umdrehen sah er hinter sich das Massiv des Thisterborgs, in einen Mantel aus B�umen geh�llt, keine halbe Meile entfernt. Jede Einzelheit war �berw�ltigend klar, ein scharfkantiges Muster; ohne das qu�lende Pochen seines Ged�chtnisses h�tte der Berg angenehm und k�hl wirken k�nnen, ein freundlicher H�gel, der sich aus den B�umen erhob, die ihn umringten, mit Schatten und hellgr�nem Laub beb�ndert. Oben auf dem Kamm standen die Zornsteine, mattgraue Punkte im blauen Himmel.</p><p>Ein Nebeltraum verdarb auf einmal den munteren Fr�hlingstag: Was war letzte Nacht geschehen?</p><p>Nat�rlich, er war aus der Burg geflohen � diese Augenblicke, die letzten mit Morgenes, hatten sich ihm tief ins Herz gebrannt; aber danach? Woher kamen diese Alptraumerinnerungen? Endlose Tunnel? Elias? Ein Feuer und wei�haarige D�monen?</p><p><emphasis>Tr�ume � t�richte, b�se Tr�ume. Entsetzen und M�digkeit und noch mehr Entsetzen. Nachts bin ich �ber den Begr�bnisplatz gerannt, schlie�lich noch hingefallen, eingeschlafen, habe getr�umt.</emphasis></p><p>Aber diese Tunnel und � ein schwarzer Sarg? Simon tat immer noch der Kopf weh, aber er hatte gleichzeitig ein merkw�rdiges Gef�hl von Taubheit, als h�tte man Eis auf eine Verletzung gelegt. Der Traum war so wirklich gewesen. Jetzt schien er weit weg, ungreifbar und sinnlos � ein dunkler Anfall von Furcht und Schmerz, der verwehen w�rde wie Rauch, wenn Simon es zulie� � wenigstens hoffte er das. Er dr�ngte die Erinnerungen in sein Inneres hinab, vergrub sie, so tief er konnte, und schlo� seinen Geist �ber ihnen wie einen Truhendeckel.</p><p>Als ob ich nicht schon genug Sorgen h�tte�</p><p>Die helle Sonne des Belthainn-Tages hatte ein paar von den Knoten in seinen Muskeln gegl�ttet, aber er sp�rte immer noch den Schmerz � und gro�en Hunger. M�hsam und steif stand er auf und klopfte sich das an seinen schlammverschmierten, zerfetzten Kleidern haftende Gras ab. Noch einmal sah er verstohlen zum Thisterborg hin�ber. Schwelte dort oben zwischen den Steinen wirklich die Asche eines gro�en Feuers? Oder hatten die furchtbaren Ereignisse des Vortages ihn f�r eine Weile in den Wahnsinn getrieben?</p><p>Der Berg stand ausdruckslos da. Simon wollte gar nicht wissen, welche Geheimnisse unter seinem Baummantel lauerten oder in der steinernen Krone nisteten. Es gab schon zu viele L�cken, die auszuf�llen waren.</p><p>Also kehrte er dem Thisterborg den R�cken zu und blickte �ber die H�gel nach der dunklen Vorhut des Forstes. W�hrend er so �ber die weite Fl�che offenen Landes schaute, f�hlte er, wie gro�er Kummer in ihm aufstieg � und heftiges Mitleid mit sich selbst. Er war so allein! Alles hatte man ihm genommen, ihn ohne Heimat oder Freunde im Stich gelassen. Vor Wut klatschte er in die H�nde, da� die Handfl�chen brannten. Sp�ter! Sp�ter w�rde er weinen; jetzt mu�te er ein Mann sein. Aber es war alles so gr��lich ungerecht!</p><p>Er atmete tief ein und aus, dann schaute er wieder auf die fernen W�lder. Irgendwo an dieser d�nnen Schattenlinie, das wu�te er, verlief die Alte Forststra�e. Sie rollte viele Meilen an Aldheortes S�drand entlang, manchmal in einigem Abstand, manchmal auch eng an die alten B�ume geschmiegt wie ein schalkhaftes Kind. An anderen Stellen wagte sie sich sogar unter das Vordach des Waldes und schl�ngelte sich durch dunkle Lauben und schweigende, von Sonnenpfeilen durchbohrte Lichtungen. Ein paar kleine D�rfer und hier und da ein Rasthaus duckten sich in den Waldesschatten.</p><p><emphasis>Vielleicht kann ich irgendeine Arbeit finden � wenigstens, um mir eine Mahlzeit zu verdienen. Ich f�hle mich so hungrig wie ein B�r � und zwar einer, der gerade eben aufgewacht ist. V�llig ausgehungert! Ich habe nichts mehr gegessen seit � bevor � bevor�</emphasis></p><p>Er bi� sich hart auf die Lippe. Es gab keine andere M�glichkeit als loszumarschieren.</p><p>Die Ber�hrung der Sonne war wie eine Segnung. Sie w�rmte den wunden K�rper und schien zugleich einen kleinen Einschnitt in das enge, qu�lende Bahrtuch seiner Gedanken zu tun. In gewisser Hinsicht f�hlte er sich neugeboren, wie das Fohlen, das Shem ihm letztes Fr�hjahr gezeigt hatte � nichts als wacklige Beine und Neugier. Aber diese neue Fremdartigkeit der Welt war nicht g�nzlich unschuldig; hinter dem bunten Teppich, der da vor ihm ausgebreitet lag, lauerte etwas Absonderliches und Verborgenes; die Farben waren fast zu leuchtend, die D�fte und T�ne allzu s��.</p><p>Bald wurde er sich auch mit Unbehagen Morgenes' Manuskript bewu�t, das in seinem G�rtelband steckte; aber nachdem er ein paar hundert Schritte weit versucht hatte, das Pergamentb�ndel in den schwitzenden H�nden zu tragen, gab er auf und stopfte es wieder unter den G�rtel. Der alte Mann hatte ihn gebeten, es in Sicherheit zu bringen, und das wollte er tun. Er schob den Hemdzipfel darunter, damit es nicht so scheuerte.</p><p>Als er es satt hatte, geduldig nach seichten Stellen zu suchen, an denen er die kleinen B�che �berqueren konnte, die immer wieder die Wiesen durchzogen, streifte er die Schuhe ab. Der Duft des Graslandes und die feuchte Maia-Luft trugen, auch wenn man sich auf ihre Verhei�ungen nicht verlassen konnte, doch einiges dazu bei, da� Simons Gedanken sich nicht mehr an die schwarzen, schmerzhaften Orte zur�ckverirrten; auch das Gef�hl des Schlammes zwischen den Zehen half.</p><p>Nicht lange, so hatte er die Alte Forststra�e erreicht. Anstatt jedoch auf der Stra�e selbst weiterzugehen, die breit und lehmig und mit vom Regen gef�llten Fahrrinnen durchfurcht war, hielt Simon sich westlich und begleitete sie oben auf der hohen Grasb�schung. Unter ihm standen wei�e Narzissen und blaue Levkojen besch�mt und schutzlos zwischen den Radspuren, als h�tte man sie in der Mitte eines langsamen Pilgerzuges von einer B�schung zur anderen �berrascht. Das Nachmittagsblau des Himmels spiegelte sich in Pf�tzen, und der bescheidene Schlamm schien mit blinkendem Glas besetzt.</p><p>Eine Achtelmeile jenseits der Stra�e standen die B�ume des Aldheorte in endloser Reihe wie ein im Stehen eingeschlafenes Heer. Zwischen manchen St�mmen g�hnte eine so undurchdringliche Finsternis, als w�ren sie Tore ins Erdinnere. An anderen Stellen gab es Gebilde, die Holzf�llerh�tten sein mu�ten, auff�llig eckig im Gegensatz zu den anmutigen Linien des Forstes.</p><p>W�hrend Simon so weiterging und die unendliche Halle des Waldes betrachtete, stolperte er �ber einen Beerenstrauch und zerkratzte sich schmerzhaft die F��e. Sobald er jedoch bemerkte, wor�ber er gestrauchelt war, h�rte er mit dem Fluchen auf. Die meisten Beeren waren noch gr�n, aber es gab schon soviel reife darunter, da� wenige Minuten sp�ter, als er zufrieden kauend seinen Weg fortsetzte, Wangen und Kinn voller Beerensaft waren. Auch wenn die Beeren noch nicht die richtige S��e besa�en, schienen sie ihm seit langer Zeit das erste ernsthafte Argument f�r eine wohlwollende Ordnung der Sch�pfung zu sein. Als er aufgegessen hatte, wischte er sich an den �berresten seines Hemdes die H�nde ab.</p><p>Als die Stra�e, mit Simon als treuem Gef�hrten, eine lange Strecke �ber ansteigendes Gel�nde zu klettern begann, zeigten sich endlich auch unverkennbare Anzeichen menschlicher Besiedlung. Am s�dlichen Horizont reckten sich hier und da die rohen Spitzen von Spaltholzz�unen aus dem hohen Gras; hinter diesen verwitterten Grenzw�chtern bewegten sich undeutliche Gestalten im langsamen Rhythmus des Pflanzens und legten die Fr�herbsen. Irgendwo in ihrer N�he w�rden andere bed�chtig die Reihen abschreiten, Unkraut hacken und ihr Bestes versuchen, die Fr�chte eines schlimmen Jahres zu retten. Die j�ngeren Leute w�rden auf den D�chern der H�uschen stehen und das Stroh wenden, es mit langen St�cken festklopfen und das Moos abkratzen, das dort im Aprilregen gewachsen war. Simon f�hlte den starken Drang, querfeldein zu laufen, auf diese ruhigen, wohlgeordneten Bauernh�fe zu. Irgend jemand w�rde ihm sicher Arbeit geben � eine Unterkunft � Essen �</p><p><emphasis>Kann ich �berhaupt noch d�mmer sein? dachte er. Warum gehe ich nicht gleich zur�ck in die Burg und stelle mich schreiend auf den Angerhof?</emphasis></p><p>Landleute, das war wohlbekannt, begegneten Fremden grunds�tzlich mit Mi�trauen, erst recht in solchen Zeiten, da von Norden her st�ndig Ger�chte �ber Raub�berf�lle und Schlimmeres zu ihnen drangen. Au�erdem war Simon �berzeugt, da� die Erkyngarde nach ihm suchte. Die Bewohner dieser einsamen Geh�fte w�rden sich h�chstwahrscheinlich gut an einen rothaarigen jungen Mann erinnern, der k�rzlich vorbeigekommen war. Zudem hatte er es gar nicht so eilig, mit Fremden zu sprechen � nicht so nahe beim Hochhorst. Vielleicht w�rde er in einem der Gasth�fe am Rande des geheimnisvollen Waldes mehr Gl�ck haben � wenn ihn einer davon aufnahm.</p><p><emphasis>Schlie�lich verstehe ich etwas von K�chenarbeit, oder etwa nicht? Es wird mir schon jemand Arbeit geben�</emphasis></p><p>Er kam �ber eine Kuppe und sah einen dunkleren Strich, der hier die Stra�e kreuzte, eine Rinne von Wagenspuren, die aus dem Wald kamen und sich s�dw�rts in die Felder hineinwanden; vielleicht ein Holzweg, ein Pfad vom Ernteort der Holzhauer zum Ackerland im Westen von Erchester. Dort, wo die beiden Wege sich kreuzten, stand etwas Dunkles, eckig und aufrecht. Ein kurzer Anflug von Furcht befiel Simon, bevor ihm bewu�t wurde, da�, was immer dort aufragte, zu gro� war, um ein Mensch zu sein, der auf ihn wartete. Es mu�te eine Vogelscheuche sein, oder ein Stra�enheiligtum f�r Elysia, die Mutter Gottes � Wegkreuzungen waren verrufene, unheimliche Orte, an denen das einfache Volk gern heilige Reliquien errichtete, um Geister fernzuhalten, die dort sonst vielleicht herumlungerten.</p><p>Als Simon sich der Kreuzung n�herte, stellte er fest, da� seine Vermutung, es handele sich um eine Vogelscheuche, wohl zutraf � der Gegenstand schien an einem Baum oder Pfahl zu h�ngen und schwankte, von einem leichten Wind bewegt, sacht vor sich hin. Je n�her er allerdings kam, desto deutlicher wurde, da� es keine Vogelscheuche war. Bald konnte Simon sich nicht mehr einreden, da� es etwas anderes war als der Leichnam eines Mannes, der an einem rohen Galgen schaukelte.</p><p>Jetzt hatte er den Kreuzweg erreicht. Der Wind legte sich. D�nner Stra�enstaub umgab den Jungen wie eine braune Wolke. Er hielt an und starrte hilflos nach oben. Der Stra�enstaub begann sich zu setzen, um dann von neuem in wirbelnde Bewegung zu geraten.</p><p>Die F��e des Geh�ngten, nackt und schwarz angeschwollen, baumelten in H�he von Simons Schultern. Der Kopf hing schlaff nach einer Seite wie bei einem Welpen, den man am Nackenfell hochhebt; an Augen und Gesicht hatten die V�gel gepickt. Eine zerbrochene Holzschindel mit den darauf eingekratzten Worten �ND GEWILDERT� schlug leicht gegen seine Brust; unten auf der Stra�e lag noch ein St�ck. Darauf stand in ungelenken Buchstaben: �IN K�NIGSLA�.</p><p>Simon machte einen Schritt zur�ck. Ein unschuldiger kleiner Wind drehte den h�ngenden K�rper um, so da� der Kopf nach der anderen Seite kippte, um blicklos auf die Felder hinauszustarren. Hastig �berquerte Simon den Holzweg und machte das Zeichen des vierspitzigen Baumes auf seiner Brust, als er den Schatten des Geh�ngten passierte. Normalerweise h�tte er einen solchen Anblick zwar furchterregend, aber doch faszinierend gefunden, jetzt aber war alles, was dabei in ihm aufstieg, Ekel und Entsetzen. Er hatte ja auch gestohlen, oder beim Stehlen geholfen � etwas viel Gr��eres, als dieser armselige Dieb hier sich je h�tte tr�umen lassen: Er hatte den Bruder des K�nigs aus des K�nigs eigenem Verlies gestohlen. Wie lange w�rde es dauern, bis sie ihn fingen, so wie sie dieses von den Kr�hen zerfressene Gesch�pf gefangen hatten? Und was w�rde <emphasis>seine</emphasis> Strafe sein?</p><p>Einmal schaute er zur�ck. Das zerst�rte Gesicht hatte sich erneut gedreht, als wollte es Simons R�ckzug beobachten. Er rannte, bis eine Stra�ensenke die Kreuzung au�er Sicht brachte.</p><empty-line/><p>Es war sp�ter Nachmittag, als er das kleine D�rfchen Flett erreichte. Tats�chlich konnte man es kaum ein Dorf nennen; es gab nur einen Gasthof mit ein paar H�usern, die sich einen Steinwurf weit vom Wald entfernt neben der Stra�e zusammenduckten. Kein Mensch war zu sehen au�er einer d�nnen Frau, die in der T�r eines der schmucklosen H�user stand, und zwei ernsthaften, rund�ugigen Kindern, die hinter ihren Beinen hervorsp�hten. Daf�r gab es aber mehrere Pferde, zumeist Bauerng�ule, die vor dem Dorfgasthof, der den Namen �Zum Drachen und Fischer� f�hrte, an einen Baum gebunden waren. Als Simon langsam an der offenen T�r vor�berging und sich vorsichtig nach allen Seiten umblickte, gr�lten laute M�nnerstimmen aus der biergeschw�ngerten Dunkelheit und machten ihm angst. Er beschlo� zu warten und sein Gl�ck erst sp�ter zu versuchen, wenn vielleicht mehr G�ste dasein w�rden, die hier an der Alten Forststra�e �bernachten wollten, und seine schmutzige, zerlumpte Erscheinung weniger auffiele.</p><p>Er ging weiter die Stra�e hinauf. Sein Magen knurrte, und er w�nschte sich, er h�tte ein paar von den Beeren aufbewahrt. Es gab nur noch wenige H�user, darunter ein kleines, einr�umiges Kirchenh�uschen, dann bog die Stra�e oben unter das Vordach des Waldes ein, und Flett, soweit man �berhaupt von ihm sprechen konnte, war zu Ende.</p><p>Gleich am Dorfausgang fand er ein B�chlein, das �ber den schwarzen, von Bl�ttern durchsetzten Boden pl�tscherte. Er kniete nieder und trank. Dann zog er, wobei er sich um Dornengestr�pp und Feuchtigkeit so wenig wie m�glich zu k�mmern versuchte, wieder die Schuhe aus, um sie als Kopfkissen zu benutzen, und rollte sich am Fu� einer Lebenseiche zusammen, knapp au�er Sichtweite der Stra�e und des letzten Hauses. Schon bald schlief er unter den B�umen, ein dankbarer Gast ihrer k�hlen Halle.</p><p>Simon tr�umte�</p><p>Am Fu� eines hohen wei�en Baumes sieht er einen Apfel, einen Apfel, so gl�nzend und rund und rot, da� er kaum hineinzubei�en wagt. Aber sein Hunger ist gro�, und bald f�hrt er die Frucht zum Mund und versenkt seine Z�hne darin. Der Geschmack ist k�stlich, kernig und voller S��e, aber als er die Stelle anschaut, wo er abgebissen hat, erblickt er unter der hellen Oberfl�che zusammengeringelt den d�nnen, glitschigen K�rper eines Wurms. Er bringt es nicht �ber sich, den Apfel fortzuwerfen � es ist eine so herrliche Frucht und er so ausgehungert. Er dreht ihn um und bei�t in die andere Seite, aber als seine Z�hne aufeinandertreffen, l�st er seinen Mund und erkennt aufs neue den Schlangenleib des Wurms. Immer wieder bei�t er in den Apfel, jedesmal an einer anderen Stelle, aber jedesmal liegt unter der Schale das schl�pfrige Wesen. Es scheint weder Kopf noch Schwanz zu haben, nur endlose Ringe, die sich um das Kernhaus schlingen und durch das k�hle wei�e Fleisch des Apfels winden�</p><empty-line/><p>Simon erwachte unter den B�umen mit Kopfschmerzen und einem sauren Geschmack im Mund. Er ging an das B�chlein, um zu trinken. Er f�hlte sich matt und niedergeschlagen. Wann war je ein Mensch so einsam gewesen? Das schr�ge Nachmittagslicht fiel nicht auf die tieferliegende Wasseroberfl�che; als er niederkniete und in das murmelnde, dunkle Wasser blickte, war ihm, als w�re er schon einmal an einem solchen Ort gewesen. W�hrend er noch dar�ber nachsann, �bert�nte lauter werdendes Stimmengewirr das leise Rauschen der B�ume. Schon f�rchtete er, wieder zu tr�umen; aber als er sich umdrehte, sah er eine Schar von Menschen, gut zwanzig K�pfe stark, die Alte Forststra�e nach Flett heraufkommen. Mit dem Hemds�rmel trocknete Simon seinen Mund ab und schlich sich im Schatten der B�ume heran, um sie zu beobachten.</p><p>Es waren Bauersleute, in das grobe K�tnertuch der Gegend gekleidet, aber festlich aufgeputzt. Die Frauen hatten B�nder ins offene Haar gewunden, blau und gold und gr�n. R�cke flogen um nackte Kn�chel. Ein paar Vorauslaufende trugen Bl�tenbl�tter in den Sch�rzen und lie�en sie zu Boden flattern. Die M�nner, manche von ihnen jung und leichtf��ig, schleppten einen gef�llten Baum auf den Schultern. Seine Zweige waren mit B�ndern geschm�ckt wie die Frauen, und die M�nner hielten ihn hoch und schaukelten ihn fr�hlich, als sie die Stra�e heraufkamen.</p><p>Simon l�chelte schwach. Der Maia-Baum! Nat�rlich. Heute war Belthainn-Tag, und sie brachten den Maia-Baum. Er hatte oft zugeschaut, wie der Baum in Erchester auf dem Platz der Schlachten aufgestellt wurde. Pl�tzlich kam ihm sein L�cheln zu breit vor. Ihm war schwindlig. Er duckte sich tiefer in das Gestr�pp, das ihn verbarg.</p><p>Jetzt sangen die Frauen, und ihre lieblichen Stimmen vereinten sich zu einem ungleichen Chor, w�hrend die ganze Schar tanzte und sich im Kreis drehte.</p><poem><stanza><v>Komm mit mir zum Breredon,</v><v>komm, mein sch�ner Freier!</v><v>Setz die Blumenkrone auf,</v><v>tanz an meinem Feuer!</v></stanza></poem><p>Und die M�nner antworteten ihnen mit ihren rauhen und vergn�gten Stimmen:</p><poem><stanza><v>An dem Feuer tanz ich, Kind,</v><v>und im Waldesschatten</v><v>streun wir uns ein Bl�tenbett,</v><v>bis wir froh ermatten!</v></stanza></poem><p>Und gemeinsam sangen sie den Kehrreim:</p><poem><stanza><v>Steht nun vor der Yrmansol,</v><v>singt hei-ho, hei-holla</v><v>unter diesem Maia-Baum,</v><v>heia, Gott will wachsen!</v></stanza></poem><p>Als die l�rmende Schar Simons Versteck passierte, begannen die Frauen einen neuen Vers, der von Stockrosen und Lilienbl�ttern und dem K�nig der Blumen handelte. Einen Moment lang von der guten Laune mitgerissen, den Kopf voll von der ausgelassenen Musik, begann sich der Junge auf sie zu zu bewegen. Pl�tzlich stolperte auf der sonnenfleckigen Stra�e, keine zehn Schritte von ihm entfernt, einer der ihm an n�chsten laufenden M�nner, dem sich ein herunterh�ngendes Band vor die Augen geschoben hatte. Ein Gef�hrte half ihm, sich zu befreien, und als er den goldenen Streifen l�ste, verzog sich sein b�rtiges Gesicht zu einem breiten Grinsen. Aus irgendeinem Grund hielt dieses Blitzen lachender Z�hne Simon zur�ck � nur einen Schritt vor dem Heraustreten aus seinem Baumversteck.</p><p><emphasis>Was mache ich denn?</emphasis> schalt er sich. <emphasis>Beim ersten Ton freundlicher Stimmen springe ich schon hervor? Diese Leute hier feiern ein Fest, aber auch ein Hund spielt mit seinem Herrn � und wehe dem Fremden, der unangemeldet zu ihm tritt.</emphasis></p><p>Der Mann, den er beobachtet hatte, rief seinem Begleiter etwas zu, das Simon im L�rm der anderen nicht verstehen konnte, wandte sich dann um, hielt ein Band hoch und schrie einem Dritten etwas entgegen. Der Baum holperte weiter, und als die letzten Nachz�gler der Prozession vorbei waren, schlich Simon auf die Stra�e hinaus und folgte ihnen, eine d�nne, in Lumpen geh�llte Gestalt, die aussah wie der klagende Geist des Maia-Baumes, der sehns�chtig seiner geraubten Wohnstatt hinterherlief.</p><p>Die schwankende Parade bewegte sich auf einen kleinen H�gel hinter der Kirche zu. Auf den breiten Feldern verschwand jetzt schnell der letzte Sonnensplitter; der Schatten des Baumes auf dem Dachfirst der Kirche lag wie ein langes Messer mit gebogenem Griff auf der Anh�he. Simon, der nicht wu�te, wie es weitergehen sollte, blieb ein gutes St�ck hinter der Gruppe zur�ck, die den Baum die kleine Steigung hinaufschleppte und dabei immer wieder stolperte oder sich in den frischen Trieben der Dornenhecke verfing. Oben sammelten sich schwitzend und unter lauten Scherzen die M�nner und stellten den Stamm aufrecht in ein bereits ausgehobenes Loch. Dann richteten einige den schwankenden Stamm gerade, w�hrend andere den Fu� mit Steinen abst�tzten. Endlich traten sie zur�ck. Der Maia-Baum wackelte ein bi�chen und kippte leicht nach der einen Seite, was die Menge zu erschrecktem Auflachen veranla�te. Aber er blieb � nur leicht au�erhalb der Lotrechten � stehen; gro�er Jubel erhob sich. Auch Simon im Schatten der B�ume stie� einen kleinen gl�cklichen Laut aus und mu�te sich sogleich wieder verstecken, weil es ihm die Kehle zuschn�rte. Er hustete, bis ihm Schw�rze vor den Augen tanzte: Es war fast einen ganzen Tag her, da� er ein Wort gesprochen hatte.</p><p>Mit tr�nenden Augen schlich er wieder hervor. Am Fu� der Anh�he hatte man ein Feuer entz�ndet. Der Baum, dessen h�chste Spitze vom Sonnenuntergang gef�rbt war und unter dem die Flammen tanzten, sah aus wie eine an beiden Enden brennende Fackel. Von den Essensd�ften unwiderstehlich angezogen, n�herte Simon sich den alten M�nnern und Gevatterinnen, die an der Steinmauer hinter dem Kirchlein T�cher ausbreiteten und Abendessen darauf stellten. Er war �berrascht und entt�uscht, wie mager die Vorr�te waren � eine geringe Belohnung f�r den Festtag und, weit schlimmer, eine noch viel geringere Aussicht f�r ihn, sich unbemerkt mit ein paar Bissen davonzustehlen.</p><p>Die j�ngeren M�nner und Frauen hatten angefangen, um den Maia-Baum herumzutanzen und einen Kreis zu bilden. Aber weil, neben anderen Widrigkeiten, manche betrunken den H�gel hinunterpurzelten, schlo� sich der Ring nie ganz; die Zuschauer johlten, wenn die schwindlig vor�berwirbelnden T�nzer vergeblich die Hand ausstreckten, um eine andere Hand zu ergreifen. Einer nach dem anderen taumelten die Feiernden vom Tanz fort, wobei sie torkelten und manche den niedrigen H�gel herunterrollten, um dann unten liegen zu bleiben und unb�ndig zu lachen. Simon sehnte sich von ganzem Herzen danach, dabeisein zu d�rfen.</p><p>Bald sa�en �berall im Gras und an der Mauer kleine Gruppen von Menschen. Die oberste Spitze des Baumes war ein Rubinspeer, in dem sich die letzten Strahlen der Sonne fingen. Einer der M�nner am Fu� des H�gels griff zu einer Schienbeinfl�te und begann zu spielen. Nach und nach wurde es still, nur manchmal war ein Fl�stern oder ein gelegentliches Aufquieken unterdr�ckten Gel�chters zu h�ren. Schlie�lich h�llte die atmende blaue Dunkelheit alle ein. Die klagende Stimme der Fl�te schwang sich in die Luft wie der Geist eines schwerm�tigen Vogels. Eine schwarzhaarige junge Frau mit schmalem Gesicht st�tzte sich auf die Schulter ihres jungen Mannes und stand auf. Sanft schwankend wie eine junge Birke im Weg des Windes fing sie an zu singen. Simon f�hlte, wie sich die gro�e Leere in ihm dem Lied �ffnete, dem Abend, dem geduldigen, zufriedenen Geruch des Grases und anderer Dinge, die wuchsen. <emphasis>O treuer Freund, o Lindenbaum</emphasis> sang sie.</p><poem><stanza><v>Mein Schutz und Schirm von Jugend an,</v><v>verrate mir, wo ist mein Mann,</v><v>du Freund am Waldessaum.</v></stanza><stanza><v>Wo ist er, dem mein Herz geh�rt,</v><v>der all um alles mir versprach?</v><v>Ging treulos fort. Mein Herz zerbrach.</v><v>Die Liebe ist zerst�rt.</v></stanza><stanza><v>Wo ging er hin, o Lindenbaum?</v><v>In welchem Arm fand er sein Gl�ck?</v><v>Wie ruf ich wieder ihn zur�ck?</v><v>Find du ihn mir im Traum!</v></stanza><stanza><v>Frag nicht danach, o Herrin mein,</v><v>nur ungern geb ich Antwort dir.</v><v>Unm�glich ist die L�ge mir.</v><v>Du w�rdest traurig sein.</v></stanza><stanza><v>Verwehr mir's nicht, o Linde wert,</v><v>sag mir, zu wem heut nacht er kam!</v><v>Wer ist die Frau, die ihn mir nahm,</v><v>da� er mein Wort nicht h�rt?</v></stanza><stanza><v>Vernimm die Wahrheit, Herrin gut,</v><v>dein Mann, du siehst ihn nimmermehr.</v><v>Er ging am Flu� heut nacht, am Wehr,</v><v>und st�rzte in die Flut.</v></stanza><stanza><v>Der Wasserfrau gilt jetzt sein Ku�,</v><v>und sie umschlingt ihn voller Gl�ck.</v><v>Doch sendet sie ihn dir zur�ck,</v><v>tropfna� und kalt vom Flu�.</v></stanza><stanza><v>So kehrt er wieder heim zu dir,</v><v>tropfna� und kalt vom Flu߅</v></stanza></poem><p>Als das schwarzhaarige M�dchen sich wieder setzte, knisterte und spr�hte das Feuer, als wollte es sich �ber ein so nasses, z�rtliches Lied lustig machen.</p><p>Simon entfernte sich eilig von den Flammen. Seine Augen standen voller Tr�nen. Die Stimme der Frau hatte ein wildes, hungriges Heimweh in ihm geweckt, nach den scherzenden Stimmen der K�chenjungen, der beil�ufigen Freundlichkeit der Kammerfrauen, nach seinem Bett, seinem Burggraben, Morgenes' langgestreckten, sonnengefleckten Zimmern, sogar � die Feststellung bereitete ihm Kummer � der strengen Gegenwart von Rachel, dem Drachen.</p><p>Hinter ihm erf�llten Gemurmel und Lachen die Fr�hlingsdunkelheit wie das Schwirren sanfter Fl�gel. Vor ihm schlenderten vielleicht zwei Dutzend Leute �ber die Stra�e vor der Kirche. Die meisten, in Zweier-, Dreier- und Vierergruppen, schienen durch das herabsinkende Dunkel auf den Gasthof zuzustreben. Aus der offenen T�r drang Feuerschein und tauchte die vor dem Eingang Stehenden in gelbes Licht. Als Simon, der sich immer noch die Augen wischte, n�her kam, �berschwemmte ihn der Geruch von Fleisch und Braunbier wie die Woge eines Ozeans. Langsam, in mehreren Schritten Entfernung, ging er hinter der letzten Gruppe her und �berlegte, ob er sofort nach Arbeit fragen oder erst einmal in der geselligen W�rme abwarten sollte, bis der Wirt vielleicht sp�ter einen Augenblick Zeit f�r ihn haben und sehen w�rde, da� er ein vertrauensw�rdiger Bursche war. Der blo�e Gedanke daran, einen fremden Menschen zu bitten, ihn bei sich aufzunehmen, machte ihm angst; aber was blieb ihm �brig? Im Wald zu schlafen wie ein wildes Tier?</p><p>Als er sich durch ein Gr�ppchen angetrunkener Bauern schl�ngelte, die �ber die Vorteile einer sp�t im Jahr vorgenommenen Schafschur stritten, w�re er beinahe �ber eine dunkle Gestalt gestolpert, die unter dem hin- und herschwingenden Gasthausschild an der Mauer hockte. Ein rundes, rosiges Gesicht mit kleinen dunklen Augen sah zu ihm auf. Simon gab ein paar gemurmelte Laute der Entschuldigung von sich und wollte schon weitergehen, als ihm pl�tzlich eine Erinnerung kam.</p><p>�Ich kenne Euch!� sagte er zu der zusammengekauerten Gestalt, die wie erschreckt die dunklen Augen aufri�. �Ihr seid der M�nch, den ich auf der Mittelgasse kennengelernt habe! Bruder � Bruder Cadrach.�</p><p>Cadrach, der einen Moment ausgesehen hatte, als wolle er sich auf H�nden und Knien davonmachen, kniff die Augen zusammen und musterte nun seinerseits Simon mit scharfem Blick.</p><p>�Erinnert Ihr Euch nicht?� fragte dieser aufgeregt. Der Anblick eines bekannten Gesichtes stieg ihm zu Kopf wie Wein. �Mein Name ist Simon.� Ein paar von den Bauern drehten sich um und schauten mit tr�ben Augen gleichg�ltig zu ihnen hin�ber. Simon durchzuckte j�he Furcht, als ihm einfiel, da� er auf der Flucht war. �Mein Name ist Simon�, wiederholte er leiser.</p><p>Ein Ausdruck des Erkennens, in dem noch etwas anderes lag, trat auf das runde Gesicht des M�nches. �Simon! Aber nat�rlich, Junge! Und was f�hrt dich aus dem gro�en Erchester ins elende, kleine Flett?� Mit Hilfe eines langen Stockes, der neben ihm an der Mauer gelehnt hatte, stand Cadrach auf.</p><p>�Ach � hm��, antwortete Simon verdutzt.</p><p><emphasis>Was hast du nun schon wieder angerichtet, du T�lpel � dich mit Leuten, die du kaum kennst, in ein Gespr�ch eingelassen! Denk nach, Mondkalb! Morgenes hat sich solche M�he gegeben, dir klarzumachen, da� es hier nicht um ein Spiel geht.</emphasis> �Ich hatte einen Auftrag � f�r jemanden in der Burg��</p><p>�Und da hast du beschlossen, das bi�chen Geld zu nehmen, das dir �brigblieb, und in dem ber�hmten �Drachen und Fischer� Rast zu machen�, Cadrach verzog das Gesicht, �und eine Kleinigkeit zu dir zu nehmen.� Bevor Simon ihn aufkl�ren oder sich auch nur entscheiden konnte, ob er das wollte, fuhr der M�nch fort: �Was du aber tun solltest, ist, das Abendessen mit mir gemeinsam einzunehmen und mich die Rechnung bezahlen zu lassen � nein, nein, Junge, ich bestehe darauf! Es ist nicht mehr als gerecht, so freundlich, wie du dich einem Fremden gegen�ber erwiesen hast.� Simon brachte kein Wort heraus, und schon hatte Bruder Cadrach ihn am Arm gepackt und in den Schankraum gezogen.</p><p>Einige Gesichter wandten sich ihnen zu, als sie eintraten, aber niemand lie� den Blick l�nger auf ihnen ruhen. Der Raum war langgestreckt und niedrig und auf beiden Seiten von Tischen und B�nken ges�umt, die so weinfleckig, altersschwach und zerschnitten waren, da� nur die eingetrocknete So�e und das Fett, mit denen sie �berreich bespritzt waren, sie zusammenzuhalten schienen. Ein ru�iger, schwitzender Bauernjunge drehte eine Rinderkeule am Spie� und zuckte zur�ck, als das tropfende Fett die Flammen zum Aufzischen brachte. F�r Simon sah dies alles wie im Himmel aus und roch auch so.</p><p>Cadrach zog ihn zu einem Platz an der hinteren Wand; die Tischplatte war so rissig und l�chrig, da� es Simon weh tat, als er seine zerschundenen Ellenbogen darauf st�tzte. Der M�nch lie� sich ihm gegen�ber nieder, lehnte sich an die Wand und streckte seine Beine �ber die ganze L�nge der Bank aus. Statt der Sandalen, die Simon erwartet h�tte, trug der M�nch zerfetzte Stiefel, die vom Wetter und der starken Beanspruchung aufgeplatzt waren.</p><p>�Herr Wirt! Wo seid Ihr, w�rdiger Schenke?� rief Cadrach. Zwei Einheimische mit dicht gerunzelten Brauen und blaurasiertem Kinn, von denen Simon h�tte schw�ren k�nnen, sie seien Zwillinge, sahen vom Nebentisch her�ber, Mi�billigung in jede Furche ihrer Gesichter geschrieben. Nach kurzem Warten erschien der Eigent�mer, ein b�rtiger Mann mit fa�f�rmigem Brustkasten und einer tiefen Narbe �ber Nase und Oberlippe.</p><p>�Ah, da seid Ihr ja�, begr��te ihn Cadrach. �Seid gesegnet, lieber Sohn, und bringt uns jedem einen Krug Eures besten Biers. Au�erdem seid so gut und schneidet uns etwas von der Keule dort ab � und dazu zwei dicke Brotscheiben, um den Saft aufzufangen. Vielen Dank, junger Freund.�</p><p>Der Eigent�mer des Gasthofs zog bei Cadrachs Worten ein finsteres Gesicht, nickte jedoch kurz mit dem Kopf und entfernte sich. Dabei h�rte Simon ihn �� Hernystiri-Lump�� murmeln.</p><p>Bald kam das Bier, dann das Fleisch, dann weiteres Bier. Zuerst schlang Simon alles hinunter wie ein verhungerter Hund, aber nachdem er den ersten verzweifelten Hei�hunger gestillt und sich im Raum umgesehen hatte, um sich zu vergewissern, da� niemand ihnen ungeb�hrliche Aufmerksamkeit widmete, verlangsamte er sein Tempo und fing an, Bruder Cadrachs weitschweifigen Reden zuzuh�ren.</p><p>Der Hernystiri war ein wundervoller Geschichtenerz�hler, trotz seines schnarrenden Akzents, der ihn manchmal etwas schwer verst�ndlich machte. Die Geschichte vom Harfner Ithineg und seiner langen, langen Nacht erheiterte Simon ungemein, obwohl er ein wenig schockiert war, sie ausgerechnet von einem Mann im geistlichen Gewand zu h�ren. �ber die Abenteuer des Roten Hathrayhinn und der Sithifrau Finaju mu�te er so lachen, da� er sich Bier �ber das ohnehin bekleckerte Hemd spritzte.</p><empty-line/><p>Sie hatten lange gegessen; das Gasthaus war bereits halb geleert, als der b�rtige Wirt ihnen zum vierten Mal die Becher f�llte. Mit weit ausholenden Geb�rden erz�hlte Cadrach Simon von einem Kampf, dessen Zeuge er einmal in den Docks von Ansis Pelipp� in Perdruin gewesen war. Zwei M�nche, erkl�rte er, hatten einander bei einem Streit, in dem es darum ging, ob unser Herr Usires einen Mann auf der Insel Grenammam auf magische Weise von der Verzauberung in ein Schwein befreit hatte oder nicht, beinahe bewu�tlos gepr�gelt. Gerade an der aufregendsten Stelle � Bruder Cadrach wedelte bei seiner Schilderung derart begeistert mit den Armen, da� Simon f�rchtete, er werde von der Bank herunterfallen � knallte der Schankwirt ganz laut einen Bierkrug auf den Tisch. Cadrach, mitten im Ausruf unterbrochen, schaute auf.</p><p>�Nun, guter Herr?� erkundigte er sich und hob eine buschige Braue. �Und was k�nnen wir f�r Euch tun?�</p><p>Der Wirt stand mit verschr�nkten Armen da, eine mi�trauische Miene im verkniffenen Gesicht. �Hab Euch bis jetzt Kredit gegeben, weil Ihr ein Mann des Glaubens seid, Vater�, antwortete er, �aber ich mu� jetzt bald schlie�en.�</p><p>�Ist das alles, was Euch fehlt?� �ber Cadrachs rundliches Gesicht huschte ein schnelles L�cheln. �Wir sind gleich bei Euch und rechnen ab, guter Mann. Wie war noch Euer Name?�</p><p>�Freawaru.�</p><p>�Nun, dann habt keine Sorge, wackerer Freawaru. La�t den Jungen und mich noch diese Kr�glein austrinken, dann k�nnt Ihr Euch schlafen legen.� Mehr oder weniger zufriedengestellt, nickte Freawaru in seinen Bart und stapfte davon, um den Burschen anzubr�llen, der den Bratspie� drehte. Mit einem langen, ger�uschvollen Schluck leerte Cadrach seinen Becher und wandte dann sein Grinsen Simon zu.</p><p>�Komm, trink aus, Junge. Wir wollen den Mann nicht warten lassen. Ich geh�re zum Orden der Granisier, wei�t du, und empfinde Mitgef�hl mit dem armen Kerl. Der gute Sankt Granis ist unter anderem der Patron der Gastwirte und Trunkenbolde � eine durchaus nat�rliche Zusammenstellung.�</p><p>Simon lachte vergn�gt und leerte den Becher, aber als er ihn niedersetzte, zupfte eine Erinnerung an ihm wie ein Finger. Hatte ihm Cadrach damals, als er ihm in Erchester das erste Mal begegnete, nicht erz�hlt, da� er zu einem anderen Orden geh�rte? Irgend etwas mit v? Vilderivaner?</p><p>Der M�nch stocherte mit dem Ausdruck tiefer Versunkenheit in den Taschen seiner Kutte herum, so da� Simon die Frage nicht weiter verfolgte. Gleich darauf zog Cadrach einen ledernen Geldbeutel heraus und lie� ihn auf den Tisch fallen; der Beutel blieb stumm � kein Klirren, kein Klimpern. Cadrachs gl�nzende Stirn legte sich in best�rzte Falten. Er hielt die B�rse ans Ohr und sch�ttelte sie langsam hin und her. Immer noch kein Laut. Simon ri� die Augen auf.</p><p>�Ach, Jungchen, Jungchen�, begann der M�nch zu klagen, �schau dir das an! Ich bin heute stehengeblieben, um einem armen Bettler zu helfen � zum Wasser hab ich ihn hinuntergetragen und ihm die blutenden F��e gewaschen �, und sieh dir an, wie er mir meine Freundlichkeit gelohnt hat.� Cadrach drehte den Geldbeutel um, so da� Simon das g�hnende Loch sehen konnte, das in die Unterseite geschlitzt war. �Wunderst du dich noch, warum ich manchmal Angst um diese Welt habe, junger Simon? Ich habe dem Mann geholfen, und er � ja, in der Tat, er mu� mich beraubt haben, noch w�hrend ich ihn trug.� Der M�nch stie� einen tiefen Seufzer aus. �Hm, Junge, ich f�rchte, ich mu� deine Menschenfreundlichkeit und �donitische N�chstenliebe in Anspruch nehmen und mir von dir das Geld borgen, das wir hier schuldig sind � ich kann es dir bald zur�ckzahlen, hab deshalb keine Sorge. Tz, tz�, schnalzte er und schwenkte die aufgeschlitzte B�rse vor dem glotzenden Simon, �Oh! Die Welt ist krank vor S�nde.�</p><p>Simon h�rte Cadrachs Worte nur wie aus weiter Ferne, ein Lautgemurmel in seinem bierumnebelten Kopf. Er schaute nicht auf das Loch in der B�rse, sondern auf die M�we, die mit dickem, blauem Garn auf das Leder gestickt war. Die angenehme Trunkenheit von eben hatte sich in etwas Schweres und Saures verwandelt. Dann hob er den Kopf, bis sein Blick dem Bruder Cadrachs begegnete. Das Bier und die W�rme des Schankraums hatten Simons Wangen und Ohren ger�tet, jetzt aber f�hlte er, wie aus seinem jagenden Herzen eine noch viel hei�ere Blutwelle aufstieg.</p><p>�Das � ist � mein � Geldbeutel!� sagte er, Cadrach blinzelte wie ein ausgehobener Dachs.</p><p>�Was, Junge?� fragte er vorsichtig und rutschte langsam von der Wand weg zur Mitte der Bank. �Ich f�rchte, ich habe nicht recht geh�rt.�</p><p>�Dieser � Geldbeutel � geh�rt � mir.� Simon f�hlte den ganzen Kummer, all die ohnm�chtige Wut �ber den Verlust wieder in sich aufsteigen � Judiths entt�uschtes Gesicht, Doktor Morgenes' betr�btes Erstaunen �, dazu das Gef�hl von Erschrecken und �belkeit im Magen, weil man sein Vertrauen mi�braucht hatte. S�mtliche roten Nackenhaare standen ihm zu Berge wie Eberborsten. �Dieb!� schrie er pl�tzlich und wollte sich auf Cadrach st�rzen. Aber der hatte das kommen sehen. Schon war der kleine M�nch von der Bank herunter und huschte r�ckw�rts nach der T�r.</p><p>�So warte doch, Junge, du irrst dich!� rief er, aber wenn das wirklich seine Meinung war, so mu�te er wenig Vertrauen in die eigene F�higkeit haben, Simon zu �berzeugen. Ohne eine Sekunde innezuhalten, raffte er seinen Stock an sich und sprang zur T�r hinaus. Simon wollte mit einem Satz hinter ihm her, hatte aber kaum den T�rpfosten passiert, als er sich von einem Paar b�renartiger Tatzen um die Mitte gepackt f�hlte. Gleich darauf schwebte er in der Luft, sein Atem wurde aus ihm herausgepre�t, und die Beine baumelten hilflos nach unten.</p><p>�Und was glaubst du, was du da machst, he?� brummte ihm Freawaru ins Ohr. Er machte in der T�r kehrt und schleuderte Simon in den vom Feuer rotgemalten Schankraum zur�ck. Simon landete auf dem nassen Boden und schnappte nach Luft.</p><p>�Es ist der M�nch!� st�hnte er endlich. �Er hat meinen Geldbeutel gestohlen! La�t ihn nicht entwischen!�</p><p>Freawaru steckte kurz den Kopf durch die T�r. �Wenn das stimmt, ist er schon �ber alle Berge, der Kerl � aber woher soll ich wissen, da� das nicht alles zu eurem Plan geh�rt, he? Woher wei� ich, da� ihr beide diesen M�nch-und-Lustknabe-Trick nicht in jeder Kneipe zwischen hier und Utanyeat abzieht?� Hinter ihm lachten ein paar sp�te Zecher. �Steh auf, Junge�, sagte er, ergriff Simon beim Arm und ri� ihn grob in die H�he. �Ich will feststellen, ob Deorhelm oder Godstan schon von euch beiden geh�rt haben.�</p><p>Er schob Simon zur T�r hinaus und um die Hausecke herum, wobei er dessen Arm mit festem Griff gepackt hielt. Das Mondlicht schien auf das mit hellem Stroh gedeckte Stalldach und die ersten Vorpostenb�ume des nur einen Steinwurf weit entfernten Waldes.</p><p>�Ich wei� nicht, warum du nicht einfach nach Arbeit gefragt hast, du Esel�, grollte Freawaru, w�hrend er den stolpernden Jungen weiterstie�. �Jetzt, wo mein Heanfax gerade weg ist, h�tte ich einen kr�ftigen jungen Burschen wie dich gut brauchen k�nnen. Verdammte Dummheit � und halt jetzt nur deinen Mund!�</p><p>Neben dem Stall stand eine kleine Kate, deren Hinterwand mit dem Hauptgeb�ude der Herberge verbunden war. Freawaru h�mmerte mit der Faust gegen die T�r.</p><p>�Deorhelm!� rief er. �Bist du noch auf? Komm und sieh dir den Jungen hier an, und sag mir, ob du ihn schon mal irgendwo gesehen hast.� Drinnen vernahm man das Ger�usch von Schritten.</p><p>�Beim verdammten <emphasis>Baum,</emphasis> bist du das, Freawaru?� knurrte eine Stimme. �Wir m�ssen beim Hahnenschrei wieder auf der Stra�e sein.� Die T�r schwang auf. Mehrere Kerzen beleuchteten den dahinterliegenden Raum.</p><p>�Du hast Gl�ck gehabt, da� wir beim W�rfeln waren und noch nicht im Bett�, meinte der Mann, der die T�r ge�ffnet hatte. �Was gibt es?�</p><p>Simons Augen weiteten sich und sein Herz explodierte in entsetztem Dr�hnen. Der Mann dort und der andere, der gerade an einem der Bettlaken sein Schwert polierte, trugen die gr�ne Uniform von Elias' Erkyngarde!</p><p>�Dieser junge Strolch und Dieb von einem�� konnte Freawaru gerade noch herausbringen, als Simon herumfuhr und dem Wirt den Kopf in den Magen rammte. Mit einem erschreckten Aussto�en der Luft ging der B�rtige zu Boden. Simon sprang �ber seine strampelnden Beine und floh in den Schutz des Waldes; ein paar gro�e S�tze, und er war verschwunden. Die beiden Soldaten starrten in sprachloser Verwunderung hinterher. Auf der Erde vor der von Kerzen erhellten T�r fluchte Freawaru, der Schankwirt, w�lzte sich, trat um sich und fluchte wieder.</p></section><section><title><p>XVI</p><p>Der Wei�e Pfeil</p></title><p>�Es ist ungerecht!� schluchzte Simon vielleicht zum hundertsten Mal und schlug mit den F�usten auf die nasse Erde ein. An seinen ger�teten Kn�cheln klebten Bl�tter; er f�hlte sich kein bi�chen w�rmer. �Ungerecht!� murmelte er und rollte sich wieder zur Kugel zusammen. Die Sonne war schon vor einer Stunde aufgegangen, aber das matte Licht brachte keine W�rme. Simon bibberte und weinte.</p><p>Und es war wirklich ungerecht. Was hatte er denn getan, da� er hier na�, ungl�cklich und heimatlos im Forst von Aldheorte kauerte, w�hrend andere Leute in warmen Betten schliefen oder gerade aufstanden und Brot und Milch und trockene Kleider vorfanden? Warum wurde er gejagt und gehetzt wie ein schmutziges Tier? Er hatte versucht, das Rechte zu tun und seinem Doktor sowie dem Prinzen zu helfen, und das hatte ihn zu einem verhungernden Ausgesto�enen gemacht.</p><p><emphasis>Aber Morgenes hat es viel schlimmer getroffen, oder nicht?</emphasis> bemerkte ein Teil von ihm ver�chtlich. <emphasis>Der arme Mann w�rde wahrscheinlich gern den Platz mit dir tauschen.</emphasis></p><p>Aber auch darauf kam es eigentlich nicht an: Doktor Morgenes hatte zumindest eine gewisse Vorstellung gehabt, worum es ging und was alles passieren konnte. Er, Simon, dagegen war, dachte er angewidert, so unschuldig und einf�ltig gewesen wie eine Maus, die vor die T�r geht, um mit der Katze Fangen zu spielen.</p><p><emphasis>Warum ha�t Gott mich so?</emphasis> fragte Simon sich schniefend. Wie konnte Usires �don, der doch, wie der Priester immer sagte, �ber alle Menschen wachte, ihn so im Stich lassen, da� er hier in der Wildnis leiden und sterben mu�te? Von neuem brach er in Tr�nen aus.</p><p>Als er sich einige Zeit sp�ter die Augen rieb, fragte er sich, wie lange er wohl so dagelegen und ins Leere gestarrt hatte. Er stand auf und verlie� den Schutz des Baumes, um wieder Leben in H�nde und F��e zu sch�tteln. Dann kehrte er noch einmal zu dem Stamm zur�ck, um seine Blase zu leeren, und stapfte schlie�lich m�rrisch an das kleine B�chlein hinunter, um zu trinken. Der unbarmherzige Schmerz in Knien, R�cken und Hals machte ihm bei jedem Schritt Vorw�rfe.</p><p><emphasis>Sie sollen alle in die H�lle verdammt sein. Verdammter Schei�wald. Und Gott auch, kommt gar nicht mehr drauf an.</emphasis></p><p>�ngstlich blickte er von seiner Handvoll eiskalten Wassers auf, aber die wortlose L�sterung blieb ungestraft.</p><p>Als er fertiggetrunken hatte, ging er ein kurzes St�ck bachaufw�rts zu einer Stelle, an der sich der Wasserlauf zum Teich erweiterte und das unruhige Wasser glatt dahinflo�. Dort kauerte er sich nieder und starrte auf sein von Tr�nen gekr�useltes Spiegelbild, bis er in H�he seines G�rtels einen Widerstand sp�rte, der es ihm erschwerte, sich weiter vorzubeugen, ohne sich dabei mit den H�nden abzust�tzen.</p><p><emphasis>Das Manuskript des Doktors!</emphasis> fiel ihm ein.</p><p>Er richtete sich halb auf und zog das warme, biegsame Paket zwischen Hose und Hemdbrust hervor. Sein G�rtel hatte eine L�ngsfalte in das ganze B�ndel gepre�t. So lange hatte er die Seiten getragen, da� sie sich der Rundung seines Bauchs anschmiegten wie der Teil einer R�stung; nun lagen sie gebl�ht wie ein vom Wind gef�lltes Segel in seiner Hand. Das oberste Blatt war mit Erde verschmiert und verkrustet, aber Simon erkannte die kleine, verschn�rkelte Schrift des Doktors; er hatte die d�nne R�stung von Morgenes' Worten getragen. Ein pl�tzlicher, wilder Krampf wie von Hunger �berfiel ihn, und er legte die Papiere sanft zur Seite und sah wieder in den T�mpel.</p><p>Es dauerte einen kleinen Augenblick, bis er sein Spiegelbild von den Streifen und Flecken der Schatten auf der Wasseroberfl�che unterscheiden konnte. Er hatte das Licht im R�cken; sein Abbild bestand im wesentlichen aus dem Umri� einer dunklen Gestalt mit nur angedeuteten Z�gen hinter Schl�fe, Wange und Kinn, auf die Licht fiel. Er drehte den Kopf, um die Sonne aufzufangen, und sah aus dem Augenwinkel ein gejagtes Tier, das sich im Wasser spiegelte, das Ohr schr�g gestellt, als lausche es auf Verfolgung, das Haar eine wirre Hecke einzelner B�schel, der Hals so gebogen, da� er nicht Zivilisation verriet, sondern Wachsamkeit und Furcht. Hastig sammelte er das Manuskript ein und ging das Bachufer hinauf.</p><p><emphasis>Ich bin ganz und gar allein. Nie mehr wird jemand f�r mich sorgen. Nicht da� es bisher einer getan h�tte.</emphasis> Ihm war, als k�nne er f�hlen, wie ihm das Herz in der Brust brach.</p><p>Nach ein paar Minuten Suche fand er eine Stelle, die von der Sonne beschienen wurde. Dort lie� er sich nieder, um seine Tr�nen zu trocknen und sich Gedanken zu machen. Er lauschte den V�geln, deren Echo den sonst lautlosen Forst durchdrang, und ihm wurde v�llig klar, da� er w�rmere Kleidung brauchte, wenn er im Freien �bernachten mu�te � und zwar rasch, bevor er sich noch weiter vom Hochhorst entfernte. Au�erdem mu�te er sich entscheiden, wohin er eigentlich wollte.</p><p>Gedankenverloren bl�tterte er in Morgenes' Papieren herum, von denen jedes einzelne mit Worten dicht beschrieben war. Worte � wie konnte sich jemand so viele Worte auf einmal ausdenken, geschweige denn, sie niederschreiben? Ihm tat beim blo�en Gedanken daran das Hirn weh. Und was n�tzten sie einem, sann er, und seine Unterlippe bebte vor Bitterkeit, wenn man fror und Hunger hatte � oder wenn Pryrates vor der T�r stand? Er zog zwei Bl�tter auseinander. Das untere zerri�, und ihm war, als h�tte er versehentlich einen Freund gekr�nkt. Er starrte es sekundenlang an und malte mit zerkratztem Finger feierlich die vertraute Sch�nschrift nach. Dann hielt er es hoch, damit Licht darauf fiel, kniff die Augen zusammen und las.</p><p><emphasis>�� darum ist es seltsam, wenn man bedenkt, da� gerade die Verfasser der Lieder und Geschichten, die Johans gl�nzenden Hof unterhielten, den K�nig mit ihren Bem�hungen, ihn in etwas �berlebensgro�es zu verwandeln, eher kleiner machten, als er wirklich war.�</emphasis></p><p>Beim ersten Durchlesen, als er den Text Wort f�r Wort entzifferte, verstand er �berhaupt nichts; aber beim zweiten Mal trat der Tonfall von Morgenes' Redeweise deutlich hervor. Simon h�tte fast gel�chelt und verga� f�r einen Moment seine schreckliche Lage. Er begriff immer noch sehr wenig von dem, was er las, aber er erkannte die Stimme seines Freundes.</p><p><emphasis>�Man betrachte zum Beispiel�</emphasis>, hie� es weiter, <emphasis>�seine Ankunft in Erkynland. Er stammte von der Insel Warinsten. Die Balladensinger behaupten immer, Gott habe ihn gerufen, den Drachen Shurakai zu erschlagen; er sei bei Grenefod gelandet, sein Schwert Hellnagel in der Hand, sein Sinn nur auf die gro�e Aufgabe gerichtet.</emphasis></p><p><emphasis>Doch obwohl es durchaus m�glich ist, da� ein g�tiger Gott ihn herrief, das Land von dem schrecklichen Untier zu befreien, so bliebe doch zu kl�ren, wieso Gott es zulie�, da� besagter Drache erst einmal lange Jahre das Land verw�stete, bevor er ihm eine Nemesis erstehen lie�. Und nat�rlich erinnerten sich die, welche Johan in jenen Tagen kannten, sehr wohl daran, da� er Warinsten als schwertloser Bauernsohn verlie� und als ebensolcher unsere K�sten erreichte; und ebensowenig dachte er �berhaupt an den Roten Lindwurm, bevor er fast ein Jahr in unserem Erkynland zugebracht hatte��</emphasis></p><p>Es war ungemein tr�stlich, Morgenes' Stimme wieder zu h�ren, wenn auch nur im Kopf, aber der Inhalt des Absatzes verwirrte Simon trotzdem. Wollte Morgenes damit sagen, da� Johan der Priester den Drachen gar nicht get�tet hatte, oder nur, da� Gott ihn nicht dazu auserw�hlt hatte? Wenn ihn aber unser Herr Usires im Himmel gar nicht auserkoren hatte, wie hatte er es geschafft, das Erzungeheuer zu besiegen? Hie� er beim Volk von Erkynland nicht �der von Gott gesalbte K�nig�?</p><p>W�hrend er so nachdenklich dasa�, blies ein kalter Wind durch die B�ume herab und �berzog Simons Arme mit G�nsehaut.</p><p><emphasis>Bei �dons Buch, ich mu� einen Mantel oder sonst etwas Warmes zum Anziehen haben, �berlegte er. Und mir dar�ber klarwerden, wo ich hin will, anstatt hier herumzusitzen und wie ein Einf�ltiger �ber alten Schriften zu br�ten.</emphasis></p><p>Offensichtlich war sein Plan vom Vortag, n�mlich sich unter einer d�nnen Schicht von Anonymit�t zu verstecken und in irgendeiner Dorfschenke Spie�dreher oder Scheuerjunge zu werden, ein Ding der Unm�glichkeit. Ob die beiden Wachen, denen er entkommen war, ihn erkannt hatten oder nicht, war nicht mehr die Frage; hatten sie es nicht getan, w�rde es bei n�chster Gelegenheit ein anderer tun. Simon war �berzeugt, da� Elias' Soldaten schon l�ngst die Gegend nach ihm abk�mmten. Schlie�lich war er nicht einfach ein entlaufener Diener, sondern ein Verr�ter und Schwerverbrecher. Schon mehrere Menschen hatten Josuas Flucht mit dem Leben bezahlt; wenn Simon der Erkyngarde in die H�nde fiel, w�rde es kein Erbarmen geben.</p><p>Wie konnte er entkommen? Wo sollte er hin? Wieder f�hlte er Panik in sich aufsteigen und versuchte sie zu unterdr�cken. Morgenes' letzter Wunsch war es gewesen, da� er Josua nach Naglimund folgen sollte. Jetzt sah es tats�chlich so aus, als w�re das die einzig brauchbare L�sung. Wenn dem Prinzen die Flucht gegl�ckt war, w�rde er Simon bestimmt gern aufnehmen. Wenn nicht, w�rden Josuas Lehnsleute ihm als Gegenleistung f�r Nachricht von ihrem Herrn sicher Zuflucht gew�hren. Allerdings war es ein elend weiter Weg nach Naglimund. Simon kannte die Route und die Entfernung nur vom H�rensagen, aber niemand hatte sie je als kurz bezeichnet. Wenn er der Alten Forststra�e weiter westw�rts folgte, w�rde sie irgendwann die Weldhelmstra�e kreuzen, die am Fu� des Gebirgszuges, nach dem sie benannt war, nach Norden f�hrte. Wenn er den Weg zum Weidhelm fand, w�rde er zumindest in die richtige Richtung steuern.</p><p>Mit einem vom Saum seines Hemdes abgerissenen Streifen schn�rte er die Papiere zusammen, rollte sie zu einer R�hre und umwickelte sie mit dem Stoff, den er an den Enden sorgf�ltig drehte und zuband. Dabei merkte er, da� er ein Blatt vergessen hatte; es lag ein wenig abseits, und als er es aufhob, sah er, da� es von seinem eigenen Schwei� verschmiert war. In den verwischten, unlesbar gewordenen Buchstaben war ein Satz unversehrt geblieben. Simon sprangen die Worte entgegen:</p><p><emphasis>�� Wenn ihn �berhaupt ein g�ttlicher Funke ber�hrt hatte, so zeigte sich das am deutlichsten in seinem Kommen und Gehen, n�mlich daran, da� er zur besten Stunde am rechten Platz war und daraus seinen Vorteil zog��</emphasis></p><p>Es war keine ausgesprochene Vorhersage oder Prophezeiung, aber es ermutigte Simon ein wenig und best�rkte ihn in seinem Entschlu�. Nach Norden wollte er gehen � nordw�rts nach Naglimund.</p><empty-line/><p>F�r einen stachligen, schmerzhaften, unseligen Tagesmarsch im Windschatten der Alten Forststra�e entsch�digte ihn zum Teil eine gl�ckliche Entdeckung. Als er so durch das Unterholz stelzte � gelegentliche Katen, die sich in Rufweite der Stra�e duckten, umging er �, erhaschte Simon durch eine L�cke im Mantel des Waldes einen Blick auf einen unerme�lichen Schatz: unbeaufsichtigte W�sche. Das Auge fest auf die sch�bige, mit Brombeergestr�pp gedeckte H�tte geheftet, die ein paar Schritte daneben stand, schlich er auf den Baum zu, dessen �ste mit feuchten Kleidern und einer stinkigen, triefendnassen Decke beh�ngt waren. Sein Herz schlug hastig, als er einen wollenen Mantel herunterzog, der vor Feuchtigkeit so schwer war, da� Simon taumelte, als er ihm in die Arme glitt. Aus der Kate kam kein Alarm; tats�chlich sah es so aus, als sei niemand in der N�he. Das gab Simon, ohne da� er einen Grund daf�r wu�te, ein noch viel �bleres Gef�hl wegen seines Diebstahls. Als er mit seiner Last in das Gewirr der B�ume zur�ckrannte, sah er vor seinem geistigen Auge wieder ein rohes Holzschild, das gegen eine Brust schlug, die nicht mehr atmete.</p><empty-line/><p>Die Sache war die, das merkte Simon schon sehr bald, da� das Leben eines Gesetzlosen ganz und gar nicht so aussah wie in den Geschichten von Hans Mundwald dem R�uber, die Shem ihm erz�hlt hatte. In seiner Phantasie war der Wald von Aldheorte eine Art endloser, hoher Saal mit einem Fu�boden aus weichem Rasen und ragenden Baumstamms�ulen gewesen, auf denen eine ferne Decke aus Bl�ttern und blauem Himmel ruhte, ein luftiges Zelt, in dem Ritter wie Herr Tallistro von Perdruin oder der gewaltige Camaris auf stolzen Schlachtrossen einherritten und verzauberte Damen von einem entsetzlichen Schicksal erl�sten. In unnachsichtiger, geradezu b�sartiger Wirklichkeit gestrandet, mu�te Simon feststellen, da� die B�ume am Waldrand sich eng aneinanderdr�ngten und ihre �ste verstrickten wie Schlangen in einem Gleitknoten. Schon das Unterholz war ein Hindernis, ein grenzenloses, buckliges Feld aus Dornranken und umgest�rzten St�mmen, die fast unsichtbar unter Moos und faulenden Bl�ttern lagen.</p><p>Wenn er sich in diesen ersten Tagen ab und zu auf einer Lichtung wiederfand und ein kurzes St�ck ungehindert weitergehen konnte, gab ihm das Ger�usch der eigenen Schritte, die auf den locker geschichteten Erdboden trommelten, das Gef�hl, nackt zu sein. Er ertappte sich dabei, wie er im schr�gen Sonnenlicht eilig �ber die Senken huschte und um die Sicherheit des Unterholzes flehte. Dieses Versagen seiner Nerven machte ihn so w�tend, da� er sich zwang, die Lichtungen langsam zu �berqueren. Manchmal sang er sogar tapfere Lieder und lauschte dem Echo, als sei der Ton seiner Stimme, die immer leiser wurde und schlie�lich in den alles d�mpfenden B�umen erstarb, das Nat�rlichste auf der Welt; aber kaum, da� er wieder im Unterholz angelangt war, hatte er zumeist vergessen, was er kurz zuvor gesungen hatte.</p><p>Obwohl sein Kopf noch voller Erinnerungen an sein Leben auf dem Hochhorst steckte, waren sie zu blo�en Ged�chtnisfetzen verkommen, die immer entfernter und unwirklicher schienen und durch einen wachsenden Nebel aus Zorn, Verbitterung und Verzweiflung ersetzt wurden. Heimat und Gl�ck hatte man ihm gestohlen. Das Leben auf dem Hochhorst war etwas Gro�artiges und Behagliches gewesen: die Menschen freundlich, die Unterbringung wunderbar bequem. Jetzt trampelte er Stunde um m�de Stunde durch den verfilzten Wald und schwamm in Kummer und Selbstmitleid. Er f�hlte, wie seine fr�here Pers�nlichkeit langsam verschwand und ein immer gr��erer Teil seiner wachen Gedanken sich nur noch um zwei Dinge drehte: essen und weitergehen.</p><p>Zuerst hatte er lange gegr�belt, ob er der Schnelligkeit wegen die offene Stra�e einschlagen und eine Entdeckung riskieren durfte oder lieber versuchen sollte, im Schutz des Waldes neben der Stra�e herzugehen. Letzteres war ihm kl�ger vorgekommen, aber schon bald merkte er, da� Stra�e und Waldrand an manchen Stellen weit auseinanderklafften und es im dichten Gestr�pp des Altherz oft erschreckend schwer war, die Stra�e wiederzufinden. Zugleich sah er in peinlicher Verlegenheit ein, da� er nicht die leiseste Ahnung hatte, wie man ein Feuer anz�ndet, etwas, an das er nie einen Gedanken verschwendet hatte, wenn er Shems Schilderungen vom schnurrigen Hans Mundwald und seinen R�uberbr�dern zuh�rte, die an ihrer Waldtafel sa�en und sich an gebratenem Wildbret labten. Ohne Fackel, die ihm den Weg beleuchtete, konnte er wohl nur eins tun: nachts, wenn der Mond schien, auf der Stra�e gehen. Dann w�rde er am Tag schlafen und die verbleibenden Stunden Sonnenlicht benutzen, um sich weiter durch den Wald zu plagen.</p><p>Keine Fackel, das bedeutete auch kein Kochfeuer, und das war in gewisser Weise das Schlimmste. Von Zeit zu Zeit fand er Gelege mit gefleckten Eiern, die Birkhennen in Verstecken aus ineinandergeflochtenem Gras verborgen hatten. Das war Nahrung f�r ihn, aber es fiel ihm schwer, die klebrigen, kalten Dotter zu schl�rfen, ohne dabei an die warmen, duftenden Herrlichkeiten aus Judiths K�che zu denken und sich mit Bitterkeit an die Morgen zu erinnern, an denen er es so ungeheuer eilig gehabt hatte, zu Morgenes oder hinaus auf den Turnierplatz zu kommen, da� er gro�e Klumpen Butter und mit Honig bestrichenes Brot unanger�hrt auf dem Teller liegengelassen hatte. Jetzt pl�tzlich war der Gedanke an einen Kanten mit Butter ein Traum vom �berflu�.</p><p>Simon, der nicht jagen konnte und wenig oder gar nichts davon verstand, welche Wildpflanzen man ohne sch�dliche Folgen essen konnte, fristete sein Leben dadurch, da� er die G�rten der in der Gegend lebenden K�tner pl�nderte. Mit wachsamem Blick auf Hunde oder zornige Bewohner st�rzte er aus dem sch�tzenden Wald hervor, um die armselig kargen Gem�sebeete zu fleddern, scharrte Karotten oder Zwiebeln aus der Erde oder pfl�ckte ein paar �pfel von unteren Zweigen � aber selbst diese mageren Speisen fand er selten und nur in gro�en Abst�nden. Oft hatte er beim Gehen solche Hungerkr�mpfe, da� er vor Wut aufbr�llte und dem verfilzten Gestr�pp wilde Fu�tritte versetzte. Einmal trat er so fest zu und schrie so laut, da� er vorn�ber in das Unterholz fiel und lange Zeit nicht aufstehen konnte. Er lag da, h�rte, wie das Echo seiner Schritte verstummte und dachte, nun w�rde er sterben.</p><p>Nein, das Leben im Wald war nicht ein Zehntel so herrlich, wie er es sich an diesen l�ngstvergangenen Nachmittagen auf dem Hochhorst ausgemalt hatte, als er im Stall gehockt, den Geruch von Heu und Zaumzeugleder eingeatmet und Shems Geschichten gelauscht hatte. Der m�chtige Altherz war ein finsterer und geiziger Wirt, der Fremden keine Bequemlichkeit g�nnen wollte. Simon versteckte sich in dornigem Gestr�pp, um die Sonnenstunden zu verschlafen, bahnte sich in der Dunkelheit unter dem im Netz der B�ume gefangenen Mond seinen feuchten, bibbernden Weg oder huschte in seinem herumschlotternden, viel zu weiten Mantel verstohlen durch die Gartenbeete � und wu�te immer, da� er mehr Hase als Hund war.</p><empty-line/><p>Obwohl er die zusammengerollten Aufzeichnungen des Doktors immer mitschleppte und sich an sie klammerte wie an einen Amtsstab oder den gesegneten <emphasis>Baum</emphasis> eines Priesters, las er, w�hrend die Tage vergingen, immer seltener darin. Am d�nnen Ende des Tages, zwischen einer erbarmungsw�rdigen Mahlzeit � falls es �berhaupt eine gab � und der furchterregenden, ihn immer enger umschlie�enden Finsternis der Welt dort drau�en �ffnete er wohl das B�ndel und las ein St�ck von einer Seite, aber jeden Tag schien der Sinn der Worte ihm schwerer begreiflich. Eine Seite, auf der die Namen Johan, Eahlstan der Fischerk�nig und Shurakai der Drache mehrfach vorkamen, erregte seine Eintagsfliegenaufmerksamkeit, aber nachdem er sie m�hsam viermal durchgelesen hatte, erkannte er, da� sie nicht mehr Sinn f�r ihn ergab als die Jahresringe auf einem St�ck Baumholz. An seinem f�nften Nachmittag im Wald sa� er, die Bl�tter im Scho�, nur noch da und weinte leise vor sich hin. Geistesabwesend streichelte er das glatte Pergament, so wie er vor unz�hligen Jahren die K�chenkatze gekrault hatte, in einem warmen, hellen Raum, der nach Zwiebeln und Zimt roch�</p><empty-line/><p>Eine Woche und einen Tag nach den Ereignissen im �Drachen und Fischer� passierte er in Rufweite das Dorf Sistan, eine Siedlung kaum gr��er als Flett. Die Lehm-Zwillingskamine des Gasthauses rauchten, aber die Stra�e war leer, und die Sonne schien hell. Aus einer Gruppe Silberbirken sp�hte Simon von einer Anh�he hinunter, und die Erinnerung an sein letztes warmes Essen versetzte ihm einen fast k�rperlichen Schmerz, so da� seine Knie schwach wurden und er um ein Haar gest�rzt w�re. Jener l�ngst verschollene Abend schien trotz seines unerfreulichen Abschlusses Morgenes' Beschreibung vom heidnischen Paradies der alten Rimmersgarder zu gleichen: ewiges Trinken und Geschichtenerz�hlen, fr�hliches Feiern ohne Ende.</p><p>Er schlich den H�gel hinunter und auf das stille Gasthaus zu. Seine H�nde zitterten, und er schmiedete wilde Pl�ne, wie er von einem unbewachten Fenstersims eine Fleischpastete stehlen oder durch eine Hintert�r schl�pfen und die K�che pl�ndern w�rde. Schon hatte er die B�ume hinter sich gelassen und war den halben Abhang hinuntergestiegen, als ihm j�h zu Bewu�tsein kam, was er da tat: am schattenlosen Vormittag aus dem Wald herauszukommen wie ein krankes, fieberndes Tier, das den Selbsterhaltungstrieb verloren hat. Trotz seines dornenbesetzten Wollmantels f�hlte er sich pl�tzlich nackt. Wie angewurzelt blieb er stehen, machte kehrt und rannte davon, den Abhang wieder hinauf und zur�ck zu den schwanenschlanken Birken. Jetzt schienen selbst sie ihm nackt zu sein; fluchend und schluchzend hastete er tiefer in die dichteren Schatten und h�llte sich in Altherz wie in einen Mantel.</p><empty-line/><p>F�nf Tage westlich von Sistan fand sich der schmutzstarrende, halbverhungerte Junge auf einem anderen Hang wieder, von dem er geduckt auf eine aus rohen Spaltholzbrettern gebaute H�tte schaute, die in einem engen Waldtal lag. Er wu�te genau � jedenfalls so genau, wie es bei seinen so erb�rmlich zerfetzten und bruchst�ckhaften Gedanken �berhaupt m�glich war �, da� ein weiterer Tag ohne richtiges Essen oder noch eine einsame Nacht in dem kalten, gleichg�ltigen Wald ihn tats�chlich und endg�ltig in den Wahnsinn treiben und ganz und gar zu dem Tier machen w�rden, als das er sich mehr und mehr f�hlte. Seine Gedanken waren bereits dabei, absto�end und viehisch zu werden: Fressen, dunkle Verstecke, m�des Durch-den-Wald-Stapfen, das war alles, was ihn noch interessierte. Immer schwerer fiel es ihm, sich an die Burg zu erinnern � war es dort warm gewesen? Hatte jemand mit ihm gesprochen? Als sich gestern ein Ast durch sein Wams gebohrt und ihm die Haut aufgerissen hatte, war er nur noch imstande gewesen, zu knurren und danach zu schlagen � ein Tier!</p><p><emphasis>Jemand � jemand wohnt hier�</emphasis></p><p>Die Holzhauerh�tte hatte einen mit s�uberlichen Steinen eingefa�ten Weg zur Vordert�r. Unter dem Dachvorsprung an der Seitenwand lagerte ein Stapel gespaltener Holzscheite. Bestimmt, �berlegte Simon, leise schn�ffelnd, bestimmt w�rde man sich seiner erbarmen, wenn er an die T�r ginge und ganz ruhig um etwas zu essen b�te.</p><p><emphasis>Ich bin so hungrig. Es ist nicht fair! Es ist ungerecht! Jemand mu� mir zu essen geben � jemand�</emphasis></p><p>Langsam, auf steifen Beinen, stieg er den H�gel hinunter. Sein Mund �ffnete und schlo� sich. Eine versagende Erinnerung an zwischenmenschliche Beziehungen warnte ihn, da� er dieses Landvolk, diese mi�trauischen Waldleute in ihrer von B�umen umringten Kuhle nicht erschrecken durfte. Er hielt beim Gehen die leeren Handfl�chen ausgestreckt vor sich und spreizte die bleichen Finger als wortloses Zeichen seiner Harmlosigkeit.</p><p>Die Kate war entweder leer, oder die Bewohner reagierten einfach nicht, als er mit seinen zerschundenen Kn�cheln anpochte. Er ging um das H�uschen herum und lie� die Fingerspitzen �ber das rohe Holz schleifen. Das einzige Fenster war mit einer breiten Planke versperrt. Wieder klopfte er, h�rter; nur ein hohles Echo antwortete.</p><p>W�hrend er so unter dem verschalten Fenster hockte und sich verzweifelt fragte, ob er es vielleicht mit einem St�ck Feuerholz aufbrechen k�nnte, lie� ihn ein raschelndes, schnappendes Ger�usch aus der gegen�berstehenden Baumreihe vor Schreck so pl�tzlich in die H�he fahren, da� sein Gesichtsfeld sich f�r einen Augenblick auf einen von Schw�rze umgebenen Lichtkern verengte; er schwankte und f�hlte sich �bel. Der Baumzaun w�lbte sich nach au�en, als habe eine gewaltige Hand ihm einen Hieb versetzt, und sprang dann bebend zur�ck. Gleich darauf wurde die Stille von neuem zerrissen, diesmal durch ein sonderbares, abgehacktes Zischen. Dieses Ger�usch verwandelte sich in einen rapiden Wortschwall � in keiner Simon bekannten Sprache, aber es waren dennoch Worte. Nach einem Augenblick der Ersch�tterung war die Lichtung wieder still.</p><p>Simon war wie zu Stein erstarrt; er konnte sich nicht r�hren. Was sollte er tun? Vielleicht war der Bewohner der H�tte auf dem Heimweg von einem Tier angefallen worden � Simon konnte ihm helfen � dann w�rde man ihm etwas zu essen geben <emphasis>m�ssen.</emphasis> Aber wie konnte er helfen? Er konnte ja kaum gehen. Und was, wenn es ein Tier war, nur ein Tier � wenn er sich die Worte in diesem j�hen Ausbruch von Lauten nur eingebildet hatte? Und was, wenn es etwas noch Schlimmeres war? Etwa die Wachen des K�nigs mit hellen, scharfen Schwertern oder ein zum Verhungern schlankes, wei�haariges Hexenwesen? Vielleicht der Teufel selber in glutroten Gew�ndern und mit Nachtschattenaugen?</p><p>Woher er den Mut und sogar die Kraft nahm, die steifen Knie zu strecken und auf die B�ume zuzugehen, konnte Simon nicht sagen. H�tte er sich nicht so krank und verzweifelt gef�hlt, h�tte er es gewi� nicht getan � aber er war nun einmal krank und verhungert und so schmutzig und einsam wie ein Nascadu-Schakal. Er zog sich den Mantel eng um die Brust, hielt die Rolle mit Morgenes' Schriften vor sich und humpelte auf das Geh�lz zu.</p><p>Das Sonnenlicht sickerte ungleichm��ig durch die B�ume wie durch ein Sieb aus Fr�hlingsbl�ttern und sprenkelte den Waldboden wie ein Schauer von Fithingst�cken. Die Luft schien gespannt wie angehaltener Atem. Zuerst sah Simon nur dunkle Baumst�mme und Splitter eindringenden Tageslichtes. An einer Stelle tanzten die Strahlen zuckend hin und her; gleich darauf erkannte Simon, da� sie eine sich windende Gestalt beschienen. Als er einen Schritt darauf zu machte, fl�sterten die Bl�tter unter seinem Fu�, und bei diesem Ger�usch h�rte das Zappeln auf. Das h�ngende Wesen � es baumelte einen guten Meter �ber der schwammigen Erde � hob den Kopf und starrte ihn an. Es hatte das Gesicht eines Menschen, aber die unbarmherzigen Topasaugen einer Katze.</p><p>Simon sprang zur�ck, und auch das Herz in seiner Brust tat einen Satz. Er warf die H�nde in die Luft und spreizte dabei die Finger so weit auseinander, als wollte er sich die Sicht auf den unheimlichen Galgenvogel dort vorn versperren. Was oder wer er auch sein mochte, er glich keinem Menschen, den Simon je gesehen hatte. Dennoch war etwas schmerzlich Bekanntes an ihm, wie aus einem halbvergessenen Traum � aber so viele von Simons Tr�umen waren jetzt Alptr�ume. Was f�r ein seltsames Bild! In einer grausamen Falle gefangen, um die Mitte und an den Ellenbogen von einer Schlinge aus schlangenartigem schwarzem Seil gefesselt und an einem schaukelnden Ast h�ngend, ohne die Erde ber�hren zu k�nnen, sah der Gefangene dennoch wild und trotzig aus � ein auf einen Baum gehetzter Fuchs, der mit den Z�hnen in einer Jagdhundkehle sterben w�rde.</p><p>Wenn er ein Mensch war, dann ein sehr schlanker. Sein Gesicht mit den hohen Wangen und schmalen Knochen erinnerte Simon einen Augenblick � einen entsetzlichen, eiskalten Augenblick � an die schwarzgewandeten Wesen auf dem Thisterborg; aber sie waren bleich gewesen, wei�h�utig wie Blindfische, w�hrend dieser hier goldbraun aussah wie polierte Eiche.</p><p>Um ihn in dem matten Licht besser betrachten zu k�nnen, machte Simon einen Schritt vorw�rts; der Gefangene kniff die Augen zusammen, kr�uselte die Lippen und fletschte mit katzenhaftem Fauchen die Z�hne. Etwas in der Art, wie er das tat, etwas Nicht-Menschliches in seinem durchaus menschlichen Gesicht sagte Simon sofort, da� es kein Mann war, der hier hing wie ein gefangenes Wiesel � es war etwas anderes�</p><p>Simon war n�her herangekommen, als klug war, denn als er nach oben in die bernsteingefleckten Augen starrte, schnellte sich der Gefangene nach vorn und stie� dem Jungen die beiden in Tuchstiefeln steckenden F��e gegen den Brustkorb. Simon hatte zwar das schnelle Zur�ckschwingen bemerkt und den Angriff erwartet, wurde aber trotzdem schmerzhaft in die Seite getroffen, so geschwind bewegte sich der Gefangene. Der Junge taumelte zur�ck und warf dem Angreifer einen w�tenden Blick zu, der ebenso finster erwidert wurde.</p><p>Als er dem Fremden aus einer Entfernung von etwa Mannesl�nge ins Auge sah, beobachtete Simon, wie die irgendwie unnat�rlichen Muskeln den Mund zur h�hnischen Grimasse verzogen und der Sitha � denn als h�tte es ihm jemand gesagt, hatte Simon mit einem Schlag begriffen, da� das herunterh�ngende Wesen genau das war � ihm in Simons Westerlingsprache ein einziges, m�hsam hervorgebrachtes Wort zuzischte.</p><p>�Feigling!�</p><p>Simon war so erbost, da� er sich um ein Haar auf ihn gest�rzt h�tte, trotz seines verhungerten Zustandes, seiner Angst und seiner schmerzenden Glieder � bis er begriff, da� es genau das war, was der Sitha mit seinem merkw�rdig betonten Spott erreichen wollte. Simon verdr�ngte den Schmerz in seinen getretenen Rippen, kreuzte die H�nde �ber der Brust und starrte auf den gefangenen Sitha; er erlebte die grimmige Befriedigung, etwas zu sehen, das unzweifelhaft ein Sichwinden in ohnm�chtiger Wut war.</p><p>Der <emphasis>Sch�ne</emphasis>, wie Rachel die Rasse immer abergl�ubisch bezeichnet hatte, trug ein fremdartig aussehendes, weiches Gewand und Hosen aus einem aalglatten, braunen Material, das nur einen Ton dunkler war als seine Haut. G�rtel und Schmuck aus schimmerndem gr�nem Stein bildeten einen wundervollen Gegensatz zu seinem Haar, das lavendelblau war wie Bergheidekraut und mit einem Knochenring eng am Kopf zusammengezogen, so da� es hinter dem einen Ohr als Pferdeschwanz herunterhing. Er schien kaum kleiner, aber erheblich schmaler als Simon zu sein; allerdings hatte der Junge sein Spiegelbild in letzter Zeit nur in tr�ben Waldt�mpeln erblickt � vielleicht sah er inzwischen genauso mager und wild aus. Aber auch dann gab es Unterschiede, Dinge, die nicht v�llig einzugrenzen waren: vogel�hnliche Kopf- und Halsbewegungen, eine seltsame Fl�ssigkeit im Drehen der Gelenke, eine Aura von Macht und Beherrschung, die selbst jetzt zu sp�ren war, als ihr Besitzer wie ein Tier in dieser rohesten aller Fallen hing. Dieser Sitha, dieses Gespenst seiner Tr�ume, war anders als alles, was Simon bisher gesehen hatte. Er war erschreckend und erregend � er war <emphasis>anders</emphasis>.</p><p>�Ich will � ich will dir nicht weh tun�, sagte Simon schlie�lich und merkte, da� er wie mit einem Kind redete. �Ich habe die Falle nicht gestellt.� Der Sitha fuhr fort, ihn mit b�sartigen Halbmondaugen anzustarren.</p><p><emphasis>Was f�r furchtbare Schmerzen er verbergen mu�</emphasis>, dachte Simon bewundernd. <emphasis>Seine Arme sind so weit herausgerissen � da� ich laut schreien w�rde, wenn ich dort hinge!</emphasis></p><p>�ber die linke Schulter des Gefangenen schaute ein K�cher, bis auf zwei Pfeile leer. Mehrere andere Pfeile und ein Bogen aus schlankem, dunklem Holz lagen unter seinen baumelnden F��en auf dem Grasboden verstreut.</p><p>�Versprichst du mir, da� du mir nichts tust, wenn ich versuche, dir zu helfen?� fragte Simon, wobei er ganz langsam sprach. �Ich habe n�mlich gro�en Hunger�, f�gte er lahm hinzu. Der Sitha antwortete nicht, aber als Simon einen weiteren Schritt machte, zog er die Beine an, um nach ihm zu treten. Der Junge wich zur�ck.</p><p>�Zum Teufel mit dir!� schrie Simon. �Ich will dir doch nur helfen!� Aber warum wollte er das eigentlich? Warum den Wolf aus der Fallgrube lassen? �Du mu�t��, fing er an, aber der Rest seiner Worte blieb ihm in der Kehle stecken, als eine gro�e Gestalt prasselnd und krachend durch die B�ume auf sie zukam.</p><p>�Ah! Da ist es ja, da ist es!� sagte eine tiefe Stimme. Ein b�rtiger, schmutziger Mann stapfte auf die kleine Lichtung. Seine Kleidung war dick und vielfach geflickt; in der Hand schwang er eine Axt.</p><p>�Nun zu dir, du�� Er unterbrach sich beim Anblick des an einen Baum geduckten Simons. �He�, knurrte er. �Wer bist du denn? Was tust du hier?�</p><p>Simon sah auf die schartige Axtklinge hinunter. �Ich � ich bin nur ein Wanderer � ich h�rte ein Ger�usch hier in den B�umen�� Er machte eine Geb�rde nach der seltsamen Szene. �Ich fand <emphasis>ihn</emphasis> hier, in dieser � Falle.�</p><p>�In <emphasis>meiner</emphasis> Falle!� grinste der Waldbewohner. �In meiner verdammten Falle, jawohl, da steckt es drin.� Der Mann kehrte Simon den R�cken und musterte den herunterh�ngenden Sitha mit k�hlem Blick. �Hab versprochen, ich w�rde ein Ende machen mit ihrem Herumschleichen und Bespitzeln und Die-Milch-sauer-Machen, jawohl, das hab ich.� Er streckte die Hand aus und gab der Schulter des Gefangenen einen Sto�, der ihn hilflos in langsamem Bogen hin- und herpendeln lie�. Der Sitha fauchte, aber es war ein ohnm�chtiger Laut. Der Holzf�ller lachte.</p><p>�Beim <emphasis>Baum,</emphasis> K�mpfer sind sie, das mu� man ihnen lassen. Richtige K�mpfer.�</p><p>�Was � was hast du mit ihm vor?�</p><p>�Was glaubst du denn, Junge? Was glaubst du, was Gott von uns will, wenn wir solche Geister und Kobolde und Teufel erwischen? In die H�lle werd ich es zur�ckschicken mit meinem guten Hackebeil hier, nun wei�t du's.�</p><p>Langsam h�rte der Gefangene auf zu schaukeln und drehte sich am Ende des dunklen Seils tr�ge im Kreis wie eine Fliege im Netz. Seine Augen blickten zu Boden, der K�rper war schlaff.</p><p>�Ihn umbringen?� Simon, so krank und schwach er war, wurde trotzdem von einem kalten Schauer des Entsetzens gepackt. �Du willst ihn � aber das kannst du doch nicht! Er � er ist ein��</p><p>�Was es nicht ist, das ist ein nat�rliches Gesch�pf, da bin ich ganz sicher! Mach du lieber, da� du hier wegkommst, Fremdling. Du bist hier in meinem St�ckchen Garten, sozusagen, und da hast du nichts zu suchen. <emphasis>Ich</emphasis> wei�, was diese Wesen mit uns im Sinn haben.� Der Holzf�ller drehte Simon ver�chtlich den R�cken zu und ging, die Axt erhoben, als wolle er Holz spalten, zu dem Sitha hin�ber. <emphasis>Dieses</emphasis> Holz aber bewegte sich pl�tzlich und wurde zu einer zappelnden, um sich tretenden, knurrenden Bestie, die um ihr Leben k�mpfte. Der erste Hieb des K�tners ging daneben, streifte die knochige Wange und grub eine unregelm��ige Furche in den �rmel des eigenartigen, gl�nzenden Obergewandes. Ein Rinnsal aus nur allzu menschlich ausehendem Blut tropfte �ber das schmale Kinn und den Hals. Wieder trat der Mann n�her.</p><p>Simon fiel auf seine wunden Knie und suchte nach einem Mittel, um diesen gr��lichen Kampf zu beenden, das Grunzen und Fluchen des Mannes und das heisere Fauchen des gequ�lten Gefangenen zum Schweigen zu bringen. Er tastete umher und fand den Bogen, aber der war noch leichter, als er aussah, so als w�re er �ber Marsch-Schilf gespannt. Gleich darauf schlo� sich seine Hand um einen halb in der Erde steckenden Felsbrocken. Er zerrte daran, und der Stein l�ste sich vom daran haftenden Boden. Simon hob ihn hoch �ber den Kopf. �H�r auf!� schrie er. �La� ihn in Ruhe!� Keiner der beiden K�mpfer schenkte ihm auch nur einen Seitenblick. Der Holzf�ller stand jetzt auf Arml�nge von ihm entfernt und hackte auf sein herumwirbelndes Ziel ein. Zwar streiften seine Hiebe den anderen nur, aber sie forderten immer wieder Blut. Die schmale Brust des Sitha pumpte wie ein Blasebalg; er wurde schnell schw�cher.</p><p>Simon konnte das grausame Schauspiel nicht l�nger ertragen. Er machte endlich dem Geheul Luft, das sich in all den endlosen, schrecklichen Tagen seiner Verbannung in ihm angestaut hatte, �berquerte mit einem einzigen Satz die kleine Lichtung und lie� den Felsbrocken auf den Hinterkopf des K�tners sausen. Ein dumpfes Krachen hallte durch die B�ume. Innerhalb einer Sekunde schien der Mann knochenlos zu werden. Er sackte schwer vorn�ber, erst auf die Knie, dann aufs Gesicht, und aus den verfilzten Haaren sprudelte ein roter Schwall.</p><p>Simon starrte auf die blutige Verw�stung und f�hlte, wie sich ihm der Magen umdrehte. Er fiel w�rgend auf die Knie, doch nur ein saurer Speichelfaden kam nach oben. Der Junge pre�te den schwindligen Kopf auf die feuchte Erde und merkte, wie der Wald um ihn herum schwankte und sich drehte.</p><empty-line/><p>Sobald er dazu imstande war, stand Simon auf und wandte sich dem Sitha zu, der wieder still in der Schlinge hing. Das schlangenglatte Wams war mit blutigen Rinnsalen bedeckt, und die wilden Augen blickten tr�be, als sei ein innerer Vorhang niedergegangen, um kein Licht nach au�en dringen zu lassen. Z�gernd wie ein Schlafwandler hob Simon die heruntergefallene Axt auf und folgte mit den Augen dem straffen Seil nach oben, wo es sich um einen hohen Baumast schlang � einen Ast, zu hoch, als da� er ihn erreichen konnte. Simon, zu bet�ubt, um noch Angst zu haben, s�gte mit der scharfen Schneide der Klinge an dem Knoten auf dem R�cken des Sitha. Der <emphasis>Sch�ne</emphasis> zuckte, als die Schlinge sich enger zusammenzog, gab jedoch keinen Laut von sich.</p><p>Nach einem langen Augenblick des Kratzens und Schabens ri� endlich der schl�pfrige Knoten; der Sitha st�rzte herunter. Seine Knie gaben nach, und er torkelte auf den reglosen Holzf�ller zu. Sofort rollte er sich zur Seite, von der stummen Masse fort, als h�tte er sich verbrannt, und machte sich daran, die verstreuten Pfeile aufzuheben. Er hielt sie wie einen Strau� langstieliger Blumen, griff mit der anderen Hand seinen Bogen und hielt dann inne, um Simon anzustarren. Die kalten Augen glitzerten und erstickten diesem das Wort im Munde. Einen Augenblick lang stand der Sitha, der seine Verletzungen vergessen hatte oder ihrer nicht achtete, erstarrt und sprungbereit wie ein erschreckter Hirsch; dann war er fort, ein braungr�ner Blitz, in den B�umen verschwunden. Simon blieb mit offenem Mund verlassen zur�ck.</p><p>Das fleckige Sonnenlicht war auf den Bl�ttern, die der Sitha gestreift hatte, noch nicht zur Ruhe gekommen, als Simon ein Surren wie von einem zornigen Insekt h�rte und einen Schatten an seinem Gesicht vor�bersausen f�hlte. Aus einem Baumstamm neben ihm ragte ein Pfeil, der langsam zur Sichtbarkeit zur�ckbebte, weniger als eine Arml�nge neben seinem Kopf. Der Junge starrte ihn verst�ndnislos an und fragte sich, wann der n�chste Pfeil ihn treffen w�rde. Es war ein wei�er Pfeil, Schaft und Federn gleichm��ig schimmernd wie ein M�wenfl�gel. Er wartete auf den unvermeidlichen Nachfolger. Nichts kam. Das kleine Geh�lz blieb still und bewegungslos.</p><p>Nach den sonderbarsten und schrecklichsten zwei Wochen seines Lebens und einem ganz besonders seltsamen Tag h�tte sich Simon eigentlich nicht wundern d�rfen, als ihn eine neue und unbekannte Stimme aus der Dunkelheit hinter den B�umen ansprach, eine Stimme, die nicht dem Sitha geh�rte und ganz gewi� nicht dem Holzhauer, der dalag wie ein gef�llter Baum.</p><p>�Geh hin und hol ihn dir�, sagte die Stimme. �Nimm den Pfeil. Er geh�rt dir.�</p><p>Simon h�tte nicht �berrascht sein sollen, aber er war es doch. Er sank hilflos zu Boden und fing an zu weinen � ein hartes, w�rgendes Schluchzen der Ersch�pfung und Verwirrung und v�lligen Hoffnungslosigkeit.</p><p>�Oh, Tochter der Berge�, fuhr die merkw�rdige neue Stimme fort. �Das sieht gar nicht gut aus.�</p></section><section><title><p>XVII</p><p>Binabik</p></title><p>Als Simon endlich zu dem Ursprung der neuen Stimme aufsah, wurden seine tr�nenfeuchten Augen gro� vor Erstaunen. Ein Kind kam auf ihn zu.</p><p>Nein, kein Kind, aber ein so kleiner Mann, da� sein schwarzhaariger Scheitel Simon wahrscheinlich nicht viel h�her als bis zum Nabel reichte. Auch sein Gesicht hatte etwas Kindliches: Die schmalen Augen und der breite Mund dehnten sich beide nach den Backenknochen hin und dr�ckten schlichte gute Laune aus.</p><p>�Hier ist kein guter Ort zum Weinen�, sagte der Fremde. Er wandte sich von dem knienden Simon ab und untersuchte kurz den am Boden liegenden K�tner. �Auch ist es mein Empfinden, da� es wenig n�tzen wird � wenigstens nicht diesem toten Mann.�</p><p>Simon wischte sich am �rmel seines groben Hemdes die Nase und bekam einen Schluckauf. Der Fremde war zu dem bleichen Pfeil getreten, der aus dem Baumstamm neben Simons Kopf herausragte wie ein steifer, gespenstischer Ast.</p><p>�Du solltest das an dich nehmen�, wiederholte der kleine Mann; sein Mund verzog sich erneut zu einem breiten Froschgrinsen und enth�llte sekundenlang eine Palisade gelber Z�hne.</p><p>Er war kein Zwerg wie die Narren und Gaukler, die Simon bei Hof und in der Mittelgasse von Erchester gesehen hatte � trotz seiner breiten Brust schien er im �brigen wohlproportioniert. Seine Kleidung entsprach im wesentlichen der eines Rimmersmannes: Jacke und Hose aus dicker, mit Sehnen zusammengen�hter Tierhaut; ein Pelzkragen umrahmte das runde Gesicht. An einem Schulterriemen hing ein gro�er, ausgebeulter Ledersack, und in der Hand hatte er einen Wanderstab, der aus einem langen, schlanken Knochen geschnitzt zu sein schien.</p><p>�Bitte verzeih meine Vorschl�ge, aber du solltest diesen Pfeil mitnehmen. Es ist ein Wei�er Pfeil der Sithi und sehr kostbar, denn er steht f�r eine Schuld, und die Sithi sind ein gewissenhaftes Volk.�</p><p>�Wer � bist du?� fragte Simon und bekam schon wieder Schluckauf. Er f�hlte sich ausgewrungen und plattgeklopft wie ein Hemd, das man auf einem Felsen trockengeschlagen hat. Wenn der kleine Mann knurrend und mit geschwungenem Messer aus den B�umen hervorgest�rzt w�re, h�tte Simon sich wahrscheinlich auch nicht anders verhalten.</p><p>�Ich?� fragte der Fremde und machte eine Pause, als denke er ernsthaft �ber die Frage nach. �Ein Reisender wie du auch. Ich werde gl�cklich sein, zu sp�terer Zeit mehr zu erl�utern, aber jetzt sollten wir gehen. Dieser Bursche�, und mit einem Schwung seines Stabes deutete er auf den Holzf�ller, �wird zuverl�ssig nicht lebendiger werden, aber vielleicht verf�gt er �ber Freunde oder eine Familie, die sich erregen k�nnten, wenn sie ihn hier so ungemein tot vorfinden. Bitte, nimm den Wei�en Pfeil, und komm mit mir.�</p><p>Mi�trauisch und vorsichtig, wie er war, ertappte Simon sich dabei, da� er trotzdem aufstand. Im Augenblick war es einfach zu anstrengend, <emphasis>nicht</emphasis> zu vertrauen; er hatte nicht mehr die Kraft, wachsam zu bleiben. Ein Teil von ihm hatte nur den einen Wunsch: sich hinzulegen und in Ruhe zu sterben. Er hebelte den Pfeil aus dem Baum. Der kleine Mann war schon vorausmarschiert und im Begriff, den H�gel hinter der Kate hinaufzuklettern. Das kleine Haus hockte so still und ordentlich da, als w�re nichts geschehen.</p><p>�Aber��, keuchte Simon, als er hinter dem Fremden herrannte, der sich erstaunlich schnell bewegte, �� aber was ist mit der Kate? Ich bin � ich bin so hungrig � und es k�nnte etwas zu essen darin sein��</p><p>Der kleine Mann drehte sich auf dem Kamm des H�gels um und schaute auf den m�hsam folgenden Jungen hinunter. �Ich bin aufs �u�erste best�rzt!� erkl�rte er. �Zuerst machst du ihn tot, dann w�nschst du seine Vorratskammer zu berauben. Ich f�rchte, da� ich mich einem verzweifelten Gesetzlosen angeschlossen habe!� Ohne ein weiteres Wort machte er kehrt und ging wieder auf die eng zusammenstehenden B�ume zu.</p><p>Ein langer, sanft abfallender Hang bildete die andere Seite des Kammes. Simons hinkende Schritte brachten ihn endlich neben den Fremden; bald darauf war er wieder zu Atem gekommen.</p><p>�Wer bist du? Und wohin gehen wir?�</p><p>Der sonderbare kleine Mann blickte nicht hoch, sondern lie� die Augen von Baum zu Baum schweifen, als suchte er in der ununterbrochenen Gleichf�rmigkeit des tiefen Waldes nach einer Landmarke. Nach zwanzig stummen Schritten schlug er die Augen zu Simon auf und l�chelte sein gedehntes L�cheln.</p><p>�Mein Name ist <emphasis>Binbiniqegabenik</emphasis>�, erkl�rte er, �aber am Kochfeuer nennt man mich Binabik. Ich hoffe, du wirst mir die Ehre erweisen, die k�rzere Form der Freundschaft anzuwenden.�</p><p>�O ja � gewi�. Woher kommst du?� Ein neuer Schluckauf.</p><p>�Ich bin vom Trollvolk aus Yiqanuc�, erwiderte Binabik. �Dem hohen Yiqanuc in den Bergen des Nordens, wo es schneit und weht � und wer bist <emphasis>du</emphasis>?�</p><p>Der Junge stierte einen Augenblick mi�trauisch vor sich hin und antwortete dann: �Simon. Simon vom � aus Erchester.�</p><p>Es ging alles so schnell, dachte er � wie eine Begegnung auf dem Marktplatz, und dabei steckten sie nach einer h�chst ungew�hnlichen Begegnung samt Totschlag mitten im Wald. Heiliger Usires, tat ihm der Kopf weh! Und der Magen erst.</p><p>�Wohin � wohin gehen wir?�</p><p>�Zu meinem Lager. Aber zuerst mu� ich mein Ro� finden � oder besser gesagt, sie mu� mich finden. Bitte, sei nicht erschreckt.�</p><p>Mit diesen Worten steckte Binabik zwei Finger in den breiten Mund und pfiff einen langen, trillernden Ton. Gleich darauf wiederholte er ihn. �Vergi� nicht, sei nicht erschreckt oder ver�ngstigt.�</p><p>Ehe er noch �ber die Worte des Trolls nachdenken konnte, ert�nte im Unterholz ein Prasseln wie von einem Waldbrand, und ein riesiger Wolf brach sich Bahn auf die Lichtung. An dem entsetzten Simon vorbei scho� er wie ein zottiger Donnerkeil auf den kleinen Binabik los, der unter dem Angreifer kopf�ber zu Boden purzelte.</p><p>�Qantaqa!� Der Ruf des Trolls kam erstickt, aber es lag Erheiterung in seiner Stimme. Ro� und Reiter rauften auf dem Waldboden. Simon fragte sich verbl�fft, ob wohl die ganze Welt au�erhalb der Burg so aussah � war denn ganz Osten Ard nur ein Spielplatz f�r Ungeheuer und Verr�ckte?</p><p>Endlich setzte Binabik sich hin, und Qantaqa schmiegte den gro�en Kopf in seinen Scho�. �Ich habe sie heute den ganzen Tag alleingelassen�, erl�uterte er. �W�lfe besitzen viel Z�rtlichkeit und f�hlen sich leicht einsam.� Qantaqa grinste von Ohr zu Ohr und schnaufte. Ein gro�er Teil ihres Umfangs bestand zwar aus dickem grauem Pelz, aber auch so war sie enorm.</p><p>�F�hl dich wie zu Hause bei ihr�, lachte Binabik. �Kraul sie an der Nase.�</p><p>Trotz der wachsenden Unwirklichkeit seiner Situation brachte Simon das doch nicht �ber sich. Statt dessen fragte er: �Verzeihung � aber sagtest du nicht, du h�ttest in deinem Lager etwas zu essen, Meister?�</p><p>Der Troll sprang lachend auf und griff wieder zu seinem Stab. �Nicht Meister � Binabik! Und was das Essen angeht: ja. Wir werden zusammen speisen � du, ich, sogar Qantaqa. Komm mit! Aus Achtung f�r deine Gef�hle der Schw�che und des Hungers werde ich gehen und nicht reiten.�</p><empty-line/><p>Eine ganze Weile waren Simon und der Troll unterwegs. Streckenweise begleitete sie Qantaqa, aber meistens trottete sie voraus und verschwand in wenigen Spr�ngen im dichten Unterholz. Einmal kam sie wieder und leckte sich mit der langen, rosa Zunge die Schnauze.</p><p>�Aha�, bemerkte Binabik vergn�gt, �einer hat schon gegessen!�</p><p>Endlich, als es Simon, dem alles wehtat und er sich nur noch m�hsam auf den Beinen hielt, schon vorkam, als k�nne er keinen Schritt weiter gehen, und er bei jedem Satz Binabiks nach ein paar Worten den Faden verlor, erreichten sie eine kleine Mulde, in der keine B�ume wuchsen, die aber oben durch ein Gitterwerk ineinander gewachsener �ste �berdacht wurde. Neben einem umgest�rzten Stamm lag ein Ring geschw�rzter Steine. Qantaqa, die neben ihnen hergelaufen war, sprang voraus, um das kleine Tal ringsum abzuschn�ffeln.</p><p>�<emphasis>Bhojujik mo qunquc</emphasis>, wie meine Leute sagen.� Binabik machte eine die ganze Lichtung umfassende Geb�rde. ��Wenn dich die B�ren nicht fressen, bist du zu Hause.�� Er f�hrte Simon zu einem Baumstamm, wo sich der Junge schweratmend fallenlie�. Der Troll betrachtete ihn besorgt von Kopf bis Fu�. �Oh�, sagte er schlie�lich, �du bist doch nicht im Begriff, wieder zu weinen?�</p><p>�Nein.� Simon l�chelte schwach. Seine Knochen schienen auf ihm zu lasten wie toter Stein. �Ich glaube wenigstens nicht. Ich bin nur schrecklich hungrig und m�de. Ich verspreche, nicht zu weinen.�</p><p>�Schau her! Ich werde ein Feuer anz�nden und anschlie�end ein Abendessen bereiten.� Rasch sammelte Binabik einen Haufen St�cke und Zweige und schichtete sie in der Mitte des Steinringes auf. �Es ist Fr�hlingsholz und feucht�, erkl�rte er, �aber gl�cklicherweise kann man mit dieser Schwierigkeit leicht fertigwerden.�</p><p>Der Troll lie� den Ledersack von der Schulter gleiten, legte ihn auf die Erde und begann energisch darin herumzuw�hlen. F�r Simon in seiner vor M�digkeit wunderlichen Stimmung sah die kleine, hockende Gestalt mehr denn je nach einem Kind aus: Binabik, mit gespitzten Lippen und vor lauter Konzentration zusammengekniffenen Augen in seinen Rucksack starrend � ein Sechsj�hriger, der mit tiefem Ernst einen hinkenden K�fer studiert.</p><p>�Ha!� sagte der Troll endlich, �es ist gefunden.� Er zog aus dem Sack ein kleines S�ckchen, etwa so lang wie Simons Daumen. Daraus nahm er eine Prise von einer pulverartigen Substanz und streute sie �ber das gr�ne Holz, holte zwei Steine aus dem G�rtel und schlug sie aneinander. Der herausspringende Funke spr�hte kurz auf, und ein d�nner Rauchkringel stieg spiralf�rmig in die H�he. Gleich darauf ging das Holz in Flammen auf und verwandelte sich in ein fr�hlich knisterndes Feuer. Die pulsierende W�rme lullte Simon ein, so heftig auch die Kr�mpfe in seinem leeren Magen tobten. Sein Kopf fing an zu nicken, zu nicken � Aber halt � ein j�her Anfall von Furcht � wie konnte er so einfach einschlafen, v�llig schutzlos in einem wildfremden Lager? Er mu�te � er sollte�</p><p>�Setz dich hin und w�rm dich, Freund Simon.� Binabik klopfte sich den Staub von den H�nden und stand auf. �Ich werde sogleich zur�ckkehren.�</p><p>Obwohl sich in seinem Hinterkopf ein tiefes Unbehagen auszubreiten versuchte � wo ging der Troll hin? Seine Kumpane holen? R�uber und Wegelagerer? �, brachte Simon nicht die Energie auf, dem sich entfernenden Binabik auch nur nachzuschauen. Sein Blick war schon wieder auf die tanzenden Flammen geheftet, mit ihren Zungen wie Bl�tenbl�tter einer schimmernden Blume � Feuermohn, der im warmen Sommerwind bebte�</p><empty-line/><p>Er erwachte aus einer gro�en, wolkigen Leere und stellte fest, da� der schwere Kopf der grauen W�lfin quer �ber seinen Schenkeln lag. Binabik beugte sich eifrig besch�ftigt �ber das Feuer. Simon hatte das vage Gef�hl, etwas sei nicht ganz richtig daran, da� er einen Wolf auf dem Scho� hatte, aber er konnte nicht die richtigen Marionettenf�den im Kopf ziehen, um etwas daran zu �ndern, und eigentlich kam es ja auch nicht darauf an�</p><empty-line/><p>Als er das n�chste Mal aufwachte, scheuchte Binabik gerade Qantaqa von seinem Scho� und reichte ihm einen gro�en Becher mit warmem Inhalt.</p><p>�Es ist jetzt zum Trinken k�hl genug�, bemerkte der Troll und half Simon, das Gef�� an die Lippen zu setzen. Die Br�he roch kr�ftig und schmeckte k�stlich, w�rzig wie Herbstlaubduft. Er trank alles aus, und es kam ihm vor, als sp�re er, wie sie direkt in seine Adern flo�, geschmolzenes Blut des Waldes, das ihn w�rmte und mit der geheimen Kraft der B�ume erf�llte. Binabik gab ihm einen zweiten Becher, und auch den trank er leer. Ein dichter, bleischwerer Klumpen aus Sorge zwischen Hals und Schultern l�ste sich auf, fortgeschwemmt von einer Woge der Behaglichkeit. Neue Leichtigkeit durchdrang ihn und brachte zugleich eine widersinnige Schwere mit sich, eine warme, unbestimmte Schl�frigkeit. Als er allem entglitt, vernahm er seinen eigenen, sanftgewiegten Herzschlag, wenn auch ged�mpft durch die kitzelnde Wolle der Ersch�pfung.</p><empty-line/><p>Simon war so gut wie sicher, da� bis zum Sonnenuntergang noch mindestens eine Stunde gefehlt hatte, als er in Binabiks Lager gekommen war; aber als er wieder die Augen aufschlug, war die Waldlichtung hell wie ein frischgeschmiedeter Morgen. Blinzelnd f�hlte er, wie die letzten Traumf�den von ihm abfielen � ein Vogel �?</p><p><emphasis>Ein hell�ugiger Vogel mit einem goldenen Halsband, in dem sich die Sonne spiegelte � ein alter, starker Vogel, die Augen voll von der Weisheit hoher Warten und weiter Fernsicht � in seiner hornigen Kralle einen sch�nen, regenbogenschimmernden Fisch�</emphasis></p><p>Simon schauderte und h�llte sich enger in den schweren Mantel. Er starrte in die B�ume hinauf, die sich �ber ihm zum Gew�lbe vereinten. Die Sonne verwandelte ihre knospenden Fr�hlingsbl�tter in Smaragdfiligran. Er h�rte einen st�hnenden Laut und rollte sich zur Seite, um nachzusehen.</p><p>Binabik sa� mit untergeschlagenen Beinen neben der Feuerstelle und schwankte leicht hin und her. Vor sich hatte er auf einem flachen Stein verschiedene sonderbare, bleiche Gebilde ausgebreitet: Knochen. Es war der Troll, von dem das merkw�rdige Ger�usch kam � sang er? Simon starrte ihn einen Augenblick an, konnte aber nicht herausfinden, was der kleine Mann da tat. Was f�r eine seltsame Welt!</p><p>�Guten Morgen!� sagte er schlie�lich. Binabik fuhr wie ertappt in die H�he.</p><p>�Ah! Es ist Freund Simon!� Der Troll grinste �ber die Schulter und fegte die Gegenst�nde eilig in seinen ge�ffneten Ledersack. Dann stand er auf und kam schnell zu Simon her�ber. �Wie geht es dir jetzt?� fragte er und b�ckte sich, um dem Jungen eine kleine, rauhe Hand auf die Stirn zu legen. �Du mu�t einen gro�en Schlaf n�tig gehabt haben.�</p><p>�Das stimmt.� Simon r�ckte n�her an das kleine Feuer. �Was ist das � dieser Geruch?�</p><p>�Ein Paar Waldtauben, die heute morgen mit uns zu speisen geruhen�, l�chelte Binabik und deutete auf zwei in Bl�tter gewickelte B�ndel in der Glut am Rand des Lagerfeuers. �Ein paar frisch gesammelte Beeren und N�sse leisten ihnen Gesellschaft. Ich h�tte dich ohnehin bald geweckt, damit du mir hilfst, mich um alle diese G�ste zu k�mmern. Sie sind, denke ich, recht wohlschmeckend. Ach, noch etwas � einen Augenblick bitte.� Binabik ging wieder zu seinem Ledersack und zog zwei schmale P�ckchen heraus.</p><p>�Hier.� Er reichte sie Simon. �Dein Pfeil und noch etwas anderes.� Es waren Morgenes' Papiere. �Du hattest sie im G�rtel stecken, und ich bef�rchtete, du k�nntest sie im Schlaf zerbrechen.�</p><p>In Simons Brust zuckte ein Verdacht auf. Die Vorstellung, da� jemand, w�hrend er schlief, die Schriften des Doktors in die Hand nahm, machte ihn mi�trauisch. Er ri� dem Troll das dargereichte B�ndel aus der Hand und stopfte es wieder in seinen G�rtel. Die vergn�gte Miene des kleinen Mannes wurde betr�bt. Simon sch�mte sich � obwohl man wirklich nicht vorsichtig genug sein konnte � und nahm den Wei�en Pfeil, der in d�nnen Stoff gewickelt war, sanfter entgegen.</p><p>�Danke�, sagte er steif. Binabiks Ausdruck war noch immer der eines Menschen, dessen Freundlichkeit zur�ckgesto�en wird. Schuldbewu�t und verwirrt packte Simon den Pfeil aus. Obwohl er noch nicht dazu gekommen war, ihn genauer zu untersuchen, ging es ihm im Augenblick vor allem darum, H�nde und Augen mit irgend etwas zu besch�ftigen.</p><p>Der Pfeil war nicht, wie Simon vermutet hatte, bemalt, sondern vielmehr aus einem Holz geschnitzt, das wei� war wie Birkenrinde, und mit schneewei�en Federn besetzt. Nur die aus einem milchig blauen Stein geschnittene Spitze besa� Farbe. Simon wog den Pfeil in der Hand und pr�fte die � im Gegensatz zur erstaunlichen Biegsamkeit und Festigkeit �berraschende � Leichtigkeit, und j�h stieg die Erinnerung an den vergangenen Tag wieder in ihm auf. Er wu�te, da� er die Katzenaugen und beunruhigend schnellen Bewegungen des Sitha nie vergessen w�rde. Alle Geschichten, die Morgenes erz�hlt hatte, stimmten.</p><p>�berall auf dem Schaft des Pfeils waren schlanke Kringel, Schn�rkel und Punkte mit unendlicher Sorgfalt in das Holz gepr�gt. �Er ist voller Schnitzereien�, �berlegte Simon laut.</p><p>�Diese Pfeile sind von gro�er Bedeutung�, bemerkte der Troll und streckte sch�chtern die Hand aus. �Bitte, wenn es erlaubt ist?� Simon, in einem neuen Anfall von Schuldgef�hlen, reichte ihm hastig den Pfeil. Binabik hielt ihn nach allen Seiten und lie� Sonnen- und Feuerschein auf ganz bestimmte Art und Weise darauf fallen. �Dieser ist einer von den Alten.� Er kniff die schmalen Augen zusammen, bis die dunklen Pupillen v�llig verschwanden. �Es gibt ihn schon seit betr�chtlich langer Zeit. Du bist jetzt der Besitzer eines h�chst ehrenvollen Gegenstandes, Simon: Der Wei�e Pfeil wird nicht leicht verliehen. Es scheint, da� dieser hier in Tumet'ai gefiedert wurde, einer Festung der Sithi, die schon vor langer Zeit unter dem blauen Eis im Osten meines Heimatlandes verschwunden ist.�</p><p>�Woher wei�t du das alles?� fragte Simon. �Kannst du die Buchstaben lesen?�</p><p>�Einige. Und es gibt noch andere Dinge, die ein ge�btes Auge erkennen kann.�</p><p>Simon nahm den Pfeil wieder an sich, behandelte ihn jedoch weit achtsamer als zuvor. �Aber was soll ich damit anfangen? Du sagtest, er ist die Bezahlung einer Schuld?�</p><p>�Nein, Freund. Er ist das <emphasis>Zeichen</emphasis> einer Schuld, die noch unbeglichen ist. Was ich damit sagen will, ist, da� du den Pfeil gut aufbewahren solltest. Auch wenn er sonst keinen Zweck erf�llt, ist er doch k�stlich anzuschauen.�</p><p>�ber der Lichtung und dem Waldboden hinter ihr hing noch d�nner Nebel. Simon lehnte den Pfeil mit der Spitze nach unten gegen den Baumstamm und rutschte n�her ans Feuer. Binabik holte die Tauben aus der Glut, indem er sie mit zwei St�cken in die Zange nahm, und legte eines der B�ndel auf den warmen Stein vor Simons Knien.</p><p>�Entferne die gerollten Bl�tter�, belehrte ihn der Troll, �und warte dann eine kurze Zeitspanne, damit der Vogel ein wenig abk�hlt.� Simon fiel es schwer, den letzten Worten zu gehorchen, aber irgendwie schaffte er es doch.</p><p>�Woher hast du sie eigentlich?� erkundigte er sich etwas sp�ter mit vollem Mund und vor Fett klebrigen Fingern.</p><p>�Ich zeige es dir nachher�, antwortete der Troll.</p><p>Binabik reinigte sich mit einem gebogenen Rippenknochen die Z�hne. Simon lehnte sich am Stamm zur�ck und r�lpste zufrieden.</p><p>�Mutter Elysia, das war wundervoll.� Er seufzte und hatte seit langer Zeit zum ersten Mal das Gef�hl, die Welt sei doch kein ganz so feindlicher Ort. �Ein bi�chen Essen im Bauch macht doch alles anders.�</p><p>�Ich freue mich, da� deine Heilung sich so einfach bewirken lie߫, l�chelte der Troll rund um den d�nnen Knochen.</p><p>Simon strich sich die Leibesmitte. �Im Augenblick ist mir alles unwichtig.� Sein Ellenbogen streifte den Pfeil, der umzukippen drohte. Simon hielt ihn fest und richtete ihn wieder auf. Dabei kam ihm ein Einfall. �Ich f�hle mich sogar nicht mehr schlecht wegen � wegen des Mannes von gestern.�</p><p>Binabik richtete die braunen Augen auf Simon. Obwohl er fortfuhr, in seinen Z�hnen herumzustochern, legte sich seine Stirn �ber dem Nasenr�cken in Falten. �Du hast kein schlechtes Gef�hl mehr, weil er tot <emphasis>ist,</emphasis> oder du hast keines mehr, weil du ihn tot <emphasis>gemacht</emphasis> hast?�</p><p>�Das verstehe ich nicht�, erwiderte Simon. �Was meinst du damit? Worin liegt der Unterschied?�</p><p>�Das ist ein so gro�er Unterschied wie zwischen einem gewaltigen Felsen und einem ganz winzigkleinen K�fer � aber ich werde es dir �berlassen, dar�ber nachzudenken.�</p><p>�Aber�� Simon war von neuem verwirrt. �Aber � er war ein b�ser Mensch.�</p><p>�Hmmmm.� Binabik nickte mit dem Kopf, aber die Geste deutete keine Zustimmung an. �Die Welt ist allerdings im Begriff, sich mit b�sen Menschen zu f�llen, daran kann es keinen Zweifel geben.�</p><p>�Er h�tte den Sitha get�tet!�</p><p>�Auch das ist eine Wahrheit.�</p><p>Simon starrte m�rrisch auf den abgenagten Haufen Vogelknochen, der sich vor ihm auf dem Felsen stapelte. �Ich begreife dich nicht. Was m�chtest du denn von mir h�ren?�</p><p>�Wohin du zu gehen beabsichtigst.� Der Troll warf seinen Zahnstocher ins Feuer und stand auf. Er war wirklich klein!</p><p>�Was?� Als Simon den Sinn der Worte des kleinen Mannes endlich verstanden hatte, schaute er ihn mi�trauisch an.</p><p>�Ich w�rde zu wissen w�nschen, wohin du gehst, damit wir vielleicht ein St�ck gemeinsam reisen k�nnen.� Binabik sprach langsam und geduldig wie mit einem geliebten, aber dummen alten Hund. �Ich denke, da� die Sonne vielleicht noch zu jung am Himmel ist, als da� man sich mit den anderen Fragen beschweren sollte. Wir Trolle sagen: �Mach die Philosophie zu deinem Abendgast, aber lade sie nicht zum �bernachten ein.� Nun, falls meine Frage nicht von allzu neugieriger Beschaffenheit f�r dich ist, wohin willst du?�</p><p>Simon erhob sich mit Knien, die steif waren wie unge�lte Scharniere. Wieder befielen ihn Zweifel. Konnte die Neugier des kleinen Mannes wirklich so unschuldig sein, wie es den Anschein hatte? Schon mindestens einmal hatte er den Irrtum begangen, jemandem sein Vertrauen zu schenken, der es nicht verdiente � dem verfluchten M�nch. Andererseits, was hatte er f�r eine Wahl? Er brauchte dem Troll ja nicht alles zu erz�hlen, und auf jeden Fall war es vorteilhaft, mit einem in den Waldl�uferk�nsten erfahrenen Begleiter zu reisen. Der kleine Mann schien sich hervorragend auszukennen, und pl�tzlich sehnte sich Simon danach, wieder jemanden zu haben, auf den er sich st�tzen konnte.</p><p>�Ich will nach Norden�, sagte er und ging dann bewu�t ein Risiko ein. �Nach Naglimund.� Er beobachtete den Troll scharf. �Und du?�</p><p>Binabik war damit besch�ftigt, seine wenigen Ger�tschaften in den Rucksack zu packen. �Letzten Endes werde ich wohl in den hohen Norden reisen�, antwortete er, ohne aufzublicken. �Es scheint, als fielen unsere Pfade ein gutes St�ck zusammen.� Jetzt hob er die dunklen Augen. �Wie seltsam, da� du gerade nach Naglimund reisen willst, einer Feste, deren Namen ich in den letzten Wochen so h�ufig geh�rt habe.� Ein winziges, geheimnisvolles L�cheln kr�uselte seine Lippen.</p><p>�Wirklich?� Simon hatte den Wei�en Pfeil aufgehoben und bem�hte sich, gleichg�ltig auszusehen, so als �berlege er nur, wie er den Pfeil bef�rdern solle. �Und wo?�</p><p>�Zeit zum Reden wird sein, wenn wir unterwegs sind.� Der Troll grinste, ein breites, freundliches, gelbes Grinsen. �Ich mu� Qantaqa rufen, die gewi� damit befa�t ist, Grauen und Verzweiflung unter den Nagetieren der Gegend zu verbreiten. Sei eingeladen, jetzt deine Blase zu leeren, damit wir dann geschwind ausschreiten k�nnen.�</p><p>Simon hielt den Wei�en Pfeil zwischen zusammengebissenen Z�hnen fest, w�hrend er Binabiks Rat befolgte.</p></section><section><title><p>XVIII</p><p>Ein Netz aus Sternen</p></title><p>Blasen an den wunden F��en, die Kleider in Fetzen, stellte Simon trotzdem fest, da� die Last der Verzweiflung ein wenig leichter zu werden begann. Das Ungl�ck hatte ihm an Geist und K�rper �bel mitgespielt, so da� Simon sich einen erschrockenen Blick und ein instinktives Zur�ckzucken angew�hnt hatte, was dem scharfen Blick seines neuen Gef�hrten nicht entgangen war. Aber das Grauen, das ihn bedr�ckte, war ein kleines St�ck zur�ckgedr�ngt worden; zumindest f�r den Augenblick hatte es sich in eine weitere schmerzliche Halb-Erinnerung verwandelt. Die unerwartete Gemeinschaft half, den Schmerz um die verlorenen Freunde und die verlorene Heimat zu lindern � wenigstens soweit Simon das zulie�. Einen gro�en, geheimen Teil seiner Gedanken und Gef�hle behielt er auch weiterhin f�r sich. Er war immer noch voller Mi�trauen und nicht bereit, sich auf Neues einzulassen und dabei vielleicht weitere Entt�uschungen in Kauf zu nehmen.</p><p>W�hrend sie durch die k�hlen, von Vogelgezwitscher erf�llten Hallen des Morgenwaldes wanderten, erkl�rte Binabik Simon, da� er von den H�hen seiner Heimat Yiqanuc heruntergestiegen war, wie er das anscheinend jedes Jahr einmal zu tun pflegte, weil er �Gesch�fte� zu besorgen hatte � eine Reihe von Erledigungen, die ihn bis ins �stliche Hernystir und auch nach Erkynland f�hrten. Simon gewann den Eindruck, da� es dabei um eine Art Handel ging.</p><p>�Doch ach! mein junger Freund, welche Wirren finde ich in dieser Fr�hjahrszeit! Eure V�lker sind so unruhig, so voller Angst!� Binabik rang in gespielter Aufregung die H�nde. �In den �u�eren Provinzen ist der K�nig nicht beliebt, nicht wahr? Und in Hernystir f�rchten sie ihn. An anderen Orten gibt es Zorn und Hungersn�te. Die Menschen wagen nicht mehr zu reisen, denn die Stra�en sind nicht sicher. Nun gut�, er grinste, �wenn du die Wahrheit h�ren willst, waren die Stra�en <emphasis>nie</emphasis> sicher, zumindest nicht in den einsamen Landstrichen; aber es stimmt wirklich, da� sich im Norden von Osten Ard die Lage verschlechtert hat.�</p><p>Simon beobachtete die senkrechten Lichts�ulen, die die Mittagssonne zwischen die Baumst�mme gesetzt hatte. �Bist du schon einmal nach S�den gereist?� erkundigte er sich endlich.</p><p>�Wenn du mit �S�den� s�dlich von Erkynland meinst, so antworte ich dir mit �ja, ein paarmal�. Aber bitte vergi� nicht, da� f�r mein Volk fast jedes Verlassen von Yiqanuc eine Reise �nach S�den� bedeutet.�</p><p>Simon h�rte nicht so genau zu. �Bist du allein gereist? War � war � war Qantaqa bei dir?�</p><p>Binabik verzog sein Gesicht zu neuen Lachfalten. �Nein. Das war vor langer Zeit, bevor meine Wolfsfreundin geboren wurde, als��</p><p>�Wie bist du � wie bist du �berhaupt zu dem Wolf gekommen?� unterbrach Simon. Binabik stie� ein gereiztes Zischen aus.</p><p>�Es ist etwas Schwieriges, Fragen zu beantworten, wenn man st�ndige Unterbrechungen durch weitere Fragen bekommt!�</p><p>Simon gab sich M�he, reuig dreinzublicken, aber er sp�rte den Fr�hling wie ein Vogel den Wind im Gefieder. �Verzeihung�, erwiderte er. �Man hat mir schon fr�her gesagt � ein Freund meinte � da� ich immer zu viele Fragen stelle.�</p><p>�Es sind nicht �zu viele��, entgegnete Binabik und schob mit seinem Stab einen niedrig �ber ihrem Weg h�ngenden Ast fort, �es ist, da� du eine auf die andere h�ufst.� Der Troll bellte ein kurzes Lachen. �Nun � welche soll ich dir nun beantworten?�</p><p>�Ach, welche du willst. Entscheide du�, antwortete Simon dem�tig und machte gleich darauf einen Satz, als ihm der Troll mit dem Wanderstab einen leichten Klaps aufs Handgelenk gab.</p><p>�Es w�rde mir gefallen, wenn du nicht servil w�rst. Das ist eine Eigenschaft von Markth�ndlern, die schlechte Ware verkaufen. Mit Sicherheit ziehe ich endlose dumme Fragen vor.�</p><p>�Ser � servil?�</p><p>�Servil. Schmierig schmeichelnd. Ich liebe es nicht. In Yiqanuc sagen wir: �Schick den Mann mit der �ligen Zunge die Schneeschuhe ablecken.��</p><p>�Was bedeutet das?�</p><p>�Es bedeutet, da� wir die Schmeichler nicht sch�tzen. Doch lassen wir das.� Binabik warf den Kopf in den Nacken und lachte. Sein schwarzes Haar umwehte ihn, und die Augen verschwanden fast, als die runden Wangen sich den Brauen n�herten. �Lassen wir das! Wir sind so weit gewandert wie die Wanderungen Piqipegs des Verirrten � in unserem Gespr�ch gewandert, meine ich. Nein, frag mich nichts. Wir wollen hier Rast machen, und ich werde dir nun erz�hlen, wie ich meine Freundin Qantaqa kennengelernt habe.�</p><p>Sie suchten sich einen gro�en Felsblock, eine Granitformation, die durch den Waldboden gesto�en schien wie eine gefleckte Faust. Die obere H�lfte war in einen breiten Streifen Sonnenlicht getaucht. Der junge Mann und der Troll kletterten hinauf und lie�en sich auf der Spitze nieder. Um sie herum schwieg der Wald; langsam setzte sich der Staub, den sie aufgewirbelt hatten. Binabik griff in seinen Rucksack und f�rderte eine Stange D�rrfleisch und einen Ziegenhautschlauch mit d�nnem, saurem Wein zutage. Simon kaute, streifte die Schuhe ab und bewegte in der w�rmenden Sonne die wunden Zehen. Binabik musterte die Schuhe mit kritischem Blick.</p><p>�Wir werden dir etwas anderes finden m�ssen.� Er stocherte nach dem zerfetzten, schwarz gewordenen Leder. �Wenn ihm die F��e wehtun, ist die Seele des Menschen in Gefahr.�</p><p>Bei dem Gedanken grinste Simon.</p><p>Eine Weile verbrachten sie in stiller Betrachtung des Waldes ringsum, des lebendigen Laubwerkes von Altherz. �Nun denn�, begann der Troll schlie�lich, �das erste, was man begreifen mu�, ist, da� mein Volk den Wolf nicht scheut � obwohl wir auch in der Regel keine Freundschaft mit ihm schlie�en. Trolle und W�lfe haben viele Tausende von Jahren Seite an Seite gelebt, und die meiste Zeit lassen wir einander in Ruhe.</p><p>Unsere Nachbarn, wenn man einen so h�flichen Ausdruck verwenden kann, die haarigen M�nner von Rimmersgard, halten den Wolf f�r ein gef�hrliches und ungemein verr�terisches Tier. Bist du vertraut mit den M�nnern von Rimmersgard?�</p><p>�O ja.� Simon freute sich, Bescheid zu wissen. �Auf dem Hoch ��, er berichtigte sich sofort, �in Erchester wimmelte es geradezu von ihnen. Ich habe schon mit vielen von ihnen gesprochen. Sie tragen ihre B�rte lang�, f�gte er hinzu, um zu beweisen, wie gut er sie kannte.</p><p>�Hmmm. Nun, da wir im Hochgebirge leben, wir Qanuc � wir Trolle � und diese W�lfe nicht t�ten, halten uns die Rimmersgarder f�r Wolfsd�monen. In ihrem frostverr�ckten, blutfehdesinnenden Hirn�, Binabik setzte eine Miene komischen Abscheus auf, �steckt der Gedanke, da� das Trollvolk zauberkundig und b�se sei. Es hat blutige K�mpfe gegeben, viele, allzuviele, zwischen Rimmersm�nnern � <emphasis>Crohuk</emphasis>, wie wir sie nennen � und meinem Qanuc-Volk.�</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Simon und dachte schuldbewu�t an die Bewunderung, die er dem alten Herzog Isgrimnur entgegengebracht hatte � der bei n�herer �berlegung allerdings auch kein Mensch zu sein schien, der unschuldige Trolle niedermetzeln w�rde, selbst wenn er sonst als recht reizbar galt.</p><p>�Leid? Das sollte es dir nicht tun. Ich n�mlich meinerseits finde, da� die M�nner � und Frauen � von Rimmersgard ungeschickt und dumm sind und an �berm��iger K�rpergr��e leiden, aber ich halte sie darum nicht f�r b�se oder glaube, da� man sie totmachen sollte. Ach ja�, seufzte der kleine Mann und sch�ttelte den Kopf wie ein Priesterphilosoph in einer verrufenen Schenke, �die Rimmersm�nner sind mir ein R�tsel.�</p><p>�Aber was ist mit den W�lfen?� bohrte Simon und schalt sich sofort innerlich aus, weil er Binabik schon wieder unterbrochen hatte. Diesmal schien es dem Troll nichts auszumachen.</p><p>�Mein Volk lebt auf dem zerkl�fteten Mintahoq, in dem Gebirge, das die Rimmersgarder Troll-Fj�lle nennen. Wir reiten die zottigen Widder mit den behenden F��en, die wir vom winzigen L�mmchen aufziehen, bis sie gen�gend Gr��e besitzen, uns �ber die Bergp�sse zu tragen. Nichts, junger Freund, gibt es auf dieser Welt, das v�llig dem Gef�hl gleichkommt, ein Widderreiter von Yiqanuc zu sein. Auf deinem Tier zu sitzen und den Pfaden des Daches der Welt zu folgen � mit einem einzigen Sprung �ber Felsspalten zu setzen, die so sehr tief, so wundersam tief sind, da� ein Stein, den du fallen l��t, einen halben Tag brauchen w�rde, bis er unten ankommt��</p><p>Binabik l�chelte und kniff in seligen Tr�umen die Augen zusammen. Simon versuchte, sich solche H�hen auszumalen. Dabei wurde ihm auf einmal leicht schwindlig, und er mu�te sich mit den Handfl�chen auf den beruhigenden Stein st�tzen. Er schaute hinab. Wenigstens lag dieser Gipfel nicht mehr als mannshoch �ber der Erde.</p><p>�Qantaqa war ein Welpe, als ich sie fand�, fuhr Binabik endlich fort. �Ihre Mutter war vermutlich get�tet worden oder vor Hunger gestorben. Sie hat mich angeknurrt, als ich sie entdeckte, eine wei�e Pelzkugel, im Schnee verraten durch ihre schwarze Nase.� Er l�chelte. �Ja, jetzt ist sie grau. W�lfe � wie Menschen � wechseln oft die Farbe, wenn sie wachsen. Ich merkte, da� ich � ger�hrt war, weil sie sich verteidigen wollte. Ich nahm sie mit nach Hause. Mein Meister�� Binabik hielt inne. Der rauhe Schrei eines H�hers f�llte die Unterbrechung. �Mein Meister sagte, wenn ich sie Qinkipa, der Schneejungfrau, aus den Armen risse, �bern�hme ich damit Elternpflichten. Meine Freunde hielten mich f�r unvern�nftig. �Aha!� entgegnete ich. �Ich werde diesen Wolf lehren, mich zu tragen wie ein Widder mit H�rnern.� Man glaubte mir nicht � es war etwas, das noch nicht vorgekommen war. So viele Dinge sind Dinge, die noch nicht vorgekommen sind��</p><p>�Wer ist dein Meister?� Unter ihnen rollte sich Qantaqa, die in einer Sonnenpf�tze ein Nickerchen gemacht hatte, auf den R�cken und strampelte mit den Beinen. Ihr wei�es Bauchfell war �ppig wie ein K�nigsmantel.</p><p>�Das, Simon-Freund, ist eine andere Geschichte und keine f�r heute. Doch, um zum Ende zu kommen, will ich sagen, da� ich Qantaqa tats�chlich beibrachte, mich zu tragen. Das Beibringen war eine sehr ��, er verzog die Oberlippe, �am�sante Erfahrung. Aber ich f�hle kein Bedauern dar�ber. Ich reise viel und weiter als meine Stammesgenossen. Ein Widder ist ein wundervolles Tier zum Springen, aber sein Verstand ist sehr klein. Ein Wolf ist schlau-schlau-schlau, und er ist anh�nglich wie eine unbezahlte Schuld. Wei�t du, da� W�lfe, wenn sie einen Gef�hrten w�hlen, das nur einmal und f�r ihr ganzes Leben tun? Qantaqa ist meine Freundin, und ich ziehe sie jedem Schaf entschieden vor. Ja, Qantaqa? Ja?�</p><p>Die W�lfin setzte sich auf und richtete die gro�en, gelben Augen auf Binabik. Sie neigte den Kopf und stie� ein kurzes Gebell aus.</p><p>�Siehst du?� grinste der Troll. �Komm jetzt, Simon. Ich denke, wir sollten uns ans Marschieren machen, solange die Sonne hoch am Himmel steht.� Er rutschte den Felsen hinunter, und der Junge folgte ihm, auf einem Bein h�pfend, w�hrend er seine kaputten Schuhe anzog.</p><empty-line/><p>Im Laufe des Nachmittages, w�hrend sie zwischen den dichtstehenden B�umen dahinstapften, beantwortete Binabik Fragen �ber seine Reisen und zeigte eine beneidenswerte Vertrautheit mit Orten, die Simon nur in seinen Tagtr�umen besucht hatte. Er sprach von der Sommersonne, die die glitzernden Schliffkanten im Inneren des eisigen Mintahoq heraushob wie der kunstreiche Hammer eines Juwelenschmiedes; vom n�rdlichsten Ende jenes Waldes Aldheorte, einer Welt aus wei�en B�umen und Stille und den Spuren seltsamer Tiere; von den kalten D�rfern am Rand von Rimmersgard, die noch kaum vom Hof Johan Presbyters geh�rten hatten und wo wildblickende, b�rtige M�nner im Schatten hoher Berge am Feuer kauerten und selbst die tapfersten von ihnen die Wesen f�rchteten, die �ber ihnen durch die heulende Finsternis wanderten. Er erz�hlte Geschichten von den verborgenen Goldminen von Hernystir, geheimen, schlangenartigen Tunneln, die sich zwischen den Gebeinen des Grianspog-Gebirges tief in die schwarze Erde hineinwanden; und er berichtete von den Hernystiri selbst, kunstreichen, vertr�umten Heiden, deren G�tter in den gr�nen Feldern wohnten und im Himmel und in den Steinen, und die von allen Menschen die Sithi am besten gekannt hatten.</p><p>�Und die Sithi gibt es wirklich�, sagte Simon leise, voller Verwunderung und mit mehr als nur ein wenig Furcht, als er sich erinnerte. �Der Doktor hatte recht.�</p><p>Binabik hob eine Augenbraue. �Nat�rlich gibt es Sithi. Glaubst du denn, sie s��en hier im Wald herum und fragten sich, ob es wirklich Menschen gibt? Was f�r ein Unfug! Menschen sind im Vergleich zu ihnen nur etwas von Gerade-Eben � wenn auch etwas von Gerade-Eben, das ihnen furchtbaren Schaden zugef�gt hat.�</p><p>�Es ist ja nur, weil ich vorher noch nie einen gesehen hatte!�</p><p>�Auch mich und mein Volk hattest du vorher nie gesehen�, versetzte Binabik. �Du hast auch Perdruin oder Nabban oder das Wiesen-Thrithing noch nie gesehen � bedeutet das etwa, da� sie auch nicht existieren? Welch einen Hort von abergl�ubischer Torheit besitzt ihr Erkynl�nder! Ein Mann, der wahre Weisheit sein eigen nennt, sitzt nicht da und wartet, da� die Welt st�ckweise zu ihm kommt, um ihr Vorhandensein zu beweisen!� Mit gerunzelten Brauen starrte der Troll vor sich hin, so da� Simon f�rchtete, ihn beleidigt zu haben.</p><p>�Und was tut ein weiser Mann?� fragte er ein wenig trotzig.</p><p>�Der weise Mann wartet nicht, da� ihm die Welt ihre Wirklichkeit beweist. Wie kann jemand eine Person von Glaubw�rdigkeit sein, bevor er diese Wirklichkeit selber erlebt hat? Mein Meister lehrte mich � und es scheint mir <emphasis>chash</emphasis>, das hei�t zutreffend �, da� man sich gegen das Eindringen von Wissen nicht verteidigen darf.�</p><p>�Es tut mir leid, Binabik.� Simon trat gegen eine Eichelkapsel, da� sie sich �berschlug. �Ich bin nur ein K�chenjunge � nichts weiter. Deine Worte ergeben keinen Sinn f�r mich.�</p><p>�Aha!� Schnell wie eine Schlange fuhr Binabik herum und klopfte Simon mit dem Stock auf den Kn�chel. �Genau das ist ein Beispiel! Aha!� Der Troll sch�ttelte die kleine Faust. Qantaqa, im Glauben, er rufe sie, kam herbeigaloppiert und h�pfte im Kreis um die beiden herum, bis sie stehenbleiben mu�ten, um nicht �ber den fr�hlich springenden Wolf zu fallen.</p><p>�<emphasis>Hinik</emphasis>, Qantaqa!� zischte Binabik. Sie trollte sich schwanzwedelnd, ganz wie ein zahmer Burghund. �Nun, Freund Simon�, sagte der Troll, �bitte vergib mir, da� ich so gequiekt habe, aber du hast meine Ansicht best�tigt.� Er hob die Hand, um Simons Fragen Einhalt zu gebieten. Der Junge f�hlte, wie der Anblick des kleinen, ernsthaften Trolls ein L�cheln auf seine Lippen zauberte. �Erstens�, fuhr Binabik fort, �werden K�chenjungen nicht in Fischeiern gelaicht oder aus H�hnereiern ausgebr�tet. Sie k�nnen denken wie die weisesten Weisen, <emphasis>solange sie sich gegen das Eindringen von</emphasis> Wissen <emphasis>nicht wehren;</emphasis> solange sie nicht sagen �ich kann nicht� oder �ich will nicht�. Nun, und dazu wollte ich jetzt ein paar Erkl�rungen abgeben � sofern es dir recht ist?�</p><p>Simon f�hlte sich erheitert. Nicht einmal der Schlag auf den Kn�chel machte ihm etwas aus � es hatte ohnehin kaum wehgetan. �Bitte, erkl�r es mir.�</p><p>�Dann wollen wir das Wissen ansehen wie einen Flu� voller Wasser. Wenn du nun ein St�ck Stoff bist, wie findest du mehr �ber dieses Wasser heraus � indem dich jemand mit einer Ecke hineintaucht und dann wieder herauszieht, oder indem du dich ohne Widerstand hineinwerfen l��t, so da� das Wasser ganz durch dich hindurch und um dich herum flie�t und du durch und durch na� wirst? Also?�</p><p>Der Gedanke, in einen kalten Flu� geworfen zu werden, lie� Simon ein wenig erschauern. Das Sonnenlicht stand schon ein wenig schr�ger, der Nachmittag neigte sich dem Ende zu. �Ich nehme an � ich nehme an, wenn man triefend na� ist, lernt man mehr vom Wasser.�</p><p><emphasis>�Mit Genauigkeit!�</emphasis> Binabik war erfreut. �Mit Genauigkeit! Nun siehst du, worauf es in meinem Unterricht ankommt.� Der Troll setzte sich wieder in Marsch.</p><p>In Wahrheit hatte Simon seine urspr�ngliche Frage inzwischen vergessen, aber das st�rte ihn wenig. Es war etwas ungemein Bezauberndes an diesem kleinen Mann, eine Ernsthaftigkeit unter der Fr�hlichkeit. Simon f�hlte sich in zwar kleinen, aber guten H�nden.</p><empty-line/><p>Es war schwer zu �bersehen, da� sie sich jetzt in westlicher Richtung bewegten. W�hrend sie so dahinstapften, fielen ihnen die schr�gen Sonnenstrahlen fast genau in die Augen. Manchmal fand ein blendender Blitz den Weg durch eine L�cke in den B�umen, so da� Simon eine Sekunde stolperte, weil die Waldluft pl�tzlich von glitzernden Nadelstichen aus Licht wimmelte. Er fragte Binabik, weshalb sie nach Westen abgebogen waren.</p><p>�Ach ja�, erwiderte der Troll, �wir begeben uns nach dem Knoch. Allerdings kommen wir heute nicht mehr bis dort. Bald werden wir anhalten, um ein kleines Lager aufzuschlagen und zu essen.�</p><p>Simon freute sich, das zu h�ren, konnte es sich jedoch nicht verkneifen, trotzdem noch eine weitere Frage zu stellen. Schlie�lich war es ja auch sein Abenteuer. �Was ist der �Knoch�?�</p><p>�Oh, nichts Gef�hrliches, Simon. Es ist der Punkt, an dem die s�dlichen Vorberge des Weldhelm abfallen wie ein Sattel und man bequem den dichten und nicht unbedingt sicheren Wald verlassen und die Weldhelm-Stra�e auf der anderen Seite erreichen kann. Aber wie ich schon sagte, werden wir heute nicht mehr dorthin gelangen. Sehen wir uns lieber nach einem Lagerplatz um.�</p><p>Wenige Achtelmeilen weiter fanden sie ein Gel�nde, das ihnen verhei�ungsvoll erschien: eine Ansammlung gro�er Felsen am sanft ansteigenden Ufer eines Waldbaches. Das Wasser pl�tscherte friedlich �ber ein Bett runder, taubengrauer Kiesel und strudelte dann ger�uschvoll um die ineinander verschlungenen �ste, die in den Bach gefallen waren; schlie�lich verschwand es ein paar Meter weiter unten im Dickicht. Eine Gruppe von Espen mit gr�nen M�nzen als Bl�ttern raschelte leise im ersten Hauch einer Abendbrise.</p><p>Die beiden errichteten rasch einen Feuerkreis aus trockenen Steinen, die sie am Rand des Wasserlaufes gefunden hatten. Qantaqa schien von diesem Plan fasziniert und sprang alle paar Minuten herbei, um zu knurren und ein bi�chen nach den Steinen zu schnappen, die sie m�hsam zusammentrugen. Wenig sp�ter hatte der Troll ein Feuer entfacht, das in den letzten kr�ftigen Strahlen der schwindenden Nachmittagssonne bla� und geisterhaft flackerte.</p><p>�Jetzt, Simon�, bemerkte er und schubste die widerwillige Qantaqa mit dem Ellbogen in eine sitzende Stellung, �stellen wir fest, da� es Zeit zum Jagen ist. Wir wollen uns einen passenden Abendbrot-Vogel suchen, und ich werde dir schlaue Listigkeiten beibringen.� Er rieb sich die H�nde.</p><p>�Aber wie fangen wir die V�gel?� Simon warf einen Blick auf den Wei�en Pfeil, den seine verschwitzte Hand immer noch fest umklammerte. �M�ssen wir damit nach ihnen werfen?�</p><p>Binabik lachte und klatschte sich auf das in Leder geh�llte Knie. �F�r einen K�chenjungen hast du einiges an Lustigkeit! Nein, nein, ich sagte doch, ich w�rde dir schlaue Listigkeiten zeigen. Siehst du, wo ich wohne, gibt es nur eine kurze Jagdzeit f�r V�gel. Im kalten Winter sind gar keine da, au�er den wolkenhoch fliegenden Schneeg�nsen, die auf ihrer Route zu den Nord�stlichen Ein�den unsere Bergheimat �berqueren. Aber in einigen der S�dl�nder, die ich bereist habe, jagen und essen die Leute <emphasis>nur</emphasis> V�gel. Dort habe ich eine gewisse Schlauheit gelernt. Ich werde es dir vorf�hren!�</p><p>Binabik ergriff seinen Wanderstab und winkte Simon, ihm zu folgen. Qantaqa sprang auf, aber der Troll wehrte ab.</p><p>�<emphasis>Hinik aia</emphasis>, alte Freundin�, befahl er ihr freundlich. Sie zuckte mit den Ohren, und die graue Stirn furchte sich. �Wir erledigen einen heimlichen Auftrag, und deine gro�en Pfoten werden uns keine Hilfe sein.� Die W�lfin machte kehrt und trollte sich zum Feuer zur�ck, wo sie sich ausstreckte. �Nicht, da� sie nicht von t�dlicher Lautlosigkeit sein k�nnte�, erkl�rte der Troll Simon, �aber das tut sie nur, wenn <emphasis>sie</emphasis> es will.�</p><p>Sie �berschritten den Bach und wateten in das Unterholz hinein. Schon bald befanden sie sich wieder im dichten Wald, und das Ger�usch des Wassers hinter ihnen war zu einem leisen Murmeln herabgesunken. Binabik hockte sich hin und lud Simon ein, sich neben ihm niederzulassen.</p><p>�Nun gehen wir an die Arbeit�, meinte der Troll. Er gab seinem Wanderstab eine kurze Drehung; zu Simons �berraschung teilte sich der Stab in zwei St�cke. Das kurze Ende war, wie sich jetzt zeigte, der Griff eines Messers, dessen Klinge in dem ausgeh�hlten Teil des l�ngeren St�cks versteckt gewesen war. Der Troll kehrte dieses l�ngere Ende um und sch�ttelte es. Ein Lederbeutel glitt heraus und fiel auf den Boden. Nun entfernte Binabik ein kleines St�ck vom anderen Ende, so da� der l�ngere Teil des Stabes eine hohle R�hre bildete. Simon lachte vor reinem Entz�cken.</p><p>�Das ist ja wundervoll!� rief er. �Wie ein Zauberkunstst�ck.� Binabik nickte weise. ��berraschungen in kleinen H�ppchen � das ist das Glaubensbekenntnis der Qanuc, jawohl!� Er nahm das Messer bei seinem runden Knochengriff und stocherte kurz damit in der R�hre herum. Ein zweites Knochenrohr glitt ein St�ck heraus, und er half mit den Fingern nach, bis er es ganz drau�en hatte. Als er es Simon zur Begutachtung hinhielt, konnte der Junge sehen, da� dieses Rohr auf einer Seite eine Reihe von L�chern aufwies.</p><p>�Eine � Fl�te?�</p><p>�Eine Fl�te, in der Tat. Was n�tzt ein Abendessen, auf das keine Musik folgt?� Binabik legte das Instrument beiseite und weitete mit der Messerspitze die �ffnung des Lederbeutels. Auseinandergefaltet gab er einen zusammengepre�ten Klumpen gek�mmter Wolle und noch ein weiteres, schmales R�hrchen, nicht l�nger als ein Finger, preis.</p><p>�Kleiner werden wir und kleiner, hm?� Der Troll drehte das R�hrchen auf, um Simon den Inhalt zu zeigen: winzige, eng aneinanderger�ckte Nadeln aus Knochen oder Elfenbein. Simon streckte die Hand aus, um einen der zierlichen Splitter zu ber�hren, aber Binabik zog den Beh�lter hastig zur�ck.</p><p>�Bitte, nein�, warnte er. �Beobachte nur!� Mit Daumen und gebogenem Zeigefinger holte er eine der Nadeln heraus und hielt sie ins Licht der sterbenden Nachmittagssonne. Die scharfe Spitze des Dorns war mit einer schwarzen, klebrigen Masse beschmiert.</p><p>�Gift?� hauchte Simon. Binabik nickte ernst, aber seine Augen verrieten eine gewisse Erregung.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete er. �Sie sind nicht alle so vergiftet � es ist keine Notwendigkeit, um kleine V�gel zu t�ten, und hat auch die unangenehme Neigung, das Fleisch zu verderben �, aber man kann einen B�ren oder andere gro�e, zornige Gesch�pfe allein mit solch einem winzigen Dorn zum Halten bringen.� Er lie� die vergiftete Nadel zu den anderen gleiten und suchte sich einen unbefleckten Dorn.</p><p>�Damit hast du einen B�ren get�tet?� fragte Simon �u�erst beeindruckt.</p><p>�Ja, das habe ich � aber ein weiser Troll h�lt sich dann nicht in der N�he auf und wartet, ob der B�r auch wirklich verschieden ist. Das Gift tut seine Arbeit nicht sofort, wei�t du. Und sehr gro� sind B�ren.�</p><p>Beim Reden hatte Binabik ein Fl�ckchen von der groben Wolle abgerissen und mit dem Messer die Fasern auseinandergezupft. Seine Finger arbeiteten so schnell und geschickt wie die von Sarrah dem Stubenm�dchen beim N�hen. Bevor sich aber zu dieser anheimelnden Erinnerung weitere gesellen konnten, wurde Simons Aufmerksamkeit von neuem gefesselt, als Binabik anfing, die F�den mit gro�er Geschwindigkeit um die Unterseite des Dorns zu wickeln und so ineinander zu weben, bis aus dem hinteren Ende des Dorns ein weicher Wollball geworden war. Als er damit fertig war, schob er alles zusammen, Nadel und Pfropf, in das eine Ende des hohlen Wanderstabes. Die anderen Nadeln packte er in ihren Beutel zur�ck, schob ihn in den G�rtel und reichte Simon die �brigen St�cke des zerlegten Stabes.</p><p>�Bitte, trag das�, bat er. �Ich sehe hier nicht viele V�gel, obwohl sie sehr oft gerade um diese Zeit herauskommen, um Kerbtiere zu fressen. Vielleicht werden wir uns aber auch mit einem Eichh�rnchen begn�gen m�ssen � nicht, da� sie nicht gut schmeckten�, f�gte er eilig hinzu, als sie �ber einen umgest�rzten Baum kletterten, �aber in der Jagd auf kleine V�gel liegt ein gewisser zarterer Hauch, ein k�stlicheres Erlebnis. Falls der Dorn trifft, wirst du verstehen. Ich glaube, es ist ihr Flug, der mich so ergreift, und wie schnell die kleinen Herzchen klopfen.�</p><empty-line/><p>Sp�ter, im Blattgefl�ster des Fr�hlingsabends, als Simon und der kleine Troll tr�ge am Feuer lagen und ihre Mahlzeit verdauten � zwei Tauben <emphasis>und</emphasis> ein fettes Eichh�rnchen �, dachte Simon �ber Binabiks Worte nach. Es war seltsam zu erkennen, wie wenig man jemanden verstand, den man eigentlich gern mochte. Wie konnte der Troll solche Zuneigung zu etwas f�hlen, das er t�ten w�rde?</p><p><emphasis>Jedenfalls empfinde ich nichts dergleichen f�r diesen verdammten Holzf�ller, dachte er. Wahrscheinlich h�tte er mich genauso schnell umgebracht, wie er den Sitha t�ten wollte.</emphasis></p><p>Aber h�tte er das wirklich? W�re er mit der Axt auf Simon losgegangen? Vielleicht nicht. Den Sitha hatte er f�r einen D�mon gehalten, Simon dagegen den R�cken zugekehrt. Das h�tte er gewi� nicht getan, wenn er Angst vor ihm gehabt h�tte.</p><p><emphasis>Ob er wohl eine Frau hatte?</emphasis> fiel Simon auf einmal ein. <emphasis>Und Kinder? Aber er war doch ein b�ser Mensch! Trotzdem, schlechte Menschen k�nnen auch Kinder haben � K�nig Elias hat eine Tochter. W�re sie traurig, wenn ihr Vater st�rbe? Ich w�re es bestimmt nicht. Und ich bin auch nicht traurig, da� der Holzhauer tot ist � aber ich f�nde es traurig, wenn seine Familie ihn so tot im Wald f�nde. Hoffentlich hatte er keine Familie, war allein, lebte ganz allein im Wald � allein im Wald�</emphasis></p><p>Erschreckt und angstvoll fuhr Simon in die H�he. Fast w�re er eingeschlafen, ganz allein und hilflos � aber nein. Da war ja Binabik, der an der Uferb�schung hockte und vor sich hinsummte. Simon empfand es pl�tzlich als gro�es Gl�ck, da� der kleine Mann bei ihm war.</p><p>�Vielen Dank � f�r das Abendessen, Binabik.�</p><p>Der Troll drehte sich um und sah ihn an. Ein nachl�ssiges L�cheln spielte um seine Mundwinkel. �Es ist freudig gegeben. Und nachdem du nun gesehen hast, was die s�dlichen Blasdorne ausrichten k�nnen, m�chtest du vielleicht auch lernen, wie man mit ihnen umgeht?�</p><p>�Ganz bestimmt!�</p><p>�Vorz�glich. Dann werde ich es dir morgen zeigen � und vielleicht kannst <emphasis>du</emphasis> dann unser Abendessen jagen, hmmm?�</p><p>�Wie lange�� Simon fand einen Zweig und r�hrte damit in der Glut herum, �� wie lange werden wir zusammen reisen?�</p><p>Der Troll schlo� die Augen und lehnte sich zur�ck. Durch das dichte, schwarze Haar kratzte er sich am Kopf. �Oh, zumindest noch eine Weile, denke ich. Du willst nach Naglimund, nicht wahr? Nun, ich bin voller Sicherheit, da� auch ich wenigstens den gr��eren Teil des Weges dorthin zur�cklegen werde. Ist dir das recht?�</p><p>�Ja! �h � ja.� Simon ging es schon viel besser. Er lehnte sich ebenfalls zur�ck und bewegte seine unbeschuhten F��e vor der Kohlenglut.</p><p>�Jedoch�, sagte Binabik neben ihm, �ich verstehe noch immer nicht, warum du dorthin zu gehen w�nschst. Ich h�rte Berichte, da� man die Festung Naglimund f�r einen Krieg bemannt. Ich h�rte Ger�chte, da� Josua der Prinz � dessen Verschwinden sich selbst an den entlegenen Orten, die ich bereiste, herumgesprochen hat � sich vielleicht dort versteckt, um gegen seinen Bruder, den K�nig, Krieg zu f�hren. Wei�t du nichts von diesen Reden? Warum, wenn ich mir die Frage erlauben darf, m�chtest du dorthin?�</p><p>Simons unbek�mmerte Stimmung verflog. <emphasis>Er ist nur klein,</emphasis> schalt er sich selbst, <emphasis>aber keineswegs dumm!</emphasis> Er zwang sich, mehrere Male tief Luft zu holen, bevor er antwortete: �Ich wei� nicht viel von diesen Dingen, Binabik. Meine Eltern sind tot, und ich habe einen Freund in Naglimund � einen Harfner.� <emphasis>Alles mehr oder weniger wahr � aber auch �berzeugend?</emphasis></p><p>�Hmmmm.� Binabik hatte die Augen nicht ge�ffnet. �Vielleicht gibt es bessere Reiseziele als eine Festung, die sich f�r eine Belagerung r�stet. Immerhin zeigst du viel Tapferkeit, da� du dich so allein auf den Weg machst, auch wenn, wie wir sagen, �Tapfer und T�richt oft in derselben H�hle wohnen�. Wenn dir dein Ziel nicht gef�llt, k�nntest du vielleicht mit mir kommen und bei uns Qanuc leben. So ein gro�er, �berragender Troll w�rdest du werden!� Binabik lachte, ein hohes, albernes Kichern wie ein schimpfendes Eichh�rnchen. Und obwohl Simons Nerven noch immer einigerma�en wund waren, konnte er nicht anders, er mu�te mitlachen.</p><empty-line/><p>Das Feuer war zu einem matten Gl�hen heruntergebrannt und der Wald ringsum ein unbestimmter, formloser Block aus Schw�rze. Simon hatte sich eng in seinen Mantel gewickelt. Binabik strich gedankenverloren mit den Fingern �ber die L�cher der Fl�te und starrte hinauf in den samtigen Fleck Himmel, der durch eine L�cke in den B�umen sichtbar war.</p><p>�Schau!� sagte er und streckte sein Instrument aus, um in die Nacht hinaufzudeuten. �Siehst du?�</p><p>Simon hielt den Kopf schief und kam n�her. Oben war au�er einer d�nnen Sternenschleppe nichts zu erkennen. �Nein, ich sehe nichts.�</p><p>�Siehst du nicht das Netz?�</p><p>�Welches Netz?�</p><p>Binabik warf ihm einen sonderbaren Blick zu. �Lehren sie dich denn nichts in deiner verschachtelten Burg? <emphasis>Mezumiirus Netz!�</emphasis></p><p>�Wer ist das?�</p><p>�Aha.� Binabik lie� den Kopf wieder sinken. �Die Sterne. Der Sternhaufen, den du dort �ber dir siehst, das ist <emphasis>Mezumiirus Netz</emphasis>. Es hei�t, da� sie es auswirft, um ihren Gatten Isiki einzufangen, der ihr fortgelaufen ist. Wir Qanuc nennen sie <emphasis>Sedda</emphasis>, die Dunkle Mutter.� Simon starrte zu den tr�ben Punkten hinauf; es sah aus, als w�re das dichte, schwarze Tuch, das Osten Ard von irgendeiner Welt des Lichtes trennte, an dieser Stelle fadenscheinig geworden. Wenn er die Augen zukniff, konnte er eine gewisse F�cherform der Ansammlung erkennen.</p><p>�Sie sind sehr matt.�</p><p>�Der Himmel ist nicht klar, da hast du recht. Man sagt, da� es Mezumiiru so lieber ist, weil sonst die hellen Lichter, die Juwelen ihres Netzes, Isiki verscheuchen. Aber es gibt viele bew�lkte N�chte, und sie hat ihn immer noch nicht gefangen��</p><p>Simon machte schmale Augen. �Mezza � Mezo��</p><p>�Mezumiiru. Mezumiiru die Mondfrau.�</p><p>�Aber du hast gesagt, dein Volk nennt sie � Sedda?�</p><p>�So ist es. Sie ist die Allmutter, glauben die Qanuc.�</p><p>Simon dachte einen Augenblick nach. �Warum nennt ihr das� � er zeigte nach oben � �dann <emphasis>Mezumiirus</emphasis> und nicht <emphasis>Seddas Netz</emphasis>?�</p><p>Binabik hob l�chelnd die Brauen. �Eine gute Frage. Mein Volk nennt es tats�chlich so � oder genauer gesagt, wir nennen es <emphasis>Seddas Decke.</emphasis> Aber ich komme viel herum und lerne andere Namen, und schlie�lich und letztlich sind es ja die Sithi, die als erste hier waren. Sie waren es, die vor langer Zeit allen Sternen Namen gaben.�</p><p>Der Troll sa� eine Zeitlang da und starrte mit Simon zum schwarzen Dach der Welt empor. �Ich wei� etwas�, sagte er pl�tzlich. �Ich werde dir das Lied von Sedda vorsingen � oder einen kleinen Teil davon, vielleicht. Schlie�lich ist es ein Lied von gro�er L�nge. Sollte ich diesen Gesang versuchen?�</p><p>�Ja!� Simon kuschelte sich noch tiefer in seinen Mantel. �Bitte sing!�</p><p>Qantaqa, die sanft auf den Beinen des Trolls geschlafen hatte, erwachte, hob den Kopf und sicherte nach allen Seiten, wobei sie ein leises Grollen ausstie�. Auch Binabik schaute sich um und versuchte mit schmalen Augen die Finsternis um das Lagerfeuer zu durchdringen. Aber schon bald schubste Qantaqa, anscheinend befriedigt, alles in Ordnung zu finden, Binabik in eine ihrem gro�en Kopf angenehmere Stellung, legte sich wieder hin und schlo� die Augen. Binabik streichelte sie, griff zu seiner Fl�te und blies ein paar einleitende T�ne.</p><p>�Verstehen mu� du�, meinte er, �da� dies nur der Kern des ganzen Liedes sein kann. Ich werde alles erkl�ren. Seddas Gemahl, den die Sithi Isiki nannten, hei�t bei meinem Volk <emphasis>Kikkasut</emphasis>. Er ist der Beherrscher aller V�gel.�</p><p>Feierlich begann der Troll mit hoher Stimme zu singen. Es klang seltsam melodisch, wie Wind auf einem hohen Gipfel. Nach jeder Zeile hielt er inne, um seiner Fl�te trillernde T�ne zu entlocken.</p><poem><stanza><v>Wasser will flie�en</v><v>bei Tohuqs H�hle,</v><v>Glanzhimmelsh�hle.</v><v>Sedda will spinnen,</v><v>dunkle Himmelsherr-Tochter,</v><v>bleiche, schwarzhaarige Sedda.</v></stanza><stanza><v>Vogelk�nig im Fluge</v><v>auf Pfaden der Sterne,</v><v>glanzhellen Pfaden,</v><v>sieht sie nun, Sedda,</v><v>Kikkasut sieht sie,</v><v>schw�rt, da� sie sein wird.</v></stanza><stanza><v>�Gib deine Tochter</v><v>mir, spinnende Tochter,</v><v>Feinfaden spinnt sie.�</v><v>Kikkasut ruft ihn.</v><v>�Ich will sie kleiden</v><v>in leuchtende Federn!�</v></stanza><stanza><v>Tohuq, er lauscht ihm,</v><v>h�rt sch�ne Worte,</v><v>reichen Vogelk�nigs Worte.</v><v>Denkt an die Ehre,</v><v>gibt ihm nun Sedda,</v><v>alter, gieriger Tohuq.</v></stanza></poem><p>�Und so�, erkl�rte Binabik in seiner Sprechstimme, �verkauft der alte Himmelsherr Tohuq seine Tochter an Kikkasut, f�r einen herrlichen Federumhang, aus dem er die Wolken formen will. Und Sedda zieht mit ihrem neuen Gatten in sein Land hinter den Bergen und wird dort K�nigin der V�gel. Aber es gibt nicht viel Gl�ck in dieser Ehe. Bald f�ngt Kikkasut an, sie nicht mehr zu beachten, kommt nur noch nach Hause, um zu essen und Sedda zu beschimpfen.� Der Troll lachte leise und wischte das Ende der Fl�te an seinem Pelzkragen ab.</p><p>�Ach, Simon, das ist immer so eine lange Geschichte � jedenfalls geht Sedda zu einer weisen Frau, die ihr sagt, sie k�nnte Kikkasuts wanderndes Herz zur�ckgewinnen, wenn sie ihm Kinder schenken w�rde.</p><p>Mit einem Zauber aus Knochen und Trugblatt und schwarzem Schnee, den ihr die weise Frau gibt, kann Sedda dann auch empfangen, und sie gebiert neun Kinder. Kikkasut h�rt es und schickt ihr eine Botschaft, da� er kommen und sie ihr wegnehmen will, damit sie als V�gel aufwachsen, wie es sich geh�rt, und nicht von Sedda als nutzlose Mondkinder gro�gezogen werden.</p><p>Als sie das erf�hrt, nimmt Sedda die beiden j�ngsten und versteckt sie. Kikkasut kommt und will wissen, was mit den beiden fehlenden geschehen ist. Sedda erz�hlt ihm, sie seien krank geworden und gestorben. Er verl��t sie, und sie verflucht ihn.�</p><p>Wieder sang der Troll:</p><poem><stanza><v>Fort flog nun Kikkasut.</v><v>Sedda sitzt weinend,</v><v>weint um Verlornes.</v><v>Fort ihre Kinder,</v><v>�brig nur blieben</v><v>Lingit und Yana.</v></stanza><stanza><v>Himmelsherrn-Enkel,</v><v>Mondfrauen-Zwillinge,</v><v>heimlich und bleich:</v><v>Yana und Lingit,</v><v>versteckt vor dem Vater.</v><v>Macht sie unsterblich.</v></stanza><stanza><v>Sedda sitzt trauernd;</v><v>einsam, verraten</v><v>sinnt sie auf Rache.</v><v>Nimmt die Kleinode,</v><v>Kikkasuts Gaben,</v><v>webt sie zur Decke.</v></stanza><stanza><v>Berggipfelh�hen</v><v>Sedda erklettert.</v><v>Breitet die Decke</v><v>zur Falle am Himmel</v><v>f�r ihren Gatten,</v><v>Dieb ihrer Kinder�</v></stanza></poem><p>�Denn siehst du�, schlo� der Troll, �Sedda wollte nicht, da� ihre Kinder Sterblichkeit besa�en und den Tod finden w�rden wie die V�gel und die Tiere der Felder. Sie waren ihr ein und alles��</p><p>Binabik trillerte eine Melodie vor sich hin und wiegte dabei langsam den Kopf hin und her. Endlich legte er die Fl�te zur Seite. �Es ist ein Lied von anstrengender L�nge, aber es erz�hlt von hochwichtigen Dingen. Es berichtet weiter von den Kindern Lingit und Yana und ihrer Entscheidung zwischen dem Tod des Mondes und dem Tod der V�gel. Denn siehst du, der Mond stirbt zwar, aber er kehrt in seiner eigenen Person zur�ck. Die V�gel sterben und lassen ihre Jungen in den Eiern zur�ck, damit sie sie �berleben. Yana, so glauben wir Trolle, w�hlte den Weg des Mondtodes und wurde die Matriarchin � ein Wort, das Gro�-Mutter bedeutet �, die Matriarchin der Sithi. Die Sterblichen aber, ich und du, Simon-Freund, stammen von Lingit ab. Aber es ist ein langes, ein sehr langes Lied � m�chtest du ein andermal mehr davon vernehmen?�</p><p>Simon gab keine Antwort. Das Lied vom Mond und die sanfte Ber�hrung mit den Federschwingen der Nacht hatten ihn schnell in Schlaf sinken lassen.</p></section><section><title><p>XIX</p><p>Das Blut von Sankt Hoderund</p></title><p>Simon kam es vor, als w�rde sich sein Mund jedesmal, wenn er ihn �ffnete, um zu sprechen oder auch nur tief Luft zu holen, mit Bl�ttern f�llen. So oft er sich auch b�ckte und duckte, er schaffte es nicht, den Zweigen auszuweichen, die nach seinem Gesicht zu greifen schienen wie gierige Kinderh�nde.</p><p>�Binabik!� jammerte er. �Warum k�nnen wir nicht wieder auf die Stra�e gehen? Ich werde in St�cke gerissen!�</p><p>�Beklage dich doch nicht so. Wir werden schon bald zur Stra�e zur�cckehren.�</p><p>Es war aufreizend, dem kleinen Troll zuzuschauen, wie er sich behend durch das Gewirr von Zweigen und �sten wand. F�r ihn war es leicht zu sagen, �beklage dich doch nicht so�! Je dichter der Wald wurde, desto aalglatter schien Binabik zu werden. Anmutig schl�pfte er durch das dicke, alles umklammernde Unterholz, w�hrend Simon hinter ihm herprasselte. Sogar Qantaqa h�pfte leichtf��ig mit und hinterlie� im Laubwerk hinter sich kaum ein Zittern. Simon f�hlte sich, als klebe der halbe Altherz in Form von abgebrochenen Zweigen und kratzenden Dornen an seinem Leib.</p><p>�Aber warum tun wir das? Es dauert doch bestimmt nicht l�nger, am Waldrand der Stra�e zu folgen, als ich hier brauche, um mich zollweise durchzuw�hlen?�</p><p>Binabik pfiff der W�lfin, die einen Augenblick au�er Sicht geraten war. Sogleich trottete sie wieder herbei, und w�hrend der Troll wartete, bis Simon ihn eingeholt hatte, kraulte er den dicken Pelzkragen um ihren Hals.</p><p>�Du hast ungemein recht, Simon�, meinte er, als der Junge sich herangeschleppt hatte. �Wir k�nnten auf dem l�ngeren Weg au�en herum genauso schnell vorw�rtskommen. Aber�, er hob einen kurzen, mahnenden Finger, �es gibt noch andere Dinge zu ber�cksichtigen.�</p><p>Simon wu�te, da� er jetzt fragen sollte. Er tat es nicht, sondern blieb schnaufend neben dem kleinen Mann stehen und untersuchte seine neuerworbenen Hautrisse. Als der Troll merkte, da� Simon den K�der nicht schlucken wollte, l�chelte er.</p><p>��Warum?� fragst du neugierig. �Was gibt es zu ber�cksichtigen?� Die Antwort liegt �berall um dich herum, auf jedem Baum und unter allen Felsen. F�hle! Rieche!�</p><p>Simon schaute ungl�cklich nach allen Richtungen. Alles, was er sehen konnte, waren B�ume und Dornenstr�ucher. Und noch mehr B�ume. Er st�hnte.</p><p>�Nein, nein! Hast du denn gar keinen Verstand mehr �brig?� rief Binabik. �Was hat man dir nur beigebracht in deinem klumpigen Ameisenhaufen aus Stein, in dieser � Burg.�</p><p>Simon sah auf. �Ich habe nie gesagt, ich h�tte in einer Burg gelebt.�</p><p>�Es findet sich gro�e Offensichtlichkeit in allen deinen Handlungen.� Binabik drehte sich hastig um und betrachtete den kaum wahrnehmbaren Hirschpfad, dem sie folgten. �Schau�, verk�ndete er mit dramatischer Stimme, �das Land ist wie ein Buch, das du lesen solltest. Jedes kleine Ding� � ein keckes Grinsen � �hat eine Geschichte zu erz�hlen. B�ume, Bl�tter, Moose und Steine � auf ihnen stehen Dinge von wundersamer Bedeutung��</p><p>�O Elysia, nein�, �chzte Simon, sank zu Boden und lie� den Kopf auf die Knie fallen. �Bitte lies mir nicht ausgerechnet jetzt das Buch des Waldes vor, Binabik. Meine F��e schmerzen, und mein Kopf tut weh.�</p><p>Binabik beugte sich vor, bis sein rundes Gesicht nur wenige Zoll von Simons Stirn entfernt war. Nachdem er einen Augenblick das dornverfilzte Haar des Jungen gemustert hatte, richtete der Troll sich wieder auf.</p><p>�Ich vermute, da� wir hier in Ruhe rasten k�nnen�, sagte er und versuchte seine Entt�uschung zu verbergen. �Ich werde dir zu einem sp�teren Zeitpunkt von diesen Dingen berichten.�</p><p>�Danke�, murmelte Simon in seine Knie hinein.</p><empty-line/><p>Der Aufgabe, das Abendessen zu jagen, entzog sich Simon an diesem Tag durch ein einfaches Mittel: sowie sie das Lager aufschlugen, war er auch schon eingeschlafen. Binabik zuckte nur die Achseln, nahm einen langen Zug aus dem Wassersack und einen �hnlich langen aus dem Weinschlauch und machte dann einen kurzen Rundgang durch die Umgebung, an seiner Seite Qantaqa als schn�ffelnden Posten. Nach einer reizlosen, aber s�ttigenden Mahlzeit aus getrocknetem Fleisch warf er, Simons tiefes Atmen im Hintergrund, die Kn�chel. Beim ersten Durchgang deckte er <emphasis>Fl�gelloser Vogel, Fisch-Speer</emphasis> und <emphasis>Pfad im Schatten</emphasis> auf. Beunruhigt schlo� er die Augen und summte eine Weile tonlos vor sich hin, w�hrend das Ger�usch der n�chtlichen Insekten ringsum langsam zunahm. Als er zum zweiten Mal warf, hatten sich die beiden ersten Zeichen in <emphasis>Fackel am H�hleneingang</emphasis> und <emphasis>Scheuender Widder</emphasis> verwandelt, aber der <emphasis>Pfad im Schatten</emphasis> tauchte erneut auf, und die Knochen waren aneinandergeschichtet wie die �berreste der Mahlzeit irgendeines reinlichen Fleischfressers. Binabik, der nicht zu den Leuten geh�rte, die aufgrund der Knochen �bereilte Entschl�sse fassen � dazu hatte sein Meister ihn zu gut ausgebildet �, schlief trotzdem, als er endlich Ruhe fand, mit Stab und Rucksack in unmittelbarer Reichweite.</p><empty-line/><p>Als Simon erwachte, pr�sentierte ihm der Troll ein recht zufriedenstellendes Mahl aus gebratenen Eiern � Wachtel, erkl�rte er �, ein paar Beeren und sogar den bla�-orangeroten Knospen eines bl�henden Baumes, die sich als durchaus e�bar und auf ganz eigenartige Weise s�� und gut zu kauen erwiesen. Auch das Gehen fiel ihm an diesem Morgen erheblich leichter als am Vortag, denn das Land wurde nach und nach offener, und die Abst�nde zwischen den B�umen vergr��erten sich.</p><p>Der Troll war den ganzen Morgen recht wortkarg gewesen. Simon war �berzeugt, da� dies an seinem mangelnden Interesse an Binabiks Waldl�uferk�nsten lag. Als sie einen langen, sanften Abhang hinunterstiegen, �ber ihnen, hoch auf ihrer Morgenbahn himmelaufw�rts, die Sonne, hatte er den Eindruck, etwas sagen zu m�ssen.</p><p>�Binabik, m�chtest du mir heute etwas �ber das Buch des Waldes erz�hlen?�</p><p>Sein Gef�hrte l�chelte, aber es war ein schmaleres, sparsameres L�cheln, als Simon an ihm gew�hnt war. �Nat�rlich, Freund Simon, aber ich f�rchte, ich habe dir einen falschen Gedanken eingefl��t. Wei�t du, wenn ich von dem Land als von einem Buch spreche, will ich damit nicht sagen, da� du es lesen sollst, um dein geistliches Wohlbefinden zu f�rdern, wie einen frommen Folianten � obwohl man sicher auch aus diesem Grund auf seine Umgebung achten kann. Nein, ich spreche eher davon wie von einem Buch der Heilkunde, von etwas, das man der Gesundheit wegen studiert.�</p><p><emphasis>Es ist wirklich verbl�ffend</emphasis>, dachte Simon, <emphasis>wie leicht es ihm f�llt, mich durcheinanderzubringen. Und dies, ohne da� er es �berhaupt versucht!</emphasis></p><p>Laut antwortete er: �Gesundheit? Buch der Heilkunde?�</p><p>Binabiks Gesicht wurde unvermittelt ernst. �Es geht um dein Leben und Sterben, Simon. Du bist jetzt nicht mehr in deiner Heimat. Du bist auch nicht in <emphasis>meiner</emphasis> Heimat, obwohl ich es als Gast hier zweifellos leichter habe als du. Selbst die Sithi, so viele Zeitalter sie auch der Sonne zugesehen haben, wie sie durch die Himmel rollte, Jahr um Jahr, sogar sie erheben auf Aldheorte keinen Anspruch.� Binabik hielt inne, legte die Finger auf Simons Handgelenk und dr�ckte es. �Dieser Ort, an dem wir stehen, dieser riesige Wald, ist der <emphasis>�lteste aller Orte.</emphasis> Darum nennt man ihn mit den Worten deines Volkes �Aldheorte�: Er bleibt f�r immer das alte Herz von Osten Ard. Selbst diese j�ngeren B�ume hier�, er stocherte mit dem Stab nach allen Seiten, �hielten bereits �berschwemmungen, Wind und Feuer stand, bevor euer gro�er K�nig Johan auf der Insel Warinsten als S�ugling seinen ersten Atemzug tat.�</p><p>Simon schaute sich um und blinzelte.</p><p>�Andere�, fuhr Binabik fort, �andere B�ume gibt es, von denen ich einige gesehen habe, deren Wurzeln bis in den Fels der Zeit selbst hinunterreichen; �lter sind sie als alle K�nigreiche von Menschen und Sithi, die glanzvoll emporstiegen und wieder in br�ckelnde Vergessenheit zur�cksanken.�</p><p>Erneut pre�te Binabik sein Handgelenk, und Simon, der den Abhang hinunter in die gewaltige Senke voller B�ume sah, f�hlte sich pl�tzlich klein, unendlich winzig wie ein Insekt, das die Steilwand eines wolkendurchbohrenden Berges hinaufkrabbelt.</p><p>�Warum � warum erz�hlst du mir das alles?� fragte er endlich, holte tief Luft und k�mpfte gegen etwas, das sich anf�hlte wie Tr�nen.</p><p>�Weil�, erwiderte Binabik, griff nach oben und klopfte ihn auf den Arm, �weil du nicht denken sollst, der Wald, die weite Welt, h�tten auch nur das geringste mit den Gassen und Winkeln von Erchester gemein. Du mu�t auf der Hut sein, und du mu�t <emphasis>nachdenken �</emphasis> immer <emphasis>nachdenken</emphasis>.�</p><p>Gleich darauf war der Troll weitergegangen. Simon stolperte hinterdrein. Wie war das alles nur gekommen? Jetzt erschienen ihm die Scharen der B�ume wie eine feindselige, fl�sternde Menge. Ihm war zumute, als h�tte man ihn geohrfeigt.</p><p>�Warte!� rief er. �Wor�ber soll ich nachdenken?� Aber Binabik ging nicht langsamer und drehte sich nicht um.</p><p>�Komm jetzt!� rief er statt dessen �ber die Schulter. Seine Stimme war gelassen, aber kurzangebunden. �Wir m�ssen uns beeilen. Wenn wir Gl�ck haben, erreichen wir den Knoch, bevor es dunkel wird.� Er pfiff Qantaqa. �Bitte, Simon�, setzte er hinzu.</p><p>Und das waren an diesem Morgen seine letzten Worte.</p><empty-line/><p>�Dort!� Endlich brach Binabik sein Schweigen. Die beiden standen auf einem Bergkamm, die Baumwipfel unter ihnen eine unebene gr�ne Decke. �Der Knoch.�</p><p>Unter ihnen lagen treppenartig zwei weitere Baumreihen. Dahinter erstreckte sich ein abfallendes Grasmeer bis hin�ber zu den Bergen, die sich klar in der Nachmittagssonne abzeichneten. �Das ist der Weidhelm, oder wenigstens sein Vorgebirge.� Der Troll deutete mit seinem Stab. Die im Schatten liegenden, scharf umrissenen H�gel, rundlich wie die R�cken schlafender Tiere, schienen �ber die gr�ne Weite nur einen Steinwurf entfernt.</p><p>�Wie weit sind sie weg � die Berge?� fragte Simon. �Und wie sind wir so weit nach oben gekommen? Ich erinnere mich gar nicht ans Klettern.�</p><p>�Geklettert sind wir auch nicht, Simon. Der Knoch ist eine Mulde, tief eingesunken, als h�tte ihn jemand nach unten gedr�ckt. Wenn du zur�ckschauen k�nntest�, er machte eine Handbewegung nach dem Kamm hinauf, �w�rdest du erkennen, da� unser jetziger Standort ein wenig tiefer liegt als die Ebene von Erchester. Und um auch deine zweite Frage nicht ohne Antwort zu lassen: Die Berge sind durchaus noch ein St�ck entfernt, aber deine Augen t�uschen dich und lassen sie dir nah scheinen. Wahrhaftig, wir sollten uns jetzt lieber an den Abstieg machen, wenn wir meinen Rastplatz noch mit der Sonne �ber uns erreichen wollen.�</p><p>Der Troll wanderte ein paar Schritte den Kamm entlang. �Simon�, begann er, und als er sich umdrehte, konnte der Junge sehen, da� Kinn und Mund etwas von ihrer Verbissenheit verloren hatten, �ich mu� dir sagen, da� diese Weldhelm-Berge zwar nur S�uglinge sind, wenn man sie mit meinem Mintahoq vergleicht � aber dennoch, nur allein in der N�he solcher H�hen zu sein, berauscht mich � wie Wein.�</p><p><emphasis>Pl�tzlich ist er wieder wie ein Kind</emphasis>, dachte Simon und sah Binabiks kurzen Beinchen nach, die ihn geschwind durch die B�ume und den Hang hinuntertrugen. <emphasis>Nein</emphasis>, dachte er dann, <emphasis>nicht wie ein Kind, das ist nur seine Gr��e, aber jung, sehr jung. � Wie alt ist er eigentlich?</emphasis></p><p>Tats�chlich wurde der Troll, w�hrend Simon ihm hinterher sah, immer kleiner und kleiner. Der Junge fluchte milde vor sich hin und rannte ihm nach.</p><empty-line/><p>Sie stiegen erstaunlich schnell die breiten, dicht bewaldeten K�mme hinunter, auch wenn es Stellen gab, an denen sie wirklich klettern mu�ten. Simon war von der Geschicklichkeit, die Binabik an den Tag legen konnte, keineswegs �berrascht � der Troll sprang so leicht wie eine Feder, wirbelte weniger Staub auf als ein Eichh�rnchen und zeigte sich so sicher auf den F��en, da�, davon war Simon �berzeugt, selbst die Widder der Qanuc sich dessen nicht gesch�mt h�tten. Aber wenn auch Binabiks Behendigkeit ihn nicht wunderte, so doch seine eigene. Anscheinend hatte er sich etwas erholt, und ein paar ordentliche Mahlzeiten hatten ihren Teil dazu beigetragen, den Simon wiederherzustellen, den man auf dem Hochhorst einst den �Geisterknaben� genannt hatte � den furchtlosen Turmbesteiger und Mauerspringer.</p><p>Auch wenn er sich mit seinem im Gebirge geborenen Begleiter nicht vergleichen konnte, fand er doch, da� er sich wacker schlug. Wer einige Schwierigkeiten hatte, war Qantaqa, nicht, weil sie nicht trittsicher gewesen w�re, sondern wegen einzelner steiler Abstiege � ein Kinderspiel, wenn man sich mit den H�nden festhalten konnte �, die zum Herunterspringen zu hoch waren. Wenn sie sich in solch einer Lage befand, knurrte sie ein wenig, was jedoch eher �rgerlich als �ngstlich klang, und trottete davon, um einen l�ngeren Weg bergab zu suchen, bis sie dann, in der Regel schon nach kurzer Zeit, wieder zu ihnen stie�.</p><p>Als sie endlich einen vielfach gewundenen Hirschpfad entdeckten, der den letzten kleinen H�gel hinabf�hrte, war die Nachmittagssonne schon unter die Himmelsmitte gesunken und stand ihnen warm im Nacken und hell im Gesicht. Eine lauwarme Brise f�chelte die Bl�tter, war aber zu schwach, den Schwei� auf ihren Stirnen zu trocknen. Der Mantel, den Simon sich um die Mitte geknotet hatte, machte ihn so bauchlastig, als h�tte er ein umfangreiches Mahl zu sich genommen.</p><p>Zu seiner �berraschung entschied sich Binabik, als sie endlich die oberen Wiesenh�nge, den Anfang des Knochs, erreicht hatten, den Weg in nord�stlicher Richtung fortzusetzen, am Waldrand entlang, anstatt quer durch das fl�sternde, sanft wogende Grasmeer zu gehen.</p><p>�Aber die Weldhelm-Stra�e liegt auf der anderen Seite der Berge!� wandte Simon ein. �Es ginge doch viel schneller, wenn wir��</p><p>Binabik hob eine st�mmige, kleine Pfote, und Simon verfiel in m�rrisches Schweigen. �Es gibt �schneller�, Simon-Freund, und es gibt auch <emphasis>schneller�,</emphasis> erkl�rte er, und das fr�hliche Wissen in seiner Stimme reizte Simon beinahe � aber doch nicht ganz � dazu, etwas H�hnisches und Kindisches, aber vor�bergehend Befriedigendes, anzumerken. Als er den bereits ge�ffneten Mund sorgsam wieder zugemacht hatte, fuhr Binabik fort.</p><p>�Siehst du, ich habe gedacht, es w�re sch�n � eine Sch�nheit? eine Sch�nigkeit? �, heute abend an einem Ort ein wenig Rast zu halten, an dem du in einem Bett schlafen und an einem Tisch essen k�nntest. Wie findest du das, hmmm?�</p><p>Simons ganzer Groll verpuffte wie Dampf, der unter einem hochgehobenen Topfdeckel hervorquillt. �Ein Bett? Wollen wir in eine Herberge?� Shems Geschichte vom Puka und den drei W�nschen fiel ihm ein, und er begriff, wie es jemandem zumute war, dessen erster Wunsch in Erf�llung ging � bis er sich j�h an die Erkyngarde erinnerte und an den geh�ngten Dieb.</p><p>�Keine Herberge.� Binabik lachte �ber Simons Eifer. �Aber genauso gut ist es � nein, besser. Es ist ein Ort, wo man dir Essen gibt und dich ruhen l��t und niemand fragt, wer du bist oder woher du kommst.� Er deutete �ber den Knoch dorthin, wo die andere Seite des Waldes zur�ckwich, bis sein Au�enrand schlie�lich am Fu� der Weldhelm-Vorberge endete. �Da dr�ben ist es, auch wenn man es von hier aus nicht sehen kann. Komm!�</p><p><emphasis>Aber warum k�nnen wir nicht einfach den Knoch �berqueren?</emphasis> gr�belte Simon. <emphasis>Es sieht aus, als ob Binabik nicht so durch offenes Gel�nde laufen will � nicht so schutzlos.</emphasis></p><p>Tats�chlich hatte der Troll einen nord�stlichen Pfad eingeschlagen und umging die gro�e Wiese, um sich im Windschatten des Aldheorte zu halten.</p><p><emphasis>Und was meinte er mit dem Ort, an dem niemand Fragen stellt � was immer das alles bedeuten mochte �? Versteckt er sich denn auch?</emphasis></p><p>�Langsamer, Binabik!� rief er. Ab und zu flog Qantaqas wei�es Hinterteil aus dem Gras auf wie eine M�we �ber dem bewegten Kynslagh. �Langsamer!� wiederholte er und beschleunigte seine Schritte. Der Wind trug seine Worte sanft davon, den wellenf�rmigen Hang hinter ihm hinauf.</p><p>Als Simon den Troll endlich eingeholt hatte, stand die Sonne hoch auf ihren R�cken, und Binabik hob die Hand und klopfte ihm auf den Ellbogen.</p><p>�Vorhin war ich sehr scharf, sehr knapp mit dir. Es stand mir nicht zu, so zu reden. Meine Entschuldigungen.� Er schielte zu dem Jungen hinauf und schaute dann geradeaus, wo Qantaqas Schweif �ber dem schwankenden Gras wehte, bald hier, bald dort, das Banner eines kleinen, aber schnell marschierenden Heeres.</p><p>�Es gibt nichts zu�� fing Simon an, aber Binabik unterbrach ihn. �Bitte, bitte, Freund Simon�, erkl�rte er mit einem deutlichen Unterton von Verlegenheit in der Stimme, �es stand mir nicht zu. Sprich nicht mehr davon.� Er hob beide H�nde an die Ohren und bewegte sie in einer wunderlichen Geb�rde. �La� mich dir lieber erz�hlen, wohin wir gehen � zu Sankt Hoderund am Knoch.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Zu dem Ort, an dem wir bleiben werden. Viele Male bin ich schon dort gewesen. Es ist ein Platz, an den man sich zur�ckzieht � ein Kloster, wie ihr �doniten sagt. Sie sind dort sehr freundlich zu Reisenden.�</p><p>Das war genug f�r Simon. Sofort schwirrte sein Kopf von Visionen langer, hoher S�le, gebratenen Fleisches und sauberer Strohs�cke � ein Delirium von Bequemlichkeiten. Er begann schneller zu laufen und beinahe in Trab zu verfallen.</p><p>�Rennen ist nicht vonn�ten�, ermahnte ihn Binabik. �Es wird auch so auf uns warten.� Er blickte sich nach der Sonne um, die immer noch mehrere Stunden vom westlichen Horizont stand. �Soll ich dir von Sankt Hoderund erz�hlen? Oder wei�t du schon alles?�</p><p>�Erz�hl es mir�, bat Simon. �Ich wei�, da� es solche Orte gibt. Ich kenne jemanden, der schon einmal in der Abtei von Stanshire war.�</p><p>�Nun, dies hier ist eine Abtei von Besonderheit. Sie hat eine Geschichte.�</p><p>Simon hob die Brauen, bereit zum Zuh�ren.</p><p>�Ein Lied gibt es da�, erl�uterte Binabik, �den Sang von Sankt Hoderund. Im S�den ist er viel bekannter als im Norden � mit dem Norden meine ich Rimmersgard und nicht meine Heimat �, und es ist offensichtlich, weshalb. Wei�t du etwas �ber die Schlacht von Agh Samrath?�</p><p>�Das war, als die Nordleute, die Rimmersm�nner, die M�nner von Hernystir und die Sithi geschlagen haben.�</p><p>�Oho? Dann hast du also doch eine gewisse Erziehung genossen? Ja, Simon-Freund, es war Agh Samrath, das gesehen hat, wie Fingil Rothand die Heere der Sithi und Hernystiri vom Schlachtfeld trieb. Aber es gab noch andere, fr�here Schlachten, und eine von ihnen hat hier stattgefunden.� Er machte eine Handbewegung �ber das wogende Feld neben ihnen. �Damals hatte dieses Land einen anderen Namen. Die Sithi, die es vermutlich am besten kannten, nannten es <emphasis>Ereb Irig� �</emphasis> Westliches Tor.�</p><p>�Und wer gab ihm den Namen �der Knoch�? Das klingt doch sehr komisch.�</p><p>�Ich wei� es nicht mit Gewi�heit. Ich selbst glaube, da� der Name auf die Bezeichnung zur�ckgeht, welche die Rimmersm�nner der Schlacht gaben. Sie nannten diesen Ort <emphasis>Du Knokkegard �</emphasis> den Knochengarten.�</p><p>Simon blickte zur�ck �ber das raschelnde Gras und beobachtete, wie sich Reihe um Reihe vor den Schritten des Windes neigte. �Knochengarten?� fragte er, und der kalte Finger einer Vorahnung ber�hrte ihn.</p><p><emphasis>Der Wind ist hier st�ndig in Bewegung</emphasis>, dachte er. <emphasis>Rastlos � als ob er etwas Verlorenes sucht�</emphasis></p><p>�Knochengarten, ja. Auf beiden Seiten wurde diese Schlacht vorher vielfach untersch�tzt. Die Grashalme hier wachsen auf den Gr�bern von vielen tausend M�nnern.�</p><p><emphasis>Tausende, wie auf dem Begr�bnisplatz in Erchester. Noch eine Totenstadt unter den F��en der Lebenden. Ob sie es wissen?</emphasis> fragte er sich pl�tzlich. <emphasis>H�ren sie uns und hassen sie uns, weil wir � in der Sonne sind? Oder sind sie gl�cklicher, weil sie alles hinter sich haben?</emphasis></p><p><emphasis>Ich wei� noch, wie Shem und Ruben den alten Rim t�ten mu�ten, den Akkergaul.</emphasis> Gerade bevor Rubens Hammer niedergesaust war, hatte Rim zu Simon aufgeschaut. Mit milden, aber wissenden Augen, hatte Simon gedacht. Wissend und doch gleichm�tig.</p><p><emphasis>Hat K�nig Johan sich zum Schlu� so gef�hlt, reich an Jahren wie er war? Bereit zum Schlafengehen wie der alte Rim?</emphasis></p><p>�Und es ist ein Lied, das jeder Harfner s�dlich der Frostmark dir vorsingt�, sagte Binabik. Simon sch�ttelte den Kopf und versuchte sich zu konzentrieren, aber das Seufzen des Grases, das langgezogene Wispern des Windes klangen laut in seinen Ohren. �Ich, und vielleicht wirst du mir daf�r Dank wissen, werde kein Lied singen�, f�gte Binabik hinzu, �aber von Sankt Hoderund sollte ich dir doch erz�hlen, denn wir gehen ja sozusagen in sein Haus.�</p><p>Junge, Troll und W�lfin waren am �stlichsten Teil des Knochs angekommen und �nderten jetzt wieder die Richtung, so da� sie der Sonne die linke Seite zukehrten. Als sie durch das hohe Gras wateten, zog Binabik seine Lederjacke aus und knotete sich die �rmel um die Mitte. Das Hemd, das er darunter trug, war aus wei�er Wolle, locker gewebt und sackartig geschnitten.</p><p>�Hoderund�, begann er, �war ein Rimmersmann, der sich nach mancherlei Abenteuern zum �donitischen Glauben bekehrte. Schlie�lich wurde er von der Kirche zum Priester eingesetzt. Es hei�t, ein einzelner Stich ist erst dann von Bedeutung, wenn der Mantel auseinandergeht. Wir w�rden uns nicht darum k�mmern, was Hoderund getan hat, davon bin ich �berzeugt, wenn nicht K�nig Fingil Rothand und seine Rimmersm�nner den Gr�nwate-Flu� �berschritten und damit zum ersten Mal den Boden der Sithi betreten h�tten.</p><p>All das ist, wie die meisten Geschichten von Wichtigkeit, zu lang, um es in einer Stunde des Wanderns zu erz�hlen. Ich will darum derartige Erl�uterungen vermeiden und nur dies sagen: Die Nordm�nner hatten alles vor sich hergetrieben und auf ihrem Zug nach S�den mehrere Schlachten gewonnen. Die Hernystiri unter ihrem Prinzen Sinnach entschlossen sich, den Rimmersm�nnern hier an dieser Stelle entgegenzutreten�, wieder machte Binabik eine umfassende Handbewegung �ber die ganze Weite des sonnenspitzigen Graslandes, �um ihrem Ansturm ein f�r alle Mal Einhalt zu gebieten.</p><p>Die Menschen und Sithi flohen vom Knoch, weil sie f�rchteten, zwischen den beiden Heeren zerrieben zu werden � alle flohen sie, au�er Hoderund. Schlachten, d�nkt mich, ziehen Priester an wie Fliegen, und so geschah es auch mit Hoderund. Er suchte Fingil Rothand in dessen Zelt auf und flehte den K�nig an, sich zur�ckzuziehen und damit die Tausende von Leben zu schonen, die andernfalls verloren w�ren. In seiner � wenn ich es so sagen darf � Dummheit und zugleich Tapferkeit predigte er zu Fingil und erz�hlte ihm von Usires �dons Worten, da� man seinen Feind in die Arme schlie�en und zum Bruder machen m�sse.</p><p>Fingil, was nicht weiter erstaunlich ist, hielt ihn f�r einen Verr�ckten und war �beraus angewidert, von einem anderen Rimmersmann solche Worte zu h�ren � Oho, ist das <emphasis>Rauch</emphasis>?�</p><p>Mit dem j�hen Wechsel seines Erz�hlgegenstandes �berraschte der Troll Simon, den Binabiks Geschichte in eine Art wandelnden Sonnenstichtraum gelullt hatte. Der Troll deutete zur anderen Seite des Knochs hinauf. Tats�chlich, hinter einer Reihe sanfter H�gel, deren entferntester anscheinend Zeichen von Urbarmachung trug, kr�uselte sich ein d�nner Rauchfaden. �Abendessen, denke ich�, grinste Binabik. Simon sperrte in ahnungsvoller Sehnsucht den Mund auf. Jetzt beschleunigte auch der Troll seine Schritte. Der dunkle Waldrand machte eine Biegung, und die beiden drehten sich erneut der Sonne zu.</p><p>�Wie gesagt�, nahm der Troll seine Erz�hlung wieder auf, �fand Fingil Hoderunds neue �donitische Ideen �u�erst absto�end. Er befahl, den Priester hinzurichten, aber ein barmherziger Soldat lie� ihn entkommen.</p><p>Ans Weglaufen dachte Hoderund jedoch nicht. Als die beiden Heere endlich aufeinanderprallten, eilte er auf das Schlachtfeld, mitten zwischen Hernystiri und Rimmersgarder, schwang seinen <emphasis>Baum</emphasis> und rief den Frieden des Usires-Gottes auf sie alle hernieder. Eingeklemmt zwischen zwei w�tenden heidnischen Heeren wurde er schnell ganz und gar totgeschlagen. So.�</p><p>Binabik schwenkte seinen Stab und schlug auf einen hohen Grasbuckel ein. �Eine Geschichte, deren Philosophie schwierig ist, hmmm? Wenigstens f�r uns Qanuc, die es vorziehen, das zu sein, was <emphasis>du</emphasis> heidnisch nennst, und zugleich das, was <emphasis>ich</emphasis> als lebendig bezeichne. Aber der Lektor in Nabban nannte Hoderund einen M�rtyrer und gab in der Fr�hzeit von Erkynland diesem Ort den Namen einer Kirche und Abtei des Hoderund-Ordens.�</p><p>�War es eine furchtbare Schlacht?� wollte Simon wissen. �Die Rimmersgarder nannten den Ort �Knochengarten�. Die sp�tere Schlacht bei Agh Samrath war vielleicht blutiger, aber dort spielte auch Verrat mit. Hier auf dem Knoch galt es Mann gegen Mann, Schwert gegen Schwert, und das Blut str�mte wie die B�che der ersten Schneeschmelze.�</p><p>Die Sonne, tief �ber den Himmel heruntergerutscht, brannte ihnen mitten ins Gesicht. Die Nachmittagsbrise, die sich jetzt ernsthaft bemerkbar machte, bog das hohe Gras und warf die dar�ber schwebenden Insekten hoch in die Luft, in der sie tanzten wie winzige goldene Lichtblitze. Qantaqa kam querfeldein zur�ckgelaufen, und ihre Ann�herung �bert�nte die s�gende, zischende Musik der sich aneinander reibenden Halme. Der Junge und der Troll begannen eine lange Steigung hinaufzustapfen, umkreist von der W�lfin, die den dicken Kopf in der Luft schwenkte und erregt jappte. Simon beschattete seine Augen, konnte aber hinter der Erhebung nichts ausmachen als die Baumwipfel des Waldrandes. Er drehte sich um und wollte Binabik fragen, ob sie bald da w�ren, aber der Troll starrte im Gehen mit gerunzelten Brauen auf den Boden und konzentrierte sich auf irgend etwas, ohne Simon oder der wild umherspringenden W�lfin �berhaupt Beachtung zu schenken.</p><p>Nachdem eine Weile schweigend vergangen war, unterbrochen nur vom Rauschen ihrer Schritte im schweren Gras und einem gelegentlichen aufgeregten Bellen Qantaqas, ermutigte Simons leerer Magen ihn dazu, noch einmal zu fragen. Kaum aber hatte er den Mund ge�ffnet, als Binabik zu seiner �berraschung in ein hohes, klagendes Lied ausbrach:</p><poem><stanza><v>Ai-Ereb Irig�.</v><v>Ka'ai shikisi aruya'a</v><v>Shishei, shishei burusa'eya</v><v>Pikuuru n'dai-tu.</v></stanza></poem><p>W�hrend sie auf den lichtgetr�nkten, windgewellten Berg hinaufstiegen, klangen Simon die Worte und die eigenartige Melodie in den Ohren wie ein Klagelied von V�geln, wie ein verzweifelter Ruf aus den hohen, einsamen, niemals verzeihenden R�umen der Luft.</p><p>�Ein Sithi-Lied.� Binabik warf Simon einen wunderlich scheuen Blick zu. �Ich singe es nicht gut. Es spricht von diesem Ort, an dem die ersten Sithi von Menschenhand starben, an dem zum ersten Mal von Menschen, die auf Sithi-Boden k�mpften, Blut vergossen wurde.� W�hrend er zu Ende sprach, versetzte er Qantaqa, die ihn mit der breiten Schnauze ans Bein stie�, einen Klaps. <emphasis>�Hinik aia!�</emphasis> befahl er. �Sie riecht jetzt Leute und gekochtes Essen�, murmelte er entschuldigend.</p><p>�Was bedeutet das Lied?� fragte Simon. �Die Worte, meine ich.� Immer noch �berlief ihn die Fremdartigkeit kalt, erinnerte ihn aber zugleich daran, wie gro� die Welt wirklich war und wie wenig er selbst auf dem betriebsamen Hochhorst davon mitbekommem hatte. Klein, klein, klein f�hlte er sich, kleiner als der kleine Troll, der da neben ihm herkletterte.</p><p>�Ich bezweifle, Simon, da� man die Worte der Sithi in den Sprachen der Sterblichen sangbar machen kann � so da� ihre Gedanken richtig weitergegeben werden. Noch schlimmer, es ist ja auch nicht die Sprache meines Geburtsortes, die wir miteinander sprechen, du und ich � aber ich kann es versuchen.�</p><p>Sie gingen ein St�ck weiter. Qantaqa war es endlich langweilig geworden oder sie hatte es sich anders �berlegt; sie hatte jedenfalls keine Lust mehr, ihre w�lfische Begeisterung mit ihren begriffsstutzigen Begleitern zu teilen und war hinter dem Kamm der Anh�he verschwunden.</p><p>�Das hier, glaube ich, kommt dem Sinn nahe�, meinte Binabik endlich und intonierte dann eher, als da� er sang:</p><poem><stanza><v>Am Tor des Westens</v><v>zwischen dem Auge der Sonne und den Herzen</v><v>der Ahnen</v><v>f�llt eine Tr�ne�</v><v>Lichtspur, Spur zur Erde fallenden Lichtes,</v><v>trifft auf Eisen</v><v>und wird zu Rauch�</v></stanza></poem><p>Binabik lachte verlegen. �Siehst du, in den Waldl�uferh�nden eines Trolls wird das Lied aus Luft zu Worten aus Steinklumpen.�</p><p>�Nein�, entgegnete Simon, �zwar verstehe ich es nicht genau � aber ich <emphasis>empfinde</emphasis> etwas dabei.�</p><p>�Dann ist es gut�, l�chelte Binabik, �aber kein Wort von mir kann sich mit den Liedern der Sithi vergleichen, vor allem nicht mit diesem. Ich habe geh�rt, da� es eines der l�ngsten ist � und eines der traurigsten. Es hei�t auch, Erlk�nig Iyu'unigato habe es selber geschrieben, in seinen letzten Stunden, bevor er get�tet wurde � get�tet von � von � Aah! Schau, wir sind oben!�</p><p>Simon sah auf. Wahrhaftig, sie hatten das Ende der langen Steigung beinahe erreicht. Unter ihnen erstreckte sich das endlose Meer der dichtgedr�ngten Baumwipfel des Aldheorte.</p><p><emphasis>Aber ich glaube nicht, da� er deshalb nicht weitergeredet hat,</emphasis> dachte Simon. <emphasis>Ich glaube, er wollte gerade etwas sagen, das er eigentlich nicht aussprechen sollte.</emphasis></p><p>�Woher hast du gelernt, Sithi-Lieder zu singen, Binabik?� fragte er, als sie die letzten Schritte nach oben geklettert waren und nun auf dem breiten R�cken des Berges standen.</p><p>�Wir werden dar�ber reden, Simon�, antwortete der Troll und blickte um sich. �Aber jetzt sieh! Dort geht es hinunter nach Sankt Hoderund!�</p><p>Sie begannen, nur knapp einen langen Steinwurf weit unter ihnen, an den Berghang geklammert wie Moos, das auf einem uralten Baum w�chst: ineinander verschlungene Reihen und Reihen in regelm��igen Abst�nden gepflanzter, sorgf�ltig gepflegter Weinst�cke. Waagerecht in den Berg gehauene Terrassen, deren Kanten so abgerundet waren, als sei der Boden schon vor langer Zeit so geformt worden, trennten sie voneinander. Zwischen den Weinst�cken liefen Pfade, die sich genauso verschlungen den Hang hinunterzogen wie die Pflanzen selbst. Unten im Tal war, auf der einen Seite von diesem ersten kleinen Vetter der Weldhelm-Berge gesch�tzt, auf der anderen von der dunklen Begrenzung des Waldes, ein ganzes Korbgeflechtmuster von Ackerland zu sehen, angeordnet mit der s�uberlichen Symmetrie eines illuminierten Manuskriptes. In einigem Abstand, gerade noch hinter dem Vorsprung des Berges zu erkennen, lagen die kleinen Au�engeb�ude der Abtei, eine rohgezimmerte, aber gut gepflegte Ansammlung h�lzerner Schuppen sowie ein eingez�untes Feld, im Augenblick leer von Schafen oder K�hen. Ein Tor, der einzige kleine Gegenstand in diesem m�chtigen Teppich, der sich bewegte, schwang langsam hin und her.</p><p>�Folge den Pfaden, Simon, und bald werden wir essen und vielleicht auch einen kleinen Schoppen der Klosterlese zu uns nehmen.� Mit schnellen Schritten machte sich Binabik an den Abstieg. Gleich darauf bahnten er und Simon sich ihren Weg durch die Reihen, w�hrend Qantaqa die langsame Durchquerung des Weinberges durch ihre Gef�hrten ver�chtlich betrachtete, um dann einfach den Hang hinunterzuspringen und dabei �ber die gekr�uselten Reben zu setzen, ohne einen einzigen Pfahl zu ber�hren oder eine Traube unter den gro�en Pfoten zu zerquetschen.</p><p>Simon eilte den steilen Pfad hinunter und achtete dabei auf seine F��e, denn er f�hlte bei jedem langen Schritt, da� ihm die Fersen ein St�ckchen wegrutschten. Auf einmal sp�rte er mehr, als er es sah, da� vor ihm irgend etwas war. Weil er dachte, der Troll sei stehengeblieben, um auf ihn zu warten, sah er mit sauerer Miene auf und wollte gerade bemerken, da� man Leuten, die nicht auf einem Berg gro�geworden seien, ein wenig Erbarmen zeigen sollte, als sein Blick auf eine Alptraumgestalt fiel. Er stie� einen Angstschrei aus, verlor den Halt, st�rzte r�cklings auf sein Hinterteil und rutschte zwei Arml�ngen den Pfad hinunter.</p><p>Binabik h�rte ihn, fuhr herum und rannte den Berg hinauf, wo er Simon unter einer gro�en, zerlumpten Vogelscheuche auf der Erde sitzend vorfand. Der kleine Mann betrachtete die Vogelscheuche, die schief von einem dicken Pfahl herunterhing, das rohe, angemalte Gesicht von Wind und Regen fast verwischt, und sah dann auf Simon, der dasa� und an seinen zerschundenen Handfl�chen sog. Binabik verbi� sich das Lachen, bis er dem Jungen aufgeholfen hatte. Mit seinen kleinen, starken H�nden packte er Simons Ellenbogen und stemmte ihn auf die F��e. Dann aber konnte er sich nicht l�nger beherrschen. Er drehte sich um und setzte den Weg nach unten fort, hinter sich Simon, der erbost die Stirn runzelte, als die erstickten Laute der Erheiterung des kleinen Mannes zu ihm heraufdrangen.</p><p>Verbittert klopfte sich Simon den �rgsten Staub von der Hose und sah nach den beiden P�ckchen in seinem G�rtel, Pfeil und Manuskript, um sich zu vergewissern, da� keines besch�digt war. Nat�rlich konnte Binabik nichts von dem am Kreuzweg aufgekn�pften Dieb wissen, aber er war immerhin dabeigewesen, als der Sithi in der Falle des Holzf�llers hing. Warum war es dann so l�cherlich, da� Simon einen Schreck bekommen hatte?</p><p>Simon kam sich sehr t�richt vor, aber als er wieder auf die Vogelscheuche blickte, f�hlte er trotzdem eine zitternde Vorahnung. Er griff nach oben, packte den leeren Sack, der den Kopf bildete � rauh und k�hl f�hlte er sich an �, faltete ihn zusammen und steckte den oberen Teil in den formlosen, zerlumpten Mantel, der die Schultern umschlotterte, so da� die tr�ben, blicklosen Augen versteckt waren. Sollte der Troll doch lachen.</p><p>Binabik, der sich wieder gefa�t hatte, wartete weiter unten. Er entschuldigte sich nicht, l�chelte aber und gab Simon einen kleinen Klaps auf die Hand. Simon erwiderte das L�cheln, seines war jedoch schmaler als Binabiks.</p><p>�Als ich vor drei Monaten hier war�, sagte der Troll, �auf meinem Weg nach S�den, gab es das wundervollste Wild! Den Br�dern ist es erlaubt, einige wenige Hirsche aus dem k�niglichen Forst zu nehmen, um Wanderer zu erquicken � und sich selber, das braucht nicht weiter erw�hnt zu werden. Ah, da ist es � und es steigt Rauch auf!�</p><empty-line/><p>Sie hatten die letzte Biegung des Berges umrundet; das klagende Ger�usch des quietschenden Tores kam von direkt unter ihnen. Geradeaus am Fu� des Abhanges lagen die dichtgedr�ngten Strohd�cher der Abtei. Und wirklich stieg Rauch auf, ein d�nnes W�lkchen, das nach oben schwebte, sich im Gipfelwind drehte und aufl�ste. Aber es kam weder aus einem Schornstein noch aus einem Rauchfang.</p><p>�Binabik��, sagte Simon, dessen �berraschung sich noch nicht in Alarm verwandelt hatte.</p><p>�Niedergebrannt�, fl�sterte Binabik. �Oder noch brennend. Oh, Tochter der Berge!� Das Tor krachte zu und sprang sofort wieder auf. �Ein schrecklicher Gast ist in Sankt Hoderunds Haus gekommen.�</p><p>Auf Simon, der die Abtei noch nicht gesehen hatte, wirkte die rauchende Verw�stung dort unten wie Binabiks Geschichte vom Knochengarten selbst, die pl�tzlich lebendig geworden war. Wie in den schrecklichen, wahnsinnigen Stunden unter der Burg sp�rte er, wie sich die eifers�chtigen Klauen der Vergangenheit hervordr�ngten, um die Gegenwart an einen dunklen Ort der Reue und Furcht hinabzuzerren.</p><p>Von der Kapelle, dem Haupthaus des Klosters und dem gr��ten Teil der Nebengeb�ude waren nur schwelende Ruinen �briggeblieben. Die verkohlten Dachbalken, deren Last aus Fachwerk und Stroh das Feuer verzehrt hatte, lagen entbl��t unter dem sp�ttischen Fr�hlingshimmel wie die geschw�rzten Rippen des Festmahls eines hungrigen Gottes. Ringsum verstreut lagen, wie von demselben Gott ausgew�rfelt, die Leichen von mindestens zwanzig M�nnern, so lumpenpuppig und leblos wie die Vogelscheuche oben auf dem Berg.</p><p>�Bei Chukkus Eiern��, hauchte Binabik mit noch immer weit aufgerissenen Augen und schlug sich sacht mit dem Daumenballen auf die Brust. Er machte einen Schritt nach vorn, zog den Rucksack von den Schultern und rannte den Berg hinab. Qantaqa bellte und machte Freudenspr�nge.</p><p>�Warte�, sagte Simon, und es war kaum ein Fl�stern. �Warte!� schrie er und schwankte hinterher. �Was tust du? Sie werden dich umbringen!�</p><p>�Stunden ist das alt!� rief Binabik, ohne sich umzudrehen. Simon sah den Troll kurz innehalten und sich �ber den ersten Leichnam beugen, auf den er stie�. Gleich darauf trabte er weiter. Keuchend, mit trotz der offensichtlich zutreffenden Worte des kleinen Mannes vor Furcht jagendem Herzen, warf Simon im Vorbeilaufen einen Blick auf die Leiche. Es war ein Mann in schwarzem Gewand, dem �u�eren nach ein M�nch � sein Gesicht war ins Gras gedr�ckt und nicht zu sehen. Eine Pfeilspitze hatte sich gewaltsam den Weg durch seinen Nacken gebahnt. Fliegen liefen zierlich �ber das getrocknete Blut.</p><p>Ein paar Schritte weiter strauchelte Simon und st�rzte. Mit den Handfl�chen fing er sich schmerzhaft auf dem Kiesweg ab. Als er sah, wor�ber er gestolpert war und die Fliegen bemerkte, die sich wieder auf den nach oben verdrehten Augen niederlie�en, mu�te er sich heftig und qualvoll �bergeben.</p><empty-line/><p>Als Binabik ihn fand, hatte Simon sich im Schatten eines Kastanienbaumes verkrochen. Der Kopf des Jungen nickte wie knochenlos, als Binabik ihm wie eine liebevolle, aber energische Mutter mit einem Grasb�schel die Galle vom Kinn wischte. Der Aasgestank war �berall.</p><p>�Schlimm ist es. Schlimm.� Binabik ber�hrte sanft Simons Schulter, wie um sicherzugehen, da� der Junge wirklich vorhanden war, hockte sich dann hin und kniff vor den letzten roten Strahlen des Sonnenlichtes die Augen zusammen. �Ich kann keinen Lebenden mehr finden. Meistens sind es M�nche, die Toten, in Klostergew�nder gekleidet, aber es gibt auch andere.�</p><p>�Andere �?� Es war ein Gurgeln.</p><p>�M�nner in Reisekleidung � Frostmarkm�nner, die hier vielleicht eine Nacht rasten wollten, obwohl es recht viele zu sein scheinen. Manche tragen B�rte und machen mir den Anschein von Rimmersm�nnern. Es ist eine R�tselhaftigkeit��</p><p>�Wo ist Qantaqa?� fragte Simon schwach. Er stellte fest, da� er sich merkw�rdigerweise Sorgen um die W�lfin machte, die doch wahrscheinlich von ihnen dreien am wenigsten in Gefahr war.</p><p>�Rennen. Riechen. Sie ist sehr aufgeregt.� Simon stellte fest, da� Binabik seinen Stab auseinandergezogen und das St�ck mit dem Messer in den G�rtel gesteckt hatte. �Ich frage mich�, meinte der Troll und starrte, w�hrend Simon sich endlich aufsetzte, in den emporsteigenden Rauch, �was die Ursache f�r all das ist. R�uber? Eine Art Schlacht aus Gr�nden der Religion � ich habe geh�rt, da� das bei euch �doniten nicht ungew�hnlich ist �, oder was sonst? H�chst sonderbar.�</p><p>�Binabik.� Simon r�usperte sich und spuckte aus. Er hatte einen Geschmack im Mund wie die Stiefel eines Schweinehirten. �Ich habe Angst.� Irgendwo in der Ferne bellte Qantaqa, ein �berraschend hoher Laut.</p><p>�Angst.� Binabiks L�cheln war fadend�nn. �Angst solltest du auch haben.� Obwohl sein Gesicht klar und sorglos zu sein schien, lag eine Art bet�ubter Wehrlosigkeit hinter den Augen des Trolls. Das jagte Simon mehr Furcht ein als alles andere. Und da war noch etwas: eine Andeutung von Entmutigung, als ob das Schreckliche nicht v�llig unerwartet gekommen w�re.</p><p>�Ich denke��, begann Binabik, als Qantaqas Jappen sich pl�tzlich zu einem knurrenden Crescendo steigerte. Der Troll sprang auf. �Sie hat etwas entdeckt�, sagte er und zog den verbl�fften Jungen mit einem kr�ftigen Ruck am Handgelenk in die H�he. �Oder etwas anderes ist dabei, <emphasis>sie</emphasis> zu entdecken��</p><p>Binabik rannte den Ger�uschen nach, und Simon, in dessen Sch�del Impulse von Flucht und Furcht durcheinanderzirpten wie Flederm�use, stolperte hinterher. Im Laufen griff der Troll mit dem Finger in sein Blasrohr und steckte etwas hinein. Simon wu�te � eine schwerwiegende, bedrohliche Erkenntnis �, da� es ein Dorn mit schwarzer Spitze war.</p><p>Sie rannten quer durch das Klostergel�nde, fort von der Verw�stung und durch den Obstgarten, immer auf die Laute von Qantaqas Mi�vergn�gen zu. Ein Schneesturm von Apfelbl�ten fiel um sie herum zu Boden, und der Wind stocherte und schob sich am Waldrand entlang.</p><p>Weniger als zehn Laufschritte in den Wald hinein fanden sie die W�lfin, das Nackenfell gestr�ubt und ihr Knurren so tief, da� Simon es bis in den Magen f�hlen konnte. Sie hatte einen M�nch gestellt und gegen den Stamm einer Pappel gedr�ngt. Der Mann hielt seinen Brust-Baum hoch, als wollte er den Blitz des Himmels auf das widerspenstige Untier herunterrufen. Aber trotz seiner heroischen Haltung zeigten die krankhafte Bl�sse des Gesichtes und der zitternde Arm, da� er mit dem Erscheinen des Blitzes nicht wirklich rechnete. Seine vor Furcht noch weiter hervortretenden Augen waren auf Qantaqa geheftet; die beiden Neuank�mmlinge hatte er �berhaupt noch nicht bemerkt.</p><p>�� <emphasis>Aedonis Fiyellis extulanin mei��</emphasis> Der breite Mund bewegte sich krampfhaft. Die Schatten der Bl�tter malten Flecken auf seinen rosa Sch�del.</p><p>�Qantaqa!� rief Binabik. <emphasis>�Sosa!�</emphasis> Qantaqa grollte, aber ihre Ohren zuckten. <emphasis>�Sosa aia!�</emphasis> Der Troll schlug sich mit dem hohlen Stab auf den Schenkel, da� es knallte. Mit einem letzten z�hnefletschenden Knurren lie� Qantaqa den Kopf sinken und trottete zur�ck zu Binabik. Der M�nch stierte Simon und den Troll an, als w�ren sie ebenso furchterregend wie das erregte Tier. Dann schwankte er ein wenig und st�rzte r�ckw�rts zu Boden. Er landete sitzend auf der Erde und zeigte den verwirrten Ausdruck eines Kindes, das sich verletzt und noch nicht begriffen hat, da� es weinen m�chte.</p><p>�Usires der Barmherzige�, stammelte er endlich, als die beiden auf ihn zueilten. �Usires der Barmherzige, der Barmherzige�� Ein wilder Blick trat in seine Quellaugen. �La�t mich in Ruhe, ihr heidnischen Ungeheuer!� schrie er und versuchte m�hsam aufzustehen. �M�rderbande, heidnische Bastarde!� Seine Fersen rutschten ihm weg, und er setzte sich wieder hin und murmelte: �Ein Troll, ein m�rderischer Troll�� Langsam sah er wieder rosig aus, die Farbe kehrte zur�ck. Er holte tief und krampfhaft Atem und machte dann ein Gesicht, als ob er nun wirklich losheulen wollte.</p><p>Binabik blieb stehen. Er packte Qantaqa am Hals und winkte Simon, weiterzugehen, wobei er sagte: �Hilf ihm.�</p><p>Simon n�herte sich langsam und versuchte mit einiger M�he, seine Gesichtsz�ge so zu ordnen, wie es sich f�r einen hilfreichen Freund geh�rt � und das, obwohl sein eigenes Herz ihm gegen den Brustkorb h�mmerte wie ein Specht. �Es ist ja alles gut�, erkl�rte er. �Jetzt ist alles gut.�</p><p>Der M�nch hatte die Augen mit dem �rmel bedeckt. �Alle habt ihr umgebracht, nun wollt ihr uns auch noch t�ten!� rief er, und in seiner Stimme, so erstickt sie sich auch anh�rte, lag eher Selbstmitleid als Furcht.</p><p>�Ein Rimmersmann ist er�, bemerkte Binabik, �als ob man sich das nicht schon denken k�nnte, so wie er Qanuc verleumdet. <emphasis>Pfah</emphasis>.� Der Troll stie� einen angewiderten Laut aus. �Hilf ihm auf, Simon, wir wollen ihn ans Licht f�hren.�</p><p>Simon ergriff den knochigen, schwarzverh�llten Ellenbogen des Mannes und brachte ihn m�hsam auf die F��e. Aber als er ihn zu Binabik leiten wollte, ri� der Mann sich los.</p><p>�Was tust du da?� schrie er und tastete nach dem Baum auf seiner Brust. �Soll ich die anderen im Stich lassen? Nein, hebe dich von mir!�</p><p>�Die anderen?� Simon schaute fragend auf Binabik. Der Troll zuckte die Achseln und kraulte die Ohren der W�lfin. Qantaqa schien zu grinsen, als erheitere sie das Schauspiel.</p><p>�Leben noch andere?� fragte der Junge sanft. �Wir wollen dir helfen und ihnen auch, sofern wir k�nnen. Ich hei�e Simon, und das ist mein Freund Binabik.� Der M�nch glotzte ihn mi�trauisch an. �Und Qantaqa hast du ja schon kennengelernt, denke ich�, f�gte Simon hinzu und bedauerte sofort den schlechten Scherz. �Sag uns, wer du bist. Und wo sind diese anderen?�</p><p>Der M�nch, dessen Fassung zur�ckzukehren begann, musterte ihn mit einem langen, argw�hnischen Blick, um danach auch Troll und Wolf kurz zu be�ugen. Als er sich wieder Simon zuwandte, war sein Gesicht etwas entspannter.</p><p>�Wenn du wirklich � ein guter �doniter bist und aus Wohlt�tigkeit handelst, so bitte ich dich um Vergebung.� Der Ton des M�nches war steif wie bei einem Menschen, der nicht gew�hnt ist, sich zu entschuldigen. �Ich bin Bruder Hengfisk. Ist dieser Wolf��, er wandte den Blick ab, �� euer Gef�hrte?�</p><p>�Allerdings�, entgegnete Binabik streng, bevor Simon etwas antworten konnte. �Zu bedauern ist es, da� sie dich erschreckt hat, Rimmersmann, aber du wirst selber erkennen, da� sie dir nichts �bles getan hat.�</p><p>Hengfisk w�rdigte Binabik keiner Antwort. �Ich habe meine beiden Pfleglinge schon zu lange alleingelassen�, erkl�rte er, zu Simon gewandt, �ich mu� wieder zu ihnen.�</p><p>�Wir begleiten dich�, erwiderte der Junge. �Vielleicht kann Binabik helfen. Er kennt sich mit Kr�utern und anderen Dingen vorz�glich aus.�</p><p>Der Rimmersmann hob kurz die Brauen, wodurch seine Augen noch weiter hervorzutreten schienen. Sein L�cheln war bitter.</p><p>�Das ist ein freundlicher Gedanke, Junge, doch ich f�rchte, irgendwelche � Waldkr�uterumschl�ge k�nnen Bruder Langrian und Bruder Dochais nicht mehr helfen.� Er machte auf dem Absatz kehrt und ging aufrecht unsicheren Beinen tiefer in den Wald hinein.</p><p>�So warte doch!� rief Simon ihm nach. �Was ist denn �berhaupt in der Abtei geschehen?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Hengfisk, ohne sich umzudrehen. �Ich war nicht dabei.�</p><p>Simon sah sich hilfesuchend nach Binabik um, aber der Troll machte keine Anstalten mitzukommen. Statt dessen rief er hinter dem humpelnden M�nch her: �Ach � Bruder H�ngfisch?�</p><p>Wutschnaubend scho� der M�nch herum. �Mein Name ist Hengfisk, Troll!� Simon fiel auf, wie schnell ihm die Farbe ins Gesicht stieg.</p><p>�Ich habe nur �bersetzungsdienste f�r meinen Freund geleistet�, grinste Binabik sein gelbes Grinsen, �der nicht die Sprache von Rimmersgard spricht. Du sagst, du wei�t nicht, was geschehen ist. Wo warst du denn, als man deine Br�der so furchtbar abschlachtete?�</p><p>Der M�nch schien schon im Begriff, etwas zur�ckzufauchen, griff dann aber nach seinem <emphasis>Baum</emphasis> und umklammerte ihn. Gleich darauf sagte er mit ruhigerer Stimme: �So komm mit und sieh. Ich habe keine Geheimnisse vor dir, Troll, oder vor meinem Gott.� Er stapfte davon.</p><p>�Warum hast du ihn w�tend gemacht, Binabik?� fl�sterte Simon. �Ist hier nicht schon genug Schlimmes geschehen?�</p><p>Binabiks Augen waren Schlitze, aber er hatte sein Grinsen nicht verloren. �Vielleicht bin ich unfreundlich, Simon, aber du h�rtest seine Rede; du sahst seinen Blick. La� dich nicht dadurch t�uschen, da� er ein Heiligengewand tr�gt. Zu oft sind wir Qanuc in der Nacht aufgewacht und haben Augen wie Hengfisks auf uns herunterblicken sehen, und Fackeln und �xte gleich daneben. Dein Usires �don hat diesen Ha� nicht erfolgreich aus seinem n�rdlichen Herzen herausgebrannt.� Der Troll schnalzte Qantaqa zu, ihm zu folgen, und ging dem steifr�ckigen Priester nach.</p><p>�Aber h�r dir doch selber zu!� sagte Simon und hielt Binabiks Blick fest. �Du bist ja auch voller Ha�.�</p><p>�Ah.� Der Troll hob einen Finger vor sein jetzt ausdrucksloses Gesicht. �Aber ich behaupte auch nicht, da� ich an deinen � verzeih den Ausdruck � Kopf�ber-Gott der Barmherzigkeit glaube.�</p><p>Simon holte Luft, um etwas zu sagen, �berlegte es sich dann aber.</p><empty-line/><p>Bruder Hengfisk drehte sich nur einmal um und nahm schweigend ihre Anwesenheit zur Kenntnis. Eine ganze Weile sagte er nichts. Das Licht, das durch das Laub sickerte, nahm schnell ab; schon bald war Hengfisks eckige, schwarzgewandete Gestalt kaum mehr als ein Schatten, der sich vor ihnen herbewegte. Simon war verbl�fft, als er sich endlich umwandte und sagte: �Hier.� Der M�nch f�hrte sie um das Ende eines gro�en umgest�rzten Baumes herum, dessen freiliegende Wurzeln mehr als allem anderen einem gewaltigen Besen �hnelten � einem Besen, der die Einbildungskraft von Rachel dem Drachen zu heroischen, legend�ren Heldentaten angefeuert h�tte.</p><p>Simons beil�ufiger Gedanke an Rachel, dazu die Erlebnisse dieses Tages, brachten ihm einen so heftigen Anfall von Heimweh ein, da� er strauchelte und sich mit der Hand an der schuppigen Borke des gefallenen Baumes abst�tzte. Hengfisk kniete nieder und warf �ste auf ein kleines Feuer, das in einer flachen Grube gl�hte. Am Feuer lagen, jeder auf einer Seite von der umgest�rzten L�nge des Baumes gesch�tzt, zwei M�nner.</p><p>�Das ist Langrian�, erl�uterte Bruder Hengfisk und deutete auf den rechten, dessen Gesicht weitgehend mit einem aus S�cken hergestellten, blutigen Verband bedeckt war. �Ihn fand ich als einzigen �berlebenden in der Abtei, als ich zur�ckkam. Ich glaube, �don wird ihn bald wieder zu sich nehmen.� Selbst in dem schw�cher werdenden Licht konnte Simon feststellen, da� Bruder Langrians Haut, soweit sie noch sichtbar war, fahl und w�chsern wirkte. Hengfisk warf noch einen Stock aufs Feuer. Binabik, ohne dem Rimmersmann ein einziges Mal in die Augen zu sehen, kniete neben dem Verwundeten nieder und begann ihn mit behutsamen Fingern zu untersuchen.</p><p>�Der dort ist Dochais.� Hengfisk zeigte auf den anderen Mann, der ebenso kraftlos wie Langrian dalag, jedoch keine �u�eren Verletzungen zeigte. �Er war es, den ich suchen gegangen war, als er von seiner Vigilie nicht zur�ckkehrte. Als ich ihn nach Hause brachte � ihn trug ��, bitterer Stolz lag in Hengfisks Stimme, �fand ich bei meiner Heimkehr alle � alle tot.� Er schlug das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> �ber seiner Brust. �Alle au�er Langrian.�</p><p>Simon setzte sich zu Bruder Dochais, einem d�nnen, jungen Mann mit langer Nase und den blauen Kinnstoppeln der Hernystiri. �Was ist ihm geschehen? Was fehlt ihm?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Junge�, antwortete Hengfisk. �Er ist wahnsinnig. Er hat sich irgendein Gehirnfieber zugezogen.� Der M�nch machte sich wieder auf die Suche nach Feuerholz.</p><p>Simon beobachtete Dochais eine Weile, bemerkte das m�hsame Atmen und das leichte Beben der Augenlider. Als er sich umdrehte, um nach Binabik zu sehen, der gerade vorsichtig den Verband von Langrians Kopf abwickelte, scho� wie eine Schlange aus dem schwarzen Gewand vor ihm eine Hand hervor und packte ihn mit erschreckend kraftvollem Griff vorn am Hemd.</p><p>Dochais, noch immer mit geschlossenen Augen, hatte sich ganz steif gemacht und den R�cken derart gekr�mmt, da� seine Mitte sich vom Boden hob. Sein Kopf war zur�ckgeworfen und wackelte ruckartig hin und her.</p><p>�Binabik!� schrie Simon, au�er sich vor Entsetzen. �Er � er ist��</p><p>�Aaah!� Die Stimme, die sich Dochais' gepre�ter Kehle entrang, war rauh vor Qual. �Der <emphasis>schwarze Wagen!</emphasis> Seht, er kommt mich holen!�</p><p>Wieder schlug er um sich wie ein Fisch an Land, und bei seinen Worten f�hlte Simon einen Schauder neu erwachenden Grauens.</p><p><emphasis>Der Berggipfel � ich erinnere mich � und das Knarren schwarzer R�der � o Morgenes, was tue ich hier?</emphasis></p><p>Eine Sekunde sp�ter, w�hrend Binabik und Hengfisk noch verwirrt von der anderen Seite der Feuergrube her�berstarrten, hatte Dochais Simon zu sich herangezogen, bis das Gesicht des Jungen die vor Furcht verzerrten Z�ge des Hernystiri fast ber�hrte.</p><p>�Sie holen mich zur�ck!� zischte der M�nch, �zur�ck an � zur�ck an � <emphasis>diesen furchtbaren Ort</emphasis>!� Erschreckt �ffneten sich seine Augen und starrten blind in Simons nur eine Handbreit entfernte eigene. Der Junge schaffte es nicht, sich aus dem Griff des M�nches loszurei�en, obwohl jetzt Binabik neben ihm stand und zu helfen versuchte.</p><p>�<emphasis>Du</emphasis> wei�t es!� schrie Dochais, �du wei�t, wer es ist! Du bist gezeichnet, gezeichnet wie ich! Ich sah sie vor�berkommen, die Wei�f�chse! Sie gingen durch meinen Traum. <emphasis>Wei�f�chse!</emphasis> Der Meister hat sie geschickt, um unsere Herzen mit Eis zu �berziehen und unsere Seelen mitzunehmen � auf ihrem schwarzen, schwarzen Wagen!�</p><p>Und dann war Simon frei, keuchend und schluchzend. Binabik und Hengfisk hielten den zuckenden M�nch, bis er endlich aufh�rte, um sich zu schlagen. Die Stille des dunklen Waldes kehrte zur�ck und umgab das kleine Lagerfeuer, so wie die Abgr�nde der Nacht einen sterbenden Stern umarmen.</p></section><section><title><p>XX</p><p>Der Schatten des Rades</p></title><p><emphasis>Er stand auf der offenen Ebene im Mittelpunkt einer ungeheuren, flachen Grassenke, ein Fleckchen bleichen, aufrechten Lebens inmitten eines endlosen gr�nen Tumultes. Nie hatte sich Simon so entbl��t, so nackt unter dem Himmel gef�hlt. Ringsum stiegen die Felder an und entfernten sich von ihm; die Horizonte an allen Seiten siegelten Gras und steingrauen Himmel fest zusammen.</emphasis></p><p><emphasis>Nach einer Weile, die in dieser unpers�nlichen, festgeschriebenen Zeitlosigkeit Augenblicke oder Jahre gedauert haben konnte, brach der Horizont auf.</emphasis></p><p><emphasis>Mit dem gewichtigen �chzen eines Kriegsschiffes bei starkem Wind erschien �ber dem Rand, der die �u�erste Grenze von Simons Gesichtsfeld bildete, etwas Dunkles. Immer weiter stieg es empor, unfa�lich gro�, bis sein Schatten �ber Simon fiel, tief unten im Tal � das Fallen des Schattens war so j�h, da� er fast ein Echo zu erzeugen schien, als er aufschlug � ein tiefes, hallendes Summen, das Simon ersch�tterte.</emphasis></p><p><emphasis>Die gewaltige Masse des Dinges zeichnete sich klar vor dem Himmel ab, als es einen langen Augenblick am Rand des Tales verharrte. Es war ein Rad, ein ungeheures, schwarzes Rad, hoch wie ein Turm. Im D�mmerlicht des Schattens, den es warf, konnte Simon nur mit weit aufgerissenen Augen Zusehen, wie es sich mit qu�lender Zielsicherheit zu drehen und langsam den langen, gr�nen Hang hinunterzurollen begann; abgerissene, geschundene Erdsoden spritzten hinter ihm auf. Simon stand wie erstarrt mitten in seinem gr��lichen Weg, auf dem es mahlend weiterrollte, unerbittlich wie die M�hlsteine der H�lle.</emphasis></p><p><emphasis>Nun war es �ber ihm, den Rand voran, ein schwarzer Rumpf, der bis ans Firmament reichte, nach allen Richtungen Erde regnend. Unter Simons F��en senkte sich der Boden, als das Gewicht des Rades die Grundfesten der Erde zum Einst�rzen brachte. Er stolperte, und noch w�hrend er um sein Gleichgewicht k�mpfte, ragte der schwarze Rand vor ihm auf. Stumm und entsetzt starrte er ihn an, als ein grauer Schatten an seinem Blick vor�berhuschte, ein grauer Schatten mit blitzendem Kern � ein Sperling, der wie ein Verr�ckter vorbeiflog, etwas Gl�nzendes fest im gebogenen Griff. Der Junge blinzelte, um ihm nachzusehen, und als h�tte ihm der Vogel beim schnellen Vor�berfliegen ans Herz gegriffen, warf Simon sich hinter ihm her, au�er Reichweite des Rades, das auf ihn einst�rzte �</emphasis></p><p><emphasis>Doch noch w�hrend er sprang und der mauerbreite Rand herunterdonnerte, verfing sich Simons Hosenbein in einem brennendkalten Nagel, der am �u�eren Rand des riesigen Rades hervorstand. Der Sperling, nur ein paar Zoll vor ihm, flog frei davon und kreiste wirbelnd, grau in grau, vor dem Schieferhimmel nach oben wie ein Schmetterling. Seine glitzernde B�rde verschwand mit ihm in der D�mmerung.</emphasis></p><p><emphasis>Eine gewaltige Stimme sprach:</emphasis> Du bist gezeichnet.</p><p><emphasis>Das Rad fa�te Simon und wirbelte ihn herum, sch�ttelte ihn wie ein Hund, der einer Ratte das Genick bricht. Dann rollte es weiter und ri� ihn hoch hinauf in die Luft. Baumelnd wurde er in den Himmel gezerrt, und unter seinem Kopf schaukelte die Erde wie ein wogendes, gr�nes Meer. Der Fahrtwind des Rades umwehte ihn auf allen Seiten, als er nach oben stieg und dem Scheitelpunkt zukreiste. In seinen Ohren sang das Blut.</emphasis></p><p><emphasis>Simon w�hlte mit der Hand in dem Gras und dem Lehm, die den breiten Rand verkrusteten, und richtete sich m�hsam auf; er ritt auf dem Rad wie auf dem R�cken eines wolkenhohen Tieres. Immer n�her kam er dem gew�lbten Himmel.</emphasis></p><p><emphasis>Dann war er ganz oben und sa� einen Augenblick auf dem h�chsten Punkt der Welt. Hinter dem Rand des Tales waren alle die weithin verstreuten Felder von Osten Ard zu sehen. Das Sonnenlicht durchbohrte den Himmel und fiel auf die Zinnen einer Burg und eine wundersch�ne schimmernde Turmspitze, das einzige auf der Welt, das so hoch zu sein schien wie das schwarze Rad. Er blinzelte, erkannte etwas Vertrautes im aufstrebenden Umri�, aber gerade, als es deutlicher zu werden begann, rollte das Rad weiter, stie� ihn vom Gipfel herunter und zog ihn rasch wieder auf den tief unter ihm liegenden Boden hinunter.</emphasis></p><p><emphasis>Er k�mpfte mit dem Nagel, zerrte an seinem Hosenbein, um sich zu befreien. Aber irgendwie waren er und der Nagel eins, er konnte sich nicht losrei�en. Der Boden sprang ihm entgegen. Die beiden, Simon und die jungfr�uliche Erde, rasten mit einem Get�se wie die Posaunen des J�ngsten Tages, die durch das Tal dr�hnten, aufeinander zu. Er schlug auf � die beiden prallten zusammen �, und Wind und Licht und Musik erloschen wie eine Kerzenflamme.</emphasis></p><p><emphasis>Pl�tzlich:</emphasis></p><p><emphasis>Simon befand sich im Dunkeln, tief in der Erde, die sich vor ihm teilte wie Wasser. Ringsum ert�nten Stimmen, langsame, z�gernde Stimmen aus M�ndern voll erstickenden Staubes.</emphasis></p><poem><stanza><v>Wer tritt in unser Haus?</v><v>Wer kommt, unseren Schlaf, unseren langen Schlaf zu st�ren?</v><v>Sie wollen uns bestehlen!</v><v>Die Diebe wollen uns unsere stillen, dunklen Betten nehmen.</v><v>Sie wollen uns wieder nach oben schleppen, durch das Helle Tor�</v></stanza></poem><p><emphasis>Als die klagenden Stimmen so riefen, f�hlte Simon H�nde, die ihn umklammerten, H�nde, kalt und trocken wie Gebein oder na� und weich wie Wurzeln, die sich in die Tiefe senken, ausgestreckte, verschlungene Finger, die nach ihm griffen, um ihn an leere Br�ste zu dr�cken � doch sie konnten ihn nicht aufhalten. Das Rad rollte und rollte, mahlte ihn nach unten, immer weiter, bis die Stimmen hinter ihm erstarben und er durch eiskalte, schweigende Finsternis glitt.</emphasis></p><p><emphasis>Finsternis�</emphasis></p><p>Wo bist du, Junge? Tr�umst du? Ich kann dich fast ber�hren.</p><p><emphasis>Es war Pryrates' Stimme, die da pl�tzlich sprach, und er sp�rte das b�sartige Gewicht der Gedanken des Alchimisten dahinter.</emphasis> Ich wei� jetzt, wer du bist � Morgenes' Sch�ler, ein K�chenjunge, der sich in alles einmischt. Du hast Dinge gesehen, die nicht f�r dich bestimmt waren, K�chenjunge � du hast mit Dingen gespielt, die �ber dich hinausgehen. Du wei�t viel zu viel. Ich werde dich suchen.</p><p>Wo bist du?</p><p><emphasis>Und dann die tiefere Dunkelheit, ein Schatten unter dem Schatten des Rades, und tief in diesem Schatten zwei rotgl�hende Feuer, Augen, die aus einem Sch�del starren mu�ten, der ein Grauen und voller Flammen war.</emphasis></p><p>Nein, Sterblicher, sagte eine Stimme, und in Simons Kopf klang sie wie Asche und Erde und das stumme, unausgesprochene Ende aller Dinge. Nein, dieser ist nicht f�r dich. Die Augen loderten auf, voller Neugier und Vergn�gen. Wir werden ihn nehmen, Priester.</p><p><emphasis>Simon f�hlte, wie Pryrates' Griff sich lockerte und die Macht des Alchimisten vor dem dunklen Wesen zusammenschrumpfte.</emphasis></p><p>Willkommen, <emphasis>sagte es</emphasis>. Hier ist das Haus des Sturmk�nigs, jenseits des Dunkelsten Tores. � Wie � ist � dein � Name?</p><p><emphasis>Und die Augen sanken ein wie zerfallende Glut, und die Leere hinter ihnen brannte k�lter als Eis, hei�er als jedes Feuer � und dunkler als alle Schatten�</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>�Nein!�</emphasis> Simon dachte, er schrie es, aber auch sein Mund war voller Erde. <emphasis>�Ich sage ihn nicht!�</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht werden wir dir einen Namen geben � du mu�t einen Namen haben, kleine Fliege, kleines Staubkorn � damit wir dich erkennen, wenn wir dir begegnen � wir m�ssen dich zeichnen �</emphasis></p><p><emphasis>�Nein!�</emphasis> Er versuchte sich loszurei�en, aber das Gewicht von tausend Jahren Erde und Stein lastete auf ihm. <emphasis>�Ich will keinen Namen! Ich will keinen Namen! Ich will keinen��</emphasis></p><p>�� Namen von <emphasis>dir</emphasis>!� Noch w�hrend sein letzter Aufschrei durch die B�ume gellte, war Binabik bei ihm, aufrichtige Best�rzung im Gesicht. Das schwache Licht der Morgensonne, ohne Ursprung und Richtung, erf�llte die Lichtung.</p><p>�Einen Verr�ckten und einen dem Tode Nahen habe ich schon zu pflegen�, bemerkte Binabik, als Simon sich aufsetzte, �und nun mu�t du auch noch anfangen, im Schlaf zu schreien?� Der Troll hatte einen Scherz machen wollen, aber der Morgen war zu kalt und d�nn f�r den Versuch. Simon zitterte am ganzen Leib.</p><p>�Ach, Binabik, ich�� Er f�hlte, wie ein bebendes, unsicheres L�cheln auf sein Gesicht trat, erzwungen von der einfachen Tatsache, da� er sich im Licht befand, �ber der Erde. �Ich hatte einen ganz, ganz schrecklichen Traum.�</p><p>�Das �berrascht mich nicht weiter�, erwiderte der Troll und quetschte Simons Schulter. �Ein schrecklicher Tag wie gestern f�hrt nicht zuf�llig zu einem weniger als ruhigen Schlaf.�</p><p>Der kleine Mann richtete sich auf. �Wenn du willst, sei willkommen, dir in meinem Rucksack etwas zu essen zu suchen. Ich bin mit dem Pflegen der beiden M�nche besch�ftigt.� Er wies auf die dunklen Gestalten auf der anderen Seite des Lagerfeuers. Der ihm n�her Liegende, den Simon f�r Langrian hielt, war in einen dunkelgr�nen Mantel gewickelt.</p><p>�Wo ist��, nach ein paar Sekunden erinnerte Simon sich an den Namen, �� Hengfisk?� Sein Kopf dr�hnte, und seine Kiefer schmerzten, als h�tte er mit den Z�hnen N�sse geknackt.</p><p>�Der unangenehme Rimmersmann � der, man mu� es der Gerechtigkeit wegen erw�hnen, immerhin seinen Mantel gegeben hat, um Langrian zu w�rmen � ist fortgegangen, um in seinem verw�steten Heim nach Nahrung und �hnlichem zu suchen. Ich mu� nun wieder zu meinen Pfleglingen, Simon � sofern du dich besser f�hlst?�</p><p>�Ja, nat�rlich. Wie geht es ihnen?�</p><p>�Langrian, kann ich mit Vergn�gen erw�hnen, geht es wesentlich besser.� Binabik zeigte ein kleines befriedigtes Nicken. �Er hat eine recht lange Zeit friedlich geschlafen � etwas, das du von dir nicht behaupten kannst, hmmm?� Der Troll l�chelte. �Bruder Dochais ist bedauerlicherweise meiner Hilfe nicht zug�nglich, aber er ist au�er in seinen schrecklichen Gedanken nicht krank. Auch ihm habe ich etwas gegeben, das ihm schlafen hilft. Nun aber vergib mir, denn ich mu� nach Bruder Langrians Verband sehen.�</p><p>Binabik stand auf und stampfte um die Feuergrube herum, wobei er �ber Qantaqa hinwegstieg, die schlafend neben den warmen Steinen lag. Simon hatte ihren R�cken zun�chst auch f�r einen gro�en Stein gehalten.</p><p>Der Wind f�chelte mit leichten Fingern die Bl�tter des Eichbaumes �ber seinem Kopf, als Simon Binabiks Rucksack durchsuchte. Er holte ein kleines S�ckchen heraus, das sich anf�hlte, als k�nne Fr�hst�ck darin sein; aber noch bevor er es �ffnete, verriet ihm ein klapperndes Ger�usch, da� es die seltsamen Knochen enthielt, die er schon gesehen hatte. Weitere Forschungen f�rderten ger�uchertes D�rrfleisch zutage, das in ein grobes Tuch gewickelt war. Kaum aber hatte Simon das P�ckchen ge�ffnet, als ihm klar wurde, da� irgendeine Art Essen in seinen rebellierenden Magen zu stopfen das letzte war, was dieser jetzt wollte.</p><p>�Gibt es noch irgendwo Wasser, Binabik? Wo ist dein Schlauch?�</p><p>�Besser, Simon!� rief ihm der �ber Bruder Langrian gebeugte Troll zu. �Es ist ein Bach da, nur ein kurzes St�ck dort hinunter.� Er deutete, griff dann nach unten und warf Simon den Schlauch zu. �Diesen zu f�llen wird mir hilfreich sein.�</p><p>Als Simon den Schlauch aufhob, sah er daneben seine beiden B�ndel liegen. Spontan griff er nach dem in Lumpen gewickelten Manuskript und nahm es mit, als er sich auf den Weg zum Bach machte.</p><p>Der kleine Bach flo� tr�ge, und seine Strudel waren mit Zweigen und Bl�ttern verstopft. Simon mu�te erst eine Stelle davon befreien, bevor er sich b�cken und mit den H�nden Wasser sch�pfen konnte, um es sich ins Gesicht zu spritzen. Er schrubbte sich kr�ftig mit den Fingern � es kam ihm vor, als seien Rauch und Blut der verw�steten Abtei in alle Poren und Falten eingedrungen. Danach trank er ein paar tiefe Z�ge und f�llte Binabiks Schlauch.</p><p>Er setzte sich ans Ufer und dachte �ber den Traum nach, der, seitdem er aufgestanden war, wie ein feuchter Nebel �ber seinen Gedanken hing. Wie Bruder Dochais' wirre Worte am Abend zuvor hatte der Traum Schatten des Grauens in Simons Herz wachgerufen, aber das Tageslicht war bereits im Begriff, sie zu verscheuchen wie ruhelose Geister, und nur ein Rest von Furcht blieb zur�ck. Das einzige, woran er sich erinnerte, war das gro�e, schwere Rad, das auf ihn heruntergerollt war. Alles andere war verschwunden und hatte in seinem Gehirn schwarze, leere Flecken hinterlassen, T�ren der Verge�lichkeit, die er nicht �ffnen konnte.</p><p>Dennoch wu�te er, da� er in etwas hineingeraten war, das mehr war als nur das Ringen k�niglicher Br�der � mehr sogar als der Tod jenes guten alten Doktors Morgenes oder die Abschlachtung von zwanzig heiligen M�nnern. Sie alle waren nur Strudel in einer gr��eren, tieferen Str�mung � oder besser gesagt, Kleinigkeiten, zerquetscht von der achtlosen Umdrehung eines m�chtigen Rades. Simons Verstand reichte nicht aus, die Bedeutung all dieser Dinge zu fassen, und je mehr er dar�ber nachdachte, desto fl�chtiger wurden die Vorstellungen. Er verstand nur eines, n�mlich da� er unter den breiten Schatten des Rades gefallen war und da� er sich, wenn er �berleben wollte, gegen seine furchtbaren Umdrehungen verh�rten mu�te.</p><empty-line/><p>L�ssig am Ufer hingelagert, wo das d�nne Summen der �ber dem Bach schwirrenden Insekten die Luft erf�llte, wickelte Simon die Seiten von Morgenes' <emphasis>Leben und Regierung K�nig Johan Presbyters</emphasis> aus und begann darin zu bl�ttern. Er hatte schon eine ganze Weile keinen Blick mehr hineingeworfen, wegen der langen M�rsche und des fr�hen Zubettgehens, sobald das Lager aufgeschlagen war. Er l�ste ein paar Seiten an den Stellen, wo sie zusammenklebten, voneinander, las hier einen Satz, dort eine Handvoll Worte, und achtete weniger auf das, was da geschrieben stand, als da� er sich der tr�stlichen Erinnerung an seinen Freund und Lehrmeister hingab. Er betrachtete die Schrift und dachte an die schlanken, blauge�derten H�nde des alten Mannes, die so behende und geschickt gewesen waren wie V�gel beim Nestbau.</p><p>Ein Absatz fiel ihm ins Auge. Er stand auf der Seite nach einer groben, handgezeichneten Karte, unter die der Doktor geschrieben hatte: <emphasis>Das Schlachtfeld von Nerulagh.</emphasis> Die Skizze selbst war von geringem Interesse, weil sich der alte Mann aus irgendeinem Grund nicht damit aufgehalten hatte, die Heere oder Landmarken zu bezeichnen oder eine erkl�rende �berschrift hinzuzuf�gen. Daf�r erregte der darauffolgende Text Simons Aufmerksamkeit, weil er darin eine gewisse Antwort auf Gedanken fand, die ihn seit der schrecklichen Entdeckung des gestrigen Tages plagten.</p><empty-line/><p>�Weder Krieg noch gewaltsamer Tod�, hatte Morgenes geschrieben, �haben irgend etwas Erhebendes, und doch sind sie die Kerze, in welche die Menschheit immer wieder hineinfliegt, so unger�hrt wie die niedere Motte. Wer je auf einem Schlachtfeld gewesen ist und sich von allgemein verbreiteten Vorstellungen nicht blenden l��t, wird best�tigen, da� die Menschheit auf solchem Boden eine H�lle auf Erden geschaffen hat, und zwar allein aus Ungeduld, anstatt auf die echte H�lle zu warten, wo, wenn denn die Priester recht haben, die meisten von uns am Ende ohnehin landen werden.</p><p>Und dennoch ist es das Feld des Krieges, das die Dinge festlegt, die Gott vergessen hat � ob zuf�llig oder nicht, welcher Sterbliche kann das wissen? �, zu ordnen und in die richtige Reihenfolge zu bringen. Darum ist es oft Schiedsrichter des G�ttlichen Willens, und der gewaltsame Tod ist sein Gesetzesschreiber.�</p><p>Simon l�chelte und trank noch etwas Wasser. Er erinnerte sich sehr gut an Morgenes' Angewohnheit, Dinge mit anderen Dingen zu vergleichen, so wie Menschen mit K�fern und den Tod mit einem runzligen, alten Archivpriester. Normalerweise hatte Simon diese Vergleiche nicht verstehen k�nnen, manchmal jedoch, wenn er sich anstrengte, den Drehungen und Windungen der Gedanken des alten Mannes zu folgen, war ihm pl�tzlich ein Sinn aufgegangen, als h�tte man den Vorhang vor einem sonnigen Fenster fortgezogen.</p><p>�Johan Presbyter�, hatte der Doktor an anderer Stelle geschrieben, �war unzweifelhaft einer der gr��ten Krieger seiner Zeit und w�re ohne diese Begabung nie zu seiner Endstellung als K�nig aufgestiegen. Aber es waren nicht seine Schlachten, die ihn zu einem gro�en K�nig machten, sondern der Gebrauch, den er von den Werkzeugen des K�nigtums machte, das ihm seine Kriegf�hrung in die Hand legte, seine Staatskunst und das Beispiel, das er dem einfachen Volk gab.</p><p>Tats�chlich war das, was im Feld seine gr��te St�rke darstellte, als Hochk�nig seine gr��te Schw�che. Im Get�mmel der Schlacht war er ein furchtloser, lachender Totschl�ger, ein Mann, der das Leben aller, die sich gegen ihn stellten, mit der heiteren Freude eines Heckenbarons aus Utanyeat vernichtete, der mit seinem gefiederten Pfeil einen Hirsch erlegt.</p><p>Als K�nig neigte er manchmal zu vorschnellem Handeln und Sorglosigkeit, und daran lag es auch, da� er die Schlacht im Elvritshalla-Tal um ein Haar verloren h�tte und den guten Willen der besiegten Rimmersm�nner wirklich verlor.�</p><p>Simon runzelte die Stirn, als er diesen Absatz mit dem Finger nachzog. Er konnte f�hlen, wie Sonnenlicht durch die B�ume glitt und ihm den Nacken w�rmte. Er wu�te, da� er eigentlich den Wasserschlauch zu Binabik zur�ckbringen sollte � aber es war so lange her, da� er in Ruhe irgendwo allein gesessen hatte, und er war h�chst neugierig und verwundert dar�ber, da� Morgenes anscheinend schlecht �ber den goldenen, unwiderstehlichen Priester Johan sprach, einen Mann, der in so vielen Liedern und Geschichten vorkam, da� einzig Usires �dons Name auf der Welt noch bekannter war, und das keineswegs mit gro�em Vorsprung.</p><p>�Im Gegensatz dazu�, hie� es in dem Absatz weiter, �war der einzige Mann, der Johan im Felde gleichkam, sein g�nzliches Widerspiel. Camaris-s�-Vinitta, letzter Prinz des k�niglichen Hauses von Nabban und Bruder des damaligen Herzogs, war ein Mensch, f�r den der Krieg nur eine von vielen Zerstreuungen des Fleisches bedeutete. Auf seinem Ro� Atarin, das gewaltige Schwert <emphasis>Dorn</emphasis> in der Hand, war er wohl der t�dlichste Mann unserer Welt � und doch fand er kein Vergn�gen in der Schlacht, und seine gro�e Gewandtheit bedeutete ihm nichts als eine Last, weil sein machtvoller Ruf viele gegen ihn f�hrte, die eigentlich keinen Grund dazu gehabt h�tten, so da� er t�ten mu�te, wo er es gar nicht wollte.</p><p>Im Buch �don hei�t es, da�, als die Priester von Yuvenis kamen, um den Heiligen Usires zu verhaften, er willig mit ihnen ging; aber als sie auch seine J�nger Sutrines und Granis mit sich nehmen wollten, duldete Usires �don es nicht und erschlug die Priester mit der Ber�hrung seiner Hand. Er weinte, weil er sie get�tet hatte und segnete ihre Leichname.</p><p>Genauso verhielt es sich, wenn ein so gottesl�sterlicher Vergleich erlaubt ist, mit Camaris. Wenn irgendein Mensch an die furchtbare Macht und allumfassende Liebe heranreicht, die Mutter Kirche Usires zuschreibt, dann Camaris, ein Krieger, der t�tete, ohne seine Feinde zu hassen, und dennoch der schrecklichste K�mpfer seiner Zeit war oder wahrscheinlich aller Zeiten��</p><p>�Simon! Willst du bitte schnell kommen! Ich brauche Wasser, und zwar sofort!�</p><p>Der Ton in Binabiks Stimme, rauh vor Dringlichkeit, lie� Simon schuldbewu�t aufspringen. Er rannte die Uferb�schung hinauf nach dem Lager.</p><p>Aber Camaris war doch ein gro�er K�mpfer! Alle Lieder stellten ihn so dar, wie er herzlich lachte, als er den wilden M�nnern der Thrithinge die K�pfe abhieb. Shem hatte immer so etwas gesungen, wie ging es noch?</p><poem><stanza><v>Nach rechts und nach links</v><v>setzt sein Schwert sie in Marsch,</v><v>er rief und er sang, und</v><v>sie zeigten den Arsch.</v></stanza><stanza><v>Camaris kam lachend,</v><v>Camaris kam k�mpfend,</v><v>Camaris kam reitend</v><v>durch die Thrithinge-Schlacht�</v></stanza></poem><p>Als er aus dem Geb�sch auftauchte, sah Simon im hellen Sonnenschein � wieso stand die Sonne nur so hoch am Himmel? �, da� Hengfisk wieder da war und sich mit Binabik �ber die liegende Gestalt von Bruder Langrian beugte.</p><p>�Hier, Binabik.� Simon reichte dem knienden Troll den Lederschlauch.</p><p>�Es war eine ganz sch�n lange Zeit, die du��, begann Binabik, brach ab und sch�ttelte den Schlauch. �Halbvoll?� fragte er, und der Ausdruck seines Gesichts lie� Simon vor Scham err�ten.</p><p>�Ich hatte gerade etwas getrunken, als du riefst�, versuchte er zu erkl�ren. Hengfisk musterte ihn mit Reptilaugen und machte eine finstere Miene.</p><p>�Nun gut�, bemerkte Binabik und wandte sich wieder Langrian zu, der weit rosiger aussah, als Simon ihn im Ged�chtnis hatte. ��Geklettert ist geklettert, abgest�rzt ist abgest�rzt.� Ich glaube, mit unserem Freund hier steht es besser.� Er hob den Schlauch und spritzte Langrian einige Tropfen Wasser in den Mund. Der bewu�tlose M�nch hustete und spuckte einen Moment, dann bewegte sich seine Kehle krampfhaft, und er schluckte.</p><p>�Siehst du?� meinte Binabik stolz. �Es ist die Wunde auf dem Kopf, von der ich denke, da� ich��</p><p>Noch ehe Binabik jedoch seine Erl�uterung beenden konnte, flatterten Langrians Augen auf. Simon h�rte, wie Hengfisk scharf den Atem einzog. Langrians Blick wanderte verschwommen �ber die �ber ihn geneigten Gesichter, dann fielen ihm die Lider von neuem zu.</p><p>�Mehr Wasser, Troll�, zischte Hengfisk.</p><p>�Was ich hier tue, ist das, was ich verstehe, Rimmersmann�, entgegnete Binabik mit eisiger W�rde. �Du hast bereits deine Pflicht getan, als du ihn aus den Ruinen zogst. Jetzt tue ich die meine und brauche keine Ratschl�ge.� W�hrend er sprach, tr�pfelte der kleine Mann Wasser zwischen Langrians aufgesprungene Lippen. Bald schob sich die durstgeschwollene Zunge des M�nches aus seinem Mund wie ein B�r nach dem Winterschlaf. Binabik feuchtete sie aus dem Schlauch an, machte dann ein Tuch na� und legte es Langrian auf die Stirn, die mit bereits heilenden Schnittwunden �bers�t war.</p><p>Endlich schlug Langrian wieder die Augen auf und schien den Blick auf Hengfisk zu richten. Der Rimmersmann nahm Langrians Hand.</p><p>�He � Heng��, kr�chzte Langrian. Hengfisk dr�ckte ihm das feuchte Tuch auf die Haut.</p><p>�Sprich nicht, Langrian. Ruh dich aus!�</p><p>Langrians Augen wanderten langsam von Hengfisk zu Binabik und Simon, dann wieder zur�ck zu dem M�nch. �Andere �?� brachte er m�hsam hervor.</p><p>�Ruh dich jetzt aus. Du mu�t ruhen!�</p><p>�Endlich sind dieser Mann und ich uns in etwas einig.� Binabik l�chelte seinen Patienten an. �Du solltest Schlaf haben.�</p><p>Langrian schien noch etwas sagen zu wollen, aber bevor er dazu kam, sanken seine Augenlider herunter, als folgten sie dem Rat, und er schlief ein.</p><empty-line/><p>Zwei Dinge geschahen an diesem Nachmittag. Das erste ereignete sich, w�hrend Simon, der M�nch und der Troll ein karges Mahl einnahmen. Weil Binabik Langrian nicht verlassen wollte, gab es kein frisches Wild; die drei begn�gten sich mit getrocknetem Fleisch und dem Ertrag aus Simons und Hengfisks Sammelg�ngen, Beeren und ein paar gr�nlichen N�ssen.</p><p>Als sie so dasa�en, still vor sich hin kauend und jeder in seine eigenen, h�chst unterschiedlichen Gedanken vertieft � Simons eine Mischung aus dem grausigen Traumrad und den triumphierenden Helden des Schlachtfeldes, Johan und Camaris �, starb pl�tzlich Bruder Dochais.</p><p>Eben noch hatte er still dagesessen, wach, wenn auch nicht essend � die Beeren, die ihm von Simon angeboten worden waren, hatte er verweigert und ihn statt dessen wie ein mi�trauisches Tier angestarrt �, und eine Sekunde sp�ter rollte er sich zur Seite, das Gesicht nach unten, zuerst unter Zittern, dann in heftigen Zuckungen. Als es den anderen gelang, ihn umzudrehen, hatte er die Augen verdreht, die gespenstisch wei� in seinem staubverschmierten Gesicht standen, und gleich darauf aufgeh�rt zu atmen, obwohl sein K�rper steif blieb wie ein Holzstock. So sehr ihn dieser Vorfall auch ersch�tterte, Simon war sicher, da� er unmittelbar vor dem letzten Aufb�umen geh�rt hatte, wie Dochais <emphasis>Sturmk�nig</emphasis> fl�sterte. Das Wort brannte ihm in den Ohren und qu�lte sein Herz, obwohl er nicht wu�te, wieso � falls er das Wort nicht im Traum geh�rt hatte. Weder Binabik noch der M�nch sagten etwas dazu, aber Simon war sicher, da� sie es auch vernommen hatten.</p><p>Zu Simons Erstaunen weinte Hengfisk bitterlich �ber dem Leichnam; er selbst f�hlte sich auf seltsame Weise fast erleichtert, ein sonderbares Gef�hl, das er weder verstehen noch unterdr�cken konnte. Binabik war undurchschaubar wie Stein.</p><empty-line/><p>Das zweite geschah ein paar Stunden sp�ter, als Binabik und Hengfisk sich zankten.</p><p>�� Und ich stimme dir zu, da� wir helfen werden, aber du sitzt auf der falschen Felskante, wenn du glaubst, mir Befehle erteilen zu k�nnen.� Binabik hielt seinen Zorn streng unter Kontrolle, aber seine Augen hatten sich zu schwarzen Schlitzen verengt.</p><p>�Aber du willst nur helfen, Dochais zu beerdigen! Willst du die anderen liegenlassen, den W�lfen zum Fra�?� Hengfisk hatte seinen Zorn ganz und gar nicht im Zaum, und seine Augen traten hervor und standen weitaufgerissen und stier in seinem rot angelaufenen Gesicht.</p><p>�Ich habe versucht, Dochais zu helfen�, erwiderte der Troll. �Es ist mir nicht gelungen. Wir werden ihn begraben, wenn das dein Wunsch ist. Aber es ist nicht meine Absicht, drei Tage damit zuzubringen, <emphasis>alle</emphasis> deine Br�der zu bestatten. Und es gibt Schlimmeres, zu dem sie dienen k�nnten, als �Wolfsfraߋ � und vielleicht haben sie es getan, als sie noch lebten, einige von ihnen!�</p><p>Hengfisk brauchte eine Weile, bis er aus Binabiks verschlungener Rede klug wurde, dann aber wurde seine Farbe, wenn das �berhaupt m�glich war, noch r�ter.</p><p>�Du � heidnisches Ungeheuer! Wie kannst du �bles �ber unbegrabene Tote sagen, du � Giftzwerg!�</p><p>Binabik l�chelte, ein flaches, t�dliches L�cheln. �Wenn dein Gott sie so liebt, dann hat er ihre � Seelen, ja? � in den Himmel hinaufgenommen, und das Herumliegen hier wird nur ihren sterblichen H�llen schaden.�</p><p>Bevor ein weiteres Wort fallen konnte, wurden die beiden Kampfh�hne durch ein tiefes Grollen Qantaqas aus ihrem Disput aufgeschreckt. Die W�lfin hatte auf der anderen Seite der Feuergrube neben Langrian ein Schl�fchen gehalten. Was die Graue erschreckt hatte, zeigte sich gleich darauf.</p><p>Es war Langrian, der sprach.</p><p>�Jemand � jemand mu� den Abt � warnen � Verrat!� Die Stimme des M�nches war ein heiseres Fl�stern.</p><p>�Bruder!� rief Hengfisk und hinkte eilig zu ihm hin�ber. �Spar deine Kraft!�</p><p>�La� ihn reden�, widersprach Binabik. �Vielleicht rettet es uns das Leben, Rimmersmann.�</p><p>Bevor Hengfisk etwas erwidern konnte, schlug Langrian die Augen auf. Er starrte zuerst auf Hengfisk, dann auf seine Umgebung und schauderte schlie�lich, als fr�stele ihn, obwohl er in einen dicken Mantel geh�llt war.</p><p>�Hengfisk��, fragte er heiser, �die anderen � sind sie �?�</p><p>�Alle tot�, antwortete Binabik ohne Umschweife.</p><p>Der Rimmersmann warf ihm einen ha�erf�llten Blick zu. �Usires hat sie wieder zu sich geholt, Langrian�, sagte er. �Nur du bist verschont worden.�</p><p>�Ich � habe es bef�rchtet��</p><p>�Kannst du uns sagen, was geschehen ist?� Der Troll beugte sich vor und legte dem M�nch ein frisches feuchtes Tuch auf die Stirn. Simon erkannte zum ersten Mal, da� unter all dem Blut, den Narben und der Krankheit Bruder Langrian noch ganz jung war, kaum zwanzig Jahre alt. �Erm�de dich nicht zu sehr�, f�gte Binabik hinzu, �aber sag uns, was du wei�t.�</p><p>Langrian schlo� die Augen, als schliefe er wieder ein, aber er sammelte nur seine Kr�fte. �Es war � ungef�hr ein Dutzend M�nner � die zu uns kamen � eine Unterkunft wollten � von der Stra�e.� Er leckte sich die Lippen. Binabik brachte den Wasserschlauch. �Wir hatten viele � gro�e Gesellschaften von Reisenden � in diesen Tagen. Wir gaben ihnen zu essen � und Bruder Scenesefa Quartier � in der Halle f�r Reisende.�</p><p>W�hrend er trank und sprach, schien der M�nch langsam kr�ftiger zu werden. �Sonderbare Leute waren das � kamen abends nicht in die Gro�e Halle � nur ihr Anf�hrer � ein Mann mit fahlen Augen � Er trug einen unheimlichen Helm � und eine dunkle R�stung � und er fragte � er fragte, ob wir von einer Gruppe von Rimmersm�nnern geh�rt h�tten � , die auf dem Weg nach Norden w�ren � von Erchester��</p><p>�Rimmersm�nner?� fragte Hengfisk und runzelte die Stirn.</p><p><emphasis>Erchester?</emphasis> dachte Simon und zermarterte sich das Hirn. <emphasis>Wer konnte das sein?</emphasis></p><p>�Abt Quincines erkl�rte dem Mann, wir w��ten von keiner solchen Gruppe � , und er schien � zufrieden. Der Abt sah beunruhigt aus � aber nat�rlich teilte er seine Sorgen nicht � mit uns j�ngeren Br�dern�</p><p>Am n�chsten Morgen kam einer der Br�der von den Bergfeldern herunter � er meldete einen Reitertrupp von S�den � Die Fremden schienen sehr interessiert � sagten, es w�re der Rest � ihrer urspr�nglichen Reisegesellschaft � der ihnen entgegenk�me. Ihr Anf�hrer � der mit den blassen Augen � f�hrte seine M�nner in den gro�en Hof, um die Neuank�mmlinge zu begr��en � wenigstens dachten wir das�</p><p>Gerade als der neue Trupp oben auf dem Rebenh�gel angekommen war � und man sie von der Abtei aus sehen konnte � es schien, als z�hlten sie � nur ein paar K�pfe weniger als unsere schon eingetroffenen G�ste��</p><p>An dieser Stelle mu�te Langrian sich einen Augenblick ausruhen. Er keuchte ein wenig. Binabik wollte ihm ein Schlafmittel geben, aber der verletzte M�nch winkte ab.</p><p>�Nein � la� � es ist � nicht viel � mehr zu erz�hlen. Einer der anderen Br�der � sah einen der G�ste � versp�tet � aus der Halle f�r Reisende herausrennen. Er hatte seinen Mantel � noch nicht richtig geschlossen � Sie trugen alle M�ntel, obwohl es ein warmer Morgen war, und darunter blitzte eine Schwertklinge. Der Bruder rannte zum Abt, der etwas Derartiges schon bef�rchtet hatte. Quincines ging hin und stellte den Anf�hrer zur Rede. Inzwischen konnten wir die M�nner den H�gel herunterreiten sehen � es waren alles Rimmersm�nner, mit B�rten und Z�pfen. Der Abt sagte dem Anf�hrer, er und seine M�nner sollten sich zur�ckhalten � Sankt Hoderund sei kein Ort f�r einen Kampf zwischen R�uberbanden. Der Anf�hrer zog sein Schwert � und setzte es Quincines an den Hals.�</p><p>�Barmherziger �don�, hauchte Hengfisk.</p><p>�Gleich darauf h�rten wir Hufschlag. Auf einmal rannte Bruder Scenesefa ans Hoftor und rief den herankommenden Fremden eine Warnung zu. Einer der � �G�ste�� scho� ihm einen Pfeil in den R�cken, und der Anf�hrer � schnitt unserem Abt die Kehle durch.�</p><p>Hengfisk erstickte ein Schluchzen und schlug das Zeichen des Baumes �ber seinem Herzen, aber Langrians Gesicht war feierlich und verriet keine Empfindungen. Ohne innezuhalten, fuhr er in seiner Erz�hlung fort.</p><p>�Dann gab es ein Gemetzel. Die Fremden st�rzten mit Messern und Schwertern auf die Br�der los oder zogen aus Verstecken Bogen und Pfeile hervor. Als die Neuank�mmlinge durch das Tor ritten, hatten auch sie die Schwerter gez�ckt � sie hatten wohl Scenesefas Warnung geh�rt und gesehen, wie er im Torbogen niedergeschossen wurde.</p><p>Ich wei� nicht, was dann geschah � der Wahnsinn herrschte. Einer warf eine Fackel auf das Kapellendach, und es fing Feuer. Ich rannte nach Wasser � die Menschen schrien, und die Pferde schrien und � etwas traf mich am Kopf. Das ist alles.�</p><p>�Also wei�t du nicht, wer zu diesen beiden k�mpfenden Gruppen geh�rte?� wollte Binabik wissen. �K�mpften sie gegeneinander, oder waren sie Verb�ndete?�</p><p>Langrian nickte ernst. �Gegeneinander. Die im Hinterhalt hatten weit gr��ere Schwierigkeiten mit ihnen als mit uns unbewaffneten M�nchen. Das ist alles, was ich sagen kann � alles, was ich wei�.�</p><p>�Verbrennen sollen sie!� zischte Bruder Hengfisk.</p><p>�Das werden sie.� Bruder Langrian seufzte. �Ich glaube, ich mu� jetzt wieder schlafen.� Er schlo� die Augen, aber sein Atem ver�nderte sich nicht.</p><p>Binabik richtete sich auf. �Ich denke, ich werde ein kleines St�ck zu Fu� gehen�, erkl�rte er. Simon nickte. �<emphasis>Ninit</emphasis>, Qantaqa�, rief er, und die W�lfin sprang auf, streckte sich und folgte ihm. Gleich darauf war er im Wald verschwunden und lie� Simon mit den drei M�nchen zur�ck, von denen zwei lebten und einer tot war.</p><empty-line/><p>Die Trauerfeier f�r Dochais war kurz und knapp. Hengfisk hatte in den Ruinen der Abtei ein Leichentuch gefunden. Sie wickelten es um Dochais' mageren K�rper und lie�en ihn in ein Loch hinunter, das die drei Gesunden auf dem Friedhof des Klosters gegraben hatten, w�hrend Langrian, von Qantaqa bewacht, im Wald schlief. Das Graben war harte Arbeit gewesen, denn das Feuer in der gro�en Scheune hatte die Holzgriffe der Schaufeln verzehrt und nur die Metallteile �briggelassen, die man nun mit der Hand f�hren mu�te � eine m�hsame, schwei�treibende Besch�ftigung. Als Bruder Hengfisk seine leidenschaftlichen Gebete, gepaart mit Verhei�ungen g�ttlicher Gerechtigkeit, beendet hatte � wobei er in seinem heiligen Eifer anscheinend verga�, da� Dochais zu der Zeit, als die M�rder ihr Werk verrichteten, weit von der Abtei entfernt gewesen war �, hatte sich die Sonne bis auf einen hellen Streifen �ber dem Kamm des Rebenh�gels, verabschiedet, und das Gras des Kirchhofs war dunkel und k�hl. Binabik und Simon lie�en Hengfisk zur�ck, der, die Glotzaugen im Gebet fest zugekniffen, am Grab kauerte, und machten sich daran, das Abteigel�nde auf Brauchbares zu untersuchen und zu erkunden.</p><p>Obwohl der Troll sorgf�ltig darauf achtete, den Schauplatz der Trag�die so weit wie m�glich zu umgehen, waren die Zeugen doch so verstreut, da� Simon schon bald zu w�nschen begann, er w�re ins Lager zur�ckgekehrt, um dort mit Langrian und Qantaqa zu warten. Ein zweiter hei�er Tag hatte nicht dazu beigetragen, den Zustand der Leichen zu mildern: In ihrer aufgebl�hten, geschwollenen Rosigkeit stellte Simon eine unangenehme �hnlichkeit mit dem gebratenen Schwein fest, das zu Hause am Liebfrauentag die Tafel gekr�nt hatte. Ein Teil von ihm verachtete diese Schw�che � hatte er nicht in wenigen kurzen Wochen schon gewaltsamen Tod genug gesehen, ein ganzes Schlachtfeld voll? Aber w�hrend er weiterging und dabei versuchte, die Augen geradeaus zu richten und den Anblick anderer Augen, glasig und rissig von der Sonne, zu vermeiden, begriff er, da� zumindest f�r ihn niemals ein Tod dem anderen gleichen w�rde, auch wenn er ein noch so erfahrener Beobachter werden sollte. Jeder einzelne dieser zerst�rten S�cke aus Knochen und Bries war einmal ein Leben gewesen, ein klopfendes Herz, eine Stimme, die klagte oder lachte oder sang.</p><p><emphasis>Eines Tages wird es mir auch so gehen,</emphasis> dachte er, als sie sich einen Weg um die Seite der Kapelle herum suchten, <emphasis>und wer wird sich dann an mich erinnern?</emphasis> Simon konnte keine schnelle Antwort darauf finden, und der Anblick des kleinen Feldes von Grabzeichen, deren S�uberlichkeit die �berall umherliegenden Leiber erschlagener M�nche so grausam verh�hnten, bot ihm wenig Trost.</p><p>Binabik hatte die verkohlten �berreste der Seitent�r der Kapelle gefunden. St�cke unversehrten Holzes schimmerten durch die kohlschwarze Oberfl�che wie Streifen frischgeputzten Messings auf einer alten Lampe. Der Troll stocherte an der T�r herum und klopfte verbrannte Bruchst�cke herunter, aber der Bau selbst hielt. Er stie� kr�ftiger mit dem Stock dagegen, aber die T�r blieb geschlossen � ein Posten, der auf seiner Wache gestorben war.</p><p>�Gut�, meinte Binabik. �Das deutet darauf hin, da� wir uns hineinwagen k�nnen, ohne da� uns der ganze Bau �ber dem Kopf einst�rzt.� Er nahm seinen Stab und steckte ihn in einen Spalt zwischen T�r und Rahmen. Dann benutzte er ihn als Brecheisen, bis mit etwas Nachhilfe von Simon die T�r in einem schwarzen Staubregen aufsprang.</p><p>Nachdem sie sich so abgem�ht hatten, um Einla� zu erlangen, kam es ihnen in der Tat komisch vor, als sie eintraten und sahen, da� das Dach verschwunden war und die Kapelle der Luft so offenstand wie eine Truhe ohne Deckel. Simon schaute auf und sah �ber sich eingerahmt den Himmel, der sich mit dem hereinbrechenden Abend unten rot und oben grau f�rbte. In der Wand waren die Fenster in ihren Rahmen oben schwarz geworden, und das Bleigitterwerk hatte sich herausgedreht, so da� es sein ru�iges Glas versch�ttete, als habe eine Riesenhand das Dach abgerissen, durch die Balken nach unten gegriffen und dann mit ungeheuren Fingern jedes Fenster einzeln durchsto�en.</p><p>Ein schneller �berblick ergab nichts N�tzliches. Die Kapelle war, vielleicht wegen ihrer reichen Vorh�nge und Wandteppiche, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Zerfallene Aschenskulpturen von B�nken, Treppen und Altar standen noch an Ort und Stelle, und die steinernen Altarstufen trugen den Geist eines Blumenkranzes, eine vollkommene, unfa�lich zarte Krone aus papierd�nnen Bl�ttern und durchscheinenden, grauen Aschenblumen.</p><p>Als n�chstes �berquerten Simon und Binabik den Klosteranger hin�ber nach dem Wohnhaus, einem langen, niedrigen Saal mit winzigen Zellen. Hier hielt sich der Schaden in Grenzen � das eine Ende hatte Feuer gefangen, war aber aus irgendeinem Grunde ausgebrannt, bevor sich die Flammen weiter ausbreiten konnten.</p><p>�Blick dich vor allem nach Stiefeln um�, sagte Binabik. �Zwar trugen diese Klosterm�nner meist Sandalen, aber vielleicht mu�ten einige von ihnen gelegentlich bei kaltem Wetter reiten oder reisen. Am besten sind solche, die passen, aber im Notfall entscheide dich lieber f�r zu gro�e als f�r zu kleine.�</p><p>Sie begannen an entgegengesetzten Enden der langen Halle. Die T�ren waren s�mtlich unverschlossen, aber die kleinen R�ume betr�blich kahl, in vielen als einziger Schmuck ein <emphasis>Baum</emphasis> an der Wand. Ein M�nch hatte einen bl�henden Ebereschenzweig �ber seinem harten Lager befestigt; seine Fr�hlichkeit in solch karger Umgebung heiterte Simon auf, bis ihm das Schicksal des Bewohners dieser Zelle wieder einfiel.</p><p>Im sechsten oder siebten Raum erschrak Simon, denn als er die Zellent�r aufzog, ert�nte ein zischendes Ger�usch, und ein Schatten sauste an seinem Kn�chel vorbei. Zuerst dachte er, jemand h�tte einen Pfeil auf ihn abgeschossen, aber ein Blick in die winzige leere Zelle bewies die Unm�glichkeit dieses Gedankens. Gleich darauf begriff er, was es gewesen war, und verzog den Mund zu einem halben L�cheln. Einer der M�nche hatte, zweifellos ganz und gar in Widerspruch zu den Klosterregeln, ein Haustier gehalten � eine Katze, so wie die kleine Ratzenkatze, mit der Simon sich auf dem Hochhorst angefreundet hatte. Nach zwei Tagen, die sie, eingesperrt in der Zelle, auf ihren Herrn gewartet hatte, der nie wiederkommen w�rde, war sie hungrig, erbost und ver�ngstigt gewesen. Simon ging die Halle hinunter, um sie zu suchen, aber das Tier war verschwunden.</p><p>Binabik h�rte ihn herumpoltern. �Ist alles in Ordnung, Simon?� rief er unsichtbar aus einer der anderen Zellen.</p><p>�Ja!� schrie Simon zur�ck. Das Licht in den winzigen Fenstern �ber seinem Kopf war bereits ganz grau. Er �berlegte, ob er zur T�r gehen und Binabik unterwegs mitnehmen oder zur�cklaufen und weitersuchen sollte. Wenigstens wollte er die Zelle des M�nches mit der eingeschmuggelten Katze noch untersuchen. Wenige Augenblicke sp�ter wurde Simon an die Schwierigkeiten erinnert, die entstehen, wenn man Tiere zu lange einsperrt. Er mu�te sich die Nase zuhalten, w�hrend er sich hastig in der Zelle umschaute. Da sah er ein Buch. Es war klein, aber h�bsch in Leder gebunden. Auf Zehenspitzen bewegte er sich �ber den verd�chtigen Fu�boden, nahm es von einem Haken �ber dem niedrigen Bett und stelzte wieder hinaus.</p><p>Gerade hatte er sich in die n�chste Zelle gesetzt, um seine Beute anzuschauen, als Binabik in der T�r erschien.</p><p>�Ich hatte wenig Gl�ck. Und du?� fragte der Troll.</p><p>�Keine Stiefel.�</p><p>�Nun, es wird schnell Abend. Ich glaube, ich sollte mich noch einmal in der Halle f�r Reisende umsehen, wo die m�rderischen Fremden geschlafen haben. Vielleicht findet sich dort ein Gegenstand, der uns etwas erz�hlt. Warte hier auf mich, hmmm?�</p><p>Simon nickte, und Binabik ging.</p><p>Das Buch war, wie Simon vermutet hatte, ein Buch �don, wenngleich es f�r einen armen M�nch sehr kostbar und fein gearbeitet war; Simon hielt es f�r das Geschenk eines wohlhabenden Verwandten. Der Band selbst enthielt nichts Besonderes � obwohl die Illuminationen ungew�hnlich h�bsch waren, soweit Simon das im schwindenden Licht erkennen konnte �, mit einer Ausnahme, die seine Aufmerksamkeit erregte. Auf der ersten Seite, auf die viele Leute ihren Namen oder, falls das Buch als Geschenk gedacht war, ein Gru�wort zu setzen pflegten, stand ein Satz, sorgf�ltig, aber mit zittriger Hand geschrieben:</p><poem><stanza><v>Ein g�ldener Dolch durchbohrt mein Herz;</v><v>das ist Gott.</v><v>Gottes Herz durchbohrt eine g�ldene Nadel;</v><v>das bin ich.</v></stanza></poem><p>Simon sa� da und betrachtete diese Worte, und seine gerade erst neu gewonnene Entschlu�kraft wurde auf eine harte Probe gestellt. Er f�hlte eine Woge, die ihn fortschwemmte, eine alles niederrei�ende Flutwelle von Reue und Furcht und ein Gef�hl von Dingen, die er nicht sah und die ihm doch davonglitten und ihm dabei das Herz brachen. Mitten in seinem mit weit offenen Augen getr�umten Traum steckte Binabik den Kopf durch die T�r und warf ihm mit dumpfem Aufprall ein paar Stiefel vor die F��e. Simon schaute nicht auf.</p><p>�Viele interessante Dinge finden sich dort in der Halle f�r Reisende, nicht das geringste davon deine neuen Stiefel. Aber das Dunkel kommt, und ich kann nur noch einen Augenblick verweilen. Triff mich vor dieser Halle hier, bald.� Und fort war er wieder.</p><p>Lange, schweigende Minuten vergingen, nachdem der Troll sich entfernt hatte. Simon legte das Buch hin � er hatte es eigentlich mitnehmen wollen, aber seine Meinung wieder ge�ndert � und versuchte die Stiefel anzuziehen. Bei anderer Gelegenheit h�tte er sich gefreut, wie gut sie pa�ten, jetzt aber lie� er lediglich seine zerfetzten Schuhe auf dem Boden liegen und ging die Halle hinunter zur Vordert�r.</p><p>Das ged�mpfte Licht des Abends hatte sich niedergesenkt. Auf der anderen Seite des Angers stand die Halle f�r Reisende, der Zwilling des Geb�udes, das er gerade verlassen hatte. Aus irgendeinem Grunde erf�llte ihn der Anblick der gegen�berliegenden T�r, die tr�ge hin- und herschwang, mit unbestimmter Furcht. Wo war der Troll?</p><p>Gerade als ihm das schwingende Tor zur Koppel einfiel, das das erste Anzeichen daf�r gewesen war, da� in der Abtei nicht alles zum Besten stand, packte ihn zu seinem Entsetzen eine grobe Hand an der Schulter und zerrte ihn r�ckw�rts.</p><p>�Binabik!� konnte er eben noch rufen, dann legte sich eine dicke Handfl�che auf seinen Mund, und er wurde an einen felsharten K�rper gepre�t.</p><p><emphasis>�Vawer es do kunde?�</emphasis> grollte eine Stimme an seinem Ohr in den steinernen Lauten von Rimmersgard.</p><p><emphasis>�Im todsten-grukker!�</emphasis> h�hnte eine andere.</p><p>In blinder Panik �ffnete Simon hinter der verdeckenden Hand die Lippen und bi� zu. Ein schmerzliches Grunzen, und eine Sekunde lang war sein Mund frei.</p><p>�Hilfe! Binabik!� kreischte er, dann legte sich die Hand, diesmal mit schmerzhaftem Druck, wieder auf ihn, und gleich danach sp�rte er einen schwarzen Schlag hinter dem Ohr.</p><p>Er konnte das Echo seines Aufschreis noch verhallen h�ren, als die Welt vor seinen Augen zu Wasser wurde. Die T�r der Halle f�r Reisende schwang im Wind hin und her, und Binabik kam nicht.</p></section><section><title><p>XXI</p><p>Schwacher Trost</p></title><p>Herzog Isgrimnur von Elvritshalla hatte ein wenig zu stark auf die Klinge gedr�ckt. Das Messer sprang vom Holz ab und traf ihn in den Daumen. Gerade unter dem Kn�chel lief ein pl�tzlicher Streifen Blut. Isgrimnur stie� einen wilden Fluch aus, lie� das St�ck Herzholz zu Boden fallen und steckte den Daumen in den Mund.</p><p><emphasis>Frekke hat recht</emphasis>, dachte er, <emphasis>zum Teufel mit ihm. Ich lerne das nie. Ich wei� noch nicht einmal, warum ich es versuche.</emphasis></p><p>Er wu�te es nat�rlich doch; er hatte den alten Frekke �berredet, ihm die Anfangsgr�nde des Schnitzens beizubringen, solange er auf dem Hochhorst so gut wie gefangen sa�. Alles, so hatte er sich �berlegt, war besser, als durch die G�nge und �ber die Zinnen der Burg zu schleichen wie ein in Ketten gelegter B�r.</p><p>Der alte Soldat, schon unter Isbeorn, dem Vater des Herzogs, im Dienst, hatte Isgrimnur geduldig gezeigt, wie man das Holz aussuchte, den nat�rlichen Geist aussp�hte, der darin sa�, und wie man ihn, Span um Span, aus der Maserung befreite, die ihn gefangenhielt. Wenn Isgrimnur Frekke bei seiner Besch�ftigung zusah � die Augen fast geschlossen, die narbigen Lippen zu einem unbewu�ten L�cheln verzogen �, dann waren ihm die D�monen und Fische und munteren Tiere, die unter Frekkes Messer lebendig wurden, als unvermeidliche Antworten auf die Fragen der Welt erschienen, wahllose, wirre Fragen in Gestalt eines Baumastes, eines Felsens oder der Willk�rlichkeit von Regenwolken.</p><p>An seinem verletzten Daumen lutschend, spielte der Herzog unordentlich mit solchen Gedanken herum, denn trotz aller Behauptungen Frekkes fand es Isgrimnur verdammt hart, beim Schnitzen �berhaupt an etwas anderes zu denken: Messer und Welt schienen einander feindlich gegen�berzustehen, in einem Schlachtget�mmel, das jeden Augenblick seiner Wachsamkeit entgleiten und zur Trag�die werden konnte.</p><p><emphasis>So wie jetzt,</emphasis> dachte er, sog und schmeckte Blut.</p><p>Isgrimnur schob das Messer in die Scheide und stand auf. Ringsum waren seine M�nner flei�ig bei der Arbeit, nahmen ein paar Kaninchen aus, versorgten das Feuer, bereiteten das Lager f�r den Abend. Er ging auf das lodernde Feuer zu, drehte sich um und blieb so stehen, die breite Kehrseite den Flammen zugewendet. Seine fr�heren Gedanken an Gewitterregen kamen ihm wieder in den Sinn, als er zu dem rasch grauer werdenden Himmel aufblickte.</p><p><emphasis>Da haben wir nun Maia-Monat, und wir hocken hier, keine zwanzig Meilen n�rdlich von Erchester � und woher ist vorhin dieser Wolkenbruch gekommen?</emphasis></p><p>Um diese Zeit, vor etwa drei Stunden, waren Isgrimnur und seine Schar den R�ubern, die sie in der Abtei �berfallen hatten, hart auf den Fersen gewesen. Der Herzog hatte noch immer keine Ahnung, wer die M�nner gewesen waren � einige davon Landsleute, aber kein vertrautes Gesicht � oder warum sie so gehandelt hatten. Anf�hrer war ein Mann mit einem Helm in der Form eines knurrenden Hundegesichts gewesen, aber Isgrimnur hatte nie von einem solchen Wappenzeichen geh�rt. Er w�re vielleicht gar nicht mehr am Leben, um dar�ber nachzugr�beln, wenn nicht der schwarzgekleidete M�nch von Sankt Hoderunds Tor eine Warnung geschrien h�tte, der gleich darauf mit einem Pfeil zwischen den Schulterbl�ttern hingest�rzt war. Es hatte einen verbissenen Kampf gegeben, aber der Tod des M�nches � mochte Gott ihm gn�dig sein, wer immer er gewesen war � hatte sie aufmerksam gemacht, und die M�nner des Herzogs waren auf den Angriff vorbereitet gewesen. Beim ersten Ansturm hatten sie nur den jungen Hove verloren; Einskaldir war verwundet worden, hatte aber dennoch seinen Mann get�tet und einen zweiten dazu. Der Feind war nicht auf einen ehrlichen Kampf aus gewesen, dachte Isgrimnur s�uerlich; angesichts Isgrimnurs und seiner Leibwache, alles K�mpfer, die nach Monaten in der Burg nur zu begierig waren, wieder einmal loszuschlagen, waren die Gegner, die sie aus dem Hinterhalt niedermetzeln wollten, �ber den Klosteranger zu den St�llen geflohen, wo ihre gesattelten Pferde offenbar schon auf sie warteten.</p><p>Nach kurzer Untersuchung, bei der die Rimmersm�nner keinen der M�nche mehr am Leben oder f�hig, ihnen zu berichten, gefunden hatten, waren sie wieder in den Sattel gestiegen und den anderen gefolgt. Es w�re vielleicht eine bessere Politik gewesen, zu bleiben und Hove und die Hoderundianer zu begraben, aber Isgrimnurs Blut kochte. Er wollte wissen, wer ihnen nach dem Leben trachtete, und er wollte wissen, warum.</p><p>Aber es sollte nicht sein. Die R�uber waren den Rimmersm�nnern gute zehn Minuten voraus und ihre Pferde frisch. Die M�nner des Herzogs hatten sie nur einmal zu Gesicht bekommen, einen flie�enden Schatten, der sich vom Rebenh�gel in die Ebene hinunterzog und durch die flachen H�gel auf die Weldhelm-Stra�e zubewegte. Der Anblick hatte Isgrimnurs Truppen neu belebt, und sie hatten die Pferde den Hang hinab- und in die T�ler der Vorberge des Weldhelms gespornt. Ihre Reittiere schienen von der Erregung angesteckt und griffen auf letzte Kraftreserven zur�ck; eine kleine Weile hatte es ausgesehen, als k�nnten sie die Wegelagerer einholen und von hinten �ber sie kommen wie eine r�chende Wolke, die �ber die Ebene zieht.</p><p>Statt dessen hatte sich etwas Seltsames ereignet. Eben noch waren sie bei Sonnenschein dahingaloppiert, als sich auf einmal die Welt merklich verdunkelte. Als sich daran nichts �nderte und eine halbe Meile weiter die H�gel ringsum immer noch leblos und grau waren, hatte Isgrimnur nach oben geblickt und �ber sich am Himmel einen Knoten stahlgrauer, wirbelnder Wolken gesehen, eine Schattenfaust vor der Sonne. Ein unbestimmtes, grollendes Krachen, und pl�tzlich sch�ttete der Himmel Regen �ber sie aus � zuerst pl�tschernd, dann in Sturzb�chen.</p><p>�Woher kam das?� hatte Einskaldir zu ihm her�bergerufen; zwischen ihnen hatte sich ein Vorhang aus zischendem Nebel gebildet. Isgrimnur wu�te es nicht, war jedoch �u�erst beunruhigt � noch nie hatte er an einem so verh�ltnism��ig klaren Himmel derart schnell ein Gewitter heraufziehen sehen. Als einen Augenblick sp�ter ein Pferd auf dem nassen, verfilzten Gras ausgerutscht und gestolpert war und seinen Reiter abgeworfen hatte � der, �don sei Dank, ohne Schaden zu nehmen gelandet war �, hatte Isgrimnur die Stimme erhoben und seinen M�nnern zugebr�llt, haltzumachen.</p><p>So kam es, da� sie sich entschlossen hatten, ihr Lager an dieser Stelle aufzuschlagen, nur etwa eine Meile von der Weidhelm-Stra�e entfernt. Der Herzog hatte kurz erwogen, zur Abtei zur�ckzureiten, aber Menschen und Pferde waren m�de, und das Feuer, das bei ihrem Fortreiten aus den Hauptgeb�uden gelodert hatte, lie� vermuten, da� nicht mehr viel dasein w�rde, zu dem man zur�ckkehren konnte. Nur der verwundete Einskaldir, der � was Isgrimnur freilich besser wu�te � manchmal keinerlei Gef�hle au�er einer allumfassenden Wildheit zu besitzen schien, war noch einmal losgeritten, um Hoves Leichnam zu holen und alles von dort mitzubringen, was einen Hinweis auf die Identit�t oder die Beweggr�nde der Angreifer geben konnte. Der Herzog, der Einskaldir und seine Art kannte, hatte rasch eingewilligt und nur verlangt, da� er Sludig mitnehmen m�sse, der nicht ganz so ein Feuerkopf war. Sludig war ein ausgezeichneter K�mpfer, sch�tzte aber trotzdem die eigene Haut hoch genug ein, um ein Gegengewicht zu dem leicht entflammbaren Einskaldir zu bilden.</p><p><emphasis>Und hier stehe ich nun</emphasis>, dachte Isgrimnur m�de und angewidert, <emphasis>und r�ste mir den Arsch am Lagerfeuer, w�hrend die jungen Kerle die Arbeit tun. Verflucht sei das Alter, verflucht mein schmerzender R�cken, verflucht Elias, verflucht diese elenden Zeiten!</emphasis> Er sah auf die Erde hinunter, b�ckte sich und hob das St�ck Holz wieder auf, das dort lag und von dem er gehofft hatte, irgendein Wunder w�rde ihm helfen, es in einem <emphasis>Baum</emphasis> zu verwandeln, den seine Frau Gutrun auf der Brust tragen k�nnte, wenn er zu ihr zur�ckkehrte. <emphasis>Und verflucht sei das Schnitzen!</emphasis> Er �bergab das Holzst�ck den Flammen.</p><empty-line/><p>Isgrimnur war gerade dabei, Kaninchenknochen ins Feuer zu werfen � er f�hlte sich jetzt ein wenig besser, weil er gegessen hatte �, als pl�tzlich Hufschl�ge herandonnerten. Der Herzog lie� die H�nde sinken, um sich das Fett am Kittel abzuwischen, und seine Lehnsm�nner taten das gleiche, denn eine schl�pfrige Hand an der Axt oder am Schwert war gef�hrlich. Es klang nach einer ganz kleinen Reiterschar, h�chstens zwei oder drei, aber trotzdem entspannte sich keiner der M�nner, bevor Einskaldir und sein wei�es Ro� klar aus der D�mmerung hervortraten. Sludig ritt gleich hinterher und f�hrte ein drittes Pferd, �ber dessen Sattelknopf etwas hing � <emphasis>zwei</emphasis> K�rper.</p><p>Zwei K�rper, aber, wie Einskaldir auf seine knappe Art erkl�rte, nur eine Leiche.</p><p>�Ein Junge�, grunzte Einskaldir, dessen dunkler Bart bereits von Kaninchenfett gl�nzte. �Fand ihn beim Herumschn�ffeln. Dachte, wir sollten ihn mitbringen.�</p><p>�Warum?� brummte Isgrimnur. �Sieht nach nichts anderem als einem Leichenfledderer aus.�</p><p>Einskaldir zuckte die Achseln. Sein Begleiter, der blondhaarige Sludig, grinste: <emphasis>Seine</emphasis> Idee war es nicht gewesen.</p><p>�Keine H�user in der N�he. In der Abtei haben wir keinen Jungen gesehen. Woher ist er gekommen?� Einskaldir schnitt sich mit dem Messer ein weiteres St�ck ab. �Als wir ihn packten, schrie er nach jemandem. Klang wie �Bennah� oder �Binnock�, kann's nicht genau sagen.�</p><p>Isgrimnur wandte sich ab, um einen kurzen Blick auf Hoves Leichnam zu werfen, den man auf einen Mantel gebettet hatte. Er war ein Verwandter gewesen, Vetter der Frau seines Sohnes Isorn � kein naher Verwandter, aber nach den Br�uchen des kalten Nordens nahe genug f�r Isgrimnur, um einen schmerzhaften Stich von Reue zu empfinden, als er auf das schneeblasse Gesicht des jungen Mannes mit dem d�nnen gelben Bart starrte.</p><p>Dann drehte er sich zu dem Gefangenen um, der noch immer an den H�nden gefesselt war. Man hatte ihn vom Pferd gehoben und an einen Felsen gesetzt. Der Junge z�hlte nur ein paar Jahre weniger als Hove. Er war mager, aber drahtig, und der Anblick seines sommersprossigen Gesichtes und des r�tlichen Haarschopfes weckten in Isgrimnur eine schwache Erinnerung. Aber es wollte ihm nichts dazu einfallen. Der Junge war von dem Hieb, den Einskaldir ihm gegeben hatte, noch immer bet�ubt. Er hatte die Augen geschlossen, der Mund hing schlaff.</p><p><emphasis>Sieht aus wie jeder arme Bauernt�lpel</emphasis>, dachte der Herzog, <emphasis>au�er den Stiefeln � und ich wette, die hat er in der Abtei gefunden. Warum im Namen von Memurs Quell hat Einskaldir ihn hergeschleppt? Was soll ich mit ihm anfangen? Ihn t�ten? Ihn behalten? Ihn hierlassen, damit er verhungert?</emphasis></p><p>�Wir wollen Steine suchen gehen�, sagte der Herzog endlich. �Hove wird einen H�gel brauchen � die Gegend sieht mir nach W�lfen aus.�</p><empty-line/><p>Es war Nacht geworden; die Felsgruppen, die �ber die verlassene Ebene am Fu� des Weidhelms verstreut lagen, bildeten nur Klumpen dichteren Schattens. Man hatte das Feuer hoch aufgesch�rt, und die M�nner lauschten Sludig, der ein unanst�ndiges Lied sang. Isgrimnur wu�te nur zu gut, warum M�nner, deren Blut geflossen war und die einen der Ihren verloren hatten � Hoves unauff�lliger Steinhaufen war einer der Schattenklumpen jenseits des Feuerscheines �, den Drang f�hlten, sich auf so t�richte Weise zu belustigen. Wie er selbst vor Monaten gesagt hatte, als er K�nig Elias an seiner Tafel gegen�berstand, lagen Ger�chte in der Luft, die den Menschen angst machten. Hier auf der offenen Ebene, mehr erdr�ckt als besch�tzt von den d�ster aufragenden Bergen, lie�en sich Dinge, die man sich auf dem Hochhorst oder in Erchester als Geschichten von Reisenden, als Geisterm�rchen zur Belebung eines langweiligen Abends anh�rte, nicht ohne weiteres mit einer lachenden Bemerkung abtun. Darum sangen die M�nner, und ihre Stimmen erzeugten einen unmelodischen, aber sehr menschlichen L�rm in der Wildnis der Nacht.</p><p><emphasis>Und einmal ganz abgesehen von irgendwelchen Geistergeschichten, wir sind heute angegriffen worden</emphasis>, dachte Isgrimnur, <emphasis>und ich wei� einfach keinen Grund daf�r. Sie haben auf uns gewartet. Was im Namen des s��en Usires hat das zu bedeuten?</emphasis></p><p>Es war m�glich, da� die R�uber einfach auf die n�chste Gruppe von Reisenden gewartet hatten, die in der Abtei abstieg � aber warum? Wenn sie nur auf Raub und Beute aus waren, wieso pl�nderten sie dann nicht die Abtei selbst, in der es bestimmt zumindest ein paar sch�ne Reliquienk�stchen gab? Und warum warteten sie ausgerechnet in einem Kloster auf zuf�llig des Weges Kommende, an einem Ort, an dem es naturgem�� f�r jede Art von Diebstahl und Raub Zeugen geben mu�te?</p><p><emphasis>Nicht da� noch viele Zeugen �brig sind, verdammte Kerle. Einer vielleicht, wenn sich herausstellt, da� dieser Junge etwas gesehen hat.</emphasis></p><p>Es ergab einfach keinen Sinn. Warten und dann eine Schar Reisender zu �berfallen, die sich selbst in diesen unsicheren Zeiten durchaus als Wachen des K�nigs entpuppen konnten � und sich ja wirklich als bewaffnete, kampferprobte Nordm�nner erwiesen hatten �</p><p>Also mu�te man die M�glichkeit in Betracht ziehen, da� man es tats�chlich auf ihn und seine M�nner abgesehen hatte. Aber warum? Und ebenso wichtig: wer? Isgrimnurs Feinde, allen voran Skali von Kaldskryke, waren ihm wohlbekannt, und keiner der R�uber war als einer von Skalis M�nnern erkannt worden. Au�erdem war Skali l�ngst wieder in Kaldskryke; wie h�tte er erfahren sollen, da� Isgrimnur das faule Leben so t�dlich satt gehabt und um die Sicherheit seines Herzogtums gef�rchtet hatte, da� er sich endlich doch aufgerafft hatte, Elias gegen�berzutreten, um nach einem Wortwechsel die � wenn auch widerwillige � k�nigliche Erlaubnis von ihm zu erhalten, seine M�nner nach Norden zu f�hren?</p><p><emphasis>�Wir brauchen dich hier, Onkel�, hat er zu mir gesagt. Er wu�te, da� ich das schon l�ngst nicht mehr glaubte. Wollte mich nur im Auge behalten, nehme ich an.</emphasis></p><p>Trotzdem hatte Elias bei weitem nicht so heftigen Widerstand geleistet, wie der Herzog bef�rchtet hatte; der Wortwechsel war ihm als blo�e Formsache erschienen, als h�tte der junge K�nig vorher gewu�t, da� es zu dieser Auseinandersetzung kommen w�rde, und sich bereits entschieden nachzugeben.</p><p>Zornig �ber seine Gedanken, die sich st�ndig im Kreise drehten, wollte Isgrimnur gerade aufstehen und zu seinen Schlafdecken gehen, als Frekke zu ihm trat. Das Feuer im R�cken des alten Soldaten verwandelte ihn in einen hageren, schwankenden Schatten. �Einen Augenblick, herzogliche Gnaden?�</p><p>Isgrimnur unterdr�ckte ein Grinsen. Der alte Bastard mu�te betrunken sein. So f�rmlich dr�ckte er sich nur aus, wenn er einen in der Krone hatte.</p><p>�Ja?�</p><p>�Es ist der Junge, Gebieter, den Einskaldir mitgebracht hat. Er ist wach. Dachte, vielleicht wollten Euer Gnaden ein wenig mit ihm plaudern.� Er torkelte leicht, machte aber schnell eine Geb�rde daraus, als wollte er sich die Hosen hochziehen.</p><p>�Na ja, vielleicht sollte ich das.� Der Wind wehte st�rker. Isgrimnur zog sein Wams enger um sich und wollte sich eben umdrehen, als er noch einmal innehielt. �Frekke?�</p><p>�Herzogliche Gnaden.�</p><p>�Hab die verdammte Schnitzerei ins Feuer geworfen.�</p><p>�Das hab ich mir gedacht, Gebieter.�</p><p>Als Frekke auf dem Absatz kehrt machte, um sich zu seinem Bierkrug zur�ckzuverf�gen, war Isgrimnur sicher, da� der alte Mann ein ganz kleines L�cheln auf den Lippen hatte.</p><p>Ach was, verdammt sollte er sein, er und sein Holz.</p><empty-line/><p>Der Junge hatte sich aufgesetzt und nagte das Fleisch von einem Knochen. Neben ihm auf einem Felsblock hockte Einskaldir und machte einen t�uschend entspannten Eindruck � Isgrimnur hatte noch <emphasis>nie</emphasis> gesehen, da� der Mann sich wirklich entspannte. Der Feuerschein reichte nicht bis zu Einskaldirs tiefliegendem Blick, aber als der Junge aufschaute, war er gro��ugig wie ein am Waldteich �berraschter Hirsch.</p><p>Als der Herzog n�her kam, h�rte der Junge auf zu kauen und musterte Isgrimnur einen Augenblick argw�hnisch mit halbge�ffnetem Mund. Dann aber sah Isgrimnur selbst im schwachen Gl�hen des Feuers, wie etwas �ber das Gesicht des Jungen ging � war es Erleichterung? Isgrimnur wurde unruhig. Er hatte trotz Einskaldirs Verdacht � der Mann war vor lauter Mi�trauen stachlig wie ein Igel � erwartet, einen ver�ngstigten Bauernjungen vorzufinden, verschreckt oder zumindest voll dumpfer Furcht. Dieser hier sah zwar wie ein Bauer aus, der in zerlumpte Kleider geh�llte Sohn eines unwissenden K�tners, schmutzig am ganzen Leib, aber es lag eine gewisse Wachheit in seinem Blick, die den Herzog veranla�te, sich zu fragen, ob Einskaldir nicht doch recht gehabt hatte.</p><p>�Also, Junge�, sagte er grob in der Westerlingsprache, �was hattest du vor, als du da in der Abtei herumgestochert hast?�</p><p><emphasis>�Ich glaube, ich werde ihm jetzt den Hals abschneiden�,</emphasis> bemerkte Einskaldir in Rimmerspakk, und sein freundlicher Tonfall stand in schrecklichem Gegensatz zu den Worten. Isgrimnur warf ihm einen finsteren Blick zu und fragte sich, ob der Mann den Verstand verloren hatte, begriff dann aber, als der Junge weiter ohne besondere Furcht zu ihm aufsah, da� Einskaldir nur festzustellen versucht hatte, ob der Junge ihre Sprache verstand.</p><p><emphasis>Wenn er es tut, hat er wohl den k�hlsten Kopf, den ich je gesehen habe,</emphasis> dachte Isgrimnur. Nein, das war von der Einbildungskraft zuviel verlangt, sich vorzustellen, da� ein Junge dieses Alters mitten in einem Lager bewaffneter Fremder Einskaldirs eiskalte Worte verstanden haben sollte, ohne darauf irgendeine Reaktion zu zeigen.</p><p>�Er versteht nicht�, sagte der Herzog in ihrer Rimmersgard-Sprache zu seinem Lehnsmann. �Aber er ist erstaunlich ruhig, nicht wahr?� Einskaldir grunzte zustimmend und kratzte sich durch den dunklen Bart das Kinn.</p><p>�Also, Junge�, begann der Herzog von neuem. �Ich habe dich schon einmal gefragt. Sprich! Was hat dich zu der Abtei gef�hrt?�</p><p>Der Junge senkte den Blick und legte den Knochen, an dem er genagt hatte, auf den Boden. Wieder f�hlte Isgrimnur, wie etwas an seinem Ged�chtnis zupfte, aber immer noch konnte er sich nicht erinnern.</p><p>�Ich habe � ich suchte � ein Paar neue Schuhe zum Anziehen.� Der Junge deutete auf seine sauberen, gepflegten Stiefel. Der Herzog erkannte ihn an der Aussprache als Erkynl�nder und noch etwas anderes � aber was?</p><p>�Und wie ich sehe, hast du welche gefunden.� Der Herzog hockte sich nieder, so da� sie Auge in Auge waren. �Wei�t du, da� man <emphasis>geh�ngt</emphasis> werden kann, wenn man die unbegrabenen Toten bestiehlt?�</p><p>Endlich eine befriedigende Reaktion! Das Zusammenzucken des Jungen bei dieser Drohung konnte nicht vorget�uscht sein, davon war Isgrimnur �berzeugt. Gut!</p><p>�Es tut mir leid � Herr. Ich habe es nicht b�se gemeint. Ich war hungrig vom Laufen, und meine F��e taten weh��</p><p>�Vom Laufen woher?� Jetzt hatte er es: Der Junge dr�ckte sich zu gewandt aus f�r ein Holzf�llerbalg. Er mu�te ein Priestersch�ler oder der Sohn eines Ladenbesitzers oder etwas in dieser Richtung sein.</p><p>Einen Moment lang hielt der Junge Isgrimnurs Blick stand; wieder hatte der Herzog das Gef�hl, der Junge berechne etwas. War er vielleicht aus einer Priesterschule entlaufen oder aus einem Kloster? Was verbarg er?</p><p>�Ich � ich habe meinen Meister verlassen, Herr. Meine Eltern � meine Eltern haben mich als Lehrling zu einem Wachszieher gegeben. Er schlug mich.�</p><p>�Was f�r ein Wachszieher? Wo? Schnell!�</p><p>�Mo � Malachias! In Erchester!�</p><p><emphasis>Es klingt vern�nftig, gro�enteils,</emphasis> entschied der Herzog. <emphasis>Bis auf zwei Einzelheiten.</emphasis></p><p>�Und was tust du dann hier? Wie kamst du nach Sankt Hoderund? Und wer�, jetzt stie� Isgrimnur zu, �ist <emphasis>Bennah?�</emphasis></p><p>�Bennah?�</p><p>Einskaldir, der mit halbgeschlossenen Augen zugeh�rt hatte, beugte sich vor. <emphasis>�Er wei� es, Herzog�,</emphasis> sagte er in Rimmerspakk, <emphasis>�er hat �Bennah� oder �Binnock� gerufen, das steht fest.�</emphasis></p><p>�Oder <emphasis>Binnock</emphasis>?� Isgrimnur lie� eine breite Hand auf die Schulter des Gefangenen fallen und empfand nur geringes Bedauern, als der Junge zusammenzuckte.</p><p>�Binnock? Ach so, Binnock � das ist mein Hund, Herr. Eigentlich geh�rt er meinem Meister. Er ist auch weggelaufen.� Und der Junge l�chelte sogar, ein schiefes Grinsen, das er schnell wieder unterdr�ckte. Obwohl er ihm noch nicht recht traute, stellte der alte Herzog fest, da� ihm der Junge gefiel.</p><p>�Ich will nach Naglimund, Herr�, fuhr dieser rasch fort. �Ich hatte geh�rt, die Abtei w�rde Reisenden wie mir zu essen geben. Als ich die � Leichen sah, die toten M�nner, bekam ich Angst � aber ich brauchte Stiefel, Herr, ich brauchte wirklich welche. Diese M�nche waren gute �doniter, Herr � es h�tte ihnen nichts ausgemacht, nicht wahr?�</p><p>�Naglimund?� Die Augen des Herzogs wurden schmaler, und er sp�rte, da� Einskaldir neben dem Jungen noch etwas angespannter wurde, soweit das �berhaupt ging. �Wieso Naglimund? Warum nicht Stanshire oder das Hasutal?�</p><p>�Ich habe einen Freund dort.� Hinter Isgrimnur wurde Sludigs Stimme lauter und gr�lte aus vollem Hals einen abschlie�enden trunkenen Kehrreim. Der Junge machte eine Handbewegung nach dem Feuerkreis hin�ber. �Er ist ein Harfner, Herr. Er hat mir gesagt, falls ich einmal von � Malachias weglaufen w�rde, sollte ich zu ihm kommen, und er w�rde mir helfen.�</p><p>�Ein Harfner? In Naglimund?� Isgrimnur starrte ihn durchbohrend an, aber das Gesicht des Jungen, obzwar im Schatten, war unschuldig wie frische Sahne. Isgrimnur war die ganze Sache pl�tzlich zuwider. <emphasis>Schaut mich an! Verh�re einen Wachszieherjungen, als ob er ganz allein den Hinterhalt in der Abtei befehligt h�tte. Was f�r ein verdammter Tag heute!</emphasis></p><p>Einskaldir war noch nicht zufrieden. Er n�herte sein Gesicht dem Ohr des Jungen und fragte in seinem schweren Akzent: �Wie hei�t der Harfner in Naglimund?�</p><p>Der Junge drehte sich erschreckt um, wenn auch anscheinend mehr durch Einskaldirs pl�tzliche N�he als durch die Frage, denn er antwortete sofort:</p><p>�Sangfugol.�</p><p>�Bei Frayas Zitzen!� fluchte Isgrimnur und stand schwerf�llig auf. �Den kenne ich. Das reicht. Ich glaube dir, Junge.� Einskaldir hatte sich auf seinem Felsensitz umgedreht, um den M�nnern zuzusehen, die lachend und debattierend am Feuer sa�en. �Du kannst bei uns bleiben, wenn du willst, Junge�, sagte der Herzog. �Wir werden in Naglimund haltmachen, und dank diesen Hurens�hnen von Bastarden haben wir ein reiterloses Pferd. Dies ist ein hartes Land f�r einen jungen Burschen, der es allein durchquert, und heutzutage bedeutet es schon beinahe, sich selber die Kehle durchzuschneiden, wenn man nicht in Gesellschaft reist. Hier.� Er trat zu einem der Pferde und zog eine Satteldecke herunter, die er dem Jungen zuwarf. �Schlaf, wo du willst, nur bleib in der N�he. Es ist leichter f�r den Mann, der Posten steht, wenn wir nicht �berall herumliegen wie eine verstreute Schafherde.�</p><p>Isgrimnur starrte auf das Distelflaumhaar, das wirr nach allen Seiten stand, und die hellen Augen. �Einskaldir hat dir zu essen gegeben. Brauchst du noch etwas?� Der Junge blinzelte � wo hatte er ihn schon gesehen? Wahrscheinlich in der Stadt.</p><p>�Nein�, antwortete er. �Ich hoffe nur, da� � da� Binnock sich ohne mich nicht verl�uft.�</p><p>�Verla� dich auf mich, Junge. Wenn er dich nicht findet, dann jemand anderen, das ist ganz bestimmt so.�</p><p>Einskaldir hatte sich bereits entfernt. Nun stampfte auch der Herzog davon. Simon rollte sich in die Decke und legte sich vor dem Felsen nieder.</p><empty-line/><p><emphasis>Ich habe die Sterne schon eine ganze Weile nicht mehr richtig gesehen,</emphasis> �berlegte Simon und schaute aus seiner Decke nach oben. Die hellen Spitzen schienen in der Luft zu h�ngen wie erstarrte Gl�hw�rmchen. <emphasis>Es ist etwas anderes hier drau�en, als wenn man durch die B�ume sieht � als l�ge man auf einer Tischplatte.</emphasis></p><p>Er dachte an Seddas Decke, und dabei fiel ihm wieder Binabik ein. <emphasis>Ich hoffe nur, er ist in Sicherheit � aber er hat mich den Rimmersm�nnern �berlassen.</emphasis></p><p>Es war ein gl�cklicher Zufall gewesen, da� es Herzog Isgrimnur war, in dessen Gefangenschaft er geraten war, aber trotzdem hatte es Augenblicke puren Entsetzens gegeben, als er im Lager zu sich gekommen war, umgeben von hart aussehenden, b�rtigen M�nnern. Vermutlich konnte er es dem Troll nicht einmal �belnehmen, da� er sich davongemacht hatte � wenn er �berhaupt gesehen hatte, da� Simon entf�hrt worden war, und er kannte ja schlie�lich die Abneigung zwischen Binabiks Volk und den Rimmersm�nnern. Trotzdem tat es weh, auf diese Art einen Freund zu verlieren. Er w�rde h�rter werden m�ssen: Gerade erst hatte er angefangen, sich auf den kleinen Mann zu verlassen, damit er ihm sagte, was richtig und zu tun war, so wie er einst gebannt Doktor Morgenes gelauscht hatte. Nun, er hatte seine Lektion gelernt: Von nun an w�rde er sein eigener Herr sein, nur auf sich selbst h�ren und seinen Weg gehen.</p><p>Eigentlich hatte er Isgrimnur sein wahres Ziel nicht nennen wollen, aber der Herzog war scharfsinnig, und Simon hatte mehrmals das Gef�hl gehabt, der alte Soldat w�ge ihn auf Messers Schneide � ein falscher Schritt, und er w�re abgest�rzt.</p><p><emphasis>Au�erdem, dieser Dunkle, der die ganze Zeit neben mir sa�, sah aus, als w�rde er mir liebend gern den Hals umdrehen, wie er vielleicht ein K�tzchen ertr�nkt, wenn er Lust dazu hat.</emphasis></p><p>Darum hatte er dem Herzog, soweit es ohne Nachteil m�glich war, die Wahrheit erz�hlt und damit auch Erfolg gehabt. Nunmehr stellte sich die Frage, was er weiter unternehmen sollte. Bei den Rimmersm�nnern bleiben? Es schien t�richt, es nicht zu tun, aber dennoch � Simon war sich immer noch nicht ganz sicher, auf wessen Seite der Herzog eigentlich stand. Isgrimnur wollte nach Naglimund, aber was war, wenn er dort Josua verhaftete? Alle Leute auf dem Hochhorst hatten dauernd davon geredet, wie treu Isgrimnur dem alten K�nig Johan gewesen war, wie er den K�nigsfrieden h�her hielt als sein eigenes Leben. Wie stand er zu Elias?</p><p>Unter keinen Umst�nden wollte Simon davon erz�hlen, welche Rolle er bei Josuas Flucht aus dem Hochhorst gespielt hatte; aber manchmal rutschte einem eben doch etwas heraus. Simon starb vor Neugier nach Neuigkeiten aus der Burg, nach dem, was nach Morgenes' letztem Schachzug geschehen war � hatte Pryrates �berlebt? Inch? Was hatte Elias den Leuten �ber den Vorfall erz�hlt? Aber es waren genau diese Fragen, so listig man sie auch stellen mochte, die einen in Teufels K�che bringen konnten.</p><p>Simon war zu aufgedreht zum Schlafen. Er blickte zu den verstreuten Sternen auf und dachte an die Knochen, die er Binabik morgens hatte werfen sehen. Der Wind strich �ber sein Gesicht, und auf einmal waren die Sterne selbst wie Knochen � in wildem Durcheinander �ber das dunkle Feld des Himmels verteilt. Einsam war es hier drau�en unter lauter Fremden, unter der grenzenlosen Nacht. Er sehnte sich nach seinem gem�tlichen Bett in der Dienstbotenunterkunft, nach den Tagen, bevor all diese Dinge geschehen waren. Seine Sehnsucht war wie die durchdringende Musik von Binabiks Fl�te: ein k�hler Schmerz, der dennoch das einzige Ding auf der weiten, weiten Welt war, an das er sich klammern konnte.</p><empty-line/><p>Er war ein wenig eingenickt, als das Ger�usch ihn weckte. Sein Herz klopfte. Noch immer brannten die Sterne tief in der Schw�rze. J�he Panik schn�rte ihm die Kehle zu, als eine dunkle, unbegreiflich hohe Gestalt vor ihm aufragte. Wo war der Mond?</p><p>Eine Sekunde sp�ter erkannte er, da� es nur der Wachtposten war, der mit dem R�cken zu Simons Decke einen Augenblick stehengeblieben war. Der Posten hatte sich seine eigene Satteldecke um die Schultern geschlungen, so da� die runde Oberseite seines helmlosen Kopfes aus den Falten herausschaute.</p><p>Der W�chter ging, ohne nach unten zu sehen, vor�ber. In seinem breiten G�rtel steckte eine Axt, eine b�sartig, scharfe, schwere Waffe. Au�erdem trug er einen Speer, der l�nger als er selber war; das hintere Ende schleifte im Staub, w�hrend der Rimmersmann seine Runden machte.</p><p>Simon wickelte sich fester in die Decke und duckte sich vor dem scharfen Wind, der �ber die Ebene wehte. Der Himmel hatte sich ver�ndert: Wo er zuvor klar gewesen war, so da� sich die Sterne in strahlender Sch�rfe von seiner unergr�ndlichen Schw�rze abgehoben hatten, tr�bten ihn jetzt Wolkenb�nder, milchige F�hler aus dem Norden, die wie Finger nach ihm griffen. Auf der anderen Seite des Himmels hatten sie die am tiefsten stehenden Sterne schon zugedeckt � wie Sand, den man �ber die Kohlenglut eines Feuers sch�ttet. <emphasis>Vielleicht f�ngt Sedda heute nacht ihren Gatten,</emphasis> dachte Simon schl�frig.</p><empty-line/><p>Als er das zweite Mal erwachte, spritzte ihm Wasser in Augen und Nase. Er schnappte nach Luft und ri� die Lider auf. Die Sterne �ber ihm waren so s�uberlich ausgel�scht, als sei der Deckel auf eine Juwelentruhe gefallen. Es regnete; die Wolken standen jetzt genau �ber ihm. Simon brummte, wischte sich das Wasser vom Gesicht und drehte sich auf die Seite. Die Decke zog er sich wie eine Kapuze �ber den Kopf. Ein St�ckchen weiter entfernt, konnte er auch den Posten wieder sehen, der sein Gesicht mit der Hand sch�tzte und in den Regen hinaufstarrte.</p><p>Gerade wollten Simon die Augen wieder zufallen, als der Mann einen merkw�rdigen, �chzenden Laut von sich gab und den Kopf senkte, um auf den Boden zu schauen. Etwas in seiner Haltung, etwas, das den Anschein erweckte, als ringe er mit jemanden, obwohl er so unbeweglich stand wie ein Felsblock, veranla�te Simon, genauer hinzusehen. Der Regen begann in Str�men zu flie�en, und in der Ferne grollte der Donner. Simon strengte sich an, in dem brodelnden Wolkenbruch den Posten zu erkennen. Der Mann stand immer noch am selben Fleck, aber jetzt entstand zu seinen F��en eine Bewegung, etwas, das sich regte und damit aus der allgemeinen Schw�rze herausgel�st hatte. Simon setzte sich auf. Ringsum klatschten und spritzten die Regentropfen auf die Erde.</p><p>J�h erhellte ein Lichtblitz die Nacht und lie� die Felsen grell aufleuchten wie die bemalten Holzkulissen eines Usires-Spieles. Das ganze Lager war deutlich zu erkennen � die dampfenden �berreste des Feuers, die zusammengerollten schlafenden Gestalten der Rimmersm�nner �, aber was Simon in jenem Bruchteil einer Sekunde ins Auge sprang, war der Posten, dessen Gesicht zu einer grauenerregenden, stummen Maske totalen Entsetzens verzerrt war.</p><p>Donner krachte, dann wurde der Himmel aufs neue von Blitzen erf�llt. Die Erde um den Posten herum kochte, warf gro�e Sandblasen auf. Simons Herz machte einen Satz in seiner Brust, als der Mann in die Knie sank. Wieder rollte der Donner; dreimal hintereinander blitzte es auf. Noch immer spr�hte die Erde wie ein Springbrunnen, aber jetzt waren �berall H�nde und lange d�nne Arme, die bl��lich im Regen glitzerten, als sie sich am K�rper des knienden Mannes hinauftasteten und ihn hinunterzerrten, kopf�ber in das schwarze Erdreich. Im grellen Himmelslicht brandete eine neue, noch gr��ere Welle an, eine Horde dunkler Wesen, die aus der Erde hervorquoll, d�rre, zerlumpte Gesch�pfe mit fuchtelnden Armen, wei�en, glotzenden Augen, � gr��lich klar, als der Blitz �ber den Himmel zuckte und der Regen herunterzischte � verfilzten B�rten und Kleiderfetzen. Als der Donner nachlie�, schrie Simon laut auf, verschluckte sich am Wasser, schrie wieder.</p><p>Es war schlimmer als jede H�llenvision. Die Rimmersm�nner, aufgeschreckt von Simons Entsetzensschrei, wurden auf allen Seiten von h�pfenden, auf sie einschlagenden K�rpern angegriffen. Die Wesen schw�rmten aus dem Boden wie Ratten � und wirklich, w�hrend sie durch das Lager huschten, war die Luft von d�nnen, wimmernden Qu�klauten erf�llt, die nach Tunneln und Blindheit und feiger Bosheit klangen.</p><p>Einer der Nordm�nner stand aufrecht, �ber und �ber von den Wesen bedeckt. Keines von ihnen war auch nur so gro� wie Binabik, aber ihre Zahl war gewaltig, und noch w�hrend der Nordmann das Schwert zog, rissen sie ihn nieder. Simon glaubte das Aufblitzen scharfer Gegenst�nde in ihren H�nden zu sehen, die sich hoben und senkten.</p><p><emphasis>�Vaer! Vaer Bukken!�</emphasis> br�llte ein Rimmersmann von der anderen Seite des Lagers. Die M�nner waren jetzt alle auf den Beinen, und wenn es blitzte, konnte Simon das bleiche Feuer ihrer Schwerter und �xte sehen. Er trat mit den F��en die Decke fort und sprang auf, wobei er sich verzweifelt nach einer Waffe umblickte. Die Wesen waren �berall, auf ihren d�nnen Beinen staksig wie Insekten, laut rufend, d�nne Schreie aussto�end, wenn die Axt eines Rimmersmannes zubi�. Ihre Schreie klangen fast wie eine Sprache, und das war mitten in diesem Alptraum beinahe das Grauenhafteste.</p><p>Simon duckte sich hinter den Felsen, der ihm Schutz gew�hrt hatte, drehte sich im Kreis und suchte fieberhaft nach etwas, mit dem er sich verteidigen k�nnte. Eine Gestalt rannte auf ihn zu, nur um einen Schritt vor ihm zu Boden zu taumeln � einer der Nordm�nner, das halbe Gesicht eine feuchte Masse. Simon sprang vor, um die Axt aus seiner verkrampften Hand zu rei�en; der Mann, noch nicht tot, gurgelte, als der Junge ihm die Waffe wegzerrte. Eine Sekunde sp�ter sp�rte Simon einen knochigen Griff am Knie und fuhr herum. Hinter der Greifkralle gewahrte er ein gr��liches kleines, menschen�hnliches Gesicht mit wei�lich starrenden Augen. Er schwang die Axt danach, so hart er konnte, und h�rte ein Knirschen wie von einem zertretenen K�fer. Die steifen Finger l�sten sich, und Simon sprang zur Seite. Er w�rgte.</p><p>Das Licht vom Himmel wechselte zwischen Aufbl�hen und Vergehen, so da� es so gut wie unm�glich war festzustellen, was sich abspielte. Die schwankenden Gestalten der Rimmersm�nner standen �berall, aber die Menge der h�pfenden, pfeifenden D�monen war viel gr��er. Anscheinend war der beste Ort �</p><p>Ohne Warnung wurde Simon umgeworfen. Eine Greifpfote krallte sich um seinen Nacken. Er f�hlte, wie sein Gesicht seitlich in den Schlamm gedr�ckt wurde, schmeckte ihn, b�umte sich auf gegen das Ding auf seinem R�cken. Eine grobe Klinge sauste an ihm vorbei und bohrte sich mit saugendem Ger�usch in die Erde. Simon k�mpfte sich auf die Knie, aber eine zweite Hand griff ihm ins Gesicht und hielt ihm die Augen zu. Sie stank nach Schlamm und fauligem Wasser, und die Finger wanden sich wie Nachtkriecher. <emphasis>Wo ist die Axt? Ich habe die Axt fallenlassen!</emphasis></p><p>Wacklig kam er auf die F��e, die Beine auf dem schl�pfrigen Boden weit gespreizt, und versuchte, die klammernden Finger von seiner Luftr�hre wegzurei�en. Er stolperte vorw�rts und w�re um ein Haar wieder gefallen. Es gelang ihm nicht, das schreckliche, w�rgende Wesen von seinem R�cken abzustreifen. Die Knochenhand schnitt ihm die Luft ab, die spitzen Knie bohrten sich in seine Rippen; ihm war, als h�rte er das klebrige Gesch�pf triumphierend qu�ken. Er schaffte noch ein paar Schritte, ehe er in die Knie sank; der L�rm der Schlacht hinter ihm wurde leiser. In seinen Ohren dr�hnte es; aus seinen Armen und dem K�rper rann die Kraft wie Mehl aus einem zerrissenen Sack.</p><p><emphasis>Ich sterbe</emphasis> � mehr konnte er nicht denken. Vor seinen Augen war nur noch ein stumpfes rotes Licht.</p><p>Dann war der schn�rende, kratzende Griff um seine Kehle pl�tzlich weg. Simon sackte schwer auf Brust und Gesicht und lag keuchend da.</p><p>Schnaufend blickte er auf. Von einem flachen Blitz auf den schwarzen Himmel gemalt, zeichnete sich ein Umri� des Wahnsinns ab: ein kleiner Mann auf einem Wolf.</p><p><emphasis>Binabik!</emphasis></p><p>Simon sog Luft in seinen zerfetzten Hals und wollte sich aufrichten, schaffte es aber nur bis zu den Ellenbogen, bevor der kleine Mann an seiner Seite war. Einen Schritt weiter lag der K�rper des Erdwesens, zusammengekr�mmt wie eine versengte Spinne, die blinden Augen himmelw�rts gerichtet.</p><p>�Sag nichts!� zischte Binabik. �Wir m�ssen fort! Schnell!� Er half Simon in eine sitzende Stellung, aber der Junge winkte ihm, sich zu entfernen, schlug mit s�uglingsschwachen H�nden auf den Troll ein.</p><p>�Mu� � mu߅� Simon deutete mit zitternder Hand nach dem Chaos, das kaum zwanzig Schritte entfernt im Lager tobte.</p><p>�L�cherlich!� schnappte Binabik. �Die Rimmersm�nner k�nnen sich selber wehren. Meine Pflicht ist es, dich in Sicherheit zu bringen. Nun komm!�</p><p>�Nein�, beharrte Simon verbissen. Binabik hielt seinen hohlen Stab in der Hand; der Junge begriff, was seinen Angreifer �berw�ltigt hatte. �Wir m-m�ssen ihnen � h-helfen.�</p><p>�Sie werden es �berleben�, erkl�rte Binabik grimmig. Qantaqa war ihrem Herrn gefolgt und schn�ffelte jetzt besorgt an Simons Wunde. �Ich bin f�r dich verantwortlich.�</p><p>�Was meinst du��, begann Simon, als Qantaqa zu grollen anfing; ein tiefer, bedrohlicher Laut der Unruhe.</p><p>Binabik sah auf. �Tochter der Berge!� st�hnte er. Simon folgte seinem Blick.</p><p>Ein Klumpen der tieferen Dunkelheit hatte sich aus dem wirbelnden Get�mmel gel�st und bewegte sich rasch auf sie zu. Man konnte schlecht sagen, wie viele der Wesen das h�pfende Gewirr aus Armen und Augen enthalten mochte, aber es waren mehr als nur einige.</p><p>�<emphasis>Nihut</emphasis>, Qantaqa!� schrie Binabik. Sofort sprang die W�lfin auf sie zu; sie qu�kten in pfeifendem Entsetzen, als das gro�e Tier �ber sie kam.</p><p>�Wir haben keine Zeit mehr zu vergeuden, Simon�, fauchte der Troll. Donner krachte �ber die Ebene, als er das Messer aus dem G�rtel ri� und Simon in die H�he zerrte. �Die M�nner des Herzogs halten jetzt stand, aber ich habe keine M�glichkeit zu vermeiden, da� du in diesem letzten Ringen get�tet wirst.�</p><p>Inmitten der Erdgr�ber stand Qantaqa, eine graupelzige Todesmaschine. Ihre gewaltigen Kiefer bissen zu, sie sch�ttelte sich und bi� von neuem um sich; d�nne schwarze K�rper wurden nach allen Seiten geschleudert und st�rzten in vernichteten Haufen �bereinander. Weitere str�mten heran, w�hrend das Knurren der W�lfin das Tosen des Sturms �bert�nte.</p><p>�Aber � aber�� Simon blieb stehen, als Binabik zu seinem Reittier gehen wollte.</p><p>�Es war mein festes Versprechen, dich zu sch�tzen�, erkl�rte Binabik und zog ihn mit sich fort. �So lautete Doktor Morgenes' Wunsch.�</p><p>�Doktor � du kennst Doktor Morgenes?�</p><p>Simon starrte ihn mit bebendem Mund an. Binabik blieb stehen und pfiff zweimal. Mit einem letzten verz�ckten Schauder sch�ttelte Qantaqa zwei der Wesen zur Seite und sprang zu ihrem Herrn zur�ck.</p><p>�Nun lauf, n�rrischer Junge!� rief Binabik. Sie rannten, Qantaqa voran � in gro�en S�tzen wie ein Hirsch, die Schnauze schwarz von Blut �, Binabik hinterher. Als letzter kam Simon, stolpernd und taumelnd �ber die schlammige Ebene, und der Sturm schrie Fragen, auf die es keine Antwort gab.</p></section><section><title><p>XXII</p><p>Ein Wind von Norden</p></title><p>�Nein, ich brauche verdammt noch mal gar nichts!� Guthwulf, Graf von Utanyeat, spuckte Citrilsaft auf den Steinfu�boden, und der Page huschte mit weitaufgerissenen Augen eilig aus dem Zimmer. Guthwulf sah ihm nach und bereute seine �bereilten Worte � nicht, weil ihm der Junge leid getan h�tte, sondern weil ihm pl�tzlich eingefallen war, da� er vielleicht doch etwas brauchte. Schon fast eine Stunde wartete er vor dem Thronsaal, ohne da� er einen Tropfen zum Trinken gehabt h�tte, und �don allein wu�te, wie lange er hier noch herumsitzen und vor sich hin modern mu�te.</p><p>Wieder spie er aus. Der scharfe Citril brannte auf Zunge und Lippen. Fluchend wischte er sich einen Speichelfaden vom langen Kinn. Im Gegensatz zu einem Gro�teil der M�nner, die er befehligte, hatte Guthwulf nicht die Angewohnheit, st�ndig ein St�ck der bitteren Wurzel aus dem S�den in der Backentasche zu tragen, aber in diesem unheimlichen, feuchten Fr�hling, in dem er sich tagelang auf dem Hochhorst eingesperrt fand und darauf wartete, da� der K�nig einen Auftrag f�r ihn hatte, war ihm jede Ablenkung, und sei es auch nur die eines verbrannten Gaumens, willkommen.</p><p>Au�erdem kam es ihm vor � was zweifellos an der feuchten Witterung lag �, als r�chen die Hallen des Hochhorsts nach Schimmel, Schimmel und � nein, Verwesung war ein zu �berspannter Ausdruck. Jedenfalls schien das starke Citrilaroma dagegen zu helfen.</p><p>Gerade hatte sich Guthwulf erhoben und seinen Stuhl verlassen, um das ohnm�chtig-grimmige Hin- und Herwandern wieder aufzunehmen, mit dem er den gr��ten Teil der Wartezeit verbracht hatte, als die Thronsaalt�r knarrte und nach innen schwang. In der �ffnung erschien Pryrates' plumper Kopf mit den schwarzen Augen, flach und gl�nzend wie bei einer Echse.</p><p>�Ah, guter Utanyeat!� Pryrates zeigte sein Gebi�. �Wie lange wir Euch warten lie�en. Der K�nig ist jetzt bereit, Euch zu empfangen.� Der Priester zog die T�r weiter nach innen, so da� sein Scharlachgewand und ein St�ck der hohen Halle hinter ihm sichtbar wurden. �Bitte�, sagte er.</p><p>Beim Eintreten mu�te Guthwulf sehr dicht an Pryrates vorbei. Er zog die Brust ein, um die Ber�hrung m�glichst fl�chtig zu halten. Warum stellte sich der Mann so eng neben ihn? Wollte er Guthwulf �rgern � zwischen der <emphasis>Hand des K�nigs</emphasis> und dem k�niglichen Ratgeber herrschte keinerlei Zuneigung �, oder versuchte er, die T�r so gut wie m�glich geschlossen zu halten? Die Burg war kalt in diesem Fr�hjahr, und wenn jemand ein wenig W�rme verdient hatte, dann Elias. Vielleicht wollte Pryrates nur keine K�lte in den weitl�ufigen Thronsaal lassen.</p><p>Nun, wenn das seine Absicht war, hatte er vollst�ndig versagt. Kaum hatte Guthwulf die Schwelle �berschritten und die T�r im R�cken, als er f�hlte, wie sich kalte Luft auf ihn herabsenkte und die Haut seiner kr�ftigen Arme in G�nsehaut verwandelte. Er warf einen Blick hinter den Thron und bemerkte, da� mehrere der Oberlichte offenstanden, mit St�cken festgeklemmt. Die kalte Nordluft, die von dort hereindrang, zerrte an den Flammen der Fackeln und lie� sie in ihren Glutpfannen tanzen.</p><p>�Guthwulf!� dr�hnte Elias und erhob sich halb von seinem Sessel aus vergilbten Knochen. �ber seiner Schulter grinste der gewaltige Drachensch�del. �Ich sch�me mich, da� ich dich warten lie�. Komm n�her!�</p><p>Guthwulf schritt �ber den fliesenbelegten Mittelgang und gab sich M�he, nicht zu zittern. �Ihr m��t Euch um vieles k�mmern, Majest�t. Das Warten macht mir nichts aus.�</p><p>Elias setzte sich auf seinem Thron zurecht, und der Graf von Utanyeat beugte vor ihm das Knie. Der K�nig trug ein schwarzes, gr�n und silbern besticktes Hemd. Stiefel und Hosen waren ebenfalls schwarz. Hoch auf der bleichen Stirn sa� Fingils eiserne Krone, und in der Scheide an seiner Seite hing das Schwert mit dem seltsam gekreuzten Griff. Seit Wochen hatte man ihn nicht mehr ohne es gesehen, aber Guthwulf hatte keine Ahnung, woher es stammte. Der K�nig hatte nie etwas dar�ber gesagt, und es war etwas Wunderliches und Unheimliches an der Klinge, das Guthwulf am Fragen hinderte.</p><p>�Setz dich.� Elias deutete auf eine Bank, wenige Schritte hinter der Stelle, an der der Graf kniete. �Seit wann macht dir das Warten nichts mehr aus, Wolf? Denk nicht, da� ich blind und dumm geworden bin, nur weil ich jetzt K�nig hei�e.� Elias grinste schief.</p><p>�Ich bin sicher, wenn ihr etwas f�r Eure <emphasis>K�nigliche Hand</emphasis> zu tun habt, werdet Ihr es mir mitteilen.�</p><p>Zwischen Guthwulf und seinem alten Freund Elias hatte sich viel ver�ndert, und der Graf von Utanyeat war dar�ber nicht gl�cklich. Elias war nie verschlossen gewesen, jetzt aber sp�rte Guthwulf gewaltige verborgene Str�mungen unter der Oberfl�che des Allt�glichen, Str�mungen, von denen der K�nig vorgab, da� sie gar nicht existierten. Alles war anders geworden, und Guthwulf wu�te genau, wer daran schuld war. Er schaute �ber Elias' Schulter auf Pryrates, der ihn mit starrem Blick beobachtete. Als ihre Augen sich trafen, hob der rotgekleidete Priester eine haarlose Braue, als wolle er eine sp�ttische Frage stellen.</p><p>Der K�nig rieb sich kurz die Schl�fen. �Du wirst bald Arbeit genug und �bergenug haben, das verspreche ich dir. Ach, mein Kopf. Eine Krone ist wahrlich eine schwere Last, Freund. Manchmal w�nsche ich mir, ich k�nnte sie ablegen und einfach fortgehen, wie wir es fr�her so oft getan haben � als freie Gef�hrten der Stra�e!� Elias wandte sein grimmiges L�cheln von Guthwulf zu seinem Ratgeber. �Priester, mein Kopf schmerzt mich wieder. Bringt mir Wein, ja?�</p><p>�Sofort, Herr.� Pryrates verschwand im Hintergrund des Thronsaales.</p><p>�Wo sind Eure Pagen, Majest�t?� fragte Guthwulf. Der K�nig sah entsetzlich m�de aus, fand er. Auf seinen unrasierten Wangen traten die Stoppeln hervor, schwarz auf der fahlen Haut. �Und warum, mit Verlaub, verkriecht Ihr Euch in diesem Eiskeller? Hier drin ist es kalt wie im schwarzen Arsch des Teufels; au�erdem riecht es nach Schimmel. La�t mich ein Feuer im Kamin anz�nden.�</p><p>�Nein.� Elias bewegte abwehrend die breite Hand. �Ich m�chte es nicht w�rmer haben. Mir ist schon warm genug. Pryrates sagt, es ist nur ein Sch�ttelfrost. Aber was immer es auch sein mag, ich empfinde die kalte Luft als angenehm. Und es weht von �berall kr�ftig herein, so da� man weder Stickigkeit noch �ble Launen f�rchten mu�.�</p><p>Pryrates war mit dem Pokal des K�nigs zur�ckgekommen. Elias leerte ihn in einem Zug und trocknete sich mit dem �rmel die Lippen ab.</p><p>�In der Tat, es weht kr�ftig, Majest�t.� Guthwulf grinste s�uerlich. �Nun, mein K�nig, Ihr � und Pryrates � wi�t es am besten und braucht gewi� nicht den Rat eines schlichten Kriegsmannes. Kann ich Euch auf andere Weise dienen?�</p><p>�Ich denke, du kannst es, obwohl dir die Aufgabe vielleicht nicht sonderlich angenehm sein mag. Doch sag mir erst, ob Graf Fengbald zur�ckgekehrt ist.�</p><p>Guthwulf nickte. �Ich habe heute morgen mit ihm gesprochen, mein K�nig.�</p><p>�Ich habe ihn rufen lassen.� Elias hielt den Becher hin, und Pryrates brachte die Kanne und go� ihm mehr Wein ein. �Aber da du ihn schon gesehen hast, sag mir, ob er gute Nachrichten mitbringt?�</p><p>�Ich f�rchte, nein. Der Spion, den Ihr sucht, Herr, Morgenes' Helfershelfer, ist noch immer auf freiem Fu�.�</p><p>�Gottes Fluch �ber ihn!� Elias rieb eine Stelle neben seiner Augenbraue. �Hat er die Hunde nicht mitgenommen, die ich ihm gab? Und den J�germeister?�</p><p>�Doch Majest�t, und er hat sie weiterjagen lassen. Doch um Fengbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mu� ich sagen, da� Ihr ihm eine fast unl�sbare Aufgabe gestellt habt.�</p><p>Elias' Augen wurden schmal, und sekundenlang hatte Guthwulf das Gef�hl, ein Fremder sitze ihm gegen�ber. Dann brach das Klirren der Kanne gegen den Pokal die Spannung, und Elias lockerte sich. �Nun ja doch�, meinte er, �h�chstwahrscheinlich hast du recht. Ich werde achtgeben m�ssen, da� ich meine Entt�uschung nicht an Fengbald auslasse. Er und ich � wir beide teilen ein Mi�geschick.�</p><p>Guthwulf nickte und beobachtete den K�nig. �Ja, Majest�t, die Nachricht von der Erkrankung Eurer Tochter hat mich sehr beunruhigt. Wie geht es Miriamel?�</p><p>Der K�nig sah kurz zu Pryrates hin�ber, der mit dem Eingie�en fertig war und zur�cktrat. �Es ist freundlich von dir zu fragen, Wolf. Wir glauben nicht, da� Gefahr besteht, aber Pryrates ist �berzeugt, die Seeluft von Meremund sei die beste Kur f�r ihre Beschwerden. Trotzdem ist es schade, die Hochzeit zu verschieben.� Der K�nig starrte in seinen Weinbecher wie in einen Brunnen, in den gerade etwas Wertvolles hineingefallen ist. In den ge�ffneten Fenstern pfiff der Wind.</p><p>Nachdem ein paar lange Sekunden vergangen waren, f�hlte der Graf von Utanyeat sich gezwungen, etwas zu sagen. �Ihr meintet, es gebe da eine Kleinigkeit, die ich f�r Euch erledigen k�nnte, mein K�nig?�</p><p>Elias blickte auf. �Ah. Nat�rlich. Ich m�chte, da� du nach Hernysadharc reitest. Seit ich gezwungen war, die Steuern zu erh�hen, um mit der verfluchten, elenden D�rre fertigzuwerden, trotzt mir dieser alte Berghamster von Lluth. Er hat mir den aufgeplusterten Eolair geschickt, der mich mit honigs��en Worten beschwichtigen soll; aber die Zeit der Worte ist vorbei.�</p><p>�Vorbei, Herr?� Guthwulf zog eine Braue hoch.</p><p>�Vorbei�, grollte Elias. �Ich m�chte, da� du ein Dutzend M�nner mitnimmst � nicht mehr, sonst bleibt Lluth nichts anderes �brig, als Widerstand zu Leisten � und dich nach dem Taig begibst, um den alten Geizhals in seinem Bau zu stellen. Sag ihm, mir das rechtm��ig Geschuldete zu verweigern, sei ein Schlag ins Gesicht � als spucke er auf den Drachenbeinthron selbst. Aber sei listig, sag vor seinen Gefolgsleuten kein Wort zu ihm, das ihn so besch�mt, da� er sich wehren <emphasis>mu�.</emphasis> Mach ihm aber klar, da� eine weitere Ablehnung zur Folge haben kann, da� ihm das Dach �ber dem Kopf angez�ndet wird. Jag ihm Angst ein, Guthwulf!�</p><p>�Das kann ich tun, Herr.�</p><p>Elias l�chelte verkniffen. �Gut. Und wenn du schon dort bist, halt ein Auge offen, ob du irgendwelche Hinweise auf Josuas Verbleib entdecken kannst. Man h�rt nichts Neues aus Naglimund, obwohl meine Spione es umzingelt haben. Es kann durchaus sein, da� mein verr�terischer Bruder bei Lluth ist. Es mag sogar sein, da� er es ist, der den steifnackigen Hernystiri anstachelt.�</p><p>�Ich werde Euer <emphasis>Auge</emphasis> so gut wie Eure <emphasis>Hand</emphasis> sein, mein K�nig.�</p><p>�Mit Verlaub, K�nig Elias?� Neben dem K�nig hob Pryrates einen Finger.</p><p>�Sprecht, Priester.�</p><p>�Ich m�chte noch vorschlagen, da� unser Herr von Utanyeat sich auch nach dem Jungen umsieht. Es w�re eine zus�tzliche Hilfe f�r Fengbald. Wir <emphasis>brauchen</emphasis> diesen Jungen, Majest�t � was n�tzt es, die Schlange zu t�ten, wenn ihre Brut entkommt?�</p><p>�Wenn ich die kleine Viper finde�, grinste Guthwulf, �werde ich sie mit Vergn�gen zertreten.�</p><p>�Nein!� schrie Elias mit einer Heftigkeit, die Guthwulf verbl�ffte.</p><p>�Nein! Der Spion mu� am Leben bleiben und mit ihm alle seine Gef�hrten, bis wir sie sicher hier auf dem Hochhorst haben. Es gibt Fragen, die wir ihnen stellen m�ssen.�</p><p>Elias, als sei er verlegen �ber seinen Ausbruch, richtete seltsam flehende Augen auf seinen alten Freund. �Das verstehst du doch, oder?�</p><p>�Nat�rlich, Majest�t�, antwortete Guthwulf schnell.</p><p>�Man mu� sie nur noch atmend zu uns bringen�, sagte Pryrates, so gelassen wie ein B�cker, der �ber Mehl redet. �Dann werden wir <emphasis>alles</emphasis> von ihnen erfahren.�</p><p>�Genug.� Elias rutschte auf seinem Knochensitz nach hinten. Guthwulf war erstaunt, Schwei�perlen auf seiner Stirn zu sehen, w�hrend er selbst in der eisigen Luft schauderte. �Geh jetzt, alter Freund. Bring mir Lluths vollst�ndige B�ndnistreue; wenn nicht, werde ich dich zur�cksenden, mir seinen Kopf zu holen. Geh!�</p><p>�Gott sch�tze Euch, Majest�t.� Guthwulf beugte neben der Bank das Knie, erhob sich dann und ging r�ckw�rts den Mittelgang hinunter. Die Banner �ber seinem Kopf, vom Wind gepeitscht, schwangen hin und her; in den flie�enden Schatten, die von den flackernden Fackeln geworfen wurden, schienen die Stammestiere und Wappengesch�pfe einen unheimlichen, zuckenden Tanz aufzuf�hren.</p><empty-line/><p>Im Vorsaal stie� Guthwulf auf Fengbald. Der Graf von Falshire hatte sich den Stra�enstaub aus Gesicht und Haar gebadet, seit sie einander am Morgen begegnet waren, und trug jetzt ein rotes Samtwams mit dem in Silber getriebenen Adler seines Hauses auf der Brust, dessen Federn sich zu einem kunstvollen Muster verschlangen.</p><p>�Ho, Guthwulf! Hast du ihn gesehen?� fragte er. Der Graf von Utanyeat nickte. �Ja, und du wirst ihn auch sehen. Gottes Fluch, er ist es, der in Meremund Salzluft atmen sollte, nicht Miriamel! Er sieht aus ... ich wei� nicht, er sieht elend krank aus. Und der Thronsaal ist kalt wie Frost.�</p><p>�Dann stimmt es also?� erkundigte sich Fengbald m�rrisch. �Das mit der Prinzessin? Ich hatte gehofft, er h�tte es sich anders �berlegt.�</p><p>�Nach Westen ans Meer gereist. Dein gro�er Tag wird noch ein bi�chen warten m�ssen, so wie es aussieht.� Guthwulf grinste h�misch. �Ich bin �berzeugt, du wirst etwas finden, das dein Interesse warmh�lt, bis die Prinzessin wiederkommt.�</p><p>�Darum geht es nicht.� Der Mund des Grafen von Falshire verzog sich, als ob er auf etwas Saures gebissen h�tte. �Ich f�rchte nur, da� er sich aus seinem Versprechen herauswinden will. Ich habe geh�rt, keiner h�tte von ihrer Krankheit gewu�t, bevor sie abreiste.�</p><p>�Du machst dir zuviel Sorgen�, antwortete Guthwulf. �Das sind Frauensachen. Elias braucht einen Erben. Sei dankbar, da� du seinen Vorstellungen von einem Schwiegersohn besser entsprichst als ich.� Guthwulf zeigte mit h�hnischem L�cheln die Z�hne. �<emphasis>Ich</emphasis> w�rde nach Meremund reiten und sie mir holen.� Er tat, als salutierte er, schlenderte davon und lie� Fengbald vor den hohen Eichent�ren des Thronsaales stehen.</p><empty-line/><p>Sie konnte schon von ganz unten im Korridor sehen, da� es Graf Fengbald war � und zwar in allerschlechtester Laune. Sein mit den Armen ausschwingender Gang, wie bei einem kleinen Jungen, den man vom Abendbrottisch wegschickt, und das laute, absichtliche Aufknallen der Stiefelabs�tze auf dem Boden verk�ndeten seine Stimmung wie Trompetenst��e.</p><p>Sie streckte den Arm aus und zupfte Jael am Ellenbogen. Als das kuh�ugige M�dchen aufblickte, schon jetzt �berzeugt, irgend etwas falsch gemacht zu haben, deutete Rachel mit einer Geste auf den sich n�hernden Grafen von Falshire.</p><p>�Stell lieber den Eimer da weg, M�dchen.� Sie nahm Jael den Schrubber aus der Hand. Der Eimer mit dem Seifenwasser stand mitten im Gang, dem sich n�hernden Edelmann genau im Weg.</p><p>�Schnell doch, dumme Trine!� zischte Rachel, einen Unterton von Alarm in der Stimme. Kaum waren die Worte heraus, als sie auch schon wu�te, da� sie besser geschwiegen h�tte. Fengbald fluchte vor sich hin, das Gesicht zu einer Grimasse gekr�nkter Wut verzogen. Jael, in fieberhafter, aber schlecht durchdachter Hast, lie� den Eimer aus den nassen Fingern rutschen. Mit lautem Krachen schlug er auf dem Boden auf, und ein Schwall seifigen Wassers schwappte �ber den Rand und spritzte in den Gang. Fengbald, jetzt unmittelbar vor ihnen, trat mitten in die sich ausbreitende Pf�tze. F�r einen Augenblick verlor er das Gleichgewicht, warf im Ausrutschen die Arme in die H�he und klammerte sich halt suchend an einem Wandteppich fest, w�hrend Rachel in hilflosem, ahnungsvollem Entsetzen zusah. Es war ein gl�cklicher Zufall, da� der Wandbehang Fengbalds Gewicht so lange aushielt, bis er sein Gleichgewicht zur�ckgewonnen hatte, trotzdem ri� der Teppich einen Augenblick sp�ter an einer oberen Ecke ab und glitt langsam die Wand hinunter, um in der Seifenpf�tze zu landen.</p><p>Nur eine Sekunde sah Rachel dem Grafen von Falshire in das knallrot anlaufende Gesicht, bevor sie sich zu Jael umdrehte. �Raus, du ungeschickte Kuh. Weg mit dir, aber sofort!� Jael warf einen hoffnungslosen Blick auf Fengbald, machte kehrt und rannte, wobei ihr dickes Hinterteil mitleiderregend hin und her wackelte.</p><p>�Komm zur�ck, du Schlampe!� kreischte Fengbald, dessen Kinn vor Wut zitterte. Das lange schwarze Haar war au�er Fasson geraten und hing ihm ins Gesicht. �Das werde ich dir heimzahlen, du � heimzahlen!�</p><p>Rachel, ein Auge auf den Grafen geheftet, b�ckte sich und hob die durchn��te Ecke des Wandbehanges aus dem Wasser. Sie konnte ihn im Augenblick nicht wieder aufh�ngen und stand nur da, sah zu, wie er tropfte, und h�rte sich Fengbalds Toben an.</p><p>�Schau! Schau dir meine Stiefel an! Daf�r lasse ich dieser dreckigen Hure den Hals abschneiden!� Der Graf richtete den Blick auf Rachel. �Wie kannst du es wagen, sie fortzuschicken?�</p><p>Rachel schlug die Augen nieder, was nicht schwierig war, weil der junge Edelmann sie um mindestens einen Fu� �berragte. �Es tut mir leid, Herr�, erwiderte sie, und ehrliche Furcht legte einen �berzeugenden Klang von Respekt in ihre Stimme. �Sie ist ein dummes M�dchen und wird ihre Pr�gel bekommen, aber ich bin die Oberste der Kammerfrauen, und die Verantwortung, Gebieter, liegt bei mir. Es tut mir leid, sehr leid.�</p><p>Fengbald starrte einen Augenblick auf sie herunter, und seine Augen wurden schmal. Dann hob er pfeilschnell den Arm und schlug Rachel ins Gesicht. Ihre Hand flog an das rote Mal, das sich auf ihrer Wange ausbreitete und wuchs wie die Pf�tze auf den Steinplatten.</p><p>�Dann gib das der fetten Schlampe�, fauchte Fengbald, �und sag ihr, wenn sie mir noch einmal begegnet, drehe ich ihr den Hals um.� Er warf der obersten der Kammerfrauen einen b�sen Blick zu und ging dann schnell weiter die Halle hinunter. Er hinterlie� eine feuchtschimmernde Absatz-und-Spitzen-Spur auf den Fliesen.</p><empty-line/><p><emphasis>Und er br�chte es fertig</emphasis>, �berlegte Rachel sp�ter, als sie auf ihrem Bett sa� und sich einen nassen Waschlappen an die brennende Wange hielt. Auf der anderen Seite der Halle schluchzte Jael im M�gdeschlafsaal. Rachel hatte nicht das Herz gehabt, sie auch nur anzuschreien, aber der Anblick von Rachels geschwollenem Gesicht war Strafe genug gewesen und hatte das plumpe, weichherzige M�dchen in einen f�rchterlichen Weinkrampf fallen lassen.</p><p><emphasis>S��e Rhiap und Pelippa, lieber lasse ich mich nochmals schlagen, als mir dies Geblubber anzuh�ren.</emphasis></p><p>Rachel rollte sich auf ihren harten Strohsack � sie hatte ein Brett darunter gelegt, weil ihr st�ndig der R�cken weh tat � und zog sich die Decke �ber den Kopf, um das Ger�usch von Jaels Heulerei zu d�mpfen. Im Schutz der Decke konnte sie ihren eigenen warmen Atem auf dem Gesicht f�hlen.</p><p><emphasis>So mu� es der W�sche im Korb zumute sein,</emphasis> dachte sie und schalt sich sogleich ob solcher Einf�ltigkeit. <emphasis>Du wirst alt, alte Frau � alt und nutzlos.</emphasis> Pl�tzlich merkte sie, da� ihr die Tr�nen kamen, die ersten, die sie seit der Nachricht �ber Simon vergossen hatte.</p><p><emphasis>Ich bin einfach m�de. Manchmal glaube ich, ich falle um, wo ich gerade stehe, kippe diesen jungen Ungeheuern vor die F��e wie ein zerbrochener Besen � in meiner Burg trampeln sie herum, behandeln uns wie Dreck � w�rden mich wahrscheinlich am liebsten mit dem Staub hinauskehren. So m�de � wenn nur � wenn�</emphasis></p><p>Die Luft unter der Decke war dick und warm. Rachel hatte aufgeh�rt zu weinen � was n�tzten schon Tr�nen? Die la�t den t�richten, leichtsinnigen M�dchen � und f�hlte jetzt, wie sie in Schlaf fiel, seiner Schwere erlag, als ertrinke sie in warmem, klebrigem Wasser.</p><p>Und in ihrem Traum war Simon nicht tot, war nicht in dem schrecklichen Feuer gestorben, das auch Morgenes get�tet hatte und mehrere von den Wachen, die herbeigeeilt waren, um zu l�schen. Sogar Graf Breyugar, hie� es, war bei der Katastrophe umgekommen, erschlagen, als das brennende Dach einst�rzte � Nein, Simon war am Leben und gesund. Etwas an ihm war anders, aber Rachel konnte nicht sagen, was � der Blick, die h�rtere Kinnlinie? �, doch darauf kam es auch nicht an. Es war Simon, lebendig, und w�hrend sie so tr�umte, war Rachels Herz wieder voll. Sie sah ihn, den toten Jungen � <emphasis>ihren</emphasis> Jungen eigentlich, denn hatte sie ihn nicht gro�gezogen wie eine Mutter, bevor er ihr genommen wurde? �, und er stand an einem Ort von fast fleckenlosem Wei� und starrte einen gro�en, wei�en Baum hinauf, der in die L�fte ragte wie eine Leiter zu Gottes Thron. Und obwohl er so entschlossen dastand, den Kopf zur�ckgeworfen, die Augen auf den Baum gerichtet, konnte Rachel nicht umhin zu bemerken, da� sein Haar, dieses dicke, r�tliche Gestr�pp, dringend geschnitten werden mu�te � nun, darum w�rde sie sich schon k�mmern, kein Zweifel � der Junge brauchte eine feste Hand�</p><p>Als sie aufwachte und sich ganz erschreckt die erstickende Decke herunterri�, nur um festzustellen, da� es um sie herum noch dunkler war � diesmal mit der Dunkelheit des Abends �, glitt die Last des Verlustes und des Kummers von neuem auf sie herunter wie ein nasser Wandteppich. Sie setzte sich im Bett auf, um langsam auf die F��e zu kommen. Der Waschlappen fiel hinunter, trocken wie Herbstlaub. Sie hatte nicht das Recht, hier herumzuliegen und sich zu gr�men wie ein verwirrtes kleines M�dchen. Es gab Arbeit, die getan werden mu�te, ermahnte Rachel sich selber, und keine Ruhe diesseits vom Himmel.</p><p>Das Tamburin rasselte, und der Lautenspieler zupfte sanft die Saiten, bevor er mit dem letzten Vers begann.</p><poem><stanza><v>Und kommst du nun, o Jungfrau sch�n,</v><v>in Khandery-Tuch und Seidenfall?</v><v>Wenn du mein Herz beherrschen willst,</v><v>so folg mir nach Emettinshall!</v></stanza></poem><p>Der Musikant endete mit einem Wirbel lieblicher T�ne und verbeugte sich, als Herzog Leobardis Beifall klatschte. �Emettinshall!� sagte der Herzog zu Eolair, dem Grafen von Nad Mullagh, der mit pflichtschuldigem Applaus Leobardis' Beispiel gefolgt war. Insgeheim fand der Hernystiri, er h�tte schon Besseres geh�rt. Die Liebesballaden, die am Hofe von Nabban so beliebt waren, begeisterten ihn nur m��ig.</p><p>�Ich liebe dieses Lied�, l�chelte der Herzog. Das lange wei�e Haar und die rosigen Wangen lie�en ihn wie einen Lieblings-Gro�onkel von der Sorte aussehen, die bei den Festen zur �donszeit zuviel Starkbier trinkt und dann den Kindern das Pfeifen beibringen will. Nur das wallende, mit Lapislazuli und Gold besetzte wei�e Gewand und der goldene Reif mit dem Perlmutt-Eisvogel auf seinem Kopf zeigten an, da� er sich von anderen M�nnern unterschied. �Kommt, Graf Eolair, ich habe immer gedacht, die Musik sei das Herzblut des Taig. H�lt Lluth sich nicht f�r den gr��ten G�nner der Harfner in ganz Osten Ard und Euer Hernystir f�r die nat�rliche Heimat aller Musikanten?� Der Herzog beugte sich �ber die Lehne seines himmelblauen Sessels und klopfte Eolair leicht auf die Hand.</p><p>�Allerdings hat K�nig Lluth stets seine Harfner um sich�, stimmte der Graf zu. �Ich bitte Euch, Herzog, wenn ich zerstreut scheine, so liegt das gewi� nicht daran, da� es mir bei Euch an irgend etwas mangelte. Eure Freundlichkeit ist wahrhaft unverge�lich. Nein, ich mu� gestehen, da� ich mir noch immer Sorgen mache wegen der Dinge, �ber die wir vorhin gesprochen haben.�</p><p>In die milden blauen Augen des Herzogs trat ein betroffener Ausdruck. �Ich habe Euch gesagt, mein Eolair, da� solche Dinge ihre Zeit brauchen. Es ist gewi� erm�dend, wenn man warten mu�, aber so ist es nun einmal.� Leobardis winkte dem Lautenspieler zu, der geduldig auf ein Knie gest�tzt ausgeharrt hatte. Der Musikant stand auf, verbeugte und entfernte sich. Sein phantastisch kunstvolles Gewand umwogte ihn, als er zu einer Gruppe von H�flingen trat, die in ebenso �ppig bestickte Gew�nder und Tuniken gekleidet waren. Die Damen hatten ihre Ausstattung noch durch exotische H�te erg�nzt, mit Fl�geln wie Seev�gel oder K�mmen wie die Flossen bunter Fische. Auch die Farben des Thronraumes waren ged�mpft wie die der Hoftrachten: geschmackvolle Blaut�ne, gelbliche Sahnefarben, Rosa-, Wei�- und Schaumgr�n-Schattierungen. Der Gesamteindruck war der eines aus k�stlichen Meerkieseln erbauten Palastes, in dem die Macht des Ozeans alles gegl�ttet und abgerundet hatte.</p><p>Hinter den Damen und Herren des Hofes lagen die hohen Bogenfenster, die auf das bewegte, sonnengefleckte gr�ne Meer hinausgingen; sie nahmen die ganze S�dwestwand gegen�ber dem Sessel des Herzogs ein. Die See, die unaufh�rlich gegen das felsige Vorgebirge anbrandete, auf dem sich der herzogliche Palast erhob, war ein bebender, lebender Teppich. Eolair, der den ganzen Tag zugeschaut hatte, wie das wandernde Licht auf der Wasseroberfl�che tanzte oder stille Seefl�chen enth�llte, die schwer und durchscheinend waren wie Jade, w�nschte sich oft, er k�nnte die H�flinge einfach beiseite fegen und �bereinanderpurzelnd und quiekend aus dem Saal scheuchen, damit nichts mehr ihm diese Aussicht versperrte.</p><p>�Ihr m�gt recht haben, Herzog Leobardis�, erkl�rte Eolair nach einer Pause. �Man mu� irgendwann mit dem Reden aufh�ren, sogar wenn es um lebenswichtige Dinge geht. Vermutlich sollte ich mir hier, wo ich sitze, den Ozean als Beispiel nehmen. Er braucht nicht hart zu arbeiten, um zu bekommen, was er will; irgendwann wird er die Felsen abgetragen haben � die K�sten � selbst die Berge.�</p><p>Diese Art Unterhaltung sagte Leobardis mehr zu. �Ja, das Meer �ndert sich nie, nicht wahr? Und doch herrscht dort ein st�ndiger Wechsel.�</p><p>�Das stimmt, Herr. Und es ist nicht immer ruhig. Manchmal gibt es St�rme.�</p><p>Der Herzog warf einen schr�gen Blick auf den Hernystiri; er wu�te nicht recht, ob diese Bemerkung mehr andeutete, als sich unmittelbar daraus entnehmen lie�. In diesem Augenblick betrat sein Sohn Benigaris den Raum, nickte einigen der H�flinge, die ihn begr��ten, kurz zu und n�herte sich dem Sessel des Herzogs.</p><p>�Mein herzoglicher Vater; Graf Eolair�, sagte er und machte beiden eine Verbeugung. Eolair l�chelte und streckte die Hand zum H�ndedruck aus.</p><p>�Es tut gut, Euch zu sehen�, sagte der Hernystiri. Benigaris war gr��er als beim letzten Mal, als er ihm gegen�bergestanden hatte, aber damals war der Herzogssohn auch erst siebzehn oder achtzehn Jahre alt gewesen. Fast zwei Jahrzehnte waren seither vergangen, und Eolair war nicht traurig festzustellen, da� er zwar gute acht Jahre �lter war als Benigaris, da� aber dieser und nicht er sich um den G�rtel gerundet hatte. Nichtsdestoweniger war der Sohn des Herzogs hochgewachsen und breitschultrig und hatte aufmerksame, dunkle Augen unter dichten, schwarzen Brauen. In seiner geg�rteten Tunika und der gesteppten Weste machte er eine recht eindrucksvolle Figur � ein kraftvoller Gegensatz zu seinem liebensw�rdigen Vater.</p><p>�Heja, es ist lange her�, stimmte Benigaris zu. �Wir wollen uns heute beim Abendessen dar�ber unterhalten.� Eolair hatte nicht das Gef�hl, da� der andere von dieser Aussicht besonders hingerissen war. Benigaris wandte sich zu seinem Vater: �Herr Fluiren m�chte Euch sprechen. Im Augenblick ist er beim K�mmerer.�</p><p>�Ach, der gute alte Fluiren! Das wird Euch wie Ironie vorkommen, Eolair. Einer der gr��ten Ritter, die Nabban je hervorgebracht hat.�</p><p>�Nur Euren Bruder Camaris nannte man je gr��er�, unterbrach Eolair, der nicht ungern Erinnerungen an ein kriegerischeres Nabban weckte.</p><p>�Ja, mein lieber Bruder.� Leobardis l�chelte ein trauriges L�cheln. �Aber wenn man sich vorstellt, da� Fluiren als Gesandter von Elias zu mir kommt!�</p><p>�Es liegt eine gewisse Ironie darin�, erwiderte Eolair leichthin. Benigaris kr�uselte ungeduldig die Lippen. �Er erwartet Euch. Ich denke, Ihr solltet ihn schnellstens empfangen � ein Zeichen Eurer Achtung f�r den Hochk�nig.�</p><p>�So, so!� Leobardis warf Eolair einen belustigten Blick zu. �H�rt Ihr, wie mein Sohn mich herumkommandiert?� Doch kam es Eolair vor, als liege noch etwas anderes als Erheiterung in Leobardis' Blick � Zorn? Sorge?</p><p>�Also gut, sag meinem alten Freund Fluiren, ich w�rde ihn empfangen � la� mich �berlegen � ja, im Ratssaal. Wollt Ihr uns begleiten, Eolair?�</p><p>Benigaris dr�ngte sich dazwischen. �Vater, ich glaube nicht, da� Ihr selbst einen so vertrauensw�rdigen Freund wie den Grafen auffordern solltet, geheime Mitteilungen des Hochk�nigs mit anzuh�ren!�</p><p>�Und warum, wenn ich fragen darf, sollte es notwendig sein, Geheimnisse vor Hernystir zu haben?� erkundigte sich der Herzog, dessen Stimme einen zornigen Unterton bekommen hatte. �Mit Verlaub, Herzog, ich habe ohnehin noch Dinge zu erledigen. Ich werde sp�ter nachkommen, um Fluiren zu begr��en.� Eolair stand auf und verbeugte sich.</p><p>Als er beim Durchqueren des Thronsaales noch einmal innehielt, um die herrliche Aussicht zu genie�en, h�rte er hinter sich die in ged�mpftem Streit erhobenen Stimmen von Leobardis und seinem Sohn.</p><p><emphasis>Wellen erzeugen weitere Wellen, wie die Nabbanai sagen,</emphasis> dachte Eolair. <emphasis>Es sieht aus, als sei Leobardis' Gleichgewicht empfindlicher, als ich dachte. Bestimmt ist das der Grund daf�r, da� er nicht offen mit mir �ber seine Schwierigkeiten mit dem K�nig reden will. Nur gut, da� Leobardis ein z�herer Bursche ist, als es nach au�en scheint.</emphasis></p><p>Hinter sich h�rte er die H�flinge tuscheln und sah, als er sich umdrehte, da� mehrere in seine Richtung blickten. Er l�chelte und nickte ihnen zu. Die Frauen err�teten und bedeckten den Mund mit den flie�enden �rmeln; die M�nner nickten ernsthaft und wandten rasch den Blick ab. Er wu�te, was sie dachten � er war ein Gegenstand ihrer Neugierde, ein b�uerlicher, ungebildeter Mann aus dem Westen, selbst wenn er ein alter Freund des Herzogs war. Ganz gleich, was er anziehen und wie fehlerlos er sprechen mochte, daran w�rde sich nichts �ndern. Pl�tzlich �berkam Eolair tiefe Sehnsucht nach seiner Heimat in Hernystir. Er war schon viel zu lange an diesen fremdl�ndischen H�fen.</p><p>Unten brandeten die Wellen an die Felsen, als w�re das Meer so lange nicht zufrieden, bis seine ungeheuerliche Geduld endlich den Palast in seine w��rige Umklammerung st�rzen lie�.</p><empty-line/><p>Eolair brachte den restlichen Nachmittag damit zu, durch die hohen, luftigen G�nge und s�uberlich gepflegten G�rten der Sancellanischen Mahistrevis zu schlendern. Heute Herzogspalast und Kapitol von Nabban, war sie einst Regierungssitz des gesamten Menschenreiches von Osten Ard gewesen. Auch wenn sie an Bedeutung verloren hatte, war sie doch immer noch voller Herrlichkeiten.</p><p>Oben vom felsigen Grat der Sancellanischen H�gel blickten die Westmauern des Palastes auf das Meer hinaus, das stets Nabbans Lebensblut gewesen war. Nicht umsonst hatten alle vornehmen Familien Nabbans Wasserv�gel als Symbole ihrer Macht gew�hlt: den benidrivinischen Eisvogel der jetzigen Herzogsdynastie, den prevanischen Fischadler und den ingadarinischen Albatros; sogar den Reiher von Sulis, der einmal, wenn auch nur f�r kurze Zeit, in Erkynland �ber dem Hochhorst geweht hatte.</p><p>�stlich vom Palast erstreckte sich die Stadt Nabban �ber die Landzunge der Halbinsel, eine �berf�llte, ausufernde Stadt aus H�geln und dicht bebauten Wohnvierteln, die erst dann weitl�ufiger wurde, als die Halbinsel in die Wiesen und Geh�fte des Seenlands �berging. Nabbans Gesichtsfeld war enger geworden, von der ganzen bekannten Welt von einst zu diesem Halbinsel-Herzogtum mit seinem Brautschleier dazugeh�riger Inseln; und seine Herrscher hatten sich auf sich selbst zur�ckgezogen. Und doch hatte vor keineswegs allzulanger Zeit der Mantel der Imperatoren von Nabban die ganze Welt bedeckt, vom brackigen Wran bis zu den fernsten Enden des eisigen Rimmersgard. Damals hatten im Hader zwischen Fischadler und Pelikan und im Streit zwischen Reiher und M�we Belohnungen als Preis gewinkt, f�r die man alles aufs Spiel setzte.</p><p>Eolair wanderte durch die Springbrunnenhalle, in der glitzernde Schaumfont�nen aufstiegen, um sich unter dem offenen Gitterwerk des steinernen Dachs zu feinem Nebel zu vermischen. Er fragte sich, ob die Nabbanai �berhaupt noch den Willen zum K�mpfen besa�en oder sich einfach mit ihrem langsamen Niedergang abgefunden hatten, so da� Elias' Provokationen nur dazu f�hren w�rden, da� sie sich noch weiter in ihr sch�nes, zierliches Schneckenhaus zur�ckzogen. Wo waren sie, die gro�en M�nner, die das Reich von Nabban einst aus dem rohen Stein von Osten Ard gehauen hatten � M�nner wie Tiyagaris oder Anitulles?</p><p><emphasis>Nat�rlich,</emphasis> dachte er, <emphasis>war da Camaris � ein Mann, der, wenn ihm nicht das Dienen so viel wichtiger gewesen w�re als das Sich-Bedienen-Lassen, die willige Welt in der hohlen Hand h�tte festhalten k�nnen. Ja, Camaris war wirklich ein m�chtiger Mann gewesen.</emphasis></p><p><emphasis>Und wer sind wir Hernystiri denn, da� wir den Mund aufmachen d�rfen?</emphasis> fragte er sich weiter. <emphasis>Welche M�nner sind seit Hern dem Gro�en aus unseren westlichen L�ndern hervorgegangen? Tethtain, der Sulis den Hochhorst abgewann? Vielleicht. Aber wer sonst? Wo ist Hernystirs Halle der Springbrunnen, wo sind unsere gro�en Pal�ste und Kirchen?</emphasis></p><p><emphasis>Aber eben darin liegt nat�rlich der Unterschied.</emphasis> Er sah �ber die str�menden Brunnen zur Domspitze der Sancellanischen �donitis hin�ber, dem Palast des Lektors und der Mutter Kirche. <emphasis>Wir Hernystiri schauen nicht auf die Bergb�che und sagen: Wie nehme ich das mit nach Hause? Wir gehen hin und bauen unser Haus neben den Bach. Wir haben keinen gesichtslosen Gott, den wir mit T�rmen verherrlichen, die h�her sind als die B�ume im Circoille. Wir wissen, da� die G�tter in den B�umen und in den Gebeinen der Erde und in den Fl�ssen leben, die genauso hoch aufspr�hen wie nur irgendein Springbrunnen, wenn sie vom Grianspog-Gebirge zu Tal brausen.</emphasis></p><p><emphasis>Wir wollten nie die Welt regieren.</emphasis> Er l�chelte vor sich hin und dachte an den Taig in Hernysadharc, einer Burg, die nicht aus Steinen erbaut war, sondern aus Holz, und deren Herz aus Eiche war und zu den Herzen seines Volkes pa�te. <emphasis>Wirklich, wir wollen nichts anderes, als in Ruhe gelassen werden. Aber nach ihren vielen Jahren voller Eroberungen haben diese Nabbanai vielleicht vergessen, da� man manchmal auch gew�hnlich darum k�mpfen mu�.</emphasis></p><p>Als er den Springbrunnensaal verlie�, streifte Eolair von Nad Mullagh zwei eintretende Legion�rswachen.</p><p>�Verdammter Gebirgler�, h�rte er einen der beiden sagen, der Eolairs Kleidung und den Pferdeschwanz seiner schwarzen Haare musterte.</p><p>�Heja, wei�t du�, bemerkte der andere, �ab und zu m�ssen auch die Schafhirten herkommen und sich anschauen, wie eine Stadt aussieht.�</p><empty-line/><p>�� Und wie geht es meiner kleinen Nichte Miriamel, Graf?� fragte die Herzogin. Eolair sa� nahe dem Kopfende der langen Tafel zu ihrer Linken. Fluiren als Zuletztgekommener und hervorragender Sohn Nabbans hatte den Ehrenplatz auf der rechten Seite von Leobardis inne.</p><p>�Es schien ihr gut zu gehen, Herrin.�</p><p>�Habt Ihr sie oft gesehen, als Ihr Euch am Hof des Hochk�nigs aufhieltet?�</p><p>Die Herzogin Nessalanta hob eine wundervoll gezeichnete Augenbraue und beugte sich n�her zu ihm. Sie war eine �ltere Frau von strenger Sch�nheit, bei der man freilich nicht recht wu�te, wieviel davon den geschickten H�nden ihrer Haark�nstlerinnen, N�herinnen und Zofen zu verdanken war. Eolair jedenfalls konnte es sich nicht vorstellen. Nessalanta war genau die Art Frau, die ihn � der er mit der Gesellschaft des sch�nen Geschlechtes durchaus vertraut war � zutiefst verunsicherte. Sie war j�nger als ihr Gemahl, aber doch die Mutter eines Mannes in reichlich mittleren Jahren. Was also war bleibende Sch�nheit, was Kunstwerk? Andererseits, kam es �berhaupt darauf an? Nessalanta war eine m�chtige Frau, und nur Leobardis selbst hatte gr��eren Einflu� auf die Staatsgesch�fte.</p><p>�Ich war nicht oft in Gesellschaft der Prinzessin, Herzogin, aber wir hatten mehrmals die M�glichkeit, beim Abendessen miteinander zu sprechen. Sie war so entz�ckend wie stets, aber ich glaube, sie hatte bereits gro�es Heimweh nach Meremund.�</p><p>�Hmmm.� Die Herzogin steckte eine Ecke ihres Tellerbrotes in den Mund und leckte sich zierlich die Finger ab. �Es ist mir interessant, da� Ihr das erw�hnt, Graf Eolair. Ich habe gerade Nachricht aus Erkynland bekommen, da� sie in die Burg von Meremund zur�ckgekehrt ist.� Sie hob die Stimme. �Vater Dinivan?�</p><p>Ein paar Pl�tze weiter unten sah ein junger Priester von seiner Mahlzeit auf. Obwohl sein Sch�del nach Klosterart geschoren war, wuchs das verbleibende Haar lockig und recht lang.</p><p>�Ja, Herrin?� fragte er.</p><p>�Vater Dinivan ist der Privatsekret�r Seiner Heiligkeit des Lektors Ranessin�, erkl�rte Nessalanta. Der Hernystiri machte ein beeindrucktes Gesicht, und Dinivan lachte.</p><p>�Ich glaube nicht, da� dies auf besondere Geistesgaben oder Talente meinerseits zur�ckzuf�hren ist�, bemerkte er. �Der Lektor nimmt auch herrenlose Hunde auf, was Escritor Velligis furchtbar erregt. �Die Sancellanische �donitis ist kein Hundezwinger�, erkl�rt er dem Lektor, aber Seine Heiligkeit l�chelt nur und erwidert: �Osten Ard ist auch keine Kinderstube, und doch l��t der Wohlwollende Herr seine Kinder dort spielen, so unartig sie sich auch benehmen.�� Dinivan wackelte mit den buschigen Brauen. �Mit dem Lektor kann man schwer diskutieren.�</p><p>�Stimmt es nicht�, fragte die Herzogin, als Eolair lachte, �da� der K�nig, als Ihr ihn saht, Euch sagte, seine Tochter sei nach Meremund gereist?�</p><p>�Doch, das tat er�, erwiderte Dinivan, jetzt ernsthafter. �Er sagte, sie sei erkrankt und die Hof�rzte rieten zu Seeluft.�</p><p>�Das tut mir leid.� Eolair sah an der Herzogin vorbei auf Leobardis und den alten Ritter Fluiren, die sich inmitten des Abendbrotl�rms leise unterhielten � f�r ein zivilisiertes Volk, dachte er, hatten die Nabbanai erstaunlich viel Spa� an lauten Tischgespr�chen.</p><p>�Nun ja�, verk�ndete Nessalanta und lehnte sich in ihrem Stuhl zur�ck, worauf sofort ein Page mit einer Fingerschale herbeisprang, �das beweist nur, da� man Menschen nicht mit Gewalt zu etwas machen kann, das sie nicht sind. Nat�rlich hat Miriamel Nabbanai-Blut, und unser Blut ist salzig wie die See. Wir geh�ren an die K�ste � und man sollte bleiben, wo man hingeh�rt.�</p><p><emphasis>Und was</emphasis>, fragte der Graf sich innerlich, <emphasis>wollt Ihr mir damit sagen, gn�digste Herrin? Da� ich in Hernystir bleiben und Euren Gatten � und Euer Herzogtum � in Frieden lassen soll? Kurzum: zur�ck zu meinesgleichen?</emphasis></p><p>Sehns�chtig beobachtete Eolair, wie Leobardis und Fluiren miteinander debattierten. Man hatte ihn ausman�vriert, das wu�te er; es gab keine h�fliche Art, wie er die Herzogin �bergehen und am Gespr�ch der beiden teilnehmen konnte. Inzwischen redete der alte Fluiren auf den Herzog ein und �bersch�ttete ihn mit Elias' s��en Worten. Und seinen Drohungen? Nein, wahrscheinlich nicht. Dazu h�tte Elias nicht den w�rdigen Fluiren geschickt. F�r solche Zwecke hielt er erforderlichenfalls Guthwulf bereit, die <emphasis>K�nigliche Hand.</emphasis></p><p>Eolair ergab sich in sein Schicksal und f�hrte eine leichte Unterhaltung mit der Herzogin, aber sein Herz war nicht bei der Sache. Er war jetzt �berzeugt, da� sie seine Mission kannte und ihr ablehnend gegen�berstand. Benigaris war ihr Augapfel, und er hatte Eolairs Gesellschaft den ganzen Abend gemieden. Nessalanta war eine ehrgeizige Frau und zweifellos der Ansicht, da� das Wohlergehen Nabbans sicherer w�re, wenn die Macht von Erkynland dahinterst�nde � selbst eines dominierenden, tyrannischen Erkynlandes �, als in einem B�ndnis mit den Heiden von Hernystir.</p><p><emphasis>Und,</emphasis> wurde Eolair pl�tzlich klar, <emphasis>sie hat selber eine heiratsf�hige Tochter, die Herrin Antippa. Vielleicht ist ihre Anteilnahme an Miriamels Gesundheit nicht nur die einer freundlichen Tante an ihrer Nichte?</emphasis></p><p>Er wu�te, da� die Herzogstochter Antippa bereits einem Baron Devasalles versprochen war, einem jungen adligen Gecken, der sich just in diesem Augenblick am untersten Ende der Tafel in einer Weinpf�tze mit Benigaris im Armdr�cken ma�. Aber vielleicht hatte Nessalanta Gr��eres im Auge.</p><p><emphasis>Wenn Prinzessin Miriamel nicht heiraten will � oder kann �,</emphasis> gr�belte Eolair, <emphasis>dann erhoffte sich die Herzogin vielleicht Fengbald als Gatten f�r ihre Tochter. Der Graf von Falshire w�re eine weit bessere Partie als dieser Nabbanai-Baron aus den hinteren R�ngen. Und Herzog Leobardis w�re mit st�hlernen Seilen an Erkynland gefesselt.</emphasis></p><p>Das hie�, begriff der Graf, da� man sich nicht nur dar�ber Sorgen machen mu�te, wo Josua geblieben war, sondern auch �ber Miriamel. Was f�r ein Durcheinander!</p><p><emphasis>Wenn das der alte Isgrimnur sehen k�nnte, der sich immer �ber die vielen Intrigen beschwert! Sein Bart w�rde Feuer fangen!</emphasis></p><p>�Sagt mir doch, Vater Dinivan�, fragte der Graf, indem er sich dem Priester zuwandte, �was hat Euer heiliges Buch �ber die Kunst des Politisierens zu sagen?�</p><p>�Nun�, einen Augenblick �berschattete ein Ausdruck der Konzentration Dinivans schlichte, intelligente Z�ge, �das Buch �don spricht oft von den Pr�fungen der V�lker.� Er dachte eine weitere Sekunde nach. �Eine meiner Lieblingsstellen war immer diese hier: <emphasis>So der Feind mit dem Schwert in der Hand zu dir kommt, �ffne ihm die T�r und sprich mit ihm, doch halte dein eigenes Schwert bereit. Kommt er mit leeren H�nden, so empfange ihn ebenso. Kommt er aber mit Geschenken, so stelle dich auf deine Mauern und wirf Steine auf ihn hinab.</emphasis>� Dinivan wischte sich die Finger an seiner schwarzen Priesterkutte ab.</p><p>�F�rwahr, ein Buch voller Weisheit�, nickte Eolair.</p></section><section><title><p>XXIII</p><p>Zur�ck ins Herz</p></title><p>Der Wind schleuderte ihnen Regen ins Gesicht, als sie durch die Dunkelheit ostw�rts und auf die unsichtbaren Vorberge zurannten. Der L�rm aus Isgrimnurs Lager blieb hinter ihnen zur�ck, erstickt unter einer Decke aus Donner.</p><p>W�hrend sie so �ber die nasse Ebene liefen, begann Simons fieberhafte Erregung abzunehmen; das ekstatische Gef�hl von Energie, die Vorstellung, er k�nne nun immer weiter durch die Nacht springen wie ein Hirsch, wurde nach und nach vom Regen und dem erbarmungslosen Gegenwind abgek�hlt. Eine halbe Meile weiter hatte sich sein Galopp zum schnellen Schritt verlangsamt, und bald kostete auch dieser M�he. An der Stelle, wo die Knochenhand sein Knie umklammert hatte, f�hlte er das Gelenk steif werden wie ein verrostetes Scharnier; schmerzhafte Ringe um seinen Hals stachen bei jedem tiefen Atemzug.</p><p>�Morgenes � hat dich geschickt?� rief er.</p><p>�Sp�ter, Simon�, japste Binabik. �Alles wird sp�ter erz�hlt.�</p><p>Sie rannten und rannten, stolperten und spritzten �ber den durchn��ten Grasboden.</p><p>�Und was��, keuchte Simon, �was waren das f�r � Wesen?�</p><p>�Die � euch angegriffen haben?� Selbst im Rennen machte der Troll eine seltsame Geb�rde mit der Hand nach dem Mund. �Bukken � <emphasis>Gr�ber</emphasis> nennt man � sie auch.�</p><p>�Was sind sie?� fragte Simon und w�re um ein Haar auf einer schlammigen Stelle ausgeglitten. Einen Augenblick lang rutschte er plattf��ig nach vorn.</p><p>��bel.� Binabik verzog das Gesicht. �Nichts mehr, das jetzt berichtet werden m��te.�</p><p>Als sie nicht mehr rennen konnten, gingen sie, stapften weiter, bis sich die Sonne hinter der Wolkenbank nach oben schob wie eine Kerze hinter einem grauen Laken. Vor ihnen ragte der Weidhelm auf, und seine Umrisse zeichneten sich vor der bleichen D�mmerung ab wie die gebeugten R�cken betender M�nche.</p><empty-line/><p>Im kargen Schutz einer Ansammlung runder Granitfelsen, die �bergangslos aus dem Grasmeer wuchsen, als wollten sie die hinter ihnen liegenden Berge nachahmen, schlug Binabik eine Art Lager auf. Nachdem er auf der Suche nach einer Stelle, die den besten Schutz von dem aus unterschiedlichen Richtungen kommenden Regen bot, um die Felsen herumgegangen war, half er Simon in eine L�cke hinunter, die von zwei aneinanderlehnenden Bl�cken gebildet wurde. Sie formten einen Winkel, in dem sich der Junge mit einem Mindestma� an Bequemlichkeit niederlegen konnte. Schnell fiel Simon in schlaffen, ersch�pften Schlaf.</p><p>Von den Spitzen der Bl�cke sprangen fliegende Regentropfen. Binabik hockte am Boden, stopfte den Mantel des Jungen, den der Troll mit dem Rest ihrer Habseligkeiten den ganzen langen Weg von Sankt Hoderund mitgeschleppt hatte, um ihn herum und w�hlte dann in seinem Rucksack nach etwas Trockenfisch zum Kauen und nach seinen Kn�cheln. Qantaqa kam von einem Erkundungszug durch ihr neues Revier zur�ck und rollte sich auf Simons Schienbeinen zusammen. Der Troll nahm die Kn�chel heraus und warf sie, wobei ihm der Rucksack als Tisch diente.</p><p><emphasis>Pfad im Schatten.</emphasis> Binabik grinste ein bitteres Grinsen. Dann <emphasis>Herrenloser Widder</emphasis> und noch einmal <emphasis>Pfad im Schatten.</emphasis> Er fluchte leise, aber ausf�hrlich. Nur ein Narr konnte eine so deutliche Botschaft unbeachtet lassen. Binabik wu�te, da� er viele Eigenschaften besa�, zu denen gelegentlich auch die Torheit geh�rte, aber jetzt war weder Zeit noch Ort f�r solche Wagnisse.</p><p>Er zog sich die Pelzkapuze wieder �ber die Ohren und legte sich neben Qantaqa. F�r jeden Vor�berkommenden, wenn er denn in dem schwachen Licht und mit dem Regen im Gesicht �berhaupt etwas bemerkt h�tte, w�rden die drei Gef�hrten kaum anders ausgesehen haben als ungew�hnliche graubraune Flechten auf der Windschattenseite der Felsen.</p><empty-line/><p>�Also was f�r ein Spiel hast du nun mit mir gespielt, Binabik?� erkundigte Simon sich unfreundlich. �Woher wei�t du von Doktor Morgenes?� In den wenigen Stunden, die er geschlafen hatte, war aus der fahlen D�mmerung ein kalter, d�sterer Morgen geworden, ohne tr�stendes Lagerfeuer oder Fr�hst�ck. Der wolkengeschwollene Himmel hing so dicht �ber ihnen wie eine niedrige Zimmerdecke.</p><p>�Es ist kein Spiel, das ich spiele�, erwiderte der Troll. Er hatte Simons Hals- und Beinwunden gereinigt und verbunden und versorgte jetzt geduldig Qantaqa. Nur eine der Verletzungen der W�lfin war ernsterer Natur, ein tiefer Ri� an der Innenseite eines Vorderlaufes. W�hrend Binabik den Sand aus der Haut entfernte, beschn�ffelte Qantaqa seine Finger, vertrauensvoll wie ein Kind.</p><p>�Ich habe kein Bedauern, es dir nicht gesagt zu haben; h�tte ich mich nicht dazu gezwungen gef�hlt, w��test du es noch nicht.� Er rieb einen Finger voll Salbe in die Wunde, dann gab er sein Reittier frei. Sofort beugte sie sich hinunter und fing an, das Bein zu belecken und daran herumzubei�en. �Ich wu�te, da� sie das tun w�rde�, erkl�rte der Troll mit mildem Vorwurf und setzte dann ein nachsichtiges L�cheln auf. �Wie du, glaubt sie nicht, da� ich mein Handwerk verstehe.�</p><p>Simon merkte, da� auch er unbewu�t an seinen Verb�nden gezupft hatte und lehnte sich nach vorn. �Los, Binabik, sag mir, was hier vorgeht. Woher wei�t du von Morgenes? Woher kommst du <emphasis>wirklich?�</emphasis></p><p>�Ich komme genau dorther, wo ich es sage�, entgegnete der Troll entr�stet. �Ich bin ein Qanuc. Und ich wei� nicht nur von Morgenes, ich bin ihm sogar einmal begegnet. Er ist ein guter Freund meines Meisters. Sie sind � Kollegen, sagen die gelehrten M�nner dazu, denke ich.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>Binabik setzte sich an den Felsen. Obwohl gerade kein Regen fiel, vor dem man sich sch�tzen mu�te, war schon der schneidende Wind Grund genug, in der N�he der Felsgruppe zu bleiben. Der kleine Mann schien sich seine Worte sorgf�ltig zu �berlegen. Simon fand, er sehe m�de aus, die dunkle Haut lose und einen Ton blasser als sonst.</p><p>�Zuerst�, begann der Troll endlich, �mu�t du etwas �ber meinen Meister wissen. Sein Name war Ookequk. Er war der � Singende Mann, wie ihr es wohl nennen w�rdet, unseres Berges. Mit der Bezeichnung <emphasis>Singender Mann</emphasis> meinen wir nicht jemanden, der nur singt, sondern einen Mann, der sich an die alten Lieder und die alte Weisheit erinnert. Wie Doktor und Priester in einem, scheint mir.</p><p>Ookequk wurde mein Meister, weil die �ltesten in mir gewisse Dinge zu sehen glaubten. Es war eine gro�e Ehre, derjenige zu sein, der Ookequks Weisheit teilen sollte � ich nahm drei Tage kein Essen zu mir, als man es mir sagte, nur um die richtige Reinheit zu erlangen.� Binabik l�chelte. �Als ich das voller Stolz meinem neuen Meister erz�hlte, schlug er mich aufs Ohr. �Du bist zu jung und zu dumm, um dich vors�tzlich auszuhungern�, sagte er zu mir. �Es ist Hochm�tigkeit. Verhungern darfst du nur zuf�llig.��</p><p>Binabiks Grinsen wurde breiter und verwandelte sich in Gel�chter; als Simon einen Augenblick dar�ber nachgedacht hatte, lachte auch er ein wenig.</p><p>�Auf jeden Fall�, fuhr Binabik fort, �werde ich dir eines Tages von meinen Jahren des Lernens bei Ookequk erz�hlen � er war ein gro�er, fetter Troll, Simon, der mehr wog als du und doch nur so hoch war wie ich �, jetzt m�ssen wir leider schneller zur Sache kommen.</p><p>Ich wei� nicht mit Genauigkeit, wann mein Meister Morgenes das erste Mal begegnete, doch es war lange bevor ich in seine H�hle kam. Sie waren aber Freunde, und mein Meister lehrte Morgenes die Kunst, Botschaften von V�geln �berbringen zu lassen. Sie hatten viele Gespr�che in Briefen, mein Meister und dein Doktor. Sie hatten viele gemeinsame � Vorstellungen �ber den Lauf der Welt.</p><p>Vor gerade zwei Sommern kamen meine Eltern ums Leben. Ihr Tod geschah im Drachenschnee des Berges, den wir das <emphasis>N�schen</emphasis> nennen, und als sie nicht mehr da waren, widmete ich all mein Denken � oder doch fast alles � dem Lernen von Meister Ookequk. Als er mir letztes Tauwetter sagte, ich sollte ihn auf einer gro�en Reise nach S�den begleiten, war ich voller Aufregung. Es schien mir ganz klar, da� das die Pr�fung meiner W�rdigkeit sein sollte.</p><p>Was ich allerdings nicht wu�te�, fuhr der Troll fort und stocherte mit seinem Wanderstab vor sich im lehmigen Gras � fast zornig, dachte Simon, aber es lag kein Zorn in Binabiks Stimme �, �was ich nicht erfuhr, war, da� Ookequk wichtigere Reisegr�nde hatte als den Abschlu� meiner Lehrzeit. Er hatte Nachricht von Doktor Morgenes erhalten � und von einigen anderen � �ber Dinge, die ihn beunruhigten, und er fand, es sei Zeit, den Besuch zu erwidern, den Morgenes ihm vor langen Jahren gemacht hatte, als ich gerade neu zu ihm gekommen war.�</p><p>�Was f�r �Dinge�?� fragte Simon. �Was hatte ihm Morgenes mitgeteilt?�</p><p>�Wenn du es noch nicht wei�t�, meinte Binabik ernst, �dann gibt es vielleicht noch Wahrheiten, die du nicht ben�tigst. Dar�ber mu� ich nachdenken, aber f�r jetzt la� mich erz�hlen, was ich kann.� Simon, zur�ckgewiesen, nickte steif.</p><p>�Ich will dich auch nicht mit der langen Geschichte unserer Reise nach S�den belasten. Mir wurde schon sehr bald klar, da� mein Meister <emphasis>mir</emphasis> auch nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Er machte sich Sorgen, gro�e Sorgen, und wenn er die Knochen warf oder bestimmte Zeichen am Himmel und im Wind las, wurden sie noch gr��er. Au�erdem hatten wir ein paar �u�erst �ble Erlebnisse. Du wei�t ja, da� ich schon viel allein gereist bin, gr��tenteils bevor ich der Diener meines Meisters wurde; nie aber habe ich so schlechte Zeiten f�r Reisende gesehen. Ein Abenteuer ganz �hnlich dem deinen letzte Nacht hatten auch wir, gerade unterhalb des Drorshullvenn-Sees in der Frostmark.�</p><p>�Du meinst diese � Bukken?� fragte Simon. Selbst am hellen Tage war der Gedanke an die krallenden H�nde grauenvoll lebendig.</p><p>�Allerdings�, nickte Binabik, �und das war � ist � ein schlechtes Zeichen, da� sie so angreifen. Es ist nicht in Erinnerung meines Volkes, da� die <emphasis>Boghanik,</emphasis> so lautet unser Name f�r sie, eine Gruppe bewaffneter M�nner �berfallen, und das auf so furchterregende Weise. Ihre �bliche Gewohnheit ist, Tieren und einzelnen Reisenden aufzulauern.�</p><p>�Was <emphasis>sind</emphasis> sie?�</p><p>�Sp�ter, Simon, wirst du vieles lernen, wenn du Geduld mit mir hast. Auch mein Meister hat mir nicht alles gesagt � womit ich nicht meine, bitte beachte, da� ich <emphasis>dein</emphasis> Meister w�re �, aber er war in gr��ter Unruhe. Auf unserer ganzen Reise durch die Frostmark habe ich ihn nicht schlafen sehen. Wenn ich einschlief, war er immer noch wach, und der Morgen fand ihn vor mir auf den Beinen. Und er war nicht mehr jung; schon als ich zu ihm kam, war er alt, und ich war mehrere Jahre bei ihm und studierte.</p><p>Eines Tages, als wir endlich die n�rdliche Grenze von Erkynland �berschritten hatten, bat er mich, Wache zu stehen, damit er die Stra�e der Tr�ume gehen konnte. Wir waren an einem Ort ganz �hnlich diesem hier�, Binabik zeigte mit der Hand auf die �de Ebene am Fu� der Berge, �der Fr�hling war gekommen, hatte sich aber noch nicht durchgesetzt. Es war, oh, ungef�hr zur Zeit des Allernarrentages oder einen Tag davor.�</p><p><emphasis>Am Vorabend des Allernarrentages</emphasis> � Simon versuchte zur�ckzudenken, sich zu erinnern. <emphasis>Die Nacht, in der dieser furchtbare L�rm die ganze Burg aufschreckte. Die Nacht bevor � der Regen kam �</emphasis></p><p>�Qantaqa war auf der Jagd, und der alte Widder Einauge � gro�, fett und geduldig genug, Ookequk zu tragen! � schlief am Feuer. Wir waren allein, nur wir und der Himmel. Mein Meister a� von der Traumborke, die aus dem Marschland von Wran im S�den zu ihm gekommen war. Er verfiel in eine Art Schlummer. Er hatte mir nicht gesagt, warum er das tat, aber ich konnte mir denken, da� er nach Antworten suchte, die er auf andere Weise nicht finden konnte. Die Boghanik hatten ihm angst gemacht, weil ihr Verhalten ein falsches war.</p><p>Bald fing er an vor sich hin zu murmeln, wie er es gew�hnlich tat, wenn sein Herz auf der Stra�e der Tr�ume wandelte. Vieles war unverst�ndlich, aber ein paar Dinge, von denen er sprach, hat auch Bruder Dochais erw�hnt; das ist der Grund, weshalb du mir vielleicht Erstaunen angemerkt hast.�</p><p>Simon mu�te ein saures L�cheln unterdr�cken. Und er hatte geglaubt, es w�re seine eigene, von den fieberwirren Worten des Hernystiri angefachte Furcht, die so deutlich f�r alle gewesen w�re!</p><p>�Auf einmal�, fuhr der Troll fort und bohrte immer noch verbissen mit seinem Stab im schlammigen Gras, �schien es mir, als h�tte ihn etwas gepackt � wieder eine �hnlichkeit mit Bruder Dochais. Aber mein Meister war stark, st�rker im Herzen, glaube ich, als fast jeder andere, Mensch oder Troll, und er wehrte sich. Er k�mpfte und k�mpfte immer weiter, den ganzen Nachmittag lang und in den Abend hinein, w�hrend ich daneben stand und nicht helfen konnte, au�er ihm die Stirn zu befeuchten.� Binabik ri� eine Handvoll Gras aus, warf sie in die Luft und schlug mit dem Stock danach. �Dann, kurze Zeit nach der Mitte der Nacht, sagte er einige Worte zu mir � ganz ruhig, als s��e er mit den anderen �ltesten in der Stammesh�hle beim Trinken � und starb.</p><p>Ich glaube, es war schlimmer f�r mich als bei meinen Eltern, denn sie waren pl�tzlich verschwunden � einfach in einer Schneelawine versch�ttet, ohne eine Spur. Ich begrub Ookequk dort an einem Berghang. Keines der geziemenden Rituale wurde ordnungsgem�� vollzogen, und das ist eine Schande f�r mich. Einauge wollte nicht fort von seinem Herrn; soweit ich wissen kann, ist er vielleicht immer noch bei ihm. Ich hoffe es.�</p><p>Der Troll schwieg eine Weile und starrte verbissen auf das zerkratzte Leder an den Knien seiner Hose. Sein Schmerz war Simons eigenem Leid so �hnlich, da� dem Jungen keine Worte einfielen, die f�r jemand anderen als ihn selbst sinnvoll gewesen w�ren. Etwas sp�ter �ffnete Binabik stumm seinen Rucksack und bot ihm eine Handvoll N�sse an. Simon nahm sie und auch den Wasserschlauch.</p><p>�Dann�, fing Binabik wieder an, fast als habe er keine Pause gemacht, �geschah etwas Seltsames.� Simon kuschelte sich in seinen Mantel und schaute in das Gesicht des Trolls, der fortfuhr: �Zwei Tage hatte ich an der Grabst�tte meines Meisters zugebracht. Es war eigentlich ein sch�ner Ort, der unter freiem Himmel lag, aber trotzdem tat mir das Herz weh, weil ich wu�te, da� er hoch oben im Gebirge gl�cklicher gewesen w�re. Ich dachte nach, was ich nun anfangen sollte, zu Morgenes nach Erchester Weiterreisen oder zu meinem Volk zur�ckkehren und verk�nden, da� der Singende Mann Ookequk tot war.</p><p>Am Nachmittag des zweiten Tages entschied ich mich daf�r, umzukehren. Ich wu�te nicht, wie wichtig die Unterredung meines Meisters mit Doktor Morgenes war � bedauerlicherweise wei� ich es immer noch nicht recht �, und ich hatte andere � Verantwortlichkeiten.</p><p>Als ich nach Qantaqa rief und den treuen Einauge ein letztes Mal zwischen den H�rnern kraulte, flatterte ein kleiner, grauer Vogel herab und landete auf Ookequks Grab. Ich erkannte ihn als einen der Botenv�gel meines Meisters; er war sehr m�de, weil er eine schwere B�rde trug, seine Botschaft und � und noch etwas anderes. Als ich zu ihm hinging, um ihn einzufangen, kam Qantaqa krachend durch das Unterholz gest�rmt. Der Vogel, es ist nicht erstaunlich, war erschreckt und flog auf. Ich erwischte ihn um Haaresbreite. Es war eine Knappheit, Simon, aber ich fing ihn.</p><p>Die Botschaft war von Morgenes geschrieben, und sie handelte von dir, mein Freund. Sie sagte dem Leser � der mein Meister h�tte sein sollen �, da� du in Gefahr seist und allein vom Hochhorst nach Naglimund reisen w�rdest. Sie bat meinen Meister, dir zu helfen, wenn m�glich ohne dein Wissen. Und noch ein paar andere Dinge.�</p><p>Simon lauschte gebannt; hier war ein fehlendes St�ck seiner eigenen Geschichte. �Was f�r �andere Dinge�?� wollte er wissen.</p><p>�Dinge nur f�r die Augen meines Meisters.� Binabiks Ton war freundlich, aber fest. �Man braucht wohl nicht zu erw�hnen, da� jetzt alles anders aussah. Sein alter Freund bat meinen Meister um einen Gefallen � aber nur ich konnte ihm diesen Gefallen noch tun. Auch das war schwierig, aber sobald ich Morgenes' Nachricht gelesen hatte, wu�te ich, da� ich seine Bitte erf�llen mu�te. Also brach ich am selben Tage, noch vor Einbruch der D�mmerung, nach Erchester auf.�</p><p><emphasis>Die Botschaft lautete, da� ich allein reisen w�rde. Morgenes hat nie geglaubt, da� er fliehen k�nnte.</emphasis> Simon f�hlte, wie ihm die Tr�nen kamen, und versteckte die M�he, die es ihn kostete, sie zu unterdr�cken, hinter einer Frage.</p><p>�Aber wie solltest du mich finden?�</p><p>Binabik l�chelte. �Mit Hilfe harter Qanuc-Arbeit, Freund Simon. Ich mu�te deine F�hrte aufsp�ren � Zeichen, da� ein junger Mann vorbeigekommen war, ohne festes Ziel, dergleichen Dinge. Harte Qanuc-Arbeit und eine Gr��e von Gl�ck f�hrten mich zu dir.�</p><p>In Simons Herz stieg j�h eine Erinnerung auf, grau und furchterregend selbst aus weiter Ferne. �Bist du mir auf der Begr�bnisst�tte gefolgt? Dort vor den Stadtmauern?� Es war nicht alles ein Traum gewesen, das wu�te er. Etwas hatte seinen Namen gerufen.</p><p>Aber das runde Gesicht des Trolls blieb entt�uschend leer.</p><p>�Nein, Simon�, antwortete er und �berlegte sorgf�ltig. �Ich habe deine Spur erst, denke ich, auf der Alten Forststra�e entdeckt. Warum?�</p><p>�Es ist nicht wichtig.� Simon stand auf, streckte sich und blickte auf das feuchte Flachland hinaus. Dann setzte er sich wieder hin und griff nach dem Wasserschlauch. �Also gut. Ich denke, ich verstehe jetzt � aber ich mu� mir �ber so vieles erst noch klarwerden. Es sieht ganz danach aus, als sollten wir doch nach Naglimund gehen, oder was meinst du?�</p><p>Binabik machte ein besorgtes Gesicht. �Ich bin nicht sicher, Simon. Wenn sich die Bukken in der Frostmark zeigen, ist die Stra�e zur Feste Naglimund f�r zwei einzelne Reisende zu gef�hrlich. Ich mu� gestehen, da� ich mir gro�e Sorgen mache. Ich w�nschte, wir h�tten deinen Doktor Morgenes hier, um uns einen Rat zu geben. Bist du in so gro�er Gefahr, Simon, da� wir nicht wenigstens irgendeine Botschaft an ihn wagen k�nnen? Ich glaube nicht, da� er will, da� ich dich durch so schreckliche Gefahren f�hre.�</p><p>Es dauerte einen Augenblick, bis Simon begriff, da� der �er�, von dem Binabik sprach, immer noch Morgenes war. Gleich darauf kam ihm die verbl�ffende Erkenntnis, da� der Troll ja gar nicht wu�te, was vorgefallen war.</p><p>�Binabik�, begann er und hatte im selben Augenblick ein Gef�hl, als f�ge er dem anderen eine Wunde zu, �er ist tot. Doktor Morgenes ist tot.�</p><p>Eine Sekunde lang ri� der Kleine weit die Augen auf. Zum ersten Mal war das Wei� um die braune Iris sichtbar. Dann erstarrte Binabiks Miene sofort zur leidenschaftslosen Maske.</p><p>�Tot?� wiederholte er endlich, und seine Stimme war so kalt, da� es Simon ganz sonderbar zumute war � als m��te er sich verteidigen, als w�re das alles irgendwie seine Schuld �, und dabei hatte er doch so bitterlich um den Doktor geweint!</p><p>�Ja.� Simon �berlegte kurz und ging dann bewu�t ein Risiko ein. �Er starb, um Prinz Josua und mir aus der Burg zu helfen. K�nig Elias hat ihn get�tet � das hei�t, er lie� ihn von Pryrates t�ten, der sein Gefolgsmann ist.�</p><p>Binabik starrte Simon in die Augen und sah dann zu Boden. �Ich wu�te von Josuas Gefangenschaft. Es stand in dem Brief. Alles weitere sind � Neuigkeiten, und zwar sehr schlimme.� Er stand auf, und der Wind zerrte an seinem glatten, schwarzen Haar. �La� mich jetzt ein St�ck gehen, Simon. Ich mu� nachdenken, was das alles bedeutet � ich mu� nachdenken��</p><p>Mit immer noch ausdruckslosem Gesicht entfernte sich der kleine Mann von der Felsgruppe. Sofort sprang Qantaqa ihm nach. Binabik wollte sie erst verscheuchen, zuckte dann aber die Achseln. Sie umkreiste ihn in weiten, tr�gen B�gen, w�hrend er langsam weiterging, den Kopf gesenkt, die kleinen H�nde in den �rmeln versteckt. Simon dachte, er sehe viel zu klein aus f�r das Gewicht, das auf ihm lastete.</p><empty-line/><p>Simon hatte halb und halb gehofft, der Troll w�rde bei seiner R�ckkehr vielleicht eine fette Holztaube oder etwas �hnliches mitbringen. Doch er wurde entt�uscht.</p><p>�Tut mir leid, Simon�, meinte der kleine Mann, �aber wir h�tten auch wenig davon gehabt. Mit nichts als nassem Gestr�pp ringsum h�tten wir kein rauchloses Feuer machen k�nnen, und ich glaube, ein Feuer mit Rauchzeichen ist im Augenblick nicht g�nstig f�r uns. I� ein St�ck Trockenfisch.�</p><p>Der Fisch, schon recht knapp, war weder s�ttigend noch schmackhaft, aber Simon kaute finster auf seinem St�ck herum: Wer wu�te, wann er bei diesem unseligen Abenteuer das n�chste Mal etwas zu essen bekommen w�rde?</p><p>�Ich habe nachgedacht, Simon. Deine Neuigkeit, ohne da� du daran schuld w�rst, schmerzt mich. So bald nach dem Tod meines Meisters vom Ende des Doktors zu h�ren, eines so guten alten Mannes��</p><p>Binabik verstummte, b�ckte sich dann und fing an, seine Sachen wieder im Rucksack zu verstauen, nachdem er zuvor verschiedene Gegenst�nde aussortiert hatte.</p><p>�Das geh�rt dir � schau, ich habe es f�r dich aufbewahrt.� Er gab Simon die beiden vertrauten r�hrenf�rmigen B�ndel. �Dieses hier��, sagte Simon und nahm die P�ckchen, �� nicht der Pfeil, sondern das da��, er reichte es Binabik wieder hin, �� ist eine Schrift von Doktor Morgenes.�</p><p>�Wahrhaftig?� Binabik schob die Verpackung aus Lumpen an einer Ecke zur�ck. �Etwas, das uns hilft?�</p><p>�Ich glaube nicht�, antwortete Simon. �Es handelt von <emphasis>Leben und Regierung Johan Presbyters.</emphasis> Ich habe ein wenig darin gelesen � es geht haupts�chlich um Schlachten und solche Dinge.�</p><p>�Aha. Ja.� Binabik gab es Simon zur�ck, der es in den G�rtel schob. �Zu schade ist das. Wir k�nnten jetzt genauere Anweisungen von ihm brauchen.� Der Troll b�ckte sich und steckte weitere Gegenst�nde in seinen Rucksack. �Morgenes und Ookequk, mein Meister, die beiden geh�rten zu einer ganz besonderen Gruppe.� Er holte etwas aus seinen Sachen und hielt es hoch, damit Simon es betrachten konnte. Im Licht des bedeckten Nachmittages gl�nzte es matt: ein Anh�nger aus einer Schriftrolle und einem Federkiel.</p><p>�So etwas hatte Morgenes auch!� sagte Simon und beugte sich n�her.</p><p>�Jawohl.� Binabik nickte. �Dies hier geh�rte meinem Meister. Es ist ein Siegel, das alle besitzen, die dem <emphasis>Bund der Schriftrolle</emphasis> beitreten. Er hat, sagte mein Meister, nie mehr als sieben Mitglieder. Dein und mein Meister sind tot, also k�nnen nur noch f�nf �brig sein.� Er schlo� die kleine Hand rasch �ber dem Anh�nger und warf ihn in den Rucksack zur�ck.</p><p>�Der Bund der Schriftrolle?� fragte Simon verwundert. �Was ist das?�</p><p>�Eine Gruppe von Gelehrten, die ihr Wissen miteinander teilen, habe ich meinen Meister sagen h�ren. Vielleicht noch mehr als das, aber dar�ber wollte er mir nie erz�hlen.� Der Troll war mit dem Packen fertig und richtete sich auf. �Es tut mir leid, Simon, das zu sagen, aber ich f�rchte, wir m�ssen uns wieder auf den Weg machen.�</p><p>�Schon?� Bereits vergessene Schmerzen kehrten j�h in Simons Muskeln zur�ck.</p><p>�Mir scheint, es ist n�tig. Wie ich erw�hnte, habe ich mir viele Gedanken gemacht. Und dies ist es, was ich gedacht habe�� Er schraubte seinen Wanderstock fester zusammen und pfiff nach Qantaqa. �Erstens ist es meine Pflicht, dich nach Naglimund zu bringen. Daran hat sich nichts ge�ndert; es war leider nur mein Entschlu�, der ins Wanken geraten ist. Die Schwierigkeit liegt darin, da� ich der Frostmark nicht traue. Du hast die Bukken gesehen � wahrscheinlich w�re es dir auch lieber, ihnen nicht wieder zu begegnen. Aber wir m�ssen nach Norden. Ich denke darum, da� wir zum Aldheorte zur�ckgehen sollten.�</p><p>�Aber, Binabik, wie k�nnen wir dort sicherer sein? Was hindert diese Gr�berwesen, uns in den Wald zu folgen, wo wir wahrscheinlich nicht einmal wegrennen k�nnen?�</p><p>�Eine gute Frage. Ich habe dir schon einmal von Altherz erz�hlt � von seinem Alter und � und � mir f�llt in deiner Sprache kein Wort daf�r ein, aber �Seele� und �Geist� geben dir vielleicht einen Begriff von dem, was ich meine.</p><p>Die Bukken k�nnen unter dem alten Wald durch, aber es ist nicht leicht f�r sie. Es liegt Macht in den Wurzeln des Aldheorte, Macht, die solche � Gesch�pfe � nicht leicht �berwinden k�nnen. Au�erdem lebt dort jemand, den ich sehen mu�, jemand, der erfahren mu�, was mit deinem und meinem Meister geschehen ist.�</p><p>Simon hatte seine eigenen Fragen l�ngst selber satt, erkundigte sich aber trotzdem: �Und wer ist das?�</p><p>�Ihr Name ist Gelo�. Eine <emphasis>weise Frau</emphasis> ist sie, bekannt als <emphasis>Valada</emphasis> � das ist ein Rimmersgard-Wort. Au�erdem kann sie uns vielleicht helfen, Naglimund zu erreichen, weil wir von der �stlichen Seite des Waldes aus den Weldhelm �berqueren m�ssen und ich diesen Weg nicht kenne.�</p><p>Simon zog seinen Mantel an und hakte die abgeschabte Schnalle unter dem Kinn fest. �M�ssen wir heute noch fort?� fragte er. �Es ist schon sp�ter Nachmittag.�</p><p>�Simon�, sagte Binabik ernst, als Qantaqa mit h�ngender Zunge herbeigetrabt kam, �bitte glaub mir. Auch wenn es Dinge gibt, die ich dir noch nicht sagen kann, m�ssen wir wahre Gef�hrten sein. Ich brauche dein Vertrauen. Es geht hier nicht allein um Elias' K�nigtum. Wir haben beide jemanden verloren, an dem wir gehangen haben � einen alten Mann und einen alten Troll, die viel mehr wu�ten als wir. Sie hatten beide Angst. Bruder Dochais, denke ich, <emphasis>starb</emphasis> vor Angst. Etwas <emphasis>B�ses</emphasis> erwacht, und es w�re t�richt von uns, noch l�nger in offenem Gel�nde zu bleiben.�</p><p>�<emphasis>Was</emphasis> erwacht, Binabik? <emphasis>Welches</emphasis> B�se? Dochais nannte einen Namen � ich habe ihn geh�rt. Gerade bevor er starb, sagte er ��</p><p>�Du brauchst es nicht ��, wollte Binabik ihn unterbrechen, aber Simon k�mmerte sich nicht darum. Er hatte die Andeutungen und Anspielungen nachgerade satt.</p><p>�� <emphasis>Sturmk�nig</emphasis>�, schlo� er energisch.</p><p>Binabik sah sich hastig um, als erwartete er, da� etwas Furchtbares erschiene. �Ja�, zischte er. �Ich habe es auch geh�rt, aber ich wei� nicht viel davon.� Hinter dem fernen Horizont ert�nte ein Donnergrollen. Der kleine Mann machte ein grimmiges Gesicht. �Der Sturmk�nig, das ist im dunklen Norden ein Name voller Grauen, Simon, ein Name aus Legenden, mit denen man den Leuten angst macht, mit dem man Beschw�rungen spricht. Alles, was ich habe, sind kleine Worte, die mir mein Meister manchmal gesagt hat, aber sie reichen aus, um mich vor Sorge krank zu machen.� Er schulterte seinen Rucksack und marschierte in die schlammige Ebene hinaus, auf die plumpe, geduckte Reihe der Berge zu.</p><p>�Dieser Name�, erg�nzte er, und seine Stimme klang inmitten solch flacher Leere sinnlos ged�mpft, �allein gen�gt, um Ernten verdorren zu lassen, Fieber und schlechte Tr�ume zu bringen��</p><p>�� und Regen und schlechtes Wetter?� fragte Simon und sah zu dem h��lichen, tiefh�ngenden Himmel auf.</p><p>�Und noch viel mehr�, erwiderte Binabik und ber�hrte mit der Handfl�che seine Jacke, gerade �ber dem Herzen.</p></section><section><title><p>XXIV</p><p>Die Hunde von Erkynland</p></title><p>Simon tr�umte, er gehe im Kieferngarten des Hochhorstes spazieren, unmittelbar drau�en vor dem Speisesaal. �ber den sanft rauschenden B�umen hing die Steinbr�cke, die Saal und Kapelle verband. Obwohl er keine K�lte empfand � eigentlich f�hlte er seinen K�rper �berhaupt nicht, es sei denn als Mittel der Bef�rderung von einem Ort zum anderen �, schwebten ringsum sachte Schneeflocken herab. Die zarten, nadelspitzen Umrisse der B�ume begannen unter wei�en Decken zu verschwimmen, und �berall herrschte Stille; der Wind, der Schnee, Simon selbst � alles bewegte sich in einer Welt, in der es weder einen Laut noch eine schnelle Regung zu geben schien.</p><p>Der Wind, den er nicht sp�rte, wehte jetzt st�rker, und die B�ume des gesch�tzten Gartens neigten sich, wenn Simon vorbeikam, teilten sich wie Meereswellen um einen halb versunkenen Stein. Der Schnee wirbelte, und Simon schritt in die �ffnung hinein, einen baumges�umten Korridor aus stiebendem Wei�. Immer weiter ging er, und die B�ume wichen vor ihm zur�ck wie respektvolle Soldaten.</p><p>Der Garten war doch nie so lang gewesen?</p><p>Pl�tzlich wurde Simons Blick aufw�rts gezogen. Am Ende des verschneiten Pfades stand eine riesige wei�e S�ule und ragte weit �ber seinem Kopf in den dunklen Himmel empor.</p><p><emphasis>Nat�rlich,</emphasis> dachte er in der Halblogik seines Traumes, <emphasis>es ist der Gr�nengel-Turm.</emphasis> Zwar hatte er fr�her nie direkt vom Garten zum Turmsockel gehen k�nnen, aber die Dinge hatten sich eben ge�ndert, seit er fort war �</p><p><emphasis>Aber wenn es der Turm ist,</emphasis> dachte er und starrte zu dem gewaltigen Gebilde empor, <emphasis>warum hat er dann �ste? Es ist nicht der Turm � jedenfalls nicht mehr � es ist ein Baum � ein gro�er, wei�er Baum�</emphasis></p><p>Mit weit aufgerissenen Augen fuhr Simon in die H�he.</p><p>�Was ist ein Baum?� fragte Binabik, der dicht neben ihm sa� und mit einer Vogelknochennadel Simons Hemd zusammenflickte. Gleich darauf war er fertig und reichte es dem Jungen zur�ck, der einen Arm unter dem sch�tzenden Mantel hervorstreckte, um es in Empfang zu nehmen. �Was ist ein Baum, und war dein Schlafen gut?�</p><p>�Ein Traum, sonst nichts�, sagte Simon etwas ged�mpft, w�hrend er das Hemd �ber den Kopf zog. �Ich habe getr�umt, der Gr�nengel-Turm h�tte sich in einen Baum verwandelt.� Er sah Binabik fragend an, aber der Troll zuckte nur die Achseln.</p><p>�Ein Traum�, stimmte Binabik zu.</p><p>Simon g�hnte und streckte sich. Der Schlaf in der gesch�tzten Spalte des Berghanges war nicht sonderlich bequem gewesen, aber einer schutzlosen Nacht auf der Ebene bei weitem vorzuziehen. Die Logik dieser Tatsache hatte ihm, sobald sie sich gestern erst einmal in Marsch gesetzt hatten, sehr schnell eingeleuchtet.</p><p>W�hrend er noch schlief, war die Sonne aufgegangen, unauff�llig hinter der Wolkendecke, nur ein Strich rosagrauen Lichtes quer �ber den Himmel. Wenn man oben vom Berghang zur�ckblickte, konnte man schwer sagen, wo der Himmel aufh�rte und die dunstigen Ebenen begannen. Die Welt heute morgen schien ein tr�ber und unfertiger Ort zu sein.</p><p>�Ich sah Feuer heute nacht, w�hrend du schliefst�, bemerkte der Troll und schreckte Simon damit aus seiner Tr�umerei.</p><p>�Feuer?! Wo?�</p><p>Binabik deutete mit der linken Hand �ber die Ebene nach S�den. �Dort hinten. Sorg dich nicht. Ich glaube, sie sind weit weg. Es ist durchaus die M�glichkeit, da� sie nichts mit uns zu tun haben.�</p><p>�Vermutlich.� Simon sp�hte in die graue Ferne. �Denkst du, es k�nnten Isgrimnur und seine Rimmersm�nner sein?�</p><p>�Das ist zweifelhaft.�</p><p>Simon drehte sich wieder um und sah den Kleinen an. �Aber du hast gesagt, sie w�rden entkommen! Sie w�rden �berleben!�</p><p>Der Troll warf ihm einen gereizten Blick zu. �Wenn du warten k�nntest, w�rdest du h�ren. Ich bin �berzeugt, da� sie �berlebt haben, aber sie waren unterwegs nach <emphasis>Norden,</emphasis> und ich bezweifle, da� sie umgekehrt sind. Diese Feuer waren weiter s�dlich, als ob��</p><p>�� als ob sie von Erkynland her�berk�men�, beendete Simon den Satz.</p><p>�Ja!� erwiderte Binabik ein wenig ungehalten. �Aber es k�nnten ja H�ndler sein � oder Pilger�� Er sah sich um. �Wo nur Qantaqa steckt?�</p><p>Simon zog eine Grimasse. Er erkannte eine Ausflucht, wenn er sie h�rte. �Also gut. Es k�nnte alles M�gliche sein � aber gestern warst <emphasis>du</emphasis> es, der zur Eile mahnte. Sollen wir warten, bis wir selbst sehen k�nnen, ob es Kaufleute sind oder � oder <emphasis>Gr�ber?�</emphasis> Der Scherz hatte einen ziemlich sauren Nachgeschmack. Das letzte Wort hatte ihm nicht angenehm im Mund gelegen.</p><p>�Nicht dumm zu sein ist wichtig�, grunzte Binabik angewidert. �Boghanik � die Bukken � machen kein Feuer. Sie <emphasis>hassen</emphasis> alles Helle. Und wir, nein, wir werden nicht warten, bis diese Feueranz�nder zu uns kommen. Wir kehren in den Wald zur�ck, wie ich es dir gesagt habe.� Er deutete �ber seinen Kopf weg nach hinten. �Auf der anderen Seite des Berges werden wir ihn sehen k�nnen.�</p><p>Hinter ihnen knackte es im Gestr�pp, und Troll und Junge sprangen �berrascht auf. Doch es war nur die W�lfin, die in Kreuz- und Querspr�ngen den Hang hinunterkam, die Nase dicht am Boden. Als sie das Lager erreicht hatte, stupste sie Binabik am Arm, bis er ihren Kopf kraulte.</p><p>�Qantaqa ist fr�hlicher Laune, hmmm?� Der Troll zeigte l�chelnd die gelben Z�hne. �Da wir den Vorteil eines dicht bew�lkten Tages haben, der den Rauch eines Lagerfeuers verdeckt, denke ich, da� wir uns erlauben k�nnen, zumindest eine ordentliche Mahlzeit zu uns zu nehmen, bevor wir uns wieder auf den Weg machen. Findet das deine Zustimmung?�</p><p>Simon bem�hte sich um eine ernsthafte Miene. �Ich � glaube schon, da� ich etwas essen k�nnte � wenn es denn sein m��te�, antwortete er, �wenn du es <emphasis>wirklich</emphasis> f�r wichtig h�ltst��</p><p>Binabik ri� die Augen auf und versuchte sich dar�ber klarzuwerden, ob Simon tats�chlich Einw�nde gegen ein Fr�hst�ck hatte, und der Junge f�hlte, wie ein Lachen in ihm aufstieg und heraussprudeln wollte.</p><p><emphasis>Wieso benehme ich mich wie ein Mondkalb?</emphasis> Er wunderte sich �ber sich selbst. <emphasis>Wir sind in furchtbarer Gefahr, und daran wird sich auch so bald nichts �ndern.</emphasis></p><p>Aber schlie�lich war Binabiks verwirrter Blick zu viel f�r ihn, und er brach in lautes Gel�chter aus.</p><p><emphasis>Nun ja</emphasis>, gab er sich selbst Antwort, <emphasis>man kann sich nicht ununterbrochen Sorgen machen.</emphasis></p><empty-line/><p>Simon seufzte und lie� sich von Qantaqa die wenigen Restkr�mel Eichh�rnchenfleisch von den Fingern lecken. Er staunte, wie zart die W�lfin ihre gewaltigen Kiefer und blitzenden Z�hne benutzen konnte.</p><p>Das Feuer war nur klein, denn der Troll hielt nichts von unn�tigen Risiken. Ein d�nner Rauchfaden kr�uselte sich geschmeidig im Wind, der �ber den Berghang strich.</p><p>Binabik las in Morgenes' Manuskript, das er mit Simons Erlaubnis ausgepackt hatte. �Es ist meine Hoffnung, da� du verstehst�, bemerkte der Troll ohne aufzusehen, �da� du das mit keinem anderen Wolf als meiner Freundin Qantaqa versuchen darfst.�</p><p>�Nat�rlich nicht. Es ist erstaunlich, wie zahm sie ist.�</p><p>�Nicht <emphasis>zahm</emphasis>.� Binabik betonte das Wort mit Nachdruck. �Sie hat eine Ehrenschuld mir gegen�ber, und das schlie�t die mit ein, die meine Freunde sind.�</p><p>�Ehre?� fragte Simon tr�ge.</p><p>�Ich bin �berzeugt, du kennst diesen Begriff, auch wenn man in den s�dlichen L�ndern recht leichtfertig damit umgeht. Ehre. Glaubst du, da� es so etwas zwischen Troll und Tier nicht geben kann?� Binabik warf ihm einen kurzen Blick zu und bl�tterte dann weiter in dem Manuskript.</p><p>�Ach, ich glaube heutzutage �berhaupt nicht mehr viel�, erwiderte Simon leichthin und beugte sich vor, um Qantaqas dickpelziges Kinn zu kratzen. �Ich versuche nur, den Kopf sch�n nach unten zu halten und bis nach Naglimund zu kommen.�</p><p>�Du weichst einer echten Antwort aus�, brummte Binabik, verfolgte jedoch das Thema nicht weiter. Eine Weile war auf dem Berghang nur das Knistern des Pergaments zu vernehmen. Die Morgensonne stieg am Himmel h�her.</p><p>�Hier�, meinte Binabik endlich, �h�r mir zu. Ach, Tochter der Berge, wie sehr vermisse ich doch Morgenes, wenn ich nur seine Worte lese. Wei�t du etwas �ber Nerulagh, Simon?�</p><p>�Gewi�. Wo K�nig Johan die Nabbanai schlug. In der Burg ist ein Tor, das ganz mit Schnitzereien davon bedeckt ist.�</p><p>�Du hast recht. Nun, hier schreibt Morgenes also �ber die Schlacht von Nerulagh, in der Johan zum ersten Mal dem ber�hmten Ritter Camaris begegnete. Darf ich dir vorlesen?�</p><p>Simon unterdr�ckte eine Anwandlung von Eifersucht. Der Doktor hatte schlie�lich sein Manuskript nicht allein f�r Simon und sonst niemanden bestimmt, erinnerte er sich.</p><p><emphasis>�Nachdem sich daher Ardrivis' Entscheidung � eine tapfere, sagen manche, hochm�tig nennen sie andere �, diesem Empork�mmling, dem K�nig aus dem Norden, in der flachen Ebene des Wiesen-Thrithings am Myrme-See gegen�berzutreten, als verh�ngnisvoll erwiesen hatte, zog Ardrivis die Hauptmasse seiner Truppen zum Onestrinischen Pa� zur�ck, einem schmalen Durchgang zwischen den Bergseen Eadne und Clodu��</emphasis></p><p>�Wovon Morgenes hier spricht�, erl�uterte Binabik, �ist, da� Ardrivis, der Imperator von Nabban, nicht glaubte, Johan der Priester k�nne in so gro�er Entfernung von Erkynland noch eine bedeutende Streitmacht gegen ihn aufstellen. Aber die Inselbewohner von Perdruin, die immer im Schatten der Nabbanai gestanden hatten, schlossen einen Geheimvertrag mit dem K�nig und halfen ihm, seine Truppen zu verst�rken. Johans Heer schlug Ardrivis' Truppen vernichtend am Rande des Wiesen-Thrithings, etwas, das die stolzen Nabbanai niemals f�r m�glich gehalten h�tten. � Kannst du mir folgen?�</p><p>�Ich glaube.� Simon war sich nicht ganz sicher, hatte aber gen�gend Balladen �ber Nerulagh geh�rt, um die meisten Namen wiederzuerkennen. �Lies weiter.�</p><p>�Das werde ich. La� mich nur die Stelle finden, die ich dir vorlesen wollte.� Er �berflog die Seite. �Ho!�</p><p><emphasis>�Und so f�hrte, als die Sonne hinter dem Berg Onestris versank, die letzte Sonne f�r achttausend tote und sterbende M�nner, der junge Camaris, dessen Vater Benidrivis-s�-Vinitta erst vor einer Stunde von seinem sterbenden Bruder Ardrivis den Stab des Imperators �bernommen hatte, den Angriff von f�nfhundert Berittenen an, dem Rest der kaiserlichen Garde, begierig nach Rache��</emphasis></p><p>�Binabik?� unterbrach Simon.</p><p>�Ja?�</p><p>�Wer �bernahm was von wem?�</p><p>Binabik lachte. �Verzeih mir. Es ist ein Netz voller Namen f�r einen einzigen Fang, nicht wahr? Ardrivis war der letzte Imperator von Nabban, obwohl sein Kaiserreich, verstehst du, nicht gr��er war als das heutige Herzogtum Nabban. Ardrivis �berwarf sich mit Johan dem Priester, vermutlich, weil Ardrivis wu�te, da� Johan ein vereinigtes Osten Ard anstrebte und es eines Tages zum Krieg kommen w�rde. Ich will dich nicht mit allen diesen K�mpfen langweilen, aber du wei�t ja, da� es ihre letzte Schlacht war. Imperator Ardrivis wurde von einem Pfeil get�tet und sein Bruder Benidrivis der neue Imperator � allerdings nur f�r den Rest dieses Tages, der mit der Unterwerfung Nabbans endete. Camaris war Benidrivis' Sohn. Er war damals noch sehr jung, vielleicht f�nfzehn Jahre, und so wurde er f�r diesen Nachmittag der letzte Nabbanai-Prinz, wie er auch manchmal in den Liedern hei�t � hast du jetzt verstanden?�</p><p>�Besser. Es waren diese vielen �Arise� und �Ivise�, die mich einen Augenblick nicht mitkommen lie�en.�</p><p>Binabik nahm das Pergament wieder auf und las weiter.</p><p><emphasis>�Als nun Camaris auf das Schlachtfeld ritt, war das erm�dete Heer von Erkynland sehr best�rzt. Die Truppen des jungen Prinzen waren zwar nicht frisch, aber Camaris selbst glich einem Wirbelwind, einem t�dlichen Sturm, und das Schwert Dorn, das ihm sein sterbender Onkel gegeben hatte, war wie ein schwarzzackiger Blitz. Selbst zu diesem sp�ten Zeitpunkt, hei�t es in den Aufzeichnungen, h�tten die Streitkr�fte von Erkynland noch aufgerieben werden k�nnen. Da aber trat Johan der Priester auf den Plan, Hellnagel fest in der behandschuhten Faust, und hieb sich einen Weg durch die Kaiserliche Garde von Nabban, bis er dem tapferen Camaris gegen�berstand.�</emphasis></p><p>�Jetzt kommt das, worauf ich dich besonders aufmerksam machen m�chte�, sagte Binabik und bl�tterte um zur n�chsten Seite.</p><p>�Das ist ja gro�artig�, meinte Simon. �Spaltet Johan der Priester ihn ihn zwei H�lften?�</p><p>�L�cherlich!� schnaubte der Troll. �Wie sollten sie denn dann die engsten und ruhmreichsten Freunde werden? In zwei H�lften spalten! Pah!� Er fuhr fort.</p><p><emphasis>�In den Balladen hei�t es, sie h�tten den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein gefochten, aber das m�chte ich stark bezweifeln. Bestimmt k�mpften sie lange, aber zweifellos waren D�mmerung und Dunkelheit ohnehin nicht mehr fern, und es kam nur einigen der m�de gewordenen Zuschauer so vor, als h�tten diese beiden gro�en M�nner den ganzen Tag lang gegeneinander gestritten��</emphasis></p><p>�Was f�r �berlegungen dein Doktor anstellt!� kicherte Binabik belustigt.</p><p><emphasis>�Wie aber die Wahrheit auch lauten mag, sie tauschten Schlag um Schlag, klirrten und h�mmerten auf die R�stung des anderen ein, bis die Sonne sank und die Raben sich g�tlich taten. Keiner der M�nner konnte die Oberhand gewinnen, obwohl Johans Truppen inzwischen Camaris' Garde l�ngst besiegt hatten. Aber keiner der Erkynl�nder wagte sich einzumischen. Endlich trat Camaris' Pferd zuf�llig in ein Loch, brach sich das Bein und st�rzte mit gellendem Aufschrei nieder, wobei es den Prinzen unter sich begrub. In diesem Augenblick h�tte Johan ein Ende machen k�nnen, und wenige h�tten ihn darum getadelt; statt dessen jedoch, so schw�ren die Zuschauer einm�tig, half er dem gefallenen Nabbanai-Ritter unter seinem Ro� hervor, gab ihm sein Schwert zur�ck und setzte, nachdem sich Camaris als unverletzt erwiesen hatte, den Kampf mit ihm fort.�</emphasis></p><p>��don!� hauchte Simon, tief beeindruckt. Nat�rlich hatte er die Geschichte schon geh�rt, aber es war etwas ganz anderes, sie jetzt in Morgenes' knappen, bestimmten Worten best�tigt zu bekommen.</p><p><emphasis>�So stritten sie fort und fort, bis Johan der Priester � der schlie�lich gute zwanzig Jahre mehr als Camaris z�hlte � m�de wurde und stolperte. Er st�rzte vor den F��en des Prinzen von Nabban zu Boden.</emphasis></p><p><emphasis>Camaris, von der St�rke und Ehrenhaftigkeit seines Gegners ger�hrt, verzichtete darauf, ihn zu t�ten. Statt dessen setzte er Johan das Schwert Dorn an die Kehle und forderte das Versprechen von ihm, Nabban von nun an unbehelligt zu lassen. Johan, der nicht erwartet hatte, da� man ihm seine eigene Barmherzigkeit in gleicher Weise vergelten w�rde, sah auf das Feld von Nerulagh hinaus, leer bis auf seine eigenen Krieger, �berlegte einen Augenblick � und versetzte Camaris-s�-Vinitta einen �berraschenden Fu�tritt zwischen die Beine.�</emphasis></p><p>�Nein!� rief Simon fassungslos. Qantaqa hob bei seinem Ausruf den schl�frigen Kopf. Binabik grinste nur und fuhr fort, weiter aus Morgenes' Aufzeichnungen vorzulesen.</p><p><emphasis>�Nunmehr stellte sich Johan seinerseits �ber den schmerzhaft verwundeten Camaris und sprach zu ihm: �Ihr habt noch viel zu lernen, aber Ihr seid ein tapferer und edler Mann. Ich will Eurem Vater und Eurem Hause jede H�flichkeit erweisen und gut f�r Euer Volk sorgen. Ich hoffe, da� Ihr wiederum die erste Lektion, die ich Euch heute erteilt habe, beherzigen werdet, n�mlich diese: Ehre ist etwas Wunderbares, aber sie ist ein Mittel, kein Ziel. Ein Mann, der ehrenvoll verhungert, hilft damit nicht seiner Familie; ein K�nig, der sich in Ehren in sein Schwert st�rzt, rettet damit nicht sein Reich.�</emphasis></p><p><emphasis>Als Camaris genas, war er so voll Ehrfurcht f�r seinen neuen K�nig, da� er von diesem Tage an Johans treuester Gefolgsmann wurde.�</emphasis></p><p>�Und warum hast du mir das vorgelesen?� fragte Simon. Er f�hlte sich einigerma�en gekr�nkt �ber die Belustigung, die Binabik gezeigt hatte, als er ihm von dem �blen Verhalten des gr��ten Herrschers �ber Simons Vaterland vorlas � aber immerhin waren es Morgenes' Worte gewesen, und wenn man es sich �berlegte, machten sie den alten K�nig Johan weit menschlicher und einer Marmorstatue Sankt Sutrins, die als Staubf�nger an der Domfassade in Erchester stand, weniger �hnlich.</p><p>�Es schien mir von Interesse zu sein.� Binabik l�chelte ein Koboldl�cheln. �Nein, das war nicht der Grund�, f�gte er rasch hinzu, als Simon die Stirn runzelte. �Was ich wirklich wollte, war, da� du etwas einsiehst, und ich dachte, Morgenes k�nnte es dir besser klarmachen als ich.</p><p>Du wolltest die M�nner von Rimmersgard nicht im Stich lassen, und ich begreife dein Gef�hl � es war vielleicht nicht die ehrenhafteste Art von Benehmen. Aber es bedeutete auch f�r mich keine Ehre, meine Pflichten in Yiqanuc unerf�llt zu lassen; und doch m�ssen wir manchmal gegen die Ehre handeln � oder sollte man sagen, gegen das, was uns auf den ersten Blick ehrenhaft erscheint � verstehst du mich?�</p><p>�Nicht besonders gut.� Aus Simons Stirnrunzeln wurde ein sp�ttisches, liebevolles L�cheln.</p><p>�Aha.� Binabik zuckte philosophisch mit den Schultern. <emphasis>�Ko muhu-hok na mik aqa nop,</emphasis> sagen wir in Yiqanuc: �Wenn es dir auf den Kopf f�llt, wei�t du, da� es ein Felsblock ist.��</p><p>Simon dachte stoisch dar�ber nach, w�hrend Binabik seine Kochutensilien in den Rucksack packte.</p><empty-line/><p>In einem Punkt hatte Binabik unzweifelhaft recht gehabt. Als sie den Bergkamm erreicht hatten, konnten sie buchst�blich nichts anderes sehen als die unendliche dunkle Weite des Aldheortes, der sich grenzenlos vor ihnen ausdehnte � ein gr�nschwarzes Meer, erstarrt in der Sekunde, bevor seine Wellen am Fu� der Berge anbrandeten. Allerdings erschien Altherz Simon eher wie die See, gegen die das Land selbst vergeblich anst�rmen w�rde.</p><p>Simon konnte nicht umhin, vor Staunen tief Luft zu holen. Die B�ume unter ihnen erstreckten sich so weit in die Ferne, da� sie am Horizont im Nebel verschwanden, so als �berschreite der Wald auf geheimnisvolle Weise die Grenzen der Erde.</p><p>Binabik, der seine gro�en Augen sah, meinte: �Von allen Zeitpunkten, an denen es wichtig ist, auf mich zu h�ren, ist dies der wichtigste: Wenn wir einander dort drin verlieren, wird es vielleicht kein Wiederfinden geben.�</p><p>�Ich war schon in diesem Wald, Binabik.�</p><p>�Nur an seinem Rand, Freund Simon. Jetzt aber betreten wir sein Inneres.�</p><p>�Quer durch?�</p><p>�Ha! Nein, das w�rde Monate dauern � ein Jahr, wer kann es wissen? Aber wir entfernen uns weit von seinen Grenzen, darum m�ssen wir hoffen, da� er uns gestattet, seine G�ste zu sein.�</p><p>Simon starrte hinab und f�hlte ein Prickeln auf der Haut. Die dunklen, schweigenden B�ume, die d�sterschattigen Pfade, die nie das Ger�usch von Schritten vernommen hatten � alle Geschichten eines Volkes von Burg- und Stadtbewohnern stiegen in seiner Phantasie auf und lie�en sich nur allzu leicht ins Ged�chtnis zur�ckrufen.</p><p><emphasis>Und doch mu� ich dorthin,</emphasis> dachte er<emphasis>, und ich glaube auch nicht, da� der Wald b�se ist. Er ist nur alt � uralt. Und argw�hnisch gegen�ber Fremden � oder wenigstens gibt er mir dieses Gef�hl. Aber nicht b�se.</emphasis></p><p>�Gehen wir�, sagte er mit seiner klarsten, kr�ftigsten Stimme.</p><p>Aber als Binabik ihm den Berg hinunter voranlief, machte Simon auf seiner Brust das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> � nur um ganz sicherzugehen.</p><empty-line/><p>Sie waren vom Berg hinuntergestiegen und n�herten sich der Kette grasiger H�gel, die sanft zum Rand des Aldheortes hin abfiel, als Qantaqa pl�tzlich den zottigen Kopf schief legte und stehenblieb. Es war nach Mittag, die Sonne stand hoch am Himmel und hatte einen gro�en Teil des �ber dem Boden liegenden Dunstes weggebrannt. Simon und der Troll gingen zu der W�lfin, die reglos wie ein graues Standbild verharrte, und blickten sich nach allen Seiten um. Nirgends unterbrach eine Bewegung die erstarrte Wellenform des Landes.</p><p>Als sie n�her kamen, winselte Qantaqa und legte lauschend den Kopf auf die andere Seite. Binabik stellte vorsichtig seinen Rucksack ab, brachte die darin leise klappernden Knochen und Steine zum Schweigen und spitzte selber die Ohren.</p><p>Gerade wollte der Troll, dem das Haar str�hnig in die Augen hing, den Mund �ffnen und etwas sagen, da h�rte Simon es auch: ein d�nnes, schwaches Ger�usch, an- und abschwellend, als z�ge eine Kette schreiender G�nse meilenhoch �ber ihnen vorbei, weit �ber den Wolken. Aber das Ger�usch schien nicht vom Himmel zu kommen; vielmehr klang es, als rollte es den langen Gang zwischen Wald und Bergen hinunter, ob von Norden oder S�den, konnte Simon nicht sagen.</p><p>�Was �?� wollte er fragen. Qantaqa winselte erneut und sch�ttelte den Kopf, als sei ihr der Ton unangenehm in den Ohren. Der Troll hob die kleine braune Hand und lauschte einen weiteren Moment. Dann schulterte er seinen Rucksack wieder und winkte Simon, ihm zu den d�mmrigen Ausl�ufern des Waldes zu folgen.</p><p>�Hunde, denke ich�, erkl�rte er. Die W�lfin trottete in unregelm��igen Ovalen um sie herum, kam n�her und sprang wieder fort. �Mir scheint, sie sind noch weit weg, s�dlich der Berge � drau�en in der Frostmark. Trotzdem, je schneller wir in den Wald kommen, desto besser��</p><p>�Vielleicht�, sagte Simon, der gut vorw�rtskam, als er mit langen Schritten neben dem kleinen Mann herlief, der seinerseits halb trabte, �aber sie klangen nach keinem Hund, den ich je geh�rt habe.�</p><p>�Das�, grunzte Binabik, �ist auch mein Gedanke � und der Grund, weshalb wir so schnell laufen, wie wir k�nnen.�</p><p>Simon dachte �ber Binabiks Worte nach und f�hlte eine kalte Hand nach seinen Eingeweiden greifen.</p><p>�Halt�, sagte er und hielt an.</p><p>�Was tust du?� zischte der Kleine. �Sie sind noch weit hinter uns, aber��</p><p>�Ruf Qantaqa.� Simon stand geduldig da. Binabik musterte ihn kurz und pfiff dann der W�lfin, die schon zu ihm zur�cktrottete.</p><p>�Ich hoffe, du wirst mir bald erkl�ren��, begann der Troll.</p><p>Simon zeigte auf Qantaqa.</p><p>�Reite auf ihr. Schnell, steig auf! Wenn wir uns beeilen m�ssen, kann ich rennen � aber deine Beine sind zu kurz.�</p><p>�Simon�, sagte Binabik mit Zornf�ltchen um die Augen, �ich rannte �ber die schmalen Grate von Mintahoq, als ich noch ein kleines Kind war��</p><p>�Aber hier ist flacher Boden, und es geht bergab. Bitte, Binabik, du hast gesagt, wir m��ten uns beeilen!�</p><p>Der Troll sah ihn an, machte dann kehrt und schnalzte Qantaqa etwas zu, die sich sogleich im kargen Gras niederlie�. Binabik warf ein Bein �ber ihren breiten R�cken und setzte sich zurecht, indem er ihr dickes Nackenfell als Sattelknopf benutzte. Wieder schnalzte er, und die W�lfin stand auf � erst mit den Vorder-, dann mit den Hinterf��en �, wobei Binabik auf ihrem R�cken schwankte.</p><p>�<emphasis>Ummu</emphasis>, Qantaqa�, befahl er kurz, und sie setzte sich in Marsch. Simon verl�ngerte seine Schritte und begann neben ihnen herzutraben. Sie konnten jetzt au�er dem Ger�usch ihres eigenen Laufens nichts mehr h�ren, aber der Gedanke an das Heulen in der Ferne verursachte ein Prickeln in Simons Nacken, und Aldheortes dunkles Antlitz kam ihm immer mehr wie das Willkommensl�cheln eines Freundes vor. Binabik duckte sich tief �ber Qantaqas Hals und wollte Simon lange Zeit nicht in die Augen sehen.</p><p>Seite an Seite rannten sie den langen Hang hinunter. Endlich, als die flache, graue Sonne schon auf die Berge hinter ihnen zu sinken begann, erreichten sie die erste Baumreihe, eine Schar schlanker Birken � blasse Dienstm�gde, die Besucher ins Haus ihres dunklen, alten Gebieters geleiteten.</p><p>Obwohl es drau�en in den H�geln noch hell vom schr�gen Sonnenlicht war, tauchten die Gef�hrten, sobald die B�ume �ber ihnen aufzuragen begannen, schon bald in d�steres D�mmerlicht ein. Der weiche Waldboden d�mpfte ihre Schritte, und sie rannten stumm wie Gespenster durch den sch�tteren �u�eren Forst.</p><p>Lichts�ulen drangen wie Speere durch das Astwerk, und hinter ihnen stieg Staub auf, der glitzernd zwischen den Schatten schwebte.</p><p>Simon wurde jetzt schnell m�de. Schwei� rann ihm in schmutzigen B�chen �ber Gesicht und Hals.</p><p>�Weiter m�ssen wir�, rief ihm Binabik von seinem schwankenden Halt auf Qantaqas R�cken zu. �Schon bald wird dieser Weg so zugewachsen sein, da� keine Schnelligkeit m�glich ist, und das Licht zu schwach daf�r. Dann werden wir rasten.�</p><p>Simon antwortete nicht, sondern k�mpfte sich weiter. Sein Atem brannte in den Lungen.</p><p>Als der Junge endlich langsam wurde und in einen unregelm��igen Trott fiel, rutschte Binabik vom R�cken der W�lfin und rannte neben ihm her. Ringsum glitt die schiefe Sonne die Baumst�mme hinauf und lie� den Waldboden im Dunkel, w�hrend gleichzeitig die oberen �ste leuchtende Heiligenscheine bekamen und aussahen wie auf den buntfarbigen Fenstern der Hochhorstkapelle. Schlie�lich, als sich die Erde vor ihnen in Finsternis aufl�ste, stolperte Simon �ber einen halb begrabenen Stein. Als Binabik ihn am Ellenbogen packte, blieb er stehen.</p><p>�Nun setz dich hin�, sagte der Troll. Wortlos glitt Simon zu Boden und f�hlte, wie unter ihm leicht das lockere Erdreich nachgab. Gleich darauf umkreiste sie Qantaqa. Sie schn�ffelte die unmittelbare Umgebung ab und setzte sich dann hin, um Simon den Schwei� vom Nacken zu lecken. Es kitzelte, aber Simon war zu ersch�pft, um sich ernstlich dagegen zu wehren.</p><p>Binabik hockte sich nieder und untersuchte ihren Rastplatz. Sie befanden sich auf halber H�he einer kleinen Mulde, durch die sich unten ein schlammiges Bachbett schl�ngelte, in dessen Mitte ein dunkles Wasserrinnsal flo�.</p><p>�Wenn du wieder atmest�, meinte er, �denke ich, wir sollten vielleicht dorthin gehen.� Mit dem Finger zeigte er auf eine etwas h�her gelegene Stelle, an der eine gro�e Eiche stand, deren Wurzelgeflecht die Ann�herung anderer B�ume verhindert hatte, so da� rings um ihren dicken, knotigen Stamm eine Steinwurfweite freier Raum war. Simon, immer noch nach Luft ringend, nickte. Nach einer Weile stand er m�hsam auf und schleppte sich mit dem kleinen Mann hangaufw�rts bis zu dem Baum.</p><p>�Wei�t du, wo wir sind?� fragte er und sank nieder, um sich an eine der verschlungenen, halb begrabenen Wurzeln zu lehnen.</p><p>�Nein�, meinte Binabik fr�hlich. �Aber morgen, wenn die Sonne scheint und ich Zeit habe, gewisse Dinge zu tun � dann werde ich es wissen. Hilf mir jetzt ein paar Steine und St�cke suchen, damit wir ein Feuerchen anz�nden k�nnen. Und sp�ter�, Binabik erhob sich aus seiner Hockstellung und machte sich im schwindenden Tageslicht auf die Suche nach gefallenem Holz, �sp�ter wird es eine angenehme �berraschung f�r dich geben.�</p><empty-line/><p>Binabik hatte eine Art dreiseitiger Steinkiste um das Feuerloch gebaut, um das Licht zu verdecken, aber trotzdem knisterte es auf h�chst ermutigende Weise. Der rote Schimmer warf sonderbare Schatten auf den Troll, der in seinem Rucksack w�hlte. Simon sah ein paar einsamen Funken nach, die wirbelnd nach oben kreisten.</p><p>Sie hatten sich aus getrocknetem Fisch, Hartkuchen und Wasser eine karge Mahlzeit zubereitet. Simon fand, er habe seinen Magen nicht so gut behandelt, wie er es gern getan h�tte, aber es war doch besser, hier zu liegen und den dumpfen Schmerz in seinen Beinen der W�rme auszusetzen, als weiter zu laufen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals eine so lange Zeit oder eine so weite Strecke gerannt zu sein, ohne einmal anzuhalten.</p><p>�Ha!� gluckste Binabik vergn�gt und hob sein vom Feuerschein ger�tetes Gesicht triumphierend aus dem Rucksack. �Eine �berraschung habe ich dir versprochen, Simon, und eine �berraschung habe ich!�</p><p>�Eine <emphasis>angenehme</emphasis> �berraschung, hast du gesagt. Von der anderen Sorte habe ich f�r mein Lebtag genug.�</p><p>Binabik grinste, und sein rundes Gesicht schien sich bis zu den Ohren zu verbreitern. �Nun, das mu�t du selbst entscheiden. Hier, versuch das.� Er gab Simon einen kleinen Tonkrug.</p><p>�Was ist das?� Simon hielt den Krug ans Feuer. Er f�hlte sich gewichtig an, trug jedoch keinen Hinweis auf seinen Inhalt. �Ein Trollding?�</p><p>��ffne ihn!�</p><p>Simon steckte den Finger oben hinein und stellte fest, da� die �ffnung mit etwas Wachsartigem versiegelt war. Er kratzte ein Loch hindurch und hielt dann den Krug an die Nase, um vorsichtig daran zu riechen. Dann bohrte er den Finger in das Loch, zog ihn wieder heraus und steckte ihn in den Mund.</p><p>�Marmelade!� sagte er entz�ckt.</p><p>�Sicher aus Weintrauben�, meinte Binabik, der sich �ber Simons Reaktion freute. �Einige davon fand ich in der Abtei, aber die Aufregungen der letzten Zeit haben sie aus meinem Kopf vertrieben.�</p><p>Nachdem er mehrere Finger voll verspeist hatte, reichte Simon die Marmelade, wenn auch ungern, Binabik, der sie ebenfalls recht wohlschmeckend fand. Es dauerte nicht lange, da hatten sie alles aufgegessen und �berlie�en Qantaqa den klebrigen Krug zum Auslecken.</p><p>Simon rollte sich neben den warmen Steinen des erl�schenden Feuers in seinen Mantel. �K�nntest du nicht ein Lied singen, Binabik�, bat er, �oder eine Geschichte erz�hlen?�</p><p>Der Troll sah zu ihm hin�ber. �Besser keine Geschichte, Simon, denn wir m�ssen schlafen und fr�h aufstehen. Vielleicht ein kurzes Lied.�</p><p>�Das w�re sch�n.�</p><p>�Aber wenn ich es mir recht �berlege�, wandte Binabik ein und zog sich die Kapuze �ber die Ohren, �w�rde ich gern einmal ein Lied von <emphasis>dir</emphasis> h�ren. Nat�rlich leise gesungen.�</p><p>�Von mir? Ein Lied?� Simon �berlegte. Durch eine L�cke in den B�umen glaubte er das schwache Glitzern eines Sterns zu erkennen. Eines Sterns � �Also gut�, erkl�rte er, �weil du mir auch ein Lied vorgesungen hast, von Sedda und der Decke aus Sternen � ich denke, ich kann dir etwas singen, das mir als Kind die Kammerfrauen beigebracht haben.� Er drehte und wendete sich ein wenig, um es sich bequemer zu machen. �Hoffentlich wei� ich die Worte noch alle. Es ist ein lustiges Lied.�</p><poem><stanza><v>Tief im Altherzental</v><v>rief Hans Mundwald einmal</v><v>seine M�nner vom Wald nah und fern.</v><v>Eine Krone es galt und den Ruhm dort im Wald,</v><v>f�r den Mann, der ihm fing einen Stern.</v></stanza><stanza><v>Da stand Beornoth auf, rief �Ich klettre hinauf</v><v>auf den h�chsten der Baumwipfel hier!</v><v>Und ich hole den Stern f�r die Krone von fern,</v><v>und dann reichst du die Goldene mir.�</v></stanza><stanza><v>Und er klettert in Hast auf den obersten Ast</v><v>einer Birke und sprang weiter noch</v><v>wie im wildesten Traum, von Baumstamm zu Baum,</v><v>doch der Stern stand am Himmel zu hoch.</v></stanza><stanza><v>Osgal lachte derweil und versprach einen Pfeil</v><v>in den obersten Himmel hinein.</v><v>�Ich schie� ihn vom Zelt, da� herunter er f�llt,</v><v>und die Krone, die Krone ist mein��</v></stanza><stanza><v>Zwanzig Pfeile, das Schaf! Doch kein einziger traf</v><v>auf den Stern voller Hohn in der Nacht.</v><v>Zwanzig Pfeile hinab. Osgal w�nscht sich ins Grab</v><v>und versteckt hinter Hans sich, der lacht.</v></stanza><stanza><v>Jetzt versucht's jeder Mann, und ein Streiten hebt an,</v><v>und die M�he wird schnell ihnen leid;</v><v>da tritt aus dem Chor Sch�n Hruse hervor,</v><v>und sie gl�ttet bed�chtig ihr Kleid.</v></stanza><stanza><v>�Es ist wahrlich nicht viel, was Hans Mundwald da will�,</v><v>sagt sie l�chelnd, ein Blitzen im Blick,</v><v>�doch wenn ihr sie nicht wollt, die Krone aus Gold,</v><v>will ich l�sen das R�tsel mit Gl�ck.�</v></stanza><stanza><v>Ein Netz lie� sie jetzt sich bringen zuletzt,</v><v>und sie warf es hinaus in den See.</v><v>Wasser wallte emp�rt und h�tt beinah zerst�rt</v><v>das Abbild des Sterns in der H�h.</v></stanza><stanza><v>Doch es w�hrte nicht lang, da lag stille ihr Fang,</v><v>und sie l�chelt: �Dein Spiel, Hans, ist aus.</v><v>Dein Stern zappelt im See, ist gefangen, o weh,</v><v>und wenn du ihn willst, hol ihn raus!�</v></stanza><stanza><v>Und Hans lachte sich krumm, und der Menge ringsum</v><v>rief er zu: �Diese Frau will ich frein!</v><v>F�r den Stern ist ihr Lohn meine goldene Kron,</v><v>und mein Leben, das gibt's obendrein.�</v><v>Ja, sie holte den Stern f�r die Krone von fern,</v><v>und Hans Mundwald, der nahm sie zum Weib�</v></stanza></poem><p>Aus der Dunkelheit konnte er Binabiks Lachen h�ren, leise und leicht. �Ein Lied zum Freuen, Simon. Sei bedankt.�</p><p>Bald verstummte das Zischen der Glut, und das einzige Ger�usch war das Atmen des Windes in den endlosen B�umen.</p><empty-line/><p>Noch bevor er die Augen aufschlug, vernahm Simon seltsame, eint�nige Laute, die gleich neben seinem Lager an- und abschwollen. Er hob den Kopf, f�hlte sich klebrig vom Schlaf und erblickte Binabik, der mit untergeschlagenen Beinen vor dem Feuer sa�. Die Sonne war gerade erst aufgegangen; blasse Nebelranken umwanden ringsum den Wald.</p><p>Binabik hatte einen Kreis aus Federn sorgf�ltig um die Feuerstelle gelegt, Federn vieler verschiedener V�gel, als h�tte er sie im ganzen Wald zusammengesammelt. Die Augen geschlossen, beugte er sich �ber das kleine Feuer und sang in seiner Heimatsprache vor sich hin, die Laute, die Simon wach gemacht hatten.</p><p>�� <emphasis>Tutusik-Ahyuq-Chuyuc-Qachimak,</emphasis></p><p><emphasis>Tutusik-Ahyuk-Chuyuk-Qaqimak��</emphasis> Immer und immer wieder. Das schmale Rauchband, das vom Lagerfeuer aufstieg, begann zu flattern wie in einem kr�ftigen Wind, aber die winzigen Federchen blieben flach am Boden liegen und r�hrten sich nicht. Mit immer noch geschlossenen Augen begann Binabik mit der Handfl�che einen flachen Kreis �ber dem Feuer zu beschreiben; das Rauchband bog sich, als habe es jemand verschoben, und fing an, stetig in eine Ecke der Grube zu wehen. Der Troll �ffnete die Augen und sah eine kleine Weile dem Rauch nach, dann beendete er das Kreisen seiner kleinen Hand. Gleich darauf stieg der Rauch wieder auf wie gew�hnlich.</p><p>Simon hatte den Atem angehalten. Jetzt stie� er die Luft aus. �Und wei�t du jetzt, wo wir sind?� erkundigte er sich. Binabik drehte sich um und l�chelte zufrieden.</p><p>�Morgengr��e. Ja, ich glaube, ich wei� es jetzt auf das h�bscheste. Wir d�rften kaum Schwierigkeiten haben � aber einen langen Fu�weg vor uns, bis wir Gelo�s Haus erreichen.�</p><p>�Haus?� fragte Simon. �Ein Haus im Aldheorte? Wie sieht es aus?�</p><p>�Ah�, meinte Binabik, streckte die Beine aus und rieb sich die Waden, �es ist anders als alle H�user, die du�� Er verstummte und starrte wie gebannt �ber Simons Schulter. Erschreckt fuhr der Junge herum, aber es war nichts zu sehen.</p><p>�Was ist?�</p><p>�Pssst.� Binabik starrte immer noch. �Dort. H�rst du?�</p><p>Eine Sekunde sp�ter h�rte er es: das ferne Gebell, das sie auf ihrem Weg durch die Grash�gel zum Wald schon vernommen hatten.</p><p>Simon f�hlte, wie er eine G�nsehaut bekam.</p><p>�Wieder die Hunde!� sagte er. �Aber es h�rt sich an, als seien sie noch weit weg.�</p><p>�Du begreifst noch nicht.� Binabik sah auf die Feuergrube, dann hinauf nach dem Morgenlicht, das durch die Baumwipfel heruntersickerte, rot wie Blut. �Sie sind in der Nacht an uns vorbeigezogen. Sie m�ssen die ganze Nacht gerannt sein. Und jetzt, wenn mir meine Ohren keinen Streich spielen, laufen sie wieder zu uns zur�ck!�</p><p>�Wessen Hunde sind das?� Simon merkte, da� seine Handfl�chen feucht wurden von Schwei� und wischte sie am Mantel ab. �Verfolgen sie uns? Sie k�nnen uns doch nicht im Wald jagen, oder?�</p><p>Binabik scharrte mit seinem kleinen Stiefel die Federn auseinander und begann seinen Rucksack zu packen. �Ich wei� es nicht�, entgegnete er. �Ich kenne auf alle drei Fragen keine Antwort. Es ist eine Macht in diesem Wald, die vielleicht Jagdhunde verwirrt macht � <emphasis>gew�hnliche</emphasis> Hunde. Aber ich bezweifle, da� irgendein Baron aus dieser Gegend, der sich ein Jagdvergn�gen machen will, seine Hunde die ganze Nacht lang rennen l��t, und ich habe noch nie von Hunden geh�rt, die dazu imstande w�ren.�</p><p>Binabik rief Qantaqa. Simon setzte sich auf und zog rasch seine Stiefel an. Er f�hlte sich am ganzen K�rper wie zerschlagen und ahnte doch, da� er schon bald wieder w�rde rennen m�ssen.</p><p>�Es ist Elias, nicht wahr?� fragte er grimmig und zuckte zusammen, als er seinen mit Blasen bedeckten Fu� auf den Stiefelabsatz hinabschob.</p><p>�Vielleicht.� Qantaqa trottete herbei, und Binabik warf ein Bein �ber ihren R�cken und zog sich hinauf. �Aber was macht den Gehilfen eines Doktors so wichtig f�r ihn � und wo findet der K�nig Hunde, die zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang zwanzig Meilen laufen?� Binabik setzte seinen Rucksack vor sich auf Qantaqas R�cken und reichte Simon seinen Wanderstab. �Bitte verlier ihn nicht. Ich w�nschte, wir h�tten f�r dich ein Pferd zum Reiten gefunden.�</p><p>Die beiden stiegen den Hang hinunter bis an den Wasserlauf, dann auf der anderen Seite wieder nach oben.</p><p>�Sind sie schon nah?� fragte Simon. �Und wie weit ist es noch?�</p><p>�Weder Hunde noch Haus sind nah�, erwiderte Binabik. �Ich werde neben dir herrennen, sobald Qantaqa m�de wird. <emphasis>Kikkasut!</emphasis>� fluchte er, �wie sehr ich mir doch ein Pferd w�nsche!�</p><p>�Ich auch�, schnaufte Simon.</p><p>So zogen sie den ganzen Morgen weiter nach Osten, immer tiefer in den Wald hinein. Sie stiegen Felsent�ler hinauf und hinunter, und hinter ihnen wurde das Bellen minutenlang leiser, nur um dann noch lauter als zuvor wieder zu ert�nen. Binabik hielt Wort und sprang von Qantaqas R�cken, als die W�lfin langsamer wurde. Nun trottete er neben ihr her, und seine kurzen Beine ben�tigten zwei Schritte f�r jeden Schritt Simons. Er hatte die Z�hne entbl��t, und seine Wangen bl�hten sich und wurden wieder flach.</p><p>Als die Sonne den Mittag fast erreicht hatte, hielten sie an, um Wasser zu trinken und sich ein wenig auszuruhen. Simon ri� von seinen beiden P�ckchen Streifen ab, um die Blasen an seinen Fersen zu verbinden. Dann gab er Binabik die B�ndel, damit er sie in seinen Rucksack steckte; denn Simon hielt es einfach nicht mehr aus, sie beim Gehen und Rennen gegen seinen Oberschenkel schlagen zu f�hlen. Als sie sich mit den letzten muffigen Tropfen aus dem Wasserschlauch die Backentaschen aussp�lten und m�hsam wieder zu Atem zu kommen versuchten, war das Ger�usch der Verfolgung wieder zu h�ren. Diesmal klang der unverwechselbare L�rm der Hunde soviel n�her, da� sie sich sofort, wenn auch schwankend, wieder in Trab setzten.</p><p>Schon bald f�hrte sie ihr Weg eine lange Steigung hinauf. Je h�her sie kamen, desto felsiger wurde der Boden, und selbst die Baumarten schienen sich zu ver�ndern. Simon stolperte �ber den unebenen Hang und merkte, wie sich ein �belkeit erregendes Gef�hl der Niederlage in seinem K�rper ausbreitete wie Gift. Binabik hatte ihm erkl�rt, es w�rde zumindest sp�ter Nachmittag werden, bis sie zu dieser Gelo� kamen; aber sie hatten das Rennen jetzt schon verloren, und die Sonne �ber den sch�tzenden B�umen stand noch nicht einmal im Mittag. Der L�rm ihrer Verfolger blieb immer gleich, ein aufgeregtes Heulen, so laut, da� sich Simon, noch w�hrend er den entmutigenden Hang hinauftaumelte, wundern mu�te, woher sie den Atem nahmen, gleichzeitig zu rennen und zu bellen. Was f�r eine Art Hunde war das?</p><p>Simons Herz schlug so schnell wie Vogelfl�gel. Nur allzu bald w�rden er und der Troll vor ihren J�gern stehen. Und bei diesem Gedanken wurde ihm schlecht.</p><p>Endlich war durch die Baumst�mme des Horizontes ein schmaler Streifen Himmel zu sehen: die H�he des Abhanges. Sie hinkten an der letzten Baumreihe vorbei. Qantaqa, die vor ihnen herlief, hielt pl�tzlich inne und bellte, ein scharfer, hoher Laut aus tiefer Kehle.</p><p>�Simon!� schrie Binabik, warf sich nieder und schlug dem Jungen die Beine weg, so da� er mit einem �chzen gewaltsam den Atem ausstie� und st�rzte. Als sich gleich darauf der schwarze Tunnel seines Blickfeldes erweiterte, lag er auf seinen Ellenbogen und sah �ber eine zerkl�ftete Felswand in eine tiefe Schlucht hinunter. Unter seiner Hand l�sten sich ein paar St�cke Ger�ll aus dem Fels und h�pften und polterten die Steilwand hinab, um tief unten in den gr�nen Wipfeln der B�ume zu verschwinden.</p><p>Das Gebell war wie die eherne Fanfare von Kriegstrompeten. Simon und der Troll schoben sich vom Rand der Schlucht fort, ein paar Fu� bergab, und standen auf.</p><p>�Schau!� zischte Simon, dessen blutende H�nde und Knie jetzt unwichtig f�r ihn waren. �Binabik, schau!� Er deutete den langen Abhang hinunter, den sie gerade erst erklommen hatten. Ein dichter Mantel aus B�umen bedeckte ihn.</p><p>�ber die Lichtungen huschte, viel, viel weniger als eine halbe Meile hinter ihnen, ein Schwarm wei�er, dicht �ber dem Boden laufender Gestalten: die Hunde.</p><p>Binabik nahm Simon den Stab ab, drehte ihn auseinander, sch�ttelte die Dornen heraus und gab dem Jungen das Ende mit dem Messer.</p><p>�Schnell�, sagte er, �schneide dir einen Ast als Keule ab! Wenn wir unser Leben verkaufen m�ssen, soll der Preis ein hoher sein.�</p><p>Die kehligen Stimmen der Hunde brandeten den Berg hinauf, ein stetig anschwellendes Lied vom Ende der Jagd und vom Tod.</p></section><section><title><p>XXV</p><p>Der geheime See</p></title><p>Wie ein Wahnsinniger hieb und hackte er, bog den Ast mit seinem ganzen Gewicht nach unten, das Messer schl�pfrig in den zitternden Fingern. Viele kostbare Sekunden brauchte Simon, bis er einen Ast abgeschnitten hatte, der ihm geeignet schien � eine so armselige Verteidigung er auch sein mochte �, und jede Sekunde brachte die Hunde n�her heran. Der Ast, den er endlich abbrach, war so lang wie sein Arm und hatte an einem Ende, dort, wo ein anderer Ast abgefallen war, einen Knorren.</p><p>Der Troll w�hlte in seinem Rucksack und hielt mit der anderen Hand Qantaqas dickes Nackenfell gepackt.</p><p>�Halt sie fest!� rief er Simon zu. �Wenn wir sie jetzt loslassen, greift sie zu fr�h an. Dann werden sie sie niederrei�en und sofort t�ten.� Simon hockte sich hin und legte der W�lfin den Arm um den breiten Hals. Sie bebte vor Erregung; Simon f�hlte sein eigenes Herz im selben schnellen Rhythmus schlagen � es war alles so unwirklich! Erst heute morgen hatte er friedlich neben Binabik und der W�lfin am Feuer gesessen�</p><p>Der Ruf der Meute wurde dr�ngender; sie kamen den Berg hinaufgeschw�rmt, wie wei�e Ameisen aus einem br�ckelnden Nest fliehen. Qantaqa machte einen Satz nach vorn und zerrte Simon auf die Knie.</p><p>�<emphasis>Hinik Aia!�</emphasis> schrie Binabik und gab ihr mit dem hohlen Knochenr�hrchen einen Klaps auf die Nase. Dann lie� er das R�hrchen fallen, zog ein St�ck Seil aus den Tiefen seines Rucksacks und machte sich daran, eine Schlinge zu kn�pfen. Simon, der ihn zu verstehen glaubte, warf einen Blick nach r�ckw�rts �ber den Rand der Schlucht und sch�ttelte verzweiflungsvoll den Kopf. Es ging viel zu tief hinunter, mehr als doppelt so weit, wie Binabiks Seil die glatte Felswand hinabreichte. Dann sah er etwas und sp�rte, wie sich trotz allem Hoffnung in ihm regte.</p><p>�Schau, Binabik!� Er deutete mit der Hand. Obwohl ein Abstieg unm�glich war, schlang der Troll sein Seil um einen Baumstumpf, der keinen Meter vom Rand der Schlucht im Boden sa�. Als er fertig war, blickte er auf, Simons Zeigefinger nach.</p><p>Weniger als hundert Schritte von der Stelle entfernt, an der sie sich duckten, lag eine riesige, alte Schierlingstanne, die in den Abgrund gekippt war. Das Wurzelende balancierte auf der diesseitigen Kante der Schlucht, der Wipfel auf halber H�he der gegen�berliegenden Wand, wo er sich an einem Felsvorsprung verfangen hatte.</p><p>�Wir k�nnen auf die andere Seite hin�berklettern!� erkl�rte Simon. Aber der Troll sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wenn wir mit Qantaqa dort hinunterkommen, k�nnen <emphasis>sie</emphasis> es auch. Und es f�hrt nirgendwo hin.� Er machte eine Handbewegung.</p><p>Der Vorsprung, an dem der Baum sich verhakt hatte, war nur ein breites Band an der Felswand. �Aber es ist eine gewisse Hilfe.�</p><p>Binabik stand auf und zog an dem Seil, um den Knoten um den Baumstumpf zu pr�fen. �Nimm Qantaqa mit dort hinunter, wenn du kannst. Nicht zu weit, nur etwa zehn Ellen. Halt sie so lange fest, <emphasis>bis ich rufe,</emphasis> verstanden?�</p><p>�Aber��, begann Simon und sah dann wieder hinab. Die wei�en Gestalten, insgesamt etwa ein Dutzend, w�rden sie bald erreichen. Er erwischte die unwillige Qantaqa beim Kragen und dr�ngte sie nach der umgest�rzten Schierlingstanne.</p><p>Es lag noch ein gen�gend gro�es St�ck des Baumes auf dem Schluchtrand, um Raum zwischen dem Wurzelgewirr und der Felskante zu lassen. Es war nicht leicht, dabei das Gleichgewicht zu halten, wenn man auch noch die W�lfin packen mu�te. Sie schauderte und wich knurrend zur�ck; der Laut ging im L�rm der n�herkommenden Hunde fast unter. Er schaffte es nicht, sie auf den breiten Stamm hinaufzulocken. Ratlos drehte er sich zu Binabik um.</p><p><emphasis>�Ummu!�</emphasis> schrie der Troll heiser, und sofort sprang Qantaqa, noch immer grollend, auf die Tanne. Simon setzte sich, so gut er konnte, rittlings auf den Stamm, wobei ihm die Keule im G�rtel recht hinderlich war. Er rutschte auf dem Hinterteil r�ckw�rts weiter und hielt dabei immer noch Qantaqa fest, bis er den Rand der Schlucht ein gutes St�ck zur�ckgelassen hatte. Genau in diesem Augenblick schrie der Troll auf, und als Qantaqa den Ton seiner Stimme h�rte, fuhr sie j�h herum. Simon hing mit beiden Armen an ihrem Hals und pre�te seine Knie an die rauhe Borke. Ihm war auf einmal kalt, so kalt! Er vergrub das Gesicht in ihrem Pelz, roch ihren starken, wilden Geruch und fl�sterte ein Gebet.</p><p>�� Elysia, Mutter unseres Erl�sers, sei uns gn�dig, besch�tze uns��</p><p>Binabik stand, ein zusammengerolltes St�ck des Seiles in der Hand, genau einen Schritt vor dem Abgrund. �<emphasis>Hinik</emphasis>, Qantaqa!� rief er, und dann waren die Hunde aus den B�umen heraus und jagten das letzte St�ck den Abhang hinauf.</p><p>Von dort, wo er sa� und die strampelnde W�lfin festhielt, konnte Simon recht wenig von ihnen sehen � nur lange, schmale wei�e R�cken und scharfe Ohren. Die Bestien rannten im Galopp auf den Troll zu und machten dabei ein Ger�usch, als schleife man Metallketten �ber einen Schieferboden.</p><p><emphasis>Was hat Binabik nur vor?</emphasis> dachte Simon, der vor lauter Panik kaum atmen konnte. <emphasis>Warum l�uft er nicht weg, warum macht er keinen Gebrauch von seinen Dornen � warum tut er nicht irgend etwas!</emphasis></p><p>Es war, als kehre sein schlimmster Alptraum zur�ck, von Morgenes, der zwischen Simon und Elias' t�dlicher Hand in Flammen stand. Er konnte nicht hier sitzen bleiben und zusehen, wie Binabik vor seinen Augen zerrissen wurde. Gerade wollte er den Stamm wieder hinaufrutschen, als die Hundemeute den Troll ansprang.</p><p>Nur sekundenlang nahm Simon die langen, fahlen Schnauzen, die leeren, perlwei�en Augen und das Aufblitzen roter, gerollter Zungen und roter Lefzen wahr, dann sprang Binabik nach hinten und hinab in die Schlucht �</p><p><emphasis>�Nein!�</emphasis> kreischte Simon, au�er sich vor Entsetzen. Die f�nf oder sechs Tiere, die Binabik am n�chsten gewesen waren, schossen vorw�rts, konnten nicht mehr bremsen und purzelten in einem aufjaulenden Gewirr wei�er Beine und Schw�nze die Klippe hinunter. Hilflos sah Simon, wie der Klumpen winselnder Hunde gegen die steile Felswand prallte und dann senkrecht tief in die B�ume hinabst�rzte. Brechende �ste krachten wie bei einer Explosion. Er f�hlte, wie ein neuer w�rgender Aufschrei aus seiner Brust stieg �</p><p>�Jetzt, Simon! La� sie los!�</p><p>Mit aufgesperrtem Mund schaute Simon nach unten und erblickte Binabiks gegen die Wand der Schlucht gestemmte F��e. Der Troll hing an dem um seine Mitte geschlungenen Seil, keine zwei Dutzend Fu� unter der Stelle, an der er hinabgesprungen war.</p><p>�La� sie los!� wiederholte er, und Simon l�ste endlich den Arm von Qantaqas Nacken. Die verbliebenen Hunde dr�ngten sich �ber Binabiks Kopf am Rand zusammen, schn�ffelten am Boden und starrten in die Tiefe. In ohnm�chtiger Wut bellten sie den kleinen Mann an, der so qu�lend nahe hing.</p><p>Noch w�hrend sich Qantaqa den breiten R�cken der Schierlingstanne hinaufbewegte, richtete einer der wei�en Hunde winzige Augen wie beschlagene Spiegel auf den Baum und Simon, stie� ein lautes, rasselndes Knurren aus und rannte auf ihn zu; die anderen folgten ihm sofort.</p><p>Noch bevor jedoch die jappende Meute die Tanne erreicht hatte, tat die graue W�lfin die letzten Schritte und landete mit einem prachtvollen Sprung auf dem Rand des Abgrundes. Einen Herzschlag sp�ter war der erste Hund an ihr, zwei weitere dicht dahinter. Das knurrende Kampflied der W�lfin stieg in die H�he, im Bellen und Heulen der Hunde ein tieferer Ton.</p><p>Simon, einen Augenblick lang unentschlossen, begann sich dem Schluchtrand zuzuschieben. Der Stamm war so breit, da� ihm die gespreizten Beine weh taten. Er �berlegte, ob er sich auf die Knie aufrichten und kriechen, seinen festen Halt am Baum also der Schnelligkeit opfern sollte. Die Baumwipfel tief unter ihm waren ein h�ckriger, gr�ner Teppich. Die Entfernung machte ihn schwindlig; sie war weit gr��er als der Sprung von der Mauer zum Gr�nengel-Turm. In seinem Kopf drehte es sich; er wandte den Blick ab und beschlo�, seine Knie dort zu lassen, wo sie waren. Als er wieder aufschaute, sprang vom Rand eine wei�e Gestalt auf die breite Tanne.</p><p>Der Hund grollte und kam rasch vorw�rts. Seine Krallen kratzten �ber die Rinde. Simon blieb nur eine Sekunde, um seinen Ast mit dem Knorren herauszurei�en, bevor das Untier die vielleicht ein Dutzend Fu� zur�ckgelegt hatte und ihn ansprang. Einen Moment verhakte sich der Ast in seinem G�rtel, aber Simon hatte das schmale Ende nach unten gesteckt, und das rettete ihm wahrscheinlich das Leben.</p><p>Die Keule war frei, als der Hund �ber ihn kam. Gelbe Z�hne blitzten, als er nach Simons Gesicht schnappte. Dem Jungen gelang es, mit dem Ast so weit auszuholen, da� er den Angreifer mit seinem Hieb streifte und dadurch ablenkte. Einen Zollbreit von seinem linken Ohr klappten die Z�hne in der Luft zusammen und bespritzten ihn mit Geifer. Die Hundepfoten standen auf seiner Brust, und der f�rchterliche Aasgeruch des Atems wehte ihm in die Nase; Simon war im Begriff, den Halt zu verlieren. Er versuchte die Keule wieder hochzurei�en, aber sie blieb zwischen den gestreckten Vorderl�ufen des Tiers stecken. Als die lange, geifernde Schnauze ein zweites Mal auf sein Gesicht zustie�, beugte er sich r�ckw�rts und versuchte den Ast freizuzerren. Ein sekundenlanger Widerstand, dann hatte er dem wei�en Hund eine Pfote unter der Schulter weggeschlagen � und das Tier verlor das Gleichgewicht. Es jaulte auf, torkelte zur Seite, kratzte einen Augenblick mit den Pfoten �ber die Borke und ri� die Keule mit sich, als es vom Baumstamm abrutschte, um kopf�ber in die Schlucht zu st�rzen.</p><p>Simon sank nach vorn, klammerte sich mit den H�nden am Baum fest und hustete, um den stinkenden Atem des Hundes aus seiner Nase zu vertreiben. Ein dumpfes Knurren unterbrach ihn. Langsam hob er den Kopf und sah einen zweiten Hund auf dem Stamm stehen, gerade hinter den Wurzeln. Die milchigen Augen gl�nzten wie bei einem blinden Bettler. Der Hund entbl��te die Z�hne zu einem sch�umenden, scharlachz�ngigen Grinsen. Simon hob hilflos die leeren H�nde, als sich das Tier langsam den Baumstamm vortastete. Unter dem kurzen Fell traten die Muskeln hervor wie Stricke.</p><p>Der Hund drehte sich um, schnappte nach seiner Flanke, zerrte einen Augenblick an seinem Fell und richtete dann von neuem den unheimlich leeren Blick auf Simon. Schlie�lich machte er einen weiteren Schritt, schwankte, tat noch einen unsicheren Schritt, sank zusammen � und rutschte von der Schierlingstanne hinunter ins Vergessen.</p><p>�Der schwarze Dorn schien mir am sichersten�, rief Binabik. Der kleine Mann stand ein paar Meter hangab unter dem verdorrten Wurzelballen des Baumes. Gleich darauf hinkte Qantaqa herbei und stellte sich neben ihn. Ihre Schnauze troff von dunkelrotem Blut. Simon stierte die beiden an und begriff allm�hlich, da� sie es �berstanden hatten.</p><p>�Jetzt langsam�, befahl der Troll. �Hier, ich werfe dir das Seil zu. Es w�re unvern�nftig, dich nun zu verlieren, nach allem, was wir hinter uns gebracht haben�� Das Seil beschrieb einen weiten Bogen und glitt �ber den Stamm auf Simon zu. Der Junge griff dankbar danach, und seine H�nde zitterten, als litte er an Sch�ttell�hmung.</p><empty-line/><p>Binabik drehte den Hund m�hsam mit dem Fu� um. Es war einer, den er mit einem Dorn erlegt hatte; der Wollpfropf ragte aus dem glatten wei�en Fall am Hals des Tieres hervor wie ein winziger Pilz.</p><p>�Sieh hier�, sagte der Troll. Simon beugte sich ein St�ck n�her. Der Hund glich keinem Jagdhund, den <emphasis>er</emphasis> je gesehen hatte: Die schmale Schnauze und das fliehende Kinn erinnerten ihn eher an die um sich schlagenden Haie, welche die Fischer aus dem Kynslagh zogen. Die schillernden wei�en Augen, die nun blicklos vor sich hinstarrten, schienen Fenster zu irgendeiner innerlichen Krankheit zu sein.</p><p>�Nein, das meine ich.� Binabik deutete mit dem Finger. Auf der Brust des Hundes, schwarz in die kurzen Haare eingebrannt, war ein schlankes Dreieck mit schmaler Grundlinie zu erkennen � ein Brandzeichen, wie es die M�nner der Thrithinge mit im Feuer erhitzten Speeren in die Flanken ihrer Pferde sengten.</p><p>�Das ist das Zeichen von <emphasis>Sturmspitze</emphasis>�, erkl�rte Binabik ruhig. �Es ist die Marke der Nornen.�</p><p>�Und wer ist das?�</p><p>�Ein seltsames Volk. Ihr Land liegt noch h�her im Norden als Yiqanuc und Rimmersgard. Ein gro�er Berg steht dort � sehr hoch und ganz bedeckt mit Schnee und Eis �, den die Rimmersm�nner Sturmspitze nennen. Die Nornen meiden die Gefilde von Osten Ard. Manche sagen, sie seien Sithi, aber ich wei� nicht, ob das der Wahrheit entspricht.�</p><p>�Wie kann das sein?� fragte Simon. �Schau dir das Halsband an.� Er b�ckte sich und schob vorsichtig einen Finger unter das wei�e Leder, um es vom steifwerdenden Fleisch des toten Hundes hochzuheben.</p><p>Binabik l�chelte verlegen. �Schande �ber mich! Ich habe das Halsband �bersehen, wei� auf wei�, wie es ist � ich, der seit fr�hester Kindheit gelernt hat, im Schnee zu jagen!�</p><p>�Aber schau es dir doch an!� dr�ngte Simon. �F�llt dir die Schnalle nicht auf?�</p><p>Die Schnalle des Halsbandes war in der Tat ungew�hnlich: ein St�ck geh�mmertes Silber in Gestalt eines geringelten Drachens.</p><p>�Das ist der Drachen der k�niglichen Hundezwinger�, erkl�rte Simon mit fester Stimme. �Ich mu� es wissen � ich war oft genug bei Tobas dem Hundew�rter.�</p><p>Binabik hockte sich nieder und musterte den Kadaver. �Ich glaube dir. Doch was das Zeichen von Sturmspitze betrifft, so braucht man die Tiere nur anzusehen, um zu erkennen, da� diese Hunde keine Gesch�pfe sind, die in eurem Hochhorst gez�chtet wurden.� Er stand auf und trat einen Schritt zur�ck. Qantaqa kam heran, um die Leiche zu beschn�ffeln, und wich sofort mit grollendem Knurren wieder zur�ck.</p><p>�Ein Geheimnis, dessen L�sung warten mu߫, bemerkte der Troll. �Im Augenblick k�nnen wir uns gl�cklich preisen, da� wir am Leben sind und noch alle unsere Glieder haben. Wir wollen uns wieder auf den Weg machen; ich hege nicht den Wunsch, dem Herrn dieser Hunde zu begegnen.�</p><p>�Ist es noch weit zu Gelo�?�</p><p>�Irgendwo hat man uns von unserem Weg abgedr�ngt, aber es l��t sich noch gutmachen. Wenn wir jetzt aufbrechen, m��ten wir immer noch schneller sein als die Dunkelheit.�</p><p>Simon sah auf die lange Schnauze und die b�sartigen Kiefer des Hundes hinab, auf den kraftvollen K�rper und das tr�b werdende Auge.</p><p>�Hoffentlich�, meinte er leise.</p><p>Sie fanden nirgends eine Stelle, an der sie die Schlucht �berqueren konnten, und entschlossen sich endlich widerwillig dazu, den langen Hang wieder hinunterzuklettern und sich nach einem anderen, leichteren Abstieg als der nackten Felswand vor ihnen umzuschauen. Simon war fast kindisch froh, da� er nicht hinabklimmen mu�te; er hatte immer noch ein so schwaches Gef�hl in den Knien wie nach einem Fieber. Er versp�rte auch keine Lust, noch einen Blick in den Schlund der Schlucht zu werfen, unter sich nichts als den tiefen, tiefen Absturz. Es war <emphasis>eine</emphasis> Sache, im Hochhorst auf Mauern und T�rme zu klettern, die rechtwinklige Ecken und Ritzen f�r die Maurer hatten � ein Baumstamm, der wie ein schwaches Zweiglein �ber dem Nichts hing, war etwas <emphasis>ganz anderes.</emphasis></p><p>Als sie nach einer Stunde wieder am Fu� des langen Hanges angekommen waren, hielten sie sich nach rechts und suchten sich einen Weg nach Nordwesten. Sie hatten noch keine f�nf Achtelmeilen zur�ckgelegt, als ein hoher, klagender Schrei messerscharf durch die Nachmittagsluft schnitt. Qantaqa spitzte die Ohren und grollte. Der Laut wiederholte sich.</p><p>�Es klingt wie ein schreiendes Kind�, erkl�rte Simon und drehte den Kopf, um den Ursprung des Ger�usches zu orten.</p><p>�Der Wald spielt einem oft solche Streiche�, begann Binabik. Von neuem erhob sich der klagende Laut. Gleich darauf ert�nte ein w�tendes Bellen, das ihnen nur allzu vertraut war.</p><p>�Qinkipas Augen!� fluchte Binabik, �wollen sie uns den ganzen Weg bis nach Naglimund hetzen?� Das Gebell schwoll an, und er lauschte. �Es klingt nach nur einem Hund. Das ist wenigstens ein Gl�ck.�</p><p>�Es h�rt sich an, als komme es von dort unten.� Simon deutete auf eine etwas entfernte Stelle, an der die B�ume dichter zusammenstanden. �La� uns nachsehen.�</p><p>�Simon!� Binabiks Stimme war rauh vor �berraschung. �Was sagst du da? Wir fliehen um unser Leben!�</p><p>�Du hast gesagt, es klingt nur nach <emphasis>einem</emphasis>. Wir haben Qantaqa. Da wird jemand <emphasis>angegriffen.</emphasis> Wie k�nnen wir wegrennen?�</p><p>�Simon, wir wissen nicht, ob das Schreien eine List ist � oder es k�nnte ein Tier sein.�</p><p>�Und wenn es das nicht ist?� fragte Simon. �Wenn dieses Untier nun irgendein Holzf�llerkind gefunden hat, oder � etwas anderes?�</p><p>�Ein Holzf�llerkind? So weit entfernt vom Waldrand?� Binabik starrte ihn entt�uscht und zornig an. Simon gab den Blick trotzig zur�ck. �Ha!� sagte Binabik mit Nachdruck. �Dann soll es so sein, wie du w�nschst.�</p><p>Simon machte kehrt und lief auf die dichter stehenden B�ume zu.</p><p><emphasis>�Mikmok hanno so gijiq</emphasis>, sagen wir in Yiqanuc!� rief Binabik ihm hinterher. �Wer ein hungriges Wiesel in der Tasche tr�gt, ist selber schuld!� Der Junge drehte sich nicht um. Binabik schlug seinen Wanderstab gegen einen Baum und folgte ihm.</p><p>Innerhalb von hundert Schritten war er wieder an Simons Seite; zwanzig Schritte weiter hatte er seinen Stab aufgeschraubt und den Beutel mit den Dornen herausgeholt. Mit einem gezischten Befehl holte er die vorausst�rmende Qantaqa zur�ck und rollte dann im Laufen geschickt grobe Wolle um einen der Dornen mit dunkler Spitze.</p><p>�K�nntest du dich nicht selber vergiften, wenn du stolpern und hinfallen w�rdest?� wollte Simon wissen.</p><p>Binabik warf ihm einen sauren, besorgten Blick zu und bem�hte sich, Schritt zu halten.</p><p>Als sie endlich den Ort des Geschehens erreichten, sah es dort t�uschend harmlos aus: Am Fu� einer weitverzweigten Esche hockte ein Hund und starrte hinauf zu einer dunklen Gestalt, die sich �ber ihm auf einem Ast duckte. Es h�tte einer der Burghunde aus dem Hochhorst sein k�nnen, der eine Katze auf einen Baum gejagt hatte, nur da� Hund und Beute beide wesentlich gr��er waren.</p><p>Sie waren keine hundert Schritte mehr entfernt, als der Hund sich ihnen zuwandte. Er zog die Lefzen hoch und bellte, ein b�sartiges, rohes, gellendes Ger�usch. Noch einmal schaute er nach dem Baum, streckte dann die langen Beine und trottete auf die Neuank�mmlinge zu. Binabik wurde langsamer und blieb stehen. Er setzte das hohle R�hrchen an die Lippen. Qantaqa trabte an ihm vorbei. Als der Hund n�herkam, blies der Troll die Backen auf und pustete. Falls der Dorn ihn getroffen hatte, lie� es sich der Hund nicht anmerken; statt dessen rannte er knurrend weiter, Qantaqa ihm entgegen. Dieser Hund war noch gr��er als die anderen, ebenso gro�, wenn nicht gar noch etwas gr��er als die W�lfin.</p><p>Die beiden Tiere umkreisten einander nicht, sondern st�rzten sofort aufeinander los. Gleich darauf w�lzten sie sich fauchend am Boden, ein tobendes, zappelndes Kn�uel aus grauem und wei�em Fell. Neben Simon fluchte Binabik erbost: Vor lauter Hast, einen neuen Dorn aufzudrehen, war ihm das lederne P�ckchen aus der Hand gefallen. Die Elfenbeinnadeln verteilten sich am Boden zwischen Bl�ttern und Moos.</p><p>Das Knurren der K�mpfer war schriller geworden. Der lange wei�e Kopf des Hundes stie� vor und zur�ck, einmal, zweimal, dreimal, wie eine Viper, die zuschl�gt. Beim letzten Mal war Blut auf der bleichen Schnauze.</p><p>Simon und der Troll liefen auf die Tiere zu, als Binabik pl�tzlich einen seltsamen, erstickten Laut von sich gab.</p><p>�Qantaqa!� schrie er und sprang vor. Simon sah Binabiks Messer mit dem Knochengriff aufblitzen, dann warf der Troll sich, kaum zu glauben, zwischen die sich windenden, schnappenden Tiere, stie� mit dem Messer zu, ri� es hoch, stie� nochmals zu. Simon, der um das Leben seiner beiden Gef�hrten f�rchtete, ri� das R�hrchen vom Boden, wo Binabik es fallen gelassen hatte, und hastete n�her. Er kam rechtzeitig, um zu sehen, wie der Troll sich aufrichtete, Qantaqa an ihrem dicken, grauen R�ckenfell packte und zog. Die beiden Tiere l�sten sich voneinander. Beide waren voller Blut. Qantaqa stand langsam auf; sie zog ein Bein nach. Der wei�e Hund lag still.</p><p>Binabik kauerte sich nieder, legte der W�lfin den Arm um den Hals und pre�te seine Stirn an ihre. Simon, sonderbar ger�hrt, ging an ihnen vor�ber auf den Baum zu.</p><p>Die erste �berraschung war, da� dort oben in den �sten der Wei�esche nicht eine Person sa�, sondern zwei: ein Junge mit weitge�ffneten Augen, auf dem Scho� eine kleinere, stumme Gestalt. Die zweite �berraschung war, da� Simon den Gr��eren kannte.</p><p>�<emphasis>Du</emphasis> bist es!� Er starrte voller Erstaunen auf das schmutzverkrustete, blutige Gesicht. �Du! Mal � Malachias!�</p><p>Der Knabe sagte nichts, sondern schaute mit einem Blick voller Qual zu ihm hinunter, wobei er die kleine Gestalt auf seinem Scho� sanft hin- und herwiegte. Sekundenlang war das kleine Geh�lz still und regungslos, als h�tte jemand die Nachmittagssonne �ber den B�umen in ihrem Lauf angehalten. Dann zerschmetterte das Gellen eines Horns die Stille.</p><p>�Schnell!� rief Simon zu Malachias hinauf. �Herunter! Du mu�t herunterkommen!� Hinter ihm erschien Binabik mit der humpelnden Qantaqa.</p><p>�J�gerhorn, kein Zweifel�, war alles, was er sagte.</p><p>Malachias, als begreife er endlich, fing an, �ber den langen Ast auf den Stamm zuzurutschen, wobei er seine kleine Begleiterin sorgsam festhielt. Als er die Gabelung erreicht hatte, z�gerte er einen Moment, dann reichte er Simon das schlaffe B�ndel hinunter. Es war ein kleines, schwarzhaariges M�dchen, nicht �lter als zehn Jahre. Sie bewegte sich nicht; die Augen in dem viel zu bleichen Gesicht waren geschlossen. Als Simon sie auffing, f�hlte er etwas Klebriges auf der ganzen Vorderseite ihres groben Kleides. Gleich darauf lie� sich auch Malachias vom Ast gleiten, fiel die letzten paar Fu� hinunter, stolperte, kam aber fast sogleich wieder auf die F��e.</p><p>�Was jetzt?� fragte Simon und versuchte, das kleine M�dchen an seiner Brust zurechtzusetzen. Irgendwo am Rand der hinter ihnen liegenden Schlucht ert�nte von neuem das Echo des Horns und jetzt auch das erregte Jappen weiterer Hunde.</p><p>�Wir k�nnen nicht gegen M�nner und Hunde k�mpfen�, bemerkte der Troll, dessen m�dem Gesicht deutlich seine Ersch�pfung anzusehen war. �Wir k�nnen auch nicht schneller rennen als Pferde. Wir m�ssen uns verstecken.�</p><p>�Wie?� fragte Simon. �Die Hunde werden uns riechen.�</p><p>Binabik beugte sich vor und nahm Qantaqas verletzte Pfote in die kleine Hand. Er bog sie vor und zur�ck. Die W�lfin wehrte sich einen Moment und sa� dann schnaufend da, bis der kleine Mann seine Untersuchungen beendet hatte.</p><p>�Schmerzhaft ist es, aber nicht gebrochen�, erkl�rte er Simon, um sich dann an die W�lfin zu wenden. Malachias hob den Blick von Simons Last und starrte den Troll an. �<emphasis>Chok</emphasis>, Qantaqa�, sagte Binabik, <emphasis>�ummu chok Gelo�!</emphasis>�</p><p>Die W�lfin brummte tief in der Brust und sprang dann sofort in nordwestlicher Richtung davon, weg von dem L�rm, der hinter ihnen immer lauter wurde. Sekunden sp�ter war sie, das blutbespritzte Vorderbein schonend, unter den B�umen verschwunden.</p><p>�Ich hoffe�, erl�uterte Binabik, �da� das Durcheinander von Ger�chen hier�, er deutete auf den Baum, dann auf den davor liegenden riesigen Hund, �sie verwirrt und der Geruch, dem sie dann folgen, der von Qantaqa ist. Ich denke, da� sie meine tapfere Freundin nicht fangen k�nnen, selbst wenn sie lahmt � zu schlau ist sie.�</p><p>Simon sah sich um. �Wie ist es mit dort dr�ben?� fragte er und deutete auf einen Spalt im Berghang, gebildet von einem gro�en Rechteck geb�nderter Steine, die abgebrochen und hingest�rzt waren, als h�tte ein riesiger Keil sie gespalten.</p><p>�Nur da� wir nicht wissen, welche Richtung sie einschlagen werden�, erwiderte Binabik. �Wenn sie hier den Berg hinunterkommen, haben wir Gl�ck. Wenn sie weiter hinten absteigen, werden sie genau an diesem Loch vorbeireiten. Das ist zu unsicher.�</p><p>Simon fiel das Denken schwer. Der L�rm der herannahenden Hunde war furchterregend. Hatte Binabik recht? W�rde man sie auf der ganzen Strecke nach Naglimund verfolgen? Nicht, da� sie noch viel l�nger fliehen konnten, m�de und zerschlagen wie sie waren.</p><p>�Dort!� sagte er pl�tzlich. In einiger Entfernung von ihnen ragte ein weiterer Felsfinger aus dem Waldboden auf, etwa dreimal so hoch wie ein Mann. Sein Sockel war dicht von B�umen umstanden, die ihn umringten wie kleine Kinder ihren Gro�vater, dem sie helfen wollen, zum Abendbrottisch zu humpeln.</p><p>�Wenn wir dort hinaufklettern k�nnen�, meinte Simon, �werden wir sogar noch h�her sein als die Berittenen.�</p><p>�Ja�, antwortete Binabik und nickte. �Recht, du hast recht. Kommt, wir wollen klettern.� Er machte sich auf den Weg zu dem Felsblock, dicht gefolgt von dem schweigenden Malachias. Simon r�ckte das kleine M�dchen an seinem K�rper zurecht und eilte hinterdrein.</p><p>Binabik kletterte ein St�ck nach oben, hielt sich am Ast eines dicht am Felsen wachsenden Baumes fest und drehte sich dann um. �Reich mir die Kleine hoch.�</p><p>Simon streckte die Arme aus, so weit er konnte, und hob das Kind zu ihm empor. Dann wandte er sich um und wollte Malachias, der einen ersten Halt f�r seine Zehen suchte, st�tzend die Hand unter den Ellenbogen legen. Der Junge sch�ttelte Simons hilfreiche Geste ab und kletterte vorsichtig in die H�he.</p><p>Simon war der letzte. Als er den ersten Absatz erreichte, hob er die stille Gestalt des kleinen M�dchens wieder auf und legte sie sanft �ber seine Schulter, um mit ihr zu der abgerundeten Kuppe des Felsens weiterzusteigen. Dort angelangt, legte er sich wie die anderen unter die Bl�tter und Zweige, so da� sie hinter einem Schirm von �sten verborgen waren. Sein Herz h�mmerte vor Ersch�pfung und Furcht. Ihm war, als befinde er sich schon ewig auf der Flucht, ewig in Verstecken.</p><p>Noch w�lzten sie sich hin und her, um eine bequemere Lage f�r alle vier K�rper zu finden, als das Gejaul der Hunde zu f�rchterlicher Lautst�rke anschwoll. Gleich darauf war der Wald unter ihnen erf�llt von hin- und herschie�enden wei�en Gestalten.</p><p>Simon lie� das kleine M�dchen bei Malachias, der es fest in den Armen hielt, und schob sich leise vorw�rts, bis er neben Binabik am vorspringenden Rand des Felsens lag und mit dem Troll durch eine L�cke im Laubwerk sp�hen konnte. Die Hunde, witternd und bellend, waren �berall; mindestens zwanzig von ihnen rannten aufgeregt zwischen dem Baum, der Leiche ihres Gef�hrten und dem Fu� des Felsens hin und her. Eines der Tiere schien sogar direkt zu Simon und Binabik hinaufzustarren; die leeren wei�en Augen gl�nzten, das rote Maul grinste wild. Doch gleich darauf trottete es zu seinen schaumbedeckten Artgenossen zur�ck.</p><p>Das Horn klang jetzt ganz nah. Eine Reihe von Pferden erschien und suchte sich einen Pfad durch den dicht bewaldeten Berghang. Jetzt hatten die Runden der Hunde einen vierten Bezugspunkt, und sie rannten mit wildem Geheul zwischen den steingrauen Beinen des Leitpferdes hindurch, das so ruhig weiterschritt, als w�ren sie ein paar Nachtschmetterlinge. Die folgenden Pferde waren nicht ganz so gelassen; eines, das unmittelbar hinterherkam, scheute leicht, und sein Reiter scherte mit ihm aus der Reihe aus und spornte es den letzten kurzen Hang hinab, um es in der N�he des Felsblockes zu einem stampfenden, schnaubenden Halt zu bringen.</p><p>Der Reiter war jung und glattrasiert, mit kr�ftigem Kinn und lockigen Haaren von der kastanienbraunen Farbe seines Rosses. �ber der silbergl�nzenden R�stung trug er einen Wappenrock in Blau und Schwarz mit einem Abzeichen aus drei gelben Blumen, das schr�g von der Schulter zur Taille f�hrte. Er machte ein m�rrisches Gesicht.</p><p>�Noch einer tot�, fauchte er. �Was haltet Ihr davon, Jegger?� Seine Stimme nahm einen h�mischen Ton an. �Oh, verzeiht mir, ich meinte <emphasis>Meister Ingen</emphasis>.�</p><p>Simon war verbl�fft, wie deutlich die Worte des Mannes zu verstehen waren, so als spreche er unmittelbar zu den verborgenen Lauschern. Er hielt den Atem an.</p><p>Der Gepanzerte starrte auf etwas au�erhalb ihres Gesichtsfeldes, und sein Profil kam Simon pl�tzlich ungemein bekannt vor. Er war �berzeugt, diesen Mann schon gesehen zu haben, h�chstwahrscheinlich auf dem Hochhorst. Dem Akzent nach war er auf alle F�lle ein Erkynl�nder.</p><p>�Es kommt nicht darauf an, wie Ihr mich nennt�, erwiderte eine andere Stimme, eine tiefe, glatte, kalte Stimme. �Nicht Ihr habt Ingen Jegger zum J�germeister dieser Jagd gemacht. Ihr seid hier � aus H�flichkeit, Heahferth. Weil es Euer Land ist.�</p><p>Jetzt wu�te Simon, wen er vor sich hatte: Er kannte Baron Heahferth als einen st�ndigen Gast an Elias' Hof und Kumpan von Graf Fengbald. Der zweite Sprecher lenkte sein graues Ro� in die L�cke, durch die Simon und Binabik hindurchstarrten. Erregte wei�e Hunde umwimmelten die Pferdehufe.</p><p>Der Mann, der Ingen hie�, war ganz in Schwarz gekleidet, Waffenrock, Hosen und Hemd im selben tristen, stumpfen Ton. Auf den ersten Blick hielt man ihn f�r wei�b�rtig; dann aber zeigte sich, da� der kurzgestutzte Bart in dem harten Gesicht von so lichtem Gelb war, da� er fast farblos wirkte � so farblos wie die Augen, fahle, bleiche Flecken im dunklen Antlitz. Sie mochten blau sein.</p><p>Simon starrte auf die von der schwarzen Kapuze umrahmten kalten Z�ge, auf den kraftvollen, muskul�sen K�rper und sp�rte eine Furcht, die anders war als alles, was er an diesem ganzen Tag voller Gefahren erlebt hatte. Wer war dieser Mann? Er sah aus wie ein Rimmersmann, und sein Name war einer aus Rimmersgard; aber er sprach eigenartig, mit einem langsamen, fremdklingenden Akzent, den Simon noch nie geh�rt hatte.</p><p>�Mein Land endet am Rand des Waldes�, erkl�rte Heahferth jetzt und trieb sein widerspenstiges Reittier wieder an seinen Platz zur�ck. Ein halbes Dutzend M�nner in leichter R�stung war nacheinander auf die Lichtung geritten und sa� nun wartend auf den Pferden. �Und dort, wo mein Land aufh�rte�, fuhr Heahferth fort, �war auch meine Geduld zu Ende. Das ist ein schlechter Witz. �berall liegen tote Hunde herum wie Spreu��</p><p>�Und zwei Gefangene sind entkommen�, schlo� Ingen.</p><p>�Gefangene!� spottete Heahferth. �Ein Junge und ein kleines M�dchen! Glaubt Ihr, das seien die Verr�ter, hinter denen Elias so eifrig her ist? Glaubt ihr, ein solches P�rchen h�tte das fertiggebracht?� Und er nickte mit dem Kopf zum Kadaver des gro�en Hundes hin�ber.</p><p>�Die Hunde haben irgend etwas gejagt.� Ingen Jegger starrte auf den toten Kampfhund hinunter. �Schaut selbst. Seht Euch die Wunden an. Es waren weder B�r noch Wolf, die das getan haben. Es war unsere Beute, und noch ist sie fl�chtig. Und nun, dank Eurer Dummheit, rennen auch unsere Gefangenen.�</p><p>�Wie k�nnt Ihr es wagen?� fuhr Baron Heahferth ihn mit erhobener Stimme an. �Wie k�nnt Ihr es wagen?! Mit einem Wort k�nnte ich Euch von Pfeilen starren lassen wie einen Igel von Stacheln.�</p><p>Ingen sah langsam vom Leichnam des Hundes auf. �Aber das werdet Ihr nicht�, versetzte er gelassen. Heahferths Pferd scheute und b�umte sich auf. Als der Baron es wieder geb�ndigt hatte, tauschten die beiden M�nner einen langen Blick.</p><p>�Oh � also gut�, sagte Heahferth. Seine Stimme klang ganz anders, als er jetzt von dem Schwarzgekleideten wegsah und in den Wald hineinblickte. �Aber was nun?�</p><p>�Die Hunde haben eine Spur�, erkl�rte Ingen. �Wir werden tun, was wir m�ssen. Folgt mir.� Er hob das Horn, das an seiner Seite hing, und stie� einmal hinein. Die Hunde, die sich am Rand der Lichtung zusammengedr�ngt hatten, gaben Laut und rannten dorthin, wo Qantaqa verschwunden war; wortlos ritt Ingen Jeggers Grauro� hinterher. Baron Heahferth winkte fluchend seinen M�nnern und folgte. Keine hundert Herzschl�ge, und der Wald unter dem Felsen war wieder leer und still. Trotzdem lie� Binabik alle noch eine Weile still liegen, bevor er ihnen erlauben mochte, herunterzuklettern.</p><p>Unten am Boden untersuchte er rasch das kleine M�dchen, �ffnete ihr mit behutsamem, st�mmigem Finger die Augen und beugte sich �ber sie, um ihrem Atem zu lauschen.</p><p>�Sehr schlecht geht es ihr, der Kleinen. Wie ist ihr Name, Malachias?�</p><p>�Leleth�, erwiderte der Junge und betrachtete das blasse Gesicht. �Meine Schwester.�</p><p>�Unsere einzige Hoffnung ist, sie schnell in Gelo�s Haus zu bringen�, sagte Binabik. �Und da� Qantaqa diese M�nner in die Irre f�hrt, damit wir lebendig dorthin kommen.�</p><p>�Was machst du eigentlich hier, Malachias?� wollte Simon jetzt wissen. �Und wie bist du Heahferth entkommen?�</p><p>Der Junge gab keine Antwort, und als Simon die Frage wiederholte, wandte er den Kopf ab.</p><p>�Fragen sp�ter�, erkl�rte Binabik und stand auf. �Schnelligkeit brauchen wir jetzt. Kannst du dieses M�dchenkind tragen, Simon?�</p><p>�Ich denke schon.�</p><p>�Also los!�</p><p>Sie bahnten sich einen Weg in nordwestlicher Richtung durch den dichten Forst. Die sinkende Sonne stach durch die �ste. Simon fragte den Troll nach dem Mann namens Ingen und seiner merkw�rdigen Redeweise.</p><p>�Schwarz-Rimmersmann, denke ich�, erwiderte Binabik. �Sie sind ein seltenes Volk, wenig zu sehen au�er in den Siedlungen des �u�ersten Nordens, in die sie manchmal zum Handeln kommen. Sie sprechen nicht die Sprache von Rimmersgard. Es hei�t, sie leben am Rand des Landes, das den Nornen geh�rt.�</p><p>�Schon wieder die Nornen�, brummte Simon und duckte sich unter einem Ast, der Malachias aus der unachtsamen Hand gesprungen war. Er drehte sich um und sah den Troll an. �<emphasis>Was wird hier eigentlich gespielt?</emphasis> Wieso haben solche Leute an uns Interesse?�</p><p>�Gef�hrliche Zeiten, Freund Simon�, meinte Binabik nur. �Durch gef�hrliche Zeiten gehen wir.�</p><p>Mehrere Stunden vergingen, und die Schatten des Nachmittages wurden immer l�nger. Die St�cke Himmel, die durch die Baumwipfel schimmerten, f�rbten sich langsam von Blau zu Muschelrosa. Die kleine Gruppe wanderte weiter. Das Land war �berwiegend flach und bildete nur manchmal kleine Senken, flach wie Bettelschalen. �ber ihnen in den Zweigen f�hrten Eichh�rnchen und H�her ihre endlosen Debatten; im Blattgewirr unter ihren F��en summten die Heuschrecken. Einmal sah Simon eine gro�e, graue Eule, die wie ein Gespenst durch die ineinander verschlungenen �ste �ber ihnen schwebte. Sp�ter bemerkte er eine zweite, der ersten so �hnlich wie eine Zwillingsschwester.</p><p>Wenn sie Lichtungen �berquerten, beobachtete Binabik sorgf�ltig den Himmel und lie� sie etwas st�rker in Richtung Osten schwenken. Bald erreichten sie einen schmalen Waldbach, der �ber tausend kleine Hindernisse aus hineingefallenen �sten dahingurgelte. Eine Zeitlang gingen sie durch das dichte Gras, das seine Ufer s�umte; als ihnen ein dicker Baumstamm den Weg versperrte, wichen sie ihm aus und liefen auf dem R�cken der Steine weiter, die im seichten Bachbett verstreut lagen.</p><p>Als ein zweiter kleiner Wasserlauf einm�ndete, erweiterte sich das Bachbett, und gleich darauf hob Binabik die Hand als Zeichen zum Anhalten. Sie hatten gerade eine Biegung des Wasserlaufes umrundet; an dieser Stelle fiel der Bach j�h nach unten und rauschte als kleiner Wasserfall �ber eine Reihe von Felsbl�cken.</p><p>Sie standen am Rand einer gro�en Mulde. Eine sanft abfallende, baumbestandene Fl�che f�hrte hinab zu einem weiten, dunklen See. Die Sonne war untergegangen, und in der insektensummenden D�mmerung erschien das Wasser purpurn und tief. Baumwurzeln ringelten sich ins Wasser wie Schlangen. Eine Ahnung von Stille lag �ber dem Wasser, von stummen, nur den endlosen B�umen zugefl�sterten Geheimnissen. Am anderen Ufer des Sees stand, in der zunehmenden Dunkelheit unbestimmt und nicht genau zu erkennen, eine gro�e, strohgedeckte H�tte, die sich so �ber dem Wasser erhob, da� es auf den ersten Blick aussah, als schwebe sie in der Luft. Dann aber stellte Simon fest, da� sie auf Stelzen �ber der Wasseroberfl�che errichtet war. In zwei kleinen Fenstern schimmerte buttergelbes Licht.</p><p>�Gelo�s Haus�, verk�ndete Binabik, und sie machten sich auf den Weg in die baumbewachsene Senke. Mit lautlosem Fl�gelschlag scho� aus den Wipfeln �ber ihnen eine graue Gestalt, kreiste zweimal tief �ber dem See und verschwand im Dunkel neben der H�tte. Einen Augenblick schien es Simon, als sehe er die Eule <emphasis>in</emphasis> die H�tte fliegen, aber seine Lider waren schwer vor �berm�dung, so da� er es nicht mit Sicherheit sagen konnte. Ringsum stieg das Abendlied der Grillen auf, und die Schatten wurden l�nger. Am Seeufer entlang kam etwas in gro�en Spr�ngen auf sie zu.</p><p>�Qantaqa!� lachte Binabik und rannte ihr entgegen.</p></section><section><title><p>XXVI</p><p>In Gelo�s Haus</p></title><p>Die Gestalt, die dort eingerahmt vom warmen Licht der T�r�ffnung stand, regte sich nicht und sagte kein Wort, als die Gef�hrten die lange Balkenbr�cke betraten, die von der T�rschwelle zum Ufer des Sees f�hrte. Als Simon, die kleine Leleth sorgsam auf dem Arm, hinter Binabik herging, konnte er nicht umhin, sich zu wundern, weshalb Gelo� nicht einen etwas dauerhafter erbauten Eingang f�r ihre H�tte besa�, zumindest mit einem Seil als Handlauf. Seinen m�den F��en fiel es schwer, sich auf der schmalen Br�cke zu halten. <emphasis>Vermutlich hat sie ja auch nicht viel Besuch,</emphasis> dachte er und sah zu dem sich rasch verfinsternden Wald hin�ber.</p><p>Vor der obersten Stufe blieb Binabik stehen und verbeugte sich, wobei er Simon um ein Haar in das stille Gew�sser gesto�en h�tte.</p><p>�Valada Gelo�, verk�ndete er, �Binbines Mintahoqis erbittet Eure Hilfe. Ich bringe Euch Reisende.�</p><p>Die Gestalt in der T�r trat zur�ck und gab den Weg frei.</p><p>�Verschone mich mit diesen Nabbanai-Phrasen, Binabik.� Es war eine rauhe und doch melodische Stimme mit starkem, fremdartigem Akzent, doch unzweifelhaft eine Frauenstimme. �Ich wu�te, da� du kommst. Qantaqa ist schon seit einer Stunde hier.� Die W�lfin am Ende der Rampe spitzte die Ohren. �Nat�rlich seid ihr willkommen. Glaubst du, ich w�rde euch abweisen?�</p><p>Binabik trat ins Haus. Simon, einen Schritt hinter ihm, fragte: �Wohin soll ich das kleine M�dchen bringen?�</p><p>Er duckte sich unter der T�r durch und gewann den schnellen Eindruck eines hohen Daches und langer, von vielen Kerzenflammen geworfener, flackernder Schatten, dann stand Gelo� vor ihm. Sie trug ein grobes Gewand aus graubraunem Stoff, mit einem G�rtel ungeschickt zusammengehalten. Ihre Gr��e lag zwischen der Simons und des Trolls. Das Gesicht war breit und sonnengebr�unt und voller Falten um Augen und Mund. Ihr dunkles Haar war �berall mit Grau durchsetzt und kurz abgeschnitten, so da� sie fast wie ein Priester aussah. Aber es waren ihre Augen, die Simon fesselten, runde, schwerlidrige gelbe Augen mit gro�en, kohlschwarzen Pupillen. Es waren alte, wissende Augen, die Augen eines w�rdigen Vogels aus dem Hochgebirge, und es lag eine Macht in ihnen, die Simon wie angewurzelt stehenbleiben lie�. Sie schien sein vollst�ndiges Ma� zu nehmen, sein Innerstes zu�u�erst zu kehren und ihn zu sch�tteln wie einen Sack, alles im selben Augenblick. Als sich ihr Blick endlich dem verletzten M�dchen zuwandte, f�hlte er sich leer wie ein trockener Weinschlauch.</p><p>�Dieses Kind ist verwundet.� Es war keine Frage.</p><p>Simon lie� hilflos zu, da� sie ihm Leleth aus den Armen nahm. Binabik kam herbei.</p><p>�Sie ist von Hunden angefallen worden�, erkl�rte der Troll. �Hunden mit dem Brandzeichen von Sturmspitze.�</p><p>Wenn er einen Blick voller �berraschung oder Furcht erwartet hatte, wurde er entt�uscht. Gelo� dr�ngte sich energisch an ihm vorbei und ging zu einem Strohsack am Boden, wo sie das M�dchen niederlegte. �Sucht euch etwas zu essen, wenn ihr hungrig seid�, sagte sie. �Ich mu� jetzt an die Arbeit. Ist man euch gefolgt?�</p><p>Binabik berichtete ihr rasch die Ereignisse der letzten Stunden, w�hrend Gelo� den teilnahmslosen K�rper des Kindes entkleidete. Endlich kam auch Malachias herein. Er hockte sich neben den Strohsack und blieb auch dort, als Gelo� Leleths Wunden s�uberte. Als er ihr dabei zu nahe kam und ihre Bewegungen hinderte, ber�hrte die Valada mit ihrer sommersprossigen Hand den Jungen leicht an der Schulter. Einen Augenblick hielt sie ihn fest und sah ihn an, bis Malachias aufblickte und zur�ckzuckte. Gleich darauf schlug er noch einmal die Augen zu Gelo� auf, und die beiden schienen eine stumme Botschaft auszutauschen, bevor sich Malachias abwandte und an die Wand setzte.</p><p>Binabik sch�rte das Feuer, das in einem geschickt angelegten, tiefen Schacht im Boden brannte. Der Rauch � von dem es erstaunlich wenig gab � zog zur Decke hin ab. Simon �berlegte, da� es in den Schatten dort oben einen verborgenen Schornstein geben mu�te.</p><p>Die H�tte selbst, die eigentlich nur aus einem einzigen, gro�en Raum bestand, erinnerte ihn in mancherlei Weise an Morgenes' Studierzimmer. An den lehmbestrichenen W�nden hingen lauter merkw�rdige Dinge: zu sorgf�ltigen B�ndeln geschn�rte belaubte Zweige, S�ckchen mit getrockneten Blumen, die ihre Bl�tenbl�tter verstreuten, und Halme, Schilfrohr und lange, glitschige Wurzeln, die alle aussahen, als h�tten sie recht widerwillig den See unter ihnen verlassen. Das Feuerlicht flackerte auch �ber eine Vielzahl kleiner Tiersch�del, deren helle, glattpolierte Oberfl�chen es beschien, ohne in die Dunkelheit der Augen einzudringen.</p><p>Eine ganze Wand war zwischen Boden und Decke durch ein g�rtelhohes Bord aus �ber Rahmen gespannter Baumrinde geteilt. Es war ebenfalls mit sonderbaren Gegenst�nden bedeckt: Tierfellen und kleinen B�ndeln aus St�ckchen und Knochen, sch�nen, vom Wasser glattgeschliffenen Kieseln in allen Formen und Farben und einer sorgsam aufgeschichteten Sammlung von Schriftrollen mit den Griffen nach au�en, die aussahen wie ein B�ndel Brennholz. Es war alles so vollgestopft, da� Simon eine Weile brauchte, bis er merkte, da� es eigentlich gar kein Bord, sondern ein Schreibtisch war; neben den Schriftrollen lagen ein Stapel Pergament und ein Federkiel in einem aus einem weiteren Tiersch�del gefertigten Tintenfa�.</p><p>Qantaqa winselte leise und stie� mit der Nase gegen seinen Oberschenkel. Simon kraulte ihr die Schnauze. Sie hatte Ri�wunden an Gesicht und Ohren, aber das Fell war s�uberlich von getrocknetem Blut gereinigt worden. Simon wandte sich vom Tisch ab und der langen Wand zu, deren beide kleine Fenster auf den See hinausgingen. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und das hinausstr�mende Kerzenlicht warf zwei lange, unregelm��ige Rechtecke auf das Wasser. In einem davon konnte Simon seine eigene, schlaksige Silhouette sehen wie die Pupille eines hellen Auges.</p><p>�Ich habe etwas Suppe gew�rmt�, sagte Binabik hinter ihm und bot ihm eine h�lzerne Schale. �Ich habe sie selbst n�tig�, l�chelte der Troll, �und du und alle anderen auch. Ich hoffe, da� ich nie wieder einen Tag erleben werde, der diesem gleicht.�</p><p>Simon pustete auf die hei�e Fl�ssigkeit und brachte dann etwas davon �ber die Lippen. Sie war w�rzig und ein klein wenig bitter, wie der gew�rzte Apfelmost zu Elysiame�.</p><p>�Schmeckt gut�, sagte er und nahm einen weiteren Schluck. �Was ist es?�</p><p>�Besser nicht zu fragen, vielleicht�, grinste Binabik schalkhaft.</p><p>Gelo� sah vom Strohsack auf, die Augenbrauen schr�g zum scharfen Nasenr�cken hin zusammengezogen, und heftete einen durchbohrenden Blick auf Binabik.</p><p>�La� das, Troll, der Junge bekommt ja Magenschmerzen�, schnaubte sie �rgerlich. �Honiglocke, L�wenzahn und Steingras, mehr ist nicht darin, Junge.�</p><p>Binabik schien besch�mt. �Entschuldigungen, Valada.�</p><p>�Mir schmeckt es�, bemerkte Simon, der f�rchtete, sie unbeabsichtigt beleidigt zu haben, und f�gte gleich darauf hinzu: �Seid bedankt, da� Ihr uns aufgenommen habt. Mein Name ist Simon.�</p><p>�Aha�, brummte Gelo� und fuhr fort, die Wunden des M�dchens zu reinigen. Der verwirrte Simon trank so ger�uschlos er konnte seine Br�he aus. Binabik nahm ihm die Schale ab und f�llte sie nochmals, und Simon leerte sie fast ebenso schnell wie das erste Mal.</p><p>Binabik machte sich jetzt daran, mit den kurzen, kr�ftigen Fingern Qantaqas Fell zu str�hlen. Kletten und Zweige, die er herausholte, warf er ins Feuer. Gelo� legte Leleth schweigend Verb�nde an, und Malachias, dem das str�hnige schwarze Haar ins Gesicht hing, schaute zu. Simon fand einen verh�ltnism��ig freien Platz, an dem er sich an die H�ttenwand lehnen konnte.</p><p>Eine Legion von Grillen und anderen n�chtlichen S�ngern f�llte die Hohlr�ume der Nacht, als Simon in einen Schlaf der Ersch�pfung sank, und sein Herz schlug in ihrem langsamen Rhythmus mit.</p><empty-line/><p>Es war immer noch Nacht, als er aufwachte. Er sch�ttelte tranig den Kopf, um die klebrigen �berreste eines zu kurzen Schlummers daraus zu vertreiben. Er mu�te sich erst einmal verstohlen in dem unvertrauten Raum umschauen, bis ihm wieder einfiel, wo er war.</p><p>Gelo� und Binabik unterhielten sich leise. Die Frau sa� auf einem hohen Schemel, der Troll wie ein Sch�ler mit gekreuzten Beinen zu ihren F��en. Hinter ihnen auf dem Strohsack lag etwas Dunkles, Unf�rmiges, das Simon schlie�lich als Malachias und Leleth erkannte, die sich im Schlaf aneinanderschmiegten.</p><p>�Es kommt nicht darauf an, ob du klug gehandelt hast oder nicht, junger Troll�, meinte die Frau. �Du hast Gl�ck gehabt, und das ist mehr wert.�</p><p>Simon beschlo�, sie wissen zu lassen, da� er wach war. �Wie geht es der Kleinen?� erkundigte er sich g�hnend.</p><p>Gelo� richtete den verschleierten Blick auf ihn. �Sehr schlecht. Sie ist schwer verletzt und hat Fieber. Die Nornenhunde � nun, es ist nicht gut, von ihnen gebissen zu werden. Sie fressen unreines Fleisch.�</p><p>�Die Valada hat alles getan, was getan werden kann, Simon�, erkl�rte Binabik. Er hielt etwas in der Hand: einen neuen Lederbeutel, den er beim Sprechen zusammenn�hte. Simon fragte sich, wo der Troll wohl neue Dornen finden w�rde. H�tte er doch nur ein Schwert � oder wenigstens ein Messer! Menschen in Abenteuern besa�en immer Schwerter oder wenigstens einen scharfen Verstand. Oder Zauberkraft.</p><p>�Hast du�� Simon z�gerte. �Hast du ihr von Morgenes erz�hlt?�</p><p>�Ich wu�te es schon.� Gelo� starrte ihn an. Der Feuerschein f�rbte ihre hellen Augen rot. Als sie weitersprach, geschah es mit kraftvoller Bed�chtigkeit. �Du warst bei ihm, Junge. Ich kenne deinen Namen, und ich f�hlte Morgenes' Zeichen auf dir, als ich dir das Kind abnahm und dich ber�hrte.� Wie um es ihm zu beweisen, streckte sie die breite, schwielige Hand aus.</p><p>�Ihr kanntet meinen Namen?�</p><p>�Ich wei� viele Dinge, die mit dem Doktor im Zusammenhang stehen.� Gelo� beugte sich vor und stocherte mit einem langen, verkohlten Stock im Feuer. �Wir haben einen gro�en Mann verloren, einen Mann, den wir schlecht entbehren k�nnen.�</p><p>Simon z�gerte, bis endlich doch die Neugier den Sieg �ber seine Ehrfurcht vor der Valada davontrug. �Was meint Ihr?� Er kroch n�her, bis er neben dem Troll sa�. �Ich meine, was bedeutet <emphasis>wir</emphasis>?�</p><p>��Wir� bedeutet �wir alle��, antwortete sie. ��Wir� meint all die, die das Dunkel nicht willkommen hei�en.�</p><p>�Ich habe Gelo� berichtet, was uns widerfahren ist, Freund Simon�, sagte Binabik ruhig. �Es ist kein Geheimnis, da� ich kaum eine Erkl�rung daf�r habe.�</p><p>Gelo� machte ein schiefes Gesicht und zog das grobe Gewand enger um den K�rper. �Und ich kann nichts hinzuf�gen � noch nicht. Allerdings ist mir jetzt klar, da� die Wetterzeichen, die ich selbst hier an meinem einsamen See bemerkt habe, die G�nse auf dem Flug nach Norden, die schon vor vierzehn Tagen �ber mich h�tten hinwegziehen sollen, alle Dinge, die mich in dieser seltsamen Jahreszeit nachdenklich gemacht haben�, sie pre�te die Handfl�chen aneinander, als wollte sie beten, �Wirklichkeit sind � und mit ihnen die Ver�nderung, die sie prophezeien. Schreckliche Wirklichkeit.� Sie lie� die H�nde schwer in den Scho� sinken und starrte darauf.</p><p>�Binabik hat recht�, fuhr sie endlich fort. Der Troll neben ihr nickte ernsthaft mit dem Kopf, aber Simon sah ein zufriedenes Glitzern in den Augen des kleinen Mannes, als habe man ihm ein gro�es Kompliment gemacht. �Hier geht es um weit mehr als nur den Kampf eines K�nigs mit seinem Bruder. Der Streit von K�nigen kann das Land zerst�ren, kann B�ume entwurzeln und Felder in Blut baden� � prasselnd und funkenstiebend brach ein Scheit auseinander, und Simon fuhr erschreckt in die H�he �, �aber die Kriege der Menschen bringen keine schwarzen Wolken aus dem Norden oder senden die hungrigen B�ren im Maia-Monat in ihre H�hlen zur�ck.�</p><p>Gelo� stand auf und streckte sich, und die weiten �rmel ihres Gewandes hingen an ihr herunter wie Vogelschwingen. �Morgen werde ich versuchen, ein paar Antworten f�r euch zu finden. Jetzt soll schlafen, wer kann, denn ich f�rchte, das Fieber des Kindes wird heute nacht mit aller St�rke wiederkehren.�</p><p>Sie ging an die andere Wand und begann, kleine Kr�glein auf die Borde zur�ckzustellen. Simon breitete auf dem Boden neben der Feuerstelle seinen Mantel aus.</p><p>�Vielleicht solltest du nicht so dicht daran schlafen�, warnte Binabik. �Ein Funke, der herausspringt, kann dich in Brand setzen.�</p><p>Simon betrachtete ihn vorsichtig, aber der Troll schien nicht zu scherzen. Er zog den Mantel mehrere Fu� nach hinten und legte sich darauf. Die Kapuze rollte er als Kissen unter den Kopf und zog dann sorgf�ltig die Seitenteile �ber sich. Binabik verschwand in einer Ecke, wo er noch einen Augenblick herumraschelte und polterte, bis auch er es sich bequem gemacht hatte.</p><p>Das Lied der Grillen war verstummt. Simon starrte hinauf in die Schatten, die in den Dachbalken flackerten, und lauschte dem sanften Rauschen des Windes, der unaufh�rlich durch die �ste der das Haus umgebenden B�ume und auf den See hinauswehte.</p><empty-line/><p><emphasis>Es brannte keine Laterne und auch kein Feuer mehr; nur das pilzbleiche Licht des Mondes sickerte durch die hohen Fenster und tauchte den vollgestopften Raum in eine Art frostigen Schein. Simon starrte auf die sonderbaren, unkenntlichen Umrisse der auf den Tischen herumliegenden Gegenst�nde und die kantigen, leblosen Gestalten der zu schiefen T�rmen aufgestapelten B�cher, die aus dem Boden ragten wie Grabsteine auf einem Friedhof. Besonders ein Buch zog seinen Blick an. Aufgeschlagen lag es da, wei�gl�nzend wie das Fleisch eines entrindeten Baumes. Mitten auf der offenen Seite sah er ein bekanntes Gesicht � einen Mann mit brennenden Augen, dessen Haupt das verzweigte Geweih eines Hirsches trug.</emphasis></p><p><emphasis>Simon schaute das Zimmer, dann wieder das Buch an. Ja, er war in Morgenes' Wohnung. Nat�rlich! Wo sollte er denn auch sonst sein?</emphasis></p><p><emphasis>Im Augenblick, als er das feststellte, als die Umrisse die vertrauten Formen der Flaschen und Gestelle und Retorten des Doktors annahmen, ert�nte ein vorsichtiges, kratzendes Ger�usch an der T�r. Der unerwartete Laut erschreckte ihn. Schr�ge Streifen Mondlicht lie�en die Wand schief und bauf�llig erscheinen. Wieder kam das Kratzen.</emphasis></p><p><emphasis>�Simon?�</emphasis></p><p><emphasis>Die Stimme war sehr leise, als wolle der Sprecher nicht geh�rt werden, aber Simon erkannte sie sofort.</emphasis></p><p><emphasis>�Doktor?� Er sprang auf und war mit wenigen Schritten an der T�r. Warum hatte der alte Mann nicht geklopft? Und was war das f�r eine Art, so sp�t nach Hause zu kommen? Vielleicht war er auf einer seiner geheimnisvollen Reisen gewesen und hatte sich t�richterweise selber ausgesperrt � nat�rlich, das mu�te es sein! Ein Gl�ck, da� Simon da war, um ihn hereinzulassen. Er m�hte sich mit dem schattendunklen Schlo� ab. �Was habt Ihr angestellt, Doktor Morgenes?� fl�sterte er. �Ich warte schon so lange auf Euch!� Keine Antwort.</emphasis></p><p><emphasis>Gerade war er dabei, den Riegel aus seinem Loch zu ziehen, als ihn ein j�hes Gef�hl des Unbehagens �berkam. Er lie� die halb entriegelte T�r, wie sie war, und stellte sich auf die Zehen, um durch einen Spalt zwischen den T�rbrettern zu sp�hen.</emphasis></p><p><emphasis>�Doktor?�</emphasis></p><p><emphasis>Im inneren Korridor, vom blauen Licht der Gang-Lampen beleuchtet, stand die von Kapuze und Mantel verh�llte Gestalt des Alten. Das Gesicht lag im Schatten, aber sein zerlumpter alter Mantel, der schmale K�rperbau, die wei�en Haarstr�hnen, die unter der Kapuze hervorschauten, bl�ulich im Lampenschein, alle diese Dinge waren unverwechselbar. Warum antwortete er nicht? Hatte er sich verletzt?</emphasis></p><p><emphasis>�Fehlt Euch etwas?� fragte Simon und zog die T�r nach innen. Die kleine, gebeugte Gestalt regte sich nicht. �Wo seid Ihr gewesen? Was habt Ihr herausgefunden?� Er glaubte, der Doktor h�tte etwas gesagt und beugte sich vor.</emphasis></p><p><emphasis>Die Worte, die zu ihm heraufdrangen, waren voller Luft, schmerzhaft rauh.</emphasis> �� Falscher � Bote�� <emphasis>war alles, was er verstand. Der trockenen Stimme schien das Sprechen schwerzufallen. Und dann hob sich das Gesicht, und die Kapuze fiel nach hinten.</emphasis></p><p><emphasis>Der Kopf, der den zersausten wei�en Haarkranz trug, war eine verbrannte, geschw�rzte Ruine, ein Klumpen mit zersprungenen, leeren H�hlen als Augen; der spindeld�rre Hals, auf dem er wackelte, ein verkohlter Stock. Als Simon zur�cktaumelte, in der Kehle einen Schrei, der festsa� und nicht herauskonnte, lief eine d�nne, rote Linie �ber die Vorderseite des schwarzen, ledrigen Balls, und gleich darauf �ffnete sich g�hnend der Mund, ein gespaltenes Grinsen aus rosa Fleisch.</emphasis></p><p>�Der � falsche � Bote�, <emphasis>sagte das Wesen, jedes Wort ein rasselndes Keuchen,</emphasis> �� h�te � dich��</p><p><emphasis>Und dann schrie Simon, bis ihm das Blut in den Ohren dr�hnte, denn das verbrannte Ding sprach, es gab keinen Zweifel, mit Doktor Morgenes' Stimme.</emphasis></p><empty-line/><p>Es dauerte lange, bis sein jagendes Herz ruhiger wurde. Sto�weise atmend, sa� er da, Binabik neben ihm.</p><p>�Hier ist nichts B�ses�, versicherte der Troll und legte Simon die Handfl�che auf die Stirn. �Du bist kalt wie Eis.�</p><p>Gelo� kam von dem Strohsack her�ber, wo sie Malachias die Decke, die er fortgesto�en hatte, als Simons Schrei ihn j�h aus dem Schlaf ri�, wieder �bergelegt hatte.</p><p>�Hattest du schon solche starken Tr�ume, als du noch in der Burg wohntest, Junge?� fragte sie, nachdem er ihnen den Traum beschrieben hatte, und sie musterte ihn dabei mit so strengem Blick, als wollte sie sehen, ob er es wagte, das abzustreiten. Simon schauderte. Vor diesem �berw�ltigenden Blick hatte er nicht den Wunsch, etwas anderes als die Wahrheit zu erz�hlen. �Erst in den � letzten paar Monaten � bevor��</p><p>�Bevor Morgenes starb�, erg�nzte Gelo� knapp. �Binabik, wenn mich das Wissen, �ber das ich verf�ge, nicht ganz und gar verlassen hat, kann ich nicht glauben, da� es ein Zufall ist, wenn er in meinem Haus von Morgenes tr�umt. Nicht so einen Traum.�</p><p>Binabik fuhr sich mit der Hand durch das vom Schlaf zerw�hlte Haar. �Valada Gelo�, wenn <emphasis>Ihr</emphasis> es nicht wi�t, wie dann ich? Tochter der Berge! Mir ist, als lauschte ich auf Ger�usche im Dunkeln. Ich kann die Gefahren nicht erkennen, die uns umgeben, aber ich wei�, da� es Gefahren sind. Simon tr�umt eine Warnung vor �falschen Boten�� aber das ist nur eines von allzu vielen geheimnisvollen Dingen. Warum die Nornen? Der Schwarz-Rimmersmann? Die schmutzigen Bukken?�</p><p>Gelo� trat zu Simon und schob ihn sanft, aber energisch auf seinen Mantel zur�ck. �Versuch wieder einzuschlafen�, sagte sie. �Nichts wird das Haus der Zauberfrau betreten, das dir �bles zuf�gen k�nnte.� Sie wandte sich an Binabik. �Ich denke, wenn sein Traum so zusammenh�ngend ist, wie es den Anschein hat, wird er uns bei unserer Suche nach Antworten n�tzlich sein.�</p><p>Auf dem R�cken liegend, sah Simon die Valada und den Troll als schwarze Gestalten vor dem Gl�hw�rmchenglanz der Glut. Der kleinere Schatten beugte sich noch einmal �ber ihn.</p><p>�Simon�, fl�sterte Binabik, �gibt es andere Tr�ume, die noch nicht erw�hnt wurden? Von denen du uns nichts erz�hlt hast?�</p><p>Simon sch�ttelte langsam den Kopf. Es gab nichts, nichts au�er Schatten, und er war zu m�de zum Reden. Noch hatte er den Geschmack der Furcht vor dem verbrannten Ding an der T�r auf der Zunge; er w�nschte nur eines, sich dem Sog des Vergessens auszuliefern, zu schlafen, schlafen�</p><p>Aber das ging nicht so leicht. Obwohl er die Augen fest geschlossen hielt, standen noch die Bilder des Feuers und der Katastrophe vor ihm. Er w�lzte sich hin und her und fand keine Lage, die seine verspannten Muskeln einlud, sich zu lockern. Er h�rte das leise Gespr�ch des Trolls und der Zauberin wie das Kratzen von Ratten in den W�nden.</p><p>Endlich verstummten auch diese Laute, und der feierliche Atem des Windes drang wieder an sein Ohr. Er schlug die Augen auf. Gelo� sa� allein am Feuer, die Schultern hochgezogen wie ein Vogel, der sich vor dem Regen duckt, die Augen halbge�ffnet; er wu�te nicht, ob sie schlief oder in das verglimmende Feuer sah.</p><p>Sein letzter wacher Gedanke, der langsam aus seinem tiefsten Innern stieg und dabei flackerte wie ein Feuer unter der See, galt einem hohen Berg, einem Berg mit einer Krone aus Steinen. Das war im Traum gewesen, oder doch nicht? Er h�tte daran denken � es Binabik erz�hlen sollen.</p><p>Ein Feuer loderte auf in der Finsternis des Berggipfels, und er h�rte das Knarren h�lzerner R�der � Traumr�der�</p><empty-line/><p>Als der Morgen kam, brachte er keine Sonne mit. Vom Fenster der H�tte konnte Simon die dunklen Baumspitzen am anderen Ende der Mulde sehen, der See selber trug einen Mantel aus dichtem Nebel. Sogar unmittelbar unter dem Fenster war kaum das Wasser zu erkennen. Langsam ziehender Dunst machte alles verschwommen und k�rperlos. Der Himmel �ber der d�steren Reihe der B�ume war grau und ohne Tiefe.</p><p>Gelo� hatte den jungen Malachias abkommandiert, mit ihr nach einem bestimmten heilkr�ftigen Moos zu suchen und Binabik zur�ckgelassen, um Leleth zu versorgen. Der Zustand des Kindes schien den Troll geringf�gig zu ermutigen, aber als Simon das blasse Gesichtchen und die schwachen Bewegungen der schmalen Brust sah, fragte er sich, welchen Unterschied der kleine Mann feststellte, den er, Simon nicht entdecken konnte.</p><p>Aus einem Stapel d�rrer Aste, die Gelo� ordentlich in einer Ecke aufgeschichtet hatte, machte Simon ein neues Feuer und half dann dabei, die Verb�nde des M�dchens zu erneuern. Als Binabik das Laken von Leleths K�rper sch�lte und die Bandagen abnahm, zuckte Simon zusammen, gestattete sich aber kein Zur�ckweichen. Ihr ganzer Rumpf war blau von Prellungen und schlimmen Zahnspuren. Unter dem linken Arm war die Haut bis zur H�fte aufgerissen, ein zerfetzter Ri� von einem Fu� L�nge. Als Binabik die Wunden ges�ubert und mit breiten Leinenstreifen neu verbunden hatte, bl�hten kleine Blutrosen durch den Stoff.</p><p>�Hat sie wirklich Aussichten, am Leben zu bleiben?� fragte Simon. Binabik zuckte die Achseln, w�hrend seine H�nde damit besch�ftigt waren, sorgf�ltige Knoten zu binden.</p><p>�Gelo� h�lt es f�r m�glich�, antwortete er. �Sie ist eine Frau von strengem und geradem Sinn, in deren Wertsch�tzung Menschen nicht h�her stehen als Tiere, und trotzdem ist diese Wertsch�tzung doch sehr hoch. Ich meine, sie w�rde nicht gegen das Unm�gliche ank�mpfen.�</p><p>�Ist sie wirklich eine Zauberfrau, wie sie gesagt hat?�</p><p>Binabik deckte das kleine M�dchen wieder mit dem Laken zu und lie� nur das magere Gesichtchen frei. Ihr Mund stand ein wenig offen; Simon konnte sehen, da� sie beide Vorderz�hne verloren hatte. Ihn �berkam ein j�hes, bitter-schmerzliches Mitgef�hl f�r das Kind � allein mit ihrem Bruder im wilden Wald, verirrt, gefangen, gequ�lt, ge�ngstigt. Wie konnte der Herr Usires eine solche Welt lieben?</p><p>�Eine Zauberfrau?� Binabik erhob sich. Drau�en trappelte Qantaqa die Br�cke zur Haust�r hinauf; Gelo� und Malachias mu�ten gleich kommen. �Eine <emphasis>Weise Frau</emphasis> ist sie gewi� und ein Wesen von seltener St�rke. Wenn ich recht verstehe, bedeutet Zauberfrau in deiner Sprache �Hexe�, jemand, der b�se ist, der eurem Teufel geh�rt und seinen Nachbarn Schaden zuf�gt. Das trifft auf die Valada ganz sicher nicht zu. Ihre Nachbarn sind die V�gel und Waldbewohner, und sie hegt sie wie eine Herde. Trotzdem hat sie Rimmersgard vor vielen Jahren verlassen � vor vielen, <emphasis>vielen</emphasis> Jahren �, um hierher zu ziehen. M�glich ist es, da� die Menschen in ihrer Umgebung einst auch so einen Unsinn gedacht haben � vielleicht war das der Grund, da� sie an diesen See kam.�</p><p>Binabik drehte sich um und begr��te die ungeduldige Qantaqa. Er kratzte im dicken Fell ihres R�ckens herum, und sie wand sich vor Vergn�gen. Dann ging er mit einem Topf vor die T�r, lie� ihn ins Wasser hinunter und zog ihn gef�llt wieder empor, um ihn dann an einer Hakenkette �ber dem Feuer aufzuh�ngen.</p><p>�Du kennst Malachias schon aus der Burg, sagtest du?�</p><p>Simon beobachtete Qantaqa. Die W�lfin war wieder zum See getrottet und stand jetzt am seichten Ufer und fuhr mit der Schnauze ins Wasser. �Will sie Fische fangen?� fragte er lachend.</p><p>Binabik l�chelte geduldig und nickte. �Und sie f�ngt sie sogar. � Malachias?�</p><p>�Oh. Ja, ich kenne ihn von dort � ein wenig. Ich habe ihn einmal erwischt, wie er mir nachspionierte. Allerdings hat er es bestritten. Hat er mit dir geredet? Hat er dir erz�hlt, was er und seine Schwester im Aldheorte wollten und wie man sie gefangen hat?�</p><p>Tats�chlich hatte Qantaqa einen Fisch geschnappt, ein silbergl�nzendes Wesen, das wild, aber sinnlos um sich schlug, als die W�lfin triefna� das Seeufer hinaufstieg.</p><p>�Mehr Gl�ck h�tte ich gehabt, einem Stein das Singen beizubringen.� Binabik fand auf einem von Gelo�s Borden eine Sch�ssel mit getrockneten Bl�ttern und zerkr�melte eine Handvoll davon �ber dem Topf mit dem kochenden Wasser. Sofort erf�llten warme Minzed�fte den Raum. �F�nf oder sechs Worte habe ich aus seinem Mund geh�rt, seitdem wir die beiden dort auf dem Baum fanden. Aber er erinnert sich an dich. Mehrfach habe ich gesehen, da� er dich anstarrte. Ich glaube, er ist nicht gef�hrlich � tats�chlich bin ich mir dessen v�llig sicher �, aber trotzdem, man mu� ihn beobachten.�</p><p>Bevor Simon etwas antworten konnte, h�rte er Qantaqa kurz bellen. Er blickte aus dem Fenster und sah die W�lfin aufspringen. Sie lie� ihre gr��tenteils verzehrte Beute am Seeufer liegen und rannte den Pfad hinauf. Gleich darauf war sie im Nebel verschwunden. Aber schon bald kam sie zur�ckgetrottet, gefolgt von zwei verschwommenen Gestalten, die nach und nach zu Gelo� und dem sonderbaren, fuchsgesichtigen Jungen Malachias wurden. Die beiden unterhielten sich angeregt. <emphasis>�Qinkipa!�</emphasis> schnaubte Binabik und r�hrte im Wassertopf. �Auf einmal redet er!�</p><p>Gelo� kratzte ihre Stiefel am T�rrahmen ab und steckte den Kopf nach innen. ��berall Nebel!� meinte sie. �Der Wald ist schl�frig heute.� Sie sch�ttelte ihren Mantel aus und trat ein, hinter ihr der wieder vorsichtig um sich blickende Malachias. Er hatte hochrote Wangen.</p><p>Gelo� ging sofort zu ihrem Tisch und fing an, den Inhalt zweier S�cke zu sortieren. Sie war heute wie ein Mann gekleidet, dicke Wollhosen, Wams, abgetragene, aber feste Stiefel. Sie str�mte kraftvolle Gelassenheit aus wie ein Kriegshauptmann, der jede m�gliche Ma�nahme getroffen hat und nun nur noch darauf wartet, da� die Schlacht beginnt.</p><p>�Ist das Wasser fertig?� fragte sie.</p><p>Binabik beugte sich �ber den Topf und schn�ffelte. �Es erweckt den Anschein�, erwiderte er dann.</p><p>�Gut.� Gelo� l�ste ein kleines Stoffs�ckchen vom G�rtel und holte eine Handvoll dunkelgr�nes Moos heraus, auf dem noch Wasserperlen gl�nzten. Sie warf es ohne weitere Umst�nde in den Topf und r�hrte mit dem Stock um, den Binabik ihr gegeben hatte. �Malachias und ich haben miteinander geredet�, erkl�rte sie und schielte in den Dampf hinunter. �Wir haben �ber viele Dinge gesprochen.� Sie sah auf, aber Malachias senkte nur den Kopf, und seine roten Wangen wurden sogar noch ein bi�chen r�ter. Er ging zu Leleth und setzte sich zu ihr auf den Strohsack, ergriff ihre Hand und streichelte ihre blasse, feuchte Stirn.</p><p>Gelo� zuckte die Achseln. �Nun, wir werden uns dar�ber unterhalten, wenn Malachias bereit ist. F�r jetzt ist ohnehin genug zu tun.� Sie hob mit dem Ende des R�hrstockes etwas Moos heraus, betastete es mit dem Finger, nahm dann von einem Holztischchen eine Sch�ssel und schabte den ganzen klebrigen Brei aus dem Topf. Die dampfende Sch�ssel trug sie zum Strohsack hin�ber.</p><p>W�hrend Malachias und die Zauberfrau aus dem Moos Breiumschl�ge herstellten, stieg Simon zum See hinunter. Die H�tte der Zauberfrau sah bei Tageslicht von au�en genauso wunderlich aus wie nachts von innen; das strohgedeckte Dach lief oben spitz zu wie ein seltsamer Hut, und das dunkle Holz der W�nde war �ber und �ber mit schwarzen und blauen Runenmalereien bedeckt. W�hrend er so um das Haus herum und zum Ufer hinabging, verschwanden die Zeichen und tauchten wieder auf, je nachdem, wie das Sonnenlicht auf sie fiel. Schlammverkrustet in den dunklen Schatten unter der H�tte schienen auch die Doppelstelzen, auf denen sie stand, mit einer Art ungew�hnlicher Schindeln verkleidet zu sein.</p><p>Qantaqa war zu ihrem Fischkadaver zur�ckgekehrt und zupfte die letzten Fleischfetzen von den schmalen Knochen. Simon setzte sich neben sie auf einen Felsen, rutschte jedoch ein kleines St�ck weiter, als die W�lfin warnend knurrte. Er warf ein paar Kiesel in den alles verschlingenden Nebel und lauschte ihrem Aufspritzen, bis Binabik sich zu ihm gesellte.</p><p>�Fr�hst�ck f�r dich?� fragte der Troll und reichte ihm einen Kanten knuspriges Schwarzbrot, dick mit scharf riechendem K�se bestrichen. Simon a� es gierig auf. Dann sa�en die beiden nebeneinander und sahen ein paar V�geln zu, die im Sand des Seeufers herumpickten.</p><p>�Valada Gelo� m�chte, da� du zu uns kommst und an unserem Vorhaben von heute nachmittag teilnimmst�, sagte Binabik endlich.</p><p>�Was f�r ein Vorhaben?�</p><p>�Eine Suche. Suche nach Antworten.�</p><p>�Und wie wollen wir suchen? Gehen wir irgendwohin?�</p><p>Binabik betrachtete ihn ernst. �In gewisser Weise, ja � nein, schau mich nicht so �rgerlich an! Ich will es erkl�ren.� Er warf einen Kiesel. �Es gibt etwas, das manchmal getan wird, wenn andere Wege, etwas herauszufinden, verschlossen sind. Etwas, das die Weisen tun k�nnen. Mein Meister Ookequk nannte es �auf der Stra�e der Tr�ume gehen�.�</p><p>�Aber das hat ihn das Leben gekostet!�</p><p>�Nein! Das hei�t�� Der Troll machte ein sorgenvolles Gesicht und suchte nach Worten. �Das hei�t, ja, er starb auf dieser Stra�e. Aber man kann auf jeder Stra�e den Tod finden; es bedeutet nicht, da� jeder, der sie geht, stirbt. Auch auf eurer Mittelgasse sind Menschen von Wagen �berrollt worden, aber hundert andere bewegen sich dort jeden Tag und kommen nicht zu Schaden.�</p><p>�Was <emphasis>genau</emphasis> ist die Stra�e der Tr�ume?� fragte Simon.</p><p>�Ich mu� zuerst gestehen�, erwiderte Binabik mit einem traurigen halben L�cheln, �da� die Traumstra�e gef�hrlicher ist als die Mittelgasse. Mein Meister lehrte mich, da� diese Stra�e wie ein Saumpfad ist, der h�her liegt als alle anderen.� Der Troll reckte �ber seinem Kopf die Hand in die Luft. �Von dieser Stra�e aus, auch wenn der Aufstieg zu ihr gro�e Schwierigkeiten mit sich bringt, kannst du Dinge sehen, die du sonst niemals erblicken w�rdest � Dinge, die von der Stra�e des Alltages aus unsichtbar sind.�</p><p>�Und das Tr�umen?�</p><p>�Ich wurde gelehrt, da� das Tr�umen ein Weg ist, zu dieser Stra�e hinaufzugelangen, ein Weg, den jeder gehen kann.� Binabik runzelte die Stirn. �Aber wenn jemand einfach dadurch, da� er nachts tr�umt, die Stra�e erreicht, kann er nicht auf ihr weitergehen: Er sieht sie nur von der einen Stelle aus und mu� von dort wieder hinab. So da� � das hat mir Ookequk gesagt � dieser Tr�umer oft nicht wei�, was er wirklich gesehen hat. Manchmal�, der Troll deutete auf den Nebel, der �ber B�umen und See hing, �erblickt er nur Nebel. Aber der Weise kann, wenn er erst einmal die Kunst beherrscht, zu ihr hinaufzusteigen, auf der Stra�e weitergehen. Er kann sich bewegen und schauen und die Dinge sehen, wie sie sind und wie sie sich �ndern.� Er hob die Schultern. �Erkl�ren ist schwer. Die Traumstra�e ist ein Ort, an den man geht, um etwas zu sehen, das man hier, wo wir unter der wachen Sonne stehen, nicht deutlich erkennen kann. Gelo� hat viele solcher Reisen unternommen, und auch ich besitze einige Erfahrung darin, obwohl ich kein Meister bin.�</p><p>Simon sa� eine Weile still da und starrte auf das Wasser hinaus. Er dachte �ber Binabiks Worte nach. Das andere Ufer des Sees war unsichtbar; m��ig �berlegte er, wie weit es wohl entfernt sein mochte. Seine m�den Erinnerungen an ihre Ankunft gestern waren so dunstig wie die Morgenluft.</p><p>Jetzt, wo er dar�ber nachdachte, erkannte er, wie weit er schon gekommen war. <emphasis>Einen langen Weg, weiter als ich je zu reisen gedachte. Und sicher liegen noch viele Meilen vor mir. Lohnt sich das Risiko, damit unsere Chancen steigen, lebendig nach Naglimund zu kommen?</emphasis></p><p>Warum mu�te er �berhaupt solche Entscheidungen treffen? Es war wirklich schrecklich ungerecht. Bitter gr�belte er, warum Gott gerade ihn f�r eine so �ble Behandlung ausgesucht hatte � wenn es wirklich stimmte, da� Er, wie Vater Dreosan immer behauptete, ein Auge auf jeden einzelnen hatte.</p><p>Aber es gab mehr zu bedenken als nur seine Emp�rung. Binabik und die anderen schienen auf ihn zu z�hlen, und das war etwas, woran Simon nicht gew�hnt war. Man erwartete jetzt etwas von ihm. �Ich werde es tun�, erkl�rte er schlie�lich. �Aber sag mir noch eins. Was ist wirklich mit deinem Meister geschehen? Wie ist er gestorben?�</p><p>Binabik nickte langsam mit dem Kopf. �Ich habe geh�rt, da� es zweierlei Arten von Dingen gibt, die einem auf der Stra�e widerfahren k�nnen � gef�hrlichen Dingen. Das erste, und das geschieht in der Regel nur dem Unge�bten, tritt ein, wenn man ohne die n�tige Weisheit auf der Stra�e zu gehen versucht: Man kann die Stellen �bersehen, an denen die Traumstra�e und der Weg des an die Erde gebundenen Lebens in verschiedene Richtungen f�hren.� Er hielt die Handfl�chen schr�g aneinander. �Dann findet der Wanderer den R�ckweg nicht. Doch ich glaube, da� Ookequk dazu viel zu klug war.�</p><p>Der Gedanke daran, allein und heimatlos in diesem Reich der Phantasie herumzuirren, ber�hrte in Simon eine verwandte Saite, und er sog tief die feuchte Luft ein.</p><p>�Und was ist nun mit Ook � mit Ookequk geschehen?�</p><p>�Die andere Gefahr, so lehrte er mich�, fuhr Binabik fort und erhob sich, �ist, da� es au�er den Weisen und den Guten noch andere Wesen gibt, die �ber die Stra�e der Tr�ume wandern, und auch andere Tr�umer, die gef�hrlicher sind. Ich denke mir, da� er einem davon begegnet ist.�</p><p>Binabik ging Simon voran die kleine Rampe zur H�tte hinauf.</p><empty-line/><p>Gelo� entkorkte einen weithalsigen Topf, steckte zwei Finger hinein und zog sie, bedeckt mit einer dunkelgr�nen Paste, die noch klebriger war und noch seltsamer roch als der Moosbrei, wieder hervor.</p><p>�Beug dich vor�, befahl sie und strich Simon einen Klecks davon auf die Stirn, gerade �ber der Nase; dann tat sie das gleiche bei sich selbst und Binabik.</p><p>�Was ist das?� wollte Simon wissen. Es f�hlte sich eigenartig an auf der Haut, hei� und kalt zugleich.</p><p>Gelo� lie� sich vor dem Feuer im Boden nieder und winkte dem Jungen und dem Troll, sich zu ihr zu setzen. �Nachtschatten, Trugblatt, Wei�holzrinde, damit es die richtige Zusammensetzung bekommt�� Sie plazierte Jungen, Troll und sich selber im Dreieck um die Feuerstelle und setzte den Topf neben ihrem Knie auf die Erde.</p><p>Das Gef�hl auf seiner Stirn war h�chst sonderbar, fand Simon und sah der Valada zu, die gr�ne Zweige ins Feuer warf. Wei�e Rauchb�nder kr�uselten sich in die H�he und verwandelten den Raum zwischen ihnen in eine dunstige S�ule, durch die Gelo�s Schwefelaugen gl�hten, in denen sich der Feuerschein spiegelte.</p><p>�Nun verreibt das auf beiden H�nden�, sagte sie und holte f�r jeden von ihnen einen weiteren Klecks heraus, �und betupft euch die Lippen � aber nichts in den Mund! Nur einen Tupfer, so��</p><p>Als sie fertig waren, lie� Gelo� sie einander bei den H�nden fassen. Malachias, der, seitdem Simon und der Troll zur�ckgekehrt waren, noch kein Wort gesprochen hatte, sa� neben dem schlafenden Kind auf dem Strohsack und schaute zu. Der seltsame Junge machte einen angespannten Eindruck, hatte aber grimmig die Z�hne zusammengebissen, als zwinge er sich, die eigene Unruhe zu verbergen. Simon streckte nach beiden Seiten die Arme aus und ergriff mit der Linken Binabiks kleine, trockene Pfote und mit der Rechten Gelo�s kr�ftige Hand.</p><p>�Haltet gut fest�, forderte die Zauberfrau sie auf. �Es wird nichts Schreckliches geschehen, wenn ihr losla�t, aber es ist besser, wenn ihr es nicht tut.� Sie senkte den Blick und begann in leisen, unverst�ndlichen Worten vor sich hinzusprechen. Simon starrte auf ihre sich bewegenden Lippen, die Lider, die ihre gro�en Augen verdeckten; wieder fiel ihm auf, wie sehr sie einem Vogel glich, einem stolzen, steil in die H�he steigenden Vogel. W�hrend er weiter durch die Rauchs�ule blickte, begann ihm das Prickeln auf Handfl�chen, Stirn und Lippen allm�hlich unangenehm zu werden.</p><p>Pl�tzlich war es ringsum finster, als habe sich eine dichte Wolke vor die Sonne geschoben. Gleich darauf konnte er nur noch den Rauch und das rote Gl�hen des Feuers erkennen, alles andere war hinter den W�nden aus Schw�rze verschwunden, die auf einmal zu beiden Seiten aufragten. Seine Augen waren schwer, und er hatte ein Gef�hl, als habe ihm jemand das Gesicht in Schnee gedr�ckt. Ihm war kalt. Er st�rzte r�ckw�rts, fiel um, und um ihn war nur noch Schw�rze.</p><p>Nach einer Weile, von der Simon keine Vorstellung besa�, wie lange sie gedauert hatte, nur da� er immer noch schwach den Griff an beiden H�nden f�hlte � eine sehr tr�stliche Empfindung �, begann die Finsternis in einem Licht zu gl�hen, das ohne Richtung war, ein Licht, das sich nach und nach in einem Feld aus Wei� aufl�ste. Das Wei� war ungleichm��ig: an einigen Stellen gl�nzte es wie Sonnenlicht auf poliertem Stahl, andere Flecke waren fast grau. Gleich darauf verwandelte sich das wei�e Feld in einen unerme�lichen, glitzernden Eisberg, der so unglaublich hoch war, da� seine Spitze in den wirbelnden Wolken verschwand, die den dunklen Himmel s�umten. Aus Spalten in seinen glasigen W�nden quoll Rauch und str�mte nach oben in den Kranz aus Wolken.</p><p>Und dann war Simon, irgendwie, im Inneren des gewaltigen Berges, flog blitzschnell wie ein Funke durch immer tiefer f�hrende Tunnel, dunkle Tunnel, die gleichwohl mit spiegelndem Eis verkleidet waren. Unz�hlige Tausende von Gestalten schwebten durch diese Nebel und Schatten und den Frostglanz � bla�gesichtige, eckige Figuren, die in wandernden Dickichten schimmernder Speere die G�nge entlangmarschierten oder die wunderlichen blaugelben Feuer sch�rten, deren Rauch die H�hen kr�nte.</p><p>Der Funke, der Simon war, sp�rte immer noch zwei feste H�nde, welche die seinen festhielten � oder eigentlich etwas anderes, das ihm sagte, er sei nicht allein, denn nat�rlich hatte ein Funke keine H�nde zum Halten. Er befand sich jetzt in einer riesigen H�hle, einem ungeheuren Loch im Mittelpunkt des Berges. Die Decke hing so hoch �ber den vom Eis glasierten Platten des Bodens, da� aus der H�he des Raumes ein Schneegest�ber heruntertanzte, h�pfende, wirbelnde Schneewolken wie Heere winziger wei�er Schmetterlinge. Inmitten der unendlichen Kammer lag ein Brunnen von ungeheurer Gr��e, aus dessen Schacht ein blasses, blaues Licht flackerte; eine entsetzliche, das Herz zusammenpressende Furcht schien von ihm auszugehen. Irgendwo aus seinen unergr�ndlichen Tiefen mu�te wohl etwas wie Hitze aufsteigen, denn die Luft dar�ber war ein Pfeiler aus brodelnden Nebeln, eine dunstige S�ule, in unbestimmten Farben schillernd wie ein titanischer Eiszapfen, in dem das Sonnenlicht sich bricht.</p><p>Im Nebel �ber dem Brunnen schwebte auf r�tselhafte Weise ein unerkl�rliches Etwas, dessen Form nicht recht erkennbar und dessen Ausdehnung nicht v�llig vorstellbar war; ein Wesen aus vielen Bestandteilen und Formen, alle farblos wie Glas. Wenn seine Umrisse hier und da aus der strudelnden Nebels�ule hervortraten, so schien es ein Gebilde aus Winkeln und geschwungenen Kurven zu sein, von heimt�ckischer, angsterregender Verwickeltheit. Auf eine nicht genau zu erl�uternde Weise sah es wie ein Musikinstrument aus; wenn das aber zutraf, war es ein so riesenhaftes, fremdartiges und erschreckendes Instrument, da� der Funke, der Simon war, wu�te, da� er niemals seine furchtbare Musik h�ren und am Leben bleiben k�nnte.</p><p>Dem Brunnen gegen�ber sa� auf einem eckigen Thron aus reif�berkrustetem, schwarzem Fels eine Gestalt. Er konnte sie deutlich erkennen, als schwebe er pl�tzlich genau �ber dem entsetzlichen, blau brennenden Brunnen. Sie war in ein wei�silbernes Gewand mit phantastisch verschlungenen Mustern gekleidet. �ber die Schultern flo� schneewei�es Haar, das fast unsichtbar in die fleckenlos wei�en Gew�nder �berging.</p><p>Das bleiche Wesen hob den Kopf, und sein Gesicht war eine Flut schimmernden Lichtes. Dann wandte es sich ab, und Simon merkte, da� das, was er sah, nur eine silberne Maske war, die sch�ne, aber ausdruckslose Nachbildung eines Frauenantlitzes. Wieder drehte sich das blendende, fremdartige Gesicht ihm zu. Er f�hlte sich fortgesto�en, br�sk abgewiesen, so wie man ein K�tzchen losrei�t, das sich an den Kleidersaum klammert. Eine Vision erschien ihm, die irgendwie Teil des Nebelkranzes und der grimmen wei�en Gestalt war. Zuerst war es nur ein weiterer Fleck Alabasterwei�, der sich langsam in ein schwarz bekritzeltes, eckiges Gebilde verwandelte. Aus den schwarzen Krakeln wurden Linien, aus den Linien Zeichen; zuletzt schwebte vor ihm ein offenes Buch. Auf der aufgeschlagenen Seite standen Buchstaben, die Simon nicht lesen konnte, verschlungene Runen, die ineinanderliefen und wieder klar wurden.</p><p>Ein Augenblick ohne Zeit verging, dann begannen die Runen zu schimmern. Sie flossen auseinander und formten sich neu zu schwarzen Konturen, drei langen, schlanken Gebilden: Schwertern. Das eine hatte einen Griff, der wie ein Usires-<emphasis>Baum</emphasis> geformt war, das zweite einen wie die rechtwinkligen Giebelbalken eines Daches. Das dritte besa� ein seltsames Doppelstichblatt, dessen Kreuzst�cke zusammen mit dem Griff eine Art f�nfzackigen Stern bildeten. Irgendwo tief in seinem Inneren erkannte Simon dieses Schwert. Irgendwo in einer Erinnerung, schwarz wie die Nacht, tief wie eine H�hle, hatte er eine Klinge wie diese gesehen.</p><p>Eines nach dem anderen begannen die Schwerter wieder zu verschwinden, und als sie fort waren, blieb nur noch graues und wei�es Nichts.</p><p>Simon f�hlte, wie er zur�ckfiel � fort von dem Berg, fort aus der Brunnenkammer, fort aus dem Traum selbst. Ein Teil von ihm war froh �ber dieses Fallen, denn ihm graute vor den entsetzlichen, verbotenen Orten, an die sein Geist geflogen war; aber ein anderer Teil wollte nicht loslassen.</p><p>Wo waren die <emphasis>Antworten?</emphasis> Sein ganzes Leben war entwurzelt worden, hatte sich im Lauf eines verdammten, unbarmherzigen, achtlosen Rades verfangen, und tief in demjenigen Teil seines Wesens, der sein ureigenster war, erf�llte ihn verzweifelter Zorn. Zwar f�rchtete er sich auch, in einem Alptraum gefangen, der nicht enden wollte; aber was er jetzt empfand, war Zorn, und in diesem Augenblick war der Zorn st�rker.</p><p>Er wehrte sich gegen den Sog, k�mpfte mit Waffen, die er nicht begriff, um den Traum festzuhalten, ihm das Wissen zu entrei�en, das er begehrte. Er packte das schnell vergehende Wei� und versuchte w�tend, es neu zu formen, in etwas zu verwandeln, das ihm sagen w�rde, warum Morgenes gestorben, warum Dochais und die M�nche von Sankt Hoderund umgekommen waren, warum das kleine M�dchen Leleth in einer H�tte in der Tiefe des wilden Waldes mit dem Tode rang. Er k�mpfte, und er ha�te. Wenn ein Funke weinen konnte, dann weinte er.</p><p>Langsam, schmerzhaft langsam formte sich aus der Leere vor ihm von neuem der Eisberg. Wo war die Wahrheit? W�hrend Simons Traum-Ich k�mpfte, wuchs der Berg h�her, wurde schmaler, begann �ste zu bilden wie ein eisiger Baum und streckte sich hinauf in den Himmel.</p><p>Dann fielen die �ste ab, und nur noch ein glatter, wei�er Turm stand da � ein Turm, den Simon kannte. Flammen loderten von seiner Spitze. Ein gewaltiger, dumpfer Ton dr�hnte wie das L�uten einer ungeheuren Glocke. Der Turm schwankte. Wieder grollte die Glocke wie Donner. Es war etwas von furchtbarer Wichtigkeit, das wu�te er, etwas Grauenhaftes, Geheimes. Er konnte die Antwort fast zum Greifen nah f�hlen�</p><p><emphasis>Kleine Fliege! Du bist zu uns gekommen?</emphasis></p><p>Ein gr��liches, versengendes Nichts griff nach ihm und verschlang ihn, erstickte den Turm und die t�nende Glocke. Er f�hlte, wie in seinem Traum-Ich der Atem des Lebens verbrannte und sich grenzenlose K�lte um ihn schlo�. Er war verloren in der schreiend-leeren Leere, ein winziges Fleckchen am Grund eines Meeres unendlicher schwarzer Tiefen, abgeschnitten von Leben, Atem, Gedanken. Alles war verschwunden � au�er dem schaurigen, zerst�rerischen Ha� des Wesens, das ihn gepackt hielt � das ihn zu ersticken suchte.</p><p>Doch dann, nie h�tte er es zu hoffen gewagt, war er frei.</p><p>Er schwebte nach oben, flog in schwindelnder H�he �ber die Welt von Osten Ard, festgehalten von den m�chtigen Klauen einer gro�en, grauen Eule, die dahinbrauste wie das Kind des Windes selbst. Hinter ihm verschwand der Eisberg, verschluckt von der Unendlichkeit der knochenwei�en Ebene. In unfa�bar schnellen Sekunden trug die Eule ihn �ber Seen und Eis und Berge dahin, auf einen dunklen Strich am Horizont zu. Gerade als er erkannte, was das war, als der Strich zum Wald wurde, merkte er, da� er den Klauen der Eule zu entgleiten drohte. Der Vogel packte ihn fester und sank in pfeifendem Sturzflug der Erde zu. Der Boden sprang ihnen entgegen, und die Eule spreizte weit die Schwingen. Sie flogen flacher, glitten dahin und wirbelten �ber die Schneefelder der Sicherheit des Waldes zu.</p><p>Und dann waren sie unter dem Dachfirst und gerettet.</p><empty-line/><p>Simon rollte sich auf die Seite und st�hnte. Sein Kopf h�mmerte wie der Ambo� von Ruben dem B�r zur Turnierzeit. Seine Zunge schien zu doppelter Gr��e angeschwollen. Die Atemluft schmeckte nach Metall. Er richtete sich m�hsam zu kauernder Stellung auf und bewegte dabei den schweren Kopf nur ganz langsam.</p><p>Gleich neben ihm lag Binabik, das breite Gesicht fahl. Qantaqa stupste den Troll winselnd mit der Nase in die Seite. Auf der anderen Seite der rauchenden Feuerstelle sch�ttelte der dunkelhaarige Malachias Gelo�, deren Mund schlaff herabhing. Ihre Lippen gl�nzten feucht. Wieder st�hnte Simon; sein Kopf, der ihm zwischen den Schultern hing wie eine zerquetschte Frucht, pochte. Er kroch zu Binabik. Der kleine Mann atmete. Noch w�hrend Simon sich �ber ihn beugte, fing der Troll an zu husten, schnappte nach Luft und schlug die Augen auf.</p><p>�Wir��, keuchte er heiser, �wir � sind � alle � da?�</p><p>Simon nickte und sah zu Gelo� hin�ber, die sich trotz Malachias' Bem�hungen noch immer nicht regte. �Einen Augenblick�� sagte er und stand langsam auf.</p><p>Mit einem kleinen, leeren Topf ging er vorsichtig zur H�ttent�r hinaus. Mit leichtem Staunen stellte er fest, da� es trotz der Nebeldecke immer noch mitten am Nachmittag war; die Zeit auf der Traumstra�e war ihm viel l�nger vorgekommen. Au�erdem hatte er das nagende Gef�hl, da� sich vor der H�tte irgend etwas ver�ndert hatte, aber er konnte nicht genau sagen, was es war. Die Aussicht schien irgendwie verschoben. Er kam zu dem Ergebnis, da� es wohl eine Nebenwirkung seiner Erlebnisse von vorhin sein m��te. Nachdem er den Topf mit Seewasser gef�llt und sich die klebrige, gr�ne Paste von den H�nden gewaschen hatte, ging er zur�ck ins Haus.</p><p>Binabik trank durstig und bat Simon dann mit einer Geste, Gelo� das Gef�� zu bringen. Halb hoffnungsvoll, halb eifers�chtig schaute Malachias zu, wie Simon vorsichtig das Kinn der Zauberfrau mit der Hand festhielt und ihr ein wenig Wasser in den ge�ffneten Mund spritzte. Sie hustete und schluckte, und Simon gab ihr noch ein wenig mehr Wasser.</p><p>Als er so ihren Kopf hielt, wurde Simon sich j�h bewu�t, da� es Gelo� war, die ihn, w�hrend sie alle in ihren Tr�umen wandelten, auf irgendeine Weise gerettet hatte. Er sah hinunter auf die Frau, die jetzt regelm��iger atmete, und erinnerte sich an die graue Eule, die ihn, als sein Traum-Ich schon den letzten Atemzug tun wollte, gepackt und fortgetragen hatte.</p><p>Gelo� und der Troll hatten eigentlich nicht mit etwas Derartigem gerechnet, das f�hlte er; es war Simon, der sie in diese Gefahr gebracht hatte. Aber ausnahmsweise war er �ber sein Verhalten nicht besch�mt. Er hatte getan, was getan werden mu�te. Schon viel zu lange war er vor dem Rad geflohen.</p><p>�Wie geht es ihr?� fragte Binabik.</p><p>�Ich glaube, sie wird sich erholen�, erwiderte Simon und betrachtete die Zauberfrau genau. �Sie hat mich gerettet, nicht wahr?�</p><p>Binabik sah ihn an. Sein Haar stand in schwei�verklebten Stacheln von der braunen Stirn ab. �Es ist wahrscheinlich, da� sie das getan hat�, meinte er endlich. �Sie ist eine m�chtige Verb�ndete, aber jetzt ist selbst sie fast am Ende ihrer Kr�fte.�</p><p>�Was bedeutet das alles?� wollte Simon wissen und �berlie� Gelo� Malachias' st�tzendem Arm. �Hast du das gleiche gesehen wie ich? Den Berg und � die Frau mit der Maske � und das Buch?�</p><p>�Ich frage mich sehr, ob wir alle das gleiche gesehen haben, Simon�, erwiderte Binabik langsam. �Aber ich denke, es ist wichtig, da� wir warten, bis auch Gelo� ihre Gedanken mit uns teilen kann. Vielleicht sp�ter, wenn wir gegessen haben. Ich bin erf�llt von schrecklichem Hunger.�</p><p>Simon schenkte dem Troll ein wackliges, schiefes L�cheln. Als er sich umdrehte, begegnete er Malachias' eindringlichem Blick. Der Junge wollte sich schon abwenden, schien dann aber einen Entschlu� zu fassen und hielt Simons Blick stand, bis dieser an der Reihe war, sich unbehaglich zu f�hlen.</p><p>�Es war, als ob das ganze Haus bebte�, sagte Malachias unvermittelt und erschreckte Simon damit nicht wenig. Die Stimme des Jungen war angestrengt, hoch und heiser.</p><p>�Was meinst du?� fragte Simon, der die Tatsache, da� Malachias �berhaupt etwas von sich gab, fast genauso spannend fand wie seine Worte.</p><p>�Das ganze H�uschen. Als ihr drei dasa�t und ins Feuer starrtet, fingen die W�nde an � zu zittern. Als ob es jemand hochn�hme und wieder hinsetzte.�</p><p>�Wahrscheinlich lag es nur daran, wie wir uns bewegten, als wir � ich meine � ach, ich wei� auch nicht.� Simon gab angewidert auf. Die Wahrheit war, da� er langsam gar nichts mehr verstand. Sein Gehirn kam ihm vor, als h�tte man es mit einem Stock umger�hrt. Malachias wandte sich ab, um Gelo� noch etwas Wasser zu geben. Pl�tzlich begannen Regentropfen auf das Fensterbrett zu klopfen; der graue Himmel konnte die Last des Gewitters nicht l�nger halten.</p><empty-line/><p>Die Zauberfrau machte ein grimmiges Gesicht. Sie hatten die Suppensch�sseln beiseitegestellt und sa�en einander auf dem nackten Boden gegen�ber: Simon, der Troll und die Herrin der H�tte. Malachias, obschon sichtlich interessiert, war bei dem kleinen M�dchen auf seinem Lager sitzengeblieben.</p><p>�Ich sah, wie b�se Dinge sich r�hrten�, erkl�rte Gelo�, und ihre Augen blitzten. �B�ses, das die Wurzeln unserer vertrauten Welt ersch�ttern wird.� Sie hatte ihre Kraft wiedergefunden und noch etwas anderes dazu: Sie war so feierlich und ernst wie ein K�nig, der zu Gericht sitzt. �Fast w�nschte ich, wir h�tten den Traumpfad nicht beschritten � doch das ist ein eitler Wunsch und stammt von demjenigen Teil meines Ichs, der am liebsten seine Ruhe haben m�chte. Ich sehe dunklere Tage kommen und f�rchte mich, in solch unheilverk�ndende Ereignisse hineingezogen zu werden.�</p><p>�Was meint Ihr damit?� fragte Simon. �Was war das alles? Habt Ihr auch den Berg gesehen?�</p><p>�Sturmspitze.� Binabiks Stimme klang seltsam flach. Gelo� sah zu ihm hin�ber, nickte und sprach dann weiter, zu Simon gewandt.</p><p>�Es ist wahr. Es war <emphasis>Sturmrspeik,</emphasis> den wir gesehen haben; so nennen sie ihn in Rimmersgard, wo er eine Legende ist, wenn man die Rimmersm�nner danach fragt. Der Berg der Nornen.�</p><p>�Wir Qanuc�, erg�nzte Binabik, �wissen, da� Sturmspitze Wirklichkeit ist. Aber trotzdem � die Nornen haben sich seit der Zeit jenseits der Zeiten nicht um die Angelegenheiten von Osten Ard gek�mmert. Warum jetzt? Es kam mir vor, als��</p><p>�� als ob sie zum Krieg r�steten�, beendete Gelo� den Satz f�r ihn. �Wenn man dem Traum Glauben schenken kann, hast du recht. Aber nat�rlich geh�rt ein besser geschultes Auge als das meine dazu, festzustellen, ob wir die Wahrheit gesehen haben. Andererseits hast du gesagt, die Hunde, die euch verfolgten, tr�gen das Brandzeichen von Sturmspitze; das ist ein greifbarer Beweis aus der wachen Welt.</p><p>Ich meine, wir k�nnen diesem Teil des Traumes trauen; wenigstens finde ich, wir sollten es.�</p><p>�Zum Krieg r�sten?� Simon war jetzt schon verwirrt. �Gegen wen? Und wer war die Frau hinter der silbernen Maske?�</p><p>Gelo� sah sehr m�de aus. �Die Maske? Keine Frau. Ein Gesch�pf aus den Legenden, k�nnte man sagen, oder ein Wesen aus der Zeit jenseits der Zeiten, wie Binabik es ausgedr�ckt hat. Das war <emphasis>Utuk'ku</emphasis>, die K�nigin der Nornen.�</p><p>Simon f�hlte, wie es ihn eisig �berlief. Drau�en sang der Wind ein kaltes und einsames Lied. �Aber was sind diese Nornen? Binabik glaubt, sie w�ren Sithi.�</p><p>�Die alte Weisheit sagt, da� sie einst zu den Sithi geh�rten�, antwortete Gelo�. �Aber sie sind ein verschollener Stamm oder Abtr�nnige. Sie kamen nie mit dem Rest ihres Volkes nach Asu'a, sondern verschwanden im unerforschten Norden, den eisigen Gegenden hinter Rimmersgard und seinen Gebirgen. Sie wollten mit dem, was in Osten Ard vorging, nichts zu schaffen haben, obwohl das jetzt anders zu werden scheint.�</p><p>Sekundenlang sah Simon einen Schatten tiefer Besorgnis �ber das m�rrische, n�chterne Gesicht der Zauberfrau huschen.</p><p><emphasis>Und diese Nornen helfen Elias, mich zu jagen?</emphasis> dachte er und f�hlte neue Panik in sich aufsteigen. <emphasis>Wie bin ich nur in diesen Alptraum geraten?</emphasis></p><p>Und als h�tte die Angst in seinem Kopf eine T�r ge�ffnet, fiel ihm etwas ein. Aus den Verstecken seines Herzens stiegen abschreckende Gestalten nach oben, und er rang nach Atem.</p><p>�Diese � diese blassen Leute � die Nornen. Ich habe sie schon einmal gesehen!�</p><p>�Was?� Gelo� und der Troll riefen es wie aus einem Mund und beugten sich vor. Simon, von ihrer Intensit�t �berrascht, zuckte erschreckt zur�ck.</p><p>�Wann?� schnappte Gelo�.</p><p>�Es war � wenigstens glaube ich das, es kann auch ein Traum gewesen sein � in der Nacht, als ich vom Hochhorst fortlief. Ich war an der Begr�bnisst�tte, und ich dachte, ich h�rte jemanden meinen Namen rufen � eine Frauenstimme. Ich hatte solche Angst, da� ich wegrannte, einfach fort, auf den Thisterborg zu.� Auf dem Strohsack bewegte sich etwas; Malachias wechselte unruhig die Stellung. Simon achtete nicht auf ihn und fuhr fort.</p><p>�Da war ein Feuer oben auf dem Berg, zwischen den Zornsteinen. Kennt ihr sie?�</p><p>�Ja.� Gelo�s Antwort war knapp, aber Simon sp�rte ein Gewicht hinter den Worten, das er nicht verstand.</p><p>�Ja � ich fror und f�rchtete mich, also kletterte ich hinauf. Es tut mir leid, aber ich war immer ganz sicher, da� es blo� ein Traum war. Vielleicht ist es ja auch einer.�</p><p>�Vielleicht. Erz�hl weiter!�</p><p>�Es waren M�nner auf dem Gipfel, Soldaten, ich sah es an ihrer R�stung.� Simon f�hlte, wie seine Handfl�chen sich mit d�nnem Schwei� bedeckten. Er rieb sie aneinander. �Einer von ihnen war K�nig Elias. Da bekam ich noch viel mehr Angst, darum versteckte ich mich. Und dann � dann h�rte ich ein gr��liches, knarrendes Ger�usch, und von der anderen Seite des Berges erschien ein schwarzer Wagen.� Es kam wieder, alles kam wieder � oder wenigstens <emphasis>schien</emphasis> es alles zu sein � aber da waren noch immer leere Schatten. �Diese Bla�h�utigen � die Nornen, es waren Nornen � begleiteten ihn, mehrere von ihnen, in schwarzen Gew�ndern.�</p><p>Eine lange Pause, w�hrend Simon sich m�hsam zu erinnern versuchte. Auf dem H�ttendach trommelte der Regen.</p><p>�Und?� fragte die Valada endlich sanft.</p><p>�Elysia, Mutter Gottes!� fluchte Simon, und seine Augen f�llten sich mit Tr�nen. �Ich kann mich nicht erinnern! Sie gaben ihm etwas, etwas von dem Wagen. Und es geschah noch anderes, aber in meinem Kopf ist alles wie unter einer Decke! Ich kann die Hand darauf legen, aber nicht sagen, was es ist. Sie haben Elias etwas gegeben. Ich dachte, es w�re ein Traum!� Er vergrub das Gesicht in den H�nden, als wollte er die schmerzhaften Gedanken aus seinem schwindligen Kopf pressen.</p><p>Binabik klopfte Simon unbeholfen das Knie. �Das beantwortet vielleicht unsere zweite Frage. Auch ich habe nachgedacht, warum die Nornen sich zum Kampf r�sten sollten. Ich fragte mich, ob sie vielleicht Krieg gegen Elias, den Hochk�nig, f�hren wollten, aus uraltem Groll gegen das Menschengeschlecht. Jetzt aber hat es f�r mich den Anschein, als wollten sie ihm helfen. Irgendein Handel ist abgeschlossen worden. M�glicherweise war es das, was Simon gesehen hat. Aber wie? Wie konnte Elias je einen solchen Pakt mit den geheimnisvollen Nornen schlie�en?�</p><p>�Pryrates.� Sobald Simon es ausgesprochen hatte, war er �berzeugt, da� es stimmte. �Morgenes hat gesagt, Pryrates w�rde T�ren �ffnen, und Schreckliches k�me herein. Pryrates war auch auf dem Berg.�</p><p>Valada Gelo� nickte. �Das ergibt einen gewissen Sinn. Eine Frage, die beantwortet werden mu�, die aber, davon bin ich �berzeugt, au�erhalb unserer Macht liegt, ist � womit wurde der Handel besiegelt? Was konnten diese beiden, Pryrates und der K�nig, den Nornen f�r ihre Hilfe anbieten?�</p><p>Sie teilten ein langes Schweigen.</p><p>�Was stand in dem Buch?� fragte Simon pl�tzlich. �Auf der Stra�e der Tr�ume. Habt ihr das Buch auch gesehen?�</p><p>Binabik klopfte sich mit dem Handballen auf die Brust. �Es war da. Die Runen, die ich sah, stammten aus Rimmersgard: <emphasis>�Du Svarden-vyrd�.</emphasis> Das hei�t in deiner Sprache �Der Zauber der Schwerter�.�</p><p>�Oder �Das Verh�ngnis der Schwerter��, erg�nzte Gelo�. �Unter den Weisen ist es ein ber�hmtes Buch, aber seit langer Zeit verschollen. Ich habe es nie gesehen. Es soll von Nisses verfa�t worden sein, einem Priester, Ratgeber K�nig Hjeldins des Wahnsinnigen.�</p><p>�Der, nach dem der Hjeldin-Turm benannt ist?� fragte Simon.</p><p>�Ja. Hjeldin und Nisses sind beide dort gestorben.�</p><p>Simon dachte nach. �Ich habe auch drei Schwerter gesehen.�</p><p>Binabik sah Gelo� an. �Nur Gebilde habe ich erblickt�, erkl�rte der Troll langsam. �Ich denke, es m�gen Schwerter gewesen sein.�</p><p>Auch die Zauberfrau wu�te es nicht genau. Simon beschrieb die Umrisse, so gut er konnte, aber sie hatten weder f�r Gelo� noch f�r Binabik eine Bedeutung.</p><p>�So�, meinte der kleine Mann schlie�lich, �was haben wir nun auf der Traumstra�e erfahren? Da� die Nornen Elias Unterst�tzung gew�hren? Das hatten wir uns bereits gedacht. Da� ein seltsames Buch eine Rolle spielt � vielleicht? Das ist etwas Neues. Wir konnten einen Traumblick auf Sturmspitze und die Hallen der Bergk�nigin werfen. Wir haben vielleicht Dinge gesehen, die wir noch nicht verstehen. Aber dennoch, denke ich, hat sich an einem gar nichts ge�ndert: Wir m�ssen nach Naglimund. Euer Haus, Valada, wird uns eine Weile Schutz bieten, aber wenn Josua am Leben ist, mu� er von diesen Dingen erfahren.�</p><p>Binabik wurde von unerwarteter Seite unterbrochen. �Simon�, sagte Malachias, �du hast erz�hlt, jemand h�tte auf der Begr�bnisst�tte nach dir gerufen. Es war meine Stimme, die du geh�rt hast. Ich war es, die dich rief.�</p><p>Simon konnte nur Mund und Nase aufsperren. Gelo� l�chelte.</p><p>�Endlich beginnt eines unserer Geheimnisse zu reden! Fahr fort, Kind. Sag ihnen, was du mu�t.�</p><p>Malachias wurde puterrot. �Ich � mein Name ist nicht Malachias. Ich hei�e � Marya.�</p><p>�Aber Marya ist ein M�dchenname�, fing Simon an und verstummte beim Anblick von Gelo�s immer breiter werdendem Grinsen.</p><p><emphasis>�Ein M�dchen?</emphasis>� fragte er lahm. Er schaute dem fremden Jungen ins Gesicht und erkannte es pl�tzlich als das, was es war. �Ein M�dchen�, brummte er und kam sich unsagbar dumm vor.</p><p>Die Zauberfrau l�chelte vergn�gt. �Es war offensichtlich, mu� ich sagen � oder h�tte es sein m�ssen. Sie hatte den Vorteil, mit einem Troll und einem Knaben zu reisen, unter dem Deckmantel r�tselhafter, gef�hrlicher Abenteuer; aber ich habe ihr erkl�rt, da� sie die T�uschung nicht aufrechterhalten k�nne.�</p><p>�Vor allem nicht den ganzen Weg bis Naglimund, und dorthin mu� ich.� Marya rieb sich m�de die Augen. �Ich mu� Prinz Josua eine wichtige Botschaft von seiner Nichte Miriamel �berbringen. Bitte fragt mich nicht, was es ist, denn ich darf es nicht sagen.�</p><p>�Und was ist mit deiner Schwester?� erkundigte sich Binabik.</p><p>�Sie wird noch lange nicht reisen k�nnen.� Auch er schielte zu der �berraschenden Marya hin�ber, als wollte er herausfinden, wie er sich hatte t�uschen lassen k�nnen. Dabei kam es ihm <emphasis>jetzt</emphasis> alles ganz unverkennbar vor.</p><p>�Sie ist nicht meine Schwester�, erwiderte Marya traurig. �Leleth war die kleine Dienerin der Prinzessin. Wir waren sehr gute Freundinnen. Sie hatte Angst, allein im Schlo� zur�ckzubleiben und wollte unbedingt mitkommen.� Sie sah das schlafende Kind an. �Ich h�tte sie nie mitnehmen d�rfen. Ich wollte sie auf den Baum ziehen, bevor uns die Hunde fa�ten. W�re ich doch nur st�rker gewesen��</p><p>�Es steht noch nicht fest�, unterbrach Gelo� sie, �ob das kleine M�dchen �berhaupt je wieder reisen kann. Sie ist von der Schwelle des Todes noch nicht weit entfernt. Ich sage das sehr ungern, aber es ist die Wahrheit. Du mu�t sie bei mir lassen.�</p><p>Marya wollte protestieren, aber Gelo� weigerte sich zuzuh�ren. Simon war verst�rt, als er in den dunklen Augen des M�dchens etwas entdeckte, das nach einem Schimmer von Erleichterung aussah. Der Gedanke, da� sie das verletzte Kind einfach zur�cklassen wollte, so wichtig ihre Botschaft auch sein mochte, erz�rnte ihn.</p><p>�Gut�, sagte Binabik endlich, �und wo stehen wir jetzt? Wir m�ssen immer noch nach Naglimund, und dazwischen stehen Meilen von Wald und die steilen H�nge des Weldhelm, die uns den Weg versperren, ganz abgesehen von den J�gern, die uns verfolgen.�</p><p>Gelo� dachte gr�ndlich nach. �Es scheint mir ganz klar�, erkl�rte sie dann, �da� ihr euch durch den Wald nach <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis> durchschlagen m��t. Es ist ein alter Ort der Sithi, nat�rlich lange verlassen. Dort k�nnt ihr die <emphasis>Steige</emphasis> finden, eine alte Stra�e �ber die Berge aus der Zeit, als die Sithi regelm��ig von dort nach Asu'a � dem Hochhorst � reisten. Sie wird nicht mehr benutzt, au�er von Tieren, aber sie ist der leichteste und sicherste �bergang. Ich kann euch morgen fr�h eine Karte geben. Ach ja, <emphasis>Da'ai Chikiza��</emphasis> Ein tiefes Licht flammte in den gelben Augen auf, und sie nickte, wie in Gedanken verloren, langsam vor sich hin. Gleich darauf blinzelte sie und wurde wieder so energisch wie vorher. �Jetzt m��t ihr schlafen. Wir sollten alle schlafen. Unsere heutigen Taten haben mich schlaff gemacht wie einen Weidenzweig.�</p><p>Simon fand das nicht. Ihm schien die Zauberfrau stark wie ein Eichbaum � aber wahrscheinlich konnte der Sturm selbst einer Eiche schaden.</p><empty-line/><p>Sp�ter, als er in seinen Mantel gerollt dalag, die warme Masse von Qantaqas ein wenig aufdringlicher Pers�nlichkeit an seine Beine geschmiegt, versuchte er, die Gedanken an den furchtbaren Berg von sich zu schieben. Es war alles zu ungeheuerlich, zu undurchschaubar.</p><p>Statt dessen fragte er sich, was Marya wohl von ihm halten mochte. Einen Knaben hatte Gelo� ihn genannt � einen Knaben, der nicht wu�te, wie ein M�dchen aussah. Aber das war ungerecht � wann h�tte er Zeit haben sollen, sich damit zu besch�ftigen?</p><p>Warum hatte sie im Hochhorst herumspioniert? Vielleicht f�r die Prinzessin? Und wenn es Marya war, die an der Begr�bnisst�tte nach ihm gerufen hatte, warum? Woher kannte sie seinen Namen, wieso hatte sie sich die M�he gemacht, ihn zu behalten? Er erinnerte sich nicht, sie jemals in der Burg gesehen zu haben � zumindest nicht als M�dchen.</p><p>Als er endlich in den Schlaf trieb wie ein kleines Boot, das man auf einen schwarzen Ozean hinausschiebt, war ihm, als verfolge er ein Licht, das vor ihm zur�ckwich, einen hellen Fleck gerade au�erhalb seiner Reichweite. Vor den Fenstern deckte Regen den dunklen Spiegel von Gelo�s See zu.</p></section><section><title><p>XXVII</p><p>T�rme aus Spinnweb</p></title><p>Er versuchte so zu tun, als sp�re er die Hand auf seiner Schulter nicht, aber das war unm�glich. Als er die Augen aufschlug, fand er den Raum noch v�llig im Dunkel. Nur zwei eckige Siebe aus Sternstaub deuteten an, wo die Fenster waren.</p><p>�La� mich schlafen!� st�hnte er. �Es ist viel zu fr�h!�</p><p>�Steh auf, Junge!� Ein rauhes Fl�stern. Es war Gelo�, lose in ihr Gewand gewickelt. �Wir d�rfen keine Zeit verlieren.�</p><p>Simon blinzelte mit den trockenen und schmerzenden Augen an der knienden Frau vorbei auf Binabik, der wortlos dabei war, seinen Rucksack zu packen. �Was ist denn los?� fragte er, aber der Troll schien zu besch�ftigt, um zu antworten.</p><p>�Ich war drau�en�, erkl�rte Gelo�. �Man hat den See entdeckt � wahrscheinlich die M�nner, die euch jagten.�</p><p>Sofort setzte Simon sich auf und suchte seine Stiefel. In der fast undurchsichtigen Finsternis kam ihm alles ganz unwirklich vor, aber trotzdem konnte er seinen beschleunigten Herzschlag f�hlen.</p><p>�Usires!� fluchte er leise. �Was machen wir jetzt? Ob sie uns angreifen?�</p><p>�Ich wei� nicht�, erwiderte Gelo� und verlie� ihn, um Malachias � nein, Marya, ermahnte sich Simon � zu wecken. �Es sind zwei Lager, eines am anderen See-Ende, dort wo der Zuflu� ist, das andere nicht weit von hier. Entweder wissen sie, wem dieses Haus geh�rt und �berlegen noch, was sie unternehmen sollen, oder sie wissen gar nicht, da� hier eine H�tte steht. Vielleicht sind sie erst gekommen, als wir die Kerzen schon gel�scht hatten.�</p><p>Simon fiel pl�tzlich eine Frage ein. �Woher wi�t Ihr, da� sie dr�ben am anderen Ende sind?� Er sp�hte durchs Fenster. Der See war wieder in Nebel geh�llt, und nichts deutete auf Lagerfeuer hin. �Es ist doch dunkel�, f�gte er hinzu und sah zu Gelo� hin�ber. Sie war ganz und gar nicht dazu angezogen, im Wald umherzustreifen. Ihre F��e waren nackt.</p><p>Aber noch w�hrend er sie so betrachtete, das hastig �bergestreifte Gewand und die feuchten Nebelperlen, die ihr in Gesicht und Haar hingen, erinnerte er sich an die riesigen Schwingen der Eule, die auf dem Weg zum See vor ihnen hergeflogen war. Und er konnte die starken Klauen noch f�hlen, die ihn fortgetragen hatten, als das widerw�rtige Wesen auf der Stra�e der Tr�ume das Leben aus ihm herauspressen wollte.</p><p>�Aber das ist jetzt wohl weniger wichtig, nicht wahr?� schlo� er endlich. �Wichtig ist nur, da� wir wissen, da� sie da drau�en sind.� Trotz des schwachen Mondlichtes sah er, da� die Zauberfrau grinste.</p><p>�Recht hast du, Simon�, erwiderte sie leise und half dann Binabik, zwei weitere Rucks�cke zu f�llen, einen f�r Simon und einen f�r Marya.</p><p>�H�rt zu�, sagte Gelo�, als der inzwischen angekleidete Simon neben sie trat. �Es ist klar, da� ihr fort m��t, <emphasis>bevor</emphasis> es d�mmert�, sie schielte einen Augenblick nach den Sternen, �was nicht mehr lange dauern wird. Die Frage ist nur, wie.�</p><p>�Unsere einzige Hoffnung�, brummte Binabik, �ist, uns hinauszuschleichen und sie dann im Wald zu umgehen. Wir m�ssen uns ganz leise bewegen. Jedenfalls k�nnen wir mit Sicherheit nicht <emphasis>fliegen</emphasis>.� Er grinste ein wenig m�rrisch. Marya, die sich gerade in einen Mantel wickelte, den ihr die Valada gegeben hatte, starrte verwirrt auf das L�cheln des Trolls.</p><p>�Nein�, entgegnete Gelo� ernsthaft, �aber ich bezweifle auch, da� ihr euch an diesen entsetzlichen Hunden vorbeischleichen k�nnt. Ja, ihr k�nnt nicht fort<emphasis>fliegen</emphasis>, aber vielleicht k�nnt ihr fortschwimmen. Ich habe unter dem Haus ein Boot angebunden. Es ist nicht gro�, aber ihr vier pa�t wohl hinein � und Qantaqa, solange sie keine Bockspr�nge macht.� Sie kraulte liebevoll die Ohren der W�lfin, die neben ihrem hockenden Herrn lag.</p><p>�Und was bringt das Gutes?� erkundigte sich Binabik. �Sollen wir in die Mitte des Sees paddeln und sie dann morgen fr�h auffordern, herzuschwimmen und uns zu holen?� Er war mit dem letzten Rucksack fertig und schob Simon und dem M�dchen je einen zu.</p><p>�Es gibt einen Zuflu߫, erl�uterte Gelo�. �Er ist klein und hat nicht viel Str�mung, nicht einmal so viel wie der Bach, dem ihr auf dem Herweg gefolgt seid. Mit vier Paddeln kommt ihr leicht aus dem See raus und ein St�ck flu�auf.� Ihr leichtes Stirnrunzeln war eher nachdenklich als besorgt. �Leider f�hrt der Zuflu� auch an einem der beiden Lager vorbei. Aber das l��t sich nun einmal nicht �ndern. Ihr m��t eben ganz lautlos paddeln. Vielleicht hilft das sogar eurer Flucht. Ein Mann, der so stur ist wie euer Baron Heahferth � und glaubt mir, ich habe schon mit ihm und seinesgleichen zu tun gehabt �, kann sich einfach nicht vorstellen, da� seine Beute so nah an ihm vor�berschl�pfen w�rde.�</p><p>�Heahferth macht mir auch keine Sorge�, erwiderte Binabik. �Es ist der andere, der in Wahrheit der Herr der Jagd ist � Ingen Jegger, der Schwarz-Rimmersmann.�</p><p>�Wahrscheinlich schl�ft er �berhaupt nicht�, bemerkte Simon. Die Erinnerung an diesen Mann war ihm ganz und gar nicht behaglich.</p><p>Gelo� verzog das Gesicht. �Habt keine Angst. Oder la�t euch wenigstens nicht von ihr bezwingen. Vielleicht gibt es eine n�tzliche Ablenkung � irgend etwas � man wei� nie.� Sie stand auf. �Komm, Junge�, sagte sie zu Simon, �du bist gro� und kr�ftig. Hilf mir, das Boot loszubinden und es leise an die Br�cke vor der Haust�r zu ziehen.�</p><empty-line/><p>�Kannst du es sehen?� zischte Gelo� und deutete auf etwas Dunkles, das auf der anderen Seite des aus dem Wasser ragenden Hauses auf dem ebenholzschwarzen See tanzte. Simon, schon bis zu den Knien im Wasser, nickte. �Dann mach leise�, mahnte sie � ziemlich unn�tig, fand Simon.</p><p>W�hrend er um das Haus herumwatete, �ber dem Kopf die auf Stelzen ruhenden Bodenbretter, kam Simon zu dem Ergebnis, da� er sich am Nachmittag doch nicht geirrt hatte, als es ihm vorgekommen war, als h�tte sich die Umgebung der H�tte irgendwie ver�ndert. Der Baum dort, die Wurzeln halb im Wasser, den hatte er am ersten Tag gesehen, als sie ankamen; aber da � bei Usires, er war ganz sicher! � hatte der Baum auf der anderen Seite der H�tte gestanden, neben der zur T�r f�hrenden Planke. Wie konnte ein Baum sich bewegen?</p><p>Mit den Fingern fand er das Haltetau des Bootes und griff nach oben, bis er an die Stelle kam, wo es an einer Art Reifen, der vom Boden der H�tte herunterhing, festgemacht war. W�hrend er sich kr�mmte, da� ihm der R�cken weh tat, um den Knoten zu l�sen, r�mpfte er die Nase �ber den merkw�rdigen Geruch. War es der See oder die Unterseite des Hauses, was da so roch? Neben den Ausd�nstungen von feuchtem Holz und Schimmel war da noch eine Art merkw�rdiger Tiergeruch, warm und moschusartig, jedoch nicht unangenehm. W�hrend er noch so ins Dunkel sp�hte, hellten sich die Schatten ein wenig auf. Er konnte sogar den Knoten erkennen. Seine Freude dar�ber und �ber das rasche Losbinden, das nun m�glich war, wurde von der kalten Einsicht zerst�rt, da� es bald d�mmern w�rde; seine Helferin war die abnehmende Dunkelheit. Er zog das Haltetau herunter und watete zur�ck. Das Boot zog er leise hinter sich her. Er konnte vage Gelo�s unbestimmte Gestalt erkennen, die sich dicht an die schr�ge Eingangsplanke duckte. So schnell es ging, steuerte er auf sie zu � bis er stolperte.</p><p>Es spritzte, und mit einem unterdr�ckten Aufschrei fiel er beinahe aufs Knie, zog sich aber gleich wieder hoch. Wo war er h�ngengeblieben? Es f�hlte sich an wie ein Baumstamm. Er versuchte �ber das Hindernis wegzusteigen, trat aber mit dem nackten Fu� mitten darauf und mu�te sich zusammennehmen, um nicht wieder zu schreien. Obwohl es regungslos und fest dalag, f�hlte es sich doch schuppig an wie ein Hecht aus dem Burggraben im Hochhorst oder eines der ausgestopften Fabeltiere, die bei Morgenes auf den Borden standen. Als die kleinen Wellen sich beruhigten und er Gelo�s leise, aber wachsame Stimme fragen h�rte, ob er sich verletzt h�tte, sah er nach unten.</p><p>Obwohl das Wasser in der Dunkelheit so gut wie undurchsichtig war, war Simon �berzeugt, den Umri� eines sonderbar aussehenden Baumstamms oder besser einer Art sehr gro�en Astes zu erkennen, denn er konnte ausmachen, da� das, wor�ber er gestrauchelt war, dicht unter der Wasseroberfl�che lag und sich dort mit zwei weiteren schuppigen �sten vereinigte. Alle zusammen schienen mit dem Sockel eines der beiden Pfeiler verbunden zu sein, auf denen das Haus �ber dem See stand.</p><p>Und als er vorsichtig dar�berstieg und lautlos durch das Wasser auf den Schatten, der Gelo� war, zuglitt, erkannte er auf einmal, wie die Baumwurzeln � oder �ste, oder was immer sie waren � wirklich aussahen: wie ein riesenhafter Fu�. Oder eigentlich eine Klaue, eine Vogelklaue. Was f�r eine verr�ckte Idee! Ein Haus hatte keine Vogelf��e, genausowenig wie ein Haus aufstand und � wandelte �</p><p>Simon war sehr still, als Gelo� das Boot am Fu� der Planke festband.</p><empty-line/><p>Alles und jeder wurde in das kleine Boot hineingestopft: Binabik hockte im spitzen Bug, Marya in der Mitte, Simon, die unruhige Qantaqa zwischen den Knien, im Heck. Die W�lfin f�hlte sich sichtlich unwohl. Als Binabik ihr befahl, in den schaukelnden Kahn zu steigen, hatte sie gewinselt und sich gestr�ubt. Zum Schlu� hatte er ihr einen kleinen Klaps auf die Schnauze versetzen m�ssen. Selbst in der Dunkelheit, die der Morgend�mmerung vorausging, konnte man dem kleinen Mann vom Gesicht ablesen, wie schwer ihm das gefallen war.</p><p>Der Mond hatte sich tief in das blauschwarze Gew�lbe des lichter werdenden westlichen Himmels zur�ckgezogen. Gelo� reichte ihnen die Paddel und richtete sich auf.</p><p>�Sobald ihr sicher aus dem See heraus und ein St�ck den Flu� hinauf seid, solltet ihr das Boot am besten �ber Land tragen, durch den Wald bis zum Aelfwent. Es ist nicht �berm��ig schwer, und ihr braucht es auch nicht sehr weit zu schleppen. Der Flu� flie�t in die richtige Richtung und m��te euch schnell nach <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis> bringen.�</p><p>Binabik streckte sein Paddel aus und stie� das Boot von der Planke ab. Gelo� stand kn�cheltief im Seewasser, als sie sich sanft vom Ufer wegdrehten.</p><p>�Denkt daran�, fl�sterte sie, �la�t die Paddel im Wasser schleifen, sobald ihr den Flu� erreicht. Stille! Das ist euer Schutz.�</p><p>Simon hob die offene Hand. �Lebt wohl, Valada Gelo�.�</p><p>�Leb wohl, junger Pilgrim.� Obwohl kaum drei Ellen sie trennten, wurde ihre Stimme bereits schw�cher. �Viel Gl�ck f�r euch alle.</p><p>F�rchtet euch nicht! Ich werde gut f�r das kleine M�dchen sorgen.�</p><p>Leise glitten sie davon, bis die Zauberfrau nur noch ein Schatten neben der vorderen Stelze des Hauses war.</p><p>Der Bug des kleinen Bootes durchschnitt das Wasser wie eine Barbierklinge Seide. Auf einen Wink Binabiks senkten sie die K�pfe, und der Troll steuerte das Boot schweigend in die Mitte des nebligen Sees. Simon duckte sich in Qantaqas dickes R�ckenfell, sp�rte den Puls ihres unruhigen Atems und sah zu, wie sich auf der Wasseroberfl�che neben dem Boot kleine Ringe bildeten. Zuerst dachte er an Fische, die so fr�h schon ein Fr�hst�ck aus Maifliegen und M�cken einzunehmen gedachten. Dann aber sp�rte er einen winzigen nassen Tropfen im Nacken und noch einen. Es regnete.</p><p>Als sie sich der Mitte n�herten, fuhren sie durch ganze Felder von Hyazinthen, die �ber das Wasser verstreut waren, als habe man sie auf den Pfad eines heimkehrenden Helden geworfen. Der Himmel begann sich zu erhellen. Die D�mmerung k�ndete ihr Kommen nicht an: es w�rde Stunden dauern, bis die Sonne die Wolken durchbrechen und sich am Himmel zeigen k�nnte. Es sah eher aus, als habe man eine Schicht Dunkelheit vom Himmel gesch�lt wie den ersten von vielen Schleiern. Die Baumlinie, die ein schwarzer Fleck am Horizont gewesen war, verwandelte sich in ein Strohdach aus einzelnen Baumwipfeln, die sich vom schiefergrauen Himmel abhoben. Das Wasser, das sie umgab, war schwarzes Glas, aber schon wurden ein paar Einzelheiten des Ufers erkennbar, matte, bleiche Baumwurzeln wie verkr�ppelte Bettlerbeine, der vage Silberschein eines Granitfelsens � das alles umgab den geheimen See wie ein Hoftheater, das darauf wartet, da� die Schauspieler sich einfinden. Langsam verwandelten sich die grauen Nachtgestalten in die lebendigen Dinge des Tages.</p><p>Qantaqa duckte sich �berrascht, als Marya sich pl�tzlich vorbeugte und �ber die Seitenwand des Bootes sp�hte. Sie wollte etwas sagen, unterlie� es und zeigte statt dessen mit dem Finger �ber den Bug und leicht nach rechts.</p><p>Simon kniff die Augen zusammen und sah es: ein fremdartiges Gebilde am unordentlichen und doch in gewisser Weise regelm��igen Waldsaum, ein viereckiges, kompaktes Ding, dessen Farbe sich von den dunklen �sten ringsum abhob � ein blaugestreiftes Zelt.</p><p>Jetzt gewahrten sie noch einige weitere Zelte, drei oder vier, die gleich hinter dem ersten standen. Simon machte ein finsteres Gesicht und l�chelte dann ver�chtlich. Wie typisch f�r Baron Heahferth, jedenfalls nach dem, was er damals in der Burg �ber ihn geh�rt hatte, derartigen Luxus in den wilden Wald mitzuschleppen.</p><p>Gleich hinter den verstreuten kleinen Zelten wich das Seeufer mehrere Ellen zur�ck und trat dann wieder vor. In der Mitte gab es eine dunkle Stelle, als ob jemand ein St�ck aus der Uferlinie herausgebissen h�tte. �ste hingen dort tief �ber dem Wasser. Man konnte zwar nicht sehen, ob es wirklich die M�ndung des Zuflusses war, aber Simon war davon �berzeugt.</p><p><emphasis>Genau an der Stelle, wo Gelo� es gesagt hat!</emphasis> dachte er. <emphasis>Scharfe Augen hat sie � aber das ist ja auch nicht weiter erstaunlich.</emphasis> Er wies auf die dunkle L�cke im Seeufer, und Binabik nickte; er hatte sie ebenfalls gesehen.</p><p>Als sie sich dem schweigenden Lager n�herten, mu�te Binabik etwas kr�ftiger paddeln, damit sie nicht zu langsam vorbeiglitten; Simon dachte, da� sich die Str�mung des Zuflusses wohl allm�hlich bemerkbar machte. Vorsichtig hob er sein Paddel, um es �ber die Bootswand zu bringen, aber Binabik bemerkte die Bewegung aus dem Augenwinkel, drehte sich um und sch�ttelte den Kopf, wobei er lautlos die Worte <emphasis>noch nicht</emphasis> hauchte. Unmittelbar �ber dem vom Regen gekr�uselten Wasser lie� Simon das kleine Paddel verharren.</p><p>Als sie, keine drei�ig Ellen vom Ufer, die Zelte passierten, sah Simon eine dunkle Gestalt zwischen den W�nden aus azurblauem Stoff herumgehen. Es schn�rte ihm die Kehle zu. Ein Posten; unter dem Mantel nahm er den stumpfen Glanz von Metall wahr. Vielleicht blickte der Mann sogar in ihre Richtung, aber das war schwer festzustellen, weil er die Kapuze weit �ber den Kopf gezogen hatte.</p><p>Gleich darauf hatten auch die anderen den W�chter erkannt. Binabik hob vorsichtig das Paddel aus dem Wasser, und alle b�ckten sich, um so wenig wie m�glich von ihrem Umri� zu zeigen. Selbst wenn der Soldat zuf�llig auf den See schaute, �bersah er sie vielleicht oder w�rde nur einen Baumstamm bemerken, der auf dem Wasser schaukelte � aber Simon war sicher, da� das einfach zuviel gehofft war. Er konnte sich nicht vorstellen, da� der Mann, wenn er sich umdrehte, sie nicht entdecken sollte; dazu waren sie ihm viel zu nahe.</p><p>Die Fahrt des kleinen Bootes verlangsamte sich, und die dunkle L�cke in der Uferlinie kam n�her. Es <emphasis>war</emphasis> der Zuflu�. Simon konnte die kleinen Wellen sehen, dort wo das Wasser ein paar Meter aufw�rts �ber den runden R�cken eines Felsblockes str�mte.</p><p>Auch ihre Fahrt hatte es schon fast abgebremst; die Nase des Bootes begann sich, von der leichten Str�mung abgewiesen, bereits zu drehen. Sie w�rden bald die Paddel eintauchen m�ssen oder genau unter den blauen Zelten ans Ufer treiben. Und in diesem Augenblick war der Posten mit dem fertig, was auf der anderen Seite des Lagers seine Aufmerksamkeit erregt hatte, und drehte sich um, um auf den See hinauszuschauen.</p><p>In derselben Sekunde, noch ehe die in ihnen aufsteigende Furcht sie wirklich erfassen konnte, fiel aus den B�umen �ber dem Lager etwas Dunkles senkrecht auf den Posten hinunter. Es segelte wie ein riesiges graues Blatt durch die �ste und landete auf seinem Hals; aber dieses Blatt hatte Klauen. Als er sie an der Kehle f�hlte, stie� der Gepanzerte einen Schreckensschrei aus, lie� den Speer fallen und schlug auf das Wesen ein, das ihn gepackt hielt. Die graue Gestalt flatterte mit schwirrenden Schwingen in die H�he und schwebte gerade au�er Reichweite �ber seinem Kopf. Wieder schrie der Mann, griff sich an den Hals und tastete auf der Erde nach seinem Speer. �Jetzt!� zischte Binabik. �Paddelt!� Er, Marya und Simon tauchten die h�lzernen Bl�tter ins Wasser und ruderten mit aller Macht. Die ersten Schl�ge schienen sie nicht weiterzubringen, sinnlos spritzte Wasser, und das Boot schaukelte. Dann begannen sie sich in Bewegung zu setzen und paddelten gleich darauf gegen die st�rkere Str�mung des Flusses, als sie unter den �berh�ngenden �sten hindurchgeglitten waren.</p><p>Simon blickte sich um und sah den Posten, der barh�uptig herumh�pfte und nach dem �ber ihm schwebenden Wesen schlug. Ein paar von den anderen M�nnern hatten sich auf ihren Schlafdecken aufgerichtet und lachten �ber den Anblick ihres Kameraden, der den Speer wieder fallengelassen hatte und jetzt mit Steinen nach dem verr�ckten, gef�hrlichen Vogel warf. Die Eule wich den Geschossen mit Leichtigkeit aus. Als Simon den Vorhang aus belaubten Zweigen hinter dem Boot herunterzog, schwenkte sie sp�ttisch den breiten wei�en Schwanz und kreiste nach oben in die Schatten der B�ume.</p><p>Sie stemmten sich gegen die widerspenstige Str�mung, die �berraschend stark war, obwohl sich an der Oberfl�che gar nichts zu bewegen schien, und Simon lachte leise und triumphierend vor sich hin.</p><empty-line/><p>Lange Zeit paddelten sie so den Flu� hinauf. Auch wenn sie nicht gewu�t h�tten, da� sie still sein mu�ten, w�re ihnen eine Unterhaltung schwergefallen, so anstrengend war das Paddeln. Endlich, fast eine Stunde sp�ter, stie�en sie auf einen kleinen Altarm, von einem Schutzschirm aus Schilfrohr umgeben, wo sie haltmachen und sich ausruhen konnten.</p><p>Die Sonne war inzwischen ganz aufgegangen, ein verschwommener, gl�hender Fleck hinter einem perlwei�en, den ganzen Himmel bedeckenden Wolkenbaldachin. Noch immer hing d�nner Nebel �ber Wald und Flu�, so da� ihre Umgebung einer Traumlandschaft glich. Etwas weiter oben schien der Flu� irgendein Hindernis zu unter- oder �bersp�len; das ruhige Schnurren des flie�enden Wassers wurde durch die glockenspielartigen Ger�usche des Wasserlaufes verst�rkt, der in die H�he sprang und pl�tschernd wieder herunterfiel.</p><p>Simon pustete und beobachtete das M�dchen Marya. Sie hatte die Wange auf den Unterarm gelegt und lehnte sich an die Bootswand. Es war ihm v�llig unverst�ndlich, wie er sie je f�r einen Jungen hatte halten k�nnen. Was ihn an einen Fuchs erinnert hatte, die f�r einen Jungen ungew�hnlich scharfen Z�ge, schien ihm jetzt anmutig. Sie war rot vor Anstrengung. Simon betrachtete ihre ger�teten Wangen, und sein Blick wanderte �ber die wei�e L�nge des gestreckten Halses zu der sanften, aber deutlich sichtbaren Erhebung ihres Schl�sselbeines, dort, wo das Jungenhemd, das sie trug, am Hals offenstand.</p><p><emphasis>Sie ist nicht sehr gut gepolstert � nicht wie Hepzibah,</emphasis> �berlegte er sinnend. <emphasis>Ha! Ich m�chte einmal sehen, wie Hepzibah sich als Junge ausgibt! Aber trotzdem ist sie auf ihre magere Weise h�bsch. Ihr Haar ist so ungemein schwarz.</emphasis></p><p>Maryas Augen flatterten zu. Sie atmete weiter tief. Simon streichelte gedankenverloren Qantaqas breiten Kopf.</p><p>�Gut gebaut ist sie, nicht wahr?� fragte Binabik vergn�gt.</p><p>Simon starrte ihn erschreckt an. �Was?�</p><p>Binabik runzelte die Stirn. �Es tut mir leid. Vielleicht sagt ihr auf Erkynl�ndisch �er� dazu? Oder �es�? Aber trotzdem mu�t du mir zustimmen, da� Gelo� ein Werk von gro�er Kunst vollbracht hat.�</p><p>�Binabik�, sagte Simon, dessen Err�ten nachzulassen begann, �ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst.�</p><p>Der kleine Mann klopfte mit der flachen Hand sanft auf die Bootswand. �Was f�r ein sch�nes Werk Gelo� aus Rinde und Holz geschaffen hat. Und so leicht! Ich denke, wir werden keine gro�e M�he haben, es �ber Land zum Aelfwent zu tragen.�</p><p>�Das Boot��, sagte Simon und nickte wie ein Dorftrottel. �Das Boot. Ja, es ist gut gebaut.�</p><p>Marya setzte sich auf. �Wollen wir jetzt versuchen, uns zu dem anderen Flu� durchzuschlagen?� fragte sie. Als sie sich wieder umdrehte und nach dem d�nnen Waldstreifen blickte, den man durch das Schilf erkennen konnte, bemerkte Simon die dunklen Ringe unter ihren Augen, sah, wie ersch�pft sie war. Ein wenig regte er sich immer noch dar�ber auf, da� sie erleichtert gewesen war, als Gelo� sich bereiterkl�rte, das Kind zu behalten; aber er war froh, da� diese Dienerin sich Gedanken zu machen schien, da� sie nicht einfach zu den M�dchen geh�rte, die immer nur Lachen und Scherzen im Sinn haben.</p><p><emphasis>Nein, nat�rlich geh�rt sie nicht dazu,</emphasis> dachte er. <emphasis>Eigentlich habe ich sie �berhaupt noch nicht l�cheln sehen. Nicht, da� unsere Erlebnisse nicht jedem das Lachen austreiben k�nnten � aber ich laufe ja auch nicht immer m�rrisch und schlechtgelaunt herum.</emphasis></p><p>�Das w�re vielleicht gar keine schlechte Idee�, sagte Binabik als Antwort auf Maryas Frage. �Ich glaube, das Ger�usch, das wir dort vor uns h�ren, ist eine Versammlung von Felsen im Flu�. Wenn das zutrifft, h�tten wir ohnehin kaum eine andere Wahl, als das Boot au�enherum zu tragen. Vielleicht k�nnte Simon hingehen und es herausfinden.�</p><p>�Wie alt bist du?� fragte Simon Marya. Binabik drehte sich �berrascht um und glotzte ihn an. Marya verzog den Mund und betrachtete Simon einen langen Augenblick.</p><p>�Ich bin�� begann sie und hielt dann inne. �Im Octander werde ich sechzehn Jahre.�</p><p>�Also f�nfzehn�, meinte Simon nicht ohne eine gewisse Selbstgef�lligkeit.</p><p>�Und du?� erkundigte sich das M�dchen herausfordernd. Simon str�ubten sich die Nackenhaare.</p><p>�F�nfzehn!�</p><p>Binabik h�stelte. �Gut und sch�n � Schiffskameraden sollten sich miteinander bekanntmachen. Aber � vielleicht besser sp�ter. Simon, k�nntest du hingehen und feststellen, ob dort vorn wirklich Felsen sind?�</p><p>Simon wollte schon �ja� sagen, hatte aber pl�tzlich keine Lust mehr. War er ein Laufbursche? Ein Kind, das springen und f�r die Erwachsenen Sachen herausfinden mu�te? Wer hatte denn schlie�lich die Entscheidung getroffen, hinzugehen und dieses dumme M�dchen von ihrem Baum zu retten?</p><p>�Wenn wir doch ohnehin zu dem Wie-hei�t-er-doch-gleich hin�ber m�ssen, warum dann der Aufwand?� fragte er. �Gehen wir doch einfach los.�</p><p>Der Troll warf ihm einen scharfen Blick zu, nickte jedoch schlie�lich mit dem Kopf. �Na sch�n. Ich denke, meiner Freundin Quantaqa wird es auch guttun, wenn sie sich ein wenig die Beine vertritt.� Und zu Marya: �W�lfe sind keine Seeleute, wei�t du.�</p><p>Marya starrte Binabik an, als w�re er noch wunderlicher als Simon. Dann brach sie in schallendes Gel�chter aus. �Sehr wahr!� meinte sie und lachte weiter.</p><empty-line/><p>Das Kanu war tats�chlich federleicht, aber trotzdem nicht einfach durch die �ste und Ranken zu bef�rdern, die st�ndig daran h�ngenblieben. Um eine H�he zu erreichen, bei der sowohl Binabik als auch das M�dchen mittragen konnten, mu�ten sie das umgekehrte Boot so tief halten, da� das scharfe Heckende st�ndig gegen Simons Brustbein schlug. Au�erdem konnte er beim Gehen die eigenen F��e nicht sehen, was zur Folge hatte, da� er immer wieder im Unterholz stolperte. Durch das Geflecht aus Zweigen und Bl�ttern �ber ihnen ergo� sich der Regen; Simon, der keine Hand frei hatte, konnte sich nicht einmal die Tropfen abwischen, die ihm in die Augen liefen. Er war nicht in bester Stimmung.</p><p>�Wie weit ist es eigentlich, Binabik?� fragte er endlich. �Dieses verdammte Boot schl�gt mir die Brust in St�cke.�</p><p>�Nicht weit, ist meine Hoffnung�, rief der Troll, dessen Stimme unter der H�lle aus gespannter Baumrinde unheimlich widerhallte. �Gelo� hat gesagt, der Zuflu� und der Aelfwent fl�ssen eine lange Strecke nebeneinander her und seien nicht mehr als eine Viertelstunde getrennt. Wir sollten bald da sein.�</p><p>�Bald sollte es wirklich sein�, bemerkte Simon grimmig. Marya vor ihm gab einen Laut von sich, von dem Simon sicher war, da� er nach Abscheu klang � wahrscheinlich seinetwegen. Er zog ein ungemein finsteres Gesicht, und das rote Haar lag ihm na� und str�hnig auf der Stirn.</p><p>Endlich vernahmen sie durch das sanfte Trommeln von Regentropfen auf Laub und Boot ein anderes Ger�usch, ein atmendes Rauschen, das Simon an einen Raum voll murmelnder Menschen denken lie�. Quantaqa sprang krachend durch das Unterholz voraus.</p><p>�Ha!� �chzte Binabik und lie� sein Bootsende sinken. �Seht ihr? Wir haben ihn gefunden. <emphasis>T'si Suhyasei!</emphasis>�</p><p>�Ich dachte, er hie�e Aelfwent.� Marya rieb sich die Stelle ihrer Schulter, auf der das Boot gelegen hatte. �Oder sagen das die Trolle immer, wenn sie auf einen Flu� sto�en?�</p><p>Binabik l�chelte. �Nein. Es ist ein Sithiname. Schlie�lich ist das in gewisser Weise ein Sithiflu�, denn sie fuhren mit ihren Booten darauf, als <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis> ihre Stadt war. Du solltest das wissen, denn Aelfwent hei�t in der alten Sprache von Erkynland �Sithifluߋ.�</p><p>�Und was bedeutet dann � das, was du gesagt hast?� fragte Marya.</p><p>�<emphasis>T'si Suhyasei?</emphasis>� Binabik dachte nach. �Das kann man schwer genau �bersetzen. Es hei�t ungef�hr �ihr Blut ist kalt�.�</p><p>�Ihr?� fragte Simon und kratzte sich mit einem Stock den Lehm von den Stiefeln. �Und wer ist dieses Mal �ihr�?�</p><p>�Der Wald�, erwiderte Binabik. �Bei den Sithi ist er weiblich. Kommt jetzt. Ihr k�nnt euch gleich den Schlamm im Wasser abwaschen.�</p><p>Sie trugen das Boot die Uferb�schung hinunter. Dazu mu�ten sie es durch ein Dickicht aus Katzenschw�nzen sto�en, was viele geknickte Stiele zur Folge hatte. Endlich lag der Flu� vor ihnen � eine breite, gesunde Wasserfl�che, erheblich gr��er als der Seezuflu� und mit einer sichtlich st�rkeren Str�mung. Sie mu�ten das Boot in die vom Flu�lauf ausgewaschene Schlucht hinunterlassen; zuletzt stand Simon, der L�ngste, knietief im seichten Wasser, um das Boot in Empfang zu nehmen. Seine Stiefel wurden dabei allerdings wirklich sauber. Er hielt das tanzende Fahrzeug fest, w�hrend Marya und der Troll zuerst die mi�trauische Quantaqa �ber den Rand hoben � ohne da� die W�lfin ihnen dabei wesentlich behilflich gewesen w�re �, um dann selber einzusteigen. Simon kletterte als letzter an Bord und nahm seinen Platz im Heck ein.</p><p>�Deine Stellung�, ermahnte Binabik ihn ernst, �erfordert viel Verantwortung. Bei einer so starken Str�mung werden wir nicht viel zu paddeln haben, aber du mu�t steuern; und rufe, wenn Felsen kommen, damit wir mithelfen k�nnen, uns von ihnen abzusto�en!�</p><p>�Das kann ich�, antwortete Simon rasch. Binabik nickte und lie� den langen Ast los, an dem er sich festgehalten hatte; sie stie�en vom Ufer ab und trieben hinaus auf den brausenden Aelfwent.</p><p>Zuerst war es, wie Simon rasch merkte, doch ein wenig schwierig. Einige der Felsen, denen sie aus dem Weg gehen mu�ten, waren �ber der glasigen Oberfl�che des Wassers gar nicht sichtbar, sondern lagen unmittelbar darunter, so da� sie nur an den gl�nzenden Buckeln zu erkennen waren, die das Wasser dar�ber bildete. Der erste, den Simon <emphasis>nicht</emphasis> sah, verursachte ein gr��liches Ger�usch, als der straffgespannte Rumpf an ihm entlangschrammte, so da� sie alle einen Augenblick Angst bekamen; aber das kleine Boot sprang von dem versunkenen Stein fort wie ein Schaf vor den Scheren. Bald hatte Simon sein Fahrzeug im Gef�hl; an manchen Stellen schien es fast �ber das Wasser zu fliegen, schwerelos wie ein Blatt auf dem wogenden R�cken des Flusses.</p><p>Als sie in einen Abschnitt mit ruhigerem Fahrwasser kamen und das Tosen der Felsen hinter ihnen zur�ckblieb, sp�rte Simon, wie ihm das Herz in der Brust schwoll. Die neckenden H�nde des Flusses zupften an seinem Paddel, das im Wasser trieb. Eine Erinnerung an die breiten Zinnen des Hochhorstes, auf denen er herumgeklettert war, stieg in ihm auf � als er atemlos gewesen war �ber die eigene Macht, �ber den Anblick der s�uberlichen Felder tief unter ihm. Ihm fiel ein, wie er in der Glockenstube des Gr�nengel-Turmes gehockt und auf die aneinandergeduckten H�user von Erchester hinuntergeschaut hatte, hinaus in die weite Welt, den Wind im Gesicht. Hier, im Heck des kleinen Bootes, kauerte er von neuem zugleich in der Welt und dar�ber, weit dar�ber, segelte wie der Fr�hlingswind, der durch die Baumkronen schnaubte. Er hob das Paddel vor sich in die H�he � und es war ein Schwert.</p><p><emphasis>Usires war ein Seemann,</emphasis> fing er an zu singen, die Worte fielen ihm pl�tzlich wieder ein. Es war eine Melodie, die ihm jemand vorgesungen hatte, als er noch sehr klein gewesen war.</p><poem><stanza><v>Usires war ein Seemann,</v><v>wohl auf dem weiten Ozean,</v><v>er nahm das Gotteswort mit sich</v><v>und segelte nach Nabban-o!</v></stanza></poem><p>Binabik und Marya drehten sich nach ihm um; Simon grinste.</p><poem><stanza><v>Tiyagaris war ein Kriegsmann,</v><v>wohl auf dem weiten Ozean,</v><v>er nahm das Wort des Rechts mit sich</v><v>und segelte nach Nabban-o!</v></stanza><stanza><v>Und Johan war ein K�nig,</v><v>wohl auf dem weiten Ozean,</v><v>er nahm das �donswort mit sich und</v><v>segelte nach Nabban-o!</v></stanza></poem><p>Er verstummte.</p><p>�Warum h�rst du auf?� fragte Binabik. Marya betrachtete ihn immer noch mit nachdenklichem Augenausdruck.</p><p>�Das ist alles, was ich davon wei߫, erkl�rte Simon und versenkte sein Paddel wieder im gurgelnden Kielwasser des Bootes. �Ich erinnere mich nicht einmal, woher. Ich glaube, eine der Kammerfrauen hat es gesungen, als ich ein Kind war.�</p><p>Binabik l�chelte. �Ein gutes Lied f�r eine Flu�reise, finde ich, obwohl einige der Einzelheiten �ber wenig historische Richtigkeit verf�gen. Bist du sicher, da� du dich an nichts mehr erinnern kannst?�</p><p>�Leider ja.� Das Versagen seiner Erinnerung k�mmerte ihn wenig. Diese eine kurze Stunde auf dem Flu� hatte seine Laune ganz und gar gehoben. Er war einmal auf einem Fischerboot mit in der Bucht gewesen und hatte es sehr sch�n gefunden � aber das war nichts im Vergleich zu jetzt, zu dem vor�berrauschenden Wald und dem Gef�hl des zierlichen Bootes unter ihm, so sensibel und empf�nglich f�r seine Kommandos wie ein Fohlen.</p><p>�Ich kenne keine Segellieder�, bemerkte der Troll, der sich �ber Simons ver�nderte Stimmung freute. �Im hohen Qanuc sind die Fl�sse aus Eis, und nur die kleinen Trollinge spielen ihre Schleifspiele darauf. Ich k�nnte allenfalls etwas vom m�chtigen Chukku und seinen Abenteuern singen��</p><p>�Ich kenne ein Flu�lied�, unterbrach ihn Marya und fuhr sich mit schmaler, wei�er Hand durch den schwarzen Haarschopf. �Die Stra�en von Meremund sind voll von Seemannsliedern.�</p><p>�Meremund?� fragte Simon. �Wie kommt ein Burgm�dchen nach Meremund?�</p><p>Marya kr�uselte die Lippen. �Wo, glaubst du, haben die Prinzessin und ihr ganzer Hof gelebt, bevor wir zum Hochhorst kamen � in der Ein�de von Nascadu?� Sie schnaubte. �Nat�rlich in Meremund. Es ist die sch�nste Stadt der Welt, in der sich das Meer und der gro�e Gleniwent-Flu� begegnen. <emphasis>Du</emphasis> kannst das nicht wissen, du warst nie dort.� Sie feixte. �Burgjunge!�</p><p>�Dann sing!� mischte Binabik sich ein und wedelte mit der Hand vor sich her. �Der Flu� wartet darauf, dich zu h�ren, und der Wald auch.�</p><p>�Hoffentlich erinnere ich mich noch�, meinte sie sp�ttisch und warf Simon einen schr�gen Blick zu. Er erwiderte ihn hochm�tig � ihre Bemerkung hatte seine gehobene Stimmung kaum ber�hrt. �Es ist ein Lied der Flu�schiffer�, fuhr sie fort, r�usperte sich und hob dann, erst ein wenig unsicher, dann mutiger, mit lieblicher, kehliger Stimme zu singen an.</p><poem><stanza><v>� Und manche segeln auf der See,</v><v>und ihr Mund ist m�chtig voll</v><v>von Geheimnissen und Schlachtgebr�ll</v><v>und Historien blutig toll.</v></stanza><stanza><v>Doch fragt ihr dort am Gleniwent</v><v>einen Mann, der's wissen mu�,</v><v>sagt er, freilich, Gott erschuf das Meer,</v><v>doch gemeint hat er den Flu�.</v></stanza><stanza><v>Oh, das Meer ist eine Frage,</v><v>doch die Antwort ist der Flu�,</v><v>wenn er tanzt und lacht und Spr�nge macht</v><v>wie ein T�nzerinnenfu�!</v><v>Hol der Teufel, wer sich dr�cken will</v><v>vor dem Boot so alt und bunt,</v><v>und geht so ein Kerl mal �ber Bord �</v><v>Prost auf ihn in Meremund!</v></stanza><stanza><v>Und mancher geht aufs Meer hinaus,</v><v>der nie mehr gesehen wird,</v><v>doch uns Kerls vom Flu�, die findet man</v><v>jede Nacht beim Schenkenwirt.</v></stanza><stanza><v>Und mancher sagt, wir trinken viel</v><v>und gel�rmt wird und gelacht,</v><v>doch wenn der Flu� deine Dame ist,</v><v>schl�fst du trotzdem gut bei Nacht.</v></stanza><stanza><v>Oh, das Meer ist eine Frage,</v><v>doch die Antwort ist der Flu�,</v><v>wenn er tanzt und lacht und Spr�nge macht</v><v>wie ein T�nzerinnenfu�!</v><v>Hol der Teufel, wer sich dr�cken will</v><v>vor dem Boot so alt und bunt,</v><v>und geht so ein Kerl mal �ber Bord �</v><v>Prost auf ihn in Meremund!</v></stanza><stanza><v>In Meremund! In Meremund!</v><v>Dort trinken wir ihm zu,</v><v>aber wenn er nicht vor�bertreibt,</v><v>gibt's auch keine letzte Ruh!</v></stanza></poem><p>Als Marya zum dritten Mal zum Kehrreim kam, kannten Simon und Binabik die Worte und konnten einfallen. Qantaqa legte die Ohren an, als sie den dahineilenden Aelfwent hinuntergr�lten.</p><p><emphasis>Oh, das Meer ist eine Frage, doch die Antwort ist der Flu�,</emphasis> sang Simon aus voller Kehle, als pl�tzlich die Nase des Bootes in ein Wasserloch kippte und wieder in die H�he scho�: Sie fuhren von neuem durch Felsen. Als sie die brodelnden Wasser hinter sich gebracht und wieder freie Fahrt hatten, waren sie alle zu atemlos zum Weitersingen. Aber Simon grinste immer noch, und als die grauen Wolken �ber dem Wald ihre Schleusen �ffneten und sie mit noch mehr Regen �bersch�tteten, hob er das Kinn und fing die Tropfen mit der Zunge auf. �Regen, jetzt�, erl�uterte Binabik und hob unter dem an die Stirn geklatschten Haar die Brauen. �Ich denke, wir werden na�.�</p><p>Den kurzen Augenblick der Stille durchbohrte das hohe, prustende Gel�chter des Trolls.</p><empty-line/><p>Als das durch den Baumbaldachin herabsickernde Licht schw�cher wurde, steuerten sie das Boot ans Ufer und schlugen ihr Lager auf. Binabik schichtete ein Feuer und setzte mit Hilfe seines S�ckchens mit gelbem Staub das feuchte Holz in Brand. Dann f�rderte er aus einem der Rucks�cke, die Gelo� ihnen mitgegeben hatte, ein Paket mit frischem Gem�se und Obst zutage. Die W�lfin, sich selbst �berlassen, schlich ins hohe Geb�sch hinein und kam nach einiger Zeit mit triefendnassem Fell zur�ck; ein paar blutige Streifen zierten ihre Schnauze. Simon blickte zu Marya hin�ber, die nachdenklich an einem Pfirsichkern lutschte, um zu sehen, wie sie auf dieses Zeichen der brutalen Seite von Qantaqas Wesen reagieren w�rde, aber falls das M�dchen es �berhaupt bemerkt hatte, zeigte sie keinen Hinweis auf Unbehagen. <emphasis>Sie mu� in der K�che der Prinzessin gearbeitet haben,</emphasis> dachte er<emphasis>. Trotzdem, ich wette, wenn ich ihr eine von Morgenes' ausgestopften Echsen in den Mantel steckte, dann w�rde sie springen.</emphasis></p><p>Der Gedanke daran, da� sie in einer der Burgk�chen besch�ftigt gewesen sein k�nnte, veranla�te ihn nachzugr�beln, was sie eigentlich im Dienst der Prinzessin f�r Aufgaben gehabt haben mochte � und, wenn er schon dabei war, wieso hatte sie gerade ihm nachspioniert? Aber als er sie �ber die Prinzessin ausfragen wollte, sch�ttelte sie nur den Kopf und meinte, �ber ihre Herrin und ihren Dienst k�nne sie erst dann etwas erz�hlen, wenn sie ihre Botschaft in Naglimund abgeliefert h�tte.</p><p>�Ich hoffe, du wirst mir die Stellung dieser Frage vergeben�, bemerkte Binabik, der gerade die wenigen E�ger�te einpackte und seinen Wanderstab auseinandernahm, um dann seine Fl�te herauszuholen, �aber welchen Plan hast du, wenn Josua nicht in Naglimund ist und deine Botschaft nicht entgegennehmen kann?�</p><p>Marya machte ein verwirrtes Gesicht, schwieg aber trotzdem weiter. Simon war versucht, Binabik nach <emphasis>ihren</emphasis> Pl�nen zu fragen, und nach <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis> und der <emphasis>Steige,</emphasis> aber der Troll trillerte bereits gedankenverloren auf seiner Fl�te. Die Nacht legte eine Decke aus Dunkelheit �ber den ganzen gro�en Aldheorte und lie� nur ihr kleines Feuerchen unbedeckt. Simon und Marya sa�en da und lauschten dem Troll, der seine Musik in die regennassen Baumwipfel aufsteigen und dort ein Echo finden lie�.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Tag waren sie kurz nach Sonnenaufgang schon auf dem Flu�. Der Rhythmus des flie�enden Wassers schien ihnen jetzt vertraut wie ein Kinderreim: die langen, tr�gen Strecken, auf denen es ihnen vorkam, als sei ihr Boot ein Felsen, auf dem sie sa�en, w�hrend zu beiden Seiten das unendliche Meer der B�ume vor�berrauschte � und andererseits die gef�hrliche Erregung der brausenden Stromschnellen, die das schwache Fahrzeug sch�ttelten wie einen Fisch, der am Haken zappelt.</p><p>Im Lauf des Vormittages lie� der Regen nach, und die Sonne funkelte durch die �berh�ngenden �ste und schm�ckte Flu� und Waldboden mit kleinen Lichtt�mpeln.</p><p>Die willkommene Erholungspause von den Unbilden des Wetters � das, wie Simon nicht umhin konnte festzustellen, f�r den sp�ten Maia ungew�hnlich winterlich war, wobei er an den Eisberg ihres gemeinsamen Traums dachte � trug dazu bei, da� sie alle guter Dinge waren. W�hrend sie durch den Tunnel tief herabgeneigter B�ume dahinschwammen, zwischen denen sich hier und da majest�tische Fl�chen voller Sonnenschein ausbreiteten, der durch L�cken im Astgewirr str�mte und den Flu� f�r kurze Zeit in einen Spiegel aus poliertem Gold verwandelte, unterhielten sie einander durch muntere Reden. Simon, zuerst recht unwillig, erz�hlte von den Menschen, die er in der Burg gekannt hatte � von Rachel, Tobas dem Hundew�rter, der sich mit Lampenru� die Nase schw�rzte, damit ihn seine Sch�tzlinge leichter als zur Familie geh�rig anerkannten, von Peter Goldsch�ssel, dem riesigen Ruben und vielen anderen. Binabik sprach mehr von seinen Reisen, von seinen Jugendfahrten in das Brackland von Wran und die �den, fremdartigen W�sten im Osten seiner Heimat Mintahoq. Selbst Marya, trotz ihrer anf�nglichen Zur�ckhaltung und der langen Liste der Dinge, �ber die man nicht mit ihr reden konnte, brachte Simon und den Troll mit ihrer Darstellung der Auseinandersetzungen zwischen Flu�schiffern und Seeleuten und ihren Bemerkungen �ber einige der zweifelhaften Edelleute, die in Meremund und auf dem Hochhorst den Umgang der Prinzessin Miriamel gebildet hatten, zum L�cheln.</p><p>Nur einmal wandte sich auf dieser Bootsfahrt des zweiten Tages das Gespr�ch den dunkleren Dingen zu, die wie ein Schatten �ber den Gedanken der drei Gef�hrten lagen.</p><p>�Binabik�, fragte Simon, als sie auf einem sonnenhellen St�ck Waldwiese ihr Mittagsmahl einnahmen, �glaubst du wirklich, da� wir diese M�nner endg�ltig hinter uns gelassen haben? Oder gibt es vielleicht noch andere, die uns suchen?�</p><p>Der Troll schnippte einen Apfelkern vom Kinn. �Mit Sicherheit wei� ich gar nichts, Freund Simon � wie ich bereits erw�hnt habe. �berzeugt bin ich, da� wir an ihnen vorbeigeschl�pft sind und man uns nicht unmittelbar verfolgt hat; aber da ich nicht wissen kann, warum sie uns �berhaupt suchen, wei� ich auch nicht, ob sie uns finden k�nnen. Wissen sie, da� wir nach Naglimund wollen? Sich das vorzustellen, ist ja nicht so schwer. Aber es gibt drei Dinge, die zu unseren Gunsten sprechen.�</p><p>�N�mlich?� fragte Marya mit leichtem Stirnrunzeln.</p><p>�Erstens ist es leichter, etwas in einem Wald zu suchen als es zu finden.� Er hob einen kurzen, st�mmigen Finger. �Zweitens nehmen wir einen Schleichweg nach Naglimund, der seit Jahrhunderten kaum noch bekannt ist.� Ein zweiter Finger. �Und schlie�lich, um unsere Route herauszufinden, m�ssen diese M�nner sie von Gelo� in Erfahrung bringen�, sein dritter Finger streckte sich, �und das ist etwas, von dem ich nicht glaube, da� es geschehen wird.�</p><p>Genau dar�ber hatte sich Simon insgeheim schon Sorgen gemacht. �Und wenn sie ihr weh tun?� fragte er deshalb. �Es waren M�nner mit Schwertern und Speeren, Binabik. Sie werden sich auf die Dauer von Eulen kaum verscheuchen lassen.�</p><p>Der Troll nickte ernsthaft und baute aus seinen kurzen Fingern ein Zelt. �Nicht, da� ich deshalb nicht besorgt w�re, Simon. Tochter der Berge, ich bin es! Aber du wei�t wenig von Gelo�. Sie nur f�r eine Weise Frau der D�rfer zu halten, hei�t einen Fehler machen, einen Fehler, der Heahferths M�nnern leid tun k�nnte, falls sie ihr nicht den geh�rigen Respekt entbieten. Schon lange Zeit schreitet Valada Gelo� durch Osten Ard; viele Jahre lebt sie im Wald und viele, viele Jahre wohnte sie zuvor bei den Rimmersgardern. Und noch weit fr�her kam sie aus dem S�den nach Nabban; von ihren Reisen davor wei� niemand. Sie ist jemand, der f�r sich selbst einstehen kann, darauf kannst du dich verlassen � weit besser als ich oder sogar, wie auf so traurige Weise bewiesen, jener gute Mann Morgenes.� Er griff nach einem neuen Apfel, dem letzten im Sack. �Aber genug von solchen Dingen. Der Flu� wartet, und unsere Herzen m�ssen leicht sein, damit wir schneller vorw�rtskommen.�</p><empty-line/><p>Sp�ter am Nachmittag, als die Schatten der B�ume zu einem gro�en Schattenfleck �ber dem Flu� zusammenzuflie�en begannen, erfuhr Simon mehr �ber die Geheimnisse des Aelfwent. Er fischte gerade in seinem Rucksack nach einem St�ck Stoff, das er um seine H�nde wickeln wollte, um sie vor den Blasen zu sch�tzen, die ihm das rauhe Paddel eingetragen hatte. Er fand etwas, das sich anf�hlte, als sei es daf�r geeignet, und zog es heraus. Es war der Wei�e Pfeil, immer noch in den zerfetzten Saum seines Hemdes geh�llt. Simon war �berrascht, ihn pl�tzlich wieder in der Hand zu halten, seine K�stlichkeit zu sp�ren, einer Feder gleich, die im ersten verirrten Windhauch davonschweben kann. Vorsichtig wickelte der Junge ihn aus dem sch�tzenden Tuch.</p><p>�Schau�, sagte er zu Marya und griff �ber Qantaqa hin�ber, um ihr den Pfeil in seinem Nest aus Lumpen zu zeigen. �Es ist ein Wei�er Pfeil der Sithi. Ich habe einem Sitha das Leben gerettet, und er gab ihn mir.� Er �berlegte kurz. �Scho� ihn nach mir, besser gesagt.�</p><p>Es war ein Werk von gro�er Sch�nheit, fast leuchtend im schwindenden Licht, wie die schimmernde Brust eines Schwans. Marya betrachtete ihn kurz und ber�hrte ihn dann mit spitzem Finger.</p><p>�H�bsch�, meinte sie, aber in ihrem Ton lag nichts von der Bewunderung, die Simon erhofft hatte.</p><p>�Nat�rlich ist er h�bsch! Er ist geheiligt. Er bedeutet, da� eine Schuld offensteht. Frag Binabik, der kann es dir best�tigen.�</p><p>�Simon hat recht�, rief der Troll vom Bug her�ber. �Es geschah kurz bevor wir einander begegneten.�</p><p>Marya fuhr fort, den Pfeil gelassen zu mustern, als w�re sie mit ihren Gedanken an einem ganz anderen Ort. �Er ist wundersch�n�, sagte sie, und ihre Stimme klang kaum �berzeugender als vorher. �Du hast gro�es Gl�ck gehabt, Simon.�</p><p>Er wu�te nicht warum, aber die Worte machten ihn w�tend. Begriff sie denn nicht, was er durchgemacht hatte? Begr�bnisst�tte, Sithifalle, die Hunde, die Feindschaft eines Hochk�nigs? Wer war sie, da� sie ihm antwortete wie eine der Kammerfrauen, die ihn tr�stete, wenn er sich das Knie aufgesch�rft hatte, und dabei an etwas ganz anderes dachte?</p><p>�Nat�rlich�, meinte er endlich und hielt den Pfeil vor sich in die H�he, so da� sich ein fast waagrechter Sonnenstrahl darin brach und das Flu�ufer wie ein vor�berziehender Teppich dahinter lag, �nat�rlich hat er mir inzwischen so viel Gl�ck gebracht � ich bin �berfallen worden, gebissen, gejagt, litt Hunger �, da� ich ihn genausogut nie bekommen haben k�nnte.� Er starrte den Pfeil �rgerlich an und lie� den Blick �ber die Schnitzereien wandern, die ihm vorkamen wie die Geschichte seines Lebens, nachdem er den Hochhorst verlassen hatte: verwickelt, aber sinnlos.</p><p>�Ich k�nnte ihn wirklich ruhig wegwerfen�, sagte er bitter � nat�rlich w�rde er es nie tun, aber es war seltsam befriedigend, sich vorzustellen, da� es immerhin in seiner Macht stand �, �ich meine, was habe ich denn schon Gutes von ihm gehabt?�</p><p>Binabiks Warnruf kam mitten im Satz, aber bis Simon begriffen hatte, war es bereits zu sp�t. Das Boot prallte fast senkrecht auf den verborgenen Felsen; es schwankte, und das Heck senkte sich mit saugendem Aufklatschen ins Wasser. Der Pfeil wurde aus Simons Hand gerissen, drehte sich in der Luft und fiel in die um die Felsen tosenden Fluten. Als das Hinterteil des Bootes herunterkippte, drehte Simon sich um; gleich darauf rutschten sie von einem weiteren versunkenen Felsen ab, und Simon st�rzte. Das Boot legte sich schief, ohne zu kentern, doch er fiel�</p><p>Das Wasser war erschreckend kalt. Einen Augenblick schien es, als sei er durch ein Loch in der Welt in v�llige Nacht gest�rzt. Dann brach er keuchend an die Oberfl�che, wie verr�ckt in dem strudelnden Wasser herumwirbelnd. Er stie� gegen einen Felsen, drehte sich und ging wieder unter; angsteinfl��endes Wasser dr�ngte ihm die Luft aus Nase und Mund. M�hsam streckte er den Kopf wieder heraus und spannte die Muskeln, als ihn die gurgelnde Str�mung gegen ein hartes Hindernis nach dem anderen schleuderte. Eine Sekunde f�hlte er Wind im Gesicht und sog ihn hustend ein; er sp�rte, wie etwas von der Usires-sei-gelobten Luft den Weg in seine brennenden Lungen fand. Dann war er pl�tzlich an den Felsen vorbei und schwamm frei, strampelte mit den F��en, um den Kopf �ber der Wasseroberfl�che zu halten. Zu seiner Verbl�ffung befand sich das Boot jetzt hinter ihm und glitt gerade um die letzten der Buckelsteine herum. Binabik und Marya paddelten aus Leibeskr�ften, die Augen gro� vor Angst, aber Simon merkte, da� sich die Entfernung allm�hlich vergr��erte. Er trieb stromab, und als er den Kopf wild nach allen Seiten drehte, sah er, da� die Flu�ufer erschreckend weit weg waren. Wieder tat er einen tiefen, keuchenden Atemzug.</p><p>�Simon!� schrie Binabik. �Schwimm zu uns zur�ck! Wir k�nnen nicht schnell genug rudern!�</p><p>Mit gro�er Anstrengung versuchte er zu wenden und sich zu ihnen zur�ckzuk�mpfen, aber der Flu� zog ihn mit tausend unsichtbaren Fingern fort. Er spritzte und versuchte seine H�nde zu den Paddeln zu formen, die ihm Rachel � Morgenes? � einmal gezeigt hatte, w�hrend man ihn im seichten Wasser des Kynslagh festhielt; aber gegen die alles mitrei�ende Macht der Str�mung schien ihm der Versuch l�cherlich. Er erm�dete jetzt schnell, konnte seine Beine nicht mehr finden, f�hlte nur noch kalte Leere, wenn er um sich treten wollte. Wasser spritzte ihm in die Augen, lie� die herunterh�ngenden Zweige in allen Regenbogenfarben schillern, dann glitt er wieder hinab in die Tiefe. Etwas schlug klatschend neben seiner Hand auf, und er ruderte mit den Armen im kalten Wasser, um ein letztes Mal nach oben zu kommen. Es war Maryas Paddel. Mit ihrer gr��eren Reichweite hatte sie sich an Binabiks Platz im Bug geschoben und den Arm so weit ausgestreckt, da� nur noch wenige Zoll das flache Holzst�ck von seinem Griff trennten. Neben ihr stand bellend Qantaqa, die sich, als wollte sie es ihr nachtun, fast ebensoweit hinauslehnte wie das M�dchen; das kopflastig gewordene Kanu lag gef�hrlich schr�g.</p><p>Simon sandte einen Gedanken dorthin zur�ck, wo einmal seine Beine gewesen waren, forderte sie auf, um sich zu treten, falls sie ihn h�ren k�nnten, und reckte die Hand. Er f�hlte das Paddel kaum, als seine tauben Finger sich darum schlossen, aber es war da, genau dort, wo er es brauchte.</p><p>Nachdem sie ihn an Bord gezogen hatten � an sich schon eine beinahe unm�gliche Aufgabe, weil er mehr wog als alle anderen, die W�lfin ausgenommen � und er gro�e Mengen Flu�wasser herausgehustet und gespuckt hatte, lag er keuchend und schlotternd da, auf dem Boden des Bootes zur Kugel zusammengerollt, w�hrend das M�dchen und der Troll nach einem Landeplatz Ausschau hielten.</p><p>Er fand genug Kraft, um allein, auf unsicheren Beinen, aus dem Boot zu klettern. Als er auf die Knie fiel und dankbar die H�nde auf den weichen Waldboden st�tzte, griff Binabik nach unten und zog etwas aus dem triefenden, zerlumpten Fetzen, der Simons Hemd gewesen war.</p><p>�Schau, was sich in deinen Kleidern verfangen hat�, sagte Binabik, und sein Gesicht hatte einen sonderbaren Ausdruck. Es war der Wei�e Pfeil. �Wir wollen ein Feuer f�r dich machen, Freund Simon. Vielleicht hast du eine Lektion gelernt � eine grausame Lektion, aber sehr wichtig �, da� man von den Geschenken der Sithi nicht schlecht reden soll, wenn man auf einem Sithiflu� f�hrt.�</p><p>Simon hatte nicht einmal mehr die Kraft, verlegen zu sein, als Binabik ihm beim Ausziehen half und ihn in seinen Mantel einpackte. Vor dem gesegneten Feuer schlief er ein. Wenig �berraschend waren seine Tr�ume dunkel und voll von Dingen, die nach ihm griffen und ihn zu ersticken suchten.</p><empty-line/><p>Am n�chsten Morgen hingen die Wolken tief. Simon f�hlte sich sehr schlecht. Nachdem er, gegen den Protest seines verst�rten Magens, ein paar Streifen D�rrfleisch gekaut und hinuntergeschluckt hatte, kletterte er vorsichtig ins Boot und �berlie� Marya den Platz am Heck, w�hrend er sich in der Mitte zusammenkauerte, dicht an Qantaqas warmen K�rper geschmiegt. Den ganzen langen Tag auf dem Flu� schlief er immer wieder ein. Das vorbeigleitende, verschwommene Gr�n, das der Wald war, verursachte ihm Schwindel, und sein Kopf f�hlte sich hei� und viel zu gro� an, wie eine auf den Kohlen aufgehende Kartoffel. Sowohl Binabik als auch Marya kontrollierten sorgsam den Verlauf seines Fiebers. Als er aus dem D�mmerschlaf erwachte, in den er, als seine beiden Gef�hrten zu Mittag a�en, gesunken war und sie �ber sich gebeugt fand, Maryas k�hle Handfl�che auf seiner Stirn, dachte er ganz verwirrt: <emphasis>Was f�r eine seltsame Mutter und was f�r einen wunderlichen Vater ich doch habe!</emphasis></p><p>Kaum begann die D�mmerung durch die B�ume zu sinken, als sie zur Nacht hielten. Simon, in den Mantel gepackt wie ein Wickelkind, sa� dicht am Feuer und streckte die Arme nur kurz heraus, um etwas von der Suppe zu trinken, die der Troll gekocht hatte, eine Br�he aus getrocknetem Rindfleisch, R�ben und Zwiebeln.</p><p>�Wir m�ssen morgen mit den ersten Schritten der Sonne aufstehen�, erkl�rte Binabik und hielt der W�lfin, die mit wohlwollender Gleichg�ltigkeit daran schn�ffelte, das Stielende einer R�be hin. �Nahe sind wir <emphasis>Da'ai Chikiza,</emphasis> aber es w�re sinnlos, nachts dorthin zu kommen, wenn man nichts mehr richtig erkennen kann. Auf jeden Fall werden wir von dort bis zu der <emphasis>Steige</emphasis> einen langen Weg hinaufklettern m�ssen und sollten das lieber tun, solange der Tag warm ist.�</p><p>Simon sah mit tr�bem Blick zu, wie der Troll Morgenes' Manuskript aus einem der Rucks�cke nahm und auswickelte. Binabik hockte sich dicht ans flackernde Lagerfeuer und hielt die Seiten schr�g, um darin lesen zu k�nnen; er sah aus wie ein kleiner M�nch im Gebet �ber seinem Buch �don. �ber ihnen raschelte der Wind in den B�umen und blies Wassertropfen hinab, die an den Bl�ttern gehangen hatten, �berbleibsel des Nachmittagsschauers. In das eint�nige Rauschen des Wassers unter ihnen mischte sich das hartn�ckige Quaken der kleinen Flu�fr�sche.</p><p>Simon brauchte eine Weile, bis er begriff, da� der sanfte Druck an seiner Schulter keine neue Botschaft seines kranken, unzufriedenen K�rpers war. M�hsam reckte er das Kinn �ber den Kragen des dicken Wollmantels und machte eine Hand frei, um Qantaqa zu verscheuchen � nur um Maryas dunklen Kopf auf seinem Oberarm ruhen zu sehen. Ihr Mund stand leicht offen, und sie atmete im Rhythmus ihres Schlafes ein und aus.</p><p>Binabik sah hin�ber. �Es war ein harter Tag des Arbeitens heute�, l�chelte er. �Viel paddeln. Wenn es dir keine Schmerzen bereitet, la� sie ein wenig liegen.� Er wandte sich wieder dem Manuskript zu.</p><p>Marya bewegte sich neben ihm und murmelte etwas vor sich hin. Simon zog den Mantel, den Gelo� ihr gegeben hatte, h�her hinauf; als er ihre Wange ber�hrte, stammelte sie irgend etwas, hob die Hand und strich unbeholfen �ber Simons Brust, um dann ein St�ckchen n�her zu rutschen.</p><p>Das Ger�usch ihres gleichm��igen Atems so nahe an seinem Ohr vereinte sich mit den Ger�uschen von Flu� und Nachtwald. Simon schauderte und f�hlte seine Augen schwer werden, so schwer � aber sein Herz schlug schnell, und es war der Ton seines ruhelosen Blutes, der ihn einen Pfad in warme Dunkelheit hinunterf�hrte.</p><empty-line/><p>Im grauen, unbestimmten Licht einer regennassen Morgend�mmerung, die Augen noch voller Schlaf und die K�rper merkw�rdig tr�ge vom zu fr�hen Aufstehen, sahen sie die erste Br�cke.</p><p>Simon sa� wieder am Heck. Obwohl es verwirrend gewesen war, in fast v�lliger Dunkelheit ins Boot zu steigen und auf den Flu� hinauszugleiten, ging es ihm besser als am Vortag; er war immer noch schwindlig, aber sehr viel kr�ftiger. Als sie eine Biegung des Flusses, der fr�hlich dahinsprang und sich nicht um die Tageszeit scherte, umrundet hatten, gewahrte Simon pl�tzlich ein seltsames Gebilde, das vor ihnen im Bogen das Wasser �berspannte. Er wischte sich einen Augenblick die Nebeln�sse aus dem Gesicht, die weniger herunterzuregnen als vielmehr in der Luft zu h�ngen schien, und kniff die Augen zusammen.</p><p>�Binabik�, fragte er nach vorn gebeugt, �ist das eine��</p><p>�Eine Br�cke, ja, so ist es�, antwortete der Troll vergn�gt. �Das Tor der Kraniche, glaube ich.�</p><p>Der Flu� trug sie immer n�her heran, und sie sch�pften mit ihren Paddeln Wasser, um die Fahrt zu verlangsamen. Aus dem alles �berwuchernden Unterholz des Ufers wuchs die Br�cke hervor und spannte sich in schlankem Bogen hin�ber zu den B�umen auf der anderen Seite. Aus blassem, durchsichtigen gr�nem Stein gehauen, wirkte sie so zart wie ein Steg aus erstarrtem Meerschaum. Einst mit kunstvollem Schnitzwerk bedeckt, lag jetzt ein gro�er Teil ihrer Oberfl�che unter Moos und Efeugewirr begraben. Die Stellen, die hervorlugten, waren verwittert, Schn�rkel, Kurven und harte Kanten weicher geworden, rundgeschliffen von Wind und Regen. Oben am h�chsten Punkt, gerade �ber ihren K�pfen, als das kleine Boot hindurchglitt, breitete ein milchiggr�ner, durchscheinender Steinvogel seine vom Wasser abgeschabten Schwingen aus.</p><p>Gleich darauf hatten sie den leichten Schatten passiert und waren auf der anderen Seite. Pl�tzlich schien der Wald Uraltes zu atmen, als w�ren sie durch eine offene T�r in die Vergangenheit geglitten.</p><p>�Vor langer Zeit schon hat Altherz die Wasserstra�en verschlungen�, sagte Binabik ruhig, w�hrend sie sich alle nach der Br�cke umdrehten, die hinter ihnen immer kleiner wurde. �Vielleicht werden selbst die anderen Werke der Sithi eines Tages vergehen.�</p><p>�Wie konnten sie nur auf so etwas den Flu� �berqueren?� fragte Marya. �Es sah so � zerbrechlich aus.�</p><p>�Zerbrechlicher als es einmal war, soviel ist sicher�, antwortete Binabik mit einem sehns�chtigen Blick zur�ck. �Aber die Sithi bauten nie � <emphasis>bauen</emphasis> nie � allein der Sch�nheit wegen. Steht nicht der h�chste Turm in Osten Ard, das Werk ihrer H�nde, immer noch auf eurem Hochhorst?�</p><p>Marya nickte sinnend. Simon zog die Finger durch das kalte Wasser.</p><empty-line/><p>Durch elf weitere Br�cken oder �Tore�, wie Binabik sie nannte, weil sie seit tausend Jahren oder mehr den Wasserweg nach <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis> bestimmt hatten, fuhren sie hindurch. Jedes Tor trug den Namen eines Tieres, erkl�rte der Troll, und es entsprach zugleich einer Mondphase. Nacheinander trieben sie so unter F�chsen, H�hnen, Hasen und Tauben dahin, alle ein wenig von ihrer nat�rlichen Gestalt abweichend, aus hellem Mondstein oder leuchtendem Lapis gemei�elt, aber alle unverkennbar das Werk der gleichen feinf�hligen und ehrf�rchtigen H�nde.</p><p>Als die Sonne hinter den Wolken ihren Vormittagsstand erreicht hatte, glitten sie gerade unter dem Tor der Nachtigallen hin. Jenseits dieses �berganges, auf dessen stolzer Mei�elarbeit noch immer Goldflecken glitzerten, begann der Flu� seine Richtung zu �ndern und sich wieder westw�rts zu wenden, der unsichtbaren Ostflanke der Weldhelm-Berge zu. Hier gab es keine Felsen mit Wasserstrudeln dar�ber; die Str�mung flo� rasch und gleichm��ig. Simon wollte Marya gerade etwas fragen, als Binabik die Hand hob.</p><p>Sie fuhren um eine Biegung, und da lag es vor ihnen: ein Wald aus unfa�bar anmutigen T�rmen � wie ein juwelenfunkelndes R�tsel inmitten des gr��eren Waldes aus B�umen. Die Sithistadt, die sich auf beiden Seiten des Flusses erhob, schien unmittelbar aus dem Boden zu wachsen. Sie war wie der ureigene Traum des Waldes, Wirklichkeit geworden in feinem Stein, in hundert Farbt�nen von Gr�n und Wei� und blassem Sommerhimmelblau. Sie war ein endloses Dickicht aus nadelspitzem Stein, aus hauchd�nnen �berg�ngen wie Br�cken aus Spinnweb, aus filigranen Turmspitzen und Minaretten, die bis in die hohen Wipfel der B�ume reichten, um auf ihren Eisblumengesichtern die Sonne einzufangen. Vor ihnen lag die Vergangenheit, die ihnen den Atem raubte und das Herz zerri�. Es war das Sch�nste, was Simon je gesehen hatte.</p><p>Aber als sie tiefer in die Stadt hineinkamen, zwischen deren schlanken S�ulen der Flu� sich hindurchwand, sahen sie deutlich, da� der Wald dabei war, <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis> f�r sich zur�ckzugewinnen. Die plattenbelegten T�rme mit ihren Mustern aus kunstvollen Rissen waren von Efeu und verschlungenen Baum�sten gefesselt wie durch Netze. An vielen Stellen, wo einmal W�nde oder T�ren aus Holz oder anderen verg�nglichen Stoffen gewesen waren, standen die steinernen H�llen jetzt gef�hrlich ungest�tzt, wie die gebleichten Skelette unvorstellbarer Meerwunder. �berall dr�ngte sich Pflanzenwuchs hinein, klammerte sich an schmale Mauern, erstickte die zarten Turmspitzen in gleichg�ltigem Laub.</p><p>In gewisser Hinsicht, fand Simon, sah es dadurch nur noch sch�ner aus, so als h�tte der Wald, rastlos und unerf�llt, eine Stadt aus sich selbst herauswachsen lassen.</p><p>Binabiks ruhige Stimme unterbrach die Stille, feierlich wie der Augenblick selbst; ihr Echo verklang schnell im alles erstickenden Gr�n. �<emphasis>Baum des singenden Windes</emphasis> nannten sie es: <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis>. Einst war es voller Musik und Leben. In allen Fenstern brannten Lampen, und bunte Boote segelten auf dem Flu�.�</p><p>Der Troll legte den Kopf in den Nacken, um nach oben zu schauen, als sie unter einer letzten Steinbr�cke hindurchfuhren, schmal wie ein Federkiel, mit den Abbildern anmutiger, geweihgeschm�ckter Hirsche bedeckt. �Baum des singenden Windes�, wiederholte er, weit weg wie jemand, der tief in Gedanken versunken ist.</p><p>Simon steuerte ihr kleines Fahrzeug wortlos zu einer Uferreihe von Steinstufen, die an einer Plattform endeten, die fast auf gleicher H�he mit dem Wasserspiegel des breiten Flusses lag. Dort stiegen sie aus und banden das Boot an eine Wurzel, die durch den zersprungenen wei�en Stein gewachsen war. Als sie die Stufen hinaufgegangen waren, blieben sie stehen und betrachteten schweigend die ranken�berwucherten W�nde und bemoosten G�nge. Selbst die Luft in der verfallenen Stadt war voll von stummen Echos wie eine gestimmte, aber nicht angeschlagene Saite. Sogar Qantaqa stand wie betreten da, lie� den Schwanz h�ngen und witterte. Dann spitzte sie die Ohren und winselte.</p><p>Das Zischen war fast unh�rbar. Ein Schattenstrich sauste an Simons Gesicht vorbei und prallte mit scharfem Klirren von einem der zerst�rten �berg�nge ab. Funkelnde Splitter aus gr�nem Stein stoben nach allen Richtungen. Simon fuhr herum.</p><p>Keine hundert Ellen entfernt und von den Gef�hrten nur durch die wogende Wasserfl�che des Flusses getrennt, stand eine schwarzgekleidete Gestalt, in der Hand einen Bogen, der so lang war wie sie selbst. Hinter ihr kam ungef�hr ein Dutzend anderer M�nner in blau und schwarz gemusterten Waffenr�cken den Pfad hinauf.</p><p>Die schwarze Gestalt hob eine Hand an den Mund. Sekundenlang schimmerte ein heller Bart.</p><p>�Ihr k�nnt nicht entkommen!� klang Ingen Jeggers Stimme ged�mpft �ber das Tosen des Flusses. �Ergebt euch, im Namen des K�nigs!�</p><p>�Das Boot!� schrie Binabik, aber noch w�hrend sie zu den Stufen zur�ckhasteten, reichte der schwarzgekleidete Ingen dem Fackeltr�ger einen schmalen Gegenstand. Feuer loderte auf. Gleich darauf hatte er den Pfeil auf die Bogensehne gelegt. Als die Gef�hrten die unterste Stufe erreicht hatten, sauste ein Feuerblitz �ber den Flu� und explodierte in der Bootswand. Der zitternde Pfeil setzte fast sofort die Borke in Brand, und es gelang dem Troll nur noch knapp, einen der Rucks�cke herauszuzerren, bevor die Flammen ihn zur�ckzwangen. F�r einen Augenblick hinter dem auflodernden Brand verborgen, hasteten Simon und Marya die Treppe wieder hinauf, Binabik dicht hinter ihnen. Oben rannte Qantaqa von einer Seite zur anderen und stie� ein heiseres Gebell des Entsetzens aus.</p><p>�Lauft!� fauchte Binabik. Auf der anderen Flu�seite traten zwei weitere Bogensch�tzen neben Ingen. Als Simon der Deckung des n�chstgelegenen Turmes zustrebte, h�rte er das schreckliche Sirren eines zweiten Pfeils und sah ihn zwanzig Ellen vor sich �ber die Steinplatten scharren. Zwei weitere Pfeile prallten gegen die Turmmauer, die so qu�lend weit vor ihm zu liegen schien. Ein Schmerzensschrei drang an sein Ohr, gefolgt von Maryas angstvollem Ruf.</p><p>�Simon!�</p><p>Er wirbelte herum und sah Binabik zu Boden st�rzen, ein kleines B�ndel zu F��en des M�dchens. Irgendwo heulte ein Wolf.</p></section><section><title><p>XXVIII</p><p>Trommeln aus Eis</p></title><p>Die Morgensonne des vierundzwanzigsten Tages im Maia-Monat strahlte auf Hernysadharc hinunter und verwandelte die goldene Scheibe auf der Spitze des h�chsten Taig-Daches in einen Reif aus blitzender Flamme. Der Himmel war blau wie ein emaillierter Teller, so als h�tte Brynioch von den Himmeln mit seinem g�ttlichen Haselstecken die Wolken verjagt, die nun finster �ber den hohen Gipfeln des aufragenden Grianspog lauern mu�ten.</p><p>Die pl�tzliche R�ckkehr des Fr�hlings h�tte Maegwins Herz eigentlich erfreuen m�ssen. In ganz Hernystir hatten der unzeitige Regen und grausame Frost sich wie ein Leichentuch �ber Land und Volk ihres Vaters gelegt. Blumen waren ungeboren in der Erde erfroren. Klein und sauer waren die �pfel von den knotigen �sten in den Obstg�rten gefallen. Schafe und K�he, zum Grasen auf nasse Wiesen geschickt, kamen mit angstvoll rollenden Augen in die St�lle zur�ck, von Hagelk�rnern und Sturmb�en verschreckt.</p><p>Eine Amsel, die dreist bis zum letzten Augenblick gewartet hatte, h�pfte von Maegwins Weg in die kahlen Zweige eines Kirschbaumes hinauf und fing an, streits�chtig zu trillern. Maegwin h�rte nicht darauf, sondern raffte ihr langes Kleid und eilte der gro�en Halle ihres Vaters zu.</p><p>Zuerst beachtete sie die Stimme nicht, die ihren Namen rief, weil sie sich bei ihrem Vorhaben nicht aufhalten lassen wollte. Schlie�lich drehte sie sich aber doch unwillig um und sah ihren Halbbruder Gwythinn auf sich zurennen. Mit verschr�nkten Armen blieb sie stehen und wartete auf ihn.</p><p>Gwythinns wei�es Wams war in Unordnung und sein goldener Halsring halb nach hinten gerutscht, als w�re er ein Kind und nicht ein junger Mann im waffenf�higen Alter. Keuchend holte er sie ein. Sie schnaubte emp�rt und machte sich sofort daran, seine Sachen zurechtzuzupfen. Der Prinz grinste frech, wartete aber geduldig, bis sie den Halsring so gedreht hatte, da� er auf dem Schl�sselbein lag. Seine lange, braune Haarm�hne hatte sich zum gr��ten Teil aus dem roten Tuch gel�st, das sie in einem l�ssigen Pferdeschwanz zusammengehalten hatte. Als Maegwin nach hinten griff, um es wieder festzubinden, standen sie Auge in Auge, obwohl Gwythinn gewi� kein kleiner Mann war. Maegwin machte ein finsteres Gesicht.</p><p>�Bei Bagbas Herde, Gwythinn, wie du wieder aussiehst! Du mu�t dich endlich bessern. Eines Tages wirst du K�nig sein!�</p><p>�Und was hat das K�nigsein mit meiner Haartracht zu tun? Au�erdem sah ich durchaus sch�n aus, als ich loslief, aber ich mu�te ja rennen wie der Wind selbst, um dich einzuholen � mit deinen langen Beinen.�</p><p>Maegwin wandte sich err�tend ab. Ihre Gr��e war etwas, bei dem sie trotz aller M�he nicht sachlich bleiben konnte.</p><p>�Jetzt hast du mich ja eingeholt. Willst du auch in die Halle?�</p><p>�Allerdings.� Ein strengerer Ausdruck huschte quecksilberschnell �ber Gwythinns Gesicht, und er zupfte an seinem langen Schnurrbart. �Ich habe etwas mit unserem Vater zu besprechen.�</p><p>�Ich auch�, nickte Maegwin bereits im Gehen. Die Schritte der beiden und ihre K�rperl�nge pa�ten so genau zusammen, das rotbraune Haar glich sich so, als w�re es auf demselben Rad gesponnen, da� jeder Au�enstehende sie f�r Zwillinge gehalten h�tte, obwohl Maegwin f�nf Jahre �lter war und eine andere Mutter gehabt hatte.</p><p>�Gestern abend ist Aeghonwye gestorben, unsere beste Zuchtsau. Wieder eine, Gwythinn! Was kann es nur sein? Eine Pest wie in Abaingeat?�</p><p>�Wenn es eine Pest ist�, erwiderte ihr Bruder grimmig und tastete nach dem mit Leder umwickelten Griff seines Schwertes, �dann wei� ich, wer sie zu uns gebracht hat. Dieser Mann ist eine wandelnde Seuche.� Er schlug auf den Schwertknauf und spuckte aus. �Ich bete nur, da� er heute einmal etwas Ungeh�riges sagt. Brynioch! Wie gern w�rde ich mit dem Kerl die Klingen kreuzen!�</p><p>Maegwin bekam schmale Augen. �Sei kein Narr�, erkl�rte sie �rgerlich, �Guthwulf hat hundert M�nner get�tet. Und auch wenn es dir merkw�rdig vorkommen mag, er ist Gast im Taig.�</p><p>�Ein Gast, der meinen Vater beleidigt!� knurrte Gwythinn und ri� den Ellenbogen aus Maegwins sanftem Griff. �Ein Gast, der Drohungen von einem Hochk�nig �berbringt, dessen Reich unter seiner schlechten Regierung zugrunde geht � einem K�nig, der herumstolziert und Leute einsch�chtert und mit Goldm�nzen um sich wirft wie mit Kieselsteinen � um dann von Hernystir zu verlangen, da� wir das bezahlen!� Gwythinns Stimme wurde lauter, und seine Schwester, besorgt, wer ihn vielleicht h�ren konnte, warf einen hastigen Blick in die Runde. Au�er den bleichen Gestalten der T�rh�ter, gute hundert Schritte entfernt, war niemand zu sehen.</p><p>�Wo war K�nig Elias, als wir die Stra�e nach Naarved und Elvritshalla verloren? Als R�uber � und die G�tter wissen, was sonst noch � die Frostmarkstra�e �berfielen?� Mit aufs neue ger�tetem Gesicht schaute der Prinz auf, nur um festzustellen, da� Maegwin nicht mehr neben ihm stand. Er drehte sich um und sah sie zehn Schritte hinter sich, wo sie mit gekreuzten Armen stehengeblieben war.</p><p>�Bist du fertig, Gwythinn?� fragte sie. Er nickte, aber seine Lippen waren fest zusammengepre�t. �Nun gut. Der Unterschied zwischen unserem Vater und dir, Bruder, betr�gt mehr als nur drei�ig und ein paar Jahre. Er hat gelernt, wann man reden und wann man seine Gedanken f�r sich behalten mu�. Das ist der Grund, warum du eines Tages � dank ihm � K�nig sein wirst und nicht blo� der Herzog von Hernystir.�</p><p>Gwythinn starrte sie eine lange Weile an. �Ich wei߫, erwiderte er endlich, �du m�chtest, da� ich so bin wie Eolair und vor den erkynl�ndischen Hunden Verbeugungen und Kratzf��e mache. Ich wei�, f�r dich ist Eolair Sonne und Mond � und es ist dir dabei ganz gleich, was er von dir h�lt, und wenn du zehnmal eine K�nigstochter bist �, aber so ein Mann will ich nicht sein. Wir sind Hernystiri! Wir kriechen vor niemandem!�</p><p>Maegwin musterte ihn giftig, getroffen von seiner spitzen Bemerkung �ber ihre Gef�hle f�r den Grafen von Nad Mullagh � mit der Gwythinn im �brigen vollkommen richtig lag: Die Aufmerksamkeit, die Eolair ihr widmete, war nicht mehr als das, was der linkischen, ledigen Tochter eines K�nigs zustand. Aber die Tr�nen, die sie f�rchtete, kamen nicht; statt dessen schaute sie Gwythinn an, dessen gutgeschnittene Z�ge von ohnm�chtigem Ha�, Stolz und nicht zuletzt aufrichtiger Liebe zu seinem Volk und Land verzerrt waren, und sie erblickte in ihm wieder den kleinen Bruder, den sie einst auf den Schultern getragen � und selbst von Zeit zu Zeit so geneckt hatte, da� er zu weinen anfing.</p><p>�Warum streiten wir uns, Gwythinn?� fragte sie m�de. �Was hat diesen Schatten �ber unser Haus gebracht?�</p><p>Ihr Bruder senkte den Blick auf seine Stiefelspitzen und streckte ihr verlegen die Hand entgegen. �Freunde und Verb�ndete�, sagte er. �Komm, wir wollen hineingehen und mit Vater sprechen, bevor der Graf von Utanyeat sich einschleicht, um ihm sein w�rmstes Lebewohl zu entbieten.�</p><p>Die Fenster der gro�en Halle des Taig standen weit offen; das hereinstr�mende Sonnenlicht war voll vom funkelnden Staub der auf dem Boden ausgestreuten Binsen. Die dicken Balken der Wand, aus den Eichb�umen des Circoille gehauen, f�gten sich so exakt aneinander, da� kein Licht hindurchschimmerte. Oben unter den Dachbalken hingen tausend bemalte Schnitzereien von G�ttern, Helden und Ungeheuern der Hernystiri. Sie drehten sich langsam zwischen den Dachsparren, und in ihren polierten Holzgesichtern spiegelte sich warm das Licht.</p><p>Am anderen Ende der Halle, in das von beiden Seiten Sonne fiel, sa� auf seinem gewaltigen Eichenthron K�nig Lluth-ubh-Llythinn unter dem geschnitzten Hirschkopf, der �ber die R�ckenlehne ragte und an dessen h�lzernem Sch�del ein Geweih aus echtem Horn befestigt war. Der K�nig a� mit einem Knochenl�ffel eine Schale Haferbrei mit Honig. Neben ihm, auf einem niedrigeren Sessel, war seine junge Frau Inahwen damit besch�ftigt, den Saum eines seiner Gew�nder mit einer Ranke aus zierlichen Stichen zu schm�cken.</p><p>Als die Wachtposten zweimal mit den Speerspitzen auf die Schilde schlugen, um Gwythinns Ankunft zu melden � der weniger hohe Adel wie etwa Graf Eolair bekam nur einen Schlag, der K�nig selber drei und Maegwin gar keinen �, schaute Lluth auf und l�chelte. Er stellte die Schale auf die Armlehne des Thrones und wischte sich mit dem �rmel den grauen Schnurrbart ab. Inahwen sah die Bewegung und warf Maegwin einen verzweifelten Blick von Frau zu Frau zu, der Lluths Tochter nicht wenig �rgerte. Maegwin war nie recht dar�ber hinweggekommen, da� Gwythinns Mutter Fiathna den Platz Penemhwyes, ihrer eigenen Mutter, eingenommen hatte, die gestorben war, als Maegwin gerade vier Jahre z�hlte. Aber wenigstens war Fiathna in Lluths Alter gewesen, kein junges M�dchen wie Inahwen! Andererseits hatte die junge, goldhaarige Frau ein gutes Herz, wenn auch vielleicht nicht allzuviel Verstand. Und schlie�lich war es ganz und gar nicht Inahwens Schuld, da� sie eine dritte Gemahlin geworden war.</p><p>�Gwythinn!� Lluth erhob sich halb und strich die Kr�mel vom Scho� seines geg�rteten gelben Gewandes. �Haben wir nicht Gl�ck, da� die Sonne heute scheint?� Der K�nig schwenkte die Hand zum Fenster, vergn�gt wie ein Kind, das ein kleines Kunstst�ck gelernt hat. �Es steht fest, da� wir ein bi�chen Sonne brauchen, wie? Und vielleicht hilft sie uns, unsere G�ste aus Erkynland�, er verzog das Gesicht und seine klugen, beweglichen Z�ge nahmen einen verwirrten Ausdruck an, und �ber der dicken, schiefen, in seiner Knabenzeit gebrochenen Nase zogen sich die Brauen zusammen, �in eine zug�nglichere Stimmung zu versetzen. Glaubst du nicht auch?�</p><p>�Nein, das glaube ich nicht, Vater�, erwiderte Gwythinn und trat n�her, w�hrend der K�nig sich wieder in seinem hirschgeweihgekr�nten Thron zur�cksetzte. �Und ich hoffe, die Antwort, die Ihr ihnen heute gebt � mit Verlaub �, schickt sie in noch �blerer Laune nach Hause.� Er zog sich einen Schemel heran und setzte sich gleich unterhalb des erh�hten Podestes zu F��en seines Vaters. Ein Harfner beeilte sich, ihm Platz zu machen. �Gestern abend hat einer von Guthwulfs Soldaten Streit mit dem alten Craobhan angefangen. Ich hatte gro�e M�he, Craobhan daran zu hindern, dem Bastard mit einem Pfeil den R�cken zu federn.�</p><p>Sekundenlang machte Lluth ein sorgenvolles Gesicht, dann verschwand dieser Ausdruck unter der l�chelnden Maske, die Maegwin so gut kannte.</p><p><emphasis>Ach, Vater,</emphasis> dachte sie, <emphasis>selbst du findest es wohl ein wenig m�hsam, die Musik weiterspielen zu lassen, w�hrend diese K�ter im ganzen Taig herumkl�ffen.</emphasis></p><p>Sie kam wortlos n�her und setzte sich neben Gwythinns Schemel auf das Podest.</p><p>�Nun ja�, grinste der K�nig ein wenig mi�mutig, �fest steht, da� K�nig Elias seine Botschafter etwas sorgf�ltiger h�tte ausw�hlen k�nnen. Aber in einer Stunde werden sie fort sein, und es wird wieder Friede in Hernysadharc einkehren.� Lluth schnalzte mit den Fingern, und ein Page sprang vor, um ihm seine Haferbreischale abzunehmen. Inahwen sah kritisch zu, wie sie vorbeigetragen wurde.</p><p>�Aha�, meinte sie vorwurfsvoll. �Schon wieder nicht aufgegessen. Was soll ich mit eurem Vater anfangen?� f�gte sie hinzu und blickte dabei Maegwin an, wobei sie sie liebevoll anl�chelte, als w�re auch Maegwin ein Soldat in der st�ndigen Schlacht um Lluth, der seinen Teller nicht leer a�.</p><p>Maegwin, die immer noch nicht wu�te, wie sie mit einer Mutter umgehen sollte, die ein Jahr j�nger war als sie selber, brach rasch das Schweigen. �Aeghonwye ist gestorben, Vater. Unsere beste Sau, und die zehnte Sau in diesem Monat. Und einige von den anderen sind sehr d�nn geworden.�</p><p>Der K�nig runzelte die Stirn. �Dieses verfluchte Wetter. Wenn Elias wenigstens die Fr�hlingssonne am Himmel halten k�nnte � ich zahlte ihm jede Steuer, die er verlangte.� Er streckte die Hand aus, um Maegwins Arm zu t�tscheln, kam aber nicht ganz so weit hinunter. �Alles, was wir tun k�nnen, ist, die Binsen in den St�llen h�her zu schichten, damit die K�lte nicht so eindringt. Wenn das versagt, stehen wir in Bryniochs und Mirchas g�ttlichen H�nden.�</p><p>Wieder krachte metallisch Speer auf Schild, und der Sprecher der T�rsteher erschien mit nerv�s gerungenen H�nden.</p><p>�Hoheit�, rief er, �der Graf von Utanyeat ersucht um Geh�r.�</p><p>Lluth l�chelte. �Unsere G�ste m�chten sich verabschieden, bevor sie zu Pferd steigen. Nat�rlich! Bitte f�hrt Graf Guthwulf sofort herein.�</p><p>Aber der Gast, gefolgt von mehreren seiner gepanzerten, wenn auch schwertlosen M�nner, dr�ngte sich bereits an dem alten Diener vorbei.</p><p>F�nf Schritte vor dem Hochsitz sank Guthwulf langsam auf ein Knie. �Eure Majest�t � ah, und auch der Prinz. Ich habe Gl�ck.� Es lag kein sp�ttischer Unterton in seiner Stimme, aber in den gr�nen Augen glitzerte ein nur schlecht verborgenes Feuer. �Und Prinzessin Maegwin�, � ein L�cheln �, �die Rose von Hernysadharc.�</p><p>Maegwin bewahrte m�hsam Haltung. �Graf, es gab nur eine Rose von Hernysadharc�, erkl�rte sie, �und da sie die Mutter Eures K�nigs Elias war, wundere ich mich, da� dies Euch entfallen zu sein scheint.�</p><p>Guthwulf nickte ernsthaft. �Gewi�, Herrin. Ich wollte Euch nur eine Artigkeit sagen; doch mu� ich meinerseits beanstanden, da� Ihr Elias <emphasis>meinen</emphasis> K�nig nennt. Ist er nicht unter dem Schutz des K�nigsfriedens auch der Eure?�</p><p>Gwythinn rutschte unruhig auf seinem Schemel hin und her und drehte sich um, weil er sehen wollte, wie sein Vater darauf antworten w�rde. Seine Schwertscheide scharrte �ber das Holzpodest.</p><p>�Nat�rlich, nat�rlich.� Lluth machte eine langsame Handbewegung, wie jemand, der tief unter Wasser steht. �Das haben wir ja alles schon er�rtert, und ich sehe keine Veranlassung, von neuem damit zu beginnen. Ich erkenne die Schuld meines Hauses K�nig Johan gegen�ber an. Wir haben diese Pflicht stets erf�llt, im Frieden wie im Krieg.�</p><p>�Ja.� Der Graf von Utanyeat stand auf und klopfte sich die Knie seiner Hosen ab. �Aber wie verh�lt es sich mit dem, was Euer Haus K�nig Elias schuldet? Er hat gro�e Langmut bewiesen��</p><p>Inahwen erhob sich, und das Gewand, an dem sie gen�ht hatte, glitt zu Boden. �Ihr m��t mich entschuldigen�, erkl�rte sie atemlos und hob es auf. �Ich mu� mich um Haushaltsangelegenheiten k�mmern.� Der K�nig nickte ihr Gew�hrung zu, und sie schritt schnell, aber achtsam zwischen den wartenden M�nnern hindurch und schl�pfte anmutig wie ein Reh aus der halb ge�ffneten T�r der Halle.</p><p>Lluth stie� einen stillen Seufzer aus; Maegwin betrachtete ihn und sah, was sie jedesmal wieder erstaunte: die Alterslinien, die das Gesicht ihres Vaters �berzogen.</p><p><emphasis>Er ist m�de, und sie, Inahwen, hat Angst,</emphasis> dachte die Prinzessin. <emphasis>Und was ist mit mir? Bin ich zornig? Ich wei� es gar nicht genau � eigentlich bin ich wohl eher ersch�pft.</emphasis></p><p>Der K�nig starrte Elias' Boten an, und der Raum schien sich zu verdunkeln. Einen Augenblick f�rchtete Maegwin, Wolken h�tten sich �ber die Sonne geschoben, und der Winter kehre zur�ck; dann aber verstand sie, da� es nur ihre eigenen tr�ben Ahnungen waren, das j�he Gef�hl, da� es hier um weit mehr ging als nur um ihres Vaters Seelenfrieden.</p><p>�Guthwulf�, begann der K�nig, und seine Stimme klang wie von gro�er Last beschwert, �glaubt nicht, da� Ihr mich heute zum Zorn reizen k�nnt � doch denkt auch nicht, Ihr k�nntet mich einsch�chtern. K�nig Elias hat bisher keinerlei Verst�ndnis f�r die Sorgen der Hernystiri gezeigt. Wir haben eine schlimme Trockenzeit hinter uns, und der Regen, f�r den wir allen G�ttern tausendfach Dank gesagt haben, hat sich in einen Fluch verwandelt. Welche Strafe kann Elias mir androhen, die schlimmer ist, als zusehen zu m�ssen, wie mein Volk in Angst lebt, da� unser Vieh verhungert? Ich kann keinen h�heren Zehnten bezahlen.�</p><p>Einen Moment stand der Graf von Utanyeat stumm, und die Ausdruckslosigkeit seiner Z�ge verh�rtete sich langsam zu etwas, das f�r Maegwin beunruhigend nach Jubel aussah.</p><p>�Keine schlimmere Strafe?� sagte der Graf und lie� jedes Wort auf der Zunge zergehen, als schmecke es s��. �Kein h�herer Zehnt?� Er spie einen Schwall Citrilsaft auf den Boden vor dem Thron. Mehrere von Lluths Kriegern schrien vor Emp�rung laut auf; der Harfner, der in der Ecke leise vor sich hingespielt hatte, lie� mit mi�t�nendem Krachen sein Instrument fallen.</p><p>�<emphasis>Hund!</emphasis>� Gwythinn sprang auf. Sein Schemel fiel klappernd um. In einer blitzschnellen Sekunde war sein Schwert gezogen und lag an Guthwulfs Hals. Der Graf schaute ihn nur an, das Kinn ganz leicht zur�ckgeworfen.</p><p>�Gwythinn!� rief Lluth scharf. �In die Scheide mit dem Schwert, verdammter Junge!�</p><p>Guthwulfs Lippen kr�uselten sich. �La�t ihn doch. Los, Welpe, t�te die unbewaffnete Hand des Hochk�nigs!� An der T�r entstand ein Klirren, als einige M�nner des Herzogs, die sich von ihrer Verbl�ffung erholt hatten, n�herkamen. Guthwulfs Hand fuhr in die H�he. �Nein! Selbst wenn dieser Welpe mir die Luftr�hre von Ohr zu Ohr durchschneidet, soll niemand ihn anfassen! Reitet zur�ck nach Erkynland. K�nig Elias wird � gro�en Anteil nehmen.�</p><p>Seine M�nner verharrten wie gepanzerte Vogelscheuchen. �Zur�ck, Gwythinn�, befahl Lluth, kalten Zorn in der Stimme. Der Prinz, feuerrot im Gesicht, warf dem Erkynl�nder einen langen Blick zu, dann lie� er die Klinge wieder an seine Seite sinken. Guthwulf strich mit dem Finger �ber den winzigen Schnitt an seiner Kehle und betrachtete k�hl sein eigenes Blut. Maegwin merkte, da� sie den Atem angehalten hatte; beim Anblick des purpurroten Flecks auf der Fingerspitze des Grafen stie� sie ihn pfeifend aus.</p><p>�Ihr werdet am Leben bleiben, um Elias pers�nlich Bericht zu erstatten, Utanyeat.� Nur der Hauch eines Zitterns tr�bte die Gelassenheit der k�niglichen Stimme. �Und Verge�t nicht, ihm auch von der t�dlichen Beleidigung zu erz�hlen, die Ihr dem Hause Hern zugef�gt habt, einer Beleidigung, die Euren Tod bedeutet h�tte, w�ret Ihr nicht Elias' Gesandter und die Hand des K�nigs. Geht jetzt!�</p><p>Guthwulf drehte sich um und trat zu seinen M�nnern, die mit aufgerissenen, wilden Augen dastanden. Als er sie erreicht hatte, machte er auf dem Absatz kehrt und sah Lluth �ber die weite Fl�che der gro�en Halle an.</p><p>�Erinnert Euch, da� Ihr keinen h�heren Zehnten zu zahlen bereit wart, wenn Ihr eines Tages Feuer in den Balken des Taig und das Weinen Eurer Kinder h�rt.� Dann stapfte er mit schweren Schritten zur T�r hinaus.</p><p>Maegwin b�ckte sich mit zitternden H�nden und hob ein St�ck der zerschmetterten Harfe auf. Die gerollte Saite wand sie sich um die Hand. Sie hob den Kopf, um Vater und Bruder anzuschauen; was sie sah, veranla�te sie, sich wieder dem Holzst�ck und der Saite zuzuwenden, die sich straff �ber ihre wei�e Haut spannte.</p><empty-line/><p>Tiamak hauchte einen leisen Fluch der Wranna-M�nner und musterte betr�bt den leeren Schilfk�fig. Es war seine dritte Falle, und bisher hatte noch in keiner ein Krebs gesessen. Die Fischkopfk�der waren nat�rlich spurlos verschwunden. Finster starrte er in das schlammige Wasser und hatte pl�tzlich das unheimliche Gef�hl, da� die Krebse einfach schlauer waren als er � vielleicht jetzt schon darauf warteten, da� er den K�fig, mit einem neuen glotz�ugigen Kopf verproviantiert, wieder in Wasser versenkte. Er konnte sich ausmalen, wie ein ganzer Krebsstamm mit allen Anzeichen des Jubels herbeieilte, um den K�der mit einem Stock oder irgendeinem anderen Werkzeug, das eine wohlwollende Krustentiergottheit dem Krabbenvolk seit neuestem verliehen hatte, zwischen den Gitterst�ben herauszustochern.</p><p>Ob ihn die Krebse wohl als weichschaligen Futter-Engel verehrten, fragte er sich, oder ob sie mit der kaltschn�uzigen Gleichg�ltigkeit einer Bande von Tunichtguten zu ihm aufsahen, die den Grad der Betrunkenheit eines S�ufers pr�ften, bevor sie ihn um seine B�rse erleichterten?</p><p>Er war �berzeugt, da� letzteres der Fall war. Er setzte einen neuen K�der in den sorgf�ltig geflochtenen K�fig und lie� ihn mit leisem Seufzer ins Wasser zur�ckplumpsen. Im Sinken rollte er das Seil hinter sich ab.</p><p>Die Sonne schl�pfte gerade hinter den Horizont und t�nchte den weiten Himmel �ber der Marsch mit orange- und pflaumenfarbigen T�nen. Tiamak stakte seinen flachen Kahn �ber die Wasserwege von Wran � stellenweise nur durch die geringere H�he des Pflanzenwuchses vom Land zu unterscheiden � und hatte das unangenehme Gef�hl, das Pech des heutigen Tages sei nur der Beginn einer immer gr��er werdenden Welle. Heute morgen hatte er schon seine beste Sch�ssel zerbrochen, die er damit bezahlt hatte, da� er Roahog dem T�pfer zwei Tage lang die Liste seiner Ahnen aufschrieb; am Nachmittag hatte er eine Federspitze zerdr�ckt und einen gro�en Klecks aus Beerensafttinte �ber sein Manuskript gespritzt: eine fast vollgeschriebene Seite war ruiniert. Und wenn jetzt die Krebse nicht beschlossen hatten, auf dem engen Raum seiner letzten Falle irgendein Fest abzuhalten, w�rde es heute abend auch noch ziemlich wenig zu essen geben. Er hatte die Wurzelsuppen und Reiskekse langsam ungemein satt!</p><p>Als er sich lautlos dem letzten Schwimmer n�herte, einem kugelf�rmigen Gittergeflecht aus Schilf, richtete er ein unausgesprochenes Gebet an Ihnder-stets-auf-Sand-tritt, da� gerade jetzt die kleinen Grundl�ufer sich unten im K�fig dr�ngeln und sto�en sollten. Wegen seiner ungew�hnlichen Erziehung, zu der ein Jahr Aufenthalt in Perdruin gez�hlt hatte � unerh�rt f�r einen Wranna-Mann �, glaubte Tiamak eigentlich nicht mehr an Ihn-derstets-auf-Sand-tritt, brachte ihm aber trotzdem eine gewisse Anh�nglichkeit entgegen, so wie man sie f�r einen verkalkten Gro�vater empfindet, der �fter vom Haus herunterf�llt, einem fr�her aber N�sse und geschnitztes Spielzeug geschenkt hat. Au�erdem schadete ein Gebet nie, auch dann nicht, wenn man nicht an seinen Empf�nger glaubte. Es beruhigte und machte zudem Eindruck auf andere Leute.</p><p>Langsam hob sich die Falle, und einen Augenblick schlug Tiamaks Herz schneller in seiner schmalen Brust, als wolle es die erwartungsvollen Ger�usche seines Magens �bert�nen. Aber das Gef�hl von Widerstand war nur von kurzer Dauer; wahrscheinlich hatte eine Schlingwurzel den K�fig festgehalten und war nun abgerutscht, so da� er pl�tzlich nach oben h�pfte und auf der wolkigen Wasseroberfl�che tanzte. Etwas bewegte sich doch darin; Tiamak hob den K�fig auf und hielt ihn mit zusammengekniffenen Augen zwischen sich und den grellen Sonnenuntergangshimmel. Zwei winzige F�hlerspitzenaugen glotzten zur�ck, Augen, die �ber einem Krebs schwankten, der in seiner Handfl�che verschwinden w�rde, wenn der Wranna-Mann die Finger dar�ber schlo�.</p><p>Tiamak schnaubte. Er konnte sich vorstellen, was da geschehen war. Die �lteren, w�steren Krebsbr�der hatten den Kleinen so lange ge�rgert, bis er die Falle in Angriff nahm; das Junge, einmal gefangen, weinte, w�hrend die rohen Br�der lachten und die Scheren schwenkten. Dann Tiamaks riesiger Schatten, der K�fig j�h nach oben gezerrt, die einander betreten anstarrenden Krebsbr�der, die sich fragten, wie sie ihrer Mutter erkl�ren sollten, da� Br�derchen nicht mehr da war.</p><p>Andererseits, dachte Tiamak unter Ber�cksichtigung des hohlen Gef�hls in seiner Mitte, wenn das nun einmal alles war, was er heute vorweisen konnte � der Fang war zwar klein, aber in der Suppe w�rde er sich nett machen.</p><p>Wieder schielte er in den K�fig, kippte ihn um und sch�ttelte den Gefangenen auf seine Handfl�che. Warum sich selbst etwas vormachen? Es war ein Tag, um auf Sandb�nken aufzulaufen, und damit hatte es sich.</p><p>Das Krebslein machte ein platschendes Ger�usch, als Tiamak es wieder ins Wasser fallen lie�. Er machte sich nicht die M�he, die Falle neu zu versenken.</p><p>Als er die lange Leiter von seinem vert�uten Boot zu dem kleinen H�uschen oben im Banyanbaum hinaufstieg, schwor sich Tiamak, mit Suppe und einem Keks zufrieden zu sein. Er erinnerte sich selber daran, da� V�llerei eines der Hindernisse war, die die Seele von den Gefilden der Wahrheit trennten. Schwankend erreichte er mit Hilfe der Leiter die Veranda vor dem Haus und dachte dabei an Sie-die-die-Menschheit-gebar, die nicht einmal eine sch�ne Schale Wurzelsuppe gehabt, sondern sich einzig und allein von Steinen, Erde und Sumpfwasser ern�hrt hatte, bis sie sich in ihrem Magen vereinten und sie einen Wurf Lehmwesen zur Welt brachte � die ersten Menschen.</p><p>Also, das machte Wurzelsuppe zu einem wirklichen Genu�, oder nicht? Au�erdem hatte Tiamak ohnehin noch viel zu tun, zum Beispiel die Manuskriptseite mit dem Fleck auszubessern oder neu zu schreiben. Bei seinen Stammesgenossen galt er lediglich als sonderbar, aber irgendwo auf der Welt mu�te es Menschen geben, die den von ihm �berarbeiteten Text von <emphasis>Die unfelbarn Heylmittel der Wranna-Heyler</emphasis> lesen und erkennen w�rden, da� es auch in den Marschen wahrhaft gelehrte K�pfe gab. Aber ach! ein Krebs w�re wirklich willkommen gewesen � und ein Krug Farnbier nicht minder.</p><p>Als Tiamak seine H�nde in der Wassersch�ssel wusch, die er hinausgestellt hatte, als er fortgegangen war � hockend, weil zwischen seinem fanatisch gescheuerten und polierten Schreibbrett und dem Wasserkrug kein Platz zum Sitzen war �, h�rte er auf dem Dach ein kratzendes Ger�usch. Er trocknete sich die H�nde an seinem H�fttuch und lauschte gespannt. Da war es wieder, ein trockenes Rascheln, als riebe jemand Tiamaks zerbrochene Schreibfeder �ber das Schilfdach.</p><p>Es dauerte nur eine Sekunde, bis er aus dem Fenster geschl�pft und Hand �ber Hand auf das schr�ge Dach geklettert war. Er packte einen der langen, gekr�mmten �ste des Banyan und stieg ganz nach oben, wo auf dem Dachgiebel ein kleiner, mit Baumrinde gedeckter Kasten sa�, ein H�uschen-Kind auf dem R�cken der Haus-Mutter. Tiamak steckte den Kopf in das offene Ende des Kastens.</p><p>Und tats�chlich, da war er, ein grauer Sperling, der munter die auf den Boden gestreuten K�rner aufpickte. Tiamak streckte eine sanfte Hand aus und griff nach ihm. Dann kletterte er, so vorsichtig er konnte, wieder vom Dach hinunter und glitt zum Fenster hinein.</p><p>Er setzte den Sperling in den Krabbenk�fig, den er f�r solche Anl�sse am Dachbalken aufgeh�ngt hatte, und z�ndete rasch ein Feuer an. Als auf dem steinernen Herd die Flammen zu z�ngeln begannen, holte er den Vogel aus dem K�fig. Seine Augen brannten, als der Rauch sich zum Deckenloch emporkr�uselte.</p><p>Der Sperling hatte ein paar Schwanzfedern verloren und hielt einen Fl�gel leicht abgespreizt, als h�tte er auf dem Weg von Erkynland herunter ein paar Abenteuer zu bestehen gehabt. Tiamak wu�te, da� er aus Erkynland kam, weil es der einzige Sperling war, den er je aufgezogen hatte. Seine anderen V�gel waren Marschtauben, aber aus irgendeinem Grund hatte Morgenes auf Sperlingen bestanden � er war eben ein komischer alter Kauz.</p><p>Nachdem er einen Topf Wasser aufs Feuer gesetzt hatte, tat Tiamak sein Bestes f�r den steifen Silberfl�gel und stellte dann dem Vogel weitere K�rner und eine hohlgew�lbte Baumrinde mit Wasser hin. Er war in Versuchung, mit dem Lesen der Botschaft so lange zu warten, bis er gegessen hatte, um den Genu� der Neuigkeiten aus weiter Ferne so lange wie m�glich vor sich zu haben, aber an einem Tag wie dem heutigen w�re soviel Geduld zuviel verlangt gewesen. Er zerstampfte ein wenig Reismehl im M�rser, f�gte etwas Pfeffer und Wasser hinzu, rollte die Mischung aus und formte sie zu einem Kuchen, den er zum Backen auf den Feuerstein legte.</p><p>Der um das Sperlingsbein gewickelte Pergamentstreifen war an den Enden ausgefranst und die Druckschrift verschmiert, als w�re der Vogel mehr als nur etwas na� geworden. Aber Tiamak war derlei gew�hnt und hatte den Inhalt schnell entziffert. Die Angabe des Schreibdatums �berraschte ihn: Der graue Sperling hatte fast einen Monat f�r die Reise nach Wran gebraucht. Aber noch mehr �berraschte ihn die Botschaft selbst, und es war nicht die Art �berraschung, auf die er gehofft hatte.</p><p>Mit dem Gef�hl eines kalten Gewichtes im Magen, das jeden Hunger verdr�ngte, trat er ans Fenster und schaute durch das Astgewirr des Banyanbaumes zu den schnell erbl�henden Sternen hinauf. Er starrte zum n�rdlichen Himmel und glaubte sekundenlang fast, den messerscharf kalten Wind zu sp�ren, der in die warme Luft von Wran einen eisigen Keil trieb. Lange stand er so am Fenster, bis er den Geruch seines verbrennenden Abendessens gewahrte.</p><empty-line/><p>Graf Eolair lehnte sich in seinem �ppig gepolsterten Sessel zur�ck und blickte zu der hohen Decke auf. Sie war mit frommen Gem�lden bedeckt, pedantisch genauen Wiedergaben von Usires, wie er die W�scherin heilte, Sutrins Martyrium in der Arena von Imperator Crexis und �hnlichen Themen. Die Farben schienen ein wenig verbla�t, und viele der Bilder waren vom Staub wie von feinen Schleiern verh�llt. Trotzdem boten sie einen eindrucksvollen Anblick, auch wenn es sich nur um eines der kleineren Vorzimmer der Sancellanischen �donitis handelte.</p><p><emphasis>Ein Millionengewicht von Sandstein, Marmor und Gold,</emphasis> dachte Eolair, <emphasis>und alles als Denkmal f�r etwas, das niemand je gesehen hat.</emphasis></p><p>Eine unwillkommene Woge von Heimweh �berflutete ihn, wie schon mehrfach in dieser letzten Woche. Was h�tte er nicht darum gegeben, wieder in seiner bescheidenen Halle in Nad Mullagh zu sitzen, umgeben von Nichten und Neffen und den kleinen Denkm�lern seines eigenen Volkes, seiner eigenen G�tter, oder im Taig von Hernysadharc, wo immer ein St�ck seines geheimen Herzens zur�ckblieb, anstatt hier, wo ihn der landverschlingende Stein Nabbans erdr�ckte! Doch der Wind roch nach Krieg, und er konnte sich nicht irgendwohin zur�ckziehen, wenn sein K�nig ihn um Hilfe bat. Aber er war des Reisens m�de. Das Gras von Hernystir unter den Hufen seines Rosses w�rde ein wunderbares Gef�hl sein.</p><p>�Graf Eolair! Vergebt mir, ich bitte Euch, da� Ihr warten mu�tet.� Vater Dinivan, der junge Sekret�r des Lektors, stand in der T�r am anderen Ende des Zimmers und wischte sich an seinem schwarzen Gewand die H�nde ab. �Heute war jetzt bereits ein voller Tag, und wir sind noch nicht einmal am Ende des Vormittages angelangt. Trotzdem�, er lachte, �ist das eine recht magere Entschuldigung. Bitte kommt mit in meine Wohnung!�</p><p>Eolair folgte ihm aus dem Vorzimmer hinaus. Seine Stiefel verursachten auf den dicken Teppichen kein Ger�usch.</p><empty-line/><p>�Da w�ren wir�, meinte Dinivan grinsend und w�rmte sich die H�nde am Feuer, �ist das besser? Es ist ein Skandal, aber wir k�nnen das gr��te Haus des Herrn nicht warm kriegen. Die Decken sind zu hoch, zumal in einem so kalten Fr�hjahr!�</p><p>Der Graf l�chelte. �Um die Wahrheit zu sagen, ist es mir kaum aufgefallen. In Hernystir schlafen wir bis auf die allerschlimmsten Winter bei offenem Fenster. Wir sind ein Volk, das im Freien lebt.�</p><p>Dinivan wackelte mit den Augenbrauen. �Und wir in Nabban sind verweichlichte S�dl�nder, wie?�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt!� Eolair lachte. �Eines seid ihr S�dl�nder jedenfalls � Meister der schlauen Rede.�</p><p>Dinivan nahm auf einem Stuhl mit ungepolsterter Lehne Platz.</p><p>�Ah, aber Seine Heiligkeit der Lektor � der, wie Ihr wi�t, urspr�nglich ein Erkynl�nder ist � kann uns im Reden allen etwas vormachen. Er ist ein weiser und einf�hlsamer Mann.�</p><p>�Das wei� ich. Und er ist es, �ber den ich mit Euch sprechen m�chte, Vater.�</p><p>�Nennt mich Dinivan, bitte. Ach, das ist immer das Los der Sekret�re gro�er M�nner � niemand sucht sie um ihrer selbst willen auf, immer nur wegen ihrer N�he zu anderen.� Er machte ein scheinbar niedergeschlagenes Gesicht.</p><p>Eolair stellte fest, da� ihm dieser Priester sehr sympathisch war. �Das ist in der Tat Euer Verh�ngnis, Dinivan. Jetzt, bitte, h�rt mich an. Ich vermute, Ihr wi�t, weshalb mein K�nig mich hierhergeschickt hat?�</p><p>�Ich m��te in der Tat ein T�lpel sein, wenn ich es nicht w��te. Wir leben in Zeiten, die Zungen wedeln lassen wie die Schweife aufgeregter Hunde. Lluth wendet sich an Leobardis, um mit ihm gemeinschaftlich vorzugehen.�</p><p>�So ist es.� Eolair trat vom Feuer weg, um sich einen Stuhl zu Dinivan heranzuziehen. �Es ist ein empfindliches Gleichgewicht: mein K�nig, Euer Lektor Ranessin, Elias der Hochk�nig, Herzog Leobardis ��</p><p>�Und Prinz Josua, wenn er noch lebt�, sagte Dinivan, und sein Gesicht war sorgenvoll. �Ja, f�rwahr ein h�chst empfindliches Gleichgewicht. Und Ihr wi�t, da� der Lektor nichts tun kann, um es zu ersch�ttern.�</p><p>Eolair nickte langsam. �Das wei� ich.�</p><p>�Warum also seid Ihr zu mir gekommen?� erkundigte sich Dinivan freundlich.</p><p>�Ich bin mir nicht ganz sicher. Doch eines m�chte ich Euch sagen: Es hat den Anschein, als braue sich lediglich irgendein Streit zusammen, wie es oft vorkommt; aber ich meinerseits f�rchte, da� es tiefer geht als das. Ihr m�gt mich f�r verr�ckt halten, aber ich ahne, da� ein Zeitalter zu Ende geht, und ich habe Angst vor dem, was das Kommende bringt.�</p><p>Der Sekret�r des Lektors starrte ihn an. Einen Augenblick sahen seine schlichten Z�ge viel �lter aus, als gr�ble er �ber Sorgen, die er lange mit sich herumgetragen h�tte.</p><p>�Ich will Euch gestehen, da� ich Eure Bef�rchtungen teile, Graf Eolair�, erwiderte er endlich. �Doch kann ich nicht f�r den Lektor sprechen, nur wiederholen, was ich vorhin sagte: Er ist ein weiser und einf�hlsamer Mann.� Er strich �ber den <emphasis>Baum</emphasis> auf seiner Brust. �Um aber Euer Herz zu erleichtern, kann ich noch dieses hinzuf�gen: Herzog Leobardis hat noch keinen Entschlu� gefa�t, wem er seine Unterst�tzung gew�hren will. Obwohl der Hochk�nig ihm abwechselnd schmeichelt und droht, leistet Leobardis ihm Widerstand.�</p><p>�Nun, das ist doch keine schlechte Nachricht�, meinte Eolair und l�chelte vorsichtig. �Als ich dem Herzog heute morgen begegnete, hielt er sehr auf Abstand, als f�rchte er, man k�nne sehen, wie er mir zu aufmerksam zuh�rte.�</p><p>�Er mu� vieles abw�gen, ganz wie mein Gebieter auch�, erwiderte Dinivan. �Aber ich will Euch noch etwas verraten � und das ist absolut vertraulich. Heute morgen habe ich Baron Devasalles zu Lektor Ranessin gef�hrt. Der Baron steht im Begriff, zu einer Gesandtschaft aufzubrechen, die sowohl f�r Leobardis als auch f�r meinen Herrn sehr viel bedeutet und viel mit der Entscheidung zu tun hat, in welche Waagschale Nabban bei einem Konflikt seine Macht werfen wird. Mehr als das kann ich nicht sagen, aber ich hoffe, da� es Euch ein wenig weiterhilft.�</p><p>�Mehr als nur ein wenig�, antwortete Eolair. �Ich danke Euch f�r Euer Vertrauen, Dinivan.�</p><p>Irgendwo in der Sancellanischen �donitis l�utete tief und dunkel eine Glocke.</p><p>�Die Clave�sche Glocke ruft die Mittagsstunde�, erkl�rte Vater Dinivan. �Kommt, wir wollen etwas zu essen und einen Krug Bier finden und �ber angenehmere Dinge reden.� Ein L�cheln huschte �ber seine Z�ge und machte ihn wieder jung. �Wi�t Ihr, da� ich einmal durch Hernystir gereist bin? Euer Land ist sch�n, Eolair.�</p><p>�Obwohl es ihm ein wenig an Steinbauten fehlt�, entgegnete der Graf und klopfte an die Wand von Dinivans Zimmer.</p><p>�Und das ist einer seiner Reize�, lachte der Priester und geleitete ihn zur T�r hinaus.</p><empty-line/><p>Der Bart des alten Mannes war wei� und so lang, da� er ihn beim Gehen in den G�rtel steckte � was er bis zum heutigen Morgen nun schon mehrere Tage getan hatte. Sein Haar war nicht dunkler als der Bart. Selbst seine Kapuzenjacke und die Beinlinge bestanden aus dem dicken Pelz eines wei�en Wolfes. Die Haut des Tieres war sorgf�ltig abgezogen worden; seine Vorderpfoten kreuzten sich �ber der Brust des Mannes, und der kiefernlose, auf eine Eisenhaube genagelte Kopf sa� auf seiner Stirn. Ohne die roten Kristallsplitter in den leeren Augenh�hlen des Wolfes und die grimmigen blauen Augen des Mannes darunter w�re auch er nur ein weiterer wei�er Fleck im verschneiten Forst zwischen dem Drorshullsee und den Bergen gewesen.</p><p>Das St�hnen des Windes in den Wipfeln wurde st�rker, und von den �sten der hohen Kiefer, unter der der Mann kauerte, fiel eine Schneewehe auf ihn herab. Er sch�ttelte sich ungeduldig wie ein Tier, und d�nner Nebel bildete sich um ihn herum, in dem sich sekundenlang das matte Licht der Sonne in einem Dunst winziger Regenbogen brach. Der Wind sang weiter sein klagendes Lied, und der alte Mann in Wei� griff neben sich und fa�te nach etwas, das auf den ersten Blick wie ein weiterer Klumpen Wei� aussah � ein schneebedeckter Stein oder Baumstumpf. Er hielt es in die H�he, wischte das pudrige Wei� von Oberteil und Seiten und hob dann die Tuchdecke gerade so hoch, da� er hineinsp�hen konnte.</p><p>Er fl�sterte etwas in die �ffnung und wartete. Dann runzelte er kurz die Brauen, als sei er ver�rgert oder beunruhigt. Er setzte den Gegenstand wieder hin, stand auf und schnallte den G�rtel aus gebleichtem Rentierleder ab. Vom mageren, wettergeh�rteten Gesicht schob er die Kapuze zur�ck und zog dann den Wolfspelzmantel aus. Das �rmellose Hemd, das er darunter trug, war von der Farbe der Jacke, die Haut der sehnigen Arme kaum dunkler; aber auf dem rechten Handgelenk, gerade oberhalb des Fausthandschuhs aus Fell, war in grellen Farben der Kopf einer Schlange zu sehen, in Blau und Schwarz und Blutrot auf die Haut gezeichnet. Der Schlangenk�rper ringelte sich spiralf�rmig den Arm des Alten hinauf, verschwand an der Schulter unter dem Hemd und kam in geschmeidigen Windungen auf dem linken Arm wieder zum Vorschein, um am linken Handgelenk in einem verschn�rkelten Schwanz zu enden. Die leuchtendbunten Farben hoben sich scharf von dem eint�nigen Winterwald und der wei�en Kleidung und Haut des Mannes ab; aus kurzer Entfernung sah es aus, als k�mpfe eine Fl�gelschlange, in der Luft in zwei Teile zerhackt, zwei Ellen �ber der Erde ihren Todeskampf.</p><p>Der alte Mann achtete nicht auf die G�nsehaut auf seinen Armen, bis er seine Jacke �ber das B�ndel gezogen und die losen Falten darunter gesteckt hatte. Dann nahm er aus einem Beutel in seinem Unterhemd ein ledernes S�ckchen, dr�ckte einen Strang gelbes Fett heraus und rieb es rasch �ber seine entbl��te Haut, wodurch die Schlange zu gl�nzen anfing, als sei sie gerade eben einem feuchten s�dlichen Dschungel entsprungen. Als er fertig war, hockte er sich von neuem wartend auf die Fersen. Er war hungrig, aber er hatte am Vorabend seinen letzten Reiseproviant verzehrt. Doch darauf kam es nicht an, denn die, auf die er wartete, w�rden sich bald einfinden, und dann w�rde es auch zu essen geben.</p><p>Mit gesenktem Kinn, die Kobaltaugen schwelend unter eisigen Brauen, beobachtete Jarnauga die Wege nach S�den. Er war ein alter, ein uralter Mann, und die Unbilden der Zeit und des Wetters hatten ihn abgeh�rtet und hager gemacht. In gewisser Weise freute er sich auf die Stunde, die nicht mehr fern war, wenn der Tod ihn rufen und in seine dunkle, stille Halle holen w�rde. Schweigen und Einsamkeit waren ohne Schrecken f�r ihn, sie waren Kette und Schu� im Gewebe seines langen Lebens gewesen. Er wollte nur die Aufgabe zu Ende bringen, die man ihm anvertraut hatte, eine Fackel weitergeben, die anderen in der Dunkelheit, die vor ihnen lag, leuchten k�nnte; dann w�rde er Leben und K�rper so leicht absch�tteln wie jetzt den Schnee, der auf seinen nackten Schultern lag.</p><p>Er dachte an die feierlichen Hallen, die an der letzten Biegung seines Weges auf ihn warteten, und sein geliebtes Tungoldyr fiel ihm ein, das er vor vierzehn Tagen verlassen hatte. Als er am letzten Tag auf seiner T�rschwelle gestanden hatte, lag die kleine Stadt, in der er den gr��ten Teil seiner neunzig Jahre verbracht hatte, so leer vor ihm wie das sagenhafte Huelheim, das nach getaner Arbeit auf ihn wartete. Schon vor Monaten hatten alle anderen Einwohner von Tungoldyr die Flucht ergriffen; nur Jarnauga war in dem Dorf zur�ckgeblieben, das den Namen Mondt�r trug, hoch oben im hohen Himilfj�llgebirge, doch immer noch �berschattet vom fernen Sturmrspeik � der Sturmspitze. Der Winter war zu einer K�lte erstarrt, die selbst die Rimmersm�nner von Tungoldyr noch nie erlebt hatten, und die n�chtlichen Lieder des Windes hatten sich in etwas verwandelt, das wie Heulen und Weinen klang, bis M�nner wahnsinnig und am Morgen lachend inmitten ihrer toten Familien aufgefunden wurden.</p><p>Nur Jarnauga war in seinem kleinen Haus zur�ckgeblieben, als die Eisnebel in den Bergp�ssen und den engen Gassen des Ortes dick wie Wolle geworden waren und die schr�gen D�cher von Tungoldyr in den Wolken zu schwimmen begannen wie die Schiffe gespenstischer Krieger. Niemand au�er Jarnauga war Zeuge gewesen, wie die flackernden Lichter der Sturmspitze immer heller und heller brannten, hatte den Klang einer ungeheuren, rauhen Musik geh�rt, die im Rollen des Donners an- und abschwoll und �ber die Berge und T�ler dieser n�rdlichsten Provinz von Rimmersgard t�nte.</p><p>Jetzt aber hatte auch er � denn gewisse Zeichen und Botschaften hatten ihm verk�ndet, da� seine Zeit endlich gekommen war � Tungoldyr der schleichenden Finsternis und K�lte �berlassen. Jarnauga wu�te, da� er, was immer auch geschehen mochte, die Sonne auf den Holzh�usern niemals wiedersehen, dem Singen der Bergb�che, die an seiner Haust�r vorbei zum schwellenden Gratuvask hinabpl�tscherten, nie mehr lauschen w�rde. Nie wieder w�rde er in den klaren, dunklen Fr�hlingsn�chten auf seiner Veranda stehen und die Lichter im Himmel anschauen, die schimmernden Nordlichter, die seit seiner Jugend dort geleuchtet hatten � nicht die unruhigen, �blen Flammen, die jetzt das finstere Antlitz der Sturmspitze umspielten. Das alles war nun vorbei! Sein Weg lag klar vor ihm, doch er bedeutete wenig Freude.</p><p>Aber auch jetzt war nicht alles eindeutig. Da war immer noch dieser qu�lende Traum, mit dem er fertig werden mu�te, der Traum von dem schwarzen Buch und den drei Schwertern. Seit zwei Wochen verfolgte er ihn im Schlaf, aber sein Sinn war ihm bis heute verborgen geblieben.</p><p>Auf dem Weg nach S�den, weit entfernt am Rand der B�ume, die die westlichen Ausl�ufer des Weldhelms s�umten, entstand eine Bewegung, die seine Gedanken unterbrach. Er kniff kurz die Augen zusammen, nickte dann langsam mit dem Kopf und stand auf.</p><p>Als er seinen Mantel wieder anzog, �nderte der Wind die Richtung; gleich darauf lie� sich von Norden dumpfes Donnergrollen vernehmen. Es wiederholte sich, ein tiefes Brummen wie von einem Tier, das m�hsam aus dem Schlaf erwacht. Sofort schwoll auch aus der entgegengesetzten Richtung das Ger�usch der Hufe vom Getrappel zu einer Lautst�rke an, die mit dem Donner um die Wette toste.</p><p>Als Jarnauga seinen Vogelk�fig aufhob und den Reitern entgegenging, verschmolzen die Ger�usche miteinander � das Grollen des Donners im Norden, das ged�mpfte Stampfen herannahender Reiter im S�den �, bis sie den wei�en Wald mit ihrem kalten Dr�hnen erf�llten wie Schl�ge auf Trommeln aus Eis.</p></section><section><title><p>XXIX</p><p>J�ger und Gejagte</p></title><p>Das hohle Brausen des Flusses erf�llte seine Ohren. Einen Herzschlag lang kam es Simon vor, als sei das Wasser das einzige, was sich bewegte � als seien die Bogensch�tzen am anderen Ufer, Marya, er selber, zu Stein erstarrt, als der Pfeil einschlug, der jetzt in Binabiks R�cken bebte. Dann fauchte ein weiterer Schaft an dem wei�gesichtigen M�dchen vorbei, zersplitterte krachend an einem zerbrochenen Gesims aus gl�nzendem Stein, und alles war wieder in fieberhaftem Get�mmel.</p><p>Er nahm die insektenhaft �ber das Wasser huschenden Bogensch�tzen kaum recht wahr. In drei S�tzen legte er die Entfernung zwischen sich, M�dchen und Troll zur�ck. Er b�ckte sich, und ein seltsam isolierter Teil seines Gehirns registrierte, da� die Jungenhosen, die Marya trug, am Knie zerfetzte L�cher hatten und sich unter seinem Arm ein Pfeil durch sein Hemd gebohrt hatte. Zuerst glaubte er, das Gescho� habe ihn verfehlt, bis er gleich darauf einen brennenden Schmerz f�hlte, der ihm den Brustkorb versengte.</p><p>Immer mehr Pfeile sausten vorbei, prallten vor ihnen flach auf die Steinplatten und h�pften weiter wie Steine auf einem See. Rasch kniete Simon nieder und hob den stummen Troll auf die Arme. Er f�hlte, wie der gr��liche, steife Pfeil unter seinen Fingern zitterte. Dann drehte er sich um, so da� sein R�cken zwischen dem kleinen Mann und den Bogensch�tzen war � Binabik sah so bleich aus. War er tot? Bestimmt war er tot! �, und stand auf. Von neuem brannte der Schmerz an seinen Rippen, und er taumelte. Marya packte ihn am Ellenbogen.</p><p>�L�kens Blut!� schrie der schwarzgekleidete Ingen, dessen ferne Stimme in Simons Ohren wie ein leises Murmeln klang. �Ihr t�tet sie ja, ihr Dummk�pfe! Ich habe gesagt, ihr solltet sie dort <emphasis>festhalten!</emphasis> Wo ist Baron Heahferth?�</p><p>Qantaqa war wieder zu ihnen heruntergelaufen. Marya versuchte die W�lfin fortzuscheuchen, w�hrend sie und Simon die Stufen nach <emphasis>Da'ai Chikiza</emphasis> hinauftaumelten. Hinter ihnen zersprang ein gefiederter Schaft, dann war die Luft still.</p><p>�Heahferth ist hier, Rimmersmann!� rief eine Stimme durch den L�rm der Gepanzerten. Von der obersten Stufe blickte Simon sich um. Sein Herz sank. � Ein Dutzend M�nner in voller Kampfausr�stung rannte an Ingen und seinen Bogensch�tzen vorbei, gerade auf das Tor der Hirsche zu, die Br�cke, die Simon und seine Gef�hrten vor ihrer Landung zuletzt passiert hatten. Der Baron selbst ritt auf seinem roten Ro� hinter ihnen her und schwang einen langen Speer �ber dem Kopf. Sie h�tten nicht einmal den Fu�soldaten einen gro�en Vorsprung abgewinnen k�nnen � das Pferd des Barons w�rde sie in weniger als drei Atemz�gen stellen.</p><p>�Lauf, Simon!� Marya zerrte ihn am Arm, so da� er stolpernd vorw�rts rannte. �Wir m�ssen uns in der Stadt verstecken!� Aber Simon wu�te, da� auch das hoffnungslos war. Bis sie ein Versteck fanden, w�rden die Soldaten sie l�ngst eingeholt haben. �Heahferth!� rief Ingen Jeggers Stimme hinter ihnen, ein flacher, kleiner Ton im Brausen des Flusses. �Das geht nicht! Seid kein Narr, Erkynl�nder, Euer Pferd �!�</p><p>Der Rest ging im Tosen des Wassers unter. Falls Heahferth die Worte �berhaupt geh�rt hatte, schien er sie jedenfalls nicht zu beachten. Zum Klirren der Soldatenf��e auf der Br�cke gesellte sich das Klappern von Hufschlag auf Stein.</p><p>Noch w�hrend der L�rm der Verfolgung lauter wurde, stolperte Simon mit der Stiefelspitze �ber eine hochstehende Platte und st�rzte.</p><p><emphasis>Ein Speer im R�cken</emphasis> � dachte er noch im Fallen, und: <emphasis>Wie konnte das alles nur geschehen?</emphasis> Dann prallte er schmerzhaft auf seine Schulter, denn er hatte sich zur Seite gerollt, um den K�rper des Trolls in seinen Armen zu sch�tzen.</p><p>Simon lag auf dem R�cken und starrte auf die St�cke Himmel, die durch den dunklen Dom der B�ume schimmerten. Auf seiner Brust lastete Binabiks nicht unbetr�chtliches Gewicht. Marya zog ihn am Hemd und versuchte ihn aufzurichten. Er wollte ihr sagen, da� es jetzt doch keinen Sinn mehr h�tte, nicht mehr der M�he wert sei; aber als er sich auf einen Ellenbogen st�tzte und mit dem anderen Arm den Troll festhielt, sah er, da� hinter ihnen etwas Seltsames vorging.</p><p>Mitten auf der langen, hochgew�lbten Br�cke hatten Baron Heahferth und seine M�nner aufgeh�rt, sich zu bewegen � nein, das stimmte nicht ganz: Sie standen da und <emphasis>schwankten;</emphasis> die Bewaffneten hielten sich an den niedrigen Br�ckenmauern fest, der Baron umklammerte den Hals seines Pferdes. Man konnte aus der Entfernung seine Z�ge nicht deutlich erkennen, aber seine Haltung war die eines Menschen, der j�h vom Schlaf erwacht. Eine Sekunde sp�ter b�umte sich, ohne da� Simon einen Grund daf�r feststellen konnte, das Pferd auf und st�rmte vorw�rts. Die M�nner, die noch schneller rannten als vorher, folgten ihm. Unmittelbar darauf � keinen Lidschlag nach dieser Bewegung � drang ein gewaltiges Knacken an Simons Ohr, als h�tte eine Riesenhand sich einen Baumstamm als Zahnstocher abgebrochen. Das schlanke Tor der Hirsche schien in der Mitte zu bersten.</p><p>Vor den entsetzten, gebannten Augen von Simon und Marya st�rzte die Br�cke in die Tiefe, das Mittelst�ck zuerst. Die Steine l�sten sich voneinander und zerbr�ckelten zu gro�en, eckigen Scherben, die schaumspritzend ins Wasser krachten. Einige Pulsschl�ge lang sah es aus, als w�rden Heahferth und seine Soldaten noch die andere Seite erreichen; aber dann, in Wellenbewegungen wie eine ausgesch�ttelte Decke, faltete sich der Steinbogen zusammen und schickte eine wimmelnde Masse von Armen, Beinen, bleichen Gesichtern und einem um sich schlagenden Ro� kopf�ber hinunter zwischen die zackigen Bl�cke aus milchigem Chalzedon, wo sie in Strudeln gr�nen Wassers und wei�en Schaumes verschwanden. Wenig sp�ter erschien ein paar Ellen flu�abw�rts der Kopf des Pferdes mit m�hsam aus dem Wasser gereckten Hals, der aber sofort wieder im wirbelnden Flu� unterging.</p><p>Langsam drehte sich Simon zum Fu� der Br�cke um. Die beiden Bogensch�tzen lagen auf den Knien und starrten in den rei�enden Strom; hinter ihnen stand die Gestalt Ingens mit der schwarzen Kapuze und blickte zu den Gef�hrten hin�ber. Es war, als w�ren seine blassen Augen nur ein paar Zoll von ihnen entfernt.</p><p>�Steh auf!� br�llte Marya und zog Simon an den Haaren. Mit einem fast h�rbaren Schnappen l�ste Simon den Blick von Ingen Jeggers Augen, als risse ein Seil. Er stand auf, wobei er seine kleine Last sorgsam im Gleichgewicht hielt, und sie machten kehrt und flohen in die Echos und ragenden Schatten von <emphasis>Da'ai Chikiza.</emphasis></p><empty-line/><p>Nach hundert Schritten taten Simon die Arme weh, und er hatte ein Gef�hl, als steche ihm ein Messer immer wieder in die Seite; er mu�te sich anstrengen, nicht hinter dem M�dchen zur�ckzubleiben. Sie folgten der vorausspringenden W�lfin durch die Ruinen der Sithistadt. Es war, als liefen sie durch eine H�hle aus B�umen und Eiszapfen, einen Wald aus steilem Glanz und dunkler, moosiger Verwesung. �berall lagen zerbrochene Steinplatten herum, und dicke Str�hnen aus Spinnweben spannten sich �ber wundersch�ne, zerfallende B�gen. Simon war zumute, als habe ihn ein unvorstellbar gro�er Riese mit Eingeweiden aus Quarz, Jade und Perlmutt verschluckt. Hinter ihnen verstummten allm�hlich die Ger�usche des Flusses, und nur das Rasseln ihres eigenen, rauhen Atems wetteiferte mit dem Scharren ihrer schnellen Schritte.</p><p>Endlich schienen sie den �u�eren Rand der Stadt erreicht zu haben. Die hohen B�ume, Schierlingstanne, Zeder und ragende Kiefer, standen dichter zusammen, und die Steinplattenb�den, die bisher �berall gewesen waren, verwandelten sich in schmale Pfade, die sich um die F��e der Waldriesen wanden. Simon h�rte auf zu laufen. Sein Blickfeld hatte schwarze R�nder bekommen. Er blieb stehen und f�hlte, wie sich die Welt um ihn drehte. Marya ergriff seine Hand und f�hrte ihn ein paar hinkende Schritte zu einem efeu�berwucherten Steinhaufen, den Simon, als sein Sehverm�gen langsam wiederkehrte, als Brunnen erkannte. Er legte Binabiks K�rper sanft auf den Rucksack nieder, den Marya getragen hatte, st�tzte den Kopf des kleinen Mannes an den groben Stoff und lehnte sich selber an den Brunnenrand, um Luft in seine notleidenden Lungen zu saugen. Seine Seite stach immer noch.</p><p>Marya hockte sich neben Binabik und schubste Qantaqas Nase fort, mit der die W�lfin ihren stummen Herrn anstie�. Qantaqa trat einen Schritt zur�ck, stie� einen winselnden, verst�ndnislosen Laut aus und legte sich dann hin, die Schnauze auf den Pfoten. Simon merkte, da� ihm hei�e Tr�nen in die Augen schossen.</p><p>�Er ist nicht tot.�</p><p>Simon glotzte erst Marya, dann Binabiks farbloses Gesicht an. �Wie?� fragte er. �Was meinst du?�</p><p>�Er ist nicht tot�, wiederholte sie, ohne aufzublicken. Simon kniete sich neben das M�dchen. Tats�chlich, die Brust des Trolls hob sich beinahe unmerklich. Eine schaumige Blutblase auf seiner Unterlippe pulsierte im selben Rhythmus.</p><p>�Usires �don.� Simon wischte sich mit der Hand die tropfende Stirn. �Wir m�ssen den Pfeil herausholen.�</p><p>Marya sah ihn scharf an. �Bist du verr�ckt? Wenn wir das tun, flie�t das Leben aus ihm heraus! Dann hat er keine Hoffnung mehr!�</p><p>�Nein.� Simon sch�ttelte den Kopf. �Der Doktor hat es mir erkl�rt! Ganz bestimmt hat er es gesagt, nur da� ich nicht wei�, wie ich den Pfeil herausbekommen soll. Hilf mir, ihm die Jacke auszuziehen.�</p><p>Als sie einen Augenblick vorsichtig an der Jacke herumgezupft hatten, sahen sie ein, da� es keine M�glichkeit gab, sie auszuziehen, bevor sie den Pfeil entfernt hatten. Simon fluchte. Er brauchte etwas, um die Jacke aufzuschneiden, etwas Scharfes. An einem Riemen zog er den geretteten Rucksack zu sich heran und fischte darin herum. Dabei freute er sich trotz aller Sorge und Pein, den Wei�en Pfeil zu entdecken, immer noch in seiner H�lle aus Lumpen. Er zog ihn heraus und begann den Knoten zu l�sen, der die Stoffstreifen zusammenhielt.</p><p>�Was tust du da?� fragte Marya ungeduldig. �Haben wir nicht genug von Pfeilen?�</p><p>�Ich brauche etwas Scharfes zum Schneiden�, brummte er. �Es ist ein Jammer, da� wir das St�ck von Binabiks Stab verloren haben � es war das mit dem Messer darin.�</p><p>�Ist es das, was du suchst?� Marya griff in ihr Hemd und zog ein kleines Messer in einer Lederscheide heraus, die ihr an einem Riemen um den Hals hing. �Gelo� meinte, ich sollte es mitnehmen�, erkl�rte sie, nahm es aus der Scheide und reichte es ihm. �Gegen Bogensch�tzen hilft es allerdings nicht viel.�</p><p>�Und Bogensch�tzen helfen nicht viel dabei, Br�cken vor dem Einsturz zu bewahren, gottlob.� Simon begann das ge�lte Leder durchzus�gen.</p><p>�Glaubst du, da� es nur das war?� fragte Marya nach einer Weile.</p><p>�Was willst du damit sagen?� keuchte Simon. Die Arbeit war hart, aber er hatte die Jacke jetzt von unten aufgeschnitten, vorbei an dem Pfeil. Eine klebrige Masse geronnenen Blutes wurde sichtbar. Er zog die Messerklinge weiter nach oben, zum Kragen hinauf.</p><p>�Da� die Br�cke so einfach � einst�rzte.� Marya sah hinauf in das Licht, das durch das verschlungene Laubwerk sickerte. �Vielleicht waren die Sithi zornig �ber das, was da in ihrer Stadt vorging.�</p><p>�Pah.� Simon bi� die Z�hne zusammen und durchtrennte das letzte St�ck Leder. �Die Sithi, die noch leben, wohnen hier nicht mehr, und wenn die Sithi nicht sterben, wie mir der Doktor erz�hlt hat, gibt es auch keine Geister hier, die Br�cken zum Einsturz bringen k�nnten.� Er breitete die beiden Fl�gel der zerschnittenen Jacke auseinander und zuckte. Der R�cken des Trolls war bedeckt mit geronnenem Blut. �Du hast doch geh�rt, wie der Rimmersmann Heahferth zuschrie, er solle mit dem Pferd von der Br�cke bleiben. Und jetzt, verdammt noch mal, la� mich nachdenken!�</p><p>Marya hob die Hand, als wollte sie ihn schlagen; Simon sah auf, und ihre Blicke bohrten sich ineinander. Erst jetzt merkte er, da� das M�dchen auch geweint hatte. �Ich habe dir mein Messer gegeben!� sagte sie.</p><p>Simon sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Es ist nur � dieser Teufel Ingen hat vielleicht schon eine andere Stelle gefunden, an der er den Flu� �berqueren kann. Er hat mindestens zwei Bogensch�tzen bei sich, und wer wei�, was aus den Hunden geworden ist � und � und Binabik ist mein Freund.� Er wandte sich wieder dem blut�berstr�mten Troll zu.</p><p>Marya schwieg eine Weile. �Ich wei߫, sagte sie endlich.</p><p>Der Pfeil war schr�g eingedrungen, eine gute Handl�nge von der Mitte des R�ckgrats entfernt. Durch vorsichtiges Anheben des kleinen K�rpers konnte Simon die Hand daruntergleiten lassen. Schnell fanden seine Finger die scharfe, eiserne Pfeilspitze, die gerade unter Binabiks Arm herausgetreten war, neben den vorderen Rippen.</p><p>�Verflucht! Er ist mitten durchgegangen!� Simon �berlegte fieberhaft. �Gleich � gleich��</p><p>�Brich die Spitze ab�, schlug Marya, jetzt mit ruhigerer Stimme, vor. �Dann kannst du ihn leichter herausziehen � wenn du sicher bist, da� das das Richtige ist.�</p><p>�Nat�rlich!� Simon war begeistert und ein wenig schwindlig. �Nat�rlich.�</p><p>Er brauchte eine geh�rige Zeit, bis er den Pfeil unterhalb der Spitze durchgeschnitten hatte; das kleine Messer wurde immer stumpfer dabei. Als er fertig war, half ihm Marya, Binabik in die Lage zu bringen, in der der Pfeil sich am besten bewegen lie�. Dann, ein stummes Gebet an �don auf der Zunge, drehte Simon den Pfeil aus der Eintrittswunde heraus. Frisches Blut quoll darunter hervor. Simon starrte den verha�ten Gegenstand an und schleuderte ihn fort. Qantaqa hob den dicken Kopf und sah ihm nach, gab dann ein brummendes St�hnen von sich und sackte wieder zusammen.</p><p>Sie wickelten Binabik in die Lumpen des Wei�en Pfeils und Streifen aus seiner zerschnittenen Jacke, dann hob Simon den immer noch schwach atmenden Troll hoch und nahm ihn auf seine Arme. �Gelo� hat gesagt, wir sollten die Steige hinaufklettern. Ich wei� zwar nicht, wo das ist, aber wir sollten uns lieber in Richtung der Berge halten�, erkl�rte Simon. Marya nickte.</p><p>Der Anblick der Sonnenflecken zwischen den B�umen verriet ihnen, da� es fast Mittag war, als sie den zugewachsenen Brunnen verlie�en. Rasch durchquerten sie die Au�enbezirke der verfallenden Stadt und merkten schon nach einer Stunde, da� das Land unter ihren m�den F��en anzusteigen begann. Der Troll wurde allm�hlich wieder zur schweren Last. Simon war zu stolz, etwas zu sagen, aber er schwitzte heftig, und R�cken und Arme fingen an, genauso weh zu tun wie die verwundete Seite. Marya schlug vor, Beinl�cher in den Rucksack zu schneiden, damit man Binabik darin tragen k�nnte. Aber nach einigem Nachdenken verwarf Simon diese Idee. Erstens w�ren die Ersch�tterungen f�r den hilf- und bewu�tlosen Troll zu gro� gewesen, und zweitens m��ten sie dann einiges vom Inhalt des Rucksackes zur�cklassen, und das meiste davon waren Lebensmittel, die sie noch brauchen w�rden.</p><p>Als das sanft ansteigende Land sich in steile, buschbestandene H�nge voller Riedgras und Disteln zu verwandeln begann, winkte Simon Marya, endlich anzuhalten. Er setzte den kleinen Mann ab und stand einen Augenblick mit in die H�fte gestemmten H�nden da, und seine Brust hob und senkte sich, w�hrend er tief Atem holte.</p><p>�Wir � wir m�ssen � ich mu� � mich � ausruhen�, schnaufte er. Marya betrachtete voller Mitgef�hl sein ger�tetes Gesicht.</p><p>�Du kannst ihn nicht bis ganz auf den Gipfel schleppen, Simon�, bemerkte sie sanft. �Weiter oben scheint es noch steiler zu werden. Du wirst die H�nde zum Klettern brauchen.�</p><p>�Er � ist � mein Freund�, beharrte Simon starrsinnig, �ich � kann � das.�</p><p>�Nein, das kannst du nicht.� Marya sch�ttelte den Kopf. �Wenn wir ihn nicht im Rucksack tragen k�nnen, dann m�ssen wir�� Sie lie� die Schultern h�ngen und setzte sich ersch�pft auf einen Felsen. �Ich wei� nicht, <emphasis>was</emphasis> wir m�ssen, aber irgendwas m�ssen wir.�</p><p>Simon sackte neben ihr zusammen. Qantaqa war weiter bergauf verschwunden und sprang behende an Stellen voraus, zu deren Erklettern der Junge und das M�dchen lange und beschwerliche Minuten brauchen w�rden.</p><p>Pl�tzlich kam Simon ein Einfall. �Qantaqa!� rief er, stand auf und verstreute den Inhalt des Rucksackes vor sich auf dem Grasboden. �Qantaqa! Komm her!�</p><p>In fieberhafter Eile, den unausgesprochenen Gedanken an Ingen Jegger als drohenden Schatten �ber sich, wickelten Simon und Marya Binabik von Kopf bis Fu� in den Mantel des M�dchens und legten den Troll dann mit dem Bauch nach unten auf den R�cken der folgsamen W�lfin. Mit den letzten Streifen zerfetzter Kleidung aus dem Rucksack banden sie ihn dort fest. Simon erinnerte sich von seinem unfreiwilligen Ritt in Herzog Isgrimnurs Lager an die Haltung, aber er wu�te auch, da� der kleine Mann mit dem dicken Mantel zwischen sich und dem Wolfsr�cken wenigstens atmen k�nnen w�rde. Simon wu�te, da� die Lage f�r einen verletzten, wahrscheinlich sterbenden Troll nicht gerade g�nstig war, aber was konnten sie sonst tun? Marya hatte recht, um bergauf zu klettern, brauchte er seine H�nde.</p><p>Nachdem sich Qantaqas anf�ngliche Unruhe gelegt hatte, stand sie geduldig da, w�hrend Junge und M�dchen den Troll auf ihr festzurrten. Nur ab und zu drehte sie sich um und wollte Binabiks Gesicht, das an ihrer Flanke auf- und abschwankte, beschn�ffeln. Als sie aber fertig waren und weiter den Hang hinaufstiegen, suchte die W�lfin sich ihren Weg ganz vorsichtig, als w��te sie, wie wichtig ein sanfter Ritt f�r ihre schweigende Last w�re.</p><p>Jetzt kamen sie besser vorw�rts. Sie kletterten �ber Steine und uralte St�mme, von denen sich die Rinde in langen Streifen absch�lte. Der helle, wolkengetr�bte Sonnenball, der durch die �ste sp�hte, war weit auf seinen westlichen Ankerplatz zugerollt. Simon stapfte vor sich hin, vor seinen vor Schwei� brennenden Augen wie eine Rauchfahne den grauwei�en Schwanz der W�lfin, und fragte sich, wo die Dunkelheit sie �berraschen und was sie wohl in dieser Dunkelheit �berraschen w�rde.</p><empty-line/><p>Der Anstieg war immer steiler geworden, und sowohl Simon als auch Marya sp�rten die zahllosen Kratzspuren des alles erstickenden Unterholzes auf ihrer Haut, als sie endlich auf eine offene, waagrecht laufende Falte der Bergwand hinausstolperten. Dankbar setzten sie sich mitten auf den Pfad. Qantaqa sah aus, als h�tte sie nichts dagegen, den schmalen, gras�berwucherten Weg noch ein St�ck weiter hinauf zu erkunden, lie� sich dann aber doch mit heraush�ngender Zunge neben ihnen nieder. Simon befreite den Troll aus seinem behelfsm��igen Geschirr; der Zustand des kleinen Mannes schien unver�ndert. Sein Atem ging immer noch erschreckend flach. Simon tropfte ihm aus dem Schlauch Wasser in den Mund und reichte dann Marya den Beh�lter. Als sie fertig war, hielt er die hohlen H�nde aneinander, sie f�llte sie, und er lie� Qantaqa daraus trinken. Danach nahm auch er ein paar tiefe Schlucke aus dem Schlauch.</p><p>�Glaubst du, da� wir auf der <emphasis>Steige</emphasis> sind?� fragte Marya und fuhr sich mit den H�nden durch das feuchte schwarze Haar. Simon l�chelte matt. War das nicht typisch M�dchen, sich mitten im Wald das Haar zu richten? Sie war tief err�tet, und er sah, da� die Sommersprossen auf ihrem Nasenr�cken dadurch deutlich hervortraten.</p><p>�Es sieht eher wie ein Hirschpfad oder so etwas aus�, antwortete er endlich und wandte seine Aufmerksamkeit der Stelle zu, an der sich der Pfad an der Flanke des Berges verlor. �Ich denke, die <emphasis>Steige</emphasis> ist etwas von den Sithi, wie Gelo� gesagt hat. Aber vielleicht k�nnen wir diesem Weg doch eine Weile folgen.�</p><p><emphasis>Sie ist eigentlich gar nicht so d�nn, nicht wirklich,</emphasis> dachte Simon. <emphasis>Mehr das, was man zart nennt.</emphasis> Er erinnerte sich, wie sie in die H�he gegriffen und die �berh�ngenden �ste abgerissen hatte, und an ihre rauhen Flu�-Shanties. Nein, vielleicht war <emphasis>zart</emphasis> auch nicht ganz das richtige Wort.</p><p>�Dann wollen wir lieber weiter�, unterbrach Marya sein Sinnen. �Ich bin hungrig, aber ich m�chte lieber nicht hier drau�en im offenen Gel�nde sein, wenn die Sonne untergeht.�</p><p>Sie erhob sich und fing an, die Stoffstreifen zusammenzusuchen, um Binabik wieder auf seinem Reittier zu befestigen, das seinerseits die letzten Augenblicke ungebundener Freiheit dazu benutzte, sich hinter dem Ohr zu kratzen.</p><p>�Ich hab dich gern, Marya�, platzte Simon heraus und wollte sich dann umdrehen, wegrennen, irgend etwas tun. Statt dessen blieb er tapfer, wo er war, bis das M�dchen gleich darauf l�chelnd zu ihm aufblickte � und <emphasis>sie</emphasis> war es, die verlegen aussah!</p><p>�Dar�ber bin ich froh�, war alles, was sie antwortete, dann ging sie den Hirschpfad ein paar Schritte weiter hinauf und �berlie� es Simon, Binabik mit pl�tzlich unbeholfenen H�nden wieder festzubinden. Als er endlich die letzte Schlinge unter dem zottigen Bauch der unendlich geduldigen W�lfin verknotete, sah er pl�tzlich in das blutleere Gesicht des Trolls, das schlaff und still war wie der Tod, und wurde w�tend auf sich selber.</p><p><emphasis>Was f�r ein Mondkalb ich doch immer noch bin!</emphasis> dachte er wild. <emphasis>Einer meiner besten Freunde liegt im Sterben, ich habe mich am Ende der Welt verirrt, werde von bewaffneten M�nnern und vielleicht noch Schlimmerem gejagt � und da stehe ich nun und lasse wegen einer d�rren Dienstmagd den Kopf h�ngen! Trottel!</emphasis></p><p>Er sagte nichts zu Marya, als er sie einholte, aber der Ausdruck seines Gesichtes mu�te ihr einiges verraten haben. Sie warf ihm einen nachdenklichen Blick zu, und die beiden setzten sich ohne ein weiteres Wort in Marsch.</p><p>Die Sonne war hinter den gezackten R�cken der Berge verschwunden, als der Hirschpfad breiter zu werden begann. Innerhalb einer Viertelmeile verwandelte er sich in einen ebenen Weg, auf dem einst vielleicht sogar Wagen hatten fahren k�nnen, der aber nun l�ngst seine Herrschaft an die wuchernde Wildnis abgetreten hatte. Neben ihm schl�ngelten sich andere, schmalere Pfade, die haupts�chlich als L�cken in der glatten Decke aus B�schen und B�umen sichtbar waren. Schlie�lich kamen sie an eine Stelle, wo sich diese Nebenpfade mit dem Hauptweg vereinten, und hundert Ellen weiter merkten sie, da� sie wieder die uralten Steinplatten unter den F��en hatten. Bald darauf erreichten sie die <emphasis>Steige.</emphasis></p><p>Die breite, gepflasterte Stra�e kreuzte den Weg, auf dem sie gekommen waren, und schwang sich in steilen, quergef�hrten Serpentinen den Berg hinauf. Zwischen den zersprungenen, grauen und wei�en Bodenplatten war hohes Gras aufgeschossen, und manchmal waren sogar gro�e B�ume einfach aus dem Stra�enpflaster gewachsen und hatten mit zunehmender Gr��e die Steine auseinander und zur Seite gedr�ngt, so da� sie jetzt von kleinen Schlackenhaufen entwurzelter Steine umgeben waren.</p><p>�Und das geht jetzt so bis nach Naglimund�, sagte Simon halb zu sich selber. Es waren die ersten Worte, die einer von beiden seit langer Zeit sprach.</p><p>Marya wollte gerade etwas antworten, als ihr Blick auf den Gipfel fiel. Sie schaute genauer hin, aber was auch immer dort ein Licht hatte aufblitzen lassen, war wieder verschwunden.</p><p>�Simon, ich glaube, ich habe dort oben etwas gl�nzen sehen.� Sie deutete zum Bergkamm hinauf, eine gute Meile �ber ihnen. �Was war es?� fragte er, aber sie zuckte nur die Achseln. �Eine R�stung vielleicht, falls sich so sp�t am Tag noch die Sonne darin spiegelt�, gab er sich selber Antwort, �oder die W�lle von Naglimund, oder � wer wei�?� Er sah mit schmalen Augen nach der H�he.</p><p>�Wir k�nnen den Weg nicht verlassen�, meinte er schlie�lich. �Jedenfalls nicht, bevor wir noch weiter oben sind, nicht solange es hell ist. Ich w�rde mir nie verzeihen, wenn wir Binabik nicht nach Naglimund bek�men, vor allem, wenn � wenn��</p><p>�Ich wei�, Simon, aber ich glaube nicht, da� wir es heute noch bis ganz �ber den Gipfel schaffen.� Marya trat gegen einen Stein, der �ber das Pflaster ins hohe Gras rollte. Sie zuckte zusammen. �Ich habe an einem Fu� mehr Blasen als vorher in meinem ganzen Leben. Und es kann nicht gut f�r Binabik sein, wenn er die ganze Nacht auf dem R�cken der W�lfin hin- und herrutscht.� Marya sah ihm in die Augen. <emphasis>�Wenn</emphasis> er es �berhaupt �berlebt. Du hast das Menschenm�gliche getan, Simon. Es ist nicht deine Schuld.�</p><p>�Ich wei�!� versetzte Simon zornig. �Gehen wir trotzdem! Wir k�nnen im Laufen weiterreden.�</p><p>Sie stapften weiter. Es dauerte nicht lange, bis die Weisheit in Maryas Worten sich unangenehm bemerkbar machte. Auch Simon war so zerkratzt und voller Blasen und blauer Flecke, da� er sich am liebsten fallengelassen und losgeheult h�tte � ein anderer Simon, der Simon, der im labyrinthischen Hochhorst sein Burgjungenleben gelebt hatte, <emphasis>h�tte</emphasis> es getan, h�tte sich auf einen Stein gesetzt und ein Abendessen und Schlaf gefordert. Aber Simon hatte sich ver�ndert; er haderte immer noch mit seinem Schicksal, aber jetzt gab es wichtigere Dinge.</p><p>Endlich fing sogar Qantaqa an, ein Bein zu schonen. Es hatte wirklich keinen Sinn, sie alle zu Kr�ppeln zu schinden, und Simon war gerade bereit nachzugeben, als Marya wieder ein Licht auf dem Bergkamm sah. Das konnte keine Spiegelung der Sonne sein, denn schon senkte sich blaue D�mmerung �ber die H�nge.</p><p>�Fackeln!� st�hnte Simon. �Usires! Warum jetzt, da wir fast oben sind?�</p><p>�Das ist es wahrscheinlich gerade. Dieses Ungeheuer von Schwarz-Rimmersmann mu� zur Spitze der <emphasis>Steige</emphasis> vorgesto�en sein, um dort auf uns zu warten. Wir m�ssen vom Weg runter!�</p><p>Mit bleischwerem Herzen verlie�en sie sofort das Pflaster der <emphasis>Steige</emphasis> und kletterten in einen Graben, der an der Breitseite des Berges entlanglief. Im abnehmenden Licht h�ufig stolpernd, eilten sie weiter, bis sie auf eine kleine Lichtung stie�en, nicht breiter, als Simon gro� war, und von einer Palisade junger Schierlingstannen gesch�tzt. Als er ein letztes Mal nach oben schaute, bevor er sich in die Deckung der hohen B�sche duckte, war ihm, als s�he er die gl�nzenden Augen mehrerer weiterer Fackeln, die vom Gipfel des Berges herunterblinzelten. �In der H�lle sollen sie verbrennen, diese Bastarde!� knurrte er atemlos und hockte sich nieder, um Binabiks schlaffe Gestalt von Qantaqas R�cken zu schnallen. ��don! Usires �don! H�tte ich doch nur ein Schwert oder einen Bogen��</p><p>�Vielleicht solltest du Binabik nicht herunternehmen?� fl�sterte Marya. �Was ist, wenn wir wieder rennen m�ssen?�</p><p>�Dann trage ich ihn. Au�erdem, wenn wir rennen m�ssen, k�nnen wir genausogut gleich aufgeben. Ich glaube, ich k�nnte keine f�nfzig Schritte mehr laufen. Und du?�</p><p>Marya sch�ttelte bek�mmert den Kopf.</p><p>Sie nahmen abwechselnd Schlucke aus dem Wasserschlauch, w�hrend Simon Binabiks Handgelenke und Kn�chel massierte, um etwas Blut in die kalten Glieder des Trolls zur�ckzubringen. Der kleine Mann atmete jetzt besser, aber Simon vertraute nicht darauf, da� es so bleiben w�rde; bei jedem Atemzug quoll dem Troll eine d�nne Schicht blutigen Speichels aus dem Mund, und als Simon Binabiks Augenlider zur�ckschob, wie er es Doktor Morgenes einmal bei einer in Ohnmacht gefallenen Kammerfrau hatte tun sehen, kam ihm das Wei�e in den Augen des Trolls grau vor.</p><p>W�hrend Marya den Rucksack nach etwas E�barem durchsuchte, wollte Simon Qantaqas Pfote hochheben, um festzustellen, weshalb sie hinkte. Die W�lfin unterbrach ihr Keuchen gerade lange genug, um die Z�hne zu entbl��en und ihn auf �u�erst eindrucksvolle Weise anzuknurren. Als er trotzdem die Untersuchung fortsetzen wollte, schnappte sie nach seiner Hand, und ihre Kiefer schlugen kaum einen Zollbreit von seinen tastenden Fingern entfernt aufeinander. Simon hatte beinahe vergessen, da� sie eine W�lfin war, und sich daran gew�hnt, mit ihr umzugehen wie mit einem von Tobas' Hunden. Er war pl�tzlich dankbar, da� sie ihn nur so milde zurechtgewiesen hatte, und lie� sie in Ruhe, damit sie sich mit der Zunge den zerschundenen Ballen lecken konnte.</p><p>Das Licht nahm ab. In der tiefer werdenden Finsternis �ber ihnen bl�hten nadelspitze kleine Sterne auf. Simon kaute an einem St�ck hartem Keks, den Marya f�r ihn im Rucksack aufgest�bert hatte, und sehnte sich nach einem Apfel oder sonst etwas Saftigem, als ein d�nnes, l�rmendes Ger�usch das Lied der ersten Abendgrillen zu durchdringen begann. Simon und Marya sahen einander an und schauten dann zur Best�tigung, die sie im Grunde nicht brauchten, auf Qantaqa. Die Ohren der W�lfin waren nach vorn gestellt, ihre Augen wachsam.</p><p>Sie mu�ten den Namen der Gesch�pfe, von denen die fernen, bellenden Laute stammten, nicht nennen: Mit Jagdhundgel�ut aus vollem Hals waren sie beide nur allzu vertraut.</p><p>�Was sollen wir �?� wollte Marya fragen, aber Simon sch�ttelte den Kopf. In sinnlosem Zorn knallte er die Faust gegen einen Baumstamm und sah geistesabwesend zu, wie Blut �ber die Oberseite der bleichen Kn�chel sickerte. In wenigen Minuten w�rde es vollst�ndig dunkel sein.</p><p>�Wir k�nnen gar nichts tun�, zischte er. �Wenn wir weglaufen, haben sie nur eine noch bessere Spur.� Er wollte wieder zuschlagen, irgend etwas zertr�mmern. Sinnlos, sinnlos, sinnlos, diese ganze verdammte Plackerei! Warum das alles?!</p><p>Als er so dasa�, sch�umend vor Wut, kam Marya und schmiegte sich dicht an seine Seite, hob seinen Arm und legte ihn um ihre Schulter. �Mir ist kalt�, war alles, was sie sagte.</p><p>Er lehnte m�de seinen Kopf an ihren, und Tr�nen ohnm�chtiger Wut und aufsteigender Angst str�mten aus seinen Augen, als er auf die Ger�usche oben auf dem Berg lauschte. Jetzt war ihm, als h�re er M�nnerstimmen, die einander �ber den L�rm der Hunde etwas zuriefen. Was g�be er doch f�r ein Schwert! So unerfahren er damit auch war, wenigstens h�tte er ihnen damit ein bi�chen weh tun k�nnen, bevor sie ihn niederschlugen.</p><p>Sanft hob er Maryas Kopf von seiner Schulter und beugte sich vor. Wenn er sich recht erinnerte, lag Binabiks Lederbeutel ganz unten im Rucksack. Er zog ihn hervor und w�hlte mit den Fingern darin herum. Auf der Lichtung war es so finster, da� er nur durch Tasten suchen konnte.</p><p>�Was machst du?� wisperte Marya.</p><p>Simon fand, was er suchte, und schlo� seine Hand darum. Jetzt kamen auch Ger�usche von der Nordseite des Berges, fast auf gleicher H�he mit ihnen. Die Falle schnappte zu.</p><p>�Halt Qantaqa fest!� Er richtete sich auf, kroch ein St�ck zur Seite und durchforstete das Geb�sch, bis er einen gr��eren abgebrochenen Ast fand, so dick wie sein Arm und l�nger. Er brachte ihn zur�ck und leerte Binabiks Pulverbeutel dar�ber aus. Dann legte er ihn sorgf�ltig neben sich. �Ich mache eine Fackel�, erkl�rte er und nahm die Feuersteine des Trolls aus dem Beutel.</p><p>�Leitet sie das nicht erst recht zu uns?� fragte das M�dchen, einen Unterton sorgenvoller Neugier in der Stimme. �Ich z�nde sie erst an, wenn ich mu߫, erwiderte er, �aber wenigstens haben wir dann etwas � etwas zum K�mpfen.�</p><p>Ihr Gesicht lag im Schatten, aber er sp�rte ihren Blick. Sie wu�te ebensogut, wie wenig eine solche Geste ihnen n�tzen w�rde. Er hoffte � und es war eine sehr starke Hoffnung �, da� sie verstehen w�rde, warum er diesen Versuch unternehmen mu�te. Der wilde Aufruhr der Hunde war jetzt entsetzlich nahe. Simon konnte das Knacken der niedergetretenen B�sche und die wilden Schreie der J�ger h�ren. Das Prasseln brechender Zweige wurde lauter. Es kam jetzt von direkt �ber ihnen am Hang und n�herte sich immer mehr � ein viel zu lautes Ger�usch f�r Hunde, dachte Simon, und sein Herz flatterte, als er den Feuerstein gegen einen Stein schlug. Es mu�ten Berittene sein. Das Pulver spr�hte Funken, entz�ndete sich aber nicht. Im Unterholz krachte es, als �berschlage sich ein ganzer Wagen.</p><p><emphasis>Fang Feuer, verdammt noch mal! Fang Feuer!</emphasis></p><p>Gerade �ber ihrem Versteck brach etwas aus dem Dickicht. Marya klammerte sich so fest an seinen Arm, da� es wehtat. �Simon!� schrie sie, und dann zischte das Pulver und ging in Flammen auf; an der Spitze des Astes erbl�hte eine flackernde, orangerote Blume. Simon sprang in die H�he und schwang den Ast vor sich. Die Flammen tanzten. Etwas kam krachend durch die B�ume. Qantaqa ri� sich aus Maryas Griff los und heulte laut.</p><p><emphasis>Alptraum!</emphasis> Das war alles, was Simon noch denken konnte, als er die Fackel hob. Das Licht wurde heller und beleuchtete, was da erschreckt und aufrecht vor ihm stand.</p><p>Es war ein Riese.</p><p>In dem grauenhaften, gel�hmten Augenblick danach k�mpfte Simons Verstand darum zu verarbeiten, was seine Augen sahen � dieses Wesen, das da vor ihm aufragte und im grellen Licht der Fackel hin- und herschwankte. Zuerst hatte er es f�r eine Art B�r gehalten, weil es �berall mit fahlem, zottigem Fell bedeckt war. Aber die Beine waren zu lang, die Arme und die schwarzh�utigen H�nde zu menschlich. Der haarige Scheitel war drei Ellen h�her als Simons Kopf, als es sich aus der Mitte nach vorn beugte, die Augen schmal im ledrigen, menschen�hnlichen Gesicht.</p><p>Von �berallher ert�nte das Gebell, wie die Musik eines Chores unheimlicher D�monen. Das Unget�m schlug mit einem langen Klauenarm nach Simon, ri� ihm das Fleisch an der Schulter auf und stie� ihn zur�ck, da� er stolperte und um ein Haar die Fackel fallengelassen h�tte. Das zuckende Licht der Flammen beleuchtete kurz Marya, die mit schreckgeweiteten Augen Binabiks schlaffen K�rper umklammerte und aus dem Weg zu zerren versuchte. Der Riese �ffnete den Mund und <emphasis>donnerte �</emphasis> nur so konnte man das hallende Brummen bezeichnen, das er ausstie�. Dann st�rzte er sich von neuem auf Simon. Der sprang zur Seite, blieb mit dem Fu� h�ngen und fiel zu Boden. Aber noch bevor das Ungeheuer bei ihm war, verwandelte sich das Grollen, das seine Brust ersch�tterte, in ein Aufheulen des Schmerzes. Der Riese kippte nach vorn und sackte halb zusammen.</p><p>Qantaqa hatte ihn in einer zottigen Kniekehle erwischt, ein grauer Schatten, der sofort zur�cksprang, um gleich wieder nach den Beinen des Unget�ms zu schnappen, das fauchte und nach der W�lfin schlug. Das erste Mal verfehlte es sie, doch beim zweiten Mal traf sie die breite Hand, Qantaqa �berschlug sich und flog ins Geb�sch.</p><p>Jetzt wandte der Riese sich wieder Simon zu, aber gerade als dieser hoffnungslos seine Fackel hob und ihr zuckendes Licht in den gl�nzendschwarzen Augen des Riesen widergespiegelt sah, ergo� sich eine brodelnde Flut von Wesen aus dem Unterholz, heulend wie der Wind in tausend hohen T�rmchen. Sie umbrandeten das gewaltige Gesch�pf wie ein w�tendes Meer � Hunde �berall, die angriffen und bissen, w�hrend der Riese mit seiner Donnerstimme br�llte. Wie eine Windm�hle lie� er die Arme kreisen, und zerschmetterte K�rper flogen nach allen Seiten; einer traf Simon und warf ihn zu Boden, da� ihm die Fackel davonsauste. Aber f�r jeden, der fortgeschleudert wurde, sprangen f�nf neue herbei.</p><p>Als Simon auf die Fackel zukroch, im Kopf ein wildes Gewirr aus wahnsinnigen Fieberphantasien, leuchteten pl�tzlich �berall Lichter auf. Die Riesengestalt des Ungeheuers schwankte br�llend �ber die Lichtung; M�nner kamen, Pferde b�umten sich, alles schrie. Etwas Dunkles sprang �ber Simon hinweg und schlug ihm zum zweiten Mal die Fackel aus der Hand. Kurz hinter ihm kam das Pferd rutschend zum Stehen. Der Reiter stand in den B�geln, und sein langer Speer blitzte zwischen Dunkelheit und Fackelschein hin und her. Gleich darauf war der Speer ein gro�er schwarzer Nagel, der aus der Brust des bedr�ngten Riesen ragte. Das Ungeheuer stie� eine letztes, bebendes Br�llen aus und glitt zu Boden, unter die wogende Decke der Hunde.</p><p>Der Reiter stieg ab. An ihm vorbei rannten M�nner mit Fackeln, um die Hunde zur�ckzuzerren. Das Licht schien auf das Profil des Reiters, und Simon richtete sich auf ein Knie auf.</p><p>�Josua!� rief er und st�rzte vorn�ber. Das letzte, was er sah, war das hagere Gesicht des Prinzen, vom gelben Licht der Fackelflammen umflossen, mit vor �berraschung geweiteten Augen.</p><empty-line/><p>Zeit kam und ging in unruhigen Augenblicken von Wachsein und Dunkelheit. Er sa� auf einem Pferd, vor einem schweigenden Mann, der nach Leder und Schwei� roch. Der Arm des Mannes war ein starker Reifen um Simons Mitte, als sie die Steige hinaufschwankten.</p><p>Die Pferdehufe klapperten auf Stein, und Simon merkte, da� er den wehenden Schweif des Pferdes vor ihm beobachtete. �berall waren Fackeln.</p><p>Er suchte nach Marya, nach Binabik und den anderen � wo waren sie nur?</p><p>Jetzt umgab ihn auf allen Seiten eine Art Tunnel. Die Steinw�nde hallten wider vom pochenden Laut der Herzschl�ge. Nein, der <emphasis>Hufschl�ge.</emphasis> Der Tunnel schien kein Ende zu haben. Vor ihnen ragte eine in den Stein gef�gte, gewaltige Holzt�r auf. Langsam schwang sie nach au�en, Fackelschein flutete hervor wie Wasser aus einem geborstenen Damm, und im herausdringenden Licht des Einganges standen die Gestalten vieler M�nner.</p><p>Nun waren sie im Freien, stiegen einen langen Hang hinunter, ein Pferd hinter dem anderen, eine glitzernde Schlange aus Fackeln, die sich den Pfad hinabwand, so weit das Auge reichte. Um sie herum war ein Feld aus kahler Erde, mit nichts bepflanzt als mit nackten Eisenstangen.</p><p>Unter ihnen waren die W�lle mit noch viel mehr Fackeln ges�umt. Die Posten blickten zu der Prozession hinauf, die da von den Bergen herunterkam. Vor ihnen lagen die steinernen Mauern, bald in gleicher H�he, bald langsam �ber ihren K�pfen ansteigend, w�hrend sie dem Pfad bergab folgten. Der Nachthimmel war dunkel wie das Innere eines Fasses, jedoch gespickt mit Sternen. Simons Kopf wackelte, und er merkte, wie er von neuem in Schlaf sank � oder in den dunklen Himmel, er wu�te es nicht recht.</p><p>Naglimund, dachte er noch, als sich Fackelschein �ber sein Gesicht ergo� und die M�nner oben auf den W�llen riefen und sangen. Dann st�rzte er aus dem Licht, und Dunkelheit legte sich �ber ihn wie eine Decke aus Ebenholzstaub.</p></section></section><section><title><p>DRITTER TEIL</p><p>Simon Schneelocke</p></title><section><title><p>XXX</p><p>Tausend N�gel</p></title><p>Mit �xten schlugen sie die T�r ein � hackten, hieben, zersplitterten das sch�tzende Holz. �Doktor!� schrie Simon und fuhr in die H�he, �die Soldaten! Die Soldaten sind da!�</p><p>Aber er war gar nicht in Morgenes' Wohnung. Er lag, in schwei�getr�nkte Laken geh�llt, auf einem schmalen Bett in einer kleinen, ordentlichen Kammer. Das Ger�usch holzspaltender Klingen dauerte an; gleich darauf �ffnete sich die T�r, und der L�rm verst�rkte sich noch. Um die Ecke sp�hte ein unbekanntes Gesicht, bla� und mit langem Kinn, dar�ber ein sp�rlicher Haarschopf, der im Sonnenlicht so kupferrot aufgl�nzte wie Simons eigener. Das eine sichtbare Auge war blau. Das andere bedeckte eine schwarze Klappe.</p><p>�Aha!� sagte der Fremde, �du bist wach. Gut.� Seiner Aussprache nach war er ein Erkynl�nder, mit einem Anhauch der Schwerf�lligkeit des Nordens. Er schlo� hinter sich die T�r und brachte damit einen Teil des Arbeitsl�rmes drau�en zum Verstummen. Seine lange, graue Priesterkutte hing schlaff an der mageren Gestalt herunter.</p><p>�Ich bin Vater Strangyeard.� Er lie� sich auf einem hochlehnigen Stuhl neben Simon nieder; abgesehen von dem Bett und einem niedrigen, mit Pergament und allerlei Krimskrams bedeckten Tisch bildete der Stuhl das einzige M�belst�ck des Raumes. Als er es sich bequem gemacht hatte, beugte der Fremde sich vor und klopfte Simon sanft auf die Hand.</p><p>�Wie geht es dir? Hoffentlich besser?�</p><p>�Ja � ja, ich glaube schon.� Simon schaute sich um. �Wo bin ich hier eigentlich?�</p><p>�In Naglimund, aber das hast du dir sicher schon gedacht.� Vater Strangyeard l�chelte. �Genauer gesagt, in meinem Zimmer � und auch in meinem Bett.� Er hob die Hand. �Ich hoffe, du hast dich darin wohlgef�hlt. Besonders bequem ist es nicht � aber meine G�te, wie t�richt von mir! Du hast ja schon drau�en im Wald geschlafen!� Der Priester zeigte ein weiteres, z�gerndes L�cheln. �Es mu� doch besser als der Wald sein, oder?�</p><p>Simon schwang die F��e auf den kalten Boden. Erleichtert stellte er fest, da� er Hosen anhatte, war jedoch etwas verwirrt, als er merkte, da� es nicht seine waren.</p><p>�Wo sind meine Freunde?� Ein dunkler Gedanke zog auf wie eine Wolke. �Binabik � ist er tot?�</p><p>Strangyeard kniff die Lippen zusammen, als h�tte Simon eine milde Gottesl�sterung ge�u�ert. �Tot? Lob sei Usires, nein � obwohl es ihm nicht gut geht, gar nicht gut.�</p><p>�Darf ich zu ihm?� Simon rutschte auf die Steinfliesen hinunter, um seine Stiefel zu suchen. �Wo ist er? Und wie geht es Marya?�</p><p>�Marya?� Der Priester sah mit ratloser Miene zu, wie Simon auf dem Boden herumkroch. �Ah, deiner anderen Gef�hrtin. Ihr geht es bestens. Zweifellos wirst du sie auch bald wiedersehen.�</p><p>Die Stiefel befanden sich unter dem Schreibtisch. Als Simon sie anzog, griff Vater Strangyeard hinter sich und nahm von der Stuhllehne ein sauberes wei�es Hemd.</p><p>�Hier�, sagte er. �Himmel, hast du es aber eilig. M�chtest du gleich deinen Freund besuchen oder erst etwas essen?�</p><p>Simon war schon dabei, das Hemd vorne zuzunesteln. �Binabik und Marya, dann essen�, brummte er, ganz auf diese Arbeit konzentriert. �Qantaqa nat�rlich auch.�</p><p>�So schwer die Zeiten letzthin auch gewesen sein m�gen�, bemerkte der Priester im Ton milden Vorwurfes, �wir essen <emphasis>nie</emphasis> W�lfe in Naglimund. Ich ging davon aus, da� du sie zu deinen Freunden z�hltest.� Simon blickte auf und begriff, da� der Ein�ugige einen Scherz machte.</p><p>�Ja�, erwiderte er und f�hlte sich pl�tzlich sch�chtern. �Eine echte Freundin.�</p><p>�Dann wollen wir gehen�, erkl�rte der Priester und stand auf. �Man hat mir aufgetragen, mich darum zu k�mmern, da� du alles hast, was du brauchst. Je eher ich dich also zum Essen bringe, desto besser habe ich meine Aufgabe erf�llt.� Er machte die T�r auf und lie� eine neue Welle von Sonnenschein und L�rm eindringen.</p><p>Simon blinzelte im hellen Licht. Er sah hinauf zu den hohen Mauern der Festung und den dahinter aufragenden purpurroten und braunen Weiten des Weldhelms, vor denen die graugekleideten Posten wie Zwerge aussahen. Inmitten der Burganlage stand eine massive Ansammlung kantiger Steinbauten, plump nebeneinandergestellt, ohne die exzentrische Sch�nheit des Hochhorstes mit ihrem Kontrast der Stilrichtungen und Zeitalter. Die dunklen, vom Rauch streifigen Sandsteinw�rfel, die kleinen, lichtlosen Fenster und schweren T�ren sahen aus, als seien sie nur f�r einen Zweck geschaffen: irgend etwas am Eindringen zu hindern.</p><p>Kaum einen Steinwurf weit entfernt, mitten im Gewimmel des Burghofes, spaltete ein Trupp hemdloser M�nner einen Stapel Holzbalken und schichtete die Scheiter auf einen Sto�, der bereits so hoch war wie ihre K�pfe.</p><p>�Also daher der L�rm�, meinte Simon und sah zu, wie die �xte blitzten und fielen. �Was machen sie da?�</p><p>Vater Strangyeard wandte sich um und folgte seinem Blick. ��h. Einen Scheiterhaufen bauen sie. Um den <emphasis>Hune</emphasis> zu verbrennen � den Riesen.�</p><p>�Den Riesen?� J�h fiel Simon alles wieder ein, das knurrend verzogene, lederartige Gesicht, die unendlich langen Arme, die auf ihn einschlugen. �Ist er nicht tot?�</p><p>�O doch, ganz und gar tot, ja.� Strangyeard steuerte auf die Hauptgeb�ude zu; Simon marschierte hinterher und warf heimlich einen letzten Blick auf den immer h�her werdenden Holzsto�.</p><p>�Wei�t du, Simon, ein paar von Josuas M�nnern wollten ein Schauspiel daraus machen, verstehst du, den Kopf abschneiden und auf das Tor stecken und solche Dinge. Der Prinz hat nein gesagt. Er meinte, der Riese sei wohl ein b�sartiges Gesch�pf gewesen, aber kein Tier. Sie tragen eine Art Kleidung, wu�test du das? Und sie haben auch Keulen � oder eher Kn�ttel. Jedenfalls hat Josua erkl�rt, er w�rde den Kopf eines Feindes nicht zur Volksbelustigung aufpflanzen. Sie sollten ihn verbrennen.� Strangyeard zupfte sich am Ohr. �Also verbrennen sie ihn jetzt.�</p><p>�Heute abend?� Simon mu�te sich anstrengen, mit den langen Schritten des Priesters mitzuhalten.</p><p>�Sobald der Scheiterhaufen fertig ist. Prinz Josua m�chte nicht mehr daraus machen, als unbedingt n�tig. Ich bin �berzeugt, er h�tte den <emphasis>Hune</emphasis> am liebsten gleich oben in den Bergen begraben, aber die Leute wollen sehen, da� er tot ist.� Vater Strangyeard zeichnete hastig das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> auf seiner Brust. �Es ist schon der dritte, der in diesem Monat vom Norden heruntergekommen ist. Einer von den anderen hat den Bruder des Bischofs get�tet. Es ist alles h�chst unnat�rlich.�</p><empty-line/><p>Binabik lag in einer kleinen Kammer, die von der Kapelle abging. Die Kapelle stand im Innenhof, umrahmt von den Hauptgeb�uden der Burg. Der Troll sah sehr bleich aus und schien kleiner, als Simon erwartet hatte, so als habe er einen Teil seiner Substanz verloren; aber sein L�cheln war fr�hlich.</p><p>�Freund Simon�, sagte er und setzte sich vorsichtig auf. Sein kleiner, brauner Oberk�rper war bis zum Schl�sselbein dick verbunden. Simon widerstand dem Drang, den kleinen Mann zu umarmen, weil er die heilenden Wunden nicht wieder aufrei�en wollte. Statt dessen setzte er sich auf den Rand des Lagers und ergriff eine von Binabiks warmen H�nden.</p><p>�Ich dachte, wir h�tten dich verloren�, sagte Simon, und die Zunge lag dick in seinem Mund.</p><p>�Das dachte ich auch, als mich der Pfeil traf�, erwiderte der Troll mit einem reuigen Kopfsch�tteln. �Aber anscheinend ist nichts von entscheidender Natur durchbohrt worden. Man hat mich gut gepflegt, und bis auf eine gewisse Schmerzhaftigkeit der Bewegung bin ich fast wieder neu.� Er wandte sich dem Priester zu. �Ich bin heute auf dem Hof herumgegangen.�</p><p>�Gut, sehr gut.� Vater Strangyeard l�chelte abwesend und zupfte an der Schnur, die seine Augenklappe hielt. �Ich mu� jetzt gehen. Bestimmt gibt es vieles, das ihr beiden miteinander besprechen m�chtet.� In der T�r drehte er sich noch einmal um. �Simon, bitte mach von meinem Zimmer Gebrauch, solange es dir gef�llt. Ich teile inzwischen Bruder Eglafs Kammer. Er gibt zwar im Schlaf f�rchterliche T�ne von sich, aber er ist ein guter Mensch und nimmt mich bereitwillig auf.�</p><p>Simon dankte ihm. Nachdem der Priester Binabik weiterhin gute Genesung gew�nscht hatte, entfernte er sich.</p><p>�Er ist ein Mann von vortrefflichem Verstand, Simon�, meinte Binabik, w�hrend sie den Schritten Strangyeards lauschten, die im Gang verhallten. �Meister der Burgarchive ist er. Wir hatten schon wunderbare Gespr�che.�</p><p>�Aber ein wenig merkw�rdig, nicht wahr? Irgendwie � zerstreut?�</p><p>Binabik lachte, zuckte dann zusammen und hustete. Erschreckt beugte Simon sich zu ihm vor, aber der Troll winkte ab. �Nur einen Augenblick�, sagte er. Als er wieder zu Atem gekommen war, fuhr er fort: �Manche Menschen, Simon, deren Kopf voller Gedanken ist, vergessen zu sprechen und sich zu benehmen wie gew�hnliche Leute.�</p><p>Simon nickte und betrachtete den Raum. Er war dem Strangyeards sehr �hnlich: karg, klein, mit wei�gekalkten W�nden. Statt der B�cher- und Pergamentstapel lag auf dem Schreibtisch nur ein Exemplar des Buches �don. Ein rotes Band hielt wie eine schmale Zunge die Stelle fest, an der der letzte Leser aufgeh�rt hatte.</p><p>�Wei�t du, wo Marya ist?� fragte Simon.</p><p>�Nein.� Binabik machte ein �u�erst ernstes Gesicht. Simon fragte sich, warum. �Ich nehme an, sie hat Josua ihre Botschaft �berbracht. Vielleicht hat er sie zu der Prinzessin zur�ckgeschickt, wo immer sie sich aufhalten mag, um ihr seine Antwort mitzuteilen.�</p><p>�Nein!� Dieser Gedanke gefiel Simon ganz und gar nicht. �Wie h�tte das alles so schnell geschehen k�nnen?�</p><p>�So schnell?� Binabik l�chelte. �Heute ist der Morgen des zweiten Tages nach unserer Ankunft in Naglimund.�</p><p>Simon war verdutzt. �Wie kann das sein? Ich bin doch gerade erst aufgewacht!�</p><p>Binabik lie� sich kopfsch�ttelnd in die Laken zur�cksinken. �Das stimmt nicht. Du hast gestern fast den ganzen Tag geschlafen, bist aber mehrfach aufgewacht, um etwas Wasser zu trinken, und dann gleich wieder eingeschlafen. Ich vermute, das letzte St�ck unserer Reise hat dich geschw�cht, so kurz nach dem Fieber, das du dir bei der Flu�fahrt zugezogen hattest.�</p><p>�Usires!� Ihm war, als h�tte sein K�rper ihn verraten. �Und man hat Marya fortgeschickt?�</p><p>Binabik streckte bes�nftigend die Hand aus den Laken. �Mir ist nichts Derartiges bekannt. Es war nur eine Annahme. Genausogut kann sie noch hier sein � vielleicht bei den Frauen oder im Quartier der Dienstboten. Schlie�lich ist sie ja auch eine Dienerin.�</p><p>Simon machte ein finsteres Gesicht. Binabik nahm sanft wieder die Hand des Jungen, die dieser vor Aufregung weggezogen hatte. �Hab Geduld, Simon-Freund�, mahnte der Troll. �Du hast eine Heldentat getan, bis hierher zu gelangen. Wer wei�, was als n�chstes geschehen wird?�</p><p>�Du hast recht � wahrscheinlich�� Er holte tief Atem.</p><p>�Und mir hast du das Leben gerettet�, erkl�rte Binabik.</p><p>�Ist das wichtig?� Simon streichelte geistesabwesend die kleine Hand und stand auf. �Du hast mir auch schon mehrmals das Leben gerettet. Freunde sind Freunde.�</p><p>Binabik l�chelte, aber seine Augen waren m�de. �Freunde sind Freunde�, stimmte er zu. �Und wenn wir schon davon sprechen: Ich mu� nun wieder schlafen. In den Tagen, die vor uns liegen, wird es Wichtiges zu tun geben. W�rdest du nach Qantaqa sehen und danach, wie sie untergebracht ist? Strangyeard wollte sie zu mir bringen, aber ich f�rchte, es ist von seinem vielbesch�ftigten Haupt geflogen wie Daunen von einem�, er klopfte das seine, �� Kissen.�</p><p>�Gewi߫, antwortete Simon und �ffnete schon die T�r. �Wei�t du denn, wo sie ist?�</p><p>�Strangyeard sagte � in den St�llen��, erwiderte Binabik g�hnend und schlo� die Augen.</p><empty-line/><p>Als Simon den Innenhof betrat und einen Augenblick stehenblieb, um den Vor�bergehenden zuzuschauen, H�flingen, Dienern, Klerikern, von denen niemand ihm auch nur die geringste Beachtung schenkte, wurden ihm urpl�tzlich zwei Dinge klar.</p><p>Erstens, da� er keine Ahnung hatte, wo die Stallungen lagen. Zweitens, da� er sehr, sehr hungrig war. Vater Strangyeard hatte etwas davon erw�hnt, da� man ihm aufgetragen h�tte, sich um Simon zu k�mmern, aber der Priester war verschwunden. Wirklich ein n�rrischer alter Knabe!</p><p>Auf einmal ersp�hte Simon auf der anderen Seite des Hofes ein bekanntes Gesicht. Er lief darauf zu und hatte schon ein paar Schritte zur�ckgelegt, als ihm der dazugeh�rige Name einfiel.</p><p>�Sangfugol!� rief er, und der Harfner blieb stehen und schaute sich nach dem Rufer um. Er sah Simon heraneilen und beschattete mit der Hand die Augen, blickte jedoch immer noch fragend, als der Junge rutschend vor ihm zum Stehen kam.</p><p>�Ja?� fragte er. Er war in ein reiches, lavendelblaues Wams gekleidet, und das dunkle Haar quoll anmutig unter einer mit passenden Federn besetzten M�tze hervor. Selbst in seinen sauberen Sachen kam Simon sich gegen�ber dem h�flich l�chelnden Musikanten sch�big vor. �Hast du eine Botschaft f�r mich?�</p><p>�Ich bin Simon. Wahrscheinlich erinnert Ihr Euch nicht mehr an mich. Wir haben beim Leichenschmaus auf dem Hochhorst miteinander gesprochen.�</p><p>Sangfugol starrte ihn einen weiteren Moment lang mit leicht gerunzelter Stirn an, dann hellte sich sein Gesicht auf. �Simon! Ja, nat�rlich! Der beredte Mundschenk! Es tut mir aufrichtig leid, aber ich habe dich �berhaupt nicht wiedererkannt. Du bist recht erwachsen geworden.�</p><p>�Wirklich?�</p><p>Der Harfner grinste. �Und ob! Jedenfalls hattest du das letzte Mal, als ich dich sah, noch nicht diesen Flaum im Gesicht.� Er streckte die Hand aus und nahm Simon beim Kinn. �Oder zumindest kann ich mich nicht daran erinnern.�</p><p>�Flaum?� Verwundert griff Simon nach oben und strich sich �ber die Wange. Sie f�hlte sich tats�chlich pelzig an � aber weich, wie das Haar auf seinen Unterarmen.</p><p>Sangfugols Lippen zuckten, und er fing an zu lachen. �Wie konnte dir das entgehen? Als mir zuerst der Bart des Mannes wuchs, stand ich jeden Tag bei meiner Mutter vor dem Spiegel, um nachzusehen, wie er sich entwickelte.� Er legte die Hand an die glattrasierte Wange. �Und heute schabe ich ihn mir jeden Morgen fluchend ab, damit mein Gesicht weich ist � f�r die Damen.�</p><p>Simon sp�rte, da� er rot wurde. Wie hinterw�ldlerisch er wirken mu�te! �Ich habe eine Zeitlang keine Spiegel um mich gehabt.�</p><p>�Hmmm.� Sangfugol betrachtete ihn von Kopf bis Fu�. �Gr��er bist du auch, wenn mein Ged�chtnis mich nicht tr�gt. Was f�hrt dich nach Naglimund? Nicht, da� ich es mir nicht ausrechnen k�nnte. Hier sind viele, die aus dem Hochhorst geflohen sind, nicht zuletzt mein Herr selbst, Prinz Josua.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Simon. Er mu�te unbedingt etwas sagen, das ihn mit diesem wohlgekleideten jungen Mann wieder auf eine Stufe stellte. �Ich half ihm zu entkommen.�</p><p>Der Harfner hob eine Braue. �Wahrhaftig? Das h�rt sich freilich nach einer interessanten Geschichte an. Hast du schon gegessen? Oder m�chtest du einen Schluck Wein? Ich wei�, da� es noch recht fr�h ist, aber um die Wahrheit zu sagen, war ich noch gar nicht im Bett � habe noch nicht geschlafen.�</p><p>�Essen w�re wunderbar�, sagte Simon, �aber ich mu� vorher noch etwas erledigen. K�nnt Ihr mir den Weg zu den St�llen zeigen?�</p><p>Sangfugol l�chelte. �Und was dann, junger Held? Willst du nach Erchester hinabreiten und uns Pryrates' Kopf in einem Sack bringen?� Simon err�tete wieder, aber diesmal mit nicht geringem Vergn�gen. �Also gut�, erkl�rte der Harfner, �erst die St�lle, dann das Essen.�</p><empty-line/><p>Der gekr�mmte Mann mit der sauren Miene, der mit der Gabel Heu aufschichtete, machte einen mi�trauischen Eindruck, als Simon sich nach Qantaqas Verbleib erkundigte.</p><p>�Was willst du denn mit dem?� fragte der Mann und sch�ttelte den Kopf. �Richtig b�sartiges Biest. Unrecht ist das, ihn hier hinzustecken. �berhaupt nicht mein Bier; nur weil der Prinz es gesagt hat. Hat mir fast die Hand abgerissen, die Bestie.�</p><p>�Na also�, versetzte Simon, �dann solltest du froh sein, sie loszuwerden. Bring mich zu ihr.�</p><p>�Ein Teufelsbraten ist das, sag ich dir�, erkl�rte der Mann. Sie folgten dem Voraushinkenden durch s�mtliche dunklen Stallgeb�ude und zur Hintert�r hinaus auf einen morastigen Hof im Schatten der Au�enmauer.</p><p>�Die K�he f�hren sie manchmal zum Schlachten hierher�, erl�uterte der Mann und deutete auf eine viereckige Grube. �Wei� nicht, warum der Prinz den hier lebendig nach Hause hat schaffen lassen und der arme, alte Lucuman nun auf ihn aufpassen soll. Mit dem Speer h�tte er ihn durchbohren sollen, den widerlichen Bastard, so wie den Riesen.�</p><p>Simon warf dem Krummen einen Blick voller Abscheu zu und trat an den Rand der Grube. Ein an der Kante im Boden verankertes Seil hing in das Loch hinunter. Unten war es um den Hals der W�lfin geknotet, die auf dem schlammigen Boden der Grube lag.</p><p>Simon war entsetzt. �Was hast du mit ihr gemacht!� schrie er den Stallknecht an. Sangfugol, der den sumpfigen Hof etwas vorsichtiger betreten hatte, kam n�her.</p><p>Das Mi�trauen des alten Mannes verwandelte sich in Gereiztheit. �Hab gar nichts gemacht�, versetzte er gekr�nkt. �Richtiger Teufel ist das � hat geheult wie ein Untier. Nach mir gebissen hat er.�</p><p>�Das h�tte ich auch getan�, fauchte Simon. �Und vielleicht mache ich es auch noch. Hol sie dort heraus.�</p><p>�Wie denn?� fragte der Mann beunruhigt. �Einfach am Seil hochziehen? Dazu ist er viel zu gro�.�</p><p>�<emphasis>Sie</emphasis>, du Dummkopf!� Simon war au�er sich vor Wut, die W�lfin, seine Gef�hrtin �ber ungez�hlte Meilen, in einem dunklen, nassen Loch liegen zu sehen. Er beugte sich hinab.</p><p>�Qantaqa!� rief er. �Ho, Qantaqa!� Sie zuckte mit den Ohren, als wollte sie eine Fliege verscheuchen, �ffnete aber nicht die Augen. Simon sah sich im Hof um, bis er fand, was er brauchte: den Hackklotz, einen schartigen Baumstumpf, so dick wie der Brustkorb eines Mannes. Er rollte ihn m�hsam zu der Grube, w�hrend Stallknecht und Harfner verwundert zuschauten.</p><p>�Pa� auf!� rief er der W�lfin zu und rollte den Stumpf �ber den Rand; er schlug nur einen Meter von den Hinterbeinen des Tiers entfernt in der weichen Erde auf. Sie hob kurz den Kopf und blickte hin�ber, um dann wieder zusammenzusinken.</p><p>Wieder sp�hte Simon �ber den Grubenrand und versuchte Qantaqa anzulocken, aber sie achtete nicht auf ihn.</p><p>�Um Himmelswillen, sei vorsichtig�, mahnte Sangfugol.</p><p>�Gl�ck hat er, da� sie sich grad ausruht, die Bestie�, meinte der andere und kaute bed�chtig am Daumennagel. �H�tte das Biest vorher h�ren sollen, Heulen und alles.�</p><p>Simon schwang die F��e �ber die Kante des Loches und rutschte hinab. Er landete im quatschigen, glitschigen Schlamm.</p><p>�Was tust du!� rief Sangfugol. �Bist du verr�ckt?�</p><p>Simon kniete neben der W�lfin nieder und n�herte sich ihr langsam mit seiner Hand. Sie knurrte, aber er hielt ihr die Finger hin. Ihre schlammige Nase schn�ffelte kurz daran, dann streckte sie vorsichtig die lange Zunge aus und leckte ihm den Handr�cken. Simon fing an, ihre Ohren zu kraulen und tastete sie dann nach Schnittwunden und Knochenbr�chen ab. Es war nichts zu erkennen. Er drehte sich um und richtete den Hackklotz auf, rammte ihn an der Grubenwand in den Morast und ging dann wieder zu Qantaqa. Er legte die Arme um ihren Leib und lockte sie solange, bis sie aufstand.</p><p>�Er ist verr�ckt, stimmt's?� fragte der sauert�pfische Mann Sangfugol halb im Fl�sterton.</p><p>�Halt den Mund�, knurrte Simon und musterte seine sauberen Stiefel und Kleider, die schon l�ngst mit Schlamm beschmiert waren. �Nimm das Seil und zieh, wenn ich es sage. Sangfugol, schneidet ihm den Kopf ab, wenn er tr�delt!�</p><p>�Nun aber!� meinte der Mann vorwurfsvoll, griff aber nach dem Seil. Der Harfner stellte sich hinter ihn, um zu helfen. Simon dr�ngte Qantaqa auf den Baumstumpf zu und �berredete sie endlich, die Vorderbeine darauf zu stellen. Dann schob er seine Schulter unter ihr breites, pelzfransiges Hinterteil.</p><p>�Fertig. Jetzt zieht!� rief er. Das Seil straffte sich. Zuerst wehrte sich Qantaqa und zerrte von den M�nnern fort, die sie hochhieven wollten. Ihr betr�chtliches Gewicht sackte auf Simon nieder, dessen F��e im Schlamm unter ihm wegzurutschen begannen. Gerade, als er das Gef�hl hatte, darin zu versinken und von einem gro�en Wolf erdr�ckt in einer Schlammgrube zu sterben, gab Qantaqa nach und folgte dem Zug des Seils. Simon glitt zwar trotzdem aus, sah jedoch befriedigt, wie die W�lfin strampelnd �ber den Rand der Grube kletterte. Von dem Stallknecht und Sangfugol kam ein Aufschrei der �berraschung und Best�rzung, als ihr gelb�ugiger Kopf �ber der Kante auftauchte.</p><p>Simon kletterte mit Hilfe des Blockes ebenfalls heraus. Der Stallknecht duckte sich angstvoll vor der W�lfin, die ihn boshaft musterte. Sangfugol, der nicht weniger beunruhigt aussah, rutschte vorsichtig auf dem Ges�� von ihr fort und achtete dabei gar nicht auf den Schaden an seinen pr�chtigen Gew�ndern.</p><p>Simon lachte und half dem Harfner auf die F��e. �Kommt mit�, sagte er. �Wir liefern Qantaqa bei ihrem Freund und Herrn ab, den Ihr ohnehin kennenlernen solltet � und dann zum Essen, von dem wir gesprochen haben��</p><p>Sangfugol nickte langsam. �Nachdem ich jetzt Simon, den Gef�hrten der W�lfe, gesehen habe, sind ein paar andere Dinge leichter zu glauben. Gehen wir, unbedingt.�</p><p>Qantaqa stie� den am Boden dahingestreckten Stallknecht ein letztes Mal mit der Nase an und entlockte ihm ein angstvolles Wimmern. Simon band ihr Seil von dem Pfahl los, und sie machten sich auf den Weg durch die Stallungen, hinter sich vier Paar schlammige Fu�spuren.</p><empty-line/><p>W�hrend Binabik und Qantaqa ihr Wiedersehensfest feierten, leicht ged�mpft von Simon, der den noch immer geschw�chten Troll vor den ungest�men Freudenausbr�chen seines Reittieres besch�tzte, schl�pfte Sangfugol in die K�che. Schon bald kehrte er mit einem Bierkrug und einer stattlichen, in ein Tuch gewickelten Portion Hammelfleisch, K�se und Brot zur�ck. Au�erdem trug er zu Simons �berraschung immer noch dieselben schlammbespritzten Kleider.</p><p>�Die s�dliche Festungsmauer, auf der wir speisen wollen, ist recht staubig�, erkl�rte der Harfner. �Und der Teufel soll mich holen, wenn ich mir heute noch ein zweites Wams ruiniere.�</p><p>Als sie sich dem Haupttor der Burg n�herten, von dem eine steile Treppe zu den Zinnen f�hrte, machte Simon eine Bemerkung �ber die vielen Menschen, die sich auf dem Burganger dr�ngten, und die �ber die Freifl�che verstreuten Zelte und H�tten.</p><p>�Zuflucht suchen sie, jedenfalls viele von ihnen�, erl�uterte Sangfugol. �Der gr��te Teil kommt aus der Frostmark und dem Tal des Gr�nwate-Flusses. Ein paar sind auch aus Utanyeat; solche, die Graf Guthwulfs Hand ein wenig zu schwer gefunden haben. Aber die meisten sind durch R�uber oder das Wetter aus ihrer Heimat vertrieben worden. Oder durch noch andere Dinge � wie die <emphasis>Hunen</emphasis>.� Er deutete im Vorbeigehen auf den fertigen Scheiterhaufen. Die M�nner hatten sich entfernt; der Holzsto� erhob sich stumm und bedeutungsvoll wie eine zerst�rte Kirche.</p><p>Oben auf der Mauer setzten sie sich auf die rohbehauenen Steine. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte durch die wenigen noch �brigen Wolken hei� auf sie herunter. Simon w�nschte sich einen Hut.</p><p>�Entweder du oder sonst jemand hat gutes Wetter mitgebracht.� Sangfugol �ffnete sein Wams der W�rme. �Es war das sonderbarste Maia-Wetter, seit ich mich erinnern kann � Schneetreiben in der Frostmark, kalter Regen in Utanyeat � und Hagel! Vor zwei Wochen hatten wir hier Hagel, mit Eisk�rnern so gro� wie Vogeleier.� Er machte sich daran, das Essen auszupacken. Simon bewunderte die Aussicht. Hier oben auf den hohen W�llen der inneren Feste lag Naglimund zu ihren F��en wie eine ausgebreitete Decke.</p><p>Die Burg duckte sich in einer steilwandigen Mulde der Weldhelm-Berge wie in einer hohlen Handfl�che. Unter den westlichen Zinnen, ihrem Sitzplatz gegen�ber, erstreckte sich die breite Au�enmauer der Burg; dahinter senkten sich die krummen Gassen der Stadt Naglimund bis zu den �u�eren Stadtmauern hinab. Jenseits dieser Mauern dehnte sich eine fast unendliche Weite felsigen Weidelandes und flacher H�gel.</p><p>Auf der anderen Seite, zwischen den �stlichen Zinnen und der kahlen, violetten Wand des Weldhelms, f�hrte ein langer, gewundener Pfad vom Kamm des Gebirges herunter. Auf den H�ngen zu beiden Seiten dieses Pfades funkelten tausend Punkte schw�rzlichen Sonnenlichtes.</p><p>�Was ist das?� Simon zeigte mit dem Finger darauf. Sangfugol kaute und kniff die Augen zusammen.</p><p>�Die N�gel, meinst du?�</p><p>�Was f�r �N�gel�? Ich frage nach diesen langen Stacheln dort am Hang des Berges.�</p><p>Der Harfner nickte. �Die N�gel. Was hast du denn gedacht, woher der Name Naglimund kommt? Ihr Hochhorstleute habt euer Erkynl�ndisch vergessen. �Nagel-Feste� � nichts anderes bedeutet es. Herzog Aeswides hat sie aufgestellt, als er Naglimund erbaute.�</p><p>�Wann war das? Und wozu dienen sie?� Simon machte gro�e Augen. Der Wind entf�hrte seine Brotkrumen und wirbelte sie �ber den �u�eren Zwinger.</p><p>�Einige Zeit, bevor die Rimmersm�nner s�dw�rts zogen, das ist alles, was ich wei߫, antwortete Sangfugol. �Aber den Stahl bekam er aus Rimmersgard, all diese Stangen. Die Dverninge haben sie geschmiedet�, f�gte er bedeutungsvoll hinzu, aber Simon sagte der Name nichts.</p><p>�Aber wozu? Es sieht aus wie ein eiserner Garten.�</p><p>�Um die Sithi fernzuhalten�, erkl�rte Sangfugol. �Aeswides hatte schreckliche Angst vor ihnen, weil es eigentlich ihr Land war. Eine ihrer gro�en St�dte, ich habe den Namen vergessen, lag dr�ben auf der anderen Seite des Gebirges.�</p><p><emphasis>�Da'ai Chikiza�,</emphasis> sagte Simon ruhig und starrte auf das Dickicht aus angelaufenem Metall.</p><p>�Richtig�, stimmte der Harfner zu. �Und die Sithi k�nnen angeblich kein Eisen ertragen. Macht sie ganz krank, t�tet sie sogar. Darum umgab Aeswides seine Burg mit diesen �N�geln� aus Stahl. Fr�her waren sie auch �berall auf der Talseite der Burg, aber als die Sithi verschwanden, standen die N�gel blo� im Weg � machten es schwierig, am Markttag die Wagen hereinzufahren und so weiter. Und als K�nig Johan diese Burg Josua gab � vermutlich, um ihn und seinen Bruder so weit wie m�glich auseinander zu halten �, lie� mein Gebieter sie alle wegnehmen, au�er diesen dort auf den H�ngen. Ich glaube, sie erheitern ihn. Er hat viel �brig f�r alte Sachen, der Prinz, mein Herr.�</p><p>Sie leerten gemeinsam den Bierkrug, und Simon gab dem Harfenspieler eine gek�rzte Fassung seiner Erlebnisse seit ihrer letzten Begegnung. Ein paar von den unerkl�rlicheren Dingen lie� er aus, weil er auf die Fragen, die der Harfner ihm zweifellos stellen w�rde, keine Antworten hatte.</p><p>Sangfugol war beeindruckt, aber am meisten bewegte ihn die Erz�hlung von Josuas Rettung und Morgenes' M�rtyrertum.</p><p>�Oh, dieser Schurke Elias�, sagte er endlich, und Simon bemerkte �berrascht den Ausdruck ehrlichen Zornes, der das Gesicht des Harfners wie eine Gewitterwolke verdunkelte. �K�nig Johan h�tte das Ungeheuer bei der Geburt erw�rgen lassen sollen oder, wenn das nicht ging, ihn wenigstens zum Generalfeldmarschall ernennen und die M�nner der Thrithinge qu�len lassen k�nnen � alles, nur ihn nicht auf den Drachenbeinthron setzen, auf dem er eine Plage f�r uns alle ist!�</p><p>�Aber dort sitzt er nun einmal�, meinte Simon kauend. �Glaubt Ihr, da� er uns hier in Naglimund angreifen wird?�</p><p>�Das wissen nur Gott und der Teufel�, grinste Sangfugol m�rrisch, �und der Teufel l��t sich auf keine Wetten ein. Vielleicht wei� Elias noch nicht einmal, da� Josua sich hier befindet, aber das wird er sicher bald erfahren. Diese Festung hier ist stark, sehr stark. Wenigstens daf�r haben wir dem l�ngst verblichenen Aeswides zu danken. Aber dennoch, stark oder nicht, ich kann mir kaum vorstellen, da� Elias lange zusehen wird, wie sich Josua hier im Norden eine Hausmacht schafft.�</p><p>�Aber ich dachte, Prinz Josua wollte gar nicht K�nig werden�, wandte Simon ein.</p><p>�Will er auch nicht. Aber Elias geh�rt nicht zu den Menschen, die das begreifen. Ehrgeizige M�nner glauben nie, da� andere anders sind. Au�erdem hat er Pryrates neben sich, der ihm mit seiner Schlangenzunge giftigen Rat ins Ohr tr�ufelt.�</p><p>�Aber sind Josua und der K�nig nicht schon jahrelang verfeindet? Lange bevor Pryrates auftauchte?�</p><p>Sangfugol nickte. �An �rger zwischen den beiden hat es nicht gefehlt. Einst liebten sie einander und standen sich n�her als die meisten Br�der � wenigstens erz�hlen es Josuas �ltere Gefolgsleute so. Aber sie gerieten in Streit, und dann starb Hylissa.�</p><p>�Hylissa?�</p><p>�Elias' Nabbanai-Gemahlin. Josua sollte sie zu Elias bringen, der damals noch ein Prinz war und f�r seinen Vater in den Thrithingen Krieg f�hrte. R�uber aus den Thrithingen �berfielen den Geleitzug.</p><p>Josua verlor bei Hylissas Verteidigung die Hand, aber selbst das war sinnlos � die R�uber waren zu viele.�</p><p>Simon stie� einen tiefen Atemzug aus. �Also so ist das passiert!�</p><p>�Damit war alle Liebe zwischen ihnen gestorben � so hei�t es jedenfalls.�</p><p>Nachdem er eine Weile �ber Sangfugols Worte nachgedacht hatte, stand Simon auf und reckte sich; die wunde Stelle an seinen Rippen stach und warnte. �Und was wird Prinz Josua nun unternehmen?� fragte er.</p><p>Der Harfner kratzte sich am Arm und starrte in den Burganger hinunter. �Ich habe keine Ahnung. Prinz Josua ist vorsichtig und entschlie�t sich schwer zum Handeln; au�erdem zieht man mich in der Regel nicht hinzu, wenn es um strategische Probleme geht.� Er lachte leise. �Man redet davon, da� wichtige Gesandte zu uns kommen, und da� Josua in den n�chsten sieben Tagen einen formellen <emphasis>Raed</emphasis> einberufen wird.�</p><p>�Einen was?�</p><p>�Einen <emphasis>Raed.</emphasis> Das ist die alte erkynl�ndische Bezeichnung f�r so etwas wie eine Ratsversammlung. Die Leute hier bei uns neigen dazu, an �berkommenen Br�uchen festzuhalten. Drau�en im Land, weiter weg von der Burg, benutzen viele noch die alte Sprache. Ein Hochhorstmann wie du w�rde wahrscheinlich einen einheimischen �bersetzer brauchen.�</p><p>Simon wollte sich durch Reden �ber l�ndliche Sonderbarkeiten nicht ablenken lassen. �Eine Ratsversammlung, sagt Ihr � ein � ein <emphasis>Raed?</emphasis> K�nnte es ein � Kriegsrat sein?�</p><p>�Heutzutage�, erwiderte der Musikant, und erneut war sein Gesicht d�ster, �heutzutage d�rfte jede Ratsversammlung in Naglimund ein Kriegsrat sein.�</p><empty-line/><p>Sie gingen auf der Festungsmauer entlang.</p><p>�Ich bin �berrascht�, bemerkte Sangfugol, �da� mein Gebieter dich trotz der gro�en Dienste, die du ihm erwiesen hast, noch nicht zur Audienz berufen hat.�</p><p>�Ich bin heute morgen erst aus dem Bett aufgestanden�, antwortete Simon. �Au�erdem hat er mich vielleicht gar nicht erkannt � auf einer dunklen Lichtung, neben einem sterbenden Riesen, in dem ganzen Durcheinander.�</p><p>�Vermutlich hast du recht�, sagte der Harfner und hielt seine M�tze fest, die sich nach Kr�ften bem�hte, mit dem Wind davonzufliegen.</p><p><emphasis>Trotzdem,</emphasis> dachte Simon, <emphasis>wenn Marya ihm die Botschaft der Prinzessin �berbracht hat, sollte sie doch wohl ihre Gef�hrten erw�hnt haben. Ich kann nicht glauben, da� sie uns einfach vergi�t.</emphasis></p><p>Aber er mu�te gerecht sein: Welches M�dchen, das pl�tzlich aus einer feuchten und gef�hrlichen Wildnis gerettet wird, w�rde seine Zeit <emphasis>nicht</emphasis> lieber mit den Edelleuten der Burg verbringen als mit einem mageren K�chenjungen?</p><p>�Ihr habt nicht zuf�llig das M�dchen Marya gesehen, das mit uns hierher kam?� erkundigte er sich.</p><p>Sangfugol sch�ttelte den Kopf. �Jeden Tag kommen neue Leute zum Tor herein. Und nicht nur solche, die von den H�fen und aus den D�rfern der Umgebung zu uns fliehen. Gestern nacht trafen die Vorreiter von Prinz Gwythinn von Hernystir ein, auf sch�umenden Rossen. Der Prinz und sein Gefolge m��ten heute abend ankommen. Seit einer Woche ist Herr Ethelferth von Tinsett hier, mit zweihundert M�nnern. Gleich nach ihm kam Baron Ordmaer mit hundert M�nnern aus Utersall. Andere Adlige aus der ganzen Gegend finden sich mit ihrem Aufgebot ein. Die Jagd hat begonnen, Simon, auch wenn �don allein wei�, wer hier wen jagt.�</p><p>Sie hatten den Nordostturm der Mauer erreicht. Sangfugol gr��te l�ssig den jungen Soldaten, der hier patrouillierte. Hinter seiner graugekleideten Schulter ragte die Masse des Weldhelms auf; die schweren Berge schienen zum Greifen nah.</p><p>�Aber auch wenn er sehr besch�ftigt ist�, begann der Harfner noch einmal, �es kommt mir nicht richtig vor, da� er dich noch nicht empfangen hat. Macht es dir etwas aus, wenn ich ein Wort f�r dich einlege? Ich soll heute beim Abendessen f�r ihn spielen.�</p><p>�Sicher w�rde ich gern mit ihm sprechen, ja. Ich hatte gro�e Angst um seine Sicherheit. Und <emphasis>mein</emphasis> Herr gab sehr viel daf�r, da� der Prinz hierher, in seine Heimat, zur�ckkehren konnte.�</p><p>Simon war selbst erstaunt �ber den leichten Unterton von Bitterkeit in seiner Stimme. Er hatte sie nicht absichtlich so klingen lassen, aber immerhin hatte er einiges durchgemacht; zudem war <emphasis>er</emphasis> es gewesen und kein anderer, der Josua gefunden hatte, als er zusammengeschn�rt dagehangen hatte wie ein Fasan �ber der T�r einer K�tnerh�tte.</p><p>Der Unterton in seiner Bemerkung war auch Sangfugol nicht entgangen; er warf Simon einen aus Mitgef�hl und Belustigung gemischten Blick zu.</p><p>�Ich verstehe. Allerdings w�rde ich empfehlen, es dem Prinzen nicht ganz in dieser Form vorzutragen. Er ist ein stolzer, schwieriger Mann, Simon, aber ich bin �berzeugt, da� er dich nicht vergessen hat. Du wei�t ja, da� unsere Lage hier in letzter Zeit ziemlich schlecht war, fast so unangenehm wie auf deiner eigenen Reise.�</p><p>Simon hob das Kinn und starrte auf die Berge, den seltsamen Schimmer der windzerzausten B�ume. �Ich wei߫, sagte er. �Wenn er mich empfangen kann, soll es mir eine Ehre sein. Wenn nicht � nun, dann hat es eben nicht sein sollen.�</p><p>Der Harfner grinste tr�ge, und seine mutwilligen Augenwinkel senkten sich. �Eine stolze und gerechte Rede. Nun komm, ich will dir die N�gel von Naglimund zeigen.�</p><empty-line/><p>Am hellen Tag war der Anblick wirklich erstaunlich. Das Feld gl�nzender Pf�hle begann wenige Ellen vom Graben entfernt unterhalb der Ostmauer der Burg, zog sich schr�g den Hang hinauf und erstreckte sich etwa eine Viertelmeile weit bis unmittelbar an den Fu� des Gebirges. Die Pf�hle waren in symmetrischen Reihen aufgestellt, als l�ge dort eine Legion von Speerk�mpfern begraben, von denen nur noch die Waffen aus dem dunklen Boden ragten, um zu zeigen, wie gewissenhaft sie Wache hielten. Die Stra�e, die sich von einer klaffenden H�hle in der westlichen Flanke des Berges herunterschl�ngelte, wand sich zwischen den Reihen hin und her, voller Kurven wie der Weg einer Schlange, und endete schlie�lich vor dem schweren Osttor von Naglimund.</p><p>�Und das hat Wie-hei�t-er-doch-gleich alles bauen lassen, nur weil er Angst vor den Sithi hatte?� fragte Simon, verwirrt von der seltsamen, silbrigdunklen Saat, die da vor ihm spro�.</p><p>�Warum hat er sie nicht einfach oben auf die Mauer gesetzt?�</p><p>�Herzog Aeswides war sein Name. Er war der hiesige Statthalter von Nabban und verstie� gegen die alten Br�uche, als er seine Burg auf Sithiland stellte. Und warum nicht auf den Mauern � nun, vermutlich f�rchtete er, sie k�nnten einen Weg finden, doch irgendwie dar�ber hinwegzukommen oder vielleicht darunter durchzukriechen. So, wie er die Pf�hle anordnete, h�tten sie mitten hindurch gemu�t. Du hast nicht einmal die H�lfte gesehen, Simon � fr�her schossen sie auf allen Seiten aus dem Boden wie Pilze!� Sangfugol breitete mit umfassender Geb�rde die Arme aus.</p><p>�Und was taten die Sithi?� erkundigte sich Simon. �Versuchten sie ihn anzugreifen?�</p><p>Sangfugol runzelte die Stirn. �Nicht, da� ich w��te. Du solltest wirklich den alten Vater Strangyeard danach fragen. Er ist hier der Archivar und Historiker.�</p><p>Simon l�chelte. �Ich kenne ihn.�</p><p>�Interessanter alter Schlurfer, wie? Er hat mir einmal erz�hlt, da� die Sithi diesem Ort hier, nachdem die Burg gebaut war, einen Namen gaben � n�mlich � Verdammt, ich als Balladens�nger sollte diese alten Geschichten doch im Kopf haben! Jedenfalls bedeutete der Name, den sie daf�r hatten, so etwas wie �Falle-die-den-J�ger-f�ngt�� so als ob Aeswides sich damit selber eingemauert, sich also in seiner eigenen Falle gefangen h�tte.�</p><p>�Und war es so? Was wurde aus ihm?�</p><p>Sangfugol sch�ttelte den Kopf, wobei er fast wieder seine M�tze verloren h�tte. �La� mich h�ngen, wenn ich's wei�. Wurde wahrscheinlich alt und starb hier. Ich glaube nicht, da� sich die Sithi viel um ihn k�mmerten.�</p><empty-line/><p>Sie brauchten eine Stunde, um ihren Rundgang zu vollenden. L�ngst war der Bierkrug geleert, den Sangfugol mitgebracht hatte, um das Essen hinunterzusp�len; aber der Harfner hatte vorsorglich noch einen Weinschlauch beschafft und sie so vor einem trockenen Marsch gerettet. Sie lachten � Sangfugol brachte Simon gerade ein unanst�ndiges Lied �ber eine Edelfrau aus Nabban bei �, als sie wieder an das Haupttor und die hinunterf�hrende Wendeltreppe kamen. Beim Verlassen des Torhauses fanden sie sich inmitten einer wimmelnden Menge von Arbeitern und Soldaten. Von den letzteren waren die meisten gerade nicht im Dienst, nach der Unordnung ihrer Kleider zu urteilen. Alles johlte und dr�ngelte; schon bald fand sich Simon zwischen einem dicken Mann und einem b�rtigen Wachsoldaten eingekeilt.</p><p>�Was geht hier vor?� rief er zu Sangfugol hin�ber, der vom Sog der Menge ein kleines St�ck von ihm weggeschwemmt worden war.</p><p>�Ich wei� es nicht genau�, rief der andere zur�ck. �Vielleicht ist Gwythinn von Hernystir angekommen.�</p><p>Der dicke Mann hob das rote Gesicht zu Simon auf. �Nee, is' er nicht�, bemerkte er vergn�gt. Sein Atem stank nach Bier und Zwiebeln. �Es is' wegen dem Riesen da, den wo der Prinz erledigt hat.� Er zeigte auf den Scheiterhaufen, der immer noch nackt und kahl am Rande des Angers stand.</p><p>�Aber ich sehe keinen Riesen�, meinte Simon.</p><p>�Sie holen ihn grade�, erkl�rte der Mann. �Bin nur mit den andern hergekommen, damit ich ihn auch wirklich seh. Der Sohn von meiner Schwester war einer von den Treibern � hat mitgeholfen, die Teufelsbestie zu schnappen!� f�gte er voller Stolz hinzu.</p><p>Jetzt flutete eine neue L�rmwelle durch die Menge. Irgend jemand ganz vorn konnte etwas sehen, das eilig an alle weniger g�nstig Stehenden weitergemeldet wurde. H�lse wurden gereckt und Kinder auf die Schultern geduldiger M�tter mit schmutzigen Gesichtern gehoben.</p><p>Simon blickte sich um. Sangfugol war verschwunden. Er stellte sich auf die Zehen und bemerkte, da� nur wenige in der Menge so gro� waren wie er. Ohne Schwierigkeiten konnte er hinter dem Scheiterhaufen die bunten Seidenstoffe eines Zeltes oder Sonnendaches und davor die leuchtenden Farben der Kleider einiger H�flinge aus der Burg erkennen, die auf Hockern sa�en und sich miteinander unterhielten, wobei sie mit flatternden �rmeln gestikulierten wie glitzernde V�gel auf einem Ast.</p><p>Simon suchte die Gesichter ab, um vielleicht einen Blick auf Marya zu erhaschen � vielleicht hatte sie schon wieder eine Edeldame gefunden, die ihre Dienste in Anspruch nehmen wollte; denn es war bestimmt viel zu unsicher f�r sie, zu der Prinzessin auf den Hochhorst � oder wo sie sonst sein mochte � zur�ckzugehen. Aber keines der Gesichter war das ihre, und bevor er an einer anderen Stelle der Menschenmenge nach ihr suchen konnte, erschien in einem der Torb�gen der Innenmauer eine Reihe Bewaffneter.</p><p>Jetzt begann die Menge ernstlich zu murmeln, denn dem ersten halben Dutzend Soldaten folgte ein Pferdegespann, das einen hochgebauten, h�lzernen Karren zog. Simon wurde es sekundenlang flau im Magen, aber er verdr�ngte es. Sollte ihm denn jedesmal �bel werden, wenn ein Wagen an ihm vor�berknarrte?</p><p>Als die R�der knirschend zum Halten kamen und die Soldaten sich daran machten, das bleiche Etwas abzuladen, das sich oben auf der Ladefl�che des Karrens kr�mmte, fiel Simons Blick auf der anderen Seite, jenseits des aufgeschichteten Holzsto�es, dort, wo die Edelleute standen, auf kr�henschwarzes Haar und wei�e Haut. Aber als er genauer hinsah, voller Hoffnung, es k�nnte Marya sein, hatten die lachenden H�flinge ihre Reihen schon wieder geschlossen, und es war nichts mehr zu sehen.</p><p>Acht �chzende Wachsoldaten waren n�tig, um den Balken zu heben, an dem der Leichnam des Riesen hing wie ein Hirsch aus dem Jagdrevier des K�nigs, und selbst dann mu�ten sie ihn vom Karren erst einmal zu Boden gleiten lassen, bevor sie die Schultern einigerma�en bequem unter den Balken brachten. Man hatte das Gesch�pf an Knien und Ellenbogen festgebunden; als es mit dem R�cken auf den Boden stie�, schwankten die gewaltigen H�nde durch die Luft. Die Menge, die sich begierig vorw�rtsgedr�ngt hatte, wich unter Ausrufen der Furcht und des Abscheus zur�ck.</p><p>Das Wesen machte jetzt einen menschen�hnlicheren Eindruck, dachte Simon, als im Wald der <emphasis>Steige,</emphasis> als es hoch vor ihm aufragte. Die Haut des dunklen Gesichtes war im Tode schlaff geworden, das drohende Knurren verschwunden, und die Z�ge trugen die ratlose Miene eines Mannes, der unerkl�rliche Nachrichten erh�lt. Wie Strangyeard gesagt hatte, trug der Riese ein Gewand aus grobem Tuch um die Mitte. Ein G�rtel aus r�tlichen Steinen schleifte im Staub des Angers.</p><p>Der dicke Mann neben Simon, der die Soldaten angefeuert hatte, schneller zu marschieren, warf ihm einen fr�hlichen Blick zu.</p><p>�Und wei�t du, was er um den Hals gehabt hat?� fragte er. Simon, auf beiden Seiten eingezw�ngt, sch�ttelte den Kopf. �Sch�del!� rief der Mann so zufrieden, als h�tte er sie selber dem toten Riesen geschenkt. �Wie'n Halsband hat er sie getragen. Gibt ihnen ein �donitisches Begr�bnis, der Prinz � obwohl kein Schwein wei�, wem sie mal geh�rt haben.� Er wandte sich wieder dem Schauspiel zu.</p><p>Inzwischen hatten mehrere andere Soldaten die Spitze des Scheiterhaufens erklettert und halfen den Tr�gern, den schweren K�rper zurechtzulegen. Als sie ihn m�hsam so zurechtger�ckt hatten, da� der Riese ganz oben und auf dem R�cken lag, zogen sie den Pfahl zwischen den gekreuzten Armen und Beinen heraus und stiegen dann alle zusammen nach unten. Als der letzte Mann heruntersprang, rutschte der gro�e K�rper ein St�ckchen nach vorn, und die pl�tzliche Bewegung lie� eine Frau aufschreien. Mehrere Kinder fingen an zu heulen. Ein Offizier im grauen Mantel schrie einen Befehl. Einer der Soldaten beugte sich vor und stie� eine Fackel tief in die Strohb�ndel hinein, die man rund um den Holzsto� gelegt hatte. Die Flammen, in der sp�ten Nachmittagssonne merkw�rdig farblos, begannen um das Stroh zu z�ngeln und auf der Suche nach kr�ftigerer Nahrung in die H�he zu greifen. Rauchfahnen umwehten die Gestalt des Riesen, und sein zottiger Pelz wehte im Luftzug wie trockenes Sommergras.</p><p>Da! Simon hatte sie wieder gesehen, dort dr�ben hinter dem Scheiterhaufen.</p><p>Bei dem Versuch, sich vorw�rtszudr�ngen, rannte ihm jemand, der um seinen guten Aussichtsplatz k�mpfte, einen spitzen Ellenbogen in die Rippen. In ohnm�chtigem Zorn blieb er stehen und starrte die Stelle an, an der er sie entdeckt zu haben glaubte.</p><p>Und dann sah er sie wirklich und erkannte, da� es nicht Marya war. Diese Schwarzhaarige, in einen d�steren, wundervoll gen�hten Mantel geh�llt, war gewi� zwanzig Jahre �lter. Aber sch�n war sie, sehr sch�n, mit einer Haut wie Elfenbein und gro�en, schr�gen Augen.</p><p>W�hrend Simon sie so betrachtete, schaute sie ihrerseits auf den brennenden Riesen, dessen Haare sich jetzt zu kr�useln und schwarz zu werden begannen, als das Feuer den H�gel aus Fichtenst�mmen immer h�her hinaufstieg. Rauch wallte auf und bildete einen Vorhang, der sie vor Simons Blicken verbarg; er fragte sich, wer sie wohl sein mochte und warum sie, w�hrend �berall ringsum das Volk von Naglimund johlte und die F�uste nach der Rauchs�ule reckte, mit so traurigen, zornigen Augen in die Flammen starrte.</p></section><section><title><p>XXXI</p><p>Der Rat des Prinzen</p></title><p>Obwohl er bei seinem Spaziergang mit Sangfugol �ber die Burgmauern ziemlichen Hunger gehabt hatte, stellte Simon fest, da� dieser Appetit verschwunden war, als Vater Strangyeard zu ihm kam, um ihn in die K�che zu f�hren und damit � leicht versp�tet � einzul�sen, was er am Morgen versprochen hatte. Der Gestank der nachmitt�glichen Verbrennung haftete noch immer in seiner Nase; als er hinter dem Burgarchivar hertrottete, konnte er den klebrigen Rauch fast noch am K�rper sp�ren.</p><p>Nachdem Simon ziemlich lustlos in einem Teller mit Brot und Wurst herumgestochert hatte, den eine gestrenge K�chenfrau barsch vor ihn hingestellt hatte, gingen die beiden wieder �ber den nebligen Burganger zur�ck, und Strangyeard tat sein Bestes, um ein Gespr�ch in Gang zu halten.</p><p>�Vielleicht bist du einfach � einfach m�de, Junge. Ja, das wird es sein. Dein Appetit wird bestimmt bald zur�ckkehren. Junge Leute haben immer Hunger.�</p><p>�Gewi� habt Ihr recht, Vater�, entgegnete Simon. Er war tats�chlich m�de, und manchmal war es einfacher, wenn man nur beipflichtete, anstatt lange Erkl�rungen abzugeben. Au�erdem wu�te er selber nicht recht, warum er sich so ersch�pft und leer f�hlte.</p><p>So wanderten sie eine Weile durch den d�mmrigen Innenbereich der Burg, bis der Priester endlich sagte: �Ach � was ich dich noch fragen wollte � ich hoffe, du h�ltst mich nicht f�r gierig��</p><p>�Ja?�</p><p>�Nun � Binbines � das hei�t, Binabik � er hat mir von einem � einem gewissen Manuskript erz�hlt. Einer Handschrift von Doktor Morgenes von Erchester. So ein gro�er Mann, solch tragischer Verlust f�r die Gelehrtengemeinde��</p><p>Strangyeard sch�ttelte sorgenvoll den Kopf und verga� dann anscheinend, wonach er gefragt hatte, denn er legte in tr�bem Sinnen mehrere weitere Schritte zur�ck. Endlich f�hlte Simon sich veranla�t, das Schweigen zu brechen.</p><p>�Doktor Morgenes' Buch?� half er ein.</p><p>�Oh! Ach ja � nun, worum ich dich bitten wollte � und bestimmt ist es zuviel verlangt � Binbines hat gesagt, das Manuskript sei gerettet, du h�ttest es mitgebracht � in deinem Rucksack.�</p><p>Simon verbarg ein L�cheln. Der Mann brauchte ja ewig! �Ich wei� nicht, wo der Rucksack ist.�</p><p>�Oh, der liegt unter meinem Bett � beziehungsweise derzeit deinem Bett. Das hei�t, dein Bett, solange du es haben willst. Ich habe gesehen, wie einer der M�nner aus dem Gefolge des Prinzen ihn dorthin gelegt hat. Ich habe ihn nicht anger�hrt, das versichere ich dir!� beeilte er sich hinzuzuf�gen.</p><p>�M�chtet Ihr es lesen?� Die Ernsthaftigkeit des alten Mannes r�hrte Simon. �Tut es unbedingt. Ich bin zu m�de, um es mir jetzt anzuschauen. Au�erdem bin ich �berzeugt, da� der Doktor es lieber von einem gelehrten Mann gew�rdigt sehen w�rde, und das bin ich gewi� nicht.�</p><p>�Wirklich?� Strangyeard machte einen ganz geblendeten Eindruck und fingerte nerv�s an seiner Augenklappe. Er sah aus, als w�rde er sie gleich herunterrei�en und mit einem Freudenjauchzer in die L�fte werfen. Aber es kam nur ein �Oh, das w�re herrlich� �ber seine Lippen, w�hrend er um Fassung rang.</p><p>Simon war ein wenig unbehaglich zumute. Schlie�lich hatte der Archivar ihm seine eigene Kammer ger�umt, damit Simon, ein Fremder, darin wohnen konnte. Es war Simon peinlich, da� ihm der andere so dankbar war.</p><p><emphasis>Nun ja,</emphasis> entschied er, <emphasis>er dankt ja nicht mir, denke ich, sondern dem Gl�ck, da� er Morgenes' Werk �ber K�nig Johan lesen darf. Der Mann liebt eben B�cher wie Rachel Wasser und Seife.</emphasis></p><p>Sie hatten das niedrige Geb�ude mit den Kammern an der S�dmauer fast erreicht, als eine Gestalt vor ihnen auftauchte � ein Mann, der im Nebel und dem rasch schwindenden Licht nicht zu erkennen war. Ein leises, bimmelndes Ger�usch ging von ihm aus, als er n�herkam.</p><p>�Ich will zu Strangyeard, dem Priester�, erkl�rte er, und seine Stimme schwankte mehr als nur ein wenig. Er schien zu taumeln, und wieder ert�nte das klingelnde Ger�usch.</p><p>�Der ist ich�, sagte Strangyeard etwas lauter als gew�hnlich, ��hem � das hei�t, ich bin er. Was begehrt Ihr?�</p><p>�Ich suche einen gewissen jungen Mann�, antwortete der andere und kam ein paar weitere Schritte auf sie zu. �Ist er das?�</p><p>Simon spannte die Muskeln an, konnte jedoch nicht umhin zu bemerken, da� der Herannahende nicht besonders gro� war. Au�erdem war da etwas an seinem Gang�</p><p>�Ja�, sagten Simon und Strangyeard gleichzeitig, dann verstummte der Priester und zupfte zerstreut am Band seiner Augenklappe, w�hrend Simon fortfuhr: �Ich bin es. Was w�nscht Ihr?�</p><p>�Der Prinz will dich sprechen�, erwiderte die kleine Gestalt, kam bis auf wenige Fu� heran und sp�hte zu Simon hinauf. Er bimmelte sanft vor sich hin.</p><p>�Strupp!� rief Simon begl�ckt. �Strupp! Was tut Ihr hier?� Er streckte die Arme aus und ergriff die Schultern des Alten.</p><p>�Wer bist du denn?� fragte der Narr verbl�fft. �Kenne ich dich?�</p><p>�Ich wei� nicht � ich bin Simon! Der Lehrling von Doktor Morgenes. Vom Hochhorst!�</p><p>�Hmmm�, meinte der Narr nachdenklich. Aus der N�he roch er nach Wein. �Vermutlich � es kommt mir alles so tr�be vor, Junge, tr�be. Strupp wird alt, wie der alte K�nig Tethtain � <emphasis>mit schneebedecktem Haupte und verwittert wie der ferne Berg Minari</emphasis>.� Er kniff die Augen zusammen. �Und ich habe nicht mehr so scharfe Augen f�r Gesichter wie einst. Bist du es, den ich zu Prinz Josua bringen soll?�</p><p>�Ich nehme es an.� Simons Stimmung hatte sich gehoben. �Sangfugol mu� ihm etwas gesagt haben.� Er wandte sich Vater Strangyeard zu. �Ich mu� mit ihm gehen. Ich habe den Rucksack nicht angefa�t � wu�te gar nicht, da� er dort war.�</p><p>Der Archivar murmelte etwas Anerkennendes und schlurfte davon, um nach seinem Herzenswunsch zu suchen. Simon nahm den alten Narren beim Ellenbogen, und die beiden schlugen wieder den Weg �ber den Burganger ein.</p><p>�Puh�, sagte Strupp zitternd, und wieder klingelten die Gl�ckchen an seiner Jacke. �Die Sonne stand heute hoch, aber der Abendwind ist bitter. Schlechtes Wetter f�r alte Knochen � keine Ahnung, wieso Josua mich geschickt hat.� Er stolperte leicht und st�tzte sich einen Moment auf Simons Arm. �Aber das stimmt eigentlich doch nicht�, fuhr er fort, �denn ich wei�, da� er mir gern etwas zu tun gibt. F�r meine Narreteien und Kunstst�cke hat er nicht viel �brig, wei�t du, aber ich glaube, er sieht mich nicht gern m��ig.�</p><p>Eine Weile gingen sie wortlos weiter.</p><p>�Wie seid Ihr nach Naglimund gekommen?� erkundigte Simon sich endlich.</p><p>�Letzter Wagenzug auf der Weldhelm-Stra�e. Elias hat sie jetzt geschlossen, der Hund. Und eine schlimme Reise ist es gewesen � mu�ten uns n�rdlich von Flett gegen R�uber wehren. Es f�llt alles in Scherben, Junge. Geht alles kaputt.�</p><p>Die Wachen an der T�r der K�nigshalle musterten sie sorgf�ltig im flackernden Fackelschein und klopften dann an die T�r, damit von innen aufgeriegelt wurde. Simon und der Narr stapften durch den kalten, mit Steinplatten belegten Gang, bis sie an eine zweite, schwere Balkent�r mit zwei weiteren W�chtern kamen.</p><p>�Hier ist es, Junge�, erkl�rte Strupp. �Ich gehe ins Bett, bin gestern abend sp�t zum Schlafen gekommen. Es tut gut, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Besuch mich bald einmal und trink ein Kr�glein mit mir und erz�hl, was du so getrieben hast � ja?� Er drehte sich um und ging unsicher den Korridor hinunter. Die bunten Flicken seines Narrenkleides schimmerten matt, bis ihn die Schatten verschluckten.</p><p>Simon trat zwischen die W�chter, die keine Miene verzogen, und klopfte an die T�r.</p><p>�Wer ist da?� fragte eine Knabenstimme.</p><p>�Simon vom Hochhorst f�r den Prinzen.�</p><p>Die T�r schwang lautlos nach innen, und ein ernsthaft blickendes, etwa zehnj�hriges Kind in Pagentracht wurde sichtbar. Es trat zur Seite, und Simon schritt an ihm vorbei in einen durch Vorh�nge abgetrennten Vorraum.</p><p>�Komm weiter�, ert�nte eine ged�mpfte Stimme. Nach kurzer Suche fand er den hinter einem Vorhang versteckten Eingang.</p><p>Es war ein karger Raum, kaum besser eingerichtet als Vater Strangyeards Kammer. Prinz Josua sa� in Schlafrock und Nachtm�tze am Tisch und hielt mit dem Ellenbogen eine Schriftrolle offen. Er sah nicht auf, als Simon eintrat, sondern wies mit der Hand auf einen Stuhl.</p><p>�Bitte setz dich�, sagte er und unterbrach damit Simon mitten in einer tiefen Verbeugung. �Ich bin sofort fertig.�</p><p>Als Simon auf dem harten, ungepolsterten Stuhl Platz nahm, bemerkte er im Hintergrund des Raumes eine Bewegung. Eine Hand zog dort den Vorhang beiseite, so da� ein Splitter Lampenlicht sichtbar wurde. Ein Gesicht erschien, dunkel�ugig, von dichtem, schwarzem Haar umrahmt � die Frau, die er im Burghof gesehen hatte, als sie der Verbrennung zusah. Sie starrte gebannt auf den Prinzen, aber als sie aufschaute, begegnete ihr Blick Simons und hielt ihn fest. Sie hatte die zornigen Augen einer in die Enge getriebenen Katze. Der Vorhang fiel wieder zur�ck.</p><p>Beunruhigt �berlegte Simon einen Moment, ob er Josua etwas sagen sollte. Eine Spionin? Eine Meuchelm�rderin? Dann wurde ihm klar, warum sich die Frau im Schlafgemach des Prinzen aufhielt, und er kam sich �u�erst t�richt vor.</p><p>Josua blickte zu dem err�tenden Simon auf und lie� die Schriftrolle los, die sich sofort auf dem Tisch vor ihm zusammenrollte. �Nun denn, vergib mir. Ich bin gedankenlos gewesen. Ich hoffe, du verstehst, da� ich den, der mir zur Flucht aus der Gefangenschaft verholfen hat, gewi� nicht kr�nken wollte.�</p><p>�Ihr � Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen, Hoheit�, stotterte Simon.</p><p>Josua spreizte mit schmerzverzogenem Gesicht die Finger der linken Hand. Simon erinnerte sich an Sangfugols Worte und fragte sich, wie es wohl sein mochte, wenn man eine Hand verlor.</p><p>�Bitte. In diesem Zimmer �Josua� � �Prinz Josua�, wenn es unbedingt sein mu�. Als ich bei den Usires-Br�dern in Nabban studierte, nannten sie mich �Me�diener� oder �Junge�. Ich glaube nicht, da� ich es seitdem sehr weit gebracht habe.�</p><p>�Jawohl, Herr.�</p><p>Josuas Augen huschten fort, wieder zu seinem Schreibtisch. In diesem Augenblick des Schweigens betrachtete ihn Simon genauer. Eigentlich machte er keinen wesentlich prinzlicheren Eindruck als damals, als Simon ihn mit seinen Ketten in Morgenes' Wohnung gesehen hatte. In seinen Nachtgew�ndern, die hohe, blasse Stirn nachdenklich gerunzelt, sah er eher nach einem Archivarkollegen von Vater Strangyeard aus als nach einem Prinzen von Erkynland oder einem Sohn von Johan dem Priester.</p><p>Josua stand auf und griff zu seiner Schriftrolle.</p><p>�Die Aufzeichnungen des alten Dendinis.� Er klopfte sich damit auf das rechte Handgelenk, das in einer ledernen H�lle steckte. �Aeswides Festungsbaumeister. Wu�test du, da� Naglimund niemals bei einer Belagerung eingenommen wurde? Als Fingil von Rimmersgard vom Norden herunterzog, mu�te er zweitausend Mann abstellen, die diese Burg abriegelten, damit seine Flanke gesch�tzt blieb.� Wieder klopfte er. �Dendinis hat gute Arbeit geleistet.�</p><p>Eine Pause entstand, die Simon endlich unbeholfen ausf�llte. �Es ist eine m�chtige Festung, Prinz Josua.�</p><p>Der Prinz warf die Rolle auf den Tisch und kniff die Lippen zusammen wie ein Geizhals, der seine Steuern abz�hlt. �O ja � aber selbst eine m�chtige Festung kann man aushungern. Unsere Nachschublinien sind unm�glich lang, und von wo k�nnen wir Hilfe erwarten?� Josua blickte Simon an, als erwarte er eine Antwort, aber der Junge konnte nur glotzen, ohne da� ihm auch nur ein Sterbenswort dazu einfiel. �Vielleicht bringt uns ja Isgrimnur ermutigende Nachrichten mit�, fuhr der Prinz fort, �vielleicht aber auch nicht. Im S�den verbreitet sich das Ger�cht, da� mein Bruder ein gro�es Heer aufstellt.� Josua starrte auf den Fu�boden, dann sah er pl�tzlich auf. Seine Augen waren hell und eindringlich. �Noch einmal, vergib mir. Ich stelle seit einiger Zeit fest, da� ich voller dunkler Gedanken bin und meine Worte dem Verstand davonlaufen. Von gro�en Schlachten zu lesen ist <emphasis>eine</emphasis> Sache, wei�t du, der Versuch, selbst welche zu planen, eine ganz andere. Hast du eine Vorstellung, woran man dabei alles denken mu�? Die Truppen mustern, Menschen und ihr Vieh in die Burg bringen, Proviant auftreiben, die Mauern verst�rken � und das alles bleibt sinnlos, wenn niemand in Elias' R�cken k�mpfen will. Wenn wir allein stehen, werden wir lange standhalten � aber am Ende werden wir doch fallen.�</p><p>Simon war best�rzt. Es schmeichelte ihm, da� Josua so offen mit ihm redete, aber es war auch etwas Erschreckendes an einem Prinzen, der so voll tr�ber Vorahnungen steckte, einem Prinzen, der bereit war, mit einem Knaben zu sprechen wie zu seinem eigenen Kriegsrat. �Nun ja�, bemerkte Simon endlich, �nun ja � bestimmt geschieht alles, wie Gott es will.� Kaum hatte er die Worte herausgebracht, als er sich selbst f�r soviel Dummheit ha�te.</p><p>Josua lachte nur, ein m�rrisches Lachen. �Ah, erwischt von einem blo�en Knaben, wie Usires auf dem ber�hmten Dornbusch. Du hast recht, Simon. Solange wir atmen, hoffen wir, und daf�r habe ich dir zu danken.�</p><p>�Nur zum Teil, Prinz Josua.� H�rte sich das undankbar an, fragte sich Simon.</p><p>Der winterliche Ausdruck kehrte auf die strengen Z�ge des Prinzen zur�ck. �Ich habe von dem Doktor geh�rt. Ein harter Schlag f�r uns alle, aber ganz sicher noch grausamer f�r dich. Seine Weisheit wird uns fehlen � auch seine G�te, aber seine Weisheit noch mehr. Ich hoffe, da� andere einen Teil der L�cke f�llen k�nnen.� Josua zog sich den Stuhl wieder heran und beugte sich vor. �Es wird ein <emphasis>Raed</emphasis> stattfinden, und wie ich glaube, schon bald. Gwythinn, Lluth von Hernystirs Sohn, kommt heute abend. Andere warten schon seit mehreren Tagen. Von unseren Beschl�ssen h�ngen viele Pl�ne ab, viele Leben.� Josua nickte langsam und sinnend mit dem Kopf.</p><p>�Lebt � lebt Herzog Isgrimnur, Prinz?� fragte Simon. �Auf meiner Reise hierher habe ich eine Nacht bei ihm und seinen M�nnern verbracht, aber ich habe sie dann � wieder verlassen.�</p><p>�Er und seine M�nner waren vor Tagen hier, um Kraft zu sch�pfen f�r ihren Weiterritt nach Elvritshalla. Deshalb kann ich nicht auf sie warten � sie k�nnen Wochen brauchen.� Wieder wandte er den Blick ab.</p><p>�Kannst du ein Schwert f�hren, Simon?� erkundigte er sich unvermittelt. �Bist du damit ausgebildet worden?�</p><p>�Eigentlich nicht, Herr.�</p><p>�Dann geh zum Hauptmann der Wache. Er soll dich jemandem zuteilen, der mit dir arbeitet. Ich denke, wir werden jeden Arm brauchen, vor allem, wenn er stark und jung ist.�</p><p>�Nat�rlich, Prinz Josua�, antwortete Simon.</p><p>Der Prinz stand auf und ging wieder an seinen Tisch, wobei er Simon den R�cken zukehrte, als sei die Audienz beendet. Simon sa� starr auf seinem Stuhl. Er wollte noch eine weitere Frage stellen, wu�te jedoch nicht, ob es angebracht war. Endlich stand er ebenfalls auf und ging langsam r�ckw�rts nach der T�r�ffnung hinter den Vorh�ngen. Josua starrte noch immer auf Dendinis' Schriftrolle. Nur noch ein Schritt trennte Simon vom Ausgang, als er stehenblieb, die Schultern straffte und die Frage aussprach, die ihm die ganze Zeit im Kopf herumgegangen war.</p><p>�Prinz Josua, Herr�, begann er, und der hochgewachsene Mann sah sich �ber die Schulter nach ihm um.</p><p>�Ja?�</p><p>�Hat � hat das M�dchen Marya � das M�dchen, das Euch die Botschaft Eurer Nichte Miriamel brachte�� Er holte Atem. �Wi�t Ihr, wo sie ist?�</p><p>Josua hob eine Augenbraue. �Selbst in unseren dunkelsten Tagen kommen wir nicht von ihnen los, wie?� Der Prinz sch�ttelte den Kopf. �Ich f�rchte, ich kann dir da nicht helfen, junger Mann. Gute Nacht.�</p><p>Simon verneigte sich und entfernte sich r�ckw�rts durch den Vorhang.</p><p>Auf dem R�ckweg von dieser verwirrenden Audienz beim Prinzen fragte sich Simon, was wohl aus ihnen allen werden w�rde. Es war ihm als so gro�er Sieg vorgekommen, da� sie Naglimund erreicht hatten. Wochenlang hatte er kein anderes Ziel gekannt, war keinem anderen Stern gefolgt. Seit er seine Heimat verlassen mu�te, hatte er sich allein darauf konzentriert und so die weit gr��eren Fragen zur�ckgedr�ngt. Nun war aus dem, was im Vergleich zu der wilden Reise wie ein Paradies an Sicherheit ausgesehen hatte, pl�tzlich nur eine neue Falle geworden. Josua hatte es mehr oder weniger unverh�llt ausgesprochen: Wenn man sie nicht besiegte, w�rde man sie aushungern.</p><p>Als er in Strangyeards kleiner Kammer angekommen war, kroch er sofort ins Bett, aber noch zweimal h�rte er die Posten die Stunde rufen, bevor er einschlief.</p><empty-line/><p>Noch ganz benommen h�rte Simon es an die T�r klopfen und �ffnete, um einen grauen Morgen, eine gro�e W�lfin und einen Troll vor sich zu sehen.</p><p>�Ich bin erschreckt, dich im Bett zu finden!� Binabik grinste unversch�mt. �Nur ein paar Tage aus der Wildnis heraus, und schon hat die Zivilisation ihre Krallen der Faulheit in dich geschlagen!�</p><p>�Ich bin nicht� � Simon runzelte die Stirn � �im Bett. Nicht mehr. Aber warum bist <emphasis>du</emphasis> nicht dort?�</p><p>�Im Bett?� fragte Binabik, stapfte langsam ins Zimmer hinein und stie� die T�r mit der H�fte zu. �Es geht mir besser � oder jedenfalls einigerma�en. Dinge m�ssen getan werden.� Er sah sich mit schmalen Augen um, w�hrend Simon auf den Rand seines Lagers zur�cksank und die eigenen unbeschuhten F��e betrachtete. �Wei�t du, wo der Rucksack ist, den wir gerettet haben?� erkundigte der Troll sich endlich.</p><p>�<emphasis>Urrh</emphasis>�, grunzte Simon und machte eine Handbewegung in Richtung Fu�boden. �Er war unter dem Bett, aber ich glaube, Vater Strangyeard hat ihn genommen, um sich Morgenes' Buch zu holen.�</p><p>�Wahrscheinlich liegt er noch dort�, meinte Binabik und lie� sich vorsichtig auf H�nde und Knie nieder. �Der Priester scheint mir ein Mensch zu sein, der zwar Leute vergi�t, aber Dinge, sobald er sie nicht mehr braucht, an ihren Platz zur�ckstellt.� Er krabbelte unter das Bett. �Aha! Da ist er ja.�</p><p>�Ist das nicht schlecht f�r deine Wunde?� fragte Simon, der sich schuldig f�hlte, weil er sich nicht erboten hatte, selber nachzusehen. Binabik kroch r�ckw�rts wieder hervor und stand auf � sehr achtsam, wie Simon bemerkte.</p><p>�Trolle haben schnelle Heilung�, erkl�rte er und grinste breit. Trotzdem machte Simon sich Sorgen.</p><p>�Ich glaube nicht, da� du schon aufstehen und herumlaufen solltest�, meinte er, w�hrend Binabik den Rucksack durchsuchte. �So wirst du nicht gesund.�</p><p>�Eine wunderbare Trollmutter g�best du ab�, bemerkte Binabik, ohne aufzublicken. �M�chtest du mir nicht auch mein Fleisch vorkauen? <emphasis>Quinkipa!</emphasis> Wo sind nur diese Kn�chel?�</p><p>Simon ging in die Knie und suchte seine Stiefel � was sich als schwierig erwies, weil die W�lfin st�ndig in der engen Kammer hin und her lief.</p><p>�Kann Qantaqa nicht drau�en warten?� fragte er, als sie ihn zum wiederholten Mal mit der breiten Flanke anstie�.</p><p>�Deine beiden Freunde werden sich mit Vergn�gen entfernen, wenn wir dir eine Behinderung bedeuten, Simon�, antwortete der Troll spitz. <emphasis>�Aia!</emphasis> Hier haben sie sich versteckt!�</p><p>Der Junge starrte den Troll machtlos an. Binabik war tapfer, klug, freundlich, an Simons Seite verwundet worden � und auch ohne das alles viel zu klein, als da� man ihn h�tte verpr�geln k�nnen. Simon stie� einen Laut des Abscheus und der ohnm�chtigen Wut aus und krabbelte zu ihm hin�ber.</p><p>�Wozu brauchst du die Knochen?� Er sp�hte �ber die Schulter des Trolls. �Ist mein Pfeil noch da?�</p><p>�Der Pfeil, ja�, erwiderte sein Freund. �Die Knochen? Weil Tage der Entscheidung vor uns liegen und ich ein Narr w�re, auf weisen Rat zu verzichten.�</p><p>�Gestern abend hat mich der Prinz holen lassen.�</p><p>�Ich wei�.� Binabik sch�ttelte die Knochen aus ihrem Sack und wog sie in der Hand. �Ich habe heute morgen mit ihm gesprochen. Die Hernystiri sind da. Es wird heute abend eine Ratsversammlung geben.�</p><p>�Das hat er dir erz�hlt?� Simon war einerseits entt�uscht, da� Josua sich nicht nur ihm anvertraut hatte, andererseits aber auch ein wenig erleichtert, da� ein anderer diese Verantwortung mit ihm teilte. �Wirst du daran teilnehmen?�</p><p>�Als einziger meines Volkes, der je in den Mauern von Naglimund weilte? Als Lehrling Ookequks, des Singenden Mannes der Mintahoq-Trolle? Nat�rlich werde ich daran teilnehmen. Und du auch.�</p><p>�Ich?� Simon war ganz ersch�ttert. �Wieso ich? Was im Namen des guten Gottes sollte ich bei einem � Kriegsrat? Ich bin kein Soldat. Ich bin ja noch nicht einmal ein erwachsener Mann!�</p><p>�Fest steht jedenfalls, da� du dich auch nicht beeilst, einer zu werden.� Binabik machte ein sp�ttisches Gesicht. �Aber selbst du kannst das Erwachsenwerden nicht f�r immer verscheuchen. Au�erdem sind deine Jahre hier nicht von Bedeutung. Du hast Dinge geh�rt und gesehen, die vielleicht wichtig sind, und Josua w�rde dich dabeihaben wollen.�</p><p>�Er <emphasis>w�rde?</emphasis> Hat er denn nicht nach mir gefragt?� Der Troll pustete sich ungeduldig die Haare aus der Stirn. �Nicht mit Direktheit � aber er hat <emphasis>mich</emphasis> aufgefordert, und ich werde dich mitnehmen. Josua wei� nicht, was du alles gesehen hast.�</p><p>�Gottes Blut, Binabik!�</p><p>�Bitte fluche mir nicht mit �donitischen Schw�ren! Nur weil du jetzt einen Bart hast � beinahe jedenfalls � macht das noch keinen Mann aus dir, der fluchen m��te. Doch nun gew�hre mir ein wenig Stille, um die Kn�chel zu werfen; dann habe ich weitere Neuigkeiten f�r dich.�</p><p>Besorgt und voller Unruhe setzte Simon sich wieder. Und wenn sie ihm nun Fragen stellten? W�rde man ihn auffordern, vor allen diesen Baronen und Herz�gen und Heerf�hrern zu sprechen? Ihn, einen davongelaufenen K�chenjungen?</p><p>Binabik summte leise vor sich hin und sch�ttelte die Kn�chel so sanft wie ein Soldat in der Schenke die W�rfel. Sie klickten und rollten dann frei �ber den Schieferboden. Binabik sah nach, wie sie lagen, und warf sie dann noch zweimal. Mit zusammengebissenen Z�hnen starrte er auf den letzten Wurf.</p><p><emphasis>�Wolken im Pa߅�</emphasis>, meinte er schlie�lich sinnend. <emphasis>�Fl�gelloser Vogel � Schwarze Spalte.</emphasis>� Mit der R�ckseite seines �rmels wischte er sich den Mund ab und schlug sich einmal mit dem Handballen auf die Brust. �Was soll ich mit solch einer Geschichte anfangen?�</p><p>�Hat es eine Bedeutung?� wollte Simon wissen. �Was sind das f�r Worte, die du gesagt hast?�</p><p>�Es sind die Namen f�r bestimmte W�rfe � bestimmte Muster. Dreimal werfen wir, und jeder Wurf bedeutet etwas anderes.�</p><p>�Das � verstehe ich nicht. Kannst du es mir erkl�ren?� fragte Simon und w�re beinahe umgekippt, als Qantaqa sich an ihm vorbeidr�ngte, um den Kopf auf Binabiks flachen Schenkel zu legen.</p><p>�Hier�, begann der Troll, �der erste: <emphasis>Wolken im Pa�.</emphasis> Das bedeutet, da� es schwer ist, von dort, wo wir jetzt stehen, in die Ferne zu sehen, da� es aber weiter jenseits davon ganz anders ist als hier.�</p><p>�Das h�tte ich dir auch sagen k�nnen.�</p><p>�Schweig, Trolling. Willst du f�r immer t�richt bleiben? Nun denn. Dann kam <emphasis>Fl�gelloser Vogel.</emphasis> Der zweite Wurf ist etwas, das g�nstig f�r uns ist. Hier sieht es so aus, als k�nne gerade unsere Hilflosigkeit f�r uns von Nutzen sein, so jedenfalls lese ich es heute aus den Knochen. Das letzte ist dann etwas, vor dem wir uns h�ten sollten��</p><p>�Oder f�rchten?�</p><p>�Oder f�rchten�, stimmte Binabik gelassen zu. �<emphasis>Schwarze Spalte</emphasis> � das ist etwas ganz Seltsames, etwas, das ich noch nie f�r mich geworfen habe. Es <emphasis>k�nnte</emphasis> Verrat bedeuten.�</p><p>Simon holte tief Luft und erinnerte sich. �So wie <emphasis>Falscher Bote</emphasis>?�</p><p>�Wahr. Aber es hat noch andere Bedeutungen � ungew�hnliche Bedeutungen. Mein Meister lehrte mich, da� es auch f�r Dinge stehen kann, die von anderen Orten kommen, von <emphasis>anderen Seiten</emphasis> zu uns durchbrechen � also bezieht es sich vielleicht auf die Geheimnisse, auf die wir gesto�en sind � die Nornen, deine Tr�ume � begreifst du?�</p><p>�Ein bi�chen.� Er stand auf, reckte sich und sah sich nach seinem Hemd um. �Und was ist mit deinen anderen Neuigkeiten?�</p><p>Der Troll, der gedankenverloren Qantaqas R�cken streichelte, brauchte eine Weile, bis er aufschaute.</p><p>�Ach ja�, sagte er dann und griff in seine Jacke. �Ich habe etwas f�r dich zum Lesen.� Er zog eine flachgedr�ckte Pergamentrolle hervor und reichte sie Simon hinauf. Der Junge sp�rte ein Prickeln auf seiner nackten Haut.</p><p>Die Schrift war spr�de und zierlich zugleich, nur ein paar Worte in der Mitte des entrollten Bogens.</p><cite><p><emphasis>F�r Simon</emphasis></p><p><emphasis>Meinen Dank f�r deine Tapferkeit auf unserer Reise.</emphasis></p><p><emphasis>M�ge der Gute Gott dir stets Gl�ck gew�hren, Freund.</emphasis></p></cite><p>Die Unterschrift bestand aus dem einen Buchstaben M.</p><empty-line/><p>�Von ihr�, sagte er langsam. Er wu�te nicht, ob er entt�uscht oder begl�ckt war. �Es ist von Marya, nicht wahr? Ist das alles, was sie dir mitgegeben hat? Hast du sie gesehen?�</p><p>Binabik nickte mit dem Kopf. Er sah traurig aus. �Ich habe sie gesehen, aber es war nur f�r einen Augenblick. Sie hat auch gesagt, vielleicht w�rden wir sie �fter treffen, aber es g�be Dinge, die zuerst getan werden m��ten.�</p><p>�Was f�r Dinge? Sie macht mich zornig � nein, das meine ich nicht. Ist sie hier in Naglimund?�</p><p>�Sie hat mir die Botschaft gegeben, oder nicht?� Binabik kam unsicher auf die F��e, aber Simon war so versunken, da� er gar nicht recht darauf achtete. Sie hatte geschrieben! Sie hatte ihn nicht vergessen!! Andererseits hatte sie nicht gerade viel geschrieben, und besucht hatte sie ihn auch nicht, um mit ihm zu reden, irgend etwas �</p><p><emphasis>Usires rette mich, hei�t das, da� ich verliebt bin?</emphasis> fragte er sich pl�tzlich verwundert. Es war ganz anders in den Balladen, die er geh�rt hatte � eher �rgerlich als erhebend. Er hatte einmal geglaubt, in Hepzibah verliebt zu sein. Allerdings hatte er viel an sie gedacht, aber diese Gedanken galten vornehmlich ihrem �u�eren, ihrem Gang. Von Marya wu�te er zwar auch ganz genau, wie sie aussah, aber genauso oft fragte er sich, was sie dachte.</p><p><emphasis>Was sie denkt!</emphasis> Er war von sich selbst angewidert. <emphasis>Ich wei� nicht einmal, woher sie kommt, geschweige denn, woran sie vielleicht denkt! Ich wei� nicht das Geringste von ihr � und wenn sie etwas f�r mich �brig hat, dann hat sie sich jedenfalls nicht die M�he gemacht, es in ihrem Brief zu erw�hnen.</emphasis> Und das war weiter nichts als die Wahrheit, er wu�te es.</p><p><emphasis>Aber sie hat gesagt, ich sei tapfer. Sie nannte mich Freund.</emphasis> Er blickte vom Pergament auf und sah, da� Binabik ihn scharf betrachtete. Der Troll machte eine d�stere Miene, aber Simon wu�te nicht, warum.</p><p>�Binabik�, begann er, aber dann fiel ihm keine Frage ein, deren Antwort seine tr�ben Gedanken wieder h�tte kl�ren k�nnen. �Na sch�n�, meinte er endlich, �wei�t du, wo der Hauptmann der Wache sitzt? Ich mu� mir ein Schwert beschaffen.�</p><empty-line/><p>Die Luft war feucht, und �ber ihnen hing ein schwerer, grauer Himmel, als sie nach der �u�eren Burganlage gingen. Durch das Tor zur Stadt str�mte eine sich dr�ngende Menschenmenge, zum Teil mit Gem�se, Flachs und anderen zum Verkauf bestimmten Waren beladen, w�hrend andere windschiefe Karren zogen, auf denen die kl�gliche Gesamtheit ihrer weltlichen G�ter aufgestapelt zu sein schien. Simons Begleiter, der winzige Troll und die gewaltige gelb�ugige W�lfin, machten auf diese Ank�mmlinge nicht wenig Eindruck. Einige zeigten mit den Fingern und riefen in ihrer b�uerlichen Mundart besorgte Fragen, andere wichen zur�ck und machten das sch�tzende Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> auf der in grobes Tuch geh�llten Brust. In allen Gesichtern stand Furcht � Furcht vor dem Andersartigen, Furcht vor den schlimmen Zeiten, die in Erkynland eingezogen waren. Simon war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, ihnen zu helfen, und dem, ihre schlichten, kummervollen Gesichter nicht ansehen zu m�ssen.</p><p>An dem Wachhaus, einem Teil des Torgeb�udes der �u�eren Burganlage, verabschiedete sich Binabik, der einen Besuch bei Vater Strangyeard in der Burgbibliothek machen wollte. Gleich darauf stand Simon vor dem Hauptmann der Wache, einem ersch�pft und abgek�mpft aussehenden jungen Mann, der sich seit Tagen nicht rasiert hatte. Er war barh�uptig und hatte seinen kegelf�rmigen Helm mit Rechensteinen gef�llt, mit denen er die Aufgebote der fremden Truppen ausz�hlte, die sich nach und nach auf der Burg eingefunden hatten. Man hatte ihm Simon bereits angek�ndigt. Der Junge f�hlte sich recht geschmeichelt, da� der Prinz an ihn gedacht hatte. Der Hauptmann �bergab ihn der Betreuung eines b�renhaften Wachsoldaten namens Haestan, der aus dem erkynl�ndischen Norden stammte.</p><p>�Noch nicht ganz ausgewachsen, wie?� knurrte Haestan und zupfte sich am lockigen braunen Bart, w�hrend er Simons schlaksige Gestalt musterte. �Bogensch�tze, denk ich � ja, das wird es sein. Ein Schwert besorgen wir dir auch, aber das wird nicht gro� genug sein, um viel auszurichten. Der Bogen � das ist es.�</p><p>Gemeinsam gingen sie um die Au�enmauer herum und zur Waffenkammer, einem langen, schmalen Raum hinter der h�mmernden Schmiede. Als der Waffenwart sie an Reihen zerbeulter R�stungen und blinder Schwerter vorbeif�hrte, sah Simon mit Betr�bnis auf diesen Bodensatz der Burgbewaffnung, der nur kargen Schutz gegen die schimmernden Legionen bieten konnte, die Elias unzweifelhaft ins Feld f�hren w�rde.</p><p>�Nicht mehr viel �brig�, bemerkte Haestan. �War von Anfang an zu wenig. Hoffentlich bringen die fremden Hilfstruppen mehr mit als nur Mistgabeln und Pflugscharen.�</p><p>Endlich fand der hinkende Waffenwart ein Schwert mit Scheide, das in den Augen des Wachsoldaten die richtige Schlankheit f�r Simons Gr��e hatte. Es war mit getrocknetem �l verkrustet, und der Waffenwart verhehlte nur m�hsam ein angewidertes Stirnrunzeln. �Polier es�, sagte er trotzdem, �dann wird es ein Prachtst�ck.�</p><p>Weiteres Suchen f�rderte einen Langbogen zutage, dem zwar die Sehne fehlte, der aber sonst in ordentlichem Zustand war, sowie einen ledernen K�cher.</p><p>�Thrithingsarbeit�, meinte Haestan und zeigte auf die rund�ugigen Hirsche und Kaninchen, die in das dunkle Leder ge�tzt waren. �Feine K�cher machen sie, die Thrithing-M�nner.� Simon hatte das Gef�hl, da� dem Wachsoldaten das unansehnliche Schwert etwas peinlich war.</p><p>Ins Wachhaus zur�ckgekehrt, entlockte Haestan dem Quartiermeister eine Bogensehne und ein halbes Dutzend Pfeile und zeigte Simon dann, wie er seine neuen Waffen putzen und pflegen sollte.</p><p>�Von dir weg wetzen, Junge, von dir weg!� erkl�rte der st�mmige Wachsoldat und lie� die Klinge �ber den Wetzstein tanzen, �sonst bist du ein M�dchen, bevor du noch ein Mann warst.�</p><p>Gegen alle Logik fand Simon unter dem Angelaufenen und dem Schmutz tats�chlich einen Schimmer echten Stahls. Er hatte gehofft, nun sofort mit dem Schwertschwingen oder wenigstens dem Zielschie�en anfangen zu d�rfen. Aber statt dessen holte Haestan ein Paar mit Stoff gepolsterter Holzst�cke hervor und f�hrte Simon zum Stadttor hinaus auf den Berg oberhalb von Naglimund. Schnell erfuhr der Junge, wie wenig �hnlichkeit seine Spiele mit Jeremias, dem Wachszieherjungen, mit den �bungen wirklicher Soldaten gehabt hatten.</p><p>�Speerarbeit w�re besser�, meinte Haestan, als Simon im Gras hockte und schnaufte, weil er einen Sto� in den Magen eingefangen hatte. �Aber so wie es aussieht, haben wir keine �brig. Darum verla� dich auf die Pfeile, Junge. Trotzdem ist es auch ganz sch�n, wenn man sich ein bi�chen mit dem Schwert auskennt � f�r den Nahkampf. Da wirst du dem alten Haestan noch hundertmal dankbar sein.�</p><p>�Warum � nicht � Bogen?� keuchte Simon.</p><p>�Morgen, Junge, gibt's Bogen und Pfeile � oder �bermorgen.� Haestan lachte und streckte eine breite Pranke aus. �Steh auf. Das Vergn�gen f�r heute hat gerade erst angefangen.�</p><p>M�de, wund, wie Weizen gedroschen, bis er glaubte, die Spreu aus seinen Ohren rieseln zu sp�ren, a� Simon nachmittags mit den Wachen Bohnen und Brot, w�hrend Haestan den theoretischen Teil der Ausbildung fortsetzte, von dem Simon allerdings das meiste nicht mitbekam, weil in seinen Ohren ein st�ndiges, leises Summen ert�nte. Endlich wurde er mit der Warnung entlassen, sich morgen fr�h p�nktlich einzustellen. Er stolperte zu Strangyeards leerer Kammer zur�ck und schlief ein, ohne auch nur die Stiefel auszuziehen.</p><empty-line/><p>Durch das offene Fenster spritzte der Regen herein. In der Ferne murrte der Donner. Simon wachte auf und fand Binabik, der wie am Morgen auf ihn wartete, so als habe es den langen, schmerzhaften Nachmittag nicht gegeben. Diese Illusion freilich verfl�chtigte sich sofort, als er sich aufsetzte: Jeder einzelne Muskel war steif. Er f�hlte sich wie ein Hundertj�hriger.</p><p>Binabik brauchte einige Zeit, bis er Simon davon �berzeugt hatte, da� er aufstehen m�sse. �Es handelt sich nicht um eine abendliche K�rperert�chtigungsveranstaltung, an der man teilnehmen kann oder auch nicht. Hier geht es um Dinge, von denen unser Leben abh�ngt.�</p><p>Simon hatte sich wieder hingelegt. �Ich glaube es dir ja � aber wenn ich aufstehe, sterbe ich.�</p><p>�Genug.� Der kleine Mann packte ihn am Handgelenk, stemmte die Fersen gegen den Boden und zerrte, vor Schmerz zusammenzuckend, Simon langsam in eine sitzende Stellung hoch. Man h�rte ein tiefes Aufst�hnen und dann einen Plumps, als einer von Simons gestiefelten F��en den Boden ber�hrte. Dann gab es eine lange, stumme Pause, bis der zweite nachfolgte.</p><p>Viele Minuten sp�ter hinkte Simon an Binabiks Seite zur T�r, hinaus in den immer st�rker werdenden Wind und eisigen Regen.</p><p>�Werden wir dort auch das Abendessen absitzen m�ssen?� erkundigte sich der Junge. Dieses eine Mal in seinem Leben f�hlte er sich tats�chlich zu wund zum Essen.</p><p>�Das glaube ich nicht. Josua ist in dieser Hinsicht ein seltsamer Mann; er h�lt nicht viel vom Essen und Trinken mit seinem Hof. Er hegt den Wunsch nach Einsamkeit. Darum werden wohl alle schon gegessen haben. Damit vers�hne ich �brigens auch Qantaqa, damit sie im Zimmer bleibt.� Er l�chelte und klopfte Simon auf das Knie. Simon fuhr zusammen. �Alles, was wir zu speisen bekommen werden, sind Sorgen und Gez�nk. Schlecht f�r die Verdauung von Troll, Mensch oder Wolf.�</p><empty-line/><p>W�hrend drau�en ein heftiger Sturm tobte, war die gro�e Halle von Naglimund trocken. Drei gewaltige offene Kamine w�rmten und die Flammen unz�hliger Kerzen erhellten sie. Die schr�gen Dachbalken verschwanden oben im Dunkel, und die W�nde waren dicht mit d�steren, frommen Wandteppichen verkleidet.</p><p>Man hatte Dutzende von Tischen zu einem riesigen Hufeisen zusammengeschoben. An der Spitze des Bogens stand Josuas hoher, schmaler Holzstuhl mit dem Zeichen des Schwans von Naglimund. An verschiedenen Stellen entlang dem Hufeisen hatte schon ein halbes Hundert M�nner Platz genommen, die sich eifrig unterhielten � hochgewachsene Gestalten, zumeist mit den Pelzr�cken und dem grellen Putz des Kleinadels, einige aber auch in der rauhen Tracht der Soldaten. Mehrere blickten auf, als Simon und Binabik an ihnen vorbeikamen und betrachteten sie absch�tzend, um dann ihre Diskussionen fortzusetzen.</p><p>Binabik stie� Simon mit dem Ellenbogen in die H�fte. �Vielleicht halten sie uns f�r die gemieteten Gaukler.� Er lachte, aber Simon fand, da� er nicht wirklich erheitert aussah.</p><p>�Wer sind alle diese Leute?� fl�sterte der Junge, als sie sich am �u�ersten Ende des einen Hufeisenarmes niederlie�en. Ein Page stellte ihnen Wein hin, in den er hei�es Wasser go�, bevor er wieder mit den langen Schatten der Wand verschmolz.</p><p>�Edelleute aus Erkynland, die treu zu Naglimund und Josua stehen � oder sich zumindest noch nicht sicher sind, welcher Seite sie sich anschlie�en sollen. Der Beleibte dort in Rot und Wei� ist Ordmaer, Baron von Utersall. Er spricht mit Grimsted, Ethelferth und ein paar anderen Adligen.� Der Troll hob den Bronzepokal und trank. �Hmmm. Unser Prinz geht mit seinem Wein nicht verschwenderisch um, oder er w�nscht vielleicht, da� wir das hervorragende Wasser dieser Gegend bewundern.� Binabiks schalkhaftes L�cheln war zur�ckgekehrt; Simon rutschte auf seinem Stuhl nach hinten, weil er f�rchtete, auch der kleine, spitze Ellenbogen k�nnte sich wieder bemerkbar machen. Aber der Troll sah nur an ihm vorbei den Tisch entlang.</p><p>Simon nahm einen tiefen Zug von seinem Wein. Er war wirklich w��rig, und der Junge fragte sich, ob es der Seneschall oder der Prinz selber war, der da an den Fithingst�cken sparte. Immerhin war er besser als gar nichts und w�rde ihm vielleicht helfen, seine schmerzenden Glieder zu entspannen. Als er ausgetrunken hatte, huschte der Page herbei und schenkte von neuem ein.</p><p>Nach und nach stellten sich weitere M�nner ein, manche in angeregtem Gespr�ch, andere k�hl die bereits Erschienenen musternd. Ein wahrhaft uralter Mann in prunkvollen Priestergew�ndern trat am Arm eines kr�ftigen, jungen Priesters ein und fing an, am oberen Ende der Tafel verschiedene gl�nzende Gegenst�nde aufzubauen; seine Miene verriet entschieden �ble Laune. Der j�ngere Mann half ihm in einen Stuhl, beugte sich dann zu ihm hinunter und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Der �ltere gab mit anscheinend zweifelhafter H�flichkeit Antwort, worauf der junge Priester mit einem ergebenen Blick nach den Dachbalken den Raum verlie�.</p><p>�Ist das der Lektor?� fragte Simon mit unterdr�ckter Stimme.</p><p>Binabik sch�ttelte den Kopf. �Es d�nkt mich sehr unwahrscheinlich, da� das Haupt eurer gesamten �donitischen Kirche sich hier in der H�hle eines verbannten Prinzen aufhalten w�rde. Dies hier d�rfte Anodis sein, der Bischof von Naglimund.�</p><p>Noch w�hrend er das sagte, trat eine letzte Schar von M�nnern ein, und der Troll verstummte, um sie zu beobachten. Einige, denen das Haar in schmalen Z�pfen �ber den R�cken hing, trugen die geg�rteten wei�en W�mser der Hernystiri. Der augenscheinliche F�hrer, ein angespannt wirkender, muskul�ser junger Mann mit langem, dunklem Schnurrbart, sprach mit einem S�dl�nder, einem au�ergew�hnlich gutgekleideten Burschen, der kaum �lter zu sein schien als er. Mit seinen sorgf�ltig gekr�uselten Haaren und seinem in zarten Farbt�nen von Erika und Blau gehaltenem Gewand war dieser letztere so elegant, da� Simon �berzeugt war, er m��te selbst Sangfugol beeindrucken. Ein paar von den alten Soldaten an der Tafel grinsten unverh�llt �ber den geckenhaften Aufzug.</p><p>�Und diese?� fragte Simon. �Die in Wei�, mit Gold um den Hals � M�nner von Hernystir, ja?�</p><p>�Richtig. Prinz Gwythinn ist das, mit seiner Gesandtschaft. Der andere, w�rde ich denken, ist Baron Devasalles von Nabban. Er steht im Ruf eines Mannes von scharfem Verstand, auch wenn er vielleicht ein bi�chen zu viel Wert auf seine Aufmachung legt. �brigens ein tapferer K�mpe, habe ich geh�rt.�</p><p>�Woher wei�t du das alles, Binabik?� wollte Simon wissen und wandte seine Aufmerksamkeit von den Neuank�mmlingen wieder seinem Freund zu. �Horchst du an Schl�ssell�chern?�</p><p>Hochm�tig richtete der Troll sich auf. �Ich lebe nicht st�ndig auf Berggipfeln, wei�t du. Au�erdem habe ich hier Strangyeard und andere Quellen aufgetan, w�hrend du dein Bett warmgehalten hast.�</p><p>�Was?� Simons Stimme klang lauter als beabsichtigt; er merkte, da� er zumindest leicht angetrunken war. Der Mann neben ihm drehte sich mit neugierigem Blick zu ihm um; Simon beugte sich vor, um seine Verteidigung in leiserem Ton fortzusetzen.</p><p>�Ich habe�� begann er � in diesem Augenblick knarrten �berall in der Halle die St�hle, als die auf ihnen Sitzenden sich pl�tzlich erhoben. Simon sah auf und erkannte Prinz Josuas schlanke, in sein gew�hnliches Grau gekleidete Gestalt, die vom anderen Ende der Halle her eintrat. Josuas Miene war gelassen, aber ernst. Das einzige Zeichen seines Ranges bestand in dem Silberreif auf seiner Stirn. Josua nickte der Versammlung zu und setzte sich. Die anderen folgten rasch seinem Beispiel. Als die Pagen vortraten, um Wein einzuschenken, erhob sich der alte Bischof an Josuas linker Seite. Zu seiner Rechten sa� Gwythinn von Hernystir.</p><p>�Nun bitte� � der Bischof klang m�rrisch wie ein Mann, der eine Gunst erweist, von der er wei�, da� sie nichts Gutes bringen wird � �beugt Eure H�upter, und la�t uns den Segen Usires �dons f�r diese Tafel und was an ihr beraten wird erbitten.� Mit diesen Worten ergriff er einen wundervollen <emphasis>Baum</emphasis> aus geh�mmertem Gold und blauen Steinen und hielt ihn vor sich in die H�he.</p><p>�Du, der du von unserer Welt warst und doch nicht v�llig von unserem Fleische bist, h�re uns.</p><p>Du, der du ein Mensch warst, doch dessen Vater kein Mensch war, sondern der lebendige Gott, tr�ste uns.</p><p>Wache �ber dieser Tafel und denen, die an ihr sitzen, und lege dem, der verirrt und auf der Suche ist, deine Hand auf die Schulter.�</p><p>Der Alte holte Atem und blickte sich giftig am Tisch um. Simon, der ihn mit auf die Brust gesunkenem Kinn scharf beobachtete, fand, er sehe aus, als w�rde er am liebsten seinen juwelenbesetzten <emphasis>Baum</emphasis> nehmen und ihnen allen den Sch�del einschlagen.</p><p>�Au�erdem�, schlo� der Bischof j�h, �vergib den hier Versammelten all die verdammungsw�rdigen, hochm�tigen Torheiten, die sie vielleicht sprechen werden. Wir sind deine Kinder.�</p><p>Er schwankte leicht und kippte in seinen Stuhl; am Tisch entstand ein leises Murmeln.</p><p>�H�ttest du gedacht, Simon, da� der Bischof sich hier nicht wohl f�hlt?� fl�sterte Binabik.</p><p>Josua stand auf. �Dank sei Euch, Bischof Anodis, f�r Euer � von Herzen kommendes Gebet. Dank auch allen, die sich in dieser Halle eingefunden haben.� Er lie� den Blick durch den hohen, vom Feuer erhellten Raum schweifen, die linke Hand auf dem Tisch, den anderen Arm in den Falten seines Mantels verborgen. �Es sind schwere Zeiten�, fuhr er fort und blickte der Reihe nach in die Gesichter der M�nner. Simon f�hlte, wie ihm die W�rme des Raumes in die Wangen stieg; er fragte sich, ob der Prinz wohl etwas �ber seine Rettung erz�hlen w�rde. Er blinzelte und �ffnete gerade noch rechtzeitig die Augen, um zu sehen, wie Josuas Blick ihn streifte und dann in die Mitte des Raumes zur�ckkehrte. �Schwere und sorgenvolle Zeiten. Der Hochk�nig auf dem Drachenbeinthron � gewi� ja, nat�rlich ist er auch mein Bruder, aber f�r unsere Zwecke hier ist er der K�nig � scheint unserer Not den R�cken gekehrt zu haben. Die Steuern hat er derart in die H�he getrieben, da� sie zur grausamen Strafe geworden sind, und das, obwohl das Volk unter einer schrecklichen D�rre in Erkynland und Hernystir und furchtbaren St�rmen im Norden gelitten hat. Und w�hrend der Hochhorst die Finger nach mehr ausstreckt, als er unter K�nig Johans Herrschaft je gefordert hat, zieht Elias die Truppen ab, die einst die Stra�en offen und sicher hielten und die menschenleeren Weiten der Frostmark und des Weldhelms besetzen halfen.�</p><p>�Nur zu wahr!� rief laut Baron Ordmaer und knallte seinen Humpen auf den Tisch. �Gott segne Euch, aber das ist wahr, Prinz Josua!� Er drehte sich um und drohte, damit es auch die anderen sahen, mit der Faust. Ein Chor der Zustimmung ert�nte. Aber es gab auch andere, unter ihnen Bischof Anodis, die �ber solch un�berlegte Worte gleich zu Beginn die K�pfe sch�ttelten.</p><p>�Und so�, fuhr Josua mit lauter Stimme fort und brachte damit die Versammlung wieder zum Schweigen, �so stehen wir vor einem Problem. Was sollen wir tun? Darum habe ich Euch hierher gerufen und darum, nehme ich an, seid Ihr gekommen: Um zu entscheiden, welche M�glichkeiten wir haben. Um diese Ketten�, er hob den linken Arm und wies auf die Handschelle, die ihn noch immer umschlo�, �in die der K�nig uns schlagen m�chte, von uns fern zu halten.�</p><p>Ein paar beif�llige Rufe. Auch das Summen gefl�sterter Worte schwoll an. Josua gebot mit dem gefesselten Arm Schweigen, als etwas Rotes in der T�r aufblitzte. Eine Frau rauschte herein, das lange Seidenkleid wie eine Fackelflamme. Es war dieselbe Frau, die Simon in Josuas Gem�chern gesehen hatte, dunkel�ugig und gebieterisch. Gleich darauf stand sie am Tisch des Prinzen; die Augen der M�nner folgten ihr mit unverhohlenem Interesse. Josua schien sich unbehaglich zu f�hlen. Als sie ihm etwas ins Ohr fl�sterte, hielt er den Blick starr auf seinen Weinbecher geheftet.</p><p>�Wer ist diese Frau?� zischte Simon und war, nach dem aufgeregten Gefl�ster ringsum zu urteilen, nicht der einzige, der da fragte.</p><p>�Ihr Name ist Vara. Tochter eines Stammesh�uptlings der Thrithinge ist sie und des Prinzen � nun � <emphasis>Frau</emphasis>, nehme ich an. Sie sagen, da� sie von gro�er Sch�nheit ist.�</p><p>�Das ist sie.� Simon starrte sie noch einen Augenblick an und drehte sich dann wieder zu dem Troll um. ��Sie sagen�! Was meinst du damit, �sie sagen�? Sie ist doch hier, oder nicht?�</p><p>�Das ist sie, aber mir f�llt das Urteil schwer.� Binabik l�chelte. �Das kommt, weil ich den Anblick hochgewachsener Frauen nicht liebe.�</p><p>Anscheinend hatte die Herrin Vara gesagt, was sie zu sagen hatte. Sie lauschte auf Josuas Antwort und glitt gleich darauf rasch aus der Halle. Nur ein letzter scharlachroter Schimmer blieb im Dunkel der T�r zur�ck.</p><p>Der Prinz sah auf, und hinter seinen gelassenen Z�gen glaubte Simon etwas zu entdecken, das aussah wie � Verlegenheit?</p><p>�Also gut�, begann Josua wieder, �wir waren dabei �? Ja, Baron Devasalles?�</p><p>Der Stutzer aus Nabban erhob sich. �Ihr sagtet, Hoheit, da� wir Elias nur als K�nig betrachten sollten. Aber das ist offensichtlich nicht wahr.�</p><p>�Was wollt Ihr damit sagen?� fragte der Herr von Naglimund unter dem mi�billigenden Gemurmel seiner Lehnsm�nner.</p><p>�Vergebung, Prinz, aber was ich meine, ist das: Wenn er nur K�nig w�re, w�ren wir nicht hier, oder zumindest h�tte Herzog Leobardis mich nicht zu Euch gesandt. Ihr seid Priester Johans einziger anderer Sohn. Warum sonst h�tten wir die weite Reise gemacht? W�re es anders, w�rden alle, die eine Beschwerde gegen den Hochhorst h�tten, zur Sancellanischen Mahistrevis gehen, oder nach Hernysadharc zum Taig. Aber Ihr seid nun einmal sein Bruder, nicht wahr? Des K�nigs Bruder!�</p><p>Ein eisiges L�cheln umspielte Josuas Lippen. �Ja, Baron, das bin ich. Und ich verstehe, was Ihr meint.�</p><p>�Ich danke Euch, Hoheit.� Devasalles machte eine kleine Verbeugung. �Und nun bleibt die Frage: Was wollt <emphasis>Ihr,</emphasis> Prinz Josua? Rache? Den Thron? Oder nur ein �bereinkommen mit einem habgierigen K�nig, damit er Euch hier in Naglimund unbehelligt l��t?�</p><p>Jetzt lie� sich in der Tat ein lautes Grollen der anwesenden Erkynl�nder h�ren, und ein paar standen mit zusammengezogenen Brauen und bebenden Schnurrbartspitzen von ihren St�hlen auf. Doch bevor einer von ihnen den Augenblick nutzen konnte, sprang der junge Gwythinn von Hernystir auf und beugte sich �ber den Tisch zu Baron Devasalles hin�ber wie ein Pferd, das sich gegen das Gebi� auflehnt.</p><p>�Der edle Herr aus Nabban m�chte ein Wort h�ren, wie? Nun gut, ich sage ihm eines. <emphasis>Kampf!</emphasis> Elias hat meines Vaters Blut und Thron beleidigt und die <emphasis>K�nigliche Hand</emphasis> mit Drohungen und groben Worten zu unserem Taig geschickt wie ein Mann, der Kinder z�chtigt. Wir brauchen das F�r und Wider nicht mehr abzuw�gen � wir sind bereit zum Kampf!�</p><p>Verschiedene M�nner jubelten den k�hnen Worten des Hernystiri zu, aber Simon, der gerade die letzten Tropfen eines weiteren Weinbechers geleert hatte und sich mit leicht getr�btem Blick in der Halle umsah, bemerkte mehr Leute, die besorgte Gesichter machten und leise mit ihren Tischnachbarn sprachen. Neben ihm runzelte Binabik die Stirn, und sein Gesicht spiegelte den Ausdruck wider, der die Z�ge des Prinzen verd�sterte.</p><p>�H�rt mich an!� rief Josua. �Nabban, vertreten durch Leobardis' Gesandten, hat harte, aber berechtigte Fragen gestellt, und ich will darauf antworten.� Er starrte Devasalles mit kalten Augen an. �Ich w�nsche mir nicht, K�nig zu sein, Baron. Mein Bruder wu�te das, aber trotzdem nahm er mich gefangen, t�tete ein Dutzend meiner M�nner und sperrte mich in seine Verliese ein.� Wieder schwenkte er die Handschelle. �Daf�r, das ist wahr, will ich Rache � doch w�rde Elias gut und gerecht regieren, w�rde ich diese Rache dem Wohl von Osten Ard und vor allem dem meines Erkynlandes opfern. Und was ein solches �bereinkommen betrifft � ich wei� nicht, ob es �berhaupt m�glich w�re. Elias ist gef�hrlich und unberechenbar geworden; manche sagen, er sei zu Zeiten wahnsinnig��</p><p>�Wer sagt das?� fragte Devasalles. �Adlige, die unter seiner zugegebenerma�en schweren Hand leiden? Wir reden hier �ber einen m�glichen Krieg, der unsere V�lker zerfetzen wird wie morsches Tuch. Sch�ndlich w�re es, entfesselten ihn Ger�chte.�</p><p>Josua lehnte sich zur�ck und rief einen Pagen herbei, dem er eine Botschaft zufl�sterte. Der Junge flog fast aus der Halle.</p><p>Jetzt stand ein muskul�ser, b�rtiger Mann in wei�em Pelz und mit Silberketten auf. �Wenn der Baron sich nicht an mich erinnert, will ich seinem Ged�chtnis aufhelfen�, erkl�rte er mit sichtlichem Unbehagen. �Ethelferth bin ich, Herr von Tinsett, und ich m�chte nur dieses eine sagen: Wenn mein Prinz erkl�rt, der K�nig habe den Verstand verloren, dann ist sein Wort mir gut genug daf�r.� Er furchte die Stirn und setzte sich wieder hin.</p><p>Josua erhob sich. Sein schlanker, graugekleideter K�rper entrollte sich wie ein Seil. �Dank Euch, Herr Ethelferth, f�r Eure guten Worte. Aber�, er blickte sich in der Versammlung um, in der es still wurde und man ihn ansah, �niemand braucht sich in irgendeiner Sache allein auf mein Wort oder das meiner Lehnsleute zu verlassen. Statt dessen bringe ich Euch jemanden, der Elias' Wesen aus n�chster N�he so gut kennt, da� Ihr ihm, dessen bin ich sicher, ohne Bedenken vertrauen werdet.� Er winkte mit der linken Hand nach der hinteren T�r der Halle, der T�r, durch die der Page kurz zuvor verschwunden war.</p><p>Der Junge war zur�ckgekehrt; hinter ihm im Eingang standen zwei Gestalten. Eine davon war die Herrin Vara. Die andere, im himmelblauen Gewand, schritt an ihr vorbei in den Lichtkegel der Wandleuchte.</p><p>�Edle Herren�, sagte Josua, �die Prinzessin Miriamel � Tochter des Hochk�nigs.�</p><p>Und Simon starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die kurzen, abgeschorenen Str�hnen goldener Haare, die zwischen Schleier und Krone sichtbar waren, bar ihrer dunklen Verkleidung � starrte auf das ach so vertraute Gesicht, und alles in ihm drehte sich. Fast w�re er mit den anderen aufgestanden, aber seine Knie waren pl�tzlich wie Wasser und lie�en ihn in den Stuhl zur�cksinken. Wie? Warum? Das also war ihr Geheimnis � ihr elendes, verr�terisches Geheimnis! �Marya�, murmelte er, und als sie auf dem Stuhl Platz nahm, den Gwythinn ihr r�umte, und seine Geste mit einem knappen, anmutigen Kopfnicken quittierte, als alle anderen sich wieder hinsetzten und laut und verwundert durcheinanderredeten � da kam Simon endlich schwankend auf die Beine.</p><p>�Du�, sagte er zu Binabik und packte den Kleinen an der Schulter, �hast � du � das � gewu�t?�</p><p>Der Troll wollte wohl etwas sagen, zog dann aber eine Grimasse und zuckte die Achseln. Simon sah �ber das Meer von Gesichtern hinweg und begegnete Maryas � Miriamels � Blick. Sie starrte ihn mit gro�en, traurigen Augen an.</p><p>�Verflucht!� fauchte er, fuhr herum und rannte aus der Halle, die Augen feucht von schmachvollen Tr�nen.</p></section><section><title><p>XXXII</p><p>Nachrichten aus dem Norden</p></title><p>�Tja, Junge�, sagte Strupp und schob einen neuen Humpen �ber die Tischplatte, �du hast ja so recht � sie machen �rger. Und daran wird sich auch nie etwas �ndern.�</p><p>Simon schielte nach dem alten Narren, der ihm pl�tzlich wie der Quell aller Weisheit vorkam. �Sie schreiben einem Briefe�, erkl�rte er dann und nahm einen reichlichen Schluck, �l�genhafte Briefe.� Er stellte den Becher wieder auf das Holz und sah zu, wie der Wein nach beiden Seiten schwappte und �ber den Rand zu flie�en drohte.</p><p>Strupp lehnte sich nach hinten an die Wand seiner schachtelartigen Kammer. Er war im leinenen Unterhemd und hatte sich ein paar Tage nicht rasiert. �Jawohl, solche Briefe schreiben sie�, best�tigte er und nickte ernsthaft mit dem wei�stoppligen Kinn. �Manchmal l�gen sie auch den anderen Damen etwas �ber dich vor.�</p><p>Simon dachte stirnrunzelnd �ber diese Aussage nach. Wahrscheinlich hatte sie genau das getan und den anderen Edlen und Hochwohlgeborenen von dem dummen K�chenjungen erz�hlt, der mit ihr in einem Boot den Aelfwent hinuntergefahren war. Vermutlich kannte schon ganz Naglimund die lustige Geschichte. Er nahm noch einen Zug und f�hlte, wie ihm der saure Geschmack hochkam und seinen Mund mit Galle f�llte. Er setzte den Becher hin.</p><p>Strupp versuchte m�hsam aufzustehen. �Sieh dir das hier an�, sagte der Alte, ging zu einer Holztruhe und fing an, darin herumzuw�hlen. �Verdammt, ich wei� genau, da� er hier irgendwo steckt.�</p><p>�Ich h�tte es merken m�ssen!� schalt Simon sich selber. �Einen kleinen Brief hat sie mir geschrieben. Wie h�tte eine Dienstmagd das tun k�nnen � und noch dazu fehlerfreier geschrieben, als ich es geschafft h�tte?�</p><p><emphasis>�Hier</emphasis> ist diese gottverdammte Lautensaite!� Strupp w�hlte weiter.</p><p>�Aber sie hat mir eine Botschaft geschrieben, Strupp � hat gesagt �Gott segne dich�! Hat mich �Freund� genannt!�</p><p>�Was? Na, das ist doch gro�artig, Junge. So ein M�dchen brauchst du � keine eingebildete Pute, die nur auf dich herabsieht wie diese andere. Ah, hier!�</p><p>�Wie?� Simon hatte den Faden verloren. Er war sich praktisch sicher, da� er �berhaupt nur von einem <emphasis>M�dchen</emphasis> geredet hatte � dieser Erzverr�terin, der st�ndig ihre Pers�nlichkeit �ndernden Marya � Miriamel � ach, eigentlich kam es gar nicht darauf an.</p><p><emphasis>Aber sie ist an meiner Schulter eingeschlafen.</emphasis> Betrunken erinnerte er sich vage an warmen Atem an seiner Wange und empfand ein schmerzhaftes Gef�hl des Verlustes.</p><p>�Schau dir das an, Junge.� Strupp stand vor ihm, schwankte und hielt ihm etwas Wei�es hin. Simon starrte es verwirrt an.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Ein Schal. F�r kaltes Wetter. Und siehst du das da?� Der Alte deutete mit dem krummen Zeigefinger auf eine Reihe von Schriftzeichen, die mit dunkelblauem Faden in das Wei�e hineingewoben waren. Die Form der Runen erinnerte Simon an etwas, das selbst durch den Weinnebel hindurch eisige K�lte in ihm erbeben lie�.</p><p>�Was ist das?� fragte er nochmals, und seine Stimme war ein wenig klarer als vorher.</p><p>�Rimmersgard-Runen�, antwortete der alte Narr und l�chelte versonnen. �Es hei�t �Cruinh� � das ist mein richtiger Name. Ein M�dchen hat sie gewebt, sie und den Schal. F�r mich. Als ich mit meinem lieben K�nig Johan in Elvritshalla war.� �berraschend brach er in Tr�nen aus, tastete sich zum Tisch zur�ck und lie� sich auf den harten Stuhl fallen. Aber gleich darauf verstummte das Schluchzen, und in seinen rotger�nderten Augen stand das Wasser wie Pf�tzen nach einem Sommerregen. Simon schwieg.</p><p>�Die h�tte ich heiraten sollen�, fuhr Strupp nach einer Weile fort. �Aber sie wollte ihr Land nicht verlassen � wollte nicht mit mir zum Hochhorst zur�ck. Angst vor der Fremde, das hatte sie, Angst, von ihrer Familie wegzugehen. Schon seit Jahren tot, das arme M�dchen.� Er schniefte laut. �Aber wie h�tte ich meinen guten Johan je im Stich lassen k�nnen?�</p><p>�Was meint Ihr?� fragte Simon. Er konnte sich nicht daran erinnern, wo er in letzter Zeit solche Rimmersgard-Runen zu Gesicht bekommen hatte, oder zumindest wollte er sich nicht der M�he unterziehen, nach einer derartigen Erinnerung zu suchen. Es war bequemer, hier im Kerzenschein zu hocken und den Alten schwatzen zu lassen. �Wann warst � wann wart Ihr in Rimmersgard?� ermunterte er ihn.</p><p>�Ach, Junge, vor vielen, vielen Jahren.� Strupp wischte sich ohne Verlegenheit die Augen und schneuzte sich in ein umfangreiches Taschentuch. �Es war nach der Schlacht von Naarved. Im Jahr danach � da habe ich das M�dchen kennengelernt, das diesen Schal gewebt hat.�</p><p>�Was war die Schlacht von Naarved?� Simon wollte sich schon neuen Wein eingie�en, �berlegte es sich dann aber. Was mochte wohl gerade in der gro�en Halle vorgehen?</p><p>�Naarved?� Strupp glotzte. �Du wei�t nichts von Naarved? Wo Johan den alten K�nig Jormgrun schlug und Hochk�nig des Nordens wurde?�</p><p>�Ich glaube, ein bi�chen wei� ich dar�ber�, versetzte Simon unbehaglich. Wieviel es doch auf der Welt zu wissen gab! �Es war eine ber�hmte Schlacht.�</p><p>�Nat�rlich!� Strupps Augen gl�nzten. �Johan belagerte Naarved den ganzen Winter. Jormgrun und seine M�nner waren gar nicht auf den Gedanken gekommen, Erkynl�nder k�nnten die grausamen Schneef�lle Rimmersgards �berleben. Sie waren fest �berzeugt, Johan werde die Belagerung abbrechen und sich nach S�den zur�ckziehen m�ssen. Aber Johan schaffte es! Nicht allein, da� Naarved eingenommen wurde, beim letzten Sturm stieg Johan selbst �ber die Mauer der inneren Burg und �ffnete das Fallgatter � zehn M�nner wehrte er ab, bis er endlich das Haltetau kappen konnte. Dann zerbrach er Jormgruns Schild und streckte den K�nig vor seinem eigenen heidnischen Altar nieder.�</p><p>�Tats�chlich? Und Ihr wart dabei?� Simon hatte die Geschichte wirklich schon in ungef�hr der gleichen Version geh�rt, aber es war aufregend, sie von einem Augenzeugen erz�hlt zu bekommen.</p><p>�So gut wie. Ich war in Johans Lager; er nahm mich �berallhin mit, mein guter alter K�nig.�</p><p>�Und wie wurde Isgrimnur Herzog?�</p><p>�Ah.� Strupps Hand, die den wei�en Schal hin und her gedreht hatte, suchte den Weinkrug und fand ihn. �Es war sein Vater Isbeorn, der als erster Herzog wurde, verstehst du. Er war der erste der heidnischen Edlen von Rimmersgard, der Erleuchtung fand � die Gnade Usires �dons annahm. Johan machte sein Haus zum ersten Rimmersgards. Darum ist heute Isbeorns Sohn Isgrimnur Herzog, und man k�nnte schwerlich einen fr�mmeren �doniten finden.�</p><p>�Und was wurde aus den S�hnen von K�nig Jorg-oder-wie-hie�-er-dochgleich? Wollte keiner von ihnen �donit werden?�</p><p>�Ach�� Strupp machte eine wegwerfende Handbewegung. �Ich denke mir, da� sie alle in den K�mpfen fielen.�</p><p>�Hmmm.� Simon lehnte sich zur�ck und verdr�ngte diese verwirrenden Religions- und Heidentumsfragen aus seinem Kopf, um sich statt dessen lieber die gro�e Schlacht auszumalen. �Hatte K�nig Johan damals schon Hellnagel?� fragte er.</p><p>�Ja � ja, er hatte es�, erwiderte Strupp. �Bei Gottes <emphasis>Baum,</emphasis> ein sch�ner Mann war er, wenn man ihn so in der Schlacht sah. Hellnagel gl�nzte so hell und bewegte sich so schnell � nur ein st�hlerner Blitz, sonst nichts �, da� Johan manchmal aussah, als umgebe ihn ein wundervoller, heiliger Silberschein.� Der alte Narr seufzte.</p><p>�Und wer war nun das M�dchen?� wollte Simon wissen.</p><p>Strupp ri� die Augen auf. �Was f�r ein M�dchen?�</p><p>�Das Euch den Schal gewebt hat.�</p><p>�Oh!� Strupp zog die Stirn in Falten. �Sigrita.� Er dachte eine ganze Weile nach. �Nun � wei�t du, wir blieben fast ein Jahr dort. Es ist harte Arbeit, ein erobertes Land richtig zu verwalten, harte Arbeit. H�rter, als den verdammten Krieg zu f�hren, so kam es mir manchmal vor. Sie war eins von den M�dchen, die die Halle saubermachten, in der der K�nig wohnte � ich wohnte auch dort. Sie hatte Haar wie Gold � nein, heller; es war fast wei�. Ich lockte sie zu mir herein, wie man ein wildes F�llen z�hmt: ein freundliches Wort hier, ein paar Extrahappen f�r ihre Familie dort. Ach ja � ein h�bsches Ding war sie!�</p><p>�Wolltet Ihr sie damals heiraten?�</p><p>�Ich glaube schon. Es ist viele lange Jahre her, Junge. Eins ist jedenfalls ganz sicher: Ich wollte sie mitnehmen. Aber sie wollte nicht.�</p><p>Eine Weile sprach keiner von beiden. Um die dicken Burgmauern heulten die Sturmwinde wie von ihrem Herrn vergessene Hunde.</p><p>Kerzenwachs tropfte und zischte.</p><p>�Wenn Ihr noch einmal entscheiden k�nntet�, fing Simon schlie�lich wieder an, �wenn Ihr noch einmal dort sein k�nntet�, er rang mit dieser schwierigen Vorstellung, �w�rdet Ihr � w�rdet Ihr sie ein zweites Mal zur�cklassen?�</p><p>Zuerst kam keine Antwort. Erst als Simon schon den Arm ausstrecken und Strupp sanft sch�tteln wollte, regte sich der alte Mann und r�usperte sich.</p><p>�Ich wei� nicht�, meinte er dann langsam. �Es sieht so aus, als habe Gott alles nach seinem Plan geschehen lassen; aber wir m�ssen w�hlen d�rfen, wie, Junge? Ohne eine Wahl gibt es nichts Gutes. Ich wei� nicht � ich glaube nicht, da� ich die Vergangenheit so weit aufrollen m�chte. Besser, es bleibt, wie es ist, ob die Entscheidung damals nun richtig oder falsch war.�</p><p>�Aber hinterher kann man sich doch immer viel leichter entscheiden�, wandte Simon ein und richtete sich langsam auf. Strupp blickte starr in die flackernde Kerzenflamme. �Ich meine, in dem Augenblick, in dem man den Entschlu� fassen mu�, wei� man nie genug. Erst sp�ter begreift man alles.�</p><p>Auf einmal f�hlte Simon sich mehr ersch�pft als betrunken, von einer Welle von M�digkeit erfa�t und fortgesp�lt. Er bedankte sich f�r den Wein und sagte dem alten Narren gute Nacht. Dann ging er hinaus in den verlassenen Hof und den schr�g herabfallenden Regen.</p><empty-line/><p>Simon stand da und klopfte sich den Schlamm von den Stiefeln. Dabei sah er Haestan nach, der �ber den feuchten, windgepeitschten Berghang davonstapfte. Die Kochfeuer der Stadt unter ihnen bluteten ihren Rauch in den st�hlernen Himmel. Simon wickelte sein Schwert aus der Stoffpolsterung und betrachtete die wei�en Sonnenlichtklingen, die am nordwestlichen Horizont die Wolken durchbohrten, Lichtstreifen, die vielleicht auf die Existenz eines helleren, besseren Ortes hinter den Wolken deuteten, vielleicht aber nichts weiter waren als das unpers�nliche Spiel des Lichtes, das sich um die Welt und ihre Probleme nicht scherte. Simon starrte in die H�he und rollte mit der Hand die Polsterung zusammen, aber seine Stimmung �nderte sich nicht. Er f�hlte sich einsam. Wie er dort inmitten des wogenden Grases stand, h�tte er ebensogut ein Stein oder ein Baumstumpf sein k�nnen.</p><p>Morgens hatte Binabik bei ihm vorbeigeschaut, und das Ger�usch seines Klopfens an der T�r war schlie�lich in Simons weinschweren Schlaf gedrungen. Er hatte das Klopfen und die leisen Worte des kleinen Mannes nicht beachtet, und endlich war beides verstummt, und er konnte sich wieder zusammenrollen und noch ein wenig weiterd�sen. Er hatte kein Verlangen danach gehabt, den Kleinen jetzt schon wiederzusehen und war dankbar gewesen f�r die unpers�nliche T�r zwischen ihnen.</p><p>Haestan hatte �ber die gr�nliche Gesichtsfarbe, mit der Simon in der Wachkaserne auftauchte, herzlos gelacht und sich, nachdem er versprochen hatte, ihn bald einmal an einen Ort mitzunehmen, wo <emphasis>wirklich</emphasis> getrunken w�rde, daran gemacht, ihn die �ble Laune aus dem Leib schwitzen zu lassen. Obwohl Simon zuerst �berzeugt gewesen war, gleichzeitig auch sein Leben auszuhauchen, konnte er nach ungef�hr einer Stunde sp�ren, wie ihm das Blut wieder durch die Adern flo�. Haestan arbeitete sogar noch h�rter mit ihm als am Vortag, mit stoffumh�lltem Schwert und gepolstertem Schild, aber Simon war dankbar f�r die Ablenkung; es war ein Genu�, im gnadenlosen, h�mmernden Rhythmus von Schwert auf Schild unterzutauchen, von Hieb und Ausweichen und Gegenhieb.</p><p>Jetzt schnitt der Wind wie mit Messern durch sein schwei�getr�nktes Hemd, w�hrend er seine Ausr�stung vom Boden aufsammelte; dann machte er sich auf den Weg bergan zum Haupttor.</p><p>W�hrend Simon so �ber den mit Regenpf�tzen gesprenkelten Innenhof schlich und der Wachtruppe auswich, die in dicken Wollm�nteln auf dem Weg zur Abl�sung war, kam es ihm vor, als sei alle Farbe aus Naglimund ausgeblutet. Die kr�nklichen B�ume, die grauen Umh�nge von Josuas Wachen, die d�stere Kleidung der Priester, alles, worauf sein Blick fiel, h�tte aus Stein gehauen sein k�nnen. Selbst die hin und her eilenden Pagen waren nur Standbilder, denen man eine Art vor�bergehendes Leben verliehen hatte, die aber bald wieder langsam werden und schlie�lich unbeweglich dastehen w�rden.</p><p>Simon spielte mit seinen tr�ben Gef�hlen und geno� sie sogar. Pl�tzlich aber erregte ein Aufgl�nzen von Farben seine Aufmerksamkeit, das auf der anderen Seite eines gro�en, offenen Hofes sichtbar wurde, von Farben, deren Leuchtkraft so auff�llig war wie ein Trompetensto� an einem stillen Abend.</p><p>Die extravaganten Seidenstoffe geh�rten drei jungen Frauen, die aus einem Torbogen herausgesprungen waren, um lachend und ungest�m �ber den offenen Hof zu rennen. Die eine trug Rot und Gold, die andere ein Gelb, das wie ein Feld von gem�htem Heu leuchtete; die dritte hatte ein langes, schimmerndes Kleid in Taubengrau und Blau an. Im Bruchteil einer Sekunde hatte Simon sie erkannt: Die dritte war Miriamel.</p><p>Bevor er noch wu�te, was er tat, hatte er begonnen, auf die zur�ckweichende Dreiergruppe zuzugehen; gleich darauf verschwanden sie im langen, gedeckten S�ulengang, und er begann zu laufen. Das Ger�usch ihrer Unterhaltung klang zu ihm her�ber, wie ein aufreizender Geruch in die Nase eines angeketteten Kampfhundes dringt. In drei�ig langen Schritten hatte er sie eingeholt.</p><p>�Miriamel!� sagte er, und es kam sehr laut aus seinem Mund und lie� ihn �berrascht und verlegen stehenbleiben. �Prinzessin?� f�gte er lahm hinzu, als sie sich umdrehte. Wiedererkennen stand in ihrem Gesicht und wurde von einem anderen Gef�hl, das rasch auf das erste folgte, verdr�ngt, einem Gef�hl, das ihm zu seinem Schrecken wie Mitleid vorkam.</p><p>�Simon?� fragte sie, aber es stand kein Zweifel in ihren Augen. Sie standen einander gegen�ber, als liege zwischen ihnen eine tiefe Schlucht, dabei waren sie keine drei oder vier Ellen voneinander entfernt. Einen Augenblick starrten sie nur, und jeder wartete auf die Stimme des anderen, um die trennende Entfernung mit der richtigen Antwort zu �berbr�cken.</p><p>Endlich machte Miriamel eine knappe und leise Bemerkung zu ihren zwei Begleiterinnen, auf deren Gesichter Simon nur insoweit achtete, als er ihren Mienen etwas entnahm, das unzweifelhaft Mi�billigung war; die beiden zogen sich r�ckw�rts zur�ck, wandten sich dann um und gingen ein kurzes St�ck vor ihnen her.</p><p>�Ich � es kommt mir seltsam vor, Euch nicht Marya zu nennen � Prinzessin.� Simon blickte auf seine mit Schlamm bespritzten Stiefelsch�fte und grasfleckigen Hosen hinunter und empfand statt der Besch�mung, mit der er eigentlich gerechnet hatte, eine Art seltsamen, grimmigen Stolz. Vielleicht <emphasis>war</emphasis> er ein Bauernt�lpel, aber wenn, dann wenigstens ein ehrlicher.</p><p>Die Prinzessin musterte ihn schnell, wobei sie sich das Gesicht bis zum Schlu� aufsparte. �Es tut mir leid, Simon. Ich habe dich nicht belogen, weil ich das wollte, sondern weil ich es tun mu�te.� Sie l�ste die verkrampften Finger zu einer kurzen Geb�rde der Hilflosigkeit.</p><p>�Es tut mir leid.�</p><p>�Es � braucht Euch nicht leid zu tun. Es ist nur � nur��, er suchte nach Worten und umklammerte dabei seinerseits fest seine Schwertscheide, �es macht nur alles so schwierig, nehme ich an.�</p><p>Jetzt war er es, der sie musterte. Er entschied, da� das sch�ne Kleid � das, wie er bemerkte, gr�ne Streifen hatte, vielleicht aus trotziger Treue zu ihrem Vater � der Marya, an die er sich erinnerte, sowohl etwas hinzuf�gte als auch etwas wegnahm. Sie sah gut aus, das mu�te er zugeben: Die feinen, scharfen Z�ge hatten jetzt, wie ein wertvoller Stein, eine Fassung, die sie betonte. Gleichzeitig jedoch fehlte etwas, etwas Lustiges und Derbes und Sorgloses, das jene Marya besessen hatte, die bei der Flu�fahrt und in der schrecklichen Nacht auf der <emphasis>Steige</emphasis> seine Gef�hrtin gewesen war. In ihrem beherrschten Gesicht erinnerte ihn nicht mehr viel daran, aber eine Andeutung versteckte sich noch in den kurzgeschnittenen Haarstr�hnen, die am Hals unter ihrer Kapuze hervorlugten.</p><p>�Hattet Ihr Euch das Haar schwarzgef�rbt?� fragte er endlich.</p><p>Sie l�chelte sch�chtern. �Ja. Ich hatte schon lange, bevor ich vom Hochhorst fortlief, �berlegt, was ich tun m��te. Ich schnitt mir das Haar ab � es war <emphasis>sehr</emphasis> lang�, f�gte sie stolz hinzu, �und lie� mir dann von einer Frau in Erchester eine Per�cke daraus machen. Leleth brachte sie mir. Ich versteckte mein abgeschnittenes Haar darunter, das schwarzgef�rbt war, damit ich unerkannt die M�nner in der Umgebung meines Vaters beobachten und Dinge h�ren konnte, von denen ich sonst nie etwas erfahren h�tte � so fand ich heraus, was vorging.�</p><p>Simon f�hlte sich zwar recht unbehaglich, war aber voller Bewunderung �ber die Schlauheit des M�dchens. �Aber warum habt Ihr <emphasis>mir</emphasis> nachspioniert? Ich war doch ganz unwichtig.�</p><p>Die Prinzessin h�rte nicht auf, ihre Finger zu verschr�nken und wieder zu l�sen. �Ich habe dir wirklich nicht nachspioniert, zumindest nicht beim ersten Mal. Ich lauschte einem Streit, den mein Vater mit meinem Onkel in der Kapelle hatte. Die anderen Male � nun ja, da bin ich dir gefolgt. Ich hatte dich im Schlo� gesehen, allein, mit niemandem, der dir sagte, was du tun und wo du sein und wen du anl�cheln und mit wem du reden solltest � Ich war neidisch.�</p><p>�Niemand, der mir sagte, was ich tun sollte?� Simon mu�te gegen seinen Willen grinsen. �Dann hast du Rachel den Drachen wohl nie kennengelernt, M�dchen!� Er korrigierte sich, �Prinzessin, wollte ich sagen.�</p><p>Miriamel, die ebenfalls gel�chelt hatte, machte wieder ein Gesicht, als f�hle sie sich nicht wohl in ihrer Haut. In Simon wallte etwas von dem Zorn auf, der die ganze Nacht an ihm genagt hatte. Wer war sie denn, da� sie sich in seiner Gesellschaft so unbehaglich f�hlte? Hatte er sie nicht von einem Baum heruntergeholt? Hatte sie nicht den Kopf an seine Schulter gelegt?</p><p><emphasis>Ja, und genau das ist ein gro�er Teil des Problems,</emphasis> dachte er.</p><p>�Ich mu� jetzt gehen.� Er zupfte an seiner Schwertscheide, als wollte er Miriamel ein paar Einzelheiten der Pr�gung zeigen. �Ich habe den ganzen Tag mit dem Schwert gek�mpft. Gewi� erwarten Euch Eure Freundinnen.� Er wollte sich umdrehen, hielt dann inne und beugte das Knie vor ihr. Der Ausdruck ihres Gesichtes wurde, soweit das �berhaupt m�glich war, noch ungl�cklicher und trauriger als zuvor.</p><p>�Prinzessin�, sagte er und ging. Er drehte sich nicht um, um festzustellen, ob sie ihm nachsah. Er hielt den Kopf hoch und den R�cken kerzengerade.</p><p>Auf dem R�ckweg zu seiner Kammer begegnete er Binabik, der anscheinend seine Festtagskleidung trug, eine Jacke aus wei�em Hirschleder und eine Halskette aus Vogelsch�deln. Simon begr��te ihn k�hl; insgeheim war er �berrascht festzustellen, da� dort, wo noch vor Stunden ein Meer von Zorn vorhanden gewesen war, nur noch eine seltsame Leere in seinem Geist klaffte.</p><p>Der Troll wartete, bis er sich an der T�rschwelle weiteren Schlamm von den Stiefeln gekratzt hatte, und folgte ihm dann nach innen. Simon zog das andere Hemd an, das Strangyeard ihm freundlicherweise �berlassen hatte.</p><p>�Ich bin sicher, da� du jetzt erz�rnt bist, Simon�, begann Binabik. �Ich w�nsche mir nur, da� du verstehst, da� ich nichts �ber die Prinzessin wu�te, bis Josua es mir vorgestern abend erz�hlte.�</p><p>Das Hemd des Priesters war selbst f�r Simons schlaksige Gestalt lang; er stopfte es in die Hosen. �Warum hast du es mir dann nicht gesagt?� fragte er und freute sich �ber das leichte, beil�ufige Gef�hl, das er dabei hatte. Es gab keinen Grund f�r ihn, sich �ber die Treulosigkeit des kleinen Mannes Gedanken zu machen; er war fr�her auch auf sich selbst gestellt gewesen.</p><p>�Es war, weil ein Versprechen gegeben wurde.� Binabik sah sehr ungl�cklich aus. �Ich willigte ein, bevor ich wu�te, worum es ging. Aber es war nur ein Tag, an dem du es nicht ahntest und ich Bescheid wu�te � h�tte es einen gro�en Unterschied gemacht? <emphasis>Sie</emphasis> h�tte es dir und mir selbst sagen sollen, finde ich.�</p><p>Es lag Wahrheit in den Worten des Kleinen, aber Simon hatte keine Lust, Kritik an Miriamel zu h�ren, obwohl er ihr selber weit gr��ere, wenn auch feiner gesponnene Verbrechen vorwarf.</p><p>�Es ist jetzt nicht mehr wichtig�, war alles, was er erwiderte.</p><p>Binabik zeigte ein recht windschiefes L�cheln. �Ich hoffe, da� es wirklich so ist. Jetzt ist freilich das Wichtigste der <emphasis>Raed.</emphasis> Du mu�t deine Geschichte dort erz�hlen, und ich denke, es sollte heute abend sein. Durch deinen vorzeitigen Aufbruch hast du nicht viel verpa�t, das meiste betraf Baron Devasalles, der von Josua Zusicherungen f�r den Fall wollte, da� die Nabbanai sich ihm anschl�ssen. Aber heute abend��</p><p>�Ich habe keine Lust.� Simon krempelte die �rmel auf, die ihm halb �ber die H�nde hingen. �Ich werde Strupp besuchen, oder vielleicht Sangfugol.� Er k�mpfte mit einer Manschette. �Wird die Prinzessin auch dort sein?�</p><p>Der Troll sah betroffen aus. �Wer kann das sagen? Aber <emphasis>du</emphasis> wirst gebraucht, Simon. Der Herzog und seine Rimmersm�nner sind hier. Vor weniger als einer Stunde sind sie eingetroffen, fluchend und schmutzig und mit schaumbedeckten Pferden. Heute abend m�ssen wichtige Dinge er�rtert werden.�</p><p>Simon starrte zu Boden. Es w�re einfacher, lediglich den Harfner zu besuchen und mit ihm zu trinken; das half, nicht an solche Probleme zu denken. Sicher w�rden auch ein paar seiner neuen Bekannten unter den Wachsoldaten da sein, mit denen man gewi� einen sch�nen Abend verbringen k�nnte. Sie w�rden vielleicht zusammen hinunter in die Stadt Naglimund gehen, die er noch gar nicht richtig gesehen hatte. Das w�re viel leichter, als in diesem gro�en Raum zu sitzen, diesem <emphasis>gewichtigen</emphasis> Raum, in dem Entscheidungen und Gefahr so schwer auf allen lasteten. Sollten doch die anderen debattieren und sich den Kopf zerbrechen � er war schlie�lich nur ein K�chenjunge und hatte schon viel zu lange seinen eigenen Boden unter den F��en verloren. War das nicht das beste? War es das?</p><p>�Ich komme�, erkl�rte er endlich, �aber nur, wenn ich selbst bestimmen darf, ob ich reden will oder nicht.�</p><p>�Einverstanden!� antwortete Binabik und versuchte ein L�cheln. Aber Simon war nicht in der Stimmung, es zu erwidern. Er zog seinen Mantel an, der jetzt sauber war, aber noch die sichtbaren Narben der Stra�e und des Waldes trug, und lie� sich von Binabik nach der gro�en Halle f�hren.</p><empty-line/><p>�Das ist es!� schrie Herzog Isgrimnur von Elvritshalla. �Welchen Beweis braucht es noch? Er wird schon bald unser <emphasis>ganzes</emphasis> Land an sich gerissen haben!�</p><p>Isgrimnur und seine M�nner hatten sich nicht einmal die Zeit genommen, ihre Reisekleidung abzulegen. Aus dem durchn��ten Mantel des Herzogs tropfte das Wasser und bildete eine Lache auf dem Steinfu�boden. �Wenn ich mir vorstelle, da� ich dieses widernat�rliche Ungeheuer einst auf den Knien geschaukelt habe!� Er griff sich, als r�hre ihn der Schlag, an die Brust und sah unterst�tzungsheischend seine M�nner an. Alle au�er dem ausdruckslos blickenden, schlitz�ugigen Einskaldir nickten in tr�bem Mitgef�hl.</p><p>�Herzog!� rief Josua und hob die Hand. �Ich bitte Euch, setzt Euch! Seit dem Augenblick, in dem Ihr zur T�r hereingedonnert seid, schreit Ihr, und ich verstehe immer noch nicht, was ��</p><p>�Was Euer Bruder, der K�nig, getan hat?� Isgrimnur lief blaurot an und machte ein Gesicht, als w�rde er sich den Prinzen am liebsten greifen und �ber sein breites Knie legen. �Mein Land hat er mir gestohlen! Er hat es Verr�tern gegeben, die meinen Sohn gefangen halten! Welchen Beweis daf�r, da� er ein D�mon ist, verlangt Ihr noch?�</p><p>Die versammelten Adligen und Heerf�hrer, die aufgesprungen waren, als die Rimmersm�nner in wildem Durcheinander laut rufend in die Halle gest�rzt waren, sanken nach und nach wieder auf ihre harten Holzst�hle. Es entstand zorniges Gemurmel, und Stahl glitt mit melodischem Zischen in ein Dutzend Scheiden zur�ck.</p><p>�Mu� ich Euren Gefolgsmann bitten, f�r Euch zu sprechen, guter Isgrimnur?� fragte Josua. �Oder seid Ihr jetzt imstande, uns zu berichten, was vorgefallen ist?�</p><p>Der alte Herzog warf dem Prinzen oben am Tisch einen kurzen, w�tenden Blick zu und fuhr sich dann langsam mit der Hand �ber das Gesicht, als wolle er sich den Schwei� abwischen. Einen gef�hrlichen Augenblick lang war Simon �berzeugt, Isgrimnur werde in Tr�nen ausbrechen: Das rote Gesicht des Herzogs fiel zu einer Maske hilfloser Verzweiflung zusammen, und seine Augen glichen denen eines bet�ubten Tieres. Er trat einen Schritt zur�ck und lie� sich auf seinem Sitz nieder.</p><p>�Er hat Skali Scharfnase mein Land gegeben�, erkl�rte er endlich, und als das trotzige Aufbegehren aus seiner Stimme verschwand, h�rte man deutlich, wie hohl sie klang. �Ich besitze nichts weiter, als was ich am Leibe trage, und habe keinen anderen Ort, an den ich gehen k�nnte, als diesen hier.� Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>Ethelferth von Tinsett stand auf, das breite Gesicht voller Mitgef�hl. �Erz�hlt uns, was geschehen ist, Herzog Isgrimnur. Wir teilen hier alle den einen oder anderen Kummer miteinander, aber auch eine lange Geschichte der Kameradschaft. Wir wollen einander Schwert und Schild sein.�</p><p>Der Herzog sah ihn dankbar an. �Habt Dank, Herr Ethelferth. Ihr seid ein guter Kamerad und ein guter Nordmann.� Er wandte sich wieder den anderen zu. �Vergebt mir. Es ist schmachvoll, wie ich mich hier auff�hre. Au�erdem ist es verdammt-noch-mal keine Art, Neuigkeiten zu �berbringen. Erlaubt mir darum, Euch ein paar Dinge zu berichten, die Ihr wissen solltet.�</p><p>Isgrimnur ergriff einen herrenlosen Weinhumpen und leerte ihn. Mehrere von den anderen, die eine lange Geschichte auf sich zukommen sahen, riefen, man m�ge ihnen die Becher wieder f�llen.</p><p>�Vieles von dem, was sich ereignet hat, werdet Ihr wohl schon wissen, weil Josua und viele andere davon Kenntnis haben. Ich hatte zu Elias gesagt, ich w�rde seinem Gehei�, auf dem Hochhorst zu bleiben, nicht l�nger folgen, solange Schneest�rme meine Leute t�teten, unsere St�dte begruben und mein junger Sohn an meiner Stelle �ber Rimmersgard herrschen mu�te. Viele, viele Monate hatte sich der K�nig widersetzt, endlich aber willigte er doch ein. Ich nahm meine M�nner und brach nach dem Norden auf.</p><p>Zuerst gerieten wir bei Sankt Hoderund in einen Hinterhalt; bevor wir in die Falle gingen, t�teten die Wegelagerer die H�ter der heiligen St�tte.� Isgrimnur klopfte auf den h�lzernen <emphasis>Baum,</emphasis> der ihm auf der Brust hing. �Wir nahmen den Kampf auf und schlugen sie in die Flucht. Aber ein unnat�rliches Gewitter hinderte uns daran, sie zu verfolgen.�</p><p>�Das hatte ich bisher nicht geh�rt�, warf Devasalles von Nabban ein und musterte Isgrimnur mit nachdenklichem Blick. �Wer war es, der Euch bei der Abtei �berfiel?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete der Rimmersmann angewidert. �Wir konnten nicht einen Gefangenen machen, obwohl wir eine nicht unbetr�chtliche Schar der R�uber den kalten Weg zur H�lle hinabschickten. Manche sahen wie Rimmersgarder aus. Damals war ich �berzeugt, S�ldner vor mir zu haben � heute bin ich mir meiner Sache nicht mehr so sicher. Einer meiner Gesippen fand durch sie den Tod.</p><p>Dann das zweite: Als wir unweit n�rdlich des Knochs unser Lager aufschlugen, �berfielen uns schmutzige Bukken, ein gro�er Schwarm, und zwar im offenen Gel�nde. Ein ganzes bewaffnetes Lager griffen sie an! Auch sie schlugen wir in die Flucht, aber nicht ohne gro�e Verluste � Hani, Thrinin, Uter von Saegard��</p><p>�Bukken?� Es war schwer zu sagen, ob Devasalles' hochgezogene Braue ein Zeichen des Erstaunens oder der Verachtung war. �Wollt Ihr mir erz�hlen, Eure M�nner seien vom Kleinen Volk der Legenden angegriffen worden, Herzog Isgrimnur?�</p><p>�Eine Legende im S�den vielleicht�, sagte Einskaldir h�hnisch, �eine Legende an Nabbans verweichlichten H�fen; im Norden wissen wir, da� sie Wirklichkeit sind, und halten unsere �xte scharf.�</p><p>Baron Devasalles str�ubte die Nackenhaare, aber noch ehe er eine w�tende Antwort von sich geben konnte, bemerkte Simon eine Bewegung an seiner Seite, und eine Stimme ert�nte.</p><p>�Mi�verst�ndnisse und Unwissenheit besitzen sowohl der Norden als auch der S�den reichlich�, erkl�rte Binabik, der, eine Hand auf Simons Schulter, auf seinen Stuhl gestiegen war. �Die Bukken oder Gr�ber dehnen ihre L�cher f�r gew�hnlich nicht weit �ber die Nordgrenzen des Erkynlandes aus; aber was das Gl�ck den weiter s�dlich Wohnenden beschert hat, sollte man nicht irrigerweise als allgemeing�ltige Wahrheit betrachten.�</p><p>Devasalles ri� vor Verbl�ffung ganz offen den Mund auf, und er war nicht der einzige. �Und das ist wohl einer der Bukken pers�nlich, als Gesandter nach Erkynland gereist? Nun habe ich alles unter der Sonne gesehen und kann gl�cklich sterben.�</p><p>�Wenn ich das Seltsamste bin, das Ihr seht, ehe dieses Jahr um ist��, begann Binabik, wurde jedoch von Einskaldir unterbrochen, der mit einem Satz von seinem Stuhl aufsprang und sich neben den erschrockenen Isgrimnur postierte.</p><p>�Das ist schlimmer als ein Bukken!� fauchte er. �Es ist ein <emphasis>Troll</emphasis> � ein H�llenwicht!� Er versuchte, sich dem Arm des Herzogs, der ihn zur�ckhielt, zu entwinden. �Was tut dieser Kinderstehler hier?�</p><p>�Mehr Gutes als du, unf�rmiger Bart-T�lpel!� zischte Binabik zur�ck. Die Versammlung ging in allgemeines Geschrei und Durcheinander �ber. Simon packte den Troll am G�rtel, weil sich der Kleine so weit vorgebeugt hatte, da� er um ein Haar auf die weinbefleckte Tafel gekippt w�re. Endlich lie� sich Josuas zornige Stimme, die zur Ordnung rief, �ber dem Tumult vernehmen.</p><p>�Beim Blute �dons, ich dulde es nicht! Seid Ihr M�nner oder Kinder? Isgrimnur! Binabik von Yiqanuc ist auf meine Einladung hier. Wenn Euer Mann die Regeln meiner Halle nicht achtet, mag er die Gastlichkeit eines Turmverlieses versuchen! Ich verlange eine Entschuldigung!� Der Prinz stie� vor wie ein herabst�rzender Falke, und Simon, der Binabiks Jacke festhielt, erkannte j�h die �hnlichkeit mit dem verstorbenen Hochk�nig. Das war Josua, wie er sein sollte!</p><p>Isgrimnur beugte das Haupt. �Ich entschuldige mich f�r meinen Lehnsmann, Prinz. Er ist ein Hitzkopf und f�r h�fischen Umgang nicht gez�hmt.� Der Rimmersmann warf Einskaldir einen grimmigen Blick zu, und der Mann setzte sich wortlos wieder hin, brummte in seinen Bart und schlug die Augen nieder. �Unser Volk und die Trolle sind Feinde von alters her�, erkl�rte der Herzog.</p><p>�Die Trolle von Yiqanuc sind niemandes Feind�, entgegnete Binabik mit einigem Hochmut. �Es sind die Rimmersm�nner, die sich so vor unserer gewaltigen Gr��e und St�rke f�rchten, da� sie uns angreifen, sobald sie uns nur zu Gesicht bekommen � selbst in Prinz Josuas Halle.�</p><p>�Genug.� Josua machte eine angewiderte Handbewegung. �Hier ist nicht der Ort, alte Flaschen zu entkorken. Binabik, Ihr werdet sp�ter Gelegenheit zum Reden bekommen. Isgrimnur, Ihr habt Eure Geschichte noch zu Ende zu erz�hlen.�</p><p>Devasalles r�usperte sich. �Eines nur la�t <emphasis>mich</emphasis> bemerken, Prinz.� Er wandte sich an Isgrimnur. �Nun, da ich den kleinen Mann aus � Yiqanuc? � gesehen habe, f�llt es mir leichter, Eurer Erz�hlung von den Bukken zu glauben. Vergebt mir die zweifelnden Worte, guter Herzog.�</p><p>Isgrimnurs Stirnrunzeln wurde ein wenig milder. �Sprecht nicht mehr davon, Baron�, brummte er. �Ich habe es vergessen, so wie Ihr gewi� Einskaldirs t�richte Rede vergessen werdet.�</p><p>Der Herzog verstummte einen Moment, um seine zerstreuten Gedanken wieder zu sammeln.</p><p>�Nun, wie ich schon sagte, es war alles so seltsam. Sogar in der Frostmark und den n�rdlichen �den sind die Bukken selten � und wir danken Gott, da� das so ist. Da� sie eine bewaffnete Truppe, die so gro� ist wie unsere, angreifen, ist neu. Die Bukken sind klein�� Sein Blick streifte kurz Binabik und glitt dann von ihm ab und zu Simon. Dort blieb er haften, und der Herzog runzelte wieder die Stirn und starrte den Jungen an. �Klein � sie sind klein � aber grimmig, und gef�hrlich, wenn sie in gro�er Zahl auftreten.� Er sch�ttelte den Kopf, als wollte er Simons beunruhigend bekanntes Gesicht daraus verscheuchen, und wandte seine Aufmerksamkeit wieder den anderen um die lange, gebogene Tafel Versammelten zu.</p><p>�Nachdem wir den Lochbewohnern entkommen und hierher nach Naglimund gelangt waren, versorgten wir uns rasch mit neuem Proviant und ritten nach Norden weiter. Ich wollte so schnell wie m�glich meine Heimat, meinen Sohn und meine Frau wiedersehen. Die obere Weldhelm-Stra�e und auch die Frostmark-Stra�e sind heutzutage keine angenehmen Gegenden. Diejenigen unter Euch, deren L�nder n�rdlich von hier liegen, wissen, was ich meine, ohne da� mehr dar�ber gesagt werden mu�. Wir waren froh, am Abend des sechsten Reisetages die Lichter von Vestvennby unter uns zu sehen.</p><p>Am n�chsten Morgen empfingen uns vor dem Tor Storfot, Than von Vestvennby � Ihr w�rdet ihn wohl einen Baron nennen �, und ein halbes Hundert seiner Gefolgsmannen. Doch war er erschienen, um seinen Herzog willkommen zu hei�en?</p><p>Verlegen � und er hatte allen Grund dazu, der verr�terische Hund � erkl�rte er, Elias h�tte <emphasis>mich</emphasis> als Verr�ter bezeichnet und mein Land Skali Scharfnase �bergeben. Storfot sagte, Skali w�nsche, da� ich mich ergebe, und er, Storfot, solle mich nach Elvritshalla bringen, wo mein Sohn Isorn schon gefangen gehalten werde �. und da� Skali gerecht und gn�dig sein werde. Gerecht! Skali von Kaldskryke, der im Rausch den eigenen Bruder erschlug! Will mir unter meinem eigenen Dach gn�dig sein!</p><p>H�tten meine M�nner mich nicht gehindert � h�tten sie nicht�� Herzog Isgrimnur mu�te einen Moment verschnaufen und drehte in Kummer und Zorn seinen Bart. �Nun�, fuhr er dann fort, �Ihr k�nnt Euch vorstellen, da� ich Storfot am liebsten sofort die Eingeweide herausgerissen h�tte. Besser mit einem Schwert im Leib sterben, dachte ich, als vor einem Schwein wie Skali das Haupt beugen! Aber, wie Einskaldir mir darlegte, das Beste von allem w�re, meine Halle zur�ckzugewinnen und Skali Stahl fressen zu lassen.�</p><p>Isgrimnur tauschte ein kurzes, unfrohes Grinsen mit seinem Gefolgsmann und sprach dann wieder zu der Versammlung, wobei er auf seine leere Schwertscheide schlug: �Darum <emphasis>gelobe</emphasis> ich dieses: Selbst wenn ich den ganzen Weg bis nach Elvritshalla auf meinem alten, dicken Bauch kriechen mu�, so schw�re ich doch bei Drors Hamm � bei Usires �don, meine ich, verzeiht mir, Bischof Anodis �, da� ich hinkommen werde, um ihm mein gutes Schwert Kvalnir einen Meter tief in die Ged�rme zu sto�en.�</p><p>Jetzt schlug Gwythinn, der Prinz von Hernystir, der sich bisher ungew�hnlich still verhalten hatte, mit der Faust auf den Tisch. Seine Wangen waren ger�tet; nicht allein, dachte Simon, vom Wein, obwohl der junge Mann aus dem Westen ihm reichlich zugesprochen hatte. �Gut!� rief der Prinz. �Doch seht, Isgrimnur, seht ein: Nicht dieser Skali ist Euer Hauptwidersacher � nein, der K�nig selber ist es!�</p><p>Ein Grollen ging um den Tisch, das jetzt aber fast ausschlie�lich Zustimmung ausdr�ckte. Der Gedanke, das eigene Land k�nnte einem genommen und an einen Blutfehde-Rivalen gegeben werden, traf bei fast allen eine tiefe und bedrohliche Stelle.</p><p>�Der Hernystiri spricht die Wahrheit!� schrie der dicke Ordmaer und wuchtete seinen umfangreichen Leib vom Stuhl. �Es ist offensichtlich, da� Euch Elias nur deshalb so lange auf dem Hochhorst zur�ckhielt, damit Skali seinen Verrat ausf�hren konnte. Elias ist der Feind, der hinter allem steht!�</p><p>�So wie er es durch seine nur allzu willigen Werkzeuge Guthwulf und Fengbald geschafft hat, die Rechte der meisten von Euch hier mit F��en zu treten!� Gwythinn war jetzt in voller Fahrt und nicht mehr zu bremsen. �Es ist Elias, der die Hand ausstreckt, um uns alle zu vernichten, bis es keinen Widerstand mehr gegen seine unselige Herrschaft gibt und die wenigen, die von uns noch �brig sein werden, durch Steuern verarmt oder unter den Stiefeln seiner Ritter zertreten sind. Der Hochk�nig ist unser Feind, und wir m�ssen rasch handeln!�</p><p>Gwythinn drehte sich zu Josua um, der teilnahmslos wie ein steinernes Standbild die Ereignisse verfolgt hatte. �An Euch ist es, Prinz, uns den Weg zu zeigen. Es besteht kein Zweifel, da� Euer Bruder Pl�ne f�r uns alle hat, wie an Euch und an Isgrimnur schon so deutlich bewiesen wurde. Ist er nicht unser wahrer und zugleich gef�hrlichster Feind?�</p><p><emphasis>�Nein! Das ist er nicht!�</emphasis></p><p>Die Stimme knallte durch die gro�e Halle von Naglimund wie eine Fuhrmannspeitsche. Simon, und mit ihm jede andere Seele im Raum, fuhr herum, umzusehen, wer da sprach. Sekundenlang schien es, als habe sich der alte Mann aus dem luftleeren Raum materialisiert, so pl�tzlich tauchte er aus den Schatten in das Gl�hen der Wandfackel. Er war gro� und unbegreiflich mager; der Fackelschein warf tiefe Schatten auf seine hohlen Wangen und unter die knochigen B�gen seiner Brauen. Er trug einen Mantel aus Wolfsfell und hatte den langen wei�en Bart in den G�rtel gesteckt; f�r Simon sah er aus wie ein wilder Geist des Winterwaldes.</p><p>�Wer seid Ihr, alter Mann?� rief Josua. Zwei seiner Wachen traten vor und nahmen zu beiden Seiten des prinzlichen Stuhles Aufstellung. �Und wie kommt Ihr in unsere Ratsversammlung?�</p><p>�Er ist einer von Elias' Spionen!� zischte einer der Edelleute aus dem Norden, und andere sprachen es ihm nach.</p><p>Isgrimnur stand auf. �Er ist hier, weil <emphasis>ich</emphasis> ihn mitgebracht habe, Josua�, brummte der Herzog. �An der Stra�e nach Vestvennby hat er auf uns gewartet � wu�te, wo wir hinwollten, und wu�te noch vor uns, da� wir hierher zur�ckkehren w�rden. Er sagte, so oder so w�rde er Euch aufsuchen, um mit Euch zu sprechen.�</p><p>�Und da� es um so besser f�r uns alle w�re, je schneller ich hier ank�me�, erg�nzte der Alte und heftete die leuchtendblauen Augen auf den Prinzen. �Ich habe Dinge von gro�er Wichtigkeit mitzuteilen � Euch allen mitzuteilen.� Er lie� seinen beunruhigenden Blick �ber die Tafel wandern, und wohin er schaute, verstummte das Getuschel. �Ihr m�gt mir zuh�ren oder nicht, das ist Eure Entscheidung � in Dingen wie diesen gibt es immer eine Wahl.�</p><p>�Das sind R�tsel f�r Kinder, Mann�, spottete Devasalles. �Wer in aller Welt seid Ihr, und was wollt Ihr von den Fragen wissen, die wir hier er�rtern? In Nabban�, und er l�chelte zu Josua hin�ber, �w�rden wir diesen alten Narren zu den Vilderivanerbr�dern schicken, deren Aufgabe die F�rsorge f�r Irrsinnige ist.�</p><p>�Wir sprechen hier nicht von Angelegenheiten des S�dens, Baron�, erwiderte der alte Mann mit einem L�cheln, so kalt wie eine Reihe von Eiszapfen, �obwohl auch der S�den schon bald kalte Finger an seiner Kehle sp�ren wird.�</p><p>�Genug!� rief Josua. �Sprecht jetzt, oder ich werde Euch wirklich als Spion in Ketten legen lassen. Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von uns?�</p><p>Der alte Mann nickte steif. �Vergebung. Ich bin die h�fischen Br�uche schon zu lange nicht mehr gew�hnt. Jarnauga ist mein Name, und ich lebte bis vor kurzem in Tungoldyr.�</p><p><emphasis>�Jarnauga!�</emphasis> sagte Binabik und kletterte wieder auf seinen Stuhl, um den Neuank�mmling genauer zu betrachten. �Verbl�ffend! Jarnauga! Ho, ich bin Binabik! Lange Zeit Lehrling von Ookequk!�</p><p>Der Alte durchbohrte den Troll mit seinem hellen, st�hlernen Blick.</p><p>�Ja. Wir werden miteinander reden, und zwar bald. Aber zuerst habe ich etwas in dieser Halle und mit diesen M�nnern zu erledigen.� Aufrecht stand er da, dem Stuhl des Prinzen gegen�ber. �K�nig Elias sei der Feind, habe ich den jungen Hernystiri sagen h�ren, und andere sprachen es ihm nach. Ihr alle seid wie die M�use, die mit unterdr�ckter Stimme von der schrecklichen Katze reden und hinter den W�nden davon tr�umen, sie eines Tages umzubringen. Keiner von Euch begreift, da� es nicht die Katze ist, die Euch Schwierigkeiten macht, sondern ihr Herr, der sie ins Haus gebracht hat, um M�use zu t�ten.�</p><p>Gegen seinen Willen interessiert, beugte sich Josua vor. �Wollt Ihr damit sagen, Elias sei seinerseits nur die Spielfigur eines anderen? Wessen? Dieses Teufels Pryrates vielleicht?�</p><p>�Pryrates <emphasis>spielt</emphasis> den Teufel�, versetzte der Alte h�hnisch, �aber er ist ein Kind. Ich spreche von einem, f�r den das Leben von K�nigen nicht mehr als ein fl�chtiger Augenblick ist � einem, der Euch weit mehr nehmen wird als nur das Land.�</p><p>Unter den M�nnern entstand Gerede. �Hat sich dieser wahnsinnige M�nch hier hereingedr�ngt, um uns einen Vortrag �ber die Werke des Teufels zu halten?� rief einer der Barone. �Es ist kein Geheimnis f�r uns, da� der Erzfeind Menschen f�r seine Zwecke benutzt.�</p><p>�Ich spreche nicht von Eurem �donitischen D�monenf�rsten�, sagte Jarnauga und richtete erneut den Blick auf den Prinzen in seinem hohen Stuhl. �Ich meine den wahren Gebieter der D�monen von Osten Ard, der so wirklich ist wie dieser Stein�, � er kniete nieder und ber�hrte mit der Handfl�che den Boden �, �und genauso ein Teil unseres Landes.�</p><p>�Gottesl�sterung!� schrie jemand. �Werft ihn hinaus!�</p><p>�Nein, la�t ihn reden!� ein anderer.</p><p>�Sprecht, Alter!� bat Josua.</p><p>Jarnauga hob die H�nde. �Ich bin kein verr�ckter, halberfrorener Heiliger, der zu Euch gekommen ist, um Eure gef�hrdeten Seelen zu retten.� Er verzog den Mund zu einem tr�ben L�cheln. �Ich komme als Mitglied des Bundes der Schriftrolle und als Mann, der sein Leben neben dem t�dlichen Berg Sturmspitze gelebt und den Berg dieses ganze Leben lang beobachtet hat. Wir vom Bund der Schriftrolle haben, wie Euch der Troll best�tigen kann, lange gewacht, w�hrend andere schliefen. Nun komme ich, einen vor langer Zeit geschworenen Eid zu halten � und Euch etwas zu erz�hlen, von dem Ihr w�nschen werdet, es nie geh�rt zu haben.�</p><p>Ein bebendes Schweigen senkte sich �ber die Halle, als der alte Mann den Raum durchquerte und die T�r zum Hof �ffnete. Das Heulen des Windes, vorher nur ein ged�mpftes Seufzen, fuhr allen laut in die Ohren.</p><p>�Yuven-Mond!� erkl�rte Jarnauga. �Nur noch ein paar Wochen bis Mitsommer! H�rt mich an: Kann ein K�nig, und sei es der Hochk�nig selber, das bewirken?� Ein Regenschauer wehte an ihm vorbei wie Rauch. �In Pelze geh�llte <emphasis>Hunen</emphasis>, die im Weldhelm Menschen jagen. <emphasis>Bukken</emphasis> kriechen aus der kalten Erde, um in der Frostmark bewaffnete Soldaten zu �berfallen, und im Norden brennen die Schmiedefeuer von Sturmspitze die ganze Nacht. Ich selbst habe das Gl�hen am Himmel gesehen und die eisigen H�mmer fallen h�ren. Wie glaubt Ihr, da� Elias das alles getan haben soll? Merkt Ihr nicht, da� ein schwarzer, t�dlicher Winter auf Euch hereinbricht, der au�erhalb aller Jahreszeiten und jenseits aller Kr�fte Eures Verstandes liegt?�</p><p>Isgrimnur war erneut aufgestanden, das runde Gesicht bleich, die Augen schmal. �Und was bedeutet das, Mann, was? Wollt Ihr sagen, da� wir � Udun Einauge steh mir bei � gegen die � <emphasis>Wei�f�chse</emphasis> aus den alten Sagen k�mpfen?� Hinter ihm erhob sich ein Chor gefl�sterter Fragen und best�rzten Gemurmels.</p><p>Jarnauga starrte den Herzog an, und sein runzliges Gesicht wurde milder und nahm einen Ausdruck an, der Mitleid bedeuten mochte oder Kummer. �Ach, Herzog Isgrimnur, so schlimm auch die Wei�f�chse � die manche unter dem Namen <emphasis>Nornen</emphasis> kennen � sein m�gen, es w�re ein Geschenk des Himmels f�r uns, wenn es damit sein Bewenden h�tte. Aber ich sage Euch, da� es weder Utuk'ku ist, die K�nigin der Nornen und Herrin des furchtbaren Berges Sturmspitze, noch Elias, von denen dies alles ausgeht.�</p><p>�Ruhig, Mann, haltet nur einen Augenblick lang Euren Mund.� Devasalles war zornig, mit wogenden Gew�ndern, aufgesprungen. �Prinz Josua, vergebt mir, aber es ist schlimm genug, da� dieser Verr�ckte hier eindringt, die Ratsversammlung st�rt und das Wort an sich rei�t, ohne zu erkl�ren, wer und was er ist. Mu� ich, Herzog Leobardis' Gesandter, nun auch noch meine Zeit damit vergeuden, da� ich mir seine Geschichten von einem Kinderschreck aus dem Norden anh�re? Es ist unzumutbar!�</p><p>W�hrend das Stimmengewirr der Auseinandersetzungen wieder anschwoll, �berlief Simon ein seltsam erregender Schauer. Sich vorzustellen, da� er und Binabik im Mittelpunkt all dieser Ereignisse gestanden hatten, mitten in einer Geschichte, neben der alles verbla�te, was Shem Pferdeknecht sich je h�tte ausdenken k�nnen � Doch als er sich die M�r ausmalte, die er vielleicht eines Tages am Feuer berichten k�nnte, fielen ihm die Schnauzen der Nornenhunde wieder ein, die bleichen Gesichter im dunklen Berg seiner Tr�ume, und wieder, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, w�nschte er sich verzweifelt zur�ck in die K�che des Hochhorstes, w�nschte sich, da� nichts sich ver�ndert h�tte, nichts sich je ver�ndern w�rde �</p><p>Der alte Bischof Anodis, der den Neuank�mmling die ganze Zeit mit dem scharfen, wilden Blick einer M�we, die sich an ihrem Lieblingsfutterplatz pl�tzlich einem neuen Vogel gegen�bersieht, beobachtet hatte, erhob sich jetzt.</p><p>�Ich mu� sagen, und ich sch�me mich nicht, es offen einzugestehen, da� ich von diesem � diesem <emphasis>Raed</emphasis> hier von Anfang an wenig gehalten habe. Vielleicht hat Elias Fehler gemacht, aber seine Heiligkeit, der Lektor Ranessin, hat sich erboten, zu vermitteln und den Versuch zu machen, unter den �donitern � und nat�rlich auch ihren ehrenwerten heidnischen Verb�ndeten ��, hier nickte er beil�ufig Gwythinn und seinen M�nnern zu �, �Frieden zu stiften. Alles jedoch, was ich hier geh�rt habe, sind Worte von Krieg und dem Vergie�en von �doniterblut als Rache f�r unbedeutende Kr�nkungen.�</p><p>�Unbedeutende Kr�nkungen?� Isgrimnur kochte. �Ihr nennt den Diebstahl meines Herzogtums eine �unbedeutende Kr�nkung�, Bischof? Kommt Ihr doch einmal nach Hause und findet Eure Kirche als � verdammten Hyrkastall oder als Trollnest wieder, dann werden wir ja sehen, ob Ihr das auch als �unbedeutende Kr�nkung� bezeichnet!�</p><p>�Trollnest???� wiederholte Binabik und wollte schon aufstehen.</p><p>�Und das beweist nur, da� ich recht habe�, fauchte Anodis und fuchtelte mit dem <emphasis>Baum</emphasis> in seiner knotigen Hand herum, als w�re er ein Messer zur Abwehr von R�ubern. �H�rt doch, wie Ihr einen Mann der Kirche anschreit, der Eure Torheiten zur�ckzuweisen sucht.� Er richtete sich gerade auf. �Und dann�, er schwenkte den <emphasis>Baum</emphasis> in Richtung auf Josua, �dann kommt auch noch so ein � so ein � b�rtiger Eremit und erz�hlt uns von Hexen und D�monen und treibt einen noch gr��eren Keil zwischen die einzigen S�hne des Hochk�nigs! Zu wessen Vorteil soll das sein? <emphasis>Wem dient dieser Jarnauga �berhaupt?�</emphasis> Feuerrot und am ganzen Leibe zitternd fiel der Bischof in seinen Stuhl zur�ck, langte nach dem Wasserpokal, den ihm sein Priestersch�ler reichte, und trank durstig.</p><p>Simon griff neben sich und zog so lange an Binabiks Arm, bis sein Freund sich wieder hinsetzte.</p><p>�Ich verlange immer noch eine Erkl�rung f�r den Ausdruck �Trollnest��, knurrte dieser vor sich hin, bis Simon die Stirn runzelte, woraufhin der Troll die Z�hne zusammenbi� und schwieg.</p><p>Prinz Josua sa� eine Zeitlang stumm da und starrte Jarnauga an, der den Blick des Prinzen so unger�hrt aushielt wie eine Katze.</p><p>�Ich habe vom Bund der Schriftrolle geh�rt�, sagte Josua endlich.</p><p>�Ich hatte allerdings nicht die Vorstellung, da� seine Mitglieder das Verhalten von Herrschern und Staaten zu beeinflussen suchten.�</p><p>�Ich habe nicht von diesem sogenannten Bund geh�rt�, mischte sich Devasalles ein, �und ich finde es an der Zeit, da� dieser merkw�rdige Alte uns mitteilt, wer ihn schickt und welche Gefahr uns droht � wenn es nicht der Hochk�nig ist, wie viele von uns hier anzunehmen scheinen.�</p><p>�Ausnahmsweise stimme ich mit dem Baron aus Nabban �berein�, rief Gwythinn von Hernystir. �Jarnauga soll uns alles berichten, damit wir uns entscheiden k�nnen, ob wir ihm glauben oder ihn aus der Halle werfen wollen.�</p><p>Prinz Josua auf dem h�chsten Stuhl nickte. Der alte Rimmersmann lie� seinen Blick �ber die erwartungsvollen Gesichter schweifen und hob dann mit seltsamer Geb�rde die H�nde, wobei er mit den Fingern die Daumen ber�hrte, als halte er sich einen d�nnen Faden vor die Augen.</p><p>�Gut�, meinte er schlie�lich, �gut. So la�t uns denn die ersten Schritte auf einem Weg tun, dem einzigen Weg, der uns vielleicht noch aus dem schwarzen Schatten des Berges herausf�hren kann.� Er breitete die Arme aus, als wolle er den unsichtbaren Faden zu gro�er L�nge ausdehnen, und �ffnete dann weit die H�nde.</p><p>�Die Geschichte des Bundes ist nur von geringer Bedeutung�, begann er, �aber sie ist Teil einer gr��eren Geschichte.� Erneut trat er an die T�r, die ein Page inzwischen wieder geschlossen hatte, um die W�rme nicht aus der hochgebauten Halle entweichen zu lassen. Jarnauga ber�hrte den schweren T�rrahmen. �Wir k�nnen diese T�r zumachen, aber davon werden Schnee und Hagel nicht verschwinden. Genauso k�nnt Ihr mich einen Wahnsinnigen hei�en � das wird <emphasis>ihn,</emphasis> der Euch bedroht, nicht vertreiben. Er hat f�nf Jahrhunderte darauf gewartet, sich wiederzuholen, was er f�r das Seine h�lt, und seine Hand ist k�lter und st�rker, als Euer Verstand es fa�t. Seine Geschichte ist der gr��ere Zusammenhang, in den die Geschichte des Bundes eingebettet ist wie eine alte Pfeilspitze in einen gro�en Baum, �ber den die Rinde hinweggewachsen ist, bis man den Pfeil selbst nicht mehr erkennen kann.</p><p>Der Winter, der jetzt auf uns lastet, der Winter, der den Sommer von seinem rechtm��igen Thron verdr�ngt hat, ist <emphasis>sein</emphasis> Werk. Er ist das Symbol seiner Macht, der Macht, die er jetzt einsetzt, um die Dinge nach seinem Willen zu formen.�</p><p>Jarnauga starrte grimmig vor sich hin, und einen langen Augenblick war alles still, und nur der Wind sang einsam um die Mauern.</p><p>�Wer?� fragte Josua endlich. �Wie hei�t dieses Wesen, alter Mann?�</p><p>�Ich dachte, Ihr w��tet es, Prinz�, entgegnete Jarnauga. �Ihr seid ein Mann von gro�er Erfahrung. Euer Feind � unser Feind � starb vor f�nfhundert Jahren; der Ort, an dem sein erstes Leben endete, liegt unter den Fundamenten der Burg, auf der euer Leben begann. Er hei�t <emphasis>Ineluki</emphasis> � der Sturmk�nig.�</p></section><section><title><p>XXXIII</p><p>Aus Asu'as Asche</p></title><p>�Geschichten in Geschichten�, begann Jarnauga in einer Art Singsang und warf seinen Wolfsmantel ab. Der Feuerschein enth�llte die Windungen der Schlangen, die sich um die Haut seiner langen Arme ringelten. Wieder entstand Gefl�ster. �Ich kann Euch die Geschichte vom Bund der Schriftrolle nicht erz�hlen, ehe Ihr nicht versteht, wie <emphasis>Asu'a</emphasis> unterging. Das Ende von K�nig Eahlstan Fiskerne, der den Bund als Mauer gegen das Dunkel errichtete, l��t sich nicht vom Ende Inelukis trennen, dessen Dunkelheit uns jetzt umgibt. So sind die Geschichten ineinander verwoben, und ein Strang folgt auf den anderen. Zieht man einen einzelnen Faden heraus, ist er nicht mehr als das � ein einzelner Faden. Ich bestreite, da� es jemanden gibt, der imstande ist, allein aus einem solchen Faden das Muster eines Gewebes zu erkennen.�</p><p>Beim Sprechen fuhr sich Jarnauga mit schmalen Fingern durch den wirren Bart, gl�ttete ihn und ordnete seine gro�e L�nge, als w�re auch er eine Art Gewebe und k�nnte Jarnaugas Geschichte einen Sinn verleihen.</p><p>�Lange Zeit, bevor die Menschen nach Osten Ard kamen�, fuhr er dann fort, �waren die Sithi hier. Weder Mann noch Frau sind noch am Leben, die wissen, wann sie kamen, aber gekommen sind sie, eingewandert von Osten, dort, wo die Sonne aufgeht, und schlie�lich lie�en sie sich in diesem Land nieder.</p><p>In Erkynland, dort, wo heute der Hochhorst steht, schufen sie ihr gewaltigstes Werk, die Burg <emphasis>Asu'a</emphasis>. Tief gruben sie in die Erde und legten die Fundamente in die Gebeine von Osten Ard selber. Dann errichteten sie Mauern aus Elfenbein und Perlen und Opal, die die B�ume an H�he �berragten, und T�rme, die in den Himmel stiegen wie Schiffsmasten, T�rme, von denen man ganz Osten Ard �berblicken konnte und von wo aus die scharf�ugigen Sithi den gro�en Ozean beobachteten, der an das westliche Ufer brandete.</p><p>Ungez�hlte Jahre wohnten sie in Osten Ard allein, bauten auf den Bergh�ngen und in der Tiefe der W�lder ihre zerbrechlichen St�dte, zierliche H�gelst�dte wie Eisblumen und Waldsiedlungen wie an Land gefesselte Boote mit vielen Segeln. Doch <emphasis>Asu'a</emphasis> war die gr��te von allen, und hier herrschten die langlebigen K�nige der Sithi.</p><p>Als die ersten Menschen sich einstellten, waren es schlichte Hirten und Fischer, die �ber eine heute l�ngst verschwundene Landbr�cke in den n�rdlichen �den hierher kamen, auf der Flucht vor etwas Schrecklichem vielleicht, das sie verfolgt hatte, oder auch nur auf der Suche nach neuem Weideland. Die Sithi beachteten sie nicht mehr als die Hirsche oder Wildrinder, selbst als die rasch aufeinanderfolgenden Generationen immer mehr wurden und der Mensch anfing, sich steinerne St�dte zu bauen und Werkzeuge und Waffen aus Bronze zu schmieden. Solange sie nicht nahmen, was den Sithi geh�rte, und in dem Land blieben, das der Erlk�nig ihnen zubilligte, herrschte Friede zwischen den V�lkern.</p><p>Sogar das Imperium von Nabban im S�den, ber�hmt ob seiner K�nste und seiner Waffen, das seinen langen Schatten �ber alle sterblichen Menschen Osten Ards warf, war f�r die Sithi oder ihren K�nig Iyu'unigato kein Anla� zur Besorgnis.�</p><p>An dieser Stelle blickte sich Jarnauga nach etwas zu trinken um, und w�hrend ein Page einen Humpen f�r ihn f�llte, tauschten seine Zuh�rer Blicke und verwirrtes Tuscheln.</p><p>�Davon hat mir Doktor Morgenes erz�hlt�, fl�sterte Simon Binabik zu. Der Troll nickte l�chelnd, schien aber von eigenen Gedanken abgelenkt.</p><p>�Gewi� ist es nicht n�tig�, nahm Jarnauga seinen Faden wieder auf � mit erhobener Stimme, um die Aufmerksamkeit der raunenden Menge zur�ckzugewinnen �, ��ber die Ver�nderungen zu sprechen, die der Ankunft der ersten Rimmersm�nner folgten. Es gibt gen�gend alte Wunden, die aufgerissen werden m�ssen, ohne da� wir bei dem verweilen, was geschah, als sie vom fernen Westen her ihren Weg �ber das Wasser fanden.</p><p>Etwas aber, das erw�hnt werden <emphasis>mu�,</emphasis> ist K�nig Fingils Marsch vom Norden herunter, und damit der Untergang Asu'as. F�nf lange Jahrhunderte haben einen gro�en Teil dieser Geschichte mit ihrem Ger�ll und mit Ahnungslosigkeit zugesch�ttet; aber als Eahlstan der Fischerk�nig vor zweihundert Jahren unseren Bund stiftete, geschah es, um eben dieses Wissen zur�ckzugewinnen und zu bewahren. Darum gibt es Dinge � die ich Euch nun erz�hlen werde �, von denen die meisten von Euch nie zuvor geh�rt haben.</p><p>In den Schlachten am Knoch, in der Ebene von Agh Samrath und im Utanwash � �berall triumphierten Fingil und seine Heerscharen und zogen die Schlinge um <emphasis>Asu'a</emphasis> immer fester. Auf Agh Samrath, dem Sommerfeld, verloren die Sithi ihre letzten menschlichen Verb�ndeten, und als die Hernystiri vernichtet waren, gab es niemanden mehr unter den Sithi, der gegen das Eisen des Nordens bestehen konnte.�</p><p>�Vernichtet durch Verrat!� unterbrach Prinz Gwythinn, rot im Gesicht und bebend. �Nichts au�er Verrat konnte Sinnagh vom Schlachtfeld vertreiben � die Verderbtheit der M�nner aus den Thrithingen, die in der Hoffnung auf ein paar Krumen von Fingils blutiger Tafel den Hernystiri in den R�cken fielen!�</p><p>�Gwythinn!� rief Josua. �Ihr habt Jarnauga geh�rt: Das sind alte Wunden. Es ist nicht einmal ein Thrithingmann unter uns. W�rdet Ihr �ber den Tisch springen und Euch auf Herzog Isgrimnur st�rzen, nur weil er ein Rimmersmann ist?�</p><p>�Er soll es nur versuchen�, knurrte Einskaldir.</p><p>Gwythinn sch�ttelte besch�mt den Kopf. �Ihr habt recht, Josua. Vergebt mir, Jarnauga.� Der Alte nickte, und Lluths Sohn wandte sich an Isgrimnur. �Und nat�rlich, guter Herzog, sind wir beide hier die engsten Verb�ndeten.�</p><p>�Es hat sich niemand beleidigt gef�hlt, junger Herr�, l�chelte Isgrimnur, aber Einskaldir neben ihm fing Gwythinns Blick auf, und die beiden starrten einander kalt in die Augen.</p><p>�So geschah es�, begann Jarnauga wieder, als habe niemand ihn unterbrochen, �da� man in Asu'a, obwohl seine Mauern von alter und m�chtiger Zauberkraft zusammengehalten wurden und es Heimat und Herz des Sithigeschlechtes war, dennoch f�hlte, da� eine Zeit zu Ende ging, da� die sterblichen Empork�mmlinge das Haus ihrer Vorg�nger zerst�ren w�rden und die Sithi Osten Ard f�r immer verlassen m��ten.</p><p>Iyu'unigato, ihr K�nig, kleidete sich von Kopf bis Fu� in Trauerwei� und verbrachte mit seiner K�nigin Amerasu die langen Tage von Fingils Belagerung � aus denen bald Monate und gar Jahre wurden, denn selbst kalter Stahl konnte das Werk der Sithi nicht �ber Nacht bezwingen � mit dem Anh�ren melancholischer Musik und der Poesie aus heitereren Tagen der Sithi in Osten Ard. Von au�en, im Lager der Belagerer aus dem Norden, erweckte <emphasis>Asu'a</emphasis> noch immer den Anschein gewaltiger St�rke, eng umschlossen von Zauber und Hexenkunst � doch in der gl�nzenden Schale verfaulte das Herz.</p><p>Aber einen gab es unter den Sithi, der es anders wollte und nicht damit zufrieden war, seine letzten Tage mit Klageges�ngen �ber den verlorenen Frieden und die verw�stete Unschuld zuzubringen. Es war lyu'unigatos Sohn, und sein Name war � <emphasis>Ineluki</emphasis>.�</p><p>Wortlos, jedoch mit nicht unbetr�chtlichem Rumoren, packte Bischof Anodis seine Sachen zusammen. Dann winkte er seinem jungen Priestersch�ler, der ihm auf die Beine half.</p><p>�Entschuldigt, Jarnauga�, sagte Josua. �Bischof Anodis, warum wollt Ihr uns verlassen? Wie Ihr h�rt, ziehen furchtbare Wesen gegen uns zu Felde. Wir hoffen auf Eure Weisheit und die St�rke der Mutter Kirche, um uns zu leiten.�</p><p>Anodis sah �rgerlich auf. �Und ich soll hier sitzen, mitten in einem Kriegsrat, den ich niemals gebilligt habe, und mir anh�ren, wie dieser � dieser wilde Mann die Namen heidnischer D�monen im Munde f�hrt! Seht Euch doch selber an, Euch alle, wie Ihr an seinen Worten h�ngt, als stammte jedes einzelne davon aus dem Buche �don.�</p><p>�Die, von denen ich rede, sind lange vor Eurem heiligen Buch geboren, Bischof�, entgegnete Jarnauga milde; aber die schr�ge Haltung seines Kopfes war grimmig und kampfbereit.</p><p>�Reine Phantasie�, brummte Anodis. �Ihr haltet mich f�r einen m�rrischen alten Mann, aber ich warne Euch vor solchen Kinderm�rchen, denn sie werden Euch ins Verderben f�hren. Trauriger jedoch ist, da� Ihr vielleicht unser ganzes Land mit Euch in den Abgrund rei�t.�</p><p>Er machte das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> vor sich in die Luft, als zeichne er einen Schild, und wankte dann ohne ein weiteres Wort am Arm des jungen Priesters hinaus.</p><p>�Phantasie oder nicht, D�monen oder Sithi�, erkl�rte nun Josua und stand von seinem Stuhl auf, um die Versammlung zu mustern, �dies hier ist <emphasis>meine</emphasis> Halle, und ich habe diesen Mann gebeten, uns zu berichten, was er wei�. Es wird keine weiteren Unterbrechungen geben.� Er lie� den Blick durch den d�mmrigen Raum schweifen und setzte sich dann befriedigt wieder hin.</p><p>�Gut solltet Ihr mir nun lauschen�, fuhr Jarnauga fort, �denn jetzt kommt der Kern dessen, was ich zu sagen habe. Ich spreche von <emphasis>Ineluki,</emphasis> dem Sohn lyu'unigatos, des Erlk�nigs.</p><p>Ineluki, dessen Name in der Sprache der Sithi �Hier ist kluge Rede� bedeutet, war der j�ngere der beiden S�hne des K�nigs. Gemeinsam mit seinem �lteren Bruder Hakatri hatte er gegen die schwarze Hidohebhi gek�mpft, den Mutterdrachen des roten Lindwurms Shurakai, den Johan der Priester erschlug, und auch die Mutter von Igjarjuk, dem wei�en Drachen des Nordens.�</p><p>�Vergebung, Jarnauga.� Einer von Gwythinns Gef�hrten erhob sich. �Eure Worte klingen seltsam f�r uns, aber nicht v�llig fremd. Wir Hernystiri kennen Geschichten von einem schwarzen Drachenweibchen, der Mutter aller Lindw�rmer, nur da� sie darin Drochnathair genannt wird.�</p><p>Jarnauga nickte, wie ein Lehrer einem Sch�ler zunickt. �Das war ihr Name bei den ersten Menschen im Westen, lange bevor Hern den Taig in Hernysadharc errichtete. So �berleben kleine St�cke und Reste �lterer Wahrheit in den Geschichten, die Kinder im Bett h�ren oder die sich Soldaten und J�ger am Lagerfeuer erz�hlen. Aber Hidohebhi war ihr Name bei den Sithi, und sie war m�chtiger als ihre beiden Kinder. Als die K�nigss�hne sie t�teten � wor�ber man sich ebenfalls eine lange und ber�hmte Geschichte erz�hlt �, erlitt Inelukis Bruder Hakatri furchtbare Verletzungen, Verbrennungen vom schrecklichen Feuer des Wurms. In ganz Osten Ard gab es kein Heilmittel f�r seine Wunden oder Linderung f�r den unendlichen Schmerz, aber er konnte auch nicht sterben. Schlie�lich lie� ihn der K�nig mit seinem vertrautesten Diener in ein Boot setzen, und sie segelten �ber den Ozean nach Westen, wo, wie die Sithi hofften, hinter der untergehenden Sonne ein anderes Land lag, ein Ort ohne Schmerzen, an dem Hakatri wieder gesund werden k�nnte.</p><p>So stand Ineluki trotz der Heldentat, Hidohebhi erschlagen zu haben, als Erbe seines Vaters unter dem Schatten von Hakatris Ungl�ck. M�glicherweise machte er sich auch selber Vorw�rfe. In der Folge verbrachte er lange Jahre damit, nach Wissen zu forschen, das wohl besser f�r Mensch und Sithi gleicherma�en unerreichbar h�tte sein sollen. Vielleicht dachte er zuerst, er k�nne seinen Bruder heilen, ihn aus dem fremden, fernen Westen nach Hause holen � aber wie es bei solcher Suche immer geschieht, wurde das Forschen f�r ihn Selbstzweck und trug seinen Lohn in sich selbst; und Ineluki, dessen Sch�nheit einst die leise Musik im Palast von <emphasis>Asu'a</emphasis> gewesen war, entfremdete sich seinem Volk mehr und mehr und forschte an dunklen St�tten.</p><p>Und als sich die Menschen im Norden erhoben, pl�nderten und mordeten und endlich einen Ring aus giftigem Eisen um <emphasis>Asu'a</emphasis> legten, da war es Ineluki, der sich als einziger den Kopf dar�ber zerbrach, wie man aus der Falle entkommen k�nnte.</p><p>In den tiefen H�hlen unter der Feste, von kunstreichen Spiegeln erhellt, wuchsen die Hexenholz-G�rten, der Ort, an dem die Sithi die B�ume hegten, deren seltsames Holz sie gebrauchten wie die M�nner des S�dens die Bronze und die Nordleute das Eisen. Die Hexenholzb�ume, deren Wurzeln, wie manche sagen, bis zum innersten Kern der Erde hinabreichen, wurden von G�rtnern gepflegt, die so heilig waren wie Priester. Jeden Tag sprachen sie die alten Zauberspr�che und hielten die sich niemals �ndernden Rituale ab, die das Hexenholz zum Gedeihen brachten, w�hrend �ber ihnen im Palast der K�nig und sein Hof immer tiefer in Verzweiflung und Vergessen sanken.</p><p>Aber Ineluki hatte weder die G�rten vergessen noch die dunklen B�cher, die er gelesen hatte, und auch nicht die Schattenpfade, die er bei seiner Suche nach Weisheit gegangen war. In seinen Gem�chern, die keiner der anderen mehr betrat, begann er mit einem Werk, von dem er glaubte, es werde <emphasis>Asu'a</emphasis> und den Sithi die Rettung bringen. Auf irgendeine Weise, unter gro�en Schmerzen f�r sich selber, beschaffte er schwarzes Eisen, das er den Hexenholzb�umen zuf�hrte wie ein M�nch, der seine Reben w�ssert. Viele der B�ume, nicht weniger empfindsam als die Sithi selbst, erkrankten daran und starben. Einer jedoch blieb am Leben.</p><p>Ineluki wob einen Zauber um diesen Baum, mit Worten, die �lter waren als die Sithi, und mit Zaubermitteln, die noch tiefer hinabreichten als die Wurzeln des Hexenholzes. Der Baum wurde wieder stark, und jetzt rann giftiges Eisen durch seine Adern wie Blut. Die H�ter des heiligen Gartens sahen ihre Sch�tzlinge sterben und flohen. Sie berichteten es K�nig Iyu'unigato, der best�rzt war, aber seinem Sohn, da er ohnehin das Ende seiner Welt vor sich sah, nicht Einhalt gebieten wollte. Was n�tzte jetzt noch Hexenholz, da man von hell�ugigen M�nnern mit t�dlichem Eisen in den H�nden umringt war?</p><p>Das Wachstum des Baumes schw�chte Ineluki sehr � genau wie die G�rten, aber sein Wille war st�rker als jede Krankheit. Er gab nicht auf, und endlich war es an der Zeit, die ersehnte Ernte einzubringen. Er nahm das Grausige, das er gepflanzt hatte, das ganz von boshaftem Eisen durchwucherte Hexenholz, und stieg hinauf zu den Schmieden von <emphasis>Asu'a</emphasis>.</p><p>Abgemagert, so krank, da� er dem Wahnsinn nahe war, sah er die Schmiedemeister vor sich fliehen; er k�mmerte sich nicht darum. Ganz allein sch�rte er die Feuer hei�er als je zuvor; allein intonierte er die Worte der Sch�pfung und schwang dabei den Hammer-der-formt, den keiner als der Oberste der Schmiede jemals gef�hrt hatte.</p><p>Allein in den rotgl�henden Tiefen von <emphasis>Asu'a</emphasis> schuf er ein Schwert, ein grausiges, graues Schwert, dessen blo�e Materie Unheil auszustrahlen schien. Solch entsetzlichen, unheiligen Zauber beschwor Ineluki beim Schmieden, da� die Luft in der Schmiede vor Hitze zu knistern schien und die Mauern der Feste erbebten wie unter dem Schlag riesiger F�uste.</p><p>Dann brachte er das neugeschmiedete Schwert in die gro�e Halle seines Vaters, um seinem Volke zu zeigen, was ihnen die Rettung bescheren w�rde. Aber so schrecklich war sein Anblick und so furchterregend das graue Schwert, das in einem fast unertr�glichen Licht leuchtete, da� die Sithi, von Grauen erf�llt, aus der Halle rannten. Nur Ineluki und sein Vater lyu'unigato blieben zur�ck.�</p><p>In dem tiefer werdenden Schweigen, das auf Jarnaugas Worte folgte, einer so tiefen Stille, da� selbst das Feuer zu spr�hen aufgeh�rt hatte, als hielten auch die Flammen den Atem an, sp�rte Simon, wie sich in seinem Nacken und an den Armen die Haare str�ubten und ein sonderbarer Schwindel ihn befiel.</p><p><emphasis>Ein � Schwert! Ein graues Schwert! Ich sehe es ganz deutlich! Was bedeutet das? Warum werde ich den Gedanken daran nicht los?</emphasis> Er kratzte sich mit beiden H�nden grob am Sch�del, als k�nnte er durch den Schmerz die Antwort herauslocken.</p><p>�Als nun der Erlk�nig endlich sah, was sein Sohn geschaffen hatte, mu� ihm das Herz in der Brust zu Eis erstarrt sein, denn die Klinge in Inelukis Hand war keine blo�e Waffe, sondern eine L�sterung der Erde, der sowohl Eisen als auch Hexenholz entstammten. Sie war ein Loch im Gewebe der Sch�pfung, aus dem das Leben heraussickerte.</p><p>�Ein Ding wie dieses ist wider die Natur�, sprach er zu seinem Sohn. �Besser ist es uns, in die Leere der Vergessenheit zu gehen, besser, da� die Sterblichen unsere Knochen zernagen � ja, besser w�re es, wir h�tten nie gelebt, als da� ein Ding wie dieses jemals geschaffen worden, geschweige denn angewendet sein sollte.�</p><p>Doch die Macht des Schwertes hatte Ineluki den Verstand geraubt, und er war in die Zauberk�nste, die es hervorgebracht hatten, selbst auf das Furchtbarste verstrickt. �Es ist die einzige Waffe, die uns retten kann�, erwiderte er seinem Vater. �Sonst werden diese Gesch�pfe, diese Insekten, �ber das Angesicht unseres Landes ausschw�rmen und dabei all das Sch�ne zugrunde richten und vernichten, das sie nicht einmal erkennen, geschweige denn begreifen k�nnen. Das zu verhindern ist jeden Preis wert.�</p><p>�Nein�, entgegnete lyu'unigato. �Nein. Manchmal ist ein Preis zu hoch. Betrachte dich doch! Schon jetzt hat es dir Kopf und Herz geraubt. Ich bin nicht nur dein Vater, sondern auch dein K�nig, und ich befehle dir, es zu zerst�ren, bevor es dich ganz und gar verschlingt.�</p><p>Aber als er vernahm, was sein Vater von ihm forderte, die Vernichtung des Schwertes, das zu schmieden ihn fast das Leben gekostet und das er, wie er glaubte, nur geschaffen hatte, um sein Volk vor der Dunkelheit des Unterganges zu retten, da geriet Ineluki ganz und gar au�er sich. Und er hob das Schwert und streckte seinen Vater nieder, so da� der K�nig der Sithi den Tod fand.</p><p>Niemals zuvor war eine solche Tat geschehen, und als Ineluki lyu'unigato vor sich liegen sah, da weinte er bitterlich, nicht allein um seinen Vater, sondern auch um sich selbst und sein Volk. Endlich aber hob er das graue Schwert an seine Augen. �Aus Leid bist du geboren�, sagte er, �und Leid hast du uns gebracht. <emphasis>Leid</emphasis> soll dein Name sein.� Und er nannte die Klinge <emphasis>Jingizu,</emphasis> was in der Sprache der Sithi <emphasis>Leid</emphasis> bedeutet.�</p><p><emphasis>Leid � ein Schwert mit dem Namen Leid</emphasis> � Simon h�rte es in seinem Kopf wie ein Echo, das durch seine Gedanken hin und her sprang, bis es schien, als wolle es Jarnaugas Worte und den Sturm drau�en und die ganze Welt �bert�nen. Warum klang es so entsetzlich vertraut? <emphasis>Leid � Jingizu � Leid�</emphasis></p><p>�Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende�, begann der Nordmann von neuem, und seine Stimme wurde st�rker und warf ein Bahrtuch des Unbehagens �ber die Lauschenden. �Ineluki, von seiner eigenen Tat immer tiefer in den Wahnsinn getrieben, griff trotz allem nach der wei�en Birkenholzkrone seines Vaters und erkl�rte sich zum K�nig. So bet�ubt waren seine Angeh�rigen und sein Volk von dem Mord, da� sie nicht das Herz hatten, ihm Widerstand zu leisten. Einige freuten sich sogar insgeheim �ber diese Wende, vor allem f�nf Sithi, die wie Ineluki �ber den Gedanken, sich den Sterblichen kampflos zu ergeben, erz�rnt gewesen waren.</p><p>Ineluki, <emphasis>Leid</emphasis> in der Hand, war eine z�gellose Macht. Mit seinen f�nf Gefolgsleuten � von den verschreckten und abergl�ubischen Nordleuten die <emphasis>Rote Hand</emphasis> genannt, ihrer Zahl und der feuerfarbenen M�ntel wegen � trug Ineluki den Kampf vor die Mauern von Asu'a, zum ersten Mal in der fast dreij�hrigen Belagerung. Nur die schiere Masse der eisenschwingenden Tausendschaften von Fingils Horde hinderten den Nachtalb, zu dem Ineluki geworden war, daran, die Belagerung zu durchbrechen. Und doch h�tte es sein k�nnen, da� noch immer Sithi-K�nige �ber die Zinnen des Hochhorstes wandeln w�rden, h�tten sich die �brigen Sithi hinter ihn gestellt.</p><p>Aber Inelukis Volk hatte nicht mehr den Willen zu k�mpfen. Voller Angst vor ihrem neuen K�nig, schaudernd vor seinem Mord an lyu'unigato, nutzten sie statt dessen das von Ineluki und seiner <emphasis>Roten Hand</emphasis> angerichtete Gemetzel und flohen aus <emphasis>Asu'a,</emphasis> angef�hrt von Amerasu, der K�nigin, und Shima'onari, dem Sohn von Inelukis Bruder Hakatri. Sie entkamen �ber die dunklen, aber sch�tzenden Pfade des Aldheorte und verbargen sich dort vor dem Blutrausch der Sterblichen und vor ihrem eigenen K�nig.</p><p>So geschah es, da� Ineluki sich am Ende mit wenig mehr als seinen f�nf Kriegern allein im glitzernden Skelett von <emphasis>Asu'a</emphasis> fand. Selbst sein machtvoller Zauber hatte sich schlie�lich als zu schwach erwiesen, um der gewaltigen Masse von Fingils Heer zu widerstehen. Die Schamanen aus dem Norden raunten ihre Runen, und der letzte sch�tzende Zauber fiel von den uralten Mauern ab. Mit Pech und Stroh und Fackeln setzten die Rimmersm�nner die schlanken Bauten in Brand. Als der Rauch und die Flammen aufstiegen, zerrten die Nordm�nner die letzten der Sithi aus ihren Schlupfwinkeln, jene, die zu schwach oder zu �ngstlich zur Flucht oder ihrer unverge�lichen Heimat zu treu gewesen waren. Schreckliche Greueltaten begingen Fingils Rimmersm�nner in diesem Brand; die verbliebenen Sithi hatten kaum noch Kraft, sich zu wehren. Ihre Welt war dem Untergang geweiht. Die grausamen Morde, die erbarmungslosen Folterungen und Sch�ndungen hilfloser Opfer, die lachende Zerst�rung tausender kostbarer und unersetzlicher Dinge � mit diesen Taten setzte Fingil Rothands Heer sein scharlachrotes Siegel auf unsere Geschichte und hinterlie� einen Fleck, der nie mehr ausgel�scht werden kann. Und zweifellos h�rten jene, die in den Wald geflohen waren, die Schreie, und schauderten und weinten zu ihren Ahnen um Gerechtigkeit.</p><p>In dieser letzten, schicksalhaften Stunde nahm Ineluki seine <emphasis>Rote Hand</emphasis> und stieg mit ihnen auf die Spitze des h�chsten Turmes von <emphasis>Asu'a.</emphasis> Offensichtlich hatte er beschlossen, da� dort, wo kein Raum mehr f�r die Sithi war, auch die Menschen niemals eine Heimat finden sollten.</p><p>An diesem Tag sprach er noch grausigere Worte als je zuvor, um ein Vielfaches b�ser selbst als jene, mit deren Hilfe er die Materie gebunden hatte, aus der das Schwert <emphasis>Leid</emphasis> bestand. Als seine Stimme �ber die Feuersbrunst hallte, st�rzten Rimmersm�nner auf dem Hof schreiend zu Boden. Ihre Gesichter waren verkohlt; Blut rann ihnen aus Augen und Ohren. Das Singen steigerte sich zu ohrenzerrei�ender H�he und wurde zu einem entsetzlichen Aufschrei der Todesqual. Ein gewaltiger Blitzschlag f�rbte den Himmel wei�, sofort gefolgt von einer Finsternis, die so tief war, da� selbst Fingil in seinem eine Meile entfernten Zelt mit j�her Blindheit geschlagen zu sein glaubte.</p><p>Und doch hatte Ineluki nicht erreicht, was er wollte. <emphasis>Asu'a</emphasis> stand noch und brannte weiter, auch wenn jetzt ein gro�er Teil von Fingils Heer klagend und sterbend am Fu�e des Turmes lag. Oben in der Spitze, seltsam unber�hrt von Rauch oder Flammen, siebte der Wind sechs H�ufchen grauer Asche und zerstreute sie langsam am Boden.�</p><p><emphasis>Leid �</emphasis> In Simons Kopf drehte sich alles, und das Atmen fiel ihm schwer. Das Licht der Fackeln schien wild zu flackern. <emphasis>Der Berghang. Ich h�rte die Wagenr�der � sie brachten Leid! Ich erinnere mich � es war wie der Teufel in einer Kiste � das Herz allen Leids.</emphasis></p><p>�So starb Ineluki. Einer von Fingils Unterf�hrern, der Minuten sp�ter seinen letzten Atemzug tat, schwor, er habe eine ungeheure Gestalt aus dem Turm aufsteigen sehen, gl�hendrot wie Kohlen im Feuer; sie kr�uselte sich wie Rauch und griff nach dem Himmel wie eine riesige rote Hand��</p><p>�NEIN!� schrie Simon und sprang auf. Eine Hand griff nach ihm und wollte ihn festhalten, dann noch eine, aber er sch�ttelte sie ab wie Spinnweben. �Sie brachten das graue Schwert, das grausige Schwert! Und dann sah ich <emphasis>ihn!</emphasis> Ich sah Ineluki! Er war � er war��</p><p>Der Raum schwankte hin und her und Gesichter mit aufgerissenen Augen � Isgrimnur, Binabik, der alte Jarnauga � sprangen vor ihm auf wie h�pfende Fische im Teich. Er wollte weiterreden, ihnen vom Berghang und den wei�en D�monen erz�hlen, aber ein schwarzer Vorhang fiel vor seine Augen und etwas dr�hnte in seinen Ohren�</p><p>Simon hastete durch dunkle Orte, und seine einzigen Gef�hrten waren Worte im leeren Raum.</p><p><emphasis>Mondkalb! Komm zu uns! Hier wartet ein Platz auf dich! Ein Knabe! Ein Kind der Sterblichen! Was hat es gesehen, was hat es gesehen?</emphasis></p><p><emphasis>La�t seine Augen gefrieren und tragt ihn hinunter in den Schatten. Bedeckt ihn mit haftendem, stechendem Frost.</emphasis></p><p>Eine Gestalt ragte vor ihm auf; ein Schatten, gewaltig wie ein Berg, auf dem Kopf ein Geweih. Er trug eine Krone aus blassen Steinen, und seine Augen waren wie rotes Feuer. Rot war auch seine Hand, und als sie Simon packte und hochhob, brannten die Finger wie feurige Lohe. Wei�e Gesichter umtanzten ihn und schwankten in der Finsternis wie Kerzenflammen.</p><p><emphasis>Das Rad dreht sich, Sterblicher, dreht sich weiter und weiter � Wer bist du, es anzuhalten?</emphasis></p><p><emphasis>Eine Fliege ist er, eine kleine Fliege�</emphasis></p><p>Die Scharlachfinger zerquetschten ihn, und die feurigen Augen gl�hten in dunkler und unerme�licher Belustigung. Simon schrie und schrie, aber nur unbarmherziges Gel�chter antwortete ihm.</p><empty-line/><p>Er erwachte aus dem seltsamen Wirbel singender Stimmen und nach ihm greifender H�nde und fand das Spiegelbild seines Traumes im Kreis der �ber ihn gebeugten Gesichter, im Fackelschein bleich wie ein Feenring aus Pilzen. Hinter den verschwommenen Gesichtern schien die Wand mit Punkten aus glei�endem Licht ges�umt, die nach oben ins Dunkle hinaufstiegen.</p><p>�Er wacht auf�, sagte eine Stimme, und auf einmal waren die glitzernden Punkte klar zu erkennen: Reihen von T�pfen, die an ihren Gestellen hingen. Er lag auf dem Boden einer K�che.</p><p>�Sieht nicht gut aus�, meinte eine tiefe Stimme unruhig. �Ich hole ihm lieber noch etwas Wasser.�</p><p>�Ich bin sicher, er f�hlt sich bald wieder ausgezeichnet, falls Ihr wieder hineingehen m�chtet�, antwortete die erste Stimme, und Simon ertappte sich dabei, da� er die Augen zusammenkniff und dann weit aufri�, bis das Gesicht, das zu der Stimme geh�rte, nicht l�nger ein tr�ber Fleck war. Es war Marya � nein, es war Miriamel, die neben ihm kniete; er konnte nicht umhin zu bemerken, da� der Saum ihres Kleides zerknittert unter ihr auf dem schmutzigen Steinfu�boden lag.</p><p>�Nein, nein�, versetzte der andere � Herzog Isgrimnur, der sich nerv�s am Bart zupfte.</p><p>�Was � ist geschehen?� War er gest�rzt und hatte sich den Kopf aufgeschlagen? Er griff hinauf und tastete sich vorsichtig ab, aber es tat ihm eigentlich �berall weh, wenngleich keine Beule festzustellen war.</p><p>�Umgekippt bist du, Junge�, brummte Isgrimnur. �Geschrien hast du von � von Dingen, die du gesehen hast. Ich hab dich hinausgetragen � fast w�re mir dabei eine Ader geplatzt.�</p><p>�Und dann stand er da und starrte dich an, als du am Boden lagst�, erkl�rte Miriamel in strengem Ton. �Nur gut, da� ich kam.� Sie blickte zu dem Rimmersmann auf. �Ihr k�mpft doch in der Schlacht, oder nicht, Herzog? Was tut Ihr dort, wenn jemand verwundet ist � ihn anstarren?�</p><p>�Das ist etwas anderes�, verteidigte sich Isgrimnur. �Verbinden, wenn sie bluten. Auf dem Schild zur�cktragen, wenn sie tot sind.�</p><p>�Sehr gescheit�, meinte Miriamel bissig, aber Simon sah ein verstohlenes L�cheln �ber ihre Lippen gleiten. �Und wenn sie nicht bluten oder tot sind, steigt Ihr wohl einfach �ber sie hinweg? Aber lassen wir das.� Der Herzog klappte den Mund zu und fuhr fort, an seinem Bart zu zupfen.</p><p>Die Prinzessin wischte Simon weiter mit ihrem angefeuchteten Taschentuch die Stirn ab. Er konnte sich nicht recht vorstellen, was das n�tzen sollte, aber f�r den Augenblick war er damit zufrieden, liegenzubleiben und sich pflegen zu lassen. Er wu�te, da� er nur allzubald eine Erkl�rung abgeben mu�te.</p><p>�Ich � mir schwante gleich, da� ich dir schon begegnet war, Junge�, bemerkte Isgrimnur nach einer Weile. �Du warst doch der Bursche in Sankt Hoderund, habe ich recht? Und dieser Troll � mir war, als h�tte ich so etwas gesehen��</p><p>Die K�chent�r �ffnete sich ein weiteres St�ck. �Ah, Simon! Ich hoffe, es geht deiner Gesundheit wieder besser.�</p><p>�Binabik�, sagte Simon und versuchte sich aufzurichten. Aber Miriamel lehnte sich sanft, aber fest gegen seine Brust und zwang ihn wieder nach unten. �Ich <emphasis>habe</emphasis> es gesehen, wirklich! Das war es, woran ich mich nicht erinnern konnte! Der Berghang und das Feuer und � und��</p><p>�Ich wei�, Freund Simon. Vieles wurde mir klar, als du aufsprangest � wenn auch nicht alles. Es gibt noch genug Ungekl�rtes in diesem R�tsel.�</p><p>�Sie m�ssen mich f�r einen Verr�ckten halten�, st�hnte Simon und schob die Hand der Prinzessin fort, nicht ohne den Augenblick der Ber�hrung zu genie�en. Was mochte sie wohl denken? Jetzt schaute sie ihn an wie ein gro�es M�dchen einen nichtsnutzigen kleinen Bruder. Verdammte M�dchen und verdammte Frauen!</p><p>�Nein, Simon�, erwiderte Binabik und hockte sich neben Miriamel, um ihn sorgf�ltig zu mustern. �Ich habe inzwischen viele Geschichten erz�hlt, nicht zuletzt von unseren gemeinsamen Abenteuern. Jarnauga hat vieles best�tigt, das mein Meister andeutete. Auch er erhielt eine von Morgenes' letzten Botschaften. Nein, niemand h�lt dich f�r verr�ckt, obwohl ich glaube, da� immer noch viele die wirkliche Gefahr untersch�tzen. Und allen voran, denke ich, Baron Devasalles.�</p><p>��hem�� Isgrimnur scharrte mit dem Stiefel auf dem Boden. �Wenn der Junge gesund ist, sollte ich wohl lieber wieder hineingehen. Simon, ja? Hmmm, ja � du und ich, wir reden noch miteinander.� Der Herzog man�vrierte seinen betr�chtlichen Umfang aus der schmalen K�che und polterte den Gang hinunter.</p><p>�Und ich gehe auch hinein�, verk�ndete Miriamel und klopfte sich energisch den �rgsten Staub vom Leib. �Es gibt Fragen, �ber die nicht entschieden werden sollte, bevor man mich nicht geh�rt hat, wie auch immer mein Onkel dar�ber denken mag.�</p><p>Simon wollte ihr danken, aber als er da so auf dem R�cken lag, fiel ihm nichts ein, bei dem er sich nicht noch l�cherlicher vorkommen w�rde als so schon. Bis er sich durchgerungen hatte, seinen Stolz �ber Bord zu werfen, war die Prinzessin schon in einem Wirbel aus Seide zur T�r hinaus.</p><p>�Und wenn du dich bis zur Gen�ge erholt hast, Simon�, bemerkte Binabik und streckte eine kleine, stumpfe Hand aus, �dann gibt es Dinge in der Halle des Rates, die wir uns anh�ren m�ssen; denn ich denke, da� Naglimund nie zuvor einen <emphasis>Raed</emphasis> erlebt hat, der diesem �hnelte.�</p><empty-line/><p>�Sei gewi�, Junge�, erl�uterte Jarnauga, �da� ich dir zwar fast alles glaube, was du uns gesagt hast, aber es war sicher <emphasis>nicht</emphasis> Ineluki, den du auf dem Berg gesehen hast.�</p><p>Die Feuer waren zu tr�umenden Kohlen herabgebrannt, aber keine Seele hatte die Halle verlassen. �H�ttest du den Sturmk�nig erblickt, in der Gestalt, die er heute tragen mu�, w�rst du als versengte, deines Verstandes beraubte H�lle bei den Zornsteinen liegengeblieben. Nein, was du sahst � au�er den bleichen Nornen und Elias und seinen Gefolgsleuten �, mu� einer der <emphasis>Roten Hand</emphasis> gewesen sein. Und selbst dann erscheint es mir als gro�es Wunder, da� du eine n�chtliche Vision dieser Art mit heilem Herzen und Verstand �berstanden hast.�</p><p>�Aber � aber�� Als ihm nach und nach wieder einfiel, was der alte Mann gesagt hatte, unmittelbar bevor die Mauer des Vergessens zu br�ckeln begann und die Erinnerungen an jene Schreckensnacht daraus hervorquollen � <emphasis>Steinigungsnacht</emphasis> hatte der Doktor sie genannt �, war Simon wieder verwirrt und ratlos. �Aber ich dachte, Ihr h�ttet erz�hlt, Ineluki und seine � <emphasis>Rote Hand �</emphasis> seien tot?�</p><p>�Tot, ja; ihre irdischen Gestalten verbrannten in jenen letzten, gl�hendhei�en Augenblicken vollst�ndig. Aber etwas �berlebte; jemand oder etwas war imstande, das Schwert <emphasis>Leid</emphasis> von neuem zu erschaffen. Irgendwie � und dazu brauchte ich nicht erst deinen Bericht zu h�ren, denn das war schlie�lich der Grund, warum der Bund der Schriftrolle �berhaupt gestiftet wurde � haben Ineluki und seine <emphasis>Rote Hand</emphasis> �berlebt; vielleicht als lebendige Tr�ume oder Gedanken, nur von Ha� und den entsetzlichen Runen, die Ineluki zuletzt f�r sie warf, zusammengehalten. Doch ganz gleich wie: Die Dunkelheit, die Inelukis Geist war, als alles um ihn endete, starb nicht.</p><p>Drei Jahrhunderte danach kam K�nig Eahlstan Fiskerne auf den Hochhorst, die Burg, die auf den Gebeinen Asu'as errichtet war. Eahlstan war weise und suchte Wissen, und er fand Dinge in den Ruinen unter dem Hochhorst, die ihn begreifen lie�en, da� Ineluki nicht endg�ltig vernichtet war. Er gr�ndete den Bund, dem ich angeh�re � und wir werden jetzt schnell weniger, nachdem wir Morgenes und Ookequk verloren haben �, damit das alte Wissen nicht verlorenginge. Nicht nur das Wissen vom dunklen Herrn der Sithi, sondern auch von anderen Dingen; denn damals war eine schlimme Zeit f�r den Norden von Osten Ard. Im Laufe der Jahre entdeckte man � oder glaubte vielmehr, entdeckt zu haben �, da� Ineluki oder sein Geist, sein Schatten, sein lebendiger Wille sich bei den einzigen Wesen, die ihn vielleicht willkommen hei�en w�rden, von neuem gezeigt hatte!�</p><p>�Die Nornen!� sagte Binabik so pl�tzlich, als sei eine Nebelbank vor seinen Augen davongeweht worden.</p><p>�Die Nornen�, best�tigte Jarnauga. �Ich bezweifle, da� zu Anfang selbst die Wei�f�chse wu�ten, wie er sich verwandelt hatte; aber sicher war sein Einflu� auf Sturmrspeik schon bald zu gro�, als da� jemand sich ihm h�tte verweigern k�nnen. Und mit ihm kehrte auch seine <emphasis>Rote Hand</emphasis> zur�ck, wenn auch in einer nie zuvor auf Erden gesehenen Gestalt.�</p><p>�Und wir hatten geglaubt, da� der L�ken, den die Schwarz-Rimmersm�nner anbeteten, nur unser eigener Feuergott aus heidnischer Zeit sei�, bemerkte Isgrimnur verwundert. �H�tte ich gewu�t, wie weit sie vom Pfad des Lichtes abgewichen waren�� Er strich mit dem Finger �ber den <emphasis>Baum</emphasis> an seinem Hals. �Usires!� fl�sterte er leise.</p><p>Prinz Josua, der lange schweigend gelauscht hatte, beugte sich vor. �Aber wenn dieser D�mon aus der Vergangenheit tats�chlich unser wahrer Feind ist � warum zeigt er sich dann nicht? Warum schiebt er meinen Bruder Elias vor?�</p><p>�Jetzt kommen wir an einen Punkt, an dem auch die langen Jahre meiner Untersuchungen, hoch �ber Tungoldyr, nicht weiterhelfen k�nnen.� Jarnauga zuckte die Achseln. �Ich beobachtete und ich lauschte und beobachtete wieder, denn das war meine Aufgabe � aber was im Inneren eines Wesens wie des Sturmk�nigs vorgeht, das �bersteigt meine Vorstellungskraft.�</p><p>Ethelferth von Tinsett stand auf und r�usperte sich. Josua nickte ihm zu, er m�ge reden.</p><p>�Wenn das alles wahr ist � und ich sage Euch, mir brummt der Kopf davon. � dann kann <emphasis>ich</emphasis> mir das Letzte denken.� Er blickte sich um, als erwarte er, da� man ihn f�r diese Anma�ung niederbr�llen werde, sah aber in den Gesichtern ringsum nur Sorge und Verwirrung, so da� er sich nochmals r�usperte, bevor er fortfuhr. �Der Rimmersmann�, er machte eine Kopfbewegung zu dem alten Jarnauga hin�ber, �hat gesagt, es sei unser eigener Eahlstan Fiskerne gewesen, der als erster bemerkte, da� der Sturmk�nig zur�ckgekehrt war. Das war dreihundert Jahre, nachdem Fingil den Hochhorst eroberte � oder wie immer er damals hie�. Inzwischen sind fast zweihundert Jahre vergangen. Das klingt f�r mich, als brauchte dieser � D�mon, mu� man wohl sagen � sehr viel Zeit, um wieder zu Kr�ften zu kommen.</p><p>Nun wissen wir aber alle�, sprach er weiter, �wir M�nner, die inmitten gieriger Nachbarn ihr Land festgehalten haben�, er warf einen listigen Blick auf Ordmaer, aber der dicke Baron war schon vor einiger Zeit recht bla� geworden und schien keinen Anspielungen zug�nglich, �da� der beste Weg, selbst in Sicherheit zu bleiben und dabei Zeit zu gewinnen, um seine Kr�fte zu sammeln, darin besteht, die Nachbarn untereinander k�mpfen zu lassen. Mich d�nkt, genau so verh�lt es sich hier. Dieser Rimmersgard-D�mon macht Elias ein Geschenk und hetzt ihn dann zum Kampf gegen seine Barone, Herz�ge und so weiter auf.� Ethelferth blickte sich um, zog sein Wams gerade und setzte sich wieder hin.</p><p>�Es ist kein �Rimmersgard-D�mon��, knurrte Einskaldir. �Wir sind alle ents�hnte �donitische M�nner.�</p><p>Josua beachtete die Bemerkung des Nordmannes nicht. �Es liegt etwas Wahres in Euren Worten, Herr Ethelferth; aber ich glaube, wer Elias kennt, wird mir zustimmen, da� er eigene Pl�ne verfolgt.�</p><p>�Er hat keinen Sithi-D�mon gebraucht, um mir mein Land zu stehlen�, warf Isgrimnur bitter ein.</p><p>�Trotzdem��, fuhr Josua fort. �Ich finde Jarnauga und Binabik von Yiqanuc � und den jungen Simon, der Doktor Morgenes' Lehrling war � alle viel zu beunruhigend vertrauensw�rdig. Ich w�nschte, ich k�nnte behaupten, ihnen ihre Geschichten nicht zu glauben; ich bin mir auch noch nicht sicher, was ich eigentlich glaube; aber ich kann sie jedenfalls nicht �bergehen.� Er wandte sich wieder Jarnauga zu, der mit einem eisernen Sch�rhaken in einer der Feuerstellen grub.</p><p>�Wenn diese unheilvollen Warnungen, die Ihr uns bringt, berechtigt sind, so sagt mir eines: Was will Ineluki?�</p><p>Der alte Mann starrte in das Feuer und stocherte dann nochmals energisch darin herum. �Wie ich Euch erz�hlt habe, Prinz Josua, war es meine Aufgabe, die Augen des Bundes zu sein. Sowohl Morgenes als auch der Meister des jungen Binabik wu�ten mehr als ich dar�ber, was im Inneren des Gebieters von Sturmspitze verborgen sein mag.� Er hob die Hand, als wolle er weitere Fragen abwehren. �Wenn ich aber eine Vermutung �u�ern soll, so ist es diese: Denkt an den Ha�, der Ineluki in der Leere am Leben hielt, ihn aus den Flammen seines eigenen Todes zur�ckbrachte��</p><p>�Dann ist es�, Josuas Stimme fiel schwer in die dunkle, atmende Halle, �Rache, was Ineluki begehrt?�</p><p>Jarnauga starrte wortlos in die Glut.</p><empty-line/><p>�Wir m�ssen �ber vieles nachdenken�, erkl�rte der Herr von Naglimund, �und d�rfen keine �bereilten Beschl�sse fassen.� Er stand auf, hochgewachsen und bleich, das schmale Gesicht wie eine Maske vor seinen verborgenen Gedanken. �Wir kommen morgen bei Sonnenuntergang wieder hier zusammen.� Eine graugekleidete Wache zu beiden Seiten, verlie� er die Halle.</p><p>Im Saal drehten die M�nner sich um und sahen einander an, erhoben sich, fanden sich zu kleinen, stummen Gruppen zusammen. Simon sah Miriamel, die keine M�glichkeit zum Reden gefunden hatte, zwischen Ethelferth und dem hinkenden Isgrimnur hinausgehen.</p><p>�Komm, Simon�, sagte Binabik und zupfte ihn am �rmel. �Ich denke, ich werde Qantaqa Auslauf gew�hren, nun, da der Regen etwas nachgelassen hat. Solche Umst�nde mu� man n�tzen. Noch hat man mich nicht meiner Vorliebe beraubt, im Gehen, mit dem Wind im Gesicht, nachzudenken � und es gibt vieles, �ber das ich nachdenken sollte.�</p><p>�Binabik�, begann Simon endlich, und der Tag, so voller Schrecken, der ihn m�de gemacht hatte, lag schwer auf seinem Gem�t. �Erinnerst du dich noch an den Traum, den ich hatte � den wir alle hatten � damals in Gelo�s Haus? Sturmspitze � und das Buch?�</p><p>�Ja�, erwiderte der kleine Mann ernst. �Das ist eines der Dinge, die mir Sorgen machen. Die Worte � die Worte, die du sahst � lassen mich nicht los. Ich f�rchte, es liegt ein R�tsel von allergr��ter Bedeutung darin.�</p><p>�<emphasis>Du � Du Svar��</emphasis> Simon k�mpfte mit seinen Erinnerungen. �<emphasis>Du Svardenvyrd</emphasis> hie� es�, seufzte Binabik. �Das Verh�ngnis der Schwerter.�</p><empty-line/><p>Die hei�e Luft schlug schmerzhaft an Pryrates' haarloses und ungesch�tztes Gesicht, aber er gestattete es sich nicht, sein Unbehagen zu zeigen. W�hrend er mit wehenden Gew�ndern die Gie�erei durchschritt, sah er mit Befriedigung, wie die Arbeiter, die Masken und schwere M�ntel trugen, ihn anstarrten und zur�ckzuckten, wenn er an ihnen vorbeikam. Das pulsierende Licht der Schmiede versetzte ihn in gehobene Stimmung, und er lachte kurz in sich hinein, als er sich einen Augenblick vorstellte, als Erzd�mon �ber die Ziegel der H�lle zu schreiten, w�hrend rechts und links die kleinen Unterteufel zur Seite spritzten.</p><p>Gleich darauf verschwand die gute Laune, und seine Z�ge verfinsterten sich. Irgend etwas geschah mit diesem kleinen Mistst�ck, Morgenes' Zauberlehrling; Pryrates wu�te es. Er hatte es so deutlich gesp�rt, als h�tte man ihn mit einem spitzen Gegenstand gestochen. Seit der Steinigungsnacht bestand eine seltsame, lockere Verbindung zwischen ihnen; sie bi� nach ihm und nagte an seiner Konzentration. Das Werk jener Nacht war zu wichtig, zu gefahrvoll gewesen, als da� es irgendeine Einmischung vertragen h�tte. Nun dachte der Junge wieder daran, erz�hlte wahrscheinlich Lluth oder Josua oder sonst jemandem alles, was er wu�te. Man mu�te sich ernsthaft mit diesem l�stigen, �berall herumschn�ffelnden Burschen befassen.</p><p>Pryrates blieb vor dem gro�en Schmelzkessel stehen und baute sich mit �ber der Brust gekreuzten Armen davor auf. So stand er lange Zeit, ohnehin zornig und noch zorniger werdend, weil man ihn warten lie�. Endlich eilte einer der Gie�er herbei und beugte ungeschickt das in einer dicken Hose steckende Knie.</p><p>�Wie d�rfen wir Euch dienen, Meister Pryrates?� fragte der Mann, die Stimme durch das feuchte Tuch ged�mpft, das den unteren Teil seines Gesichtes bedeckte.</p><p>Der Priester starrte ihn so lange stumm an, bis sich das, was von der Miene des Mannes sichtbar war, von Unbehagen in wirkliche Furcht verwandelte.</p><p>�Wo ist euer Aufseher?� zischte er.</p><p>�Dort, Vater.� Der Mann deutete auf eine der dunklen �ffnungen in der Wand der Gie�ereih�hle. �Eines von den Kurbelr�dern an der Winde hat sich gel�st � Eure Eminenz.�</p><p>Das war zwar ein unverdienter Titel, denn Pryrates war nach au�en hin noch immer nichts als ein gew�hnlicher Priester, aber es klang ihm nicht unharmonisch in den Ohren.</p><p>�Nun �?� erkundigte sich Pryrates. Der Mann reagierte nicht, und der Priester versetzte ihm einen harten Tritt gegen das lederbedeckte Schienbein. �Los, <emphasis>hole</emphasis> ihn!� schrillte er.</p><p>Mit kopfwackelnder Verbeugung hinkte der Mann davon. In der gepolsterten Kleidung bewegte er sich wie ein Krabbelkind. Pryrates war sich der Schwei�perlen bewu�t, die sich auf seiner Stirn bildeten, der Luft, die der Hochofen ausspie und die das Innere seiner Lungen zu backen schien, aber dennoch verzog sich sein hageres Gesicht zu einem knappen Grinsen. Er hatte schon Schlimmeres erlebt: Gott � oder wer sonst � wu�te es.</p><p>Endlich erschien, riesenhaft und bed�chtig, der Aufseher. Seine Gr��e, als er endlich schlurfend zum Stehen kam und Pryrates weit �berragte, war an sich schon fast eine Beleidigung.</p><p>�Ich nehme an, du wei�t, weshalb ich hier bin?� fragte der Priester mit glitzernden schwarzen Augen und vor Unzufriedenheit verkniffenem Mund.</p><p>�Wegen der Maschinen�, erwiderte der andere mit ruhiger Stimme, die jedoch einen kindisch gekr�nkten Unterton besa�.</p><p>�Ja, wegen der Belagerungsmaschinen!� fauchte Pryrates w�tend. �Nimm die verdammte Maske ab, Inch, damit ich dich sehe, wenn ich mit dir rede!�</p><p>Der Aufseher streckte eine borstenhaarige Pranke aus und schlug das Tuch zur�ck. Sein zerst�rtes Gesicht, wellig von Brandnarben rund um die leere rechte Augenh�hle, verst�rkte das Gef�hl des Priesters, in einer der Vorhallen der Gro�en H�lle zu stehen.</p><p>�Die Maschinen sind noch nicht fertig�, erkl�rte Inch beharrlich.</p><p>�Verloren drei M�nner, als letzten Drorstag das gro�e Ding zusammenbrach. Geht langsam.�</p><p>�Ich wei�, da� sie noch nicht fertig sind. Nimm dir mehr M�nner. �don wei�, da� gen�gend Faulpelze auf dem Hochhorst herumlungern. Wir werden ein paar vom Adel mitarbeiten lassen, damit sie auch einmal Blasen an ihre feinen H�nde bekommen. Aber der K�nig verlangt die Maschinen, und zwar schnell. In zehn Tagen zieht er ins Feld. <emphasis>In zehn Tagen,</emphasis> verdammt!�</p><p>Inchs einzige Braue hob sich langsam wie eine Zugbr�cke. �Naglimund. Er will nach Naglimund, nicht wahr?� In seinem Auge gl�hte ein hungriges Licht.</p><p>�Das braucht dich nicht zu k�mmern, du narbiger Affe�, meinte Pryrates ver�chtlich. �Sorge lieber daf�r, da� alles fertig wird! Du wei�t, warum man dir diese gehobene Stellung gegeben hat � aber wir k�nnen sie dir auch wieder wegnehmen��</p><p>Pryrates konnte Inchs Blick auf sich f�hlen, als er ging, konnte die steinerne Pers�nlichkeit des Aufsehers im rauchigen, flackernden Licht sp�ren. Wieder fragte er sich, ob es klug gewesen war, den Mann leben zu lassen und ob er, falls nicht, den Irrtum berichtigen sollte.</p><empty-line/><p>Der Priester hatte einen der breiten Treppenabs�tze erreicht, von dem G�nge nach rechts und links f�hrten. Vor ihm lag die n�chste Stufenreihe. Pl�tzlich glitt eine dunkle Gestalt aus dem Schatten auf ihn zu.</p><p>�Pryrates?�</p><p>Der Angesprochene, dessen Nerven von der Art waren, da� er vielleicht nicht einmal aufgeschrien h�tte, wenn ihn ein Axthieb tr�fe, f�hlte dennoch sein Herz schneller schlagen.</p><p>�Majest�t�, erwiderte er ruhig.</p><p>Elias hatte sich in unbeabsichtigter Verh�hnung der Gie�ereiarbeiter in der Tiefe die schwarze Mantelkapuze eng �ber das Gesicht gezogen. Er tat das neuerdings immer, zumindest wenn er seine Gem�cher verlie�, so wie er auch zu jeder Zeit das in der Scheide steckende Schwert trug. Der Gewinn dieser Klinge hatte dem K�nig eine Macht eingebracht, wie sie nur wenigen Sterblichen vor ihm zuteil geworden war, aber er hatte einen Preis daf�r zahlen m�ssen. Der rote Priester war klug genug zu wissen, da� das Abw�gen von F�r und Wider bei einem solchen Handel eine h�chst verzwickte Wissenschaft war.</p><p>�Ich � ich kann nicht schlafen, Pryrates.�</p><p>�Begreiflich, mein K�nig. Es liegen viele Lasten auf Euren Schultern.�</p><p>�Ihr helft mir � bei vielen. Habt Ihr nach den Belagerungsmaschinen gesehen?�</p><p>Pryrates nickte, erkannte dann aber, da� Elias es im dunklen Treppenhaus und unter seiner Kapuze vielleicht nicht sehen konnte. �Ja, Herr. Am liebsten w�rde ich Inch, dieses Schwein von einem Aufseher, an einem seiner eigenen Feuer r�sten. Aber wir werden sie bekommen, Herr, so oder so.�</p><p>Der K�nig schwieg eine lange Weile und strich �ber den Griff seines Schwertes. �Naglimund mu� vernichtet werden�, sagte er endlich. �Josua widersetzt sich mir.�</p><p>�Er ist nicht mehr Euer Bruder, Herr, nur noch Euer Feind.�</p><p>�Nein, nein��, versetzte Elias langsam und sehr nachdenklich. �Er ist mein Bruder. Darum kann ich nicht dulden, da� er mir Widerstand leistet. Das scheint mir offensichtlich. Ist es nicht offensichtlich, Pryrates?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Majest�t.�</p><p>Der K�nig h�llte sich enger in seinen Mantel, wie um sich vor einem kalten Wind zu sch�tzen; doch die aus der Tiefe dringende Luft war schwer von der Hitze der Schmiedefeuer.</p><p>�Habt Ihr meine Tochter noch nicht gefunden?� erkundigte er sich �bergangslos und blickte auf. In der H�hle, die von der Kapuze des K�nigs gebildet wurde, konnte Pryrates schwach den Glanz in seinen Augen und den Schatten seines Gesichtes erkennen.</p><p>�Wie ich Euch schon sagte, Herr � wenn sie nicht nach Nabban gegangen ist, zur Familie ihrer Mutter � und unsere Spione glauben nicht, da� das der Fall ist �, dann ist sie bei Josua in Naglimund.�</p><p>�Miriamel.� Der ausgeatmete Name schwebte durch das steinerne Treppenhaus. �Ich mu� sie wiederhaben, ich mu�!� Der K�nig streckte die offene Hand aus und ballte sie vor sich langsam zur Faust. �Sie ist das einzige Wertst�ck, das ich aus den Scherben des Hauses meines Bruders retten werde. � Alles �brige werde ich zu Staub zertreten.�</p><p>�Dazu besitzt Ihr jetzt die St�rke, mein K�nig�, antwortete Pryrates. �Und Ihr habt m�chtige Freunde.�</p><p>�Ja.� Der Hochk�nig nickte langsam. �Ja, das ist wahr. Und was ist mit Ingen Jegger, dem J�ger? Er hat meine Tochter nicht gefunden und ist auch nicht hierher zur�ckgekehrt. Wo h�lt er sich auf?�</p><p>�Er jagt noch immer den Zauberlehrling, Majest�t. Es ist eine Art � pers�nlicher Groll geworden.� Pryrates machte eine Handbewegung, als wollte er die unangenehme Erinnerung an den Schwarz-Rimmersmann verscheuchen.</p><p>�Mir scheint, da� man sehr viel M�he aufwendet, um diesen Jungen zu finden, von dem Ihr sagt, er kenne ein paar unserer Geheimnisse.� Der K�nig runzelte die Stirn und erkl�rte rauh: �Ich w�nschte mir, man h�tte f�r mein eigenes Fleisch und Blut ebensoviel Sorge getragen. Ich bin nicht gl�cklich dar�ber.� Sekundenlang glitzerten die verschatteten Augen zornig. Er wandte sich zum Gehen, blieb jedoch noch einmal stehen.</p><p>�Pryrates?� Die Stimme des K�nigs hatte sich ver�ndert.</p><p>�Ja, Gebieter?�</p><p>�Meint Ihr, da� ich besser schlafen werde � wenn Naglimund besiegt ist und ich meine Tochter wiederhabe?�</p><p>�Ich bin �berzeugt davon, mein K�nig.�</p><p>�Gut. Nachdem ich das wei�, werde ich es um so mehr genie�en.� Elias glitt durch den d�steren Gang davon. Pryrates regte sich nicht, sondern lauschte den entschwindenden Schritten des K�nigs, die sich mit dem Schlag der H�mmer von Erkynland vermischten, deren eint�niger L�rm aus der Tiefe heraufdr�hnte.</p></section><section><title><p>XXXIV</p><p>Vergessene Schwerter</p></title><p>Vara war w�tend. Der Pinsel in ihrer Hand zitterte, und ein roter Strich zog sich �ber ihr Kinn.</p><p>�Nun seht Euch an, was ich getan habe!� sagte sie, und der �rger verst�rkte ihren dicken Thrithing-Akzent noch. �Es ist grausam von Euch, mich so zu dr�ngen.� Sie wischte sich den Mund mit einem Tuch ab und begann von neuem.</p><p>�Bei �don, Weib, es geht um wichtigere Dinge als das Anstreichen Eurer Lippen!� Josua stand auf und nahm sein Herumwandern wieder auf.</p><p>�Sprecht nicht so mit mir, Herr! Und lauft nicht so in meinem R�cken herum��, sie machte eine Handbewegung und suchte nach Worten, �� hin und her, hin und her � Wenn Ihr mich schon auf den Gang hinauswerfen m��t wie eine Tro�dirne, dann will ich mich wenigstens erst dazu bereit machen.�</p><p>Der Prinz hob einen Sch�rhaken vom Boden auf, b�ckte sich und stocherte in der Glut. �Man �wirft Euch nicht auf den Gang hinaus�, Herrin.�</p><p>�Wenn ich wirklich Eure Herrin bin�, versetzte Vara finster, �wieso darf ich dann nicht bleiben? Sch�mt Ihr Euch meiner?�</p><p>�Unsinn! Aber wir werden Dinge besprechen, die Euch nicht betreffen. Falls Ihr es noch nicht bemerkt haben solltet � wir r�sten uns f�r einen Krieg. Ich bedaure es, wenn Euch das l�stig ist.� Er erhob sich �chzend, wobei er den Sch�rhaken wieder sorgf�ltig neben den Kamin legte. �Geht und unterhaltet Euch mit den anderen Damen. Seid froh, da� Ihr meine Last nicht tragen m��t.�</p><p>Vara fuhr herum und sah ihn an. �Die anderen Damen hassen mich�, stellte sie mit schmalen Augen fest. Eine schwarze Haarlocke lag lose auf ihrer Wange. �Ich h�re, wie sie �ber Prinz Josuas Grasl�nderschlampe tuscheln. Und ich hasse sie auch, diese K�he aus dem Norden! In meines Vaters Markland w�rde man sie auspeitschen f�r diesen � diesen��, sie k�mpfte mit der Sprache, die sie noch nicht v�llig beherrschte, �� diesen Mangel an Ehrerbietung!� Sie holte tief Atem, um ihr Zittern zur Ruhe zu bringen. �Warum seid Ihr so kalt zu mir, Herr?� fragte sie dann. �Und warum habt Ihr mich hierhergebracht, in dieses kalte Land?�</p><p>Der Prinz blickte auf, und sekundenlang wurde sein strenges Gesicht weicher. �Das frage ich mich auch manchmal.� Er sch�ttelte langsam den Kopf. �Bitte � wenn Ihr die Gesellschaft der anderen Damen des Hofes verachtet, so la�t den Harfner f�r Euch singen. Bitte, ich w�nsche heute abend keinen Streit.�</p><p>�Und auch an keinem anderen Abend!� fauchte Vara. �Und mich scheint Ihr auch nicht zu wollen � nur dieses alte Ger�mpel, o ja, daran seid Ihr interessiert; Ihr und Eure alten B�cher!�</p><p>Josuas Geduld war fast ersch�pft. �Die Ereignisse, �ber die wir nachher reden werden, sind alt, ja, aber sie sind f�r unseren jetzigen Kampf von Bedeutung. Verdammt, Weib, ich bin ein Prinz dieses Reiches und kann mich meiner Verantwortung nicht entziehen!�</p><p>�Darin seid Ihr besser, als Ihr glaubt, Prinz Josua�, erwiderte sie eisig und warf sich den Umhang um die Schultern. An der T�r drehte sie sich um. �Ich hasse Eure Art, nur an die Vergangenheit zu denken � alte B�cher, alte Schlachten, alte Geschichte��, ihr Mund verzog sich, �� und alte Liebe.�</p><p>Die T�r fiel hinter ihr ins Schlo�.</p><empty-line/><p>�Habt Dank, Prinz, da� Ihr uns in Euren Gem�chern empfangt�, sagte Binabik. Sein rundes Gesicht hatte einen sorgenvollen Ausdruck. �Ich h�tte Euch nicht darum ersucht, wenn die Wichtigkeit mich nicht dazu gedr�ngt h�tte.�</p><p>�Nat�rlich, Binabik�, erwiderte der Prinz. �Auch ich ziehe es vor, mich in einer ruhigeren Umgebung zu unterhalten.�</p><p>Der Troll und der alte Jarnauga hatten sich harte Holzschemel herangezogen und neben Josua am Tisch Platz genommen. Vater Strangyeard, der sie begleitet hatte, wanderte lautlos im Zimmer herum und betrachtete die Wandteppiche. In all seinen Jahren in Naglimund war es das erste Mal, da� er die Privatr�ume des Prinzen betrat.</p><p>�Ich bin immer noch ganz bet�ubt von dem, was ich gestern abend geh�rt habe�, begann Josua und wies auf die Pergamentbl�tter, die Binabik vor ihm ausgebreitet hatte. �Nun sagt Ihr, es gebe noch viel mehr, das ich wissen m��te?� Der Prinz zeigte ein kleines, kummervolles L�cheln. �Gott mu� mich wohl z�chtigen, wenn er mir den Alptraum, eine belagerte Burg zu befehligen, schenkt und dann noch mit so vielen anderen Dingen erschwert.�</p><p>Jarnauga lehnte sich nach vorn. �Solange Ihr nur im Ged�chtnis behaltet, Prinz, da� es hier nicht um einen Alptraum geht, sondern um finstere Wirklichkeit. Keiner von uns kann sich den Luxus erlauben, diese Dinge f�r Phantasie zu halten.�</p><p>�Vater Strangyeard und ich haben seit Tagen die Burgarchive durchforstet�, erkl�rte Binabik, �seit meiner Ankunft versuchen wir schon herauszufinden, was das �Verh�ngnis der Schwerter� bedeutet.�</p><p>�Den Traum meint Ihr, von dem Ihr mir berichtet habt?� fragte Josua und durchbl�tterte abwesend die vor ihm auf dem Tisch verstreuten Schriftseiten. �Den Ihr und der Junge im Haus der Zauberfrau hattet?�</p><p>�Und nicht nur sie�, erg�nzte Jarnauga, und seine Augen waren so scharf wie blaue Eissplitter. �In den N�chten, bevor ich Tungoldyr verlie�, tr�umte auch ich von einem gro�en Buch, auf dem in feurigen Lettern DU SVARDENVYRD stand.�</p><p>�Ich habe nat�rlich vom Buch des Priesters Nisses geh�rt�, meinte der Prinz und nickte, �als ich als Junge Sch�ler bei den Usiresbr�dern war. Es hatte einen �blen Ruf, aber es existiert ja nicht mehr. Ihr wollt mir doch gewi� nicht erz�hlen, Ihr h�ttet in unserer Burgbibliothek ein Exemplar gefunden?�</p><p>�Gesucht haben wir allerdings genug�, entgegnete Binabik. �Wenn es irgendwo sein k�nnte, dann nur hier � au�er vielleicht in der Sancellanischen �donitis. Strangyeard hat eine Bibliothek von gro�er Wunderbarkeit angesammelt.�</p><p>�Sehr freundlich�, sagte der Archivar und drehte sich zur Wand, als studiere er einen der dort h�ngenden Teppiche, damit das unziemliche Err�ten der Freude auf seinen Wangen nicht seinen Ruf als n�chterner Historiker gef�hrdete.</p><p>�Tats�chlich war es, so eifrig auch Strangyeard und ich unsere Jagd betrieben, Jarnauga, der unser Problem zu einem Teil gel�st hat�, fuhr Binabik fort.</p><p>Der alte Mann klopfte mit d�rrem Finger auf das Pergament. �Es war ein gl�cklicher Zufall, der, so hoffe ich, ein gutes Vorzeichen f�r uns alle ist. Morgenes hatte mir einmal eine Botschaft mit Fragen �ber Nisses geschickt � der nat�rlich ein Rimmersmann war wie ich �, um in seiner Schrift �ber das Leben Eures Vaters K�nig Johan einige L�cken zu f�llen. Ich f�rchte, ich konnte ihm nicht viel helfen. Ich teilte ihm mit, was ich wu�te, aber ich verga� seine Fragen nicht.�</p><p>�Und�, f�gte Binabik aufgeregt hinzu, �eine weitere gl�ckliche Zuf�lligkeit: Das einzige, was der Junge Simon aus der Zerst�rung von Morgenes' Gem�chern rettete, war � dieses Buch!� Er packte mit der kurzen braunen Hand ein Pergamentb�ndel und wedelte damit in der Luft herum. �<emphasis>Leben und Regierung K�nig Johan Presbyters</emphasis> von Morgenes Ercestres � Doktor Morgenes von Erchester. Noch auf eine andere Weise ist der Doktor heute bei uns!�</p><p>�Wir schulden ihm mehr, als sich sagen l��t�, verk�ndete Jarnauga feierlich. �Er sah die dunkle Zeit kommen und traf vielerlei Vorbereitungen � von denen wir manche noch gar nicht kennen.�</p><p>�Aber das hier ist das im Augenblick Wichtigste�, platzte der Troll dazwischen, �eben sein Buch �ber Priester Johan. Schaut her!� Er schob Josua die Papiere in die Hand. Der Prinz bl�tterte darin herum und sah dann mit leisem L�cheln auf.</p><p>�Nisses' krause und altert�mliche Sprache ruft mir meine Lehrzeit ins Ged�chtnis zur�ck, als ich mich in den Archiven der Sancellanischen �donitis herumtrieb.� Er sch�ttelte bedauernd den Kopf. �Das ist nat�rlich alles sehr spannend, und ich bete nur, da� ich einmal die Zeit haben werde, Morgenes' ganzes Werk zu lesen; aber ich verstehe trotzdem noch immer nicht.� Er hielt die Seite hoch, die er gerade gelesen hatte. �Hier wird geschildert, wie die Klinge <emphasis>Leid</emphasis> geschmiedet wurde. Aber ich finde darin nichts, das uns Jarnauga nicht bereits mitgeteilt h�tte. Was soll uns das helfen?�</p><p>Mit Josuas Erlaubnis nahm Binabik das Manuskript wieder an sich. �Wir m�ssen es uns noch genauer ansehen, Prinz�, erkl�rte er. �Morgenes zitiert Nisses � und die Tatsache, da� er �berhaupt zumindest einen Teil von <emphasis>Du Svardenvyrd</emphasis> gelesen hat, best�tigt mir nur seine au�erordentliche Findigkeit �, und er gibt an, Nisses habe zwei weitere �Gro�e Schwerter� erw�hnt. Au�er <emphasis>Leid</emphasis> noch zwei andere. Hier, la�t mich Euch vorlesen, was Morgenes �Nisses eigene Worte� nennt.�</p><p>Binabik r�usperte sich und begann:</p><p><emphasis>�Das erste Gro�e Schwert kam in seiner urspr�nglichen Gestalt vom Himmel herunter, und das ist tausend Jahre her.</emphasis></p><p><emphasis>Usires �don, den wir von der Mutter Kirche Sohn und Fleischwerdung Gottes nennen, hatte drey Tage und N�chte, an Hand und F��en festgenagelt, am Baume der Hinrichtung gehangen, auf dem Platze vor dem Tempel des Gottes Yuvenis zu Nabban. Dieser Yuvenis war aber der Heydengott der Gerechtigkeit, und es war des Nabbanai-Imperators Gewohnheit, Verbrecher, die seyn Gerichtshof verurteylt hatte, an den m�chtigen �sten von dieses Yuvenis' Baum aufzuhenken. So hing dort auch Usires vom See, den man der Gottesl�sterung und des Aufruhres schuldig gesprochen, weyl er den Eynzigen Gott verk�ndet hatte; und er hing dort mit den Fersen �ber dem Kopf gleich dem Kadaver eynes Rindes.</emphasis></p><p><emphasis>Es geschah aber in dieser neunten Nacht ein gewaltiges Get�se, und feurige Lohe und ein Donnerkeyl fuhren vom Himmel herunter und zerschmetterten den Tempel in tausend Scherben, so da� alle heydnischen Richter und Priester, die darinnen gewesen, zu Tode kamen. Und da der Gestank und die D�nste sich zerstreut hatten, siehe, da war Usires �dons K�rper verschwunden, und es erhob sich ein gro� Geschrey, Gott habe ihn zu sich in den Himmel zur�ckgeholt und seyne Feynde gestraft; indessen sagten andere, Usires' geduldige Sch�ler h�tten den Leychnam abgeschnitten und seyen im Tohuwabohu entkommen. Doch wurden diese Leugner schnell zum Schweygen gebracht, und die Nachricht von dem Wunder verbreytete sich in allen Teylen der Stadt. Und so begann der Untergang der Heydeng�tter von Nabban.</emphasis></p><p><emphasis>In den rauchenden Tr�mmern des Tempels aber lag nun ein ungeheurer Steyn, und Dampf ging von ihm aus. Die �doniter verk�ndeten, dies sey der Altar der Heyden, der im Feuer der Rache des Eynen Gottes zerschmolzen sey.</emphasis></p><p><emphasis>Ich aber, Nisses, glaube statt dessen, da� es eyn Flammenstern vom Himmel war, der auf die Erde gefallen, wie dieses gelegentlich vork�mmt.</emphasis></p><p><emphasis>Und von diesem geschmolzenen Bruchst�ck nahmen sie eynen gro�en Batzen, und des Imperators Schwertschmiede entdeckten, da� man ihn bearbeyten konnte; und so h�mmerten sie das Himmelsmetall zu eyner gewaltigen Klinge. Und zur Erinnerung an die Gey�elzweyge, mit denen man Usires' R�cken geschunden, nannte man das Sternenschwert � denn daf�r halte ich es � Dorn, und gro�e Macht ruhte in ihm.�</emphasis></p><empty-line/><p>�Und so�, sagte Binabik, �kam das Schwert Dorn, das sich in der Dynastie der Herrscher von Nabban forterbte, endlich auf��</p><p>�Auf Herrn Camaris, den liebsten Freund meines Vaters�, schlo� Josua. �Es gibt sehr viele Geschichten �ber Camaris' Schwert, aber ich habe bisher nicht gewu�t, woher es stammte � wenn man Nisses Glauben schenken will. Irgendwie klingt mir diese Stelle nach Ketzerei.�</p><p>�Diejenigen seiner Behauptungen, deren Wahrheit man nachpr�fen kann, haben sich als hieb- und stichfest erwiesen, Hoheit�, bemerkte Jarnauga und strich sich den Bart.</p><p>�Aber dennoch�, sagte Josua wieder, �was soll das alles bedeuten? Als Camaris damals ertrank, verschwand auch sein Schwert.�</p><p>�Gestattet mir, Euch noch mehr aus Nisses' Schriften vorzulesen�, antwortete Binabik. �Im folgenden spricht er vom dritten Teil unseres R�tsels.�</p><p><emphasis>�Das zweyte der Gro�en Schwerter kam vom Meer und segelte aus dem Westen �ber den salzigen Ozean nach Osten Ard.</emphasis></p><p><emphasis>Seyt eyner Reyhe von Jahren n�mlich waren zu gewissen Jahreszeyten die Seer�uber in unser Land eyngefallen. Sie kamen aus einem fernen, kalten Land, das sie Ijsgard nannten, und wenn sie ihre Pl�nderungen beendet hatten, so fuhren sie �ber die Wogen zur�ck nach Hause.</emphasis></p><p><emphasis>Aber es fiel etwas vor in ihrer Heymat, ein schreckliches Ereygnis oder sonstiges Unheyl, und darum gaben die M�nner von Ijsgard dieses Land auf und brachten ihre Sippen in Booten nach Osten Ard. Dort siedelten sie sich im Norden an, im Rimmersgard, dem Land meyner eygenen, viel k�rzer zur�ckliegenden Geburt.</emphasis></p><p><emphasis>Da sie nun gelandet waren, dankte ihr K�nig Elvrit Udun und den anderen heydnischen G�ttern; und er befahl, da� aus dem eysernen Kiele seynes Drachenbootes eyn Schwert solle geschmiedet werden, um seyn Volk im neuen Land zu sch�tzen.</emphasis></p><p><emphasis>Und so geschah es, da� sie den Kiel den Dverningen �bergaben, einem geheymnisvollen und listigen Volke, das auf eyne Weyse, so wir nicht kennen, das reyne und bedeutsame Metall vom �brigen schied, und sie schmiedeten daraus eine lange und schimmernde Klinge.</emphasis></p><p><emphasis>Doch als sie um die Bezahlung feylschten, gerieten K�nig Elvrit und der Meister der Zwerge miteynander in Streyt, so da� der K�nig den Schmied erschlug und das Schwert ohne Bezahlung nahm, woraus gro�es Unheyl entstehen sollte.</emphasis></p><p><emphasis>Zum Angedenken aber an ihre Ankunft im neuen Lande nannte Elvrit das Schwert Minneyar, das hei�t �Gedenkjahr�.�</emphasis></p><empty-line/><p>Der Troll endete und ging zum Tisch, um aus dem Wasserkrug zu trinken.</p><p>�Nun gut, Binabik von Yiqanuc, zwei m�chtige Schwerter�, bemerkte Josua. �Vielleicht hat dieses furchtbare Jahr mir den Verstand getr�bt, aber ich kann mir einfach nicht denken, was sie f�r uns bedeuten sollten.�</p><p>�Drei Schwerter�, schaltete nun Jarnauga sich ein, �wenn man Inelukis Jingizu mitz�hlt, das wir Leid nennen. Drei Gro�e Schwerter.�</p><p>�Ihr m��t auch noch den letzten Teil von Nisses' Buch lesen, den Morgenes zitiert, Prinz Josua�, erkl�rte jetzt Strangyeard, der sich endlich auch zu ihnen gesetzt hatte. Er hob die Pergamente auf, die vor Binabik auf dem Tisch lagen. �Hier bitte. Diese paar Verse vom Ende der Schriften des Wahnsinnigen.�</p><p>Josua las laut vor.</p><poem><stanza><v>Wenn Rauhreif Claves' Glocke deckt</v><v>und Schatten auf der Stra�e geht,</v><v>das Brunnenwasser schwarz sich fleckt:</v><v>drei Schwerter m�ssen dann zur�ck.</v></stanza><stanza><v>Wenn Bukken kriechen aus der Gruft,</v><v>der Hune steigt vom Berg herab,</v><v>wenn Alptraum raubt dem Schlaf die Luft:</v><v>drei Schwerter m�ssen dann zur�ck.</v></stanza><stanza><v>Der Zeiten Nebel zu verwehn,</v><v>zu wenden harten Schicksals Schritt �</v><v>soll Fr�hes Sp�tem widerstehn:</v><v>drei Schwerter m�ssen dann zur�ck�</v></stanza></poem><p>�Ich glaube � ich glaube, das verstehe ich�, sagte der Prinz, der zunehmend gefesselt schien. �Es scheint mir beinahe eine Weissagung �ber unsere eigene Zeit zu sein � als h�tte Nisses gewu�t, da� Ineluki eines Tages wiederkommen w�rde.�</p><p>�Ja�, best�tigte Jarnauga, k�mmte sich mit den Fingern den Bart und sah Josua �ber die Schulter, �und damit alles wieder so wird, wie es sein soll, m�ssen eben �drei Schwerter zur�ckkehren�.�</p><p>�Unser Verst�ndnis, Prinz, ist so�, erl�uterte Binabik: �Wenn man den Sturmk�nig �berhaupt besiegen kann, dann nur dadurch, da� wir die drei Schwerter finden.�</p><p>�Die drei Schwerter, von denen Nisses spricht?� fragte Josua.</p><p>�So hat es den Anschein.�</p><p>�Aber wenn das stimmt, was der Junge gesehen hat, befindet sich Leid bereits in der Hand meines Bruders.� Der Prinz zog die Brauen zusammen und seine blasse Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. �Wenn es so einfach w�re, zum Hochhorst zu gehen und es ihm abzunehmen, brauchten wir uns nicht �ngstlich hier in Naglimund zu verkriechen.�</p><p>��ber <emphasis>Leid</emphasis> sollten wir uns als letztes den Kopf zerbrechen, Prinz�, erkl�rte Jarnauga. �Jetzt m�ssen wir erst einmal etwas unternehmen, um die beiden anderen f�r uns sicherzustellen. Ich trage meinen Namen wegen meiner Augen und meines ge�bten Blickes, aber in die Zukunft sehen kann ich nicht. Vielleicht f�llt uns noch ein Weg ein, wie wir Elias <emphasis>Leid</emphasis> fortnehmen k�nnen, vielleicht macht er irgendwann einen Fehler. Jetzt aber geht es um <emphasis>Dorn</emphasis> und <emphasis>Minneyar,</emphasis> die wir finden m�ssen.�</p><p>Josua lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck, kreuzte die Kn�chel und pre�te die Finger an die geschlossenen Augen. �Es h�rt sich an wie ein Kinderm�rchen!� rief er. �Wie sollen einfache Menschen in solchen Zeiten �berleben? Ein kalter Wind im Yuven-Monat � der wiedererstandene Sturmk�nig, der ein toter Sithiprinz ist � und nun eine verzweifelte Suche nach l�ngstverschollenen Schwertern � Wahnsinn! Narrheit!� Er �ffnete die Augen und setzte sich gerade hin. �Aber was bleibt uns �brig? Ich glaube jedes Wort � also mu� ich genauso verr�ckt sein.�</p><p>Der Prinz stand auf und begann im Zimmer umherzugehen. Die anderen schauten ihm zu und waren dankbar, da� sie, so mager ihre Hoffnung auch schien, Josua wenigstens von der grimmigen und absonderlichen Wahrheit �berzeugt hatten.</p><p>�Vater Strangyeard�, sagte Josua endlich, �w�rdet Ihr Herzog Isgrimnur f�r mich holen? Ich habe meine Pagen und alle anderen fortgeschickt, damit uns niemand st�rt.�</p><p>�Gewi�, Herr�, antwortete der Archivar und eilte mit flatternden Gew�ndern aus dem Zimmer.</p><p>�Ganz gleich, was geschieht, ich werde heute abend beim <emphasis>Raed</emphasis> viel zu erl�utern haben. Da m�chte ich Isgrimnur an meiner Seite wissen. Die Barone kennen ihn als Mann der Tat, w�hrend sie mir wegen meiner Jahre in Nabban und meiner merkw�rdigen Gewohnheiten noch immer nicht recht trauen.� Josua l�chelte matt. �Wenn all dieser Wahnsinn Wahrheit ist, wird unsere Aufgabe noch viel schwieriger, als sie es ohnehin schon war. Steht der Herzog von Elvritshalla hinter mir, denke ich, da� die Barone ihm folgen werden � obwohl ich nicht glaube, da� ich ihnen unsere neuesten Erkenntnisse mitteilen sollte, auch wenn sie uns einen schwachen Hoffnungsschimmer bieten. Ich mi�traue der F�higkeit einiger dieser Herren, so aufregende Dinge geheimzuhalten.� Der Prinz seufzte, erhob sich und starrte ins Kaminfeuer. Seine Augen glitzerten, als f�lle sie spiegelnde Feuchtigkeit. �Mein armer Bruder.�</p><p>Binabik, erstaunt �ber den Tonfall des Prinzen, schaute auf. �Mein armer Bruder�, wiederholte Josua. �Nun mu� ihn wirklich der Alp reiten � der Sturmk�nig! Die Wei�f�chse! Ich kann nicht glauben, da� er wu�te, was er tat.�</p><p>�Aber <emphasis>irgend jemand</emphasis> wu�te es, Prinz�, wandte der Troll ein. �Ich denke nicht, da� der Herr von Sturmspitze und seine Diener von T�r zu T�r ziehen wie die Hausierer, um ihre Waren anzubieten.�</p><p>�Nun, ich zweifle nicht daran, da� Pryrates sich auf irgendeine Art mit ihnen in Verbindung gesetzt hat�, antwortete Josua. �Ich kenne ihn und seinen unheiligen Durst nach verbotenem Wissen von fr�her her, aus der Priesterschule der Usiresbr�der.� Er sch�ttelte sorgenvoll das Haupt. �Aber Elias, sonst tapfer wie ein B�r, war immer mi�trauisch gegen Geheimnisse in alten B�chern, und er verachtete die Gelehrsamkeit. Au�erdem f�rchtete er sich vor Gespr�chen �ber Geister und d�monische Wesen. Das wurde noch schlimmer, nachdem � nachdem seine Frau gestorben war. Ich frage mich, woran ihm soviel lag, da� er das Entsetzen in Kauf nahm, das dieser Handel ihm einbringen mu�. Ich frage mich auch, ob er ihn inzwischen bedauert � welch grausige Bundesgenossen! Armer, t�richter Elias��</p><empty-line/><p>Es regnete wieder, und als Strangyeard mit dem Herzog zur�ckkam, waren sie beide vom �berqueren des langgestreckten Hofes triefendna�. Isgrimnur blieb in der T�r zu Josuas Gem�chern stehen und stampfte den Boden wie ein aufgeregtes Pferd.</p><p>�Hab gerade meine Frau begr��t�, erkl�rte er. �Sie ist mit den anderen Frauen noch vor Skalis Ankunft aufgebrochen und zu Than Tonnrud gereist, ihrem Onkel. Hat ein halbes Dutzend meiner M�nner und zwanzig Frauen und Kinder mitgebracht. Dabei hat sie sich die Finger erfroren, meine arme Gutrun.�</p><p>�Es tut mir leid, Euch von ihr fortzurufen, Isgrimnur, vor allem, wenn sie krank ist�, entschuldigte sich der Prinz, stand auf und dr�ckte dem alten Herzog die Hand.</p><p>�Ach, ich kann ohnehin nicht viel f�r sie tun. Sie hat unsere M�dchen, die ihr helfen.� Er furchte die Stirn, aber aus seiner Stimme klang Stolz. �Sie ist eine starke Frau, und sie hat mir starke S�hne geboren.�</p><p>�Und wir werden Isorn, Eurem �ltesten, Hilfe bringen, zweifelt nicht daran.� Josua geleitete Isgrimnur zum Tisch und reichte ihm Morgenes' Handschrift. �Allerdings kann es sein, da� wir mehr als nur eine Schlacht schlagen m�ssen.�</p><p>Als der Herzog vom �Verh�ngnis der Schwerter� gelesen und einige Fragen gestellt hatte, las er die Seiten noch einmal.</p><p>�Und diese Reime?� fragte er dann. �Ihr glaubt, sie seien der Schl�ssel zum Ganzen?�</p><p>�Wenn Ihr die Art Schl�ssel meint, mit der man eine T�r <emphasis>zu</emphasis>sperrt�, antwortete Jarnauga, �dann ja: Das hoffen wir. Denn es scheint, da� es das ist, was wir tun m�ssen: die Schwerter aus Nisses' Weissagung finden, drei Schwerter, die den Sturmk�nig bannen.�</p><p>�Aber der Junge behauptet, da� Elias das Sithischwert h�tte � und wirklich sah ich, als er mir sagte, ich k�nne nun nach Elvritshalla aufbrechen, da� er ein fremdes Schwert trug. Ein gro�es, fremdartig aussehendes Ding war es.�</p><p>�Wir wissen davon, Herzog�, fiel Binabik ein. �Es sind die anderen beiden, denen unsere Suche zun�chst gilt.�</p><p>Isgrimnur schielte mi�trauisch auf den Troll. �Und was begehrt Ihr dabei von mir, kleiner Mann?�</p><p>�Nur Eure Hilfe, wie immer Ihr sie gew�hren k�nnt�, erkl�rte Josua und klopfte dem Rimmersmann auf die Schulter. �Aus demselben Grund ist auch Binabik von Yiqanuc hier.�</p><p>�Habt Ihr jemals etwas �ber das Schicksal von <emphasis>Minneyar,</emphasis> Elvrits Schwert, geh�rt?� fragte Jarnauga. �Ich gestehe, da� eigentlich ich es wissen sollte, weil es die Aufgabe unseres Bundes ist, solches Wissen zusammenzutragen; aber in den Geschichten, die wir kennen, kommt <emphasis>Minneyar</emphasis> nicht mehr vor.�</p><p>�Eines wei� ich von meiner Gro�mutter, die eine Geschichtenerz�hlerin war�, antwortete Isgrimnur und kaute an seinem Schnurrbart, w�hrend er sich zu erinnern versuchte. �Von Elvrits Linie ging es auf Fingil Rothand �ber, und von Fingil auf seinen Sohn Hjeldin; und als dann Hjeldin vom Turm st�rzte � und hinter ihm Nisses tot am Boden lag �, nahm es Hjeldins Unterf�hrer Ikferdig an sich, zusammen mit Fingils Rimmerskrone und der Herrschaft �ber den Hochhorst.�</p><p>�Ikferdig starb auf dem Hochhorst�, bemerkte Strangyeard, der sich am Kaminfeuer die H�nde w�rmte, sch�chtern. �In meinen B�chern hei�t er �Der verbrannte K�nig�.�</p><p>�Starb am Drachenfeuer des roten Shurakai�, erg�nzte Jarnauga. �In seinem Thronsaal gebraten wie ein Kaninchen.�</p><p>�Also��, sagte Binabik nachdenklich, w�hrend den weichherzigen Strangyeard bei Jarnaugas Worten ein Schauer �berlief, �befindet sich <emphasis>Minneyar</emphasis> jetzt entweder irgendwo in den Mauern des Hochhorstes � oder der feurige Atem des Drachens hat es damals zerst�rt.�</p><p>Josua stand auf und ging zum Kamin, wo er sich hinstellte und in die tanzenden Flammen starrte. Strangyeard wich vorsichtig zur Seite, um seinen F�rsten nicht durch seine N�he zu bedr�ngen.</p><p>�Zwei verwirrende und ungl�ckselige M�glichkeiten.� Josua verzog das Gesicht. Dann wandte er sich zu Vater Strangyeard und meinte: �Ihr habt mir heute keine guten Nachrichten gebracht, Ihr weisen M�nner.� Der Archivar schaute bedr�ckt. �Zuerst erz�hlt Ihr mir, unsere einzige Hoffnung liege darin, diese drei sagenhaften Klingen wiederzufinden, und nun erkl�rt Ihr, zwei davon bef�nden sich in der Festung meines Bruders � falls sie �berhaupt noch existieren.� Der Prinz seufzte bek�mmert. �Und die dritte? Benutzt Pryrates sie dazu, sich bei Tisch das Fleisch zu schneiden?�</p><p>�Dorn�, sagte Binabik und kletterte auf die Tischkante, um sich dort niederzulassen. �Das Schwert des gro�en Ritters, der Camaris hie�.�</p><p>�Geschmiedet aus dem Sternenstein, der den Tempel des Yuvenis im alten Nabban zerst�rte�, f�gte Jarnauga hinzu. �Sicher ist es mit dem gro�en Camaris im Meer versunken, als er in der Bucht von Firannos �ber Bord gesp�lt wurde.�</p><p>�Da habt Ihres!� fauchte Josua. �Zwei sind in der Hand meines Bruders, und das dritte liegt im noch festeren Griff der eifers�chtigen See. Unsere Suche ist verflucht, bevor wir sie noch begonnen haben!�</p><p>�Ohne Zweifel h�tte man es auch als unm�glichen Zufall betrachtet, da� Morgenes' Werk die Vernichtung seiner Person und seines Heims �berleben k�nnte�, warf Jarnauga ein, und seine Stimme klang streng, �um dann durch Gefahren und Verzweiflung unversehrt zu uns zu gelangen, nur damit wir Nisses' Weissagung lesen k�nnten. Aber es <emphasis>hat</emphasis> �berlebt. Und es <emphasis>hat</emphasis> uns erreicht. Es gibt immer Hoffnung.�</p><p>�Verzeiht mir, Prinz, aber mich d�nkt, da� uns nur eines bleibt�, schaltete sich Binabik ein und nickte weise von der Tischplatte herunter. �Wir m�ssen zur�ck in die Archive und weiterforschen, bis wir Antworten auf das R�tsel von Dorn und der beiden anderen Klingen finden. Und wir m�ssen sie bald finden.�</p><p>�Sehr bald, allerdings�, bemerkte Jarnauga, �denn wir verschwenden Zeit, die so kostbar ist wie Diamanten.�</p><p>�Wie wahr�, best�tigte Josua, zog sich den Stuhl an den Kamin und lie� sich m�de nieder, �beeilt Euch unbedingt; doch ich f�rchte tief in meinem Herzen, da� unsere Zeit bereits abgelaufen ist.�</p><empty-line/><p>�Verdammt, verdammt und verdammt�, knirschte Simon und schleuderte einen gro�en Steinbrocken von den Zinnen hinunter in die Z�hne des Windes. Naglimund schien inmitten einer weiten Fl�che aus seifigem, grauem Nichts zu stehen wie ein Berg, der sich aus einem Meer wirbelnden Regens erhebt. �Verdammt�, wiederholte er und b�ckte sich, um auf der nassen Steinmauer nach einem weiteren Brocken zu suchen.</p><p>Sangfugol warf ihm einen Blick zu. Seine sch�ne M�tze sa� ihm als formlose, triefende Masse auf dem Kopf. �Simon�, mahnte er �rgerlich, �du kannst nicht beides haben. Zuerst schimpfst du �ber alle, weil sie dich einfach mitgeschleift h�tten wie einen Hausierersack, dann fluchst du l�sterlich und schmei�t Steine, weil man dich zu den Beratungen heute nachmittag <emphasis>nicht</emphasis> hinzugezogen hat.�</p><p>�Ich wei߫, knurrte Simon und schickte ein neues Wurfgescho� von den Burgmauern. �Ich wei� selbst nicht, was ich will. Ich wei� �berhaupt nichts.�</p><p>Der Harfner machte ein finsteres Gesicht. �Was <emphasis>ich</emphasis> gern wissen m�chte, ist: Was machen wir eigentlich hier oben? Gibt es keinen besseren Ort, an dem man sich elend und versto�en f�hlen kann? Auf diesen Zinnen ist es kalt wie ein Brunnenbuddler-Arsch.� In der Hoffnung, damit Mitleid zu erregen, lie� er sekundenlang die Z�hne klappern: �Also: Warum sind wir hier oben?�</p><p>�Weil man davon den Kopf klar bekommt, von so einem bi�chen Wind und Regen�, rief Strupp, der jetzt �ber die Zinnen wieder auf seine beiden Kumpane zukam. �F�r eine durchzechte Nacht gibt es kein besseres Heilmittel.� Der kleine Alte zwinkerte Simon zu, der im stillen dachte, da� Strupp gewi� l�ngst wieder nach unten gestiegen w�re, wenn er nicht den Anblick des in seinem pr�chtigen grauen Samtgewand bibbernden Sangfugols so genossen h�tte.</p><p>�Na sch�n�, grollte der Harfner, ungl�cklich wie eine nasse Katze, �Ihr trinkt wie ein Mann in seiner Jugend, Strupp � beziehungsweise in seiner zweiten Kindheit �, darum ist es wohl nicht weiter verwunderlich, Euch aus reinem Vergn�gen auf den Mauern herumstolzieren zu sehen wie einen Schlingel von Jungen.�</p><p>�Ach, Sangfugol�, erwiderte Strupp mit einem runzligen L�cheln und sah zu, wie ein weiteres Wurfgescho� Simons eine Wassergarbe aus dem regenpockigen Teich aufschie�en lie�, der dort strudelte, wo fr�her der Burganger gewesen war. �Ihr seid zu � Ho!� Strupp deutete. �Ist das nicht Herzog Isgrimnur? Ich habe geh�rt, er sei zur�ck. <emphasis>Ho, Herzog!</emphasis>� rief der Narr und winkte der st�mmigen Gestalt zu. Isgrimnur, die Augen vor dem seitlich einfallenden Regen zusammengekniffen, sah auf. �Herzog Isgrimnur! Ich bin es, Strupp!�</p><p>�Du bist das?� schrie der Herzog zur�ck. �Verdammt will ich sein, wenn du es nicht bist, alter Hurensohn!�</p><p>�Kommt herauf, kommt herauf!� lud Strupp ihn ein. �Kommt herauf und erz�hlt mir, was es Neues gibt!�</p><p>�Ich sollte mich wirklich nicht wundern�, bemerkte Sangfugol h�misch, als der Herzog �ber den �berschwemmten Anger auf die Wendeltreppe in der Mauer zustakte. �Der einzige Mensch au�er einem alten Irren und einem verr�ckten Harfner, der hier freiwillig hinaufsteigt, <emphasis>mu�</emphasis> ein Rimmersmann sein. Wahrscheinlich wird es ihm sogar zu warm sein, weil es gerade nicht graupelt oder schneit.�</p><p>Isgrimnur begr��te Simon und Sangfugol mit einem m�den L�cheln und Nicken, drehte sich dann um, packte die ge�derte Hand des Narren und versetzte ihm einen kameradschaftlichen Hieb auf die Schulter. Er war soviel gr��er und umfangreicher als Strupp, da� es aussah wie bei einer B�rin, die ihrem Jungen einen liebevollen Puff gibt.</p><p>W�hrend der Herzog und der Narr ihre Neuigkeiten austauschten, warf Simon Steine und lauschte, und Sangfugol stand mit der Miene geduldigen, hoffnungslosen Leidens daneben. Niemanden �berraschte es, als sich die Rede des Rimmersmannes schon bald von gemeinsamen Freunden und vertrauten Dingen ab- und dunkleren Themen zuwandte. Als Isgrimnur die wachsende Kriegsdrohung und die Schatten im Norden erw�hnte, f�hlte Simon die K�lte, die der eisige Wind � seltsamerweise � eine Zeitlang vertreiben geholfen hatte, wieder mit Macht zur�ckstr�men. Und als der Herzog in leisem Ton vom Herrscher des Nordens zu erz�hlen anfing und dann pl�tzlich ausweichend wurde und meinte, manche Dinge seien zu furchterregend, als da� man offen dar�ber sprechen k�nne, schien sich die K�lte tiefer in Simons Herz zu schleichen. Er starrte hinaus in die tr�be Ferne, nach der dunklen Sturmfaust, die hinter dem Regen am n�rdlichen Horizont drohte, und sp�rte, wie seine Reise auf der Traumstra�e wieder in ihm aufstieg �</p><p><emphasis>Der nackt vor ihm aufragende steinerne Berg mit seiner Aura aus indigoblauen und gelben Flammen. Die silbern maskierte K�nigin auf ihrem Eisthron, der Singsang der Stimmen in der felsigen Festung �</emphasis></p><p>Schwarze Gedanken dr�ckten ihn nieder, zerquetschten ihn wie der Rand eines breiten Rades. Es w�rde so leicht sein, er wu�te es genau, ins Dunkel hineinzugehen, in die W�rme hinter der K�lte des Sturmes �</p><p><emphasis>Es ist so nahe � so nahe�</emphasis></p><p>�Simon!� rief eine Stimme an seinem Ohr. Eine Hand packte ihn am Ellenbogen. Erschreckt sah er nach unten und erblickte nur wenige Zoll von seinem Fu� entfernt die Mauerkante und senkrecht unter sich das windgepeitschte Wasser des Teiches.</p><p>�Was tust du?� fragte Sangfugol und r�ttelte seinen Arm. �Wenn du von diesem M�uerchen h�pfen w�rdest, br�chte dir das mehr ein als nur ein paar Knochenbr�che.�</p><p>�Ich war��, stotterte Simon und merkte, da� noch immer ein dunkler Nebel seine Gedanken umw�lkte, �ich��</p><p>�Dorn?� fragte Strupp laut und reagierte damit auf etwas, das Isgrimnur gerade gesagt hatte. Simon drehte sich um und sah den kleinen Narren am Mantel des Herzogs zupfen wie ein zudringliches Kind. �Dorn, habt Ihr gesagt? Und warum seid Ihr damit nicht gleich zu mir gekommen? Warum nicht zum alten Strupp? Wenn einer, dann wei� ich alles, was es dar�ber zu wissen gibt!�</p><p>Der Alte wandte sich an Simon und den Harfner. �Wer war denn l�nger als alle anderen bei unserem Johan? Wer? Ich nat�rlich. Hab Witze f�r ihn gemacht und Kunstst�cke und Musik, sechzig Jahre lang. Und f�r den gro�en Camaris auch. Ich habe ihn erlebt, wie er an den Hof kam.� Er drehte sich wieder zum Herzog um, und in seinen Augen leuchtete etwas auf, das Simon noch nicht gesehen hatte. �Ich bin der Mann, den Ihr sucht�, verk�ndete Strupp stolz. �Schnell! Bringt mich zu Prinz Josua.�</p><p>Der krummbeinige alte Narr schien fast zu tanzen, so leicht waren seine Schritte, als er dem ein wenig bet�ubten Rimmersmann zu den Stufen voraneilte.</p><p>�Dank sei Gott und seinen Engeln�, bemerkte Sangfugol und schaute ihnen nach. �Ich schlage vor, da� wir uns jetzt sofort etwas einverleiben � etwas Feuchtes, das von innen die Feuchtigkeit des �u�eren ausgleicht.�</p><p>Er f�hrte den noch immer kopfsch�ttelnden Simon von den verregneten Zinnen in das hallende, von Fackeln erleuchtete Treppenhaus hinunter, f�r eine kleine Weile hinaus aus der Reichweite der Nordwinde, hinein ins Warme.</p><empty-line/><p>�Wir kennen Eure Rolle bei diesen Ereignissen, guter Strupp�, sagte Josua ungeduldig. Der Prinz hatte sich wie zum Schutz gegen die alles durchdringende K�lte einen Wollschal um den Hals geschlungen. Die Spitze seiner schmalen Nase war rosa.</p><p>�Ich decke nur sozusagen den Tisch, Hoheit�, meinte Strupp unger�hrt. �Wenn ich einen Becher Wein bekommen k�nnte, um meine Zunge geschmeidiger zu machen, w�rde ich unverz�glich zum Hauptgang kommen.�</p><p>�Isgrimnur�, st�hnte Josua, �w�ret Ihr wohl so gut, unserem ehrw�rdigen Narren etwas Trinkbares zu suchen, sonst f�rchte ich, da� wir bis zur �donszeit hier sitzen und auf den Rest der Geschichte harren m�ssen.�</p><p>Der Herzog von Elvritshalla trat zu dem Zedernholzschrank neben Josuas Tisch und fand einen Krug mit Rotwein aus Perdruin. �Hier�, sagte er und reichte Strupp einen gef�llten Humpen. Der Narr nahm einen Schluck und l�chelte.</p><p><emphasis>Es ist nicht der Wein, den er haben will,</emphasis> dachte der Rimmersmann, <emphasis>es geht ihm um die Beachtung. Die Zeiten sind schlimm genug f�r die jungen und T�chtigen, wie dann erst f�r einen alten Gaukler, dessen Herr seit zwei Jahren tot ist.</emphasis></p><p>Er starrte in das runzlige Gesicht des Narren, und sekundenlang war ihm, als erblicke er dahinter wie durch einen d�nnen Vorhang die gefangenen Z�ge des Kindes.</p><p><emphasis>Gott, gib mir einen schnellen, ehrenhaften Tod,</emphasis> betete Isgrimnur, <emphasis>damit ich nicht einer von diesen alten Trotteln werde, die am Lagerfeuer sitzen und den jungen M�nnern erz�hlen, da� fr�her alles besser war. � Und doch,</emphasis> dachte er, als er zu seinem Stuhl zur�ckging und auf das Wolfsgeheul des Windes drau�en horchte, <emphasis>vielleicht ist es diesmal sogar wahr. Vielleicht haben wir wirklich bessere Tage gesehen. Vielleicht wartet wirklich nichts mehr auf uns, als eine aussichtslose Schlacht gegen die schleichende Finsternis.</emphasis></p><p>�Wi�t Ihr�, begann Strupp wieder, �Camaris' Schwert Dorn ist n�mlich nicht mit ihm untergegangen. Er hatte es in die Obhut seines Knappen gegeben, Colmund von Rodstanby.�</p><p>�Ihm sein Schwert gegeben?� fragte Josua ratlos. �Das pa�t zu keiner der Geschichten, die ich je �ber Camaris-s�-Vinitta geh�rt habe.�</p><p>�Ja, aber Ihr kanntet ihn nicht in diesem letzten Jahr � und wie k�nntet Ihr auch, da Ihr doch gerade erst auf die Welt gekommen wart?� Strupp nahm einen weiteren Zug und starrte sinnend zur Decke. �Nachdem Eure Mutter, K�nigin Ebekah, starb, wurde Herr Camaris seltsam und wunderlich. Er war, Ihr wi�t es, ihr besonderer Besch�tzer, und er betete den Boden an, auf den sie ihren Fu� setzte � als w�re sie Elysia selbst, die Mutter Gottes. Ich habe immer gedacht, da� er sich Vorw�rfe wegen ihres Todes machte, so als ob er ihre Kr�nklichkeit mit Waffengewalt h�tte heilen k�nnen � oder durch die Reinheit seines Herzens � armer Tor.�</p><p>Isgrimnur, der Josuas Ungeduld sah, beugte sich vor. �Also gab er das Sternenschwert seinem Knappen?�</p><p>�Ja, ja�, versetzte der Alte gereizt. Er liebte es nicht, wenn man ihn dr�ngte. �Als Camaris vor der Insel Harcha im Meer verschwand, nahm Colmund das Schwert an sich. Er ging zur�ck und erneuerte seinen Anspruch auf das Land seiner Sippe in Rodstanby in der Frostmark, und er wurde Baron einer nicht unbetr�chtlichen Provinz.</p><p>Dorn war eine auf der ganzen Welt ber�hmte Waffe, und als seine Feinde sie bei ihm erblickten � denn sie war unverwechselbar, gl�nzend schwarz bis auf den Silbergriff, eine sch�ne, gef�hrliche Klinge �, wollte sich niemand mehr gegen ihn stellen. Nur selten brauchte er sie �berhaupt aus der Scheide zu ziehen.�</p><p>�Also ist sie nun in Rodstanby?� fragte Binabik aufgeregt aus seiner Ecke. �Das ist kaum ein Zweitageritt von Naglimund!�</p><p>�Nein, nein, nein�, knurrte Strupp und schwenkte den Humpen, damit Isgrimnur ihn wieder f�r ihn f�llen sollte. �Wenn du nur warten wolltest, Troll, w�rde ich dir alles erz�hlen.�</p><p>Bevor Binabik oder der Prinz oder sonst jemand antworten konnte, stand Jarnauga, der am Feuer gehockt hatte, auf und neigte sich �ber den kleinen Narren. �Strupp�, sagte er, und seine Stimme war so hart und kalt wie Eis auf den Dachsparren, �wir k�nnen nicht warten, bis Ihr Euch bequemt. Eine drohende Finsternis breitet sich von Norden her zu uns aus, ein kalter, t�dlicher Schatten. Wir <emphasis>m�ssen</emphasis> das Schwert haben, versteht Ihr?� Er n�herte seine scharfen Z�ge Strupps Gesicht, so nah, da� die buschigen Augenbrauen des kleinen Mannes angstvoll in die H�he schossen. �Und wir m�ssen Dorn schnell finden, denn schon bald wird der Sturmk�nig selbst an unsere T�r klopfen. <emphasis>Begreift Ihr nun?�</emphasis></p><p>Jarnauga lie� die langen Beine wieder in ihre Hockstellung neben dem Kamin zur�cksinken, und Strupp starrte ihn mit aufgerissenem Mund an.</p><p><emphasis>Hm,</emphasis> sann Isgrimnur, <emphasis>wenn wir wollten, da� die letzten Neuigkeiten in ganz Naglimund herumposaunt w�rden, dann ist uns das jetzt gelungen. Immerhin sieht es so aus, als h�tte er Strupp eine gelinde Klette unter den Sattel gesetzt.</emphasis></p><p>Es dauerte eine kleine Weile, bis der Narr die erschreckten, gebannten Augen vom durchbohrenden Blick des Nordmannes losrei�en konnte. Als er sich endlich abwandte, erweckte er nicht mehr so stark den Eindruck, als gen�sse er seine augenblickliche Rolle.</p><p>�Colmund�, erkl�rte er, �Herr Colmund h�rte von Reisenden Geschichten �ber den sagenhaften Schatz des Drachen Igjarjuk, hoch oben auf dem Berg Urmsheim. Es war ein Schatz, der reicher sein sollte als jeder andere auf der weiten Welt.�</p><p>�Nur ein Flachl�nder kann auf den Gedanken kommen, sich mit einem Bergdrachen anzulegen � und das f�r Gold!� warf Binabik angewidert ein. �Mein Volk lebt seit langer Zeit in der Nachbarschaft von Urmsheim, und wir leben lange, weil wir den Berg in Ruhe lassen.�</p><p>�Aber seht Ihr�, fuhr der alte Strupp fort, �dieser Drache ist ja schon seit Generationen nur noch eine Sage. Niemand hat ihn je zu Gesicht bekommen, niemand von ihm geh�rt � au�er ein paar schneeverr�ckten Wanderern. Und Colmund hatte das Schwert <emphasis>Dorn,</emphasis> ein magisches Schwert, das ihn auf seiner Suche nach dem Hort eines Zauberdrachens leitete.�</p><p>�Aber was f�r eine Torheit!� rief Josua. �Hatte er nicht alles, was er wollte? Eine m�chtige Baronie? Das Schwert eines Helden? Mu�te er denn auch noch solch einer verr�ckten Idee nachjagen?�</p><p>�Verdammt, Josua�, fluchte Isgrimnur, �warum tun denn die Menschen, was sie tun? Warum h�ngten sie unseren Herrn Usires kopf�ber am Baum auf? Warum sperrte Elias seinen Bruder ein und gibt sich mit D�monen ab, obwohl er doch ohnehin schon Hochk�nig von ganz Osten Ard ist?�</p><p>�Es liegt wirklich etwas in M�nnern und Frauen, das sie antreibt, nach Dingen zu greifen, die unerreichbar f�r sie sind�, bemerkte Jarnauga aus seiner Kaminecke. �Und manchmal �berschreitet das, wonach sie streben, die Grenzen des Verstandes.�</p><p>Binabik sprang leichtf��ig vom Tisch. �Zuviel Gerede ist dies von Dingen, die wir niemals wissen k�nnen�, meinte er. �Immer noch lautet unsere Frage: Wo ist das Schwert? <emphasis>Wo ist Dorn?</emphasis>�</p><p>�Ich bin �berzeugt, da� es dort im Norden verlorenging�, antwortete Strupp. �Ich habe nie geh�rt, da� Herr Colmund je von seiner Fahrt zur�ckkehrte. Eine Wanderergeschichte sagt, er habe sich zum K�nig der <emphasis>Hunen</emphasis> gemacht und lebe dort noch immer, in einer Festung aus Eis.�</p><p>�Das h�rt sich an, als h�tten alte Erinnerungen an Ineluki seine Geschichte getr�bt und sich mit ihr vermischt�, sagte Jarnauga nachdenklich.</p><p>�Er schaffte es bis zum Kloster von Sankt Skendi in Vestvennby�, lie� sich Vater Strangyeard unerwartet aus dem Hintergrund vernehmen. Er war rasch einmal hinausgegangen und wieder zur�ckgekommen, ohne da� es den anderen aufgefallen war; eine schwache R�te des Vergn�gens f�rbte seine schmalen Wangen. �Strupps Worte haben eine Erinnerung in mir wachgerufen. Ich hatte das Gef�hl, ich bes��e einige der Klosterb�cher des Skendi-Ordens, aus dem Brand des Klosters in den Frostmark-Kriegen gerettet. Hier ist das Wirtschaftsbuch des Jahres 1131 nach der Gr�ndung. Schaut her, es erw�hnt die Ausstattung von Colmunds Schar.� Er reichte es stolz Josua, der es ins Licht des Feuers hielt.</p><p>�Getrocknetes Fleisch und Obst�, las Josua, m�hsam die verbla�ten Worte entziffernd. �Wollm�ntel, zwei Pferde�� Er blickte auf. �Hier ist die Rede von einer Gruppe von �einem Dutzend und einem� � dreizehn.� Er gab das Buch an Binabik weiter, der es an sich nahm und sich gemeinsam mit Jarnauga vor dem Feuer hinein vertiefte.</p><p>�Danach m�ssen sie irgendwie Pech gehabt haben�, meinte Strupp und f�llte sich den Humpen neu. �Denn nach der Geschichte, die ich geh�rt habe, ist er mit �ber zwei Dutzend seiner besten, ausgesuchten M�nner aufgebrochen.�</p><p>�Und was n�tzt uns das nun alles?� meldete sich Herzog Isgrimnur zu Wort. �Wenn das Schwert verlorengegangen ist, dann ist es weg, und wir m�ssen eben aus unserer Verteidigung hier das Beste machen.�</p><p>�Herzog Isgrimnur�, erwiderte Binabik, �vielleicht versteht Ihr nicht: Es gibt keine Wahl f�r uns. Wenn tats�chlich der Sturmk�nig unser gr��erer Feind ist � und darin, denke ich, sind wir alle derselben Meinung �, dann ist es das einzige an Hoffnung, scheint mir, das wir besitzen, da� wir die drei Schwerter erlangen. Zwei davon sind uns derzeit verwehrt. Bleibt Dorn, und wir m�ssen es finden � sofern das m�glich ist.�</p><p>�Belehrt mich nicht, kleiner Mann�, knurrte Isgrimnur und musterte den Troll mit scharfem Blick. <emphasis>Schlau genug ist er bestimmt,</emphasis> dachte der Rimmersmann, <emphasis>obwohl ich ihm oder seinesgleichen nicht recht trauen mag. Und welche Macht hat er �ber den Jungen? Ich wei� auch da nicht, ob mir das gefallen soll, obwohl ich glaube, da� das, was sie uns erz�hlt haben, so ziemlich die Wahrheit ist.</emphasis></p><p>Mit einer m�den Handbewegung kam Josua einem Streit der beiden zuvor.</p><p>�Schweigt jetzt�, sagte der Prinz. �Ich bitte Euch, la�t mich nachdenken. Mir fiebert der Kopf von soviel Wahnsinn auf einmal. Ich brauche ein kleines Weilchen Ruhe.�</p><p>Strangyeard, Jarnauga und Binabik vertieften sich erneut in das Rechnungsbuch des Klosters und in Morgenes' Handschrift, wobei sie sich im Fl�sterton unterhielten. Strupp trank seinen Wein aus, und Isgrimnur hockte neben ihm, nahm ab und zu einen Schluck und br�tete vor sich hin. Josua sa� da und starrte ins Feuer. Das m�de Gesicht des Prinzen wirkte wie �ber Knochen gespanntes Pergament; der Herzog ertrug den Anblick nur schwer.</p><p><emphasis>Sein Vater sah in den letzten Tagen vor seinem Tode auch nicht schlimmer aus,</emphasis> sann Isgrimnur. <emphasis>Hat Johans Sohn Kraft genug, uns durch eine Belagerung zu bringen, wie sie uns wohl bald bevorsteht? Hat er auch nur die Kraft, selber am Leben zu bleiben? Immer ist er ein Gr�bler gewesen, ein Sorger � auch wenn er, um ihm Gerechtigkeit zu erweisen, mit Schwert und Schild kein Weichling ist.</emphasis> Spontan stand er auf, stapfte zu dem Prinzen hin�ber und legte Josua die B�rentatze auf die Schulter.</p><p>Der Prinz blickte auf. �K�nnt Ihr einen guten Mann f�r mich entbehren, alter Freund?� fragte er dann. �Habt Ihr einen, der den Nordosten des Landes kennt?�</p><p>Isgrimnur machte ein nachdenkliches Gesicht. �Ich habe zwei oder drei. Allerdings d�rfte Frekke f�r eine Reise wie die, an die Ihr denken werdet, zu alt sein. Einskaldir wird nicht von meiner Seite weichen, solange ich ihn nicht an der Spitze meines Speeres aus Naglimund vertreibe. Au�erdem denke ich, da� wir seine Wildheit hier brauchen werden, wenn der Kampf hei� und blutig wird. Er ist so grimmig und verbissen wie ein Dachs und am besten, wenn man ihn in die Enge treibt.� Der Herzog �berlegte. �Die anderen � ich denke, ich werde Euch Sludig geben. Er ist jung und kr�ftig, aber auch klug. Ja, Sludig ist Euer Mann.�</p><p>�Gut.� Josua nickte langsam mit dem Kopf. �Ich habe drei oder vier, die ich aussenden will; und ein kleiner Trupp ist sicher besser als ein gro�er.�</p><p>�Und wozu genau?� Isgrimnur sah sich im Raum um, betrachtete die solide Kargheit der Einrichtung und fragte sich wieder, ob sie nicht Trugbildern nachjagten, das winterliche Wetter nicht vielleicht ihr Urteilsverm�gen hatte einfrieren lassen.</p><p>�Um nach Camaris' Schwert zu suchen, Onkel B�renhaut�, erkl�rte der Prinz mit dem Gespenst eines L�chelns. �Zweifelsohne ist es Wahnsinn, denn wir k�nnen auf nichts Besseres zur�ckgreifen als alte Geschichten und ein paar verbla�te Worte in alten B�chern, aber es ist eine M�glichkeit, die ungepr�ft zu lassen wir uns nicht leisten k�nnen. Wir haben sturmgepeitschten Winter im Sommermonat Yuven. Daran kann kein Zweifel etwas �ndern.� Mit gedankenvoll gekr�useltem Mund sah er sich im Zimmer um.</p><p>�Binabik von Yiqanuc!� rief er dann endlich, und der Troll sprang auf. �Wollt Ihr eine Schar auf die F�hrte <emphasis>Dorns</emphasis> f�hren? Ihr kennt das n�rdliche Gebirge besser als jeder andere hier, wenn man vielleicht einmal von Jarnauga absieht, von dem ich hoffe, da� er Euch begleiten wird.�</p><p>�Ich w�rde voller Ehre sein, Prinz�, antwortete Binabik und lie� sich auf ein Knie nieder. Sogar Isgrimnur mu�te grinsen.</p><p>�Auch mir w�re es ehrenvoll, Prinz Josua�, sagte Jarnauga und stand auf, �aber ich f�rchte, es soll nicht sein. Hier in Naglimund kann ich Euch am besten dienen. Meine Beine sind alt, aber meine Augen noch scharf. Ich werde Strangyeard in den Archiven helfen, denn es gibt noch viele Fragen zu beantworten und noch viele R�tsel in der Geschichte des Sturmk�nigs und dem Verbleib von Fingils Schwert <emphasis>Minneyar</emphasis> zu l�sen. Vielleicht finde ich auch noch andere Wege, wie ich Euch helfen kann.�</p><p>�Hoheit�, fragte Binabik, �wenn noch ein Platz leer ist, wollt Ihr mir erlauben, den Jungen Simon mitzunehmen? Morgenes hat � es war sein letzter Wunsch � darum gebeten, da� mein Meister �ber den Jungen wachen sollte. Nach Ookequks Tod bin ich nun Meister und m�chte mich dieser Pflicht nicht entziehen.�</p><p>Josuas Blick war skeptisch. �Ihr wollt �ber ihn wachen, indem Ihr ihn auf eine wahnwitzige Expedition in den unerforschten Norden mitnehmt?�</p><p>Binabik zog eine Braue hoch. �Unerforscht von gro�en Leuten � vielleicht. F�r mein Qanuc-Volk ist es wie der eigene Dorfanger. Und w�re es sicherer, ihn in einer Burg zur�ckzulassen, die sich zum Krieg mit dem Hochk�nig r�stet?�</p><p>Der Prinz f�hrte die langen Finger ans Gesicht, als schmerze ihn der Kopf. �Vermutlich habt Ihr recht. Wenn dieser schmale Streifen Hoffnung sich als nichtig erweist, wird es f�r niemanden, der auf der Seite des Herrn von Naglimund gestanden hat, mehr einen sicheren Ort geben. Wenn der Junge willig ist, k�nnt Ihr ihn mitnehmen.� Er nahm Binabik bei der Schulter. �Ausgezeichnet, kleiner Mann � klein, aber tapfer. Geht nun zur�ck an Eure B�cher. Morgen fr�h werde ich Euch drei wackere Erkynl�nder und Isgrimnurs Mann Sludig schicken.�</p><p>�Meinen Dank, Prinz Josua�, nickte Binabik. �Aber ich meine, da� wir lieber morgen abend aufbrechen sollten. Wir werden eine kleine Schar sein, und unsere beste Hoffnung liegt darin, keine b�se Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.�</p><p>�So sei es�, antwortete Josua, erhob sich und hob wie segnend die Hand. �Wer wei� schon, ob dies ein sinnloses Unterfangen oder unser aller Rettung ist? Mit Trompetenschall und Jubelrufen solltet Ihr ausziehen; statt dessen mu� die Ehre der Notwendigkeit weichen und Heimlichkeit das Losungswort sein. Ihr sollt wissen, da� unsere Gedanken bei Euch sind.�</p><p>Isgrimnur stand z�gernd daneben, b�ckte sich dann pl�tzlich und ergriff Binabiks kleine Hand. �Verdammt seltsam ist das alles�, brummte er, �aber Gott sei mit Euch. Wenn Sludig aufs�ssig wird, seht es ihm nach. Er ist von feurigem Gem�t, aber sein Herz ist gut und seine Treue fest.�</p><p>�Habt Dank, Herzog�, erwiderte der Troll ernsthaft. �M�ge Euer Gott uns wirklich segnen. Wir reisen ins Unbekannte.�</p><p>�Wie alle Sterblichen es tun�, f�gte der Prinz hinzu. �Fr�her oder sp�ter.�</p><empty-line/><p>�Was! Du hast dem Prinzen und allen anderen gesagt, ich w�rde <emphasis>wohin</emphasis> mitkommen?� Simon ballte vor Wut die F�uste. �Was f�r ein Recht hattest du dazu?�</p><p>�Simon-Freund�, versetzte Binabik gelassen, �niemand befiehlt dir zu gehen. Ich habe nur von Josua die Erlaubnis erbeten, dich an unserer Suche teilnehmen zu lassen, und sie wurde mir gew�hrt. Die Entscheidung liegt bei dir.�</p><p>�Bei Usires verdammtem <emphasis>Baum</emphasis>! Was bleibt mir denn noch �brig? Wenn ich nein sage, h�lt mich jeder f�r einen Feigling!�</p><p>�Simon.� Der kleine Mann setzte eine geduldige Miene auf. �Erstens: Versuche nicht an mir deine neugelernten Soldatenfl�che. Wir Qanuc sind ein h�fliches Volk. Zweitens: Es tut nicht gut, sich �ber anderer Leute Meinungen solche Sorgen zu machen. Abgesehen davon wird Naglimund bestimmt kein guter Ort f�r Feiglinge sein.�</p><p>Simon zischte eine gro�e, frostige Atemwolke hervor und umarmte sich selbst. Er starrte zum tr�ben Himmel hinauf nach dem stumpfen, verschwommenen Sonnenfleck, der sich hinter den Wolken verbarg. <emphasis>Warum entscheiden immer andere f�r mich, ohne mich vorher zu fragen? Bin ich ein Kind?</emphasis></p><p>Eine Weile stand er so da, mit nicht allein von der K�lte ger�tetem Gesicht, bis Binabik eine kleine, liebreiche Hand nach ihm ausstreckte.</p><p>�Mein Freund, ich bin sorgenvoll, da� dieses nicht die Ehre f�r dich war, die ich erhofft hatte � eine Ehre der schrecklichen, allzu schrecklichen Gefahr nat�rlich, aber doch eine Ehre. Ich habe erkl�rt, welche Bedeutung wir dieser Suche beimessen, wie das Schicksal Naglimunds und des ganzen Nordens von ihrem Erfolg abh�ngt. Und selbstverst�ndlich auch, da� wir vielleicht alle ohne Sang und Klang in der wei�en �de des Nordens untergehen k�nnen.� Er klopfte feierlich Simons Handkn�chel und griff dann in die Tasche seiner pelzgef�tterten Jacke. �Hier�, sagte er und legte etwas Hartes und Kaltes in Simons Finger.</p><p>F�r einen Augenblick abgelenkt, �ffnete der Junge die Hand und schaute. Es war ein Ring, ein glatter, d�nner Reif aus goldenem Metall. Ein einfaches Zeichen war darauf eingraviert: ein l�ngliches Oval mit einem spitzen Dreieck an einem Ende.</p><p>�Das Fischsymbol des Bundes der Schriftrolle�, erkl�rte Binabik. �Morgenes band es an das Bein des Sperlings, zusammen mit der Nachricht, von der ich dir schon erz�hlt habe. Am Schlu� der Botschaft stand, da� es f�r dich sein sollte.�</p><p>Simon hielt den Ring in die H�he und versuchte, einen Strahl des tr�ben Sonnenlichtes damit einzufangen. �Ich habe ihn nie an Morgenes gesehen�, meinte er schlie�lich, ein wenig �berrascht, da� der Ring keine Erinnerungen in ihm weckte. �Haben die Angeh�rigen des Bundes alle einen? Und wie k�nnte ich w�rdig sein, ihn zu tragen? Ich kann gerade lesen, und meine Rechtschreibung ist alles andere als gut.�</p><p>Binabik l�chelte. �Mein Meister hatte keinen solchen Ring, oder zumindest habe ihn nie damit gesehen. Und was das andere betrifft: Morgenes wollte, da� du ihn tragen solltest, und das, davon habe ich �berzeugung, ist Erlaubnis genug.�</p><p>�Binabik�, bemerkte Simon mit zusammengekniffenen Augen, �es steht etwas darin geschrieben.� Er hielt dem Troll den Ring hin. �Ich kann es nicht lesen.�</p><p>Der Troll machte schmale Pupillen. �Es ist Schrift in einer Sithisprache�, meinte er und drehte den Ring, um auf der Innenseite zu lesen, �schwer zu entziffern, weil sie sehr klein und in einem Stil abgefa�t ist, den ich nicht kenne.� Er studierte einen Augenblick l�nger.</p><p>��Drache�, dieses Zeichen hei�t Drache�, las er dann doch. �Und das hier, glaube ich, �Tod�� �Tod und Drache?�� �Tod des Drachen�?� Er sah zu Simon auf, grinste und zuckte die Achseln. �Ich habe keine Ahnung, was es bedeuten k�nnte. Mein Wissen reicht nicht tief genug. Irgendein Einfall unseres Doktors, k�nnte ich mir vorstellen � oder vielleicht ein Familienwahlspruch. Vielleicht kann Jarnauga es lesen.�</p><p>Der Ring glitt so bequem auf den dritten Finger von Simons rechter Hand, als sei er f�r ihn gemacht. Morgenes war doch so klein gewesen! Wie hatte er ihn tragen k�nnen?</p><p>�Glaubst du, da� es ein <emphasis>Zauberring</emphasis> ist?� fragte Simon unvermittelt und kniff wieder die Augen zusammen, als k�nne er auf diese Art Zauberspr�che entdecken, die den goldenen Reif umschw�rmten wie winzige Bienen.</p><p>�Wenn ja�, antwortete Binabik halb sp�ttisch, halb d�ster, �dann hat Morgenes keine Zauberlehre mitgeschickt, die seinen Gebrauch erl�utert.� Er sch�ttelte den Kopf. �Ich halte es nicht f�r eine Wahrscheinlichkeit. Ein Andenken von einem Mann, der dich gern gehabt hat.�</p><p>�Und warum gibst du ihn mir gerade jetzt?� fragte Simon, der einen gewissen schmerzlichen Druck hinter den Augen sp�rte, dem er sich entschlossen zu widersetzen gedachte.</p><p>�Weil ich morgen abend nach dem Norden aufbrechen mu�. Wenn du dich entscheidest hierzubleiben, werden wir vielleicht keine Gelegenheit haben, uns noch einmal zu sehen.�</p><p>�Binabik!� Der Druck wurde st�rker. Simon f�hlte sich wie ein kleines Kind, das zwischen �lteren Leuten, die es tyrannisieren wollen, hin und her gesto�en wird.</p><p>�Die Wahrheit ist es nur.� Das runde Gesicht des Trolls war jetzt ganz ernst. Er hob die Hand, um weiteren Einwendungen und Fragen zuvorzukommen. �Du mu�t dich nun entschlie�en, mein guter Freund. Ich gehe in das Schnee- und Eisland, mit einem Vorhaben, das vielleicht nur Torheit ist und das Leben der Toren fordern kann, die es ausf�hren. Die Zur�ckbleibenden werden dem Zorn eines k�niglichen Heeres gegen�berstehen. Ein �bles W�hlen, f�rchte ich.� Binabik nickte feierlich mit dem Kopf. �Aber, Simon, was immer du auch beschlie�t, ob du mit nach dem Norden gehst oder hierbleibst, um f�r Naglimund � und die Prinzessin � zu k�mpfen, wir beide bleiben die besten Kameraden.�</p><p>Er stellte sich auf die Zehen, um Simon einen Klaps auf den Oberarm zu geben, drehte sich dann um und ging �ber den Hof, hin�ber zu den Archiven.</p><empty-line/><p>Simon fand sie allein. Sie stand da und warf Kiesel in den Schlo�brunnen. Gegen die K�lte trug sie einen schweren Reisemantel mit Kapuze.</p><p>�Seid gegr��t, Prinzessin�, sagte er. Sie blickte mit traurigem L�cheln auf. Aus irgendeinem Grund wirkte sie heute viel �lter, fast wie eine erwachsene Frau.</p><p>�Willkommen, Simon.� Ihr Atem legte einen Nebelschleier um ihren Kopf.</p><p>Er wollte zum Gru� das Knie beugen, aber sie sah ihn gar nicht mehr an. Wieder klapperte ein Stein in den Brunnen. Er �berlegte, ob er sich hinsetzen sollte, was ihm eigentlich nat�rlich vorkam; aber der einzige Platz dazu war der Brunnenrand, auf dem er entweder unbehaglich nahe bei der Prinzessin sein oder von ihr weg in die andere Richtung schauen mu�te. Simon entschied sich daher f�rs Stehenbleiben.</p><p>�Und wie ist es Euch ergangen?� erkundigte er sich endlich. Sie seufzte.</p><p>�Mein Onkel behandelt mich, als sei ich aus Eierschalen und Spinnweben � als w�rde ich zerbrechen, wenn ich etwas in die Hand n�hme oder jemand mich versehentlich anrempelte.�</p><p>�Bestimmt � bestimmt macht er sich nur Sorgen um Eure Sicherheit, nach der gef�hrlichen Reise, die Ihr gemacht habt, um hierherzukommen.�</p><p>�Der gef�hrlichen Reise, die <emphasis>wir</emphasis> gemacht haben � aber niemand l�uft st�ndig hinter <emphasis>dir</emphasis> her, um sicherzugehen, da� du dir nicht das Knie aufsch�rfst. Dir bringen sie sogar bei, wie man mit dem Schwert k�mpft.�</p><p>�Mar �, Prinzessin!� Simon war einigerma�en schockiert. �Ihr wollt doch wohl nicht mit Schwertern k�mpfen?� Sie sah zu ihm auf, und ihre Augen trafen sich. Sekundenlang brannte ihr Blick vor unerkl�rlicher Sehnsucht so hei� wie die Mittagssonne; gleich darauflie� sie ihn m�de sinken.</p><p>�Nein�, antwortete sie. �Vermutlich nicht. Aber ach, ich m�chte so gern <emphasis>irgend etwas</emphasis> tun!�</p><p>�berrascht h�rte er den echten Schmerz in ihrer Stimme, und ihm fiel wieder ein, wie sie bei der Flucht �ber die <emphasis>Steige</emphasis> gewesen war, klaglos und stark, eine Gef�hrtin, wie man sie sich nicht besser w�nschen konnte.</p><p>�Was � w�rdet Ihr gern tun?�</p><p>Sie blickte von neuem auf, erfreut dar�ber, da� er so ernsthaft fragte. �Nun ja�, begann sie, �es ist kein Geheimnis, da� Josua Schwierigkeiten hat, Devasalles davon zu �berzeugen, da� sein Herr, Herzog Leobardis, uns gegen meinen Vater unterst�tzen sollte. Josua k�nnte mich nach Nabban schicken!�</p><p>�<emphasis>Euch �</emphasis> nach Nabban schicken?�</p><p>�Nat�rlich, du Dummkopf.� Sie runzelte die Stirn. �Ich entstamme m�tterlicherseits dem Haus Ingadarin, einer sehr edlen Nabbanai-Familie. Meine Tante ist mit Leobardis verheiratet. Wer w�re besser geeignet, den Herzog zu �berzeugen?� Um ihre Worte zu unterstreichen, klatschte sie in die behandschuhten H�nde.</p><p>�Oh�� Simon wu�te nicht, was er sagen sollte. �Vielleicht findet Josua, da� es � da� es � ich wei� nicht.� Er dachte nach. �Ich meine, sollte ausgerechnet die Tochter des Hochk�nigs diejenige sein, die � B�ndnisse gegen ihn abschlie�t?�</p><p>�Und wer kennt das Herz des Hochk�nigs <emphasis>besser?</emphasis>�</p><p>Jetzt war sie zornig.</p><p>�Und was�� Er z�gerte, aber die Neugier trug den Sieg davon. �� was empfindet Ihr f�r Euren Vater?�</p><p>�Ob ich ihn hasse, meinst du?� Ihr Ton war bitter. �Ich hasse das, was aus ihm geworden ist. Ich hasse das, wozu die M�nner seiner Umgebung ihn gebracht haben. Wenn er wieder in seinem Herzen G�te finden und seine Irrt�mer einsehen w�rde � dann w�rde ich ihn auch wieder lieben.�</p><p>Eine ganze Prozession von Steinen versank im Brunnen. Simon stand betreten daneben.</p><p>�Entschuldige, Simon�, meinte sie nach einer Weile. �Ich kann gar nicht mehr richtig mit Menschen reden. Meine alte Kinderfrau w�re entsetzt, was ich alles vergessen habe, als ich mich im Wald herumtrieb. Wie geht es dir, und was hast du die ganze Zeit getan?�</p><p>�Binabik hat mich aufgefordert, ihn auf einer Mission f�r Josua zu begleiten�, erkl�rte er und brachte das Thema �bergangsloser zur Sprache, als er eigentlich vorgehabt hatte. �In den <emphasis>Norden�,</emphasis> f�gte er bedeutungsvoll hinzu.</p><p>Anstatt, wie er erwartet h�tte, einen Ausdruck von Sorge und Furcht anzunehmen, schien das Gesicht der Prinzessin pl�tzlich von innen zu strahlen; obwohl sie ihn anl�chelte, schien sie ihn gar nicht richtig zu sehen. �Ach, Simon�, sagte sie, �wie tapfer. Wie gro�artig. Kannst du � wann reist ihr ab?�</p><p>�Morgen abend�, antwortete er und war sich unklar bewu�t, da� durch irgendeinen geheimnisvollen Vorgang aus <emphasis>aufgefordert mitzukommen</emphasis> auf einmal <emphasis>mitgehen wollen</emphasis> geworden war. �Aber ich habe mich noch nicht entschlossen�, beharrte er schw�chlich. �Ich dachte, vielleicht braucht man mich in Naglimund n�tiger � um auf den Mauern den Speer zu f�hren.� Das letzte hatte er nur f�r den Fall hinzugef�gt, da� sie vielleicht denken k�nnte, er wolle zur�ckbleiben, um in der K�che zu arbeiten oder sonst etwas in dieser Richtung.</p><p>�Oh, aber Simon�, sagte Miriamel und griff pl�tzlich nach seiner kalten Hand, um sie mit ihren lederumh�llten Fingern zu umschlie�en. �Wenn mein Onkel dich braucht, dann mu�t du gehen! Nach allem, was ich geh�rt habe, bleibt uns so wenig Hoffnung.�</p><p>Sie griff an ihren Hals und l�ste rasch den himmelblauen Schal, den sie trug, einen schmalen, durchschimmernden Stoffstreifen, und reichte ihn Simon. �Nimm das und trag es f�r mich�, bat sie. Simon f�hlte, wie ihm tosend das Blut in die Wangen scho�. M�hsam k�mpfte er dagegen an, da� sich seine Lippen zu seinem erschreckten Mondkalbgrinsen verzogen.</p><p>�Habt Dank � Prinzessin��, brachte er endlich heraus.</p><p>�Wenn du es tr�gst�, sagte sie und streckte sich, �wird es beinahe so sein, als w�re ich selber dort.� Sie machte einen komischen kleinen Tanzschritt und lachte.</p><p>Simon versuchte erfolglos zu begreifen, was da eigentlich gerade geschehen war und wie es so schnell geschehen konnte. �So wird es sein, Prinzessin�, sagte er. �Als ob Ihr da w�rt.�</p><p>Etwas in der Art, wie er es sagte, lie� ihre j�he Anwandlung umkippen; ihre Miene wurde n�chtern, sogar traurig. Wieder l�chelte sie, ein langsameres, tr�beres L�cheln. Dann machte sie einen schnellen Schritt auf Simon zu, der dar�ber so erschrak, da� er um ein Haar die Hand gehoben und sie abgewehrt h�tte. Mit k�hlen Lippen streifte sie seine Wange.</p><p>�Ich wei�, da� du tapfer sein wirst, Simon. Komm heil zur�ck. Ich werde f�r dich beten.�</p><p>Gleich darauf war sie fort, �ber den Hof davongerannt wie ein kleines M�dchen, der dunkle Umhang wirbelte wie Rauch hinter ihr, als sie im d�mmrigen Torbogen verschwand.</p><p>Simon stand da und hielt ihren Schal fest. Er dachte an ihn und an ihr L�cheln, als sie seine Wange k��te, und er f�hlte, wie in seinem Inneren eine Flamme zu gl�hen begann. Auf eine Weise, die er nicht v�llig begriff, schien es, als sei gegen die grenzenlose graue K�lte, die vom Norden her drohte, eine einsame Fackel entz�ndet. Nur ein einziger heller Lichtpunkt in einem furchtbaren Sturm � aber selbst ein einziges Feuer konnte einen Wanderer sicher nach Hause f�hren.</p><p>Er rollte das weiche Tuch zu einem Kn�uel zusammen und steckte es in sein Hemd.</p><empty-line/><p>�Ich freue mich, da� Ihr so schnell gekommen seid�, sagte die Herrin Vara. Das Glitzern ihres gelben Kleides schien sich in ihren schwarzen Augen zu spiegeln.</p><p>�Die Herrin erweist mir Ehre�, erwiderte der M�nch und lie� den Blick durch den Raum schweifen.</p><p>Vara lachte rauh. �Ihr seid der einzige, der es als Ehre betrachtet, mich aufzusuchen. Doch das ist gleich. Ihr versteht, was Ihr zu tun habt?�</p><p>�Ich bin sicher, da� ich es richtig verstanden habe. Die Angelegenheit ist schwierig zu erledigen, doch leicht zu begreifen.� Er neigte das Haupt.</p><p>�Gut. Dann s�umt nicht, denn je l�nger Ihr wartet, desto geringer ist die Aussicht auf Erfolg. Au�erdem w�chst die M�glichkeit, da� es Gerede gibt.� Sie wirbelte herum und ging seidenrauschend nach dem Hinterzimmer.</p><p>�Ach � Herrin?� Der Mann hauchte seine Finger an. In den Gem�chern des Prinzen war es kalt, das Feuer nicht entz�ndet. �Da w�re noch die � Bezahlung?�</p><p>�Ich dachte, Ihr t�tet es, um mich zu ehren?� rief Vara aus dem darunterliegenden Raum.</p><p>�Gewi�, Herrin, aber ich bin nur ein armer Mann. Was Ihr verlangt, erfordert Mittel.� Wieder blies er auf seine Finger und versteckte dann die H�nde tief in seiner Kutte.</p><p>Sie kam mit einer B�rse aus schimmerndem Stoff zur�ck. �Das wei� ich. Hier. Es ist Gold, wie versprochen � die H�lfte jetzt, die andere H�lfte, sobald mir der Beweis vorliegt, da� Ihr Eure Aufgabe erf�llt habt.� Sie reichte ihm die B�rse und trat zur�ck. �Pfui, Ihr stinkt nach Wein! Seid Ihr diese Sorte Mann � Ihr, dem man eine so schwerwiegende Aufgabe anvertraut hat?�</p><p>�Es ist nur der Abendmahlswein, Herrin. Manchmal ist er auf meinem schweren Weg das einzige, was ich zu trinken habe. Das m��t Ihr verstehen.� Er schenkte ihr ein sch�chternes L�cheln und schlug das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> �ber dem Gold, bevor er es in der Tasche seiner Kutte verstaute. �Wir alle tun, was wir m�ssen, um Gottes Willen zu dienen.�</p><p>Vara nickte langsam. �Das ist einzusehen. La�t mich nicht im Stich! Ihr dient einem gro�en Ziel, und nicht allein um meinetwillen.�</p><p>�Ich verstehe, Herrin.� Er verbeugte sich, drehte sich dann um und ging. Vara stand da und starrte auf die �ber den Tisch des Prinzen verstreuten Pergamente. Sie atmete tief aus. Es war getan.</p><empty-line/><p>Die D�mmerung des auf sein Gespr�ch mit der Prinzessin folgenden Tages fand Simon in Prinz Josuas Gem�chern. Er war im Begriff, sich zu verabschieden. In einer Art Benommenheit, als sei er gerade eben erst aufgewacht, stand er da und lauschte den letzten Worten des Prinzen an Binabik. Der Junge und der Troll hatten den ganzen Tag damit verbracht, ihre Ausr�stung vorzubereiten. F�r Simon waren ein neuer, pelzgef�tterter Mantel und ein Helm besorgt worden, dazu ein leichtes Kettenhemd, das er unter den Oberkleidern tragen sollte. Die Schicht aus d�nnen kleinen Ringen, hatte ihm Haestan erkl�rt, w�rde ihn zwar nicht vor einem gezielten Schwerthieb oder einem Pfeil ins Herz sch�tzen, ihm aber bei weniger t�dlichen Angriffen trefflich zu statten kommen.</p><p>Simon fand ihr Gewicht beruhigend, aber Haestan warnte ihn, da� er am Ende einer langen Tagesreise vielleicht nicht mehr so begeistert davon sein w�rde.</p><p>�Soldat schleppt viele Lasten, Junge�, sagte der gro�e Mann zu ihm, �und manchmal ist die schwerste davon, am Leben zu bleiben.� Haestan war einer der Erkynl�nder gewesen, die vortraten, als die Hauptleute Freiwillige aufriefen. Wie seine beiden Kameraden, Ethelbearn, ein narbiger Veteran mit buschigem Schnurrbart, der beinahe ebenso gro� wie Haestan war, und Grimmric, ein schlanker Falke von einem Mann mit schlechten Z�hnen und wachsamem Blick, hatte er sich nun schon so lange f�r eine Belagerung ger�stet, da� er jede Form von Bet�tigung begr��te, selbst etwas so Gef�hrliches und Geheimnisvolles, wie es dieses Unternehmen zu sein schien. Als Haestan h�rte, da� Simon auch mitkommen sollte, wurde sein Wunsch, dabei zu sein, noch hartn�ckiger.</p><p>�Jungen wie den loszuschicken ist Wahnsinn�, knurrte er, �vor allem, wenn er doch noch gar nicht gelernt hat, sein Schwert zu schwingen oder den Pfeil zu schie�en. Geh ich lieber mit und zeig ihm noch was.�</p><p>Auch Herzog Isgrimnurs Gefolgsmann Sludig hatte sich eingefunden, ein junger Rimmersmann, wie die Erkynl�nder mit Pelzen und Kegelhelm ausgestattet. Statt der Langschwerter, die die beiden anderen trugen, hatte sich der blondb�rtige Sludig zwei Handbeile mit vielfach schartigen Klingen in den G�rtel gesteckt. Er grinste Simon, dem er die Frage an den Augen ablas, vergn�gt an.</p><p>�Manchmal bleibt eins im Sch�del oder Brustkorb stecken�, erl�uterte er. Der Rimmersmann sprach die Westerlingsprache gel�ufig und mit fast ebenso geringem Akzent wie sein Herzog. �Es ist sch�n, wenn man dann noch ein anderes Beil zur Hand hat, bis man das erste herausgezogen hat.�</p><p>Simon nickte und versuchte zur�ckzul�cheln.</p><p>�Sch�n, dich wiederzusehen, Simon.� Sludig streckte ihm die schwielige Hand entgegen.</p><p>�Wieder?�</p><p>�Wir sind uns schon einmal begegnet, bei Hoderunds Abtei.� Sludig lachte. �Allerdings hast du damals die Reise quer �ber Einskaldirs Sattel gemacht, mit dem Arsch nach oben. Ich hoffe, da� du auch anders reiten kannst.�</p><p>Simon err�tete, sch�ttelte dem Nordmann die Hand und wandte sich ab.</p><p>�Wir haben nur wenig entdeckt, das euch unterwegs helfen k�nnte�, erkl�rte Jarnauga Binabik bedauernd. �Die skendianischen M�nche haben au�er dem gesch�ftlichen Vorgang der Ausr�stung kaum etwas �ber Colmunds Expedition vermerkt. Wahrscheinlich hielten sie ihn f�r einen Verr�ckten.�</p><p>�Womit sie h�chstwahrscheinlich recht hatten�, entgegnete der Troll, und es klang nicht nach einem Scherz. Er war damit besch�ftigt, das Knochengriffmesser zu polieren, das er sich als Ersatz f�r das fehlende St�ck seines Stabes geschnitzt hatte.</p><p>�Aber eines haben wir doch gefunden�, sagte jetzt Strangyeard. Das Haar des Priesters stand ihm in wilden B�scheln vom Kopf ab, und seine Augenklappe war ein wenig verrutscht, als sei er unmittelbar von einer �ber seinen B�chern verbrachten Nacht gekommen � was der Wahrheit entsprach. �Der Buchhalter der Abtei schrieb: �Der Baron wei� nicht, wie lange die Reise zum <emphasis>Reimerbaum</emphasis> dauern wird�.�</p><p>�Ich kenne das Wort nicht�, erkl�rte Jarnauga, �wahrscheinlich wird es etwas sein, das der M�nch falsch verstanden oder aus drittem Munde geh�rt hat � aber immerhin ist es ein Name. M�glicherweise werdet ihr daraus klug, wenn ihr erst den Berg Urmsheim erreicht habt.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Josua nachdenklich, �ist es eine Stadt, die am Wege liegt, oder ein Dorf am Fu� des Berges.�</p><p>�Mag sein�, erwiderte Binabik skeptisch, �aber nach allem, was ich von dieser Gegend wei�, liegt zwischen den Ruinen des Skendiklosters und dem Gebirge nichts mehr � es gibt dort nur Eis, B�ume und nat�rlich Felsen. Von <emphasis>diesen</emphasis> Dingen freilich gibt es eine gro�e Menge.�</p><p>W�hrend sie endg�ltig Abschied nahmen, h�rte Simon aus dem hinteren Raum Sangfugols Stimme her�berklingen; der Harfner sang f�r die Herrin Vara.</p><poem><stanza><v>Und soll hinaus ich wandern</v><v>in Wintereis und Schnee?</v><v>Oder nach Hause kehren?</v><v>Befiehl � ich komm und geh�</v></stanza></poem><p>Simon nahm seinen K�cher und untersuchte ihn zum dritten oder vierten Mal, um sich zu vergewissern, da� der Wei�e Pfeil noch darin steckte. Verwirrt, wie in einem tiefen, haftenden Traum gefangen, begriff er langsam, da� er dabei war, zu einer neuen Reise aufzubrechen � und wieder nicht recht wu�te, warum. Seine Zeit in Naglimund war so kurz gewesen. Nun war sie schon vorbei, zumindest f�r eine lange Weile. Als seine Hand den blauen, lose um seinen Hals geschlungenen Schal ber�hrte, wurde ihm klar, da� er von den anderen hier im Zimmer vielleicht keinen wiedersehen w�rde, vielleicht niemanden in Naglimund � Sangfugol, den alten Strupp, Miriamel. Sekundenlang war ihm, als bliebe ihm das Herz stehen, als stottere sein Schlag wie ein Trunkener, und er wollte schon die Hand ausstrecken, um sich irgendwo festzuhalten, als sich eine starke Faust um seinen Ellenbogen schlo�.</p><p>�Schon gut, Junge.� Es war Haestan. �Schlimm genug, da� du von Schwert und Bogen nichts verstehst, jetzt setzen wir dich auch noch aufs Pferd.�</p><p>�Aufs Pferd?� fragte Simon. �Das gef�llt mir.�</p><p>�Wird es nicht�, versetzte Haestan grinsend. �Ein, zwei Monate erstmal nicht.�</p><p>Josua sagte jedem noch ein paar Worte, dann gab es ein warmes, feierliches H�ndesch�tteln ringsum. Wenig sp�ter standen sie auf dem dunklen, kalten Hof, wo Qantaqa und sieben stampfende, dampfende Pferde auf sie warteten, f�nf zum Reiten und ein Paar, um die schweren Gep�ckst�cke zu tragen. Falls ein Mond am Himmel stand, hatte er sich in der Wolkendecke versteckt wie eine schlafende Katze.</p><p>�Gut ist es, da� wir diese Dunkelheit haben�, sagte Binabik und schwang sich in den neuen Sattel auf Qantaqas grauem R�cken. Die M�nner, die das Reittier des Trolls zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, tauschten verwunderte Blicke, als Binabik mit der Zunge schnalzte und die W�lfin sich an die Spitze des kleinen Trupps setzte. Eine Gruppe Soldaten zog leise das ge�lte Fallgatter in die H�he, dann waren sie drau�en unter dem weiten Himmel. Um sie her dehnte sich das Feld der Schattenn�gel, und sie ritten auf die vor ihnen aufragenden Berge zu.</p><p>�Lebt wohl, ihr alle�, sagte Simon still. Dann schlugen sie den nach oben f�hrenden Pfad ein.</p><p>Hoch oben auf der <emphasis>Steige,</emphasis> auf dem Kamm des Berges �ber Naglimund, beobachtete sie eine schwarze Gestalt.</p><p>Selbst mit seinen scharfen Augen konnte Ingen Jegger in der mondlosen D�sternis nur erkennen, da� jemand die Burg durch das �stliche Tor verlassen hatte. Allerdings war das mehr als ausreichend, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.</p><p>Er stand da, rieb sich die H�nde und erwog, einen seiner M�nner zu rufen, um mit ihm nach unten zu steigen und sich die Sache genauer anzuschauen. Aber dann hob er die Faust an den Mund und ahmte den Ruf der Schnee-Eule nach. Sofort tauchte aus dem Unterholz ein riesenhaftes Gesch�pf auf und sprang zu ihm auf die <emphasis>Steige.</emphasis> Es war ein Hund, der an Gr��e sogar noch den von der zahmen W�lfin des Trolls get�teten �bertraf, wei�gl�nzend im Licht des Mondes, der in diesem Augenblick hinter den Wolken hervorkam. Seine Augen funkelten im langen, grinsenden Gesicht wie eingelassene Perlen, und als er knurrte, kam ein tiefes, nachhallendes Grollen aus seiner Kehle, und bewegte den Kopf mit den gekr�uselten N�stern nach allen Seiten.</p><p>�Ja, Niku'a, ja�, zischte Ingen leise. �Es ist wieder Zeit zum Jagen.�</p><p>Gleich darauf war die <emphasis>Steige</emphasis> leer. Ganz sacht raschelten neben dem uralten Steinpflaster die Bl�tter, aber es wehte kein Wind.</p></section><section><title><p>XXXV</p><p>Der Rabe und der Kessel</p></title><p>Maegwin zuckte zusammen, als das H�mmern von neuem einsetzte, dieses schmerzliche Gellen, in dem so vieles mitschwang � nur nichts Gutes. Eines der M�dchen, eine schmale, hellh�utige Sch�nheit, die Maegwin schon auf den ersten Blick als Versagerin eingestuft hatte, lie�, um sich die Ohren zuzuhalten, den Balken los, an dem sie alle gemeinsam schoben. Das schwere Zaunst�ck, das zum Schlie�en des Tores diente, w�re um ein Haar abgest�rzt, h�tten nicht Maegwin und die beiden anderen verbissen festgehalten.</p><p>�Bei Bagbas Herde, Cifgha�, fuhr sie die Loslassende an, �bist du von Sinnen? Wenn dieses Ding heruntergefallen w�re, h�tte jemand zerquetscht werden oder sich zumindest den Fu� brechen k�nnen!�</p><p>�Es tut mir leid, Herrin, wirklich�, antwortete das M�dchen mit hochger�teten Wangen, �es ist nur dieser schreckliche L�rm � er macht mir angst!� Sie trat zur�ck, um sich wieder an ihren Platz zu stellen, und alle vier strengten sich an, den massiven Eichenbalken �ber den Zaun und in die Vertiefung zu schieben, damit die Koppel geschlossen gehalten w�rde. Im Inneren der Einfriedung muhte eine dichtgedr�ngte Ansammlung von roten Rindern, die der st�ndige L�rm ebenso unruhig machte wie die jungen Frauen.</p><p>Scharrend und krachend fiel das Holzst�ck in die F�hrung, und alle vier drehten sich keuchend um und lehnten sich ersch�pft mit dem R�cken an das Tor.</p><p>�Barmherzig sind die G�tter�, �chzte Maegwin, �mir w�re gleich das R�ckgrat gebrochen!�</p><p>�Es geh�rt sich einfach nicht�, meinte Cifgha und starrte bek�mmert auf die blutenden Kratzer in ihren Handfl�chen. �Das ist M�nnerarbeit!�</p><p>Das metallische Scheppern verstummte, und einen Augenblick lang schien die Stille selbst zu singen. Lluths Tochter seufzte und sog tief die frostige Luft ein.</p><p>�Nein, kleine Cifgha�, erwiderte sie, �das, was die M�nner jetzt tun, ist M�nnerarbeit, und alles, was �brigbleibt, m�ssen wir Frauen erledigen � sofern du nicht Schwert und Speer tragen willst.�</p><p>�Cifgha?� sagte eines der anderen M�dchen lachend. �Sie kann ja nicht einmal eine Spinne t�ten.�</p><p>�Ich rufe immer Tuilleth�, erkl�rte Cifgha, stolz auf ihre Verw�hntheit, �und er kommt gleich und macht es.�</p><p>Maegwin zog ein saures Gesicht. �Wir sollten uns lieber daran gew�hnen, selbst mit unseren Spinnen fertigzuwerden. In n�chster Zeit wird es hier nicht mehr viele M�nner geben, und die wenigen, die hierbleiben, werden eine Menge anderer Sachen zu tun haben.�</p><p>�Bei Euch ist das anders, Prinzessin�, wandte Cifgha ein. �Ihr seid gro� und stark.�</p><p>Maegwin blickte sie scharf an, antwortete jedoch nicht.</p><p>�Meint Ihr denn, da� sie den ganzen Sommer �ber k�mpfen werden?� fragte eine andere, als spreche sie von einer besonders unangenehmen Arbeit. Maegwin drehte sich um und betrachtete die drei, ihre schwei�nassen Gesichter und die bereits umherschweifenden Blicke, die nach einem fesselnderen Gespr�chsgegenstand suchten. Einen Moment lang h�tte sie am liebsten laut geschrien, sie so erschreckt, da� sie begriffen, da� es hier nicht um ein Turnier ging, nicht um ein Spiel, sondern um Fragen von t�dlichem Ernst.</p><p><emphasis>Aber warum soll ich sie jetzt mit der Nase hineinsto�en?</emphasis> dachte sie dann milder. <emphasis>Nur allzubald werden wir alle mehr abbekommen, als wir vertragen k�nnen.</emphasis></p><p>�Ich wei� nicht, ob es so lange dauern wird, Gwelan�, erwiderte sie kopfsch�ttelnd. �Ich hoffe nicht. Ich hoffe es wirklich nicht.�</p><empty-line/><p>Als sie die Koppeln verlie� und hinunter zur gro�en Halle ging, fingen die beiden M�nner gerade wieder an, auf den riesigen Bronzekessel loszuschlagen, der in seinem Gestell aus Eichenpfosten, den Boden nach oben, vor dem Eingangstor des Taig hing. W�hrend sie vorbeitrottete, war der L�rm der M�nner, die den Kessel mit ihren vorn eisenbeschlagenen Keulen aus Leibeskr�ften bearbeiteten, so f�rchterlich, da� sie sich mit den H�nden die Ohren zuhalten mu�te. Wieder einmal fragte sie sich, wie ihr Vater und seine Ratgeber bei diesem entsetzlichen Krach unmittelbar vor der Halle �berhaupt noch einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn Schlachtpl�ne erarbeiten konnten, bei denen es um Tod und Leben ging. Andererseits wenn man Rhynns Kessel nicht l�utete, w�rde es Tage dauern, die verstreuten Orte einen nach dem anderen zu warnen, vor allem diejenigen, die sich hoch in die H�nge des Grianspog schmiegten. So aber w�rden D�rfer und Herrensitze in H�rweite des Kessels Reiter nach den weiter entfernten senden. Der Herr des Taig hatte stets in Zeiten der Gefahr den Kessel schlagen lassen, schon lange vor der Zeit, als Hern der J�ger und Oinduth, sein m�chtiger Speer, ihr Land zu einem gro�en K�nigreich gemacht hatten. Kinder, die das L�uten noch nie geh�rt hatten, erkannten es trotzdem sofort, so viele Geschichten erz�hlte man sich �ber Rhynns Kessel.</p><p>Die hohen Fenster des Taig waren heute mit L�den vor dem eisigen Wind und dem Nebel verschlossen. Maegwin fand ihren Vater und seine R�te in ernstem Gespr�ch vor dem Kamin.</p><p>�Meine Tochter�, sagte Lluth und erhob sich, sichtlich bem�ht, ihr ein L�cheln zu zeigen.</p><p>�Ich habe ein paar Frauen geholt und mit ihnen den Rest des Viehs auf die gro�e Koppel getrieben�, berichtete Maegwin. �Allerdings halte ich es nicht f�r richtig, sie derart eng zusammenzudr�ngen. Die K�he f�hlen sich elend.�</p><p>Lluth machte eine abwehrende Handbewegung. �Besser, wir verlieren jetzt ein paar, als da� wir versuchen m�ssen, sie dann noch zusammenzutreiben, wenn wir uns vielleicht in aller Eile in die Berge zur�ckziehen.�</p><p>Am anderen Ende der Halle �ffnete sich die T�r, und die Posten schlugen einmal mit den Schwertern auf die Schilde, so als wollten sie das durchdringende Ger�usch des Kesselrufes nachahmen. �Sei sehr bedankt, Maegwin�, erkl�rte der K�nig und wandte sich von ihr ab, um den Neuank�mmling zu begr��en.</p><p>�Eolair!� rief er. Der Graf trat vor. Er trug noch die verschmutzten Reisekleider. �Ihr seid rasch zur�ckgekehrt von den Heilern. Gut. Wie geht es Euren M�nnern?�</p><p>Der Graf von Nad Mullagh kam n�her, sank kurz auf ein Knie und stand auf Lluths ungeduldige Geste hin sofort wieder auf. �F�nf sind bei Kr�ften; um die beiden Verwundeten steht es nicht gut. F�r sie und die anderen vier werde ich Skali pers�nlich zur Rechenschaft ziehen.� Jetzt endlich bemerkte er auch Lluths Tochter und l�chelte sein breites L�cheln; aber seine Brauen blieben in m�dem, sorgenvollem Sinnen zusammengezogen. �Maegwin, Herrin�, sagte er, verbeugte sich nochmals und k��te ihre langfingrige Hand, an der, wie Maegwin in peinlicher Verlegenheit feststellte, noch Schmutz von der Koppeleinfriedung haftete.</p><p>�Ich h�rte, da� Ihr zur�ckgekehrt seid, Graf�, erkl�rte sie. �Ich w�nschte nur, die Umst�nde w�ren gl�cklicher.�</p><p>�Es ist unendlich schade um Eure tapferen M�nner, Eolair�, brummte der K�nig und setzte sich wieder zu dem alten Craobhan und den anderen Vertrauten. �Doch Dank sei Brynioch und Murhagh Einarm, da� Ihr auf diesen Erkundungstrupp gesto�en seid. Wenn nicht, h�tten Skali und seine Nordbastarde uns ahnungslos erwischt. Wenn er von dem Scharm�tzel mit Euren M�nnern erf�hrt, wird er sich uns weit vorsichtiger n�hern, davon bin ich �berzeugt. Vielleicht �berlegt er es sich sogar ganz anders.�</p><p>�Ich w�nschte, es w�re so, mein K�nig�, erwiderte Eolair und sch�ttelte traurig den Kopf. Maegwins Herz schmolz dahin, als sie sah, wie tapfer er seine Ersch�pfung trug; wortlos verfluchte sie ihre kindischen Gef�hle. �Aber�, fuhr der Graf fort, �ich f�rchte, es verh�lt sich anders. Wenn Skali so weit von seiner Heimat entfernt einen derart heimt�ckischen Angriff wagt, mu� er �berzeugt sein, das Gl�ck auf seiner Seite zu wissen.�</p><p>�Aber warum nur, warum?� protestierte Lluth. �Wir leben mit den Rimmersm�nnern seit Jahren in Frieden!�</p><p>�Ich glaube, Herr, da� das wenig damit zu tun hat.� Eolair sprach respektvoll, scheute sich jedoch nicht, seinen K�nig zu berichtigen. �Wenn noch der alte Isgrimnur in Elvritshalla regieren w�rde, h�ttet Ihr recht, Euch zu wundern; aber Skali ist ganz und gar Elias' Kreatur.</p><p>In Nabban geht das Ger�cht, da� Elias jeden Tag gegen Josua ins Feld ziehen kann. Er wei�, da� wir Guthwulfs Ultimatum abgelehnt haben, und f�rchtet sich nun davor, die Hernystiri frei und ledig in seinem R�cken zu wissen, wenn er auf Naglimund vorr�ckt.�</p><p>�Und Gwythinn ist auch noch dort!� sagte Maegwin angstvoll.</p><p>�Und ein halbes Hundert unserer besten M�nner mit ihm, was schlimmer ist�, knurrte der alte Craobhan vom Kamin her�ber.</p><p>Eolair warf Maegwin einen freundlichen Blick zu, einen von seinen herablassenden, wie sie fand. �Euer Bruder ist hinter den dicken Steinmauern von Josuas Burg ohne Zweifel sicherer als hier in Hernysadharc. Und wenn er von unserer Zwangslage erf�hrt und von dort wegreiten kann, hat Skali f�nfzig Mann im R�cken, was wiederum ein Vorteil f�r uns ist.�</p><p>K�nig Lluth rieb sich die Augen, als wollte er Kummer und Sorgen der letzten Tage fortwischen. �Ich wei� nicht, Eolair, ich wei� nicht. Ich habe bei der ganzen Angelegenheit ein schlimmes Gef�hl. Man braucht kein Wahrsager zu sein, um ein unheilverhei�endes Jahr zu erkennen, und dieses ist vom ersten Augenblick an eines gewesen.�</p><p>�Ich bin noch hier, Vater�, sagte Maegwin, trat zu ihm und kniete nieder. �Ich bleibe bei Euch.� Der K�nig streichelte ihre Hand.</p><p>Eolair l�chelte und nickte, als er diese Worte des M�dchens zu ihrem Vater h�rte, aber seine Gedanken weilten deutlich erkennbar bei seinen zwei sterbenden M�nnern und der gewaltigen Streitmacht der Rimmersm�nner, die durch die Frostmark zum Inniscrich herunterzog, eine riesige Flut scharfen, denkenden Eisens.</p><p>�Wer hierbleibt, wird uns vielleicht keinen Dank wissen�, fl�sterte er ganz leise.</p><p>Drau�en sang die eherne Stimme des Kessels weit �ber Hernysadharc hin und rief ohne Unterla� den Bergen zu: �Habt acht � habt acht � habt acht��</p><empty-line/><p>Auf irgendeine Art war es Baron Devasalles und seiner kleinen Nabbanai-Schar gelungen, ihre Zimmerflucht im zugigen Ostfl�gel von Naglimund in ein kleines St�ck ihrer s�dlichen Heimat zu verwandeln. Zwar war das unzeitgem��e Wetter zu kalt, um die Fenster und T�ren weit ge�ffnet zu halten, wie man es im balsamischen Nabban so liebte; aber sie hatten die Steinmauern mit hellgr�nen und himmelblauen Stoffen verh�ngt und jedes freie Pl�tzchen mit Kerzen und tropfenden �llampen vollgestellt, so da� die R�ume hinter den verschlossenen L�den im Lichterglanz bl�hten.</p><p><emphasis>Hier drinnen ist es mittags heller als drau�en,</emphasis> fand Isgrimnur. <emphasis>Aber wie der alte Jarnauga gesagt hat � sie k�nnen nicht alles so leicht verscheuchen wie die winterliche Dunkelheit, leider nicht.</emphasis></p><p>Die N�stern des Herzogs zuckten wie bei einem ver�ngstigten Pferd. Devasalles hatte �berall Gef��e mit parf�mierten �len verteilt; in einigen schwammen brennende Dochte wie wei�e W�rmer und f�llten den Raum mit bet�ubenden D�ften nach Gew�rzen von den Inseln.</p><p><emphasis>Ich m�chte nur wissen, ob es der Geruch der allgemeinen Furcht ist, den er nicht mag, oder der nach gutem ehrlichem Eisen?</emphasis> Isgrimnur grunzte angewidert und r�ckte seinen Stuhl in die N�he der T�r zum Gang.</p><p>Devasalles war �berrascht gewesen, als er den Herzog und Prinz Josua vor seiner T�r fand, unangemeldet und unerwartet, aber er hatte sie sogleich hereingebeten und einen Teil der vielfarbigen Gew�nder, die auf den harten St�hlen lagen, heruntergefegt, damit seine G�ste Platz nehmen konnten.</p><p>�Ich bedaure sehr, Euch zu st�ren, Baron�, begann Josua, beugte sich vor und st�tzte die Ellenbogen auf die Knie, �aber ich wollte, bevor wir heute abend den <emphasis>Raed</emphasis> abschlie�en, mit Euch allein sprechen.�</p><p>�Nat�rlich, Prinz, nat�rlich.� Devasalles nickte aufmunternd. Isgrimnur, der ver�chtlich das schimmernde Haar des Mannes und die glitzernden Schmuckst�cke an Hals und Handgelenken musterte, fragte sich, wie es sein konnte, da� der Baron ein so t�dlicher Schwertk�mpfer war, wie sein Ruf es verk�ndete.</p><p><emphasis>Sieht eher aus, als ob er mit dem Griff in seiner Halskette h�ngenbleibt und sich selber erw�rgt.</emphasis></p><p>Josua erl�uterte hastig die Ereignisse der beiden letzten Tage, die der wirkliche Grund daf�r waren, da� man den <emphasis>Raed</emphasis> nicht fortgesetzt hatte. Devasalles, der wie die anderen versammelten Edelleute die Erkl�rung des Prinzen, krank zu sein, zwar bezweifelt, aber notgedrungen akzeptiert hatte, hob die Brauen, sagte jedoch nichts.</p><p>�Ich konnte nicht offen sprechen und kann es immer noch nicht�, f�hrte Josua weiter aus. �In diesem wahnsinnigen Gedr�nge, der Musterung unserer Truppen, all dem Kommen und Gehen, fiele es einem Verr�ter oder einem von Elias' Spionen nur allzu leicht, den Hochk�nig von unseren Bef�rchtungen und Pl�nen zu unterrichten.�</p><p>�Aber unsere Bef�rchtungen sind allgemein bekannt�, wandte Devasalles jetzt ein, �und Pl�ne haben wir noch nicht gemacht � noch nicht.�</p><p>�Wenn der Zeitpunkt f�r mich gekommen ist, mit den Edlen �ber diese Dinge zu sprechen, werde ich auch die Tore gesichert haben � denn seht Ihr, Baron, Ihr kennt noch nicht die ganze Geschichte.�</p><p>Der Prinz erz�hlte nun Devasalles alles �ber die neuesten Entdeckungen, �ber die drei Schwerter und das prophetische Gedicht im Buch des wahnsinnigen Priesters, und wie diese Dinge zu den Tr�umen vieler Menschen pa�ten.</p><p>�Aber wenn Ihr das schon bald allen Euren Lehensm�nnern erz�hlen werdet, warum sagt Ihr es mir jetzt?� erkundigte sich Devasalles. Isgrimnur an der T�r schnaubte; er hatte sich die gleiche Frage gestellt.</p><p>�Weil ich Euren Herrn Leobardis <emphasis>brauche,</emphasis> und zwar rasch!� erkl�rte Josua. �Ich brauche Nabban!� Er sprang auf und fing an, das Zimmer zu umrunden, das Gesicht zur Wand, als studiere er die Beh�nge; aber sein Blick war auf einen Punkt gerichtet, der Meilen hinter Stein und gewebtem Tuch lag.</p><p>�Von Anfang an habe ich die Zusage Eures Herrn gebraucht, jetzt aber ist sie mir n�tiger denn je. Elias hat, soweit es um die tats�chliche Herrschaft geht, Rimmersgard Skali und seinem Stamm der Raben von Kaldskryke �bergeben. Damit hat er K�nig Lluth ein Messer an den R�cken gesetzt; die Hernystiri werden mir nur noch wenige M�nner schicken k�nnen, weil sie gezwungen sind, gen�gend zur�ckzubehalten, um ihr eigenes Land verteidigen zu k�nnen. Schon jetzt dr�ngt Gwythinn, der noch vor einer Woche kaum davon abzuhalten war, sich auf Elias zu st�rzen, auf Heimkehr, um seinem Vater bei der Verteidigung von Hernysadharc zu helfen.�</p><p>Josua wirbelte herum und starrte Devasalles an. Das Gesicht des Prinzen war eine Maske kalten Stolzes, aber seine Hand drehte vorn sein Hemd zusammen, eine Bewegung, die weder Isgrimnur noch dem Baron entging. �Wenn Leobardis je etwas anderes sein m�chte als einer von Elias' Lakaien, dann <emphasis>mu�</emphasis> er sich jetzt f�r mich entscheiden.�</p><p>�Aber warum erz�hlt Ihr mir das?� fragte Devasalles, der ehrlich verwirrt wirkte. �Von diesem letzten wei� ich, und die anderen Dinge � die Schwerter und das Buch und der Rest � machen keinen Unterschied.�</p><p>�Verdammt, Mann, eben doch!� fauchte Josua, und seine Stimme hob sich fast zum Aufschrei. �Ohne Nabban und mit einem von Norden her bedrohten Hernystir wird mein Bruder uns so m�helos fangen, als s��en wir in einem vernagelten Fa�. Au�erdem hat er D�monen als Verb�ndete, und wer wei�, welch grausigen Vorteil ihm das bringt! Wir haben ein paar kleine, schw�chliche Versuche unternommen, diesen Kr�ften Widerstand zu leisten, aber was n�tzt uns das � vorausgesetzt, da� wir entgegen aller Wahrscheinlichkeit Erfolg haben sollten �, wenn das ganze freie Land bereits niedergeworfen ist? Weder Euer Herzog noch sonst jemand wird dann K�nig Elias jemals etwas anderes antworten als �Jawohl, mein Gebieter�!�</p><p>Wieder sch�ttelte der Baron den Kopf, und seine Halsketten klimperten leise. �Ich bin verwirrt, Herr. Wie kann es sein, da� Ihr noch nichts wi�t? Vorgestern abend schon habe ich meinen schnellsten Reiter mit einer Botschaft an die Sancellanische Mahistrevis nach Nabban geschickt und Leobardis mitgeteilt, da� ich glaube, Ihr w�rdet k�mpfen, und er beginnen m�ge, seine M�nner zu Eurer Unterst�tzung in Marsch zu setzen.�</p><p>�Was?� Isgrimnur sprang auf, seine Verbl�ffung das Echo von Josuas Erstaunen. Schwankend standen sie beide vor Devasalles, im Gesicht den Ausdruck von M�nnern, die man nachts �berfallen hat.</p><p>�Wieso habt Ihr mir das nicht gesagt?� fragte Josua.</p><p>�Aber Prinz, ich <emphasis>habe</emphasis> es Euch gesagt�, stotterte Devasalles, �oder zumindest, da man mir mitteilte, Ihr d�rftet nicht gest�rt werden, sandte ich eine Nachricht in Eure Gem�cher. Mein Siegel war darauf. Ihr m��t sie gelesen haben��</p><p>�Heiliger Usires und seine Mutter!� Josua schlug sich mit der flachen Linken auf den Schenkel. �Ich habe nur mir selbst Vorw�rfe zu machen, denn sie liegt immer noch auf meinem Nachttisch. Deornoth brachte sie mir, aber ich wollte einen ruhigeren Moment abwarten. Wahrscheinlich habe ich sie dann vergessen. Wenigstens ist aber kein Schaden entstanden, und Eure Neuigkeit ist wunderbar.�</p><p>�Ihr sagt, Leobardis werde reiten?� erkundigte Isgrimnur sich mi�trauisch. �Wie k�nnt Ihr so sicher sein? Ihr schient doch selber einige Zweifel daran zu hegen.�</p><p>�Herzog Isgrimnur.� Devasalles' Stimme klang frostig. �Sicherlich begreift Ihr, da� ich nur meine Pflicht tat. Um die Wahrheit zu sagen, hat Herzog Leobardis l�ngst auf Prinz Josuas Seite gestanden. Zugleich f�rchtete er stets, Elias k�nnte allzu k�hn werden. Unsere Truppen sind seit Wochen in Alarmbereitschaft.�</p><p>�Warum schickt er dann Euch?� fragte Josua. �Was wollte er herausfinden, das er nicht schon durch meine Boten von mir erfahren hatte?�</p><p>�Er rechnete nicht mit Neuigkeiten�, erl�uterte Devasalles, �obwohl wir alle hier weit mehr gelernt haben, als einer von uns erwartet haben d�rfte. Nein, er hat unsere Gesandtschaft mehr deshalb geschickt, um bestimmten Leuten in Nabban ein Signal zu geben.�</p><p>�Es gibt Widerstand unter seinen Lehensm�nnern?� Josuas Augen waren wachsam.</p><p>�Nat�rlich, aber das ist nicht weiter ungew�hnlich � und auch nicht der Grund meines Auftrages. Nein, ich sollte dem Widerstand aus einer weit n�her flie�enden Quelle das Wasser abgraben.�</p><p>Obwohl das kleine Zimmer bis auf die drei M�nner unzweifelhaft leer war, warf Devasalles hastig einen Blick ringsum.</p><p>�Es sind seine Gemahlin und sein Sohn, die sich am heftigsten dagegen wehren, da� er mit Euch gemeinsame Sache macht�, erkl�rte er dann.</p><p>�Ihr meint den �ltesten � Benigaris?�</p><p>�Ja. Sonst w�ren er oder einer von Leobardis' j�ngeren S�hnen an meiner Statt hier.� Der Baron zuckte die Achseln. �Benigaris sieht in Elias' Art zu herrschen vieles, das ihm zusagt, und die Herzogin Nessalanta�� Wieder hob der Gesandte Nabbans die Schultern.</p><p>�Auch sie h�lt die Aussichten des Hochk�nigs f�r g�nstiger.� Josua l�chelte bitter. �Nessalanta ist eine kluge Frau. Zu schade f�r sie, da� sie nun, willig oder nicht, gezwungen sein wird, die Verb�ndetenwahl ihres Gatten zu unterst�tzen. Vielleicht hat sie mit ihren tr�ben Ahnungen sogar recht.�</p><p>�Josua!� Isgrimnur war schockiert.</p><p>�Ich scherze nur, alter Freund�, meinte der Prinz, aber seine Miene strafte ihn L�gen. �Also wird der Herzog in den Kampf ziehen, guter Devasalles?�</p><p>�So bald wie m�glich, Prinz Josua. Mit der Bl�te der Ritterschaft von Nabban im Gefolge.�</p><p>�Und einem kr�ftigen Schlag Spie�k�mpfer und Bogensch�tzen dazu, hoffe ich. Nun denn � m�ge �dons Gnade mit uns allen sein.�</p><p>Er und Isgrimnur verabschiedeten sich und traten in den dunklen Gang hinaus. Hinter ihnen blieben die bunten Farben im Gemach des Barons zur�ck wie ein Traum, den man im Erwachen hinter sich l��t.</p><p>�Ich kenne jemanden, der �ber diese Nachricht sehr froh sein wird, Isgrimnur.�</p><p>Der Herzog hob fragend eine Augenbraue.</p><p>�Meine Nichte. Miriamel war sehr beunruhigt, als sie annahm, Leobardis werde sich uns nicht anschlie�en. Schlie�lich ist Nessalanta ihre Tante. Sie wird sich ganz bestimmt freuen, wenn sie es h�rt.�</p><p>�Gehen wir doch hin und erz�hlen es ihr�, schlug Isgrimnur vor, packte Josua am Ellenbogen und steuerte ihn ins Freie. �Vielleicht ist sie bei den anderen Damen des Hofes. Ich habe den Anblick b�rtiger Soldaten satt. Ich mag zwar ein alter Kerl sein, aber von Zeit zu Zeit sehe ich immer noch gern ein paar h�bsche Frauen.�</p><p>�Also gut.� Josua l�chelte, das erste ungezwungene L�cheln, das Isgrimnur seit Tagen an ihm gesehen hatte. �Und dann besuchen wir Eure Gemahlin, und Ihr k�nnt ihr von Eurer unverminderten Neigung zu den Damen erz�hlen.�</p><p>�Prinz Josua�, erwiderte der alte Herzog bed�chtig, �Ihr werdet mir nie zu verdammt alt oder hochstehend sein, da� ich Euch keine Ohrfeige mehr geben k�nnte; versucht nur, mich daran zu hindern.�</p><p>�Nicht heute, Onkel.� Josua grinste. �Ich brauche meine Ohren, damit ich das, was Gutrun Euch zu sagen haben wird, auch richtig w�rdigen kann.�</p><empty-line/><p>Der Wind, der vom Wasser her�berpfiff, brachte Zypressengeruch mit. Tiamak wischte sich die Schwei�perlen von der Stirn und dankte Ihm-derstets-auf-Sand-tritt f�r die unverhoffte Brise. Als er vom �berpr�fen seiner Fallen zur�ckgekehrt war, hatte er gesp�rt, wie sich die sturmschwere Luft �ber Wran senkte, hei�e, zornige Luft, die kam und nicht wieder gehen wollte, wie ein Marschkrokodil, das einen lecken kleinen Kahn umkreist.</p><p>Wieder trocknete Tiamak seine Stirn und griff nach der Schale mit Gelbwurzeltee, der auf dem Feuerstein zog. W�hrend er, nicht ohne da� ihn die aufgesprungenen Lippen schmerzten, davon trank, dachte er sorgenvoll dar�ber nach, was er wohl tun sollte.</p><p>Es war Morgenes' sonderbare Botschaft, die ihn so verst�rt machte. Seit Tagen rasselten ihre unheilverk�ndenden Worte in seinem Kopf herum wie Kiesel in einem trockenen Flaschenk�rbis, w�hrend er sein Boot durch die Seitenkan�le von Wran stakte oder zum Markt nach Kwanitupul fuhr, dem Handelsdorf an der Bucht von Firannos. Einmal jeden Neumond unternahm er die Reise dorthin, drei Tage mit dem Flachboot. An den Marktbuden setzte er gewinnbringend seine ungew�hnliche Ausbildung ein, indem er den Kleinh�ndlern von Wran dabei half, mit den Kaufleuten aus Nabban und Perdruin zu feilschen. Die anstrengende Fahrt nach Kwanitupul mu�te sein, auch wenn er dabei nur ein paar M�nzen und vielleicht einen Sack Reis verdiente. Den Reis brauchte er zur Erg�nzung jenes gelegentlichen Krebses, der zu dumm oder zu leichtsinnig war, seinen Fallen aus dem Weg zu gehen. Allerdings zeigten nur wenige Krebse soviel Entgegenkommen, so da� Tiamaks �bliche Mahlzeiten aus Fischen und Wurzeln bestanden.</p><p>W�hrend er so in seiner kleinen H�tte hoch oben im Banyanbaum hockte und zum hundertsten Mal Morgenes' Botschaft besorgt zwischen den Fingern drehte, erinnerte er sich an die gesch�ftigen, steilen Stra�en von Ansis Pelipp�, der Hauptstadt von Perdruin, wo er dem alten Doktor das erste Mal begegnet war.</p><p>Neben dem L�rm und Spektakel des weitl�ufigen Handelsplatzes, hundert-, nein <emphasis>viele</emphasis> hundertmal so gro� wie Kwanitupul (eine Tatsache �brigens, die ihm die anderen Wranna niemals glauben w�rden, hinterw�ldlerische, sandkratzende T�lpel, die sie waren), waren es die Ger�che, die Tiamak am st�rksten im Ged�chtnis geblieben waren, die Millionen wechselnder D�fte: der feuchte Salzgeruch der Werften mitsamt dem w�rzigen Beigeschmack der Fischerboote; die Kochfeuer auf den Stra�en, an denen b�rtige Inselbewohner Spie�e mit verkohltem, brutzelndem Hammel anboten; der Moschus schwitzender, stampfender Pferde, deren stolze Reiter, Kaufleute und Soldaten, k�hn mitten durch die kopfsteingepflasterten Gassen sprengten und es den Fu�g�ngern �berlie�en, vor ihnen zur Seite zu stieben, so gut sie eben konnten; und nat�rlich die wirbelnden D�fte von Safran und Schnellkraut, von Zimt und Mantingen, die �ber dem Gew�rzviertel schwebten wie fl�chtige, exotische Liebesangebote.</p><p>Die blo�e Erinnerung machte ihn so hungrig, da� er am liebsten geweint h�tte, aber Tiamak nahm sich zusammen. Es gab Arbeit f�r ihn, und er konnte sich von solch fleischlichen Begierden nicht ablenken lassen. Auf irgendeine Weise brauchte ihn Morgenes, und Tiamak mu�te sich bereithalten.</p><p>Auch damals war es etwas E�bares gewesen, das Morgenes' Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt hatte, vor so vielen Jahren in Perdruin. Der Doktor, auf einer seiner apothekarischen Forschungsreisen durch das H�ndlerviertel von Ansis Pelipp�, hatte den jungen Wranna angerempelt und beinahe umgesto�en, so versunken starrte der junge Tiamak einen Berg von Marzipan auf dem Tisch eines B�ckers an. Den Doktor am�sierte und interessierte der Kleine aus den Marschen, der so weit fort von zu Hause war und dessen Entschuldigungen dem �lteren gegen�ber so vollgestopft mit sorgsam angelernten Nabbanai-Redewendungen waren. Als Morgenes erfuhr, da� der Junge sich in der perdruinesischen Hauptstadt aufhielt, um bei den Usiresbr�dern zu studieren und als allererster seines Dorfes das sumpfige Wran verlassen hatte, kaufte er ihm ein gro�es St�ck Marzipan und einen Becher Milch. Von diesem Augenblick an war Morgenes f�r den staunenden Tiamak ein Gott.</p><p>Das schmutzige Pergamentblatt vor ihm, selbst bereits eine Abschrift der urspr�nglichen Botschaft, die vom vielen Anfassen zerfallen war, wurde allm�hlich schwer lesbar. Allerdings hatte Tiamak es so oft angestarrt, da� es nicht mehr darauf ankam. Er hatte die Nachricht sogar in ihre urspr�ngliche Verschl�sselung zur�ck�bertragen und noch einmal �bersetzt, nur um sicherzugehen, da� er keine unauff�llige, aber wichtige Einzelheit �bersehen hatte.</p><p><emphasis>Die Zeit des Eroberersterns ist unzweifelhaft gekommen �</emphasis> , hatte der Doktor geschrieben und Tiamak gewarnt, da� dies wahrscheinlich f�r lange Zeit sein letzter Brief sein w�rde. Tiamaks Hilfe, versicherte Morgenes, w�rde gebraucht werden, um � <emphasis>gewissen furchtbaren Dingen, auf die � so hei�t es � das sch�ndliche, verschollene Buch des Priesters Nisses hinweist</emphasis> �, zu entgehen.</p><p>Als er zum ersten Mal wieder in Kwanitupul gewesen war, nachdem er Morgenes' von einem Sperling �berbrachte Botschaft erhalten hatte, hatte Tiamak Middastri, einen perdruinesischen Kaufmann, mit dem er gelegentlich eine Schale Bier trank, nach den entsetzlichen Vorf�llen in Erchester, der Stadt in Erkynland, in der Morgenes wohnte, gefragt. Middastri hatte gemeint, er habe von einem Streit zwischen dem Hochk�nig Elias und Lluth von Hernystir geh�rt, und nat�rlich rede jedermann seit Monaten von dem Zerw�rfnis zwischen den beiden S�hnen Johan Presbyters; aber dar�ber hinaus war dem Kaufmann nichts besonderes aufgefallen. Tiamak, der nach Morgenes' Botschaft Gefahren gr��erer und unmittelbarerer Art bef�rchtet hatte, war ein wenig leichter ums Herz geworden. Trotzdem lie� ihn der Gedanke an die Wichtigkeit der Nachricht des Doktors nicht los.</p><p><emphasis>Das sch�ndliche, verschollene Buch �</emphasis> Woher hatte Morgenes das Geheimnis erfahren? Tiamak hatte nie jemandem davon erz�hlt; er hatte den Doktor bei einem Besuch damit �berraschen wollen, den er f�r das n�chste Fr�hjahr geplant hatte, seiner ersten Reise, die ihn weiter n�rdlich als nach Perdruin f�hren sollte. Nun schien es, als wisse Morgenes bereits von seinem Schatz � aber weshalb sagte er es dann nicht? Wieso erging er sich statt dessen in Andeutungen, R�tseln und Hinweisen, wie ein Krebs, der vorsichtig aus einer von Tiamaks Fallen den Fisch herausstocherte?</p><p>Der Wranna stellte die Teeschale hin und durchquerte, fast ohne sich aus seiner halb knienden Hockstellung zu erheben, den niedrigen Raum. Der hei�e, saure Wind begann aufzufrischen, das Haus schaukelte auf seinen hohen Stelzen. Mit schlangenartigem Zischen hob sich das Strohdach. Tiamak suchte in seiner Holztruhe nach dem in Bl�tter gewickelten P�ckchen, das er sorgf�ltig unter dem Pergamentstapel verborgen hatte, der seine eigene Neufassung von <emphasis>Die unfelbarn Heylmittel der Wranna-Heyler</emphasis> enthielt � das, was Tiamak insgeheim gern sein �gro�es Werk� nannte. Endlich fand er, wonach er suchte, und wickelte es aus, nicht zum ersten Mal in den letzten zwei Wochen.</p><p>Als es neben seiner �bertragung von Morgenes' Botschaft lag, war der Gegensatz zwischen den beiden beeindruckend. Morgenes' Worte waren von Tiamak m�hsam mit schwarzer Wurzeltinte kopiert worden, auf billigem Pergament, das so d�nngeklopft war, da� eine Kerzenflamme, eine Handbreit davon entfernt, es in Flammen h�tte aufgehen lassen. Das andere, der Schatz, war auf einen Bogen straffgegl�tteter Haut oder Leder geschrieben; die r�tlichbraunen Worte schwankten wild �ber das Papier, als habe der Schreiber zu Pferd oder bei einem Erdbeben am Tisch gesessen.</p><p>Dieses letztere St�ck war das Kleinod in Tiamaks Sammlung � und wenn es wirklich war, wof�r er es hielt, w�re es das Kronjuwel jeder Sammlung �berhaupt gewesen. Er hatte es in einem gro�en Sto� anderer gebrauchter Pergamente gefunden, die ein H�ndler in Kwanitupul f�r Schreib�bungen verkaufte. Der H�ndler wu�te nicht, wem die Truhe mit den Papieren fr�her geh�rt hatte, nur da� sie Teil einer nicht einzeln angef�hrten Masse Haushaltswaren gewesen war, die er in Nabban erworben hatte. Tiamak hatte vor lauter Angst, sein Gl�ck k�nne ihn verlassen, seinen Drang zum Weiterfragen erstickt und das Pergament zusammen mit einem B�ndel weiterer Bl�tter f�r ein gl�nzendes Quinisst�ck aus Nabban sofort an sich gebracht.</p><p>Wieder starrte er darauf, obwohl er es, soweit das �berhaupt ging, noch �fter gelesen hatte als Morgenes' Botschaft, und er richtete den Blick vor allem auf die Oberkante des Pergamentes, die weniger zerrissen als vielmehr zernagt zu sein schien; die besch�digte Stelle endete bei den Buchstaben ARDENVYRD.</p><p>Hie� nicht Nisses' ber�hmtes, verschwundenes Buch � das manche f�r blo�e Phantasie hielten � <emphasis>Du Svardenvyrd?</emphasis> Woher konnte Morgenes das wissen? Tiamak jedenfalls hatte niemandem von seinem gl�cklichen Fund erz�hlt.</p><p>Die Nordrunen unterhalb der �berschrift, stellenweise verschmiert, zum Teil zu rostfarbenem Staub abgebl�ttert, waren trotzdem durchaus lesbar, abgefa�t im uralten Nabbanai der Zeit vor f�nfhundert Jahren.</p><poem><stanza><v>� Bringt aus Nuannis Felsgarten her</v><v>den Blinden, der sehen kann;</v><v>findet das Schwert, das die Rose befreit,</v><v>am Fu�e des Rimmerbaums dann;</v><v>sucht in dem Schiff auf der seichtesten See</v><v>den Ruf, dessen lauter Schall</v><v>euch des Rufers Namen gibt an</v><v>in klingendem Widerhall �</v><v>� Und sind Schwert, Ruf und Mann</v><v>in prinzlicher Rechter,</v><v>dann werden auch frei</v><v>lang gefangne Geschlechter�</v></stanza></poem><p>Unter dem seltsamen Gedicht stand in gro�en, ungeschickten Runen ein einziges Wort: NISSES.</p><p>Obwohl Tiamak starrte und starrte, fiel ihm ums Sterben nichts weiteres ein. Endlich rollte er die uralte Schriftrolle seufzend wieder in ihre H�lle aus sch�tzenden Bl�ttern und verstaute sie in seiner Klettenholztruhe.</p><p>Was wollte Morgenes nun von ihm? Sollte er dem Doktor selbst die Schrift nach dem Hochhorst bringen? Oder sollte er sie einem anderen von den Weisen schicken, etwa der Zauberfrau Gelo�, dem dicken Ookequk hoch oben in Yiqanuc oder dem Mann in Nabban? Vielleicht war es aber auch das Gescheiteste, erst einmal auf weitere Nachricht von Morgenes zu warten, anstatt Hals �ber Kopf loszust�rzen, ohne wirklich alles begriffen zu haben. Schlie�lich mu�te nach dem, was ihm Middastri erz�hlt hatte, das, was Morgenes f�rchtete, noch weit entfernt sein; sicher blieb ihm Zeit zu warten, bis er erfuhr, was der Doktor von ihm w�nschte.</p><p><emphasis>Zeit und Geduld,</emphasis> ermahnte er sich selbst, <emphasis>Zeit und Geduld �</emphasis></p><p>Drau�en vor seinem Fenster �chzten die Zypressen�ste unter dem groben Griff des Windes.</p><empty-line/><p>Die T�r des Gemachs flog auf. Sangfugol und die Herrin Vara sprangen so schuldbewu�t auf, als h�tte man sie bei etwas Unschicklichem ertappt, obwohl doch die ganze Breite des Raumes sie voneinander trennte. Als sie mit gro�en Augen aufblickten, rutschte die Laute des S�ngers, die er an den Stuhl gelehnt hatte, herunter und fiel ihm vor die F��e. Hastig hob er sie auf und dr�ckte sie an seine Brust wie ein verletztes Kind.</p><p>�Verdammt, Vara, was habt Ihr getan?� schrie Josua. Hinter ihm in der T�r stand mit besorgter Miene Herzog Isgrimnur.</p><p>�Bleibt ruhig, Josua�, forderte er den Prinzen auf und zupfte ihn am grauen Wams.</p><p>�Wenn ich die Wahrheit aus dieser � dieser Frau herausbekommen habe�, fauchte Josua. �Bis dahin mischt Euch nicht ein, Herzog!�</p><p>Die Farbe kehrte jetzt rasch in Varas Wangen zur�ck. �Was meint Ihr?� fragte sie. �Ihr rennt T�ren ein wie ein Stier und br�llt mich mit Fragen an. Was ist mit Euch?�</p><p>�Versucht mich nicht zu beschwatzen. Ich komme gerade von einer Unterredung mit dem Torhauptmann; sicher wird er sich w�nschen, ich h�tte ihn nie gefunden, so w�tend war ich. Er sagte mir, Miriamel sei gestern vormittag abgereist, mit meiner Erlaubnis � die keine Erlaubnis war, sondern mein Siegel unter einem gef�lschten Dokument!�</p><p>�Und warum schreit Ihr <emphasis>mich</emphasis> deshalb an?� erkundigte Vara sich hochm�tig. Sangfugol, noch immer sein verwundetes Instrument an sich gepre�t, wollte sich unauff�llig auf die T�r zubewegen.</p><p>�Das wi�t Ihr sehr gut�, grollte Josua, aus dessen bleichen Z�gen die R�te endlich zu verblassen begann, �und du, Harfner, bleib, wo du bist, denn ich bin noch nicht fertig mit dir. Du bist mir neuerdings allzu vertraut mit der Dame.�</p><p>�Auf Euer Gehei�, Prinz Josua�, erwiderte Sangfugol z�gernd, �um ihre Einsamkeit zu lindern. Aber ich schw�re, da� ich nichts �ber die Prinzessin Miriamel wei�!�</p><p>Josua trat weiter ins Zimmer hinein und warf ohne einen Blick zur�ck die schwere T�r ins Schlo�. Isgrimnur, behende trotz seiner Jahre und seines Umfanges, sprang mit einem Satz zur Seite.</p><p>�Gute Vara, behandelt mich nicht wie einen der Planwagenburschen, mit denen Ihr aufgewachsen seid. Alles, was ich von Euch geh�rt habe, war, wie traurig die arme Prinzessin doch sei, wie sehr die arme Prinzessin ihre Familie vermisse. Jetzt ist Miriamel mit irgendeinem Schurken zum Tor hinaus, und ein anderer Spie�geselle hat meinen Siegelring mi�braucht, um ihr den Durchla� zu sichern. Ich bin doch kein Narr!�</p><p>Einen Moment lang erwiderte die dunkelhaarige Frau seinen Blick, dann begannen ihre Lippen zu zittern. Tr�nen des Zornes in den Augen setzte sie sich wieder hin, und ihre langen R�cke rauschten.</p><p>�Nun gut, Prinz�, erkl�rte sie, �schlagt mir den Kopf ab, wenn Ihr wollt. Ja, ich habe dem armen M�dchen geholfen, sich zu ihrer Familie nach Nabban durchzuschlagen. W�ret Ihr nicht so herzlos, h�ttet Ihr sie mit einer Eskorte Bewaffneter selber dorthin geschickt. Statt dessen ist ihre einzige Begleitung ein freundlicher M�nch.� Aus dem Ausschnitt ihres Kleides zog sie ein Taschentuch und betupfte sich die Augen. �Jedenfalls ist sie so gl�cklicher als hier, wo man sie eingesperrt hat wie einen Vogel im K�fig.�</p><p>�Bei Elysias Tr�nen!� fluchte Josua und warf die Hand in die Luft. �T�richtes Weib! Miriamel wollte nur die Gesandte spielen � sie glaubte, dadurch Ruhm zu erlangen, da� sie ihre Verwandten in Nabban dazu brachte, sich in diesem Kampf auf meine Seite zu stellen.�</p><p>�Vielleicht ist es nicht gerecht, von �Ruhm� zu sprechen, Josua�, warf Isgrimnur ein. �Ich glaube, die Prinzessin hatte den ehrlichen Wunsch, uns zu helfen.�</p><p>�Und was ist daran falsch?� fragte Vara trotzig. �Ihr braucht doch Nabbans Hilfe, oder nicht? Oder seid Ihr zu stolz?�</p><p>�Gott steh mir bei, die Nabbanai haben sich uns l�ngst angeschlossen! Begreift Ihr denn nicht? Ich habe vor knapp einer Stunde erst mit Baron Devasalles gesprochen. Nun aber spaziert die Tochter des Hochk�nigs sinnlos irgendwo im Land herum, wo doch das gesamte Heer ihres Vaters im Begriff steht, ins Feld zu ziehen, und seine Spione �berall umherschw�rmen wie die Schmei�fliegen.�</p><p>Josua rang in ohnm�chtiger Wut die H�nde und sank dann in einen Stuhl, die langen Beine weit von sich gestreckt.</p><p>�Es ist zuviel f�r mich, Isgrimnur�, meinte er ersch�pft. �Und Ihr wundert Euch, warum ich mich nicht zum Rivalen um Elias' Thron erkl�re? Ich kann ja nicht einmal ein M�dchen unter meinem eigenen Dach in Sicherheit h�ten.�</p><p>Isgrimnur l�chelte traurig. �Ihr Vater hatte damit auch nicht mehr Gl�ck, wenn ich mich recht erinnere.�</p><p>�Trotzdem.� Der Prinz pre�te die Hand an die Stirn. �Usires, mir brummt der Kopf von alledem.�</p><p>�H�rt zu, Josua�, sagte der Herzog und warf den anderen einen Blick zu, der Ihnen zu schweigen gebot, �noch ist nicht alles verloren. Wir m�ssen nur einen Trupp guter M�nner ausschicken, die jeden Winkel nach Miriamel und diesem M�nch abk�mmen, diesem � Cedric oder wie auch immer��</p><p>�Cadrach�, berichtigte Josua tonlos.</p><p>�Also gut, diesem Cadrach. Schlie�lich kommen ein junges M�dchen und ein frommer Bruder zu Fu� nicht so schnell voran. Wir lassen einfach ein paar Leute aufsitzen und ihnen nachjagen.�</p><p>�Sofern die Herrin Vara nicht auch Pferde f�r sie versteckt gehabt hat�, bemerkte Josua m�rrisch. �Aber das hattet Ihr, nicht wahr?� Vara konnte seinem Blick nicht begegnen.</p><p>�Barmherziger �don!� fluchte Josua wieder. �Das geht zu weit! Ich werde Euch in einem Sack zu Eurem Barbarenvater zur�ckschicken, Wildkatze!�</p><p>�Prinz Josua?� Es war der Harfner. Als er keine Antwort bekam, r�usperte er sich und versuchte es noch einmal. �Prinz?�</p><p>�Was?� versetzte Josua gereizt. �Ja, du kannst gehen. Wir sprechen uns sp�ter noch. Geh!�</p><p>�Nein, Herr � es ist nur � sagtet Ihr, der Name des M�nches sei � Cadrach?�</p><p>�Ja doch. Der Hauptmann am Tor erkl�rte es. Er hat sich ein bi�chen mit dem Mann unterhalten. Wieso, kennst du ihn, oder wei�t du, wo er sich aufhalten k�nnte?�</p><p>�Das nicht, Prinz Josua, aber ich glaube, der junge Simon kennt ihn. Er hat mir viel von seinen Abenteuern erz�hlt, und der Name kommt mir bekannt vor. O Herr, wenn er es ist, k�nnte die Prinzessin in Gefahr sein.�</p><p>�Was meinst du?� Josua beugte sich vor.</p><p>�Jener Cadrach, von dem mir Simon erz�hlt hat, war ein Gauner und Beutelschneider, Herr. Auch war er als M�nch verkleidet, aber ein Mann �dons war er nicht, soviel steht fest.�</p><p>�Das kann nicht sein!� mischte sich Vara ein. Das Khol um ihre Augen war auf die Wangen hinuntergelaufen. �Ich habe mit diesem Mann gesprochen, und er hat mir Stellen aus dem Buche �don zitiert. Ein guter, freundlicher Mann ist er, dieser Bruder Cadrach.�</p><p>�Selbst ein D�mon kann aus dem heiligen Buch zitieren�, meinte Isgrimnur mit besorgtem Kopfsch�tteln. Der Prinz war aufgesprungen und lief zur T�r.</p><p>�Wir m�ssen sofort einen Suchtrupp losschicken, Isgrimnur�, rief er, blieb dann stehen und kehrte wieder um. Er ergriff Varas Arm. �Kommt, Herrin�, erkl�rte er br�sk. �Ihr k�nnt den Schaden, den Ihr angerichtet habt, nicht ungeschehen machen, aber wenigstens k�nnt Ihr mithelfen und uns sagen, was Ihr wi�t, wo Ihr die Pferde versteckt hattet und alles �brige.� Er zog sie vom Stuhl hoch.</p><p>�Aber ich kann doch so nicht hinaus!� Sie wehrte sich entsetzt. �Seht doch, ich habe geweint. Mein Gesicht, es mu� schrecklich aussehen!�</p><p>�F�r den Schmerz, den Ihr mir und vielleicht auch meiner t�richten Nichte angetan habt, ist das eine sehr geringe Bu�e. Kommt!�</p><p>Er scheuchte sie vor sich aus dem Zimmer. Isgrimnur folgte. Ihre streitenden Stimmen hallten im steinernen Gang wider.</p><p>Sangfugol, alleingeblieben, blickte bek�mmert auf seine Laute. Ein langer Ri� hatte den ganzen gerundeten Eschenholzr�cken verzogen, und eine der Saiten hing nutzlos gekr�uselt herunter.</p><p>�Wenige und unfrohe Musik wird es heute abend geben�, sagte der Harfner und folgte den anderen hinaus.</p><empty-line/><p>Es war noch eine Stunde bis zur Morgend�mmerung, als Lluth an ihr Bett trat. Sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen k�nnen, ganz verkrampft vor lauter Sorge um ihn. Als er sich b�ckte und ihren Arm ber�hrte, tat sie, als schliefe sie, um ihm das einzige zu ersparen, das sie ihm ersparen konnte: zu wissen, wie sehr sie sich f�rchtete.</p><p>�Maegwin�, sagte er leise. Mit festgeschlossenen Augen wehrte sie sich gegen das Verlangen, die Arme auszustrecken und ihn fest an sich zu dr�cken. In voller R�stung bis auf den Helm, wie sie am Klang seiner Schritte und dem Geruch des Polier�ls gemerkt hatte, w�re es ihm vielleicht schwergefallen, sich wieder aufzurichten, wenn sie ihn so an sich zog. Aber selbst diesen Abschied, so bitter er auch war, konnte sie ertragen. Was sie nicht ertrug, war der Gedanke, da� er in dieser Nacht aller N�chte zeigen k�nnte, wie m�de und alt er war.</p><p>�Seid Ihr es, Vater?� fragte sie endlich.</p><p>�Ja.�</p><p>�Ihr brecht jetzt auf?�</p><p>�Ich mu�. Die Sonne wird bald aufgehen, und wir wollen bis zum Vormittag den Rand des Kammwaldes erreicht haben.�</p><p>Sie setzte sich auf. Das Feuer war heruntergebrannt, und selbst mit ge�ffneten Augen konnte sie nur wenig erkennen. Durch die Wand vernahm sie das leise Schluchzen ihrer Stiefmutter Inahwen. Maegwin �berkam ein Anflug von Zorn dar�ber, da� man seinen Kummer so zu Schau stellen konnte.</p><p>�Bryniochs Schild �ber Euch, Vater�, sagte sie und streckte eine blinde Hand nach seinem ersch�pften Gesicht aus. �Ich w�nschte, ich w�re ein Sohn, um an Eurer Seite zu k�mpfen.�</p><p>Sie f�hlte, wie sich unter ihren Fingern seine Lippen kr�uselten. �Ach, Maegwin, du warst immer ein wildes Ding. Hast du nicht gen�gend Pflichten hier? Es wird nicht leicht sein, im Taig zu herrschen, wenn ich fort bin.�</p><p>�Ihr Verge�t Eure Gemahlin.�</p><p>Wieder l�chelte Lluth in der Dunkelheit. �Das tue ich nicht. Du bist stark, Maegwin, st�rker als sie. Du mu�t ihr etwas von deiner Kraft leihen.�</p><p>�F�r gew�hnlich bekommt sie, was sie will.�</p><p>Die Stimme des K�nigs blieb sanft, aber er packte ihr Handgelenk mit festem Griff. �Nicht doch, Tochter. Ihr beide und Gwythinn seid mir die drei Liebsten auf der Welt. Hilf ihr!�</p><p>Maegwin verabscheute Weinen. Sie zog die Hand aus den Fingern ihres Vaters und rieb sich heftig die Augen. �Ich werde es tun�, versprach sie. �Vergebt mir.�</p><p>�Ich habe nichts zu vergeben�, antwortete er, nahm noch einmal ihre Hand und dr�ckte sie. �Leb wohl, Tochter, bis ich wiederkomme. Es kreisen grausame Raben �ber unseren Feldern, und wir werden Arbeit haben, sie zu vertreiben.�</p><p>Sie sprang auf, hinaus aus dem Bett, und umschlang ihn. Gleich darauf �ffnete sich die T�r, und sie h�rte seine sich langsam durch die Halle entfernenden Schritte, das Klirren der Sporen wie triste Musik.</p><p>Sp�ter, als sie weinte, zog sie die Decken �ber den Kopf, damit niemand es h�rte.</p></section><section><title><p>XXXVI</p><p>Frische Wunden, alte Narben</p></title><p>Die Pferde hatten vor Qantaqa nicht wenig Angst, so da� sich Binabik auf der grauen W�lfin ein gutes St�ck vor Simon und den anderen hielt. Er trug eine abgedeckte Lampe, um ihnen in der dichten Finsternis den Weg zu weisen. Als der kleine Zug am Bergsaum dahinritt, h�pfte das flackernde Licht vor ihnen her wie eine Totenkerze.</p><p>Der Mond duckte sich in seinem Wolkennest, und sie kamen nur langsam und vorsichtig voran. Zwischen dem sanft wiegenden Rhythmus des Pferdes unter ihm und dem Gef�hl seines warmen, breiten R�ckens w�re Simon mehrmals um ein Haar eingeschlafen, h�tten ihn nicht die d�nnen, krabbelnden Finger der Zweige eng am Weg stehender B�ume immer wieder aufgeschreckt.</p><p>Es wurde wenig geredet. Von Zeit zu Zeit fl�sterte einer der M�nner seinem Ro� etwas Aufmunterndes zu, oder Binabik rief leise zu ihnen hin�ber, um sie vor einem bevorstehenden Hindernis zu warnen. Ohne solche Laute und das ged�mpfte Prasseln der Hufschl�ge h�tten sie ein grauer Pilgerzug verlorener Seelen sein k�nnen.</p><p>Als endlich das Mondlicht durch einen Ri� in der Wolkendecke zu sickern begann, kurz vor Anbruch der D�mmerung, hielten sie an, um zu lagern. In dampfendem Atem fing sich der Mondschein, so da� es schien, als stie�en sie silberblaue Wolken aus, w�hrend sie ihre Reittiere und die beiden Packpferde anbanden. Ein Feuer entz�ndeten sie nicht. Ethelbearn �bernahm die erste Wache; die anderen, in ihre dicken M�ntel gewickelt, rollten sich auf der feuchten Erde zusammen, um soviel Schlaf zu ergattern, wie sie nur konnten.</p><p>Simon erwachte unter einem Morgenhimmel wie d�nner Haferschleim, mit Nase und Ohren, die sich �ber Nacht wie durch Zauber in Eis verwandelt hatten. Er hockte sich an das kleine Feuer und kaute Brot und K�se, die Binabik ausgeteilt hatte. Sludig kam und setzte sich neben ihn. Die Wangen des jungen Rimmersmannes waren vom scharfen Wind rotgl�nzend.</p><p>�Ein Wetter wie bei uns zu Hause im Vorfr�hling�, grinste er, spie�te einen Brotkanten auf die lange Klinge seines Messers und hielt ihn �ber die Flammen. �Das macht schnell einen Mann aus dir, du wirst schon sehen.�</p><p>�Ich hoffe, es gibt noch andere Arten, ein Mann zu werden, als sich zu Tode zu frieren�, brummte Simon und rieb sich die H�nde.</p><p>�Du kannst auch einen B�ren mit dem Speer t�ten�, meinte Sludig. �Das machen wir auch.�</p><p>Simon war sich nicht sicher, ob das ein Scherz sein sollte.</p><p>Binabik, der gerade Qantaqa zum Jagen fortgeschickt hatte, trat zu ihnen und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen hin.</p><p>�Nun, ihr beiden, seid ihr bereit zu einem harten Ritt heute?� fragte der Troll. Simon antwortete nicht, weil er den Mund voller Brot hatte; als Sludig einen Moment sp�ter auch noch nichts erwidert hatte, schaute Simon auf. Der Rimmersmann starrte stur geradeaus ins Feuer. Sein Mund bildete eine feste, waagrechte Linie. Das Schweigen war ungem�tlich.</p><p>Simon schluckte. �Ich denke schon, Binabik�, sagte er rasch. �Haben wir einen weiten Weg?�</p><p>Binabik l�chelte so heiter, als sei das Schweigen des Rimmersmannes v�llig nat�rlich. �Wir werden so weit reiten, wie wir es w�nschen. Heute scheint es gut zu sein, wenn man lange reitet, denn der Himmel ist klar. Schneller als es uns lieb ist, finden uns vielleicht Regen und Schnee.�</p><p>�Kennst du denn unser Ziel?�</p><p>�Zum Teil, Freund Simon.� Binabik nahm ein St�ck Zweig vom Rand der Feuergrube und zog damit Striche in die feuchte Erde. �Hier erhebt sich Naglimund�, erkl�rte er und malte einen ungef�hren Kreis. Dann zog er eine Reihe von Muschelb�gen, die sich, von der rechten Seite des Kreises ausgehend, ein gutes St�ck weiter nach oben erstreckten. �Das hier ist der Weldhelm. Dieses Kreuz sind wir, hier an dieser Stelle.� Er machte ein Zeichen unweit des Kreises. Dann zeichnete er in schneller Folge ein gro�es Oval nahe der anderen Seite des Gebirges, ein paar kleinere, um es herum verstreute Kreise, und dahinter etwas, das wie eine weitere Bergkette aussah.</p><p>�Nun also�, meinte er dann und kauerte sich dicht vor sein durchfurchtes St�ck Erde. �Bald werden wir uns diesem See n�hern�, er deutete auf die gro�e, elliptische Form, �den man Drorshull nennt.�</p><p>Sludig, der sich anscheinend widerwillig her�bergebeugt und zugeschaut hatte, richtete sich auf. �Drorshullvenn � Torshammersee.� Er runzelte die Stirn und beugte sich nochmals nach unten, um mit dem Finger einen Punkt am Westufer des Sees zu bezeichnen. �Dort liegt Vestvennby � das Thanland dieses Verr�ters Storfot. Ich w�rde dort liebend gern nachts vorbeireiten.� Er wischte die Brotkrumen von der Klinge seines Dolches und hielt den Stahl in das schwache Licht des Feuers.</p><p>�Wir werden aber nicht dorthin kommen�, erkl�rte Binabik streng, �und du wirst deine Rache abwarten m�ssen. Wir nehmen die andere Seite, an Hullnir vorbei nach Haethstad, weiter in Richtung der Abtei von Sankt Skendi und dann h�chstwahrscheinlich den Weg �ber die n�rdliche Ebene hinauf zu den Bergen. Kein vorheriges Anhalten zum Halsabschneiden.� Er schob den Stock �ber den See weiter, auf die Reihe der runden B�gen zu.</p><p>�Das liegt daran, da� ihr Trolle nicht wi�t, was Ehre ist�, bemerkte Sludig bitter und starrte Binabik unter seinen dichten blonden Augenbrauen an.</p><p>�Sludig�, begann Simon bittend, aber Binabik nahm die Herausforderung des anderen gelassen hin.</p><p>�Wir haben einen Auftrag zu erf�llen�, erwiderte der Troll ruhig. �Isgrimnur, dein Herzog, w�nscht es, und seinem Willen ist nicht mit Treue gedient, wenn man sich zur Nachtzeit fortschleicht, um Storfot die Kehle aufzuschlitzen. Das ist kein Mangel an Ehre bei einem Troll, Sludig.�</p><p>Der Rimmersmann warf ihm einen kurzen, scharfen Blick zu und sch�ttelte dann den Kopf. �Du hast recht.� Zu Simons Erstaunen lag in seiner Stimme kein Groll mehr. �Ich bin zornig und habe meine Worte schlecht gew�hlt.� Er stand auf und ging zu Grimmric und Haestan hin�ber, die damit besch�ftigt waren, die Pferde wieder zu beladen. Im Gehen bewegte er die geschmeidigen, muskul�sen Schultern, als wollte er Knoten darin l�sen. Simon und der Troll starrten ihm einen Augenblick nach.</p><p>�Er hat sich entschuldigt�, sagte Simon �berrascht.</p><p>�Nicht alle Rimmersm�nner sind wie dieser kalte Einskaldir�, bemerkte sein kleiner Freund. �Aber es sind auch � andererseits � nicht alle Trolle wie Binabik.�</p><empty-line/><p>Es war ein sehr langer Tagesritt, immer im Schutz der B�ume die Flanke des Gebirges hinauf. Als sie endlich anhielten, um ihre Abendmahlzeit einzunehmen, wu�te Simon l�ngst, wie zutreffend Haestans Warnungen gewesen waren: Obwohl sein Pferd langsam gegangen war und der Weg durch leichtes Gel�nde gef�hrt hatte, brannten ihm Beine und Schritt, als h�tte er den ganzen Tag auf irgendeinem schrecklichen Folterger�t gesessen. Haestan, nicht ohne Grinsen, erl�uterte ihm liebensw�rdig, das Schlimmste komme erst noch, wenn er morgens steif von der Nacht w�re; dann bot er ihm soviel aus dem Weinschlauch an, wie er nur trinken mochte.</p><p>Als Simon sich an diesem Abend endlich zwischen den buckligen, bemoosten Wurzeln einer fast entlaubten Eiche zusammenrollte, f�hlte er sich etwas besser, obwohl der Wein ihm vorgaukelte, er h�re Stimmen im Wind, die seltsame Lieder sangen.</p><p>Als er am Morgen aufwachte, mu�te er feststellen, da� nicht nur alles, was Haestan prophezeit hatte, zehnfach eingetroffen war, sondern da� auch noch Schnee herunterwirbelte und �ber Weldhelmberge und Reisende eine gleichm��ig kalte, fest an ihnen haftende wei�e Decke breitete. Zitternd im matten Yuven-Tageslicht konnte er noch immer die Windstimmen vernehmen. Was sie sagten, war klar: Sie verspotteten den Kalender und machten sich lustig �ber Reisende, die da meinten, sie k�nnten ungestraft durch das neue K�nigreich des Winters ziehen.</p><p>Die ersten anderthalb Tage waren sie sehr schnell geritten und hatten die keuchenden Pferde der Herrin Vara bis ans Ende ihrer Kr�fte getrieben; bis sie an seiner oberen Gabelung den Gr�nwate-Flu� erreicht und �berquert hatten, etwa f�nfundzwanzig Meilen s�dwestlich von Naglimund. Danach hatten sie die Geschwindigkeit verringert, damit die Pferde sich ausruhen konnten; immerhin war es m�glich, da� sie noch einmal eilig davonreiten mu�ten.</p><p>Prinzessin Miriamel ritt gut im Herrensitz, wie es sich f�r die Kleidung, die sie trug, geh�rte: Hosen und Wams, die ihr schon bei ihrer Flucht aus dem Hochhorst als Verkleidung gedient hatten. Ihr kurzgeschnittenes Haar war neuerlich schwarzgef�rbt, obwohl unter der Reisekapuze, die sie ebenso vor K�lte wie auch vor Entdeckung sch�tzen sollte, kaum etwas davon zu sehen war. Bruder Cadrach, der in seinem vom Reisestaub schmutzigen grauen Habit neben ihr ritt, wirkte unauff�llig wie sie. Ohnehin waren bei dem abschreckenden Wetter und den gef�hrlichen Zeiten kaum andere Reisende auf der Flu�uferstra�e unterwegs. Die Prinzessin wurde langsam zuversichtlich, da� ihre Flucht gelungen war.</p><p>Seit der Mitte des Vortages waren sie auf der Deichstra�e dem breiten, angeschwollenen Flu� gefolgt, in den Ohren das Schmettern ferner Trompeten, schriller, aufdringlicher Stimmen, die selbst das St�hnen des regenschweren Windes �bert�nten. Zuerst hatte sie Angst gehabt, weil der L�rm das Gespenst einer r�chenden Schar ihres Onkels oder ihres Vaters, ihnen dicht auf den Fersen, weckte. Aber es stellte sich bald heraus, da� Cadrach und sie sich der Quelle des L�rmes n�herten, anstatt vor ihr zu fliehen. Und an diesem Morgen hatten sie dann zum ersten Mal die Handschrift der Schlacht gesehen: einsame Linien aus schwarzem Rauch, in den ruhig gewordenen Himmel hineingemalt wie mit Tinte.</p><empty-line/><p>Miriamel starrte voller Grauen auf das Bild, das vor ihr lag. Was schon seit Stunden wie ein wirres Durcheinander von Farben und schwarzem Rauch am Horizont gestanden hatte, war nun klar erkennbar, als sie mit Cadrach oben auf der Bergkuppe hielt und hinunter auf den Inniscrich blickte. Es war ein Teppich des Todes, gekn�pft aus Fleisch und Metall und zerfetzter Erde.</p><p>�Barmherzige Elysia!� Sie rang nach Luft und z�gelte das scheuende Pferd, �Was ist hier geschehen? Ist das meines Vaters Werk?�</p><p>Der kleine, rundliche Mann kniff die Augen zusammen, und seine Lippen bewegten sich einen Moment lautlos in etwas, das die Prinzessin f�r ein stilles Gebet hielt. �Die meisten Toten sind Hernystiri, Herrin�, sagte er dann, �und die anderen halte ich dem �u�eren nach f�r Rimmersm�nner.� Stirnrunzelnd betrachtete er die Szene unter ihnen. J�h flog eine Gruppe aufgescheuchter Raben auf, alle gemeinsam wie ein Fliegenschwarm, um sich dann wieder niederzulassen. �Anscheinend hat die Schlacht � zumindest, soweit die abziehenden Truppen betroffen waren � sich nach Westen verlagert.�</p><p>Miriamel merkte, da� ihr Tr�nen der Angst ins Auge stiegen. Sie hob die Faust, um sie fortzuwischen. �Die �berlebenden werden wohl nach Hernysadharc zur�ckweichen, zum Taig. Wie konnte es nur dazu kommen? Sind sie denn alle wahnsinnig geworden?�</p><p>�Das waren sie schon, Herrin�, antwortete Cadrach mit einem sonderbar tr�ben L�cheln. �Nur da� die Zeiten es jetzt erst zum Vorschein gebracht haben.�</p><empty-line/><p>�K�nnen wir denn gar nichts tun?� fragte Miriamel, stieg ab und blieb neben ihrem sanft prustenden Pferd stehen. Bis auf die V�gel lag das Bild unter ihnen so unbeweglich wie in grauen und roten Stein gemei�elt.</p><p>�Und was sollte das sein, Herrin?� erkundigte sich Cadrach vom Sattel herunter. Er nahm einen Zug aus dem Weinschlauch.</p><p>�Das wei� ich nicht. Ihr seid doch ein Priester! Solltet Ihr nicht eine <emphasis>Mansa</emphasis> f�r ihre Seelen sprechen?�</p><p>�F�r wessen Seelen, Prinzessin? Die meiner heidnischen Landsleute, oder die der guten �doniter aus Rimmersgard, die ihnen diesen freundschaftlichen Besuch abgestattet haben?� Die bitteren Worte schienen in der Luft zu h�ngen wie Rauch.</p><p>Miriamel drehte sich um und sah den kleinen Mann an, dessen Augen jetzt einen ganz anderen Ausdruck hatten als bei dem munteren Begleiter der beiden letzten Tage. Er hatte ihr Geschichten erz�hlt und ihr seine Reit- und Trinklieder aus Hernystir vorgesungen und vor Heiterkeit geradezu gestrahlt. Jetzt sah er aus wie ein Mann, der den zweifelhaften Triumph einer verh�ngnisvollen Weissagung kostet, die wahr geworden ist.</p><p>�Nicht alle Hernystiri sind Heiden!� versetzte sie, �ber seine sonderbare Stimmung ver�rgert. �Ihr seid ja selbst ein �donitischer M�nch!�</p><p>�Soll ich deshalb hinuntergehen und sie fragen, wer ein Heide ist und wer nicht?� Er schwenkte die rundliche Hand nach dem stillen Schauspiel des Gemetzels. �Nein, Herrin, das einzige, was es hier noch zu tun gibt, erledigen die Aasfresser.� Er trieb mit den Fersen sein Pferd an und ritt eine kleine Strecke voraus.</p><p>Miriamel stand mit gro�en Augen da, die Wange an den Pferdehals gedr�ckt. �Einen frommen Mann kann doch gewi� ein solches Bild nicht unger�hrt lassen!� rief sie ihm nach, �und wenn er das rote Ungeheuer Pryrates selber w�re!� Bei der Erw�hnung von K�nig Elias' Ratgeber duckte sich Cadrach, als habe ihm jemand einen Hieb in den R�cken versetzt. Er ritt noch ein paar Schritte weiter, hielt dann an und sa� eine Zeitlang schweigend da.</p><p>�Kommt, Herrin�, erkl�rte er endlich, ohne sich umzublicken. �Wir m�ssen von dieser H�he herunter, wo man uns von �berall her sehen kann. Nicht alle Aasfresser haben Federn, und manche bewegen sich auf zwei Beinen.�</p><p>Die Prinzessin zuckte wortlos die Achseln und kletterte wieder in den Sattel. Ihre Augen waren trocken. Sie folgte dem M�nch den waldigen Abhang hinunter, der sich am blutgetr�nkten Wasser des Inniscrich entlangzog.</p><empty-line/><p>Als er in dieser Nacht, in ihrem Lager oben auf dem Berg �ber der flachen, wei�en, baumlosen Weite des Drorshullsees, schlief, tr�umte Simon wieder von dem Rad.</p><p>Wieder fand er sich hilflos verfangen, herumgeworfen wie die Lumpenpuppe eines Kindes, hochgehoben vom gewaltigen Rand des Rades. Kalte Winde sch�ttelten ihn, und Eisscherben flogen ihm ins Gesicht, als ihn das Rad in erstarrende Schw�rze hinaufschleuderte.</p><p>Auf dem Scheitel der gewichtigen Umdrehung angekommen, zerfetzt und blutend vom Wind, gewahrte er in der Finsternis ein Gl�nzen, einen leuchtenden, senkrechten Streifen, der von der undurchdringlichen Schw�rze �ber ihm in die ebenso tr�ben Tiefen des Untergrundes hinabreichte. Es war ein wei�er Baum, dessen breiter, mit d�nnen Zweigen besetzter Stamm gl�hte, als sei er voller Sterne. Simon versuchte sich aus dem Griff des Rades zu befreien, um in das lockende Wei� hineinzuspringen, aber er schien gefesselt. Mit einer letzten gewaltigen Anstrengung ri� er sich los und sprang.</p><p>Durch ein Weltall gl�hender Bl�tter st�rzte er hinab, als fl�ge er durch die Lampen der Sterne; laut rief er nach Usires, dem Gesegneten, um Rettung, um die Hilfe Gottes; aber keine Hand fing ihn auf, als er durch das kalte Firmament dahinraste�</p><empty-line/><p>Hullnir am �stlichen Ufer des langsam zufrierenden Sees war ein Ort, an dem es nicht einmal mehr Geister gab. Halb unter Schneewehen begraben, die Hausd�cher abgedeckt von Wind und Hagel, lag es wie der Leichnam eines verhungerten Elches unter dem dunklen, gleichg�ltigen Himmel.</p><p>�Haben Skali und seine Raben dem ganzen Nordland so schnell das Leben geraubt?� fragte Sludig mit gro�en Augen.</p><p>�Wahrscheinlich sind sie blo� alle vor diesem sp�ten Frost geflohen�, meinte Grimmric und zog unter dem schmalen Kinn den Mantel enger. �Zu kalt hier, zu weit weg von den paar offenen Stra�en.�</p><p>�Es ist anzunehmen, da� es in Haethstad genauso aussieht�, f�gte Binabik hinzu und trieb Qantaqa wieder den Hang hinauf. �Gut ist es, da� wir nicht planten, unterwegs Vorr�te zu finden.�</p><p>Hier am anderen Ende des Sees begannen die Berge allm�hlich zur�ckzuweichen, und ein riesiger Arm des n�rdlichen Aldheorte streckte sich aus, die letzten niedrigen H�nge in seinen Mantel zu h�llen. Hier sah es anders aus als im s�dlichen Teil des Forstes, den Simon kannte � und das nicht nur des Schnees wegen, der den Waldboden wie ein Teppich bedeckte und alle Ger�usche ihres Rittes verschluckte. Hier standen die B�ume gerade und hoch, dunkelgr�ne Kiefern und Fichten, die in ihren wei�en M�nteln aufragten wie S�ulen und die breiten, schattendunklen Durchl�sse voneinander trennten. Die Reiter zogen dahin wie durch bleiche Katakomben, und der Schnee senkte sich auf sie wie die Asche von Jahrtausenden.</p><p>�Da dr�ben ist jemand, Bruder Cadrach!� zischte Miriamel und deutete mit dem Finger. �Dort! Seht Ihr es nicht gl�nzen � das ist Metall!�</p><p>Cadrach setzte den Weinschlauch ab und glotzte. Seine Mundwinkel waren purpurrot verf�rbt. Mit finsterem Gesicht schielte er in die angegebene Richtung, als wollte er lediglich ihrer Laune nachgeben. Gleich darauf wurde sein Stirnrunzeln tiefer.</p><p>�Beim guten Gott, Ihr habt recht, Prinzessin�, fl�sterte er. �Da dr�ben ist tats�chlich etwas.� Er reichte ihr die Z�gel und lie� sich in das dichte gr�ne Gras hinuntergleiten. Eine Geb�rde mahnte die Prinzessin zum Schweigen. Cadrach schlich vorw�rts. Mit einem breiten Baumstamm als Deckung f�r seine fast ebenso kr�ftige Gestalt bewegte er sich bis auf etwa hundert Schritte an den glitzernden Gegenstand heran und sp�hte dann mit langem Hals um den Baum herum wie ein Kind beim Versteckspiel. Sekunden sp�ter drehte er sich um und winkte ihr. Miriamel, die Cadrachs Ro� mitf�hrte, ritt hin�ber.</p><p>Es war ein Mann, der halb an den verzweigten Fu� einer Eiche gelehnt dalag, in einer R�stung, die an einigen Stellen noch gl�nzte, so furchtbar zerhauen sie sonst auch war. Neben ihm im Gras waren der Griff eines zerspellten Schwertes und eine zerbrochene Stange zu erkennen, an der ein gr�nes Banner hing, das mit dem Wei�en Hirsch, dem Wappen von Hernystir, bestickt war.</p><p>�Elysia, Mutter Gottes!� rief Miriamel und rannte auf ihn zu.</p><p>�Lebt er noch?�</p><p>Cadrach band rasch die Pferde an eine der gekr�mmten Eichenwurzeln und trat dann zu ihr. �Das ist unwahrscheinlich.�</p><p>�Aber es ist so!� sagte die Prinzessin. �H�rt doch � er atmet.�</p><p>Der M�nch kniete nieder, um den Mann zu untersuchen, dessen Atem tats�chlich schwach aus der H�hlung des halbge�ffneten Helms drang. Cadrach klappte die Maske unter dem Fl�gelkamm nach oben und enth�llte ein schnurrb�rtiges, unter Rinnsalen angetrockneten Blutes kaum noch kenntliches Gesicht.</p><p>�O Hunde des Himmels�, seufzte Cadrach, �es ist Arthpreas � der Graf von Cuimhne.�</p><p>�Ihr kennt ihn?� fragte Miriamel, die dabei war, in der Satteltasche nach dem Wasserschlauch zu suchen. Sie fand ihn und befeuchtete ein St�ck Stoff mit dem Wasser.</p><p>�Ich wei�, wer er ist, mehr nicht�, antwortete Cadrach und zeigte auf die beiden auf den zerfetzten Wappenrock des Ritters gestickten V�gel. �Er ist der Inhaber des Lehens von Cuimhne, das in der N�he von Nad Mullagh liegt. Sein Zeichen sind die Zwillings-Wiesenlerchen.�</p><p>Miriamel tupfte Arthpreas das Gesicht ab, w�hrend der M�nch vorsichtig die blutigen Risse in der R�stung pr�fte. Die Lider des Ritters zuckten.</p><p>�Er wacht auf!� rief die Prinzessin und zog scharf den Atem ein. �Cadrach, ich glaube, er bleibt am Leben!�</p><p>�Nicht lange, Herrin�, erwiderte der kleine Mann ruhig. �Er hat eine Bauchwunde, so breit wie meine Hand. La�t mich die letzten Worte f�r ihn sprechen, dann kann er in Frieden sterben.�</p><p>Der Graf st�hnte. Ein wenig Blut rann �ber den Rand seiner Lippen. Miriamel wischte es ihm liebevoll vom Kinn. Seine Augen flatterten auf.</p><p><emphasis>�E gundhain sluith, ma connalbehn��,</emphasis> murmelte der Ritter auf Hernystiri. Er hustete schwach, und neue Blutblasen traten auf seine Lippen. �Guter � guter Junge. Haben sie � den Hirsch?�</p><p>�Was meint er?� wisperte Miriamel. Cadrach deutete auf das zerrissene Banner im Gras unter dem Arm des Grafen.</p><p>Ihr habt ihn gerettet, Graf Arthpreas�, sagte sie und n�herte ihr Gesicht dem seinen. �Es ist in Sicherheit. Was ist geschehen?�</p><p>�Skalis Rabenkrieger � sie waren �berall.� Ein langer Hustenanfall, und die Augen des Ritters �ffneten sich weit. �Und meine tapferen Burschen � tot, alle tot � zerhackt wie � wie�� Arthpreas stie� ein schmerzhaftes, trockenes Schluchzen aus. Seine Augen starrten in den Himmel, langsam wandernd, als folgten sie dem Lauf der Wolken.</p><p>�Und wo ist der K�nig?� fuhr er endlich fort. �Wo ist unser tapferer alter K�nig? Die <emphasis>goirach</emphasis> Nordm�nner waren �berall um ihn herum, Brynioch verderbe sie, <emphasis>Brynioch naferth ub � ub strocinh��</emphasis></p><p>�Der K�nig?� fl�sterte Miriamel. �Er mu� Lluth meinen.�</p><p>Pl�tzlich fiel der Blick des Grafen auf Cadrach und flammte sekundenlang auf, als finge ein Funken darin Feuer. <emphasis>�Padreic?�</emphasis> fragte er und hob die zitternde, blutige Hand, um sie dem M�nch auf den Arm zu legen. Cadrach zuckte zusammen, als wollte er ihm ausweichen, aber seine Augen waren wie gefangen und schimmerten in seltsamem Glanz. �Bist du es, Padreic <emphasis>feir</emphasis>? Bist du � zur�ckgekommen?�</p><p>Der Ritter erstarrte und stie� ein langes, rasselndes Husten aus, das die rote Flut hervorschie�en lie� wie einen unterirdischen Quell. Gleich darauf rollten die Augen unter den dunklen Wimpern nach oben.</p><p>�Tot�, sagte Cadrach wenig sp�ter, und seine Stimme klang rauh. �M�ge Usires ihn erl�sen und Gott seine Seele tr�sten.� Er schlug das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> �ber Arthpreas' regloser Brust und stand auf.</p><p>�Er nannte Euch Padreic�, bemerkte Miriamel und starrte geistesabwesend auf das Tuch in ihrer Hand, das jetzt durch und durch tiefrot war.</p><p>�Er hat mich verwechselt�, entgegnete der M�nch. �Ein Sterbender, der nach einem alten Freund Ausschau hielt. Kommt! Wir haben keine Schaufeln, um ihm ein Grab zu graben. Wenigstens wollen wir Steine suchen und ihn damit bedecken. Er war � es hei�t, er war ein guter Mann.�</p><p>W�hrend Cadrach �ber die Lichtung davonging, zog Miriamel vorsichtig den Panzerhandschuh von Arthpreas' Hand und wickelte ihn in das zerfetzte gr�ne Banner.</p><p>�Bitte kommt und helft mir, Herrin!� rief Cadrach. �Wir k�nnen uns hier nicht lange aufhalten.�</p><p>�Ich komme gleich�, antwortete sie und steckte das B�ndel in ihre Satteltasche. �Soviel Zeit haben wir.�</p><empty-line/><p>Simon und seine Gef�hrten legten langsam den weiten Weg rund um den See zur�ck. Sie folgten einer mit hohen B�umen bestandenen Halbinsel voller Schneewehen. Zur Linken lag der gefrorene Spiegel des Drorshull; die wei�en Schultern des oberen Weldhelms ragten rechts von ihnen auf. Der Gesang des Windes war so laut, da� er jede Unterhaltung, die leiser war als ein kr�ftiger Ruf, erstickte. Simon ritt und sah auf Haestans breiten, dunklen R�cken, der vor ihm herschwankte, und es kam ihm vor, als seien sie alle einsame Inseln in einem kalten Meer: stets einer in des anderen Blickfeld, doch voneinander getrennt durch unbekannte Weiten. Er merkte, wie seine Gedanken sich nach innen wandten, eingelullt vom gleichm��igen Vorw�rtsstapfen seines Pferdes.</p><p>Merkw�rdigerweise erschien vor seinem geistigen Auge Naglimund, das sie gerade erst verlassen hatten, bereits so verschwommen wie eine Erinnerung aus fernster Kinderzeit. Sogar Miriamels und Josuas Gesichter konnte er sich kaum noch vorstellen � es war, als versuchte er sich die Z�ge von Fremden zu vergegenw�rtigen, deren Bedeutung man erst bemerkte, als sie schon lange nicht mehr da waren. Statt dessen erwachten lebhafte Erinnerungen an den Hochhorst � an lange Sommerabende auf dem Burganger, juckend von gem�htem Gras und von Insekten, oder an windige Fr�hlingsnachmittage, an denen er auf die Mauern geklettert war und der schwere Duft der Rosenhecken im Hof an ihm gezupft hatte wie warme H�nde. Als er sich an den etwas feuchten Geruch der W�nde erinnerte, die sein kleines Bett umgaben, hineingestopft in einen Winkel des Dienstbotenfl�gels, f�hlte er sich wie ein verbannter K�nig, der seinen Palast an einen fremden Eroberer verloren hat � und so war es ja in gewisser Weise auch.</p><p>Die anderen schienen genauso tief in ihre eigenen Gedanken versunken; abgesehen von Grimmrics Pfeifen � einer d�nnen, trillernden Melodie, die nur ab und zu den Wind �bert�nte, sich aber dennoch stetig fortzusetzen schien � fand der Ritt um den Drorshullsee in tiefem Schweigen statt.</p><p>Simon kam es manchmal, wenn er sie im Schneegest�ber erkennen konnte, so vor, als sehe er die W�lfin stehenbleiben und den Kopf schief legen, als w�rde sie lauschen. Als sie am Abend endlich ihr Lager aufschlugen und der gr��te Teil des Sees s�dwestlich hinter ihnen lag, fragte er danach.</p><p>�H�rt Qantaqa etwas, Binabik? Ist irgend jemand vor uns?�</p><p>Der Troll sch�ttelte den Kopf und streckte die H�nde n�her ans Feuer. Die Handschuhe hatte er ausgezogen. �Vielleicht. Aber etwas, das vor uns liegt, selbst in solchem Wetter, w�rde Qantaqa riechen. Au�erdem reiten wir mit dem Wind. Wahrscheinlicher ist es, da� sie ein Ger�usch hinter uns oder von der Seite vernimmt.�</p><p>Simon �berlegte einen Augenblick. Sicher war, da� ihnen aus dem ver�deten Hullnir, in dem es nicht einmal mehr V�gel gab, nichts gefolgt war.</p><p>�Jemand soll hinter uns sein?� fragte er ungl�ubig.</p><p>�Ich bezweifle es. Wer? Und warum?�</p><p>Aber auch Sludig, der die Nachhut bildete, hatte gemerkt, da� die W�lfin unruhig schien. Obwohl er sich in Binabiks Gesellschaft noch immer nicht recht wohl f�hlte und ganz und gar nicht bereit war, auch noch Qantaqa Vertrauen zu schenken � zum Schlafen rollte er seinen Mantel immer auf der von ihr am weitesten entfernten Stelle des Lagers zusammen �, zweifelte er nicht an den scharfen Sinnen der grauen J�gerin. W�hrend die anderen dasa�en und an Hartbrot und getrocknetem Wildfleisch kauten, hatte er den Wetzstein hervorgeholt, um seine Handbeile zu sch�rfen.</p><p>�Hier zwischen dem Dimmerskog � dem Wald n�rdlich von uns � und dem Drorshullvenn�, sagte er stirnrunzelnd, �ist immer Wildland gewesen, selbst als noch Isgrimnur und vor ihm sein Vater in Elvritshalla herrschten und der Winter seinen Platz kannte. Heute � wer wei�, was durch die wei�e �de oder die Trollfj�lle dahinter wandert?� Er schabte im Takt.</p><p>�Trolle zum Beispiel�, bemerkte Binabik h�misch, �aber ich kann dir versichern, es besteht kaum Anla� zur Furcht davor, da� nachts Trollvolk �ber uns herf�llt, um zu t�ten und zu pl�ndern.�</p><p>Sludig grinste s�uerlich und fuhr fort, die Axt zu sch�rfen.</p><p>�Redet vern�nftig, der Rimmersmann�, schaltete sich jetzt Haestan ein und warf Binabik einen mi�billigenden Blick zu. �Sind keine Trolle, vor denen ich mich f�rchte.�</p><p>�N�hern wir uns denn schon deiner Heimat, Binabik?� erkundigte sich Simon. �Yiqanuc?�</p><p>�Wir kommen in gr��ere N�he zu ihr, sobald wir die Berge erreichen; aber der Ort meiner Geburt, denke ich, liegt tats�chlich im Osten des Ortes, zu dem wir wollen.�</p><p>�Du denkst das?�</p><p>�Vergi� nicht, da� wir noch nicht mit Genauigkeit wissen, wo unser Ziel liegt. �Der Reimerbaum� � ein Baum voller Reime? Ich kenne den Berg, der Urmsheim hei�t, wohin dieser Colmund angeblich geritten sein soll. Er steht irgendwo im Norden, zwischen Rimmersgard und Yiqanuc. Aber ein gro�er Berg ist er.� Der Troll zuckte die Achseln. �Steht der Baum darauf? Oder davor? Oder ganz woanders? Ich kann das zu dieser Zeit noch nicht wissen.�</p><p>Simon und die anderen blickten d�ster ins Feuer. F�r seinen Herrscher einen gef�hrlichen Auftrag zu �bernehmen war eine Sache, blind in einer wei�en Wildnis herumzusuchen eine andere.</p><p>Die Flammen bissen zischend in das nasse Holz. Qantaqa, die sich auf dem nackten Schnee ausgestreckt hatte, erhob sich und legte den Kopf schr�g. Zielstrebig lief sie zum Rand der Lichtung, die sie sich in einem Kiefernw�ldchen am Hang des niedrigen Berges als Lagerplatz ausgesucht hatten. Nach einer besorgten Pause kehrte sie zur�ck und legte sich wieder hin. Niemand sagte ein Wort, aber ein angespannter Augenblick war vorbei und das Herz wieder etwas leichter.</p><p>Als alle gegessen hatten, wurde neues Holz auf das Feuer gelegt, das mit fr�hlichem Prasseln und Dampfen dem wirbelnden Schnee trotzte. Binabik und Haestan waren in ein leises Gespr�ch vertieft, und Simon versuchte Ethelbearns Wetzstein an seinem eigenen Schwert. Eine d�nne Melodie erklang. Simon drehte sich um und sah Grimmric, der die Lippen gespitzt und den Blick auf die tanzenden Flammen geheftet hatte und vor sich hin pfiff. Als er aufsah und Simons Blick auf sich sp�rte, schenkte der drahtige Erkynl�nder ihm ein schiefz�hniges L�cheln.</p><p>�Hab mich an was erinnert�, erkl�rte er. �Altes Winterlied.�</p><p>�Welches denn?� fragte Ethelbearn. �Sing es uns vor, Mann. Ein kleines Lied kann nichts schaden.�</p><p>�Ja, sing�, half Simon nach.</p><p>Grimmric sah zu Haestan und dem Troll hin�ber, als f�rchte er Einw�nde aus dieser Richtung, aber die beiden waren noch v�llig in ihre Diskussion verstrickt. �Also gut�, meinte er. �Wird schon nichts schaden.� Er r�usperte sich und schaute zu Boden, als mache ihn die pl�tzliche Aufmerksamkeit der anderen verlegen. �Ist blo� ein Lied, das mein alter Vater immer gesungen hat, wenn wir im Decander nachmittags Holz schlagen gingen.� Er r�usperte sich nochmals. �Ein Winterlied eben�, erg�nzte er und fing an zu singen. Seine Stimme war rauh, aber nicht unmelodisch.</p><poem><stanza><v>Eis bedeckt das Strohdach nun,</v><v>Schnee Fensterbrett und Wald.</v><v>Eine Hand klopft an die T�r</v><v>im Winter eisigkalt.</v></stanza><stanza><v>Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?</v></stanza><stanza><v>Feuer lodert im Kamin,</v><v>fest versperrt das Haus.</v><v>Schatten tanzt. Sch�n-Arda fragt</v><v>vorsichtig hinaus:</v></stanza><stanza><v>�Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?�</v></stanza><stanza><v>W�nterdunkle Stimme spricht:</v><v>��ffne deine T�r.</v><v>La� mich ein, die H�nde nur</v><v>will ich w�rmen mir.�</v></stanza><stanza><v>Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?</v></stanza><stanza><v>Sch�ne Arda z�chtig sagt:</v><v>�Seltsam kommt's mir vor,</v><v>da� ein Mensch in solcher Nacht</v><v>nicht den Weg verlor.�</v></stanza><stanza><v>Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?</v></stanza><stanza><v>�Bin ein armer Pilgersmann,</v><v>hab nicht Dach noch Speise.�</v><v>Und es schmilzt Sch�n-Ardas Herz</v><v>bei den Worten leise.</v></stanza><stanza><v>Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?</v></stanza><stanza><v>�Guter Vater, tretet ein,</v><v>m�de und beladen.</v><v>Gottesm�nnern darf ich traun,</v><v>werden mir nicht schaden.�</v></stanza><stanza><v>Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?</v></stanza><stanza><v>Sie schlie�t auf. Wer steht davor?</v><v>Ach, sie ist betrogen.</v><v>Einaug selber tritt ins Haus,</v><v>ist ihr wohlgewogen.</v></stanza><stanza><v>Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?</v></stanza><stanza><v>�L�gen sprach ich, fing dich ein��</v><v>Einaug steht im Zimmer.</v><v>�Frost bringt niemals Schaden mir,</v><v>Lieb lohnt Listen immer��</v></stanza><stanza><v>Sing hei-a-ho, und wer kann's sein?</v></stanza></poem><p>�Heiliger Usires, bist du verr�ckt?� Sludig sprang auf. Alle erschraken. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen malte er das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> breit vor sich in die Luft, als wollte er ein sich auf ihn st�rzendes Untier abwehren. �Bist du verr�ckt?� wiederholte er und stierte den v�llig verbl�fften Grimmric an.</p><p>Der Erkynl�nder sah zu den anderen hin�ber und zuckte hilflos die Schultern. �Was fehlt dem Rimmersmann, Troll?� fragte er.</p><p>Binabik schielte zu Sludig hinauf, der immer noch stand. �Was ist es f�r eine Unrichtigkeit, Sludig? Wir verstehen dich alle nicht.�</p><p>Der Nordmann musterte die ratlosen Gesichter. �Seid ihr denn alle von Sinnen? Wi�t ihr denn nicht, von wem er da singt?�</p><p>�Alt-Einaug?� erwiderte Grimmric und zog fragend eine Braue hoch. �Nur so ein Lied, Nordmann. Hab's von meinem Vater gelernt.�</p><p>�Das ist <emphasis>Udun</emphasis> Einaug, von dem du singst, Udun Rimmer, der schwarze alte Gott meines Volkes. Als wir noch in heidnischer Unwissenheit lebten, verehrten wir ihn in Rimmersgard. Ruft nie nach Udun Himmelsvater, wenn ihr in seinem Land seid, sonst kommt er zu euch � und ihr werdet es bereuen.�</p><p>�Udun der Reimer�� sagte Binabik nachdenklich. �Aber wenn ihr nicht mehr an ihn glaubt�, fragte Simon, �warum f�rchtest du dich dann, von ihm zu sprechen?�</p><p>Sludig, noch immer mit besorgt verzogenen Lippen, starrte auf Simon. �Ich habe nicht gesagt, da� ich nicht an ihn glaube � vergib mir, �don � sondern nur, da� wir Rimmersm�nner ihn nicht mehr anbeten.� Nach einer kleinen Weile setzte er sich wieder hin. �Ihr werde mich bestimmt f�r t�richt halten, aber das ist immer noch besser, als eifers�chtige alte G�tter auf uns herabzurufen. Wir befinden uns jetzt in <emphasis>seinem</emphasis> Land.�</p><p>�Ist doch nur 'n Lied�, rechtfertigte sich Grimmric abermals. �Hab �berhaupt nichts herabgerufen. Ist blo� 'n verdammtes Lied.�</p><p>�Binabik, sagen wir darum �Udenstag�?� wollte Simon fragen, unterbrach sich jedoch, als er merkte, da� der Troll ihm nicht zuh�rte. Statt dessen stand im Gesicht des kleinen Mannes ein so breites, vergn�gtes Grinsen, als h�tte er gerade einen Schluck von etwas h�chst Angenehmem zu sich genommen.</p><p>�Jawohl, das ist es!� rief er und drehte sich zu dem blassen, streng blickenden Sludig um. �Du hast es gefunden, mein Freund.�</p><p>�Wovon redest du?� erkundigte sich der blondb�rtige Nordmann leicht gereizt. �Ich verstehe dich nicht.�</p><p>�Das, was wir suchen. Der Ort, zu dem Colmund ritt. Der Reimerbaum. Nur da� wir an <emphasis>Reime</emphasis> dachten, wie in Gedichten. Aber du hast es jetzt richtig gesagt: �Udun Rimmer� � Udun der Reimer. �Reim� ist ein altes Wort f�r �Reif�, und davon hat Reimersgard oder Rimmersgard seinen Namen. Was wir suchen, ist nicht ein Baum aus Reimen, sondern aus Reif � aus Frost.�</p><p>Einen Augenblick machte Sludig noch ein verst�ndnisloses Gesicht, dann nickte er langsam mit dem Kopf. �Gesegnete Elysia, Troll � der <emphasis>Udun-Baum</emphasis>. Warum habe ich nur nicht daran gedacht? Nat�rlich, der Udun-Baum!�</p><p>�Kennst du den Ort, den Binabik meint?� Simon begann allm�hlich zu begreifen.</p><p>�Nat�rlich. Es ist eine von unseren uralten Sagen � ein Baum ganz aus Eis. Es hei�t, Udun habe ihn wachsen lassen, um daran in den Himmel hinaufzuklettern und sich zum K�nig �ber alle G�tter zu machen.�</p><p>�Aber was n�tzt uns diese Sage?� h�rte Simon Haestan fragen, und noch w�hrend die Worte an sein Ohr drangen, f�hlte er, wie sich eine sonderbare, schwere K�lte �ber ihn legte wie eine Decke aus Graupelschnee. Der eisige wei�e Baum � er sah ihn wieder vor sich: der wei�e Stamm, der in die Dunkelheit hinaufragte, der uneinnehmbare wei�e Turm, ein hoher, drohender, bleicher Streifen auf schwarzem Hintergrund � er stand mitten auf Simons Lebensweg, und irgendwie wu�te der Junge, da� er ihn nicht umgehen konnte � da� kein Weg um den schlanken wei�en Finger herumf�hrte, der ihm winkte, ihn warnte, auf ihn wartete �</p><p><emphasis>Der wei�e Baum.</emphasis></p><p>�Weil die Sage auch erz�hlt, wo er ist�, erkl�rte eine Stimme, nachhallend wie in einem langen Korridor. �Selbst wenn es ihn nicht geben sollte, wissen wir, da� Herr Colmund dem Weg gefolgt sein mu�, den die Legende ihm wies � zur Nordwand des Urmsheim.�</p><p>�Sludig hat recht�, best�tigte jemand � Binabik. �Wir brauchen nur den Weg zu nehmen, den Colmund mit Dorn gegangen ist; nichts anderes ist mehr von Wichtigkeit.� Die Stimme des Trolls schien aus weiter Ferne zu kommen.</p><p>�Ich glaube � ich mu� jetzt schlafen�, murmelte Simon mit schwerer Zunge. Er stand auf und stolperte vom Feuer weg, kaum bemerkt von den anderen, die sich lebhaft �ber Tagesritte und das Vorw�rtskommen im Gebirge unterhielten. Er rollte sich in seinem dicken Mantel zusammen und f�hlte, wie sich die verschneite Welt um ihn drehte, bis ihm schwindlig wurde. Simon schlo� die Augen und glitt, obwohl er immer noch jedes Sto�en und Schwanken sp�rte, schwerf�llig und wehrlos in traumtiefen Schlaf hinab.</p><empty-line/><p>Den ganzen n�chsten Tag folgten sie der bewaldeten Schneebucht zwischen See und flacher werdenden H�geln. Sie hofften, Haethstad an der Nordwestspitze des Sees bis zum sp�ten Nachmittag zu erreichen. Wenn die Einwohner, beschlossen die Gef�hrten, nicht vor dem harten Winter geflohen und westw�rts gezogen waren, sollte Sludig allein hinreiten, um die Vorr�te zu erg�nzen. Aber selbst wenn der Ort aufgegeben worden war, konnten sie vielleicht in einem verlassenen Herrenhaus Schutz f�r die Nacht finden und ihre Sachen trocknen, ehe sie die lange Reise �ber die N�rdliche �de antraten. Darum ritten sie einigerma�en zuversichtlich weiter und kamen auch am Seeufer gut voran.</p><p>Haethstad, ein aus etwa zwei Dutzend Langh�usern bestehendes Dorf, lag auf einer Landzunge, die kaum breiter war als der eigentliche Ort; vom Hang aus betrachtet, sah es aus, als wachse das Dorf aus dem gefrorenen See hervor.</p><p>Die ermutigende Wirkung des ersten Anblicks hielt jedoch nur bis etwa den halben Weg hinunter ins Tal. Danach zeigte sich immer deutlicher, da� die Geb�ude zwar noch standen, aber nichts weiter als ausgebrannte Ruinen waren.</p><p>�Verflucht�, sagte Sludig w�tend, �das ist nicht nur ein verlassenes Dorf, Troll. Man hat die Menschen vertrieben!�</p><p>�Wenn sie das Gl�ck hatten, �berhaupt noch herauszukommen�, murmelte Haestan.</p><p>�Ich glaube, ich mu� dir Einwilligung zollen, Sludig�, bemerkte Binabik. �Trotzdem m�ssen wir hinab und uns umsehen, wie lange dieser Brand zur�ckliegt.�</p><p>Als sie in die Talsenke ritten, starrte Simon auf die verkohlten �berreste von Haethstad und mu�te unwillk�rlich an das ausgegl�hte Skelett der Abtei von Sankt Hoderund denken.</p><p><emphasis>Auf dem Hochhorst hat der Priester immer gesagt, da� Feuer reinigt,</emphasis> dachte er. <emphasis>Aber wenn das stimmt, warum hat dann jeder Angst vor dem Feuer, vor dem Brennen? Nun ja, bei �don, wahrscheinlich m�chte niemand so ganz und gar gereinigt werden.</emphasis></p><p>�O nein�, rief Haestan. Simon ritt fast auf ihn auf, als der gro�e Wachsoldat sein Pferd z�gelte. �Du guter Gott�, f�gte der Erkynl�nder hinzu.</p><p>Simon sp�hte an ihm vorbei und gewahrte eine Reihe dunkler Gestalten, die sich jetzt aus den B�umen am Ortseingang l�sten und sich langsam auf die verschneite Stra�e zubewegten, keine hundert Ellen vor ihnen. Berittene M�nner. Als sie ins Freie traten, z�hlte Simon sie � sieben, acht, neun. Sie waren s�mtlich gepanzert. Ihr Anf�hrer trug einen Helm aus schwarzem Eisen, der wie ein Hundekopf geformt war. Als er sich umdrehte, um seine Befehle zu erteilen, zeigte das Profil die geifernde Schnauze. Die neun ritten los.</p><p>�Der dort, der mit dem Hundekopf.� Sludig zog seine �xte heraus und deutete auf die N�herkommenden. �Er hat den �berfall auf uns in Sankt Hoderund angef�hrt. Er ist es, dem ich noch etwas schuldig bin: f�r den jungen Hove und die M�nche im Kloster.�</p><p>�Mit denen werden wir nie fertig�, bemerkte Haestan ruhig. �Zerhacken werden sie uns � neun M�nner gegen sechs, darunter ein Troll und ein Knabe.�</p><p>Binabik sagte nichts, sondern schraubte gelassen seinen Wanderstab auseinander, den er unter den Gurtriemen von Qantaqas Sattel geschoben hatte. Als er ihn wieder zusammensetzte, eine Sache von Sekunden, erkl�rte er: �Wir m�ssen fliehen.�</p><p>Sludig hatte bereits sein Pferd vorw�rts gespornt, aber Haestan und Ethelbearn holten ihn nach wenigen Schritten ein und ergriffen seine Ellenbogen. Der Rimmersmann, der nicht einmal den Helm aufgesetzt hatte, versuchte sie abzusch�tteln. In seinen blauen Augen lag ein ferner Blick.</p><p>�Gottverdammt, Mann!� rief Haestan, �komm mit! Unter den B�umen haben wir wenigstens eine Chance!�</p><p>Der F�hrer der fremden Reiter rief etwas, und seine M�nner setzten ihre Pferde mit Hilfe von Fu�tritten in Trab. Von den Pferdehufen wallte wei�er Nebel auf, als liefen sie �ber Meeresschaum.</p><p>�Dreh ihn um!� schrie Haestan Ethelbearn zu und packte die Z�gel von Sludigs Ro�, w�hrend er selbst umschwenkte. Ethelbearn versetzte dem Tier des Rimmersmannes mit dem Schwertgriff einen heftigen Schlag auf die Flanke, und sie machten vor den Heranreitenden kehrt, die jetzt in vollem Galopp und schreiend auf sie zuhielten und Beile und Schwerter schwangen. Simon zitterte so, da� er Angst hatte, er k�nnte aus dem Sattel fallen.</p><p>�Binabik! Wohin?� schrie er mit �berschnappender Stimme.</p><p>�In die B�ume!� rief Binabik zur�ck, und Qantaqa machte einen Satz. �Tod w�rde es bedeuten, die Stra�e wieder hinaufzureiten. Vorw�rts, Simon, und bleib mir nah!�</p><p>Jetzt bockten und traten die Rosse der Gef�hrten nach allen Seiten, als sie vom breiten Weg heruntergelenkt wurden, fort von Haethstads geschw�rzten Ruinen. Irgendwie brachte Simon es fertig, den Bogen von seiner Schulter gleiten zu lassen; dann b�ckte er sich auf den Nacken des Pferdes und gab dem Tier die Sporen. Ein Sprung, bei dem ihm alle Knochen im Leib weh taten, dann jagten sie pl�tzlich durch den Schnee und in den immer dichter werdenden Wald hinein.</p><p>Simon sah noch Binabiks schmalen R�cken und das h�pfende Grau von Qantaqas Hinterteil, dann umgaben ihn schwindelerregend auf allen Seiten die B�ume. Hinter ihm erklangen Rufe; er drehte sich um und gewahrte seine dicht beieinander reitenden Gef�hrten, dahinter die dunkle Masse der Verfolger, die sich jetzt trennten und im Wald verteilten. Er h�rte ein Ger�usch wie von zerrei�endem Pergament und nahm einen kurzen Augenblick wahr, wie in einem Baumstamm unmittelbar vor ihm ein Pfeil zitterte.</p><p>�berall war jetzt das ged�mpfte Trommelfeuer der Hufschl�ge und dr�hnte ihm in den Ohren, w�hrend er sich mit aller Kraft in seinem schwankenden Sattel festhielt. Pl�tzlich entrollte sich ein pfeifender schwarzer Faden und zerri� vor seinem Gesicht, dicht gefolgt von einem zweiten: Die Verfolger hatten sie seitlich �berholt und schossen jetzt ihre Pfeile von der Flanke ab. Simon h�rte sich selbst den stampfenden Gestalten etwas zuschreien, die um ihn herum durch die B�ume huschten, und ein paar weitere, zischende Geschosse sausten an ihm vor�ber. An den Sattelknopf geklammert, streckte er die Hand mit dem Bogen aus, um einen Pfeil aus dem auf- und abh�pfenden K�cher zu ziehen; aber als er ihn vor sich hatte, sah er den Pfeil hell vor der Schulter des Rosses aufblitzen. Es war der Wei�e Pfeil.</p><p>Im Bruchteil einer Sekunde, der jedoch viel l�nger zu dauern schien, hatte er ihn �ber die Schulter in den K�cher zur�ckgeschoben und einen anderen herausgeholt. Irgendwo in seinem Kopf lachte ihn eine h�hnische Stimme aus, weil er in einer derartigen Situation auch noch seine Pfeile aussuchte. Fast h�tte er Bogen samt Pfeil noch verloren, als sein Pferd um einen schneebedeckten Baum herumschwenkte, der pl�tzlich vor ihnen mitten aus dem Weg zu wachsen schien. Gleich darauf vernahm er einen Schmerzensschrei und das entsetzte und entsetzliche Schreien eines st�rzenden Pferdes. Hastig warf er einen Blick �ber die Schulter. Nur noch drei seiner Gef�hrten folgten ihm. Weiter hinten � und jeden Moment weiter entfernt � tobte ein Gewirr von Armen und strampelnden Pferdebeinen und aufgewirbeltem Schnee. Die Verfolger sprengten um den gefallenen Reiter herum oder �ber ihn hinweg, ohne sich aufhalten zu lassen.</p><p><emphasis>Wer war es?</emphasis> kam sein kurzer, flackernder Gedanke.</p><p>�Den Berg hinauf, den Berg!� schrie irgendwo rechts von Simon mit heiserer Stimme Binabik. Der Junge sah die Fahne von Qantaqas Schwanz, als die W�lfin eine Senke hinauf und unter enger stehende B�ume hetzte, ein dichtes Gewirr von Fichten, die wie gleichg�ltige Posten dastanden und zuschauten, wie das schreiende Chaos an ihnen vorbeiraste. Simon zerrte hart am rechten Z�gel, obwohl er keine Ahnung hatte, ob sein Pferd sich �berhaupt darum k�mmern w�rde; doch schon schwenkten sie seitw�rts und jagten hinter der voranspringenden W�lfin den Hang hinauf. Die drei anderen �berholten ihn und z�gelten dann im kargen Schutz einer Krone stocksteifer St�mme ihre dampfenden Rosse.</p><p>Sludig hatte immer noch keinen Helm auf dem Kopf, und der D�nne dort mu�te Grimmric sein, aber der dritte, kr�ftig und behelmt, war ein kurzes St�ck weiter bergauf geritten. Noch ehe Simon sich umdrehen und feststellen konnte, wer er war, h�rte er einen heiseren Schrei des Triumphes. Die Fremden hatten sie eingeholt.</p><p>Nach einer Sekunde Erstarrung legte er den Pfeil auf die Sehne und hob den Bogen. Aber die johlenden Angreifer sausten so geschwind zwischen den B�umen hin und her, da� sein Schu� das Ziel verfehlte und der Pfeil im Wald verschwand. Simon scho� einen zweiten ab und meinte zu erkennen, da� er das Bein eines der Gepanzerten traf. Jemand stie� einen Schmerzensruf aus. Sludig br�llte als Antwort und spornte sein wei�es Ro�. Gleichzeitig st�lpte er den Helm �ber den Kopf. Zwei der Angreifer l�sten sich aus der Meute und kamen auf ihn zu. Simon beobachtete, wie er sich duckte und dem Schwerthieb des ersten auswich, herumfuhr und dem Mann im Vorbeireiten die Klinge der Axt zwischen die Rippen trieb. Helles Blut spritzte aus dem Schnitt in der R�stung. Als Sludig sich von dem ersten Mann abwandte, h�tte ihn der zweite um ein Haar erwischt; ihm blieb gerade noch Zeit, den Hieb mit seinem zweiten Beil abzufangen, aber ein krachender Schlag traf seinen Helm. Simon sah, wie der Rimmersmann schwankte und beinahe aus dem Sattel fiel, w�hrend sein Angreifer wieder kehrt machte.</p><p>Bevor sie jedoch von neuem aufeinanderprallten, ert�nte hinter Simon ein ohrenzerrei�endes Kreischen. Er scho� herum und erblickte ein weiteres Pferd, das mit seinem Reiter auf ihn zugestolpert kam; eine troll-lose Qantaqa hing mit den Z�hnen am ungepanzerten Bein des Mannes und zerkratzte mit ihren Krallen die Flanke des schrill schreiendes Pferdes. Simon ri� das Schwert aus der Scheide. Aber als der Reiter wild auf die W�lfin einschlug, rannte sein Pferd gegen Simons Tier. Simon flog die Klinge aus der Hand. Gleich darauf besa� auch er weder Gewicht noch Halt mehr; einen langen Moment sp�ter schlug es die Luft aus ihm heraus wie mit einer Riesenfaust. Nur ein kurzes St�ck von der Stelle entfernt, an der sein Pferd in einem panikerf�llten, wiehernden Kn�uel mit dem anderen Gaul rang, fand er sich im Schnee wieder, das Gesicht nach unten. Durch eine bei�ende Schneemaske bemerkte er, wie sich Qantaqa zwischen den beiden Pferden herauswand und davonhetzte. Der Mann, schreiend unter den Tieren begraben, konnte nicht entkommen.</p><p>Simon stand m�hsam auf und spuckte eisigen Sand aus. Hastig griff er nach Bogen und K�cher, die dicht neben ihm lagen. Er h�rte, wie sich der Kampfl�rm weiter den Berg hinaufzog und schickte sich an, zu Fu� hinterherzulaufen.</p><p>Jemand lachte.</p><p>Keine zwanzig Schritte unterhalb von ihm sa� auf reglosem, grauem Ro� der Mann in der schwarzen R�stung mit dem Kopf eines rasenden Hundes. Auf sein schwarzes Wams war wei� eine rohe Pyramidenform gestickt.</p><p>�Da bist du ja, Junge�, sagte das Hundegesicht. Die tiefe Stimme hallte im Helm wider. �Ich habe dich gesucht.�</p><p>Simon fuhr herum und hastete den verschneiten H�gel hinauf. Sofort stolperte er und versank in kniehohen Schneewehen. Der Mann in Schwarz lachte vergn�gt und folgte ihm.</p><p>Simon raffte sich auf, schmeckte sein eigenes Blut, das aus der aufgerissenen Nase und Lippe flo�, blieb endlich stehen und wich an eine gebeugte Fichte zur�ck. Dort griff er rasch nach einem Pfeil, lie� den K�cher fallen, legte den Pfeil auf die Sehne und spannte den Bogen. Der Schwarzgekleidete, immer noch ein halbes Dutzend Ellen unter ihm, blieb stehen und hielt den behelmten Kopf schr�g, als ahmte er den Hund nach, dessen Aussehen er trug.</p><p>�Jetzt t�te mich, Knabe, wenn du kannst�, h�hnte er. �Schie�!� Er trieb sein Pferd bergan, auf Simon zu, der zitternd dastand.</p><p>Ein Zischen � ein scharfer, fleischiger Aufprall. J�h b�umte sich das Grauro� und warf den m�hnenumflatterten Kopf zur�ck. In seiner Brust bebte ein Pfeil. Der hundsgesichtige Reiter wurde hart in den Schnee geschleudert. Wie knochenlos lag er da, selbst als sein zuckendes Pferd in die Knie brach und schwer �ber ihm zusammensank. Simon starrte wie gebannt. Aber gleich darauf blickte er mit noch gr��erer �berraschung auf den Bogen, den er noch immer am ausgestreckten Arm hielt. Der Pfeil hatte die Sehne nicht verlassen.</p><p>�H-Haestan?� fragte er und schaute den Hang hinauf. In einer L�cke zwischen den B�umen standen drei Gestalten. Keiner von ihnen war Haestan. Keiner von ihnen war ein Mensch. Sie hatten helle Katzenaugen und einen harten Zug um den Mund.</p><p>Der Sitha, der den Pfeil abgeschossen hatte, legte einen neuen auf und senkte ihn, bis die sanft bebende Spitze genau auf Simons Augen zielte.</p><p><emphasis>�T'si im t'si, Sudhoda�,</emphasis> sagte er, und sein schmales, eben erst aufgesetztes L�cheln war so kalt wie Marmor. �Blut � wie ihr sagt � um Blut.�</p></section><section><title><p>XXXVII</p><p>Jirikis Jagd</p></title><p>Simon starrte hilflos auf die schwarze Pfeilspitze und die drei schmalen Gesichter. Sein Kinn zitterte.</p><p><emphasis>�Ske'i! Ske'i!�</emphasis> schrie eine Stimme. �Halt!�</p><p>Zwei von den Sithi wandten sich um und schauten nach rechts, den Berg hinauf. Derjenige, der den Bogen hielt, schwankte keine Sekunde.</p><p><emphasis>�Ske'i, ras-Zida'ya!�</emphasis> rief die kleine Gestalt laut, machte einen Sprung und fiel hin. Knirschend rollte sie durch den Schnee und stoppte schlie�lich ein paar Schritte von Simon entfernt in einem glitzernden Puderwirbel.</p><p>Binabik richtete sich langsam auf die Knie auf, mit Schnee best�ubt, als h�tte ihn ein eiliger B�cker in Mehl gew�lzt.</p><p>�W-was?� Simon zwang seine tauben Lippen, Worte zu formen, aber der Troll winkte ihm mit einer hastig flatternden Bewegung der kurzen Finger Schweigen zu.</p><p>�Sch! Langsam senke den Bogen in deiner Hand � langsam!� Als der Junge dieser Anweisung folgte, sprudelte Binabik einen neuen Schwall von Worten in der fremden Sprache hervor und rang flehend die H�nde vor den Sithi, die nicht einmal blinzelten.</p><p>�Was � wo sind die anderen?� fl�sterte Simon, aber Binabik gebot noch einmal Schweigen, diesmal mit kurzem, aber heftigem Kopfsch�tteln.</p><p>�Keine Zeit haben wir, keine Zeit � um dein Leben k�mpfen wir.� Der Troll hob die H�nde, und Simon, der den Bogen fallengelassen hatte, folgte seinem Beispiel, die Handfl�chen nach au�en gekehrt. �Du hast, hoffe ich, den Wei�en Pfeil nicht verloren?�</p><p>�Ich � wei� nicht.�</p><p>�Tochter der Berge, ich will es nicht hoffen. Wirf langsam deinen K�cher hin! So.� Er schnatterte noch ein paar Worte in dem, was Simon f�r die Sprache der Sithi hielt, und versetzte dem K�cher dann einen Tritt, da� die Pfeile �ber den zertretenen Schnee sprangen wie dunkle Mikadost�be � alle bis auf einen, bei dem sich nur die dreieckige Spitze, perlblau wie ein fl�ssiger Tropfen Himmel, vom Wei� seiner Umgebung abhob.</p><p>�Oh, gepriesen seien die St�tten der H�he�, seufzte Binabik. <emphasis>�Staj'a Ame ine!�</emphasis> rief er den Sithi zu, die ihn beobachteten wie Katzen, deren gefl�gelte Beute sich pl�tzlich umdreht und zu singen anf�ngt, anstatt fortzufliegen.</p><p>�Der Wei�e Pfeil! Ihr m��t davon wissen! <emphasis>Im sheyis tsi-keo'su d'a Yana o Lingit!</emphasis>�</p><p>�Das ist � etwas Seltenes�, sagte der Sitha mit dem Bogen und senkte ihn ein St�ck. Seine Aussprache klang fremd, aber er beherrschte die Westsprache ausgezeichnet. Er blinzelte. �Von einem Troll in den <emphasis>Regeln des Singens</emphasis> unterwiesen zu werden.� Das kalte L�cheln kehrte kurz zur�ck. �Du darfst uns mit deinen Ermahnungen verschonen � und mit deinen fragw�rdigen �bersetzungen. Heb deinen Pfeil auf und bring ihn mir.� Er zischte den beiden anderen einige Worte zu. Die beiden Sithi warfen noch einen Blick auf Simon und den Troll und jagten dann mit erstaunlicher Geschwindigkeit den Berg hinauf. Unter ihren F��en schien sich kaum der Schnee zu vertiefen, so rasch und leicht waren ihre Schritte. Der Zur�ckbleibende zielte weiterhin mit seinem Pfeil in Simons Richtung, w�hrend Binabik sich zu dem K�cher hinunterb�ckte und mit dem Wei�en Pfeil in der Hand langsam vorw�rtsstapfte.</p><p>�Gib ihn mir�, befahl der Sitha. �Federn voran, Troll. Und nun geh zur�ck zu deinem Gef�hrten.�</p><p>Er verringerte die Spannung seines Bogens, um den schlanken wei�en Gegenstand zu untersuchen, wobei er den Pfeil vorw�rtsgleiten lie�, bis die Sehne fast schlaff war und er den aufgelegten Pfeil und das Bogenholz mit einer Hand festhalten konnte. Simon bemerkte erst jetzt, wie flach und kratzend sein eigener Atem ging. Er lie� die zitternden H�nde sinken. Binabiks Schritte knirschten im Schnee, als er sich neben Simon stellte.</p><p>�Er wurde diesem jungen Mann f�r einen Dienst verliehen, den er jemandem erwiesen hat�, erkl�rte Binabik trotzig. Der Sitha sah ihn an und zog die schr�gen Brauen hoch.</p><p>Auf den ersten Blick schien er jenem <emphasis>Sch�nen</emphasis> sehr �hnlich zu sein, den Simon auf seiner Flucht zu Gesicht bekommen hatte � die gleichen hohen Wangenknochen und seltsam vogel�hnlichen Bewegungen. Er trug Hose und Jacke aus schimmerndwei�em Stoff, an Schultern, �rmel und G�rtel mit schmalen, dunkelgr�nen Schuppen gesprenkelt. Das Haar, fast schwarz, aber ebenfalls mit einem fremdartig gr�nen Unterton, war vor den Ohren zu zwei kunstvollen Z�pfen geflochten. Stiefel, G�rtel und K�cher bestanden aus weichem, milchwei�em Leder. Simon begriff, da� er den Sitha nur sehen konnte, weil dieser hangaufw�rts stand und sich vom grauen Himmel abhob; h�tte der Sch�ne vor einem Schnee-Hintergrund gestanden, inmitten von B�umen, w�re er unsichtbar gewesen wie der Wind.</p><p><emphasis>�Isi-isi'ye!�</emphasis> murmelte der Sitha betroffen und hielt den Pfeil gegen die verh�llte Sonne. Dann lie� er ihn wieder sinken, starrte Simon einen Augenblick �berrascht an und bekam schmale Augen.</p><p>�Wo hast du das gefunden, <emphasis>Sudhoda'ya</emphasis>?� fragte er barsch. �Wie kommt jemand wie du zu einem solchen Gegenstand?�</p><p>�Es war ein Geschenk!� antwortete Simon, dessen Wangen allm�hlich wieder Farbe annahmen. Auch seine Stimme hatte sich gekr�ftigt. Er wu�te, was er wu�te. �Ich habe einen Mann deines Volkes gerettet. Er scho� den Pfeil in einen Baum und verschwand.�</p><p>Wieder musterte der Sitha ihn pr�fend und schien noch etwas sagen zu wollen. Dann wandte er jedoch seine Aufmerksamkeit dem Berghang zu. Ein Vogel trillerte einen langen, komplizierten Pfiff � das dachte zumindest Simon, bis er die leichte Bewegung der Lippen des wei�gekleideten Sitha bemerkte, der still wie eine Statue wartete, bis ein anderer Triller ihm antwortete.</p><p>�Geht jetzt vor mir her�, gebot er, winkte dem Troll und dem Jungen mit seinem Bogen und machte kehrt. M�hsam kletterten sie den steilen Hang hinauf, leichtf��ig gefolgt von ihrem Ergreifer, der immer wieder langsam den Wei�en Pfeil in seinen schmalen Fingern drehte.</p><p>Nach ein paar hundert Herzschl�gen hatten sie die Bergkuppe erreicht und stiegen auf der anderen Seite wieder hinab. Dort hockten vier Sithi um einen von B�umen eingefa�ten, verschneiten Graben; die beiden, die Simon schon gesehen hatte, nur an der bl�ulichen F�rbung der geflochtenen Haare erkennbar, und ein zweites Paar mit rauchgrauen Flechten, obwohl auch ihre goldenen Gesichter so faltenlos waren wie die der anderen. Auf dem Boden des Grabens, unter dem drohenden Viereck der Sithipfeile, sa�en Haestan, Grimmric und Sludig. Alle drei wiesen Blutspuren auf und zeigten den hoffnungslos trotzigen Gesichtsausdruck in die Enge getriebener Tiere.</p><p>�Bei Sankt Eahlstans Gebeinen!� fluchte Haestan, als er die Neuank�mmlinge erkannte. �Ach Gott, Junge, hab gehofft, du w�rst �ber alle Berge.� Er sch�ttelte den Kopf. �Na, immer noch besser als tot, denk ich.�</p><p>�Siehst du es jetzt, Troll?� fragte Sludig, das b�rtige Gesicht rot verschmiert, bitter. �Siehst du, was wir �ber uns gebracht haben? D�monen! Nie h�tten wir �ber ihn spotten d�rfen � �ber den Dunklen.�</p><p>Der Sitha, der den Pfeil hielt und anscheinend der Anf�hrer war, sagte ein paar Worte in seiner Sprache zu den anderen und machte Simons Gef�hrten ein Zeichen, aus der Grube hinauszuklettern.</p><p>�Nicht D�monen sind sie�, erwiderte Binabik, w�hrend er und Simon sich mit den Beinen gegen den Boden stemmten, um den anderen beim Aufstieg zu helfen, im sich st�ndig bewegenden Schnee ein m�hsames Unterfangen. �Sithi sind sie, und sie werden uns nichts B�ses tun. Schlie�lich befiehlt ihnen das ihr eigener Wei�er Pfeil.�</p><p>Der Sithif�hrer warf dem Troll einen unfreundlichen Blick zu, sagte jedoch nichts. Grimmric zog sich keuchend auf ebenen Boden hinauf. �Si � Sithi?� fragte er, nach Atem ringend. �Jetzt stecken wir mitten in den uralten Sagen, soviel steht fest. Sithivolk! M�ge Usires �don uns alle sch�tzen.� Er schlug das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> und streckte dann die Hand aus, um dem taumelnden Sludig zu helfen.</p><p>�Was ist denn eigentlich passiert?� fragte Simon. �Wie seid ihr � was wurde aus �?�</p><p>�Die Reiter, die hinter uns her waren, sind tot�, erkl�rte Sludig und sackte gegen einen Baumstamm. Seine Br�nne war an mehreren Stellen durchl�chert, und sein Helm, der ihm vom Handgelenk baumelte, voller Kratzer und Beulen wie ein alter Topf. �Ein paar haben wir selber erledigt. Der Rest�, er machte eine schlaffe Handbewegung zu den Sithiwachen hin�ber, �fiel, von ihren Pfeilen gespickt.�</p><p>�Sie h�tten uns bestimmt auch erschossen, wenn der Troll nicht ihre Sprache gesprochen h�tte�, erg�nzte Haestan. Er zeigte Binabik ein schwaches L�cheln. �Wir haben nicht schlecht von dir gedacht, als du wegranntest. Haben sogar f�r dich gebetet.�</p><p>�Ich ging Simon suchen. Er ist mein Sch�tzling�, erwiderte Binabik einfach.</p><p>�Aber�� Simon blickte sich um, hoffte wider besseres Wissen, sah keinen weiteren Gefangenen. �Dann � dann war es Ethelbearn, der gefallen ist? Bevor wir den ersten Berg erreichten?�</p><p>Haestan nickte langsam. �Ja.�</p><p>�Die Pest �ber ihre Seelen!� fluchte Grimmric. �Rimmersm�nner waren es, diese m�rderischen Bastarde!�</p><p>�Skalis Leute�, erg�nzte Sludig. Seine Augen waren hart. Die Sithi forderten jetzt durch Gesten ihre Gefangenen auf, sich zu erheben. �Zwei von ihnen trugen den Raben von Kaldskryke�, fuhr Sludig fort und stand auf. �Oh, wie ich darum bete, Skali zu erwischen, wenn einmal nur noch unsere �xte zwischen uns stehen.�</p><p>�Darauf hoffen noch ganze Heerscharen von anderen Leuten�, meinte Binabik.</p><p>�Wartet!� begann Simon, der sich innerlich ganz ausgeh�hlt f�hlte. So war das alles nicht richtig. Er wandte sich an den F�hrer des Sithitrupps. �Du hast meinen Pfeil gesehen und wei�t, da� meine Geschichte wahr ist. Du kannst uns nirgendwohin bringen oder etwas mit uns tun, bevor wir nicht festgestellt haben, was aus unserem Gef�hrten geworden ist.�</p><p>Der Sitha musterte ihn pr�fend. �Ich wei� nicht, ob deine Geschichte wahr ist, Menschenkind, aber wir werden es bald herausfinden. Schneller, als dir vielleicht lieb ist. Was das �brige betrifft�� Er betrachtete einen Augenblick lang Simons zerlumpte Schar. �Also gut. Wir erlauben euch, nach eurem Mann zu sehen.� Er sprach mit seinen Kameraden, und sie folgten Simon und den anderen den Berg hinunter.</p><p>Die schweigenden M�nner kamen an den von Pfeilfedern starrenden Leichen zweier ihrer Angreifer vorbei. Ihre Augen waren aufgerissen, die M�nder standen weit offen. Schon legte sich neuer Schnee �ber die stillen Gestalten und deckte die purpurroten Flecken zu.</p><p>Sie fanden Ethelbearn hundert Ellen von der Seestra�e entfernt. Der abgebrochene Schaft eines Eschenholzpfeiles ragte ihm unter dem Bart seitlich aus dem Hals, und die verdrehte Haltung mit den gespreizten Gliedern deutete darauf hin, da� sich sein Pferd im Todeskampf �ber ihn gew�lzt hatte.</p><p>�Hat nicht lang gebraucht zum Sterben�, sagte Haestan, in dessen Augen Tr�nen standen. ��don sei gelobt, ein schneller Tod.�</p><p>Sie hoben, so gut sie konnten, eine Grube f�r ihn aus. Mit Schwertern und �xten hackten sie auf den harten Boden ein; gleichg�ltig wie G�nse standen die Sithi daneben. Die Gef�hrten wickelten Ethelbearn in seinen dicken Mantel und legten ihn in das flache Grab. Als er zugedeckt war, rammte Simon das Schwert des Toten als Grabzeichen in die Erde.</p><p>�Nimm seinen Helm�, forderte Haestan Sludig auf, und Grimmric nickte. �Er w�rde nicht wollen, da� er dort nutzlos liegt�, meinte er. Sludig h�ngte seinen eigenen zerspellten Helm an Ethelbearns Schwertknauf und nahm dann den anderen, den man ihm entgegenstreckte. �Wir werden dich r�chen, Mann�, erkl�rte der Rimmersgarder. �Blut um Blut.�</p><p>Schweigen senkte sich �ber sie. Schnee sickerte durch die B�ume. Sie standen da und starrten auf das St�ck nackte Erde. Bald w�rde alles wieder wei� sein.</p><p>�Kommt jetzt�, sagte der Anf�hrer der Sithi endlich. �Wir haben lange genug auf euch gewartet. Es gibt jemanden, der diesen Pfeil sehen m�chte.�</p><p>Simon ging als letzter. <emphasis>Ich hatte kaum Zeit, dich kennenzulernen, Ethelbearn,</emphasis> dachte er. <emphasis>Aber du hattest ein gutes Lachen. Das werde ich nicht vergessen.</emphasis></p><p>Sie wandten sich um und schlugen wieder den Weg in die kalten Berge ein.</p><empty-line/><p>Die Spinne hing unbeweglich da, ein stumpfbrauner Edelstein in einem kunstvollen Halsband. Ihr Netz war fertig, die letzten F�den waren zierlich an ihren Platz gelegt; es reichte von der einen Seite der Deckenecke zur anderen und schwankte leise in der aufsteigenden Luft, als zupften unsichtbare H�nde daran. Einen Moment verlor Isgrimnur den Gespr�chsfaden, obwohl es ein wichtiges Gespr�ch war. Seine Augen waren von den bedr�ckten Gesichtern, die sich in der gro�en Halle um den Kamin dr�ngten, fortgewandert, hatten die dunkle Ecke gestreift und die kleine Baumeisterin entdeckt, die sich dort ausruhte.</p><p><emphasis>Das nenne ich vern�nftig,</emphasis> sagte er zu sich selbst. Man <emphasis>baut sich etwas, und dort bleibt man dann. So sollte es sein. Nicht dieses dauernde Hin und Her, bei dem man seine Angeh�rigen oder die heimatlichen D�cher manchmal ein Jahr lang nicht zu Gesicht bekommt.</emphasis></p><p>Er dachte an seine Frau Gutrun, die Scharf�ugige mit den roten Wangen. Kein Wort des Vorwurfes hatte er von ihr geh�rt, aber er wu�te, da� sie zornig war, weil er so lange von Elvritshalla fortgeblieben war und es ihrem �ltesten Sohn, dem Stolz ihres Herzens, �berlassen hatte, das gro�e Herzogtum zu regieren � und dabei zu versagen. Nicht da� Isorn oder sonst jemand in Rimmersgard Skali und seine Anh�nger h�tten aufhalten k�nnen, nicht mit der Macht des Hochk�nigs hinter ihnen. Aber es war der junge Isorn gewesen, der dort geboten hatte, w�hrend sein Vater fern war, und es war Isorn, an den man sich als denjenigen erinnern w�rde, der zugesehen hatte, wie die Kaldskryke-Leute, die Erbfeinde der M�nner von Elvritshalla, prahlerisch durch das Langhaus stolzierten � als die neuen Herren und Gebieter.</p><p><emphasis>Und ich hatte mich diesmal so darauf gefreut, nach Hause zu kommen,</emphasis> dachte der alte Herzog traurig. <emphasis>Es w�re so sch�n gewesen, mich um meine Pferde und K�he zu k�mmern, ein paar Streitigkeiten in der Nachbarschaft zu schlichten und zuzusehen, wie meine Kinder ihre Kinder erziehen. Statt dessen ist das ganze Land zerrissen wie ein leckes Strohdach. Gott helfe mir, ich hatte schon vor Jahren das K�mpfen satt � soviel ich auch davon geschwatzt habe.</emphasis></p><p>Schlie�lich waren K�mpfe vor allem etwas f�r junge M�nner, deren Bindung ans Leben locker und sorglos war. Und etwas, von dem alte M�nner reden, an das sie sich erinnern konnten, wenn sie in ihrer Halle im Warmen sa�en und der Winter drau�en vor der T�r heulte.</p><p><emphasis>F�r einen verdammten alten Hund wie mich ist es jetzt Zeit, sich vors Feuer zu legen und zu schlafen.</emphasis></p><p>Er zupfte an seinem Bart und sah zu, wie die Spinne in die dunkle Dachecke hin�berkroch, wo sich unerwartet eine unvorsichtige Fliege niedergelassen hatte.</p><p><emphasis>Wir dachten, Johan h�tte einen Frieden geschmiedet, der tausend Jahre halten m��te, und nun hat der Friede Johans Tod nicht einmal zwei Sommer �berdauert. Man baut und baut immer weiter, legt Faden �ber Faden wie die Kleine dort oben � und dann kommt ein Wind und bl�st alles in Fetzen.</emphasis></p><p>�� und so habe ich zwei Pferde beinahe zuschanden geritten, um Euch die Nachricht so schnell wie m�glich zu bringen, Herr�, schlo� der junge Mann, als Isgrimnur sein Ohr wieder der dringenden Besprechung zuwendete.</p><p>�Das hast du gro�artig gemacht, Deornoth�, antwortete Josua. �Bitte steh auf.�</p><p>Mit vom Ritt noch feuchtem Gesicht und str�hnigem Haar erhob sich der junge Soldat und wickelte sich fester in die dicke Decke, die der Prinz ihm gereicht hatte. Er sah ganz �hnlich aus wie damals, als er im Gewand des heiligen M�nches zur Feier des Sankt-Tunath-Tages dem Prinzen die Nachricht vom Tod seines Vaters gebracht hatte.</p><p>Der Prinz legte Deornoth die Hand auf die Schulter. �Ich bin froh, da� du wieder hier bist. Ich habe f�r deine Sicherheit gef�rchtet und mich selbst verw�nscht, weil ich dich auf einen so gef�hrlichen Weg schicken mu�te.� Er wandte sich an die anderen M�nner. �Nun. Ihr habt Deornoths Bericht geh�rt. Elias ist endlich aufgebrochen. Er ist unterwegs nach Naglimund, mit � Deornoth? Wieviel hast du gesagt?�</p><p>�Mit ungef�hr tausend Rittern oder noch mehr, und an die zehntausend Fu�soldaten�, erwiderte Deornoth betr�bt. �Das ist der am glaubw�rdigsten scheinende Durchschnitt aus den verschiedensten Angaben.�</p><p>�Das glaube ich auch.� Josua machte eine Handbewegung. �Und es bleiben uns h�chstens noch vierzehn Tage, bis er vor unseren Mauern steht.�</p><p>�Das ist auch meine Meinung, Herr�, nickte Deornoth.</p><p>�Und was h�rt man von <emphasis>meinem</emphasis> Gebieter?� erkundigte sich Devasalles.</p><p>�Nun, Baron�, begann der Soldat und bi� die Z�hne zusammen, bis ein Anfall von Sch�ttelfrost vorbei war, �in Nad Mullagh war alles vollkommen durcheinander � nat�rlich verst�ndlich bei dem, was im Westen vorgeht�� Er brach ab und warf einen Blick auf Prinz Gwythinn, der ein St�ckchen entfernt von den anderen sa� und ungl�cklich an die Decke starrte.</p><p>�Sprich weiter�, befahl Josua ruhig, �wir wollen alles h�ren.�</p><p>Deornoth sah von dem Hernystiri weg. �Darum war es, wie gesagt, schwer, an brauchbare Informationen heranzukommen. Aber nach Auskunft mehrerer Flu�schiffer aus Abaingeat, oben an der K�ste, ist Euer Herzog Leobardis von Nabban in See gestochen und befindet sich zur Zeit auf der �berfahrt. Vermutlich will er bei Crannhyr landen.�</p><p>�Mit wieviel Mann?� grollte Isgrimnur.</p><p>Deornoth zuckte die Achseln. �Jeder sagt etwas anderes. Dreihundert Berittene vielleicht und ungef�hr zweitausend zu Fu�.�</p><p>�Das klingt wahrscheinlich, Prinz Josua�, sagte Devasalles und bi� sich nachdenklich auf die Lippen. �Zweifellos wollten nicht alle Vasallen mitziehen, weil sie Angst haben, sich gegen den Hochk�nig zu stellen, und die Perdruineser werden, wie gew�hnlich, neutral bleiben. Graf Stre�we wei�, da� er mehr davon hat, wenn er beide Seiten unterst�tzt und seine Schiffe schont, um Fracht damit zu bef�rdern.�</p><p>�Also besteht noch Hoffnung auf Leobardis' starken Arm, auch wenn ich ihn mir noch m�chtiger gew�nscht h�tte.� Josua sah sich im Kreis der M�nner um.</p><p>�Aber selbst wenn die Nabbanai noch vor Elias bei uns am Tor stehen sollten�, gab Baron Ordmaer zu bedenken, dessen plumpe Z�ge seine Furcht kaum verbargen, �wird Elias trotzdem dreimal so stark sein wie wir.�</p><p>�Aber wir haben die Mauern, Baron�, versetzte Josua, und in seinem schmalen Gesicht stand Strenge. �Wir sitzen in einer sehr, sehr starken Festung.� Er sprach wieder zu Deornoth, und seine Miene wurde weicher. �Sag uns den Rest deiner Neuigkeiten, mein treuer Freund, und dann mu�t du schlafen. Ich f�rchte um deine Gesundheit, und ich brauche in den Tagen, die vor uns liegen, deine Kraft.�</p><p>Deornoth brachte ein schwaches L�cheln zustande. �Jawohl, Herr. Die restlichen Nachrichten sind leider auch keine erfreulichen, f�rchte ich. Die Hernystiri sind am Inniscrich geschlagen worden.� Er wollte zu Gwythinns Platz hin�berschauen, senkte jedoch die Augen. �Es hei�t, K�nig Lluth sei verwundet und sein Heer habe sich in die Berge des Grianspog zur�ckgezogen, um von dort aus besser Ausf�lle gegen Skali und seine M�nner unternehmen zu k�nnen.�</p><p>Josua sah dem Hernystiri-Prinzen ernsthaft ins Gesicht. �Aha. Wenigstens ist es nicht ganz so schlimm, wie Ihr f�rchtetet, Gwythinn. Euer Vater lebt und setzt den Kampf fort.�</p><p>Der junge Mann fuhr herum. Seine Augen waren rot. �Ja! Sie k�mpfen weiter, w�hrend ich hier sicher hinter steinernen Mauern sitze, Bier trinke und Brot und K�se fresse wie ein fetter Spie�b�rger. Vielleicht liegt mein Vater im Sterben! Wie kann ich hierbleiben?�</p><p>�Ja, glaubt Ihr denn, Ihr k�nntet mit Eurem halben Hundert M�nnern Skali schlagen, Junge?� fragte Isgrimnur nicht unfreundlich. �Oder sucht Ihr lieber einen schnellen, ruhmreichen Tod, anstatt abzuwarten, wie man mit Hoffnung auf Erfolg weiter vorgehen sollte?�</p><p>�So t�richt bin ich nicht�, versetzte Gwythinn kalt. �Und bei Bagbas Herde, Isgrimnur, wer seid Ihr, da� Ihr so zu mir sprecht? Was ist mit diesem �Meter Stahl�, den Ihr f�r Skalis Eingeweide aufheben wolltet?�</p><p>�Das ist etwas anderes�, knurrte Isgrimnur verlegen. �Ich habe nie gesagt, ich wollte Elvritshalla mit meinem Dutzend Ritter st�rmen.�</p><p>�Und alles, was ich vorhabe, ist, mich an Skalis Raben vorbeizuschleichen, um in den Bergen zu meinem Volk zu sto�en.�</p><p>Isgrimnur konnte Prinz Gwythinns wachsamem, forderndem Blick nicht begegnen. Er lie� die Augen wieder in die Dachecke wandern, wo die braune Spinne emsig damit besch�ftigt war, etwas in klebrige Seide zu wickeln.</p><p>�Gwythinn�, erkl�rte Josua bes�nftigend, �ich bitte Euch ja nur zu warten, bis wir mehr dar�ber sagen k�nnen. Ein oder zwei Tage werden kaum etwas ausmachen.�</p><p>Der junge Hernystiri stand so ruckartig auf, da� sein Stuhl �ber die Steinfliesen scharrte. <emphasis>�Warten!</emphasis> Das ist alles, was Ihr tut � Ihr wartet, Josua! Warten, bis alle Truppen gemustert sind, Warten auf Leobardis und sein Heer, Warten auf � Warten auf Elias, bis er die Mauern �bersteigt und Naglimund in Brand setzt. Ich habe das Warten satt!� Er hob unsicher die Hand, um Josuas Einw�nden zuvorzukommen. �Verge�t nicht, Josua, auch ich bin ein Prinz. Ich kam zu Euch, weil unsere V�ter Freunde waren. Jetzt aber ist mein Vater verwundet, und die Teufel aus dem Norden fallen �ber ihn her. Wenn er stirbt, weil niemand ihm zu Hilfe kommt, und ich K�nig werde, wollt Ihr mir dann noch Befehle erteilen? Mich immer weiter hier festhalten? <emphasis>Brynioch!</emphasis> Ich kann solch feige Zur�ckhaltung nicht begreifen!�</p><p>Fast schon an der T�r, drehte er sich ein letztes Mal um. �Ich werde meinen M�nnern sagen, sie sollen sich f�r morgen bei Sonnenuntergang zum Aufbruch bereithalten. Wenn Euch ein Grund einf�llt, warum ich bleiben sollte, ein Grund, der mir bisher entgangen ist, so wi�t Ihr, wo Ihr mich findet.�</p><p>Der Prinz schlug die T�r hinter sich zu. Josua erhob sich. �Ich glaube, es sind viele unter uns�, er hielt inne und sch�ttelte m�de den Kopf, �die jetzt etwas zu essen und zu trinken brauchen � nicht zuletzt du, Deornoth. Trotzdem bitte ich dich, noch einen kurzen Augenblick zu bleiben und die anderen vorangehen zu lassen, damit ich dich nach einigen pers�nlichen Dingen fragen kann.� Er winkte Devasalles und die �brigen in den Speisesaal und sah zu, wie sie in leiser Unterhaltung hinausgingen. �Isgrimnur�, rief er, und der Herzog blieb im T�rrahmen stehen und blickte sich fragend um, �bleibt Ihr bitte auch.�</p><p>Sobald der Herzog wieder auf einem Stuhl Platz genommen hatte, schaute Josua Deornoth erwartungsvoll an.</p><p>�Und hast du sonst noch Neuigkeiten f�r mich?� fragte der Prinz. Der Soldat zog die Stirn in Falten.</p><p>�Wenn ich etwas Gutes w��te, Prinz, h�tte ich es Euch sofort erz�hlt, noch bevor die anderen hier waren. Aber ich konnte weder von Eurer Nichte noch von dem M�nch, der sie begleitet, eine Spur finden, ausgenommen einen Bauern in der N�he der Gabelung des Gr�nwate-Flusses, der ein Paar, auf das die Beschreibung pa�t, gesehen haben will. Sie h�tten dort vor einigen Tagen den Flu� �berquert und seien s�dw�rts geritten.�</p><p>�Und das wu�ten wir schon von der Herrin Vara. Inzwischen m�ssen sie l�ngst den Inniscrich hinunter sein, und Usires der Gesegnete allein wei�, wie es weitergeht oder was ihr n�chstes Ziel ist. Das einzig Gute ist, da� mein Bruder Elias sein Heer bestimmt oben am Fu� des Gebirges entlangf�hren wird, weil die Weldhelm-Stra�e in dieser nassen Jahreszeit der einzig sichere Ort f�r die schweren Wagen ist.�</p><p>Er starrte in das flackernde Feuer.</p><p>�Nun ja�, sagte er endlich. �Sei bedankt, Deornoth. W�ren alle meine Gefolgsm�nner wie du, k�nnte ich �ber die Bedrohung durch den Hochk�nig lachen.�</p><p>�Die M�nner sind gut, Herr�, erkl�rte der junge Ritter kameradschaftlich.</p><p>�Geh jetzt!� Der Prinz streckte die Hand aus und gab Deornoth einen leichten Schlag aufs Knie. �Besorg dir etwas zu essen, und dann schlaf. Du brauchst vor morgen nicht zum Dienst zu erscheinen.�</p><p>�Jawohl, Herr.� Der junge Erkynl�nder warf die Decke ab und nahm Haltung an. Mit bolzengeradem R�cken marschierte er aus dem Raum. Als er hinausgegangen war, sa�en Josua und Isgrimnur schweigend da.</p><p>�Miriamel Gott-wei�-wohin verschwunden, und ein Wettrennen zwischen Leobardis und Elias mit unseren Toren als Ziel.� Der Prinz sch�ttelte den Kopf und rieb sich mit der Hand die Schl�fen. �Lluth verwundet, die Hernystiri auf dem R�ckzug, und Elias' Werkzeug Skali Herrscher vom Vestivegg � bis zum Grianspog-Gebirge. Und zu allem �berflu� noch D�monen aus dem Reich der Sage, die �ber die sterbliche Erde wandeln.� Er zeigte dem Herzog ein grimmiges L�cheln. �Das Netz zieht sich zusammen, Onkel.�</p><p>Isgrimnur w�hlte mit den Fingern in seinem Bart. �Das Netz schwankt im Wind, Josua. In einem starken Wind.� Er erl�uterte diese Bemerkung nicht weiter, und von neuem senkte sich Schweigen �ber die hohe Halle.</p><empty-line/><p>Der Mann in der Hundemaske fluchte matt und spie einen weiteren Blutklumpen in den Schnee. Jeder Geringere, das wu�te er, w�re l�ngst tot gewesen, h�tte er mit zerschmetterten Beinen und zerquetschten Rippen in der K�lte liegen m�ssen. Aber dieser Gedanke war nur ein schwacher Trost. All die Jahre ritueller �bung und abh�rtender Knochenarbeit, die ihm das Leben gerettet hatten, als das sterbende Pferd sich �ber ihn gew�lzt hatte, w�rden sich als sinnlos erweisen, wenn er nicht bald einen gesch�tzten, trockenen Ort erreichte. Noch ein paar Stunden im Schnee w�rden vollenden, was sein sterbendes Ro� begonnen hatte.</p><p>Die verdammten Sithi � deren unerwartetes Eingreifen geradezu unglaublich war � hatten ihre menschlichen Gefangenen nur wenige Schritte neben der Stelle vorbeigef�hrt, an der er versteckt gelegen hatte, begraben unter einem halben Fu� Schnee. Er hatte alle Reserven an Kraft und Mut aufgeboten, um �bernat�rlich still auszuharren, w�hrend das <emphasis>Sch�ne Volk</emphasis> sich auf dem Platz umsah. Sie mu�ten zu dem Schlu� gekommen sein, er habe sich irgendwo verkrochen, um zu sterben � worauf er nat�rlich gehofft hatte �, und waren bald weitergezogen.</p><p>Jetzt duckte er sich zitternd dort zusammen, wo er sich aus der verh�llenden wei�en Decke hervorgew�hlt hatte, und sammelte seine Kr�fte f�r den n�chsten Schritt. Seine einzige Hoffnung lag darin, auf irgendeine Weise nach Haethstad zur�ckzugelangen, wo inzwischen zwei seiner eigenen M�nner auf ihn warten mu�ten. Er verfluchte sich selbst hundertfach, weil er so dumm gewesen war, sich auf Skalis ungeschickte T�lpel zu verlassen � betrunkene Pl�nderer und Frauenpr�gler, nichts anderes waren sie, nicht wert, ihm die Stiefel zu putzen. W�re er nur nicht gezwungen gewesen, seine eigenen Leute in einer anderen Sache fortzuschicken!</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, um die wirbelnden, tanzenden Lichtf�nkchen loszuwerden, die vom allm�hlich dunkler werdenden Himmel herunterschwebten. Dann spitzte er die aufgesprungenen Lippen. Aus der geifernden Hundeschnauze ert�nte h�chst unpassend der Schrei einer Schnee-Eule. W�hrend er wartete, versuchte er nochmals vergeblich aufzustehen, oder wenigstens zu kriechen. Es war sinnlos; beide Beine schienen ernstlich verletzt. Ohne sich um den brennenden Schmerz in den gebrochenen Rippen zu k�mmern, zog er sich mit den H�nden ein St�ck n�her auf die B�ume zu, mu�te dann aber innehalten. Flach lag er auf dem Boden und rang nach Luft.</p><p>Gleich darauf sp�rte er hei�en Wind und hob den Kopf. Wie in einem wunderlichen Spiegel hatte sich die schwarze Schnauze des Helms verdoppelt: Wenige Zoll von ihm entfernt grinste ein wei�es Maul.</p><p>�Niku'a�, keuchte er in einer Sprache, die keine �hnlichkeit mit seiner Schwarz-Rimmerspakk hatte. �Komm her, Udun verdamm dich! Komm!�</p><p>Der gewaltige Hund kam einen weiteren Schritt n�her, bis er hoch vor seinem verletzten Herrn aufragte.</p><p>�Jetzt � bleib stehen�, befahl der Mann und griff mit starken H�nden nach dem wei�en Lederhalsband, um sich daran festzuhalten. �Und <emphasis>zieh</emphasis>!�</p><p>Er st�hnte qualvoll auf, als der Hund wirklich zog, aber sein Griff blieb fest. Unter der starren Hundemaske des Helms hatte er die Z�hne zusammengebissen, die Augen wollten ihm aus dem Kopf treten. Der h�mmernde, rei�ende Schmerz machte ihn beinahe ohnm�chtig, als der Hund ihn holpernd �ber den Schnee zerrte, aber er lockerte keinen Finger, bevor er den Schutz der B�ume erreicht hatte. Erst dann lie� er los, lie� alles los. Er glitt hinab in die Dunkelheit, fand kurzen Aufschub von seinen Schmerzen.</p><p>Als er aufwachte, war das Grau des Himmels um mehrere T�ne dunkler geworden, und der Wind hatte eine pudrige Schneeschicht �ber ihn gelegt wie eine Decke. Noch immer wartete der gewaltige Hund Niku'a, trotz seines kurzen Felles unger�hrt und ohne zu zittern, so als liege er behaglich vor einem lodernden Kamin. Der Mann auf der Erde war nicht �berrascht; er kannte die eisigen schwarzen Zwinger von Sturmspitze gut und wu�te, wie die Tiere dort aufwuchsen. Er betrachtete Niku'as rotes Maul und die krummen Z�hne, die winzigen wei�en Augen wie milchige Gifttropfen und war wieder einmal dankbar, da� er den Hunden folgte, und nicht umgekehrt.</p><p>Er streifte den Helm ab � nicht ohne M�he, denn der Sturz hatte ihn verbogen � und stellte ihn neben sich in den Schnee. Dann schnitt er mit dem Messer seinen schwarzen Mantel in lange Streifen. Bald darauf begann er m�hselig, ein paar schlanke, junge B�ume abzus�gen. Es war eine furchtbare Arbeit f�r seine geschundenen Rippen, aber er mi�achtete, so gut er konnte, den brennenden Schmerz und arbeitete weiter. Er hatte zwei hervorragende Gr�nde, am Leben zu bleiben: die Pflicht, seiner Gebieterin vom unerwarteten Angriff der Sithi zu berichten, und seinen eigenen, noch st�rker gewordenen Wunsch nach Rache an diesem zusammengew�rfelten Gesindel, das ihm schon allzu oft einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.</p><p>Das blauwei�e Auge des Mondes sp�hte l�ngst neugierig durch die Baumwipfel, als er endlich mit dem Schneiden fertig war. Mit Hilfe der Streifen aus dem Mantel band er sich eine Anzahl der k�rzeren St�cke als Schienen fest um beide Beine. Dann sa� er da, die Beine steif vor sich ausgestreckt wie ein Kind, das im Staub <emphasis>Nullen und Kreuze</emphasis> spielt, und schn�rte kurze Querst�cke an die Spitzen der beiden langen St�be, die �briggeblieben waren. Er hielt sie vorsichtig fest und packte dann wieder Niku'as Halsband, um sich von dem langen, leichenwei�en Hund in die H�he ziehen zu lassen. Gef�hrlich schwankend stand er da, bis es ihm gelang, sich die neugebauten Kr�cken unter die Arme zu schieben.</p><p>Er versuchte ein paar Schritte und schaukelte dabei ungeschickt auf den starren Beinen. Es w�rde schon gehen, entschied er und zuckte vor dem bohrenden Schmerz zusammen, aber er hatte keine Wahl.</p><p>Er warf einen Blick auf den Helm mit der geifernden Schnauze, der unter ihm im Schnee lag, und �berlegte, wie m�hsam es sein w�rde, ihn aufzuheben, und wie schwer dieses jetzt unbrauchbare Ding w�ge. Dann b�ckte er sich keuchend und griff trotzdem danach. In den heiligen H�hlen von Sturmrspeik war ihm der Helm verliehen worden, von IHR, als sie ihn zu ihrem geweihten J�ger ernannte � ihn, einen Sterblichen! Er konnte ihn ebensowenig im Schnee liegenlassen, wie er sein eigenes pochendes Herz h�tte aufgeben k�nnen. Er erinnerte sich an jenen unfa�lichen, berauschenden Augenblick, an das Flackern der blauen Lichter in der Halle der Atmenden Harfe, als er vor dem Thron, vor dem ruhig-gelassenen Schimmer ihrer silbernen Maske gekniet hatte.</p><p>Kurze Zeit bet�ubte der Wein der Erinnerung den furchtbaren Schmerz. Niku'a trottete lautlos hinter ihm her, und Ingen Jegger kletterte hinkend den langen, bewaldeten Hang hinunter und dachte dabei sorgf�ltig �ber seine Rache nach.</p><empty-line/><p>Simon und seine Gef�hrten, jetzt um einen Mann vermindert, sp�rten wenig Lust zum Reden, und die Sithi ermunterten sie auch nicht dazu. Schweigend stapften sie langsam durch den Schneeteppich der Vorberge, w�hrend der graue Nachmittag in den Abend �berging.</p><p>Die Sithi schienen ihr Ziel genau zu kennen, obwohl f�r Simon die fichtenbedeckten H�nge alle gleich aussahen und ein Fleck wie der andere schien. Zwar bewegten sich die Bernsteinaugen des Anf�hrers rastlos im maskenhaften Gesicht, aber nie machte er den Eindruck, als suche er etwas; eher sah es aus, als lese er die komplizierte Sprache der Landschaft so kenntnisreich wie Vater Strangyeard die B�cher auf seinen Regalen.</p><p>Das einzige Mal, da� der Sithif�hrer �berhaupt eine Regung zeigte, war gleich zu Anfang ihres Marsches, als Qantaqa eine B�schung heruntergetrottet kam und sich zu Binabik gesellte; mit zuckender Nase schn�ffelte sie an der Hand des Trolls, den Schwanz unruhig zwischen den Beinen. Der Sitha hob mit leiser Neugier die Brauen und tauschte dann Blicke mit seinen Kameraden, deren ohnehin schmale Augen noch schmaler geworden waren. Er gab kein f�r Simon erkennbares Zeichen, aber die W�lfin durfte ungehindert neben ihnen herlaufen.</p><p>Das Tageslicht verschwand bereits, als die seltsamen Wandergef�hrten endlich nach Norden umschwenkten und kurz darauf langsam den Fu� eines Steilhanges umkreisten, dessen verschneite Flanken mit daraus hervorragenden, kahlen Felsen besetzt waren. Simon, dessen Schock und Bet�ubtheit sich soweit gelegt hatten, da� er sich seiner schmerzhaft kalten F��e nur allzu bewu�t war, empfand stille Dankbarkeit, als der Anf�hrer der Sithi ihnen winkte, stehenzubleiben.</p><p>�Hier�, sagte er und deutete auf einen gewaltigen Felsblock, der sich hoch �ber ihren K�pfen t�rmte. �Unten.� Er deutete wieder, diesmal auf einen breiten, g�rtelhohen Spalt an der Vorderseite des Felsens. Bevor noch jemand ein Wort sagen konnte, schl�pften zwei der Sithiwachen behend an ihnen vorbei und glitten, den Kopf voran, in die �ffnung. Gleich darauf waren sie verschwunden.</p><p>�Du�, forderte der Anf�hrer Simon auf. �Folge ihnen.�</p><p>Von Haestan und den beiden anderen Soldaten kam ein zorniges Murmeln, aber Simon f�hlte trotz ihrer ungew�hnlichen Lage kein Mi�trauen. Er kniete nieder und steckte den Kopf in die �ffnung.</p><p>Dahinter lag ein schmaler, schimmernder Tunnel, ein eisgef�tterter Schlauch, der steil nach oben und von ihm weg f�hrte, anscheinend unmittelbar in den Stein des Berges gehauen. Die Sithi vor ihm mu�ten wohl schon hinter der n�chsten Biegung verschwunden sein, denn sie waren nicht mehr zu sehen, und in dem glasglatten, engen Gang, kaum breit genug, um die Arme darin zu heben, h�tte sich niemand verstecken k�nnen.</p><p>Simon duckte sich und kroch wieder in die kalte Luft hinaus.</p><p>�Wie komme ich dort weiter? Es geht fast senkrecht nach oben, und alles ist mit Eis bedeckt. Ich w�rde nur wieder herunterrutschen.�</p><p>�Schau �ber deinen Kopf�, antwortete der Anf�hrer der Sithi. �Dann wirst du verstehen.�</p><p>Simon kehrte in den Tunnel zur�ck und schob sich ein kleines St�ck weiter vor, bis auch Schultern und Oberk�rper darinsteckten und er sich umdrehen und in die H�he blicken konnte. Das Eis der Tunneldecke, sofern man etwas, das nur eine halbe Arml�nge �ber einem lag, als Decke bezeichnen konnte, wies in regelm��igen Abst�nden waagrechte Einschnitte auf, die sich �ber die ganze L�nge des Ganges, soweit man sie �berblicken konnte, fortsetzten. Jeder Einschnitt war mehrere Zoll tief und breit genug, beiden H�nden nebeneinander bequem Platz zu bieten. Nach einigem �berlegen begriff Simon, da� er sich an H�nden und F��en hochziehen und dabei mit dem R�cken gegen den Tunnelboden stemmen sollte.</p><p>Diese Vorstellung bereitete ihm einiges Unbehagen, denn er hatte nicht die geringste Ahnung, wie lang der Tunnel war und mit wem er ihn m�glicherweise zu teilen hatte. Er erwog, sich nochmals durch den engen Gang nach drau�en zu zw�ngen. Aber dann �nderte er seine Meinung. Die Sithi vor ihm waren den Tunnel so schnell hinaufgehuscht wie Eichh�rnchen, und aus irgendeinem Grund f�hlte er den Drang, ihnen zu zeigen, da� er, wenn schon nicht so behende wie sie, doch k�hn genug war, ihnen ohne weiteres Zureden zu folgen.</p><p>Der Aufstieg war schwierig, aber nicht unm�glich. Der Tunnel wechselte so h�ufig die Richtung, da� der Junge immer wieder Halt machen und sich ausruhen konnte, indem er sich mit den F��en an den Biegungen des Ganges abst�tzte. W�hrend er langsam griff, zog und stemmte, immer wieder, bis zum Krampf in den Muskeln, wurde ihm der Vorteil eines derartigen Tunneleinganges � wenn es wirklich einer war � �berdeutlich: Das Hinaufklettern war �u�erst m�hsam und f�r nicht-zweibeinige Tiere so gut wie unm�glich; wer aber eilig das Weite suchen mu�te, konnte so schnell darin hinabgleiten wie eine Schlange.</p><p>Gerade �berlegte er, ob er eine weitere Rast einlegen sollte, als er �ber seinem Kopf Stimmen h�rte, die sich in der flie�enden Sithisprache unterhielten. Gleich darauf griffen starke H�nde nach ihm, packten ihn bei den Verschlu�riemen seines Kettenhemdes und zogen ihn in die H�he. �berrascht nach Luft schnappend scho� er aus dem Tunnel und stolperte auf einen warmen Steinboden voller Pf�tzen aus geschmolzenem Schnee.</p><p>Die beiden Sithi, die ihn herausgezogen hatten, hockten neben der M�ndung des Tunnels. Ihre Gesichter waren im Halbdunkel kaum zu erkennen. Das einzige Licht in dem Raum, der eigentlich weniger ein Raum war als vielmehr eine sorgsam von allem Ger�ll ges�uberte Felsh�hle, kam aus einer t�rgro�en Spalte in der gegen�berliegenden Wand. Aus dieser L�cke drang gelber Glanz und malte einen hellen Streifen auf den H�hlenboden. Als Simon auf die Knie kommen wollte, f�hlte er eine schmale Hand auf der Schulter, die ihn zur�ckhielt. Der dunkelhaarige Sitha neben ihm zeigte auf die niedrige Decke und machte dann eine winkende Bewegung nach der Tunnelm�ndung.</p><p>�Warten�, sagte er ruhig. Die Sprache war ihm nicht so gel�ufig wie seinem Anf�hrer. �M�ssen warten.�</p><p>Haestan kam als n�chster nach oben, murrend und knurrend. Die beiden Sithi mu�ten seine umfangreiche Gestalt in der �ffnung lockern wie den Korken an einem Weinkrug. Binabik folgte ihm auf den Fersen � der geschickte Troll hatte den Erkynl�nder mit Leichtigkeit eingeholt �, und bald danach waren auch Sludig und Grimmric oben. Die drei �brigen Sithi kletterten geschmeidig hinterher.</p><p>Sobald der letzte der <emphasis>Sch�nen</emphasis> den Tunnel verlassen hatte, ging es weiter. Die M�nner durchschritten die T�r�ffnung im Felsen und traten in einen kurzen Gang, in dem sie endlich wieder aufrecht stehen konnten. Dort waren in Wandnischen Lampen aus einer Art milchiggoldenem Kristall oder Glas aufgestellt, deren flackerndes Licht ausreichte, den Schein der T�r am anderen Ende zu �berdecken, bis sie fast davor standen. Einer der Sithi n�herte sich der L�cke im Stein, die im Gegensatz zu der ersten mit einem Vorhang aus dunklem Stoff verh�llt war, und rief etwas. Gleich darauf schoben sich zwei weitere Sithi hinter dem Tuch hervor. Sie hielten kurze Schwerter in der Hand, die aus einem schw�rzlichen Metall zu bestehen schienen. Stumm und wachsam standen sie da, ohne �berraschung oder Neugier zu verraten, als der Anf�hrer, der die Menschen gefangengenommen hatte, sprach.</p><p>�Wir werden euch die H�nde binden.� Bei diesen Worten zogen die anderen Sithi zusammengerollte L�ngen gl�nzendschwarzer Schn�re unter den Kleidern hervor.</p><p>Sludig trat einen Schritt zur�ck und stie� gegen einen der W�chter, der ein leises Zischen von sich gab, jedoch friedlich blieb.</p><p>�Nein�, erkl�rte der Rimmersmann mit gef�hrlich gepre�ter Stimme, �das lasse ich nicht zu. Niemand fesselt mich gegen meinen Willen.�</p><p>�Mich auch nicht�, fiel Haestan ein.</p><p>�Seid nicht t�richt�, sagte Simon, trat vor und streckte die gekreuzten Handgelenke aus. �Wir werden hier wahrscheinlich mit heiler Haut herauskommen, aber nicht, wenn ihr hingeht und einen Streit vom Zaun brecht.�</p><p>�Simon spricht das Rechte�, verk�ndete Binabik. �Auch ich werde mich binden lassen. Ihr zeigt keine Vernunft, wenn ihr anders handelt. Simons Wei�er Pfeil ist echt. Er ist der Grund, da� man uns nicht get�tet, sondern hierhergebracht hat.�</p><p>�Aber wie k�nnen wir�� begann Sludig.</p><p>�Au�erdem�, schnitt ihm Binabik das Wort ab, �was wollt ihr tun? Selbst wenn ihr diese hier im Kampf besiegtet � und auch die anderen, die h�chstwahrscheinlich hinter dem Vorhang warten �, was dann? Wenn ihr den Tunnel hinabrutschen wolltet, w�rdet ihr zweifellos krachend auf Qantaqa landen, die uns unten erwartet. Ich f�rchte, ein solcher Schreck f�r sie w�rde euch kaum noch Gelegenheit lassen, ihr zu erz�hlen, da� ihr keine Feinde seid.�</p><p>Sludig sah einen Augenblick auf den Troll hinunter und erwog offenbar die M�glichkeiten, die mit einer Verwechslung durch die ver�ngstigte Qantaqa verbunden waren. Endlich brachte er ein schwaches L�cheln zustande.</p><p>�Du gewinnst schon wieder, Troll.� Er streckte die H�nde aus.</p><p>Die schwarzen Schn�re waren k�hl und schuppig wie Schlangenhaut, aber geschmeidig wie ge�lte Lederriemen. Simon merkte, da� einige wenige Schlingen seine H�nde so unbeweglich machten, als w�ren sie in einer Riesenfaust gefangen. Als die Sithi alle gefesselt hatten, wurde die Gruppe weitergef�hrt, durch die stoffverh�ngte T�r hindurch, mitten in eine blendende Lichtflut.</p><p>Wenn Simon sich sp�ter daran zu erinnern versuchte, kam es ihm vor, als seien sie durch die Wolken in ein strahlendes, schimmerndes Land eingedrungen � irgendeinen nahen Nachbarn der Sonne. Nach dem �den Schnee und den einf�rmigen Tunneln war es ein Unterschied wie zwischen dem wilden Taumel des Neunter-Tag-Festes und den acht grauen Tagen, die ihm vorangingen.</p><p>Das Licht und seine Magd, die Farbe, leuchteten �berall. Der Raum war eine Felsenkammer von weniger als doppelter Mannsh�he, aber gewaltiger Ausdehnung. Baumwurzeln wanden sich mit festem Griff die W�nde hinunter. In einer drei�ig Fu� entfernten Ecke sprang ein glitzernder Wasserstrahl �ber eine Steinrinne, um dann, in hohem Bogen aufspr�hend, in einen Teich zu fallen, der in ein nat�rliches Steinbecken gefa�t war. Das zarte Murmeln des Wasserfalles mischte sich mit der fremdartig kunstvollen Musik, die in der Luft schwebte.</p><p>Lampen, wie sie den steinernen Gang ges�umt hatten, standen �berall und warfen je nach Machart gelbe, elfenbeinwei�e, kalkig-bla�blaue oder rosenrote Strahlen in die Steingrotte, die sie, miteinander verschmelzend, in hundert verschiedenen Farbt�nen malten. In der Mitte brannte auf dem Boden, unweit vom Rand des gekr�uselten Teiches, ein lebhaftes Feuer, dessen Rauch durch einen Spalt in der Decke abzog.</p><p>�Elysia, heilige �donsmutter�, sagte Sludig ehrf�rchtig.</p><p>�Hab nie gewu�t, da� hier unten auch nur eine Karnickelh�hle war.� Grimmric sch�ttelte den Kopf. �Und was haben sie � einen Palast.�</p><p>Etwa ein Dutzend Sithi � soweit Simon auf Anhieb erkennen konnte, alles M�nner � hielten sich in der H�hle auf. Mehrere hatten sich schweigend vor einem Paar niedergelassen, das auf einem hohen Felsblock sa�. Der eine hielt ein langes, fl�ten�hnliches Instrument, w�hrend der andere sang. Die Musik klang so seltsam in Simons Ohren, da� er ein Weilchen brauchte, um Stimme und Fl�te voneinander zu unterscheiden und beide gegen die fortdauernde Melodie des Wasserfalles abzugrenzen. Aber das zarte, trillernde Lied, das sie spielten, griff ihm so schmerzlich ans Herz, da� seine kurzen Nackenhaare sich str�ubten. So fremdartig es sich auch anh�rte, es lag etwas darin, das ihn w�nschen lie�, hier niederzusinken und sich nicht mehr zu r�hren, solange die sanfte Musik weiterspielte.</p><p>Die nicht um die Musizierenden Versammelten unterhielten sich leise oder lagen einfach auf dem R�cken und blickten nach oben, als k�nnten sie durch das massive Gestein des Berges in den Nachthimmel dar�ber sehen. Die meisten drehten sich einen Augenblick um und warfen einen pr�fenden Blick auf die Gefangenen am H�hleneingang, gerade so, wie ein Mann, der eben einer guten Geschichte lauscht, vielleicht den Kopf hebt und einer vorbeilaufenden Katze nachschaut.</p><p>Simon und seine Gef�hrten, von niemandem auf einen solchen Anblick vorbereitet, waren mit gro�en Augen stehengeblieben. Der Anf�hrer ihrer Bewacher durchquerte den Raum. An der entgegengesetzten Wand sa�en an einem Tisch, der aus einem gl�nzendwei�en, oben abgeflachten, hohen Steinknollen bestand, zwei weitere Sithi einander gegen�ber. Beide starrten angestrengt auf die ebenfalls von einer der seltsamen Lampen erhellte Tischplatte. Der Waldh�ter blieb stehen und verharrte wortlos in einiger Entfernung, als warte er darauf, bemerkt zu werden.</p><p>Der Sitha, der den Gef�hrten den R�cken zukehrte, trug eine wundervolle laubgr�ne Jacke mit hohem Kragen, dazu Hosen und hohe Stiefel in derselben Farbe. Sein langes, geflochtenes Haar war von noch feurigerem Rot als Simons, und seine H�nde, mit denen er etwas �ber die Tischplatte bewegte, glitzerten von Ringen. Ihm gegen�ber sa� ein anderer, der gespannt die Bewegungen seiner Hand beobachtete. Dieser zweite war in ein loses, wei�es Gewand geh�llt, das er von den mit Armb�ndern geschm�ckten Unterarmen zur�ckgestreift hatte. Sein Haar zeigte die blasse T�nung bl�ulichen Heidekrautes. Vor beiden Ohren hing eine einzelne, gl�nzendschwarze Kr�henfeder. Noch w�hrend Simon zu ihm hin�bersah, blitzten die Z�hne des Wei�gekleideten; er sagte etwas zu dem Mann auf der anderen Tischseite, griff dann nach unten und schob irgend etwas nach vorn. Simons Blick wurde noch sch�rfer; er blinzelte: Ja, es war der Sitha, den er aus der Falle des K�tners befreit hatte. Er war sich ganz sicher.</p><p>�Das ist er!� fl�sterte er Binabik erregt zu. �Der, dem der Pfeil geh�rt.�</p><p>Noch w�hrend er das sagte, n�herte sich der Waldh�ter dem Tisch, und der von Simon Wiedererkannte schaute auf. Der H�ter sprach ein paar schnelle Worte, aber der Wei�gekleidete warf den Gefangenen nur einen kurzen Blick zu, machte eine entlassende Handbewegung und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem, was Simon jetzt entweder f�r eine Landkarte oder f�r ein Spielbrett hielt. Sein rothaariges Gegen�ber drehte sich nicht einmal um, und gleich darauf kam ihr Ergreifer wieder zu ihnen.</p><p>�Ihr m��t warten, bis der edle Jiriki fertig ist.� Er richtete den ausdruckslosen Blick auf Simon. �Weil dir der Pfeil geh�rt, darfst du dich ohne Fesseln bewegen. Die anderen m�ssen gebunden bleiben.�</p><p>Simon, nur einen Steinwurf von dem Mann entfernt, der sich zu seinem Schuldner erkl�rt hatte, ohne da� dieser ihn �berhaupt beachtete, war in Versuchung, sich durchzudr�ngen und dem wei�gekleideten Sitha unmittelbar gegen�berzutreten � Jiriki oder wie er hie�. Binabik, der seine Anspannung sp�rte, stie� ihn warnend an.</p><p>�Wenn die anderen gefesselt bleiben m�ssen, will ich es auch�, antwortete Simon endlich. Zum erstenmal sah er etwas Unerwartetes �ber das Gesicht seines Ergreifers huschen: Unbehagen.</p><p>�Aber es ist ein Wei�er Pfeil�, beharrte der Anf�hrer der W�chter. �Du solltest kein Gefangener sein, solange nicht bewiesen ist, da� du ihn unredlich erworben hast; aber ich kann deine Gef�hrten nicht freilassen.�</p><p>�Dann bleibe auch ich gebunden�, erwiderte Simon fest.</p><p>Der andere warf ihm einen kurzen Blick zu und schlo� mit langsamem Reptilblinzeln die Augen, um sie sofort mit ungl�cklichem L�cheln wieder zu �ffnen.</p><p>�Dann mu� es so sein�, erkl�rte er. �Ich binde nur ungern den, der den <emphasis>Staj'a Ame</emphasis> tr�gt, aber ich sehe keine andere M�glichkeit. �ber mein Herz m�ge es kommen, ob Recht oder Unrecht.� Dann neigte er, seltsamerweise fast respektvoll, den Kopf und richtete die leuchtenden Augen auf Simon. �Meine Mutter nannte mich An'nai�, verk�ndete er.</p><p>Simon, v�llig verdutzt, lie� einen langen Augenblick verstreichen, bis er Binabiks Stiefel knirschend auf seinem Zeh sp�rte. �Oh!� erwiderte er. �Ich hei�e � meine Mutter nannte mich Simon � oder eigentlich Seoman.� Als er sah, da� der Sithi zufrieden nickte, beeilte er sich hinzuzuf�gen: �Und das hier sind meine Gef�hrten � ihre M�tter nannten sie Binabik von Yiqanuc, Haestan und Grimmric von Erkynland sowie Sludig von Rimmersgard.�</p><p>Vielleicht, dachte Simon, w�rde diese von ihm erzwungene Vorstellung helfen, seine Gef�hrten zu sch�tzen, nachdem der Sitha auf das gegenseitige Mitteilen der Namen offensichtlich so gro�en Wert gelegt hatte.</p><p>An'nai nickte wieder und glitt davon, um sich erneut vor dem Steintisch aufzustellen. Seine Mitw�chter halfen den Gefesselten �berraschend sanft, sich hinzusetzen, und zerstreuten sich dann in der H�hle.</p><p>Simon und die anderen unterhielten sich in leisem Ton, mehr durch die seltsam verschlungene Musik ged�mpft als durch den Ernst ihrer Lage.</p><p>�Immerhin�, bemerkte Sludig endlich, nachdem er sich bitterlich �ber die ihnen zuteilgewordene Behandlung beschwert hatte, �sind wir wenigstens noch am Leben. Wenige Menschen begegnen D�monen und haben soviel Gl�ck dabei.�</p><p>�Du bist schon gro�artig, Simon, Bursche!� lachte Haestan. �Wirklich gro�artig! L��t das <emphasis>Sch�ne Volk</emphasis> Verbeugungen und Kratzf��e machen! Wir d�rfen nur nicht vergessen, uns einen Sack Gold zu w�nschen, bevor wir uns wieder verabschieden.�</p><p>�Verbeugungen und Kratzf��e?� Simon l�chelte in ungl�cklicher Selbstironie. �Und bin ich etwa frei? Trage ich keine Fesseln? Esse ich zu abend?�</p><p>�Wie wahr.� Haestan sch�ttelte betr�bt den Kopf. �Ein kleiner Happen w�re jetzt schon recht. Und ein oder zwei Kr�ge.�</p><p>�Ich denke, wir werden nichts erhalten, bevor Jiriki uns nicht begr��t hat�, meinte Binabik. �Aber wenn er wirklich derjenige ist, den Simon gerettet hat, essen wir vielleicht noch gut.�</p><p>�Glaubst du, da� er ein wichtiger Mann ist?� fragte Simon.</p><p>�An'nai nannte ihn �den edlen Jiriki�.�</p><p>�Sofern es nicht noch einen anderen gibt, der lebt und diesen Namen tr�gt��, begann Binabik, wurde jedoch von dem zur�ckkehrenden An'nai unterbrochen. Mit ihm kam der gerade erw�hnte Jiriki, den Wei�en Pfeil in der Hand.</p><p>Mit einer Geste rief er zwei von den anderen Sithi herbei und befahl ihnen, die Gefangenen loszubinden. Dann drehte er sich um und sagte etwas Schnelles in seiner flie�enden Sprache. Die melodischen Worte hatten einen vorwurfsvollen Unterton. An'nai h�rte Jirikis Zurechtweisung, falls es so etwas war, ausdruckslos an und senkte lediglich den Blick.</p><p>Simon, der ihn genau beobachtete, war sicher, da� es sich � dachte man sich die blauen Flecke und Schnittwunden vom Angriff des K�tners weg � um denselben Sitha handelte.</p><p>Jiriki machte eine Handbewegung, und An'nai entfernte sich. Wegen seiner selbstsicheren Haltung und der Achtung, die seine Umgebung ihm zollte, hatte Simon ihn zun�chst f�r �lter gehalten, zumindest f�r ebenso alt wie die anderen Sithi. Jetzt aber, trotz der seltsamen Alterslosigkeit der goldenen Gesichter, hatte Simon pl�tzlich das Gef�hl, der edle Jiriki sei, zumindest nach Sithi-Rechnung, noch jung.</p><p>W�hrend die Gefangenen sich wieder Gef�hl in die befreiten Handgelenke rieben, hielt Jiriki den Pfeil in die H�he. �Vergebt das Warten. An'nai hat sich geirrt, weil er wei�, wie ernst ich das <emphasis>Shent</emphasis>-Spiel nehme.� Seine Augen wanderten von den Gef�hrten nach dem Pfeil und wieder zur�ck. �Ich h�tte niemals geglaubt, dich wiederzusehen, Seoman�, sagte er mit einem vogelartigen Heben des Kinns und einem L�cheln, das seine Augen nie ganz erreichte. �Aber eine Schuld ist eine Schuld � und der <emphasis>Staj'a Ame</emphasis> bedeutet sogar noch mehr. Du hast dich ver�ndert seit unserer ersten Begegnung. Damals �hneltest du mehr einem wilden Tier als deinen Mitmenschen. Du schienst auf mancherlei Weise verirrt.� Sein Blick brannte hell.</p><p>�Auch Ihr habt Euch ver�ndert�, erwiderte Simon.</p><p>�ber Jirikis eckige Z�ge huschte ein Anflug von Schmerz. �Drei N�chte und zwei Tage hing ich in der Falle jenes Sterblichen. Bald w�re ich gestorben, auch dann, wenn der Holzf�ller nicht gekommen w�re � vor Scham.� Seine Miene �nderte sich, als habe er �ber seiner Verletzlichkeit einen Deckel geschlossen. �Nun kommt�, sagte er, �wir m�ssen euch zu essen geben. Es ist bedauerlich, da� wir euch nicht so gute Dinge vorsetzen k�nnen, wie ich es gern t�te, aber wir bringen nur wenig mit in unsere�, er machte eine Bewegung nach dem Raum, w�hrend er das passende Wort suchte, �� Jagdh�tte.�</p><p>Obwohl er die Westerlingsprache wesentlich gel�ufiger sprach, als Simon es bei ihrer ersten Begegnung f�r m�glich gehalten h�tte, zeigte seine Redeweise doch etwas Z�gerndes und zugleich �bergenaues, das darauf hindeutete, wie fremdartig die Sprache ihm erscheinen mu�te.</p><p>�Ihr seid � zum Jagen hier?� fragte Simon, w�hrend er sie ans Feuer f�hrte und dort Platz nehmen lie�. �Was jagt Ihr? Die Berge kommen mir jetzt so leer vor.�</p><p>�Ah, aber das Wild, das wir suchen, ist zahlreicher denn je�, antwortete Jiriki und schritt an ihm vorbei auf eine Reihe von Gegenst�nden zu, die, zugedeckt mit einem schimmernden Tuch, an einer Wand der H�hle aufgestellt waren.</p><p>Der gr�ngekleidete, rothaarige Sitha stand vom Spieltisch auf, an dem An'nai Jirikis Platz eingenommen hatte, und sagte etwas in der Sithisprache, das fragend, vielleicht auch zornig klang.</p><p>�Ich will unseren Besuchern nur unsere Jagdbeute zeigen, Onkel Khendraja'aro�, erkl�rte Jiriki munter, aber wieder schien es Simon, als mangele dem L�cheln des Sitha etwas.</p><p>Jiriki kniete geschmeidig neben der Reihe der zugedeckten Formen nieder, als lande ein Seevogel. Mit einer schwungvollen Bewegung zog er das Tuch fort und enth�llte ein halbes Dutzend gro�e, wei�haarige K�pfe, die toten Gesichter zu geiferndem Ha� erstarrt.</p><p>�Bei Chukkus Eiern!� fluchte Binabik. Die anderen schnappten nach Luft.</p><p>Simon brauchte einen entsetzten Augenblick, bis er die lederh�utigen Z�ge erkannte.</p><p>�Riesen!� stammelte er endlich. <emphasis>�Hunen!�</emphasis></p><p>�In der Tat�, erwiderte Prinz Jiriki und drehte sich zu ihm um. In seiner Stimme blitzte Gefahr. �Und ihr, sterbliche Eindringlinge � was jagt ihr in meines Vaters Bergen?�</p></section><section><title><p>XXXVIII</p><p>Uralte Lieder</p></title><p>Deornoth erwachte in eisiger Dunkelheit. Er schwitzte. Drau�en zischte und heulte der Wind und krallte sich in die Fensterl�den wie ein Schwarm der einsamen Toten. Deornoths Herz blieb fast stehen, als er eine dunkle Gestalt vor sich stehen sah, ein scharfer Umri� vor der Glut im Kamin.</p><p>�Hauptmann!� Es war einer seiner M�nner, Panik in der fl�sternden Stimme. �Jemand kommt auf das Tor zu! Bewaffnete!�</p><p>�Gottes <emphasis>Baum</emphasis>!� fluchte er und zw�ngte sich in die Stiefel. Er warf das Kettenhemd �ber den Kopf, packte Schwertscheide und Helm und folgte dem Soldaten nach drau�en.</p><p>Vier weitere M�nner kauerten, hinter die Br�stung geduckt, auf der obersten Plattform des Torhauses. Der Wind warf Deornoth fast um. Hastig lie� er sich in die Hocke fallen.</p><p>�Dort, Hauptmann!� Es war der Mann, der ihn geweckt hatte. �Sie kommen durch den Ort, die Stra�e hoch!� Er beugte sich an Deornoth vorbei nach vorn und deutete mit dem Finger.</p><p>Das Mondlicht, das durch die vor�berstr�menden Wolken schien, versilberte das sch�bige Stroh auf den dicht aneinandergedr�ngten Hausd�chern der Stadt Naglimund. Tats�chlich gab es eine Bewegung auf der Stra�e, ein kleiner Trupp Berittener, vielleicht ein Dutzend stark.</p><p>Die M�nner auf dem Torhaus beobachteten, wie die Reiter n�her kamen. Einer der Soldaten st�hnte leise vor sich hin. Auch Deornoth empfand das Schmerzhafte dieses Wartens. Besser war es, wenn die H�rner gellten und das Schlachtfeld voller Rufe war.</p><p><emphasis>Es ist das Warten, das uns alle so entmutigt,</emphasis> dachte Deornoth. <emphasis>Wenn sie erst wieder Blut geleckt haben, werden unsere Naglimunder sich wacker schlagen.</emphasis></p><p>�Es m�ssen noch mehr sein; sie haben sich versteckt!� fl�sterte ein anderer Soldat. �Was sollen wir tun?� Selbst im Schreien des Windes kam seine Stimme ihnen laut vor. Wie konnten die Reiter dort unten sie nicht h�ren?</p><p>�Nichts�, erkl�rte Deornoth fest. �Abwarten.�</p><p>Es schien Stunden zu dauern, bis die Reiter n�herkamen. Der Mond leuchtete auf blitzenden Speerspitzen und gl�nzenden Helmen, als die schweigenden M�nner vor dem schweren Tor die Pferde z�gelten und dasa�en, als lauschten sie auf etwas. Einer der Torw�chter stand auf, spannte den Bogen und zielte auf die Brust des Vordersten. Noch w�hrend Deornoth, der die Anspannung im Gesicht des W�chters, die Verzweiflung in seinen Augen gesehen hatte, nach ihm sprang, ert�nte von unten ein lautes H�mmern. Deornoth bekam den Bogenarm zu fassen und zwang ihn nach oben; der Pfeil sauste von der Sehne und verschwand in der windigen Finsternis �ber der Stadt.</p><p><emphasis>�Beim guten Gott, �ffnet das Tor!�</emphasis> schrie ein Mann, und wieder donnerte ein Speerende gegen die Bohlen. Es war die Stimme eines Rimmersmannes, aber, dachte Deornoth, fast lag ein Unterton von Wahnsinn darin. �Schlaft ihr denn alle? La�t uns ein! Ich bin Isorn, Isgrimnurs Sohn, der aus der Hand unserer Feinde entkommen ist!�</p><empty-line/><p>�Seht! Seht doch, die Wolken rei�en auf! Haltet Ihr das nicht auch f�r ein hoffnungsvolles Vorzeichen, Velligis?�</p><p>Bei seinen Worten beschrieb Herzog Leobardis mit der ausgestreckten Hand einen weiten Bogen zum offenen Fenster der Kabine hin�ber und h�tte dabei mit dem gepanzerten Arm fast seinen schwitzenden Knappen am Kopf getroffen. Der Knappe, im Begriff, dem Herzog die Beinschienen anzupassen, duckte sich, schluckte einen wortlosen Fluch hinunter und knuffte einen jungen Pagen, der ihm nicht schnell genug ausgewichen war. Der Page, der schon die ganze Zeit versucht hatte, sich in der vollgestopften Schiffskabine so klein wie m�glich zu machen, erneuerte seine verzweifelten Anstrengungen, ganz und gar unsichtbar zu werden.</p><p>�Vielleicht sind wir in gewisser Weise das d�nne Ende des Keils, der diesem Wahnsinn ein Ende setzen wird.� Leobardis klirrte zum Fenster. Sein Knappe kroch auf dem Boden hinter ihm her, bem�ht, eine erst halb befestigte Beinschiene an ihrem Platz zu halten. Der bedeckte Himmel zeigte tats�chlich lange, wellige Streifen Blau, als fingen sich die tiefh�ngenden Wolken an den dunklen, massigen Klippen von Crannhyr, die dort, wo Leobardis' Flaggschiff, die <emphasis>Juwel von Emettin</emphasis>, unmittelbar vor ihnen ankerte, hoch �ber die Bucht ragten und die Wolken zerrissen.</p><p>Velligis, ein gro�er, dicker Mann in den Goldgew�ndern des Escritors, stampfte zum Fenster und stellte sich neben den Herzog.</p><p>�Wie kann �l, das man ins Feuer gie�t, beim L�schen helfen, Herr? Entschuldigt meine Dreistigkeit, aber der Gedanke ist t�richt.�</p><p>Das Dr�hnen der Appelltrommel hallte �ber das Wasser. Leobardis strich sich das str�hnige wei�e Haar aus den Augen. �Ich kenne die Gef�hle des Lektors�, erwiderte er, �und ich wei�, da� er Euch, geliebter Escritor, angewiesen hat, mich zu �berreden, von diesem Kampf abzulassen. Die Friedensliebe Seiner Heiligkeit � jawohl, sie ist bewunderungsw�rdig; aber Worte werden uns dieses Mal keinen Frieden bringen.�</p><p>Velligis �ffnete eine kleine Messingschatulle und sch�ttelte ein Zuckerbonbon heraus, das er sich zierlich auf die Zunge legte. �Das klingt gef�hrlich nach L�sterung, Herzog Leobardis. Sind Gebete �Worte�? Ist die Einschaltung Seiner Heiligkeit des Lektors Ranessin vielleicht weniger wert als die St�rke Eurer Truppen? Wenn das so ist, wird unser Glaube an Usires' Wort und an das Wort seines ersten Sch�lers Sutrines zum Spott.� Der Escritor seufzte schwer und lutschte an seinem Bonbon.</p><p>Die Wangen des Herzogs r�teten sich. Er winkte den Knappen beiseite und b�ckte sich knarrend, um selber die letzte Schnalle zu schlie�en. Dann befahl er seinen �berrock aus tiefblauem Tuch mit dem in Gold auf die Brust gestickten benidrivinischen Eisvogel.</p><p>�Gottes Segen mit mir, Velligis�, knurrte er �rgerlich, �aber ich habe heute anderes im Sinn, als mit Euch zu diskutieren. Der Hochk�nig Elias hat mich zum �u�ersten getrieben, und nun mu� ich tun, was getan werden mu�.�</p><p>�Aber Ihr zieht nicht selber in die Schlacht�, beharrte der Dicke und sprach erstmals mit einiger Hitzigkeit. �Ihr f�hrt Hunderte, nein, Tausende von M�nnern an � von Seelen �, und in Eurer Hand liegt ihr Wohlergehen. Die Samen einer Katastrophe treiben im Wind, und Mutter Kirche tr�gt Mitverantwortung daf�r, da� sie nicht auf fruchtbaren Boden fallen.�</p><p>Leobardis sch�ttelte betr�bt den Kopf. Der kleine Page hielt ihm sch�chtern den goldenen Helm mit dem blaugef�rbten Ro�haarbusch hin.</p><p>�Fruchtbaren Boden gibt es heutzutage �berall, Velligis, und die Katastrophe f�ngt bereits an zu sprie�en � wenn Ihr mir diese Anleihe bei Euren poetischen Worten verzeiht. Unsere Aufgabe ist es, sie noch im Keim abzum�hen. Kommt!� Er klopfte dem Escritor auf den fleischigen Arm. �Es ist Zeit, ins Landungsboot zu steigen. Begleitet mich.�</p><p>�Gewi�, guter Herzog, gewi�.� Velligis machte eine leichte Wendung zur Seite, um durch die schmale T�r zu schl�pfen. �Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich nicht sofort mit Euch an Land gehe. Seit einiger Zeit f�hle ich mich ein wenig unsicher auf den Beinen. Ich f�rchte, ich werde alt.�</p><p>�Nun, Eure Rhetorik hat an Kraft nichts verloren�, bemerkte Leobardis, w�hrend sie langsam �ber das Deck schritten. Eine schmale, dunkelgekleidete Gestalt kreuzte ihren Weg, blieb kurz stehen und nickte ihnen mit �ber der Brust gefalteten H�nden zu. Der Escritor zog die Stirn in Falten, aber Herzog Leobardis erwiderte das Nicken l�chelnd.</p><p>�Nin Reisu f�hrt schon viele Jahre auf der <emphasis>Juwel von Emettin�,</emphasis> erkl�rte er, �und sie ist die beste aller Seew�chterinnen. Ich schenke ihr die Formalit�ten � die Niskies sind ohnehin ein seltsames Volk, Velligis, wie Ihr wissen w�rdet, wenn Ihr ein Seefahrer w�rt. Kommt, dort dr�ben liegt mein Boot.�</p><p>Der Hafenwind verwandelte Leobardis' Mantel in ein Segel, das sich blau vor dem unschl�ssigen Himmel bl�hte.</p><p>Als er landete, sah Leobardis seinen j�ngsten Sohn Varellan, der ihn erwartete. Er sah aus, als sei er noch zu klein, um seine gl�nzende R�stung richtig auszuf�llen. Das schmale Gesicht lugte besorgt aus der H�hlung des Helmes hervor, w�hrend er zusah, wie sich die Nabbanai-Streitkr�fte sammelten; so als k�nne sein Vater ihn f�r eine vielleicht nachl�ssige Aufstellung der wimmelnden, fluchenden Soldaten verantwortlich machen. Eine Gruppe von M�nnern dr�ngte sich so achtlos an ihm vorbei, als w�re er der Trommeljunge, und fluchte fr�hlich auf ein Pferdegespann ein, das sich, scheu geworden durch die allgemeine Verwirrung, von der Gangplanke ins seichte Wasser gest�rzt und seinen Betreuer mitgenommen hatte. Varellan wich vor dem spritzenden, wiehernden Chaos zur�ck, die Stirn in Falten gezogen, die auch dann nicht verschwanden, als er den Herzog von dem auf Grund gelaufenen Boot herunterspringen und die letzten paar Schritte den felsigen Strand der S�dk�ste von Hernystir hinaufwaten sah.</p><p>�Herr�, sagte er z�gernd. Leobardis dachte bei sich, nun �berlege er wohl, ob er vom Pferd steigen und vor ihm das Knie beugen solle. Der Herzog mu�te einen unwilligen Blick unterdr�cken. Er machte Nessalanta das scheue Wesen des Jungen zum Vorwurf, weil sie sich an ihn geklammert hatte wie ein S�ufer an seinen Krug, um nicht zugeben zu m�ssen, da� auch das letzte ihrer Kinder erwachsen wurde. Nat�rlich war er auch nicht ohne Schuld. Nie h�tte er sich �ber das aufkeimende Interesse des Jungen f�r die Priesterschaft lustig machen d�rfen. Aber das war nun Jahre her, und der Lebensweg des Jungen lie� sich nicht mehr �ndern; er w�rde Soldat bleiben, auch wenn er dabei sein Leben verlor.</p><p>�Nun, Varellan�, begr��te ihn der Herzog und warf einen Blick in die Runde. �Gut, mein Sohn � es sieht ja aus, als w�re alles in Ordnung.�</p><p>Obwohl ihm der eigene Augenschein best�tigte, da� sein Vater entweder nicht bei Verstand war oder es allzu freundlich mit ihm meinte, schenkte ihm der junge Mann ein rasches, dankbares L�cheln. �Wir werden, denke ich, in zwei Stunden alle ausgeschifft haben. Wird heute nacht noch weitermarschiert?�</p><p>�Nach einer Woche auf See? Die M�nner w�rden uns alle beide erschlagen und sich eine neue herzogliche Familie suchen. Obwohl sie dann vermutlich auch Benigaris erledigen m��ten, um wirklich die ganze Linie auszurotten. Aber da wir gerade von deinem Bruder sprechen � warum ist er nicht hier?�</p><p>Er sagte es leichthin, obgleich er die Abwesenheit seines �ltesten �rgerlich fand. Nach wochenlangem bitterem Streit dar�ber, ob Nabban neutral bleiben sollte, und st�rmischer Reaktion auf die Entscheidung des Herzogs, Prinz Josua zu unterst�tzen, hatte Benigaris seine Meinung v�llig ge�ndert und den Wunsch ge�u�ert, sich seinem Vater und den Truppen anzuschlie�en. Der Herzog war �berzeugt, Benigaris br�chte es einfach nicht fertig, auf die Gelegenheit zu verzichten, die Legionen des Eisvogels in die Schlacht zu f�hren, selbst wenn das den Verzicht auf die M�glichkeit bedeutete, wenigstens f�r eine Weile seine Beine auf dem Thron der Sancellanischen Mahistrevis auszustrecken.</p><p>Er merkte, da� seine Gedanken abschweiften. �Nein, nein, Varellan, wir m�ssen den Leuten eine Nacht in Crannhyr lassen, obwohl es dort wahrscheinlich wenig Vergn�gungen f�r sie geben wird, nachdem Lluths Krieg im Norden so �bel ausgegangen ist. Wo, sagtest du, steckt Benigaris?�</p><p>Varellan err�tete. �Ich habe gar nichts gesagt, Herr � es tut mir leid. Er ist mit seinem Freund, Graf Aspitis Preves, in die Stadt hinaufgeritten.�</p><p>Leobardis achtete nicht auf die Verlegenheit seines Sohnes. �Beim <emphasis>Baum,</emphasis> ich h�tte es nicht f�r zuviel verlangt gehalten, wenn mein Sohn und Erbe mich hier erwartet h�tte. Also gut, gehen wir nachsehen, wie es mit den anderen F�hrern steht.� Er schnalzte mit den Fingern, und der Knappe brachte das Ro� des Herzogs. Am Geschirr klingelten die Gl�ckchen.</p><empty-line/><p>Sie fanden Mylin-s�-Ingadaris unter dem wei�roten Albatrosbanner seines Hauses. Der alte Mann, seit vielen Jahren Leobardis' aufrichtiger Feind, rief den Herzog heran. Leobardis und Varellan sa�en da und schauten zu, wie Mylin den Abschlu� der Entladearbeiten an seinen beiden Karacken beaufsichtigte, und leerten dann in seinem gestreiften Zelt einen Humpen s��en ingadarinischen Weines mit dem alten Grafen.</p><p>Nachdem sie sich �ber Marschkarrees und Schlachtreihen ausgesprochen und Varellans wenig erfolgreiche Versuche, dabei ein Wort mitzureden, ertragen hatten, dankte Leobardis Graf Mylin f�r seine Gastfreundschaft und ging, seinen J�ngsten im Kielwasser. Sie nahmen von ihren Knappen wieder die Z�gel entgegen und ritten weiter durch das gesch�ftige Feldlager, um den Lagerpl�tzen verschiedener anderer Edelleute kurze H�flichkeitsbesuche abzustatten.</p><p>Die beiden hatten gerade kehrtgemacht, um am Strand zur�ckzureiten, als dem Herzog eine vertraute Gestalt auf einem m�chtigen, breitbr�stigen Rotschimmel ins Auge fiel, die, einen zweiten Ritter zur Seite, gem�chlich die Stra�e von der Stadt heruntergeritten kam.</p><p>Benigaris' silberne R�stung, sein kostbarster Besitz, war so mit Gravuren und kostspieligen Mustern aus Ilenit-Einlegearbeit �bers�t, da� es das Licht ablehnte, sich ordnungsgem�� darin zu spiegeln, und sie dadurch fast grau wirkte. Eingezw�ngt in seine Br�nne, die etwas die �berm��ige F�lle seines K�rpers korrigierte, sah Benigaris in der Tat von Kopf bis Fu� nach einem Ritter ohne Furcht und Tadel aus. Der junge Aspitis daneben trug ebenfalls eine wundervoll gearbeitete R�stung; das Fischadlerwappen seiner Familie war in Perlmutt in seine Br�nne eingelegt. Auf einen �berrock, der die R�stung verdeckte, hatte er verzichtet und ritt genau wie Benigaris ganz im Harnisch, rundum gepanzert wie ein gl�nzender Krebs.</p><p>Benigaris sagte etwas zu seinem Begleiter. Aspitis Preves lachte und ritt davon. Benigaris verlie� die Stra�e und knirschte �ber den Kiesstrand auf seinen Vater und j�ngeren Bruder zu.</p><p>�Das war Graf Aspitis, nicht wahr?� empfing ihn Leobardis und versuchte den bitteren Geschmack, der ihm tief im Hals sa�, nicht in seine Stimme dringen zu lassen. �Ist das prevanische Haus seit neuestem unser Feind, da� der Graf nicht herkommen und seinem Herzog den Gru� entbieten kann?�</p><p>Benigaris lehnte sich im Sattel nach vorn und klopfte seinem Pferd den Hals. Leobardis konnte nicht sehen, ob er ihn unter den dichten schwarzen Brauen anblickte. �Ich habe Aspitis gesagt, da� wir ein pers�nliches Gespr�ch miteinander zu f�hren h�tten. Er wollte kommen, aber ich habe ihn fortgeschickt. Er ging aus Respekt f�r Euch.� Er wandte sich Varellan zu, der in seiner gl�nzenden R�stung ganz verloren aussah, und begr��te den Bruder mit knappem Kopfnicken.</p><p>Leicht au�er Fassung gebracht, wechselte der Herzog das Thema. �Was hat dich in die Stadt gef�hrt, mein Sohn?�</p><p>�Neuigkeiten, Herr. Ich dachte, Aspitis, der schon fr�her hier gewesen ist, k�nnte mir helfen, n�tzliche Dinge in Erfahrung zu bringen.�</p><p>�Du warst lange fort, Benigaris.� Leobardis konnte nicht die Kraft aufbringen, w�tend zu sein. �Was hast du herausgefunden � wenn �berhaupt?�</p><p>�Nichts, das wir nicht schon von den Bootsleuten aus Abaingeat geh�rt h�tten. Lluth ist verwundet und hat sich ins Gebirge zur�ckgezogen. Skali kontrolliert Hernystir, hat jedoch zu wenig M�nner, um sich weiter auszudehnen, bevor nicht die Hernystiri im Grianspog endg�ltig unterworfen sind. Darum ist die K�ste noch frei, ebenso alles Land diesseits von Agh Samrath � Nad Mullagh, Cuimhne, das ganze Flu�gebiet bis hinauf zum Inniscrich.�</p><p>Leobardis rieb sich den Kopf und schielte auf den grellen Streifen, den die Sonne auf den Meeresspiegel malte. �Vielleicht k�nnten wir Prinz Josua am besten dadurch dienen, da� wir zuerst die Belagerung in Hernystir durchbrechen. Wenn wir Skali Scharfnase mit unseren zweitausend Mann in den R�cken fielen, h�tten Lluths Truppen � oder das, was von ihnen �brig ist � wieder Spielraum, und Elias' eigener R�cken w�re ungesch�tzt, wenn er Naglimund belagert.�</p><p>Er erwog seinen Plan und fand ihn gut. Er schien ihm so zu sein, wie sein Bruder Camaris es geliebt h�tte: schnell, energisch, ein Hieb wie ein Peitschenknall. Camaris, der wie eine klare Waffe gewesen war, hatte Feldz�ge immer auf diese Art gef�hrt � geradeheraus und ohne Z�gern wie ein blitzender Hammer.</p><p>Benigaris sch�ttelte den Kopf; in seinem Gesicht zeigte sich etwas wie wirkliche Unruhe. �Nur das nicht, Herr! Wenn wir so vorgingen, brauchte Skali nur im Circoille zu verschwinden oder ebenfalls in die Grianspogberge zu klettern. Dann w�ren wir es, die festgenagelt w�ren wie eine aufgespannte Haut und warten m��ten, bis die Rimmersm�nner aus ihren L�chern k�men. Inzwischen k�nnte Elias Naglimund vernichten und dann �ber uns herfallen. Zwischen dem Hochk�nig und dem Raben Skali w�rden wir zertreten werden wie eine Haselnu�.� Er sch�ttelte heftig den Kopf, als bereite der Gedanke ihm Angst.</p><p>Leobardis wandte sich von der blendenden Sonne ab. �Wahrscheinlich hast du recht, Benigaris, obwohl ich mich zu erinnern glaube, da� du noch vor kurzem ganz anders geredet hast.�</p><p>�Das war, bevor Ihr Euch entschlo�t, das Heer in Marsch zu setzen, Herr.� Benigaris nahm den Helm ab und spielte einen Augenblick damit, bevor er ihn an seinen Sattelknopf h�ngte. �Jetzt, nachdem wir uns festgelegt haben, bin ich wie ein L�we von Nascadu.�</p><p>Leobardis holte tief Atem. Die Luft roch nach Krieg, und der Geruch erf�llte ihn mit Unbehagen und Bedauern. Immerhin schien der Zerfall von Osten Ard nach den langen Jahren von Johans Frieden � dem Hochk�nigsfrieden � wenigstens seinen starrk�pfigen Sohn wieder zu ihm zur�ckgef�hrt zu haben. Das war etwas, wof�r man dankbar sein mu�te, so unbedeutend es auch in der Masse der gr��eren Ereignisse scheinen mochte. Der Herzog von Nabban richtete ein stilles Dankgebet an seinen verwirrenden, letzten Endes aber doch wohlwollenden Gott.</p><empty-line/><p>�Gelobt sei Usires �don, der dich uns zur�ckgegeben hat!� sagte Isgrimnur und merkte, da� ihm von neuem die Tr�nen in die Augen traten. Er beugte sich �ber das Bett und versetzte Isorns Schulter einen rauhen, begeisterten Sto�, der ihm einen scharfen Blick von Gutrun einbrachte. Sie war, seitdem er in der vorigen Nacht zu ihnen gekommen war, nicht von der Seite ihres erwachsenen Sohnes gewichen.</p><p>Isorn, dem die Strenge seiner Mutter nichts Neues war, grinste matt zu Isgrimnur hinauf. Er hatte die blauen Augen und das breite Gesicht seines Vaters, aber seitdem der Herzog ihn zum letzten Mal gesehen hatte, schien der Ausdruck bl�hender Jugend gr��tenteils daraus verschwunden zu sein; er sah abgeh�rmt und finster aus. So st�mmig und breitschultrig er auch war, irgendeine Schw�che schien an ihm zu nagen.</p><p><emphasis>Es sind nur seine schlimmen Erlebnisse und die Sorgen, die ihn so ver�ndert haben,</emphasis> entschied der Herzog. <emphasis>Er ist doch ein kr�ftiger Kerl. Man sieht ja, wie er mit dem Getue seiner Mutter fertig wird. Er wird ein guter Mann werden � nein, er ist schon l�ngst ein guter Mann geworden. Wenn er nach mir Herzog wird � wenn wir erst Skali br�llend zur H�lle hinabgeschickt haben�</emphasis></p><p>�Isorn!� Eine neue Stimme verscheuchte den schweifenden Gedanken. �Es ist ein Wunder, dich wieder bei uns zu haben.� Prinz Josua b�ckte sich und ergriff Isorns Hand mit seiner Linken. Gutrun nickte zustimmend. Sie stand nicht auf, um vor dem Prinzen zu knicksen; anscheinend war ihr die Aufgabe als Mutter im Augenblick wichtiger als gute Manieren. Zudem schien es Prinz Josua nichts auszumachen.</p><p>�Zum Teufel mit solchen Wundern�, bemerkte Isgrimnur grob und runzelte die Stirn, damit ihn sein in der Brust schwellendes Herz nicht in Verlegenheit brachte. �Mit seinem Verstand und seinem Mut hat er seine Leute dort herausgebracht, und das ist bei Gott die Wahrheit.�</p><p>�Isgrimnur��, warnte Gutrun. Josua lachte.</p><p>�Nat�rlich. Dann la� mich sagen, Isorn, da� dein Mut und dein Verstand ein wahres Wunder waren.�</p><p>Isorn setzte sich im Bett h�her auf und �nderte die Lage seines verbundenen Beines, das auf der Decke aufgebahrt lag wie eine Heiligenreliquie. �Ihr seid zu g�tig, Hoheit. Wenn nicht ein Teil von Skalis Kaldskrykern keine Neigung versp�rt h�tten, ihre Mitmenschen zu foltern, s��en wir immer noch dort � als hartgefrorene Leichen.�</p><p>�Isorn!� rief seine Mutter �rgerlich. �Sprich nicht von solchen Dingen. Es ist ein Schlag ins Gesicht von Gottes Gnade.�</p><p>�Aber es ist wahr, Mutter. Skalis Raben selber gaben uns die Messer, mit deren Hilfe wir fliehen konnten.� Er wandte sich zu Josua. �Finstere Dinge gehen vor in Elvritshalla � in ganz Rimmersgard, Prinz Josua! Ihr m��t mir glauben! Skali ist nicht allein gekommen. Die Stadt war voll von Schwarz-Rimmersm�nnern aus der Gegend um Sturmspitze. Sie waren es auch, die Skali zu unserer Bewachung zur�cklie�. Und es waren diese gottverfluchten Unmenschen, die unsere M�nner gefoltert haben � f�r nichts und wieder nichts, denn wir hatten ihnen ja gar nichts zu verschweigen. Sie taten es, kaum vorstellbar, aus Vergn�gen. Nachts, wenn wir schlafen gingen, h�rten wir die Schreie unserer Kameraden und fragten uns, wen sie als n�chsten holen w�rden.�</p><p>Er st�hnte leise und zog die Hand aus Gutruns festem Griff, um sich die Schl�fen zu reiben, als wollte er die Erinnerung fortwischen.</p><p>�Selbst Skalis eigene Leute erf�llte es mit Abscheu. Ich glaube, sie fragen sich langsam, in was ihr Than sie da hineingezogen hat.�</p><p>�Wir glauben dir�, antwortete Josua sanft, den Blick, den er dem danebenstehenden Isgrimnur zuwarf, voller Sorge.</p><p>�Aber es waren noch andere dort � sie kamen nachts und trugen schwarze Kapuzen. Nicht einmal unsere W�chter bekamen ihre Gesichter zu sehen!� Isorns Stimme blieb ruhig, aber seine Augen weiteten sich bei der Erinnerung. �Sie bewegten sich nicht einmal wie Menschen, �don sei mein Zeuge! Sie stammten aus den Eisw�sten jenseits des Gebirges. Wir konnten ihre K�lte f�hlen, wenn sie an unserem Gef�ngnis vor�bergingen. Vor ihrer N�he hatten wir mehr Angst als vor allen gl�henden Eisen der Schwarz-Rimmersm�nner.� Isorn lie� sich kopfsch�ttelnd auf sein Kissen zur�cksinken. �Es tut mir leid, Vater � Prinz Josua. Ich bin sehr m�de.�</p><p>Die beiden nickten und zogen sich zur�ck, der Herzog mit einem Blick auf seine Frau, die sich aber bereits wieder ganz ihrem Sohn zugewandt hatte.</p><p>�Er ist ein starker Mann, Isgrimnur�, sagte der Prinz, als sie den mit Pf�tzen bedeckten Korridor entlang gingen. Das Dach war undicht, wie so oft in Naglimund nach einem harten Winter und einem ebenso schlechten Fr�hling und Sommer.</p><p>�Ich w�nschte nur, ich h�tte verhindert, da� er allein diesem Hurensohn Skali gegen�bertreten mu�te. Verdammt!� Isgrimnur rutschte auf dem nassen Stein aus und verfluchte sein Alter und seine Tolpatschigkeit.</p><p>�Er hat alles getan, was man h�tte tun k�nnen, Onkel. Ihr solltet stolz auf ihn sein.�</p><p>�Das bin ich auch.�</p><p>Eine Weile gingen sie weiter, bevor Josua erneut begann: �Ich mu� gestehen, da� Isorns Anwesenheit es mir leichter macht, Euch um etwas zu bitten � etwas, um das ich Euch bitten mu�.�</p><p>Isgrimnur zupfte an seinem Bart. �N�mlich?�</p><p>�Einen Gefallen. Um den ich nicht bitten w�rde, wenn nicht�� Er z�gerte. �Nein. Wir wollen in meine Gem�cher gehen. Es ist etwas, das man unter vier Augen besprechen sollte.� Er hakte den rechten Arm unter den Ellenbogen des Herzogs, und die Lederkappe �ber dem Handgelenkstumpf war wie ein stummer, f�r den Fall der Ablehnung vorweggenommener Vorwurf.</p><p>Isgrimnur zupfte erneut an seinem Bart, bis es weh tat. Er hatte das Gef�hl, da� ihm das, was er da zu h�ren gekommen sollte, nicht gefallen w�rde. �Beim <emphasis>Baum,</emphasis> nehmen wir doch einen Weinkrug mit, Josua. Ich habe ihn dringend n�tig.�</p><empty-line/><p>�Um Usires' Liebe willen! Bei Drors scharlachrotem Hammer! Bei Sankt Eahlstans und Sankt Skendis Knochen! Seid Ihr von Sinnen? Warum sollte ich von Naglimund weggehen?�</p><p>Isgrimnur zitterte vor Schreck und Wut.</p><p>�Ich w�rde Euch nicht bitten, wenn es nur irgendeinen anderen Weg g�be, Onkel.� Der Prinz sprach geduldig, aber selbst durch den Nebel seines Zornes konnte der Herzog Josuas Qual erkennen. �Zwei N�chte habe ich schlaflos im Bett gelegen und versucht, eine andere L�sung zu finden. Es gibt keine. Jemand mu� die Prinzessin Miriamel suchen.�</p><p>Isgrimnur nahm einen tiefen Zug von dem Wein, merkte, da� ihm etwas davon in den Bart rann, achtete jedoch nicht darauf. �Warum?� fragte er endlich und knallte den Krug auf den Tisch, da� es krachte. �Und warum gottverdammtnochmal ich? WARUM ICH?�</p><p>Der Prinz war ganz ersch�pfte Geduld. �Sie mu� gefunden werden, weil ihre Person von entscheidender Wichtigkeit ist � und weil sie meine einzige Verwandte ist. Was wird, wenn ich sterbe, Isgrimnur? Was ist, wenn wir Elias abwehren und die Belagerung brechen, mich aber ein Pfeil trifft oder ich von der Burgmauer st�rze? Wem wird das Volk folgen � nicht nur die Barone und die Kriegsf�hrer, sondern das einfache Volk, das sich in den Schutz meiner Mauern gefl�chtet hat? Es wird schwer genug f�r euch alle sein, mit mir als Anf�hrer gegen Elias zu k�mpfen, weil man mich f�r wunderlich und wankelm�tig h�lt � aber was wird erst, wenn ich tot bin?�</p><p>Isgrimnur starrte zu Boden. �Da ist noch Lluth. Oder Leobardis.� Josua sch�ttelte hart den Kopf. �K�nig Lluth ist verwundet und wird vielleicht sterben. Leobardis ist Herzog von Nabban � und es gibt noch gen�gend Leute, die sich daran erinnern, wie Nabban mit Erkynland im Krieg gelegen hat. Die Sancellanische Mahistrevis selbst ist das Denkmal einer Zeit, in der Nabban �ber alles andere herrschte. Sogar Ihr, Onkel, der Ihr ein guter und allseits geachteter Mann seid, k�nntet keine Streitmacht zusammenhalten, die Elias Widerstand zu leisten imstande w�re. Er ist ein Sohn von Johan Presbyter! Johan selbst hat ihn auf den Drachenbeinthron gesetzt. Trotz aller seiner Missetaten mu� es ein Mitglied derselben Familie sein, das ihm diesen Thron wieder nimmt � und das wi�t Ihr auch!�</p><p>Isgrimnurs langes Schweigen war Antwort genug.</p><p>�Aber warum ausgerechnet ich?� fragte er dann.</p><p>�Weil Miriamel keinem anderen Boten folgen w�rde. Deornoth? Er ist tapfer und treu wie ein Jagdfalke, aber er m��te die Prinzessin in einem Sack nach Naglimund schleppen. Au�er mir seid Ihr der einzige, der sie zur�ckbringen kann, ohne da� sie sich dagegen wehrt. Und freiwillig zur�ckkommen mu� sie, denn es w�re verh�ngnisvoll, wenn man Euch entdeckte. Schon bald kann Elias erfahren, da� sie nicht mehr hier ist. Dann wird er den ganzen S�den in Brand setzen, um sie aufzusp�ren.�</p><p>Josua ging zu seinem Schreibtisch hin�ber und bl�tterte gedankenverloren in einem Pergamentstapel. �Denkt sorgf�ltig nach, Isgrimnur. Verge�t einen Augenblick, da� wir von Euch selber sprechen. Wer sonst ist so weit herumgekommen und hat Freunde an den merkw�rdigsten Orten? Wer sonst, wenn Ihr mir verzeihen wollt, kennt das falsche Ende von so vielen dunklen Hintergassen in Ansis Pelipp� und Nabban?�</p><p>Wider Willen mu�te Isgrimnur m�rrisch grinsen. �Aber trotzdem scheint es mir sinnlos, Josua. Wie kann ich meine M�nner im Stich lassen, jetzt, wo Elias gegen uns marschiert? Und wie k�nnte ich hoffen, da� ein solcher Auftrag geheim bleibt, bekannt wie ich bin?�</p><p>�Was das erste betrifft: Gerade darum d�nkt es mich ja ein Wink des Schicksals, da� Isorn jetzt hier ist. Einskaldir, da sind wir uns wohl einig, verf�gt nicht �ber die Selbstbeherrschung eines Anf�hrers. Bei Isorn ist das anders. Au�erdem, Onkel, verdient er die Chance, sich jetzt auszuzeichnen. Der Fall von Elvritshalla hat seinem jugendlichen Stolz einen schweren Schlag versetzt.�</p><p>�Gerade der Stolz, der einen Schlag erlitten hat, macht einen Knaben zum Mann�, knurrte der Herzog. �Fahrt fort.�</p><p>�Und zum zweiten: Jawohl, Ihr seid ein bekannter Mann, aber Ihr seid seit zwanzig Jahren kaum noch s�dlich �ber Erkynland hinausgekommen. Und au�erdem werden wir Euch verkleiden.�</p><p>�Verkleiden?� Isgrimnur betastete zerstreut die Flechten seines Bartes. Josua ging zur T�r und rief etwas. Dem Herzog war es seltsam schwer ums Herz. Er hatte sich vor diesem Kampf gef�rchtet, weniger seinet- als seines Volkes, seiner Gutrun wegen, und nun war auch noch sein Sohn gekommen und legte ihm eine weitere Sorge auf. Jetzt fortzugehen, und sei es auch, um sich in eine Gefahr zu begeben, die ebenso gro� war wie die, die er hinter sich zur�cklie� � das sah unertr�glich nach Feigheit aus, nach Verrat. <emphasis>Aber ich habe Josuas Vater einen Eid geschworen � meinem lieben alten Johan � wie kann ich seinem Sohn eine Bitte abschlagen? Und seine Gr�nde sind so gottverdammt einleuchtend�</emphasis></p><p>�Hier�, sagte der Prinz und trat von der T�r zur�ck, um jemanden einzulassen. Es war Vater Strangyeard, auf dem rosigen Gesicht mit der Augenklappe ein sch�chternes L�cheln, die lange Gestalt gebeugt unter der Last eines B�ndels aus schwarzem Stoff.</p><p>�Hoffentlich pa�t es�, meinte der Archivar. �Meistens passen sie nicht; ich wei� nicht, warum; es ist nur eine weitere kleine Ermahnung, eine von den kleinen Lehren des Meisters.� Er verstummte, schien aber nach einer Weile den Faden wiederzufinden. �Es war ungemein freundlich von Eglaf, es uns zu leihen. Er hat so etwa Eure Gestalt, glaube ich, wenn auch nicht ganz so hochgewachsen.�</p><p>�Eglaf?� fragte Isgrimnur ratlos. �Wer ist Eglaf? Josua, was soll dieser Unfug?�</p><p>�Bruder Eglaf, nat�rlich�, erl�uterte Strangyeard.</p><p>�Eure Verkleidung, Isgrimnur�, f�hrte der Prinz weiter aus, w�hrend der Burgarchivar das B�ndel entfaltete. Es entpuppte sich als Auswahl schwarzwollener Priestergew�nder. �Ihr seid ein frommer Mann, Onkel. Ich bin �berzeugt, Ihr k�nnt die Rolle spielen.� Der Herzog h�tte schw�ren k�nnen, da� Josua sich ein L�cheln verbi�.</p><p>�Was? Priesterkleidung?� Isgrimnur erkannte allm�hlich die Umrisse des Planes und war keineswegs zufrieden damit.</p><p>�Wie k�nntet Ihr besser unbemerkt nach Nabban reisen, wo Mutter Kirche als K�nigin herrscht und es fast mehr Priester aller Richtungen gibt als andere B�rger?� Jetzt l�chelte Josua tats�chlich.</p><p>Isgrimnur war au�er sich vor Wut. �Josua! Ich habe schon fr�her um Euren Verstand gef�rchtet; jetzt aber wei� ich, da� Ihr ihn vollst�ndig verloren habt. Das ist der hirnverbrannteste Einfall, den ich je geh�rt habe. Und wer, zu allem �berflu�, hat je von einem �doniterpriester mit Bart geh�rt?� Er schnaubte ver�chtlich.</p><p>Der Prinz, mit einem warnenden Blick auf Vater Strangyeard, der die Gew�nder auf einen Stuhl legte und sich r�ckw�rts auf die T�r zubewegte, trat an einen Tisch und hob ein Tuch. Darunter zeigte sich � eine Sch�ssel mit hei�em Wasser und ein blinkendes, frischgewetztes Rasiermesser.</p><p>Isgrimnurs gewaltiges Aufbr�llen lie� unten in der Burgk�che das Geschirr aneinanderschlagen.</p><empty-line/><p>�Sprecht, Sterbliche. Kommt ihr als Spione in unsere Berge?�</p><p>Eisiges Schweigen folgte Prinz Jirikis Worten. Aus dem Augenwinkel beobachtete Simon, wie Grimmric hinter sich griff und die Wand nach etwas abtastete, das er als Waffe benutzen k�nnte. Sludig und Haestan warfen den Sithi, die sie umringt hielten, grimmige Blicke zu, fest �berzeugt, da� man jetzt gleich �ber sie herfallen w�rde.</p><p>�Nein, Prinz Jiriki�, antwortete Binabik rasch. �Gewi� seht Ihr selbst, da� wir keine Erwartung hatten, hier auf Euer Volk zu sto�en. Wir kommen aus Naglimund, ausgesandt von Prinz Josua, mit einem Auftrag von h�chster Wichtigkeit. Wir suchen��</p><p>Der Troll z�gerte, als f�rchte er, zuviel zu sagen. Dann jedoch fuhr er achselzuckend fort: �Wir sind unterwegs zum Drachenberg, um dort nach Camaris-s�-Vinittas Schwert Dorn zu suchen.�</p><p>Jirikis Augen wurden schmal, und der Gr�ngekleidete hinter ihm, den er Onkel genannt hatte, stie� mit d�nnem Pfeifen den Atem aus.</p><p>�Was wollt ihr mit einem solchen Ding anfangen?� fragte Khendraja'aro.</p><p>Darauf wollte Binabik nicht antworten. Er blickte ungl�cklich auf den Boden der H�hle. Die Luft schien zu stehen, als die Sekunden vergingen.</p><p>�Es soll uns vor Ineluki retten � vor dem Sturmk�nig!� platzte Simon heraus. Bis auf ein Blinzeln verzog keiner der Sithi eine Miene. Niemand sagte ein Wort.</p><p>�Sprecht weiter�, verlangte Jiriki endlich.</p><p>�Wenn Ihr es w�nscht�, erwiderte Binabik. �Es ist Teil einer Geschichte, die fast so lang ist wie Euer <emphasis>Ua'kiza Tumet' ai nei-R'�anis �</emphasis> das Lied vom Untergang Tumet'ais. Wir wollen versuchen, Euch mitzuteilen, was wir wissen.�</p><p>Der Troll erkl�rte eilig die wichtigsten Tatsachen. Simon kam es vor, als lasse er absichtlich vieles aus; einige Male sah Binabik beim Sprechen auf und begegnete seinem Blick, als mahne er den Jungen zu schweigen.</p><p>Binabik berichtete den schweigenden Sithi von den Verteidigungsvorbereitungen in Naglimund und den Verbrechen des Hochk�nigs. Er erl�uterte, was Jarnauga erz�hlt hatte, sprach von Nisses' Buch und sagte die Verse her, die sie veranla�t hatten, sich auf die Reise zum Urmsheim zu machen.</p><p>Als er seine Geschichte beendet hatte, sah sich der Troll Jirikis ausdruckslos starrem Blick, der noch mehr Zweifel verratenden Miene seines Onkels und einer so tiefen Stille gegen�ber, da� das t�nende Echo des Wasserfalles anzuschwellen schien, bis es diese kleine Welt mit seinem Klang erf�llte. Was f�r ein Ort voller Wahnsinn und Tr�ume diese H�hle doch war, und in was f�r eine aberwitzige Geschichte sie hineingeraten waren! Simon merkte, da� sein Herz wie rasend schlug, und zwar nicht allein aus Furcht.</p><p>�Das ist schwer zu glauben, Sohn meiner Schwester�, bemerkte Khendraja'aro endlich und spreizte mit einer sonderbaren Geste die beringten H�nde.</p><p>�Allerdings, Onkel. Aber ich glaube, da� jetzt nicht der Augenblick ist, dar�ber zu sprechen.�</p><p>�Aber dieser <emphasis>andere,</emphasis> den der Knabe erw�hnt hat��, begann Khendraja'aro von neuem, Sorge in den gelben Augen, aufkeimenden Zorn in der Stimme. �Der Schwarze unter <emphasis>Nakkiga��</emphasis></p><p>�Nicht jetzt.� Die Antwort des Sithiprinzen war nicht ohne Sch�rfe. Er wandte sich an die f�nf Fremdlinge. �Wir m�ssen uns entschuldigen. Es ist jedoch nicht gut, �ber solche Dinge zu reden, solange ihr nicht gegessen habt. Ihr seid unsere G�ste.� Simon, den bei diesen Worten eine Woge der Erleichterung �berschwemmte, schwankte leicht vor sich hin. Seine Knie wurden pl�tzlich schwach.</p><p>Jiriki, der es bemerkte, winkte sie n�her ans Feuer. �Setzt euch. Ihr m��t unser Mi�trauen verzeihen. Seoman, verstehe auch du mich: Obwohl ich dir mein Blut schulde � du <emphasis>bist</emphasis> mein <emphasis>Hikka Staj'a �,</emphasis> haben eure Rassen der unseren wenig Freundlichkeit bezeigt.�</p><p>�Ich mu� Euch zum Teil widersprechen, Prinz Jiriki�, entgegnete Binabik und lie� sich auf einem flachen Stein am Feuer nieder. �Von allen Sithi sollte Eure Familie am besten wissen, da� wir Qanuc Euch niemals etwas �bles zugef�gt haben.�</p><p>Jiriki sah zu dem Kleinen hinunter, und seine angespannten Z�ge lockerten sich zu einem Ausdruck, in dem fast etwas Liebevolles stand. �Du hast mich bei einer Unh�flichkeit ertappt, Binbiniqegabenik. Nach den Menschen des Westens, die uns am vertrautesten waren, haben wir einst die Qanuc sehr gern gehabt.�</p><p>Binabik hob den Kopf, und sein rundes Gesicht war voller Verwunderung. �Woher kennt Ihr meinen vollen Namen? Ich habe ihn nicht erw�hnt, noch haben meine Gef�hrten ihn verk�ndet.�</p><p>Jiriki lachte, ein zischendes Ger�usch, aber seltsam vergn�gt, ohne jeden Anflug von Unaufrichtigkeit. In dieser Sekunde empfand Simon eine j�he, heftige Zuneigung zu ihm. �Ach, Troll�, sagte der Prinz, �jemand, der so weitgereist ist wie du, sollte sich nicht wundern, wenn man seinen Namen kennt. Wie viele Qanuc au�er deinem Meister und dir trifft man denn s�dlich der Berge?�</p><p>�Ihr kanntet meinen Meister? Er ist tot.� Binabik hockte sich hin, zog die Handschuhe aus und bewegte die Finger. Simon setzte sich neben ihn.</p><p>�Er kannte uns�, erkl�rte Jiriki. �Hast du nicht unsere Sprache von ihm gelernt? An'nai, du hast doch gesagt, der Troll habe zu dir gesprochen?�</p><p>�Das hat er, Prinz. Und fast ganz richtig.�</p><p>Binabik err�tete erfreut und verlegen zugleich. �Ookequk hat mir etwas davon beigebracht, mir aber nie verraten, wo er selbst es gelernt hatte. Ich besa� den Gedanken, da� es ihn vielleicht <emphasis>sein</emphasis> Meister gelehrt h�tte.�</p><p>�Setzt euch doch, setzt euch�, forderte Jiriki Haestan, Grimmric und Sludig auf, Simons und Binabiks Beispiel zu folgen. Sie n�herten sich wie Hunde, die Angst vor Schl�gen haben, und suchten sich Pl�tze am Feuer. Nun trugen mehrere Sithi Tabletts aus kunstvoll geschnitztem und poliertem Holz herbei, die mit allen m�glichen guten Dingen schwer beladen waren: Butter und dunkles Brot, ein Rad w�rziger, salziger K�se, kleine rotgelbe Fr�chte, die Simon noch nie gesehen hatte. Es gab mehrere Sch�sseln mit leicht zu erkennenden Beeren und sogar einen Stapel langsam vor sich hin tropfender Honigwaben. Als Simon die Hand ausstreckte und sich zwei der klebrigen Waben nahm, lachte Jiriki wieder, ein leises Zischen wie von einem H�her auf einem Baum in der Ferne.</p><p>��berall ist Winter�, meinte er, �aber in den gesch�tzten Festungen von <emphasis>Jao �-Tinukai'i</emphasis> wissen die Bienen das nicht. Nimm, soviel du magst.�</p><p>Ihre Ergreifer, die nun ihre Gastgeber geworden waren, schenkten den Gef�hrten einen unbekannten, aber starken Wein ein. Aus steinernen Kannen f�llten sie ihnen die h�lzernen Pokale. Noch w�hrend Simon �berlegte, ob vorher nicht vielleicht ein Gebet gesprochen w�rde, hatten die Sithi schon zu essen begonnen. Haestan, Sludig und Grimmric blickten einander traurig an. Sie h�tten auch gern gegessen, waren aber immer noch voller Furcht und Mi�trauen. Aufmerksam beobachteten sie, wie Binabik das Brot brach und einen Bissen von der dick mit Butter bestrichenen Kruste abbi�. Ein Weilchen sp�ter, als er nicht nur noch am Leben war, sondern sogar munter weitera�, hielten die M�nner es f�r ungef�hrlich, sich �ber die Sithispeisen herzumachen, was sie dann auch mit dem Hei�hunger begnadigter Gefangener taten. Simon tupfte sich den Honig vom Kinn und hielt inne, um den Sithi zuzusehen. Das <emphasis>Sch�ne Volk</emphasis> a� langsam. Manchmal betrachteten sie lange Augenblicke eine Beere in ihren Fingern, bevor sie sie zum Munde f�hrten. Es wurde wenig gesprochen, aber wenn einer von ihnen in seiner flie�enden Sprache eine Bemerkung machte, lauschten alle. Meistens folgte keine Antwort; hatte jedoch einmal ein anderer etwas zu erwidern, h�rten auch ihm alle zu. Es gab viel leises Lachen, aber weder Rufen noch Streiten, und Simon stellte kein einziges Mal fest, da� jemand einem Sprecher ins Wort fiel.</p><p>An'nai war n�herger�ckt und hatte sich zu Simon und Binabik gesetzt. Einer der Sithi gab eine feierliche Erkl�rung von sich, die die anderen zum Lachen brachte. Simon bat An'nai, ihm den Scherz zu erkl�ren.</p><p>Der Sitha mit der wei�en Jacke machte ein etwas verlegenes Gesicht. �Ki'ushapo hat gesagt, deine Freunde ��en, als h�tten sie Angst, die Speisen liefen ihnen davon.� Er deutete auf Haestan, der sich mit beiden H�nden das Essen in den Mund stopfte.</p><p>Simon verstand nicht ganz, was An'nai meinte � bestimmt hatten sie doch schon Hungrige gesehen? �, l�chelte jedoch trotzdem.</p><p>Als das Mahl seinen Fortgang nahm und ein anscheinend unersch�pflicher Strom von Wein immer wieder ihre h�lzernen Pokale f�llte, begannen der Rimmersmann und die beiden Krieger der Erkynl�nder Wache sich langsam wohlzuf�hlen. Irgendwann stand Sludig auf, lie� den Becher in seiner Hand hin- und herschwappen und brachte einen herzhaften Trinkspruch auf die neuen Sithifreunde aus. Jiriki l�chelte und nickte, aber Khendraja'aro erstarrte. Als Sludig dann ein altes nordisches Trinklied anstimmte, zog sich der Onkel des Prinzen unauff�llig in eine Ecke der gro�en H�hle zur�ck, um in den vom Schein der Lampen erhellten, sanft gewellten Teich zu starren.</p><p>Die anderen Sithi an der Tafel lachten, als Sludig mit seiner gr�lenden Stimme die Kehrreime sang, und schwankten im trunkenen Rhythmus mit, wobei sie manchmal untereinander tuschelten. Sludig, Haestan und Grimmric machten jetzt einen recht zufriedenen Eindruck, und selbst Binabik grinste vor sich hin und lutschte an einer Birnenschale. Nur Simon, der an die zauberhafte Musik der beiden Sithi dachte, f�hlte einen Anflug von Scham f�r seinen Gef�hrten, als w�re der Rimmersmann ein Festb�r, der auf der Mittelgasse f�r ein paar Kr�mel tanzte.</p><p>Nachdem er eine Weile zugeschaut hatte, stand Simon auf und wischte sich vorn am Hemd die H�nde ab. Auch Binabik erhob sich und erbat Jirikis Erlaubnis, den verdeckten Gang hinunterzusteigen, um nach Qantaqa zu sehen. Die drei Soldaten lachten br�llend untereinander und erz�hlten sich � Simon zweifelte nicht daran � Witze �ber betrunkene Kameraden. Er trat an eine der Wandnischen, um sich die seltsamen Lampen genauer anzusehen. J�h fiel ihm der leuchtende Kristall ein, den Morgenes ihm gegeben hatte � war er vielleicht auch ein Werk der Sithi gewesen? Ihm wurde kalt und einsam ums Herz. Er hob eine der Lampen auf und sah durch sie hindurch den schwachen Schatten seiner Handknochen, als bestehe das Fleisch nur aus tr�bem Wasser. So scharf er aber auch hinschaute, er konnte nicht herausfinden, wie die Flamme in den durchscheinenden Kristall hineingekommen war.</p><p>Er f�hlte einen Blick im Nacken und drehte sich um. Es war Jiriki, der ihn anstarrte. Von der anderen Seite des Feuers gl�hten seine Katzenaugen zu ihm hin�ber. Simon zuckte �berrascht zusammen; der Prinz nickte.</p><p>Haestan, dem der Wein in den zottigen Sch�del gestiegen war, hatte einen der Sithi � den An'nai Ki'ushapo genannt hatte � zum Armdr�cken herausgefordert. Ki'ushapo, mit gelben Z�pfen und schwarzgrauer Kleidung, erhielt von dem beschwipsten Grimmric gute Ratschl�ge. Es war auch klar, weshalb der d�rre Wachsoldat seine Unterst�tzung f�r angebracht hielt: Der Sitha war einen Kopf kleiner als Haestan und sah aus, als h�tte er kaum mehr als die H�lfte von dessen Gewicht. Als der Sitha sich mit etwas verwirrter Miene �ber den glatten Stein beugte, um Haestans breite Hand zu ergreifen, stand Jiriki auf und glitt an ihnen vorbei, um geschmeidig den Raum zu durchqueren, bis er neben Simon stand.</p><p>Es fiel dem Jungen immer noch schwer, diese selbstsichere, kluge Pers�nlichkeit mit dem halbwahnsinnigen Gesch�pf zusammenzubringen, das er in der Falle des K�tners gefunden hatte. Nur wenn Jiriki eine bestimmte Kopfbewegung machte oder die langgliedrigen Finger bog, konnte Simon die Wildheit entdecken, die ihn damals gleicherma�en erschreckt und fasziniert hatte; und wenn sich der Feuerschein in den goldgefleckten Bernsteinaugen des Prinzen brach, leuchteten sie uralt wie Edelsteine im schwarzen Boden des Waldes.</p><p>�Komm, Seoman�, sprach der Sitha ihn an, �ich m�chte dir etwas zeigen.� Er schob die Hand unter den Ellenbogen des Jungen und f�hrte ihn zu dem Teich, an dem Khendraja'aro sa� und die Finger durchs Wasser gleiten lie�. Als sie am Feuer vorbeikamen, sah Simon, da� der Wettkampf im Armdr�cken in vollem Gange war. Die beiden Gegner hatten sich fest ineinander verkrallt, ohne da� einer von beiden im Vorteil zu sein schien. Aber Haestans b�rtiges Gesicht war zu einem verbissenen Grinsen der Anstrengung verzogen, w�hrend dem schlanken Sitha die unentschiedene Situation wenig auszumachen schien, nur da� sein graugekleideter Arm unter der Anspannung des Kampfes ein wenig zitterte. Simon dachte, da� dies f�r Haestan nichts Gutes besage. Sludig, der merkte, wie der Kleine den Gro�en zu besiegen begann, sa� mit offenem Mund daneben.</p><p>Als sie n�herkamen, fl�tete Jiriki seinem Onkel etwas zu, erhielt jedoch von Khendraja'aro keine Antwort. Das alterslose Gesicht schien unzug�nglich wie eine verriegelte T�r. Simon folgte dem Prinzen an ihm vorbei und die H�hlenwand entlang. Gleich darauf verschwand Jiriki vor seinem erstaunten Blick. Der Sitha war jedoch nur in einen anderen Tunnel getreten, der sich um den steinernen Zuflu� des kleinen Wasserfalles wand. Simon ging ihm nach. Der Tunnel f�hrte auf rauhen Steinstufen in die H�he. Eine Lampenreihe erhellte ihn.</p><p>�Bitte folge mir�, sage der Sitha und begann hinaufzusteigen.</p><p>Simon kam es vor, als kletterten sie hoch in das Innere des Berges, lange Zeit und immer wieder im Kreis herum. Endlich lie�en sie die letzte Lampe hinter sich und setzten ihren Weg in fast v�lliger Dunkelheit vorsichtig fort, bis Simon vor sich Sterne schimmern sah. Gleich darauf erweiterte sich der Gang zu einer kleinen Kammer, deren eine Seite dem Nachthimmel offenstand.</p><p>Simon folgte Jiriki ans Ende der H�hle, wo sich eine g�rtelhohe Steinbr�stung erhob. Unter ihnen fiel die felsige Bergwand steil ab: zehn kahle Ellen bis zu den Spitzen der hohen Immergr�nb�ume, f�nfzig weitere bis zum verschneiten Boden. Die Nacht war klar, die Sterne leuchteten grimmig in der Finsternis, und von allen Seiten umgab sie der Wald wie ein ungeheures Geheimnis.</p><p>Nachdem sie eine Weile still verharrt hatten, sagte Jiriki: �Ich schulde dir ein Leben, Menschenkind. F�rchte nicht, da� ich es vergessen werde.�</p><p>Simon antwortete nicht, aus Angst, den Zauber zu brechen, der es ihm erlaubte, hier mitten in der Nacht des Waldes zu stehen, ein Spion in Gottes dunklem Garten. Eine Eule rief.</p><p>Wieder verging eine schweigende Zeit, dann ber�hrte der Sitha Simon leicht am Arm und deutete �ber das stumme Meer der B�ume hinweg.</p><p>�Dort, im Norden, unter Lu'yasas Stab�� Er wies auf eine Reihe von drei Sternen am tiefsten Rand des samtenen Himmels. �Kannst du den Umri� der Berge erkennen?�</p><p>Simon starrte. Er glaubte ein mattes Leuchten am unbestimmten Horizont wahrzunehmen, die ganz schwache Andeutung eines gro�en, wei�en Gebildes, so weit entfernt, da� das Mondlicht, das unter ihnen auf B�ume und Schnee fiel, es gar nicht mehr zu erreichen schien. �Ich glaube, ja�, erwiderte er leise.</p><p>�Das ist euer Ziel. Der Gipfel, den die Menschen Urmsheim nennen, ist ein Teil dieser Bergkette, obwohl die Nacht klarer sein m��te, damit du ihn genauer sehen kannst.� Er seufzte. �Dein Freund Binabik sprach heute vom verlorenen Tumet'ai. Einst konnte man es von hier aus sehen, dort dr�ben im Osten�, er deutete ins Dunkle, �hier von diesem Aussichtspunkt aus; doch das war zu einer Zeit, als mein Ur-Urgro�vater noch am Leben war. Bei Tageslicht fing sich die aufgehende Sonne in den Kristall- und Goldd�chern des <emphasis>Sen� Anzi'in,</emphasis> des Turmes der Wandelnden Morgend�mmerung. Es hei�t, er soll ausgesehen haben wie eine wunderbare Fackel, die am Morgenhorizont loderte��</p><p>Er brach ab und richtete die Augen auf Simon; Nachtschatten verdunkelten das �brige Gesicht.</p><p>�Tumet'ai ist lange begraben�, fuhr Jiriki achselzuckend fort. �Nichts ist von Dauer, nicht einmal die Sithi � nicht einmal die Zeit selbst.�</p><p>�Wie � wie alt seid Ihr?�</p><p>Der Sithi-Prinz l�chelte mit im Mondschein blitzenden Z�hnen. ��lter als du, Seoman. Wir wollen nun wieder hinuntersteigen. Vieles hast du heute gesehen und �berlebt, und sicher mu�t du jetzt schlafen.�</p><p>Als sie in die vom Feuerschein erhellte H�hle zur�ckkamen, schnarchten die drei Soldaten bereits kr�ftig vor sich hin. Binabik war wieder da und lauschte ein paar Sithi, die ein langsames, trauriges Lied sangen, das wie ein Bienenstock summte, wie ein Flu� rauschte und die H�hle zu erf�llen schien wie der starke Duft einer seltenen, sterbenden Blume.</p><p>In seinen Mantel geh�llt, sah Simon dem Licht der Flammen zu, das auf den Steinen der Decke tanzte, bis ihn die seltsame Musik von Jirikis Stamm in den Schlaf wiegte.</p></section><section><title><p>XXXIX</p><p>Die Hand des Hochk�nigs</p></title><p>Simon erwachte und merkte, da� das Licht in der H�hle sich ver�ndert hatte. Das Feuer brannte noch, d�nne gelbe Flammen in wei�er Asche, aber die Lampen waren erloschen. Durch Ritzen in der Decke, die nachts nicht zu sehen gewesen waren, sickerte Tageslicht und verwandelte die steinerne Kammer in eine S�ulenhalle voller Licht und Schatten.</p><p>Seine drei Soldatenkameraden schliefen noch, schnarchend in ihre M�ntel verstrickt, alle Glieder von sich gestreckt wie in der Schlacht Gefallene. Sonst war die H�hle leer bis auf Binabik, der mit untergeschlagenen Beinen am Feuer sa� und gedankenverloren auf seiner Wanderstabfl�te blies.</p><p>Simon richtete sich benommen auf. �Wo sind die Sithi?�</p><p>Binabik fl�tete ein paar weitere Noten, ohne sich umzudrehen.</p><p>�Gegr��t, guter Freund�, meinte er nach einer Weile. �War dein Schlaf zufriedenstellend?�</p><p>�Vermutlich�, grunzte Simon und lie� sich wieder fallen, um die Staubk�rnchen zu betrachten, die unter dem H�hlendach schimmerten. �Wo sind die Sithi hingegangen?�</p><p>�Auf die Jagd, k�nnte man wohl sagen. Komm, steh auf! Ich ben�tige deine Hilfe.�</p><p>Simon st�hnte, erhob sich jedoch m�hsam in eine sitzende Stellung.</p><p>�Auf die Jagd nach Riesen?� fragte er wenig sp�ter, den Mund voller Obst. Haestans Schnarchen war so laut geworden, da� Binabik emp�rt die Fl�te weggelegt hatte.</p><p>�Auf der Jagd nach allem, was ihre Grenzen bedroht, nehme ich an.� Der Troll starrte auf etwas, das vor ihm auf dem Steinboden der H�hle lag. �<emphasis>Kikkasut!</emphasis> Das ergibt keinen vern�nftigen Sinn. Gefallen will es mir kein bi�chen.�</p><p>�Was ergibt keinen Sinn?� Simon lie� den Blick tr�ge durch die Felsenkammer schweifen. �Ist das ein Sithi-Haus?�</p><p>Binabik musterte ihn stirnrunzelnd. �Wahrscheinlich ist es gut, da� du deine F�higkeit zur�ckgewonnen hast, viele Fragen auf einmal zu stellen. Nein, dieses ist kein Sithi-Haus, soweit es so etwas �berhaupt gibt. Es ist, denke ich, das, was Jiriki gesagt hat � eine Jagdh�tte, ein Ort, an dem ihre J�ger sich w�hrend ihrer Streifz�ge aufhalten k�nnen. Und was deine erste Frage angeht: Es sind die Knochen, die keinen Sinn machen � oder vielmehr <emphasis>zuviel</emphasis> Sinn.�</p><p>Die Wurfkn�chel lagen als H�ufchen vor Binabiks Knien. Simon betrachtete sie. �Was bedeuten sie?�</p><p>�Ich werde es dir sagen. Vielleicht w�re es gut, wenn du diese Zeit nutztest, um dir den Schmutz, das Blut und den Beerensaft vom Gesicht zu waschen.� Der Troll schenkte ihm ein m�rrisches gelbes Grinsen und deutete auf den Teich in der Ecke. �Dort kannst du dich reinigen.�</p><p>Er wartete, bis Simon einmal den Kopf in das bei�end kalte Wasser gesteckt hatte.</p><p>�Brrr!� sagte der Junge bibbernd. �Eisig!�</p><p>�Du hast vielleicht gesehen�, erl�uterte Binabik, unger�hrt von Simons Jammern, �da� ich heute morgen die Kn�chel geworfen habe. Was sie sagen, ist dieses: <emphasis>Pfad im Schatten, Offener Wurfspie�</emphasis> und <emphasis>Schwarze Spalte.</emphasis> Viel Verwirrung und Sorge macht mir das.�</p><p>�Warum?� Simon spritzte sich noch etwas Wasser ins Gesicht und rieb es mit dem Wams�rmel, der auch nicht mehr der sauberste war, wieder trocken.</p><p>�Weil ich die Knochen geworfen habe, bevor wir Naglimund verlie�en�, erkl�rte Binabik gereizt, �und dabei genau die gleichen Bilder bekam! Genau die gleichen!�</p><p>�Aber wieso ist das schlecht?� Etwas Helles, das auf dem Rand des Teiches lag, fiel Simon ins Auge. Er hob es vorsichtig auf und sah, da� es ein runder Spiegel war, gefa�t in einen wundervoll geschnitzten Holzrahmen. In den Rand des dunklen Glases waren fremdartige Schriftzeichen ge�tzt.</p><p>�Schlecht ist es oft, wenn Dinge immer gleich sind�, antwortete Binabik, �aber bei den Knochen ist es mehr als das. Die Knochen sind F�hrer zur Weisheit f�r mich.�</p><p>�Mmm-hmm.� Simon rieb den Spiegel an seinem Hemd blank. �Nun, was w�re, wenn du euer Buch �don aufschlagen und entdecken w�rdest, da� auf allen Seiten nur noch ein Vers steht � derselbe Vers, immer und immer wieder?�</p><p>�Meinst du ein Buch, das ich vorher schon gekannt h�tte? Das vorher anders war? Dann m��te es Zauberei sein.�</p><p>�Eben�, versetzte Binabik, schon wieder bes�nftigt. �Damit hast du mein Problem. Es gibt Hunderte von M�glichkeiten, wie die Kn�chel fallen k�nnen. Aber sechsmal hintereinander der gleiche Wurf � das mu� etwas �bles bedeuten. Soviel ich auch studiert habe, immer noch liebe ich das Wort �Zauberei� nicht; aber es mu� eine Macht geben, die nach den Kn�cheln greift, so wie ein starker Wind alle Fahnen in dieselbe Richtung wehen l��t � Simon? H�rst du mir �berhaupt zu?�</p><p>Simon jedoch starrte wie gebannt in den Spiegel, aus dem ihm zu seiner Verbl�ffung ein fremdes Gesicht entgegenblickte. Der Fremde hatte l�ngliche, starkknochige Z�ge, blau umschattete Augen und rotgoldenen Bartflaum auf Kinn, Wangen und Oberlippe. Simon staunte noch mehr, als er begriff, da� er � nat�rlich � doch nur sich selber sah, abgemagert und wettergegerbt von seinen Fahrten, mit dem ersten Anflug eines m�nnlichen Bartes, der ihm das Kinn verdunkelte. Was f�r eine Sorte Gesicht mochte es wohl sein, fragte er sich pl�tzlich. Es war noch immer nicht das eines Mannes, vom Leben gezeichnet und streng, aber er bildete sich ein, etwas von seinem Mondkalbtum abgestreift zu haben. Dennoch fand er den zerzausten Burschen mit dem langen Kinn, der ihn da aus dem Spiegel anstarrte, eher entt�uschend.</p><p><emphasis>Hat auch Miriamel mich so gesehen? Einen Bauernjungen � einen Ackerknecht?</emphasis></p><p>Und w�hrend er noch an die Prinzessin dachte, war es ihm, als sehe er in dem Spiegel ihre Z�ge aufblitzen, fast als w�chsen sie aus den seinen hervor. Einen schwindelnden Augenblick lang verschmolzen sie miteinander wie zwei wolkige Seelen in einem K�rper; gleich darauf war es nur noch Miriamel, deren Gesicht er sah, oder besser gesagt, Malachias, denn ihr Haar war wieder schwarz und kurzgeschnitten, und sie trug Knabenkleidung. Ein farbloser Himmel lag hinter ihr, �ber den schwarze Gewitterwolken zogen. Und da war noch jemand, unmittelbar an ihrer Seite, ein Mann mit rundem Gesicht und grauer Kapuze. Simon wu�te, da� er ihn schon fr�her gesehen hatte, er war sich ganz sicher � aber wo?</p><p>�Simon!� Binabiks Stimme war wie ein Gu� kaltes Teichwasser, gerade als der fl�chtige Name zum Greifen nah an ihm vor�berschwebte. Eine Sekunde schwankte der Spiegel in Simons erschrockener Hand. Als er ihn wieder fest im Griff hatte, war nur noch sein eigenes Gesicht darin zu sehen.</p><p>�Wird dir �bel?� erkundigte sich der Troll, dem Simons schlaffer, verwirrter Gesichtsausdruck Sorgen machte.</p><p>�Nein � ich glaube jedenfalls nicht��</p><p>�Dann, wenn du dich gewaschen hast, komm und hilf mir. Wir werden uns sp�ter �ber die Vorzeichen unterhalten, wenn deine Aufmerksamkeit nicht so anf�llig ist.� Binabik stand auf und lie� die Kn�chel in ihren Lederbeutel zur�ckfallen.</p><empty-line/><p>Binabik rutschte als erster die Eisrinne hinunter, nachdem er Simon ermahnt hatte, die Zehen gestreckt und die H�nde nah am Kopf zu halten. Die rasenden Sekunden, in denen der Junge durch den Tunnel sauste, waren wie ein Traum vom Abst�rzen aus gro�er H�he; und als er auf dem weichen Schnee vor dem Ausgang des Tunnels landete und ihm das strahlende, kalte Tageslicht in die Augen drang, war er zufrieden, einen Moment lang still sitzenzubleiben und das Gef�hl seines beschleunigten Herzschlages zu genie�en.</p><p>Aber sofort warf ihn ein unerwarteter Sto� in den R�cken um, und eine erstickende Lawine von Muskeln und Pelz ging auf ihn nieder.</p><p>�Qantaqa!� h�rte er Binabik lachend rufen. �Wenn du schon deine Freunde so behandelst, bin ich froh, nicht dein Feind zu sein!�</p><p>Simon schubste die W�lfin zur Seite, nur um sich dem erneuten Angriff einer rauhen Zunge auf sein Gesicht ausgesetzt zu sehen. Endlich rollte er sich mit Binabiks Hilfe unter Qantaqa vor. Aufgeregt jaulend sprang das Tier auf die F��e, umkreiste den Jungen und den Troll und lief dann in den verschneiten Wald hinein.</p><p>�Jetzt�, meinte Binabik und wischte sich den Schnee aus den schwarzen Haaren, �m�ssen wir herausfinden, wo die Sithi unsere Pferde untergestellt haben.�</p><p>�Nicht weit von hier, Qanuc.�</p><p>Simon fuhr herum und sah eine Reihe von Sithi lautlos unter den B�umen heraustreten, angef�hrt von Jirikis Onkel in der gr�nen Jacke. �Und warum sucht ihr sie?�</p><p>Binabik l�chelte. �Ganz gewi� nicht, um Euch zu entfliehen, guter Khendraja'aro. Eure Gastfreundschaft ist zu �ppig, als da� wir ihr eilig den R�cken kehren wollten. Nein, es gibt einige Dinge, deren Verbleib ich feststellen mu�, Dinge, die ich in Naglimund mit einiger M�he beschafft habe und die wir auf unserem Weg noch brauchen werden.�</p><p>Khendraja'aro blickte den Troll einen Moment lang ausdruckslos an und gab dann zweien seiner Gefolgsleute ein Zeichen. �Sijandi, Ki'ushapo � zeigt es ihnen.�</p><p>Das gelbhaarige Paar ging ein paar Schritte am Hang entlang, von der Tunnelm�ndung fort, blieb dann stehen und winkte Simon und dem Troll, ihnen zu folgen. Als Simon sich umdrehte, sah er Khendraja'aro, der ihnen mit einem undeutbaren Ausdruck in den hellen, schmalen Augen nachschaute.</p><p>Sie fanden die Pferde wenige Achtelmeilen entfernt, untergebracht in einer kleinen, hinter zwei schneebeladenen Fichten verborgenen H�hle. Innen war es warm und trocken; alle sechs Pferde kauten zufrieden an einem Ballen s��duftenden Heues.</p><p>�Woher kommt das?� fragte Simon �berrascht.</p><p>�Auch wir bringen oft unsere Pferde mit�, erkl�rte Ki'ushapo in sorgsam gew�hlter Westsprache. ��berrascht es dich da, da� wir einen Stall f�r sie haben?�</p><p>W�hrend Binabik in einer der Satteltaschen w�hlte, untersuchte Simon die H�hle und bemerkte das Licht, das durch einen Spalt hoch oben in der Wand fiel, und den mit klarem Wasser gef�llten Steintrog. An der gegen�berliegenden Seite war ein Haufen Helme, �xte und Schwerter aufgeschichtet. Simon erkannte eine der Klingen als seine eigene aus der Waffenkammer von Naglimund.</p><p>�Das sind ja unsere, Binabik!� sagte er. �Wie kommen sie hierher?�</p><p>Ki'ushapo sprach langsam wie zu einem Kind. �Wir haben sie hergebracht, nachdem wir sie euch und euren Gef�hrten abgenommen hatten. Hier liegen sie sicher und trocken.�</p><p>Simon sah den Sitha mi�trauisch an. �Aber ich dachte immer, ihr k�nntet kein Eisen ber�hren, es w�re wie Gift�� Er verstummte, weil er f�rchtete, sich damit auf verbotenes Gel�nde gewagt zu haben, aber Ki'ushapo tauschte nur einen Blick mit seinem schweigenden Kameraden und antwortete dann.</p><p>�Du hast also Geschichten aus den Tagen des Schwarzen Eisens geh�rt�, sagte er. �Ja, es war einst so, aber diejenigen von uns, die jene Zeit �berlebten, haben viel dazugelernt. Wir wissen heute, welches Wasser wir aus ganz bestimmten Quellen trinken m�ssen, um sterbliches Eisen f�r eine Weile ohne Schaden f�r uns anfassen zu k�nnen. Was glaubst du denn, weshalb wir dir dein Panzerhemd gelassen haben? Nat�rlich lieben wir das Eisen nicht, gebrauchen es nicht � und ber�hren es auch nicht ohne Not.� Er sah zu Binabik hin�ber, der immer noch emsig in den Satteltaschen herumst�berte. �Wir werden euch alleinlassen, damit ihr in Ruhe weitersuchen k�nnt�, erkl�rte der Sitha. �Ihr werdet feststellen, da� nichts fehlt � jedenfalls nichts, was ihr bei euch hattet, als ihr in unsere H�nde gerietet.�</p><p>Binabik blickte auf. �Nat�rlich�, versetzte er. �Ich bin nur in Sorge �ber Dinge, die w�hrend des gestrigen Kampfes verlorengegangen sein k�nnten.�</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte Ki'ushapo, und er und der schweigsame Sijandi traten hinaus unter die Zweige des Einganges.</p><p>�Aha!� rief Binabik endlich und hielt einen Sack hoch, der klirrte wie eine B�rse voller Gold-Imperatoren. �Eine Sorge weniger ist das hier.� Er stopfte ihn wieder in die Satteltasche.</p><p>�Was ist es?� fragte Simon, �rgerlich �ber sich selber, weil er schon wieder eine Frage stellte.</p><p>Binabik grinste boshaft. �Noch ein paar Qanuc-Tricks, die uns bald sehr n�tzlich sein werden. Aber wir sollten jetzt gehen. Wenn die anderen aufwachen, steif vom Trinken und allein, k�nnten sie Angst bekommen und Dummheiten machen.�</p><p>Auf dem kurzen R�ckweg fanden sie Qantaqa, Mund und Nase voller Blutflecken von irgendeinem unseligen Tier. Sie sprang mehrmals um sie herum und witterte mit gestr�ubten Nackenhaaren. Dann senkte sie den Kopf und schn�ffelte wieder, um schlie�lich mit gro�en S�tzen vor ihnen her zu springen. Bei Kendraja'aro standen inzwischen auch Jiriki und An nai. Der Prinz hatte sein wei�es Gewand mit einer lohfarben-blauen Jacke vertauscht. Er hielt einen hohen, entspannten Bogen in der Hand und trug einen K�cher mit braungefiederten Pfeilen. Qantaqa umrundete die Sithi grollend und witternd, aber zugleich mit heftigem Schwanzwedeln, als begr��e sie alte Bekannte. Sie st�rmte auf das unger�hrt zusehende <emphasis>Sch�ne Volk</emphasis> zu, sprang wieder zur�ck, knurrte tief in der Kehle und sch�ttelte den Kopf, als wollte sie einem Kaninchen das Genick brechen. Als Binabik und Simon in den Kreis traten, kam sie so nahe, da� sie mit der schwarzen Nase Binabiks Hand ber�hren konnte, h�pfte dann wieder fort und nahm ihr unruhiges Kreisen von neuem auf.</p><p>�Habt ihr eure Besitzt�mer alle wohlbehalten vorgefunden?� erkundigte sich Jiriki.</p><p>Binabik nickte. �Ja, mit Sicherheit. Habt Dank, da� Ihr unsere Pferde versorgt habt.�</p><p>Jiriki winkte nachl�ssig mit der schmalen Hand. �Und was soll nun geschehen?� fragte er.</p><p>�Ich denke, wir sollten uns bald auf den Weg machen�, erwiderte der Troll und legte die Hand �ber die Augen, um in den graublauen Himmel zu blicken.</p><p>�Aber doch nicht heute�, meinte Jiriki. �Ruht euch diesen Nachmittag noch aus und e�t noch einmal mit uns. Es gibt noch vieles zu besprechen, und ihr k�nnt morgen mit dem ersten Tageslicht aufbrechen.�</p><p>�Ihr � und Euer Onkel � erweist uns viel Freundlichkeit. Und Ehre.� Binabik verneigte sich.</p><p>�Wir sind kein freundliches Volk, Binbiniqegabenik, nicht, wie wir es einmal waren. Aber h�flich sind wir immer noch. Kommt.�</p><p>Nach einem hervorragenden Mittagessen aus Brot, s��er Milch und einer wundervollen, fremdartig schmeckenden, w�rzigen Suppe aus N�ssen und Schneeblumen verbrachten Sithi, Troll und Menschen den langen Nachmittag gemeinsam mit leisen Gespr�chen, Liedern und langen Schlafpausen.</p><p>Simon schlief nicht tief und tr�umte von Miriamel. Sie stand mitten auf dem Meer wie auf einem Fu�boden aus unregelm��igem gr�nem Marmor und winkte ihm, zu ihr zu kommen. Im Traum sah er w�tende schwarze Wolken am Horizont und rief ihr etwas zu, um sie zu warnen. Aber im st�rker wehenden Wind verstand ihn die Prinzessin nicht, sondern l�chelte und winkte nur. Er wu�te, da� er nicht auf den Wellen stehen konnte und sprang hinein, um zu ihr zu schwimmen, aber er f�hlte, wie die kalten Wasser ihn hinabzogen, ihn untertauchten�</p><p>Als es ihm endlich gelang, sich aus dem Traum loszurei�en, neigte sich der Nachmittag seinem Ende zu. Die Lichts�ulen waren blasser geworden und standen schr�g wie Betrunkene. Einige Sithi waren dabei, die Kristall-Lampen in ihre Wandnischen zu setzen, aber obwohl er ihnen genau zusah, konnte Simon nicht besser als vorher verstehen, was die Lampen zum Leuchten brachte. Wenn man sie hinstellte, fingen sie einfach langsam an, ein mildes, durchdringendes Licht auszustrahlen.</p><p>Simon setzte sich zu seinen Gef�hrten in den Steinkreis am Feuer. Sie waren unter sich; die Sithi, obwohl gastlich und sogar freundlich, schienen doch ihre eigene Gesellschaft vorzuziehen und sa�en in kleinen Gr�ppchen zusammen, �ber die ganze H�hle verstreut.</p><p>�Junge�, sagte Haestan und langte nach oben, um ihm auf die Schulter zu klopfen, �wir hatten schon Angst, du w�rdest den ganzen Tag schlafen.�</p><p>�Ich w�rde auch schlafen, wenn ich soviel Brot gegessen h�tte wie er�, meinte Sludig und machte sich mit einem Holzst�ckchen die N�gel sauber.</p><p>�Wir waren uns alle einig, da� wir morgen ganz fr�h aufbrechen wollen�, erkl�rte jetzt Binabik, und Grimmric und Haestan nickten. �Es gibt keine Gewi�heit, da� die Milde des Wetters lange anhalten wird, und weit m�ssen wir noch reiten.�</p><p>�Mildes Wetter?� fragte Simon und runzelte beim Hinsetzen die Stirn �ber seine steifen Beine. �Es schneit wie verr�ckt.�</p><p>Binabik lachte tief in der Kehle. �Ho, Freund Simon, frag einen Schneebewohner, wenn du wissen willst, was kaltes Wetter hei�t. Dies hier ist wie unser Qanuc-Fr�hling, wenn wir am Mintahoq nackt im Schnee spielen. Wenn wir erst in die Berge kommen, dann, ich sage es ungern, wirst du <emphasis>wirkliche</emphasis> K�lte erleben.�</p><p><emphasis>Er sieht nicht aus, als ob ihm das besonders leid tut,</emphasis> dachte Simon. �Also, wann reiten wir?�</p><p>�Erstes Morgenrot�, antwortete Sludig. �Je eher�, f�gte er bedeutungsvoll hinzu und schaute sich in der H�hle nach ihren seltsamen Gastgebern um, �desto besser.�</p><p>Binabik musterte ihn und wandte sich dann wieder an Simon. �Darum m�ssen wir heute abend noch alles N�tige regeln.�</p><p>Wie aus dem luftleeren Raum stand Jiriki neben ihnen und nahm am Feuer Platz. �Aha�, sagte er, �genau dar�ber m�chte ich mit euch sprechen.�</p><p>�Gewi� gibt es keine Schwierigkeiten mit unserem Abschied?� erkundigte sich Binabik, dessen heitere Miene eine gewisse Besorgnis nicht v�llig verbarg. Haestan und Grimmric sahen best�rzt aus, Sludig wirkte leicht gekr�nkt.</p><p>�Ich glaube nicht�, erwiderte der Sitha. �Aber es gibt etwas, das ich euch mitgeben m�chte.� Mit einer flie�enden Bewegung griff er mit der langfingrigen Hand in sein Gewand und zog Simons Wei�en Pfeil heraus.</p><p>�Das geh�rt dir, Seoman�, erkl�rte er.</p><p>�Was? Aber er � er ist Euer Eigentum, Prinz Jiriki.�</p><p>Der Sithi hob einen Augenblick den Kopf, als lausche er einem fernen Ruf, und schlug dann die Augen wieder nieder. �Nein, Seoman, er geh�rt erst dann wieder mir, wenn ich ihn mir zur�ckverdiene � ein Leben f�r ein Leben.� Er hielt ihn zwischen den H�nden wie ein St�ck Schnur, so da� das schr�ge Licht von oben die winzigen und komplizierten Muster aufleuchten lie�, die den ganzen Schaft bedeckten.</p><p>�Ich wei�, da� du nicht lesen kannst, was da geschrieben steht�, sagte Jiriki langsam, �aber ich will dir sagen, da� es sich um Worte der Sch�pfung handelt, die Vindaomeyo der Pfeilmacher selbst auf diesen Pfeil geschrieben hat � in l�ngstvergangener Zeit, bevor wir vom Ersten Volk in die Drei St�mme gespalten wurden. Er ist so sehr ein Teil meiner Familie, als w�re er aus meinen eigenen Knochen und Sehnen gemacht � und genauso ist er ein Teil von mir. Ich habe ihn nicht un�berlegt aus der Hand gegeben � nur wenige Sterbliche haben jemals einen <emphasis>Staj'a Ame</emphasis> besessen �, und ich kann ihn auf keinen Fall zur�cknehmen, bevor ich nicht die Schuld bezahlt habe, deren Zeichen er ist.� Mit diesen Worten gab er den Pfeil Simon, dessen Finger bebten, als er den glatten Schaft ber�hrte.</p><p>�Ich � ich habe das nicht gewu�t��, stotterte er, als sei <emphasis>er</emphasis> es pl�tzlich, der dem anderen etwas schuldete. Er zuckte die Achseln und brachte kein Wort mehr heraus.</p><p>�Nun denn�, fuhr Jiriki, zu Binabik und den anderen gewandt, fort. �Mein Schicksal, wie ihr Sterblichen es wohl nennen w�rdet, scheint auf seltsame Weise mit diesem Menschenkind verkn�pft. Es wird euch darum sicher nicht allzusehr �berraschen, wenn ihr h�rt, was ich euch noch auf eure ungew�hnliche und wahrscheinlich zwecklose Reise mitgeben m�chte.�</p><p>Nach einer kleinen Weile fragte Binabik: �Und was w�re das, Prinz?�</p><p>Jiriki l�chelte ein katzenhaft selbstzufriedenes L�cheln. �Mich selbst�, antwortete er. �Ich werde euch begleiten.�</p><empty-line/><p>Lange Augenblicke stand der junge Spie�k�mpfer da und wu�te nicht, ob er die Gedanken des Prinzen unterbrechen sollte. Josua starrte in die nicht allzu weite Ferne hinaus und umklammerte mit wei�en Kn�cheln die Br�stung der Westmauer von Naglimund.</p><p>Endlich schien der Prinz die Anwesenheit eines Fremden zu bemerken. Er drehte sich um und zeigte ein Gesicht von so unnat�rlicher Bl�sse, da� der Soldat einen halben Schritt zur�ckwich.</p><p>�Hoheit?� fragte er, und es fiel ihm schwer, Josua in die Augen zu sehen. Der starre Blick des Prinzen, dachte der Soldat, glich dem eines verletzten Fuchses, den er einmal gesehen hatte, als ihn die Hunde packten und bei lebendigem Leibe zerrissen.</p><p>�Schick mir Deornoth�, sagte der Prinz und zwang sich zu einem L�cheln, das dem jungen Soldaten noch grausiger vorkam als alles andere. �Und den alten Jarnauga � den Rimmersmann. Kennst du ihn?�</p><p>�Ich glaube schon, Hoheit. Sitzt mit dem ein�ugigen Vater im Zimmer mit den B�chern.�</p><p>�Guter Mann.� Josua hob das Gesicht zum Himmel und betrachtete die tintenschwarzen Wolkenmassen wie ein prophetisches Buch. Der Spie�k�mpfer z�gerte, unsicher, ob er entlassen war, drehte sich dann um und wollte sich unauff�llig entfernen.</p><p>�Du�, sagte der Prinz und lie� ihn mitten im Schritt erstarren.</p><p>�Hoheit?�</p><p>�Wie ist dein Name?� Es war, als fragte er den Himmel.</p><p>�Ostrael, Hoheit � Ostrael Firsframs-Sohn, Herr � aus Runchester.�</p><p>Der Prinz warf ihm einen kurzen Blick zu, lie� dann aber seine Augen wie unwiderstehlich angezogen wieder zu dem sich verfinsternden Horizont hin�berschweifen. �Wann warst du zum letztenmal zu Hause in Runchester, mein guter Mann?�</p><p>�Vorletzte Elysiamansa, Prinz Josua, aber ich schick ihnen immer die H�lfte vom Sold.�</p><p>Der Prinz zog den hohen Kragen am Hals enger und nickte, als h�tte er eine tiefe Weisheit vernommen. �Nun gut denn � Ostrael Firsframs-Sohn. Schick mir Deornoth und Jarnauga. Geh jetzt.�</p><p>Lange vor diesem Tag hatte man dem jungen Spie�k�mpfer erz�hlt, der Prinz sei halbverr�ckt. Als er jetzt mit den schweren Stiefeln die Torhaustreppe hinunterpolterte, dachte er an Josuas Gesicht und erinnerte sich mit Schaudern an die leuchtenden, verz�ckten Augen gemalter M�rtyrer im Buch �don seiner Familie � und zwar nicht allein an die singenden M�rtyrer, sondern auch an die m�de Trauer des Herrn Usires selber, als man ihn in Ketten zum Hinrichtungsbaum f�hrte.</p><empty-line/><p>�Und die Kundschafter sind sich ihrer Sache sicher, Hoheit?� erkundigte Deornoth sich vorsichtig. Er wollte niemandem unrecht tun, aber er f�hlte heute eine Wildheit in dem Prinzen, die er nicht verstand.</p><p>�Gottes Baum, Deornoth, nat�rlich sind sie das! Du kennst sie � alle beide zuverl�ssige M�nner. Der Hochk�nig steht an der Gr�nwate-Furt, keine zehn Meilen von hier. Morgen fr�h wird er vor unseren Mauern sein. Mit einer beachtlichen Streitmacht.�</p><p>�Also ist Leobardis zu langsam.� Deornoth kniff die Augen zusammen, sp�hte aber nicht s�dw�rts, von wo Elias' Heer unaufhaltsam n�herkam, sondern nach Westen, wo sich irgendwo hinter dem Sp�tmorgennebel die Eisvogel-Legionen m�hsam �ber den Inniscrich und die s�dliche Frostmark vorarbeiteten.</p><p>�Wenn nicht ein Wunder geschieht�, sagte der Prinz. �Ans Werk, Deornoth. Sag Herrn Eadgram, er m�ge alles vorbereiten. Ich w�nsche alle Speere scharf, alle Bogen straff gespannt und keinen Tropfen Wein im Torhaus � oder in den Torh�tern. Verstanden?�</p><p>�Jawohl, Hoheit.� Deornoth nickte. Erf�hlte, wie sein Atem schneller ging und ihm vor lauter Aufregung flau im Magen wurde. Beim Barmherzigen Gott, sie w�rden dem Hochk�nig zeigen, was die Ehre von Naglimund bedeutete, verdammt, das w�rden sie.</p><p>Jemand r�usperte sich warnend. Es war Jarnauga, der die Stufen zum breiten Wehrgang so m�helos hinaufstieg wie ein nur halb so alter Mann. Er trug eine von Strangyeards losen, schwarzen Kutten und hatte das Ende seines langen Bartes unter den G�rtel gesteckt.</p><p>�Ihr habt mich rufen lassen, Prinz Josua�, gr��te er mit steifer H�flichkeit.</p><p>�Ich danke Euch, da� Ihr gekommen seid, Jarnauga�, erwiderte Josua. �Geh nun, Deornoth! Wir sprechen beim Abendessen weiter.�</p><p>�Jawohl, Hoheit.� Deornoth, den Helm in der Hand, verbeugte sich und rannte dann, zwei Stufen auf einmal, die Treppe hinunter.</p><p>Josua lie� eine kleine Weile verstreichen, bevor er etwas sagte.</p><p>�Sieh dort, Alter, dort dr�ben�, begann er endlich und streckte den Arm �ber das Gewirr der Stadt Naglimund und die dahinterliegenden Wiesen und �cker aus, deren Gr�n und Gelb der d�stere Himmel schwarz �bermalte. �Die Ratten kommen, um an unseren Mauern zu nagen. Wir werden diese Aussicht lange Zeit nicht mehr ungest�rt genie�en � vielleicht nie mehr.�</p><p>�Die ganze Burg spricht von Elias' Ankunft, Josua.�</p><p>�Mit Recht.� Als h�tte er den Anblick bis zur Neige gekostet, kehrte der Prinz der Br�stung den R�cken und heftete den eindringlichen Blick auf den hell�ugigen Alten. �Hast du Isgrimnur verabschiedet?�</p><p>�Ja. Es hat ihm nicht gefallen, da� er in aller Heimlichkeit abreisen mu�te, und das vor Anbruch der D�mmerung.�</p><p>�Was h�tten wir sonst tun sollen? Nachdem wir die Geschichte von seinem Auftrag in Perdruin verbreitet hatten, w�re es schwer erkl�rlich gewesen, wenn ihn jemand in Priestergew�ndern h�tte aufbrechen sehen, noch dazu so bartlos wie einst als Knabe in Elvritshalla.� Der Prinz rang sich ein verbissenes L�cheln ab. �Gott wei� es, Jarnauga, obwohl ich mich selbst �ber seine Verkleidung lustig gemacht habe, ist es ein Messer in meinen Eingeweiden, da� ich diesen guten Mann aus den Armen seiner Familie gerissen und ihn fortgeschickt habe, damit er versucht, meine eigenen Fehler wieder gutzumachen.�</p><p>�Ihr seid der Gebieter, Josua. Das kann bedeuten, da� der Herr in manchen Dingen weniger frei ist als sein geringster Sklave.�</p><p>Der Prinz steckte den rechten Arm unter seinen Mantel. �Hat er Kvalnir mitgenommen?�</p><p>Jarnauga grinste. �Er tr�gt die Scheide unter seinem �bergewand. M�ge Euer Gott dem gn�dig sein, der diesen dicken, alten M�nch auszurauben gedenkt.�</p><p>Das m�de L�cheln des Prinzen wurde sekundenlang breiter. �Nicht einmal unser Gott pers�nlich k�nnte ihm helfen, so wie Isgrimnur zur Zeit gelaunt ist.� Schon verschwand das L�cheln wieder. �Mach einen Gang �ber die Zinnen mit mir, Jarnauga. Ich brauche deine scharfen Augen und die Weisheit deiner Worte.�</p><p>�Es ist wahr, da� ich weiter sehen kann als die meisten anderen Menschen, Josua � mein Vater und meine Mutter brachten es mir bei. Darum trage ich auch meinen Namen, der in unserer Rimmerspakk �Eisenaugen� bedeutet, denn ich habe gelernt, durch tr�gerische Schleier hindurchzusehen, wie schwarzes Eisen Zauber durchbohrt. Was jedoch das �brige angeht, so kann ich Euch zu dieser sp�ten Stunde keine Weisheit versprechen, die dieses Namens w�rdig ist.�</p><p>Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung. �Ich habe den Verdacht, da� du uns schon sehr viel geholfen hast � n�mlich dabei, vieles zu sehen, das uns sonst entgangen w�re. Erz�hl mir von diesem Bund der Schriftrolle. Hat er dich nach Tungoldyr geschickt, um die Sturmspitze auszusp�hen?�</p><p>Der alte Mann schritt neben Josua her, und seine �rmel flatterten im Wind wie schwarze Banner. �Nein, Prinz, das ist nicht die Art des Bundes. Auch mein Vater war ein Tr�ger der Schriftrolle.� Aus dem Halsausschnitt seiner Kleidung zog Jarnauga eine goldene Kette und zeigte Josua eine feingeschnittene Feder und Schriftrolle, die daran hingen. �Er erzog mich dazu, seine Stelle einzunehmen, und ich h�tte mehr als das f�r ihn getan. Der Bund zwingt niemanden; er bittet die Menschen nur, das zu tun, was sie k�nnen.�</p><p>Josua ging schweigend und gr�belnd weiter. �Wenn man doch auch ein Land so regieren k�nnte�, meinte er dann. �Wenn doch die Menschen t�ten, was sie sollten.� Er richtete den nachdenklichen Blick der grauen Augen auf den alten Rimmersmann. �Aber es ist nicht immer so einfach � Recht und Unrecht lassen sich nur selten so deutlich unterscheiden. Gewi� hat doch euer Bund auch einen Hohepriester oder F�rsten? War es Morgenes?�</p><p>Jarnaugas Lippen zuckten. �Es gibt in der Tat Zeiten, in denen es von Vorteil f�r uns w�re, einen Anf�hrer, eine starke Hand, zu besitzen. Unser beklagenswerter Mangel an Vorbereitung auf die jetzigen Ereignisse beweist das.� Er sch�ttelte den Kopf. �Wir h�tten Doktor Morgenes sicher ohne zu z�gern diese Stellung einger�umt, wenn er es gew�nscht h�tte. Er war ein Mann von unfa�bar tiefer Weisheit, Josua; ich hoffe nur, da� Ihr ihm zu seinen Lebzeiten mit gr��ter Achtung begegnet seid. Aber er wollte davon nichts wissen. Ihm lag nur daran, zu forschen, zu lesen und Fragen zu stellen. Und dennoch danke ich allen h�heren M�chten, wer sie auch sein m�gen, da� wir ihn �berhaupt so lange hatten. Seine Voraussicht ist jetzt unser einziger Schild.�</p><p>Josua blieb stehen und st�tzte die Ellenbogen auf die Br�stung. �Also hat euer Bund niemals einen F�hrer gehabt?�</p><p>�Nicht, seitdem K�nig Eahlstan Fiskerne � Euer Sankt Eahlstan � ihn damals ins Leben rief�� Er brach ab und erinnerte sich. �Einmal h�tte es fast jemanden gegeben, sogar zu meiner Zeit. Es war ein junger Hernystiri, auch eine von Morgenes' Entdeckungen. Er war fast so begabt wie der Doktor, jedoch weniger vorsichtig, so da� er Dinge studierte, die Morgenes nicht anfassen wollte. Er war ehrgeizig und meinte, wir sollten uns mehr zu einer Kraft des Guten aufbauen. Er h�tte der Anf�hrer werden k�nnen, den Ihr meint, Josua. Ein Mann von gro�er Weisheit und Kraft��</p><p>Als der Alte nicht weitersprach, sah Josua ihn an. Jarnaugas Blick verlor sich am westlichen Horizont. �Was wurde aus ihm?� fragte der Prinz. �Ist er tot?�</p><p>�Nein�, antwortete Jarnauga langsam, und noch immer schweiften seine Augen �ber die wellige Ebene. �Nein, das glaube ich nicht. Er � er ver�nderte sich. Irgend etwas erschreckte oder verletzte ihn � oder sonst etwas. Er verlie� uns; es ist schon lange her.�</p><p>�So habt auch ihr Mi�erfolge�, sagte Josua und wollte weitergehen. Der alte Mann folgte ihm nicht.</p><p>�O ja�, antwortete er, hob die Hand, wie um die Augen zu beschatten und starrte in die unbestimmte Ferne hinaus. �Auch Pryrates war einst einer von uns.�</p><p>Bevor der Prinz etwas erwidern konnte, gab es eine Unterbrechung.</p><p>�Josua!� rief jemand unten im Hof. Die Falten um den Mund des Prinzen wurden tiefer.</p><p>�Die Herrin Vara�, erkl�rte er und drehte sich um, nach ihr hinunterzublicken. Emp�rt stand sie da, in einem Kleid aus leuchtendem Rot, und der Wind wirbelte ihr Haar auf wie schwarzen Rauch. Neben ihr wartete unbehaglich Strupp.</p><p>�Was wollt Ihr von mir?� fragte der Prinz. �Ihr solltet im Bergfried sitzen. Ich <emphasis>befehle</emphasis> Euch, in den Turm zu gehen.�</p><p>�Ich war schon dort�, rief sie erbost hinauf. Sie hob ihren Kleidersaum und st�ckelte auf die Treppe zu. Im Gehen redete sie weiter. �Und ich gehe auch bald dorthin zur�ck, habt keine Furcht. Aber zuerst mu� ich noch einmal die Sonne sehen � oder wollt Ihr mich lieber in eine finstere Zelle sperren?�</p><p>Trotz seines �rgers hatte Josua M�he, sein strenges Gesicht zu wahren. �Der Himmel wei�, da� der Bergfried voller Fenster ist, Herrin.�</p><p>Stirnrunzelnd musterte er Strupp. �Kannst du sie nicht wenigstens von der Mauer fernhalten? Die Belagerung wird bald beginnen.�</p><p>Der kleine Mann zuckte die Achseln und hinkte hinter Vara die Stufen hinauf.</p><p>�Zeigt mir die Streitmacht Eures furchtbaren Bruders�, sagte sie, ein wenig au�er Atem, sobald sie ihn erreicht hatte.</p><p>�Wenn sein Heer hier st�nde, st�ndet Ihr nicht hier�, versetzte Josua gereizt. �Es ist nichts zu sehen, noch nicht. Geht jetzt bitte wieder nach unten!�</p><p>�Josua?� Jarnauga sp�hte noch immer nach dem wolkenverhangenen Westen. �Ich glaube, da� es vielleicht doch etwas zu sehen gibt.�</p><p>�Was?� Sofort war der Prinz an der Seite des alten Rimmersmannes, den K�rper unbequem �ber die Br�stung gebeugt, w�hrend er sich anstrengte zu erkennen, was der andere erblickt hatte. �Ist es Elias? So schnell? Ich sehe nichts!� In ohnm�chtigem Zorn schlug er mit der flachen Hand auf den Stein.</p><p>�Ich zweifle, da� es der Hochk�nig ist, der so weit von Westen herkommt�, meinte Jarnauga. �Wundert Euch nicht, da� Ihr nichts erkennt. Wie ich Euch sagte, hat man mich gelehrt zu sehen, wo andere nichts finden k�nnen. Trotzdem ist dort etwas, viele Pferde und M�nner, die auf uns zukommen, wenn auch zu weit entfernt, als da� man sch�tzen k�nnte, wie gro� ihre Zahl ist. Dort.� Er deutete.</p><p>�Gelobt sei Usires!� rief Josua erregt. �Du mu�t recht haben. Es kann nur Leobardis sein.� Pl�tzlich lebendig geworden, richtete er sich gerade auf. Gleichzeitig jedoch umw�lkte sich sein Gesicht. �Das ist eine kitzlige Angelegenheit�, meinte er halb zu sich selbst. �Die Nabbanai d�rfen nicht zu nahe herankommen, sonst werden sie uns nichts n�tzen, weil sie dann zwischen Elias und den Mauern von Naglimund gefangen sind. Das w�rde bedeuten, da� wir sie hereinlassen und dann noch ein paar M�uler mehr stopfen m��ten.� Er schritt auf die Treppe zu. �Wenn sie sich aber in zu gro�er Entfernung halten, werden wir sie unsererseits nicht sch�tzen k�nnen, wenn Elias gegen sie vorgeht. Wir m�ssen ihnen Reiter entgegenschicken!� Er sprang in gro�en S�tzen die Stufen hinab und rief dabei nach Deornoth und Eadgram, dem Obersten der Wachen von Naglimund.</p><p>�Ach, Strupp�, sagte Vara, die Wangen vom Wind und dem schnellen Ablauf der Ereignisse ger�tet, �wir werden doch noch gerettet! Es wird noch alles gut.�</p><p>�Das w�re mir sehr recht, Herrin�, erwiderte der Narr. �Ich habe das alles schon fr�her mit meinem Herrn Johan erlebt � und ich bin auf eine Wiederholung nicht erpicht.�</p><p>Unten im Burghof begannen die Soldaten zu fluchen und zu rufen. Auf dem Rand des Brunnens stand Josua, das schlanke Schwert in der Hand, und rief seine Befehle. Speere klirrten auf Schilden, und Helme und Schwerter wurden rasch aus den Ecken geholt, wo sie aufgestapelt gelegen hatten; und der Klang von Metall auf Metall stieg von den Mauern auf wie eine Beschw�rung.</p><empty-line/><p>Graf Aspitis Preves tauschte ein paar knappe Worte mit Benigaris und lenkte dann sein Pferd neben das des Herzogs, um im gleichen Schritt mit ihm durch das hohe, taunasse Gras zu reiten. Am grauen Horizont stand wie ein gl�nzender Klecks die erste Morgensonne.</p><p>�Ah, der junge Aspitis!� sagte Leobardis jovial. �Was gibt es Neues?� Wenn sich das Verh�ltnis zwischen ihm und seinem Sohn bessern sollte, mu�te er versuchen, umg�nglich mit Benigaris' engen Freunden zu sein � selbst zu Aspitis, den er f�r eines der weniger gelungenen Ergebnisse des prevanischen Hauses hielt.</p><p>�Die Kundschafter sind soeben zur�ckgekehrt, Herzog.� Der Graf, ein h�bscher schlanker Junge, war ganz bla�. �Wir befinden uns weniger als f�nf Meilen vor den Mauern von Naglimund, Herr.�</p><p>�Gut! Wenn wir Gl�ck haben, k�nnen wir am fr�hen Nachmittag dort sein.�</p><p>�Aber Elias ist uns voraus.� Aspitis sah zu dem Herzogssohn hin�ber, der den Kopf sch�ttelte und einen unterdr�ckten Fluch ausstie�.</p><p>�Hat er bereits mit seinem ganzen Heer die Belagerung begonnen?� fragte Leobardis �berrascht. �Wie denn? Hat er seinen Truppen das Fliegen beigebracht?�</p><p>�Nun � nein, Herr. Nicht Elias selber�, verbesserte sich Aspitis eilig. �Es ist ein starker Trupp, der unter der Fahne von Eber und Speeren reitet � Graf Guthwulf von Utanyeats Banner. Sie stehen etwa eine halbe Meile vor uns und werden uns von den Mauern abhalten wollen.�</p><p>Der Herzog sch�ttelte erleichtert den Kopf. �Wieviel Leute hat Guthwulf?�</p><p>�Etwa hundert Berittene, Herr, aber der Hochk�nig kann nicht weit hinter ihm sein.�</p><p>�Nun, das soll uns wenig k�mmern�, antwortete Leobardis und z�gelte am Ufer eines der vielen kleinen Fl��chen, die das Wiesenland �stlich des Gr�nwate kreuz und quer durchzogen, sein Ro�. �Soll doch die <emphasis>Hand</emphasis> des K�nigs mit ihrer Schar dort warten, bis sie schwarz wird. Wir n�tzen Josua mehr, wenn wir den Belagerern aus einiger Entfernung zusetzen und ihm die Versorgungslinien offenhalten.� Wasser spritzte auf, als er durch die Furt ritt. Sofort spornten Benigaris und der Graf ihre Pferde und folgten ihm.</p><p>�Aber Vater�, begann Benigaris, ��berlegt doch! Unsere Kundschafter melden, Guthwulf sei dem Heer des K�nigs vorangeritten, und das mit nur hundert Rittern.� Aspitis Preves nickte best�tigend, und Benigaris zog mit bedenklichem Stirnrunzeln die dunklen Brauen zusammen. �Wir haben dreimal soviele M�nner, und wenn wir ein paar schnelle Reiter zu Josua schicken, k�nnen wir auch seine Truppen mit einbeziehen. Wir w�rden Guthwulf vor den Mauern von Naglimund zerschmettern wie zwischen Hammer und Ambo�.� Er grinste und klopfte seinem Vater auf die gepanzerte Schulter. �Bedenkt doch einmal, wie das K�nig Elias schmecken w�rde � w�re es nicht ein geh�riger Denkzettel f�r ihn?�</p><p>Eine lange Minute ritt Leobardis schweigend weiter. Er drehte sich um und betrachtete die wogenden Banner seiner Legionen, die sich mehrere Achtelmeilen weit �ber die Wiesen verteilten. Die Sonne hatte gerade eine d�nnere Stelle am dicht bew�lkten Himmel gefunden und gab dem windgebeugten Gras Farbe. Es erinnerte ihn an das Seenland �stlich seines Palastes.</p><p>�Ruft den Trompeter�, erkl�rte er, und Aspitis machte kehrt und schrie einen Befehl.</p><p>�Heja! Ich werde Reiter nach Naglimund schicken, Vater�, sagte Benigaris und l�chelte, fast als w�re er erleichtert. Der Herzog sah, wie gierig nach Ruhm sein Sohn war, aber sein Ruhm w�rde auch Nabbans Ruhm sein.</p><p>�Nimm deine schnellsten Reiter, mein Sohn�, rief er Benigaris nach, der durch die Linien zur�ckritt. �Denn wir werden schneller vorr�cken, als es sich irgend jemand tr�umen l��t!� Er hob die Stimme zu einem lauten Ruf, und �berall auf dem weiten Feld drehten sich ihm die K�pfe zu. �Die Legionen sollen reiten! F�r Nabban und Mutter Kirche! Wehe unseren Feinden!�</p><p>Wenig sp�ter war Benigaris wieder da und meldete, da� die Boten unterwegs seien. Herzog Leobardis lie� die Trompeten einmal und dann noch einmal erschallen, und das gewaltige Heer setzte sich im Geschwindschritt in Marsch. Hufschlag dr�hnte und rollte wie schnelles Trommeln �ber die Wiesensenken, als sie den Inniscrich hinter sich lie�en. Am tr�ben Morgenhimmel stieg die Sonne auf, und die Banner flatterten blau und golden. Der Eisvogel flog nach Naglimund.</p><empty-line/><p>Josua war noch nicht damit fertig, sich den schmucklosen, blankpolierten Helm �berzust�lpen, als er schon an der Spitze von vierzig Rittern zum Tor hinaustrabte. Der Harfner Sangfugol rannte neben ihm her und streckte ihm etwas entgegen; der Prinz z�gelte sein Pferd und lie� es in Schritt fallen.</p><p>�Was hast du, Mann?� fragte er ungeduldig und lie� den suchenden Blick �ber den nebligen Horizont schweifen.</p><p>Der Harfner rang nach Atem. �Es ist � Eures Vaters Banner, Prinz Josua�, keuchte er und reichte es ihm hinauf. �Vom � Hochhorst mitgebracht. Ihr tragt � als einzige Standarte � den grauen Schwan von Naglimund � k�nntet Ihr Euch ein besseres Banner als Johans w�nschen?�</p><p>Der Prinz starrte auf die rotwei�e Fahne, die halb entrollt auf seinem Scho� lag. Grimmig blitzte das Auge des Feuerdrachen, als bedrohe ein Eindringling den heiligen Baum, um den er sich geringelt hatte. Deornoth, Isorn und ein paar andere Ritter neben ihnen l�chelten erwartungsvoll.</p><p>�Nein�, sagte Josua und gab Sangfugol das Banner zur�ck. Seine Augen waren kalt. �Ich bin nicht mein Vater. Und ich bin kein K�nig.�</p><p>Er wandte sich ab, schlang die Z�gel um den rechten Arm und hob die Hand.</p><p>�Vorw�rts!� rief er. �Wir reiten unseren Freunden und Verb�ndeten entgegen!�</p><p>Mit seiner Schar ritt er die steilen Stra�en der Stadt hinab. Ein paar Blumen, von Menschen, die ihnen Gl�ck w�nschten, von den Burgmauern geworfen, flatterten auf den zerstampften, schlammigen Weg.</p><empty-line/><p>�Was siehst du, Rimmersmann?� fragte Strupp, tiefe Falten auf der Stirn. �Warum murmelst du so vor dich hin?�</p><p>Josuas kleine Schar war nur noch ein Farbfleck, der rasch in der Weite verschwand.</p><p>�Vom Rand der s�dlichen Berge kommt ein Reitertrupp�, erkl�rte Jarnauga. �Von hier aus sieht es nicht nach einem gro�en Heer aus, aber sie sind noch sehr weit weg.� Er schlo� sekundenlang die Augen, als wollte er sich an etwas erinnern und schlug sie dann wieder auf, um in die Ferne zu starren.</p><p>Strupp machte instinktiv das Zeichen des <emphasis>Baumes.</emphasis> Die Augen des alten Rimmersmannes waren so hell und leuchteten so wild wie Lampen aus Saphir.</p><p>�Ein Eberkopf zwischen gekreuzten Speeren�, zischte Jarnauga, �wer tr�gt das?�</p><p>�Guthwulf�, antwortete Strupp verwirrt. Nach allem, was der alte Narr am Horizont erkennen konnte, h�tte Jarnauga ebensogut Gespenstern zuschauen k�nnen. �Der Graf von Utanyeat � die <emphasis>k�nigliche Hand</emphasis>.�</p><p>Ein St�ck weiter auf der Mauer sah die Herrin Vara sehns�chtig der immer kleiner werdenden Reiterschar des Prinzen nach.</p><p>�Dann kommt er von S�den herauf, vor Elias' Hauptmacht. Es sieht aus, als h�tte Leobardis ihn bemerkt; die Nabbanai schwenken nach den S�dbergen um, als wollten sie ihn zum Kampf herausfordern.�</p><p>�Wieviele � wieviele M�nner?� fragte Strupp, der allm�hlich ganz und gar den �berblick verlor. �Wie kannst du das �berhaupt alles erkennen? Ich sehe gar nichts, und dabei ist doch mein Augenlicht das einzige, das ��</p><p>�Hundert Ritter, vielleicht auch weniger�, unterbrach ihn Jarnauga. �Das ist das Besorgniserregende: <emphasis>Warum so wenige?</emphasis>�</p><p>�Barmherziger Gott! Was hat der Herzog vor?� fluchte Josua und hob sich in den B�geln, um besser Umschau halten zu k�nnen. �Er ist nach Osten umgeschwenkt und h�lt in vollem Galopp auf die S�dberge zu. Hat er den Verstand verloren?�</p><p>�Seht doch, Herr!� rief Deornoth zu ihm hin�ber. �Seht dort, am Saum des Stierr�ckenberges!�</p><p>�Bei der Liebe �dons, es ist das Heer des K�nigs! Was tut Leobardis? Glaubt er, er k�nne Elias allein angreifen?� Josua gab seinem Pferd einen Schlag auf den Hals und spornte es vorw�rts.</p><p>�Es sieht aus, als w�re es nur eine kleine Schar, Prinz Josua�, rief Deornoth. �Vielleicht die Vorhut.�</p><p>�Warum hat er nur keine Reiter zu uns geschickt?� fragte Josua klagend. �Seht nur, sie werden versuchen, sie nach Naglimund zu treiben, um sie dort vor der Mauer in die Falle zu locken. Warum um Gotteswillen hat Leobardis mir keine Boten gesandt?� Er seufzte und wandte sich Isorn zu, der sich den B�renhelm seines Vaters von der Stirn geschoben hatte, um den Horizont besser �berblicken zu k�nnen. �Jetzt werden wir doch noch zeigen m�ssen, ob wir Mut haben, Freund.�</p><p>Die Unvermeidlichkeit des Kampfes schien Gelassenheit �ber Josua zu legen wie einen Mantel. Seine Augen waren ruhig und auf den Lippen stand ein wunderliches, halbes L�cheln. Isorn grinste zu Deornoth hin�ber, der seinen Schild vom Sattelknauf l�ste, und schaute dann wieder den Prinzen an.</p><p>�Zeigen wir es ihnen, Herr�, sagte der Herzogssohn.</p><p>�Reitet!� schrie der Prinz. �Vor uns steht der R�uber von Utanyeat. Reitet!� Damit spornte er sein scheckiges Schlachtro� zum Galopp, da� der Boden unter den Hufen aufspritzte.</p><p>�F�r Naglimund!� rief Deornoth und ri� das Schwert hoch. �F�r Naglimund und unseren Prinzen!�</p><empty-line/><p>�Guthwulf h�lt stand�, berichtete Jarnauga. �Er h�lt am Berg und l��t die Nabbanai auf sich zukommen. Josua reitet ihnen jetzt entgegen.�</p><p>�K�mpfen sie?� erkundigte Vara sich �ngstlich. �Was ist mit dem Prinzen?�</p><p>�Er hat den Kampfplatz noch nicht erreicht � aber dort!� Jarnauga lief auf der Mauer entlang bis zum kleinen S�dwestturm. �Jetzt treffen Guthwulfs Ritter auf den ersten Angriff der Nabbanai. Alles geht durcheinander!� Er kniff die Augen zusammen und rieb sie mit den Kn�cheln.</p><p>�Was? Was!?� Strupp steckte den Finger in den Mund und nagte mit aufgerissenen Augen daran herum. �Verlier jetzt deine Stimme nicht, Rimmersmann!�</p><p>�Es ist schwer, aus dieser Entfernung zu erkennen, was dort vor sich geht�, erl�uterte Jarnauga unn�tigerweise, denn weder seine beiden Begleiter noch sonst jemand auf den Burgmauern konnte mehr als die schwache Andeutung einer Bewegung im Schatten des in Dunst geh�llten Stierr�ckenberges ausmachen. �Der Prinz greift in den Kampf ein. Leobardis' und Guthwulfs Ritter sind �ber den ganzen Berg verstreut. Jetzt � jetzt��</p><p>Er verstummte und konzentrierte sich.</p><p>�Ah!� sagte Strupp angewidert und schlug sich auf den d�rren Schenkel. �Bei Sankt Muirfath und dem Erzengel, das ist das allerschlimmste. Ich k�nnte genauso gut in einem � Buch dar�ber lesen. Verdammt, Mann � <emphasis>sag doch etwas!</emphasis>�</p><empty-line/><p>Vor Deornoth entfaltete sich alles wie ein Traum � der verschwommene Glanz der R�stungen, das Geschrei und der ged�mpfte Aufprall von Klingen auf Schilden. Als die Schar des Prinzen auf die K�mpfenden zujagte, sah er nach und nach die Gesichter der Nabbanai-Ritter und ebenso die der Erkynl�nder deutlicher werden und merkte, wie eine Woge von �berraschung �ber die Schlacht ging. Einen Augenblick lang, der au�erhalb aller Zeit lag, kam er sich wie eine schimmernde Schaumflocke vor, gefangen auf dem Kamm einer �berh�ngenden Welle. Gleich darauf, mit furchtbarem Aufbr�llen und Waffengeklirr, waren sie mitten in der Schlacht. Josuas Ritter prallten mit voller Wucht auf die Flanke von Guthwulfs M�nnern.</p><p>J�h kam einer auf ihn zu, ein blankes Helmgesicht �ber dem rollenden Auge und rotem Maul des Schlachtrosses. Deornoths Schulter traf ein Schlag, der ihn im Sattel wanken lie�; die Lanze des anderen Ritters fand seinen Schild und glitt daran ab. Sekundenlang sah er den dunklen �berrock des anderen unmittelbar vor sich und schwang mit beiden H�nden sein Schwert. Er sp�rte den bebenden Aufprall, als es am Schild des Gegners vorbeisauste und seine Brust durchbohrte. Der andere st�rzte vom Ro� in Schlamm und blutiges Gras.</p><p>Einen Moment stand er frei. Er sah sich um und suchte Josuas Banner, ein schwaches Ziehen in der Schulter. Der Prinz und Isorn Isgrimnur-Sohn k�mpften R�cken an R�cken inmitten einer strudelnden Brandung von Guthwulfs Rittern. Josuas rasche Hand scho� vor, und Naidel durchstie� das Visier eines der Reiter mit den schwarzen Helmb�schen. Die H�nde des Mannes flogen an sein metallbedecktes Gesicht und f�rbten sich sogleich rot. Dann wurde er vom Pferd gerissen und war nicht mehr zu sehen, als das nunmehr z�gellose Tier sich aufb�umte.</p><p>Deornoth erkannte Leobardis, den Herzog von Nabban, der am �u�ersten S�dostrand der Schlacht unter seiner wogenden Eisvogelfahne hielt. Zwei Ritter b�ndigten neben ihm ihre scheuenden Pferde; Deornoth hielt den gro�en in der getriebenen R�stung f�r den Herzogssohn Benigaris. Verdammter Kerl! Leobardis war alt, aber was tat Benigaris so fern vom Geschehen? Es war schlie�lich Krieg!</p><p>Eine Gestalt t�rmte sich vor ihm auf, und Deornoth trieb sein Pferd nach links, um einem niedersausenden Schlachtbeil auszuweichen. Der Reiter jagte vorbei, ohne sich noch einmal umzudrehen, aber ein anderer folgte ihm. Eine Weile kannte Deornoths Kopf nur noch den Tanz der Streiche, als er mit Guthwulfs Ritter Schl�ge tauschte; der L�rm des Feldes schien zu einem eint�nigen Rauschen herabzusinken, das an st�rzendes Wasser erinnerte. Endlich fand er eine L�cke in der Verteidigung des anderen und landete einen krachenden Schwerthieb auf dessen Helm, der am Scharnier des Visiers zerbrach. Der Ritter kippte zur Seite und nach unten. Sein Fu� verfing sich im Steigb�gel, so da� er herunterhing wie ein geschlachtetes Schwein in einer Vorratskammer. Sein vor Angst wahnsinniges Pferd schleifte ihn fort.</p><p>Graf Guthwulfs schwarzer Mantel und Helm waren jetzt nur noch einen Steinwurf weit entfernt. Mit seinem gro�en Breitschwert teilte der Graf Hiebe nach rechts und links aus und hielt zwei Nabbanai-Reiter in blauen M�nteln in Schach, als w�ren sie nur Knaben. Deornoth beugte sich im Sattel nach unten, um sein Pferd auf ihn zuzutreiben � welch ein Ruhm, sich mit dem Ungeheuer von Utanyeat zuschlagen! �, als ein st�rzender Gaul neben ihm sein Pferd pl�tzlich in die Gegenrichtung abdr�ngte.</p><p>Noch immer verwirrt, als tr�ume er, merkte er, da� es ihn bergab an den Rand des Schlachtfeldes verschlagen hatte. Vor ihm wehte Leobardis' blaugoldenes Banner; der Herzog, dessen wei�es Haar unter dem Helm hervorstr�mte, stand hoch in den B�geln und feuerte seine M�nner an, ja er zog sich gerade das Visier �ber die blitzenden Augen, um sich selber ins Get�mmel zu st�rzen.</p><p>Deornoth hatte den Blick noch nicht von ihm abgewendet, als sein Traum j�h zum Alptraum wurde. Der Mann, den er f�r Benigaris hielt, zog eine lange Klinge hervor. Er bewegte sich dabei so langsam, da� Deornoth fast das Gef�hl hatte, er k�nne die Hand ausstrecken und den anderen festhalten. Zielsicher und bed�chtig stie� der Nabbanai dem Herzog unterhalb des Helms seinen Dolch in den Nacken. In der wimmelnden Menge und dem L�rm der Schlacht schien es, als sehe nur Deornoth die furchtbare Tat. Als die Klinge, purpurn befleckt, wieder herausgezogen wurde, kr�mmte sich Leobardis und griff sich mit bebenden, behandschuhten H�nden an den Hals, den er einen Augenblick umklammerte, als wollte er in seinem alles �berw�ltigenden Gram noch etwas sagen. Gleich darauf sackte der Herzog im Sattel vorn�ber und fiel auf den wei�en Nacken seines Pferdes. Sein Blut scho� hervor und f�rbte die M�hne, bevor er vom Sattel schwer zu Boden st�rzte.</p><p>Benigaris warf ihm einen kurzen Blick zu, als betrachte er einen aus dem Nest gefallenen Vogel, dann hob er das Horn zum Munde. Inmittendes br�llenden Chaos auf allen Seiten war es Deornoth sekundenlang, als gewahre er in Benigaris' schwarzem Helmschlitz ein Gl�nzen, so als habe der Herzogssohn �ber die K�pfe der vielen k�mpfenden M�nner, die sie voneinander trennten, seinen Blick aufgefangen. Lange und rauh ert�nte das Horn, und viele wandten die K�pfe danach.</p><p><emphasis>�Tambana Leobardis eis!�</emphasis> br�llte Benigaris mit grausiger Stimme, heiser und gramvoll. �Der Herzog ist gefallen! Mein Vater erschlagen! Zieht euch zur�ck!�</p><p>Wieder stie� er ins Horn, und noch w�hrend Deornoth ihn in ungl�ubigem Entsetzen anstarrte, erklang vom Berghang �ber ihnen ein anderer Hornruf. Eine Schar bewaffneter Reiter sprengte aus dem Schattenversteck der B�ume hervor.</p><empty-line/><p>�Lichter des Nordens!� st�hnte Jarnauga und versetzte Strupp in erneute Zuckungen ohnm�chtiger Wut.</p><p>�Sag es uns! Wie l�uft die Schlacht?�</p><p>�Ich f�rchte, sie ist verloren�, erwiderte der Rimmersmann mit hohler Stimme. �Jemand ist gefallen.�</p><p>�Nein!� keuchte Vara mit Tr�nen in den Augen. �Josua! Es ist doch nicht Josua?�</p><p>�Ich kann es nicht sagen. Ich glaube eher, da� es Leobardis ist. Aber jetzt kommt vom Berg herunter ein neuer Trupp, unter den B�umen hervor. Rotm�ntel � auf dem Banner ist ein � Adler?�</p><p>�Fengbald�, �chzte Strupp, ri� sich die Schellenkappe vom Kopf und knallte sie klirrend auf die Steine. �Mutter Gottes, es ist Graf Fengbald! Oh, Usires �don, rette unseren Prinzen! Diese Hurens�hne! Bastarde!�</p><p>�Sie gehen auf Josua nieder wie ein Hammer�, fuhr Jarnauga fort. �Und die Nabbanai scheinen verwirrt. Sie � sie��</p><empty-line/><p>�Zieht euch zur�ck!� schrie Benigaris, und Aspitis Preves neben ihm zog das Banner aus den kraftlosen Armen von Leobardis' Knappen und ritt den jungen Mann nieder.</p><p>�Es sind zu viele!� rief Aspitis. �Zieht euch zur�ck! Der Herzog ist tot!�</p><p>Deornoth ri� sein Pferd herum und st�rzte sich von neuem ins Gefecht, um sich zu Josua durchzuschlagen.</p><p>�Eine Falle!� br�llte er. Fengbalds Ritter donnerten mit blinkenden Lanzen den Berg hinunter. �Josua! Es ist eine Falle!�</p><p>Er hackte sich einen Weg durch zwei von Guthwulfs Ebern, die sich ihm entgegenstellen wollten, kassierte einige harte Hiebe auf Schild und Helm, rannte dem zweiten Mann das Schwert mitten durch die Kehle und h�tte es fast verloren, als es im R�ckgrat steckenblieb. Er sah ein blutiges Rinnsal �ber sein Visier laufen und wu�te nicht, ob es sein Blut oder das eines anderen war.</p><p>Der Prinz rief seine Ritter zur�ck. Durch Geschrei und Waffengeklirr gellte Isorns Horn.</p><p>�Benigaris hat den Herzog ermordet!� schrie Deornoth. Josua sah erstaunt auf die blutbespritzte Gestalt, die da auf ihn zugaloppierte. �Benigaris hat ihn hinterr�cks erstochen! Wir sitzen in der Falle.�</p><p>Einen kurzen Moment z�gerte der Prinz und hob die Hand, als wolle er das Visier l�ften und sich umsehen. Fengbald und seine Adler hatten die Flanke der Nabbanai angegriffen, um ihnen den R�ckzug abzuschneiden.</p><p>Gleich darauf hob der Prinz den z�gelumwickelten Schildarm. �Dein Horn, Isorn!� rief er. �Wir m�ssen uns den Weg freik�mpfen! Zur�ck! Zur�ck nach Naglimund! Wir sind verraten!�</p><p>Mit einem gellenden Hornsto� und einen gewaltigen Aufschrei der Wut drangen nun die Ritter des Prinzen auf Fengbalds weit auseinandergezogene, purpurrote Schlachtreihe ein. Deornoth spornte sein Pferd, um die vorderste Linie zu erreichen, und sah, wie Josuas wirbelnde Klinge die Abwehr des ersten Adlers durchbrach und gleich einer Schlange zustie�, tief unter den Arm des Mannes, hinein und hinaus. Gleich darauf sah sich Deornoth einer ganzen Heerschar von Rotm�nteln gegen�ber. Fluchend schwang er sein Schwert. Ohne da� er es wu�te, waren seine Wangen unter dem Helm na� von Tr�nen.</p><p>Fengbalds M�nner, von der Wildheit der Angreifer erschreckt, schwenkten langsam herum, und die Naglimunder nutzten diesen Augenblick zum Durchbruch. Hinter ihnen befanden sich die Legionen von Nabban bereits in vollem R�ckzug und flohen in ungeordneten Haufen dem Inniscrich zu. Guthwulf verfolgte sie nicht, sondern vereinigte seine Truppen mit denen Fengbalds, um Josuas ebenfalls fliehenden Rittern nachzusetzen.</p><p>Deornoth umklammerte den Hals seines Schlachtrosses. Er konnte den rasselnden Atem des Tieres h�ren, als sie in vollem Galopp �ber Wiesen und brachliegendes Ackerland brausten. Langsam verstummte hinter ihnen der L�rm der Verfolger, und die Mauern von Naglimund ragten vor ihnen auf.</p><p>Das Tor hob sich, ein schwarzer, offener Mund. Deornoth starrte es an, und sein Kopf dr�hnte wie eine geschlagene Trommel. Pl�tzlich w�nschte er sich nur noch, verschluckt zu werden � in tiefes, lichtloses Vergessen zu sinken und nie wieder aufzutauchen.</p></section><section><title><p>XL</p><p>Das gr�ne Zelt</p></title><p>�Nein, Prinz Josua. Eine solche Torheit k�nnen wir Euch nicht gestatten.� Isorn, der sein Bein schonte, setzte sich schwerf�llig hin.</p><p>�Gestatten?� Der Prinz hob den Blick vom Boden und sah dem Rimmersmann ins Gesicht. �Seid Ihr meine Bewacher? Bin ich ein unm�ndiges Kind auf dem Thron oder ein Schwachsinniger, da� man mir sagen mu�, was ich zu tun habe?�</p><p>�Mein Prinz�, begann Deornoth und legte Isorn die Hand aufs Knie, damit er schwieg, �nat�rlich seid Ihr es, der hier gebietet. Folgen wir nicht Eurem Befehl? Haben wir Euch nicht alle B�ndnistreue geschworen?� Die K�pfe im Raum nickten d�ster. �Aber Ihr verlangt zuviel von uns, das m��t Ihr verstehen. Glaubt Ihr denn wirklich noch, Ihr k�nntet dem K�nig trauen, nachdem man uns solchen Verrat angetan hat?�</p><p>�Ich kenne ihn wie kein anderer von Euch.� Josua, als verbrenne ihn ein inneres Feuer, sprang vom Stuhl auf und trat zu seinem Tisch. �Er w�nscht meinen Tod, das steht fest, aber nicht auf diese Weise. Nicht so ehrlos. Wenn er mir freies Geleit schw�rt � und wir offensichtliche Dummheiten vermeiden �, dann werde ich unverletzt zur�ckkehren. Er m�chte immer noch wie ein Hochk�nig auftreten, und ein Hochk�nig erschl�gt nicht seinen unbewaffneten Bruder, der unter der Parlament�rflagge zu ihm kommt.�</p><p>�Und warum hat er Euch dann in eine Zelle geworfen, wie Ihr es uns erz�hlt habt?� erkundigte sich Ethelferth von Tinsett mit finsterer Miene. �Haltet Ihr das f�r ein Zeichen seiner Ehrenhaftigkeit?�</p><p>�Nein�, entgegnete Josua, �aber ich glaube nicht, da� dieser Einfall von Elias stammt. Ich sehe keine andere Hand als die von Pryrates darin, jedenfalls nicht vor Ausf�hrung der Tat. Elias ist zum Ungeheuer geworden � Gott helfe mir, denn er war einst mein Bruder, nicht nur dem Blute nach �, aber ich meine, da� er noch immer ein gewisses, verqueres Ehrgef�hl besitzt.�</p><p>Deornoth stie� zischend die Luft aus. �So, wie er es Leobardis gegen�ber bewies?�</p><p>�Die Ehre des Wolfes, der die Schwachen t�tet und vor den Starken ausrei�t�, spottete Isorn.</p><p>�Ich glaube nicht.� Josuas geduldige Grimasse wurde noch m�hsamer. �Benigaris' Vatermord schmeckt mir nach altem Groll seinerseits. Ich habe den Verdacht, da� Elias��</p><p>�Prinz Josua, mit Verlaub�, unterbrach ihn Jarnauga. Im Zimmer hoben sich verschiedene Augenbrauen. �Meint Ihr nicht, da� Ihr Euch allzusehr bem�ht, Entschuldigungen f�r Euren Bruder zu finden? Die Sorgen Eurer Lehensleute sind nicht unberechtigt. Nur weil Elias eine Unterredung mit Euch w�nscht, braucht Ihr noch lange nicht zu ihm zu gehen. Niemand wird an Eurer Ehre zweifeln, wenn Ihr es nicht tut.�</p><p>�<emphasis>�don steh mir bei,</emphasis> Mann, ich pfeife auf das, was andere von meiner Ehre denken!� fuhr der Prinz ihn an. �Ich kenne meinen Bruder, und ich kenne ihn auf eine Art, die Ihr alle nicht verstehen k�nnt � und sag mir nicht, er h�tte sich ver�ndert, Alter�, kam er finster blickend Jarnaugas Worten zuvor, �denn auch das wei� niemand besser als ich. Aber dennoch will ich zu ihm gehen, und ich schulde Euch keine weiteren Erkl�rungen daf�r. Bitte la�t mich nun allein.�</p><p>Er kehrte dem Tisch den R�cken und winkte die M�nner aus dem Zimmer.</p><empty-line/><p>�Ist er verr�ckt geworden, Deornoth?� fragte Isorn, das breite Gesicht voller Unruhe. �Wie kann er dem K�nig so in die blutigen H�nde laufen?�</p><p>�Starrk�pfigkeit, Isorn � aber wer bin ich, da� ich das sagen darf? Vielleicht wei� er wirklich, wovon er redet.� Deornoth sch�ttelte den Kopf. �Steht das verdammte Ding noch da?�</p><p>�Das Zelt? Ja. Gerade au�er Bogenschu�weite vor den Mauern und genauso weit von Elias' Feldlager entfernt.�</p><p>Deornoth ging langsam und lie� den jungen Rimmersmann den Schritt vorgeben, den sein verwundetes Bein verlangte. �Gott sei uns gn�dig, Isorn, aber ich habe ihn noch nie so erlebt, und ich diene ihm, seit ich alt genug bin, ein Schwert zu ziehen. Es ist, als wolle er unbedingt beweisen, da� Gwythinn recht hatte, als er ihm Unwilligkeit vorwarf.� Deornoth seufzte. �Nun gut � wenn wir ihn nicht zur�ckhalten k�nnen, m�ssen wir wenigstens unser bestes tun, ihn zu sch�tzen. Sprach der Herold des K�nigs wirklich von nur zwei Leibw�chtern?�</p><p>�Und dasselbe f�r Elias.�</p><p>Deornoth nickte und dachte nach. �Wenn ich meinen Arm�, er deutete auf die Schlinge aus wei�em Leinen, ��bermorgen wieder bewegen kann, wird mich keine Macht der Welt davon abhalten, einer dieser beiden W�chter zu sein.<emphasis>�</emphasis></p><p>�Und ich bin der andere�, erkl�rte Isorn.</p><p>�Ich w�rde es besser finden, wenn du mit ungef�hr zwanzig Reitern hinter der Mauer bereitstehen w�rdest. Wir wollen lieber mit Herrn Eadgram sprechen, dem Obersten der Wachen. Wenn es einen Hinterhalt gibt � und sei es nur ein Sperling, der aus dem k�niglichen Feldlager nach dem Zelt fliegt �, kannst du in wenigen Herzschl�gen bei uns sein.�</p><p>Isorn nickte. �Das ist anzunehmen. Vielleicht k�nnen wir auch noch einmal mit dem weisen Jarnauga sprechen und ihn um einen Schutzzauber f�r Josua bitten.�</p><p>�Was er braucht � und ich sage es wirklich nur ungern �, ist ein Zauber, der ihn vor seiner eigenen Voreiligkeit sch�tzt.� Deornoth machte einen Schritt �ber eine gro�e Pf�tze. �Au�erdem hilft kein Zauber gegen einen Dolch im R�cken.�</p><empty-line/><p>Lluths Lippen bewegten sich pausenlos und stumm, als gebe er eine endlose Folge von Erkl�rungen ab. Seit dem Vortag war sein Murmeln lautlos geworden; Maegwin verfluchte sich, weil sie sich seine letzten Worte nicht gemerkt hatte. Aber sie war �berzeugt gewesen, da� er, wie schon viele Male vorher seit seiner Verwundung, die Stimme wiedererlangen w�rde. Dieses Mal jedoch, das konnte sie f�hlen, w�rde es anders sein.</p><p>Die Augen des K�nigs waren geschlossen, aber der Ausdruck seines wachsbleichen Gesichtes wechselte unaufh�rlich zwischen Angst und Sorge. Maegwin ber�hrte die brennende Stirn, sp�rte die sich im unvollst�ndigen Sprechrhythmus schwach bewegenden Muskeln und hatte wieder das Gef�hl, sie m�sse weinen, als �berschwemmten sie die unvergossenen Tr�nen, bis sie sich am Ende gewaltsam einen Weg durch die Haut ins Freie bahnten. Aber sie hatte seit der Nacht, in der ihr Vater sein Heer zum Inniscrich gef�hrt hatte, nicht mehr geweint � nicht einmal, als sie ihn auf einer Bahre zur�ckbrachten, fast von Sinnen vor Schmerz, die meterlangen Stoffbinden um seinen Leib triefend von Blut. Wenn sie damals nicht geweint hatte, brauchte sie es nie mehr zu tun. Tr�nen waren f�r Kinder und Schwachk�pfe.</p><p>Eine Hand ber�hrte ihre Schulter. �Maegwin. Prinzessin.� Es war Eolair, das kluge Gesicht so ordentlich in Kummerfalten gelegt wie ein Sommerkleid, das man f�r den Winter zusammenfaltet. �Ich mu� mit Euch sprechen � drau�en.�</p><p>�Geht, Graf�, antwortete sie und sah auf das einfache Bett aus Holzbalken und Stroh. �Mein Vater liegt im Sterben.�</p><p>�Ich teile Euren Kummer, Herrin.� Seine Ber�hrung wurde schwerer, wie ein Tier, das blind im Dunkeln tastet. �Glaubt mir, es ist so. Aber die Lebenden m�ssen leben, das wissen die G�tter, und Euer Volk braucht Euch jetzt.� Als empf�nde er seine Worte als zu kalt und zu stolz, dr�ckte er noch einmal kurz ihren Arm und lie� sie dann los. �Bitte. Lluth ubh-Llythinn w�rde es nicht anders wollen.�</p><p>Maegwin schluckte eine bittere Bemerkung hinunter. Nat�rlich hatte er recht. Sie stand mit vom steinernen H�hlenboden schmerzenden Knien auf und folgte ihm, vorbei an ihrer jungen Stiefmutter Inahwen, die still am Fu�e des Lagers sa� und auf die flackernden Wandfackeln starrte.</p><p><emphasis>Schaut uns doch an,</emphasis> dachte Maegwin verwundert. <emphasis>Tausend, tausend Jahre haben die Hernystiri gebraucht, um aus ihren H�hlen hinaus ans Sonnenlicht zu kriechen</emphasis>. Sie duckte sich, um unter der tiefen Stelle der H�hlendecke durchzugehen, und kniff vor dem ru�igen Fackelrauch die Augen zusammen. <emphasis>Und nun hat es nicht einmal einen Monat gebraucht, um uns wieder hineinzutreiben. Wir sind dabei, zu Tieren zu werden. Die G�tter haben uns den R�cken gekehrt.</emphasis></p><p>Als sie hinter Eolair in das Licht des Tages hinaustrat, hob sie ihren Kopf wieder. Um sie herum war die Unordnung des Lagertages, sorgsam bewachte Kinder, die auf der lehmigen Erde spielten, Frauen des Hofes, vielfach in ihren zerfetzten Staatskleidern, die kniend Eichh�rnchen und Hasen f�r den Kochkessel zubereiteten und auf flachen Steinen Korn mahlten. Die B�ume auf dem mit Felsen �bers�ten Berghang umgaben sie dicht von allen Seiten und neigten sich unwillig vor dem Wind.</p><p>Fast alle M�nner waren fort. Wer nicht am Inniscrich sein Leben gelassen hatte oder im Wabengewirr der H�hlen seine Wunden versorgt bekam, befand sich auf der Jagd oder bewachte die unteren H�nge vor Angriffen von Skalis Truppen, deren Aufgabe es war, Hernystirs wankenden Widerstand endg�ltig zu zerschlagen.</p><p><emphasis>Alles, was uns bleibt, sind Erinnerungen</emphasis>, dachte sie und betrachtete ihren schmutzigen und zerlumpten Rock, <emphasis>und unsere Verstecke im Grianspog. Man hat uns in die Enge getrieben wie F�chse. Wenn der Herr Elias kommt, um seinem Hund Skali die Beute aus dem Maul zu nehmen, sind wir erledigt.</emphasis></p><p>�Was wollt Ihr von mir, Graf?� fragte sie.</p><p>�Nicht ich bin es, der etwas will, Maegwin�, antwortete Eolair kopfsch�ttelnd, �es ist Skali. Ein paar von den Posten sind zur�ckgekommen und sagen, er stehe schon den ganzen Morgen unten am Moir Brach und schreie nach Eurem Vater.�</p><p>�La�t doch das Schwein schreien�, entgegnete Maegwin mit finsterer Miene. �Warum jagt ihm nicht einer von den M�nnern einen Pfeil durch das schmutzige Fell?�</p><p>�Er ist au�er Bogenschu�weite, Prinzessin. Zudem hat er ein halbes Hundert M�nner bei sich. Nein, ich meine, wir sollten nach unten gehen und ihn anh�ren � aus der Deckung nat�rlich, ohne da� er uns sieht.�</p><p>�Nat�rlich�, erwiderte sie ver�chtlich. �Aber warum sollte uns k�mmern, was Scharfnase schwatzt? Bestimmt verlangt er nur wieder, da� wir uns unterwerfen.�</p><p>�M�glich.� Graf Eolair senkte gr�belnd den Blick, und Maegwin f�hlte, wie eine Welle von Mitleid f�r ihn in ihr aufstieg, weil er ihre schlechte Laune ertragen mu�te. �Aber ich glaube, da� es mehr ist, Herrin. Er steht schon �ber eine Stunde dort, sagen die M�nner.�</p><p>�Also gut.� Sie sehnte sich danach, von Lluths dunklem Bett fortzukommen, und ha�te sich zugleich f�r diesen Wunsch. �Ich will nur meine Schuhe anziehen, dann begleite ich Euch.�</p><empty-line/><p>Sie brauchten fast eine Stunde, um durch den Bergwald nach unten zu steigen. Der Boden war feucht und die Luft kalt; Maegwins Atem kam in kleinen Wolken, als sie sich hinter Eolair ihren Weg durch die Kl�fte suchte. Die graue K�lte hatte die V�gel aus dem Circoille vertrieben oder sie verstummen lassen. Kein Laut begleitete ihren Gang au�er dem bebenden Murmeln windgepeitschter �ste.</p><p>W�hrend sie den Grafen von Nad Mullagh beobachtete, der mit schlankem R�cken und gl�nzendem Haarschweif behende wie ein Kind durch das Unterholz glitt, war Maegwin wieder einmal von dumpfer, hoffnungsloser Liebe zu ihm erf�llt. Es kam ihr so albern vor, dieses Gef�hl � bei ihr, dem langen, tolpatschigen Kind eines sterbenden Mannes �, da� es in eine Art Zorn umschlug. Als Eolair sich umdrehte, um ihr �ber einen vorspringenden Stein zu helfen, runzelte sie so finster die Stirn, als h�tte er ihr statt seiner Hand eine Beleidigung geboten.</p><p>Die im Geh�lz oberhalb des langgestreckten Bergr�ckens, der Moir Brach hie�, zusammengekauerten M�nner blickten erschreckt auf, als Eolair und Maegwin auf sie zukamen. Sie senkten jedoch sofort wieder die Bogen und winkten die beiden nach vorn. Maegwin sp�hte durch das Farnkraut den steinernen Finger hinunter, von dem der Kamm seinen Namen hatte, und sah unten eine wimmelnde Schar ameisengro�er Gestalten, etwa drei Achtelmeilen von ihnen entfernt.</p><p>�Er hat gerade aufgeh�rt zu sprechen�, fl�sterte einer der Posten � ein Knabe noch, die Augen gro� vor Unruhe. �Ihr werdet sehen, Prinzessin, er f�ngt gleich wieder an.�</p><p>Wie abgesprochen, trat aus der Schar der M�nner in Helmen und Umh�ngen, die einen Wagen mit Pferdegespann umringten, eine einzelne Gestalt hervor. Sie hob die H�nde zum Mund und sah auf eine Stelle, die etwas n�rdlich vom Versteck der Beobachter lag.</p><p>�Zum letzten Mal��, klang die durch die Entfernung ged�mpfte Stimme nach oben, �ich biete euch � Geiseln � Ausgleich f�r��</p><p>Maegwin strengte sich an, die Worte zu verstehen. <emphasis>Ausk�nfte?</emphasis></p><p>�� �ber den Zauberlehrling und � Prinzessin��</p><p>Eolair warf einen schnellen Blick auf Maegwin, die erstarrt dasa�. Was wollten sie von ihr?</p><p>�Wenn ihr uns nicht sagt, wo � Prinzessin � werden wir diese � Geiseln��</p><p>Der Sprecher, von dem Maegwin sicher war, da� es sich um Skali selber handelte, nur danach, wie er so breitbeinig dastand und nach dem m�rrischen, h�hnischen Unterton in seiner Stimme, den selbst die Entfernung nicht v�llig verwischen konnte, schwenkte den Arm. Eine widerstrebende Frau in hellblauen Fetzen wurde vom Wagen gezerrt und zu ihm gebracht. Maegwin starrte hinunter und f�hlte einen h��lichen Druck auf ihrem Herzen. Sie war sicher, da� das hellblaue Kleid Cifgha geh�rte � der kleinen Cifgha, h�bsch und dumm.</p><p>�Wenn ihr es uns aber nicht sagt � ihr wi�t � Prinzessin Miriamel � ergeht es diesen hier schlecht��. Skali machte eine Handbewegung, und das strampelnde, d�nn vor sich hin weinende M�dchen � das vielleicht doch nicht Cifgha war, wie Maegwin sich einzureden versuchte � wurde wieder auf den Wagen geworfen, zwischen andere bleiche Gefangene, die auf dem Wagenboden in einer Reihe lagen wie Finger.</p><p>Also war es die Prinzessin Miriamel, nach der sie suchten, wunderte sich Maegwin. Die Tochter des Hochk�nigs! War sie fortgelaufen? Hatte man sie geraubt?</p><p>�K�nnen wir denn gar nichts tun?� fl�sterte sie Eolair zu. �Und wer ist dieser �Zauberlehrling�?�</p><p>Der Graf sch�ttelte barsch den Kopf, ohnm�chtigen Grimm in jeder Linie seines Gesichtes. �Was sollten wir tun, Prinzessin? Skali w�re �bergl�cklich, wenn wir zu ihm herunterk�men. Er hat zehnmal soviel M�nner wie wir!�</p><p>Lange, schweigende Minuten vergingen. Maegwin beobachtete. An ihren Gef�hlen zerrte Wut wie ein aufdringliches Kind. Sie dachte �ber das nach, was sie Eolair und den anderen gern gesagt h�tte � da� sie, wenn keiner der M�nner gewillt war, sie zu begleiten, selber zum Taig gehen und Skalis Gefangene befreien oder, was wahrscheinlicher war, bei dem Versuch heldenhaft untergehen w�rde. Da trat die untersetzte Gestalt, die jetzt den Helm abgesetzt hatte, so da� die kleinen gelben Flecke von Haar und Bart sichtbar wurden, noch einmal ganz nahe an den Fu� des Moir Brach heran.</p><p>�Also gut!� br�llte er. �� und L�ken soll � Halsstarrigkeit verfluchen! Wir nehmen diese � mit!� Er deutete auf den Wagen. �Aber � hinterlassen euch � <emphasis>Geschenk</emphasis>!� Etwas wurde von einem der Pferde geschnallt, ein dunkles B�ndel, und Skali Scharfnase vor die F��e geworfen. �Nur f�r den Fall � Hilfe erwartet! � nicht mehr viel n�tzen � gegen Kaldskryke!�</p><p>Gleich darauf hatte er sein Pferd bestiegen, und mit einem rauhen Hornruf donnerte er samt seinen Rimmersm�nnern das Tal nach Hernysadharc hinab, der Wagen polternd hinterdrein.</p><p>Sie warteten eine Stunde, bevor sie vorsichtig die B�schung hinunterkletterten, wachsam wie eine Ricke beim �berqueren einer Lichtung. Als sie am Fu� des Moir Brach angekommen waren, huschten sie zu dem schwarzen B�ndel, das Skali zur�ckgelassen hatte.</p><p>Als sie es ge�ffnet hatten, schrien die M�nner entsetzt auf � und weinten, ein wildes, qualvolles Schluchzen hilflosen Grams. Nur Maegwin vergo� keine Tr�ne, nicht einmal, als sie sah, was Skali und seine Schl�chter ihrem Bruder Gwythinn vor seinem Tode angetan hatten. Als Eolair den Arm um sie legte, um sie von der blutdurchtr�nkten Decke wegzuf�hren, stie� sie ihn zornig zur�ck, drehte sich um und schlug ihn hart auf die Wange. Er machte keinen Versuch, sich zu sch�tzen, sondern starrte sie nur an. Die Tr�nen in seinen Augen, das wu�te sie, hatten mit ihrem Schlag nichts zu tun, und das machte ihren Ha� auf ihn in diesem Augenblick nur noch st�rker. Aber ihre Augen blieben trocken.</p><empty-line/><p>Die Luft war voller Schneeflocken � sie verwirrten den Blick, machten die Kleider schwer, lie�en Finger und Ohren steif werden und schmerzhaft prickeln. Aber Jiriki und seinen drei Sithigef�hrten schien das wenig auszumachen. W�hrend Simon und die anderen auf ihren Pferden m�hselig vorw�rtsstapften, liefen die Sithi munter vor ihnen her, wobei sie oft noch stehenblieben, damit die Reiter sie einholen konnten, geduldig wie wohlgen�hrte Katzen, undurchschaubare Gelassenheit in den leuchtenden Augen. Als sie den ganzen Tag vom Sonnenaufgang bis zur Abendd�mmerung marschiert waren, machten Jiriki und seine Kameraden am Abend noch denselben leichtf��igen Eindruck wie im Morgengrauen.</p><p>W�hrend die anderen d�rres Holz f�r das abendliche Feuer zusammentrugen, trat Simon z�gernd zu An'nai.</p><p>�Darf ich dich ein paar Dinge fragen?� erkundigte er sich.</p><p>Der Sithi hob den gleichm�tigen Blick. �Frage.�</p><p>�Warum war Prinz Jirikis Onkel so zornig, als er sagte, er wolle mit uns kommen? Und warum hat er euch drei mitgenommen?�</p><p>An'nai f�hrte die spinnenfingrige Hand zum Mund, als wollte er ein L�cheln verbergen, das nicht da war. Sofort lie� er sie wieder sinken und zeigte die gleiche ausdruckslose Miene wie zuvor.</p><p>�Was zwischen dem Prinzen und <emphasis>S'hue</emphasis> Khendraja'aro vorgeht, ist nicht meine Angelegenheit, so da� ich es dir auch nicht mitteilen kann.� Er nickte ernsthaft. �Was das andere betrifft, kann er es selber vielleicht am besten beantworten � nicht, Jiriki?�</p><p>Simon blickte erschreckt auf und sah den Prinzen hinter sich stehen, die d�nnen Lippen zu einem L�cheln gestrafft.</p><p>�Warum ich die anderen mitgenommen habe?� fragte Jiriki und machte eine umfassende Handbewegung zu An'nai und den anderen beiden Sithi, die gerade von einem Erkundungsgang durch den dichten Wald rings um den Lagerplatz zur�ckkamen. �Ki'ushapo und Sijandi nahm ich mit, weil sich jemand um die Pferde k�mmern mu�.�</p><p>�Um die Pferde k�mmern?�</p><p>Jiriki hob die Brauen und schnalzte mit den Fingern. �Troll!� rief er �ber die Schulter, �wenn dieses Menschenkind dein Sch�ler ist, bist du wirklich ein schlechter Lehrer! Ja, Seoman, die Pferde � oder dachtest du, sie w�rden mit dir die Berge hinaufklettern?�</p><p>Simon war verdutzt. �Aber � klettern? Die Pferde? Ich habe nicht daran gedacht � ich meine, k�nnten wir sie nicht einfach laufen lassen? Freilassen?� Er fand es <emphasis>ungerecht</emphasis>; auf der ganzen Reise war er sich immer nur als Anh�ngsel vorgekommen � bis auf den Wei�en Pfeil nat�rlich �, und jetzt machte der Sitha ihn auch noch f�r die Pferde verantwortlich!</p><p>�Sie freilassen?� Jirikis Stimme klang barsch, fast zornig, aber sein Gesicht blieb ausdruckslos. �Sie ihrem Schicksal �berliefern, meinst du? Nachdem man sie so weit geritten hat, wie sie freiwillig nie gehen w�rden, sollen wir sie freilassen, damit sie sich durch die Schneew�sten durchschlagen oder sterben?�</p><p>Simon wollte schon protestieren und einwenden, da� nicht <emphasis>er</emphasis> daf�r verantwortlich w�re, fand es dann aber besser, einen Streit zu vermeiden.</p><p>�Nein�, antwortete er statt dessen. �Nein, wir d�rfen sie nicht allein lassen, damit sie nicht sterben.�</p><p>�Au�erdem�, f�gte Haestan hinzu, der gerade mit einem Armvoll Holz an ihnen vor�berging, �wie sollten wir selbst dann durch die W�sten zur�ckkommen?�</p><p>�So ist es�, erwiderte Jiriki, dessen Grinsen breiter wurde; er war zufrieden. �Darum habe ich Ki'ushapo und Sijandi mitgebracht. Sie werden die Pferde versorgen und alles f�r meine � unsere R�ckkehr vorbereiten.� Er legte die Spitzen seiner beiden Zeigefinger aneinander, als wollte er eine Art Abschlu� andeuten. �Mit An'nai dagegen�, fuhr er fort, �ist es etwas schwieriger. Sein Grund, hier zu sein, ist meinem �hnlicher.� Er sah den anderen Sitha an.</p><p>�Ehre�, erkl�rte An'nai und starrte auf seine verschlungenen Finger. �Ich habe den <emphasis>Hikka Staj'a</emphasis> gefesselt � den Pfeiltr�ger. Ich habe einem � heiligen Gast � nicht gen�gend Achtung erwiesen. Das werde ich wieder gut machen.�</p><p>�Eine kleine Schuld�, meinte Jiriki sanft, �verglichen mit meiner gro�en; aber An'nai tut, was er mu�.�</p><p>Simon h�tte gern gewu�t, ob An'nai diesen Entschlu� selber gefa�t oder Jiriki ihn auf irgendeine Weise gezwungen hatte, sich ihnen anzuschlie�en. Es war schwer, etwas �ber diese Sithi herauszufinden, dar�ber, wie sie dachten und was sie wollten. Sie waren so ungeheuer anders, so innehaltend und tief!</p><p>�Kommt jetzt her�, verk�ndete Binabik. Vor ihm wehte ein hauchd�nner Flammenfaden, den er mit den H�nden f�chelte. �Wir machen ein Feuer, und ich bin sicher, da� ihr alle etwas f�r ein paar Speisen und einen Schluck Wein zum Erw�rmen der inneren Hohlr�ume �brig haben werdet!�</p><empty-line/><p>Im Lauf der n�chsten Tagesritte lie�en sie den n�rdlichen Aldheorte hinter sich und stiegen vom letzten Ausl�ufer der Weldhelmberge in die flache, schneeverwehte �de hinunter.</p><p>Es war jetzt st�ndig kalt, jede lange Nacht, jeden tr�ben wei�en Tag, bitter-bei�end kalt. Ununterbrochen wehte Simon der Schnee ins Gesicht, stach in den Augen, brannte auf den Lippen, lie� sie aufspringen. Sein Gesicht war schmerzhaft ger�tet, als h�tte er es zu lange der Sonne ausgesetzt, und er bibberte so, da� er kaum die Z�gel seines Pferdes halten konnte. Es war, als h�tte das Schicksal ihn ein f�r alle Mal zur T�r hinausgeworfen, eine Strafe, die schon viel zu lange dauerte. Aber er sah keine M�glichkeit, seine Lage zu �ndern; er konnte nur jeden Morgen still zu Usires beten, er m�ge ihn durchhalten lassen, bis sie abends ihr Lager aufschlugen.</p><p><emphasis>Wenigstens,</emphasis> sann er betr�bt, und seine Ohren brannten sogar noch unter der Mantelkapuze, <emphasis>f�hlt Binabik sich jetzt wohl.</emphasis></p><p>Der Troll war in der Tat in seinem Element. Er ritt als erster, feuerte seine Gef�hrten an und lachte von Zeit zu Zeit vor lauter Vergn�gen, wenn er mit Qantaqa �ber die immer h�her werdenden Schneewehen sprang. An den langen Abenden am Feuer, wenn die anderen Sterblichen der Gruppe zitternd ihre schneenassen Handschuhe und Stiefel �lten, hielt Binabik Vortr�ge �ber die verschiedenen Schneesorten, die unterschiedlichen Anzeichen, die auf Lawinen hindeuteten, alles, um die anderen auf die Berge vorzubereiten, die vor ihnen am Horizont unvers�hnlich aufragten, streng und richterlich wie G�tter unter ihren Kronen aus wei�em Schnee.</p><p>Jeden Tag kam ihnen die gewaltige Bergkette vor ihnen gr��er, niemals aber auch nur einen Fu�breit n�her vor, so weit sie auch geritten waren. Nach einer knappen Woche in den w�rmelosen, einf�rmigen �den begann Simon Sehnsucht nach dem �belber�chtigten Dimmerskog-Wald zu empfinden, ja, nach den windumtosten Gipfeln der Berge selbst � nach allem au�er dieser endlosen Ebene voller Schnee, die einem das Mark in den Knochen gefrieren lie�.</p><p>Am sechsten Tag kamen sie an den Ruinen des Sankt-Skendi-Klosters vor�ber. Es war fast v�llig unter Schnee begraben; nur der spitze Turm der Kapelle ragte mehr als ein kleines St�ck �ber die Oberfl�che hinaus. Ein eiserner <emphasis>Baum,</emphasis> umringt von den Windungen eines schlangenartigen Tieres, kr�nte das verfallene Dach. Es hob sich vor ihnen aus dem frostschweren Nebel wie ein Schiff, fast versunken in einem Meer aus allerreinstem Wei�.</p><p>�Welche Geheimnisse es auch bergen mag � was immer es noch von Colmund und dem Schwert <emphasis>Dorn</emphasis> wei� �, es verbirgt sie zu gut f�r uns�, bemerkte Binabik, als ihre Pferde an der ertrinkenden Abtei vorbeistapften. Sludig machte das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> auf Stirn und Herz und blickte sorgenvoll, w�hrend die Sithi langsam um das Kloster herumritten und es anstarrten, als h�tten sie noch nie etwas so Aufregendes gesehen.</p><empty-line/><p>Abends, als die Reisenden am Lagerfeuer zusammensa�en, wollte Sludig wissen, warum Jiriki und seine Begleiter soviel Zeit darauf verwendet hatten, das untergegangene Kloster zu besichtigen.</p><p>�Weil wir�, erwiderte der Prinz, �es erfreulich fanden.�</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte Sludig ver�rgert und verwirrt und sah zu Haestan und Grimmric hin�ber, als ob sie wissen k�nnten, was der Sitha meinte.</p><p>�Vielleicht sollten wir lieber nicht von diesen Dingen sprechen�, bemerkte An'nai und machte mit gespreizten Fingern eine beschwichtigende Geb�rde. �Wir sind Gef�hrten an diesem Feuer.�</p><p>Jiriki sah einen Moment feierlich in die Flammen und verzog dann das Gesicht zu einem unerwartet schalkhaften Grinsen. Simon staunte. Manchmal konnte er kaum glauben, da� Jiriki �lter war als er selber, so jung und leichtsinnig schien er sich zu benehmen. Aber Simon erinnerte sich auch an die H�hle �ber dem Wald. Eine verwirrende Mischung aus Jugend und hohem Alter, das war Jiriki.</p><p>�Wir starren an, was uns interessiert�, erl�uterte der Sitha, �wie ihr Sterblichen auch. Nur die Gr�nde unterscheiden sich, und ihr w�rdet unsere wahrscheinlich nicht verstehen.� Sein breites L�cheln schien ganz und gar freundlich, aber Simon fand einen fremden Unterton darin, etwas, das nicht dazu pa�te.</p><p>�Die Frage, Nordmann�, fuhr Jiriki fort, �ist aber, warum unser Anstarren dir so mi�f�llt?�</p><p>Einen Augenblick senkte sich Stille �ber den Feuerkreis, als Sludig dem Sithiprinzen einen langen, harten Blick zuwarf. Die Flammen h�pften und prasselten im nassen Holz, und der Wind heulte, bis die Pferde unruhig von einem Fu� auf den anderen traten Sludig schlug die Augen nieder. �Nat�rlich k�nnt Ihr anschauen, was Ihr wollt�, meinte er mit traurigem L�cheln; sein blonder Bart war gefleckt von schmelzendem Schnee. �Es ist nur, weil es mich an Saegard erinnert hat � an den Skipphaven. Es war, als w�rdet Ihr Euch �ber etwas lustig machen, das mir teuer ist.�</p><p>�Skipphaven?� murmelte Haestan, tief in seine Pelze vergraben. �Nie geh�rt. Ist das auch eine Kirche?�</p><p>�Boote�� Grimmric verzog in nachdenklicher Erinnerung das schmale Gesicht. �Da sind Boote.�</p><p>Sludig nickte ernsthaft. �Ihr w�rdet �Schiffshafen� sagen. Die Langschiffe von Rimmersgard liegen dort.�</p><p>�Aber Rimmersm�nner fahren nicht zur See!� Haestan war �berrascht. �In ganz Osten Ard klebt kein anderes Volk so am festen Land!�</p><p>�Ja, aber das war einmal anders.� Sludigs Z�ge gl�hten im Widerschein des Feuers. �Bevor wir �ber das Meer kamen � als wir noch in Ijsgard wohnten, im verschollenen Westen �, verbrannten unsere V�ter Menschen und begruben Schiffe. Wenigstens erz�hlen das unsere Sagen.�</p><p>�Sie verbrannten Menschen?� fragte Simon erstaunt.</p><p>�Die Toten�, erkl�rte Sludig. �Unsere V�ter bauten Totenschiffe aus frischem Eschenholz und steckten sie mit den Toten auf dem Wasser in Brand, damit ihre Seelen mit dem Rauch zum Himmel aufstiegen. Aber unsere gro�en Langschiffe, die uns �ber die Meere und Fl�sse der Welt trugen � die Schiffe, die f�r uns das Leben bedeuteten wie �cker f�r die Bauern und Herden f�r die Hirten �, diese Schiffe begruben wir in der Erde, wenn sie zu alt waren, um noch seet�chtig zu sein. Dadurch sollten ihre Seelen in die B�ume wandern und sie hoch und gerade emporwachsen lassen, damit einmal neue Schiffe daraus w�rden.�</p><p>�Aber du hast gesagt, da� das jenseits des Meeres war, vor langer Zeit�, wandte Grimmric ein. �Und Saegard liegt doch hier. In Osten Ard.�</p><p>Die Sithi am Feuer verharrten stumm und reglos und lauschten gespannt Sludigs Antwort.</p><p>�Ja. Dort stie� der Kiel von Elvrits Boot zum ersten Mal auf Grund, und dort sagte er: �Wir sind �ber die schwarze See in eine neue Heimat gekommen.��</p><p>Sludig sah sich im Kreis um. �Sie haben die gro�en Langschiffe dort begraben. �Nie mehr wollen wir �ber die See segeln, in der die Drachen hausen�, erkl�rte Elvrit. �berall am Grunde des Tals, zu F��en der Berge, liegen die H�gel der letzten Schiffe. Auf der Landzunge am Rande des Wassers, unter der gr��ten Aufsch�ttung, begruben sie Elvrits Schiff Sotfengsel und lie�en nur seinen hohen Mast stehen, der aus der Erde aufragte wie ein Baum ohne �ste � und das fiel mir ein, als ich das Kloster vor mir sah.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, die Augen hell von Erinnerungen. �Auf Sotfengsels Mast wachsen Misteln. Jedes Jahr zu Elvrits Todestag sammeln junge M�dchen aus Saegard die wei�en Mistelbeeren und bringen sie zur Kirche.�</p><p>Sludig verstummte. Das Feuer zischte.</p><p>�Was du nicht erz�hlst�, sagte Jiriki nach einer Weile, �ist, wie ihr Rimmersm�nner in dieses Land kamt, nur um andere daraus zu vertreiben.�</p><p>Simon holte scharf Atem. Er hatte unter der gelassenen Miene des Prinzen etwas dieser Art vorausgesehen.</p><p>Sludig antwortete mit �berraschender Sanftmut, vielleicht, weil er immer noch die frommen Jungfrauen von Saegard vor Augen hatte. �Ich kann nicht ungeschehen machen, was meine Vorfahren getan haben.�</p><p>�Daran ist etwas Wahres�, entgegnete Jiriki, �aber auch wir <emphasis>Zida'ya-</emphasis>Sithi � werden nicht mehr die gleichen Fehler machen wie unsere Verwandten vor uns.� Er richtete den grimmigen Blick auf Binabik, der ihn feierlich erwiderte. �Einige Dinge sollten zwischen uns allen klar sein, Binbiniqegabenik. Ich habe nicht mehr als die Wahrheit gesagt, als ich dir meine Gr�nde, euch zu begleiten, nannte: ein gewisses Interesse f�r euer Ziel und eine lose, ungew�hnliche Bindung zwischen dem Menschenkind und mir. Glaube aber keinen Augenblick lang, da� ich eure Furcht teile und euren Kampf unterst�tze. Was mich angeht, so k�nnt ihr und euer Hochk�nig einander gegenseitig zu Staub zermahlen.�</p><p>�Mit Respektf�lle zu sagen, Prinz Jiriki�, wandte Binabik ein, �Ihr habt die volle Wahrheit nicht gepr�ft. Wenn es nur um den Streit sterblicher K�nige und Prinzen ginge, so s��en wir jetzt alle in Naglimund, um es zu verteidigen. Ihr wi�t aber sehr wohl, da� zumindest wir f�nf einen anderen Zweck verfolgen.�</p><p>�Dann wisse auch <emphasis>das�,</emphasis> versetzte Jiriki steif. �Selbst wenn die Jahre, die zwischen unserer Trennung von den <emphasis>Hikeda'ya �</emphasis> die ihr Nornen nennt � und heute liegen, zahlreich sind wie Schneeflocken, sind wir doch vom selben Blut. Wie k�nnten wir uns auf die Seite der Menschen, der Empork�mmlinge, stellen, wenn es um unser eigenes Geschlecht geht? Warum sollten wir das tun, wenn wir doch einst mit jenen anderen unter derselben Sonne gewandelt sind, als wir aus dem �u�ersten Osten hierher kamen? Welche B�ndnistreue k�nnten wir den Sterblichen schulden, die uns so eifrig vernichtet haben wie alles andere � sogar sich selbst?� Keiner der Sterblichen au�er Binabik hielt seinen kalten Blick aus. Jiriki hob einen langen Finger. �Und der, den ihr im Fl�sterton den Sturmk�nig nennt � er, der einst <emphasis>Ineluki</emphasis> hie߅� Er l�chelte bitter, als die Gef�hrten sich unruhig regten und ein Schauer sie �berlief. �Ja, sein blo�er Name macht euch angst! Einst war er von uns allen der Beste � herrlich anzusehen, weise �ber alles Verst�ndnis der Sterblichen hinaus, hell strahlend wie eine Flamme! Wenn er jetzt ein Wesen finsteren Grauens ist, kalt und voller Ha�, wer tr�gt die Schuld daran? Wenn er heute, k�rperlos und rached�rstend, Pl�ne schmiedet, die Menschheit von seinem Land zu fegen wie man Staub von einer Buchseite wischt � <emphasis>warum sollten wir nicht jubeln?</emphasis> Nicht Ineluki war es, der uns in die Verbannung trieb, so da� wir uns unter Aldheortes dunklen B�umen verbergen m�ssen wie das Wild, stets wachsam, damit man uns nicht entdeckt. Im Sonnenlicht schritten wir durch Osten Ard, bevor die Menschen kamen, und das Werk unserer H�nde war k�stlich unter den Sternen. Was haben die Sterblichen uns je gebracht au�er Leid?�</p><p>Niemand konnte ihm antworten, aber in dem Schweigen, das Jirikis Worten folgte, stieg ein klagender, leiser Klang empor. Voll unbekannter Worte schwebte er im Dunkel, eine Melodie von geisterhafter Sch�nheit.</p><p>Als er seinen Gesang beendet hatte, sah An'nai seinen stillen Prinzen und seine Sithikameraden an und blickte dann auf die anderen, die jenseits der tanzenden Flammen sa�en.</p><p>�Es ist eines von unseren Liedern, das einst auch die Sterblichen sangen�, murmelte er. �Die Menschen des Westens liebten es vor langer Zeit und gaben ihm Worte in ihrer Sprache. Ich will � ich will versuchen, es in eure zu �bersetzen.�</p><p>Er sah zum Himmel auf und dachte nach. Der Wind hatte sich gelegt, und als das Schneegest�ber aufh�rte, wurden die Sterne sichtbar und leuchteten kalt und fern.</p><p>Endlich begann An'nai zu singen, und die Schnalzlaute und flie�enden Vokale der Sithisprache schwangen ged�mpft in seinen Worten mit.</p><poem><stanza><v>Moos w�chst auf den Steinen von Sen� Ojhis�.</v><v>Noch warten die Schatten, als lauschten sie still.</v><v>In Da'ai Chikiza zerfallen die Mauern.</v><v>Die Schatten, sie wispern, lang, lang ist es her.</v></stanza><stanza><v>So hoch weht das Gras �ber Enki-e-Sha'osaye.</v><v>Es wandern die Schatten weit �ber das Gr�n.</v><v>Auf Nenais'us Grab fallen Blumen in Schauern.</v><v>Der dunkle Bach schweigt. Niemand trauert dort mehr.</v></stanza><stanza><v>Wohin sind sie alle?</v><v>Die W�lder, sie schweigen.</v><v>Wohin sind sie alle?</v><v>Das Lied, es verklang.</v><v>Nie tanzen sie wieder</v><v>den D�mmerungsreigen,</v><v>k�nden Lampen die Sterne,</v><v>wenn Taglicht versank�</v></stanza></poem><p>Als An'nais Stimme sich hob und die klagenden Worte liebkoste, erfa�te Simon eine nie gekannte Sehnsucht � Heimweh nach einer Heimat, die er niemals gekannt, ein Gef�hl des Verlustes f�r etwas, das ihm nie geh�rt hatte. Niemand sprach, w�hrend An'nai sang. Niemand h�tte ein Wort herausgebracht.</p><poem><stanza><v>Das Meer rauscht dahin �ber Jhin�-T'sene�.</v><v>Die Schatten, sie schlafen, in Grotten versteckt.</v><v>Blaues Eis bedeckt Tumet'ai; Schatten, sie lauern,</v><v>das Muster der Zeit ist befleckt und g�hnt leer.</v></stanza><stanza><v>Wohin sind sie alle?</v><v>Die W�lder, sie schweigen.</v><v>Wohin sind sie alle?</v><v>Das Lied, es verklang.</v><v>Nie tanzen sie wieder</v><v>den D�mmerungsreigen,</v><v>k�nden Lampen die Sterne,</v><v>wenn Taglicht versank�</v></stanza></poem><p>An'nai verstummte. Das Feuer war ein einsamer heller Fleck in einer W�ste von Schatten.</p><empty-line/><p>Das gr�ne Zelt stand ganz allein in der feuchten Leere der Ebene vor den Mauern von Naglimund. Seine W�nde hoben und senkten sich und wogten im Wind, als ob es als einziges von allen Dingen, die sich vielleicht ungesehen auf dieser riesigen offenen Fl�che bewegten, lebte und atmete.</p><p>Deornoth bi� die Z�hne zusammen, um einen abergl�ubischen Schauder zu unterdr�cken, obwohl der feuchte, messerscharfe Wind gen�gte, sie klappern zu lassen. Er sah auf Josua, der ein kleines St�ck vor ihm herritt.</p><p><emphasis>Schaut ihn an,</emphasis> dachte er. <emphasis>Als ob er seinen Bruder schon vor sich s�he � als k�nnten seine Augen mitten durch die gr�ne Seide und das schwarze Drachenwappen darauf sehen, tief in Elias' Herz.</emphasis></p><p>Als er sich nach dem dritten und letzten Mitglied ihrer Abordnung umsah, f�hlte Deornoth sein ohnehin schweres Herz noch tiefer sinken. Der junge Soldat, auf dessen Anwesenheit Josua bestanden hatte � ein gewisser Ostrael �, wirkte, als w�rde er vor lauter Angst gleich ohnm�chtig werden. Seine derben, kantigen Z�ge, deren R�te durch die sonnenlosen Fr�hjahrswochen inzwischen verbla�t war, zeigten einen Ausdruck krampfhaften, nur m�hsam unterdr�ckten Entsetzens.</p><p><emphasis>�don steh uns bei, wenn wir uns auf den verlassen m�ssen. Warum in aller Welt hat ihn Josua nur ausgesucht?</emphasis></p><p>W�hrend sie sich langsam dem Zelt n�herten, teilte sich die Zeltklappe. Deornoth straffte sich, den Bogen griffbereit. Nur ein Augenblick blieb ihm, sich selber zu verfluchen, weil er zugelassen hatte, da� sein Prinz eine so ungeheure Dummheit machte. Aber der heraustretende Soldat blickte sie nur gleichg�ltig an und trat dann neben den Eingang, um ihnen den Weg freizuhalten.</p><p>Deornoth gab Josua ein respektvolles Zeichen zu warten und spornte sein Pferd rasch einmal um das gr�ne Zelt herum. Es war gro�, ein Dutzend Schritte oder mehr nach allen Seiten, und die Haltetaue, an denen der Wind zerrte, summten unter seinem Gewicht; aber das zertretene Gras ringsum war frei von jedem Hinterhalt.</p><p>�So, Ostrael�, sagte er, als er wiederkam. �Du bleibst hier stehen, neben diesem Mann�, er deutete auf den anderen Soldaten, �und zwar so, da� man st�ndig wenigstens eine deiner Schultern in der T�r sieht, verstanden?�</p><p>Deornoth nahm das matte L�cheln des jungen Spie�k�mpfers als Best�tigung und wandte sich dem Wachsoldaten des K�nigs zu. Das b�rtige Gesicht des Mannes kam ihm bekannt vor; bestimmt hatte er ihn schon auf dem Hochhorst gesehen. �Wenn auch du dich so neben die T�r stellen w�rdest, w�re es f�r alle Beteiligten besser.�</p><p>Der W�chter verzog den Mund, trat jedoch einen Schritt n�her an den Eingang heran. Josua war bereits abgestiegen und n�herte sich der T�r. Deornoth beeilte sich, ihm zuvorzukommen und trat ein, die eine Hand locker am Schwertgriff.</p><p>�Soviel Vorsicht ist kaum vonn�ten, Deornoth�, bemerkte eine leise, aber durchdringende Stimme, �so hei�t Ihr doch, oder? Schlie�lich sind wir hier alle Ehrenm�nner.�</p><p>Deornoth blinzelte. Josua war ihm gefolgt. Innen war es schneidend kalt und finster. Die W�nde gaben ein schwaches Licht von sich, lie�en jedoch nur einen Bruchteil der Helligkeit von au�en herein, als schw�mmen die Insassen des Zeltes in einem gewaltigen, wenn auch unvollkommen geschliffenen Smaragd.</p><p>Vor ihm schwebte ein bleiches Gesicht, die schwarzen Augen wie Nadelstichl�cher ins Nichts. Im gr�nen D�mmerlicht erschien Pryrates' Scharlachgewand rostrot, von der Farbe getrockneten Blutes. �Und Josua!� sagte er im Tonfall schrecklicher Leichtfertigkeit. �So sehen wir uns wieder. Wer h�tte gedacht, da� sich seit unserem letzten Gespr�ch so vieles ereignen w�rde?�</p><p>�Haltet den Mund, Priester � oder was immer Ihr seid�, fuhr der Prinz ihn an. In seinen Worten lag soviel kalte St�rke, da� selbst Pryrates vor Erstaunen blinzelte wie eine aufgeschreckte Eidechse. �Wo ist mein Bruder?�</p><p>�Ich bin hier, Josua�, sagte eine Stimme, ein tiefes, zerbrochenes Fl�stern, das wie ein Echo des Windes klang.</p><p>In einem hochlehnigen Stuhl in der Zeltecke sa� jemand an einem niedrigen Tisch, vor dem ein zweiter Stuhl stand; die einzigen M�belst�cke in dem riesigen, schattendunklen Zelt. Josua trat n�her. Deornoth schlug den Mantel enger um sich und folgte, mehr, um nicht bei Pryrates stehenbleiben zu m�ssen, als weil er es eilig gehabt h�tte, den K�nig zu sehen.</p><p>Der Prinz nahm auf dem Stuhl gegen�ber seinem Bruder Platz. Elias sa� seltsam steif da, die Augen im Falkengesicht hell wie Edelsteine, das schwarze Haar und die blasse Stirn unter dem Ring der eisernen Hochhorstkrone. Zwischen seinen Beinen stand aufrecht ein Schwert in schwarzer Lederscheide. Die starken H�nde des Hochk�nigs ruhten auf dem Knauf �ber dem fremdartigen Doppelgriff. Obwohl er es einen Moment lang anstarrte, weigerte sich Deornoths Blick, auf dem Schwert zu verweilen; es gab ihm ein flaues Gef�hl von �belkeit, als schaue er aus gro�er H�he nach unten. Statt dessen sah er wieder den K�nig an, aber das war kaum besser; in der t�dlichen K�lte des Zeltes, in dem die Luft so eisig war, da� Deornoth sein Atem als Nebel vor den Augen stand, trug Elias nur ein �rmelloses Wams, und seine wei�en Arme, in denen unter der Haut die Sehnen zuckten, als f�hrten sie ein Eigenleben, waren bis auf die schweren Armb�nder nackt.</p><p>�So, Bruder�, sagte der K�nig und fletschte die Z�hne zu einem L�cheln. �Du siehst gut aus.�</p><p>�Du aber nicht�, erwiderte Josua knapp, und Deornoth sah die Sorge in seinen Augen. Irgend etwas Furchtbares stimmte hier nicht, das stand au�er Zweifel. �Du hast diese Unterredung gew�nscht, Elias. Was willst du?�</p><p>Die Augen des K�nigs wurden so schmal, da� der gr�ne Schatten sie verbarg. Er lie� eine lange Weile verstreichen, bevor er antwortete. �Meine Tochter. Ich will meine Tochter. Und da ist noch jemand � ein Junge � aber er ist weniger wichtig. Nein, ich will vor allem Miriamel. Wenn du sie mir auslieferst, gebe ich dir mein Wort, da� allen Kindern und Frauen in Naglimund freier Abzug gew�hrt wird. Wenn nicht, werden alle, die sich in seinen Mauern verstecken und mir Widerstand leisten � sterben.�</p><p>Er sagte das letzte Wort mit einem so selbstverst�ndlichen Mangel an Bosheit, da� der hungrige Blick, der unverh�llt �ber sein Gesicht huschte, Deornoth zutiefst erschreckte.</p><p>�Ich habe sie nicht, Elias�, erkl�rte Josua langsam.</p><p>�Wo ist sie?�</p><p>�Ich wei� es nicht.�</p><p><emphasis>�L�gner!�</emphasis> Die Stimme des K�nigs war so voller Zorn, da� Deornoth um ein Haar das Schwert gezogen h�tte, weil er glaubte, Elias wolle vom Stuhl aufspringen. Statt dessen verharrte der K�nig fast regungslos und winkte lediglich Pryrates, aus einer Kanne mit einer schwarzen Fl�ssigkeit seinen Pokal nachzuf�llen.</p><p>�Halte mich nicht f�r einen schlechten Gastgeber, weil ich dir nichts anbiete�, sagte Elias, nachdem er einen tiefen Zug genommen hatte. �Ich f�rchte nur, dieses Getr�nk w�rde dir nicht bekommen.� Er reichte den Becher Pryrates zur�ck, der ihn vorsichtig mit den Fingerspitzen ergriff und auf den Tisch stellte. �Nun also�, begann Elias von neuem, �k�nnen wir uns nicht dieses nutzlose Gepl�nkel ersparen? Ich will meine Tochter, und ich werde sie bekommen.� Sein Ton wurde auf groteske Weise kl�glich. �Hat denn ein Vater kein Recht mehr auf die Tochter, die er geliebt und gro�gezogen hat?�</p><p>Josua holte tief Atem. �Die Rechte, die du auf sie hast, gehen nur dich und sie etwas an. Ich habe deine Tochter nicht, und wenn ich sie h�tte, w�rde ich sie nicht gegen ihren Willen zu dir schicken.� Hastig, bevor der K�nig etwas entgegnen konnte, fuhr er fort. �Elias, ich bitte dich. Du warst einmal mein Bruder in allem. Unser Vater liebte uns beide, dich mehr als mich, aber unser Land liebte er noch mehr. Begreifst du denn nicht, was du tust? Nicht mit diesem Krieg allein � �don wei�, da� dieses Land schon manchen Streit erlebt hat. Aber da ist noch etwas anderes. Pryrates wei�, wovon ich spreche. Ich zweifle nicht, da� er es war, der zuerst deine Schritte auf diesen Pfad gelenkt hat.�</p><p>Deornoth sah, da� sich Pryrates bei diesen Worten des Prinzen umdrehte und eine �berraschte Atemwolke ausstie�.</p><p>�Bitte, Elias�, fuhr Josua fort, und sein strenges Gesicht war voller Trauer. �Wende dich ab von dem Weg, den du gew�hlt hast, schick das verfluchte Schwert an jene Unseligen zur�ck, die dich <emphasis>und</emphasis> Osten Ard vergiften wollen � und ich bin bereit, mein Leben in deine H�nde zu legen. Ich werde dir die Tore von Naglimund �ffnen, wie eine Jungfrau dem Geliebten ihr Fenster auftut. Ich werde jeden Stein im Himmel und auf der Erde umdrehen, um Miriamel zu finden. Wirf dieses Schwert weg, Elias! Wirf es weg! Es war kein Zufall, der ihm den Namen <emphasis>Leid</emphasis> gab.�</p><p>Der K�nig starrte Josua an wie bet�ubt. Pryrates, vor sich hin murmelnd, wollte auf ihn zueilen, aber Deornoth machte einen Satz und packte ihn. Unter seinem festen Griff wand sich Pryrates wie eine Schlange, und seine Ber�hrung hatte etwas Grausiges, aber Deornoth hielt fest.</p><p>�Bewegt Euch nicht!� zischte er Pryrates ins Ohr. �Und wenn Euer Zauber mich verbrennt � bevor ich sterbe, schneide ich Euch noch den Lebensfaden durch!� Mit dem gez�ckten Dolch stach er in die Seite des Scharlachgewandes, eben tief genug, um bekleidetes Fleisch zu ber�hren. �Ihr habt Euch hier nicht einzumischen, so wenig wie ich. Das geht nur die beiden Br�der an.�</p><p>Pryrates r�hrte sich nicht mehr. Josua hatte sich vorgebeugt und starrte den Hochk�nig an. Elias machte einen verwirrten Eindruck.</p><p>�Sie ist sch�n, meine Miriamel�, fl�sterte er leise. �Manchmal sehe ich ihre Mutter Hylissa in ihr � armes, totes Kind!� Das Gesicht des K�nigs, eben noch starr und b�se, wurde weich und verst�rt. �Wie konnte Josua das zulassen? Wie konnte er? Sie war so jung��</p><p>Tastend streckte er die wei�e Hand aus. Zu sp�t hielt Josua ihm die seine entgegen. Statt sie zu ergreifen, ber�hrten die langen, kalten Finger des K�nigs den lederumwickelten Stumpf an Josuas rechtem Arm. Seine Augen blitzen und wurden lebendig, das Gesicht verzerrte sich zu einer starren Maske der Wut.</p><p>�Kriech zur�ck in dein Versteck, Verr�ter!� fauchte er. Josua ri� den Arm zur�ck. �L�gner! <emphasis>L�gner!</emphasis> Bis auf den letzten Stein werde ich es niederrei�en!�</p><p>Der Ha�, der von dem K�nig ausging, war so schrecklich, da� Deornoth zur�cktaumelte und Pryrates sich befreien konnte.</p><p><emphasis>�Ich werde dich so v�llig vernichten�,</emphasis> donnerte Elias und wand sich in seinem Stuhl, w�hrend Josua zur Zeltt�r schritt, <emphasis>�da� Gott der Allm�chtige tausend Jahre lang, suchen kann und nicht einmal deine Seele finden wird!�</emphasis></p><p>Der junge Soldat Ostrael war von den Gesichtern Deornoths und des Prinzen so entsetzt, da� er den ganzen windverwehten R�ckweg bis nach Naglimunds d�steren Mauern lautlos vor sich hin weinte.</p></section><section><title><p>XLI</p><p>Kaltes Feuer und st�rrischer Stein</p></title><p>Langsam wich der Traum, l�ste sich auf wie Nebel, ein schrecklicher Traum, in dem ein gr�nes Meer ihn umwogte und erstickte. Es gab weder Oben noch Unten, nur unbestimmtes Licht ringsum, dazu ein Heer schneidendscharfer Schatten, Haie, alle mit Pryrates' leblosen schwarzen Augen.</p><p>Als die See von ihm abglitt, kam Deornoth nach oben, ruderte mit wild fuchtelnden Armen aus dem Schlaf in tr�bes Halbwachsein. Kaltes Mondlicht lag in Flecken auf den W�nden der Kaserne, und der regelm��ige Atem der anderen M�nner glich dem Wind in trockenen Bl�ttern.</p><p>Noch w�hrend das Herz in seiner Brust hastig flatterte, f�hlte er, wie von neuem der Schlaf nach ihm griff, ihn mit federleichten Fingern bes�nftigte, ohne Stimme in sein Ohr fl�sterte. Nach und nach glitt er wieder hinab, der Sog des Traumes jetzt sachter als vorher. Diesmal trug es ihn an einen helleren Ort, eine St�tte morgendlicher Feuchte und milder Mittagssonne: das Landgut seines Vaters in Hewenshire, wo er mit seinen Schwestern und dem �lteren Bruder bei der Feldarbeit aufgewachsen war. Ein Teil seines Ichs lag in der Kaserne � es war vor Morgengrauen, am neunten Tag des Yuven, das wu�te er �, aber ein anderer Teil war zur�ckgereist in die Vergangenheit. Wieder roch er den Moschus aufgeworfener Erde und h�rte das geduldige Knarren des Pfluggeschirrs und das taktm��ige Quietschen der Wagenr�der, als der Ochse den Karren die Stra�e zum Markt entlangzog.</p><p>Das Knarren nahm an Lautst�rke zu, w�hrend der bei�ende, lehmige Geruch der Furchen schw�cher wurde. Der Pflug kam n�her; es klang, als sei der Wagen direkt hinter ihm. Schliefen die Ochsentreiber? Hatte jemand die Ochsen unbeaufsichtigt die Felder zerstampfen lassen? Er empfand kindisches Entsetzen.</p><p><emphasis>Der Alte wird stocksauer sein � War ich das etwa? H�tte ich auf sie aufpassen sollen?</emphasis> Er wu�te, wie sein Vater aussehen w�rde, das verkniffene, vor Wut fleckige Gesicht, das keine Entschuldigung zulie�, das Gesicht Gottes, so hatte der junge Deornoth stets gedacht, der einen S�nder zur H�lle schickt. <emphasis>Mutter Elysia, mit dem Riemen wird er mich schlagen, ganz bestimmt�</emphasis></p><p>Keuchend fuhr er vom Strohsack auf. Sein Herz h�mmerte so wild wie nach dem Hai-Traum. Als Deornoth sich in der Kaserne umblickte, wurde es nach und nach langsamer.</p><p><emphasis>Wie lange bist du schon tot, Vater?</emphasis> fragte er sich selber und wischte sich mit dem Handgelenk den schnell erkaltenden Schwei� von der Stirn. <emphasis>Warum verfolgst du mich immer noch? Haben dich die Jahre und Gebete nicht �?</emphasis></p><p>J�h f�hlte Deornoth Furcht mit kaltem Finger �ber sein R�ckgrat streichen. Er war jetzt doch wach, oder etwa nicht? Warum war dann das erbarmungslose Knarren nicht verstummt, als sein halber Traum verging? Sofort war er auf den Beinen, laut schreiend, der Geist des toten Vaters ausgel�scht wie eine Kerze.</p><p>�Auf, M�nner, auf! Zu den Waffen! Die Belagerung hat begonnen!�</p><p>Im Laufen streifte er das Panzerhemd �ber, vorbei an der Reihe der Feldbetten, trat die Benommenen und Weinwirren wach, rief denen, die sein erster Aufschrei blitzartig zum Leben erweckt hatte, Befehle zu. Vom Torhaus �ber ihnen kamen Alarmrufe und das rauhe Bl�ken einer Trompete.</p><p>Den Helm schief auf dem Kopf, trabte er zur T�r hinaus. Er k�mpfte mit seinem Schwertgurt; der Schild schlug ihm gegen die Flanke. Deornoth steckte die Nase in den anderen Kasernenraum und sah dessen Bewohner bereits aufgestanden und hastig dabei, sich zu wappnen.</p><p>�Ho, Naglimunder!� rief er und schwang die Faust, w�hrend er mit der anderen den G�rtel zuhielt. �Jetzt gilt es, bei der Liebe Gottes, jetzt gilt es!�</p><p>Er l�chelte �ber den wilden Schrei, der ihm antwortete, und rannte nach der Treppe. Unterwegs richtete er sich den Helm gerade.</p><p>Der obere Stock des gro�en Torhauses in der westlichen Vormauer sah im Schein des Halbmondes sonderbar unf�rmig aus: Erst vor wenigen Tagen hatte man die Bretterverschalungen fertiggestellt, Holzw�nde und ein Dach, die die Verteidiger vor Pfeilen sch�tzen sollten. Schon wimmelte es dort oben von halbbekleideten Wachen, auf deren hin und her huschende Gestalten die durch die Bretterw�nde sickernden Mondstrahlen unheimliche Streifen malten.</p><p>�berall auf der Mauer loderten Fackeln auf. Bogensch�tzen und Spie�k�mpfer nahmen ihre Stellungen ein. Wieder kr�hte eine Trompete, wie ein Hahn, der es aufgegeben hat, auf den Morgen zu warten, und rief weitere Soldaten auf den Hof hinaus.</p><p>Der schrille Protest h�lzerner R�der wurde lauter. Deornoth starrte auf die kahle, absch�ssige Ebene unterhalb der Stadtmauer und suchte den Ursprung des Ger�usches. Er wu�te, was es sein mu�te, ohne doch wirklich auf den Anblick gefa�t zu sein.</p><p>�Gottes blutiger <emphasis>Baum!�</emphasis> fluchte er und h�rte, wie der Mann neben ihm die Verw�nschung wiederholte.</p><p>Was da langsam wie gefesselte Giganten auf sie zurollte und in den Schatten vor der Morgend�mmerung Gestalt gewann, waren sechs gewaltige Belagerungst�rme, deren h�lzerne Plattformen Naglimunds m�chtiger Vormauer an H�he keinen Zoll nachstanden. �ber und �ber mit dunklen Tierh�uten behangen, schoben sie sich vorw�rts wie baumlange, vierkantsch�dlige B�ren; das �chzen und Geschrei der M�nner, die sie bewegten, und das Kreischen der haushohen R�der klangen wie Stimmen von Ungeheuern, wie sie seit Urzeiten niemand mehr erblickt hatte.</p><p>Deornoth �berkam eine nicht unangenehme Wallung von Furcht. Endlich war der K�nig da; sein Heer stand vor ihren Toren. Beim Guten Gott, wie immer es auch ausgehen mochte, von diesem Tag w�rden einst die Lieder singen!</p><p>�Spart eure Pfeile, Dummk�pfe!� schrie er, als einige der Verteidiger wild ins Dunkel schossen, obwohl die Pfeile die noch fernen Ziele gar nicht erreichen konnten. �Wartet, wartet, wartet! Sie werden schon bald n�her bei euch sein, als es euch lieb ist!�</p><p>Wie als Antwort auf das Feuer, das auf Naglimunds W�llen loderte, lie� Elias' Heer seine Trommeln durch die Finsternis dr�hnen, ein lautes, rollendes Grollen, das nach und nach in einen schweren Doppelschlag wie von titanischen Schritten �berging. Die Verteidiger bliesen von allen T�rmen ihre H�rner � nur ein schwacher und blecherner Ton gegen das Krachen der Trommeln, aber trotzdem ein Zeichen von Leben und Widerstand.</p><p>Deornoth f�hlte eine Hand auf der Schulter und blickte auf. Neben ihm standen zwei gepanzerte Gestalten: Isorn mit dem B�renhelm und der finstere Einskaldir in einer Stahlhaube, die als einzigen Schmuck einen �ber die Nase hinuntergezogenen Metallschnabel aufwies. Die Augen des schwarzb�rtigen Rimmersmannes brannten wie Fackellicht, als er mit fester Hand nach dem Sohn seines Herrn Isgrimnur griff und ihn behutsam, aber kr�ftig zur Seite schob, um selbst auf die Zinnen hinauszutreten. Er starrte in die D�mmerung hinaus und stie� ein dumpfes Grollen aus wie ein Hund.</p><p>�Dort dr�ben�, knurrte er und deutete auf die Sockel der Belagerungst�rme, �am Fu� der gro�en B�ren: Steinschleudern und Rammb�cke.� Er zeigte auf mehrere weitere gro�e Maschinen, die hinter den T�rmen herfuhren. Darunter befanden sich einige Katapulte, die langen, starken Arme zur�ckgebogen wie die K�pfe erschreckter Schlangen. Andere sahen nur wie lederbedeckte K�sten aus, deren Innenleben die Panzerung verbarg; sie dienten dazu, wie hartschalige Krebse durch Pfeile und Steine unversehrt bis an die Mauer zu gelangen, um dort ihre jeweiligen Aufgaben auszuf�hren.</p><p>�Wo ist der Prinz?� fragte Deornoth, der den Blick nicht von den herankriechenden Maschinen losrei�en konnte.</p><p>�Schon unterwegs�, antwortete Isorn, der sich auf die Zehen gestellt hatte, um �ber Einskaldirs Kopf hinweg zu sehen. �Seitdem er von der Unterredung mit Elias zur�ckgekehrt ist, steckt er mit Jarnauga und dem Archivar zusammen. Ich hoffe nur, da� sie sich eine Wunderwaffe ausgedacht haben, um uns St�rke zu verleihen oder die des K�nigs zu mindern. Bei Gottes Wahrheit, Deornoth, schau dir diese Massen an!� Er deutete auf die dunklen Schw�rme von k�niglichen Truppen, zahlreich wie Ameisen hinter den langsam weiterrollenden T�rmen. �Es sind so verdammt viele.�</p><p>�Bei �dons Wunden!� fauchte Einskaldir und sah sich mit blutunterlaufenen Augen nach Isorn um. �M�gen sie kommen! Wir werden sie fressen und wieder ausspucken!�</p><p>�Da hast du es�, meinte Deornoth und hoffte, da� sein Gesicht auch wirklich das beabsichtigte L�cheln zeigte. �Mit Gott, dem Prinzen und Einskaldir � wovor sollten wir uns f�rchten?�</p><empty-line/><p>Das Heer des K�nigs folgte den Belagerungsmaschinen auf die Ebene hinaus und breitete sich auf den nebelnassen Wiesen aus wie Fliegen auf einer gr�nen Apfelschale. �berall schienen Zelte aus der feuchten Erde zu sprie�en wie eckige Pilze.</p><p>W�hrend die Belagerer ihre Stellungen einnahmen, kam lautlos das Morgengrauen. Die verborgene Sonne sch�lte nur eine einzige Schicht von der n�chtlichen Dunkelheit ab und tauchte die Welt in unbestimmtes graues Licht.</p><p>Auf einmal setzten sich die riesigen Belagerungst�rme, die eine lange Stunde an Ort und Stelle verharrt hatten wie d�sende Posten, wieder in Bewegung. Soldaten liefen zwischen den m�chtigen R�dern hin und her und spannten sich an die Zugseile, w�hrend die schweren Maschinen m�hsam bergan rollten. Endlich kamen sie in Schu�weite. Die Bogensch�tzen auf den W�llen gaben ihre Sch�sse ab und schrien in entsetzter Freude auf, als die Pfeile davonzischten, so als lockerten sich mit den Bogensehnen auch die Fesseln um ihre Herzen. Nach der ersten unsicheren Salve stellten sie sich allm�hlich auf ihr Schu�feld ein; viele M�nner des K�nigs sanken tot zusammen oder wurden, w�hrend sie verwundet am Boden lagen, schreiend von den erbarmungslosen R�dern der eigenen Maschinen zerquetscht. Doch f�r jeden pfeildurchbohrten Gefallenen sprang ein anderer behelmter Meisterwerker in blauer Jacke vor, um sein Tau zu �bernehmen. Unger�hrt holperten die Belagerungsmaschinen weiter auf die Mauern zu.</p><p>Jetzt waren auch die Fu�truppen des K�nigs so weit herangekommen, da� die dortigen Bogensch�tzen das Feuer erwidern konnten. Wie gereizte Bienen sausten die Pfeile zwischen den Mauern und der Erde darunter hin und her. Klappernd und knarrend n�herten sich die Maschinen der Vormauer. F�r einen kurzen Augenblick brach die Sonne durch; schon waren die Br�stungen hier und da rotgesprenkelt wie von einem sanften Regen.</p><p>�Deornoth!� Das wei�e, schmutzstreifige Gesicht des Soldaten leuchtete unter dem Helm hervor wie ein Vollmond. �Grimsted bittet Euch, sofort zu ihm zu kommen! Sie haben unter dem Dendinis-Turm Leitern an die Mauer gestellt!�</p><p>�Gottes <emphasis>Baum!�</emphasis> Deornoth bi� in ohnm�chtiger Wut die Z�hne zusammen und drehte sich zu Isorn um. Der Rimmersmann hatte einem verwundeten W�chter den Bogen abgenommen und half, die letzten paar Ellen Grund zwischen dem ersten Belagerungsturm und der Mauer freizuhalten, indem er jeden Soldaten aufspie�te, der t�richt genug war, die sch�tzende Verkleidung des zum Stehen gebrachten Turmes zu verlassen, um eines der losen Zugtaue zu ergreifen, die im Wind flatterten.</p><p>�Isorn!� schrie Deornoth. �W�hrend wir hier die T�rme abwehren, bringen sie Leitern an die S�dwestmauer!�</p><p>�Dann geh dorthin!� Isgrimnurs Sohn sah nicht von seiner Pfeilspitze auf. �Ich komme nach, sobald ich kann.�</p><p>�Aber wo steckt Einskaldir?� Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Bote voller Angst und Ungeduld von einem Fu� auf den anderen trat.</p><p>�Gott wei� es!�</p><p>Wieder stie� Deornoth einen unterdr�ckten Fluch aus, duckte sich und rannte ungeschickt hinter Grimsteds Boten her. Unterwegs sammelte er ein halbes Dutzend Wachen um sich, m�de M�nner, die sich f�r einen Augenblick im Schutz der Zinnen niedergelassen hatten, um zu verschnaufen. Als er sie rief, sch�ttelten sie bedauernd den Kopf, setzten jedoch die Helme wieder auf und folgten ihm. Deornoth geno� gro�es Ansehen; viele nannten ihn die rechte Hand des Prinzen oder, poetischer, <emphasis>die prinzliche Rechte.</emphasis></p><p><emphasis>Aber Josua hatte wenig Gl�ck mit seiner ersten Rechten,</emphasis> dachte Deornoth unfroh, w�hrend er mit eingezogenem Kopf �ber den Wehrgang eilte. Trotz der kalten grauen Luft schwitzte er. <emphasis>Ich hoffe, diese hier bleibt ihm l�nger erhalten. Wo steckt der Prinz �berhaupt? Gerade jetzt sollte er sich sehen lassen �</emphasis></p><p>Als er um die gewaltige Masse des Dendinis-Turmes bog, bemerkte er zu seinem Entsetzen, da� Grimsteds M�nner zur�ckfielen und ein Schwarm Krieger in Rot und Blau �ber die Zinnen der Vormauer str�mte � Baron Godwigs Cellodshirer.</p><p>�F�r Josua!� schrie er und st�rmte auf sie zu. Die M�nner hinter ihm nahmen den Ruf auf. Mit einem blechernen Klirren von Schwert auf Schwert drangen sie auf die Belagerer ein und schafften es, die Cellodshirer f�r kurze Zeit zur�ckzuwerfen. Ein Mann kippte aufkreischend von der Mauer, wobei er mit den Armen fuchtelte wie eine Windm�hle, als k�nne der eisige Wind ihn wieder nach oben tragen. Grimsteds M�nner fa�ten neuen Mut und machten einen Ausfall. W�hrend der Feind damit besch�ftigt war, zog Deornoth einen Spie� aus dem erstarrten Griff eines am Boden ausgestreckten Leichnams, fing von einem verirrten Speerende einen heftigen Schlag auf den K�rper ein, und stie� die erste der langen Leitern von der Mauer fort. Gleich darauf waren zwei seiner Wachen bei ihm, und gemeinsam hebelten sie die Leiter aus; sie st�rzte bebend ins Leere, w�hrend die Belagerer sich fluchend festklammerten und ihre aufgerissenen M�nder wie leere, schwarze L�cher g�hnten. Sekundenlang stand die Leiter frei zwischen Himmel und Erde, senkrecht zu beiden; dann kippte sie r�ckw�rts um und warf die Soldaten ab wie ein Ast, den man sch�ttelt, seine Fr�chte.</p><p>Bald lagen bis auf zwei alle Rotblauen auf dem Wehrgang in ihrem Blut. Die Verteidiger stie�en auch die �brigen drei Leitern um, und Grimsted lie� seine M�nner einen der gro�en Steinbl�cke herbeirollen, die zu holen die Zeit nicht mehr gereicht hatte, als der Angriff begann. Sie kippten ihn �ber die niedrige Stelle der Br�stung, so da� er krachend auf den umgest�rzten Leitern landete und sie zersplitterte wie Anmachholz. Dabei verlor ein Mann der Leiterbesatzung sein Leben, der dort, wo er hingest�rzt war, sitzengeblieben war und mit leerem Blick vor sich hinstarrte, als der gewaltige Stein auf ihn hinunterrollte.</p><p>Von den W�chtern, die die Mauer verteidigt hatten, war einer gefallen, ein b�rtiger junger Bursche, der einmal mit Deornoth gew�rfelt hatte. Eine Schildkante hatte ihm das Genick gebrochen. Auch von Grimsteds M�nnern waren vier tot, zusammengekr�mmt wie vom Wind heruntergerissene Vogelscheuchen, um sie herum sieben Krieger aus Cellodshire, die wie sie den fehlgeschlagenen Angriff nicht �berlebt hatten.</p><p>Deornoth sp�rte den Schlag gegen den Magen, den er sich zugezogen hatte. Keuchend stand er da, als der zahnl�ckige Grimsted zu ihm her�berhinkte, in der gestiefelten Wade ein zerfetztes, blutiges Loch.</p><p>�Sieben hier, und ein halbes Dutzend weitere, die von der Leiter gefallen sind�, stellte der Ritter fest und musterte die sich windenden Leiber und die Zerst�rung unter ihnen befriedigt. �Auf der ganzen Mauer dasselbe. Hat viel gr��ere Verluste als wir, K�nig Elias, viel gr��ere.�</p><p>Deornoth war �bel. Die verletzte Schulter stach, als h�tte man einen Nagel hindurchgetrieben.</p><p>�Aber der K�nig <emphasis>hat</emphasis> auch viel mehr als wir�, entgegnete er. �Er kann � sie wegwerfen � wie Apfelschalen.� In diesem Moment merkte er, da� er sich �bergeben mu�te und trat an den Rand der Mauer.</p><p>�Apfelschalen��, sagte er noch einmal und lehnte sich �ber die Br�stung. Es tat so weh, da� er sich nicht sch�mte.</p><empty-line/><p>�Bitte lies es noch einmal�, sagte Jarnauga ruhig und starrte auf seine gefalteten H�nde.</p><p>Vater Strangyeard sah auf, und sein ersch�pfter Mund wollte sich zu einer Frage �ffnen. Statt dessen erf�llte ein markersch�tterndes Krachen drau�en das Gesicht des ein�ugigen Priesters mit Panik, und er schlug hastig einen <emphasis>Baum</emphasis> �ber der Brust seiner schwarzen Kutte.</p><p>�Steine!� rief er mit schriller Stimme. �Sie werfen � sie werfen Steine �ber die Mauer! Sollten wir nicht � gibt es denn keine �.?�</p><p>�Die M�nner, die auf den Mauern k�mpfen, sind auch in Gefahr�, erwiderte der alte Rimmersmann mit strenger Miene. �Wir sind hier, weil wir hier am n�tzlichsten sein k�nnen. Unsere Kameraden suchen unter Lebensgefahr im wei�en Norden das eine Schwert. Das zweite ist bereits in der Hand des Feindes, der unsere Mauern belagert. Die geringe Hoffnung, die noch besteht, herauszufinden, was aus Fingils Klinge <emphasis>Minneyar</emphasis> wurde, ruht auf uns.� Sein Blick wurde weicher, als er den besorgten Strangyeard ansah. �Die wenigen Steine, die die innere Burg erreichen, m��ten erst die hohe Mauer hinter diesem Raum �berwinden. Das Risiko ist unbedeutend. Jetzt lies mir bitte noch einmal diese Stelle vor! Sie enth�lt irgend etwas, auf das ich meine Hand nicht legen kann, aber es scheint mir wichtig.�</p><p>Der lange Priester starrte ein paar Sekunden auf das Blatt. Im Raum war es still, bis eine Welle von Geschrei und anfeuernden Rufen, von der Entfernung ged�mpft, zum Fenster hereindrang wie ein Nebel.</p><p>Strangyeards Mund zuckte.</p><p>�Lies�, forderte Jarnauga ihn noch einmal auf.</p><p>Der Priester r�usperte sich.</p><cite><p><emphasis>�� Und so stieg Johan hinab in die Tunnel unter dem Hochhorst � dampfende Schlote und schwitzende G�nge, erf�llt vom Atem Shurakais. Unbewaffnet bis auf Speer und Schild war er, und selbst das Leder seiner Stiefel qualmte, als er sich dem Lager des Feuerdrachen n�herte; und es besteht kaum ein Zweifel, da� er soviel Angst hatte wie kaum jemals sp�ter in seinem langen Leben��</emphasis></p></cite><p>Strangyeard hielt inne. �Was n�tzt uns das, Jarnauga?� Ganz in der N�he schlug etwas dr�hnend in die Erde; es klang, als sause ein Riesenhammer nieder. Strangyeard �berh�rte es stoisch. �Willst du � soll ich weiterlesen? Den ganzen Kampf zwischen K�nig Johan und dem Drachen?�</p><p>�Nein.� Jarnauga winkte mit der knotigen Hand. �Nimm den letzten Absatz.�</p><p>Der Priester bl�tterte vorsichtig einige Bl�tter um.</p><cite><p><emphasis>�� Und so geschah es, da� er wieder heraustrat ans Licht, obwohl niemand mehr auf seine R�ckkehr gehofft hatte. Die wenigen, die am H�hleneingang zur�ckgeblieben waren � auch das ein Zeichen gro�er Tapferkeit, denn wer konnte wissen, was vor der Tunnelt�r eines gereizten Drachens alles geschehen mochte? �, stie�en vor lauter Freude und Erstaunen gewaltige Fl�che aus � vor Freude, weil sie Johan von Warinsten lebendig aus der H�hle des Lindwurms wiederkehren sahen, und vor Erstaunen �ber die riesige Klaue, mit purpurnen Schuppen und krummen Krallen, die er �ber der blutenden Schulter trug. Und als sie ihm laut rufend voraneilten und sein Pferd im Triumph durch die Tore von Erchester f�hrten, kamen die Menschen an die Fenster und auf die Stra�en gelaufen und glotzten ihn an. Manche sagen, da� diejenigen, die Johan am lautesten ein schreckliches Ende und f�r sich selber die furchtbarsten Folgen der Tat des jungen Ritters prophezeit hatten, ihm jetzt f�r seine Heldentat am eifrigsten Beifall spendeten. Als sich die Nachricht verbreitete, waren die Gassen im Nu von jubelnden B�rgern ges�umt, die Johan Blumen streuten, als er vorbeiritt, Hellnagel hoch erhoben wie eine brennende Fackel, quer durch die Stadt, die fortan die seine war��</emphasis></p></cite><p>Seufzend legte Strangyeard die Bl�tter der Handschrift sanft in das Zedernholzk�stchen zur�ck, in dem er sie aufbewahrte. �Eine wunderbare und erschreckende Geschichte, w�rde ich sagen; und Morgenes, hmmm, ja, er formuliert es gro�artig, aber was n�tzt es uns? Ohne Mangel an Respekt, verstehst du.�</p><p>Jarnauga schielte auf seine eigenen, hervortretenden Kn�chel und legte die Stirn in Falten. �Ich wei� nicht. Da ist etwas � irgend etwas steckt in dieser Geschichte. Ob mit Absicht oder nicht, Doktor Morgenes hat etwas darin verborgen. Himmel und Wolken und Steine! Ich kann es fast mit H�nden greifen! Ich komme mir vor, als w�re ich blind!�</p><p>Wieder flutete ein Schwall von L�rm durch das Fenster, laute, besorgte Rufe, dann das Klirren schwerer R�stungen, als drau�en ein Trupp Wachsoldaten �ber den Burganger rannte.</p><p>�Ich glaube nicht, da� uns noch viel Zeit zum Gr�beln bleibt, Jarnauga�, sagte Strangyeard endlich.</p><p>�Ich auch nicht�, best�tigte der Alte und rieb sich die Augen.</p><empty-line/><p>Den ganzen Nachmittag brandete die Flut von K�nig Elias' Heer gegen Naglimunds steinige Klippen. Das matte Sonnenlicht schlug glitzernde Spiegelscherben aus poliertem Metall, als Welle auf Welle gepanzerter und behelmter Soldaten die Leitern hinaufstr�mte, heldenhaft abgewehrt von den Verteidigern. Hier und da fand die Streitmacht des K�nigs f�r kurze Zeit eine L�cke in dem Ring finsterer M�nner und st�rrischer Steine, wurde aber immer wieder zur�ckgeschlagen. Der dicke Ordmaer, Baron von Utersall, stopfte f�r lange Minuten ganz allein eine dieser Breschen, k�mpfte Hand gegen Hand mit den Soldaten, die von unten die Leitern emporkletterten, erschlug vier von ihnen und hielt die �brigen auf, bis Hilfe kam, obwohl er selbst dabei t�dlich verwundet wurde.</p><p>Es war Prinz Josua pers�nlich, der einen Wachtrupp zu ihm f�hrte, den Mauerabschnitt sicherte und die Leitern zerst�rte. Josuas Schwert Naidel war ein Sonnenstrahl, der durch Bl�tter tanzt, so geschwind sauste es hin und her und verwandelte lebende M�nner in tote, w�hrend die Angreifer unhandliche Breitschwerter oder viel zu kurze Dolche schwangen.</p><p>Der Prinz weinte, als man Ordmaers Leiche fand. Die beiden waren keine Freunde gewesen, aber Ordmaer war gestorben wie ein Held, und im Pulsschlag der Schlacht erschien sein Sterben Josua pl�tzlich wie ein Sinnbild des Todes �berhaupt � des Todes aller dieser Spie�k�mpfer und Bogensch�tzen und Fu�soldaten auf beiden Seiten, die jetzt unter dem kalten, wolkigen Himmel in ihrem Blute lagen und starben. Der Prinz befahl, den gro�en, schlaffen K�rper des Barons in die Burgkapelle hinunterzutragen. Leise fluchend gehorchten seine M�nner.</p><p>Als die rot gef�rbte Sonne auf den westlichen Horizont zukroch, schien K�nig Elias' Heer nachzulassen, der Ansturm schw�cher zu werden: Die Versuche, durch die herunterzischenden Pfeilsalven die Belagerungsmaschinen an die Vormauer heranzuschieben, wirkten allm�hlich halbherzig, und beim ersten Widerstand von oben fingen die Hinaufkletternden an, ihre Leitern im Stich zu lassen. Schwer fiel es Erkynl�ndern, Erkynl�nder zu t�ten, selbst auf Befehl des Hochk�nigs, und noch schwerer, wenn die eigenen erkynl�ndischen Br�der fochten wie in die Enge getriebene Dachse.</p><p>Bei Sonnenuntergang t�nte aus den Zeltreihen ein klagender Hornruf �ber das Schlachtfeld, und Elias' Truppen begannen sich zur�ckzuziehen. Die Verwundeten und viele ihrer Toten nahmen sie mit, die mit Tierh�uten bedeckten Belagerungsmaschinen und die Sicherheitsk�sten der Mineure lie�en sie f�r die Angriffe des n�chsten Morgens stehen. Wieder erklang das Horn und die Trommeln wurden geschlagen, laut und wie um die Verteidiger daran zu erinnern, da� das riesige Heer des K�nigs gleich dem gr�nen Ozean wieder und immer wieder seine Wellen gegen sie anbranden lassen k�nne. Irgendwann, schienen die Trommeln zu verk�nden, m��te selbst der hartn�ckigste Stein zerbr�ckeln.</p><p>Die Belagerungst�rme, die vor den Mauern aufragten wie einsame Obelisken, waren eine weitere un�bersehbare Erinnerung daran, da� Elias wiederkommen w�rde. Die feuchten H�ute, die sie bedeckten, sch�tzten sie vor Schaden durch blo�e Brandpfeile, aber dar�ber hatte sich Eadgram, der Oberste der Wachen, schon den ganzen Tag Gedanken gemacht. Er hatte sich bei Jarnauga und Strangyeard Rat geholt und schlie�lich einen Plan ersonnen.</p><p>Noch w�hrend die letzten Angreifer den Hang hinab auf ihr Feldlager zuhinkten, lie� Eadgram von seinen Sch�tzen mit �l gef�llte Weinschl�uche auf die Wurfarme der beiden kleinen Steinschleudern von Naglimund laden. Sobald die Arme hochschnellten, sausten die �ls�cke �ber das freie Feld vor den Mauern und zerplatzten an der Lederverkleidung der T�rme. Danach war es nicht schwer, ein paar Brandpfeile mit pechgetr�nkten Spitzen durch die blaue D�mmerung zu schicken. Sekunden sp�ter hatten sich die vier gewaltigen T�rme in lodernde Fackeln verwandelt.</p><p>Die M�nner des K�nigs konnten nichts tun, um das Feuer zu l�schen. Als das orangerote Licht �ber den Zinnen flackerte, klatschten die Verteidiger auf den W�llen in die H�nde und stampften und riefen, ersch�pft, aber ermutigt.</p><p>Als der K�nig, in seinen weiten, schwarzen Mantel geh�llt, wie eine Schattengestalt aus dem Lager hervorritt, spotteten die Verteidiger von Naglimund. Als er sein unheimliches Schwert hob und wie ein Wahnsinniger nach Regen schrie, der die feurigen T�rme l�schen sollte, lachten sie unbehaglich. Erst nach einer ganzen Weile, w�hrend der Elias hin und her ritt und sein kohlschwarzer Umhang im kalten Wind wehte, erkannten sie allm�hlich aus dem furchtbaren Zorn in seiner Stimme, da� der K�nig wirklich erwartet hatte, der Regen, den er gerufen hatte, werde auch kommen, und da� er au�er sich vor Wut war, weil das nicht geschehen war. Das Gel�chter wurde zu angstvollem Schweigen. Einer nach dem anderen h�rten die Verteidiger von Naglimund auf zu jubeln und stiegen von den Mauern, um ihre Wunden versorgen zu lassen. Schlie�lich hatte die Belagerung kaum begonnen. Eine Unterbrechung war nicht in Sicht, und keine Ruhe diesseits des Himmels.</p><empty-line/><p>�Ich habe schon wieder diese seltsamen Tr�ume, Binabik.�</p><p>Simon hatte sein Pferd neben Qantaqa gelenkt, dem Rest der Gesellschaft ein paar Meter voraus. Es war ein klarer, aber schneidend kalter Tag, ihr siebter auf dem Ritt �ber die Wei�e W�ste.</p><p>�Was f�r Tr�ume?�</p><p>Simon r�ckte die Maske zurecht, die der Troll ihm gefertigt hatte, einen Fellstreifen mit Schlitzen zum Schutz vor dem grellen Glitzern des Schnees. �Vom Gr�nengel-Turm � es kann auch ein anderer Turm sein. Letzte Nacht habe ich getr�umt, er w�re blut�berstr�mt.�</p><p>Binabik sp�hte unter seiner eigenen Maske hervor und deutete auf einen d�nnen, grauen Streifen, der sich am Horizont am Fu� der Berge entlangzog. �Das, ich bin sicher, ist der Rand des Dimmerskogs � oder des <emphasis>Qilakitsoq,</emphasis> wie mein Volk ihn treffender nennt: des Schattenwaldes. Wir m��ten ihn in ein bis zwei Tagen erreicht haben.�</p><p>Simon starrte den �den Streifen an und f�hlte, wie ohnm�chtige Wut in ihm kochte.</p><p>�Der verdammte Wald ist mir schei�egal�, bemerkte er giftig, �und Eis und Schnee und immer wieder Eis und Schnee h�ngen mir zum Hals heraus. Wir werden in dieser gr��lichen Wildnis erfrieren und sterben! Und was ist mit meinen Tr�umen?�</p><p>Der Troll h�pfte einen Moment auf Qantaqas R�cken mit, als die W�lfin �ber eine Reihe kleiner Schneewehen hinwegsetzte. Durch den Gesang des Windes konnte man Haestan h�ren, der jemandem etwas zurief.</p><p>�Ich bin bereits erf�llt von Sorgen�, verk�ndete Binabik gemessen, als wolle er seine Rede dem Rhythmus ihres Vorw�rtskommens anpassen. �Wach lag ich in Naglimund zwei N�chte und qu�lte mich, welchen Schaden ich verursachen w�rde, wenn ich dich auf diese Reise mitn�hme. Ich wei� nicht, was deine Tr�ume bedeuten, und die einzige Art, es herauszufinden, w�re es, auf der Stra�e der Tr�ume zu gehen.�</p><p>�Wie damals bei Gelo�?�</p><p>�Aber ohne Hilfe habe ich kein Vertrauen in meine Kraft dazu � nicht hier, nicht jetzt. Es ist m�glich, da� deine Tr�ume uns Hilfe bringen k�nnten, aber dennoch scheint es mir unklug, jetzt die Traumstra�e aufzusuchen. Ich kann nur sagen, da� ich getan habe, was mir am besten schien.�</p><p>Simon dachte brummend dar�ber nach. <emphasis>Hier sind wir jetzt. Binabik hat recht. Wir sind jetzt alle hier, viel zu weit, um noch zur�ckzuk�nnen.</emphasis></p><p>�Ist Inelu��, mit Fingern, die nicht allein vor K�lte zitterten, schlug er das Zeichen des <emphasis>Baumes,</emphasis> �ist der Sturmk�nig � der Teufel?� fragte er endlich.</p><p>Binabik zog die Stirn in tiefe Falten.</p><p>�Der Teufel? Der Feind eures Gottes? Warum fragst du das? Du hast Jarnaugas Worte geh�rt � du wei�t, was Ineluki ist.�</p><p>�Ja, schon.� Ihn schauderte. �Es ist nur � ich sehe ihn in meinen Tr�umen. Jedenfalls glaube ich, da� er es ist. Rote Augen, das ist eigentlich alles, was ich erkenne, alles andere ist schwarz � wie verkohlte Scheite, in denen man noch gl�hende Stellen sieht.� Beim blo�en Gedanken daran wurde ihm �bel.</p><p>Der Troll, die H�nde in der Halskrause der W�lfin vergraben, zuckte die Achseln. �Er ist nicht euer Teufel, Freund Simon. Aber trotzdem ist er etwas B�ses, oder zumindest glaube ich, da� das, was er will, f�r uns alle B�ses bedeutet. Das ist schlimm genug.�</p><p>�Und � der Drache?� fragte Simon nach einer Weile z�gernd. Binabik drehte scharf den Kopf und sah ihn aus seltsamen geschlitzten Augen an.</p><p>�Drache?�</p><p>�Der auf dem Berg lebt. Dessen Namen ich nicht aussprechen kann.�</p><p>Binabik lachte laut auf; sein Atem war wie eine Wolke. �Igjarjuk ist sein Name. Tochter der Berge, viele Sorgen hast du, junger Freund! Teufel! Drachen!� Mit dem Finger seines Handschuhs fing er eine Tr�ne auf und hielt sie in die H�he. �Schau her!� lachte er. �Als ob es n�tig w�re, noch mehr Eis zu machen!�</p><p>�Aber es <emphasis>war</emphasis> ein Drache da!� versetzte Simon hitzig. �Alle haben es gesagt.�</p><p>�Vor langer Zeit, Simon. Es ist ein verrufener Ort, aber ich denke, da� das vor allem auf seine Abgelegenheit zur�ckzuf�hren ist. Die Legenden der Qanuc erz�hlen, da� dort einst ein riesiger Eiswurm lebte, und mein Volk meidet den Ort, aber ich glaube, da� er heutzutage wahrscheinlich nur ein Schlupfwinkel f�r Schneeleoparden und �hnliches Getier ist. Das hei�t nicht, da� es dort nichts Gef�hrliches g�be. Die <emphasis>Hunen</emphasis>, wie wir sehr wohl wissen, treiben sich neuerdings �berall herum.�</p><p>�Hei�t das dann, da� ich in Wirklichkeit gar keine Angst zu haben brauche? Nachts gehen mir immer die schrecklichsten Dinge durch den Kopf.�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, da� du keine Angst zu haben brauchst, Simon. Wir d�rfen nie vergessen, da� wir Feinde haben; und manche von ihnen scheinen in der Tat gro�e Macht zu besitzen.�</p><empty-line/><p>Wieder eine kalte Nacht in der �de; wieder ein Lagerfeuer in der dunklen Leere der Schneefelder. Nichts auf der ganzen Welt w�re Simon lieber gewesen, als zusammengerollt in Naglimund im Bett zu liegen, unter Decken versteckt, und wenn auch die blutigste Schlacht in der ganzen Geschichte von Osten Ard unmittelbar vor seiner T�r getobt h�tte. Er war �berzeugt, wenn jetzt jemand k�me und ihm einen warmen, trockenen Schlafplatz anb�te, w�rde er l�gen oder t�ten oder Usires' Namen unn�tzlich f�hren, nur um diesen Platz zu ergattern. Er sa� da, in seine Satteldecke gewickelt, damit die Z�hne nicht so klapperten, und war ganz sicher, er k�nnte f�hlen, wie ihm die Wimpern an den Lidern festfroren.</p><p>In der endlosen Finsternis hinter dem schwachen Schein des Feuers jappten und heulten die W�lfe und f�hrten lange und klagende, komplizierte Gespr�che miteinander. Vor zwei N�chten, als die Gesellschaft zum ersten Mal ihren Gesang vernommen hatte, war Qantaqa den ganzen Abend nerv�s um das Lagerfeuer herumgestrichen. Inzwischen hatte sie sich an das n�chtliche Rufen ihrer Artgenossen gew�hnt und reagierte nur manchmal mit einem bedr�ckten Winseln.</p><p>�W-warum s-sagt sie ihnen nicht auch mal w-was?� erkundigte Haestan sich besorgt. Als Mann der Ebenen des erkynl�ndischen Nordens liebte er die W�lfe ebenso wenig wie Sludig, obwohl er f�r Binabiks Reittier fast so etwas wie Zuneigung entwickelt hatte. �W-warum erkl�rt sie ihnen nicht, s-sie s-sollten weggehen und andere Leute qu�len?�</p><p>�So wie die Menschen leben auch nicht alle, die zu Qantaqas Art geh�ren, in Frieden miteinander�, erwiderte Binabik, was f�r niemanden eine Beruhigung darstellte.</p><p>Heute abend tat die gro�e W�lfin tapfer ihr Bestes, das Heulen nicht zu beachten, indem sie zu schlafen vorgab � aber sie verriet sich, als sie die gespitzten Ohren den lauter werdenden Rufen zudrehte. Das Wolfslied, fand Simon, als er sich fester in seine Decke kauerte, war so ziemlich der einsamste Klang, den er je geh�rt hatte.</p><p><emphasis>Warum bin ich nur hier?</emphasis> fragte er sich gr�belnd. <emphasis>Warum sind wir alle hier? In diesem grauenhaften Schnee suchen wir nach einem Schwert, an das seit Jahren �berhaupt niemand mehr gedacht hat. Inzwischen sitzen die Prinzessin und alle anderen Leute in der Burg und warten darauf, da� der K�nig sie angreift. Hirnverbrannt! Binabik ist im Gebirge, im Schnee, aufgewachsen � Grimmric, Haestan und Sludig sind Soldaten � was die Sithi wollen, wei� �don allein. Aber wieso bin ich hier? Welche Dummheit!</emphasis></p><p>Das Heulen verstummte. Ein langer Zeigefinger ber�hrte Simons Hand. Er fuhr vor Schreck zusammen.</p><p>�Lauschst du den W�lfen, Seoman?� erkundigte sich Jiriki.</p><p>�D-das ist schwer zu vermeiden.�</p><p>�Sie singen solch wilde Lieder.� Der Sitha sch�ttelte den Kopf. �Und gleichen euch Sterblichen. Sie singen davon, wo sie gewesen sind und was sie gesehen und gewittert haben. Sie erz�hlen einander, wo die Elche ziehen und wer sich mit wem gepaart hat, aber meistens rufen sie nur <emphasis>Ich bin! Hier bin ich!�</emphasis> Jiriki l�chelte mit verschleierten Augen und beobachtete das verglimmende Feuer.</p><p>�Und Ihr g-glaubt, das w-w�rden auch w-wir Sterblichen sagen?�</p><p>�Mit Worten und ohne Worte�, erwiderte der Prinz. �Du mu�t versuchen, es mit unseren Augen zu sehen. Den <emphasis>Zida'ya</emphasis> kommt euer Geschlecht oft wie Kinder vor. Ihr seht, da� die langlebigen Sithi nicht schlafen, da� wir die lange Nacht der Geschichte hindurch wach bleiben. Ihr Menschen wollt, wie die Kinder, mit den �lteren am Feuer aufbleiben, um die Lieder und Geschichten zu h�ren und dem Tanz zuzuschauen.� Er machte eine Geb�rde, als sei die Dunkelheit ringsum voller unsichtbarer Festg�ste.</p><p>�Aber das k�nnt ihr nicht, Simon�, fuhr er freundlich fort. �Ihr d�rft nicht. Eurem Volk wurde die Gabe des letzten Schlafes verliehen, so wie es unserer Art gegeben ist, die ganze Nacht unter den Sternen zu wandeln und zu singen. Vielleicht liegt sogar in euren Schlaftr�umen ein Reichtum, den wir <emphasis>Zida'ya</emphasis> nicht verstehen.�</p><p>Die Sterne am schwarzen Kristallhimmel schienen davonzugleiten und tiefer in der weiten Nacht zu versinken. Simon dachte an die Sithi und ein Leben, das kein Ende hatte, und konnte sich nicht vorstellen, wie das sein mochte. Eiskalt bis ins Mark � bis in die Seele, so schien es ihm � beugte er sich dichter zum Feuer und zog die feuchten Fausthandschuhe aus, um seine H�nde zu w�rmen.</p><p>�Aber auch die S-sithi <emphasis>k�nnen</emphasis> sterben, n-nicht w-wahr?� erkundigte er sich vorsichtig und verfluchte sein vom Frost verursachtes Gestotter.</p><p>Jiriki neigte sich zu ihm. Seine Augen waren schmal geworden. Einen entsetzten Moment glaubte Simon, der Sithi wolle ihn seiner dreisten Frage wegen schlagen. Statt dessen griff Jiriki nach Simons zitternder Hand und hielt sie schr�g.</p><p>�Dein Ring�, sagte er und starrte auf den fischf�rmigen Schn�rkel darauf. �Ich hatte ihn noch nicht bemerkt. Von wem hast du ihn?�</p><p>�Von m-meinem � m-meinem M-meister, k-k�nnte m-man wohl sagen�, stammelte Simon. �D-doktor M-morgenes vom Hochhorst. Er hat ihn mir nachgeschickt, zu Binabik.� Der k�hle, kr�ftige Griff der Hand des Sithiprinzen verwirrte ihn, aber er wagte sich nicht daraus zu l�sen.</p><p>�Dann geh�rst du zu denen deiner Rasse, die <emphasis>das Geheimnis</emphasis> kennen?� fragte Jiriki und musterte ihn scharf. Die Tiefe seiner goldenen Augen, denen der Feuerschein die Farbe von Rost gab, war erschreckend.</p><empty-line/><p>�G-geheimnis? N-n-nein! Nein, ich k-kenne k-kein Geheimnis.�</p><p>Jiriki starrte ihn an und hielt ihn mit seinen Augen so fest, als h�tte er Simon mit beiden H�nden am Kopf gepackt.</p><p>�Aber warum gab er dir dann den Ring?� fragte Jiriki haupts�chlich sich selber und lie� kopfsch�ttelnd Simons Hand los. �Und ich selbst gab dir einen Wei�en Pfeil! Wahrlich, einen seltsamen Weg haben die Ahnen uns gef�hrt.� Er drehte sich um und starrte in das schwach flackernde Feuer. Simons Fragen wollte er nicht beantworten.</p><p><emphasis>Geheimnisse,</emphasis> dachte Simon erbost, <emphasis>noch mehr Geheimnisse! Binabik hat welche. Morgenes hatte welche. Und die Sithi sind voll davon! Ich habe alle Geheimnisse satt. Warum hat man gerade mich f�r diese Art von Bestrafung ausgesucht? Warum will mir jeder dauernd seine bl�den Geheimnisse aufdr�ngen?</emphasis></p><p>Er weinte eine Weile lautlos vor sich hin, umarmte zitternd seine Knie und w�nschte sich lauter unm�gliche Dinge.</p><empty-line/><p>Am Nachmittag des n�chsten Tages erreichten sie die �stlichen Ausl�ufer des Dimmerskogs. Obwohl ein dichter wei�er Schneemantel den Forst bedeckte, schien er trotzdem das zu sein, was Binabik von ihm gesagt hatte: ein Ort der Schatten. Die Gesellschaft trat nicht unter sein Dach und h�tte es vielleicht nicht einmal getan, wenn ihr Weg in diese Richtung gef�hrt h�tte, so bedrohlich war die Stimmung, die von dem Wald ausging. Die B�ume wirkten trotz ihrer Gr��e � und es waren Riesen unter ihnen � zwergw�chsig und verkr�ppelt, als kr�mmten sie sich verbittert unter ihrer Last aus benadelten �sten und Schnee. Die Durchl�sse zwischen den schiefen St�mmen schienen aberwitzig gewunden und �hnelten von einem riesenhaften, berauschten Maulwurf gegrabenen Tunneln, die am Ende in gef�hrliche, r�tselhafte Tiefen f�hrten.</p><p>Simon, der fast lautlos an ihnen vor�berritt � nur die Hufe seines Pferdes knirschten leise im Schnee �, stellte sich vor, er folge den g�hnenden Pfaden in die von Borkens�ulen getragenen, wei� �berdachten Hallen des Dimmerskogs, bis er endlich � wohin kam? Was mochte dort drinnen liegen? Vielleicht das dunkle, heimt�ckische Herz des Waldes, ein Ort, an dem die B�ume miteinander einatmeten und � schuppig Ast an Ast reibend � endlose Ger�chte weitergaben oder durch Zweige und gefrorene Bl�tter boshaften Wind ausatmeten?</p><p>Auch in dieser Nacht lagerten sie im Freien, obwohl sich ganz in ihrer N�he der Dimmerskog duckte wie ein schlafendes Tier. Aber keiner wollte die Nacht unter den �sten des Waldes verbringen, vor allem Sludig nicht, der mit Geschichten �ber die gr��lichen Wesen aufgewachsen war, die in den bleichen G�ngen zwischen den B�umen lauerten. Den Sithi schien es nichts auszumachen, aber auch Jiriki war einen Teil des Abends damit besch�ftigt, sein schwarzes Hexenholzschwert zu �len. Wieder kauerte die kleine Schar um ein ungesch�tztes Feuer, und den ganzen langen Abend wehte der messerscharfe Ostwind �ber sie hin, lie� �berall gro�e Springbrunnen aus Schnee in die H�he schie�en und spielte in den Wipfeln des Dimmerskogs. Als sie sich schlafen legten, umgab sie das knarrende Ger�usch des Waldes und der vom Wind gepeitschten �ste, die sich aneinander rieben.</p><empty-line/><p>Zwei weitere langsame Tagesritte f�hrten sie um den Wald herum und �ber das letzte St�ck offener eisiger Fl�che an die Ausl�ufer des Gebirges heran. Die Landschaft war eint�nig, und die Schneekruste glitzerte im grellen Tageslicht, bis Simon vom Zusammenkneifen der Augen Kopfweh bekam; aber es schien etwas w�rmer zu werden. Zwar fiel immer noch Schnee, aber der bei�ende Wind drang nicht mehr so durch Mantel und �berrock wie drau�en vor dem breiten Windschatten der Berge.</p><p>�Seht!� rief Sludig und deutete nach dem absch�ssigen Vorfeld des Gebirges.</p><p>Zuerst sah Simon nur die allgegenw�rtigen schneebedeckten Felsen und B�ume. Dann, als sein Blick die Reihe der niedrigen H�gel im Osten entlangglitt, erkannte er eine Bewegung. Zwei merkw�rdig aussehende Gestalten � oder waren es vier, sonderbar vermischt? � zeichneten sich auf der eine Achtelmeile entfernten Kammh�he ab.</p><p>�W�lfe?� fragte er beunruhigt.</p><p>Binabik ritt mit Qantaqa aus der Gruppe der anderen heraus, bis beide sich deutlich vom Rest abhoben. Dann nahm er die hohlen H�nde in ihren Handschuhen zum Mund. <emphasis>�Yah aqonik mij'ayah nu tutusiq, henimaatuq?�</emphasis> rief er. Seine Worte hallten kurz wider und erstarben dann in den wei�verh�llten H�geln. �Eigentlich sollte man hier nicht rufen�, fl�sterte er dem verwirrten Simon zu. �Weiter oben k�nnte es Lawinen ausl�sen.�</p><p>�Aber wen rufst du?�</p><p>�<emphasis>Sch.</emphasis>� Binabik winkte mit der Hand. Sofort kamen die Gestalten ein St�ckchen den Kamm herunter und auf die Gef�hrten zu. Jetzt merkte Simon, da� es sich um zwei kleine M�nner handelte, die auf zottigen, krummgeh�rnten Widdern sa�en. Trolle!</p><p>Einer von ihnen antwortete. Binabik h�rte aufmerksam zu und drehte sich dann l�chelnd zu seinen Kameraden um.</p><p>�Sie w�nschen zu wissen, wohin wir reisen, und ob das nicht ein fleischfressender Rimmersmann ist, den wir bei uns haben, und ob er unser Gefangener sei?�</p><p>�Hol sie der Teufel!� knurrte Sludig. Binabiks L�cheln wurde breiter, und er sah wieder nach dem Kamm hinauf.</p><p><emphasis>�Binbiniqegabenik ea sikka!�</emphasis> schrie er. <emphasis>�Uc sikkan mo-hinaq da Yijarjuk!�</emphasis></p><p>Die beiden runden K�pfe in den Pelzkapuzen sahen ihn einen Augenblick an, verst�ndnislos wie von der Sonne geblendete Eulen. Gleich darauf schlug sich der eine mit der Hand auf die Brust, w�hrend der andere mit dem Arm einen weiten Kreis beschrieb. Sie rissen ihre Tiere herum und galoppierten in einer Wolke von Pulverschnee den Kamm hinauf und davon.</p><p>�Was war das?� fragte Sludig gereizt.</p><p>Binabiks Grinsen machte einen etwas gezwungenen Eindruck. �Ich habe ihnen gesagt, da� wir unterwegs zum Urmsheim sind�, erkl�rte er. �Der eine hat das Zeichen gemacht, mit dem man sich vor B�sem sch�tzt, der andere benutzte einen Zauber gegen Wahnsinnige.�</p><empty-line/><p>Die Gesellschaft schlug den Weg in die Berge ein und lagerte in einer felsigen Mulde, die sich in den Mantelsaum des Urmsheim schmiegte.</p><p>�Hier sollten wir die Pferde und alles sonst Entbehrliche zur�cklassen�, meinte Binabik, nachdem er sich das gesch�tzte Gel�nde angesehen hatte.</p><p>Jiriki schritt nach dem Eingang des Tales, lehnte sich zur�ck und starrte zum zerkl�fteten, schneebedeckten Haupt des Urmsheim hinauf, dessen Westwand die sinkende Sonne rosig f�rbte. Der Wind bl�hte den Mantel des Prinzen und blies ihm die Haare ins Gesicht wie lavendelblaue Wolkenfetzen.</p><p>�Es ist lange her, da� ich diesen Ort erblickt habe�, bemerkte er.</p><p>�Habt Ihr den Berg schon einmal bestiegen?� fragte Simon, der sich mit der Gurtschnalle seines Pferdes abplagte.</p><p>�Ich habe niemals die andere Seite des Gipfels gesehen�, antwortete der Sitha. �Das wird etwas Neues f�r mich sein � das �stlichste Reich der <emphasis>Hikeda'ya</emphasis> zu betrachten.�</p><p>�Der Nornen?�</p><p>�Damals zur Zeit der Trennung wurde ihnen alles Land n�rdlich der Berge abgetreten.� Jiriki stieg die Schneerinne wieder hinauf. �Ki'ushapo, du mu�t mit Sijandi einen Unterstand f�r die Pferde bauen. Sieh dort dr�ben � unter den �berh�ngenden Felsen wachsen ein paar kleine B�sche; das kann gut sein, wenn das Heu knapp wird.� Er fiel in die Sithisprache, und An'nai und die beiden anderen machten sich daran, ein dauerhafteres Lager zu errichten, als die M�nner es seit dem Verlassen der �Jagdh�tte� bisher genossen hatten.</p><p>�Simon, schau, was ich mitgebracht habe!� rief Binabik. Der Junge ging an den drei Soldaten vorbei, die kleinere B�ume gef�llt hatten und sie nun zu Brennholz spalteten. Der Troll hockte auf der Erde und zog in �lhaut verpackte B�ndel aus seiner Satteltasche.</p><p>�Der Schmied in Naglimund hielt mich f�r ebenso verr�ckt, wie ich klein bin�, l�chelte Binabik, als Simon n�herkam, �aber er hat mir angefertigt, was ich haben wollte.�</p><p>Aus den aufgeschn�rten B�ndeln kamen allerlei merkw�rdige Gegenst�nde zum Vorschein: mit Stacheln besetzte Metallplatten mit Riemen und Schnallen, wunderliche H�mmer mit spitzen K�pfen und Geschirre, die aussahen, als w�ren sie f�r sehr kleine Pferde bestimmt.</p><p>�Was ist das alles?�</p><p>�Um den Bergen den Hof zu machen und sie f�r uns zu gewinnen�, feixte Binabik. �Sogar wir Qanuc, so leichtf��ig wir auch sind, klettern nicht unger�stet auf die h�chsten Gipfel. Sieh, das hier schnallt man an die Stiefel� � er zeigte auf die Stachelplatten � �und dies hier sind Eispickel � sehr n�tzlich sind sie. Sludig wird sie sicher kennen.�</p><p>�Und die Geschirre?�</p><p>�Damit k�nnen wir uns aneinanderseilen. Wenn dann Graupelschauer kommen oder wir auf Drachenschnee oder zu d�nnem Eis gehen und einer von uns st�rzt, k�nnen die anderen sein Gewicht halten. H�tte die Zeit gereicht, h�tte ich auch ein Geschirr f�r Qantaqa vorbereiten lassen. Sie wird sich aufregen, wenn sie zur�ckbleiben mu�, und es wird einen traurigen Abschied geben.� Der Troll �lte und polierte und summte dabei ein leises Lied vor sich hin.</p><p>Simon starrte Binabiks Ger�tschaften stumm an. Irgendwie hatte er sich vorgestellt, eine Bergbesteigung w�re ungef�hr so wie das Erklettern der Stufen im Gr�nengel-Turm: steil aufw�rts, aber im wesentlichen nicht schwieriger als eine anstrengende Wanderung. Aber dieses Gerede von Abst�rzenden und d�nnem Eis �</p><p>�Ho, Simon, Bursche!� Das war Grimmric. �Komm her und mach dich n�tzlich. Sammel ein paar von den Sp�nen auf. Wir wollen noch einmal ein richtig sch�nes Feuer machen, bevor wir uns da oben in den Bergen umbringen.�</p><p>Wieder ragte nachts in seinen Tr�umen der wei�e Turm auf. Verzweifelt klammerte sich Simon an seine schl�pfrigen W�nde, w�hrend unter ihm die W�lfe heulten und �ber ihm eine schwarze Gestalt mit roten Augen die boshaften Glocken l�utete.</p><empty-line/><p>Der Schankwirt sah auf, den Mund schon zum Sprechen ge�ffnet, schwieg dann aber. Er blinzelte und schluckte wie ein Frosch.</p><p>Der Fremde war ein M�nch in schwarzer Kutte und Kapuze, das Gewand vielfach mit dem Schmutz der Stra�e bespritzt. Was an ihm auffiel, war seine Gr��e: Er war ziemlich lang, dabei rund wie ein Bierfa� und so breit, da� der Schankraum, ohnehin nicht besonders hell, sich merklich verdunkelt hatte, als er sich zur T�r hineindr�ngte.</p><p>�Ich � ich bedaure sehr, Vater.� Der Wirt l�chelte einschmeichelnd. Hier war ein �donitischer Gottesmann, der aussah, als k�nne er einem die S�nde aus allen Poren quetschen, wenn ihm danach zumute war. �Wonach fragtet Ihr?�</p><p>�Ich habe gesagt, da� ich im ganzen Dockviertel in allen Gassen in s�mtlichen Kneipen war und kein Gl�ck gehabt habe. Mir tut das Kreuz weh. Gib mir einen Krug von deinem besten.� Er stampfte an einen Tisch und lie� sein Gewicht auf eine �chzende Bank sinken. �Dieses verdammte Abaingeat hat mehr Gasth�user als Stra�en.�</p><p>Seine Aussprache, stellte der Wirt fest, war die eines Rimmersmannes. Das erkl�rte das nackte, rosige Aussehen seines Gesichtes; der Wirt hatte geh�rt, den M�nnern aus Rimmersgard w�chsen so dichte B�rte, da� sie sich dreimal am Tag rasieren m��ten � die wenigen jedenfalls, die ihren Bart nicht einfach stehen lie�en.</p><p>�Wir sind eine Hafenstadt, Vater�, meinte er und setzte einen ordentlichen Humpen vor den finsterblickenden M�nch hin. �Und so, wie heutzutage die Dinge liegen�, er verzog achselzuckend das Gesicht, �gibt es eben viele Fremde auf der Suche nach einer Unterkunft.�</p><p>Der M�nch wischte sich den Schaum von der Oberlippe und runzelte die Stirn. �Ich wei�. Eine verdammte Schande. Der arme Lluth��</p><p>Der Wirt sah sich unruhig um, aber die erkynl�ndischen Wachsoldaten in der Ecke achteten nicht auf sie. �Ihr sagtet, Ihr h�ttet kein Gl�ck gehabt, Vater�, bem�hte er sich, das Thema zu wechseln. �Darf ich fragen, wonach Ihr sucht?�</p><p>�Nach einem M�nch�, knurrte der gro�e Mann, �das hei�t nat�rlich, nach einem M�nchsbruder von mir � und nach einem Jungen. Ich habe alle Docks von oben bis unten nach ihnen abgek�mmt.�</p><p>Der Inhaber der Schenke l�chelte und polierte mit seiner Sch�rze einen Metallkrug. �Und hierhin hat es Euch zuletzt verschlagen? Vergebt mir, Vater, aber ich f�rchte, Euer Gott wollte Euch pr�fen.�</p><p>Der Lange brummte etwas und sah dann von seinem Bier auf. �Was meinst du damit?�</p><p>�Sie waren hier, alle beide � wenn sie es sind.�</p><p>Das befriedigte L�cheln gefror auf seinem Gesicht, als der M�nch von seiner Bank aufsprang. Sein ger�tetes Gesicht war pl�tzlich nur wenige Zoll von dem des Wirtes entfernt.</p><p>�Wann?�</p><p>�V-vor zwei, drei T-tagen � ich wei� es nicht mehr genau��</p><p>�Wei�t du es wirklich nicht mehr genau�, erkundigte der M�nch sich drohend, �oder willst du nur Geld?� Er klopfte auf seine Kutte. Der Schankwirt wu�te nicht, ob es eine Geldb�rse oder ein Messer war, auf die der seltsame Gottesmann da klopfte; er hatte den Usires-Anh�ngern nie recht getraut, und das Leben in der weltoffensten Stadt von Hernystir hatte seine Meinung von ihnen nicht verbessert.</p><p>�O nein, Vater, wirklich nicht! Sie � sie waren vor ein paar Tagen hier. Fragten nach einem Schiff, das die K�ste hinuntersegelt � nach Perdruin. Der M�nch war ein kleiner Kerl � kahlk�pfig? Der Junge mit schmalem Gesicht und schwarzem Haar? Sie waren hier.�</p><p>�Wo hast du sie hingeschickt?�</p><p>�Zum alten Gealsgiath, unten beim <emphasis>Eirgid Ramh �</emphasis> das ist die Schenke mit dem gemalten Ruder an der T�r, am Ende der Landzunge!�</p><p>Er brach best�rzt ab, als die gewaltigen H�nde des M�nchs sich um seine Schultern legten. Der Wirt, ein durchaus kr�ftig gebauter Mann, f�hlte sich so sicher gehalten wie ein Kind. Gleich darauf schwankte er unter einer rippenzerquetschenden Umarmung und konnte nur noch dastehen und nach Luft ringen, als ihm der M�nch einen goldenen Imperator in die Hand dr�ckte.</p><p>�M�ge der gn�dige Usires deine Schenke segnen, Hernystiri!� r�hrte der gro�e Mann, da� sich weit drau�en auf der Stra�e K�pfe umdrehten. �Das ist der erste gl�ckliche Moment in meinem Leben, seit ich diese gottverfluchte Suche angefangen habe!� Er donnerte zur T�r hinaus wie jemand, der aus einem brennenden Haus st�rzt.</p><p>Der Wirt holte unter Schmerzen Atem und hielt die M�nze fest, die von der m�chtigen Pranke des M�nches noch warm war.</p><p>�Verr�ckt wie die Mondk�lber, diese �doniter�, sagte er. �Irrsinnig.�</p><empty-line/><p>Sie stand an der Reling und sah Abaingeat davongleiten, bis es der Nebel verschlang. Der Wind zerzauste ihr kurzgeschnittenes schwarzes Haar.</p><p>�Bruder Cadrach!� rief sie. �Kommt her! Gibt es etwas Herrlicheres?� Sie deutete auf den stetig wachsenden Streifen gr�nes Meer, der sie von der nebligen K�stenlinie trennte. �ber dem sch�umenden Kielwasser des Schiffes kreisten und kreischten die M�wen.</p><p>Der M�nch, hinter einen Stapel festgezurrter F�sser geduckt, machte eine schlaffe Handbewegung. �Wenn es Euch nur gef�llt � Malachias. Ich bin noch nie ein gro�er Seefahrer gewesen. Wei� Gott, ich glaube auch nicht, da� diese Reise das �ndern wird.� Er wischte sich Gischt � oder Schwei� � von der Stirn. Seit sie an Bord gegangen waren, hatte Cadrach noch keinen Tropfen Wein anger�hrt.</p><p>Miriamel sah auf und bemerkte zwei Hernystiri-Matrosen, die sie vom Vorderdeck aus neugierig betrachteten. Sie senkte den Kopf, ging zu dem M�nch hin�ber und setzte sich neben ihn.</p><p>�Warum seid Ihr mit mir gekommen?� fragte sie nach einer Weile. �Das ist etwas, das ich immer noch nicht verstehe.�</p><p>Der M�nch blickte nicht auf. �Ich kam, weil die Herrin Vara mich daf�r bezahlte.�</p><p>Miriamel zog ihre Kapuze herunter. �Nichts ist besser geeignet als das Meer, einen an wirklich wichtige Dinge zu erinnern�, bemerkte sie ruhig und l�chelte. Cadrach l�chelte matt zur�ck.</p><p>�Ach ja, beim Guten Gott, das stimmt�, st�hnte er. �Mich erinnert es daran, da� das Leben s�� und die See tr�gerisch ist, und da� ich ein Narr bin.�</p><p>Miriamel schaute zu den sich bl�henden Segeln auf und nickte. �Das sind Dinge, die man nicht vergessen sollte�, erkl�rte sie feierlich.</p></section><section><title><p>XLII</p><p>Unter dem Udunbaum</p></title><p>�Es geht eben nicht schneller, Elias�, grollte Guthwulf. �Es geht nicht. Naglimund ist eine harte Nu� � sehr hart � aber das wu�tet Ihr�� Er h�rte selber, wie verwaschen seine Sprache klang; er hatte sich Mut antrinken m�ssen, um seinem alten Gef�hrten �berhaupt unter die Augen zu treten. Der Graf von Utanyeat f�hlte sich in der Gesellschaft des K�nigs nicht mehr wohl, schon gar nicht, wenn er ihm schlechte Nachrichten zu �berbringen hatte.</p><p>�Du hattest vierzehn Tage Zeit. Ich habe dir alles gegeben � Truppen, Belagerungsmaschinen � alles!� Der K�nig zupfte an seiner Gesichtshaut herum und zog die Stirn in Falten. Er wirkte ersch�pft und kr�nklich und hatte Guthwulf nicht einmal in die Augen gesehen. �Ich kann nicht l�nger warten. Morgen ist Mittsommerabend.�</p><p>�Und wieso ist das wichtig?� Guthwulf, dem es eiskalt und flau im Magen war, drehte sich um und spie das fade gewordene St�ck Citrilwurzel aus, auf dem er herumgekaut hatte. Das k�nigliche Zelt war so feucht und modrig wie der Boden eines Brunnens. �Noch nie hat jemand in nur vierzehn Tagen eine der gro�en Festungen eingenommen, selbst wenn sie schlecht verteidigt wurden � es sei denn durch Verrat; und diese Naglimunder k�mpfen wie in die Enge getriebene Ratten. Habt Geduld, Hoheit, wir brauchen nur Geduld. In ein paar Monaten k�nnten wir sie aushungern.�</p><p>�Monate!� Elias stie� ein hohles Gel�chter aus. �Monate, sagt er, Pryrates!�</p><p>Der rote Priester zeigte ein skelettartiges L�cheln. J�h verstummte das Lachen des K�nigs, und er senkte das Kinn bis fast auf den Knauf des langen, grauen Schwertes, das zwischen seinen Knien stand. Dieses Schwert besa� etwas, das Guthwulf unheimlich war, obwohl er wu�te, da� es t�richt war, sich von einem blo�en Gegenstand derart beeinflussen zu lassen. Aber wohin Elias auch ging, seit einiger Zeit hatte er st�ndig das Schwert bei sich, als sei es ein verz�rtelter Scho�hund.</p><p>�Heute ist deine letzte Chance, Utanyeat.� Die Stimme des K�nigs kam dick und schwer. �Entweder ihr �ffnet das Tor, oder ich mu� � andere Ma�nahmen ergreifen.�</p><p>Guthwulf stand schwankend auf. �Seid Ihr von Sinnen, Elias? Seid Ihr nicht bei Euch? Wie k�nnen wir denn � die Mineure sind noch nicht halbwegs unter der Mauer durch�� Schwindlig verstummte er und �berlegte, ob er zu weit gegangen war. �Warum sollte es darauf ankommen, da� morgen Mittsommerabend ist?� Wieder beugte er das Knie und sagte flehend: �Sprecht mit mir, Elias.�</p><p>Der Graf hatte einen Ausbruch seines erz�rnten K�nigs bef�rchtet, zugleich aber die schwache Hoffnung gehabt, da� sich die alte Kameradschaft doch wieder einstellen k�nnte. Beide Erwartungen wurden entt�uscht.</p><p>�Du kannst das nicht verstehen, Utanyeat�, erwiderte Elias, und seine starren, rotger�nderten Augen hefteten sich auf die Zeltwand oder die leere Luft. �Ich habe � andere Verpflichtungen. Ab morgen wird alles anders.�</p><empty-line/><p>Simon hatte geglaubt, er wisse inzwischen, was Winter sei. Nach dem Ritt durch die trostlose �de der W�ste, den endlosen wei�en Tagen voller Wind und Schnee und brennender Augen war er sicher gewesen, es gebe keine weiteren Lektionen mehr, die der Winter ihn lehren k�nne. Nach den ersten paar Tagen auf dem Urmsheim wunderte er sich selbst �ber soviel Unschuld.</p><p>Einer hinter dem anderen angeseilt, wanderten sie �ber die schmalen Eispfade und gruben sorgf�ltig Zehen und Ferse in den Boden, ehe sie den Schritt wirklich taten. Manchmal trieb sie aufkommender Wind vor sich her wie Laub, und sie mu�ten sich an die eisige Flanke des Urmsheim pressen und dort kleben bleiben, bis das Wehen nachlie�. Auch der eigene Halt war etwas Tr�gerisches; Simon, der sich als Herrscher �ber die Gipfel des Hochhorstes immer f�r einen beachtlichen Kletterer gehalten hatte, sah sich �ber schmale Wegspuren rutschen, m�hsam festgekrallt, bei denen keine zwei Ellen zwischen Wand und Abgrund lagen und nur eine wirbelnde Wolke von Pulverschnee den Pfad von der fernen Erde trennte. Der Blick vom Gr�nengel-Turm, der ihm einst als H�hepunkt der Welt erschienen war, kam ihm jetzt so kindisch und harmlos vor wie die Aussicht von einem Schemel in der Burgk�che.</p><p>Vom Bergpfad aus konnte er bald auch andere Bergspitzen und die Wolkenwirbel sehen, die sie umgaben. Unter ihm ausgebreitet lag der Nordosten von Osten Ard, aber in so gro�er Ferne, da� er lieber nicht hinsah. Aus solcher H�he hinabzuschauen tat nicht gut. Es f�hrte dazu, da� sein Herz raste und ihm der Atem in der Kehle stecken blieb. Simon w�nschte sich aus tiefster Seele, unten geblieben zu sein; jetzt aber lag seine ganze Hoffnung, je wieder herunterzukommen, im Weiterklettern.</p><p>Er stellte fest, da� er jetzt oft betete, und hoffte, da� die Erhabenheit der Umgebung seine Worte noch schneller zum Himmel aufsteigen lassen w�rde.</p><p>Die schwindelnden H�hen und sein schnell abnehmendes Selbstvertrauen waren erschreckend genug, aber Simon war durch das Seil um seine Mitte auch mit allen seinen Gef�hrten verkn�pft, mit Ausnahme der nicht angeseilten Sithi. Das bedeutete, da� er sich nicht nur eigener Fehler wegen Sorgen machen mu�te; der Fehltritt eines anderen konnte sie wie Gewichte an einer Angelschnur alle hinabziehen und kopf�ber in die grenzenlosen, wirbelnden Tiefen st�rzen lassen. Sie kamen qualvoll langsam voran, aber keiner, Simon am wenigsten, h�tte es anders gewollt.</p><p>Aber nicht alle Lehren, die der Berg ihm erteilte, waren unangenehm. Obwohl die Luft so d�nn und �tzend kalt war, da� er manchmal das Gef�hl hatte, der n�chste Atemzug k�nne ihn zum Eisblock erstarren lassen, erzeugte gerade diese Eisesk�lte der Atmosph�re in ihm eine sonderbare Begeisterung, ein Gef�hl von Offenheit und K�rperlosigkeit, so als wehe ein aufr�ttelnder Wind mitten durch ihn hindurch.</p><p>Das eisige Antlitz des Berges selbst war von schmerzhafter Sch�nheit.</p><p>Simon hatte sich im Traum nicht vorgestellt, da� Eis Farbe haben k�nnte; die zahme Sorte, die er kannte, die zur �donzeit die D�cher des Hochhorstes mit Girlanden verzierte und im Jonever die Brunnen bedeckte, war diamantklar oder von milchigem Wei�. Im Gegensatz dazu erschien ihm der Eispanzer des Urmsheim, vom Wind und der scheinbar fernen Sonne verformt, verzerrt, uneben, wie ein Traumbild voller Farben und fremdartiger Gebilde. Gro�e Eist�rme, von seegr�nen und violetten Adern durchzogen, ragten weit �ber die K�pfe der m�hsam Kletternden hinaus. An anderen Stellen waren die Eisklippen abgebrochen und in Kristallbrocken zerfallen, mit edelsteinartigen, rauhen Kanten, in st�rmischem Blau ge�tzt, die in mosaikhafter Verwirrung durcheinanderlagen wie die zur�ckgelassenen Steinbl�cke eines Riesenbaumeisters. Ein St�ck weiter standen die schwarzen Gebeine zweier erfrorener, l�ngst abgestorbener B�ume wie im Stich gelassene Posten am Eingang einer in wei�en Nebel geh�llten Spalte. Die Sonne hatte die Eiswand, die zwischen ihnen entstanden war, pergamentd�nn geschmolzen, so da� die mumifizierten B�ume Torpfosten zum Himmel zu sein schienen, das Eis zwischen ihnen ein schimmernder, verg�nglicher F�cher, der das Tageslicht in einen gl�henden Regenbogen aus rubin- und nektarinenrotem Licht aufl�ste, goldene, lavendelblaue und bla�rosige Strudel, von denen Simon �berzeugt war, da� neben ihnen selbst die ber�hmten Fenster der Sancellanischen �donitis so stumpf wie Teichwasser und Kerzenwachs aussehen w�rden.</p><empty-line/><p>Doch noch w�hrend seine strahlende Oberfl�che ihre Augen bet�rte, schmiedete das kalte Herz des Berges finstere Pl�ne gegen die ungebetenen G�ste. Am sp�ten Nachmittag des ersten Tages, w�hrend Simon und seine sterblichen Gef�hrten sich noch an den ungewohnt bed�chtigen Schritt zu gew�hnen versuchten, den ihnen Binabiks Schuhdorne aufzwangen (die Sithi, die solche Hilfsmittel verachteten, kletterten trotzdem fast genauso langsam und vorsichtig wie die anderen), verdunkelte sich der Himmel so j�h und vollst�ndig wie ein L�schblatt, �ber das man Tinte sch�ttet.</p><p>�Hinlegen!� schrie Binabik gellend, w�hrend Simon und die beiden Erkynl�nder noch neugierig auf die Stelle starrten, an der eben noch die Sonne am Himmel gestanden hatte. Hinter Haestan und Grimmric hatte Sludig sich bereits in den harten Schnee geworfen. �Flach auf den Boden!� br�llte der Troll. Haestan zerrte Simon nach unten.</p><p>Noch w�hrend er sich fragte, ob Binabik weiter vorn auf dem Pfad etwas Gef�hrliches gesehen h�tte � und wie es dann um die beiden Sithi stand, die schon hinter der Biegung verschwunden waren, die der Pfad um einen Teil der s�d�stlichen Flanke des Urmsheim machte �, h�rte Simon, wie sich das Ger�usch des Windes, seit Stunden ein leises, stetiges Pfeifen, zum Aufkreischen steigerte. Er sp�rte ein Zupfen, dann ein heftiges Zerren und grub durch den Pulverschnee die Finger in das darunterliegende Packeis. Gleich darauf drang ihm krachend ein Donnerschlag in beide Ohren. Das erste Dr�hnen hallte noch unten im Tal wider, als ihn bereits ein zweites sch�ttelte wie Qantaqa eine gefangene Ratte. Wimmernd krallte er sich am Boden fest, w�hrend die Knochenfinger des Windes ihn zerkratzten und �ber ihm immer wieder der Donner rollte, als sei der Berg, an den sie sich klammerten, der Ambo� eines ungeheuren und entsetzlichen Schmiedes.</p><p>Das Gewitter h�rte so �bergangslos auf, wie es eingesetzt hatte. Noch lange Minuten, nachdem das Schreien des Windes sich gelegt hatte, verharrte Simon dort, wo er lag, die Stirn gegen den eisigen Boden gepre�t. Als er sich endlich aufsetzte, summte es ihm in den Ohren. Aus den Tintenklecksen der Wolken tauchte die wei�e Sonne auf. Hinter ihm sa� Haestan, verst�rt wie ein Kind, mit blutender Nase, den Bart voller Schnee.</p><p>�Bei �don!� fluchte er. �Beim leidenden, geschundenen, sorgenden �don und Gott dem Allerh�chsten!� Er wischte sich die Nase mit dem Handr�cken ab und starrte t�richt auf den blutigen Streifen auf seinem Pelzhandschuh. �Was �?�</p><p>�Ein Gl�ck, da� wir auf einer breiten Stelle des Pfades standen�, sagte Binabik und richtete sich auf. Obwohl auch er voller Schnee war, sah er beinahe fr�hlich aus. �Die Gewitter kommen hier schnell.�</p><p>�Schnell�� murmelte Simon und blickte nach unten. Er hatte den Kn�chel seines rechten Stiefels mit den Dornen durchbohrt, die an den linken geschnallt waren, und es stach so, da� es bestimmt untendrunter blutete.</p><p>Einen Augenblick sp�ter erschien Jirikis schlanke Gestalt an der Wegbiegung.</p><p>�Habt ihr jemanden verloren?� schrie er. Als Binabik zur�ckrief, alle seien in Sicherheit, gr��te der Sitha sp�ttisch zu ihm her�ber und verschwand wieder.</p><p>�Ich sehe keinen Schnee an ihm�, bemerkte Sludig unfreundlich.</p><p>�Berggewitter sind sehr schnell�, erwiderte der Troll. �Aber Sithi auch.�</p><empty-line/><p>Die Gruppe verbrachte die erste Nacht im Hintergrund einer flachen Eish�hle an der Ostwand des Berges. Die Au�enkante des schmalen Pfades war nur f�nf oder sechs Ellen von ihnen entfernt, und dahinter wartete der schwarze Abgrund. Simon sa� da und schlotterte in der alles durchdringenden K�lte, von Jirikis und An'nais leisem Singen zwar getr�stet, aber nicht gew�rmt, und ihm fiel etwas ein, das einst, mitten in einem schl�frigen Nachmittag, Doktor Morgenes zu ihm gesagt hatte, als Simon sich �ber das Leben im �berf�llten, kein Alleinsein gestattenden Dienstbotenfl�gel beklagte.</p><p><emphasis>�Nimm dir nie einen Ort als Heimat�</emphasis>, hatte der alte Mann erkl�rt, in der Fr�hlingsw�rme zu faul, um mehr als einen Finger zu heben. <emphasis>�Such dir eine Heimat in deinem eigenen Kopf. Das, was du dazu brauchst � Erinnerungen, Freunde, denen du vertrauen kannst, Liebe zum Lernen und anderes mehr � wirst du schon finden.�</emphasis> Morgenes hatte gegrinst. <emphasis>�Auf diese Art wird deine Heimat dich begleiten, wohin es dich auch verschl�gt. Nie brauchst du darauf zu verzichten � solange du nicht den Kopf verlierst, nat�rlich��</emphasis></p><p>Simon wu�te immer noch nicht so ganz, was der Doktor gemeint hatte; eigentlich war er sicher, da� er sich nichts sehnlicher w�nschte, als wieder eine Heimat zu haben. Schon nach einer Woche war ihm Vater Strangyeards kahles Zimmer in Naglimund fast so vorgekommen. Dennoch war etwas Romantisches an der Vorstellung, auf freier Stra�e zu leben und seine Heimat dort zu finden, wo man gerade Rast machte, wie ein Hyrka-Pferdeh�ndler. Doch war er auch zu anderem bereit. Langsam hatte er den Eindruck, schon seit Jahren unterwegs zu sein � wie lange war es eigentlich in Wirklichkeit?</p><p>Als er anhand der Mondwechsel sorgf�ltig zur�ckgerechnet hatte, dort, wo er sich nicht mehr recht erinnern konnte, mit Binabiks Hilfe, war er v�llig verdutzt, als er feststellte, da� es � weniger als zwei Monate waren! Erstaunlich, aber wahr: der Troll best�tigte seine Vermutung, da� drei Yuven-Wochen vergangen waren, und Simon wu�te genau, da� seine Reise in jener unheilvollen Steinigungsnacht begonnen hatte � in den letzten Stunden des April. Wie sich in diesen sieben Wochen doch die Welt ver�ndert hatte! Und, dachte er dumpf, als er taumelnd in Schlaf sank, �berwiegend zum Schlechteren.</p><empty-line/><p>Am sp�ten Morgen kletterten die M�nner gerade �ber eine massive Eisscholle, die von der Schulter des Berges abgeglitten war und jetzt wie ein riesiges weggeworfenes Paket quer �ber ihrem Pfad lag, als Urmsheim zum zweiten Mal zuschlug. Mit einem gr��lichen, mahlenden Ger�usch verf�rbte sich ein langer Keil der Eisscholle von Blaugrau zu Wei� und brach ab. Er rutschte Grimmric unter den F��en weg und st�rzte zerbr�ckelnd den Berg hinunter. Dem Erkynl�nder blieb nur noch Zeit zu einem kurzen, �berraschten Aufschrei. Eine Sekunde sp�ter torkelte er in die Spalte, die der Keil hinterlassen hatte, und war verschwunden. Noch ehe Simon einen Gedanken fassen konnte, merkte er, wie Grimmrics Sturz ihn nach vorn ri�. Er stolperte und streckte verzweifelt die Hand aus, um sich an der Eiswand festzuhalten, aber die schwarze Spalte kam immer n�her. In hilflosem Entsetzen sah er durch den Ri� des Pfades einen d�nnen Streifen leere Luft und darunter die unbestimmten Umrisse der eine halbe Meile tiefer liegenden Klippen. Er schrie und merkte, da� er weiter rutschte. Vergeblich krallten sich seine Finger in den eisglatten Pfad.</p><p>Binabik war der erste am Seil. Weil er schnell und erfahren war, gelang es ihm, sich sofort nach vorn zu werfen, als er das Eis brechen h�rte; Gesicht nach unten, lag er flach auf der Erde, klammerte sich mit der einen behandschuhten Hand am Eis fest und trieb mit der anderen Pickel und Dornen so tief hinein, wie es nur irgend ging. Dann packte Haestans breite Hand Simon am G�rtel, aber selbst das Gewicht des b�rtigen Wachsoldaten konnte ihr unausweichliches Weiterrutschen nicht aufhalten. Grimmrics verborgene Last zog sie nach unten. Unter dem Rand der Spalte schrie er kl�glich und schwang hin und her, am Seil �ber schneewirbelndem Nichts h�ngend. Ganz hinten stemmte sich Sludig gegen den Boden und brachte Simons und Haestans Vorw�rtsbewegungen f�r einen Augenblick zum Stehen. Angstvoll schrie er nach den Sithi.</p><p>An'nai und Prinz Jiriki kamen bereits den Bergpfad herunter. Sie sprangen leichtf��ig wie Schneehasen �ber die pudrige Oberfl�che. Hastig schlugen sie die eigenen Pickel tief in das Eis und befestigten mit raschen Knoten das Ende von Binabiks Seil daran. Der Troll, dadurch befreit, kletterte mit den beiden Sithi um den Rand der Spalte herum und nach hinten zu Sludig, um ihm zu helfen.</p><p>Simon sp�rte, wie der Zug an seinem G�rtel st�rker wurde. Langsam wich die Spalte vor ihm zur�ck. Er glitt r�ckw�rts. Er w�rde nicht sterben! Wenigstens nicht in diesem Augenblick. W�hrend er wieder Halt zu finden versuchte, b�ckte er sich nach einem heruntergefallenen Fausthandschuh, und sein Kopf h�mmerte.</p><p>Nachdem jetzt die gesamte Schar an den Seilen zog, gelang es endlich, Grimmric � inzwischen bewu�tlos, das Gesicht in der Kapuze grau � durch die L�cke im Eis nach oben zu hieven und in Sicherheit zu schleifen. Auch als er wieder wach war, dauerte es noch Minuten, bis Grimmric seine Gef�hrten wiedererkannte, und er schlotterte wie in t�dlichem Fieber. Sludig und Haestan bauten aus zwei Pelzm�nteln eine Bahre, um ihn zu tragen, bis man anhalten und lagern konnte.</p><p>Als sie eine tiefe Kluft fanden, die so weit in den Berg hineinreichte, da� hinten das Gestein zutage trat, hatte die Sonne die Mitte des Himmels noch kaum �berschritten, aber es blieb ihnen nichts �brig, als schon jetzt ihr Lager aufzuschlagen. Mit Brennholz, das sie am Fu� des Urmsheim zusammengesucht und f�r Anl�sse wie diesen mitgeschleppt hatten, z�ndeten sie ein kleines, kaum kniehohes Feuer an. Bibbernd und mit klappernden Z�hnen lag Grimmric daneben und wartete auf den Trolltrank, den Binabik m�hevoll zubereitete, indem er Kr�uter und Pulver aus seinem Rucksack mit geschmolzenem Schnee verr�hrte. Niemand mi�g�nnte dem Soldaten die kostbare Hitze.</p><p>Im Laufe des Nachmittages stieg der schmale Sonnensplitter, der wie ein Pfeil in die Kluft eingedrungen war, an den blauen W�nden hinauf und verschwand dann, und eine noch st�rkere und qualvollere K�lte setzte ein. Simons Muskel bebten wie Lautensaiten, und trotz der Pelzkapuze schmerzten ihn die Ohren. Er merkte, wie er � so kopf�ber und hilflos, wie er auf die nackte Leere der Spalte zugerutscht war � in einen Wachtraum hineinglitt. Aber statt der �den K�lte, die er erwartet hatte, empfing ihn sein Traum mit warmen, duftenden Armen und hie� ihn willkommen.</p><empty-line/><p><emphasis>Es war wieder Sommer � wie lange mochte das her sein? Doch nein, die Jahreszeiten hatten ihren Kreis endlich wieder vollendet, und die hei�e, erwartungsvolle Luft war voller Bienengesumm. Die Fr�hlingsblumen hingen jetzt prall und �berreif am Stengel, knusprig braun an den R�ndern wie Judiths Hammelpasteten, die in den Ofen der Burg brutzelten. In den Feldern unterhalb der Hochhorstmauern f�rbte sich das Gras langsam gelb, um die alchimistische Umformung einzuleiten, die bis zum Herbst dauern w�rde � bis es dann in goldenen, duftenden Garben aufgestapelt dalag und das Land wie mit kleinen H�uschen �bers�t aussah.</emphasis></p><p><emphasis>Simon konnte die Hirten schl�frig vor sich hin singen h�ren, w�hrend sie ihre bl�kenden Sch�tzlinge �ber die Wiesen f�hrten; es klang wie ein Echo der Bienen. Sommer! Bald, das wu�te er, w�rden die Feste beginnen � das Sankt-Sutrins-Fest, Hlafmansa � aber zuerst das, was er am liebsten hatte: Mittsommerabend�</emphasis></p><p><emphasis>Mittsommerabend, wenn alles anders war als sonst und man sich verkleidete, wenn maskierte Freunde und kost�mierte Feinde sich unerkannt in der atemlosen Dunkelheit begegneten, wenn die ganze schlaflose Nacht hindurch Musik spielte, der Heckengarten mit Girlanden aus Silberb�ndern geschm�ckt war, und lachende, springende Figuren die Stunden des Mondes bev�lkerten�</emphasis></p><empty-line/><p>�Seoman?� Eine Hand ber�hrte seine Schulter und r�ttelte ihn sanft. �Seoman, du weinst ja. Wach auf.�</p><p>�Die T�nzer � die Masken��</p><p>�Wach auf!� Wieder sch�ttelte ihn die Hand, diesmal kr�ftiger. Er schlug die Augen auf und schaute in Jirikis schmales Gesicht, nur Stirn und Wangenknochen im tr�ben, schr�gen Licht.</p><p>�Du scheinst einen Angsttraum gehabt zu haben�, sagte der Sitha und hockte sich neben Simon nieder.</p><p>�Aber � das war es eigentlich gar nicht.� Er schauderte. �Es war Ssommer � es war M-mittsommerabend.�</p><p>�Aha.� Jiriki hob die Brauen und zuckte dann geschmeidig die Schultern. �Ich glaube, du bist vielleicht durch Reiche gewandert, in denen du dich nicht aufhalten solltest.�</p><p>�Was k�nnte am Sommer sch�dlich sein?�</p><p>Wieder zuckte der Sithiprinz die Achseln und holte aus seinem Mantel � mit der Geb�rde eines Lieblingsonkels, der ein Spielzeug aus der Tasche zieht, um ein flennendes Kind abzulenken � einen gl�nzenden, in einen zierlich geschnitzten Holzrahmen gefa�ten Gegenstand hervor.</p><p>�Wei�t du, was das ist?� fragte Jiriki.</p><p>�Ein � ein Spiegel.� Simon verstand nicht, worauf der Sitha hinauswollte. Wu�te er, da� Simon den Spiegel in der H�hle in den H�nden gehabt hatte?</p><p>Jiriki l�chelte. �Ja. Ein ganz besonderer Spiegel, mit einer sehr langen Geschichte. Wei�t du, was man mit einem solchen Spiegel anfangen kann? Au�er sich das Gesicht zu rasieren, wie die Menschen das tun?� Er strich Simon mit dem ausgestreckten, k�hlen Finger �ber die flaumige Wange. �Kannst du es dir denken?�</p><p>�Etwas s-sehen, das w-weit w-weg ist?� erwiderte Simon nach einem Augenblick des Z�gerns und wartete auf den Ausbruch, der bestimmt folgen w�rde.</p><p>Der Sitha machte gro�e Augen. �Du hast von den Spiegeln des <emphasis>Sch�nen Volkes</emphasis> geh�rt?� fragte er endlich voller Verwunderung. �Kommen sie immer noch in euren Geschichten und Liedern vor?�</p><p>Simon h�tte jetzt leicht der Wahrheit aus dem Weg gehen k�nnen. Statt dessen �berraschte er sich selber.</p><p>�Nein. Ich habe hineingeschaut, als wir in Eurer � Jagdh�tte waren.�</p><p>Zu seiner noch gr��eren �berraschung machte Jiriki bei diesem Gest�ndnis nur ein noch erstaunteres Gesicht. �Du hast andere Orte darin gesehen? Mehr als ein Spiegelbild?�</p><p>�Ich sah � ich sah die Prinzessin Miriamel � m-meine Freundin.� Er nickte und strich �ber ihren blauen Schal, den er sich um den Hals geknotet hatte. �Es war wie ein Traum.�</p><p>Der Sitha starrte d�ster auf den Spiegel, nicht zornig, sondern als w�re das Glas die Oberfl�che eines Teiches, unter der ein unsichtbarer Fisch dahinscho�, den er gern finden wollte.</p><p>�Du bist ein junger Mann von gro�er Willenskraft�, erkl�rte er schlie�lich langsam, �gr��er, als du selbst es wei�t � entweder das, oder es haben dich auf irgendeine Weise andere M�chte ber�hrt�� Er sah von Simon wieder auf den Spiegel und schwieg eine Weile.</p><p>�Dieser Spiegel ist uralt�, fuhr er dann fort. �Er soll eine Schuppe des Urwurmes sein.�</p><p>�Was bedeutet das?�</p><p>�Der Urwurm, das ist der Wurm, von dem es in vielen Sagen hei�t, er ringele sich um die Welt. Wir Sithi jedoch sehen den Wurm als etwas, das alle Welten gleichzeitig umschlingt, die wachenden und die tr�umenden � die, die waren, und die, die sein werden. Er bei�t sich selbst in den Schwanz, so da� er weder Ende noch Anfang hat.�</p><p>�Ein Wurm? Meint Ihr einen D-d-drachen?�</p><p>Jiriki nickte, eine abrupte Bewegung wie bei einem Vogel, der nach K�rnern pickt. �Es hei�t auch, alle Drachen stammten von diesem Urwurm ab, und jeder sei geringer als sein Vorg�nger. Igjarjuk und Shurakai waren weniger gewaltig als ihre Mutter Hidohebhi, die ihrerseits nicht so ungeheuer war wie ihr Vater Khaerukama'o der Goldene. Wenn das alles stimmt, werden die Drachen eines Tages ganz aussterben � sofern sie es nicht schon getan haben.�</p><p>�D-das w-w�re gut�, meinte Simon.</p><p>�Wirklich?� Wieder l�chelte Jiriki, aber seine Augen blieben kalte, gl�nzende Steine. �Die Menschen werden gro�, w�hrend die gro�en Lindw�rmer � und andere � kleiner werden. Das scheint der Lauf der Welt zu sein.� Er streckte sich mit der bebenden, glatten Anmut einer soeben erwachten Katze. �Der Lauf der Welt�, wiederholte er.</p><p>�Aber ich habe diese Schuppe des Urwurmes hervorgeholt, weil ich dir etwas zeigen wollte. M�chtest du es sehen, Menschenkind?�</p><p>Simon nickte.</p><p>�Diese Reise war nicht einfach f�r dich.� Jiriki warf �ber die Schulter einen schnellen Blick auf die anderen, die um Grimmric und das winzige Lagerfeuer kauerten. Nur An'nai sah auf, und zwischen den beiden fand ein unerkl�rlicher, blitzschneller Gedankenaustausch statt. �Schau�, sagte Jiriki.</p><p>Der Spiegel, den er in der hohlen Hand hielt wie einen kostbaren Schluck Wasser, schien sich zu kr�useln. Aus seiner Dunkelheit, nur gespalten von einem zackigen, hellgrauen Streifen, dem Spiegelbild des Himmels �ber der Kluft, in der sie sa�en, schienen langsam gr�ne Lichtpunkte zu wachsen wie seltsame Pflanzensterne, die am Abendhimmel keimten. �Ich will dir einen wirklichen Sommer zeigen�, erkl�rte Jiriki leise, �wirklicher als alle, die du bisher erlebt hast.�</p><p>Die schimmernden gr�nen Flecken begannen zu flackern und miteinander zu verschmelzen, funkelnde Smaragdfische, die an die Oberfl�che eines schattigen Teiches stiegen. Simon f�hlte, wie er in den Spiegel hineingezogen wurde, obwohl er seinen Platz nicht verlie� und sich nur dar�ber beugte. Aus dem einen Gr�n wurden viele, so viele Schattierungen und T�ne, wie es �berhaupt gab. Gleich darauf hatten sie sich in ein erstaunliches Gewirr von Br�cken, T�rmen und B�umen aufgel�st: eine Stadt und ein Wald, ineinandergewachsen, mitten aus einer grasigen Ebene in die H�he geschossen � keine Stadt, �ber die ein Wald hinweggewachsen war wie in <emphasis>Da'ai Chikiza,</emphasis> nein, eine bl�hende, lebendige Verschmelzung von Pflanze und poliertem Stein, von Myrte, Jade und Viridian.</p><p><emphasis>�Enki-e-Shao'saye�,</emphasis> fl�sterte Jiriki. Das Gras auf der Ebene neigte sich �ppig im Wind; scharlachrote, wei�e und himmelblaue Banner wehten wie Blumen von den ausladenden T�rmen der Stadt. �Die letzte und gro�artigste Stadt des Sommers.�</p><p>�Wo � ist � sie?� hauchte Simon, hingerissen und bezaubert von soviel Sch�nheit.</p><p>�Nicht wo, Menschenkind � frag lieber, <emphasis>wann.</emphasis> Die Welt ist nicht nur gr��er, als du wei�t, Seoman, sie ist auch viel, viel �lter. <emphasis>Enki-e-Shao'saye</emphasis> ist schon lange zu Staub zerfallen. Es lag im Osten des gro�en Waldes.�</p><p>�Zerfallen?�</p><p>�Es war der letzte Ort, an dem Zida'ya und Hikeda'ya noch zusammenlebten, vor der gro�en Trennung. Es war eine Stadt voller Handwerkskunst, vor allem aber voller Sch�nheit; selbst der Wind in den T�rmen machte Musik, und die Lampen in der Nacht leuchteten so hell wie Sterne. Nenais'u tanzte im Mondlicht an ihrem Waldteich, und die bewundernden B�ume neigten sich, um ihr zuzuschauen.� Er sch�ttelte langsam den Kopf. �Das alles ist nicht mehr. Es war der Sommer meines Volkes. Jetzt stehen wir weit im Herbst.�</p><p>�Ist nicht mehr?� Simon konnte die Trag�die noch immer nicht fassen. Ihm war, als k�nne er in den Spiegel hineingreifen und einen der nadelspitzen T�rme mit dem Finger ber�hren. Er f�hlte, wie ihm Tr�nen in die Augen stiegen. Keine Heimat! Die Sithi hatten ihre Heimat verloren � einsam und heimatlos durchstreiften sie die Welt.</p><p>Jiriki strich mit der Hand �ber den Spiegel, der sich sofort tr�bte. �Dahin�, sagte er. �Aber solange es eine Erinnerung gibt, bleibt auch der Sommer. Und selbst der Winter vergeht.� Er sah Simon lange an, und der Ausdruck von Kummer und Entsetzen im Gesicht des Jungen lie� endlich ein kleines, vorsichtiges L�cheln auf Jirikis Z�ge treten.</p><p>�Sei nicht traurig�, meinte er schlie�lich und klopfte Simon leicht auf den Arm. �Noch ist das Helle nicht ganz aus der Welt verschwunden � noch nicht. Und nicht alle sch�nen Orte sind verfallene Ruinen. Noch gibt es <emphasis>Jao �-Tinukai'i</emphasis>, die Wohnung meiner Familie und meines Volkes. Vielleicht, wenn wir beide heil von diesem Berg hinunterkommen, wirst du es eines Tages sehen.� Er grinste sein seltsames Grinsen, als habe er einen Plan. �Vielleicht��</p><empty-line/><p>Der Rest des Aufstieges zum Urmsheim � drei weitere Tage auf schmalen, gef�hrlichen Pfaden, kaum mehr als Eisb�nder, oder mit m�hsam hineingehackten Hand- und Fu�rasten �ber glatte, glasige Eisfelder, zwei weitere N�chte voll heimt�ckischer, z�hneknirschender K�lte � verging f�r Simon wie ein fl�chtiger, wenn auch schmerzhafter Traum. In der furchtbaren M�digkeit, die ihn qu�lte, klammerte er sich an Jirikis Geschenk des Sommers � denn es <emphasis>war</emphasis> ein Geschenk, das verstand er � und war getr�stet. W�hrend seine tauben Finger sich m�hsam festkrallten und die erstarrten F��e sich anstrengten, auf dem Weg zu bleiben, dachte er daran, da� es irgendwo W�rme und Dinge wie ein Bett und saubere Sachen geben w�rde � sogar �ber ein Bad w�rde er sich freuen! Das alles wartete irgendwo da drau�en, wenn er es nur schaffte, den Kopf weit genug einzuziehen, um lebendig wieder von diesem Berg herunterzukommen.</p><p>Wenn man sich einmal wirklich Gedanken dar�ber machte, gr�belte, gab es gar nicht so vieles im Leben, das man <emphasis>wirklich</emphasis> brauchte. Zuviel W�nsche zu haben war schlimmer als Habgier: Es war Dummheit � Verschwendung kostbarer Zeit und M�he.</p><p>Langsam arbeitete sich die kleine Schar um das Bergmassiv herum, bis die Sonne, wenn sie morgens aufging, ihnen �ber die rechte Schulter schien. Die Luft wurde schmerzhaft d�nn und zwang sie, h�ufig stehenzubleiben und Atem zu holen; selbst der z�he Jiriki und der geduldige An'nai bewegten sich langsamer, die Glieder schwer wie von lastenden Gew�ndern. Die Menschen schleppten sich m�hsam vorw�rts. Nur der Troll machte eine Ausnahme. Grimmric war dank der St�rke des Qanuc-Elixier wieder auf die Beine gekommen, schlotterte und hustete jedoch beim Klettern.</p><p>Von Zeit zu Zeit schwoll der Wind an und trieb die Wolken, die die Schultern des Urmsheim dicht umgaben, auseinander wie zerfetzte Gespenster. Langsam kamen dann auch die schweigenden Nachbarn des Berges zum Vorschein, zerkl�ftete Gipfel, hoch �ber der Erde von Osten Ard in erhabene Gespr�che vertieft, unbek�mmert um die unw�rdige und winzige Landschaft zu ihren F��en. Binabik, der die k�rperlose Luft des Daches der Welt so bequem atmete, als s��e er in der Vorratskammer von Naglimund, zeigte seinen keuchenden Gef�hrten den breiten, felsigen Mintahoq im Osten und mehrere andere Berge, die die Troll-Fj�lle von Yiqanuc begrenzten.</p><empty-line/><p>Sie stie�en ganz �berraschend darauf, als sie noch gut die H�lfte des Berges vor sich hatten. Gerade k�mpften sie sich m�hsam �ber einen Felsvorsprung, das Halteseil zwischen ihnen straff wie eine Bogensehne, jeder Atemzug ein Brennen in den Lungen, da h�rten sie von einem der Sithi, der vorausgeklettert und nicht mehr zu sehen war, einen seltsamen, pfeifenden Aufschrei. So schnell sie nur konnten, st�rzten die Gef�hrten den Felsen hinauf; die Frage, was wohl dort auf sie wartete, blieb unausgesprochen. Binabik, der erste am Seil, blieb oben auf dem Kamm stehen, ein wenig schwankend, um das Gleichgewicht zu halten.</p><p>�Tochter der Berge!� Der Troll rang nach Atem. Eine Dampfwolke str�mte aus seinem Mund. Er stand da und r�hrte sich nicht. Simon kletterte vorsichtig die letzten paar Schritte zu ihm hinauf.</p><p>Zuerst sah er weiter nichts vor sich als ein neues, weites Tal voller Schnee. Gegen�ber erhob sich die wei�e Bergwand, die rechte Seite stand der Luft und dem Himmel offen, und eine Reihe verschneiter Klippen zog sich an der Flanke des Urmsheim in die Tiefe. Simon drehte sich um und wollte Binabik fragen, warum er gerufen hatte. Die Frage erstarb ihm auf den Lippen.</p><p>Auf der linken Seite grub das Tal sich tief in den Berg hinein. Der Talboden stieg an, w�hrend sich die hohen W�nde immer mehr einander n�herten. An ihrem h�chsten Punkt, vom Boden hinaufreichend bis in das Dreieck graublauen Himmels, ragte ihnen der Udunbaum entgegen.</p><p>�Elysia, Mutter Gottes!� sagte Simon mit brechender Stimme. �Mutter Gottes�, wiederholte er.</p><p>Angesichts der ungeheuerlichen, aberwitzigen Unwahrscheinlichkeit der Erscheinung hielt er sie im ersten Augenblick tats�chlich f�r einen Baum � einen titanischen Eisbaum, tausend Fu� hoch, dessen Myriaden �ste in der Mittagssonne funkelten und blitzten, w�hrend eine Krone aus Nebel die unfa�bar hohe Spitze verh�llte. Erst als er endlich selbst glaubte, da� es Wirklichkeit war, was er da sah � da� ein solches Wunder in einer Welt existieren konnte, die auch so profanen Dingen wie Schweinen, Gartenz�unen und R�hrsch�sseln Platz bot �, erkannte er allm�hlich, was tats�chlich vor ihm lag: ein gefrorener Wasserfall, entstanden aus jahrelang heruntergetropftem, geschmolzenem Eis und Schnee, gefangen in Millionen Eiszapfen, ein kristallenes Ma�werk �ber einem zerkl�fteten, steinernen Grat, der den Stamm des Udunbaumes bildete.</p><p>Jiriki und An'nai standen nur wenige Ellen oberhalb der Talmulde wie angewurzelt und blickten zu dem Baum auf. Simon folgte Binabik und stieg nicht ohne M�he zu ihnen hinunter; er f�hlte, wie sich das Seil um seine Mitte spannte, als Grimmric oben ankam und ebenfalls zu Stein erstarrte, und wartete dann geduldig ab, bis es Haestan und Sludig genauso ergangen war. Endlich waren sie alle, stolpernd und geistesabwesend, durch den tiefen Schnee auf den Talboden hinunter geklettert. Die Sithi sangen leise vor sich hin und k�mmerten sich nicht um ihre menschlichen Gef�hrten. Lange Zeit sprach keiner ein Wort. Die Majest�t des Udunbaumes schien allen den Atem zu rauben, und die M�nner standen nur da und starrten, als sei ihr Inneres von allem leer.</p><p>�Wir wollen weitergehen�, sagte endlich Binabik. Simon schrak zusammen und war pl�tzlich w�tend auf den Troll, dessen Stimme ihm vorkam wie ein frecher Eindringling.</p><p>�D-d-das ist d-das verd-dammteste Ding, d-das ich je gesehen habe�, stotterte Grimmric.</p><p>�Hier ist der alte schwarze Einaug zu den Sternen hinaufgestiegen�, bemerkte Sludig leise. �Gott verzeih mir die S�nde, aber ich kann seine Gegenwart noch f�hlen.�</p><p>Binabik schlug den Weg �ber die offene Talsohle ein. Die anderen, vom am Geschirr des Trolls befestigten Seil weitergezogen, folgten schnell. Der Schnee war schenkelhoch und erlaubte nur ein langsames Vorw�rtskommen. Nachdem sie mit M�he ungef�hr drei�ig Schritte zur�ckgelegt hatten, ri� Simon den Blick von dem Schauspiel los und sah nach hinten. An'nai und Jiriki waren nicht mitgekommen; die beiden Sithi standen Seite an Seite, als warteten sie auf etwas.</p><p>Sie stapften weiter. Die Talw�nde beugten sich noch tiefer zu ihnen hinunter, wie fasziniert von den seltenen Wanderern. Simon sah jetzt, da� der Sockel des Eisbaumes aus einer riesigen, von L�chern durchsetzten Halde verstreuter Ger�lltr�mmer bestand, verdeckt von den herabh�ngenden unteren �sten � die nat�rlich keine wirklichen �ste waren, sondern unz�hlige, �bereinandergeflossene Schichten geschmolzener und wieder gefrorener Eiszapfen, die untere immer breiter als die n�chsth�here, so da� die untersten Zweige �ber dem Felsengewirr eine Decke bildeten, halb so gro� wie ein Turnierplatz.</p><p>Sie waren inzwischen so nah herangekommen, da� die gewaltige Eiss�ule fast durch das Dach des Himmels hindurchzureichen schien. Als Simon unter Schmerzen den Kopf zur�cklegte, um einen letzten Blick auf die kaum sichtbare Baumspitze zu werfen, �berkam ihn eine Welle von �berraschung und Furcht. Sekundenlang wurde ihm schwarz vor Augen.</p><p><emphasis>Der Turm! Aus meinen Tr�umen! Der Turm mit den �sten</emphasis>! Benommen stolperte er und fiel in den Schnee. Haestan streckte wortlos die breite Hand aus und hob ihn auf. Simon wagte einen zweiten Blick in die H�he, und ein Angstgef�hl, das mehr war als nur Schwindel, �berschwemmte ihn.</p><p>�Binabik!� schrie er. Der Troll, der gerade in der violetten Dunkelheit verschwinden wollte, die der Schatten des Udunbaumes war, drehte sich hastig um.</p><p>�Still, Simon!� zischte er. �Wir wissen nicht, ob wir nicht durch laute Worte scharfes Eis lockern, was wir dann sehr bedauern w�rden.�</p><p>Simon lief durch den klebrigen Schnee weiter, so schnell er konnte.</p><p>�Binabik, das ist der Turm, von dem ich getr�umt habe � ein wei�er Turm mit �sten wie ein Baum! Das ist er!�</p><p>Der Troll musterte die Haufen von gewaltigen Felsbl�cken und Steintr�mmern an der dunklen Unterseite des Baumes. �Ich dachte, du h�ttest den Glauben gehabt, es w�re der Gr�nengel-Turm im Hochhorst, den du sahst?�</p><p>�Ja, das habe ich auch � das hei�t, es war etwas von beiden. Aber ich hatte diesen hier ja noch nie gesehen, darum wu�te ich nicht, da� ein Teil davon auch ein Teil <emphasis>hiervon</emphasis> war! Verstehst du?�</p><p>Binabik zog die buschigen schwarzen Brauen hoch. �Wenn wir das n�chste Mal Zeit finden, werde ich die Kn�chel werfen. Jetzt aber haben wir einen Auftrag, der noch unerf�llt ist!�</p><p>Er wartete, bis die Nachz�gler herangekommen waren, bevor er fortfuhr. �Es ist mein Gedanke�, erkl�rte er, �da� wir bald ein Lager aufschlagen sollten. Danach k�nnen wir die letzten Tageslichtstunden dazu benutzen, nach Zeichen von Colmunds Schar oder dem Schwert <emphasis>Dorn</emphasis> zu suchen.�</p><p>�Werden sie�, Haestan deutete auf die weit zur�ckgebliebenen Sithi, �dabei helfen?�</p><p>Bevor Binabik eine Meinung dazu �u�ern konnte, stie� Grimmric einen aufgeregten Pfiff aus und deutete auf die Steintr�mmer. �Seht doch!� rief er. �Ich denke, hier war schon jemand vor uns. Seht euch nur die Steine da oben an!�</p><p>Simon folgte den Fingern des Soldaten zu einer Stelle etwas weiter oben zwischen den Felsen am Hang. Dort waren im Eingang eines der h�hlenartigen L�cher mehrere Reihen Steine aufgeschichtet.</p><p>�Du hast recht!� rief Haestan. �Er hat recht! So gewi�, wie Tunaths Gebeine von Norden nach S�den liegen � da oben hat sich jemand ein Lager gebaut.�</p><p>�Vorsichtig!� mahnte Binabik eindringlich, aber Simon hatte bereits sein Geschirr abgestreift und war in das Ger�ll hineingeklettert. Dort, wo er vorsichtig die F��e hinsetzte, l�sten sich kleine Lawinen. In wenigen Augenblicken hatte er die H�hle erreicht und blieb, auf einem lockeren Stein schwankend, davor stehen.</p><p>�Diese Mauer wurde ganz bestimmt von Menschen errichtet!� rief er aufgeregt nach unten. Die �ffnung der H�hle war vielleicht drei Ellen breit, und jemand hatte eilig, aber nicht ungeschickt, im Eingang Felsen aneinandergeschichtet � vielleicht, um die W�rme nicht hinauszulassen, vielleicht auch, um Tiere am Eindringen zu hindern.</p><p>�Schrei nicht, Simon, freundlicherweise�, warnte Binabik. �Wir sind gleich bei dir.�</p><p>Ungeduldig sah Simon zu, wie die anderen zu ihm hinaufstiegen. Alle Gedanken an d�nne Luft und t�dliche K�lte waren f�r den Augenblick vergessen. Als Haestan gerade �ber den Steinhaufen klettern wollte, erschienen auch die beiden Sithi unter den �berh�ngenden �sten des Udunbaumes. Nachdem sie einen kurzen Blick auf die Szene geworfen hatten, n�herten sie sich der H�hle so gewandt wie zwei von Ast zu Ast h�pfende Eichh�rnchen.</p><p>Simon brauchte einen Moment, bis sich sein Blick an das tiefere Dunkel im Inneren der niedrigen H�hle gew�hnt hatten. Als er endlich wieder etwas sehen konnte, dauerte es keine weitere Sekunde, bis seine Augen gro� wurden vor Entsetzen.</p><p>�Binabik! Es ist � sie sind��</p><p>Der Troll, der aufrecht stehen konnte, wo Simon hocken mu�te, schlug sich mit dem Handballen aufs Brustbein.</p><p><emphasis>�Qinkipa!�</emphasis> sagte er. �Sie haben auf unser Kommen gewartet.�</p><p>�berall in der H�hle lagen gebr�unte Menschenknochen. Die Skelette, nackt bis auf Ausr�stungsgegenst�nde und Schmuck aus verwittertem schwarzem und gr�nem Metall, sa�en an die H�hlenw�nde gelehnt da. Eine d�nne Eisschicht lag �ber ihnen wie sch�tzendes Glas.</p><p>�Ist das Colmund?� fragte Simon.</p><p>�Usires steh uns bei�, w�rgte hinter ihm Sludig, �nur weg von hier! Die Luft mu� voller Gift sein.�</p><p>�Hier ist kein Gift�, erwiderte Binabik tadelnd. �Und ob das Herrn Colmunds Leute sind, nun, es scheint mir eine starke Wahrscheinlichkeit zu sein.�</p><p>�Es ist eine interessante Frage, wie sie wohl gestorben sein m�gen.� In der kleinen H�hle klang Jirikis Stimme erstaunlich laut. �Wenn sie froren, warum dr�ngten sie sich dann nicht w�rmesuchend aneinander?� Er deutete auf die in der Kammer verstreuten Knochen. �Und wenn ein Tier sie get�tet hat � oder sie sich gegenseitig umbrachten �, wieso sind dann die Knochen so sorgf�ltig geordnet, als habe sich einer nach dem anderen ordentlich zum Sterben hingelegt?�</p><p>�Es gibt Geheimnisse hier, �ber die eines Tages lange zu sprechen sich lohnt�, entgegnete der Troll, �aber wir haben andere Pflichten, und das Licht schwindet schnell.�</p><p>�Kommt alle her�, sagte Sludig mit einer Stimme von schrecklicher Eindringlichkeit, �hierher!�</p><p>Er stand vor einem der Skelette. Obwohl die Knochen zu einem rostroten Haufen zusammengesackt waren, hatte es immer noch das Aussehen eines mitten im Gebet vorn�ber gefallenen Menschen, der mit ausgestreckten Armen gekniet hatte. Zwischen den Knochen der beiden H�nde, die halb unter Eis versteckt waren wie Steine in einer Schale mit Milch, lag ein langes, in froststarres, moderndes �ltuch gewickeltes B�ndel.</p><p>J�h schien alle Luft aus der H�hle zu weichen. Ein angespanntes, erstickendes Schweigen legte sich auf die Versammelten. Der Troll und der Rimmersmann knieten nieder, als wollten sie dem Beispiel der uralten Gebeine folgen, und begannen mit den Eispickeln auf das gefrorene B�ndel einzuhacken. Das �ltuch splitterte wie Borke. Ein langer Streifen sprang ab. Darunter zeigte sich tiefe Schw�rze.</p><p>�Es ist kein Metall�, sagte Simon entt�uscht.</p><p>�Dorn ist auch nicht aus Metall�, brummte Binabik, �jedenfalls aus keinem Metall, das du je gesehen hast.�</p><p>Sludig gelang es, die Spitze seines Pickels unter das versteinerte Tuch zu schieben, und mit Haestans kr�ftiger Hilfe rissen sie einen zweiten Streifen herunter. Simon schnappte nach Luft. Binabik hatte recht: Was da wie ein kohlschwarzer Schmetterling aus dem Gef�ngnis seiner Verpuppung zum Vorschein kam, war kein gew�hnliches Schwert; es war ein Schwert, wie er es noch nie erblickt hatte: so lang wie der Raum zwischen den ausgebreiteten Armen eines Mannes, von Fingerspitze zu Fingerspitze, und schwarz. Die Reinheit dieser Schw�rze wurde von den Farben, die an seiner Schneide funkelten, nicht getr�bt, so als sei diese Klinge so �bernat�rlich scharf, da� sie selbst das matte Licht in der H�hle noch in Regenbogen zerschnitt. W�re die Silberschnur nicht gewesen, die sich als Halt f�r die Hand um den Griff schlang und das freiliegende Stichblatt und den Knauf so pechschwarz lie� wie den Rest der Klinge, h�tte es den Anschein gehabt, als stehe das Schwert �berhaupt in keiner Beziehung zu den Menschen. Vielmehr h�tte es trotz seiner Symmetrie wie etwas nat�rlich Gewachsenes gewirkt, die reine Essenz nat�rlicher Schw�rze, durch Zufall manifestiert in der Gestalt eines wundervollen Schwertes.</p><p>�Dorn�, fl�sterte Binabik, und seine Zufriedenheit hatte einen Unterton von Ehrfurcht.</p><p>�Dorn�, wiederholte Jiriki, und Simon konnte sich seine Gedanken, als er das Schwert bei seinem Namen nannte, nicht einmal ann�hernd vorstellen.</p><p>�Dann ist es das also wirklich?� fragte Sludig. �Es ist sehr sch�n. Was konnte sie t�ten, solange sie eine Klinge besa�en wie diese?�</p><p>Alle starrten weiter auf die Waffe. Endlich richtete sich Grimmric, dem H�hleneingang am n�chsten, aus der Hocke auf und schlug die d�nnen Arme um sich.</p><p>�Wie der Troll sagen w�rde, �Schwerter kann man nicht essen�. Ich mache uns Feuer f�r die Nacht.� Er trat vor die H�hle und streckte sich. Dabei pfiff er vor sich hin; die Melodie, zuerst leise, erklang bald lauter.</p><p>�In den Felsspalten w�chst Gestr�pp, das vielleicht zusammen mit unserem Anmachholz brennen wird�, rief Sludig ihm nach.</p><p>Haestan beugte sich vor und ber�hrte die schwarze Klinge vorsichtig mit dem Finger. �Kalt�, l�chelte er. �Ist ja auch kein Wunder, was?� Er wandte sich, merkw�rdig sch�chtern, an Binabik. �Darf ich es aufheben?�</p><p>Der Troll nickte. �Aber vorsichtig.�</p><p>Haestan lie� die Finger unter den schnurumwickelten Griff gleiten und zog, aber das Schwert r�hrte sich nicht. �Festgefroren�, meinte er. Wieder zog er, diesmal fester, aber mit genauso wenig Erfolg. �Richtig fest angefroren�, keuchte er und zerrte mit aller Macht. Sein Atem stieg als Wolke empor.</p><p>Sludig lehnte sich hin�ber, um ihm zu helfen. Drau�en vor der H�hle h�rte Grimmric zu pfeifen auf und murmelte etwas Unverst�ndliches.</p><p>Als Rimmersmann und Erkynl�nder gemeinsam anpackten, bewegte sich das schwarze Schwert endlich, aber anstatt mit einem Ruck die Fesseln des Eises zu durchbrechen, glitt die Klinge lediglich ein kleines St�ck zur Seite und blieb dort liegen.</p><p>�Es ist nicht angefroren�, schnaufte Sludig. �Es ist schwer wie ein M�hlstein. Wir k�nnen es zu zweit kaum bewegen!�</p><p>�Wie bekommen wir es dann den Berg hinunter, Binabik?� fragte Simon. Am liebsten h�tte er gelacht. Es war alles so albern und sonderbar � ein Zauberschwert zu finden und es dann nicht mitnehmen zu k�nnen! Er streckte die Hand aus und f�hlte das tiefe, kalte Gewicht des Schwertes � und noch etwas. Wurde es warm? Ja, irgend etwas wie unbestimmtes Leben regte sich unter der kalten Oberfl�che, wie eine schlafende Schlange, die langsam erwacht � oder bildete er sich das nur ein?</p><p>Binabik betrachtete die unbewegliche Klinge und kratzte sich nachdenklich im zottigen Haar. Da kam Grimmric in die H�hle zur�ck, wild mit den Armen rudernd. Noch w�hrend sich alle nach ihm umdrehten, brach er in die Knie und sackte vorn�ber, schlaff wie ein Mehlsack.</p><p>Ein schwarzer Pfeil, eine andere Art von Dorn, bebte in seinem R�cken.</p><empty-line/><p>Blaues Licht badete die Silbermaske und malte ihre Umrisse in bleichem Feuer. Das Gesicht unter der Maske war einst Vorbild ihrer gemei�elten, unmenschlichen Sch�nheit gewesen, aber kein lebendes Wesen wu�te heute noch, was die Maske bedeckte. Seitdem Utuk'kus Gesicht f�r immer unter ihren schimmernden Linien verschwunden war, hatte die Welt sich unz�hlige Male gedreht.</p><p>Die bl�ulich �berhauchte Maske wandte sich und betrachtete die riesige Steinhalle und ihre tiefen Schatten. Sie musterte ihre hin und her eilende Dienerschar, die sich m�hte, ihre Befehle zu erf�llen. Ihre Stimmen erklangen in Liedern zu ihrem Preis und Gedenken; ihre wei�en Haare flatterten im ewigen Wind der Halle der Harfe. Beif�llig lauschte sie dem Echo der dr�hnenden Hexenholzh�mmer im endlosen Irrgarten der G�nge, die das gefrorene Nakkiga durchzogen, den Berg, den die Nornen <emphasis>Maske der Tr�nen</emphasis> nannten. Bei den Menschen hie� ihr Wohnort Sturmspitze, und Utuk'ku wu�te, da� er sie in ihren Tr�umen verfolgte � und das war gut so. Das silberne Gesicht nickte befriedigt. Alles war bereit.</p><p>Die Harfe, die im Nebel �ber dem Gro�en Brunnen schwebte, st�hnte pl�tzlich auf � ein trostloser Ton, wie Wind in den hohen P�ssen. Die Nornenk�nigin wu�te, da� es nicht <emphasis>seine</emphasis> Stimme war � nicht Er, der die Atmende Harfe zum Singen und Heulen bringen, Er, dessen wildes Lied die gesamte Brunnenhalle von unfa�lichen Melodien widerhallen lassen konnte. Eine geringere Stimme war es, die durch die Harfe kroch, in ihren unendlichen R�tseln gefangen wie ein Insekt in einem versiegelten Labyrinth.</p><p>Sie hob einen in silberwei�em Handschuh steckenden Finger wenige Zoll �ber den schwarzen Stein ihres Thrones und machte eine winzige Geb�rde. Das St�hnen wurde lauter, und im Nebel �ber dem Brunnen zitterte etwas und wurde sichtbar � das graue Schwert Jingizu, das in schmerzhaftem Licht pulsierte. Jemand hielt es fest, eine Schattengestalt, die Hand ein formloser Knoten um Jingizus Griff.</p><p>Utuk'ku verstand. Sie brauchte den Bittsteller nicht zu sehen. Das Schwert war da, weit wirklicher als jeder Sterbliche, dem sein Besitz f�r eine kurze Weile gestattet war.</p><p><emphasis>Wer tritt vor die K�nigin der Hikeda'ya?</emphasis> fragte sie, obwohl sie die Antwort l�ngst wu�te.</p><p><emphasis>Elias, Hochk�nig von Osten Ard,</emphasis> erwiderte die Schattengestalt. <emphasis>Ich habe mich entschlossen, die Bedingungen Eures Meisters anzunehmen.</emphasis></p><p>Das Wort �Meister� erregte ihren Unwillen. <emphasis>Sterblicher,</emphasis> entgegnete sie endlich mit k�niglicher L�ssigkeit, <emphasis>was du w�nschst, sollst du erhalten. Aber du hast lange gewartet � fast zu lange.</emphasis></p><p><emphasis>Es gab �</emphasis> Das Schattenwesen mit dem Schwert in der Hand schwankte, als sei es ersch�pft. Wie fleischlich, wie schwach doch diese Sterblichen waren! Wie hatten sie es nur fertiggebracht, so viel Schaden anzurichten? <emphasis>Ich dachte,</emphasis> fuhr es fort, <emphasis>es w�rde alles � anders ausgehen. Jetzt willige ich ein.</emphasis></p><p><emphasis>Nat�rlich willigst du ein. Und du sollst erhalten, was dir versprochen wurde.</emphasis></p><p><emphasis>Habt Dank, o K�nigin. Auch ich werde Euch geben, was ich versprochen habe.</emphasis></p><p><emphasis>Nat�rlich.</emphasis></p><p>Sie senkte die behandschuhten Finger, und die Erscheinung verschwand. Tief im Inneren des Brunnens gl�hte ein rotes Licht auf, als Er kam. Er nahm die Harfe in Besitz, und sie vibrierte in einer Note vollendeten Triumphes.</p><empty-line/><p>�Ich � ich will nicht sterben�, keuchte Grimmric. Blutigen Schaum auf Kinn und Wangen, die schiefen Z�hne bleich im aufgerissenen Mund, sah er aus wie ein Hase, den die Hunde gefangen und zerrissen haben. �Es � es ist so verdammt kalt.� Ein Schauer �berlief ihn.</p><p>�Wer war das?� quiekte Simon, der vor Schreck und Panik die Herrschaft �ber seine Stimme verloren hatte.</p><p>�Ganz gleich�, murmelte Haestan und beugte sich �ber seinen am Boden liegenden Landsmann, �sie haben uns hier drin wie Ratten in der Falle.�</p><p>�Wir m�ssen weg!� fauchte Sludig.</p><p>�Wickelt euch die M�ntel um den Arm�, sagte Binabik und holte das Blasrohr aus seinem Wanderstab. �Wir haben keine Schilde gegen die Pfeile, aber das wird wenigstens eine Hilfe sein.�</p><p>Ohne ein Wort zu sagen schritt Jiriki �ber den dahingestreckten Grimmric hinweg nach dem H�hleneingang. An'nai kam mit schmalen Lippen hinterher.</p><p>�Prinz Jiriki �?� begann Binabik, aber der Sithi achtete nicht auf ihn.</p><p>�Kommt�, sagte Sludig, �wir k�nnen sie nicht allein hinausgehen lassen.� Er hob sein Schwert von dem Mantel, auf den er es gelegt hatte.</p><p>W�hrend die anderen den Sithi zur �ffnung der H�hle folgten, warf Simon einen Blick auf das schwarze Schwert Dorn. Sie hatten einen so langen Weg zur�ckgelegt, um es zu finden � sollten sie es jetzt verlieren? Was war, wenn sie entkamen, aber von der H�hle abgeschnitten wurden und nicht zur�ckkehren konnten? Er legte die Hand auf den Griff und sp�rte wieder das seltsame Erbeben. Er zog daran, und zu seiner Verbl�ffung bewegte die Klinge sich. Ihr Gewicht war gewaltig, aber mit Hilfe beider H�nde schaffte er es, sie von dem gefrorenen H�hlenboden zu l�sen.</p><p>Was war das? Ihm schwindelte. Zwei starke M�nner hatten das Schwert nicht heben k�nnen, und ihm gelang es? Magie?</p><p>Vorsichtig schleppte Simon die lange, qualvoll schwere Klinge zu seinen Gef�hrten hin�ber. Haestan nahm gerade seinen Mantel ab, aber anstatt ihn um den Arm zu wickeln, legte er ihn sanft �ber Grimmric. Der Verwundete hustete und spie wieder Blut. Beide Erkynl�nder weinten.</p><p>Bevor Simon ein Wort �ber das Schwert sagen konnte, trat Jiriki aus der H�hle und stellte sich auf den davorliegenden Felsvorsprung, keck wie ein Gaukler.</p><p>�Zeigt euch!� schrie er, und die eisigen Talw�nde warfen schallend das Echo zur�ck. �Wer wagt es, die Gef�hrten Prinz Jirikis anzugreifen, Shima'onaris Sohn, Spro� des Hauses der Tanzenden Jahre? Wer will Krieg f�hren mit dem Zida'ya?�</p><p>Wie als Antwort kam ein Dutzend Gestalten die steilen Talw�nde hinunter und blieb in einem Abstand von hundert Ellen vom Fu� des Udunbaumes stehen. Sie waren alle bewaffnet, trugen Blendmasken und wei�e Kapuzenm�ntel und zeigten auf der Brust das dreieckige Mal der Sturmspitze.</p><p>�Nornen?� �chzte Simon und verga� f�r eine Sekunde den seltsamen Gegenstand in seinen Armen.</p><p>�Das sind keine Hikeda'ya�, antwortete An'nai kurz. �Es sind Sterbliche, die Utuk'kus Befehl folgen.�</p><p>Einer der Verh�llten machte einen hinkenden, steifbeinigen Schritt nach vorn und nahm die Maske ab. Simon erkannte die sonnverbrannte Haut und den fahlen Bart. �Entfernt Euch, Zida'ya�, sagte Ingen Jegger, und seine Stimme klang langsam und kalt. �Der J�ger der K�nigin hat keinen Streit mit Euch. Es sind die Sterblichen, die sich hinter Euch ducken, die sich mir widersetzen und denen ich nicht erlauben kann, diesen Ort zu verlassen.�</p><p>�Sie stehen unter meinem Schutz, Sterblicher.� Prinz Jiriki klopfte auf sein Schwert. �Geh nach Hause und setz dich wieder unter Utuk'kus Tisch � hier gibt es keine Kr�mel f�r dich.�</p><p>Ingen Jegger nickte. �So sei es.� Er winkte nachl�ssig mit der Hand, und sofort hob einer der J�ger den Bogen und scho�. Jiriki sprang zur Seite und ri� Haestan, der unmittelbar hinter ihm gestanden hatte, mit sich. Der Pfeil zersplitterte an einem Felsen neben dem H�hleneingang.</p><p>�Hinlegen!� schrie der Prinz. Gleichzeitig sandte An'nai seinerseits einen Pfeil ab. Die J�ger unten zerstreuten sich, wobei sie einen der ihren mit dem Gesicht nach unten im Schnee liegen lie�en. Simon und seine Gef�hrten hasteten in gro�en Spr�ngen �ber die schl�pfrigen Felsen zum Fu� des Eisbaumes. Pfeile zischten an ihnen vorbei.</p><p>Es dauerte nur Minuten, bis die mageren Pfeilvorr�te beider Seiten ersch�pft waren, allerdings nicht ohne da� Jiriki einen zweiten von Ingens R�ubern durchbohrt hatte, indem er das Auge des fliehenden Mannes so s�uberlich mit dem Pfeil traf, als sch�sse er einen Apfel von einer Steinmauer. Neben dem Sithi-Prinzen wurde Sludig ins Fleisch des Oberschenkels getroffen, aber der Pfeil war vorher von einem Stein abgeprallt, und der Rimmersmann konnte die Spitze herausziehen und hinkend Deckung suchen.</p><p>Simon duckte sich hinter einer Felsnase, die ein Teil des Udunbaum-Stammes war, und verw�nschte sich, weil er seinen Bogen und die kostbaren Pfeile oben in der H�hle gelassen hatte. Er sah zu, wie An'nai, dessen K�cher inzwischen auch leer war, den Bogen fortwarf und das schlanke, dunkle Schwert aus der Scheide zog; das Gesicht des Sitha war so unger�hrt, als repariere er Z�une. Simon war ganz sicher, da� man ihm die �berw�ltigende Angst an der Nasenspitze ansehen m��te, das Herz, das immer wieder aussetzte, das hohle Gef�hl im Magen. Er sah hinunter auf <emphasis>Dorn</emphasis> und f�hlte wieder, wie etwas darin zum Leben erwachte. Die Schwere hatte sich verwandelt, belebt, als w�re sie voller summender Bienen; das Schwert kam ihm vor wie ein gefesseltes Tier, das den verlockenden Duft der Freiheit einatmet und sich zu regen beginnt.</p><p>Ein St�ckchen weiter links, auf der anderen Seite des steinernen Stammes, schlichen Haestan und Sludig nach vorn, indem sie die riesigen, herabh�ngenden Eis�ste als Deckung benutzten. Unten im Tal sammelte Ingen, jetzt sicher vor Pfeilen, seine J�ger zum Angriff.</p><p>�Simon!� zischte jemand. Erschrocken fuhr der Junge herum und sah Binabik, der �ber seinem Kopf auf der Felsnase hockte.</p><p>�Was machen wir jetzt?� fragte Simon und versuchte dabei erfolglos, seiner Stimme einen gleichm�tigen Klang zu geben. Der Troll seinerseits starrte fassungslos auf <emphasis>Dorns</emphasis> schwarze L�nge hinunter, die sich in Simons Arme schmiegte wie ein Kind.</p><p>�Wie �?� begann Binabik, das runde Gesicht voller Staunen.</p><p>�Ich wei� nicht. Ich habe es einfach hochgehoben. Ich wei� wirklich nicht! <emphasis>Was machen wir jetzt?�</emphasis></p><p>Der Troll sch�ttelte den Kopf. �Du bleibst, wo du bist. Ich werde helfen, so gut ich kann. Ich w�nschte nur, ich h�tte einen Speer.� Er sprang leichtf��ig nach unten und �bersch�ttete Simon im Vorbeijagen mit einer Wolke von kleinen Steinchen.</p><p>�F�r Josua Ohnehand!� br�llte Haestan und st�rmte unter den vorspringenden �sten des Udunbaumes hervor und in das wei�e Tal hinunter. Sludig hinkte zielstrebig hinterdrein. Sobald sie den Tiefschnee erreichten, wurden sie langsamer; es sah aus, als liefen sie durch Sirup. Ingens J�ger kamen ihnen im gleichen z�gernd-t�dlichen Tanz entgegen.</p><p>Haestan hob das schwere Schwert, aber noch bevor er den Angreifern gegen�berstand, fiel die erste Gestalt im wei�en Mantel und umklammerte mit den H�nden ihren Hals.</p><p>�Yiqanuc!� schrie Binabik triumphierend und hockte sich hin, um sein Blasrohr neu zu stopfen.</p><p>Das Tal hallte von Schwertgeklirr wider, als Ingens erste M�nner auf Haestan und Sludig trafen. Zwar folgten ihnen die Sithi, die leichtf��ig �ber den Schnee flogen, auf dem Fu�e, aber dennoch waren die Gef�hrten weit in der Minderzahl. Eine flache Klinge traf Haestans Sch�del unter der Kapuze, und er ging in einer Wolke von Schnee zu Boden. Nur An'nai, der sich mit einem Satz vor ihn stellte, verhinderte, da� er sofort aufgespie�t wurde.</p><p>Klingen blinkten im matten Sonnenlicht, und Wut- und Schmerzensschreie �bert�nten beinahe noch das Klirren des Metalls. Simon sah mit sinkendem Mut, da� Binabik, dessen �brige Dornen sich gegen die dicken M�ntel der J�ger als wirkungslos erwiesen hatten, das lange Messer aus dem G�rtel zog.</p><p><emphasis>Wie kann er so tapfer sein? Er ist doch so klein � sie werden ihn t�ten, bevor er nahe genug an sie herankommt!</emphasis></p><p>�Binabik!� schrie er und sprang auf. Er schwang das schwere schwarze Schwert �ber den Kopf und sp�rte, wie ihn die entsetzliche Last niederzwingen wollte, w�hrend er noch vorw�rtsstolperte.</p><p>Pl�tzlich hob sich unter seinen F��en die Erde. Breitbeinig torkelte er weiter. Es kam ihm vor, als wanke der ganze Berg. Ein grollendes Aufkreischen durchbohrte ihm die Ohren. Es klang, als schleife man einen schweren Felsblock durch einen Steinbruch. Die K�mpfenden hielten verbl�fft inne und starrten auf ihre Stiefel.</p><p>Mit einem neuen grausigen Schrei des gefolterten Eises begann sich der Boden zu w�lben. Mitten im Talgrund, nur wenige Ellen von der Stelle, an der Ingen Jegger mit weit aufgerissenen Augen in entsetzter Verwirrung stand, schob sich eine m�chtige Eisscholle nach oben und richtete sich splitternd und bockend auf. Schnee fiel in gro�en Wehen von ihr herunter.</p><p>Von der j�hen Bewegung des Erdbodens nach vorn geschleudert, taumelte Simon und st�rzte vorw�rts. Dorn fest umklammert, kam er genau in der Mitte zwischen den beiden Parteien zum Halt. Aber niemand schien ihn zu bemerken, alle standen wie angewurzelt, als h�tte das Eis des Udunbaumes ihr Blut in l�hmenden Frost verwandelt. Sie stierten das Unfa�liche an, das jetzt durch den Schnee brach.</p><p>Der Eisdrache.</p><p>Aus der neu entstandenen Spalte stie� ein mannshoher Schlangenkopf, wei�schuppig, das Maul voller Z�hne, die starren Augen blau und wolkig. Auf seinem langen Hals wiegte er sich geschmeidig nach allen Seiten, als beobachte er neugierig die winzigen Gesch�pfe, die ihn aus jahrelangem Schlummer erweckt hatten. Dann scho� er mit grausiger Schnelligkeit vor und packte einen der J�ger mit seinen Kiefern, bi� ihn entzwei und verschlang seine Beine. Der zerquetschte, blutige Leib fiel in den Schnee wie ein fortgeworfener Lumpen.</p><p>�<emphasis>Igjarjuk!</emphasis> Es ist Igjarjuk!� rief Binabik mit d�nner Stimme. Der elfenbeingl�nzende Kopf schnappte nach einem zweiten wei�gekleideten Leckerbissen. Als die �brigen, die Gesichter leer vor Grauen, auseinanderstoben, griffen wei�e F��e mit gespreizten Klauen nach dem Rand der Spalte, und der lange Drachenleib, auf dessen R�cken seltsam bleiches Fell wucherte, gelblich wie altes Pergament, kroch langsam empor. Ein peitschenartiger Schwanz von der L�nge einer Turnierbahn fegte zwei weitere schreiende J�ger in den Abgrund.</p><p>Simon sa� bet�ubt im Schnee. Er konnte das Ungeheuer, das auf dem Rand der Eisspalte hockte wie eine Katze auf der Stuhllehne, einfach nicht fassen. Jetzt senkte sich der Kopf mit der langgestreckten Schnauze, um ihn zu betrachten, und die tr�ben, blauen Augen, die niemals blinzelten, musterten ihn mit gelassener, uralter Bosheit. Simon tat der Kopf weh, als versuche er durch Wasser hindurchzuschauen � diese Augen, die so hohl waren wie Gletscherspalten! Es sah ihn, ja, es <emphasis>erkannte</emphasis> ihn auf irgendeine Weise � es war so alt wie die Gebeine der Berge, so weise und grausam und achtlos wie die Zeit selbst.</p><p>Die Kiefer �ffneten sich und ein schwarzer Zungensplitter zischte hervor wie ein Messer und kostete die Luft. Der Kopf nickte n�her.</p><p>�<emphasis>Ske'i,</emphasis> Hidohebhi-Brut!� rief eine Stimme, und gleich darauf war An'nai auf den R�cken des Untiers gesprungen. Er hielt sich im dicken Pelz fest, hob singend sein Schwert und hackte auf ein schuppiges Hinterbein ein. Simon kam auf die F��e und stolperte r�ckw�rts. Der Drache hob den Schwanz und schleuderte den Sitha fort. An'nai flog f�nfzig Ellen durch die Luft und landete am steilen Au�enrand des Tales im Schnee, wo er zusammenbrach, nur noch Nebel zwischen sich und der Tiefe. Mit einem Aufschrei der Wut und Verzweiflung rannte Jiriki ihm nach.</p><p>�Simon!� br�llte der Troll. <emphasis>�Lauf!</emphasis> Wir k�nnen dir nicht helfen!�</p><p>Noch w�hrend er rief, lichtete sich der Nebel, der Simons Verstand getr�bt hatte. Schon war er aufgesprungen und lief hinter Jiriki her. Binabik, der am anderen Rand der Spalte gestanden hatte, warf sich, als der Drache von neuem zuschnappte, nach hinten, und die gewaltigen Kiefer schlossen sich mit einem Krachen, als fiele ein eisernes Tor ins Schlo�, �ber leerem Raum. Der Troll versank in einer Eisspalte und war nicht mehr zu sehen.</p><p>Jiriki, reglos wie eine Statue, sa� �ber An'nais K�rper gebeugt. Als er auf ihn zust�rmte, warf Simon einen kurzen Blick �ber die Schulter und stellte fest, da� Igjarjuk von der zerbrochenen Eiszinne heruntergeglitten war und ihm durch das kleine Tal folgte. Die kurzen Beine gruben sich tief in das Eis, w�hrend er sich �ber den Boden schob und die Entfernung zwischen sich und seiner stolpernden Beute rasch immer mehr verringerte. Simon wollte Jirikis Namen rufen, aber seine Kehle war wie zugeschn�rt; alles, was er herausbrachte, war ein ersticktes �chzen. Der Sitha drehte sich um. Seine Bernsteinaugen leuchteten. Er stand auf und stellte sich neben den K�rper seines Kameraden, das lange, runenbedeckte Hexenholzschwert kampfbereit vor sich.</p><p>�Komm, Uralter!� schrie Jiriki. �Komm und koste <emphasis>Indreju,</emphasis> du Bastardkind Hidohebhis!�</p><p>Simon verzog das Gesicht und w�hlte sich weiter auf den Prinzen zu. <emphasis>Unn�tiges Geschrei � der Drache kommt von ganz allein zu uns.</emphasis></p><p>�Stell dich hinter mich�, wollte Jiriki gerade sagen, als Simon ihn endlich erreicht hatte. In diesem Augenblick kippte der Sitha j�h nach hinten; der Schnee unter ihm hatte nachgegeben. Jiriki rutschte r�ckw�rts an den Talrand und in die leere Weite darunter. Vergeblich versuchte er sich im Schnee festzuhalten, kam in letzter Sekunde zum Stehen, blieb an den Boden gekrallt h�ngen; seine F��e baumelten �ber dem Nichts. Eine Elle daneben lag unbeachtet An'nai, ein blutiges Gewirr von Armen und Beinen.</p><p>�Jiriki �!� Simon verstummte. Hinter ihm ert�nte ein Ger�usch wie Donner. Er wirbelte herum und sah die gewaltige wei�e Masse Igjarjuks auf sich zukommen. Im Takt zur Bewegung der Beine, die ihn vorw�rtstrugen, peitschte sein Kopf von einer Seite zur anderen. Simon machte einen Sprung nach der von Jiriki und An'nai entfernten Seite, rollte durch den Schnee und kam wieder auf die F��e. Die blauen Untertassenaugen wichen nicht von ihm, und das Tier, keine hundert Schritte entfernt, schwenkte um und folgte.</p><p>Simon merkte pl�tzlich, da� er noch immer <emphasis>Dorn</emphasis> umklammert hielt. Er hob es in die H�he. Es war auf einmal so leicht wie eine Weidengerte und schien unter seinen H�nden zu singen wie ein Tau im Wind. Er schaute kurz hinter sich: ein paar Schritte fester Boden, dann leere Luft. In den wirbelnden Nebeln �ber dem Abgrund schwebte einer der fernen Gipfel � wei�, ruhig, gelassen.</p><p><emphasis>Usires steh mir bei,</emphasis> dachte er, <emphasis>warum ist der Drache so lautlos?</emphasis> Sein Geist schien lose in seinem K�rper zu treiben. Eine Hand stahl sich zu Miriamels Schal, dann packte er von neuem den silberumspannten Griff. Vor ihm t�rmte sich Igjarjuks Kopf, der Rachen wie ein schwarzes Loch, das Auge eine blaue Laterne. Die Welt schien aus Schweigen zu bestehen.</p><p>Was sollte er als letztes rufen?</p><p>W�hrend der frostige Moschus des Drachen schon zu ihm her�berwehte, ein Gestank nach saurer, kalter Erde und nassen Steinen, erinnerte er sich an das, was Jiriki einst �ber die Sterblichen gesagt hatte.</p><p>�Hier bin ich!� schrie er und lie� Dorn pfeifend auf das t�ckische Auge zusausen. <emphasis>�Ich bin � Simon!�</emphasis></p><p>Die Klinge traf, und ein Schwall schwarzen Blutes �berstr�mte ihn, brannte wie Feuer, wie Eis, versengte sein Gesicht; und etwas Gro�es, Wei�es st�rzte krachend auf ihn zu und ri� ihn hinab ins Dunkel.</p></section><section><title><p>XLIII</p><p>Dem Erdboden gleich</p></title><p>Das Rotkehlchen landete auf einem niedrigen Ulmenast. Seine orangefarbige Brust leuchtete wie verl�schende Glut. Es drehte langsam den Kopf nach allen Seiten und betrachtete den Kr�utergarten. Dabei zwitscherte es ungeduldig, als sei es unzufrieden, alles so verwahrlost vorzufinden.</p><p>Josua sah es fortfliegen, in einem Bogen �ber die Gartenmauer, dann steil aufw�rts �ber die Zinnen der inneren Burg. Sekunden sp�ter war es nur noch ein schwarzer Fleck in der hellgrauen Morgend�mmerung.</p><p>�Das erste Rotkehlchen seit langer Zeit. Vielleicht ist es ein Zeichen der Hoffnung in diesem finsteren Yuven.�</p><p>Der Prinz drehte sich �berrascht um. Hinter ihm auf dem Weg stand Jarnauga, den Blick auf die Stelle gerichtet, an der gerade noch der Vogel gesessen hatte. Der Alte, dem die K�lte nichts anzuhaben schien, war nur mit Hosen und einem d�nnen Hemd bekleidet; die wei�en F��e waren nackt.</p><p>�Guten Morgen, Jarnauga�, sagte Josua und zog den Mantel um den Hals ein wenig enger, als lasse ihn die Unempfindlichkeit des Rimmersmannes die K�lte nur noch st�rker sp�ren. �Was f�hrt dich so fr�h in den Garten?�</p><p>�Mein alter K�rper braucht wenig Schlaf, Prinz Josua�, l�chelte der andere. �Und ich k�nnte Euch das gleiche fragen, wenn ich die Antwort nicht zu kennen glaubte.�</p><p>Josua nickte tr�be. �Seit ich zum ersten Mal die Verliese meines Bruders betrat, habe ich nicht mehr gut geschlafen. Zwar wohne ich inzwischen bequemer, aber auch wenn ich nicht mehr in Ketten liege, l��t mich doch die Sorge nicht zur Ruhe kommen.�</p><p>�Es gibt viele Arten von Gefangenschaft�, nickte Jarnauga.</p><p>Eine Weile wanderten sie schweigend durch das Gewirr der Pfade. Der Garten war einst der Stolz der Herrin Vara gewesen, nach ihren peinlich genauen Anweisungen angelegt � f�r ein M�dchen, das im Planwagen geboren war, tuschelten die Hofleute des Prinzen, legte sie wirklich �bertrieben viel Wert auf Eleganz. Jetzt freilich war der Garten vernachl�ssigt, zum einen des schlechten Wetters wegen, zum anderen wegen allzuvieler weit dringlicherer Dinge, die getan werden mu�ten.</p><p>�Irgend etwas stimmt nicht, Jarnauga�, sagte Josua endlich. �Ich kann es f�hlen. Ich kann es beinahe riechen, wie ein Fischer das Wetter. Was br�tet mein Bruder aus?�</p><p>�Mir scheint, er tut sein bestes, um uns alle zu t�ten�, erwiderte der alte Mann, und ein bitteres Grinsen verzog sein ledriges Gesicht. �Ist es das, was �nicht stimmt�?�</p><p>�Nein�, erkl�rte der Prinz ernsthaft. �Nein. Das ist ja gerade das Bedenkliche. Seit einem Monat wehren wir ihn ab, unter bitteren Verlusten � Baron Ordmaer, Herr Grimsted, Wuldorcen von Caldsae und Hunderte wackerer freier M�nner �, aber es ist jetzt fast vierzehn Tage her, da� er den letzten wirklichen Angriff unternommen hat. Seine Attacken waren � eher beil�ufig. Er tut nur so, als belagere er uns. Warum?� Er setzte sich auf eine niedrige Bank, Jarnauga neben ihn. �Warum?� wiederholte er.</p><p>�Nicht immer wird eine Belagerung mit Waffengewalt gewonnen. Vielleicht will er uns aushungern.�</p><p>�Aber warum greift er dann �berhaupt an? Wir haben unseren Gegnern schreckliche Verluste zugef�gt. Warum wartet er nicht einfach ab? Es sieht aus, als lege er nur Wert darauf, uns in unseren Mauern festzuhalten und selber drau�en zu bleiben. Was hat Elias vor?�</p><p>Der Alte zuckte die Achseln. �Wie ich Euch schon gesagt habe: Ich sehe vieles, aber das, was in den Herzen der Menschen liegt, �berschreitet die Kraft meiner Augen. Bisher haben wir �berlebt. Seien wir dankbar.�</p><p>�Das bin ich auch. Aber ich kenne meinen Bruder. Er geh�rt nicht zu denen, die geduldig dasitzen und abwarten. Es liegt etwas in der Luft, irgendein Plan�� Er verstummte und starrte auf ein verwildertes Hohnblatt-Beet. Die Bl�ten hatten sich nicht ge�ffnet, und unter den ineinandergewachsenen Stengeln stand frech das Unkraut, wie Aasfresser sich unter eine sterbende Herde mischen.</p><p>�Er h�tte ein gro�artiger K�nig sein k�nnen, wei�t du�, sagte Josua unvermittelt, als beantworte er eine unausgesprochene Frage. �Es gab eine Zeit, in der er nur stark war und kein Tyrann. Das hei�t, er war zwar manchmal grausam, als wir j�nger waren, aber nur mit dieser unschuldigen Grausamkeit, die gro�e Jungen den kleineren gegen�ber zeigen. Er hat mir sogar manches beigebracht � Schwertfechten, Ringen � Von mir hat er nie etwas gelernt. Er hat sich f�r die Dinge niemals interessiert.� Der Prinz l�chelte traurig.</p><p>�Wir h�tten sogar Freunde sein k�nnen�� Der Prinz faltete die langen Finger und blies warmen Atem hinein. �Wenn nur Hylissa am Leben geblieben w�re.�</p><p>�Miriamels Mutter?� fragte Jarnauga leise.</p><p>�Sie war sehr sch�n, eine s�dliche Sch�nheit � schwarze Haare, wei�e Z�hne. Sehr scheu war sie; aber wenn sie l�chelte, war es, als habe man eine Lampe entz�ndet. Und sie liebte meinen Bruder � so gut es ihr m�glich war. Aber sie hatte auch Angst vor ihm: so laut, so gro�. Und sie war sehr klein � schlank wie eine Weide � erschrak, wenn man nur ihre Schulter ber�hrte�� Der Prinz sprach nicht weiter, sondern sa� gedankenverloren da. Durch die Wolken am Himmel flo� w��riger Sonnenschein und brachte ein wenig Farbe in den �den Garten.</p><p>�Ihr klingt, als h�ttet Ihr viel von ihr gehalten�, meinte der alte Mann sanft.</p><p>�Oh, ich liebte sie.� Josua sprach in sachlichem Ton, den Blick noch immer fest auf das Hohnblattgestr�pp gerichtet. �Ich brannte vor Liebe zu ihr. Ich betete zu Gott, mich von dieser Liebe zu befreien, obwohl ich wu�te, da� ich dann nur noch eine leere H�lle sein w�rde, ihres lebendigen Kernes beraubt. Nicht, da� meine Gebete mir etwas gen�tzt h�tten. Und ich glaube, auch sie liebte mich; oft sagte sie, ich sei ihr einziger Freund. Niemand kannte sie so gut wie ich.�</p><p>�Ahnte Elias etwas davon?�</p><p>�Nat�rlich. Er hatte jeden im Verdacht, der bei den Festveranstaltungen des Hofes auch nur neben ihr stand, und ich war st�ndig an ihrer Seite. Aber immer in Ehren�, f�gte er hastig hinzu und unterbrach sich sofort wieder. �Warum nehme ich das so wichtig, selbst heute noch? Usires vergib mir, ich w�nschte nur, wir <emphasis>h�tten</emphasis> ihn betrogen!� Josua bi� die Z�hne zusammen. �Ich w�nschte, sie w�re meine tote Geliebte und nicht nur die verstorbene Gattin meines Bruders.� Er starrte anklagend auf den vernarbten Fleischklumpen, der aus seinem rechten �rmel ragte. �Ihr Tod liegt auf meinem Gewissen wie ein gro�er Stein � es war meine Schuld! Mein Gott, wir sind ein vom Unheil verfolgtes Geschlecht.�</p><p>Er hielt inne, als sich auf dem Pfad Schritte n�herten.</p><p>�Prinz Josua! Prinz Josua, wo seid Ihr?�</p><p>�Hier�, rief der Prinz zerstreut, und einen Augenblick sp�ter tauchte einer seiner Wachsoldaten hinter einer Heckenwand auf.</p><p>�Mein Prinz!� keuchte er und beugte das Knie. �Herr Deornoth bittet Euch, sofort zu ihm zu kommen!�</p><p>�Sind sie schon wieder unter den Mauern?� fragte Josua, stand auf und sch�ttelte sich den Tau vom wollenen Mantel. Seine Stimme klang noch immer unbeteiligt.</p><p>�Nein, Herr�, antwortete der Wachsoldat, und sein Mund unter dem Schnurrbart klappte erregt auf und zu, als w�re er ein b�rtiger Fisch. �Es ist Euer Bruder � ich meine, der K�nig, Herr. Er zieht sich zur�ck. Die Belagerung ist beendet!�</p><p>Der Prinz warf Jarnauga einen verwirrten, sorgenvollen Blick zu, als sie hinter dem aufgeregten W�chter den Pfad entlanghasteten.</p><empty-line/><p>�Der Hochk�nig hat aufgegeben!� schrie Deornoth, sobald Josua mit vom Wind gebl�htem Mantel die Treppe hinaufkam. �Seht doch! Er zieht den Schwanz ein und rennt!�</p><p>Deornoth drehte sich um und gab Isorn einen kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter. Der Herzogssohn grinste, w�hrend der neben ihm stehende Einskaldir dem jungen Erkynl�nder einen finsteren Blick zuwarf, damit er nur nicht auf den Gedanken kam, etwas so N�rrisches auch bei ihm zu versuchen.</p><p>�Also was ist?� fragte Josua und dr�ngte sich neben Deornoth auf die leicht abgesackte Vormauer. Genau unter ihnen lagen die zerschmetterten �berreste eines Mineurkastens, Beweis f�r den vergeblichen Versuch, die Vormauer durch Untertunneln zum Einsturz zu bringen. Die Mauer war ein paar Fu� eingebrochen, hatte aber gehalten; Dendinis hatte f�r Jahrtausende gebaut. Die Mineure hatten die Holzpfeiler, die ihren Tunnel st�tzten, in Brand gesetzt und waren von den wenigen Steinen, die sie selber gelockert hatten, erschlagen worden.</p><p>Dr�ben lag Elias' Feldlager, ein Ameisenhaufen gesch�ftiger Betriebsamkeit. Die noch �brigen Belagerungsmaschinen waren umgekippt und zerst�rt worden, damit niemand sonst einen Vorteil von ihnen h�tte; die Vielzahl der Zeltreihen war verschwunden, als h�tten Sturmb�en sie aufgewirbelt und fortgeweht. Schwache Ger�usche � fernes Schreien der Fuhrleute und Peitschengeknall � drangen zu ihnen herauf: Die Wagen des Hochk�nigs wurden beladen.</p><p>�Er zieht sich zur�ck!� sagte Deornoth begl�ckt. �Wir haben es geschafft!�</p><p>Josua sch�ttelte den Kopf. �Warum? Warum sollte er? Wir haben ihm kaum einen Bruchteil seiner Truppen genommen.�</p><p>�Vielleicht hat er eingesehen, wie stark Naglimund ist�, meinte Isorn und sp�hte nach unten.</p><p>�Und warum hungert er uns dann nicht aus?� fragte der Prinz. ��don! Was geht hier vor? Ich k�nnte mir noch vorstellen, da� vielleicht Elias selber zum Hochhorst zur�ckkehrt � aber warum l��t er nicht einmal eine symbolische Belagerung weiterbestehen?�</p><p>�Um uns herauszulocken�, meinte Einskaldir gelassen. �In offenes Gel�nde.� Mit finsterer Miene rieb er mit rauhem Daumen �ber die Klinge seines Messers.</p><p>�Das k�nnte sein�, erwiderte der Prinz, �aber er m��te mich besser kennen.�</p><p>�Josua�� Jarnauga blickte �ber das abziehende Heer in den Morgendunst, der den n�rdlichen Himmel verschleierte. �Es stehen seltsame Wolken oben im Norden.�</p><p>Die anderen bem�hten sich, seinem Blick zu folgen, konnten aber nur die unbestimmten Anf�nge der Frostmark erkennen.</p><p>�Was f�r Wolken?� erkundigte der Prinz sich schlie�lich.</p><p>�Sturmwolken. �u�erst ungew�hnlich. Wie keine, die ich jemals s�dlich des Gebirges gesehen habe.�</p><empty-line/><p>Der Prinz stand am Fenster und lauschte dem Raunen des umherstreifenden Windes, die Stirn an den kalten Steinrahmen gepre�t. Unter ihm lag im Mondschein der schmale Hof, und die B�ume schwankten.</p><p>Vara streckte einen wei�en Arm unter der Pelzdecke hervor.</p><p>�Was habt Ihr, Josua? Es ist kalt. Schlie�t das Fenster und kommt zur�ck ins Bett.�</p><p>Er drehte sich nicht um. �Der Wind geht, wohin er will�, sagte er ruhig. �Man kann ihn nicht vor der T�r lassen und ihn auch nicht einsperren, wenn er wieder hinaus will.�</p><p>�Es ist zu sp�t in der Nacht f�r Eure R�tsel, Josua�, entgegnete sie. G�hnend fuhr sie sich mit den Fingern durch das tintenschwarze Haar, so da� es auf dem Laken ausgebreitet lag wie schwarze Schlangen.</p><p>�Es ist vielleicht zu sp�t f�r viele Dinge�, meinte er und setzte sich zu ihr auf das Bett. Seine Hand streichelte sanft ihren langen Hals, aber noch immer sah er zum Fenster hin�ber. �Es tut mir leid, Vara. Ich bin � verwirrend, ich wei� es. Nie war ich der rechte Mann � f�r meine Lehrer nicht, f�r meinen Bruder, f�r meinen Vater � und nicht f�r Euch. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht in der falschen Zeit geboren bin.� Er hob den Finger, um �ber ihre Wange zu streichen, und ihr warmer Atem ber�hrte seine Hand. �Wenn ich die Welt sehe, wie sie sich mir darstellt, empfinde ich nur tiefe Einsamkeit.�</p><p>�Einsamkeit?� Vara setzte sich auf. Die Pelzdecke glitt herab, und das Mondlicht malte Streifen auf die glatte Elfenbeinhaut. �Bei meinem Stamm, Josua, Ihr seid ein grausamer Mensch! Immer noch bestraft Ihr mich f�r den Fehler, der Prinzessin helfen zu wollen. Wie k�nnt Ihr mein Bett teilen und Euch einsam nennen? Geht fort, Ihr Kopfh�nger, schlaft mit Euren kalten Nordm�dchen oder in einer M�nchszelle. So geht doch!�</p><p>Sie schlug nach ihm, und er packte ihren Arm. Trotz ihrer Schlankheit war sie kr�ftig und versetzte ihm mit der anderen Hand zwei Schl�ge, bevor er sich �ber sie rollen und sie mit seinem Gewicht festhalten konnte.</p><p>�Friede, Herrin, Friede!� sagte er und lachte, obwohl sein Gesicht brannte. Vara starrte ihn finster an und wand sich, um freizukommen. �Ihr habt recht�, erkl�rte er. �Ich habe Euch gekr�nkt und bitte um Verzeihung. Ich heische Frieden.� Er beugte sich �ber sie und k��te ihren Hals und die zornger�tete Wange.</p><p>�Kommt n�her, und ich werde Euch bei�en�, zischte sie. Ihr K�rper bebte unter seinem. �Ich hatte Angst um Euch, als Ihr in die Schlacht zogt, Josua. Ich dachte, Ihr w�rdet sterben.�</p><p>�Ich hatte nicht weniger Angst, Herrin. Es gibt so vieles auf der Welt, vor dem man sich f�rchten kann.�</p><p>�Und nun f�hlt Ihr Euch einsam.�</p><p>�Einsam�, sagte der Prinz und bot ihr die Lippen zum Hineinbei�en, �kann man sich in der vornehmsten und besten Gesellschaft f�hlen.�</p><p>Ihr Arm, wieder frei, schlang sich um seinen Hals und zog ihn zu ihr. Das Mondlicht tauchte ihre verschlungenen Glieder in Silber.</p><empty-line/><p>Josua lie� seinen Beinl�ffel in die Suppenschale zur�cksinken und beobachtete zornig die kleinen Strudel, die die Oberfl�che kr�uselten. Der Speisesaal summte vom L�rm vieler Stimmen.</p><p>�Ich kann nicht essen. Ich <emphasis>mu�</emphasis> es wissen!�</p><p>Vara, die schweigend, aber mit ihrem gew�hnlichen guten Appetit a�, warf ihm �ber den Tisch einen beunruhigten Blick zu.</p><p>�Was immer auch geschieht, Prinz�, meinte Deornoth sch�chtern, �Ihr braucht Eure Kraft.�</p><p>�Ihr werdet sie brauchen, um zu Eurem Volk zu sprechen, Prinz Josua�, bemerkte Isorn, den Mund voll Brot. �Die Menschen sind aufgeregt und verunsichert. Der K�nig ist abgezogen. Warum feiern wir kein Fest?�</p><p>�Ihr wi�t verdammt gut, warum nicht!� fauchte Josua und hob die Hand an die schmerzende Schl�fe. �Ihr m��t doch sehen, da� es eine Falle ist � da� Elias niemals so leicht aufgeben w�rde!�</p><p>�Wenn Ihr meint�, antwortete Isorn, schien jedoch nicht recht �berzeugt zu sein. �Das hei�t aber nicht, da� die Leute, die in der inneren Burg eingepfercht sind wie Vieh ��, er deutete mit der gro�en Hand auf die Menschenmenge, die sich von allen Seiten um die Tafel des Prinzen dr�ngte (die meisten sa�en auf dem Boden oder an den W�nden des Speisesaales, weil St�hle so selten waren, da� nur die Alleredelsten Anspruch darauf hatten) �, �da� sie es verstehen werden. Glaubt es einem Mann, der einen H�llenwinter eingeschneit in Elvritshalla verbracht hat.� Isorn bi� einen weiteren gro�en Kanten von seinem Brot ab.</p><p>Josua seufzte und wandte sich Jarnauga zu. Der alte Mann, dessen Schlangent�towierungen im Lampenlicht auf unheimliche Art lebendig wirkten, war in ein Gespr�ch mit Vater Strangyeard vertieft.</p><p>�Jarnauga�, sagte der Prinz ruhig. �Du wolltest mir mit �ber einen Traum sprechen, den du gehabt hast.�</p><p>Der alte Rimmersmann entschuldigte sich bei dem Priester.</p><p>�Ja, Josua�, antwortete er dann und beugte sich nahe zu ihm, �aber vielleicht sollten wir warten, bis wir unter vier Augen reden k�nnen.� Er spitzte die Ohren nach dem L�rm im Speisesaal. �Andererseits k�nnte uns hier kein Mensch belauschen � und wenn er unter Eurem Stuhl s��e.� Er zeigte ein frostiges L�cheln. �Ich habe wieder Tr�ume gehabt�, fuhr er fort, und seine Augen unter den dichten Brauen gl�nzten hell wie Edelsteine. �Ich besitze nicht die Macht, sie zu rufen, aber manchmal kommen sie von allein. Mit den M�nnern, die wir zum Urmsheim geschickt haben, ist etwas vorgefallen.�</p><p>�Etwas?� Josuas Gesicht war d�ster und schlaff.</p><p>�Ich habe ja nur getr�umt�, versetzte Jarnauga abwehrend, �aber ich f�hlte ein gewaltiges Aufrei�en � Schmerz und Entsetzen � und den Jungen Simon, der rief � voller Furcht und Zorn rief er � und dann noch etwas anderes��</p><p>�K�nnte das, was ihnen widerfahren ist, die Ursache des Sturmes sein, den du heute morgen gesehen hast?� fragte der Prinz mit bleischwerer Stimme, als h�re er die schlechte Nachricht, auf die er schon lange wartete.</p><p>�Ich glaube nicht. Urmsheim liegt in einer Bergkette weiter �stlich, hinter dem Drorshullsee und jenseits der �den.�</p><p>�Sind sie noch am Leben?�</p><p>�Das kann ich nicht wissen. Es war ein Traum, und nur ein kurzer und wunderlicher.�</p><p>Sp�ter wanderten die beiden stumm �ber die hohen Burgmauern. Der Wind hatte die Wolken vertrieben, und der Mond verwandelte die verlassene Stadt unter ihnen in Knochen und Pergament.</p><p>Josua starrte in den schwarzen Nordhimmel und stie� dampfend den Atem aus. �Damit ist auch unsere schwache Hoffnung auf <emphasis>Dorn</emphasis> dahin.�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt.�</p><p>�Das war auch nicht n�tig. Und ich nehme an, du und Strangyeard seid auch nicht n�her daran herauszufinden, was aus Fingils Schwert <emphasis>Minneyar</emphasis> geworden ist?�</p><p>�Leider nein.�</p><p>�Was ist dann noch n�tig, damit unser Untergang feststeht? Gott hat uns einen grausamen Streich �� Josua brach ab, als der alte Mann ihn am Arm packte.</p><p>�Prinz�, sagte er und sp�hte mit schmalen Augen nach dem Horizont, �Ihr �berzeugt mich davon, da� man niemals die G�tter herausfordern soll, selbst wenn es nicht die eigenen sind.� Er klang ersch�ttert, zum ersten Mal alt.</p><p>�Was meinst du?�</p><p>�Ihr habt gefragt, was man uns noch antun k�nnte?� Der alte Mann schnaubte in bitterer Belustigung. �Seht Ihr die Sturmwolke, das schwarze Gewitter im Norden? Es kommt auf uns zu � und zwar mit gro�er Geschwindigkeit.�</p><empty-line/><p>Der junge Ostrael aus Runchester stand schlotternd auf der Vormauer und dachte �ber etwas nach, das sein Vater einmal gesagt hatte.</p><p>�Es ist gut, wenn du deinem Prinzen dienst. Siehst ein St�ck von der Welt, Junge, wenn du Soldat wirst�, hatte Firsfram ihm erz�hlt und seinem Sohn die ledrigen Bauernh�nde auf die Schultern gelegt, w�hrend seine Mutter mit roten Augen stumm zugeschaut hatte. �Vielleicht kommst du sogar bis zu den s�dlichen Inseln oder nach Naglimund, jedenfalls heraus aus diesem verdammten Frostmarkwind.�</p><p>Sein Vater lebte nicht mehr. Letzten Winter war er verschwunden, in jenem grausam kalten Decander von W�lfen verschleppt � W�lfen oder etwas anderem, denn es wurde nie eine Spur von ihm gefunden. Und Firsframs Sohn, der das Leben im S�den noch nicht zu kosten bekommen hatte, stand im eisigen Wind auf einer Mauer und f�hlte, wie ihm die K�lte bis ins innerste Herz drang.</p><p>Ostraels Mutter und Schwestern hausten mit Hunderten anderer Heimatloser unten in Behelfsbaracken in der dicken steinernen Feste von Naglimund. Die Burgmauern boten weit besseren Schutz vor dem Wind als Ostraels hohe Warte, aber selbst Steinmauern, und mochten sie noch so dick sein, konnten die furchtbare Musik des heranziehenden Sturmes nicht abhalten.</p><p>Angstvoll, aber unwiderstehlich wurden Ostraels Augen von dem dunklen Fleck angezogen, der brodelnd am Horizont hing und sich im N�herkommen ausbreitete wie graue Tinte, die man in Wasser gie�t. Es war ein Klecks, eine leere Stelle, als h�tte man die Wirklichkeit dort fortgerieben, eine Stelle, an der der Himmel selbst umzukippen und die Wolken wie durch einen Trichter nach unten zu pressen schien, wo sie sich in eine langsam dahinwirbelnde Masse verwandelten, der Schweif eines Wirbelsturmes. Von Zeit zu Zeit zuckten helle Blitzstacheln �ber das Gewitter hinweg. Und immer und immer wieder lie� sich das grausige Trommeln vernehmen, fern wie das Prasseln von Regen auf einem festen Dach, hartn�ckig wie das Klappern von Ostraels Z�hnen.</p><p>Die hei�e Luft und die sagenhaften, sonnenfleckigen H�gel von Nabban kamen Firsframs Sohn immer mehr wie die Geschichten aus dem Buch �don vor, die der Priester erz�hlte, ein St�ckchen imagin�rer Trost, der einem durchs Leben half und das Grauen des unausweichlichen Todes verschleiern sollte.</p><p>Immer n�her kam der Sturm, von Trommeln surrend wie ein Wespennest.</p><empty-line/><p>Deornoths Laterne flackerte in der steifen Brise und w�re um ein Haar ausgegangen; er hielt den Mantel davor, bis die Flamme wieder stetig leuchtete. Neben ihm stand Isorn, Isgrimnurs Sohn und starrte in die kalte, von Blitzen zerkratzte Finsternis hinaus.</p><p>�Gottes <emphasis>Baum!</emphasis> Es ist schwarz wie die Nacht�, st�hnte Deornoth. �Kaum Mittag vorbei, und ich kann fast nichts mehr sehen.�</p><p>Isorn �ffnete den Mund, einen dunklen Schlitz im blassen, von der Laterne beschienenen Gesicht, aber es kam kein Ton heraus. Seine Kiefer mahlten.</p><p>�Alles wird gut�, sagte Deornoth, den die Furcht des jungen Rimmersmannes ansteckte. �Es ist nur ein Gewitter � irgend so ein �bler, kleiner Trick von Pryrates�� Noch w�hrend er es aussprach, wu�te er, da� es eine L�ge war. Die schwarzen Wolken, welche die Sonne verdeckten und die Nacht bis vor die Tore von Naglimund schleiften, brachten eine Angst mit sich, die sich wie eine Zentnerlast auf sein ganzes Ich legte, wie der steinerne Deckel eines Sarkophages. Was war das f�r eine magische Beschw�rung, was f�r ein Zauber, der ihm diesen eisigen Speer des Grauens tief in die Eingeweide stie�?</p><p>Der Sturm trieb weiter auf sie zu, ein Klumpen Schw�rze, der sich auf beiden Seiten weit �ber die Mauern der Burg hinausdehnte und noch die h�chsten Zinnen �berragte, durchzogen vom blauwei�en Flackern der Blitze. Sekundenlang traten die zusammengekauerte Stadt und das Land ringsum klar hervor, dann versank alles wieder in Finsternis. Die h�mmernden Trommelschl�ge fanden ihr Echo an der Vormauer.</p><p>Als der Blitz wieder aufflammte und f�r eine Sekunde das gestohlene Tageslicht nach�ffte, entdeckte Deornoth etwas, das ihn zur�ckfahren und Isorns breiten Arm so fest umklammern lie�, da� der Rimmersmann zusammenzuckte.</p><p>�Hol den Prinzen�, sagte Deornoth mit klangloser Stimme.</p><p>Isorn sah auf und verga� �ber Deornoths merkw�rdigem Benehmen die eigene abergl�ubische Furcht vor dem Sturm. Das Gesicht des jungen Naglimunders war schlaff und leer wie ein alter Mehlsack, und seine Fingern�gel kratzten, von ihm selbst unbemerkt, ein blutiges Rinnsal in Isorns Arm.</p><p>�Was � was ist?�</p><p>�Hol Prinz Josua�, wiederholte Deornoth. �Schnell!�</p><p>Der Rimmersmann warf seinem Freund noch einen Blick zu, schlug das Zeichen des <emphasis>Baumes</emphasis> und stolperte den Wehrgang entlang zur Treppe.</p><p>Bet�ubt, bleischwer, stand Deornoth da und w�nschte sich nur, am Stierr�ckenberg gefallen zu sein � auch wenn es ein schimpflicher Tod gewesen w�re � und nicht sehen zu m�ssen, was dort unten auf ihn wartete.</p><p>Als Isorn mit dem Prinzen und Jarnauga zur�ckkam, stand Deornoth mit weit aufgerissenen Augen noch immer an derselben Stelle. Man brauchte nicht mehr zu fragen, was er sah, denn der Blitz erhellte jeden Winkel.</p><p>Ein riesiges Heer war nach Naglimund gekommen. Aus dem wirbelnden Dunst des Gewitters erhob sich ein unendlicher Wald borstiger Speere. Eine Milchstra�e leuchtender Augen gl�nzte in der Dunkelheit. Wieder rollten die Trommeln wie Donner, und �ber Burg und Stadt senkte sich der Sturm wie ein gewaltiges, gebl�htes Zelt aus Regen, schwarzen Wolken und eisigem Nebel.</p><p>Die Augen sahen zu den Mauern hinauf � Tausende glitzernder Augen voll grimmiger Vorfreude. Wei�es Haar str�mte im Wind, schmale wei�e Gesichter unter dunklen Helmen richteten sich nach oben und starrten auf die W�lle von Naglimund. In einem neuerlichen Blitz von Himmelsfeuer blinkten blaue Speerspitzen. Schweigend sp�hten die Fremdlinge in die H�he wie eine Armee von Gespenstern, bleich wie Blindfische, durchsichtig wie Mondschein. Die Trommeln bebten. Andere, l�ngere Schatten pirschten im Nebel n�her � riesenhafte Wesen in R�stungen und mit gro�en, knorrigen Keulen. Wieder bebten die Trommeln und verstummten.</p><p>�Barmherziger �don, schenke mir Ruhe�, betete Isorn. �In deinen Armen will ich schlafen und in deinem Scho�e��</p><p>�Wer ist das, Josua?� fragte Deornoth mit einer Stimme so ruhig, als sei er lediglich neugierig.</p><p>�Das sind �Wei�f�chse� � Nornen�, antwortete der Prinz. �Sie sind Elias' Verst�rkungstruppen.� M�de hob er die Hand, als wollte er den Anblick der geisterhaften Legion zudecken. �Die Kinder des Sturmk�nigs.�</p><empty-line/><p>�Eminenz, ich bitte Euch!� Vater Strangyeard zupfte den alten Mann am Arm, erst sacht, dann immer st�rker. Der Alte klammerte sich an die Bank wie eine Haftschnecke, eine kleine Gestalt in der Dunkelheit des Kr�utergartens.</p><p>�Wir m�ssen beten, Strangyeard�, wiederholte Bischof Anodis hartn�ckig. �Knie nieder!�</p><p>Der pochende, h�mmernde L�rm des Sturmes wurde lauter. Der Archivar f�hlte den panischen Drang fortzulaufen � einfach weg, ganz gleich wohin.</p><p>�Dies ist � es ist keine nat�rliche D�mmerung, Bischof. Ihr m��t hineingehen, jetzt sofort. Bitte.�</p><p>�Ich wu�te, da� ich nicht h�tte hierbleiben sollen. Ich habe Prinz Josua gesagt, er sollte sich dem rechtm��igen K�nig nicht widersetzen�, erkl�rte Anodis anklagend. �Gott z�rnt uns. Wir m�ssen beten, da� er uns den rechten Weg zeigt � wir m�ssen seines Martyriums am <emphasis>Baum</emphasis> gedenken�� Er machte krampfhafte Handbewegungen, als schlage er nach Fliegen.</p><p>�Gott? Das hier ist nicht Gottes Werk�, erwiderte Strangyeard, und sein sonst so freundliches Gesicht verfinsterte sich. �Dies ist das Werk Eures �rechtm��igen K�nigs� � seines und seines zahmen Zauberers.�</p><p>Der Bischof achtete nicht auf ihn. �Gesegneter Usires�, Stammelte er und wich vor dem Priester in das dunkle Gewirr des Hohnblatt-Beetes zur�ck. �Wir, die wir dem�tig zu dir flehen, bereuen unsere S�nden. Wir haben uns deinem Willen widersetzt und damit deinen gerechten Zorn erregt��</p><p>�Bischof Anodis!� rief Strangyeard unruhig und �rgerlich zugleich und trat einen Schritt n�her, um �berrascht stehenzubleiben. Eine dichte, brodelnde K�lte schien sich �ber den Garten zu legen. Und w�hrend der Archivar noch schaudernd in der immer eisiger werdenden Luft stand, verstummte der Trommelschlag.</p><p>�Da ist etwas�� Ein frostiger Wind schlug Strangyeard die Kapuze ins Gesicht.</p><p>�O wahrlich, schwer haben wir ges�ndigt in unserem Hochmut, wir armseligen Menschlein!� trompetete Anodis, da� es durch das Hohnblatt raschelte. �Wir b-beten � wir � b-b-beten�� Er wurde langsamer und seine Stimme seltsam schrill.</p><p>�Bischof?�</p><p>In der Tiefe des Hohnblattes gab es eine schaudernde Bewegung. Vor Strangyeard tauchte mit weit aufgerissenem Mund das Gesicht des alten Mannes auf. Etwas schien nach ihm zu greifen; ringsum spritzte Erde und machte die Ereignisse im Schatten der Pflanzen noch un�bersichtlicher. Der Bischof schrie, ein d�nner, greinender Laut.</p><p>�Anodis!� Strangyeard st�rzte sich in das Hohnblatt.</p><p>Das Schreien brach ab. Gleich darauf stand Strangyeard vor der zusammengesunkenen Gestalt des Bischofs. Langsam, als offenbare er den Abschlu� eines komplizierten Kunstst�ckes, rollte der alte Kleriker zur Seite.</p><p>Ein Teil seines Gesichtes war ein roter Blutstrom. Am Boden daneben lag ein schwarzer Kopf wie eine von einem verge�lichen Kind fortgeworfene Puppe. Der Kopf, emsig kauend, wandte sich grinsend Strangyeard zu. Die winzigen Augen waren bleich wie wei�e Johannisbeeren, der sch�ttere Bart gl�nzte vom Blut des Bischofs. Im selben Augenblick schossen auf beiden Seiten zwei weitere K�pfe aus der Erde. Der Archivar machte einen Schritt zur�ck. In seiner Kehle steckte ein Schrei, fest verkeilt wie ein Stein. Wieder bebte der Boden � hier, dort, �berall. D�nne schwarze H�nde w�hlten sich hervor wie Maulwurfsschnauzen.</p><p>Strangyeard taumelte zur�ck und fiel hin. M�hsam schleppte er sich wieder auf den Weg, �berzeugt, da� sich jede Sekunde eine feuchtkalte Hand um seinen Kn�chel legen w�rde. Sein Mund war zu einem starren Grinsen der Furcht verzerrt, aber er brachte keinen Ton heraus. Im Geb�sch hatte er die Sandalen verloren und wankte nun auf lautlosen nackten F��en den Pfad zur Kapelle hinauf. Eine feuchte Decke aus Schweigen schien �ber der Welt zu liegen; sie erstickte ihn und dr�ckte ihm das Herz ab. Selbst das Krachen der hinter ihm zufallenden Kapellent�r wirkte ged�mpft. Als er mit zitternden Fingern den Riegel vorschob, sank ein Vorhang aus verschwommenem Grau �ber seine Augen, und er lie� sich dankbar hineinfallen wie in ein weiches Bett.</p><empty-line/><p>Zwischen den Nornen leuchteten jetzt wie Bl�ten in einem Mohnfeld die Flammen unz�hliger Fackeln auf, verwandelten die grausig sch�nen Gesichter in scharlachrote Umrisse und vergr��erten den Umfang der hinter ihnen lauernden <emphasis>Hunen</emphasis> in ihrer Kriegsausr�stung ins Groteske. Soldaten hasteten auf die Burgmauern, nur um in entsetztem Schweigen hinunterzustarren.</p><p>F�nf gespenstische Gestalten auf Pferden, so bla� wie Spinnenseide, ritten auf den freien Platz vor der Vormauer. Der Fackelschein spielte in ihren wei�en Kapuzenm�nteln, und auf den langen, rechteckigen Schilden glomm und pochte die rote Pyramide von Sturmspitze. Furcht schien die Verh�llten zu umgeben wie eine Wolke, die in die Herzen aller drang, die sie erblickten. Die Zuschauer auf den W�llen sp�rten, wie sie eine schreckliche, hilflose Schw�che erfa�te.</p><p>Der vorderste Reiter hob den Speer, die vier hinter ihm folgten seinem Beispiel. Dreimal schlugen die Trommeln.</p><p>�Wo ist der Herr von <emphasis>Ujin e-d'a Sikhunae �</emphasis> der Falle, die den J�ger f�ngt?� Die Stimme des ersten Reiters war ein sp�ttisches, hallendes St�hnen, wie Wind in einer langen Schlucht. �Wo ist der Herr des Hauses der Tausend N�gel?�</p><p>Lange Augenblicke holte der lastende Sturm Atem, bevor die Antwort kam.</p><p>�Hier bin ich.� Josua trat vor, ein schmaler Schatten auf dem Torhaus. �Was sucht eine so seltsame Schar von Reisenden an meiner T�r?� Seine Stimme war ruhig, aber es lag ein winziges Zittern darin.</p><p>�Nun � wir sind gekommen, um nachzusehen, ob die N�gel rostig und wir stark geworden sind.� Die Worte kamen langsam, mit zischender Luft hervorgesto�en, als sei der Reiter das Sprechen nicht gew�hnt. �Wir sind gekommen, Sterblicher, um uns von dem, was uns geh�rt, ein kleines St�ck zur�ckzuholen. Dieses Mal ist es Menschenblut, das den Boden von Osten Ard netzen wird. Wir sind gekommen, dein Haus dem Erdboden gleich zu machen.�</p><p>Die unvers�hnliche Kraft und der Ha� in der hohlen Stimme waren so machtvoll, da� viele Soldaten aufschrien und von den Mauern flohen, um sich unten in der Burg zu verstecken. Noch w�hrend Josua wortlos auf dem Tor stand, durchbrach ein Schrei das St�hnen und �ngstliche Fl�stern der Naglimunder.</p><p>�Gr�ber! Es sind Gr�ber in den Mauern!�</p><p>Neben dem Prinzen gab es eine Bewegung. Er drehte sich um. Es war Deornoth, der auf unsicheren Beinen zu ihm heraufgeklettert kam.</p><p>�Die G�rten der Burg sind voller <emphasis>Bukken�,</emphasis> erkl�rte der junge Ritter und sah mit gro�en Augen auf die wei�en Reiter.</p><p>Der Prinz trat vor. �Ihr sprecht, als wolltet ihr euch r�chen�, rief er der bleichen Menge zu. �Aber das ist eine L�ge! Ihr kommt auf Gehei� des Hochk�nig � eines Sterblichen. Ihr dient Elias, einem Sterblichen, wie Madenhacker dem Krokodil. Kommt doch! Tut euer �rgstes! Ihr werdet sehen, da� nicht alle N�gel von Naglimund verrostet sind und es hier immer noch Eisen gibt, das den Sithi den Tod bringen kann!�</p><p>Von den auf der Mauer zur�ckgebliebenen Soldaten stieg ein wilder Jubelschrei auf. Der erste Reiter spornte sein Ro� einen weiteren Schritt vorw�rts.</p><p>�Wir sind die <emphasis>Rote Hand!</emphasis>� Seine Stimme war grabeskalt. �Wir dienen keinem au�er Ineluki, dem Herrn der St�rme. Die Gr�nde daf�r geh�ren nur uns � so wie euer Tod nur euch geh�ren wird!�</p><p>Er schwang den Speer �ber dem Kopf, und wieder rollten die Trommeln. Schrill gellten die H�rner.</p><p>�Bringt die Wagen!� schrie Josua vom Dach des Torhauses. �Versperrt den Weg! Sie werden versuchen, das Tor niederzurei�en!�</p><p>Aber anstatt einen Rammbock zu holen, um den schweren Stahl und die dicken Balken des Tores zu zerschmettern, blieben die Nornen schweigend stehen und sahen zu, wie sich die f�nf Reiter ohne Eile in Bewegung setzten. Einer der W�chter auf der Mauer scho� einen Pfeil ab. Ein Dutzend anderer folgte ihm, aber sofern sie die Reiter �berhaupt trafen, gingen sie einfach durch sie hindurch; die bleichen Wesen z�gerten keinen Schritt.</p><p>Wild schlugen die Trommeln, Pfeifen und fremdartige Trompeten st�hnten und kreischten. Die Reiter stiegen ab, nur im Aufblitzen immer wieder sichtbar, und gingen die letzten Schritte bis zum Tor zu Fu�.</p><p>Mit schrecklicher Langsamkeit griff der Anf�hrer nach seinem Kapuzenmantel und �ffnete ihn. Ein tiefrotes Licht schien daraus hervorzustrahlen. Als er sich den Mantel herunterri�, war es, als drehe er selbst sein Inneres nach au�en: Pl�tzlich war da nur noch Formlosigkeit und schwelendrote Lohe. Die vier anderen taten es ihm nach. F�nf Wesen mit wechselnden, flackernden Umrissen wuchsen empor und standen enth�llt � gr��er als vorher, jeder von doppelter Mannsh�he, gesichtslos, wogend wie brennende Purpurseide.</p><p>Im augenlosen Gesicht des Anf�hrers �ffnete sich ein schwarzer Mund; er streckte die Arme nach dem Tor aus und legte die Flammenh�nde darauf.</p><p>�TOD!� schrie er, und es war, als ersch�ttere seine Stimme die Mauern bis in ihre Grundfesten. Die eisernen Angeln begannen in stumpfem Orange zu gl�hen.</p><p><emphasis>�Hei ma'akajao'zha!�</emphasis> Die massiven Bohlen verf�rbten sich schwarz und rauchten. Josua, den bet�ubten Deornoth heftig am Arm zerrend, sprang auf die Mauerkrone hinunter.</p><p>�<emphasis>T'si anh pra INELUKI!</emphasis>�</p><p>Schreiend rannten die Soldaten des Prinzen durch die Treppenh�user nach unten. Es gab eine Explosion von Licht, ein ohrenbet�ubendes Krachen, lauter als Trommeln oder Donner. Das m�chtige Tor zerbarst zu dampfenden, funkelnden Splittern, und ein t�dlicher Scherbenregen zischte herab. Auf beiden Seiten brach die Mauer zusammen und zerschmetterte Menschen, die zu fliehen versuchten.</p><p>In die noch rauchende Mauerl�cke sprangen gepanzerte Nornen. Manche trugen lange Rohre aus Holz oder Knochen, die sie an einem Ende mit brennenden Fackeln anz�ndeten. Schreckliche Feuergarben schossen aus diesen Rohren und verwandelten fliehende Soldaten in taumelnde, schreiende Fackeln. Durch die Tr�mmer dr�ngten sich riesige Gestalten, die <emphasis>Hunen,</emphasis> in den zottigen F�usten lange, eisenbeschlagene Keulen. Wie tollw�tige B�ren br�llend, zerschmetterten sie, was ihnen im Weg stand. Zerschlagene K�rper stoben wie Kegel nach allen Seiten auseinander.</p><p>Es gab Soldaten, die tapfer der w�rgenden Furcht Widerstand leisteten und den Kampf aufnahmen. Ein Riese fiel, zwei Speere in den Ged�rmen, aber gleich darauf waren auch die Speerwerfer tot, von wei�gefiederten Pfeilen durchbohrt. Wie Maden quollen die bleichen Nornen durch den qualmenden Mauerdurchbruch, schreiend und rufend.</p><p>Deornoth zog den stolpernden Josua nach der inneren Burg. Das ru�geschw�rzte Gesicht des Prinzen war na� von Tr�nen und Blut.</p><p>�Elias hat Drachenz�hne ges�t�, w�rgte Josua hervor, w�hrend ihn Deornoth an einem r�chelnden Soldaten vorbeizerrte. Deornoth glaubte den jungen Ostrael zu erkennen, der bei der Unterredung mit dem K�nig f�r sie Posten gestanden hatte, begraben unter einem Dutzend sich windender schwarzer <emphasis>Bukken.</emphasis> �Mein Bruder hat die Saat f�r den Tod aller Menschen gelegt!� tobte Josua. �Er ist wahnsinnig!�</p><p>Noch bevor Deornoth antworten konnte � und welche Antwort, fragte er sich sekundenlang, h�tte er schon geben k�nnen �, bogen zwei Nornenkrieger, in den Helmschlitzen ein feuriges Gl�hen, um die Ecke der inneren Burg. Sie schleppten ein schreiendes M�dchen hinter sich her. Als sie Deornoth sahen, zischte der eine etwas, f�hrte das dunkle, schlanke Schwert nach unten und zog dem M�dchen die Klinge durch die Kehle. Zuckend brach sie zusammen.</p><p>Deornoth f�hlte, wie ihm die Galle hochstieg, als er mit erhobenem Schwert vorw�rtsst�rzte. Der Prinz war noch schneller. Naidel zuckte grell wie der Blitz, der den schwarzen Himmel �tzte � Nachmittag, es war erst Nachmittag!</p><p><emphasis>Das ist also die Stunde,</emphasis> dachte Deornoth wild. Stahl prallte hart auf poliertes Hexenholz. <emphasis>Es mu� Ehre dabei sein.</emphasis> Ein verzweifelter Gedanke. <emphasis>Auch wenn es niemand sieht � Gott sieht es �</emphasis></p><p>Die wei�en Gesichter, verha�t und ha�erf�llt, verschwammen vor seinen Augen, in denen der Schwei� brannte.</p><empty-line/><p>Kein H�llentraum, kein Holzschnitt in seinen vielen B�chern, keine Warnung seiner s�mtlichen �donitischen Lehrer hatten Vater Strangyeard auf das heulende Inferno vorbereiten k�nnen, zu dem Naglimund geworden war. Blitze zischten �ber den Himmel, Donner br�llte, und die Stimmen von M�rdern und Opfern stiegen gemeinsam in die L�fte wie das Gestammel der Verdammten. Trotz Wind und peitschendem Regen sprangen �berall in der Dunkelheit Feuer auf und t�teten viele, die hinter dicken T�ren Zuflucht vor dem Wahnsinn drau�en zu finden gehofft hatten.</p><p>W�hrend er durch die Schatten der inneren G�nge hinkte, sah der Archivar, wie Nornen durch die zerst�rten Fenster in die Kapelle stiegen, und mu�te hilflos mitansehen, wie sie den unseligen Bruder Eglaf abschlachteten, der im Gebet vor dem Altar kniete. Strangyeard brachte es ebenso wenig �ber sich, dazubleiben und das Grauen auf sich zukommen zu sehen, wie er es schaffte, einem Bruder in Gott zu Hilfe zu eilen. Tr�nenblind schlich er sich hinaus, das Herz in der Brust schwer wie Blei, und steuerte auf die innere Burg und die Gem�cher des Prinzen zu.</p><p>Versteckt in der schwarzen Tiefe einer Hecke wurde er Zeuge, wie der standhafte Ethelbert von Tinsett und zwei seiner Wachen von der Keule eines gr�lenden Riesen zu rotem Brei zermalmt wurden. Zitternd beobachtete er, wie Eadgram, der Oberste der Wachen, aufrechtstehend verblutete, von qu�kenden Gr�bern �berrannt.</p><p>Er sah, wie ein anderer zottiger <emphasis>Hune</emphasis> eine Hofdame in St�cke ri�, w�hrend daneben eine Frau auf der Erde kauerte, das Gesicht leer und wahnsinnig.</p><p>�berall in der zerst�rten Feste fanden diese Trag�dien ein tausendfaches Echo; es war ein Alptraum, der kein Ende zu haben schien.</p><p>Weinend betete Strangyeard zu Usires. Einerseits �berzeugt, da� Gott das Gesicht von Naglimunds Todeskampf abgewandt hatte, andererseits aus verzweifeltem, leidenschaftlichem Instinkt betend, stolperte er zum Vordereingang der inneren Burg. Dort standen inmitten wild umherliegender Leichen zwei versengte, helmlose Ritter und zeigten wie gehetzte Tiere das Wei� ihrer Augen. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Archivar Deornoth und den Prinzen erkannte, und einen weiteren, herzl�hmenden Augenblick, bis er sie dazu �berredet hatte, mit ihm zu kommen.</p><p>In den labyrinthischen G�ngen des Wohnfl�gels war es ruhiger. Zwar waren auch hier die Nornen eingedrungen; ein paar Leichen lagen zusammengekr�mmt an den W�nden oder ausgestreckt auf den Steinfliesen. Aber die meisten Menschen waren in die Kapelle und den Speisesaal geflohen, und die Nornen hatten sich nicht damit aufgehalten, nach einzelnen zu suchen. Das w�rde sp�ter kommen.</p><p>Auf Josuas befehlenden Ruf hin entriegelte Isorn die T�r. Isgrimnurs Sohn bewachte mit Einskaldir und einer Handvoll erkynl�ndischer und Rimmersgard-Soldaten die Herrin Vara und die Herzogin Gutrun. Auch ein paar von den H�flingen hatten hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Strupp und der Harfner Sangfugol.</p><p>W�hrend der Prinz sich kalt aus Varas tr�nenreicher Umarmung l�ste, fand Strangyeard auf einem Lager in der Ecke Jarnauga, um dessen Kopf ungeschickt ein blutgetr�nkter Verband gewickelt war.</p><p>�Das Dach der Bibliothek ist eingest�rzt�, erkl�rte der alte Mann mit bitterem L�cheln. �Ich f�rchte, die Flammen haben alles vernichtet.�</p><p>F�r Vater Strangyeard war das in gewisser Weise der h�rteste Schlag von allen. Von neuem brach er in Schluchzen aus, und die Tr�nen liefen ihm sogar unter der Augenklappe hervor.</p><p>�Schlimmer � es h�tte schlimmer sein k�nnen�, schluckte er endlich. �Auch du h�ttest dahingerafft werden k�nnen, mein Freund.�</p><p>Jarnauga sch�ttelte den wei�en Kopf und zuckte zusammen. �Nein. Noch nicht. Aber bald. Doch etwas habe ich gerettet.� Aus seinen Kleidern zog er die zerknitterten Pergamente mit Morgenes' Handschrift; das oberste Blatt war blutverschmiert.</p><p>�Bring es in Sicherheit. Ich hoffe, da� es noch n�tzlich sein wird.�</p><p>Strangyeard nahm das B�ndel vorsichtig entgegen, band es mit einer Schnur von Josuas Tisch zusammen und lie� es in die Innentasche seiner Kutte gleiten. �Kannst du stehen?� fragte er Jarnauga.</p><p>Der alte Mann nickte behutsam, und der Priester half ihm auf.</p><p>�Prinz Josua�, begann Strangyeard und hielt Jarnaugas Ellenbogen fest. �Mir ist etwas eingefallen.�</p><p>Der Prinz, in seiner dringenden Beratung mit Deornoth und den anderen unterbrochen, musterte den Archivar ungeduldig.</p><p>�Was denn?� Durch die versengten Augenbrauen schien Josuas Stirn weiter denn je hervorzutreten, ein bleicher, gew�lbter Mond unter dem kurzgeschorenen Haar. �Soll ich dir vielleicht eine neue Bibliothek bauen?� Drau�en wuchs der Tumult. Der Prinz lehnte sich ersch�pft gegen die Wand. �Es tut mir leid, Strangyeard. Das war eine dumme Bemerkung. Was ist dir eingefallen?�</p><p>�Es gibt einen Weg ins Freie.�</p><p>Mehrere schmutzige, verzweifelte Gesichter fuhren herum.</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis> fragte Josua und beugte sich gespannt vor. �Sollen wir zum Tor hinausmarschieren? Ich h�re, da� man es f�r uns ge�ffnet hat.�</p><p>Strangyeards Bewu�tsein der Dringlichkeit gab ihm die Kraft, den Blick des Prinzen auszuhalten. �Es gibt einen verborgenen Gang, der aus dem Wachraum hinaus und zum Osttor f�hrt�, erkl�rte er. �Ich sollte es wissen � Ihr habt mich bei den Vorbereitungen f�r die Belagerung monatelang Dendinis' Pl�ne der Burg anstarren lassen.� Er dachte an die unersetzlichen Rollen brauner Pergamente, in verbla�ter Tinte mit Dendinis' sorgf�ltigen Notizen bedeckt, jetzt Asche, verkohlt in den Tr�mmern der Bibliothek. Er k�mpfte neue Tr�nen nieder. �Wenn � wenn wir es bis d-dorthin schaffen, k�nnen wir vielleicht �ber die <emphasis>Steige</emphasis> in die Weldhelmberge fliehen.�</p><p>�Und danach?� erkundigte sich Strupp verdrossen. �In den Bergen verhungern? Im Altherzwald von W�lfen aufgefressen werden?�</p><p>�M�chtest du vielleicht lieber gleich gefressen werden, und zwar von weniger angenehmen Gesch�pfen?� fauchte Deornoth ihn an. Die Worte des Priesters hatten sein Herz schneller schlagen lassen. Die R�ckkehr einer schwachen Hoffnung war fast allzu schmerzlich, aber er w�rde alles in Kauf nehmen, um seinen Prinzen in Sicherheit zu bringen.</p><p>�Wir werden uns den Weg freik�mpfen m�ssen�, sagte Isorn. �Ich kann schon h�ren, wie sich die Nornen im Wohnfl�gel verteilen. Wir haben Frauen und einige Kinder unter uns.�</p><p>Josuas Blick fiel auf fast zwanzig m�de, ver�ngstigte Gesichter im Raum.</p><p>�Besser drau�en zu sterben, als hier lebendig verbrannt zu werden, meine ich�, erkl�rte er und hob die Hand in einer Geb�rde des Segens oder der Selbstaufgabe. �Beeilen wir uns.�</p><p>�Noch eines, Prinz Josua�, meldete sich Strangyeard noch einmal zu Wort, w�hrend er dem sich m�hsam fortschleppenden Jarnauga behilflich war. �Wenn wir das Tunneltor erreichen, m�ssen wir noch mit einer weiteren Schwierigkeit fertig werden. Der Gang ist zur Verteidigung, nicht zur Flucht gebaut worden. Man kann ihn von innen ebenso leicht �ffnen wie schlie�en.�</p><p>Josua wischte sich Asche von der Stirn. �Du willst sagen, da� wir einen Weg finden m�ssen, ihn hinter uns zu versperren?�</p><p>�Wenn wir �berhaupt eine Hoffnung auf Flucht haben wollen, ja!�</p><p>Der Prinz seufzte. Aus einer Schnittwunde an der Lippe tropfte Blut auf sein Kinn. �Wir wollen erst einmal bis zu diesem Tor kommen. Danach k�nnen wir tun, was erforderlich ist.�</p><p>Sie st�rmten alle auf einmal aus der T�r, zur Verbl�ffung zweier auf dem Korridor wartender Nornen. Dem vorderen spaltetete Einskaldir krachend mit der Axt den Helm, da� im d�mmrigen Gang die Funken stoben. Bevor der andere mehr tun konnte, als das kurze Schwert zu heben, war er zwischen Isorn und einem der Wachsoldaten von Naglimund aufgespie�t. Deornoth und der Prinz f�hrten die Hofleute hastig weiter.</p><p>Der Schlachtenl�rm war weitgehend verstummt. Nur ab und zu hallte ein Schmerzensschrei oder aufsteigender Triumphgesang durch die leeren Flure. Rauch, der in die Augen bi�, leckende Flammen und die Spottlieder der Nornen lie�en den Wohnfl�gel wie eine furchtbare Unterwelt, ein Labyrinth am Rande des <emphasis>Gro�en Abgrundes</emphasis> erscheinen.</p><p>In den verw�steten Ruinen des Schlo�gartens fielen schnatternde Gr�ber �ber sie her. Einer der Soldaten brach, ein zackiges Bukkenmesser im R�cken, tot zusammen, und noch w�hrend der Rest der Fl�chtlinge die anderen abwehrte, wurde eine von Varas Dienerinnen kreischend in einen Spalt der schwarzen Erde gezerrt. Deornoth sprang vor, um sie zu retten, und durchbohrte einen sich windenden, pfeifenden, schwarzen K�rper mit seiner Schwertspitze; aber er kam zu sp�t. Nur ihr zierlicher Pantoffel, der im regennassen Schlamm lag, zeigte noch, da� sie �berhaupt je existiert hatte.</p><p>Zwei der gewaltigen <emphasis>Hunen</emphasis> hatten die Weinkeller entdeckt und pr�gelten sich vor dem Wachhaus der inneren Burg betrunken um das letzte Fa�. Br�llend vor Wut, gingen sie immer wieder mit Keulen und Klauen aufeinander los. Der Arm des einen Riesen hing schlaff herunter, und der andere hatte eine so f�rchterliche Kopfwunde davongetragen, da� sein Gesicht wie ein blutiges Laken aussah. Trotzdem hackten sie weiter aufeinander ein und fauchten sich inmitten des Tr�mmerhaufens aus zerbrochenen F�ssern und zerschmetterten Leichnamen der Verteidiger von Naglimund in ihrer unverst�ndlichen Sprache an.</p><p>Josua und Strangyeard duckten sich am Rand der G�rten in den Schlamm und sp�hten durch den str�menden Regen hin�ber.</p><p>�Die T�r zum Wachraum ist zu�, sagte Josua. �Vielleicht schaffen wir es �ber den offenen Hof, aber wenn sie von innen verriegelt ist, bedeutet das unser Ende. Wir k�nnen sie nie so schnell aufbrechen.�</p><p>Strangyeard zitterte. �Und selbst wenn � dann k�nnten wir sie nicht mehr hinter uns zuschlie�en.�</p><p>Josua sah auf Deornoth, der gar nichts sagte.</p><p>�Trotzdem�, zischte der Prinz, �wir m�ssen es versuchen. Wir haben keine Wahl.�</p><p>Als sie ihren kleinen Trupp formiert hatten, rannten sie in stolpernder Hast los. Die beiden <emphasis>Hunen,</emphasis> von denen sich der eine mit den riesigen Z�hnen in die Kehle des anderen verbissen hatte, w�lzten sich am Boden, in tobendem Kampf ineinander verkrallt wie G�tter aus urweltlicher Vorzeit. Ohne die vor�berhuschenden Menschen zu bemerken, streckte einer von ihnen in einem Anfall krampfartigen Schmerzes j�h ein gewaltiges Bein aus und traf den Harfner Sangfugol, der der L�nge nach hinschlug. Sofort machten Isorn und der alte Strupp kehrt und halfen ihm auf. Von der anderen Seite des Hofes ert�nte ein schriller, erregter Schrei. Ein Dutzend Nornen, davon zwei auf hohen wei�en Rossen, fuhr auf den Ruf ihres Kameraden herum. Als sie die Schar des Prinzen bemerkten, erhoben sie ein lautes Geschrei. Die beiden Berittenen spornten die Pferde zum Galopp, vorbei an den mittlerweile bewu�tlosen Riesen.</p><p>Josua erreichte die T�r und zog. Sie sprang auf, aber noch w�hrend die entsetzten Fl�chtlinge ins Innere dr�ngten, war der erste Reiter bei ihnen, auf dem Kopf einen hohen Helm, den langen Speer in der Hand.</p><p>Mit einem Knurren wie ein in die Enge getriebener Hund st�rzte sich der schwarzb�rtige Einskaldir auf ihn. Er duckte sich unter dem schlangenartigen Vorsto� der Lanze, sprang in die H�he und warf sich gegen die Seite des Angreifers. Mit der Hand packte er dessen wehenden Mantel, zog, st�rzte herunter und nahm seinen Feind mit sich. Das reiterlose Pferd rutschte auf dem nassen Steinpflaster. Einskaldir kniete �ber dem Gefallenen und lie� hart die Axt hinabsausen, einmal, zweimal. Blind f�r seine gesamte Umgebung, w�re er sicher vom Speer des zweiten Nornenreiters durchbohrt worden, h�tte nicht Deornoth den Deckel eines zerbrochenen Fasses hochgewuchtet und geschleudert. Er traf und warf den Reiter vom Pferd.</p><p>Die heulenden Fu�truppen hatten sie fast erreicht, als Deornoth den sch�umenden Einskaldir von dem zerhackten Leichnam des Nornen wegri�. Knapp vor den Angreifern hasteten sie durch die T�r, die Isorn und zwei andere Fl�chtlinge hinter ihnen krachend zufallen lie�en. Speere donnerten gegen das dicke Holz; gleich darauf rief einer der Nornen mit hoher, schnalzender Stimme.</p><p>��xte!� sagte Jarnauga. �Soviel verstehe ich von der Sprache der <emphasis>Hikeda'ya.</emphasis> Sie holen �xte.�</p><p>�Strangyeard!� schrie Josua. �Wo ist der verdammte Gang?�</p><p>�Er ist � es ist so dunkel�, antwortete der Priester mit zitternder Stimme. In der Tat erleuchtete nur der unstete Schein der orangefarbenen Flammen, die sich durch die Dachbalken zu fressen begannen, den Raum. Unter der niedrigen Decke sammelte sich Rauch. �Ich � ich glaube, der Gang ist auf der S�dseite�, fuhr Strangyeard fort. Einskaldir und ein paar andere sprangen zur Mauer, um die schweren Wandteppiche abzurei�en.</p><p>�Die T�r!� bellte Einskaldir, und gleich darauf: �Verschlossen.�</p><p>Das Schl�sselloch in der schweren Holzt�r war leer. Josua starrte sie an. Durch die T�r zum Hof drang krachend die Spitze einer Axtklinge. �Brecht sie auf!� befahl der Prinz. �Und ihr anderen stapelt alles, was ihr findet, vor die Au�ent�r.�</p><p>Es dauerte nur Sekunden, bis Einskaldir und Isorn den Riegel aus dem T�rpfosten herausgehackt hatten. Deornoth hielt eine unbenutzte Fackel an die gl�hende Decke, damit sie sich entz�ndete. Kaum war die T�r aus den Angeln geschlagen, waren sie schon hindurch und flohen den schr�gen Gang hinauf. Wieder splitterte ein St�ck aus der T�r zum Hof.</p><empty-line/><p>Sie rannten mehrere Achtelmeilen weit; die St�rkeren halfen den Schw�cheren. Schlie�lich sank einer der H�flinge weinend zu Boden und konnte nicht weiter. Isorn wollte ihn aufheben, aber seine Mutter Gutrun, selbst zum Umfallen m�de, hielt ihn zur�ck.</p><p>�La� ihn liegen�, erkl�rte sie. �Er schafft es.�</p><p>Isorn sah sie scharf an und zuckte dann die Achseln. Als sie den ansteigenden Gang weiter hinaufliefen, h�rten sie den Mann m�hsam aufstehen, sie verw�nschen und hinterherkommen.</p><p>Gerade als die T�ren vor ihnen sichtbar wurden, schwarz und schwer im Schein ihrer einzigen Fackel, vom Boden des Ganges bis zur Decke aufragend, h�rten sie hinter sich ihre Verfolger. Josua, der das Schlimmste bef�rchtete, streckte die Hand nach einem der Eisenringe aus und zog. Mit leisem Knarren schwang die T�r in ihren Angeln nach innen. �Usires sei gelobt�, sagte Vater Strangyeard.</p><p>�Bringt die Frauen und die anderen hinaus�, befahl Josua, und eine Minute sp�ter hatten zwei Soldaten alle durch den Gang und zu den m�chtigen Toren hinausgeleitet.</p><p>�Jetzt ist es soweit�, erkl�rte Josua. �Entweder finden wir einen Weg, diese T�r zu versiegeln, oder wir m�ssen soviele M�nner hierlassen, da� die Verfolger aufgehalten werden.�</p><p>�Ich bleibe�, brummte Einskaldir. �Ich habe heute nacht Elbenblut gekostet. Es schmeckte nach mehr.� Er klopfte auf seinen Schwertgriff.</p><p>�Nein. Es ist meine Aufgabe, und meine allein.� Jarnauga hustete und lehnte sich schwer auf Strangyeards Arm. Dann richtete er sich auf. Der lange Priester schaute den alten Mann an und begriff.</p><p>�Ich sterbe�, fuhr dieser fort. �Es war nie mein Schicksal, Naglimund wieder zu verlassen. Das wu�te ich von Anfang an. Ihr braucht mir nur ein Schwert dazulassen.�</p><p>�Du bist nicht stark genug!� wandte Einskaldir fast ein wenig entt�uscht ein.</p><p>�Ich bin stark genug, um <emphasis>diese</emphasis> T�r zu schlie�en�, erwiderte der alte Mann sanft. �Siehst du?� Er deutete auf die riesigen Angeln. �Sie sind sehr fein gearbeitet. Sobald die T�r geschlossen ist, wird eine abgebrochene Klinge in der Angel-Spalte jedem Verfolger den Weg versperren. Geht nun.�</p><p>Der Prinz drehte sich um, als wollte er Einwendungen machen; ein klickender Schrei hallte den Gang hinauf. �Also gut�, sagte er leise. �Gott segne dich, alter Mann.�</p><p>�Unn�tig�, entgegnete Jarnauga. Er zog etwas Gl�nzendes hervor, das er um den Hals getragen hatte, und dr�ckte es Strangyeard in die Hand. �Seltsam, noch in letzter Stunde einen Freund zu finden.�</p><p>Die Augen des Priesters f�llten sich mit Tr�nen, und er k��te den Rimmersmann auf die Wange.</p><p>�Mein Freund�, fl�sterte er und schritt durch die offene T�r.</p><p>Das letzte, was sie von Jarnauga sahen, war sein heller Blick im Schein der Fackel, als er sich gegen die T�r stemmte. Sie schwang zu und d�mpfte die Ger�usche der Verfolger. Die Riegel an der Innenseite schoben sich fest an ihren Platz.</p><empty-line/><p>Sie stiegen eine lange Treppe hinauf und traten endlich in den windigen, regengepeitschten Abend. Der Sturm hatte nachgelassen, und als sie auf dem kahlen Hang unterhalb der bewaldeten Steige standen, konnten sie unten in den Ruinen von Naglimund Feuer flackern und schwarze, unmenschliche Gestalten um die h�pfenden Flammen tanzen sehen.</p><p>Lange stand Josua da und starrte hinunter, Regenstreifen im ru�igen Gesicht. Seine kleine Schar duckte sich zitternd hinter ihn und wartete darauf, den Weg fortzusetzen.</p><p>Der Prinz hob die linke Faust.</p><p>�Elias!� schrie er, und der Wind hetzte ihm das Echo von den Lippen. �Du hast Tod und Schlimmeres �ber das Reich unseres Vaters gebracht! Du hast uraltes B�ses geweckt und den K�nigsfrieden zerst�rt! Du hast mich heimatlos gemacht und vernichtet, was ich liebte!� Er hielt inne und k�mpfte mit den Tr�nen. <emphasis>�Du bist kein K�nig mehr!</emphasis> Ich werde dir die Krone entrei�en. <emphasis>Ich werde sie mir holen, das schw�re ich dir!�</emphasis></p><p>Deornoth nahm ihn beim Ellenbogen und f�hrte ihn vom Wegrand fort. Josuas Untertanen erwarteten ihn, frierend und ver�ngstigt, heimatlos im wilden Weldhelm. Er senkte einen Augenblick, vor M�digkeit oder weil er betete, den Kopf, dann f�hrte er sie hinein ins Dunkle.</p></section><section><title><p>XLIV</p><p>Blut und die wirbelnde Welt</p></title><p>Das schwarze Drachenblut hatte sich �ber Simon ergossen und gebrannt wie Feuer. Im Augenblick der Ber�hrung hatte er gef�hlt, wie sein eigenes Leben in den Hintergrund gedr�ngt wurde. Die furchtbare Essenz durchdrang ihn, versengte seinen Geist und lie� nur Drachenleben �brig. Es war, als sei er selber � in jenem schwindenden Augenblick, bevor sich das Dunkel �ber ihn senkte � zum geheimen Herzen des Lindwurmes geworden.</p><p><emphasis>Igjarjuks schwelend langsames und kompliziertes Leben nahm ihn gefangen. Er wuchs. Er ver�nderte sich, und die Verwandlung war schmerzhaft wie Tod und Geburt.</emphasis></p><p><emphasis>Seine Knochen wurden schwer, fest wie Stein und zugleich reptilienhaft biegsam. Seine Haut verh�rtete sich zu Juwelenschuppen, und er f�hlte Pelz �ber seinen R�cken gleiten wie ein Panzerhemd aus Diamanten.</emphasis></p><p><emphasis>Machtvoll str�mte das Herzblut des Drachen in seiner Brust, gewichtig wie die Bahn eines dunklen Sternes in der leeren Nacht, stark und hei� wie die Schmiedefeuer der Erde selbst. Seine Klauen gruben sich in die steinerne Haut der Welt, und sein uraltes Herz pochte � und pochte � und pochte � Er nahm zu an spr�der, uralter Klugheit des Drachenvolkes, f�hlte als erstes die Geburt seiner Rasse in den Kleinkindertagen der Erde, dann die Last unz�hlbarer Jahre, die ihn niederdr�ckte, dunkler Jahrtausende, die an ihm vorbeirauschten wie sch�umende Wasser. Er geh�rte einer der �ltesten aller Rassen an, war einer der Erstgeborenen der abk�hlenden Erde, und doch lag er zusammengerollt unter der Oberfl�che der Welt wie der winzigste Wurm unter der Schale eines Apfels�</emphasis></p><p><emphasis>Das alte schwarze Blut durchbrauste ihn. Immer noch wuchs er und erkannte und benannte alle Dinge auf der wirbelnden Welt. Ihre Haut, die Haut der Erde, wurde seine eigene � die wimmelnde Oberfl�che, auf der alles Lebende geboren wurde, wo es k�mpfte und unterlag, sich schlie�lich ergab, um wieder ein Teil von ihm zu werden. Ihre Knochen waren seine Knochen, die Felss�ulen, auf denen alles ruhte und durch die er jedes Beben atmenden Lebens f�hlte.</emphasis></p><p><emphasis>Er war Simon. Und doch auch die Schlange. Und trotzdem auch die Erde selbst in ihrer Unendlichkeit und jeder Einzelheit. Und immer noch wuchs er und sp�rte im Wachsen, wie ihm sein sterbliches Leben entglitt�</emphasis></p><p><emphasis>In der j�hen Einsamkeit seiner Majest�t f�rchtete er, alles zu verlieren, und er griff nach denen, die er gekannt hatte, um sie zu ber�hren. Er konnte ihr warmes Leben f�hlen, sie sp�ren wie Funken in einer gewaltigen, windigen Schw�rze. So viele Leben � so wichtig, so klein�</emphasis></p><p><emphasis>Er sah Rachel � geb�ckt, alt. Sie sa� in einem leeren Zimmer auf einem Schemel, den grauen Kopf in den H�nden. Wann war sie so klein geworden? Vor ihren F��en lag ein Besen, daneben ein s�uberliches Staubh�ufchen. Der Raum in der Burg wurde schnell dunkler.</emphasis></p><p><emphasis>Prinz Josua stand auf einem Berghang und schaute hinab. Ein schwaches, flammendrotes Licht f�rbte sein grimmiges Gesicht. Er konnte Josuas Zweifel und Schmerz erkennen; er wollte ihn ber�hren und tr�sten, aber er durfte diese Leben nur sehen, nicht anfassen.</emphasis></p><p><emphasis>Ein kleiner, brauner Mann, den er nicht kannte, stakte sein Flachboot einen Flu� hinauf. Gro�e B�ume lie�en ihre �ste ins Wasser h�ngen, Wolken von M�cken schwebten in der Luft. Der kleine Mann strich sch�tzend �ber ein Pergamentb�ndel, das in seinem G�rtel steckte. Eine Brise f�chelte die herabh�ngenden Zweige, und der kleine Mann l�chelte dankbar.</emphasis></p><p><emphasis>Ein gro�er Mann � Isgrimnur? Aber wo war sein Bart? � ging auf einem von Wind und Wetter verzogenen Landungssteg auf und ab und starrte auf den sich verfinsternden Himmel und den windgepeitschten Ozean hinaus.</emphasis></p><p><emphasis>Ein sch�ner Greis, das lange, wei�e Haar wirr, sa� da und spielte mit einem Rudel halbnackter Kinder. Seine blauen Augen blickten mild und fern, von Lachf�ltchen umgeben.</emphasis></p><p><emphasis>Miriamel, mit kurzgeschnittenen Haaren, schaute von der Reling eines Schiffes nach den dichten Wolken, die sich am Horizont auft�rmten. �ber ihrem Kopf knatterten und wogten die Segel. Er wollte ihr l�nger zusehen, aber die Erscheinung wirbelte davon wie ein fallendes Blatt.</emphasis></p><p><emphasis>Eine hochgewachsene Hernystiri, schwarz gekleidet, kniete in einem Hain aus schlanken Birken vor zwei Steinhaufen, hoch am Hang eines vom Wind verwehten Berges.</emphasis></p><p><emphasis>K�nig Elias starrte mit rotger�nderten Augen in einen Weinbecher. Leid lag auf seinen Knien. Das graue Schwert war ein wildes Tier, das so tat, als schliefe es�</emphasis></p><p><emphasis>Pl�tzlich stand Morgenes vor ihm, flammengekr�nt, und sein Anblick durchbohrte selbst Simons Drachenherz mit einem Speer aus eisigem Schmerz. Der alte Mann hielt ein riesengro�es Buch in der Hand, und seine Lippen bewegten sich in qualvoll stummen Schreien, als riefe er eine Warnung � h�te dich vor dem falschen Boten � h�te dich �</emphasis></p><p><emphasis>Die Gesichter glitten davon, bis auf einen letzten Geist.</emphasis></p><p><emphasis>Ein Junge, d�nn und tolpatschig, suchte sich einen Weg durch dunkle unterirdische Tunnel. Er weinte und kroch durch das Labyrinth wie ein gefangenes Insekt. Jede Einzelheit, jede Drehung und Windung rollte sich m�hsam vor seinen Augen ab.</emphasis></p><p><emphasis>Der Junge stand auf einem Berghang unter dem Mond und starrte voller Grauen auf wei�gesichtige Gestalten und ein graues Schwert, aber eine dunkle Wolke h�llte den Knaben in ihren Schatten.</emphasis></p><p><emphasis>Derselbe Junge, etwas �lter, stand vor einem hohen wei�en Turm. Von seinem Finger blitzte ein goldenes Licht, obgleich der Junge selbst in tiefem, immer dunkler werdendem Schatten stand. Glocken l�uteten, und das Dach ging in Flammen auf�</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Auch ihn umgab jetzt Finsternis, zog ihn fort zu anderen, unheimlicheren Orten � aber er wollte nicht dorthin. Nicht ehe ihm der Name dieses Kindes wieder einfiel, dieses tolpatschigen Jungen, der von nichts eine Ahnung hatte. Er wollte nicht fort; er wollte sich erinnern�</emphasis></p><p><emphasis>Der Name des Jungen war � der Name des Jungen war � Simon!</emphasis></p><p><emphasis>Simon.</emphasis></p><p><emphasis>Und dann verschwamm alles vor seinen Augen.</emphasis></p><empty-line/><p>�Seoman�, sagte die Stimme, jetzt ganz laut; er begriff, da� sie ihn schon eine ganze Weile so rief.</p><p>Er schlug die Augen auf. Die Farben waren so intensiv, da� er die Lider sofort wieder schlo�. Wirbelnde R�der in Silber und Rot tanzten vor der Dunkelheit seiner geschlossenen Augen.</p><p>�Komm, Seoman, komm zur�ck zu deinen Kameraden. Wir brauchen dich hier.�</p><p>Er hob die Lider halb, um sich an das Licht zu gew�hnen. Jetzt waren alle Farben weg � es gab nur noch Wei�. Er st�hnte, versuchte sich zu bewegen und merkte, da� er unendlich schwach war, als liege eine schwere Last auf ihm und dr�cke ihn nieder; gleichzeitig kam er sich so durchsichtig und zerbrechlich vor, als w�re er aus reinem Glas gesponnen. Selbst bei geschlossenen Augen war ihm, als sp�re er Licht, das ihn durchdrang und mit einem Glanz erf�llte, der keine W�rme mitbrachte.</p><p>Ein Schatten streifte sein empfindliches Gesicht, als bes��e er greifbares Gewicht. Etwas Nasses und Kaltes ber�hrte seine Lippen. Er schluckte, empfand j�hen Schmerz, hustete und trank noch einmal. Ihm war, als schmecke er jeden Ort, an dem das Wasser je gewesen war � den eisigen Gipfel, die geschwollene Regenwolke, den steinigen Wasserlauf im Gebirge.</p><p>Er �ffnete die Augen weiter. Es war wirklich alles �berw�ltigend wei�, ausgenommen Jirikis goldenes Gesicht, das sich �ber ihn beugte. Er lag in einer H�hle, deren W�nde bis auf Spuren von d�nnen Linien wei� von Asche waren; Pelze, Holzschnitzereien und verzierte Gef��e waren an den Seiten auf dem Steinboden aufgeschichtet. Simons schwere H�nde, taub und doch seltsam feinf�hlig, umklammerten die Pelzdecke und betasteten schwach das h�lzerne Lager, auf dem er ruhte. Wie �?</p><p>�Ich�� Er hustete erneut.</p><p>�Dir tut alles weh, und du bist m�de. Das war zu erwarten.� Der Sitha runzelte die Stirn, ohne da� seine leuchtenden Augen ihren Ausdruck �nderten. �Du hast etwas ganz Furchtbares getan, Seoman, wei�t du das? Du hast mir zum zweiten Mal das Leben gerettet.�</p><p>�Hmmm.� Sein Kopf reagierte so langsam wie seine Muskeln. Was war eigentlich geschehen? Da war der Berg gewesen � die H�hle � und der �</p><p>�Der Drache!� sagte Simon, verschluckte sich und versuchte sich aufzurichten. Die Pelzdecke rutschte zur Seite, und er merkte erst jetzt, wie kalt der Raum war. Unter einem St�ck Leder am anderen Ende sickerte Licht herein. Ein pl�tzlicher Schwindel �berkam ihn und machte ihn schlaff. Kopf und Gesicht pochten. Er sank zur�ck.</p><p>�Fort�, antwortete Jiriki kurz. �Ich wei� nicht, ob tot oder nicht, aber er ist fort. Als du zuschlugst, taumelte er an dir vorbei und st�rzte in den Abgrund. Im Schnee und Eis der gro�en Tiefen konnte ich nicht sehen, wohin er fiel. Du hast das Schwert Dorn geschwungen wie ein wahrer Krieger, Seoman Schneelocke.�</p><p>�Ich�� Er holte unsicher Atem und versuchte es noch einmal. Das Sprechen verursachte ihm Schmerzen im Gesicht. �Ich glaube nicht � da� ich das war. <emphasis>Dorn �</emphasis> hat mich <emphasis>benutzt.</emphasis> Es <emphasis>wollte</emphasis> gerettet werden � glaube ich. Das mag t�richt klingen, aber��</p><p>�Nein. Ich denke, da� du recht haben k�nntest. Schau dort.� Jiriki deutete nach der wenige Fu� entfernten H�hlenwand. Auf dem Mantel des Sithi-Prinzen lag Dorn wie auf einem Kissen, schwarz und fern wie der Boden eines Brunnens. War es m�glich, da� es in seiner Hand lebendig geworden war? �Es lie� sich ganz leicht hierher tragen�, f�gte Jiriki hinzu, �vielleicht wollte es in diese Richtung.�</p><p>Diese Worte setzten in Simons Kopf ein langsames Gedankenrad in Bewegung.</p><p><emphasis>Das Schwert wollte hierher kommen � aber was ist hier? Und wie sind wir � O Mutter Gottes, der Drache!</emphasis></p><p>�Jiriki!� keuchte er. �Die anderen! Wo sind die anderen?�</p><p>Der Prinz nickte sanft. �Ach, ja. Ich hatte gehofft, ich k�nnte noch damit warten, aber ich sehe ein, da� es nicht geht.� Er schlo� eine Sekunde die gro�en, hellen Augen.</p><p>�An'nai und Grimmric sind tot. Sie sind auf dem Berg Urmsheim begraben.� Er seufzte und bewegte die H�nde in einer komplizierten Geb�rde. �Du wei�t nicht, was es bedeutet, einen Sterblichen und einen Sitha zusammen zu bestatten, Seoman. Es ist nur selten vorgekommen, und seit f�nf Jahrhunderten �berhaupt nicht mehr. An'nais Taten werden im <emphasis>Tanz der Jahre,</emphasis> den Analen unseres Volkes, weiterleben bis ans Ende der Welt, und so wird auch Grimmrics Name weiterleben. Sie werden auf ewig miteinander unter dem Udunbaum liegen.� Jiriki schlo� die Augen und sa� eine Weile schweigend da. �Die anderen � nun, sie sind alle am Leben geblieben.�</p><p>Simon f�hlte, wie ihm das Herz weh tat, aber er verschob alle Gedanken an die beiden Gefallenen auf sp�ter. Er starrte an die mit Asche bemalte Decke und sah, da� die Linien d�nne Zeichnungen von Riesenschlangen und Tieren mit Sto�z�hnen darstellten und sich �ber die gesamte Decke und alle W�nde zogen. Die leeren Augen der Gesch�pfe machten ihn unruhig; wenn er zu lange hinschaute, schienen sie sich zu bewegen. Er wandte sich wieder dem Sitha zu.</p><p>�Wo ist Binabik?� fragte er. �Ich m�chte gern mit ihm sprechen. Ich hatte einen ganz sonderbaren Traum � einen ganz sonderbaren Traum��</p><p>Noch ehe Jiriki antworten konnte, steckte Haestan den Kopf durch den H�hleneingang. �Der K�nig will nicht mit uns reden�, verk�ndete er. Dann sah er Simon. �Du bist ja wach, Junge!� kr�hte er. �Wunderbar!�</p><p>�Was denn f�r ein K�nig?� fragte Simon verwirrt. �Doch nicht etwa Elias?�</p><p>�Nein, Junge.� Haestan sch�ttelte den Kopf. �Nach � nach dem, was da oben am Berg geschah, fanden uns die Trolle. Du hast ein paar Tage geschlafen. Wir sind jetzt auf dem Mintahoq � dem Trollberg.�</p><p>�Und Binabik ist bei seiner Familie?�</p><p>�Nicht ganz.� Haestan warf Jiriki einen Blick zu. Der Sitha nickte. �Binabik � und Sludig � hat der K�nig gefangengenommen. Manche sagen sogar, zum Tode verurteilt.�</p><p>�Was? Gefangen?� fuhr Simon auf und sackte sofort wieder auf sein Lager, als sich ein schmerzhafter Reif grausam um seinen Kopf zusammenzog. �Warum?�</p><p>�Sludig, weil er ein verha�ter Rimmersmann ist�, erkl�rte Jiriki. �Und Binabik soll ein schreckliches Verbrechen gegen den Trollk�nig begangen haben. Wir wissen noch nicht, was es ist, Seoman Schneelocke.�</p><p>Simon sch�ttelte verdutzt den Kopf. �Das ist Wahnsinn. Ich mu� verr�ckt geworden sein � oder noch tr�umen.� Er sah vorwurfsvoll auf Jiriki. �Und weshalb nennt Ihr mich immer mit diesem Namen?�</p><p>�Warte��, begann Haestan. Aber Jiriki achtete nicht darauf, sondern zog unter seiner Jacke den Spiegel hervor. Simon setzte sich auf und griff danach, die feine Schnitzerei des Rahmens rauh unter seinen empfindlichen Fingern. Vor der H�hle heulte der Wind, und unter dem T�rvorhang wehte kalte Luft ins Innere.</p><p>War denn inzwischen die ganze Welt mit Eis bedeckt? W�rde er dem Winter �berhaupt nicht mehr entkommen?</p><p>Unter anderen Umst�nden h�tte ihm der dichte, rotgoldene Bart, der jetzt �berall in seinem Gesicht zu wachsen begann, gro�e Freude gemacht; aber in diesem Augenblick sah er nur die lange Narbe, die vom Kinn die Wange hinauf und am linken Auge vorbeilief. Die Haut um sie herum war ganz bla� und sah frisch aus. Er strich dar�ber, zuckte zusammen und tastete dann mit den Fingern nach seiner Kopfhaut.</p><p>Eine lange Haarstr�hne war so wei� geworden wie der Schnee am Urmsheim.</p><p>�Du bist gezeichnet, Seoman.� Jiriki streckte die Hand aus und ber�hrte mit langem Finger seine Wange. �Ob zum Gl�ck oder Ungl�ck, du bist gezeichnet.�</p><p>Simon lie� den Spiegel sinken und vergrub das Gesicht in den H�nden.</p><cite><p><emphasis>Noch sind Ineluki und seine schwarzen Scharen nicht besiegt. Viele Gefahren warten auf Simon Schneelocke, Prinz Josua Ohnehand und ihre Gef�hrten. Die Abenteuer in der versunkenen Wunderwelt von Osten Ard gehen weiter.</emphasis></p></cite></section></section><section><title><p>Anhang</p></title><section><title><p>A. Personen</p></title><subtitle>1. Erkynl�nder</subtitle><p>Barnabas: K�ster der Burgkapelle auf dem Hochhorst</p><p>Beornoth: R�uber in Hans Mundwalds sagenhafter-Bande</p><p>Breyugar: Graf von Westfold, Oberster der Wachen auf dem Hochhorst</p><p>Caleb Shem: Pferdeknechts Lehrling</p><p>Colmund: Knappe von Camaris-s�-Vinitta, sp�ter Baron von Rodstanby</p><p>Deorhelm: Soldat beim <emphasis>Drachen und Fischer</emphasis> in Flett</p><p>Deornoth, Herr: einer von Josuas Rittern, manchmal auch �die prinzliche Rechte� genannt</p><p>Dreosan, Vater: Kaplan auf dem Hochhorst</p><p>Eadgram, Herr: Oberster der Wachen von Naglimund</p><p>Eahlferend: Simons Vater, ein Fischer, verheiratet mit Susanna</p><p>Eahlstan Fiskerne: der Fischerk�nig, erster erkynlandischer Gebieter auf dem Hochhorst</p><p>Eglaf, Bruder: M�nch in Naglimund, Strangyeards Freund</p><p>Elias: Prinz, �ltester Sohn von Johan dem Priester, sp�ter Hochk�nig von Osten Ard</p><p>Elispeth: Hebamme auf dem Hochhorst</p><p>Ethelbearn: Soldat, Simons Gef�hrte auf der Reise von Naglimund zum Urmsheim</p><p>Ethelferth: Herr von Tinsett</p><p>Fengbald: Graf von Falshire</p><p>Freawaru: Wirt des <emphasis>Drachen und Fischer</emphasis> in Flett</p><p>Godstan: Soldat beim <emphasis>Drachen und Fischer</emphasis></p><p>Godwig: Baron von Cellodshire</p><p>Grimmric: Soldat, Simons Gef�hrte auf der Reise von Naglimund zum Urmsheim</p><p>Grimsted, Herr: erkynl�ndischer Adliger, K�nig Josuas Verb�ndeter</p><p>Guthwulf: Graf von Utanyeat, Hand des Hochk�nigs</p><p>Haestan: Wachsoldat in Naglimund, einer von Simons Gef�hrten</p><p>Heahferth: Baron von Allwald</p><p>Heanfax: Wirtsjunge in Flett</p><p>Helfcene: Burgkanzler auf dem Hochhorst</p><p>Hepzibah: Dienstmagd auf dem Hochhorst</p><p>Hruse: im Lied Hans Mundwalds Frau</p><p>Inch: Gehilfe von Doktor Morgenes, sp�ter Schmiedemeister</p><p>Isaak: Page auf dem Hochhorst</p><p>Jael: Dienstmagd auf dem Hochhorst</p><p>Jakob: Wachszieher aus Erchester</p><p>Jeremias: Jakobs Lehrling</p><p>Johan der Priester: auch Johan Presbyter, Hochk�nig von Osten Ard</p><p>Josua: Prinz, Johans j�ngerer Sohn, Herr von Naglimund, genannt �Ohnehand�</p><p>Judith: oberste K�chin auf dem Hochhorst</p><p>Langrian: M�nch des Klosters Sankt Hoderund</p><p>Leleth: Miriamels kleine Magd</p><p>Lofsunu: Soldat, Hepzibahs Auserkorener</p><p>Lucuman: Stallknecht in Naglimund</p><p>Malachias: Burgjunge auf dem Hochhorst</p><p>Marya: Miriamels Magd</p><p>Miriamel: Prinzessin, Elias' einziges Kind</p><p>Morgenes, Doktor: Tr�ger der Schriftrolle, Arzt und Gelehrter K�nig Johans, Simons Freund und Lehrer</p><p>Hans Mundwald: sagenhafter Waldr�uber</p><p>Noah: K�nig Johans Knappe</p><p>Ordmaer: Baron von Utersall, Verb�ndeter Prinz Josuas</p><p>Osgal: R�uber in Hans Mundwalds sagenhafter Bande</p><p>Ostrael: Spie�k�mpfer, Sohn Firsframs aus Runchester</p><p>Peter Goldsch�ssel: Seneschall auf dem Hochhorst</p><p>Rachel: Oberste der Kammerfrauen auf dem Hochhorst</p><p>Rebah: K�chenmagd auf dem Hochhorst</p><p>Ruben der B�r: Burgschmied auf dem Hochhorst</p><p>Sangfugol: Josuas Harfner</p><p>Sarrah: Dienstmagd auf dem Hochhorst</p><p>Scenesefa: M�nch im Kloster Sankt Hoderund</p><p>Shem: Pferdeknecht auf dem Hochhorst</p><p>Simon (Seoman): K�chenjunge auf dem Hochhorst</p><p>Sophrona: W�schebeschlie�erin auf dem Hochhorst</p><p>Strangyeard, Vater: Archivar von Naglimund</p><p>Strupp: eigentlich Cruinh, Hofnarr K�nig Johans</p><p>Susanna: Simons Mutter, Dienstmagd auf dem Hochhorst</p><p>Tobas: Hundew�rter auf dem Hochhorst</p><p>Wuldorcen: Baron von Caldsae</p><subtitle>2. Hernystiri</subtitle><p>Arthpreas: Graf von Cuimnhe</p><p>Bagba: Gott der Rinder und des Viehs</p><p>Brynioch von den Himmeln: Himmelsgott</p><p>Cadrach-ec-Crannhyr: M�nch unklarer Ordenszugeh�rigkeit</p><p>Cifgha: junge Frau am Taig</p><p>Craobhan: alter Ritter, Ratgeber K�nig Lluths</p><p>Cryunnos: ein Gott</p><p>Dochais: M�nch im Kloster Sankt Hoderund</p><p>Ef�athe: urspr�nglicher Name der K�nigin Ebekah von Erkynland, genannt �die Rose von Hernysadharc�, K�nig Johans Gemahlin</p><p>Eoin-ec-Cluias: sagenhafter Dichter</p><p>Eolair: Graf von Nad Mullagh, Gesandter K�nig Lluths</p><p>Fiathna: Gwythinns Mutter, Lluths zweite Gemahlin</p><p>Gealsgiath: Schiffskapit�n, genannt �der Alte�</p><p>Gormbhata: sagenhafter H�uptling</p><p>Gwelan: junge Frau am Taig</p><p>Gwythinn: Prinz, Lluths Sohn, Halbbruder Maegwins</p><p>Hathrayhinn, der Rote: Figur in einer Geschichte Cadrachs</p><p>Hern: Gr�nder von Hernystir</p><p>Inahwen: Lluths dritte Gemahlin</p><p>Lluth-ubh-Llythinn: K�nig von Hernystir</p><p>Maegwin: Prinzessin, Lluths �ltestes Kind, Gwythinns Halbschwester</p><p>Mircha: Regeng�ttin, Gemahlin Bryniochs</p><p>Murhagh Einarm: ein Gott</p><p>Penemhwye: Maegwins Mutter, Lluths erste Gemahlin</p><p>Rhynn: ein Gott</p><p>Sinnach: Prinz, Feldherr in der Schlacht am Knoch</p><p>Tethtain: K�nig, einziger Hernystiri-Herr auf dem Hochhorst, genannt �K�nig Stechpalm�</p><p>Tuilleth: junger Hernystiri-Ritter</p><subtitle>3. Rimmersgarder</subtitle><p>Bindesekk: Isgrimnurs Spion</p><p>Dror: uralter Kriegsgott</p><p>Einskaldir: ein H�uptling der Rimmersm�nner</p><p>Elvrit: erster K�nig der Rimmersm�nner in Osten Ard</p><p>Fingil: K�nig, erster Herr auf dem Hochhorst, genannt �der Blutige�</p><p>Fraya: uralte Ernteg�ttin</p><p>Frekke: alter Gefolgsmann Isgrimnurs</p><p>Gutrun: Herzogin von Elvritshalla, Isgrimnurs Gemahlin</p><p>Hani: junger Soldat, von den Bukken get�tet</p><p>Hengfisk: M�nch im Kloster Sankt Hoderund</p><p>Hjeldin: K�nig, Sohn Fingils, genannt �der wahnsinnige K�nig�</p><p>Hoderund, Sankt: Priester in der Schlacht am Knoch; Heiliger</p><p>Hove: ein junger Soldat, mit Isgrimnur versippt</p><p>Ikferdig: K�nig, Hjeldins Stellvertreter, �der verbrannte K�nig�</p><p>Ingen Jegger: Schwarz-Rimmersmann, Anf�hrer der Nornenhunde</p><p>Isbeorn: Isgrimnurs Vater, erster Herzog von Rimmersgard unter K�nig Johan</p><p>Isgrimnur: Herzog von Elvritshalla</p><p>Isorn: Sohn von Isgrimnur und Gutrun</p><p>Ithineg der Harfner: Figur in einer Geschichte Cadrachs</p><p>Jarnauga: �Eisenaugen�, Tr�ger der Schriftrolle aus Tungoldyr</p><p>Jormgrun: K�nig von Rimmersgard, von Johan bei Naarved erschlagen</p><p>L�ken: uralter Feuergott</p><p>Memur: uralter Weisheitsgott</p><p>Nisses: Ratgeber und Priester Hjeldins, Verfasser des Buches <emphasis>Du Svardenvyrd</emphasis></p><p>Sigrita: junge Rimmersfrau, der Strupp einmal den Hof gemacht hat</p><p>Skali: Than von Kaldskryke, genannt �Scharfnase�</p><p>Skendi: ein Heiliger und Klostergr�nder</p><p>Sludig: junger Soldat, einer von Simons Gef�hrten</p><p>Storfot: Than von Vestvennby</p><p>Thrinin: Soldat, von den Bukken get�tet</p><p>Tonnrud: Than von Skoggey, Herzogin Gutruns Onkel</p><p>Udun: uralter Himmelsgott</p><p>Uter von Saegard: Soldat, von den Bukken get�tet</p><subtitle>4. Nabbanai</subtitle><p>Aeswides: erster Herr von Naglimund</p><p>Anitulles: fr�herer Imperator</p><p>Anodis: Bischof von Naglimund</p><p>Antippa, Herrin: Tochter von Leobardis und Nessalanta</p><p>Ardrivis: letzter Imperator, Bruder von Benidrivis und Onkel von Camaris</p><p>Aspitis Preves: Graf von Eadne, Herr des Hauses Prevan, Benigaris' Freund</p><p>Benidriviner: Adelsgeschlecht aus Nabban mit dem Eisvogelwappen</p><p>Benidrivis: erster Herzog unter K�nig Johan, Vater von Leobardis und Camaris</p><p>Benigaris: �ltester Sohn von Herzog Leobardis und Herzogin Nessalanta</p><p>Camaris-s�-Vinitta: Leobardis' Bruder, Freund K�nig Johans</p><p>Claveer: Adelsgeschlecht aus Nabban mit dem Pelikanwappen</p><p>Claves: fr�herer Imperator</p><p>Crexis der Bock: fr�herer Imperator</p><p>Dendinis: Baumeister von Naglimund</p><p>Devasalles Baron, zuk�nftiger Gatte der Herrin Antippa</p><p>Dinivan Sekret�r des Lektors Ranessin</p><p>Domitis Bischof am Sankt-Sutrins-Dom in Erchester</p><p>Elysia Mutter des Usires</p><p>Emettin sagenhafter Ritter</p><p>Enfortis Imperator zur Zeit des Unterganges von Asu'a</p><p>Fluiren, Herr ber�hmter Johaniner-Ritter, aus dem in Ungnade gefallenen sulianischen Geschlecht</p><p>Gelles Soldat auf dem Markt von Erchester</p><p>Granis Heiliger</p><p>Hylissa Miriamels verstorbene Mutter, Gattin des Prinzen Elias, Nessalantas Schwester</p><p>Ingadariner Adelsgeschlecht aus Nabban mit dem Albatroswappen</p><p>Leobardis Herzog von Nabban, Vater von Benigaris, Varellan und Antippa, verheiratet mit Nessalanta</p><p>Mylin-s�-Ingadaris Graf, Herr des Hauses Ingadarin, Nessalantas Bruder</p><p>Nessalanta Herzogin von Nabban, Gemahlin von Leobardis, Miriamels Tante</p><p>Nin Reisu Niskie an Bord der Juwel von <emphasis>Emettin</emphasis></p><p>Nuanni(s) uralter Meeresgott der Nabbanai</p><p>Pelippa Heilige, Edelfrau aus dem Buch �don, genannt �von der Insel�</p><p>Plesinnen Myrmenis auch Plesinnen von Myrme, ein Philosoph</p><p>Prevaner Adelsgeschlecht aus Nabban mit dem Fischadlerwappen</p><p>Pryrates, Vater Priester, Alchimist und Nekromant, K�nig Elias' Ratgeber</p><p>Quincines Abt im Kloster Sankt Hoderund</p><p>Ranessin, Lektor eigentlich Oswin von Stanshire, ein geb�rtiger Erkynl�nder, Oberhaupt der Kirche</p><p>Rhiappa Heilige, in Erkynland unter dem Namen �Rhiap� verehrt</p><p>Sulis abtr�nniger Edler, einst Herr auf dem Hochhorst, genannt �der Reiherk�nig�</p><p>Tiyagaris erster Imperator</p><p>Turis Soldat auf dem Markt von Erchester</p><p>Usires �don nach der �donitischen Religion der Sohn Gottes</p><p>Varellan Herzog Leobardis' j�ngster Sohn</p><p>Velligis Escritor der Mutter Kirche</p><p>Vilderivis Heiliger</p><p>Yuvenis uralter oberster der G�tter von Nabban</p><subtitle>5. Sithi</subtitle><p>Amerasu Erlk�nigin, Mutter von Hakatri und Ineluki</p><p>An'nai Jirikis Vertrauter und Jagdgef�hrte</p><p>Finaju Sithafrau in einer von Cadrachs Geschichten</p><p>Hakatri Inelukis �lterer Bruder, schwer verwundet vom Drachen Hidohebhi</p><p>Ineluki Sithiprinz, jetzt Sturmk�nig</p><p>Isiki Sithiwort f�r Kikkasut (Qanuc), Vogelgott</p><p>Iyu'unigato Erlk�nig, Vater von Hakatri und Ineluki</p><p>Jiriki i-Sa'onserei Prinz, Sohn von Shima'onari</p><p>Khendraja'aro Jirikis Onkel</p><p>Ki'ushapo einer von Jirikis Jagdgef�hrten</p><p>Mezumiiru Sithiwort f�r Sedda (Qanuc), Mondg�ttin</p><p>Nenais'u Sithafrau aus An'nais Lied, lebte in Enki e-Shaosaye</p><p>Shima'onari K�nig der Sithi, Jirikis Vater, Hakatris Sohn</p><p>Sijandi einer von Jirikis Jagdgef�hrten</p><p>Utuk'ku K�nigin der Nornen, Herrin von Nakkiga</p><p>Vindaomeyo der Pfeilmacher legend�rer Pfeilschmied der Sithi in Tumet'ai</p><subtitle>6. Qanuc</subtitle><p>Binabik: eigentlich Binbiniqegabenik, Ookequks Lehrling, Simons Freund</p><p>Chukku: sagenhafter Trollheld</p><p>Kikkasut: K�nig der V�gel, ein Gott</p><p>Lingit: sagenhafter Sohn Seddas, Vater der Qanuc und Menschen</p><p>Ookequk Singender: Mann des Mintahoq-Stammes, Binabiks Meister</p><p>Piqipeg der Verschollene: sagenhafter Trollheld</p><p>Qinkipa vom Schnee: G�ttin des Schnees und der K�lte</p><p>Sedda: Mondg�ttin</p><p>Tohuq: Himmelsgott</p><p>Yana: sagenhafte Tochter Seddas, Mutter der Sithi</p><subtitle>7. Andere</subtitle><p>Er-der-stets-auf-Sand-tritt: ein Wran-Gott</p><p>Middastri: H�ndler in Kwanitupul, ein Freund Tiamaks</p><p>Roahog: ein Wran-T�pfer</p><p>Sie-die-die-Menschheit-gebar: eine Wran-G�ttin</p><p>Stre�we: Graf von Ansis Pelipp� auf Perdruin</p><p>Tallistro: ber�hmter perdruinesischer Ritter der Johaninischen Tafelrunde</p><p>Tiamak: Wran-Gelehrter, im Briefwechsel mit Doktor Morgenes</p><p>Vara: Josuas Geliebte, Tochter eines Thrithingh�uptlings</p></section><section><title><p>B. Orte</p></title><p>Allwald: Baronie zwischen dem Hochhorst und dem s�dwestlichen Aldheorte</p><p>Cellodshire: Baronie westlich vom Gleniwent</p><p>Da'ai Chikiza (Sithi) �Baum der Singenden Winde� - verlassene Sithistadt inmitten des Aldheorte, auf der Ostseite des Weldhelms</p><p>Eirgid Ramh (Hernystiri) Schenke in Abaingeat, Aufenthaltsort des alten Gealsgiath</p><p>Enki e-Shaosaye (Sithi) �Stadt des Sommers� im Osten des Aldheorte, l�ngst verfallen</p><p>Ereb Irig� (Sithi) �Westliches Tor� - der Knoch; in Rimmerspakk: Du Knokkegard</p><p>Hewenshire: Stadt im n�rdlichen Erkynland, �stlich von Naglimund</p><p>Hullnir: Dorf im Osten von Rimmersgard am Nordostufer des Drorshullvenns</p><p>Jao �-Tinukai'i (Sithi) �Boot auf dem Ozean der B�ume� - einzige noch bewohnte Sithisiedlung, im Inneren des Aldheorte</p><p>Jhin�-T'sene� (Sithi) Stadt in An'nais Lied, jetzt im Meer versunken</p><p>N�schen Berg in Yiqanuc, auf dem Binabiks Eltern den Tod fanden</p><p>Moir Brach (Hernystiri) langer, fingerf�rmiger Bergkamm am Fu� des Grianspog-Gebirges</p><p>Nakkiga (Sithi) �Maske der Tr�nen� - Sturmspitze, Berg im �u�ersten Norden von Osten Ard; in Rimmerspakk: Stormrspeik</p><p>Qilakitsoq (Qanuc) �Schattenwald� - Trollname f�r den Dimmerskog</p><p>Runchester: norderkynl�ndische Stadt in der Frostmark</p><p>Sen� Anzi'in (Sithi) �Turm der wandernden D�mmerung� - der gro�e Turm von Tumet'ai</p><p>Sen� Ohis� (Sithi) Ort in An'nais Lied</p><p>Skoggey: Landgut in Rimmersgard, �stlich von Elvritshalla</p><p>T'si Suhyasei (Sithi) �Ihr Blut ist k�hl� - durch Da'ai Chikiza flie�ender Flu�; auf erkynl�ndisch: Aelfwent</p><p>Tan'ja-Treppen: gro�e Treppe unter dem Hochhorst, einst der Mittelpunkt Asu'as</p><p>Tumet'ai (Sithi) Stadt im Norden, �stlich von Yiqanuc, vom Eis begraben</p><p>Ujin e-d'a Sikhunae (Sithi) �Falle, die den J�ger f�ngt� - Sithiname f�r Naglimund</p></section><section><title><p>C. Gesch�pfe</p></title><p>Aeghonwye: Maegwins Zuchtsau</p><p>Atarin: Camaris' Ro�</p><p>Bukken: unterirdisches Gr�bervolk, klein, d�nn und t�dlich</p><p>Croich-ma-Feareg: sagenhafter Hernystiri-Riese</p><p>Einauge: Ookequks Widder</p><p>Hidohebhi der Schwarze: Lindwurm, Mutter der Drachen Shurakai und Igjarjuk, get�tet von Ineluki; bei den Hernystiri: Drochnathair</p><p>Igjarjuk: Eisdrache des Urmsheim</p><p>Khaerukama'o: der Goldene Drache, Vater Hidohebhis</p><p>Niku'a: Ingen Jeggers Nornen-Leithund</p><p>Qantaqa: Binabiks Wolfsfreundin</p><p>Rim: ein Ackergaul</p><p>Shurakai: Feuerdrache, von Johan Presbyter unter dem Hochhorst get�tet; aus seinen Knochen besteht der Drachenbeinthron</p><p>Urwurm Sithi-Mythos: der Urdrache, von dem alle anderen abstammen</p></section><section><title><p>D. Sonstiges</p></title><p><emphasis>Baum:</emphasis> siehe Usiresbaum</p><p>Citril: saure, aromatische Wurzel zum Kauen</p><p>Ciyan: Nabbanai-Buschobst, sehr selten</p><p>Dorn: Camaris' Sternenschwert</p><p>Eber und Speere: Feldzeichen Guthwulfs von Utanyeat</p><p>Hellnagel: Johan Presbyters Schwert, in das ein Nagel aus dem Holz des <emphasis>Baumes</emphasis> und der Fingerknochen des heiligen Eahlstan Fiskerne eingelassen sind</p><p>Feuerdrache und <emphasis>Baum:</emphasis> Feldzeichen K�nig Johans</p><p>Hohnblatt: bl�hende Kr�utersorte</p><p>Ilenit: kostbares, schimmerndes Metall</p><p>Indreju: Jirikis Hexenholzschwert</p><p>Kvalnir: Isgrimnurs Schwert</p><p><emphasis>Leid:</emphasis> von Ineluki aus Eisen und Hexenholz geschmiedetes Schwert, sein Geschenk an Elias; Sithi: Jingizu</p><p>Lu'yasas Stab: eine Linie aus drei Sternen am nord�stlichen Viertel des Himmels zu Anfang des Yuven</p><p>Mantinges: ein Gew�rz</p><p>Mezumiirus Netz: Sternhaufen; bei den Qanuc: Seddas Decke</p><p><emphasis>Minneyar:</emphasis> K�nig Fingils eisernes Schwert, wird in Elvrits Linie weitervererbt</p><p>Naidel: Josuas Schwert</p><p>Oinduth: Herns schwarzer Speer</p><p>Rhynns Kessel: Metallgef��, das die Hernystiri zur Schlacht ruft</p><p>S�ule und <emphasis>Baum:</emphasis> Emblem der Mutter Kirche</p><p>Schnellkraut: ein Gew�rz</p><p>Shent: Geschicklichkeitsspiel der Sithi</p><p>Sotfengsel: Elvrits Schiff, in Skipphaven begraben</p><p>Usiresbaum: der Hinrichtungsbaum, an dem man Usires vor dem Tempel des Yuvenis in Nabban mit dem Kopf nach unten aufh�ngte, jetzt das geheiligte Symbol der �donitischen Religion</p><subtitle>Die Feiertage </subtitle><p>2. Feyever: Lichtme�</p><p>25. Marris: Elysiamansa</p><p>1. Avrel: Allernarrentag</p><p>30. Avrel: Steinigungsnacht</p><p>1. Maia: Belthainnstag</p><p>23. Yuven: Mittsommerabend</p><p>15. Tiyagar: Sankt-Sutrins-Tag</p><p>1. Anitul: Hlafmansa</p><p>20. Septander: Sankt-Granis-Tag</p><p>30. Octander: Allerheiligen</p><p>1. Novander: Allerseelen</p><p>21. Decander: Sankt-Tunaths-Tag</p><p>24. Decander: �donmansa</p><subtitle>Die Monate</subtitle><p>Jonever</p><p>Feyever</p><p>Marris</p><p>Avrel</p><p>Maia</p><p>Yuven</p><p>Tiyagar</p><p>Anitul</p><p>Septander</p><p>Octander</p><p>Novander</p><p>Decander</p><subtitle>Die Wochentage</subtitle><p>Sonntag, Mondtag, Tiastag, Udunstag, Drorstag, Fraytag, Satrinstag</p></section><section><title><p>E. Worte und S�tze</p></title><subtitle>1. Nabbanai</subtitle><p>Adonis Fiyellis extulanin mei �Rette mich, getreuer �don�</p><p>Cansim Felis �Lied der Freude�</p><p>Cenit �Hund�</p><p>Cuelos �Tod�</p><p>Duos wulstei �So Gott will�</p><p>Escritor �Schreiber�; einer der Ratgeber des Lektors</p><p>Hue Fauge �Was ist hier los?�</p><p>Lektor �Leser� bzw. �Sprecher�; Oberhaupt der Kirche</p><p>Mansa sei Cuelossan �Totenmesse�</p><p>Mulveiz nei cenit drenisend �La�t schlafende Hunde ruhen�</p><p>Oveiz mei �H�rt mich�</p><p>Sa Asdridan Condiquilles �Der Eroberer-Stern�</p><p>Tambana Leobardis eis �Leobardis ist gefallen�</p><p>Timior cuelos exaltat mei �M�ge die Todesfurcht mich erheben�</p><p>Vasir Sombris, feata concordin �Schatten-Vater, willige ein in diesen Pakt�</p><subtitle>2. Hernystiri</subtitle><p>Brynioch na ferth ub strocinh � �Brynioch hat sich abgewendet�</p><p>E gundhain sluith, ma connalbehn �Wir haben gut gek�mpft, lieber Freund�</p><p>Feir �Bruder� oder �Kamerad�</p><p>Goirach �irrsinnig� oder �wild�</p><p>Sithi �die Friedfertigen�</p><subtitle>3. Rimmerspakk</subtitle><p>Im todsten-grukker �Ein Grabr�uber�</p><p>Vaer �H�tet euch!�</p><p>Vawer es do �kunde �Wer ist dieses Kind?�</p><subtitle>4. Qanuc</subtitle><p>Aia �Zur�ck�</p><p>Bhojujik mo qunquc �Wenn dich die B�ren nicht fressen, ist es Zuhause� (Redensart)</p><p>Binbiniqegabenik es sikka! Uc Sikkam mohinaq da Yijarjuk! �Ich bin. . . (Binabik)! Wir wollen zum Urmsheim!�</p><p>Boghanik �Bukken� (Gr�ber)</p><p>Chash �Wahr� oder �Richtig�</p><p>Chok �Renn!�</p><p>Crohuk Rimmersmann</p><p>Hinik �Geh!� oder �Gehweg!�</p><p>Ko muhuhok na mik aqa nop �Wenn es dir auf den Kopf f�llt, wei�t du, da� es ein Felsen ist.� (Redensart)</p><p>Mikmok hanno so gijiq �Wenn du ein hungriges Wiesel in der Tasche herumtragen willst, ist das deine Sache� (Redensart)</p><p>Nihut �Greif an!�</p><p>Ninit �Komm!�</p><p>Sosa �Komm sofort her!� (Befehlsform)</p><p>Ummu �Jetzt�</p><p>Yah aqonik mij-ayah nu tutusiq, henimaatuq �He, Br�der, haltet an und sprecht mit mir�</p><subtitle>5. Sithi</subtitle><p>A� Samu'sithech'a �Heil Samu'sithech'a�</p><p>Asu'a �Schaut-nach-Osten�</p><p>Hei ma'akajao-zha �Rei�t sie (die Burg) nieder�</p><p>Hikeda'ya �Kinder der Wolke� (Nornen)</p><p>Hikka �Tr�ger�</p><p>Im sheyis t'si keo'su d'a Yana o Lingit �Um des gemeinsamen Blutes unserer Ahnen (Yana und Lingit) willen�</p><p>Ine �Es ist�</p><p>Isi-isi'ye �Es ist tats�chlich so�</p><p>Ras respektvolle Bezeichnung, etwa �Herr�</p><p>Ruakha �Sterbend�</p><p>S'hue �Edler Herr�</p><p>Ske'i �Halt!�</p><p>Staj'a Ame �Wei�er Pfeil�</p><p>Sudhoda'ya �Kinder des Sonnenuntergangs� (Sterbliche)</p><p>T'si anh pra Ineluki �Beim Blute Inelukis!�</p><p>T'si e-isi'ha as-irig� �Es ist Blut am �stlichen Tor!�</p><p>T'si im T'si �Blut um Blut!�</p><p>Ua'kiza Tumet'ai nei-R'i'anis �Lied vom Untergang Tumet'ais�</p><p>Zida'ya �Kinder der Morgend�mmerung� (Sithi)</p></section></section></body><binary id="cover" 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