<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>thriller</genre><author><first-name>&#x414;&#x44D;&#x43D;</first-name><last-name>&#x411;&#x440;&#x430;&#x443;&#x43D;</last-name><id>1607</id></author><book-title>Sakrileg</book-title><annotation><p>Bestsellerautor Dan Brown bietet mit Sakrileg erneut spannende und intelligente Unterhaltung vom Feinsten. Der Direktor des Louvre wird in seinem Museum vor einem Gem�lde Leonardos ermordet aufgefunden, und der Symbolforscher Robert Langdon ger�t ins Fadenkreuz der Polizei, war er doch mit dem Opfer just zur Tatzeit verabredet.</p><p>Eine Verschw�rung ist immer noch das Sch�nste. Stimmt, wenn sie schriftstellerisch so �berzeugend und raffiniert inszeniert ist, wie es dem Amerikaner Dan Brown in diesem Thriller gelingt. Genaue Recherchen an den Schaupl�tzen und penible historische Studien in Zusammenarbeit mit seiner Frau Blythe, einer Kunsthistorikerin, machen das umfangreiche Werk nicht nur f�r Historiker und Religionswissenschaftler, sondern gerade auch f�r ein gro�es Publikum zu einem echten Vergn�gen.</p><p>Der Symbolologe Robert Langdon sitzt in der Klemme. Er gilt als Hauptverd�chtiger im Fall Jacques Sauni�re, des ermordeten Direktors des Louvre, und ger�t als solcher in die F�nge von Capitaine Bezu Fache, der als �beraus gerissener Ermittler gilt. Sauni�re hatte im Todeskampf einen Hinweis auf Langdon gegeben. Mithilfe von Sophie Neveu, der Enkelin des Ermordeten, gelingt Langdon die Flucht. Beide sind der �berzeugung, dass Sauni�re vielmehr Informationen �ber eine Verschw�rung des Opus Dei und der katholischen Kirche liefern wollte. Im Verlauf einer atemlosen Flucht von Frankreich nach England haben Langdon und Neveu knifflige Codes zu knacken, um Sauni�res Geheimnis zu l�ften, der sich als Gro�meister der Geheimorganisation Prieur� de Sion entpuppt. Auf ihren Fersen befindet sich nicht nur die Polizei.</p><p>Die Handlung einer Nacht und eines Tages auf 600 fesselnden Seiten, die �berdies Lust machen auf mehr Informationen zu Templern, Prieur� de Sion, Opus Dei sowie auf mehr historische Fakten -- was will man mehr. Und wer das Ganze nicht allzu ernst nimmt, wird die Lekt�re sehr genie�en -- am besten innerhalb einer Nacht und eines Tages. --Ulrich Deurer</p></annotation><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>en</src-lang><sequence name="Robert Langdon (de)" number="2"/></title-info><src-title-info><genre>thriller</genre><author><first-name>&#x414;&#x44D;&#x43D;</first-name><last-name>&#x411;&#x440;&#x430;&#x443;&#x43D;</last-name><id>1607</id></author><book-title>The Da Vinci Code</book-title><annotation><p>While in Paris on business, Harvard symbologist Robert Langdon receives an urgent late-night phone call: the elderly curator of the Louvre has been murdered inside the museum. Near the body, police have found a baffling cipher. While working to solve the enigmatic riddle, Langdon is stunned to discover it leads to a trail of clues hidden in the works of Da Vinci -- clues visible for all to see -- yet ingeniously disguised by the painter.</p><p>Langdon joins forces with a gifted French cryptologist, Sophie Neveu, and learns the late curator was involved in the Priory of Sion -- an actual secret society whose members included Sir Isaac Newton, Botticelli, Victor Hugo, and Da Vinci, among others. </p><p>In a breathless race through Paris, London, and beyond, Langdon and Neveu match wits with a faceless powerbroker who seems to anticipate their every move. Unless Langdon and Neveu can decipher the labyrinthine puzzle in time, the Priory's ancient secret -- and an explosive historical truth -- will be lost forever.</p><p>THE DA VINCI CODE heralds the arrival of a new breed of lightning-paced, intelligent thriller�utterly unpredictable right up to its stunning conclusion.</p></annotation><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>en</lang><sequence name="Robert Langdon" number="2"/></src-title-info><custom-info info-type="librusec-id">287311</custom-info><document-info><program-used>fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used></document-info></description><body><section><title><p><strong>DANKSAGUNGEN</strong></p></title><p>Meinem Freund und Lektor Jason Kaufman, der sich f�r dieses Projekt so ins Zeug gelegt und von Anfang an begriffen hat, worum es in diesem Roman gehen soll, m�chte ich zuerst und vor allem danken. Ebenso der unvergleichlichen Heide Lange, unerm�dliche Vork�mpferin des vorliegenden Buches, <emphasis>agent extraordinaire</emphasis> und vertraute Freundin.</p><p>Es ist mir kaum m�glich, den Mitarbeitern von Doubleday f�r ihre Gro�z�gigkeit, ihr Vertrauen und ihre brillanten Ratschl�ge in angemessener Weise zu danken, besonders Bill Thomas und Steve Rubin, die von Anfang an von diesem Buch �berzeugt gewesen sind. Ebenso danke ich dem harten Kern meiner fr�hzeitigen Unterst�tzergilde im Hause Doubleday, allen voran Michael Palgon, Susanne Herz, Janelle Moburg, Jackie Everly und Adrienne Sparks, nicht zu vergessen die talentierte Verkaufsmannschaft von Doubleday und Michael Windsor, der den gro�artigen Umschlag gestaltet hat.</p><p>F�r ihren Einsatz bei den Recherchen zu diesem Buch m�chte ich danken: dem Museum des Louvre, dem franz�sischen Ministerium f�r Kultur, dem Projekt Gutenberg, der Biblioth�que Nationale, der Gnostic Society Library, dem <emphasis>departement</emphasis> f�r Gem�lde-Studien und Dokumentation des Louvre, der Catholic World News, dem Observatorium in Greenwich, der London Record Society, der Muniment Collection an der Westminster Abbey, John Pike und der Federation of American Scientists sowie den f�nf Mitgliedern von Opus Dei (drei aktive und zwei ehemalige), die mir die Geschichten ihrer positiven und negativen Erfahrungen erz�hlt haben.</p><p>Mein Dank geht auch an den Water Street Bookshop, der f�r mich viele Werke aufgetrieben hat, die f�r die Recherche erforderlich waren. Weiter gilt mein Dank meinem Vater Richard Brown, Mathematikdozent und Autor, f�r seine Hilfestellung beim Goldenen Schnitt und der Fibonacci-Folge, sowie Stan Planton, Sylvie Baudeloupe, Peter McGuigan, Francis McInerey, Margie Wachtel, Andre Vernet, Ken Kelleher von Anchorball Web Media, Carla Sottak, Karyn Popham, Esther Sung, Miriam Abramowitz, William Turnstall-Pedoc und Griffin Wooden Brown.</p><p>Als Verfasser eines Romans, der sich ausgiebig mit dem g�ttlich Weiblichen besch�ftigt, w�rde ich mich einer Unterlassungss�nde schuldig machen, ohne zum Schluss die beiden au�ergew�hnlichen Frauen zu erw�hnen, die in meinem Leben eine bedeutende Rolle spielen � meine Mutter Connie Brown, Schriftstellerkollegin, N�hrmutter, Musikerin und Vorbild � und meine Frau Blythe, Kunsthistorikerin und Malerin � ohne jeden Zweifel die begabteste Frau, der ich je begegnet bin, und stets die Erste, die meinen Text zu sehen bekommt.</p></section><section><title><p><strong>FAKTEN UND TATSACHEN</strong></p></title><p>Die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>, der Orden der Bruderschaft von Sion, wurde im Jahr 1099 gegr�ndet und ist eine Geheimgesellschaft, die bis heute existiert. Im Jahr 1975 wurden in der Pariser Nationalbibliothek Dokumente entdeckt, die unter der Bezeichnung <emphasis>Dossiers Secrets</emphasis> bekannt geworden sind und aus denen hervorgeht, dass eine Reihe ber�hmter M�nner der <emphasis>Prieur�</emphasis> angeh�rten, darunter Sir Isaac Newton, Sandro Botticelli, Victor Hugo und Leonardo da Vinci.</p><p><emphasis>Opus Dei</emphasis> ist eine Personalpr�latur des Papstes, wodurch ihr der Rang eines Bistums ohne konkretes Territorium zukommt. Opus Dei gilt als ultrakonservative katholische Sekte. Die Organisation ist in j�ngster Zeit durch Medienberichte �ber Gehirnw�sche, Zwangsaus�bung und die gesundheitsgef�hrdende Praxis der Selbstkasteiung ins Zentrum kontroverser Diskussionen geraten. An der 243 Lexington Avenue in New York City hat Opus Dei unl�ngst eine siebenundvierzig Millionen Dollar teure US-amerikanische Zentrale er�ffnet.</p><p>S�mtliche in diesem Roman erw�hnten Werke der Kunst und Architektur und alle Dokumente sind wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben.</p></section><section><title><p><strong>PROLOG</strong></p></title><p><emphasis><strong>Der Louvre, Paris 22.46 Uhr</strong></emphasis></p><empty-line/><p>In der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> st�rzte Jacques Sauni�re, der Museumsdirektor, zu einem der kostbaren alten Meister, einem Caravaggio, klammerte sich an den schweren Goldrahmen und h�ngte sich mit seinem ganzen Gewicht daran, bis das Gem�lde sich von seiner Aufh�ngung l�ste. Die Leinwand beulte sich aus, als sie den r�ckw�rts fallenden siebenundsechzigj�hrigen Gelehrten unter sich begrub.</p><p>Augenblicke sp�ter fuhr ganz in der N�he mit dr�hnendem Krachen das st�hlerne Sicherheitstrenngitter herunter. Der Parkettboden bebte unter der Wucht des Aufpralls. Irgendwo in der Ferne schrillte eine Alarmglocke.</p><p>Sauni�re rang keuchend nach Atem. <emphasis>Wenigstens bist du noch am Leben</emphasis> � Er kroch unter der Leinwand hervor, lie� den Blick schweifen, suchte in der h�hlenartigen Galerie nach einem Versteck �</p><p>�Bleiben Sie, wo Sie sind!� Die Stimme war eiskalt und erschreckend nahe.</p><p>Der Direktor hielt inne und drehte langsam den Kopf. Noch immer kauerte er auf allen vieren am Boden.</p><p>Keine f�nf Meter entfernt sp�hte sein Angreifer durch die st�hlernen Gitterst�be zu ihm hinein, ein H�ne mit gespenstisch blasser Haut, sch�tterem wei�en Haar, rosa Augen und dunkelroten Pupillen. Er zog eine Pistole aus der Manteltasche. Der Albino richtete die Waffe durch die Gitterst�be auf den Direktor. �Sie h�tten nicht wegrennen d�rfen�, sagte er. Sein Akzent war schwer einzuordnen. �Sagen Sie mir jetzt, wo es ist.�</p><p>�Ich � ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich nicht wei�, wovon Sie reden!�, stie� der Direktor hervor, der hilflos auf dem Boden kniete, dem Fremden schutzlos ausgeliefert.</p><p>�Sie l�gen!� Der Mann starrte Sauni�re an. Er stand v�llig unbewegt da. In seinen Augen loderte ein gef�hrliches Feuer. �Sie und Ihre Bruderschaft besitzen etwas, das Ihnen nicht geh�rt.�</p><p>Dem Direktor brach der Schwei� aus. <emphasis>Wie kann der Mann das wissen?</emphasis></p><p>�Heute Nacht werden die wahren W�chter wieder ihr Amt �bernehmen. Sagen Sie mir, wo es versteckt ist, wenn Sie am Leben bleiben wollen.� Der Albino legte auf Sauni�re an. �Lohnt es sich, f�r dieses Geheimnis zu sterben?�</p><p>Sauni�re stockte der Atem.</p><p>Den Kopf schief gelegt, visierte der Mann �ber den Lauf seiner Waffe.</p><p>Sauni�re hob abwehrend die H�nde. �Warten Sie � �, sagte er z�gernd. �Ich werde Ihnen verraten, was Sie wissen wollen.� Die n�chsten S�tze des Direktors waren bed�chtig und wohl formuliert. Das L�genkonstrukt, das er nun ausbreitete, hatte er immer wieder einge�bt � und jedes Mal gebetet, nie Gebrauch davon machen zu m�ssen.</p><p>Der Mann quittierte die Geschichte mit einem zufriedenen L�cheln. �Genau das haben die anderen mir auch erz�hlt.�</p><p>Sauni�re zuckte zusammen. <emphasis>Die anderen</emphasis>?</p><p>�Ich habe sie alle aufgesp�rt�, sagte der h�nenhafte Fremde selbstgef�llig. �Alle drei. Sie haben mir best�tigt, was Sie mir gerade erz�hlt haben.�</p><p><emphasis>Unm�glich!</emphasis> Die wahre Identit�t des Museumsdirektors und seiner drei Seneschalle wurde nicht weniger streng geheim gehalten wie das uralte Geheimnis, das sie h�teten. In strikter Befolgung des verabredeten Protokolls hatten die Seneschalle vor ihrem gewaltsamen Tod die gleiche L�ge aufgetischt.</p><p>�Wenn Sie tot sind, werde ich als Einziger die Wahrheit kennen�, sagte der Albino und richtete die Pistole auf Sauni�res Kopf.</p><p><emphasis>Die Wahrheit</emphasis>. Schlagartig begriff der Direktor, wie schrecklich verfahren die Situation wirklich war. Wenn du stirbst, ist die Wahrheit f�r immer verloren. Instinktiv versuchte er, sich in Sicherheit zu bringen.</p><p>Die Waffe dr�hnte. Der Museumsdirektor sp�rte eine sengende Hitze in der Magengegend, als die Kugel ihn traf. Der Schmerz riss ihn von den F��en. Er fiel vorn�ber. Langsam rollte er sich auf die Seite. Sein Blick suchte den Angreifer au�erhalb der Gitters.</p><p>Der Mann legte auf Sauni�res Kopf an.</p><p>Sauni�re schloss die Augen. In seinem Hirn tobte ein Wirbelsturm aus Angst und Reue, Trauer und Bitterkeit.</p><p>Ein metallisches Klicken hallte durch die <emphasis>Grande Galerie</emphasis>, als das Magazin leer geschossen war. Sauni�re riss die Augen auf.</p><p>Der H�ne betrachtete die Waffe mit einem beinahe erheiterten Blick. Er wollte ein neues Magazin aus der Manteltasche ziehen, z�gerte aber pl�tzlich. �Nein�, sagte er mit einem h�hnischen Blick auf die Magengegend seines Opfers. �Ich glaube, ich bin hier fertig.�</p><p>Sauni�re sah an sich herunter. Eine Handbreit unter dem Brustbein hatte das Projektil ein Loch in seine bl�tenwei�e Hemdbrust gestanzt, dessen R�nder sich rasch rot verf�rbten. Der Magen. Grausamerweise hatte die Kugel das Herz verfehlt. Als Veteran des Algerienkriegs hatte Sauni�re oft genug den qu�lend langsamen Tod miterlebt, den eine solche Wunde verursacht. Von dem Moment an, wo die Magens�ure in die Brusth�hle sickerte und den K�rper allm�hlich von innen vergiftete, hatte er noch f�nfzehn Minuten zu leben.</p><p>�Schmerz adelt�, sagte der h�nenhafte Albino.</p><p>Dann war er verschwunden.</p><p>Jacques Sauni�re betrachtete das Stahlgitter. Er sa� in der Falle. Es war unm�glich, das Gitter innerhalb der n�chsten zwanzig Minuten zu �ffnen. Bis jemand hereinkommen konnte, war er l�ngst tot. Gleichwohl bedr�ngte ihn eine weitaus gr��ere Angst als die vor dem eigenen Ende.</p><p><emphasis>Du darfst nicht zulassen, dass das Geheimnis verloren geht!</emphasis></p><p>W�hrend er sich taumelnd aufrappelte, hielt er sich das Bild seiner ermordeten Mitbr�der vor Augen. Er dachte an die vielen Generationen, die ihnen vorangegangen waren � und an die ihnen anvertraute Sendung.</p><p><emphasis>Eine l�ckenlose Kette des Wissens.</emphasis></p><p>Trotz aller Vorkehrungen, trotz aller Vorsichtsma�nahmen war Jacques Sauni�re unvermutet zum letzten Glied der Kette geworden, der letzte Wahrer eines der m�chtigsten Geheimnisse, die es je gegeben hat.</p><p>Er schauderte. Du musst dir etwas einfallen lassen.</p><p>Es gab nur einen Menschen auf der Welt, an den er die Fackel weiterreichen konnte, w�hrend er hier in der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> in der Falle sa�. Sauni�re betrachtete die W�nde seines pr�chtigen Gef�ngnisses. Die weltber�hmten Gem�lde schienen auf ihn herabzul�cheln wie alte Freunde.</p><p>In einem immer dichteren Nebel aus Schmerz mobilisierte er die letzten Kr�fte. Die schwierige Aufgabe, die vor ihm lag, w�rde jede Sekunde der wenigen Zeit beanspruchen, die ihm noch blieb.</p></section><section><title><p><strong>1. KAPITEL</strong></p></title><p>Robert Langdon erwachte nur langsam, als k�me er aus tiefer Schw�rze hinauf ans Licht.</p><p>Ein Telefon klingelte schrill. Im Dunkeln tastete Langdon nach dem Schalter der Nachttischlampe. Das Licht flammte auf. Blinzelnd lie� er den Blick durch das herrschaftliche Renaissance-Schlafzimmer mit den antiken M�beln, dem m�chtigen Mahagoni-Himmelbett und dem handgemalten Fresko an der Wand schweifen.</p><p><emphasis>Wo bist du?</emphasis></p><p>Am Bettpfosten hing ein Jacquard-Bademantel mit der Aufschrift <emphasis>Hotel Ritz, Paris</emphasis>.</p><p>Langsam lichtete sich der Nebel um Langdons Hirn.</p><p>Langdon hob den H�rer ab. �Hallo?�</p><p>�Monsieur Langdon?�, sagte eine m�nnliche Stimme. �Ich habe Sie hoffentlich nicht geweckt?�</p><p>Langdon schaute benommen auf die Uhr neben dem Bett. Zweiunddrei�ig Minuten nach eins. Er hatte erst eine Stunde geschlafen und war todm�de.</p><p>�Hier ist die Rezeption. Ich bedaure die St�rung, Monsieur, aber Sie haben Besuch. Der Herr sagt, es sei �u�erst dringend.�</p><p>Langdon war immer noch nicht richtig wach. <emphasis>Besuch?</emphasis></p><p>Sein Blick fiel auf ein zerknittertes Blatt Papier mit einer Programmank�ndigung auf dem Nachttisch.</p><p>DIE AMERIKANISCHE UNIVERSIT�T IN PARIS <emphasis>l�dt ein zu einem Vortragsabend mit </emphasis>PROFESSOR ROBERT LANGDON Dozent f�r religi�se Symbolologie an der Harvard-Universit�t</p><p>Langdon st�hnte auf. Sein heutiger Diavortrag �ber heidnisches Symbolgut in den Steinmetzarbeiten der Kathedrale von Chartres war ein paar konservativen Geistern offenbar gegen den Strich gegangen. Vermutlich hatten sie ihn ausfindig gemacht und wollten ihm jetzt zeigen, was eine Harke ist.</p><p>�Tut mir Leid�, sagte Langdon, �ich bin todm�de � �</p><p>�Gewiss, Monsieur�, sagte der Mann am Empfang, um dann in beschw�rendem Fl�sterton fortzufahren: �Aber bei Ihrem Besucher handelt es sich um eine wichtige Pers�nlichkeit!�</p><p>Langdon hatte es nicht anders erwartet. Seine Ver�ffentlichungen �ber christliche Ikonographie und die Symbole religi�ser Kulte hatten ihm in kunstinteressierten Kreisen zu einer gewissen Prominenz verholfen, ganz zu schweigen von dem gewaltigen Aufsehen, das seine Verwicklung in einen Zwischenfall im Vatikan erregt hatte, der vor einiger Zeit durch s�mtliche Medien gegangen war. Seither gaben sich Historiker und Kunstkenner, die allesamt von ihrer Wichtigkeit �berzeugt waren, bei ihm die Klinke in die Hand.</p><p>�Seien Sie bitte so nett und lassen Sie sich von dem Herrn Name und Telefonnummer gehen�, sagte Langdon, um ausgesuchte H�flichkeit bem�ht. �Vor meiner Abreise aus Paris am Donnerstag melde ich mich bei ihm. Danke.� Er legte auf, bevor der Mann am Empfang Einw�nde erheben konnte.</p><p>Langdon hatte sich inzwischen aufgesetzt. Stirnrunzelnd betrachtete er die Brosch�re <emphasis>F�r unsere verehrten G�ste</emphasis> neben dem Bett. <emphasis>Hotel Ritz � schlafen wie Gott in Frankreich in der Lichterstadt Paris</emphasis>, lockte das Titelblatt. Langdons Blick schweifte zu dem hohen Ankleidespiegel an der gegen�berliegenden Wand. Er hatte M�he, in dem m�den, zerzausten Zeitgenossen, der ihm von dort entgegenstarrte, sich selbst zu erkennen.</p><p><emphasis>Du solltest mal Urlaub machen, Robert.</emphasis></p><p>Die Erlebnisse im letzten Jahr hatten ihm arg zugesetzt, doch den Beweis daf�r nun im Spiegel zu sehen gefiel ihm gar nicht. Seine sonst so klaren blauen Augen sahen tr�b und m�de aus, und ein dunkler Stoppelbart umw�lkte sein ausgepr�gtes Kinn mit dem Gr�bchen. Die grauen Str�hnen an den Schl�fen waren auf einem unaufhaltsamen Vormarsch in sein dichtes, gewelltes schwarzes Haar. Nach Aussage seiner Kolleginnen unterstrich das Grau Langdons �akademische Erscheinung�, doch er wusste es besser.</p><p><emphasis>Wenn die Redakteure vom Boston Magazine dich jetzt sehen k�nnten.</emphasis></p><p>Sehr zu seiner Verlegenheit hatte ihn im vergangenen Monat das Boston Magazine zu einer der �zehn faszinierendsten Pers�nlichkeiten der Stadt� gek�rt � eine zweifelhafte Auszeichnung, die Langdon zur notorischen Zielscheibe der Sp�tteleien seiner Kollegen in Harvard gemacht hatte. Heute Abend, anl�sslich des Vortrags, hatte ihn sein Ehrentitel fast sechstausend Kilometer von zu Hause entfernt eingeholt.</p><p>�Meine Damen und Herren�, hatte die Gastgeberin vor voll besetztem Haus in der Amerikanischen Universit�t im Pariser Pavillon Dauphine erkl�rt, �den Gast unseres heutigen Abends brauche ich Ihnen wohl kaum besonders vorzustellen. Er ist Autor zahlreicher B�cher, darunter �Die Symbolik der Geheimsekten�, �Die Kunst der Illuminati� sowie �Ideogramme, eine untergegangene Sprache�. Und wenn ich dem noch hinzuf�ge, dass er Autor des Buches �ber �Die Bilderwelt der Religionen� ist, meine ich das im Wortsinn. Viele von Ihnen verwenden seine Werke als Lehrb�cher im Unterricht, wie ich wei�.�</p><p>Die Studenten im Publikum nickten.</p><p>�Ich hatte eigentlich vor, Sie zur Einf�hrung mit Mr Langdons beeindruckendem Lebenslauf vertraut zu machen, jedoch � �, die Gastgeberin streifte Langdon, der bereits auf dem Podium Platz genommen hatte, mit einem am�sierten Blick, �jemand aus dem Publikum hat mir eine wesentlich faszinierendere Einf�hrung zug�nglich gemacht, wenn ich einmal so sagen darf.� Sie hielt ein Exemplar des Boston Magazine in die H�he.</p><p>Langdon zuckte zusammen. <emphasis>Wie, zum Teufel, ist sie an die Zeitung gekommen?</emphasis></p><p>W�hrend die Gastgeberin begann, Ausz�ge des schwachsinnigen Artikels zum Besten zu geben, sank Langdon immer tiefer in den Stuhl. Schon nach kaum drei�ig Sekunden grinste bereits das gesamte Auditorium, doch die Dame kannte keine Gnade. �� � und Mr Langdons Weigerung, sich in der �ffentlichkeit �ber die Aufsehen erregende Rolle zu �u�ern, die er beim letzten vatikanischen Konklave gespielt hat, verschafft ihm durchaus einige zus�tzliche Punkte auf unserer Beliebtheitsskala.��</p><p>Die Gastgeberin blickte erwartungsvoll ins Publikum. �M�chten Sie noch mehr h�ren?�</p><p>Heftiges Nicken. Laute Rufe. Beifall.</p><p><emphasis>Warum dreht ihr keiner den Hals um?,</emphasis> fragte Langdon sich vergeblich, w�hrend die Gastgeberin sich wieder �ber den Artikel hermachte.</p><p>��Auch wenn Professor Langdon im Gegensatz zu einigen unserer j�ngeren Auszeichnungstr�ger nicht als �berm��ig attraktiv bezeichnet werden kann, verf�gt der Mittvierziger durchaus �ber ein ger�ttelt Ma� an Intellektuellen-Appeal. Sein samtener Bariton tut ein �briges, seine gewinnende Ausstrahlung zu unterstreichen � eine Stimme, die von Professor Langdons H�rerinnen gern als Schokolade f�rs Geh�r apostrophiert wird � ��</p><p>Die Zuh�rer brachen in Gel�chter aus.</p><p>Langdon l�chelte gequ�lt. Er hatte geglaubt, sich auf sicherem Terrain zu befinden, wo er sich endlich wieder in seinem geliebten Jackett aus Harris Tweed und Rollkragenpullover zeigen konnte, doch der Artikelschreiber w�rde sogleich mit dem uns�glichen Satz vom �Harrison Ford in Harris Tweed� aufwarten. Es war Zeit, etwas zu unternehmen.</p><p>Langdon erhob sich schwungvoll. �Vielen Dank, Monique. Das <emphasis>Boston Magazine</emphasis> hat offenbar einen ungl�cklichen Hang zur Dichtkunst�, sagte er und komplimentierte die Dame vom Podium herunter. �Und wenn ich herausfinde, wer Ihnen diesen Artikel zugesteckt hat, werde ich den �belt�ter von unserer Botschaft zwangsrepatriieren lassen.�</p><p>Das Publikum reagierte mit lautstarker Heiterkeit.</p><p>�Meine Damen und Herren�, sagte er zum Auditorium, �wie Sie alle wissen, steht heute Abend mein Vortrag �ber die Macht der Symbole auf dem Programm � �</p><empty-line/><p>Das Klingeln von Langdons Zimmertelefon platzte erneut in die Stille. Seufzend hob er ab. �Ja?�</p><p>Es war wieder der Mann am Empfang. �Monsieur Langdon, ich muss mich abermals entschuldigen, aber ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihr Besucher sich bereits auf dem Weg zu Ihrem Zimmer befindet. Ich hielt es f�r angebracht, Sie davon in Kenntnis zu setzen.�</p><p>Langdon war auf einen Schlag hellwach. �Sie haben den Herrn zu meinem Zimmer geschickt?�</p><p>�Ich bitte um Entschuldigung, Monsieur, aber der Herr � meine Befugnisse reichen nicht so weit, dass ich ihn aufhalten k�nnte.�</p><p>�Um wen handelt es sich denn?�</p><p>Doch der Mann am Empfang hatte bereits aufgelegt.</p><p>Beinahe im gleichen Augenblick pochte eine Faust an Langdons Tut.</p><p>Langdon rutschte aus dem Bett. Seine Zehen versanken in der Tiefe des Bettvorlegers. Er warf den Hotelbademantel �ber und ging zur T�r. �Wer ist da?�</p><p>�Monsieur Langdon, ich muss mit Ihnen reden!� Der Mann sprach Englisch mit ausgepr�gtem Akzent. Seine Stimme war laut, abgehackt und befehlsgewohnt. �Ich bin Leutnant J�rome Collet, <emphasis>Direction Centrale Police Judiciaire</emphasis>.�</p><p>Langdon schluckte. <emphasis>Die Staatspolizei?</emphasis> Das DCPJ entsprach in etwa dem amerikanischen FBI.</p><p>Langdon �ffnete die T�r einen Spalt, lie� die Kette aber vorgelegt. Er sah ein schmales, ausgezehrtes Gesicht. Es geh�rte einem ungew�hnlich hageren Mann in einer amtlich aussehenden blauen Uniform.</p><p>�Lassen Sie mich bitte eintreten!�</p><p>Langdon z�gerte. Der Blick der fahlen Augen des Fremden verunsicherte ihn. �Worum geht es?�</p><p>�Mein Capitaine w�nscht in einer Privatangelegenheit Ihren fachlichen Rat einzuholen.�</p><p>�Jetzt?�, wandte Langdon m�de ein. �Es ist schon nach Mitternacht!�</p><p>�Bin ich recht informiert, dass Sie mit dem Direktor des Louvre heute Abend eine Verabredung hatten?�</p><p>Langdon f�hlte sich pl�tzlich sehr unbehaglich. Er war nach dem Vortrag mit dem hoch geachteten Museumsdirektor Jacques Sauni�re auf einen Drink verabredet gewesen, doch Sauni�re war nicht erschienen. �Ja, das stimmt. Woher wissen Sie das?�</p><p>�Wir haben Ihren Namen in seinem Terminkalender gefunden.�</p><p>�Ist ihm etwas zugesto�en?�</p><p>Mit einem Unheil verk�ndenden Seufzer schob der Beamte einen Polaroid-Schnappschuss durch den T�rspalt. Als Langdons Blick auf das Foto fiel, erstarrte er.</p><p>�Dieses Bild wurde vor knapp einer Stunde aufgenommen. Im Louvre.�</p><p>Langdon betrachtete das erschreckende, bizarre Foto. Sein anf�nglicher Schock und der Ekel wichen einem j�h aufwallenden Zorn. �Wer ist zu so einer Scheu�lichkeit f�hig?�</p><p>�Wir haben gehofft, Sie k�nnten uns bei der Beantwortung dieser Frage helfen, zumal Sie sich mit Symbolen bestens auskennen und mit Sauni�re verabredet waren.�</p><p>Langdon konnte den Blick nicht von dem Foto wenden. Zu seinem Entsetzen gesellte sich panische Angst. Das Bild, das eine grauenvolle und �u�erst merkw�rdige Szenerie zeigte, erweckte in ihm das unbestimmte Gef�hl eines D�j�-vu. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte er schon einmal das Foto einer Leiche erhalten � samt einem �hnlichen Hilfsgesuch. Vierundzwanzig Stunden sp�ter hatte er sich in der Vatikanstadt befunden und war mit knapper Not dem Tod entronnen. Diesmal sah das Foto zwar anders aus, doch die Szenerie hatte etwas beunruhigend Vertrautes.</p><p>Der Beamte schaute auf die Uhr. �Mein Capitaine wartet auf uns, Monsieur.�</p><p>Langdon h�rte kaum hin. Sein Blick war wie gebannt auf das Bild gerichtet.</p><p>�Dieses Symbol hier und die Haltung der Leiche, diese merkw�rdige � �</p><p>�Verrenkung?�, vollendete der Beamte den Satz.</p><p>Langdon nickte und hob den Blick. Er fr�stelte. �Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand dazu kommt, einen Menschen in einer solchen K�rperhaltung sterben zu lassen.�</p><p>Der Beamte schaute Langdon finster an. �Monsieur Langdon, Sie haben noch immer nicht begriffen. Was Sie hier sehen�, er z�gerte und deutete auf das Foto, �ist das Werk von Monsieur Sauni�re selbst.�</p></section><section><title><p><strong>2. KAPITEL</strong></p></title><p>Knapp zwei Kilometer entfernt humpelte der riesenhafte Albino mit Namen Silas durch die Eingangst�r eines luxuri�sen Sandsteingeb�udes in der Rue La Bruy�re. Die Stachel des Bu�g�rtels, den er um den Oberschenkel trug, bohrten sich in sein Fleisch, doch seine Seele jubelte vor freudiger Genugtuung, weil er dem HERRN dienen durfte.</p><p><emphasis>Schmerz adelt.</emphasis></p><p>Beim Eintreten ins Ordenshaus huschte der Blick seiner roten Augen durch den Eingangsbereich. Keiner da. Leise stieg Silas die Treppe hinauf, um keinen der Mitbewohner zu wecken. Seine Zimmert�r war unverschlossen � Schl�sser waren hier verp�nt. Er betrat sein Zimmer und schob die T�r hinter sich wieder zu.</p><p>Der Raum war spartanisch eingerichtet: Parkettboden, eine schlichte Kommode aus Fichtenholz, in einer Ecke eine Segeltuchmatte als Liegestatt. Silas war diese Woche hier zu Gast, doch in New York hatte er lange Jahre mit Freuden in einer �hnlichen Unterkunft gehaust.</p><p><emphasis>Der HERR hat dir Unterschlupf gew�hrt und deinem Leben einen Sinn gegeben.</emphasis></p><p>Heute Nacht konnte Silas endlich damit beginnen, seine Schuld abzutragen. Er zog die Schubf�cher der Kommode auf. In der untersten Schublade fand er das Handy, unter ein paar Kleidungsst�cken versteckt, und w�hlte die Nummer.</p><p>�Ja?�, meldete sich eine m�nnliche Stimme.</p><p>�Verehrter Lehrer, ich bin wieder zur�ck.�</p><p>�Reden Sie�, forderte die Stimme ihn auf � nicht ohne einen zufriedenen Unterton, dass Silas sich gemeldet hatte.</p><p>�Sie sind alle vier beseitigt. Die drei Seneschalle und der Gro�meister.�</p><p>Eine kurze Pause entstand, als w�rde der Angerufene ein Sto�gebet zum Himmel schicken. �Dann gehe ich davon aus, dass Sie die Information bekommen haben.�</p><p>�Ja. Von allen die gleiche. Unabh�ngig voneinander.�</p><p>�Und Sie haben ihnen geglaubt?�</p><p>�F�r einen Zufall war die �bereinstimmung viel zu gro�.�</p><p>Der Angerufene stie� in h�rbarer Erregung die Luft aus. �Ausgezeichnet! Ich hatte schon bef�rchtet, wir k�nnten an der Geheimhaltungstechnik der Bruderschaft scheitern.�</p><p>�Die Aussicht auf den eigenen Tod ist eine starke Motivation.�</p><p>�Dann sagen Sie mir, mein Sch�ler, was ich wissen m�chte.�</p><p>Silas wusste, dass die Information, die er seinen Opfern entlockt hatte, wie ein Schock wirken w�rde. �Alle vier haben mir die Existenz des <emphasis>clef de vo�te</emphasis> best�tigt, des legend�ren <emphasis>Schlusssteins</emphasis>.� Silas h�rte, wie der Lehrer nach Luft schnappte. Er sp�rte f�rmlich seine Erregung.</p><p>�Der <emphasis>Schlussstein</emphasis>. Genau wie wir vermutet haben.�</p><p>Nach der �berlieferung hatte die Bruderschaft eine Art steinerne Landkarte geschaffen � einen <emphasis>clef de vo�te</emphasis>, einen Stein mit dem eingravierten Wegweiser zum gr��ten Geheimnis der Bruderschaft, ein Geheimnis von solcher Brisanz, dass die Bruderschaft �berhaupt nur zu seinem Schutz existierte.</p><p>�Wenn wir uns in den Besitz dieses Steins gebracht haben�, sagte der Lehrer, �brauchen wir nur noch den letzten Schritt zu tun.�</p><p>�Wir sind dem n�her, als Sie denken. Der Stein liegt hier in Paris.�</p><p>�In Paris?�</p><p>Silas berichtete dem Lehrer, was an diesem Abend geschehen war � wie alle vier Opfer wenige Augenblicke vor ihrem Tod das Geheimnis ausgeplaudert hatten, um ihr gottloses Leben zu retten. Alle hatten Silas genau das Gleiche erz�hlt: dass der Stein an einem bestimmten Ort in einer alten Pariser Kirche versteckt sei, der �glise de Saint-Sulpice.</p><p>�Auch noch in einem Gotteshaus!�, emp�rte sich der Lehrer. �Sie treiben ihre Scherze mit uns.�</p><p>�Wie seit Jahrhunderten schon.�</p><p>Der Lehrer verfiel in Schweigen. Er schien den Triumph des Augenblicks bis zur Neige auskosten zu wollen. �Sie haben Gott einen gro�en Dienst erwiesen�, sagte er schlie�lich. �Wir haben Jahrhunderte auf diesen Augenblick gewartet. Sie m�ssen mir sofort den Stein herbeischaffen. Noch heute Nacht. Sie wissen, was auf dem Spiel steht.�</p><p>Das wusste Silas nur zu gut, doch was der Lehrer jetzt von ihm verlangte, war schlichtweg unm�glich. �Aber die Kirche ist wie eine Festung, zumal bei Nacht. Wie soll ich da hineinkommen?�</p><p>Mit der zuversichtlichen Stimme eines Mannes, der sich in einflussreichsten Kreisen bewegt, erkl�rte der Lehrer das weitere Vorgehen.</p><empty-line/><p>Als Silas das Handy ausschaltete, zitterte er vor gespannter Erwartung am ganzen K�rper.</p><p><emphasis>In einer Stunde</emphasis>. Er war dankbar, dass der Lehrer ihm noch Zeit f�r die Bu��bung gelassen hatte, die vor dem Betreten eines Gotteshauses unerl�sslich war. <emphasis>Du musst deine Seele von den S�nden des heutigen Tages reinigen</emphasis>. Heute hatte Silas f�r einen geheiligten Zweck ges�ndigt. Gegen die Feinde Gottes waren immer schon Gr�ueltaten ver�bt worden. Silas war die Vergebung gewiss.</p><p>Doch es gab keine Absolution ohne Bu�e.</p><p>Silas zog die Vorh�nge vor. Er entkleidete sich und kniete in der Mitte des Zimmers nieder. Sein pr�fender Blick schweifte zum Bu�g�rtel, der sich eng um seinen Oberschenkel schloss. Jeder Adept des <emphasis>Wahren Weges</emphasis> trug ihn � ein ledernes Band mit aufgenieteten Stacheln aus Metall, die sich zur st�ndigen Erinnerung an die Leiden Christi schmerzhaft ins Fleisch bohrten. Der Schmerz bewirkte zudem die wohltuende Abt�tung fleischlicher Gel�ste.</p><p>Silas hatte sich an diesem Tag schon l�nger als die vorgeschriebenen zwei Stunden mit dem Band kasteit, aber heute war kein gew�hnlicher Tag. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er den Bu�g�rtel noch ein Loch enger, atmete tief aus und genoss den l�uternden Schmerz.</p><p>�Schmerz adelt�, fl�sterte er und wiederholte damit die heilige Formel von Pater Josemari� Escriv�, Lehrer aller Lehrer. Escriv� war 1975 gestorben, doch seine Weisheit lebte fort. Tausende gl�ubiger Diener auf der ganzen Welt fl�sterten noch immer seine Worte, wenn sie zur heiligen Bu��bung der Selbstkasteiung niederknieten.</p><p>Ein dicker Strick mit hineingekn�pften Knoten lag s�uberlich aufgerollt neben Silas auf dem Boden. <emphasis>Die Gei�el</emphasis>. Die Knoten starrten von eingetrocknetem Blut. Silas sehnte sich nach der reinigenden Wirkung der Pein. Nach einem kurzen Gebet ergriff er das Ende der Gei�el, schloss die Augen und peitschte den Knotenstrick mit ge�bter Bewegung in frommer Selbstgei�elung �ber die Schulter auf seinen R�cken. In rhythmischer Monotonie hieb er auf sein Fleisch ein.</p><p><emphasis>Castigo corpus meum.</emphasis></p><p>Endlich sp�rte er das Blut flie�en.</p></section><section><title><p><strong>3. KAPITEL</strong></p></title><p>Die frische Luft des April pfiff durch das offene Seitenfenster in den Citro�n ZX, der mit Robert Langdon auf dem Beifahrersitz in s�dlicher Richtung zuerst am Opernhaus vorbei und dann �ber den Place Vend�me raste, wobei er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Eine kurze Dusche und eine schnelle Rasur hatten einen halbwegs vorzeigbaren Menschen aus ihm gemacht, aber wenig dazu beigetragen, seine �ngstliche Unruhe zu d�mpfen. Das gr�ssliche Bild der Leiche des Museumsdirektors hatte sich in sein Gehirn eingebrannt.</p><p><emphasis>Jacques Sauni�re � tot!</emphasis></p><p>Langdon empfand den Tod des Museumsdirektors als schweren Verlust. Sauni�re galt zwar als Einzelg�nger, doch als anerkannter Gelehrter und Liebhaber der Kunst konnte er sich �ber mangelnde Ehrungen nicht beklagen. Seine Ver�ffentlichungen �ber die Geheimbotschaften in den Gem�lden Poussins und Teniers' geh�rten zu Langdons bevorzugtem Unterrichtsmaterial. Langdon hatte sich von dem abendlichen Treffen mit Sauniete sehr viel versprochen. Als der Museumsdirektor nicht erschien, war seine Entt�uschung gro� gewesen.</p><p>Wieder schoss ihm das Bild von Sauni�res Leiche durch den Kopf. <emphasis>Das soll Sauni�res eigenes Werk gewesen sein</emphasis>? Langdon blickte zum Fenster hinaus und zwang sich, nicht mehr an den gr�sslichen Anblick zu denken.</p><p>Drau�en legte sich allm�hlich der Trubel der Stadt. Fliegende H�ndler schoben ihre Verkaufswagen nach Hause, Kellner schafften volle M�lls�cke an den Stra�enrand, ein Liebespaar hielt sich eng umschlungen, um im Nachtwind, der nach Jasmin duftete, nicht zu fr�steln. Der Citro�n fuhr mit hoher Geschwindigkeit sicher durch das Gew�hl, das sich vor dem schrillen Zweiklanghorn spaltete wie Butter unter einem hei�en Messer.</p><p>�Le Capitaine hat mit Zufriedenheit festgestellt, dass Sie noch in Paris sind�, ergriff der Beamte zum ersten Mal seit der Abfahrt vom Hotel das Wort. �Ein gl�cklicher Zufall.�</p><p>Langdon war �ber diesen Zufall alles andere als gl�cklich; ohnehin hielt er nicht viel von Zuf�llen. Als ein Mann, der sein Leben der Erforschung verborgener Verbindungen von anscheinend v�llig zusammenhangslosen Emblemen und Zeichen verschrieben hatte, betrachtete Langdon die Welt als ein Geflecht vielf�ltig vernetzter Ereignisse und Geschichten. Die Verbindungen m�gen unsichtbar sein, pflegte er den Studenten in seinen Seminaren �ber Symbolologie an der Harvard-Universit�t zu predigen, aber es gibt sie trotzdem. Man muss nur ein bisschen an der Oberfl�che kratzen.</p><p>�Ich nehme an, die Amerikanische Universit�t in Paris hat Ihnen gesagt, wo ich zu finden bin�, sagte Langdon.</p><p>Der Fahrer sch�ttelte den Kopf. �Nein. Interpol.�</p><p><emphasis>Interpol?,</emphasis> dachte Langdon. <emphasis>Ach ja, nat�rlich</emphasis>. Er hatte ganz vergessen, dass das in europ�ischen Hotels �bliche und anscheinend so belanglose Vorzeigen des Passes bei der Anmeldung mehr war als blo� eine l�stige Formalit�t. In jeder beliebigen Nacht konnten die Beamten von Interpol genau sagen, wer wo in Europa n�chtigte. Es hatte vermutlich nicht einmal f�nf Sekunden gedauert, um Langdon im Ritz aufzusp�ren.</p><p>W�hrend der Citroen in s�dlicher Richtung durch die Stadt brauste, erschien rechts in der Ferne die himmelst�rmende Silhouette des beleuchteten Eiffelturms. Langdon musste an Vittoria denken und das spielerische Versprechen auf ein Wiedersehen alle sechs Monate irgendwo auf der Welt an einem romantischen Ort � ein Versprechen, das sie sich damals vor einem Jahr gegeben hatten. Nach Langdons Einsch�tzung hatte der Eiffelturm gute Aussichten, in die n�here Auswahl zu kommen, leider war seit dem letzen Kuss auf einem l�rmenden r�mischen Flughafen �ber ein Jahr vergangen.</p><p>�Schon mal oben gewesen?�, sagte der Beamte mit einem Seitenblick auf Langdon.</p><p>Langdon fuhr aus seinen Gedanken hoch. �Wie bitte?� Der Beamte zeigte durch die Windschutzscheibe auf den Eiffelturm. �Schon mal da oben gewesen?�</p><p>Langdon verdrehte die Augen. �Nein.�</p><p>�Er ist das Wahrzeichen Frankreichs. Einfach perfekt.� Langdon nickte abwesend. Unter Symbolologen war es ein Treppenwitz, dass Frankreich � ein Land, das unter anderem f�r Machotum, Sch�rzenj�gerei und kleinw�chsige F�hrerpers�nlichkeiten wie Napoleon und Pippin den Kurzen bekannt war kein passenderes nationales Wahrzeichen hatte w�hlen k�nnen als einen dreihundert Meter gro�en Phallus.</p><p>An der Kreuzung Rue de Rivoli schaltete die Ampel auf Rot, doch der Citroen verringerte das Tempo kein bisschen. Der Beamte jagte die Limousine mit Vollgas �ber die Kreuzung und in jenen Teil der Rue Castiglione hinein, der als Parkallee weiterf�hrte und den n�rdlichen Eingang der ber�hmten Tuilerieng�rten bildete � f�r die Pariser das, was der Central Park f�r die New Yorker ist. Die Touristen bezogen die Bezeichnung <emphasis>Jardin des Tuileries</emphasis> f�lschlicherweise meist auf die dort bl�hende Tulpenpracht, doch das Wort <emphasis>Tuileries</emphasis> leitete sich in Wirklichkeit von etwas viel Prosaischerem ab: An der Stelle des Parks hatte sich einst eine riesige schmutzige Lehmgrube befunden, aus der sich die Pariser Bauunternehmer den Ton f�r die Herstellung der f�r die Stadt so typischen roten Dachziegel holten � die <emphasis>tuiles</emphasis>.</p><p>Als der Beamte in den verlassenen Park fuhr, stellte er mit einem Griff unters Armaturenbrett das pl�rrende Martinshorn ab. Aufatmend genoss Langdon die pl�tzliche Stille. Der Strahl der Halogenscheinwerfer huschte �ber den kiesbedeckten Parkweg, auf dem die Reifen mit hypnotisierendem Zischen dahinrollten. Langdon hatte die Tuilerien bislang f�r geheiligten Boden gehalten � hatte nicht Claude Monet in diesen G�rten als Geburtshelfer des Impressionismus mit Form und Farbe experimentiert? Heute jedoch lag eine merkw�rdige Aura von drohendem Unheil �ber diesem Ort.</p><p>Der Citro�n bog nach links in die Hauptallee auf der Zentralachse der Parkanlage ein. Nachdem der Fahrer um einen gro�en Brunnen gekurvt war, steuerte er den Wagen nach �berquerung einer breiten, verlassenen Avenue auf einen weitl�ufigen rechteckigen Platz. Langdon erkannte den gro�en steinernen Torbogen, der das Ende der Tuilerien bildete.</p><p>Der Arc du Carousel.</p><p>Ungeachtet der orgiastischen Feierlichkeiten, die der Arc du Carousel einst gesehen hatte, wurde dieser Platz von Kunstkennern aus einem ganz besonderen Grund gesch�tzt: Von der Esplanade am Ende der Tuilerien hatte man einen Blick auf vier der gro�artigsten Museen der Welt, je eines in jeder Himmelsrichtung.</p><p>Zum rechten Seitenfenster hinaus sah Langdon im S�den jenseits der Seine am Quai Anatole France die dramatisch beleuchtete Fassade eines ehemaligen Bahnhofs, der heute das ber�hmte Mus�e d'Orsay beherbergte. Wenn er sich nach links wandte, konnte er die ultramoderne Dachpartie des Centre Pompidou erkennen, in dem das Museum f�r Moderne Kunst untergebracht war. Hinter ihm im Westen ragte der ber�hmte Obelisk des Ramses �ber die Wipfel der B�ume und bezeichnete den Standort des Mus�e de Jeu de Paume.</p><p>Und genau vor sich erblickte Langdon jetzt durch den Torbogen hindurch den klotzigen Renaissancepalast, der die Heimst�tte der ber�hmtesten Gem�ldegalerie der Welt geworden war.</p><p>Der Louvre.</p><p>Wieder einmal empfand Langdon das ihm inzwischen schon vertraute Staunen, w�hrend er versuchte, den gewaltigen Geb�udekomplex in seiner Gesamtheit zu erfassen. Auf der gegen�berliegenden Seite eines Platzes von atemberaubenden Ausma�en ragte die imposante Fassade des Louvre wie ein Bollwerk in den Pariser Nachthimmel. Der Louvre mit seinem Grundriss eines gigantischen Hufeisens war das l�ngste Geb�ude Europas und erstreckte sich �ber eine gr��ere L�nge als drei aneinander gelegte Eiffelt�rme. Nicht einmal die nach Tausenden von Quadratmetern messenden Freifl�chen zwischen den Museumsfl�geln konnten die Wucht der Fassade beeintr�chtigen. Langdon hatte einmal einen Spaziergang um den Louvre unternommen. Es war ein Fu�marsch von knapp f�nf Kilometern geworden.</p><p>Um s�mtliche 65.300 Ausstellungsst�cke des Louvre geb�hrend zu bewundern, brauchte der Besucher angeblich f�nf Tage, doch die meisten Touristen w�hlten ein abgek�rztes Verfahren, das Langdon als �Louvre Light� zu bezeichnen pflegte. Dabei wurden die drei ber�hmtesten St�cke des Museums im Schweinsgalopp abgeklappert: allen voran die <emphasis>Mona Lisa</emphasis>, ferner die <emphasis>Venus von Milo</emphasis> und die gefl�gelte <emphasis>Nike von Samothrake</emphasis>. Art Buchwald hatte sich einmal ironisch damit gebr�stet, alle drei Meisterwerke in f�nf Minuten und sechsundf�nfzig Sekunden �gemacht� zu haben.</p><p>Der Fahrer sog ein kleines Sprechfunkger�t heraus und rief zwei knappe S�tze auf Franz�sisch hinein. <emphasis>�Monsieur Langdon est arriv�. Deux minutes.�</emphasis></p><p>Als Antwort drang eine knisternde Folge von Krach- und Zischlauten aus dem Ger�t.</p><p>Der Beamte steckte den Apparat wieder weg. �Der Capitaine erwartet Sie am Haupteingang�, lie� er Langdon wissen.</p><p>Unter Missachtung eines gro�en Verbotsschildes f�r Kraftfahrzeuge jeder Art gab der Fahrer Gas und jagte den Citro�n �ber den Bordstein auf den gro�en Platz. Der Haupteingang des Louvre kam in Sicht. Von sieben aus dreieckigen Brunnenbecken aufsteigenden Leuchtfont�nen umgeben, erhob er sich steil im Hintergrund.</p><p><emphasis>La Pyramide.</emphasis></p><p>Der neue Eingang des Pariser Louvre war inzwischen fast schon ber�hmter als das Museum selbst. Die umstrittene modernistische Glaspyramide des chinesischst�mmigen amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei hatte den Zorn der Traditionalisten auf sich gezogen, die geltend machten, sie zerst�re die W�rde der Renaissance-Hofanlage. Goethe hatte die Architektur als �gefrorene Musik� bezeichnet. Die Kritiker apostrophierten Peis Werk demgem�� als �kratzende Kreide auf einer Schiefertafel�. Fortschrittlich gesinnte Bewunderer von Peis knapp zweiundzwanzig Meter hoher transparenter Glaspyramide priesen das Bauwerk hingegen als eine �berzeugende Synthese von altehrw�rdiger Form und moderner Bautechnik, als symbolisches Verbindungsglied zwischen dem Alten und dem Neuen, als einen Garanten des gelungenen �bergangs des Louvre ins neue Millenium.</p><p>�Wie gef�llt Ihnen unsere Pyramide?�, wollte der Beamte wissen.</p><p>Langdon zog die Stirn kraus. Die Franzosen schienen Freude daran zu haben, Amerikanern mit dieser Frage zu Leibe zu r�cken. Es war nat�rlich eine Fangfrage. Gab man zu, dass einem die Pyramide gefiel, stempelte man sich zum geschmacklosen Amerikaner ab, lehnte man die Pyramide ab, hatte man etwas gegen die Franzosen.</p><p>�Mitterand hat Mut bewiesen�, meinte Langdon diplomatisch. Der verstorbene franz�sische Staatspr�sident, der den Auftrag zum Bau der Glaspyramide erteilt hatte, hatte angeblich unter einem �Pharaonenkomplex� gelitten. Francois Mitterand, der Paris im Alleingang mit �gyptischen Obelisken, Kunstwerken und Artefakten voll gestellt hatte, wurde wegen seiner an Besessenheit grenzenden Vorliebe f�r die �gyptische Kultur von den Franzosen noch immer �die Sphinx� genannt.</p><p>�Wie hei�t Ihr Capitaine eigentlich?�, erkundigte sich Langdon, um das Thema zu wechseln.</p><p>�Bezu Fache�, gab der Fahret Auskunft, w�hrend er auf die Eingangspyramide zusteuerte. �Wir nennen ihn <emphasis>le Taureau</emphasis>.�</p><p>Mit einem verwunderten Blick auf den Fahrer fragte sich Langdon, ob wohl jeder Franzose einen Spitznamen aus dem Tierreich hatte. �Sie nennen Ihren Vorgesetzten �den Bullen�?�</p><p>Der Mann hob die Brauen. �Ihr Franz�sisch ist besser, als Sie zugeben, Monsieur Langdon.�</p><p><emphasis>Mein Franz�sisch ist das Letzte</emphasis>, dachte Langdon, <emphasis>daf�r kenne ich die Tierkreiszeichen umso besser</emphasis>. Taurus war immer schon � und auf der ganzen Welt � das astrologische Zeichen f�r den Stier.</p><p>Der Beamte bremste ziemlich abrupt und deutete zwischen zwei Font�nen hindurch auf eine gro�e Eingangst�r in der Seite der Glaspyramide. �Da hinein, bitte. Viel Gl�ck, Monsieur.�</p><p>�Sie kommen nicht mit?�</p><p>�Ich habe Befehl, Sie hier abzusetzen. Auf mich warten andere Aufgaben.�</p><p>Langdon stieg mit einem Seufzer aus dem Wagen. <emphasis>Mir soll's recht sein.</emphasis></p><p>Der Beamte trat aufs Gas und jagte davon. W�hrend Langdon den verschwindenden R�cklichtern nachblickte, wurde ihm klar, dass er noch die Chance hatte, zu verschwinden. Er brauchte lediglich quer �ber den Vorplatz zu gehen, einem Taxi zu winken und sich wieder zu seinem sch�nen Hotelbett fahren zu lassen. Eine leise innere Stimme warnte ihn, dass es wom�glich keine allzu gute Idee war, hier zu bleiben.</p><p>Beim Gang durch die Wasserschleier der Font�nen bekam Langdon das ungute Gef�hl, das imagin�re Niemandsland zu einer anderen Welt zu �berschreiten. Das seltsam Traumhafte, Unwirkliche des bisherigen Abends dr�ngte sich wieder in sein Bewusstsein. Vor zwanzig Minuten noch hatte er wohlig im Hotel in seinem Himmelbett geschlafen, und jetzt stand er vor einer von der �Sphinx� erbauten Pyramide und wartete auf einen Polizisten, den man den �Bullen� nannte.</p><p><emphasis>Du bist in ein Gem�lde von Salvador Dali geraten,</emphasis> ging es ihm durch den Kopf.</p><p>Langdon schritt auf den Haupteingang zu, eine gewaltige Dreht�r. Im schwach beleuchteten Foyer dahinter war keine Menschenseele zu sehen.</p><p><emphasis>Ob man hier anklopfen muss?</emphasis></p><p>Langdon fragte sich, ob einer seiner gesch�tzten Harvardkollegen aus dem Fachbereich �gyptologie jemals an einer Pyramide angeklopft hatte, in der Hoffnung, dass jemand herauskam. Als er die Hand hob, um gegen das Glas zu pochen, kam eine neandertalerartige Gestalt aus der Dunkelheit die geschwungene Treppe heraufgeeilt, ein untersetzter dunkelhaariger Mann, dessen dunkler Zweireiher sich �ber den breiten Schultern spannte. Das Handy am Ohr, n�herte er sich auf st�mmigen Beinen mit kraftvollem, autorit�rem Schritt. Er beendete das Gespr�ch und winkte Langdon herein.</p><p>�Bezu Fache�, stellte er sich vor, als Langdon durch die Dreht�r trat, �Capitaine der <emphasis>Direction Centrale Police judiciaire.</emphasis>� Die Stimme passte zu dem Mann � ein tiefes, kehliges Grollen, das sich wie ein aufziehendes Unwetter anh�rte.</p><p>Langdon hielt ihm gr��end die Hand entgegen. �Robert Langdon.�</p><p>Seine Hand verschwand in Faches Pranke wie in einer hydraulischen Presse.</p><p>�Ich habe das Foto gesehen�, sagte Langdon. �Ihr Mitarbeiter sagte mir, Jacques Sauni�re h�tte selbst � �</p><p>�Mr Langdon�, fiel Fache ihm ins Wort und nagelte ihn mit dem Blick seiner ebenholzschwarzen Augen fest, �das Foto zeigt nur einen Bruchteil dessen, was Sauni�re vor seinem Tod mit sich selbst veranstaltet hat.�</p></section><section><title><p><strong>4. KAPITEL</strong></p></title><p>Capitaine Bezu Fache gefiel sich in der Haltung eines gereizten Stiers � breites Kreuz mit weit zur�ckgenommenen Schultern, das Kinn in Angriffshaltung auf die Brust gedr�ckt. Sein dunkles Haar war mit Brillantine an die Kopfhaut geklatscht, was seinen weit in die Stirn vorspringenden spitzen Haaransatz betonte, der wie der Rammsporn einer Galeere zwischen seine gew�lbten Brauen stie�. Der stechende Blick seiner kohlschwarzen Augen schien den Boden vor seinen F��en zu versengen und lie� die unerbittliche Tatkraft und Gedankensch�rfe erahnen, die man Fache nachsagte und die vor nichts und niemandem Halt machte.</p><p>Langdon folgte dem Capitaine die ber�hmte Marmortreppe ins Untergeschoss unter der Glaspyramide. Auf halber H�he der Treppe standen zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte Wache. Die Botschaft war eindeutig: Ohne Capitaine Faches Segen kam hier niemand hinein oder hinaus.</p><p>Beim Abstieg unter das Stra�enniveau musste Langdon ein wachsendes Unbehagen niederk�mpfen. Faches Verhalten war alles andere als einladend, und der Louvre hatte um diese Tages- oder besser Nachtzeit die verlockende Aura einer Gruft. Der Treppenabgang wurde von den Trittleuchten, die in die Stufen eingelassen waren, nur notd�rftig erhellt. Langdon h�rte das Echo seiner Schritte von den schr�gen Scheiben widerhallen. Beim Blick nach oben konnte er feine, lichtdurchwirkte Wasserschleier an der transparenten Dachkonstruktion vor�berwehen sehen.</p><p>�Was halten Sie davon?�, wollte Fache wissen und wies mit dem Kinn nach oben.</p><p>Langdon seufzte. F�r Spielchen war er zu m�de. �Ich finde die Pyramide gro�artig.�</p><p>�Das Ding ist ein Pickel auf dem Antlitz von Paris�, stie� Fache m�rrisch hervor.</p><p><emphasis>Die erste Pleite</emphasis>. Langdon sp�rte, dass mit seinem Gastgeber nicht gut Kirschen essen war. Er fragte sich, ob der Capitaine wusste, dass man auf Pr�sident Mitterands ausdr�ckliche Anordnung die Pyramide aus genau 666 Glasdreiecken zusammengesetzt hatte. Diese ungew�hnliche Vorgabe war f�r Verschw�rungstheoretiker ein gefundenes Fressen gewesen, hie� es doch, die 666 sei die Zahl des Satans.</p><p>Langdon hielt es allerdings f�r kl�ger, dieses Thema nicht aufs Tapet zu bringen.</p><p>W�hrend sie tiefer in das Zwielicht eintauchten, wurden allm�hlich die gewaltigen Ausma�e des unterirdischen Foyers erkennbar. Der gut zweiundzwanzig Meter unter Stra�enniveau angelegte neue Eingangsbereich des Louvre erstreckte sich wie eine endlose Grotte �ber mehr als 9300 Quadratmeter. Passend zum honigfarbenen Stein der Fassade hatte man Marmor in warmen Ockert�nen als Baumaterial gew�hlt. Der bei Tage vom Sonnenlicht durchflutete unterirdische Raum wimmelte f�r gew�hnlich von Besuchern, doch heute Nacht war er d�ster und verlassen und besa� eher die Atmosph�re einer Krypta.</p><p>�Wo ist denn das museumsinterne Wachpersonal?�, wollte Langdon wissen.</p><p>�<emphasis>En quarantaine</emphasis>�, gab Fache knapp zur Antwort. Es klang, als h�tte Langdon die Integrit�t von Faches Beamten in Frage gestellt. �Heute Abend hat sich jemand Zutritt verschafft, der hier offensichtlich nichts zu suchen hatte. Das Wachpersonal der Nachtschicht wird zurzeit im Sully-Fl�gel verh�rt. F�r heute Nacht haben meine Beamten den Sicherheitsdienst �bernommen.�</p><p>Langdon nickte und legte einen Schritt zu, um an Faches Seite zu bleiben.</p><p>�Wie gut haben Sie Jacques Sauni�re gekannt?�, wallte Fache wissen.</p><p>�Eigentlich gar nicht�, sagte Langdon. �Ich habe ihn nie pers�nlich kennengelernt.�</p><p>Fache blickte ihn �berrascht an. �Sie beide h�tten sich heute Abend das erste Mal gesehen?�</p><p>�Ja. Wir hatten verabredet, uns nach meinem Vortrag beim Empfang der Amerikanischen Universit�t zu treffen, aber er ist nicht gekommen.�</p><p>Fache kritzelte etwas in sein Notizbuch. Beim Weitergehen ersp�hte Langdon den Umriss einer weniger bekannten Pyramide des Louvre � <emphasis>La Pyramide Invers�e</emphasis> �, ein gro�es Oberlicht, das in einem angrenzenden Bereich des Zwischengeschosses in Gestalt einer auf der Spitze stehenden Pyramide wie ein Stalaktit von der Decke ragte. Fache f�hrte Langdon eine kurze Treppe zum Eingang eines hoch gew�lbten Durchgangs hinauf, �ber dem auf einem Schild DENON zu lesen stand. Der Denon-Fl�gel war die bekannteste der drei Hauptabteilungen des Louvre.</p><p>�Von wem kam der Vorschlag, sich heute Abend zu treffen?�, erkundigte Fache sich unvermutet. �Von ihnen oder von Sauni�re?�</p><p><emphasis>Was f�r eine merkw�rdige Frage!</emphasis> �Von Monsieur Sauni�re�, sagte Langdon, w�hrend sie den Durchgang betraten. �Seine Sekret�rin hat vor einigen Wochen per E-Mail Kontakt mit mir aufgenommen. Sie teilte mir mit, Direktor Sauni�re habe geh�rt, dass ich diesen Monat in Paris einen Vortrag hielte. Er w�rde anschlie�end gern etwas mit mir besprechen.�</p><p>�Und was?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung. Vermutlich irgendetwas aus dem Bereich der Kunst. Wir haben ein paar gemeinsame Interessensgebiete.�</p><p>Fache sah Langdon skeptisch an. �Und Sie haben keine Ahnung, um was es bei Ihrem Treffen gehen sollte?�</p><p>Langdon wusste es wirklich nicht. Er war zwar gleich neugierig geworden, hatte es aber f�r unpassend gehalten, eingehend nachzufragen. Angesichts der Zur�ckgezogenheit des hochverehrten Jacques Sauni�re, die in der ganzen Zunft bekannt war, hatte Langdon allein schon die Tatsache, dass der Museumsdirektor ihn zu treffen w�nschte, als schmeichelhaft empfunden.</p><p>�Haben Sie wenigstens eine Vermutung, Mr Langdon, was unser Mordopfer am Abend seines Todes mit Ihnen besprechen wollte? Es k�nnte sich als sehr hilfreich erweisen.�</p><p>Die Direktheit der Frage lie� Unbehagen in Langdon aufsteigen. �Ich wei� es wirklich nicht. Ich habe auch nicht nachgefragt. Ich empfand es als Ehre, von Monsieur Sauni�re angesprochen zu werden. In meinen Vorlesungen benutze ich seine Ver�ffentlichungen als Lehrmaterial f�r meine Studenten.�</p><p>Fache vertraute die Information seinem Notizbuch an.</p><p>Die beiden M�nner hatten inzwischen die H�lfte der Eingangspassage des Denon-Fl�gels hinter sich gebracht. Langdon sah die beiden Rolltreppen am Ende des Ganges. Sie standen still.</p><p>�Sie hatten also gemeinsame Interessengebiete?�, fragte Fache noch einmal nach.</p><p>�Ja. Ich habe den gr��ten Teil des letzten Jahres damit verbracht, am Entwurf eines Buches zu arbeiten, das sich mit Monsieur Sauni�res Hauptinteressensgebiet befasst. Ich habe mir einiges davon versprochen, wenn ich ihm die W�rmer aus der Nase ziehe.�</p><p>�Wie bitte?� Fache konnte mit dem Ausdruck offensichtlich nichts anfangen.</p><p>�Ich war neugierig, was Sauni�re zu dem Thema zu sagen hatte.�</p><p>�Verstehe. Und um welches Thema handelt es sich?�</p><p>Langdon z�gerte. Er wusste nicht recht, wie er sich verst�ndlich machen sollte. �Mein Manuskript befasst sich im Prinzip mit der Ikonographie der matriarchalischen Kulte � den Vorstellungen von einer Heiligkeit des Weiblichen und der damit verbundenen k�nstlerischen Symbolik.�</p><p>Fache strich sich mit seiner Pranke �ber das pomadige Haar. �Und Sauni�re war Experte auf diesem Gebiet?�</p><p>�<emphasis>Der</emphasis> Experte schlechthin.�</p><p>�Verstehe.�</p><p>Langdon sp�rte, dass Fache �berhaupt nichts verstand. Auf dem Gebiet der bildhaften Darstellung von weiblichen Gottheiten galt Sauni�re als ma�gebliche Kapazit�t. Sauni�re hatte nicht nur eine leidenschaftliche pers�nliche Vorliebe f�r Artefakte, die mit Fruchtbarkeitsriten, Mutterg�ttinnen, Hexen- und Weiblichkeitskulten zu tun hatten. In den zwanzig Jahren seiner Amtszeit als Direktor des Louvre hatte er dem Museum zur weltweit umfangreichsten Sammlung entsprechender Kunst- und Kultgegenst�nde verholfen: Doppel�xte aus dem �ltesten Tempel der delphischen Priesterinnen, goldene Hermesst�be, Hunderte von kleinen Ankhs, �gyptischen Schleifenkreuzen, die Engelsfig�rchen �hneln, Sistrumrasseln, mit denen im alten �gypten die b�sen Geister vertrieben wurden, und eine erstaunliche Vielfalt von Plastiken, die die Isis darstellten, wie sie den Horus stillt.</p><p>�Es k�nnte doch sein, dass Sauni�re von Ihrem Manuskript gewusst und das Treffen vorgeschlagen hat, um Ihnen bei Ihrem Buch zu helfen�, mutma�te Fache.</p><p>Langdon sch�ttelte den Kopf. �Zurzeit wei� niemand etwas von meinem Manuskript. Es ist bislang nur ein Entwurf. Einzig mein Lektor hat es schon gesehen.�</p><p>Fache verstummte.</p><p>Was den Grund betraf, weshalb noch niemand das Manuskript zu Gesicht bekommen hatte, schwieg Langdon sich aus. In seinem gut dreihundert Seiten umfassenden Entwurf � mit dem Arbeitstitel �Symbolik der untergegangenen Muttergottheit� � unterbreitete Langdon unkonventionelle Deutungen der herk�mmlichen religi�sen Symbolik, die mit Gewissheit kontroverse Diskussionen zur Folge hatten.</p><p>Am Fu� der Rolltreppe hielt Langdon inne. Fache war nicht mehr an seiner Seite. Als er sich umdrehte, sah er, dass der Capitaine an einem Personalaufzug stehen geblieben war.</p><p>�Wir nehmen den Lift�, sagte Fache. �Wie Sie bestimmt wissen, ist es zu Fu� noch ein ziemliches St�ck bis zur Galerie.�</p><p>Langdon wusste zwar, dass der erste Stock mit dem Aufzug sehr viel einfacher zu erreichen war als �ber die langen Treppenfluchten, doch er blieb trotzdem regungslos stehen.</p><p>Fache hielt ungeduldig die T�r auf. �Stimmt etwas nicht?�</p><p>W�hrend Langdon sich umdrehte, lie� er den Blick sehns�chtig das weitr�umige offene Treppenhaus hinaufschweifen. Er atmete tief aus. <emphasis>Es ist alles in bester Ordnung,</emphasis> redete er sich ein und ging zum Aufzug. Langdon litt an Klaustrophobie, seit er als Kind in einen alten Brunnenschacht gefallen war. Er hatte in der engen Brunnenr�hre stundenlang Wasser treten m�ssen, bis man ihn endlich gefunden und mit knapper Not gerettet hatte. Seit damals hatte ihn eine panische Angst vor geschlossenen R�umen verfolgt: Aufz�ge, U-Bahnen, Squashcourts. <emphasis>Der Aufzug ist eine v�llig unbedenkliche Vorrichtung,</emphasis> sagte er sich nun, glaubte es aber nicht. <emphasis>Das Ding ist ein winziger Blechkasten, der an einem d�nnen Drahtseil in einem engen Schacht baumelt!</emphasis> Langdon hielt die Luft an und trat in den Lift. Mit dem Schlie�en der Schiebet�r kam der wohl bekannte Adrenalinsto�.</p><p><emphasis>Zwei Etagen. Zehn Sekunden.</emphasis></p><p>Der Lift fuhr an. �Sie und Monsieur Sauni�re � �, sagte Fache nachdenklich, �Sie haben sich noch nie miteinander unterhalten? Nie Briefwechsel gehabt?�</p><p>Schon wieder so eine seltsame Frage. Langdon sch�ttelte den Kopf. �Nein, nie.�</p><p>Fache legte den Kopf schief. Er schien sich einen Knoten ins imagin�re Taschentuch zu machen und betrachtete kommentarlos die spiegelnde Edelstahlt�r.</p><p>Langdon versuchte, sich auf irgendetwas anderes als die ihn umschlie�enden vier W�nde zu konzentrieren. In der polierten Stahlt�r spiegelte sich der Krawattenclip des Polizisten � ein silbernes Kreuz mit einer Einlegearbeit aus dreizehn schwarzen Onyxsplittern. Langdon kannte das Symbol als <emphasis>crux gemmata</emphasis>, ein christliches Symbol f�r Jesus und die zw�lf Apostel. Er war erstaunt. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, dass ein franz�sischer Capitaine seine religi�se �berzeugung so offen vor sich her trug. Aber das war nun mal Frankreich. Das Christentum war hier keine Religion, sondern ein Muttermal.</p><p>�Das ist eine <emphasis>crux gemmata</emphasis>�, sagte Fache unvermittelt.</p><p>Langdon blickte ertappt auf. In der gl�nzenden T�r sah er, wie Fache sein Spiegelbild musterte.</p><p>Der Aufzug hielt federnd, die T�r glitt auf.</p><p>Langdon atmete aus und trat hinaus auf den Gang. Er brauchte die Weite der Gem�ldegalerien mit ihren ber�hmten hohen Decken. Doch die Welt, die er betrat, hatte mit seinen Erwartungen rein gar nichts zu tun. �berrascht blieb er stehen.</p><p>Fache streifte ihn mit einem Blick. �Ich kann wohl davon ausgehen, Mr Langdon, dass Sie den Louvre noch nie nach �ffnungsschluss gesehen haben?�</p><p><emphasis>Davon k�nnen Sie getrost ausgehen</emphasis>, dachte Langdon und versuchte, sein inneres Gleichgewicht wiederzugewinnen. In den �blicherweise perfekt ausgeleuchteten Galerien des Louvre war es �berraschend schummrig. Statt des gleichm��ig von oben herabfallenden wei�en Lichts schien sich in gewissen Abst�nden ein ged�mpfter roter Lichtschimmer von den Fu�leisten aus nach oben und auf dem gekachelten Boden auszubreiten.</p><p><emphasis>Eigentlich h�ttest du mit etwas �hnlichem rechnen m�ssen,</emphasis> dachte Langdon beim Blick in den d�steren Korridor. In s�mtlichen bedeutenden Bildergalerien hatte man inzwischen f�r die Nachtstunden eine rote Servicebeleuchtung installiert � an strategisch wichtigen Stellen tief angebrachte Lichtquellen, deren diffuses Licht dem Personal das in den R�umlichkeiten erforderliche Arbeitslicht lieferte, andererseits die Farben der Gem�lde nicht ausbleichte. Am heutigen Abend besa� das Museum eine geradezu bedrohliche Atmosph�re. Aus allen Ecken krochen lange Schatten hervor, und die sonst so hohen Gew�lbedecken wirkten wie eine dr�ckende schwarze Leere.</p><p>�Hier entlang�, sagte Fache. Er wandte sich scharf nach rechts, um durch eine Reihe miteinander verbundener Galerien zu gehen. Langdon folgte ihm. Seine Augen gew�hnten sich nach und nach an das schummrige Licht.</p><p>Wie Fotos in einer gigantischen Entwicklerschale tauchten ringsum gro�formatige �lportr�ts aus der Dunkelheit � Langdon wurde das Gef�hl nicht los, von den Augen der Portr�tierten beim Gang durch die R�ume verfolgt zu werden. Er roch die vertraute Museumsluft � eine trockene entionisierte Atmosph�re mit einem leichten Beigeschmack von Kohle. Sie str�mte aus der Klimaanlage, die rund um die Uhr in Betrieb war und deren Kohlefilter das von den Besucherscharen ausgeatmete Kohlendioxid neutralisierten.</p><p>Die hoch an den W�nden montierten, gut sichtbaren �berwachungskameras lieferten den Besuchern eine eindeutige Botschaft: <emphasis>Wir sehen dich! Wehe, du r�hrst etwas an!</emphasis></p><p>�Sind einige der Kameras echt?�, erkundigte sich Langdon.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Fache.</p><p>Langdon war keineswegs �berrascht. Die Video�berwachung eines Museums dieser Gr��e verbot sich schon aus Kostengr�nden und war au�erdem wenig wirkungsvoll. Bei seiner nach Hektar zu bemessenden Ausstellungsfl�che hatte der Louvre allein zur Beobachtung der Bildschirme mehrere hundert Mann �berwachungspersonal einsetzen m�ssen. Die Sicherheitssysteme der meisten gro�en Museen beruhten mittlerweile nicht mehr auf dem Prinzip des Aussperrens von Eindringlingen, sondern auf der <emphasis>containment security</emphasis>, dem Prinzip des Einsperrens der T�ter. <emphasis>Man kann Diebe nicht aus dem Geb�ude aussperren</emphasis>, aber man kann sie im Geb�ude einsperren. Nach �ffnungsschluss wurde die Schlie�anlage aktiviert. Sobald ein T�ter ein Ausstellungsobjekt von seinem angestammten Platz entfernte, schlossen sich s�mtliche Zug�nge zur betreffenden Galerie. Der T�ter befand sich gewisserma�en schon hinter Gittern, bevor die Polizei anr�ckte.</p><p>Aus dem Marmorflur vor ihnen hallten ihnen Stimmen entgegen. Der L�rm schien aus einem ger�umigen kurzen Flur zu kommen, der sich weiter vom nach rechts �ffnete. Helles Licht fiel in den Gang.</p><p>�Das B�ro des Museumsdirektors�, erl�uterte Fache.</p><p>Sie folgten dem Lichtschein. Langdon konnte durch den Flur in Sauni�res luxuri�s ausgestattetes B�ro schauen � kostbares Holz und alte Meister, wohin das Auge blickte, sowie ein riesiger antiker Schreibtisch, auf dem ein sechzig Zentimeter gro�es Modell eines Ritters in voller R�stung stand. Eine Hand voll Polizeibeamte wuselte telefonierend und Notizen machend umher. Einer sa� an Sauni�res Schreibtisch und tippte etwas in ein Notebook. Das B�ro des Museumsdirektors war f�r diese Nacht offensichtlich zum einstweiligen Hauptquartier des DCPJ umfunktioniert worden.</p><p>�<emphasis>Messieurs!</emphasis>�<emphasis>,</emphasis> rief Fache, und alles fuhr herum. <emphasis>�Ne nous d�rangez pas sous aucun pr�texte. Entendu?�</emphasis></p><p>Alles nickte.</p><p>Langdon hatte im Hotel oft genug das Schild mit dem NE PAS DERANGER au�en an die T�rklinke geh�ngt, um zu wissen, dass der Capitaine seine Zweisamkeit mit ihm unter keinen Umst�nden gest�rt wissen wollte.</p><p>Sie lie�en die emsige kleine Beamtenschar hinter sich. Fache f�hrte Langdon weiter den gro�en abgedunkelten Gang hinunter. Drei�ig Meter vor ihnen �ffnete sich der Zugang zur ber�hmtesten Abteilung des Louvre, der <emphasis>Grande Galerie</emphasis>, einer scheinbar endlos langen Flucht breiter G�nge, in denen die kostbarsten italienischen Meisterwerke untergebracht waren. Langdon hatte sich bereits ausgerechnet, dass dies der Ort sein musste, wo Sauni�res Leiche lag: Das Polaroidfoto hatte den ber�hmten Parkettboden der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> unverkennbar wiedergegeben.</p><p>Beim N�herkommen bemerkte Langdon, dass der Zugang durch ein gewaltiges Stahlgitter versperrt war. Er f�hlte sich an die Fallt�ren erinnert, mit denen mittelalterliche Burgen sich vor streunendem Raubgesindel gesch�tzt hatten.</p><p>�<emphasis>Containment security</emphasis>�, sagte Fache.</p><p>Selbst im Zwielicht machte die Barrikade noch den Eindruck, einen Panzer aufhalten zu k�nnen. Am Gitter angekommen, sp�hte Langdon durch die St�be in das schwach beleuchtete h�hlenartige Innere der <emphasis>Grande Galerie</emphasis>.</p><p>�Nach Ihnen, Mr Langdon�, sagte Fache.</p><p>Langdon schaute ihn verdutzt an. <emphasis>Er will, dass du vorangehst � aber wohin?</emphasis></p><p>Fache deutete auf den Boden.</p><p>Langdons Blick folgte Faches Finger. In der D�sternis war ihm entgangen, dass das Gitter einen halben Meter weit angehoben war. Ein bedrohlicher Spalt tat sich darunter auf.</p><p>�Dieser Bereich ist f�r das Wachpersonal des Louvre immer noch gesperrt�, sagte Fache. �Mein Team von der Police Technique et Scientifique hat die Spurensicherung soeben abgeschlossen.� Er deutete wieder auf den Spalt. �Seien Sie bitte so nett, hier unten durchzukriechen.�</p><p>Langdon betrachtete den engen Durchschlupf zu seinen F��en und dann das massive Stahlgitter dar�ber. <emphasis>Das kann doch nicht Faches Ernst sein!</emphasis> Die Barrikade wirkte wie eine Guillotine, die nur darauf wartete, jeden Eindringling zu zermalmen.</p><p>Fache sah auf die Uhr und sagte ein paar franz�sische Worte. Dann lie� er sich auf alle viere nieder und quetschte seine massige Gestalt durch die �ffnung. Dr�ben angekommen, erhob er sich und blickte Langdon durch die Gitterst�be auffordernd an.</p><p>Seufzend ging Langdon in die Hocke. Er st�tzte die H�nde flach auf das polierte Parkett, legte sich auf den Bauch und robbte vorw�rts. Der Kragen seines Tweedjacketts verfing sich in einer Halteklaue des Gitters, und er stie� mit dem Hinterkopf gegen den Stahlrahmen.</p><p><emphasis>Was f�r ein Spa�</emphasis>, dachte er s�uerlich, doch schlie�lich war er durch und erhob sich. In ihm keimte der Verdacht auf, dass es eine sehr lange Nacht werden w�rde.</p></section><section><title><p><strong>5. KAPITEL</strong></p></title><p>Murray Hill Place, das neue Ordenshauptquartier und Konferenzzentrum von Opus Dei, liegt an der 243 Lexington Avenue in New York. Der von May &amp; Pinska entworfene Turm ist mit roten Ziegeln und Sandstein aus Indiana verkleidet, hat siebenundvierzig Millionen Dollar gekostet und bietet gut zw�lftausend Quadratmeter Nutzfl�che. Er hat mehr als hundertzwanzig Zimmer, sechs Speises�le, Bibliotheken, Aufenthaltsr�ume, Konferenzr�ume und B�ros. Auf dem ersten, siebten und f�nfzehnten Stock befinden sich mit Stuck und Marmor ausgestattete Kapellen. Der sechzehnte Stock dient ausschlie�lich Wohnzwecken. M�nner betreten das Geb�ude durch den Haupteingang an der Lexington Avenue; der Eingang f�r Frauen befindet sich in einer Seitenstra�e. M�nner und Frauen sind im ganzen Geb�ude �akustisch und optisch� voneinander getrennt.</p><p>In der Abgeschiedenheit seiner Penthauswohnung hatte Bischof Manuel Aringarosa die schwarze Soutane eines gew�hnlichen Priesters angelegt und eine kleine Reisetasche gepackt. Normalerweise h�tte er die violette Leibbinde eines Bischofs getragen, doch an diesem Abend wollte er wie ein Normalsterblicher reisen. Es w�re ihm unwillkommen gewesen, auf seinen hohen Rang aufmerksam zu machen. Der vierzehnkar�tige Bischofsring mit rosa Amethysten, den gro�en Brillanten und den fein geschmiedeten Symbolen Mitra und Krummstab fiel nur bei n�herem Hinsehen auf. Mit einem stummen Gebet hatte er die Tasche ergriffen und war in die Lobby hinuntergefahren, wo sein Fahrer auf ihn gewartet hatte, um ihn zum Flughafen zu bringen.</p><p>Inzwischen sa� Aringarosa in einem Linienflugzeug nach Rom und blickte auf den dunklen Atlantik hinunter. Die Sonne war untergegangen, doch Aringarosa wusste, dass sein eigener Stern im Steigen begriffen war. <emphasis>Heute Nacht werden wir die Schlacht gewinnen,</emphasis> dachte er. War es wirklich nur ein paar Monate her, dass er sich den M�chten, die sein Reich zerst�ren wollten, v�llig schutzlos ausgeliefert gef�hlt hatte?</p><p>Als Pr�lat der �Pr�latur vom Heiligen Kreuz und Opus Dei�, wie die vollst�ndige Bezeichnung lautet, hatte Bischof Aringarosa das vergangene Jahrzehnt seines Lebens damit verbracht, die Botschaft vom �Werk Gottes� zu verbreiten � die w�rtliche �bersetzung des lateinischen Begriffs <emphasis>Opus Dei</emphasis>. Die im Jahre 1928 von dem spanischen Priester Josemari� Escriv� gegr�ndete Kongregation setzte sich f�r die R�ckkehr zu einem konservativen Katholizismus ein und verpflichtete ihre Mitglieder zu einem frommen und entsagungsvollen Leben im Dienste Gottes.</p><p>Die traditionsverbundene Weltanschauung von Opus Dei hatte urspr�nglich in Spanien Fu� gefasst, bevor das Franco-Regime die Herrschaft �bernahm, hatte sich aber nach der 1938 erfolgten Ver�ffentlichung von Escriv�s Buch �Der Weg � 999 Meditationss�tze zur Umsetzung von Gottes Willen in der eigenen Lebensf�hrung� explosionsartig auf der ganzen Welt verbreitet. Inzwischen war �Der Weg� in zweiundvierzig Sprachen �bersetzt und mehr als vier Millionen Mal verkauft worden. Opus Dei war zu einer weltweit operierenden Gr��e geworden. Seine Ordensh�user, Lehrinstitute und sogar Universit�ten fanden sich in fast jeder gr��eren Metropole der Welt. Opus Dei war die am schnellsten wachsende und finanziell am besten abgesicherte katholische Organisation der Welt. Leider hatte Aringarosa auch erfahren m�ssen, dass in einer Zeit des weit verbreiteten Zynismus, der Fernsehevangelisten und t�glich neuer religi�ser Kulte der enorm gewachsene Reichtum und Einfluss seiner Organisation den Argwohn geradezu magnetisch angezogen hatten.</p><p>�Man h�rt oft den Vorwurf, Opus Dei sei eine Sekte, die Gehirnw�sche praktiziert�, war eine h�ufige Einlassung von Journalisten. �Ein anderer Vorwurf lautet, dass Opus Dei eine ultrakonservative katholische Geheimgesellschaft ist. Was sind Sie denn nun wirklich?�</p><p>�Keines von beiden�, pflegte der Bischof geduldig zu antworten. �Wir sind eine Kongregation der katholischen Kirche � Katholiken, die es sich zur vornehmsten Aufgabe gemacht haben, in ihrem Alltag die katholische Lehre so streng wie m�glich zu befolgen.�</p><p>�Schlie�t das �Werk Gottes� notwendigerweise das Keuschheitsgel�bde, die Entrichtung des Zehnten, Selbstgei�elung und das Tragen eines Bu�g�rtels zur Vergebung der S�nden ein?�</p><p>�Die Dinge, von denen Sie hier sprechen, treffen nur auf einen kleinen Teil unserer Mitglieder zu�, sagte Aringarosa. �Man kann sich bei uns auf ganz unterschiedlichen Ebenen engagieren. Tausende unserer Mitglieder sind verheiratet, haben Familie und verrichten das Werk Gottes in ihren Gemeinden. Andere entschlie�en sich zu einem asketischen Leben in einem unserer Ordensh�user. Das sind pers�nliche Entscheidungen unserer Mitglieder, wobei aber jedes Mitglied von Opus Dei dem Ziel verpflichtet ist, durch den Dienst am Werk Gottes zur Verbesserung unserer Welt beizutragen � zweifellos ein l�bliches Unterfangen.�</p><p>Vernunftargumente verfingen selten. Die Medien brauchten Skandalgeschichten, und auch bei Opus Dei gab es � wie in allen gro�en Organisationen � hin und wieder ein paar schwarze Schafe, die ihre ganze Herde in Verruf brachten.</p><p>Zwei Monate zuvor war an einer Universit�t im Mittleren Westen der USA eine Gruppe des Opus Dei aufgeflogen, die ihre Novizen heimlich mit der Droge Meskalin bearbeitet hatte, um ihnen den euphorischen Zustand als religi�se Erfahrung zu verkaufen. Woanders hatte ein Student seinen Bu�g�rtel l�nger als die empfohlenen zwei Stunden t�glich getragen und sich eine Blutvergiftung zugezogen, die beinahe t�dlich verlaufen w�re. Vor nicht allzu langer Zeit hatte in Boston ein desillusionierter junger Investment-Banker seine gesamten Ersparnisse Opus Dei �berschrieben und anschlie�end Selbstmord zu begehen versucht.</p><p><emphasis>Verirrte Sch�flein</emphasis>, dachte Aringarosa verst�ndnisvoll.</p><p>Das gr��te �rgernis war nat�rlich der �berall breit getretene Prozess gegen den FBI-Spion Robert Hansen gewesen, der nicht nur ein prominentes Mitglied von Opus Dei war, sondern zu allem �berfluss auch noch mit sexuell abweichendem Verhalten gl�nzte. Im Prozess war ans Licht gekommen, dass er in seinem Schlafzimmer Videokameras installiert hatte, mit denen seine Freunde ihn beim Geschlechtsverkehr mit seiner Frau beobachten konnten. �Nicht unbedingt die Feierabendbesch�ftigung eines frommen Katholiken�, hatte der Richter bemerkt.</p><p>Leider hatten diese Ereignisse zur Entstehung einer neuen Gruppe mit dem Namen ODAN gef�hrt, �Opus Dei Achtsamkeitsnetzwerk�, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Opus Dei auf die Finger zu sehen. Die popul�re Website der Gruppe verbreitete schaurige Geschichten ehemaliger Angeh�riger des Opus Dei, die eindringlich vor dem Beitritt warnten. In den Medien sprach man inzwischen vom Opus Dei als der �Mafia Gottes� und von einem �Christuskult�.</p><p><emphasis>Die Angst vor dem Unbekannten</emphasis>, dachte Aringarosa. Er fragte sich, ob diese Kritiker �berhaupt eine Ahnung davon hatten, wie viele Lebensschicksale durch Opus Dei bereichert worden waren. Die Kongregation hatte die volle Unterst�tzung und den Segen des Vatikans. <emphasis>Opus Dei ist eine Personalpr�latur des Heiligen Vaters.</emphasis></p><p>Doch j�ngst hatte Opus Dei sich pl�tzlich der Bedrohung durch eine Macht ausgesetzt gesehen, die viel st�rker war als die Medien: Aringarosa befand sich unvermutet im Visier eines Gegners, vor dem es kein Verstecken gab. Vor f�nf Monaten hatte jemand das Kaleidoskop der Macht gesch�ttelt. Aringarosa hatte sich von diesem Schlag noch immer nicht erholt.</p><p><emphasis>Sie wissen nicht, auf was f�r einen Krieg sie sich eingelassen haben</emphasis>, fl�sterte Aringarosa, w�hrend er aus dem Flugzeugfenster hinunter auf die Dunkelheit des Atlantiks blickte. Einen kurzen Moment schlug die Perspektive seiner Augen um, und sein Blick blieb an der Spiegelung in der Fensterscheibe haften: ein unattraktives Gesicht, dunkel, l�nglich, mit einer un�bersehbaren krummen Nase, die ein Spanier platt geschlagen hatte, als Aringarosa noch ein junger Missionar gewesen war. Die Verunstaltung k�mmerte ihn nicht mehr. Aringarosa lebte f�r eine jenseitige Welt, nicht f�r das Diesseits.</p><p>Beim �berfliegen der portugiesischen K�ste begann das stumm geschaltete Handy in der Tasche seiner Soutane pl�tzlich zu vibrieren. Aringarosa war sich bewusst, dass die Benutzung von Handys w�hrend des Fluges untersagt war; er wusste aber auch, dass es der von ihm so dringend erwartete Anruf sein musste. Nur ein einziger Mensch kannte seine Nummer � der Mann, der ihm den Apparat mit der Post zugeschickt hatte.</p><p>Aufgeregt nahm er das Gespr�ch an. �Ja?�, sagte er leise.</p><p>�Silas hat den Stein lokalisiert�, sagte der Anrufer. �Er befindet sich in Paris, in der Kirche Saint-Sulpice.�</p><p>Bischof Aringarosa l�chelte. �Dann sind wir also nahe dran.�</p><p>�Wir k�nnen uns den Stein sofort holen. Aber dazu brauchen wir Ihre Beziehungen.�</p><p>�Aber nat�rlich! Was soll ich tun?�</p><p>Als Aringarosa das Handy abschaltete, schlug ihm das Herz bis zum Hals. Er starrte wieder hinaus in den Abgrund der Nacht. Angesichts der von ihm losgetretenen Ereignisse kam er sich winzig vor.</p><empty-line/><p>Achthundert Kilometer entfernt stand der Albino mit Namen Silas �ber einer Waschsch�ssel und beobachtete die roten Schlieren im Wasser, w�hrend er sich das Blut vom R�cken tupfte. <emphasis>Ents�ndige mich mit Ysop, dann werde ich rein</emphasis>, betete er Psalm einundf�nfzig. <emphasis>Wasche mich, dann werde ich wei�er als Schnee.</emphasis></p><p>Silas war von einer bislang nie gekannten freudigen Erregung erf�llt, die ihn zugleich erstaunte und faszinierte. In den vergangenen zehn Jahren war er <emphasis>den Weg</emphasis> gegangen, hatte seinen S�nden abgeschworen, sein Leben in den Griff bekommen, die Gewaltt�tigkeit seiner Vergangenheit ausgel�scht. Doch heute Nacht war alles wieder auf ihn eingest�rmt. Der von ihm so nachdr�cklich bek�mpfte Hass war wieder aufgeflammt. Fassungslos hatte er erkennen m�ssen, wie schnell seine Vergangenheit wieder zutage getreten war � und mit ihr seine F�higkeiten, die zwar ein wenig eingerostet, aber noch immer �ber jeden Zweifel erhaben waren.</p><p><emphasis>Die Botschaft Jesu ist die Botschaft des Friedens � der Gewaltlosigkeit � der Liebe</emphasis>, hatte man Silas von der ersten Stunde an eingeh�mmert, und er hatte die Botschaft verinnerlicht. Und diese Botschaft drohten die Feinde Christi jetzt zu zerst�ren. <emphasis>Wer die Botschaft Gottes mit Gewalt bedroht, dem wird Gewalt entgegenschlagen. Entschlossen und unausweichlich.</emphasis></p><p>Seit zwei Jahrtausenden hatten die Streiter Christi ihren Glauben gegen die Feinde verteidigt. Und heute Abend war an Silas der Aufruf zur Schlacht ergangen.</p><p>Silas' Wunden waren getrocknet. Er schl�pfte in seine kn�chellange schlichte Kutte aus dunkelbraunem Wollstoff, die seine wei�e Haut und sein wei�es Haar besonders hervortreten lie�. Nachdem er sich mit dem Strick geg�rtet und die Kapuze �ber den Kopf gezogen hatte, g�nnte er seinen roten Augen einen bewundernden Blick auf sein Ebenbild im Spiegel.</p><p><emphasis>Das R�derwerk ist in Gang gesetzt.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>6. KAPITEL</strong></p></title><p>Robert Langdon stand auf der anderen Seite des Sperrgitters. Er starrte in die Fluchten der Grande Galerie wie in die g�hnende M�ndung eines langen, tiefen Canyons. Die W�nde, die zu beiden Seiten neun Meter in die H�he stiegen, verloren sich oben im Dunkeln. Das Streulicht der Servicebeleuchtung warf einen unnat�rlichen Rotschimmer auf eine atemberaubende Sammlung von Stillleben, religi�sen Szenen, Landschaften und Portr�ts geistlicher und weltlicher F�rsten, auf Gem�lde Da Vincis, Tizians und Caravaggios, die an d�nnen Drahtseilen an der Decke aufgeh�ngt waren.</p><p>Die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> beherbergte zwar die bedeutendsten Gem�lde der italienischen Kunst, aber f�r viele Besucher war der ber�hmte Parkettfu�boden dieses Fl�gels die eigentliche Attraktion. Das aus diagonal verlegten Eichendielen bestehende geometrische Muster des Bodens bewirkte eine verwirrende optische T�uschung, ein multidimensionales Netzwerk, das beim Besucher das Gef�hl hervorrief, auf einer Oberfl�che durch die Galerie zugleiten, deren Form sich mit jedem Schritt �nderte.</p><p>Langdons Blick folgte dem eingelegten Muster und blieb unvermutet an einem mit Absperrband markierten Gegenstand haften, der weiter links nut ein paar Meter entfernt auf dem Boden lag. Er schrak zusammen.</p><p>�Liegt da etwa � ein Caravaggio auf dem Boden?�, stie� er hervor.</p><p>Fache nickte, ohne hingesehen zu haben.</p><p>Nach Langdons Sch�tzung bewegte sich der Wert des Gem�ldes, das dort wie ein achtlos weggeworfenes Plakat auf dem Parkett lag, irgendwo oberhalb von zwei Millionen Dollar. �Du lieber Himmel! Warum l�sst man ein solches Gem�lde wie eine alte Zeitung auf dem Boden liegen?�</p><p>Fache blickte Langdon d�ster an. �Mr Langdon, wir befinden uns hier am Tatort eines Verbrechens. Wir haben alles so belassen, wie wir es vorgefunden haben. Das Gem�lde wurde von Sauni�re von der Wand gerissen. Auf diese Weise hat er das Alarmsystem ausgel�st.�</p><p>Langdon betrachtete das Gitter hinter sich und versuchte sich vorzustellen, was geschehen war.</p><p>�Sauni�re wurde in seinem B�ro angegriffen. Er ist in die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> gefl�chtet und hat heim Herunterrei�en des Gem�ldes das Alarmsystem ausgel�st. Das Gitter im Zugang ist sofort heruntergefallen und hat den einzigen Weg versperrt, auf dem man in diese Galerie hinein- oder wieder hinausgelangen kann.�</p><p>Langdon war verwirrt. �Dann ist es Sauni�re also gelungen, seinen M�rder in der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> einzuschlie�en?�</p><p>Fache sch�ttelte den Kopf. �Das Sperrgitter hat den Direktor von seinem Angreifer getrennt. Der M�rder stand drau�en im Gang und hat Sauni�re durch das Gitter erschossen.� Fache deutete auf eine orangefarbige Markierung an einem der Gitterst�be. �Die Spurensicherung hat dort die Schmauchspuren eines Pistolenschusses gefunden. Sauni�re war allein, als er hier drinnen starb.�</p><p>Langdon rief sich das Foto von Sauni�res Leiche vor Augen. <emphasis>Die Verrenkungen hat er angeblich selbst vollf�hrt</emphasis>. Langdon sp�hte den gewaltigen Gang der Galerie hinunter. �Und wo ist die Leiche?�</p><p>Fache r�ckte die kreuzf�rmige Krawattennadel zurecht und schritt aus. �Die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> ist sehr lang, wie Ihnen vermutlich bekannt sein d�rfte.�</p><p>Wenn Langdon sich recht erinnerte, betrug die L�nge um die vierhundertf�nfzig Meter. �hnlich gewaltig war die Breite. Zwei D-Z�ge h�tten hier bequem nebeneinander Platz gehabt. Auf der Mittellinie der Galerie hatte man in unregelm��igen Abst�nden gro�e Statuen oder riesige Porzellanvasen aufgestellt, die als geschmackvolle Raumteiler daf�r sorgten, dass der Besucherstrom sich ordentlich auf der einen Seite hin- und auf der anderen, zur�ckbewegte.</p><p>Den Blick fest nach vom gerichtet, schritt Fache zielstrebig auf der rechten Seite den Gang hinunter. Langdon kam es beinahe piet�tlos vor, an so vielen Meisterwerken vorbeizueilen, ohne auch nur einen fl�chtigen Blick darauf zu werfen.</p><p><emphasis>Egal. Bei dieser Beleuchtung h�ttest du ja doch nichts gesehen,</emphasis> dachte er.</p><p>Das ged�mpfte Rotlicht beschwor bei Langdon Erinnerungen an seine letzte Erfahrung mit nichtinvasiver Beleuchtung im Geheimarchiv des Vatikans herauf � die zweite beunruhigende Parallele mit seinem lebensgef�hrlichen Erlebnis in Rom. Mit einem Mal war Vittoria wieder pr�sent, nachdem sie monatelang nicht einmal mehr in seinen Tr�umen aufgetaucht war. Langdon wollte kaum glauben, dass die Ereignisse in Rom erst vor einem Jahr stattgefunden hatten. Es kam ihm vor, als w�re das alles schon Jahrzehnte her. Wie in einem anderen Leben. Vittorias letztes Lebenszeichen hatte er im Dezember erhalten � eine Postkarte, auf der sie geschrieben hatte, sie sei auf dem Weg in die Javasee, um dort ihre Forschungsarbeit �ber Biofelder fortzusetzen. Sie wollte mittels Satellitentechnik die Wanderungen der Stachelrochen verfolgen. Auch wenn Langdon sich nie der Illusion hingegeben hatte, eine Frau wie Vittoria w�rde sich damit begn�gen, sein Gelehrtendasein mit ihm zu teilen, hatte die Begegnung in Rom eine Sehnsucht von unerwarteter Intensit�t in ihm ausgel�st. Seine lebenslange Vorliebe f�r die Ungebundenheit des Junggesellendaseins war ins Wanken geraten und hatte einer pl�tzlichen Leere Platz gemacht, die sich im vergangenen Jahr noch vergr��ert zu haben schien.</p><p>Sie waren jetzt schon eine ganze Weile unterwegs, doch von der Leiche war immer noch nichts zu sehen. �Jacques Sauni�re ist noch so weit gekommen?�, wunderte sich Langdon.</p><p>�Monsieur Sauni�re hat einen Magendurchschuss erlitten. Sein Tod ist sehr langsam eingetreten, vielleicht in einer Zeitspanne von f�nfzehn bis zwanzig Minuten. Er war offensichtlich sehr gut bei Kr�ften.�</p><p>Langdon hielt erstaunt inne. �Die Sicherheitsleute haben sich eine geschlagene Viertelstunde Zeit gelassen, bis sie hier waren?�</p><p>�Nein, keineswegs. Das Wachpersonal des Louvre hat unverz�glich auf den Alarm reagiert, den Zugang zur <emphasis>Grande Galerie</emphasis> aber versperrt vorgefunden. Die Leute konnten zwar h�ren, dass sich irgendwo weit hinten etwas bewegte, aber nicht erkennen, um wen oder was es sich handelte. Sie haben durch das Gitter zu dem Mann hineingerufen, aber keine Antwort erhalten. In der Annahme, dass es sich um den Eindringling handeln m�sse, haben sie uns routinem��ig informiert. Wir waren binnen f�nfzehn Minuten vor Ort und haben das Sperrgitter so weit angehoben, dass man darunter durchkriechen konnte. Wir haben �ber ein Dutzend bewaffnete Beamte hineingeschickt, um den Eindringling in der Galerie zu stellen.�</p><p>�Und?�</p><p>�Sie haben niemanden gefunden.� Fache zeigte ein St�ck weit voraus. �Abgesehen von ihm.�</p><p>Langdons Blick folgte Faches ausgestrecktem Finger. Anfangs dachte er, Fache h�tte auf eine gro�e Marmorstatue weiter unten in der Mitte der Galerie gezeigt. Nach ein paar Schritten jedoch erkannte er drei�ig Meter weiter im dunkelroten, schummrigen Leuchten eine Insel aus wei�em Licht, die ein einzelner, auf einem mobilen St�nder montierter Scheinwerfer auf den Boden warf. In der Mitte des Lichtkreises lag wie ein Insekt unter einem Mikroskop der nackte Leichnam des Museumsdirektors auf dem Parkettboden.</p><p>�Sie haben das Foto ja schon gesehen�, sagte Fache. �Seien Sie also nicht allzu �berrascht.�</p><p>Langdon lief es eiskalt den R�cken hinunter, als er sich der Leiche n�herte. Vor seinen Augen tat sich das merkw�rdigste Bild auf, das er je gesehen hatte.</p><p>Jacques Sauni�res bleicher Leichnam lag in exakt der gleichen Haltung auf dem Parkett, die schon auf dem Foto zu erkennen gewesen war. Langdon blinzelte ins grelle Licht und rief sich in Erinnerung, dass Sauni�re die letzten Minuten seines Lebens damit verbracht hatte, seinen K�rper in diese seltsame Haltung zu bringen.</p><p>F�r einen Mann seines Alters sah Sauni�re erstaunlich fit aus, zumal seine gesamte Muskulatur sich dem Auge offen darbot. Er hatte sich bis auf den letzten Faden nackt ausgezogen, die Kleidungsst�cke ordentlich zusammengelegt auf dem Boden gestapelt und sich in der Mitte des Raumes � sorgf�ltig nach der L�ngsachse der breiten Galerie ausgerichtet � auf den R�cken gelegt, Arme und Beine von sich gestreckt wie ein Kind, das im tiefen Schnee einen Schmetterling macht � oder wie ein Delinquent, der von einer unsichtbaren Kraft gevierteilt werden soll.</p><p>Unmittelbar unterhalb von Sauni�res Brustbein markierte eine blutverschmierte Stelle das Loch, wo die Kugel in seinen K�rper eingedrungen war. Die Wunde hatte erstaunlich wenig geblutet und war mit einem kleinen Pfropf von schwarz gewordenem Blut gef�llt.</p><p>Auch Sauni�res linker Zeigefinger war blutverschmiert. Er hatte den Finger augenscheinlich in die Wunde getaucht und den blutigen Finger dann als Pinsel und seinen nackten Bauch als Leinwand benutzt, um f�r den befremdlichsten Anblick seines makabren, selbst gew�hlten Sterbelagers zu sorgen: Er hatte sich ein Symbol auf den nackten Leib gemalt, f�nf gerade Linien, die zusammen einen f�nfzackigen Stern ergaben.</p><p><emphasis>Das Pentagramm.</emphasis></p><p>Der um den Nabel herum gezeichnete blutige Stern verlieh dem Leichnam etwas unleugbar Gespenstisches. Das Foto war schon erschreckend genug; aber hier, am Tatort, in unmittelbarer N�he der Leiche, �berkam Langdon ein abgrundtiefes Unbehagen.</p><p><emphasis>Es ist sein eigenes Werk.</emphasis></p><p>�Nun, Mr Langdon?�, fragte Fache und musterte ihn mit seinen dunklen Augen.</p><p>�Das ist ein Pentagramm�, meinte Langdon ein wenig unverbindlich. In der Weitl�ufigkeit des Raums schien seine Stimme einen hohlen Klang anzunehmen. �Es ist eines der �ltesten Symbole, die wir kennen, und wurde schon viertausend Jahre vor Christi verwendet.�</p><p>�Und was bedeutet es?�</p><p>Bei dieser Frage pflegte Langdon stets zu z�gern. Erkl�ren zu wollen, was ein Symbol �bedeutet� war so �hnlich, als wolle man jemand anders vermitteln, welche Empfindungen ein Musikst�ck ausl�st. Es bedeutete immer wieder etwas anderes. In den Vereinigten Staaten beschworen wei�e Kapuzen mit Augenl�chern die Vorstellung von Ku-Klux-Klan, Rassenhass und Lynchjustiz herauf, w�hrend das gleiche Symbol in Spanien mit Fr�mmigkeit und religi�ser Inbrunst in Verbindung gebracht wurde.</p><p>�Symbole haben je nach dem Umfeld eine andere Bedeutung�, sagte Langdon. �Das Pentagramm ist in erster Linie ein heidnisches religi�ses Symbol.�</p><p>�Teufelsanbetung�, sagte Fache und nickte.</p><p>�Keineswegs�, berichtigte Langdon und bedauerte sofort, sich nicht klarer ausgedr�ckt zu haben. �Das Pentagramm ist ein vorchristliches Symbol aus der Welt der Naturgottheiten. Unsere Vorv�ter verstanden die Welt als aus zwei H�lften zusammengesetzt, dem M�nnlichen und dem Weiblichen. Ihre G�tter und G�ttinnen waren bestrebt, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, Yin und Yang. Wenn das M�nnliche und Weibliche ausgewogen waren, befand die Welt sich in Harmonie und Ausgewogenheit. Gerieten sie aus dem Lot, brach das Chaos aus.� Langdon wies auf Sauni�res Leib. �Dieses Pentagramm repr�sentiert die weibliche H�lfte der Sch�pfung. Religionswissenschaftler sprechen vom �g�ttlich Weiblichen� oder der �Urg�ttin�. Wenn jemand sich damit auskannte, dann Sauni�re.�</p><p>�Sauni�re hat sich das Symbol f�r das g�ttlich Weibliche auf den Bauch gemalt?�</p><p>Langdon musste zugeben, dass dies alles �u�erst seltsam war. �Bei sehr eng gefasster Interpretation ist das Pentagramm das Symbol der Venus, der G�ttin der weiblichen k�rperlichen Liebe und Sch�nheit.�</p><p>Fache betrachtete stirnrunzelnd den nackten Mann.</p><p>�Die fr�hen Religionen gr�ndeten sich auf die Verehrung der g�ttlichen Ordnung in der Natur. Die G�ttin Venus und der Planet waren ein und dasselbe. Die G�ttin hatte ihren Platz am Nachthimmel und trug viele Namen: Venus, Stern des Ostens, Ischtar, Astarte, die alle mit dem Weiblichen, der Natur und der Urmutter Erde im Zusammenhang stehen.�</p><p>Fache schaute drein, als w�re ihm ein Zusammenhang mit Teufelsanbetung lieber gewesen.</p><p>Die erstaunlichste Eigenschaft des Pentagramms behielt Langdon jedoch f�r sich � den graphischen Ursprung seiner Verbindung mit der Venus. Als junger Astronomiestudent hatte Langdon zu seinem Erstaunen erfahren, dass der Planet Venus im Verlauf von acht Jahren ein perfektes Pentagramm an den Nachthimmel zeichnet. Die Alten waren �ber dieses Ph�nomen so erstaunt, dass sie die Venus und deren Pentagramm zum Symbol f�r Vollkommenheit, Sch�nheit und die zyklischen Eigenschaften der Fortpflanzung machten, was heute kaum noch jemand wusste. Noch weniger bekannt ist die Tatsache, dass der f�nfzackige Stern beinahe zum Symbol der olympischen Spiele geworden w�re und erst im letzten Moment zugunsten der f�nf ineinander verschlungenen Ringe aufgegeben wurde, die besser als die f�nf Zacken den auf Harmonie und friedliches Miteinander ausgerichteten Geist der Spiele wiedergeben.</p><p>�Mr Langdon�, meldete Fache sich zu Wort, �das Pentagramm muss aber irgendeinen Bezug zum Teufel haben. In amerikanischen Horrorfilmen, zum Beispiel, wird ausgiebig Gebrauch davon gemacht. Gewiss nicht ohne Grund?�</p><p>Langdon runzelte die Stirn. <emphasis>Vielen Dank, Hollywood</emphasis>. Der f�nfzackige Stern war inzwischen in der Tat zum unverzichtbaren Klischee s�mtlicher Zelluloidmachwerke �ber satanische Serienm�rder avanciert und zierte meist zusammen mit anderen angeblich d�monischen Symbolen die W�nde satanischer Folterkeller. Langdon lief jedes Mal die Galle �ber, wenn er das Symbol unter Verf�lschung seines wahren Ursprungs in diesem Kontext, auftauchen sah.</p><p>�Ich kann Ihnen versichern�, sagte er, �dass trotz aller Bem�hungen der Filmindustrie die Interpretation des Pentagramms als d�monisches Zeichen historisch unzutreffend ist. Der urspr�ngliche Bezug zum Weiblichen ist im Lauf der Jahrtausende verf�lscht worden, auch durch Blutvergie�en.�</p><p>�Ich f�rchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen�, entgegnete Fache.</p><p>Langdon war nicht sicher, wie er sich ausdr�cken sollte, und streifte Faches Kruzifix mit einem viel sagenden Blick. �Ich spreche von der Kirche, Monsieur Fache. Die r�misch-katholische Kirche hat es in ihrer Anfangszeit geschafft, dem Pentagramm eine andere Bedeutung zu verleihen. Im Zuge der Bem�hungen, die heidnischen Religionen auszurotten und die Massen zum Christentum zu bekehren, hat die Kirche in einer Verleumdungkampagne den Symbolgehalt der heidnischen Gottheiten ins Negative gewendet � �</p><p>�Fahren Sie fort.�</p><p>�In Zeiten des Umbruchs ist das nicht ungew�hnlich. M�chte, die sich neu konstituieren, pflegen vorhandene Symbole zu �bernehmen und unsch�dlich zu machen, indem sie ihnen die urspr�ngliche Bedeutung rauben und allm�hlich herabw�rdigen. Die heidnischen Symbole haben den Kampf mit den christlichen Symbolen verloren. Der Dreizack des Neptun pervertierte zur Mistgabel des Teufels, der spitze Hut der weisen Frauen wurde zum Hexenhut gemacht, und der f�nfzackige Venusstern zum Pentagramm des Teufels.� Langdon hielt inne. �Zu allem Ungl�ck hat auch das Milit�r der Vereinigten Staaten zur Perversion des Pentagramms beigetragen und es zu seinem kriegerischen Hoheitszeichen umfunktioniert. Man malt den f�nfzackigen Stern auf s�mtliches Kriegsger�t und heftet ihn auf die Schulterst�cke der Gener�le.� <emphasis>So viel zur G�ttin der Liebe und der Sch�nheit</emphasis>.</p><p>�Interessant�, sagte Fache und deutete mit dem Kopf auf den nackten Leichnam, der mit ausgestreckten Gliedma�en am Boden lag. �Und was f�llt Ihnen zu dieser K�rperhaltung ein?�</p><p>Langdon zuckte die Schultern. �Sie unterstreicht nur den Bezug zum Pentagramm und der G�ttlichkeit des Weiblichen.�</p><p>Faches Miene verd�sterte sich. �Wie darf ich das bitte verstehen?�</p><p>�Replikation. Die Wiederholung eines Symbols ist die einfachste Methode, seine Bedeutung zu verst�rken. Jacques Sauni�re hat einen f�nfzackigen Stern aus sich gemacht.� <emphasis>Zwei Pentagramme sind besser als eins.</emphasis></p><p>Faches Blicke zeichneten die f�nf Sternspitzen von Sauni�res Beinen, Armen und Kopf nach. Wieder strich er sich �ber das �lige Haar. �Eine interessante Interpretation.� Er hielt inne. �Und die <emphasis>Nacktheit</emphasis>?�, sagte er dann mit einer ungn�digen Betonung auf dem letzten Wort. Der Anblick eines gealterten m�nnlichen K�rpers schien ihm gegen den Strich zu gehen. �Warum hat er sich nackt ausgezogen?�</p><p><emphasis>Verdammt gute Frage</emphasis>, dachte Langdon. Sie hatte ihm zu schaffen gemacht, seit er das Polaroidfoto gesehen hatte. Am wahrscheinlichsten kam ihm noch die Lesart vor, dass ein nackter K�rper einen zus�tzlichen Hinweis auf Venus lieferte � die G�ttin der menschlichen Sexualit�t. Selbst heute noch zeigte sich in der Bezeichnung der Geschlechtskrankheiten als �venerische� Krankheiten die urspr�ngliche Assoziation von Venus mit der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau. Doch Langdon zog es vor, nicht n�her darauf einzugehen.</p><p>�Die Frage, warum Sauni�re sich dieses Symbol aufgemalt und weshalb er diese Haltung eingenommen hat, kann ich Ihnen nicht beantworten, Monsieur Fache, aber eines ist sicher: F�r einen Mann wie Jacques Sauni�re war das Pentagramm das Zeichen der weiblichen Gottheit. Diese Beziehung ist unter Historikern und Symbolologen unumstritten.�</p><p>�In Ordnung. Und die Benutzung von Blut als Tinte?�</p><p>�Ganz einfach: Offenbar hatte Sauni�re nichts anderes zum Schreiben.�</p><p>�Ich bin eher der Meinung�, sagte Fache nach einem Augenblick des Schweigens, �dass er Blut benutzt hat, damit die Polizei zu bestimmten forensischen Methoden greift.�</p><p>�Jetzt m�ssen Sie mir weiterhelfen.�</p><p>�Sehen Sie sich seine linke Hand an.�</p><p>Langdons Blick glitt den blassen ausgestreckten Arm des Museumsdirektors entlang, konnte jedoch nichts entdecken. Neugierig geworden ging er um die Leiche herum und kauerte sich nieder. Zu seiner �berraschung bemerkte er, dass der Tote einen gro�en Filzschreiber umklammert hielt.</p><p>�Als wir Sauni�re auffanden, hatte er den Schreiber in der Hand�, sagte Fache. Er trat an einen seitw�rts aufgestellten Klapptisch mit allerlei Ger�tschaften, Kabeln und elektronischen Apparaten heran. �Wie ich Ihnen schon sagte, haben wir alles so gelassen, wie es war.� Er kramte auf dem Tisch herum. �Kennen Sie diese Filzschreiber?�</p><p>STYLO DE LUMIERE NOIRE.</p><p>�berrascht blickte Langdon auf.</p><p>Diese Schwarzlicht-Schreiber waren urspr�nglich zur Verwendung in Museen, durch Restauratoren und Ermittlungsbeh�rden entwickelt worden, um Gegenst�nde mit unsichtbaren Markierungen zu versehen. Sie waren mit einer wetterfesten fluoreszierenden Fl�ssigkeit auf Alkoholbasis gef�llt, die erst unter ultraviolettem Licht sichtbar wurde. Heutzutage benutzten die Restauratoren der Museen diese Schreiber bei ihren Rundg�ngen, um auf dem Rahmen restaurierungsbed�rftiger Gem�lde eine entsprechende Markierung anzubringen.</p><p>W�hrend Langdon sich erhob, ging Fache zum Scheinwerfer und schaltete ihn aus. Die Galerie versank in pl�tzlicher Dunkelheit.</p><p>Langdon konnte f�r kurze Zeit nichts mehr erkennen. Dann n�herte sich Fache, in ein sattes Violett getaucht und mit einer Art Taschenlampe in der Hand.</p><p>�Wie Sie vielleicht wissen�, meinte er, wobei seine Augen violett fluoreszierten, �benutzt die Polizei auch UV-Licht, um einen Tatort auf Blutspuren und andere forensische Hinweise zu untersuchen. Sie k�nnen sich gewiss unsere �berraschung vorstellen, als wir � � Unvermittelt richtete er die Lampe auf den Toten.</p><p>Langdon sprang vor Schreck einen Schritt zur�ck. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er das bizarre Bild in sich aufnahm, das vor seinen Augen auf dem Parkettboden erschien. In violett fluoreszierender Leuchtschrift ergl�hten die letzten Worte des Museumsdirektors neben seiner Leiche. Je l�nger Langdon auf den geisterhaft schimmernden Text starrte, umso mehr schien sich der Nebel zu verdichten, der schon den ganzen Abend um ihn wogte.</p><p>Erneut las er die Botschaft. �Was hat das zu bedeuten?�, fragte er dann und blickte Fache an.</p><p>Dessen Augen leuchteten lila. �Genau <emphasis>das</emphasis>, Monsieur, ist die Frage, auf die wir von Ihnen gern eine Antwort h�tten.�</p><empty-line/><p>Leutnant Collet war inzwischen zum Louvre zur�ckgekehrt. Im nicht allzu weit entfernten B�ro Sauni�res sa� er �ber ein Aufnahmeger�t gebeugt am riesigen Schreibtisch des Museumsdirektors. Er war guter Dinge. Nur das Modell des mittelalterlichen Ritters in seiner R�stung, das an einen Roboter erinnerte und ihn von der Seite her anstarrte, st�rte ihn ein wenig. Collet setzte den AKG-Kopfh�rer auf und pegelte den digitalen Recorder aus. Er war auf Aufnahme geschaltet. Das Mikrofon funktionierte einwandfrei, das Signal kam kristallklar.</p><p><emphasis>Le moment de la v�rit�</emphasis>, sinnierte er. Der Augenblick der Wahrheit.</p><p>L�chelnd schloss Collet die Augen und lehnte sich zur�ck, um auch den Rest des aus der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> �bertragenen Gespr�chs zu genie�en, das er hier drau�en aufnahm.</p></section><section><title><p><strong>7. KAPITEL</strong></p></title><p>In der Kirche Saint-Sulpice gab es im Obergeschoss neben der Orgelempore eine spartanisch eingerichtete Zweizimmerklause mit Steinfu�boden. Die bescheidene Unterkunft war seit mehr als zehn Jahren das Heim von Schwester Sandrine Bieil. Ihre offizielle Adresse war das nahe Kloster, falls jemand danach fragte, aber in der Kirche fand sie es ruhiger. Mit einer kleinen Bettstatt, einem Telefon und einer Kochplatte hatte sie es sich hier f�r ihre Begriffe recht gem�tlich gemacht.</p><p>Als <emphasis>conservatrice d'affaires</emphasis> der Kirche war Schwester Sandrine f�r alle nichtreligi�sen Aspekte des Kirchenbetriebs verantwortlich, etwa die Hausverwaltung, die Einstellung von Hilfs- und Reinigungskr�ften und Fremdenf�hrern, das Verschlie�en des Geb�udes am Abend, die Bestellung von Messwein und Oblaten f�r die heilige Kommunion und vieles andere mehr.</p><p>Das Schrillen des Telefons lie� sie in ihrem kleinen Bert hochfahren. Schlaftrunken griff sie nach dem H�rer.</p><p>�<emphasis>S�ur Sandrine, Eglise Saint-Sulpice</emphasis>.�</p><p>�Hallo, Schwester�, sagte der franz�sische Anrufer.</p><p>Schwester Sandrine setzte sich auf. Wie viel Uhr ist es eigentlich: Sie erkannte die Stimme ihres Vorgesetzten. In f�nfzehn Jahren war es noch nie vorgekommen, dass er sie aus dem Schlaf geklingelt hatte. Der Abb� war ein frommer, tief religi�ser Mann, der sich nach der Abendmesse stets sofort nach Hause und unverz�glich zu Bett begab.</p><p>�Es tut mir Leid, Schwester, wenn ich Sie aus dem Schlaf gerissen habe�, sagte der Abb�, dessen Stimme ebenfalls ziemlich schlaftrunken klang. �Ich muss Sie um einen Gefallen bitten. Ich habe soeben von einem einflussreichen amerikanischen Bischof einen Anruf erhalten. Sie kennen ihn vielleicht. Es handelt sich um Bischof Manuel Aringarosa.�</p><p>�Der Pr�lat des Opus Dei?� <emphasis>Nat�rlich kenne ich ihn. Wer in der katholischen Kirche kennt ihn nicht?</emphasis> Aringarosas konservative Organisation war in den letzten Jahren sehr m�chtig geworden. Ihr Aufstieg zu Ehre und Ansehen hatte im Jahr 1982 gewaltigen R�ckenwind erhalten, als Papst Johannes Paul II. dem Opus Dei unerwartet den Rang einer �Personalpr�latur� verliehen hatte, womit s�mtliche ins Kreuzfeuer der Kritik geratenen Praktiken des Ordens offiziell abgesegnet waren. Der Aufstieg des Opus Dei erfolgte eigent�mlicherweise im gleichen Jahr, in dem die wohlhabende Organisation angeblich fast eine Milliarde Dollar auf das Vatikanische Institut f�r Religi�se Werke � besser unter dem Namen Vatikanbank bekannt � transferiert und damit in letzter Sekunde einen blamablen Bankrott des Instituts abgewendet hatte. Des Weiteren setzte der Papst in einem befremdlichen Schnellverfahren den Gr�nder von Opus Dei auf die Liste der Heiligsprechungen und verk�rzte in diesem Fall die oft Jahrhunderte w�hrende Wartezeit auf lediglich zwanzig Jahre. Schwester Sandrine begegnete dem hohen Ansehen, das Opus Dei in Rom genoss, mit abgrundtiefem Misstrauen, aber man konnte ja schlie�lich nicht vom Heiligen Stuhl Rechenschaft verlangen.</p><p>�Bischof Aringarosa hat mich telefonisch um einen Gefallen gebeten�, erkl�rte der Abb�. Seine Stimme klang nerv�s. �Einer seiner Numerarier ist heute Abend in Paris � �</p><p>Je l�nger Schwester Sandrine der merkw�rdigen Bitte lauschte, desto suspekter kam ihr die Sache vor. �Entschuldigung, habe ich Sie richtig verstanden? Der Besuch dieses Numerariers kann nicht bis morgen warten?�</p><p>�Ich f�rchte nein. Er hat immer schon davon getr�umt, Saint-Sulpice zu sehen, aber sein Flugzeug geht morgen schon in aller Herrgottsfr�he.�</p><p>�Aber die Kirche ist doch am Tag viel interessanter. Der Sonneneinfall durch den Oculus, das schrittweise Vorr�cken des Scharrens auf dem Gnomon � das ist es doch, was diese Kirche so einmalig macht.�</p><p>�Ich bin ja vollkommen Ihrer Meinung, Schwester, aber Sie w�rden mir trotzdem einen gro�en pers�nlichen Gefallen tun, wenn Sie den geistlichen Herrn noch in dieser Nacht einlassen w�rden. Er k�nnte um � sagen wir, ein Uhr bei Ihnen sein. Also in zwanzig Minuten.�</p><p>�Gewiss, es ist mir ein Vergn�gen�, schwindelte Schwester Sandrine und zog die Stirn kraus.</p><p>Der Abb� bedankte sich und legte auf.</p><p>Schwester Sandrine blieb noch einen Moment in ihrem warmen Bett. Nachdenklich sch�ttelte sie den Kopf und versuchte, die Spinnweben im Gehirn zu vertreiben. Ihr sechsundsechzigj�hriger K�rper wurde nicht mehr so schnell wach wie fr�her, auch wenn der Anruf alles andere als beruhigend gewesen war. Opus Dei hatte sie immer schon argw�hnisch gemacht. Neben dem altert�mlichen Festhalten am Ritual der Selbstkasteiung und Selbstgei�elung beharrte Opus Dei zudem auf einem Frauenbild, das man bestenfalls mittelalterlich nennen konnte. Schwester Sandrine hatte mit ungl�ubigem Erstaunen geh�rt, dass die Numerarierinnen angehalten waren, ohne jedes Entgelt die Wohnr�ume der m�nnlichen Numerarier zu putzen, w�hrend diese die Messe besuchten. Frauen mussten auf dem nackten Dielenboden schlafen, w�hrend den M�nnern wenigstens Strohmatten zugestanden wurden. Au�erdem wurde Frauen ein gr��eres Ma� an Selbstkasteiung abverlangt � alles als zus�tzliche Bu��bung f�r die von Eva �ber die Menschheit gebrachte Erbs�nde. Es hatte den Anschein, dass die Frauen auf ewig dazu verurteilt waren, f�r Evas Biss in den Apfel der Erkenntnis die Zeche zu zahlen. W�hrend sich die katholische Kirche, was die Rechte der Frauen betraf, allm�hlich in die richtige Richtung bewegte, drohte Opus Dei den soeben in Gang gekommenen Prozess wieder r�ckg�ngig zu machen. Doch wie auch immer, Schwester Sandrine hatte ihre Anweisungen.</p><p>Sie schwang das linke Bein aus dem Bett und stand auf. W�hrend ihr die K�lte des Steinbodens durch die nackten Fu�sohlen drang, bekam sie es pl�tzlich mit der Angst.</p><p><emphasis>Weibliche Intuition?</emphasis></p><p>Als fromme Frau hatte Schwester Sandrine gelernt, sich dem beruhigenden Zuspruch der tr�stenden Stimmen ihrer Seele anzuvertrauen. Heute Nacht aber waren diese Stimmen so stumm wie die menschenleere Kirche, die sie nun �ffnen sollte.</p></section><section><title><p><strong>8. KAPITEL</strong></p></title><p>Robert Langdon konnte den Blick nicht von dem violett leuchtenden Text l�sen, den Sauni�re auf dem Parkettboden hinterlassen hatte. Eine r�tselhaftere, verr�cktere Abschiedsbotschaft als Jacques Sauni�res letzte Mitteilung konnte Langdon sich schwerlich vorstellen. Sie war in Englisch geschrieben und lautete:</p><p>13-3-2-21-1-1-8-5 O, Draconian devil! Oh, lame saint!</p><p>Langdon hatte nicht den blassesten Schimmer, was diese Zeilen bedeuteten, konnte aber gut verstehen, dass Fache das Pentagramm instinktiv mit Teufelsanbetung in Verbindung gebracht hatte.</p><p><emphasis>O, Draconian devil!</emphasis> Sauni�re hatte einen ausdr�cklichen Verweis auf den Teufel hinterlassen, auf einen drakonischen gar. Nicht minder absonderlich war die Zahlenfolge.</p><p>�Das erinnert mich ein bisschen an einen Zahlencode�, meinte Langdon.</p><p>�Ja�, sagte Fache, �unsere Dechiffrierabteilung ist schon an der Arbeit. Wir glauben, dass diese Zahlen einen Hinweis auf den M�rder liefern k�nnten. Vielleicht ist es eine Telefonnummer oder sonst eine Erfassungsnummer. Aber vielleicht sind Sie ja in der Lage, diesen Zahlen eine symbolische Bedeutung abzugewinnen?�</p><p>Langdon betrachtete die Zahlenfolge erneut. Er ahnte, dass ihn dieses Unterfangen Stunden kosten w�rde. <emphasis>Falls Sauni�re �berhaupt an so etwas gedacht hat.</emphasis> Die Zahlen kamen Langdon v�llig willk�rlich vor. Er war an Symbolmuster gewohnt, die einen inneren Zusammenhang erkennen lie�en, aber hier � das Pentagramm, der Text, die Zahlenfolge � alles passte vorn und hinten nicht zusammen.</p><p>�Sie haben vorhin angedeutet, dass Sauni�res Bem�hen vermutlich darauf abzielte, eine Botschaft �ber Weiblichkeitskulte und derartige Dinge zu �bermitteln�, sagte Fache. �Wie passt das zu dem hier?�</p><p>Langdon wusste, dass es eine rhetorische Frage war. Diese bizarren Zeilen f�gten sich eben gerade nicht in diesen Zusammenhang.</p><p><emphasis>Oh, drakonischer Teufel? Oh, lahmer Heiliger?</emphasis></p><p>�Die Zeilen scheinen irgendwie einen Vorwurf auszudr�cken�, sagte Fache. �Meinen Sie nicht?�</p><p>Langdon versuchte sich Sauni�res letzte Minuten vorzustellen � allein in der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> eingeschlossen, mit dem Wissen, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. �Ein Vorwurf an die Adresse des M�rders w�re vermutlich nicht unlogisch�, meinte er.</p><p>�Mein Beruf verlangt von mir, dem M�rder einen Namen zu geben. Mr Langdon, ich m�chte Ihnen eine Frage stellen: Was kommt Ihnen an dieser Botschaft, ungeachtet der Zahlen, am merkw�rdigsten vor?�</p><p><emphasis>Am merkw�rdigsten?</emphasis> Ein unter Qualen sterbender Mann hatte sich in der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> verbarrikadiert, hatte sich ein Pentagramm auf den Leib gemalt und eine mysteri�se Anschuldigung auf den Boden geschrieben. Was war hier nicht �u�erst merkw�rdig?</p><p>�Das Wort drakonisch�, sagte er aufs Geratewohl. Es war das Erste, das ihm in den Sinn kam. Doch Langdon kam die Bezugnahme auf Drakon � den athenischen Gesetzgeber des siebten vorchristlichen Jahrhunderts � durch einen Sterbenden bei dessen letztem Atemzug ziemlich weit hergeholt vor. �� Drakonischer Teufel� ist f�r mich eine seltsame Wortwahl.�</p><p>�<emphasis>Seltsam</emphasis>?� Faches Tonfall bekam einen ungeduldigen Beiklang. �Ich glaube nicht, dass Sauni�res Wortwahl, ob seltsam oder nicht, unser vorrangiges Thema ist.�</p><p>Langdon wusste nicht recht, was f�r Fache das vorrangige Thema war, doch er hatte das Gef�hl, Fache und der ber�chtigte Grieche aus der Antike w�ren gut miteinander ausgekommen.</p><p>�Sauni�re war Franzose und hat in Paris gelebt�, sagte Fache beil�ufig. �Dennoch hielt er es f�r angebracht, die Botschaft auf � �</p><p>� � Englisch zu schreiben�, vollendete Langdon den Satz, dem aufgegangen war, worauf der Capitaine hinauswollte.</p><p>Fache nickte. �<emphasis>Precisement</emphasis>. Haben Sie eine Erkl�rung?�</p><p>Langdon wusste, dass Sauni�re perfekt Englisch sprach, aber weshalb er seine letzten Worte ausgerechnet in Englisch verfasst hatte, war ihm unerfindlich. Er zuckte die Achseln.</p><p>Fache deutete noch einmal auf das Pentagramm auf Sauni�res Bauch. �Das soll also nichts mit Teufelsanbetung zu tun haben. Sind Sie da immer noch sicher?�</p><p>Langdon war sich �ber gar nichts mehr sicher. �Der Symbolgehalt und der Text scheinen nicht zusammenzupassen. Es tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann.�</p><p>Fache war ein paar Schritte zur�ckgetreten. �Vielleicht bringt das ein bisschen mehr Klarheit�, sagte er und stellte an der UV-Lampe einen breiten Strahl ein. �Was halten Sie davon?�</p><p>Zu Langdons Erstaunen gl�hte um die Leiche herum ein unvollkommen gezeichneter Kreis auf. Sauni�re hatte sich offenbar hingelegt und einen Kreis um sich selbst gezogen, indem er den Filzschreiber mit ausgestreckten Armen um sich herum geschwungen hatte wie einen Zirkel.</p><p>Schlagartig w�rde Langdon die Bedeutung klar. �<emphasis>Die Proportionsstudie nach Vitruv</emphasis>!�, entfuhr es ihm. Sauni�re hatte eine lebensgro�e Kopie von Leonardo da Vincis ber�hmtester Zeichnung geschaffen.</p><p>Da Vincis Proportionsstudie, die als die anatomisch genaueste Darstellung des Menschen aus jener Zeit gilt, war zu einer modernen Chiffre f�r den Begriff �Kultur� geworden und mittlerweile rund um den Globus auf Plakaten, Mouse-Pads und T-Shirts zu sehen. Die ber�hmte Zeichnung bestand aus einem Kreis, in den die Gestalt eines nackten Mannes mit weit von sich gestreckten Gliedma�en eingezeichnet war.</p><p><emphasis>Da Vinci</emphasis>. Langdon bebte vor Erregung. An der Klarheit von Sauni�res Absicht konnte kein Zweifel mehr bestehen. Im letzten Augenblick seines Lebens hatte er sich seiner Kleidung entledigt und mit seinem eigenen K�rper eine Nachbildung von Leonardos �Proportionsstudie� geschaffen.</p><p>Der Kreis war das fehlende Element gewesen. Als weibliches Symbol des Besch�tzens hatte der um den nackten Mann gezogene Kreis der von da Vinci beabsichtigten Botschaft von der Harmonie des M�nnlichen und Weiblichen zum vollkommenen Ausdruck verholfen. Nun stellte sich allerdings die Frage, <emphasis>warum</emphasis> Sauni�re die ber�hmte Zeichnung Leonardos zum Vorbild genommen hatte.</p><p>�Mr Langdon�, sagte Fache, �jemand wie Sie muss wohl nicht daran erinnert werden, dass da Vinci eine Neigung zu den schwarzen K�nsten besa�.�</p><p>Faches Kenntnisse �ber Leonardo waren f�r Langdon eine �berraschung. Sie lieferten die Erkl�rung f�r Faches Vermutungen hinsichtlich der Teufelsverehrung. Die Historiker, besonders christlicher Provenienz, hatten sich mit Leonardo da Vinci schon immer schwer getan. Dieses vision�re Genie war zugleich ein ausschweifender Homosexueller und Verehrer der g�ttlichen Ordnung der Natur gewesen, was ihn zum notorischen S�nder gegen den Gott der katholischen Kirche gemacht hatte. Zudem hatte der K�nstler in seiner exzentrischen Eigenwilligkeit eine d�monische Aura verbreitet. Da Vinci hatte zum Studium der menschlichen Anatomie Leichen ausgegraben. Er hatte in einer schwer zu entziffernden Spiegelschrift ein geheimnisvolles Notizbuch gef�hrt. Er glaubte sich im Besitz des alchemistischen Wissens, mit dem man Blei in Gold verwandeln und sogar durch die Herstellung eines Lebenselixiers Gott um den Tod betr�gen konnte. Au�erdem geh�rten Kriegsmaschinen und Folterinstrumente von bis dahin nicht gekannter Grausamkeit zum Repertoire seiner vielf�ltigen Erfindungen.</p><p><emphasis>Was die Menschen nicht begreifen, macht ihnen Angst</emphasis>, dachte Langdon.</p><p>Sogar da Vincis gewaltige Produktivit�t an atemberaubenden Gem�lden mit religi�sen Inhalten trug zur Verbreitung des gegen ihn erhobenen Vorwurfs spiritueller Heuchelei bei. Er malte Hunderte von lukrativen Auftragswerken f�r den Vatikan, schuf die Gem�lde jedoch nicht als frommen Ausdruck seines eigenen Glaubens, sondern verstand sie als Mittel zur Finanzierung seines aufw�ndigen Lebensstils. Zu seinem Pech war Leonardo da Vinci �berdies ein Querkopf, der oft Gefallen daran fand, unvermutet die Hand zu bei�en, die ihn f�tterte. In viele seiner Gem�lde mit Darstellungen von Heiligen arbeitete er symbolische Bez�ge ein, die seinen eigenen �berzeugungen verpflichtet und alles andere als christlich waren � und streckte damit unterschwellig der Kirche die Zunge heraus. In der National Gallery in London hatte Langdon einmal einen Vortrag gehalten mit dem Titel �Das geheime Leben Leonardos � heidnische Symbolik in der christlichen Kunst�.</p><p>�Ich verstehe Ihre Vorbehalte�, sagte Langdon nun zu Fache, �aber da Vinci hat nie die schwarze Kunst praktiziert. Er war ein ungew�hnlich spiritueller Mensch, auch wenn er sich im Dauerkonflikt mit der katholischen Kirche befand, und � � Langdon hielt inne. Ihm schoss ein gewagter Gedanke durch den Kopf. Er betrachtete die Botschaft auf dem Boden. <emphasis>O, Draconian devil! Oh, lame saint!</emphasis></p><p>�Und weiter?�, sagte Fache auffordernd.</p><p>Langdon wog seine Worte sorgf�ltig ab. �Mir ist soeben durch den Kopf gegangen, dass Sauni�re eine Reihe der spirituellen �berzeugungen da Vincis geteilt hat, darunter auch dessen Zorn �ber die Unterdr�ckung der Vorstellung vom g�ttlich Weiblichen durch die Kirche. Indem er da Vincis ber�hmte Zeichnung nachahmte, wollte Sauni�re vielleicht nur die gemeinsame Besorgnis �ber die D�monisierung der G�ttinnen im modernen kirchlichen Religionsverst�ndnis anklingen lassen.�</p><p>Faches Blick wurde hart. �Sie meinen, Sauni�re nennt die Kirche einen lahmen Heiligen und einen drakonischen Teufel?�</p><p>Langdon musste zugeben, dass der Gedanke weit hergeholt war; dennoch schien das Pentagramm ihn auf gewisse Weise zu st�tzen. �Ich m�chte lediglich sagen, dass Monsieur Sauni�re sein Leben der Erforschung der Mutter- und Fruchtbarkeitsg�ttinnen gewidmet hat, die von niemandem r�cksichtsloser unterdr�ckt wurden als von der katholischen Kirche. Es ist nicht g�nzlich von der Hand zu weisen, dass Sauni�re seinem Bedauern dar�ber in seiner � Abschiedsbotschaft Ausdruck verleihen wollte.�</p><p>�Bedauern?�, meinte Fache. Sein Tonfall war ablehnend geworden. �Diese Botschaft sieht f�r mich viel mehr nach Zorn als nach Bedauern aus. Meinen Sie nicht auch?�</p><p>Langdon war allm�hlich am Ende seines Geduldsfadens angelangt. �Capitaine, Sie haben mich gefragt, wie ich Sauni�res Tun einsch�tze, und das habe ich Ihnen gesagt.�</p><p>Faches Miene wurde hart. �Sie wollen mir erz�hlen, dass wir hier eine Anklage gegen die katholische Kirche vor uns haben?� Er sch�ttelte den Kopf. �Mr Langdon, ich habe in meinem Berufsleben schon viele Tote gesehen. Wenn jemand ermordet wird, schreibt er als letzte Botschaft keine verquasten spirituellen Weisheiten nieder, die sowieso keiner versteht, das k�nnen Sie mir glauben. In dieser Situation denkt man nur an eines.� Fache spie das Wort hervor: �An <emphasis>Rache</emphasis>. Meiner Meinung nach wollte Sauni�re uns mitteilen, wer ihn umgebracht hat.�</p><p>Langdon schaute ihn betroffen an. �Aber das ergibt doch �berhaupt keinen Sinn.�</p><p>�Nein?�</p><p>�Nein!�, gab Langdon scharf zur�ck. Er war die ganze Sache leid. �Sie haben mir doch gesagt, dass Sauni�re in seinem B�ro von jemand angegriffen worden ist, den er offensichtlich bereitwillig eingelassen hatte.�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>�Man darf also davon ausgehen, dass er seinen M�rder gekannt hat.�</p><p>Fache nickte. �Weiter.�</p><p>�Wenn Sauni�re wusste, wer sein M�rder war, was soll dann dieses Geschreibsel?� Langdon zeigte auf den Boden. �Ein Zahlencode? Ein lahmer Heiliger? Ein drakonischer Teufel? Was soll das? Das ist doch alles viel zu umst�ndlich.�</p><p>Fache Legte nachdenklich die Stirn in Falten, als w�re ihm diese Idee noch gar nicht gekommen. �Da ist was dran�, r�umte er ein.</p><p>�Wenn Sauni�re vorhatte, seinen M�rder zu nennen, m�sste man in Anbetracht der Umst�nde doch erwarten, dass er dessen Namen niedergeschrieben h�tte�, sagte Langdon.</p><p>Zum ersten Mal in dieser Nacht glitt ein L�cheln �ber Faches Z�ge � ein selbstgef�lliges L�cheln. �<emphasis>Precisement</emphasis>�, sagte er. �<emphasis>Precisement</emphasis>.�</p><empty-line/><p><emphasis>Du bist Zeuge einer Meisterleistung</emphasis>, ging es Leutnant Collet durch den Kopf, w�hrend er Capitaine Faches Stimme im Kopfh�rer verfolgte. Der <emphasis>agent sup�rieur</emphasis> wusste, dass der Capitaine durch Tricks wie diese an die Spitze der franz�sischen Strafverfolgungsbeh�rden gelangt war.</p><p><emphasis>Was Fache fertig bringt, schafft sonst keiner.</emphasis></p><p>Die Kunst des <emphasis>cajoler</emphasis> � aufs Glatteis f�hren � war in der modernen Verbrechensbek�mpfung ziemlich verloren gegangen. Es war eine Kunst, bei der man unter hohem psychischem Druck gleichzeitig ein au�erordentliches Fingerspitzengef�hl an den Tag legen musste. Nur wenige besa�en die Nerven, die man f�r dieses Vorgehen braucht, aber Fache schien geradezu daf�r geboren. Seine Selbstbeherrschung und Geduld schienen menschliche Ma�st�be zu sprengen.</p><p>Bedingungslose Entschlossenheit schien Faches einzige Gef�hlsregung zu sein. In dieser Nacht schien er der Verhaftung des T�ters eine gro�e pers�nliche Bedeutung beizumessen. Die Einweisung seiner Beamten in ihre Aufgaben in der Stunde zuvor war ungew�hnlich knapp und klar gewesen. <emphasis>Ich wei�, wer Jacques Sauni�res M�rder ist, hatte Fache verk�ndet. Sie kennen Ihre Aufgaben. Und dass mir heute Nacht keiner einen Fehler macht!</emphasis></p><p>Und bis jetzt war alles tadellos gelaufen.</p><p>Collet wusste bislang noch nichts von dem Beweis, der Fache zu der felsenfesten �berzeugung gebracht hatte, den Schuldigen gefunden zu haben, doch Collet w�rde sich h�ten, den Instinkt des �Bullen� in Frage zu stellen. Manchmal schien Fache mit einer �bernat�rlichen Intuition gesegnet zu sein. Er l�sst sich von Gott was ins Ohr fl�stern, hatte ein Kollege es einmal nach einer besonders beeindruckenden Demonstration von Faches sechstem Sinn ausgedr�ckt. Falls es �berhaupt einen Gott gab, stand Fache auf der Liste Seiner G�nstlinge, musste Collet zugeben. Der Capitaine war ein eifriger Messg�nger und beichtete regelm��ig; es war etwas ganz anderes als die feiert�glichen Pflicht�bungen, die seine Amtskollegen der �ffentlichen Meinung halber absolvierten. Als der Papst vor ein paar Jahren Paris besuchte, hatte Fache s�mtliche Beziehungen spielen lassen, um die Ehre einer Audienz zu bekommen. In seinem B�ro hing ein von seinen Beamten verstohlen als �p�pstliche Bulle� bezeichnetes Foto dieser denkw�rdigen Begegnung.</p><p>Collet betrachtete es als Ironie, dass eine der seltenen �ffentlichen Stellungnahmen Faches in den letzten Jahren seine heftige Reaktion auf die ruchbar gewordenen Skandale im Hinblick auf Kindesmissbrauch in der katholischen Priesterschaft, gewesen war. �Diese Priester sollten zweimal aufgekn�pft werden�, hatte Fache erkl�rt, �einmal f�r ihr Vergehen an den unschuldigen Kindern und dann noch einmal, weil sie die katholische Kirche in Verruf gebracht haben.�</p><p>Irgendwie hatte Collet das Gef�hl gehabt, dass Letzteres f�r Fache das weitaus gr��ere �rgernis war.</p><p>Collet wandte sich seinem Notebook zu, das an ein GPS-Ortungssystem anschlossen war. Collet hatte einen detaillierten Lageplan des Denon-Fl�gels auf dem Bildschirm, den er sich aus der Datenbank des Louvre-Sicherheitsdienstes heruntergeladen hatte. Sein Blick glitt �ber die Fluchten der G�nge und Galerien, bis er gefunden hatte, was er suchte.</p><p>Tief im Herzen der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> blinkte ein winziger roter Punkt.</p><p><emphasis>La marque.</emphasis></p><p>Fache hielt seinen Fang heute Nacht an sehr kurzer Leine, und das zu Recht. Robert Langdon hatte sich bisher als sehr gewiefter Kunde erwiesen.</p></section><section><title><p><strong>9. KAPITEL</strong></p></title><p>Bezu Fache hatte sein Handy ausgeschaltet, um bei seinem Gespr�ch mit Langdon nicht gest�rt zu werden. Doch er besa� ein teures Model! mit integriertem Sprechfunk, �ber den er nun entgegen seinen Anordnungen angerufen wurde.</p><p>�Capitaine?�, kr�chzte es aus dem Apparat wie aus einem Walkie-Talkie.</p><p>Fache kam die Galle hoch. Was konnte so wichtig sein, dass Collet die <emphasis>surveillance cach�e</emphasis> unterbrach, und das auch noch in diesem entscheidenden Moment der Entwicklung?</p><p>Er bedachte Langdon mit einem entschuldigenden Blick. �Einen Moment bitte�, sagte er, zog das Handy aus der G�rtel rasche und druckte den Sprechknopf.</p><p><emphasis>�Oui?�</emphasis></p><p><emphasis>�Capitaine, un agent du D�partement de Cryptographie est arrive.�</emphasis></p><p>Faches �rger war wie weggeblasen. <emphasis>Jemand von der Dechiffrierabteilung ist gekommen</emphasis>? Das konnte trotz des miserablen Timings eine gute Nachricht sein. Fache hatte Bilder des Tatorts samt Sauni�res geheimnisvollem Text per E-Mail an diese Abteilung geschickt. Vielleicht konnte ihm dort jemand sagen, was das alles zu bedeuten hatte. Das Eintreffen eines Codeknackers lie� vermuten, dass es gelungen war, Sauni�res geheimnisvolle Mitteilung zu entziffern.</p><p>�Ich bin im Moment unabk�mmlich�, funkte Fache zur�ck. Sein tadelnder Tonfall lie� keinen Zweifel daran, dass eine solche St�rung nicht mehr vorkommen durfte. �Bitten Sie den Beamten, in der Einsatzleitung zu warten, ich werde mich mit ihm unterhalten, sobald ich hier fertig bin.�</p><p>�Mit ihr�, berichtigte Collets Stimme. �Es ist Agentin Neveu.�</p><p>Faches Laune st�rzte unaufhaltsam dem absoluten Nullpunkt entgegen. Sophie Neveu war eine der gr��ten personellen Fehlentscheidungen seiner Beh�rde gewesen. Im Zuge der Bem�hungen um die Erh�hung der Frauenquote im Polizeidienst hatte das Innenministerium die junge Pariser Kryptographin, die in England am Royal Holloway Institute studiert hatte, Fache vor zwei Jahren aufs Auge gedr�ckt. Nach Faches �berzeugung schw�chten die andauernden Eingriffe des um <emphasis>Political Correctness</emphasis> buhlenden Ministeriums die Schlagkraft seiner Truppe. Nicht nur, dass Frauen k�rperlich den Anforderungen der Polizeiarbeit nicht gewachsen waren, allein schon ihre Gegenwart stellte f�r die mit den Ermittlungen befassten M�nner eine gef�hrliche Ablenkung dar. Und wie Fache bef�rchtet hatte, erwies Sophie Neveu sich als Ablenkungsfaktor h�chsten Grades.</p><p>Die Zweiunddrei�igj�hrige besa� einen Eigensinn, der an Insubordination grenzte. Mir ihrem vehementen Eintreten f�r die neuen, in Gro�britannien entwickelten Ans�tze und Methoden ihres Fachgebiets brachte sie ihre altgedienten franz�sischen Kollegen und Vorgesetzten immer wieder zur Verzweiflung. Aber am meisten Sorge bereitete Fache die altbekannte Tatsache, dass in einem Stall voller M�nner in den besten Jahren bei Anwesenheit einer attraktiven jungen Frau die Arbeitsmoral unweigerlich in die Binsen ging.</p><p>�Capitaine, Agentin Neveu hat darauf bestanden, sofort mit Ihnen pers�nlich zu sprechen�, t�nte es aus dem Ger�t. �Ich habe versucht, sie aufzuhalten, aber sie ist bereits auf dem Weg in die <emphasis>Grande Galerie</emphasis>.�</p><p>Fache glaubte, sich verh�rt zu haben. �Habe ich nicht ausdr�cklich gesagt � �</p><empty-line/><p>Einen Moment lang bef�rchtete Langdon, Fache h�tte einen Herzanfall erlitten. Fache verstummte abrupt; seine Kinnlade blieb mitten im Satz stehen, und die Augen traten ihm aus den H�hlen. Sein Blick saugte sich an irgendetwas fest, das hinter Langdons R�cken vorzugehen schien. Bevor der sich umdrehen und nachsehen konnte, was Fache die Fassung raubte, h�rte er hinter sich eine klangvolle Frauenstimme.</p><p>�<emphasis>Excusez-moi, messieurs</emphasis>.�</p><p>Langdon wandte sich um. Er sah eine junge Dame mit langen geschmeidigen Schritten den Flur herunterkommen. Sie n�herte sich ihm und Fache. Die Selbstsicherheit, mit der sie sich bewegte, hatte etwas Ber�ckendes. Die attraktive, ungef�hr drei�igj�hrige Frau war leger mit einem knielangen, cremefarbenen irischen Pullover und schwarzen Leggings bekleidet. Das schulterlange burgunderrote Haar, das keinen Friseur zu brauchen schien, umrahmte ein offenes, freundliches Gesicht. Ganz anders als die k�nstlichen Hochglanz-Blondinen an den W�nden der Studentenbuden von Harvard war diese Frau von einer gesunden, unaufdringlichen Sch�nheit und strahlte betr�chtliches Selbstbewusstsein aus.</p><p>Zu Langdons �berraschung ging sie direkt auf ihn zu und streckte ihm h�flich die Hand entgegen. �Monsieur Langdon, ich bin Sophie Neveu von der Dechiffrierabteilung des DCPJ.� Ein schwacher franz�sischer Akzent durchwirkte ihre sonore Stimme. �Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.�</p><p>Langdon ergriff ihre weiche, trockene Hand. Der unbestechliche Blick ihrer klaren gr�nen Augen hielt ihn f�r einen Moment gefangen.</p><p>Fache holte tief Luft, um ein Donnerwetter loszulassen, doch Sophie Neveu kam ihm zuvor.</p><p>�Capitaine, entschuldigen Sie bitte die St�rung, aber � �</p><p>�Sie h�tten wirklich keinen ungeeigneteren Moment w�hlen k�nnen�, platzte er heraus.</p><p>�Ich habe versucht, mich telefonisch anzumelden�, erkl�rte Sophie in h�flicher R�cksichtnahme auf Langdon auf Englisch, �aber Sie hatten Ihr Mobiltelefon abgeschaltet.�</p><p>�Daf�r gibt es Gr�nde�, sagte er gereizt. �Ich f�hre hier ein Gespr�ch mit Mr Langdon, wie Ihnen nicht entgangen sein d�rfte.�</p><p>�Ich habe den Code entziffert�, entgegnete Sophie unger�hrt, Langdon war wie elektrisiert. <emphasis>Sie hat den Code geknackt</emphasis>?</p><p>Fache wusste nicht, wie er reagieren sollte.</p><p>�Ich werde Ihnen das Ergebnis gleich erl�utern�, fuhr Sophie fort, �aber zuvor muss ich eine dringende Nachricht an Mr Langdon weitergeben.�</p><p>Faches Miene wurde argw�hnisch. �Eine Nachricht f�r Mr Langdon?�</p><p>Sophie nickte und wandte sich wieder Langdon zu. �Sie m�ssen sofort Verbindung mit der amerikanischen Botschaft aufnehmen. Man hat dort eine Nachricht aus den Vereinigten Staaten f�r Sie.�</p><p>Langdons Erregung �ber den geknackten Code wich Besorgnis. <emphasis>Eine Nachricht aus den Vereinigten Staaten?</emphasis> Wer konnte versucht haben, ihn zu erreichen? Nur eine Hand voll Kollegen wussten, dass er in Paris war.</p><p>�Die amerikanische Botschaft?�, sagte Fache argw�hnisch. �Wie kann man dort �berhaupt wissen, dass Mr Langdon sich zurzeit hier aufh�lt?�</p><p>Sophie zuckte die Achseln. �Anscheinend hat die Botschaft in Mr Langdons Hotel angerufen und erfahren, dass er von einem Beamten des DCPJ abgeholt wurde.�</p><p>�Und dann hat die Botschaft die Dechiffrierabteilung des DCPJ angerufen?�, sagte Fache ungl�ubig.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, sagte Sophie. �Als ich unsere Vermittlung angerufen habe, um Verbindung mit Ihnen aufzunehmen, Capitaine, lag dort die Nachricht f�r Mr Langdon bereits vor. Man hat mich gebeten, ihn zu informieren, wenn ich mit Ihnen spreche.�</p><p>Fache hob ratlos die Brauen. Er wollte etwas sagen, doch Sophie hatte sich bereits Langdon zugewandt.</p><p>�Das hier�, sagte sie und zog einen Zettel aus der Tasche, �ist die Nummer des Informationsservice Ihrer Botschaft. Man hat um Ihren sofortigen R�ckruf gebeten.� Sie dr�ckte Langdon den Zettel in die Hand und blickte ihn vielsagend an. �Sie sollten jetzt gleich anrufen. Ich erkl�re Capitaine Fache inzwischen den Code.�</p><p>Langdon sah auf den Zettel. Eine Pariser Telefonnummer und dahinter drei weitere Zahlen � vermutlich die Nummer der Nebenstelle � waren darauf notiert. �Vielen Dank�, sagte er beunruhigt. �Wo kann ich hier telefonieren?�</p><p>Sophie griff in die Tasche, um ihr Handy hervorzuziehen, doch Fache winkte unwirsch ab. Ohne Sophie aus den Augen zu lassen, zog er sein eigenes Mobiltelefon heraus und hielt es Langdon hin. �Benutzen Sie diesen Apparat, Mr Langdon. Er verf�gt �ber eine abh�rsichere Leitung�, sagte er kalt.</p><p>Langdon begriff nicht, weshalb Fache so gereizt auf die junge Frau reagierte. Ein wenig befremdet nahm er das Handy, das Fache ihm hinhielt. Fache bat Sophie ein paar Schritte zur Seite; dann redete er leise, jedoch un�berh�rbar tadelnd auf sie ein.</p><p>Langdon fand den Capitaine immer unsympathischer. Er wandte sich ab, warf einen Blick auf den Zettel und tippte die Nummer ein.</p><p>Es klingelte.</p><p>Einmal � zweimal � dreimal �</p><p>Endlich kam die Verbindung zustande.</p><p>Langdon harre damit gerechnet, dass die Vermittlung der Botschaft sich meldete, doch es war nur ein Anrufbeantworter. Seltsamerweise kannte er die Stimme. Sie geh�rte Sophie Neveu.</p><p>�Bonjour, vous �tes bien chez Sophie Neveu. Je suis absente pour le moment � � *(�Guten Abend, Sie sind mit Sophie Neveu verbunden. Ich bin im Moment nicht da � )</p><p>Verwundert schaute Langdon zu Sophie hin�ber. �Miss Neveu, es tut mir Leid. Ich glaube Sie haben mir � �</p><p>�Nein, nein, das ist schon die richtige Nummer�, fiel Sophie ihm ins Wort, als h�tte sie mit Langdons Verwirrung gerechnet. �Die amerikanische Botschaft hat ein automatisches Mailboxsystem. Wenn Sie die Codenummer eingehen, werden Sie zu Ihrer Mailbox durchgestellt.�</p><p>Langdon sah sie ratlos an. �Aber � �</p><p>�Es sind die drei Zahlen auf dem Zettel, den ich Ihnen gegeben habe.�</p><p>Langdon �ffnete den Mund, um das Versehen klarzustellen, doch die unmissverst�ndliche Botschaft, die Sophie ihm mit einem verschw�rerischen Blick ihrer gr�nen Augen �bermittelte, lie� ihn verstummen:</p><p><emphasis>Keine langen Fragen. Machen Sie schon!</emphasis></p><p>Verwirrt tippte Langdon die drei zus�tzlichen Zahlen auf dem Zettel ein: 454.</p><p>Sophies Ansagetext wurde unterbrochen. �Sie haben eine Nachricht�, sagte eine franz�sische Computerstimme. 454 war offenbar Sophie Neveus Fernabfragecode.</p><p><emphasis>Wie kommst du dazu, den Anrufbeantworter dieser Frau abzufragen!</emphasis></p><p>Langdon h�rte, wie die Kassette zur�ckspulte; dann lief das Band an. Wieder vernahm Langdon Sophies Stimme.</p><p>�Mr Langdon�, fl�sterte sie beschw�rend. �Bitte lassen Sie sich beim Abh�ren meiner Nachricht auf keinen Fall etwas anmerken. H�ren Sie einfach nur zu. Sie sind in Gefahr. Tun Sie genau, was ich Ihnen jetzt sage � �</p></section><section><title><p><strong>10. KAPITEL</strong></p></title><p>Silas sa� hinter dem Steuer des schwarzen Audi, den der Lehrer ihm besorgt hatte, und schaute hinaus auf das gro�artige Kirchengeb�ude von Saint-Sulpice. In den Strahlen der tief angebrachten Flutlichter ragten die beiden T�rme wie zwei st�mmige W�chter �ber dem langen Bauk�rper des Kirchenschiffs empor, aus dessen Seiten rechts und links schattige Reihen schlanker Strebeb�gen ragten wie die Rippen eine anmutigen Tieres.</p><p><emphasis>Die Heiden missbrauchen ein Gotteshaus als Versteck f�r ihren Stein.</emphasis> Wieder einmal hatte die Bruderschaft einen Beweis f�r ihren legend�ren Ruf als Meister der Irref�hrung und des Betrugs geliefert. Silas freute sich, den Stein aufzufinden und dem Lehrer zu �berreichen, damit endlich geborgen werden konnte, was die Bruderschaft den Rechtgl�ubigen schon so lange verweigerte.</p><p><emphasis>Wie m�chtig Opus Dei dann erst sein wird!</emphasis></p><p>Silas parkte den Wagen am Rande des verlassenen Place Saint-Sulpice und atmete tief durch. Jetzt galt es, f�r die bevorstehende Aufgabe klaren Kopf zu behalten. Silas' breiter R�cken schmerzte noch von der Selbstgei�elung, die er sich zuvor abverlangt hatte � aber was war dieser Schmerz schon gegen das qualvolle Lehen, das er gef�hrt hatte, bevor Opus Dei zu seinem Retter geworden war?</p><p>Doch die Erinnerungen lasteten auf seinem Seelenfrieden.</p><p><emphasis>Lass ab von deinem Hass</emphasis>, befahl sich Silas. <emphasis>Vergib denen, die sich an dir vers�ndigt haben.</emphasis></p><p>Er schaute zu den steinernen T�rmen von Saint-Sulpice empor und versuchte, den vertrauten inneren Sog zu unterdr�cken, jene Kraft, die seine Gedanken so oft zur�ck in die Vergangenheit riss, bis er sich pl�tzlich wieder in jenem Gef�ngnis befand, das damals � er war fast noch ein Halbw�chsiger � seine Welt gewesen war. Die Erinnerungen an dieses Fegefeuer kochten in ihm hoch wie immer, fuhren wie ein Sturm durch all seine Sinne � der Gestank des faulenden Kohls, der Geruch des Todes, des Urins und der menschlichen Ausscheidungen, das hoffnungslose Anschreien gegen den Wind der Pyren�en und das leise Schluchzen vergessener M�nner.</p><p><emphasis>Andorra</emphasis>, dachte er. Er sp�rte, wie seine Muskeln sich verkrampften.</p><p>Unglaublicherweise war Silas in ebendiesem verlassenen Gebilde zwischen Spanien und Frankreich, wo er in seiner Zelle vor K�lte zitternd den Tod herbeigesehnt hatte, gerettet worden.</p><p>Damals hatte er es nicht begriffen.</p><p><emphasis>Erst lange nach dem Sturm ward wieder Licht.</emphasis></p><p>Damals war sein Name nicht Silas gewesen. An den Namen, den seine Eltern ihm gegeben hatten, konnte er sich nicht mehr erinnern. Mit sieben Jahren war er von zu Hause ausgerissen. Sein Vater, ein Hafenarbeiter und Trunkenbold, hatte aus Wut, dass ihm ein Albino geboren worden war, immer wieder seine Frau verpr�gelt, der er die Schuld am eigent�mlichen �u�eren des Kindes gab. Als der Junge sich einmal sch�tzend vor seine Mutter warf, war auch er vom Vater schwer misshandelt worden.</p><p>Eines Abends, nachdem der Vater wieder einmal gew�tet hatte, war Silas' Mutter nicht mehr aufgestanden, und in dem Jungen stieg ein Gef�hl unsagbarer Schuld auf. Warum hatte er das zugelassen;</p><p><emphasis>Es ist alles deine Schuld!</emphasis></p><p>Als h�tte ein D�mon von seinem K�rper Besitz ergriffen, holte er das Schlachtermesser aus der K�che und schlich wie in Trance in die Schlafkammer, wo der Vater besinnungslos betrunken mit dem Gesicht zur Wand im Bett lag und schnarchte. Wortlos stie� Silas ihm das Messer in den R�cken. Aufbr�llend versuchte der Vater, sich umzudrehen, doch sein Sohn stie� immer wieder zu, bis es still in der Kammer wurde � totenstill.</p><p>Der Junge fl�chtete aus dem Haus, doch er geriet von einer H�lle in die n�chste. In den Stra�en von Marseille erging es ihm kaum besser als zu Hause. Sein seltsames �u�eres machte ihn unter den anderen Stra�enkindern zum Au�enseiter. Sie wollten ihn nicht akzeptieren. So hauste er, ganz auf sich allein gestellt, in einem verfallenden Fabrikgeb�ude und lebte von gestohlenem Obst und rohem Fisch aus dem Hafen. Sein einziger Zeitvertreib waren zerfetzte Illustrierte, die er im Abfall gefunden hatte. Er brachte sich selbst das Lesen bei. Wie sein Vater wurde er sehr gro� und kr�ftig. Als er zw�lf Jahre alt war, machte sich ein M�dchen � ebenfalls eine Ausrei�erin und fast doppelt so alt wie er � auf der Stra�e �ber ihn lustig und versuchte obendrein, ihm sein Essen wegzunehmen, ein Unterfangen, das sie beinahe mit dem Leben bezahlte. Als die Polizei den Jungen von seinem Opfer weggezerrt hatte, stellte man ihm ein Ultimatum: <emphasis>Entweder du verschwindest auf der Stelle aus Marseille, oder du landest im Jugendgef�ngnis.</emphasis></p><p>Er zog die K�ste hinunter nach Toulon. Aus den Blicken, mit denen man ihn auf der Stra�e musterte, wich das Mitleid und verwandelte sich in Angst. Aus dem Jungen war ein Furcht einfl��ender H�ne geworden. Er konnte die Passanten tuscheln h�ren. <emphasis>Ein Gespenst</emphasis>, fl�sterten sie einander mit schreckgeweiteten Augen zu und starrten auf seine wei�e, farblose Haut. <emphasis>Ein Gespenst mit den Augen des Teufels</emphasis>.</p><p>Er kam sich tatsachlich wie ein Gespenst vor � durchsichtig � unstet � schwerelos �</p><p>Die Menschen schienen mitten durch ihn hindurchzusehen.</p><p>Als Achtzehnj�hriger versuchte er in einer Hafenstadt auf einem Frachter eine Kiste P�kelfleisch zu stehlen. Er wurde von zwei Besatzungsmitgliedern gestellt. Die beiden Matrosen, die auf ihn einpr�gelten, stanken nach Bier wie vor Jahren sein Vater. Die Erinnerung an die Angst und den Hass dr�ngten einem Ungeheuer gleich aus dem schwarzen Abgrund des Vergessens hervor. Dem einen der beiden Matrosen brach der junge Mann mit blo�en H�nden das Genick, und nur das Eintreffen der Polizei bewahrte den anderen vor einem �hnlichen Schicksal.</p><p>Zwei Monate sp�ter war Silas in Handschellen im Gef�ngnis in Andorra geendet.</p><p><emphasis>Ein wei�es Gespenst</emphasis>, verh�hnten ihn die anderen Gefangenen, als er nackt und frierend von der Polizei hereingef�hrt wurde. <emphasis>Willst du nicht durch die Wand gehen und abhauen? Du bist doch ein Geist</emphasis>!</p><p>Im Verlauf von zw�lf Jahren verwitterten Silas' K�rper und seine Seele, bis er davon �berzeugt war, tats�chlich durchsichtig zu sein.</p><p><emphasis>Du bin ein Gespenst.</emphasis></p><p><emphasis>Du bist schwerelos.</emphasis></p><p><emphasis>Yo soy un espectro � p�lido como un fantasma � caminando este mundo a solas.</emphasis> (Ich bin ein Gespenst � fahl wie ein Geist � allein wanderst du durch diese Welt.)</p><empty-line/><p>Eines Nachts erwachte das Gespenst vom Geschrei der Mitgefangenen. Er wusste nicht, welche unsichtbare Gewalt den Boden durchr�ttelte, auf dem er geschlafen hatte, und den M�rtel aus den Fugen seines Zellengem�uers rieseln lie�, doch kaum war er aufgesprungen, krachte ein gewaltiger Steinquader genau auf jene Stelle, an der er einen Sekundenbruchteil zuvor gelegen hatte. Als Silas aufschaute, um zu sehen, wo der Quader sich gel�st hatte, sah er in der noch immer schwankenden Wand ein Loch � und dahinter bot sich ihm ein Anblick, den er seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gehabt hatte.</p><p>Der Mond.</p><p>Die Erde bebte immer noch, als das Gespenst durch einen engen Durchlass kroch und hinaus in eine unermessliche Weite taumelte. �ber �de Bergh�nge stolperte er hinunter in den Wald. Er lief die ganze Nacht, immer bergab, halb ohnm�chtig vor Hunger und Ersch�pfung.</p><p>Im Morgengrauen gelangte er auf eine Lichtung. Eisenbahngleise schnitten eine Schneise durch den Wald. Wie in Trance folgte er den Schienen. Er stie� auf einen verlassenen G�terwaggon und kroch hinein, um sich im Schutz des Wagens auszuruhen.</p><p>Silas erwachte in einem fahrenden G�terzug. <emphasis>Wie lange fahren wir schon! Wie weit sind wir inzwischen gekommen</emphasis>? Seine Eingeweide schmerzten. <emphasis>Ist das der Tod �?</emphasis></p><p>Er schlief wieder ein. Diesmal erwachte er, als jemand kreischend auf ihn einschlug. Er wurde aus dem Waggon gesto�en. Aus unz�hligen Wunden blutend, wankte Silas in eine kleine Siedlung. Vergeblich versuchte er, etwas Essbares aufzust�bern. Schlie�lich brach er am Stra�enrand zusammen. Ohnmacht umfing ihn �</p><p>� bis es ganz langsam wieder hell wurde. Das Gespenst fragte sich, wie lange es schon tot war. Einen Tag? Drei? Es war ihm egal. Das Bett, in dem er lag, war weich wie eine Wolke, und die Luft roch anheimelnd nach brennenden Kerzen. Jesus stand �ber ihm und schaute auf ihn herab. Hier bin ich, sagte Jesus. Der Stein ist beiseite gerollt, und du bist neugeboren.</p><p>Und das Gespenst schlief und wurde wieder wach. Seine Gedanken verschwammen im Nebel. Er hatte nie an den Himmel geglaubt, nun aber stand Jesus neben ihm, wachte �ber ihn, gab auf ihn Acht. Speisen erschienen neben seinem Bett, und w�hrend das Gespenst alles verschlang, sp�rte es, wie seine Knochen sich wieder mit Fleisch �berzogen. Erneut versank er in Schlaf. Als er erwachte, l�chelte Jesus immer noch auf ihn herab. <emphasis>Mein Sohn, du bist gerettet. Gesegnet sind jene, die mir Folge leisten auf meinem Weg.</emphasis></p><p>Und wieder schlief er ein.</p><p>Schmerzensschreie rissen ihn aus seinem Schlummer. Er sprang aus dem Bett, stolperte einen Gang hinunter in Richtung des Geschreis und gelangte in eine K�che. Ein gro�er Mann schlug auf einen kleineren ein. Ohne zu wissen warum, packte er den gro�en Kerl und schleuderte ihn mit solch brutaler Wucht gegen die Wand, dass der Mann humpelnd und schreiend die Flucht ergriff. Das Gespenst beugte sich �ber den anderen Mann, der zu Boden gegangen war. Er war ein junger Bursche in Priesterkleidung mit �bel zugerichteter Nase. Das Gespenst hob den blutenden Priester auf und trug ihn zu einem Sofa.</p><p>�Ich danke dir, mein Freund�, sagte der Priester in gebrochenem Franz�sisch. �Das Geld der Gottesdienstkollekte lockt immer wieder Diebe an. Du hast im Schlaf Franz�sisch gesprochen. Sprichst du auch Spanisch?�</p><p>Das Gespenst sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wie hei�t du?�, fragte der Priester.</p><p>Das Gespenst konnte sich nicht erinnern, welchen Namen seine Eltern ihm gegeben hatten. Er kannte nur die Spottnamen, mit denen die Wachen im Gef�ngnis ihn bedacht hatten.</p><p>Der Priester l�chelte. �<emphasis>No hay problema</emphasis>. Ich hei�e Manuel Aringarosa und bin Missionar aus Madrid. Man hat mich hergeschickt, damit ich f�r das Obra de Dio eine Kirche baue.�</p><p>�Wo bin ich?�, fragte das Gespenst. Seine Stimme klang hohl.</p><p>�In Orviedo in Nordspanien.�</p><p>�Wie bin ich hierher gekommen?�</p><p>�Jemand hat dich auf meine T�rschwelle gelegt. Du warst sehr krank. Ich habe dir Nahrung und ein Bett gegeben. Du bist schon eine ganze Weile hier.�</p><p>Das Gespenst betrachtete eindringlich seinen jungen Pfleger. Seit Jahren war ihm niemand so freundlich begegnet. �Danke, Pater.�</p><p>Der Priester ber�hrte seine blutige Lippe. �Ich habe <emphasis>dir</emphasis> zu danken, mein Freund.�</p><p>Als das Gespenst am n�chsten Morgen erwachte, war seine Welt klarer und geordneter geworden. Er schaute hinauf zum Kruzifix an der Wand �ber seinem Bett. Es besa� etwas Tr�stliches, auch wenn Jesus jetzt nicht mehr zu ihm sprach. Er setzte sich auf. Erstaunt bemerkte er einen Zeitungsausschnitt auf dem Tischchen neben seinem Bert. Der Artikel stammte aus einer franz�sischen Zeitung und war eine Woche alt. Als er ihn gelesen hatte, bekam er es mit der Angst zu tun. Der Artikel handelte von einem Erdbeben im Gebirge, bei dem ein Gef�ngnis zerst�rt worden war. Viele gef�hrliche Gewaltverbrecher waren ausgebrochen.</p><p>Sein Herz raste. <emphasis>Der Priester wei�, wer du bist</emphasis> �</p><p>Er empfand etwas, das er schon lange nicht mehr versp�rt hatte: Schuldbewusstsein und Scham. Das Gef�hl wurde begleitet von der Angst, wieder eingefangen zu werden. Er sprang aus dem Bett. <emphasis>Wohin fliehen</emphasis>?</p><p>�Die Apostelgeschichte des Lukas�, sagte eine Stimme an der Tut.</p><p>Angstvoll fuhr das Gespenst herum.</p><p>Der junge Priester trat in die Kammer. Er l�chelte. Seine Nase war umst�ndlich verbunden. Er hielt dem Gespenst eine alte Bibel hin. �Ich habe eine franz�sische Bibel f�r dich aufgetrieben. Das Kapitel habe ich dir angestrichen.�</p><p>Unsicher nahm das Gespenst das Buch entgegen und schlug das angestrichene Kapitel auf.</p><p><emphasis>Apostelgeschichte, Kapitel 16.</emphasis></p><p>Die Verse handelten von einem Gefangenen namens Silas. Er liegt nackt und schwer misshandelt im Gef�ngnis und singt trotzdem das Lob Gottes. Als das Gespenst den Vers las, hielt es erschrocken inne.</p><p><emphasis>Pl�tzlich aber geschah ein gro�es Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gef�ngnisses wankten. Und sogleich �ffneten sich alle T�ren �</emphasis></p><p>Er blickte zu dem Priester auf.</p><p>Dieser l�chelte ihn voller W�rme an. �Mein Freund, da du keinen anderen Namen hast, werde ich dich von nun an Silas nennen.�</p><p>Das Gespenst nickte. Es war wieder eine Person aus Fleisch und Blut.</p><p><emphasis>Ich hei�e Silas.</emphasis></p><p>�Zeit f�rs Fr�hst�ck�, sagte der Priester. �Du musst gut bei Kr�ften sein, wenn du mir helfen willst, meine Kirche zu bauen.�</p><empty-line/><p>Sechstausend Meter �ber dem Mittelmeer wurde Alitalia Flug 1618 von Turbulenzen durchgesch�ttelt. Die Passagiere dr�ckten sich nerv�s in die Sitze. Bischof Aringarosa nahm kaum Notiz davon. Seine Gedanken kreisten um die Zukunft von Opus Dei. Er h�tte gern gewusst, wie die Sache in Paris vorankam und w�nschte sich, Silas anrufen zu k�nnen. Aber das war ausgeschlossen. Die Anweisungen des Lehrers waren eindeutig.</p><p>�Es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit�, hatte der Lehrer auf Englisch mit franz�sischem Akzent erl�utert. �Ich kenne mich mit den elektronischen Kommunikationsmedien gut genug aus, um zu wissen, wie leicht man abgeh�rt werden kann, und das k�nnte f�r Sie zur Katastrophe werden.�</p><p>Aringarosa wusste, dass der Lehrer Recht hatte. Er schien ein ungew�hnlich umsichtiger Mensch zu sein. Ohne Aringarosa die eigene Identit�t preiszugeben, hatte er sich als ein Mann erwiesen, auf dessen Wort man etwas geben konnte. Hatte er sich nicht geheimste Informationen zu verschaffen gewusst? <emphasis>Die Namen der vier f�hrenden K�pfe der Bruderschaft!</emphasis> Es war eine jener Bravourleistungen gewesen, die den Bischof davon �berzeugt hatten, dass der Lehrer tats�chlich dazu f�hig war, ihm die phantastische Troph�e zu pr�sentieren, die auszugraben er sich anheischig machte.</p><p>�Exzellenz�, hatte der Lehrer zu ihm gesagt, �ich habe s�mtliche n�tigen Vorkehrungen getroffen. Wenn mein Plan gelingen soll, m�ssen Sie daf�r sorgen, dass Silas ein paar Tage lang ausschlie�lich mit mir in Verbindung tritt. W�hrend dieser Zeit darf zwischen Ihnen und ihm keinerlei Verst�ndigung stattfinden. Ich werde mich mit Silas �ber abh�rsichere Kan�le in Verbindung setzen.�</p><p>�Werden Sie ihn mit Respekt behandeln?�</p><p>�Als Mann des rechten Glaubens verdient er mehr als das.�</p><p>�Ausgezeichnet. Ich versichere Ihnen, dass es zwischen Silas und mir keine Verbindung mehr geben wird, bis die ganze Sache vorbei ist.�</p><p>�Exzellenz, ich tue dies zum Schutz Ihrer Identit�t, zum Schutz von Silas' Identit�t und zum Schutz meiner Investitionen.�</p><p>�Ihrer Investitionen?�</p><p>�Wenn ein gewisser �bereifer, stets auf der H�he der Ereignisse zu sein, Exzellenz ins Gef�ngnis bringen sollte, werden Sie nicht in der Lage sein, mir mein Honorar zu bezahlen.�</p><p>Der Bischof l�chelte. �Trefflich bemerkt. Wir sitzen im gleichen Boot. Gott sch�tze Sie.�</p><p><emphasis>Zwanzig Millionen Euro</emphasis>, dachte der Bischof, der nun wieder aus dem Fenster blickte. Diese Summe entsprach ungef�hr dem gleichen Betrag in US-Dollar. <emphasis>Eine Kleinigkeit f�r etwas</emphasis>, das so viel Macht verk�rpert.</p><p>Sein Vertrauen, dass der Lehrer und Silas erfolgreich sein w�rden, war aufs Neue best�rkt. Geld und Glauben waren starke Motive.</p></section><section><title><p><strong>11. KAPITEL</strong></p></title><p>�<emphasis>Une plaisanterie num�rique</emphasis>?� Bezu Fache war blau angelaufen. Ungl�ubig starrte er Sophie Neveu ins Gesicht. �Ein Zahlenspiel? Wollen Sie mir sagen, dass Sauni�res Code nach Ihrer professionellen Einsch�tzung nichts anderes ist als ein mathematisches Spielchen?�</p><p>Die Dreistigkeit dieser Frau war f�r Fache unfassbar. Nicht nur, dass sie soeben ohne jede Erlaubnis in sein verdecktes Verh�r hineingeplatzt war � jetzt versuchte sie ihm auch noch weiszumachen, dass Sauni�re sich im letzten Augenblick seines Lebens ausgerechnet zu einem kleinen mathematischen Scherz bem��igt gef�hlt hatte.</p><p>�Dieser Code ist schlichtweg ein Witz�, erkl�rte sie in rasantem Franz�sisch. �Jacques Sauni�re muss gewusst haben, dass wir ihn in null Komma nichts durchschauen.� Sie zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Tasche und reichte es Fache. �Hier ist die Entschl�sselung.�</p><p>Fache warf einen Blick auf das Papier.</p><p>1-1-2-3-5-8-13-21</p><p>�Das ist alles?�, giftete Fache. �Sie haben nichts weiter getan, als die Zahlen der Gr��e nach zu ordnen?�</p><p>Sophie Neveu hatte tats�chlich die Stirn, zufrieden zu l�cheln. �Genau!�</p><p>In Faches Stimme schlich sich ein bedrohlicher Unterton.</p><p>�Agentin Neveu, ich habe keinen blassen Schimmer, worauf Sie hinauswollen, aber ich m�chte Ihnen dringend empfehlen, sich damit zu beeilen.� Er blickte ungeduldig zu Langdon hin�ber, der ein St�ck abseits stand, das Handy ans Ohr gedr�ckt, und immer noch die telefonische Nachricht der amerikanischen Botschaft abh�rte � keine gute Nachricht, nach seinem aschfahlen Gesicht zu schlie�en.</p><p>�Capitaine, die Zahlenreihe in Ihrer Hand ist zuf�llig eine der ber�hmtesten mathematischen Reihen, die es gibt�, sagte Sophie unger�hrt.</p><p>Fache vermochte nicht einmal zu erkennen, wo hier eine mathematische Reihe sein sollte � von einer ber�hmten ganz zu schweigen �, und Sophies unversch�mter Tonfall gefiel ihm noch weniger.</p><p>�Es ist die Fibonacci-Folge�, erkl�rte sie, �bei der jedes Glied aus der Summe der beiden vorangehenden Glieder gebildet wird.�</p><p>Fache blickte auf das Blatt. Tats�chlich war jede Zahl die Summe der beiden vorangehenden, doch er begriff nicht, was das mit Sauni�res Tod zu tun haben sollte.</p><p>�Der Mathematiker Leonardo Fibunacci hat diese Zahlenfolge im dreizehnten Jahrhundert entdeckt. Man kann es wohl kaum als Zufall betrachten, dass s�mtliche Zahlen, die Sauni�re auf den Boden geschrieben hat, zu Fibonaccis ber�hmter Folge geh�ren.�</p><p>Fache sah die junge Frau ein paar Sekunden an. �Sch�n. Da das angeblich kein Zufall sein kann, sind Sie sicher so freundlich, mir zu verraten, warum Sauni�re ausgerechnet diese Zahlen niedergeschrieben hat. Was wollte er damit sagen? Was soll es bedeuten?�</p><p>Sophie zuckte die Achseln. �Rein gar nichts. Das ist ja gerade der Witz. Es ist ein kryptographischer Scherz, wie etwa das Durcheinandersch�tteln der W�rter eines ber�hmten Gedichts, um sie dann jemandem mit der Frage vorzulegen, ob er erkennen kann, um was es sich handelt.�</p><p>Fache trat mit drohendem Blick so dicht an Sophie heran, dass sein Gesicht nur ein paar Zentimeter von dem ihren entfernt war. �Agentin Neveu, in Ihrem eigenen Interesse darf ich davon ausgehen, dass Sie eine befriedigendere Erkl�rung haben als diesen Schwachsinn!�</p><p>Sophie hielt Faches R�ck unger�hrt stand. Ihre Z�ge wurden hart. �Capitaine, in Anbetracht dessen, was heute Nacht hier auf dem Spiel steht, hatte ich gehofft, Sie w�rden die Information zu sch�tzen wissen, dass Jacques Sauni�re sich einen Scherz mit Ihnen erlaubt haben k�nnte. Das ist offenbar nicht der Fall. Nun, dann werde ich dem Direktor unserer Dechiffrierabteilung mitteilen, dass Sie auf unsere Dienste keinen Wert mehr legen.�</p><p>Sophie machte auf dem Absatz kehrt und marschierte dahin zur�ck, woher sie gekommen war. Langsam verschwand sie in der dunklen <emphasis>Grande Galerie</emphasis>. Fassungslos schaute Fache ihr hinterher. War diese Frau jetzt v�llig durchgedreht? Sophie Neveu hatte gerade das Musterbeispiel eines beruflichen Selbstmords geliefert.</p><p>Fache ging zum telefonierenden Langdon. Dieser h�rte immer noch seine Nachricht ab, und seine Miene war noch besorgter geworden. Die <emphasis>amerikanische Botschaft</emphasis> � Es gab vieles, das Bezu Faches Missfallen erregte, aber kaum etwas konnte ihn so sehr auf die Palme bringen wie die US-Botschaft.</p><p>Fache und der amerikanische Botschafter lagen im Dauerclinch, was die Art und Weise der Durchsetzung gemeinsamer staatlicher Interessen betraf, wobei in der Regel die Strafverfolgung amerikanischer Besucher der franz�sischen Hauptstadt den Zankapfel lieferte. Fast t�glich verhaftete das DCPJ amerikanische Austauschstudenten wegen illegalem Drogenbesitz, amerikanische Gesch�ftsleute wegen N�tigung Minderj�hriger zur Prostitution und amerikanische Touristen wegen Ladendiebstahl oder Zerst�rung �ffentlichen Eigentums, doch die US-Botschaft war erm�chtigt, im Ausland straff�llig gewordene amerikanische B�rger an die heimische Justiz zu �berstellen, wo sie stets mit einem blauen Auge davonkamen.</p><p><emphasis>L'�masculation de la Police Judiciaire</emphasis>, nannte Fache den Vorgang. Die Polizei musste sich entmannen lassen. Die Zeitung <emphasis>Paris Match</emphasis> hatte unl�ngst eine Karikatur gebracht, in der Fache in Gestalt eines Polizeihunds einen amerikanischen Taugenichts zu bei�en versuchte, es aber nicht konnte, da er an der amerikanischen Botschaft angekettet war.</p><p><emphasis>Aber diesmal nicht!,</emphasis> schwor sich Fache. <emphasis>Diesmal steht zu viel auf dem Spiel.</emphasis></p><p>Robert Langdon sah elend aus, als er das Handy abschaltete.</p><p>�Alles in Ordnung?�, erkundigte sich Fache.</p><p>Langdon sch�ttelte matt den Kopf.</p><p><emphasis>Schlechte Nachrichten von zu Hause</emphasis>. Als Fache das Handy wieder in Empfang nahm, sah er die Schwei�perlen auf Langdons Stirn.</p><p>�Ein � Unfall�, sagte Langdon stockend und blickte Fache eigenartig an. �Ein Freund � � Er z�gerte. �Ich muss morgen in aller Fr�he in die Staaten zur�ckfliegen.�</p><p>F�r Fache bestand kein Zweifel, dass Langdons Best�rzung nicht gespielt war, aber da war noch etwas anderes. Eine aufkeimende Angst schien sich in Langdons Blick zu schleichen.</p><p>�Das tut mir Leid�, meinte Fache, der Langdon nicht aus den Augen lie�. �M�chten Sie sich setzen.� Er wies auf eine Ruhebank.</p><p>Langdon nickte geistesabwesend und machte ein paar Schritte in Richtung der Bank, hielt dann aber pl�tzlich inne. Er wirkte v�llig durcheinander. �Ich glaube, ich muss zur Toilette.�</p><p>Fache grinste im Stillen, auch wenn er von der Verz�gerung nicht begeistert war. �Die Toilette. Nat�rlich. Wir machen ein paar Minuten Pause.� Er wies den langen Gang hinunter in die Richtung, aus der sie gekommen waren. �Die Toiletten befinden sich ganz vorn, nicht weit von Sauni�res B�ro.�</p><p>Z�gernd deutete Langdon in die andere Richtung. �Gibt es nicht auch am anderen Ende der Galerie Toiletten? Sie d�rften ein ganzes St�ck n�her sein.�</p><p>Langdon hatte Recht. Sie befanden sich im letzten Drittel der Galerie, die an beiden Enden Besuchertoiletten aufwies.</p><p>�M�chten Sie, dass ich Sie begleite?�, fragte Fache.</p><p>Langdon, der schon auf dem Weg war, sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Danke�, rief er zur�ck, �aber ich m�chte jetzt lieber ein paar Augenblicke allein sein.�</p><p>Fache war nicht sehr davon angetan, Langdon ganz allein das letzte St�ck des Gangs hinuntergehen zu lassen, doch er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> eine Sackgasse mit nur einem Zugang am vorderen Ende war � an eben jenem Gitter, unter dem sie hindurchgekrochen waren. Die franz�sischen Brandschutzvorschriften verlangten f�r ein �ffentliches Geb�ude dieser Gr��e zwar mehrere Fluchtwege �ber Nottreppen, aber diese Fluchtwege hatten sich ebenfalls automatisch geschlossen, als Sauni�re das Sicherheitssystem ausgel�st hatte. Selbst wenn das System inzwischen entsch�rft und wieder hochgefahren und der Zugang zu den Fluchtwegen wieder freigegeben war, l�ste das �ffnen der Notausgangst�ren einen Feueralarm aus. Au�erdem wurden die Ausg�nge der Fluchtwege von Faches Beamten bewacht. Langdon konnte unm�glich unbemerkt nach drau�en verschwinden.</p><p>�Ich muss kurz in Sauni�res B�ro zur�ck�, rief Fache Langdon hinterher. �Seien Sie so nett und kommen Sie anschlie�end dorthin. Wir m�ssen uns noch �ber ein paar Dinge unterhalten.�</p><p>Langdon winkte stumm sein Einverst�ndnis und verschwand im r�tlichen Zwielicht.</p><p>Fache ging in die andere Richtung. Das Gitter hing immer noch im Zugang. Fache schl�pfte darunter durch, marschierte den restlichen Gang hinunter und eilte in die Kommandozentrale in Sauni�res B�ro.</p><p>�Wer hat Sophie Neveu ins Geb�ude gelassen?�, br�llte er.</p><p>Collet meldete sich. �Sie hat den Wachposten drau�en erz�hlt, sie h�tte den Code geknackt.�</p><p>Fache sah sich um. �Wo ist sie?�</p><p>�Ist sie denn nicht mehr bei Ihnen?�</p><p>�Nein, sie ist vorhin gegangen.� Fache schaute hinaus auf den dunklen Gang. Sophie hatte offensichtlich beim Hinausgehen keine Lust gehabt, auf einen kleinen Schwatz zu den Kollegen hereinzuschauen.</p><p>Einen Moment lang wollte Fache �ber Funk die Wachposten im Eingangsbereich anweisen, Sophie anzuhalten und zu ihm hinauf ins B�ro zu bringen, bevor sie aus dem Museum heraus war, doch er besann sich eines Besseren. Gekr�nkter Stolz war kein guter Ratgeber. Wozu unbedingt das letzte Wort haben wollen? Heute Nacht hatte er genug um die Ohren.</p><p><emphasis>Dieses Weib nimmst du dir sp�ter zur Brust</emphasis>, sagte er sich und freute sich schon auf den Rausschmiss.</p><p>W�hrend Fache die Gedanken an Sophie verdr�ngte, verharrte sein Blick auf dem Miniaturritter auf Sauni�res Schreibtisch. �Haben Sie ihn?�, fragte er Collet.</p><p>Mit einem knappen Nicken drehte Collet seinem Chef den Bildschirm des Notebooks zu. Auf dem Etagengrundriss war deutlich der rote Punkt zu sehen, der in einem Raum mit der Markierung <emphasis>toilettes publiques</emphasis> blinkte.</p><p>�Gut�, sagte Fache. Er z�ndete sich eine Zigarette an und schlenderte auf den Flur hinaus. �Ich muss telefonieren�, sagte er. �Sorgen Sie daf�r, dass Langdon Ihnen nicht vom Klo abhaut.�</p></section><section><title><p><strong>12. KAPITEL</strong></p></title><p>Ein wenig benommen ging Langdon bis zum Ende der <emphasis>Grande Galerie</emphasis>. Sophie Neveus Ansage lief wie eine Endlosschleife in seinem Kopf. Am Ende des Flurs wiesen ihm Leuchtk�stchen mit dem internationalen Toilettenpiktogramm den Weg durch ein Labyrinth von Stellw�nden mit italienischen Gem�lden, die zur Kaschierung der Toiletteneing�nge aufgestellt worden waren. Langdon betrat die Herrentoilette und knipste das Licht an.</p><p>Der Raum war leer. Er stellte sich ans Waschbecken und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, um richtig wach zu werden. Das klinisch-kalte Licht der Leuchtstoffr�hren spiegelte sich auf den nackten Kachelw�nden. Es roch nach Reinigungsmitteln und Ammoniak. Als Langdon sich die H�nde abtrocknete, quietschte die Eingangst�r. Er fuhr herum.</p><p>Sophie Neveu glitt herein. In ihren gr�nen Augen nistete die Angst. �Gott sei Dank, dass Sie gekommen sind. Wir haben nicht viel Zeit.�</p><p>Verwirrt betrachtete Langdon die Dechiffrierspezialistin des DCPJ. Nur wenige Minuten zuvor war ihm beim Abh�ren ihrer Nachricht der Gedanke gekommen, Sophie k�nne nicht ganz bei Trost sein. Doch je l�nger er zugeh�rt hatte, desto mehr verdichtete sich bei ihm das Gef�hl, dass er sie ernst nehmen sollte. <emphasis>Bitte lassen Sie sich beim Abh�ren meiner Nachricht auf keinen Fall etwas anmerken. H�ren Sie einfach nur zu. Sie sind in Gefahr. Tun Sie genau, was ich ihnen jetzt sage.</emphasis> Voller Ungewissheit hatte Langdon beschlossen, sich Sophie Neveu und ihren Anweisungen anzuvertrauen.</p><p>Jetzt stand Sophie vor ihm, noch etwas atemlos vom Laufen. Im Licht der Leuchtstoffr�hren stellte Langdon �berrascht fest, dass ihre starke Ausstrahlung von weichen, weiblichen Z�gen ausging. Lediglich ihr Blick war fest, unbeugsam und direkt. In ihren Augen zeigte sich jener reizvolle Gegensatz, der Langdon an die Vielschichtigkeit von Renoirs Portr�tmalerei erinnerte � verschleiert, dennoch scharf, k�hn, ohne die Aura des Geheimnisvollen zu verlieren.</p><p>�Mr Langdon, ich wollte Sie warnen�, begann Sophie, noch immer ein wenig kurzatmig. �Sie stehen unter <emphasis>surveillance cach�e</emphasis> � Sie werden elektronisch �berwacht.� Ihre Stimme hallte im gekachelten Raum wider und verlieh ihrem Englisch mit dem franz�sischen Akzent einen seltsam hohlen Klang.</p><p>�Aber warum denn?�, wollte Langdon wissen. Er hatte es bereits von Sophies Bandansage erfahren, wollte es aber aus ihrem eigenen Munde h�ren.</p><p>�Weil Sie � �, Sophie trat zu ihm, �in diesem Mordfall Faches Hauptverd�chtiger sind.�</p><p>Der Satz ging Langdon durch und durch, und dennoch h�rte es sich einfach l�cherlich an. Sophie Neveu zufolge war er heute Nacht nicht in seiner Eigenschaft als Spezialist f�r Symbole in den Louvre gerufen worden, sondern als Hauptverd�chtiger! Angeblich befand er sich derzeit, ohne es zu ahnen, im Fadenkreuz der vom DCPJ so gerne angewandten Untersuchungsmethode der <emphasis>survelliance cach�e</emphasis>. Bei diesem T�uschungsman�ver wurde der Verd�chtige von der Polizei zum Tatort man�vriert und dort mit Fragen bombardiert, in der Hoffnung, dass er nerv�s w�rde, sich irgendwann verplapperte und selbst belastete.</p><p>�Greifen Sie mal in Ihre linke Jackentasche�, sagte Sophie. �Dort finden Sie den Beweis f�r die �berwachung.�</p><p>Langsam wurde es spannend. In die linke Tasche greifen? Es klang ein bisschen nach einem Taschenspielertrick.</p><p>�Greifen Sie ruhig hinein.�</p><p>Z�gernd f�hlte Langdon mit der Hand in die linke Au�entasche seines Tweedjacketts. Nichts. <emphasis>Was, zum Teufel, h�tte auch drin sein sollen?</emphasis> Er fragte sich allm�hlich, ob die gute Sophie nicht tatsachlich einen Knall hatte. Dann ertasteten seine Fingerkuppen etwas Unerwartetes. Klein. Hart. Zwischen den Fingerspitzen zog er den Gegenstand heraus und betrachtete ihn erstaunt. Es war ein kleiner flacher Knopf aus Metall von der Gr��e einer Uhrenbatterie. Aber es war keine Batterie. Langdon hatte so etwas noch nie gesehen.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�Ein GPS-Minisender�, sagte Sophie. �Er �bertr�gt seine Position permanent an den Satelliten des Globalen Position Systems. Das DCPJ kann die Daten abfragen. Wir benutzen die Ger�te, wenn wir jemand �berwachen. Die Genauigkeit liegt weltweit bei etwa einem halben Meter. Man hat Sie an die elektronische Leine gelegt. Der Beamte, der Sie im Hotel abgeholt hat, hat Ihnen vermutlich den Sender in die Tasche geschmuggelt, bevor Sie aus dem Zimmer gegangen sind.�</p><p>Langdon rief sich die Situation im Hotel vor Augen � die eilige Dusche, in die Kleider schl�pfen, der h�fliche Beamte, den er schlie�lich eingelassen hatte und der ihm in die Jacke half, als sie aus dem Zimmer gingen.</p><p><emphasis>Drau�en ist es k�hl, Mr Langdon</emphasis>, hatte er gesagt. <emphasis>Der Fr�hling in Paris h�lt nicht immer, was Ihr Frank-Sinatra-Schlager verspricht</emphasis>. Langdon hatte sich bedankt und in sein Tweedjackett helfen lassen �</p><p>Sophie sah ihn aus olivgr�nen Augen spitzb�bisch an. �Ich habe den Minisender erst jetzt erw�hnt, weil ich verhindern wollte, dass Sie vor Faches Augen in Ihrer Tasche herumfummeln. Er darf nicht wissen, dass Sie das Ding gefunden haben.�</p><p>Langdon wusste nicht, was er dazu sagen sollte.</p><p>�Er hat Ihnen den GPS-Sender untergejubelt, weil er dachte, Sie w�rden davonlaufen.� Sie hielt inne. �Eigentlich hat er es sogar gehofft. Es h�tte seinen Verdacht best�tigt.�</p><p>�Weshalb sollte ich weglaufen?�, stie� Langdon zornig hervor. �Ich bin unschuldig.�</p><p>�Fache ist da ganz anderer Ansicht.�</p><p>Langdon stapfte aufgebracht zum Beh�lter f�r die gebrauchten Handt�cher, um den Minisender loszuwerden.</p><p>�Nein!� Sophie packte ihn am Arm. �Der Sender muss in Ihrer Tasche bleiben. Wenn Sie ihn wegwerfen, bewegt das Signal sich nicht mehr. Dann wei� man sofort, dass Sie den Knopf gefunden haben. Fache hat Sie nur deshalb allein gehen lassen, weil er jederzeit feststellen kann, wo Sie sich befinden. Sobald er merkt, dass Sie ihm auf die Schliche gekommen sind � � Sophie lie� den Satz unausgesprochen. Sie nahm Langdon den Minisender aus der Hand und steckte ihn wieder in seine Tasche zur�ck. �Der Knopf bleibt bei Ihnen. Vorerst zumindest.�</p><p>Langdon war v�llig ratlos. �Wie kommt Fache eigentlich darauf, mich f�r Sauni�res M�rder zu halten?�</p><p>�Er hat daf�r sogar einen ziemlich stichhaltigen Grund.� Sophie blickte ihn finster an. �Es gibt ein Indiz, das Sie nicht gesehen haben. Fache hat es Ihnen wohlweislich vorenthalten.�</p><p>Langdon blickte noch ratloser als zuvor.</p><p>�Erinnern Sie sich an die drei Zeilen, die Sauni�re auf den Boden geschrieben hat?�</p><p>Langdon nickte. Die Zahlen und Textzeilen hatten sich ihm ins Ged�chtnis gebrannt.</p><p>�Was Sie gesehen haben, ist leider nicht die ganze Botschaft.� Sophie fl�sterte pl�tzlich. �Es gab da noch eine vierte Zeile. Fache hat sie fotografieren lassen und weggewischt, bevor Sie gekommen sind.�</p><p>Langdon wusste, dass die Schrift wasserl�slicher Filzschreiber leicht entfernt werden konnte, aber wie kam Fache dazu, Beweismaterial zu beseitigen?</p><p>Sophie zog den zusammengefallen Computerausdruck eines Fotos aus ihrer Pullovertasche und faltete das Blatt auseinander. �Fache hat heute Nacht unserer Dechiffrierabteilung per E-Mail Fotos vom Tatort geschickt, weil er hoffte, wir k�nnten Sauni�res Nachricht entschl�sseln. Hier ist ein Foto von der vollst�ndigen Botschaft.� Sie reichte Langdon das Blatt.</p><p>Neugierig betrachtete er das Foto. Es war eine Nahaufnahme der leuchtenden Schrift auf dem Parkettboden. Die letzte Zeile traf Langdon wie ein Hieb in den Magen.</p><p>13-3-2-21-1-1-8-5 O, Draconian devil! Oh, lame saint! P.S. Robert Langdon suchen!</p></section><section><title><p><strong>13. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdon betrachtete das Foto von Sauni�re? Postskript. Er war fassungslos. <emphasis>P.S. Robert Langdon suchen</emphasis>! Er hatte das Gef�hl, der Boden w�rde unter seinen F��en nachgehen. <emphasis>Sauni�re hat in seinem Postskript ausgerechnet mich benannt?</emphasis> In seinen wildesten Tr�umen konnte Langdon sich nicht vorstellen, warum.</p><p><emphasis>Robert Langdon suchen.</emphasis></p><p>�Wozu hat Sauni�re das geschrieben?�, wunderte sich Langdon, der allm�hlich �rgerlich wurde. �Was sollte mir daran gelegen sein, Jacques Sauni�re umzubringen?�</p><p>�Was das Motiv angeht, tappt Fache noch im Dunkeln, aber er hat Ihr Gespr�ch vorhin aufnehmen lassen, weil er hofft, Sie k�nnten ihm eins liefern�, erkl�rte Sophie.</p><p>Langdon war sprachlos.</p><p>�Fache hat sich ein Minimikrofon angesteckt. �ber einen Sender in seiner Tasche wurde alles in die Einsatzzentrale �bertragen.�</p><p>�Das gibt's doch nicht�, sagte Langdon. �Ich habe ein Alibi, verdammt! Ich bin nach meinem Vortrag sofort in mein Hotel zur�ck. Sie k�nnen sich an der Rezeption erkundigen.�</p><p>�Das hat Fache bereits getan. In seinem Bericht steht, Sie h�tten sich gegen 22.30 Uhr am Empfang den Schl�ssel geben lassen. Ungl�cklicherweise liegt die Tatzeit eher bei 23 Uhr. Sie h�tten das Hotel ohne weiteres unbemerkt wieder verlassen k�nnen.�</p><p>�Das ist doch Wahnsinn. Fache hat keinerlei Beweis!�</p><p>Sophie schaute ihn mir gro�en Augen an, als wollte sie sagen: <emphasis>Von wegen, keinerlei Beweis</emphasis>! �Mr Langdon, Ihr Name steht neben der Leiche auf dem Boden, und im Terminkalender des Opfers sind Sie f�r ungef�hr die Zeit eingetragen, als der Mord geschah.� Sie machte eine vielsagende Pause. �Fache hat mehr als genug Beweise, um Sie einzubuchten.�</p><p>Langdon wurde pl�tzlich klar, dass er einen Anwalt brauchte. �Ich war es nicht!�</p><p>�Mr Langdon, wir sind hier nicht in einer amerikanischen Fernsehserie.� Sophie seufzte. �In Frankreich sch�tzt das Gesetz die Polizei und nicht den Verd�chtigen. Leider muss man im vorliegenden Fall auch die Reaktion der Medien in Betracht ziehen. Jacques Sauni�re war eine sehr bekannte und beliebte Pariser Pers�nlichkeit. Morgen fr�h ist der Mord Thema Nummer eins in den Nachrichten. Fache kommt nicht darum herum, sofort eine Erkl�rung abzugeben. Er wird eine wesentlich bessere Figur machen, wenn er gleich einen Verd�chtigen pr�sentieren kann. Ob Sie nun schuldig sind oder nicht, das DCPJ wird Sie jedenfalls hinter Schloss und Riegel schmoren lassen, bis es seine Ermittlungen abgeschlossen hat.�</p><p>Langdon kam sich vor wie ein Tier im K�fig. �Warum erz�hlen Sie mir das eigentlich?�</p><p>�Weil ich Sie f�r unschuldig halte, Mr Langdon.� Sophie senkte einen Moment den Blick. �Und weil es zum Teil auch meine Schuld ist, dass Sie in diese Lage geraten sind.�</p><p>�Wie bitte? Es ist Ihre Schuld, dass Sauni�re mich aufs Kreuz legen wollte?�</p><p>�Sauni�re hat Sie nicht aufs Kreuz legen wollen, Mr Langdon. Das Ganze ist ein Missverst�ndnis. Die Botschaft war f�r mich bestimmt.�</p><p>Langdon brauchte ein paar Sekunden, um diese Worte zu verdauen. �Ich kann Ihnen nicht ganz folgen � �</p><p>�Die Botschaft war gar nicht f�r die Polizei gedacht. Sauni�re hat sie f�r mich geschrieben. Ich glaube, er war gezwungen, alles in so gro�er Eile zu erledigen, dass er nicht dar�ber nachdenken konnte, wie es m�glicherweise auf die Polizei wirkt.� Sie machte eine kurze Pause. �Der Zahlencode hat nichts zu bedeuten. Sauni�re hat ihn nur deshalb niedergeschrieben, damit die Dechiffrierabteilung in die Ermittlungen mit einbezogen wird. Auf diese Weise hat er daf�r gesorgt, dass ich umgehend erfahre, was ihm zugesto�en ist.�</p><p>Langdon versuchte m�hsam, die �bersicht zu behalten. Ob Sophie Neveu nicht alle Tassen im Schrank hatte oder doch, war im Augenblick nicht die Frage, doch Langdon begriff jetzt wenigstens, warum sie ihm zu helfen versuchte. <emphasis>P.S. Robert Langdon suchen!</emphasis> �Was bringt Sie auf die Idee, die Botschaft sei f�r Sie bestimmt gewesen?�</p><p>�Die Proportionsstudie nach Vitruv�, sagte sie. �Diese Zeichnung war schon immer mein Lieblingswerk von Leonardo da Vinci. Heute Nacht hat Sauni�re sie benutzt, um mich auf den Plan zu bringen.�</p><p>�Langsam. Soll das hei�en, der Direktor des Louvre h�tte Ihre Lieblingszeichnung gekannt?�</p><p>Sie nickte. �Tut mir Leid, das geht jetzt alles ein bisschen durcheinander. Jacques Sauni�re und ich � �</p><p>Ihre Stimme versagte. Robert Langdon sp�rte ihre pl�tzliche Traurigkeit, die Erinnerung an eine schmerzliche Vergangenheit, die dicht unter der Oberfl�che schw�rte. Zwischen Sophie und Jacques Sauni�re hatte offensichtlich ein besonderes Verh�ltnis bestanden � Er betrachtete eingehend die sch�ne junge Frau, die vor ihm stand. In Frankreich pflegten sich �ltere Herren oft eine junge Geliebte zuzulegen, doch Langdon konnte sich Sophie Neveu irgendwie nicht in der Rolle einer M�tresse vorstellen.</p><p>�Wir hatten vor zehn Jahren ein Zerw�rfnis�, sagte Sophie fast im Fl�sterton. �Seitdem haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Als meine Abteilung heute Nacht die Nachricht bekam, dass man ihn ermordet hatte, und ich anschlie�end das Foto seiner Leiche und den Text zu sehen bekam, wurde mir klar, dass er mir eine Botschaft schicken wollte.�</p><p>�Wegen der Proportionsstudie nach Vitruv?�</p><p>�Das auch. Aber vor allem wegen der Buchstaben P.S.�</p><p>�F�r Postskriptum.�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Das sind meine Initialen.�</p><p>�Aber Sie hei�en doch Sophie Neveu.�</p><p>Sie mied seinen Blick. � P.S. war mein Kosename, als wir noch zusammengelebt haben.� Sie err�tete. �Es ist die Abk�rzung von Prinzessin Sophie.�</p><p>Langdon wusste nicht, was er darauf sagen sollte.</p><p>�Es ist albern, ich wei�. Aber das ist schon viele Jahre her. Ich war damals ein kleines M�dchen.�</p><p>�Sie haben Sauni�re schon als kleines M�dchen gekannt?�</p><p>�Sehr gut sogar�, sagte sie. Ihre Augen wurden feucht. �Jacques Sauni�re war mein Gro�vater.�</p></section><section><title><p><strong>14. KAPITEL</strong></p></title><p>�Wo ist Langdon?�, fauchte Fache, als er die Einsatzzentrale betrat, und blies den letzten Rauch seiner Zigarette durch die Nasenl�cher.</p><p>�Immer noch auf dem Klo, Monsieur.� Leutnant Collet hatte bereits mit dieser Frage gerechnet.</p><p>�Der Mann braucht ja eine Ewigkeit�, murrte Fache.</p><p>Er betrachtete �ber Collets Schulter hinweg den roten Punkt. Collet konnte die R�dchen in Faches Gehirn surren h�ren. Sein Chef k�mpfte mit dem Verlangen, zu den Toilettenr�umen zu gehen und nachzusehen. Im Idealfall wurden einer �berwachten Person Zeit und Bewegungsfreiheit in H�lle und F�lle gew�hrt, um den Verd�chtigen in tr�gerischer Sicherheit zu wiegen. Langdon musste aus eigenen St�cken zur�ckkommen. Aber trotzdem � er war jetzt schon zehn Minuten fort.</p><p>Zu lange.</p><p>�K�nnte er was gemerkt haben?�, wollte Fache wissen.</p><p>Collet sch�ttelte den Kopf. �Wir sehen immer noch kleine Bewegungen innerhalb der Herrentoilette, also muss der Sender noch am Mann sein. Wenn er den Knopf gefunden h�tte, h�tte er ihn weggeworfen und abzuhauen versucht.�</p><p>Fache sah auf die Uhr. �Also gut.� Dennoch schien ihm irgendetwas zu schaffen zu machen.</p><p>Collet sp�rte, dass sein Capitaine unter einer untypischen Spannung stand. Fache, der gew�hnlich auch unter Stress souver�n und k�hl handelte, schien heute Nacht gef�hlsm��ig stark engagiert zu sein � als w�rde es sich um eine pers�nliche Angelegenheit handeln.</p><p><emphasis>Kaum verwunderlich</emphasis>, dachte Collet. <emphasis>Fache braucht dringend einen Erfolg.</emphasis> In j�ngster Zeit waren Faches aggressive Ermittlungstaktiken, sein Kleinkrieg mit m�chtigen ausl�ndischen Botschaften und seine ma�losen Budget�berschreitungen f�r die Beschaffung modernster Technologien ins Kreuzfeuer der Kritik von Seiten seines vorgesetzten Ministeriums und der Medien geraten. Wenn ihm heute Nacht eine auf Hochtechnologie gest�tzte spektakul�re Verhaftung eines Amerikaners gelang, d�rften seinen Kritikern auf absehbare Zeit der Wind aus den Segeln genommen und Faches Job noch f�r die paar Jahre gesichert sein, bis er sich mit einer gro�z�gig bemessenen Pension in den Ruhestand zur�ckziehen konnte.</p><p><emphasis>Und die Pension wird er brauchen</emphasis>, dachte Collet. Faches Begeisterung f�r die neuen Technologien hatte ihm nicht nur beruflich geschadet, sondern auch privat. Es wurde gemunkelt, Fache h�tte vor ein paar Jahren sein gesamtes Verm�gen in den Neuen Markt investiert und alles bis auf das letzte Hemd verloren. Und Fache ist ein Mann, der nur teure Hemden tr�gt.</p><p>Aber heute Nacht war noch genug Zeit. Sophie Neveus ungelegener Auftritt war zwar st�rend gewesen, aber letztlich belanglos. Sie hatte sich inzwischen verzogen. Und Fache hatte immer noch einige Asse im �rmel. Als N�chstes w�rde er Langdon damit konfrontieren, dass das Opfer seinen Namen auf den Boden geschrieben hatte: <emphasis>P.S. Robert Langdon suchen.</emphasis> Die Reaktion des Amerikaners auf dieses kleine Detail w�rde bestimmt sehr aufschlussreich werden.</p><p>�Capitaine�, rief ein Beamter von der anderen Seite des Raumes her�ber, �ich glaube, Sie sollten dieses Gespr�ch annehmen.� Mit besorgter Miene hielt er einen Telefonh�rer hoch.</p><p>�Wer ist dran?�, wollte Fache wissen.</p><p>�Der Chef unserer Dechiffrierabteilung.�</p><p>�Was ist denn los?�</p><p>�Es geht um Sophie Neveu. Da stimmt was nicht.�</p></section><section><title><p><strong>15. KAPITEL</strong></p></title><p>Die Zeit war gekommen. Silas stieg aus dem schwarzen Audi. Er f�hlte sich stark. Seine weite Kutte flatterte leicht in der n�chtlichen Brise. Der Sturm der Ver�nderung k�ndigt sich an. Die vor ihm liegende Aufgabe war nicht mit Gewalt zu bew�ltigen. Sie verlangte vor allem Fingerspitzengef�hl. Silas lie� die dreizehnsch�ssige Heckler &amp; Koch USP 40, die der Lehrer ihm besorgt hatte, im Wagen.</p><p><emphasis>Eine todbringende Waffe geh�rt nicht in ein Gotteshaus.</emphasis></p><p>Der Platz vor der Kirche war zu dieser Stunde fast menschenleer; nur ein trauriges H�uflein minderj�hriger Nutten, die ein paar Nachtschw�rmer durch flei�iges Vorzeigen ihrer Auslagen anzumachen versuchten, war zu sehen. Das Aufblitzen ihrer wei�en Haut weckte in Silas' Lenden eine nur allzu bekannte Sehnsucht. Instinktiv spannte er den Oberschenkel an. Die Dornen des Bu�g�rtels gruben sich noch tiefer in sein s�ndiges Fleisch. Die Anwandlung der Lust war augenblicklich vor�ber.</p><p>Seit zehn Jahren hatte sich Silas jegliche sexuelle Bet�tigung versagt, sogar die der einsamen S�nde. Der Weg verlangte es so. Er hatte es auf sich genommen, f�r die Gefolgschaft bei Opus Dei sehr viel zu opfern, doch er hatte noch viel, viel mehr daf�r zur�ckbekommen. �berdies waren ihm das Keuschheitsgel�bde und der Verzicht auf pers�nlichen Besitz kaum wie ein Opfer erschienen. Angesichts des Elends, aus dem er hervorgegangen war, und der sexuellen Scheu�lichkeiten, die er im Gef�ngnis �ber sich ergehen lassen musste, empfand er Keuschheit und Armut beinahe als willkommen.</p><p>Zum ersten Mal seit seiner Verhaftung und Deportation nach Andorra war Silas nach Frankreich zur�ckgekehrt. Er hatte das Gef�hl, von seinem Heimatland auf die Probe gestellt zu werden, indem es seine gerettete Seele mit den Erinnerungen an die gewaltsame Vergangenheit konfrontierte. <emphasis>Du wurdest wieder geboren</emphasis>, ermahnte er sich. Die heutigen Morde waren im Dienste Gottes begangene, notwendige Taten gewesen. Sie stellten ein Opfer dar, das Silas bis ans Ende seiner Tage still im Herzen bewahren musste.</p><p><emphasis>Dein Glaube bemisst sich nach dem Schmerz, den du zu erdulden bereit bist</emphasis>, hatte der Lehrer zu ihm gesagt. Schmerz war f�r Silas etwas Vertrautes. Er hatte darauf gebrannt, sich vor dem Lehrer beweisen zu d�rfen, vor dem Mann, der ihm versichert hatte, dass sein Handeln von einer h�heren Macht gutgehei�en werde.</p><p>�<emphasis>Hago la obra de Dios</emphasis> (Ich vollbringe das Werk Gottes.)�, fl�sterte Silas, w�hrend er auf das Kirchenportal zuschritt.</p><p>Im Schatten des gewaltigen Portalbogens hielt er inne und holte tief Luft. Erst in diesem Augenblick begriff er in vollem Umfang, was er jetzt tun w�rde.</p><p><emphasis>Der Schlussstein. Er wird uns ans Ziel f�hren.</emphasis></p><p>Er hob die gespenstisch wei�e Faust und pochte dreimal an das Portal.</p><p>Kurz darauf wurde innen der Riegel des gewaltigen h�lzernen T�rfl�gels zur�ckgeschoben.</p></section><section><title><p><strong>16. KAPITEL</strong></p></title><p>Sophie war gespannt, wie lange Fache brauchen w�rde, bis ihm auffiel, dass sie das Geb�ude gar nicht verlassen hatte. Und angesichts der v�lligen Ratlosigkeit Langdons fragte sie sich, ob es klug gewesen war, ihn in die Herrentoilette zu bestellen.</p><p><emphasis>Aber was h�ttest du sonst tun sollen?</emphasis></p><p>Sie rief sich die nackte Leiche ihres Gro�vaters vor Augen, die mit ausgebreiteten Gliedma�en auf dem Boden lag. Es hatte eine Zeit gegeben, da er Sophie unendlich viel bedeutet hatte, doch zu ihrem Erstaunen musste sie erkennen, dass sie in der heutigen Nacht kaum Trauer �ber seinen Tod empfand. Jacques Sauni�re war ihr fremd geworden. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt gewesen, als ihre innige Beziehung in einer M�rznacht in einem einzigen Augenblick in die Br�che gegangen war. Das war vor zehn Jahren. Als Sophie damals ein paar Tage fr�her als sonst von der Universit�t in England nach Hause gekommen war, hatte sie zuf�llig und unbeabsichtigt ihren Gro�vater bei etwas ertappt, das offensichtlich nicht f�r ihre Augen bestimmt war. Bis zum heutigen Tag kam ihr die Szene wie ein Trugbild vor.</p><p><emphasis>Aber du hast es mit eigenen Augen gesehen.</emphasis></p><p>Zu schockiert und peinlich ber�hrt, um sich die gequ�lten Erkl�rungsversuche des Gro�vaters anzuh�ren, hatte Sophie sich damals sofort, auf eigene F��e gestellt und sich mit ihrem ersparten Geld gemeinsam mit ein paar anderen eine kleine Wohnung genommen. Sie hatte sich geschworen, nie mit jemand �ber den Vorfall zu sprechen. Ihr Gro�vater hatte verzweifelt versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen, hatte Briefe und Postkarten geschickt, in denen er Sophie anflehte, sich mit ihm zu treffen, damit er ihr alles erkl�ren k�nne. Was gab es da zu erkl�ren? Sophie antwortete ihm nur ein einziges Mal � um sich ausdr�cklich jeden Anruf und jeden Versuch zu verbitten, Verbindung zu ihr aufzunehmen. Sie bef�rchtete, seine Erkl�rungsversuche k�nnten noch peinlicher ausfallen, als der Vorfall ohnehin schon gewesen war.</p><p>Unfassbarerweise hatte Sauni�re seine Bem�hungen um Sophie nie aufgegeben, was ihr zu einem Berg unge�ffneter Briefe verholfen hatte, der sich in zehn Jahren angesammelt hatte und in einer Schublade vor sich hin schlummerte. Zur Ehrenrettung ihres Gro�vaters musste sie allerdings zugeben, dass er ihrem Wunsch stets nachgekommen war und nie versucht hatte, sie anzurufen.</p><p><emphasis>Bis heute Nachmittag.</emphasis></p><p>�Sophie?� Die Stimme auf ihrem Anrufbeantworter hatte verbl�ffend �ltlich geklungen. �Ich habe deinen Wunsch stets respektiert � und ich rufe dich nur schweren Herzens an, aber ich muss unbedingt mit dir sprechen. Es ist etwas Schreckliches geschehen.�</p><p>Sophie hatte in der K�che ihrer Pariser Wohnung gestanden. Nach all den Jahren war es ihr kalt �ber den R�cken gelaufen, denn seine sanfte Stimme hatte in ihr eine Flut von z�rtlichen Kindheitserinnerungen ausgel�st.</p><p>�Sophie, bitte, h�r mir zu!� Er sprach Englisch, wie er es immer getan hatte, als sie noch ein kleines M�dchen gewesen war. <emphasis>Franz�sisch wird in der Schule ge�bt. Zu Hause �ben wir Englisch</emphasis>. �Du kannst mir doch nicht ewig b�se sein. Hast du denn die Briefe nicht gelesen, die ich dir in all den Jahren geschrieben habe? Kannst du mich denn immer noch nicht verstehen?� Er verstummte kurz. �Wir m�ssen unbedingt reden. Bitte, schlag deinem Gro�vater dieses eine Mal seine Bitte nicht ab. Ruf mich im Louvre an. Sofort, ich bitte dich! Ich glaube, wir schweben beide in gro�er Gefahr!�</p><p>Sophie hatte den Anrufbeantworter angestarrt. <emphasis>Gefahr</emphasis>? Wovon redete der alte Mann?</p><p>�Prinzessin � � In der Stimme des Gro�vaters lag irgendetwas, das Sophie nicht benennen konnte. �Ich wei�, ich habe dir einige Dinge vorenthalten, und ich wei� auch, dass es mich deine Liebe gekostet hat. Ich habe es um deiner Sicherheit willen tun m�ssen. Aber jetzt musst du die Wahrheit erfahren. Bitte, lass dich von mir in das Geheimnis deiner Familie einweihen.�</p><p>Sophie h�rte pl�tzlich ihr eigenes Herz pochen. <emphasis>Das Geheimnis meiner Familie!</emphasis> Sophies Eltern waren ums Leben gekommen, als sie erst vier Jahre alt gewesen war. Ihr Wagen war von einer Br�cke in einen rei�enden Fluss gest�rzt. Die Gro�mutter und Sophies j�ngerer Bruder hatten sich ebenfalls in dem Ungl�cksfahrzeug befunden. Sophies ganze Familie war mit einem Schlag ausgel�scht worden. In einem Schuhkarton bewahrte sie noch Zeitungsausschnitte auf, die von dem Ungl�ck berichteten.</p><p>Die Worte des Gro�vaters hatten eine unerwartete Woge der Sehnsucht in ihr aufwallen lassen. <emphasis>Deine Familie</emphasis>! In diesem fl�chtigen Moment sah Sophie die Bilder des Traums, aus dem sie als Kind so oft aufgeschreckt war. <emphasis>Deine Angeh�rigen leben! Sie sind auf dem Weg nach Hause!</emphasis> Doch die Bilder verfl�chtigten sich wie in einem Traum ins Ungewisse.</p><p><emphasis>Sophie, deine Angeh�rigen sind tot. Sie kommen nie mehr nach Hause</emphasis>.</p><p>�Sophie � �, klang die Stimme des Gro�vaters aus dem Anrufbeantworter, �ich habe jahrelang gez�gert, dich einzuweihen. Immer habe ich auf einen geeigneten Augenblick gewartet, aber jetzt l�uft mir die Zeit davon. Ruf mich im Louvre an, bitte! Sofort, nachdem du diese Nachricht geh�rt hast. Ich werde die ganze Nacht dort sein und warten. Ich f�rchte, wir beide schweben in gro�er Gefahr. Es gibt so vieles, das du noch nicht wei�t, aber du musst es wissen!�</p><p>Damit hatte die Botschaft geendet.</p><p>In der nachfolgenden Stille hatte Sophie eine Minute zitternd dagestanden; so war es ihr jedenfalls vorgekommen. Je eingehender sie �ber die Nachricht ihres Gro�vaters nachdachte, desto mehr kristallisierte sich seine wahre Absicht f�r sie heraus.</p><p><emphasis>Er will dich k�dern.</emphasis></p><p>Offenbar war sein Wunsch, sie zu sehen, zu einem verzweifelten Verlangen geworden, doch ihr Abscheu vor diesem Mann war noch gr��er geworden. Vielleicht war er unheilbar erkrankt, hatte Sophie �berlegt und sich gefragt, an welchem Hebel er wohl ziehen m�sse, um sie zu einem letzten Besuch zu bewegen. Falls es das war, hatte er sich einen wirksamen Hebel ausgesucht.</p><p><emphasis>Deine Familie.</emphasis></p><p>Jetzt stand Sophie im fahlen Licht der Herrentoilette des Louvre und h�rte in ihrem Innern die telefonische Nachricht dieses Nachmittags noch einmal. <emphasis>Sophie, wir schweben beide in gro�er Gefahr. Ruf mich sofort an!</emphasis></p><p>Sie hatte ihren Gro�vater nicht angerufen, hatte es nicht einmal in Erw�gung gezogen. Inzwischen aber waren ihre Vorbehalte m�chtig ins Wanken geraten. Ihr Gro�vater lag ermordet in dem Museum, das ihm alles bedeutet hatte. Und er hatte eine verschl�sselte Botschaft auf den Boden geschrieben.</p><p>Eine verschl�sselte Botschaft an <emphasis>sie</emphasis>. Davon war Sophie �berzeugt.</p><p>Obgleich sie die Botschaft nicht verstand, sah sie in deren kryptischer Natur einen weiteren Beweis daf�r, dass die Nachricht an sie gerichtet war. Sophies Leidenschaft, f�r Geheimbotschaften und ihr Geschick, sie zu entr�tseln, verdankte sie der Tatsache, dass sie mit Jacques Sauni�re aufgewachsen war, einem Liebhaber von Verschl�sselungen, Wortspielen und R�tseln. <emphasis>Wie viele Sonntage haben wir mit der gemeinsamen L�sung der Kreuzwortr�tsel und der Kryptogramme in den Sonntagszeitungen verbracht</emphasis> �</p><p>Mit zw�lf Jahren hatte Sophie das Kreuzwortr�tsel in <emphasis>Le Monde</emphasis> selbstst�ndig l�sen k�nnen. Ihr Gro�vater steigerte nach und nach den Schwierigkeitsgrad, indem er ihr englische Kreuzwortr�tsel, Zahlenr�tsel und Anagramme vorlegte. Sophie war regelrecht versessen auf sie. Sp�ter hatte sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und war Codeknackerin beim DCPJ geworden.</p><p>Die Fachfrau musste anerkennen, wie m�helos ihr Gro�vater es in dieser Nacht mit einem einfachen Code geschafft hatte, zwei einander v�llig fremde Menschen zusammenzuf�hren � Sophie Neveu und Robert Langdon.</p><p>Die Frage war nur: <emphasis>Wozu</emphasis>?</p><p>An dem verwirrten Ausdruck in Langdons Augen konnte Sophie unschwer ablesen, dass auch der Amerikaner keinen blassen Schimmer hatte, warum ihr Gro�vater sie beide in ein Boot gesetzt hatte.</p><p>Sie unternahm einen neuerlichen Versuch. �Sie hatten mit meinem Gro�vater f�r heute Abend ein Treffen vereinbart. Worum sollte es dabei gehen?�</p><p>Langdon sah sie hilflos an. �Das Treffen wurde von seiner Sekret�rin vorgeschlagen. Sie hat keine Gr�nde daf�r genannt, und ich habe auch nicht danach gefragt. Ich nahm an, dass er von meinem geplanten Vortrag �ber heidnische Symbolik an franz�sischen Kathedralen geh�rt hatte und dass er anschlie�end bei einem Drink mit mir dar�ber fachsimpeln wollte, weil er sich f�r dieses Thema interessierte.�</p><p>Sophie war nicht �berzeugt. Das alles war ihr nicht stichhaltig genug. Ihr Gro�vater war der weltweit f�hrende Experte f�r heidnische Symbolik. Zudem f�hrte er ein au�ergew�hnlich zur�ckgezogenes Leben. Es w�re nicht seine Art gewesen, bei einem Drink mit einem amerikanischen Professor �ber dieses Thema zu diskutieren � es sei denn, er hatte einen triftigen Grund daf�r.</p><p>Sophie holte tief Luft und versuchte es erneut. �Mein Gro�vater hat mich heute Nachmittag angerufen. Er sagte, er und ich bef�nden uns in gro�er Gefahr. Hilft Ihnen das irgendwie weiter?�</p><p>In Langdons blauen Augen erschien ein Ausdruck von Besorgnis. �Nein, aber wenn man bedenkt, was vor kurzem geschehen ist � �</p><p>Sophie nickte. Angesichts der Ereignisse dieser Nacht w�re es t�richt von ihr gewesen, sich keine Sorgen zu machen. Doch sie war mit ihrem Latein am Ende. Sie ging die paar Schritte zu dem l�nglichen Sicherheitsglasfenster am Ende des Toilettenvorraums und schaute durch das Glas mit den eingebetteten haarfeinen Alarmdr�hten hinaus auf die Lichter der Stadt, denn die R�ume befanden sich ungef�hr f�nfzehn Meter �ber dem Bodenniveau.</p><p>Mit einem Seufzer hob sie den Blick. Links, am anderen Ufer der Seine, stand angestrahlt der Eiffelturm; geradeaus befand sich der Arc de Triomphe und rechts, hoch �ber dem sanft ansteigenden Stra�engewirr des Montmartre, ragte in gl�nzendem Wei�, wie ein kitschiges orientalisches Heiligtum, die Kuppel von Sacre-C�ur in den Himmel.</p><p>Die Stra�e �ber den Place du Carousel reichte hier, am westlichen Ende des Denon-Fl�gels, fast bis an die Au�enmauer des Louvre heran. Dazwischen verlief lediglich ein schmaler B�rgersteig. Unten dieselte die �bliche Kolonne n�chtlicher Lieferwagen und Laster vor sich hin und wartete darauf, dass die Ampel wieder auf Gr�n sprang. Die Blinklichter schienen sp�ttisch zu Sophie heraufzuzwinkern.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich sagen soll�, sagte Langdon schlie�lich der hinter Sophie getreten war. �Ihr Gro�vater hat offensichtlich versucht, uns irgendetwas mitzuteilen. Tut mir Leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann.�</p><p>Sophie wandte sich vom Fenster ab. Sie hatte das ehrliche Bedauern in Langdons tiefer Stimme gesp�rt. Obwohl er selbst bis zum Hals in Schwierigkeiten steckte, h�tte er ihr offensichtlich gern geholfen. <emphasis>Das ist der Lehrer in ihm</emphasis>, dachte Sophie. Sie hatte die Akte gelesen, die das DCPJ bereits �ber den Tatverd�chtigen erstellt hatte. Bei Langdon hatte man es mit einem Gelehrten zu tun, den es nicht ruhen lie�, wenn er etwas nicht verstand.</p><p><emphasis>Das haben wir schon mal gemeinsam</emphasis>, �berlegte Sophie.</p><p>Ihr Job als Dechiffriererin bestand im Herausfiltern von Bedeutungsinhalten aus scheinbar sinnlosem Datenm�ll. Die Entwicklungen des heutigen Abends bekamen einen Sinn, sobald man davon ausging, dass Robert Langdon � ob er es nun wusste oder nicht- eine Information besa�, die sie unbedingt haben musste. <emphasis>Prinzessin Sophie, Robert Langdon suchen!</emphasis> Konnte die Botschaft ihres Gro�vaters deutlicher sein? Sophie brauchte mehr Zeit, um sich mit Langdon zu besch�ftigen. Zeit zum Nachdenken. Zeit, dem Geheimnis gemeinsam auf die Spur zu kommen. Aber die Zeit war leider schon so gut wie abgelaufen.</p><p>Sophie schaute zu Langdon auf. Sie machte den einzigen Schachzug, der ihr in der Eile einfiel. �Bezu Fache wird Sie jeden Moment verhaften. Ich kann Sie aus dem Museum rausbekommen. Aber dann m�ssen wir uns beeilen.�</p><p>Langdon riss die Augen auf. �Sie wollen, dass ich fl�chte?�</p><p>�Das ist das Kl�gste, was Sie tun k�nnen. Wenn Sie sich jetzt von Fache verhaften lassen, sitzen Sie wochenlang in U-Haft, w�hrend das DCPJ mit der amerikanischen Botschaft darum feilscht, wo Sie vor Gericht gestellt werden sollen. Aber wenn wir hier rauskommen und es bis zur amerikanischen Botschaft schaffen, wird Ihre Regierung sich um Ihre Rechte k�mmern, und Sie und ich haben Zeit, den Nachweis zu erbringen, dass Sie mit dem Mord nichts zu tun haben.�</p><p>Weniger �berzeugt als Langdon h�tte kaum jemand dreinblicken k�nnen. �Vergessen Sie's. Fache hat vor jedem Ausgang bewaffnete Beamte postiert. Und selbst wenn wir hinausk�men, ohne erschossen zu werden, w�rde die Flucht den Verdacht gegen mich erh�rten. Nein, Sie m�ssen Fache begreiflich machen, dass die Nachricht Ihres Gro�vaters f�r Sie bestimmt war und dass mein Name nicht dort hingeschrieben wurde, um mich zu beschuldigen, sondern aus einem ganz anderen Grund.�</p><p>�Das werde ich tun�, sagte Sophie ein wenig gehetzt, �aber erst, nachdem Sie sicher in der amerikanischen Botschaft sind. Sie ist nur anderthalb Kilometer von hier. Mein Auto steht direkt vor dem Museum. Begreifen Sie denn nicht? Fache ist wild entschlossen, Sie als T�ter zu pr�sentieren. Der einzige Grund, warum er Sie noch nicht eingebuchtet hat, ist diese �berwachungsaktion, von der er sich erhofft, dass sie seine Argumente erh�rtet.�</p><p>�Zum Beispiel, indem ich davonlaufe.�</p><p>Das Handy in Sophies Tasche begann pl�tzlich zu piepsen. Fache. Sie griff in die Pullovertasche und schaltete es ab.</p><p>�Mr Langdon, ich muss Ihnen jetzt noch eine letzte Frage stellen�, sagte sie hastig. <emphasis>Und davon kann Ihre ganze Zukunft abh�ngen</emphasis>. �Die Nachricht meines Gro�vaters ist kein ausreichender Beweis f�r Ihre Schuld. Dennoch hat Fache unserem Team mitgeteilt, er sei sicher, dass Sie sein Mann sind. K�nnen Sie sich irgendeinen anderen Grund vorstellen, der Fache von Ihrer Schuld �berzeugt haben k�nnte?�</p><p>Langdon blieb ein paar Sekunden stumm. �Absolut nicht�, sagte er dann.</p><p>Sophie seufzte. <emphasis>Was bedeutet, dass Fache l�gt</emphasis>. Das Warum und Wieso entzog sich ihr, aber darum ging es im Moment auch nicht. Tatsache war, dass Fache wild entschlossen war, Langdon noch in dieser Nacht hinter Gitter zu bringen, koste es, was es wolle. Aber auch Sophie brauchte Langdon, was ihr nur eine logische Alternative lie�.</p><p><emphasis>Du musst Langdon irgendwie in die US-Botschaft lotsen.</emphasis></p><p>Sophie wandte sich wieder zum Fenster, schaute aufs Pflaster hinunter. Ein Sprung aus dieser H�he w�rde Langdon mit Sicherheit Knochenbr�che einbringen � falls er Gl�ck hatte.</p><p>Dessen ungeachtet traf Sophie ihre Entscheidung.</p><p>Robert Langdon musste aus dem Louvre fliehen, ob er wollte oder nicht.</p></section><section><title><p><strong>17. KAPITEL</strong></p></title><p>�Was soll das hei�en, sie meldet sich nicht?�, giftete Fache. �Sie haben doch ihre Handynummer gew�hlt, oder? Ich wei�, dass sie ihr Handy dabei hat.�</p><p>Collet versuchte seit einigen Minuten, Sophie zu erreichen. �Vielleicht ist der Akku leer. Oder sie hat das Ger�t nicht an.�</p><p>Seit dem Telefonat mit dem Chef der Dechiffrierabteilung war Faches Miene d�ster geworden. Er war sofort zu Collet marschiert und hatte ihn angewiesen, Agentin Neveu an die Strippe zu holen, doch Collet war bisher nicht durchgekommen. Fache ging auf und ab wie ein Panther im K�fig.</p><p>�Warum hat der alte Codeknacker angerufen?�, erkundigte sich Collet.</p><p>�Um uns mitzuteilen, seine Leute hatten mit dem drakonischen Teufel und dem lahmen Heiligen nichts anfangen k�nnen.�</p><p>�Sonst nichts?�</p><p>�Doch. Sie h�tten die Zahlenreihe als Fibonacci-Folge identifiziert, hielten sie aber f�r bedeutungslos.�</p><p>Collet schaute ihn verdutzt an. �Aber er hatte doch schon Neveu her�bergeschickt, um uns das zu sagen.�</p><p>Fache sch�ttelte den Kopf. �Nein, hat er nicht.�</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Nach Aussage des Chefs der Dechiffrierabteilung hat er auf meine Anweisung hin sein gesamtes Team zusammengetrommelt, damit die Leute sich mit den von uns gemailten Bildern befassen.</p><p>Als Sophie Neveu eintraf, hat sie nur einen Blick auf die Fotos von Sauni�re und seiner Nachricht geworfen und ist ohne ein Wort sofort wieder aus dem Laden verschwunden. Ihr Chef meinte, er habe ihr dieses Verhalten durchgehen lassen, da ihre Best�rzung beim Anblick der Fotos verst�ndlich sei.�</p><p>�Best�rzung: Hat die Dame denn noch nie das Foto einer Leiche gesehen?�</p><p>Fache lie� einen Moment verstreichen, bevor er antwortete. �Es war mir nicht bekannt � und wie es den Anschein hat, auch dem Vorgesetzten von Agentin Neveu nicht, bis ihn ein Mitarbeiter darauf aufmerksam gemacht hat: Sophie Neveu ist Jacques Sauni�res Enkelin.�</p><p>Collet war sprachlos.</p><p>�Der Abteilungsleiter sagte mir, sie hatte ihm gegen�ber Sauni�re kein einziges Mal erw�hnt � vermutlich, weil sie nicht wegen ihres ber�hmten Gro�vaters mit Samthandschuhen angefasst werden wollte.�</p><p><emphasis>Kein Wunder, dass die Fotos ihr an die Nieren gegangen sind</emphasis>, dachte Collet. Er wollte sich nicht vorstellen, was es f�r eine junge Frau bedeutete, zur Entzifferung einer Nachricht herbeigerufen zu werden, die sich als letzte Botschaft eines ermordeten Familienangeh�rigen erwies. Gleichwohl gab ihr Verhalten R�tsel auf. �Aber sie hat doch offensichtlich die Zahlen sofort als Fibonacci-Folge erkannt. Schlie�lich ist sie ja hierher gekommen und hat es uns gesagt. Ich verstehe nicht, wieso sie ihr B�ro verlassen hat, ohne jemand mitzuteilen, dass sie die L�sung kannte.�</p><p>Zur Erkl�rung der verwirrenden Entwicklung konnte Collet sich nur ein einziges Szenarium vorstellen: Der sterbende Sauni�re hatte einen Zahlencode auf den Boden geschrieben und gehofft, die Dechiffrierabteilung � und damit seine Enkelin � ins Spiel zu bringen. Und was den Rest der Nachricht anging: War auch das eine Mitteilung Sauni�res an seine Enkelin? Wenn ja, was hatte er ihr mitteilen wollen? Und wie passte Langdon ins Bild?</p><p>Bevor Collet sich in dieses Problem vertiefen konnte, zerriss das Schrillen einer Alarmglocke die Stille des verlassenen Museums. Der durchdringende Lauf schien irgendwo aus der Tiefe der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> zu kommen.</p><p>�<emphasis>Alarme</emphasis>!�, rief einer der Beamten, den Blick auf die Computereinspielung des Sicherheitszentrums des Louvre geheftet. �<emphasis>Grande Galerie! Toilettes Messieurs!�</emphasis></p><p>Fache fuhr zu Collet herum. �Wo ist Langdon?�</p><p>�Immer noch in der Herrentoilette.� Collet deutete auf den roten Punkt, der hektisch auf dem Bildschirm seines Notebooks blinkte. �Er muss das Fenster eingeschlagen haben!�</p><p>Langdon w�rde nicht weit kommen. Nach den Brandvorschriften der Pariser Feuerwehr mussten die Fenster �ffentlicher Geb�ude, die h�her als f�nfzehn Meter waren, bei einem Feuer eingeschlagen werden k�nnen, doch die Flucht aus einem Fenster der zweiten Etage des Louvre war ohne Strickleiter oder andere Hilfsmittel reiner Selbstmord. Zudem gab es am westlichen Ende des Denon-Fl�gels weder Str�ucher noch Gras, die einen Sturz h�tten dampfen k�nnen. Gleich unter dem Fenster der Herrentoilette verlief die zweispurige Fahrbahn der Avenue de Laumi�re.</p><p>�Mein Gott�, rief Collet, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, �Langdon geht zum Fenstersims!�</p><p>Fache riss den Manurhin MR-93 Revolver aus dem Schulterholster und st�rmte aus dem B�ro.</p><p>Collet beobachtete auf dem Bildschirm, wie der blinkende Punkt den Fenstersims erreichte und dann etwas v�llig Unerwartetes vollf�hrte: Er bewegte sich au�erhalb der Mauern des Geb�udes.</p><p><emphasis>Was geht da vor</emphasis>!, r�tselte er. <emphasis>Klettert Langdon drau�en auf einem Sims herum oder �</emphasis></p><p>�<emphasis>Gro�er Gott</emphasis>!� Der Punkt bewegte sich mit hoher Geschwindigkeit von der Mauer weg. Collet sprang auf. Das Signal schien einen Moment zu schlingern, um dann ungef�hr f�nf Meter vor dem Geb�ude abrupt zum Stehen zu kommen.</p><p>Collet tippte hektisch auf der Tastatur, rief den Pariser Stadtplan auf, rekalibrierte das GPS und zoomte auf den Louvre. Jetzt konnte er die genaue Position des Minisenders erkennen.</p><p>Er lag bewegungslos auf der Avenue de Laumi�re.</p><p>Langdon war gesprungen.</p></section><section><title><p><strong>18. KAPITEL</strong></p></title><p>W�hrend Fache noch die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> hinunterst�rmte, pl�rrte sein Funkger�t.</p><p>�Er ist gesprungen!�, rief Collet. �Ich bekomme das Signal nicht mehr aus der Toilette, sondern von drau�en, von der Stra�e! Und es bewegt sich auch nicht mehr. Ich glaube, Langdon ist tot!�</p><p>Fache h�rte es, lief aber trotzdem weiter. Die G�nge schienen kein Ende zu nehmen. Nachdem er an Sauni�res Leiche vorbeigerannt war, hielt er nach den Stellw�nden am �u�ersten Ende des Denon-Fl�gels Ausschau. Das Alarmger�usch wurde immer lauter.</p><p>�Warten Sie�, erklang Collets schrille Stimme wieder aus dem Ger�t. �Er bewegt sich! Mein Gott, er lebt noch! Langdon bewegt sich!�</p><p>Fache rannte weiter. Mit jedem Schritt fluchte er lauter �ber die schier endlos langen G�nge.</p><p>�Jetzt bewegt er sich schneller!� Collet hing immer noch am Funkger�t. �Er rennt die Laumi�re hinunter � warten Sie! Was ist das? So schnell kann niemand laufen!�</p><p>Fache war an den Stellw�nden angekommen. Er schl�ngelte sich dazwischen durch, sah die Toilettent�r und st�rmte darauf zu. �ber dem L�rm der Alarmglocke war das Walkie-Talkie kaum zu vernehmen.</p><p>�Ja, nat�rlich, er sitzt in einem Auto! Ich kann nicht � �</p><p>Als Fache mit gezogener Waffe in die Toilette st�rmte, ging Collets Stimme im durchdringenden Schrillen der Alarmglocke unter. Faches Blick huschte durch den Raum.</p><p>Leer.</p><p>Dann sah er das eingeschlagene Fenster am Ende des Vorraums. Fache rannte hin und schaute �ber den Sims. Nirgends eine Spur von Langdon. Fache konnte sich auch nicht vorstellen, dass jemand einen solchen Sprung riskiert h�tte. Langdon hatte nach dem Sturz schwer verletzt unten auf dem Boden liegen m�ssen.</p><p>Endlich verstummte der Alarm. Collets Stimme aus dem Sprechfunkger�t war wieder zu h�ren.</p><p>� � bewegt sich nach S�den und �berquert die Seine auf dem Pont du Carousel � �</p><p>Fache schaute nach links. Auf der Br�cke befand sich nur ein einziges Fahrzeug, ein riesiger Sattelschlepper mit offener Ladefl�che, der sich in s�dlicher Richtung vom Louvre entfernte. �ber die Pritsche war eine gro�e Plane gespannt. Das Ganze erinnerte ein bisschen an eine riesige H�ngematte � Fache zuckte zusammen, als er pl�tzlich die M�glichkeit erkannte, dass Langdon auf die Plane gesprungen sein k�nnte. Der Laster hatte vermutlich noch vor ein paar Augenblicken direkt unter dem Toilettenfenster an der roten Ampel gestanden.</p><p><emphasis>Eine verdammt riskante Sache</emphasis>, schoss es Fache durch den Kopf. Langdon konnte unm�glich wissen, was der LKW unter der Plane auf der Ladefl�che transportierte. Was, wenn es Stahlplatten gewesen w�ren? Oder Steine? Oder auch nur M�ll? Ein Sprung aus f�nfzehn Metern H�he! Fache konnte nur den Kopf sch�tteln. �Der Punkt �ndert die Richtung�, meldete Collet. �Er biegt nach rechts ab in die Rue des Saints-P�res.�</p><p>Tats�chlich verlangsamte der Laster seine Fahrt, blinkte und bog rechts ab in die von Collet genannte Stra�e. <emphasis>Du kommst trotzdem nicht davon, Langdon</emphasis>, dachte Fache, als der LKW um die Ecke bog. Die um das Geb�ude verteilten Beamten verlie�en auf Collets Alarm hin bereits ihre Posten und sprangen in die Funkstreifenwagen, um die Verfolgung des LKW aufzunehmen, w�hrend Collet laufend die Position des Fl�chtigen durchgab wie bei einem Computerspiel.</p><p><emphasis>Es ist vorbei.</emphasis> Fache wusste, dass seine Leute den LKW innerhalb von Minuten gestellt haben w�rden. Langdon kam nicht weit.</p><p>Fache steckte die Waffe weg und machte sich auf den R�ckweg. W�hrend er durch die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> zur�ck eilte, rief er Collet �ber Funk. �Lassen Sie meinen Wagen vorfahren. Ich will bei der Verhaftung dabei sein. �Er fragte sich, oh Langdon den Sprung �berhaupt �berlebt hatte.</p><p>Nicht, dass es darauf noch angekommen w�re.</p><p><emphasis>Langdon ist gefl�chtet. Schuldig im Sinne der Anklage.</emphasis></p><p>Keine f�nf Meter von der Toilette entfernt standen Sophie und Langdon in der Dunkelheit der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> und dr�ckten sich an die R�ckseite einer der Stellw�nde. Sie hatten sich gerade noch verstecken k�nnen, als Fache mit der Waffe in der Hand an ihnen vorbeigerannt und in der Toilette verschwunden war.</p><p>In den letzten neunzig Sekunden war alles sehr schnell gegangen.</p><p>W�hrend Langdon noch z�gerte, vor einem Verbrechen davonzulaufen, das er nicht begangen hatte, hatte Sophie zuerst das Fensterglas mit den Alarmdr�hten inspiziert und dann die Entfernung zur Fahrbahn hinunter abgesch�tzt.</p><p>�Wenn wir gut Ma� nehmen, kriegen wir Sie hier raus�, hatte sie gesagt.</p><p><emphasis>Ma� nehmen</emphasis>? Unbehaglich war Langdon ihrem Blick gefolgt. Ein riesiger Sattelschlepper mit Pritschenauflieger n�herte sich der roten Ampel unter dem Fenster. Die Ladefl�che war mit einer gro�en Plane zugedeckt.</p><p>�Wenn Sie glauben, Sophie, dass ich da runter � �</p><p>�Holen Sie den Minisender aus der Tasche.�</p><p>Neugierig geworden, fummelte Langdon den Metallknopf aus seinem Jackett heraus. Sophie nahm ihm den Sender ab, ging zum Waschbecken, dr�ckte den Knopf mit dem Daumen tief in ein feuchtes St�ck Seife und schmierte das Loch wieder zu.</p><p>Sie dr�ckte Langdon die Seife in die Hand; dann zerrte sie unter dem Waschbecken den schweren zylindrischen Edelstahlbeh�lter f�r die gebrauchten Handt�cher hervor. Bevor Langdon Einspruch erheben konnte, hielt Sophie den Beh�lter wie einen Rammbock vor sich und st�rmte auf das Fenster los. Der Boden des Beh�lters krachte mitten in die Scheibe. Glas splitterte und flog hinaus in die Dunkelheit.</p><p>Das ohrenbet�ubende Schrillen einer Alarmglocke erklang direkt �ber ihren K�pfen.</p><p>�Geben Sie mir die Seife!�, rief Sophie, die den L�rm kaum zu �bert�nen vermochte. Langdon dr�ckte ihr den Seifenquader in die Hand.</p><p>Sophie sp�hte zum wartenden Sattelschlepper hinunter, der keine vier Meter vom Geb�ude entfernt vor der Ampel stand. Die Plane stellte ein angenehm gro�es ruhendes Ziel dar. Sophie holte tief Luft und warf das Seifenst�ck hinaus in die Nacht.</p><p>Als die Ampel auf Gr�n sprang und der LKW anfuhr, glitt das St�ck Seife der Neigung folgend �ber die Plane und bis auf den Grund der Mulde in der Mitte der Ladefl�che.</p><p>�Herzlichen Gl�ckwunsch�, sagte Sophie und zerrte Langdon zur T�r. �Sie sind soeben aus dem Louvre geflohen!�</p><p>Sie hatten sich gerade noch hinter die Stellw�nde fl�chten k�nnen, bevor ein von der Anstrengung des schnellen Laufens keuchender Fache auch schon auf der Bildfl�che erschien.</p><empty-line/><p>Als der Feueralarm endlich verstummte, konnte Langdon die Martinsh�rner h�ren, die sich vom Louvre entfernten. <emphasis>Ein Exodus der Polizei.</emphasis> Fache war den Gang hinuntergest�rmt und verschwunden. Die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> war verlassen.</p><p>�Hier kommt nach f�nfzig Metern ein Notausgang mit Treppenhaus�, sagte Sophie. �Die Wachposten haben sich verzogen. Lassen Sie uns verschwinden.�</p><p>Langdon beschloss, von nun an lieber den Mund zu halten.</p><p>Sophie Neveu war eindeutig cleverer als er.</p></section><section><title><p><strong>19. KAPITEL</strong></p></title><p>Es hei�t, Saint-Sulpice sei das ungew�hnlichste Bauwerk von ganz Paris. Die Kirche, die �ber den Resten eines antiken Isis-Tempels errichtet worden war, entspricht in den Abmessungen ihres Grundrisses bis auf wenige Zentimeter der Kathedrale von N�tre-Dame. Sie war Schauplatz der Taufen des Marquis de Sade und Baudelaires und der Hochzeit von Victor Hugo gewesen. Das der Kirche angeschlossene Priesterseminar kann auf eine gut dokumentierte Geschichte unorthodoxer Lehrmeinungen zur�ckblicken und war einst Versammlungsort zahlreicher Geheimgesellschaften.</p><p>In dieser Nacht war das ger�umige Kirchenschiff still wie eine Gruft. Nur der schwache Duft nach Weihrauch, der von der Abendmesse noch in der Luft hing, lie� vermuten, dass es hier auch lebendiger zugehen konnte.</p><p>Silas sp�rte Schwester Sandrines Unbehagen, die ihn in die heilige St�tte f�hrte. Es �berraschte ihn nicht. Er war es gew�hnt, dass andere Menschen mit Furcht und Befremden auf sein Aussehen reagierten.</p><p>�Sie sind Amerikaner, nicht wahr?�, sagte die Nonne.</p><p>�Ich bin geb�rtiger Franzose�, gab Silas zur�ck. �Meine Berufung hatte ich in Spanien. Jetzt studiere ich in den Vereinigten Staaten.�</p><p>Schwester Sandrine nickte. Sie war eine zierliche Frau mit ruhigen, freundlichen Augen. �Und Sie sind noch nie in Saint-Sulpice gewesen?�</p><p>�Das ist schon fast eine S�nde, das gebe ich zu.�</p><p>�Am Tage ist die Kirche viel sch�ner.�</p><p>�Da bin ich sicher. Umso dankbarer bin ich Ihnen, dass Sie mich heute Nacht eingelassen haben.�</p><p>�Der Abb� hat mich darum gebeten. Sie haben offenbar einflussreiche Freunde.�</p><p><emphasis>Wenn du w�sstest</emphasis>, dachte Silas.</p><p>Silas folgte Schwester Sandrine den Mittelgang der Kirche entlang. Die Schlichtheit des Gotteshauses �berraschte ihn. Ganz anders als N�tre-Dame mit ihren farbenfrohen Fresken, den vergoldeten Alt�ren und den warmen Holzt�nen der Schnitzereien war Saint-Sulpice karg und kalt. Silas f�hlte sich an die schlichten Kathedralen Spaniens erinnert. Die Kargheit lie� das Innere der Kirche noch gewaltiger erscheinen. Als Silas zu den Rippen des Gew�lbes hinaufschaute, bekam er das Gef�hl, unter dem Rumpf eines gewaltigen, kieloben schwimmenden Schiffes zu stehen.</p><p><emphasis>Ein passendes Bild,</emphasis> dachte er<emphasis>. Das Schiff der Bruderschaft wird bald ein f�r alle Mal kentern �</emphasis></p><p>Silas wurde ungeduldig. Er wollte sich ans Werk machen. Hoffentlich verschwand die Nonne bald. Sie war eine zarte Frau. Er h�tte sie m�helos ausschalten k�nnen, doch er hatte gelobt, auf Gewalt zu verzichten, es sei denn, Gewaltanwendung war unumg�nglich. <emphasis>Sie hat den Schleier genommen. Au�erdem kann sie nichts daf�r, dass ihre Kirche von der Bruderschaft als Versteck f�r den Schlussstein missbraucht wird. Sie soll nicht der S�ndenbock f�r die Vergehen anderer sein.</emphasis></p><p>�Es ist mir sehr unangenehm, Schwester, dass Sie meinetwegen aus dem Schlaf gerissen wurden.�</p><p>�Schon gut. Sie sind ja nur f�r kurze Zeit in Paris. Da sollten Sie sich Saint-Sulpice nicht entgehen lassen. Ist Ihr Interesse an dieser Kirche architektonischer oder eher historischer Natur?�</p><p>�Um ehrlich zu sein, ist es spiritueller Natur, Schwester.�</p><p>Sie lachte geschmeichelt. �Das d�rfte sich von selbst verstehen. Ich habe mich einfach nur gefragt, womit ich meine F�hrung beginnen soll.�</p><p>Silas' Blick wurde vom Altar angezogen. �Es wird nicht n�tig sein, dass Sie mich f�hren. Sie sind bereits mehr als freundlich zu mir gewesen. Jetzt finde ich mich selbst zurecht.�</p><p>�Es w�re mir aber ein Vergn�gen. Au�erdem bin ich nun schon einmal wach.�</p><p>Sie hatten die vorderste Bankreihe erreicht. Silas blieb stehen. Bis zum Altar waren es nur noch f�nfzehn Meter. Er wandte sich mit seiner gro�en, wuchtigen Gestalt der kleinen Frau zu. Sie blickte in seine roten Albinoaugen. Silas sp�rte ihre Beklemmung. �Schwester, ich m�chte nicht unh�flich erscheinen, aber ich pflege ein Gotteshaus nicht zu betreten, um wie ein Tourist darin herumzulaufen. W�re es Ihnen sehr unangenehm, mich ein Weilchen ungest�rt beten zu lassen, bevor ich mich umschaue?�</p><p>Schwester Sandrine z�gerte. �Nat�rlich nicht. Ich werde mich zur�ckziehen und hinten in der Kirche auf Sie warten.�</p><p>Silas blickte auf sie hinunter und legte ihr sanft, aber bestimmt die Hand auf die Schulter. �Es ist mir schon unangenehm genug, Schwester, dass Sie meinetwegen geweckt worden sind. Es w�re ungeh�rig, Sie zu bitten, noch l�nger aufzubleiben. Bitte, gehen Sie wieder zu Bett. Ich kann dieses wundervolle Gotteshaus auch alleine genie�en. Und den Weg hinaus finde ich auch ohne Sie.�</p><p>Schwester Sandrine sah ihn unbehaglich an. �Und Sie f�hlen sich nicht im Stich gelassen?�</p><p>�Nicht im Geringsten. Ein frommes Gebet ist ein einsames Vergn�gen.�</p><p>�Wie Sie w�nschen.�</p><p>Silas nahm die Hand von Sandrines Schulter. �Schlafen Sie wohl, Schwester. Der Friede des Herrn sei mit Ihnen.�</p><p>�Und mit Ihnen.� Sandrine ging zur Treppe der Empore. �Bitte achten Sie darauf, dass Sie heim Hinausgehen die T�r fest hinter sich zuziehen.�</p><p>�Ganz bestimmt.� Silas sah ihr nach, wie sie die Stufen hinauf verschwand. Er kniete sich in die erste Bank. Der Bu�g�rtel schnitt ihm schmerzhaft ins Fleisch.</p><p>�Mein Herr und Gott, ich widme dir dieses Werk, das ich heute beginne � �</p><p>Hoch oben �ber dem Kirchenraum sp�hte Schwester Sandrine im Schatten der Orgelempore durch das Schnitzwerk der Balustrade zu dem M�nch hinunter, der tief unten kniete. J�he Furcht hatte mit kalter Hand nach ihrer Seele gegriffen. War dieser mysteri�se Besucher der Feind, vor dem man sie gewarnt hatte? War mit der heutigen Nacht jener Augenblick gekommen, die Befehle auszuf�hren, die sie seit vielen Jahren h�tete?</p><p>Sandrine beschloss, hier in der Dunkelheit zu warten und jede Bewegung des Besuchers im Auge zu behalten.</p></section><section><title><p><strong>20. KAPITEL</strong></p></title><p>Sophie Neveu und Robert Langdon traten aus der Finsternis hervor und schlichen die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> hinunter zum Treppenhaus mit dem Notausgang.</p><p>Langdon hatte das Gef�hl, im Finstern ein Puzzle zusammensetzen zu m�ssen. Die j�ngste Entwicklung dieser mysteri�sen Angelegenheit war mehr als beunruhigend.</p><p><emphasis>Der Capitaine will dir einen Mord anh�ngen.</emphasis></p><p>�Glauben Sie, Fache k�nnte die Nachricht selbst auf den Boden geschrieben haben?�, fl�sterte er Sophie zu.</p><p>Sie drehte sich nicht einmal um. �Ach was.�</p><p>Langdon war da nicht so sicher. �Er scheint fest entschlossen zu sein, mich zum M�rder abzustempeln. Vielleicht hat er sich �berlegt, dass die Beweise gegen mich wasserdicht erscheinen, wenn er meinen Namen auf den Boden schreibt.�</p><p>�Die Fibonacci-Folge? Das P.S.? Die Hinweise auf da Vinci und den Weiblichkeits-Symbolismus? Nein, das war nicht Fache. Das kann nur mein Gro�vater gewesen sein.�</p><p>Langdon musste zugeben, dass sie Recht hatte. Die Symbole passten zu gut zusammen � das Pentagramm, da Vincis Proportionsskizze nach Vitruv, der Bezug auf das g�ttlich Weibliche und sogar die Fibonacci-Folge. Eine koh�rente Symbolstruktur, wie der Fachmann sagen w�rde. Eines f�gte sich wunderbar ins andere.</p><p>�Und dann war da noch Gro�vaters Anruf bei mir�, sagte Sophie. �Sein Anruf heute Nachmittag. Er hat gesagt, er m�sse mir unbedingt etwas anvertrauen. Ich bin sicher, die Nachricht auf dem Boden des Louvre war sein letzter Versuch, mir etwas sehr Wichtiges mitzuteilen � und er muss der Meinung gewesen sein, dass Sie mir bei der L�sung des R�tsels helfen k�nnen.�</p><p>Langdon runzelte die Stirn. <emphasis>O, Draconian devil, oh, lame saint!</emphasis> Er w�nschte, er k�nnte die Botschaft verstehen � zu Sophies Beruhigung und zu seiner eigenen. Seit er die geheimnisvollen Worte gesehen hatte, war seine Lage prek�rer geworden. Auch der vorget�uschte Sprung aus dem Toilettenfenster d�rfte ihm bei Fache keine Pluspunkte eingetragen haben. Langdon hatte seine Zweifel, dass der Capitaine es spa�ig fand, einem St�ck Seife nachzujagen, um es im Namen des Gesetzes zu verhaften.</p><p>�Wir sind gleich da�, sagte Sophie.</p><p>�Was meinen Sie � k�nnten die Zahlen in der Botschaft Ihres Gro�vaters den Schl�ssel zum Verst�ndnis der anderen Zeilen enthalten?�, fragte Langdon nachdenklich. Er hatte sich einst mit Handschriften Bacons besch�ftigt, die epigrammatische Ziffern mit verschl�sselten Hinweisen zur Entzifferung anderer Textteile enthielten.</p><p>�Ich denke schon den ganzen Abend �ber diese Zahlen nach�, sagte Sophie. ��ber ihre Summen, Quotienten und Produkte, aber ich kann mir keinen Reim darauf machen. Mathematisch gesehen ist die Anordnung rein zuf�llig kryptographischer Unsinn.�</p><p>�Dennoch geh�rt jede dieser Zahlen zur Fibonacci-Folge. Das kann doch kein Zufall sein.�</p><p>�Ist es auch nicht. Mit den Fibonacci-Zahlen hat mir mein Gro�vater einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben � wie mit der Benutzung des Englischen und seiner K�rperhaltung analog meinem Lieblingskunstwerk von da Vinci. Nicht zu vergessen das Pentagramm, das er sich auf den Leib gemalt har.�</p><p>�Das Pentagramm hat eine besondere Bedeutung f�r Sie?�</p><p>�Ja, sicher. Bis jetzt bin ich leider noch nicht dazu gekommen, es Ihnen zu erz�hlen, aber als ich ein kleines M�dchen war, hatte das Pentagramm f�r meinen Gro�vater und mich eine ganz eigene Bedeutung. Wir haben zum Spa� oft Tarot gespielt, und jedes Mal hat er mir als Schicksalskarte ein Blatt von den Pentagrammen zugespielt. Ich bin sicher, dass er gemogelt hat, aber das mit den Pentagrammen ist unser kleiner Privatscherz gewesen.�</p><p>Langdon wurde hellh�rig. <emphasis>Tarot</emphasis>? In diesem mittelalterlichen italienischen Kartenspiel wimmelte es geradezu von verstecktet h�retischer Symbolik. Langdon hatte dem Tarot in seinem neuen Buch ein ganzes Kapitel gewidmet. Die zweiundzwanzig Karten des Spiels trugen Namen wie die P�pstin, die Kaiserin, der Stern. Das Tarotspiel war urspr�nglich dazu benutzt worden, von der Kirche unterdr�ckte Glaubenss�tze zu verbreiten. Seiner mystischen Qualit�ten wegen stand Tarot bei Wahrsagern auch heute noch hoch im Kurs.</p><p><emphasis>Im Tarot ist das Pentagramm die Schicksalskarte f�r die G�ttin</emphasis>, dachte Langdon. Wenn Sauni�re seiner Enkelin ein bestimmtes Blatt zugemogelt hatte, war das Pentagramm in der Tat ein gelungener Scherz.</p><p>Sie erreichten den Notausgang. Vorsichtig zog Sophie an der T�r. Kein Alarm � nur die T�ren, die unten ins Freie f�hrten, waren gesichert. Langdon lief mit Sophie eine schmale Treppenflucht hinunter.</p><p>�Hat Ihr Gro�vater im Zusammenhang mit dem Pentagramm irgendetwas von Mutterkult oder von Vorbehalten der katholischen Kirche gesagt?�, wollte Langdon wissen.</p><p>Sophie sch�ttelte den Kopf. �Ich habe mich mehr f�r die mathematische Seite der Sache interessiert, die Fibonacci-Folge, die Zahl Phi, den goldenen Schnitt � �</p><p>Langdon war perplex. �Ihr Gro�vater hat mit Ihnen �ber die Zahl Phi gesprochen?�</p><p>�Nat�rlich. Der goldene Schnitt.� Sie schaute schelmisch drein. �Er hat oft im Scherz gesagt, ich w�re bereits zur H�lfte g�ttlich � wegen der drei Buchstaben mitten in meinem Namen, verstehen Sie.�</p><p>Langdon musste kurz nachdenken, bis es funkte: So-phi-e.</p><p>W�hrend er weitereilte, lie� ihn der Gedanke an die Zahl Phi nicht los. Sauni�res Geflecht von Hinweisen war noch dichter, als er anfangs angenommen hatte.</p><p><emphasis>Da Vinci � die Fibonacci-Folge � das Pentagramm.</emphasis></p><p>So unwahrscheinlich es schien, es gab f�r alles einen gemeinsamen Nenner. Er spielte in der Kunstgeschichte eine so bedeutende Rolle, dass Langdon in seinen Vorlesungen oft mehrere Stunden auf dieses Thema verwendete.</p><p><emphasis>Phi �</emphasis></p><p>Langdon sah sich pl�tzlich wieder im H�rsaal in Harvard bei seiner Vorlesung �ber �Symbolik in der Kunst�. Er schrieb seine Lieblingszahl an die Tafel:</p><p>1,618</p><p>Langdon drehte sich um und lie� den Blick �ber seine Studenten schweifen. �Wer kann mir etwas zu dieser Zahl sagen?�</p><p>Ein langbeiniger Mathematikstudent h�heren Semesters hob die Hand. �Das ist die Zahl Phi.� Er sprach es aus wie �Fie�.</p><p>�Sehr gut, Stettner�, lobte Langdon.</p><p>�Nicht zu verwechseln mit Pi�, erg�nzte Stettner grinsend. �Wir Mathematiker sagen immer, Phi ist um ein H gr��er als Pi.�</p><p>Langdon musste lachen, doch au�er ihm schien keiner den Witz verstanden zu haben.</p><p>Stettner machte ein entt�uschtes Gesicht.</p><p>�Die Zahl Phi � eins Komma sechs eins acht � spielt in der Kunst eine wichtige Rolle. Kann mir jemand sagen, was der Grund daf�r ist?�</p><p>Stettner versuchte, noch ein paar Punkte zu machen. �Weil die Zahl so sch�n ist.�</p><p>Allgemeines Gel�chter.</p><p>�Langsam�, sagte Langdon. �Stettner hat auch damit Recht. Phi gilt weithin als die harmonischste Zahl der gesamten Sch�pfung.�</p><p>Das Gel�chter erstarb, und Stettner strahlte.</p><p>W�hrend Langdon einige Dias in den Projektor einlegte, erkl�rte er, dass die Zahl Phi aus der Fibonacci-Folge abgeleitet war. Diese Zahlenreihe war deshalb bemerkenswert, weil nicht nur jedes Glied die Summe der beiden vorangehenden Glieder darstellte, sondern auch der Quotient der jeweiligen Glieder erstaunlicherweise stets sehr eng um den Wert 1,618 streute � die Zahl Phi.</p><p>�Ungeachtet der anscheinend mystischen mathematischen Herkunft der Zahl Phi liegt ihre geradezu unglaubliche Bedeutung darin, dass sie in der Natur eine grundlegende Rolle spielt. Pflanzen, Tiere, sogar der Mensch weisen in ihren Proportionen Ma�verh�ltnisse auf, die mit einer geradezu unheimlichen Konstanz den Wert Phi zu eins, also den Kehrwert von Phi aufweisen. Die Allgegenw�rtigkeit von Phi in der Natur�, fuhr Langdon fort, w�hrend er das Licht l�schte, �ist so signifikant, dass es kein Zufall sein kann. Die Alten haben deshalb geglaubt, mit der Zahl Phi habe der Sch�pfer ein Ordnungsmuster in die Welt getragen. Sie nannten diese Verh�ltniszahl den �goldenen Schnitt�.�</p><p>�Kann man das wirklich so sagen?�, meldete sich eine junge Studentin in der ersten Reihe zu Wort. �Ich mache bald mein Examen in Biologie, aber der goldene Schnitt ist mir in der Natur noch nirgends untergekommen.�</p><p>�Nein?� Langdon l�chelte. �Haben Sie je das Verh�ltnis der m�nnlichen zu den weiblichen Tieren in der Population eines Bienenstocks untersucht?�</p><p>�Sicher. Die weiblichen Insekten sind immer in der �berzahl.�</p><p>�Richtig. Dann sollten Sie auch wissen, dass sich in jedem Bienenstock der Welt jedes Mal der gleiche Wert ergibt, wenn man die Zahl der weiblichen Exemplare durch die Zahl der m�nnlichen dividiert, und zwar der Wert Phi.�</p><p>�Das kann nicht sein!�, stie� die junge Frau hervor.</p><p>�Das kann sehr wohl sein�, gab Langdon zur�ck und projizierte das Bild eines spiralf�rmigen Muschelgeh�uses auf die Leinwand. �Kennen Sie das?�</p><p>�Das ist ein Nautilus�, sagte die Biologiestudentin. �Ein Kopff��er, der zur Regulierung des Auftriebs Gas in sein Geh�use pumpen kann.�</p><p>�So ist es. Und k�nnen Sie erraten, in welchem Verh�ltnis die Durchmesser der einzelnen Spiralkammern seines Geh�uses zueinander stehen?�</p><p>Die Studentin betrachtete unsicher die Bogenschw�nge des Kalkpanzers.</p><p>�Ganz richtig � Phi.� Langdon nickte. �Die Proportion des goldenen Schnitts. Eins Komma sechs eins acht zu eins.�</p><p>Die Studentin machte gro�e Augen.</p><p>Langdon projizierte das n�chste Bild auf die Leinwand, die Nahaufnahme einer reifen Sonnenblumendolde. �Sonnenblumenkerne wachsen in gegenl�ufigen Spiralen. Und nun raten Sie mal, in welchem Verh�ltnis die aufeinander folgenden Wachstumsspiralen zueinander stehen.�</p><p>�Phi?�, t�nte es aus dem Auditorium.</p><p>�Volltreffer!� Langdon projizierte nun in rascher Folge ein Dia nach dem anderen: Tannenzapfen, Blattanordnungen an Pflanzenst�ngeln, Segmentierungen von Insektenleibern � und �berall gab es die erstaunliche �bereinstimmung mit dem goldenen Schnitt.</p><p>�Das ist ja alles sehr interessant�, rief jemand im Auditorium, �aber was hat das mit Kunst zu tun?�</p><p>�Das will ich Ihnen sagen.� Langdon lie� ein anderes Dia erscheinen. Es zeigte ein blassgelbes Pergament mit Leonardo da Vincis ber�hmtestem m�nnlichen Akt � der Proportionsstudie nach Vitruv, so benannt nach dem bedeutenden r�mischen Architekten Marcus Vitruvius, der in seiner Schrift <emphasis>de architectura</emphasis> den goldenen Schnitt gepriesen hatte.</p><p>�Niemand hat besser als Leonardo da Vinci die g�ttliche Struktur des menschlichen K�rpers begriffen. Er hat sogar Leichen ausgegraben, um an den K�rpern die Proportionen des Menschen zu studieren. Er hat als Erster gezeigt, dass der K�rper des Menschen aus Elementen aufgebaut ist, deren Ma�verh�ltnisse immer den Wert von Phi ergeben.�</p><p>Die Studenten blickten Langdon skeptisch an.</p><p>�Sie glauben mir nicht? Dann nehmen Sie das n�chste Mal, wenn Sie sich unter die Dusche stellen, ein Zentimeterma� mit.�</p><p>Einige Zuh�rer kicherten.</p><p>Langdon l�chelte. �Nicht nur die Machos unter Ihnen. Nein, alle, M�nnlein und Weiblein. Messen Sie den Abstand von Ihrem Scheitel zum Fu�boden und teilen Sie den Wert durch den Abstand vom Nabel zum Boden. Sie werden sich wundern, welche Zahl dabei herauskommt.�</p><p>�Phi?�, rief jemand.</p><p>�Gut geraten��, gab Langdon zur�ck. �Eins Komma sechs eins acht. Noch ein Beispiel gef�llig? Nehmen Sie den Abstand von Ihrer Schulter zu den Fingerspitzen und teilen Sie ihn durch den Wert der L�nge des Armes vom Ellbogen zu den Fingerspitzen: wieder Phi. Noch ein Beispiel gef�llig? H�fte zum Boden dividiert durch Knie zum Boden. Noch einmal Phi. Fingerglieder, Zehen, die Abschnitte des R�ckgrats: Phi, Phi und Phi. Jede und jeder von Ihnen ist eine wandelnde Huldigung an den goldenen Schnitt.�</p><p>Sogar in dem abgedunkelten Raum war die allgemeine Verwunderung deutlich wahrzunehmen. Langdon sp�rte eine vertraute innere W�rme: Das war der Grund, weshalb er Lehrer geworden war. �Wie Sie sehen, hat das scheinbare Chaos der Erscheinungen der Welt eine tiefere Ordnung. Als die Alten auf die Zahl Phi gesto�en sind, glaubten sie, �ber den Baustein gestolpert zu sein, aus dem Gott die Welt zusammengesetzt hat, was sie in ihrer Verehrung der Natur best�rkte. Das kann man gut verstehen, nicht wahr? Gottes Hand ist in der Natur �berall gegenw�rtig. Bis zum heutigen Tag gibt es heidnische Kulte und Religionen, die Mutter Erde verehren. Viele Menschen feiern die Natur nicht anders als die vorchristlichen Heiden, und sie wissen es noch nicht einmal. Das Geheimnis der g�ttlichen Proportionen des goldenen Schnitts war der Sch�pfung von Anfang an immanent. Der Mensch ist ein Spieler auf dem Spielfeld der Natur. In der Kunst versucht er, es dem Sch�pfer gleichzutun. Sie k�nnen sich deshalb jetzt schon darauf einstellen, dass der goldene Schnitt uns im Laufe dieses Semesters noch oft begegnen wird.�</p><p>In der verbliebenen halben Stunde f�hrte Langdon Dias mit Werken von Michelangelo, Albrecht D�rer, Leonardo da Vinci und vielen anderen alten Meistern vor, anhand deren er die bewusste und konsequente Anwendung des goldenen Schnitts auf die Komposition von Kunstwerken demonstrierte. Er zeigte das Prinzip des goldenen Schnitts in der Architektur der griechischen Tempel, der �gyptischen Pyramiden und sogar des Geb�udes der Vereinten Nationen in New York. Die Zahl Phi erschien in den kompositorischen Strukturen von Mozartsonaten, Beethovens F�nfter Symphonie und Werken Bart�ks, Debussys und Schuberts. Sogar Stradivari ber�cksichtigte beim Bau seiner ber�hmten Violinen diese Zahl, um die optimale Lage der F-L�cher zu bestimmen.</p><p>Langdon trat wieder an die Tafel. �Zum Schluss m�chte ich wieder auf die Symbole zur�ckkommen�, sagte er und zeichnete aus f�nf einander �berschneidenden Linien einen f�nfzackigen Stern. �Das ist eines der gewichtigsten Symbole, mit dem Sie in diesem Semester Bekanntschaft machen werden. Es wird als Pentagramm bezeichnet � die Alten nannten es auch das Penrakel oder den Drudenfu� � und gilt in vielen Kulturen als Symbol des G�ttlichen und des Magischen. Kann mir jemand verraten, warum?�</p><p>Stettner, der Mathematik-Diplomand, hob die Hand. �Weil die Linien sich auf eine Weise schneiden, dass die von ihnen gebildeten Abschnitte im Verh�ltnis des goldenen Schnitts zueinander stehen.�</p><p>Langdon nickte dem jungen Mann anerkennend zu. �Sehr gut. Jawohl, s�mtliche L�ngen Verh�ltnisse eines f�nfzackigen Sterns entsprechen der Zahl Phi und machen dieses Symbol damit zum idealen Ausdruck der g�ttlichen Proportionen des goldenen Schnitts. Aus diesem Grund war der f�nfzackige Stern stets das Symbol f�r die Sch�nheit und Vollkommenheit der Muttergottheit und die Heiligkeit des Weiblichen.�</p><p>Der weibliche Teil des Auditoriums strahlte.</p><p>�Noch eins, Leute. Wir haben Leonardo da Vinci heute nur kurz angesprochen, aber wir werden uns im Laufe dieses Semesters noch eingehender mit ihm besch�ftigen. Seine Verehrung f�r die alten weiblichen Gottheiten ist bestens dokumentiert. Morgen werde ich Ihnen sein Fresko Das letzte Abendmahl vorf�hren, das eine der erstaunlichsten Huldigungen an das Weibliche darstellt, die wir kennen.�</p><p>�Im Ernst?�, fragte jemand. �Ich dachte immer, im Mittelpunkt von Leonardos Letztem Abendmahl steht Jesus.�</p><p>Langdon zwinkerte dem Fragesteller zu. �In diesem Gem�lde sind Symbole an Stellen versteckt, auf die Sie im Traum nicht kommen w�rden � �</p><empty-line/><p>�Was ist mit Ihnen?�, fl�sterte Sophie. �Wir sind gleich da. Los!�</p><p>Langdon schien aus weiter gedanklicher Ferne aufzutauchen. Von einer pl�tzlichen Eingebung erfasst, stand er wie gel�hmt auf der Treppe.</p><p>Sophie schaute sich nach ihm um.</p><p><emphasis>O, Draconian devil, oh, lame saint!</emphasis></p><p><emphasis>Ist die L�sung so einfach</emphasis>?, fragte sich Langdon.</p><p>Doch es konnte gar nicht anders sein.</p><p>W�hrend ihm die Zahl Phi und die Gem�lde da Vincis durch den Kopf wirbelten, hatte Robert Langdon unvermutet mit einem Schlag Jacques Sauni�res Code entziffert.</p><p>�O, Draconian devil�, sagte er, �oh, lame saint � einfacher kann der Code gar nicht sein!�</p><empty-line/><p>Sophie hielt auf dem Treppenabsatz unter Langdon inne und schaute verwirrt zu ihm hinauf. <emphasis>Ein Code</emphasis>? Sie hatte die ganze Nacht schon �ber diese zwei Zeilen nachgedacht, aber nirgendwo einen Code erkennen k�nnen, schon gar nicht einen einfachen.</p><p>�Sie haben es doch selbst gesagt.� Langdons Stimme bebte vor Aufregung. �Die Zahlen der Fibonacci-Reihe ergeben nur in der richtigen Reihenfolge einen Sinn, sonst sind sie mathematischer Nonsens.�</p><p>Sophie begriff nicht, worauf er hinauswollte. <emphasis>Die Fibonacci-Zahlen</emphasis>? Sie war �berzeugt, dass ihr einziger Sinn darin bestanden hatte, die Dechiffrierabteilung und damit sie selbst auf den Plan zu rufen. <emphasis>Sie haben auch noch einen anderen Sinn?</emphasis> Sie schob die Hand in die Tasche und zog das Blatt mit dem Ausdruck der Nachricht ihres Gro�vaters hervor.</p><p>13-3-2-21-1-1-8-5 O, Draconian devil! Oh, lame Saint!</p><p>Was war mit diesen Zahlen?</p><p>�Er hat die Fibonacci-Reihe durcheinander gesch�ttelt, damit wir uns etwas dabei denken�, sagte Langdon und nahm das Blatt in die Hand. �Sein Verfahren mit den Zahlen ist ein Hinweis darauf, wie man mit dem Rest der Botschaft umgehen soll. Die Zeilen als solche bedeuten gar nichts. Das sind lediglich ein paar Buchstaben ohne jede Ordnung.�</p><p>Sophie hatte sofort begriffen, worauf Langdon hinauswollte. Die L�sung schien geradezu l�cherlich einfach zu sein. �Sie meinen, diese Botschaft ist � <emphasis>une anagramme</emphasis>?� Sie sah ihn skeptisch an. �Wie ein Rebus aus der R�tselzeitung?�</p><p>Langdon konnte Sophies Zweifel gut verstehen. Die wenigsten Leute wussten, dass Anagramme mehr waren als ein kurzweiliges Vergn�gen f�r Zeitungsleser. Sie hatten eine reichhaltige Geschichte voller Bez�ge zu heiligen Symbolen.</p><p>Die mystischen Lehren der Kabbala st�tzten sich in hohem Umfang auf Anagramme � die Neuordnung der Buchstaben hebr�ischer Texte, wodurch diesen Texten eine neue Bedeutung zukam. W�hrend der gesamten Renaissancezeit waren die franz�sischen K�nige von der heiligen Macht der Anagramme so sehr �berzeugt, dass sie an ihrem Hof k�nigliche Anagrammatiker besch�ftigten, die ihnen durch die anagrammatische Analyse wichtiger Dokumente zu kl�geren Entscheidungen verhelfen sollten. Die alten R�mer bezeichneten das Studium der Anagramme als <emphasis>ars magna</emphasis>, �gro�e Kunst�.</p><p>Langdon sah Sophie in die Augen. �Was Ihr Gro�vater sagen wollte, hatten wir die ganze Zeit schon vor der Nase. Er hat uns Hinweise in H�lle und F�lle hinterlassen, damit wir es sehen.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort zog er einen Kugelschreiber heraus und schrieb die Buchstaben der einzelnen Zeilen in einer anderen Anordnung auf.</p><p>O, Draconian devil! Oh, lame saint!</p><p>war das l�ckenlose Anagramm von:</p><p>Leonardo da Vinci! The <emphasis>Mona Lisa</emphasis>!</p></section><section><title><p><strong>21. KAPITEL</strong></p></title><p>Die <emphasis>Mona Lisa</emphasis>.</p><p>Einen Augenblick lang verga� Sophie, dass sie soeben noch �ber die Nottreppen aus dem Louvre hatte fliehen wollen.</p><p>Ihr Schock wurde nur noch von ihrer Verlegenheit �bertroffen, weil sie nicht von allein auf die L�sung gekommen war. Ihre berufsbedingte Fixierung auf komplizierte Zusammenh�nge hatte sie ein schlichtes Wortspiel �bersehen lassen, doch es h�tte ihr nicht entgehen d�rfen. Schlie�lich war sie mit Anagrammen bestens vertraut, vor allem mit solchen in englischer Sprache.</p><p>Als Sophie ein Kind gewesen war, hatte ihr Gro�vater gern Anagramme als �bungsfeld f�r die englische Rechtschreibung benutzt. Einmal hatte er das englische Wort �planets� f�r Planeten aufgeschrieben und Sophie mit der Behauptung neugierig gemacht, dass man aus den paar Buchstaben dieses Wortes zweiundneunzig andere englische W�rter verschiedener L�nge zusammensetzen k�nne. Sophie hatte sich drei Tage lang mit einem englischen W�rterbuch hingesetzt und s�mtliche zweiundneunzig W�rter ausgeknobelt.</p><p>�Ich kann nicht begreifen, wie Ihr Gro�vater in den wenigen Minuten vor seinem Tod noch in der Lage gewesen ist, sich ein so raffiniertes Anagramm auszudenken�, sagte Langdon mit einem Blick auf den Computerausdruck.</p><p>Sophie wusste es sehr wohl, und der Gedanke war ihr erst recht peinlich. <emphasis>Dass du das nicht gesehen hast!</emphasis> Sie erinnerte sich daran, dass ihr Gro�vater, der Kunstkenner und Liebhaber von Wortspielen, sich als junger Mann zum Spa� Anagramme auf die Titel ber�hmter Kunstwerke ausgedacht hatte. Eines seiner Anagramme hatte ihn sogar in gewisse Schwierigkeiten gebracht. Beim Interview mit einer amerikanischen Kunstzeitschrift hatte er sein Missfallen an der modernen Kunstrichtung des Kubismus zum Ausdruck gebracht, indem er bemerkte, der Titel von Picassos Meisterwerk <emphasis>Les Demoiselles d'Avignon</emphasis> (Die M�dchen von Avignon) sei ein perfektes Anagramm von <emphasis>vile meaningless doodles</emphasis> (eitles nichtiges Gekritzel).</p><p>Die Picasso-Liebhaber waren alles andere als begeistert.</p><p>�Mein Gro�vater hat sich das Mona-Lisa-Anagramm vermutlich schon vor langer Zeit �berlegt�, meinte Sophie mit einem Seitenblick auf Langdon. <emphasis>Und heute Nacht war er gezwungen gewesen, es als improvisierten Code einzusetzen</emphasis>. Die Stimme ihres Gro�vaters hatte mit einer Klarheit aus dem Jenseits zu ihr her�bergerufen, die sie betroffen machte.</p><p><emphasis>Leonardo da Vinci!</emphasis></p><p><emphasis>Die Mona Lisa!</emphasis></p><p>Sophie hatte keine Ahnung, weshalb seine letzten Worte ein Verweis auf das ber�hmte Gem�lde waren, aber sie konnte sich nur einen Grund vorstellen. Einen beunruhigenden Grund.</p><p><emphasis>Es waren gar nicht seine letzten Worte.</emphasis></p><p>Wollte er sie zum ber�hmtesten Gem�lde der Welt schicken, der <emphasis>Mona Lisa</emphasis>? Hatte ihr Gro�vater dort eine Nachricht f�r sie hinterlassen? Es schien durchaus plausibel. Das Gem�lde hing in der <emphasis>Salle des �tats</emphasis>, einem abgeschlossenen Ausstellungsraum, der nur von der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> aus zug�nglich war. Sophie fiel ein, dass man die Leiche ihres Gro�vaters nur zwanzig Meter vom Saaleingang entfernt aufgefunden hatte.</p><p>Vor seinem Tod h�tte er ohne weiteres noch zur <emphasis>Mona Lisa</emphasis> gehen k�nnen.</p><p>Innerlich hin und her gerissen schaute Sophie das Nottreppenhaus hinauf. Sie wusste, dass sie Langdon unverz�glich aus dem Museum schaffen musste, doch eine innere Stimme forderte genau das Gegenteil. Wenn ihr Gro�vater ihr ein Geheimnis mitzuteilen hatte, konnte es kaum einen geeigneteren Ort daf�r gehen als Leonardo da Vincis <emphasis>Mona Lisa.</emphasis></p><p>Ihr erster Besuch beim ber�hmtesten Gem�lde der Welt kam Sophie in den Sinn. Sie war damals noch ein Kind gewesen �</p><empty-line/><p>�Nur noch ein kleines St�ck�, hatte ihr Gro�vater gefl�stert, als er Sophie an ihrer winzigen Hand nach Besuchsschluss durch das verlassene Museum gef�hrt hatte.</p><p>Sie war damals sechs Jahre alt gewesen. Der Blick hinauf zur gewaltigen Decke und hinunter auf das verwirrende Muster des Fu�bodens verlieh ihr das Gef�hl, klein und unbedeutend zu sein. Das verlassene Museum machte ihr Angst, doch ihr Gro�vater sollte nichts davon merken. Sophie setzte ein entschlossenes Gesicht auf und lie� seine Hand los.</p><p>�Gleich da vorn ist der Salle des �tats�, hatte Gro�vater ihr gesagt. Die Vorfreude war ihm anzusehen, doch Sophie wollte lieber nach Hause. Sie kannte die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> aus B�chern und konnte gar nicht verstehen, warum die Erwachsenen einen solchen Wirbel um das Gem�lde machten. Ihr gefiel es nicht einmal.</p><p>�<emphasis>C'est ennuyeux</emphasis>�, murrte sie.</p><p>�Wenn es dich langweilt, musst du sagen: �It's boring��, antwortete der Gro�vater. �Franz�sisch in der Schule und Englisch zu Hause.�</p><p>�Der Louvre ist aber nicht zu Hause�, hatte sie widersprochen.</p><p>Der Gro�vater hatte ein wenig m�de, aber geduldig gel�chelt. �Da hast du Recht. Dann lass uns nur zum Spa� Englisch sprechen.�</p><p>Sophie hatte eine Schnute gezogen, war aber brav weitermarschiert. Als sie den <emphasis>Salle des �tats</emphasis> betraten, huschte ihr suchender Blick durch den Raum und blieb an der Stelle ruhen, wo unverkennbar der Ehrenplatz war � die Mitte der rechten Wand, an der hinter einer Schutzscheibe aus Plexiglas ein einsames Portr�t hing. Der Gro�vater blieb an der Schwelle stehen und deutete auf das Gem�lde.</p><p>�Geh zu ihr, Sophie�, sagte er. �Nicht viele Leute haben die Ehre einer Privataudienz.�</p><p>Sophie schluckte ihren Widerwillen hinunter und n�herte sich tapfer dem Gem�lde. Nach allem, was sie von der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> geh�rt hatte, kam es ihr vor, als m�sste sie einer K�nigin Guten Tag sagen. Vor der sch�tzenden Plexiglasscheibe angekommen, hob sie erwartungsvoll den Blick und nahm alles in sich auf.</p><p>Sie wusste nicht genau, was sie eigentlich erwartet hatte, aber ganz bestimmt nicht, dass jegliches Gef�hl ausblieb. Kein pl�tzliches Erstaunen, keine Verwunderung, keine tiefe Ehrfurcht. Das ber�hmte Gesicht sah aus wie in den Bildb�nden. Eine Zeit lang, die Sophie wie eine Ewigkeit vorkam, hatte sie schweigend davor gestanden und darauf gewartet, dass etwas passierte.</p><p>�Was h�ltst du von ihr?�, hatte Gro�vater gefragt, der inzwischen hinter sie getreten war. �Ist sie nicht sch�n?�</p><p>�Sie ist zu klein.�</p><p>Sauni�re hatte gel�chelt. �Auch du bist klein und trotzdem sch�n.�</p><p><emphasis>Ich bin nicht sch�n!</emphasis> Sophie hasste ihre roten Haare und ihre Sommersprossen. Au�erdem war sie gr��er als die meisten Jungen in ihrer Klasse. Sie betrachtete wieder die <emphasis>Mona Lisa.</emphasis> �Sie sieht noch schlechter aus als in den B�chern. Ihr Gesicht ist irgendwie nebelig � �</p><p>�Auf Englisch hei�t das �foggy��, half ihr der Gro�vater.</p><p>��Foggy��, wiederholte sie, denn das Gespr�ch w�rde nicht weitergehen, bevor sie das neue Wort wiederholt hatte, um es sich einzupr�gen.</p><p>�Man nennt diese Art zu malen <emphasis>sfumato</emphasis>�, erkl�rte er. �Das bedeutet �foggy� auf Italienisch. Es ist sehr schwer, dieses weiche Halblicht zu malen. Leonardo da Vinci hat diese Technik besser beherrscht als jeder andere.�</p><p>Das Gem�lde hatte Sophie dennoch nicht gefallen. �Sie sieht aus, als w�rde sie etwas wissen � wie wenn Kinder an der Schule ein Geheimnis haben.�</p><p>Der Gro�vater lachte. �Das ist einer der Gr�nde, weshalb sie so ber�hmt ist. Die Leute w�ssten nur zu gern, wor�ber sie l�chelt.�</p><p>�Wei�t du, wor�ber sie l�chelt?�</p><p>Der Gro�vater hatte ihr zugezwinkert. �Vielleicht. Eines Tages werde ich dir alles erz�hlen.�</p><p>Sophie hatte mit dem Fu� aufgestampft. �Ich hab dir doch gesagt, dass ich Geheimnisse nicht mag!�</p><p>�Prinzessin, das Leben ist voll von Geheimnissen�, hatte der Gro�vater erwidert. �Du kannst nicht alle auf einmal erfahren.�</p><empty-line/><p>�Ich gehe wieder hinauf�, erkl�rte Sophie. Ihre Stimme hallte durchs Treppenhaus.</p><p>�Zur <emphasis>Mona Lisa</emphasis>?� Langdon machte ein erschrockenes Gesicht. �Jetzt?�</p><p>Sophie wog das Risiko ab. �Ich stehe ja nicht unter Mordverdacht. Ich lasse es darauf ankommen. Ich muss herausfinden, was Gro�vater mir mitzuteilen versucht hat.�</p><p>�Und was ist mit der amerikanischen Botschaft?�</p><p>Sophie bekam ein schlechtes Gewissen, Langdon jetzt im Stich lassen zu m�ssen, nachdem sie ihm zur Flucht vor dem Gesetz verholfen hatte, aber sie sah keine andere M�glichkeit. Sie deutete die Treppe hinunter auf eine Stahlt�r. �Gehen Sie durch diese T�r, und folgen Sie den beleuchteten Zeichen zum Ausgang. Mein Gro�vater hat mit mir immer diesen Weg nach drau�en genommen. Die Zeichen f�hren zu einem Drehgitter. Es �ffnet sich nach drau�en.� Sie hielt Langdon ihren Autoschl�ssel hin. �Mir geh�rt der rote Smart auf dem Angestelltenparkplatz. Er steht direkt vor der Schranke. K�nnen Sie den Weg zur amerikanischen Botschaft alleine finden?�</p><p>Langdon schaute auf den Schl�ssel in ihrer Hand und nickte.</p><p>�H�ren Sie�, sagte Sophie. Ihre Stimme war weicher geworden. �Ich glaube, mein Gro�vater hat mir bei der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> eine Nachricht hinterlassen � vielleicht einen Hinweis auf seinen M�rder oder weshalb ich in Gefahr schwebe.� <emphasis>Oder was mit meinen Angeh�rigen passiert ist</emphasis>. �Ich muss unbedingt hin und nachsehen.�</p><p>�Aber wenn er Ihnen mitteilen wollte, weshalb Sie in Gefahr sind, warum hat er es nicht einfach vor seinem Tod auf den Boden geschrieben? Wozu diese umst�ndlichen Wortspielereien?�</p><p>�Ich glaube, Gro�vater wollte nicht, dass jemand anders als ich erf�hrt, was er mir mitzuteilen hatte � nicht einmal die Polizei.�</p><p>Sauni�re hatte eindeutig alles getan, was in seiner Macht stand, um seiner Enkelin eine vertrauliche Mitteilung zukommen zu lassen. Er hatte einen Code benutzt, ihre geheimen Initialen verwendet und sie angewiesen, Robert Langdon zu suchen � eine kluge Anweisung, denn der amerikanische Symbolspezialist hatte den Code entziffert.</p><p>�Es mag seltsam klingen�, sagte Sophie, �aber ich habe das Gef�hl, mein Gro�vater m�chte, dass ich zur <emphasis>Mona Lisa</emphasis> gehe, bevor jemand anders dort auftaucht.�</p><p>�Ich komme mit.�</p><p>�Nein, auf keinen Fall! Wir wissen nicht, wie lange in der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> die Luft noch rein ist. Sie m�ssen hier raus.�</p><p>Langdon schien zu �berlegen, ob die Befriedigung seiner akademischen Neugier das Risiko wert war, Fache erneut in die H�nde zu fallen, oder ob er nicht besser seinem gesunden Menschenverstand folgen sollte.</p><p>�Gehen Sie jetzt.� Sophie l�chelte ihn dankbar an. �Ich sehe Sie dann in der Botschaft, Mr Langdon.�</p><p>Langdon blickte sie widerstrebend an. �Also gut, wir treffen uns dort, aber unter einer Bedingung�, sagte er mit fester Stimme.</p><p>Sophie sah ihn erstaunt an. �Und die w�re?�</p><p>�Dass Sie mich nicht mehr Mr Langdon nennen.�</p><p>Sophie sah den Anflug eines schelmischen L�chelns auf seinem Gesicht, und auch ihre Z�ge hellten sich ein wenig auf. �Viel Gl�ck, Robert.�</p><empty-line/><p>Am Fu� der Treppe stieg Langdon der unverkennbare Geruch von Lein�l und Gipsstaub in die Nase. Ein Leuchtpfeil mit der Aufschrift <emphasis>Sortie/Exit</emphasis> wies in einen langen Korridor.</p><p>Langdon machte sich auf den Weg.</p><p>Rechter Hand tat sich eine d�stere Restaurationswerkstatt auf, aus der ihm eine Heerschar von Skulpturen in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls entgegen starrte. Zur Linken befand sich eine Flucht von Ateliers, die den Unterrichtsr�umen f�r die Kunststudenten von Harvard �hnelten; darin waren Staffeleien, Gem�lde, Paletten, Werkzeug zum Rahmen der Bilder zu sehen � eine Art Flie�band zur Herstellung von Kunst.</p><p>Beim Weitergehen fragte er sich, ob er nicht im n�chsten Augenblick in seinem Bett in Cambridge aus dem Schlaf auffahren w�rde. Der ganze Abend erschien ihm wie ein wirrer Traum. <emphasis>Du bist im Begriff, aus dem Louvre zu verschwinden � du bist auf der Flucht</emphasis>.</p><p>Sauni�res raffinierte anagrammatische Botschaft besch�ftigte ihn immer noch. Er h�tte gern gewusst, was Sophie bei der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> finden w�rde � falls sie etwas fand. Sie war nicht davon abzubringen gewesen, dass ihr Gro�vater sie zu einem letztmaligen Besuch des ber�hmten Gem�ldes aufgefordert hatte. Vieles schien f�r die Richtigkeit ihrer Interpretation zu sprechen, doch Langdon gr�belte �ber einen beunruhigenden Widerspruch nach.</p><p><emphasis>P.S. Robert Langdon suchen.</emphasis></p><p>Sauni�re hatte Sophie aufgefordert, Robert Langdon zu suchen, dessen Namen er auf den Boden geschrieben hatte. Aber warum? Nur, damit Langdon seiner Enkelin helfen konnte, das Anagramm aufzul�sen?</p><p>War das nicht ein bisschen d�rftig?</p><p>Au�erdem hatte Sauni�re keinen Grund zu der Annahme, dass Langdon ein Spezialist f�r Anagramme sein konnte. <emphasis>Wir sind einander nie begegnet</emphasis>. Wichtiger noch, Sophie war es nachgerade peinlich gewesen, dass nicht ihr die L�sung des Anagramms gelungen war. Sie hatte auf Anhieb die Fibonacci-Folge erkannt und hatte das Anagramm �ber kurz oder lang auch ohne Langdons Hilfe geknackt.</p><p>Sophie sollte das Anagramm selbst entschl�sseln, Langdon war sich da ziemlich sicher � aber damit tat sich in Sauni�res Logik pl�tzlich eine erkl�rungsbed�rftige L�cke auf.</p><p><emphasis>Was hat er von dir gewollt</emphasis>?, fragte Langdon sich auf seinem Weg den Gang hinunter. <emphasis>Warum ist es Sauni�res letzter Wunsch gewesen, dass seine Enkelin, die ihn ablehnt, mich sucht? Was glaubt Sauni�re, das du wei�t</emphasis>?</p><p>Langdon blieb abrupt stehen. Mit aufgerissenen Augen stie� er die Hand in die Tasche und riss den Computerausdruck heraus.</p><p><emphasis>P S. Robert Langdon suchen.</emphasis></p><p>Sein Blick ruhte auf zwei Buchstaben.</p><p><emphasis>P.S.</emphasis></p><p>Mit einem Mal sah Langdon die L�sung. Alles, was Jacques Sauni�re heute Nacht getan hatte, ergab pl�tzlich Sinn.</p><p>Er fuhr herum und starrte in die Richtung, aus der er gekommen war.</p><p><emphasis>War es schon zu sp�t?</emphasis></p><p>Darauf kam es jetzt nicht mehr an.</p><p>Er rannte zum Treppenhaus zur�ck.</p></section><section><title><p><strong>22. KAPITEL</strong></p></title><p>Silas kniete in der ersten Bank. Er tat so, als w�rde er beten, in Wirklichkeit aber machte er sich mit der �rtlichkeit vertraut. Wie die meisten Kirchen besa� Saint-Sulpice den Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Dort, wo sich das lange Mittelschiff mit dem k�rzeren Querschiff kreuzte, in der Vierung, stand der Hauptaltar unter der Zentralkuppel � im heiligen und geheimnisvollen Herzen der Kirche.</p><p><emphasis>Aber heute Nacht ist es anders</emphasis>, dachte Silas. <emphasis>Saint-Sulpice verbirgt sein Geheimnis an anderer Stelle.</emphasis></p><p>Er drehte den Kopf nach rechts und schaute ins s�dliche Seitenschiff. Auf dem freien St�ck Fu�boden hinter den Bankreihen sah er jenen Gegenstand, den seine Opfer ihm genannt hatten.</p><p><emphasis>Da ist sie.</emphasis></p><p>Eingebettet in die grauen Granitplatten des Steinbodens schimmerte ein schmaler Messingstreifen wie ein goldener schr�ger Schmiss quer �ber den Boden des Gotteshauses. Auf der goldenen Linie waren wie auf einem Ma�stab in regelm��igen Abst�nden Markierungen angebracht. Es war ein Gnomon, hatte Silas erfahren, eine astronomische Vorrichtung aus heidnischer Zeit, einer Sonnenuhr nicht un�hnlich. Touristen, Historiker und Nichtchristen aus der ganzen Welt kamen nach Saint-Sulpice, um diese ber�hmte Linie zu betrachten.</p><p><emphasis>Die Rosenlinie.</emphasis></p><p>Langsam lie� Silas seinen Blick den Messingstreifen entlanggleiten, der von rechts kommend in einem willk�rlich erscheinenden Winkel unter Missachtung jeglicher Symmetrie schr�g vor ihm vorbei den Kirchenbau durchschnitt und sogar den Hauptaltar nicht verschonte. Die Linie erschien Silas wie ein Floretthieb, der quer �ber ein sch�nes Gesicht f�hrte. Sie teilte die Kommunionbank, bevor sie �ber die gesamte Breite der Kirche bis in die Ecke des n�rdlichen Seitenschiffs weiterlief, wo sie an das Fundament eines h�chst seltsamen Gegenstandes stie�.</p><p>Eines gewaltigen �gyptischen Obelisken.</p><p>An dieser Stelle knickte die gl�nzende Rosenlinie im Winkel von neunzig Grad scharf nach oben ab und f�hrte den Obelisken hinauf, bis sie in knapp elf Meter H�he an der Spitze des pyramidenf�rmigen Aufsatzes endete.</p><p><emphasis>Die Rosenlinie</emphasis>, dachte Silas. <emphasis>Die Bruderschaft hat den Stein an der Rosenlinie versteckt.</emphasis></p><p>Als Silas am fr�heren Abend dem Lehrer berichtet hatte, der Stein sei im Innern von Saint-Sulpice verborgen, hatte der Lehrer skeptisch reagiert. Als Silas jedoch hinzuf�gte, dass alle vier Angeh�rigen der Bruderschaft einen pr�zisen Ort genannt hatten, der durch einen quer durch Saint-Sulpice verlaufenden Messingstreifen definiert sei, hatte der Lehrer erleichtert aufgeatmet. �Ach, der Obelisk auf der Rosenlinie!�</p><p>Der Lehrer hatte Silas kurz �ber die ber�hmte architektonische Besonderheit von Saint-Sulpice instruiert � die Messingleiste, die in pr�ziser Nord-S�d-Ausrichtung das Kirchengeb�ude durchschnitt. Es handelte sich um eine Art altert�mlicher Sonnenuhr, eine Erinnerung an den heidnischen Tempel, der in Vorzeiten an genau der gleichen Stelle gestanden hatte. Das durch den Oculus in der S�dwand einfallende Sonnenlicht wanderte von Tag zu Tag weiter den Stab entlang und markierte den Verlauf der Zeit zwischen den Sonnenwenden.</p><p>Diese Nord-S�d-Linie wurde Rosenlinie genannt. Seit Jahrhunderten diente das Symbol der Rose als Orientierungshilfe in der Kartographie. Die fast auf jeder Landkarte anzutreffende Kompassrose markierte die vier Himmelsrichtungen Nord, Ost, S�d und West. Auch Windrose genannt, bezeichnete sie durch Unterteilung in Halbe, Viertel, Achtel, Sechzehntel und Zweiunddrei�igstel die zweiunddrei�ig Windrichtungen. Auf den Kreis eines Kompasses aufgetragen und diagonal miteinander verbunden, gleichen diese zweiunddrei�ig Punkte dem Bild einer voll erbl�hten Rose mit ihren zweiunddrei�ig Bl�tenbl�ttern. Bis zum heutigen Tag ist die so genannte Kompassrose ein unverzichtbarer Bestandteil des wichtigsten Navigationsinstruments, wobei die Nordrichtung besonders markiert ist � durch einen Pfeil und h�ufig auch durch das Symbol der Lilie.</p><p>Auf der Erdkugel stellt die imagin�re Rosenlinie � auch Meridian oder L�ngengrad genannt � die k�rzeste Verbindung zwischen dem Nord- und S�dpol dar. Es gibt nat�rlich eine unendliche Zahl von Rosenlinien, da eine Verbindungslinie der beiden Pole durch jeden beliebigen Ort der Erdkugel gezogen werden kann. F�r die fr�hen Seefahrer erhob sich daher die Frage, welche dieser Linien die Rosenlinie ist � der Nullmeridian, von dem aus alle anderen Meridiane oder L�ngengrade der Erde durchzunummerieren sind.</p><p>Heute verl�uft dieser Nullmeridian durch die Sternwarte von Greenwich in England.</p><p>Aber so war es nicht immer.</p><p>Lange bevor man �bereinkam, den Nullmeridian durch Greenwich zu legen, verlief diese imagin�re Nulllinie durch Paris � mitten durch die Kirche Saint-Sulpice, wo die in den Boden eingelassene Messingleiste zur Erinnerung an den urspr�nglichen Nullmeridian bis zum heutigen Tage sichtbar ist, auch wenn Paris im Jahr 1888 die Ehre des Nullmeridians an Greenwich abgegeben hat.</p><p>�Dann stimmt die Legende also�, hatte der Lehrer zu Silas gesagt. �Es hei�t n�mlich, der Schlussstein der Bruderschaft liege �unter dem Zeichen der Rose�.�</p><p>Silas kniete immer noch in der Bank. Er sah sich lauschend in der Kirche um. War er allein? Einen Moment lang glaubte er, er h�tte etwas auf der Orgelempore rascheln geh�rt. Er drehte sich um und sp�hte ein paar Sekunden hinauf. Nichts.</p><p><emphasis>Du bist allein.</emphasis></p><p>Er erhob sich. Vor dem Altar beugte er dreimal das Knie. Dann wandte er sich nach links und folgte der Messingleiste nordw�rts zum Obelisken.</p><empty-line/><p>Im gleichen Augenblick fuhr Bischof Aringarosa aus dem Schlaf. Das Rumpeln des Fahrwerks seiner Maschine, die auf der Landebahn des Flughafens Leonardo da Vinci in Rom aufsetzte, hatte ihn geweckt.</p><p><emphasis>Du bist tats�chlich einged�st</emphasis>, dachte er und klopfte sich innerlich auf die Schulter, dass er kaltbl�tig genug war, in dieser Situation zu schlafen.</p><p>�<emphasis>Benvenuto a Roma</emphasis>�, t�nte es aus dem Bordlautsprecher.</p><p>Aringarosa setzte sich auf, zog die schwarze Soutane zurecht und erlaubte sich ein L�cheln, was selten genug geschah. Das war eine Reise, die er gern unternommen hatte. <emphasis>Du bist zu lange in der Defensive gewesen.</emphasis> Heute Nacht jedoch hatte das Blatt sich gewendet. Noch vor f�nf Monaten hatte Aringarosa um die Zukunft des Glaubens gebangt, nun aber hatte sich gleichsam durch eine g�ttliche Intervention die L�sung von selbst angeboten.</p><p><emphasis>Eine g�ttliche Intervention.</emphasis></p><p>Wenn in Paris heute Nacht alles gut ging, war Aringarosa bald im Besitz von etwas, das ihn zum m�chtigsten Mann der Christenheit machte.</p></section><section><title><p><strong>23. KAPITEL</strong></p></title><p>Atemlos erreichte Sophie die gro�en h�lzernen T�rfl�gel des <emphasis>Salle des �tats</emphasis>, jenes Ausstellungsraums, der die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> beherbergte. Bevor sie eintrat, schaute sie den Gang hinunter zu der ungef�hr zwanzig Meter entfernten Stelle, an der die Leiche ihres Gro�vaters immer noch im Lichtkegel des mobilen Scheinwerfers lag.</p><p>J�h und unvermutet machte sich ein machtvolles Gef�hl der Reue in ihr breit, eine tiefe, von Schuldgef�hlen durchsetzte Traurigkeit. Dieser Mann hatte sich in den vergangenen zehn Jahren sehr oft bem�ht, die Kluft zu ihr zu �berbr�cken, doch Sophie war unerbittlich geblieben. Sie hatte seine Briefe und P�ckchen unge�ffnet in einer Schublade verschwinden lassen und alle seine Versuch, sie zu sehen, abgeblockt<emphasis>. Er hat dich belogen! Hat scheu�liche Geheimnisse geh�tet! Was h�ttest du denn tun sollen!</emphasis></p><p>Jetzt war er tot und sprach aus dem Jenseits zu ihr.</p><p>Die <emphasis>Mona Lisa</emphasis>.</p><p>Sophie lie� die hohen T�rfl�gel aufschwingen. Einen Moment blieb sie auf der Schwelle stehen und verschaffte sich einen �berblick �ber die Weite des dahinter liegenden rechteckigen Saales. Auch er war in weiches rotes Licht getaucht. Der <emphasis>Salle des �tats</emphasis> war einer der wenigen R�ume des Museums ohne Durchgang � eine Sackgasse und gleichseitig der einzige Raum, der von der Mitte der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> abzweigte. Gegen�ber der Fl�gelt�r, dem einzigen Zugang zu diesem Saal, hing ein viereinhalb Meter breites, alles beherrschendes Gem�lde von Sandro Botticelli. Auf der riesigen achteckigen Polsterbank in der Mitte des Saals pflegten Tausende erm�deter Besucher die willkommene Gelegenheit zu nutzen, bei der Betrachtung des ber�hmtesten Kunstwerks im Louvre ein wenig die Beine auszustrecken.</p><p>Sophie bemerkte, dass ihr etwas fehlte. Ein UV-Strahler. Sie schaute den Gang hinunter, wo ihr Gro�vater im Scheinwerferlicht lag, von allerlei elektronischen Ger�tschaften umgeben. Wenn er irgendwo hier im <emphasis>Salle des �tats</emphasis> etwas aufgeschrieben hatte, dann bestimmt mit dem Spezial-Marker.</p><p>Sophie holte tief Luft und lief zu dem gut ausgeleuchteten Tatort. Sie brachte es nicht �ber sich, die Leiche ihres Gro�vaters anzusehen, und konzentrierte sich ausschlie�lich auf das Tischchen mit den Ger�ten zur Spurensicherung, wo sie einen UV-Strahler von der Gr��e eines dicken F�llfederhalters entdeckte. Mit dem Leucht-Pen in der Tasche eilte sie den Gang zur�ck zu den offen stehenden T�ren des <emphasis>Salle des �tats</emphasis>.</p><p>Sie wollte gerade �ber die Schwelle treten, als sie eilige Schritte h�rte, die rasch n�her kamen. Eine geisterhafte Gestalt tauchte aus dem r�tlichen Zwielicht auf. Sophie wich entsetzt zur�ck.</p><p>�Da sind Sie ja�, sagte Langdon fl�sternd in die Stille und blieb vor ihr stehen.</p><p>Sophies Erleichterung w�hrte nur kurz. �Robert, Sie m�ssen schleunigst von hier verschwinden! Wenn Fache � �</p><p>�Wo waren Sie denn?�</p><p>�Ich habe mir einen UV-Strahler besorgt�, fl�sterte sie und hielt den Leucht-Pen hoch. �Wenn mein Gro�vater eine Botschaft f�r mich � �</p><p>�Sophie, h�ren Sie zu�, fiel Langdon ihr ins Wort. Der Blick seiner blauen Augen hielt sie fest, w�hrend er allm�hlich wieder zu Atem kam. �Die Buchstaben P.S. � sagen sie Ihnen irgendetwas?�</p><p>Aus Furcht, ihre Stimmen k�nnten den ganzen Gang hinunter zu h�ren sein, schob Sophie Robert in den <emphasis>Salle des �tats</emphasis> und schloss leise die riesige Fl�gelt�r. �Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass das meine Initialen f�r �Prinzessin Sophie� sind.�</p><p>�Ich wei�, aber haben Sie die Buchstaben schon mal woanders gesehen? Hat Ihr Gro�vater sie jemals in einem, anderen Zusammenhang benutzt, nicht nur als Initialen f�r Sie? Als Monogramm vielleicht oder zur Zeichnung von Briefen oder pers�nlichen Gegenst�nden?�</p><p>Sophie war verbl�fft. <emphasis>Woher konnte Robert das wissen?</emphasis> Sophie hatte die Initialen P.S. in der Tat schon einmal gesehen, als eine Art Monogramm. Es war am Tag vor ihrem neunten Geburtstag gewesen. Damals hatte sie heimlich im Haus herumgest�bert und ihr Geburtstagsgeschenk gesucht. Schon damals konnte sie Geheimniskr�merei nicht ertragen. <emphasis>Was hat Grand-p�re dieses Jahr f�r dich</emphasis>? Sie hatte Schr�nke und Schubladen durchw�hlt. <emphasis>Hat er mir die Puppe gekauft, die ich so gern haben mochte? Wo kann er sie versteckt haben?</emphasis></p><p>Nachdem Sophie im ganzen Haus nichts gefunden hatte, nahm sie all ihren Mut zusammen und stahl sich in Gro�vaters Schlafzimmer. Das Zimmer war f�r sie absolut tabu, aber der Gro�vater lag unten auf der Couch und hielt ein Nickerchen.</p><p><emphasis>Und du willst dich ja nur mal schnell umsehen!</emphasis></p><p>Auf Zehenspitzen schlich sie �ber den knarrenden Dielenboden zu seinem Kleiderschrank und schaute nach, ob hinter den Kleidungsst�cken irgendetwas in den F�chern lag. Nichts. Sie schaute unter sein Bett. Wieder nichts. Dann nahm sie sich den Schreibtisch vor, Fach f�r Fach. <emphasis>Hier muss doch etwas f�r dich versteckt sein!</emphasis> Bei der vorletzten Schublade hatte sie noch immer nichts entdeckt, das nach einer Puppe aussah. Entt�uscht zog sie die letzte Lade auf. Schwarze Kleidungsst�cke lagen darin, die sie noch nie an ihrem Gro�vater gesehen hatte. Sie wollte die Schublade schon wieder zuschieben, als hinten im Fach etwas gl�nzte. Es sah ein bisschen wie eine Uhrkette aus, aber Gro�vater trug so etwas doch nicht. Ihr Herz tat einen Sprung, als ihr klar wurde, was es war.</p><p><emphasis>Ein Halsband!</emphasis></p><p>Vorsichtig zog sie die Kette heraus. Zu ihrer �berraschung hing ein gl�nzender goldener Schl�ssel daran. Schwer und sorgf�ltig poliert. Fasziniert hielt sie ihn hoch. Einen Schl�ssel wie diesen hatte sie noch nie gesehen. Meistens waren Schl�ssel flach und hatten einen zackigen Bart, aber dieser hier hatte einen dreieckigen Schaft mit vielen kleinen Vertiefungen. Der Griff war ein gro�es goldenes Kreuz, aber kein normales Kreuz, sondern eines mit gleich langen Balken, wie ein Pluszeichen. In die Mitte des Kreuzes war ein merkw�rdiges Symbol graviert � zwei ineinander verschlungene Buchstaben in einem Rankenmuster.</p><p>Sie zog die Stirn kraus, als sie die Buchstaben las. �P.S.�, fl�sterte sie. <emphasis>Was hat das zu bedeuten</emphasis>?</p><p>�Sophie?�, erklang die Stimme ihres Gro�vaters von der T�r.</p><p>Erschrocken fuhr sie herum. Der Schl�ssel rutschte ihr aus der Hand und fiel klimpernd zu Boden. Betroffen starrte Sophie darauf, um nicht dem Gro�vater in die Augen sehen zu m�ssen. �Ich � ich habe mein Geburtstagsgeschenk gesucht�, sagte sie kl�glich und lie� schuldbewusst den Kopf hangen.</p><p>Der Gro�vater schien eine Ewigkeit wortlos in der T�r zu stehen. Endlich seufzte er bek�mmert. �Heb den Schl�ssel auf, Kind.�</p><p>Sophie tat wie gehei�en.</p><p>Gro�vater trat ins Zimmer. �Sophie, du musst lernen, die Privatsph�re anderer Leute zu respektieren.� Er kniete sich vertrauensvoll zu ihr und nahm den Schl�ssel an sich. �Das ist ein ganz besonderer Schl�ssel. Du h�ttest ihn verlieren k�nnen � �</p><p>Der ruhige Tonfall ihres Gro�vaters machte Sophies schlechtes Gewissen nur noch qu�lender. �Es tut mir Leid, Grand-p�re, ich sch�me mich so sehr.� Sie hielt inne. �Ich dachte, es w�re eine Halskette f�r mich zum Geburtstag.�</p><p>Der Gro�vater sah sie ein paar Sekunden an. �Sophie, ich sage es dir noch einmal, denn es ist sehr wichtig. Du musst dir mehr Respekt vor der Privatsph�re anderer Menschen angew�hnen.�</p><p>�Ja, Grand-p�re.�</p><p>�Wir werden uns ein andermal dar�ber unterhalten. Im Moment ist es wichtiger, dass du in unserem Garten das Unkraut j�test.�</p><p>Sophie lief hinaus, um ihren G�rtnerinnenpflichten nachzukommen.</p><p>Am n�chsten Morgen bekam Sophie kein Geburtstagsgeschenk. Sie hatte auch keines erwartet, aber der Gro�vater hatte ihr den ganzen Tag lang nicht einmal gratuliert. Betr�bt war sie an diesem Abend die Treppe hinaufgegangen, hatte ihr Schlafzimmer betreten � und da, auf dem Kopfkissen lag etwas! Eine Karte mit einem R�tsel darauf. Sie hatte das R�tsel noch nicht gel�st, da l�chelte sie schon. <emphasis>Ich wei�, was das ist</emphasis>! Der Gro�vater hatte so etwas in den vergangenen Weihnachtstagen schon einmal gemacht. <emphasis>Das ist eine Schatzsuche.</emphasis></p><p>Mir gl�henden Wangen br�tete Sophie �ber dem R�tsel, bis sie es gel�st hatte. Die L�sung verwies auf einen anderen Ort im Haus, wo die n�chste Karte mit einem R�tsel auf sie wartete. Nachdem sie auch das gel�st hatte, ging es weiter zur n�chsten Station. Sie eilte von einem Hinweis zum anderen durchs ganze Haus, bis sie zuletzt wieder in ihr eigenes Zimmer dirigiert wurde. Sie flitzte die Treppe hinauf, st�rmte in ihr Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen. Mitten im Zimmer stand ein chromblitzendes rotes Fahrrad mit einer Schleife am Lenker. Sophie hatte vor Entz�cken lauthals gejubelt.</p><p>�Ich wei�, dass du dir eine Puppe gew�nscht hast�, sagte der Gro�vater, der l�chelnd in der Ecke stand, �aber ich glaube, das Fahrrad gef�llt dir noch besser.�</p><p>Am n�chsten Tag, als er ihr das Radfahren beibrachte, war er neben ihr her die Einfahrt hinuntergelaufen. Als Sophie auf den Rasen geriet und im dichten Gras das Gleichgewicht verlor, waren sie lachend �bereinander auf die Wiese gekugelt.</p><p>�Grand-p�re�, sagte Sophie und umarmte ihn, �das mit dem Schl�ssel tut mir Leid!�</p><p>�Ich wei�, meine Kleine, aber das ist schon vergeben. Ich kann dir einfach nicht b�se sein. Gro�v�ter und Enkelinnen sind sich immer gut.�</p><p>Sophie wusste, dass es nicht angebracht war, aber sie konnte sich die Frage nicht verkneifen. �Gro�vater, ich habe einen so sch�nen Schl�ssel noch nie gesehen. Was macht man denn damit auf?�</p><p>Der Gro�vater schwieg eine ganze Weile. Sophie merkte, dass er um die Antwort verlegen war. Gro�papa l�gt nie. �Das ist der Schl�ssel f�r eine Kiste, in der ich geheime Sachen h�te�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Ich kann geheime Sachen nicht leiden�, schmollte Sophie.</p><p>�Ich wei�, mein Schatz, aber diese geheimen Sachen sind sehr wichtig. Eines Tages werden sie dir genauso am Herzen liegen wie mir.�</p><p>�Ich hab die Buchstaben auf dem Schl�ssel gesehen. Und eine Blume.�</p><p>�Ja, das ist meine Lieblingsblume. Auf Franz�sisch hei�t sie <emphasis>fleur-de-lis</emphasis>. Sie w�chst bei uns im Garten. Es sind die Lilien.�</p><p>�Die kenne ich! Das sind auch meine Lieblingsblumen!�</p><p>�Dann lass uns ein Gesch�ft miteinander machen.� Der Gro�vater hob die Brauen, wie er es immer tat, wenn er sie herausfordern wollte. �Wenn du nie wieder �ber den Schl�ssel sprichst, weder mit mir noch mit jemand anderem, werde ich dir den Schl�ssel eines Tages schenken.�</p><p>Sophie konnte es kaum glauben. �Wirklich?�</p><p>�Versprochen. Wenn die Zeit gekommen ist, geh�rt der Schl�ssel dir. Es steht ja dein Name drauf.�</p><p>Sophie runzelte die Stirn. �Nein, der steht da nicht. Da steht P.S. drauf, aber das sind nicht meine Anfangsbuchstaben.�</p><p>Der Gro�vater blickte sich um, als wolle er sich vergewissern, dass niemand lauschte. �Also gut�, fl�sterte er dann, �wenn du darauf bestehst, Sophie � P.S. ist ein Geheimcode f�r deine Initialen.�</p><p>Sophie riss die Augen auf. �Ich habe geheime Initialen?�</p><p>�Nat�rlich. Enkelt�chter haben immer geheime Initialen, die nur ihre Gro�papas kennen.�</p><p>�Und was hei�t P.S.?�</p><p>Der Gro�vater kitzelte sie. �<emphasis>Prinzessin Sophie</emphasis>.�</p><p>�Ich bin aber keine Prinzessin�, kicherte sie.</p><p>Er zwinkerte ihr zu. �F�r mich schon.�</p><p>Von diesem Tag an hatten sie beide den Schl�ssel nie wieder erw�hnt. Und sie war Prinzessin Sophie geworden.</p><empty-line/><p>Sophie stand stumm im Sofie des Etats. Das Gef�hl des Verlusts nagte in ihrem Innern.</p><p>�Die Initialen�, fl�sterte Langdon mit einem merkw�rdigen Blick. �Haben Sie die schon mal gesehen?�</p><p>Sophie h�rte die Stimme ihres Gro�vaters fl�sternd durch die Flure des Museums hallen. <emphasis>Sprich nie weder �ber diesen Schl�ssel, weder mit mir noch mit jemand anderem</emphasis>. Sophie wusste, dass es falsch gewesen war, ihrem Gro�vater nicht zu verzeihen. Durfte sie sein Vertrauen ein zweites Mal entt�uschen? <emphasis>P.S. Robert Langdon suchen</emphasis>. Ihr Gro�vater wollte doch, dass Langdon ihr half.</p><p>�Ja, ich habe die Initialen schon einmal gesehen�, sagte sie und nickte. �Ich war damals noch sehr klein.�</p><p>�Und wo?�</p><p>Sophie z�gerte. �Auf � etwas, das meinem Gro�vater sehr viel bedeutet hat.�</p><p>Langdon sah ihr eindringlich in die Augen. �Sophie, das ist jetzt sehr wichtig. Waren die Initialen irgendwie mit einem Symbol verbunden? Einem Liliensymbol vielleicht?�</p><p>Sophie trat vor Erstaunen einen Schritt zur�ck. �Aber � wie k�nnen Sie das wissen?�</p><p>�Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihr Gro�vater einer Geheimgesellschaft angeh�rte. Einem sehr alten geheimen Orden.�</p><p>Sophie sp�rte einen Knoten im Magen. Seit zehn Jahren versuchte sie einen Zwischenfall aus dem Ged�chtnis zu verbannen, der diese erschreckende Vermutung zur Gewissheit gemacht hatte. Damals war sie Zeugin von etwas Unvorstellbarem geworden. <emphasis>Etwas Unverzeichlichem</emphasis>.</p><p>�Die Lilie in Verbindung mit den Buchstaben P und S ist das offizielle Abzeichen dieser Bruderschaft. Ihr Wappen sozusagen�, sagte Langdon.</p><p>�Woher wissen Sie das?�, fragte Sophie und sandte ein Sto�gebet gen Himmel, Langdon m�ge ihr jetzt nicht erz�hlen, er selbst sei Mitglied dieser Bruderschaft.</p><p>�Ich habe Artikel �ber diese Organisation geschrieben�, sagte Langdon. Seine Stimme bebte vor Aufregung. �Die Erforschung der Symbole von Geheimgesellschaften ist eines meiner Fachgebiete. Sie nennen sich die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> � die Bruderschaft von Sion. Sie haben ihren Sitz hier in Frankreich. Ihre Mitgliedschaft besteht aus einflussreichen Personen aus ganz Europa. Sie sind einer der �ltesten bis heute existierenden Geheimb�nde der Welt.�</p><p>Sophie hatte noch nie von dieser Vereinigung geh�rt.</p><p>Langdon sprach jetzt schneller. �Einige der bedeutendsten Pers�nlichkeiten der Geschichte haben diesem Geheimorden angeh�rt, M�nner wie Sandro Botticelli, Sir Isaac Newton, Victor Hugo � und Leonardo da Vinci�, setzte er mit dem Eifer des Gelehrten hinzu.</p><p>Sophie schaute ihn ungl�ubig an. �Da Vinci war Mitglied einer Geheimgesellschaft?�</p><p>�Leonardo da Vinci hatte von 1510 bis 1519 das Amt des Gro�meisters der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> inne. Daher mag auch die Begeisterung Ihres Gro�vaters f�r die Werke Leonardos herr�hren. Die beiden M�nner verkn�pft ein geschichtlich gewachsenes, br�derliches Band. Das passt auch perfekt zu ihrer Begeisterung f�r die Darstellung g�ttlicher Weiblichkeit, das Heidentum, weibliche Gottheiten und zu ihrer Geringsch�tzung der katholischen Kirche. Die Geschichte der Verehrung des Weiblichen durch die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> ist sehr gut dokumentiert.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen, dass dieser Geheimbund heidnischen Fruchtbarkeitskulten huldigt?�</p><p>�Dem heidnischen Fruchtbarkeitskult. Aber, und das ist noch bedeutsamer, sie gelten als die Bewahrer eines uralten Geheimnisses, das ihnen unermessliche Macht verschafft hat.�</p><p>In Langdons Augen war unersch�tterliche �berzeugung abzulesen. Sophie blieb eher skeptisch. <emphasis>Ein heidnischer Geheimkult, und Leonardo da Vinci soll einst der Ordensgeneral gewesen sein?</emphasis> Wenn sich das nicht absurd und abwegig anh�rte! Doch sosehr sie sich auch dagegen str�ubte, ihre Erinnerung schweifte zehn Jahre in die Vergangenheit zu jener Nacht, in der sie ungewollt ihren Gro�vater bei etwas ertappt hatte, das sie immer noch nicht akzeptieren konnte. <emphasis>W�re das vielleicht die Erkl�rung</emphasis> �?</p><p>�Die Identit�t der heutigen Mitglieder der Bruderschaft unterliegt strengster Geheimhaltung�, sagte Langdon. �Aber das Liliensymbol, das Sie als Kind gesehen haben, ist der Beweis. Es kann sich nur auf die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> beziehen.�</p><p>Sophie begriff, dass Langdon weit mehr �ber ihren Gro�vater wusste, als sie sich bisher vorgestellt hatte. Dieser Amerikaner hatte ihr offenkundig noch vieles mitzuteilen, aber ebenso offenkundig war dies weder die Zeit noch der Ort daf�r. �Robert, ich kann nicht zulassen, dass Sie gefasst werden�, sagte Sophie eindringlich. �Sie m�ssen sofort verschwinden! Wir k�nnen uns sp�ter ausf�hrlich unterhalten.�</p><empty-line/><p>Langdon h�rte Sophie wie von ferne. Flucht kam f�r ihn nicht in Frage. Er war bereits woanders, an einem Ort, wo uralte Geheimnisse aus dem Reich der Schatten an die Oberfl�che durchzubrechen suchten.</p><p>Wie in Zeitlupe wandte er den Kopf und betrachtete im r�tlichen Zwielicht die <emphasis>Mona Lisa</emphasis>.</p><p><emphasis>Die fleur-de-lis</emphasis> � <emphasis>die Blume der Lisa � die Mona Lisa</emphasis>.</p><p>Alles stand in einem Zusammenhang. Es war eine lautlose Symphonie, in der die tiefsten Geheimnisse der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> und Leonardo da Vincis zusammen erklangen.</p><empty-line/><p>Ein paar Kilometer weiter blickte der Fahrer eines Sattelschleppers fassungslos in den Lauf einer vorgehaltenen Pistole. Dann h�rte er den Capitaine der Staatspolizei einen gutturalen Schrei aussto�en und sah ihn wutentbrannt ein St�ck Seife in die tr�ben Fluten der Seine schleudern.</p></section><section><title><p><strong>24. KAPITEL</strong></p></title><p>Silas betrachtete den langen massiven Schaft des Obelisken in Saint-Sulpice. Seine Nerven waren aufs �u�erste gespannt. Noch einmal vergewisserte er sich, ob er tats�chlich allein war. Dann kniete er vor dem Sockel des Obelisken nieder � nicht aus Fr�mmigkeit, sondern weil es unumg�nglich war.</p><p><emphasis>Der Schlussstein ist unter der Rosenlinie versteckt.</emphasis></p><p><emphasis>Am Sockel des Obelisken in Saint-Sulpice.</emphasis></p><p>Alle vier Br�der hatten es �bereinstimmend gesagt. Auf den Knien liegend lie� Silas die Hand �ber die Platten des Steinbodens gleiten. Nirgendwo fand sich eine Ritze oder eine Markierung, die auf eine herausnehmbare Platte hingedeutet h�tte. Silas begann, an der Messingschiene entlang die Platten abzuklopfen. Ganz nahe am Obelisken klang es pl�tzlich merkw�rdig hohl.</p><p><emphasis>Ein Hohlraum unter den Bodenplatten!</emphasis></p><p>Silas l�chelte. Seine Opfer hatten ihn nicht belogen. Er stand auf. Sein Blick suchte den geweihten Kirchenraum nach etwas ab, womit er der Steinplatte zu Leibe r�cken konnte.</p><empty-line/><p>Hoch oben auf der Empore unterdr�ckte Schwester Sandrine einen entsetzten Aufschrei. Ihre schlimmsten Bef�rchtungen hatten sich bewahrheitet. Der mysteri�se M�nch vom Opus Dei hatte Saint-Sulpice zu einem ganz bestimmten Zweck aufgesucht.</p><p>Zu einem geheimen Zweck.</p><p><emphasis>Du bist nicht die Einzige, die ein Geheimnis mit sich tr�gt,</emphasis> dachte sie.</p><p>Schwester Sandrine Bieil war nicht nur die Verweserin der Kirche. Sie war auch eine W�chterin. Und in dieser Nacht war das uralte R�derwerk in Gang gekommen. Das Eintreffen dieses Fremden am Fundament des Obelisken war ein Signal f�r die Bruderschaft.</p><p><emphasis>Ein lautloses Alarmsignal.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>25. KAPITEL</strong></p></title><p>Die amerikanische Botschaft in Paris ist ein kompakter Geb�udekomplex an der Avenue Gabriel, die eine n�rdliche Parallele zum unteren Ende der Champs-Elysees bildet. Das weit �ber einen Hektar gro�e Gel�nde gilt als amerikanisches Hoheitsgebiet, was bedeutet, dass jede Person im Augenblick des Betretens den Gesetzen and Schutzvorschriften der Vereinigten Staaten von Amerika unterliegt.</p><p>Die Dame von der Nachtschicht in der Telefonzentrale war ins Time Magazine vertieft, als das Telefon sie aus ihrer Lekt�re klingelte.</p><p>�Botschaft der Vereinigten Staaten�, meldete sie sich.</p><p>�Guten Abend�, sagte eine Stimme. Der Anrufer sprach Englisch mit franz�sischem Akzent. �Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?� Ungeachtet der h�flichen Floskel hatte der Mann einen harschen offiziellen Tonfall angeschlagen. �Man hat mit gesagt, in Ihrem automatischen Mailboxsystem bef�nde sich eine telefonische Nachricht f�r mich. Mein Name ist Langdon. Leider habe ich die drei Ziffern meines Zugriffscodes vergessen. Ich w�re Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir helfen k�nnten.�</p><p>Die Dame von der Vermittlung war irritiert. �Mein Herr, es tut mir Leid, aber Ihre Nachricht ist wohl offenbar schon ziemlich alt. Aus Sicherheitsgr�nden haben wir unser Mailboxsystem vor zwei Jahren abgeschafft. Au�erdem bestand unser Zugriffscode aus f�nf Ziffern. Wer hat Ihnen denn gesagt, dass bei uns eine Nachricht f�r Sie vorliegt?�</p><p>�Sie haben kein automatisches Mailboxsystem?�</p><p>�Nein. Wenn eine Nachricht f�r Sie vorliegt, dann handschriftlich in unserer Serviceabteilung. Wie war bitte Ihr Name?�</p><p>Doch der Anrufer hatte bereits eingeh�ngt.</p><empty-line/><p>Bezu Fache ging unruhig am Seineufer auf und ab. Er war sicher, Langdon eine Nummer im Ortsnetz von Paris und dann einen dreistelligen Code w�hlen gesehen zu haben, worauf er eine Nachricht abgeh�rt harte. Aber wenn Langdon nicht die Botschaft angerufen hat, wen dann?</p><p>Fache betrachtete sein Handy. Die Antwort lag in seiner Hand! <emphasis>Hatte Langdon nicht mit diesem Handy telefoniert</emphasis>?</p><p>Auf dem Display rief er aus dem Speicher die zuletzt gew�hlten Nummern auf. Rasch hatte er die von Langdon gew�hlte Nummer identifiziert.</p><p>Ein Pariser Anschluss, gefolgt von einem Code aus den drei Ziffern 454.</p><p>Fache w�hlte die Nummer. Es klingelte ein paar Mal. Schlie�lich meldete sich eine Frauenstimme. <emphasis>Bonjour, vous �tes bien chez Sophie Neveu</emphasis>, meldete sich ein Anrufbeantworter. <emphasis>Je suis absente pour le moment, mais</emphasis> �</p><p>Faches Blut kochte. <emphasis>Klar, dass dieses Weibsst�ck im Moment nicht da ist!</emphasis> W�tend hieb er die Zahlen 4-5-4 ins Tastenfeld.</p></section><section><title><p><strong>26. KAPITEL</strong></p></title><p>Ungeachtet ihres legend�ren Rufes ma� Leonardos <emphasis>Mona Lisa</emphasis> lediglich siebenundsiebzig mal dreiundf�nfzig Zentimeter � sogar die im Museumsshop erh�ltlichen Drucke waren gr��er. Hinter einer f�nf Zentimeter dicken Schutzscheibe aus Plexiglas hing das auf Pappelholz gemalte Portr�t an der Nordostwand des <emphasis>Salle des �tats</emphasis>. Es verdankte seine �therische, eigenartig rauchige und weiche Atmosph�re Leonardo da Vincis meisterhaft gehandhabter <emphasis>Sfumato</emphasis>-Technik, bei der die Formen und Farben ineinander zu verschmelzen scheinen.</p><p>In der Zeit, in der sich die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> � oder <emphasis>La Joconde</emphasis>, wie die Franzosen sagen � im Louvre befand, war das Gem�lde zweimal gestohlen worden, das letzte Mal im Jahr 1911. Als sie damals aus dem <emphasis>Salle imp�n�trable</emphasis> des Louvre, dem als einbruchssicher geltenden <emphasis>Salon Carr�</emphasis> verschwunden war, hatten die Pariser auf den Stra�en geweint. In den Zeitungen waren Artikel und Leserbriefe erschienen, in denen die Verfasser die Diebe anflehten, das Gem�lde zur�ckzugeben. Zwei Jahre darauf wurde es in einem Hotel in Florenz im doppelten Boden eines Koffers versteckt aufgefunden.</p><p>Langdon schritt an Sophies Seite durch den <emphasis>Salle des �tats</emphasis> zur <emphasis>Mona Lisa</emphasis>. Er hatte Sophie inzwischen klar gemacht, dass er nicht daran dachte, die Flucht zu ergreifen. Sie waren noch zwanzig Meter von dem Gem�lde entfernt, als Sophie den UV-Strahler einschaltete. Bl�uliches Licht f�cherte halbmondf�rmig vor ihnen auf den Boden. Auf der Suche nach einer Leuchtschrift auf dem Parkett schwenkte Sophie den Kegel der Lichtquelle hin und her.</p><p>Langdon sp�rte die wachsende Erregung, die bei jeder Begegnung mit gro�en Kunstwerken in ihm aufstieg. Angestrengt versuchte er zu erkennen, was sich jenseits des bl�ulich-violetten Lichtkokons verbarg, der Sophies Hand entstr�mte. Wie eine dunkle Insel im �den Meer des Parketts wurde links die achteckige Ruhebank sichtbar.</p><p>Die dunkle Plexiglasscheibe an der Wand tauchte auf. Dahinter hing das ber�hmteste Gem�lde der Welt.</p><p>Wie Langdon wusste, hatte der Rang der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> als das bedeutendste Kunstwerk auf Erden nichts mit ihrem r�tselhaften L�cheln zu tun und schon gar nichts mit den zahllosen Bez�gen, die viele Kunsthistoriker und Verschw�rungstheoretiker in das Gem�lde hineininterpretiert hatten. Die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> war einfach deshalb ber�hmt, weil Leonardo da Vinci stets behauptet hatte, sie sei sein bestes Werk. Er hatte das Gem�lde auf allen seinen Reisen mit sich gef�hrt. Nach dem Grund befragt, pflegte er zu antworten, er br�chte es nicht fertig, sich von seiner gelungensten Darstellung weiblicher Sch�nheit zu trennen.</p><p>Dessen ungeachtet argw�hnten viele Kunsthistoriker, dass Leonardos Wertsch�tzung der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> nichts mit ihrer k�nstlerischen Meisterschaft zu tun hatte. Genau genommen war das Gem�lde ein �berraschend schlichtes Portr�t in <emphasis>Sfumato</emphasis>-Technik. Viele meinten, da Vincis Vorliebe f�r dieses Werk erkl�re sich aus einer weitaus tieferen Dimension, n�mlich einer geheimen Botschaft, die vom Maler in die Farbschichten hineingearbeitet worden sei. Die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> war tats�chlich einer der am besten dokumentierten Scherze f�r Kenner. In fast allen kunstgeschichtlichen W�lzern konnte man sich bestens �ber die in diesem Werk angelegten Zweideutigkeiten und Anspielungen informieren, dennoch hielt das breite Publikum das L�cheln der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> immer noch f�r ein ungel�stes R�tsel.</p><p><emphasis>Von wegen R�tsel</emphasis>, dachte Langdon. Bei den n�chsten Schritten sah er das Gem�lde allm�hlich Gestalt annehmen. <emphasis>Von einem R�tsel kann keine Rede sein.</emphasis></p><p>Unl�ngst hatte Langdon einen eher ungew�hnlichen Kreis von Zuh�rern in das Geheimnis der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> eingeweiht � ein Dutzend Insassen der Strafvollzugsanstalt von Essex County. Langdons Seminar hinter Gef�ngnismauern war ein Teil des Fortbildungsprogramms der Harvard-Universit�t und eine Bildungsma�nahme im Strafvollzug � einige Kollegen Langdons hatten sich zu der absch�tzigen Bezeichnung <emphasis>Kunst f�r Knackis</emphasis> bem��igt gef�hlt.</p><p>Langdon hatte in der Anstaltsbibliothek am Overheadprojektor gestanden und seine Kursteilnehmer in das Geheimnis der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> eingeweiht, lauter derbe, aber keineswegs auf den Kopf gefallene Burschen, die sich nach Langdons Empfinden in erstaunlichem Ma�e f�r die Sache interessierten.</p><p>�Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist�, hatte er gesagt, w�hrend er auf das an die Wand der Bibliothek projizierte Bild der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> zutrat, �verl�uft der Hintergrund hinter dem Gesicht nicht gerade.� Er deutete auf den auffallenden Vorsprung in der Horizontlinie. �Da Vinci hat den Horizont auf der linken Seite deutlich niedriger gemalt als auf der rechten.�</p><p>�Er hat's eben vermurkst�, sagte einer der Strafgefangenen.</p><p>Langdon musste lachen. �Nein, das d�rfte einem Genie wie ihm kaum passiert sein. Er hat hier mit einem kleinen Trick gearbeitet. Indem er die Landschaft auf der linken Bildseite tiefer gesetzt hat, l�sst er die dargestellte Person bei der Betrachtung von links deutlich gr��er erscheinen. Da Vinci hat sich hier einen kleinen Scherz f�r Kenner erlaubt. Das M�nnliche und das Weibliche haben traditionsgem�� bestimmte Seiten � links f�r weiblich und rechts f�r m�nnlich. Als gro�er Verehrer des Weiblichen hat Leonardo die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> so gemalt, dass sie von links majest�tischer erscheint als von rechts.�</p><p>�Ich hab geh�rt, dass er schwul war�, sagte ein kleiner Kerl mit Spitzbart.</p><p>Langdon zuckte leicht zusammen. �Historiker dr�cken es weniger drastisch aus, aber da Vinci war homosexuell, das stimmt.�</p><p>�Hat er sich deshalb so mit Weiberkram abgegeben?�</p><p>�Leonardo da Vinci kam es vor allem auf das Gleichgewicht zwischen dem M�nnlichen und Weiblichen an. Er war �berzeugt, dass die Seele des Menschen nur dann Erleuchtung finden kann, wenn sie sowohl m�nnliche wie auch weibliche Anteile umfasst � �</p><p>�Sie meinen so was wie 'ne Braut mit 'nem St�nder?�, rief jemand dazwischen.</p><p>Allgemeine Heiterkeit. Langdon erwog, einen kleinen Exkurs �ber die Ableitung des Wortes Hermaphrodit aus den Namen der griechischen G�tter Hermes und Aphrodite anzubieten, hatte aber das Gef�hl, dass dieses Auditorium wenig Sinn f�r den anthropologischen Ernst der Sache aufbringen w�rde.</p><p>�He, Mr Langdon�, sagte ein st�mmiger Muskelprotz, �stimmt es eigentlich, dass die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> ein Selbstportr�t von da Vinci in Weiberklamotten ist? Ich habe mal so was gelesen.�</p><p>�Unm�glich ist es nicht�, meinte Langdon. �Da Vinci hat die Leute gern f�r dumm verkauft. Mit Hilfe von Computeranalysen hat man einige erstaunliche �bereinstimmungen der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> mit da Vincis Selbstportr�ts nachweisen k�nnen. Was immer da Vinci im Schilde f�hrte � seine <emphasis>Mona Lisa</emphasis> ist weder eindeutig m�nnlich noch eindeutig weiblich. Sie hat Merkmale von beidem, etwas Androgynes, wie man es nennt.�</p><p>�Und wir sollen Ihnen glauben, dass Sie uns nicht blo� auf die vornehme Harvard-Tour weismachen wollen, dass die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> beschissen ausgesehen hat?�</p><p>Jetzt musste Langdon lachen. �Vielleicht haben Sie Recht. Aber da Vinci hat einen un�bersehbaren Hinweis darauf hinterlassen, dass sein Gem�lde bewusst androgyn sein soll. Har schon mal jemand etwas von dem �gyptischen Gott Amon geh�rt?�</p><p>�He, das ist ja wohl der Hammer�, rief der Muskelprotz. �Ist Amon nicht der Typ, der daf�r sorgen soll, dass man einen hochkriegt?�</p><p>Langdon war f�r einen Moment sprachlos. �Das wei� ich von dem Bild, das auf der Packung von den <emphasis>Amon</emphasis>-Parisern ist�, sagte der Bodybuilder und grinste. �Da ist 'n Typ mit 'nem Widderkopf drauf. Drunter steht, dass Amon der �gyptische Gott der m�nnlichen Fruchtbarkeit ist.�</p><p>Langdon war zwar mit dem Produkt nicht vertraut, fand es aber anerkennenswert, dass die Hersteller von Verh�tungsmitteln mit den korrekten Hieroglyphen arbeiteten. �Da haben Sie sehr gut aufgepasst. Der Gott Amon wird in der Tat als Mann mit Widderkopf dargestellt. Und seine Promiskuit�t und seine H�rner klingen heute noch an, wenn man sagt, dass man jemand �die H�rner aufsetzt�.�</p><p>�Geil!�</p><p>�Genau � geil�, sagte Langdon. �Und wei� jemand, wer das Gegenst�ck zu Amon war? Wer kennt die �gyptische G�ttin der Fruchtbarkeit?�</p><p>Stille breitete sich aus.</p><p>�Das war die G�ttin Isis�, erkl�rte Langdon und griff nach einem Schreiber. �Da h�tten wir also den m�nnlichen Gott AMON�, er schrieb den Namen an, �und als weibliches Gegenst�ck die G�ttin ISIS. In der alt�gyptischen Bilderschrift hei�t sie L'ISA.</p><p>Langdon trat zur�ck. Auf der Projektionsfl�che stand:</p><p>AMON L'ISA</p><p>�Erinnert Sie das an irgendetwas?�</p><p>�O Schei�e�, rief jemand. �<emphasis>MONA LISA</emphasis>!�</p><p>Langdon nickte. �Nicht nur, dass das Gesicht der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> androgyne Z�ge tr�gt, auch ihr Name ist ein Anagramm auf die g�ttliche Vereinigung des M�nnlichen mit dem Weiblichen. Und das, meine Freunde, ist da Vincis kleines Geheimnis und zugleich der Grund f�r das wissende L�cheln der <emphasis>Mona Lisa</emphasis>.�</p><empty-line/><p>�Mein Gro�vater war hier�, sagte Sophie pl�tzlich und lie� sich keine drei Meter vor der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> auf die Knie nieder. Sorgf�ltig richtete sie ihren UV-Strahler auf eine bestimmte Stelle des Parkettbodens.</p><p>Anfangs sah Langdon gar nichts. Als er sich zu Sophie kniete, entdeckte er einen eingetrockneten, kleinen fluoreszierenden Tropfen irgendeiner Fl�ssigkeit. <emphasis>Tinte</emphasis>? Dann d�mmerte ihm, wozu diese UV-Strahler benutzt wurden. <emphasis>Blut</emphasis>! Seine Sinne wurden hellwach. Sophie hatte Recht gehabt. Jacques Sauni�re hatte der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> vor seinem Tod tats�chlich einen Besuch abgestattet.</p><p>�Er ist bestimmt nicht ohne Grund hierher gekommen�, fl�sterte Sophie und stand auf. �Ich bin sicher, dass er mir eine Nachricht hinterlassen hat.� Rasch machte sie die paar noch verbliebenen Schritte bis zur <emphasis>Mona Lisa</emphasis> und leuchtete den Boden unmittelbar vor dem Gem�lde ab.</p><p>�Hier ist aber nichts!�</p><p>Pl�tzlich sah Langdon auf dem Plexiglasschutz einen ganz schwachen violetten Schimmer. Er ergriff Sophies Handgelenk und f�hrte es sanft nach oben, bis das Licht auf das Bild selbst fiel.</p><p>Beide erstarrten.</p><p>Auf dem Glas, quer �ber das Gesicht der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> geschrieben, gl�hten violett sechs W�rter auf.</p></section><section><title><p><strong>27. KAPITEL</strong></p></title><p>Leutnant Collet sa� fassungslos an Sauni�res Schreibtisch und presste sich den Telefonh�rer ans Ohr. <emphasis>Hast du richtig geh�rt! Fache hat ein St�ck Seife verhaftet</emphasis>? �Aber woher konnte Langdon etwas von dem Minisender wissen?�</p><p>�Von Sophie Neveu nat�rlich�, blaffte Fache. �Sie hat es ihm gesteckt.�</p><p>�Wie? Und warum?�</p><p>�Verdammt gute Fragen. Aber ich habe gerade die Aufzeichnung eines Gespr�chs abgeh�rt, die best�tigt, dass es tats�chlich Sophie Neveu gewesen ist.�</p><p>Collet war sprachlos. <emphasis>Was ging nur in Neveus Kopf vor</emphasis>? Fache hatte nun den Beweis, dass sie eine verdeckte Ermittlung des DCPJ torpediert hatte. Sophie w�rde nicht nur hochkant rausfliegen, sie w�rde auch noch im Gef�ngnis landen. �Aber, Capitaine � wo steckt dieser Langdon jetzt?�</p><p>�Wurde irgendwo ein Feueralarm ausgel�st?�</p><p>�Nein, Chef.�</p><p>�Und es ist auch niemand aus dem Ausgang unter der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> herausgekommen?�</p><p>�Nein, niemand. Wir haben dort einen Wachmann des Louvre postiert. Genau, wie Sie es verlangt haben.�</p><p>�In Ordnung, dann muss Langdon sich noch in der <emphasis>Grande Galerie</emphasis> befinden.�</p><p>�Er ist noch drin? Aber was will er denn da?�</p><p>�Ist der Wachmann des Louvre bewaffnet?�</p><p>�Ja, Chef. Der Mann geh�rt zum leitenden Wachpersonal.�</p><p>�Dann schicken Sie ihn rein�, ordnete Fache an. �Es wird noch ein paar Minuten dauern, bis unsere Leute sich wieder an s�mtlichen Ausg�ngen postieren k�nnen, und ich will nicht riskieren, dass Langdon in der Zwischenzeit die Fliege macht.� Fache hielt inne. �Und sagen Sie dem Mann, dass Agentin Neveu sich m�glicherweise bei Langdon im Geb�ude befindet.�</p><p>�Ich dachte, sie w�re schon gegangen.�</p><p>�Haben Sie sie hinausgehen sehen?�</p><p>�Das nicht, Chef, aber �</p><p>�Von unseren Posten, die um das Geb�ude verteilt sind, hat sie auch keiner gesehen. Man hat sie lediglich hineingehen sehen.�</p><p>Collet wusste nicht, was er zu so viel Kaltbl�tigkeit sagen sollte. Sie ist immer noch im Geb�ude?</p><p>�An die Gewehre!�, rief Fache. �Wenn ich zur�ckkomme, will ich diesen Langdon und Sophie Neveu mit erhobenen H�nden auf mich warten sehen.�</p><empty-line/><p>Capitaine Fache lie� den Sattelschlepper seiner Wege fahren und rief seine Leute zusammen. Robert Langdon hatte sich als ein sehr scheues Wild erwiesen. Er war vermutlich nicht so leicht in die Enge zu treiben wie erwartet � zumal Agentin Neveu sich als seine Helfershelferin erwiesen hatte.</p><p>Fache beschloss, kein Risiko mehr einzugehen. Um alle Eventualit�ten auszuschlie�en, beorderte er nur die H�lfte seiner Beamten zum Louvre zur�ck. Die andere H�lfte scheuchte er an den einzigen Ort in ganz Paris, wo Langdon Zuflucht finden konnte.</p></section><section><title><p><strong>28. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdon betrachtete staunend die sechs W�rter, die auf der Plexiglasscheibe aufleuchteten. Der Text, der einen zackigen Schatten auf das r�tselhafte L�cheln der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> warf, schien im leeren Raum zu schweben.</p><p>�Die Bruderschaft � �, fl�sterte Langdon. �Hier haben wir den Beweis, dass Ihr Gro�vater dazugeh�rte.�</p><p>Sophie blickte Langdon fassungslos an. �Sie k�nnen diesen Text <emphasis>verstehen</emphasis>?�</p><p>�Ja, und er l�sst an Deutlichkeit nichts zu w�nschen �brig�, sagte Langdon. Seine Gedanken rasten. �Wir haben hier eine Proklamation des fundamentalsten Gedankenguts der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> vor uns.�</p><p>Verwirrt betrachtete Sophie die auch diesmal in Englisch geschriebene Botschaft, die quer �ber dem Gesicht der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> geisterhaft schimmerte.</p><p><emphasis>So Dark The Con Of Man</emphasis></p><p>(Etwa: Oh, ein dunkles Kapitel ist der Betrug an der Menschheit.)</p><p>�Sophie�, sagte Langdon eindringlich, �Ihr Gro�vater beklagt hier �das dunkle Kapitel des Betrugs an der Menschheit�. Die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> sorgt f�r die ununterbrochene Fortf�hrung der uralten Traditionen der Verehrung des g�ttlich Weiblichen. Sie wirft der katholischen Kirche vor, die Welt betrogen zu haben, indem sie zugunsten des M�nnlichen verleumderische Unwahrheiten �ber das Weibliche verbreitet hat.�</p><p>Stumm betrachtete Sophie die Zeile.</p><p>�Die <emphasis>Prieur�</emphasis> ist �berzeugt, dass Kaiser Konstantin und seine m�nnlichen Nachfolger den �bergang der Welt vom heidnisch-matriarchalischen Mutterkult zum patriarchalischen Christentum mit einem Propagandafeldzug ohnegleichen durchgedr�ckt haben, der das g�ttlich Weibliche d�monisiert und die G�ttinnen f�r immer aus der modernen Religionsaus�bung verdr�ngt hat.�</p><p>Sophie schaute immer noch skeptisch drein. �Mein Gro�vater hat mich hierher gelotst, damit ich diese Botschaft finde. Er muss sich dabei doch noch etwas anderes gedacht haben als das.�</p><p>Langdon verstand, was sie bewegte. Sie glaubt, das ist wieder nur ein Code. Er konnte nicht auf Anhieb sagen, ob in der Zeile noch eine weitere Bedeutung versteckt war. Er war immer noch mit der �berw�ltigenden Klarheit von Sauni�res Botschaft als solcher besch�ftigt.</p><p><emphasis>Ein dunkles Kapitel ist der Betrug an der Menschheit</emphasis>, dachte er. <emphasis>Und was f�r ein dunkles Kapitel</emphasis>!</p><p>Niemand konnte bestreiten, dass die katholische Kirche in der Gegenwart viel Gutes tat, aber dessen ungeachtet wimmelte es in ihrer Geschichte von Betrug und Gewalttaten. Der blutige Kreuzzug zur �Bekehrung� der Anh�nger der alten heidnischen, das Weibliche verehrenden Religionen w�hrte drei Jahrhunderte, wobei die Kirche mit ebenso wirksamen wie grausamen Methoden vorgegangen war.</p><p>Die katholische Inquisition hatte ein Buch ver�ffentlicht, das man vielleicht als das blutr�nstigste Druckwerk der Menschheitsgeschichte bezeichnen k�nnte. Die vom Volksmund �Hexenhammer� genannte lateinische Schrift <emphasis>Malleus Maleficorum</emphasis> beschwor vor der Welt die �Gefahr durch freidenkerische Frauen� herauf und leitete den Klerus an, wie diese gef�hrlichen Frauen ausfindig zu machen, durch Folter zum Gest�ndnis zu bringen und anschlie�end unsch�dlich zu machen seien. Zu dem von der katholischen Kirche als �Hexen� bezeichneten Personenkreis geh�rten die gelehrten Frauen, die Priesterinnen, Zigeunerinnen, Mystikerinnen, Naturliebhaberinnen, Kr�utersammlerinnen und �berhaupt alle Frauen, die sich �in verd�chtiger Weise im Einklang mit der Natur befinden�. Auch Hebammen fielen den Schergen der Inquisition zum Opfer und wurden get�tet, weil sie in gottesl�sterlicher Weise durch den Einsatz von Kr�utern die Pein der Geb�renden zu lindern wussten � war diese Pein doch, wie die Kirche behauptete, Gottes gerechte Strafe daf�r, dass Eva vom Apfel der Erkenntnis gegessen und damit die Erbs�nde �ber die Menschheit gebracht hatte. In den drei Jahrhunderten der Hexenjagd hatte die Kirche die ersch�tternde Zahl von f�nf Millionen Frauen auf den Scheiterhaufen gebracht und grausam verbrannt.</p><p>Die Propaganda und das Morden haben ihre Wirkung getan � die heutige Welt lieferte den lebendigen Beweis daf�r.</p><p>Frauen, die einst als die wesentliche H�lfte der Erleuchtung des Menschen verehrt und gefeiert wurden, waren aus den Heiligt�mern der Welt verbannt. Es gab keine orthodoxen Rabbinerinnen, keine katholischen Priesterinnen, keine weiblichen islamischen Mullahs. Der einst geheiligte Akt des <emphasis>hieros Gamos</emphasis> � die nat�rliche sexuelle Vereinigung von Mann und Frau, wodurch beide der spirituellen Ganzheit teilhaftig wurden � wurde als sch�ndliches, s�ndhaftes Tun verworfen. W�hrend heilige M�nner einst die Vereinigung mit Gott in der sexuellen Vereinigung mit den daf�r ausersehenen Frauen vollzogen hatten, bek�mpfte die heutige Geistlichkeit ihre sexuellen Bed�rfnisse als Werk des Teufels, der heimt�ckisch mit seiner nat�rlichen Komplizin zusammenarbeitet � <emphasis>der Frau.</emphasis></p><p>Selbst die Assoziation des Weiblichen mit der linken Seite ging in die kirchliche Verleumdungskampagne ein. Nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich und Italien hat das Wort �links� � <emphasis>gauche</emphasis> und <emphasis>sinistra</emphasis> � einen eindeutig negativen Beiklang, w�hrend das Gegenst�ck �rechts� von Rechtschaffenheit, Korrektheit und Berechtigung nur so strotzt. Bis zum heutigen Tag gilt radikales Denken als linkes Gedankengut. �bles ist <emphasis>link</emphasis> und <emphasis>sinister</emphasis>.</p><p>Die Tage der G�ttinnen waren vorbei. Das Pendel hatte zur anderen Seite ausgeschlagen. Mutter Erde war zu einer M�nnerwelt gemacht worden. Die G�tter der Zerst�rung und des Krieges forderten ihren Tribut. Das m�nnliche Ego hatte zwei Jahrtausende lang ohne den m��igenden Einfluss seiner weiblichen Erg�nzung �ber die Str�nge schlagen k�nnen.</p><p>Die Bruderschaft von Sion, die Prieur�, vertrat die �berzeugung, dass diese Ausblendung des Weiblichen aus dem modernen Leben die Ursache dessen war, was die Hopi-Indianer Nordamerikas <emphasis>koyanisquatsi</emphasis> nannten � �aus dem Gleichgewicht geratenes Leben� �, eine instabile Situation, die gekennzeichnet ist durch Kriege, eine �berf�lle frauenfeindlicher Gesellschaftssysteme und einer wachsenden Missachtung von Mutter Erde.</p><empty-line/><p>�Robert!�, fl�sterte Sophie und riss Langdon in die Gegenwart zur�ck. �Da kommt jemand!�</p><p>Auf dem Gang waren Schritte zu h�ren.</p><p>�Dar�ber!�, zischte Sophie und knipste ihren UV-Strahler aus. Sie schien sich vor Langdons Augen in Luft aufzul�sen.</p><p>F�r einen Moment kam Langdon sich blind wie ein Maulwurf vor. <emphasis>Wo r�ber</emphasis>? Als er wieder etwas erkennen konnte, war Sophie bereits zur achteckigen Ruhebank in der Mitte des Saales gehuscht und hatte sich dahinter versteckt. Langdon wollte hinterher, doch eine dr�hnende Stimme lie� ihn mitten in der Bewegung erstarren.</p><p>�<emphasis>Arr�tez</emphasis>! br�llte ein Mann an der T�r.</p><p>Der Wachbeamte des Louvre trat mit gezogener Pistole in den <emphasis>Salle des �tats</emphasis>. Die Waffe zielte mit t�dlicher Genauigkeit auf Langdons Brust.</p><p>Langdon hob die Anne.</p><p>�<emphasis>Couchez vous</emphasis>!�, befahl der Beamte. �Hinlegen!�</p><p>Langdon legte sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Der W�chter eilte herbei und trat ihm die Arme und Beine auseinander, sodass er dalag wie ein aufgespie�ter Schmetterling.</p><p>�<emphasis>Mauvaise id�e, Monsieur Langdon</emphasis>�, sagte der Wachmann und bohrte Langdon den Lauf der Pistole in den R�cken. �Eine schlechte Idee!�</p><p>Das Gesicht auf dem Parkettboden, die Arme und Beine weit sich gestreckt, fand Langdon die Ironie seiner Lage wenig erheiternd.</p><p><emphasis>Leonardos Proportionsstudie nach Vitruv,</emphasis> dachte er, <emphasis>diesmal andersherum, mit dem Gesicht nach unten</emphasis>.</p></section><section><title><p><strong>29. KAPITEL</strong></p></title><p>In der Kirche Saint-Sulpice schleppte Silas den schweren Votiv-Kerzenst�nder vom Altar zum Obelisken. Der eiserne Leuchterschaft gab einen hervorragenden Rammbock ab. Doch die graue Marmorplatte, unter der sich offenbar ein Hohlraum im Fu�boden befand, w�rde sich kaum ohne gewaltigen L�rm zertr�mmern lassen.</p><p>Eisen auf Marmor. Es w�rde wie Donnerschl�ge von den gew�lbten Decken widerhallen.</p><p><emphasis>Ob die Nonne es wohl h�ren w�rde</emphasis>? Sie lag bestimmt schon wieder in tiefem Schlaf. Aber es war ein Risiko, das Silas nicht in Kauf nehmen wollte. Er blickte sich suchend nach etwas um, das er um den eisernen Kerzendom des Leuchters wickeln konnte, sah aber nur das Altartuch aus Leinen, das zu entweihen ihm widerstrebte. <emphasis>Deine Kutte</emphasis>, fuhr es ihm durch den Kopf. Da er sich allein in der Kirche aufhielt, knotete er den G�rtelstrick auf und streifte sich die Kutte vom K�rper. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, als er sich die Wollfasern des groben Stoffs aus dem frischen Schorf seiner Wunden auf dem R�cken riss.</p><p>Nackt bis auf die Unterhose wickelte er die Kutte um den eisernen Kerzendom. Er zielte auf die Mitte der Bodenplatte und stie� zu. Es gab einen dumpfen Schlag, doch die Platte hielt. Wieder stie� er zu. Wieder ein dumpfer Schlag, aber diesmal begleitet von einem Knacken. Beim dritten Sto� brach die Bodenplatte entzwei. Einige Steinsplitter fielen klickend in eine H�hlung im Fu�boden.</p><p><emphasis>Ein Versteck!</emphasis></p><p>Rasch entfernte Silas die restlichen Tr�mmer aus der �ffnung, kniete nieder und sp�hte in den Hohlraum. Das Blut dr�hnte ihm in den Ohren. Er streckte den fahlen Arm aus und griff in die H�hlung.</p><p>Zun�chst ertastete er nichts als den glatt behauenen, nackten Stein des Bodens. Er reckte sich, bis er mit der Hand weit unter die Rosenlinie greifen konnte. <emphasis>Da war etwas</emphasis>! Eine lose flache Steinplatte. Silas zw�ngte die Finger um die Kanten der Platte und zog sie vorsichtig heraus. Als er aufstand und seinen Fund ins Licht hielt, sah er auf der roh behauenen Platte eine Inschrift. Einen Moment f�hlte er sich wie ein moderner Moses.</p><p>Erstaunt betrachtete er die Inschrift. Er hatte erwartet, dass eine Landkarte oder eine komplizierte, m�glicherweise verschl�sselte Folge von Anweisungen in den Stein gemei�elt waren, doch die Platte trug nur eine kurze Inschrift.</p><p>Hiob, 38:11</p><p>Ein Bibelvers? Erneut staunte Silas �ber die teuflische Raffinesse der Bruderschaft. Sie missbrauchte einen Bibelvers zur Angabe des geheimen Verstecks? In ihrem Spott auf die Gerechten war ihnen offenbar nichts heilig.</p><p><emphasis>Buch Hiob, Kapitel achtunddrei�ig, Vers elf.</emphasis></p><p>Silas kannte das Buch Hiob nicht auswendig, wusste aber, dass es von einem Mann erz�hlte, dem Gott zur Erprobung seines Glaubens schwere Pr�fungen auferlegt hatte. Das passt. Silas konnte seine Erregung kaum noch z�geln.</p><p>Er schaute sich um. Sein Blick folgte der gl�nzenden Rosenlinie zum Hauptaltar. Er musste l�cheln. Dort oben, auf einem vergoldeten Lesepult, lag eine gewaltige, in Leder gebundene Bibel.</p><empty-line/><p>Schwester Sandrine stand zitternd auf der Orgelempore. Vor wenigen Augenblicken noch hatte sie die Flucht ergreifen und ihre Befehle ausf�hren wollen, als der Mann unten im Kirchenraum pl�tzlich die Kutte ausgezogen hatte. Beim Anblick seiner alabasterwei�en Haut war Sandrine ein f�rchterlicher Schreck durch die Glieder gefahren. Der breite, bleiche R�cken war mit blutigen Striemen �bers�t. Sogar aus dieser Entfernung konnte Sandrine erkennen, dass es frische Wunden waren.</p><p><emphasis>Der Mann war brutal gegei�elt worden.</emphasis></p><p>Den Bu�g�rtel um seinen Oberschenkel, unter dem Blut hervorsickerte, erblickte sie ebenfalls. <emphasis>Was w�re das f�r ein Gott, der Wohlgefallen an solcher Selbstqu�lerei hatte</emphasis>? Sandrine w�rde die Rituale des Opus Dei niemals guthei�en k�nnen.</p><p>Doch im Moment hatte sie ganz andere Sorgen. <emphasis>Opus Dei ist auf der Suche nach dem Schlussstein!</emphasis> Wie die Organisation an die Information gelangt sein konnte, entzog sich ihrer Vorstellung, und sie hatte auch keine Zeit, eingehender dar�ber nachzudenken.</p><p>Der blutige M�nch hatte inzwischen seine Kutte wieder angezogen und befand sich auf dem Weg zum Altar mit der Bibel, seinen Fund an sich gedr�ckt.</p><p>In atemloser Stille schlich Schwester Sandrine sich von der Empore und eilte �ber den Gang zu ihrem Zimmer, ging auf alle viere nieder, griff unter ihre h�lzerne Bettstatt und zog den versiegelten Umschlag hervor, den sie dort vor Jahren versteckt hatte.</p><p>Sie riss ihn auf. Er enthielt vier Pariser Telefonnummern.</p><p>Zitternd w�hlte sie die erste Nummer.</p><empty-line/><p>Unten im Kirchenschiff legte Silas den flachen Stein auf den Altar und griff nach der ledergebundenen Bibel. W�hrend er fieberhaft die Seiten des Alten Testaments umschlug, schwitzten seine riesigen wei�en H�nde. Schnell hatte er das Buch Hiob gefunden und suchte Kapitel achtunddrei�ig. Mit dem Finger fuhr er die Textspalte hinunter. Er wusste bereits, was ihn in Vers elf erwartete.</p><p><emphasis>Er wird dich zum endg�ltigen Versteck leiten.</emphasis></p><p>Ah! Da war die Stelle. Es waren nur acht W�rter. Silas las � und las die Textstelle voller Best�rzung gleich noch einmal.</p><p><emphasis>Es muss irgendein entsetzlicher Fehler passiert sein!</emphasis></p><p>Der Vers lautete:</p><p>BIS HIERHER SOLLST DU KOMMEN, UND NICHT WEITER.</p></section><section><title><p><strong>30. KAPITEL</strong></p></title><p>Der Wachbeamte Claude Grouard stand vor der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> �ber seinem b�uchlings auf dem Boden liegenden Gefangenen. Er kochte vor Wut. Dieser Dreckskerl hat Jacques Sauni�re umgebracht! Sauni�re war wie ein Vater zu Grouard und seiner Wachmannschaft gewesen.</p><p>Am liebsten h�tte Grouard einfach abgedr�ckt und Robert Langdon eine Kugel in den R�cken gejagt. Als Chef des Wachdienstes geh�rte Grouard zu den wenigen Wachbeamten, die eine Waffe trugen. Er sagte sich allerdings, dass es f�r Langdon ein geradezu gn�diges Schicksal gewesen w�re, erschossen zu werden, wenn man bedachte, was ihm noch bevorstand.</p><p>Grouard zerrte sein Sprechfunkger�t aus dem G�rtel, um Verst�rkung herbeizurufen, doch aus dem H�rer drang nur ein Knistern und Rauschen. Grouard fluchte. Die in diesem Saal installierte zus�tzliche Sicherheitselektronik setzte das Kommunikationssystem des Wachdienstes immer wieder au�er Gefecht. <emphasis>Du musst zur T�r</emphasis>. Die Waffe auf Langdon gerichtet, setzte Grouard sich r�ckw�rts in Bewegung. Nach dem dritten Schritt ersp�hte er etwas. Abrupt blieb er stehen.</p><p><emphasis>Verflucht, was war das?</emphasis></p><p>In der Mitte des Saales nahm eine seltsame, silhouettenhafte Erscheinung Gestalt an. War noch jemand hier? Im Zwielicht sah Grouard eine Frau, die sich rasch zum hinteren Bereich der linken Wand bewegte. Vor ihr huschte ein geisterhafter, violetter Lichtschein auf dem Fu�hoden hin und her.</p><p>�<emphasis>Qui est l�?�,</emphasis> rief Grouard der Gestalt zu, w�hrend ihm zum zweiten Mal innerhalb von drei�ig Sekunden das Adrenalin bis in die Haarspitzen schoss. Pl�tzlich wusste er nicht mehr, wohin er die Waffe richten und in welche Richtung er sich bewegen sollte.</p><p>�Spurensicherung�, antwortete die Frau gelassen und untersuchte weiter den Boden mit ihrem seltsamen Licht.</p><p>Spurensicherung? Grouard geriet ins Schwitzen. Sind die Leute von der Spurensicherung nicht schon l�ngst fort?</p><p>Jetzt erkannte Grouard den UV-Strahler in der Hand der Frau, den die Ermittler benutzten, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen, wozu jemand hier nach Spuren suchen sollte.</p><p>�Wie hei�en Sie?�, rief Grouard. Sein Instinkt sagte ihm, dass hier etwas faul war. �<emphasis>R�pondez</emphasis>!�</p><p>�<emphasis>C'est moi</emphasis>�, antwortete die Frau beruhigend. �Ich bin's, Sophie Neveu.�</p><p>Irgendwo in einer verborgenen Gehirnwindung regte sich bei Grouard die Erinnerung. Sophie Neveu? War das nicht der Name von Sauni�res Enkelin? Sie war als Kind oft hierher gekommen, aber das war schon Jahre her. Und selbst wenn diese Frau tats�chlich Sophie Neveu sein sollte, war das noch lange kein Grund, ihr zu trauen. Grouard hatte von dem Zerw�rfnis zwischen Sauni�re und seiner Enkelin geh�rt.</p><p>�Sie kennen mich doch�, rief die Frau. ��brigens, Robert Langdon hat meinen Gro�vater nicht umgebracht, glauben Sie mir.�</p><p>Wachmann Grouard war kein Dummkopf, der Sophie nur wegen ihrer h�bschen Augen geglaubt h�tte. <emphasis>Ich muss Verst�rkung rufen.</emphasis> Doch wieder war aus dem Sprechfunkger�t nur Rauschen zu h�ren. Bis zum Eingang hinter Grouard waren es fast zwanzig Meter. Der Wachmann bewegte sich langsam darauf zu, die Waffe immer noch auf den Mann am Boden gerichtet. Im R�ckw�rtsgehen sah er, dass die Frau in der Mitte des Saales den UV-Strahler hob und ein gro�es Gem�lde ableuchtete, das genau gegen�ber der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> an der anderen L�ngswand des Saales hing.</p><p>Grouard schnappte nach Luft, als er sah, um welches Bild es sich handelte.</p><p><emphasis>Was treibt sie da, um Gottes willen?</emphasis></p><empty-line/><p>Sophie Neveu sp�rte, wie ihr der kalte Schwei� auf die Stirn trat. Langdon lag noch immer auf dem Boden, alle viere von sich gestreckt. <emphasis>Durchhalten, Robert! Gleich ist es geschafft</emphasis>! Sophie wusste, dass der W�chter niemals so weit gehen w�rde, auf einen von ihnen zu schie�en. Ruhig leuchtete sie die Umgebung eines bestimmten Meisterwerks sorgf�ltig ab � ebenfalls ein da Vinci. Doch ihr UV-Strahler f�rderte nichts Ungew�hnliches zu Tage, nichts auf dem Boden, nichts an der Wand und auch nichts auf dem Gem�lde selbst. <emphasis>Aber da muss etwas sein!</emphasis></p><p>Sophie war ganz sicher, die Anweisung ihres Gro�vaters korrekt entziffert zu haben.</p><p><emphasis>Was konnte er anderes gemeint haben?</emphasis></p><p>Das Meisterwerk, das Sophie ableuchtete, war auf eine gut zwei Meter hohe Leinwand gemalt. In der bizarren Szenerie, die Leonardo da Vinci dargestellt hatte, sa� die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, Johannes dem T�ufer und dem Erzengel Uriel im Vordergrund einer wilden Felslandschaft. Als Sophie noch ein kleines M�dchen war, hatte der Gro�vater sie nach jedem Besuch der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> zu diesem Gem�lde auf der gegen�berliegenden Seite des Saales gef�hrt.</p><p><emphasis>Grand-p�re, ich kann nichts finden!</emphasis></p><p>Sophie h�rte hinter sich den W�chter erneut nach Verst�rkung rufen. <emphasis>Denk nach</emphasis>!</p><p>Sie rief sich die Botschaft vor Augen, die auf das Schutzglas der <emphasis>Mona Lisa</emphasis> geschrieben war. Das Bild, vor dem sie jetzt stand, hatte kein Schutzglas, und ihr Gro�vater h�tte ein solch atemberaubendes Meisterwerk niemals durch eine Aufschrift verunstaltet. Sophie �berlegte. Jedenfalls nicht die Vorderseite. Ihr Blick glitt nach oben zu den langen d�nnen Stahlseilen, an denen das Gem�lde von der Decke hing.</p><p><emphasis>War das die L�sung?</emphasis> Sie packte den geschnitzten Rahmen und zog ihn zu sich heran. W�hrend das gro�e Gem�lde an den langen Dr�hten nach vorne schwang, beulte die Leinwand sich leicht nach hinten ein. Sophie schl�pfte mit Kopf und Schultern hinter das Bild und leuchtete dessen R�ckseite ab.</p><p>Ihre Ahnung hatte sie diesmal get�uscht. Die blasse R�ckseite des Gem�ldes war v�llig leer. Nirgends eine Aufschrift, nur ein paar br�unliche Verf�rbungen der Leinwand, die vermutlich vom Alter herr�hrten und �</p><p><emphasis>Halt!</emphasis></p><p>Sophies Blick blieb an etwas Gl�nzendem h�ngen, das aus der Unterkante des Rahmens hervorlugte, etwas L�nglichem in der Fuge zwischen Rahmen und Leinwand. Eine gl�nzende goldene Kette.</p><p>Sophie zog daran. Zu ihrem ma�losen Erstaunen l�ste sich aus der Tiefe der Fuge ein vertrauter Gegenstand, ein goldener Schl�ssel. Der breite Kopf besa� die Form eines Kreuzes und trug ein eingraviertes Wappen, das Sophie seit ihrem neunten Geburtstag nicht mehr gesehen hatte � eine Lilie mit den Buchstaben P.S. Sophie h�rte den Geist ihres Gro�vaters in ihr Ohr fl�stern: <emphasis>Wenn die Zeit gekommen ist, geh�rt der Schl�ssel dir</emphasis>. Sophie wurde es eng ums Herz. Ihr Gro�vater hatte sein Versprechen noch im Tod gehalten. <emphasis>Das ist der Schl�ssel f�r eine Kiste, in der ich geheime Sachen h�te</emphasis>, sagte seine Stimme.</p><p>Schlagartig wurde Sophie klar, dass die Wortspiele dieser Nacht einzig und allein darauf angelegt waren, dass sie diesen Schl�ssel entdeckte, den ihr Gro�vater bei sich getragen haben musste, als er get�tet worden war. Da er offenbar nicht wollte, dass der Schl�ssel in die H�nde der Polizei geriet, hatte er ihn hinter der <emphasis>Felsgrottenmadonna</emphasis> versteckt und sich ein raffiniertes Verwirrspiel ausgedacht, damit, einzig und allein Sophie den Schl�ssel finden konnte.</p><p>�<emphasis>Au secours</emphasis>!� Der Wachmann hatte wieder um Hilfe gerufen.</p><p>Sophie steckte den Schl�ssel aus der Fuge hinter dem Gem�lde zusammen mit dem UV-Strahler in die Tasche. Als sie hinter der Leinwand hervorlugte, sah sie, dass der Hilferuf des Wachmanns trotz seiner verzweifelten Bem�hungen am Sprechfunkger�t immer noch ungeh�rt geblieben war. Die Waffe auf Langdon gerichtet, bewegte er sich r�ckw�rts auf den Eingang zu.</p><p>�<emphasis>Au secours</emphasis>! Ich brauche Hilfe!�, rief er wieder in sein Ger�t.</p><p>Immer noch Rauschen.</p><p>Sophie begriff. Er bekommt keine Verbindung. Sie erinnerte sich an die handybewehrten Touristen, die hier vergeblich zu den lieben Verwandten durchzukommen versuchten, um die Frage loszuwerden: �Rate mal, wo ich gerade stehe?� Die Sicherheitsverdrahtung in den W�nden machte den <emphasis>Salle des �tats</emphasis> f�r alles, was per Funk funktionierte, zum schwarzen Loch. Der W�chter war allerdings schon beunruhigend nahe am Ausgang. Sophie musste schnell handeln.</p><p>Vom Gem�lde nur noch teilweise verdeckt, blickte sie nach oben. Zum zweiten Mal in dieser Nacht w�rde Leonardo da Vinci ihr Nothelfer sein.</p><empty-line/><p><emphasis>Nur noch ein paar Meter</emphasis>, beruhigte sich Grouard, die Waffe auf Langdon gerichtet.</p><p>�Stehenbleiben, oder ich mache Ernst!�, h�rte er pl�tzlich die Frau aus dem Saal her�berrufen.</p><p>Grouard schaute zu ihr hin�ber und erstarrte. �<emphasis>Mon dieu</emphasis>!�</p><p>Im r�tlichen Halbdunkel erkannte er, dass die Frau die <emphasis>Felsgrottenmadonna</emphasis> aus den �sen der Aufh�ngung gehoben und vor sich auf den Boden gestellt hatte. Sie verschwand beinahe hinter dem hohen Kunstwerk. Grouard wollte sich schon wundern, weshalb das Abnehmen des Gem�ldes den Alarm nicht ausgel�st hatte, aber dazu h�tte die Alarmanlage ja zuerst wieder scharf gemacht werden m�ssen.</p><p><emphasis>Was tut sie da, um Gottes willen �?</emphasis></p><p>Das Blut stockte ihm in den Adern, als er begriff, was die Frau vorhatte.</p><p>Die Leinwand bekam in der Mitte eine Beule. Die feinen Z�ge der Jungfrau Maria, des Jesuskinds und Johannes des T�ufers verzerrten sich.</p><p>�<emphasis>Non</emphasis>!�, schrie Grouard schreckensstarr, w�hrend das unsch�tzbare Gem�lde Leonardos sich verformte. Die Frau stemmte tats�chlich das Knie von hinten gegen die Leinwand! �<emphasis>NON</emphasis>!�</p><p>Grouard schwenkte die Waffe und zielte auf die Frau, doch im selben Moment wurde ihm das L�cherliche seiner Drohung bewusst. Selbst wenn die Frau getroffen wurde, konnte sie dem Gem�lde noch unermessliche Sch�den zuf�gen � wie auch die Kugeln aus Grouards Pistole.</p><p>�Legen Sie sofort die Waffe und das Sprechfunkger�t weg�, befahl die Frau ruhig und bestimmt. �Sonst dr�cke ich mit dem Knie das Gem�lde ein. Ich glaube, Sie wissen, was mein Gro�vater davon gehalten h�tte.�</p><p>Unter Grouard schien der Boden zu schwanken. �Bitte � tun Sie es nicht�, stie� er hervor. �Das ist da Vincis Felsgrottenmadonna � � Er legte Pistole und Sprechfunkger�t auf den Boden und hob resigniert die H�nde �ber den Kopf.</p><p>�Gut�, sagte die Frau. �Tun Sie genau, was ich Ihnen sage. Dann werden wir pr�chtig miteinander auskommen.�</p><empty-line/><p>Langdons Herz klopfte immer noch wild, als er wenige Augenblicke sp�ter neben Sophie die Feuertreppe zum Erdgeschoss hinunterrannte. Seit sie den zitternden Wachbeamten auf dem Boden liegend im <emphasis>Salle des �tats</emphasis> zur�ckgelassen hatten, hatten sie noch kein Wort gewechselt. Langdons Hand krampfte sich um die Pistole des Wachmanns. Die Waffe f�hlte sich fremd, schwer und bedrohlich an. Er wollte sie so schnell wie m�glich wieder loswerden.</p><p>W�hrend Langdon die Stufen hinuntereilte, fragte er sich, ob Sophie �berhaupt wusste, welchen Wert das Gem�lde besa�, das sie beinahe zerst�rt hatte. Sie hatte in diesem n�chtlichen Abenteuer bislang einen best�rzend ad�quaten Kunstgeschmack bewiesen. Wie die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> war auch der andere da Vinci, die <emphasis>Felsgrottenmadonna</emphasis>, unter Kunstgeschichtlern als Fundgrube f�r verborgene heidnische Symbolik bekannt.</p><p>�Sie haben sich da ein wertvolles Faustpfand ausgesucht�, rief er Sophie im Laufen zu.</p><p>�Die <emphasis>Felsgrottenmadonna</emphasis>?�, gab sie zur�ck. �Die habe nicht ich mir ausgesucht, sondern mein Gro�vater. Er hat hinter dem Gem�lde eine Kleinigkeit f�r mich deponiert.�</p><p>Langdon warf ihr einen erstaunten Blick zu. �Wie bitte?� Wie konnte Sophie wissen, hinter welchem Gem�lde sie zu suchen hatte? Warum hinter der <emphasis>Felsgrottenmadonna.</emphasis></p><p>�Die Botschaften meines Gro�vaters waren alle in Englisch verfasst. Und wie ich von ihm wei�, hei�t dieses Gem�lde auf Englisch <emphasis>Madonna on the Rocks</emphasis>. Seine letzte Botschaft lautete <emphasis>So dark the con of man</emphasis>.� Sophie warf Langdon einen triumphierenden Blick zu. �Seine beiden ersten Anagramme habe ich nicht begriffen. Robert, aber beim dritten hat's gefunkt!�</p></section><section><title><p><strong>31. KAPITEL</strong></p></title><p>�Sie � sind alle tot!�, stammelte Schwester Sandrine am Telefon ihres Domizils in der Kirche Saint-Sulpice. Ein Anrufbeantworter hatte sich gemeldet. �Bitte, nehmen Sie ab, sie sind alle tot!�</p><p>Das Ergebnis der Anrufe bei den ersten drei Telefonnummern auf ihrer Liste war best�rzend gewesen � eine hysterische Witwe, ein Kriminalbeamter, der am Tatort eines Mordes �berstunden machte, und ein ernster Priester, der eine trauernde Familie zu tr�sten versuchte, hatten sich gemeldet: Alle drei Kontaktpersonen waren tot. Und jetzt, bei der vierten und letzten Nummer � die sie erst anrufen sollte, wenn die drei anderen Kontaktpersonen nicht zu erreichen waren �, meldete sich nur ein Anrufbeantworter. Der Ansagetext nannte keinen Teilnehmer und forderte lediglich dazu auf, eine Nachricht zu hinterlassen.</p><p>�Die Bodenplatte wurde aufgebrochen�, fl�sterte Schwester Sandrine eindringlich in die Sprechmuschel, �und die drei anderen, die ich notfalls anrufen sollte, sind tot!�</p><p>Schwester Sandrine wusste nicht, wer die M�nner waren, f�r die sie hier aufpasste. Die unter ihrem Bett verwahrten Telefonnummern anzurufen war ihr nur in einem einzigen Fall erlaubt. Sollte diese Bodenplatte jemals aufgebrochen werden, hatte ein gesichtsloser Bote einmal zu ihr gesagt, ist der Feind in die F�hrungsebene eingedrungen, und einer der Unseren war unter Todesandrohung zu einer verzweifelten L�ge gezwungen. Dann m�ssen Sie diese Nummern anrufen und die anderen warnen. Sorgen Sie daf�r, dass Sie bei einer der Nummern durchkommen � unter allen Umst�nden!</p><p>Es war ein ger�uschloses und in seiner Einfachheit faszinierendes Warnsystem. Schwester Sandrine fand es von Anfang an bestechend. Sobald die Identit�t eines Bruders aufflog, w�rde er mit einer falschen Auskunft das System in Bewegung setzen, das die anderen warnte. Doch heute Nacht schien bei allen vieren die Tarnung aufgeflogen zu sein.</p><p>�Bitte, bitte, nehmen Sie ab � �, fl�sterte Schwester Sandrine dr�ngend und voller Angst.</p><p>�Legen Sie den H�rer auf�, sagte eine schroffe, tiefe Stimme an der T�r.</p><p>Schwester Sandrine fuhr herum. Im T�rrahmen stand der riesige M�nch. Er hielt einen eisernen Leuchter in den H�nden. Zitternd legte Sandrine den H�rer auf die Gabel des alten Apparats.</p><p>�Sie sind tot�, sagte der M�nch. �Alle vier. Sie haben versucht, mich zum Narren zu halten. Jetzt werden Sie mir sagen, wo der Schlussstein ist.�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Schwester Sandrine wahrheitsgem��. �Das ist ein Geheimnis, �ber das andere wachen.� <emphasis>Und die nun tot sind</emphasis>.</p><p>Der Mann trat n�her. Seine wei�en F�uste krampften sich um den Kerzenleuchter. �Als katholische Ordensschwester helfen Sie denen?�</p><p>�Jesus hat uns nur eine Frohe Botschaft �berbracht�, sagte Schwester Sandrine trotzig. �Bei Opus Dei kann ich diese Frohe Botschaft nicht erkennen.�</p><p>In den Augen des M�nchs explodierte die Wut. Mit einem j�hen Ausfallschritt nach vom schwang er den Leuchter wie eine Keule.</p><p>Noch w�hrend sie zu Boden st�rzte und Schw�rze sie umfing, �berkam Schwester Sandrine ein tiefes, �berw�ltigendes Bedauern.</p><p><emphasis>Alle vier sind tot.</emphasis></p><p><emphasis>Die kostbare Wahrheit ist f�r immer verloren.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>32. KAPITEL</strong></p></title><p>Das Heulen der Alarmsirenen im westlichen Ende des Denon-Fl�gels lie� die Tauben in den nahen Tuilerieng�rten aufflattern. Langdon und Sophie rannten durch das Drehgitter zu Sophies Auto hinaus in die Nacht von Paris. Beim �berqueren des Innenhofs h�rte Langdon das ferne Heulen von Polizeisirenen.</p><p>�Da steht es�, rief Sophie und zeigte auf einen roten stupsn�sigen Zweisitzer.</p><p><emphasis>Das muss ein Witz sein</emphasis>. Das Vehikel war mit Abstand das kleinste Auto, das Langdon je unter die Augen gekommen war.</p><p>�Das ist ein Smart. Das Drei-Liter-Auto�, stie� Sophie keuchend hervor.</p><p>Langdon war kaum eingestiegen, als Sophie das kleine Fahrzeug auch schon einen Bordstein hinauf auf einen Kiesstreifen jagte. Langdon klammerte sich ans Armaturenbrett. Der Wagen schoss quer �ber ein Trottoir und h�pfte dann den Bordstein hinunter auf den Kreisverkehr am Carousel du Louvre.</p><p>Einen Moment schien Sophie den k�rzesten Weg nehmen zu wollen: geradeaus mitten durch die Begrenzungshecke und quer �ber die gro�e runde Rasenfl�che.</p><p>�Nein!�, rief Langdon, denn er wusste, dass die Hecke um das Carousel du Louvre vor allem eine gef�hrliche Fallgrube in der Mitte kaschieren sollte � <emphasis>La Pyramide Invers�e</emphasis> �, ein Oberlicht in Form einer umgekehrten Pyramide, das er zuvor schon vom Eingangsbereich des Museums aus gesehen hatte. Der kleine Smart w�re vollst�ndig darin verschwunden. Zum Gl�ck entschied Sophie sich f�r den herk�mmlichen Weg. Sie riss das Steuer nach rechts herum und folgte artig dem Kreisverkehr, bis sie ihn ein St�ck weiter in n�rdlicher Richtung verlassen konnte. Dann gab sie Gas und jagte in Richtung Rue de Rivoli.</p><p>Das Zweiklanghorn der Polizei hinter ihnen wurde lauter. Langdon sah im Seitenspiegel das Blaulicht auftauchen. Der Motor des Smart heulte protestierend auf, als Sophie mit durchgetretenem Gaspedal Boden zu gewinnen suchte.</p><p>F�nfzig Meter vor ihnen sprang die Ampel an der Rue de Rivoli auf Rot. Fluchend hielt Sophie mit unvermindertem Tempo auf die Ampel zu. Langdon sp�rte, wie seine Nackenhaare sich str�ubten.</p><p>An der Kreuzung ging Sophie kurz vom Gas und lie� die Lichthupe aufblitzen. Nach einem schnellen Blick nach links und rechts trat sie das Gaspedal wieder durch und jagte den Smart mit kreischenden Reifen �ber die leere Kreuzung nach links in die Rue de Rivoli. Mit hohem Tempo fuhr sie knapp f�nfhundert Meter nach Westen, umfuhr zur H�lfte einen gro�en Kreisverkehr und jagte auf der anderen Seite hinaus auf die breite Prachtstra�e der Champs-Elysees.</p><p>Langdon drehte sich im Sitz um und schaute aus dem R�ckfenster in Richtung Louvre. Die Polizei war nicht mehr hinter ihnen. Die Blaulichter schienen wie eine flirrende Woge in der Gegenrichtung zum Museum zu schwappen.</p><p>Langdons Puls normalisierte sich allm�hlich. Er wandte sich wieder nach vorn. �Das war nicht �bel.�</p><p>Sophie erwiderte nichts. Ihr Blick war nach vorn auf die lange Verkehrsachse der Champs-Elysees gerichtet, jene mehr als drei Kilometer lange Flucht von Edelboutiquen und erlesenen Gesch�ften, die oft als die �Fifth Avenue von Paris� bezeichnet wurde. Bis zur amerikanischen Botschaft waren es nur noch anderthalb Kilometer. Langdon entspannte sich in seinem Sitz.</p><p><emphasis>So dark the con of man.</emphasis></p><p>Sophies Scharfsinn hatte ihn beeindruckt.</p><p><emphasis>Madonna of the Rocks</emphasis>, die <emphasis>Felsgrottenmadonna</emphasis>.</p><p>Sophie hatte gesagt, ihr Gro�vater habe hinter dem Gem�lde etwas f�r sie hinterlassen. <emphasis>Eine letzte Botschaft</emphasis>? Langdon kam nicht umhin, die Brillanz von Sauni�res Wahl des Verstecks zu bewundern. Die <emphasis>Felsgrottenmadonna</emphasis> war ein weiteres passendes Glied in der Kette der nahtlos miteinander in Beziehung stehenden Symbole der heutigen Nacht. Mit jeder Wendung schien Sauni�re seine Bewunderung f�r die dunkle Seite Leonardo da Vincis st�rker hervorzukehren.</p><p>Da Vinci hatte den Auftrag f�r dieses Bild von der Bruderschaft der Unbefleckten Empf�ngnis erhalten, die f�r das dreifl�gelige Altarbild ihrer Kapelle in San Francesco in Mailand ein Mittelst�ck ben�tigte. Die Auftraggeber machten dem Meister die entsprechenden Ma�angaben und gaben ihm das gew�nschte Thema f�r das Gem�lde vor: Die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, Johannes der T�ufer als Knabe und der Erzengel Uriel, gemeinsam in einer Felsgrotte, in der sie Zuflucht gefunden haben. Leonardo da Vinci hielt sich zwar an die Vorgaben, doch als er das Gem�lde ablieferte, reagierte die Bruderschaft mir Entsetzen. Er hatte das Bild mit einer F�lle unannehmbarer brisanter Details versehen.</p><p>Das Gem�lde zeigte die sitzende Jungfrau Maria in einem blauen Gewand, den ausgestreckten rechten Arm um ein Kleinkind gelegt, vermutlich Jesus. Dem Kind gegen�ber sitzt Uriel, ebenfalls mit einem Kleinkind, vermutlich Johannes der T�ufer. Im Gegensatz zu den �blichen Szenerien, in denen Jesus den Johannes segnet, scheint hier seltsamerweise Johannes Jesus zu segnen � und Jesus l�sst es geschehen. Noch weniger annehmbar war, dass Maria die Hand mit unverkennbar drohender Geb�rde �ber den Kopf des kleinen Johannes h�lt, wobei ihre Finger wie Adlerklauen erscheinen, die einen unsichtbaren Kopf gepackt haben. Und schlie�lich das unverbl�mteste und Furcht erregendste Detail: Genau unter Marias gekr�mmten Fingern macht der Erzengel Uriel mit dem ausgestreckten Zeigefinger eine tranchierende Geste, als wolle er dem von Marias klauen�hnlicher Hand gepackten imagin�ren Kopf die Kehle durchschneiden.</p><p>Es erheiterte Langdons Studenten jedes Mal, wenn sie erfuhren, dass Leonardo seine Auftraggeber bes�nftigte, indem er ihnen schlie�lich eine zweite, �entsch�rfte� Version der <emphasis>Felsgrottenmadonna</emphasis> malte, auf der es ein wenig konventioneller zuging. Diese zweite Version hing heute in der Londoner Nationalgalerie. Langdon zog allerdings die erste, dramatischere Version im Louvre vor.</p><p>�Was war denn hinter dem Bild?�, erkundigte Langdon sich bei Sophie, die den Wagen die Champs-Elysees hinaufjagte.</p><p>�Ich werde es Ihnen zeigen, wenn wir sicher in der Botschaft angekommen sind�, sagte sie, ohne den Blick vom Verkehrsgeschehen zu nehmen.</p><p>�Es gibt etwas zu zeigen?�, fragte Langdon �berrascht. �Er hat einen Gegenstand f�r Sie zur�ckgelassen?�</p><p>Sophie nickte knapp. �Mit eingravierter Lilie und den Initialen P.S.�</p><p>Langdon glaubte, sich verh�rt zu haben.</p><empty-line/><p><emphasis>Wir werden es schaffen</emphasis>!, redete Sophie sich ein, als sie das Lenkrad des Smart scharf nach rechts einschlug, um am Luxushotel de Crillon vorbei in das von Alleen ges�umte Diplomatenviertel von Paris einzubiegen.</p><p>Trotz ihrer riskanten Fahrweise musste sie dauernd an den Schl�ssel in ihrer Tasche denken. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn vor vielen Jahren zum ersten Mal gesehen hatte � den wie ein Pluszeichen geformten Goldgriff, den dreieckigen Schaft mit den winzigen Vertiefungen, das eingravierte Lilienemblem und die Buchstaben P.S.</p><p>In all den Jahren hatte sie kaum noch an den Sch�ssel gedacht, hatte bei ihrer Arbeit im nachrichtendienstlichen Bereich aber einiges �ber Sicherheitssysteme mitbekommen. Die merkw�rdige Fertigungstechnik des Schl�ssels stellte inzwischen kein Geheimnis mehr f�r sie dar: eine lasergefertigte Matrix, absolut f�lschungssicher. Im Gegensatz zu den Zacken eines Bartschl�ssels, der im Schloss winzige Zylinder bet�tigt, wies dieser Schl�ssel ein komplexes Muster von Vertiefungen auf, die mittels Laserstrahl eingebrannt waren und von einem elektronischen Auge abgetastet wurden. Wenn die Elektronik registrierte, dass die hexagonalen Vertiefungen sich im richtigen Abstand voneinander und in der richtigen Anordnung zueinander befanden und richtig gedreht worden waren, wurde das Schloss freigegeben.</p><p>Sophie hatte keinen Schimmer, wozu Schl�ssel dieser Art verwendet wurden, aber sie hatte das Gef�hl, Robert k�nnte ihr auf die Spr�nge helfen. Schlie�lich hatte er auch das eingravierte Emblem beschrieben, ohne es je gesehen zu haben. Der kreuzf�rmige Griff lie� darauf schlie�en, dass der Schl�ssel irgendeiner christlichen Organisation geh�rte, aber welche Kirche besa� schon einen Schl�ssel mit Lasermatrix?</p><p>Au�erdem war Sophies Gro�vater kein Christ.</p><p>Sophie war vor zehn Jahren unsanft darauf gesto�en worden. Ironischerweise hatte letzten Endes ein anderer, ganz normaler Schl�ssel bewirkt, dass sie die wahre Natur ihres Gro�vaters entdeckt hatte.</p><p>Sie war an einem angenehm warmen Fr�hlingsnachmittag auf dem Flughafen Charles de Gaulle gelandet und mit einem Taxi nach Hause gefahren. <emphasis>Grand-p�re wird �berrascht sein, dass du schon da bist.</emphasis> Sophie war ein paar Tage fr�her von der Uni in England in die Osterferien gereist und konnte es nun kaum erwarten, ihrem Gro�vater von den neuen Chiffriermethoden zu erz�hlen, die sie zurzeit studierte.</p><p>Als Sophie in der Pariser Wohnung eintraf, war ihr Gro�vater nicht da. Sie war entt�uscht, aber wie h�tte er sie auch erwarten sollen? Vermutlich war er im Louvre und arbeitete. <emphasis>Aber es war Samstagnachmittag</emphasis>. Gro�vater arbeitete selten am Wochenende. Meist machte er dann �</p><p>Sophie rannte zur Garage. Der Wagen ihres Gro�vaters war fort, doch Sauni�re hasste den Stadtverkehr und benutzte den Wagen nur zu einem Zweck: um zu seinem Ferienschl�sschen in der Normandie zu fahren. Nach Monaten in der drangvollen Enge Londons sehnte auch Sophie sich nach der Weite und dem Duft der Natur. Warum nicht sofort mit den Ferien beginnen? Es war ja noch fr�h am Abend.</p><p>Sophie beschloss, dem Gro�vater hinterherzufahren und ihn zu �berraschen. Sie lieh sich den Wagen einer Freundin und fuhr nach Norden. Als sie kurz nach zehn durch die kurvenreiche verlassene H�gellandschaft bei Creully fuhr, stand hell der Mond am Himmel. Sophie bog in die lange Privatstra�e zum Anwesen ihres Gro�vaters ein. Sie hatte schon die H�lfte der knapp zwei Kilometer langen Zufahrt hinter sich, als sie endlich das Haus durch die Baumwipfel sehen konnte � ein riesiges altes Gem�uer, das sich an die Flanke eines H�gels schmiegte.</p><p>Sophie, die eigentlich damit gerechnet hatte, dass ihr Gro�vater um diese Zeit schon schlafen gegangen war, bemerkte erfreut, dass im ganzen Haus noch das Licht brannte. Doch aus der Freude wurde Verwunderung, als sie die Einfahrt mit Luxuslimousinen zugeparkt fand � Mercedes, BMWs, Audis und ein Rolls Royce.</p><p>Nach kurzem Erstaunen musste Sophie lachen. <emphasis>Grand-p�re, der ber�hmte Einsiedler</emphasis>! Jacques Sauni�re schien bei weitem nicht so einsiedlerisch zu sein, wie er immer tat: Er feierte eine gro�e Party, w�hrend Sophie im Ausland studierte. Den teuren Wagen nach zu schlie�en, mussten sich hier einige der einflussreichsten Pers�nlichkeiten von Paris ein Stelldichein gegeben haben.</p><p>Sophie war auf das �berraschte Gesicht ihres Gro�vaters gespannt. Sie lief zur Eingangst�r, doch sie war verschlossen. Sophie klopfte, doch niemand �ffnete. Verwundert ging sie um das Geb�ude herum und versuchte ihr Gl�ck an der Hintert�r. Auch hier war abgeschlossen. Nichts r�hrte sich.</p><p>Verwirrt verharrte sie einen Moment im Hof und lauschte. Nur der k�hle normannische Fr�hlingswind war zu h�ren, der leise klagend durch das bewaldete Tal strich.</p><p>Keine Musik.</p><p>Keine Stimmen.</p><p>Kein Gel�chter.</p><p>Nichts.</p><p>In der tiefen Stille des Waldes lief Sophie den halben Weg zur�ck zu einer Seite des Hauses, kletterte auf einen Holzsto� und sp�hte durch ein Fenster in den Salon. Der Anblick, der sich ihr bot, ergab keinen Sinn.</p><p>Das Erdgeschoss wirkte v�llig verlassen.</p><p><emphasis>Wo stecken denn die Leute!</emphasis></p><p>�Ist jemand da?�, rief sie.</p><p>Mit pochendem Herzen lief Sophie in den Schuppen, wo Gro�vater einen Zweitschl�ssel unter einer Kiste mit Brennholz versteckt hatte; mit diesem Schl�ssel verschaffte sie sich Einlass. Als sie in die Eingangshalle trat, begann das rote Warnl�mpchen auf dem Tastenfeld der Alarmanlage zu blinken � jetzt blieben noch zehn Sekunden, um den Zutrittscode einzugeben, sonst heulte die Alarmanlage los.</p><p><emphasis>Gro�vater hat die Alarmanlage eingeschaltet? Bei einer Party?</emphasis></p><p>Hastig tippte Sophie die dreistellige Zahlenfolge ein, die das System deaktivierte.</p><p>Im Innern fand sie das ganze Haus verlassen vor, auch die obere Etage. Als sie wieder nach unten kam und konsterniert im verlassenen Salon stand, h�rte sie etwas.</p><p>Ged�mpfte Stimmen.</p><p>Sie schienen von unten heraufzudringen.</p><p>Sophie legte das Ohr auf den Fu�boden. Ja, die Stimmen kamen eindeutig von unten. Sie schienen zu singen oder zu � <emphasis>beten</emphasis>? Sophie bekam es mit der Angst zu tun. Denn fast noch gespenstischer als der Gesang war die Tatsache, dass das Haus keinen Keller hatte �</p><p>Jedenfalls, soweit sie wusste.</p><p>Sophie sah sich im Wohnzimmer um. Ihr Blick verharrte auf dem einzigen Gegenstand, der sich nicht an seinem gewohnten Platz befand � das Lieblingsst�ck ihres Gro�vaters, eine gro�e Tapisserie von Aubusson. Der Wandteppich hing sonst immer vor der holzget�felten �stlichen Wand neben dem Kamin, aber heute war er auf seiner Messingstange beiseite geschoben worden. Das Paneel dahinter war zu sehen.</p><p>Als Sophie darauf zuging, hatte sie den Eindruck, dass der Gesang noch lauter wurde. Z�gernd legte sie das Ohr ans Paneel. Der monotone Singsang wurde deutlicher. Es war unverkennbar ein Chorgesang � mit v�llig fremdartigen Lauten.</p><p><emphasis>Hinter der Wand musste ein Hohlraum sein</emphasis>.</p><p>Als Sophie die Finger langsam �ber den Rand des Paneels gleiten lie�, ertastete sie eine versteckt eingearbeitete Vertiefung. Mit pochendem Herzen zw�ngte sie die Fingerspitzen in den Schlitz und schob. <emphasis>Eine Geheimt�r</emphasis>! Ger�uschlos glitt die h�lzerne Wand zur Seite. Stimmen hallten aus dem Dunkel zu ihr herauf.</p><p>Sophie schl�pfte durch die �ffnung und stand vor einer schmucklosen, grob gearbeiteten Wendeltreppe, die nach unten f�hrte. Seit ihrer Kindheit hatte sie dieses Haus regelm��ig besucht und wusste nicht einmal, dass es diese Wendeltreppe �berhaupt gab �</p><p>Sie stieg hinunter. K�hle Luft wehte ihr entgegen, w�hrend sie auf die Stufen starrte, die gewunden in die Tiefe f�hrten. Die letzte Stufe kam in Sicht. Sophie konnte ein kleines St�ck des daran ansto�enden Kellerbodens erkennen: von orange flackerndem Feuerschein beleuchtete Steinplatten.</p><p>Mit angehaltenem Atem schlich sie ein paar Schritte voran und ging in die Hocke, um ein gr��eres Blickfeld zu haben. Sie brauchte ein paar Sekunden, um den Anblick zu verkraften, der sich ihr bot.</p><p>Sie blickte in eine Art Grotte, die roh aus dem anstehenden Granitgestein des H�gels herausgehauen zu sein schien. Mehrere Fackeln in eisernen Wandhaltern spendeten flackerndes, unstetes Licht. Ungef�hr drei�ig Personen bildeten in der Mitte des Raums einen Kreis im geisterhaften Lichtschein.</p><p><emphasis>Das kann nicht sein</emphasis>, sagte sich Sophie. <emphasis>Das ist ein b�ser Traum.</emphasis></p><p>Alle Anwesenden trugen Gesichtsmasken. Die Frauen waren in Gew�nder aus durchsichtigem wei�en Stoff gekleidet und trugen goldene Pantoffeln. Die M�nner trugen schwarze Roben und schwarze Masken. Alles wirkte wie eine groteske Versammlung zu gro� geratener Schachfiguren. Die Gestalten wiegten sich vor und zur�ck und intonierten einen Lobgesang auf irgendetwas, das offenbar zu ihren F��en auf dem Boden vor sich ging, doch Sophie konnte es nicht sehen.</p><p>Der Singsang wurde schneller und lauter, schwoll an zum orgiastischen Donnerhall. Die ekstatische Gemeinschaft wogte vor, zur�ck, vor und fiel auf die Knie. In diesem Moment sah auch Sophie, was die anderen die ganze Zeit schon beobachtet hatten. Sie prallte vor Entsetzen zur�ck, doch im Bruchteil einer Sekunde hatte sich das scheu�liche Bild f�r immer in ihr Ged�chtnis eingebrannt. Mir einem W�rgen in der Kehle fuhr sie herum und fl�chtete die Wendeltreppe hinauf, wobei sie an den Wandvorspr�ngen Halt suchte. Hinter sich stie� sie die Geheimt�r zu, fl�chtete aus dem scheinbar verlassenen Haus und fuhr nach Paris zur�ck, wobei sie hemmungslos weinte.</p><p>Noch in dieser Nacht hatte sie ihre Siebensachen gepackt und ihr Heim verlassen. Ihr ganzes bisheriges Leben war unter der Wucht des Schocks, der Entt�uschung und der Irref�hrung zerbrochen. Auf dem Esstisch hatte sie einen Zettel hinterlassen:</p><p>ICH BIN DORT GEWESEN. WAGE NICHT, MICH ZU SUCHEN!</p><p>Neben den Zettel hatte sie den Zweitschl�ssel aus dem Holzschuppen gelegt.</p><empty-line/><p>�Sophie!� Langdons Stimme riss sie aus ihren Gedanken. �Stopp! Stopp!�</p><p>Sophie stieg hart auf die Bremse. Mit kreischenden Reifen kam der Smart zum Stehen.</p><p>Langdon deutete die Stra�e hinunter.</p><p>Das Blut stockte Sophie in den Adern. Ungef�hr hundert Meter vor ihnen war die Kreuzung durch quer gestellte Polizeifahrzeuge versperrt. Der Zweck dieser Aktion war eindeutig: Sie hatten die Avenue Gabriel dichtgemacht.</p><p>�Meine Botschaft ist heute Nacht offenbar ein wenig schwer zug�nglich�, meinte Langdon lakonisch.</p><p>Zwei Polizisten, die unten an der Kreuzung neben ihren Streifenwagen standen, schauten neugierig zu ihnen hinauf. Wahrscheinlich fragen sie sich, warum der Smart so abrupt gehalten hatte.</p><p><emphasis>Okay, Sophie, jetzt wirst du sch�n fahrschulm��ig wenden.</emphasis></p><p>Sie legte den R�ckw�rtsgang ein, stie� zur�ck, wieder vor, noch einmal zur�ck und fuhr gesittet in der anderen Richtung davon. Sie war noch nicht im zweiten Gang, als sie hinter sich Reifen quietschen und zwei Martinsh�rner pl�rren h�rte.</p><p>Fluchend gab sie Vollgas.</p></section><section><title><p><strong>33. KAPITEL</strong></p></title><p>An Botschaften und Konsulaten vorbei jagte Sophie mit dem Smart durchs Diplomatenviertel. Schlie�lich gelangte sie auf eine Querstra�e, von der sie nach rechts in die gro�e Hauptachse der Champs-Elysees einbiegen konnte.</p><p>Langdon dr�ckte sich in den Beifahrersitz. Er hielt sich so krampfhaft fest, dass die Kn�chel wei� hervortraten, und w�nschte sich sehnlichst, nicht gefl�chtet zu sein.</p><p><emphasis>Du bist ja nicht gefl�chtet</emphasis>, beruhigte er sich. <emphasis>Sophie hat dir die Entscheidung abgenommen. Sie hat den Minisender zum Toilettenfenster hinausgeworfen.</emphasis></p><p>W�hrend die Entfernung von der amerikanischen Botschaft stetig wuchs und Sophie im sp�rlichen n�chtlichen Verkehr im Zickzackkurs �ber die Champs-Elysees jagte, sp�rte Langdon seine Felle weiter davonschwimmen. Sophie hatte zwar die Polizei abgeh�ngt, doch Langdon bezweifelte, dass ihr Gl�ck von langer Dauer war.</p><p>Sophie lenkte mit einer Hand, w�hrend sie mit der anderen in ihrer Pullovertasche w�hlte. Schlie�lich zog sie einen kleinen Gegenstand ans Metall heraus und hielt ihn Langdon hin. �Werfen Sie mal einen Blick darauf, Robert. Das hat mein Gro�vater mir hinter Leonardos Felsgrottenmadonna hinterlassen.�</p><p>Gespannt nahm Langdon den schweren kreuzf�rmigen Gegenstand in die Hand. Er betrachtete pr�fend den prismenf�rmigen Schaft am Kreuz, der mit Hunderten winziger Sechsecke �bers�t war, die mit einem Pr�zisionswerkzeug in zuf�lliger Folge hineingepr�gt worden zu sein schienen.</p><p>�Das ist ein lasergefertigter Schl�ssel�, erl�uterte Sophie. �Diese Sechsecke werden von einem elektronischen Auge abgetastet.�</p><p><emphasis>Ein Schl�ssel</emphasis>? Langdon hatte so etwas noch nie gesehen.</p><p>�Schauen Sie sich mal die andere Seite an�, sagte Sophie und wechselte mitten auf einer Kreuzung geschickt die Spur.</p><p>Als Langdon den Schl�ssel herumdrehte, riss er vor �berraschung die Augen auf. S�uberlich in die Mitte der Kreuzbalken eingraviert, befand sich eine stilisierte Lilie mit den Initialen P.S.</p><p>�Sophie�, stie� er hervor, �das ist das Emblem, von dem ich Ihnen erz�hlt habe! Das offizielle Emblem der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>.�</p><p>Sophie nickte. �Wie gesagt, ich habe den Schl�ssel vor langer Zeit schon einmal gesehen. Mein Gro�vater hat damals von mir verlangt, nie wieder von diesem Schl�ssel zu reden.�</p><p>Langdon konnte den Blick nicht von dem gravierten Schl�ssel wenden. In seiner High-Tech-Funktionsweise und seinem uralten Symbolgehalt vermischten sich auf gespenstische Weise die Welten der Vorzeit und der Moderne.</p><p>�Mein Gro�vater sagte damals, der Schl�ssel geh�re zu einer Kiste, in der er seine Geheimnisse h�te.�</p><p>Langdon versuchte vergeblich, sich vorzustellen, welche Geheimnisse Jacques Sauni�re h�ten mochte. Was eine uralte Bruderschaft mit einem futuristischen Schl�ssel im Sinn hatte, war ihm ein ebensolches R�tsel. Die <emphasis>Prieur�</emphasis> existierte einzig zu dem Zweck, ein Geheimnis zu h�ten � ein Geheimnis, das seinem H�ter ungeheure Macht verlieh. <emphasis>K�nnte es sein, dass der Sch�ssel etwas damit zu tun hat</emphasis>? Was f�r eine atemberaubende Vorstellung.</p><p>�Wissen Sie, wozu dieser Schl�ssel dient?�</p><p>Sophie schaute ihn an. �Ich dachte, das w�ssten Sie.�</p><p>Langdon erwiderte nichts. Versonnen drehte er den kreuzf�rmigen Gegenstand in seinen H�nden.</p><p>�K�nnte der Schl�ssel ein christliches Symbol sein?�, versuchte Sophie ihm auf die Spr�nge zu helfen.</p><p>Langdon war sich keineswegs sicher. Der Griff des Schl�ssels besa� nicht die traditionelle christliche Kreuzform mit dem langen und dem kurzen Balken, sondern wies vier gleich lange Balken auf � eine Form, die anderthalb Jahrtausende �lter war als das Christentum. Solche Kreuze besa�en nicht den christlichen Symbolgehalt der Kreuzigung wie das lateinische Kreuz mit dem langen unteren Balken, das die R�mer als Folterinstrument erfunden hatten. Langdon wunderte sich immer, dass Christen, wenn sie ein Kreuz betrachteten, in den seltensten F�llen wussten, dass schon der Name dieses zentralen christlichen Symbols seine Gewaltsamkeit widerspiegelte. Das Wort �Kreuz� leitete sich vom lateinischen �cruciare� ab, was nichts anderes als �qu�len� oder �foltern� bedeutete.</p><p>�Ich kann Ihnen lediglich sagen, Sophie, dass solche Kreuze mit gleich langen Balken <emphasis>friedliche</emphasis> Symbole sind. Allein schon wegen ihrer quadratischen Form w�ren sie f�r Kreuzigungszwecke � nun, unpraktisch. Die Ausgeglichenheit der senkrechten und waagerechten Komponenten bezeichnet das nat�rliche Einssein von m�nnlich und weiblich, wodurch ihr Symbolgehalt bestens zur Weltanschauung der <emphasis>Prieur�</emphasis> passt.�</p><p>Sophie blickte ihn m�de an. �Einen anderen Reim k�nnen Sie sich nicht darauf machen?�</p><p>Langdon zuckte die Schultern. �Absolut nicht.�</p><p>�Okay, wir m�ssen langsam von der Stra�e verschwinden�, sagte Sophie und schaute in den R�ckspiegel. �Wir m�ssen irgendwo unterkriechen und uns in aller Ruhe �berlegen, wof�r dieser Schl�ssel ist.�</p><p>Langdon dachte sehns�chtig an sein Zimmer im Ritz, das aus nahe liegenden Gr�nden aber nicht in Frage kam. �Wie w�r's mit meinen Gastgebern an der amerikanischen Universit�t von Paris?�</p><p>�Zu offensichtlich. Sie werden bestimmt schon von Fache �berwacht.�</p><p>�Sie m�ssen doch irgend jemanden kennen, Sophie. Sie leben hier.�</p><p>�Fache wird s�mtliche Nummern aus meinem Telefon- und E-Mail-Verzeichnis abklappern und meine Verbindungen kappen. Und in ein Hotel k�nnen wir auch nicht, weil man sich dort ausweisen muss.�</p><p>Langdon fragte sich zum wiederholten Mal, ob es nicht besser gewesen w�re, sich von Fache im Louvre verhaften zu lassen. �Lassen Sie mich die Botschaft anrufen. Ich werde die Situation darlegen und darum bitten, dass man jemanden schickt, der uns irgendwo abholt.�</p><p>�Uns abholen?� Sophie blickte ihn entgeistert an, als w�re er pl�tzlich �bergeschnappt. �Ihre Botschaft hat au�erhalb ihres eigenen Territoriums keinerlei Befugnisse, Robert. Wenn sie uns jemand schicken, um uns abzuholen, w�rden sie sich der Beihilfe zur Flucht vor der franz�sischen Justiz schuldig machen. Das ist v�llig ausgeschlossen. Wenn Sie in Ihre Botschaft hineinmarschieren und um vor�bergehendes Asyl bitten, ist das eine Sache, aber was Sie sich da ausmalen, w�re Behinderung der franz�sischen Strafverfolgungsbeh�rden.� Sie sch�ttelte den Kopf. �Wenn Sie Ihre Botschaft jetzt anrufen, wird man Ihnen raten, die Sache nicht noch schlimmer zu machen und sich unverz�glich der Polizei zu stellen. Man wird Ihnen bestenfalls versprechen, alle diplomatischen Hebel in Bewegung zu setzen, damit Sie einen fairen Prozess bekommen.� Sophie schaute die eleganten L�den an der Champs-Elysees entlang. �Wie viel Bargeld haben Sie dabei?�</p><p>Langdon sah in seine Brieftasche. �Ein paar Hundert Dollar und ein paar Euro. Warum?�</p><p>�Kreditkarten?�</p><p>�Ja.�</p><p>Sophie trat wieder aufs Gas. Unmittelbar vor ihnen erhob sich am Ende der Champs-Elysees der Arc de Triomphe, Napoleons f�nfzig Meter hohe Reverenz an sein eigenes milit�risches Genie, umgeben vom gr��ten Kreisverkehr Frankreichs, einem Stra�enmoloch mit neun Fahrspuren, dem sie sich nun n�herten. Sophie blickte wieder in den R�ckspiegel. �Vorerst haben wir die Polizei abgeh�ngt�, sagte sie, �aber das kann sich schon in den n�chsten Minuten �ndern, wenn wir dieses Auto nicht loswerden.�</p><p><emphasis>Dann klauen wir eben ein anderes</emphasis>, sagte sich Langdon. <emphasis>Jetzt sind wir ohnehin Gesetzesbrecher</emphasis>. �Was haben Sie vor?�</p><p>Sophie jagte den Smart durch den Kreisverkehr. �Lassen Sie mich nur machen.�</p><p>Langdon erwiderte nichts. Sophie �machen zu lassen�, hatte ihn heute Nacht nicht allzu weit gebracht. Er streifte den �rmel ein wenig zur�ck und sah auf die Uhr � ein altes Sammlerst�ck, eine Mickymaus-Uhr, die er zu seinem zehnten Geburtstag von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte. Auch wenn er mit dem albernen Zifferblatt �fters verwunderte Blicke auf sich zog, hatte er nie eine andere Uhr besessen. Zeichentrickfilme von Walt Disney waren seine erste Begegnung mit der Magie von Form und Farbe gewesen. Die Mickymaus lieferte ihm t�glich den Anreiz, im Herzen jung zu bleiben. Im Moment allerdings befanden sich die Arme der ulkigen Filmmaus � zugleich die Zeiger der Uhr � in einer ungew�hnlichen Stellung, womit sie eine ziemlich ungewohnte Stunde anzeigten.</p><p>2.51 Uhr.</p><p>�Interessantes St�ck�, sagte Sophie mit einem Seitenblick auf Langdons Handgelenk, w�hrend sie den Smart rechtsherum durch das weite Rund des Kreisverkehrs lenkte.</p><p>�Mit einer langen Geschichte�, meinte Langdon einsilbig und zog den �rmel wieder herunter.</p><p>�Scheint mir auch so.� Sophie lie� ein L�cheln aufblitzen. Sie bog in n�rdlicher Richtung vom Kreisel ab, schaffte gerade noch zwei Ampeln und schwenkte an der dritten Kreuzung scharf rechts in den Boulevard Malesherbes. Sie waren nun aus dem Diplomatenviertel mit seinen gut ausgebauten dreispurigen Stra�en heraus und fuhren durch ein ziemlich d�steres Industrieviertel. Als Sophie unvermutet nach rechts abbog, wusste Langdon auf einmal wieder, wo sie waren.</p><p>Am Bahnhof Saint-Lazare.</p><p>Vor ihnen erhob sich ein merkw�rdiges Gebilde, das aussah wie eine Mischung aus Flugzeughangar und Gew�chshaus. Europ�ische Bahnh�fe kannten keinen Feierabend. Selbst zu dieser Stunde stand ein halbes Dutzend Taxis mit im Leerlauf brummendem Dieselmotor vor dem Haupteingang. Fliegende H�ndler schoben ihre Verkaufswagen f�r belegte Br�tchen und Mineralwasser durch die Gegend; abgerissene Halbw�chsige mit Rucks�cken kamen aus dem Bahnhof getrottet und rieben sich die Augen, als w�rden sie sich den Kopf zerbrechen, was das denn nun wieder f�r eine Stadt sei. Ein St�ck weiter standen mehrere Polizisten am Bordstein und wiesen Japanern den Weg.</p><p>Obwohl es auf der anderen Stra�eseite gen�gend offizielle Parkpl�tze gab, stellte Sophie sich hinter ein paar Taxis ins Halteverbot. Bevor Langdon fragen konnte, was sie vorhatte, war sie schon ausgestiegen und ging zu dem Taxi, das vor ihnen stand. Sie sprach den Fahrer durch die heruntergedrehte Seitenscheibe an.</p><p>Als auch Langdon ausstieg, sah er Sophie dem Fahrer ein dickes B�ndel Banknoten aush�ndigen. Der Mann nickte. Zu Langdons Verwunderung gab er Gas und fuhr los � allein.</p><p>Langdon trat an Sophies Seite und sah dem Taxi nach. �Was sollte das denn?�, wollte er wissen.</p><p>Sophie war schon auf dem Weg zum Haupteingang des Bahnhofsgeb�udes. �Kommen Sie. Wir besorgen uns zwei Fahrkarten f�r den n�chsten Zug, der abf�hrt, egal wohin.�</p><p>Langdon eilte neben ihr her. Was als Spritztour zur amerikanischen Botschaft begonnen hatte, wuchs sich zu einer kopflosen Flucht aus Paris aus. Die Sache gefiel ihm immer weniger.</p></section><section><title><p><strong>34. KAPITEL</strong></p></title><p>Der Fahrer, der Bischof Aringarosa am Flughafen Leonardo da Vinci in Rom abholte, kam in einem kleinen, unauff�lligen schwarzen Fiat vorgefahren.</p><p>Aringarosa erinnerte sich an die Tage, als Fahrg�ste des Vatikans in riesigen Luxuslimousinen mit Diplomatenkennzeichen unter dem chromblitzenden K�hlergrill und einer Standarte mit dem Wappen des Heiligen Stuhls auf dem Kotfl�gel chauffiert worden waren. <emphasis>Das waren noch Zeiten.</emphasis> Heutzutage waren die Fahrzeuge des Vatikans erheblich schlichter geworden und auch nicht mehr als solche erkennbar. Im Vatikan hie� es, man wolle zum Wohle der Di�zesen Kosten sparen, doch Aringarosa hatte den Verdacht, dass es sich um eine Sicherheitsma�nahme handelte.</p><p>Die Welt war aus den Fugen geraten. In vielen Gegenden Europas wirkte es inzwischen wie ein rotes Tuch, wenn man sich �ffentlich als jemand zu erkennen gab, dem christliche Werte am Herzen lagen.</p><p>Aringarosa raffte die Sch��e der Soutane um sich, nahm auf dem R�cksitz Platz und stellte sich innerlich auf die lange Fahrt zum Castel Gandolfo ein � die gleiche Fahrt, die er schon f�nf Monate zuvor gemacht hatte.</p><p>Die Reise nach Rom Ende letzten Jahres, er seufzte leise, war die l�ngste Reise deines Lebens.</p><p>Vor f�nf Monaten war er telefonisch nach Rom beordert worden � unverz�glich. Einen Grund hatte man nicht genannt. <emphasis>Ihr Ticket liegt am Flughafen f�r Sie bereit</emphasis>. Der Heilige Stuhl legte Wert darauf, einen Rest vom Schleier des Geheimnisvollen zu wahren, auch gegen�ber seinem hohen Klerus.</p><p>Aringarosa hatte den Verdacht gehabt, bei dem mysteri�sen Gestellungsbefehl gehe es um einen Fototermin mit dem Papst und anderen hohen kirchlichen W�rdentr�gern, damit der Vatikan den j�ngsten Medienerfolg des Opus Dei � die Fertigstellung des Opus-Dei-Hauptquartiers in New York � f�r sich ausschlachten konnte. Die Zeitschrift <emphasis>Architectural Digest</emphasis> hatte das neue Geb�ude als �brillantes Leuchtfeuer des Katholizismus, das sich sublim in die moderne Stadtlandschaft einf�gt� gepriesen. Der Vatikan schien neuerdings eine Vorliebe f�r Dinge zu entwickeln, die sich mit dem Beiwort �modern� schm�ckten.</p><p>Aringarosa hatte keine andere Wahl gehabt, als der �Einladung� Folge zu leisten, wenn auch nicht mit wehenden Fahnen. Wie die Mehrheit des konservativen Klerus war Aringarosa von der derzeitigen Kurie keineswegs begeistert und hatte die Entwicklungen im ersten Jahr der Amtsf�hrung des neuen Papstes mir gr��ter Besorgnis verfolgt. Seine Heiligkeit, ein au�ergew�hnlich liberaler Mann, war durch eines der umstrittensten Konklave in der Geschichte des Vatikans in sein Amt gelangt. Anstatt sich nach seinem unerwarteten Aufstieg an die Spitze der Kurie in Bescheidenheit und Zur�ckhaltung zu �ben, hatte der Heilige Vater stattdessen mit der vollen Wucht der immensen Machtf�lle des h�chsten Amtes der Christenheit auf den Tisch gehauen. Von einer befremdlichen Welle der Sympathie des Kardinalskollegiums getragen, hatte der Papst erkl�rt, er sehe seine Sendung darin, �die vatikanische Lehre zu verj�ngen und den Katholizismus den Erfordernissen des dritten Jahrtausends zu �ffnen�.</p><p>Nach Aringarosas Bef�rchtung hie� das im Klartext, dass dieser Mann in seiner Arroganz tats�chlich glaubte, er k�nne die Herzen jener, denen die Anforderungen des wahren Katholizismus in der modernen Welt zu unbequem geworden waren, durch eine Neufassung der Gesetze Gottes zur�ckgewinnen.</p><p>Aringarosa hatte sein ganzes, angesichts der gewaltigen Gefolgschaft und Finanzkraft des Opus Dei erhebliches politisches Gewicht in die Waagschale geworfen, um dem Papst und seinen Beratern begreiflich zu machen, dass eine Aufweichung der Gesetze der Kirche nicht nur eine feige Verleugnung des Glaubens war, sondern obendrein politischer Selbstmord. Er hatte sie daran erinnert, dass die bereits erfolgte Lockerung des Kirchengesetzes � das Fiasko des Zweiten Vatikanischen Konzils � ein verheerendes Verm�chtnis hinterlassen hatte. Der Kirchenbesuch war so d�rftig geworden wie noch nie, das Spendenaufkommen magerer denn je, und es gab noch nicht einmal ausreichend Priesternachwuchs, um s�mtliche vakanten Pfarrstellen zu besetzen.</p><p><emphasis>Die Kirche muss den Menschen eine feste Hand und seelische F�hrung bieten</emphasis>, hatte er mit Nachdruck erkl�rt, <emphasis>und keinen liebedienerischen Schmusekurs!</emphasis></p><p>An jenem Abend vor ein paar Monaten hatte Aringarosa sich gewunden, dass der Fiat nach Verlassen des Flughafengel�ndes nicht die Richtung zur Vatikanstadt einschlug, sondern nach Osten fuhr, wo es bald auf einer kurvenreichen Stra�e bergauf ging. �Wo fahren Sie hin?�, hatte Aringarosa den Mann am Steuer gefragt.</p><p>�In die Albaner Berge, Exzellenz. Die Zusammenkunft findet im Castel Gandolfo statt.�</p><p><emphasis>In der Sommerresidenz des Papstes?</emphasis> Aringarosa hatte sie nie kennen gelernt und auch nie das Bed�rfnis gehabt. Das Kastell aus dem sechzehnten Jahrhundert war nicht nur p�pstliche Sommerresidenz, es beherbergte auch das p�pstliche Observatorium <emphasis>Specula Vaticana</emphasis> � eine der modernsten Sternwarten Europas. Im Laufe der j�ngeren Geschichte hatte der Vatikan auf naturwissenschaftlichem Gebiet immer �fter die Stimme erhoben, was Aringarosa stets missfallen hatte. Wozu Naturwissenschaft und Glauben miteinander vers�hnen? Wie k�nnte ein gl�ubiger Naturwissenschaftler wertfreie Forschung betreiben? Au�erdem brauchte der Glauben keine wissenschaftliche Rechtfertigung.</p><p><emphasis>Da w�ren wir</emphasis>, hatte Aringarosa gedacht, als er damals Castel Gandolfo vor einem sternen�bers�ten Novembernachthimmel ins Blickfeld kommen sah. Von der Zufahrtsstra�e aus betrachtet, �hnelte Gandolfo einem gewaltigen steinernen Ungeheuer, das im Begriff war, einen selbstm�rderischen Sprung in den Abgrund zu tun. Die an den Rand eines Felssturzes gebaute Schlossanlage blickte �ber die Wiege der italienischen Zivilisation hinweg � �ber jenes Tal, in dem die Sippen der Horatier und Curatier lange vor Gr�ndung der Stadt Rom ihre Fehden ausgefochten hatten.</p><p>Seihst als Silhouette war Castel Gandolfo ein unvergesslicher Anblick und bot ein eindrucksvolles Beispiel einer auf mehreren Ebenen angelegten Verteidigungsarchitektur, die die St�rke dieses Felsenbollwerks dramatisch zum Ausdruck brachte. Leider hatte der Vatikan die trutzige Wirkung des Baukomplexes durch die beiden auf das Dach gesetzten Aluminiumkuppeln der Sternwarte zunichte gemacht; sie verliehen diesem zuvor so w�rdevollen Geb�ude das Aussehen eines Kriegers mit zwei Narrenkappen.</p><p>Als Aringarosa aus dem Wagen stieg, eilte ein junger Jesuit herbei, um ihn zu begr��en. �Willkommen, Exzellenz. Ich bin Pater Mangano, Astronom am hiesigen Institut.�</p><p><emphasis>Wie sch�n f�r dich</emphasis>. Aringarosa hatte ein m�rrisches �Guten Abend� von sich gegeben und war seinem F�hrer in den Empfangsraum des Schlosses gefolgt � einen weitl�ufigen Saal, der mit einer disparaten Mischung aus Renaissancekunstwerken und astronomischen Fotos best�ckt war. Als Aringarosa hinter dem Jesuitenpater das breite Marmortreppenhaus aus Travertin hinaufstieg, hatten ihm auf Schritt und Tritt Hinweisschilder auf Konferenzzentren, Vorlesungsr�ume und Informationsstellen f�r Touristen entgegengeleuchtet. Verwundert hatte er zur Kenntnis genommen, dass der Vatikan zwar konsequent jede Gelegenheit auslie�, den Menschen ein nachvollziehbares und verpflichtendes Leitbild zum spirituellen Wachstum zu liefern, offensichtlich jedoch Zeit und Mu�e genug hatte, astronomische Vortr�ge f�r Touristen halten zu lassen.</p><p>�Sagen Sie mal�, hatte Aringarosa sich an den jungen Geistlichen gewandt, �seit wann wedelt eigentlich der Schwanz mit dem Hund?�</p><p>Der Pater hatte ihn verst�ndnislos angesehen. �Wie meinen, Exzellenz?�</p><p>Aringarosa hatte abgewunken und beschlossen, dieses spezielle Fass heute Abend nicht schon wieder aufzumachen. <emphasis>Der ganze Vatikan ist verr�ckt geworden</emphasis>. Wie konfliktscheue Eltern, die es bequemer fanden, den Launen ihres verzogenen Kindes nachzugeben, anstatt sich hinzustellen und dem Balg die Hammelbeine lang zu ziehen, wurde auch die Kirche von Mal zu Mal friedlicher und versuchte, sich einer haltlos gewordenen Kultur anzudienen, die �ber s�mtliche Str�nge schlug.</p><p>In der oberen Etage hatten die M�nner einen breiten, luxuri�s ausgestatteten Flur betreten, der zu einer gewaltigen eichenen Fl�gelt�r mit einem Messingschild f�hrte.</p><p>BIBLIOTECA ASTRONOMICA</p><p>Aringarosa hatte schon davon geh�rt. Die astronomische Bibliothek des Vatikans, die Ger�chten zufolge mehr als f�nfundzwanzigtausend B�nde umfasste, darunter einzigartige Werke von Kopernikus, Galilei, Kepler, Newton und Secchi, diente den Kuriengener�len des Papstes als privater Versammlungsort f�r Besprechungen, die man in den Mauern des Vatikans lieber nicht abhielt.</p><p>Als Aringarosa zur Fl�gelt�r gegangen war, hatte er in keiner Weise mit der erschreckenden Neuigkeit gerechnet, die ihn drinnen erwartete � und schon gar nicht mit der t�dlichen Folge von Ereignissen, die hier ihren Anfang nehmen sollte. Erst als er eine Stunde sp�ter aus dem Konferenzraum getaumelt war, waren ihm die verheerenden Konsequenzen klargeworden. <emphasis>In sechs Monaten</emphasis>!, hatte er gedacht. <emphasis>Der Herr sei uns gn�dig.</emphasis></p><empty-line/><p>Als Aringarosa jetzt abermals in einem Fiat sa�, lie� ihn allein schon der Gedanke an dieses erste Treffen die F�uste ballen. Er zwang sich, tief durchzuatmen und sich zu entspannen.</p><p><emphasis>Jetzt kommt alles wieder ins Lot</emphasis>, sagte er sich, w�hrend der Fiat sich die Berge hinaufqu�lte. Dennoch h�tte es ihn beruhigt, wenn das Handy gepiept h�tte. <emphasis>Warum hat der Lehrer mich noch nicht angerufen! Silos m�sste den Stein l�ngst geborgen haben!</emphasis></p><p>Um seine Nerven zu beruhigen, meditierte der Bischof �ber den violetten Amethyst in seinem Ring. Er betastete das Mitra- und Krummstab-Symbol und die Facetten der Brillanten. Die Steine dieses Ringes waren ein Zeichen seiner Macht � doch im Vergleich zu der Macht, die ihm bald ein anderer Stein verleihen w�rde, waren sie nichts.</p></section><section><title><p><strong>35. KAPITEL</strong></p></title><p>Von innen sah der Gare Saint-Lazare wie jeder andere Bahnhof in Europa aus � eine riesige, offene H�hle, in der die �blichen Verd�chtigen herumlungerten: Penner, die mit einem Pappschild um eine milde Gabe baten, Gruppen rucksackbeh�ngter Sch�ler, die sich mit roten Augen von ihrem Walkman die Ohren volldr�hnen lie�en, und hier und da ein paar blau livrierte Gep�cktr�ger, die rauchend beieinander standen.</p><p>Sophie schaute zu der riesigen Anzeigetafel mit den schwanwei�en Ziffern der Abfahrzeiten hinauf. Die Umklappt�felchen bl�tterten weiter zum aktuellen Stand. Langdon verfolgte das Geschehen. Auf der obersten Zeile stand nun:</p><p>LILLE � RAPIDE � 3.06</p><p>�Mir w�re lieber, es g�be einen fr�heren Zug, aber der nach Lille tut's zur Not auch.�</p><p><emphasis>Noch fr�her?</emphasis> Langdon sah auf die Uhr. 2.59 Uhr. Der Zug fuhr in sieben Minuten ab, und sie hatten noch nicht einmal Fahrkarten gekauft!</p><p>Sophie schob Langdon zum Schalter. �Nehmen Sie Ihre Kreditkarte und kaufen Sie uns zwei Fahrkarten�, sagte sie.</p><p>�Ich dachte, wenn ich die Kreditkarte benutze, kann man sofort feststellen, wo � �</p><p>�Ja, eben.�</p><p>Langdon beschloss, nicht mehr schneller als Sophie Neveu denken zu wollen. Mit seiner Visa-Card bezahlte er zwei Fahrkarten nach Lille, die er Sophie reichte.</p><p>Sophie zog ihn zu den Bahnsteigen. Aus dem Lautsprecher erklang ein Gong, gefolgt von einer Ansage und der Aufforderung, in den Zug nach Lille zu steigen und die T�ren zu schlie�en, der Zug fahre sofort ab. Sechzehn Gleise lagen vor ihnen. Rechts, an Gleis drei, setzte der Zug nach Lille sich zischend und fauchend in Bewegung, doch Sophie hatte Langdon bereits untergehakt und zog ihn in die entgegengesetzte Richtung. Sie liefen durch eine Nebenhalle, an einem rund um die Uhr ge�ffneten Imbiss vorbei, und eilten schlie�lich durch einen Seiteneingang an der Westseite des Bahnhofsgeb�udes auf eine ruhige Stra�e hinaus.</p><p>Ein einsames Taxi stand mit laufendem Motor am Bordstein. Als der Fahrer Sophie aus dem Bahnhof kommen sah, lie� er kurz die Lichthupe aufblitzen. Sophie schwang sich auf die R�ckbank, gefolgt von Langdon. W�hrend das Taxi anfuhr, holte Sophie die soeben gekauften Bahntickets heraus und riss sie in Fetzen.</p><p>Langdon seufzte. <emphasis>Siebzig Dollar f�r die Katz</emphasis>.</p><p>Erst als das Taxi auf der Rue Clichy ruhig und gleichm��ig nach Norden fuhr, wurde Langdon bewusst, dass ihnen die Flucht tats�chlich gelungen war. Durch das rechte Seitenfenster sah er den Montmartre und die pr�chtige Kuppel von Sacre-C�ur. Das malerische Bild wurde nur kurz durch einige Blaulichter gest�rt, als Polizeifahrzeuge mit Sirenengeheul in die entgegengesetzte Richtung rasten.</p><p>Langdon und Sophie duckten sich in den Sitz, bis die Martinsh�rner verklungen waren.</p><p>Sophie hatte dem Fahrer gesagt, er solle immer nur geradeaus aus der Stadt fahren, ohne ein genaues Ziel zu nennen. Langdon konnte an ihrem Gesicht ablesen, dass sie �ber ihren n�chsten Schachzug nachdachte. Er holte den Schl�ssel mit dem Kreuzgriff hervor, lehnte die Schulter ans Fenster und betrachtete den Gegenstand aufs Neue, hielt ihn sich dicht vor die Augen und versuchte im Licht vorbeihuschender Stra�enlaternen eine Markierung oder sonst etwas zu erkennen, das Aufschluss dar�ber gehen konnte, von wem oder zu welchem Zweck dieser Schl�ssel gefertigt worden war, doch er sah nichts au�er dem Emblem der <emphasis>Prieur�</emphasis>.</p><p>�Es ergibt keinen Sinn�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Was?�</p><p>�Dass Ihr Gro�vater sich so viel M�he gegeben hat, nur um Ihnen einen Schl�ssel zuzuspielen, mit dem Sie nichts anfangen k�nnen.�</p><p>�Da haben Sie Recht.�</p><p>�Sind Sie ganz sicher, dass er nichts auf die R�ckseite des Gem�ldes geschrieben hat?�</p><p>�Ich habe alles sorgf�ltig abgesucht. Au�er diesem Schl�ssel hinter dem Bild war da nichts. Ich habe mir den Schl�ssel genommen, das Emblem mit dem P.S. erkannt und den Schl�ssel in die Tasche gesteckt. Dann haben wir uns aus dem Staub gemacht.�</p><p>Langdon runzelte die Stirn. Er betrachtete den Schaft von unten. Wieder nichts. Blinzelnd hielt er den Griff dicht vor die Augen und untersuchte den Rand der Kreuzbalken. Auch da war nichts zu sehen. �Ich glaube, der Schl�ssel wurde vor kurzem gereinigt � �</p><p>�Wie das?�</p><p>�Er riecht nach Spiritus.�</p><p>Sophie sah ihn an. �Was sagen Sie?�</p><p>�Er riecht, als h�tte ihn jemand mit Alkohol abgerieben.� Langdon hielt den Schl�ssel an die Nase und drehte ihn langsam. �Auf der R�ckseite ist der Geruch st�rker. Ja, das riecht wie ein Putzmittel auf Alkoholbasis. Man hat den Schl�ssel damit abgerieben, oder � � Er hielt inne.</p><p>�Was ist?�</p><p>Er hielt den Schl�ssel schr�g gegen das Licht und betrachtete die gl�nzende Oberfl�che des Goldkreuzes. Sie wirkte an manchen Stellen ein wenig stumpfer, als w�rde etwas daran haften.</p><p>�Haben Sie sich die R�ckseite des Schl�ssels genau angeschaut, bevor Sie ihn in die Tasche gesteckt haben?�</p><p>�Wie denn? Ich hatte es eilig!�</p><p>�Haben Sie noch den kleinen UV-Strahler?�</p><p>Sophie holte den Leucht-Pen aus der Tasche. Langdon nahm ihn, knipste ihn an und lie� den Strahl auf die R�ckseite des Schl�ssels fallen.</p><p>Sofort leuchtete eine Schrift auf, rasch, aber leserlich hingekritzelt. �Somit ist klar, was da nach Alkohol gerochen hat�, meinte Langdon.</p><p>Sophie betrachtete fasziniert die violetten Buchstaben hinten auf dem Schl�ssel:</p><p>24 Rue Haxo</p><p><emphasis>Eine Adresse! Gro�vater hat dir eine Adresse aufgeschrieben!</emphasis></p><p>�Wo ist das?�, wollte Langdon wissen.</p><p>Sophie hatte keine Ahnung. Sie beugte sich zum Fahrer vor. �<emphasis>Connaissez-vous la Rue Haxo</emphasis>?�</p><p>Der Taxifahrer dachte kurz nach und erkl�rte, die Stra�e liege in einem westlichen Vorort in der N�he des Tennisstadions. Sophie bat ihn, dorthin zu fahren.</p><p>�Der k�rzeste Weg ist der durch den Bois de Boulogne. In Ordnung?�, erkundigte sich der Fahrer.</p><p>Sophie hob die Brauen. Sie h�tte sich einen weniger anst��igen Weg vorstellen k�nnen, aber jetzt war nicht die Zeit, empfindlich zu sein. �Nur zu.� <emphasis>Unser Besucher aus Amerika wird den Schock schon �berstehen.</emphasis></p><p>Sophie betrachtete wieder den Schl�ssel. Was w�rden sie an dieser Adresse vorfinden? Eine Kirche? Eine Art Hauptquartier der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>?</p><p>Die Bilder des Geheimrituals, dessen Zeugin sie vor zehn Jahren in der Kellergrotte geworden war, dr�ngten sich wieder in ihr Ged�chtnis. �Robert, ich muss Ihnen noch viel erz�hlen�, sagte sie seufzend und sah Langdon in die Augen, w�hrend das Taxi mit hohem Tempo nach Westen fuhr. �Aber berichten Sie mir bitte zuerst, was Sie �ber diese <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> wissen.�</p><p><strong>36. KAPITEL</strong></p><p>Capitaine Bezu Fache stand vor dem Salle des �tats und h�rte sich wutschnaubend den Bericht des Museumsw�chters Grouard an, der sich von Sophie und Langdon hatte entwaffnen lassen. <emphasis>Konnte der Kerl denn nicht einfach auf das verdammte Bild schie�en!</emphasis></p><p>�Capitaine!� Leutnant Collet kam von der Kommandozentrale zu ihm gerannt. �Wir bekommen gerade die Meldung, dass man den Wagen von Agentin Neveu gefunden hat.�</p><p>�Ist sie bis in die Botschaft gekommen?�</p><p>�Nein. Der Wagen stand vor einem Bahnhof. Sie haben zwei Bahntickets gekauft. Der Zug ist schon weg.�</p><p>Fache scheuchte Grouard davon und zog Collet in eine Fensternische. �Wohin fuhr der Zug?�, fragte er mit leiser, dr�ngender Stimme.</p><p>�Nach Lille.�</p><p>�Vielleicht ist es ein T�uschungsman�ver�, sagte Fache. �Gut, lassen Sie den Zug auf alle F�lle am n�chsten Bahnhof anhalten und durchsuchen. Neveus Auto bleibt erst mal stehen, wo es ist. Ein paar Beamte in Zivil sollen aufpassen, ob die beiden zum Wagen zur�ckkehren. Lassen Sie die Stra�en der Umgebung absuchen, falls die Fl�chtigen ihr Gl�ck zu Fu� versuchen. Fahren an dem Bahnhof auch Busse ab?�</p><p>�Nein, Chef. Um diese Stunde stehen dort nur Taxis.�</p><p>�Gut. Lassen Sie die Fahrer befragen, vielleicht hat einer was gesehen. Geben Sie der Taxizentrale eine Beschreibung durch. Ich setze mich mit Interpol in Verbindung.�</p><p>Collet blickte Fache �berrascht an. �Sie schreiben die beiden zur Fahndung durch Interpol aus?�</p><p>Fache wusste, dass dieser Schuss auch nach hinten losgehen konnte, sah aber keine andere M�glichkeit.</p><p><emphasis>Man muss das Netz so schnell wie m�glich zuziehen. Und so straff es nur geht.</emphasis></p><p>Die erste Stunde war jedes Mal entscheidend. In der ersten Stunde war das Verhalten fl�chtiger Personen noch vorhersehbar. Fl�chtige brauchten immer drei Dinge: ein <emphasis>Fortbewegungsmittel, Geld und Unterschlupf</emphasis>. Die heilige Dreifaltigkeit. Und Interpol konnte dem in Sekundenschnelle einen Riegel vorschieben, indem sie s�mtlichen Pariser Bahnh�fen, Flugh�fen, Reiseb�ros, Hotels und Banken per E-Mail oder Fax ein Fahndungsfoto schickte. Dann war alles dicht. Die Fl�chtigen konnten nicht aus der Stadt, konnten nirgendwo unterkriechen und nirgendwo an Bargeld kommen, ohne erkannt zu werden. �blicherweise gerieten die Gesuchten irgendwann in Panik und verrieten sich, indem sie einen Wagen stahlen oder einen Raub begingen oder aus Verzweiflung die Scheckkarte benutzten. Egal, welchen Fehler sie machten � die Beh�rden konnten im Handumdrehen ihren Aufenthaltsort ermitteln.</p><p>�Wir lassen doch nur Langdon ausschreiben, oder? Sophie Neveu wohl nicht. Sie geh�rt schlie�lich zu unserem eigenen Stall.�</p><p>�Nat�rlich wird auch sie zur Fahndung ausgeschrieben, verdammt!�, rief Fache. �Was haben wir davon, wenn nach Langdon gefahndet wird, und Neveu kann nach Belieben die Drecksarbeit f�r ihn machen? Ich werde mir die Personalakte der Dame vornehmen, samt Freunden, Verwandten und pers�nlichen Kontakten � jeden, den sie um Hilfe bitten k�nnte. Es wird sie eine ganze Menge mehr kosten als blo� ihren Job!�</p><p>�Soll ich weiter am Telefon bleiben?�</p><p>�Nein. Fahren Sie zu dem Bahnhof und koordinieren Sie die ganze Sache. Ich betraue Sie mit der Leitung des Einsatzes dort. Aber unternehmen Sie nichts ohne R�cksprache mit mir!�</p><p>�Jawohl, Chef!�, rief Collet und rannte hinaus.</p><p>Fache stand wie erstarrt in der Fensternische. Drau�en vor dem Fenster leuchtete die Glaspyramide. Im Wellengekr�usel der Wasserbecken verzerrte sich ihr Spiegelbild.</p><p><emphasis>Sie sind dir durch die Lappen gegangen, aber noch ist nicht aller Tage Abend. Entspann dich.</emphasis></p><p>Eine Codeknackerin und ein Hochschullehrer.</p><p>Nicht mal bis zum Morgengrauen w�rden sie durchhalten.</p></section><section><title><p><strong>37. KAPITEL</strong></p></title><p>Der mit kleinen, dichten W�ldchen durchsetzte Landschaftspark Bois de Boulogne wurde von den Parisern mit vielerlei Namen belegt, meist aber nannten sie ihn den �Garten der L�ste�. Das mochte �bertrieben klingen, war es aber nicht. Jeder, der schon einmal Hieronymus Boschs gleichnamiges unheimliches Gem�lde gesehen hatte, begriff sofort, was gemeint war. Der Park und das Gem�lde waren gleicherma�en d�ster und un�bersichtlich, ein Tummelplatz f�r Freaks und Fetischisten. Die gewundenen Str��chen des Parks wurden nachts von Hunderten meist sp�rlich bekleideter k�uflicher K�rper ges�umt, die den Kunden Befriedigung auch der geheimsten und bizarrsten W�nsche versprachen.</p><p>W�hrend Langdon seine Gedanken ordnete, um Sophie von der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> zu erz�hlen, passierte das Taxi die bewaldete Randzone des Parks und bog dann nach Westen auf die kopfsteingepflasterte Diagonalachse ein. Langdons Konzentration litt erheblich unter dem geisterhaften Anblick der n�chtlichen Bewohner des Parks, die sich am Stra�enrand feilboten und im Strahl der Scheinwerfer �berall aus den Schatten auftauchten. Zwei barbusige, kaum der Pubert�t entwachsene M�dchen warfen flammende Blicke ins Taxi. Ein St�ck weiter lie� ein Schwarzer, der nur mit einem winzigen Stoffdreieck bekleidet war, die gut einge�lten Muskeln spielen. Neben ihm stand eine atemberaubende Blondine. Als sie ihren Minirock hob, offenbarte sich, dass sie weder blond noch eine Frau war.</p><p><emphasis>Der Himmel steh mir bei!</emphasis> Langdon atmete tief durch und beschloss, den Blick lieber im Wageninnern zu belassen. Einen unpassenderen Hintergrund f�r das, was er nun berichten wollte, konnte es kaum geben.</p><p>�Legen Sie los�, dr�ngte Sophie.</p><p>Langdon nickte. Er fragte sich, wo er am besten anfangen sollte. Die Geschichte der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> umfasse mehr als ein Jahrtausend. Es war eine atemberaubende Chronik von d�steren Geheimnissen und brutaler Erpressung, bis hin zur grausamen Folter auf Gehei� eines z�rnenden Papstes.</p><p>�Die Bruderschaft von Sion wurde im Jahr 1099 von einem franz�sischen K�nig von Jerusalem gegr�ndet, Gottfried von Bouillon, der unmittelbar zuvor die Stadt eingenommen hatte.�</p><p>Sophie, deren Blick unverwandt auf Langdon ruhte, nickte.</p><p>�K�nig Gottfried befand sich angeblich im Besitz eines machtvollen Geheimnisses, das seit den Tagen Christi in seiner Familie weitergereicht worden war. Aus Furcht, dieses Geheimnis k�nne mit seinem Tod untergehen, gr�ndete er eine geheime Bruderschaft: � die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>�, die er mit der Aufgabe betraute, das Geheimnis wohl beh�tet von Generation zu Generation weiterzugeben. In den Jahren, als Gottfried K�nig von Jerusalem war, kam der Bruderschaft ein Ger�cht zu Ohren: Unter den Ruinen des Tempels des Herodes, der seinerseits auf den Ruinen des Tempels von K�nig Salomon errichtet worden war, ruhte angeblich ein Schatz, der aus kostbaren Dokumenten bestand. Nach Ansicht der <emphasis>Prieur�</emphasis> untermauerten diese Dokumente Gottfried von Bouillons machtvolles Geheimnis. Sie waren von einer solchen Brisanz, dass die Kirche vor nichts zur�ckschrecken w�rde, um in ihren Besitz zu gelangen.�</p><p>Langdon hielt inne, und Sophie sah ihn abwartend an.</p><p>�Die <emphasis>Prieur�</emphasis> gelobte, diese Dokumente aus dem Schutt des Tempels zu bergen, wie lange es auch dauern mochte, und sie f�r alle Zeiten zu sch�tzen, damit die Wahrheit niemals untergehen werde. Um an die Dokumente heranzukommen, bildete die Bruderschaft eine milit�rische Gruppierung, die aus neun Rittern bestand und den Namen �Orden der armen Ritter Christi und vom Tempel Salomons� f�hrte � besser bekannt unter dem Namen Tempelritter.�</p><p>Sophie sah ihn �berrascht an. Die Templer waren ihr wohlvertraut.</p><p>Langdon hatte oft genug Vorlesungen �ber die Tempelritter gehalten. Er wusste um ihre Bekanntheit und ihren legend�ren, geheimnisumwitterten Ruf, doch f�r die Geschichtswissenschaft war die Geschichte des Templerordens ein schwieriges Kapitel, bei dem Tatsachen, Legenden und bewusste Fehlinformationen sich in einer Weise miteinander vermischten, dass das Herausfiltern der Wahrheit nahezu unm�glich war. Inzwischen vermied es Langdon in seinen Vorlesungen, die Templer �berhaupt zu erw�hnen, da sich jedes Mal unweigerlich eine letztendlich fruchtlose Diskussion �ber alle m�glichen und unm�glichen Verschw�rungstheorien entspann.</p><p>Schon setzte auch Sophie zu einem Einwand an. �Sie behaupten, der Templerorden sei von der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> gegr�ndet worden, um eine Sammlung von Geheimdokumenten zu bergen? Ich dachte, die Templer sollten die Pilger im Heiligen Land sch�tzen.�</p><p>�Das ist eine weit verbreitete Ansicht, aber sie ist falsch. Der Schutz der Pilger diente lediglich als Tarnung des wirklichen Ziels der Templer. Ihre wahre Absicht war, im Heiligen Land die Dokumente aus der Tiefe der Ruinen des altj�dischen Tempels zu bergen.�</p><p>�Hat es denn geklappt?�</p><p>Langdon grinste. �Das wei� man eben nicht genau. Aber die Gelehrten sind sich insofern einig, dass die Templer tief in den Tr�mmern irgendetwas gefunden haben m�ssen � etwas, das sie so reich und m�chtig werden lie�, dass es die Vorstellungskraft �bersteigt.�</p><p>Langdon lieferte Sophie einen kurzen Abriss der Geschichte des Templerordens, soweit sie wissenschaftlich zu untermauern war: W�hrend des Zweiten Kreuzzugs waren die Tempelritter bei K�nig Balduin I. von Jerusalem vorstellig geworden und hatten ihn gebeten, in den k�niglichen Stallungen in den Ruinen des alten herodischen Tempels Unterkunft nehmen zu d�rfen, da sie ein Obdach brauchten, um ihr Gel�bde � den Schutz der Pilger im Heiligen Land � zu erf�llen. K�nig Balduin gew�hrte ihnen die Bitte, worauf die Ritter in dem verw�steten Tempel ihr armseliges Quartier aufschlugen.</p><p>Dieser merkw�rdige Ort war keineswegs zuf�llig gew�hlt. Die Ritter waren �berzeugt, dass die von der <emphasis>Prieur�</emphasis> gesuchten Dokumente tief unter den Tr�mmern begraben lagen � unter dem Allerheiligsten des alten Tempels � unter jener unantastbaren innersten Tempelkammer, in der f�r die Juden Gott selbst gewohnt hatte und die buchst�blich das Zentrum des j�dischen Glaubens gewesen war. Fast zehn Jahre lang hausten die Ritter in den Ruinen und gruben sich unbemerkt tiefer und tiefer, zum Teil sogar durch gewachsenen Fels.</p><p>Sophie sah Langdon an. �Und dann haben sie etwas gefunden?�</p><p>�Ganz sicher�, erwiderte Langdon. �Nach neun Jahren hielten die Ritter schlie�lich in H�nden, was sie gesucht hatten. Sie bargen den Schatz aus dem Tempel und kehrten nach Europa zur�ck, wo ihr gewaltiger Einfluss sich praktisch �ber Nacht etablierte.</p><p>Niemand wusste genau, ob die Templer die r�mische Kirche erpresst hatten oder ob die Kirche ihrerseits versucht hatte, das Schweigen der Ritter zu erkaufen. Papst Innozenz II. jedenfalls erlie� umgehend eine p�pstliche Bulle, in der er den Templern uneingeschr�nkte Machtvollkommenheit und Eigengesetzlichkeit zugestand � etwas bis dahin Einmaliges. Damit waren die Templer ein in politischer und religi�ser Hinsicht von weltlichen und geistlichen Herrschern unabh�ngiger Machtfaktor geworden.</p><p>Mit dem Freibrief der Kirche ausgestattet, erlebte der Templerorden einen ungeahnten Aufstieg, sowohl was die Zahl seiner Mitglieder anging, wie auch im Hinblick auf seine politische Macht. In mehr als einem Dutzend L�ndern h�ufte der Orden riesigen Grundbesitz an und finanzierte zahlungsunf�hig gewordene K�nigsh�user, was er sich wiederum reich verzinsen lie�. Im Zuge dieser Transaktionen erfand der Orden das moderne Finanzwesen und vergr��erte seinen Reichtum und Einfluss noch mehr.</p><p>Mit Beginn des vierzehnten Jahrhunderts war der Templerorden so m�chtig geworden, dass Papst Klemens V. beschloss, diese Machtf�lle einzuschr�nken. Nach Absprache mit dem franz�sischen K�nig Philipp IV. inszenierte er eine genial geplante Nacht-und-Nebel-Aktion, mit der er den Templerorden zerschlagen und seine Sch�tze, vor allem aber das f�r die Kirche so gef�hrliche Geheimnis in die Hand bekommen wollte. In einer Kommandooperation, die jedem modernen Geheimdienst zur Ehre gereicht h�tte, lie� Papst Klemens den Streitkr�ften Philipps Geheimbefehle zugehen, die am Freitag, dem dreizehnten Oktober 1307, in einer genau abgestimmten Aktion in ganz Europa ausgef�hrt wurden.</p><p>Im Morgengrauen dieses Tages wurden die p�pstlichen Geheimbefehle entsiegelt und ihr alarmierender Inhalt enth�llt. Papst Klemens V. behauptete in seinem Schreiben, Gott sei ihm in einer Vision erschienen und habe ihm offenbart, die Tempelritter seien abtr�nnige Ketzer und der Teufelsanbetung schuldig. Sie entweihten das Kreuz, hie� es, und huldigten der Homosexualit�t, Sodomie und anderen blasphemischen Praktiken. Gott habe ihm, Klemens, aufgetragen, die Erde von diesem �bel zu befreien. Auf Gottes Gehei� solle er s�mtliche Tempelritter dingfest machen und der Folter �bergehen, bis sie ihre sch�ndlichen Verbrechen gegen Gott gestanden h�tten.</p><p>Die Aktion des Papstes lief mit der Pr�zision eines Uhrwerks ab. An jenem dreizehnten Oktober wurden zahllose Tempelritter gefangen genommen, grausam gefoltert und anschlie�end als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt.</p><p>Die Trag�die klingt bis in unsere Zeit nach, denn noch heute gilt Freitag der Dreizehnte als Ungl�ckstag.�</p><p>Sophie blickte Langdon verwirrt an. �Die Tempelritter wurden vernichtet? Ich dachte, es g�be heute noch Templerbruderschaften.�</p><p>�Sie existieren noch, ja � unter einer Vielzahl von Namen. Die Tempelritter hatten m�chtige Verb�ndete. Trotz der falschen Anschuldigungen und der Bem�hungen von Papst Klemens, sie v�llig zu vernichten, gelang es einigen von ihnen, zu entkommen.</p><p>Papst Klemens' eigentliches Ziel hatte darin bestanden, den Dokumentenfund der Tempelritter, ihre Quelle der Macht, in die Hand zu bekommen, doch der Schatz blieb verschwunden: Die Dokumente waren zuvor schon in die Obhut der geheimnisvollen Gr�ndungsv�ter des Templerordens gegeben worden, der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>, die sie dem Zugriff des Papstes zu entziehen wussten. Als sich der Vernichtungsschlag des Papstes abzeichnete, hatte die <emphasis>Prieur�</emphasis> die Dokumente aus dem Pariser Ordenshaus der Templer bei Nacht und Nebel heimlich nach La Rochelle geschafft und auf Schiffe des Ordens verladen.�</p><p>�Und wo sind die Dokumente geblieben?�</p><p>Langdon zuckte die Achseln. �Das wei� nur die <emphasis>Prieur� de Sion.</emphasis> Nach wie vor wird �ber diese Dokumente spekuliert. Sie sind bis zum heutigen Tag Gegenstand der Forschung und der Spekulationen. Man nimmt an, dass sie mehrere Male an andere Orte verbracht wurden. Derzeit vermutet man sie irgendwo in Gro�britannien.</p><p>Seit tausend Jahren ranken sich Legenden um dieses Geheimnis. Die Gesamtheit der Dokumente, ihre Machtf�lle und das darin enthaltene Geheimnis verdichten sich in einem einzigen Begriff � <emphasis>Sangreal</emphasis>, wie es in der urspr�nglichen franz�sischen Sprache hei�t. Nur wenige Geheimnisse haben in solchem Ma�e das Interesse der Historiker geweckt. Hunderte von B�chern sind schon �ber dieses R�tsel geschrieben worden.�</p><p>�<emphasis>Sangreal</emphasis>?�, sagte Sophie erstaunt. �Hat das etwas mit dem franz�sischen Wort <emphasis>sang</emphasis> oder dem spanischen <emphasis>sangre</emphasis> f�r �Blut� zu tun!�</p><p>Langdon nickte. Beim <emphasis>Sangreal</emphasis> ging es in der Tat in erster Linie um Blut, doch in einer g�nzlich anderen Bedeutung, als Sophie vermutlich annahm. �Die Zusammenh�nge sind kompliziert, aber der Kern der Sache ist, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> Dokumente in H�nden hat und h�tet. Vermutlich wartet sie einen geeigneten historischen Moment ab, um die Wahrheit zu enth�llen.�</p><p>�Was f�r eine Wahrheit? Was f�r ein Geheimnis k�nnte so machtvoll sein?�</p><p>Langdon seufzte und schaute wieder hinaus in die Schattenwelt, in der sich der Unterleib von Paris r�kelte.</p><p>�Sophie, das Wort <emphasis>Sangreal</emphasis> ist sehr alt. Es hat sich im Lauf der Zeit ver�ndert, zu einer moderneren Bezeichnung.� Er hielt inne. �Wenn ich Ihnen diese moderne Bezeichnung verrate, werden Sie erkennen, dass sie Ihnen l�ngst bekannt ist � wie �berhaupt fast jeder schon einmal die Legende des <emphasis>Sangreal</emphasis> geh�rt hat.�</p><p>Sophie sah ihn skeptisch an. �Ich nicht.�</p><p>�O doch, Sie auch�, sagte Langdon und l�chelte. �Oder kennen Sie nicht die Legende vom Heiligen Gral?�</p></section><section><title><p><strong>38. KAPITEL</strong></p></title><p>Sophie sah Langdon fassungslos an. �Der Heilige Gral?�</p><p>Langdon nickte. Er sah nicht aus wie jemand, der sich einen Spa� erlaubte. �Der Heilige Gral ist die w�rtliche �bersetzung von <emphasis>Sangreal</emphasis>. Das Wort kommt vom franz�sischen <emphasis>Sangraal</emphasis>, aus dem es sich entwickelt hat. Im Lauf der Zeit sind zwei W�rter daraus geworden, n�mlich <emphasis>San Greal</emphasis>, wobei <emphasis>San</emphasis> bekanntlich �heilig� hei�t.�</p><p><emphasis>Der Heilige Gral</emphasis>. Sophie �rgerte sich, dass sie nicht gleich die Wortverwandtschaft erkannt hatte. Trotzdem konnte sie in Langdons Erkl�rung wenig Sinn erkennen. �Ich dachte immer, der Heilige Gral sei ein Kelch, und nun behaupten Sie, der Gral � <emphasis>Sangreal</emphasis> � sei eine Sammlung von Dokumenten, in denen ein uraltes, d�steres Geheimnis verborgen ist.�</p><p>�Das stimmt, aber die <emphasis>Sangreal</emphasis>-Dokumente sind nur die eine H�lfte des Gralsschatzes. Sie sind zusammen mit dem Gral irgendwo vergraben � und erst durch sie enth�llt sich seine wahre Bedeutung. Nur weil sich erst durch die Dokumente die eigentliche Natur des Grals zeigt, konnten die Tempelritter diese Machtf�lle erlangen.�</p><p><emphasis>Die eigentliche Natur des Grals</emphasis>? Sophie war v�llig verwirrt. Sie hatte immer gedacht, der Heilige Gral sei der Kelch, aus dem Jesus beim Letzten Abendmahl getrunken hatte und in dem Joseph von Arimat�a sp�ter das Blut des Gekreuzigten aufgefangen hatte. �Der Heilige Gral ist der Abendmahlskelch Christi�, sagte sie. �Was k�nnte einfacher sein?�</p><p>�Sophie, der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> zufolge ist der Heilige Gral �berhaupt kein Kelch�, sagte Langdon leise und lehnte sich zu ihr her�ber. �Die Bruderschaft behauptet, die Gralslegende vom Abendmahlskelch sei eine genial erdachte Allegorie. In der Gralslegende wird der Kelch als Methapher f�r etwas weitaus Machtvolleres benutzt � etwas, das nahtlos zu dem passt, was Ihr Gro�vater uns heute Nacht zu sagen versucht hat, einschlie�lich der mythologischen Bez�ge zum g�ttlich Weiblichen.�</p><p>Sophie war immer noch nicht �berzeugt, auch wenn sie an Langdons geduldigem L�cheln ablesen konnte, dass er ihre Verwirrung sehr gut verstand. Doch sein Blick war nach wie vor ernst.</p><p>�Aber wenn der Gral kein Kelch ist, was ist er dann?�</p><p>Langdon hatte die Frage erwartet, wusste aber nicht, wie er sie beantworten sollte. Wenn er die Antwort nicht in das entsprechende historische Umfeld einzubetten verstand, w�rde Sophie nichts damit anfangen k�nnen � genau wie sein Lektor, dem Langdon einige Monate zuvor den Entwurf seines Manuskripts gezeigt hatte.</p><p>�In diesem Manuskript behaupten Sie <emphasis>was</emphasis>?��, hatte der Lektor hervorgesto�en, nachdem ihm beinahe das Weinglas aus der Hand gefallen war. �Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!�</p><p>�Immerhin so ernst, dass ich ein ganzes Jahr Recherche darauf verwendet habe.�</p><p>Der prominente New Yorker Lektor Jonas Faulkman zupfte nerv�s an seinem Spitzbart. Er hatte sich w�hrend seiner illustren Karriere so manche abstruse Idee anh�ren m�ssen, aber das war der Gipfel.</p><p>�Robert�, sagte er schlie�lich beg�tigend, �verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich sch�tze Ihre Arbeit. Wir haben schon so manches Projekt miteinander durchgezogen, nicht wahr? Aber wenn ich mich dazu hergebe, einen solchen Unsinn an die �ffentlichkeit zu bringen, muss ich in den n�chsten Monaten mit Sit-ins vor meiner B�rot�r rechnen. Und Ihr guter Ruf ist dann auch dahin. Sie sind Harvard-Historiker, Robert, und kein Phantast. Es w�rde mich wundern, wenn Sie �berhaupt etwas an glaubhaftem Beweismaterial zu bieten h�tten.�</p><p>Langdon hatte mit stillem L�cheln eine vorbereitete Liste aus der Innentasche seines Tweedjacketts gezogen und sie Faulkman �berreicht. Auf dem eng beschriebenen Blatt stand eine Bibliographie von mehr als f�nfzig Titeln � alles B�cher renommierter Historiker, zeitgen�ssischer und l�ngst verstorbener �, von denen viele in Gelehrtenkreisen Bestseller waren. S�mtliche Titel wiesen in die gleiche Richtung wie Langdons Buchprojekt. Als Faulkman nach der Lekt�re der Liste wieder den Blick hob, sah er aus wie ein Mann, der soeben entdeckt hatte, dass die Erde doch eine Scheibe war. �Viele dieser Namen sind mir bestens bekannt � alles echte Historiker von Rang�, sagte er staunend.</p><p>Langdon grinste. �Wie Sie sehen, Jonas, handelt es sich hier keineswegs nur um meine Privattheorie, sondern um uraltes Gedankengut, auf das ich mich lediglich gest�tzt habe. Es gibt bislang keine Arbeit, die sich unter symbolkundlichem Aspekt mit dem Heiligen Gral besch�ftigt. Die ikonographische Beweislage, die ich sichern konnte und die meine Theorie erh�rtet, ist erdr�ckend.�</p><p>Faulkman blickte wieder auf die Liste. �Mein Gott, Sie haben ja sogar ein Buch des britischen Historikers Sir Leigh Teabing von der Royal Society auf Ihrer Liste!�</p><p>�Teabing hat sich die meiste Zeit seines Lebens mit der Erforschung der Gralslegende besch�ftigt. Ich hatte Gelegenheit, ihn kennen zu lernen. Einen gro�en Teil meiner Inspiration verdanke ich ihm. Er ist ein Mann, der wirklich an seine Sache glaubt, Jonas � wie �brigens alle anderen auf dieser Liste auch.�</p><p>�Und Sie behaupten, alle diese hochkar�tigen Wissenschaftler glauben an den � � Faulkman schluckte. Er brachte das Wort offenbar nicht �ber die Lippen.</p><p>�An den Gral.� Langdon nickte. �Der Heilige Gral ist vermutlich der meistgesuchte Schatz in der Geschichte der Menschheit. Er hat Legenden hervorgebracht, Kriege ausgel�st und zu lebenslangen Forschungen angespornt. Und der Grund f�r das alles soll ein schlichter Kelch sein? Wenn man das bejaht, m�ssten andere Reliquien ein �hnliches oder sogar noch gr��eres Interesse hervorgerufen haben � die Dornenkrone zum Beispiel, das wahre Kreuz oder die Kreuzinschrift �, aber das ist nicht der Fall. Nichts in unserer Geschichte war so interessant wie der Heilige Gral � und jetzt wissen Sie auch, warum.�</p><p>Faulkman wiegte das Haupt. �Aber wieso wei� man so wenig dar�ber, wo es doch so viele B�cher zu diesem Thema gibt?�</p><p>�Diese B�cher kommen nicht gegen ein �ber viele Jahrhunderte aufgebautes Geschichtsbild an, besonders wenn dieses Bild durch den Bestseller aller Zeiten verbreitet wird.�</p><p>Faulkman lachte. �Jetzt sagen Sie mir blo� nicht, dass es bei Harry Potter in Wirklichkeit um den Heiligen Gral geht.�</p><p>�Ich dachte eigentlich mehr an die Bibel.�</p><p>�Hab ich mir fast schon gedacht.�</p><empty-line/><p>�<emphasis>Laissez-le!�</emphasis> Sophies Aufschrei gellte durch das Taxi. �Legen Sie das Mikro weg!�</p><p>Langdon schrak zusammen, als Sophie nach vorn schnellte und den Taxifahrer �ber die Lehne des Vordersitzes anschrie, als der Mann nach dem Funkmikrofon gegriffen hatte und sich melden wollte.</p><p>Sophie fuhr herum. Ihre Hand glitt in Langdons Jacketttasche. Bevor dieser begriffen harte, was los war, hatte Sophie ihm die Pistole aus der Tasche gerissen und dem Taxifahrer die M�ndung an den Hinterkopf gedr�ckt. Der Fahrer lie� das Mikro fallen und hob die nun freie Hand �ber den Kopf.</p><p>�Sophie!�, rief Langdon. �Was, zum Teufel � �</p><p>�Anhalten!�, schrie Sophie den Fahrer an.</p><p>Der Mann gehorchte. Er zitterte am ganzen K�rper. Er fuhr rechts ran und brachte den Wagen zum Stehen. Der Motor lief im Leerlauf weiter.</p><p>Erst jetzt h�rte Langdon die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher des Taxifunks im Armaturenbrett. <emphasis>� � qui s'appelle Agent Sophie Neveu �</emphasis> �, statisches Rauschen und Krachen, <emphasis>� � et un Americain, Robert Langdon</emphasis> � �</p><p>Langdon erstarrte. <emphasis>Das ging aber schnell</emphasis>.</p><p>�Steigen Sie aus!�, fuhr Sophie den Fahrer an.</p><p>Der Mann stieg mit erhobenen H�nden aus dem Wagen und trat ein paar Schritte zur�ck.</p><p>Sophie hatte das Fenster heruntergekurbelt und hielt die Waffe auf den Taxifahrer gerichtet. �Robert�, sagte sie ruhig. �Sie werden fahren. Setzen Sie sich ans Steuer.�</p><p>Langdon war nicht in der Stimmung, mit einer Frau zu diskutieren, die mit einer Pistole herumfuchtelte. Begleitet von den Fl�chen und Verw�nschungen des Fahrers, der immer noch die H�nde in die Luft reckte, stieg er aus, lief vorn um das Taxi herum und schwang sich hinters Steuer.</p><p>�Ich nehme an, Robert�, lie� Sophie sich vom R�cksitz vernehmen, �Sie haben jetzt genug von unserem M�rchenwald gesehen.�</p><p>Langdon nickte. <emphasis>Mehr als genug</emphasis>.</p><p>�Gut. Dann lassen Sie uns hier verschwinden.�</p><p>Langdon betrachtete die Hebel und Pedale. <emphasis>Mist</emphasis>! Er fuhrwerkte mit Schalthebel und Kupplung. �Sophie, vielleicht sollten Sie lieber � �</p><p>�Fahren Sie schon!�, rief Sophie.</p><p>Mehrere Prostituierte n�herten sich neugierig dem Wagen. Eine zog ein Handy hervor und w�hlte eine Nummer. Langdon trat auf die Kupplung und dr�ckte den Schalthebel dorthin, wo er den ersten Gang vermutete. Er gab Gas und lie� f�r seine Begriffe sehr vorsichtig die Kupplung kommen.</p><p>Mit kreischenden Reifen und schleuderndem Heck machte das Taxi einen Satz nach vorn. Die Dame mit dem Handy sprang mit einem Aufschrei zur Seite.</p><p>�Sachte!�, rief Sophie, w�hrend der Wagen holpernd auf die Fahrbahn schleuderte. �Was machen Sie denn?�</p><p>�Ich hab Sie gewarnt�, rief Langdon �ber den L�rm des krachenden Getriebes. �Ich fahre privat Automatik.�</p></section><section><title><p><strong>39. KAPITEL</strong></p></title><p>Das spartanische Zimmer in dem Sandsteingeb�ude an der Rue La Bruyere hatte schon viel Leid gesehen, doch Silas fragte sich, ob die Welt jemals einen gr��eren Schmerz gekannt hatte als den, der in der Seele seines bleichen K�rpers w�tete. <emphasis>Du hast dich hereinlegen lassen. Jetzt ist alles verloren.</emphasis></p><p>Die Br�der hatten ihn hinters Licht gef�hrt. Sie hatten lieber den Tod in Kauf genommen, als ihr Geheimnis zu verraten. Silas brachte nicht die Kraft auf, den Lehrer anzurufen. Nicht nur, dass er die einzigen vier Menschen get�tet hatte, die das Geheimnis kannten, er hatte auch die Nonne in der Kirche Saint-Sulpice get�tet. <emphasis>Sie hat sich gegen Gott gestellt. Sie hat Opus Dei herabgesetzt!</emphasis></p><p>Es war eine Affekthandlung gewesen, aber sie machte alles noch komplizierter, als es ohnehin schon war. Bischof Aringarosa hatte das Telefonat gef�hrt, das Silas den Zutritt zur Kirche verschafft hatte � und was w�rde der Abb� denken, wenn er entdeckte, dass die Nonne tot war? Silas hatte sie zwar wieder in ihr Bett gelegt, aber die Wunde an ihrem Kopf war unm�glich zu �bersehen. Er hatte auch versucht, das Loch vor dem Obelisken mit den Tr�mmern der Bodenplatte wieder zu verschlie�en, aber auch diese Besch�digung war offensichtlich. Man w�rde sofort wissen, dass jemand da gewesen war.</p><p>Silas hatte vorgehabt, im Ordenshaus von Opus Dei unterzutauchen, sobald seine Aufgabe hier erledigt war. <emphasis>Bischof Aringarosa wird dich besch�tzen</emphasis>. Silas konnte sich keine freudvollere Existenz vorstellen als ein Leben hinter den sch�tzenden Mauern des Opus-Dei-Hauptquartiers in New York. Er w�rde nie wieder einen Fu� vor die T�r setzen. Innerhalb der Mauern dieser Zufluchtsst�tte gab es alles, was er brauchte. <emphasis>Niemand wird dich vermissen</emphasis>. Aber ein prominenter Mann wie Bischof Aringarosa konnte leider nicht so einfach von der Bildfl�che verschwinden.</p><p><emphasis>Du hast den Bischof in Gefahr gebracht</emphasis>. Silas starrte mit leerem Blick auf den Boden. War es nicht besser f�r ihn, sich das Leben zu nehmen? Schlie�lich hatte Aringarosa ihn �berhaupt erst zum Leben erweckt, damals, in dem kleinen Sprengel in Spanien. Er hatte ihn erzogen, hatte ihm ein Lebensziel gegeben �</p><p>�Mein Freund�, hatte Aringarosa zu ihm gesagt, �du bist als Albino auf die Welt gekommen. Die anderen k�nnen dich deswegen nicht beleidigen. Siehst du denn nicht, wie einzigartig es dich macht? Wusstest du denn nicht, dass auch Noah ein Albino war?�</p><p>�Der Noah mit der Arche?�, fragte Silas staunend.</p><p>Aringarosa hatte ihn angel�chelt. �Genau der. Noah mit der Arche. Er war ein Albino. Er besa� die Haut eines Engels, so wie du. Vergiss das nie. Noah hat alles Leben auf der Erde gerettet. Auch du bist zu gro�en Taten ausersehen, Silas. Der Herr hat dich nicht ohne Grund befreit. Auch auf dich wartet eine Berufung. Der Herr braucht deine Hilfe, um Sein Werk zu vollbringen.�</p><p>Im Laufe der Zeit hatte Silas gelernt, sich in einem anderen Licht zu sehen.</p><p><emphasis>Du bist wei�. Rein. Sch�n. Wie ein Engel.</emphasis></p><p>Jetzt aber h�rte er in seiner Kammer im Pariser Ordenshaus die entt�uschte Stimme seines Vaters aus der Vergangenheit fl�stern.</p><p><emphasis>Tu es un d�sastre. Un spectre</emphasis>. Du bist ein Ungl�ck. Ein Gespenst.</p><p>Silas kniete auf dem h�lzernen Boden nieder und betete um Vergebung. Dann streifte er die Kutte ab und griff zur Gei�el.</p></section><section><title><p><strong>40. KAPITEL</strong></p></title><p>In st�ndigem Kampf mit der Gangschaltung gelang es Langdon, das Taxi nach nur zweimaligem Abw�rgen auf die andere Seite des Bois de Boulogne zu chauffieren. Die L�cherlichkeit der Situation wurde immer wieder vom n�chternen Durchruf der Taxizentrale zunichte gemacht, die Wagen 563 suchte.</p><p>Am Ende des Parks angekommen, stieg Langdon auf die Bremse. �Sophie, ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt fahren.�</p><p>Sophie nahm erleichtert das Angebot an und schwang sich hinters Steuer. Kurz darauf jagte das Taxi auf der All�e de Longchamp nach Westen und lie� den Garten der L�ste hinter sich.</p><p>�Wo geht es zur Rue Haxo?�, wollte Langdon wissen, die Tachonadel fest im Blick, die unter Sophies Bleifu� der Hundertkilometermarke bedenklich nahe kam.</p><p>Sophies Blick wich nicht von der Stra�e. �Der Taxifahrer hat gesagt, sie st��t ans Tennisstadion Roland Garros. Ich kenne die Gegend.�</p><p>Langdon zog wieder einmal den Goldschl�ssel aus der Tasche. Er lag schwer in seiner Hand. Dieser Schl�ssel mochte gut und gern der Schl�ssel zu seiner Freiheit sein.</p><p>Als Langdon Sophie zuvor von den Tempelrittern erz�hlt hatte, war ihm aufgegangen, dass dieser Schl�ssel zus�tzlich zum Emblem noch eine andere, weniger offenkundige Beziehung zu der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> aufwies. Das Kreuz mit den gleich langen Balken war nicht nur ein Symbol f�r Ausgeglichenheit und Harmonie, sondern auch das Emblem der Tempelritter, das jeder kannte, der schon einmal die Darstellung eines Templers in wei�em Umhang mit dem roten Kreuz dieses Ordens gesehen harre. Die Balken des Templerkreuzes liefen an den Enden zwar in zwei Spitzen aus � das so genannte Tatzenkreuz �, aber es war ein Kreuz mit gleich langen Balken.</p><p><emphasis>Wie das Kreuz auf diesem Schl�ssel.</emphasis></p><p>W�hrend Langdon dar�ber nachdachte, was sie wohl in der Rue Haxo finden w�rden, schweiften seine Gedanken immer wieder ab. <emphasis>Der Heilige Gral</emphasis>. Der Gedanke war so absurd, dass Langdon beinahe laut aufgelacht h�tte. Man ging davon aus, dass der Gral irgendwo in England verborgen war, in einem Geheimversteck in einer der vielen dortigen Templerkirchen, wo er angeblich seit dem Jahr 1500 schlummerte, wenn nicht l�nger.</p><p><emphasis>Seit der �ra des Gro�meisters da Vinci.</emphasis></p><p>Die <emphasis>Prieur�</emphasis> war in den fr�hen Jahrhunderten mehrere Male gezwungen gewesen, die kostbaren Dokumente an einen anderen Ort zu verbringen, um ihre sichere Aufbewahrung zu gew�hrleisten. Die Historiker gingen inzwischen von sechs verschiedenen Aufbewahrungsorten des Gralsschatzes aus, seit er von Jerusalem nach Europa gebracht worden war. Zum letzten Mal war er im Jahr 1447 �gesichtet� worden. Eine ganze Reihe von Augenzeugen berichten von einer Feuersbrunst, der die Dokumente beinahe zum Opfer gefallen w�ren, h�tte man sie nicht in letzter Minute in vier gro�en Truhen, die von je sechs M�nnern getragen werden mussten, in Sicherheit bringen k�nnen. F�r die sp�tere Zeit gibt es keine Berichte von �Sichtungen� des Grals mehr � nur gelegentliche Ger�chte, dass er in England, dem Land von K�nig Artus und den Rittern der Tafelrunde, sein Versteck gefunden habe.</p><p>Wo immer der Schatz sich jetzt befand � zwei Dinge standen fest:</p><p><emphasis>Leonardo wusste, wo der Schatz sich zu seinen Lebzeiten befunden hat.</emphasis></p><p><emphasis>Das Versteck konnte bis zum heutigen Tage durchaus dasselbe geblieben sein.</emphasis></p><p>Aus diesem Grund br�teten die Gralssucher bis heute �ber da Vincis Nachlass und hofften, in seinen Notizb�chern und Kunstwerken einen versteckten Hinweis auf den Ort zu entdecken, an dem der Gral schlummerte. Manche waren der Ansicht, der Berghintergrund der Felsgrottenmadonna entspreche der Topographie einiger von H�hlen durchzogener H�gelketten in Schottland. Andere hielten die auff�llige Platzierung der J�nger auf dem Fresko vom Letzten Abendmahl f�r eine verschl�sselte Botschaft. Wieder andere behaupteten, R�ntgenaufnahmen h�tten gezeigt, dass die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> urspr�nglich eine Lapislazuli-Brosche mit einer Isisdarstellung getragen habe, die von da Vinci sp�ter �bermalt worden sei. Langdon hatte f�r diese Behauptung nie einen Beweis gesehen und konnte sich auch keine Verbindung zwischen einer Isisbrosche und dem Heiligen Gral vorstellen, doch die Gralssucher diskutierten diese Frage im Internet noch immer bis zum �berdruss.</p><p><emphasis>Was gibt es Sch�neres als Verschw�rungstheorien?</emphasis></p><p>Und daran herrschte kein Mangel. Die j�ngste n�hrte sich aus der vom italienischen Starrestaurator Maurizio Seracini gemachten Entdeckung, dass sich unter den Farbschichten von da Vincis ber�hmtem Gem�lde <emphasis>Anbetung der K�nige</emphasis> ein d�steres Geheimnis verbarg. Diese Entdeckung hatte in Fachkreisen wie eine Bombe eingeschlagen. Unter der �berschrift �The Leonardo Cover-Up� (Der vertuschte Leonardo) hatte die New York Times an prominenter Stelle einen Aufsehen erregenden Artikel dar�ber ver�ffentlicht.</p><p>Seracini hatte den unumst��lichen Nachweis erbracht, dass die grau-gr�ne Untermalung zwar von da Vinci stammte, die eigentliche Ausf�hrung des Bildes jedoch nicht. Ein anonymer Maler hatte Jahre nach Leonardos Tod die Leinwandskizzen des Meisters zu Ende gef�hrt � wie nach der Vorlage eines Malbuchs f�r Kinder. Weit beunruhigender allerdings war, was sich unter der Farbschicht des Schwindlers verbarg. Mit Infrarot-Reflextechnik und R�ntgenstrahlen gemachte Aufnahmen lie�en erkennen, dass der Betr�ger bei der Ausf�hrung der skizzierten Vorlage in verd�chtiger Weise von Leonardos Vorgaben abgewichen war � als h�tte er da Vincis wahre Absicht, die noch auf ihre Ver�ffentlichung wartet, unkenntlich machen wollen. Wie auch immer, die aufgeschreckte Leitung der Uffizien in Florenz hatte das Gem�lde unverz�glich in ein Magazin schaffen lassen. An seiner Stelle erwartet den Besucher des Leonardo-Saales eine kleine Tafel mit der irref�hrenden Aufschrift:</p><p>DIESES WERK WIRD ZURZEIT ZUR VORBEREITUNG DER RESTAURATION EINER FACHLICHEN DIAGNOSE UNTERZOGEN</p><p>Leonardo da Vinci gab im bizarren Orkus der modernen Gralssuche nach wie vor die gr��ten R�tsel auf. Seine Werke schienen hinauszuschreien, dass sich ein bis heute unentdecktes Geheimnis darin verbarg. Vielleicht ist es unter einer Schicht Farbe versteckt, vielleicht bietet es sich dem Auge offen dar, ist aber verschl�sselt � oder es gibt gar kein Geheimnis. M�glicherweise hat da Vinci diese F�lle faszinierender Hinweise lediglich als leeres Versprechen f�r die Neunmalklugen hinterlassen, damit die <emphasis>Mona Lisa</emphasis> wei�, wor�ber sie l�chelt.</p><p>�W�re es denn m�glich�, sagte Sophie und riss Langdon aus seinen Gedanken, �dass der Schl�ssel, den Gro�vater mir zugespielt hat, zum Versteck des Heiligen Grals f�hrt?�</p><p>Langdons Lachen kam ihm selbst gequ�lt vor. �Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Au�erdem befindet sich das Gralsversteck angeblich irgendwo in England und nicht in Frankreich.� Er gab Sophie einen kurzen Abriss der Zusammenh�nge.</p><p>�Aber mir scheint, dass bei n�chterner Betrachtung alles auf den Gral hinausl�uft�, beharrte sie. �Wir haben hier einen Schl�ssel mit dem Emblem der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>, der uns von einem ranghohen Mitglied der Bruderschaft zugespielt wurde, die ihrerseits, wie Sie mir soeben erkl�rt haben, die H�terin des Grals ist.�</p><p>Langdon musste zugeben, dass einiges f�r Sophies �berlegungen sprach; dennoch str�ubte sich in seinem Innern etwas dagegen. Es hie� zwar, die <emphasis>Prieur�</emphasis> h�tte geschworen, den Gral eines Tages an einen letzten Ruheort in Frankreich zur�ckzubringen, doch es gab keinerlei Hinweis darauf, dass dies inzwischen geschehen w�re. Und selbst wenn � die Adresse 24 Rue Haxo neben dem Tennisstadion schien schwerlich ein w�rdevoller letzter Ruheort f�r den Gral zu sein. �Sophie�, sagte Langdon, �ich wei� wirklich nicht, wie ich diesen Schl�ssel mit dem Gral in Verbindung bringen soll.�</p><p>�Weil der Gral sich angeblich in England befindet?�</p><p>�Nicht nur deshalb. Der Fundort des Grals ist eines der bestgeh�teten Geheimnisse der Geschichte. Ein Mitglied der <emphasis>Prieur�</emphasis> muss sich �ber Jahrzehnte als vertrauensw�rdig erweisen, um in die obersten R�nge derer aufgenommen zu werden, die dieses Geheimnis h�ten, das durch ein kompliziertes System von aufeinander folgenden Stufen vor der Einweihung gesch�tzt ist. In dieser relativ gro�en Organisation sind jeweils nur vier Mitglieder im Besitz des umfassenden Wissens: der Gro�meister und seine drei Seneschalle. Nur sie kennen den Ort, wo der Gral verborgen ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Gro�vater zu diesen vier Personen z�hlte, ist sehr gering.�</p><p><emphasis>Gro�vater hat aber zu ihnen geh�rt</emphasis>, dachte Sophie. In ihr Ged�chtnis hatte sich ein Bild eingebrannt, das ihr eine �ber jeden Zweifel erhabene Best�tigung des hohen Ranges ihres Gro�vaters bot.</p><p>�Und selbst wenn er zur F�hrungsebene geh�rt h�tte, w�re er zum Schweigen verurteilt gewesen. Nichts von seinem Wissen h�tte vor jemandem au�erhalb der Bruderschaft enth�llt werden d�rfen. Es kann nicht sein, dass er Sie in die Geheimnisse des inneren Zirkels einweihen wollte.�</p><p><emphasis>Du bist aber schon im inneren Zirkel gewesen</emphasis>, dachte Sophie, das Ritual im Felsenkeller vor dem inneren Auge. Sie fragte sich, ob jetzt nicht der Moment gekommen war, dass sie Langdon von ihrem Erlebnis in jener Nacht vor zehn Jahren im Ch�teau in der Normandie erz�hlen sollte. Doch allein schon der Gedanke lie� sie schaudern.</p><p>Polizeisirenen heulten in der Ferne. Sophie sp�rte ihre M�digkeit, die sich wie ein schwerer Schleier auf sie herabsenkte.</p><p>�Da!�, rief Langdon aufgeregt, der ein St�ck voraus den gro�en Baukomplex des Stadions Roland Garros ersp�ht harte.</p><p>Sophie bog ein paar Mal ab und erreichte das Stadion. Als sie nach ein paar Querstra�en in die Rue Haxo einbog, fuhr sie in Richtung der niedrigen Hausnummern. Das Viertel nahm einen zusehends industriellen Charakter an, B�ro- und Fabrikgeb�ude s�umten die Stra�e.</p><p><emphasis>Wann kommt Nummer vierundzwanzig</emphasis>?, dachte Langdon. Er bemerkte, dass er insgeheim nach einem Kirchturm Ausschau hielt. <emphasis>Mach dich nicht l�cherlich. Das ist keine Gegend f�r eine vergessene alte Templerkirche</emphasis>!</p><p>�Da ist es!�, rief Sophie und zeigte nach vorn.</p><p>Langdons Blick folgte ihrem ausgestreckten Finger zu dem Geb�ude vor ihnen.</p><p><emphasis>Was, zum Teufel �</emphasis></p><p>Ein moderner gedrungener Kasten erhob sich wie eine Zitadelle vor ihm. Ein riesiges Neonkreuz mit gleich langen Balken leuchtete �ber der Fassade. Unter dem Kreuz stand:</p><p>Z�RCHER DEPOSITENBANK</p><p>Langdon war froh, Sophie die Spekulation mit der Templerkirche vorenthalten zu haben. Symbolkundler litten nun mal unter der Berufskrankheit, auch da noch geheime Bedeutungen zu wittern, wo keine waren. In diesem konkreten Fall hatte Langdon nicht daran gedacht, dass die neutrale Schweiz im friedlichen Kreuz mit den gleich langen Balken das perfekte Symbol f�r ihre Nationalflagge gefunden hatte.</p><p>Sophie und Langdon hielten den Schl�ssel zu einem Schweizer Bankschlie�fach in H�nden.</p><p>Das R�tsel war endlich gel�st.</p></section><section><title><p><strong>41. KAPITEL</strong></p></title><p>Als Bischof Aringarosa vor Castel Gandolfo aus dem Fiat stieg, lie� die kalte Bergluft, die von unten �ber die hohen Felsklippen fuhr, ihn fr�steln. <emphasis>Du h�ttest dich w�rmer anziehen sollen,</emphasis> sagte er sich und unterdr�ckte sein Zittern. Schwach oder gar �ngstlich zu erscheinen, konnte er heute Abend am allerwenigsten gebrauchen.</p><p>Bis auf eine leuchtende Fensterreihe war das Schloss dunkel. <emphasis>Die Bibliothek</emphasis>, dachte Aringarosa. <emphasis>Sie sind wach und warten auf dich.</emphasis> Zum Schutz gegen den kalten Wind zog er den Kopf ein und schritt schneller aus, ohne die Observatoriumskuppeln auch nur eines Blickes zu w�rdigen.</p><p>Am Portal erwartete ihn ein schl�frig wirkender Pater, derselbe, der ihn schon vor f�nf Monaten empfangen hatte. Heute allerdings zeigte er sich wesentlich weniger freundlich als damals. �Exzellenz, wir haben uns schon Sorgen gemacht�, sagte er mit einem Blick auf die Uhr. Sein Ton war eher indigniert als besorgt.</p><p>�Ich muss mich entschuldigen. Die Fluggesellschaften werden immer unzuverl�ssiger, wissen Sie.�</p><p>Der Pater murmelte etwas Unverst�ndliches. �Sie werden oben bereits erwartet. Ich begleite Sie hinauf.�</p><p>Die Bibliothek war ein riesiger rechteckiger Raum mit dunkler Wandt�felung vom Boden his zur Decke. Ringsum standen gewaltige, mir B�chern voll gestellte Regale. Der Fu�boden bestand aus bernsteinfarbenen Marmorfliesen mit schwarzen Einlegearbeiten aus Basalt und erinnerte auf gef�llige Weise daran, dass der Saal einst Teil eines Palasts gewesen war.</p><p>�Willkommen, lieber Mitbruder�, ert�nte eine Stimme auf der anderen Seite des Saales.</p><p>Aringarosa versuchte, den Sprecher zu erkennen, doch man hatte die Beleuchtung stark abgedunkelt � im Unterschied zu der strahlenden Helligkeit bei seinem ersten Besuch. <emphasis>Die Nacht des j�hen Erwachens.</emphasis> Heute Abend sa�en seine Gegen�ber im Halbdunkel, als w�rden sie mit einer gewissen Besch�mung der Dinge harren, die da kamen.</p><p>Aringarosa trat gemessen ein, geradezu k�niglich. Er konnte umrisshaft drei M�nner am langen Tisch auf der gegen�berliegenden Seite des Saales sitzen sehen. Den Mann in der Mitte erkannte er sofort an seiner K�rperf�lle � der Generalsekret�r der Kurie, Herr �ber s�mtliche Rechtsangelegenheiten des Vatikans. Die beiden anderen waren hochrangige italienische Kardin�le.</p><p>Aringarosa schritt durch die Bibliothek auf die drei M�nner zu. �Liebe Br�der, ich bitte dem�tigst um Verzeihung, dass Sie sich meinetwegen zu dieser sp�ten Stunde bem�hen m�ssen. Wir leben leider in unterschiedlichen Zeitzonen. Sie sind gewiss sehr m�de � �</p><p>�Aber keineswegs!�, sagte der Generalsekret�r und faltete die H�nde �ber seinem ansehnlichen Bauch. �Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie den weiten Weg nicht gescheut haben. Das Mindeste, das wir Ihnen zum Empfang schulden, ist Aufmerksamkeit. D�rfen wir Ihnen Kaffee oder sonst eine Erfrischung anbieten?�</p><p>�Ich w�rde es vorziehen, gleich zum Gesch�ftlichen zu kommen. Ich m�chte meinen n�chsten Flug nicht verpassen. Dies hier ist schlie�lich kein geselliges Beisammensein.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte der Sekret�r. �Sie sind schneller in Aktion getreten, als von uns erwartet.�</p><p>�Bin ich das?�</p><p>�Sie haben noch einen ganzen Monat Zeit.�</p><p>�Ihre Bedenken haben Sie mir bereits vor f�nf Monaten dargelegt�, sagte Aringarosa. �Weshalb also sollte ich Zeit vergeuden?�</p><p>�Ja, weshalb? Wir sind sehr angetan davon, wie z�gig Sie zu Werke gehen.�</p><p>Aringarosas Blick glitt �ber den Tisch zu einem stattlichen schwarzen Diplomatenk�fferchen. �Ist es das, worum ich gebeten habe?�</p><p>�Gewiss.� Die Stimme des Sekret�rs klang pl�tzlich besorgt. �Doch wir m�chten Ihnen nicht verhehlen, lieber Mitbruder, dass ihre Bitte uns Anlass zu gewisser Unruhe gibt. Sie erscheint uns ziemlich � �</p><p>�Gef�hrlich�, vollendete einer der Kardin�le den Satz. �Sind Sie sicher, dass wir Ihnen den Betrag nicht doch lieber auf ein Konto �berweisen sollten? Die Summe ist exorbitant.�</p><p><emphasis>Freiheit ist nun mal teuer</emphasis>. �Was meine Sicherheit angeht, hege ich keine Bedenken. Gott ist mit mir.�</p><p>Die drei M�nner setzten skeptische Mienen auf.</p><p>�Entsprechen die Papiere meinen Vorgaben?�</p><p>Der Sekret�r nickte. �Hoch notierte Inhaberobligationen der Vatikanbank, die auf der ganzen Welt in Bargeld umtauschbar sind.�</p><p>Aringarosa begab sich zum Ende des Tisches und �ffnete das K�fferchen. Zwei dicke Packen Obligationen lagen darin, jede mit dem Wappen des Vatikans und der Aufschrift <emphasis>PORTATORE</emphasis> versehen. Wer diese Papiere bei einer Bank vorlegte, konnte sie �berall und jederzeit gegen Bargeld einl�sen.</p><p>Der Sekret�r blickte nerv�s drein. �Ich muss jedoch sagen, lieber Mitbruder, dass uns allen wohler w�re, wenn Sie den Betrag in Bargeld ann�hmen.�</p><p><emphasis>So viel Bargeld kann kein Mensch tragen, mein lieber Freund</emphasis>, dachte Aringarosa und klappte den Koffer zu. �Diese Papiere sind doch so gut wie Bargeld. Haben Sie das nicht eben selbst hervorgehoben?�</p><p>Die Kardin�le tauschten unbehagliche Blicke. �Durchaus�, ergriff schlie�lich einer das Wort, �aber man kann sie bis zur Vatikanbank zur�ckverfolgen.�</p><p>Aringarosa l�chelte in sich hinein. Aus genau diesem Grund hatte der Lehrer vorgeschlagen, das Geld in Form von Inhaberobligationen zu Transferieren, als R�ckversicherung sozusagen. <emphasis>Jetzt sitzen wir alle im gleichen Boot</emphasis>. �Ist das denn nicht eine vollkommen legale Transaktion?�, wandte Aringarosa ein. �Opus Dei ist eine Personalpr�latur des Papstes. Seine Heiligkeit kann Zuwendungen machen, wie es ihm beliebt. Wie k�nnte das gesetzeswidrig sein?�</p><p>�Das ist ja alles richtig, aber dennoch � � Der Sekret�r beugte sich vor. Der Stuhl �chzte unter seinem Gewicht. �Leider ist es g�nzlich unserer Kontrolle entzogen, was Sie mit diesen Papieren zu tun beabsichtigen. F�r den unwahrscheinlichen Fall, dass Ihre Absichten sich ein wenig abseits der Legalit�t bewegen sollten � �</p><p>�Verehrte Mitbr�der, in Anbetracht dessen, was Sie von mir zu tun verlangen, d�rfen Sie von mir keine Rechenschaft �ber die Verwendung des Geldes erwarten!�</p><p>Stille breitete sich aus.</p><p><emphasis>Sie wissen, dass du Recht hast</emphasis>, dachte Aringarosa. �Irre ich mich, oder h�tten Sie gern eine Unterschrift von mir?�</p><p>Alle drei sprangen auf. Eilig wurde ein Papier �ber den Tisch geschoben, als w�re man froh, den Besucher endlich loszuwerden.</p><p>Aringarosa betrachtete das Dokument. Es trug das p�pstliche Wappen. �Dieses Papier ist doch identisch mit dem Entwurf, den Sie mir zugeschickt haben?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>Aringarosa unterzeichnete das Dokument, �berrascht, wie gelassen er sich dabei f�hlte, angesichts der unermesslichen Bedeutung. Die drei M�nner am Tisch schienen erleichtert aufzuatmen.</p><p>�Lieber Mitbruder, wir danken Ihnen�, sagte der Sekret�r. �Den Dienst, den Sie unserer Kirche erwiesen haben, wird man Ihnen nie vergessen.�</p><p>Aringarosa nahm das K�fferchen vom Tisch. Das Gewicht in seiner Hand vermittelte ihm ein erhebendes Vorgef�hl der Macht. Die vier M�nner sahen sich einen Augenblick lang an, als h�tten sie sich noch etwas zu sagen, was aber offensichtlich nicht der Fall war. Aringarosa drehte sich um und ging zur T�r. Als er auf der Schwelle stand, rief ihn einer der Kardin�le an.</p><p>Aringarosa hielt noch einmal inne. �Ja?�</p><p>�Wohin f�hrt Sie nun der Weg, Bruder?�</p><p>Aringarosa sp�rte, dass die Frage auf seine spirituellen Ziele anspielte, doch er hatte wenig Lust, sich zu dieser Stunde auf eine Moraldiskussion einzulassen.</p><p>�Nach Paris, verehrter Mitbruder�, sagte er und ging hinaus.</p></section><section><title><p><strong>42. KAPITEL</strong></p></title><p>Die Z�rcher Depositenbank war eine Art Geldschrank, der rund um die Uhr zug�nglich war. Das Institut bot das vollst�ndige Repertoire moderner anonymer Finanzdienstleistungen in der Tradition der Schweizer Nummernkonten und unterhielt neben dem Z�rcher Stammhaus Zweigstellen in Kuala Lumpur, New York und Paris. In j�ngerer Zeit hatte das Haus im Rahmen der digitalisierten Dienstleistungen seinen Service um anonyme, datenbankgest�tzte Treuh�ndergesch�fte erweitert.</p><p>Das Hauptgesch�ft aber war nach wie vor das �lteste und schlichteste Angebotssegment, das Depot, ein anonym zug�nglicher Schlie�fachservice. Hier konnte der Kunde vom Aktienpaket bis zum alten holl�ndischen Meister seine Besitzt�mer in Verwahrung geben, ohne seinen Namen zu nennen. Ein System verschiedener High-Tech-Einrichtungen zur Wahrung v�lliger Anonymit�t lie� das Verwahrgut zu jeder gew�nschten Stunde spurlos von der Bildfl�che verschwinden.</p><p>Nachdem Sophie das Taxi zum Stehen gebracht hatte und Langdon die n�chterne, ja k�hle Architektur des Geb�udes betrachtete, beschlich ihn das ungute Gef�hl, in der Z�rcher Depositenbank ein Unternehmen mit wenig Sinn f�r Humor vor sich zu haben. Das Geb�ude war ein fensterloser rechteckiger Metallw�rfel und schien nahtlos aus einem St�ck matten Edelstahls geschmiedet zu sein. Der gewaltige Stahlbarren befand sich ein St�ck von der Stra�e zur�ckgesetzt. �ber der ehernen Fassade gl�hte rot ein knapp f�nf Meter hohes, gleicharmiges Neonkreuz.</p><p>Die Schweiz hatte ihre anerkannt strenge Wahrung des Bankgeheimnisses zu einem der gewinntr�chtigsten Exportartikel des Landes gemacht. Einrichtungen wie diese waren in der Welt der Kunst sehr umstritten, boten sie doch Kunstdieben auf Jahre hinaus ein ideales Versteck, in dem sie die Beute verschwinden lassen konnten, bis Gras �ber die Sache gewachsen war. Da der Inhalt der Schlie�f�cher durch eine entsprechende Gesetzgebung zum Schutz der Pers�nlichkeitsrechte polizeilichen Nachforschungen nicht zug�nglich und der Inhaber �hnlich wie bei einem Nummernkonto namentlich nicht bekannt war, konnten Kunstdiebe sich beruhigt zur�cklehnen in der Gewissheit, dass ihre Beute sicher aufgehoben und die F�hrte nicht bis zu ihnen zur�ckzuverfolgen war.</p><p>Sophie war vor dem imposanten Tor stehen geblieben. Es versperrte die Zufahrt zum Bankgeb�ude � eine betonierte Rampe, die ins Untergeschoss f�hrte. Eine Videokamera hatte sie ins Visier genommen. Langdon hatte das beklemmende Gef�hl, dass diese Kamera � ganz im Gegensatz zu denen im Louvre � sehr echt war.</p><p>Sophie lie� die Seitenscheibe herunter und nahm das elektronische Paneel auf der Fahrerseite in Augenschein. Ein LCD-Display blinkte ihr in sieben Sprachen die Bedienungsanweisung zu, ganz oben auf der Liste in Englisch:</p><p>INSERT KEY</p><p>Sophie holte den goldenen Schl�ssel mit den Lasermarkierungen hervor und betrachtete erneut das Paneel. Unter dem Display befand sich eine dreieckige �ffnung.</p><p>�Irgendwie habe ich das Gef�hl, dass der Schl�ssel passen m�sste�, sagte Langdon.</p><p>Sophie f�hrte den dreieckigen Schl�sselschaft in die �ffnung ein, bis er ganz darin verschwunden war. Man brauchte den Schl�ssel offensichtlich nicht zu drehen, denn das Tor schwang unverz�glich auf. Sophie nahm den Schl�ssel wieder an sich, l�ste die Bremse und lie� den Wagen zu einem zweiten Tor mit einem zweiten Kontrollpaneel hinunterrollen. Das erste Tor schloss sich hinter ihnen. Sie waren wie ein Schiff in einer Schleuse gefangen.</p><p>Das Gef�hl, nicht mehr vor- und zur�ckzuk�nnen, war f�r Langdon beklemmend und unangenehm. <emphasis>Dann wollen wir nur hoffen, dass das zweite Tor auch so sch�n funktioniert</emphasis> �</p><p>Auf dem zweiten Paneel war die gleiche Aufforderung zu lesen.</p><p>INSERT KEY</p><p>Auch hier f�hrte Sophie den Schl�ssel ein, worauf sich das zweite Tor unverz�glich �ffnete und ihnen den Weg hinunter in die Eingeweide des Geb�udes freigab.</p><p>Sie gelangten in eine kleine, nur notd�rftig beleuchtete Tiefgarage mit Platz f�r ungef�hr ein Dutzend Fahrzeuge. Auf der gegen�berliegenden Seite ersp�hte Langdon den Haupteingang. Ein roter Teppich war auf dem Betonboden ausgerollt und komplimentierte den Besucher zu einer riesigen T�r, die aus einem einzigen St�ck Gussstahl gefertigt zu sein schien.</p><p>So viel zu Botschaften, die zwei Lesarten erlauben, dachte Langdon: <emphasis>Sei willkommen � aber bleib gef�lligst drau�en</emphasis>.</p><p>Sophie lenkte das Taxi auf eine Parkfl�che neben dem Eingang und stellte den Motor ab. �Die Pistole sollten Sie lieber hier lassen.�</p><p><emphasis>Mit dem gr��ten Vergn�gen</emphasis>. Langdon lie� das Schie�eisen eiligst unter dem Sitz verschwinden.</p><p>Sie stiegen aus und gingen auf dem roten Teppich die wenigen Schritte bis zur st�hlernen T�rplatte, die keine Klinke besa�; doch daneben an der Wand befand sich ein weiteres dreieckiges Schl�sselloch, diesmal jedoch ohne Bedienungsanleitung.</p><p>�Damit hier keine Dummk�pfe reinkommen�, meinte Langdon.</p><p>Sophie lachte nerv�s auf. �Dann mal los�, sagte sie und steckte den Schl�ssel ins Loch. Summend schwang die Stahlplatte nach innen. Sie blickten einander an und traten ein. Mit einem satten Ger�usch fiel hinter ihnen die T�r ins Schloss.</p><p>Das Foyer der Pariser Zweigstelle der Z�rcher Depositenbank brauchte sich hinsichtlich des eindrucksvollen Dekors hinter keiner anderen Bank der Welt zu verstecken. Wo die meisten Banken sich mit poliertem Marmor und Granit begn�gten, schwelgte dieses Institut in Rundum-Edelstahl mit dekorativen Applikationen aus verchromten Nieten.</p><p><emphasis>Wer war denn hier der Innenarchitekt</emphasis>!, fragte sich Langdon. <emphasis>Die lothringischen Stahlwerke?</emphasis></p><p>Sophies Blick wirkte nicht weniger eingesch�chtert, als sie sich im st�hlernen Empfangsbereich umsah.</p><p>Der silbergraue Stahl war allgegenw�rtig � Boden, W�nde, Decken, T�ren, der Empfang, selbst das Gerippe der Sitzgruppe bestanden aus Stahl. Gleichwohl war die Wirkung eindrucksvoll und die Botschaft unmissverst�ndlich: Das ist ein bombensicheres Gew�lbe.</p><p>Hinter dem Empfang wartete ein gro� gewachsener Mann. Als sie n�her traten, blickte er auf und schaltete den kleinen Fernseher aus, dem seine Aufmerksamkeit gegolten hatte. Er begr��te sie mit einem freundlichen L�cheln. Trotz seiner Muskelpakete und der sichtbar getragenen Waffe besa� seine Sprechweise den h�flichen Wohlklang eines erstklassigen Schweizer Hotelportiers.</p><p>�Bonsoir, die Herrschaften, Gr�ezi miteinand�, sagte er. �What can I do for you?�</p><p>Die dreisprachige Begr��ungsfloskel war der neueste Trick der europ�ischen Fremdenverkehrsbranche: Der Gast konnte in der Sprache antworten, in der er sich am besten zu Hause f�hlte.</p><p>Sophie jedoch antwortete nicht auf sprachlicher Ebene. Stattdessen legte sie dem Mann den goldenen Schl�ssel vor.</p><p>Er besah sich den Schl�ssel und wurde prompt noch eine Nuance korrekter. �Selbstverst�ndlich, Mademoiselle. Der Fahrstuhl f�r die Herrschaften befindet sich am Ende des Entrees. Ich werde Bescheid gehen, dass die Herrschaften sich auf dem Weg befinden.�</p><p>Sophie nickte und nahm den Schl�ssel wieder an sich. �Welche Etage?�</p><p>Der Mann sah sie verst�ndnislos an. �Excusez, Mademoiselle, aber Ihr Schl�ssel �bermittelt dem Lift, wohin er die Herrschaften zufahren hat.�</p><p>Sophie l�chelte. �Ja, sicher.�</p><p>Der Mann an der Rezeption schaute den Neuank�mmlingen hinterher, als diese zum Aufzug gingen, den Schl�ssel ins dortige Schl�sselloch steckten, in den Aufzug stiegen und verschwanden. Die Aufzugt�r hatte sich kaum geschlossen, als der Mann schon zum Telefon griff � allerdings nicht, um einem Mitarbeiter die bevorstehende Ankunft wichtiger Kundschaft anzuk�ndigen; dazu bestand kein Anlass. Sobald ein Kunde den Schl�ssel am Eingangstor einf�hrte, wurde automatisch ein Kundenbetreuer alarmiert.</p><p>Der Wachmann rief den Nachtmanager der Bank an. W�hrend er dem Freizeichen lauschte, schaltete er wieder seinen kleinen Fernseher an. Der Bericht, den er sich zuvor angeschaut hatte, war gerade zu Ende, aber er hatte nichts Bedeutsames verpasst. Noch einmal warf er einen Blick auf die beiden Fahndungsfotos auf dem Bildschirm.</p><p>Der Nachtmanager meldete sich. �<emphasis>Oui</emphasis>?�</p><p>�Hier unten ist die Kacke am Dampfen.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Die Polizei hat eine Fahndung nach zwei fl�chtigen Personen laufen.�</p><p>�Ja, und?�</p><p>�Die beiden sind gerade in unsere Bank spaziert.�</p><p>Der Manager fluchte leise. �Ich werde sofort Monsieur Vernet verst�ndigen!�</p><p>Der Wachmann legte auf und w�hlte umgehend eine zweite Nummer � die von Interpol.</p><empty-line/><p>�berrascht stellte Langdon fest, dass der Lift sich nicht nach oben, sondern nach unten in Bewegung setzte. Er hatte keine Ahnung, wie viele Stockwerke sie in der Pariser Zweigstelle der Z�rcher Depositenbank in die Tiefe abgetaucht waren, als die T�r sich endlich �ffnete, aber das war auch unerheblich. Nur raus aus dieser Aufzugskabine.</p><p>Demonstrativ um Diensteifer bem�ht, stand bereits ein Kundenbetreuer vor ihnen und begr��te sie. Es war ein �lterer Herr in einem tadellos geb�gelten Flanellanzug, der merkw�rdig fehl am Platz wirkte � ein Bankier von altem Schrot und Korn in einer k�hlen High-Tech-Welt.</p><p>�<emphasis>Bonsoir</emphasis>�, sagte er, �guten Abend. W�ren Sie bitte so nett, mir zu folgen, <emphasis>s'il vous pla�t</emphasis>?� Ohne auf eine Antwort zu warten, machte der Mann kehrt und schritt z�gig einen schmalen st�hlernen Flur hinunter.</p><p>An mehreren S�len mit blinkenden Gro�rechnern vorbei folgten ihm Langdon und Sophie durch eine Korridorflucht nach der anderen.</p><p>�<emphasis>Voici</emphasis>�, sagte der Kundenbetreuer schlie�lich. Er war an einer der vielen Stahlt�ren stehen geblieben und hatte sie ge�ffnet. �Treten Sie bitte ein.�</p><p>Langdon und Sophie gelangten in eine andere Welt. Der Raum wirkte wie ein feudales kleines Gesellschaftszimmer in einem Nobelhotel. Kein kaltes Stahlblech und keine Nieten mehr, sondern �ppige Orientteppiche, dunkle Eichenm�bel und weiche Fauteuils. Auf dem breiten Tisch in der Mitte des Raums standen zwei Kristallbecher neben zwei frisch ge�ffneten Flaschen Perrier, in denen die Kohles�urebl�schen tanzten. Daneben dampfte eine Kanne mit frischem Kaffee.</p><p><emphasis>Diese Schweizer</emphasis>, dachte Langdon. <emphasis>Pr�zise wie die Uhrmacher, die sie nun mal sind.</emphasis></p><p>Der Mann setzte ein komplizenhaftes L�cheln auf. �Gn�dige Frau, gehe ich recht in der Annahme, dass dies Ihr erster Besuch bei uns ist?�</p><p>Sophie z�gerte kurz, bevor sie nickte.</p><p>�Verstehe. Es kommt durchaus vor, dass unter unserer Kundschaft Schl�ssel vererbt werden. Bei ihrem ersten Besuch k�nnen die Beg�nstigten in diesem Fall nat�rlich nicht mit unserem Protokoll vertraut sein.� Der Kundenberater deutete auf den Tisch mit den Getr�nken. �Dieser Raum steht Ihnen zeitlich unbegrenzt zur Verf�gung.�</p><p>�Sie sagten, dass ein Schl�ssel auch vererbt werden kann?�, erkundigte sich Sophie.</p><p>�Durchaus. Mit den Schl�sseln verh�lt es sich wie mit den Nummernkonten, die manchmal ebenfalls von einer Generation auf die n�chste Generation vererbt werden. Die k�rzeste Mietzeit f�r unsere Goldschlie�f�cher beispielsweise betr�gt f�nfzig Jahre, wobei die Geb�hr selbstverst�ndlich im Voraus zu entrichten ist. Das f�hrt h�ufig zur Weitergabe der F�cher innerhalb der Familie.�</p><p>Langdon riss die Augen auf. �F�nfzig Jahre?�</p><p>�Mindestens, Monsieur�, best�tigte der Kundenbetreuer. �Es k�nnen nat�rlich auch wesentlich l�ngere Fristen vereinbart werden. Wenn w�hrend dieser Zeit keine Bewegung stattfindet und nichts anderes vereinbart wurde, wird der Inhalt des Schlie�fachs nach Ablauf der Mietfrist automatisch der Vernichtung zugef�hrt. W�nschen Sie, dass ich Ihnen die Zugriffsprozedur auf Ihre Depotbox erl�utere?�</p><p>Sophie nickte. �Ja, bitte.�</p><p>Der Kundenberater machte eine weit ausholende Geste, die den gesamten Salon umfasste. �Hier k�nnen Sie sich in aller Ruhe mit Ihrem Depot besch�ftigen, sobald ich den Raum verlassen habe. Sie k�nnen sich g�nzlich ungest�rt und solange Sie wollen mit der �berpr�fung, Umschichtung oder R�umung Ihres Depots befassen, das sich in einem Beh�lter befindet, der � bitte sehr, gn�dige Frau � hier dr�ben erscheint.� Er komplimentierte Sophie und Langdon zur gegen�berliegenden Wand, wo ein breites Transportband in elegantem Schwung in den Raum m�ndete. Die Apparatur erinnerte ein wenig an das Kofferkarussell auf einem Flughafen. �Sie f�hren Ihren Schl�ssel in diese �ffnung ein.� Der Mann deutete auf eine gro�e elektronische Bet�tigungskonsole mit dem vertrauten dreieckigen Loch vor dem Transportband. �Sobald der Computer Ihren Schl�ssel anhand der Markierungen identifiziert hat, werden Sie aufgefordert, Ihre geheime Depotnummer einzugeben, worauf Ihre Depotbox aus unserem Tresorbunker vollautomatisch zu Ihrer Verf�gung heraufgefahren wird. Wenn Sie fertig sind und den Beh�lter bitte wieder aufs Band gelegt haben, wiederholt sich der Vorgang in umgekehrter Reihenfolge. Durch die vollautomatisierten Abl�ufe ist absolute Anonymit�t garantiert, auch gegen�ber den Mitarbeitern unseres Hauses. Falls die Herrschaften irgendetwas ben�tigen, dr�cken Sie bitte auf den Rufknopf auf dem Tisch in der Mitte des Raums.�</p><p>Sophie wollte gerade eine Frage stellen, als das Telefon klingelte. Der Kundenberater blickte sich indigniert um. �Entschuldigen Sie mich bitte.� Er ging zum Telefon, das neben den Getr�nken auf dem Tisch stand.</p><p>Erhob ab. �<emphasis>Oui</emphasis>?�</p><p>Seine Brauen w�lbten sich, als er dem Anrufer zuh�rte. �<emphasis>Oui � oui � d'accord</emphasis>.� Er legte auf und sah Sophie und Langdon unbehaglich l�chelnd an. �Es tut mir Leid, ich muss Sie jetzt leider allein lassen�, sagte er und eilte zur T�r.</p><p>�Entschuldigen Sie�, rief Sophie ihm hinterher, �k�nnten Sie mir bitte noch etwas erkl�ren, bevor Sie gehen? Sie haben da von einer geheimen Depotnummer gesprochen � �</p><p>Der Mann hielt unter der T�r inne. Er war ein wenig blass geworden. �Ja, gewiss. Wie bei den meisten Schweizer Banken lauten unsere Depots auf eine Nummer, nicht auf einen Namen. Sie haben Ihren Schl�ssel und Ihre pers�nliche geheime Depotnummer, die nur Ihnen allein bekannt ist. Ihr Schl�ssel ist nur die eine H�lfte Ihrer Identifikation. Ihre pers�nliche Depotnummer ist die andere. Gesetzt den Fall, gn�dige Frau, Sie w�rden den Schl�ssel verlieren, k�nnte damit sonst jeder an Ihr Schlie�fach.�</p><p>Sophie z�gerte. �Und wenn der Erblasser mir keine Depotnummer hinterlassen hat?�</p><p>Das Herz des Bankiers pochte noch heftiger. <emphasis>Dann haben Sie hier nichts zu suchen.</emphasis> Er l�chelte Sophie beruhigend an. �Ich werde jemanden bitten, Ihnen zu helfen. Er wird in K�rze bei Ihnen sein.�</p><p>Der Kundenberater ging hinaus, schloss die T�r hinter sich und drehte au�en den schweren Schl�ssel um.</p><p>Sophie und Langdon waren gefangen.</p><empty-line/><p>Auf der anderen Seite der Stadt eilte Leutnant Collet durch den Gare du Nord, als sein Handy sich meldete.</p><p>Fache war am Apparat. �Interpol hat einen Tipp bekommen�, sagte er. �Vergessen Sie den Zug. Langdon und Neveu sind soeben in der Pariser Filiale der Z�rcher Depositenbank aufgetaucht. Ich erwarte Sie und Ihre M�nner umgehend vor Ort.�</p><p>�Haben Sie schon herausgefunden, was Sauni�re Robert Langdon und Agentin Neveu mitzuteilen hatte?�, fragte Collet neugierig.</p><p>�Nehmen Sie die beiden hopp, Collet�, sagte Fache, �dann werde ich sie pers�nlich danach fragen.�</p><p>Collet begriff, was die Stunde geschlagen hatte. �Rue Haxo, Nummer vierundzwanzig. Bin schon unterwegs, Chef.�</p><p>Er stellte das Handy ab und rief seine M�nner zusammen.</p></section><section><title><p><strong>43. KAPITEL</strong></p></title><p>Andr� Vernet, Pariser Filialdirektor der Z�rcher Depositenbank, wohnte in einem Luxus-Penthaus �ber seiner Dienstst�tte. Obwohl sein Domizil keine W�nsche offen lie�, tr�umte er von einer Wohnung auf der Ile Saint-Louis, wo die wahren <emphasis>cognoscendi</emphasis> seine Nachbarn w�ren, im Gegensatz zu hier, wo er es lediglich mit neureichen Gelds�cken zu tun hatte.</p><p><emphasis>Wenn du dich zur Ruhe setzt</emphasis>, ging es Vernet durch den Kopf, und er l�chelte verz�ckt, <emphasis>wird dein Weinkeller mit altem Bordeaux best�ckt, im Salon kommt ein Fragonard oder vielleicht ein Boucher an die Wand, und den Rest deiner Tage verbringst du mit der Jagd nach antiken M�beln und seltenen B�chern im Quartier Latin �</emphasis></p><p>Als Vernet in dieser Nacht im makellosen Seidenanzug durch die unterirdischen Flure seines Bankinstituts eilte, war er erst sechseinhalb Minuten wach, doch er sah aus wie aus dem Ei gepellt. Im Laufen spr�hte er sich ein Atemspray in den Mund und zupfte den Knoten seiner Krawatte zurecht. Er war es gewohnt, aus dem Schlaf gerissen zu werden, um sich der internationalen Kundschaft zu widmen, die aus den verschiedensten Zeitzonen der Welt angereist kam. Praktischerweise hatte Vernet die Schlafgewohnheiten der Massai-Krieger angenommen, eines afrikanischen Stammes, der daf�r ber�hmt war, dass die M�nner sich nach dem Erwachen aus tiefstem Schlaf binnen Sekunden in hellwacher Kampfbereitschaft befanden.</p><p><emphasis>Kampfbereitschaft</emphasis>, dachte Vernet. Er f�rchtete, dass dieses Wort zum Motto dieser Nacht werden konnte. Wenn ein Kunde mit einem goldenen Schl�ssel auftauchte, musste man ihm stets ein gewisses Ma� an erh�hter Aufmerksamkeit widmen, aber wenn dieser Kunde mit dem goldenen Schl�ssel auch noch von der Polizei gesucht wurde, war �u�erstes Fingerspitzengef�hl angesagt. Die Bank hatte mit den Beh�rden schon genug �rger �ber die Rechte zum Schutz der Privatsph�re ihrer Kunden. Und normalerweise sa� die Polizei der Kundschaft nicht schon im Nacken.</p><p><emphasis>Du hast f�nf Minuten</emphasis>, dachte Vernet. <emphasis>Die Leute m�ssen aus deiner Bank verschwunden sein, bevor die Polizei eintrifft</emphasis>.</p><p>Wenn er rasch und entschlossen handelte, konnte das drohende Unheil noch abgewendet werden. Der Polizei w�rde er sagen, die Gesuchten h�tten tats�chlich bei seiner Bank vorgesprochen, aber da sie nicht zum Kundenkreis geh�rten und auch nicht im Besitz der geheimen Depotnummer gewesen seien, habe man sie wieder weggeschickt. <emphasis>Wenn dieser d�mliche Wachmann nur nicht Interpol verst�ndigt h�tte!</emphasis> Diskretion geh�rte offensichtlich nicht zum Repertoire eines Wachmanns mit einem Stundenlohn von f�nfzehn Euro.</p><p>An der T�r angekommen, atmete er tief durch und entspannte die Muskeln. Dann setzte er ein Vertreterl�cheln auf, �ffnete die T�r und wirbelte hinein wie ein Fr�hlingswind.</p><p>�Guten Abend�, sagte er und suchte den Blick seiner Kunden, �ich bin Andr� Vernet. Wie kann ich Ihnen � � Der Rest des Satzes blieb irgendwo unterhalb von Vernets Adamsapfel stecken. Die Frau, die vor ihm stand, kam f�r ihn so unerwartet wie ein Blitz aus heiterem Himmel.</p><p>�Was ist? Haben wir uns fr�her schon einmal gesehen?�, erkundigte sich Sophie. F�r sie war der Bankier ein Fremder, aber der Mann starrte sie an, als st�nde ein Gespenst vor ihm.</p><p>�Nein � �, sagte Vernet stockend, �ich glaube nicht. Unsere Dienstleistungen erfolgen anonym.� Er atmete tief aus und zwang sich zu einem beherrschten L�cheln. �Mein Mitarbeiter hat mich informiert, dass Sie im Besitz eines goldenen Schl�ssels sind, ohne die dazugeh�rige Depotnummer zu kennen. Darf ich fragen, wie Sie in den Besitz des Schl�ssels gelangt sind?�</p><p>�Mein Gro�vater hat ihn mir gegeben�, sagte Sophie. Sie lie� den Mann, der immer unruhiger wurde, nicht aus den Augen.</p><p>�Tats�chlich? Ihr Gro�vater hat Ihnen diesen Schl�ssel gegeben, ohne die Depotnummer zu nennen?�</p><p>�Ich f�rchte, dazu hatte er keine Zeit�, sagte Sophie. �Man hat ihn heute Nacht ermordet.�</p><p>Der Bankdirektor taumelte vor Schreck zur�ck. Die Best�rzung war ihm an den Augen abzulesen. �Jacques Sauni�re ist tot?�, rief er aus. �Aber wie �?�</p><p>Sophie erstarrte. �Sie haben meinen Gro�vater gekannt?�, fragte sie verwundert.</p><p>Vernet war nicht weniger erstaunt. Halt suchend lehnte er sich ans Tischende. �Jacques und ich waren eng befreundet. Wann ist der Mord geschehen?�</p><p>�Heute Nacht. Im Louvre.�</p><p>Vernet lie� sich in einen tiefen Lederfauteuil fallen. �Ich muss Ihnen jetzt eine sehr wichtige Frage stellen.� Er sah Langdon an und dann wieder Sophie. �Haben Sie etwas mit Sauni�res Tod zu tun?�</p><p>�Nein!�, rief Sophie emp�rt. �Nat�rlich nicht!�</p><p>Vernet sa� gr�belnd da. �Interpol hat Ihre Fahndungsfotos herausgegeben�, sagte er finster. �Deshalb habe ich Sie erkannt. Sie werden beide wegen Mordes gesucht.�</p><p>Sophie zuckte zusammen. <emphasis>Fache l�sst Interpol nach uns fahnden?</emphasis> Der Capitaine schien mehr Dampf zu machen, als Sophie angenommen hatte. Verbunden mit einem kurzen Abriss des Geschehens, erkl�rte sie Vernet, wer Robert Langdon war.</p><p>Vernet h�rte atemlos zu. �Und Ihr Gro�vater hat Sie noch im Sterben mit seiner Botschaft aufgefordert, Mr Langdon zu suchen?�</p><p>�Ja, und auch diesen Schl�ssel.� Mit dem Emblem der <emphasis>Prieur�</emphasis> nach unten legte sie den goldenen Schl�ssel auf den Couchtisch vor Vernets Ledersessel.</p><p>Vernet warf einen Blick auf den Schl�ssel, ohne ihn in die Hand zu nehmen. �Er hat Ihnen nur diesen Schl�ssel hinterlassen? Nichts weiter? Keinen Zettel, keine Notiz?�</p><p>Sophie hatte sich im Louvre sehr beeilen m�ssen, war aber sicher, dass sie hinter dem Gem�lde der Felsgrottenmadonna nichts �bersehen hatte. �Nur diesen Schl�ssel, sonst nichts.�</p><p>Verriet seufzte hilflos auf. �Ich muss Ihnen leider sagen, dass jeder Schl�ssel elektronisch einer zehnstelligen Zahl zugeordnet wird, die Ihr Passwort darstellt. Ohne diese Nummer ist Ihr Schl�ssel v�llig wertlos.�</p><p>Eine zehnstellige Zahl. Sophie �berschlug die Zahl der m�glichen Zahlenfolgen. Zehn Milliarden. Selbst mit Hilfe der st�rksten Parallelverarbeitungsrechner ihrer Dienststelle w�rde es Wochen dauern, bis der Code geknackt war. �In Anbetracht der Umst�nde, Monsieur, denke ich doch, dass Sie uns helfen k�nnen.�</p><p>�Zu meinem Bedauern muss ich leider verneinen. Bei uns definiert der Kunde pers�nlich seine Codenummer an einer gesicherten Datenstation, sodass die Nummer nur dem Kunden selbst und dem Computer bekannt ist. Nur auf diese Weise l�sst sich Anonymit�t garantieren. Und die Sicherheit unserer Mitarbeiter.�</p><p>Sophie begriff. Bei gro�en Einkaufszentren verhielt es sich �hnlich. UNSER PERSONAL HAT KEINEN SCHL�SSEL ZUM TRESOR. Vernets Bankhaus wollte es nicht darauf ankommen lassen, dass ein Schl�ssel gestohlen und die zugeh�rige Depotnummer durch Geiselnahme eines Angestellten erpresst werden konnte.</p><p>Sophie und Langdon setzten sich Vernet gegen�ber auf die Couch. Sophie betrachtete den Schl�ssel; dann blickte sie zu Vernet auf. �Haben Sie vielleicht eine Vorstellung, was mein Gro�vater in Ihrer Bank aufbewahrt?�</p><p>�Nicht im Entferntesten. Das ist es ja gerade, was die Sicherheit, eines Bankhauses wie dem unseren ausmacht.�</p><p>�Monsieur Vernet, unsere Zeit ist seht knapp bemessen. Ich werde daher sehr direkt sein, wenn Sie erlauben.� Sophie griff nach dem goldenen Schl�ssel. W�hrend sie ihn drehte und das Emblem der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> sichtbar wurde, beobachtete sie den Gesichtsausdruck Vernets. �Sagt Ihnen das Symbol auf dem Schl�ssel etwas?�</p><p>Vernet betrachtete ohne erkennbare Reaktion das Liliensymbol. �Nein. Viele Kunden lassen ein Firmenlogo oder ihre Initialen in den Schl�ssel gravieren.�</p><p>Sophie seufzte, schaute Vernet aber immer noch aufmerksam an. �Dieses Emblem ist das Wappen einer Geheimgesellschaft mit der Bezeichnung <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>.�</p><p>Wieder war bei Vernet keinerlei Reaktion festzustellen. �Davon ist mir nichts bekannt. Ich war mit Ihrem Gro�vater sehr gut befreundet, aber wir haben uns meist �ber gesch�ftliche Dinge unterhalten.� Er r�ckte nerv�s die Krawatte zurecht.</p><p>�Monsieur Vernet�, fuhr Sophie mit Nachdruck fort, �mein Gro�vater hat mich heute Abend angerufen, um mir mitzuteilen, dass er und ich in gro�er Gefahr schweben. Er m�sse mir etwas geben. Er hat mir diesen Schl�ssel f�r ein Schlie�fach Ihrer Bank zugespielt. Und jetzt ist er tot. Vielleicht k�nnen Sie dazu etwas sagen. Es k�nnte von gr��ter Wichtigkeit f�r uns sein.�</p><p>Schwei�perlen traten auf Vernets Stirn. �Mademoiselle, wir m�ssen dieses Geb�ude schnellstens verlassen. Ich bef�rchte, die Polizei wird jeden Moment hier eintreffen. Mein Wachmann hat Interpol verst�ndigt.�</p><p>Sophie hatte es schon bef�rchtet. Doch sie versuchte noch einen letzten Treffer zu landen. �Mein Gro�vater sagte, er m�sse mich in die �Wahrheit �ber meine Familie� einweihen. K�nnen Sie etwas mit dieser Aussage anfangen?�</p><p>�Ihre Angeh�rigen sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, Mademoiselle, als Sie noch ein Kind waren. Es tut mir sehr Leid. Ich wei�, dass Ihr Gro�vater Sie sehr geliebt hat. Er hat mir gegen�ber mehrere Male erw�hnt, wie sehr es ihn schmerzte, dass Sie keinen Kontakt mehr hatten.�</p><p>Sophie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.</p><p>Langdon meldete sich zu Wort. �Hat der Inhalt des Depots etwas mit dem <emphasis>Sangreal</emphasis> zu tun?�</p><p>Vernet blickte ihn befremdet an. �Ich wei� leider nicht, wovon Sie reden � � Das Handy piepste in seiner G�rteltasche, und Vernet riss es heraus. �<emphasis>Oui</emphasis>?� Er lauschte einen Moment. Sein Ausdruck wandelte sich von Unwillen zu wachsender Besorgnis. �<emphasis>La police? Si rapidement</emphasis>?� Er stie� eine Verw�nschung aus, die in eine Reihe knapper Anweisungen �berging und mit der Ank�ndigung endete, er k�me sofort hinauf zum Empfang.</p><p>�Die Polizei hat weitaus schneller reagiert als sonst�, sagte er zu Sophie und steckte das Handy weg. �W�hrend wir uns hier unten unterhalten, gehen sie oben bereits in Stellung.�</p><p>Sophie hatte keineswegs die Absicht, mit leeren H�nden abzuziehen. �Sagen Sie den Beamten, wir seien schon wieder gegangen. Wenn das Geb�ude durchsucht werden soll, verlangen Sie einen Durchsuchungsbefehl. Das dauert ein Weilchen.�</p><p>�Mademoiselle, h�ren Sie mir zu�, sagte Vernet. �Jacques war mein Freund, und mein Bankhaus kann keinen Presserummel gebrauchen. Aus diesen beiden Gr�nden kommt Ihre Verhaftung hier in diesem Hause f�r mich nicht in Frage. Geben Sie mir ein paar Minuten. Ich werde sehen, was sich machen l�sst, damit Sie die Bank unentdeckt verlassen k�nnen. Mehr kann ich allerdings nicht f�r Sie tun.� Er stand auf und eilte zur T�r. �Bleiben Sie hier unten, ich k�mmere mich um die Sache und komme dann sofort wieder zu Ihnen.�</p><p>�Aber die Depotbox!�, rief Sophie. �Wir k�nnen doch nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen!�</p><p>�Da sind mir leider die H�nde gebunden�, sagte Vernet beim Hinausgehen. �Tut mir Leid.�</p><p>Sophie starrte ihm hinterher. Sie fragte sich, ob die Depotnummer vielleicht in einem der vielen unge�ffneten Briefe und P�ckchen schlummerte, die ihr Gro�vater ihr �ber die Jahre geschickt hatte.</p><p>Pl�tzlich sprang Langdon auf. Sophie sah das Funkeln in seinen Augen.</p><p>�Was ist, Robert?�</p><p>�Ihr Gro�vater war ein Genie!�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Eine zehnstellige Zahl � �</p><p>Sophie verstand nicht.</p><p>�Die geheime Depotnummer�, sagte er mit dem Sophie bereits vertrauten schiefen Grinsen. �Ich bin ziemlich sicher, Ihr Gro�vater hat uns die Nummer hinterlassen.�</p><p>�Und wo?�</p><p>Langdon zog den Computerausdruck des Fotos vom Tatort aus der Tasche, legte ihn auf den Couchtisch und strich ihn glatt. Schon beim ersten Blick auf die erste Zeile von Sauni�res Mitteilung erkannte Sophie, dass Langdon ins Schwarze getroffen hatte.</p><p>13-3-2-21-1-1-8-5 O, Draconian devil! Oh, lame saint! P.S. Robert Langdon suchen</p></section><section><title><p><strong>44. KAPITEL</strong></p></title><p>�Zehn Stellen�, sagte Sophie und studierte die Zahlenfolge auf dem Ausdruck. Ihr Herz schlug schneller.</p><p>13-3-2-21-1 -1-8-5</p><p><emphasis>Gro�vater hat die Depotnummer einfach im Louvre auf den Boden geschrieben!</emphasis></p><p>Als Sophie die Fibonacci-Folge auf dem Parkett gesehen hatte, war sie anfangs zun�chst davon ausgegangen, dass die Zahlen lediglich dazu dienen sollten, die Dechiffrierabteilung des DCPJ und damit sie selbst auf den Plan zu rufen. Dann hatte sich gezeigt, dass die Zahlen die Anweisung f�r die Entzifferung der anderen Zeilen enthielten � eine Sequenz mit gest�rter Reihenfolge � ein numerisches Anagramm. Und nun stellte sich zu ihrer Verwunderung heraus, dass die Zahlenfolge noch eine weitere und extrem wichtige Bedeutung hatte. Die Zahlen lieferten so gut wie sicher den entscheidenden Schl�ssel, um an die geheimnisvolle Schlie�fachbox des Gro�vaters zu kommen.</p><p>�Er war ein Meister des Spiels mit doppeltem Boden�, sagte Sophie zu Langdon. �Wenn ein Code sich �ber den anderen schichten lie�, war er begeistert. Eine Verschl�sselung der Verschl�sselung.�</p><p>Langdon war schon auf dem Weg zur elektronischen Konsole neben dem Transportband. Sophie schnappte sich den Computerausdruck und eilte ihm nach.</p><p>Auf der Konsole befand sich ein Tastenfeld wie bei einem Geldautomaten. Das Firmenzeichen der Bank, das Schweizer Kreuz, erstrahlte auf dem Bildschirm. Neben dem Tastenfeld befand sich das dreieckige Schl�sselloch, in das Sophie unverz�glich den Schl�ssel steckte.</p><p>Sofort wechselte die Anzeige auf dem Bildschirm.</p><p>IHRE DEPOTNUMMER: ------------------</p><p>Auffordernd blinkte der Cursor.</p><p>Zehn Stellen. Sophie las die Zahlen vom Ausdruck ab, Langdon tippte sie ein.</p><p>IHRE DEPOTNUMMER: 1 3 3 2 2 1 1 1 8 5</p><p>Nach Eingabe der letzten Ziffer wechselte die Anzeige erneut. Eine mehrsprachige Anweisung erschien.</p><p>VORSICHT Vor Bet�tigen der Enter-Taste sollten Sie unbedingt die von Ihnen eingegebene Depotnummer noch einmal sorgf�ltig auf ihre Richtigkeit pr�fen. Wenn der Computer die richtige Nummer nicht erkennt, wird der Vorgang zu Ihrer eigenen Sicherheit endg�ltig abgebrochen.</p><p>�K.O.-System�, sagte Sophie und runzelte die Stirn. �Sieht ganz danach aus, dass man uns nur einen Versuch g�nnt.� Gew�hnliche Geldautomaten lie�en dem Benutzer immerhin drei Versuche, bevor sie die Scheckkarte einzogen. Aber ein gew�hnlicher Geldautomat war das hier gewiss nicht.</p><p>Langdon verglich die Zahl noch einmal eingehend mit dem Computerausdruck. �Die Zahl ist in Ordnung�, meinte er dann und deutete auf die ENTER-Taste. �Dann mal los!�</p><p>Sophie hatte schon den Finger ausgestreckt, um die Taste zu dr�cken, als sie z�gerte.</p><p>�Nun machen Sie schon�, dr�ngte Langdon. �Vernet wird gleich wieder hier sein.�</p><p>�Nein.� Sie zog die Hand zur�ck. �Das ist nicht die richtige Nummer.�</p><p>�Nat�rlich ist es die richtige Nummer! Zehn Stellen � was wollen Sie noch?�</p><p>�Die Nummer ist zu beliebig.�</p><p><emphasis>Zu beliebig</emphasis>! Langdon stutzte. Jede Bank forderte ihre Kunden auf, sich m�glichst beliebige Pin-Nummern auszudenken, damit niemand sie erraten konnte. Und f�r die Kunden dieser Bank galt das erst recht.</p><p>Sophie l�schte die gesamte Eingabe und blickte Langdon selbstsicher an. �Dass diese angeblich beliebige Depotnummer sich als Fibonacci-Folge ordnen l�sst, ist alles andere als Zufall.�</p><p>Langdon musste gestehen, dass Sophie nicht ganz Unrecht hatte. Zuvor hatte sie aus der Zahlenfolge durch Umstellen die Fibonacci-Folge konstruiert. War das Zufall gewesen?</p><p>Sophie tippte schon wieder aufs Tastenfeld. Wie aus dem Ged�chtnis gab sie eine neue Nummer ein. �Au�erdem scheint es mir bei der Begeisterung meines Gro�vaters f�r symbolische Bedeutungen und Codes auf der Hand zu liegen, dass er sich eine Zahl ausgesucht hat, die f�r ihn etwas bedeutet und deshalb leicht einzupr�gen ist.� Sie tippte weiter. �Eine Ziffernfolge, die beliebig aussieht, es aber nicht ist.�</p><p>Langdon betrachtete die Zahl auf dem Bildschirm.</p><p>IHRE DEPOTNUMMER: 1 1 2 3 5 8 1 3 2 1</p><p>Es dauerte einen kleinen Moment, dann hatte er begriffen. Sophie hatte Recht.</p><p><emphasis>Die Fibonacci-Folge.</emphasis></p><p><emphasis>1-1-2-3-5-8-13-21</emphasis></p><p>Wenn man die Fibonacci-Folge als zehnstellige Ziffer niederschrieb, war sie mit einem Mal nicht mehr als solche zu erkennen leicht einzupr�gen und dennoch scheinbar v�llig beliebig. Es war eine zehnstellige geheime Depotnummer, die Sauni�re niemals entfallen konnte. Au�erdem war jetzt klar, weshalb sich aus den Zahlen, die Sauni�re auf das Parkett des Louvre gekritzelt hatte, die ber�hmte Fibonacci-Folge herstellen lie�.</p><p>Sophie legte den Finger auf die ENTER-Taste und dr�ckte.</p><p>Nichts geschah.</p><p>Jedenfalls nichts, das sie und Langdon unmittelbar h�tten bemerken k�nnen.</p><empty-line/><p>Tief im ger�umigen unterirdischen Tresor der Bank erwachte ein Transport-Roboter zum Leben. Der nach s�mtlichen Richtungen beweglich an einer Laufkatze unter der Decke montierte Greifarm machte sich auf die Suche, wobei er die angegebenen Koordinaten ber�cksichtigte. Auf dem Betonboden unter dem Roboter waren Hunderte identischer Kunststoffbeh�lter wie auf einem gigantischen Schachbrett angeordnet; sie sahen wie kleine S�rge in einer Gruft aus.</p><p>Summend kam der Greifer �ber dem angegebenen Punkt zum Stehen und bewegte sich nach unten. Nachdem sein elektronisches Auge den Strichcode auf der Tresorbox �berpr�ft hatte, hakte sich die Hakenlaue in die massive Haltevorrichtung der Box und hob sie an. Die Laufkatze schaltete sich ein und fuhr den Greifer samt Box zum anderen Ende des Tresorbunkers, wo sie �ber dem Transportband innehielt.</p><p>Behutsam setzte der Greifer seine Last ab. Nachdem er wieder in Ruhestellung gegangen war, fuhr das Transportband surrend an.</p><p>Als Sophie und Langdon ein paar Etagen h�her beobachteten, wie das Transportband sich in Bewegung setzte, atmeten sie erleichtert auf. Sie kamen sich vor, als h�tte man sie an die Gep�ckausgabe eines Flughafens bestellt, um dort auf einen mysteri�sen Koffer mit geheimnisvollem Inhalt zu warten.</p><p>Rechts von der Konsole trat das Ende des Transportbands durch einen schmalen Schlitz in den Raum. Die kleine Schiebet�r dar�ber fuhr hoch und spie einen bulligen Beh�lter aus schwarzen Kunststoffschalen aus. Sophie hatte ihn sich bei weitem nicht so gro� vorgestellt. Er �hnelte einem Lufttransportbeh�lter f�r gr��ere Hunde, nur ohne Luftl�cher. Gespannt starrten Sophie und Langdon auf die r�tselhafte Kiste, die mit einem sanften Ruck vor ihnen zum Stillstand kam.</p><p>Wie alles in dieser Bank wirkte auch dieser Kasten irgendwie fabrikm��ig � aufgenietete Metallbeschl�ge, obenauf ein gro�er Aufkleber mit einem Strichcode, zwei kr�ftige Schalengriffe. F�r Sophie sah er wie ein Werkzeugkasten aus.</p><p>Sie griff unverz�glich nach den beiden Schlossb�geln und hakte sie auf. Gemeinsam mit Langdon klappte sie den schweren Deckel auf, trat einen Schritt vor und lugte in den Bauch der Plastikkiste.</p><p>Auf den ersten Blick wirkte der Beh�lter leer. Dann ersp�hte Sophie etwas auf dem Grund. Einen einzigen Gegenstand.</p><p>Es war ein gl�nzendes Holzk�stchen mit ziselierten Scharnieren. Das kr�ftig gemaserte Holz schimmerte satt in einem tiefen Violett. <emphasis>Rosenholz</emphasis>, dachte Sophie, <emphasis>Gro�vaters Lieblingsholz</emphasis>. Auf dem Deckel prangte eine kunstvolle Einlegearbeit, eine Rose. Sophie und Langdon sahen einander erwartungsvoll an. Sophie beugte sich vor, griff nach dem K�stchen und hob es heraus.</p><p><emphasis>Ist das schwer!</emphasis></p><p>Sie trug ihre Beute vorsichtig zum Tisch und setzte sie ab. Langdon trat zu ihr. Sie betrachteten das Schatzk�stchen, zu dessen Bergung Sophies Gro�vater sie offensichtlich hierher gelotst hatte.</p><p>Langdon bewunderte die Einlegearbeit im Deckel. Er hatte diese Art von Rosen schon oft gesehen. �Eine f�nfbl�ttrige Rose�, murmelte er. �Die <emphasis>Prieur�</emphasis> verwendet sie als Symbol f�r den Heiligen Gral.�</p><p>Sophie schaute ihn an. Langdon konnte ihr deutlich ansehen, was sie dachte; er selbst dachte es auch. Die Abmessungen des K�stchens, der gewichtige Inhalt und das Gralssymbol der <emphasis>Prieur� �</emphasis> alles deutete in dieselbe unglaubliche Richtung. <emphasis>In dieser Schatulle befindet sich der Abendmahlskelch Christi</emphasis>. Andererseits war Langdon sich bewusst, wie absurd diese Erwartung war.</p><p>�Die Gr��e w�rde passen�, fl�sterte Sophie. Sie zog das K�stchen zu sich heran, um es zu �ffnen, doch etwas Unerwartetes geschah.</p><p>Aus der Schatulle drang leise ein merkw�rdiges Gluckern.</p><p>Langdon war verbl�fft. <emphasis>Da drin ist etwas Fl�ssiges</emphasis>?</p><p>Sophie war nicht minder verwirrt. �Haben Sie das geh�rt �?� Vorsichtig l�ste sie die Verschlussklammer und hob den Deckel.</p><p>Der Gegenstand, der zum Vorschein kam, war mit nichts zu vergleichen, das Langdon je zuvor gesehen hatte.</p><p>Eines jedoch war auf den ersten Blick vollkommen klar.</p><p>Der Abendmahlskelch Christi war es nicht.</p></section><section><title><p><strong>45. KAPITEL</strong></p></title><p>�Die Polizei hat eine Stra�ensperre errichtet�, rief Andr� Vernet, als er hereinkam, und schloss die T�r hinter sich. �Es wird nicht so leicht sein, Sie aus der Bank herauszuschaffen.� Sein Blick fiel auf den schwarzen Kunststoffbeh�lter am Ende des Transportbands. Er blieb abrupt stehen. <emphasis>Mein Gott, sie sind an Sauni�res Depot herangekommen!</emphasis></p><p>Sophie und Langdon beugten sich am Tisch �ber irgendetwas, das aussah wie ein zu gro� geratenes Schmuckk�stchen. Rasch klappte Sophie den Deckel wieder zu. �Ohne es zu wissen, hatten wir die Depotnummer doch�, sagte sie.</p><p>Vernet war sprachlos. Das �nderte alles. Er l�ste den Blick vom K�stchen und �berlegte seine n�chsten Schritte. <emphasis>Du musst die beiden aus der Bank herausschaffen</emphasis>! Aber da die Stra�ensperre der Polizei bereits stand, gab es nur eine einzige Erfolg versprechende M�glichkeit. �Mademoiselle Neveu, m�chten Sie Ihren Fund mitnehmen oder ihn lieber hier im Gewahrsam der Bank lassen? Ich werde versuchen, Sie aus dem Geb�ude zu schaffen.�</p><p>Sophie schaute Langdon an, dann wieder Vernet. �Wir m�ssen das K�stchen mitnehmen.�</p><p>Vernet nickte. �Gut. Aber dann m�chte ich Mr Langdon bitten, das Jackett darumzuwickeln, solange wir uns durchs Haus bewegen. Es w�re mir lieber, wenn niemand die Schatulle zu Gesicht bekommt.�</p><p>Langdon legte das Jackett ab. Vernet eilte indes zum Transportband, klappte den leeren Beh�lter auf und tippte auf ein paar Tasten, worauf das Band wieder anlief und seine Last in den Tresorbunker zur�cktrug. Dann zog er den goldenen Schl�ssel ab und reichte ihn Sophie. Mit Sophie und Langdon im Schlepptau lief er zur T�r hinaus.</p><p>�Hier entlang. Bitte, beeilen Sie sich.� Durch endlose G�nge gelangten sie zur Laderampe in der Tiefgarage. Das Flackern von Blaulichtern drang schwach die Zufahrt herab ins Halbdunkel. Vernet runzelte die Stirn. Die Polizei hat offenbar schon die Zufahrtsrampe gesperrt. <emphasis>Willst du diese Sache wirklich durchziehen?</emphasis></p><p>Vernet schwitzte. Er deutete auf einen der Geldtransporter der Bank. Die Angebotspalette der Z�rcher Depositenbank umfasste auch <emphasis>Transport s�r</emphasis>.</p><p>Vernet zog die schwere gepanzerte Heckt�r des Fahrzeugs auf. �Steigen Sie ein�, sagte er und wies auffordernd in das gl�nzende Stahlgeh�use des Laderaums. �Ich bin sofort wieder da.�</p><p>W�hrend Sophie und Langdon einstiegen, eilte Vernet zum B�ro des Chefs der Fahrbereitschaft. Mit seinem Passepartout verschaffte er sich Zutritt und schnappte sich die Schl�ssel des Geldtransporters sowie eine Fahrerjacke samt M�tze. Er zog das elegante Anzugjackett aus, riss sich die Krawatte ab und schl�pfte in die Fahrerjacke. Dann �berlegte er es sich noch einmal anders, zog die Jacke aus und schnallte sich zuerst ein Schulterholster um, bevor er die Jacke wieder dar�berzog. Beim Hinausgehen riss er eine Fahrerpistole aus dem Waffenst�nder, schob ein Magazin hinein, steckte die Waffe ins Holster und kn�pfte die Jacke dar�ber zu. Die Fahrerm�tze tief ins Gesicht gezogen, rannte er zum Geldtransporter. Sophie und Langdon standen in dem dunklen st�hlernen Kasten.</p><p>�Es ist Ihnen bestimmt lieber, wenn das Licht an ist�, sagte er und knipste die schwache Innenbeleuchtung in der Decke des Laderaums an. �Am besten, Sie setzen sich hin. Und bewahren Sie absolute Ruhe, wenn wir durch die Tore hinausfahren.�</p><p>Sophie und Langdon lie�en sich gehorsam auf dem Stahlboden nieder. Langdon hielt die Schatulle ins Tweedjackett gewickelt auf dem Scho�. Vernet warf die Heckt�r zu, schwang sich hinters Steuer und lie� den Motor an.</p><p>Sophie und Langdon waren eingesperrt.</p><p>W�hrend der gepanzerte Lieferwagen zur Rampe rollte, sammelte sich am Stirnband von Vernets Fahrerm�tze der Schwei�. Vor ihm blinkten wesentlich mehr Blaulichter, als er anfangs gedacht hatte. Das erste Tor auf der Rampe schwang vor ihm auf, und Vernet fuhr durch. Er musste warten, bis es wieder geschlossen war, bevor er erneut anfahren und mit dem Fahrzeug den Sensor f�r das n�chste Tor bet�tigen konnte. Es �ffnete sich und gab den Weg frei hinauf zur Stra�e.</p><p><emphasis>Wenn oben nicht der Streifenwagen gewesen w�re.</emphasis></p><p>Vor der Bank standen vier weitere Polizeifahrzeuge.</p><p>Vernet wischte sich den Schwei� von der Stirn und hielt auf die Wagen zu.</p><p>Ein schlaksiger Polizeibeamter stieg aus und gab ihm Zeichen, anzuhalten.</p><p>Vernet stoppte. Er zog die M�tze noch tiefer in die Stirn und bem�hte sich, so l�ssig-kumpelhaft zu wirken, wie seine kultivierte Erziehung es zulie�. Aufs Lenkrad gelehnt, kurbelte er die Scheibe herunter und schaute auf den Polizisten hinab, der ihn aus fahlen Augen misstrauisch anblickte.</p><p>�Was 'n los?�, fragte Vernet.</p><p>�Leutnant Collet, <emphasis>Police judiciaire</emphasis>�, stellte der Beamte sich vor und zeigte auf den Frachtraum. �Was haben Sie geladen?�</p><p>�Fragen Sie mich was Leichteres�, sagte Vernet im beil�ufigsten Tonfall, den er zustande brachte. �Bin nur der Fahrer.�</p><p>Collet lie� sich nicht aus der Ruhe bringen. �Wir fahnden nach zwei Verbrechern.�</p><p>Vernet lachte auf. �Da sind Sie hier richtig. Wenn Sie mich fragen, sind das alles Verbrecher. F�r diese Typen muss unsereiner f�r 'nen verdammten Hungerlohn den Hals riskieren � �</p><p>Der Beamte hielt ihm ein Fahndungsfoto von Robert Langdon hin. �Ist dieser Mann heute in der Bank gewesen?�</p><p>Vernet zuckte die Achseln. �Keine Ahnung. Bin blo� Fahrer. Wo die stinkreiche Kundschaft ruml�uft, darf unsereins nicht hin. Gehen Sie mal vorn rein und fragen die Jungs vom Empfang.�</p><p>�Die Gesch�ftsf�hrung verlangt einen Durchsuchungsbefehl, sonst kommen wir nicht in die Bank rein.�</p><p>Vernet schaute den Polizisten angewidert an. �Diese Korinthenkacker.�</p><p>�Machen Sie den Laderaum auf.� Collet klopfte mit der flachen Hand an die Seitenwand.</p><p>Vernet schaute ihn gro� an. �Wie bitte? Hinten aufmachen? Sie sind gut!� Er lachte bitter auf. �Wie kommen Sie auf die grandiose Idee, ich h�tte f�r hinten einen Schl�ssel? Glauben Sie etwa, die Chefs w�rden uns �ber den Weg trauen, bei den paar Kr�ten, die sie uns zahlen?�</p><p>Der Beamte legte skeptisch den Kopf schief. �Wollen Sie mir erz�hlen, Sie h�tten keinen Schl�ssel f�r Ihren eigenen Lieferwagen?�</p><p>Vernet sch�ttelte den Kopf. �Nicht f�r den Laderaum. Nur f�r die Fahrert�r und die Z�ndung, Der Fahrer hat mit der Ladung nichts zu tun. Unsereins wei� nie, was die uns da hinten reinpacken. Die Wagen werden im Ladebereich von einer Aufsichtsperson verschlossen. Dann werden die Schl�ssel mit dem PKW eigens zum Kunden gefahren. Der Transporter muss solange in der Bank warten. Erst wenn der Anruf gekommen ist, dass die Schl�ssel beim Kunden sind, darf ich losfahren, keine Sekunde fr�her.�</p><p>�Wann wurde Ihr Fahrzeug verschlossen?�</p><p>�Muss vor Stunden gewesen sein. Ich hab eine lange Tour bis hinter Rennes. Nach St. Thurial, um genau zu sein.�</p><p>Der Beamte sah Vernet mit unbewegtem Blick an, als versuche er, ihm hinter die Stirn zu schauen.</p><p>Ein Schwei�tropfen kullerte an Vernets Nase herunter. Er wischte ihn mit dem Jacken�rmel fort. �Noch was?�, sagte er, �Meine Tour ist knapp geplant.�</p><p>�Tragen eigentlich alle Fahrer eine Rolex?�, sagte Collet und deutete auf Vernets Handgelenk.</p><p>Das Armband von Vernets Luxusuhr blitzte unter der Manschette seiner Fahrerjacke hervor. �Diese Zwiebel? Hat mir ein Taiwanese in St. Germain des Pr�s f�r f�nfzig Euro angedreht. F�r vierzig M�use k�nnen Sie das Ding haben.�</p><p>Der Beamte war immer noch unschl�ssig. �In Ordnung�, sagte er schlie�lich und trat beiseite. �Gute Fahrt.�</p><p>Verriet wagte erst hundert Meter weiter aufzuatmen. Doch jetzt hatte er ein weiteres Problem. Seine Passagiere.</p><p><emphasis>Wohin mit ihnen?</emphasis></p></section><section><title><p><strong>46. KAPITEL</strong></p></title><p>Silas lag ausgestreckt auf der Segeltuchmatte in seinem Zimmer. Das Blut auf seinem gegei�elten R�cken gerann allm�hlich. Nach der zweiten Gei�elung am heutigen Tag f�hlte er sich benommen und schwach. Auch den Bu�g�rtel hatte er noch nicht abgelegt. Er sp�rte das warme Blut an der Innenseite des Oberschenkels, doch f�r die Beendigung der Marter war es noch zu fr�h.</p><p><emphasis>Du hast vor der Kirche versagt.</emphasis></p><p><emphasis>Schlimmer noch, du hast vor Bischof Aringarosa versagt.</emphasis></p><p>Die heutige Nacht h�tte dem Bischof die Erl�sung bringen sollen. Vor f�nf Monaten war er entmutigt von einer Sitzung im vatikanischen Observatorium zur�ckgekehrt. Nach wochenlanger Niedergeschlagenheit hatte er sich schlie�lich Silas anvertraut.</p><p>�Aber das ist v�llig unm�glich!�, hatte Silas fassungslos gerufen.</p><p>�Trotzdem ist es wahr�, hatte Aringarosa erwidert. �Unglaublich, aber wahr. In sechs Monaten schon.�</p><p>Die Worte des Bischofs hatten Silas in Furcht und Schrecken versetzt. Er betete um Erl�sung. Selbst in jenen dunklen Tagen war sein Vertrauen in Gott und den Weg nie schwankend geworden. Und einen Monat sp�ter waren � o Wunder! � die dunklen Wolken des Unheils aufgerissen und hatten den Lichtstrahl der Hoffnung hindurchscheinen lassen.</p><p>Eine <emphasis>g�ttliche Intervention</emphasis> hatte Aringarosa gesagt. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er wieder Hoffnung gesch�pft. �Silas�, hatte er gefl�stert, �Gott hat uns eine M�glichkeit aufgezeigt, den Weg zu sch�tzen. Wie jeder Kampf wird auch dieser Opfer fordern. M�chtest du ein K�mpfer Gottes sein?�</p><p>Silas war vor Bischof Aringarosa � dem Mann, der ihm ein neues Leben geschenkt hatte � auf die Knie gefallen. �Ich bin ein Sch�flein Gottes�, hatte er gesagt. �Seid mein Hirte, ganz wie Euer Herz es Euch befiehlt.�</p><p>Als Aringarosa ihm den m�glichen Ausweg erl�utert hatte, war Silas sofort klar geworden, dass Gottes Hand im Spiel gewesen sein musste. Aringarosa hatte f�r Silas die Verbindung zu jenem Mann hergestellt, der sich selbst der Lehrer nannte. Silas und der Lehrer waren einander zwar nie von Angesicht zu Angesicht begegnet, doch nach jedem Telefonat hatten die unermesslichen Kenntnisse und die immense Machtf�lle des Lehrers Silas stets aufs Neue mit Ehrfurcht erf�llt. Der Lehrer schien alles zu wissen, schien die Augen und Ohren �berall zu haben. Wie der Lehrer an seine Informationen gelangte, wusste Silas nicht, doch Aringarosa hatte sein ganzes Vertrauen in den Lehrer gesetzt und Silas aufgefordert, dies ebenfalls zutun. �Tue alles, was der Lehrer von dir verlangt�, hatte der Bischof zu Silas gesagt. �Dann werden wir obsiegen.�</p><p><emphasis>Obsiegen</emphasis>. Silas starrte auf den nackten Fu�boden vor sich. Der Sieg war ihnen durch die Finger geronnen. Der Lehrer war �bert�lpelt worden. Der Schlussstein hatte sich als tr�gerische Chim�re erwiesen � als T�uschung, an der alle Hoffnung zuschanden geworden war.</p><p>Silas w�nschte sich, er k�nnte Bischof Aringarosa anrufen, um ihn zu warnen, aber der Lehrer hatte heute Nacht s�mtliche direkten Verbindungen zum Bischof gekappt<emphasis>. Zu Ihrer eigenen Sicherheit.</emphasis></p><p>Schlie�lich, nachdem er seine Skrupel niedergerungen hatte, kroch Silas auf allen vieren zu seiner Kutte, die auf dem Boden lag, und zog das Handy aus der Tasche. Mit h�ngendem Kopf w�hlte er die Nummer.</p><p>�Verehrter Lehrer�, fl�sterte er in den Apparat, �alles ist verloren. Man hat uns hereingelegt.� Er berichtete in allen Einzelheiten, was geschehen war.</p><p>�Sie werfen die Flinte zu schnell ins Korn�, tadelte der Lehrer. �Soeben hat mich eine Nachricht erreicht � eine unerwartete und sehr willkommene Nachricht. Das Geheimnis lebt noch. Jacques Sauni�re hat es vor seinem Tod weitergegeben. Sie werden bald von mir h�ren. Unsere Arbeit ist noch nicht beendet.�</p></section><section><title><p><strong>47. KAPITEL</strong></p></title><p>Der schwach beleuchtete Laderaum des Geldtransporters war so etwas wie eine Einzelzelle auf R�dern. Langdon k�mpfte mit den nur allzu vertrauten Symptomen seiner Platzangst, die ihn in beengten Raunen stets �berfiel. <emphasis>Vernet hat gesagt, er will uns in sicherer Entfernung drau�en vor der Stadt absetzen. Aber wo? Und wie weit drau�en!</emphasis></p><p>Vom langen Sitzen waren Langdon die Beine eingeschlafen. Er �nderte die K�rperhaltung. Mit einem Gef�hl, als w�rden ihm tausend gl�hende Nadeln ins Fleisch gestochen, schoss das Blut in seine tauben Gliedma�en. In den Armen hielt er immer noch das merkw�rdige Schatzk�stchen aus dem Banktresor.</p><p>�Ich glaube, jetzt sind wir auf einer Autobahn�, sagte Sophie.</p><p>Langdon hatte ebenfalls den Eindruck. Nach einem nervenaufreibend langen Halt am Ende der Zufahrtsrampe der Bank war der Kleinlaster endlich losgefahren, war mehrere Male rechts und links abgebogen und hatte dann beschleunigt. Unter ihnen surrten nun die schusssicheren Reifen �ber einen glatten Stra�enbelag. Langdon zwang sich, an nichts anderes zu denken, als an den kostbaren Rosenholzkasten in seinen Armen. Er legte das B�ndel auf den Wagenboden, wickelte das K�stchen aus seinem Jackett und zog es heran. Sophie kauerte sich neben ihn. Langdon kam es vor, als w�ren sie zwei Kinder, die sich �ber ihr Weihnachtsgeschenk beugten.</p><p>Die Rose im Deckel schimmerte hell im schwachen Licht. Die Einlegearbeit war als Kontrast zum warmen Farbton des Rosenholzkastens aus hellem Holz gefertigt, vermutlich aus Esche. <emphasis>Die Rose</emphasis>. Streitbare M�chte und Religionen hatten sich auf dieses Symbol gegr�ndet � und Geheimgesellschaften. <emphasis>Die Rosenkreuzer, Die Ritter vom Rosenkreuz.</emphasis></p><p>�Na los�, sagte Sophie. �Machen Sie endlich auf.�</p><p>Langdon holte tief Luft. Mit einem letzten bewundernden Blick auf die kunstvolle Einlegearbeit griff er nach der Schatulle, l�ste den Verschluss und klappte den Deckel auf.</p><p>Langdon hatte einige Vermutungen gehabt, was den Inhalt betraf, doch sie erwiesen sich allesamt als falsch.</p><p>Sorgsam in die �ppige rote Seidenpolsterung eingepasst, lag ein Gegenstand, der Langdon R�tsel aufgab.</p><p>Es war ein aus poliertem wei�em Marmor gefertigter Steinzylinder, ungef�hr doppelt so gro� wie eine Getr�nkedose. Der Zylinder bestand jedoch nicht aus einem St�ck, sondern war aus mehreren dicken Scheiben zusammengesetzt: F�nf Marmorscheiben von der Gr��e eines Camemberts waren aufeinander gesetzt und mittels eines zierlichen Bronzerahmens miteinander verbunden. Das Ganze sah aus wie ein Kaleidoskop aus mehreren kurzen R�hren. Nachdem Langdon es im Innern des Zylinders gluckern geh�rt hatte, hielt er ihn f�r hohl, doch beide Enden des Zylinders waren durch marmorne Deckel verschlossen, die den Blick hinein verwehrten.</p><p>So geheimnisvoll wie die Konstruktion des Zylinders waren auch die auf den f�nf Segmenten ringsum eingravierten Buchstaben, die Langdons besondere Aufmerksamkeit erregten. In jede der f�nf Scheiben war sorgf�ltig die gleiche Buchstabenfolge graviert � das vollst�ndige Alphabet von A bis Z. Der Zylinder mit den Buchstaben erinnerte Langdon an ein Spielzeug aus seiner Kindheit, ein Stab mit drehbaren Nocken, auf die Buchstaben gemalt waren, mit denen man W�rter bilden konnte.</p><p>�Erstaunlich, nicht wahr?�, fl�sterte Sophie.</p><p>Langdon hob den Blick. �Was ist das?�</p><p>In Sophies Augen glitzerte es. �Mein Gro�vater hat solche Dinge zum Zeitvertreib gebastelt. Es sind Erfindungen Leonardo da Vincis.�</p><p>Langdons �berraschung war auch in der tr�ben Beleuchtung nicht zu �bersehen. �Da Vinci?�, murmelte er und betrachtete wieder den Zylinder.</p><p>�Ja. Man nennt so etwas ein <emphasis>Kryptex</emphasis>. Meinem Gro�vater zufolge stammt der Bauplan aus Leonardos Skizzenb�chern.�</p><p>�Und was macht man damit?�</p><p>In Anbetracht der Ereignisse der heutigen Nacht hielt Sophie die Antwort f�r nicht ganz uninteressant. �Es ist eine Art Minitresor�, sagte sie. �Zur Aufbewahrung von Geheiminformationen.�</p><p>Langdon runzelte die Stirn.</p><p>Sophie erz�hlte ihm, dass der Bau von Modellen der Erfindungen da Vincis eines der liebsten Hobbys ihres Gro�vaters gewesen war. Als geschickter Handwerker hatte er Stunden in seiner Schreiner- und Mechanikerwerkstatt verbracht und begeistert den gro�en Meistern des Kunsthandwerks nachgeeifert � Faberg�, den Emaillek�nstlern und dem weniger auf das K�nstlerische als auf die Praxis orientierten Leonardo da Vinci.</p><p>Selbst ein fl�chtiger Blick in da Vincis Journale lie� erkennen, weshalb er f�r seine Sprunghaftigkeit ebenso bekannt war wie f�r sein Genie. Er hatte von Hunderten seiner Erfindungen die entsprechenden Konstruktionszeichnungen angefertigt, aber nur ganz wenige selbst ausgef�hrt und gebaut. Eine von Jacques Sauni�res bevorzugten Freizeitbesch�ftigungen bestand darin, da Vincis Kopfgeburten Leben einzuhauchen � Chronometern, Wasserpumpen, Kryptexbeh�ltern und sogar dem voll beweglichen Modell eines mittelalterlichen franz�sischen Ritters, das er stolz auf dem Schreibtisch seines B�ros aufgestellt hatte. Da Vinci hatte das Modell 1495 im Zuge seiner Studien der Anatomie und der Bewegungsabl�ufe des menschlichen K�rpers entworfen. Der innere Mechanismus des k�nstlichen Ritters wies Gelenke und Sehnen auf, die genauestens berechnet waren, sodass er sich setzen, aufstehen, mit dem Arm winken, den Kopf drehen und seinen anatomisch exakt nachgebildeten Kiefer �ffnen und schlie�en konnte. F�r Sophie war der Ritter in seiner R�stung das sch�nste Modell gewesen, das ihr Gro�vater je gebaut hatte � bis sie dieses Kryptex in der Rosenholzschatulle sah.</p><p>�Er hat mir so eins gemacht, als ich noch klein war�, sagte Sophie. �Aber ein so gro�es und pr�chtiges Kryptex wie dieses habe ich noch nie gesehen.�</p><p>Langdon blickte noch immer darauf. �Ich habe noch nie davon geh�rt.�</p><p>Sophie war nicht �berrascht. Die meisten der nicht ausgef�hrten Erfindungen Leonardos waren nie studiert oder auch nur mit einem Namen versehen worden. Das Kunstwort �Kryptex� stammte m�glicherweise von Sauni�re selbst und war eine sehr passende Bezeichnung f�r einen Gegenstand, der mittels der <emphasis>Kryptologie</emphasis>, der Wissenschaft von den Verschl�sselungsverfahren, den in seinem Innern verwahrten <emphasis>Kodex</emphasis> sch�tzte.</p><p>Wie Sophie wusste, war da Vinci ein Pionier der Kryptologie gewesen, auch wenn dies kaum bekannt oder gar anerkannt war. Sophies Professoren hatten bei der Pr�sentation von Computer-Verschl�sselungsverfahren zur Datensicherung moderne Kryptologen wie Zimmermann und Schneider hervorgehoben, aber kein Wort dar�ber verloren, dass Leonardo da Vinci schon vor Jahrhunderten das erste rudiment�re Kodierungsverfahren mit allgemein zug�nglichen Schl�sseln erfunden hatte � alles Dinge, die Sophie von ihrem Gro�vater erfahren hatte.</p><p>W�hrend der gepanzerte Lieferwagen �ber die Autobahn schnurrte, erz�hlte Sophie, dass da Vinci das Kryptex ersonnen hatte, um das Problem des sicheren Transports vertraulicher Mitteilungen �ber gr��ere Entfernungen zu l�sen. In einem Zeitalter ohne Telefon und E-Mail konnte man Informationen f�r einen weit entfernten Empf�nger nur schriftlich niederlegen und den Brief einem Boten anvertrauen. Dieser Bote jedoch konnte oft einen weitaus h�heren Lohn einheimsen, wenn er ein Schreiben mit wertvollen Informationen nicht dem Adressaten zustellte, sondern dessen Gegner.</p><p>Viele gro�e Geister der Geschichte hatten sich Gedanken gemacht, wie man dieses Problem durch Verschl�sselung der Botschaft l�sen k�nnte. Julius Caesar hatte sich ein Verschl�sselungssystem ausgedacht, das man Caesars Quadrat nannte. Die von Elisabeth I. in Gefangenschaft gehaltene schottische K�nigin Maria Stuart hatte Kassiber aus ihrem Gef�ngnis geschmuggelt, die mit einem System zum Austausch der Buchstaben verschl�sselt waren. Der geniale arabische Wissenschaftler Abu Jussuf Ismail al-Kindi hatte seine Geheimnisse ebenfalls mit einem Austauschsystem gesichert, das mehrere Alphabete verwendete.</p><p>Leonardo da Vinci hatte zur L�sung des Problems die Mathematik mit der Mechanik kombiniert und das Kryptex erfunden, einen tragbaren Beh�lter, der Briefe, Landkarten, Zeichnungen und anderes aufnehmen konnte. Sobald die Information im Kryptex eingeschlossen war, konnte au�er dem Besitzer des richtigen Passworts keiner mehr Zugriff darauf nehmen.</p><p>�Man musste das Passwort kennen�, sagte Sophie und zeigte auf die Buchstabenringe. �Das Kryptex funktioniert �hnlich wie ein Zahlenschloss. Dieses Kryptex hat auf seinen f�nf Segmenten Buchstaben. Die Segmente m�ssen so gegeneinander verdreht werden, dass die richtigen Buchstaben �bereinander kommen. Wenn die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge senkrecht untereinander stehen, wird der Verschluss freigegeben, die Halteklauen im Innern l�sen sich aus den Rasten, und der Zylinder kann auseinander genommen werden.�</p><p>�Und wie sieht es im Innern aus?�</p><p>�Wenn der Zylinder auseinander gleitet, wird ein Hohlraum frei, in dem man auf einem zusammengerollten St�ck Papier vertrauliche Informationen aufbewahren kann.�</p><p>�Und so etwas wie das hier hat Ihr Gro�vater f�r Sie gebaut, als Sie noch ein Kind waren?� Langdon schien es nicht glauben zu wollen.</p><p>�Ja, aber die Modelle waren nicht so gro�. Er hat mir ein paar Mal zum Geburtstag ein Kryptex geschenkt und mir gleichzeitig ein R�tsel aufgegeben. Die L�sung des R�tsels war dann das Passwort f�r das Kryptex, und ich konnte es aufmachen und meine Geburtstagskarte herausholen.�</p><p>�Eine Geburtstagskarte? War das nicht ein bisschen viel Aufwand f�r eine Karte?�</p><p>�Nein, �berhaupt nicht. Auf der Karte stand n�mlich wieder ein R�tsel oder ein Hinweis. Mein Gro�vater hat mit Begeisterung eine Schatzsuche durchs ganze Haus veranstaltet � wie eine Schnitzeljagd �, die mich am Ende zum eigentlichen Geschenk f�hrte. Die Schatzsuche war jedes Mal zugleich eine Pr�fung meiner Charakterfestigkeit, ob ich das Geschenk auch verdient hatte. Es war nicht immer ganz einfach.�</p><p>Langdon betrachtete das Kryptex noch einmal. �Und wenn man das Ding einfach aufbricht? Oder mit dem Hammer zertr�mmert? Die Bronzef�hrungen sind nicht besonders stabil, und Marmor ist nicht unzerbrechlich.�</p><p>Sophie l�chelte. �Das wusste da Vinci nat�rlich auch und hat sich etwas �berlegt, damit die Information sich beim gewaltsamen �ffnen des Kryptex selbst zerst�rt. Passen Sie mal auf.� Sophie griff nach dem Zylinder und holte ihn aus dem K�stchen. �Die Informationen hier drin werden auf eine kleine Papyrusrolle geschrieben.�</p><p>�Nicht auf Pergament?�</p><p>Sophie sch�ttelte den Kopf. �Nein, auf Papyrus. Pergament ist zwar strapazierf�higer und war damals auch gebr�uchlicher, aber es muss Papyrus sein � je d�nner, desto besser.�</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Vor dem Einsetzen wird der Papyrus um eine Phiole aus d�nnem Glas gewickelt. Sophie hielt das Kryptex schief. Es gluckerte. �In der Phiole befindet sich n�mlich eine Fl�ssigkeit.�</p><p>�Und welche?�</p><p>�Essig�, sagte Sophie und l�chelte.</p><p>Langdon lie� die Information auf sich einwirken. �Genial�, sagte er dann.</p><p><emphasis>Papyrus und Essig</emphasis>. Beim Versuch, das Kryptex gewaltsam zu �ffnen, zerbrach die Phiole, und der Essig l�ste den Papyrus im Handumdrehen auf. Bis die Geheimbotschaft geborgen war, hatte sie sich in einen gestaltlosen, matschigen Klumpen verwandelt.</p><p>�Wie Sie sehen�, sagte Sophie, �k�nnen wir an unsere Information nur mit dem richtigen Passwort aus f�nf Buchstaben herankommen. Und bei f�nf Drehsegmenten mit jeweils sechsundzwanzig Buchstaben ergibt das sechsundzwanzig hoch f�nf M�glichkeiten f�r das Passwort. Das sind grob gesch�tzt zw�lf Millionen m�gliche Passw�rter.�</p><p>�Wenn Sie es sagen�, meinte Langdon. Er sah aus, als gingen ihm zw�lf Millionen Fragen durch den Kopf. �Was steht da drin? Was glauben Sie?�</p><p>�Was es auch ist, meinem Gro�vater war offenbar sehr daran gelegen, dass es geheim bleibt.� Sie klappte den Deckel des K�stchens zu und betrachtete die Einlegearbeit mit der f�nfbl�ttrigen Rose. Sie wirkte irgendwie beunruhigt. �Haben Sie vorhin nicht gesagt, die Rose sei ein Symbol f�r den Gral?�</p><p>�Genau. In der Symbolsprache der <emphasis>Prieur�</emphasis> sind Rose und Gral gleichbedeutend.�</p><p>Sophie runzelte die Brauen. �Merkw�rdig. Gro�vater hat mir n�mlich immer gesagt, die Rose w�rde Vertraulichkeit bedeuten. Wenn er zu Hause beispielsweise ein vertrauliches Telefonat f�hren und nicht gest�rt sein wollte, hat er immer eine Rose hinter die Klinke seines Arbeitszimmers gesteckt. Er hat mich aufgefordert, das auch zu tun.� <emphasis>Liebling, hatte er gesagt, wir brauchen die T�ren nicht abzuschlie�en. Wenn wir nicht gest�rt sein wollen, gen�gt es vollkommen, wenn wir eine Rose � die Blume der Geheimnisse � an unsere T�r h�ngen. Auf diese Weise lernen wir, einander zu respektieren und uns gegenseitig zu vertrauen. Schon die alten R�mer kannten den Brauch, eine Rose aufzuh�ngen.</emphasis></p><p>�<emphasis>Sub rosa</emphasis>�, sagte Langdon. �Stimmt. Die R�mer haben bei vertraulichen Gespr�chen eine Rose aufgeh�ngt. Die Dienerschaft wusste, dass alles, was unter der Rose � <emphasis>sub rosa</emphasis> � gesagt wurde, nicht weitergetragen werden durfte.�</p><p>Das Motiv der Geheimhaltung, erg�nzte Langdon, das im Symbol der Rose anklang, sei nicht der einzige Grund daf�r, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> sie auch als Symbol f�r den Gral benutzte. <emphasis>Rosa rugosa</emphasis>, eine der �ltesten Rosenarten, besa� f�nf Bl�tenbl�tter und eine pentagonale Symmetrie wie der �Meerstern� Venus, wodurch die Rose ikonographisch einen starken Bezug zum Weiblichen erhielt und gleichzeitig zur Vorstellung des Leitsterns, der dem Seefahrer die Richtung weist. Die Kompassrose half bei der Navigation, ebenso die Rosenlinien oder L�ngengrade der Land- und Seekarten. Daher hatte das Rosensymbol auf vielen Ebenen Bez�ge zum Heiligen Gral, in dem sich Vorstellungen �ber das Geheimnisvolle, das Weibliche, die Geburtssymbolik des Kelchs und das Bild des Leitsterns bei der Suche nach der verborgenen Wahrheit vereinigten.</p><p>Mitten in seinen Ausf�hrungen verstummte Langdon pl�tzlich.</p><p>�Ist was nicht in Ordnung, Robert?�, fragte Sophie.</p><p>Langdons Blicke ruhten fasziniert auf dem Rosenholzkasten.</p><p>�<emphasis>Sub rosa</emphasis>�, sagte er, und in seiner Stimme lag Fassungslosigkeit. �Das ist doch nicht m�glich � �</p><p>�Was denn?�</p><p>Langsam hob Langdon den Blick. �Unter dem Zeichen der Rose � �, fl�sterte er. �Ich glaube, ich wei�, was es mit diesem Kryptex auf sich hat.�</p></section><section><title><p><strong>48. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdon fand den Gedanken, der ihm gerade gekommen war, geradezu unglaublich. Doch wenn er in Betracht zog, wer ihnen diesen Marmorzylinder zugespielt hatte und wie er in ihre H�nde gelangt war � und dazu noch die Einlegearbeit mit der Rose auf dem Kasten �, blieb f�r ihn nur eine einzige logische Schlussfolgerung.</p><p><emphasis>Du h�ltst den Schlussstein der Prieur� in H�nden.</emphasis></p><p>Was das betraf, gab es an der Legende nichts zu deuteln.</p><p><emphasis>Der Schlussstein ist ein verschl�sselter Stein, und er liegt unter dem Zeichen der Rose.</emphasis></p><p>�Robert?�, fragte Sophie verwundert. �Was ist denn los?�</p><p>Langdon brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen. �Hat Ihr Gro�vater Ihnen gegen�ber einmal vom <emphasis>clef de vo�te</emphasis> gesprochen, Sophie?�</p><p>�Dem Schl�ssel zum Gew�lbe?�, �bersetzte Sophie.</p><p>�Das ist zu w�rtlich �bersetzt. Mit <emphasis>clef de vo�te</emphasis> ist kein Schl�ssel f�r ein Bankgew�lbe oder einen Tresor gemeint, sondern die Gew�lbekonstruktion in der Architektur, etwa das Gew�lbe �ber einem Kirchenschiff.�</p><p>�Aber was soll dann der Begriff �Schl�ssel�?�</p><p>�Nun, jedes steinerne Gew�lbe ben�tigt als Abschluss oben in der Mitte einen zentralen keilf�rmigen Stein, der das Gew�lbe schlie�t und das Gewicht zu den Seiten hin in die Pfeiler ableitet. Diesen Stein nennt man in der Architektur den Schlussstein. Im Englischen hei�t er <emphasis>keystone</emphasis>.� Langdon hielt in Sophies Augen nach einem Funken des Erkennens Ausschau.</p><p>Sophie zuckte die Achseln und betrachtete das Kryptex. �Aber das ist doch kein Schlussstein f�r ein Gew�lbe.�</p><p>Langdon wusste nicht, wo er anfangen sollte. Die Kunst, einen Schlussstein passgenau zurechtzuhauen, war eines der bestgeh�teten Geheimnisse der Steinmetzgilden mittelalterlicher Dombauh�tten gewesen. Das Geheimwissen, wie man einen keilf�rmigen Schlussstein zum Bau von Gew�lben herstellte und verwendete, hatte die Steinmetzgilden reich werden lassen, und sie hatten dieses Wissen sorgf�ltig geh�tet. Deshalb war der Schlussstein stets von einem Geheimnis umwittert gewesen. Der Steinzylinder im Rosenholzkasten allerdings war offenbar etwas ganz anderes. Der Schlussstein der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> � falls sie ihn tats�chlich in H�nden hielten � entsprach ganz und gar nicht Langdons Vorstellungen.</p><p>�Der Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis> ist leider nicht mein Spezialgebiet�, r�umte er ein. �Mein Interesse am Heiligen Gral galt vor allem den symbolischen Aspekten. Ich habe mich deshalb nur am Rande mit dem reichen Sagengut �ber die Gralssuche befasst, wo abgehandelt wird, wie man ihn findet.�</p><p>Sophie hob die Brauen. �Sie meinen, den Heiligen Gral?�</p><p>Langdon nickte. Die n�chsten Worte w�hlte er mit Bedacht. �Nach der �berlieferung der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> ist der Schlussstein so etwas wie eine verschl�sselte Landkarte � ein Wegweiser, der den Suchenden zu dem Ort f�hrt, an dem der Gral verborgen ist.�</p><p>Auf Sophies Gesicht spiegelte sich Verwirrung. �Und Sie glauben, wir hatten diesen Wegweiser hier vor uns?�</p><p>Langdon wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Es fiel ihm ja selbst schwer, daran zu glauben; dennoch dr�ngte sich ihm diese Schlussfolgerung geradezu auf. <emphasis>Ein verschl�sselter Stein, verborgen unter dem Zeichen der Rose.</emphasis></p><p>Die Vorstellung, dass das Kryptex eine Erfindung Leonardo da Vincis war � eines fr�heren Gro�meisters der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> �, die ein anderes Mitglied der Bruderschaft Jahrhunderte sp�ter verwirklicht hatte, machte den Gedanken, dass es sich hier tats�chlich um den Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis> handelte, noch plausibler.</p><p>Die Verbindung war zu offenkundig, als dass man sie von der Hand weisen konnte.</p><p>In der zur�ckliegenden Dekade hatten Historiker die Suche nach dem Schlussstein in franz�sischen Kirchen aufgenommen. Die Gralssucher � mit den Doppeldeutigkeiten der Verlautbarungen der <emphasis>Prieur�</emphasis> vertraut � waren zu dem Ergebnis gekommen, man m�sse den <emphasis>clef de vo�te</emphasis> w�rtlich als �Schlussstein� verstehen, als einen mit einer verschl�sselten Inschrift versehenen keilf�rmigen Stein, der irgendwo in einer Kirche als Schlussstein eines Gew�lbes eingesetzt worden war. <emphasis>Unter dem Zeichen der Rose</emphasis>. Rosen waren in der Kirchenarchitektur allgegenw�rtig: Fensterrosen, Rosettenreliefs und die F�nfp�sse, jene allegorischen f�nfbl�ttrigen Rosen, die h�ufig den Spitzbogen von Fenstern in gotischen Kirchen zierten � Das Versteck war von genialer Banalit�t. Der Wegweiser zum Heiligen Gral war m�glicherweise irgendwo im Gew�lbe einer Kirche eingef�gt, hoch �ber den K�pfen der ahnungslosen Kirchg�nger �</p><p>�Dieses Kryptex kann nicht der Schlussstein sein�, gab Sophie zu bedenken. �Es ist nicht alt genug. Ich bin sicher, mein Gro�vater hat es gebaut. Wie soll es da in einer alten Gralslegende eine Rolle spielen.�</p><p>�Das w�re kein Hinderungsgrund�, sagte Langdon aufgeregt. �Es bei�t, die <emphasis>Prieur�</emphasis> h�tte den Schlussstein erst in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen.�</p><p>Sophie blickte ihn ungl�ubig an. �Nur mal angenommen, dieses Kryptex enth�lt tats�chlich die Wegbeschreibung zum Heiligen Gral � warum sollte mein Gro�vater es ausgerechnet mir vermacht haben? Ich wei� ja noch nicht einmal, was der Heilige Gral �berhaupt ist!�</p><p>Zu seinem Erstaunen musste Langdon gestehen, dass Sophie nicht ganz Unrecht hatte. Er war bislang noch nicht dazu gekommen, ihr zu erkl�ren, was es mit dem Gral wirklich auf sich hatte. Aber daf�r war im Moment keine Zeit. Jetzt ging es erst einmal um den Schlussstein.</p><p>Falls es sich hier wirklich um den Schlussstein handelt.</p><p>W�hrend unter ihnen die schusssicheren Reifen �ber den Asphalt surrten, berichtete Langdon Sophie in aller K�rze, was er �ber dieses Thema wusste. Das gr��te Geheimnis der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> � das Versteck des Heiligen Grals � war angeblich �ber Jahrhunderte nicht schriftlich niedergelegt worden. Den neu ins Amt gekommenen Seneschallen war dieses Wissen aus Gr�nden der Sicherheit immer nur m�ndlich anvertraut worden, im Rahmen einer heimlichen Zeremonie. Irgendwann im zwanzigsten Jahrhundert wurde jedoch ger�chteweise laut, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> ihre Vorgehensweise ge�ndert h�tte. Es mochte mit den ungeahnten M�glichkeiten der elektronischen Spionagetechniken zu tun haben � die <emphasis>Prieur�</emphasis> gelobte jedenfalls, nie wieder den Namen des geheiligten Orts, an dem der Gral versteckt war, laut auszusprechen.</p><p>�Aber wie hat man dann das Geheimnis weitergegeben?�, fragte Sophie verwundert.</p><p>�Hier kommt der Schlussstein ins Spiel. Wenn eines der vier rangh�chsten Ordensmitglieder starb, suchten die verbliebenen drei sich in den niedrigeren R�ngen der <emphasis>Prieur�</emphasis> einen Nachfolgekandidaten f�r das verwaiste Amt des Seneschalls. Dem Nachfolger wurde das Geheimnis jedoch nicht er�ffnet, sondern in Gestalt einer Pr�fung pr�sentiert. Wenn er sie bestand, hatte er den Nachweis erbracht, des Amtes w�rdig zu sein.�</p><p>Sophie wirkte alarmiert. Sie f�hlte sich an jene �Schatzsuchen� erinnert, die ihr Gro�vater f�r sie veranstaltet hatte. Die Weitergabe des Schlusssteins war offenbar ein ganz �hnliches Konzept. Andererseits waren solche Pr�fungen bei Geheimgesellschaften �blich. Am bekanntesten war vielleicht das Verfahren der Freimaurer: Mitglieder konnten sich einen h�heren Rang erwerben, indem sie sich als f�hig erwiesen, �ber lange Zeit ein Geheimnis zu h�ten und �ber Jahre hinweg Rituale einzuhalten und Pr�fungen ihrer W�rdigkeit abzulegen. Die Pr�fungen wurden von Mal zu Mal schwieriger und gipfelten in der Einf�hrung in den zweiunddrei�igsten Grad.</p><p>�Das Kryptex ist also eine <emphasis>preuve de m�rite</emphasis>�, sagte Sophie. �Wenn ein angehender Seneschall es �ffnen kann, hat er sich damit des Geheimnisses als w�rdig erwiesen, das im Kryptex enthalten ist.�</p><p>Langdon nickte. �Ich habe vergessen, dass Sie in solchen Dingen bewandert sind.�</p><p>�In der Kryptologie spricht man in diesem Zusammenhang von einer �sich selbst autorisierenden Sprache�, was so viel bedeutet, dass derjenige, der schlau genug ist, einen verschl�sselten Text zu lesen, auch die Befugnis hat, seinen Inhalt zu erfahren.�</p><p>Langdon z�gerte. �Sophie, Ihnen ist doch klar, dass Ihr Gro�vater, wenn wir hier tats�chlich den Schlussstein vor uns haben, ein au�erordentlich hohes Amt in der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> bekleidet haben muss. Einen der vier h�chsten R�nge �berhaupt.�</p><p>Sophie seufzte. �Ich bin sicher, dass er ein sehr m�chtiger Mann in einer Geheimgesellschaft gewesen ist. Dass es die <emphasis>Prieur�</emphasis> war, kann ich allerdings nur vermuten.�</p><p>Langdon sah sie verbl�fft an. �Sie haben <emphasis>gewusst</emphasis>, dass er einer Geheimgesellschaft angeh�rte?�</p><p>�Ich habe vor zehn Jahren Dinge gesehen, die ich nicht sehen sollte. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander geredet.� Sophie hielt inne. �Mein Gro�vater war nicht blo� ein ranghohes Mitglied dieser Organisation, ich habe Grund zu der Annahme, dass er der <emphasis>Rangh�chste</emphasis> war.�</p><p>Langdon konnte kaum glauben, was er da h�rte. �Dann w�re er der Gro�meister gewesen. Aber es ist v�llig ausgeschlossen, dass Sie davon erfahren h�tten!�</p><p>�Dar�ber m�chte ich mich lieber nicht auslassen.� Sophie blickte zur Seite. Entschlossenheit und Schmerz spiegelten sich auf ihrem Gesicht.</p><p>Langdon konnte es nicht fassen. <emphasis>Jacques Sauni�re war der Gro�meister?</emphasis> Trotz der beinahe unglaublichen Implikationen, die sich daraus ergaben � Langdon hatte das beklemmende Gef�hl, dass es tats�chlich so war. Schlie�lich waren bisher s�mtliche Gro�meister auch angesehene Pers�nlichkeiten des �ffentlichen Lebens mit einer ausgepr�gten k�nstlerischen Ader gewesen. Den Beweis daf�r hatte man vor Jahren in der Pariser Nationalbibliothek in einem Dokument entdeckt, das unter dem Namen <emphasis>Les Dossiers Secrets</emphasis>, die Geheimdossiers, bekannt geworden ist.</p><p>Jeder, der sich aus Berufsgr�nden oder aus Leidenschaft f�r die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> oder den Heiligen Gral interessierte, hatte die Dossiers gelesen. Die unter der Katalognummer 4� lm1 249 gef�hrten und von vielen Sachverst�ndigen als echt eingestuften Dokumente hatten eindeutig best�tigt, was viele Historiker schon lange vermuteten: Leonardo da Vinci, Sandro Botticelli, Sir Isaac Newton, Victor Hugo und in j�ngerer Zeit der ber�hmte Pariser K�nstler Jean Cocteau waren Gro�meister des Geheimordens gewesen.</p><p><emphasis>Warum also nicht Jacques Sauni�re?</emphasis></p><p>Doch als Langdon daran dachte, dass er am vergangenen Abend mit Sauni�re verabredet gewesen war, wurde er wieder unsicher.</p><p><emphasis>Der Gro�meister der</emphasis> Prieur� <emphasis>wollte dich treffen. Wozu? Um ein bisschen �ber Kunst mit dir zu plaudern?</emphasis></p><p>Auf einmal kam Langdon alles wieder fraglich vor. Selbst den eigenen Tod vor Augen, h�tte Sauni�re immer noch drei Seneschalle gehabt, die ebenfalls das Geheimnis kannten und es geh�tet h�tten. Weshalb also sollte er sich auf das gewaltige Risiko einlassen, den Schlussstein an seine Enkelin weiterzugeben, zumal sie sich mit ihm entzweit hatte? Und wozu h�tte er ihn, Langdon � einen Au�enstehenden �, in die Sache hineinziehen sollen?</p><p><emphasis>In diesem Puzzle fehlt ein St�ck.</emphasis></p><p>Die L�sung der offenen Fragen musste offensichtlich noch warten.</p><p>Langdon und Sophie blickten auf, als der Motor pl�tzlich langsamer lief. Schotter knirschte unter den Reifen. <emphasis>Warum biegt Vernet schon von der Schnellstra�e ab?</emphasis>, fragte sich Langdon. Hatte er nicht gesagt, er wolle sie sicherheitshalber ein gutes St�ck aus der Stadt hinausfahren?</p><p>Der Lieferwagen verlangsamte weiter bis zum Schritttempo und fuhr �ber unerwartet holpriges Gel�nde. Mit einem unbehaglichen Blick zu Langdon klappte Sophie hastig den Kasten mit dem Kryptex zu und verriegelte das Schloss. Langdon schl�pfte wieder in sein Jackett.</p><p>Schlie�lich hielt der Lieferwagen. Die Schl�sser der Heckt�r wurden entriegelt. Beim Aufschwingen der T�r konnte Langdon zu seiner �berraschung erkennen, dass sie sich weitab der Stra�e in einem Waldgebiet befanden.</p><p>Vernet trat ins Blickfeld, eine Pistole in der Hand. Es war ihm anzusehen, dass er sich nicht wohl in seiner Haut f�hlte.</p><p>�Tut mir Leid, aber mir bleibt keine andere Wahl�, sagte er.</p></section><section><title><p><strong>49. KAPITEL</strong></p></title><p>Andr� Vernet hielt die Waffe unbeholfen in der Hand, doch in seinen Augen lag eine Entschlossenheit, die Langdon lieber nicht auf die Probe stellen wollte.</p><p>�Ich f�rchte, ich kann Ihnen das nicht ersparen�, sagte Vernet und richtete die Pistolenm�ndung auf Sophie. �Stellen Sie den Kasten auf den Wagenboden.�</p><p>Sophie dr�ckte das K�stchen an die Brust. �Sagten Sie nicht, Sie und mein Gro�vater seien Freunde gewesen?�</p><p>�Ich habe die Pflicht, das Eigentum Ihres Gro�vaters zu besch�tzen�, sagte Vernet. �Genau das tue ich. Und jetzt stellen Sie endlich den Kasten auf den Boden!�</p><p>�Mein Gro�vater hat ihn aber mir anvertraut�, erkl�rte Sophie.</p><p>�Nun machen Sie schon!�, sagte Vernet und hob drohend die Waffe.</p><p>Sophie setzte das K�stchen vor ihren F��en ab.</p><p>Langdon sah den Lauf der Waffe zu sich her�berschwenken.</p><p>�Mr Langdon�, sagte Vernet, �Sie werden jetzt so freundlich sein, mir den Kasten zu bringen. Sie sollen wissen, warum ich mich mit dieser Bitte an Sie wende: Weil ich bei Ihnen keine Skrupel habe, den Abzug zu bet�tigen.�</p><p>Langdon starrte den Bankier fassungslos an. �Warum tun Sie das?�</p><p>�Was glauben Sie wohl?�, zischte Vernet. �Weil ich verpflichtet bin, die Verm�genswerte meiner Kunden zu sch�tzen!�</p><p>�Jetzt sind aber <emphasis>wir</emphasis> Ihre Kunden�, sagte Sophie.</p><p>Vernets Miene wurde abweisend. �Mademoiselle Neveu, ich wei� nicht, wie Sie heute Nacht in den Besitz des Schl�ssels und der Depotnummer gelangt sind, aber es liegt doch auf der Hand, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. H�tte ich gewusst, dass Sie bis zum Hals in kriminellen Machenschaften stecken, h�tte ich Ihnen niemals zur Flucht aus meiner Bank verholfen.�</p><p>�Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir nichts mit dem Tod meines Gro�vaters zu tun haben!�, rief Sophie.</p><p>�Weshalb wird dann im Radio gemeldet, dass Sie nicht nur wegen des Mordes an Jacques Sauni�re gesucht werden, sondern auch wegen der Ermordung von drei anderen M�nnern?�</p><p>�Was? Damit haben wir nichts zu tun!�, rief Langdon protestierend. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Noch drei Morde? Die Zahl ging ihm mehr unter die Haut als die Tatsache, dass er der Hauptverd�chtige war. Das konnte kaum noch ein Zufall mehr sein. <emphasis>Waren die drei get�teten M�nner die drei Seneschalle!</emphasis> Langdons Blick richtete sich auf das Rosenholzk�stchen auf dem Wagenboden. Falls die drei Seneschalle tats�chlich einem Mord zum Opfer gefallen sind, hatte Jacques Sauni�re keine andere Wahl. Dann musste er den Schlussstein au�erhalb der Reihen des Ordens weitergeben.</p><p>�Was Sie damit zu tun haben�, erwiderte Vernet auf Langdons Bemerkung, �soll die Polizei ermitteln, sobald ich Sie abgeliefert habe. Ich habe meine Bank schon viel zu tief in die Sache hineingeritten.�</p><p>Sophie starrte Vernet in die Augen. �Wenn Sie vorhatten, uns bei der Polizei abzuliefern, h�tten Sie nur zu Ihrer Bank zur�ckzufahren brauchen. Stattdessen kutschieren Sie uns ins Gr�ne und halten uns eine Waffe unter die Nase. Was soll das?�</p><p>�Ihr Gro�vater hat meine Dienste aus einem einzigen Grund in Anspruch genommen � damit seine Effekten sicher aufgehoben sind und von der Bildfl�che verschwinden. Was immer in diesem Kasten steckt, ich habe nicht die Absicht, es zum nummerierten Beweisst�ck eines Strafverfahrens werden zu lassen. Mr Langdon, bringen Sie mir jetzt den Kasten!�</p><p>Sophie sch�ttelte den Kopf. �Tun Sie's nicht!�</p><p>Ein Schuss peitschte auf. Die Kugel fuhr in die Deckenverkleidung �ber Langdons Kopf. Der Einschlag und der Nachhall des Schusses schienen den ganzen Lieferwagen zu ersch�ttern. Eine Patronenh�lse klapperte auf den Metallboden.</p><p><emphasis>Verdammt</emphasis>! Langdon erstarrte.</p><p>�Heben Sie jetzt brav das K�stchen auf, Mr Langdon�, sagte Vernet, als w�rde er einem st�rrischen Kind zureden.</p><p>Langdon gehorchte.</p><p>�Gut. Und jetzt bringen Sie es her zu mir.� Vernet stand hinter dem Lieferwagen, die Oberschenkel an die Sto�stange gelehnt, und hielt die Waffe mit ausgestrecktem Arm auf Langdon im Laderaum gerichtet.</p><p>Das K�stchen in der Hand, ging Langdon langsam zur offenen Heckt�r.</p><p><emphasis>Du musst dir etwas einfallen lassen! Du bist im Begriff, den Schlussstein der</emphasis> Prieur� <emphasis>aus der Hand zu geben!</emphasis></p><p>Langdon �berlegte fieberhaft, als er sich der Heckt�r n�herte. Vernets Pistole befand sich inzwischen auf seiner Knieh�he. Sollte er versuchen, seine erh�hte Position auf der Ladefl�che auszunutzen? Ein gut gezielter Tritt vielleicht �</p><p>Vernet schien die Drohung zu sp�ren. Er trat ein paar Schritte zur�ck, blieb in etwa drei Metern Entfernung stehen und richtete die Waffe erneut auf Langdon. �Stellen Sie jetzt den Kasten auf die Ladekante.�</p><p>Langdon sah keine andere M�glichkeit, als sich hinzuknien und das K�stchen abzustellen.</p><p>�Stehen Sie jetzt wieder auf und treten Sie von dem Kasten zur�ck!�</p><p>Beim Aufstehen ersp�hte Langdon die leere Patronenh�lse. Sie lag direkt neben dem passgenauen unteren Anschlag der Heckt�r. Unauff�llig lie� Langdon die Patronenh�lse in die schmale Rinne kullern.</p><p>�Drehen Sie sich jetzt um, und gehen Sie zur vorderen Wand!�</p><p>Langdon gehorchte.</p><p>Vernet schlug das Herz bis zum Hals. Die Waffe in der rechten Hand, griff er mit der linken nach dem Holzk�stchen, doch es war zu schwer. <emphasis>Du brauchst beide H�nde daf�r</emphasis>. Er warf einen Blick auf seine Gefangenen, die auf sein Gehei� mit dem R�cken zu ihm fast f�nf Meter entfernt an der Vorderwand des Laderaums standen. Vernet legte die Pistole auf die Sto�stange, griff sich mit einer blitzschnellen Bewegung den Kasten, stellte ihn vor sich auf den Boden, nahm sofort die Waffe wieder auf und richtete sie erneut auf seine Opfer. Keiner der beiden hatte sich vom Fleck ger�hrt.</p><p><emphasis>Perfekt</emphasis>. Jetzt brauchte er nur noch die Heckt�r zu schlie�en. Vernet packte die gepanzerte T�r am Riegel und schwang sie herum. Mir einem dumpfen Laut fiel sie in ihr Widerlager. Vernet versuchte, den Riegel in die Verschlussstellung zu schieben, doch er bewegte sich nur ein St�ck, dann war ein Widerstand zu sp�ren. Was klemmt denn hier! Vernet versuchte es noch einmal, doch der Riegel rastete nicht in die Endstellung ein. Der Mechanismus war durch irgendetwas blockiert. <emphasis>Die T�r ist nicht richtig zu �</emphasis></p><p>Vernet geriet in Panik. Er dr�ckte mit aller Gewalt, doch der Riegel blieb in der Zwischenstellung. Vernet wollte einen Schritt zur�cktreten, um sich mit der Schulter gegen die st�rrische T�r zu werfen. In diesem Moment flog die Stahlt�r explosionsartig auf und knallte ihm ins Gesicht. Die H�nde vor die qu�lend schmerzende, zerquetschte Nase geschlagen, ging Vernet r�ckw�rts zu Boden. Die Pistole flog ihm aus der Hand. Er sp�rte, wie das Blut ihm warm �bers Gesicht lief.</p><p>Robert Langdon war neben ihm auf den Boden gesprungen. Als Vernet sich aufzurichten versuchte, wurde ihm schwarz vor Augen, und er fiel wieder nach hinten. Sophie Neveu rief Langdon irgendetwas zu. Im n�chsten Moment fegte eine Wolke aus Dieselqualm, Staub und Steinchen �ber Vernet hinweg. Er h�rte das Ger�usch von Reifen, die im Schotter durchdrehten. Als er sich aufsetzte, konnte er gerade noch sehen, dass der Lieferwagen eine Kurve nicht eng genug genommen hatte. Es krachte, als die vordere Sto�stange sich in einem kleinen Baum verhakte. Der Motor heulte auf. Der Baumstamm bog sich wie im Sturm, aber schlie�lich zog die Sto�stange den K�rzeren und riss zur H�lfte ab. Der gepanzerte Transporter schlingerte mit herabh�ngender Sto�stange davon.</p><p>Vernet starrte auf die Stelle, wo das K�stchen gestanden hatte. Im schwachen Mondlicht war zu erkennen, dass es verschwunden war.</p></section><section><title><p><strong>50. KAPITEL</strong></p></title><p>Der unauff�llige Fiat lie� Castel Gandolfo hinter sich und wand sich talw�rts durch die Albaner Berge. Bischof Aringarosa, der l�chelnd auf dem R�cksitz sa�, blickte durchs Fenster auf die malerische Landschaft. Auf dem Scho� sp�rte er das angenehme Gewicht des K�fferchens.</p><p><emphasis>Zwanzig Millionen Euro. Hoffentlich findet der Austausch mit dem Lehrer bald statt.</emphasis></p><p>Die Macht, die Aringarosa sich mit dieser Summe erkaufen w�rde, war unvergleichlich mehr wert als das Geld.</p><p>Aringarosa wunderte sich, dass der Lehrer noch nicht Verbindung mit ihm aufgenommen hatte. Er nahm sein Handy aus der Soutane und blickte auf die Anzeige der Signalst�rke. Sie war extrem schwach.</p><p>�Hier oben f�hrt man von einem Funkloch ins andere�, sagte der Fahrer mit einem Blick in den Innenspiegel. �Gleich kommen wir aus den hohen Bergen heraus, dann wird es besser.�</p><p>�Danke.� Aringarosa war pl�tzlich sehr besorgt. Das Handy funktioniert hier nicht? Hatte der Lehrer vielleicht schon die ganze Zeit versucht, ihn zu erreichen? War etwas schiefgegangen?</p><p>Aringarosa h�rte die Mailbox ab. Nichts. Au�erdem h�tte der Lehrer niemals eine Nachricht hinterlassen, die aufgezeichnet wurde. Er war ein Mensch, der bei jeder Kontaktaufnahme �u�erste Vorsicht walten lie�. Niemand kannte die Fallstricke der vielf�ltigen Kommunikation in der modernen Welt besser als der Lehrer; schlie�lich hatte er vor allem mit Hilfe elektronischer Abh�rmethoden seinen erstaunlichen Fundus an Geheimwissen zusammengetragen.</p><p><emphasis>Und deshalb ist er besonders vorsichtig.</emphasis></p><p>Leider geh�rte zu den Vorsichtsma�nahmen des Lehrers auch die Weigerung, Aringarosa eine Nummer zu geben, unter der er seinerseits erreichbar war. Der Kontakt wird immer nur von mir ausgehen, hatte der Lehrer ihm beschieden. Sorgen Sie nur daf�r, dass Sie stets das Mobiltelefon zur Hand haben. Deshalb f�rchtete Aringarosa so sehr, der Lehrer k�nnte vergeblich versucht haben, ihn zu erreichen, und falsche Schl�sse daraus ziehen.</p><p><emphasis>Er wird denken, dass etwas nicht geklappt hat.</emphasis></p><p><emphasis>Oder dass du die Obligationen nicht bekommen hast.</emphasis></p><p><emphasis>Oder dass du mit dem Geld verschwunden bist �</emphasis></p><p>Dem Bischof trat der Schwei� auf die Stirn.</p></section><section><title><p><strong>51. KAPITEL</strong></p></title><p>Selbst bei m��igen sechzig Stundenkilometern machte die Sto�stange des Geldtransporters, die �ber die einsame Landstra�e schrammte, einen H�llenl�rm und lie� einen Funkenregen �ber die Fahrzeugschnauze stieben.</p><p><emphasis>Wir m�ssen von der Stra�e</emphasis>, sagte sich Langdon.</p><p>Er konnte ohnehin kaum erkennen, wohin er fuhr. Der einzige noch funktionierende Scheinwerfer war schief in die Karosserie eingedr�ckt und warf einen schr�gen Lichtstrahl seitw�rts ins Geb�sch. Die Bezeichnung �gepanzert� bezog sich offensichtlich nur auf den Laderaum des Fahrzeugs und keinesfalls auf die Frontpartie.</p><p>Sophie sa� auf dem Beifahrersitz und starrte auf das Rosenholzk�stchen auf ihrem Scho�. Sie sah v�llig verwirrt aus.</p><p>�Alles in Ordnung?�, erkundigte sich Langdon.</p><p>�Glauben Sie Vernet?�</p><p>�Die Sache mit den drei weiteren Morden? Unbesehen. Das liefert uns n�mlich die Antwort auf viele Fragen � zum Beispiel, warum Ihr Gro�vater so verzweifelt versucht hat, den Schlussstein an Sie weiterzugeben, und warum Fache so intensiv nach mir fahndet.�</p><p>�Nein, ich meine, dass Vernet angeblich seine Bank zu sch�tzen versucht.�</p><p>Langdon schaute zu Sophie hin�ber. �Oder aber?�</p><p>�Er wollte sich den Schlussstein in Wirklichkeit selbst unter den Nagel rei�en.�</p><p>Daran hatte Langdon �berhaupt noch nicht gedacht. �Aber wie h�tte er wissen sollen, was sich im K�stchen befindet?�</p><p>�Es wurde in seiner Bank aufbewahrt. Er hat meinen Gro�vater gekannt. Er k�nnte etwas herausbekommen haben. Vielleicht ist er hinter dem Gral her.�</p><p>Langdon sch�ttelte den Kopf. Daf�r war Vernet nicht der Typ. �Nach meiner Erfahrung gibt es nur zwei Gr�nde, weshalb jemand sich auf die Gralssuche einl�sst. Entweder er ist naiv und glaubt, den verschollenen Kelch Christi finden zu k�nnen � �</p><p>�Oder?�</p><p>�Oder er kennt die Wahrheit und muss sie f�rchten. Im Laufe der Geschichte gab es viele Gruppierungen, die den Gral zerst�ren wollten.�</p><p>Das durchdringende Kreischen der Sto�stange klang doppelt laut und nervt�tend in dem Schweigen, das sich zwischen Sophie und Langdon ausbreitete. Sie waren inzwischen ein paar Kilometer gefahren. Angesichts des L�rms und der Funkenkaskaden vor dem Fahrzeug wurde Langdon klar, dass er etwas unternehmen musste: Falls ihnen ein Fahrzeug begegnete, wurde man bestimmt auf sie aufmerksam.</p><p>�Ich versuche, die Sto�stange wieder hinzubiegen�, sagte er entschlossen, fuhr rechts ran und hielt.</p><p>Wohltuende Stille.</p><p>Als Langdon ausstieg und zur Front des Lieferwagens ging, f�hlte er sich erstaunlich munter. Der Blick in den Lauf der zweiten Pistole des heutigen Abends hatte f�r einen gewaltigen Adrenalinschub gesorgt. Nicht nur, dass er ein gejagter Mann war � Langdon sp�rte auch angesichts der Tatsache, dass Sophie und er m�glicherweise den verschl�sselten Wegweiser zu einem der am l�ngsten und besten geh�teten Geheimnisse aller Zeiten in H�nden hielten, den wachsenden Druck der Verantwortung.</p><p>Und damit nicht genug. Langdon erkannte, dass jegliche M�glichkeit, den Stein an die <emphasis>Prieur�</emphasis> zur�ckzugeben, endg�ltig zunichte gemacht war. Die Nachricht von den drei weiteren Morden lie� das Schlimmste vermuten: <emphasis>Die</emphasis> Prieur� <emphasis>ist unterwandert worden. Sie ist nicht mehr vertrauensw�rdig</emphasis>.</p><p>Die Bruderschaft wurde offenbar �berwacht, oder es gab in den h�heren R�ngen einen Maulwurf. Das w�rde erkl�ren, weshalb Sauni�re den Schlussstein Sophie und Langdon zugespielt hatte � zwei Personen au�erhalb der Bruderschaft. Eine R�ckgabe war daher so gut wie ausgeschlossen. Selbst wenn Langdon gewusst h�tte, wie er Kontakt zur <emphasis>Prieur�</emphasis> aufnehmen sollte � das Risiko, bei der R�ckgabe des Schlusssteins an den unbekannten Widersacher zu geraten, war viel zu gro�. Im Moment jedenfalls lastete die Verantwortung f�r den Schlussstein auf Sophie und Langdon, ob sie wollten oder nicht.</p><p>Die Frontpartie des Lieferwagens sah schlimmer aus, als Langdon erwartet hatte. Der linke Scheinwerfer fehlte ganz, der rechte sah wie ein ausgeschlagenes Auge aus, das an Nervenstr�ngen aus seiner H�hle baumelte. Langdon versuchte, den Reflektor in seine Halterung zur�ckzudr�cken, doch er fiel wieder heraus. Der einzige Lichtblick war, dass die vordere Sto�stange sich fast vollst�ndig aus der Verankerung gel�st hatte. W�hrend Langdon fest dagegen trat, um das verbogene Metallteil g�nzlich abzurei�en, fiel ihm sein erstes Gespr�ch mit Sophie wieder ein. <emphasis>Mein Gro�vater hat mir auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen</emphasis>, hatte sie zu ihm gesagt. <emphasis>Er hat gesagt, er muss mich unbedingt in das Geheimnis meiner Familie einweihen</emphasis>. Damals war dieser Satz f�r Langdon ohne besondere Bedeutung gewesen, aber jetzt, da er wusste, dass die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> mit im Spiel war, ergab sich eine faszinierende neue M�glichkeit.</p><p>Krachend brach die Sto�stange ab. Langdon hielt inne, um wieder zu Puste zu kommen. Jetzt war der Lieferwagen wenigstens keine fahrende Wunderkerze mehr. Er schleuderte die Sto�stange ins Geb�sch, wo niemand sie sah.</p><p>Aber wohin jetzt? Und wie sollten sie das Kryptex aufbekommen? Warum hatte Sauni�re es ihnen �berhaupt zugespielt? Von den richtigen Antworten auf diese Fragen schien es abzuh�ngen, ob sie in dieser Nacht mit heiler Haut davonkamen.</p><p><emphasis>Wir brauchen Hilfe</emphasis>, sagte sich Langdon. <emphasis>Professionelle Hilfe.</emphasis></p><p>In der Welt des Heiligen Grals und der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> gab es nur einen einzigen Mann, der als Helfer in Frage kam. Aber zuerst musste er Sophie f�r seinen Plan gewinnen.</p><p>Sophie wartete in der Fahrerkabine auf Langdon. Das Gewicht des Rosenholzk�stchens dr�ckte auf ihren Scho�. Sie mochte dieses Gef�hl nicht. <emphasis>Warum nur hat Gro�vater dir dieses Ding gegeben?</emphasis> Sophie hatte keinen Schimmer, was sie damit anfangen sollte.</p><p><emphasis>Denk nach! Gebrauche deinen Verstand! Grand-p�re versucht, dir irgendetwas zu sagen �!</emphasis></p><p>Sophie klappte das K�stchen auf und betrachtete das Kryptex mit seinen Drehsegmenten. Sie sp�rte die Hand des Gro�vaters, die hier am Werk gewesen war. <emphasis>Eine Charakterpr�fung. Der Schlussstein ist ein Wegweiser, dem nur folgen kann, wer dessen w�rdig ist �</emphasis></p><p>Sie hob das Kryptex aus dem K�stchen und fuhr mit den Fingern sanft �ber die Buchstabenb�nder. <emphasis>F�nf Drehsegmente</emphasis>. Sie lie�en sich glatt und widerstandslos gegeneinander verdrehen. Am Marmorzylinder befanden sich oben und unten kleine pfeilf�rmige Einstellmarkierungen aus Bronze. Sophie drehte f�nf Buchstaben zwischen die Markierungen, auch wenn dieses L�sungswort in seiner Offensichtlichkeit absurd war:</p><p>G-R-A-I-L.</p><p>Es war die englische Bezeichnung f�r den Gral; Sauni�re hatte ja auch die Botschaft im Louvre auf Englisch �bermittelt.</p><p>Vorsichtig zog Sophie an den beiden Endscheiben des Zylinders. Nichts bewegte sich, lediglich die Phiole mit dem Essig im Innern gluckerte. Sie hielt inne und versuchte ein neues Passwort, diesmal auf Franz�sisch.</p><p>V-O-U-T-E</p><p>Wieder tat sich nichts.</p><p>V-l-N-C-I</p><p>Nichts. Das Kryptex blieb geschlossen.</p><p>Stirnrunzelnd legte Sophie den Marmorzylinder in sein Beh�ltnis zur�ck und schloss den Deckel. Sie schaute zu Langdon hinaus und empfand Dankbarkeit, dass er bei ihr war. <emphasis>P.S. Robert Langdon suchen</emphasis>. Sie hatte inzwischen begriffen, zu welchem Zweck Sauni�re ihr Langdon an die Seite gegeben hatte. Sophie fehlten das Wissen und die Voraussetzungen, um die Absichten ihres Gro�vaters zu verstehen; deshalb hatte er Langdon zu ihrem Ratgeber und Lehrer gemacht. Nur hatte Langdon leider das Pech gehabt, ins Visier Bezu Faches geraten zu sein � und einer unsichtbaren Macht, die ebenfalls hinter dem Heiligen Gral her war.</p><p><emphasis>Wobei noch offen war, als was der Gral sich letzten Endes entpuppte.</emphasis></p><p>Sophie fragte sich, ob die Suche den Einsatz ihres Lebens �berhaupt wert war.</p><p>Beim Anfahren stellte Langdon zufrieden fest, wie leise der Lieferwagen jetzt dahinrollte. �Wissen Sie, wie wir von hier nach Versailles kommen, Sophie?�, fragte er.</p><p>Sie sah ihn von der Seite an. �Zu einer Schlossbesichtigung?�</p><p>�Daf�r w�re es noch zu fr�h. Nein, ich habe einen Plan. In der N�he von Versailles wohnt ein Bekannter von mir, ein Religionswissenschaftler. Ich wei� nicht mehr genau, wo sein Anwesen liegt, aber die Adresse k�nnen wir in einer Telefonzelle nachschlagen. Ich bin schon ein paarmal dort gewesen. Er hei�t Leigh Teabing und ist Mitglied der British Royal Society.�</p><p>�Und jetzt lebt er in Paris?�</p><p>�Teabings gro�e Leidenschaft ist der Gral. Als vor f�nfzehn Jahren die Ger�chte �ber den Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis> aufkamen, ist er nach Frankreich gezogen, um hier die Kirchen abzusuchen, die als Versteck des Schlusssteins in Frage kommen. Er hat mehrere B�cher �ber den Gral und den Schlussstein geschrieben. Vielleicht hat er eine Idee, wie man das Kryptex aufbekommt und was man dann damit anf�ngt.�</p><p>Sophie blickte Langdon argw�hnisch an. �K�nnen wir dem Mann vertrauen?�</p><p>�Inwiefern? Dass er uns nicht unsere Informationen klaut?�</p><p>�Ganz recht. Und dass er uns nicht an die Polizei ausliefert.�</p><p>�Keine Bange � ich habe nicht vor, ihm auf die Nase zu binden, dass nach uns gefahndet wird. Ich hoffe, dass er uns Unterschlupf gew�hrt, bis alles �berstanden ist.�</p><p>�Ist Ihnen eigentlich klar, Robert, dass unsere Bilder zurzeit �ber Amtliche Bildschirme Frankreichs flimmern? Bezu Fache hat immer schon verstanden, die Medien f�r seine Zwecke einzusetzen. Er wird irgendwie verhindern, dass wir uns frei bewegen k�nnen, ohne sofort erkannt zu werden.�</p><p><emphasis>Na toll</emphasis>, ging es Langdon durch den Kopf. <emphasis>Deinen ersten Fernsehauftritt in Frankreich hattest du dir eigentlich anders vorgestellt.</emphasis></p><p>Langdon bezweifelte, dass Teabing ein eifriger Fernsehkonsument war � erst recht nicht zu dieser Stunde �, aber die Frage nach dem Risiko durfte nicht au�er Acht gelassen werden. Doch Langdons Instinkt stufte Teabing als absolut vertrauensw�rdig ein. In Anbetracht der Umst�nde w�rde er sich vermutlich sogar ein Bein ausrei�en, ihnen zu helfen. Nicht nur, dass er Langdon einen Gefallen schuldig war � Teabing war ein besessener Gralssucher, und Sophies Gro�vater war vermutlich der letzte Gro�meister der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> gewesen. Wenn Teabing das h�rte, w�rde er alle Hebel in Bewegung setzen, um die Probleme zu l�sen, mit denen Sophie und Langdon sich konfrontiert sahen.</p><p>�Ist dieser Wissenschaftler ein guter Freund von Ihnen?�, wollte Sophie wissen.</p><p>�Teabing k�nnte sich als m�chtiger Verb�ndeter erweisen�, erwiderte Langdon. <emphasis>Je nachdem, wie tief wir ihn in unsere Karten blicken lassen �</emphasis></p><p>�Fache wird vermutlich eine Belohnung aussetzen.�</p><p>Langdon lachte auf. �Glauben Sie mir, Geld ist das Letzte, was diesen Mann interessiert.� Leigh Teabing z�hlte zu den verm�gendsten M�nnern Englands. Als Abk�mmling des Ersten Duke of Lancaster hatte er seinen Reichtum auf altmodische Weise erworben � durch Erbschaft. Sein Heim im Umland von Paris war ein Schloss aus dem siebzehnten Jahrhundert, einschlie�lich zweier Teiche in den ausgedehnten umliegenden L�ndereien.</p><p>Langdon hatte Teabing vor mehreren Jahren durch die British Broadcasting Corporation kennen gelernt. Teabing war damals mit einem Expos� f�r eine Fernsehdokumentation an die BBC herangetreten, in der er dem Fernsehpublikum die dramatische Geschichte des Heiligen Grals n�her bringen wollte. Die Produzenten der BBC waren von Teabings explosivem Thema, seiner sauberen Recherche und seinen Referenzen begeistert, bef�rchteten aber, dass die ungeheure Brisanz der Geschichte die Glaubw�rdigkeit der BBC als Hort des seri�sen Journalismus besch�digen k�nnte. Auf Teabings Vorschlag hatte die BBC das Glaubw�rdigkeitsproblem gel�st, indem sie drei weltweit anerkannte Historiker in der Sendung auftreten lie�, die mit ihren eigenen Forschungsergebnissen die unglaubliche Geschichte vom Geheimnis des Heiligen Grals einhellig best�tigten.</p><p>Einer dieser Experten war Langdon gewesen.</p><p>Die BBC hatte Langdon f�r die Filmarbeiten auf Teabings Pariser Anwesen eingeflogen. Er hatte in Teabings luxuri�sem Salon vor der Kamera gesessen und erz�hlt, was er zu erz�hlen hatte � wie er anfangs selbst skeptisch gewesen sei, als er von der alternativen Deutung der Gralslegende erfahren hatte, wie seine jahrelange Forschungsarbeit ihn dann aber von der Stichhaltigkeit dieser Deutung �berzeugt hatte. Langdon hatte einige seiner eigenen Forschungsergebnisse vorgetragen � eine Reihe verschiedener Beziehungen auf symbolischer Ebene �, die nachdr�cklich f�r die Richtigkeit von Teabings scheinbar ungeheuerlichen Behauptungen sprachen.</p><p>Als die Sendung in England ausgestrahlt wurde, hatte sie ungeachtet der Absicherung durch Experten und trotz des gut dokumentierten Beweismaterials einen Sturm der Entr�stung bei den Kirchen ausgel�st, kaum dass die Sendung ausgestrahlt war. In den Vereinigten Staaten kam es erst gar nicht mehr zur Ausstrahlung, doch das Protestgeschrei hallte bis �ber den Atlantik. Langdon hatte kurz darauf von einem guten alten Freund, dem katholischen Bischof von Philadelphia, ein Schreiben erhalten, auf dem der fromme Mann ihm jene Worte entgegenschleuderte, die C�sar zu seinem Protege Brutus gesagt hatte, als der ihn zusammen mit den anderen Verschw�rern im Senat erdolcht hatte: <emphasis>Et tu, Robert?</emphasis></p><p>�Robert�, sagte Sophie, �sind Sie sicher, dass wir diesem Mann vertrauen k�nnen?�</p><p>�Absolut�, gab Langdon zur�ck. �Wir sind so etwas wie Kollegen. Und Geld ist f�r ihn kein Thema � er ist Multimillion�r. Aber er ist sauer auf die franz�sischen Beh�rden. Zuf�llig wei� ich, dass er vom franz�sischen Fiskus gewaltig geschr�pft wird, weil er eine historische Liegenschaft erworben hat. Deshalb wird er kaum den Wunsch haben, Fache in die H�nde zu arbeiten.�</p><p>Sophie starrte auf das gelbe Band der Stra�e im Dunkel der Nacht. �Wie viel Einblick wollen Sie ihm denn gew�hren, falls wir zu ihm gehen?�</p><p>Langdon schien keine Bedenken zu haben. �Ach, wissen Sie, Leigh Teabing wei� mehr �ber die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> als sonst jemand auf der Welt.�</p><p>Sophie schaute ihn an. �Mehr als mein Gro�vater?�</p><p>�Mehr als irgendjemand au�erhalb der Bruderschaft.�</p><p>�Und woher wollen Sie wissen, dass dieser Teabing nicht dazugeh�rt?�</p><p>�Er hat fast sein ganzes Leben damit verbracht, sein Wissen �ber den Heiligen Gral zu verbreiten. Die Mitglieder der <emphasis>Prieur�</emphasis> dagegen haben ein Gel�bde abgelegt, das Geheimnis zu h�ten.� Langdon konnte Sophies Bedenken gut verstehen. Schlie�lich hatte ihr Sauni�re pers�nlich das Kryptex anvertraut. Sie hatte Skrupel, einen v�llig Fremden in die Sache einzubeziehen, auch wenn sie noch nicht wusste, was sich im Kryptex befand und was sie damit tun sollte. Angesichts der Information, um die es m�glicherweise ging, waren ihre Skrupel keineswegs �bertrieben. �Wir brauchen Teabing ja nicht gleich vom Schlussstein zu erz�hlen. Vielleicht verschweigen wir es ganz. Jedenfalls k�nnen wir uns in Teabings Villa versteckt halten und unsere Lage �berdenken. Und wenn wir uns mit ihm �ber den Gral unterhalten, bekommen wir vielleicht einen Hinweis darauf, weshalb Ihr Gro�vater Ihnen das Kryptex zugespielt hat.�</p><p>�<emphasis>Uns</emphasis>�, korrigierte Sophie.</p><p>Langdon versp�rte einen Anflug bescheidenen Stolzes. Dennoch fragte er sich zum x-ten Mal, weshalb Sauni�re ihn mit ins Boot geholt hatte.</p><p>�Und Sie wissen, wo dieser Teabing wohnt?�</p><p>�Seine Adresse ist Ch�teau Villette.�</p><p>�<emphasis>Das</emphasis> Ch�teau Villette?�</p><p>�Genau.�</p><p>�Solche Bekannte m�chte ich auch gern haben.�</p><p>�Sie kennen das Anwesen?�</p><p>�Ich bin �fters daran vorbeigefahren. Es ist nicht weit von Versailles entfernt. Von hier aus sind es ungef�hr zwanzig Minuten.�</p><p>Langdon nickte. �Okay.�</p><p>�Zeit genug, dass Sie mir erz�hlen, was der Heilige Gral denn nun wirklich ist.�</p><p>Langdon schwieg einen Moment. �Ich erkl�re es Ihnen, wenn wir bei Teabing sind. Er und ich sind Experten f�r jeweils andere Aspekte der Legende. Wenn Sie die Geschichte von uns beiden h�ren, wird es sich sehr gut erg�nzen.� Langdon l�chelte. �Die Gralssuche ist Teabings Lebensinhalt. Die Geschichte des Heiligen Grals von Leigh Teabing zu h�ren ist etwa so, als w�rde Einstein pers�nlich einem die Relativit�tstheorie auf verst�ndliche Weise erkl�ren.�</p><p>�Dann wollen wir nur hoffen, dass Ihr guter Leigh nichts gegen sp�ten Besuch hat.�</p><p>�Sagen Sie lieber Sir Leigh zu ihm, Sophie � aber das nur am Rande.� Langdon hatte sich diesen Fauxpas selbst einmal zuschulden kommen lassen � nur einmal. �Teabing ist ein ziemliches Unikum. Die Queen hat ihn vor einiger Zeit zum Ritter geschlagen, nachdem er eine umfassende Geschichte des Hauses York verfasst hatte.�</p><p>Sophie sah zu Langdon hin�ber. �Jetzt machen Sie aber Witze! Wir sind doch nicht etwa unterwegs zu einem echten Ritter?�</p><p>Langdon grinste sie schief an. �Wir sind auf der Gralssuche, Sophie. Wer k�nnte uns da besser zur Seite stehen als ein Ritter?�</p></section><section><title><p><strong>52. KAPITEL</strong></p></title><p>Ch�teau Villette, ein weitl�ufiges, f�nfundsiebzig Hektar gro�es Anwesen, lag f�nfundzwanzig Autominuten nordwestlich von Paris in der Umgebung von Versailles. Das Schl�sschen, 1668 von Fran�ois Mansart f�r den Grafen von Aufflay entworfen und gebaut, geh�rte zu den bemerkenswertesten historischen Schlossbauten in der Umgebung von Paris. Mit den beiden gro�en rechteckigen Teichen und dem von Le Notre entworfenen Garten war Ch�teau Villette eher ein mittleres Schloss als ein Landhaus. Man nannte es denn auch liebevoll <emphasis>Le Petit Versailles</emphasis>.</p><p>Mit quietschenden Reifen brachte Langdon den Lieferwagen am Abzweiger der anderthalb Kilometer langen Zufahrtsstra�e zu Teabings Anwesen zum Stehen. Hinter einem beeindruckenden Tor, das mit allen sicherheitstechnischen Schikanen versehen war, erhob sich in der Ferne das Schloss aus den weiten Rasenfl�chen. Ein englischsprachiges Schild prangte am Tor.</p><p>PRIVATE PROPERTY. NO TRESPASSING.</p><p>(Privat. Betreten verboten.)</p><p>Als g�lte es, vor seinem Heim eine britische Duftmarke zu setzen, hatte Teabing nicht nur s�mtliche Schilder mit englischen Aufschriften versehen, er hatte auch die Gegensprechanlage am Tor auf der rechten Seite installieren lassen, wo in ganz Europa der Beifahrer sa�, nur eben bekanntlich nicht in England.</p><p>Sophie bedachte die falsch platzierte Rufanlage mit einem schiefen Blick. �Und wenn nun jemand ohne Beifahrer vorf�hrt?�</p><p>�Fragen Sie mich nicht�, wehrte Langdon ab. Er hatte sich deswegen mit Teabing beinahe schon in den Haaren gelegen. �Er hat eben gern alles so, wie er es von zu Hause gewohnt ist.�</p><p>Sophie kurbelte die Seitenscheibe herunter. �Ich glaube, es ist besser, Sie f�hren das Gespr�ch, Robert.�</p><p>Als Langdon sich �ber Sophie hinweg weit nach rechts beugte, um auf den Sprechknopf zu dr�cken, stieg ihm der bet�rende Hauch ihres Parf�ms in die Nase und machte ihm bewusst, wie nahe sie einander waren. Aus dem Lautsprecher drang eine Art Freizeichen. Endlich knackte es in der Rufanlage. Eine indignierte franz�sische Stimme meldete sich. �Ch�teau Villette. Wer ist da?�</p><p>�Hier ist Robert Langdon, ich bin ein Freund von Sir Leigh Teabing�, sagte Langdon, der Sophie inzwischen beinahe auf dem Scho� lag. �Ich brauche seine Hilfe.�</p><p>�Sir Leigh hat sich bereits zur Ruhe begeben � wovon Sie �brigens auch bez�glich meiner Wenigkeit ausgehen k�nnen. Was war gleich Ihr Anliegen?�</p><p>�Das ist eine Privatsache. Eine Angelegenheit von gr��tem Interesse f�r Sir Leigh.�</p><p>�Dann bin ich sicher, dass Sir Leigh Sie morgen Vormittag mit dem gr��ten Vergn�gen empfangen wird.�</p><p>Langdon bem�hte sich um ein Minimum an k�rperlichem Abstand zu Sophie. �Aber es ist sehr wichtig!�</p><p>�Was auch f�r Sir Leighs Ruhe gilt. Falls Sie tats�chlich mit Sir Leigh befreundet sind, d�rfte Ihnen bekannt sein, dass es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten steht und dass er der Schonung bedarf.�</p><p>Leigh Teabing war als Kind an Polio erkrankt. Deshalb ging er an Kr�cken und musste Beinschienen tragen, doch Langdon hatte ihn bei seinem letzten Besuch als einen so lebendigen und vielseitigen Mann erlebt, dass man seine Behinderung v�llig verga�.</p><p>�Dann richten Sie Sir Leigh bitte aus, dass ich auf neue und sehr brisante Informationen �ber den Heiligen Gral gesto�en bin � Informationen, die ich leider nicht bis morgen zur�ckhalten kann.�</p><p>Eine lange Pause entstand. Sophie und Langdon warteten. Der Motor des Lieferwagens tuckerte im Leerlauf.</p><p>Eine ganze Minute verstrich. Schlie�lich lie� sich eine klare helle Stimme vernehmen. �Lieber Freund, mir scheint, Sie leben noch nach New Yorker Zeit.�</p><p>Langdon grinste. Er hatte den un�berh�rbaren britischen Akzent sofort erkannt. �Sir Leigh, ich muss mich f�r meine Unversch�mtheit entschuldigen, Sie zu dieser nachtschlafenen Zeit herauszuklingeln.�</p><p>�Wie ich von meinem Butler h�re, weilen Sie nicht nur in Paris � Sie bringen auch neue Kunde vom Gral?�</p><p>�Nun, ich dachte mir, ich k�nnte Sie damit aus dem Bett locken.�</p><p>�Das ist Ihnen gelungen.�</p><p>�W�re es denkbar, dass Sie f�r einen alten Freund die Zugbr�cke herunterlassen?�</p><p>�Wer gleich mir die Wahrheit sucht, ist mehr als ein Freund. Er ist mir ein Bruder.�</p><p>Langdon blickte Sophie an und verdrehte die Augen. Teabings Vorliebe f�r salbungsvolle Spr�che war ihm nur zu bekannt.</p><p>�Ich werde das Tor f�r Euch �ffnen�, verk�ndete Teabing, �aber zuerst muss ich mich vergewissern, ob Ihr reinen Sinnes seid. Verteidigt Eure Ehre. Drei Fragen sind zu beantworten.�</p><p>Langdon st�hnte auf. ��ben Sie Nachsicht, genau wie ich�, fl�sterte er Sophie zu. �Wie schon gesagt � Teabing ist ein ziemliches Unikum.�</p><p>�Kommen wir zur ersten Frage�, erkl�rte Teabing in dramatischem Tonfall. �Was soll ich Ihnen servieren, Kaffee oder Tee?�</p><p>Langdon kannte Teabings Einstellung zur amerikanischen Vorliebe f�r Kaffee. �Tee!�, trumpfte er auf. �Earl Grey.�</p><p>�Ausgezeichnet. Nun die zweite Frage: Milch oder Zucker?�</p><p>Langdon z�gerte.</p><p>�Milch�, fl�sterte Sophie ihm ins Ohr. �Die Briten nehmen doch immer Milch zum Tee.�</p><p>�Milch�, sagte Langdon.</p><p>Keine Antwort.</p><p>�Zucker �?�</p><p>Immer noch keine Antwort.</p><p>Moment mal. Langdon erinnerte sich an das �tzende Gebr�u, das ihm bei seinem letzten Besuch kredenzt worden war. �Zitrone�, sagte er. �Earl Grey mit viel Zitrone.�</p><p>�Ihr schlagt Euch wacker, k�hner Streiter.� Teabing schien sich pr�chtig zu am�sieren. �Und zum Abschluss noch eine Frage, die schwerwiegender nicht sein k�nnte: In welchem Jahr hat ein Boot von Harvard dem Oxford-Achter zum letzten Mal das Heck gezeigt?�</p><p>Langdon l�chelte. �Ein Harvard-Achter ist nie gegen Oxford angetreten. Und dass es jemals zu einer Infamie solchen Ausma�es kommen wird, ist schlechterdings unm�glich.�</p><p>�Euer Herz ist rein, mein Freund. Ihr k�nnt passieren.�</p><p>Klickend sprang das Tor auf.</p></section><section><title><p><strong>53. KAPITEL</strong></p></title><p>�Monsieur Vernet!� Erleichtert vernahm der Nachtmanager der Z�rcher Depositenbank die Stimme seines Vorgesetzten am Telefon. �Wo stecken Sie denn? Die Polizei ist hier, alles wartet auf Sie!�</p><p>�Ich habe ein kleines Problem�, sagte Vernet. Seine Stimme klang nasal. �Ich brauche sofort Ihre Hilfe.�</p><p><emphasis>Du hast mehr als ein kleines Problem</emphasis>, dachte der Nachtmanager. Die Polizei hatte die Bank v�llig abgeriegelt, und der Capitaine war angeblich mit dem Durchsuchungsbefehl unterwegs.</p><p>�Was kann ich f�r Sie tun, Monsieur?�, fragte der Nachtmanager.</p><p>�Es geht um Geldtransporter Nummer drei. Ich muss wissen, wo er sich befindet.�</p><p>Der Manager ging verwundert den Lieferplan durch. �Das Fahrzeug steht hierbei uns. Unten in der Ladebucht.�</p><p>�Da steht es leider nicht mehr. Es wurde von den beiden polizeilich gesuchten Verd�chtigen gestohlen.�</p><p>�Was? Wie sind die denn hinausgekommen?�</p><p>�Ich kann am Telefon nicht in die Einzelheiten gehen, aber die Situation hat sich leider in eine Richtung entwickelt, die unserer Bank gef�hrlich werden k�nnte.�</p><p>�Was soll ich tun, Monsieur?�</p><p>�Ich m�chte, dass Sie den Transponder des Fahrzeugs aktivieren.�</p><p>Der Blick des Managers schweifte zur Kontrolltafel des LoJack-Systems an der anderen Wand. Wie die meisten f�r Werttransporte eingesetzten Fahrzeuge waren auch die Transporter dieser Bank mit einem ferngesteuerten Transponder ausger�stet, der per Funksignal von der Bank aus aktiviert werden konnte. Nach einer Fahrzeugentf�hrung hatte der Manager dieses System bislang nur ein einziges Mal benutzen m�ssen, und es hatte tadellos funktioniert � der Standort des Fahrzeugs und seine Bewegungskoordinaten waren einwandfrei an die Fahndungszentrale �bertragen worden. Der Manager hatte allerdings den Eindruck, dass seinem Chef heute Nacht ein diskreteres Vorgehen lieber gewesen w�re. �Ich brauche Sie ja nicht darauf aufmerksam zu machen, Monsieur Vernet, dass durch die Aktivierung des Transponders automatisch auch die Polizeibeh�rden dar�ber informiert werden, dass wir ein Problem haben.�</p><p>Vernet schwieg ein paar Sekunden. �Ich wei߫, sagte er dann. �Tun Sie's trotzdem. Transporter Nummer drei. Sobald Sie den genauen Standort des Fahrzeugs haben, geben Sie ihn mir bitte sofort durch. Ich bleibe in der Leitung.�</p><p>�Jawohl, Monsieur. Habe verstanden.�</p><empty-line/><p>Vierzig Kilometer entfernt und drei�ig Sekunden nach diesem Gespr�ch nahm ein winziges elektronisches K�stchen, das sich unter der Karosserie des Geldtransporters befand, leise summend den Betrieb auf.</p></section><section><title><p><strong>54. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdon und Sophie fuhren die gewundene Pappelallee zum Schloss hinauf. Schon jetzt f�hlte Sophie, wie ihre Muskeln sich entspannten. Es war beruhigend, von der Stra�e herunter zu sein. Um endlich einmal zur Ruhe zu kommen und die Beine auszustrecken, konnte Sophie sich keinen sichereren Ort vorstellen als dieses umz�unte, mit einem Tor versehene private Anwesen eines Ausl�nders, der ihnen wohlgesinnt war.</p><p>Als sie in die lange, gewundene Zufahrt einbogen, kam auf der rechten Seite Ch�teau Villette ins Blickfeld. Die graue Steinfront des mindestens sechzig Meter breiten, dreist�ckigen Geb�udes wurde von Scheinwerfern beleuchtet. Die schmucklose Fassade bildete einen seltsamen Kontrast zu den vorbildlich gepflegten Gartenanlagen und dem glasklaren Teich.</p><p>In diesem Moment flammten im gesamten Schloss die Lichter auf.</p><p>Statt vor dem Eingang vorzufahren, steuerte Langdon den Transporter auf einen Parkplatz, der sich hinter immergr�nen Str�uchern verbarg. �Es muss ja nicht gleich jeder den Wagen von der Stra�e aus sehen k�nnen � und Leigh soll sich nicht wundern m�ssen, weshalb wir in einem ramponierten Geldtransporter vorfahren.�</p><p>Sophie nickte. �Was sollen wir mit dem Kryptex machen? Es hier drau�en lassen, w�re nicht besonders klug, aber wenn Teabing es zu sehen bekommt, wird er vermutlich wissen wollen, was es ist.�</p><p>�Kein Problem�, sagte Langdon und zog beim Aussteigen das Jackett aus. Er wickelte es um das K�stchen und hielt das B�ndel wie ein Baby in den Armen.</p><p>Sophie blickte ihn zweifelnd an. �Sehr unauff�llig!�</p><p>�Teabing geht nie selbst an die T�r. Er macht lieber einen gro�en Auftritt. Bis er uns begr��en kommt, werde ich drinnen schon ein Eckchen gefunden haben, wo ich das Kryptex verschwinden lassen kann.� Langdon hielt inne. �Bevor Sie Teabing gegen�bertreten, sollte ich Sie vielleicht vor seinem Humor warnen. Manche Leute finden ihn ein wenig � nun ja, merkw�rdig.�</p><p>Sophie bezweifelte, dass ihr nach dem Verlauf dieser Nacht �berhaupt noch etwas merkw�rdig vorkommen w�rde.</p><p>Ein gepflasterter Weg f�hrte zum Haupteingang. An dem geschnitzten Portal aus Eiche und Kirschholz befand sich ein bronzener T�rklopfer von der Gr��e einer Grapefruit. Als Sophie die Hand danach ausstreckte, wurde von innen ge�ffnet.</p><p>Ein elegant gekleideter Butler stand vor ihnen. Die Arroganz stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er zupfte noch an seiner wei�en Fliege und dem Smoking, die er augenscheinlich soeben angelegt hatte. Er mochte um die f�nfzig sein. Auf seinen Z�gen lag ein herablassender Ausdruck, der wenig Zweifel daran lie�, dass er �ber den Besuch wenig erfreut war.</p><p>�Sir Leigh wird sich sogleich herunterbem�hen�, sagte er mit starkem franz�sischen Akzent. �Er ist noch mit dem Ankleiden besch�ftigt. Sir Leigh sch�tzt es gar nicht, Besucher im Morgenmantel zu empfangen. Darf ich dem Herrn das Jackett abnehmen?� Er bedachte das Tweedb�ndel in Langdons Armen mit einem abf�lligen Blick.</p><p>�Danke. Ich komme schon zurecht.�</p><p>�Der Herr kommt zurecht. Gewiss. Hier entlang, bitte.� Der Butler f�hrte sie durch ein pr�chtiges Marmorvestib�l in einen mit erlesenem Geschmack ausgestatteten Salon. Viktorianische Lampen mit fransenbesetzten Schirmen spendeten ged�mpftes Licht. Ein Duftbukett aus Pfeifentabak, feinem Tee und Sherry vermischte sich mit dem Geruch von Edelholz und dem erdigen Aroma des alten Mauerwerks. Es roch nach guter alter Zeit. An der gegen�berliegenden Wand befand sich ein gemauerter Kamin, in dem man einen Ochsen h�tte braten k�nnen; er wurde von zwei schimmernden Kettenpanzern flankiert. Der Butler kniete davor nieder und steckte mit einem Z�ndholz die Kiensp�ne und Eichenscheite an. Kurz darauf prasselte in dem riesigen Kamin ein behagliches Feuer.</p><p>Der Butler erhob sich. �Sir Leigh l�sst Ihnen sagen, Sie sollen sich wie zu Hause f�hlen�, gab er zu wissen, entfernte sich und lie� Sophie und Langdon allein.</p><p>Sophie �berlegte, auf welche der Antiquit�ten am Kamin sie sich setzen sollte � das Samtsofa im Renaissancestil, den Schaukelstuhl mit den Adlerklauen oder auf eine der beiden steinernen B�nke, die wie Beutest�cke aus einer byzantinischen Basilika aussahen.</p><p>Langdon wickelte das K�stchen aus seinem Jackett, trat an das Renaissancesofa und schob es mit dem Fu� weit unter das Sitzm�bel, bis kein Zipfel mehr davon zu sehen war. Dann sch�ttelte er das Jackett aus, schl�pfte hinein, strich das Revers glatt, l�chelte Sophie an und lie� sich genau �ber dem verborgenen Schatz nieder.</p><p>Sophie setzte sich neben Langdon aufs Sofa.</p><p>W�hrend sie in die knisternden Flammen schaute und die wohlige W�rme genoss, musste Sophie daran denken, dass dieser Raum ihrem Gro�vater sehr gut gefallen h�tte. Mehrere alte Meister hingen an den W�nden, darunter ein Gem�lde von Nicolas Poussin, wie Sophie erkannte, dem Lieblingsmaler Nummer zwei ihres Gro�vaters. Auf dem Kaminsims stand eine Isisb�ste aus Alabaster und wachte still �ber den Raum.</p><p>Unter der �gyptischen G�ttin ragten zwei steinerne Wasserspeier als Halterungen f�r den Bratspie� in den Feuerraum des Kamins. Durch die aufgerissenen M�uler konnte man in ihren gefr��igen Schlund blicken. Als Kind hatte Sophie sich vor Wasserspeiern stets gef�rchtet, bis ihr Gro�vater sie eines Tages bei einem Wolkenbruch aufs Dach der Kathedrale von N�tre-Dame gef�hrt h�tte. �Prinzessin, sieh dir nur diese albernen Gesch�pfe an�, hatte er gesagt und auf die h�sslichen Wasserspeier gezeigt, aus deren M�ulern in dickem Strahl das Wasser schoss. �H�rst du das komische Ger�usch in ihrem Schlund?� Sophie nickte. �Sie <emphasis>gurgeln</emphasis>�, hatte Gro�vater gesagt, �und weil du sch�n Englisch lernen sollst, will ich dir verraten, wie Wasserspeier auf Englisch hei�en: <emphasis>gargoyle</emphasis>.� Sophie hatte sich nie wieder vor einem Wasserspeier gef�rchtet.</p><p>Diese Kindheitserinnerung prallte auf die harte Realit�t des Mordes, und die Trauer versetzte Sophie einen Stich. <emphasis>Grand-p�re ist tot.</emphasis> Dann dachte sie an das Kryptex unter dem Sofa. <emphasis>Ob Leigh Teabing eine Idee hatte, wie man es aufbekam? Oder sollen wir ihn lieber gar nicht erst fragen?</emphasis> Mit seinen letzten Worten hatte der Gro�vater sie aufgefordert, Robert Langdon zu suchen � von der Einbeziehung eines Dritten war nicht die Rede gewesen. <emphasis>Aber wir mussten schlie�lich irgendwo unterkriechen</emphasis>, beruhigte sich Sophie und beschloss, auf Roberts Urteil zu vertrauen.</p><p>�Robert!�, dr�hnte eine Stimme irgendwo aus dem Hintergrund. �Sie reisen in Damenbegleitung, wie ich sehe.�</p><p>Langdon erhob sich, Sophie ebenfalls. Die Stimme war vom oberen Ende einer Wendeltreppe gekommen, die sich in die D�sternis des ersten Stocks hinaufschraubte. Eine silhouettenhafte Gestalt bewegte sich oben im Dunkel.</p><p>�Guten Abend!�, rief Langdon hinauf. �Sir Leigh, darf ich Ihnen meine Begleiterin vorstellen, Mademoiselle Sophie Neveu?�</p><p>�Ich bin entz�ckt!�</p><p>�Vielen Dank, dass Sie uns die Ehre geben�, sagte Sophie, die jetzt erkannte, dass der Mann Beinschienen trug und an Kr�cken ging. Umst�ndlich kam er Stufe um Stufe die Treppe herunter. �Es ist leider schon sp�t.�</p><p>�Meine Liebe, es ist so sp�t, dass es schon wieder fr�h ist.� Teabing lachte auf. �Sie sind wohl keine <emphasis>Am�ricaine</emphasis>?�</p><p>Sophie sch�ttelte den Kopf. �<emphasis>Parisienne.</emphasis>�</p><p>�Sie sprechen ein ausgezeichnetes Englisch.�</p><p>�Vielen Dank. Ich habe am <emphasis>Royal Halloway</emphasis> studiert.�</p><p>�Das erkl�rt alles.� Teabing kam immer mehr ins Helle heruntergehinkt. �Wie Robert Ihnen vielleicht schon erz�hlt hat, habe ich ein St�ckchen weiter die Stra�e hinunter in Oxford studiert.� Verschlagen grinsend fixierte er Langdon. �Ich hatte mich nat�rlich auch in Harvard eingeschrieben � falls ich es in Oxford nicht schaffen sollte.�</p><p>Sophies und Langdons Gastgeber war nun am Fu� der Wendeltreppe angelangt. Er wirkte auf Sophie nicht ritterlicher als Sir Elton John. Leigh Teabing war ein wenig dicklich und hatte rosige Haut, buschiges rotes Haar und haselnussbraune Augen, in denen es schelmisch aufblitzte, wenn er sprach. Er trug eine Hose mit messerscharfer B�gelfalte, ein weites Seidenhemd, dar�ber eine Weste mit Paisleymuster. Ungeachtet der Aluminiumschienen an den Beinen besa� seine Haltung etwas unersch�tterlich Aufrechtes, was wohl eher seiner vornehmen Abkunft als bewusstem Bem�hen entsprang.</p><p>Teabing trat auf Langdon zu und streckte ihm jovial die Hand entgegen. �Sie haben Gewicht verloren, Robert.�</p><p>�Und Sie haben zugenommen.� Langdon grinste.</p><p>Lachend t�tschelte Teabing seinen Bauch. �<emphasis>Touch�</emphasis>. Ich f�rchte, meine einzigen fleischlichen S�nden sind heutzutage kulinarischer Art.� Teabing wandte sich Sophie zu, nahm ihre Hand und hauchte mit leicht geneigtem Kopf und abgewendetem Blick einen Kuss auf ihre Finger. �M'lady � �</p><p>Sophie warf Langdon einen unsicheren Blick zu. Offenbar wusste sie nicht recht, oh sie eine Reise in die Vergangenheit oder in ein Irrenhaus gemacht hatte.</p><p>Der Butler, der ihnen ge�ffnet hatte, kam mit einem Tablett in den Salon, auf dem ein Teeservice stand, das er auf einem Tischchen vor dem Kamin abstellte.</p><p>�Das ist R�my Legaludec�, sagte Teabing, �mein Butler.�</p><p>Der hagere Mann verbeugte sich steif in der H�fte und verschwand.</p><p>�R�my stammt aus Lyon�, fl�sterte Teabing, als handele es sich um eine peinliche Krankheit. �Saucen kochen kann er ganz ordentlich, aber sonst � �</p><p>Langdon musste l�cheln. �Ich h�tte eher damit gerechnet, Sie w�rden englisches Personal importieren.�</p><p>�Um Himmels willen, nein!�, rief Teabing entsetzt. �Einen englischen Koch m�chte ich niemandem an den Hals w�nschen � au�er den Beamten meines zust�ndigen franz�sischen Finanzamts nat�rlich.� Er blickte Sophie an. �<emphasis>Pardonnez-moi</emphasis>, Mademoiselle Neveu. Seien Sie versichert, meine Frankophobie richtet sich lediglich auf die franz�sische Politik und die franz�sische Fu�ballnationalmannschaft. Ihre Regierung nimmt mich aus wie eine Weihnachtsgans, und Ihre Nationalmannschaft hat die unsere vor kurzem zur Schnecke gemacht.�</p><p>Sophie l�chelte huldvoll.</p><p>Teabing betrachtete erst Sophie, dann Langdon. �Es muss etwas passiert sein. Sie wirken beide ein wenig derangiert.�</p><p>Langdon nickte. �Wir hatten einen interessanten Abend.�</p><p>�Unverkennbar. Sie tauchen unangemeldet mitten in der Nacht an meiner Schwelle auf und erz�hlen etwas vom Gral. Sagen Sie, geht es wirklich um den Gral, oder war das nur ein K�der, weil Sie wissen, dass es das Einzige ist, mit dem man mich jederzeit aus dem Schlaf holen kann?�</p><p><emphasis>Ein bisschen von beidem</emphasis>, dachte Sophie. Das Kryptex unter dem Sofa erschien vor ihrem inneren Auge.</p><p>�Sir Leigh�, sagte Langdon, �wir m�chten uns mit Ihnen �ber die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> unterhalten.�</p><p>Teabings buschige Augenbrauen hoben sich, und er blickte Langdon interessiert an. �Die H�ter des Geheimnisses. Dann geht es also wirklich um den Gral. Sie sagen, Sie h�tten Informationen mitgebracht? Gibt es etwas Neues, Robert?�</p><p>�M�glicherweise. Wir sind uns nicht sicher. Wir w�rden allerdings weniger im Dunkeln tappen, wenn Sie uns einige Informationen geben k�nnten.�</p><p>Teabing wackelte drohend mit dem Zeigefinger. �Stets der gesch�ftst�chtige Amerikaner! Gibst du mir, geh ich dir. Also gut, ich stehe zu Diensten. Was m�chten Sie von mir wissen?�</p><p>Langdon seufzte. �Ich hatte gehofft, Sie w�rden so freundlich sein, Mademoiselle Neveu in die wahre Natur des Grals einzuf�hren.�</p><p>Teabing sah Langdon entgeistert an. �Sie ist noch unwissend?�</p><p>Langdon nickte best�tigend.</p><p>Auf Teabings Z�gen breitete sich ein beinahe obsz�nes L�cheln aus. �Sie haben mir eine <emphasis>Jungfrau</emphasis> gebracht, Robert?�</p><p>Langdon zuckte zusammen und blickte Sophie an. �Das ist die Bezeichnung der Gralsforscher f�r jemand, der die wirkliche Gralsgeschichte noch nicht kennt�, erkl�rte er verlegen.</p><p>Teabing wandte sich Sophie zu. �Wie viel wissen Sie denn, meine Liebe?�</p><p>Sophie berichtete mit knappen Worten, wor�ber Langdon bereits mit ihr gesprochen hatte � �ber die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>, die Tempelritter, die Sangreal-Dokumente, und dass der Heilige Gral angeblich kein Kelch sei, sondern etwas ganz anderes, das unermessliche Macht verk�rpert.</p><p>�Das ist alles?� Teabing sah Langdon tadelnd an. �Ich hielt Sie immer f�r einen Gentleman, Robert, aber Sie haben der Dame den H�hepunkt vorenthalten.�</p><p>�Ja, ich wei�, aber ich dachte, Sie und ich � ich meine, wir beide zusammen k�nnten ihr vielleicht � � Langdon verstummte. Das vertretbare Ma� ungewollter Zweideutigkeiten schien ihm offensichtlich �berschritten.</p><p>Teabing hielt Sophie fest im Blick. �Sie sind also eine Grals-Jungfer, meine Liebe? Vertrauen Sie sich mir an. Und glauben Sie mir, Sie werden das erste Mal nie vergessen.�</p></section><section><title><p><strong>55. KAPITEL</strong></p></title><p>Sophie sa� neben Langdon auf dem Sofa, trank Tee und a� Geb�ck. Die belebende Wirkung des Getr�nks tat ihr gut. Sir Leigh strahlte und ging mit klackenden Beinschienen unbeholfen auf den Steinplatten vor dem gro�en Kamin auf und ab.</p><p>�Ja, der Heilige Gral�, begann er im Tonfall eines Predigers. �Meistens werde ich gefragt, wo er ist, und diese Frage, f�rchte ich, werde ich nie beantworten k�nnen.� Er blickte Sophie scharf an. �Aber die viel wichtigere Frage lautet: Was ist der Gral?� Er schaute Langdon an, der zustimmend nickte. �Wenn wir den Gral verstehen wollen�, fuhr Teabing fort, �m�ssen wir zuerst die Bibel verstehen. Wie gut kennen Sie das Neue Testament, Sophie?�</p><p>Sie hob die Achseln. �Eigentlich gar nicht. Ich bin bei einem Mann aufgewachsen, der Leonardo da Vinci angebetet hat.�</p><p>Teabing sah erstaunt und erfreut zugleich aus. �Eine erleuchtete Seele! Hervorragend. Dann muss Ihnen bekannt sein, dass Leonardo einer der H�ter des Gralsgeheimnisses gewesen ist. Er hat viele versteckte Hinweise in sein k�nstlerisches Schaffen einflie�en lassen.�</p><p>�Ja, das hat Mr Langdon mir schon erl�utert.�</p><p>�Und wie steht es mit Leonardos Sichtweise des Neuen Testaments?�</p><p>�Dar�ber wei� ich �berhaupt nichts.�</p><p>Mit leuchtenden Augen wies Teabing auf das B�cherregal an der anderen Wand. �W�ren Sie bitte so freundlich, Robert? Im untersten Fach. <emphasis>La Storia di Leonardo</emphasis>.�</p><p>Langdon nahm einen gro�en Band vom Regal und legte ihn auf den Tisch vor dem Sofa. Teabing drehte das Buch zu Sophie und schlug die Innenseite des hinteren Einbanddeckels auf, wo eine Reihe von Zitaten abgedruckt war. �Das ist aus Leonardos Notizen zu Polemik und Mutma�ungen�, sagte er und deutete auf eines der Zitate. �Ich glaube, das hier wird Ihnen bei unserer Diskussion weiterhelfen.�</p><p>Sophie las:</p><p><emphasis>Viele haben aus T�uschungen und falschen Wundern ein Gesch�ft gemacht und f�hren die t�richte Menge hinters Licht. </emphasis>- LEONARDO DA VINCI -</p><p>�Hier ist noch eins�, sagte Teabing.</p><p><emphasis>Unkenntnis blendet und l�sst uns in die Irre gehen. Oh, ihr elenden Sterblichen, �ffnet die Augen. </emphasis>- LEONARDO DA VINCI -</p><p>Sophie fr�stelte pl�tzlich. �Meint da Vinci etwa die Heilige Schrift?�</p><p>Teabing nickte. �Leonardos Einstellung zur Heiligen Schrift hat unmittelbar mit dem Heiligen Gral zu tun. Er hat den wahren Heiligen Gral sogar gemalt, wie ich Ihnen gleich zeigen werde, aber zuerst m�ssen wir uns noch ein bisschen �ber die Bibel unterhalten.� Teabing l�chelte. �Die Quintessenz dessen, was man wissen muss, hat der gro�artige Theologe Martyn Pervy in einem Satz zusammengefasst. �Teabing r�usperte sich. �Die Heilige Schrift ist uns nicht per Fax vom Himmel zugegangen.�</p><p>�Bitte?�</p><p>�Er meint damit, dass die Heilige Schrift keine Sch�pfung Gottes ist, sondern der Menschen. Sie ist nicht auf wundersame Weise irgendwann einmal fertig vom Himmel gefallen. Die Menschen haben sie als Chronik eines dramatischen Zeitgeschehens geschaffen. Die Heilige Schrift hat sich angesichts zahlloser Hinzuf�gungen, Korrekturen und Neu�bersetzungen ver�ndert und fortentwickelt. Es hat nie eine endg�ltige Version des Buchs der B�cher gegeben.�</p><p>�Ich verstehe.�</p><p>�Christus war eine historische Gestalt von unerh�rter Wirkung, vielleicht die geheimnisvollste und inspirierendste F�hrergestalt, die die Welt je gesehen hat. Als der Messias der Prophezeiung lie� er K�nige st�rzen, f�hrte Millionen Menschen zu einem neuen Aufbruch und begr�ndete eine neue Weltanschauung. Als unmittelbarer Abk�mmling der K�nige Salomon und David hatte Jesus einen legitimen Anspruch auf den j�dischen K�nigsthron. Kein Wunder also, dass sein Leben von Tausenden seiner Anh�nger im ganzen Land aufgezeichnet wurde.� Teabing genehmigte sich einen Schluck Tee und stellte die Tasse auf dem Kaminsims ab. �Es gab mehr als achtzig Evangelien, die f�r das Neue Testament zur Auswahl standen, dennoch kamen nur vier zum Zuge � die Evangelien des Matth�us, Markus, Lukas und Johannes.�</p><p>�Und wer hat bestimmt, welche Evangelien ausgew�hlt wurden?�, wollte Sophie wissen.</p><p>�Ah!� Teabing war von seiner aufmerksamen Zuh�rerin sehr angetan. �Hier sto�en wir auf die grundlegende Ironie des Christentums! Das Neue Testament, wie wir es heute kennen, geht auf den heidnischen r�mischen Kaiser Konstantin den Gro�en zur�ck.�</p><p>�Ich dachte immer, Konstantin der Gro�e sei Christ gewesen�, wandte Sophie ein.</p><p>�Wohl kaum�, sp�ttelte Teabing. �Er war sein Leben lang Heide. Man hat ihn auf dem Totenbett getauft, als er sich nicht mehr dagegen wehren konnte. Zu Konstantins Zeiten war die offizielle r�mische Religion der Sonnenkult des Sol Invictus, des unbesiegbaren Sonnengottes, und Konstantin war der Hohepriester dieser Staatsreligion. Doch leider versank Rom immer tiefer in religi�sen Unruhen. Drei Jahrhunderte nach der Kreuzigung hatte sich die Anh�ngerschaft Christi explosionsartig vermehrt. Christen und Heiden waren sich in die Haare geraten. Die Streitigkeiten nahmen solche Ausma�e an, dass das R�mische Reich auseinander zu fallen drohte. Konstantin hielt es f�r an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Im Jahr 325 unserer Zeitrechnung vollzog er die Einigung des Reichs unter dem Banner einer einzigen Religion � des Christentums.�</p><p>�Wie kommt ein heidnischer Herrscher dazu, sich ausgerechnet das Christentum als Staatsreligion auszusuchen?�, fragte Sophie verwundert.</p><p>Teabing kicherte in sich hinein. �Konstantin war ein ausgezeichneter Gesch�ftsmann. Er hatte begriffen, dass das Christentum im Kommen war, und da hat er eben aufs schnellste Pferd gesetzt. Die Historiker staunen noch heute, mit welchem Geschick Konstantin aus seinen heidnischen Sonnenanbetern Christen gemacht hat. Er hat die heidnischen Symbole, Festtage und Rituale mit der sich herausbildenden christlichen Tradition verschmolzen und auf diese Weise eine Art Mischreligion geschaffen, die f�r beide Seiten akzeptabel war.�</p><p>�B�umchen wechsle dich�, sagte Langdon. �Nein, im Ernst, die Spuren der heidnischen Religion sind in der christlichen Symbolik un�bersehbar. Aus der �gyptischen Sonnenscheibe ist der Heiligenschein der christlichen M�rtyrer geworden. Die Bildnisse der Isis, die ihren auf wundersame Weise empfangenen Sohn Horus n�hrt, wurden zum Vorbild der Darstellungen der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. Und die Elemente der kirchlichen Liturgie � die Mitra, der Altar, die liturgischen Ges�nge, die Kommunion als Akt der Gottesverspeisung und so weiter � stammen ausnahmslos aus den �lteren heidnischen Religionen und sind vielfach unver�ndert �bernommen worden.�</p><p>Teabing st�hnte auf. �Wenn ein Symbolologe erst einmal loslegt, sich �ber das christliche Bild- und Symbolgut auszulassen � Aber am Christentum gibt es wirklich kaum etwas Eigenst�ndiges. Der vorchristliche Gott Mithras � man nannte ihn den <emphasis>Sohn Gottes und das Licht der Welt</emphasis> � wurde an einem f�nfundzwanzigsten Dezember geboren, kam gewaltsam ums Leben, wurde in einem Felsengrab bestattet und ist nach drei Tagen von den Toten wieder auferstanden. Der f�nfundzwanzigste Dezember ist �brigens auch der Geburtstag von Osiris, Adonis und Dionysos. Dem neugeborenen Krischna wurden Weihrauch, Gold und Myrrhe dargebracht. Sogar der w�chentliche Feiertag der Christen stammt aus dem Repertoire der Heiden.�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Urspr�nglich hatten die Christen den j�dischen Sabbat geheiligt, den Samstag, aber Konstantin hat den Feiertag um einen Tag verschoben, damit er mit jenem Tag zusammenfiel, an dem die Heiden die Sonne verehrten.� Er grinste. �Wenn die Leute heutzutage am Sonntagmorgen zur Messe gehen, ist den wenigsten bewusst, dass ihr Kirchgang an dem Wochentag stattfindet, an dem die Heiden ihrem Sonnengott den w�chentlichen Tribut gezollt haben � am <emphasis>Sonntag</emphasis>.�</p><p>Sophie schwirrte der Kopf. �Und das hat alles mit dem Gral zu tun?�</p><p>�In der Tat�, sagte Teabing. �H�ren Sie nur weiter zu. Beim Vereinigungsprozess der Religionen musste Konstantin etwas zur Konsolidierung der noch jungen christlichen Lehre tun. Deshalb berief er alle christlichen W�rdentr�ger der damaligen Welt zu einer Versammlung ein � das ber�hmte Konzil von Niz�a. Bei dieser Versammlung wurde eine Vielzahl christlicher Angelegenheiten er�rtert und durch Abstimmung entschieden, beispielsweise ein einheitlicher Termin f�r das Osterfest, die Machtbefugnisse der Bisch�fe, das Spenden der Sakramente � und nat�rlich die <emphasis>G�ttlichkeit</emphasis> Jesu.�</p><p>�Seine G�ttlichkeit?�</p><p>�Bis zum Konzil von Niz�a, meine Liebe, wurde Jesus von seinen Anh�ngern als sterblicher Prophet betrachtet, als ein gro�er und m�chtiger Mensch, aber eben als Mensch � ein sterblicher Mensch.�</p><p>�Nicht als Sohn Gottes?�</p><p>�Nein. Zum Sohn Gottes wurde Jesus erst nach einer entsprechenden Abstimmung auf dem Konzil von Niz�a erkl�rt�, sagte Teabing.</p><p>�Moment mal. Soll das hei�en, die G�ttlichkeit Jesu ist das Ergebnis einer Abstimmung?�</p><p>�Mit einer ziemlich knappen Mehrheit obendrein�, f�gte Teabing hinzu. �Gleichwohl war die G�ttlichkeit Christi f�r den Fortbestand der Einheit des R�mischen Reiches und die Machtbasis der neuen katholischen Kirche von entscheidender Bedeutung. Durch die offizielle Einsetzung Jesu zum Sohn Gottes hatte Konstantin einen Gott geschaffen, der �ber der Welt der Menschen schwebte und dessen Macht nicht mehr zur Diskussion stand. Damit war nicht nur allen heidnischen Angriffen auf das Christentum ein Riegel vorgeschoben, auch die Christen selbst konnten den Weg des Heils von nun an nur noch innerhalb der r�misch-katholischen Kirche beschreiten.�</p><p>Sophie schaute Langdon an, der best�tigend nickte.</p><p>�Im Grunde ging es nur um die Macht�, fuhr Teabing fort. �Christus weiterhin als Messias gelten zu lassen war f�r Kirche und Staat zu bedenklich. Viele Kenner dieser Materie sind der Ansicht, dass die angehende r�misch-katholische Staatskirche den Urchristen Jesus gleichsam geraubt hat, indem sie �ber seine diesseitige Botschaft der N�chstenliebe und Menschlichkeit den undurchdringlichen Mantel einer jenseitigen G�ttlichkeit breitete, um auf diese Weise ungest�rt ihren weltlichen Machenschaften nachgehen zu k�nnen. Ich habe diesen Sachverhalt in mehreren B�chern er�rtert.�</p><p>�Dann darf ich wohl annehmen, dass Ihnen t�glich emp�rte Drohbriefe frommer Christen ins Haus flattern.�</p><p>�Wieso?�, konterte Teabing. �Der weit �berwiegende Teil der gebildeten Christen kennt die Geschichte seines Glaubens durchaus. Jesus war ja in der Tat ein gro�artiger und m�chtiger Mann. Konstantins Machenschaften k�nnen schlie�lich nicht die W�rde Jesu herabsetzen. Kein Mensch hat behauptet, dass Jesus ein Betr�ger war, oder bestritten, dass er auf Erden gewandelt ist und Millionen Menschen zur Umkehr und zu einem tugendreicheren Leben veranlasst hat. Wir sagen ja nur, dass Konstantin sich die immense Wucht und den Einfluss der Lehre Jesu zunutze gemacht hat. Und indem er das tat, hat er entscheidend das Christentum gepr�gt, wie wir es heute kennen.�</p><p>Sophie warf einen raschen Blick auf den Kunstband, der vor ihr lag. Sie brannte darauf, endlich da Vincis Bild vom Heiligen Gral zu sehen.</p><p>�Der Haken an der Sache war, dass Konstantin Jesus erst vier Jahrhunderte nach der Kreuzigung zum Gottessohn erhoben hat. Deshalb existierten bereits Tausende von Niederschriften, in denen Jesus als normaler Sterblicher geschildert wird. Konstantin wusste, dass nur mit einem k�hnen Handstreich dagegen anzukommen war � ein Coup, der zur Schicksalsstunde des Christentums wurde.� Teabing legte eine effektvolle Pause ein. �Konstantin gab eine neue Evangeliensammlung in Auftrag, die er obendrein finanzierte. In diese Sammlung durfte keine jener Darstellungen aufgenommen werden, in denen Jesus als Mensch gesehen wurde, w�hrend alles, was ihn in ein g�ttliches Licht r�ckte, besonders hervorzuheben war. Die fr�heren Evangelien wurden ge�chtet, konfisziert und verbrannt.�</p><p>�Dazu m�chte ich eine interessante Anmerkung machen�, warf Langdon ein. �Wer die neue Evangeliensammlung Konstantins nicht annehmen wollte und bei den alten Lehren blieb, wurde zum Ketzer erkl�rt, zum H�retiker. Die Bezeichnung H�retiker gibt es erst seit dieser Zeit. Das lateinische Wort <emphasis>haerere</emphasis> hei�t haften, beharren. Wer auf dem urspr�nglichen Jesusbild beharrte, war ein H�retiker.�</p><p>�Konstantin lie� fast alle alten Schriften vernichten. Zum Gl�ck f�r uns Historiker blieben einige dennoch der Nachwelt erhalten. In einer H�hle bei Qumran in der W�ste von Jud�a wurden im Jahr 1950 die Schriftrollen vom Toten Meer entdeckt. Und dann gibt es nat�rlich noch die koptischen Schriftrollen von Nag Hammadi. Abgesehen davon, dass diese Dokumente die wahre Gralsgeschichte erz�hlen, sprechen sie in einer sehr menschlichen Weise vom Wirken Jesu. Nat�rlich hat der Vatikan in Fortsetzung seiner Tradition der Verschleierung und Informationsunterdr�ckung mit allen Mitteln versucht, die Ver�ffentlichung dieser Schriften zu verhindern. Grund dazu hatte er genug. Anhand der Schriftrollen treten augenf�llige historische Ungereimtheiten und F�lschungen zutage, die klar erkennen lassen, dass unser heutiges Neues Testament von M�nnern zusammengestellt und herausgegeben wurde, die eine politische Absicht damit verbunden haben. Zur Untermauerung ihres eigenen Machtanspruchs musste aus dem Menschen Jesus Christus der Sohn Gottes gemacht werden.�</p><p>�Trotzdem darf man nicht vergessen�, warf Langdon ein, �dass die Bestrebungen der modernen Kirche, diese Dokumente zu unterdr�cken, sich aus dem festen Glauben an das herk�mmliche Christusverst�ndnis herleiten. Im Vatikan sitzen lauter fromme Leute, die subjektiv redlich davon �berzeugt sind, dass diese Dokumente ein falsches Bild wiedergeben.�</p><p>Auflachend lie� Teabing sich Sophie gegen�ber in einen Sessel sinken. �Wie Sie sehen, geht unser Professor mit der katholischen Kirche weitaus milder ins Gericht als ich. Dennoch trifft es zu, wenn er sagt, dass der moderne Klerus diese unbequemen Dokumente aus ehrlicher �berzeugung f�r irref�hrend h�lt. Man kann das verstehen. Solange sie denken k�nnen, ist das konstantinische Neue Testament ihre Wahrheit gewesen. Niemand ist st�rker indoktriniert als der Indoktrinierende selbst.�</p><p>�Sir Leigh will damit sagen, dass wir den Gott unserer V�ter verehren�, meinte Langdon.</p><p>�Ich will damit sagen�, pr�zisierte Teabing, �dass fast alles, was unsere V�ter uns �ber Christus gelehrt haben, falsch ist. Und mit den Legenden �ber den Heiligen Gral sieht es nicht besser aus.�</p><p>Sophies Blick fiel wieder auf das Buch mit dem Da-Vinci-Zitat:</p><p><emphasis>Unkenntnis blendet und lasse uns in die Irre gehen. Oh, ihr elenden Sterblichen, �ffnet die Augen.</emphasis></p><p>Teabing griff nach dem Band und bl�tterte zur�ck zur Mitte. �Bevor ich Ihnen da Vincis Gem�lde vom Heiligen Gral zeige, sollten Sie sich einmal kurz das hier ansehen. Er schlug eine farbige Doppelseite auf. �Ich nehme an, Sie kennen dieses Fresko.�</p><p><emphasis>Jetzt nimmt er dich aber auf den Arm!</emphasis> Vor Sophie lag das ber�hmteste Fresko aller Zeiten, <emphasis>Das letzte Abendmahl</emphasis>, Leonardos weltbekanntes Wandgem�lde im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand. Auf dem stark besch�digten und verfallenen Fresko ist jener Augenblick festgehalten, als Jesus beim letzten Abendmahl seinen zw�lf J�ngern verk�ndet, dass einer aus ihrer Mitte ihn verraten wird.</p><p>�Nat�rlich kenne ich da Vincis <emphasis>Abendmahl</emphasis>�, sagte Sophie.</p><p>�Dann wollen wir ein kleines Spiel spielen, wenn Sie gestatten, Ich m�chte Sie bitten, die Augen zu schlie�en.�</p><p>Ein wenig verunsichert machte Sophie die Augen zu.</p><p>�Wo sitzt Jesus?� fragte Teabing.</p><p>�In der Mitte.�</p><p>�Gut. Und was essen Jesus und die J�nger?�</p><p>�Brot.� <emphasis>Was denn sonst?</emphasis></p><p>�Und was trinken sie?�</p><p>�Wein.�</p><p>�Sehr gut. Und jetzt noch eine letzte Frage. Wie viele Weingl�ser stehen auf dem Tisch?�</p><p>Sophie dachte nach, denn das konnte eine Fangfrage sein. <emphasis>Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den Kelch und sprach �</emphasis> �Keine Gl�ser. Ein Kelch.� <emphasis>Der Kelch Christi</emphasis>. Der Heilige Gral. �Jesus hat einen Kelch mit Wein herumgereicht, �hnlich wie es heutzutage noch manche Konfessionen bei der Kommunionfeier tun.�</p><p>Teabing seufzte. ��ffnen Sie die Augen�, sagte er.</p><p>Sophie schlug die Augen auf und sah Sir Leigh selbstgef�llig grinsen. Als sie das Gem�lde betrachtete, bemerkte sie erstaunt, dass jede der abgebildeten Personen, auch Jesus, einen Weinbecher hatte. Dreizehn Becher, nicht besonders gro�, aus Glas und ohne Stiel. Auf dem ganzen Gem�lde gab es keinen Kelch. Keinen Heiligen Gral.</p><p>�Ein bisschen seltsam, finden Sie nicht?�, sagte Teabing und zwinkerte Sophie zu. �Dabei ist dieser Moment f�r die Heilige Schrift und die Gralslegenden jener Augenblick, an dem der Heilige Gral ins Licht der Geschichte tritt. Merkw�rdigerweise scheint Leonardo in seinem Gem�lde den Kelch Christi vergessen zu haben.�</p><p>�Das m�sste den Kunstgelehrten doch l�ngst aufgefallen sein.�</p><p>�Sie werden sich noch wundern, welche Abweichungen da Vinci sich hier geleistet hat, ohne dass die Mehrzahl der Gelehrten es zur Kenntnis genommen hat oder zur Kenntnis nehmen wollte. Dieses Fresko ist der Schl�ssel zum Gralsgeheimnis. In seinem <emphasis>Letzten Abendmahl</emphasis> hat da Vinci es unverh�llt dargestellt.�</p><p>Sophies Blicke huschten �ber die Abbildung. �Dann ist diesem Fresko zu entnehmen, was der Gral in Wirklichkeit ist?�</p><p>�Nicht was er ist�, sagte Teabing leise und eindringlich, �sondern wer er ist. Der Heilige Gral ist kein Gegenstand. Er ist ein Mensch.�</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>56. KAPITEL</strong></p></title><p>�Der Heilige Gral ist ein <emphasis>Mensch</emphasis>?� Sophie blickte entgeistert von Teabing zu Langdon.</p><p>Langdon nickte. �Eine Frau, um genau zu sein.�</p><p>Auf Sophies Gesicht war deutlich abzulesen, dass sie nicht mehr folgen konnte. Langdon erinnerte sich daran, dass er bei seiner ersten Konfrontation mit dieser Aussage kaum anders reagiert hatte. Erst als er den Symbolgehalt des Grals verstanden hatte, war ihm die Verbindung zum Mythos der Weiblichkeit klar geworden.</p><p>�Das ist jetzt vielleicht der Zeitpunkt, Robert, da der Symbolologe ein kl�rendes Wort sprechen sollte�, sagte Teabing, der offenbar in �hnlichen Bahnen dachte.</p><p>Langdon zog einen Stift aus der Tasche und griff nach einem Blatt Papier. �Sie kennen doch die modernen Symbole f�r m�nnlich und weiblich, Sophie?�</p><p>Er zeichnete die Symbole ? f�r m�nnlich und ? f�r weiblich.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Sophie.</p><p>�Das sind aber nicht die urspr�nglichen Zeichen. Vielfach wird f�lschlicherweise angenommen, dass das m�nnliche Symbol einen Schild mit einem Speer darstellt und das weibliche einen Spiegel f�r die Sch�nheit. In Wirklichkeit handelte es sich urspr�nglich um die astronomischen Symbole f�r den Planetengott Mars und die Planeteng�ttin Venus. Die alten Symbole f�r m�nnlich und weiblich sind viel einfacher.�</p><p>Langdon zeichnete ein Winkelzeichen mit der Spitze nach oben aufs Papier.</p><p><strong>/\</strong></p><p>�Das ist das urspr�ngliche Zeichen f�r <emphasis>m�nnlich</emphasis>�, erkl�rte er, �ein rudiment�rer Phallus.�</p><p>�Sehr rudiment�r�, sagte Sophie.</p><p>�Aber immerhin�, meinte Teabing.</p><p>Langdon setzte seine Erkl�rung fort. �Dieses Zeichen nennt man den Winkel. Es steht f�r Aggression und M�nnlichkeit. Es wird heute noch als milit�risches Rangabzeichen auf die Uniformen gen�ht.�</p><p>�So sieht's aus.� Teabing grinste. �Je mehr Penisse einer hat, desto h�her sein Rang. M�nner sind da sehr konsequent.�</p><p>Langdon zog den Kopf ein. �Also gut. Und nun wollen wir uns das weibliche Symbol ansehen. Wie Sie sich vielleicht schon gedacht haben, ist es die genaue Umkehrung des Winkels. Man nennt es den Kelch.� Er zeichnete das Zeichen unter das andere aufs Papier.</p><p><strong>\/</strong></p><p>Sophie hob �berrascht den Kopf.</p><p>Langdon merkte, dass sie den Zusammenhang begriffen hatte. �Das Kelchzeichen hat �hnlichkeit mit einem Trinkgef�� oder einer Schale, aber vor allem �hnelt es dem weiblichen Scho�. Es symbolisiert Weiblichkeit und Fruchtbarkeit.� Langdon sah Sophie in die Augen. �In der Legende wird berichtet, dass der Gral ein Kelch sei oder eine Schale. Aber das ist in Wirklichkeit eine Allegorie, mit der die wahre Natur des Heiligen Grals verschleiert worden ist. Ich will damit sagen, dass der Kelch in der Legende als Metapher f�r etwas viel Wichtigeres benutzt wird.�</p><p>�Als Metapher f�r eine Frau�, warf Sophie ein.</p><p>Langdon l�chelte. �Genau. Der Gral ist das alte Symbol f�r das Weibliche, und als Heiliger Gral repr�sentiert er das g�ttlich Weibliche und die Heiligkeit der g�ttlichen Urmutter � Vorstellungen, die inzwischen nat�rlich untergegangen sind. Sie wurden von der katholischen Kirche nachhaltig eliminiert. Die F�higkeit der Frau, Leben hervorzubringen, hat in fr�heren Zeiten tiefe Verehrung gefunden, stellte jedoch eine Bedrohung der vorwiegend m�nnlichen Kirchenhierarchie dar. Deshalb wurde das Weibliche d�monisiert und f�r unrein erkl�rt. Nicht Gott, sondern M�nner � genauer gesagt Kirchenm�nner � haben die Erbs�nde erfunden, der zufolge Eva vom Apfel der Erkenntnis gegessen und damit angeblich die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies verschuldet hat. Die Frau, einst die Lebensspenderin, war zur Widersacherin geworden.�</p><p>Teabing schaltete sich ein. �An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Vorstellung von der Frau als Lebensspenderin den Ursprung s�mtlicher alten Religionen bildet. Die Geb�rf�higkeit war etwas Mystisches und Geheimnisvolles. Es ist ein Ungl�ck, dass die christliche Philosophie die Sch�pferkraft des Weiblichen geleugnet hat. Sie hat sich �ber den biologischen Sachverhalt hinweggesetzt und den Mann zum Sch�pfer erkl�rt. In der Sch�pfungsgeschichte der Bibel wird erz�hlt, dass Eva von Gott aus einer Rippe Adams geschaffen worden ist. Die Frau wurde zu einem Ableger des Mannes gemacht � einem s�ndigen obendrein. Die Sch�pfungsgeschichte war der Anfang vom Ende der Muttergottheit.�</p><p>�Der Gral symbolisiert die verloren gegangene g�ttliche Urmutter�, fuhr Langdon fort. �Mit der Verbreitung des Christentums haben die alten heidnischen Religionen sich nicht auf einen Schlag in Luft aufgel�st. Die Legenden von der ritterlichen Suche nach dem verlorenen Gral handeln in Wirklichkeit von der verbotenen Suche nach der g�ttlichen Urmutter. Die christlichen Ritter, die sich angeblich die Suche nach dem Kelch begeben haben, benutzten diese Kodierung als Schutzma�nahme vor einer Kirche, die die Urmutter verbannt, die Frauen unterdr�ckt, Ungl�ubige auf den Scheiterhaufen geschleppt und die heidnische Verehrung der g�ttlichen Urmutter zum Verbrechen erkl�rt hat.�</p><p>�Verzeihung, Robert�, sagte Sophie, �als Sie sagten, dass der Gral eine Frau ist, dachte ich, Sie meinten damit eine ganz bestimmte Frau.�</p><p>�Es ist eine ganz bestimmte Frau.�</p><p>�Und keineswegs irgendwer�, platzte Teabing heraus. �Es ist eine Frau, die ein Geheimnis von solcher Brisanz bewahrt hat, dass die Enth�llung das Christentum seiner gesamten Grundlage beraubt h�tte!�</p><p>Sophie schaute ihn entgeistert an. �Und man wei�, wer diese Frau ist?�</p><p>�Durchaus.� Teabing griff nach seinen Kr�cken und deutete zum Flur. �Meine Freunde, wenn Sie so freundlich w�ren, mir in mein Arbeitszimmer zu folgen, wird es mir eine Ehre sein, Ihnen da Vincis Gem�lde von dieser Frau vorzuf�hren.�</p><empty-line/><p>Zwei T�ren weiter stand der Butler R�my Legaludec schweigend vor dem K�chenfernseher und verfolgte die Nachrichten. Die Fotos eines Mannes und einer Frau wurden gezeigt � jene Personen, denen er soeben Tee serviert hatte.</p></section><section><title><p><strong>57. KAPITEL</strong></p></title><p>Leutnant Collet stand an der Stra�ensperre vor der Z�rcher Depositenbank. Er fragte sich, wieso Fache so lange brauchte, einen Durchsuchungsbefehl zu bekommen, zumal die Bank offensichtlich etwas zu verbergen hatte. Angeblich hatte man Langdon und Neveu wieder weggeschickt, weil sie die Nummer ihres Depots nicht kannten.</p><p><emphasis>Aber warum will man uns dann nicht hineinlassen, um nachzuschauen?</emphasis></p><p>Collets Handy meldete sich. Die Kommandozentrale im Louvre war dran. �Gibt's immer noch keinen Durchsuchungsbefehl?�, maulte Collet.</p><p>�Die Bank k�nnen Sie vergessen, Leutnant�, sagte sein Kollege aufgeregt. �Wir haben soeben einen Tipp bekommen und kennen jetzt den genauen Aufenthaltsort von Langdon und unserer lieben Kollegin Neveu.�</p><p>Collet setzte sich auf den Kotfl�gel des Streifenwagens. �Im Ernst?�</p><p>�Ich habe hier eine Adresse in der N�he von Versailles.�</p><p>�Ist Capitaine Fache schon informiert?�</p><p>�Nein, noch nicht. Er h�ngt dauernd an der Strippe. Muss was Wichtiges sein.�</p><p>�Bin schon unterwegs. Der Chef kann mich ja anrufen, sobald er wieder frei ist.� Collet notierte sich die Adresse und schwang sich hinters Steuer. W�hrend er mit kreischenden Reifen losjagte, fiel ihm ein, dass er sich gar nicht erkundigt hatte, von wem der Tipp �ber Langdons Aufenthaltsort gekommen war.</p><p>Aber das war jetzt egal. Collet hatte die Gelegenheit bekommen, die Scharte wieder auszuwetzen und die Pleiten dieser Nacht vergessen zu machen. Bald w�rde er die wichtigste Verhaftung seiner Laufbahn vornehmen.</p><p>�ber Funk rief er die f�nf Streifenwagen seiner Abteilung zusammen. �Kein Blaulicht und kein Martinshorn, M�nner! Langdon braucht nicht zu wissen, dass wir anr�cken.�</p><empty-line/><p>Vierzig Kilometer entfernt bog ein schwarzer Audi von der Landstra�e in einen Feldweg und parkte im Schutz eines Geb�schs am Rande eines Ackers. Silas stieg aus und sp�hte durch die Gitterst�be des schmiedeeisernen Zauns, der das riesige Anwesen umgab, das sich dahinter ausbreitete. Ganz am Ende der geschwungenen Zufahrt war im Mondlicht das Schloss zu sehen.</p><p>Im Parterre brannten s�mtliche Lichter. <emphasis>Um diese Zeit? Also doch</emphasis>, dachte Silas und l�chelte. Die Informationen des Lehrers waren augenscheinlich wieder einmal zutreffend. <emphasis>Du verl�sst dieses Haus nicht wieder ohne den Schlussstein,</emphasis> schwor er sich. <emphasis>Du wirst den Bischof und den Lehrer nicht noch einmal entt�uschen.</emphasis></p><p>Silas �berpr�fte die dreizehnsch�ssige Heckler &amp;. Koch, bevor er sich hinter dem Zaun auf den moosigen Boden fallen lie�. Dann packte er die schmiedeeisernen Gitterst�be, schwang sich geschickt den Zaun hinauf und sprang auf der anderen Seite zu Boden. Ohne auf den Bu�g�rtel zu achten, der sich ihm schmerzhaft ins Fleisch grub, hob er die Waffe auf und machte sich auf den langen Weg �ber die Rasenfl�chen hinauf zum H�gel.</p></section><section><title><p><strong>58. KAPITEL</strong></p></title><p>So etwas wie Teabings �Arbeitszimmer� hatte Sophie noch nie gesehen. Der von drei Kristallkronleuchtern erhellte, luxuri�se Saal war sechs�, siebenmal so gro� wie das B�ro des Direktors eines Gro�konzerns. Das �Arbeitszimmer� wirkte wie eine misslungene Mischung aus Laboratorium, Archiv und �berdachtem Flohmarkt. �ber die endlose Kachelbodenfl�che waren willk�rlich Arbeitsinseln verteilt, auf denen sich B�cher, Kunstgegenst�nde und Artefakte t�rmten; hinzu kam ein erstaunlich umfangreiches Arsenal elektronischer und wissenschaftlicher Ger�tschaften � Computer und Scanner, Mikroskope und Analyseger�te, Kopierer und Projektoren und dergleichen mehr.</p><p>�Ich habe den Ballsaal in Beschlag genommen�, sagte Teabing mit einem schiefen Grinsen, w�hrend er in sein <emphasis>cabinet du travail</emphasis> hinkte. �Zum Tanzen fehlt mir ohnehin die Gelegenheit.�</p><p>Sophie kam die Nacht allm�hlich wie ein seltsamer Traum vor, wie eine Schattenwelt, in der s�mtliche Erwartungen immer wieder von einer irrationalen Wirklichkeit zunichte gemacht wurden. �Und das brauchen Sie alles f�r Ihre Arbeit?�</p><p>�Die Suche nach der Wahrheit ist die Liebesaff�re meines Lebens, und meine Geliebte hei�t Sangreal.�</p><p><emphasis>Der Heilige Gral ist eine Frau</emphasis>. In Sophies Kopf dr�ngten sich die zusammenhanglosen Theorien, die keinen Sinn zu ergeben schienen. �Sie haben gesagt, Sie h�tten ein Bild jener Frau, die Ihrer Behauptung zufolge der Heilige Gral ist �?�</p><p>�In der Tat. Aber die Behauptung stammt nicht von mir, sondern von Christus selbst.�</p><p>�Welches Bild ist es denn?�, fragte Sophie und lie� den Blick �ber die W�nde schweifen.</p><p>�Hmmm � � Teabing tat, als m�sse er angestrengt nachdenken. �Der Heilige Gral � der Sangreal � der Kelch � � Pl�tzlich fuhr er herum und deutete auf die Stirnwand des Saales, an der eine zwei Meter f�nfzig breite Reproduktion von da Vincis Abendmahl hing � das gleiche Bild, das Sophie soeben in dem Kunstband betrachtet hatte. �Da ist es ja!�</p><p>Sophie glaubte, nicht richtig verstanden zu haben. �Aber das ist doch das Werk von da Vinci, das Sie mir eben gezeigt haben.�</p><p>Er zwinkerte ihr zu. �Ich wei�, aber ist die Vergr��erung nicht viel eindrucksvoller?�</p><p>Sophie blickte Langdon ratlos an. �Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.�</p><p>Langdon l�chelte. �Der Heilige Gral ist tats�chlich auf diesem Fresko abgebildet. Leonardo hat daf�r sogar eine herausragende Stelle gew�hlt.�</p><p>�Jetzt mal langsam�, sagte Sophie. �Haben Sie mir nicht gesagt, der Gral sei eine Frau? Aber Leonardo da Vincis Abendmahl ist doch ein Bild mit dreizehn M�nnern.�</p><p>Teabing hob die Brauen. �Ach ja?�, sagte er. �Dann schauen Sie mal genau hin.�</p><p>Sophie trat ein St�ck n�her an das Gem�lde heran und betrachtete pr�fend die dreizehn Gestalten � Jesus Christus in der Mitte, sechs Apostel zu seiner Rechten, sechs zu seiner Linken. �Alles M�nner�, stellte sie fest.</p><p>�Tats�chlich?�, sagte Teabing. �Was halten Sie denn von dem Herrn auf dem Ehrenplatz zur Rechten Jesu?�</p><p>Sophie betrachtete die Gestalt eingehend. Sie hatte weich flie�endes, langes rotes Haar; die zarten H�nde waren gefaltet, und sogar die Andeutung eines Busens war zu sehen.</p><p>�Das ist tats�chlich eine Frau!�, rief Sophie aus.</p><p>Teabing lachte. �Leonardo war sehr geschickt im Herausarbeiten der Geschlechtsunterschiede!�</p><p>Sophie <emphasis>konnte den Blick nicht von der Frau neben Christus wenden. Wer war diese Frau auf dem Bild, auf dem doch eigentlich dreizehn M�nner sein sollten?</emphasis> Sophie hatte das Fresko schon unz�hlige Mal gesehen, aber die Diskrepanz war ihr nie zuvor aufgefallen.</p><p>�Das geht allen so�, sagte Teabing. �Diese Szene ist durch unsere vorgefasste Meinung so eindeutig definiert, dass unser Hirn die Unstimmigkeit nicht zur Kenntnis nimmt und den Augenschein unterdr�ckt.�</p><p>�Klassischer Fall von Skotom � partieller Ausfall des Gesichtsfelds�, sagte Langdon. �Eine wohl bekannte Reaktion unseres Gehirns bei machtvollen Symbolen.�</p><p>�Ein weiterer Grund daf�r, dass die Frau Ihnen entgangen ist, Sophie�, meinte Teabing, �mag darin liegen, dass man in den Kunstb�nden oft �ltere Reproduktionen findet, als die Feinheiten noch unter einer dicken Schmutzschicht und den ungeschickten Restaurierungsversuchen des achtzehnten Jahrhunderts verborgen lagen. Inzwischen wurde da Vincis urspr�nglicher Farbauftrag endlich freigelegt � <emphasis>et voil�</emphasis>!� Er deutete auf die Gro�reproduktion.</p><p>Sophie trat noch n�her heran. Die Frau an der Seite Jesu wirkte jung und fromm, hatte einen zur�ckhaltenden Gesichtsausdruck, sch�nes rotes Haar und faltete still die H�nde. <emphasis>Das soll die Frau sein, die der katholischen Kirche mit einem Schlag den Todessto� versetzen k�nnte?</emphasis></p><p>�Wer ist das?�, erkundigte sich Sophie.</p><p>�Das, meine Liebe�, gab Teabing zur Antwort, �ist Maria Magdalena.�</p><p>Sophie fuhr herum. �Die Dirne?�</p><p>Teabing sog wie von einem schmerzhaften Hieb getroffen kurz und scharf die Luft ein. �Maria Magdalena war ganz und gar keine Dirne. Diese schlimme Verf�lschung ist das Ergebnis einer bewussten Verleumdungskampagne der Kirche, die Maria Magdalena in den Schmutz ziehen musste, um das gef�hrliche Geheimnis dieser Frau unter den Teppich zu kehren � ihre Funktion als Heiliger Gral.�</p><p>�Ihre was?�</p><p>�Wie ich schon sagte�, fuhr Teabing fort, �stand die Kirche vor der Notwendigkeit, die Welt davon zu �berzeugen, dass Jesus der Sohn Gottes und nicht etwa ein sterblicher Prophet war. Aus diesem Grund waren s�mtliche weltlichen Aspekte des Lebens Jesu aus den Evangelien gestrichen worden. Doch sehr zum Leidwesen der damaligen Bearbeiter tauchte immer wieder ein St�rfaktor in den Evangelien auf, n�mlich Maria Magdalena � oder genauer, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war.�</p><p>�Wie bitte?� Sophies Blick wanderte Hilfe suchend zu Langdon und wieder zur�ck zu Teabing.</p><p>�Es handelt sich hier um eine historisch verb�rgte Tatsache�, sagte Teabing, �die Leonardo da Vinci mit Sicherheit bekannt war. Dass Jesus und Maria Magdalena ein Paar waren, schleudert da Vinci dem Betrachter in seinem Abendmahl geradezu ins Gesicht.�</p><p>Wieder betrachtete Sophie das Fresko.</p><p>�F�llt Ihnen auf, dass Jesus und Maria Magdalena komplement�r gekleidet sind?� Teabing deutete auf die beiden Gestalten in der Mitte des Freskos.</p><p>Jesus trug ein rotes Untergewand und einen blauen Mantel, Maria Magdalena ein blaues Untergewand und einen roten Umhang. <emphasis>Yin und Yang</emphasis>. Sophie war fasziniert.</p><p>�Wenn man die Sache noch etwas weiter treiben will�, sagte Teabing, �werden Sie bemerken, dass Jesus und seine Braut an der H�fte miteinander verbunden zu sein scheinen, wobei sie sich voneinander weglehnen, wie um diesen deutlich abgegrenzten unausgef�llten Raum zwischen sich zu schaffen.�</p><p>Teabing brauchte die Linie gar nicht nachzuzeichnen. Sophie sah auch so die eindeutige \/-Form im Brennpunkt des Gem�ldes. Es war die gleiche Symbolfigur, die Langdon zuvor f�r den Gral, den Kelch und den weiblichen Scho� aufgezeichnet hatte.</p><p>�Und wenn Sie schlie�lich Jesus und Maria Magdalena nicht als Figuren, sondern als kompositorische Elemente betrachten�, sagte Teabing, �wird Ihnen noch ein weiteres un�bersehbares Formelement ins Auge springen.� Er machte eine Kunstpause. �Ein Buchstabe des Alphabets.�</p><p>Sophie sah es sofort � �ins Auge springen� w�re sogar noch eine Untertreibung gewesen. Sie sah pl�tzlich nur noch den Buchstaben, sonst nichts mehr. Im Zentrum des Bildes prangte un�bersehbar ein perfekt geformtes gro�es M.</p><p>�F�r einen Zufall ein bisschen zu deutlich, meinen Sie nicht?�, sagte Teabing.</p><p>�Was soll das M an dieser Stelle?�, wollte Sophie verwundert wissen.</p><p>Teabing hob die Schultern. �Einige Verschw�rungstheoretiker behaupten, es st�nde f�r <emphasis>Matrimonium</emphasis> oder Maria Magdalena, aber um ehrlich zu sein � niemand wei� es so genau. Sicher ist nur, dass das M kein Zufall ist. In zahllosen Werken, die eine Beziehung zum Gral aufweisen, tritt dieses M mehr oder minder verborgen in Erscheinung, sei es als Wasserzeichen, als Untermalung oder als Kompositionselement. Das unverhohlenste M findet sich nat�rlich auf dem Altarbild der Kirche <emphasis>Our Lady of Paris</emphasis> in London von Jean Cocteau, einem vormaligen Gro�meister der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>.�</p><p>�Ich gebe zu, dass diese verborgenen M zu denken geben�, sagte Sophie nachdenklich, �aber es wird wohl kaum jemand so weit gehen, darin den Beweis zu sehen, dass Jesus und Maria Magdalena verheiratet waren.�</p><p>�Nein, nein�, sagte Teabing und trat an einen mit B�chern �berladenen Tisch. �Wie ich schon sagte, die Ehe zwischen Jesus und Maria Magdalena ist historisch verb�rgt.� Er st�berte in den W�lzern herum. �Au�erdem ist es weitaus sinnvoller anzunehmen, dass Jesus ein verheirateter Mann gewesen ist, als der �blichen Aussage des Neuen Testaments zu folgen, die ihn als Junggesellen hinstellt.�</p><p>�Wieso das?�</p><p>�Weil Jesus Jude war�, schaltete Langdon sich ein, w�hrend Teabing immer noch auf seinem W�hltisch st�berte. �Nach den Anstandsregeln der damaligen Zeit war es einem j�dischen Mann praktisch verboten, unverheiratet zu bleiben. Ein z�libat�res Leben war nach j�dischem Brauch undenkbar. Ein Mann musste eine Frau ehelichen, die ihm einen Sohn gebar. W�re Jesus unverheiratet gewesen, h�tte das in mindestens einem der vier Evangelien erw�hnt und sein unnat�rliches Junggesellentum irgendwie erkl�rt werden m�ssen.�</p><p>Endlich hatte Teabing gefunden, was er suchte. Er zog einen federgebundenen Folianten von der Gr��e eines Weltatlas �ber den Tisch zu sich her�ber. Die <emphasis>gnostischen Evangelien</emphasis> stand auf dem Buchdeckel. Teabing schlug das Werk auf. Sophie konnte vergr��erte Fotoreproduktionen von offenbar uralten Dokumenten erkennen � in Aufl�sung begriffene Papyri mit handgeschriebenem Text. Die Sprache der alten Handschrift war Sophie nicht gel�ufig, doch die �bersetzung stand jeweils auf der rechten Seite in Maschinenschrift daneben.</p><p>�Das sind Fotokopien der bereits erw�hnten Schriftrollen von Nag Hammadi und vom Toten Meer�, sagte Teabing, �die fr�hesten Dokumente des Christentums. Fatalerweise enthalten sie zahlreiche Widerspr�che zu den Evangelien des Neuen Testaments.� Teabing bl�tterte zur Mitte des Buches und zeigte auf einen Abschnitt. �Das Evangelium des Philippus ist stets ein guter Ausgangspunkt.�</p><p>Sophie las den Abschnitt:</p><empty-line/><p><emphasis>Und die Gef�hrtin des Erl�sers war Maria Magdalena. Christus liebte sie mehr als seine J�nger und k�sste sie oft auf den Mund. Die J�nger waren dar�ber erz�rnt und verliehen ihrer Entt�uschung Ausdruck. Sie sprachen zu ihm: Warum liebst du sie mehr als uns?</emphasis></p><empty-line/><p>Sophie fand den Text zwar �berraschend, aber besonders beweiskr�ftig war er in ihren Augen nicht. �Von einer Ehe steht hier aber nichts�, meinte sie.</p><p>�<emphasis>Au contraire</emphasis>!� L�chelnd deutete Teabing auf die erste Zeile. �Jeder, der des Aram�ischen m�chtig ist, wird Ihnen best�tigen, dass das Wort Gef�hrtin in jenen Tagen nichts anderes als Ehefrau bedeutet hat.�</p><p>Langdon nickte best�tigend.</p><p>Sophie las die Zeile noch einmal. <emphasis>Und die Gef�hrtin des Erl�sers war Maria Magdalena.</emphasis></p><p>Teabing bl�tterte weiter und wies mehrmals auf Abschnitte hin, aus denen zu Sophies Verbl�ffung eindeutig hervorging, dass Jesus und Maria Magdalena ein Liebesverh�ltnis hatten. Beim Lesen der Textpassagen kam Sophie die Erinnerung an den Besuch eines echauffierten Geistlichen, der damals � es war noch w�hrend ihrer Schulzeit � zornig an die T�r ihres Gro�vaters gepocht hatte.</p><empty-line/><p>Sophie hatte dem Mann ge�ffnet. �Wohnt hier ein gewisser Jacques Sauni�re?�, hatte der geistliche Herr sie angeschnauzt. �Ich werde diesen Schmierfinken zur Rede stellen! Er hat diesen Artikel hier verbrochen!� Der Geistliche wedelte mit einer Zeitung.</p><p>Sophie hatte den Gro�vater herbeigerufen, der mit dem Besucher in seinem Arbeitszimmer verschwand und die T�r hinter sich schloss. <emphasis>Gro�vater hat etwas in der Zeitung geschrieben?</emphasis> Sophie war sofort in die K�che geflitzt und hatte die Morgenzeitung durchgebl�ttert. Schon auf der zweiten Seite war sie auf den mit dem Namen des Gro�vaters gezeichneten Artikel gesto�en und hatte ihn gelesen. Zwar hatte sie nicht alles verstanden, aber es ging vor allem darum, dass die franz�sischen Beh�rden unter dem Druck der katholischen Geistlichkeit einen amerikanischen Spielfilm mit dem Titel �Die letzte Versuchung Christi� verboten hatten, weil Jesus in diesem Film mit einer gewissen Maria Magdalena eine Bettszene hatte. Sophies Gro�vater hatte in dem Artikel geschrieben, die Kirche n�hme sich zu viel heraus; au�erdem sei es eine engstirnige Torheit, den Film zu verbieten.</p><p><emphasis>Kein Wunder, dass der Priester kurz vor einem Tobsuchtsanfall steht</emphasis>, hatte Sophie gedacht.</p><p>�Das ist Pornographie! Gottesl�sterung ist das!�, hatte der emp�rte geistliche Herr geschrien, als er aus dem Arbeitszimmer zur T�r gest�rmt war. �Wie k�nnen Sie sich hinter ein solches Machwerk stellen? Dieser Scorsese ist ein Schandmaul, ein Gottesl�sterer! Er kann sich in ganz Frankreich auf das Kanzelwort der Kirche gefasst machen!� Mit diesen Worten hatte er die T�r hinter sich zugeknallt.</p><p>Als Gro�vater in die K�che gekommen war, hatte er Sophie mit der Nase in der Zeitung ertappt. �Du verlierst wirklich keine Sekunde�, hatte er stirnrunzelnd bemerkt.</p><p>�Glaubst du, dass Jesus eine Freundin hatte?�, hatte Sophie gefragt.</p><p>�Nein, Liebes. Ich habe nur gesagt, dass die Kirche nicht dar�ber entscheiden sollte, was wir denken d�rfen und was nicht.�</p><p>�Aber hatte Jesus denn eine Freundin oder nicht?�</p><p>Der Gro�vater hatte ein paar Augenblicke geschwiegen. �W�re es denn so schlimm, wenn er eine Freundin gehabt h�tte?�</p><p>Sophie hatte kurz dar�ber nachgedacht und dann die Achseln gezuckt. �W�re mir egal.�</p><empty-line/><p>�Ich m�chte Sie nicht mit endlosen Verweisen auf die Verbindung von Jesus und Maria Magdalena langweilen�, sagte Sir Leigh. �Die moderne Geschichtswissenschaft hat das bis zum �berdruss durchexerziert. Aber ich m�chte Ihnen gern Folgendes zu lesen geben.� Er wies auf eine soeben aufgeschlagene Passage. �Das ist aus dem Evangelium der Maria Magdalena.�</p><p>Sophie hatte gar nicht gewusst, dass es ein solches Evangelium �berhaupt gab. Sie las:</p><empty-line/><p><emphasis>Und Petrus sagte: �Hat der Heiland wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau gesprochen? Sollen wir uns ihr zuwenden? Sollen wir auf ihre Worte h�ren? Zieht Jesus sie uns vor?�</emphasis></p><p><emphasis>Und Levi antwortete ihm: �Petrus, du bist stets voller J�hzorn gewesen. Und nun muss ich sehen, dass du dich gegen diese Frau erhebst wie gegen einen Feind. Gewiss kennt der Erl�ser sie sehr gut. Darum liebt er sie mehr als uns.�</emphasis></p><empty-line/><p>�An dieser Stelle ist von Maria Magdalena die Rede�, erkl�rte Teabing. �Petrus ist eifers�chtig auf sie.�</p><p>�Weil Jesus Maria Magdalena ihm vorgezogen hat?�</p><p>�Es steckt viel mehr dahinter. Es ist jene Stelle des Evangeliums, an der Jesus argw�hnt, dass er bald gefangen genommen und gekreuzigt wird. Aus diesem Grund erteilt er Maria Magdalena Anweisungen, wie sie seine Kirche nach seinem Tod weiterf�hren soll, mit dem Ergebnis, dass Petrus ungehalten wird, weil er die zweite Geige hinter einer Frau spielen soll. Ich wage zu behaupten, dass Petrus ein Macho gewesen ist.�</p><p>Sophie versuchte, nicht den Anschluss zu verlieren, so viel st�rmte auf sie ein. �Reden wir hier vom heiligen Petrus, dem Fels, auf den Christus seine Kirche bauen wollte?�</p><p>�Genau � bis auf eine Kleinigkeit. Nach Aussage jener alten unverf�lschten Evangelien hat Christus nicht Petrus zum Sachwalter seiner Kirche eingesetzt, sondern Maria Magdalena.�</p><p>Sophie sah ihn an. �Dann sollte die Kirche Christi von einer Frau fortgef�hrt werden?�</p><p>�Das war Jesu Absicht. Jesus war sozusagen der erste Feminist. Er wollte, dass die Zukunft seiner Kirche in den H�nden von Maria Magdalena liegt.�</p><p>�Und das hat Petrus nicht gefallen�, sagte Langdon und deutete auf das Bild vom Abendmahl, �Schauen Sie ihn sich an. Man kann deutlich sehen, dass da Vinci sehr genau wusste, was Petrus von Maria Magdalena hielt.�</p><p>Wieder einmal war Sophie sprachlos. Der Apostel Petrus beugte sich zu Maria Magdalena vor und vollf�hrte mit der Hand eine drohende Geste, als wolle er ihr die Kehle durchschneiden. Die gleiche Drohgeb�rde, wie Uriel sie auf Leonardos Felsgrottenmadonna zeigt.</p><p>�Und hier noch einmal�, sagte Langdon und zeigte auf die Apostelgruppe um Petrus. �Ein bisschen viel auf einmal, nicht wahr?�</p><p>Sophie blickte angestrengt auf das Bild. In der Gruppe der J�nger sah sie eine Hand �ber die Tischkante ragen. �H�lt die Hand etwa ein Messer?�, fragte sie.</p><p>�Allerdings. Und was noch merkw�rdiger ist � sie scheint zu niemandem zu geh�ren. Sie ist ohne K�rper, anonym.�</p><p>Sophie wurden die Knie weich, so erdr�ckend war die Last der unglaublichen Informationen. �Aber ich verstehe immer noch nicht, weshalb das alles bedeutet, dass Maria Magdalena der Heilige Gral ist.�</p><p>�Ah!�, rief Teabing aus. �Jetzt kommen wir zum Kern der Sache.� Er zog eine gro�e Falttafel aus dem B�cherwust und breitete sie vor Sophie aus. Ein weit verzweigter Stammbaum kam zum Vorschein. �Kaum jemand wei�, dass Maria Magdalena ohnehin eine m�chtige Frau war, auch wenn sie nicht die rechte Hand Christi gewesen w�re.�</p><p>Sophie hatte inzwischen die �berschrift des Stammbaums entziffert:</p><p>DER STAMM BENJAMIN</p><p>�Maria Magdalena ist hier�, sagte Teabing und zeigte auf eine Stelle ziemlich weit oben in der Ahnenfolge.</p><p>Sophie war �berrascht. �Sie stammte aus dem Hause Benjamin?�</p><p>�Ja. Maria Magdalena war von k�niglichem Blut.�</p><p>�Aber ich habe immer gedacht, sie sei arm gewesen.�</p><p>Teabing sch�ttelte den Kopf. �Man hat Maria Magdalena zur Dirne herabgew�rdigt, um ihre m�chtigen Verwandtschaftsbeziehungen zu vertuschen.�</p><p>Wieder bedachte Sophie Langdon mit einem Hilfe suchenden Blick, und wieder nickte er ihr best�tigend zu. �Aber wieso hat die Kirche sich daran gest�rt, dass Maria Magdalena von k�niglichem Gebl�t war?�</p><p>Sir Leigh l�chelte. �Liebes Kind, nicht Maria Magdalenas k�nigliches Blut hat die Kirche gest�rt, sondern ihre Beziehung zu Jesus Christus, der ebenfalls von k�niglichem Gebl�t war. Wie Sie wissen, wird im Matth�usevangelium berichtet, dass Jesus aus dem Hause David stammte. Er war also ein Abk�mmling Salomons � des K�nigs der Juden. Durch die Einheirat in das m�chtige Haus Benjamin hatte Jesus zwei K�nigsh�user vereinigt. Dadurch war eine schlagkr�ftige politische Union entstanden, die einen legitimen Anspruch auf den j�dischen K�nigsthron rechtfertigte und wieder hierarchische Verh�ltnisse herstellen konnte, wie sie unter Salomon geherrscht hatten.�</p><p>Sophie hatte das Gef�hl, dass Leigh Teabing endlich zum springenden Punkt kam.</p><p>Teabing konnte seine Erregung nicht mehr verbergen. �Die Legende vom Heiligen Gral ist eine Legende vom k�niglichen Gebl�t. Wenn in der Legende die Rede ist vom �Kelch, der das Blut Christi aufgefangen hat� � ja, dann ist in Wahrheit von Maria Magdalena die Rede, von dem weiblichen Scho�, der das Gebl�t Christi getragen hat.�</p><p>Der letzte Satz schien eine Weile in der Luft des Ballsaals zu h�ngen, bis Sophie seine Tragweite vollends begriffen hatte. <emphasis>Maria Magdalena hat das k�nigliche Gebl�t Christi getragen? Aber das hie�e doch �</emphasis></p><p>Sie sah Langdon an.</p><p>Langdon l�chelte ihr zu. �Ja. Christus und Maria Magdalena m�ssen ein Kind gehabt haben.�</p><p>Sophie stand da wie vom Donner ger�hrt.</p><p>�Man h�re und staune!�, rief Teabing. �Die gr��te Verschleierungsaktion in der Geschichte der Menschheit. Jesus Christus war nicht nur verheiratet, er war auch Vater eines Kindes. Meine Liebe, Maria Magdalena war das heilige Gef��, sie war der Kelch, der Christi k�nigliches Blut aufgefangen hat, sie war der Weinstock, der die heilige Rebe getragen hat, und sie war der Scho�, der den Stammhalter geboren hat!�</p><p>Sophie sp�rte, wie ihr die H�rchen an den Armen zu Berge standen. �Aber wie war es m�glich, ein Geheimnis von solch unfassbarer Bedeutung �ber all die Jahrhunderte zu vertuschen?�</p><p>�Du lieber Himmel!�, rief Teabing aus, �von vertuschen kann doch nun wirklich nicht die Rede sein! Das k�nigliche Geschlecht, das von Jesus abstammt, ist der Quell der hartn�ckigsten Legende aller Zeiten, der Legende vom Heiligen Gral. Seit Jahrhunderten pfeifen die Spatzen Maria Magdalenas Geschichte in allen m�glichen Metaphern und sprachlichen Verschl�sselungen von den D�chern. Die Geschichte ist allgegenw�rtig! Man braucht nur die Augen aufzumachen.�</p><p>�Und was ist mit den Sangreal-Dokumenten?�, warf Sophie ein. �Sie enthalten doch angeblich den Beweis, dass Jesus k�niglicher Abstammung war.�</p><p>�Ganz recht.�</p><p>�Dann dreht sich die gesamte Gralslegende also nur um das k�nigliche Gebl�t?�</p><p>�Ja, und das sogar in einem ziemlich w�rtlichen Sinne�, entgegnete Teabing. �Das Wort <emphasis>sangreal</emphasis> kommt von <emphasis>San Greal</emphasis>, der Heilige Gral. Aber in seiner �ltesten Schreibweise war dieses Wort anders unterteilt.� Teabing griff nach einem Blatt, schrieb etwas darauf und schob es Sophie hin. Sie las:</p><p>SANG REAL</p><p>Sophie erkannte augenblicklich die Bedeutung. <emphasis>Sang Real</emphasis> hie� <emphasis>k�nigliches Blut.</emphasis></p></section><section><title><p><strong>59. KAPITEL</strong></p></title><p>Der Portier am Empfang der Opus-Dei-Zentrale an der Lexington Avenue in New York stutzte, als er die Stimme von Bischof Aringarosa aus dem Telefonh�rer vernahm.</p><p>�Guten Abend, Exzellenz�, sagte der Portier.</p><p>�Liegt eine Nachricht f�r mich vor?� Die Stimme des Bischofs klang h�rbar angespannt.</p><p>�Jawohl, Exzellenz. Ich bin froh, dass Sie anrufen. Vor einer halben Stunde ist eine dringende Nachricht f�r Sie hereingekommen.�</p><p>�Aha. Hat der Anrufer seinen Namen genannt?�</p><p>�Nein. Er hat nur eine Nummer hinterlassen, mit der Bitte, Sie m�chten sich umgehend melden.� Der Portier gab die Nummer durch.</p><p>�Die Vorwahl lautet 0033? Das ist in Frankreich, nicht wahr?�</p><p>�Gewiss, Exzellenz. In Paris.�</p><p>�Besten Dank. Ich habe auf diesen Anruf schon gewartet�, sagte Aringarosa und unterbrach die Verbindung.</p><p>Der Portier fragte sich beim Auflegen, weshalb die Verst�ndigung so schlecht gewesen war. Dem Terminplan zufolge befand der Bischof sich an diesem Wochenende in New York, doch es hatte sich angeh�rt, als w�re der Anruf vom anderen Ende der Welt gekommen.</p><p>Der Portier zuckte die Schultern. Bischof Aringarosa hatte sich schon die letzten f�nf Monate �u�erst merkw�rdig benommen.</p><p><emphasis>Du bist mit deinem Handy in einem Funkloch gewesen</emphasis>, dachte Aringarosa, w�hrend der Chauffeur den Fiat zum Charterflughafen Ciampino in Rom steuerte. <emphasis>Der Lehrer hat versucht, dich zu erreichen</emphasis>. Nach seiner vorherigen Bef�rchtung, den Anruf verpasst zu haben, war Aringarosa nun erleichtert, dass der Lehrer immerhin so viel Vertrauen in ihn gesetzt hatte, um sich direkt an die Zentrale des Opus Dei in New York zu wenden.</p><p><emphasis>Das kann nur bedeuten, dass die Sache in Paris heute Nacht gut gelaufen ist.</emphasis></p><p>In freudiger Erwartung w�hlte er die Nummer. Nicht mehr lange, und er war in Paris. <emphasis>Noch bevor es hell wird, bist du dort gelandet.</emphasis> F�r den kurzen Flug nach Frankreich wartete eine gecharterte Turbopropmaschine auf den Bischof. Ein Linienflug war zu dieser Stunde ohnehin keine Alternative, erst recht nicht in Anbetracht des Inhalts seines K�fferchens.</p><p>Aringarosa h�rte den Rufton der gew�hlten Nummer. Eine Frauenstimme meldete sich. �<emphasis>Direction Centrale Police Judiciaire.</emphasis>�</p><p>Aringarosa stutzte. �Ich, �h � man hat mich gebeten, diese Nummer anzurufen.�</p><p>�<emphasis>Qui �tes-vous</emphasis>?�, fragte die Frauenstimme. �Wer sind Sie?�</p><p>Aringarosa war nicht sicher, ob er sich zu erkennen geben sollte. <emphasis>Die franz�sische Polizei will dich sprechen?</emphasis></p><p>�Ihren Namen bitte, Monsieur.�</p><p>�Bischof Manuel Aringarosa.�</p><p>�Un moment.� Es klickte in der Leitung.</p><p>Nach l�ngerem Warten meldete sich am anderen Ende eine barsche Stimme, in der Besorgnis mitschwang. �Exzellenz, ich bin froh, Sie endlich erreicht zu haben. Wir m�ssen unbedingt einige Dinge bereden.�</p></section><section><title><p><strong>60. KAPITEL</strong></p></title><p><emphasis>Sangreal � Sang Real � San Greal � der Heilige Gral � das k�nigliche Blut �</emphasis></p><p>Es hing alles zusammen.</p><p><emphasis>Der Heilige Gral ist Maria Magdalena � die Mutter der k�niglichen Nachkommenschaft Jesu Christi �</emphasis></p><p>Sophie stand im Ballsaal, noch immer verwirrt und ungl�ubig. Ihre Gedanken �berschlugen sich. Je mehr Steine dieses Puzzles Teabing und Langdon vor ihr ausbreiteten, desto unglaublicher und undurchschaubarer wurde das Ganze.</p><p>Teabing hinkte zu einem B�cherbord. �Wie Sie sehen, meine Liebe�, sagte er, �ist Leonardo da Vinci nicht der Einzige, der versucht hat, der Welt die Wahrheit �ber den Heiligen Gral zu offenbaren. Das k�nigliche Gebl�t Christi ist in der Gelehrtenwelt ausgiebig und bis ins letzte Detail untersucht worden.� Teabing lie� den Finger �ber mehrere Dutzend Buchr�cken gleiten.</p><p>Sophie neigte den Kopf zur Seite, sodass sie einige der Titel entziffern konnte:</p><p>DAS GEHEIMNIS DER TEMPLER</p><p><emphasis>Die geheimen H�ter des wahren Wissens um das Wesen und die Person Christi.</emphasis></p><p>DIE FRAU MIT DEM ALABASTERGEF�SS:</p><p><emphasis>Maria Magdalena und der Heilige Gral</emphasis></p><p>DIE FRUCHTBARKEITSG�TTIN IN DER HEILIGEN SCHRIFT</p><p><emphasis>Die Wiedergewinnung des Mutterkults</emphasis></p><p>�Und hier der vielleicht bekannteste Titel�, sagte Teabing, zog einen abgegriffenen Band aus dem Regal und reichte ihn Sophie. Auf dem Umschlag stand:</p><p>DER HEILIGE GRAL UND SEINE ERBEN</p><p><emphasis>Der internationale Bestseller</emphasis></p><p>Sophie blickte auf. �Ein internationaler Bestseller? Ich habe noch nie von diesem Buch geh�rt.�</p><p>�Sie haben das Gl�ck, zu jung daf�r zu sein�, sagte Teabing. �Dieses Buch hat Anfang der Achtzigerjahre gro�es Aufsehen erregt. Die Autoren haben f�r meinen Geschmack hier und da �berzogene Schl�sse gezogen, doch ihre Grundannahme ist vern�nftig. Ihnen geb�hrt das Verdienst, die Thematik der Dynastie Jesu Christi an eine breitere �ffentlichkeit getragen zu haben.�</p><p>�Und wie hat die Kirche auf dieses Buch reagiert?�</p><p>�Mit Emp�rung, versteht sich. Damit war zu rechnen. Schlie�lich handelte es sich um ein peinliches Geheimnis, das die Kirche schon im vierten Jahrhundert aus der Welt schaffen wollte. Sogar in den Kreuzz�gen ging es zum Teil noch darum, brisante Informationen an sich zu rei�en und sie f�r immer verschwinden zu lassen. Maria Magdalena stellte f�r die M�nner der Kirche eine so immense Bedrohung dar, dass sie ihnen das Genick brechen konnte. Nicht nur, dass Jesus die Aufgabe, seine Kirche zu gr�nden, einer Frau � seiner eigenen Frau � �bertragen hatte, diese Frau verk�rperte obendrein den Beweis, dass der von der Kirche proklamierte Gottessohn eine Dynastie von Sterblichen begr�ndet hatte. Zur Abwehr der nachhaltigen Bedrohung stellte die Kirche Maria Magdalena beharrlich als Dirne dar und vernichtete s�mtliche Dokumente, die sie als Gattin Christi ausweisen konnten. Den unliebsamen Behauptungen, dass Christus Nachkommen hatte und dass er ein sterblicher Prophet gewesen war, sollte auf diese Weise ein Riegel vorgeschoben werden.�</p><p>�Die historische Beweislage f�r diesen Sachverhalt ist erdr�ckend�, sagte Langdon und nickte Sophie zu.</p><p>�Zugegeben�, sagte Teabing, �das h�re sich d�ster an, aber man muss auch verstehen, dass die Kirche wohl beraten war, dieses T�uschungsman�ver zu unternehmen. W�re allgemein bekannt geworden, dass Christus Nachkommen hatte, h�tte die Kirche nicht �berleben k�nnen. Ein von Jesus gezeugtes Kind h�tte die zentrale Vorstellung von der G�ttlichkeit Christi unhaltbar gemacht � ebenso den allein selig machenden Anspruch der katholischen Kirche, dass der Mensch nur durch sie allein und ihre Sakramente mit Gott in Verbindung treten und die Aufnahme ins Himmelreich bewirken k�nne.�</p><p>�Die f�nfbl�ttrige Rose!�, sagte Sophie pl�tzlich und deutete auf einen der Buchr�cken. <emphasis>Genau die gleiche Rose wie auf dem Rosenholzk�stchen.</emphasis></p><p>Teabing grinste Langdon an. �Sie hat gute Augen, nicht wahr?� Er wandte sich Sophie zu. �Das ist das Symbol der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> f�r den Gral und f�r Maria Magdalena. Da sie von der Kirche mit Acht und Bann belegt wurde, haben sich zahlreiche Pseudonyme f�r ihren Namen entwickelt � der Kelch, der Heilige Gral, die Rose � � Teabing hielt inne. �Die Rose steht in Beziehung zum f�nfzackigen Stern der Venus und zum Leitstern der Kompassrose. Die Bezeichnung �Rose� ist �brigens im Englischen, Franz�sischen, Deutschen und vielen anderen Sprachen gleich.�</p><p>�Rose ist au�erdem ein Anagramm auf <emphasis>Eros</emphasis>�, sagte Langdon, �den griechischen Gott der geschlechtlichen Liebe.�</p><p>Sophie streifte ihn mit einem �berraschten Seitenblick, w�hrend Teabing unbeirrt fortfuhr.</p><p>�Die Rose war immer schon das vorrangige Symbol der weiblichen Sexualit�t. In primitiven Fruchtbarkeitskulten stehen die f�nf Bl�tter der Rose f�r die f�nf Wendepunkte im Leben der Frau � Geburt, erste Menstruation, Mutterschaft, Menopause und Tod. In neuerer Zeit wird die Beziehung der bl�henden Rose zur Weiblichkeit eher auf optischem Gebiet gesehen.� Er blickte Robert an. �Vielleicht kann uns hier der Symbolkundler weiterhelfen.�</p><p>Robert suchte nach einem Ansatzpunkt, allerdings einen Augenblick zu lang.</p><p>�Du lieber Himmel�, l�sterte Teabing, �was seid ihr Amerikaner pr�de.� Er schaute wieder Sophie an. �Was Robert so schwer �ber die Lippen will, ist die Tatsache, dass die Rosenbl�te dem weiblichen Genitale �hnelt, jener verborgenen Bl�te, durch die jedes Menschenwesen die Welt betritt. Falls Sie jemals ein Gem�lde von Georgia O'Keefe gesehen haben, wissen Sie, was ich meine.�</p><p>�Letztlich geht es hier doch darum�, meldete Langdon sich zu Wort und deutete auf das B�cherbord, �dass alle diese Werke die gleiche historische Annahme untermauern.�</p><p>�Dass Jesus Familienvater war?�, fragte Sophie, noch immer nicht �berzeugt.</p><p>�Jawohl!�, sagte Teabing, �und dass Maria Magdalenas Scho� seine k�nigliche Nachkommenschaft getragen hat. Die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> verehrt Maria Magdalena bis zum heutigen Tag als die G�ttin des Heiligen Grals, als die Rose und die g�ttliche Mutter.�</p><p>Pl�tzlich stand Sophie wieder das Ritual im Felsenkeller vor Augen.</p><p>Teabing fuhr fort: �Der <emphasis>Prieur�</emphasis> zufolge war Maria Magdalena zum Zeitpunkt der Kreuzigung schwanger. Um das ungeborene Kind nicht zu gef�hrden, hatte sie keine andere Wahl, als au�er Landes zu gehen. Mit der Hilfe des Joseph von Arimat�a, dem vertrauensw�rdigen Onkel von Jesus, ist Maria Magdalena heimlich nach Frankreich gereist, das damals �Gaul� genannt wurde, und wo sie eine sichere Zuflucht in der dortigen gro�en j�dischen Gemeinde fand. Hier in Frankreich hat sie eine Tochter zur Welt gebracht, die den Namen Sarah erhielt.�</p><p>Sophie blickte erstaunt. �Man kennt sogar den Namen des Kindes?�</p><p>�Noch viel mehr. Das Leben von Maria Magdalena und Sarah ist von ihren j�dischen Besch�tzern genauestens aufgezeichnet worden. Man darf nicht vergessen, dass Maria Magdalenas Kind die Linie der j�dischen K�nige fortf�hrte � des Hauses David und Salomo. Aus diesem Grund sahen die damaligen Juden in Frankreich in Maria Magdalena eine Vertreterin des heiligen K�nigshauses und verehrten sie als Garantin seines Fortbestehens. Zahllose gelehrte Chronisten jener Zeit haben die Tage Maria Magdalenas in Frankreich dokumentiert, einschlie�lich der Geburt Sarahs und des Stammbaums, der sich daraus entwickelt hat.�</p><p>�Es gibt einen Stammbaum der Nachkommenschaft Christi?�, fragte Sophie fassungslos.</p><p>�Allerdings. Und er d�rfte einer der wesentlichen Bestandteile der Sangreal-Dokumente sein � eine vollst�ndige Genealogie der fr�hen Nachkommen Christi.�</p><p>�Aber was hat ein solches Dokument �ber die Nachkommenschaft Christi schon zu bedeuten?�, wandte Sophie ein. �Es ist doch kein unwiderlegbarer Beweis. Die Historiker k�nnen doch unm�glich seine Echtheit nachweisen.�</p><p>Teabing kicherte in sich hinein. �Genauso wenig, wie man die Echtheit der Heiligen Schrift nachweisen kann.�</p><p>�Und das bedeutet?�</p><p>�Es bedeutet, dass die Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird. Wenn zwei Kulturen aufeinander prallen, verschwindet der Verlierer von der Bildfl�che, und der Sieger schreibt die Geschichtsb�cher, in denen er sich selbst im vorteilhaftesten Licht zeichnet und den besiegten Feind als Halunken darstellt. Wie hat Napoleon so treffend gesagt? �Was ist die Geschichte anderes als eine L�ge, �ber die alle sich einig sind.�� Teabing l�chelte. �Das liegt in der Natur der Sache. Die Geschichte ist immer eine einseitige Berichterstattung.�</p><p>So hatte Sophie es noch nie betrachtet.</p><p>�Die Sangreal-Dokumente erz�hlen nichts anderes als die andere Seite der Geschichte Jesu Christi. Was man letzen Endes f�r wahr h�lt, ist eine Frage des Glaubens beziehungsweise der pers�nlichen Neugier, aber die Information als solche hat immerhin �berlebt. Die Sangreal-Dokumente umfassen Zehntausende beschriebener Seiten. Nach dem Bericht von Augenzeugen wurde der Sangreal-Schatz von den Tempelrittern in vier gro�en Truhen fortgeschafft. In diesen Truhen sollen sich auch die <emphasis>Dokumente der reinen Lehre</emphasis> befunden haben � Tausende Seiten originaler Schriftst�cke aus der Zeit vor Konstantin dem Gro�en, niedergeschrieben von den fr�hen Anh�ngern Jesu, die ihn als durch und durch menschlichen Lehrer und Propheten verehrt haben. Auch das legend�re �<emphasis>Q</emphasis>�-Dokument wird diesem Schatz zugerechnet � ein Manuskript, dessen Existenz sogar von der katholischen Kirche offiziell einger�umt wird und das eine Aufzeichnung der Lehre Jesu sein soll, m�glicherweise sogar von Jesus selbst verfasst.�</p><p>�Ein Manuskript von Jesus pers�nlich?�</p><p>�Gewiss�, sagte Teabing. �Warum soll Jesus keine Chronik seines Lebens verfasst haben? In jenen Tagen haben das viele Menschen getan, zumal so bedeutende Personen wie Jesus von Nazareth. Ein weiteres hochbrisantes Dokument, das sich in diesem Konvolut befinden soll, sind die <emphasis>Tageb�cher der Maria Magdalena �</emphasis> ihr pers�nlicher Bericht �ber ihr Leben mit Jesus, seine Kreuzigung und ihren Aufenthalt in Frankreich.�</p><p>Sophie blieb lange stumm. �Und diese vier Truhen sind der Schatz, den die Tempelritter unter dem Tempel Salomos gefunden haben?�</p><p>�So ist es. Es sind jene Dokumente, denen die Tempelritter ihre immense Macht verdankten und die im Laufe der Jahrhunderte Gegenstand der zahllosen Gralssuchen gewesen sind.�</p><p>�Aber sagten Sie nicht, dass <emphasis>Maria Magdalena</emphasis> der Heilige Gral ist? Weshalb bezeichnen Sie dann die Suche nach Dokumenten ebenfalls als eine Suche nach dem Gral?�</p><p>Teabing schaute Sophie an. Sein Blick wurde weich. �Weil sich im Versteck des Grals auch ein Sarkophag befindet.�</p><p>Drau�en klagte der Wind in den B�umen.</p><p>Teabings Stimme war leiser geworden. �Die Suche nach dem Gral ist letztlich die Sehnsucht, vor den Gebeinen Maria Magdalenas niederzuknien � eine Wallfahrt, um zu F��en der Ausgesto�enen zu beten, der Tr�gerin des verloren gegangenen g�ttlich Weiblichen.�</p><p>�Das Versteck des Heiligen Grals ist eine <emphasis>Grabst�tte</emphasis>?�</p><p>Teabings Haselnussaugen nahmen einen vertr�umten Ausdruck an. �Ja. Es ist eine Begr�bnisst�tte, in der sich der Leichnam Maria Magdalenas befindet, zusammen mit den Dokumenten, die ihre wahre Lebensgeschichte belegen. Die Jagd nach dem Gral ist nie etwas anderes gewesen als die Suche nach Maria Magdalena � nach der um ihr Recht betrogenen K�nigin, der <emphasis>reine perdue</emphasis>, die mitsamt den Beweisen des legitimen Machtanspruchs ihrer Familie im Grab liegt.�</p><p>Sophie dachte an ihren Gro�vater. Vieles ergab immer noch keinen Sinn. �Haben die Mitglieder der <emphasis>Prieur�</emphasis> all die Jahre dem Druck der Gralssucher standgehalten und das Geheimnis der Sangreal-Dokumente und der letzten Ruhest�tte Maria Magdalenas bewahren k�nnen?�, fragte sie.</p><p>�Ja. Aber der Bruderschaft obliegt noch eine weitere bedeutende Pflicht � der Schutz der Nachkommenschaft als solcher. Die Nachkommen Jesu waren stets gef�hrdet. Die Kirche konnte ein Wachsen und Gedeihen der Dynastie Christi nicht zulassen, denn damit w�rde sich fr�her oder sp�ter das Geheimnis offenbaren, dass Christus Maria Magdalena zur Gemahlin genommen hatte, was der Grundlage der katholischen Lehre den Todessto� versetzt h�tte � der Doktrin vom g�ttlichen Messias, der nichts mit Frauen zu schaffen hatte � oder gar sich mit einer Frau geschlechtlich vereinigt h�tte.� Teabing holte Luft. �Dennoch konnte sich die Dynastie in Frankreich im Verborgenen entwickeln, bis sie sich im f�nften Jahrhundert durch Heirat mit einem franz�sischen K�nigsgeschlecht vereinte, woraus eine Dynastie hervorging � die Merowinger.�</p><p>Wieder konnte Sophie kaum glauben, was sie da h�rte; aber diesmal befand sie sich wenigstens auf vertrautem Terrain. Die Merowinger kannte in Frankreich jedes Schulkind.</p><p>�Die � � Sie stockte, denn ihr schwirrte der Kopf. �Die Merowinger haben Paris gegr�ndet � �</p><p>�So ist es. Das ist auch einer der Gr�nde, weshalb die Gralslegenden in Frankreich so �ppig ins Kraut geschossen sind. Die Kirche hat immer wieder nach dem Gral suchen lassen, was aber in Wirklichkeit Geheimoperationen zum Zweck der Liquidierung der unliebsamen K�nigsdynastie gewesen sind. Haben Sie schon einmal von K�nig Dagobert geh�rt?�</p><p>Sophie erinnerte sich vage an eine d�stere Episode aus dem Geschichtsunterricht, in der dieser Name eine Rolle gespielt hatte. �War Dagobert nicht ein Merowingerk�nig, der im Schlaf durch einen Dolchsto� ins Auge ermordet wurde?�</p><p>�Ganz recht. Gegen Ende des siebten Jahrhunderts wurde er von Pippin von Heristal beseitigt, der mit der Kirche unter einer Decke steckte. Diese Bluttat h�tte die Dynastie der Merowinger um ein Haar ausgel�scht. Dagoberts Sohn Sigibert war dem Anschlag jedoch wie durch ein Wunder entgangen und erhielt das K�nigsgeschlecht am Leben, aus dem sp�ter auch Gottfried von Bouillon hervorgegangen ist, der Begr�nder des Ordens der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>.�</p><p>�Eben jener Mann�, sagte Langdon, �der den Tempelrittern aufgetragen hat, die Sangreal-Dokumente aus den Ruinen des salomonischen Tempels zu bergen, um in den Besitz des Beweises der Blutsverwandtschaft der Merowinger mit Jesus Christus zu gelangen.�</p><p>Teabing nickte und seufzte tief. �Die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> unserer Tage sieht sich mit drei schwierigen Aufgaben von gro�er Tragweite konfrontiert. Sie muss die Sangreal-Dokumente, die Grabst�tte Maria Magdalenas und die Nachkommenschaft Christi h�ten und besch�tzen � die wenigen Nachfahren des merowingischen K�nigshauses, die heute noch unter uns leben.�</p><p>Der Nachhall des letzten Satzes hing bedeutungsschwer in dem gro�en Saal. Sophie sp�rte eine merkw�rdig vibrierende Resonanz im K�rper, als h�tte Teabings Aussage eine neue Wahrheit in ihrem Innern in Schwingung versetzt. <emphasis>Nachkommen Christi, die heute noch unter uns leben</emphasis>. Wieder wisperte die Stimme des Gro�vaters in ihrem Ohr. <emphasis>Prinzessin, ich muss dich in das Geheimnis deiner Familie einweihen</emphasis>.</p><p>Es lief ihr eiskalt �ber den R�cken.</p><p><emphasis>K�nigliches Gebl�t.</emphasis></p><p>Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen.</p><p><emphasis>Prinzessin Sophie.</emphasis></p><p>�Sir Leigh?� Das Kr�chzen der Stimme des Butlers aus der Sprechanlage an der Wand lie� Sophie zusammenfahren. �Darf ich Euer Lordschaft einen Moment in die K�che bitten?�</p><p>Teabing verzog ver�rgert das Gesicht. Er ging zu der Anlage und dr�ckte auf die Sprechtaste. �R�my, es d�rfte Ihnen bekannt sein, dass ich mich ungest�rt meinen G�sten widmen m�chte. Falls wir etwas brauchen, werden wir uns selbst zu helfen wissen. Danke und gute Nacht.�</p><p>�Bitte, noch ein letztes Wort, Sir, bevor ich mich zur�ckziehe.�</p><p>Teabing grunzte ungehalten und dr�ckte die Taste. �Aber schnell, R�my.�</p><p>�Es handelt sich um eine Haushaltsangelegenheit, Sir, die ich Ihren G�sten nicht zumuten m�chte.�</p><p>Teabing machte ein fassungsloses Gesicht. �Das hat doch wohl bis morgen Zeit!�</p><p>�Leider nicht, Sir. Es dauert nur eine Minute.�</p><p>Teabing verdrehte die Augen. �Manchmal frage ich mich, wer hier wen bedient.� Er seufzte, warf einen hilflosen Blick zu Sophie und Langdon und dr�ckte wieder die Sprechtaste. �Gut, R�my, ich komme. Soll ich gleich das gebrauchte Geschirr mitbringen?�</p><p>�Bitte nur ihre Gewogenheit, Sir.�</p><p>�R�my, ich brauche wohl nicht zu betonen, dass Sie das Ausbleiben einer K�ndigung nur Ihrem <emphasis>steak au poivre</emphasis> zu verdanken haben.�</p><p>�Gewiss, Euer Lordschaft, wenn Sie es sagen.�</p></section><section><title><p><strong>61. KAPITEL</strong></p></title><p><emphasis>Prinzessin Sophie.</emphasis></p><p>Wie vor den Kopf geschlagen, lauschte Sophie dem rhythmischen Klacken von Teabings Kr�cken, das sich den Gang hinunter entfernte. Sie sah Langdon entgeistert an, doch der sch�ttelte den Kopf, als h�tte er ihre Gedanken erraten.</p><p>�Nein, Sophie�, fl�sterte er und blickte sie ermutigend an. �Dieser Gedanke war mir selbst schon gekommen, als ich erkannt habe, dass Ihr Gro�vater zur <emphasis>Prieur�</emphasis> geh�rte und Ihnen ein Geheimnis �ber Ihre Abstammung anvertrauen wollte. Aber es kann einfach nicht sein. Sauni�re ist kein merowingischer Name�, setzte er hinzu.</p><p>Sophie wusste nicht, ob sie entt�uscht oder erleichtert sein sollte. Langdon hatte sie kurz zuvor beil�ufig nach dem M�dchennamen ihrer Mutter gefragt � Chauvel. Jetzt verstand Sophie die Frage. �Und Chauvel?�, erkundigte sie sich ein wenig �ngstlich.</p><p>Langdon sch�ttelte abermals den Kopf. �Nein. Es tut mir Leid. Ich wei�, das h�tte Ihnen manches verst�ndlicher gemacht. Aber die Namen der Familien, um die es hier geht, lauten Plantard und Saint-Clair. Sie leben im Verborgenen, vielleicht unter dem Schutz der <emphasis>Prieur�</emphasis>.�</p><p>Sophie sagte sich stumm die Namen vor und sch�ttelte den Kopf. In ihrer Verwandtschaft gab es niemanden, der Plantard oder Saint-Clair hie�. Sie sp�rte den Sog der M�digkeit. Seit den Ereignissen im Louvre war Sophie der L�sung des R�tsels um die Botschaft ihres Gro�vaters keinen Schritt n�her gekommen. Sie w�nschte sich, er h�tte ihre Herkunft bei seinem Anruf am Nachmittag nicht erw�hnt. Er hatte alte Wunden bei ihr aufgerissen, die jetzt mehr schmerzten denn je.</p><p><emphasis>Sophie, deine Angeh�rigen sind tot. Sie kommen nicht mehr nach Hause.</emphasis></p><p>Sophie dachte daran, wie ihre Mutter sie abends in den Schlaf gesungen und wie ihr Vater sie auf den Schultern hatte reiten lassen � und an die Gro�mutter und ihren j�ngeren Bruder. All das war ihr genommen worden. Sie hatte nur noch den Gro�vater gehabt.</p><p><emphasis>Und jetzt ist auch er tot. Jetzt bist du ganz allein.</emphasis></p><p>Sophie betrachtete still das Bild vom Abendmahl, Maria Magdalenas langes rotes Haar und ihre ruhigen Augen, in denen der Verlust eines geliebten Menschen anklang, ganz �hnlich dem Gef�hl, das Sophie jetzt selbst empfand.</p><p>�Robert?�, sagte sie leise.</p><p>Er trat zu ihr.</p><p>�Teabing hat gesagt, dass man auf Schritt und Tritt auf die Gralsgeschichte st��t, aber ich habe heute Abend das erste Mal davon geh�rt.�</p><p>Langdon schien ihr tr�stend die Hand auf die Schulter legen zu wollen, lie� es aber dann. �Sie haben die Geschichte schon tausendmal geh�rt, Sophie, wie jeder andere. Wir merken es nur nicht.�</p><p>�Das ist mir zu hoch.�</p><p>�Die Gralsgeschichte ist allgegenw�rtig, doch sie lebt sozusagen im Verborgenen. Nachdem die Kirche daf�r gesorgt hatte, dass es nicht mehr m�glich war, offen �ber Maria Magdalena zu sprechen, musste die Weitergabe der Geschichte Maria Magdalenas und deren Bedeutung auf eine weniger offensichtliche Ebene verlagert werden � auf die Ebene der Metaphern und Symbole.�</p><p>�Sie meinen die Kunst.�</p><p>Langdon deutete auf das Abendmahl. �Ja. Hier haben wir ein perfektes Beispiel vor uns. So wie dieses Gem�lde erz�hlen viele andere unverg�ngliche Werke der bildenden Kunst, der Literatur und Musik auf verschl�sselte Weise die Geschichte von Maria Magdalena und Jesus.�</p><p>Langdon nannte Sophie eine Reihe von Werken da Vincis, Botticellis, Poussins, Berninis, Mozarts und Victor Hugos, in denen das Trachten nach der Wiedereinsetzung des verdr�ngten Weiblichkeitskults in sein Recht zum Ausdruck kam. Zeitlose Sagen wie die von Sir Gawain und dem gr�nen Ritter, von K�nig Artus und der Tafelrunde oder das M�rchen von Dornr�schen waren Allegorien auf den Gral. In Victor Hugos Roman �Der Gl�ckner von N�tre-Dame� und in Mozarts �Zauberfl�te� wimmelte es von Gralsgeheimnissen und versteckter Freimaurersymbolik.</p><p>�Wenn man erst einmal einen Blick daf�r bekommen hat�, sagte Langdon, �entdeckt man das Gralsthema �berall, auf Gem�lden, in Romanen, in Kompositionen � sogar in Comics, in Filmen, selbst in Freizeitparks.�</p><p>Er hielt seine Mickymaus-Uhr hoch und erkl�rte Sophie, dass Walt Disney, der schon zu Lebzeiten als �moderner da Vinci� gepriesen wurde, es sich zur heimlichen Lehensaufgabe gemacht hatte, die Gralsgeschichte an die kommenden Generationen weiterzugeben. Beide M�nner waren begnadete K�nstler, Mitglieder einer Geheimgesellschaft und ihrer Zeit um Generationen voraus � und beide hatten es faustdick hinter den Ohren. Wie Leonardo hatte auch Walt Disney seinen Werken mit diebischem Vergn�gen versteckte Botschaften und Symbole beigef�gt, Kenner der Symbolik wurden in fr�hen Disney-Filmen mit Anspielungen und Metaphern f�rmlich zugesch�ttet.</p><p>Disneys verborgene Botschaften behandelten vorwiegend religi�se Inhalte, heidnische Mythen und den Topos der verkannten und unterjochten Prinzessin. Es war keineswegs ein Zufall, dass Disney M�rchen wie <emphasis>Aschenputtel</emphasis>, <emphasis>Dornr�schen</emphasis> und <emphasis>Schneewittchen</emphasis> zum Sujet seiner Filme gemacht hatte, in denen es jedes Mal um die Einkerkerung des g�ttlich Weiblichen ging. Man musste kein Symbolkundler sein, um zu erkennen, dass <emphasis>Schneewittchen</emphasis> � eine Prinzessin, die in Ungnade gefallen war, nachdem sie von einem vergifteten Apfel gegessen hatte � eine Paraphrase auf Eva im Paradies darstellte, oder dass <emphasis>Dornr�schen</emphasis>, das M�rchen von der Prinzessin, die im tiefen Wald hinter einem Rosendickicht schlummert, das sie vor den Klauen der b�sen Hexe sch�tzt, eine Gralsgeschichte f�r Kinder ist.</p><p>Ungeachtet seines Images als Saubermann besch�ftigte Disney Mitarbeiter, die sich einen Jux daraus machten, in den Zeichentrickfilmen des Studios heimliche Botschaften einzuschmuggeln. Es war f�r Langdon unvergesslich, wie einer seiner Studenten mit einer DVD des Films <emphasis>Simba, der kleine L�we</emphasis> ins Seminar kam, um die Vorf�hrung an einer ganz bestimmten Stelle anzuhalten, als sich f�r einen Sekundenbruchteil deutlich sichtbar aus Staubw�lkchen das Wort �SEX� �ber Simbas Kopf bildete. Auch wenn Langdon damals eher den Eindruck gehabt hatte, dass der Zeichner hier einen Sch�lerwitz und weniger eine Anspielung auf die heidnischen Aspekte menschlicher Sexualit�t gemacht hatte, untersch�tzte er Disneys Gesp�r f�r Symbolik keineswegs. <emphasis>Die kleine Meerjungfrau</emphasis> war ein faszinierendes Gewebe so eindeutiger Symbolbez�ge zum Weiblichkeitskult, dass jeder Zufall ausgeschlossen war, etwa das Gem�lde in der Unterwasserwohnung Arielles, <emphasis>Die B��erin Maria Magdalena</emphasis> von Gabriel de la Tour, einem Meister des siebzehnten Jahrhunderts � eine ber�hmte Hommage an die verfemte Maria Magdalena. Das Bild war ein passendes Dekor f�r einen Film, der sich als neunzigmin�tige Collage unverhohlener symbolischer Reverenzen an Isis, Eva, die Fischg�ttin Pisces und immer wieder Maria Magdalena entpuppte. Arielle, der Name der Meerjungfrau, hatte starke Bez�ge zum g�ttlich Weiblichen. Im Buch des Propheten Jesaia war �Ariel� ein Synonym f�r �die belagerte Heilige Stadt�. Auch das wehende rote Haar der Meerjungfrau war wohl kein Zufall.</p><p>Das klackende Ger�usch der Kr�cken Sir Leigh Teabings riss Langdon aus seinen Gedanken. Als Teabing kurz darauf durch die T�r kam, blickte er Langdon und Sophie abweisend an.</p><p>�Sie schulden mir eine Erkl�rung, Robart�, sagte er kalt. �Sie haben versucht, mich hinters Licht zu f�hren.�</p></section><section><title><p><strong>62. KAPITEL</strong></p></title><p>�Sir Leigh, man will mir etwas anh�ngen�, sagte Langdon und bem�hte sich, Ruhe zu bewahren. <emphasis>Du kennst mich doch, Leigh. Sehe ich wie ein M�rder aus!</emphasis></p><p>Teabings Tonfall blieb frostig. �Robert, Ihr Fahndungsfoto wird im Fernsehen gezeigt, verdammt! Wussten Sie, dass die Polizei Ihnen auf den Fersen ist?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Dann haben Sie mein Vertrauen missbraucht. Es ist erstaunlich, mit welcher Seelenruhe Sie mich in Gefahr bringen, indem Sie hier auftauchen und mich �ber den Gral dozieren lassen, nur um in meinem Heim eine sichere Zuflucht zu finden.�</p><p>�Ich bin kein M�rder, Sir Leigh, und � �</p><p>�Jacques Sauni�re ist tot, und die Polizei ist sicher, dass Sie der T�ter sind.� Teabings Blick wurde traurig. �Was hat dieser Mann nicht alles f�r die Kunst geleistet � �</p><p>�Sir?� Der Butler war hinter Teabing erschienen und hatte sich mit verschr�nkten Armen im T�rrahmen aufgebaut. �Sir, w�nschen Sie, dass ich die Herrschaften nach drau�en begleite?�</p><p>�Schon gut, R�my�, sagte Teabing mit einem giftigen Blick auf Langdon und Sophie, w�hrend er durch den Saal hinkte und eine gro�e gl�serne Verandat�r aufstie�. �Begeben Sie sich bitte zu Ihrem Wagen und verlassen Sie sofort mein Grundst�ck.�</p><p>Sophie r�hrte sich nicht von der Stelle. �Wir sind im Besitz von Informationen �ber den <emphasis>clef de vo�te</emphasis>. Den Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis>.�</p><p>Teabing blickte Sophie absch�tzend an. �Wieder so ein verzweifeltes Man�ver!� Er lachte ver�chtlich. �Robert wei�, wie besessen ich nach diesem Stein gesucht habe.�</p><p>�Miss Neveu spricht die Wahrheit�, pflichtete Langdon Sophie bei.</p><p>�Gehen Sie jetzt, oder ich rufe die Polizei!�, mischte der Butler sich ein.</p><p>�Sir Leigh�, fl�sterte Langdon beschw�rend, �wir wissen, wo der Stein ist!�</p><p>Teabings Entschlossenheit schien ins Wanken zu geraten.</p><p>R�my n�herte sich mit steifen Schritten. �Wenn Sie nicht augenblicklich gehen�, sagte er drohend zu Langdon und Sophie, �werde ich Sie gewaltsam � �</p><p>�R�my!�, herrschte Teabing ihn an. �Lassen Sie uns allein!�</p><p>Der Butler blickte seinen Herrn und Meister betroffen an. �Aber Sir Leigh, diese Leute sind � �</p><p>��berlassen Sie gef�lligst mir die Entscheidung, wen ich vor mir habe!� Teabing wies mit dem Finger auf den Flur. �Verschwinden Sie jetzt.�</p><p>Der Butler schwieg gekr�nkt und schlich wie ein begossener Pudel davon.</p><p>Durch die offene Verandat�r strich k�hl die Nachtluft herein. Teabing wandte sich wieder Sophie und Langdon zu. �Jetzt aber keine M�tzchen mehr! Was wissen Sie �ber den Schlussstein?�</p><empty-line/><p>Silas kauerte im dichten Geb�sch vor Teabings zum Arbeitsraum umfunktionierten Ballsaal. Er hielt den Griff der Pistole umklammert und �ugte durch die offene Glast�r. Vor wenigen Augenblicken erst war er zur R�ckseite des Geb�udes geschlichen und hatte Langdon und die Frau in dem gro�en Saal miteinander reden sehen. Doch bevor Silas etwas unternehmen konnte, war ein Mann auf Kr�cken in den Saal gekommen, hatte Langdon beschimpft, die Verandat�r aufgerissen und seine G�ste barsch zum Gehen aufgefordert. Dann hatte die Frau etwas von einem Schlussstein gesagt, und mit einem Schlag hatte die Situation sich vollkommen ge�ndert. Aus der lautstarken Auseinandersetzung war Gefl�ster geworden, die Wogen hatten sich gegl�ttet � und die Glast�r war wieder geschlossen worden.</p><p>Im Dunkeln kauernd, sp�hte Silas durch die Scheiben. <emphasis>Der Schlussstein befindet sich irgendwo hier im Ch�teau</emphasis>! Der h�nenhafte Albino konnte es geradezu k�rperlich f�hlen.</p><p>Auf gute Deckung bedacht, schlich er n�her an die Scheiben, um zu lauschen, was drinnen gesagt wurde. Silas gab den Personen im Saal f�nf Minuten. Wenn bis dahin kein Wort �ber den Verbleib des Schlusssteins gefallen war, musste er hinein und die Anwesenden mit dem bew�hrten Mittel der Gewalt zum Reden bringen �</p><empty-line/><p>Langdon sah die Verwunderung auf dem Gesicht seines Gastgebers.</p><p>�Jacques Sauni�re soll Gro�meister gewesen sein?�, stie� Teabing hervor.</p><p>Sophie, der Teabings ma�loses Erstaunen nicht entging, nickte.</p><p>�Aber wie wollen Sie das denn �berhaupt wissen?�</p><p>�Jacques Sauni�re war mein Gro�vater.�</p><p>Teabing taumelte auf seinen Kr�cken zur�ck. Sein Blick traf Langdon, der best�tigend nickte. Teabing sah wieder Sophie an. �Miss Neveu, mir fehlen die Worte. Wenn das stimmt, bin ich zutiefst betr�bt �ber Ihren Verlust. Sie m�ssen wissen, dass ich studienhalber Listen von Pariser B�rgern gef�hrt habe, die nach meiner Einsch�tzung als Kandidaten f�r die Mitgliedschaft in der <emphasis>Prieur�</emphasis> in Frage kamen. Neben vielen anderen stand auch Jacques Sauni�re auf der Liste. Aber Gro�meister, sagen Sie? Das f�llt mir denn doch schwer zu glauben.� Teabing verstummte nachdenklich und sch�ttelte den Kopf. �Es spricht zu viel dagegen. Selbst wenn Sauni�re tats�chlich Gro�meister der <emphasis>Prieur�</emphasis> gewesen w�re und den Schlussstein eigenh�ndig angefertigt h�tte, w�rde er Ihnen niemals anvertraut haben, wie und wo der Stein zu finden ist. Der Schlussstein enth�lt die Wegbeschreibung zum lange geh�teten Schatz der <emphasis>Prieur�</emphasis>. Enkelin hin oder her, Miss Neveu, Sie geh�ren keinesfalls zu dem Personenkreis, der in dieses Wissen eingeweiht werden darf.�</p><p>�Sauni�re lag sterbend am Boden, als er diese Information weitergab�, sagte Langdon. �Er hatte keine andere Wahl.�</p><p>�Wozu h�tte er eine andere Wahl gebraucht? Es gibt noch drei Seneschalle, die ebenfalls in das Geheimnis eingeweiht sind. Das ist ja das Gro�artige an diesem Geheimhaltungssystem. Wenn jemand zum Gro�meister aufsteigt, r�ckt ein neuer Mann als Seneschall nach, der bei dieser Gelegenheit neu in das Geheimnis eingeweiht wird.�</p><p>�Offenbar haben Sie nur einen Teil der Fernsehnachrichten gesehen�, sagte Sophie. �Au�er meinem Gro�vater wurden heute Nacht drei weitere prominente Pariser B�rger ermordet. Alle auf ganz �hnliche Weise. Und alle scheinen mit brutaler Gewalt zu einer Aussage erpresst worden zu sein.�</p><p>Teabing sah sie verbl�fft, an. �Und Sie nehmen an, diese drei anderen Ermordeten waren � �</p><p>�Die Seneschalle�, vollendete Langdon den Satz.</p><p>�Aber wie ist das m�glich? Wie soll ein M�rder die vier f�hrenden K�pfe der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> enttarnt haben? Nehmen Sie mich, zum Beispiel. Nach Jahrzehnten intensivster Nachforschungen kann ich Ihnen kein einziges Mitglied der <emphasis>Prieur�</emphasis> namentlich nennen! Es ist schlichtweg unm�glich, dass die drei Seneschalle und der Gro�meister an einem einzigen Tag enttarnt und ermordet wurden.�</p><p>�Ich bezweifle, dass ihre Enttarnung das Werk eines einzigen Tages gewesen ist�, sagte Sophie. �Mir kommt die Sache wie ein wohl geplantes <emphasis>d�capiter</emphasis> vor, ein pr�ziser Schlag zur Enthauptung. Mit dieser Technik r�cken wir beim DCPJ der organisierten Kriminalit�t zu Leibe. Wenn unsere Polizei eine bestimmte Gruppierung ausschalten will, wird sie �ber Monate hinweg �berwacht, bis wir s�mtliche K�pfe der Organisation namentlich kennen. Erst dann wird in einer genau abgestimmten Aktion zugeschlagen und die gesamte F�hrung gleichzeitig verhaftet. Damit ist die Organisation gleichsam enthauptet. Sie ist f�hrungslos und versinkt im Chaos, was in den meisten Fallen weitere Informationen hervorbringt. M�glicherweise hat jemand �ber lange Zeit die <emphasis>Prieur�</emphasis> geduldig belauert und dann zugeschlagen, in der Hoffnung, dass die F�hrungsebene das Geheimnis des Schlusssteins preisgibt.�</p><p>Teabing wirkte nicht �berzeugt. �Aber diese M�nner w�rden niemals reden. Sie haben ein Gel�bde abgelegt, das Geheimnis zu h�ten, selbst angesichts des Todes!�</p><p>�Eben�, sagte Langdon. �Wenn diese M�nner das Geheimnis nicht preisgeben, aber get�tet werden � �</p><p>Teabing schnappte nach Luft, � � w�re das Geheimnis vom Versteck des Heiligen Grals f�r immer verloren!� Er schien unter dem Gewicht dieser Vorstellung zu wanken, lie� sich in einen Sessel sinken und starrte durch die Scheiben nach drau�en.</p><p>Sophie trat zu ihm. �Wenn man die verzweifelte Lage meines Gro�vaters bedenkt, halte ich es f�r m�glich, dass er das Geheimnis an eine au�en stehende Person weitergeben musste � eine Person, die er f�r vertrauensw�rdig hielt, jemand aus seiner Familie. Jemand wie mich.�</p><p>Teabing war blass geworden. �Aber wer sollte in der Lage sein, die <emphasis>Prieur�</emphasis> so gr�ndlich auszuspionieren und einen solchen Schlag zu f�hren � � Er verstummte, und ein Ausdruck des Entsetzens erschien auf seinem Gesicht. �F�r ein Unterwanderungsman�ver dieses Kalibers kommt nur eine einzige Macht in Frage. Die �lteste Feindin der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>.�</p><p>Langdon sah Teabing an. �Die Kirche?�</p><p>�Wer sonst? Rom ist seit Jahrhunderten hinter dem Gral her!�</p><p>Sophie war skeptisch. �Sie glauben, die Kirche h�tte meinen Gro�vater auf dem Gewissen!�</p><p>�Es w�re nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die Kirche gemordet h�tte, um sich zu sch�tzen�, sagte Teabing. �Die Dokumente, die zum Heiligen Gral geh�ren, sind hochbrisant. Die Kirche hat seit Jahrhunderten versucht, ihrer habhaft zu werden, um sie zu vernichten.�</p><p>Langdon war skeptisch, was Teabings Theorie betraf, die moderne Kirche w�rde zum Mittel des plumpen Mordes greifen, um sich Dokumente oder anderes zu verschaffen. Er hatte den neuen Papst und viele Kardin�le pers�nlich erlebt und wusste, dass diese M�nner niemals ein Attentat guthei�en w�rden. <emphasis>Egal, was auf dem Spiel steht</emphasis>.</p><p>Sophie schien �hnliche �berlegungen anzustellen. �W�re es nicht m�glich, dass die Mitglieder der Bruderschaft von jemandem umgebracht wurden, der au�erhalb der Kirche steht? Jemand, der die wahre Natur des Heiligen Grals �berhaupt nicht kennt? Der Kelch Christi w�re schlie�lich eine ungeheure Verlockung. Schatzsucher haben schon f�r viel weniger get�tet.�</p><p>�Nach meiner Erfahrung�, sagte Teabing, �legen die Menschen sich viel mehr ins Zeug, um zu vermeiden, wovor sie Angst haben, als um sich zu verschaffen, was sie begehren. F�r mich riecht dieser Anschlag auf die <emphasis>Prieur�</emphasis> nach Verzweiflung.�</p><p>�Sir Leigh�, sagte Langdon, �ich halte Ihre �berlegung f�r widersinnig. Warum sollten Mitglieder der katholischen Geistlichkeit Mitglieder der <emphasis>Prieur�</emphasis> ermorden, um in den Besitz von Dokumenten zu gelangen, die in ihren Augen ohnehin falsche Informationen beinhalten?�</p><p>Teabing lachte leise. �Ihre Geistessch�rfe hat im Elfenbeinturm von Harvard offenbar gelitten, Robert. Ganz recht � der r�mische Klerus ist mit einem alles �berwindenden Glauben gesegnet, der ihm die Kraft gibt, s�mtliche St�rme abzuwehren, wozu auch die Dokumente geh�ren, die alles in Frage stellen, was diesen Leuten lieb und teuer ist. Aber wie steht es mit jenen, denen diese Gewissheit des Glaubens fehlt? Was ist mit denen, die sich angesichts der grausamen Geschehnisse in unserer Welt fragen, wo Gott geblieben ist? Was ist mit denen, die angesichts der skandal�sen Vorg�nge in der Kirche die Frage stellen, wer eigentlich die M�nner sind, die angeblich das Wort Gottes verk�nden und gleichzeitig schamlos l�gen, um den sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre eigene Priesterschaft zu vertuschen?� Teabing hielt inne. �Wie werden diese Leute reagieren, Robert, wenn stichhaltige Beweise auf den Tisch gelegt werden, dass die von der Kirche verbreitere biblische Geschichte von Jesus Christus mehr Dichtung als Wahrheit enth�lt?�</p><p>Langdon erwiderte nichts.</p><p>�Ich werde Ihnen sagen, was passiert, wenn diese Dokumente ans Tageslicht kommen, Robert�, fuhr Teabing fort. �Die katholische Kirche wird in die gr��te Krise ihrer zweitausendj�hrigen Geschichte st�rzen!�</p><p>�Aber wenn die Kirche f�r diesen Anschlag verantwortlich ist�, sagte Sophie nach l�ngerem Schweigen, �warum schreitet sie ausgerechnet jetzt zur Tat? Nach so vielen Jahrhunderten? Die <emphasis>Prieur�</emphasis> h�lt die Dokumente doch unter Verschluss. Sie sind f�r die Kirche keine unmittelbare Bedrohung.�</p><p>Teabing seufzte bedeutungsvoll und sah Langdon an. �Ich darf doch annehmen, Robert, dass Sie den endg�ltigen Auftrag der <emphasis>Prieur�</emphasis> kennen?�</p><p>Der Gedanke lie� Langdon den Atem stocken. �Durchaus!�</p><p>�Miss Neveu�, sagte Teabing, �zwischen der katholischen Kirche und der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> hat es seit Urzeiten eine stillschweigende �bereinkunft gegeben. Die Kirche l�sst die <emphasis>Prieur�</emphasis> in Ruhe, und die <emphasis>Prieur�</emphasis> l�sst im Gegenzug die Sangreal-Dokumente im Keller. Nun war es aber stets erkl�rte Absicht der <emphasis>Prieur�</emphasis>, das Geheimnis eines Tages zu l�ften. Wenn ein bestimmter Zeitpunkt in der Geschichte gekommen ist, will die Bruderschaft das Schweigen brechen und ihren letzten triumphalen Schlag f�hren, indem sie die wahre Geschichte Jesu Christi von den Berggipfeln ruft.�</p><p>Sophie sah Teabing schweigend an und setzte sich schlie�lich ebenfalls. �Offenbar gehen Sie davon aus, dass dieser Zeitpunkt unmittelbar bevorsteht. Und die Kirche? Ist sie auch dieser Ansicht?�</p><p>�Es ist nur eine Spekulation � aus der sich f�r die Kirche allerdings ein Motiv ergeben w�rde, die Dokumente mit einem einzigen vernichtenden Schlag in die Hand zu bekommen, bevor es zu sp�t ist.�</p><p>Langdon hatte das ungute Gef�hl, dass einiges f�r Teabings Annahme sprach. �Glauben Sie, die Kirche w�re in der Lage, diesen selbst gesetzten Stichtag der <emphasis>Prieur�</emphasis> herauszufinden?�</p><p>�Warum nicht? Wenn wir annehmen, dass sie es geschafft hat, die Identit�ten des Gro�meisters und seiner drei Seneschalle aufzudecken, kann sie durchaus auch die Pl�ne der <emphasis>Prieur�</emphasis> in Erfahrung gebracht haben. Und selbst wenn der Kirche das genaue Datum nicht bekannt ist, k�nnte sie von ihrem Aberglauben zum Handeln getrieben worden sein.�</p><p>�Aberglauben?� Sophie horchte auf.</p><p>�Den Prophezeiungen der Bibel zufolge befinden wir uns zurzeit in einem gewaltigen Umbruch. Mit dem Millenium, das wir erlebt haben, ist nach zweitausend Jahren das astrologische Zeitalter des Sternzeichens der Fische zu Ende gegangen � wobei der Fisch wohlgemerkt auch ein griechisches Anagramm f�r den Namen Jesus Christus ist. Jeder Kenner der Astrologie wird Ihnen sagen k�nnen, dass die zum eigenverantwortlichen Denken und Handeln unf�hige Menschheit nach astrologischem Verst�ndnis im Zeichen der Fische der F�hrung durch eine h�here Macht bedarf. Deshalb ist das Zeitalter der Fische die �ra der religi�sen Inbrunst gewesen. Jetzt aber treten wir in das Zeitalter des Wassermanns ein, in dem die Ideale der Wahrheitsliebe und des eigenst�ndigen Denkens zum Tragen kommen. Das bedeutet einen gewaltigen ideologischen Umbruch, den wie zurzeit ja auch erleben.�</p><p>Langdon fr�stelte. Er selbst konnte mit der Astrologie wenig anfangen, doch er wusste, dass es viele Kirchenm�nner gab, bei denen dies keineswegs der Fall war. �Die Kirche nennt diese �bergangsperiode das �Ende der Zeit��, sagte er.</p><p>�Das Ende der Welt also? Die Apokalypse?�, fragte Sophie �ngstlich.</p><p>�Nein�, erwiderte Langdon beruhigend, �das ist ein h�ufiges Missverst�ndnis. Vom �Ende der Zeit� ist in vielen Religionen die Rede, womit nicht das Ende der Welt gemeint ist, sondern das Ende des soeben ablaufenden Zeitalters der Fische, das in der Zeit um Christi Gehurt begonnen und zweitausend Jahre angedauert hat und das mit der Wende ins dritte Jahrtausend ausklingt. Mit dem erfolgten �bergang ins neue Jahrtausend ist auch das �Ende der Zeit� gekommen.�</p><p>�Unter Gralshistorikern herrscht die verbreitete Ansicht�, meinte Teabing, �dass dieser symboltr�chtige Zeitpunkt f�r die <emphasis>Prieur�</emphasis> besonders geeignet ist, mit der Wahrheit ans Licht zu treten, falls sie es tats�chlich beabsichtigt. Die meisten wissenschaftlichen Kenner der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>, meine Wenigkeit eingeschlossen, waren der Ansicht, der Zeitpunkt, an dem die Bruderschaft an die �ffentlichkeit tritt, w�rde genau mit der Jahrtausendwende zusammenfallen. Das war offenkundig nicht der Fall, wobei es allerdings eine gewisse Grauzone gibt, da unser gregorianischer Kalender nicht genau mit der astrologischen Chronologie �bereinstimmt. Ich vermag nicht zu sagen, ob die Kirche inzwischen Informationen �ber einen m�glichen Zeitpunkt erlangt hat, an dem die <emphasis>Prieur�</emphasis> die Wahrheit enth�llt, oder ob sie aufgrund der Prophezeiungen einfach nur nerv�s geworden ist. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Den Anlass zu einem Pr�ventivschlag gegen die <emphasis>Prieur�</emphasis> h�tte die Kirche so oder so.� Teabing machte ein d�steres Gesicht. �Und glauben Sie mir, wenn die Kirche den Heiligen Gral findet, wird sie ihn vernichten, und die Dokumente und die Reliquien unserer gesegneten Maria Magdalena ebenfalls.� Teabings Blick wurde tr�b. �Und wenn die Sangreal-Dokumente zerst�rt sind, ist jede Spur ausgel�scht. Dann, meine Liebe, hat die Kirche in ihrem seit Jahrhunderten gef�hrten Kampf, die Geschichte umzuschreiben, die Oberhand behalten. Die Vergangenheit wird dann f�r immer ausradiert sein.�</p><p>Sophie zog den kreuzf�rmigen Schl�ssel aus der Tasche und hielt ihn Teabing hin.</p><p>Der nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn. �Mein Gott!�, rief er aus, �das Emblem der <emphasis>Prieur�</emphasis>. Wo haben Sie diesen Schl�ssel her?�</p><p>�Von meinem Gro�vater. Er hat ihn mir heute Nacht zugespielt, bevor er starb.�</p><p>Teabing lie� die Finger �ber den kreuzf�rmigen Griff gleiten. �Ein Kirchenschl�ssel?�</p><p>Sophie holte rief Luft. �Mit diesem Schl�ssel gelangt man zum Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis>.�</p><p>Teabing zuckte zusammen. Verwunderung und Ratlosigkeit spiegelten sich in seinem Blick. �Ausgeschlossen! Ich habe jede Kirche Frankreichs, die in Frage kommt, dahin gehend untersucht.�</p><p>�Der Schlussstein befindet sich nicht in einer Kirche�, sagte Sophie, �sondern im Depot einer Schweizer Bank.�</p><p>�In einer Bank?�, fragte Teabing.</p><p>�In einem Tresorkeller�, pr�zisierte Langdon.</p><p>�In einem Tresorkeller?� Teabing sch�ttelte heftig den Kopf. �Das ist unm�glich. Der Schlussstein verbirgt sich unter dem Zeichen der Rose.�</p><p>�So ist es�, sagte Langdon. �Der Schlussstein befand sich in einem Rosenholzkasten mit einer Einlegearbeit, die eine f�nfbl�ttrige Rose zeigt.�</p><p>�Sie haben ihn gesehen?� Teabing zitterte am ganzen K�rper.</p><p>Sophie nickte. �Wir sind in dieser Bank gewesen.�</p><p>Teabing erhob sich m�hsam und trat dicht an Sophie und Langdon heran. In seinen Augen flackerte Angst. �Meine Freunde, wir m�ssen unbedingt etwas unternehmen. Der Schlussstein ist in Gefahr! Wir m�ssen ihn sch�tzen, das ist unsere Pflicht! Was, wenn es noch mehr Schl�ssel gibt, die m�glicherweise den ermordeten Seneschallen gestohlen wurden? Wenn die Kirche sich Zutritt zu der Bank verschaffen kann, wie es offensichtlich auch Ihnen gelungen ist, dann � �</p><p>�Dann kommt sie zu sp�t�, vollendete Sophie den Satz. �Wir haben den Stein mitgenommen.�</p><p>�Was? Sie haben den Schlussstein aus seinem Versteck geholt?�</p><p>�Keine Bange�, sagte Langdon. �Er ist gut aufgehoben.�</p><p>�<emphasis>Sehr</emphasis> gut aufgehoben, hoffe ich!�</p><p>Langdon konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. �Das h�ngt davon ab, wie oft unter Ihrem Sofa Staub gewischt wird.�</p><empty-line/><p>Der Wind, der um Ch�teau Villette strich, hatte aufgefrischt und lie� Silas' Kutte flattern. Noch immer kauerte der Albino im Dunkeln vor dem Fenster. Zwar hatte er kaum verstehen k�nnen, was drinnen gesprochen wurde, aber das Wort � �Schlussstein� war mehrere Male bis zu ihm nach drau�en gedrungen.</p><p><emphasis>Er ist da drin.</emphasis></p><p>Die Worte des Lehrers hafteten noch frisch in Silas' Ged�chtnis. <emphasis>Dringen Sie ins Ch�teau Villette ein. Bringen Sie den Schlussstein an sich. Aber verletzen Sie niemanden</emphasis>.</p><p>Pl�tzlich waren Langdon und die anderen in einen anderen Raum gegangen und hatten die Lichter des riesigen Arbeitsraums hinter sich gel�scht. Als Silas sich geschmeidig zur gro�en Verandat�r bewegte, kam er sich vor wie ein Panther, der seine Beute beschleicht. Die T�r war nicht wieder verriegelt worden. Silas schl�pfte hinein und verschloss die T�r leise hinter sich. Aus dem Nebenraum klangen ged�mpfte Stimmen zu ihm. Er zog die Pistole aus der Tasche, entsicherte sie und schlich auf den Flur.</p></section><section><title><p><strong>63. KAPITEL</strong></p></title><p>Leutnant Collet stand, am Anfang der Zufahrt zu Leigh Teabings Anwesen und schaute zu dem massigen Geb�ude hinauf. <emphasis>Isoliert. Dunkel. Gute Deckung</emphasis>. Die acht Mann seines Kommandos waren ger�uschlos am Zaun ausgeschw�rmt, Binnen Minuten konnten sie hin�bersteigen und das Ch�teau umstellen. F�r einen �berraschungsschlag von Collets Einsatzkommando h�tte Langdon keinen besseren Ort w�hlen k�nnen als das gro�e Schloss mit dem weitl�ufigen Gel�nde.</p><p>Collet wollte gerade Fache anrufen, als sein Handy sich meldete und Fache selbst anrief. Der Capitaine schien von der j�ngsten Entwicklung l�ngst nicht so angetan, wie Collet erwartet, hatte. �Warum hat man mir nicht mitgeteilt, dass wir Langdons Spur wieder aufgenommen haben?�</p><p>�Sie hatten gerade telefoniert, Chef, und � �</p><p>�Wo ist Ihr genauer Standort, Leutnant Collet?�</p><p>Collet gab es durch. �Das Anwesen geh�rt einem britischen Staatsb�rger namens Teabing�, f�gte er hinzu. �Langdon hat eine ziemlich lange Fahrt in Kauf genommen, um hierher zu gelangen. Sein Wagen ist innerhalb der Umz�unung. Wir haben keine Anzeichen daf�r gefunden, dass er sich gewaltsam Zutritt verschafft hat. Es ist eher davon auszugehen, dass Langdon den Bewohner des Anwesens kennt.�</p><p>�Ich komme zu Ihnen raus�, sagte Fache. �Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich werde die Sache pers�nlich in die Hand nehmen.�</p><p>Collet machte ein langes Gesicht. �Aber Sie k�nnen in fr�hestens zwanzig Minuten hier sein. Wir sollten sofort etwas unternehmen, Chef! Ich habe den T�ter hier auf dem Pr�sentierteller, und acht einsatzbereite M�nner stehen zu meiner Verf�gung! Vier sind mit Armeegewehren bewaffnet, die anderen haben Handfeuerwaffen und � �</p><p>�Warten Sie auf mich!�</p><p>�Und was ist, wenn Langdon da drinnen Geiseln genommen hat, Capitaine? Wenn wir eingreifen wollen, muss es sofort geschehen! Meine M�nner sind in Stellung und warten auf den Einsatzbefehl.�</p><p>�Leutnant Collet, Sie werden nichts unternehmen, bevor ich da bin. Das ist ein Befehl!� Fache unterbrach die Verbindung.</p><p>Auch Collet schaltete sein Handy aus. Er wusste, warum Fache ihm befohlen hatte, zu warten. Der Capitaine war mindestens so ber�hmt f�r seine Sp�rnase, wie er f�r seine Eitelkeit ber�chtigt war. <emphasis>Fache m�chte die Lorbeeren f�r die Verhaftung selbst einheimsen</emphasis>. Nachdem er daf�r gesorgt hatte, dass das Gesicht des Amerikaners auf jeder Mattscheibe erschien, wollte er sichergehen, dass sein eigenes Gesicht mindestens ebenso oft �ber die franz�sischen Bildschirme flimmerte. Collet hatte die undankbare Aufgabe, die Stellung zu halten, bis der Chef kam und den gro�en Zampano spielen konnte.</p><p>W�hrend Collet noch an seinem �rger kaute, schoss ihm eine andere Erkl�rung f�r die Verz�gerung durch den Kopf. <emphasis>Schadensbegrenzung</emphasis>. Bei der Verhaftung eines Fl�chtigen wurde nicht lange gefackelt, es sei denn, es waren Zweifel an seiner Schuld aufgekommen. <emphasis>Hat Fache Bedenken, dass Langdon der richtige Mann ist?</emphasis> Der Gedanke war alles andere als beruhigend. Fache hatte sich heute Nacht weit aus dem Fenster gelehnt, um Robert Langdon in die Finger zu bekommen � verdeckte Ermittlung, Interpol und jetzt die Fernsehfahndung. Nicht einmal der gro�e Bezu Fache w�rde das innenpolitische Erdbeben �berleben, wenn er einen prominenten amerikanischen Staatsb�rger f�lschlicherweise zum M�rder erkl�rt und eine Fernsehfahndung nach ihm losgetreten hatte �</p><p>Falls Robert Langdon unschuldig war, �berlegte Collet, lieferte dies auch eine Erkl�rung f�r eine der merkw�rdigsten Ungereimtheiten dieses Falls. Sophie Neveu, die Enkelin des Opfers, w�rde nicht ausgerechnet dem angeblichen M�rder ihres Gro�vaters zur Flucht verhelfen � es sei denn, sie wusste genau, dass Langdon unschuldig war.</p><p>Fache hatte f�r Sophies merkw�rdiges Verhalten bereits s�mtliche denkbaren und undenkbaren Erkl�rungen angeboten, einschlie�lich der Version, dass Sophie als Sauni�res Alleinerbin ihren heimlichen Geliebten Robert Langdon zum Mord an ihrem Gro�vater angestiftet hatte, der wiederum Verdacht gesch�pft und der Polizei den Hinweis <emphasis>P.S. Robert Langdon suchen</emphasis> hinterlassen hatte. Doch Sophie Neveu war viel zu klug, um sich auf ein so verr�cktes und riskantes Spiel einzulassen. Collet war sicher, dass hier etwas ganz anderes im Busch war.</p><p>�Leutnant?� Einer von Collets Beamten kam zu ihm gerannt. �Wir haben einen Wagen gefunden.�</p><p>Collet folgte dem Mann etwa f�nfzig Meter �ber den Abzweig der Zufahrtsstra�e hinaus. Der Beamte deutete auf das breite Bankett auf der anderen Stra�enseite, wo fast unsichtbar im Geb�sch ein schwarzer Audi stand. Das Fahrzeug hatte die Nummernschilder einer Autovermietung. Collet legte die Hand auf die Motorhaube. Sie war noch warm, fast hei�.</p><p>�Mit diesem Wagen muss Langdon gekommen sein�, sagte Collet. �Rufen Sie die Autovermietung an. Fragen Sie nach, ob er gestohlen wurde.�</p><p>�Ja, Chef.�</p><p>Ein anderer Beamter winkte Collet zum Zaun her�ber. �Leutnant, das sollten Sie sich mal ansehen�, sagte er und hielt Collet ein Nachtsichtger�t hin. �Die Baumgruppe am Ende der Zufahrt.�</p><p>Collet peilte die Kuppe des H�gels an und stellte das Glas scharf. Aus verschwommenen gr�nen Umrissen sch�lte sich langsam ein klares Bild heraus. Collet folgte der Zufahrt, schwenkte langsam zu der Baumgruppe � und konnte kaum fassen, was er sah. Dort, im �ppigen Gr�n, stand ein Geldtransporter. Genau so ein Transporter wie der, den er zuvor aus der Z�rcher Depositenbank gelassen hatte. Er schickte ein Sto�gebet zum Himmel, es m�ge sich um einen dummen Zufall handeln, doch er wusste, dass es keiner war.</p><p>�Langdon und Neveu sind offenbar mit diesem Lieferwagen aus der Bank entwischt�, meinte der Beamte.</p><p>Collet fehlten die Worte. Der Fahrer des Geldtransporters fiel ihm ein. Seine Rolex. Seine Ungeduld. <emphasis>Du hast den Laderaum nicht kontrolliert!</emphasis></p><p>Jemand in der Bank musste die Polizei an der Nase herumgef�hrt und Langdon und Sophie zur Flucht verholfen haben. Collet konnte es kaum glauben. Aber wer? Und warum? Collet fragte sich, ob vielleicht das der Grund war, weshalb Fache ihm befohlen hatte, auf sein Erscheinen zu warten. Vielleicht war Fache dahinter gekommen, dass heute Nacht mehr Leute im Spiel waren als lediglich Langdon und Sophie.</p><p><emphasis>Aber wenn Langdon und Neveu mit dem Geldtransporter gekommen sind, wer hat dann den Audi gefahren</emphasis>?</p><empty-line/><p>Hunderte von Kilometern weiter s�dlich raste eine gecharterte Beechcraft Baron 58 �ber das Tyrrhenische Meer nach Norden. Trotz des ruhigen Flugs hielt Bischof Aringarosa sich eine T�te vors Gesicht. Er hatte das Gef�hl, sich jeden Moment �bergeben zu m�ssen. Das Telefonat mit Paris war alles andere als erwartungsgem�� verlaufen.</p><p>Aringarosa sa� als einziger Passagier in der kleinen Kabine. Er drehte den goldenen Ring an seinem Finger und versuchte, seiner l�hmenden Angst und Verzweiflung Herr zu werden. <emphasis>In Paris ist alles schrecklich schief gegangen</emphasis>. Aringarosa schloss die Augen und betete, dass es Bezu Fache gelingen m�ge, alles wieder ins Lot zu bringen.</p></section><section><title><p><strong>64. KAPITEL</strong></p></title><p>Teabing sa� auf dem Sofa. Er hielt das Rosenholzk�stchen auf den Knien und bewunderte die kunstvollen Intarsien auf dem Deckel. <emphasis>Das ist die merkw�rdigste und zugleich wunderbarste Nacht deines Lebens.</emphasis></p><p>�Klappen Sie den Deckel auf�, fl�sterte Sophie, die neben Langdon stand und sich zu Teabing hinuntergebeugt hatte.</p><p>Teabing l�chelte. Jetzt nur keine Eile. Nachdem er mehr als ein Jahrzehnt mit der Suche nach dem Schlussstein verbracht hatte, wollte er jede Sekunde dieses wundervollen Augenblicks voll auskosten. Seine Hand, die liebkosend �ber den Holzdeckel glitt, ertastete die Struktur der eingelegten Rosenbl�te.</p><p>�Die Rose�, fl�sterte er. <emphasis>Die Rose ist Maria Magdalena und der Heilige Gral. Die Rose ist der Kompass, der uns den Weg weisen wird.</emphasis> Teabing kam sich albern vor. Jahrelang hatte er in ganz Frankreich Kirchen und Kathedralen abgeklappert, hatte es sich viel Geld kosten lassen, �berall Zutritt zu bekommen, hatte Hunderte von Gew�lben inspiziert, die unter Rosenfenstern lagen, und einen Schlussstein gesucht, in den eine verschl�sselte Botschaft eingemei�elt war. <emphasis>La clef de vo�te</emphasis> � der Stein unter dem Zeichen der Rose.</p><p>Teabing l�ste bed�chtig den Verschluss und hob den Deckel. Als sein Blick den Inhalt erfasste, wusste er sofort, dass es nur der Schlussstein sein konnte � ein Steinzylinder, der aus sorgf�ltig zusammengef�gten, mit Buchstabenmarkierungen versehenen und gegeneinander drehbaren Segmenten bestand. Der Gegenstand kam ihm irgendwie bekannt vor.</p><p>�Es ist ein Entwurf aus Leonardo da Vincis Skizzenb�chern�, sagte Sophie. �Mein Gro�vater hat ihn in seiner Freizeit angefertigt.�</p><p><emphasis>Nat�rlich</emphasis>! Teabing erinnerte sich an die Zeichnungen und Entw�rfe Leonardos. <emphasis>In diesem Stein befindet sich der Schl�ssel zum Heiligen Gral</emphasis>. Teabing nahm das schwere Kryptex heraus und wog es behutsam in der Hand. Er sp�rte, dass sein eigenes Schicksal im Innern dieses Steines beschlossen lag, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er zu �ffnen war. In Augenblicken fehlgeschlagener Hoffnung hatte Teabing oft am Erfolg seiner lebenslangen Suche gezweifelt. Diese Zweifel waren nun f�r immer verflogen. Er konnte die uralten Worte h�ren � die Quintessenz der Gralslegende.</p><p><emphasis>Vous ne trouvez pas le Saint-Graal, c'est le Saint-Graal qui vous trouve.</emphasis></p><p><emphasis>Du wirst den Heiligen Gral nicht finden. Der Heilige Gral findet dich.</emphasis></p><p>Und heute Nacht � es war kaum zu fassen � war der Wegweiser zum Gral zu seiner T�r hereinspaziert �</p><empty-line/><p>W�hrend Sophie und Teabing sich auf dem Sofa �ber die Einstellscheiben, das m�gliche Passwort und den Selbstvernichtungsmechanismus unterhielten, hatte Langdon das K�stchen zu einem gut ausgeleuchteten Tisch getragen, um es besser in Augenschein nehmen zu k�nnen. Teabing hatte vorhin einen Satz gesagt, der Langdon nicht mehr aus dem Kopf ging �</p><p><emphasis>Der Schl�ssel zum Gral liegt unter dem Zeichen der Rose.</emphasis></p><p>Langdon hielt das Holzk�stchen ans Licht und untersuchte die Einlegearbeit mit der Rose. Er war zwar kein Kenner von Holzschnitzereien und Intarsienkunst, erinnerte sich jedoch an das ber�hmte Kloster bei Madrid, wo sich Jahrhunderte nach der Errichtung des Bauwerks die Paneele der Holzdecke gel�st hatten und darunter die von M�nchen in den einst noch frischen Putz gekratzten heiligen Inschriften zum Vorschein gekommen waren.</p><p>Langdon betrachtete die Rose.</p><p><emphasis>Unter der Rose.</emphasis></p><p><emphasis>Sub rosa.</emphasis></p><p><emphasis>Geheim</emphasis>.</p><p>Ein Ger�usch auf dem Flur lie� ihn herumfahren, doch im Zwielicht hinter der offenen T�r war nichts zu erkennen. Es konnte nur Teabings Butler gewesen sein. Langdon wandte sich wieder dem K�stchen zu. Konnte man die Rose vielleicht herausheben. Er lie� den Finger �ber den Rand der Intarsien gleiten, doch die Passform war perfekt. Nicht mal eine Rasierklinge h�tte man zwischen die Rose und den Rand der sorgf�ltig ausgesparten Vertiefung schieben k�nnen, in die sie eingearbeitet war.</p><p>Langdon �ffnete den Kasten und betrachtete den Deckel von innen. Auch hier war alles vollkommen glatt. Als er den Kasten im Licht ein bisschen drehte, glaubte er genau in der Mitte des Deckels ein kleines Loch zu erkennen. Langdon schloss den Deckel wieder und betrachtete die Einlegearbeit mit dem Symbol noch einmal von au�en. Kein Loch.</p><p><emphasis>Das Loch geht nicht durch.</emphasis></p><p>Langdon setzte den Kasten wieder ab und sah sich um. Ein paar Bl�tter, von einer B�roklammer zusammengehalten, lagen auf einem Tischchen. Er nahm die B�roklammer an sich, trat wieder an den Tisch, klappte den Kasten auf und studierte die kleine �ffnung. Geschickt bog er die B�roklammer auseinander und schob das Ende in das Loch. Als er vorsichtig ein wenig dr�ckte, fiel leise klappernd etwas auf die Tischplatte. Die Rose war aus ihrer Vertiefung gesprungen.</p><p>Langdon betrachtete die Stelle, an der die Rose gesessen hatte, und es verschlug ihm die Sprache. Im unbearbeiteten Holz der Vertiefung schienen in makelloser Handschrift vier Zeilen auf, doch Schrift und Sprache waren ihm v�llig unbekannt.</p><p><emphasis>Die Buchstaben sehen semitisch aus</emphasis>, dachte Langdon, <emphasis>aber du kannst nicht einmal die Sprache erkennen.</emphasis></p><p>Eine pl�tzliche Bewegung hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Wie aus dem Nichts traf ihn ein schwerer Hieb auf den Kopf.</p><p>W�hrend Langdon in die Knie ging, glaubte er einen Sekundenbruchteil lang einen riesigen, bleichen Geist mit einer Pistole in der Hand �ber sich hinwegschweben zu sehen. Dann wurde alles schwarz.</p></section><section><title><p><strong>65. KAPITEL</strong></p></title><p>Sophie Neveu arbeitete zwar f�r die Polizei, doch bis zu dieser Nacht hatte ihr noch niemand eine Pistole unter die Nase gehalten. Noch verr�ckter aber war, dass die Waffe, in deren M�ndung Sophie jetzt starrte, sich in der bleichen Hand eines h�nenhaften Albinos mit langen wei�en Haaren befand. Er musterte Sophie aus roten Augen, die auf Furcht erregende Weise k�rperlos wirkten. In seiner groben Kutte mit dem Strick um die H�ften sah er wie eine M�nchsgestalt aus dem Mittelalter aus. Sophie hatte nicht die leiseste Ahnung, wer dieser Riese war, doch ihr Respekt vor Teabing, der die Kirche hinter den Ereignissen vermutete, bekam neue Nahrung.</p><p>Die Stimme des M�nchs klang hohl. �Sie wissen, weshalb ich gekommen bin.�</p><p>Sophie und Teabing sa�en auf dem Sofa und hielten die Arme in die H�he, wie der Eindringling es von ihnen verlangt hatte. Langdon lag st�hnend am Boden.</p><p>Der Blick des M�nchs ruhte auf dem Kryptex.</p><p>�Sie werden es nicht aufbekommen�, sagte Teabing mit fester Stimme und dr�ckte das Kryptex an sich.</p><p>�Mein Lehrer ist ein weiser Mann�, gab der M�nch zur�ck und kam langsam n�her. Die M�ndung seiner Waffe zeigte abwechselnd auf Teabing und Sophie.</p><p>Sophie fragte sich, wo Teabings Butler blieb. <emphasis>Der Mann muss doch etwas geh�rt haben!</emphasis></p><p>�Wer ist Ihr Lehrer?�, fragte Teabing. �Man k�nnte doch eine finanzielle Vereinbarung treffen.�</p><p>�Der Gral hat keinen Preis.� Der M�nch kam noch n�her.</p><p>�Sie bluten ja�, bemerkte Teabing ruhig und deutete mit dem Kinn auf den rechten Kn�chel des M�nchs, wo ein Blutrinnsal unter dem Saum der Kutte hervorsickerte. �Und Sie humpeln.�</p><p>�Sie auch�, gab der M�nch zur�ck und wies auf die Leichtmetallkr�cken, die neben Teabing an der Sofakante lehnten. �Nun geben Sie schon den Schlussstein her.�</p><p>�Sie � wissen vom Schlussstein?�, sagte Teabing �berrascht.</p><p>�Es geht Sie nichts an, was ich wei�. Stehen Sie auf, und reichen Sie mir den Stein her�ber.�</p><p>�Ich kann aber nur ganz langsam aufstehen.�</p><p>�Umso besser. Sie sollten n�mlich keine schnellen Bewegungen machen.�</p><p>Teabing legte den rechten Arm bis zum Ellbogen in eine der Kr�cken. Das Kryptex in der Linken, stemmte er sich hoch, bis er unsicher aufrecht stand. Auf der Handfl�che der ausgestreckten Linken hielt er dem M�nch den schweren Steinzylinder hin.</p><p>Der M�nch trat bis auf Arml�nge heran, die Pistole auf Teabings Kopf gerichtet. Sophie musste hilflos zusehen, wie er die Hand nach dem Steinzylinder ausstreckte.</p><p>�Sie werden es nicht schaffen�, sagte Teabing. �Nur wer dessen w�rdig ist, kann den Stein �ffnen.�</p><p><emphasis>Gott allein bestimmt, wer w�rdig ist</emphasis>, dachte Silas.</p><p>�Er ist ziemlich schwer�, sagte Teabing, dessen Arm herabzusinken drohte. �Wenn Sie mir den Stein nicht bald abnehmen, muss ich ihn fallen lassen.� Er schwankte gef�hrlich.</p><p>Als Silas vorsprang, um den Stein an sich zu rei�en, verlor Teabing das Gleichgewicht. Die Kr�cke rutschte unter ihm weg, und er kippte nach rechts.</p><p><emphasis>Nein</emphasis>! Silas lie� die Waffe sinken und hechtete vor, um den Stein zu retten, der jedoch immer weiter aus seiner Reichweite geriet, da der st�rzende Teabing ihn mit der Linken schr�g nach hinten aufs Sofa fallen lie�. Gleichzeitig schien die Kr�cke, die unter ihm weggeglitten war, sich selbstst�ndig zu machen. Blitzschnell fuhr sie in die H�he und beschrieb einen eleganten Bogen, der j�h und pr�zise auf dem Bu�g�rtel an Silas' Oberschenkel endete.</p><p>Die Stacheln bohrten sich tief in Silas' ohnehin wundes Fleisch. Der Schmerz jagte wie eine explodierende Splitterbombe durch seinen K�rper. Er kr�mmte sich, brach in die Knie. Im Fallen l�ste sich aus seiner Waffe mit ohrenbet�ubendem Krachen ein Schuss. Das Projektil fuhr harmlos in die Dielen des Parkettbodens. Als Silas die Waffe hochzurei�en versuchte, traf ihn Sophies Schuh an der Kinnspitze.</p><empty-line/><p>Am Fu� der Zufahrt vernahm Collet das ged�mpfte Ger�usch eines Schusses. Panik stieg in ihm auf. Nun, da Fache nach hier unterwegs war, hatte Collet bereits jede Hoffnung aufgegeben, den Ruhm einheimsen zu k�nnen, Langdon gefasst zu haben. Nun fehlte ihm nur noch, dass Fache ihm ein Disziplinarverfahren wegen Vernachl�ssigung der Dienstpflicht anh�ngte.</p><p><emphasis>In dem Schloss wurde eine Waffe abgefeuert, und Sie, Collet, haben am Ende der Zufahrt gestanden, ohne einzugreifen?</emphasis></p><p>Collet wusste, dass die Gelegenheit f�r einen �berraschungsschlag l�ngst vertan war. Er wusste aber auch, dass seine Karriere bei Anbruch des Morgengrauens zu Ende war, wenn er nur noch eine Sekunde tatenlos herumstand. Er be�ugte das eiserne Gittertor und fasste einen Entschluss.</p><p>�Spannt zwei Wagen an und rei�t das Tor nieder!�</p><empty-line/><p>Irgendwo in seinem umnebelten Hirn h�rte Langdon das Dr�hnen eines Schusses und einen Schmerzensschrei. Seinen eigenen? Ein Presslufthammer schien ein Loch in seinen Hinterkopf zu bohren. Ganz in der N�he glaubte er aufgeregte Stimmen zu h�ren.</p><p>�R�my! Wo steckten Sie denn, zum Teufel?�, rief Teabing.</p><p>Der Butler kam herbei gerannt. �Was ist geschehen? O Gott, wer ist denn das? Ich rufe sofort die Polizei!�</p><p>�Nein, das werden Sie nicht tun, verdammt noch mal! Nun machen Sie sich endlich n�tzlich! Besorgen Sie uns etwas, womit wir dieses Monstrum fesseln k�nnen.�</p><p>�Und ein paar Eisw�rfel!�, rief Sophie dem Butler hinterher.</p><p>F�r einen Moment verlor Langdon erneut das Bewusstsein; dann h�rte er wieder Stimmen. Er lag auf einem Sofa, und Sophie dr�ckte ihm einen Eisbeutel auf den Kopf. In seinem Sch�del brummte es wie ein Hornissenschwarm. Als er langsam wieder klarer sehen konnte, fiel sein Blick auf eine Gestalt, die auf dem Boden lag � ein mit dickem Klebeband gefesselter und geknebelter h�nenhafter Albino im M�nchsgewand. An seinem Kinn prangte eine Platzwunde, und seine Kutte war am rechten Schenkel mit Blut durchtr�nkt. Auch dieser Riese schien gerade wieder zu sich zu kommen.</p><p>�Wer ist das? Was � ist denn passiert?�, stammelte Langdon.</p><p>Teabing kam zu ihm gehinkt. �Ein Ritter hat Sie mit seinem Schwert aus der Orthop�diewerkstart gerettet.�</p><p><emphasis>Was</emphasis>? Langdon versuchte sich aufzusetzen.</p><p>Sophie dr�ckte ihn mir einer sanften Ber�hrung in die Kissen zur�ck. �G�nnen Sie sich noch ein paar Minuten Ruhe, Robert.�</p><p>�Ich f�rchte, ich habe Ihrer Begleiterin soeben eine Demonstration der unfreiwilligen Vorz�ge meines Leidens geliefert�, meinte Teabing. �Ich habe den Eindruck, ich werde manchmal etwas untersch�tzt.�</p><p>Langdon setzte sich langsam auf, betrachtete den riesigen M�nch und versuchte sich vorzustellen, was geschehen war.</p><p>�Er hat einen Bu�g�rtel getragen�, sagte Teabing.</p><p>�Einen was?�</p><p>Teabing deutete auf ein blutiges, dornenbesetztes Lederband auf dem Boden. �Ein Band, das der Selbstkasteiung dient. Er hat es um den Oberschenkel getragen. Ich habe genau darauf gezielt.�</p><p>Langdon rieb sich den Sch�del. �Aber wie konnten Sie wissen � �</p><p>Teabing grinste. �Christliche Sekten sind mein Spezialgebiet, Robert. Manche machen gar kein Geheimnis aus ihren Praktiken.� Er deutete auf die blutgetr�nkte Kutte des M�nchs. �Wie in diesem Fall.�</p><p>�Opus Dei�, fl�sterte Langdon. Er erinnerte sich an das Medienspektakel, das unl�ngst mehrere bekannte Bostoner Gesch�ftsleute verursacht hatten, allesamt Mitglieder von Opus Dei. Alarmierte Berufskollegen hatten sie f�lschlicherweise �ffentlich bezichtigt, unter ihren Dreiteilern Bu�g�rtel zu tragen, wovon in Wirklichkeit nat�rlich keine Rede war. Wie die meisten Mitglieder von Opus Dei waren diese M�nner �Supernumerarier� und praktizierten keine k�rperliche Selbstkasteiung. Sie waren blo� fromme Katholiken und treu sorgende Familienv�ter, die sich nachdr�cklich f�r das Wohl ihrer Gemeinden einsetzten. Es konnte kaum �berraschen, dass die Medien dem geistigen und sozialen Engagement dieser M�nner wenig Raum gew�hrten, um desto beflissener mit den strengeren Praktiken der rangh�heren �Numerarier� Sensationsmache zu betreiben, Mitglieder des Opus Dei � wie der M�nch, der jetzt vor Langdon auf dem Boden lag.</p><p>Teabing inspizierte den blutigen Lederriemen. �Dann ist also Opus Dei hinter dem Heiligen Gral her � �</p><p>Langdon war viel zu ersch�pft, um dar�ber nachzudenken.</p><p>�Was ist das, Robert?�, fragte Sophie und hielt die flache h�lzerne Rose hoch, die Langdon vom Deckel des Kastens gel�st hatte.</p><p>�Darunter steht etwas im Deckel. Der Text kann uns m�glicherweise verraten, wie wir das Kryptex aufbekommen.�</p><p>Bevor Sophie und Teabing antworten konnten, heulten am Fu� des H�gels Martinsh�rner los, und eine Karawane blitzender Blaulichter schl�ngelte sich die anderthalb Kilometer lange Zufahrt herauf.</p><p>Teabing runzelte die Stirn. �Liebe Freunde, ich glaube, jetzt muss eine Entscheidung getroffen werden. Und zwar schnell.�</p></section><section><title><p><strong>66. KAPITEL</strong></p></title><p>Collet und seine Beamten st�rmten mit gezogenen Waffen durch die Eingangst�r von Sir Leigh Teabings noblem Wohnsitz und schw�rmten im Erdgeschoss aus, um die R�ume zu durchsuchen. Im Salon fanden sie ein Einschussloch im Boden, ein wenig eingetrocknetes Blut, einen seltsamen Riemen mit Stacheln und eine zur H�lfte aufgebrauchte Rolle Textilklebeband. Ansonsten wirkte das gesamte Erdgeschoss verlassen.</p><p>Collet wollte seine M�nner gerade zur Durchsuchung des Kellers und des Au�enbereichs hinter dem Haus einteilen, als er auf der ersten Etage Stimmen h�rte.</p><p>�Sie sind oben!�</p><p>Er st�rmte mit seinen Leuten die breite Treppe hinauf. Unter Absicherung der ungez�hlten Flure und G�stezimmer arbeiteten sie sich Zimmer f�r Zimmer zu einem Raum am Ende eines langen Ganges vor, aus dem die Stimmen zu kommen schienen. Collets Beamte schlichen den Flur entlang und versperrten s�mtliche m�glichen Fluchtwege.</p><p>Die T�r des letzten Zimmers stand weit offen. Pl�tzlich endete das Stimmengewirr, und ein sonores Brummen war zu h�ren, wie von einem Automotor.</p><p>Mit erhobener Waffe gab Collet seinen M�nnern ein Zeichen. Er griff um den T�rrahmen herum, rastete nach dem Schalter und knipste das Licht an. Als die Beleuchtung aufflammte, wirbelte er an der Spitze seiner M�nner ins Zimmer. Mit dem Ruf �H�nde hoch, Polizei!�, richtete er die Waffe auf � gar nichts.</p><p>Keuchend stand er in einem unber�hrten G�stezimmer.</p><p>Das Motorger�usch drang aus einem schwarzen Kunststoffk�stchen neben dem Bett an der Wand. Collet hatte diese K�stchen schon anderswo im Haus gesehen. Es waren die Lautsprecher der Rufanlage. Drei schnelle Schritte, und Collet stand vor dem K�stchen. Unter dem Lautsprecher befand sich ein halbes Dutzend beschrifteter Tasten:</p><p>ARBEITSZIMMER � K�CHE � HAUSHALTSZIMMER � KELLER �</p><p><emphasis>Verdammt, wieso h�rst du ein Auto?</emphasis></p><p>SCHLAFZIMMER � SOLARIUM � GARAGE � BIBLIOTHEK</p><p><emphasis>Die Garage!</emphasis> Binnen weniger Sekunden war Collet wieder unten und rannte zur Hintert�r. Unterwegs hatte er einen seiner Beamten aufgelesen. Nach einem Sprint �ber den Rasen hinter der Villa gelangten beide M�nner atemlos vor ein verwittertes graues Nebengeb�ude. Sie hatten die T�r noch nicht erreicht, als Collet das Ger�usch eines davonfahrenden Wagens vernahm, das rasch leiser wurde, als das Fahrzeug sich entfernte. Die Waffe gezogen, riss Collet die T�r auf, st�rmte ins Zimmer und schaltete das Licht an. Rechts befand sich eine Art Werkstatt: Rasenm�her, Gartenger�te, Autowerkzeuge. An der Wand hing das vertraute K�stchen der Rufanlage. Eine der Tasten war gedr�ckt und blinkte:</p><p>G�STEZIMMER II</p><p>Collet fuhr wutentbrannt herum. <emphasis>Wir haben uns wie die letzten Trottel mit der Rufanlage nach oben locken lassen</emphasis>!</p><p>Als er die andere Seite des Nebengeb�udes inspizierte, stie� er auf eine lange Reihe Pferdeboxen. Der Besitzer schien jedoch eine andere Art von Pferdest�rken zu bevorzugen, denn man hatte die Boxen zu Unterstellpl�tzen f�r nagelneue Nobelkarossen und wertvolle Oldtimer umgebaut. Die Sammlung konnte sich sehen lassen � ein schwarzer Ferrari, ein nagelneuer Rolls Royce, ein Aston Martin Coup�, ein Porsche 356 �</p><p>Die letzte Box war leer.</p><p>Collet ging dorthin. Auf dem Boden waren �lflecken. Collet grinste. Die kommen nicht weit. Der Leutnant hatte Zufahrt und Tor durch quer gestellte Streifenwagen sperren lassen.</p><p>�Chef?� Der Beamte, der mit Collet gekommen war, deutete auf ein gro�es Schiebetor in der R�ckseite des Schuppens, das weit offen stand. Ein unwegsames, morastiges Wiesengel�nde erstreckte sich dahinter, bis es mit der Dunkelheit der Nacht verschmolz. Collet rannte zum Tor und versuchte, etwas zu erkennen. Nirgends war ein Scheinwerferpaar zu sehen. Am Horizont war der dunkle Schatten eines Waldsaums auszumachen. Das Waldst�ck war vermutlich von Dutzenden Forstpfaden durchzogen, die auf keiner Landkarte verzeichnet waren, doch Collet war zuversichtlich, dass die Fl�chtigen es niemals durch dieses Waldgebiet schafften. �Ein paar M�nner sollen dort unten ausschw�rmen. Unsere Ausfl�gler sind mit ihrem schmucken Sportflitzer vermutlich schon stecken geblieben.�</p><p>�W�rde ich nicht unbedingt sagen, Chef.� Der Beamte wies auf ein Schl�sselbrett, an dem verschiedene Autoschl�ssel hingen. �ber den Haken waren Schildchen mit wohlklingenden Namen angebracht:</p><p>DAIMLER � ROLLS ROYCE � ASTON MARTIN � PORSCHE �</p><p>Der letzte Haken war leer. Am dazugeh�rigen Schildchen erkannte Collet, dass er in der Tinte sa�.</p></section><section><title><p><strong>67. KAPITEL</strong></p></title><p>Der Range Rover war schwarzmetallic, hatte Allradantrieb, Schaltgetriebe, Xenon-Scheinwerfer, Kombiheckleuchten und � Rechtslenkung.</p><p>Langdon war froh, dass er nicht fahren musste.</p><p>Teabings Butler R�my, von seinem Herrn mit Anweisungen wohl versorgt, lenkte den Wagen durch das vom schwachen Mondlicht beschienene Wiesengel�nde hinter Ch�teau Villette. Er erwies sich als beeindruckend geschickter Fahrer. Ohne die Scheinwerfer einzuschalten, hatte er eine H�gelklippe �berwunden und fuhr jetzt zielstrebig auf der anderen Seite den flach abfallenden Hang hinunter, dem gezackten Waldrand in der Ferne entgegen.</p><p>Langdon sa� auf dem Beifahrersitz, die Schatulle mit dem Kryptex in den Armen. Er wandte sich zu Sophie und Teabing um, die auf der R�ckbank sa�en.</p><p>�Wie geht es Ihrem Kopf?�, erkundigte Sophie sich besorgt.</p><p>Langdon rang sich ein gequ�ltes L�cheln ab. �Danke, schon viel besser.� Die Kopfschmerzen brachten ihn fast um.</p><p>�ber die Schulter betrachtete Teabing den gefesselten und geknebelten M�nch, der in das enge Gep�ckabteil hinter der R�cksitzlehne gepfercht war. Teabing hatte die Pistole des Albinos auf dem Scho�; er sah aus wie ein britischer Gro�wildj�ger, der sich f�r das Troph�enfoto �ber seine erlegte Beute beugt.</p><p>�Was bin ich froh, dass Sie heute Nacht bei mir reingeschaut haben, Robert�, sagte Teabing und grinste.</p><p>�Tut mir Leid, Sir Leigh, dass ich Sie in diese Sache hineingezogen habe.�</p><p>�Mein Gott, ich warte schon mein Leben lang darauf, endlich hineingezogen zu <emphasis>werden</emphasis>!� Teabing sp�hte an Langdon vorbei zur Frontscheibe hinaus. Ein langer Heckenrain tauchte auf. Teabing tippte R�my auf die Schulter. �Denken Sie daran, keine Bremslichter! Wenn gebremst werden muss, dann mit der Handbremse. Wir m�ssen erst ein St�ck im Wald sein. Ich will nicht riskieren, dass man uns vom Ch�teau aus sehen kann.�</p><p>R�my drosselte den Range Rover auf Schritttempo und lenkte ihn geschickt durch eine L�cke in der Hecke. Der Wagen schlingerte auf einen Weg, der zwischen den B�umen verschwand. Unter den �berh�ngenden �sten erlosch das Mondlicht augenblicklich.</p><p><emphasis>Jetzt sieht man gar nichts mehr</emphasis>, dachte Langdon. Angestrengt blickte er in die pechschwarze Dunkelheit. Zweige streiften mit kratzendem Ger�usch �ber die linke Wagenseite. R�my lenkte ein wenig nach rechts und fuhr etwa drei�ig Meter in den stockfinsteren Wald hinein.</p><p>�Sie machen das hervorragend, R�my�, sagte Teabing. �Das ist jetzt weit genug. Robert, w�ren Sie so nett, den kleinen Kippschalter direkt unter der L�ftungsd�se zu bet�tigen? Haben Sie ihn?�</p><p>Langdon hatte den Schalter ertastet. Als er ihn bet�tigte, fiel sanftes gelbes Licht auf den Waldweg, der zwischen dichtem Unterholz verlief. <emphasis>Nebelleuchten</emphasis>, dachte Langdon erleichtert � gerade hell genug, um den Weg zu finden, aber nicht so hell, dass sie das Fahrzeug verraten konnten.</p><p>�Mein lieber R�my�, verk�ndete Teabing gut gelaunt, �das Licht ist an. Unser Leben liegt in ihrer Hand.�</p><p>�Wo wollen wir eigentlich hin?�, fragte Sophie.</p><p>�Dieser Pfad f�hrt ungef�hr drei Kilometer quer durch meinen Privatforst�, erkl�rte Teabing. �Dann schwenkt er nach Norden ab. Falls wir unterwegs nicht in einem Wasserloch stecken bleiben oder gegen einen umgest�rzten Baumstamm fahren, kommen wir hoffentlich unbeschadet an der E5 heraus.�</p><p><emphasis>Unbeschadet</emphasis>? Langdons Sch�del war anderer Ansicht.</p><p>Langdon blickte auf das h�lzerne K�stchen mit dem Schlussstein, das in seinem Scho� r�hre. Die Rosenintarsie war wieder an ihrem Platz. Trotz der rasenden Kopfschmerzen brannte Langdon darauf, die Rose wieder zu entfernen und die darunter eingravierte Schrift n�her zu untersuchen. Er entriegelte den Deckel. Als er ihn �ffnen wollte, sp�rte er Teabings Hand auf der Schulter.</p><p>�Geduld, Robert. Hier ist es viel zu finster. Sie konnten die Schrift schon im Hellen nicht entziffern � wie soll es da im Dunkeln gelingen? Und bei diesem Geholpere? Lassen Sie uns erst heil hier raus sein. Sie bekommen Ihre Chance noch fr�h genug.�</p><p>Langdon musste Teabing Recht geben. Er nickte und verriegelte den Deckel wieder.</p><p>Der h�nenhafte M�nch zerrte mit dumpfem St�hnen an den Fesseln; dann trat er pl�tzlich wild mit den Beinen.</p><p>Teabing fuhr herum und richtete die Pistole auf den Gefangenen. �Guter Mann, ich begreife nicht, weshalb Sie sich so echauffieren. Sie sind in mein Heim eingedrungen und haben einem lieben Freund eins �ber den Sch�del gezogen. Ich h�tte nicht �bel Lust, Sie abzuknallen und hier im Wald verrotten zu lassen.�</p><p>Der M�nch wurde wieder still.</p><p>�Sind Sie sicher, dass es eine gute Idee war, ihn mitzunehmen?�, fragte Langdon.</p><p>�Und ob!�, rief Teabing. �Robert, dieser Mistkerl ist Ihre Fahrkarte in die Freiheit. Sie werden wegen Mordes gesucht. Die Polizei ist offenbar so sehr an Ihnen interessiert, dass sie Ihnen bis zu meinem bescheidenen Heim gefolgt ist.�</p><p>�Das war meine Schuld�, sagte Sophie. �Der Geld Transporter hatte vermutlich einen Transponder.�</p><p>�Das ist nicht der Punkt�, wandte Teabing ein. �Es wundert mich nicht, dass die Polizei Sie gefunden hat, aber es w�rde mich doch interessieren, wie diese Opus-Dei-Kreatur Sie aufgesp�rt hat. Nach allem, was Sie mir erz�hlt haben, kann ich mir nicht erkl�ren, wie dieser Mann Ihnen zum Ch�teau folgen konnte, es sei denn, er hat entweder bei der Polizei oder bei der Bank einen Informanten.�</p><p>Langdon dachte dar�ber nach. Bezu Fache hatte es offenbar sehr n�tig, f�r die Morde dieser Nacht einen S�ndenbock zu finden. Und Vernets Angriff war ziemlich unvermutet gekommen � obwohl sein Gesinnungswandel im Grunde verst�ndlich war, wenn man bedachte, dass Langdon unter vierfachem Mordverdacht stand.</p><p>�Dieser Klosterbruder arbeitet nicht allein, Robert�, sagte Teabing, �und solange wir nicht wissen, wer seine Hinterm�nner sind, schweben Sie beide in Gefahr. Aber es gibt eine gute Nachricht, mein Freund: Von jetzt an sind Sie am Dr�cker. Dieses Monstrum hinter mir wei� zu viel. Wer immer den Kerl am G�ngelband hat � sein Chef muss jetzt ziemlich nerv�s geworden sein.�</p><p>R�my kam mit den Wegverh�ltnissen inzwischen gut zurecht und fuhr ein wenig schneller.</p><p>Teabing deutete auf das Autotelefon unter dem Armaturenbrett. �Robert, seien Sie doch so nett und geben Sie mir das Telefon nach hinten.� Langdon reichte ihm den Apparat. Teabing w�hlte. Er musste sehr lange warten, bis abgehoben wurde. �Richard? Habe ich Sie geweckt? Dumme Frage, nat�rlich habe ich Sie geweckt. Tut mir Leid. Ich habe ein kleines Problem. F�hle mich leider nicht besonders � R�my und ich m�ssen mal rasch auf die Insel r�ber zum Onkel Doktor � Es muss leider ein bisschen schnell gehen, jetzt sofort, um genau zu sein. Tut mit Leid, dass ich mich nicht fr�her melden konnte. K�nnen Sie Elizabeth in zwanzig Minuten startklar bekommen? � Ist mir klar, aber ich wei�, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Bis gleich.� Er unterbrach die Verbindung.</p><p>�Elizabeth?�, fragte Langdon.</p><p>�Mein Flugzeug. Die M�hle kostet mich so viel wie die Apanage einer K�nigin.�</p><p>Langdon drehte sich im Sitz um und sah Teabing mit gro�en Augen an.</p><p>�Was ist?�, sagte Teabing. �Wollen Sie etwa in Frankreich bleiben und die gesamte Polizeibeh�rde auf dem Hals haben? In London sind Sie wesentlich sicherer.�</p><p>Sophie meldete sich zu Wort. �Sie halten es f�r besser, wir verlassen das Land?�</p><p>�Werte Freunde�, meinte Teabing, �dr�ben in der zivilisierten Welt reicht mein Einfluss wesentlich weiter als in Frankreich. Au�erdem hei�t es, der Gral bef�nde sich in Gro�britannien. Wenn wir das Kryptex aufbekommen, werden wir eine Karte finden und feststellen, dass wir uns in die richtige Richtung bewegt haben, da bin ich sicher.�</p><p>�Sie gehen ein gro�es Risiko ein, indem Sie uns helfen�, sagte Sophie. �Damit werden Sie sich bei der franz�sischen Polizei keine Freunde machen.�</p><p>Teabing machte eine wegwerfende Geste. �Mit Frankreich bin ich fertig�, schnaubte er. �Ich bin nur hergezogen, um den Schlussstein zu finden. Das ist pass�. Mir soll's recht sein, wenn ich Ch�teau Villette nicht mehr wiedersehe.�</p><p>�Wie wollen Sie uns am Flugplatz durch die Kontrollen bringen?�, fragte Sophie unsicher.</p><p>�Ich fliege von Le Bourget�, entgegnete Teabing und grinste. �Ein Platz f�r Gesch�ftsflieger, nicht weit von hier. Franz�sische �rzte machen mich immer nerv�s, wissen Sie, deshalb fliege ich alle vierzehn Tage zur Behandlung nach England hin�ber. Ich habe mir h�ben und dr�ben gewisse Privilegien erkauft. Wenn wir in der Luft sind, k�nnen Sie sich �berlegen, ob dr�ben bei der Ankunft jemand von der amerikanischen Botschaft auf Sie warten soll.�</p><p>Langdon wollte pl�tzlich nichts mehr mit der amerikanischen Botschaft zu tun haben. Sein ganzes Streben war jetzt auf den Schlussstein gerichtet, auf die Inschrift und die Frage, ob sie sich auf dem richtigen Weg zum Gral befanden. Er �berlegte, ob Teabing richtig lag, was England betraf. In der Tat vermuteten die meisten modernen Gralslegenden den Heiligen Gral irgendwo in England. Inzwischen hie� es sogar, K�nig Artus' mystische Insel Avalon sei nichts anderes als das englische St�dtchen Glastonbury. Aber wo immer der Gral auch sein mochte � Langdon h�tte nie gedacht, dass er sich jemals aktiv an der Gralssuche beteiligen w�rde.</p><p><emphasis>Die Sangreal-Dokumente, die wahre Geschichte Jesu Christi, die Grabst�tte der Maria Magdalena �</emphasis></p><p>Langdon hatte pl�tzlich das Gef�hl, in eine Art Niemandsland geraten zu sein, in eine Zeitblase ohne Verbindung zur wirklichen Welt.</p><p>R�my meldete sich zu Wort. �Sir? Gedenken Sie endg�ltig nach England zur�ckzukehren?�</p><p>�Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, R�my�, sagte Teabing tr�stend. �Meine R�ckkehr ins K�nigreich bedeutet noch lange nicht, dass ich meinen Gaumen f�r den Rest meiner Tage von der britischen K�che maltr�tieren lasse. Ich w�rde mich freuen, wenn Sie mir auch in Zukunft das Vergn�gen Ihrer Dienste g�nnen, in einem herrschaftlichen Haus in Devonshire, das ich zu erwerben beabsichtige. Man wird Ihre Effekten unverz�glich dorthin verbringen. Das wird ein Abenteuer, R�my. Ein Abenteuer, sage ich Ihnen!� Teabings Vorfreude auf seine triumphale R�ckkehr nach England hatte etwas Ansteckendes.</p><p>Langdon musste l�cheln. Gedankenverloren schaute er hinaus in den Wald, der im blassgelben Licht der Nebelscheinwerfer gespenstisch am Fenster vor�berglitt. Zweige hatten den Seitenspiegel nach innen gedr�ckt. Langdon sah Sophies Spiegelbild; sie sa� ruhig auf der R�ckbank. Er betrachtete sie eine ganze Weile. Unvermutet �berkam ihn eine Woge der Zufriedenheit. Er war dankbar, in den Wirrnissen dieser Nacht eine so gute � und h�bsche � Gef�hrtin gefunden zu haben.</p><p>Pl�tzlich bemerkte er Sophies Blick. Sie beugte sich vor, legte ihm die H�nde auf die Schultern und massierte sie ein bisschen. �Geht es Ihnen gut?�</p><p>�Sehr gut�, sagte Langdon. �Auf einmal. Irgendwie.�</p><p>Sophie lehnte sich wieder zur�ck, und Langdon sah ein zufriedenes L�cheln �ber ihr Gesicht huschen.</p><empty-line/><p>Silas war in den Gep�ckraum des Range Rover regelrecht eingekeilt. Er bekam kaum Luft. Man hatte ihm die Arme nach hinten gedreht und mit Paketschnur und mehreren Lagen Klebeband an die Kn�chel gefesselt. Jede Unebenheit jagte ihm einen stechenden Schmerz durch die verdrehten Schultern. Wenigstens den Bu�g�rtel hatte man ihm abgenommen. Da auch sein Mund mit Klebeband verschlossen war, konnte Silas nur durch die Nase atmen, die sich in der Enge des verstaubten Gep�ckabteils zusehends verstopfte. Er musste w�rgend husten.</p><p>�Ich glaube, er bekommt keine Luft�, sagte der franz�sische Fahrer besorgt.</p><p>Der Brite, der Silas mit der Kr�cke au�er Gefecht gesetzt hatte, wandte sich um und sah ihn �ber die Schulter finster an. �Zum Gl�ck f�r Sie beurteilen meine britischen Landsleute den Anstand eines Menschen nicht nach seinem Verhalten gegen�ber seinen Freunden, sondern gegen�ber seinen Feinden.� Er griff nach dem Klebeband auf Silas' Mund und riss es mit einem heftigen Ruck ab.</p><p>Silas' Lippen brannten wie Feuer, doch die frische Luft, die in seine Lungen str�mte, war ein Gottesgeschenk.</p><p>�F�r wen arbeiten Sie? Raus mit der Sprache�, fuhr der Brite ihn an.</p><p>�Ich arbeite f�r den Herrn!�, zischte Silas. An seinem Kinn schmerzte die Platzwunde vom Fu�tritt der Frau.</p><p>�Sie sind vom Opus Dei�, sagte der Brite. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.</p><p>�Sie haben keine Ahnung, woher ich bin!�</p><p>�Warum ist Opus Dei hinter dem Schlussstein her?�</p><p>Silas hatte nicht die Absicht, darauf zu antworten. Der Schlussstein war der Schl�ssel f�r den Heiligen Gral, und der Heilige Gral war der Schl�ssel f�r die Rettung des Glaubens. <emphasis>Du bist das Werkzeug Gottes. Der Weg ist in Gefahr.</emphasis></p><p>Silas war hilflos; er konnte die Fesseln nicht l�sen. In seinem Innern w�hlte die Angst, den Lehrer und den Bischof endg�ltig entt�uscht zu haben. Er hatte nicht einmal die M�glichkeit, Kontakt mit ihnen aufzunehmen und sie �ber den schrecklichen Gang der Ereignisse zu unterrichten. <emphasis>Jetzt haben die anderen den Schlussstein � diejenigen, die dich gefangen haben. Sie werden vor uns beim Heiligen Gral sein und ihn bergen</emphasis>. In der Dunkelheit und Enge begann Silas voller Inbrunst zu beten.</p><p><emphasis>O Herr, schenk mir ein Wunder.</emphasis></p><p>Er konnte nicht wissen, dass dieses Wunder ihm schon in ein paar Stunden beschert werden sollte.</p><p>�Robert?� Sophie sah ihn immer noch an. �Sie haben gerade so ein komisches Gesicht gemacht.�</p><p>Langdon drehte sich zu ihr um. Er merkte, dass seine Kiefer mahlten. Sein Herz jagte. Er hatte soeben eine unglaubliche Eingebung gehabt. <emphasis>Sollte die Erkl�rung wirklich so einfach sein?</emphasis> �Darf ich mal Ihr Handy benutzen, Sophie? Mir ist gerade etwas eingefallen.�</p><p>�Was denn?�</p><p>�Ich werde es Ihnen gleich sagen, aber zuerst brauche ich Ihr Handy.�</p><p>Sie reichte es ihm. �Ich glaube zwar nicht, dass Fache das Handy �berwacht, aber sprechen Sie trotzdem weniger als eine Minute, f�r alle F�lle.�</p><p>�Ich muss in die USA anrufen.�</p><p>�Das geht nur per R-Gespr�ch. Der Funknetzbetreiber vermittelt sonst keine Transatlantikgespr�che.�</p><p>Langdon w�hlte eine Null. Die n�chsten sechzig Sekunden lieferten vielleicht die Antwort auf eine Frage, an der er schon die ganze Nacht herumger�tselt hatte.</p></section><section><title><p><strong>68. KAPITEL</strong></p></title><p>Der New Yorker Lektor Jonas Faulkman hatte sich gerade schlafen gelegt, als das Telefon klingelte. <emphasis>Wer ruft so sp�t noch an</emphasis>? M�rrisch hob er ab.</p><p>��bernehmen Sie die Geb�hren f�r ein R-Gespr�ch mir Mr Robert Langdon?�, qu�kte die Stimme einer Telefonistin.</p><p>Verwundert knipste Faulkman die Nachttischlampe an. ��h � ja, sicher, stellen Sie durch.�</p><p>Es klickte in der Leitung. �Jonas?�</p><p>�Robert! Sie klingeln mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf, und ich darf den Spa� auch noch bezahlen.�</p><p>�Haben Sie Nachsicht, Jonas�, sagte Langdon. �Ich werde mich kurz fassen. Das Manuskript, das ich Ihnen gegeben habe � ich muss unbedingt wissen, ob Sie � �</p><p>�Ich wei�, dass ich Ihnen die redigierte Fassung f�r diese Woche versprochen habe, aber bei mir ist wieder mal Land unter. N�chsten Montag. Ich versprech's hoch und heilig.�</p><p>�Darum geht es mir nicht. Ich m�chte nur wissen, ob Sie bereits ohne mein Wissen Vorabexemplare verschickt haben.�</p><p>Faulkman z�gerte. In Langdons neuestem Manuskript � eine Untersuchung der Kulte weiblicher Gottheiten � befanden sich auch einige Abschnitte �ber Maria Magdalena, die manchem Gl�ubigen vermutlich sehr gegen den Strich gingen. Das Material war zwar einwandfrei recherchiert und dokumentiert � und es gab bereits eine Reihe anderer Ver�ffentlichungen zu diesem Thema �, doch Faulkman hatte nicht die Absicht, Vorabexemplare von Langdons Buch zu drucken, ohne sich zuvor das Manuskript von unerkannten Fachleuten absegnen zu lassen. Faulkman hatte das Manuskript zehn angesehenen K�nstlern und Wissenschaftlern zugeschickt, begleitet von einem h�flichen Schreiben mit der Anfrage, ob der verehrte Empf�nger bereit sei, f�r den Umschlagtext ein paar anerkennende Worte der Empfehlung zu verfassen. Nach Faulkmans Erfahrung rissen die Leute sich f�r gew�hnlich darum, ihren Namen gedruckt zu sehen.</p><p>�Jonas?� Langdons Ungeduld war un�berh�rbar. �Sie haben mein Manuskript an mehrere Experten rausgeschickt, nicht wahr?�</p><p>Faulkman sp�rte, dass Langdon nicht besonders erbaut dar�ber war. �Ich wollte Ihnen mit ein paar begeisterten Kritiken eine kleine Freude machen, Robert � �</p><p>�Haben Sie auch dem Direktor des Pariser Louvre ein Exemplar geschickt!�</p><p>�Was denken <emphasis>Sie</emphasis> denn? In Ihrem Manuskript wimmelt es von Verweisen auf die Sammlungen des Louvre, und in der Bibliographie zitieren Sie mehrere von Sauni�res B�chern. Au�erdem sorgt der Mann allein mit seinem Namen f�r Ums�tze im Ausland. Sauni�re ist mir als Allererster eingefallen!�</p><p>Das Schweigen am anderen Ende der Leitung dauerte ziemlich lange. �Und wann haben Sie das Manuskript rausgeschickt?�</p><p>�Vor ungef�hr einem Monat. Ich habe �brigens erw�hnt, dass Sie bald nach Paris kommen und vorgeschlagen, dass Sie sich mit Sauni�re unterhalten. Hat er sich bei Ihnen gemeldet?� Faulkman schien zu �berlegen. �Moment mal, sollten Sie diese Woche nicht in Paris sein?�</p><p>�Ich <emphasis>bin</emphasis> in Paris.�</p><p>Faulkman setzte sich abrupt im Bett auf. �Was? Sie jubeln mir einfach so ein R-Gespr�ch aus Paris unter?�</p><p>�Ziehen Sie es von meinen Tantiemen ab. Jonas, haben Sie von Sauni�re schon eine R�ckmeldung bekommen? Hat ihm das Manuskript gefallen?�</p><p>�Keine Ahnung. Bis jetzt habe ich noch nichts von ihm geh�rt.�</p><p>�Lassen Sie sich nicht entmutigen, Jonas. Ich muss jetzt leider Schluss machen. Sie haben mir sehr geholfen. Vielen Dank.�</p><p>�Robert � �</p><p>Die Leitung war tot.</p><p>Faulkman legte kopfsch�ttelnd auf. <emphasis>Autoren</emphasis>!, dachte er mit einem tiefen Seufzer.</p><empty-line/><p>Teabing lachte schallend auf. �Sie haben in Ihrem Manuskript eine Geheimgesellschaft aufs Korn genommen, und Ihr Lektor hat genau diesem Verein das Manuskript geschickt!�</p><p>Langdon blickte bek�mmert drein. �Offensichtlich.�</p><p>�Welch ein niedertr�chtiger Zufall, mein Freund.�</p><p><emphasis>Das hat mit Zufall nichts zu tun</emphasis>. Es lag auf der Hand, Jacques Sauni�re um ein Zitat f�r den Klappentext zu einem Buch �ber Weiblichkeits- und Fruchtbarkeitskulte zu bitten. Das war so werbewirksam, als w�rde man von Tiger Woods einen freundlichen Kommentar zu einem Buch �ber den Golfsport bekommen. Zudem war in einem Buch wie dem Langdons die Erw�hnung der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> fast unumg�nglich.</p><p>Teabing am�sierte sich immer noch k�stlich. �Und nun die gro�e Preisfrage: War Ihre Stellungnahme zur <emphasis>Prieur�</emphasis> positiv oder negativ?�</p><p>Langdon wusste genau, worauf Teabing hinauswollte. Viele Historiker waren nicht damit einverstanden, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> die Sangreal-Dokumente noch immer h�tete. Sie waren der Meinung, dass diese Unterlagen der Welt l�ngst h�tten zug�nglich gemacht werden m�ssen. �Ich habe keinerlei Wertung der Bruderschaft und ihres Tuns vorgenommen.�</p><p>�<emphasis>Mangels</emphasis> eines solchen Tuns, nicht wahr?�</p><p>Langdon zuckte die Schultern. Teabing geh�rte anscheinend zu denen, die der Ansicht waren, dass die Dokumente ver�ffentlicht werden sollten. �Ich habe lediglich Material zur Geschichte der Bruderschaft geliefert und sie als eine Gesellschaft dargestellt, die noch heute einen heidnischen G�ttinnenkult betreibt und das Gralsgeheimnis sowie uralte Dokumente h�tet.�</p><p>Sophie sah ihn an. �Haben Sie auch vom Schlussstein gesprochen?�</p><p>Langdon zuckte zusammen. Er hatte. An mehreren Stellen. �Ich habe den angeblichen Schlussstein als Beispiel daf�r herangezogen, was die <emphasis>Prieur�</emphasis> sich alles einfallen l�sst, um die Sangreal-Dokumente zu sch�tzen.�</p><p>Sophie blickte ihn �berrascht an. �Damit w�re wohl die Zeile <emphasis>P.S. Robert Langdon</emphasis> suchen erkl�rt.�</p><p>Langdon hatte das Gef�hl, dass viel eher ein anderer Aspekt seines Manuskripts Sauni�res Interesse herausgefordert hatte, aber das war ein Thema, �ber das er mit Sophie lieber unter vier Augen sprechen wollte.</p><p>�Dann haben Sie Capitaine Fache die Unwahrheit gesagt?�</p><p>�Wie bitte?�, fragte Langdon erstaunt.</p><p>�Nun, Sie sagten ihm, Sie h�tten nie mit meinem Gro�vater korrespondiert.�</p><p>�Das habe ich auch nicht. Mein Lektor hat ihm das Manuskript geschickt.�</p><p>�Denken Sie doch mal nach, Robert. Wenn Fache nicht zuf�llig den Umschlag mit dem Absender Ihres Lektors findet, muss er annehmen, Sie h�tten Sauni�re das Manuskript geschickt.� Sie machte eine Pause. �Oder schlimmer noch, dass Sie das Manuskript pers�nlich abgeliefert haben, ohne Fache davon zu erz�hlen.�</p><empty-line/><p>Am Flugplatz Le Bourget fuhr R�my den Range Rover zu einem kleinen Hangar am Ende der Landebahn. Als sie sich dem Geb�ude n�herten, kam ein zerzauster Mann in einem zerknitterten Overall heraus, winkte und schob das riesige Wellblechtor auf. Ein schlanker wei�er Privatjet kam zum Vorschein.</p><p>Langdons Blick glitt �ber den gl�nzenden Rumpf. �Das ist Elizabeth?�</p><p>Teabing grinste. �Besser als der alberne Kanaltunnel, nicht wahr?�</p><p>Der Mann im Overall lief ihnen entgegen. Er blinzelte ins Scheinwerferlicht. �Fast fertig, Sir�, rief er mit britischem Akzent. �Tut mir Leid, dass es noch ein paar Minuten dauert, aber Ihr Anruf kam leider etwas pl�tzlich, und � � Er verstummte, als einer nach dem anderen ausstieg. Der Mann sah erst Sophie und Langdon an; dann richtete er den Blick auf Teabing.</p><p>�Meine Partner und ich m�ssen gesch�ftlich dringend nach London�, sagte Teabing. �Die Sache duldet keinen Aufschub. Bitte treffen Sie unverz�glich die Startvorbereitungen.� Noch w�hrend er sprach, nahm er die Pistole aus dem Wagen und reichte sie Langdon.</p><p>Beim Anblick der Waffe riss der Pilot die Augen auf und trat zu Teabing. �Sir�, fl�sterte er, �ich muss mich tausendmal entschuldigen, aber meine Sondergenehmigung f�r Diplomatenfl�ge umfasst lediglich Sie selbst und Ihren Butler. Ich kann Ihre G�ste leider nicht mitnehmen.�</p><p>�Richard.� Teabing l�chelte den Piloten warmherzig an. �Ich w�rde sagen, zweitausend Pfund Sterling und diese geladene Pistole sind f�r Sie Grund genug, Ihre Sondergenehmigung auf meine G�ste zu erweitern.� Er deutete auf den Range Rover �Und auf den Pechvogel dort im Gep�ckraum.�</p></section><section><title><p><strong>69. KAPITEL</strong></p></title><p>Die beiden donnernden Garrett TFE-73I Triebwerke jagten die Hawker 731 mit brachialer Gewalt zum Himmel. Der Flugplatz von Le Bourget wich mit atemberaubender Geschwindigkeit vor dem Fenster zur�ck.</p><p><emphasis>Du fliehst aus deiner Heimat</emphasis>, dachte Sophie, die in den Ledersitz gepresst wurde. Bis zu diesem Moment hatte sie noch hoffen k�nnen, das Katz-und-Maus-Spiel mit Fache irgendwie vor ihrem Arbeitgeber, dem Innenministerium, rechtfertigen zu k�nnen. <emphasis>Du hast versucht, einen Unschuldigen zu sch�tzen. Du wolltest den letzten Wunsch deines sterbenden Gro�vaters erf�llen</emphasis>. Aber dieses Schlupfloch gab es jetzt nicht mehr. Sie hatte das Land ohne Papiere verlassen, in Begleitung eines polizeilich gesuchten Mannes und einer gefesselten Geisel zwielichtiger Herkunft. Falls es je eine noch vertretbare Grenzlinie f�r Sophie gegeben hatte, dann hatte sie diese Linie soeben fast mit Schallgeschwindigkeit �berschritten.</p><p>Sophie sa� mit Langdon und Teabing im vorderen Teil der luxuri�s ausgestatteten Kabine. Die bequemen verstellbaren Sitze waren am Boden in einem Schienensystem verankert und konnten um einen Edelholztisch herum gruppiert werden. Ein Sitzungssaal im Kleinen.</p><p>Das exklusive Ambiente konnte jedoch nicht �ber die unw�rdige Situation im Heck der Kabine hinwegt�uschen, wo in einem separaten Sitzbereich neben der Bordtoilette Teabings Butler R�my Platz genommen hatte und auf Gehei� seines Herrn mit der Waffe in der Hand widerwillig den blutverschmierten M�nch bewachte, der wie ein Gep�ckst�ck als gefesseltes B�ndel zu seinen F��en lag.</p><p>�Bevor wir uns n�her mit dem Schlussstein befassen�, sagte Teabing, �m�chte ich Sie bitten, mir ein paar Worte zu gestatten.� Seine Stimme klang angespannt, wie die eines Vaters, der sich gen�tigt sieht, seinem Sohn die Geschichte von den Bienen und Blumen zu erl�utern. �Meine Freunde, ich bin mir dar�ber im Klaren, dass ich auf dieser Reise im Grunde nur der Gastgeber bin � was mir �brigens eine Ehre ist. Doch als ein Mann, der sein Leben der Gralssuche gewidmet hat, halte ich es f�r meine Pflicht, Ihnen ein Wort der Warnung mit auf jenen Weg zu geben, den Sie beschreiten m�chten, denn auf diesem Weg gibt es kein Zur�ck mehr, auch wenn noch so gro�e Gefahren lauern.� Er wandte sich an Sophie. �Miss Neveu, Ihr Gro�vater hat Ihnen dieses Kryptex in der Hoffnung anvertraut, dass Sie das Geheimnis des Heiligen Grals am Leben erhalten.�</p><p>�Ja.�</p><p>�Da ist es nur zu verst�ndlich, dass Sie sich veranlasst sehen, dem Pfad zu folgen, wohin er Sie auch f�hren mag.�</p><p>Sophie nickte, wenngleich sie noch ein anderes Motiv hatte, das wie eine Flamme in ihr brannte: die Wahrheit �ber ihre Familie zu erfahren. Und wenngleich Langdon der �berzeugung war, dass das Kryptex nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun habe, f�hlte Sophie sich immer noch auf sehr pers�nliche Weise damit verbunden. Ihr war, als wolle dieses von der Hand ihres Gro�vaters gefertigte Marmorkunstwerk zu ihr sprechen; als w�rde es die Erl�sung von der Leere in sich tragen, die Sophie all die Jahre bedr�ckt hatte.</p><p>�Ihr Gro�vater und drei andere M�nner haben heute Nacht ihr Leben gelassen�, fuhr Teabing fort. �Sie sind gestorben, damit der Schlussstein nicht der Kirche in die Hand f�llt. Opus Dei war heute Nacht nur noch einen winzigen Schritt davon entfernt, den Schlussstein zu besitzen. Ich nehme an, Sie wissen, dass eine au�erordentliche Verantwortung auf Ihnen lastet. Ihnen wurde gleichsam eine Fackel �bergeben, eine zweitausend Jahre alte Flamme, die weder verl�schen noch in die falschen H�nde geraten darf.� Teabing streifte das Rosenholzk�stchen mit einem Blick. �Miss Neveu, ich wei� sehr wohl, dass Sie mehr oder weniger unfreiwillig in diese Sache hineingeraten sind, aber angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, m�ssen Sie sich ohne Wenn und Aber der Verantwortung stellen, oder Sie m�ssen diese Verantwortung an jemand anderen weiterreichen.�</p><p>�Mein Gro�vater hat das Kryptex an mich weitergegeben. Ich bin sicher, er war davon �berzeugt, dass ich der Verantwortung gewachsen bin.�</p><p>Teabing wirkte ein wenig zuversichtlicher, war aber offenkundig noch immer nicht �berzeugt. �Gut. Ein starker Wille ist unverzichtbar. Trotzdem frage ich mich, ob Ihnen klar ist, dass die Sache erst dann wirklich schwierig wird, wenn der Schlussstein erfolgreich ge�ffnet worden ist.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Meine Liebe, stellen Sie sich vor, Sie halten pl�tzlich die Karte in der Hand, die Ihnen den Weg zum Heiligen Gral weist. In diesem Moment verf�gen Sie �ber eine Wahrheit, die den Lauf der Geschichte f�r immer �ndern kann. Dann sind Sie die H�terin eines Wissens, dem die Menschheit seit Jahrhunderten auf die Spur zu kommen trachtet. Sie m�ssen die Entscheidung treffen, ob der Welt dieses Wissen enth�llt werden soll. Wenn Sie sich daf�r entscheiden, werden Ihnen viele Menschen zujubeln, aber ebenso viele werden Sie verdammen. Die Frage ist, ob Sie die Kraft haben, sich dieser Aufgabe zu stellen.�</p><p>Sophie schien nachzudenken. �Ist es denn an mir, diese Entscheidung zu f�llen?�</p><p>Teabing hob die Brauen. �An wem denn sonst, wenn nicht an dem, der den Schlussstein besitzt?�</p><p>�An der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>, die das Geheimnis so lange geh�tet hat.�</p><p>�An der <emphasis>Prieur�?</emphasis>� Teabing blickte Sophie skeptisch an. �Wie soll das gehen? Die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> wurde heute Nacht zerschlagen � enthauptet, wie Sie selbst ganz richtig bemerkt haben. Wir werden nie erfahren, ob die <emphasis>Prieur�</emphasis> durch einen Spion in den eigenen Reihen oder durch irgendwelche Abh�rpraktiken ausgesp�ht wurde, doch es bleibt die Tatsache bestehen, dass jemand die Identit�t ihrer vier h�chsten Mitglieder aufgedeckt hat. Ich w�rde jedem misstrauen, der als Vertreter der <emphasis>Prieur�</emphasis> an mich herantritt.�</p><p>�Was schlagen Sie vor?�, fragte Langdon.</p><p>�Sie wissen so gut wie ich, Robert, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> die Wahrheit nicht all die Jahre geh�tet hat, damit sie bis in alle Ewigkeit in einer dunklen Ecke vor sich hin schimmelt. Die <emphasis>Prieur�</emphasis> wollte den richtigen Moment in der Geschichte abwarten, um das Geheimnis zu enth�llen � gleichsam eine Zeit, die die Wahrheit verkraften kann.�</p><p>�Und Sie sind der Meinung, diese Zeit sei jetzt gekommen?�</p><p>�Absolut! Offensichtlicher k�nnte es gar nicht sein. S�mtliche historischen Vorzeichen sind eingetreten. Und wieso h�tte die Kirche gerade jetzt zuschlagen sollen, wenn nicht aus dem Grund, weil die <emphasis>Prieur�</emphasis> die Absicht hat, in absehbarer Zeit an die �ffentlichkeit zu gehen?�</p><p>�Der M�nch hat uns seine Absichten noch nicht verraten�, wandte Sophie ein.</p><p>�Die Absichten des M�nchs sind die Absichten der Kirche�, gab Teabing zur�ck. �Es geht um die Zerst�rung der Dokumente, die den ungeheuren Betrug der Kirche beweisen. Die Kirche ist ihrem Ziel heute Nacht n�her gekommen als je zuvor. Die <emphasis>Prieur�</emphasis>, Miss Neveu, hat ihr Vertrauen in Sie gesetzt. Ihre Aufgabe, den Gral zu retten, umfasst auch den Auftrag, den letzten Wunsch der <emphasis>Prieur�</emphasis> zu erf�llen und die Wahrheit mit der Welt zu teilen.�</p><p>Langdon schaltete sich ein. �Sir Leigh, ist es nicht ein bisschen viel von Sophie verlangt, eine solche Entscheidung jetzt zu treffen, wo sie erst vor einer Stunde erfahren hat, dass es die Sangreal-Dokumente �berhaupt gibt?�</p><p>Teabing seufzte. �Miss Neveu, entschuldigen Sie bitte meine Ungeduld. Was mich betrifft, war ich immer der Ansicht, dass diese Dokumente ver�ffentlicht geh�ren, aber die Entscheidung liegt letztlich bei Ihnen. Ich halte es aber f�r wichtig, dass Sie sich Gedanken dar�ber machen, was geschehen soll, wenn es uns gelingt, diesen Schlussstein zu �ffnen.�</p><p>�Gentlemen�, sagte Sophie mit fester Stimme, �ich m�chte Ihre eigenen Worte zitieren: <emphasis>Du wirst den Heiligen Gral nicht finden. Der Heilige Gral findet dich</emphasis>. Ich vertraue darauf, dass der Gral mich nicht ohne Grund gefunden hat. Wenn es so weit ist, werde ich wissen, was ich zu tun habe.�</p><p>Die beiden M�nner blickten einander erstaunt an.</p><p>Sophie deutete auf das Rosenholzk�stchen. �Dann wollen wir mal.�</p></section><section><title><p><strong>70. KAPITEL</strong></p></title><p>Leutnant Collet stand im Salon des Ch�teau Villette und blickte betr�bt in das erl�schende Kaminfeuer. Capitaine Fache war wenige Augenblicke zuvor eingetroffen. Man h�rte seine Stimme im Nebenraum ins Telefon br�llen, wo er die fehlgeschlagene Suchaktion nach dem Range Rover noch zu retten versuchte.</p><p><emphasis>Die sind l�ngst �ber alle Berge</emphasis>, dachte Collet.</p><p>Nachdem er Faches ausdr�cklichen Befehl missachtet hatte und Langdon ihm zum zweiten Mal durch die Lappen gegangen war, musste er dankbar sein, dass die Spurensicherung das Einschussloch im Boden entdeckt hatte, was wenigstens Collets Behauptung best�tigte, dass im Haus geschossen worden war. Gleichwohl, Fache war sauer, und Collet sp�rte, dass die Sache ein Nachspiel haben w�rde, sobald der Staub sich gelegt hatte.</p><p>Es kam hinzu, dass die Spuren und Hinweise keinerlei R�ckschl�sse zulie�en, was im Ch�teau vorgefallen war, und wer die Beteiligten gewesen waren. Der schwarze Audi war unter falschem Namen gemietet und mit einer gef�lschten Kreditkarte bezahlt worden, und die Fingerabdr�cke im Innern des Fahrzeugs waren in der Datenbank von Interpol nicht registriert.</p><p>Ein Beamter kam in den Salon gerannt. �Wo ist Capitaine Fache?�, rief er eifrig.</p><p>Collet sah kaum von der verl�schenden Glut auf. �H�ngt am Telefon.�</p><p>�Ich h�nge nicht am Telefon!�, stie� Fache hervor, der soeben in den Salon kam. �Was haben Sie f�r mich?�</p><p>�Chef, die Zentrale hatte gerade einen Anruf von Andr� Vernet von der Z�rcher Depositenbank�, sagte der Beamte. �Vernet m�chte unter vier Augen mit Ihnen sprechen. Er will seine Aussage �ndern.�</p><p>�Was Sie nicht sagen.�</p><p>Auch Collet sah jetzt auf.</p><p>�Vernet gibt zu, dass Langdon und Neveu heute Nacht eine gewisse Zeit in seiner Bank verbracht haben.�</p><p>�Das dachten wir uns schon�, knurrte Fache. �Warum hat Vernet uns belogen?�</p><p>�Er sagt, er will nur mit Ihnen pers�nlich sprechen, aber er hat sich zur vorbehaltlosen Kooperation bereit erkl�rt.�</p><p>�Was verlangt er als Gegenleistung?�</p><p>�Dass wir den Namen seiner Bank aus den Meldungen heraushalten. Au�erdem m�chte er, dass wir ihm bei der Wiederbeschaffung eines gestohlenen Gegenstandes helfen. Langdon und Neveu haben anscheinend etwas aus Sauni�res Depot mitgehen lassen.�</p><p>�Wie bitte?�, platzte Collet heraus.</p><p>Faches Blick ruhte unersch�tterlich auf dem Polizeibeamten. �Und was haben sie gestohlen?�</p><p>�Dazu hat Vernet sich nicht ge�u�ert, aber er scheint zu allem bereit zu sein, sofern er diesen Gegenstand zur�ckbekommt.�</p><p>Collet versuchte sich vorzustellen, was geschehen war. Hatten Langdon und Neveu einen Bankangestellten mit der Waffe bedroht? M�glicherweise hatten sie Vernet gezwungen, Sauni�res Depot zu �ffnen und ihnen mit dem Geldtransporter zur Flucht zu verhelfen. Doch Collet konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Sophie Neveu sich an so etwas beteiligen w�rde.</p><p>�Capitaine?�, rief ein Beamter aus der K�che. �Ich bin gerade den Kurzwahlspeicher des Telefons durchgegangen und habe jetzt den Flugplatz Le Bourget an der Strippe. Leider gibt es schlechte Neuigkeiten.�</p><empty-line/><p>Drei�ig Sekunden sp�ter hatte Fache seinen Auftritt im Ch�teau Villette beendet und eilte zu seinem Wagen. Er hatte soeben erfahren, dass Teabing auf dem nahen Flugplatz eine Privatmaschine stehen hatte, die vor etwa einer halben Stunde gestartet war.</p><p>Die Flugleitung von Le Bourget hatte am Telefon behauptet, das Ziel der Maschine nicht zu kennen. Eine Starterlaubnis war nicht erteilt, ein Flugplan nicht eingereicht worden. Doch Fache war sicher, alle gew�nschten Ausk�nfte zu bekommen, wenn er nur die richtigen Register zog.</p><p>�Leutnant Collet�, schnauzte er auf dem Weg zur T�r, �ich habe leider keine andere Wahl, als Ihnen hier die Leitung der Spurensicherung zu �berlassen. Versuchen Sie zur Abwechslung, diesmal keinen Mist zu bauen.�</p></section><section><title><p><strong>71. KAPITEL</strong></p></title><p>Als die Hawker die Reiseflugh�he erreicht hatte und die Nase gen England richtete, stellte Langdon das Rosenholzk�stchen, das er beim Start sch�tzend auf dem Scho� gehalten hatte, vorsichtig auf den Kabinentisch. Sophie und Teabing beugten sich erwartungsvoll vor.</p><p>Langdon entriegelte den Deckel und klappte ihn auf. Seine Aufmerksamkeit galt nicht dem Kryptex mit seinen buchstabenbedeckten Einstellscheiben, sondern dem kleinen Loch in der Innenseite des Deckels, in das er vorsichtig mit der Spitze eines Kugelschreibers hineinfuhr.</p><p>Die Rose l�ste sich vom Deckel und gab den darunter liegenden Text frei. Sub rosa. Langdon hoffte, dass ein neuerlicher Blick auf diesen Text die erhoffte Klarheit brachte. Konzentriert betrachtete er die vier eigenartigen Zeilen.</p><p>�Ich wei� beim besten Willen nicht, was ich damit anfangen soll�, sagte er nach einigen Sekunden entt�uscht.</p><p>Sophie konnte von ihrem Platz aus den Text nicht sehen, aber dass Langdon nicht in der Lage war, das Idiom zu erkennen, �berraschte sie. <emphasis>Gro�vater hat eine alte Sprache beherrscht, die sogar einem Symbolologen R�tsel aufgibt</emphasis>?</p><p>Teabing, der Sophie gegen�bersa�, konnte kaum noch an sich halten. Gespannt versuchte er, an Langdon vorbei einen Blick auf den Text zu werfen.</p><p>�Ich wei� nicht�, murmelte Langdon, �meine erste Vermutung w�re, dass es sich um eine semitische Schrift handelt, aber das passt irgendwie nicht, weil die <emphasis>nekkudot</emphasis> fehlen, die man bei fast allen prim�ren semitischen Schriften findet.�</p><p>�Vielleicht ist die Schrift sehr alt�, meinte Teabing.</p><p>�Was sind <emphasis>nekkudot</emphasis>?�, fragte Sophie.</p><p>Teabing nahm den Blick nicht vom K�stchen. �In den meisten modernen semitischen Alphabeten gibt es anstelle der Vokale so genannte <emphasis>nekkudot</emphasis> � kleine Punkte und H�kchen unterhalb oder innerhalb der Konsonanten, die den Vokalwert angeben, der den Konsonanten begleitet. <emphasis>Nekkudot</emphasis> sind historisch gesehen ein relativ junger Schriftzusatz.�</p><p>Langdon war immer noch �ber die Inschrift gebeugt �Es konnte vielleicht eine sephardische Transliteration sein � �</p><p>Teabing konnte nicht mehr an sich halten. �Vielleicht darf ich mal � � Er griff �ber den Tisch und zog das K�stchen zu sich heran. Mit einer Mischung aus Staunen, Ehrfurcht und unstillbarer Neugier wanderte sein Blick �ber die eingravierten Zeilen. Dann sch�ttelte er resigniert den Kopf. �Ich bin ebenfalls �berfragt. Eine solche Schrift ist mir noch nie unter die Augen gekommen.�</p><p>�Darf ich mal sehen?�, fragte Sophie.</p><p>Teabing tat, als hatte er sie nicht geh�rt. �Robert�, wandte er sich an Langdon, �sagten Sie vorhin nicht, Sie h�tten etwas �hnliches schon einmal gesehen?�</p><p>�Ja, es kam mir so vor, aber ich bin nicht sicher. Irgendwie erinnert mich die Schrift an etwas � �</p><p>�Sir Leigh�, meldete Sophie sich erneut zu Wort, sichtlich ver�rgert, einfach �bergangen zu werden. �D�rfte ich auch mal einen Blick auf die Zeilen werfen?�</p><p>�Aber gewiss, meine Liebe�, sagte Teabing und schob ihr den Kasten hin, ohne ihr einen Blick zu g�nnen, als wolle er damit andeuten, dass Sophie Lichtjahre an Kompetenz und Wissen fehlten. Wenn nicht einmal ein Historiker der britischen Royal Society und ein Harvard-Professor die Sprache des Vierzeilers identifizieren konnten �</p><p>�Aha�, sagte Sophie, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Inschrift geworfen hatte. �Das dachte ich mir gleich.�</p><p>Teabing und Langdon blickten sie mir gro�en Augen an. �<emphasis>Was</emphasis> dachten Sie sich gleich?�, fragte Teabing. �Dass mein Gro�vater diese Schrift und diese Sprache benutzt hat.�</p><p>�Wollen Sie etwa behaupten, Sie k�nnten das lesen?� �M�helos�, sagte Sophie, die diese Situation sichtlich genoss, mit fr�hlichem L�cheln. �Mein Gro�vater hat mich diese Schrift gelehrt, als ich noch keine sechs Jahre alt war. Ich kann sie vorw�rts und r�ckw�rts.� Sie l�chelte Teabing an. �Ehrlich gesagt, Sir Leigh, h�tte ich mehr von Ihnen erwartet. Ein Mann, der mit der Royal Society auf so vertrautem Fu� steht wie Sie � ich bin �berrascht, dass Sie nicht von allein auf die L�sung gekommen sind.� Pl�tzlich fiel es Langdon wie Schuppen von den Augen. Kein Wunder, dass diese Schrift ihm so merkw�rdig vertraut vorkam! Einige Jahre zuvor hatte er eine Veranstaltung im Fogg Museum von Harvard besucht. Der Studienabbrecher Bill Gates war an seine alte Alma Mater zur�ckgekehrt, um dem Museum eine seiner unsch�tzbaren Erwerbungen als Leihgabe zu �berlassen � achtzehn Bl�tter, die er auf einer Auktion aus den Best�nden von Armand Hammer erworben hatte.</p><p>Sein Gebot, das ihm den Zuschlag gebracht hatte, belief sich auf 30,8 Millionen Dollar.</p><p>Der Autor des Manuskripts war Leonardo da Vinci.</p><p>Die achtzehn Bl�tter, die nach ihrem Besitzer, dem Earl von Leicester, unter der Bezeichnung <emphasis>Codex Leicester</emphasis> bekannt sind, waren der Rest eines der faszinierendsten Werkb�cher des K�nstlers, das Anmerkungen und Zeichnungen seiner �beraus fortschrittlichen �berlegungen zur Astronomie, Geologie, Arch�ologie und Hydrologie enthielt.</p><p>Doch die Bl�tter waren nicht ohne weiteres zu entziffern. Sie waren zwar tadellos erhalten und trugen eine saubere und klare Handschrift in karmesinroter Tinte auf cremefarbenem Papier, doch es sah wie sinnloses Geschreibsel aus. Wer hoffte, auch nur ein einziges italienisches Wort entziffern zu k�nnen, sah sich entt�uscht.</p><p>Des R�tsels L�sung bestand darin, dass da Vinci eine Spiegelschrift beherrscht hatte, die f�r den normalen Betrachter unleserlich war. Die Gelehrten diskutierten noch immer dar�ber, ob da Vinci diese Schrift lediglich zum eigenen Vergn�gen benutzt hatte oder weil er verhindern wollte, dass Jemand seine Ideen stahl.</p><p>�Ich habe die erste Zeile schon entziffert�, sagte Sophie. �Der Text ist englisch.�</p><p>�Jetzt verstehe ich �berhaupt nichts mehr!�, stie� Teabing unwirsch hervor.</p><p>�Spiegelschrift�, sagte Langdon knapp. �Wir brauchen einen Handspiegel.�</p><p>�Nein, den brauchen wir nicht�, sagte Sophie. �Dieses Furnier d�rfte d�nn genug sein.� Sie hielt den Deckel des Rosenholzk�stchens vor einen Punktstrahler, der in die Wandverkleidung eingelassen war, und betrachtete die Innenseite. Jacques Sauni�re hatte nicht in Spiegelschrift schreiben k�nnen. Er hatte stets gemogelt, indem er die Unterseite des Papiers in Normalschrift beschrieben, das Blatt umgedreht und den durchscheinenden Text auf der anderen Seite nachgezeichnet hatte. Sophie vermutete, dass er die vier Zeilen in ein Brettchen eingebrannt und es dann so lange d�nn geschliffen hatte, bis die eingebrannten Zeilen sich durchs Holz hindurch schwarz abzeichneten. Dann hatte er das Brettchen einfach umgedreht, zugeschnitten, die Schrift nachgezogen und in die Vertiefung eingelegt.</p><p>Sophie hielt den Deckel noch n�her ans Licht. Sie hatte sich nicht get�uscht. Im hellen Licht des Strahlers, das durchs papierd�nne Holz drang, erschien der Text klar und deutlich in normaler Schrift auf der Innenseite des Deckels.</p><p>�Englisch!�, stie� Teabing hervor. �Meine Muttersprache!�</p><empty-line/><p>R�my Legaludec, der Butler, spitzte die Ohren, um im Heck der Kabine trotz des L�rms der Triebwerke etwas vom Gespr�ch im vorderen Teil der Maschine mitzubekommen, jedoch vergeblich. Der Lauf der Ereignisse in dieser Nacht machte R�my zu schaffen � sehr sogar. Er blickte auf den gefesselten M�nch zu seinen F��en. Der H�ne lag jetzt v�llig bewegungslos da, als h�tte er sich in sein Schicksal ergeben �</p><empty-line/></section><section><title><p><strong>72. KAPITEL</strong></p></title><p>Viereinhalbtausend Meter �ber der Erde sp�rte Langdon, wie die reale Welt von ihm abfiel. All seine Gedanken hatten sich auf Sauni�res Vierzeiler konzentriert, der im Gegenlicht innen im Deckel des Rosenholzk�stchens lesbar geworden war.</p><p>Sophie hatte sich einen Zettel genommen und den Text abgeschrieben. Als sie fertig war, reichte sie den Zettel an Langdon, der die Zeilen studierte und den Zettel dann an Teabing weitergab. Es war ein Art arch�ologisches Kreuzwortr�tsel, ein Ratespiel, dessen L�sung den Zugang zum Inhalt des Kryptex versprach.</p><p><emphasis>An ancient word of wisdom frees this scroll and helps to keep her scatter'd family whole. A headstone praised by templars is the key and atbash will reveal the truth to thee.</emphasis></p><p><emphasis>(Ein uralt Wort der Weisheit l�st den Bann. Macht die Familie wieder heil sodann. Schl�ssel ist ein gepriesener Templerstein, Atbasch allein schenkt die Wahrheit dir ein.)</emphasis></p><p>Bevor Langdon auch nur einen Gedanken darauf richten konnte, aus den Versen das Passwort zu filtern, begann tief in seinem Innern eine ganz andere Saite zu schwingen, die das Versma� betraf.</p><p><emphasis>F�nff��ige Jamben.</emphasis></p><p>Bei seiner mehrj�hrigen Forschungsarbeit �ber europ�ische Geheimgesellschaften war Langdon h�ufig auf dieses Versma� gesto�en, das letzte Mal im Jahr zuvor in den Geheimarchiven des Vatikans. Seit Jahrtausenden war der f�nff��ige Jambus oder Blankvers das bevorzugte Versma� der Hochliteratur gewesen, von Archilochus im alten Griechenland bis hin zu Shakespeare, Milton, Chaucer and Voltaire � alles k�hne M�nner, die sich bei der Niederschrift ihrer Kritik an der Gesellschaft ein Versma� ausgesucht hatten, dem man zu ihrer Zeit mystische Qualit�ten zuerkannte. Der f�nff��ige Jambus war tief im heidnischen Denken verwurzelt.</p><p><emphasis>Der Jambus. Zwei Silben mit unterschiedlichen Hebungen. Betont und unbetont. Yin und Yang. Ein ausgeglichenes Paar. Angeordnet in einer F�nferfolge. F�nf f�r das Pentagramm der Venus und das g�ttlich Weibliche.</emphasis></p><p>�Das sind f�nff��ige Jamben!�, platzte Teabing heraus. �Und die Verse sind englisch! <emphasis>La lingua pura</emphasis>!�</p><p>Langdon nickte. Wie viele europ�ische Geheimgesellschaften, die sich im Konflikt mit der Kirche befanden, hatte auch die <emphasis>Prieur�</emphasis> �ber Jahrhunderte hinweg das Englische als die einzige reine europ�ische Sprache gelten lassen. Anders als das Franz�sische, Spanische und Italienische, die im Lateinischen wurzelten, war das Englische f�r die Propagandamaschine der Kirche zu sperrig und wurde deshalb zur heiligen Geheimsprache jener Bruderschaften, deren Mitglieder �ber ausreichend Bildung verf�gten, um diese Sprache zu erlernen.</p><p>�Dieses Gedicht�, begeisterte sich Teabing, �bezieht sich nicht nur auf den Gral, sondern auch auf die Tempelritter und die verstreute Familie der Maria Magdalena. Was will das Herz noch mehr?�</p><p>�Das Passwort�, sagte Sophie trocken und betrachtete wieder das Gedicht. �Mir scheint, wir brauchen ein �uraltes Wort der Weisheit�.�</p><p>�Abrakadabra?�, bl�delte Teabing und zwinkerte ihr zu.</p><p><emphasis>Ein Wort mit f�nf Buchstaben</emphasis>, dachte Langdon und hielt sich die unermessliche Zahl alter W�rter vor Augen, die als Wort der Weisheit gelten mochten � W�rter aus mystischen Ges�ngen, aus astrologischen Prophezeiungen, aus den Initiationsriten und Einweihungszeremonien der Geheimgesellschaften, aus Wicca-Ritualen, aus alt�gyptischen Bannfl�chen, aus heidnischen Mantras. Die Liste war endlos.</p><p>�Das Passwort scheint etwas mit den Tempelrittern zu tun zu haben�, meinte Sophie und las laut vor. �Schl�ssel ist ein gepriesener Templerstein.�</p><p>�Die Templer sind doch Ihr Spezialgebiet, Sir Leigh�, sagte Langdon. �Haben Sie eine Idee?�</p><p>Teabing z�gerte; dann seufzte er und sagte: �Es k�nnte von einem Grabstein die Rede sein. Vielleicht bezieht sich die Zeile auf einen Grabstein, den die Templer als letzte Ruhest�tte Maria Magdalenas verehrt haben. Aber da wir nicht wissen, wo sich dieses Grab befindet, hilft uns das auch nicht weiter.�</p><p>�In der letzten Zeile hei�t es, �<emphasis>Atbasch allein schenkt die Wahrheit dir ein</emphasis>�. Ich habe dieses Wort schon mal irgendwo geh�rt�, bemerkte Sophie.</p><p>�Das �berrascht mich nicht�, antwortete Langdon. �Die <emphasis>Atbasch-Chiffre</emphasis> ist einer der �ltesten Geheimcodes der Menschheitsgeschichte.�</p><p><emphasis>Nat�rlich!</emphasis>, dachte Sophie. <emphasis>Das ber�hmte hebr�ische Verschl�sselungssystem.</emphasis></p><p>Als Kryptologin wusste sie, dass der Atbasch-Code auf das Jahr 500 v. Chr. zur�ckging und als Schulbeispiel f�r einen einfachen Austauschcode im Rotationssystem galt. Der im j�dischen Sprachbereich weit verbreitete Code beruhte darauf, dass der erste Buchstabe des zweiundzwanzig Buchstaben umfassenden j�dischen Alphabets gegen den letzten ausgetauscht wurde, der zweite gegen den vorletzten und so weiter.</p><p>�Atbasch passt auf hintergr�ndige Weise ganz hervorragend�, sagte Teabing. �Atbasch-codierte Texte findet man �berall in der Kabbala, in den Schriftrollen vom Toten Meer und sogar im Alten Testament. Noch heute sp�ren j�dische Schriftgelehrte und Wissenschaftler verborgene Bedeutungen auf, indem sie den Atbasch-Code benutzen. Es ist davon auszugehen, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> diesen Code in ihren Lehren weitervermittelt hat.�</p><p>�Womit wir allerdings vor dem kleinen Problem st�nden, dass wir keinen Text haben, auf den wir den Atbasch-Code anwenden k�nnten�, meinte Langdon. �Atbasch ist der Schl�ssel, aber uns fehlt das Schloss.�</p><p>�Auf dem Grabstein muss sich ein Codewort befinden�, sagte Teabing nachdenklich. �Wir m�ssen den �gepriesenen Templerstein� finden.� Er stie� einen tiefen Seufzer aus. �Liebe Freunde�, sagte er, �ich werde uns etwas zum Knabbern besorgen und nachsehen, wie es R�my und unserem Gast ergeht.�</p><p>Sophie sah ihm nachdenklich hinterher und blickte dann durchs Flugzeugfenster hinaus in die Schw�rze der Nacht in der Stunde vor der Morgend�mmerung. Sie hatte das Gef�hl, durch den Raum geschleudert zu werden, ohne zu wissen, wo sich ihr Ziel befand. Als sie an die vielen R�tsel dachte, die der Schreiber dieser Zeilen, ihr Gro�vater, ihr als Kind aufgegeben hatte, beschlich sie das ungute Gef�hl, dass in den Verszeilen weitere Informationen steckten, die ihnen bislang jedoch verborgen geblieben waren.</p><p><emphasis>Wir haben noch nicht alles begriffen. In den Zeilen ist noch mehr versteckt, nur sehen wir es nicht �</emphasis></p><p>Die Bef�rchtung, dass der Inhalt des Kryptex, so sie es denn endlich ge�ffnet hatten, sich nicht ohne weiteres als �Wegweiser zum Gral� entpuppen w�rde, beunruhigte Sophie zus�tzlich. Ungeachtet Teabings und Langdons Optimismus, dass des R�tsels endg�ltige L�sung in dem Marmorzylinder beschlossen lag, hatte Sophie gen�gend �Schatzsuchen� ihres Gro�vaters erlebt, um zu wissen, dass Jacques Sauni�re seine Geheimnisse nicht so leicht preisgab.</p></section><section><title><p><strong>73. KAPITEL</strong></p></title><p>Der Fluglotse von der Nachtschicht im kleinen Tower von Le Bourget d�ste vor dem leeren Radarschirm, als Capitaine Fache ihm die T�r eintrat.</p><p>�Was ist mit Teabings Privatmaschine?�, fuhr Fache ihn an. �Ich verlange Auskunft, wohin der Mann geflogen ist!�</p><p>Die anf�nglichen Versuche des Fluglotsen, sich auf den Datenschutz und die Privatsph�re des wohlgelittenen britischen Flugplatzkunden zu berufen, scheiterten kl�glich.</p><p>�Wie Sie wollen�, sagte Fache k�hl, �dann sind Sie wegen Gew�hrung der Starterlaubnis f�r eine Privatmaschine ohne vorherige Einreichung eines Flugplans verhaftet.� Fache winkte einem Beamten, der sich mit Handschellen vor dem Fluglotsen aufbaute. Der Mann bekam es mit der Angst zu tun. In der Presse wurde dar�ber gestritten, ob Fache, der erfolgreichste franz�sische Polizist, ein Held oder eine Landplage war. F�r den Fluglotsen hatte diese Frage sich soeben von selbst beantwortet.</p><p>�Warten Sie!�, stie� er beim Anblick der Handschellen hervor. �Ich kann Ihnen lediglich sagen, dass Teabing h�ufig Fl�ge nach London unternimmt, um sich dort �rztlich behandeln zu lassen. Er hat auf dem Biggin Hill Executive Airport in Kent einen Hangar, am Rand des Stadtgebiets von London.�</p><p>Fache pfiff den Beamten mit den Handschellen zur�ck. �Ist Teabing heute Nacht nach Biggin Hill geflogen?�</p><p>�Das kann ich nicht sagen�, erwiderte der Lotse wahrheitsgem��. �Die Maschine ist auf ihrer �blichen Startbahn abgeflogen. Nach dem letzten Radarkontakt k�nnte das Ziel aber durchaus Biggin Hill gewesen sein.�</p><p>�Hatte Teabing noch andere Personen an Bord?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, Capitaine. Wenn sie es w�nschen, k�nnen unsere Kunden bis in ihren Hangar fahren und ihre Maschinen dort beladen und einsteigen, vor Wind und Wetter gesch�tzt. Und was die Flugg�ste angeht, fallen sie in den Verantwortungsbereich der Zollbeh�rden am Zielflughafen.�</p><p>Mit einem Blick auf die Uhr sah Fache hinaus auf die vorderen Empfangsgeb�ude abgestellten D�senmaschinen. �Wie lange dauert ein Flug nach Biggin Hill?�</p><p>Der Lotse tippte auf der Tastatur seines Computers. �Teabings Maschine k�nnte etwa um sechs Uhr drei�ig wieder am Boden sein. Das w�re in f�nfzehn Minuten.�</p><p>Fache wandte sich an einen seiner Beamten. �Besorgen Sie mir ein Flugzeug. Ich muss nach London. Und stellen Sie mir eine Verbindung zur �rtlichen Polizei von Kent her. Das MI5 lassen wir aus dem Spiel. Ich will keinen gro�en Bahnhof. Sagen Sie den Beamten, sie sollen Teabings Maschine gleich nach der Landung auf dem Rollfeld umstellen. Niemand darf das Flugzeug verlassen, bevor ich dort bin!�</p></section><section><title><p><strong>74. KAPITEL</strong></p></title><p>�Sie sind so still�, sagte Langdon mit einem Blick hin�ber zu Sophie auf der anderen Seite der Kabine.</p><p>�Nur ein bisschen m�de�, antwortete sie. �Und der Vierzeiler. Ich wei� nicht, recht � �</p><p>Auch Langdon war ziemlich ersch�pft. Hinzu kam das monotone Ger�usch der Triebwerke, das eine einschl�fernde Wirkung hatte. Au�erdem brummte ihm noch der Sch�del von dem Schlag des M�nchs. Teabing war immer noch hinten im Flugzeug.</p><p>Langdon beschloss, den ungest�rten Augenblick zu nutzen, um mit Sophie �ber etwas zu sprechen, das ihn schon einige Zeit besch�ftigte. �Ich glaube, Sophie�, sagte er, �ich kenne den Grund, weshalb Ihr Gro�vater uns zusammengebracht hat. Vermutlich wollte er, dass ich Ihnen etwas erkl�re.�</p><p>�Und was?�</p><p>Langdon wusste nicht recht, wie er fortfahren sollte. �Ich � nun, ich wei�, weshalb Sie seit zehn Jahren nicht mit Ihrem Gro�vater gesprochen hatten und warum es zu Ihrem Zerw�rfnis kam. Ihr Gro�vater hat wohl gehofft, dass Sie ihn eher verstehen, wenn ich Ihnen die Sache erkl�re.�</p><p>�Ich habe Ihnen doch gar nicht erz�hlt, weshalb wir uns entzweit haben�, sagte Sophie verunsichert.</p><p>Langdon blickte sie vielsagend an. �Sie sind Zeugin eines Sexualritus geworden, nicht wahr?�</p><p>Sophie zuckte zusammen. �Woher wissen Sie das?�</p><p>�Weil Sie mir sagten, Sie h�tten etwas beobachtet � etwas, das Sie dem Schluss f�hrte, dass Ihr Gro�vater einer Geheimgesellschaft angeh�rte. Und was immer Sie beobachtet haben, es hat Sie so best�rzt, dass Sie seitdem nicht mehr mit Ihrem Gro�vater gesprochen haben. Ich wei� ein klein wenig �ber Geheimgesellschaften Bescheid. Man braucht kein da Vinci zu sein, um zu erraten, was Sie gesehen haben.�</p><p>Sophie schaute ihn mit gro�en Augen an.</p><p>�War es im Fr�hjahr?�, wollte Langdon wissen. �Zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche? Mitte M�rz?�</p><p>Sophie blickte zum Fenster hinaus. �Ja. Ich war ein paar Tage eher von der Universit�t nach Hause gekommen � �</p><p>�M�chten Sie mir die Geschichte nicht erz�hlen?�</p><p>�Lieber nicht.� Unvermutet wandte Sophie sich vom Fenster ab und blickte ihn an. In ihren Augen spiegelte sich der Widerstreit der Gef�hle. �Au�erdem � Ich wei� gar nicht, was ich gesehen habe.�</p><p>�Sind M�nner und Frauen da gewesen?�</p><p>Einen Herzschlag lang z�gerte Sophie; dann nickte sie.</p><p>�Die einen schwarz gekleidet, die anderen wei�?�</p><p>�Ja. Die Frauen trugen wei�e durchsichtige Gew�nder und goldene Pantoffeln, und sie hielten einen goldenen Ball. Bei den M�nnern waren die Gew�nder und die Schuhe schwarz.�</p><p>Langdon versuchte, Ruhe zu bewahren. Er konnte kaum glauben, was er da h�rte. Offenbar war Sophie Neveu unfreiwillig Zeugin einer viertausend Jahre alten heiligen Zeremonie geworden. �Trugen sie auch Masken?�, fragte Langdon weiter. �Androgyne Masken?�</p><p>�Ja, sie hatten alle Masken � die gleichen Masken. Die Frauen wei�e, die M�nner schwarze.�</p><p>Langdon hatte Beschreibungen des Rituals gelesen und kannte dessen mythische Wurzeln. �Man nennt es <emphasis>hieros Gamos</emphasis>. Das Ritual ist mehr als viertausend Jahre alt. �gyptische Priester und Priesterinnen haben es zur Verehrung der fruchtbringenden Kraft des Weiblichen regelm��ig gefeiert.� Er beugte sich vor. �Wenn Sie ohne Einweihung Zeugin des <emphasis>hieros Gamos</emphasis> geworden sind, wundert es mich nicht, dass Sie schockiert waren.�</p><p>Sophie antwortete nicht.</p><p>�<emphasis>Hieros Gamos</emphasis> ist griechisch und bedeutet �heilige Hochzeit��, erkl�rte Langdon.</p><p>�Ich habe aber keine Hochzeitsfeier gesehen�, entgegnete Sophie ironisch.</p><p>�Ich meine, Hochzeit im Sinne der Vereinigung zweier Menschen, Sophie.�</p><p>�Sie meinen Sex.�</p><p>�Nein.�</p><p>�<emphasis>Nein</emphasis>?� Sophie blickte ihn pr�fend an.</p><p>�Nun ja, in gewisser Weise schon, aber nicht in dem Sinn, wie wir das Wort heute verstehen�, sagte Langdon. �Was Sie gesehen haben, sah vielleicht wie ein Sexualritus aus, hatte mit Sex im erotischen Sinne aber nichts zu tun. <emphasis>Hieros Gamos</emphasis> ist spiritueller Natur. Historisch gesehen ist der Geschlechtsverkehr ein Akt, in dem das M�nnliche und Weibliche das G�ttliche schauen. Die alten V�lker glaubten, dass das M�nnliche in einem geistigen Mangelstatus existiert, bis es in der fleischlichen Vereinigung mit der Frau die Erfahrung des g�ttlich Weiblichen macht. Die k�rperliche Vereinigung war das einzige Mittel, durch das der Mann geistig heil werden und <emphasis>gnosis</emphasis> erlangen konnte � Wissen vom G�ttlichen. Seit den Zeiten der G�ttin Isis betrachtete man die Sexual- und Fruchtbarkeitsriten als die Br�cke, �ber die der Mann von der Erde zum Himmel gelangt. Durch die Vereinigung mit der Frau kann der Mann im Augenblick der Ekstase erleben, wie sein Geist sich v�llig entleert und das G�ttliche sichtbar wird.�</p><p>Sophie sah ihn stirnrunzelnd an. �Orgasmus als Gebet?�</p><p>Langdon zuckte die Schultern, doch im Prinzip hatte Sophie Recht. Physiologisch betrachtet, setzte beim m�nnlichen Orgasmus einen Sekundenbruchteil lang jede gedankliche T�tigkeit aus; es entstand eine Art Vakuum, ein Moment der Klarheit, in dem der Geist eine Ahnung von Gott erhaschen konnte. Manche Gurus, die diesen Zustand allein durch Meditation erreichten, beschrieben das Nirwana als nicht enden wollenden spirituellen Orgasmus.</p><p>�Es ist wichtig, Sophie�, fuhr Langdon fort, �sich klar zu machen, dass die Vorstellungen vom Geschlechtlichen bei den alten V�lkern v�llig anderer Art waren als heutzutage bei uns. Die Sexualit�t brachte neues Leben hervor. Es war das Wunder an sich, und Wunder konnte nur eine G�ttin vollbringen. Die F�higkeit der Frau, neues Leben hervorzubringen, machte sie heilig. Der Geschlechtsverkehr war gleichsam die Vereinigung der beiden getrennten H�lften des Menschen � weiblich und m�nnlich durch die der Mann seine spirituelle Ganzheit und seine Einheit mit dem G�ttlichen wieder gefunden hat. Bei dem Ritual, das Sie beobachtet haben, ging es nicht um Sex, sondern um Spiritualit�t. Das Ritual des <emphasis>hieros Gamos</emphasis> ist keine Perversion, sondern eine zutiefst sakrosankte Zeremonie.�</p><p>Langdons Worte schienen bei Sophie einen empfindlichen Nerv zu treffen. Sie hatte die ganze Nacht sehr beherrscht gewirkt; jetzt aber konnte Langdon ihre Fassade br�ckeln sehen. Tr�nen schimmerten in ihren Augen, und sie tupfte sie mit dem �rmel ab.</p><p>Langdon wartete, bis sie die Fassung wiedergewonnen hatte. Die Vorstellung vom Geschlechtsverkehr als Weg zur Gotteserkenntnis war zugegebenerma�en auf den ersten Blick schockierend. Langdons j�dische Studenten beispielsweise waren jedes Mal entgeistert, wenn er ihnen darlegte, dass das fr�he Judentum sexuelle Fruchtbarkeitsriten praktiziert hatte � im Tempel. Die alten Juden glaubten, dass im Allerheiligsten von Salomons Tempel nicht nur Gott, sondern auch sein machtvolles weibliches Gegenst�ck Schekinah gegenw�rtig sei. Auf der Suche nach spiritueller Ganzheit kamen die M�nner zu den Priesterinnen des Tempels � den <emphasis>Hierodulen</emphasis> oder Tempeldienerinnen �, die mit ihnen den Liebesakt vollzogen und den M�nnern durch die k�rperliche Vereinigung zur Erfahrung des G�ttlichen verhalfen. Das aus den vier Buchstaben YHWH bestehende j�dische Wortk�rzel � der heilige Name Gottes � setzte sich zusammen aus den Buchstaben des Wortes <emphasis>Jehova</emphasis>, einer androgynen Vereinigung des m�nnlichen <emphasis>Jah</emphasis> und des vorhebr�ischen Wortes f�r Eva, <emphasis>Havah</emphasis>.</p><p>�F�r die Kirche war der unmittelbare Zugang zu Gott durch das Geschlechtliche nat�rlich eine ernste Bedrohung ihres Machtanspruchs�, fuhr Langdon fort. �Es setzte der katholischen Kirche sozusagen den Stuhl vor die T�r und unterminierte ihren Anspruch, die einzige Mittlerin zwischen Gott und den Menschen zu sein. Aus nahe liegenden Gr�nden hat die Kirche das Geschlechtliche nachhaltig d�monisiert und den Geschlechtsakt als ekelhaft und s�ndig diffamiert. Andere Weltreligionen sind ganz �hnlich vorgegangen.�</p><p>In einer Vorlesung hatte Langdon auf den gleichen Sachverhalt hingewiesen. �Wir brauchen uns �ber unsere widerspr�chliche Einstellung zum Sexuellen nicht zu wundern�, hatte er zu seinen Studenten gesagt. �Unser altes kulturelles Erbe und unsere Physiologie sagen uns, dass Sex das Nat�rlichste von der Welt ist � ein altehrw�rdiger Weg zur geistigen Erf�llung �, doch die heutigen Religionen behandeln das Geschlechtliche mit Geringsch�tzung und verlangen von uns, unsere sexuellen Bed�rfnisse als Machenschaften des B�sen zu f�rchten.�</p><p>Langdon hatte darauf verzichtet, seine Studenten mit der Information zu schockieren, dass weltweit mehr als ein Dutzend Geheimgesellschaften � darunter sehr einflussreiche � bis zum heutigen Tage die alten �berlieferungen lebendig erhielten und Sexual- und Fruchtbarkeitsriten praktizierten. In dem Film �Eyes Wide Shut� spielt Tom Cruise einen Mann, der unsanft auf diesen Tatbestand gesto�en wird, als er sich in ein privates Treffen der High Society von Manhattan einschleicht, wo er Zeuge eines <emphasis>Hieros-Gamos</emphasis>-Rituals wird. Leider schie�en die Filmemacher in der Darstellung des sachlichen Hintergrunds einen Bock nach dem anderen, doch der Kern ihrer Aussage stimmt: Es gibt Geheimgesellschaften, die zur Feier der Magie des Sexuellen zusammenkommen.</p><p>Sophie dr�ckte die Stirn an die k�hle Scheibe des Fensters, starrte mit leerem Blick hinaus und versuchte einzuordnen, was sie soeben von Langdon geh�rt hatte. Eine nie gekannte Reue regte sich in ihr. <emphasis>Zehn Jahre</emphasis>. Sie dachte an die Stapel unge�ffneter Briefe, die der Gro�vater ihr geschickt hatte �</p><p><emphasis>Robert soll alles erfahren</emphasis>, sagte sie sich. Ohne sich vom Fenster abzuwenden, begann sie zu erz�hlen � mit leiser, beinahe �ngstlicher Stimme, und hatte das Gef�hl, wieder in jene l�ngst vergangenen Nacht im M�rz einzutauchen � wie sie im Wald vor dem Ch�teau ihres Gro�vaters in der Normandie aus dem Auto gestiegen war � wie sie verwirrt das Geb�ude abgesucht und pl�tzlich unter sich die Stimmen geh�rt hatte � wie sie die Geheimt�r fand � Wieder schlich Sophie langsam die steinerne Wendeltreppe hinunter, Schritt f�r Schritt, in die unterirdische Grotte. Sie roch die erdige Luft, k�hl und anregend. Und dann, aus ihrem beschatteten Versteck auf der Treppe, beobachtete sie fassungslos die Gestalten, die sich singend im flackernden Fackelschein wiegten.</p><p>Frauen und M�nner hatten einen Kreis gebildet, schwarz, wei�, schwarz, wei�. Die Frauen reckten in der Rechten goldene B�lle in die H�he; ihre Gew�nder bauschten sich, und sie sangen im Chor: �<emphasis>Ich war bei dir zu Anbeginn, in der Morgenr�te, als alles den Anfang nahm, was heilig ist. Ich habe dich in meinem Scho� getragen, bevor der Tag anbrach</emphasis>.�</p><p>Dann lie�en die Frauen die emporgereckten goldenen B�lle sinken, wiegten sich wieder vor und zur�ck, wie in Trance. Im Mittelpunkt des Kreises befand sich irgendetwas, dem offenkundig die Verehrung der gesamten Gemeinde galt.</p><p><emphasis>Was ist da?,</emphasis> fragte sich Sophie. <emphasis>Was ist in ihrer Mitte</emphasis>?</p><p>Der Gesang wurde schneller, lauter.</p><p>�<emphasis>Erkenne deine Frau, sie ist die Liebe!�,</emphasis> riefen die Frauen und hoben wieder die goldenen B�lle.</p><p>�<emphasis>Sie ist meine Behausung in Ewigkeit!�,</emphasis> antworteten die M�nner.</p><p>Der Gesang schwoll weiter an, wurde noch schneller, noch lauter, beinahe ohrenbet�ubend. Dann, pl�tzlich, hatten alle sich auf die Knie geworfen � und Sophie sah endlich den Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit.</p><p>Auf einem niedrigen, reich geschm�ckten Altar in der Mitte lag ein Mann auf dem R�cken. Bis auf die schwarze Maske war er vollkommen nackt, doch Sophie hatte ihn am Muttermal an der Schulter sofort erkannt. Um ein Haar h�tte sie aufgeschrien.</p><p><emphasis>Grand-p�re</emphasis>! Allein schon dieses Bild hatte Sophie zutiefst schockiert. Aber es war noch nicht alles �</p><p>Eine Frau mit wei�er Maske sa� rittlings auf Sauni�re und lie� im Rhythmus des Gesangs die H�ften kreisen. �ppiges silbriges Haar fiel ihr tief �ber den R�cken. Ihr K�rper war f�llig und unansehnlich.</p><p>Sophie hatte davonrennen wollen, doch sie konnte es nicht. Die steinernen Mauern der Grotte hielten sie gleichsam gefangen, w�hrend der Gesang sich zu einem wilden Crescendo steigerte, das sich in einem pl�tzlichen, orgiastischen Aufbr�llen entlud, das den ganzen Raum erfasste �</p><p>Endlich l�ste Sophie sich aus ihrer Starre. Sie wandte sich von der scheu�lichen Szene ab, taumelte die Treppe hinauf und rannte mit stolpernden Schritten aus dem Geb�ude, wobei ihr Tr�nen �ber die Wangen liefen. Am ganzen K�rper zitternd, fuhr sie nach Paris zur�ck.</p></section><section><title><p><strong>75. KAPITEL</strong></p></title><p>Als Aringarosa sein zweites Gespr�ch mit Bezu Fache beendet hatte, blitzte unter der gecharterten Maschine das Lichtermeer Monacos auf. Aringarosa griff wieder nach einer T�te und erbrach sich.</p><p><emphasis>Wenn nur endlich alles vorbei w�re.</emphasis></p><p>Faches neuestem Lagebericht zufolge schien alles aus dem Ruder zu laufen; in dieser Nacht schien aber auch <emphasis>gar</emphasis> nichts nach Plan gegangen zu sein.</p><p><emphasis>Was ist nur los? Wo hast du Silas hineinman�vriert? Wo hast du dich selbst hineinman�vriert!</emphasis></p><p>Auf wackligen Beinen ging Aringarosa zum Cockpit. �Wir m�ssen unser Ziel �ndern.�</p><p>Der Pilot blickte �ber die Schulter und lachte. �Das soll wohl ein Witz sein.�</p><p>�Nein. Ich muss so schnell wie m�glich nach London.�</p><p>�Das ist ein Charterflug, kein Taxi.�</p><p>�Ich werde Sie nat�rlich gro�z�gig daf�r bezahlen�, sagte Aringarosa. �Wie viel verlangen Sie? London liegt nur eine knappe Flugstunde weiter n�rdlich, und den Kurs brauchen Sie auch kaum zu �ndern, also � �</p><p>�Das ist keine Frage des Geldes. Das Problem liegt ganz woanders.�</p><p>�Ich biete Ihnen zehntausend Euro. Jetzt sofort.� Der Pilot drehte sich um und blickte Aringarosa verwundert an. �Wie viel? Sie als Priester laufen mit so viel Geld herum?�</p><p>Aringarosa holte aus seinem schwarzen K�fferchen in der Kabine ein Schriftst�ck und hielt es dem Piloten hin.</p><p>�Was ist das?�, wollte der Pilot wissen.</p><p>�Eine Inhaberobligation der Vatikanbank �ber zehntausend Euro.�</p><p>Der Pilot machte ein skeptisches Gesicht.</p><p>�Das ist so gut wie Bargeld.�</p><p>�Nur Bargeld ist Bargeld�, sagte der Pilot und winkte ab.</p><p>In Aringarosa stieg Verzweiflung auf. Halt suchend lehnte er sich gegen die Cockpitt�r. �Es geht um Leben und Tod. Ich muss unbedingt nach London. Sie m�ssen mir helfen.�</p><p>Der Pilot deutete auf Aringarosas goldenen Ring. �Sind die Brillanten echt?�</p><p>Aringarosa blickte auf seinen Bischofsring. �Davon kann ich mich unm�glich trennen.�</p><p>Der Pilot zuckte die Achseln und wandte sich wieder seinen Instrumenten zu.</p><p>Aringarosa betrachtete den Ring. Tiefe Trauer �berkam ihn. Doch alles, wof�r dieser Ring stand, war ihm ohnehin schon so gut wie abhanden gekommen. Z�gernd streifte er den Ring vom Finger und legte ihn behutsam auf den Rahmen der Instrumententafel. Dann verlie� er das Cockpit und lie� sich in seinen Sitz sinken.</p><p>F�nfzehn Sekunden sp�ter sp�rte er, wie die Maschine ein paar Grad nach Norden schwenkte.</p><p>Aringarosas Freude hielt sich in Grenzen.</p><p>Es hatte als Kampf f�r eine heilige Sache begonnen, als brillant eingef�delter Coup, jetzt fiel alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen � und ein Ende war noch nicht abzusehen.</p></section><section><title><p><strong>76. KAPITEL</strong></p></title><p>Sophie verstummte ersch�pft. Langdon sah, dass ihr diese n�chtliche Begebenheit noch immer zu schaffen machte. Er selbst war fasziniert, einen authentischen Bericht �ber einen <emphasis>hieros Gamos</emphasis> geh�rt zu haben. Nicht nur, dass Sophie das Ritual in allen Einzelheiten miterlebt hatte, der eigene Gro�vater war obendrein der Zelebrant gewesen � der Gro�meister der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>. Er befand sich in einer Reihe mit gro�en Namen. Da Vinci, Botticelli, Victor Hugo, Jean Cocteau � Jacques Sauni�re.</p><p>�Ich kann Ihnen nachf�hlen, dass es ein Schock f�r Sie war�, sagte Langdon sanft.</p><p>Sophies tr�nenfeuchte Augen schimmerten jetzt in einem tiefen Gr�n. �Er hat mich aufgezogen wie sein eigenes Kind.�</p><p>Langdon kannte das Gef�hl, das bei Sophies Worten aus ihren Augen sprach. Es war Reue. Sophie sah ihren Gro�vater, dem sie sozusagen den Laufpass gegeben hatte, nun in einem anderen Licht.</p><p>Drau�en an Steuerbord zog der heraufd�mmernde Morgen eine scharlachrote Sch�rpe �ber den Horizont. Die Erde unter ihnen war noch schwarz.</p><p>�Kleine Erfrischung gef�llig?� Teabing pr�sentierte schwungvoll einige Dosen Cola und eine Schachtel Cracker. �Unser Freund, der M�nch, ist noch ein wenig mundfaul�, berichtete er dann, �aber das wird sich geben.� Er biss ger�uschvoll in einen Cracker. �Sind Fortschritte zu vermelden, meine Sch�ne?�, wandte er sich nach einem Blick auf den Vierzeiler an Sophie.</p><p>Sophie sch�ttelte den Kopf und erwiderte nichts.</p><p>W�hrend Teabing sich erneut dem Vierzeiler widmete, riss Langdon eine Coladose auf und schaute zum Fenster hinaus. In seinem Kopf wirbelten Bilder von Geheimritualen und r�tselhaften Codes, die auf ihre Entschl�sselung warteten, um Geheimnisse von unvorstellbarer Tragweite preiszugeben. Langdon dachte an die dritte Zeile des r�tselhaften Vierzeilers: ein gepriesener Templerstein. Er nahm einen tiefen Schluck, betrachtete die letzten Schleier der Nacht, die rasch schwanden, und versuchte, dem noch blassen Tageslicht irgendeine Erleuchtung abzuringen, doch je heller es drau�en wurde, desto weiter schien er sich von der Erkenntnis der Wahrheit zu entfernen. In Langdons Kopf vermischten sich der Rhythmus des Vierzeilers und der orgiastische Gesang beim Ritual des <emphasis>hieros Gamos</emphasis> mit dem Dr�hnen der Triebwerke.</p><p><emphasis>Ein gepriesener Templerstein.</emphasis></p><p>Das Flugzeug hatte die K�ste erreicht, als ihm wie ein Blitz die Erleuchtung kam. Langdon setzte die leere Coladose so heftig ab, dass es wie ein Pistolenschuss knallte. �Ihr werdet es mir nicht glauben�, wandte er sich Sophie und Teabing zu, �aber ich wei�, was mit dem gepriesenen Templerstein gemeint ist.�</p><p>Teabing riss die Augen auf. �Sie wissen, wo dieser Stein ist?�</p><p>�Nicht wo, sondern was er ist.� Langdon l�chelte. �Ich bin sicher, damit ist ein steinerner Kopf gemeint.�</p><p>�Ein steinerner Kopf?�, fragte Teabing verwirrt.</p><p>Auch Sophie blickte verwundert drein.</p><p>�Die Kirche�, fuhr Langdon fort, �hat den Templern doch alle m�glichen Blasphemien und Ketzereien vorgeworfen, nicht wahr?�</p><p>�Allerdings�, sagte Teabing. �Man hat eine stattliche Liste von Vorw�rfen konstruiert: Sodomie, Urinieren auf das Kruzifix, Teufelsverehrung � �</p><p>�Auf der Liste befand sich auch der Vorwurf der G�tzenanbetung, nicht wahr? Die Kirche hat den Templerorden beschuldigt, Geheimrituale zu vollziehen, bei denen die Skulptur eines steinernen Kopfes verehrt wurde. Der Kopf des heidnischen Gottes � �</p><p>�Baphomet!�, platzte Teabing heraus. �Sie haben Recht! Ein gepriesener Templerstein!�</p><p>Langdon erl�uterte Sophie, dass Baphomet ein heidnischer Fruchtbarkeitsgott war, dem die sch�pferische Kraft der Reproduktion zugeschrieben wurde. Sein Kopf wurde als Widderkopf oder Kopf eines Ziegenbocks dargestellt, die weithin als Symbole der Fortpflanzung und Fruchtbarkeit galten. Zur Verehrung Baphomets hatten die Templer, von Ges�ngen und Gebeten begleitet, einen Reigen um ein steinernes Abbild seines Kopfes getanzt.</p><p>�Baphomet!� Teabing sch�ttelte den Kopf. �Im Baphometkult wurde das sch�pferische Geheimnis der geschlechtlichen Vereinigung verehrt, bis Papst Klemens V. aller Welt verk�ndete, dass der Kopf Baphomets in Wirklichkeit das Haupt des Teufels sei. Er hat den Kopf Baphomets als Stolperstein benutzt, mit dem er die Templer zu Fall brachte.�</p><p>Langdon pflichtete ihm bei. Die heutige Vorstellung vom geh�rnten Teufel verdanken wir dem Bem�hen der Kirche, den geh�rnten Fruchtbarkeitsgott als Symbol des B�sen zu diffamieren. Das Bem�hen der Kirche war offensichtlich von Erfolg gekr�nt, wenn auch nicht vollst�ndig. Auf der Festtafel beim traditionellen amerikanischen Thanksgiving, dem Erntedankfest, wurden immer noch geh�rnte heidnische Fruchtbarkeitssymbole aufgestellt. Auch das F�llhorn war ein Tribut an Baphomets Fruchtbarkeit und ging zur�ck auf die G�ttersage von Zeus, der von einer Ziege ges�ugt wurde, deren Geh�rn abbrach und sich wundersamerweise mit Fr�chten f�llte.</p><p>�Ja!�, rief Teabing begeistert. �Der Vers <emphasis>muss</emphasis> sich auf Baphomet beziehen. Damit h�tten wir unseren gepriesenen Templerstein!�</p><p>�Aber wenn das stimmt�, meinte Sophie, �haben wir ein neues Problem.� Sie deutete auf die f�nf Einstellsegmente des Kryptex. �Baphomet hat acht Buchstaben, aber wir haben nur Platz f�r f�nf.�</p><p>Teabing grinste �bers ganze Gesicht. �Und hier, meine Liebe, kommt nun der Atbasch-Code ins Spiel.�</p></section><section><title><p><strong>77. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdon war beeindruckt. Teabing hatte soeben aus dem Ged�chtnis s�mtliche zweiundzwanzig Buchstaben des hebr�ischen Alphabets � <emphasis>alef-bet</emphasis> � niedergeschrieben. Zugegeben, er hatte die Transkription in lateinischen Buchstaben benutzt, aber jetzt las er das Ganze in makelloser Aussprache vor:</p><p>A B G D H V Z Ch T Y K L M N S O P Tz Q R Sh Th</p><p>� <emphasis>Alef, Beit, Gimel, Dalet, Hei, Vav, Zayin, Chet, Tet, Yud, Kaf, Lamed, Mem, Nun, Samech, Ayin, Pei, Tzadik, Kuf, Reish, Shin, und Tav.</emphasis>� Teabing wischte sich dramatisch den nicht vorhandenen Schwei� von der Stirn und fuhr fort: �In der hebr�ischen Buchstabierweise gibt es f�r die Vokale kein Zeichen. Wenn wir also das Wurt �Baphomet� auf hebr�isch aufschreiben, fallen die drei Vokale aus, und somit h�tten wir � �</p><p>�F�nf Buchstaben!�, fiel Sophie ihm ins Wort.</p><p>Teabing nickte und begann wieder zu schreiben. �Hier w�re also die korrekte Niederschrift des Wortes �Baphomet� in hebr�ischer Schreibweise. Der Klarheit halber schreibe ich die fehlenden Vokale klein dazwischen.�</p><p>Er schrieb:</p><p>B a P V o M e Th</p><p>�Nicht zu vergessen�, fuhr Teabing fort, �dass Hebr�isch von rechts nach links geschrieben wird, Atbasch jedoch funktioniert bei unserer vertrauten Schreibweise ebenso gut. Jetzt m�ssen wir noch unseren Austauschschl�ssel erstellen, indem wir das ganze Alphabet von hinten nach vorn unter das erste Alphabet schreiben.�</p><p>�Das geht auch einfacher�, sagte Sophie und nahm Teabing den Stift aus der Hand. �Das kann man bei allen gegenl�ufigen Austauschcodes machen. Ein kleiner Trick, den man mir am Royal Holloway beigebracht hat.� Sophie notierte die erste H�lfte des Alphabets von links nach rechts, darunter die zweite H�lfte von rechts nach links. �Kryptoanalytiker nennen das die Faltmethode, halb so kompliziert, aber doppelt so klar.�</p><empty-line/><p>A B G D H V Z Ch T Y K</p><p>Th Sh R Q Tz P O S N M L</p><empty-line/><p>Teabing betrachtete schmunzelnd Sophies Matrix. �Sehr gut. Ich stelle mit Befriedigung fest, dass unsere Jungs in Holloway anst�ndige Arbeit geleistet haben.�</p><p>Beim Betrachten von Sophies Substitutionsmatrix empfand Langdon eine wachsende Erregung. Nicht anders war es wohl den fr�hen Religionswissenschaftlern ergangen, denen es durch die Anwendung des Atbasch-Codes gelungen war, das inzwischen ber�hmte <emphasis>Geheimnis von Scheschach</emphasis> zu l�ften. �ber Jahre hinweg hatte man an den Verweisen der Bibel auf eine Stadt �Scheschach� herumger�tselt. Auf keiner Landkarte und in keinem anderen Dokument war diese Stadt auszumachen, die im Buch Jeremia immer wieder vorkam � der K�nig von Scheschach, die Stadt Scheschach, das Volk von Scheschach �, bis ein Gelehrter auf die Idee kam, den Atbasch-Code auf dieses Wort anzuwenden. Das Ergebnis war verbl�ffend. Scheschach entpuppte sich als Codewort f�r eine sehr bekannte Stadt. Die Entschl�sselung war ganz einfach.</p><p>Im Hebr�ischen wird Scheschach Sh-Sh-K geschrieben. Durch die entsprechende Substitution wurde aus Sh-Sh-K die Buchstabenfolge B-B-L, was hebr�isch ausgesprochen Babel lautet.</p><p>Die geheimnisvolle Stadt Scheschach war Babel.</p><p>Daraufhin brach ein regelrechtes Fieber aus, was die �berpr�fung biblischer W�rter und Begriffe betraf. Binnen weniger Wochen entdeckte man im Alten Testament eine ganze Reihe von W�rtern, die mit Atbasch verschl�sselt waren, wodurch sich eine ungeahnte Menge unterschwelliger Bedeutungszusammenh�nge ergab, von deren Existenz bislang kein Mensch etwas geahnt hatte.</p><p>�Wir sind gleich so weit�, fl�sterte Langdon, der sich kaum noch beherrschen konnte.</p><p>�Nur noch Zentimeter vom Ziel entfernt�, f�gte Teabing hinzu und streifte Sophie mit einem Blick. �Fertig?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Also dann � Baphomet auf hebr�isch, ohne Vokale, w�re B-P-V-M-Th. Jetzt nehmen wir Ihre Substitutionsmatrix und �bersetzen die f�nf Buchstaben in unser Passwort.�</p><p>Sophies Matrix im Blick, tauschte Teabing sorgf�ltig einen Buchstaben nach dem anderen aus. <emphasis>B wird zu Sh � P wird zu V �</emphasis></p><p>Teabing strahlte wie ein Junge unter dem Weihnachtsbaum. �Und der Atbasch-Code ergibt � � Abrupt hielt er inne und wurde blass. �Gro�er Gott!�</p><p>Langdon fuhr hoch. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. �Was ist?�</p><p>�Robert, Sie werden es kaum glauben!�, keuchte Teabing.</p><p>�Was denn?�, fragte auch Sophie ungeduldig.</p><p>Teabing blickte sie an. �Und Sie schon gar nicht.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Das ist einfach genial�, fl�sterte Teabing und begann wieder zu schreiben. �Und jetzt bitte einen Trommelwirbel! Hier ist das Passwort.� Er hielt den Zettel hoch. Darauf stand:</p><p>Sh-V-P-Y-A</p><p>Sophie runzelte die Stirn. �Was hei�t das?�</p><p>Auch Langdon wusste nichts damit anzufangen. �Das, meine Freunde, ist in der Tat ein �uralt Wort der Weisheit��, sagte Teabing mit bebender Stimme.</p><p>Langdon las noch einmal die Buchstabenfolge. <emphasis>Ein uralt Wort der Weisheit l�st den Bann.</emphasis> Pl�tzlich ging ihm ein Licht auf. Damit h�tte er im Traum nicht gerechnet. �Ein uralt Wort der Weisheit!�</p><p>Teabing lachte. �Geradezu w�rtlich!�</p><p>Sophie betrachtete das Wort und dann den �ffnungsmechanismus des Kryptex. �Auf den Drehsegmenten gibt es aber kein Sh, nur das �bliche lateinische Alphabet.�</p><p>�Sie m�ssen das Wort lesen�, sagte Langdon eindringlich. �Au�erdem m�ssen Sie wissen, dass im Hebr�ischen das Zeichen f�r Sh je nach seinem Akzent auch wie ein einfaches S ausgesprochen werden kann und das Zeichen P wie unser F.�</p><p>�SVFYA�, radebrechte Sophie verwirrt.</p><p>�Der Mann war ein Genie!� Teabing konnte sich kaum beruhigen. �Das Zeichen Vav ist oft nur ein Platzhalter f�r den Vokal O!�</p><p>Sophie versuchte noch einmal, der Buchstabenreihe Klang zu verleihen. �S � o � f � y � a.�</p><p>Sie h�rte den Klang ihrer eigenen Stimme und wollte kaum glauben, was sie soeben gesagt hatte. �Sophia? Das wird �Sophia� ausgesprochen?�</p><p>Langdon nickte begeistert. �Ja! Sophia hei�t auf Griechisch �Weisheit�. Ihr Name, Sophie, ist buchst�blich �ein uralt Wort der Weisheit�.�</p><p>Sophie sehnte sich pl�tzlich mit ganzem Herzen nach ihrem Gro�vater. Er hat es wieder einmal perfekt hinbekommen. <emphasis>Er hat meinen Namen zum Verschl�sseln des Kryptex benutzt</emphasis>. Sie sp�rte einen Klo� im Hals. Ihr Blick fiel auf die f�nf Drehsegmente des Kryptex. �Aber, Moment mal � das Wort Sophia hat sechs Buchstaben.�</p><p>Teabings L�cheln war unersch�tterlich. �Sehen Sie sich die Verszeile genau an. Ihr Gro�vater hat geschrieben �ein uralt Wort der Weisheit�.�</p><p>�Ja, und?�</p><p>Teabing blinzelte ihr zu. �Im Altgriechischen ist das Ph ein <emphasis>einziger</emphasis> Buchstabe, n�mlich das Phi, und es klingt wie ein F: S-o-f-i-a!�</p></section><section><title><p><strong>78. KAPITEL</strong></p></title><p>Sophie versp�rte eine unbez�hmbare Erregung, als sie sich das Kryptex in den Scho� legte und die Buchstabenfolge einstellte. <emphasis>Ein uralt Wort der Weisheit l�st den Bann</emphasis>. Langdon und Teabing sahen ihr atemlos zu.</p><p>S � O � F �</p><p>�Vorsichtig�, warnte Teabing, �ganz, ganz vorsichtig!�</p><p>� I � A</p><p>Das letzte Drehsegment war richtig eingestellt. �Also gut�, fl�sterte Sophie und sah die beiden M�nner an. �Jetzt ziehe ich es auseinander.�</p><p>�Denken Sie an den Essig�, mahnte Langdon leise. �Ganz vorsichtig � �</p><p>Wenn dieses Kryptex so funktionierte wie jene, die Sophie in ihrer Kindheit ge�ffnet hatte, brauchte sie nur den Zylinder an beiden Enden oberhalb und unterhalb des letzten Segments zu greifen und unter gleichm��igem Zug auseinander zu ziehen. Waren die Drehsegmente korrekt eingestellt, w�rde eines der Endst�cke wie der Objektivverschluss einer Kamera herausgleiten, sodass man ins Innere greifen und das Papyrusdokument herausholen konnte, das um die Phiole mit dem Essig gewickelt war. War das eingestellte Passwort jedoch falsch, �bertrug die Zugkraft sich auf ein Hebelwerk, das die Glasphiole zerbrach, wenn man zu stark zog.</p><p><emphasis>Zieh ganz vorsichtig</emphasis>, ermahnte sich Sophie.</p><p>Teabing und Langdon beugten sich gespannt vor. Sophie ergriff die Endst�cke des Zylinders. Vor lauter Aufregung bei der Entzifferung des Codeworts hatte Sophie fast vergessen, was sie in diesem Steinzylinder zu finden hofften. Das ist der Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis>. Teabing zufolge enthielt er einen Wegweiser zum Heiligen Gral und enth�llte den Ort der Grabst�tte Maria Magdalenas und den Verbleib der Sangreal-Dokumente � den vollst�ndigen Schatz des Geheimwissens.</p><p>Nachdem Sophie noch einmal �berpr�ft hatte, ob alle Buchstaben des Passworts richtig eingestellt waren, begann sie behutsam zu ziehen. Nichts tat sich. Sie zog ein bisschen st�rker. Pl�tzlich glitt der Steinzylinder auseinander wie ein pr�zise gefertigtes Teleskop. Das Endst�ck l�ste sich und lag schwer in ihrer Hand. Sophies Herz pochte wild. Sie legte das Endst�ck auf den Tisch und hielt den Zylinder schr�g, um hineinzusp�hen.</p><p><emphasis>Eine Schriftrolle.</emphasis></p><p>In der H�hlung der Rolle konnte Sophie einen runden Gegenstand mit dem darumgewickelten Schriftst�ck, erkennen � die Phiole mit dem Essig, wie zu vermuten war. Seltsamerweise war um den Gegenstand nicht der erwartete zarte Papyrus gewickelt, sondern Pergament. Merkw�rdig, dachte sie. Essig kann doch kein Pergament aus Schafshaut aufl�sen. Als sie noch einmal in die H�hlung sp�hte, bemerkte sie, dass das Objekt in der Rolle keineswegs ein Glasbeh�lter mit Essig war. Es war etwas ganz anderes.</p><p>�Stimmt was nicht?�, dr�ngte Teabing. �Nun ziehen Sie die Schriftrolle schon heraus!�</p><p>Stirnrunzelnd griff Sophie in den Zylinder und zog das Pergament samt dem Gegenstand, um den es gewickelt war, heraus.</p><p>�Das ist ja gar kein Papyrus�, sagte Teabing. �Viel zu dick.�</p><p>�Ich wei�. Es ist ja nur die Polsterung.�</p><p>�Wozu? F�r die Phiole mit dem Essig?�</p><p>Sophie rollte bereits das Pergament auseinander. Der Gegenstand kam zum Vorschein. �Nein, daf�r.�</p><p>Als Langdon das Objekt erblickte, sank ihm der Mut.</p><p>�Gott steh uns bei�, rief Teabing. �Ihr Gro�vater kannte wirklich kein Erbarmen.�</p><p>�Stimmt�, sagte Langdon. �Sauni�re hatte nicht vor, uns die Sache leicht zu machen.�</p><p>Auf dem Tisch lag ein zweites Kryptex. Kleiner und aus schwarzem Onyx. Eingepasst ins erste Kryptex � Sauni�res Leidenschaft f�r Dualismen. Alles paarweise. Zwei Kryptexe. Der Doppelsinn als Prinzip. M�nnlich-weiblich. Das Wei�e umf�ngt das Schwarze. Langdon sp�rte, wie sich das Netz symbolischer Bedeutungen immer weiter spann. Wei� gebiert Schwarz.</p><p><emphasis>Jeder Mensch ist dem Weib entsprungen.</emphasis></p><p><emphasis>Wei� � weiblich.</emphasis></p><p><emphasis>Schwarz � m�nnlich.</emphasis></p><p>Langdon griff nach dem kleinen Kryptex. Es sah aus wie das erste, nur dass es halb so gro� und schwarz war. Er h�rte das vertraute Gluckern der Essigphiole, die offenbar im zweiten Kryptex steckte.</p><p>�Robert�, sagte Teabing und schob Langdon das Pergament hin, �Sie werden bestimmt mit Freuden h�ren, dass wir immerhin in die richtige Richtung fliegen.�</p><p>Langdon betrachtete das dicke Pergament. Wieder befand sich ein in schwungvoller Schrift geschriebener Vierzeiler darauf, wieder in f�nff��igen Jamben. Sein Sinn war erwartungsgem�� dunkel, doch schon nach dem Lesen der ersten Zeile fand Langdon best�tigt, dass Teabings Plan, nach England zu fliegen, sich auszahlen w�rde.</p><p>IN LONDON LIES A KNIGHT A POPE INTERRED (In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben.)</p><p>Aus den anderen Versen ging eindeutig hervor, dass sich das Passwort zum �ffnen des zweiten Kryptex durch einen Besuch am Sarkophag dieses r�tselhaften Ritters herausfinden lie�, der sich irgendwo in London befinden musste.</p><p>�In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben�, sagte Langdon aufgeregt. �Haben Sie eine Ahnung, auf welchen Ritter sich das Gedicht bezieht?�, erkundigte er sich bei Teabing.</p><p>�Nicht die leiseste. Aber ich wei� genau, wo wir uns umsehen sollten.�</p><empty-line/><p>Zur gleichen Zeit jagten drei�ig Kilometer entfernt sechs Streifenwagen der Polizei von Kent �ber regennasse Stra�en zum Gesch�fts- und Sportflugplatz von Biggin Hill.</p></section><section><title><p><strong>79. KAPITEL</strong></p></title><p>Leutnant Collet bediente sich aus dem K�hlschrank in Teabings K�che mit einem Perrier und ging gem�chlich in den Salon zur�ck. Statt Fache nach London zu begleiten, wo die Musik spielte, sa� er hier im Ch�teau Villette fest und spielte den Babysitter f�r die Leute von der Spurensicherung, die inzwischen im ganzen Schloss ausgeschw�rmt waren.</p><p>Bislang hatte das Team wenig verwertbares Material zu Tage gef�rdert: Ein Projektil im Boden, ein Zettel mit den W�rtern �Winkel� und �Kelch�, sowie einen blutverschmierten Riemen mit Stacheln, der, wie Collet von einem der Beamten erfahren hatte, irgendetwas mit der ultrakonservativen katholischen Organisation Opus Dei zu tun hatte, die k�rzlich nach einem Fernsehbericht �ber ihre aggressive Mitgliederwerbung in Paris ins Kreuzfeuer der Medien geraten war.</p><p>Collet seufzte. <emphasis>Wenn wir mit diesem Sammelsurium etwas anfangen k�nnen, haben wir mehr Gl�ck als Verstand.</emphasis></p><p>Er schlenderte den prunkvollen Flur hinunter und betrat den riesigen Ballsaal, der dem Hausherrn als Arbeitsraum diente. Der Chef des Spurensicherungsteams, ein korpulenter Mann mit Hosentr�gern, war eifrig damit besch�ftigt, Fingerabdr�cke zu sichern.</p><p>�Schon was gefunden?�, erkundigte sich Collet, als er das Zimmer betrat.</p><p>Der Beamte sch�ttelte den Kopf. �Nichts Neues. Immer wieder die gleichen Abdr�cke, die wir schon �berall im Haus gefunden haben.�</p><p>�Was ist mit den Abdr�cken auf dem Bu�g�rtel?�</p><p>�Interpol ist noch dran. Ich hab denen alles gemailt, was wir gefunden haben.�</p><p>Collet zeigte auf zwei Plastikt�ten f�r Beweismittel, die auf dem Tisch lagen. �Und was ist damit?�</p><p>Der Mann zuckte die Schultern. �Die Macht der Gewohnheit. Alles, was mir merkw�rdig vorkommt, wird eingesackt.�</p><p>Collet ging zum Tisch. <emphasis>Merkw�rdig</emphasis>?</p><p>�Dieser Teabing ist ein komischer Kauz�, sagte der Beamte. �Sehen Sie sich das mal an.� Er suchte in einer der T�ten, nahm ein Foto heraus und reichte es Collet.</p><p>Es war das Bild des Mittelportals einer gotischen Kathedrale � der �bliche, tief in den Bauk�rper eingezogene gotische Kircheneingang, dessen Mauer�ffnung sich unter den gestaffelten W�lsten spitzbogiger Archivolten bis zum eigentlichen, relativ kleinen Portal verengte.</p><p>Collet betrachtete das Bild. �Was soll daran merkw�rdig sein?�</p><p>�Drehen Sie's mal um.�</p><p>Die R�ckseite war mit winzigen Notizen in englischer Sprache voll gekritzelt, in denen die weite H�hlung des Kirchenschiffs mit dem weiblichen Uterus verglichen wurde. Das war schon merkw�rdig genug, aber der Gipfel war die Notiz zur Gestaltung gotischer Kathedraleneing�nge. �Moment mal � �, sagte Collet, �der Mann ist tats�chlich der Ansicht, der Eingang einer Kathedrale sei ein Abbild der weiblichen � �</p><p>Der Ermittler nickte. �Genau. Samt Schamlippen und einer kleinen Lilie als Klitoris oben im Spitzbogen �ber der T�r.� Der Beamte seufzte. �Da m�chte man doch glatt wieder mal in die Kirche gehen.�</p><p>Collet nahm den zweiten Beutel zur Hand. Durch die Plastikfolie konnte er ein gro�es Hochglanzfoto erkennen, auf dem ein offenbar sehr altes Dokument abfotografiert war. Am oberen Rand stand eine �berschrift:</p><p><emphasis>Les Dossiers Secrets-num�ro 4� lm1 249</emphasis></p><p>�Was ist denn das?�, fragte Collet.</p><p>�Keine Ahnung, aber weil �berall Abz�ge davon herumliegen, kam es in den Beutel.�</p><p>Collet studierte das Dokument.</p><empty-line/><p>PRIEUR� DE SION -</p><p>LES NAUTIONIERS/GROSSMEISTER</p><p>Jean de Gisors 1188-1220</p><p>Marie de Saint-Clair 1220-1266</p><p>Guillaume de Gisors 1266-1307</p><p>Edouard de Bar 1307-1336</p><p>Jeanne de Bar 1336-1351</p><p>Jean de Saint-Clair 1351-1366</p><p>Blanche d'Evreux 1366-1398</p><p>Nicolas Flamel 1398-1418</p><p>Ren� d'Anjou 1418-1480</p><p>Iolande de Bar 1480-1483</p><p>Sandro Botticelli 1483-1510</p><p>Leonardo da Vinci 1510-1519</p><p>Connetable de Bourbon 1519-1527</p><p>Ferdinand de Gonzaque 1527-1575</p><p>Louis de Nevers 1575-1595</p><p>Robert Fludd 1595-1637</p><p>J.Valentin Andrea 1637-1654</p><p>Robert Boyle 1654-1691</p><p>Isaac Newton 1691-1727</p><p>Charles Radcliffe 1727-1746</p><p>Charles de Lorraine 1746-1780</p><p>Maximilian de Lorraine 1780-1801</p><p>Charles Nodier 1801-1844</p><p>Victor Hugo 1844-1885</p><p>Claude Debussy 1885-1918</p><p>Jean Cocteau 1918-1963</p><empty-line/><p><emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>? Collet war ratlos.</p><p>�Leutnant?� Ein Beamter steckte den Kopf zur T�r herein. �Die Vermittlung hat einen dringenden Anruf f�r Capitaine Fache, aber man kann ihn nicht erreichen. Wollen Sie das Gespr�ch annehmen?�</p><p>Collet ging zum Telefon in der K�che und nahm ab.</p><p>Es war Vernet. Trotz der gezierten Sprechweise des Bankiers war seine Anspannung un�berh�rbar. �Es war vereinbart, dass Capitaine Fache mich zur�ckruft, aber ich habe bislang nichts von ihm geh�rt.�</p><p>�Der Capitaine ist sehr besch�ftigt�, sagte Collet. �Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen.�</p><p>�Man hat mir versichert, dass ich �ber den Fortgang der Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten werde�, beschwerte sich der Anrufer. Seine Stimme kam Collet irgendwie bekannt vor, doch er konnte sie nirgends einordnen.</p><p>�Monsieur Vernet, ich bin derzeit mit den Ermittlungen in Paris betraut. Ich bin Leutnant Collet.�</p><p>Eine lange Pause entstand. ��h � entschuldigen Sie, Leutnant, ich habe einen anderen Anrufer in der Leitung. Ich melde mich gleich zur�ck.� Vernet h�ngte ein.</p><p>Collet hielt unschl�ssig den H�rer in der Hand. Dann d�mmerte es ihm. <emphasis>Der Fahrer des Geldtransporters mit der falschen Rolex!</emphasis></p><p>Deshalb hatte der Bankier so schnell aufgelegt! Er hatte sich beim Namen Collet an den Beamten erinnert, den er in dieser Nacht so unversch�mt an der Nase herumgef�hrt hatte.</p><p>Collet dachte nach. Was hatte diese unerwartete Wendung zu bedeuten? <emphasis>Vernet steckt in der Sache mit drin!</emphasis> Collet wusste, dass er Fache benachrichtigen sollte, doch sein Gef�hl sagte ihm, dass dieser Gl�ckstreffer seine Sternstunde werden konnte.</p><p>Er rief unverz�glich Interpol an, um sich alles verf�gbare Material �ber die Z�rcher Depositenbank und ihren Pariser Direktor Andr� Vernet geben zu lassen.</p></section><section><title><p><strong>80. KAPITEL</strong></p></title><p>�Bitte anschnallen�, kam die Ansage des Piloten, als Teabings Hawker 731 in einen tr�ben morgendlichen Nieselregen hinabtauchte. �Wir landen in f�nf Minuten.�</p><p>Als Teabing die dunstige H�gellandschaft Kents erblickte, die sich weit unter dem landenden Flugzeug ausbreitete, hatte er das freudige und erhebende Gef�hl, nach Hause zu kommen. England war weniger als eine Flugstunde von Paris entfernt, und doch lagen Welten dazwischen. An diesem Morgen schien ihn das feuchte Fr�hlingsgr�n seiner heimatlichen Gefilde ganz besonders willkommen zu hei�en. <emphasis>Deine Zeit in Frankreich ist vorbei</emphasis>. <emphasis>Der Schlussstein ist gefunden. Im Triumph kehrst du nach England zur�ck</emphasis>. Blieb allerdings noch die Frage, wohin der Schlussstein die Suchenden letzten Endes f�hren w�rde. <emphasis>An irgendeinen Ort im Vereinigten K�nigreich.</emphasis> Wohin genau, vermochte Teabing nicht zu sagen, doch er kostete bereits den Vorgeschmack des Ruhms.</p><p>Teabing erhob sich und ging auf die andere Seite der Kabine. Langdon und Sophie sahen, wie er ein St�ck der Wandverkleidung beiseite schob. Ein diskret eingebauter Tresor kam zum Vorschein, den Teabing nach Einstellen der Zahlenkombination �ffnete. Er nahm zwei P�sse heraus. �Reisedokumente f�r R�my und mich�, verk�ndete er, griff noch einmal in den Safe und brachte ein dickes B�ndel F�nfzig-Pfund-Noten zum Vorschein. �Und Reisedokumente f�r meine Flugg�ste.�</p><p>Sophie sah ihn argw�hnisch an. �Bestechungsgeld?�</p><p>�Nennen wir es kreative Diplomatie. Auf Gesch�ftsflugpl�tzen gibt es immer gewisse M�glichkeiten. Wenn wir in meinem Hangar sind, wird mich ein britischer Zollbeamter begr��en und bitten, an Bord kommen zu d�rfen. Ich werde ihm sagen, dass ich mich in Begleitung einer prominenten franz�sischen Staatsb�rgerin befinde, die ungern m�chte, dass ihre Anwesenheit in England bekannt wird � wegen der Regenbogenpresse, verstehen Sie �, und dann werde ich dem Beamten in Anerkennung seines unb�rokratischen Verhaltens ein gro�z�giges Trinkgeld zustecken.�</p><p>�Und der Beamte wird darauf eingehen?�</p><p>�Nat�rlich nicht jeder, aber die Leute hier kennen mich schon lange. Mein Gott, ich bin schlie�lich kein Waffenh�ndler.� Teabing l�chelte. �Der Ritterschlag hat auch seine Vorteile.�</p><p>R�my kam durch den Mittelgang nach vorn, die Heckler &amp; Koch in der Hand. �Sir, wie lauten meine Anweisungen?�</p><p>�Sie werden mit unserem Gast an Bord bleiben, bis wir wiederkommen. Wir k�nnen ihn ja nicht gut durch ganz London mit uns herumschleppen.�</p><p>Sophie sah Teabing besorgt an. �Sir Leigh, ich bef�rchte, dass die franz�sische Polizei Ihr Flugzeug aufgesp�rt hat, bis wir zur�ckkommen.�</p><p>Teabing lachte. �Die d�rften sich ganz sch�n wundern, wenn sie an Bord kommen und R�my mit unserem Freund antreffen.�</p><p>F�r Sophies Empfinden betrachtete Teabing die Sache ein wenig zu gelassen. �Sie haben einen Mann der Freiheit beraubt und gefesselt �ber internationale Grenzen hinweg au�er Landes geschafft, Sir Leigh. Das ist ein harter Brocken.�</p><p>�Das sind meine Anw�lte auch.� Teabing warf einen finsteren Blick ins Heck auf den gefangenen M�nch. �Dieses Monstrum ist in mein Haus eingebrochen und h�tte mich um ein Haar ermordet. Das ist eine Tatsache, und R�my wird es best�tigen!�</p><p>�Aber Sie haben ihn gefesselt nach London geschafft�, sagte Langdon.</p><p>Teabing hob die Hand zu einem theatralischen Schwur. �Euer Ehren, vergeben Sie einem exzentrischen alten Ritter seine hohe Meinung von der britischen Justiz. Ich gebe zu, ich h�tte die franz�sische Polizei rufen m�ssen, aber f�r mich als britischen Snob ist das <emphasis>laissez-faire</emphasis> der Franzosen unertr�glich. Ich traue ihren Strafverfolgungsbeh�rden nicht �ber den Weg. Dieses Ungeheuer h�tte mich um ein Haar ins Jenseits bef�rdert, ja, es war �bereilt, dass ich meinen Butler veranlasst habe, mir zu helfen, den Mann nach England zu bringen, aber ich stand unter gewaltigem Stress. Mea culpa.�</p><p>Langdon blickte Teabing zweifelnd an. �Weil Sie es sind, Sir Leigh, kommen Sie vielleicht mit einem blauen Auge davon.�</p><p>�Sir?�, erklang die Lautsprecherstimme des Piloten in der Kabine. �Der Tower hat sich soeben gemeldet. An Ihrem Hangar gibt es ein technisches Problem. Ich soll stattdessen zum Empfangsgeb�ude rollen.�</p><p>Teabing hatte Biggin Hill seit mehr als zehn Jahren angeflogen, und so etwas war noch nie passiert. �Hat der Tower gesagt, worin das Problem besteht?�</p><p>�Nicht genau. Irgendwas von einem Leck an der Tankstation. Ich soll die Maschine vor dem Empfangsgeb�ude parken und niemand von Bord lassen, bis ich neue Informationen bekomme. Eine Vorsichtsma�nahme. Jedenfalls soll niemand aussteigen, bis wir vom Tower gr�nes Licht haben.�</p><p>Teabing war skeptisch. Das musste ja ein gewaltiges Leck sein. Die Tankstation befand sich fast einen Kilometer vom Hangar entfernt.</p><p>Auch R�my blickte besorgt drein. �Das erscheint mir h�chst au�ergew�hnlich, Sir.�</p><p>Teabing wandte sich an Sophie und Langdon. �Meine Freunde, ich habe den unguten Verdacht, dass uns ein Begr��ungskomitee erwartet.�</p><p>Langdon seufzte. �Ich f�rchte, Fache h�lt mich immer noch f�r seinen Mann.�</p><p>�Entweder das�, meinte Sophie, �oder er hat sich so weit in die Sache verrannt, dass er nicht mehr zur�ck kann.�</p><p>Teabing war mit den Gedanken woanders. Egal was Fache vermutete � jetzt musste schnell etwas geschehen. <emphasis>Du darfst das eigentliche Ziel nicht aus den Augen verlieren. Den Heiligen Gral. Wir haben es fast geschafft.</emphasis></p><p>Das Fahrwerk wurde ausgefahren und rastete rumpelnd ein.</p><p>�Sir Leigh�, sagte Langdon mit ehrlichem Bedauern in der Stimme, �ich sollte mich den Beh�rden stellen und die Geschichte auf legale Weise zu Ende bringen. Ich habe euch alle schon tief genug hineingezogen.�</p><p>�Du lieber Himmel, Robert!� Teabing hob abwehrend die H�nde. �Glauben Sie wirklich, man w�rde uns einfach so gehen lassen? Ich habe Sie illegal au�er Landes geschafft, und Miss Neveu hat Ihnen zur Flucht aus dem Louvre verholfen, und da hinten liegt ein gefesselter Mann im Flugzeug. Wir stecken alle bis zum Hals mit drin!�</p><p>�Wie w�r's mit einem anderen Flugplatz?�, sagte Sophie.</p><p>Teabing sch�ttelte den Kopf. �Wenn wir jetzt wieder hochziehen und woanders heruntergehen, ist dort bis zur Landung die Armee mit Panzern aufgefahren.� Um sich die britischen Beh�rden so lange vom Hals zu halten, bis der Gral gefunden war, half nur noch ein k�hner Entschluss. �Entschuldigen Sie mich einen Moment�, sagte Teabing und hinkte zum Cockpit.</p><p>�Was haben Sie vor?�, wollte Langdon wissen.</p><p>�Ich muss ein Verkaufsgespr�ch f�hren.� Teabing fragte sich, wie tief der Griff in seine Tasche wohl ausfallen musste, um dem Piloten ein h�chst regelwidriges Man�ver schmackhaft zu machen.</p></section><section><title><p><strong>81. KAPITEL</strong></p></title><p>Die Hawker befand sich im Landeanflug.</p><p>Simon Edwards, Chef der Betreibergesellschaft des Flugplatzes Biggin Hill, tigerte im Kontrollturm auf und ab und schaute immer wieder nerv�s auf die regennasse Landebahn hinaus. Er sch�tzte es gar nicht, an einem Samstagmorgen in aller Fr�he aus dem Bett geklingelt zu werden, aber dass man ihn herbeigerufen hatte, um bei der Festnahme eines seiner besten Kunden mitzuwirken, war mehr als eine Zumutung. Simon Edwards' Gesellschaft kam nicht nur in den Genuss der Pachteinnahmen aus Sir Leigh Teabings privatem Hangar, sie kassierte auch bei jedem der regelm��igen Besuche ihres Kunden deftige Start- und Landegeb�hren. Normalerweise war der Flugplatz �ber Teabings Pl�ne im Voraus informiert und konnte bei der Ankunft das auf Teabings pers�nliche W�nsche abgestimmte Empfangsprotokoll genauestens einhalten. Seine Jaguar-Stretchlimousine, eine Sonderanfertigung, musste voll getankt und frisch poliert im Hangar stehen; auf dem R�cksitz hatte die aktuelle Tagesausgabe der Times zu liegen, und f�r die vorgeschriebene Pass- und Zollkontrolle hatte bei der Ankunft des Flugzeugs ein Zollbeamter am Hangar bereitzustehen. Die Zollbeamten bekamen gelegentlich ein ordentliches Trinkgeld zugesteckt, damit sie bei den �fters mitgef�hrten landwirtschaftlichen Produkten � meist Delikatessen wie franz�sische Schnecken, ein besonders reifer Rohmilch-Roquefort und gewisse Edelobstsorten � ein Auge zudr�ckten. Viele Zollvorschriften waren ohnehin lachhaft, und wenn Biggin Hill nicht bereit war, seinen Kunden ein gewisses Entgegenkommen zu gew�hren � andere Flugpl�tze waren es.</p><p>Edwards' Nerven waren zum Zerrei�en gespannt, als er das Flugzeug einschweben sah. Er fragte sich, oh Teabing sich durch allzu sorglosen Umgang mit seinen Verm�genswerten in Schwierigkeiten gebracht h�tte � die franz�sischen Beh�rden waren jedenfalls sehr darauf bedacht, seiner habhaft zu werden. Was gegen Teabing vorlag, hatte man Edwards nicht verraten, aber es musste schon etwas Schwerwiegendes sein. Auf Verlangen der franz�sischen Polizei hatten ihre englischen Kollegen den Tower von Biggin Hill angewiesen, Funkkontakt mit dem Piloten der Hawker aufzunehmen und die Maschine direkt vor das Empfangsgeb�ude zu lenken, statt sie in den Hangar des Kunden rollen zu lassen. Der Pilot hatte sich der Anweisung gef�gt und dem Tower offenbar die ziemlich weit hergeholte Geschichte von dem Treibstoffleck abgekauft.</p><p>Die britische Polizei war normalerweise unbewaffnet, doch man hielt die Situation offenbar f�r so delikat, dass ein bewaffnetes Einsatzkommando in Marsch gesetzt worden war. Acht Polizisten � ebenfalls bewaffnet � hielten sich unmittelbar am Ausgang des Terminals bereit und warteten auf den Augenblick, dass der Pilot die Triebwerke abstellte. In diesem Moment sollte ein Flugplatztechniker Bremskl�tze vor das Fahrwerk schieben, sodass die Maschine bewegungsunf�hig war. Anschlie�end sollte die Polizei in Aktion treten und die Insassen der Hawker so lange in Schach halten, bis die franz�sische Polizei erschien und das weitere Vorgehen �bernehmen konnte.</p><p>Die Hawker kam tief hereingeschwebt. Sie streifte fast die Baumwipfel rechts am Ende des Flugfelds. Simon Edwards ging nach unten, um die Landung zu beobachten. Die Polizisten standen versteckt bereit, der Mechaniker wartete mit den Bremskl�tzen. Drau�en zog die Hawker �ber der Landebahn die Nase nach oben, und die Reifen setzten quietschend in einer kleinen Rauchwolke auf der Rollbahn auf. Das Flugzeug jagte von rechts auf das Abfertigungsgeb�ude zu. Der Rumpf gl�nzte in der N�sse.</p><p>Allm�hlich verlor die Maschine an Fahrt, doch anstatt weiter abzubremsen und auf den Taxiway zum Terminal einzuschwenken, jagte der Jet seelenruhig daran vorbei und hielt auf Teabings Hangar weit hinten am Ende der Landebahn zu.</p><p>Die Polizisten fuhren wie ein Mann herum und starrten auf Edwards. �Hat der Pilot nicht gesagt, dass er vor dem Terminal parken wird?�</p><p>�Hat er auch!�</p><p>Sekunden sp�ter fand Edwards sich zwischen Polizisten eingekeilt in einem Streifenwagen wieder, der �ber die Landebahn zu Teabings Hangar raste. Der Polizeikonvoi war noch immer gut f�nfhundert Meter vom Hangar entfernt, als Teabings Maschine gem�chlich ins das gro�e Geb�ude rollte und verschwand.</p><p>Als die Streifenwagen mit kreischenden Reifen vor den Hangars zum Stehen kamen und die Polizisten mit gezogener Waffe aus den Fahrzeugen sprangen, wurden sie von einem H�llenl�rm begr��t. Mit dr�hnenden Triebwerken beendete die Maschine soeben den �blichen Schwenk um die eigene Achse und rollte noch ein St�ckchen vor, um f�r den n�chsten Flug mit der Nase zur Rollbahn zu stehen. Edwards konnte den Piloten sehen, dem verst�ndlicherweise die �berraschung beim Anblick des Polizeiaufgebots ins Gesicht geschrieben stand.</p><p>Als der Pilot die Hawker endg�ltig zum Stehen brachte und die Triebwerke auslaufen lie�, nahmen die Polizisten um die Maschine herum Aufstellung. Edwards hielt sich im Kielwasser des Chefinspektors der Polizei von Kent, der sich vorsichtig auf den Einstieg der Maschine zubewegte. Nach einigen Sekunden wurde die T�r ge�ffnet.</p><p>Ein Treppchen senkte sich summend zum Boden. Auf eine Kr�cke gest�tzt, erschien Leigh Teabing oben im T�rrahmen und blickte verwundert in die M�ndungen der auf ihn gerichteten Waffen. �Simon�, sagte er zu Edwards und kratzte sich am Kopf, �anscheinend habe ich bei der Polizeilotterie das gro�e Los gezogen, als ich fort war.� Er wirkte eher am�siert als besorgt.</p><p>Simon Edwards schluckte den Frosch in seinem Hals herunter und trat vor. �Guten Morgen, Sir Leigh. Bitte entschuldigen Sie das Durcheinander. Wir hatten ein Treibstoffleck. Ihr Pilot hat gesagt, er w�rde zum Terminal rollen.�</p><p>�Ja, stimmt. Ich habe ihn angewiesen, direkt hierher zu rollen. Ich habe einen Arzttermin und bin sp�t dran. Schlie�lich bezahle ich einen Haufen Geld f�r diesen Hangar, und Ihre Sorge �ber den austretenden Treibstoff kam mir ein bisschen �bertrieben vor.�</p><p>�Sir, ich f�rchte, Ihre Ankunft hat uns sozusagen auf dem falschen Fu� erwischt � �</p><p>�Ich wei�, ich wei�, ich komme ein bisschen pl�tzlich, aber ich kann meine neuen Medikamente nun mal nicht vertragen. Da bin ich kurz entschlossen her�bergekommen.�</p><p>�Gewiss, Sir�, sagte Edwards kleinlaut.</p><p>Die Polizisten blickten einander an. Der Chefinspektor trat vor. �Sir! Ich muss Sie bitten, noch eine halbe Stunde an Bord zu bleiben.�</p><p>Teabing kam �rgerlich die Einstiegstreppe heruntergehumpelt. �Ich f�rchte, diesen Gefallen kann ich Ihnen nicht tun. Ich muss zu meinem Arzt.� Teabing gelangte zum Ende der Treppe und humpelte los. �Ich kann es mir nicht leisten, den Termin platzen zu lassen.�</p><p>Der Chefinspektor verstellte Teabing den Weg. �Ich bin auf Ersuchen der franz�sischen Polizei hier, Sir. Man wirft Ihnen vor, an Bord Ihres Flugzeugs gesetzesfl�chtige Personen zu transportieren.�</p><p>Teabing starrte den Chefinspektor einen Augenblick an. Dann brach er in schallendes Gel�chter aus. �Ach du liebe G�te! Ist das hier die �Versteckte Kamera� oder so was?�</p><p>Der Polizist zuckte nicht mit der Wimper. �Das ist kein Spa�, Sir. Die franz�sische Polizei hat uns ferner gemeldet, dass Sie eine Person an Bord haben, die ihrer Freiheit beraubt wurde.�</p><p>Teabings Butler erschien oben in der T�r. �Damit k�nnte ich gemeint sein�, sagte er k�hl. �Sir Leigh pflegt mir allerdings zu versichern, ich k�nne jederzeit meiner Wege gehen.� R�my sah auf die Uhr. �Sir, wir m�ssen uns beeilen.� Er wies mit dem Kopf auf die in einer Ecke des Hangars abgestellte Jaguar-Stretchlimousine, ein ebenholzschwarz lackiertes Monstrum mit get�nten Scheiben und Wei�wandreifen. �Ich hole den Wagen.� R�my wollte die Treppe hinuntersteigen.</p><p>�Halt. Ich f�rchte, ich kann Ihnen nicht gestatten, die Maschine zu verlassen�, sagte der Chefinspektor. �Bitte, begeben Sie sich beide wieder ins Flugzeug. Die Vertreter der franz�sischen Polizei werden in K�rze hier landen.�</p><p>Teabing sah Simon Edwards an. �Um Himmels willen, Simon, das ist doch absurd! Au�er R�my, unserem Piloten und mir ist wie immer kein Mensch an Bord. W�ren Sie vielleicht so nett, sich als Vermittler zu bet�tigen? Gehen Sie an Bord, sehen Sie sich um und best�tigen Sie uns, dass das Flugzeug leer ist.�</p><p>Edwards musste sich wohl oder �bel f�gen. �Jawohl, Sir, ich werde nachschauen.�</p><p>�Zum Teufel, das werden Sie nicht!�, intervenierte der Chefinspektor, der offensichtlich seine Erfahrungen mit Gesch�ftsflugpl�tzen gemacht hatte. Edwards war imstande, ihn zu bel�gen, um sich Teabing als Kunden zu erhalten. �Ich sehe selbst nach.�</p><p>�Nichts da�, sagte Teabing und sch�ttelte den Kopf. �Die Maschine ist mein privater Verf�gungsbereich. Solange Sie mir keinen Durchsuchungsbefehl vorweisen, werden Sie mein Flugzeug nicht betreten. Ich habe Ihnen in aller G�te ein Angebot gemacht. Es steht Mr Edwards frei, die Inspektion vorzunehmen.�</p><p>�Das k�nnte Ihnen so passen!�</p><p>In Teabing stieg Zorn auf. �Inspektor, ich habe leider nicht die Zeit, auf Ihre Spielchen einzugehen. Ich bin versp�tet und werde jetzt gehen. Wenn Sie mich unbedingt aufhalten wollen, m�ssen Sie mich erschie�en.� Teabing und R�my lie�en den Chefinspektor stehen und strebten der geparkten Limousine zu.</p><empty-line/><p>Der Chefinspektor der Polizei von Kent empfand f�r Leigh Teabing, der ihn so ver�chtlich abgefertigt hatte, heftigen Widerwillen<emphasis>. Diese Gelds�cke glauben wohl, sie st�nden �ber dem Gesetz</emphasis>. Der Chefinspektor drehte sich um und richtete die Waffe auf Teabings R�cken. �Halt, oder ich schie�e!�</p><p>�Nur zu�, sagte Teabing, ohne den Schritt zu verz�gern oder sich auch nur umzusehen. �Meine Anw�lte werden Ihnen den Arsch aufrei�en, dass Ihnen H�ren und Sehen vergeht. Und falls Sie es wagen, mein Flugzeug zu betreten, werden Sie vorher kastriert.�</p><p>Der Inspektor war wenig beeindruckt. Er kannte diese Machtspielchen. Streng juristisch war Teabing im Recht; die Polizei durfte sein Flugzeug in der Tat nur mit einem Durchsuchungsbefehl betreten, aber nachdem der Flug von franz�sischem Boden ausgegangen war und die Autorit�t des m�chtigen Bezu Fache hinter der Aktion stand, hatte der Chefinspektor aus Kent das Gef�hl, seine Karriere w�rde einen gewaltigen Schub bekommen, wenn er herausbekam, was dieser Teabing so verbissen in seinem Flugzeug zu verbergen suchte.</p><p>�Haltet die M�nner auf!�, befahl der Chefinspektor seinen Leuten. �Ich durchsuche das Flugzeug.�</p><p>Die Polizisten st�rmten los und versperrten Teabing und seinem Butler den Weg zur Limousine.</p><p>Jetzt endlich drehte Teabing sich um. �Inspektor, ich warne Sie zum letzten Mal. Gehen Sie nicht an Bord. Sie werden es bereuen.�</p><p>Ohne auf die Warnung zu achten, stieg der Chefinspektor mit der Waffe im Anschlag das Treppchen hoch. Oben angekommen, lugte er in die Kabine, um dann ganz darin zu verschwinden.</p><p>Vom �ngstlich dreinblickenden Piloten im Cockpit abgesehen, war die Maschine leer. Keine Menschenseele hielt sich in der Kabine auf. Eine rasche �berpr�fung der Toilette und des Gep�ckabteils ergab nicht den geringsten Hinweis auf eine versteckte Person, geschweige denn auf mehrere.</p><p><emphasis>Was hat Fache sich blo� gedacht</emphasis>? Leigh Teabing hatte offensichtlich die Wahrheit gesagt.</p><p>Der Chefinspektor der Polizei von Kent stand allein und verlassen in der Kabine und schluckte schwer. <emphasis>Mist</emphasis>. Sein Gesicht r�tete sich. Er trat in die Kabinent�r und schaute hin�ber zu Teabing und seinem Butler, die mit vorgehaltener Pistole kurz vor der Limousine festgehalten wurden. �Lasst sie gehen�, rief er zu seinen Beamten hin�ber. �Man hat uns einen falschen Tipp gegeben.�</p><p>Teabings drohender Blick verlor auch �ber einige Entfernung nichts an Sch�rfe. �Sie werden von meinen Anw�lten h�ren. Die franz�sische Polizei ist ein Saustall, Inspektor. Das sollten Sie sich f�r die Zukunft hinter die Ohren schreiben.�</p><p>Der Butler riss den hinteren Schlag der Stretchlimousine auf und half seinem behinderten Herrn beim Einsteigen, um sodann w�rdevoll hinten um das Fahrzeug herumzugehen, sich hinters Steuer zu klemmen und den Motor anzulassen. Quer durch die auseinander stiebenden Polizisten schoss der schwere Jaguar aus dem Hangar.</p><empty-line/><p>�R�my, Sie sind ein exzellenter Schauspieler�, rief Teabing aufger�umt von der R�ckbank nach vorn, als der Jaguar nach Verlassen des Flughafengel�ndes z�gig beschleunigte. Suchend blickte er zur Sitzbank ihm gegen�ber in der schwach beleuchteten vorderen H�lfte des ger�umigen Innenraums. �Alles bequem?�, fragte er.</p><p>Langdon nickte schwach. Sophie und er kauerten immer noch neben dem gefesselten und geknebelten Albino vor der Sitzbank auf dem Wagenboden.</p><p>Kurze Zeit zuvor, als die Hawker in den verlassenen Hangar gerollt war, hatte R�my unverz�glich die T�rhydraulik in Gang gesetzt. Der Pilot hatte nach halber Drehung kurz, aber heftig die Bremsen bet�tigt und das widerstrebende Flugzeug zum Stehen gebracht. W�hrend die Polizei schon gef�hrlich nahe gekommen war, hatten Sophie und Langdon den gefesselten M�nch wie ein Paket die ausgefahrene Gangway hinunter und quer durch den Hangar bis hinter die Limousine gezerrt. Der Pilot hatte die Triebwerke noch einmal aufheulen lassen und den Rest der Drehung vollf�hrt, als die Polizeifahrzeuge schon mit Vollbremsung in den Hangar schlitterten.</p><p>Sophie und Langdon hievten sich auf die Sitzbank der Limousine, die in schneller Fahrt durch Kent rollte. Der M�nch blieb am Boden liegen.</p><p>Teabing feixte und �ffnete die Bar. �Ein Drink gef�llig? Was zum Knabbern? Chips? Erdn�sse? Mineralwasser?�</p><p>Sophie und Langdon lehnten dankend ab. Immer noch grinsend, schloss Teabing die Bar. �Also, wie war das nun mit dem begrabenen Ritter?�</p></section><section><title><p><strong>82. KAPITEL</strong></p></title><p>�Fleet Street?�, fragte Langdon und blickte Teabing im Fond der Limousine verwundert an. <emphasis>An der Fleet Street soll eine Krypta sein</emphasis>? Bis jetzt hatte Leigh Teabing sich nicht aus der Nase ziehen lassen, wo dieser �begrabene Ritter� zu finden war, der dem Vierzeiler zufolge das Passwort zum �ffnen des kleinen Kryptex beisteuern konnte.</p><p>Teabing grinste. �Miss Neveu�, sagte er, �lassen Sie unsere Harvard-Koryph�e bitte noch einmal einen Blick auf den Vers werfen.�</p><p>Sophie w�hlte in der Tasche und f�rderte das in Pergament gewickelte schwarze Kryptex zu Tage. Sie waren �bereingekommen, das Rosenholzk�stchen und das gro�e Kryptex im Safe des Flugzeugs zu lassen und nur das wesentlich handlichere, unverzichtbare schwarze Kryptex und das Pergament mitzunehmen, das Sophie nun auseinander rollte und ihrem Begleiter reichte.</p><p>Obwohl Langdon das Gedicht schon an Bord der Maschine einige Mal durchgelesen hatte, war es ihm nicht gelungen, dem Vierzeiler auch nur die Andeutung einer konkreten Ortsangabe abzugewinnen. Als er nun die Zeilen noch einmal las, ging er sie langsam und sorgfaltig Wort f�r Wort durch, in der Hoffnung, die Bedeutung der f�nff��igen Jamben w�rde sich ihm am Boden eher offenbaren als in den L�ften.</p><p><emphasis>In London lies a knight a Pope interred. His labor's fruit a Holy wrath incurred. You seek the orb that ought be on his tomb. It speaks of Rosy flesh and seeded womb.</emphasis></p><p>(In London liegt ein Ritter, den ein Papst begaben. Sein' Werkes Flucht hat heil'gen Zorn ihm eingetragen. Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein. Mit rosig Fleisch und samenschwerem Leib.)</p><p>Die Sache schien einfach genug. Ein Ritter lag in London begraben, ein Ritter, dessen Werk den Zorn der Kirche auf sich gezogen hatte. Auf seinem Grab fehlte eine Kugel oder ein Ball, der eigentlich dort sein m�sste. Die letzte Zeile des Gedichts � das rosige Fleisch und der samenschwere Leib � waren offenbar eine Bezugnahme auf Maria Magdalena, die den Samen Jesu in sich getragen hatte.</p><p>Ungeachtet der klaren Aussage dieses Vierzeilers hatte Langdon keine Ahnung, wer dieser Ritter war und wo er begraben lag. Mehr noch, wenn das Grab erst gefunden war, schien die Suche sich auf etwas zu beziehen, das nicht vorhanden war, etwas, das fehlte � die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein.</p><p>�Keine Vorschl�ge?�, fragte Teabing. �Miss Neveu?�</p><p>Sophie sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was w�rdet ihr zwei nur ohne mich machen?� Teabing grinste. �Also gut, ich werde es euch St�ck f�r St�ck auseinander setzen. Die erste Zeile ist der Schl�ssel. W�rde jemand sie bitte laut vorlesen?�</p><p>Langdon las. ��In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben.��</p><p>�Genau. Ein Ritter, den ein Papst unter die Erde gebracht hat.� Er sah Langdon an. �Sage Ihnen das etwas?�</p><p>Langdon hob die Schultern. �Vielleicht hat ein Papst f�r ihn den Begr�bnisgottesdienst gehalten?�</p><p>Teabing lachte laut auf. �Oh, Robert, das ist k�stlich! Stets der Optimist. Schauen Sie sich doch die zweite Zeile an. Dieser Ritter hat offenbar etwas getan, womit er den heiligen Zorn der Kirche auf sich geladen hat. Denken Sie doch einmal nach. Denken Sie an die Auseinandersetzungen zwischen der Kirche und den Tempelrittern!�</p><p>�Vielleicht ein Ritter, den der Papst auf dem Gewissen hat?�, meinte Sophie.</p><p>Teabing t�tschelte ihr l�chelnd das Knie. �Ausgezeichnet, meine Liebe. Wir suchen einen Ritter, den ein Papst unter die Erde gebracht oder umgebracht hat.�</p><p>Langdon dachte an den ber�chtigten Freitag, den 13. Oktober des Jahres 1307, als Papst Klemens mit einem �berraschungsschlag Hunderte von Tempelrittern t�ten und unter die Erde bringen lie�. �Die Reihe ihrer Gr�ber muss endlos sein.�</p><p>�Keineswegs�, sagte Teabing. �Viele von ihnen wurden in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt und ihre �berreste in den Tiber geworfen. Aber unser Gedicht spricht von einem Grab, einem Grab in <emphasis>London</emphasis>, wo ohnehin nur sehr wenige Ritter beigesetzt sind.� Er hielt inne und sah Langdon an, als w�rde er darauf warten, dass diesem endlich ein Licht aufging. �Herrgott noch mal, Robert!�, schnaubte er schlie�lich. �In London gibt es eine Kirche, die vom milit�rischen Fl�gel des Templerordens erbaut worden ist � von den Tempelrittern h�chstselbst!�</p><p>�Die Temple Church?�, fragte Langdon �berrascht. �In der Kirche der Tempelritter gibt es Grabst�tten?�</p><p>�Zehn der Furcht einfl��endsten Grabplatten, die Sie je gesehen haben.�</p><p>Langdon hatte der Temple-Church noch nie einen Besuch abgestattet, obwohl er bei seinen Recherchen �ber die <emphasis>Prieur�</emphasis> immer wieder auf dieses Geb�ude gesto�en war, das einst das Zentrum der Aktivit�ten des Templerordens beziehungsweise der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> in England gewesen war. Wie der Orden selbst hatte diese Kirche ihren Namen nach dem Tempel Salomons erhalten, aus dem die Templer die Sangreal-Dokumente geborgen hatten. Es gab zahllose Geschichten �ber seltsame Geheimrituale, die von den Tempelrittern in ihrer nicht minder r�tselhaften Temple Church praktiziert worden sein sollen.</p><p>�Die Temple Church liegt an der Fleet Street?�, fragte Langdon.</p><p>�Nur ein kleines St�ck hinter der Fleet Street, an der Inner Temple Lane.� Teabing sah Langdon schelmisch an. �Ich wollte Sie nur ein bisschen schwitzen sehen, bevor ich Ihnen die Karten auf den Tisch lege.�</p><p>�Oh, danke.�</p><p>�Sie beide sind noch nie dort gewesen?�</p><p>Sophie und Langdon sch�ttelten die K�pfe.</p><p>�Das �berrascht mich nicht. Heutzutage liegt die Kirche hinter wesentlich gr��eren Geb�uden versteckt. Kaum jemand wei�, dass sie existiert. Ein schauriger alter Ort. Die Architektur ist heidnisch bis ins Mark.�</p><p>�Heidnisch?�, sagte Sophie �berrascht.</p><p>�Pantheonisch-heidnisch�, rief Teabing aus, �wie das Pantheon in Rom. Die Templer haben die traditionelle Kreuzform des Grundrisses christlicher Kirchen schlichtweg ignoriert und eine kreisrunde Kirche zu Ehren der Sonne gebaut. Keine nette Geste f�r die Jungs in Rom. Genauso gut h�tten die Templer Stonehenge mitten in London wieder aufbauen k�nnen.�</p><p>�Und was ist mit dem Rest des Gedichts?�, fragte Sophie.</p><p>Teabing wurde wieder ernst. �Dazu kann ich jetzt noch nichts sagen. Diese Zeilen sind mir selbst noch ein R�tsel. Wir m�ssen erst einmal die zehn Grabplatten in der Temple Church sorgf�ltig untersuchen. Mit ein bisschen Gl�ck finden wir eine, an der in auff�lliger Weise ein Ball oder eine Kugel fehlt.�</p><p>Langdon wurde klar, wie nahe sie der L�sung inzwischen gekommen waren. Wenn sich mittels der �fehlenden Kugel� das Passwort ergab, konnten sie das zweite Kryptex �ffnen. Und Gott allein wusste, was darin auf sie wartete.</p><p>Langdon betrachtete erneut das Gedicht. Es kam ihm vor wie ein simples Kreuzwortr�tsel. Wort mit f�nf Buchstaben, das vom Gral k�ndet. Sie hatten bereits im Flugzeug alle m�glichen Passw�rter versucht � GRAAL, GRAIL, GREAL, VENUS, MARIA, JESUS, SARAH �, doch der Zylinder hatte sich nicht ger�hrt. Alles viel zu offensichtlich. Es musste ein anderes Bezugswort zum �samenschweren rosigen Leib� geben. Daraus, dass ein Gralsspezialist wie Teabing bisher nicht auf das Wort gekommen war, konnte Langdon nur schlie�en, dass es sich um keinen der �blichen Bez�ge zum Gral handelte.</p><p>�Sir Leigh?�, rief R�my �ber die Schulter. Im Innenspiegel hatte er seine Fahrg�ste durch das ge�ffnete Fenster in der Trennwand zum Fahrerabteil beobachtet. �Die Fleet Street liegt in der N�he der Blackfriars Bridge, sagten Sie?�</p><p>�Ja. Nehmen Sie das Victoria Embankment.�</p><p>�Ich wei� leider nicht, wo das ist, Sir. Normalerweise fahren wir immer direkt zur Klinik.�</p><p>Teabing sah Sophie und Langdon an und verdrehte die Augen. �Manchmal komme ich mir wie ein Babysitter vor. Einen Moment, bitte. Bedienen Sie sich inzwischen mit einem Drink oder etwas zum Knabbern.� Er arbeitete sich m�hsam vor zum Fenster der Trennwand und redete auf R�my ein.</p><p>Sophie wandte sich Langdon zu. �Robert, kein Mensch wei�, dass Sie und ich in England sind.�</p><p>Sie hatte Recht. Der Chefinspektor der Polizei von Kent w�rde Fache berichten, dass er das Flugzeug leer vorgefunden harte, worauf Fache annehmen musste, dass Sophie und Langdon sich noch in Frankreich aufhielten. <emphasis>Wir sind unsichtbar geworden,</emphasis> dachte Langdon. Leigh Teabings dreister Coup hatte ihnen einen ordentlichen Vorsprung verschafft.</p><p>�Fache wird sich nicht so leicht geschlagen geben�, meinte Sophie. �Er hat sich f�r unsere Festnahme schon viel zu weit aus dem Fenster gelehnt.�</p><p>Langdon hatte versucht, m�glichst nicht an Fache zu denken. Sophie hatte sich zwar daf�r verb�rgt, ihn zu entlasten, sobald die ganze Geschichte vor�ber war, doch Langdon bef�rchtete allm�hlich, dass Fache in der Sache mit drinsteckte. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, dass die franz�sische Polizei an der Gralssuche beteiligt war, aber nach seinem Empfinden hatte es heute Nacht zu viele merkw�rdige Zuf�lle gegeben. Bezu Fache musste als m�glicher Komplize in Betracht gezogen werden. <emphasis>Fache ist sehr religi�s und gleichzeitig fest entschlossen, mir die Morde anzuh�ngen</emphasis>. Andererseits lagen tats�chlich einige nicht unerhebliche Verdachtsmomente gegen Langdon vor: Sauni�re hatte Langdons Namen auf den Boden des Louvre geschrieben und in seinen Terminkalender eingetragen. Au�erdem musste es f�r Fache so aussehen, dass Langdon ihn belogen hatte, was das Manuskript anging, und nicht zuletzt war er noch geflohen. Auf Sophies Betreiben.</p><p>�Es tut mir Leid, Robert, dass Sie so tief in diesem Schlamassel stecken�, sagte Sophie und legte ihm die Hand aufs Knie. �Aber ich bin froh, dass Sie hier sind.�</p><p>Auch wenn Sophies Bemerkung eher n�chtern als romantisch klang, f�hlte Langdon sich in diesem Moment sehr zu ihr hingezogen. Er l�chelte sie an. �Ausgeschlafen bin ich aber viel unterhaltsamer.�</p><p>Sophie sagte eine Zeit lang nichts. �Mein Gro�vater sagte mir, ich soll Ihnen vertrauen�, meinte sie dann. �Ich bin froh, dass ich wenigstens dieses eine Mal auf ihn geh�rt habe.�</p><p>�Ihr Gro�vater hat mich doch �berhaupt nicht gekannt.�</p><p>�Trotzdem � ich glaube, Sie haben alles getan, was er sich von Ihnen erhofft hat. Sie haben mir geholfen, den Schlussstein zu finden. Sie haben mir das R�tsel des Sangreal erkl�rt und das Ritual damals im Keller des Ch�teaus.� Sie z�gerte. �Irgendwie f�hle ich mich Gro�vater heute so nahe wie seit Jahren nicht. Ich wei�, dass er sich dar�ber freuen w�rde.�</p><p>In der Ferne sch�lte sich allm�hlich die Skyline Londons aus dem morgendlichen Nieselregen. Hatten fr�her Big Ben und die Tower Bridge den Horizont beherrscht, so war es jetzt das Millennium Eye � ein kolossales ultramodernes Riesenrad von hundertf�nfzig Metern H�he, von dem man einen atemberaubenden Blick auf die Stadt genie�en konnte. Langdon hatte einmal versucht, eine Fahrt zu unternehmen, doch die gl�sernen, geschlossenen Aussichtsgondeln hatten ihn so unangenehm an seine Erfahrungen mit Aufz�gen erinnert, dass er lieber auf dem Boden geblieben war und die Aussicht vom Ufer der Themse aus genossen hatte.</p><p>Sophie, die ihm die Hand aufs Knie gelegt hatte, holte ihn wieder in die Gegenwart zur�ck. �Was denken Sie denn, was wir mit den Sangreal-Dokumenten tun sollen, falls wir sie finden?�, fragte sie fl�sternd.</p><p>�Was ich denke, spielt keine Rolle. Ihr Gro�vater hat Ihnen das Kryptex �bergeben, und Sie sollten damit tun, was er Ihrem Gef�hl nach damit getan h�tte.�</p><p>�Ich m�chte aber Ihre Meinung wissen. Sie haben in Ihrem Manuskript offenbar irgendetwas geschrieben, das Ihnen das Vertrauen meines Gro�vaters in Ihr Urteil eingetragen hat. Er hat sogar ein Treffen mit Ihnen arrangiert. Das ist bei ihm sehr selten vorgekommen.�</p><p>�Vielleicht wollte er mir sagen, dass ich Unsinn verzapft habe.�</p><p>�Ach was. Wieso h�tte er mir aufgetragen, Sie zu suchen, wenn er Ihre Gedanken abgelehnt h�tte? Haben Sie sich in Ihrem Manuskript f�r die Ver�ffentlichung der Dokumente ausgesprochen oder daf�r, dass sie verborgen bleiben sollten?�</p><p>�Weder noch. Ich habe mich jeder Stellungnahme enthalten. Mein Manuskript besch�ftigt sich mit der Symbolik des g�ttlich Weiblichen und verfolgt dessen Ikonographie durch den Lauf der Menschheitsgeschichte. Ich habe mich nicht dar�ber ausgelassen, wo der Gral versteckt sein k�nnte oder ob er je ans Licht der �ffentlichkeit gebracht werden sollte.�</p><p>�Aber Sie haben mal ein Buch dar�ber geschrieben, also wollen Sie mit Ihren Informationen an die �ffentlichkeit.�</p><p>�Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man die alternative Geschichte von Jesus Christus auf theoretischer Ebene diskutiert, oder ob man � � Er z�gerte.</p><p>�Ob man was?�</p><p>�Oder ob man die Welt mit Tausenden alter Dokumente konfrontiert, aus denen eindeutig hervorgeht, dass das Neue Testament eine Geschichtsklitterung ist.�</p><p>�Wollen Sie damit sagen, das Neue Testament beruht Ihrer Meinung nach auf Erfindungen?�</p><p>Langdon l�chelte. �Sophie, in unserer Welt beruht jeder Glaube auf Erfindungen. Das ist ja gerade die Definition von <emphasis>Glaube</emphasis>: Etwas als wahr zu akzeptieren, das wir f�r wahr halten wollen � etwas, wof�r es keinen wissenschaftlichen Beweis geben kann. Jede Religion beschreibt Gott durch Sinnbilder, Allegorien und �bersteigerungen, von den alten �gyptern bis zu unserer heutigen Sonntagsschule. Metaphern erm�glichen es unserem Geist, mit dem Unvorstellbaren umzugehen. Kritisch wird es erst, wenn wir unsere Metaphern f�r die Wirklichkeit halten.�</p><p>�Dann sind Sie also daf�r, dass die Sangreal-Dokumente f�r immer begraben bleiben?�</p><p>�Ich bin Historiker und Symbolologe; deshalb bin ich gegen die Vernichtung von Dokumenten. Ich bin ganz und gar daf�r, dass die Religionswissenschaft an neue Quellen herankommt, die es erm�glichen, sich mit dem ungew�hnlichen Leben Jesu zu besch�ftigen.�</p><p>�Sie versuchen, sich um eine Stellungnahme zu dr�cken.�</p><p>�Tue ich das? Die Bibel bietet Millionen Menschen auf der ganzen Welt einen geistigen R�ckhalt, genauso wie der Koran oder die Thora f�r die Menschen anderer Religionen. Angenommen, Sie und ich k�nnten Dokumente vorlegen, die dem Glauben der Mohammedaner, dem Glauben der Juden, dem der Buddhisten und dem aller anderen nichtchristlichen V�lker entgegenlaufen � sollten wir das tun? Sollten wir den Buddhisten tats�chlich erz�hlen, wir h�tten den wissenschaftlichen Beweis, dass Buddha nicht aus einer Lotosbl�te hervorgegangen ist? Oder dass Jesus nicht von einer Jungfrau geboren wurde? Wer wirklich in seinem Glauben lebt, wei� ohnehin, dass diese Geschichten Metaphern sind.�</p><p>Sophie blickte Langdon skeptisch an. �Ich habe gl�ubige Katholiken in meinem Bekanntenkreis, die davon �berzeugt sind, dass Jesus wirklich auf dem Wasser gewandelt ist, dass er wirklich Wasser in Wein verwandelt hat und dass er wirklich von einer Jungfrau geboren wurde.�</p><p>�Darauf will ich ja gerade hinaus�, sagte Langdon. �Die Allegorien der Religionen sind ins Alltagsbewusstsein eingegangen und helfen Millionen Menschen, mir ihrem Leben besser zurechtzukommen und tugendhafter, aufrichtiger und anst�ndiger zu sein.�</p><p>�Aber die Menschen leben doch mehr oder weniger in einer falschen Wirklichkeit.�</p><p>Langdon l�chelte leicht. �Nicht mehr als eine mathematisch geschulte Codeknackerin, die die imagin�re Zahl �i� f�r real h�lt, weil diese ihr die Arbeit erleichtert.�</p><p>Sophie sah ihn b�se an. �Das war jetzt aber nicht fair.�</p><p>Einige Sekunden verstrichen.</p><p>�Was war nochmal Ihre Frage?�, erkundigte sich Langdon.</p><p>�Wei� ich nicht mehr.�</p><p>Langdon l�chelte. �Sehen Sie? Das klappt immer.�</p></section><section><title><p><strong>83. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdons Uhr zeigte fast halb acht, als er in der Inner Temple Lane mit Sophie und Teabing aus dem Jaguar stieg. Durch ein verschachteltes Gewirr aus Geb�uden suchte das Trio sich den Weg zu dem kleinen Hof vor der Temple Church mit ihrem regennass gl�nzenden Mauerwerk aus roh behauenem Stein. In den Fensternischen gurrten Tauben.</p><p>Die alte Kirche der Tempelritter in London war ganz aus Kalkstein erbaut. Der von einem Mittelturm gekr�nte, dramatisch wirkende Rundbau mit der einsch�chternden Au�enmauer und einem zur Seite herausragenden Schiff erinnerte eher an eine Festung als an einen Ort der Andacht. Die Kirche war am zehnten Februar 1185 von Heraklius geweiht worden, dem Patriarchen von Jerusalem, und hatte acht Jahrhunderte voller politischer Umst�rze, das Gro�e Feuer von London und den Ersten Weltkrieg unbeschadet �berstanden, bis sie im Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1940, von den Brandbomben der deutschen Luftwaffe schwer besch�digt worden war. Sie wurde wieder aufgebaut, wobei ihre herbe Erhabenheit gewahrt wurde.</p><p>Die <emphasis>Schlichtheit der Kreisform</emphasis>, �berlegte Langdon, der das Geb�ude zum ersten Mal bewundern konnte. Die einfache, beinahe schon primitive Architektur erinnerte eher an die klotzige Engelsburg in Rom als an den kunstvollen Kuppelbau des Pantheons. Der nach rechts herausragende kastenf�rmige Anbau, fast schon eine Beleidigung f�rs Auge, tat der heidnischen Rundform des Bauk�rpers kaum Abbruch.</p><p>Teabing humpelte auf den Eingang zu. �Es ist fr�h am Samstagmorgen�, sagte er. �Vermutlich wird unser Vorhaben nicht durch einen Gottesdienst gest�rt.�</p><p>Der Eingang der Kirche lag in einer tief ins Mauerwerk eingezogenen Nische, die sch�tzend das Holzportal umgab. Links neben dem Portal hing eine v�llig deplaziert wirkende Anschlagtafel mit Ank�ndigungen von Gottesdiensten und Konzerten.</p><p>Teabing las stirnrunzelnd die �ffnungszeiten auf der Tafel. �F�r Besichtigungen wird erst in ein paar Stunden aufgemacht.� Er probierte die Klinke. Die T�r bewegte sich keinen Millimeter. Er legte das Ohr ans Holz des Portals und lauschte. Nach ein paar Augenblicken trat er mit einem gerissenen L�cheln wieder zur�ck und deutete auf den Gottesdienstanzeiger. �Robert, stellen Sie doch mal fest, wie hier der Seelsorger hei�t.�</p><empty-line/><p>Im Innern der Kirche war ein Messdiener damit besch�ftigt, die Kniekissen der Kommunionbank mit dem Staubsauger zu bearbeiten. Er war fast fertig, als er jemand an die T�r pochen h�rte. Der Junge achtete nicht darauf. Father Harvey Knowles hatte einen Schl�ssel, und f�r sein Eintreffen war es noch ein paar Stunden zu fr�h. Wahrscheinlich stand ein neugieriger Tourist vor der T�r oder ein Penner, der um ein Almosen betteln wollte. Der Messdiener schwang unbeirrt seinen Staubsauger, aber das Pochen wollte nicht aufh�ren. <emphasis>K�nnen die Leute denn nicht lesen</emphasis>? Drau�en stand unmissverst�ndlich angeschrieben, dass die Kirche samstags erst um halb zehn ge�ffnet wurde.</p><p>Unvermutet wurde aus dem Pochen ein lautes H�mmern, als w�rde jemand mit einer Metallstange gegen die T�r schlagen. Zornig stellte der Junge den Staubsauger ab, marschierte zur T�r, schob den Riegel zur�ck, riss das Portal auf und sah sich drei Leuten gegen�ber. �Wir machen erst um halb zehn auf�, blaffte er die vermeintlichen Touristen an.</p><p>Der Korpulenteste der Gruppe, offenbar der Anf�hrer, trat dem Jungen auf Kr�cken entgegen. �Ich bin Sir Leigh Teabing�, sagte er mit dem unverkennbaren Akzent der britischen Oberschicht.</p><p>�Junger Mann, wie dir kaum entgangen sein d�rfte, befinden sich Mr und Mrs Christopher Wren der Vierte in meiner Begleitung.� Er trat einen Schritt beiseite und wies mit ausholender Geste auf das attraktive Paar, das hinter ihm stand. Die Dame hatte sehr feminine Gesichtsz�ge und �ppiges burgunderrotes Haar. Der Mann war gro�, dunkelhaarig und kam dem Messdiener irgendwie bekannt vor.</p><p>Der Junge hatte keine Ahnung, wie er sich verhalten sollte. Sir Christopher Wren war der bedeutendste G�nner der Temple Church und hatte nach dem Gro�en Brand von London s�mtliche Reparaturen der Kirche vornehmen lassen. Au�erdem war er seit mehr als dreihundert Jahren tot. ��h � es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen.�</p><p>Der Dicke mit den Kr�cken runzelte die Stirn. �Du hast Gl�ck, junger Freund, dass du nicht als Verk�ufer arbeitest. Deine �berzeugungskraft l�sst sehr zu w�nschen �brig. Wo ist Father Knowles?�</p><p>�Heute ist Samstag. Father Knowles kommt erst sp�ter.�</p><p>Die Furchen auf der Stirn des dicken Mannes wurden tiefer. �So was nennt man Dankbarkeit. Er hat uns versprochen, uns hier zu empfangen. Na, dann m�ssen wir wohl ohne ihn zurechtkommen. Es dauert ohnehin nicht lange.�</p><p>Der Messdiener stand immer noch im T�rrahmen und versperrte den Durchgang. �Entschuldigung, aber was wird nicht lange dauern?�</p><p>Der Dicke bedachte ihn mit einem ungn�digen Blick und beugte sich vor. �Junger Mann, du bist offenbar neu hier�, sagte er im Fl�sterton, doch un�berh�rbar drohend, als wolle er seinen Begleitern die Peinlichkeit ersparen. �Um den testamentarisch verf�gten letzten Willen von Sir Christopher nachzukommen, verstreuen seine Nachfahren jedes Jahr ein klein wenig Asche ihres ber�hmten Ahnherrn an diesem heiligen Ort. Sie m�ssen daf�r eine weite Anreise auf sich nehmen, aber was will man machen?�</p><p>Der Junge war schon seit einigen Jahren Messdiener in der Temple Church, aber von diesem Brauch hatte er noch nie geh�rt.</p><p>�Es w�re besser, wenn Sie sich bis halb zehn gedulden. Die Kirche ist noch nicht ge�ffnet, und au�erdem bin ich noch nicht mit Staubsaugen fertig.�</p><p>Der Mann mit den Kr�cken funkelte ihn zornig an. �Junger Freund, die Tatsache, dass es hier �berhaupt noch etwas zu staubsaugen gibt, verdankst du dem Mann in der Tasche dieser Dame!�</p><p>��h � wem?�</p><p>�Mrs Wren�, sagte der Behinderte zu der Frau, �w�ren Sie so nett, diesem ungezogenen Bengel das Reliquiar mit der Asche zu zeigen?�</p><p>Die Dame z�gerte einen Moment, um dann ein wenig geistesabwesend in ihre Tasche zu greifen, aus der sie einen kleinen Zylinder holte, der in eine Art steifes sch�tzendes Tuch eingewickelt war.</p><p>�Bitte sehr!�, sagte der Mann mit den Kr�cken. �Jetzt liegt es an dir, ob du den letzten Wunsch deines G�nners erf�llen und uns die Asche in der Kirche verstreuen l�sst oder ob ich Father Knowles berichten muss, wie wir hier behandelt wurden!�</p><p>Der Messdiener �berlegte. Er wusste nur zu gut, wie streng Father Knowles sich an die herk�mmlichen Sitten und Gebr�uche seiner Kirche hielt � und noch besser kannte er dessen unangenehme Reaktionen, wenn sein geliebter altehrw�rdiger Schrein in einem anderen als dem allerbesten Licht erschien. Vielleicht hatte Father Knowles schlichtweg vergessen, dass der Besuch der Stifterfamilie bevorstand, und in diesem Fall war es wesentlich riskanter, die Leute wieder fortzuschicken, als sie hereinzulassen. <emphasis>Au�erdem haben sie gesagt, es dauert nur einen Moment. Was ist schon dabei!</emphasis></p><p>Als der Messdiener beiseite trat, um die Besucher einzulassen, h�tte er schw�ren k�nnen, dass Mr und Mrs Wren nicht weniger verbl�fft dreinschauten als er selbst. Verunsichert machte er sich wieder an die Arbeit, allerdings nicht, ohne seine Besucher aus dem Augenwinkel zu beobachten.</p><p>W�hrend sie sich in die Kirche begaben, musste Langdon l�cheln.</p><empty-line/><p>�Leigh�, fl�sterte er, �als L�gner sind Sie ein Naturtalent.�</p><p>Teabing zwinkerte ihm zu. �Oxford Theatre Club. Mein Julius C�sar ist heute noch in aller Munde. Ich bin sicher, die erste Szene im dritten Akt wurde nie wieder so �berzeugend gegeben.�</p><p>Langdon sah ihn irritiert an. �Aber da ist C�sar doch schon tot.�</p><p>Teabing grinste ihn schief an. �Ganz recht, aber als ich ermordet zu Boden fiel, ist an meiner Toga eine Naht geplatzt, und ich musste eine halbe Stunde mit heraush�ngendem Schwanz auf der B�hne liegen. Ich habe mit keiner Wimper gezuckt. Brillant, kann ich Ihnen sagen.�</p><p>Langdon dr�ckte sich die Hand vor den Mund, um nicht vor Lachen herauszuplatzen.</p><p>W�hrend sie durch den rechteckigen Anbau auf den Gew�lbebogen zum Rundbau gingen, bemerkte Langdon erstaunt die N�chternheit des beinahe kahlen Innenraums. Der Altar �hnelte zwar den Alt�ren der in Kreuzform gebauten christlichen Kirchen, aber die sonstige Einrichtung war kalt und schmucklos, ohne jede Zier. �Trostlos�, murmelte er.</p><p>�Das ist die Kirche von England�, frotzelte Teabing. �Die Anglikaner bestehen darauf, ihre Religion pur zur Brust zu nehmen. Nichts soll sie von ihrem Elend ablenken.�</p><p>Sophie deutete durch den breiten Gew�lbebogen, an den sich der runde Bauteil der Kirche anschloss. �Da drinnen sieht es aus wie in einer Festung�, raunte sie.</p><p>Langdon konnte ihr nur zustimmen.</p><p>�Die Tempelritter waren ja auch Krieger�, erinnerte Teabing. Das Klacken seiner Aluminiumkr�cken hallte durch den kahlen Raum. �Eine Gemeinschaft von Kriegerm�nchen. Ihre Kirchen waren ihre Festungen und ihre Bankh�user.�</p><p>�Bankh�user?� Sophie blickte Teabing fragend an.</p><p>�Aber ja. Die Templer haben das moderne Bankwesen erfunden. F�r den europ�ischen Adel war es sehr gef�hrlich, mit einer goldgef�llten Reisetruhe unterwegs zu sein. Die Templer boten dem Adel deshalb an, seine Goldwerte in der n�chstgelegenen Templerkirche zu deponieren und sie nach Belieben an jeder anderen Templerkirche in Europa wieder zu entnehmen, vorausgesetzt, man konnte ein Berechtigungspapier vorweisen und�, er zwinkerte, �man bezahlte eine kleine Provision. Die Templer waren sozusagen die ersten Geldautomaten.� Teabing zeigte auf ein Fenster mit Glasmalereien, wo Sonnenstrahlen durch die Wolken fielen und einen wei� gekleideten Ritter auf einem rosa Pferd zum Leuchten brachten. �Alanus Marcel�, sagte Teabing, �Gro�meister der Tempelritter zu Beginn des zw�lften Jahrhunderts. Er und seine Nachfolger sa�en als Primus Baro Angiae im Parlament.�</p><p>Langdon war �berrascht. �Er war der erste Baron des Reiches?�</p><p>Teabing nickte. �Nach Ansicht mancher Historiker waren die Meister des Tempels m�chtiger als der K�nig.� Sie waren am Durchgang zum Rundbau angelangt. Teabing schaute �ber die Schulter zu dem Messdiener, der ein St�ck abseits mit dem Staubsauger zugange war. �Als die Templer den Heiligen Gral von einem Versteck zum anderen schaffen mussten, soll er einmal �ber Nacht in dieser Kirche untergestellt worden sein�, fl�sterte Teabing Sophie zu. �Stellen Sie sich das vor � die vier Truhen mit den Dokumenten und der Sarkophag Maria Magdalenas hier, mitten in dieser Kirche! Bei dem Gedanken l�uft es mir kalt den R�cken herunter.�</p><p>Beim Eintritt in den Rundbau lief es auch Langdon eiskalt �ber den R�cken. Sein Blick folgte der Rundung der bleichen, steinernen Mauern und nahm die Skulpturen von D�monen, Ungeheuern und verzerrten menschlichen Gesichtern in sich auf, die in den Innenraum starrten. Unter den Skulpturen verlief eine steinerne Sitzbank rings um den gesamten Raum. �Ein Rundtheater�, murmelte er.</p><p>Teabing wies mit einer Knicke erst rechts, dann links in den Hintergrund des Rundbaus. Langdon hatte bereits gesehen, was er meinte.</p><p><emphasis>Zehn steinerne Ritter.</emphasis></p><p><emphasis>F�nf auf der linken Seite, f�nf auf der rechten.</emphasis></p><p>Auf dem R�cken ausgestreckt ruhten die aus Stein gehauenen Figuren in voller R�stung mit Schwert und Schild friedlich auf dem Boden. Angesichts der Grabplatten beschlich Langdon das Gef�hl, dass jemand die Ritter heimlich im Schlaf mit fl�ssigem Gips �bergossen hatte. Die Gestalten waren vom Alter stark gezeichnet, dennoch in ihrer Individualit�t deutlich zu erkennen: an der Unterschiedlichkeit der Gesichtsz�ge, der Haltung, der jeweiligen R�stung und der Wappen auf den Schilden.</p><p><emphasis>In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben.</emphasis></p><p>Langdon bekam weiche Knie, als er tiefer in den Rundbau trat.</p><p>Er musste am richtigen Ort sein.</p></section><section><title><p><strong>84. KAPITEL</strong></p></title><p>In einer schmutzigen Gasse unweit der Temple Church lenkte R�my Legaludec die Jaguar-Limousine hinter einige M�llcontainer und hielt. Er stellte den Motor ab und �berpr�fte die Umgebung. Sie war v�llig verlassen. Er stieg aus, um nach hinten zu gehen und in die Passagierkabine zu steigen, in der immer noch der M�nch lag.</p><p>Der H�ne schien in ein inbr�nstiges Gebet versunken. Er erwachte wie aus einer Trance. Seine Augen blickten R�my eher neugierig als �ngstlich an. R�my hatte die ganze Nacht schon die Beherrschtheit des Gefesselten bewundert. Nachdem der M�nch sich im Range Rover anfangs noch zur Wehr gesetzt hatte, schien er sich nun in sein Los ergeben und sein Schicksal in die H�nde einer h�heren Macht gelegt zu haben.</p><p>R�my lockerte seine Fliege und kn�pfte den Vaterm�rderkragen auf. Er hatte das Gef�hl, seit Jahren zum ersten Mal richtig Luft zu bekommen. Er �ffnete das Barfach der Limousine und schenkte sich einen Wodka ein, den er in einem Zug hinunterst�rzte, um sich sogleich ein zweites Glas zu genehmigen.</p><p><emphasis>Bald bist du aller Sorgen ledig.</emphasis></p><p>Er suchte sich aus den Utensilien der Bar einen Kellnerkorkenzieher heraus und klappte die scharfe Klinge auf, die zum Aufschneiden der Zinnfolien teurer Weine diente. An diesem Morgen hatte er der Klinge eine weitaus dramatischere Verwendung zugedacht. Er drehte sich um und sah Silas an.</p><p>Angst schlich sich in die roten Augen. Der M�nch zuckte zur�ck und zerrte an seinen Fesseln.</p><p>�Ruhig Blut�, murmelte R�my und hob die Klinge.</p><p>Silas konnte nicht fassen, dass Gott ihn verlassen hatte. Selbst die Qual der Fesselung hatte Silas in eine geistige �bung zu transformieren vermocht, indem er die Schmerzen seiner abgeschn�rten Muskeln dem Leiden Christi geopfert hatte. <emphasis>Die ganze Nacht hast du um deine Befreiung gebetet</emphasis>. Silas presste die Lider zusammen, w�hrend die Klinge sich auf ihn herabsenkte.</p><p>Ein j�her Schmerz jagte durch seine Schulterbl�tter. Silas schrie auf, unf�hig zu begreifen, dass er wehrlos im Heck dieser Limousine sterben sollte. <emphasis>Du hast das Werk Gottes getan! Der Lehrer hat dir seinen Schutz versprochen!</emphasis></p><p>Stechende Hitze breitete sich �ber Silas' Schultern und R�cken aus. Vor seinem inneren Auge sah er sein Blut �ber den R�cken str�men. Ein zweiter stechender Schmerz jagte ihm durch Schenkel und Beine. Die Orientierungslosigkeit, mit der der K�rper auf unertr�gliche Schmerzen reagiert, setzte ein.</p><p>Die Qual hatte inzwischen s�mtliche Muskeln erfasst. Silas presste die Lider noch heftiger zusammen. Das letzte Bild seines Lebens sollte nicht der Anblick seines M�rders sein. Er rief sich das Bild des jungen Bischofs Aringarosa vor Augen, wie er vor einer kleinen Kirche in Spanien stand � vor der Kirche, die der Bischof und Silas mit eigenen H�nden erbaut hatten. <emphasis>Der Beginn deines Lebens</emphasis>.</p><p>Silas kam sich vor, als st�nde sein K�rper lichterloh in Flammen.</p><p>�Hier, trinken Sie das�, sagte der Mann im Smoking mit franz�sischem Akzent. �Das bringt Ihren Kreislauf in Schwung.�</p><p>Silas riss erstaunt die Augen auf. Eine verschwommene Gestalt beugte sich �ber ihn und hielt ihm ein Glas entgegen, in dem eine klare Fl�ssigkeit schwappte. Auf dem Wagenboden lag zusammengekn�lltes Klebeband, daneben das saubere Korkenmesser � ohne einen Tropfen Blut daran.</p><p>�Trinken Sie�, wiederholte der Mann. �Es ist sehr schmerzhaft, wenn die Durchblutung der Muskeln wieder einsetzt.�</p><p>Das gl�hende Pochen in Silas' Gliedern verwandelte sich in Tausende feiner Nadelstiche. Der Wodka schmeckte scheu�lich, doch Silas trank ihn trotzdem. Er empfand Dankbarkeit. Das Schicksal hatte ihm in dieser Nacht �bel mitgespielt, doch Gott hatte allem eine wunderbare Wendung gegeben.</p><p><emphasis>Der Herr hat dich nicht verlassen.</emphasis></p><p>Silas wusste, wovon Bischof Aringarosa jetzt sprechen w�rde.</p><p><emphasis>Ein g�ttliches Eingreifen.</emphasis></p><p>�Ich habe Sie schon die ganze Zeit befreien wollen�, sagte der Butler, �aber es war mir leider nicht m�glich, nachdem mir zuerst im Ch�teau Villette und dann auf dem Flugplatz von Biggin Hill die Polizei dazwischengekommen ist. Das verstehen Sie doch, Silas?�</p><p>Silas fuhr erschrocken zusammen. �Sie kennen meinen Namen?�</p><p>Der Butler l�chelte ihn an.</p><p>Silas setzte sich auf und massierte seine steifen Glieder. In seinem Innern herrschte ein heilloses Durcheinander: Fassungslosigkeit, Dankbarkeit, Verwirrung. �Sie sind doch nicht � der Lehrer?�</p><p>R�my sch�ttelte lachend den Kopf. �Ich wollte, ich h�tte so viel Macht. Nein, ich bin nicht der Lehrer, aber ich diene ihm, genau wie Sie. Der Lehrer hat eine hohe Meinung von Ihnen. Ich hei�e R�my.�</p><p>Silas konnte nur noch staunen. �Eines verstehe ich nicht. Wenn Sie f�r den Lehrer arbeiten, warum hat Langdon den Schlussstein dann zu Ihnen nach Hause gebracht?�</p><p>�Es ist ja nicht mein Zuhause, sondern das Heim des bedeutendsten Gralsforschers der Welt, Sir Leigh Teabing.�</p><p>�Aber Sie wohnen schlie�lich auch dort. Die Wahrscheinlichkeit, dass � �</p><p>R�my �berging l�chelnd den Einwand. Der merkw�rdige Zufall, dass Langdon ausgerechnet auf Ch�teau Villette Zuflucht gesucht hatte, schien ihn nicht zu beunruhigen. �Es war im Grunde fast schon vorhersehbar. Robert Langdon besa� den Schlussstein und brauchte Hilfe. Was lag da f�r ihn n�her, als bei Leigh Teabing vorstellig zu werden? Dass auch ich dort wohne, ist der Hauptgrund, weshalb der Lehrer an mich herangetreten ist.� Er z�gerte. �Was denken Sie denn, weshalb der Lehrer so gut �ber den Gral informiert ist?�</p><p>Silas staunte. Der Lehrer hatte einen Bediensteten rekrutiert, der sich zu s�mtlichen Forschungsergebnissen Teabings Zutritt verschaffen konnte � Das war genial!</p><p>�Ich muss Ihnen noch eine ganze Menge erz�hlen�, sagte R�my und gab Silas die geladene Heckler &amp; Koch zur�ck. Dann griff er durchs offene Fenster der Trennwand und nahm einen kleinen Revolver aus dem Handschuhfach. �Aber vorher m�ssen wir noch einen Job erledigen.�</p><empty-line/><p>Capitaine Fache war auf dem Flugplatz von Biggin Hill aus der Maschine gestiegen. Ungl�ubig h�rte er sich den Bericht des Chefinspektors der Polizei von Kent �ber die Ereignisse in Teabings Hangar an.</p><p>�Aber ich habe die Maschine doch selbst durchsucht!�, beharrte der Chefinspektor. �Es war niemand drin! Und falls Sir Teabing mir die Gerichte auf den Hals hetzt, werde ich � �</p><p>�Haben Sie den Piloten vernommen?�, unterbrach Fache.</p><p>�Nat�rlich nicht. Er ist schlie�lich Franzose, und nach unserem Gesetz � �</p><p>�Bringen Sie mich zu dem Flugzeug!�</p><p>Kaum hatten sie den Hangar betreten, entdeckte Fache an der Stelle, an der zuvor die Limousine geparkt hatte, eine verschmierte Blutspur. Er ging zu Teabings Flugzeug und pochte ungest�m an den Rumpf. �Hier ist Capitaine Fache von der franz�sischen Polizei! Sofort aufmachen!�</p><p>Der ver�ngstigte Pilot �ffnete die T�r und fuhr das Treppchen aus.</p><p>Fache zog die Waffe und stieg in die Maschine. In nicht einmal drei Minuten hatte er ein volles Gest�ndnis des Piloten, einschlie�lich einer Beschreibung des gefesselten Albino-M�nchs. Au�erdem hatte er erfahren, dass Langdon und Sophie irgendetwas im Safe des Flugzeugs zur�ckgelassen hatten, ein Holzk�stchen oder etwas �hnliches. Der Pilot verneinte zwar, den Inhalt zu kennen, gab jedoch zu, dass Langdons Aufmerksamkeit w�hrend des gesamten Flugs nach London dem Gegenstand im Safe gegolten hatte.</p><p>�Machen Sie den Safe auf�, verlangte Fache.</p><p>Der Pilot blickte ihn verschreckt an. �Ich kenne die Kombination nicht!�</p><p>�Das ist aber schade�, meinte Fache. �Ich wollte Ihnen eigentlich anbieten, dass Sie im Gegenzug Ihren Pilotenschein behalten k�nnen.�</p><p>Der Pilot rang die H�nde. �Ich kenne hier ein paar von den Mechanikern. Vielleicht k�nnten die versuchen, das Ding aufzubohren.�</p><p>�Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde.�</p><p>Der Pilot eilte an sein Funkger�t.</p><p>Fache schlenderte ins Heck der Kabine und genehmigte sich einen Drink. Es war zwar noch fr�h am Tag, aber da er noch nicht ins Bett gekommen war, konnte von Alkohol am Vormittag schwerlich die Rede sein. Fache lie� sich in einen �ppig gepolsterten Sitz fallen und schloss die Augen, um Bilanz zu ziehen. Die Suche konzentrierte sich jetzt auf eine schwarze Jaguar-Limousine. <emphasis>Die St�mperei der Polizei von Kent kann dich teuer zu stehen kommen</emphasis> �</p><p>Faches Handy meldete sich und riss ihn aus seinen Gedanken. Er w�nschte sich, er h�tte einen Moment Ruhe gehabt. �Hallo?�</p><p>�Ich bin unterwegs nach London.� Es war Bischof Aringarosa. �Ich werde in einer Stunde dort sein.�</p><p>Fache setzte sich kerzengerade auf. �Ich dachte, Sie sind unterwegs nach Paris!�</p><p>�Ich habe meinen Plan ge�ndert. Aus Besorgnis.�</p><p>�Das h�tten Sie nicht tun sollen.�</p><p>�Haben Sie Silas?�</p><p>�Nein. Seine Entf�hrer sind der hiesigen Polizei durch die Lappen gegangen, bevor ich hier sein konnte.�</p><p>�Aber Sie haben mir zugesichert, dass Sie dieses Flugzeug aufhalten!� Aringarosas Ver�rgerung war un�berh�rbar.</p><p>Fache senkte die Stimme. �Exzellenz, in Anbetracht Ihrer Lage m�chte ich Ihnen empfehlen, meine Geduld heute nicht auf die Probe zu stellen. Ich werde Silas und die anderen sehr bald aufsp�ren, seien Sie versichert. Wo werden Sie landen?�</p><p>�Einen Augenblick, bitte.� Aringarosa hielt die Hand auf die Sprechmuschel. Kurz darauf meldete er sich wieder. �Der Pilot bem�ht sich um eine Landeerlaubnis f�r Heathrow. Ich bin der einzige Passagier, und wir haben au�erplanm��ig das Ziel ge�ndert.�</p><p>�Sagen Sie dem Piloten, er soll den Flugplatz Biggin Hill ansteuern. Ich besorge Ihnen eine Landeerlaubnis. Falls ich bei Ihrer Ankunft nicht mehr hier sein sollte, wartet ein Wagen auf Sie.�</p><p>�Vielen Dank.�</p><p>�Wie ich zuvor schon zum Ausdruck brachte, Exzellenz � Sie sind nicht der Einzige, dem die Felle davon zu schwimmen drohen.�</p></section><section><title><p><strong>85. KAPITEL</strong></p></title><p><emphasis>Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein.</emphasis></p><p>Die Steinfiguren der Ritter in der Temple Church lagen auf dem R�cken ausgestreckt, Ihre K�pfe ruhten auf rechteckigen Steinkissen. Sophie kroch es kalt �ber den R�cken. Die �Kugel�, von der im Vierzeiler die Rede war, beschwor Bilder jener d�steren Nacht im Keller des gro�v�terlichen Anwesens herauf.</p><p><emphasis>Hieros Gamos. Die B�lle</emphasis>.</p><p>Sophie fragte sich, ob das Fruchtbarkeitsritual auch in diesem Heiligtum vollzogen worden war. Der runde Raum war f�r die heidnische Zeremonie wie geschaffen. Eine steinerne Sitzbank lief rings um die gro�e freie Fl�che in der Mitte. <emphasis>Ein Rundtheater</emphasis>, hatte Langdon es genannt. Sophie versuchte sich die n�chtliche Szenerie mit den im Fackelschein singenden, maskierten Gestalten vorzustellen, die eine Heilige Kommunion verfolgten, die in der Mitte des Raumes vollzogen wurde.</p><p>Sie verscheuchte die Bilder aus ihrem Kopf und schritt mit Langdon und Teabing zur ersten Gruppe der liegenden Ritter. Trotz Teabings Aufforderung, auf gr��te Sorgfalt zu achten, konnte Sophie dem Verlangen nicht widerstehen, den M�nnern vorauszueilen und die f�nf Ritter zur Linken vorab in Augenschein zu nehmen.</p><p>Sie bemerkte die �hnlichkeit, aber auch die Unterschiede der Grabplatten. Die vollplastischen Ritterfiguren befanden sich in R�ckenlage, wobei drei von ihnen die Beine gerade ausstreckten, w�hrend zwei sie �bereinander geschlagen hatten, was aber in keinerlei Beziehung zu einer fehlenden Kugel gebracht werden konnte. Sophie betrachtete die Kleidung. Zwei Ritter trugen einen Umhang �ber der R�stung, die anderen kn�chellange M�ntel. Auch das war wenig hilfreich. Ansonsten gab es nur noch einen Unterschied � die Handstellungen. Zwei Ritter hielten das Schwert umklammert, zwei hatten die H�nde zum Gebet gefaltet, und beim f�nften ruhten sie rechts und links neben dem K�rper. Nachdem sie die H�nde l�ngere Zeit betrachtet hatte, wandte Sophie sich achselzuckend ab. Nirgends war auch nur die Spur einer �fehlenden Kugel� zu sehen.</p><p>Sophie schaute zu Langdon und Teabing. Die beiden M�nner bewegten sich langsam voran und waren noch immer mit der dritten Grabplatte besch�ftigt. Auch sie hatten bislang offensichtlich noch nichts entdeckt. Sophie war zu ungeduldig, um auf die beiden zu warten, und ging zu der zweiten Gruppe von Grabplatten hin�ber, wobei sie im Kopf das Gedicht rezitierte, das ihr vom vielen Lesen inzwischen fest im Ged�chtnis haftete.</p><p><emphasis>In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben. Sein' Werkes Frucht hat heil'gen Zorn ihm eingetragen. Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein. Mit rosig Fleisch und samenschwerem Leib</emphasis>.</p><p>Als Sophie bei der zweiten Gruppe von Grabplatten anlangte, bot sich ihr das gleiche Bild wie bei der ersten. Auf s�mtlichen Platten lagen steinerne Ritter mit Schwert und R�stung in leicht unterschiedlichen K�rperhaltungen � bis auf die zehnte und letzte Gestalt.</p><p>Sophie eilte dorthin und blickte auf die Grabplatte.</p><p><emphasis>Kein Kissen. Keine R�stung. Kein Umhang. Kein Schwert.</emphasis></p><p>�Robert! Sir Leigh!�, rief sie. Das Rund lie� ihre Stimme widerhallen. �Hier fehlt etwas!�</p><p>Die beiden M�nner sahen auf und eilten herbei.</p><p>�Eine Kugel?�, rief Teabing aufgeregt. Seine Kr�cken klackten durch das riesige Rund. �Die fehlende Kugel?�</p><p>�Nicht unbedingt.� Sophie betrachtete stirnrunzelnd die zehnte Grabplatte. �Es scheint eher der ganze Ritter zu fehlen.�</p><p>Die beiden M�nner blickten verdutzt auf die zehnte Grabplatte. Die obenauf liegende Rittergestalt fehlte tats�chlich. Stattdessen befand sich hier ein versiegelter steinerner Sarkophag in Trapezform, der sich vom Kopf zu den F��en hin verj�ngte und dessen Deckel in der Mitte in einer Spitze auslief.</p><p>�Warum hat man hier auf die Gestalt des Ritters verzichtet?�, wollte Langdon wissen.</p><p>�Faszinierend, nicht wahr?� Teabing strich sich das Kinn. �Ich hatte diese seltsame Grabplatte ganz vergessen. Es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal hier gewesen bin. Nun, der Ritter ist im Sarkophag, nicht, darauf.�</p><p>�Der Sarkophag sieht aus, als w�re er zur gleichen Zeit und vom gleichen Bildhauer wie die anderen neun angefertigt worden�, sagte Sophie. �Aber warum befindet sich der Ritter hier im Grab, wie Sie sagen, und nicht wie die anderen auf der Steinplatte?�</p><p>Teabing sch�ttelte den Kopf. �Das geh�rt zu den Merkw�rdigkeiten dieses Gotteshauses. Meines Wissens hat bislang niemand eine Erkl�rung daf�r anbieten k�nnen.�</p><p>Der Messdiener n�herte sich. Seinem Gesicht war abzulesen, wie peinlich es ihm war. �Entschuldigen Sie bitte die St�rung, aber haben Sie nicht gesagt, Sie wollten hier Asche verstreuen? Ich habe eher den Eindruck, dass Sie hier eine Besichtigung machen.�</p><p>Teabing blickte den Jungen mit strenger Miene an. �Mr Wren�, wandte er sich dann an Langdon. �Offensichtlich vermag die Freigebigkeit Ihrer Familie Ihnen nicht mehr die gewohnte Mu�e zu garantieren. Aber gut, lassen Sie uns in Gottes Namen die Asche nehmen und die Sache hinter uns bringen.� Teabing wandte sich an Sophie. �Mrs Wren?�</p><p>Sophie ging auf das Spiel ein und holte das ins Pergament gewickelte Kryptex hervor.</p><p>�Junger Freund�, sagte Teabing zum Ministranten, �ist es zu viel verlangt, wenn wir jetzt um etwas Diskretion bitten?�</p><p>Der Ministrant gab keinen Zoll Boden preis. Er sah Langdon pr�fend an. �Sie kommen mir bekannt vor.�</p><p>�Was Wunder!�, schnaubte Teabing. �Mr Wren kommt schlie�lich jedes Jahr hierher!�</p><p><emphasis>Oder der Junge hat Langdon im Fernsehen gesehen, als letztes Jahr diese Geschichte im Vatikan passierte</emphasis>, dachte Sophie besorgt.</p><p>�Mr Wren ist mir noch nie pers�nlich begegnet�, erkl�rte der Messdiener.</p><p>�Da irrst du dich�, sagte Langdon h�flich. �Wir haben uns n�mlich letztes Jahr im Vor�bergehen gesehen. Father Knowles hat sich damals leider nicht die M�he gemacht, uns einander vorzustellen, aber vorhin beim Hereinkommen habe ich gleich dein Gesicht erkannt. Ich gehe ja zu, dass wir ein wenig ungelegen kommen, aber es w�re sehr freundlich, wenn du uns ein paar Minuten allein lassen k�nntest, bis wir die Asche �ber den Gr�bern verstreut haben.�</p><p>Das Gesicht des Messdieners wurde noch misstrauischer. �Das sind doch gar keine Gr�ber.�</p><p>�Wie bitte?�, fragte Langdon verwirrt.</p><p>�Nat�rlich sind es Gr�ber�, fuhr Teabing auf. �Was willst du uns denn hier erz�hlen?�</p><p>Doch der Junge sch�ttelte den Kopf. �In Gr�bern liegen die Leichen der Verstorbenen. Das hier sind nur ihre Abbilder, steinerne Abbilder von wirklichen Menschen. Unter den Figuren ist niemand begraben.�</p><p>�Das hier ist eine Grabst�tte!�, beharrte Teabing.</p><p>�So steht es nur in alten B�chern�, gab der Junge st�rrisch zur�ck. �Das hat man fr�her mal geglaubt, aber bei der Renovierung im Jahr 1950 hat es sich als Irrtum herausgestellt.� Er sah wieder Langdon an. �Eigentlich m�sste Mr Wren das wissen, zumal seine Familie es damals entdeckt hat.�</p><p>Lastende Stille breitete sich aus.</p><p>Drau�en im Anbau schlug die T�r.</p><p>�Das wird Father Knowles sein�, sagte Teabing. �Du solltest nachsehen, mein Junge.�</p><p>Der Messdiener blickte ihn schief an, drehte sich um, schlenderte zur�ck in den Anbau und lie� Langdon, Sophie und Teabing allein.</p><p>�Sir Leigh�, fl�sterte Langdon, �die Gr�ber sollen leer sein? Kenotaphe? Was redet der Junge da?�</p><p>Teabing sah ihn beunruhigt an. �Ich kann mir nicht vorstellen � ich dachte immer, das m�sse der richtige Ort sein. Der Junge wei� bestimmt nicht, was er da redet. Es ergibt keinen Sinn.�</p><p>�Kann ich noch mal den Vierzeiler sehen?�, sagte Langdon.</p><p>Sophie reichte Langdon das Kryptex mit dem darumgewickelten Pergament.</p><p>Langdon studierte die Zeilen, w�hrend er in der anderen Hand das Kryptex hielt. �In dem Gedicht ist eindeutig von einem �Grab� die Rede, nicht von einem Kenotaph f�r jemand, der anderswo bestattet liegt.�</p><p>�K�nnte der Fehler vielleicht am Gedicht liegen?�, meinte Teabing. �K�nnte Jacques Sauni�re der gleiche Fehler unterlaufen sein wie mir soeben?�</p><p>Nach kurzem Nachdenken sch�ttelte Langdon den Kopf. �Sie haben es doch selbst gesagt, Sir Leigh: Diese Kirche wurde von den Tempelrittern erbaut, dem milit�rischen Arm der <emphasis>Prieur�</emphasis>. Der Gro�meister der <emphasis>Prieur�</emphasis> m�sste doch wissen, ob hier Ritter bestattet sind oder nicht.�</p><p>�Aber ein besserer Ort als dieser ist gar nicht denkbar!�, stie� Teabing ratlos hervor und wandte sich wieder den steinernen Rittern zu. �Wir haben bestimmt etwas �bersehen.�</p><empty-line/><p>Als der Messdiener den Anbau betrat, war niemand zu sehen. �Father Knowles?�, rief er. <emphasis>Du hast doch die T�r geh�rt �</emphasis> Er ging noch ein St�ck, bis er das Portal im Blickfeld hatte.</p><p>Ein hagerer Mann im Smoking stand am Eingang und kratzte sich unschl�ssig am Kopf. Der Messdiener schnaubte ver�rgert. Er hatte vergessen, die T�r abzuschlie�en. Jetzt war wieder so ein Irrer von der Stra�e hereingekommen. �Tut mir Leid�, rief der Junge, w�hrend er an einem gewaltigen Pfeiler vorbeiging, �wir haben noch geschlossen.�</p><p>Schweres Tuch rauschte hinter ihm auf. Bevor der Junge sich umdrehen konnte, wurde sein Kopf in den Nacken gerissen. Eine kr�ftige Hand legte sich auf seinen Mund und erstickte seinen Aufschrei. Die Hand war schneewei�, und der Atem des Fremden roch nach Schnaps.</p><p>Der hagere Mann im Smoking zog seelenruhig einen kleinen Revolver und richtete ihn auf die Stirn des Jungen. Der Messdiener sp�rte, wie es in seiner Leistengegend warm und nass wurde. Er hatte sich in die Hose gemacht.</p><p>�H�r mir genau zu�, zischte der Mann im Smoking. �Du verschwindest jetzt ganz leise aus der Kirche, und dann rennst du, so schnell und so weit du kannst. Und bleib nicht stehen, kapiert?�</p><p>Der Messdiener nickte, so gut es ihm mit der Hand �ber dem Mund m�glich war.</p><p>�Solltest du die Polizei rufen � �, der Mann im Smoking dr�ckte dem Jungen die M�ndung der Pistole so fest gegen die Stirn, dass es wehtat, � � werde ich dich finden.�</p><p>Der Junge flitzte �ber den Vorplatz der Kirche auf die Stra�e hinaus, so schnell er konnte, und blieb erst stehen, als ihm die Puste ausging.</p></section><section><title><p><strong>86. KAPITEL</strong></p></title><p>Silas hatte sich wie ein Gespenst hinter sein Opfer geschlichen.</p><p>Sophie Neveu sp�rte ihn zu sp�t. Bevor sie sich umdrehen konnte, bohrte Silas ihr die Pistolenm�ndung in den R�cken, umschlang sie von hinten mit seinem muskul�sen linken Arm und presste sie an seinen riesigen K�rper. Entsetzt schrie Sophie auf. Teabing und Langdon fuhren herum. Sie erstarrten, und auf ihren Gesichtern spiegelte sich Angst.</p><p>�Was � haben Sie mit R�my gemacht �?�, keuchte Teabing.</p><p>�Im Moment sollte Ihre einzige Sorge sein, dass ich mit dem Schlussstein von hier verschwinde�, sagte Silas gelassen. Die �Bergungsaktion�, wie R�my sich ausgedr�ckt hatte, sollte glatt und reibungslos verlaufen. <emphasis>Gehen Sie in die Kirche, schnappen Sie sich den Schlussstein, und dann nichts wie weg. Kein Kampf, keine Schie�erei.</emphasis></p><p>Silas hielt Sophie fest an sich gepresst. Seine Hand glitt in ihre Tasche und w�hlte darin. Trotz seines alkoholgeschw�ngerten Atems konnte er den Duft ihres Haares riechen. �Wo ist er?�, knurrte er. <emphasis>Der Schlussstein hatte sich zuvor noch in ihrer Tasche befunden. Wo war er jetzt?</emphasis></p><p>�Was Sie suchen, ist hier�, klang Langdons dunkle Stimme wie ein Echo von der anderen Seite des Rundbaus her�ber.</p><p>Silas fuhr herum. Langdon wedelte mit dem schwarzen Kryptex in der Luft wie ein Matador mit dem roten Tuch vor einem Stier.</p><p>�Stellen Sie es auf den Boden!�, br�llte Silas.</p><p>�Zuerst werden Miss Neveu und Sir Leigh die Kirche verlassen�, rief Langdon zur�ck. �Wir k�nnen die Sache unter uns ausmachen.�</p><p>Silas schob Sophie grob zur Seite. Die Waffe auf Langdon gerichtet, schritt er auf ihn zu.</p><p>�Keinen Schritt n�her!�, rief Langdon. �Nicht, bevor die beiden die Kirche verlassen haben!�</p><p>�Sie sind nicht in der Position, Forderungen zu stellen.�</p><p>�O doch�, sagte Langdon und hob das Kryptex hoch �ber den Kopf. �Ich werde es fallen lassen, und die Phiole mit dem Essig im Innern wird zerbrechen.�</p><p>Silas tat die Drohung mit einem ver�chtlichen Schnauben ab, doch innerlich packte ihn die Angst. Er versuchte das Zittern der Hand, mit der er die Pistole auf Langdons Kopf gerichtet hielt, zu unterdr�cken. �Das w�rden Sie niemals tun�, sagte er, doch seine Stimme bebte. �Sie w�rden alles daf�r geben, das Geheimnis des Grals zu l�ften � .�</p><p>�Machen Sie sich nichts vor. Haben Sie nicht schon bewiesen, dass Ihnen viel mehr daran liegt als mir? Sie sind bereit, daf�r zu t�ten!�</p><p>Zw�lf Meter entfernt sp�hte R�my Legaludec aus den B�nken im Anbau her�ber. Er war beunruhigt, zitterte vor Anspannung. Das Man�ver lief nicht nach Plan. Auf Anweisung des Lehrers hatte er Silas strikt verboten, von der Waffe Gebrauch zu machen, doch nun musste er beobachten, dass dem Albino die Situation immer mehr aus der Hand glitt.</p><p>�Lassen Sie die beiden gehen�, verlangte Langdon erneut. Die Hand mit dem Kryptex hoch �ber dem Kopf, blickte er furchtlos in die M�ndung von Silas' Waffe.</p><p>In den Augen des M�nchs flammten Zorn und Entt�uschung auf. R�my packte Entsetzen bei dem Gedanken, dass Silas tats�chlich abdr�cken k�nnte, solange das Kryptex �ber Langdons Kopf in der Luft schwebte. <emphasis>Es darf nicht zu Boden fallen!</emphasis></p><p>Das Kryptex sollte R�mys Fahrkarte zu Reichtum und Unabh�ngigkeit sein. Vor etwas mehr als einem Jahr war er lediglich ein f�nfundf�nfzigj�hriger Butler gewesen, der auf Ch�teau Villette in Sir Leigh Teabings Diensten stand und sich die Launen dieses unertr�glichen Kr�ppels gefallen lassen musste. Dann aber wurde ihm etwas Au�ergew�hnliches angetragen. R�mys Verbindung zu Teabing, dem bedeutendsten Gralsforscher der Welt, sollte ihm die Erf�llung all seiner Tr�ume bringen. Von da an hatte ihn jede Minute, die er auf Ch�teau Villette verbrachte, dem gro�en Augenblick n�her gebracht � und sehr viel Geld. Ein Drittel von zwanzig Millionen Euro. Genug, um f�r immer von der Bildfl�che zu verschwinden.</p><p>Doch nun sah R�my den Schlussstein in Langdons erhobener Hand im geweihten Rundbau der Temple Church. <emphasis>Wenn Langdon ihn fallen lie�, war alles dahin. Du bist ganz nah dran! Sollst du dein Gesicht zeigen?</emphasis> R�my �berlegte fieberhaft. Der Lehrer hatte es ihm streng untersagt. Und R�my war der einzige Mensch, der die Identit�t des Lehrers kannte �</p><p>�Sind Sie sicher, dass Silas die Sache �bernehmen soll?�, hatte R�my erst vor einer halben Stunde den Lehrer gefragt, als dieser den Raub des Schlusssteins befohlen hatte. �Ich k�nnte das genauso gut.�</p><p>Doch der Lehrer war nicht umzustimmen gewesen. �Silas hat uns bei den vier Spitzenleuten der <emphasis>Prieur�</emphasis> gute Dienste geleistet. Er wird auch den Schlussstein an sich bringen. Sie bleiben im Hintergrund, verstanden? Wenn Sie sich sehen lassen, m�ssen die anderen ebenfalls eliminiert werden. Es wurde schon genug get�tet. Zeigen Sie auf keinen Fall Ihr Gesicht.�</p><p>�Ist gut�, hatte R�my den Lehrer beruhigt. �Ich werde im Hintergrund bleiben und Silas helfen.�</p><p>�Nur damit Sie im Bilde sind, R�my�, hatte der Lehrer abschlie�end zu ihm gesagt, �das fragliche Grab befindet sich gar nicht in der Temple Church. Sie brauchen nichts zu bef�rchten. Diese Leute suchen ohnehin am falschen Ort.�</p><p>R�my konnte es nicht fassen. �Sie wissen, wo das richtige Grab ist?�</p><p>�Nat�rlich. Sie werden es bald von mir erfahren. Aber jetzt los mit Ihnen! Wenn die anderen herausbekommen, wo sich das Grabmal befindet und die Temple Church verlassen, bevor Sie das Kryptex an sich gebracht haben, ist der Gral f�r uns verloren.�</p><p>Der Gral war R�my im Grunde herzlich egal, aber der Lehrer w�rde keinen roten Heller herausr�cken, solange er den Gral nicht gefunden hatte. Und Langdon war zuzutrauen, dass er hier in der Temple Church den Schlussstein zerschmetterte und damit R�mys Zukunftspl�ne. Eine unertr�gliche Vorstellung.</p><p>R�my entschloss sich zum Eingreifen. Die Waffe in seiner Hand war nur ein kleinkalibriger Medusa-Revolver, aber auf kurze Entfernung war er nicht weniger t�dlich als eine gr��ere Waffe.</p><p>Er trat aus der Deckung, st�rmte in die Rotunde und richtete die Waffe auf Teabings Kopf. �Auf dieses Vergn�gen habe ich schon lange gewartet, Sir Leigh!�</p><empty-line/><p>Leigh Teabing blieb beinahe das Herz stehen, als R�my die Waffe auf ihn richtete. <emphasis>Was tut der Kerl?</emphasis> Teabing erkannte den kleinen Medusa-Revolver, den er zum eigenen Schutz im Handschuhfach seiner Limousine aufbewahrte.</p><p>R�my trat hinter Teabing und stie� ihm den Lauf der Waffe in H�he des Herzens von hinten ins Kreuz.</p><p>Teabings Muskeln verkrampften sich vor Entsetzen. �R�my, was soll � �</p><p>�Ich will's ganz einfach machen�, zischte R�my und starrte Langdon �ber Teabings Schulter hinweg an. �Stellen Sie das Kryptex auf den Boden, oder ich dr�cke ab.�</p><p>Langdon war wie gel�hmt. �Das Kryptex ist f�r Sie doch wertlos�, stie� er hervor. �Sie werden es niemals aufbekommen.�</p><p>�Ihr eingebildeten Idioten!�, h�hnte R�my. �Habt ihr nicht gemerkt, dass ich eure Unterhaltung �ber den verdammten Vierzeiler mitbekommen habe? Es gibt andere, die mehr wissen als ihr � und denen habe ich alles berichtet, was ich geh�rt habe. Ihr sucht ja nicht mal am richtigen Ort, ihr Trottel. Das Grab, das ihr sucht, ist ganz woanders!�</p><p>Teabing war der Panik nahe. <emphasis>Was sagt er da?</emphasis></p><p>�Wozu wollen Sie den Gral �berhaupt haben?�, herrschte Langdon R�my an. �Wollen Sie ihn vernichten? Noch vor dem Ende der Zeit?�</p><p>�Silas, nimm Mr Langdon das Kryptex aus der Hand!�, rief R�my dem M�nch zu.</p><p>Langdon wich vor dem M�nch zur�ck, der mit entschlossenen Schritten n�her kam, und hielt das Kryptex in der ausgestreckten Hand. �Ich werfe es eher auf den Boden, als dass ich es in die falschen H�nde geraten lasse!�</p><p>Eine Woge der Panik schwemmte �ber Teabing hinweg. Er sah sein Lebenswerk zerst�rt, seinen Lebenstraum gescheitert. �Robert, nicht!�, rief er. �Tun Sie's nicht! R�my wird mich niemals erschie�en. Wir kennen uns seit zehn � �</p><p>R�my feuerte einen Schuss in die Decke. Der Knall hallte wie ein Donnerschlag in dem steinernen Rundbau wider.</p><p>Langdon streckte zaudernd die Hand mit dem Kryptex vor. Silas war mit zwei schnellen Schritten bei ihm und nahm es ihm ab. In seinen roten Augen spiegelte sich Genugtuung. Die Waffe immer noch auf Langdon und Sophie gerichtet, lie� er das Kryptex in die Tasche seiner Kutte gleiten und trat zur�ck.</p><p>�Sie k�nnen Sir Leigh jetzt gehen lassen�, forderte Langdon R�my auf.</p><p>�Mr Teabing kommt mit uns. Silas und ich werden ein bisschen mit ihm spazieren fahren�, sagte R�my, der die Waffe keinen Zentimeter sinken lie�. �Wenn Sie die Polizei rufen oder uns irgendwie in die Quere kommen, ist Teabing ein toter Mann. Ist das klar?�</p><p>�Nehmen Sie mich mit�, sagte Langdon. �Lassen Sie Sir Leigh gehen.�</p><p>R�my lachte auf. �Ich glaube nicht, dass ich mich von dem Alten trennen werde. Mit Mr Teabing verbindet mich eine sch�ne gemeinsame Zeit. Au�erdem k�nnte er sich noch als n�tzlich erweisen.�</p><p>R�my zerrte Teabing, dessen Kr�cken klappernd hinter ihm herschleiften, zum Ausgang. Die Waffe immer noch auf Sophie und Langdon gerichtet, deckte Silas den R�ckzug.</p><p>�F�r wen arbeiten Sie, R�my?�, fragte Sophie mit fester Stimme.</p><p>R�my verzog grinsend das Gesicht. �Sie w�rden staunen, Mademoiselle Neveu!�</p></section><section><title><p><strong>87. KAPITEL</strong></p></title><p>Leutnant Collet ging im Salon des Ch�teau Villette vor dem inzwischen erloschenen Kamin auf und ab und studierte die Telefaxe von Interpol.</p><p>Sie entsprachen in keiner Weise dem, was er erwartet hatte.</p><p>Nach Aktenlage war Andr� Vernet ein vorbildlicher B�rger, der nicht das Geringste auf dem Kerbholz hatte; nicht einmal einen Strafzettel wegen Falschparkens hatte er sich bislang eingehandelt. Er hatte eine Privatschule besucht und sein Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Sorbonne mit summa cum laude abgeschlossen. Interpol zufolge erschien sein Name gelegentlich in der Presse, jedoch stets in positivem Zusammenhang. Offenbar hatte Vernet ma�geblichen Anteil an der Entwicklung und Installation der elektronischen Sicherheitsger�te, die sein Bankunternehmen zum f�hrenden Haus auf dem Gebiet der digitalen Sicherheitstechnik gemacht hatten. Vernets Kreditkartenums�tze lie�en auf einen Hang zu Kunstb�nden, teuren Weinen und CDs mit klassischer Musik schlie�en � vorzugsweise Brahms �, die er sich offenbar auf einer vor einigen Jahren erworbenen Stereoanlage der obersten G�teklasse zu Gem�te f�hrte.</p><p>Collet seufzte. <emphasis>Fehlanzeige</emphasis>.</p><p>Die einzige Treffermeldung von Interpol bezog sich auf Fingerabdr�cke, die offenbar von Teabings Butler stammten. Der Leiter des Spurensicherungsteams hatte es sich auf der anderen Seite des Salons in einem Sessel bequem gemacht und las den Bericht.</p><p>Collet blickte zu ihm hin�ber. �Steht was Interessantes drin?�</p><p>Der Beamte sah auf. �Die Abdr�cke geh�ren einem gewissen R�my Legaludec. Kleinkram. Nichts Besonderes. Von der Uni geflogen, weil er im Studentenheim die Telefonlitzen umgeklemmt hat, damit er kostenlos telefonieren kann � sp�ter ein paar Diebst�hle und Einbr�che. Hat f�r eine Notoperation die Klinikrechnung nicht bezahlt. Es war ein Luftr�hrenschnitt.� Der Beamte blickte auf. �Der Mann hat eine Erdnussallergie. Was es nicht alles gibt!�</p><p>Collet nickte. Er erinnerte sich an einen Fall, wo ein Restaurant es vers�umt hatte, auf der Speisekarte anzugeben, dass ein Chiligericht Erdnuss�l enthielt. Ein argloser Gast mit Erdnussallergie war noch am Tisch an einem allergischen Schock gestorben.</p><p>�Legaludec ist hier vermutlich als Hausangestellter untergekrochen, um sich der Verhaftung zu entziehen.� Der Beamte grinste schadenfroh. �Einmal erwischt es jeden.�</p><p>�Na gut.� Collet seufzte. �Setzen Sie Capitaine Fache ins Bild.�</p><p>Der Ermittler war noch nicht drau�en, als ein anderer Beamter hereingest�rmt kam. �Im Nebengeb�ude haben wir etwas entdeckt, Leutnant, das Sie sich mal anschauen sollten.�</p><p>Nach der Aufregung des Beamten zu schlie�en, musste es etwas Schlimmes sein. �Eine Leiche?�</p><p>�Nein, Chef. Es ist eher � � Er z�gerte. �Mit so was haben wir ehrlich nicht gerechnet.�</p><p>Collet rieb sich die Augen und folgte dem Beamten hinaus. Als sie das muffige, weitl�ufige Nebengeb�ude betraten, deutete der Mann auf eine h�lzerne Leiter in der Mitte des Raums. Sie war in schwindelnder H�he an der Kante eines Heubodens angestellt und schien bis zu den Dachsparren hinaufzuf�hren.</p><p>�Die Leiter ist anfangs noch nicht da gewesen�, sagte Collet.</p><p>�Stimmt, Chef. Wir haben sie aufgestellt. Als wir am Rolls Royce Abdr�cke genommen haben, habe ich sie in der Ecke auf dem Boden liegen sehen. Ich h�tte ihr keine weitere Beachtung geschenkt, aber die Sprossen waren stark ausgetreten, und es klebte frischer Schmutz daran. Diese Leiter wird regelm��ig benutzt. Ihre L�nge entspricht der H�he des Heubodens, also hab ich sie aufgestellt und bin hinaufgeklettert, um mich da oben umzusehen.�</p><p>Collet blickte die steile Leiter hinauf. <emphasis>Da steigt regelm��ig jemand rauf?</emphasis> Der Heuboden wirkte zwar vollkommen leer, war von unten aber kaum einzusehen.</p><p>Ein h�herrangiger Ermittler erschien oben am Ende der Leiter. �Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen, Herr Kollege!�, rief er herunter und winkte Collet zu sich herauf.</p><p>Collet nickte m�de, ging zur Leiter und griff in die Sprossen des altert�mlichen h�lzernen Ger�ts, das nach oben hin immer schmaler wurde. Im oberen Drittel verlor er auf einer engen Sprosse beinahe den Halt. Der Betonboden unter ihm drehte sich. Collet fing sich wieder und stieg weiter, doppelt vorsichtig geworden. Als er endlich oben war, streckte der Beamte ihm die Hand entgegen und half ihm beim letzten Schritt von der Leiter.</p><p>�Da dr�ben�, sagte der Ermittler und deutete zur Giebelwand des tadellos sauberen Heubodens. �Hier oben gibt es nur eine Art von Abdr�cken. Ich habe die Auswertung in K�rze vorliegen.�</p><p>Collet sp�hte hin�ber zur Giebelwand. <emphasis>Schau mal einer an!</emphasis> Vor der Wand war ein hochmoderner und hervorragend ausger�steter Computer-Arbeitsplatz aufgebaut � zwei Towerrechner, ein Flachbildschirm mit Lautsprechern, einige externe Festplatten und ein Mehrkanalmischpult, das �ber einen Netzanschluss mit Trenntrafo zu verf�gen schien.</p><p><emphasis>Wozu, in aller Weit, richtet jemand sich hier oben einen Computerarbeitsplatz mit allen Schikanen ein?</emphasis> Collet trat n�het. �Haben Sie die Anlage schon ausprobiert?�</p><p>�Das ist eine Abh�rstation.�</p><p>Collet fuhr herum. �Ein Horchposten?�</p><p>Der Beamte nickte. �Mit modernster Technologie.� Er deutete auf eine lange Arbeitsplatte, auf der elektronische Bauteile, Handb�cher, Feinmechanikerwerkzeug, ein L�tkolben, Dr�hte und sonstiges elektronisches Zubeh�r lagen. �Wer hier arbeitet, kennt sich aus. Vieles hier ist mindestens so ausgekl�gelt wie unsere eigenen Ger�te. Der Benutzer verwendet Mini-Mikrofone, fotoelektrisch ladbare Akkus, Speicherchips mit h�chster Informationsdichte und so weiter. Er hat sogar ein paar von diesen neuen Nano-Laufwerken.�</p><p>Collet war beeindruckt.</p><p>�Das hier ist ein komplettes System�, sagte der Beamte und gab Collet ein Ger�t in die Hand, das nicht viel gr��er war als ein Taschenrechner. Aus dem Geh�use hing ein d�nner, etwa drei�ig Zentimeter langer Draht mit einem briefmarkengro�en, hauchd�nnen St�ck Folie am Ende. �Der Kern des Ganzen ist ein Audio-Aufnahmesystem mit Festplattenspeicher und einem wiederaufladbaren Akku. Die kleine Folie an dem Draht ist eine Kombination von Mikrofon und Fotozelle zum Aufladen des Akkus.�</p><p>Collet kannte diese Ger�te. Die folienartigen Fotozellenmikrofone hatten vor ein paar Jahren f�r eine Sensation gesorgt. Man konnte ein solches Aufnahmeger�t beispielsweise hinter einer Stehlampe verstecken und das entsprechend eingef�rbte Folienmikrofon in den Ornamenten des Lampenfu�es verschwinden lassen. Solange das Mikrofon t�glich ein paar Stunden Licht bekam, luden die Fotozellen den Akku immer wieder auf. Solche Wanzen konnten theoretisch unbegrenzt lange arbeiten.</p><p>�Wie funktioniert die Daten�bertragung?�, erkundigte sich Collet.</p><p>Der Beamte wies auf ein abgeschirmtes Kabel, das hinten aus dem Computergeh�use trat, die Wand hinauff�hrte und durch ein kleines Loch im Dach verschwand. �Ganz einfach per Funk. Auf dem Dach steht eine kleine Antenne.�</p><p>Collet wusste, dass diese Aufnahmesysteme �blicherweise in B�ros platziert wurden. Sie waren stimmaktiviert, um Speicherplatz zu sparen, und nahmen tags�ber jede Menge Gespr�chsschnipsel auf, die nachts als komprimierte Audiodatei �bertragen wurden, um das Risiko der Entdeckung so klein wie m�glich zu halten. Nach der �bertragung wurde der Speicher selbstt�tig gel�scht, und das System war f�r einen neuen Einsatz am n�chsten Tag bereit.</p><p>Collets Blick fiel auf ein Regal, in dem einige Hundert Audiocassetten aufgereiht standen, alle fein s�uberlich nummeriert und mit Datum versehen. <emphasis>Hier war jemand aber sehr flei�ig.</emphasis> �K�nnen Sie schon sagen, wer hier ausgeforscht werden soll?�, erkundigte er sich bei dem Kollegen.</p><p>�Ja, Leutnant�, sagte der Mann, w�hrend er zum Computer ging und ein Programm hochfuhr. �Und das ist der Hammer.�</p></section><section><title><p><strong>88. KAPITEL</strong></p></title><p>Es hatte wieder zu regnen begonnen.</p><p>Langdon war v�llig ersch�pft, als er an der U-Bahnstation das Drehgitter bet�tigte und mit Sophie in das schmutzige Labyrinth der unterirdischen G�nge und Bahnsteige eintauchte. Qu�lende Gewissensbisse nagten an ihm.</p><p><emphasis>H�ttest du Leigh Teabing blo� nicht in die Sache hineingezogen!</emphasis> Jetzt schwebt er in h�chster Gefahr.</p><p>R�mys Auftauchen war ein Schock gewesen, doch es ergab durchaus Sinn: Der gro�e Unbekannte, der hinter dem Gral her war, hatte sich einen Helfer aus dem inneren Kreis beschafft. Dass Teabing auch ohne ihn von Anfang an im Visier der Dunkelm�nner gestanden haben musste, h�tte Langdons Schuldgef�hle zwar bes�nftigen k�nnen, tat es aber nicht.</p><p><emphasis>Wir m�ssen Leigh aufsp�ren und ihm helfen � sofort.</emphasis></p><p>Langdon folgte Sophie zum Bahnsteig, an dem die Circle Line und die Z�ge in die westlichen Stadtbezirke abfuhren. Sophie ging zu einem �ffentlichen Telefon, um trotz R�mys Drohung die Polizei anzurufen. Langdon setzte sich, von Reue geplagt, auf eine schmuddelige Bank ganz in der N�he.</p><p>�Wenn wir sofort die Londoner Polizei anrufen, Robert, ist Sir Leigh am besten geholfen�, sagte Sophie beim W�hlen. �Glauben Sie mir.�</p><p>Langdon war anfangs dagegen gewesen, doch je eingehender er dar�ber nachdachte, desto �berzeugender fand er Sophies Argumente. Teabing war im Moment sicher. Selbst wenn R�my und seine Hinterm�nner wussten, wo sich der Sarkophag oder das Grabmal befand, waren sie wegen des R�tsels um die mysteri�se Kugel auf das �ffnen des Kryptex und auf Teabings Hilfe angewiesen. Langdons Hauptsorge galt der Frage, was geschehen w�rde, nachdem das Kryptex ge�ffnet und der Wegweiser zum Gral geborgen war. Dann n�mlich war Leigh Teabing in gr��ter Gefahr.</p><p>Um Sir Leigh zu helfen oder das Kryptex zur�ckzubekommen, kam es f�r Langdon entscheidend darauf an, den Sarkophag als Erster aufzusp�ren. Doch R�my hatte leider einen betr�chtlichen Vorsprung.</p><p>Langdons Aufgabe war es, den richtigen Sarkophag zu finden. Sophies bem�hte sich indessen, R�my Kn�ppel zwischen die Beine zu werfen, indem sie ihm und Silas die Londoner Polizei auf den Hals hetzte, sodass die beiden zumindest zum Abtauchen gezwungen wurden.</p><p>Langdons Plan war weniger genau umrissen. Er wollte mit der U-Bahn erst einmal ins nahe King's College mit seiner weltber�hmten religionswissenschaftlichen Datenbank fahren. <emphasis>Das beste Hilfsmittel der Forschung �berhaupt</emphasis>, hie� es in Fachkreisen<emphasis>. Die Antwort auf jede religionsgeschichtliche Frage.</emphasis> Langdon war gespannt, was dem Supercomputer des King's College zu der Zeile �ein Ritter, den ein Papst begraben� einfallen w�rde.</p><p>Er hielt es auf der Bank nicht mehr aus, stand auf und ging nerv�s auf dem Bahnsteig auf und ab. <emphasis>Wenn doch nur endlich die U-Bahn k�me!</emphasis></p><p>Sophies Verbindung zur Londoner Polizei kam endlich zustande.</p><p>�Snow Hill Division�, meldete sich die Vermittlung. �Mit welcher Dienststelle m�chten Sie sprechen?�</p><p>�Ich m�chte eine Entf�hrung anzeigen.� Sophie fasste sich kurz.</p><p>�Ihr Name, bitte.�</p><p>Sophie z�gerte. �Agentin Sophie Neveu, franz�sische Staatspolizei.�</p><p>Die Nennung ihres Titels zeitigte die gew�nschte Wirkung.</p><p>�Augenblick, Ma'am. Ich werde Sie sofort mit einem zust�ndigen Detective verbinden.�</p><p>W�hrend Sophie auf die Verbindung wartete, fragte sie sich, wie der Beamte die Beschreibung von Teabings Entf�hrern aufnehmen w�rde. <emphasis>Ein Mann im Smoking</emphasis>. Schlichter war ein Verd�chtiger wohl kaum zu beschreiben. Doch selbst wenn R�my die Kleidung wechselte, war er immer noch in Begleitung eines Albinos im M�nchsgewand. Und den konnte man nun wirklich nicht �bersehen. Au�erdem hatten sie einen Gefangenen bei sich, sodass sie keine �ffentlichen Verkehrsmittel benutzen konnten. Und allzu viele schwarze Jaguar-Stretchlimousinen gab es in London wohl auch nicht.</p><p>Das Durchstellen schien ewig zu dauern. <emphasis>Nun macht schon</emphasis>! Sophie h�rte es klicken und summen, als m�sste man extra f�r sie eine Funkverbindung aufbauen.</p><p>Weitere f�nfzehn Sekunden verstrichen.</p><p>Pl�tzlich meldete sich eine barsche M�nnerstimme. �Agentin Neveu?�</p><p>Sophie wusste sofort, wer am anderen Ende der Leitung war.</p><p>�Agentin Neveu�, herrschte Fache sie an, �wo stecken Sie?�</p><p>Sophie war sprachlos. Fache hatte offensichtlich die Vermittlung der Londoner Polizei instruiert, ihren Anruf zu ihm weiterzuleiten, falls sie sich meldete.</p><p>�H�ren Sie zu�, sagte Fache in knappem Franz�sisch, �ich habe mich schrecklich geirrt. Robert Langdon ist unschuldig. Wir haben s�mtliche Vorw�rfe gegen ihn fallen lassen. Trotzdem sind Sie beide in Gefahr. Sie m�ssen sich sofort der Polizei stellen.�</p><p>Sophie blieb der Mund offen stehen. Wie sie darauf antworten sollte, wusste sie nun wirklich nicht. Fache hatte noch nie einen Fehler eingestanden.</p><p>�Sie haben mir nicht gesagt, dass Jacques Sauni�re Ihr Gro�vater war�, fuhr er fort. �Ich werde Ihre Insubordination von gestern Nacht vergessen, da Sie derzeit unter gro�em seelischen Druck stehen. Aber im Moment ist es unerl�sslich, dass Sie sich zu Ihrer eigenen Sicherheit sofort zur n�chsten Londoner Polizeidienststelle begeben.�</p><p><emphasis>Er wei�, dass ich in London bin? Was wei� er sonst noch?</emphasis> Sophie h�rte im Hintergrund Ger�usche, die wie Bohren und Werkzeuggeklapper klangen. Au�erdem h�rte sie ein verd�chtiges Klicken in der Leitung. �Sie lassen diesen Anruf doch nicht etwa zur�ckverfolgen, Capitaine?�</p><p>�Agentin Neveu�, sagte Fache, �wir m�ssen jetzt zusammenarbeiten, Sie und ich. Wir haben beide eine ganze Menge zu verlieren. Jetzt ist Schadensbegrenzung angesagt. Ich habe letzte Nacht Fehler bei der Beurteilung der Lage gemacht, und wenn diese Fehler den Tod eines amerikanischen Professors und einer Kryptologin der franz�sischen Staatspolizei zur Folge haben, ist meine Karriere im Eimer. Ich habe w�hrend der vergangenen Stunden verzweifelt versucht, Sie auf sicheres Terrain zu ziehen.�</p><p>Ein Schwall warmer Luft wehte �ber den Bahnsteig. Im Tunnel polterten dumpf die R�der einer sich n�hernden U-Bahn. Sophie hatte nicht vor, diese Bahn zu verpassen � ebenso wenig wie Langdon, der sich zusammengerissen hatte und auf Sophie zukam.</p><p>�Ihr Mann hei�t R�my Legaloudec�, sagte Sophie rasch. �Teabings Butler. Er hat Teabing vor ein paar Minuten in der Temple Church gekidnappt und � �</p><p>�Agentin Neveu�, riet Fache, w�hrend die U-Bahn mit lautem Get�se in die Station einfuhr, �so etwas bespricht man nicht am �ffentlichen Telefon! Sie und Langdon werden sich jetzt unverz�glich stellen, Ihrer eigenen Sicherheit zuliebe. Das ist ein Befehl!�</p><p>Sophie knallte den H�rer auf die Gabel und rannte mit Langdon zur U-Bahn.</p></section><section><title><p><strong>89. KAPITEL</strong></p></title><p>In der zuvor so piekfeinen Kabine der Hawker roch es nach Azetylen und �ligem Rauch. �berall lagen Bohrsp�ne herum. Bezu Fache hatte alle Beamten fortgeschickt und sa� nun mit einem Drink und dem schweren Holzk�stchen, das er in Teabings Flugzeugsafe gefunden hatte, allein in einem Sessel.</p><p>Er lie� den Finger �ber die eingelegte Rose gleiten; dann hob er den Deckel. Im Innern des K�stchens befand sich ein Steinzylinder aus gegeneinander drehbaren Segmenten mit Buchstabenmarkierungen. Die Einstellung der f�nf Drehsegmente ergab das Wort SOFIA. Nachdenklich betrachtete Fache eine Zeit lang das Wort; dann nahm er den Zylinder aus seiner gepolsterten H�hlung, um ihn Zentimeter f�r Zentimeter sorgf�ltig zu �berpr�fen. Schlie�lich zog er vorsichtig an den beiden Enden. Eine Verschlusskappe l�ste sich. Der Zylinder war leer.</p><p>Fache legte ihn ins K�stchen zur�ck und schaute durch das Bullauge in den Hangar. Er dachte �ber sein Gespr�ch mit Sophie nach und �ber die Informationen, die ihm die Spurensicherung aus Ch�teau Villette hatte zukommen lassen. Das Piepsen seines Mobiltelefons riss ihn aus seinen Gedanken.</p><p>Es war die Telefonzentrale der DCPJ in Paris. Der Beamte in der Vermittlung entschuldigte sich f�r die St�rung, doch der Pariser Filialdirektor der Z�rcher Depositenbank habe sich wiederholt gemeldet. Man habe ihm zwar jedes Mal gesagt, dass Capitaine Fache sich in London bef�nde, aber er habe trotzdem immer wieder angerufen.</p><p>M�rrisch wies Fache den Beamten an, den Anruf durchzustellen.</p><p>�Monsieur Vernet�, kam Fache dem Banker zuvor, �Tut mir Leid, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, mich bei Ihnen zu melden, aber ich bin im Moment sehr besch�ftigt. Der Name Ihrer Bank wurde wie versprochen aus den Medien herausgehalten. Wo dr�ckt Sie sonst noch der Schuh?�</p><p>Vernet erkl�rte besorgt, dass Langdon und Sophie ein Holzk�stchen aus seiner Bank entwendet und ihn dann gezwungen h�tten, ihnen zur Flucht zu verhelfen. �Als ich aus dem Radio erfuhr, dass die beiden Kriminelle sind, habe ich angehalten und das K�stchen zur�ckverlangt, aber sie haben mich angegriffen und meinen Transporter gestohlen.�</p><p>�Sie machen sich also Sorgen wegen eines h�lzernen K�stchens�, sagte Fache, wobei er die Einlegearbeit mit der Rose betrachtete. Er klappte den Deckel auf und nahm den wei�en Steinzylinder heraus. �K�nnen Sie mir sagen, was in dem K�stchen gewesen ist?�</p><p>�Der Inhalt ist doch v�llig unerheblich�, brauste Vernet auf. �Was mir Sorgen macht, ist der Ruf meiner Bank! Bei uns ist noch nie etwas abhanden gekommen. Noch nie! Wenn ich meinem Kunden sein Eigentum nicht zur�ckerstatten kann, k�nnen wir einpacken!�</p><p>�Sagten Sie nicht, Agentin Neveu und Robert Langdon h�tten sich im Besitz eines Schl�ssels und des Passworts befunden? Wie kommen Sie darauf, dass es sich um einen Diebstahl gehandelt hat?�</p><p>�Aber die beiden haben doch heute Nacht mehrere Menschen umgebracht, darunter Sophie Neveus Gro�vater! Da liegt es doch wohl auf der Hand, dass sie sich den Schl�ssel und das Passwort auf gesetzwidrige Weise verschafft haben!�</p><p>�Monsieur Vernet, meine Mitarbeiter haben sich ein wenig mir Ihrem Hintergrund und Ihren Interessen befasst. Sie sind offenbar ein sehr vornehmer und kultivierter Zeitgenosse, wobei ich selbstredend davon ausgehe, dass Sie ein Ehrenmann sind � wie ich �brigens auch. Nachdem wir das nun festgestellt haben, haben Sie von mir als leitendem Beamten der <emphasis>Police Judiciaire</emphasis> das Wort, dass sich Ihr K�stchen und der Ruf Ihrer Bank in besten H�nden befinden.�</p></section><section><title><p><strong>90. KAPITEL</strong></p></title><p>Leutnant Collet fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er hoch oben auf dem Heuboden des Nebengeb�udes von Ch�teau Villette die Liste auf dem Bildschirm des Computers sah. �Und das System kann alle diese Leute abh�ren?�</p><p>�Ja�, best�tigte der Ermittlungsbeamte. �Anscheinend schon seit �ber einem Jahr.�</p><p>Collet las die Auflistung auf dem Bildschirm. Er war sprachlos.</p><p>COLBERT SOSTAQUE � Pr�sident des Verfassungsrats</p><p>JEAN CHAFF�E � Direktor des Musee du Jeu de Paume</p><p>EDOUARD DESROCHES � Direktor des Archivs der Mitterand-Bibliothek</p><p>JACQUES SAUNI�RE � Direktor des Louvre</p><p>MICHEL BRETON � Geheimdienstchef der DAS</p><p>Der Beamte deutete auf den Bildschirm. �Bei Nummer vier m�ssen uns nat�rlich die Ohren klingeln.�</p><p>Collet konnte nur nicken. Der Name war ihm sofort aufgefallen. Jacques Sauni�re ist abgeh�rt worden. Abermals �berflog er die Namen. <emphasis>Wie hat jemand diesen prominenten Leuten eine Wanze unterjubeln k�nnen</emphasis>? �Haben Sie schon in die Mitschnitte hineingeh�rt?�</p><p>�In einige. Hier ist einer der letzten.� Der Agent dr�ckte auf ein paar Tasten des Computers. Es knisterte in den Lautsprechern. �Capitaine, un agent du Departement de Cryptographie est arriv�.�</p><p>Collet wollte seinen Ohren nicht trauen. �Das bin ja ich! Das ist meine Stimme!� Er erinnerte sich, wie er an Sauni�res Schreibtisch gesessen und Fache �ber Funk das Eintreffen Sophie Neveus angek�ndigt hatte.</p><p>Der Ermittlungsbeamte nickte. �Falls jemand zugeh�rt haben sollte, konnte er den Gro�teil unserer n�chtlichen Fahndung im Louvre mitverfolgen.�</p><p>�Haben Sie schon jemand zum Aufsp�ren der Wanze losgeschickt?�</p><p>�Nicht n�tig. Ich wei� genau, wo sie sitzt.� Der Beamte zog ein Blatt aus einem Stapel alter Notizen und Konstruktionszeichnungen auf dem Arbeitstisch und reichte es Collet. �Kommt Ihnen das bekannt vor?�</p><p>Collet kam aus dem Staunen nicht heraus. Er hielt die Fotokopie einer alten schematischen Konstruktionszeichnung einer einfachen Maschinerie in H�nden. Er konnte zwar nicht die handschriftlichen italienischen Bemerkungen zu den einzelnen Teilen lesen, wusste aber sofort, was er da betrachtete: das Modell eines voll beweglichen mittelalterlichen franz�sischen Ritters.</p><p><emphasis>Der Ritter auf Sauni�res Schreibtisch!</emphasis></p><p>Collets Blick fiel auf den Rand des Blattes, wo jemand mit rotem Filzschreiber in franz�sischer Sprache Anmerkungen hinterlassen hatte � Anmerkungen, wie in dem Ritter am besten ein digitales Abh�rger�t unterzubringen sei.</p></section><section><title><p><strong>91. KAPITEL</strong></p></title><p>Silas sa� auf dem Beifahrersitz des Jaguar, der in der N�he der Temple Church geparkt war. Die feuchten H�nde um den Schlussstein gekrampft, wartete er auf R�my, der damit besch�ftigt war, Teabing auf der R�ckbank mit einem Seil und einem Lappen, die er im Kofferraum entdeckt hatte, zu fesseln und zu knebeln.</p><p>Schlie�lich stieg R�my hinten aus, ging um den Wagen herum und glitt neben Silas ans Steuer.</p><p>�Gut verschn�rt?�, fragte Silas.</p><p>R�my lachte in sich hinein, klopfte sich die Regentropfen vom Anzug und blickte �ber die Schulter durch die offene Trennscheibe nach hinten, wo � im Halbdunkel kaum auszumachen � die zusammengekr�mmte Gestalt Leigh Teabings auf dem Boden lag. �Der l�uft uns nicht mehr weg.�</p><p>Silas h�rte Teabings erstickte, dumpfe Proteste. R�my hatte ein St�ck Klebeband von Silas' Fesseln als Knebel wieder verwendet.</p><p>�Halt's Maul�, giftete R�my und hieb auf einen Knopf am aufw�ndigen Armaturenbrett, worauf sich summend eine Trennscheibe vor die �ffnung zur Passagierkabine schob. Teabing verschwand aus dem Blickfeld, seine Stimme verstummte. �Ich habe mir dieses verdammte Gewinsel lange genug anh�ren m�ssen�, h�hnte R�my und schaute Silas Beifall heischend an.</p><empty-line/><p>Als die schwere Limousine wenige Minuten sp�ter durch die Stra�en rollte, meldete sich Silas' Handy. Der Lehrer. Silas meldete sich aufgeregt. �Hallo?�</p><p>�Silas�, h�rte er den Lehrer in seinem vertrauten, franz�sisch gef�rbten Englisch sagen, �ich bin erleichtert, Ihre Stimme zu h�ren, denn das bedeutet, dass Sie in Sicherheit sind.�</p><p>Silas war nicht minder erleichtert, dass der Lehrer sich meldete. In den Stunden seit ihrem letzten Kontakt hatten die Ereignisse sich �berschlagen, doch die Aktion lief jetzt endlich wieder auf dem richtigen Gleis. �Ich habe den Schlussstein.�</p><p>�Das sind ja wundervolle Neuigkeiten. Ist R�my bei Ihnen?�</p><p>�berrascht nahm Silas zur Kenntnis, dass der Lehrer R�mys Namen nannte. �Ja. R�my hat mich befreit.�</p><p>�Wie von mir angeordnet. Ich bin untr�stlich, dass Sie eine so lange Gefangenschaft auf sich nehmen mussten.�</p><p>�Die Leiden des K�rpers sind unerheblich. Wichtig ist allein, dass wir nun im Besitz des Schlusssteins sind.�</p><p>�Ja, und ich m�chte ihn unverz�glich in H�nden haben. Jede Minute z�hlt.�</p><p>�Gewiss. Es wird mir eine Ehre sein, ihn pers�nlich bei Ihnen abzuliefern.� Silas brannte darauf, den Lehrer von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen.</p><p>�Ich m�chte, dass R�my ihn mir bringt.�</p><p>Silas konnte es nicht fassen. Nach allem, was er f�r den Lehrer auf sich genommen hatte, war er sicher gewesen, dass nun ihm die Ehre zukam, den Preis zu �berreichen. <emphasis>Der Lehrer gibt R�my den Vorzug?</emphasis></p><p>�Ich sp�re, dass Sie jetzt entt�uscht sind�, sagte der Lehrer, �und ich schlie�e daraus, dass Sie meine Absichten nicht begriffen haben.� Er senkte die Stimme zu einem verschw�rerischen Fl�stern. �Sie d�rfen mir glauben, dass es mir wesentlich lieber w�re, den Schlussstein von Ihnen entgegenzunehmen, einem Mann Gottes, und nicht aus den H�nden eines Kriminellen, aber ich habe mit R�my noch ein H�hnchen zu rupfen. Er hat meine Anordnungen nicht befolgt und einen schweren Fehler begangen, der unsere ganze Mission zum Scheitern h�tte bringen k�nnen.�</p><p>Silas fr�stelte. Er schaute zu R�my. Teabings Entf�hrung war im Plan nicht vorgesehen gewesen, und die Entscheidung, was man nun mit ihm anfangen sollte, warf neue Probleme auf.</p><p>�Sie und ich sind M�nner Gottes�, fl�sterte der Lehrer. �Wir lassen uns nicht von unserem Ziel abbringen.� Eine bedeutungsschwere Pause folgte, �Einzig aus diesem Grund m�chte ich, dass R�my mir den Schlussstein bringt, begreifen Sie?�</p><p>Silas h�rte den Zorn, der in der Stimme des Lehrers mitschwang. Es wunderte ihn, dass dieser Mann nicht mehr Verst�ndnis aufbrachte. R�my hat sein Gesicht gezeigt, doch es war unumg�nglich, dachte Silas. R�my musste es tun, um den Schlussstein zu retten. �Ja, ich verstehe�, brachte Silas m�hsam hervor.</p><p>�Gut. Zu Ihrer eigenen Sicherheit m�ssen Sie von der Stra�e verschwinden. Die Polizei wird in K�rze nach der Limousine fahnden, und ich m�chte nicht, dass Sie verhaftet werden. Unterh�lt Opus Dei in London ein Ordenshaus?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Werden Sie dort willkommen sein?�</p><p>�Wie ein Bruder.�</p><p>�Dann begeben Sie sich vorerst dorthin und halten sich dort versteckt. Sobald ich den Schlussstein in H�nden habe und mein derzeitiges Problem gel�st ist, melde ich mich wieder bei Ihnen.�</p><p>�Sie sind in London?�</p><p>�Tun Sie, was ich Ihnen sage, dann kann nichts schiefgehen.�</p><p>�Jawohl.�</p><p>Der Lehrer seufzte, als w�rde er seinen n�chsten Schritt zutiefst bedauern. �Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mit R�my spreche.�</p><p>Silas reichte ihm das Handy. Er hatte das Gef�hl, dass es R�my Legaludecs letztes Telefonat sein w�rde.</p><empty-line/><p>W�hrend R�my das Handy nahm, bedauerte er den armen dummen M�nch, der keine Ahnung hatte, was ihm bevorstand: Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan �</p><p><emphasis>Mein lieber Silas, der Lehrer hat dich nur benutzt.</emphasis></p><p><emphasis>Und dein Bischof ist auch nur eine Schachfigur.</emphasis></p><p>R�my konnte immer wieder nur staunen, welche �berredungskunst der Lehrer besa�. Sogar Bischof Aringarosa hatte dem Lehrer aus der Hand gefressen. Seine verzweifelte Lage hatte ihn blind gemacht. Aringarosa war viel zu gutgl�ubig. R�my mochte den Lehrer zwar nicht besonders, aber er war stolz darauf, sich das Vertrauen dieses Mannes erworben und ihm bei wichtigen Dingen geholfen zu haben. <emphasis>Du hast dir deinen Zahltag redlich verdient.</emphasis></p><p>�H�ren Sie gut zu�, sagte der Lehrer. �Bringen Sie Silas zum Ordenshaus von Opus Dei, aber lassen Sie ihn schon ein St�ck vorher aussteigen. Fahren Sie anschlie�end zum St. James's Park, direkt hinter Big Ben und dem Parlamentsgeb�ude. Parken Sie an der Horse Guards Parade. Dort unterhalten wir uns weiter.�</p><p>Die Verbindung brach ab.</p></section><section><title><p><strong>92. KAPITEL</strong></p></title><p>King's College war im Jahr 1829 von K�nig George IV. gegr�ndet worden. Die Abteilung f�r Theologie und Religionswissenschaften befindet sich auf einem Gel�nde, das ans Parlamentsgeb�ude anschlie�t und von der englischen Krone zur Verf�gung gestellt worden ist. Das Institut, das Stolz auf eine hundertf�nfzigj�hrige Tradition der Lehre und Forschung zur�ckblicken kann, besitzt mit der im Jahr 1982 erfolgten Gr�ndung des Forschungsinstituts f�r systematische Theologie eine der vollst�ndigsten und datentechnisch modernsten digitalen Bibliotheken der Religionswissenschaften.</p><p>Langdon war immer noch ein wenig angeschlagen, als er mit Sophie aus dem Regen kam und den Lesesaal der Bibliothek betrat. In dem markanten achteckigen Raum, der von einem riesigen runden Tisch beherrscht wurde, h�tten sich auch K�nig Artus und die Ritter der Tafelrunde wohl gef�hlt, w�ren da nicht die zw�lf Computerarbeitspl�tze mit Flachbildschirmen gewesen. In einer Ecke des Saales war eine Bibliothekarin damit besch�ftigt, einen Tee aufzubr�hen und sich auf den bevorstehenden Arbeitstag einzurichten.</p><p>�Ein wunderbarer Tag heute�, rief sie zur Begr��ung mit munterem britischen Akzent, lie� den Tee stehen und kam herbei. �Kann ich Ihnen helfen?�</p><p>�Ich hoffe�, sagte Langdon. �Mein Name ist � �</p><p>�Robert Langdon.� Die Bibliothekarin l�chelte ihn an. �Ich wei�, wer Sie sind.�</p><p>Langdon durchfuhr der be�ngstigende Gedanke, Fache k�nne sein Bild auch an das britische Fernsehen weitergegeben haben, doch das L�cheln der Bibliothekarin belehrte ihn eines Besseren: Langdon hatte sich an diese Augenblicke der unerwarteten Prominenz noch nicht gew�hnt. Andererseits � falls �berhaupt jemand sein Gesicht auf Anhieb erkannte, dann wohl eine Bibliothekarin in der Datenbank des Instituts f�r Religionswissenschaften am King's College.</p><p>�Pamela Gettum�, stellte sie sich vor und hielt Langdon die Hand hin. Sie hatte ein freundliches, kluges Gesicht und eine angenehm flie�ende Sprechweise. Am Brillenkettchen um ihren Hals hing eine Hornbrille mit dicken Gl�sern.</p><p>�Erfreut, Sie kennen zu lernen�, sagte Langdon. �Darf ich Ihnen Miss Sophie Neveu vorstellen?�</p><p>Nach kurzer Begr��ung wandte die Bibliothekarin sich wieder an Langdon. �Ich habe leider nicht gewusst, dass Sie kommen.�</p><p>�Wir wussten es auch nicht. Falls es Ihre Zeit nicht zu sehr in Anspruch nimmt, w�rden wir uns sehr freuen, wenn Sie uns beim Aufsp�ren einer Information behilflich sein k�nnten.�</p><p>Pamela Gettum trat von einem Fu� auf den anderen. �Normalerweise bieten wir unseren Service auf Antrag und nach Terminabsprache � es sei denn, nat�rlich, Sie sind Gast eines unserer Dozenten.�</p><p>Langdon sch�ttelte den Kopf. �Ich f�rchte, wir kommen v�llig unangemeldet. Ein guter Bekannter von uns, Sir Leigh Teabing, hat eine sehr hohe Meinung von Ihrem Institut.� Langdon sp�rte wieder sein schlechtes Gewissen. �Der Historiker von der Royal Society.�</p><p>Miss Gettums Z�ge hellten sich auf. �Du lieber Himmel, ja.� Sie lachte. �Was f�r ein Sonderling! Ein Besessener! Er kennt nur ein einziges Suchwort: Gral, Gral, Gral. Ich wette, seine Gralssuche bringt ihn noch ins Grab!� Sie sah Langdon an. �Aber wer gen�gend Zeit und Geld hat, kann sich solche Extravaganzen leisten, nicht wahr? Ein richtiger Don Quichotte, dieser Mann.�</p><p>�Besteht denn auch ohne Anmeldung die M�glichkeit, dass Sie uns helfen?�, fragte Sophie. �Es ist sehr dringend.�</p><p>Pamela Gettums Blick schweifte durch die leere Bibliothek. �Ich kann schwerlich behaupten, dass ich im Moment �berlastet hin�, sagte sie und zwinkerte Langdon und Sophie zu. �Wenn Sie sich in die Benutzerliste eintragen, d�rfte niemand etwas dagegen haben. Um was handelt es sich denn?�</p><p>�Wir sind auf der Suche nach einem Sarkophag, einer historischen Grabst�tte in London.�</p><p>�Davon gibt es in dieser Stadt mehr als zwanzigtausend�, meinte Miss Gettum sorgenvoll. �Wissen Sie nichts Konkreteres?�</p><p>�Es ist die Grabst�tte eines Ritters. Den Namen kennen wir leider nicht.�</p><p>�Ein Ritter. Das macht die Sache schon �bersichtlicher.�</p><p>�Wir haben �ber diesen Ritter leider nur sehr wenig Informationen�, sagte Sophie. �Hier steht alles, was wir wissen.� Sie hielt der Bibliothekarin einen Zettel hin, auf dem sie die ersten beiden Zeilen des Vierzeilers notiert hatte.</p><p>Um nicht das ganze Gedicht preiszugeben, hatten Sophie und Langdon beschlossen, Au�enstehenden nur die beiden Zeilen vorzuzeigen, in denen vom Ritter die Rede war. <emphasis>Segmentierte Kryptographie</emphasis>, hatte Sophie es genannt. Wenn ein Geheimdienst eine verschl�sselte Nachricht mit m�glicherweise sehr sensiblen Informationen abfing, wurde diese Information st�ckchenweise von mehreren Sachbearbeitern dechiffriert. Auf diese Weise verhinderte man, dass eine einzelne Person die gesamte entschl�sselte Nachricht zu Gesicht bekam.</p><p>Pamela Gettum sp�rte die Ungeduld Langdons; f�r ihn schien es beinahe eine Sache von Leben und Tod zu sein. Auch der Frau mit den gr�nen Augen, die ihn begleitete, war die Nervosit�t anzumerken.</p><p>Die Bibliothekarin setzte sich die Brille auf und studierte das Zettelchen, das sie soeben bekommen hatte.</p><p><emphasis>In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben. Sein Werkes Frucht hat heil'gen Zorn ihm eingetragen.</emphasis></p><p>Sie sah die Besucher an. �Was ist das? Eine Schnitzeljagd f�r Harvarddozenten?�</p><p>Langdon lachte ein wenig gek�nstelt. �In der Art.�</p><p>Miss Gettum z�gerte. Sie sp�rte zwar, dass ihre Besucher sich bedeckt hielten, doch ihr Interesse war geweckt. �Den Versen zufolge hat unser Ritter etwas getan, womit er das Missfallen Gottes erregte. Dennoch hat es einen Papst gegeben, der so freundlich war, ihn hier in London zu begraben.�</p><p>Langdon nickte. �K�nnen Sie damit etwas anfangen?� Miss Gettum ging zu einem der Computerterminals. �Nicht auf Anhieb, aber wir wollen mal sehen, was unser Datenspeicher zu bieten hat.�</p><p>In den vergangenen zwanzig Jahren hatte das Forschungsinstitut f�r Systematische Theologie am King's College mit Hilfe von Schrifterkennungsprogrammen in Verbindung mit einer �bersetzungssoftware eine riesige Sammlung von Texten digitalisiert und katalogisiert � religionswissenschaftliche Enzyklop�dien, religi�se Biographien, Heilige Schriften in Dutzenden Sprachen, Historiographien, p�pstliche Bullen, Enzykliken, Tageb�cher von religi�sen Amtspersonen, einfach alles, was unter den Oberbegriff des Schrifttums zur Spiritualit�t des Menschen zu fassen war. Mit Umwandlung der Papierform in Bits und Bytes hatte sich die Verf�gbarkeit der riesigen Material Sammlung unglaublich verbessert.</p><p>Miss Gettum nahm vor dem Computer Platz und studierte noch einmal das Zettelchen. �Lassen Sie uns mit einer Boole'schen Suchfunktion beginnen. Wollen doch mal sehen, was passiert, wenn wir die nahe liegenden Suchbegriffe eingeben. Sie tippte:</p><p>LONDON, KNIGHT, POPE</p><p>Als sie die Suchfunktion mit der ENTER-Taste startete, durchk�mmte der riesige Rechner im Untergeschoss mit einer Geschwindigkeit von 500 Megabyte pro Sekunde das gesamte gespeicherte Datenmaterial. �Ich habe dem System aufgetragen, uns s�mtliche Dokumente anzuzeigen, in deren Text diese drei Suchbegriffe auftauchen. Wir werden vermutlich eine Flut von Meldungen bekommen, aber es ist immerhin ein Anfang.�</p><p>Der Bildschirm zeigte die ersten Meldungen.</p><p><emphasis>Der Papst wird gemalt. Die gesammelten Portr�ts von Sir Joshua Reynolds.</emphasis> London University Press.</p><p>Miss Gettum sch�ttelte den Kopf. �Das ist offensichtlich nicht, wonach wir suchen.� Sie rief die n�chste Meldung auf.</p><p><emphasis>Die Londoner Schriften von Alexander Pope, </emphasis>von G. Wilson Knight.</p><p>Erneutes Kopfsch�tteln. Die Meldungen kamen jetzt schneller. Dutzende von Texten wurden angezeigt, oft mit Bezug zum englischen Schriftsteller Alexander Pope, der im achtzehnten Jahrhundert in sp�ttisch �berh�hter Sprache eine gro�e Zahl religionskritischer Texte verfasst hatte, in denen offenbar zuhauf Ritter in London vorkamen.</p><p>Pamela Gettum schaute auf die numerische Anzeigenleiste am unteren Bildrand. Der Computer ermittelte durch eine Hochrechnung der bereits erzielten Treffer im Verh�ltnis zur Gesamtmenge der zu durchsuchenden Daten eine Sch�tzung der zu erwartenden Informationsmenge. Der eingeschlagene Suchpfad schien auf eine schier un�berschaubare Datenmenge hinauszulaufen.</p><p><emphasis>Gesch�tzte Trefferquote: 2.692</emphasis></p><p>�Wir m�ssen unsere Parameter verfeinern�, sagte Miss Gettum und stoppte den Suchprozess. �Haben Sie keine weiteren Informationen �ber das Grabmal? Irgendetwas, womit wir die Suche eingrenzen k�nnten?�</p><p>Langdon streifte Sophie mit einem unsicheren Blick.</p><p><emphasis>Also doch keine Schnitzeljagd,</emphasis> dachte Miss Gettum. Sie hatte von Langdons Erfolg in Rom im letzten Jahr munkeln h�ren.</p><p>Dem Amerikaner war der Zutritt zur geheimnisvollsten und am konsequentesten abgeschotteten Bibliothek der Welt gewahrt worden � dem Geheimarchiv des Vatikans. Zu gern h�tte Pamela gewusst, welche Geheimnisse Langdon dort aufgesp�rt hatte und ob seine jetzige, offenbar verzweifelte Suche nach einem r�tselhaften Londoner Grabmal gar etwas mit seiner Geheimnissuche im Vatikan zu tun hatte. Pam Gettum war lange genug Bibliothekarin, um zu wissen, wonach Leuten, die in London nach Rittern suchten, �blicherweise der Sinn stand. <emphasis>Der Gral.</emphasis></p><p>Sie l�chelte und r�ckte die Brille zurecht. �Sie sind gute Bekannte von Sir Leigh Teabing, Sie sind in England, und Sie suchen nach einem Ritter.� Sie faltete die H�nde. �Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie sich auf der Suche nach dem Gral befinden?�</p><p>Sophie und Langdon wechselten einen erstaunten Blick.</p><p>�Diese Bibliothek ist ein Tummelplatz f�r Gralssucher�, sagte Pam Gettum l�chelnd, �allen voran Sir Leigh Teabing. Ich w�nschte, ich bek�me einen Shilling f�r jede Suche nach der Rose, nach Maria Magdalena, dem Sangreal, den Merowingern, der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> und so weiter und so fort. Eine Verschw�rung ist doch immer noch das Sch�nste.� Sie nahm die Brille ab und sah ihre Besucher an. �Tja, ich brauche weitere Informationen.�</p><p>Sophie borgte sich bei Langdon einen Stift und schrieb die beiden anderen Zeilen auf den Zettel. �Hier, bitte, das ist alles. Mehr wissen wir wirklich nicht�, sagte sie und reichte Miss Gettum den Zettel.</p><p><emphasis>Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein. Mit rosig Fleisch und samenschwerem Leib.</emphasis></p><p>Pamela Gettum l�chelte in sich hinein. <emphasis>Na bitte. Der Gral</emphasis>, dachte sie angesichts der Zeile vom rosigen Fleisch und dem samenschweren Leib. �Ich glaube, dass ich Ihnen jetzt besser helfen kann�, sagte sie. �Darf ich fragen, woher diese Verse stammen? Und weshalb sind Sie auf der Suche nach dieser Kugel?�</p><p>�Sie d�rfen gern fragen�, meinte Langdon und l�chelte freundlich, �aber das ist eine lange Geschichte, und wir haben nur sehr wenig Zeit.�</p><p>�Das klingt wie eine h�fliche Abfuhr.�</p><p>�Miss Gettum, wir w�ren Ihnen unendlich dankbar, wenn Sie herausfinden k�nnten, wer dieser Ritter ist und wo er begraben liegt�, sagte Langdon.</p><p>�Also gut, ich werde Ihnen helfen. Wenn es sich hier um ein Thema handelt, das mit dem Gral zu tun hat, sollten wir eine Verkn�pfung mit Gral-Schl�sselw�rtern herstellen. Ich werde einen Umfeldparameter eingeben und die Titelgewichtung auf null stellen. Damit grenzen wir unsere Treffer auf jene Stellen ein, wo unsere Suchw�rter in der Nahe von W�rtern mit Bezug zum Gral auftauchen � das Ganze nat�rlich wieder auf Englisch.�</p><p><emphasis>Suche</emphasis></p><p>KNIGHT, LONDON, POPE, TOMB</p><p><emphasis>im Umfeld von 100 W�rtern von</emphasis></p><p>GRAIL, ROSE, SANGREAL, CHALICE</p><p>�Wie lange wird das dauern?�, erkundigte sich Sophie.</p><p>�Ein paar Hundert Terabytes mit multipler Abgleichung von Querverweisen?� Miss Gettum dr�ckte auf die ENTER-Taste. �L�cherliche f�nfzehn Minuten.�</p><p>Langdon und Sophie nahmen es schweigend zur Kenntnis. Pam Gettum hatte das Gef�hl, dass f�r diese beiden f�nfzehn Minuten eine Ewigkeit waren.</p><p>�Tee?�, fragte sie, erhob sich und ging zu der Kanne, die sie zuvor aufgebr�ht hatte. �Sir Leigh war von meinem Tee immer begeistert.�</p></section><section><title><p><strong>93. KAPITEL</strong></p></title><p>Das Londoner Ordenshaus des Opus Dei ist ein bescheidener Ziegelbau am Orme Court Nummer f�nf mit Blick auf Kensington Gardens. Silas war noch nie dort gewesen, aber je mehr er sich dem Haus n�herte, desto gr��er wurde seine Vorfreude auf den Schutz und die Geborgenheit, die ihn dort erwarteten. Er war zu Fu�. Ungeachtet des Regens hatte R�my ihn etwas abseits in einer Seitenstra�e abgesetzt, um mit der auff�lligen Limousine nicht die Hauptstra�en benutzen zu m�ssen. Silas hatte nichts gegen einen kleinen Fu�marsch. Er empfand den Gang durch den Regen als Reinigung.</p><p>Auf R�mys Vorschlag hatte Silas die Pistole abgewischt und in einen Gully fallen lassen. Er war froh, die Waffe los zu sein. Jetzt f�hlte er sich erleichtert. Seine Beine schmerzten noch von der langen Fesselung, aber er hatte schon ganz andere Schmerzen ausgestanden. Er fragte sich, was wohl mit Teabing geschehen w�rde, den R�my immer noch gefesselt hinten in der Limousine herumkutschierte. Der alte Mann musste l�ngst mit unertr�glichen Schmerzen zu k�mpfen haben.</p><p>�Was werden Sie mit ihm machen?�, hatte Silas R�my auf der Hinfahrt gefragt.</p><p>�Das wird der Lehrer entscheiden�, lautete R�mys Antwort, und seine Stimme klang d�ster und endg�ltig.</p><p>Der Regen wurde st�rker. Silas' schwere Kutte saugte sich allm�hlich voll. Die Wunden vom Vortag machten sich unangenehm bemerkbar, doch Silas war im Begriff, f�r die S�nden der vergangenen vierundzwanzig Stunden Bu�e zu tun und seine Seele zu l�utern. Sein Werk war vollbracht.</p><p>Am Ordenshaus angekommen, durchquerte er einen kleinen Vorhof. Es �berraschte ihn nicht, die T�r unverschlossen zu finden. Als er den teppichbelegten Eingangsflur betrat, h�rte er im ersten Stock ein leises elektronisches T�rsignal. In Ordensh�usern war eine solche Klingel h�ufig anzutreffen, nachdem ihre Bewohner den gr��ten Teil des Tages im Gebet auf dem Zimmer verbrachten. Silas h�rte oben die Dielen knarren.</p><p>Ein Ordensbruder in Kutte kam die Treppe herunter. �Kann ich Ihnen helfen?� Der Mann hatte g�tige Augen und schien Silas' ungew�hnliches �u�eres gar nicht zu bemerken.</p><p>�Vielen Dank. Ich hei�e Silas und bin Numerarier unseres Ordens.�</p><p>�Sind Sie Amerikaner?�</p><p>Silas nickte. �Ich bin nur einen Tag in dieser Stadt. Darf ich mich hier ein wenig ausruhen?�</p><p>�Aber nat�rlich. Im dritten Stock sind zwei Zimmer frei. Kann ich Ihnen Tee und ein paar belegte Brote bringen?�</p><p>�O ja, gern, danke.� Silas war ausgehungert.</p><p>Er ging nach oben und begab sich in ein kleines Zimmer, wo er die durchn�sste Kutte auszog und im Unterzeug zum Gebet niederkniete. Er h�rte den M�nch von der Pforte heraufkommen und ein Tablett vor seiner T�r abstellen. Silas beendete sein Gebet, verzehrte den Imbiss und legte sich schlafen.</p><empty-line/><p>Drei Etagen tiefer klingelte das Telefon. Der M�nch, der Silas empfangen hatte, meldete sich.</p><p>�Hier spricht die Londoner Polizei�, sagte der Anrufer. �Wir fahnden nach einem M�nch, ein Albino. Wir haben einen Hinweis bekommen, dass er sich in Ihrem Ordenshaus aufh�lt. Ist der Verd�chtige bei Ihnen?�</p><p>�Ja�, sagte der Bruder von der Pforte, h�rbar aufgeschreckt. �Was liegt denn gegen ihn vor?�</p><p>�Ist der Mann jetzt bei Ihnen?�</p><p>�Er ist oben und betet. Was ist denn los?�</p><p>�Sorgen Sie daf�r, dass er bleibt, wo er ist�, sagte der Anrufer mit Nachdruck. �Und zu niemandem ein Wort! Ich schicke sofort ein paar Beamte vorbei.�</p></section><section><title><p><strong>94. KAPITEL</strong></p></title><p>St. James's Park ist eine gr�ne Oase mitten im Herzen von London, ein �ffentlicher Park, der an die Pal�ste von Buckingham, Westminster und St. James angrenzt. Das einstige Tiergehege, das K�nig Henry VIII. zu seinem Jagdvergn�gen hatte anlegen lassen, ist heute f�r jedermann ge�ffnet. An sonnigen Nachmittagen machen die Londoner unter den Weidenb�umen Picknick und f�ttern an den Teichen Pelikane, deren Stammv�ter ein Geschenk des russischen Botschafters an K�nig Charles II. gewesen waren.</p><p>Der Lehrer bekam heute keine Pelikane zu Gesicht. Das st�rmische Wetter hatte f�r einen Zustrom von Seem�wen gesorgt, die vom Meer gekommen waren. Sie sa�en zu Hunderten auf den Rasenfl�chen, alle in der gleichen Richtung, und trotzten mit dem Schnabel im Wind den feuchten B�en. Trotz des morgendlichen Dunstes hatte man vom Park aus einen phantastischen Blick auf die beiden H�user des Parlaments und auf Big Ben.</p><p>Der Blick des Lehrers glitt die sanft abfallenden Rasenfl�chen hinab und am Ententeich mit den eleganten Silhouetten der Trauerweiden vorbei zu dem turmgeschm�ckten Bau, der das Grabmal des Ritters beherbergte � der eigentliche Grund, weshalb er R�my hierher beordert hatte.</p><p>Als der Lehrer an die Beifahrert�r der geparkten Luxuslimousine trat, beugte R�my sich hin�ber und �ffnete von innen, doch der Lehrer hielt im T�rschlag inne und genehmigte sich einen Schluck Cognac aus seinem Flachmann. Er tupfte sich den Mund ab, lie� sich neben R�my auf den Beifahrersitz nieder und schlug die Wagent�r zu.</p><p>R�my hielt das Kryptex wie eine Troph�e in die H�he. �Um ein Haar h�tten wir das Nachsehen gehabt!�</p><p>�Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht�, sagte der Lehrer anerkennend.</p><p>�<emphasis>Wir</emphasis> haben unsere Sache gut gemacht�, gab R�my zur�ck, w�hrend er dem Lehrer das Kryptex in die begierig zugreifenden H�nde legte.</p><p>Der Lehrer l�chelte. Er wog den schwarzen Steinzylinder eine Zeit lang bewundernd in der Hand. �Und die Waffe?�</p><p>�Wieder im Handschuhfach, wie zuvor.�</p><p>�Ausgezeichnet.� Der Lehrer nahm noch einen Schluck Cognac; dann bot er R�my den Flachmann an. �Sto�en wir auf unseren Erfolg an. Das Ende ist zum Greifen nahe.�</p><p>Dankbar nahm R�my den Flachmann entgegen. Der Cognac hatte einen leicht salzigen Beigeschmack, doch R�my achtete nicht darauf. Jetzt waren er und der Lehrer richtige Partner. Er f�hlte sich auf dem Weg zu h�heren Ebenen der Existenz. <emphasis>Du wirst nie wieder jemandem dienen!</emphasis></p><p>R�my schaute den Hang hinunter zum Ententeich. Ch�teau Villette schien Lichtjahre entfernt. Er nahm noch einen Schluck aus der kleinen Flasche. Der Cognac w�rmte ihn, doch zu der W�rme in seinem Schlund gesellte sich ein unangenehmes Brennen, das sich zu dem Gef�hl auswuchs, als w�rde ihm die Kehle zugeschn�rt. Er lockerte die Fliege. �Ich glaube, ich habe genug�, sagte er heiser und reichte dem Lehrer den Flachmann zur�ck.</p><p>�Wissen Sie eigentlich, R�my, dass Sie der Einzige sind, der mein Gesicht kennt?�, sagte der Lehrer, als er die silberne Flasche entgegennahm. �Ich habe gr��tes Vertrauen in Sie gesetzt.�</p><p>�Ja�, kr�chzte R�my und l�ste die Fliege nun ganz. Er f�hlte sich fiebrig. �Ich werde Ihre Identit�t mit ins Grab nehmen.�</p><p>Der Lehrer schwieg eine Zeit lang. �O ja, das werden Sie.� Er steckte den Flachmann und das Kryptex ein, griff ins Handschuhfach und holte den Medusa-Revolver heraus. Einen Moment lang bekam R�my es mit der Angst zu tun. Der Lehrer schob die Waffe in die Hosentasche.</p><p><emphasis>Was hat er vor?</emphasis> R�my sp�rte, wie ihm der Schwei� ausbrach. �Ich wei�, dass ich Ihnen die Freiheit versprochen habe�, sagte der Lehrer, und in seiner Stimme schien Bedauern mitzuschwingen. �Doch angesichts der Umst�nde ist es wohl am besten so.� Die Schwellung in R�mys Schlund wuchs unaufh�rlich. Er fiel gegen das Lenkrad und fuhr sich mit den H�nden an den Hals. In seinem anschwellenden Rachen brannte der �tzende Geschmack von Magens�ure. Ein kl�glicher Schrei entrang sich seiner Kehle, nicht einmal laut genug, um aus dem Wagen zu dringen.</p><p>R�my begriff, warum der Cognac so salzig geschmeckt hatte. <emphasis>Er will dich umbringen!</emphasis> Ob der Lehrer ihn von Anfang an beseitigen wollte oder ob die Ereignisse in der Temple Church ihn sein Vertrauen gekostet hatten, sollte R�my nie erfahren.</p><p>Er drehte sich halb nach links. Fassungslos starrte er den Lehrer an, der unbeteiligt neben ihm sa� und durch die Windschutzscheibe gelassen nach vorn aus dem Wagen blickte. R�my rang r�chelnd nach Luft. Sein Blick tr�bte sich. <emphasis>Wie kann er mir das antun? Warst nicht du es, der ihm diesen Erfolg erst erm�glicht hat? Und diesem Mann hast du r�ckhaltlos vertraut �</emphasis> Mit w�tender Verzweiflung versuchte er sich aufzub�umen und dem Lehrer an die Gurgel zu gehen, doch sein kraftloser K�rper versagte ihm den Dienst.</p><p>R�my versuchte, die verkrampften F�uste auf die Hupe zu pressen, doch sie glitten ab, und er kippte zur Seite. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Die H�nde um die Kehle gekrampft, lag er zuckend neben dem Lehrer im Sitz und rang verzweifelt nach Luft. Drau�en begann es in Str�men zu regnen. R�my Legaludecs nach Sauerstoff lechzendes Hirn klammerte sich an das letzte F�nkchen Bewusstsein. W�hrend in seiner Welt allm�hlich das Licht f�r immer verlosch, h�tte er schw�ren k�nnen, den sanften Schlag der Wellen am Strand der Riviera zu h�ren �</p><empty-line/><p>Als der Lehrer aus der Limousine stieg, stellte er zufrieden fest, dass weit und breit kein Mensch zu sehen war. <emphasis>Du hattest keine andere Wahl</emphasis>, sagte er sich und war erstaunt, wie wenig es ihm zu schaffen machte, was er gerade getan hatte. <emphasis>R�my hat sein Schicksal selbst besiegelt</emphasis>. Der Lehrer hatte von Anfang an bef�rchtet, dass er nach Beendigung der Aktion nicht umhin kommen w�rde, sich R�mys zu entledigen. Die im Schlepptau Langdons auftauchende Polizei konnte dem Lehrer nichts anhaben, es sei denn, R�my h�tte ausgepackt. Aber diese Sorge war er jetzt los.</p><p><emphasis>Du brauchst nur noch die Spuren zu beseitigen</emphasis>, dachte der Lehrer, w�hrend er zur hinteren T�r der Limousine ging. <emphasis>Die Polizei wird v�llig im Dunkeln tappen, was vorgefallen ist � und einen Zeugen, der ihr auf die Spr�nge helfen k�nnte, gibt es nicht mehr.</emphasis> Er blickte sich um. Niemand beobachtete ihn. Er zog die T�r auf und stieg ins ger�umige Passagierabteil.</p><empty-line/><p>Minuten sp�ter durchquerte der Lehrer den St. James's Park. <emphasis>Jetzt sind nur noch zwei �brig. Langdon und Neveu.</emphasis> Hier lag der Fall ein wenig schwieriger, aber auch das lie� sich in den Griff bekommen. Im Moment jedoch war das Kryptex das vorrangige Problem.</p><p>Mit einem triumphierenden Blick durch den Park fasste der Lehrer sein Ziel ins Auge. <emphasis>In London liegt ein Ritter, den ein Papst begraben</emphasis>. Der Lehrer hatte schon beim ersten H�ren des Gedichts die L�sung gewusst. Dass die anderen nicht darauf gekommen waren, war so erstaunlich nicht. <emphasis>Du hast nun mal einen Wissensvorsprung.</emphasis> Beim monatelangen Abh�ren von Sauni�res Gespr�chen hatte der Lehrer den Gro�meister mehrere Male den fraglichen Ritter erw�hnen h�ren � stets mit einer Wertsch�tzung, die seiner Achtung vor Leonardo da Vinci kaum nachstand. Der Bezug des Vierzeilers auf den Ritter war fast schon zu einfach, wenn man erst einmal dahinter gekommen war � eine Meisterleistung Sauni�res �, aber wie man �ber das Grabmal zum fehlenden letzten Passwort kommen sollte, war noch ein v�llig ungel�stes R�tsel.</p><p><emphasis>Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein.</emphasis></p><p>Der Lehrer erinnerte sich vage an Fotos dieses ber�hmten Monuments, insbesondere an sein auff�lligstes Merkmal. Eine gro�artige Kugel. Die auf dem Sarkophag befindliche riesige Kugel war fast so gro� wie der Sarkophag selbst. F�r den Lehrer war ihr Vorhandensein ermutigend und beunruhigend zugleich. Einerseits wirkte sie wie ein Wegweiser; andererseits bestand dem Gedicht zufolge das fehlende St�ck des R�tsels aus einer Kugel oder einem Ball, die auf dem Grab sein sollten, sich aber nicht schon dort befanden. Der Lehrer hoffte, bei n�herer Betrachtung des Grabmals der Antwort n�her zu kommen.</p><p>Der Regen wurde st�rker. Der Lehrer schob das Kryptex zum Schutz vor der N�sse noch tiefer in seine rechte Tasche. In der linken steckte der Medusa-Revolver. Minuten sp�ter trat er aus dem Regen in Londons bedeutendstes, neunhundert Jahre altes Bauwerk.</p><empty-line/><p>In dem Moment, als der Lehrer ins Trockene trat, trat Bischof Aringarosa in die N�sse. Auf dem Rollfeld des Flughafens Biggin Hill stieg er aus der engen Kabine des Flugzeugs hinaus in den Regen und schlug die Sch��e der Soutane sch�tzend um sich. Er hatte gehofft, von Capitaine Fache empfangen zu werden; stattdessen kam ein junger britischer Polizist mit einem Regenschirm herbeigelaufen.</p><p>�Bischof Aringarosa? Capitaine Fache konnte leider nicht so lange bleiben. Er hat mir den Auftrag erteilt, mich um Sie zu k�mmern. Er m�chte, dass ich Sie zu Scotland Yard bringe. Das ist seiner Meinung nach die sicherste L�sung.�</p><p><emphasis>Die sicherste L�sung?</emphasis> Aringarosa wurde sich des schweren Aktenkoffers in seiner Hand bewusst, der mit Inhaberobligationen der Vatikanbank voll gestopft war. Er hatte ihn schon fast vergessen. �Ja, gewiss, vielen Dank.�</p><p>Als Aringarosa ins Polizeifahrzeug stieg, fragte er sich, wo Silas stecken mochte. Minuten sp�ter kam die Antwort knisternd aus dem Polizeifunk des Fahrzeugs.</p><p><emphasis>Orme Court Nummer f�nf.</emphasis></p><p>Aringarosa kannte die Adresse.</p><p><emphasis>Das Ordenshaus des Opus Dei in London.</emphasis></p><p>Er tippte dem Fahrer auf die Schulter. �Bringen Sie mich bitte sofort dorthin!�</p></section><section><title><p><strong>95. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdon hatte den Monitor seit Beginn des Suchvorgangs nicht aus den Augen gelassen.</p><p><emphasis>F�nf Minuten. Bislang nur zwei �bereinstimmungen und beides Nieten.</emphasis></p><p>Er wurde allm�hlich unruhig.</p><p>Pamela Gettum war im Nebenraum damit besch�ftigt, warme Getr�nke zuzubereiten. Langdon und Sophie hatten sie leichtsinnigerweise gefragt, ob sie statt Tee eine Tasse Kaffee haben k�nnten. Das Piepen aus dem Nebenraum lie� auf die Inbetriebnahme einer Mikrowelle schlie�en, was wiederum hie�, dass Miss Gettum der unzivilisierten Bitte nach Pulverkaffee nachzukommen versuchte.</p><p>Schlie�lich gab der Computer einen leisen Klingelton von sich.</p><p>�H�rt sich nach einem weiteren Treffer an�, rief die Bibliothekarin aus dem Nebenraum.</p><p>Langdon las die Meldung.</p><p><emphasis>Gral-Allegorien in der mittelalterlichen Literatur. Eine Abhandlung �ber Sir Gawain und den Gr�nen Ritter.</emphasis></p><p>�Allegorien �ber den Gr�nen Ritter�, rief Langdon.</p><p>�Nicht zu gebrauchen�, rief Pam Gettum zur�ck. �Mythische gr�ne Riesen sind in London nicht begraben.�</p><p>Langdon und Sophie sa�en zwei weitere unergiebige Meldungen lang geduldig vor dem Monitor. Dann erklang erneut das akustische Signal. Die Meldung war h�chst unerwartet.</p><p><emphasis>Die Opern von Richard Wagner</emphasis></p><p>�Die Wagneropern?�, fragte Sophie irritiert.</p><p>Pam Gettum schaute aus dem Nebenraum herein, ein Glas Nescafe in der Hand. �Das ist aber ein merkw�rdiger Abgleich. Richard Wagner?�</p><p>�Er war Freimaurer�, sagte Langdon mit pl�tzlich erwachender Neugier. So wie Mozart, Beethoven und Shakespeare, wie Gershwin, Houdini und Walt Disney. Mit den B�chern �ber die Querverbindung zwischen den Freimaurern, den Tempelrittern, der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> und dem Heiligen Gral konnte man Bibliotheken f�llen. �Das m�chte ich mir gern ansehen. Wie komme ich an den vollst�ndigen Text?�</p><p>�Sie brauchen nicht den ganzen Text durchzusuchen�, rief Pam Gettum her�ber. �Klicken Sie auf den Hyperlink, dann liefert der Computer Ihnen das Suchwort mit einem Wort Prolog und drei W�rtern Postlog f�r den Textzusammenhang.�</p><p>Langdon war gespannt, was das nun wieder hei�en sollte. Nach dem Mausklick erschien ein neues Bildfenster.</p><p>� <emphasis>mythologischer RITTER namens Parsival, der � � methaphorische GRAL-Suche, die wahrscheinlich � � das LONDON Philharmonie Orchestra � � Wagners GRABMAL in Bayreuth, das �</emphasis></p><p>�Das falsche Grabmal.� Langdon winkte entt�uscht ab, obwohl er zugeben musste, dass das System sich unglaublich leicht handhaben lie�.</p><p>�Haben Sie Geduld�, sagte Miss Gettum ermunternd. �Das ist ein reines Zahlenspiel. Sie bekommen schon noch Ergebnisse.�</p><p>W�hrend der n�chsten Minuten warf der Computer weitere Referenzen zum Heiligen Gral aus. Die letzte Meldung lautete:</p><p><emphasis>Ritter, Knappen, P�pste und Pentakel: Die Geschichte des Heiligen Gral im Tarot</emphasis></p><p>�Das ist nicht weiter �berraschend�, sagte Langdon zu Sophie. �Einige unserer Suchworte sind gleich lautend mit der Bezeichnung von Karten aus dem Tarotspiel.� Er griff zur Maus, um den Hyperlink anzuklicken. �Ich wei� nicht, ob Ihr Gro�vater, wenn Sie mit ihm Tarot gespielt haben, Ihnen jemals erz�hlt hat, dass dieses Spiel eine Art Bilderkatechismus �ber die Geschichte von der �verlorenen Braut� und ihrer Unterwerfung durch die b�se Mutter Kirche ist.�</p><p>Vier Minuten sp�ter � Langdon bef�rchtete bereits, vergeblich gekommen zu sein � lieferte der Computer einen weiteren Treffer.</p><p><emphasis>Die Schwerkraft des Genies. Biographie eines modernen Ritters.</emphasis></p><p>�Die Schwerkraft des Genies�, rief Langdon zu Pam Gettum hin�ber. �Biographie eines modernen Ritters.�</p><p>Miss Gettum streckte den Kopf aus ihren Gem�chern. �Wie modern ist er denn?�</p><p>Langdon rief das Hyperlink auf.</p><p><emphasis>� ehrenhafte RITTER Sir Isaac Newton � � in LONDON im Jahr 1727 � � sein GRABMAL in Westminster Abbey � � Alexander POPE, Freund und Gef�hrte �</emphasis></p><p>�Ich w�rde sagen, �modern� ist ein relativer Begriff�, rief Sophie Miss Gettum zu. �Es ist ein altes Buch �ber Sir Isaac Newton.�</p><p>Miss Gettum erschien kopfsch�ttelnd in der T�r. �Das passt nicht. Newton ist in der Westminster Abbey begraben, einem Hort des englischen Protestantismus. V�llig ausgeschlossen, dass sich dorthin ein Papst verirrt h�tte. Milch und Zucker?�</p><p>Sophie nickte.</p><p>Pam Gettum stand wartend in der T�r. �Robert?�</p><p>Langdons Herz h�mmerte. Er nahm den Blick vom Bildschirm und stand auf. �Sir Isaac Newton ist unser Ritter.�</p><p>�Aber das kann nicht sein�, sagte Sophie.</p><p>�Newton ist in London begraben�, sagte Langdon. �Sein Werk brachte neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die von der Kirche jedoch zornig zur�ckgewiesen wurden. Au�erdem war Newton ein Gro�meister der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>. Was wollen Sie noch mehr?�</p><p>Sophie zeigte auf den Vierzeiler. �Was ist mit dem �<emphasis>Ritter, den ein Papst begraben</emphasis>�? Haben Sie nicht geh�rt, was Miss Gettum gesagt hat? Newton wurde nicht von einem Papst begraben.�</p><p>Langdon griff nach der Maus. �Wo ist denn von einem Papst die Rede?� Er klickte auf das Hyperlink �Pope� f�r englisch �Papst�. Der vollst�ndige Textabschnitt erschien.</p><empty-line/><p><emphasis>Sir Isaac Newtons Begr�bnisfeier, der K�nige und Adelsm�nner beiwohnten, wurde von Alexander Pope geleitet, einem Freund und Weggef�hrten, der den Verstorbenen in einer bewegenden Rede pries, bevor er eine Hand voll Erde auf den Sarg streute.</emphasis></p><empty-line/><p>Langdon blickte Sophie an. �Wir hatten den richtigen �Pope� schon bei unserer zweiten Meldung � Alexander Pope.� Er machte eine effektvolle Pause. <emphasis>�A. Pope�</emphasis></p><p><emphasis>In London lies a knight A. Pope interred.</emphasis></p><p>�Nat�rlich!� Sophie sprang auf.</p><p>Jacques Sauni�re hatte sich wieder einmal als Meister der Doppeldeutigkeit erwiesen.</p></section><section><title><p><strong>96. KAPITEL</strong></p></title><p>Silas fuhr aus dem Schlaf hoch.</p><p>Er wusste nicht, wovon er wach geworden war, noch, wie lange er geschlafen hatte. <emphasis>Hast du getr�umt?</emphasis> Er setzte sich auf seiner Schlafmatte auf und lauschte dem ruhigen Atem des Ordenshauses, dessen Stille durch das leise heraufklingende Beten aus dem Zimmer unter ihm noch unterstrichen wurde. Die leisen, vertrauten Kl�nge hatten Silas eigentlich beruhigen m�ssen.</p><p>Doch er sp�rte eine j�he Anspannung.</p><p>Er stand auf und ging zum Fenster, nur mit der Unterhose bekleidet. <emphasis>Ist jemand dir gefolgt?</emphasis> Der Hof unten war verlassen, so, wie er ihn vorgefunden hatte, als er gekommen war. Er lauschte. Stille. <emphasis>Was macht dich so unruhig?</emphasis> Silas hatte vor langer Zeit gelernt, auf seine innere Stimme zu achten. Ohne sie h�tte er in den Stra�en von Marseille als Halbw�chsiger nicht �berlebt. Das war lange, bevor man ihn ins Gef�ngnis gesteckt hatte � lange, bevor er von Bischof Aringarosa wieder geboren worden war. Erneut sp�hte er zum Fenster hinaus. Er sah einen Wagen, der vor dem Geb�ude stand, von einer Hecke fast v�llig verdeckt. Auf dem Dach des Wagens war ein Blaulicht montiert. Drau�en auf dem Flur knarrte eine Diele. Ein Riegel wurde zur�ckgeschoben.</p><p>Silas reagierte instinktiv. Er huschte durchs Zimmer in den toten Winkel hinter der T�r, die im selben Moment auch schon aufgesto�en wurde. Die Pistole im Anschlag, st�rmte ein Polizist herein und zielte mit der Waffe nach rechts und links in das scheinbar leere Zimmer. Ein zweiter Polizist folgte. Bevor einer der beiden begriffen hatte, wo Silas steckte, warf der riesige M�nch sich von hinten mit der Schulter gegen die T�r und schmetterte sie dem zweiten Polizisten ins Gesicht. W�hrend der erste herumfuhr, die Waffe im Anschlag, hechtete Silas schon nach seinen Knien. Als der Schuss krachte und die Kugel �ber Silas hinwegpfiff, riss er den Polizisten von den Beinen. Der Mann schlug mit dem Kopf auf den Boden. Beim Hinausrennen rammte Silas dem zweiten Beamten, der sich im T�rrahmen aufzurappeln versuchte, das Knie zwischen die Beine und sprang �ber den sich in Schmerzen windenden Mann in den Flur.</p><p>Silas rannte die Treppe hinunter. <emphasis>Jemand musste ihn verraten haben, aber wer?</emphasis> Als er das Erdgeschoss erreichte, st�rmten weitere Polizisten durch die Haust�r in den Eingangsflur. Silas machte kehrt und rannte halb nackt tiefer ins Geb�ude hinein. <emphasis>Der Fraueneingang! Jedes Geb�ude des Opus Dei hat einen separaten Fraueneingang!</emphasis> Nachdem er mehrere verwinkelte G�nge passiert hatte, st�rmte Silas durch eine K�che, an entsetzt kreischendem K�chenpersonal vorbei, das erschrocken vor dem nackten, riesigen Albino zur�ckprallte, w�hrend T�pfe, Sch�sseln und Besteck auf den Boden schepperten. Silas rannte am Heizungsraum vorbei durch einen dunklen Gang. Ganz hinten sah er die gesuchte T�r. Ein Fluchtwegl�mpchen wies ihm den Weg.</p><p>Silas sprang durch die T�r hinaus in den Regen � und prallte mit einem Polizisten zusammen, der herangest�rmt kam. Silas' nackte Schulter rammte mit voller Wucht die Brust des Beamten. Der Polizist schlug r�ckw�rts aufs Pflaster. Seine Dienstpistole schlitterte klappernd davon. Silas, der auf den Polizisten gest�rzt war, h�rte Geschrei im Haus; dann kamen M�nner herbeigerannt. Silas rollte sich zur Seite und griff nach der herrenlosen Waffe, als vom T�rabsatz auch schon ein Schuss knallte. Silas sp�rte einen stechenden Schmerz unterhalb der Rippen. Br�llend vor Zorn und Schmerz feuerte er zur�ck. Drei Beamte gingen blutend zu Boden.</p><p>Pl�tzlich ragte ein dunkler Schatten wie aus dem Nichts drohend hinter ihm auf. Die H�nde, die Silas' nackte Schultern packten und w�tend, sch�ttelten, f�hlten sich wie die Klauen des Teufels an. Der finstere Schatten schrie Silas ins Ohr. NEIN! SILAS, NICHT!</p><p>Silas fuhr herum und feuerte. Sein Blick traf sich mit dem des Mannes hinter ihm. Kreischend vor Entsetzen sah Silas, wie Bischof Aringarosa zusammenbrach.</p></section><section><title><p><strong>97. KAPITEL</strong></p></title><p>Die Westminster Abbey beherbergt mehr als dreitausend Grabst�tten und Sarkophage. Der kolossale Innenraum platzt f�rmlich aus den N�hten von den sterblichen �berresten ber�hmter K�nige und Staatsm�nner, Wissenschaftler und Forscher, Dichter und Musiker. Kapellen und Wandnischen sind bis in den letzten Winkel mit Grabst�tten belegt, angefangen vom k�niglichen Mausoleum Elisabeth der Ersten, die in einem Sarkophag mit Baldachin in einer eigenen Apsis-Kapelle ruht, bis zu den bescheidenen Grabplatten im Fu�boden, deren Inschriften von den F��en der seit Jahrhunderten dar�ber hinwegschreitenden Gl�ubigen bis zur Unleserlichkeit abgewetzt sind, sodass es der Phantasie des Betrachters �berlassen bleibt, sich auszumalen, wessen Gebeine in den darunter eingelassenen Grabkammern liegen.</p><p>Die im gotischen Stile der gro�en Kathedralen von Amiens, Chartres und Canterbury erbaute Westminster Abbey ist unmittelbar dem Souver�n unterstellt. Seit dem Weihnachtstag des Jahres 1066, als das Gotteshaus Schauplatz der Kr�nung von Wilhelm dem Eroberer war, hat es eine endlose Reihe k�niglicher Zeremonien und prachtvoller Staatsakte erlebt � von der Kanonisierung Edwards des Bekenners, den Begr�bnisfeierlichkeiten f�r Heinrich den F�nften und Elisabeth die Erste bis hin zur Hochzeit von Prinz Andrew mit Sarah Ferguson und der Trauerfeier f�r Lady Diana.</p><p>Robert Langdon war an der gl�nzenden Geschichte von Westminster Abbey allerdings kaum interessiert � mit Ausnahme eines Ereignisses: das Begr�bnis des zum Ritter geschlagenen genialen Physikers und Mathematikers Sir Isaac Newton.</p><p><emphasis>In London lies a knight a Pope interred.</emphasis></p><p>Langdon und Sophie eilten durch den Portikus am n�rdlichen Querschiff. Wachleute komplimentierten sie h�flich durch die letzte Neuerwerbung der Abbey � einen t�rrahmengro�en Metalldetektor, wie er neuerdings vor s�mtlichen historischen Geb�uden Londons anzutreffen war. Sie nahmen die H�rde ohne Schwierigkeiten und begaben sich zum eigentlichen Eingang.</p><p>Als Langdon �ber die Schwelle der Westminster Abbey trat, verstummten hinter ihm j�h die Ger�usche der Au�enwelt. Kein Verkehrsl�rm mehr, kein Rauschen des Regens, nur eine beklemmende Stille, die durch den Kirchenbau wogte, als l�ge das alte Gem�uer im Gespr�ch mit sich selbst.</p><p>Langdon und Sophie ging es nicht anders als fast allen Besuchern, deren Blick sofort himmelw�rts gezogen wird, wo die gro�en Gew�lbeb�gen f�rmlich in die H�he des Raums zu explodieren scheinen. Wie die St�mme riesiger Mammutb�ume streben steinerne graue Pfeiler in luftige Schattenwelten empor, wo sie sich elegant �ber Schwindel erregende Weiten w�lben, um auf der anderen Seite wieder zum steinernen Boden herabzuflie�en. Die breite Quertrasse des n�rdlichen Seitenschiffs erstreckte sich vor ihnen wie eine Schlucht, rechts und links von Klippen aus buntem Glas flankiert. An sonnigen Tagen war der Boden der Kathedrale ein bunter Flickenteppich aus farbenfrohen Lichtreflexen. Heute jedoch verliehen der Regen und das tr�be Licht dem riesigen Gew�lbe die gespenstische Aura eines Mausoleums � das dieser Ort in Wahrheit ja auch war.</p><p>�Es ist fast niemand hier�, fl�sterte Sophie.</p><p>Langdon sah seine Erwartungen entt�uscht. Er hatte auf eine gro�e Zahl von Besuchern gehofft. Das Erlebnis in der menschenleeren Temple Church hatte ihm gereicht. Er hatte damit gerechnet, im Gedr�nge der Touristen eine gewisse Sicherheit zu finden. Doch seine Erinnerung an Menschentrauben in einer lichtdurchfluteten Kathedrale stammten aus der Hauptsaison im Hochsommer. Heute war ein regnerischer Morgen im April. Statt Menschengewimmel und leuchtenden Glasmalereien sah Langdon nur die endlose Weite eines Steinbodens und d�stere Nischen ringsum.</p><p>�Man hat uns durch einen Metalldetektor geschickt�, meinte Sophie, die Langdons Anspannung sp�rte. �Hier kommt keiner mit einer Waffe herein.�</p><p>Langdon nickte, war aber keineswegs beruhigt. Er h�tte lieber die Londoner Polizei bei sich gewusst, doch Sophies Einwand, dass nicht abzusehen sei, wer die Hinterm�nner waren, hatte ihn davon abgehalten, die Beh�rden zu informieren.</p><p>Sophie hatte nat�rlich Recht gehabt. �Wir m�ssen uns das Kryptex zur�ckholen�, hatte sie Langdon eindringlich ermahnt. �Es ist der Schl�ssel f�r alles Weitere.�</p><p><emphasis>Es ist der Schl�ssel zur Rettung von Leigh Teabing.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist der Schl�ssel, den Heiligen Gral zu finden.</emphasis></p><p><emphasis>Es ist der Schl�ssel, um herauszufinden, wer hinter alledem steckt.</emphasis></p><p>Um das Kryptex wieder in die Hand zu bekommen, war das Stelldichein am Grab Isaac Newtons unerl�sslich. Wer immer das Kryptex besa� � ohne einen Besuch an diesem Grabmal war das letzte Codewort nicht zu knacken. Sophie und Langdon hatten vor, den R�uber des Kryptex hier zu stellen, falls der Betreffende nicht schon hier gewesen und inzwischen �ber alle Berge war.</p><p>Um aus dem ungedeckten Freiraum des Querschiffs herauszukommen, gingen sie in das von Pfeilern abgetrennte d�stere Seitenschiff. Langdon konnte das Bild des entf�hrten Leigh Teabing nicht absch�tteln, der jetzt vermutlich in seiner eigenen Limousine gefesselt auf dem Boden lag. Wer die Ermordung der F�hrungsriege der <emphasis>Prieur�</emphasis> angeordnet hatte, war sicher skrupellos genug, jeden eliminieren zu lassen, der ihm im Weg stand. Es erschien Langdon wie eine bittere Ironie des Schicksals, dass Sir Leigh Teabing � ein geadelter Ritter des modernen England � auf der Suche nach einem Geheimnis seines eigenen Landsmanns und Standesgenossen Sir Isaac Newton als Geisel herhalten musste.</p><p>�Wo ist es?�, fragte Sophie.</p><p>�<emphasis>Das Grabmal</emphasis>!� Langdon wusste es nicht. �Wir m�ssen einen F�hrer fragen.�</p><p>Es hatte keinen Sinn, ziellos auf eigene Faust zu suchen. Westminster Abbey war wie ein Labyrinth aus Mausoleen, Seitenkapellen und in die W�nde eingelassenen begehbaren Grabnischen. Wie die <emphasis>Grande Galerie</emphasis> des Louvre hatte sie nur einen einzigen Eingang � das Portal, durch das Langdon und Sophie soeben hereingekommen waren. Es war leicht, in diese Kirche hineinzukommen, aber fast unm�glich, allein wieder herauszufinden. <emphasis>Eine veritable Mausefalle f�r Touristen</emphasis>, hatte einer von Langdons Kollegen die Kirche nach einem entsprechenden Abenteuer einmal genannt. Der Grundriss der Kathedrale entsprach traditionsgem�� einem gewaltigen lateinischen Kreuz, doch anders als die meisten Kirchen betrat man sie an der Nordseite, nicht durch das Westportal am Ende des Langhauses; obendrein war au�en ein weitl�ufiger Kreuzgang angebaut. Ein falscher Schritt in den falschen Gew�lbegang, und der Besucher fand sich im Labyrinth �berdachter und von hohen Mauern umgebener G�nge im Freien nicht mehr zurecht.</p><p>�Die Fremdenf�hrer tragen rote Roben�, sagte Langdon, w�hrend sie sich der Mitte der Kirche n�herten. Als er unauff�llig um den aufragenden, reich vergoldeten Hochaltar herum ins s�dliche Querschiff sp�hte, sah er ein paar Leute auf H�nden und Knien herum rutschen. Diese Prozession auf allen vieren war in der dortigen �Poet's Corner�, der Dichterecke, eine g�ngige �bung � und weitaus weniger fromm, als den meisten bewusst war.</p><p><emphasis>Die Touristen rubbeln auf den Gr�bern herum.</emphasis></p><p>�Ich kann nirgends einen F�hrer sehen�, sagte Sophie. �K�nnen wir das Grabmal nicht selber suchen?�</p><p>Langdon zog Sophie noch ein paar Schritte weiter ins Kircheninnere und deutete nach rechts.</p><p>Als Sophie sich beim Blick ins Mittelschiff die immense Gr��e und Weitl�ufigkeit der Kathedrale erschloss, stockte ihr der Atem. �Also gut. Suchen wir einen F�hrer.�</p><empty-line/><p>Zur gleichen Zeit hatte das drei�ig Meter weiter hinten in die Seitenwand des Retrochors eingelassene, prunkvolle Grabmal Sir Isaac Newtons einen einsamen Besucher. Der Lehrer hatte das Monument nun schon seit zehn Minuten eingehend betrachtet.</p><p>Newtons Grabmal bestand aus einem m�chtigen schwarzen Marmorsarkophag mit einer auf dem Deckel liegenden Figur des Verstorbenen, der sich selbstbewusst auf vier Folianten mit seinen eigenen Werken st�tzt � <emphasis>Divinity, Chronology, Opticks und Philosophiae Naturalis Principia Mathematica</emphasis>. Zwei gefl�gelte Putten mit Schriftrollen standen zu Newtons F��en. Hinter der ernsten Gestalt des Meisters erhob sich eine Pyramide. Obwohl sie als solche �beraus auff�llig war, erregte weniger die Pyramide selbst als vielmehr ein auf halber H�he angebrachter Gegenstand die Aufmerksamkeit des Lehrers.</p><p><emphasis>Eine gro�e Kugel.</emphasis></p><p>Der Lehrer sann �ber Sauni�res R�tsel nach. <emphasis>Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein</emphasis>. Die dicke Kugel, die aus der Frontseite der Pyramide ragte, war im Halbrelief ausgef�hrt und zeigte Darstellungen astronomischer Erscheinungen � Sternbilder, Tierkreiszeichen, Kometen, Sterne und Planeten, dar�ber die G�ttin der Astronomie unter einer Sternenkuppel.</p><p><emphasis>Kugeln �ber Kugeln.</emphasis></p><p>Der Lehrer hatte erwartet, dass es nicht schwierig sein w�rde, die �<emphasis>Kugel, die auf dem Grab sollt' sein</emphasis>�, zu identifizieren, wenn erst das richtige Grabmal gefunden war, doch angesichts der komplizierten Himmelskarte zerbr�ckelte seine Zuversicht. Fehlte vielleicht irgendwo ein Stern? War eines der Sternbilder unvollst�ndig? Er war ratlos. Dennoch war er sicher, dass die L�sung ganz einfach und augenf�llig sein musste � �hnlich dem A. Pope, der den Ritter begraben hatte. Nach was f�r einer Kugel musste er suchen? Die Gralssuche konnte schwerlich profunde Kenntnisse der Astronomie voraussetzen, oder doch?</p><p><emphasis>Mit rosig Fleisch und samenschwerem Leib �</emphasis></p><p>Mehrere Touristen rissen den Lehrer aus seinen Betrachtungen. Er steckte das Kryptex wieder in die Tasche und beobachtete die Besucher, die zu einem Tisch in der N�he gingen, wo sie sich f�r eine Spende mit Utensilien f�r das Gr�berrubbeln ausr�sten konnten, die von der Kirchenverwaltung angeboten wurden. Mit neuen Holzkohlestiften und gro�en Bogen Zeichenpapier bewaffnet, strebten sie dem vorderen Bereich der Kirche zu, vor allem der popul�ren Poet's Corner, um Chaucer, Tennyson und Charles Dickens ihre Reverenz zu erweisen, indem sie inbr�nstig deren Grabplatten abrubbelten.</p><p>Wieder allein, trat der Lehrer n�her an das Grabmal heran, um es einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen. Er begann ganz unten bei den krallenbewehrten Prankenf��en des Sarkophags; dann wanderte sein pr�fender Blick �ber die Gestalt Newtons hinweg nach oben, vorbei an den wissenschaftlichen Folianten und den beiden Putten mit den Schriftrollen, die mathematische Formeln enthielten, und die Pyramide hinauf zu der gro�en Kugel mit den Sternbildern und schlie�lich hoch zum sternen�bers�ten Baldachin der Grabnische.</p><p><emphasis>Was f�r eine Kugel m�sste hier sein � und fehlt dennoch?</emphasis> Der Lehrer ber�hrte das Kryptex in seiner Tasche, als k�nne der von Sauni�re so geschickt bearbeitete Marmor durch pure Zauberkraft das R�tsel l�sen. <emphasis>Nur noch f�nf Buchstaben stehen zwischen dir und dem Gral.</emphasis></p><p>Er holte tief Luft und ging am Ende der Chorumwandung auf und ab. Sein Blick glitt das Langhaus hinauf zum goldgl�nzenden Hauptaltar und von dort zu einem in leuchtendes Rot gekleideten Kirchenf�hrer, der soeben von zwei Personen herbeigewunken wurde, die dem Lehrer gut bekannt waren.</p><p>Langdon und Sophie Neveu.</p><p><emphasis>Das ging aber schnell</emphasis>. Ohne Hast trat der Lehrer zwei Schritte hinter den Retrochor. Er hatte zwar damit gerechnet, dass Langdon und Neveu fr�her oder sp�ter darauf kommen w�rden, dass in der Verszeile �ber Newtons Grabmal die L�sung des R�tsels steckte, aber es war doch wesentlich schneller gegangen als erwartet. Der Lehrer dachte dar�ber nach, welche M�glichkeiten ihm nun blieben. Er hatte inzwischen gelernt, �berraschungen zu begegnen.</p><p><emphasis>Das Kryptex hast immer noch du.</emphasis></p><p>Er griff in die Tasche und tastete nach dem zweiten Gegenstand, der ihm Zuversicht gab: der Medusa-Revolver. Als der Lehrer mit der Waffe in der Tasche durch den Metalldetektor am Eingang gegangen war, hatte das Ger�t erwartungsgem�� losgeheult � und ebenso erwartungsgem�� hatten die Wachbeamten sich eiligst entschuldigt, als der Lehrer ihnen mit ungn�digem Blick seinen Ausweis unter die Nase gehalten hatte.</p><p>Urspr�nglich hatte der Lehrer gehofft, das Passwort f�r das Kryptex allein finden und weitere Komplikationen vermeiden zu k�nnen, doch das Erscheinen von Langdon und Sophie Neveu kam ihm gar nicht so ungelegen. Angesichts der bisherigen Erfolglosigkeit mit dem Problem der �<emphasis>Kugel, die auf dem Grab sein sollte</emphasis>�, konnte er sich m�glicherweise die Sachkenntnis und das Geschick der beiden zunutze machen. Nachdem sie das Grabmal verh�ltnism��ig schnell gefunden hatten, war nicht ausgeschlossen, dass sie auch das R�tsel mit der Kugel l�sten. Und sobald Langdon das Passwort gefunden hatte, war der Rest nur noch eine Frage des wohldosierten Drucks.</p><p><emphasis>Nat�rlich nicht hier.</emphasis></p><p><emphasis>Irgendwo, wo man seine Ruhe hat.</emphasis></p><p>Der Lehrer musste an eine kleine Hinweistafel denken, die er beim Hereinkommen gesehen hatte � und wusste mit einem Mal, wohin er die beiden locken w�rde.</p><p>Blieb nur noch die Frage, <emphasis>womit</emphasis>.</p></section><section><title><p><strong>98. KAPITEL</strong></p></title><p>Langdon und Sophie gingen langsam das n�rdliche Seitenschiff hinunter und hielten sich im Schatten der riesigen Pfeiler, hinter denen sich das gewaltige Mittelschiff befand. Obwohl sie bereits die H�lfte der L�nge des Seitenschiffs hinter sich hatten, war Newtons Grabmal immer noch nicht im Blickfeld. Der Sarkophag stand in einer tiefen Nische, die man aus diesem Winkel nicht einsehen konnte.</p><p>�Zumindest ist dort niemand�, fl�sterte Sophie.</p><p>Langdon nickte erleichtert. Um Newtons Grabmal herum war das Mittelschiff menschenleer. �Ich werde jetzt hin�bergehen�, fl�sterte er Sophie zu. �Sie sollten sich hier versteckt halten, falls jemand � �</p><p>Sophie war schon unterwegs.</p><p>� � uns beobachtet�, Langdon seufzte und folgte ihr.</p><p>W�hrend sie sich durch das ger�umige Mittelschiff dem pr�chtigen Grabmal n�herten, nahmen sie schweigend die kunstvollen Details in sich auf: den schwarzen Marmorsarkophag, Newtons Gestalt, die beiden gefl�gelten Putten, die gro�e Pyramide � und eine gewaltige Kugelform.</p><p>�Haben Sie das gewusst?�, fragte Sophie erstaunt.</p><p>Langdon sch�ttelte den Kopf, nicht minder verwundert.</p><p>�Da scheinen Sternbilder eingraviert zu sein�, sagte Sophie.</p><p>Je n�her sie der Grabnische kamen, desto mehr schwanden Langdons Hoffnungen. Auf Newtons Grabmal wimmelte es geradezu von kugelf�rmigen Gebilden- Sterne, Kometen, Planeten.</p><p><emphasis>Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein?</emphasis> Das konnte sich zur Suche nach einem fehlenden Grashalm auf einem Golfplatz auswachsen.</p><p>�Dutzende Himmelsk�rper�, meinte Sophie besorgt.</p><p>Langdon nickte. Die einzige Verbindung zwischen dem Gral und Himmelsk�rpern, die er sich denken konnte, war der Planet Venus � und das Passwort �Venus� hatte er bereits auf dem Weg zur Temple Church erfolglos versucht.</p><p>Sophie trat dichter an den Sarkophag heran. Langdon hielt sich ein, zwei Meter hinter ihr, um das Umfeld im Auge zu behalten.</p><p>�<emphasis>Divinity</emphasis>�, zitierte Sophie, die mit schr�g gelegtem Kopf die Titel der Folianten las, auf die Newtons Gestalt sich st�tzte. �<emphasis>Chronology, Opticks, Philosophiae Naturalis Principia Mathematica</emphasis>. L�utet es dabei Ihnen?�</p><p>Langdon trat n�her. �Die Principia Mathematica�, sagte er nachdenklich, �befasst sich mit der Gravitation der Planeten, die zugegebenerma�en Kugeln sind, aber das erscheint mir doch ein bisschen zu weit hergeholt.�</p><p>�Und was ist mit den Tierkreiszeichen?�, erkundigte sich Sophie und deutete auf die Sternbilder. �Sie haben mir doch etwas von den Fischen und vom Wassermann erz�hlt.�</p><p><emphasis>Das Ende der Zeit,</emphasis> dachte Langdon. �Das Ende des Zeitalters der Fische und der Beginn der Epoche des Wassermanns ist angeblich der historische Wendepunkt, an dem die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> die Sangreal-Dokumente der Welt zug�nglich machen will.� <emphasis>Aber die Jahrtausendwende ist vorbei, und nichts ist geschehen. Die Historiker fragen sich inzwischen, ob die Wahrheit �berhaupt noch ans Licht kommen wird.</emphasis></p><p>�Kann es sein, dass die Pl�ne der <emphasis>Prieur�</emphasis> zur Bekanntgabe der Wahrheit mit der letzten Zeile des Gedichts zu tun haben?�, fragte Sophie.</p><p><emphasis>� rosig Fleisch und samenschwerer Leib.</emphasis> Langdon hatte diese M�glichkeit noch nicht ins Auge gefasst. Er fr�stelte.</p><p>�Sie haben auch gesagt, dass der Zeitpunkt, da die <emphasis>Prieur�</emphasis> die Wahrheit �ber die �Rose� und ihren fruchtbaren Scho� bekannt geben will, unmittelbar an die Position der Planeten gekoppelt ist � der Kugeln.�</p><p>Langdon nickte. Zum ersten Mal sah er eine entfernte M�glichkeit heraufd�mmern, doch sein Instinkt sagte ihm, dass der Schl�ssel nicht in der Astronomie zu suchen war. S�mtliche bisherigen L�sungen der von Gro�meister Sauni�re aufgegebenen R�tsel hatten eine �berzeugende, auf das Thema bezogene Bedeutung gehabt � die <emphasis>Mona Lisa</emphasis>, die Felsgrottenmadonna, SOFIA. Diesen unmittelbaren Zusammenhang lie� das Konzept der Himmelsk�rper, Planeten und Tierkreiszeichen vermissen. Bisher hatte Sauni�re sich als Meister der Verschl�sselung erwiesen. Langdon war �berzeugt, dass Sauni�res letztes Passwort � die f�nf Buchstaben, die den Zugang zum letzten Geheimnis der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> freigaben � sich nicht nur als besonders symboltr�chtig, sondern auch als besonders nahe liegend erweisen w�rden. Wenn die L�sung sich in die Reihe der vorherigen einf�gen sollte, musste sie auf geradezu peinliche Weise offensichtlich sein � wenn man sie erst einmal gefunden hatte �</p><p>�Da, sehen Sie!�, stie� Sophie pl�tzlich hervor und packte erschrocken Langdons Arm, der aber niemanden in der N�he bemerkte. Dann erst sah er, dass Sophie fassungslos auf den schwarzen Marmordeckel des Sarkophags starrte. �Jemand ist hier gewesen�, fl�sterte sie und deutete auf eine Stelle neben Newtons ausgestrecktem rechtem Fu�.</p><p>Langdon verstand nicht, was Sophie so sehr aus der Fassung brachte. Ein nachl�ssiger Tourist hatte auf dem Sarkophag einen Holzkohlestift liegen lassen. Das hat doch gar nichts zu bedeuten. Langdon streckte den Arm aus, um nach dem Stift zu greifen. Als er sich vorbeugte, huschte ein Lichtreflex �ber den polierten Marmor, und in diesem Moment erkannte auch Langdon, wor�ber Sophie so erschrocken war.</p><p>Neben Newtons Fu� hatte jemand mit Kohlestift eine kaum sichtbare Nachricht auf den Deckel des Sarkophags geschrieben:</p><p><emphasis>Ich habe Teabing. Gehen Sie durchs Kapitelhaus, durch den S�dausgang in den �ffentlichen Garten</emphasis>.</p><p>Langdons Herz pochte wild. Er las die Botschaft noch einmal. Bei aller pl�tzlich einsetzenden Beklommenheit sagte er sich, dass die Nachricht auch etwas Gutes hatte. Leigh Teabing ist noch am Leben. Und das war noch nicht alles. �Sie haben das Passwort noch nicht herausbekommen�, fl�sterte er Sophie zu.</p><p>Sophie hatte sich umgedreht und den Blick durchs Kirchenschiff schweifen lassen. Nun wandte sie sich Langdon zu und nickte. Langdon hatte Recht: Weshalb h�tten die Entf�hrer sonst auf sich aufmerksam machen sollen?</p><p>�Wahrscheinlich wollen sie einen Handel machen: Leigh gegen das Passwort�, meinte Langdon.</p><p>�Oder es ist eine Falle.�</p><p>Langdon sch�ttelte den Kopf. �Das glaube ich nicht. Der Garten ist au�erhalb der Kathedrale und ein belebter Ort.� Langdon war schon einmal im ber�hmten College Garden der Abtei gewesen, einem kleinen Obst- und Kr�utergarten aus der Zeit, als hier M�nche noch Heilkr�uter zogen. Der College Garden, in dem die �ltesten Obstb�ume Englands wuchsen, wurde auch deshalb gern von Touristen aufgesucht, weil er ohne Besuch der Kathedrale zug�nglich war. �Ich glaube, man schickt uns sozusagen als vertrauensbildende Ma�nahme nach drau�en. Wir sollen uns sicher f�hlen.�</p><p>Sophie blickte Langdon skeptisch an. �Sie meinen, weil man drau�en nicht durch einen Metalldetektor muss.�</p><p>Langdon wurde nachdenklich. <emphasis>Da war was dran</emphasis>.</p><p>Er betrachtete wieder das mit kugelf�rmigen K�rpern �berladene Grabmal Newtons. Wenn er nur irgendeine Idee gehabt h�tte, wie das Passwort lautete! Irgendetwas, das er anbieten konnte! <emphasis>Du hast Leigh in den Schlamassel hineingezogen. Nun wirst du ihn auch rauspauken � koste es, was es wolle.</emphasis></p><p>�Die Nachricht besagt, wir sollen durchs Kapitelhaus zum S�deingang�, sagte Sophie nachdenklich. �Vielleicht haben wir von dort einen guten Blick �ber den Garten und k�nnen uns ein Bild von der Lage machen, bevor wir uns wom�glich in eine gef�hrliche Situation begeben.�</p><p>Langdon nickte. �Gute Idee.� Er hatte das Kapitelhaus als achteckigen Saal in Erinnerung, in dem das britische Parlament zusammengetreten war, als es das moderne Parlamentsgeb�ude an der Themse noch nicht gegeben hatte. Doch es war Jahre her, dass Langdon das letzte Mal dort gewesen war; er wusste nur noch, dass man �ber den Kreuzgang dorthin kam. Er trat ein paar Schritte zur�ck und schaute an der Wand des Chors vorbei ins s�dliche Seitenschiff, wo sich ein hoher Gew�lbegang �ffnete, �ber dem ein gro�es Schild hing:</p><p>ZUGANG ZU: Kreuzgang Dekanei College Hall Museum Pyx-Kammer St. Faith's Kapelle Kapitelhaus</p><p>Als Langdon und Sophie unter dem Schild hindurcheilten, entging ihnen in der Hast die kleine Tafel mit dem Hinweis, dass einige Bereiche wegen Renovierungsarbeiten zurzeit nicht zug�nglich waren.</p><p>Sie gelangten auf einen von hohen Mauern umgebenen Hof, auf dem der morgendliche Regen rauschend niederging. �ber das Gem�uer heulte hohl der Wind wie �ber einem Flaschenhals. Als Langdon den niedrigen, engen Kreuzgang betrat, der l�ngs der Begrenzungsmauern des Hofes verlief, �berkam ihn der vertraute Anflug von Klaustrophobie.</p><p>Auf das Ende des Tunnels konzentriert, folgte er den Schildern zum Kapitelhaus. Aus dem Regen war inzwischen ein Wolkenbruch geworden, der nasskalt durch die offenen S�ulenarkaden spr�hte, durch die das Licht in den Kreuzgang fiel. Ein Paar, das vor dem miesen Wetter fl�chtete, kam ihnen entgegen. Der Kreuzgang � der letzte Rest der vormaligen Klosteranlage � lag einsam und verlassen in Wind und Wetter.</p><p>Vierzig Meter den �stlichen Teil des Kreuzgangs hinunter �ffnete sich ein �berw�lbter Gang nach links in eine Eingangshalle, den gesuchten Zugang zum Kapitelsaal. Er war mir Absperrband und einem offiziell aussehenden Schild versperrt:</p><p>Pyx-Kammer St. Faith's Kapelle Kapitelhaus WEGEN RENOVIERUNG GESCHLOSSEN</p><p>Der lange, verlassene Gang hinter dem Absperrband war mit Ger�sten voll gestellt. �berall hingen Schutzfolien. Nach rechts und links gingen die Eing�nge zur Pyx-Kammer und der St. Faith's Kapelle ab. Der Eingang zum Kapitelhaus lag am Ende des Ganges. Selbst von seinem Standort aus konnte Langdon erkennen, dass das schwere Holzportal weit offen stand. Der gro�r�umige achteckige Saal war in hellgraues Licht getaucht, das durch die riesigen Fenster vom College Garten fiel. <emphasis>Gehen Sie durchs Kapitelhaus, durch den S�dausgang in den �ffentlichen Garten.</emphasis></p><p>�Wir sind durch den Ostteil des Kreuzgangs gekommen�, sagte Langdon, �also geht es zum S�dausgang in den Garten hier lang und dann nach rechts.�</p><p>Sophie war bereits �ber das Absperrband geklettert und eilte den schummrigen Gang hinunter. Langdon folgte ihr. Je weiter sie vordrangen, desto mehr verloren sich die Ger�usche von Wind und Wetter, die aus dem offenen Kreuzgang wehten. Das Kapitelhaus war eine Art frei stehender, achteckiger Anbau der Kirche am Ende des langen Gangs, der vor langer Zeit bei den Tagungen des Parlaments f�r Ungest�rtheit gesorgt hatte.</p><p>�Der Saal ist ja riesig�, fl�sterte Sophie, als sie n�her kamen.</p><p>Auch Langdon staunte: Er hatte ganz vergessen, welche Ausma�e das Oktogon besa�. Vom Gang aus glitt sein Blick �ber die weite Bodenfl�che zu den Spitzbogenfenstern, deren Rippen f�nf Stockwerke in die H�he strebten, bis das Ma�werk hoch oben an das Deckengew�lbe stie�. Von dort drinnen hatte man zweifelsohne einen umfassenden Ausblick auf den Garten.</p><p>Als Sophie und Langdon �ber die Schwelle traten, mussten sie in der pl�tzlichen Helligkeit blinzeln. Als ihre Augen sich nach dem schummrigen Licht in den G�ngen daran gew�hnt hatten, n�herten sie sich der S�dwand und suchten sie nach dem Ausgang ab.</p><p>Es gab keinen.</p><p>Sie standen im bauchigen Ende einer Sackgasse.</p><p>Hinter ihnen knarrte die T�r. Als sie herumfuhren, sahen sie das gewaltige Portal ins Schloss fallen. Der Riegel schnappte ein.</p><p>Im toten Winkel hinter der T�r stand ein korpulenter Mann, auf Kr�cken aus Aluminium gest�tzt, und hielt in aller Ruhe einen kleinen Revolver auf sie gerichtet.</p><p>Sir Leigh Teabing.</p></section><section><title><p><strong>99. KAPITEL</strong></p></title><p>�Meine lieben Freunde�, sagte Teabing mit dem Beiklang des Bedauerns, w�hrend er Sophie und Langdon ins Visier nahm, �seit Sie gestern Nacht in mein Haus gekommen sind, habe ich alles versucht, um Sie aus der Schusslinie zu halten. Aber nun hat Ihre Hartn�ckigkeit mich in eine schwierige Lage gebracht.�</p><p>Teabing sah den Schock und die Entt�uschung auf Sophies und Langdons Gesichtern.</p><p><emphasis>Du musst ihnen noch sehr viel erkl�ren � es gibt viele Dinge, die sie noch nicht wissen.</emphasis></p><p>�Sie m�ssen mir glauben, dass es nie meine Absicht war, Sie in diese Geschehnisse zu verwickeln. Aber dann sind Sie bei mir im Ch�teau aufgetaucht, und � �</p><p>�Wir dachten, Sie seien in Gefahr!�, unterbrach Langdon ihn zornig, als er sich halbwegs gefasst hatte. �Wir sind hergekommen, um Ihnen zu helfen!�</p><p>�Genau darauf habe ich mich verlassen�, gab Teabing zur�ck. �Wir haben viel zu bereden.�</p><p>Langdon und Sophie starrten in die M�ndung des Revolvers, der drohend auf sie gerichtet war.</p><p>�Nur, damit ich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit habe�, sagte Teabing. �H�tte ich vorgehabt, Ihnen etwas anzutun, w�ren Sie l�ngst tot. Als Sie gestern Nacht in mein Haus kamen, habe ich alles riskiert, um Ihr Leben zu retten. Ich bin ein ehrenhafter Mann. Ich habe auf Ehre und Gewissen geschworen, niemand zu opfern, es sei denn, er hat sich des Verrats am Sangreal schuldig gemacht.�</p><p>�Was reden Sie da?�, sagte Langdon. �Wie kann man den Sangreal verraten?�</p><p>�Ich habe eine schreckliche Wahrheit entdeckt�, sagte Teabing und seufzte. �Ich wei�, warum die Sangreal-Dokumente der Welt nicht zug�nglich gemacht worden sind. Die <emphasis>Prieur�</emphasis> hat beschlossen, die Wahrheit im Verborgenen schlummern zu lassen. Deshalb konnte die Jahrtausendwende verstreichen und das Ende der Zeit anbrechen, ohne dass es zu einer Offenbarung kam.�</p><p>Langdon wollte widersprechen, doch Teabing lie� ihn gar nicht erst zu Wort kommen. �Die <emphasis>Prieur�</emphasis> hat einen heiligen Auftrag erhalten, am Ende der Zeit die Wahrheit ans Licht zu bringen und der Welt die Sangreal-Dokumente zu offenbaren. M�nner wie Leonardo da Vinci, Sandro Botticelli und Isaac Newton haben im Laufe der Jahrhunderte die gr��ten Risiken auf sich genommen, um diesem Auftrag gerecht zu werden. Und nun kommt im letzten Moment ein Jacques Sauni�re daher und �berlegt es sich anders! Der Mann, dem die unverdiente Ehre zugefallen ist, die gr��te Verantwortung in der Geschichte des Christentums zu tragen, hat sich davor gedr�ckt und kurzerhand erkl�rt, die Zeit sei noch nicht reif!� Teabing starrte Sophie an. �Er hat den Gral verraten. Er hat die <emphasis>Prieur�</emphasis> verraten. Und er hat die ungez�hlten Generationen verraten, die sich daf�r eingesetzt haben, dass eines Tages die Wahrheit offenbart werden kann.�</p><p>�<emphasis>Sie</emphasis> also!�, rief Sophie, und ihre gr�nen Augen funkelten. �Sie sind der Drahtzieher des Mordes an meinem Gro�vater!�</p><p>�Ihr Gro�vater und seine Seneschalle waren Verr�ter am Gral�, spie Teabing ver�chtlich hervor.</p><p>Sophie sp�rte, wie hei�er Zorn in ihr aufloderte. <emphasis>Er l�gt!</emphasis></p><p>�Ihr Gro�vater hat sich bei der Kirche angebiedert�, sagte Teabing kalt. �Es liegt doch auf der Hand, dass er dem Druck der Kirche nicht standgehalten und die Wahrheit zur�ckgehalten hat.�</p><p>Sophie sch�ttelte heftig den Kopf. �Die Kirche hatte nicht den geringsten Einfluss auf meinen Gro�vater!�</p><p>Teabing lachte h�hnisch auf. �Meine Liebe, die Kirche hat zweitausend Jahre Erfahrung darin, Menschen unter Druck zu setzen, die das L�gengewebe der Kurie gef�hrden. Seit den Tagen Kaiser Konstantins hat sie erfolgreich die Wahrheit �ber Jesus und Maria Magdalena verbergen k�nnen. Also darf man getrost davon ausgehen, dass die Kirche auch diesmal wieder einen Weg gefunden hat, die Welt im Ungewissen zu lassen. Sie schickt zwar keine Kreuzritter mehr aus, um Ungl�ubige abzuschlachten, aber ihre M�glichkeiten der Einflussnahme haben keineswegs gelitten. Sie sind so wirksam wie eh und je � und genauso heimt�ckisch.� Er machte eine wirkungsvolle Pause. �Miss Neveu, hat Ihr Gro�vater nicht schon seit geraumer Zeit versucht, Sie in die Wahrheit �ber Ihre Familie einzuweihen?�</p><p>�Woher wissen Sie das?�, fragte Sophie verwundert.</p><p>�Das ist im Moment unwichtig. Wichtig ist allein, dass Sie etwas dar�ber erfahren.� Er holte tief Luft. �Der Tod Ihrer Mutter und Gro�mutter, Ihres Vaters und Ihres Bruders war kein normaler Unfall.�</p><p>Sophies Gedanken rasten. Sie �ffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte aber keinen Laut hervor.</p><p>Langdon sch�ttelte den Kopf. �Was behaupten Sie da?�, herrschte er Teabing an.</p><p>�Ist das denn nicht die Erkl�rung, Robert? Passt denn nicht alles genau zusammen? Die Geschichte hat sich wiederholt. Die Kirche hat noch nie vor Mord und Totschlag zur�ckgeschreckt, zumal, wenn es um den Gral ging. Als das Ende der Zeit nahte, wurden die Angeh�rigen des Gro�meisters der <emphasis>Prieur�</emphasis> ger�tet, um ihm eine unmissverst�ndliche Botschaft zu �bermitteln: Bewahre Stillschweigen, oder du selbst und deine Enkelin sind die N�chsten!�</p><p>�Es war � ein Verkehrsunfall�, sagte Sophie stockend. Die Qualen der Kindheit stiegen wieder in ihr auf. �Ein <emphasis>Unfall</emphasis>!�</p><p>�Das sind Gutenachtgeschichten, die man Ihnen aufgetischt hat!�, stie� Teabing hervor. �F�llt Ihnen denn nicht auf, dass nur zwei Mitglieder Ihrer Familie bisher mit dem Leben davongekommen sind? Jacques Sauni�re, Gro�meister der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> und Sie selbst, seine Enkelin? Ein besseres Druckmittel zur Kontrolle der <emphasis>Prieur�</emphasis> konnte es f�r die Kirche gar nicht geben. Ihr Gro�vater muss in den vergangenen Jahrzehnten unter furchtbarem Druck gestanden haben! Ihm sa� die Drohung der Kirche im Nacken, dass man ihn abschlachtete und dass auch Sie get�tet w�rden, falls er die <emphasis>Prieur�</emphasis> nicht dazu brachte, dem uralten Gel�bde abzuschw�ren, das Geheimnis des Sangreal zu l�ften.�</p><p>�Unsinn�, sagte Langdon ver�rgert. �Ihnen fehlt jeder Beweis, dass die Kirche etwas mit diesem Unfall zu tun hatte oder dass sie die <emphasis>Prieur�</emphasis> zum Schweigen gezwungen hat.�</p><p>�Beweis?�, rief Teabing. �Sie wollen einen Beweis, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> unter Druck gesetzt wurde? Das neue Jahrtausend ist angebrochen, und die Welt verharrt immer noch in Unkenntnis! Ist das nicht Beweis genug?�</p><p>Sophie h�rte eine Stimme tief in ihrem Innern: <emphasis>Ich muss dir die Wahrheit �ber deine Familie erz�hlen, Sophie �</emphasis> Sie zitterte am ganzen Leib. War das die Wahrheit, die der Gro�vater ihr die ganze Zeit erz�hlen wollte? Dass ihre Familie <emphasis>ermordet</emphasis> worden war? Was wusste sie eigentlich �ber den Unfall? Nur ein paar verschwommene Einzelheiten. Sogar die Berichte in den Zeitungen waren nebul�s gewesen.</p><p>Ein Verkehrsunfall? Oder eine Gutenachtgeschichte, wie Teabing behauptete?</p><p>Auf einmal erinnerte Sophie sich wieder an die �bertriebene Besorgtheit ihres Gro�vaters, der sie als Kind nie allein lassen wollte. Selbst w�hrend ihrer Studienzeit hatte Sophie noch das Gef�hl gehabt, vom Gro�vater genauestens beobachtet zu werden. Hatte die <emphasis>Prieur�</emphasis> tats�chlich die sch�tzende Hand �ber sie gehalten, solange sie lebte, und sie aus dem Hintergrund beobachtet?</p><p>Langdon blickte Teabing ungl�ubig an. �Und weil Sie den Verdacht hatten, dass Sauni�re beeinflusst worden ist, haben Sie ihn kurzerhand umgebracht.�</p><p>�Ich habe den Abzug nicht bet�tigt�, sagte Teabing. �Sauni�re war schon seit Jahren ein toter Mann � von dem Moment an, als die Kirche ihn seiner Familie beraubte. Damit war er kompromittiert. Jetzt ist er von dieser Qual erl�st und von der Schande befreit, seiner heiligen Pflicht nicht gewachsen gewesen zu sein. Sauni�re musste sterben. Bedenken Sie doch die Alternative! Es musste etwas geschehen. Oder soll die Welt auf ewig unwissend bleiben? Sollen die L�genm�rchen der Kirche f�r alle Ewigkeit in unseren Geschichtsb�chern stehen? Soll die Kirche auf ewig mit Mord und N�tigung ihren Einfluss sichern k�nnen? Nein, es war an der Zeit, dass etwas geschah. Und jetzt sind wir im Begriff, Sauni�res Verm�chtnis zu erf�llen und ein schreckliches Unrecht wieder gutzumachen.� Teabing hielt inne. �Wir drei.�</p><p>Sophie konnte es nicht fassen. �Wie kommen Sie auf die Idee, dass wir Ihnen helfen?�</p><p>�Weil Sie der Grund daf�r sind, dass die <emphasis>Prieur�</emphasis> die geheimen Dokumente nicht ver�ffentlicht hat. Die Liebe Ihres Gro�vaters zu seiner Enkelin war der Grund daf�r, dass er die Kirche nicht blo�gestellt hat. Die Angst vor Repressalien gegen die letzte �berlebende seiner Familie. Sauni�re war handlungsunf�hig! Weil Sie ihn abgewiesen haben, Sophie, haben Sie ihm jede Chance genommen, Sie in die Wahrheit einzuweihen! Sie haben ihm die H�nde gebunden, haben ihn warten lassen. Jetzt sind Sie an der Reihe. Sie schulden der Welt die Wahrheit. Sie sind es dem Andenken Ihres Gro�vaters schuldig!�</p><empty-line/><p>Ungeachtet des Gewitters ungel�ster Fragen, das in seinem Kopf tobte, war f�r Langdon jetzt nur noch eines wichtig � er musste Sophie lebend hier herausbekommen. Die Schuldgef�hle, die er zuvor an Teabing verschwendet hatte, galten nun Sophie Neveu.</p><p><emphasis>Du hast sie nach Ch�teau Villette gebracht. Du bist f�r alles verantwortlich.</emphasis></p><p>Langdon konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass Teabing imstande war, ihn und Sophie hier im Kapitelhaus kaltbl�tig zu t�ten. Andererseits war er offensichtlich in die vielen Morde verwickelt, zu denen es bei dieser ungl�ckseligen Schatzsuche gekommen war. Langdon hatte das bedr�ckende Gef�hl, dass in diesem abgeschiedenen Saal ein paar Sch�sse nicht auffallen w�rden, zumal bei diesem Regen. Au�erdem hatte Teabing soeben ein Gest�ndnis vor ihnen abgelegt.</p><p>Langdon blickte Sophie an, die totenblass geworden war. Die Kirche soll ihre Familie ermordet haben, um das Schweigen der <emphasis>Prieur�</emphasis> zu erzwingen? Langdon sch�ttelte den Kopf. Es musste eine andere Erkl�rung geben.</p><p>�Lassen Sie Sophie gehen�, forderte er Teabing auf und blickte ihn fest an. �Wir sollten diese Sache unter uns ausmachen.�</p><p>Teabing lachte leise. �Ich f�rchte, zu diesem Vertrauensbeweis bin ich nicht in der Lage. Aber ich bin bereit, Ihnen daf�r etwas anderes anzubieten.� Auf die Kr�cken gest�tzt, hielt er die Waffe auf Sophie gerichtet, w�hrend er in die Tasche griff, das Kryptex hervorzog und es Langdon hinhielt. �Als Beweis meines Vertrauens, Robert.�</p><p>Langdon verharrte argw�hnisch. <emphasis>Weshalb gibt er uns das Kryptex zur�ck!</emphasis></p><p>�Nun nehmen Sie schon�, sagte Teabing und hielt es Langdon hin.</p><p>Langdon hatte nur eine Erkl�rung f�r Teabings Verhalten. �Sie haben das Kryptex bereits ge�ffnet. Der Wegweiser ist nicht mehr drin.�</p><p>Teabing sch�ttelte den Kopf. �Wenn ich das Passwort gefunden h�tte, Robert, w�re ich l�ngst verschwunden, um den Gral allein zu finden. Aber ich kenne das Passwort nicht � und das gebe ich offen zu. Angesichts des Grals lernt ein echter Ritter Bescheidenheit. Und er lernt, auf Zeichen zu achten. Als ich Sie und Miss Neveu diese Kirche betreten sah, habe ich begriffen. Sie sind gekommen, weil irgendetwas Sie hierher getrieben hat. Mir geht es nicht um pers�nlichen Ruhm. Ich diene einem viel h�heren Herrn als meiner eigenen Eitelkeit. Ich diene der Wahrheit. Die Menschheit hat ein Anrecht darauf. Der Gral hat uns gefunden, und nun bittet er uns, dass wir ihn der Menschheit enth�llen. Wir m�ssen dieses Werk gemeinsam vollbringen.�</p><p>Trotz der Bitte um Zusammenarbeit und Vertrauen hielt Teabing die Waffe unverwandt auf Sophie gerichtet, w�hrend Langdon ihm den kalten Marmorzylinder aus der Hand nahm. Als er ihn ergriff und einen Schritt zur�cktrat, gluckerte im Innern der Essig. Die Segmente befanden sich noch in einer zuf�lligen Anordnung � das Kryptex war fest verschlossen.</p><p>Langdon sah Teabing an. �Wie k�nnen Sie sicher sein, dass ich das Kryptex nicht zertr�mmere?�</p><p>Teabing lachte gespenstisch in sich hinein. �Ich hatte schon in der Temple Church erkennen m�ssen, dass das eine leere Drohung war. Ein Robert Langdon w�rde den Schlussstein niemals zerst�ren � daf�r sind Sie ein viel zu besessener Historiker. Robert, Sie halten den Schl�ssel zu zweitausend Jahren Geschichte in der Hand � den verlorenen Schl�ssel zum Sangreal. H�ren Sie denn nicht die Schreie der gequ�lten Seelen jener Ritter, die sich zur Wahrung des Geheimnisses auf den Scheiterhaufen zerren und verbrennen lie�en? Wollen Sie, dass diese M�nner vergeblich gestorben sind? Sie, Robert, werden sich mit den gro�en Geistern, denen Ihre Bewunderung gilt, in eine Reihe stellen k�nnen � mit da Vinci, Botticelli, Newton. Jeder dieser Gro�en h�tte es als Ehre empfunden, jetzt Ihren Platz einnehmen zu d�rfen. Der Inhalt des Kryptex muss endlich offenbart werden. Die Zeit ist gekommen, Robert, und das Schicksal hat diesen Augenblick erw�hlt!�</p><p>�Aber ich kann Ihnen nicht helfen, Leigh. Ich habe keine Ahnung, wie ich das Kryptex aufbekommen soll. Ich konnte Newtons Grab nur kurz in Augenschein nehmen, und selbst wenn ich das Passwort w�sste � � Langdon verstummte. Er hatte schon zu viel gesagt.</p><p>� � dann w�rden Sie es mir nicht verraten?� Teabing seufzte. �Robert, ich bin sehr entt�uscht, dass Sie anscheinend nicht begreifen, wie tief Sie in meiner Schuld stehen. Meine Aufgabe w�re viel einfacher gewesen, h�tten R�my und ich Sie bereits in dem Moment ausgeschaltet, als Sie auf Ch�teau Villette erschienen sind. Stattdessen habe ich alles aufs Spiel gesetzt, um einen achtbareren Weg zu beschreiten.�</p><p>Langdon blickte auf die Waffe in Teabings Hand. �Das soll achtbar sein?�, rief er aus.</p><p>�Es ist Sauni�res Schuld�, verteidigte sich Teabing. �H�tten er und seine Seneschalle Silas nicht in die Irre gef�hrt, h�tte ich ohne Schwierigkeiten in den Besitz des Schlusssteins gelangen k�nnen. Wie h�tte ich denn ahnen sollen, dass der Gro�meister der <emphasis>Prieur�</emphasis> so gewaltige Anstrengungen unternimmt, um mich zu t�uschen und den Schlussstein seiner Enkelin zu vermachen � einer Au�enstehenden?� Teabing musterte Sophie ver�chtlich. �Einer Person, deren Wissen so beschr�nkt ist, dass sie einen Symbolkundler als Babysitter braucht.� Teabings Blick glitt zur�ck zu Langdon. �Ihr Eingreifen hat sich f�r mich allerdings als Gl�cksfall erwiesen. Ihnen ist es zu verdanken, dass der Schlussstein nicht auf ewig in einem Schlie�fach eingesperrt geblieben ist. Sie haben ihn befreit und sind mit ihm schnurstracks in mein Haus spaziert.�</p><p><emphasis>Wohin sonst h�tten wir uns wenden sollen</emphasis>?, dachte Langdon. <emphasis>Die Gemeinde der Gralhistoriker ist klein, und mit Leigh Teabing verbindet mich eine gemeinsame Geschichte.</emphasis></p><p>Teabing blickte selbstgef�llig drein. �Als ich h�rte, dass der sterbende Sauni�re Ihnen eine Botschaft hinterlassen hatte, war mir sofort klar, dass Sie in den Besitz einer wertvollen Information der <emphasis>Prieur�</emphasis> gekommen waren. Ich wusste zwar nicht, ob es sich um den Schlussstein selbst oder nur um die Anweisung handelte, wie er zu finden sei, aber da Ihnen die Polizei auf den Fersen war, konnte ich mir ausrechnen, dass Sie fr�her oder sp�ter vor meiner Haust�r auftauchen w�rden.�</p><p>Langdon blickte Teabing finster an. �Und wenn wir nicht gekommen w�ren?�</p><p>�Ich hatte mir bereits einen Plan zurechtgelegt, um Ihnen eine hilfreiche Hand entgegenzustrecken. Wie auch immer, der Schlussstein war auf dem Weg zum Ch�teau Villette. Dass Sie ihn selbst bei mir abgeliefert haben, macht nur umso deutlicher, dass meine Sache gerecht ist.�</p><p>Langdon verschlug es beinahe die Sprache. �Wie bitte?�</p><p>�Silas sollte ins Ch�teau Villette einbrechen und Ihnen den Schlussstein rauben � womit Sie unbeschadet aus dem Spiel gewesen waren, und mir h�tte niemand eine Komplizenschaft nachsagen k�nnen. Doch als ich erkannte, wie kompliziert Sauni�res Verschl�sselungen waren, habe ich beschlossen, Sie noch ein bisschen l�nger in meine Suche einzubinden. Sp�ter, wenn mein Wissen ausreichte, die Suche allein weiterzuf�hren, konnte Silas den Schlussstein immer noch an sich bringen.�</p><p>�In der Temple Church�, sagte Sophie, und ihre Stimme bebte vor Entt�uschung.</p><empty-line/><p>Die Temple Church war tats�chlich der perfekte Ort gewesen, um Langdon und Sophie den Schlussstein abzunehmen. Die scheinbar offensichtliche Beziehung dieser Kirche zu dem r�tselhaften Vierzeiler machte sie zu einem plausiblen Ziel � und einer perfekten Falle. R�mys Anweisung war eindeutig gewesen: aus dem Blickfeld bleiben, bis Silas den Schlussstein an sich gebracht hatte. Leider hatte Langdons Drohung, das Kryptex auf dem Boden zu zerschmettern, R�my in Panik geraten lassen. Mit Bedauern dachte Teabing an seine vorget�uschte Entf�hrung. <emphasis>W�re R�my doch in der Versenkung geblieben! Er war die einzige Verbindung zu dir, und dieser Narr hat sein Gesicht gezeigt</emphasis>!</p><p>Silas hingegen war zum Gl�ck verborgen geblieben, dass Teabing der geheimnisvolle �Lehrer� war; deshalb war es ein Leichtes gewesen, mit Silas' Hilfe Teabings Entf�hrung zu inszenieren und ihn in ahnungsloser Unschuld zusehen zu lassen, wie R�my den �Entf�hrten� hinten in der Limousine �in Fesseln� legte. Nachdem die schalldichte Trennscheibe hochgefahren war, konnte Teabing in aller Ruhe Silas vorn auf dem Beifahrersitz anrufen und ihn mit dem gespielten franz�sischen Akzent des Lehrers ins Ordenshaus von Opus Dei schicken. Ein anonymer Anruf bei der Polizei hatte gen�gt, Silas kaltzustellen.</p><p>Damit war dieses Problem gel�st.</p><p>Das n�chste Problem war kniffliger gewesen: R�my.</p><p>Die Entscheidung war Teabing schwer gefallen, doch R�my hatte sich nun einmal als Risikofaktor erwiesen. <emphasis>Die Gralssuche verlangt Opfer</emphasis>. Die sauberste L�sung hatte Teabing in der Bar der Limousine entdeckt � einen Flachmann mit Cognac und eine Dose Erdn�sse. Der salzige Bodensatz der Dose hatte ausgereicht, um bei R�my einen t�dlichen Allergieschock auszul�sen. Als R�my den Wagen auf Horse Guards Parade geparkt hatte, war Teabing hinten ausgestiegen, nach vorn zur Beifahrert�r gegangen und hatte sich neben R�my gesetzt. Kurze Zeit sp�ter war er wieder ausgestiegen, hatte hinten im Wagen s�mtliche Spuren beseitigt und sich dann aufgemacht, den letzten Teil seiner Mission zu erf�llen.</p><p>Westminster Abbey war nur ein kurzes St�ck zu Fu� entfernt. Teabings Beinschienen, Kr�cken und der Revolver hatten nat�rlich den Metalldetektor ausgel�st, aber die Amateurpolizisten am Eingang waren mit der Situation heillos �berfordert. <emphasis>Man kann den Mann doch nicht bitten, die Beinschienen abzulegen und auf allen vieren durch die Schleuse zu kriechen. Und einen Behinderten abtasten geht ja wohl auch nicht.</emphasis> Teabing lieferte den hilflosen Wachm�nnern die einfachste L�sung � eine Kennkarte mit gepr�gtem Wappen, mit der er sich als Angeh�riger des britischen Adels auswies. In ihrem Eifer, Teabing zu helfen, waren die armen Kerle sich gegenseitig beinahe auf die F��e getreten.</p><p>Nun richtete Teabing den Blick auf Sophie und Langdon. Nur mit M�he widerstand er der Versuchung, sie in die geniale Finte einzuweihen, mit der er Opus Dei ins Geschehen mit einbezogen hatte und wie er der katholischen Kirche in K�rze eine Katastrophe bescheren w�rde. Aber das musste noch warten. Im Moment hatten andere Dinge Vorrang.</p><p>�<emphasis>Mes amis</emphasis>�, sagte Teabing in tadellosem Franz�sisch, �<emphasis>vous ne trouvez pas le Saint-Graal, c'est le Saint-Graal qui vous trouve</emphasis>.� Du wirst den heiligen Gral nicht finden, der Heilige Gral findet dich. Er l�chelte. �Der Weg, den wir von nun an gemeinsam gehen werden, k�nnte klarer nicht sein. Der Gral hat uns gefunden.�</p><p>Stille.</p><p>Teabing senkte die Stimme zu einem Fl�stern. �K�nnen Sie es h�ren? H�ren Sie es? Der Gral spricht zu uns, �ber die Jahrhunderte hinweg. Er fleht uns an, ihn vor der Torheit der <emphasis>Prieur�</emphasis> zu retten. Und ich flehe Sie an, diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Hier und jetzt sind jene drei Menschen beisammen, die am ehesten f�hig sind, das letzte Codewort zu knacken und das Kryptex zu �ffnen.� Teabing hielt inne. Seine Augen leuchteten. �Wir m�ssen einen Schwur anlegen und uns gegenseitiges Vertrauen geloben. Wir m�ssen ein ritterliches B�ndnis schlie�en, die Wahrheit zu enth�llen und zu verbreiten.�</p><p>Sophie starrte Teabing unvers�hnlich in die Augen. �Ich werde dem M�rder meines Gro�vaters niemals etwas schw�ren�, stie� sie hervor, �es sei denn, ihn hinter Gitter zu bringen.�</p><p>�Mademoiselle, ich bedaure Ihre Entscheidung.� Teabing wandte sich von Sophie ab und richtete die Waffe auf Langdon. �Und Sie, Robert? Sind Sie f�r oder gegen mich?�</p></section><section><title><p><strong>100. KAPITEL</strong></p></title><p>Bischof Manuel Aringarosa musste nicht zum ersten Mal schlimme Schmerzen erdulden, doch das Brennen und Pochen der Schusswunde in seiner Brust war anders, weniger der Schmerz einer fleischlichen Wunde � mehr einer Wunde der Seele.</p><p>Er �ffnete die Augen und versuchte sich zu orientieren, doch der Regen, der ihm ins Gesicht peitschte, nahm ihm die Sicht. <emphasis>Wo bist du?</emphasis> Er f�hlte kr�ftige Arme, die seinen von der schwarzen Soutane umflatterten schlaffen K�rper wie eine Gliederpuppe trugen.</p><p>Aringarosa hob den kraftlosen Arm und fuhr sich �ber die Augen. Der Mann, der ihn trug, war Silas. Der riesige Albino taumelte mit ihm ein nasses Trottoir entlang und rief nach einem Krankenwagen. Der Blick seiner roten Augen war starr nach vorn gerichtet, und Tr�nen str�mten �ber sein blutverschmiertes bleiches Gesicht.</p><p>�Mein Sohn�, fl�sterte Aringarosa, �du bist verletzt.�</p><p>Silas richtete den Blick auf den Bischof. Sein Gesicht war vor Trauer und Leid verzerrt. �Vater � es tut mir unendlich Leid.� Vom Schmerz �bermannt, brachte er die Worte nur m�hsam hervor.</p><p>�Nein, Silas�, sagte Aringarosa, �ich bin es, dem es Leid tun muss � dem alles Leid tun muss. Es ist meine Schuld � � <emphasis>Der Lehrer hat versprochen, dass es kein Blutvergie�en geben wird, und du hast Silas aufgefordert, ihm aufs Wort zu gehorchen!</emphasis> �Ich wollte zu hoch hinaus. Wir haben uns t�uschen lassen.� <emphasis>Der Lehrer hatte nie die Absicht, uns den Gral zu �bergeben.</emphasis></p><p>In den Armen des Mannes, den er vor so vielen Jahren bei sich aufgenommen hatte, schweiften Aringarosas Gedanken in die Vergangenheit � nach Spanien und seinen bescheidenen Anf�ngen, als er mit Silas zusammen die kleine katholische Kirche in Oviedo gebaut hatte, und dann nach New York, wo er mit dem Bau der turmhohen Opus-Dei-Zentrale an der Lexington Avenue aller Welt die Gr��e und den Ruhm Gottes verk�ndet hatte.</p><p>Vor f�nf Monaten jedoch hatte Aringarosa eine vernichtende Nachricht erhalten. Sein Lebenswerk war in Gefahr. Er erinnerte sich noch lebhaft an das Treffen im Castel Gandolfo, das sein Leben von Grund auf ver�ndert hatte � und an die Nachricht, die der Ausl�ser der ganzen Misere gewesen war.</p><p>Aringarosa war hoch erhobenen Hauptes in die astronomische Bibliothek von Castel Gandolfo geschritten, befl�gelt von der Erwartung, dass sich ihm H�nde entgegenstreckten, dass man ihm auf die Schulter klopfte und zu seiner hervorragenden Leistung f�r die Sache des Katholizismus in den Vereinigten Staaten begl�ckw�nschte.</p><p>Doch es waren nur drei Leute anwesend.</p><p>Der fette, m�rrische Kardinalstaatssekret�r sowie zwei hochrangige italienische Kardin�le, s�ffisant, scheinheilig und �berheblich.</p><p>Der korpulente Gebieter �ber die rechtlichen Angelegenheiten des Vatikans hatte Aringarosa begr��t und ihn mit einer knappen Bewegung der teigigen Hand aufgefordert, ihm gegen�ber Platz zu nehmen. �Bitte, lieber Mitbruder, machen Sie es sich bequem.�</p><p>Aringarosa hatte sich gesetzt, von dem bangen Gef�hl erf�llt, dass irgendetwas in der Luft lag.</p><p>�Lieber Bruder, im Smalltalk bin ich leider unge�bt�, hatte der Sekret�r das Gespr�ch er�ffnet. �Gestatten Sie mir daher, dass ich ohne Umschweife auf den Grund Ihres Besuchs bei uns zu sprechen komme.�</p><p>�Bitte, sprechen Sie ganz offen.� Aringarosa hatte zu den Kardin�len hin�bergeschaut, die ihn taxierten � in selbstgerechter Erwartung dessen, was da nun folgen w�rde.</p><p>�Wie Ihnen sicher bekannt ist�, fuhr der Sekret�r fort, �haben Seine Heiligkeit und andere hochrangige W�rdentr�ger Roms in j�ngster Zeit mit tiefer Besorgnis den politischen Wellenschlag verfolgt, den Opus Dei mit seinen umstrittenen Praktiken ausgel�st hat.�</p><p>Aringarosa sp�rte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Er hatte dieses Thema schon mehrere Male mit dem neuen Papst er�rtert, der sich zu Aringarosas Entsetzen als lautstarker F�rsprecher eines liberalen Kurswechsels der Kirche erwiesen hatte.</p><p>�Seien Sie versichert�, hatte der Sekret�r rasch hinzuf�gt, �dass Seine Heiligkeit Ihnen in keiner Weise in Ihre Amtsf�hrung hineinreden m�chte.�</p><p><emphasis>Das will ich auch hoffen</emphasis>. �Weshalb hat man mich dann herbestellt?�</p><p>Der Sekret�r seufzte. �Lieber Mitbruder, da ich nicht wei�, wie ich es Ihnen schonend beibringen soll, werde ich keine Umschweife machen. Vor zwei Tagen hat der Rat der Kurie einstimmig beschlossen, Opus Dei die vatikanische Pr�latur zu entziehen.�</p><p>Aringarosa glaubte, sich verh�rt zu haben. �W�rden Sie das bitte wiederholen?�</p><p>�In schlichten Worten bedeutet es, dass Opus Dei nach Ablauf von sechs Monaten nicht mehr als Pr�latur des Heiligen Stuhls zu betrachten ist. Der Heilige Stuhl wird sich von Ihnen distanzieren. Sie werden wieder zu einer normalen religi�sen Organisation. Seine Heiligkeit hat sich dieser Auffassung angeschlossen. Die entsprechenden Papiere werden derzeit ausgefertigt.�</p><p>�Aber � das ist doch nicht m�glich!�</p><p>�Ganz im Gegenteil. Es ist sehr wohl m�glich. Und notwendig. Ihre aggressiven Rekrutierungspraktiken und Ihre Praxis der k�rperlichen Selbstkasteiung haben den Unwillen Seiner Heiligkeit erregt.� Er hielt kurz inne. �Und was Ihre Haltung in der Frauenfrage betrifft, muss ich ganz offen sagen, dass Opus Dei zu einer Belastung und einem �rgernis geworden ist.�</p><p>Bischof Aringarosa war sprachlos. �Ein �rgernis?�</p><p>�Dass es so weit gekommen ist, kann Sie doch nicht �berraschen.�</p><p>�Opus Dei ist die einzige katholische Organisation mit wachsenden Mitgliederzahlen! Wir haben mittlerweile �ber elfhundert Priester!�</p><p>�Gewiss. Es ist ein betr�bliches Thema f�r uns alle.�</p><p>Aringarosa sprang auf. �Fragen Sie doch Seine Heiligkeit, ob Opus Dei auch ein �rgernis war, als wir 1982 der Vatikanbank aus der Klemme geholfen haben!�</p><p>�Das wird der Vatikan Ihnen nie vergessen�, sagte der Kuriensekret�r beg�tigend. �Gleichwohl sind viele der Meinung, dass Ihnen vor allem Ihr gro�z�giges Finanzgebaren im Jahr 1982 die p�pstliche Pr�latur eingetragen hat.�</p><p>�Das ist nicht wahr!�, brach es aus Aringarosa heraus. Die Unterstellung kr�nkte ihn tief.</p><p>�Wie dem auch sei, wir haben die Absicht, eine saubere L�sung zu finden. Wir werden eine Abfindungsvereinbarung mit Ihnen treffen, die auch die Erstattung der damaligen Gelder umfasst. Die Zahlung wird in f�nf Raten erfolgen.�</p><p>�Sie wollen mich auszahlen?�, rief Aringarosa emp�rt. �Sie wollen mein Schweigen erkaufen? Ich soll mich lautlos aus dem Staub machen? Und das, obwohl Opus Dei die einzige noch verbliebene Stimme der Vernunft innerhalb der katholischen Kirche ist?�</p><p>Einer der Kardin�le hob den Blick. �Wie bitte? Sagten Sie <emphasis>Vernunft</emphasis>?�</p><p>Aringarosa beugte sich weit �ber den Tisch. Seine Stimme wurde schneidend. �Ist es f�r Sie wirklich eine so gro�e �berraschung, lieber Mitbruder, dass der katholischen Kirche die Gl�ubigen in Scharen davonlaufen? Schauen Sie sich doch einmal um! Die Menschen haben die Achtung vor der Kirche verloren. Der Glaube hat keinen Anreiz mehr f�r sie. Die Lehre ist zum Partygespr�ch verkommen. Die voreheliche Enthaltsamkeit, die Beichte, die Kommunion, die Taufe, die heilige Messe � was bedeutet es den Menschen noch? Was hat die Kirche an geistiger F�hrung denn noch anzubieten?�</p><p>�Das Kirchengesetz des dritten Jahrhunderts taugt nicht f�r das moderne Christentum�, sagte der zweite Kardinal. �Die Regeln von damals funktionieren in der modernen Gesellschaft nicht mehr.�</p><p>�Bei Opus Dei funktionieren sie sehr gut!�</p><p>�Bruder Aringarosa�, sagte der Kuriensekret�r, und es klang endg�ltig, �aus Respekt vor dem guten Einvernehmen Ihrer Organisation mit unserem letzten Papst m�chte Seine Heiligkeit Ihnen eine Frist von sechs Monaten f�r eine freiwillige Trennung vom Vatikan einr�umen, die von Ihrer Seite aus erfolgen muss. Ich w�rde vorschlagen, dass Sie unter Berufung auf die Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen und dem Heiligen Stuhl von diesem Angebot Gebrauch machen und sich wieder als eigenst�ndige christliche Vereinigung etablieren.�</p><p>�Das kommt gar nicht in Frage!�, erkl�rte Aringarosa kategorisch. �Und das werde ich Seiner Heiligkeit pers�nlich mitteilen!�</p><p>�Ich bef�rchte, Seine Heiligkeit legt auf eine pers�nliche Aussprache keinen Wert mehr.�</p><p>Aringarosa erhob sich. �Er wird es nicht wagen, eine von seinem Vorg�nger eingerichtete pers�nliche Pr�latur aufzuk�ndigen!�</p><p>�Tut mir Leid�, sagte der Kardinalstaatssekret�r leidenschaftslos. �Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.�</p><p>Best�rzt war Aringarosa nach New York zur�ckgekehrt.</p><p>Einige Wochen sp�ter bekam er den Anruf, der alles ver�ndert hatte. Der Anrufer schien ein Franzose zu sein und stellte sich als <emphasis>der Lehrer</emphasis> vor � ein g�ngiger Titel in der Pr�latur. Er sagte, er habe davon erfahren, dass der Vatikan Opus Dei die Unterst�tzung aufk�ndigen wolle.</p><p><emphasis>Wie hat er das erfahren?,</emphasis> hatte Aringarosa sich gefragt. Er hatte gehofft, dass nur ein paar M�nner an den wichtigsten Schaltstellen des Vatikans �ber die drohende Aufk�ndigung der Pr�latur im Bilde seien, doch die Neuigkeit hatte offensichtlich schon die Runde gemacht. Was Klatsch anbelangte, gab es keine por�seren Mauern als die des Vatikans.</p><p>�Exzellenz, ich habe meine Ohren �berall�, hatte der Lehrer gefl�stert, �und die haben mir gewisse Neuigkeiten zugetragen. Mit Ihrer Hilfe wird es mir m�glich sein, das Versteck einer heiligen Reliquie aufzusp�ren, die Ihnen unvorstellbare Macht verschaffen wird � so viel Macht, dass selbst der Vatikan das Haupt vor Ihnen wird beugen m�ssen.� Der Anrufer z�gerte. �Nicht nur vor Opus Dei. Vor uns allen.�</p><p><emphasis>Der Herr hat's genommen, der Herr hat's gegeben.</emphasis> Aringarosa hatte einen w�rmenden Sonnenstrahl der Hoffnung versp�rt. �Erkl�ren Sie mir Ihren Plan.�</p><empty-line/><p>Bischof Aringarosa war bewusstlos, als die automatischen T�ren des St. Mary's Hospitals sich zischend vor ihm �ffneten. Halb ohnm�chtig vor Ersch�pfung taumelte Silas herein, brach in die Knie und rief um Hilfe. Im Empfangsbereich fuhren alle herum und starrten entsetzt auf den halb nackten, riesenhaften Albino und den blutverschmierten Geistlichen, den der H�ne hereingeschleppt hatte.</p><p>Der herbeigeeilte Arzt machte ein bedenkliches Gesicht, nachdem Silas ihm geholfen hatte, den halb bewusstlosen Aringarosa auf die Rollbahre zu legen. �Der Verletzte hat schon sehr viel Blut verloren. Ich kann Ihnen keine gro�en Hoffnungen machen.�</p><p>Aringarosas Lider zuckten. F�r einen Moment richtete sein Blick sich auf Silas' Gesicht. �Mein Sohn � �</p><p>In Silas' Innerm fochten Reue und Wut einen erbitterten Kampf aus. �Vater, ich werde den Betr�ger finden und zur Strecke bringen � und wenn es Jahre dauert!�</p><p>Aringarosa sch�ttelte matt den Kopf. �Silas, bitte�, sagte er mit traurigem Blick, �wenn du sonst nichts von mir gelernt hast, beherzige wenigstens diesen einen Grundsatz.� Er nahm Silas' Hand und dr�ckte sie fest. �Gottes gr��tes Geschenk ist die Vergebung.�</p><p>�Aber Vater � �</p><p>Aringarosa schloss die Augen. �Du musst beten, Silas.�</p></section><section><title><p><strong>101. KAPITEL</strong></p></title><p>Robert Langdon stand unter der hohen Kuppel des verlassenen Kapitelhauses und starrte in die M�ndung von Leigh Teabings Revolver.</p><p><emphasis>Sind Sie f�r oder gegen mich, Robert</emphasis>? Teabings Frage hallte in Langdons Kopf wider.</p><p>Eine vertretbare Antwort darauf gab es nicht. Sagte er ja, war Sophie aus dem Spiel, sagte er nein, hatte Teabing keine andere Wahl, als sie beide zu t�ten.</p><p>Langdons langj�hrige Erfahrung im H�rsaal hatte ihn zwar nicht darauf vorbereitet, wie man sich verh�lt, wenn man mit einer Waffe bedroht wird, aber er hatte gelernt, mit paradoxen Fragen fertig zu werden. <emphasis>Wenn eine Frage keine richtige Antwort zul�sst, gibt es nur eine L�sung</emphasis>.</p><p>Die Grauzone zwischen ja und nein.</p><p><emphasis>Stille.</emphasis></p><p>Den Blick fest auf das Kryptex in seiner Hand geheftet, trat er ein paar Schritte nach hinten auf die freie Fl�che des riesigen Saals. <emphasis>Neutraler Boden</emphasis>. Langdon spekulierte darauf, dass Teabing seine Konzentration auf das Kryptex als Zeichen der Bereitschaft zur Zusammenarbeit interpretierte. Der britische Gralsforscher rechnete offenbar damit, die Ber�hrung des marmornen Kryptex werde Langdon die Erhabenheit und Einzigartigkeit des Inhalts sp�ren lassen und seine wissenschaftliche Neugier auf eine Weise herausfordern, dass er alles andere dar�ber verga�. Langdon sollte erkennen, dass ein bedeutendes St�ck Geschichte f�r immer verloren ging, wenn es ihm nicht gelang, das Kryptex zu �ffnen.</p><p>Langdon sah Sophie wie erstarrt vor der vorgehaltenen Waffe stehen. Die Entschl�sselung des Passworts f�r das Kryptex bot die wohl einzige Chance, Sophies Leben zu retten. <emphasis>Wenn du den Wegweiser in die Hand bekommst, wird Teabing verhandeln m�ssen</emphasis>. Langdon zwang sich zur Konzentration. In tiefes Nachdenken versunken, ging er zu den gro�en Fenstern hin�ber. Die astronomischen Abbildungen auf Newtons Grabmal gingen ihm durch den Kopf.</p><p><emphasis>Such die Kugel, die auf dem Grab sollt' sein. Mit rosig Fleisch und samenschwerem Leib.</emphasis></p><p>Den anderen den R�cken zugewandt, trat Langdon an die hohen Fenster und versuchte, deren Glasmalereien irgendeine Anregung zu entnehmen.</p><p>Es gab keine.</p><p><emphasis>Du musst dich in Sauni�res Lage versetzen</emphasis>, ermahnte er sich und schaute hinaus in den College Garden. <emphasis>Was f�r eine Kugel m�sste seiner Meinung nach auf Newtons Grab sein</emphasis>! Bilder von Sternen, Planeten und Kometen zogen vor Langdons geistigem Auge vor�ber, w�hrend drau�en der Regen rauschte. Sauni�re war kein Mann der Naturwissenschaften gewesen. Er war ein Mann, dem das Geschick der Menschen, die Kunst und die Geschichte am Herzen lagen. Das g�ttlich Weibliche � der Kelch � die Rose � die Verleugnung Maria Magdalenas � der Sturz der G�ttinnen � der Heilige Gral �</p><p>In den Legenden tauchte die Gralserscheinung immer wieder in Gestalt einer herzlosen Verf�hrerin auf, die im Zwielicht aufreizend vor ihrem Verfolger hertanzt und ihn fl�sternd ins Ungewisse lockt, um sich unversehens in Nebelschwaden aufzul�sen.</p><p>Langdon betrachtete das schaukelnde Ge�st der Obstb�ume im College Garden. Er sp�rte die Anwesenheit der verspielten Verf�hrerin. Ihre Zeichen waren allgegenw�rtig. Im feuchten Dunst fiel Langdons Blick auf die geisterhaften Silhouetten der �ltesten Apfelb�ume Englands und ihre feuchten, f�nfbl�ttrigen Bl�ten, schimmernd wie die Venus. Die G�ttin hatte sich im Garten eingefunden, tanzte im Regen, sang die uralten Lieder und lugte spitzb�bisch hinter den knorrigen, knospentragenden �sten hervor � wie zum Zeichen f�r Langdon, dass die Frucht der Erkenntnis nur eine Armesl�nge von ihm entfernt wuchs.</p><empty-line/><p>Zufrieden verfolgte Teabing von der anderen Seite des Saales, wie Langdon gleichsam unter einem Bann aus dem Fenster starrte.</p><p><emphasis>Genau wie ich es erhofft habe</emphasis>, dachte er. Er schwenkt auf meine Linie ein.</p><p>Seit einiger Zeit schon hatte Teabing vermutet, dass Langdon auf den Schl�ssel zum Gral gesto�en war. Es war keineswegs ein Zufall, dass Leigh Teabing in jener Nacht zur Tat geschritten war, in der Langdon und Jacques Sauni�re zusammentreffen wollten. Beim Abh�ren der Gespr�che des Museumsdirektors war Teabing zu der �berzeugung gelangt, dass Sauni�res Absicht, sich mit Langdon zu treffen, nur eines bedeuten konnte: Langdons unver�ffentlichtes Manuskript hat einen Nerv der <emphasis>Prieur�</emphasis> getroffen. Teabing war sicher gewesen, dass der Gro�meister Langdon dazu bewegen wollte, Stillschweigen zu wahren.</p><p><emphasis>Aber die Wahrheit war schon lange genug verschwiegen worden.</emphasis></p><p>Silas' Anschlag hatte zwei Ziele erreicht. Zum einen hatte er verhindert, dass Sauni�re mit Langdon zusammengetroffen war, zum anderen hatte er daf�r gesorgt, dass Langdon in Paris greifbar blieb, falls Teabing ohne seine Hilfe mit dem Schlussstein nicht fertig wurde.</p><p>Das f�r Sauni�re t�dliche Treffen mit Silas zu arrangieren war fast schon zu einfach gewesen. Teabing hatte nur auf der Klaviatur der schlimmsten �ngste Sauni�res zu spielen brauchen. Am gestrigen Nachmittag hatte er Silas den Auftrag erteilt, den Museumsdirektor anzurufen. Silas hatte Sauni�re am Telefon einen Priester in Gewissensn�ten vorgespielt. �Monsieur Sauni�re, verzeihen Sie meine Ungeduld, aber ich muss Sie sofort sprechen. Ich habe soeben einem Mann die Beichte abgenommen, der sich dazu bekannt hat, Ihre Angeh�rigen ermordet zu haben. Gegen das Beichtgeheimnis zu versto�en ist normalerweise undenkbar f�r mich, aber in diesem Fall werde ich mich dar�ber hinwegsetzen � �</p><p>Sauni�re hatte erschrocken, zugleich aber vorsichtig reagiert. �Meine Angeh�rigen sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Bericht der Polizei war eindeutig.�</p><p>�Ganz recht, Ihre Angeh�rigen sind mit dem Wagen verungl�ckt. Doch der Mann hat mir anvertraut, dass er den Wagen von einer Br�cke in den Fluss gedr�ngt hat.�</p><p>Sauni�re war verstummt.</p><p>�Monsieur Sauni�re, ich h�tte mich niemals mit Ihnen in Verbindung gesetzt, h�tte dieser Mann nicht eine Bemerkung gemacht, die mich nun um Ihre Sicherheit f�rchten l�sst.� Der Anrufer z�gerte. �Auch Ihre Enkelin Sophie ist in Gefahr.�</p><p>Die Erw�hnung Sophies hatte wie ein Z�ndfunke gewirkt. Sauni�re hatte Silas aufgefordert, unverz�glich zu ihm zu kommen, zum sichersten Ort, den der Museumsdirektor kannte � sein B�ro im Louvre. Dann hatte er Sophie angerufen, um sie zu warnen. Die Verabredung mit Langdon war vergessen �</p><p>W�hrend Teabing nun Langdon auf der anderen Seite des Saales beobachtete, hatte er das Gef�hl, erfolgreich einen Keil zwischen Langdon und Sophie getrieben zu haben. Sophie gefiel sich in ihrer trotzigen Haltung, doch Langdon schien sich nach wie vor zu bem�hen, das Passwort zu knacken.</p><p><emphasis>Er hat begriffen, wie wichtig es ist, den Gral zu finden und aus seinem Gef�ngnis zu befreien.</emphasis></p><p>�F�r Sie wird er das Kryptex nicht �ffnen�, sagte Sophie, als h�tte sie Teabings Gedanken gelesen. �Selbst wenn er es k�nnte.�</p><p>Teabing richtete den Blick auf Sophie. Er war inzwischen sicher, dass er die Waffe benutzen musste. Sosehr ihm dieser Gedanke missfiel, wusste er doch, dass er keine Sekunde z�gern w�rde, wenn es so weit war. <emphasis>Du hast ihr jede Chance gelassen, sich auf die richtige Seite zu schlagen. Und der Gral ist bedeutender als wir alle.</emphasis></p><p>In diesem Moment wandte Langdon sich vom Fenster ab. �Das Grabmal � �, sagte er unvermittelt, und in seinen Augen glomm ein schwacher Hoffnungsfunke. �Ich glaube, ich wei� jetzt, an welcher Stelle an Newtons Grab ich nachsehen muss, um das Passwort zu finden.�</p><p>Teabings Herz setzte einen Schlag aus. �Wo? Sagen Sie es mir!�</p><p>�Nein, Robert!�, rief Sophie. Ihre Stimme �berschlug sich beinahe vor Entsetzen. �Wollen Sie ihm etwa helfen? Das kann nicht sein!�</p><p>Langdon kam mit entschlossenen Schritten n�her, das Kryptex in der rechten Hand. Sein Blick wurde hart. �Zuerst m�ssen Sie Sophie gehen lassen�, sagte er zu Teabing.</p><p>Teabings Optimismus geriet ins Wanken. �Robert, wir stehen ganz dicht vor der L�sung eines der gr��ten R�tsel der Menschheit! Lassen Sie jetzt die Spielchen.�</p><p>�Das ist kein Spielchen. Lassen Sie Sophie laufen. Dann werde ich mir Ihnen zu Newtons Grabmal gehen, und wir �ffnen gemeinsam das Kryptex.�</p><p>�Ich gehe nicht. Niemals!�, stie� Sophie zornig hervor. Ihre Augen hatten sich zu Schlitzen verengt. �Das Kryptex wurde von meinem Gro�vater an mich �bergeben. Es steht Ihnen nicht zu, es zu �ffnen!�</p><p>Langdon blickte Sophie an. In seinen Augen spiegelte sich Angst. �Sophie, Sie sind in Gefahr! Ich versuche doch nur, Ihnen zu helfen!�</p><p>�Indem Sie das Geheimnis ans Licht zerren, zu dessen Schutz mein Gro�vater sein Leben gelassen hat? Robert, Sauni�re hat Ihnen vertraut. Ich habe Ihnen vertraut!�</p><p>Panik kroch in Langdons Blick. Teabing musste unwillk�rlich l�cheln. Langdons kl�gliches Bem�hen um Ritterlichkeit war geradezu komisch. <emphasis>Da ist dieser Mann im Begriff, eines der gr��ten R�tsel der Menschheitsgeschichte zu l�sen, und ihm f�llt nichts Besseres ein, als sich mit einer dummen Ziege zu streiten, die l�ngst bewiesen hat, dass sie der Gralssuche nicht w�rdig ist.</emphasis></p><p>�Bitte, Sophie�, flehte Langdon, �Sie m�ssen weg von hier!�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Wenn ich gehen soll, m�ssen Sie mir das Kryptex mitgeben � oder es vernichten.�</p><p>�Was?�</p><p>�Robert, meinem Gro�vater w�re es lieber gewesen, sein Geheimnis f�r immer untergehen zu sehen, als es in den H�nden seines M�rders zu wissen.� Ihre Augen schimmerten feucht, doch ihr Blick blieb fest. Sie sah Teabing an. �Erschie�en Sie mich! Aber ich werde das Verm�chtnis meines Gro�vaters niemals in Ihre schmutzigen H�nde geben!�</p><p>Teabing legte auf Sophie an.</p><p>�Nein!�, rief Langdon und hielt das Kryptex hoch �ber den harten Steinfu�boden. �Nehmen Sie die Waffe weg, Leigh, oder ich lasse es fallen.�</p><p>Teabing lachte auf. �Damit konnten Sie R�my beeindrucken, aber mich nicht. Ich kenne Sie besser. Nun mal ehrlich, Robert. Sie behaupten zu wissen, an welcher Stelle des Grabmals Sie nachschauen m�ssen?�</p><p>�Ja.� Doch das unmerkliche Flackern in Langdons Blick war Teabing nicht entgangen. Langdon log. Es war ein verzweifelter T�uschungsversuch, um Sophie zu retten. Teabing empfand nur noch tiefe Verachtung f�r diesen Mann. <emphasis>Du bist ein einsamer Ritter inmitten von Kleingeistern. Dann musst du das Passwort eben allein knacken.</emphasis></p><p>Langdon und Sophie waren f�r Teabing nur noch ein Klotz am Bein; eine Bedrohung f�r ihn und den Gral. Die beiden zu beseitigen, besonders Robert Langdon, war zwar eine unangenehme Aufgabe, doch Teabing w�rde sie erledigen. Es blieb nur noch die knifflige Aufgabe, Langdon dazu zu bewegen, das Kryptex abzusetzen, damit Teabing dieses Possenspiel ohne Risiko zu Ende bringen konnte.</p><p>Teabing senkte die Waffe. �Als Zeichen meines Vertrauens�, sagte er. �Und jetzt stellen Sie bitte das Kryptex hin. Wir m�ssen vern�nftig miteinander reden.�</p><p>Langdon wusste, dass sein T�uschungsversuch gescheitert war.</p><p>Er sah die Entschlossenheit auf Teabings Gesicht. Der Moment der Wahrheit war gekommen. Sobald er das Kryptex auf den Boden stellte, w�rde Teabing ihn und Sophie t�ten �</p><p>Doch Langdon hatte seinen Entschluss schon vor ein paar Minuten gefasst, als er aus dem Fenster in den College Garden hinaus geschaut hatte.</p><p>Denn dort hatte er die Wahrheit gesehen. Direkt vor seinen Augen. Ganz unvermittelt. Er wusste nicht, woher die Erleuchtung pl�tzlich gekommen war, doch es war keine Sinnest�uschung gewesen.</p><p><emphasis>Der Gral hat sich eine w�rdige Seele gesucht.</emphasis></p><p>Er w�rde Sophie besch�tzen.</p><p>Er w�rde den Gral besch�tzen.</p><p>Doch nun stand er vor Teabing wie ein dem�tiger Untertan vor seinem Herrscher und beugte sich vor, um das Kryptex langsam auf dem Steinboden abzusetzen. Nur noch ein paar Zentimeter �</p><p>�Ja, Robert�, fl�sterte Teabing und richtete den Revolver auf' ihn, �stellen Sie es brav hin.�</p><p>�Tut mir Leid, Leigh.�</p><p>In einer einzigen flie�enden Bewegung richtete Langdon sich pl�tzlich auf und schleuderte das Kryptex mit weit ausholendem Schwung nach oben in die Gew�lbekuppel des Kapitelhauses.</p><empty-line/><p>Mit ohrenbet�ubendem Krachen l�ste sich der Schuss aus dem Medusa-Revolver. Teabing hatte nicht einmal den Druck seines Fingers am Abzug gesp�rt. Langdon hechtete instinktiv zur Seite, als das Geschoss dicht neben seinen F��en auf den Boden schlug und mit hohlem Jaulen als Querschlager vom Stein abprallte. Ein Teil von Teabings Innerm wollte abermals feuern, ein anderer Teil jedoch war viel, viel st�rker und zwang ihn, den Blick nach oben ins Gew�lbe zu richten.</p><p><emphasis>Der Schlussstein!</emphasis></p><p>Die Zeit gerann zu einem Albtraum, der in Zeitlupe ablief. Teabings Welt schrumpfte auf das Kryptex, das durch die Luft zu schweben schien. Er verfolgte seine Bahn bis zum h�chsten Punkt der Kurve, wo es einen winzigen Augenblick in der Luft stillzustehen schien, um dann herabzust�rzen, dem Steinboden entgegen, wobei es sich um sich selbst drehte. Jeden Moment w�rde es aufschlagen und zerplatzen � und mit ihm alle Hoffnungen und Tr�ume Sir Leigh Teabings.</p><p><emphasis>Es darf nicht auf den Boden prallen!</emphasis></p><p>Teabing lie� die Waffe fallen und warf sich nach vorn. Klappernd fielen die Kr�cken zu Boden. Die Arme und H�nde nach vorn gerichtet, schnappte er das Kryptex aus der Luft, geriet jedoch ins Straucheln und schlug schwer zu Boden. Das Kryptex prallte auf den Steinboden. Ein Splittern, das durch Mark und Bein ging, war zu vernehmen.</p><p>Teabing stockte der Atem. Mit vorgestreckten Armen auf dem kalten Steinboden liegend, starrte er beschw�rend auf den Marmorzylinder und hoffte wider alle Vernunft, die Glasphiole im Innern m�ge nicht zersprungen sein.</p><p>Essiggeruch breitete sich aus. Teabing f�hlte eine k�hle Fl�ssigkeit �ber seine Finger laufen. Eisiges Entsetzen �berfiel ihn. <emphasis>NEIN</emphasis>! Teabing sah f�rmlich, wie der Papyrus im Innern des Kryptex vom Essig zu Brei verwandelt wurde.</p><p><emphasis>Langdon, du verdammter Narr, was hast du getan? Das Geheimnis des Grals ist f�r immer verloren!</emphasis></p><p>Teabing brach in unkontrolliertes Schluchzen aus. Der Gral war dahin, alles war zerst�rt. Er versuchte, das Kryptex auseinander zu zw�ngen, um wenigstens noch einen letzten Blick auf den in Aufl�sung begriffenen Wegweiser zu erhaschen. Er zerrte an den Enden des Steinzylinders. Zu seinem ma�losen Erstaunen glitt er widerstandslos auseinander.</p><p>Nach Luft schnappend, sp�hte Teabing hinein. Bis auf ein paar feuchte Glasscherben war der Zylinder leer. Kein Papyrus, der sich in Essig aufl�ste �</p><p>Teabing drehte sich auf den R�cken und blickte zu Langdon hinauf. Sophie war an seine Seite getreten, den Revolver auf Teabing gerichtet.</p><p>Die fassungslosen Blicke Teabings richteten sich wieder auf das Kryptex. Jetzt erst sah er, dass die Einstellscheiben nicht mehr willk�rlich gegeneinander verdreht waren, sondern dass zwischen den Markierungen ein Wort mit f�nf Buchstaben stand.</p><p>APFEL</p><p>�Der Apfel, von dem Eva verbotenerweise gegessen hat�, sagte Langdon k�hl, �was ihr den Zorn Gottes eintrug. Die Erbs�nde. Das Symbol f�r den Untergang des g�ttlich Weiblichen.�</p><p>Teabing traf die Erkenntnis mit schmerzlicher Klarheit. Die Kugel, die man auf Newtons Grabmal vergeblich suchte, konnte nichts anderes sein als der rosige Apfel mit dem prallen Kerngeh�use, der Newton unter einem Apfelbaum auf den Kopf gefallen war und der ihm die Inspiration zu seinem Lebenswerk geliefert hatte.</p><p><emphasis>Seines Werkes Frucht! Das rosige Fleisch mit dem samenschweren Leib!</emphasis></p><p>�Robert!�, stie� Teabing �berw�ltigt hervor, �Sie haben es geschafft, den Schlussstein zu �ffnen! Aber wo haben Sie den Wegweiser?�</p><p>Langdon griff in die Brusttasche seines Tweedjacketts und zog vorsichtig ein d�nnes, offensichtlich uraltes Papyrusr�llchen hervor. Nur ein paar Armesl�ngen von Teabing entfernt rollte er es behutsam auseinander und betrachtete es eingehend. Nach einer Weile glitt ein wissendes L�cheln �ber seine Z�ge.</p><p><emphasis>Er wei� es</emphasis>! Teabing war so begierig, an Langdons Wissen teilzuhaben, dass er am ganzen Leib zitterte. Die Erf�llung seines Lebenstraums war zum Greifen nahe. �Nun sagen Sie schon�, fl�sterte er. �Bitte, Robert, ich flehe Sie an � sagen Sie mir, was da steht. Noch ist es nicht zu sp�t.�</p><p>Drau�en auf dem Gang zum Kapitelhaus n�herten sich rasche, schwere Schritte. Seelenruhig rollte Langdon den Papyrus zusammen und steckte ihn zur�ck in die Tasche.</p><p>�Nein!�, rief Teabing schrill und versuchte vergeblich, auf die Beine zu kommen.</p><p>Die T�r flog auf. Bezu Fache st�rmte in die gro�e Halle, gefolgt von einer Gruppe britischer Polizisten. Faches Blick huschte in die Runde. Als er Teabing hilflos auf dem Boden liegen sah, von Sophie in Schach gehalten, steckte er aufatmend die Waffe ins Holster zur�ck.</p><p>�Agentin Neveu�, wandte er sich dann ungewohnt leise an Sophie, �ich bin erleichtert, Sie und Monsieur Langdon wohlauf zu sehen. Aber Sie h�tten meine Anweisung befolgen sollen, sich der Polizei zu stellen.�</p><p>Die britischen Polizisten verhafteten Teabing und legten ihm Handschellen an.</p><p>Sophie blickte Fache verwundert an. �Wie haben Sie uns aufgesp�rt?�</p><p>Der Capitaine deutete auf Teabing. �Er hat den Fehler gemacht, mit seinem Ausweis herumzufuchteln, um unkontrolliert in diese Kirche zu kommen. Die Wachleute haben im Polizeifunk geh�rt, dass nach ihm gefahndet wird.�</p><p>Teabing geb�rdete sich wie ein Wahnsinniger. �Suchen Sie in Langdons Tasche!� rief er. �Der Wegweiser zum Heiligen Gral! Er ist in Langdons Tasche!� Doch keiner der Beamten reagierte auf diese offenkundig verr�ckten �u�erungen. Teabing richtete den Blick auf Langdon. �Verraten Sie mir, wo er versteckt ist, Robert. <emphasis>Bitte</emphasis>!�, flehte er.</p><p>�Den Gral wird nur finden, wer dessen w�rdig ist�, sagte Langdon. �Ihre eigenen Worte, Sir Leigh.�</p></section><section><title><p><strong>102. KAPITEL</strong></p></title><p>Kensington Gardens lagen im Dunst, als Silas in eine Mulde taumelte, die vor Blicken gesch�tzt war. Ersch�pft, mit wild pochendem Herzen, kniete er auf dem Rasen nieder. Warm sp�rte er das Blut aus der Schusswunde unter seinem Rippenbogen sickern, doch er achtete nicht darauf.</p><p>Im Dunst des Nebels sah es hier wie im Himmel aus, und es war so friedlich, so still.</p><p>Silas hob die blutigen H�nde zum Gebet. Das Prasseln des Regens auf Schultern und R�cken wurde st�rker; die Tropfen liebkosten seine Finger und wuschen sie sauber. Silas sp�rte, wie sein K�rper St�ck f�r St�ck in Nebel zerfloss.</p><p><emphasis>Du bist ein Gespenst.</emphasis></p><p>Ein Windsto� trug den feuchten, erdigen Geruch neuen Lebens zu ihm. Silas betete voller Inbrunst um Vergebung, um Gnade und vor allem darum, dass Gott seinen Mentor, Bischof Aringarosa, nicht vor der Zeit Abberufen m�ge.</p><p><emphasis>Es gibt noch so viel f�r ihn zu tun.</emphasis></p><p>Die Nebelschwaden umwogten den gewaltigen K�rper des Albinos. Silas f�hlte sich seltsam leicht. Er war sicher, die Schwaden w�rden ihn davontragen. Er schloss die Augen und sprach ein letztes Gebet.</p><p>Aus dem Nebel fl�sterte ihm Manuel Aringarosas Stimme etwas zu.</p><p><emphasis>Gott ist voll der G�te und voll der Gnade �</emphasis></p><p>Silas' Qual verebbte. Er wusste, dass der Bischof die Wahrheit gesprochen hatte.</p></section><section><title><p><strong>103. KAPITEL</strong></p></title><p>Am Sp�tnachmittag brach die Sonne durch den grauen Londoner Regenhimmel. Bezu Fache hatte ersch�pft das Verh�rzimmer verlassen und ein Taxi herbeigewunken. Sir Leigh Teabing hatte lautstark seine Unschuld beteuert und wirres Zeug vom Heiligen Gral, uralten Geheimdokumenten und einer geheimnisvollen Bruderschaft gefaselt. Fache hatte sich des Eindrucks nicht erwehren k�nnen, dass der gerissene Teabing schon daran arbeitete, seinen Anw�lten den Weg f�r ein Pl�doyer auf Unzurechnungsf�higkeit zu ebnen.</p><p><emphasis>Von wegen unzurechnungsf�hig</emphasis>, dachte Fache. Teabing hatte mit schier unfassbarer Gr�ndlichkeit daf�r gesorgt, dass er die H�nde in Unschuld waschen konnte � jedenfalls in den kritischen, entscheidenden Punkten. Er hatte den Vatikan und Opus Dei f�r seine Zwecke eingespannt, die sich beide als v�llig unschuldig erwiesen hatten. Die Dreckarbeit hatten unwissentlich ein fanatischer M�nch und ein verzweifelter Bischof f�r ihn erledigt. Der cleverste Schachzug war, dass Teabing seinen Horchposten an einem Ort eingerichtet hatte, der f�r einen Behinderten wie ihn praktisch unzug�nglich war. Das Abh�ren hatte denn auch sein Butler R�my durchgef�hrt � der Einzige, der in Teabings Machenschaften eingeweiht war �, und R�my war inzwischen praktischerweise das beklagenswerte Opfer eines allergischen Schocks geworden.</p><p><emphasis>Das ist wohl kaum die Handschrift eines Mannes, der nicht bei Verstand ist</emphasis>, dachte Fache.</p><p>Auch Collets Informationen aus Ch�teau Villette lie�en erahnen, dass sogar Fache sich von Teabings Durchtriebenheit noch eine Scheibe abschneiden konnte. Um seine Abh�rger�te in den macht- und prestigetr�chtigsten B�ros und Dienststellen von Paris zu platzieren, hatte Teabing sich am Trojanischen Pferd der alten Griechen ein Beispiel genommen. Einige Zielpersonen hatten von Teabing erlesene � und sorgf�ltig verwanzte � Kunstwerke geschenkt bekommen, andere hatten ahnungslos auf Auktionen St�cke ersteigert, die Teabing pr�pariert und im Angebot platziert hatte. Sauni�re hatte eine Einladung zum Dinner erhalten, bei der Teabing sich ihm als Sponsor f�r einen neuen Da-Vinci-Fl�gel im Louvre angeboten hatte. Auf der Einladung hatte sich ein harmlos wirkendes Postskriptum befunden, worin Teabing seine Bewunderung f�r das Modell eines Ritters zum Ausdruck brachte. Teabing schrieb weiter, ihm sei zu Ohren gekommen, dass Sauni�re selbst dieses Modell gebaut habe. Ob er, Teabing, den verehrten Herrn Direktor bitten d�rfe, das Modell zum Dinner mitzubringen?</p><p>Sauni�re war darauf eingegangen und hatte den Ritter gerade lange genug aus den Augen gelassen, um R�my die Installation einer kleinen, unauff�lligen Zusatzfunktion zu gestatten.</p><p>Fache lehnte sich auf der R�ckbank des Taxis zur�ck und schloss die Augen.</p><p><emphasis>Bevor du nach Paris zur�ckkehrst, musst du noch eine letzte Sache erledigen.</emphasis></p><empty-line/><p>Die Sonne schien in den Aufwachraum des St. Mary's Hospitals.</p><p>�Sie haben uns alle sehr beeindruckt�, sagte die Krankenschwester und l�chelte den Patienten an. �Es grenzt an ein Wunder.�</p><p>Bischof Aringarosa l�chelte matt zur�ck. �Ich bin nun mal ein Gl�ckskind.�</p><p>Als die Schwester das Krankenzimmer verlassen hatte und der Bischof allein war, schwand sein L�cheln, und er dachte betr�bt an Silas, dessen Leiche man in einem Park gefunden hatte.</p><p><emphasis>Vergib mir, mein Sohn.</emphasis></p><p>Aringarosa hatte gro�en Wert darauf gelegt, Silas in seinen phantastischen Plan einzubeziehen. Gestern Nacht jedoch hatte Capitaine Fache ihn telefonisch aufgesp�rt und �ber seine Verbindung zu einer Nonne befragt, die in Paris, in der Kirche Saint-Sulpice, ermordet aufgefunden worden war. Aringarosa hatte erkannt, dass die Ereignisse eine schreckliche Wendung genommen hatten. Als er dann noch von den vier anderen Morden erfuhr, war aus seinem Erschrecken nacktes Entsetzen geworden. <emphasis>Silas, was hast du getan?</emphasis> Der Lehrer hatte Silas von der Leine gelassen � und Aringarosa konnte mit seinem Sch�tzling keine Verbindung aufnehmen. Der Lehrer hat Silas missbraucht.</p><p>Um den schrecklichen Geschehnissen, die Aringarosa mit in Gang gesetzt hatte, ein Ende zu machen, sah der Bischof nur noch eine M�glichkeit: Er musste vor Fache ein umfassendes Gest�ndnis ablegen und sich gemeinsam mit ihm auf Silas' Spur setzen, um zu verhindern, dass dieser sich vom Lehrer ein weiteres Mal zum Mord missbrauchen lie�.</p><p>Aringarosa war todm�de. Er schloss die Augen und lauschte dem Fernsehbericht �ber die Verhaftung des prominenten britischen Adligen Sir Leigh Teabing. Der Lehrer � vor aller Augen blo�gestellt, Teabing hatte von den Pl�nen des Vatikans, die Trennung von Opus Dei zu vollziehen, Wind bekommen und Aringarosa zum idealen Bauern in seinem Schachspiel auserkoren.</p><p><emphasis>Wer w�re geeigneter, dem Gral blindlings hinterherzuhecheln als ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat? Einer wie du! Versprach der Gral nicht jedem, der ihn besa�, unermessliche Macht?</emphasis></p><p>Mit falschem franz�sischen Akzent, einem nicht minder falschen frommen Herzen und einem vorget�uschten Interesse an dem, was er am wenigsten brauchte � Geld �, hatte Leigh Teabing seine Identit�t raffiniert zu verschleiern gewusst. Aringarosa war viel zu sehr auf den Heiligen Gral versessen gewesen, um Verdacht zu sch�pfen. Am Wert des Grals gemessen, war der geforderte Preis von zwanzig Millionen Euro eine Kleinigkeit � und die Zahlung der Abfindung des Vatikans an Opus Dei w�re gerade recht gekommen, um den Handel zu finanzieren. <emphasis>Der Blinde sieht, was er sehen m�chte</emphasis>. Der Gipfel von Teabings Dreistigkeit hatte darin bestanden, die Zahlung in Form von Inhaberobligationen der Vatikanbank zu verlangen. Falls etwas schiefging, w�rde die Spur nach Rom weisen.</p><p>�Ich bin erfreut, Sie auf dem Weg der Besserung zu sehen, Exzellenz.�</p><p>Aringarosa erkannte sofort die Stimme, die ihn von der T�r her ansprach. Als er die Augen aufschlug, blickte er in ein ernstes Gesicht mit markanten Z�gen. Das schwarze Haar des Mannes war straff nach hinten gek�mmt, und sein dunkler Anzug spannte sich �ber seinem breiten Kreuz und dem Stiernacken. �Capitaine Fache�, sagte Aringarosa erfreut. Das Mitgef�hl und die Besorgtheit, die der Capitaine in der vergangenen Nacht f�r Aringarosas Lage aufgebracht hatte, hatten den Bischof erkennen lassen, dass Fache ein viel sanfterer Mann war, als sein barsches Auftreten vermuten lie�.</p><p>Der Capitaine trat ins Zimmer und stellte einen schweren schwarzen Diplomatenkoffer auf dem Stuhl am Krankenbett ab. �Ich nehme an, der geh�rt Ihnen.�</p><p>Aringarosa streifte den Koffer mit einem Blick und sah besch�mt zur Seite. �Ja � vielen Dank � � Er z�gerte. Seine Finger strichen nerv�s �ber das weiche Bettzeug. �Capitaine�, sagte er schlie�lich, �ich habe lange nachgedacht. Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?�</p><p>�Aber nat�rlich.�</p><p>�Die Hinterbliebenen der Opfer, die Silas in Paris � � Er verstummte und schluckte schwer. �Ich wei� nat�rlich, dass ich mit Geld nichts gutmachen kann, aber ich m�chte Sie dennoch bitten, den Inhalt dieses Koffers unter den Familien der Ermordeten aufzuteilen.�</p><p>Faches dunkle Augen musterten Aringarosa l�ngere Zeit. �Eine noble Geste, Exzellenz. Ich werde daf�r sorgen, dass Ihrem Wunsch entsprochen wird.�</p><p>Bleierne Stille senkte sich �ber die beiden M�nner.</p><p>Im Fernsehen war ein schlossartiger Landsitz zu sehen. Ein hagerer franz�sischer Polizeibeamter, der Fache gut bekannt war, stand vor dem Eingangstor und gab Interviews. Fache wandte sich dem Bildschirm zu.</p><p>�Leutnant Collet�, sagte eine Reporterin der BBC soeben, �letzte Nacht hat Ihr Capitaine zwei unschuldige Menschen des Mordes bezichtigt. Ihre Beh�rde muss sich von Robert Langdon und Sophie Neveu zur Rechenschaft ziehen lassen. Wird das Capitaine Fache den Job kosten?�</p><p>Collet l�chelte die Reporterin ein wenig abgespannt, aber gleichm�tig an. �Ich kann Ihnen versichern, dass Capitaine Fache sehr selten Fehler macht. Ich hatte bislang noch nicht die Gelegenheit, �ber diese Angelegenheit mit ihm zu sprechen, aber da ich seine Arbeitsweise kenne, darf man wohl davon ausgehen, dass die Fahndung nach Agentin Neveu und Mr Langdon ein T�uschungsman�ver war, um den wahren M�rder aus der Reserve zu locken.�</p><p>Die Reporter wechselten �berraschte Blicke.</p><p>�Zurzeit kann ich noch nicht sagen�, fuhr Collet fort, �ob Mr Langdon und Agentin Neveu in das Spiel eingeweiht waren. Capitaine Fache zieht es �blicherweise vor, bestimmte Schachz�ge f�r sich zu behalten. Allerdings kann ich Ihnen hier und jetzt die Festnahme des wahren T�ters durch Capitaine Fache bekannt geben. Mr Langdon und Agentin Neveu befinden sich in Sicherheit und sind wohlauf.�</p><p>Als Fache sich wieder Aringarosa zuwandte, spielte ein feines L�cheln um seine Lippen. �Ein guter Mann, dieser Collet.�</p><p>Einige Augenblicke vergingen. Fache strich sich mit der Hand �ber das an die Kopfhaut geklatschte pomadisierte Haar und blickte Aringarosa an. �Exzellenz, bevor ich nach Paris zur�ckkehre, muss ich noch eine letzte Angelegenheit mit Ihnen kl�ren. Es geht um den Flug nach London, den Sie so spontan unternommen haben. Sie haben den Piloten durch Bestechung veranlasst, den Kurs zu �ndern � womit Sie eine ganze Reihe international g�ltiger Regeln verletzt haben.�</p><p>�Ich � ich war v�llig verzweifelt�, erwiderte Aringarosa kleinlaut.</p><p>�Sicher, sicher. Der Pilot �brigens auch, als meine Leute ihn verh�rt haben.� Fache griff in die Tasche und holte einen Amethystring mit einer Einlegearbeit hervor, die Mitra und Krummstab zeigte.</p><p>Tr�nen traten Aringarosa in die Augen. Er nahm den Ring entgegen und steckte ihn an den Finger. �Sie waren sehr gut zu mir.� Er ergriff Faches Hand und dr�ckte sie. �Ich danke Ihnen.�</p><p>Fache lie� die Geste �u�erlich unbewegt �ber sich ergehen. Er wandte sich ab, trat ans Fenster und blickte geistesabwesend hinaus �ber die D�cher der Stadt. Als er sich wieder umwandte, wirkte er unsicher. �Exzellenz, wohin f�hrt Sie der Weg von hier?�</p><p>Bei Aringarosas Aufbruch am Vorabend in Castel Gandolfo hatte man ihm diese Frage schon einmal gestellt. �Mein zuk�nftiger Weg d�rfte so ungewiss sein wie der Ihre, Capitaine Fache.�</p><p>�Ja, mag sein.� Fache z�gerte. �Aber ich werde wohl bald in den Ruhestand gehen.�</p><p>Aringarosa l�chelte. �Ein wenig Glauben kann Wunder bewirken, Capitaine. Nur ein ganz klein wenig.�</p></section><section><title><p><strong>104. KAPITEL</strong></p></title><p>Rosslyn Chapel � oft auch als die �Kathedrale der Codes� bezeichnet �, erhebt sich knapp zw�lf Kilometer s�dlich von Edinburgh an der Stelle eines alten Mithrastempels. Die von Nachfahren der Tempelritter im Jahr 1446 erbaute Kapelle ist mit einer verwirrenden F�lle von Symbolen aus christlichen, j�dischen, �gyptischen und heidnischen �berlieferungen und aus dem Repertoire der dem Freimaurertum vorangehenden Bauh�tten versehen.</p><p>Die geographischen Koordinaten der Kapelle stimmen genau mit dem durch Glastonbury verlaufenden Nord-S�d-Meridian �berein. Diese longitudinale Rosenlinie wird der �berlieferung zufolge als Markierung von K�nig Artus Insel Avalon betrachtet und gilt als zentrale Bezugsachse der heiligen Geometrie Britanniens. Die heilige Rosenlinie hat Rosslyn � fr�her schrieb man es Roslin � den Namen gegeben.</p><p>Der gedrungene Bau der Kapelle warf lange abendliche Schatten, als Robert Langdon und Sophie Neveu mit ihrem Mietwagen auf den grasbewachsenen Parkplatz am Fu� des Steilhangs vor der Kapelle fuhren. Der kurze Flug von London nach Edinburgh war erholsam gewesen, auch wenn sie in gespannter Erwartung des Kommenden beide keinen Schlaf gefunden hatten. Beim Blick hinauf zu dem Bauwerk, das sich scharf und markant gegen den Abendhimmel abzeichnete, kam Langdon sich vor wie Alice im Wunderland, nachdem sie kopf�ber in das Kaninchenloch gefallen war. <emphasis>Das kann nur ein Traum sein.</emphasis> Doch Jacques Sauni�res letzte Botschaft h�tte eindeutiger nicht sein k�nnen. Wieder ein Vierzeiler.</p><p><emphasis>The Holy Grail 'neath ancient Roslin waits. The blade and chalice guarding o'er Her Gates. Adorned in masters' loving an, She lies. She rests at last beneath the starry skies.</emphasis></p><p>(Unter Alt-Roslin der Gral verharrt. Winkel und Kelch das Grab bewahrt. Es ist von des Meisters Kunst geschm�ckt. Und unters Sternenzelt endlich ger�ckt.)</p><p>Langdon hatte erwartet, dass Sauni�res �Wegweiser� zum Gral eine Art Landkarte sein w�rde � vielleicht eine Kartenskizze mit einem Kreuz an der entsprechenden Stelle � aber auch das letzte Geheimnis der <emphasis>Prieur�</emphasis> war ihnen in der gleichen Form kundgetan worden, in der Sauni�re die ganze Zeit zu ihnen gesprochen hatte: als scheinbar harmloser Vers. Vier Zeilen, die zweifellos auf diesen konkreten Ort hindeuteten. Abgesehen von der Nennung des Ortsnamens, verwiesen die Verszeilen auf einige der ber�hmten architektonischen Merkmale der Kapelle.</p><p>Doch ungeachtet ihrer Klarheit hatte Sauni�res letzte Enth�llung bei Langdon kein Aha-Erlebnis, sondern gewisse Vorbehalte ausgel�st. Rosslyn Chapel war ihm als L�sung viel zu offensichtlich. Um dieses steinerne Bauwerk woben sich seit Jahrhunderten gefl�sterte Legenden, die hier den Heiligen Gral verborgen wissen wollten. In j�ngster Zeit war aus dem Fl�stern ein lauter Ruf geworden, nachdem Untersuchungen mit gesteinsdurchdringendem Radar (GPR) Hinweise auf eine erstaunliche Besonderheit unter der Kapelle ergeben hatten, eine ger�umige Kammer im Untergrund des Bauwerks. Nicht nur, dass die Ausma�e des Tiefengew�lbes die der Kapelle in den Schatten stellten, es schien auch weder Ein- noch Ausgang zu haben. Arch�ologen stellten beim Rosslyn Trust, der zust�ndigen Verwaltungsstelle, den Antrag, einen Stollen durch das Deckgestein zur geheimnisvollen Kammer treiben zu d�rfen. Der Trust hatte jedoch Ausgrabungen jeglicher Art auf dem heiligen Gel�nde ausdr�cklich untersagt � was die Spekulationen nat�rlich erst recht anheizte. <emphasis>Was hatte der Rosslyn Trust zu verbergen?</emphasis></p><p>Rosslyn war zum Wallfahrtsort f�r Geheimnissucher geworden. Manche behaupteten, das starke lokale Erdmagnetfeld habe sie angezogen, das unerkl�rlicherweise genau an dieser Stelle aus dem Untergrund dr�ngt; andere kamen, um den Steilhang nach dem Zugang zur geheimnisvollen unterirdischen Kammer abzusuchen. Die meisten aber gaben freim�tig zu, gekommen zu sein, um die mysteri�se Aura des Grals auf sich einwirken zu lassen.</p><p>Langdon war noch nie in Rosslyn gewesen, war aber jedes Mal erheitert, wenn es hie�, die Kapelle sei die derzeitige Heimat des Heiligen Grals. Zugegeben, vor sehr langer Zeit mochte es so gewesen sein, aber bestimmt nicht bis auf den heutigen Tag. Daf�r war Rosslyn in den vergangenen Jahrzehnten viel zu sehr ins Rampenlicht geraten. Au�erdem war es nur eine Frage der Zeit, bis doch jemand in die geheime Kammer eindringen w�rde.</p><p>Die Gralsforscher waren sich einig, dass Rosslyn nur ein K�der war, eine der vielen falschen Spuren, die die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> so meisterhaft zu legen verstand. Heute Abend allerdings war Langdons vorgefasste Meinung doch ins Wanken geraten, nachdem der Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis> so eindeutig auf diesen Ort verwiesen hatte.</p><p>Eine verwirrende Frage hatte ihn den ganzen Tag schon besch�ftigt: Warum hatte Sauni�re sich solche M�he gemacht, Sophie und ihn an einen so offensichtlichen Ort zu f�hren? Es schien nur eine logische Antwort darauf zu geben.</p><p><emphasis>Mit Rosslyn hat es irgendeine Bewandtnis, die wir noch nicht kennen.</emphasis></p><p>�Robert?� Sophie war schon aus dem Wagen gestiegen und drehte sich nach ihm um. �Kommen Sie mit?� Sie hatte das Rosenholzk�stchen in den H�nden. Nachdem Capitaine Fache es ihr �bergeben hatte, hatte Sophie wieder den Originalzustand mit den beiden ineinander steckenden Kryptexen hergestellt. Der Papyrus mit dem Vers war sicher in die H�hlung im Innern eingeschlossen � nat�rlich ohne die Essigphiole.</p><p>Der lange Kiesweg hinauf zur Kapelle f�hrte Sophie und Langdon an seinem Ende an der ber�hmten Westfassade des Geb�udes vorbei. Unvorbereitete Besucher hielten diese merkw�rdig vorspringende Mauer vielfach f�r einen unvollendeten Teil der Kapelle, doch wie Langdon sich erinnerte, war die Wahrheit noch weitaus spannender.</p><p><emphasis>Die westliche Mauer des Tempels Salomons.</emphasis></p><p>Die Nachfahren der Tempelritter hatten Rosslyn Chapel als genaues architektonisches Abbild von Salomons Tempel in Jerusalem entworfen � samt der Westmauer, dem engen rechteckigen Sakralraum und der unterirdischen Kammer mit dem Allerheiligsten, aus der die neun urspr�nglichen Tempelritter ihren unermesslichen Schatz geborgen hatten. Langdon musste eingestehen, dass die Vorstellung, die Nachfahren der Templer h�tten eine Gralsgruft mit Ankl�ngen an den urspr�nglichen Aufbewahrungsort des Heiligen Grals erbaut, eine gewisse Logik enthielt.</p><p>Das Portal von Rosslyn Chapel war schmuckloser, als Langdon erwartet hatte. In zwei eisernen Angeln hing eine Holzt�r mit einem schlichten Schild aus Eichenholz und der Inschrift:</p><p>ROSLIN</p><p>Langdon erkl�rte Sophie die altert�mliche Schreibweise, die sich vom Rosenlinien-Meridian herleitete, auf dem die Kapelle stand � beziehungsweise, wie die Gralshistoriker es interpretierten, von der �Rosenlinie� als der uralten Ahnenreihe Maria Magdalenas.</p><p>Die Besuchszeit der Kapelle war fast zu Ende. Beim �ffnen der T�r schlug Langdon ein Schwall warmer Luft entgegen, als h�tte das alte Gem�uer am Ende eines langen Tages einen m�den Seufzer ausgesto�en. Die Gew�lbeb�gen am Eingang waren reichhaltig in F�nfp�sse aufgelost.</p><p><emphasis>Rosen. Der Scho� der G�ttin.</emphasis></p><p>Als Langdon mit Sophie das Innere betrat, wurde sein staunender Blick in den ber�hmten Sakralraum gezogen. Er kannte zwar die Berichte, doch die unglaublich aufw�ndigen Steinmetzarbeiten von Rosslyn mit eigenen Augen zu sehen war eine Erfahrung ganz eigener Art.</p><p><emphasis>Ein Paradies f�r einen Symbolkundler</emphasis>, hatte einer seiner Kollegen gesagt.</p><p>Jede freie Fl�che im Innern der Kapelle war �ber und �ber mit aus dem Stein gehauenen Symbolen bedeckt � christliche Kreuze, j�dische Sterne, in die sp�tere Freimaurerei �bernommene Zeichen der Baugilden, Templerkreuze, F�llh�rner, Pyramiden, astrologische Zeichen, Pflanzenmotive, Gem�sepflanzen, Pentagramme und Rosen. Die Tempelritter waren Meister der Steinmetzkunst gewesen und hatten �berall in Europa ihre Kirchen errichtet, doch Rosslyn Chapel galt als das sublimste Werk der Stein gewordenen Liebe und Verehrung. Die meisterhaften Steinmetze hatten keinen Stein unbearbeitet gelassen, Rosslyn Chapel war ein Schrein f�r jeden Glauben � f�r jede Heils�berlieferung � und vor allem f�r die Verehrung der Natur und der G�ttin.</p><p>Abgesehen von ein paar Besuchern, die bei der letzten F�hrung des Tages den Erl�uterungen eines jungen Mannes lauschten, war der Kirchenraum leer. Der Fremdenf�hrer lie� die Besucher im G�nsemarsch eine wohl bekannte Route auf dem Boden der Kirche abschreiten � einen imagin�ren Pfad, der sechs der wichtigsten Punkte im Innenraum auf geraden Linien miteinander verband. Generationen von Besuchern waren �ber diese Verbindungslinien geschritten, und ihr Schuhwerk hatte dabei ein riesiges Symbol in den Fu�boden gewetzt.</p><p><emphasis>Der Davidstern</emphasis>, dachte Langdon. An dieser Stelle beileibe kein Zufall. Das auch als �Siegel Salomons� bekannte Hexagramm war vor Urzeiten das Symbol der sternkundigen Priester gewesen und sp�ter von den K�nigen der Israeliten �bernommen worden � von David und Salomon.</p><p>Der Fremdenf�hrer hatte Langdon und Sophie hereinkommen sehen. Obwohl es eigentlich schon Zeit zum Schlie�en war, hatte er sie freundlich l�chelnd aufgefordert, sich in Ruhe umzusehen.</p><p>Langdon nickte ihm dankend zu und wollte tiefer in den Kirchenraum hinein; Sophie jedoch blieb wie angewurzelt am Eingang stehen.</p><p>�Was ist?�, fragte Langdon.</p><p>�Ich � glaube, hier bin ich schon mal gewesen�, sagte Sophie verwundert.</p><p>�Aber Sie haben doch gesagt, Sie h�tten noch nie von Rosslyn geh�rt.�</p><p>�Habe ich auch nicht � � Sophie lie� den Blick durch den Innenraum schweifen. �Mein Gro�vater muss mich hergebracht haben, als ich noch sehr klein war. Ich wei� nicht, es kommt mir alles so vertraut vor.� Sie sah sich ausgiebig um. �Ja�, sagte sie schlie�lich und deutete ans andere Ende des Sakralraums. �Diese beiden S�ulen � ich habe sie schon einmal gesehen.�</p><p>Am anderen Ende des Innenraums, wo sich in Kirchen normalerweise der Altar befindet, erhoben sich zwei kunstvoll gearbeitete S�ulen. Die wei�en, filigranen Verzierungen gl�hten in den letzten Strahlen der durchs Westfenster scheinenden Abendsonne blutrot auf. Die S�ulen bildeten ein merkw�rdig aufeinander abgestimmtes Paar. In die linke waren schlichte senkrechte Kannelierungen eingemei�elt, w�hrend die rechte von �ppigen Blumengirlanden umwunden war.</p><p>Sophie ging zu den S�ulen hin�ber. Langdon folgte ihr. Als Sophie die S�ulen erreichte, sch�ttelte sie den Kopf, als k�nne sie es nicht glauben. �Ja, ganz sicher. Ich habe die S�ulen schon einmal gesehen.�</p><p>�Das bezweifle ich nicht�, meinte Langdon, �aber es m�ssen nicht <emphasis>diese</emphasis> beiden gewesen sein.�</p><p>Sophie blickte ihn an. �Wie meinen Sie das?�</p><p>�Diese S�ulen sind das meist kopierte St�ck Architektur der Geschichte. Es gibt Kopien auf der ganzen Welt.�</p><p>�Kopien von Rosslyn?�, wunderte sich Sophie.</p><p>�Nein. Erinnern Sie sich, dass ich anfangs gesagt habe, Rosslyn sei eine Kopie vom Tempel Salomons? Diese beiden S�ulen sind exakte Repliken jener beiden S�ulen, die vor dem salomonischen Tempel gestanden haben.� Er deutete auf die S�ule zur Linken. �Diese hei�t Booz � oder die S�ule der Steinmetz-Meister. Die andere hei�t Jachin � die S�ule der Lehrlinge. Praktisch jeder Freimaurertempel der Welt hat zwei solche S�ulen.�</p><p>Langdon hatte zuvor schon die starken historischen Verbindungen zwischen dem Templerorden und dem modernen Freimaurertum erkl�rt, dessen Grade � Lehrling, Geselle und Meister � bis auf die Fr�hzeit des Templerordens zur�ckgehen. Die beiden letzten Verszeilen von Sophies Gro�vater enthielten eine direkte Anspielung auf die Steinmetzmeister, die die Kapelle von Rosslyn so kunstvoll und reichhaltig ausgeschm�ckt hatten. Sie erw�hnten auch die mit eingemei�elten Sternen und Planeten geschm�ckte Langhausdecke.</p><p>�Ich bin noch nie in einem Freimaurertempel gewesen�, sagte Sophie, in die Betrachtung der S�ulen versunken. �Ich bin mir fast sicher, dass es diese S�ulen gewesen sind.� Sie wandte sich um und lie� den Blick durch die Kapelle schweifen, als w�re sie auf der Suche nach etwas, an dem sie ihre Erinnerungen festmachen konnte.</p><p>Die Besuchergruppe r�stete zum Gehen. Der Fremdenf�hrer, ein gut aussehender junger Mann Ende zwanzig mit strohblondem Haar und ausgepr�gtem schottischen Akzent, kam freundlich l�chelnd zu Sophie und Robert. �Gleich muss ich f�r heute Schluss machen. Kann ich Ihnen vielleicht noch etwas zeigen?�</p><p><emphasis>Wie w�r's mit dem Heiligen Gral?,</emphasis> dachte Langdon.</p><p>�Den Code!�, platzte Sophie in pl�tzlicher Eingebung heraus. �Hier ist irgendwo ein Code!�</p><p>Der Fremdenf�hrer musterte Sophie erstaunt. �Ja, das stimmt, Ma'am.�</p><p>�Er ist irgendwo an der Decke�, sagte Sophie und wandte sich nach rechts. �Irgendwo da dr�ben rechts oben.�</p><p>Der junge Mann l�chelte. �Das ist nicht Ihr erster Besuch in Rosslyn, Ma'am, wie ich sehe.�</p><p><emphasis>Der Code</emphasis>, dachte Langdon. An diese Legende hatte er gar nicht mehr gedacht. Eines der vielen Geheimnisse von Rosslyn war ein steinernes Gew�lbe, von dessen Decke Hunderte von Steinbl�cken ragten � auf eine Weise, dass sie eine eigenartig vielgestaltige Fl�che bildeten. In jeden dieser Bl�cke war ohne erkennbares System ein Symbol eingemei�elt, woraus eine Matrix unauslotbarer Kombinationsm�glichkeiten entstand. Manche meinten, der Zugang zu dem unterirdischen Gew�lbe sei hier verschl�sselt niedergelegt, w�hrend andere darin die wahre Gralslegende erblicken zu k�nnen glaubten. Wie dem auch sei � schon seit Jahrhunderten bissen die Kryptographien sich an der Entzifferung dieses Codes die Z�hne aus. Der Rosslyn Trust hatte auf die Entdeckung der geheimen Bedeutung eine hohe Belohnung ausgesetzt, doch der Code ist bis zum heutigen Tag ein Geheimnis geblieben.</p><p>�Es w�re mir ein Vergn�gen, wenn ich Ihnen zeigen darf, wo � �</p><p>Die Stimme des Fremdenf�hrers klang f�r Sophie wie aus weiter Ferne.</p><p><emphasis>Mein erster Code</emphasis>, dachte sie, als sie sich wie in Trance auf das Gew�lbe mit den r�tselhaften Steinen zubewegte, nachdem sie Langdon die Rosenholzschatulle in die Hand gedr�ckt hatte. Die Gralssuche, die <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis> und all die anderen Geheimnisse des vergangenen Tages fielen von ihr ab. Die Vergangenheit st�rmte wieder auf sie ein, als sie nun unter die Gew�lbedecke mit den Code-Steinen trat und die Symbole �ber ihrem Kopf betrachtete. Die Erinnerung an ihren ersten Besuch hier ging unvermutet mit einer seltsamen Traurigkeit einher �</p><p>Es war ungef�hr ein Jahr nach dem Tod ihrer Angeh�rigen. Sie war ein kleines M�dchen gewesen. Der Gro�vater hatte sie f�r ein paar Ferientage nach Schottland mitgenommen. Vor der R�ckreise nach Paris waren sie nach Rosslyn gefahren, um sich die Kapelle anzusehen. Es war sp�t, und die Kapelle war eigentlich schon f�r Besucher geschlossen, doch sie befanden sich immer noch in dem Geb�ude.</p><p>�Grand-p�re, ich m�chte nach Hause�, hatte Sophie gequengelt. Sie war m�de.</p><p>�Gleich, Liebling, gleich.� Die Stimme des Gro�vaters klang wehm�tig. �Ich muss hier noch eine letzte Sache erledigen. Wie w�r's, wenn du drau�en im Auto auf mich wartest?�</p><p>�Musst du noch mal so was machen, das nur Erwachsene verstehen?�</p><p>Sauni�re nickte. �Es dauert nicht lange, ich versprech's dir.�</p><p>�Darf ich noch einmal zu dem Code im Gew�lbe? Das hat Spa� gemacht.�</p><p>�Ich wei� nicht � Ich muss nach drau�en, und da m�sste ich dich allein hier lassen. Hast du denn keine Angst hier drin, wenn ich nicht bei dir bin?�</p><p>�Nein�, hatte sie geantwortet. �Es ist ja nicht mal dunkel.�</p><p>Gro�vater hatte gel�chelt und Sophie zu dem Gew�lbe gef�hrt, das er ihr zuvor schon gezeigt hatte.</p><p>Sophie hatte sich mit dem R�cken auf den Steinboden gelegt und das durcheinander gebrachte Puzzle an der Decke betrachtet. �Bis du zur�ckkommst, habe ich den Code geknackt.�</p><p>�Dann ist das ja ein Wettlauf.� Der Gro�vater hatte sich zu Sophie hinuntergebeugt und sie auf die Stirn gek�sst. �Ich bin gleich nebenan�, hatte er auf dem Weg zum Seitenausgang gesagt. �Ich lass die T�r auf. Du brauchst nur zu rufen, wenn du mich brauchst.� Damit war er ins sanfte Licht des Abends entschwunden.</p><p>Sophie hatte eine Zeit lang dagelegen und zu dem Code hinaufgeblickt, bis ihr die Lider schwer wurden. Nach ein paar Minuten verschwammen die Symbole, um dann ganz zu verschwinden.</p><p>Als Sophie wach wurde, war ihr kalt.</p><p><emphasis>�Grand-p�re?�</emphasis></p><p>Keine Antwort. Sie stand auf und klopfte sich das Kleidchen sauber. Die Seitent�r stand immer noch offen. Drau�en wurde es allm�hlich dunkel. Sie ging hinaus und sah den Gro�vater auf der Veranda eines Hauses aus Bruchsteinen direkt unterhalb der Kapelle stehen. Er unterhielt sich mit einer Frau im Innern des Hauses, die hinter den Gardinen in der offenen oberen T�rh�lfte kaum zu erkennen war.</p><p>�<emphasis>Grand-p�re</emphasis>!�, hatte Sophie gerufen.</p><p>Der Gro�vater hatte sich zu ihr umgedreht und sie winkend um einen Augenblick Geduld gebeten. Dann hatte er sehr bed�chtig noch ein paar Worte zu der Frau hinter den T�rgardinen gesagt und ihr eine Kusshand zugeworfen. Als er zu Sophie zur�ckkam, standen ihm Tr�nen in den Augen.</p><p>�Du weinst ja!�</p><p>Er hatte sie auf den Arm genommen und an sich gedr�ckt. �Ach, Sophie, du und ich haben dieses Jahr so oft Lebewohl sagen m�ssen. Es ist nicht immer leicht.�</p><p>Sophie hatte an den Autounfall gedacht und daran, wie sie von ihrer Mutter, ihrem Vater, der Gro�mutter und dem kleinen Bruder hatte Abschied nehmen m�ssen. �Hast du schon wieder jemand Lebewohl sagen m�ssen?�</p><p>�Ja. Einer Freundin, die ich sehr lieb hatte.� Gro�vaters Stimme hatte beinahe versagt. �Ich f�rchte, ich werde sie lange Zeit nicht wiedersehen.�</p><empty-line/><p>Langdon war bei dem jungen Fremdenf�hrer geblieben. Beim Anblick der W�nde von Rosslyn Chapel wuchs seine Besorgnis. Er und Sophie waren wohl wieder mal in einer Sackgasse gelandet. Sophie war zu dem Gew�lbe mit dem Code gegangen und hatte ihm den Rosenholzkasten in die Hand gedr�ckt, der einen Wegweiser zum Gral enthielt, der offenbar keine Hilfe war. Sauni�res Vers hatte eindeutig auf Rosslyn hingewiesen, aber nun, da sie hergekommen waren, wusste Langdon nichts mehr damit anzufangen. Der Vierzeiler sprach von einem �Winkel� und einem �Kelch�, die Langdon aber nirgends entdecken konnte.</p><p><emphasis>Unter Alt-Roslin der Gral verharrt. Winkel und Kelch das Grab bewahrt.</emphasis></p><p>Wieder konnte Langdon sich des Gef�hls nicht erwehren, dass dieses Geheimnis Facetten aufwies, die noch gar nicht erkennbar geworden waren.</p><p>Der Blick des Fremdenf�hrers hatte sich auf das Rosenholzk�stchen gerichtet. �Ich m�chte mich nicht aufdr�ngen�, sagte er, �aber k�nnten Sie mir sagen, woher Sie das K�stchen haben?�</p><p>Langdon lachte leise und ersch�pft. �Das ist eine sehr, sehr lange Geschichte.�</p><p>Der junge Mann z�gerte. Sein Blick streifte abermals das K�stchen. �Merkw�rdig. Meine Gro�mutter hat genau so eine Schmuckschatulle aus dem gleichen polierten Rosenholz und mit der eingelegten Rose. Sogar die Scharniere sehen gleich aus.�</p><p>F�r Langdon war klar, dass der junge Mann sich irren musste. Wenn jemals ein K�stchen ein Einzelst�ck gewesen war, dann dieses � der von Hand ma�gefertigte Futteralkasten f�r den Schlussstein der <emphasis>Prieur�</emphasis>.</p><p>�Ihr K�stchen mag dem hier �hneln, aber � �</p><p>Das dumpfe Ger�usch, als die Seitent�r zugeschlagen wurde, zog die Aufmerksamkeit Langdons und des jungen Mannes auf sich. Sophie war ohne ein Wort hinausgegangen und schlenderte die B�schung hinunter zu einem nahen Haus aus Bruchsteinen. Langdon sah ihr nach. <emphasis>Wo will sie hin!</emphasis> Sophie hatte sich eigenartig verhalten, seit sie die Kapelle betreten hatten. �Wissen Sie, was f�r ein Haus das ist?�, erkundigte er sich bei dem Fremdenf�hrer.</p><p>Der junge Mann schien selbst erstaunt dar�ber, dass Sophie dort hinunterging. �Ja�, sagte er, �das ist das Pfarrhaus. Die Verwalterin der Kapelle wohnt dort. Sie ist �brigens auch die Vorsitzende des Rosslyn Trust � und meine Gro�mutter.�</p><p>�Ihre Gro�mutter leitet den Rosslyn Trust?�</p><p>Der Fremdenf�hrer nickte. �Ich wohne mit ihr dort unten im Pfarrhaus und helfe ihr, die Kapelle in Ordnung zu halten. Nebenbei arbeite ich als Fremdenf�hrer.� Er zuckte die Achseln. �Ich habe dort immer schon gewohnt. Meine Gro�mutter hat mich in dem Haus gro�gezogen.�</p><p>Langdon war wegen Sophie ein wenig besorgt. Er machte sich auf den Weg zur Seitent�r der Kapelle, um ihr zu folgen. Auf halbem Weg blieb er abrupt stehen. Eine Bemerkung des jungen Mannes hatte ihn stutzig werden lassen.</p><p><emphasis>Meine Gro�mutter hat mich gro�gezogen.</emphasis></p><p>Langdons Blick schweifte durch die halb offene T�r die B�schung hinunter zu Sophie, dann zur�ck zu dem Rosenholzk�stchen in seiner Hand. <emphasis>Nein, das ist unm�glich �</emphasis> Langsam drehte er sich zu dem jungen Mann um. �Sie sagten, Ihre Gro�mutter habe auch so ein K�stchen?�</p><p>�Genau das gleiche.�</p><p>�Wo hat sie es her?�</p><p>�Mein Gro�vater hat es f�r sie gemacht. Er ist gestorben, als ich noch ein Baby war, aber meine Gro�mutter spricht heute noch von ihm. Sie sagt, er sei ein handwerkliches Genie gewesen. Er hat alle m�glichen Sachen gebaut.�</p><p>In Langdons Hirn nahm ein scheinbar absurder Zusammenhang verschwommen Gestalt an. �Sie sagen, Ihre Gro�mutter habe Sie gro�gezogen�, sagte er z�gernd. �Darf ich fragen, was mir Ihren Eltern geschehen ist?�</p><p>Der junge Mann blickte Langdon �berrascht an. �Sie sind gestorben, als ich noch sehr klein war.� Er z�gerte. ��brigens am gleichen Tag wie mein Gro�vater.�</p><p>Langdons Herz begann heftig zu pochen. �Bei einem Verkehrsunfall?�</p><p>Der junge Mann fuhr zusammen. Seine gr�nen Augen blickten Langdon fragend und misstrauisch an. �Ja. Bei dem Unfall kam meine ganze Familie ums Leben. Meine Eltern, mein Gro�vater und � �</p><p>� � und Ihre Schwester�, erg�nzte Langdon.</p><empty-line/><p>Das Bruchsteinhaus drau�en auf der B�schung sah genau so aus, wie Sophie es in Erinnerung hatte. Die Nacht brach allm�hlich herein. Das Haus verbreitete eine warme und einladende Atmosph�re. Der Duft von frisch gebackenem Brot wehte durch die offene obere H�lfte der T�r, und hinter den Fenstern schimmerte goldenes Licht. Als sie n�her kam, h�rte Sophie jemand im Haus leise weinen. Durch die T�rgardinen konnte sie im Hausflur eine �ltere Frau erkennen. Sie stand mit dem R�cken zur T�r und weinte bitterlich. Sie hatte langes silbernes Haar von auff�lliger F�lle, das in Sophie eine unerwartete Erinnerung wachr�ttelte. Auf unerkl�rliche Weise f�hlte sie sich zu der Frau hingezogen. Sie trat auf die Stufen der Veranda. Die Frau hielt das gerahmte Foto eines Mannes in den H�nden. Ihre Fingerspitzen glitten liebkosend �ber das Gesicht des Portr�tierten.</p><p>Sophie kannte das Gesicht nur zu gut.</p><p><emphasis>Gro�vater.</emphasis></p><p>Unter Sophies F��en knarrte eine Diele. Die Frau drehte sich langsam um. Der Blick ihrer trauernden Augen erfasste Sophie. Sophie wollte davonlaufen, war aber wie gel�hmt. Die Frau legte das Foto beiseite und kam langsam zur T�r, den Blick unverwandt auf Sophie gerichtet. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, w�hrend die beiden Frauen einander durch das feine Gewebe der T�rgardinen ansahen. Dann, wie eine langsam anschwellende Meereswoge, wechselte das Mienenspiel der Frau von Unsicherheit und Unglaube zu Hoffnung, um j�h einen Ausdruck �berw�ltigender Freude anzunehmen.</p><p>Sie stie� den unteren T�rschlag auf, st�rzte mit ausgestreckten Armen heraus und barg das Gesicht der entgeisterten Sophie in ihren weichen H�nden. �Oh, mein liebes Kind � lass dich anschauen!�</p><p>Sophie kannte die Frau nicht und wusste dennoch genau, wer sie war. Sie versuchte, etwas zu sagen, bekam aber kaum Luft.</p><p>�Sophie!�, schluchzte die Frau und k�sste sie auf die Stirn.</p><p>�Aber <emphasis>Grand-p�re</emphasis> hat doch gesagt, dass du � �, stie� Sophie mit erstickter Stimme hervor.</p><p>�Ich wei�.� Die Frau legte behutsam die M�nde auf Sophies Schultern und betrachtete sie mit z�rtlichen Blicken. �Dein Gro�vater und ich waren gezwungen, die Welt zu beschwindeln. Es hat mir unendlich Leid getan, aber es musste sein. Zu deiner Sicherheit, Prinzessin.�</p><p>Der Kosename beschwor vor Sophie das Bild des Gro�vaters herauf, der sie so viele Jahre lang Prinzessin genannt hatte. Seine Stimme schien im alten Gem�uer von Rosslyn widerzuhallen, bis hinunter in die H�hlungen des unbekannten Gew�lbes.</p><p>Die alte Frau schlang die Arme um Sophie. Freudentr�nen str�mten ihr �bers Gesicht. �Dein Gro�vater hat verzweifelt versucht, dich in alles einzuweihen, aber euer Verh�ltnis ist ja leider so schwierig geworden. Ich muss dir sehr vieles erkl�ren.� Sie k�sste Sophie noch einmal auf die Stirn. �Aber jetzt Schluss mit den Geheimnissen, Prinzessin. Es ist an der Zeit, dass du die Wahrheit �ber deine Familie erf�hrst.�</p><empty-line/><p>Als der junge Fremdenf�hrer den Rasen heruntergerannt kam, sa�en Sophie und ihre Gro�mutter eng umschlungen auf der Verandatreppe. Die Tr�nen str�mten.</p><p>In den Augen des jungen Mannes schimmerte ungl�ubige Hoffnung. �Sophie?�</p><p>Sophie nickte tr�nenblind und stand auf. Das Gesicht des jungen Burschen war ihr noch immer unvertraut, doch als sie einander in die Arme fielen, sp�rte sie die Macht des Blutes � des gemeinsamen Blutes, das in ihren Adern str�mte, wie sie jetzt, wusste.</p><empty-line/><p>Als Robert Langdon sich zu ihnen gesellte, konnte Sophie nicht glauben, dass sie sich gestern noch allein auf der Welt gef�hlt hatte, jetzt, an diesem fremden Ort und in der Gesellschaft von drei Menschen, die sie kaum kannte, f�hlte sie sich endlich zu Hause.</p></section><section><title><p><strong>105. KAPITEL</strong></p></title><p>Dunkelheit hatte sich �ber Rosslyn gesenkt. Robert Langdon stand auf der Veranda des Bruchsteinhauses und freute sich �ber das fr�hliche Lachen der Wiedersehensfreude, das hinter ihm aus der offenen T�r drang. Er hielt einen Becher mit starkem brasilianischen Kaffee in der Hand, der seine zunehmende Mattigkeit zwar ein wenig vertreiben konnte, doch er sp�rte, dass diese Belebung nur vor�bergehend war. Er war ersch�pft bis auf die Knochen.</p><p>�Sie sind uns heimlich entwischt�, sagte eine Stimme hinter ihm.</p><p>Er drehte sich um. Sophies Gro�mutter war nach drau�en gekommen. Ihr Haar schimmerte silbern in der Nacht. Sie hie� Marie Chauvel � seit nunmehr achtundzwanzig Jahren.</p><p>Langdon l�chelte sie m�de an. �Ich wollte Sie bei Ihren Gespr�chen �ber Familienangelegenheiten nicht st�ren.� Durch das Fenster konnte er Sophie sehen, die sich angeregt mit ihrem Bruder unterhielt.</p><p>Marie trat zu ihm. �Mr Langdon, ich habe mich entsetzlich um Sophie gesorgt, nachdem ich von dem Mord an Jacques erfahren hatte. Noch nie war ich so erleichtert wie heute Abend, als ich Sophie in der T�r stehen sah. Ich wei� gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.�</p><p>Langdon war um eine Antwort verlegen. Er hatte angeboten, sich zur�ckzuziehen, damit Sophie und ihre Gro�mutter ungest�rt miteinander sprechen konnten, doch Marie hatte ihn gebeten, zu bleiben und zuzuh�ren. <emphasis>Mein Mann hat Ihnen offenkundig vertraut, Mr Langdon. Weshalb sollte ich es nicht tun?</emphasis></p><p>Also war Langdon geblieben und hatte staunend zugeh�rt, wie Mark die Geschichte von Sophies verstorbenen Eltern erz�hlte, die beide merowingischer Abstammung gewesen waren � und somit direkte Nachfahren von Maria Magdalena und Jesus Christus. Aus Gr�nden des Selbstschutzes hatten Sophies Eltern � wie schon deren Vorfahren � die urspr�nglichen Familiennamen Plantard und Saint-Clair ge�ndert. Als Abk�mmlinge des K�nigsgeschlechts standen ihre Kinder unter dem besonderen Schutz der <emphasis>Prieur� de Sion</emphasis>. Als Sophies Eltern bei einem Verkehrsunfall mit ungekl�rter Ursache ums Leben gekommen waren, f�rchtete die <emphasis>Prieur�</emphasis>, die Identit�t des K�nigsgeschlechts k�nnte aufgedeckt sein.</p><p>�Als dein Gro�vater und ich den Anruf bekamen, dass man den Wagen deiner Eltern im Fluss gefunden hat�, erz�hlte Marie mit erstickter Stimme, �mussten wir uns rasch zu einer schweren Entscheidung durchringen.� Sie tupfte sich die Tr�nen ab. �in dieser Nacht sollten eigentlich wir alle sechs � also auch wir Gro�eltern und ihr zwei Kinder � in dem Auto sitzen. Zum Gl�ck haben wir es uns im letzten Moment anders �berlegt, und eure Eltern sind allein gefahren. Als uns die Nachricht von dem Unfall erreichte, hatten Jacques und ich keine M�glichkeit festzustellen, was wirklich geschehen war � ob es �berhaupt ein Unfall gewesen ist.� Marie sah Sophie und ihren Bruder an. �Wir wussten nur, dass wir unsere Enkelkinder sch�tzen mussten, und haben getan, was wir f�r geboten hielten. Jacques hat der Polizei mitgeteilt, dass dein Bruder und ich ebenfalls im Wagen gesessen h�tten � unsere Leichen seien offenbar vom Fluss fortgeschwemmt worden. Dann hat die <emphasis>Prieur�</emphasis> daf�r gesorgt, dass dein Bruder und ich untertauchen konnten. Jacques aber stand im Licht der �ffentlichkeit und konnte sich diesen Luxus nicht leisten. Da schien es nur logisch, dass Sophie als die �ltere in Paris blieb, um unter den Fittichen von Jacques und der <emphasis>Prieur�</emphasis> aufzuwachsen und zur Schule zu gehen.� Marie begann zu fl�stern. �Die Familie auseinander zu rei�en war das Schlimmste, was wir uns je abverlangen mussten. Jacques und ich konnten uns nur sehr selten sehen, und das auch nur in aller Heimlichkeit und unter dem Schutz der <emphasis>Prieur�</emphasis>. Es gibt bestimmte Zeremonien, von denen die <emphasis>Prieur�</emphasis> niemals lassen wird.�</p><p>Langdon hatte gesp�rt, dass die Geschichte tiefer gehen w�rde � in Dimensionen, die nicht f�r seine Ohren bestimmt waren �, und hatte sich nach drau�en begeben. W�hrend er jetzt zu den Fialen von Rosslyn Chapel hinaufsah, erfasste ihn tiefes Unbehagen �ber das ungel�ste Geheimnis von Rosslyn.</p><p><emphasis>Liegt der Gral wirklich hier in Rosslyn? Und wenn ja, wo sind der Winkel und der Kelch aus Sauni�res Gedicht?</emphasis></p><p>�Darf ich Ihnen das abnehmen?�, sagte Marie.</p><p>�O ja, danke.� Langdon hielt ihr den leeren Kaffeebecher hin.</p><p>Sie blickte ihn seltsam an. �Ich habe Ihre andere Hand gemeint, Mr Langdon.�</p><p>Als Langdon an sich hinunterschaute, merkte er, dass er in der Linken den Papyrus hielt. �Oh, entschuldigen Sie, nat�rlich.�</p><p>Erheitert nahm Marie den Papyrus an sich. �Ich kenne in Paris einen Mann, der bestimmt sehns�chtig auf die R�ckkehr des Rosenholzk�stchens wartet � Andr� Vernet. Er ist ein guter Freund von Jacques. Jacques hat ihm r�ckhaltlos vertraut. Andr� w�rde alles tun, um Jacques' Bitte gerecht zu werden, diesen Kasten zu h�ten.�</p><p><emphasis>Und sei es, dir eine Kugel in den Leib zu jagen</emphasis>, dachte Langdon. Er behielt f�r sich, dass er dem armen Kerl vermutlich die Nase gebrochen hatte. Bei der Erw�hnung von Paris fielen ihm die drei Seneschalle ein, die am gleichen Abend wie Sauni�re ermordet worden waren. �Was geschieht jetzt mit der <emphasis>Prieur�</emphasis>? Wie geht es mit der Bruderschaft weiter?�</p><p>�Das R�derwerk hat sich bereits in Bewegung gesetzt, Mr Langdon. Die Bruderschaft hat Jahrhunderte �berdauert, sie wird auch diesen Schlag �berstehen. Man findet, immer Leute, die f�r die obersten R�nge geeignet sind und die einen Neuaufbau zustande bringen.�</p><p>Langdon hatte schon den ganzen Abend vermutet, dass Sophies Gro�mutter in engster Beziehung zur <emphasis>Prieur�</emphasis> stand. Schlie�lich hatte die Bruderschaft von jeher auch Frauen aufgenommen und sogar vier Gro�meisterinnen gehabt. Die Seneschalle waren traditionsgem�� M�nner � die W�chter �, doch die Frauen wurden in der <emphasis>Prieur�</emphasis> hoch geachtet und konnten von jedem Rang in die f�hrenden �mter aufsteigen.</p><p>Langdon dachte an Teabing und Westminster Abbey. Es schien eine Ewigkeit her zu sein. �Hat die Kirche auf Ihren Mann Druck ausge�bt, damit er am Ende der Zeit die Dokumente nicht ver�ffentlicht?�</p><p>�Um Himmels willen, nein! Das Ende der Zeit ist eine Phantasterei verr�ckter Fanatiker. In der Doktrin der <emphasis>Prieur�</emphasis> ist mit keinem Wort ein Zeitpunkt f�r die Enth�llung des Grals festgelegt. Ganz im Gegenteil war die <emphasis>Prieur�</emphasis> stets der Meinung, dass er gar nicht enth�llt werden soll.�</p><p>�Niemals?� Langdon war sprachlos.</p><p>�Das Geheimnis des Grals, sein R�tsel und die Mythen, die sich um ihn ranken, dienen unseren Zielen besser, als seine Enth�llung es je k�nnte. Der Reiz des Grals liegt in seiner Unfassbarkeit.� Marie Chauvel schaute zur Kapelle hinauf. �F�r manche ist der Gral ein Kelch, der ewiges Leben verspricht. F�r andere bedeutet er die Suche nach verlorenen Dokumenten und nach einem Geheimnis der Geschichte. Und f�r die meisten ist der Gral lediglich eine faszinierende Idee, wie ich vermute � ein wundervoller, phantastischer, aber unerreichbarer Schatz, der uns sogar in der heutigen modernen, chaotischen Welt noch zu inspirieren vermag.�</p><p>�Aber wenn die Sangreal-Dokumente im Verborgenen bleiben, wird die Geschichte von Maria Magdalena niemals ans Tageslicht kommen�, wandte Langdon ein.</p><p>�Tats�chlich? Schauen Sie sich um! In der bildenden Kunst, in der Musik und der Literatur wird ihre Geschichte erz�hlt � heute mehr denn je! Das Pendel schl�gt wieder zur anderen Seite aus. Wir merken allm�hlich, wie bedenklich die Gegenwart ist � und wie zerst�rerisch der Weg, den wir eingeschlagen haben. Wir sp�ren immer deutlicher, dass es notwendig ist, das g�ttlich Weibliche wieder in sein Recht einzusetzen.� Sie hielt kurz inne. �Sie sagten, dass Sie ein Buch �ber die Symbole des g�ttlich Weiblichen schreiben, nicht wahr?�</p><p>�Das stimmt.�</p><p>Marie l�chelte. �Schreiben Sie es fertig, Mr Langdon. Singen Sie das Lied der G�ttin. Die Welt verlangt nach modernen Minnes�ngern.�</p><p>Langdon sp�rte sehr wohl das Verpflichtende von Maries Worten. Er schwieg. Die Mondsichel stieg aus der Weite des bewaldeten Horizonts.</p><p>Ein sch�lerhaftes Verlangen �berkam ihn, Rosslyn Chapel das Geheimnis zu entrei�en. <emphasis>Du kannst doch Marie jetzt nicht ausfragen. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt</emphasis>. Sein Blick streifte den Papyrus in Maries Hand und richtete sich dann wieder auf die Kapelle.</p><p>�Nur zu, fragen Sie schon, Mr Langdon�, sagte Marie belustigt. �Das Recht haben Sie sich redlich verdient.�</p><p>Langdon sp�rte, dass er rot wurde.</p><p>�Sie wollen sicher wissen, ob der Gral hier in Rosslyn liegt.�</p><p>�K�nnen Sie es mir verraten?�</p><p>Marie seufzte in gespielter Verzweiflung. �Wie kommt es nur, dass M�nner den Gral einfach nicht in Ruhe lassen k�nnen?� Sie lachte. Die Unterhaltung machte ihr offensichtlich Spa�. �Sie scheinen zu glauben, dass er hier ist. Warum?�</p><p>Langdon deutete auf den Papyrus in Maries Hand. �In diesem Vers Ihres Mannes ist ausdr�cklich von Rosslyn die Rede. Er erw�hnt allerdings auch �Winkel� und �Kelch�, die �ber den Gral wachen. Aber ich habe diese Symbole dort oben nicht entdecken k�nnen.�</p><p>�Der Winkel und der Kelch?�, sagte Marie. �Aber wie sehen die denn aus?�</p><p>Langdon hatte das Gef�hl, dass sie sich �ber ihn lustig machte, doch er beschrieb die Symbole.</p><p>Sie schaute ihn an, als k�nne sie sich nur mit M�he daran erinnern. �Ach ja, richtig. Der Winkel steht f�r alles M�nnliche. Malt man ihn nicht so?� Sie zeichnete mit dem Zeigefinger eine Figur in ihren Handteller:</p><p>�Ja�, sagte Langdon. Marie hatte die weniger gebr�uchliche Form des �geschlossenen� Winkels gezeichnet.</p><p>�Und das Weibliche wird durch die umgekehrte Form symbolisiert, den Kelch.� Wieder zeichnete sie.</p><p>�Richtig�, sagte Langdon.</p><p>�Und Sie sagen, dass unter den Hunderten von Symbolen, die wir hier oben haben, diese beiden Zeichen fehlen?�</p><p>�Ich habe sie jedenfalls nirgendwo gesehen.�</p><p>�Und wenn ich sie Ihnen nun zeige, k�nnen Sie dann wieder ruhig schlafen?�</p><p>Bevor Langdon antworten konnte, war Marie Chauvel schon von der Veranda heruntergestiegen und ging den Weg hinauf zur Kapelle. Langdon folgte ihr. In der Kapelle angekommen, schaltete Marie das Licht ein und deutete in der Mitte des Sakralraums auf den Boden. �Bitte sehr, Mr Langdon. Der Winkel und der Kelch.�</p><p>Langdon starrte auf den abgetretenen Steinfu�boden. �Aber da ist doch gar nicht � �</p><p>Marie seufzte und ging �ber den Pfad zwischen den Sehensw�rdigkeiten, den Langdon zuvor die Touristen hatte abschreiten sehen. Jetzt nahm er zwar das riesige Symbol wahr, konnte aber immer noch nichts damit anfangen.</p><p>�Das ist der David � � Er verstummte und schlug sich vor die Stirn.</p><p><emphasis>Winkel und Kelch</emphasis>.</p><p><emphasis>Einfach �bereinander gelegt.</emphasis></p><p><emphasis>Der Davidsstern � das Symbol der vollkommenen Einheit des M�nnlichen und Weiblichen � das Siegel Salomons � die Kennzeichnung des Allerheiligsten, in dem man die m�nnliche und die weibliche Gottheit w�hnte, Jahwe und Schekinah.</emphasis></p><p>Langdon brauchte eine ganze Weile, bis er seine Sprachlosigkeit �berwunden hatte. �Dann weist der Vers also doch nach Rosslyn.�</p><p>Marie l�chelte ihn an. �Offensichtlich.�</p><p>Langdon lief es eiskalt �ber den R�cken. �Also liegt der Gral in dem Gew�lbe unter unseren F��en?�</p><p>�Nur im Geiste.� Marie lachte. �Eine der �ltesten Bestimmungen der <emphasis>Prieur�</emphasis> bestand darin, den Gral eines Tages in sein Heimatland Frankreich zur�ckzubringen, wo er f�r immer ruhen soll. Jahrhundertelang war der Gral aus Sicherheitsgr�nden kreuz und quer durch aller Herren L�nder transportiert worden � ein h�chst unw�rdiger Zustand. Als Jacques Gro�meister der <emphasis>Prieur�</emphasis> wurde, stand er insbesondere vor der Aufgabe, die W�rde des Grals wiederherzustellen � was konkret bedeutete, den Gral nach Frankreich zu holen und ihm eine k�nigliche Ruhestatt zu bereiten.�</p><p>�Und das ist ihm gelungen?�</p><p>Marie wurde sehr ernst. �Mr Langdon, in Anbetracht dessen, was Sie heute Abend f�r mich getan haben, m�chte ich Ihnen als Kuratorin des Rosslyn Trust versichern, dass der Gral sich nicht mehr hier befindet.�</p><p>Langdon beschloss, ein wenig nachzubohren. �Aber der Schlussstein soll doch eigentlich auf den Ort hinweisen, an dem der Gral heute versteckt ist. Warum weist er dann auf Rosslyn?�</p><p>�Vielleicht haben Sie die Bedeutung des Verses nicht richtig erfasst.�</p><p>�Aber eindeutiger geht es doch gar nicht! Wir stehen �ber einem unterirdischen Gew�lbe, das mit Winkel und Kelch markiert ist, befinden uns unter einer als Sternenzelt gestalteten Decke, umgeben von der Kunst meisterlicher Steinmetze. Alles weist auf Rosslyn hin!�</p><p>�Dann lassen Sie mich einmal den geheimnisvollen Vers ansehen.� Marie rollte den Papyrus auseinander und las laut und bed�chtig vor.</p><p><emphasis>Unter Alt-Roslin der Gral verharrt. Winkel und Kelch das Grab bewahrt. Es ist von des Meisten Kunst geschm�ckt. Und unters Sternenzelt endlich ger�ckt.</emphasis></p><p>Als sie geendet hatte, blieb sie einige Sekunden lang stumm. Dann glitt ein wissendes L�cheln �ber ihre Lippen. �Ah, Jacques!�</p><p>Langdon sah sie erwartungsvoll an. �Sie haben das verstanden?�</p><p>�Mr Langdon, wie Sie selbst soeben anhand des Davidsterns auf dem Kapellenboden erlebt haben, kann man auch einfache Dinge auf vielf�ltige Weise deuten.�</p><p>Langdon bem�hte sich, ihr zu folgen, jede �u�erung Jacques Sauni�res schien einen Doppelsinn zu haben. Er kam einfach nicht weiter.</p><p>Marie wirkte pl�tzlich sehr m�de. Sie unterdr�ckte ein G�hnen. �Ich werde Ihnen jetzt etwas anvertrauen, Mr Langdon. Ich bin zwar nie offiziell in den Aufbewahrungsort des Grals eingeweiht gewesen, aber ich war mit einem Menschen verheiratet, der gro�es Wissen, umfassende Kenntnisse und machtvolle Befugnisse besa� � und meine weibliche Intuition wollen wir auch nicht vergessen.� Langdon wollte etwas einwerfen, doch Marie fuhr fort: �Es tut mir Leid f�r Sie, dass Sie nach all Ihren Anstrengungen ohne eine konkrete Antwort von Rosslyn fortgehen m�ssen. Aber mein Gef�hl sagt mir, dass Sie finden werden, wonach Sie suchen. Eines Tages werden Ihnen die Augen aufgehen.� Sie l�chelte ihn an. �Und ich bin �berzeugt, dann werden Sie sich als Mensch erweisen, der ein Geheimnis f�r sich behalten kann.�</p><p>Sie h�rten, wie jemand sich n�herte; dann kam Sophie zur T�r herein. �Ihr beide wart auf einmal verschwunden.�</p><p>�Ich wollte mich ohnehin gerade auf den Weg machen�, sagte Sophies Gro�mutter und ging zu ihrer Enkelin an die T�r. �Gute Nacht, Prinzessin.� Sie k�sste Sophie auf die Stirn. �Sieh zu, dass Mr Langdon nicht zu sp�t ins Bett kommt.�</p><p>Marie Chauvel ging zu dem Bruchsteinhaus hinunter. Sophie und Langdon schauten ihr nach. Als Sophie den Blick wieder auf Langdon richtete, schwammen ihre Augen in Tr�nen. �Mit diesem Ende habe ich nun wirklich nicht gerechnet.�</p><p><emphasis>Dann w�ren wir schon zwei</emphasis>, dachte Langdon. Er sah, dass Sophie mit ihrer Kraft am Ende war. Was heute Abend an Neuem auf sie eingest�rmt war, hatte ihr Leben von Grund auf ver�ndert. �Wie f�hlen Sie sich? Sie mussten heute eine Menge verdauen.�</p><p>Sophie l�chelte versonnen. �Ich habe jetzt eine Familie. Damit werde ich mich als Erstes auseinander setzen. Bis ich mich daran gew�hnt habe, wer wir sind und woher wir kommen, wird wohl noch einige Zeit vergehen.�</p><p>Langdon schwieg.</p><p>�Werden Sie morgen schon abreisen?�, wollte Sophie wissen. �Bleiben Sie noch ein paar Tage, ja?�</p><p>Langdon seufzte. Nichts h�tte er lieber getan. �Sophie, Sie m�ssen jetzt erst einmal eine Zeit lang bei Ihrer Familie bleiben. Ich fahre morgen nach Paris zur�ck.�</p><p>Sophie wusste, dass es die richtige Entscheidung war; trotzdem wirkte sie ein wenig entt�uscht. L�ngere Zeit sprachen beide kein Wort. Schlie�lich ergriff Sophie Langdons Hand und f�hrte ihn aus der Kapelle. Sie gingen zu einer kleinen Erhebung. Im diffusen Licht der Mondsichel, die durch die abziehenden Wolken schien, breitete sich die schottische Landschaft vor ihnen aus. Schweigend st�nden sie beieinander und hielten sich an den H�nden. Die Ersch�pfung forderte allm�hlich ihren Tribut.</p><p>Die Sterne erschienen am Himmelszelt. Im Westen gl�nzte ein strahlender Lichtpunkt. Langdon l�chelte, als er ihn bemerkte. Die Venus. Die antike G�ttin lie� ihr goldenes Licht auf sie scheinen.</p><p>Der Abend wurde k�hl. Eine frische Brise wehte aus den Lowlands herauf. Nach einer Weile blickte Langdon zu Sophie hin�ber. Sie hatte die Augen geschlossen. Um ihre Lippen spielte ein zufriedenes L�cheln. Langdon sp�rte, wie auch seine Lider allm�hlich schwer wurden. Z�gernd dr�ckte er ihre Hand. �Sophie?�</p><p>Sie schlug die Augen auf und l�chelte ihn schl�frig an. Das sanfte Mondlicht machte ihr Gesicht noch sch�ner.</p><p>Es stimmte Langdon pl�tzlich traurig, dass er ohne sie nach Paris zur�ckmusste. �Wenn Sie morgen aufstehen, bin ich wahrscheinlich schon fort.� Er stockte. Der Klo� im Hals wurde immer gr��er. �Entschuldigen Sie, ich bin nicht so gut im � �</p><p>Sophie legte ihm sanft die Hand an die Schl�fe, beugte sich zu ihm her�ber und k�sste ihn auf die Wange. �Wann sehe ich dich wieder?�</p><p>Langdon verlor sich in Sophies Augen. Seine Gedanken �berschlugen sich. Wusste sie, wie sehr er auf diese Frage gewartet hatte? �N�chsten Monat halte ich auf einer Tagung in Florenz einen Vortrag. Ich bin eine ganze Woche dort und habe nicht allzu viel zu tun.�</p><p>�Ist das eine Einladung?�</p><p>�Wir h�tten allen erdenklichen Luxus. Ich habe eine Suite im Brunelleschi.�</p><p>Sophie l�chelte ihn schelmisch an. �Sie scheinen sich ja ganz sch�n Hoffnungen zu machen, Mr Langdon.�</p><p>Langdon hatte sich ohrfeigen k�nnen. Wie hatte er sich nun wieder ausgedr�ckt! �Ich meine � �</p><p>�Robert, es w�re wunderbar, wenn wir uns in Florenz treffen k�nnten! Aber nur unter einer Bedingung.� Sophie wurde ernst. �Keine Museen, keine Kirchen, keine Grabm�ler, keine Kunstwerke, keine Reliquien.�</p><p>�In Florenz? Eine ganze Woche? Etwas anderes kann man dort doch kaum machen.�</p><p>Sophie beugte sich wieder zu ihm her�ber. Diesmal k�sste sie ihn auf den Mund. Ihre K�rper ber�hrten sich, z�gernd zuerst, dann leidenschaftlich. Als Sophie sich von Langdon l�ste, lag ein verhei�ungsvolles Leuchten in ihren Augen.</p><p>�Wirklich?�</p><p>�Ja�, sagte Langdon. �Wirklich.�</p></section><section><title><p><strong>EPILOG</strong></p></title><p>Robert Langdon fuhr aus dem Schlaf. Er hatte getr�umt. Auf dem Bademantel neben seinem Bett befand sich ein Monogramm. HOTEL RITZ, PARIS. Schwaches Licht drang durch die heruntergelassenen Jalousien. Ist es Morgen oder Abend!</p><p>Langdon f�hlte sich entspannt und ausgeruht. Er hatte die letzen beiden Tage praktisch durchgeschlafen. Langsam setzte er sich auf. Allm�hlich d�mmerte ihm, was ihn geweckt hatte � ein v�llig aberwitziger Gedanke. Seit Tagen hatte er versucht, einen Wust widerspr�chlicher Informationen zu verarbeiten, aber pl�tzlich lie� ihn ein Gedanke nicht mehr los, der ihm bisher noch nicht gekommen war.</p><p><emphasis>Ist das vorstellbar?</emphasis></p><p>Er blieb eine Weile regungslos sitzen. Schlie�lich stand er auf und ging unter die Dusche, stellte den kr�ftigen Punktstrahl ein und lie� sich die Schultern massieren. Der Gedanke lie� ihm keine Ruhe.</p><p><emphasis>Unsinn!</emphasis></p><p>Zwanzig Minuten sp�ter trat Langdon aus dem Hotel hinaus auf den Place Vend�me. Es wurde gerade dunkel. Die durchgeschlafenen Tage und N�chte hatten sein Zeitgef�hl durcheinander gebracht, doch sein Verstand war ungew�hnlich wach und klar. Er bog in die Rue des Petits Champs ein, wandte sich dann nach S�den in die Rue de Richelieu. Vom Garten des Palais Royal wehre der schwere s��e Duft des bl�henden Jasmins zu ihm her�ber.</p><p>Er ging in s�dliche Richtung weiter, bis er sah, wonach er Ausschau gehalten hatte � die ber�hmten weitl�ufigen Arkaden aus gl�nzendem schwarzen Marmor. Langdon betrat den Arkadengang und richtete den Blick auf den Boden zu seinen F��en. Binnen Sekunden hatte er gefunden, was er suchte � die in den Boden eingelassenen Bronzemedaillons. Sie markierten eine vollkommen gerade Linie. In jede der Bronzescheiben, die ungef�hr zehn Zentimeter im Durchmesser ma�en, waren die Buchstaben N und S eingraviert.</p><p><emphasis>Nord und S�d.</emphasis></p><p>Langdon blickte nach S�den. Sein Auge verl�ngerte die von den Medaillons gebildete Linie. Er setzte sich wieder in Bewegung und hielt im Gehen nach dem n�chsten Medaillon Ausschau. Nachdem er die Ecke der Com�die Fran�aise links hatte liegen lassen, sah er wieder ein Medaillon zu seinen F��en.</p><p><emphasis>Ja!</emphasis></p><p>Vor Jahren hatte Langdon erfahren, dass in Paris hundertf�nfunddrei�ig dieser in Stra�en, Trottoirs und H�fe eingebetteten Bronzemarkierungen eine exakte Nord-S�d-Achse quer durch die Stadt bilden. Langdon war diese Linie einmal abgeschritten, von Sacre-C�ur weit im Norden der Seine bis hinunter zum alten Observatorium von Paris, wo zu sehen war, was es mit dieser Linie auf sich hatte.</p><p><emphasis>Der erste Nullmeridian der Welt.</emphasis></p><p><emphasis>Die alte Rosenlinie von Paris.</emphasis></p><p>Als Langdon die Rue de Rivoli �berquerte, wusste er sein Ziel zum Greifen nahe.</p><p><emphasis>Unter Alt-Roslin der Gral verharrt.</emphasis></p><p>Die Erkenntnis st�rzte f�rmlich auf Langdon ein. Sauni�res altert�mliche Schreibweise von Rosslyn � Roslin � der Winkel und der Kelch � der von des Meisters Kunst geschm�ckte Ort �</p><p><emphasis>Wollte Sauni�re deshalb mit dir sprechen? Bist du �ber die Wahrheit gestolpert, ohne es zu wissen?</emphasis></p><p>Langdon rannte los. Die Rosenlinie unter seinen F��en leitete, zog ihn f�rmlich seinem Ziel entgegen. Als er die lange, unterirdische Passage Richelieu betrat, stellten sich ihm vor Anspannung die Nackenhaare auf. Am Ende dieses Tunnels stand das geheimnisvollste Monument von Paris, in den Achtzigerjahren von Francois Mitterand, der �Sphinx�, pers�nlich geplant und in Auftrag gegeben, von einem Mann, der sich Ger�chten zufolge in geheimen Zirkeln bewegt hatte und dessen Verm�chtnis an Paris eine �rtlichkeit war, die Langdon erst wenige Tage zuvor aufgesucht hatte.</p><p><emphasis>In einem anderen Leben.</emphasis></p><p>Langdon st�rmte aus der Passage auf den vertrauten Innenhof. Atemlos blieb er stehen. Ungl�ubig blieb sein Blick an jenem Bauwerk haften, das in der Dunkelheit halb links von ihm schimmerte.</p><p><emphasis>Die Pyramide des Louvre.</emphasis></p><p>Doch Langdons Bewunderung galt ihr nur f�r einen Moment. Sein eigentliches Interesse richtete sich auf das, was zu seiner Rechten lag. Er wandte sich ab, strebte wieder dem unsichtbaren Pfad der alten Rosenlinie zu. Sein Weg f�hrte ihn aus dem Innenhof hinaus zum Carrousel du Louvre, der riesigen runden Rasenscheibe mit ihrem s�uberlich gestutzten Heckenrand � der ehemaligen Feierst�tte des der Natur gewidmeten Pariser Fr�hlingsfestes, dem Fruchtbarkeitsritual zu Ehren der G�ttin.</p><p>Mit dem Gef�hl, in eine andere Welt einzutreten, stieg Langdon �ber die Hecke und betrat die Rasenfl�che dahinter. Der heilige Grund barg jetzt eines der ungew�hnlichsten Monumente der Stadt. Wie ein klaffender kristallener Abgrund ragte in seinem Zentrum die gro�e, auf die Spitze gestellte gl�serne Pyramide nach unten, die Langdon schon vor ein paar Tagen aus der Ferne gesehen hatte, als er Fache durch das unterirdische Foyer gefolgt war.</p><p><emphasis>La Pyramide Invers�e.</emphasis></p><p>Zitternd, mit vibrierenden Nerven trat Langdon an die Kante der absch�ssigen Fensterfl�chen und schaute hinab in den in bernsteinfarbenem Licht gl�henden unterirdischen Eingangskomplex. Seine Aufmerksamkeit galt weniger der gewaltigen, auf den Kopf gestellten Pyramide, als dem, was sich unten unmittelbar unter ihrer Spitze befand. Dort, auf dem Boden des tief gelegenen Foyers, war eine bescheidene Struktur zu sehen � eine Struktur, die Langdon in seinem Manuskript erw�hnt hatte.</p><p>Langdon sp�rte, wie ihn der Kitzel der unvorstellbaren M�glichkeiten bis in die letzte Faser seines K�rpers ergriff. Er hob den Blick zum Louvre. Die riesigen Fl�gel des Museumsgeb�udes umschlossen ihn, Flure �ber Flure, angef�llt mit den kostbarsten Meisterwerken der Welt.</p><p>Da Vinci � Botticelli �</p><p><emphasis>Es ist von des Meisters Kunst geschm�ckt.</emphasis></p><p>Vor Ehrfurcht schaudernd und zugleich von der Wissbegier des geborenen Forschers erf�llt, blickte Langdon wieder durch das Glas zu der schlichten Struktur hinunter.</p><p><emphasis>Da unten musst du hin.</emphasis></p><p>Er lief �ber die runde Rasenfl�che zur�ck und hin�ber zu der hoch aufragenden Eingangspyramide des Louvre. Die letzten Besucher des Tages tr�pfelten heraus.</p><p>Langdon warf sich gegen die Dreht�r und eilte die geschwungene Treppe hinunter auf die Sohle der gro�en Pyramide. Er sp�rte die Luft k�hler werden. Unten angekommen, betrat er den langen Gang, der unter dem Innenhof des Louvre hin�ber zur <emphasis>Pyramide Invers�e</emphasis> f�hrte.</p><p>Der Gang weitete sich an seinem Ende zu einem gro�en Raum. Unmittelbar vor Langdon ragte spiegelnd die auf der Spitze stehende Pyramide herab � eine atemberaubende, v-f�rmige Glasstruktur.</p><p><emphasis>Der Kelch.</emphasis></p><p>Langdons Blick glitt an den Kanten entlang nach unten bis zur knapp zwei Meter �ber dem Boden schwebenden Spitze. Genau darunter erhob sich die kleine Struktur.</p><p>Eine Miniaturpyramide, gerade einmal neunzig Zentimeter hoch. Die einzige kleinere Struktur im gesamten riesigen Komplex.</p><p>Langdon hatte in seinem Manuskript bei der Er�rterung der umfangreichen, im Louvre zusammengetragenen Sammlungen von Fruchtbarkeitsg�ttinnen und anderen weibliche Gottheiten auch eine Bemerkung �ber diese bescheidene Pyramide gemacht. �<emphasis>Die kleine Pyramide durchst��t den Boden wie die Spitze eines Eisbergs � wie der Schlussstein einer pyramidenf�rmigen geheimen Gruft, die sich darunter verbirgt.</emphasis>�</p><p>Die Spitzen der beiden Pyramiden wiesen in perfekter Ausrichtung aufeinander. In der sanften Beleuchtung des verlassenen Mezzanins schienen sie einander fast zu ber�hren.</p><p><emphasis>Oben der Kelch. Unten der Winkel. Winkel und Kelch das Grab bewahrt</emphasis>.</p><p>Langdon h�rte von ferne Marie Chauvels Worte. <emphasis>Eines Tages werden Ihnen die Augen aufgehen.</emphasis></p><p>Von den Werken der Meister umgeben, die zudem die Werke des ermordeten Gro�meisters waren, stand er unter der alten Rosenlinie. <emphasis>Konnte Sauni�re einen besseren Ort finden, um am Grab des Grals Wache zu halten</emphasis>? Langdon sp�rte, dass er endlich den Sinn von Sauni�res letztem Vierzeiler begriffen hatte. Er hob die Augen und schaute durchs Oberlicht. Ein grandioser Sternenhimmel spannte sich �ber das n�chtliche Firmament.</p><p>� <emphasis>unters Sternenzelt endlich ger�ckt!</emphasis></p><p>Wie das Murmeln von Geistern aus der Dunkelheit vernahm Langdon das Echo l�ngst verhallter Worte. <emphasis>Die Suche nach dem Heiligen Gral ist die Wallfahrt zu den Gebeinen Maria Magdalenas. Es ist die Sehnsucht, zu F��en der Verleugneten auf die Knie zu sinken und zu beten.</emphasis></p><p>Ehrf�rchtig kniete Robert Langdon nieder.</p><p>Den Bruchteil einer Sekunde glaubte er eine weibliche Stimme zu h�ren � das Fl�stern uralter Weisheit, das aus den Tiefen von Mutter Erde zu ihm drang.</p></section></body><binary id="cover" 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