<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>foreign_language</genre><genre>literature_20</genre><genre>foreign_prose</genre><author><first-name>Heinrich</first-name><middle-name>Theodor</middle-name><last-name>B&#xF6;ll</last-name><id>4854acfb-2a93-102a-9ac3-800cba805322</id></author><book-title>Billard um halb Zehn / Бильярд в половине десятого. Книга для чтения на немецком языке</book-title><annotation><p>Генрих Белль (1917–1985) – знаменитый немецкий писатель, лауреат Нобелевской премии по литературе (1972).</p><p>В его многочисленных произведениях глубина психологического анализа, лиризм сочетаются с резкой социальной критикой, в том числе антифашистской и антивоенной.</p><p>В книге представлен один из самых известных романов Г. Белля «Бильярд в половине десятого».</p><p>Оригинальный текст снабжен постраничным комментарием и словарем.</p></annotation><keywords>лексический материал,текстовый материал,антивоенная литература,немецкая литература,книги для чтения на немецком языке</keywords><date value="1959-01-01">1959</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Чтение в оригинале (Каро)"><sequence name="Moderne Prosa"/></sequence></title-info><document-info><author><first-name>Дарья</first-name><last-name>Штыкова</last-name></author><author><first-name/><last-name>Tibioka</last-name></author><program-used>OOoFBTools-2.55 (ExportToFB21), FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2019-07-19">19.07.2019</date><src-url>http://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=36087624</src-url><src-ocr>Текст предоставлен правообладателем</src-ocr><id>97b66995-9709-11e8-979a-0cc47a5f137d</id><version>1.1</version><history><p>V 1.0 by SHD</p><p>version 1.1 – редактирование документа – Tibioka</p></history><publisher><first-name>Литагент</first-name><last-name>Каро</last-name><id>5a15d18d-5523-11e4-9277-002590591ed2</id></publisher></document-info><publish-info><book-name>Billard um halb zehn / Heinrich Theodor B&#xF6;ll // Бильярд в половине десятого : книга для чтения на немецком языке / Г. Бёлль.</book-name><publisher>КАРО</publisher><city>Санкт-Петербург</city><year>2007</year><isbn>978-5-9925-1452-0</isbn><sequence name="Original Lekt&#xFC;re"/></publish-info><custom-info info-type="">УДК 372.8 ББК 81.2 Нем93 Б43 Подготовка текста, примечания, словарь М. Н. Гузь Технический редактор Я. В. Попова Корректор Е. А. Тимофеева Рисунок на обложке А. Н. Лосевой Все права защищены. Книга или любая ее часть не может быть скопирована, воспроизведена в электронной или механической форме, в виде фотокопии, записи в память ЭВМ, репродукции или каким-либо иным способом, а также использована в любой информационной системе без получения разрешения от издателя. Копирование, воспроизведение и иное использование книги или ее части без согласия издателя является незаконным и влечет уголовную, административную и гражданскую ответственность. © КАРО, 2007</custom-info></description><body><title><p>Heinrich Theodor B&#xF6;ll</p><p>Billard um halb Zehn</p></title><section><cite><p>© КАРО, 2007</p><p>Все права защищены</p></cite></section><section><title><p>&#xDC;ber den Autor</p></title><p>Heinrich B&#xF6;ll wurde am 21.12.1917 in K&#xF6;ln als Sohn eines Tischlermeisters und Bildhauers geboren. W&#xE4;hrend der Kindheits- und Jugendjahre wechselte die Familie mehrfach die Wohnung innerhalb des K&#xF6;lner Stadtgebiets, wodurch B&#xF6;ll intensiv mit Geschichte, Tradition und sozialem Klima der rheinischen Metropole in Ber&#xFC;hrung kam. Zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern erlebte er zun&#xE4;chst 1930 die Weltwirtschaftskrise, die seinen Vater, wie auch viele andere Selbstst&#xE4;ndige, ruiniert hatte. Drei Jahre sp&#xE4;ter wurde er Zeitzeuge der &#xDC;bernahme der Macht in Deutschland durch die Nationalsozialisten.</p><p>B&#xF6;ll fing nach eigenen Zeugnissen sehr fr&#xFC;h an zu lesen, besonders die erz&#xE4;hlerischen Gesellschaftspanoramen der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts: die Romane Balzacs, Dickens und Dostojewskis, die sicher nicht ohne Einfluss auf B&#xF6;lls eigene erz&#xE4;hlerische Familien- und Gruppen-„Bilder“ bis hin zum Sp&#xE4;twerk blieben. Hinzu trat das Kennenlernen des franz&#xF6;sischen <emphasis>renouveau catholique</emphasis><a l:href="#n_1" type="note">[1]</a>, der Kritik am kirchlichen verh&#xE4;rteten Christentum bei Leon Bloy<a l:href="#n_2" type="note">[2]</a>, Georges Bernanos<a l:href="#n_3" type="note">[3]</a> und Charles Peguy<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a>. B&#xF6;ll selbst verwies immer wieder auf deutsche Autoren, die ihm wichtig wurden: Kleist<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a>, H&#xF6;lderlin<a l:href="#n_6" type="note">[6]</a>, Hebel<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a>, Kafka<a l:href="#n_8" type="note">[8]</a>. Mit 17 begann er zu schreiben. Doch seine fr&#xFC;hen Werke verbrannten bei einem K&#xF6;lner Luftangriff.</p><p>Nach dem Abitur (1937) begann B&#xF6;ll eine Lehre im Buchhandel der Firma Matthias Lempertz in Bonn, die drei Jahre dauerte. Im Herbst 1938 bis zum Fr&#xFC;hjahr 1939 musste B&#xF6;ll den Reichsarbeitsdienst als Vorbedingung f&#xFC;r das Universit&#xE4;tsstudium ableisten. Zum Sommersemester desselben Jahres immatrikulierte sich B&#xF6;ll an der Universit&#xE4;t zu K&#xF6;ln und belegte die F&#xE4;cher Germanistik und klassische Philologie. Doch schon im Juni 1939 wurde er zur Armee eingezogen. Er erlitt den Krieg an westlichen und &#xF6;stlichen Fronten und zunehmend in Deutschland selbst. B&#xF6;ll registrierte den Krieg und lernte ihn hassen als ein enthumanisierendes Chaos aus Egoismus, l&#xE4;cherlichem Herrenwahn, Profitgier, Tr&#xE4;nen, Schrecken, Dreck, Langeweile und sinnlosem Leid.</p><p>Im Mai 1940 musste er in eine Garnison nach Polen. Ende Juni desselben Jahres kam er als Infanterist nach Frankreich. 1942 heiratete B&#xF6;ll Annemarie Cech und arbeitete schlie&#xDF;lich als Dolmetscher bei der Ortskommandatur in einem franz&#xF6;sischen Badeort. Im Sommer 1943 fuhr B&#xF6;ll als Soldat nach Russland. Der Zug, mit dem er fuhr, explodierte und B&#xF6;ll wurde an der rechten Hand verletzt. Er wurde ins Lazarett nach Deutschland gebracht, nach 14 Tagen musste er aber bereits wieder nach Russland. Inzwischen arbeitete Annemarie als Lehrerin an einer Mittelschule. Im Dezember 1943 traff ein Granatsplitter B&#xF6;ll am Kopf, woraufhin er bis Mai 1944 im Lazarett in Odessa lag. Im August 1944 f&#xE4;lschte B&#xF6;ll nach einer R&#xFC;ckenverletzung durch eine Handgranate einen Befehl, wodurch er schlie&#xDF;lich nach Metz geschickt wurde, was jedoch niemand bemerkte. Nach einem kurzen Urlaub musste er weiter an der Ostfront dienen. Im April 1945 wurde er von den Amerikanern gefangengenommen. Am 8.5.1945 kapitulierte Deutschland, B&#xF6;ll und die &#xFC;brigen Gefangenen wurden freigelassen.</p><p>Im November 1945 kehrte B&#xF6;ll aus der Kriegsgefangenschaft nach K&#xF6;ln heim. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre waren f&#xFC;r B&#xF6;ll eine harte Zeit. Auf der einen Seite musste er Geld verdienen, um seine Familie zu ern&#xE4;hren, die sich schnell vergr&#xF6;&#xDF;erte: Zwischen 1947 und 1950 wurden seine drei S&#xF6;hne Raimund, Ren&#xE9; und Vincent geboren. Auf der anderen Seite wollte er seinen Traum vom Schreiben als Lebensinhalt nicht aufgeben. Um Lebensmittelkarten zu erhalten, immatrikulierte er sich an der Universit&#xE4;t, arbeitete zeitweise in der von einem seiner Br&#xFC;der fortgef&#xFC;hrten Schreinerei, w&#xE4;hrend Annemarie B&#xF6;ll als Lehrerin unterrichtete.</p><p>Seine erste publizierte Erz&#xE4;hlung, <emphasis>Aus der „Vorzeit“</emphasis>, erschien am 3. Mai 1947 im Rheinischen Merkur, gek&#xFC;rzt von achtzehn Manuskriptseiten auf eineinhalb. 1949 ver&#xF6;ffentlichte er den Roman <emphasis>Der Zug war p&#xFC;nktlich</emphasis>, der ebenso wie <emphasis>Wo warst du, Adam?</emphasis> (1951) das Erlebnis des Krieges behandelte. Im Mittelpunkt der beiden folgenden Romane – <emphasis>Und sagte kein einziges Wort</emphasis> (1953) und <emphasis>Haus ohne H&#xFC;ter</emphasis> (1954) – stand das durch unzul&#xE4;ngliche Lebensbedingungen gef&#xE4;hrdete Familienleben.</p><p>Im Mai 1951 wurde er zur 8.Tagung der ber&#xFC;hmten Gruppe 47 eingeladen. Er las <emphasis>„Die schwarzen Schafe“</emphasis> und gewann 1000 DM. Fortan lebte B&#xF6;ll als freier Schriftsteller. 1952 wurde er Dritter beim Erz&#xE4;hlerpreis des S&#xFC;ddeutschen Rundfunks, gewann den Deutschen Kritikerpreis 1953, die Ehrengabe des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie 1954, den Preis der „Tribune de Paris“ 1955 und wurde 1953 zum Mitglied der Deutschen Akademie f&#xFC;r Sprache und Dichtung gew&#xE4;hlt.</p><p>Betrachtet man sein Leben in den folgenden Jahrzehnten, dann stellt man einige auff&#xE4;llige Momente und Wesensz&#xFC;ge im Leben von Heinrich B&#xF6;ll fest. Da ist zuerst und vor allem seine geradezu unwahrscheinlich anmutende Produktivit&#xE4;t. Der Erz&#xE4;hler B&#xF6;ll hat nicht nur viel auf dem Herzen; er erlebt auch die sich ver&#xE4;ndernde Welt, indem er schreibt. Da sind seine weit &#xFC;ber hundert Kurzgeschichten, Satiren, viele kleinere und bis zu romanhafter L&#xE4;nge reichende gro&#xDF;e Erz&#xE4;hlungen. Da sind seine Romane <emphasis>Billard um halb zehn</emphasis> (1959), <emphasis>Ansichten eines Clowns</emphasis> (1963), <emphasis>Dr.Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren</emphasis> (1958), die Erz&#xE4;hlung <emphasis>Ende einer Dienstfahrt</emphasis> (1966), <emphasis>Gruppenbild mit Dame</emphasis> (1971), <emphasis>F&#xFC;rsorgliche Belagerung</emphasis> (1979) sowie der kurz nach seinem Tod erschienene Roman <emphasis>Frauen vor Flu&#xDF;landschaft</emphasis>. Dar&#xFC;ber hinaus schrieb er sein viel gelesenes <emphasis>Irisches Tagebuch</emphasis> (1957) (er ging f&#xFC;r ein dreiviertel Jahr nach Irland, seine Familie nahm er wie gew&#xF6;hnlich mit), unz&#xE4;hlige Essays, Artikel und Rezensionen. Nicht vergessen darf man seine H&#xF6;rspiele und H&#xF6;rbilder sowie die &#xDC;bersetzungen, die er oft gemeinsam mit seiner Frau erarbeitete. Auch auf dem Gebiet des Theaters versuchte er sich, wovon zum Beispiel das im Dezember 1961 uraufgef&#xFC;hrte St&#xFC;ck <emphasis>Ein Schluck Erde</emphasis> zeugt. Viele seiner Arbeiten, wie zum Beispiel <emphasis>Das Brot der fr&#xFC;hen Jahre, Ansichten eines Clowns, Ende einer Dienstfahrt</emphasis> oder <emphasis>Die verlorene Ehre der Katharina Blum</emphasis> wurden sowohl inszeniert als auch verfilmt.</p><p>Ende der sechziger Jahre erkrankte B&#xF6;ll. H&#xE4;ufige Sanatorien – Aufenthalte in der Schweiz, die er seit 1976 unternahm, brachten keine endg&#xFC;ltige Besserung. Als er Ende 1979 mit seiner Frau zu seinem Sohn Vincent nach Quito in Ecuador reiste, kam es zum Zusammenbruch. Er musste sich einer komplizierten Operation unterziehen. Nach seiner R&#xFC;ckkehr 1980 nach Deutschland kam es zu der zweiten schweren Operation mit mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt. Als er 1985 erneut operiert werden musste, starb er nur einen Tag nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus – am 16. Juli 1985 – in seinem Haus in Langenbroich. Beigesetzt wurde Heinrich B&#xF6;ll auf dem Friedhof von Bornheim-Merten.</p></section><section><title><p>&#xDC;ber mich selbst</p></title><p>Im Jahre 1958 schrieb Heinrich B&#xF6;ll den kleinen Aufsatz „&#xDC;ber mich selbst“, der die geistigen und sozialen Wurzeln seiner Existenz sichtbar macht:</p><p>„Geboren bin ich in K&#xF6;ln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit &#xFC;berdr&#xFC;ssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zuflie&#xDF;t; wo weltliche Macht nie so recht ernst genommen worden ist, geistliche Macht weniger ernst, als man gemeinhin in deutschen Landen glaubt; wo man Hitler mit Blument&#xF6;pfen bewarf, G&#xF6;ring &#xF6;ffentlich verlachte, den blutr&#xFC;nstigen Gecken, der es fertigbrachte, sich innerhalb einer Stunde in drei verschiedenen Uniformen zu pr&#xE4;sentieren; ich stand, zusammen mit Tausenden K&#xF6;lner Schulkindern Spalier, als er in der dritten Uniform, einer wei&#xDF;en, durch die Stadt fuhr; ich ahnte, dass der b&#xFC;rgerliche Unernst der Stadt gegen die neu heraufziehende Mechanik des Unheils nichts ausrichten w&#xFC;rde; geboren in K&#xF6;ln, das seines gotischen Domes wegen ber&#xFC;hmt ist, es aber mehr seiner romanischen Kirchen wegen sein m&#xFC;sste; das die &#xE4;lteste Judengemeinde Deutschlands beherbergte und sie preisgab; B&#xFC;rgersinn und Humor richteten gegen das Unheil nichts aus, jener Humor, so ber&#xFC;hmt wie der Dom, in seiner offiziellen Erscheinungsform schreckenerregend, auf der Stra&#xDF;e manchmal von Gr&#xF6;&#xDF;e und Weisheit.</p><p>Geboren in K&#xF6;ln, am 21. Dezember 1917, w&#xE4;hrend mein Vater als Landsturmmann Br&#xFC;ckenwache schob; im schlimmsten Hungerjahr des Weltkrieges wurde ihm das achte Kind geboren; zwei hatte er schon fr&#xFC;h beerdigen m&#xFC;ssen; w&#xE4;hrend mein Vater den Krieg verfluchte und den kaiserlichen Narren, den er mir sp&#xE4;ter als Denkmal zeigte. „Dort oben“, sagte er, „reitet er immer noch auf seinem Bronzegaul westw&#xE4;rts, w&#xE4;hrend er doch schon so lange in Doorn Holz hackt“; immer noch reitet er auf seinem Bronzegaul westw&#xE4;rts. Meine v&#xE4;terlichen Vorfahren kamen vor Jahrhunderten von den Britischen Inseln, Katholiken, die der Staatsreligion Heinrichs VIII. die Emigration vorzogen. Sie waren Schiffszimmerleute, zogen von Holland herauf rheinaufw&#xE4;rts, lebten immer lieber in St&#xE4;dten als auf dem Land, wurden, so weit von der See entfernt, Tischler. Die Vorfahren m&#xFC;tterlicherseits waren Bauern und Bierbrauer; eine Generation war wohlhabend und t&#xFC;chtig, dann brachte die n&#xE4;chste den Verschwender hervor, war die &#xFC;bern&#xE4;chste arm, brachte wieder den T&#xFC;chtigen hervor, bis sich im letzten Zweig, aus dem meine Mutter stammte, alle Weltverachtung sammelte und der Name erlosch.</p><p>Meine erste Erinnerung: Hindenburgs heimkehrende Armee, grau, ordentlich, trostlos zog sie mit Pferden und Kanonen an unserem Fenster vor&#xFC;ber; vom Arm meiner Mutter aus blickte ich auf die Stra&#xDF;e, wo die endlosen Kolonnen auf die Rheinbr&#xFC;cken zumarschierten; sp&#xE4;ter: die Werkstatt meines Vaters: Holzgeruch, der Geruch von Leim, Schellack und Beize; der Anblick frischgehobelter Bretter, das Hinterhaus einer Mietskaserne, in der die Werkstatt lag; mehr Menschen, als in manchem Dorf leben, lebten dort, sangen, schimpften, h&#xE4;ngten ihre W&#xE4;sche auf die Recks; noch sp&#xE4;ter: die klangvollen germanischen Namen der Stra&#xDF;en, in denen ich spielte: Teutoburger -, Eburonen -, Veledastra&#xDF;e, und die Erinnerung an Umz&#xFC;ge, wie mein Vater sie liebte, M&#xF6;belwagen, biertrinkende Packer, das Kopfsch&#xFC;tteln meiner Mutter, die ihren Herd liebte, auf dem sie das Kaffeewasser immer kurz vor dem Siedepunkt zu halten verstand. Nie wohnten wir weit vom Rhein entfernt, spielten auf Fl&#xF6;&#xDF;en, in alten Festungsgr&#xE4;ben, in Parks, deren G&#xE4;rtner streikten; Erinnerung an das erste Geld, das ich in die Hand bekam, es war ein Schein, der eine Ziffer trug, die Rockefellers Konto Ehre gemacht h&#xE4;tte: 1 Billion Mark; ich bekam eine Zuckerstange daf&#xFC;r; mein Vater holte die Lohngelder f&#xFC;r seine Gehilfen in einem Leiterwagen von der Bank; wenige Jahre sp&#xE4;ter waren die Pfennige der stabilisierten Mark schon knapp, Schulkameraden bettelten mich in der Pause um ein St&#xFC;ck Brot an; ihre V&#xE4;ter waren arbeitslos; Unruhen, Streiks, rote Fahnen, wenn ich durch die am dichtesten besiedelten Viertel K&#xF6;lns mit dem Fahrrad in die Schule fuhr; wieder einige Jahre sp&#xE4;ter waren die Arbeitslosen untergebracht, sie wurden Polizisten, Soldaten, Henker, R&#xFC;stungsarbeiter – der Rest zog in die Konzentrationslager; die Statistik stimmte, die Reichsmark flo&#xDF; in Str&#xF6;men; bezahlt wurden die Rechnungen sp&#xE4;ter, von uns, als wir, inzwischen unversehens M&#xE4;nner geworden, das Unheil zu entziffern versuchten und die Formel nicht fanden; die Summe des Leidens war zu gro&#xDF; f&#xFC;r die wenigen, die eindeutig als schuldig zu erkennen waren; es blieb ein Rest, der bis heute nicht verteilt ist.</p><p>Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon fr&#xFC;h, fand aber die Worte erst sp&#xE4;ter.“</p></section><section><title><p>&#xDC;ber das Buch</p></title><p>Die Geschichte dreier Generationen einer rheinischen Architektenfamilie symbolisiert das deutsche Schicksal der ersten Jahrhunderth&#xE4;lfte. Das a&#xFC;&#xDF;ere Geschehen ist in den Ablauf eines einzigen Tages des Jahres 1958 gespannt. Es ist der achtzigste Geburtstag von Heinrich F&#xE4;hmel, der im Jahre 1907 den Auftrag erhielt, die Abtei St. Anton zu erbauen. Sein Sohn Robert, der jeden Tag von halbzehn bis elf im Hotel Prinz Heinrich Billard spielt, hat in seiner Eigenschaft als Sprengspezialist der Wehrmacht die Abtei in den letzten Kriegstagen zerst&#xF6;rt. Der Enkel Joseph wird am Wiederaufbau beteiligt. In den Gespr&#xE4;chen Roberts mit dem Hotelboy, in R&#xFC;ckblenden und Erinnerungen seines Vaters verkn&#xFC;pfen sich Vergangenheit und Gegenwart, werden die Situationen der einzelnen Zeitabschnitte verdeutlicht. Im Mittelpunkt steht dabei der Konflikt zwischen dem selbstst&#xE4;ndig denkenden und handelnden Einzelg&#xE4;nger und der politisch opportunistischen Mehrheit.</p><empty-line/><p>Heinrich B&#xF6;ll &#xFC;ber die Entstehungsgeschichte von <emphasis>Billard um halbzehn</emphasis> in dem Interview mit Horst Bienek:</p><p>„Die erste Zelle dieses Romans ist die zweite H&#xE4;lfte des Schlagballkapitels. Und diese Zelle ist entstanden aus einer historischen Begebenheit. Im Jahre 1934, glaube ich, war es, da lie&#xDF; G&#xF6;ring hier in K&#xF6;ln vier junge Kommunisten durch Handbeil hinrichten. Der J&#xFC;ngste von ihnen war siebzehn oder gerade achtzehn, so alt wie ich damals war, als ich gerade anfing, mich im Schreiben zu versuchen. Das Ganze war als Kurzgeschichte gedacht, war auch so angelegt, aber ich sp&#xFC;rte eben, dass es ein Roman werden m&#xFC;sse. Das Thema hat sich dann verwandelt, vielfach verwandelt, als ich in Genf den Altar der Gebr&#xFC;der van Eyck sah, in dessen Mitte das Gotteslamm steht. Ich habe den Altar dann innerhalb k&#xFC;rzerer Zeit noch einmal gesehen. Das ist alles, was ich wei&#xDF;. Der Rest ist ein sehr komplizierter Vorgang wie immer beim Schreiben, wo Bewusstes und Unbewusstes sich st&#xE4;ndig mischen in einem st&#xE4;ndig wechselnden Mischungsverh&#xE4;ltnis. Sp&#xE4;ter dann habe ich diese beiden Anl&#xE4;sse, wenn ich sie so nennen darf, vergessen. Andere Gestalten und Motive wurden mir wichtiger, verloren wieder an Wichtigkeit. Das wechselt mit der Hitze und der notwendigen Abk&#xFC;hlung w&#xE4;hrend des Schreibens und wechselt immer wieder.“</p><cite><p>„Es ist eine breit dahinflutende, schmerzlich sch&#xF6;ne Elegie vom Leben dieser unserer eigenen Zeit, von Hoffnungen, Leiden und Illusionen. Das Buch hat Reife. Es ist aller Tendenz enthoben. Sein Klang ist voll, sein Sinn ist mild, seine Wahrheit ist entschieden und klar: die Wahrheit des Lamms, das geopfert wird, damit die Welt weiterleben kann.“</p><text-author><emphasis>Karl Korn</emphasis></text-author></cite><cite><p>„Wenn die Geschichten von Schicksalen, die um der Wahrheit willen erfunden wurden, noch heutzutage auf die Leser einen Einfluss aus&#xFC;ben k&#xF6;nnen, dann ist wohl der Roman Heinrich B&#xF6;lls dazu angetan, den Menschen besser zu machen. Was k&#xF6;nnte man von einem Moralisten mehr sagen?“</p><text-author><emphasis>Marcel Reich-Ranicki</emphasis></text-author></cite><cite><p>„Billard um halbzehn, B&#xF6;lls vielleicht extremstes Buch, ist der Hilfeschrei eines „Nicht-Vers&#xF6;hnten“ (nicht: eines Unvers&#xF6;hnlichen). Mit rauschhafter Gewalt, rhapsodisch wie Koeppen, anspruchsvoll wie Faulkner, sucht da jemand nach Natur in unnat&#xFC;rlicher Welt, nach Trauer im Zeitalter der Restauration, nach Gelassenheit, die der Verzweiflung f&#xE4;hig ist.“</p><text-author><emphasis>Joachim Kaiser</emphasis></text-author></cite></section><section><title><p>Kapitel I</p></title><p>An diesem Morgen war F&#xE4;hmel zum ersten Mal unh&#xF6;flich zu ihr, fast grob. Er rief sie gegen halb zw&#xF6;lf an, und schon der Klang seiner Stimme verhie&#xDF; Unheil; diese Schwingungen waren ihr ungewohnt, und gerade weil seine Worte so korrekt blieben, erschreckte sie der Ton: alle H&#xF6;flichkeit war in dieser Stimme auf die Formel reduziert, als wenn er ihr statt Wasser H<sub>2</sub>O angeboten h&#xE4;tte.</p><p>„Bitte“, sagte er, „nehmen Sie aus Ihrem Schreibtisch die kleine rote Karte, die ich Ihnen vor vier Jahren gab.“ Sie zog mit der rechten Hand ihre Schreibtischschublade auf, schob eine Tafel Schokolade, den Wollappen, das Messingputzmittel beiseite, nahm die rote Karte heraus. „Bitte, lesen Sie mir vor, was auf der Karte steht.“ Und sie las mit zitternder Stimme: „Jederzeit erreichbar f&#xFC;r meine Mutter, meinen Vater, meine Tochter, meinen Sohn und f&#xFC;r Herrn Schrella, f&#xFC;r niemanden sonst.“</p><p>„Bitte, wiederholen Sie den letzten Satz“, und sie wiederholte: „F&#xFC;r niemanden sonst.“ „Woher wussten Sie &#xFC;brigens, dass die Telefonnummer, die ich Ihnen gab, die des Hotels ‘Prinz Heinrich‘ war?“ Sie schwieg. „Ich m&#xF6;chte betonen, dass Sie meine Anweisungen zu befolgen haben, auch wenn sie vier Jahre zur&#xFC;ckliegen… bitte.“ – Sie schwieg.</p><p>„Dummes St&#xFC;ck…“ Hatte er das ‚Bitte‘ diesmal vergessen?</p><p>Sie h&#xF6;rte Gemurmel, dann eine Stimme, die ‚Taxi‘ rief, ‚Taxi‘, das amtliche Tuten, sie legte den H&#xF6;rer auf, schob das K&#xE4;rtchen auf die Mitte des Schreibtisches, empfand beinahe Erleichterung; diese Grobheit, die erste innerhalb von vier Jahren, war fast wie eine Z&#xE4;rtlichkeit.</p><p>Wenn sie verwirrt war oder des bis aufs &#xE4;u&#xDF;erste pr&#xE4;zisierten Ablaufs ihrer Arbeit &#xFC;berdr&#xFC;ssig, ging sie hinaus, das Messingschild zu putzen: ‚Dr. Robert F&#xE4;hmel, B&#xFC;ro f&#xFC;r statische Berechnungen, nachmittags geschlossen‘. Eisenbahnd&#xE4;mpfe, der Schleim der Auspuffgase, Stra&#xDF;enstaub gaben ihr t&#xE4;glich Gr&#xFC;nd, den Wollappen und das Putzmittel aus der Schublade zu nehmen, und sie liebte es, diese Putzminuten auf eine viertel, eine halbe Stunde auszudehnen. Dr&#xFC;ben im Haus Modestgasse 8 konnte sie hinter staubigen Fenstern die stampfenden Druckereimaschinen sehen, die unerm&#xFC;dlich Erbauliches auf wei&#xDF;es Papier druckten; sie sp&#xFC;rte das Beben, glaubte sich auf ein fahrendes oder startendes Schiff versetzt. Lastwagen, Lehrjungen, Nonnen; Leben auf der Stra&#xDF;e, Kisten vor Gem&#xFC;sel&#xE4;den: Apfelsinen, Tomaten, Kohl. Und am Nebenhaus, vor Gretzens Laden, h&#xE4;ngten zwei Lehrjungen gerade den Keiler auf, dunkles Wildschweinblut tropfte auf den Asphalt. Sie liebte den L&#xE4;rm und den Schmutz der Stra&#xDF;e. Trotz stieg in ihr hoch, und sie dachte an K&#xFC;ndigung; in irgendeinem Dreckladen arbeiten, in einem Hinterhof betrieben, wo Elektrokabel, Gew&#xFC;rze oder Zwiebeln verkauft wurden, wo schmuddelige Chefs mit herunterh&#xE4;ngenden Hosentr&#xE4;gern und Wechselsorgen zu Vertraulichkeiten neigten, die man dann wenigstens h&#xE4;tte abweisen k&#xF6;nnen; wo man um die Stunde, die man wartend beim Zahnarzt verbrachte, zu k&#xE4;mpfen hatte; wo f&#xFC;r die Verlobung einer Kollegin Geld gesammelt wurde, Geld f&#xFC;r einen Haussegen oder ein Buch &#xFC;ber die Liebe; wo die schmutzigen Witze der Kollegen einen daran erinnerten, dass man selbst rein geblieben war. Leben. Nicht diese makellose Ordnung, nicht diesen Chef, der makellos gekleidet und makellos h&#xF6;flich war – und ihr unheimlich; sie witterte Verachtung hinter dieser H&#xF6;flichkeit, die er jedem, mit dem er zu tun hatte, zuteil werden lie&#xDF;. Doch mit wem, au&#xDF;er ihr, hatte er schon zu tun? Soweit sie zur&#xFC;ckdenken konnte, hatte sie ihn nie mit jemandem sprechen sehen – au&#xDF;er mit seinem Vater, seinem Sohn, seiner Tochter. Niemals hatte sie seine Mutter gesehen, die lebte irgendwo in einem Sanatorium f&#xFC;r Geistesgest&#xF6;rte, und dieser Herr Schrella, der noch auf der roten Karte stand, hatte niemals nach ihm verlangt. Sprechstunden hielt F&#xE4;hmel nicht ab, Kunden, die telefonisch anfragten, musste sie bitten, sich schriftlich an ihn zu wenden.</p><p>Wenn er sie bei einem Fehler ertappte, machte er nur eine wegwerfende Handbewegung, sagte: „Gut, dann machen Sie es noch einmal, bitte.“ Das geschah selten, denn die wenigen Fehler, die ihr unterliefen, entdeckte sie selbst. Das ‚Bitte‘ jedenfalls verga&#xDF; er nie. Wenn sie ihn darum bat, gab er ihr frei, f&#xFC;r Stunden, f&#xFC;r Tage; als ihre Mutter starb, hatte er gesagt: „Dann schlie&#xDF;en wir das B&#xFC;ro f&#xFC;r vier Tage… oder m&#xF6;chten Sie lieber eine Woche?“ Doch sie wollte keine Woche, nicht einmal vier Tage, nur drei, und selbst die wurden ihr in der leeren Wohnung zu lang. Zur Seelenmesse und zur Beerdigung erschien er nat&#xFC;rlich in vollendetem Schwarz, erschienen sein Vater, sein Sohn, seine Tochter, trugen alle riesige Kr&#xE4;nze, die sie eigenh&#xE4;ndig am Grab niederlegten, lauschten der Liturgie; und sein alter Vater, den sie mochte, fl&#xFC;sterte ihr zu: „Wir F&#xE4;hmels kennen den Tod, stehen auf vertrautem Fu&#xDF; mit ihm, liebes Kind.“</p><p>All ihren W&#xFC;nschen um Verg&#xFC;nstigungen kam er widerstandslos entgegen, und so fiel es ihr im Laufe der Jahre immer schwerer, ihn um eine Gunst zu bitten; er hatte die Arbeitszeit mehr und mehr herabgesetzt; im ersten Jahr hatte sie noch von acht bis vier gearbeitet, aber nun war ihre Arbeit schon seit zwei Jahren so rationalisiert, dass sie gut von acht bis eins getan werden konnte, ihr sogar noch Zeit blieb, sich zu langweilen, die Putzminuten auf halbe Stunden auszudehnen. Kein W&#xF6;lkchen mehr auf dem Messingschild zu entdecken! Seufzend schraubte sie die Flasche mit dem Putzmittel zu, faltete den Lappen; immer noch stampften die Druckereimaschinen, druckten unerbittlich Erbauliches auf wei&#xDF;es Papier, immer noch blutete der Keiler. Lehrjungen, Lastwagen, Nonnen: Leben auf der Stra&#xDF;e.</p><empty-line/><p>Auf dem Schreibtisch die rote Karte; seine makellose Architektenschrift: ‚… f&#xFC;r niemanden sonst‘. Die Telefonnummer, die sie m&#xFC;hsam, in langweiligen Stunden, &#xFC;ber ihre Neugier err&#xF6;tend, identifiziert hatte: ‚Hotel Prinz Heinrich‘. Der Name hatte ihrer Witterung neue Nahrung gegeben: was tat er morgens zwischen halb zehn und elf im Hotel Prinz Heinrich? Eisige Stimme am Telefon: ‚Dummes St&#xFC;ck‘. Hatte er wirklich nicht ‚bitte‘ dazu gesagt? Der Stilbruch stimmte sie hoffnungsvoll, tr&#xF6;stete sie &#xFC;ber die Arbeit, die auch ein Automat h&#xE4;tte ausf&#xFC;hren k&#xF6;nnen.</p><p>Zwei Musterbriefe, die in vier Jahren nicht ge&#xE4;ndert worden waren, die sie schon in den Durchschl&#xE4;gen ihrer Vorg&#xE4;ngerin entdeckt hatte; einen f&#xFC;r die Kunden, die Auftr&#xE4;ge erteilen: ‚Danken wir Ihnen f&#xFC;r Ihr Vertrauen, das wir durch rasche und korrekte Erledigung des Auftrages rechtfertigen werden. Hochachtungsvoll‘; der zweite Brief, der zu schreiben war, wenn sie die statischen Unterlagen an die Kunden zur&#xFC;ckschickte: ‚Anbei die gew&#xFC;nschten Unterlagen f&#xFC;r das Bauvorhaben X. Das Honorar in H&#xF6;he von Y bitten wir auf unser Bankkonto zu &#xFC;berweisen. Hochachtungsvoll.‘ Blieben freilich f&#xFC;r sie gewisse Variationen; f&#xFC;r X hatte sie einzusetzen: Haus f&#xFC;r einen Verleger am Waldrand, Haus f&#xFC;r einen Lehrer am Flussufer, Bahn&#xFC;berf&#xFC;hrung Hollebenstra&#xDF;e. F&#xFC;r Y das Honorar, das sie nach einem einfachen Schl&#xFC;ssel selbst errechnen musste.</p><p>Blieb noch der Briefverkehr mit seinen drei Mitarbeitern: Kanders, Schrit und Hochbret. Denen musste sie die Auftr&#xE4;ge in der Reihenfolge ihres Eintreffens zuschicken. „Damit“, so hatte F&#xE4;hmel gesagt, „die Gerechtigkeit ihren automatischen Verlauf nimmt und das Gl&#xFC;ck eine repr&#xE4;sentative Chance hat.“ Kamen die Unterlagen zur&#xFC;ck, musste das, was Kanders errechnet hatte, Schrit; was Hochbret errechnet hatte, Kanders; was Schrit errechnet hatte, Hochbret zur &#xDC;berprufung zugeschickt werden. Karteien waren zu f&#xFC;hren, Spesenrechnungen zu buchen, Zeichnungen zu fotokopieren und von jedem Bauvorhaben eine Fotokopie in doppelter Postkartengr&#xF6;&#xDF;e f&#xFC;r sein Privatarchiv herzustellen; – aber die meiste Arbeit bestand im Frankieren: immer wieder die R&#xFC;ckseite des gr&#xFC;nen, des roten, des blauen Heuss &#xFC;bers Schw&#xE4;mmchen gezogen, die Marke sauber in die rechte obere Ecke des gelben Umschlags geklebt; sie empfand es schon als Abwechslung, wenn mal ein brauner, ein violetter, ein gelber Heuss darunter war.</p><p>F&#xE4;hmel hatte sich zum Prinzip gemacht, nie l&#xE4;nger als eine Stunde pro Tag im B&#xFC;ro zu verbringen; er schrieb seinen Namen unters Hochachtungsvoll, unter Honoraranweisungen. Kamen mehr Auftr&#xE4;ge, als er in einer Stunde h&#xE4;tte bew&#xE4;ltigen k&#xF6;nnen, lehnte er die Annahme ab. F&#xFC;r diese F&#xE4;lle gab es hektographierte Zettel mit dem Text: ‚Infolge Arbeits&#xFC;berlastung sehen wir uns leider gezwungen, auf Ihren gesch&#xE4;tzten Auftrag zu verzichten. Gez. F.‘</p><p>Nicht ein einziges Mal, wenn sie ihm morgens zwischen halb neun und halb zehn gegen&#xFC;bersa&#xDF;, hatte sie ihn bei intimen menschlichen Verrichtungen gesehen; beim Essen, Trinken; niemals einen Schnupfen an ihm bemerkt; err&#xF6;tend dachte sie an intimere Dinge als diese; dass er rauchte, war kein Ersatz f&#xFC;r das Vermisste: zu makellos war die schneewei&#xDF;e Zigarette, nur die Asche, die Stummel im Aschenbecher tr&#xF6;steten sie: das war wenigstens Abfall, bewies, dass Verbrauch stattgefunden hatte. Sie hatte schon bei gewaltigen Chefs gearbeitet, M&#xE4;nnern, deren Schreibtische wie Kommandobr&#xFC;cken waren, deren Physiognomie Furcht einfl&#xF6;&#xDF;te, doch selbst diese Gro&#xDF;en hatten irgendwann einmal eine Tasse Tee, einen Kaffee getrunken, ein belegtes Brot gegessen, und der Anblick essender und trinkender Gewaltiger hatte sie immer in Erregung versetzt: da krumelte Brot, blieben Wurstpellen &#xFC;brig und speckige Schinkenr&#xE4;nder, mussten H&#xE4;nde gewaschen, Taschent&#xFC;cher gezogen werden. Vers&#xF6;hnliches zeigte sich hinter Stirnen aus Granit, die &#xFC;ber ganze Armeen befahlen, M&#xFC;nder wurden in Gesichtern abgewischt, die einstmals, in Bronze gegossen, auf Denkmalsockeln sp&#xE4;teren Geschlechtern von ihrer Gr&#xF6;&#xDF;e k&#xFC;nden wurden. F&#xE4;hmel, wenn er um halb neun aus dem Hinterhaus kam, brachte keine Fr&#xFC;hst&#xFC;cksspuren mit, war – wie es einem Chef geziemt hatte – weder nerv&#xF6;s noch gesammelt; seine Unterschrift, auch wenn er vierzigmal seinen Namen unters Hochachtungsvoll zu schreiben hatte, blieb leserlich und sch&#xF6;n; er rauchte, unterschrieb, blickte selten einmal in eine Zeichnung, nahm Punkt halb zehn Mantel und Hut, sagte: „Bis morgen dann“ und verschwand. Von halb zehn bis elf war er im Hotel Prinz Heinrich zu erreichen, von elf bis zw&#xF6;lf im Cafe Zons, erreichbar nur f&#xFC;r ‚seine Mutter, seinen Vater, seine Tochter, seinen Sohn – und Herrn Schrella‘ – ab zw&#xF6;lf beim Spaziergang und um eins traf er sich mit seiner Tochter ‚Im L&#xF6;wen‘ zum Mittagessen. Sie wusste nicht, wie er seine Nachmittage, seine Abende verbrachte, wusste nur, dass er morgens um sieben der heiligen Messe beiwohnte, von halb acht bis acht mit seiner Tochter, von acht bis halb neun allein fr&#xFC;hst&#xFC;ckte. Immer wieder war sie &#xFC;berrascht &#xFC;ber die Freude, die er zeigte, wenn sein Sohn sich anmeldete; immer wieder &#xF6;ffnete er dann das Fenster, blickte die Stra&#xDF;e hinunter bis zum Modesttor, Blumen wurden gebracht, eine Haush&#xE4;lterin f&#xFC;r die Dauer des Besuchs engagiert; die kleine Narbe &#xFC;ber seinem Nasenbein wurde rot vor Erregung, Reinmachefrauen bev&#xF6;lkerten das d&#xFC;stere Hinterhaus, f&#xF6;rderten Weinflaschen zutage, die im Flur f&#xFC;r den Altwarenh&#xE4;ndler bereitgestellt wurden; immer mehr Flaschen sammelten sich, wurden erst in F&#xFC;nfer —, dann in Zehnerreihen aufgestellt, da die Lange des Flures nicht ausreichte; dunkelgr&#xFC;ner, starrer Staketenwald, dessen Spitzen sie err&#xF6;tend, sich der unziemlichen Neugier bewusst, z&#xE4;hlte: zweihundertundzehn Flaschen, leergetrunken zwischen Anfang Mai und Anfang September, mehr als eine Flasche t&#xE4;glich.</p><p>Niemals roch er nach Alkohol, seine H&#xE4;nde zitterten nicht. Der dunkelgr&#xFC;ne starre Wald wurde unwirklich. Hatte sie ihn tats&#xE4;chlich gesehen, oder existierte er nur in ihren Tr&#xE4;umen? Weder Schrit noch Hochbret oder Kanders hatte sie je zu Gesicht bekommen; die hockten weit entfernt voneinander in kleinen Nestern. Nur zweimal hatte einer beim anderen Fehler entdeckt: als Schrit die Basierung des st&#xE4;dtischen Schwimmbades falsch errechnete, was von Hochbret herausgefunden wurde. Sie war sehr aufgeregt gewesen, aber F&#xE4;hmel hatte sie nur gebeten, ihm die Rotstiftnotizen an den R&#xE4;ndern der Zeichnung als die von Schrit und die von Hochbret zu identifizieren, und zum ersten Mal wurde ihr klar, dass auch er offenbar vom Fach war: eine halbe Stunde lang hatte er mit Rechenschieber, Tabellen und gespitzten Bleistiften an seinem Schreibtisch gesessen, dann gesagt: „Hochbret hat recht, das Schwimmbad w&#xE4;re sp&#xE4;testens in drei Monaten zusammengesackt.“ Kein Wort des Tadels f&#xFC;r Schrit, keins des Lobes f&#xFC;r Hochbret, und als er – dieses eine Mal – das Gutachten selbst unterschrieb, lachte er; sein Lachen war ihr so unheimlich wie seine H&#xF6;flichkeit. Der zweite Fehler war Hochbret unterlaufen, bei der Berechnung der statischen Unterlagen f&#xFC;r die Eisenbahn&#xFC;berf&#xFC;hrung an der Wilhelmsk&#xFC;hle, und diesmal war es Kanders, der den Fehler entdeckte, und wieder sah sie F&#xE4;hmel – zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren – rechnend am Schreibtisch sitzen. Wieder musste sie ihm Hochbrets und Kanders Rotstiftnotizen identifizieren; dieser Zwischenfall gab ihm die Idee ein, den verschiedenen Mitarbeitern verschiedene Farben vorzuschreiben: Kanders rot, Hochbret gr&#xFC;n, Schrit gelb.</p><empty-line/><p>Langsam schrieb sie, w&#xE4;hrend ein St&#xFC;ck Schokolade in ihrem Munde zerging: ‚Wochenendhaus f&#xFC;r eine Filmschauspielerin‘, schrieb, w&#xE4;hrend das zweite St&#xFC;ck Schokolade in ihrem Mund zerging: ‚Erweiterungsbau der Societas<a l:href="#n_9" type="note">[9]</a>, die Gemeinn&#xFC;tzigste der Gemeinn&#xFC;tzigen‘. Immerhin unterschieden sich die Kunden noch durch Name und Adresse voneinander, gaben die beigelegten Zeichnungen ihr das Gef&#xFC;hl, an Wirklichem teilzuhaben; Steine und Kunststoffplatten, Eisentr&#xE4;ger, Glasziegel, Zementsacke, die waren vorstellbar, w&#xE4;hrend Schrit, Kanders und Hochbret, obwohl sie t&#xE4;glich deren Adresse schrieb, unvorstellbar blieben. Sie waren nie im B&#xFC;ro gewesen, riefen nie an, schrieben nie. Ohne Kommentar schickten sie ihre Berechnungen und Unterlagen zur&#xFC;ck. „Wozu Briefe?“ hatte F&#xE4;hmel gesagt, „wir wollen doch hier keine Bekenntnisse sammeln, wie?“</p><p>Manchmal nahm sie das Lexikon aus dem B&#xFC;cherregal, schlug die Namen der Orte auf, die sie t&#xE4;glich auf Briefumschl&#xE4;ge schrieb: Schilgenauel, 87 Einwohner, davon 83 r&#xF6;m.-kath., ber&#xFC;hmte Pfarrkirche aus dem 12. Jh. mit dem Schilgenaueler Altar. Dort wohnte Kanders, dessen Personalien die Versicherungskarte preisgab: siebenunddrei&#xDF;ig Jahre alt, ledig, r&#xF6;m.-kath.... Schrit wohnte hoch im Norden, in Gludum, 1988 Einwohner, davon 1812 ev., 176 r&#xF6;m.-kath., Marinadenindustrie. Missionsschule. Schrit war achtundvierzig, verh., ev., 2 Kinder, davon 1 &#xFC;ber achtzehn. Hochbrets Wohnort brauchte sie nicht nachzuschlagen, er wohnte in einem Vorort, in Blessenfeld, nur f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Omnibusminuten entfernt, und oft kam ihr der t&#xF6;richte Gedanke, ihn einmal aufzusuchen, sich seines Vorhandenseins zu versichern, indem sie seine Stimme h&#xF6;rte, ihn sah, seinen H&#xE4;ndedruck sp&#xFC;rte, doch sein geringes Alter, er war erst zweiunddrei&#xDF;ig, und die Tatsache, dass er ledig war, hielt sie von solcher Intimit&#xE4;t zur&#xFC;ck. Obwohl das Lexikon Kanders und Schrits Wohnorte beschrieb, wie auf einem Ausweis die ausgewiesene Person beschrieben wird, Blessenfeld ihr vertraut war, blieben die drei ihr unvorstellbar, wenn sie auch monatlich Versicherungsbetr&#xE4;ge f&#xFC;r sie &#xFC;berwies, Postanweisungen ausf&#xFC;llte, Zeitschriften und Tabellen an sie verschickte; sie blieben so unwirklich wie dieser Schrella, der auf der roten Karte stand, f&#xFC;r den er immer erreichbar war, der aber in vier Jahren nicht einmal versucht hatte, ihn zu erreichen.</p><p>Sie lie&#xDF; die rote Karte, die zur Ursache seiner ersten Grobheit geworden war, auf dem Tisch liegen. Wie hatte der Herr gehei&#xDF;en, der gegen zehn ins B&#xFC;ro gekommen war und F&#xE4;hmel dringend, dringend, sehr dringend zu sprechen verlangte? Gro&#xDF; war er gewesen, grauhaarig, mit leicht ger&#xF6;tetem Gesicht, roch nach exquisiten Spesenmahlzeiten, trug einen Anzug, der nach Qualit&#xE4;t geradezu stank; Macht, W&#xFC;rde und herrischen Charme hatte der Herr auf eine Weise vereint, die ihn unwiderstehlich machte; in seinem Titel, den er l&#xE4;chelnd hinmurmelte, hatte es nach Minister geklungen – Ministerialrat, -direktor, -dirigent, und als sie leugnete, F&#xE4;hmels Aufenthalt zu wissen, schoss er’s heraus, rasch, legte ihr dabei die Hand auf die Schulter: „Nun, sch&#xF6;nes Kind, sagen Sie schon, wo ich ihn finden kann“, und sie gab es preis, wusste nicht, wie es geschehen konnte, es ruhte so tief in ihr, das Geheimnis, das ihre Witterung so eingehend besch&#xE4;ftigte: ‚Hotel Prinz Heinrich‘. Da wurde etwas von Schulkamerad gemurmelt, von einer Angelegenheit, die dringend, dringend, sehr dringend sei, etwas von Wehr, etwas von Waffen; er hinterlie&#xDF;, nachdem er gegangen war, ein Zigarrenaroma, das eine Stunde sp&#xE4;ter noch F&#xE4;hmels Vater zu einem aufgeregten Schnuppern veranlasste.</p><empty-line/><p>„Mein Gott, mein Gott, muss das ein Kraut gewesen sein – ein Kraut!“ Der Alte schnupperte an den W&#xE4;nden entlang, schob seine Nase dicht &#xFC;ber den Schreibtisch, setzte seinen Hut auf, kam nach wenigen Minuten mit dem Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer des Zigarrenladens zur&#xFC;ck, in dem er schon seit f&#xFC;nfzig Jahren kaufte, und sie standen beide eine Weile schnuppernd in der T&#xFC;r, gingen im B&#xFC;ro hin und her wie aufgeregte Hunde, der Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer kroch unter den Schreibtisch, wo offenbar eine ganze Rauchwolke sich erhalten hatte, stand auf, klopfte sich die H&#xE4;nde ab, l&#xE4;chelte triumphierend und sagte: „Ja, Herr Geheimrat, das war eine Partagas Eminentes.“</p><p>„Und Sie k&#xF6;nnen mir die besorgen?“</p><p>„Sicher, ich habe sie vorr&#xE4;tig.“</p><p>„Wehe Ihnen, wenn das Aroma nicht das gleiche ist, das ich hier gerochen habe.“</p><p>Der Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer schn&#xFC;ffelte noch einmal, sagte: „Partagas Eminentes, daf&#xFC;r lass ich mich k&#xF6;pfen, Herr Geheimrat. Vier Mark pro St&#xFC;ck. M&#xF6;chten Sie welche?“</p><p>„Eine, lieber Kolbe, eine. Vier Mark, so hoch war der Wochenlohn meines Gro&#xDF;vaters, und ich respektiere die Toten, hab meine Sentimentalit&#xE4;ten, wie Sie wissen. Mein Gott, dieses Kraut schl&#xE4;gt die zwanzigtausend Zigaretten tot, die mein Sohn hier schon geraucht hat.“</p><p>Sie empfand es als hohe Ehre, dass der Alte seine Zigarre in ihrer Gegenwart rauchte; er lehnte sich zur&#xFC;ck im Sessel seines Sohnes, der zu gro&#xDF; f&#xFC;r ihn war; sie schob ihm ein Kissen in den R&#xFC;cken, h&#xF6;rte ihm zu, w&#xE4;hrend sie der makellosesten aller Besch&#xE4;ftigungen nachging: frankieren. Langsam die R&#xFC;ckseite des gr&#xFC;nen, des roten, des blauen Heuss &#xFC;bers Schw&#xE4;mmchen gezogen, sauber in die rechte obere Ecke von Briefumschl&#xE4;gen geklebt, die nach Schilgenauel, Gludum und Blessenfeld reisen w&#xFC;rden. Exakt, w&#xE4;hrend der Alte einem Genuss fr&#xF6;nte, den er seit f&#xFC;nfzig Jahren vergebens gesucht zu haben schien.</p><p>„Mein Gott“, sagte er, „jetzt wei&#xDF; ich endlich, was eine Zigarre ist, liebes Kind. Musste ich so lange darauf warten, bis zu meinem achtzigsten Geburtstag – nun, lassen Sie, regen Sie sich doch nicht auf, nat&#xFC;rlich, heute werd ich achtzig – also, Sie waren’s nicht, die die Blumen im Auftrag meines Sohnes f&#xFC;r mich bestellt hat? Sch&#xF6;n, danke, sp&#xE4;ter &#xFC;ber meinen Geburtstag, ja? Ich lade Sie herzlich zur Feier heute abend im Cafe Kroner ein – aber sagen Sie mir, liebe Leonore, warum hat man mir in den f&#xFC;nfzig Jahren, genaugenommen sind’s einundf&#xFC;nfzig Jahre – die ich bei denen kaufe, nicht einmal eine solche Zigarre vorgelegt? Bin ich etwa geizig? Ich bin’s nie gewesen, Sie wissen es. Ich habe meine Zehner-Zigarren geraucht, als ich jung war, Zwanziger, als ich ein bisschen mehr Geld verdiente, und dann Sechziger, jahrzehntelang. Sagen Sie mir, liebes Kind, was sind das f&#xFC;r Leute, die mit so einem Ding f&#xFC;r vier Mark im Mund &#xFC;ber die Stra&#xDF;e gehen, in ein B&#xFC;ro kommen, wieder hinaus, als ob’s ein Zigarillo f&#xFC;r einen Groschen w&#xE4;re? Was sind das f&#xFC;r Leute, die zwischen Fr&#xFC;hst&#xFC;ck und Mittagessen dreimal den Wochenlohn meines Gro&#xDF;vaters verrauchen, ein Aroma hinterlassen, dass einem alten Mann wie mir die Spucke wegbleibt und ich wie ein K&#xF6;ter schn&#xFC;ffelnd hier im B&#xFC;ro meines Sohnes herumkrieche? Wie? Schulkamerad von Robert? Ministerialrat, -direktor, -dirigent – oder gar Minister? Den m&#xFC;sst ich doch kennen. Wehr? Waffen?“</p><p>Und pl&#xF6;tzlich der Schimmer in seinen Augen, als wenn eine Klappe gefallen w&#xE4;re: der Alte sank zur&#xFC;ck ins erste, dritte oder sechste Jahrzehnt seines Lebens, begrub eins seiner Kinder. Welches? Johanna oder Heinrich? &#xDC;ber welchen wei&#xDF;en Sarg warf er Erdkrumen, streute er Blumen? Waren die Tr&#xE4;nen, die in seinen Augen standen, die Tr&#xE4;nen des Jahres 1909, in dem er Johanna begrub, des Jahres 1917, in dem er an Heinrichs Grab stand, oder waren sie aus dem Jahr 1942, in dem er die Nachricht von Ottos Tod erhielt? Weinte er an der Pforte des Irrenhauses, in dem seine Frau verschwunden war? Tr&#xE4;nen, w&#xE4;hrend die Zigarre in sanftem Kr&#xE4;useln verrauchte, sie waren aus dem Jahr 1894; er begrub seine Schwester Charlotte, f&#xFC;r die er Goldst&#xFC;ck um Goldst&#xFC;ck sparen wollte, auf dass es ihr besser gehe; der Sarg rutschte an den knirschenden Seilen hinunter, w&#xE4;hrend die Schulkinder sangen: ‚Turmer, wohin ist die Schwalbe entflohen?‘; zirpige Kinderstimmen drangen in dieses makellos eingerichtete B&#xFC;ro, und die Greisenstimme sang es &#xFC;ber ein halbes Jahrhundert hinweg; nur dieser Oktobermorgen des Jahres 1894 war wirklich: Dunst &#xFC;ber dem Niederrhein, Nebelschwaden zogen tanzende Schleifen &#xFC;ber R&#xFC;ben&#xE4;cker, in Weidenb&#xE4;umen schnarrten die Kr&#xE4;hen wie Fastnachtsklappern, w&#xE4;hrend Leonore einen roten Heuss &#xFC;bers nasse Schw&#xE4;mmchen zog. Drei&#xDF;ig Jahre bevor sie geboren war, sangen Bauernkinder: ‚Turmer, wohin ist die Schwalbe entflohen?‘ Gr&#xFC;ner Heuss, &#xFC;bers Schw&#xE4;mmchen gezogen. Vorsicht, Briefe an Hochbret liefen unter Ortstarif.</p><p>Wenn es &#xFC;ber ihn kam, sah der Alte wie blind aus; sie w&#xE4;re gern rasch ins Blumengesch&#xE4;ft gelaufen und h&#xE4;tte ihm einen h&#xFC;bschen Strau&#xDF; gekauft, aber sie hatte Angst, ihn allein zu lassen; er streckte seine H&#xE4;nde aus, vorsichtig schob sie ihm den Aschenbecher n&#xE4;her, und er nahm die Zigarre, steckte sie in den Mund, blickte Leonore an und sagte leise: „Glaub nicht, dass ich verr&#xFC;ckt bin, Kind.“</p><p>Sie hatte ihn gern, er kam regelm&#xE4;&#xDF;ig ins B&#xFC;ro, holte sie ab, damit sie sich an ihren freien Nachmittagen seiner nachl&#xE4;ssig gef&#xFC;hrten B&#xFC;cher erbarme, dr&#xFC;ben auf der gegen&#xFC;berliegenden Stra&#xDF;enseite, hoch &#xFC;ber der Druckerei, wo er im ‚Atelier seiner Jugend‘ hauste; dort bewahrte er Dokumente auf, die von Steuerbeamten gepr&#xFC;ft worden, deren Reihengr&#xE4;ber schon verfallen waren, bevor sie schreiben lernte; englische Pfundguthaben, Dollarbesitz, Plantagenanteile in El Salvador; dort oben kramte sie in staubigen Abrechnungen, entzifferte handgeschriebene Kontoausz&#xFC;ge von Banken, die l&#xE4;ngst liquidiert waren, las in Testamenten, in denen er Kinder mit Legaten bedacht hatte, die er nun schon um vierzig Jahre &#xFC;berlebte. ‚Und soll meinem Sohne Heinrich die Nutznie&#xDF;ung der beiden Gutsh&#xF6;fe Stehlingers Grotte und G&#xF6;rlingers Stuhl ausschlie&#xDF;lich vorbehalten bleiben, denn ich habe in seinem Wesen jene Ruhe, ja Freude am Wachstum der Dinge beobachtet, die mir die Voraussetzung f&#xFC;r das Leben eines Landwirts zu sein scheinen…‘ „Hier“, schrie der Alte, fuchtelte mit der Zigarre in der Luft, „hier hab ich meinem Schwiegervater das Testament diktiert, am Abend, bevor ich ausr&#xFC;cken musste; ich diktierte es, w&#xE4;hrend der Junge da oben schlief; er begleitete mich am n&#xE4;chsten Morgen noch zur Bahn, k&#xFC;sste meine Wange – Mund eines siebenj&#xE4;hrigen Kindes – , aber niemand, Leonore, niemand nahm je meine Geschenke an, alle fielen sie an mich zur&#xFC;ck: G&#xFC;ter und Bankkonten, Renten und Mietzins. Ich konnte nie schenken, nur meine Frau konnte es, und ihre Geschenke wurden angenommen – und wenn ich neben ihr lag, nachts, h&#xF6;rte ich sie oft murmeln, lange, sanft wie Wasser floss es aus ihrem Mund, stundenlang: <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis>…“</p><p>Wieder weinte der Alte, diesmal in Uniform, Pionierhauptmann der Reserve, Geheimer Rat, Heinrich F&#xE4;hmel, auf Sonderurlaub, um seinen siebenj&#xE4;hrigen Sohn zu begraben; die Kilbsche Gruft nahm den wei&#xDF;en Sarg auf: dunkles feuchtes Gem&#xE4;uer und frisch wie Sonnenstrahlen die goldenen Ziffern, die das Todesjahr auswiesen: 1917. Robert, in schwarzem Samt gekleidet, wartete in der Kutsche drau&#xDF;en…</p><p>Leonore lie&#xDF; die Briefmarke, violett diese, fallen; sie getraute sich nicht, den Brief an Schrit zu frankieren; ungeduldig schnaubten die Kutschpferde vor dem Friedhofstor, w&#xE4;hrend Robert F&#xE4;hmel, zwei Jahre alt, die Z&#xFC;gel halten durfte: schwarzes Leder, br&#xFC;chig an den R&#xE4;ndern, und das frische Gold der Ziffer 1917 gl&#xE4;nzte heller als Sonnenschein…</p><p>„Was treibt er, was macht er, mein Sohn, der einzige, der mir blieb, Leonore? Was macht er morgens von halb zehn bis elf im Prinz Heinrich; er durfte zusehen, wie den Pferden der Futtersack vorgebunden wurde – was treibt er? Sagen Sie’s mir doch, Leonore!“ Z&#xF6;gernd nahm sie die violette Marke auf, sagte leise: „Ich wei&#xDF; nicht, was er dort tut, wirklich nicht.“</p><p>Der Alte nahm die Zigarre in den Mund, lehnte sich l&#xE4;chelnd im Sessel zur&#xFC;ck – als w&#xE4;re nichts gewesen. „Was halten Sie davon, wenn ich Sie fest f&#xFC;r die Nachmittage engagiere? Ich hole Sie ab. Wir w&#xFC;rden mittags miteinander essen, und von zwei bis vier, oder bis f&#xFC;nf, wenn Sie wollen, helfen Sie mir, bei mir da oben Ordnung zu machen. Was halten Sie davon, liebes Kind?“</p><p>Sie nickte, sagte: „Ja.“ Noch traute sie sich nicht, den violetten Heuss &#xFC;bers Schw&#xE4;mmchen zu ziehen, ihn auf den Umschlag an Schrit zu kleben: ein Postbeamter w&#xFC;rde den Brief aus dem Kasten nehmen, die Maschine w&#xFC;rde stempeln: 6. September 1958, 13 Uhr. Da sa&#xDF; der Alte, er war wieder am Ende seines achten, am Anfang seines neunten Jahrzehnts angekommen.</p><p>„Ja, ja“, sagte sie.</p><p>„Ich darf Sie also als engagiert betrachten?“</p><p>„Ja.“</p><p>Sie blickte in sein schmales Gesicht, in dem sie seit Jahren vergeblich &#xC4;hnlichkeit mit seinem Sohn suchte; nur H&#xF6;flichkeit schien eine verbindende F&#xE4;hmelsche Familieneigenschaft zu sein; bei dem Alten war sie umst&#xE4;ndlicher, verziert, war H&#xF6;flichkeit alten Schlags, fast Grandezza, nicht h&#xF6;fliche Mathematik wie bei seinem Sohn, der Trockenheit kultivierte, nur im Schimmer seiner grauen Augen ahnen lie&#xDF;, dass er zu weniger trockenen Liebensw&#xFC;rdigkeiten f&#xE4;hig gewesen w&#xE4;re. Der Alte benutzte sein Taschentuch wirklich, kaute an seiner Zigarre, sagte ihr manchmal Nettigkeiten &#xFC;ber ihre Frisur, ihren Teint; sein Anzug zeigte wenigstens Spuren von Verschlei&#xDF;, die Krawatte war immer etwas schief gebunden, Tuscheflecken hatte er an den Fingern, Radierkr&#xFC;mel auf den Rockaufschl&#xE4;gen, Bleistifte, harte und weiche, in der Westentasche, und manchmal nahm er ein Blatt Papier aus dem Schreibtisch seines Sohnes, kritzelte rasch einen Engel hin, ein Gotteslamm, einen Baum, das Portr&#xE4;t eines drau&#xDF;en vor&#xFC;bereilenden Zeitgenossen. Manchmal auch gab er ihr Geld, Kuchen zu holen, bat sie, eine zweite Kaffeetasse anzuschaffen, und machte sie gl&#xFC;cklich, weil sie den elektrischen Kocher endlich f&#xFC;r jemand anderen als sich selbst einst&#xF6;pseln konnte. Das war B&#xFC;roleben, wie sie’s gewohnt war: Kaffee kochen, Kuchen kaufen und was erz&#xE4;hlt bekommen, das seine richtige Reihenfolge hatte: von den Leben, die da hinten im Wohnfl&#xFC;gel gelebt, von den Toden, die da gestorben worden waren. Jahrhundertelang hatten die Kilbs dort hinten Laster und Licht gesucht, S&#xFC;nde und Heil, waren K&#xE4;mmerer, Notare, B&#xFC;rgermeister und Domherren geworden; dort hinten war noch etwas von den strengen Gebeten sp&#xE4;terer Pr&#xE4;laten in der Luft; die d&#xFC;steren Laster jungfr&#xE4;ulich gebliebener Kilbinnen und die Bu&#xDF;&#xFC;bungen frommer J&#xFC;nglinge, in diesem dunklen Haus da hinten, in dem jetzt an den stillen Nachmittagen ein blasses, dunkelhaariges M&#xE4;dchen seine Schularbeiten machte und auf seinen Vater wartete. Oder war er nachmittags zu Hause? Zweihundertundzehn Flaschen Wein, leergetrunken zwischen Anfang Mai und Anfang September. Trank er sie allein, mit seiner Tochter, oder mit Gespenstern? Vielleicht mit diesem Schrella, der nie versucht hatte, ihn zu erreichen? Unwirklich alles, weniger wirklich als das aschblonde Haar der B&#xFC;rokraft, die vor f&#xFC;nfzig Jahren hier an ihrem Platz gesessen und Notariatsgeheimnisse geh&#xFC;tet hatte.</p><p>„Ja, da sa&#xDF; sie, liebe Leonore, genau an der Stelle, wo Sie jetzt sitzen, sie hie&#xDF; Josephine.“ Hatte er auch der Nettigkeiten &#xFC;ber ihr Haar, ihren Teint gesagt?</p><p>Lachend zeigte der Alte auf den Wandspruch, der &#xFC;ber dem Schreibtisch seines Sohnes hing, einziges &#xDC;berbleibsel aus vergangener Zeit, wei&#xDF; auf Mahagoni gemalt: <emphasis>Voll ist ihre Rechte von Geschenken</emphasis>. Sinnspruch Kilbscher wie F&#xE4;hmelscher Unbestechlichkeit.</p><p>„Meine beiden Schw&#xE4;ger hatten keine Lust an der Juristerei, die letzten m&#xE4;nnlichen Nachkommen des Geschlechts, den einen zog’s zu den Ulanen, den anderen zum Nichtstun, aber beide, der Ulan und der Nichtstuer sind am gleichen Tag, im gleichen Regiment, beim gleichen Angriff gefallen, bei Erby le Huette ritten sie ins Maschinengewehrfeuer, l&#xF6;schten den Namen Kilb aus, trugen Laster, die wie Scharlach bl&#xFC;hten, ins Grab, ins Nichts, bei Erby le Huette.“</p><p>Gl&#xFC;cklich war der Alte, wenn er M&#xF6;rtelspuren an den Hosenbeinen hatte und sie bitten konnte, diese Spuren zu entfernen. Oft trug er dicke Zeichenrollen unter dem Arm, von denen sie nie wusste, ob er sie nur seinem Archiv entnommen hatte oder zu wirklichen Auftr&#xE4;gen unterwegs war.</p><p>Er schl&#xFC;rfte den Kaffee, lobte ihn, schob ihr den Kuchenteller zu, zog an seiner Zigarre. Andacht kehrte auf sein Gesicht zur&#xFC;ck. „Schulkamerad von Robert? Den m&#xFC;sste ich doch kennen. Schrella hie&#xDF; er bestimmt nicht? Sind Sie sicher – nein, nein, der w&#xFC;rde ja niemals solche Zigarren rauchen, welch ein Unsinn. Und Sie haben ihn ins Prinz Heinrich geschickt? Das wird aber Krach geben, liebe Leonore, Stunk. Er liebt es nicht, wenn man seine Kreise st&#xF6;rt, mein Sohn Robert. Der war schon als Junge so: liebensw&#xFC;rdig, h&#xF6;flich, intelligent, korrekt, aber wenn’s &#xFC;ber bestimmte Grenzen ging, kannte er keinen Pardon. Der w&#xE4;re nicht vor einem Mord zur&#xFC;ckgeschreckt. Ich hatte immer ein wenig Angst vor ihm. Sie auch? Aber Kind, der wird Ihnen doch deshalb nichts tun, seien Sie vern&#xFC;nftig. Kommen Sie, gehen wir essen, feiern ein wenig Ihr neues Engagement und meinen Geburtstag. Machen Sie keinen Unsinn. Wenn er am Telefon schon geschimpft hat, ist’s ja vor&#xFC;ber. Schade, dass Sie den Namen nicht behalten haben. Ich wusste gar nicht, dass er mit ehemaligen Schulkameraden Umgang pflegt. Los. Kommen Sie. Heute ist Samstag, und <emphasis>er</emphasis> hat nichts dagegen, wenn Sie ein wenig fr&#xFC;her Schluss machen. Ich verantworte das schon.“</p><p>Es schlug zw&#xF6;lf von Sankt Severin. Sie z&#xE4;hlte rasch die Briefumschl&#xE4;ge, dreiundzwanzig, raffte sie zusammen, hielt sie fest. War er wirklich nur eine halbe Stunde bei ihr gewesen? Eben fiel der zehnte der zw&#xF6;lf f&#xE4;lligen Schl&#xE4;ge.</p><p>„Nein, danke“, sagte sie, „ich zieh den Mantel nicht an und, bitte, nicht in den L&#xF6;wen.“</p><p>Nur eine halbe Stunde; die Druckereimaschinen stampften nicht mehr, aber der Keiler blutete noch.</p></section><section><title><p>Kapitel II</p></title><p>Das war f&#xFC;r den Portier schon Zeremonie geworden, fast Liturgie, ihm in Fleisch und Blut &#xFC;bergegangen: jeden Morgen Punkt halb zehn den Schl&#xFC;ssel vom Brett zu nehmen, die leichte Ber&#xFC;hrung der trockenen gepflegten Hand zu sp&#xFC;ren, die den Schl&#xFC;ssel entgegennahm; ein Blick in das strenge, blasse Gesicht mit der roten Narbe &#xFC;ber dem Nasenbein; dann nachdenklich, mit einem winzigen L&#xE4;cheln, das nur seine Frau h&#xE4;tte bemerken k&#xF6;nnen, F&#xE4;hmel nachzublicken, der die einladende Geste des Liftboys ignorierte und, wenn er die Treppe hinaufging, mit dem Schl&#xFC;ssel zum Billardzimmer leicht gegen die Messingst&#xE4;be des Gel&#xE4;nders schlug: f&#xFC;nfmal, sechsmal, siebenmal klang es auf, wie von einem Xylophon, das nur einen einzigen Ton hat, und eine halbe Minute sp&#xE4;ter kam dann Hugo, der &#xE4;ltere der beiden Boys, fragte: „Wie immer?“, und der Portier nickte, wusste, dass Hugo ins Restaurant gehen, einen doppelten Cognac, eine Karaffe Wasser holen und bis elf verschwunden sein w&#xFC;rde, im Billardzimmer oben.</p><p>Der Portier witterte Unheil hinter dieser Gewohnheit, morgens zwischen halb zehn und elf in Gesellschaft immer desselben Boys Billard zu spielen; Unheil oder Laster; gegen Laster gab es einen Schutz: Diskretion; die hatte ihren Preis, ihre Kurve, Diskretion und Geld waren voneinander abh&#xE4;ngig, wie Abszisse und Ordinate; wer hier ein Zimmer bekam, kaufte diskrete Gewissen; Augen, die sahen und doch nicht sahen, Ohren, die h&#xF6;rten und doch nicht h&#xF6;rten; gegen Unheil aber gab es keinen Schutz: Er konnte nicht jeden potentiellen Selbstm&#xF6;rder vor die T&#xFC;r weisen, denn potentielle Selbstm&#xF6;rder waren sie alle; das kam sonnengebr&#xE4;unt mit Filmschauspielergesicht, sieben Koffern, nahm lachend den Zimmerausweis in Empfang, und sobald die Koffer gestapelt waren, der Boy das Zimmer verlassen hatte, zogs die geladene, schon entsicherte Pistole aus der Manteltasche und knallte sich eins vor den Kopf; das kam wie aus Gr&#xE4;bern dahergeschlichen, mit goldenen Z&#xE4;hnen, goldenem Haar, in goldenen Schuhen, grinste wie ein Skelett; Gespenster auf der vergeblichen Suche nach Lust, bestellten Fr&#xFC;hst&#xFC;ck f&#xFC;r halb elf aufs Zimmer, h&#xE4;ngten den Zettel ‚Bitte nicht st&#xF6;ren‘ drau&#xDF;en an die Klinke, Turmten Koffer von innen vor die T&#xFC;r und schluckten die Giftkapsel, und lange bevor erschrockene Zimmerm&#xE4;dchen Fr&#xFC;hst&#xFC;ckstabletts fallen lie&#xDF;en, raunte es im Haus: ‚Auf Zimmer 12 liegt eine Tote‘, raunte schon nachts, wenn versp&#xE4;tete Barg&#xE4;ste auf ihre Zimmer schlichen und das Schweigen hinter der T&#xFC;r von Zimmer zw&#xF6;lf ihnen unheimlich war; es gab solche, die das Schweigen des Schlafs vom Schweigen des Todes zu unterscheiden wussten. Unheil: er witterte es, wenn er Hugo eine Minute nach halb zehn mit dem gro&#xDF;en Cognac, der Wasserkaraffe ins Billardzimmer hinaufgehen sah.</p><p>Um diese Zeit konnte er den Boy schlecht missen; H&#xE4;nde kn&#xE4;uelten sich auf seiner Theke, rechnungheischende, Prospekte einsammelnde H&#xE4;nde, und er ertappte sich immer wieder dabei, dass er um diese Zeit – wenige Minuten nach halb zehn – anfing, unh&#xF6;flich zu werden; jetzt ausgerechnet zu dieser Lehrerin, der achten oder neunten, die nach dem Weg zu den r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;bern fragte; ihre rote Gesichtshaut lie&#xDF; auf l&#xE4;ndliche Herkunft schlie&#xDF;en, Handschuhe und Mantel nicht auf Eink&#xFC;nfte, wie sie bei den G&#xE4;sten des Prinz Heinrich vorauszusetzen waren, und er fragte sich, wie sie in den Pulk aufgeregter Ziegen hineingeraten sein mochte, von denen keine es f&#xFC;r n&#xF6;tig befunden hatte, nach dem Zimmerpreis zu fragen, oder w&#xFC;rde sie, die jetzt verlegen an ihren Handschuhen zerrte, das deutsche Wunder vollbringen, f&#xFC;r das Jochen zehn Mark Pr&#xE4;mie ausgesetzt hatte: „Zehn Mark zahle ich dem, der mir einen Deutschen nennt, der nach dem Preis f&#xFC;r irgend etwas gefragt hat.“ Nein, auch sie w&#xFC;rde ihm die Pr&#xE4;mie nicht einbringen; er zwang sich zur Ruhe, erkl&#xE4;rte ihr freundlich den Weg zu den r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;bern.</p><p>Die meisten verlangten gerade nach dem Boy, der nun f&#xFC;r eineinhalb Stunden im Billardzimmer bleiben w&#xFC;rde, wollten alle von ihm ihre Koffer in die Halle, zum Autobus der Fluggesellschaft, zu Taxis, an den Bahnhof gebracht haben; misslaunige Globetrotter, die in der Halle auf ihre Rechnung warteten, &#xFC;ber Startzeiten und Ankunftszeiten von Flugzeugen sprachen, wollten von Hugo Eis f&#xFC;r ihren Whisky, von ihm Feuer f&#xFC;r ihre Zigaretten, die sie unangez&#xFC;ndet im Munde h&#xE4;ngen lie&#xDF;en, um Hugos guten Drill auf die Probe zu stellen; nur Hugo wollten sie mit l&#xE4;ssigen H&#xE4;nden Dank winken, nur wenn Hugo da war, zuckten ihre Gesichter in geheimnisvollen Spasmen; ungeduldig waren diese Gesichter, deren Besitzer es kaum erwarten konnten, ihre schlechte Laune in ferne Erdteile zu tragen, sie waren startbereit, um in persischen oder oberbayrischen Hotelspiegeln den Grad der Gegerbtheit ihrer Haut festzustellen. Schrille Weiberstimmen schrieen nach Liegengelassenem; „Hugo, mein Ring“, „Hugo, meine Handschuhe“, „Hugo, mein Lippenstift“, erwarteten alle, dass Hugo zum Aufzug flitzen, lautlos nach oben fahren und auf Zimmer 19, Zimmer 32, Zimmer 46, nach Ring, Handtasche, Lippenstift fahnden w&#xFC;rde; und die alte Musch brachte ihren K&#xF6;ter an, der gerade Milch geschleckt, Honig gefressen, Spiegeleier verschm&#xE4;ht hatte und nun spazieren gef&#xFC;hrt werden musste, damit er an den Pfosten von Verkaufsbuden, an parkenden Autos, haltenden Stra&#xDF;enbahnen seine h&#xFC;ndische Notdurft erleichtere und seinen absterbenden Geruchssinn erneuere; offenbar konnte nur Hugo des Hundes seelischer Situation gerecht werden: und schon hatte die Oma Bleesiek, die jedes Jahr f&#xFC;r vier Wochen her&#xFC;berkam, ihre Kinder und die stetig wachsende Zahl ihrer Enkel zu besuchen, schon hatte sie, kaum angekommen, nach Hugo gefragt: „Ist er noch da, das J&#xFC;ngelchen mit dem Ministrantengesicht, der schmale und so blasse, rotblonde, der immer so ernsthaft dreinblickt?“ Hugo soll ihr beim Fr&#xFC;hst&#xFC;ck, w&#xE4;hrend sie Honig schleckte, Milch trank und Spiegeleier nicht verschm&#xE4;hte, aus der Lokalzeitung vorlesen; verz&#xFC;ckt blickte die Alte auf, wenn Stra&#xDF;ennamen fielen, die ihr aus der Kinderzeit noch vertraut waren: Unfall am Ehrenfeldg&#xFC;rtel. Raub&#xFC;berfall an der Friesenstra&#xDF;e. „So lange Z&#xF6;pfe hab ich gehabt, als ich dort Rollschuh lief – so lang, mein Junge.“ Zart war die Alte, z&#xE4;h – kam sie nur Hugos wegen &#xFC;ber den gro&#xDF;en Ozean geflogen? „Wie?“ sagte sie entt&#xE4;uscht, „Hugo ist erst nach elf frei?“</p><p>Mit mahnend erhobenen H&#xE4;nden stand der Busfahrer der Fluggesellschaft in der Dreht&#xFC;r, w&#xE4;hrend an der Kasse noch die Preise f&#xFC;r komplizierte Fr&#xFC;hst&#xFC;cke errechnet wurden; da sa&#xDF; der Kerl, der ein halbes Spiegelei verlangt hatte, emp&#xF6;rt aber die Rechnung zur&#xFC;ckwies, auf der ihm ein ganzes berechnet worden war; noch emp&#xF6;rter das Angebot des Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrers, ihm das halbe Spiegelei zu erlassen, zur&#xFC;ckwies, eine neue Rechnung verlangte, auf der ihm ein halbes berechnet werden musste. „Ich bestehe drauf.“ Der reiste wohl nur um die Welt, um Belege vorweisen zu k&#xF6;nnen, auf denen halbe Spiegeleier berechnet waren.</p><p>„Ja“, sagte der Portier, „die erste Stra&#xDF;e links, die zweite rechts, dann wieder die dritte links, und dann sehen gn&#xE4;dige Frau schon das Schild: Zu den r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;bern.“ Endlich konnte der Fahrer der Busgesellschaft seine Fahrg&#xE4;ste einsammeln, endlich schienen s&#xE4;mtliche Lehrerinnen auf den rechten Weg gebracht, s&#xE4;mtliche fetten K&#xF6;ter zum Pissen gef&#xFC;hrt. Aber immer noch schlief der Herr auf Zimmer elf, schlief schon seit sechzehn Stunden, hatte das Schild drau&#xDF;en an die T&#xFC;r geh&#xE4;ngt: Bitte nicht st&#xF6;ren. Unheil, auf Zimmer elf oder im Billardzimmer; die Zeremonie inmitten des idiotischen Aufbruchsgewimmels: Schl&#xFC;ssel vom Brett nehmen, Ber&#xFC;hrung der Hand, Blick in das blasse Gesicht, auf die rote Narbe &#xFC;ber dem Nasenbein, Hugos ‚Wie immer?‘, sein Nicken: Billard von halb zehn bis elf. Aber noch hatte der interne Nachrichtendienst des Hotels nichts Unheilvolles oder Lasterhaftes berichten k&#xF6;nnen: der spielte tats&#xE4;chlich von halb zehn bis elf Billard, allein, nippte an seinem Cognac, am Wasserglas, rauchte, lie&#xDF; sich von Hugo aus dessen Kindheit erz&#xE4;hlen, erz&#xE4;hlte Hugo aus seiner eigenen Kindheit, duldete sogar, dass Zimmerm&#xE4;dchen oder Reinmachefrauen, auf dem Weg zum W&#xE4;scheaufzug, an der offenen Zimmert&#xFC;r stehenblieben, ihm zuschauten, blickte l&#xE4;chelnd vom Spiel auf. Nein, nein, der ist harmlos.</p><empty-line/><p>Jochen humpelte aus dem Aufzug, hielt einen Brief in der Hand, den er jetzt kopfsch&#xFC;ttelnd hochhob. Jochen, der hoch oben unter dem Taubenschlag hauste, neben seinen gefiederten Freunden, die ihm Botschaften aus Paris und Rom, Warschau und Kopenhagen brachten; Jochen in seiner Phantasieuniform, die etwas zwischen Kronprinz und Unteroffizier darstellte, war kaum zu klassifizieren: ein bisschen Faktotum und ein bisschen graue Eminenz, Vertrauter von allen, vertraut mit allem, nicht Portier und nicht Kellner, weder Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer noch Hausdiener, und doch, von allem, sogar vom Kochen verstand er etwas; von ihm stammte das gefl&#xFC;gelte Wort, immer dann ausgesprochen, wenn moralische Bedenken gegen G&#xE4;ste laut wurden: „Was w&#xFC;rde uns der Ruf der Diskretion n&#xFC;tzen, wenn die Moral intakt w&#xE4;re – was nutzt Diskretion, wenn es nichts mehr gibt, das diskret behandelt werden muss?“; etwas Beichtvater, etwas Geheimsekret&#xE4;r, etwas Zuh&#xE4;lter; Jochen, mit rheumagekr&#xFC;mmten Fingern, &#xF6;ffnet grinsend den Brief.</p><p>„Die zehn Mark h&#xE4;ttest du sparen k&#xF6;nnen, ich h&#xE4;tte dir tausendmal mehr – und unentgeltlich – erz&#xE4;hlen k&#xF6;nnen als dieser kleine Schwindler hier. Auskunftsb&#xFC;ro Argus. ‚Anbei die gew&#xFC;nschte Auskunft &#xFC;ber Herrn Architekten Dr. Robert F&#xE4;hmel, wohnhaft Modestgasse 8. Dr. F&#xE4;hmel ist zweiundvierzig Jahre alt, verwitwet, zwei Kinder. Sohn: 22, Architekt, nicht hier wohnhaft. Tochter: 19, Sch&#xFC;lerin. Verm&#xF6;gen des Dr. F: erheblich. M&#xFC;tterlicherseits mit den Kilbs verwandt. Nichts Nachteiliges zu erfahren.“ Jochen kicherte: „Nichts Nachteiliges zu erfahren! Als ob &#xFC;ber den jungen F&#xE4;hmel je etwas Nachteiliges zu erfahren gewesen w&#xE4;re, und &#xFC;ber den wird es niemals etwas Nachteiliges zu erfahren geben. Das ist einer von den wenigen Menschen, f&#xFC;r die ich jederzeit meine Hand ins Feuer legen w&#xFC;rde, h&#xF6;rst du, hier meine alte, korrupte, rheumaverkr&#xFC;mmte Hand. Mit dem kannst du den Jungen getrost allein lassen, der ist nicht von der Sorte – und wenn er von der Sorte w&#xE4;re, w&#xFC;rde ich nicht einsehen, dass man ihm nicht gestattet, was man schwulen Ministern gestattet – aber der ist nicht von der Sorte, der hat schon mit zwanzig ein Kind gehabt, von der Tochter eines Kollegen, vielleicht erinnerst du dich an ihn, den Schrella, der einmal ein Jahr hier gearbeitet hat. Nein? Du warst wohl damals noch nicht hier. Ich sag dir nur: lass den jungen F&#xE4;hmel in Frieden Billard spielen. Feine Familie. Wirklich. Rasse. Ich hab seine Gro&#xDF;mutter noch gekannt, seinen Gro&#xDF;vater, seine Mutter und seine Onkel; die haben hier vor f&#xFC;nfzig Jahren schon Billard gespielt. Die Kilbs, das wei&#xDF;t du wohl nicht, wohnen seit dreihundert Jahren in der Modestgasse, wohnten – es gibt keine mehr. Seine Mutter ist &#xFC;bergeschnappt, hatte zwei Br&#xFC;der verloren, und drei Kinder waren ihr gestorben. Sie kam nicht dr&#xFC;ber weg. Das war eine feine Frau. Eine von den Stillen, wei&#xDF;t du. Die a&#xDF; nicht einen Kr&#xFC;mel mehr, als es auf Lebensmittelkarten gab, nicht ’ne Bohne, und gab auch ihren Kindern nicht mehr. Verr&#xFC;ckt. Sie schenkte alles weg, was sie extra bekam, und die bekam viel: die besa&#xDF;en Bauernh&#xF6;fe, und der Abt von Sankt Anton, da unten im Kissatal, der schickte ihr Butter in F&#xE4;ssern, Honig in Kr&#xFC;gen, schickte ihr Brot, aber sie a&#xDF; nichts davon und gab ihren Kindern nichts davon; die mussten das S&#xE4;gemehlbrot essen und gef&#xE4;rbte Marmelade drauf, w&#xE4;hrend ihre Mutter alles wegschenkte; sogar Goldst&#xFC;cke teilte sie aus; ich hab’s selber gesehen, wie sie – das muss sechzehn oder siebzehn gewesen sein – mit den Broten und dem Honigkrug aus der Haust&#xFC;r kam. Honig 1917! Kannst du dir das vorstellen? Aber ihr habt ja alle kein Ged&#xE4;chtnis, k&#xF6;nnt euch nicht vorstellen, was das bedeutete: Honig 1917 und Honig im Winter 41/42, und wie sie zum G&#xFC;terbahnhof lief und drauf bestand, mit den Juden wegzufahren. Verr&#xFC;ckt. Sie sperrten sie ins Irrenhaus, aber ich glaub nicht, dass sie verr&#xFC;ckt ist. Das ist eine Frau, wie du sie nur im Museum auf den alten Bildern sehen kannst. F&#xFC;r deren Sohn lass ich mich in St&#xFC;cke schneiden, und wenn der nicht aufs Zuvorkommendste bedient wird, gibt es Krach hier in der Bude, und wenn f&#xFC;nfundneunzig alte Weiber nach Hugo fragen, und er will den Jungen bei sich haben, dann kriegt er ihn. Auskunftsb&#xFC;ro Argus. Diesen Idioten zehn Mark zu zahlen. Du bringst wohl noch fertig, mir zu sagen, dass du seinen Vater nicht kennst, den alten F&#xE4;hmel, wie? Gratuliere, du kennst ihn also und bist nie auf die Idee gekommen, dass es der Vater von dem sein k&#xF6;nnte, der oben Billard spielt. Nun, den alten F&#xE4;hmel kennt ja wohl jedes Kind. Der kam hier vor f&#xFC;nfzig Jahren mit ’nem gewendeten Anzug von seinem Onkel an, hatte ein paar Goldst&#xFC;cke in der Tasche und hat hier, hier im Prinz Heinrich schon Billard gespielt, da wusstest du noch nicht, was ein Hotel ist. Ihr seid Portiers! Lass den da oben mal in Ruhe. Der macht keinen Unsinn, richtet keinen Schaden an, der wird h&#xF6;chstens mal &#xFC;berschnappen auf die stille Tour. Der war der beste Schlagballspieler, der beste Hundertmeterl&#xE4;ufer, den wir hier in der Stadt je gehabt haben, der war z&#xE4;h, und wenn es drauf ankam, hart; der konnte Unrecht nicht ertragen, und wenn du Unrecht nicht ertragen kannst, bist du bald in der Politik drin; mit neunzehn war er drin; den hatten sie gek&#xF6;pft oder f&#xFC;r zwanzig Jahre eingesperrt, wenn er ihnen nicht durchgegangen w&#xE4;re. Ja, guck mich nur an; er kam davon und blieb drei oder vier Jahre drau&#xDF;en – ich wei&#xDF; nicht genau, was da los war, hab’s nie erfahren, ich wei&#xDF; nur, dass der alte Schrella drin verwickelt war, auch die Tochter, mit der er dann sp&#xE4;ter das Kind hatte; er kam zur&#xFC;ck, und sie r&#xFC;hrten ihn nicht an; er wurde Soldat bei den Pionieren, ich seh ihn noch vor mir, wenn er in seiner Uniform mit der schwarzen Paspelierung in Urlaub kam. Guck mich nicht so bl&#xF6;de an. Ob der mal Kommunist war? Ich wei&#xDF; nicht, ob er’s war – aber wenn schon: jeder anst&#xE4;ndige Mensch ist das mal gewesen. Los, geh fr&#xFC;hst&#xFC;cken, ich werd mit den alten Ziegen schon fertig.“</p><empty-line/><p>Unheil oder Laster; sie lagen in der Luft, aber Jochen war immer zu harmlos gewesen, hatte nie Selbstmord gewittert und es nie geglaubt, wenn verst&#xF6;rte G&#xE4;ste die Stille des Todes hinter verschlossenen Zimmert&#xFC;ren von der Stille des Schlafs zu unterscheiden gewusst hatten; der tat korrupt und gerieben und glaubte doch an die Menschen.</p><p>„Na, meinetwegen“, sagte der Portier, „ich geh zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck. Dass du nur niemand zu ihm raufl&#xE4;sst, da legt er Wert drauf. Hier.“ Er legte Jochen die rote Karte auf die Theke: ‚Zu sprechen nur f&#xFC;r meine Mutter, meinen Vater, meine Tochter, meinen Sohn und Herrn Schrella – f&#xFC;r niemanden sonst.‘</p><p>Schrella? dachte Jochen erschrocken, lebt der denn noch? Den haben sie doch damals umgebracht – oder hatte er einen Sohn?</p><empty-line/><p>Dieses Aroma schlug alles tot, was in der Halle in den letzten vierzehn Tagen geraucht worden war, dieses Aroma trug man vor sich her wie eine Standarte: hier komm ich, der Bedeutende, der Sieger, dem keiner widersteht; einsneunundachtzig, grauhaarig, Mitte vierzig, Anzugstoff: Regierungsqualit&#xE4;t; so waren Kaufleute, Industrielle, K&#xFC;nstler nicht gekleidet, das war beamtete Eleganz, Jochen roch es; das war Minister, Gesandter, unterschriftstr&#xE4;chtig mit fast gesetzlicher Kraft; das drang ungehindert durch gepolsterte, st&#xE4;hlerne, blecherne Vorzimmert&#xFC;ren, r&#xE4;umte mit seinen Schneepflugschultern alle Hindernisse weg, strahlte liebensw&#xFC;rdige H&#xF6;flichkeit aus, der man doch anmerkte, dass sie angelernt war, lie&#xDF; der Oma den Vortritt, die eben ihren ekligen K&#xF6;ter wieder aus Erichs, des zweiten Boys, Hand entgegennahm, half sogar dem grabentstiegenen Skelett, das Treppengel&#xE4;nder erreichen und umfassen. „Gern geschehen, gn&#xE4;dige Frau.“</p><p>„Nettlinger.“</p><p>„Womit kann ich dienen, Herr Doktor?“ – „Ich muss Herrn Dr. F&#xE4;hmel sprechen. Dringend. Sofort. Dienstlich.“</p><p>Kopfsch&#xFC;tteln, sanfte Verneinung, w&#xE4;hrend er mit der roten Karte spielte. Mutter, Vater, Sohn, Tochter, Schrella. Nettlinger nicht erw&#xFC;nscht.</p><p>„Aber ich wei&#xDF;, dass er hier ist.“</p><p>Nettlinger? Hab ich den Namen nicht schon mal geh&#xF6;rt? Das ist so ein Gesicht, bei dem mir was einfallen m&#xFC;sste, was ich nicht vergessen wollte. Ich habe den Namen schon geh&#xF6;rt, vor vielen Jahren, und mir damals gesagt: den musst du dir merken, vergiss ihn nicht, aber nun wei&#xDF; ich nicht mehr, was ich mir merken wollte. Auf jeden Fall: Vorsicht. Dir w&#xFC;rde spei&#xFC;bel, wenn du wusstest, was der alles schon gemacht hat, du w&#xFC;rdest bis an dein seliges Ende nicht aufh&#xF6;ren k&#xF6;nnen zu kotzen, wenn du den Film ansehen m&#xFC;sstest, den der am Tag des Gerichts vorgespielt bekommt: den Film seines Lebens; das ist so einer, der Leichen die Goldz&#xE4;hne ausbrechen, Kindern das Haar abschneiden l&#xE4;sst. Unheil oder Laster? Nein, Mord lag in der Luft.</p><p>Und diese Leute wussten nie, wann ein Trinkgeld angebracht war; nur daran konnte man Klasse erkennen; jetzt w&#xE4;re der Augenblick vielleicht f&#xFC;r eine Zigarre gewesen, aber nicht f&#xFC;r Trinkgeld, und keinesfalls f&#xFC;r ein so hohes: den gr&#xFC;nen Zwanziger, den er grinsend &#xFC;ber die Theke schob. Wie dumm die Leute sind. Kennen nicht die primitivsten Gesetze der Menschenbehandlung, nicht die einfachsten Gesetze der Portierbehandlung; als wenn im Prinz Heinrich ein Geheimnis &#xFC;berhaupt zu verkaufen w&#xE4;re; als wenn ein Gast, der vierzig oder sechzig f&#xFC;rs Zimmer zahlt, um einen gr&#xFC;nen Zwanziger zu haben w&#xE4;re; zwanzig von einem Unbekannten, dessen einziger Ausweis seine Zigarre und sein Anzugstoff ist. Und so was wurde dann Minister, vielleicht Diplomat und kannte nicht einmal das kleine Einmaleins der schwierigsten aller K&#xFC;nste, der Bestechung. Betr&#xFC;bt sch&#xFC;ttelte Jochen den Kopf, lie&#xDF; den gr&#xFC;nen Schein unber&#xFC;hrt. <emphasis>Voll ist ihre Rechte von Geschenken.</emphasis></p><p>Kaum zu glauben: dem gr&#xFC;nen Schein wurde ein blauer hinzugelegt, das Angebot auf drei&#xDF;ig erh&#xF6;ht, eine dicke Wolke Partagas-Eminentes-Duft in Jochens Gesicht gepustet.</p><empty-line/><p>Blas du nur, puste mir nur deinen Viermarkzigarrenrauch ins Gesicht, und leg noch ’nen violetten Schein hinzu. Jochen ist nicht zu kaufen. Nicht f&#xFC;r dich und nicht f&#xFC;r dreitausend; ich hab nicht viele Menschen in meinem Leben gemocht, aber den Jungen hab ich gern. Pech gehabt, Freund mit dem gewichtigen Gesicht, mit der unterschriftstr&#xE4;chtigen Hand, eineinhalb Minuten zu sp&#xE4;t gekommen. Du m&#xFC;sstest doch riechen, dass Geldscheine hier das am wenigsten Angebrachte sind, bei mir. Ich hab sogar einen Vertrag in der Tasche, notariell best&#xE4;tigt, dass ich auf Lebenszeit mein K&#xE4;mmerchen da oben unterm Dach bewohnen, meine Tauben halten darf; ich kann mir zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck, zum Mittagessen aussuchen, worauf ich Lust habe und krieg noch einhundertundf&#xFC;nfzig Mark monatlich bar in die Hand gedr&#xFC;ckt, dreimal soviel, wie ich wirklich f&#xFC;r meinen Tabak brauche; ich hab Freunde in Kopenhagen, in Paris und Warschau und Rom – und wenn du w&#xFC;sstest, wie Brieftaubenleute zusammenhalten —, aber du wei&#xDF;t ja nichts, glaubst nur zu wissen, dass man mit Geld alles erreichen kann; das sind so Lehren, wie ihr sie euch selbst erteilt. Und nat&#xFC;rlich, Hotelportiers, die tun um Geld alles, verkaufen dir ihre eigene Gro&#xDF;mutter f&#xFC;r einen violetten F&#xFC;nfziger. Nur eins darf ich hier nicht, Freund, eine einzige Ausnahme hat meine Freiheit: ich darf hier unten, wenn ich Portierdienst tue, nicht meine Pfeife rauchen, und diese Ausnahme bedaure ich heute zum ersten Mal, sonst w&#xFC;rde ich deiner Partagas Eminentes meinen schwarzen Krausen entgegenpusten. Du kannst mich – deutlich und klar ausgesprochen – ein paar hundert und siebenundzwanzigmal am Arsch lecken. Den F&#xE4;hmel verkauf ich dir nicht. Der soll ungest&#xF6;rt von halb zehn bis elf da oben Billard spielen, obwohl ich Besseres f&#xFC;r ihn zu tun w&#xFC;sste; n&#xE4;mlich: an deiner Stelle im Ministerium zu sitzen. Oder zu tun, was er in seiner Jugend getan hat: Bomben zu werfen, um Drecks&#xE4;cken wie dir den Hosenboden einzuheizen. Aber bitte, wenn er von halb zehn bis elf Billard spielen will, so soll er, und ich bin dazu da, daf&#xFC;r zu sorgen, dass niemand ihn st&#xF6;rt. Und jetzt kannst du die Geldscheine wieder wegnehmen und die Platte putzen, und wenn du jetzt noch einen Geldschein hinlegst, wei&#xDF; ich nicht, was passiert. Ich hab Taktlosigkeiten mit dem Schauml&#xF6;ffel gefressen und Geschmacklosigkeiten zentnerweise mit duldender Miene &#xFC;ber mich ergehen lassen, hab Ehebrecher und Schwule hier in meine Liste eingetragen, wildgewordene Ehefrauen und Hahnreie abgewimmelt – und glaub nicht, dass mir das an der Wiege gesungen worden ist. Ich war immer ein braver Junge, war Messiener, wie du es bestimmt warst, und hab im Kolpingverein die Lieder vom Vater Kolping und vom Heiligen Aloisius<a l:href="#n_10" type="note">[10]</a> gesungen; da war ich zwanzig und tat schon sechs Jahre in dieser Bude Dienst. Und wenn ich den Glauben an die Menschheit nicht verloren habe, dann nur, weil es ein paar gibt, die wie der junge F&#xE4;hmel und seine Mutter sind. Steck dein Geld weg, nimm die Zigarre aus dem Mund, mach eine h&#xF6;fliche Verbeugung vor einem alten Mann wie mir, der mehr Laster gesehen hat, als du dir Tr&#xE4;umen l&#xE4;sst, lass dir von dem Boy da hinten die Dreht&#xFC;r aufhalten und verschwinde.</p><p>„Hab ich recht geh&#xF6;rt? Du willst den Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer sprechen?“</p><p>Da lief er rot an, wurde ganz blau vor Wut – verflucht, hab ich wieder laut gedacht und dich m&#xF6;glicherweise gar laut geduzt; das w&#xE4;re nat&#xFC;rlich peinlich, ein unverzeihlicher Fehler, denn Leute wie Sie, die duze ich nicht.</p><p>Was ich mich unterstehe? Ich bin ein alter Mann, fast siebzig, hab laut gedacht; ich bin ein bisschen verkalkt, vertrottelt und stehe unter dem Schutz des Paragraphen einundf&#xFC;nfzig, fress hier mein Gnadenbrot.</p><p>Wehr und Waffen? Die haben mir noch gefehlt. Zum Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer bitte links herum, dann zweite T&#xFC;r rechts, Beschwerdebuch in Saffian<a l:href="#n_11" type="note">[11]</a> gebunden. Und solltest du je hier Spiegeleier bestellen, und sollte ich gerade in der K&#xFC;che sein, wenn die Bestellung durchkommt, dann werde ich mir eine Ehre daraus machen, dir h&#xF6;chstpers&#xF6;nlich in die Pfanne zu spucken. Dann bekommst du meine Liebeserkl&#xE4;rung in natura<a l:href="#n_12" type="note">[12]</a>, mit zerschmolzener Butter vermischt. Gern geschehen, gn&#xE4;diger Herr.</p><p>„Ich sagte ja schon, mein Herr. Hier links herum, dann zweite T&#xFC;r rechts, die Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrung. Beschwerdebuch in Saffian gebunden. Sie m&#xF6;chten angemeldet werden? Gern. Vermittlung. Bitte den Herrn Direktor f&#xFC;r Portier. Herr Direktor, ein Herr – wie war doch der Name? – Nettlinger, Verzeihung, Dr. Nettlinger m&#xF6;chte Sie dringend sprechen. In welcher Angelegenheit? Beschwerde &#xFC;ber mich. Ja, danke. Der Herr Direktor erwartet Sie. Jawohl, gn&#xE4;dige Frau, heute abend Feuerwerk und Aufmarsch, die erste Stra&#xDF;e links, dann die zweite rechts, wieder die dritte links, und Sie sehen schon das Schild: <emphasis>Zu den r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;bern</emphasis>. Keine Ursache, gern geschehen. Vielen Dank.“ Eine Mark, die ist nicht zu verachten, aus so ’ner ehrlichen alten Lehrerinnenhand. Ja, sieh nur, wie ich das kleine Trinkgeld schmunzelnd annehme und das gro&#xDF;e ablehne. R&#xF6;mische Kindergr&#xE4;ber sind eine klare Sache. Das Scherflein der Witwe wird hier nicht verschm&#xE4;ht. Und Trinkgeld ist die Seele des Berufs. „Ja, dort herum – ganz recht.“ Sie sind noch nicht aus dem Taxi gestiegen, da wei&#xDF; ich schon, ob’s Ehebrecher sind. Ich rieche es aus der Ferne, kenne selbst die freieste aller freien Touren. Da gibt es die Sch&#xFC;chternen, denen man es so deutlich ansieht, dass man ihnen sagen m&#xF6;chte: ist ja nicht so schlimm, Kinder, ist alles schon vorgekommen; ich bin f&#xFC;nfzig Jahre im Fach und werde euch das Peinlichste ersparen. Neunundf&#xFC;nfzig Mark achtzig, einschlie&#xDF;lich Trinkgeld, f&#xFC;r ein Doppelzimmer, daf&#xFC;r k&#xF6;nnt ihr getrost ein bisschen Entgegenkommen erwarten, und wenn euch die Leidenschaft gar zu sehr plagt, fangt m&#xF6;glichst nicht im Aufzug schon an. Im Prinz Heinrich wird hinter Doppelt&#xFC;ren geliebt… nicht so sch&#xFC;chtern die Herrschaften, nicht so bange; wenn ihr w&#xFC;sstet, wer alles in diesen R&#xE4;umen, die durch hohe Preise geheiligt sind, schon mit seiner sexuellen Not fertig geworden ist, da gab’s Fromme und Unfromme, B&#xF6;se und Gute. Doppelzimmer mit Bad, eine Flasche Sekt aufs Zimmer. Zigaretten. Fr&#xFC;hst&#xFC;ck um halb elf. Sehr wohl. Bitte, hier unterschreiben, der Herr, nein, hier – und hoffentlich bist du nicht so bl&#xF6;de und schreibst deinen richtigen Namen hin. Das Ding geht wirklich zur Polizei, wird dann gestempelt, ist ein Dokument und hat Beweiskraft. Trau nur nicht der Diskretion der Beh&#xF6;rden, mein Junge. Je mehr es davon gibt, desto mehr Futter brauchen sie. Vielleicht bist du auch mal Kommunist gewesen, dann sei doppelt vorsichtig. Ich bin’s auch mal gewesen, und katholisch war ich auch. Das geht nicht raus aus der W&#xE4;sche. Ich lass auch heute auf bestimmte Leute noch nichts kommen, und wer bei mir ’ne dumme Bemerkung &#xFC;ber die Jungfrau Maria macht oder auf Vater Kolping schimpft, der kann was erleben. Boy, Zimmer 42. Dort geht es zum Aufzug, der Herr.</p><empty-line/><p>Auf die hab ich gerade gewartet, das sind die frechen Ehebrecher, die nichts zu verbergen haben, aller Welt zeigen wollen, wie frei sie sind. Aber wenn ihr nichts zu verbergen habt, warum m&#xFC;sst ihr dann so freche Gesichter machen und das Nichts-zu-verbergen-Haben so fingerdick auftragen? Wenn ihr wirklich nichts zu verbergen habt, braucht ihr’s ja nicht zu verbergen. Bitte, hier unterschreiben, der Herr, nein, hier. Na, mit dieser dummen Gans m&#xF6;chte ich nichts zu verbergen haben. Mit der nicht. Mit der Liebe ist es wie mit Trinkgeldern. Reine Instinktsache. Das sieht man doch ’ner Frau an, ob sich’s lohnt, mit der was zu verbergen zu haben. Mit der lohnt sich’s nicht. Kannst es mir glauben, mein Junge. Die sechzig Mark f&#xFC;r &#xDC;bernachtung, plus Sekt aufs Zimmer und Trinkgeld und Fr&#xFC;hst&#xFC;ck und was du ihr alles noch schenken musst: lohnt sich nicht. Da kriegst du von “nem anst&#xE4;ndigen ehrbaren Stra&#xDF;enm&#xE4;dchen, das sein Gewerbe gelernt hat, wenigstens was geliefert. Boy, Zimmer 43 f&#xFC;r die Herrschaften. Ach Gott, sind die Menschen dumm. „Jawohl, Herr Direktor, ich komme sofort, jawohl, Herr Direktor.“</p><empty-line/><p>Nat&#xFC;rlich sind Leute wie du zum Hoteldirektor wie geboren; das ist wie bei Frauen, die sich gewisse Organe herausnehmen lassen; da gibt es keine Probleme mehr, aber was w&#xE4;re die Liebe ohne Probleme, und wenn sich einer das Gewissen rausnehmen l&#xE4;sst, bleibt nicht einmal ein Zyniker &#xFC;brig. Ein Mensch ohne Trauer, das ist doch kein Mensch mehr. Dich habe ich als Boy ausgebildet, du bist vier Jahre lang unter meiner Fuchtel gewesen, hast dir dann die Welt angesehen, Schulen besucht, Sprachen gelernt, hast in nichtalliierten und alliierten Offizierskasinos den barbarischen Sp&#xE4;&#xDF;en besoffener Sieger und Besiegter beigewohnt, bist prompt hierher zur&#xFC;ckgekommen, und deine erste Frage, als du glatt geworden, fett geworden, ohne Gewissen hier ankamst: ‚Ist der alte Jochen noch da?‘ Ich bin noch da, immer noch, mein Junge.</p><p>„Sie haben diesen Herrn gekr&#xE4;nkt, K&#xFC;hlgamme.“</p><p>„Nicht willentlich, Herr Direktor, und eigentlich war’s keine Kr&#xE4;nkung. Ich k&#xF6;nnte Ihnen Hunderte nennen, die es sich zur Ehre anrechnen w&#xFC;rden, von mir geduzt zu werden.“</p><p>Krone der Unversch&#xE4;mtheit. Unglaublich.</p><p>„Es ist mir einfach entschl&#xFC;pft, Herr Dr. Nettlinger. Ich bin ein alter Mann und stehe so halbwegs unter dem Schutz des Paragraphen einundf&#xFC;nfzig.“</p><p>„Der Herr verlangt Genugtuung…“</p><p>„Auf der Stelle. Ich rechne es mir, wenn Sie gestatten, nicht zur Ehre an, von Hotelportiers geduzt zu werden.“</p><p>„Bitten Sie den Herrn um Entschuldigung.“</p><p>„Ich bitte den Herrn um Entschuldigung.“</p><p>„Nicht in diesem Ton.“</p><p>„In welchem Ton denn? Ich bitte den Herrn um Entschuldigung, ich bitte den Herrn um Entschuldigung, ich bitte den Herrn um Entschuldigung. Das sind die drei T&#xF6;ne, die mir zur Verf&#xFC;gung stehen, und nun suchen Sie sich bitte den Ton, der Ihnen passt, aus. Sehen Sie, mir kommt’s gar nicht auf ’ne Dem&#xFC;tigung an. Ich knie mich glatt hin, auf den Teppich hier, schlag mir an die Brust, ein alter Mann, der allerdings auch auf eine Entschuldigung wartet. Bestechungsversuch, Herr Direktor. Die Ehre unseres altrenommierten Hauses stand auf dem Spiel. Ein Berufsgeheimnis f&#xFC;r drei&#xDF;ig lumpige Mark? Ich f&#xFC;hle mich in meiner Ehre getroffen und in der Ehre dieses Hauses, dem ich schon mehr als f&#xFC;nfzig Jahre diene, genau gesagt: sechsundf&#xFC;nfzig Jahre.“</p><p>„Ich bitte Sie, diese peinliche und l&#xE4;cherliche Szene abzubrechen.“</p><p>„F&#xFC;hren Sie den Herrn sofort ins Billardzimmer, K&#xFC;hlgamme.“</p><p>„Nein.“</p><p>„Sie f&#xFC;hren den Herrn ins Billardzimmer.“</p><p>„Nein.“</p><p>„Es w&#xFC;rde mich betr&#xFC;ben, K&#xFC;hlgamme, wenn das uralte Dienstverh&#xE4;ltnis, das Sie mit diesem Haus verbindet, an der Verweigerung eines einfachen Befehls scheitern sollte.“</p><p>„In diesem Haus, Herr Direktor, ist nicht ein einziges Mal der Wunsch eines Gastes, ungest&#xF6;rt zu bleiben, missachtet worden. Ausgenommen nat&#xFC;rlich die F&#xE4;lle h&#xF6;herer Gewalt. Geheime Staatspolizei. Da waren wir machtlos.“</p><p>„Betrachten Sie meinen Fall als einen Fall h&#xF6;herer Gewalt.“</p><p>„Sie kommen von der geheimen Staatspolizei?“</p><p>„Ich verbitte mir eine solche Frage.“</p><p>„Sie werden den Herrn jetzt ins Billardzimmer f&#xFC;hren, K&#xFC;hlgamme.“</p><p>„Wollen Sie, Herr Direktor, als erster das Banner der Diskretion beflecken?“</p><p>„Dann werde ich selber Sie ins Billardzimmer f&#xFC;hren, Herr Doktor.“</p><p>„Nur &#xFC;ber meine Leiche, Herr Direktor.“</p><empty-line/><p>Man muss so korrupt sein wie ich, so alt wie ich, um zu wissen, dass es Dinge gibt, die nicht k&#xE4;uflich sind; Laster ist nicht mehr Laster, wenn es keine Tugend mehr gibt, und was Tugend ist, kannst du nicht wissen, wenn du nicht wei&#xDF;t, dass es sogar Huren gibt, die gewisse Kunden abweisen. Aber ich h&#xE4;tte es wissen m&#xFC;ssen, dass du ein Schwein bist. Wochenlang hab ich mit dir oben in meinem Zimmer ge&#xFC;bt, wie man diskret ein Trinkgeld entgegennimmt, mit Groschenst&#xFC;cken, mit Markst&#xFC;cken und mit Scheinen; das muss man k&#xF6;nnen: Geld diskret in Empfang nehmen, denn Trinkgeld ist die Seele des Berufs. Ich hab’s mit dir ge&#xFC;bt, war eine Mordsarbeit, dir das beizubringen, aber du wolltest mich dabei beschwindeln, wolltest mir weismachen, wir hatten zum &#xDC;ben nur drei Markst&#xFC;cke gehabt, aber es waren vier, und du wolltest mich um eins beschwindeln. So ein Schwein bist du schon immer gewesen, du wusstest nie, dass es das gab: ‚So was tut man nicht‘, und tust jetzt wieder was, was man nicht tut. Hast das Trinkgeldannehmen inzwischen gelernt, und sicher sind’s nicht einmal drei&#xDF;ig Silberlinge gewesen.</p><p>„Sie gehen jetzt sofort zum Empfang zur&#xFC;ck, K&#xFC;hlgamme, ich &#xFC;bernehme diese Sache. Treten Sie beiseite, ich warne Sie.“</p><p>Nur &#xFC;ber meine Leiche, und es ist doch schon zehn vor elf, und in zehn Minuten wird er sowieso die Treppe herunterkommen. Ihr h&#xE4;ttet nur ein bisschen nachzudenken brauchen, dann w&#xE4;re uns das ganze Theater erspart geblieben, aber auch f&#xFC;r zehn Minuten: Nur &#xFC;ber meine Leiche. Ihr habt nie gewusst, was Ehre ist, weil ihr nicht wusstet, was Unehre ist. Hier steh ich, Jochen, Hotelfaktotum, korrupt, von oben bis unten voll lasterhaften Wissens, aber nur &#xFC;ber meine Leiche kommt ihr ins Billardzimmer.</p></section><section><title><p>Kapitel III</p></title><p>Er spielte schon lange nicht mehr nach Regeln, wollte nicht Serien spielen, Points sammeln; er stie&#xDF; eine Kugel an, manchmal sanft, manchmal hart, scheinbar sinnlos und zwecklos. Sie hob, indem sie die beiden anderen ber&#xFC;hrte, f&#xFC;r ihn jedesmal eine neue geometrische Figur aus dem gr&#xFC;nen Nichts; Sternenhimmel, in dem nur wenige Punkte beweglich waren; Kometenbahnen, wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, rot &#xFC;ber gr&#xFC;n geschlagen; Spuren leuchteten auf, die sofort wieder ausgel&#xF6;scht wurden; zarte Ger&#xE4;usche deuteten den Rhythmus der gebildeten Figur an: f&#xFC;nfmal, sechsmal, wenn die angesto&#xDF;ene Kugel die Bande oder die anderen Kugeln ber&#xFC;hrte; nur wenige T&#xF6;ne hoben sich aus der Monotonie heraus, hell oder dunkel; die wirbelnden Linien waren alle an Winkel gebunden, unterlagen geometrischen Gesetzen und der Physik; die Energie des Sto&#xDF;es, die er durch das Queue dem Ball mitteilte, und ein wenig Reibungsenergie; alles nur Ma&#xDF;; es pr&#xE4;gte sich dem Gehirn ein; Impulse, die sich zu Figuren umpr&#xE4;gen lie&#xDF;en; keine Gestalt und nichts Bleibendes, nur Fl&#xFC;chtiges, l&#xF6;schte sich im Rollen der Kugel wieder aus; oft spielte er halbe Stunden lang nur mit einem einzigen Ball: wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n gesto&#xDF;en, nur ein einziger Stern am Himmel; leicht, leise, Musik ohne Melodie, Malerei ohne Bild; kaum Farbe, nur Formel.</p><p>Der blasse Junge bewachte die T&#xFC;r, lehnte gegen das wei&#xDF;lackierte Holz, die H&#xE4;nde auf dem R&#xFC;cken, die Beine gekreuzt, in der violetten Uniform des Prinz Heinrich.</p><p>„Sie erz&#xE4;hlen mir heute nichts, Herr Doktor?“</p><p>Er blickte auf, stellte den Stock ab, nahm eine Zigarette, z&#xFC;ndete sie an, blickte zur Stra&#xDF;e hin, die im Schatten von Sankt Severin lag. Lehrjungen, Lastwagen, Nonnen: Leben auf der Stra&#xDF;e; graues Herbstlicht fiel von dem violetten Samtvorhang fast silbern zur&#xFC;ck; von Velourvorh&#xE4;ngen eingerahmt, fr&#xFC;hst&#xFC;ckten versp&#xE4;tete G&#xE4;ste; selbst die weichgekochten Eier sahen in dieser Beleuchtung lasterhaft aus, biedere Hausfrauengesichter wirkten in diesem Licht verworfen; Kellner, befrackt, mit einverstandenen Augen, sahen aus wie Beelzebubs<a l:href="#n_13" type="note">[13]</a>, Asmodis<a l:href="#n_14" type="note">[14]</a> unmittelbare Abgesandte; und waren doch nur harmlose Gewerkschaftsmitglieder, die nach Feierabend beflissen die Leitartikel ihres Verbandsbl&#xE4;ttchens lasen; sie schienen hier ihre Pferdef&#xFC;&#xDF;e unter geschickten orthop&#xE4;dischen Konstruktionen zu verbergen; wuchsen nicht elegante kleine H&#xF6;rner aus ihren wei&#xDF;en, roten und gelben Stirnen? Der Zucker in den vergoldeten Dosen schien nicht Zucker zu sein; Verwandlungen fanden hier statt, Wein war nicht Wein, Brot nicht Brot, alles wurde zum Ingrediens geheimnisvoller Laster ausgeleuchtet; hier wurde zelebriert; und der Name der Gottheit durfte nicht genannt, nur gedacht werden.</p><p>„Erz&#xE4;hlen, Junge, was?“</p><p>Seine Erinnerung hatte sich nie an Worte und Bilder gehalten, nur an Bewegungen. Vater, das war sein Gang, die kokette Kurve, die das rechte Hosenbein mit jedem Schritt beschrieb, rasch, so dass das dunkle blaue Sto&#xDF;band nur f&#xFC;r einen Augenblick sichtbar wurde, wenn er morgens an Gretzens Laden vor&#xFC;ber ins Cafe Kroner ging, um dort zu fr&#xFC;hst&#xFC;cken; Mutter, das war die kompliziert – dem&#xFC;tige Figur, die ihre H&#xE4;nde beschrieben, wenn sie sie auf der Brust faltete, immer kurz bevor sie eine Torheit aussprach: wie schlecht die Welt sei, wie wenig reine Herzen es gebe; ihre H&#xE4;nde schrieben es in die Luft, bevor sie es aussprach; Otto, das waren seine marschierenden Beine, wenn er durch den Hausflur ging, in Stiefeln, die Stra&#xDF;e hinunter; Feindschaft, Feindschaft, schlug der Takt auf die Fliesen, schlugen diese F&#xFC;&#xDF;e, die in den Jahren davor einen anderen Takt geschlagen hatten: ‚Bruder, Bruder.‘ Gro&#xDF;mutter: die Bewegung, die sie siebzig Jahre lang gemacht hatte, und die er viele Male am Tag von seiner Tochter ausgef&#xFC;hrt sah; jahrhundertalte Bewegung, die sich vererbte und ihn jedesmal erschrecken lie&#xDF;; seine Tochter Ruth hatte ihre Urgro&#xDF;mutter nie gesehen; woher hatte sie diese Bewegung? Ahnungslos strich sie sich das Haar aus der Stirn, wie ihre Urgro&#xDF;mutter es getan hatte.</p><p>Und er sah sich selbst, wie er sich nach den Schlagh&#xF6;lzern b&#xFC;ckte, um seins herauszusuchen; wie er den Ball in der linken Hand hin und her rollte, her und hin, bis er ihn griffig genug hatte, ihn im entscheidenden Augenblick genau dorthin zu werfen, wo er ihn haben wollte; so hoch, dass die Fallzeit des Balles genau der Zeit entsprach, die er brauchte, um umzugreifen, auch die linke Hand ums Holz zu legen, auszuholen und den Ball zu treffen, mit gesammelter Kraft, so, dass er weit fliegen w&#xFC;rde, bis hinters Mal.</p><p>Er sah sich auf den Uferwiesen stehen, im Park, im Garten, geb&#xFC;ckt, richtete sich auf, schlug zu. Es war alles nur Ma&#xDF;; sie waren Dummk&#xF6;pfe, wussten nicht, dass man die Fallzeit errechnen konnte, dass man mit denselben Stoppuhren auch erproben konnte, wie lange man braucht, den Griff zu wechseln; und dass alles weitere nur eine Frage der Koordinierung und der &#xDC;bung war; ganze Nachmittage lang, auf den Wiesen, im Park, im Garten ge&#xFC;bt; sie wussten nicht, dass es Formeln gab, die man anwenden, Waagen, auf denen man B&#xE4;lle wiegen konnte. Nur ein bisschen Physik, ein bisschen Mathematik und &#xDC;bung; aber sie verachteten ja die beiden F&#xE4;cher, auf die es ankam; verachteten Training, mogelten sich durch, turnten wochenlang auf knochenweichen Sentenzen umher, fuhren Kahn auf nebulosem Dreck, fuhren Kahn sogar auf H&#xF6;lderlin; sogar ein Wort wie Lot wurde, wenn sie es aussprachen, zu breiigem Unsinn; Lot, so etwas Klares; eine Schnur, ein St&#xFC;ck Blei, man warf es ins Wasser, sp&#xFC;rte, wenn das Blei den Boden erreichte, zog die Schnur heraus und ma&#xDF; an ihr die Tiefe des Wassers ab; doch wenn sie loten sagten, klang es wie schlechtes Orgelspiel; sie konnten weder Schlagball spielen noch H&#xF6;lderlin lesen. <emphasis>Mitleidend bleibt das ewige Herz doch fest</emphasis><a l:href="#n_15" type="note">[15]</a>. Sie zappelten vorn an der Linie herum, wollten ihn beim Schlag st&#xF6;ren, riefen: ‚Los, F&#xE4;hmel, mach voran, los‘; unruhig strich eine andere Gruppe ums Mal, zwei schon weit hinterm Spielfeld, wo seine B&#xE4;lle herunterzukommen pflegten, gef&#xFC;rchtete B&#xE4;lle; sie kamen meistens an der Stra&#xDF;e aus, wo jetzt gerade an diesem Sommersamstag 1935 die dampfenden hellroten Pferde das Brauereitor verlie&#xDF;en; dahinter der Bahndamm, eine Rangierlok puffte kindlich wei&#xDF;e Wolken in den Nachmittagshimmel; rechts an der Br&#xFC;cke zischten aus der Werft die Schneidbrenner, schwei&#xDF;ten die Arbeiter in &#xDC;berstunden einen Kraft-durch-Freude-Dampfer zusammen; bl&#xE4;uliche, silberne Funken zischten, und Nieth&#xE4;mmer, Nieth&#xE4;mmer schlugen den Takt; in den Schreberg&#xE4;rten k&#xE4;mpften frisch aufgestellte Vogelscheuchen vergebens gegen Spatzen, blasse Rentner mit erloschenen Tabakspfeifen warteten sehns&#xFC;chtig auf den Monatsersten – die Erinnerung an die Bewegungen, die er damals gemacht hatte, sie erst brachte Bilder und Worte und Farben hervor; hinter Formeln war es verborgen, das ‚Los, F&#xE4;hmel, los‘, und er hatte den Ball schon an der richtigen Stelle liegen, nur leicht gehalten zwischen Fingern und Handballen, der Ball w&#xFC;rde den geringstm&#xF6;glichen Widerstand finden; er hatte sein Schlagholz schon in der Hand, das l&#xE4;ngste von allen (niemand k&#xFC;mmerte sich um die Hebelgesetze), es war oben mit Leukoplast umwickelt. Rasch noch einen Blick auf die Armbanduhr: drei Minuten und drei&#xDF;ig Sekunden, bis der Turnlehrer abpfeifen w&#xFC;rde – und immer noch hatte er die Antwort auf die Frage nicht gefunden: Wie kam es, dass die vom Prinz-Otto-Gymnasium nichts gegen ihren Turnlehrer als Schiedsrichter beim Entscheidungsspiel eingewendet hatten? Er hie&#xDF; Bernhard Wakiera, aber sie nannten ihn nur Ben Wackes, er sah melancholisch aus, war dicklich, stand im Ruf, Knaben platonisch zu lieben, mochte gern Sahnekuchen und tr&#xE4;umerisch s&#xFC;&#xDF;e Filme, in denen starke blonde Knaben Fl&#xFC;sse durchschwammen, dann auf Wiesen lagen, Grashalme im Mund, und zum blauen Himmel hinaufblickten, auf Abenteuer warteten; dieser Ben Wackes liebte vor allem eine Nachbildung des Antinouskopfes<a l:href="#n_16" type="note">[16]</a>, die er zu Hause zwischen Gummib&#xE4;umen und B&#xFC;cherregalen voll Turnlehrerliteratur zu kosen pflegte, sie angeblich jedoch nur abstaubte; Ben Wackes, der seine Lieblinge J&#xFC;ngelchen, die anderen Bengels nannte.</p><p>‚Nun mach schon, Bengel‘, sagte er, schwitzend, mit bebendem Bauch, die Trillerpfeife im Mund.</p><p>Aber es waren immer noch drei Minuten und drei Sekunden bis zum Abpfiff, dreizehn Sekunden zu fr&#xFC;h; wenn er jetzt schon schl&#xFC;ge, w&#xFC;rde der n&#xE4;chste noch zum Schlag kommen, und Schrella, der oben am Mal auf Erl&#xF6;sung wartete, w&#xFC;rde dann noch einmal losrennen m&#xFC;ssen, und sie w&#xFC;rden noch einmal Gelegenheit haben, ihm den Ball mit aller Kraft ins Gesicht, gegen die Beine zu werfen, die Nieren zu treffen; dreimal hatte er beobachtet, wie sie es machten: irgendeiner aus der Gegenpartei traf Schrella ab, dann nahm Nettlinger, der in seiner und Schrellas Partei spielte, den Ball, traf den Gegner ab, indem er ihm den Ball einfach zuwarf, und der traf wieder Schrella ab, der sich vor Schmerz kr&#xFC;mmte, und wieder nahm Nettlinger den Ball, warf ihn dem Gegner einfach zu, der Schrella ins Gesicht traf – und Ben Wackes stand daneben, pfiff ab, wenn sie Schrella trafen, pfiff ab, wenn Nettlinger dem Gegner den Ball einfach zuwarf, pfiff ab, w&#xE4;hrend Schrella wegzuhumpeln versuchte; rasch ging’s, die B&#xE4;lle flogen hin und her – hatte er als einziger es gesehen? Nicht einer von all den vielen Zuschauern, die da mit ihren bunten F&#xE4;hnchen und bunten M&#xFC;tzen fiebernd vor Spannung auf das Ende des Spiels warteten? Zwei Minuten und f&#xFC;nfzig Sekunden vor Schluss stand es 34:29 f&#xFC;r das Prinz-Otto-Gymnasium – und war dies, das nur er gesehen hatte, der Grund daf&#xFC;r, dass sie Ben Wackes, ihren eigenen Turnlehrer, als Schiedsrichter akzeptiert hatten?</p><p>‚Jetzt mach aber, Bengel, in zwei Minuten pfeif ich ab.‘</p><p>‚Zwei Minuten und f&#xFC;nfzig Sekunden, bitte‘, sagte er, warf den Ball hoch, griff blitzschnell um und schlug; er sp&#xFC;rte es an der Wucht des Schlages, am federnden Widerstand des Holzes: das war wieder einer seiner sagenhaften Treffer; er blinzelte hinter dem Ball her, konnte ihn nicht entdecken, h&#xF6;rte das Ah aus der Zuschauermenge, ein gro&#xDF;es Ah, das sich wie eine Wolke ausbreitete, anwuchs; er sah Schrella herangehumpelt kommen, langsam kam er, hatte gelbe Flecken im Gesicht, eine blutige Spur um die Nase; und die Listenf&#xFC;hrer z&#xE4;hlten: sieben, acht, neun; provozierend langsam kam der Rest der Mannschaft am w&#xFC;tenden Ben Wackes vorbei; gewonnen war das Spiel, klar gewonnen, und er hatte vergessen, loszurennen und noch einen zehnten Punkt zu gewinnen; immer noch suchten die Ottoner den Ball, krochen weit hinter der Stra&#xDF;e im Gras an der Brauereimauer umher; deutlich war aus Ben Wackes Schlusspfiff der &#xC4;rger herauszuh&#xF6;ren. 38:34 f&#xFC;rs Ludwig-Gymnasium verk&#xFC;ndeten die Listenf&#xFC;hrer. Das Ah schwoll an zum Hurra, brandete &#xFC;ber den Platz, w&#xE4;hrend er sein Schlagholz nahm, es mit dem unteren Ende ins Gras bohrte, den Griff ein wenig hob, dann senkte, bis er den richtigen Winkel erwischt zu haben glaubte; er trat mit dem Fu&#xDF; auf die schw&#xE4;chste Stelle, wo sich das Holz unterhalb des Griffes verj&#xFC;ngte; Sch&#xFC;ler umringten ihn bewundernd, verstummten ergriffen; sie sp&#xFC;rten: hier wurde ein Zeichen gegeben, wurde F&#xE4;hmels ber&#xFC;hmtes Schlagholz zerbrochen; t&#xF6;dlich wei&#xDF; die Splitter, die an der Bruchstelle des zerbrochenen Holzes sichtbar wurden; schon balgten sie sich um Andenken, k&#xE4;mpften verbissen um Holzst&#xFC;cke, rissen sich Leukoplastfetzen aus den Fingern; er blickte erschrocken in diese erhitzten, t&#xF6;richten Gesichter, in diese bewundernden Augen, die vor Erregung gl&#xE4;nzten, und sp&#xFC;rte die billige Bitternis des Ruhmes, hier an einem Sommerabend, am 14. Juli 1935, samstags am Rande der Vorstadt, auf der zertrampelten Wiese, &#xFC;ber die Ben Wackes gerade die Sextaner<a l:href="#n_17" type="note">[17]</a> des Ludwig-Gymnasiums jagte, die Eckf&#xE4;hnchen einzusammeln. Weit hinter der Stra&#xDF;e, an der Brauereimauer, waren immer noch die blaugelben Trikots zu sehen; immer noch suchten die Ottoner den Ball; jetzt kamen sie z&#xF6;gernd &#xFC;ber die Stra&#xDF;e, sammelten sich auf der Mitte des Spielfelds, traten in einer Reihe an, warteten auf ihn, den Mannschaftsf&#xFC;hrer, dass er das Hipp-Hipp-Hurra ausbringe; langsam ging er auf die beiden Reihen zu, da standen Schrella und Nettlinger in einer Reihe nebeneinander, nichts schien geschehen zu sein, nichts, w&#xE4;hrend sich hinter ihm die j&#xFC;ngeren Schuler weiter um Andenken balgten; er ging weiter, sp&#xFC;rte die Bewunderung der Zuschauer wie korperlichen Ekel, und er rief es dreimal: Hipp-Hipp-Hurra; wie gepr&#xFC;gelte Hunde schlichen die Ottoner zur&#xFC;ck, um den Ball zu suchen; es galt als unausl&#xF6;schlicher Makel, ihn nicht gefunden zu haben.</p><empty-line/><p>„Und ich wusste doch, Hugo, wie scharf Nettlinger auf den Sieg gewesen war: ‚Siegen um jeden Preis‘, hatte er gesagt, und <emphasis>er</emphasis> hatte unseren Sieg aufs Spiel gesetzt, nur damit einer der Gegner Gelegenheit f&#xE4;nde, Schrella immer wieder mit dem Ball zu treffen, und Ben Wackes musste mit ihnen im Bund sein; ich hatte es gesehen, ich als einziger.“</p><empty-line/><p>Er hatte Angst, als er jetzt auf die Umkleidekabinen zuging, Angst vor Schrella und dem, was er ihm sagen w&#xFC;rde. Es war pl&#xF6;tzlich k&#xFC;hl geworden, flie&#xDF;ende Abendnebel stiegen aus den Wiesen hoch, kamen vom Fluss her, umgaben das Haus, wo die Umkleidekabinen lagen, wie Watteschichten. Warum, warum machten sie das mit Schrella, stellten ihm ein Bein, wenn er zur Pause die Treppe hinunterging; er schlug mit dem Kopf auf die st&#xE4;hlerne Treppenkante, der Stahlb&#xFC;gel der Brille bohrte sich ins Ohrl&#xE4;ppchen, und viel zu sp&#xE4;t kam Wackes mit dem Erste-Hilfe-Kasten aus dem Lehrerzimmer. Nettlinger, mit h&#xF6;hnischem Gesicht, hielt ihm den Leukoplaststreifen stramm, damit er ein St&#xFC;ck abschneiden k&#xF6;nne; sie &#xFC;berfielen Schrella auf dem Heimweg, zerrten ihn in Hauseing&#xE4;nge, verpr&#xFC;gelten ihn zwischen Abfalleimern und abgestellten Kinderwagen, stie&#xDF;en ihn dunkle Kellertreppen hinunter, und dort unten lag er lange, mit gebrochenem Arm, im Kohlengeruch, Geruch keimender Kartoffeln, im Anblick staubiger Einmachgl&#xE4;ser; bis ein Junge, der ausgeschickt war, &#xC4;pfel zu holen, ihn fand und die Hausbewohner alarmierte. Nur einige machten nicht mit: Enders, Drischka, Schweugel und Holten. – Vor Jahren war er einmal mit Schrella befreundet gewesen, sie hatten immer zusammen Trischler besucht, der am unteren Hafen wohnte, wo Schrellas Vater in der Kneipe von Trischlers Vater Kellner war; sie hatten auf alten K&#xE4;hnen gespielt, auf ausrangierten Pontons, von Booten aus geangelt.</p><empty-line/><p>Er blieb vor den Umkleidekabinen stehen, h&#xF6;rte die wirren Stimmen, heiser in mythischer Erregung sprachen sie von der sagenhaften Flugbahn des Balles; als w&#xE4;re der Ball in &#xFC;bermenschliche H&#xF6;hen entschwunden.</p><p>‚Ich hab’s doch gesehen, wie er flog, flog – wie ein Stein, von der Schleuder eines Riesen geschleudert.‘</p><p>Ich hab ihn gesehen, den Ball, den Robert schlug.</p><p>Ich hab ihn geh&#xF6;rt, den Ball, den Robert schlug.</p><p>Sie werden ihn nicht finden – den Ball, den Robert schlug.</p><p>Sie verstummten, als er eintrat; Angst lag in diesem pl&#xF6;tzlichen Schweigen, fast t&#xF6;dlich war die Ehrf&#xFC;rcht vor dem, der getan hatte, was niemand w&#xFC;rde glauben, man niemand w&#xFC;rde mitteilen k&#xF6;nnen; wer wurde als Zeuge auftreten, die Flugbahn des Balles zu beschreiben?</p><p>Rasch liefen sie, barfu&#xDF;, die Frottiert&#xFC;cher um die Schultern geschlungen, in die Brausekabinen; nur Schrella blieb, er hatte sich angekleidet, ohne gebraust zu haben, und jetzt erst fiel Robert auf, dass Schrella nie brauste, wenn sie gespielt hatten; nie zog er sein Trikot aus; er sa&#xDF; da auf dem Schemel, hatte einen gelben, einen blauen Flecken im Gesicht, war noch feucht um den Mund herum, wo er die Blutspur abgewischt hatte, verf&#xE4;rbt die Haut an den Oberarmen von den Treffern des Balles, den die Ottoner immer noch suchten; sa&#xDF; da, rollte gerade die &#xC4;rmel seines verwaschenen Hemdes herunter, zog seine Jacke an, nahm ein Buch aus der Tasche und las: <emphasis>Am Abend, wenn die Glocken Frieden l&#xE4;uten</emphasis><a l:href="#n_18" type="note">[18]</a>.</p><p>Es war peinlich, allein mit Schrella zu sein, Dank entgegenzunehmen aus diesen k&#xFC;hlen Augen, die selbst zum Hassen zu k&#xFC;hl waren; nur eine winzige Wimperbewegung, ein fl&#xFC;chtiges L&#xE4;cheln zum Dank, dem Erl&#xF6;ser, der den Ball geschlagen hatte; und er l&#xE4;chelte zur&#xFC;ck, ebenso fl&#xFC;chtig, wandte sich dem Blechspind zu, suchte seine Kleider heraus, wollte rasch verschwinden, ohne zu brausen; in den Putz an der Wand, &#xFC;ber seinem Spind hatte jemand eingeritzt: ‚F&#xE4;hmels Ball, 14. Juli 1935‘.</p><p>Es roch nach ledrigen Turnger&#xE4;ten, nach trockener Erde, wie sie von Fu&#xDF;b&#xE4;llen, Handb&#xE4;llen, Schlagb&#xE4;llen abgetrocknet war und kr&#xFC;melig in den Ritzen des Betonbodens lag; schmutzige gr&#xFC;n – wei&#xDF;e F&#xE4;hnchen standen in den Ecken, Fu&#xDF;ballnetze hingen zum Trocknen, ein zersplittertes Ruder, ein vergilbtes Diplom hinter rissigem Glas: ‚Den Pionieren des Fu&#xDF;ballsports, der Unterprima des Ludwig-Gymnasiums 1903 – der Landesvorsitzende‘; von einem gedruckten Lorbeerkranz umrahmt das Gruppenfoto, und sie blickten ihn an, hartmuskelige Achtzehnj&#xE4;hrige des Geburtsjahrgangs 1885, schnurrb&#xE4;rtig, mit tierischem Optimismus blickten sie in eine Zukunft, die ihnen das Schicksal bereithielt: bei Verdun<a l:href="#n_19" type="note">[19]</a> zu vermodern, in den Sommes&#xFC;mpfen zu verbluten, oder auf einem Heldenfriedhof bei Chateau Thierry<a l:href="#n_20" type="note">[20]</a> f&#xFC;nfzig Jahre sp&#xE4;ter Anlass zu Vers&#xF6;hnungssentenzen zu werden, die Touristen auf dem Weg nach Paris, von der Stimmung des Orts &#xFC;berw&#xE4;ltigt, in ein verregnetes Besucherbuch schreiben w&#xFC;rden; es roch nach Eisen, roch nach beginnender M&#xE4;nnlichkeit; von drau&#xDF;en kam feuchter Nebel, der &#xFC;ber die Uferwiesen in milden Wolken herantrieb, aus der Gastwirtschaft oben sonores M&#xE4;nner-Wochenendgebrumm, Kichern von Kellnerinnen, Geklirr von Biergl&#xE4;sern, und am Ende des Flurs waren die Kegler schon am Werk, schoben die Kugeln, lie&#xDF;en die Kegel purzeln, triumphales Ah, entt&#xE4;uschtes Ah klang durch den Flur bis in den Umkleideraum.</p><p>Blinzelnd im Zwielicht, mit fr&#xF6;stelnd eingezogenen Schultern hockte Schrella da, und er konnte den Augenblick nicht mehr l&#xE4;nger hinausschieben; noch einmal den Sitz der Krawatte kontrolliert, die letzten F&#xE4;ltchen aus dem Kragen des Sporthemds geradegezupft – oh, korrekt, immer korrekt —, noch einmal die Schuhb&#xE4;nder eingesteckt, und im Portemonnaie das Geld f&#xFC;r die R&#xFC;ckfahrt gez&#xE4;hlt; schon kamen die ersten aus den Brausekabinen zur&#xFC;ck, sprachen ‚von dem Ball, den Robert schlug‘.</p><p>‚Gehn wir zusammen?‘</p><p>‚Ja.‘</p><p>Die ausgetretenen Betonstufen hinauf, in denen noch Schmutz vom Fruhling her lag, Bonbonpapier, Zigarettenschachteln; sie stiegen zum Damm hoch, wo gerade schwitzende Ruderer ein Boot auf den Zementweg hievten; stumm gingen sie nebeneinander &#xFC;ber den Damm, der &#xFC;ber niedrige Nebelschichten wie &#xFC;ber einen Fluss hinweg f&#xFC;hrte; Schiffssirenen, rote Lichter, gr&#xFC;ne an den Signalk&#xF6;rben der Schiffe; an der Werft flogen die roten Funken hoch, zeichneten Figuren ins Grau; schweigend gingen sie bis zur Br&#xFC;cke, stiegen den dunklen Aufgang hinauf, wo, in roten Sandstein eingekratzt, die Sehns&#xFC;chte vom Bade heimkehrender Jugendlicher verewigt waren; ein dr&#xF6;hnender G&#xFC;terzug, der &#xFC;ber die Br&#xFC;cke rollte, enthob sie f&#xFC;r weitere Minuten der Notwendigkeit zu sprechen, schlackiger Abfall wurde ans westliche Ufer gebracht; Rangierlichter wurden geschwenkt, Trillerpfeifen dirigierten den Zug, der sich r&#xFC;ckwarts ins rechte Gleis schob, unten im Nebel glitten die Schiffe nordw&#xE4;rts, klagende H&#xF6;rner warnten vor Todesgefahr, r&#xF6;hrten sehns&#xFC;chtig &#xFC;bers Wasser hin; L&#xE4;rm, der zum Gl&#xFC;ck das Sprechen unm&#xF6;glich machte.</p><empty-line/><p>„Und ich blieb stehen, Hugo, lehnte mich &#xFC;bers Gel&#xE4;nder, dem Fluss zugewandt, zog Zigaretten aus der Tasche, bot Schrella an, der gab Feuer, und wir rauchten schweigend, w&#xE4;hrend hinter uns der Zug rumpelnd die Br&#xFC;cke verlie&#xDF;; unter uns schoben sich leise die K&#xE4;hne eines Lastzuges nordw&#xE4;rts, unter der Nebeldecke war ihr sanftes Gleiten zu h&#xF6;ren; sichtbar wurden nur hin und wieder ein paar Funken, die aus dem Kamin einer Schifferk&#xFC;che stiegen; minutenlang blieb’s still, bis der n&#xE4;chste Kahn sich leise unter die Br&#xFC;cke schob, nordw&#xE4;rts, nordw&#xE4;rts, den Nebeln der Nordsee zu – und ich hatte Angst, Hugo, weil ich ihn jetzt w&#xFC;rde fragen m&#xFC;ssen, und wenn ich die Frage aussprach, war ich drin, mittendrin und w&#xFC;rde nie mehr herauskommen; es musste ein schreckliches Geheimnis sein, um dessentwillen Nettlinger den Sieg aufs Spiel gesetzt und die Ottoner Ben Wackes als Schiedsrichter hingenommen hatten; fast vollkommen war die Stille jetzt, gab der f&#xE4;lligen Frage ein gro&#xDF;es Gewicht, b&#xFC;rdete sie der Ewigkeit auf, und ich nahm schon Abschied, Hugo, obwohl ich noch nicht wusste, wohin und f&#xFC;r was, nahm Abschied von dem dunklen Turm von Sankt Severin, der aus der flachen Nebelschicht herausragte, vom Elternhaus, das nicht weit von diesem Turm entfernt lag, wo meine Mutter gerade die letzte Hand an den Abendbrottisch legte, silbernes Besteck zurechtr&#xFC;ckte, mit vorsichtigen H&#xE4;nden Blumen in kleine Vasen ordnete, den Wein kostete: war der wei&#xDF;e k&#xFC;hl genug, der rote nicht zu k&#xFC;hl? Samstag, mit sabbatischer Feierlichkeit begangen, schlug sie das Messbuch schon auf, aus dem sie uns die Sonntagsliturgie erkl&#xE4;ren w&#xFC;rde mit ihrer sanften Stimme, die nach ewigem Advent klang; <emphasis>Weide meine L&#xE4;mmer-Stimme</emphasis><a l:href="#n_21" type="note">[21]</a>; mein Zimmer hinten zum Garten raus, wo die uralten B&#xE4;ume in vollem Gr&#xFC;n standen; wo ich mich leidenschaftlich in mathematische Formeln vertiefte, in die strengen Kurven geometrischer Figuren, in das winterlich klare Ge&#xE4;st sph&#xE4;rischer Linien, die meinem Zirkel, meiner Tuschefeder entsprungen waren – dort zeichnete ich Kirchen, die ich bauen w&#xFC;rde. Schrella schnippte den Zigarettenstummel in die Nebelschicht hinunter, in leichten Wirbeln schraubte sich die rote Glut nach unten; Schrella wandte sich mir l&#xE4;chelnd zu, erwartete die Frage, die ich immer noch nicht stellte, sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>Scharf zeichnete sich die Kette der Lampen &#xFC;ber der Nebelschicht am Ufer ab.</p><p>‚Komm‘, sagte Schrella, ‚dort sind sie, h&#xF6;rst du sie nicht?‘ Ich h&#xF6;rte sie, der Gehsteig bebte schon unter ihren Schritten, sie sprachen von Ferienorten, in die sie bald abreisen w&#xFC;rden: Allg&#xE4;u, Westerwald, Bad Gastein<a l:href="#n_22" type="note">[22]</a>, Nordsee, sprachen von dem Ball, den Robert schlug. Im Gehen war meine Frage leichter zu stellen.</p><p>‚Warum‘, fragte ich, ‚warum? Bist du Jude?‘</p><p>‚Nein.‘</p><p>‚Was bist du denn?‘</p><p>‚Wir sind L&#xE4;mmer‘, sagte Schrella, ‚haben geschworen, nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis><a l:href="#n_23" type="note">[23]</a> zu essen.‘</p><p>‚L&#xE4;mmer.‘ Ich hatte Angst vor dem Wort. ‚Eine Sekte?‘ fragte ich.</p><p>‚Vielleicht.‘</p><p>‚Keine Partei?‘</p><p>‚Nein.‘</p><p>‚Ich werde nicht k&#xF6;nnen‘, sagte ich, ‚ich kann nicht Lamm sein.‘</p><p>‚Willst du vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> kosten?‘</p><p>‚Nein‘, sagte ich.</p><p>‚Hirten‘, sagte er, ‚es gibt welche, die die Herde nicht verlassen.‘</p><p>‚Schnell‘, sagte ich, ‚schnell, sie sind schon ganz nah.‘</p><p>Wir stiegen den dunklen Aufgang an der Westseite hinunter, und ich z&#xF6;gerte noch einen Augenblick, als wir die Stra&#xDF;e erreichten; mein Heimweg f&#xFC;hrte nach rechts, Schrellas Weg nach links, aber dann folgte ich ihm nach links, wo der Weg sich zwischen Holzlagern, Kohlenschuppen und Schreberg&#xE4;rten stadtw&#xE4;rts wand. Wir blieben hinter der ersten Wegbiegung stehen, nun tief in der flachen Nebelschicht drin, beobachteten die Schatten der Schulkameraden, die oberhalb des Br&#xFC;ckengel&#xE4;nders sich wie Silhouetten bewegten, h&#xF6;rten den L&#xE4;rm ihrer Schritte, ihrer Stimmen, als sie den Aufgang herunterkamen, dr&#xF6;hnendes Echo schwer genagelter Schuhe, und eine Stimme rief: ‚Nettlinger, Nettlinger, warte doch.‘ Nettlingers laute Stimme warf ein wildes Echo &#xFC;ber den Fluss, kam, von den Br&#xFC;ckenpfeilern gebrochen, auf uns zur&#xFC;ck, verlor sich hinter uns in G&#xE4;rten und Lagerhallen, Nettlingers Stimme, die schrie: ‚Wo ist denn unser L&#xE4;mmchen mit seinem Hirten geblieben?‘ Lachen, vielfach gebrochenes, fiel wie Scherben &#xFC;ber uns.</p><p>‚Hast du geh&#xF6;rt?‘ fragte Schrella.</p><p>‚Ja‘, sagte ich, ‚Lamm und Hirte.‘</p><p>Wir blickten auf die Schatten der Nachz&#xFC;gler, die &#xFC;ber den Gehsteig kamen; dunkel ihre Stimmen im Aufgang, wurden heller, als sie auf die Stra&#xDF;e kamen, brachen sich unter den Br&#xFC;ckenb&#xF6;gen, ‚der Ball, den Robert schlug‘.</p><p>‚Genaues‘, sagte ich zu Schrella, ‚ich muss genaues wissen.‘</p><p>‚Ich will es dir zeigen‘, sagte Schrella, ‚komm.‘ Wir tasteten uns durch den Nebel, an Stacheldrahtz&#xE4;unen entlang, erreichten einen Holzzaun, der noch frisch roch und gelblich schimmerte; eine Gl&#xFC;hbirne &#xFC;ber einem cverschlossenen Tor beleuchtete ein Emailleschild: ‚Michaelis, Kohlen, Koks, Briketts.‘</p><p>‚Kennst du den Weg noch?‘ fragte Schrella.</p><p>‚Ja‘, sagte ich, ‚vor sieben Jahren sind wir beide ihn oft gegangen und haben unten bei Trischlers gespielt. Was ist aus Alois geworden?‘</p><p>‚Er ist Schiffer, wie sein Vater war.‘</p><p>‚Und dein Vater ist noch Kellner da unten in der Schifferkneipe?‘</p><p>‚Nein, der ist jetzt am oberen Hafen.‘</p><p>‚Du wolltest mir genaues zeigen!‘</p><p>Schrella nahm die Zigarette aus dem Mund, zog seine Jacke aus, streifte die Hosentr&#xE4;ger von den Schultern, hob sein Hemd hoch, drehte den R&#xFC;cken ins schwache Licht der Gl&#xFC;hbirne: sein R&#xFC;cken war mit winzigen, r&#xF6;tlich – blauen Narben bedeckt, bohnengro&#xDF; waren sie – bes&#xE4;t, dachte ich, das w&#xFC;rde eher stimmen.</p><p>‚Mein Gott‘, sagte ich, ‚was ist das?‘</p><p>‚Das ist Nettlinger‘, sagte er; ‚sie machen es unten in der alten Kaserne an der Wilhelmskuhle. Ben Wackes und Nettlinger. Sie nennen es Hilfspolizei; sie griffen mich auf bei einer Razzia, die sie im Hafenviertel nach Bettlern hielten: achtunddrei&#xDF;ig Bettler an einem Tag verhaftet, einer davon war ich. Wir wurden verh&#xF6;rt, mit der Stacheldrahtpeitsche. Sie sagten: ‚Gib doch zu, dass du ein Bettler bist‘, und ich sagte: ‚Ja, ich bin einer.‘“</p><p>Immer noch fr&#xFC;hst&#xFC;ckten versp&#xE4;tete G&#xE4;ste, sogen Orangensaft wie ein lasterhaftes Getr&#xE4;nk in sich hinein; der blasse Junge lehnte an der T&#xFC;r wie eine Statue, der violette Samt der Uniform lie&#xDF; seine Gesichtshaut fast gr&#xFC;n erscheinen.</p><p>„Hugo, Hugo, h&#xF6;rst du, was ich erz&#xE4;hle?“</p><p>„Ich, Herr Doktor, ich h&#xF6;re jedes Wort.“</p><p>„Bitte, hol mir einen Cognac, einen gro&#xDF;en.“</p><p>„Ja, Herr Doktor.“</p><p>Hart leuchtete Hugo die Zeit entgegen, als er die Treppe zum Restaurant hinunterstieg: der gro&#xDF;e Kalender, den er morgens zurechtzustecken hatte; die gro&#xDF;e Pappenummer umgedreht, unter den Monat, unters Jahr geschoben: 6. September 1958. Ihn schwindelte, das alles war geschehen, lang bevor er geboren war, das warf ihn Jahrzehnte, halbe Jahrhunderte zur&#xFC;ck: 1885, 1903 und 1935 – weit hinter der Zeit war es verborgen und doch da; es klang aus F&#xE4;hmels Stimme heraus, der am Billardtisch lehnte, auf den Platz vor Sankt Severin blickte. Hugo hielt sich am Gel&#xE4;nder fest, atmete tief, wie jemand, der auftaucht, &#xF6;ffnete die Augen und sprang rasch hinter die gro&#xDF;e S&#xE4;ule.</p><p>Da kam sie die Treppe herunter, barfu&#xDF;, wie ein Hirtenm&#xE4;dchen gekleidet, den Geruch von Schafsdung im sch&#xE4;bigen Gewand, das kollerartig &#xFC;ber ihre Brust bis zur H&#xFC;fte herabhing. Nun w&#xFC;rde sie Hirsebrei essen, dunkles Brot dazu, ein paar N&#xFC;sse, w&#xFC;rde Schafsmilch trinken, die im Eisschrank f&#xFC;r sie frischgehalten wurde; sie brachte die Milch in Thermosflaschen mit, brachte in kleinen Schachteln Schafsdung, den sie als Parf&#xFC;m benutzte f&#xFC;r die derb gestrickte Unterw&#xE4;sche aus ungef&#xE4;rbter Wolle; sie sa&#xDF; nach dem Fr&#xFC;hst&#xFC;ck stundenlang in der Halle unten – strickte, strickte, ging hin und wieder an die Bar, sich ein Glas Wasser zu holen, rauchte ihre Stummelpfeife, sa&#xDF; da, hatte die nackten Beine auf der Couch gekreuzt, so dass die schmutzigen Schwielen an den F&#xFC;&#xDF;en zu sehen waren, empfing ihre J&#xFC;nger und J&#xFC;ngerinnen, die, wie sie gekleidet, wie sie riechend, um sie herum, mit gekreuzten Beinen auf dem Teppich hockten, strickend, hin und wieder kleine Schachteln &#xF6;ffnend, die die Meisterin ihnen gegeben, an Schafsdung, wie an k&#xF6;stlichen Aromen schnuppernd, dann r&#xE4;usperte sie sich in bestimmten Abst&#xE4;nden, und ihre Jungm&#xE4;dchenstimme fragte von der Couch herunter: ‚Wie werden wir die Welt erl&#xF6;sen?‘ Und die J&#xFC;nger und J&#xFC;ngerinnen antworteten: ‚Durch Schafswolle, Schafsleder, Schafsmilch – und durch Stricken.‘ Nadelgeklapper, Stille, ein Jungling sprang zur Bartheke, holte der Meisterin frisches Wasser, und wieder warf die sanfte Jungm&#xE4;dchenstimme von der Couch herab die Frage: ‚Wo liegt die Seligkeit der Welt verborgen?‘, und alle antworteten: ‚Im Schaf.‘ Schachteln wurden ge&#xF6;ffnet, verz&#xFC;ckt am Kot geschn&#xFC;ffelt, w&#xE4;hrend Blitzlichter knallten, Pressebleistifte &#xFC;ber Stenogrammbl&#xFC;cke huschten<a l:href="#n_24" type="note">[24]</a>.</p><p>Langsam trat Hugo weiter zur&#xFC;ck, w&#xE4;hrend sie um die S&#xE4;ule herum aufs Fr&#xFC;hst&#xFC;ckszimmer zuging; er hatte Angst vor ihr, hatte zu oft gesehen, wie ihre sanften Augen hart wurden, wenn sie mit ihm allein war, ihn auf der Treppe erwischte, sich von ihm Milch ins Zimmer bringen lie&#xDF;, wo er sie mit der Zigarette im Mund antraf, sie ihm das Milchglas aus der Hand riss, es lachend in den Abfluss entleerte, sich einen Cognac einschenkte, mit dem Glas in der Hand auf ihn, der langsam zur T&#xFC;r zur&#xFC;ckwich, zukam. ‚Hat dir noch niemand gesagt, dass dein Gesicht Gold wert ist, pures Gold, du dummer Junge. Warum willst du nicht das Gotteslamm meiner neuen Religion sein? Ich werde dich gro&#xDF; machen, reich, und sie werden in noch schickeren Hotelhallen vor dir knien! Bist du noch nicht lange genug hier, um zu wissen, dass ihre Langeweile nur mit einer neuen Religion auszuf&#xFC;llen ist, eine, die je d&#xFC;mmer, desto besser ist – geh nur, du bist zu dumm.‘ Er blickte ihr nach, w&#xE4;hrend sie mit unbewegtem Gesicht sich vom Kellner die T&#xFC;r zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ckszimmer aufhalten lie&#xDF;; sein Herz klopfte noch, als er hinter der S&#xE4;ule hervorkam und langsam ins Restaurant hinunterging.</p><p>„Einen Cognac f&#xFC;r den Doktor oben, einen gro&#xDF;en.“</p><p>„Stunk in der Bude wegen deinem Doktor.“</p><p>„Wieso Stunk?“</p><p>„Ich wei&#xDF; nicht. Ich glaube, der wird dringend gesucht, dein Doktor. Da, dein Cognac, und verdr&#xFC;ck dich schnell, mindestens siebzehn alte und junge Weiber fahnden nach dir; rasch, da kommt wieder eine die Treppe herunter.“</p><empty-line/><p><emphasis>Sie</emphasis> sah aus, als h&#xE4;tte sie zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck pure Galle getrunken, in goldfarbene Kleider gekleidet, mit goldfarbenen Schuhen, M&#xFC;tze und Muff aus L&#xF6;wenfell. Ekel breitete sich aus, sobald sie erschien, und es gab Abergl&#xE4;ubische unter den G&#xE4;sten, die ihr Gesicht bedeckten, wenn sie auftrat. Zimmerm&#xE4;dchen k&#xFC;ndigten ihretwegen, Kellner verweigerten die Bedienung, aber er, er musste, sobald sie ihn erwischte, stundenlang mit ihr Canasta<a l:href="#n_25" type="note">[25]</a> spielen; ihre Finger wie H&#xFC;hnerkrallen, einzig menschlich an ihr war die Zigarette in ihrem Mund. ‚Liebe, mein Junge, nie gewusst, was das ist; nicht einer, der mich nicht merken l&#xE4;sst, dass er sich vor mir ekelt; meine Mutter verfluchte mich siebenmal am Tage, schrie mir ihren Ekel ins Gesicht; h&#xFC;bsch war meine Mutter und jung, jung und h&#xFC;bsch war mein Vater, waren meine Geschwister; sie h&#xE4;tten mich vergiftet, wenn sie den Mut nur aufgebracht h&#xE4;ten; sie nannten mich: <emphasis>so was d&#xFC;rfte nicht geboren werden</emphasis> – hoch oben wohnten wir in der gelben Villa &#xFC;ber dem Stahlwerk, abends verlie&#xDF;en tausende Arbeiter das Werk, wurden von lachenden M&#xE4;dchen und Frauen erwartet, lachend gingen sie die dreckige Stra&#xDF;e hinunter; ich kann sehen, h&#xF6;ren, f&#xFC;hlen, riechen wie alle anderen Menschen, kann schreiben, lesen, rechnen und schmecken – du bist der erste Mensch, der es l&#xE4;nger als eine halbe Stunde bei mir aush&#xE4;lt, h&#xF6;rst du, der erste!‘</p><p>Sie schleppte Entsetzen hinter sich her, Atem des Unheils, warf ihren Zimmerschl&#xFC;ssel auf die Theke, schrie dem Boy, der dort Jochen vertrat, ins Gesicht: ‚Hugo, wo ist er, Hugo?‘, ging, als der Boy die Schultern zuckte, zur Dreht&#xFC;r, und der Kellner, der die T&#xFC;r in Gang setzte, schlug die Augen nieder, und sobald sie drau&#xDF;en war, zog sie den Schleier vors Gesicht.</p><p>‚Drinnen trag ich ihn nicht, Junge, die sollen etwas sehen f&#xFC;r ihr Geld, sollen mir ins Gesicht schauen f&#xFC;r mein Geld, aber die da drau&#xDF;en, die haben es nicht verdient.‘</p><p>„Hier, der Cognac, Herr Doktor.“</p><p>„Danke, Hugo.“</p><p>Er mochte F&#xE4;hmel: der kam jeden Morgen um halb zehn, erl&#xF6;ste ihn bis elf, hatte ihm schon ein Gef&#xFC;hl der Ewigkeit verliehen; war es nicht immer so gewesen, hatte er nicht vor Jahrhunderten schon hier an der wei&#xDF;lackierten T&#xFC;rf&#xFC;llung gestanden, die H&#xE4;nde auf dem R&#xFC;cken gekreuzt, dem leisen Spiel zugesehen, den Worten gelauscht, die ihn sechzig Jahre zur&#xFC;ck, zwanzig vor, wieder zehn zur&#xFC;ck und pl&#xF6;tzlich in die Wirklichkeit des Kalenderblatts drau&#xDF;en warfen? Wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, rot &#xFC;ber gr&#xFC;n, rot – wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, immer innerhalb des Randes, der nur zwei Quadratmeter gr&#xFC;nen Filzes umschloss; das war sauber, trocken und genau; zwischen halb zehn und elf; zweimal, dreimal hinunter, um den gro&#xDF;en Cognac zu holen; Zeit war hier keine Gr&#xF6;&#xDF;e, an der irgend etwas ablesbar wurde; auf diesem rechteckigen gr&#xFC;nen L&#xF6;schpapier wurde sie ausgel&#xF6;scht; vergebens schlugen die Uhren an, Zeiger bewegten sich vergebens, rannten in sinnloser Eile vor sich selbst davon; alles stehen- und liegenlassen, wenn F&#xE4;hmel kam, gerade um die Zeit, wo am meisten zu tun gewesen w&#xE4;re: alte G&#xE4;ste gehen, neue kommen; er musste hier stehen, bis es elf von Sankt Severin schlug, doch wann, wann schlug es elf? Luftleere R&#xE4;ume, zeitleere Uhren, er war hier untergetaucht, fuhr unter Ozeanen her, Wirkliches drang nicht ein, druckte sich drau&#xDF;en platt wie an Aquarien- und Schaufensterscheiben, verlor seine Dimensionen, hatte nur noch eine, war flach, wie ausgeschnitten aus Ausschneideb&#xF6;gen f&#xFC;r Kinder, sie hatten alle ihre Kleider nur provisorisch umgeh&#xE4;ngt wie diese ausgeschnittenen Pappepuppen, strampelten hilflos gegen die W&#xE4;nde, die dicker waren als Jahrhunderte aus Glas; fern der Schatten von Sankt Severin, ferner noch der Bahnhof, und die Z&#xFC;ge nicht wahr: D und F und E, und FD und TEE und FT<a l:href="#n_26" type="note">[26]</a>, trugen Koffer zu Zollstationen; wahr waren nur die drei Billardkugeln, die &#xFC;bers gr&#xFC;ne L&#xF6;schpapier rollten, immer neue Figuren bildeten: Unendlichkeit, in tausend Formeln auf zwei Quadratmetern enthalten, er schlug sie mit seinem Stock heraus, w&#xE4;hrend seine Stimme sich in den Zeiten verlor.</p><p>„Geht die Geschichte weiter, Herr Doktor?“</p><p>„Willst du sie h&#xF6;ren?“</p><p>„Ja.“</p><p>F&#xE4;hmel lachte, nippte an seinem Cognacglas, z&#xFC;ndete sich eine neue Zigarette an, nahm den Stock in die Hand und stie&#xDF; die rote Kugel an: rot und wei&#xDF; rollten &#xFC;ber gr&#xFC;n.</p><p>„Eine Woche danach, Hugo…“</p><p>„Nach was?“</p><p>F&#xE4;hmel lachte wieder. „Nach diesem Schlagballspiel, nach diesem 14. Juli 1935, den sie in den Putz &#xFC;ber dem Blechspind eingeritzt hatten – eine Woche danach war ich froh, dass Schrella mich an den Weg, der zu Trischlers Haus f&#xFC;hrte, erinnert hatte. Ich stand auf der Balustrade des alten Wiegehauses, am unteren Hafen; von dort aus konnte ich den Weg gut &#xFC;berschauen, der an Holzschuppen und Kohlenlagern vorbeilief, sich zu einer Baustoffhandlung hin senkte, von dort auf den Hafen zulief, der durch ein rostiges Eisengel&#xE4;nder abgesperrt war und nur noch als Schiffsfriedhof diente. Sieben Jahre vorher war ich zuletzt hier gewesen, aber es h&#xE4;tten auch f&#xFC;nfzig Jahre sein k&#xF6;nnen; als ich zusammen mit Schrella Trischlers noch besuchte, war ich dreizehn gewesen; lange Schleppz&#xFC;ge ankerten abends an der B&#xF6;schung, Schifferfrauen mit Einkaufk&#xF6;rben stiegen &#xFC;ber die schwankenden Stege an Land; frische Gesichter hatten die Frauen und Zuversicht in den Augen; M&#xE4;nner, die nach Bier und nach Zeitungen verlangten, kamen hinter den Frauen her; Trischlers Mutter musterte aufgeregt ihre Waren: Kohl und Tomaten, silbrige Zwiebeln, die geb&#xFC;ndelt an der Wand hingen, und drau&#xDF;en spornte der Sch&#xE4;fer mit kurzen, scharf klingenden Kommandos seine Hunde an, die Schafe in die H&#xFC;rde zu treiben; dr&#xFC;ben – auf diesem Ufer hier, Hugo – leuchteten die Gaslaternen auf, gelbliches Licht f&#xFC;llte die wei&#xDF;en Ballons, deren Reihe sich nach Norden zu ins Unendliche fortpflanzte; Trischlers Vater knipste in seiner Gartenwirtschaft die Lampen an, und Schrellas Vater, mit dem Handtuch &#xFC;ber dem Unterarm, kam nach hinten ins Treidlerhaus, wo wir Jungen, Trischler, Schrella und ich, Eis zerkleinerten und &#xFC;ber die Bierk&#xE4;sten warfen.</p><p>Jetzt, sieben Jahre sp&#xE4;ter, Hugo, an diesem 21. Juli 1935 war die Farbe von allen Z&#xE4;unen abgebl&#xE4;ttert, und ich sah, dass an Michaelis Kohlenlager nur das Tor erneuert war; hinter dem Zaun verrottete ein gro&#xDF;er Haufen Briketts, ich suchte immer wieder alle Windungen der Stra&#xDF;e ab, um mich zu vergewissern, dass niemand mir gefolgt war; ich war m&#xFC;de, sp&#xFC;rte die Wunden auf meinem R&#xFC;cken, Schmerz flammte wie Pulsschlag auf; zehn Minuten lang war die Stra&#xDF;e leer geblieben; ich blickte auf den schmalen Streifen bewegten sauberen Wassers, der den unteren mit dem oberen Hafen verband: kein Boot war zu sehen, blickte in den Himmel: kein Flugzeug, und ich dachte: du scheinst dich sehr ernst zu nehmen, wenn du glaubst, sie schicken Flugzeuge aus, dich zu suchen.</p><p>Ich hatte es getan, Hugo, war mit Schrella in das kleine Cafe Zons an der Boissereestra&#xDF;e gegangen, wo die L&#xE4;mmer sich trafen, hatte dem Wirt das Losungswort zugemurmelt: <emphasis>Weide meine L&#xE4;mmer</emphasis>, und ich hatte geschworen, einem jungen M&#xE4;dchen, das Edith hie&#xDF;, ins Gesicht hinein geschworen, niemals vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> zu kosten, hatte dann in dem dunklen Hinterzimmer eine Rede gehalten, mit dunklen Worten drin, die nicht nach Lamm klangen; sie schmeckten nach Blut, nach Aufruhr und Rache, Rache f&#xFC;r Ferdi Progulske, den sie am Morgen hingerichtet hatten; wie Gek&#xF6;pfte sahen die aus, die um den Tisch herumsa&#xDF;en und mir zuh&#xF6;rten; sie hatten Angst und wussten jetzt, dass kindlicher Ernst nicht weniger ernst ist als der der Erwachsenen; Angst und die Gewissheit, dass Ferdi wirklich tot war: siebzehn Jahre war er alt gewesen, Hundertmeterl&#xE4;ufer, Tischlerlehrling, nur viermal hatte ich ihn gesehen und w&#xFC;rde ihn nie wieder in meinem Leben vergessen; zweimal im Cafe Zons und zweimal bei uns zu Hause; Ferdi war in Ben Wackes Wohnung geschlichen, hatte ihm, als er aus dem Schlafzimmer kam, die Bombe vor die F&#xFC;&#xDF;e geworfen; nur Brandwunden hatte Ben Wackes an den F&#xFC;&#xDF;en, ein Garderobenspiegel zersplitterte, es roch nach verbranntem Schwarzpulver, Torheit, Hugo, kindlichem Edelmut entsprungen, h&#xF6;rst du, h&#xF6;rst du wirklich?…“</p><p>„Ich h&#xF6;re.“</p><p>„Ich hatte H&#xF6;lderlin gelesen: <emphasis>Mitleidend bleibt das ewige Herz doch fest</emphasis>, und Ferdi nur Karl May<a l:href="#n_27" type="note">[27]</a>, der den gleichen Edelmut zu predigen schien; Torheit, unterm Handbeil geb&#xFC;sst, im Morgengrauen, w&#xE4;hrend die Kirchenglocken zur Fr&#xFC;hmesse l&#xE4;uteten, B&#xE4;ckerjungen warme Br&#xF6;tchen in Leinenbeutel z&#xE4;hlten, w&#xE4;hrend hier im Hotel Prinz Heinrich den ersten G&#xE4;sten das Fr&#xFC;hst&#xFC;ck serviert wurde, w&#xE4;hrend V&#xF6;gel zwitscherten, Milchm&#xE4;dchen auf Gummisohlen sich in stille Hauseing&#xE4;nge schlichen, um Milchflaschen auf saubere Kokosmatten zu stellen; motorisierte Boten rasten durch die Stadt, von Plakats&#xE4;ule zu Plakats&#xE4;ule, klebten rotumrandete Zettel an: ‚Hinrichtung! Der Lehrling Ferdinand Progulske‘ – gelesen von Fr&#xFC;haufstehern und Stra&#xDF;enbahnern, von Sch&#xFC;lern und Lehrern, von all denen, die morgens mit ihren Broten in der Tasche zur Stra&#xDF;enbahn eilten, die Lokalzeitung noch nicht aufgeschlagen hatten, die es in Gestalt einer Schlagzeile verk&#xFC;ndete: ‚Exempel statuiert‘, und von mir gelesen, von mir, Hugo, als ich gerade hier vorne an der Ecke in die 7 einsteigen wollte.</p><p>Ferdis Stimme am Telefon, war das gestern oder vorgestern gewesen: ‚Du kommst doch, wie verabredet, ins Cafe Zons?‘ Pause. ‚Kommst du oder kommst du nicht?‘ ‚Ich komme.‘</p><p>Enders versuchte noch, mich am &#xC4;rmel in die Bahn zu zerren, aber ich riss mich los, wartete, bis die Bahn um die Ecke herum verschwunden war, lief zur gegen&#xFC;berliegenden Haltestelle, wo auch heute noch die 16 abf&#xE4;hrt; fuhr durch friedliche Vorst&#xE4;dte zum Rhein, vom Rhein wieder weg, bis die Bahn endlich zwischen Kiesgruben und Baracken in die Schleife der Endstation einbog. Winter m&#xFC;sste sein, dachte ich damals, Winter, kalt, regnerisch, bedeckter Himmel, dann w&#xE4;re es ertr&#xE4;glicher, aber hier, wo ich stundenlang zwischen Kleing&#xE4;rten umherirrte, Aprikosen und Erbsen sah, Tomaten und Kohl, wo ich das Klirren von Bierflaschen h&#xF6;rte, die Klingel des Eismannes, der an einer Wegkreuzung stand und Vanilleeis in br&#xF6;cklige Waffeln spachtelte; das konnten sie doch nicht tun, dachte ich, konnten nicht Eis essen, Bier trinken, Aprikosen betasten, w&#xE4;hrend Ferdi…</p><p>Gegen Mittag verf&#xFC;tterte ich meine Brote an gr&#xE4;mliche H&#xFC;hner, die auf dem Lagerhof eines Altwarenh&#xE4;ndlers ungenaue geometrische Figuren in den Dreck furchten; aus einem Fenster heraus sagte eine Frauenstimme: ‚Diesen Jungen, hast du gelesen, sie haben ihn…‘, und eine M&#xE4;nnerstimme antwortete: ‚Verflucht, sei still, ich wei&#xDF; doch…‘ Ich warf die Brote den H&#xFC;hnern hin, lief weiter, verlor mich zwischen Bahnd&#xE4;mmen und Grundwasserl&#xF6;chern, erreichte irgendwo wieder eine Endstation, fuhr durch Vorst&#xE4;dte, die mir unbekannt waren, stieg aus, kehrte meine Hosentaschen nach au&#xDF;en: Schwarzpulver rieselte auf einen grauen Weg; ich rannte weiter, wieder Bahnd&#xE4;mme, Lagerpl&#xE4;tze, Fabriken, Kleing&#xE4;rten, H&#xE4;user, ein Kino, an dessen Schalter eben die Kassiererin das Fenster hochschob. Drei Uhr? Genau drei. F&#xFC;nfzig Pfennige. Ich war der einzige Besucher der Vorstellung; Hitze br&#xFC;tete auf dem Blechdach; Liebe, Blut, ein betrogener Liebhaber z&#xFC;ckte das Messer; ich schlief ein, erwachte erst wieder, als l&#xE4;rmende Besucher zur Sechs-Uhr-Vorstellung in den Saal kamen, taumelte nach drau&#xDF;en. Wo war meine Schulmappe? War sie im Kino? Drau&#xDF;en an der Kiesgrube, wo ich lange gesessen und die triefenden Lastautos beobachtet hatte, oder war sie dort, wo ich den gr&#xE4;mlichen H&#xFC;hnern meine Brote hingeworfen hatte? Ferdis Stimme am Telefon, war das gestern oder vorgestern gewesen: ‚Du kommst doch, wie verabredet, ins Cafe Zons?‘ Pause. ‚Kommst du oder kommst du nicht?‘ ‚Ich komme.‘</p><p>Rendezvous mit einem Gek&#xF6;pften. Torheit, die mir jetzt schon kostbar wurde, weil der Preis daf&#xFC;r so hoch gewesen war; Nettlinger erwartete mich vor dem Cafe Zons; sie brachten mich in die Wilhelmskuhle, schlugen mich mit der Stacheldrahtpeitsche; winzige Pfl&#xFC;ge furchten meinen R&#xFC;cken auf; durch die rostigen Fenstergitter hindurch konnte ich die B&#xF6;schung sehen, auf der ich als Kind gespielt hatte; immer wieder war uns der Ball heruntergerollt, immer wieder war ich die B&#xF6;schung runtergeklettert, hatte den Ball aufgehoben, einen &#xE4;ngstlichen Blick auf das rostige Gitter geworfen und hinter den schmutzigen Scheiben B&#xF6;ses zu sp&#xFC;ren geglaubt; Nettlinger schlug zu.</p><p>In der Zelle versuchte ich, mir das Hemd auszuziehen, aber Hemd und Haut waren in gleichem Ma&#xDF;e zerfetzt, ineinander verhakt, wenn ich am Kragen, am &#xC4;rmel zog, war es, als z&#xF6;ge ich mir die Haut &#xFC;ber den Kopf.</p><p>Schlimm waren Augenblicke wie dieser; als ich an der Balustrade des Wiegehauses stand, m&#xFC;de, war mein Stolz auf die Stigmata geringer als der Schmerz; mein Kopf fiel aufs Gel&#xE4;nder, mein Mund lag auf dem rostigen Gest&#xE4;nge, und die Bitterkeit des verwitterten Eisens drang mir wohltuend in den Mund; noch eine Minute nur bis Trischlers Haus, und ich w&#xFC;rde wissen, ob sie mich dort schon erwarteten; ich erschrak: ein Arbeiter, mit seinem Henkelmann unter dem Arm, kam die Stra&#xDF;e herauf, verschwand im Tor zur Baustoffhandlung. Als ich die Treppe hinunterging, umfasste ich das Gel&#xE4;nder so fest, dass ich den Rost in Flocken vor meiner Hand herschob.</p><p>Der heitere Rhythmus der Nieth&#xE4;mmer, den ich vor sieben Jahren hier geh&#xF6;rt hatte, hallte nur noch als m&#xFC;des Echo wider, als Klopfen eines Hammers auf einem Ponton, wo ein alter Mann ein F&#xE4;hrboot ausschlachtete; Muttern polterten in einen Karton, Bretter fielen mit einem Ger&#xE4;usch, das den Grad ihrer Vermoderung kundtat, und der alte Mann beklopfte den Motor, lauschte auf die T&#xF6;ne wie auf die Herzt&#xF6;ne eines geliebten Wesens, beugte sich tief in den Bauch des Bootes, brachte Einzelteile ans Licht: Schrauben, Deckel, D&#xFC;sen, Zylinder, die er ans Licht hob, betrachtete, beroch, bevor er sie in den Karton zu den Muttern warf; hinter dem Boot stand eine alte Winde, Reste eines Drahtes hingen daran, morsch wie verrotteter Strumpf.</p><p>Erinnerungen an Menschen und Ereignisse waren immer mit Erinnerungen an Bewegung verkn&#xFC;pft gewesen, die mir als Figur im Ged&#xE4;chtnis geblieben war. Wie ich mich &#xFC;bers Gel&#xE4;nder der Balustrade beugte, den Kopf hob, senkte, hob, senkte, um die Stra&#xDF;e zu beobachten – die Erinnerung an diese Bewegung brachte mir Worte und Farben, Bilder und Stimmung wieder zum Bewusstsein. Nicht wie Ferdi ausgesehen hatte, sondern wie er ein Streichholz anz&#xFC;ndete, wie er den Kopf leicht hob, um ja, ja, – nein, nein, zu sagen, Schrellas Stirnfalten, die Bewegung seiner Schultern, Vaters Gang, Mutters Geb&#xE4;rden, Gro&#xDF;mutters Handbewegung, wenn sie ihr Haar aus der Stirn strich – und der alte Mann dort unten, den ich von der B&#xF6;schung aus sah, der von einer gro&#xDF;en Schraube gerade einen verfaulten Holzrest abklopfte, das war Trischlers Vater; diese Hand machte Bewegungen, die nur diese Hand machen konnte – ich hatte dieser Hand zugesehen, wenn sie Kisten &#xF6;ffnete, wieder zunagelte; Schmuggelware, die in dunklen Schiffsb&#xE4;uchen verborgen die Grenze passiert hatte, Rum und Rosinen, Zigaretten und Schokolade, im Treidlerhaus hatte diese Hand Bewegungen gemacht, die nur sie machen konnte; der Alte blickte hoch, blinzelte zu mir herauf und sagte: ‚Na, S&#xF6;hnchen, der Weg da oben f&#xFC;hrt aber nirgends hin.‘</p><p>‚Er f&#xFC;hrt zu Ihrem Haus‘, sagte ich.</p><p>‚Wer mich besucht, kommt vom Wasser her, sogar die Polizei – auch mein Sohn kommt mit dem Boot, selten kommt er, sehr selten.‘</p><p>‚Ist die Polizei schon dort?‘</p><p>‚Warum fragst du, S&#xF6;hnchen?‘</p><p>‚Weil sie mich suchen.‘</p><p>‚Hast du geklaut?‘</p><p>‚Nein‘, sagte ich, ‚ich habe mich nur geweigert, vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> zu essen.‘</p><p>Schiffe, dachte ich, Schiffe mit dunklen B&#xE4;uchen und Kapit&#xE4;nen, die &#xDC;bung darin haben, die Z&#xF6;llner zu t&#xE4;uschen; ich werde nicht viel Platz brauchen, nur soviel wie ein zusammengerollter Teppich; in einem gerollten Segel versteckt will ich die Grenze passieren.</p><p>‚Komm runter‘, sagte Trischler, ‚da oben k&#xF6;nnen sie dich vom anderen Ufer aus sehen.‘</p><p>Ich drehte mich, lie&#xDF; mich langsam auf Trischler zugleiten, indem ich mich an den Grasnarben festhielt.</p><p>‚Ach‘, sagte der Alte, ‚du bist… ich wei&#xDF;, wer du bist, aber deinen Namen hab ich vergessen.‘</p><p>‚F&#xE4;hmel‘, sagte ich.</p><p>‚Nat&#xFC;rlich, hinter dir sind sie her, es kam heute morgen mit den Fr&#xFC;hnachrichten, und ich h&#xE4;tte es mir denken k&#xF6;nnen, als sie dich beschrieben: rote Narbe &#xFC;berm Nasenbein; damals, als wir bei Hochwasser r&#xFC;bergerudert sind und gegen den Br&#xFC;ckenpfeiler stie&#xDF;en, als ich die Str&#xF6;mung untersch&#xE4;tzt hatte; du schlugst mit dem Kopf auf die Eisenkante des Bootes.‘</p><p>‚Ja, und ich durfte nicht mehr herkommen.‘</p><p>‚Aber du kamst noch.‘</p><p>‚Nicht mehr lange – bis ich mit Alois Streit bekam.‘</p><p>‚Komm, aber duck dich, wenn wir unter der Drehbr&#xFC;cke hergehen, sonst st&#xF6;&#xDF;t du dir ’ne Delle in den Kopf – und darfst nicht mehr herkommen. Wie bist du ihnen denn entkommen?‘</p><p>‚Nettlinger kam im Morgengrauen in meine Zelle, er brachte mich an den Hintereingang, wo die unterirdischen G&#xE4;nge bis zum Bahndamm f&#xFC;hren, an der Wilhelmskuhle. Er sagte: ,Hau ab, renn los – aber ich kann dir nur eine Stunde Vorsprung geben, in einer Stunde muss ich’s der Polizei melden’ – ich bin um die ganze Stadt herum bis hierhergekommen.‘</p><p>‚So, so‘, sagte der Alte, ‚ihr musstet also Bomben schmei&#xDF;en! Ihr musstet euch verschw&#xF6;ren und – gestern hab ich schon einen von euch verpackt und &#xFC;ber die Grenze geschickt.‘</p><p>‚Gestern‘, fragte ich, ‚wen?‘</p><p>‚Den Schrella‘, sagte er, ‚er hat sich hier versteckt, und ich habe ihn zwingen m&#xFC;ssen, mit der ,Anna Katharina’ abzufahren.‘</p><p>‚Auf der ,Anna Katharina’ wollte Alois immer Steuermann werden!‘</p><p>‚Er ist Steuermann auf der ,Anna Katharina’ – komm jetzt.‘</p><p>Ich stolperte, als wir an der schr&#xE4;gen Kaimauer entlang unterhalb der B&#xF6;schung auf Trischlers Haus zugingen, stand auf, fiel wieder, stand auf, und die ruckhaften Bewegungen rissen Hemd und Haut immer wieder auseinander, verklebten sie, rissen sie auseinander, und der st&#xE4;ndig neu gestachelte Schmerz hob mich in einen Zustand der Besinnungslosigkeit, in dem Bewegungen, Farben, Ger&#xFC;che aus tausend Erinnerungen sich ineinander verfingen, &#xFC;bereinander lagerten; bunte Chiffren von wechselnder Farbe, wechselndem Gef&#xE4;lle, wechselnder Richtung, wurden vom Schmerz aus mir herausgeschleudert.</p><p>Hochwasser, dachte ich, Hochwasser, immer schon hatte ich den Wunsch gesp&#xFC;rt, mich hineinzuwerfen und auf den grauen Horizont zutreiben zu lassen.</p><p>Im Traum besch&#xE4;ftigte mich lange die Frage, ob man in einem Henkelmann eine Stacheldrahtpeitsche verbergen k&#xF6;nne; Erinnerungen an Bewegungen setzten sich in Linien um, die sich zu Figuren f&#xFC;gten; gr&#xFC;ne, schwarze, rote Figuren waren wie Kardiogramme, die Rhythmen einer bestimmten Person darstellten: der Ruck, mit dem Alois Trischler die Angel hochgezogen hatte, wenn wir im alten Hafen fischten, wie er die Schnur mit dem K&#xF6;der ins Wasser schnellte, sein wandernder Arm, der das Tempo des Wassers anzeigte: gr&#xFC;n auf grau gezeichnete genaue Figur; Nettlinger, wie er den Arm hob, um Schrella den Ball ins Gesicht zu werfen, das Zittern seiner Lippen, das Beben seiner Nasenfl&#xFC;gel, es setzte sich in eine graue Figur, die der Spur einer Spinne glich; wie von Fernschreibern, die ich nicht orten konnte, wurden mir Personen ins Ged&#xE4;chtnis stigmatisiert: Edith am Abend nach dem Schlagballspiel, als ich mit Schrella nach Hause ging; Ediths Gesicht im Park drau&#xDF;en in Blessenfeld, unter mir; als wir im Gras lagen, wurde es na&#xDF; vom Sommerregen, Tropfen gl&#xE4;nzten auf ihrem blonden Haar, rollten an ihren Brauen entlang, ein Kranz silberner Tropfen, den Ediths atmendes Gesicht hob und senkte: der Kranz blieb mir in Erinnerung wie das Skelett eines Meerestieres, auf rostfarbenem Strand gefunden und vervielf&#xE4;ltigt zu unz&#xE4;hligen W&#xF6;lkchen gleichen Ausma&#xDF;es, die Linie ihres Mundes, als sie zu mir sagte: ‚Sie werden dich t&#xF6;ten.‘ Edith.</p><p>Der Verlust der Schulmappe qu&#xE4;lte mich im Traum – korrekt war ich immer – , ich riss einem mageren Huhn den gr&#xFC;ngrauen Band Ovid aus dem Schnabel; ich feilschte mit der Platzanweiserin im Kino um das H&#xF6;lderlingedicht, das sie aus meinem Lesebuch gerissen hatte, weil sie es so sch&#xF6;n fand: <emphasis>Mitleidend bleibt das ewige Herz doch fest</emphasis>.</p><p>Abendessen, von Frau Trischler gebracht: Milch, ein Ei, Brot, ein Apfel; ihre H&#xE4;nde wurden jung, wenn sie meinen zerschundenen R&#xFC;cken mit Wein wusch, Schmerz flammte auf, wenn sie den Schwamm ausdr&#xFC;ckte und der Wein in den Furchen meines R&#xFC;ckens abfloss; sie goss &#xD6;l nach, und ich fragte sie: ‚Woher wussten Sie, dass man es so machen kann?‘</p><p>‚In der Bibel kannst du nachlesen, wie man es macht‘, sagte sie, ‚und ich hab’s schon mal gemacht, bei deinem Freund Schrella! Alois wird &#xFC;bermorgen kommen, Sonntag f&#xE4;hrt er dann von Ruhrort nach Rotterdam! Du brauchst keine Angst zu haben‘, sagte sie, ‚die machen das schon; auf dem Fluss kennt man sich, wie man sich in einer Stra&#xDF;e kennt. Noch etwas Milch, Junge?‘</p><p>‚Nein, danke.‘</p><p>‚Keine Sorge. Montag oder Dienstag bist du in Rotterdam. Was ist denn, was hast du denn?‘</p><p>Nichts. Nichts. Immer noch liefen die Suchmeldungen: rote Narbe &#xFC;berm Nasenbein. Vater, Mutter, Edith – ich wollte nicht das Differential der Z&#xE4;rtlichkeiten errechnen, nicht die Litanei der Schmerzen abbeten; heiter war der Fluss, wei&#xDF;e Feriendampfer mit bunten Wimpeln; heiter waren auch die Frachter, rot gestrichen, gr&#xFC;n und blau, brachten Kohle und Holz von hier nach dort, von dort nach hier; dr&#xFC;ben am Ufer die gr&#xFC;ne Allee, schneewei&#xDF; die Terrasse vom Cafe Bellevue, dahinter der Turm von Sankt Severin, die scharfe rote Lichtkante am Hotel Prinz Heinrich, nur hundert Schritte von dort bis zum Elternhaus; dort sa&#xDF;en sie gerade beim Abendessen, einer gewaltigen Mahlzeit, &#xFC;ber die Vater wie ein Patriarch regierte: Samstag, mit sabbatischer Feierlichkeit begangen; war der rote Wein nicht zu k&#xFC;hl, der wei&#xDF;e k&#xFC;hl genug?</p><p>‚Keine Milch mehr, Junge?‘</p><p>‚Nein, danke, Frau Trischler, wirklich nicht.‘</p><p>Motorisierte Boten rasten durch die Stadt, mit rotumrandeten Zetteln, von Plakats&#xE4;ule zu Plakats&#xE4;ule: ‚Hinrichtung!‘ ‚Der Sch&#xFC;ler Robert F&#xE4;hmel…‘; Vater betete beim Abendbrot: Der f&#xFC;r uns ist gegei&#xDF;elt worden, Mutter beschrieb eine dem&#xFC;tige Figur vor ihrer Brust, bevor sie sagte: ‚Die Welt ist b&#xF6;se, es gibt so wenig reine Herzen‘, und Ottos Schuhe, noch schlugen sie den Takt Bruder, Bruder auf den Boden, auf die Fliesen, die Stra&#xDF;e hinab bis zum Modesttor.</p><p>Es war die ‚Stilte‘, die drau&#xDF;en tutete, die hellen T&#xF6;ne rissen den Abendhimmel auf, furchten sich wei&#xDF; wie Blitze ins dunkle Blau. Ich lag schon auf der Zeltbahn, wie jemand, der auf offener See gestorben ist und dem Meer &#xFC;berliefert werden soll; Alois hielt die Zeltbahn schon hoch, um mich einzuwickeln; wei&#xDF; in grau eingewebt las ich deutlich: ‚Morrien. Ijmuiden.‘ Frau Trischler beugte sich &#xFC;ber mich, weinte, k&#xFC;sste mich, und Alois rollte mich langsam ein, als w&#xE4;re mein Leichnam ein besonders kostbarer, nahm mich auf den Arm. ‚S&#xF6;hnchen‘, rief der Alte, ‚S&#xF6;hnchen, vergiss uns nicht.‘</p><p>Abendwind, noch einmal tutete die ‚Stilte‘ freundlich mahnend, in der H&#xFC;rde bl&#xF6;kten die Schafe, der Eismann rief ‚Eis, Eis‘, schwieg dann und spachtelte gewiss Vanilleeis in br&#xF6;cklige Waffeln. Leicht federte die Planke, &#xFC;ber die Alois mich trug, und eine Stimme fragte leise: ‚Ist er das?‘ Und Alois sagte ebenso leise: ‚Das ist er.‘ Murmelte mir zum Abschied zu: ‚Denk daran, Dienstag abend im Hafen von Rotterdam.‘ Andere Arme trugen mich, Treppen hinunter, es roch nach &#xD6;l, nach Kohlen, dann nach Holz, fern klang das Tuten, die ‚Stilte‘ bebte, dunkles Dr&#xF6;hnen schwoll an, und ich sp&#xFC;rte, dass wir fuhren, rheinabw&#xE4;rts, immer weiter weg von Sankt Severin.“</p><empty-line/><p>Der Schatten von Sankt Severin war n&#xE4;her ger&#xFC;ckt, f&#xFC;llte schon das linke Fenster des Billardzimmers, streifte das rechte; die Zeit, von der Sonne vor sich hergeschoben, kam wie eine Drohung n&#xE4;her, f&#xFC;llte die gro&#xDF;e Uhr auf, die sich bald erbrechen und die schrecklichen Schl&#xE4;ge von sich geben w&#xFC;rde; wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, rot &#xFC;ber gr&#xFC;n rollten die Kugeln; Jahre zerschnitten, Jahrzehnte &#xFC;bereinander geh&#xE4;uft und Sekunden, Sekunden wie Ewigkeiten serviert mit ruhiger Stimme; nur jetzt nicht wieder Cognac holen m&#xFC;ssen, dem Kalenderblatt begegnen und der Uhr, nicht der Schafspriesterin und <emphasis>So was d&#xFC;rfte nicht geboren werden</emphasis>; nur noch einmal den Spruch h&#xF6;ren <emphasis>Weide meine L&#xE4;mmer</emphasis>, und von der Frau h&#xF6;ren, die im Sommerregen im Gras gelegen hatte; ankernde Schiffe, Frauen, die &#xFC;ber Stege schritten, und der Ball, den Robert schlug, Robert, der nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gegessen hatte, stumm weiterspielte, immer neue Figuren mit dem Stock aus zwei Quadratmetern schlug.</p><p>„Und du, Hugo“, sagte er leise, „willst du mir heute nichts erz&#xE4;hlen?“</p><empty-line/><p>„Ich wei&#xDF; nicht, wie lange es war, aber ich meine, es w&#xE4;re ewig gewesen: immer, wenn die Schule aus war, schlugen sie mich. Manchmal wartete ich, bis ich sicher wusste, sie waren alle zum Essen gegangen, und die Frau, die die Schule putzte, war schon unten bei dem Flur, wo ich wartete, angekommen und fragte: ‚Was machst du denn noch hier, Junge? Deine Mutter wartet doch sicher auf dich.‘</p><p>Aber ich hatte Angst, wartete, bis auch die Putzfrau ging, und lie&#xDF; mich in die Schule einschlie&#xDF;en; es gelang mir nicht immer, denn meistens warf mich die Putzfrau hinaus, bevor sie abschloss, aber wenn es mir gelang, eingeschlossen zu werden, war ich froh; zu essen fand ich in den Pulten und in den Abfalleimern, die die Putzfrau f&#xFC;r die M&#xFC;llabfuhr im Flur bereitgestellt hatte, genug belegte Brote, &#xC4;pfel und Kuchenreste. So war ich allein in der Schule, und sie konnten mir nichts tun. Ich duckte mich in die Lehrergarderobe, hinter dem Kellereingang, weil ich Angst hatte, sie k&#xF6;nnten zum Fenster hereinschauen und mich entdecken, aber es dauerte lange, bis sie herausbekamen, dass ich mich in der Schule versteckte. Oft hockte ich da stundenlang, wartete, bis es Abend wurde, bis ich ein Fenster &#xF6;ffnen und hinaussteigen konnte. Oft blickte ich lange auf den leeren Schulhof: gibt es etwas Leereres als so einen Schulhof am sp&#xE4;ten Nachmittag? Das waren herrliche Zeiten, bevor sie herausbekamen, dass ich mich in der Schule einschlie&#xDF;en lie&#xDF;. Ich hockte da, in der Lehrergarderobe oder unterhalb der Fensterbank, und wartete auf etwas, das ich nur dem Namen nach kannte: auf Hass. Ich h&#xE4;tte sie so gern gehasst, aber ich konnte nicht, Herr Doktor. Nur Angst. An manchen Tagen wartete ich auch nur bis drei oder bis vier und dachte, sie w&#xE4;ren jetzt alle gegangen, ich h&#xE4;tte schnell &#xFC;ber die Stra&#xDF;e, an Meids Stall vor&#xFC;ber und um den Kirchhof nach Hause laufen und mich dort einschlie&#xDF;en k&#xF6;nnen. Aber sie hatten einander abgel&#xF6;st, waren abwechselnd zum Essen gegangen – denn aufs Essen verzichten, das konnten sie nicht – , und wenn sie auf mich zurannten, roch ich schon von weitem, was sie gegessen hatten: Kartoffeln mit Sauce, Braten, oder Kraut mit Speck, und w&#xE4;hrend sie mich schlugen, dachte ich: Wozu ist Christus gestorben, was n&#xFC;tzt mir denn sein Tod, was n&#xFC;tzt es mir, wenn sie jeden Morgen beten, jeden Sonntag kommunizieren und die gro&#xDF;en Kruzifixe in ihren K&#xFC;chen h&#xE4;ngen, &#xFC;ber den Tischen, von denen sie Kartoffeln mit Sauce, Braten oder Kraut mit Speck essen? Nichts. Was soll das alles, wenn sie mir jeden Tag auflauern und mich verpr&#xFC;geln? Da hatten sie also seit f&#xFC;nfhundert oder sechshundert Jahren – und waren sogar stolz auf das Alter ihrer Kirche —, hatten vielleicht seit tausend Jahren ihre Vorfahren auf dem Friedhof begraben, hatten seit tausend Jahren gebetet und unterm Kruzifix Kartoffeln mit Sauce und Speck mit Kraut gegessen. Wozu? Und wissen Sie, was sie schrien, w&#xE4;hrend sie mich verpr&#xFC;gelten? <emphasis>Lamm Gottes</emphasis>. Das war mein Spitzname.“</p><empty-line/><p>Rot &#xFC;ber gr&#xFC;n, wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, neue Figuren tauchten wie Zeichen auf; rasch verweht, nichts blieb; Musik ohne Melodie, Malerei ohne Bild; nur Vierecke, Rechtecke, Rhomben in vielfacher Zahl; klingende B&#xE4;lle am schwarzen Rand.</p><p>„Und sp&#xE4;ter versuchte ich es anders, verschloss die T&#xFC;r zu Hause, schob M&#xF6;bel davor, t&#xFC;rmte auf, was ich finden konnte. Kisten, Ger&#xFC;mpel und Matratzen, bis sie die Polizei alarmierten, und die kam, den Schulschw&#xE4;nzer abzuholen; die umstellte das Haus, schrie: ‚Komm raus, du Bengel‘, aber ich kam nicht raus, und sie brachen die T&#xFC;r auf, schoben die M&#xF6;bel beiseite, und sie hatten mich, brachten mich in die Schule, auf dass ich weiter gepr&#xFC;gelt, weiter in die Gosse gesto&#xDF;en, weiter <emphasis>Lamm Gottes</emphasis> geschimpft w&#xFC;rde; er hatte doch gesagt: weide meine L&#xE4;mmer, aber sie weideten seine L&#xE4;mmer nicht, wenn es &#xFC;berhaupt <emphasis>seine</emphasis> L&#xE4;mmer waren. Alles vergebens, Herr Doktor, umsonst weht der Wind, umsonst f&#xE4;llt der Schnee, umsonst bl&#xFC;hen die B&#xE4;ume und fallen die Bl&#xE4;tter – sie essen Kartoffeln mit Sauce oder Speck mit Kraut.</p><p>Manchmal war sogar meine Mutter zu Hause, betrunken und schmutzig, roch nach Tod, dunstete Verwesung aus und schrie: <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis>, schrie es &#xF6;fter als alle <emphasis>Erbarme dich unser</emphasis><a l:href="#n_28" type="note">[28]</a> in allen Litaneien; es machte mich wahnsinnig, wenn sie so stundenlang <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis> schrie, und ich lief weg, ein nasses Gotteslamm, lief durch den Regen, hungrig, Lehm klebte mir an den Schuhen, am K&#xF6;rper, ganz eingepackt in nassen Lehm war ich, hockte da auf ihren R&#xFC;benfeldern, aber ich lag lieber in lehmigen Furchen, lie&#xDF; den Regen auf mich regnen, als dieses schreckliche <emphasis>Wozu</emphasis> zu h&#xF6;ren, und irgendwer erbarmte sich meiner, irgendwann, brachte mich nach Hause, in die Schule zur&#xFC;ck, heim in dieses Nest, das Denklingen hie&#xDF;, und sie schlugen mich wieder, riefen mich <emphasis>Lamm Gottes</emphasis>, und meine Mutter betete ihre endlose, schreckliche Litanei: <emphasis>Wozu?</emphasis>, und ich lief wieder weg, und wieder erbarmten sie sich meiner, und diesmal brachten sie mich in die F&#xFC;rsorge. Dort kannte mich niemand, keins von den Kindern, keiner von den Erwachsenen, aber ich war noch nicht zwei Tage in der F&#xFC;rsorge, nannten sie mich auch dort <emphasis>Lamm Gottes</emphasis>, und ich bekam Angst, obwohl sie mich nicht schlugen: sie lachten nur &#xFC;ber mich, weil ich so viele Worte nicht kannte; das Wort Fr&#xFC;hst&#xFC;ck; ich kannte nur: essen, irgendwann, wenn etwas da war oder ich etwas fand; aber als ich auf der Tafel las: Fr&#xFC;hst&#xFC;ck 30 Gramm Butter, 200 Gramm Brot, 50 Gramm Marmelade, Milchkaffee, fragte ich einen: ‚Was ist das, Fr&#xFC;hst&#xFC;ck?‘ Und sie umringten mich alle, auch die Erwachsenen kamen, sie lachten und fragten: ‚Fr&#xFC;hst&#xFC;ck, wei&#xDF;t du nicht, was das ist, hast du denn noch nie gefr&#xFC;hst&#xFC;ckt?‘ ‚Nein‘, sagte ich. ‚Und in der Bibel‘, sagte der eine Erwachsene, ‚hast du da nie das Wort Fr&#xFC;hst&#xFC;ck gelesen?‘, und der andere Erwachsene fragte den einen: ‚Sind Sie so sicher, dass in der Bibel das Wort Fr&#xFC;hst&#xFC;ck &#xFC;berhaupt vorkommt?‘ ‚Nein‘, sagte der eine, ‚aber irgendwo, in irgendeinem Lesest&#xFC;ck oder zu Hause, muss er doch das Wort Fr&#xFC;hst&#xFC;ck einmal geh&#xF6;rt haben, er ist doch bald dreizehn, das ist schlimmer als bei Wilden; jetzt kann man sich eine Vorstellung vom Ausma&#xDF; des Sprachzerfalls machen. ‘ Und ich wusste nicht, dass Krieg gewesen war, vor kurzer Zeit, und sie fragten mich, ob ich denn nie auf einem Friedhof gewesen sei, wo auf den Grabsteinen stand: ‚Gefallen‘, und ich sagte, doch, das h&#xE4;tte ich gesehen, und was ich mir denn unter ‚gefallen‘ vorgestellt h&#xE4;tte, und ich sagte, ich h&#xE4;tte mir vorgestellt, die dort beerdigt seien, w&#xE4;ren tot umgefallen; da lachten sie noch mehr als bei dem Fr&#xFC;hst&#xFC;ck, und sie gaben uns Geschichtsunterricht, vom Anfang der Zeiten an, aber bald war ich vierzehn, Herr Doktor, und der Hoteldirektor kam ins Heim, und wir vierzehnj&#xE4;hrigen Jungen mussten uns auf dem Flur vor dem Zimmer des Rektors aufstellen, und der Rektor kam mit dem Hoteldirektor. Und sie gingen an uns vorbei, blickten uns in die Augen und sagten beide, sagten wie aus einem Munde: ‚Dienen, wir suchen Jungen, die dienen k&#xF6;nnen‘, aber sie suchten nur mich heraus. Ich musste sofort meine Sachen in einen Karton packen und fuhr mit dem Hoteldirektor hierher, und er sagte im Auto zu mir: ‚Hoffentlich erf&#xE4;hrst du nie, wieviel dein Gesicht wert ist. Du bist ja das reinste <emphasis>Lamm Gottes</emphasis>‘, und ich hatte Angst, Herr Doktor, habe sie immer noch und warte immer darauf, dass sie mich schlagen.“</p><p>„Schlagen sie dich?“</p><p>„Nein, nie. Nur m&#xF6;cht ich so gern wissen, was der Krieg war, ich musste ja aus der Schule weg, bevor sie es mir erkl&#xE4;ren konnten. Kennen Sie den Krieg?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Haben Sie ihn mitgemacht?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Was haben Sie getan?“</p><p>„Ich war Spezialist f&#xFC;r Sprengungen, Hugo. Kannst du dir darunter etwas vorstellen?“</p><p>„Ja, ich habe gesehen, wie sie im Steinbruch hinter Denklingen sprengten.“</p><p>„Genau das hab ich gemacht, Hugo, nur habe ich nicht Felsen gesprengt, sondern H&#xE4;user und Kirchen. Das hab ich noch nie jemandem erz&#xE4;hlt, au&#xDF;er meiner Frau, aber die ist schon lange tot, und so wei&#xDF; es niemand au&#xDF;er dir, nicht einmal meine Eltern und meine Kinder wissen es. Du wei&#xDF;t, dass ich Architekt bin und eigentlich H&#xE4;user bauen sollte, aber ich hab nie welche gebaut, immer nur welche gesprengt, und auch die Kirchen, die ich als Junge auf zartes Zeichenpapier zeichnete, weil ich davon tr&#xE4;umte, sie zu bauen; die hab ich nie gebaut. Als ich zur Armee kam, fanden sie in meinen Papieren einen Hinweis, dass ich eine Doktorarbeit &#xFC;ber ein statisches Problem geschrieben hatte. Statik, Hugo, das ist die Lehre vom Gleichgewicht der Kr&#xE4;fte, die Lehre vom Spannungs- und Verschiebungszustand von Tragwerken; ohne Statik kannst du nicht einmal eine Negerh&#xFC;tte bauen, und das Gegenteil von Statik ist die Dynamik, das klingt nach Dynamit, wie man es beim Sprengen braucht, und h&#xE4;ngt auch mit Dynamit zusammen. Den ganzen Krieg &#xFC;ber hatte ich nur mit Dynamit zu tun. Ich verstand was von Statik, Hugo, verstand auch was von Dynamik, verstand eine ganze Menge von Dynamit, hab alle B&#xFC;cher verschlungen, die es dar&#xFC;ber gab. Man muss, wenn man sprengen will, nur wissen, wo man die Ladung anbringt und wie stark sie sein muss. Das konnte ich, Junge, und ich sprengte also, ich sprengte Br&#xFC;cken und Wohnblocks, Kirchen und Bahn&#xFC;berf&#xFC;hrungen, Villen und Stra&#xDF;enkreuzungen, ich bekam Orden daf&#xFC;r und wurde bef&#xF6;rdert: vom Leutnant zum Oberleutnant, vom Oberleutnant zum Hauptmann, und ich bekam Sonderurlaub und Belobigungen, weil ich so gut wusste, wie man sprengen muss. Und am Schluss des Krieges war ich einem General unterstellt, der hatte nur ein Wort im Kopf: Schussfeld. Wei&#xDF;t du, was Schussfeld ist? Nein?“</p><p>F&#xE4;hmel hob den Billardstock wie ein Schie&#xDF;gewehr an die Schulter, zielte mit der Spitze nach drau&#xDF;en, auf den Turm von Sankt Severin.</p><p>„Siehst du“, sagte er, „wenn ich jetzt auf die Br&#xFC;cke schie&#xDF;en wollte, die hinter Sankt Severin liegt, w&#xFC;rde die Kirche im Schussfeld liegen, also m&#xFC;sste Sankt Severin gesprengt werden, ganz rasch, sofort und schnell, damit ich auf die Br&#xFC;cke schie&#xDF;en k&#xF6;nnte, und ich sag dir, Hugo, ich h&#xE4;tte Sankt Severin in die Luft gesprengt, obwohl ich wusste, dass mein General verr&#xFC;ckt war, und obwohl ich wusste, dass Schussfeld ein leerer Wahn ist, denn von oben, verstehst du, brauchst du kein Schussfeld, und schlie&#xDF;lich konnte es auch dem einf&#xE4;ltigsten aller Generale nicht verborgen bleiben, dass inzwischen die Flugzeuge erfunden worden waren, aber meiner war verr&#xFC;ckt und hatte seine Lektion gelernt: Schussfeld, und ich besorgte es ihm; ich hatte eine gute Mannschaft beisammen: Physiker und Architekten, und wir sprengten, was uns in den Weg kam; das letzte war was Gro&#xDF;es, was Gewaltiges, ein ganzer Komplex riesiger, sehr solider Geb&#xE4;ude: eine Kirche, Stallungen, M&#xF6;nchszellen, ein Verwaltungsgeb&#xE4;ude, ein Bauernhof, eine ganze Abtei, Hugo – die lag genau zwischen zwei Armeen, einer deutschen und einer amerikanischen —, und ich besorgte der deutschen Armee ihr Schussfeld, das sie gar nicht brauchte; da knieten sich Mauern vor mir nieder, auf den H&#xF6;fen br&#xFC;llte das Vieh in den St&#xE4;llen, und die M&#xF6;nche verfluchten mich, aber ich war nicht aufzuhalten, die ganze Abtei Sankt Anton im Kissatal sprengte ich, drei Tage vor Kriegsschluss. Korrekt, Junge, immer korrekt, wie du mich kennst.“</p><p>Er senkte den Stock, den er immer noch auf sein imagin&#xE4;res Ziel gerichtet hielt, legte ihn wieder in die Fingerbeuge, stie&#xDF; die Billardkugel an; wei&#xDF; rollte sie &#xFC;ber gr&#xFC;n, schlug in wildem Zickzack vom schwarzen Rand zum schwarzen Rand. Dumpf erbrachen die Glocken von Sankt Severin die Zeit, aber wann, <emphasis>wann</emphasis> schlug es elf?</p><p>„Sieh doch mal nach, Junge, was der L&#xE4;rm an der T&#xFC;r bedeutet.“</p><p>Noch einmal stie&#xDF; er zu: rot &#xFC;ber gr&#xFC;n, lie&#xDF; die Kugeln auslaufen, legte den Stock hin.</p><p>„Der Herr Direktor bittet Sie, einen Herrn Dr. Nettlinger zu empfangen.“</p><p>„W&#xFC;rdest du einen empfangen, der Nettlinger hei&#xDF;t?“</p><p>„Nein.“</p><p>„Zeig mir, wie ich hier herauskomme, ohne durch diese T&#xFC;r zu m&#xFC;ssen.“</p><p>„Sie k&#xF6;nnen durch den Speisesaal gehen, Herr Doktor, dann kommen Sie in der Modestgasse heraus.“</p><p>„Auf Wiedersehen, Hugo, bis morgen.“</p><p>„Auf Wiedersehen, Herr Doktor.“</p><p>Kellnerballett, Boyballett: sie deckten die Tische zum Mittagessen, schoben in genau vorgeschriebener Ordnung Teewagen von Tisch zu Tisch, legten Silber auf, wechselten die Blumenvasen aus; statt der wei&#xDF;en Nelken in schlanken Vasen dem&#xFC;tige Veilchen in runden Vasen; nahmen Marmeladegl&#xE4;ser vom Tisch, stellten Weingl&#xE4;ser, runde f&#xFC;r roten, schlanke f&#xFC;r wei&#xDF;en, auf die Tische; nur eine einzige Ausnahme; Milch f&#xFC;r die Schafpriesterin, sie sah in der Kristallkaraffe grau aus.</p><p>F&#xE4;hmel ging mit leichtem Schritt zwischen den Tischreihen hindurch, schlug den violetten Vorhang beiseite, stieg die Stufen hinunter und stand dem Turm von Sankt Severin gegen&#xFC;ber.</p></section><section><title><p>Kapitel IV</p></title><p>Leonores Schritte beruhigten ihn; vorsichtig ging sie im Atelier hin und her, &#xF6;ffnete Schrankt&#xFC;ren, hob Kistendeckel, schn&#xFC;rte Pakete auf, entrollte Zeichnungen; selten kam sie ans Fenster, ihn zu st&#xF6;ren; nur wenn ein Dokument kein Datum, eine Zeichnung keinen Namen trug. Er hatte die Ordnung immer geliebt und nie gehalten. Leonore w&#xFC;rde sie schaffen, sie h&#xE4;ufte, nach Jahren geordnet, auf dem gro&#xDF;en Atelierboden Dokumente und Zeichnungen, Briefe und Abrechnungen aufeinander; nach f&#xFC;nfzig Jahren noch zitterte der Boden unter dem Stampfen der Druckereimaschinen; neunzehnhundertsieben, acht, neun, zehn; schon war Leonores Stapeln anzusehen, dass sie mit dem wachsenden Jahrhundert gr&#xF6;&#xDF;er wurden, neunzehnhundertneun war gr&#xF6;&#xDF;er als neunzehnhundertacht, zehn gr&#xF6;&#xDF;er als neun. Leonore w&#xFC;rde die Kurve seiner T&#xE4;tigkeiten herausfinden, sie war auf Pr&#xE4;zision gedrillt. „Ja“, sagte er, „st&#xF6;ren Sie mich getrost, Kind. Das? Das ist das Krankenhaus in Weidenhammer; ich habe es im Jahr 1924 gebaut, es wurde im September eingeweiht.“ Und sie schrieb mit ihrer s&#xE4;uberlichen Handschrift auf den Rand der Zeichnung 1924/9.</p><p>Magere H&#xE4;ufchen blieben die Kriegsjahre vierzehn bis achtzehn; drei, vier Zeichnungen; ein Landhaus f&#xFC;r den General, eine Jagdh&#xFC;tte f&#xFC;r den Oberb&#xFC;rgermeister, eine Sebastianus-Kapelle f&#xFC;r die Sch&#xFC;tzenbr&#xFC;der. Urlaubsauftr&#xE4;ge, mit kostbaren Tagen honoriert; um seine Kinder sehen zu d&#xFC;rfen, h&#xE4;tte er den Gener&#xE4;len kostenlos Schl&#xF6;sser gebaut.</p><p>„Nein, Leonore, das war 1935. Franziskanerinnenkloster. Modern? Nat&#xFC;rlich, ich habe auch moderne Sachen gebaut.“</p><p>Immer war ihm der Rahmen des gro&#xDF;en Atelierfensters wie ein Wechselrahmen erschienen: die Farben des Himmels wechselten, die B&#xE4;ume in den Hinterh&#xF6;fen wurden grau, wurden schwarz, wurden gr&#xFC;n; Blumen auf den Dachg&#xE4;rten bl&#xFC;hten, verbl&#xFC;hten. Kinder spielten auf Bleid&#xE4;chern, wurden erwachsen, wurden zu Eltern, ihre Eltern zu Gro&#xDF;eltern; andere Kinder spielten auf den Bleid&#xE4;chern; nur das Profil der D&#xE4;cherlinie blieb, es blieb die Br&#xFC;cke, blieben die Berge, die an klaren Tagen am Horizont sichtbar wurden – bis der zweite Krieg das Profil der D&#xE4;cherlinie ver&#xE4;nderte, L&#xFC;cken wurden gerissen, in denen an sonnigen Tagen silbern, an tr&#xFC;ben grau der Rhein sichtbar wurde und die Drehbr&#xFC;cke am alten Hafen dr&#xFC;ben; l&#xE4;ngst waren die L&#xFC;cken wieder geschlossen, spielten Kinder auf Bleid&#xE4;chern, ging seine Enkelin dr&#xFC;ben auf dem Kilbschen Bleidach mit Schulb&#xFC;chern in der Hand auf und ab, wie vor f&#xFC;nfzig Jahren seine Frau dort auf – und abgegangen war – oder war’s nicht doch Johanna, seine Frau, die an sonnigen Nachmittagen dort <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis><a l:href="#n_29" type="note">[29]</a> las?</p><p>Das Telefon klingelte; angenehm, dass Leonore den H&#xF6;rer abnahm, ihre Stimme dem unbekannten Anrufer Antwort gab. „Cafe Kroner? Ich werde den Herrn Geheimrat fragen.“</p><p>„Wieviel Personen am Abend erwartet werden? Geburtstagsfeier?“ Gen&#xFC;gen die Finger einer Hand, sie aufzuz&#xE4;hlen? „Zwei Enkel, ein Sohn, ich – und Sie. Leonore, werden Sie mir die Freude machen?“</p><p>Also f&#xFC;nf. Die Finger einer Hand gen&#xFC;gen. „Nein, keinen Sekt. Alles wie besprochen. Danke, Leonore.“</p><p>Wahrscheinlich h&#xE4;lt sie mich f&#xFC;r verr&#xFC;ckt, aber wenn ich’s bin, bin ich’s immer gewesen; ich sah alles voraus, wusste genau, was ich wollte, und wusste, dass ich’s erreichen w&#xFC;rde; nur eins wusste ich nie, wei&#xDF; ich bis heute nicht: warum tat ich es? Des Geldes wegen, des Ruhmes wegen, oder nur, weil es mir Spa&#xDF; machte? Was hab ich gewollt, als ich an diesem Freitagmorgen, am 6. September 1907, vor einundf&#xFC;nfzig Jahren da dr&#xFC;ben aus dem Bahnhof trat? Ich hatte mir Handlungen, Bewegungen, einen pr&#xE4;zisen Tageslauf vorgeschrieben, von dem Augenblick an, da ich die Stadt betrat, eine komplizierte Tanzfigur entworfen, in der ich Solot&#xE4;nzer und Ballettmeister in einer Person war; Komparserie und Kulissen standen mir kostenlos zur Verf&#xFC;gung.</p><p>Zehn Minuten nur blieben mir, bis der erste Tanzschritt getan werden musste: &#xFC;ber den Bahnhofsvorplatz hinaus, am Hotel Prinz Heinrich vor&#xFC;ber, die Modestgasse &#xFC;berqueren und ins Cafe Kroner gehen. An meinem neunundzwanzigsten Geburtstag betrat ich die Stadt. Septembermorgen. Droschkeng&#xE4;ule bewachten ihre schlummernden Herren; Hotelboys in der violetten Uniform des Prinz Heinrich schleppten Koffer hinter G&#xE4;sten her in den Bahnhof; vor Banken wurden w&#xFC;rdige Gitter hochgeschoben, rollten mit solidem Ger&#xE4;usch in Reservekammern; Tauben; Zeitungsverk&#xE4;ufer; Ulanen; eine Schwadron ritt am Prinz Heinrich vor&#xFC;ber, der Rittmeister winkte einer Frau mit rosenrotem Hut; sie stand verschleiert auf dem Balkon, warf eine Kusshand zur&#xFC;ck, klappernde Hufe auf Kopfsteinpflaster; Wimpel im Morgenwind; Orgelt&#xF6;ne aus der ge&#xF6;ffneten Kirchent&#xFC;r von Sankt Severin.</p><p>Ich war erregt, nahm den Stadtplan aus der Rocktasche, entfaltete ihn und betrachtete den roten Halbkreis, den ich um den Bahnhof herum gezogen hatte; f&#xFC;nf schwarze Kreuze bezeichneten die Hauptkirche und die vier Nebenkirchen; ich hob die Augen, suchte mir im Morgendunst die vier Kirchturmspitzen zusammen; die f&#xFC;nfte, Sankt Severin, brauchte ich nicht zu suchen, sie stand vor mir, ihr riesiger Schatten machte mich leise fr&#xF6;steln; ich senkte die Augen wieder auf meinen Plan: er stimmte; ein gelbes Kreuz bezeichnete das Haus, wo ich Wohnraum und Atelier f&#xFC;r ein halbes Jahr gemietet und vorausbezahlt hatte: Modestgasse 7, zwischen Sankt Severin und dem Modesttor; dort dr&#xFC;ben musste es sein, rechts, wo gerade eine Gruppe von Klerikern die Stra&#xDF;e &#xFC;berquerte. Ein Kilometer betrug der Radius des Halbkreises, den ich um den Bahnhof herum gezogen hatte: innerhalb dieser roten Linie wohnte die Frau, die ich heiraten w&#xFC;rde, ich kannte sie nicht, wusste nicht ihren Namen, wusste nur, dass ich sie aus einem der Patrizierh&#xE4;user nehmen w&#xFC;rde, von denen mein Vater mir erz&#xE4;hlt hatte; der hatte drei Jahre bei den Ulanen hier gedient, Hass in sich eingezogen, Hass auf Pferde und Offiziere, den ich respektierte, ohne ihn zu teilen; ich war froh, dass Vater nicht mehr erleben musste, wie ich selber Offizier wurde: Pionierleutnant der Reserve; ich lachte, ich lachte oft an diesem Morgen vor einundf&#xFC;nfzig Jahren; ich wusste, dass ich meine Frau aus einem dieser H&#xE4;user nehmen, dass sie Brodem oder Cusenius, Kilb oder Ferve hei&#xDF;en w&#xFC;rde; sie sollte neunzehn sein, kam jetzt, gerade jetzt, in diesem Augenblick aus der Morgenmesse, legte ihr Gebetbuch in der Garderobe ab, kam im rechten Augenblick, um vom Vater den Kuss auf die Stirn zu bekommen, bevor dessen dr&#xF6;hnender Bass sich durch die Diele zum Kontor hin entfernte; zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck a&#xDF; sie ein Honigbrot, trank eine Tasse Kaffee; ‚Nein, nein, Mutter, bitte kein Ei‘ —, las der Mutter die Balltermine vor. Durfte sie zum Akademikerball? Sie durfte.</p><p>Sp&#xE4;testens auf dem Akademikerball, am 6. Januar, w&#xFC;rde ich wissen, welche ich nehmen wollte, w&#xFC;rde mit ihr tanzen; ich w&#xFC;rde gut zu ihr sein, sie lieben, und sie w&#xFC;rde mir Kinder geb&#xE4;ren, f&#xFC;nf, sechs, sieben, die w&#xFC;rden heiraten und mir Enkel schenken, f&#xFC;nfmal, sechsmal, siebenmal sieben, und w&#xE4;hrend ich den Hufen nachlauschte, die sich entfernten, sah ich meine Enkelschar, sah ich mich als achtzigj&#xE4;hrigen Patriarchen &#xFC;ber dieser Sippe thronen, die ich zu gr&#xFC;nden gedachte: Geburtstagsfeiern, Begr&#xE4;bnisse, silberne und gr&#xFC;ne Hochzeiten, Taufen, S&#xE4;uglinge wurden in meine Greisenh&#xE4;nde gelegt, Urenkel, ich w&#xFC;rde sie lieben wie meine jungen h&#xFC;bschen Schwiegert&#xF6;chter, die ich zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck einladen, denen ich Blumen und Konfekt, K&#xF6;lnisch Wasser und Gem&#xE4;lde schenken w&#xFC;rde; ich wusste es, w&#xE4;hrend ich dort stand, bereit, den Tanz zu beginnen.</p><p>Ich sah dem Dienstmann nach, der mein Gep&#xE4;ck mit seinem Karren ins Haus Modestgasse 7 hin&#xFC;berfuhr: den Schlie&#xDF;korb mit meiner W&#xE4;sche und meinen Zeichnungen, den kleinen Lederkoffer, der Papiere, Dokumente und mein Geld enthielt: vierhundert Goldst&#xFC;cke, den Reinertrag zw&#xF6;lfj&#xE4;hriger Arbeit, verbracht in den Baubuden l&#xE4;ndlicher Unternehmer, den B&#xFC;ros mittelm&#xE4;&#xDF;iger Architekten; Arbeitersiedlungen, Industrieanlagen, Kirchen, Schulen, Vereinsh&#xE4;user entworfen, geplant und gebaut; Kostenvoranschl&#xE4;ge durchgeackert, mich durchgew&#xFC;hlt durch das spr&#xF6;de Deutsch der einzelnen Positionen —‚ und sollen die Holzvert&#xE4;felungen in der Sakristei aus bestem, astreinem Nussbaumholz ausgef&#xFC;hrt, die Beschl&#xE4;ge aus bestem Material ausgew&#xE4;hlt werden‘. Ich wei&#xDF;, dass ich lachte, als ich dort stand, und wei&#xDF; bis heute noch nicht, wor&#xFC;ber oder warum; eins wei&#xDF; ich sicher: mein Lachen entsprang nicht reiner Freude; Spott war darin, Hohn, vielleicht Bosheit, aber nie habe ich gewusst, wieviel von jedem in diesem Lachen enthalten war; ich dachte an die harten B&#xE4;nke, auf denen ich abends in Fortbildungskursen hockte; Rechnen gelernt; Mathematik und Zeichnen; Handwerk gelernt, Tanzen, Schwimmen; Pionierleutnant der Reserve beim 8. Bataillon in Koblenz<a l:href="#n_30" type="note">[30]</a>, wo ich an Sommerabenden am Deutschen Eck<a l:href="#n_31" type="note">[31]</a> sa&#xDF; und mir die Wasser des Rheins wie die der Mosel gleich faulig erschienen; in dreiundzwanzig m&#xF6;blierten Zimmern gehaust; Wirtst&#xF6;chter, die ich verf&#xFC;hrt, und die mich verf&#xFC;hrt hatten; barfu&#xDF; durch dumpf riechende Flure geschlichen, um Z&#xE4;rtlichkeiten zu tauschen, auch die allerletzte, die sich immer wieder als Falschgeld erwies; Lavendelwasser und gel&#xF6;stes Haar; und in schrecklichen Wohnzimmern, wo Fr&#xFC;chte, die nie gegessen werden durften, in gr&#xFC;nlichen Glasschalen alt wurden, fielen harte Worte wie Schuft, Ehre, Unschuld, und es roch dort nicht nach Lavendelwasser; schaudernd las ich die Zukunft nicht im Gesicht der Entehrten, sondern im Gesicht der Mutter, wo geschrieben stand, was man f&#xFC;r mich bereithielt. Ich war kein Schuft, hatte keiner die Ehe versprochen, und wollte nicht mein Leben in Wohnzimmern verbringen, wo Fr&#xFC;chte, die man nicht essen durfte, in gr&#xFC;nlichen Glasschalen alt wurden. Weitergezeichnet, wenn ich von Abendkursen kam, gerechnet und gezeichnet von halb zehn bis zw&#xF6;lf; Engel und B&#xE4;ume, Wolkenbildungen und Kirchen, Kapellen; gotisch, romanisch, barock, Rokoko und Biedermeier – und, bitte, modern: langhaarige Frauenzimmer, deren seelenvolle Gesichter &#xFC;ber Hauseing&#xE4;ngen schwebten, w&#xE4;hrend die langen Haare sich links und rechts der T&#xFC;r wie ein Vorhang entrollten; genau in der Mitte &#xFC;berm T&#xFC;reingang den scharfgezogenen Scheitel; bitte; da brachten mir in den arbeitsreichen Abendstunden schmachtende Wirtst&#xF6;chter d&#xFC;nnen Tee oder d&#xFC;nne Limonade, forderten mich zu Z&#xE4;rtlichkeiten heraus, die sie f&#xFC;r k&#xFC;hn hielten; und ich zeichnete weiter, vor allem Details, weil ich wusste, dass diese sie – wer waren sie, diese sie – am ehesten bestachen: T&#xFC;rgriffe, ornamentale Gitter, Gottesl&#xE4;mmer, Pelikane, Anker und Kreuze, an denen Schlangen z&#xFC;ngelnd sich emporwanden und scheiterten.</p><p>Blieb mir auch die Erinnerung an den Trick, den mein letzter Chef, Domgreve, zu oft angewendet hatte: im entscheidenden Augenblick den Rosenkranz fallen zu lassen; wenn bei Ortsbesichtigungen fromme Bauern stolz den Acker zeigten, der als Bauplatz f&#xFC;r die neue Kirche bestimmt war, wenn Kirchenvorstandsmitglieder voll biederer Sch&#xFC;chternheit im Hinterzimmer kleinst&#xE4;dtischer Kneipen den Willen kundtaten, ein neues Gotteshaus zu errichten, dann mit Kleingeld, der Uhr oder dem Zigarrenabschneider den Rosenkranz herausziehen, auf die Erde fallen lassen, ihn best&#xFC;rzt wieder aufnehmen; dar&#xFC;ber hatte ich nie lachen k&#xF6;nnen.</p><empty-line/><p>„Nein, Leonore, das A auf Aktendeckeln und Zeichenrollen, auf Kostenaufstellungen, bedeutet nicht Auftrag, sondern Sankt Anton. Abtei Sankt Anton.“</p><p>Mit zierlichen H&#xE4;nden, leisen Schritten schaffte sie Ordnung, die er immer geliebt, aber nie hatte halt en k&#xF6;nnen. Es war zuviel gewesen, zu viele Auftr&#xE4;ge, zuviel Geld.</p><p>Wenn ich verr&#xFC;ckt bin, war ich’s damals schon, als ich mich auf dem Bahnhofsplatz des losen Kleingelds in meiner Rocktasche vergewisserte, des kleinen Zeichenblocks, des gr&#xFC;nen Etuis mit meinen Stiften, des Sitzes meiner Samtschleife; als ich am Rand meines schwarzen K&#xFC;nstlerhutes entlangtastete, weiter hinunter mit den H&#xE4;nden, an den Sch&#xF6;&#xDF;en des Anzugs entlang, des einzigen guten, den ich besa&#xDF;, Erbst&#xFC;ck von Onkel Marsil, der als junger Lehrer an Schwindsucht gestorben war; schon moos&#xFC;berwachsen war der Grabstein in Mees, wo der Zwanzigj&#xE4;hrige auf der Orgelempore den Taktstock geschwungen, im Schulhaus den Bauernkindern die Regeldetri eingebl&#xE4;ut hatte; wo er abends, im D&#xE4;mmer, am Moor entlangspaziert war, von M&#xE4;dchenlippen tr&#xE4;umte, von Brot, Wein und von Ruhm, den er sich von gelungenen Versen erhoffte; Traum, auf Moorwegen getr&#xE4;umt, zwei Jahre lang, bis der Blutsturz ihn &#xFC;berschwemmte und an dunkle Ufer trug; ein Quartheft mit Versen blieb, ein schwarzer Anzug, dem Patensohn vererbt, zwei Goldst&#xFC;cke, und am gr&#xFC;nlichen Vorhang des Schulzimmers ein Blutflecken, den die Frau seines Nachfolgers nicht zu entfernen vermochte; ein Lied, von Kinderlippen dem hungrigen Lehrer am Grab gesungen: ‚T&#xFC;rmer, wohin ist die Schwalbe entflohen?‘</p><p>Noch einmal zur&#xFC;ckgeblickt auf den Bahnhof, noch einmal das Plakat betrachtet, das, f&#xFC;r einr&#xFC;ckende Rekruten deutlich sichtbar, neben der Sperre hing: ‚Milit&#xE4;rpflichtigen empfehle ich meine seit langen Jahren eingef&#xFC;hrten echten Normal-Unterzeuge, System Professor Gustav J&#xE4;ger, meine echten Pallas-Unterzeuge, patentiert in allen Kulturstaaten, meine echte Reform-Unterkleidung, System Dr. Lahmann.‘ Es war Zeit, den Tanz zu beginnen:</p><p>Ich &#xFC;berquerte die Stra&#xDF;enbahngleise, ging am Hotel Prinz Heinrich vorbei, &#xFC;ber die Modestgasse, z&#xF6;gerte einen Augenblick, bevor ich ins Cafe Kroner trat: die Glast&#xFC;r, innen mit gr&#xFC;ner Seide bespannt, zeigte mir mein Bild: zart war ich, fast klein, sah aus wie etwas zwischen jungem Rabbiner und Bohemien, schwarzhaarig und schwarzgekleidet, mit dem unbestimmbaren Air l&#xE4;ndlicher Herkunft; ich lachte noch einmal und &#xF6;ffnete die T&#xFC;r; gerade fingen die Kellner an, Blumenvasen mit wei&#xDF;en Nelken auf die Tische zu stellen, r&#xFC;ckten in gr&#xFC;nes Leder gebundene Speisekarten zurecht, Kellner in gr&#xFC;nen Sch&#xFC;rzen, schwarzen Westen, mit wei&#xDF;en Hemden und wei&#xDF;en Krawatten; zwei junge M&#xE4;dchen, rosig und blond die eine, bla&#xDF; und schwarzhaarig die andere, schichteten vorne am Kuchenb&#xFC;fett Kekse auf, t&#xFC;rmten Bisquits, erneuerten Sahneornamente, rieben silberne Kuchenschaufeln blank. Kein Gast zu sehen, sauber war’s drinnen wie im Krankenhaus vor der Chefarztvisite, Kellnerballett, durch das ich als Solist jetzt mit leichten Schritten hindurchging; Komparserie und Kulissen standen f&#xFC;r mich bereit; das war Dressur, war ausgezeichnet und gefiel mir, wie die drei Kellner von Tisch zu Tisch gingen, mit abgezirkelten Bewegungen: das Salzfass hingestellt, die Blumenvase, ein kleiner Ruck f&#xFC;r die Speisekarte, die offenbar in einem bestimmten Winkel zum Salzfass zu liegen hatte; Aschenbecher, schneewei&#xDF;es Porzellan mit goldenem Rand; gut; das gefiel mir; ich war angenehm &#xFC;berrascht, das war Stadt, hatte ich noch in keinem der Nester gesehen, in denen ich gehockt hatte.</p><p>Ich ging in die &#xE4;u&#xDF;erste linke Ecke, warf meinen Hut auf den Stuhl, Zeichenblock und Etui daneben, setzte mich; die Kellner kamen aus Richtung K&#xFC;che zur&#xFC;ck, schoben lautlos Teewagen vor sich her, verteilten Sauceflaschen, h&#xE4;ngten Zeitungshalter auf; ich &#xF6;ffnete meinen Zeichenblock, las – zum wievielten Mal? – den Zeitungsausschnitt, den ich auf die Innenseite des Deckels geklebt hatte: ‚&#xD6;ffentliche Ausschreibung, Neubau einer Benediktiner-Abtei, im Tale der Kissa gelegen, zwischen den Weilern Stehlingers Grotte und G&#xF6;rlingers Stuhl, etwa zwei Kilometer vom Dorf Kisslingen entfernt; jeder Architekt, der sich bef&#xE4;higt wei&#xDF;, ist teilnahmeberechtigt. Unterlagen sind gegen eine Geb&#xFC;hr von 50 (f&#xFC;nfzig) Mark im Notariat Dr. Kilb, Modestgasse 8, erh&#xE4;ltlich. Letzter Termin zur Einreichung des Entwurfs: Montag, 30. September 1907, mittags 12 Uhr.‘</p><p>Zwischen M&#xF6;rtelhaufen stieg ich umher, zwischen Stapeln nagelneuer Steine, die ich auf ihre Brennqualit&#xE4;t pr&#xFC;fte, schritt an ganzen Gebirgen von Basaltbruch vor&#xFC;ber, die ich zur Einfassung der T&#xFC;ren und Fenster vorgesehen hatte; ich hatte Dreckspuren am Hosenrand, Kalkspritzer auf der Weste; heftige Worte fielen in Bauh&#xFC;tten; waren die Mosaiksteine immer noch nicht geliefert worden, die ich f&#xFC;r die Darstellung des Gotteslamms &#xFC;ber dem Haupteingang brauchte? Zornausbruch, Skandal; Kredite wurden gesperrt, wieder fl&#xFC;ssig; Handwerksmeister standen am Donnerstagnachmittag Schlange vor meiner Bude, Lohngelder f&#xFC;r Freitag waren f&#xE4;llig; und abends stieg ich ersch&#xF6;pft in Kisslingen in den &#xFC;berheizten Personenzug, sank in den Polstersitz im Zweite-Klasse-Abteil, wurde in der Dunkelheit durch diese elenden R&#xFC;benbauernnester geschleppt, w&#xE4;hrend die schl&#xE4;frige Schaffnerstimme Stationsnamen ausrief: Denklingen, Dodringen, Kohlbingen, Schaklingen; R&#xFC;benberge, im Dunkeln grau wie Berge von Totenk&#xF6;pfen, lagen an Rampen zum Verladen bereit; weiter durch R&#xFC;bennester, R&#xFC;bennester; ich fiel am Bahnhof in eine Droschke, zu Hause in die Arme meiner Frau, die mich k&#xFC;sste, z&#xE4;rtlich meine &#xFC;berm&#xFC;deten Augen streichelte, stolz &#xFC;ber M&#xF6;rtelspuren strich, die meine &#xC4;rmel zierten; beim Kaffee, den Kopf in ihrem Scho&#xDF;, rauchte ich die langersehnte Zigarre, eine Sechziger, und erz&#xE4;hlte ihr von fluchenden Maurern; die musste man kennen, waren nicht b&#xF6;sartig, vielleicht ein bisschen grob, ein bisschen rot, aber ich wusste mit ihnen umzugehen; denen musste man hin und wieder einen Kasten Bier spendieren, ihnen auf Platt ein paar Witze erz&#xE4;hlen; nur nie meckern; sonst kippten sie einem eine ganze Wanne M&#xF6;rtel vor die F&#xFC;&#xDF;e, wie sie es beim Baubeauftragten des Erzbischofs gemacht hatten, oder warfen vom hohen Ger&#xFC;st einen Balken herunter, wie sie es beim Regierungsbaumeister gemacht hatten: der riesige Balken zersplitterte genau vor seinen F&#xFC;&#xDF;en. ‚Glaubst du, ich wei&#xDF; nicht, Liebste, dass ich von ihnen abh&#xE4;nge, nicht sie von mir, wo doch gebaut wird, gebaut, &#xFC;berall? Und nat&#xFC;rlich sind sie rot, warum sollten sie’s nicht sein? Hauptsache, sie k&#xF6;nnen mauern, mir helfen, meine Termine zu halten; ein Augenzwinkern, wenn ich mit den Kommissionen auf die Ger&#xFC;ste steige, das bewirkt Wunder.‘</p><empty-line/><p>‚Guten Morgen, der Herr. Fr&#xFC;hst&#xFC;ck?‘</p><p>‚Ja, bitte‘, sagte ich, sch&#xFC;ttelte den Kopf, als der Kellner mir die Speisekarte hinhielt, hob meinen Bleistift und skandierte die einzelnen Programmpunkte meines Fr&#xFC;hst&#xFC;cks in die Luft, tat so, als h&#xE4;tte ich mein Leben lang nichts anderes gefr&#xFC;hst&#xFC;ckt: ‚Ein K&#xE4;nnchen Kaffee, aber mit drei Tassen Kaffee, bitte, Toast, zwei Scheiben Schwarzbrot, Butter, Orangenmarmelade, ein gekochtes Ei und Paprikak&#xE4;se.‘</p><p>‚Paprikak&#xE4;se?‘</p><p>‚Ja, Rahmk&#xE4;se mit Paprika angemacht.‘</p><p>‚Sehr wohl.‘</p><p>Es glitt lautlos &#xFC;ber den gr&#xFC;nen Teppich, das gr&#xFC;ne Kellnergespenst, an gr&#xFC;ngedeckten Tischen zum K&#xFC;chenschalter hin, und die erste Replik kam prompt; die Komparserie war gut gedrillt und ich ein guter Regisseur: ‚Paprikak&#xE4;se?‘ fragte der Koch hinterm Schalter: ‚Ja‘, sagte der Kellner, ‚Rahmk&#xE4;se mit Paprika.‘ ‚Frag den Herrn, wieviel Paprika er im K&#xE4;se haben will.‘</p><p>Ich hatte angefangen, die Front des Bahnhofsgeb&#xE4;udes zu zeichnen, zog mit sicherem Strich die Umrandung der Fenster auf unschuldig wei&#xDF;es Papier, als der Kellner zur&#xFC;ckkam; er blieb wartend stehen, bis ich den Kopf hob, erstaunt meinen Stift vom Papier nahm.</p><p>‚Gestatten die Frage, wieviel Paprika in wieviel K&#xE4;se der Herr w&#xFC;nschen?‘</p><p>‚F&#xFC;nfundvierzig Gramm K&#xE4;se, mit einem Fingerhut voll Paprika gut durchgeknetet – und h&#xF6;ren Sie, Ober, ich werde auch morgen hier fr&#xFC;hst&#xFC;cken, &#xFC;bermorgen, den Tag nach &#xFC;bermorgen, in drei Wochen, drei Monaten und drei Jahren – h&#xF6;ren Sie? Und immer um die gleiche Zeit, gegen neun.‘</p><p>‚Sehr wohl.‘</p><p>Das war’s, was ich wollte, und es traf ein: genau. Sp&#xE4;ter erschrak ich oft, weil meine Pl&#xE4;ne sich so genau erf&#xFC;llten, das Unvorhergesehene nie geschah; nach zwei Tagen schon war ich ‚Der Herr mit dem Paprikak&#xE4;se‘, eine Woche sp&#xE4;ter! ‚Der junge K&#xFC;nstler, der immer gegen neun zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck kommt‘, nach drei Wochen: ‚Herr F&#xE4;hmel, der junge Architekt, der an einem gro&#xDF;en Auftrag arbeitet.‘</p><empty-line/><p>„Ja, ja, Kind, das alles betrifft die Abtei Sankt Anton; das zieht sich durch Jahre, Leonore, Jahrzehnte, bis auf heute; Reparaturen, Erweiterungsbauten und nach f&#xFC;nfundvierzig der Aufbau nach den alten Pl&#xE4;nen; Sankt Anton wird allein ein ganzes Regal f&#xFC;llen. Ja, Sie haben recht, ein Ventilator w&#xE4;re hier angebracht, es ist hei&#xDF; heute; nein, danke, ich will mich nicht setzen.“</p><p>Im Wechselrahmen der blaue Nachmittagshimmel des 6. September 1958, das Profil der D&#xE4;cherreihe, jetzt wieder ohne L&#xFC;cken; Teekannen auf bunten Tischen in Dachg&#xE4;rten; Frauen auf Liegest&#xFC;hlen, l&#xE4;ssig in der Sonne hingestreckt, brodelnd der Bahnhof von Ferienheimkehrern – wartete er deshalb vergebens auf Ruth, seine Enkelin? War sie verreist, hatte <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis> beiseite gelegt? Er tupfte sich vorsichtig mit dem Taschentuch die Stirn, Hitze und K&#xE4;lte hatten ihm nie etwas ausgemacht; rechts in der Ecke des Wechselrahmens ritten Hohenzollern k&#xF6;nige immer noch auf Bronzeg&#xE4;ulen westw&#xE4;rts, unver&#xE4;ndert seit achtundvierzig Jahren, auch der eine, sein oberster Kriegsherr; immer noch war seine verh&#xE4;ngnisvolle Eitelkeit an der Kopfhaltung zu erkennen; lachend zeichnete ich damals, am Fr&#xFC;hst&#xFC;ckstisch im Cafe Kroner, den Sockel, der noch kein Denkmal trug, w&#xE4;hrend der Kellner mir Paprikak&#xE4;se brachte: immer war ich der Zukunft so gewiss, dass mir die Gegenwart wie vollendete Vergangenheit erschien; war das mein erstes, allererstes Fr&#xFC;hst&#xFC;ck im Cafe Kroner – oder war es schon das dreitausendste? Jeden Tag ins Cafe Kroner, zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck, um neun, nur eins konnte mich abhalten, h&#xF6;here Gewalt, als mein oberster Kriegsherr mich zu den Fahnen rief, dieser Narr, der immer noch auf seinem Bronzegaul westw&#xE4;rts reitet. Paprikak&#xE4;se? A&#xDF; ich diese merkw&#xFC;rdige, r&#xF6;tlichwei&#xDF;e Schmiere, die gar nicht so &#xFC;bel schmeckte, zum ersten Mal, hatte sie vor einer Stunde im D-Zug, der von Norden auf die Stadt zubrauste, erfunden, um meinem Dauerfr&#xFC;hst&#xFC;ck die unerl&#xE4;ssliche pers&#xF6;nliche Note zu geben, oder schmierte ich mir diesen Brei schon zum drei&#xDF;igsten Mal aufs Schwarzbrot, w&#xE4;hrend der Kellner den Eierbecher wegnahm, die Marmelade in den Hintergrund des Tisches schob?</p><p>Vorsicht! Ich nahm das Instrument aus meiner Rocktasche, das mir bei der Korrektur so rascher und pr&#xE4;ziser Visionen das einzig verl&#xE4;ssliche blieb: den Taschenkalender, der mich im Irrgarten der Phantasie an Ort, Tag und Stunde zu mahnen hatte; es war Freitag, der 6. September 1907, und dieses Fr&#xFC;hst&#xFC;ck war mein erstes; bis zu diesem Tag hatte ich morgens nie zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck Bohnenkaffee getrunken, nur Malzkaffee, nie ein Ei gegessen, nur Haferschleim, Graubrot mit Butter und eine Scheibe roher Gurke, aber der Mythos, den ich begr&#xFC;nden wollte, war schon im Entstehen begriffen, war mit der Gegenfrage des Kochs ‚Paprikak&#xE4;se?‘ dorthin unterwegs, wo er auskommen sollte: beim Publikum. Mir blieb nichts zu tun als zu warten, dazusein – bis zehn, halb elf, w&#xE4;hrend sich das Cafe langsam f&#xFC;llte, eine Flasche Mineralwasser getrunken, einen Cognac dazu, den Zeichenblock auf den Knien, die Zigarre im Mund, den Bleistift in der Hand; zeichnen, zeichnen, w&#xE4;hrend Bankiers mit w&#xFC;rdigen Kunden an mir vor&#xFC;ber ins Konferenzzimmer gingen, Kellner auf gr&#xFC;nen Tabletts Weinflaschen hinterherbrachten; Kleriker mit ausl&#xE4;ndischen Confratres von Sankt-Severin-Besichtigungen kamen, in gebrochenem Latein, Englisch oder Italienisch die Sch&#xF6;nheiten der Stadt priesen; w&#xE4;hrend Beamte aus der Regierungskanzlei ihren hohen Rang durch die Tatsache bekundeten, dass sie souver&#xE4;n genug waren, hier gegen halb elf einen Mokka und einen Kirschschnaps zu trinken; Damen, die vom Gem&#xFC;semarkt kamen, Kohl und Karotten, Erbsen und Pflaumen in geflochtenen Ledertaschen, bewiesen ihre gute hausfrauliche Erziehung, da sie es wohl verstanden hatten, erm&#xFC;deten Bauernfrauen die Beute wohlfeil abzuschwatzen, verzehrten hier das Hundertfache des Eingesparten an Kaffee und Kuchen, emp&#xF6;rten sich, die Kaffeel&#xF6;ffel wie Degen schwingend, &#xFC;ber einen Rittmeister, der ‚im Dienst, im Dienst‘ einer gewissen Kokotte zum Balkon hinauf einen Handkuss zugeworfen hatte, ihr, die er ‚nachweislich, nachweislich‘ erst um f&#xFC;nfeinhalb Uhr morgens, den Lieferanteneingang des Hotels benutzend, verlassen hatte. Rittmeister im Lieferanteneingang. Schande.</p><p>Ich sah sie mir alle an und h&#xF6;rte ihnen zu, meinen Komparsen; zeichnete Stuhlreihen, Tischreihen mit Kellnerballett, verlangte zwanzig vor elf die Rechnung: sie war niedriger, als ich erwartet hatte; ich hatte mich entschlossen, ‚gro&#xDF;z&#xFC;gig, aber nicht verschwenderisch‘ aufzutreten; das hatte ich irgendwo gelesen und f&#xFC;r eine gute Formel befunden. Ich war m&#xFC;de, als ich, vom Kellner mit Dienern verabschiedet, das Cafe verlie&#xDF;, den mythosbildenden Mund des Kellners mit einem Extratrinkgeld von f&#xFC;nfzig Pfennig honorierte; und sie musterten mich eingehend, als ich das Cafe verlie&#xDF;, ahnten nicht, dass ich der Solist war; aufrechten Ganges, elastisch, schritt ich durchs Spalier, gab ihnen zu sehen, was sie sehen sollten: einen K&#xFC;nstler, mit gro&#xDF;em schwarzem Hut, klein, zart, wie f&#xFC;nfundzwanzig aussehend, mit dem unbestimmten Air l&#xE4;ndlicher Herkunft, doch sicher in seinem Auftreten. Noch einen Groschen dem Jungen, der mir die T&#xFC;r aufhielt.</p><p>Nur eine und eine halbe Minute bis hierhin, zum Haus Modestgasse 7. Lehrjungen, Lastwagen, Nonnen: Leben auf der Stra&#xDF;e; roch’s in der Toreinfahrt des Hauses Numero 7 wirklich nach Druckerschw&#xE4;rze? Maschinen wie Schiffsmaschinen schoben ihre Kolben hin und her, her und hin; Erbauliches wurde auf wei&#xDF;es Papier gedruckt; der Portier zog die M&#xFC;tze: ‚Der Herr Architekt? Das Gep&#xE4;ck ist schon oben.‘ Trinkgeld in r&#xF6;tliche H&#xE4;nde. ‚Immer zu jedem Dienst bereit, Herr Leutnant.‘ Grinsen. ‚Ja, es sind schon zwei Herren hier gewesen, die den Herrn Leutnant in den hiesigen Klub der Reserveoffiziere aufnehmen wollen.‘</p><p>Wieder sah ich die Zukunft deutlicher als die Gegenwart, die in dunkle Bereiche versank, in dem Augenblick, da sie vollzogen war; ich sah den schmierigen Portier von Zeitungsleuten umlagert, sah die Schlagzeilen: ‚Junger Architekt gewinnt Preisausschreiben gegen die Koryph&#xE4;en des Fachs.‘ Bereitwillig gab der Portier den Zeitungsleuten Auskunft: ‚Der? Meine Herren, nichts als Arbeit. Morgens um acht in die stille Messe zu Sankt Severin, Fr&#xFC;hst&#xFC;ck im Cafe Kroner bis halb elf; von halb elf bis f&#xFC;nf bleibt er unsichtbar oben in seinem Atelier; f&#xFC;r niemanden zu sprechen; lebt da oben – ja, lachen Sie nur – von Erbsensuppe, die er sich selber kocht; kriegt von seiner alten Mutter die Erbsen geschickt und den Speck, sogar die Zwiebeln. Von f&#xFC;nf bis sechs Spaziergang durch die Stadt; von halb sieben bis halb acht Billard im Hotel Prinz Heinrich, Klub der Reserveoffiziere. M&#xE4;dchen? Nicht, dass ich w&#xFC;sste. Freitags abends, meine Herren, von acht bis zehn Chorprobe im S&#xE4;ngerbund deutscher Kehlen.‘ Auch die Kellner im Cafe Kroner heimsten Trinkgelder ein f&#xFC;r Ausk&#xFC;nfte. ‚Paprikak&#xE4;se? Sehr interessant! Zeichnet auch w&#xE4;hrend des Fr&#xFC;hst&#xFC;cks wie ein Besessener?‘</p><p>Sp&#xE4;ter dachte ich oft an die Stunde meiner Ankunft, h&#xF6;rte Hufe auf Kopfsteinpflaster klappern, sah Hotelboys Koffer schleppen, sah die verschleierte Frau mit dem rosenroten Hut, las das Plakat: ‚Milit&#xE4;rpflichtigen empfehle ich‘ – lauschte meinem Lachen nach; wem galt es, woraus bestand es? Ich sah sie jeden Morgen, wenn ich nach der Messe her&#xFC;berkam, meine Post und die Zeitung zu holen; Ulanen, die zum &#xDC;bungsgel&#xE4;nde im Norden der Stadt ritten, dachte jeden Morgen an den Hass meines Vaters auf Pferde und Offiziere, wenn sich die klappernden Hufe entfernten, um Attacken zu reiten, in Sp&#xE4;htrupps Staub aufzuwirbeln; die Trompetensignale trieben Tr&#xE4;nen in die Augen Altgedienter, die auf der Stra&#xDF;e stehenblieben, aber ich dachte an meinen Vater; Reiterherzen, auch das des Portiers, schlugen h&#xF6;her; M&#xE4;dchen, mit Staubt&#xFC;chern in der Hand, erstarrten zu lebenden Bildern, k&#xFC;hlten den trostbereiten Busen im Morgenwind, w&#xE4;hrend der Portier mir das Paket von Mutter aush&#xE4;ndigte: Erbsen, Speck, Zwiebeln und Segensw&#xFC;nsche; mein Herz schlug nicht h&#xF6;her im Anblick der davonreitenden Schwadron.</p><p>Ich schrieb meiner Mutter beschw&#xF6;rende Briefe, nicht zu kommen; ich wollte nicht, dass sie der Komparserie eingereiht werde; sp&#xE4;ter, sp&#xE4;ter, wenn das Spiel lief, durfte sie kommen; sie war klein, zart und dunkel wie ich, lebte zwischen Friedhof und Kirche, und ihr Gesicht, ihre Erscheinung h&#xE4;tte zu gut gepasst in dieses Spiel; sie wollte nie Geld, ein Goldst&#xFC;ck im Monat langte ihr f&#xFC;r Suppe und Brot, f&#xFC;r den Groschen in den Klingelbeutel am Sonntag, den Pfennig am Werktag: komm sp&#xE4;ter, schrieb ich ihr – aber es wurde zu sp&#xE4;t: ihr Grab, neben Vater, neben Charlotte, Mauritius – nie sah sie den, dessen Adresse sie jede Woche schrieb: Modestgasse 7, Heinrich F&#xE4;hmel; ich hatte Angst vor der Weisheit ihres Blicks, vor dem Unvorhergesehenen, das ihr Mund aus sprechen w&#xFC;rde: Wozu? Geld oder Ehre, um Gott zu dienen oder den Menschen? Ich hatte Angst vor dem Katechismus ihrer Fragen, die als Antworten nur die zum Aussagesatz umgeformte Frage erforderten, an deren Ende ein Punkt und kein Fragezeichen stehen musste. Ich wusste nicht, wozu. Es war nicht Heuchelei, dass ich in die Kirche ging, geh&#xF6;rte nicht zu meinem Auftritt, obwohl sie es dazuz&#xE4;hlen w&#xFC;rde; mein Auftritt fing erst im Cafe Kroner an, endete um halb elf, fing um f&#xFC;nf Uhr nachmittags wieder an, endete um zehn; an Vater zu denken war leichter, w&#xE4;hrend die Ulanen endlich hinterm Modesttor verschwanden, Leierkastenm&#xE4;nner in die Vorstadt hinaushumpelten, sie wollten fr&#xFC;h genug dort sein, um einsamen Hausfrauen und Dienstm&#xE4;dchenherzen Trost zu spielen: Morgenrot, Morgenrot; w&#xFC;rden am sp&#xE4;ten Nachmittag in die Stadt zur&#xFC;ckhumpeln, um die Melancholie des Feierabends auszum&#xFC;nzen: Annemarie, Rosemarie; und dr&#xFC;ben h&#xE4;ngte Gretz gerade den Keiler vor die T&#xFC;r, frisches Wildschweinblut tropfte dunkelrot auf den Asphalt; um den Keiler herum wurden Fasanen und Rebh&#xFC;hner aufgeh&#xE4;ngt, Hasen; zartes Gefieder, dem&#xFC;tiges Hasenfell umschm&#xFC;ckte den gewaltigen Keiler; jeden Morgen h&#xE4;ngte Gretz seine toten Tiere auf, immer so, dass die Wunden dem Publikum sichtbar waren; Hasenb&#xE4;uche, Taubenbr&#xFC;ste, des Keilers aufgerissene Flanke; Blut musste sichtbar sein; Frau Gretzens rosige H&#xE4;nde ordneten Leberlappen zwischen Pilzhaufen; Kaviar, &#xFC;ber Eisw&#xFC;rfel geh&#xE4;uft, glitzerte vor riesigen Schinken; Langusten, violett wie scharf gebrannte Ziegel, bewegten sich blind, hilflos tastend in flachen Aquarien, warteten auf kundige Hausfrauenh&#xE4;nde, warteten am siebten, am neunten, am zehnten, elften September 1907, nur am achten, f&#xFC;nfzehnten und zweiundzwanzigsten September, an den Sonntagen blieb Gretzens Fassade frei von Blut, und ich sah die toten Tiere im Jahre 1908, 1909 – nur in den Jahren, in denen h&#xF6;here Gewalt herrschte, sah ich sie nicht; sah sie immer, einundf&#xFC;nfzig Jahre lang – sehe sie jetzt, wo kundige Hausfrauenh&#xE4;nde am Samstagnachmittag letzte Leckerbissen f&#xFC;rs Sonntagsmahl aussuchen.</p><p>„Ja, Leonore, Sie haben recht gelesen: erste Honorarzahlung einhundertf&#xFC;nfzigtausend Mark. Kein Datum? Das muss im August 1908 gewesen sein. Ja, ich bin sicher. August 1908. Sie haben noch nie Wildschwein gegessen? Sie haben nichts vers&#xE4;umt, wenn Sie meinem Geschmack trauen wollen. Hab’s nie gemocht. Br&#xFC;hen Sie doch etwas Kaffee auf, sp&#xFC;len Sie den Staub hinunter, und kaufen Sie Kuchen, wenn Sie welchen m&#xF6;gen. Unsinn, das macht doch nicht dick, trauen Sie doch diesem ganzen Schwindel nicht. Ja, das war neunzehnhundertunddreizehn, ein H&#xE4;uschen f&#xFC;r Herrn Kolger, Kellner im Cafe Kroner. Nein: kein Honorar.“</p><p>Wieviel Fr&#xFC;hst&#xFC;cke im Cafe Kroner? Zehntausend, zwanzigtausend? Ich hab’s nie nachgerechnet, jeden Tag ging ich hin, die abgerechnet, an denen h&#xF6;here Gewalt mich hinderte.</p><p>Ich sah, wie die h&#xF6;here Gewalt heraufzog, ich stand dr&#xFC;ben auf dem Dach des Hauses Numero 8, hinter der Pergola verborgen, blickte auf die Stra&#xDF;e hinunter, sah sie zum Bahnhof ziehen, Unz&#xE4;hlige sangen die Wacht am Rhein, riefen den Namen des Narren, der da immer noch auf seinem Bronzegaul westw&#xE4;rts reitet; sie hatten Blumen an ihren Arbeiterm&#xFC;tzen, an Zylindern, ihren Bankiersh&#xFC;ten, Blumen in den Knopfl&#xF6;chern, hatten Normalunterzeug, System Professor Gustav J&#xE4;ger, in kleinen Paketen unterm Arm; ihr L&#xE4;rm brandete bis zu mir herauf, und sogar die Huren da unten in der Kr&#xE4;merzeile hatten ihre Stenzen zum Meldeamt geschickt, mit besonders gutem, warmem Unterzeug , unterm Arm – und ich wartete vergebens auf Gef&#xFC;hle, die ich mit denen da unten h&#xE4;tte teilen k&#xF6;nnen; ich f&#xFC;hlte mich leer und einsam, gemein, zu keiner Begeisterung f&#xE4;hig und wusste gar nicht, warum ich dazu nicht f&#xE4;hig war; ich hatte nie dar&#xFC;ber nachgedacht; ich dachte an meine Pionieruniform, die nach Mottenkugeln roch, mir immer noch passte, obwohl ich sie mir mit zwanzig hatte machen lassen und inzwischen sechsunddrei&#xDF;ig alt geworden war; ich hoffte nur, ich w&#xFC;rde sie nicht anzuziehen brauchen; ich wollte Solist bleiben, nicht Komparse werden; sie waren &#xFC;bergeschnappt, die da unten singend zum Bahnhof zogen; die nicht ausr&#xFC;cken durften, wurden mit Bedauern angesehen, f&#xFC;hlten sich als Opfer, weil sie nicht dabeisein konnten; ich war bereit, mich als Opfer zu f&#xFC;hlen, und w&#xFC;rde es nicht bedauern. Unten im Hause weinte meine Schwiegermutter, weil ihre beiden S&#xF6;hne mit dem allerersten Aufgebot schon ausgeritten waren, zum G&#xFC;terbahnhof, wo die Pferde verladen wurden; stolze Ulanen, um die meine Schwiegermutter stolze Tr&#xE4;nen weinte; ich stand hinter der Pergola, die Glyzinien bl&#xFC;hten noch, h&#xF6;rte von unten aus dem Mund meines vierj&#xE4;hrigen Sohnes… <emphasis>muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr</emphasis><a l:href="#n_32" type="note">[32]</a>… und h&#xE4;tte hinuntergehen und ihn in Gegenwart meiner stolzen Schwiegermutter verpr&#xFC;geln sollen; ich lie&#xDF; ihn singen, lie&#xDF; ihn mit der Ulanentschapka spielen, die seine Onkel ihm geschenkt hatten, lie&#xDF; ihn seinen Degen hinter sich herschleppen, lie&#xDF; ihn ausrufen: <emphasis>Franzos tot! Englishman tot! Russ tot!</emphasis> Und nahm’s hin, dass der Standortkommandant mit weicher, fast brechender Stimme zu mir sagte: ‚Es tut mir ja so leid, F&#xE4;hmel, dass wir Sie noch nicht missen k&#xF6;nnen, dass Sie noch nicht dabeisein k&#xF6;nnen, aber auch die Heimat braucht Leute, braucht gerade Leute wie Sie.‘</p><p>Kasernenbau, Festungsbau, Lazarette; nachts, in meiner Leutnantsuniform kontrollierte ich die Br&#xFC;ckenwache; &#xE4;ltliche Kaufleute im Gefreitenrang, Bankiers im Rang eines Gemeinen salutierten beflissen, wenn ich den Treppenaufgang hinaufstieg, im Schein meiner Taschenlampe die obsz&#xF6;nen Zeichnungen sah, die vom Bade heimkehrende Jugendliche in den roten Sandstein gekratzt hatten; es roch nach beginnender M&#xE4;nnlichkeit im Br&#xFC;ckenaufgang. Irgendwo hing ein Schild: ‚Michaelis, Kohlen, Koks, Briketts‘, zeigte eine aufgemalte Hand in die Richtung, wo Michaelis’ G&#xFC;ter zu erwerben waren; und ich genoss meine Ironie, meine &#xDC;berlegenheit, wenn der Unteroffizier Gretz mir meldete: ‚Br&#xFC;ckenwache; ein Unteroffizier und sechs Mann; keine besonderen Vorkommnisse‘, winkte ab mit einer Handbewegung, wie ich sie aus Kom&#xF6;dien gelernt zu haben glaubte; sagte ‚R&#xFC;hren‘, schrieb meinen Namen ins Wachbuch, ging heim, h&#xE4;ngte Helm und Degen an die Garderobe, ging zu Johanna ins Wohnzimmer, legte meinen Kopf in ihren Scho&#xDF;, rauchte meine Zigarre und sagte nichts, und auch sie sagte nichts; sie brachte nur Gretz die G&#xE4;nseleberpastete zur&#xFC;ck, und als der Abt von Sankt Anton uns Brot schickte, Honig und Butter, verteilte sie es; ich sagte nichts dazu, bekam noch immer mein Fr&#xFC;hst&#xFC;ck im Cafe Kroner: das zweitausendvierhundertste mit Paprikak&#xE4;se; immer noch gab ich dem Kellnerf&#xFC;nfzig Pfennig Trinkgeld, obwohl er nichts annehmen wollte, darauf bestand, mir ein Honorar zu zahlen f&#xFC;r das Haus, das ich ihm entworfen hatte.</p><p>Johanna sprach aus, was ich dachte; sie trank keinen Sekt, als wir beim Standortkommandanten eingeladen waren, a&#xDF; nicht von dem Hasenpfeffer und wies alle T&#xE4;nzer ab; sie sagte es laut: ‚Der kaiserliche Narr…‘, und es war, als br&#xE4;che da drau&#xDF;en im Kasino an der Wilhelmskuhle die Eiszeit aus; sie wiederholte es in die Stille hinein: ‚Der kaiserliche Narr.‘ General, Oberst, Majore waren da, alle mit ihren Frauen, ich als frischbef&#xF6;rderter Oberleutnant, Beauftragter f&#xFC;r den Festungsbau; Eiszeit im Kasino an der Wilhelmskuhle; ein kleiner F&#xE4;hnrich hatte den guten Einfall, die Kapelle zu einem Walzer zu animieren; ich nahm Johannas Arm, brachte sie zur Kutsche; herrliche Herbstnacht; graue Kolonnen marschierten zu Vorstadtbahnh&#xF6;fen hinaus; keine besonderen Vorkommnisse.</p><p>Ehrengericht. Niemand wagte das, was Johanna gesagt hatte, zu wiederholen; L&#xE4;sterungen dieser Art wurden nicht einmal aktenkundig: Seine Majest&#xE4;t – ein kaiserlicher Narr; das h&#xE4;tte niemand hinzuschreiben gewagt; sie sagten immer nur: ‚Das, was Ihre Gattin gesagt hat‘, und ich sagte: ‚Das, was meine Frau gesagt hat‘, und sagte nicht, was ich h&#xE4;tte sagen m&#xFC;ssen, dass ich ihr zustimmte, ich sagte: ‚Schwanger, meine Herren, zwei Monate vor der Entbindung; zwei Br&#xFC;der verloren, Rittmeister Kilb, F&#xE4;hnrich Kilb, beide am gleichen Tag gefallen; eine kleine Tochter verloren, im Jahre 1909‘ – und wusste doch, dass ich h&#xE4;tte sagen m&#xFC;ssen: ich stimmte meiner Frau zu; wusste, dass Ironie nicht ausreichte und nie ausreichen w&#xFC;rde.</p><empty-line/><p>„Nein, Leonore, packen Sie dieses Paketchen nicht aus; der Inhalt hat nur Gef&#xFC;hlswert, ist leicht und doch kostbar: ein Flaschenkorken. Danke f&#xFC;r den Kaffee; bitte stellen Sie die Tasse auf die Fensterbank; ich warte vergebens, warte auf meine Enkelin, die meistens um diese Zeit oben auf dem Dachgarten Schulaufgaben macht; ich verga&#xDF;, dass die Ferien noch nicht zu Ende sind; sehen Sie, von hier oben kann man auch mitten in Ihr B&#xFC;ro hineinsehen, auch Sie kann ich von hier oben an Ihrem Schreibtisch sehen, Ihr h&#xFC;bsches Haar.“</p><p>Warum bebte die Tasse pl&#xF6;tzlich, klirrte wie vom Stampfen der Druckereimaschinen; war die Mittagspause zu Ende, wurden &#xDC;berstunden gemacht, auch am Samstagnachmittag Erbauliches auf wei&#xDF;es Papier gedruckt?</p><p>An unendlich vielen Morgen hatte ich das Beben gesp&#xFC;rt, wenn ich mit aufgest&#xFC;tzten Ellenbogen von hier auf die Stra&#xDF;e hinuntersah, auf das blonde Haar, dessen Geruch ich aus der Morgenmesse kannte; allzu kernige Seifen w&#xFC;rden das h&#xFC;bsche Haar t&#xF6;ten; Biederkeit wurde hier als Parf&#xFC;m benutzt. Ich ging hinter ihr her, wenn sie nach der Messe um Viertel vor neun an Gretzens Laden vorbei auf das Haus Nummer 8 zuging. Das gelbe, das auf schwarzem Holz die wei&#xDF;e, leicht verwitterte Aufschrift trug: ‚Dr. Kilb, Notar‘. Ich beobachtete sie, wenn ich in der Pf&#xF6;rtnerloge auf meine Zeitung wartete; Licht fiel auf sie; fiel auf ihr zartes, im Dienst der Gerechtigkeit zerknittertes Gesicht, wenn sie die B&#xFC;rot&#xFC;r &#xF6;ffnete, die L&#xE4;den aufstie&#xDF;, dann die Kombination des Safes einstellte, die Stahlt&#xFC;ren &#xF6;ffnete, die sie zu erdr&#xFC;cken schienen; sie pr&#xFC;fte den Inhalt des Safes, und ich konnte &#xFC;ber die schmale Modestgasse hinweg genau in den Safe hineinsehen, am obersten Fach das s&#xE4;uberlich gemalte Pappschild lesen: ‚Projekt Sankt Anton‘. Drei gro&#xDF;e Pakete lagen dort, mit Siegeln wie mit Wunden bedeckt. Es waren nur drei, und jedes Kind kannte die Namen der Absender: Brehmockel, Grumpeter und Wollersein. Brehmockel, der Erbauer von siebenunddrei&#xDF;ig neugotischen Kirchen, siebzehn Kapellen und einundzwanzig Kl&#xF6;stern und Krankenh&#xE4;usern; Grumpeter, der Erbauer von nur dreiunddrei&#xDF;ig neuromanischen Kirchen, nur zw&#xF6;lf Kapellen und achtzehn Krankenh&#xE4;usern; das dritte Paket stammte von Wollersein, der nur neunzehn Kirchen, nur zwei Kapellen, nur vier Krankenh&#xE4;user erbaut, daf&#xFC;r aber einen richtigen Dom aufzuweisen hatte. ‚Schon gelesen, Herr Leutnant, was in der Wacht steht?‘ fragte der Portier, und ich las oberhalb des hornigen Portierdaumens die Zeile, die er mir hinhielt: ‚Heute letzter Termin f&#xFC;r Projekt Sankt Anton. Hat unsere Architektenjugend keinen Mut?‘ Ich lachte, rollte meine Zeitung zusammen, ging zum Fr&#xFC;hst&#xFC;ck ins Cafe Kroner; es klang schon wie uralte, seit Jahrhunderten eingesungene Liturgie; wenn der Kellner in die Klappe zur K&#xFC;che hinein sagte: ‚Fr&#xFC;hst&#xFC;ck f&#xFC;r Herrn Architekten F&#xE4;hmel wie immer.‘ Hausfrauen, Kleriker, Bankiers – das Stimmengewirr gegen halb elf. Zeichenblock mit L&#xE4;mmern, Schlangen, Pelikanen; f&#xFC;nfzig Pfennig Trinkgeld f&#xFC;r den Kellner, zehn f&#xFC;r den Boy, das Grinsen des Pf&#xF6;rtners, wenn ich ihm seine Morgenzigarre in die Hand legte, die Post entgegennahm. Ich stand hier, sp&#xFC;rte das Beben der Druckereimaschinen an meinen Ellenbogen, sah unten in Kilbs B&#xFC;ro den Lehrling, der in Fenstern&#xE4;he das wei&#xDF;e Falzbein schwang. Ich &#xF6;ffnete den Brief, den der Portier mir gegeben hatte: ‚… sind wir in der Lage, Ihnen die Position eines Chefzeichners ab sofort anzubieten; wenn gew&#xFC;nscht, Familienanschluss; garantiert freundliche Aufnahme in die hiesige Gesellschaft. Kein Mangel an Geselligkeiten…‘ So winkte man mit lieblichen Architektent&#xF6;chtern, bot kosige Landpartien, auf denen junge M&#xE4;nner mit runden H&#xFC;ten am Waldesrand Bierf&#xE4;sser anzapften, junge Damen belegte Brote auspackten und anboten, und da konnte man auf frischgem&#xE4;hten Wiesen ein T&#xE4;nzchen wagen, w&#xE4;hrend M&#xFC;tter, die &#xE4;ngstlich die Jahre ihrer T&#xF6;chter z&#xE4;hlten, entz&#xFC;ckt von soviel Grazie in die H&#xE4;nde klatschten, und wenn man zum gemeinsamen Waldspaziergang aufbrach, Arm in Arm, denn die Damen pflegten &#xFC;ber Wurzeln zu stolpern, bot sich, da die Distanzen im Waldesdunkel sich unmerklich vergr&#xF6;&#xDF;erten, Gelegenheit, einen Kuss zu wagen, auf den Unterarm, die Wange, die Schulter, und wenn man dann heimw&#xE4;rts fuhr, im Abendd&#xE4;mmer durch lauschige Wiesen, an deren R&#xE4;ndern sogar Rehe, als w&#xE4;ren sie eigens daf&#xFC;r bestellt, aus dem Wald hervorlugten; wenn Lieder aufklangen, die sich von Kutsche zu Kutsche fortpflanzten, dann w&#xFC;rde man sich schon zufl&#xFC;stern k&#xF6;nnen, dass Amor getroffen habe. Wehe Herzen, wunde Seelen trugen die Kutschen heimw&#xE4;rts.</p><p>Und ich schrieb eine liebensw&#xFC;rdige Antwort: ‚… bin ich gerne bereit, auf Ihr freundliches Angebot zur&#xFC;ckzukommen, sobald ich die privaten Studien, die mich noch eine Weile an die Stadt fesseln, beendet haben werde…‘; klebte den Umschlag zu, die Marke drauf, ging zur Fensterbank zur&#xFC;ck und blickte in die Modestgasse hinunter: wie ein Dolch blitzte das Falzbein auf, wenn der Junge zum Schwung ansetzte; zwei Hoteldiener luden den Keiler auf einen Handkarren; abends w&#xFC;rde ich von diesem Keiler kosten, beim Herrenessen des S&#xE4;ngerbunds deutscher Kehlen, w&#xFC;rde ihre Witze anh&#xF6;ren m&#xFC;ssen, und sie w&#xFC;rden meinem Lachen nicht anmerken, dass ich nicht dar&#xFC;ber lachte, sondern &#xFC;ber sie; ihre Witze waren mir so widerw&#xE4;rtig wie die So&#xDF;en, und ich lachte mein Lachen, hier oben am Fenster und wusste immer noch nicht: war es Hass oder Verachtung? Nur eins wusste ich: es war nicht nur Freude.</p><p>Pilze in wei&#xDF;en K&#xF6;rben wurden von Gretzens Lehrm&#xE4;dchen neben den Keiler gestellt; schon wog im Prinz Heinrich der Koch die Gew&#xFC;rze ab, schliffen K&#xFC;chengehilfen die Messer; aufgeregte Hilfskellner zupften sich zu Hause vor dem Spiegel die Krawatten zurecht, die sie probeweise umgelegt hatten, und fragten ihre b&#xFC;gelnden Frauen – der Pl&#xE4;ttdunst gewendeter Hosen erf&#xFC;llte die K&#xFC;che – : ‚Muss ich dem Bischof den Ring k&#xFC;ssen, wenn ich das Pech haben sollte, ihn zu bedienen?‘ Immer noch schwang der Lehrling das wei&#xDF;e Falzbein.</p><p>Elf Uhr, f&#xFC;nfzehn Minuten; ich b&#xFC;rstete meinen schwarzen Anzug, pr&#xFC;fte den Sitz der Samtschleife, setzte den Hut auf, zog meinen Taschenkalender hervor, er war nur so gro&#xDF; wie eine flache Streichholzschachtel, schlug den Kalender auf und blickte hinein: 30. September 1907. 11.30 bei Kilb Entwurf abgeben. Quittung verlangen.</p><p>Vorsicht! Zu oft hatte ich in planender Vorstellung diese Handlung vollzogen: die Treppe hinunter, &#xFC;ber die Stra&#xDF;e, durch den Flur, ins Vorzimmer. ‚Ich w&#xFC;nsche Herrn Notar pers&#xF6;nlich zu sprechen!‘</p><p>‚In welcher Angelegenheit?‘</p><p>‚Ich m&#xF6;chte dem Herrn Notar einen Entwurf &#xFC;bergeben. <emphasis>Preisausschreiben Sankt Ant</emphasis>on.‘</p><p>Nur der Lehrling w&#xFC;rde &#xDC;berraschung zeigen, das Falzbein stillhalten, sich umblicken, dann aber besch&#xE4;mt sein Gesicht wieder der Stra&#xDF;e, den Formularen zuwenden, eingedenk der Mahnung: Diskretion, Diskretion! In diesem Raum, wo Sch&#xE4;bigkeit zum Schick geh&#xF6;rte, die Portr&#xE4;ts rechtsbeflissener Vorfahren an der Wand hingen, wo Tintenf&#xE4;sser achtzig Jahre alt wurden, Falzbeine einhundertundf&#xFC;nfzig; hier wurden gewaltige Transaktionen in Stillschweigen vollzogen; hier wechselten ganze Stadtviertel ihre Besitzer, wurden Heiratsvertr&#xE4;ge abgefasst, in denen j&#xE4;hrliche Nadelgelder ausgesetzt wurden, die h&#xF6;her waren als die Summe, die ein Kanzlist in f&#xFC;nf Jahren verdiente; hier wurde aber auch des biederen Schuhmachermeisters Zweitausender-Hypothek notariell best&#xE4;tigt, des zittrigen Rentners Testament aufbewahrt, in dem er seinem Lieblingsenkel sein Nachttischchen vermachte; der Witwen und Waisen, der Arbeiter und Million&#xE4;re Rechtsgesch&#xE4;fte wurden hier in Verschwiegenheit erledigt, angesichts des Wandspruchs: <emphasis>Voll ist ihre Rechte von Geschenken</emphasis>. Kein Grund, aufzublicken, wenn ein junger K&#xFC;nstler, im vom Onkel geerbten, gewendeten schwarzen Anzug, ein in Kanzleipapier gewickeltes Paket, Zeichenrollen, &#xFC;bergab und glaubte, den Herrn Notar deswegen pers&#xF6;nlich bem&#xFC;hen zu m&#xFC;ssen. Der B&#xFC;rovorsteher versiegelte das Paket, die Zeichenrollen, dr&#xFC;ckte das Kilbsche Wappen, ein Lamm, dem der Blutstrahl aus der Brust brach, in den hei&#xDF;en Siegellack, w&#xE4;hrend die Blonde, Rechtschaffene die Quittung ausschrieb: ‚Am Montag, dem 30. September 1907, vormittags 11.35 &#xFC;bergab Herr Architekt Heinrich F&#xE4;hmel…‘ Glitt nicht, als sie mir die Quittung hinhielt, &#xFC;ber ihr blasses, freundliches Gesicht ein Schimmer des Erkennens? Ich war begl&#xFC;ckt &#xFC;ber das Unvorhergesehene, weil es mir bewies, dass Zeit etwas Wirkliches war; es gab also diesen Tag, diese Minute; bewiesen war es nicht durch mich, der ich tats&#xE4;chlich die Treppe hinuntergegangen war, die Stra&#xDF;e &#xFC;berquert, Flur und Vorzimmer betreten hatte; bewiesen nicht durch den Lehrling, der aufblickte, besch&#xE4;mt dann, der Diskretion eingedenk, sich wieder abwandte; bewiesen nicht durch die blutroten Wunden der Siegel; bewiesen war es durch das unvorhergesehene freundliche L&#xE4;cheln der Kanzlistin, die meinen gewendeten Anzug musterte, mir dann, als ich die Quittung aus ihrer Hand nahm, zufl&#xFC;sterte: ‚Viel Gl&#xFC;ck, Herr F&#xE4;hmel.‘ Diese Worte waren die ersten innerhalb der viereinhalb Wochen, die der Zeit eine Wunde schlugen, mich daran erinnerten, dass es Spuren von Wirklichkeit gab in diesem Spiel, das ich ablaufen lie&#xDF;; die Zeit war also nicht nur in Traumkabinetten geregelt, wo Zuk&#xFC;nftiges gegenw&#xE4;rtig, Gegenw&#xE4;rtiges mich seit Jahrhunderten vergangen d&#xFC;nkte, Vergangenes zuk&#xFC;nftig wurde, wie eine Kindheit, auf die ich zulief wie als Kind auf meinen Vater. Er war still gewesen, Jahre h&#xE4;uften sich um ihn herum wie Bleischichten aus Stille; Orgelregister gezogen, beim Hochamt gesungen, bei Beerdigungen erster Klasse viel, zweiter Klasse wenig, bei denen dritter Klasse gar nicht gesungen; so still, dass mir jetzt, da ich an ihn dachte, ganz beklommen war; er hatte K&#xFC;he gemolken, Heu geschnitten, Korn gedroschen, bis das schwei&#xDF;verklebte Gesicht von Spelzen wie von Insekten bedeckt war; hatte den Taktstock geschwungen, f&#xFC;r den J&#xFC;nglingsverein, den Gesellenverein, den Sch&#xFC;tzenverein und den C&#xE4;cilienverein; sprach nie, schimpfte nie, sang nur, schnitzelte R&#xFC;ben, kochte Kartoffeln f&#xFC;rs Schwein, spielte Orgel, zog seinen schwarzen K&#xFC;sterrock an, das wei&#xDF;e Rochett dr&#xFC;ber; niemandem im Dorf fiel auf, dass er nie sprach, weil alle ihn nur t&#xE4;tig kannten; von vier Kindern starben zwei an der Schwindsucht, blieben nur zwei: Charlotte und ich. Meine Mutter, zart, eine von denen, die Blumen lieben, h&#xFC;bsche Gardinen, die beim B&#xFC;geln Lieder singen und abends am Herdfeuer Geschichten erz&#xE4;hlen; Vater schuftete, zimmerte Betten, f&#xFC;llte S&#xE4;cke mit Stroh, schlachtete H&#xFC;hner, bis Charlotte starb: Engelamt, Kirche in Wei&#xDF;; der Pfarrer sang, aber der K&#xFC;ster antwortete nicht, zog nicht die Register, kein Orgelton, keine Respons kam von der Empore herunter; nur der Pfarrer sang. Schweigen, als vor der Kirche der Zug sich in Richtung Friedhof formierte; fragte der verst&#xF6;rte Pfarrer: ‚Aber F&#xE4;hmel, mein lieber, guter F&#xE4;hmel, warum haben Sie denn nicht gesungen?‘ Und ich h&#xF6;rte zum ersten Mal die Stimme meines Vaters etwas aussprechen, und ich war erstaunt, wie rauh die Stimme dessen klang, der so sanft von der Orgelempore heruntersingen konnte; er sagte es leise, mit knurrendem Unterton: ‚Bei Begr&#xE4;bnissen dritter Klasse wird nicht gesungen.‘ Dunst &#xFC;ber dem Niederrhein, Nebelschwaden zogen tanzende Schleifen &#xFC;ber die R&#xFC;ben&#xE4;cker, in Weidenb&#xE4;umen schnarrten die Kr&#xE4;hen wie Fastnachtsklappern, w&#xE4;hrend der verst&#xF6;rte Pfarrer die Liturgie las; Vater schwang nicht mehr den Taktstock im J&#xFC;nglingsverein, im Gesellenverein, im Sch&#xFC;tzenverein, nicht mehr im C&#xE4;cilienverein, und es war, als h&#xE4;tte dieser erste Satz, den ich ihn sprechen h&#xF6;rte – sechzehn war ich, als Charlotte zw&#xF6;lfj&#xE4;hrig starb —, als h&#xE4;tte er mit diesem ersten Satz seine Stimme entdeckt; er sprach mehr, sprach von Pferden und Offizieren, die er hasste, sagte es drohend: ‚Wehe euch, wenn ihr mich erster Klasse beerdigen lasst.‘</p><p>‚Ja‘, wiederholte die Blonde, ‚viel Gl&#xFC;ck w&#xFC;nsche ich Ihnen.‘ Vielleicht h&#xE4;tte ich die Quittung zur&#xFC;ckgeben, das versiegelte Paket, die Zeichenrollen zur&#xFC;ckverlangen, heimkehren sollen; die Tochter des B&#xFC;rgermeisters und Bauunternehmers heiraten, Feuerwehrh&#xE4;user bauen, kleine Schulen, Kirchen, Kapellen; auf l&#xE4;ndlichen Richtfesten mit der Hausherrin tanzen sollen, w&#xE4;hrend meine Frau mit dem Hausherren tanzte; warum Brehmockel, Grumpeter und Wollersein herausfordern, die gro&#xDF;en Koryph&#xE4;en des Kirchenbaus, warum? Ich f&#xFC;hlte mich frei von Ehrgeiz, Geld lockte mich nicht; ich w&#xFC;rde niemals zu hungern brauchen; mit Pfarrer, Apotheker, Wirt und B&#xFC;rgermeister Skat spielen, an Treibjagden teilnehmen, reichgewordenen Bauern ‚was Modernes‘ bauen – aber schon st&#xFC;rzte der Lehrling von der Fensterbank zur T&#xFC;r, hielt sie mir auf; ich sagte ‚Danke‘, ging hinaus, durch den Flur, &#xFC;berquerte die Stra&#xDF;e, stieg die Treppe zum Atelier hinauf, st&#xFC;tzte meinen Arm auf die Fensterbank, die vom Stampfen der Druckereimaschinen bebte, es war am 30. September 1907, gegen 11.45 Uhr…</p><p>„Ja, Leonore, es ist eine Last mit den Druckereimaschinen; wieviel Tassen sind mir schon zerbrochen, wenn ich nicht darauf achtete. Lassen Sie sich Zeit, nicht so hastig, Kind. Wenn Sie so weiterarbeiten, werden Sie in einer Woche geordnet haben, was ich einundf&#xFC;nfzig Jahre lang nicht ordnen mochte. Nein, danke, f&#xFC;r mich keinen Kuchen. Ich darf Sie doch Kind nennen? Sie brauchen &#xFC;ber die Schmeicheleien eines alten Mannes nicht zu err&#xF6;ten. Ich bin ein Denkmal, Leonore, und Denkm&#xE4;ler k&#xF6;nnen einem nichts anhaben; ich alter Narr gehe immer noch jeden Morgen ins Cafe Kroner, esse dort meinen Paprikak&#xE4;se, obwohl er mir schon lange nicht mehr schmeckt; ich bin es den Zeitgenossen schuldig, meine Legende nicht zu zerst&#xF6;ren; ich werde ein Waisenhaus stiften, vielleicht eine Schule, werde Stipendien aussetzen, und irgendwann und irgendwo werden sie mich bestimmt in Erz gie&#xDF;en und enth&#xFC;llen; Sie sollen dabeistehen und lachen, Leonore; Sie k&#xF6;nnen so h&#xFC;bsch lachen, wissen Sie das? Ich kann es nicht mehr, ich hab es verlernt und hab doch geglaubt, es w&#xE4;re eine Waffe; es war keine, war nur eine kleine T&#xE4;uschung. Wenn Sie Lust haben, werde ich Sie zum Akademikerball mitnehmen, Sie als meine Nichte vorstellen, dort sollen Sie Sekt trinken, tanzen und einen jungen Mann kennenlernen, der gut zu Ihnen ist und Sie liebt; ich werde Ihnen eine h&#xFC;bsche Mitgift stiften – ja, sehen Sie sich das mal in Ruhe an: drei Meter mal zwei Meter, die Gesamtansicht von Sankt Anton; das h&#xE4;ngt schon einundf&#xFC;nfzig Jahre hier im Atelier, hing noch da, als die Decke eingest&#xFC;rzt war; daher r&#xFC;hren die paar Stockflecken, die Sie da sehen; es war mein erster gro&#xDF;er Auftrag, ein Riesenauftrag, und ich war, kaum drei&#xDF;ig damals, ein gemachter Mann.</p><empty-line/><p>Und brachte im Jahre 1917 nicht den Mut auf, zu tun, was Johanna an meiner Stelle tat; sie riss Heinrich, der oben auf dem Dach neben der Pergola stand, das Gedicht aus der Hand, das er auswendig lernen sollte; er sagte es mit ernsthafter Kinderstimme:</p><poem><stanza><v><emphasis>Sprach Petrus, der Pf&#xF6;rtner am Himmelstor:</emphasis></v><v><emphasis>„Ich trage die Sache h&#xF6;heren Orts vor.“</emphasis></v><v><emphasis>Und siehe, nicht lange, da kam er zur&#xFC;ck:</emphasis></v><v><emphasis>„Exzellenz Bl&#xFC;cher, Sie haben Gl&#xFC;ck!</emphasis></v><v><emphasis>Urlaub auf unbestimmte Zeit“</emphasis></v><v><emphasis>(Sprach’s und &#xF6;ffnete das Himmelstor weit.)</emphasis></v><v><emphasis>„Zieh, alter Feuerkopf, und schlag drein,</emphasis></v><v><emphasis>Der alte Gott wird mit Euch sein.“</emphasis></v></stanza></poem><p>Robert war noch nicht zwei und Otto noch nicht geboren; ich hatte Urlaub, war mir l&#xE4;ngst klar &#xFC;ber das, was ich unklar gesp&#xFC;rt hatte: dass Ironie nicht ausreichte und nie ausreichen w&#xFC;rde, dass sie nur ein Narkotikum f&#xFC;r Privilegierte war, und ich h&#xE4;tte tun m&#xFC;ssen, was Johanna dann tat; ich h&#xE4;tte in meiner Hauptmannsuniform mit dem Jungen sprechen m&#xFC;ssen, aber ich lauschte nur, wie er weiter rezitierte:</p><poem><stanza><v><emphasis>Bl&#xFC;cher ist’s, der herniederstieg,</emphasis></v><v><emphasis>Uns zu f&#xFC;hren von Sieg zu Sieg,</emphasis></v><v><emphasis>Vorw&#xE4;rts mit Hurra und Hindenburg,</emphasis></v><v><emphasis>Ostpreu&#xDF;ens Retter und feste Burg.</emphasis></v><v><emphasis>Solange noch deutsche W&#xE4;lder stehn,</emphasis></v><v><emphasis>Solange noch deutsche Wimpel wehn,</emphasis></v><v><emphasis>Solange noch lebt ein deutsches Wort,</emphasis></v><v><emphasis>lebt der Name unsterblich fort.</emphasis></v><v><emphasis>Gemei&#xDF;elt in Stein, gegraben in Erz,</emphasis></v><v><emphasis>Du, unser Held, dir schl&#xE4;gt unser Herz:</emphasis></v><v><emphasis>Hindenburg! Vorw&#xE4;rts!</emphasis></v></stanza></poem><p>Johanna riss dem Jungen den Zettel aus der Hand, zerriss ihn, streute die Fetzen auf die Stra&#xDF;e hinunter, wie Schneeflocken fielen sie vor Gretzens Laden, wo in diesen Tagen kein Keiler hing; h&#xF6;here Gewalt herrschte.</p><empty-line/><p>Lachen wird nicht gen&#xFC;gen, Leonore, wenn sie mein Denkmal enth&#xFC;llen; bespuck es, Kind – im Namen meines Sohnes Heinrich, im Namen Ottos, der ein so lieber Junge war, und brav, und weil er so lieb war und so brav, so folgsam – mir so fremd wurde, wie kein Mensch auf dieser Erde, und im Namen Ediths, des einzigen Lammes, das ich je sah; ich liebte sie, die Mutter meiner Enkel, und konnte ihr nicht helfen, konnte dem Tischlerlehrling nicht helfen, den ich nur zweimal sah, und nicht dem Jungen, den ich niemals sah; der uns Botschaften von Robert, Zettel so gro&#xDF; wie Bonbonpapiere, in den Briefkasten warf und dieses Verbrechens wegen in einem Lager verschwand. Robert war immer klug und k&#xFC;hl und nie ironisch; Otto war anders, er zeigte Herz und hatte doch pl&#xF6;tzlich vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gekostet und wurde uns fremd; bespucke mein Denkmal, Leonore, sag ihnen, ich h&#xE4;tte dich darum gebeten; ich kann’s dir auch schriftlich geben und meine Unterschrift notariell beglaubigen lassen; du h&#xE4;ttest den Jungen sehen m&#xFC;ssen, der mich den Satz begreifen machte: <emphasis>Engel stiegen herab und dienten ihm</emphasis>, er war Tischlerlehrling; sie schlugen ihm den Kopf ab; du h&#xE4;ttest Edith sehen m&#xFC;ssen und ihren Bruder, den ich ein einziges Mal sah, wie er &#xFC;ber unseren Hof kam und zu Robert hinaufging; ich stand am Schlafzimmerfenster und sah ihn nur eine halbe Minute lang, und ich hatte Angst; er trug Heil auf den Schultern und Unheil; Schrella, ich hab seinen Vornamen nie erfahren, war wie ein Gerichtsvollzieher Gottes, der f&#xFC;r unbezahlte Rechnungen unsichtbare Pfandmarken an die H&#xE4;user klebte; ich wusste, dass er meinen Sohn fordern w&#xFC;rde, und lie&#xDF; ihn mit seinen h&#xE4;ngenden Schultern &#xFC;ber den Hof gehen; den &#xE4;ltesten meiner &#xFC;berlebenden S&#xF6;hne, begabt; Ediths Bruder pf&#xE4;ndete ihn: Edith war anders, ihr biblischer Ernst war so gewaltig, dass sie sich biblischen Humor erlauben durfte; sie lachte mit ihren Kindern inmitten des Bombardements; sie gab ihnen biblische Namen: Joseph und Ruth; und der Tod barg f&#xFC;r sie keine Schrecken; sie begriff nie, dass ich so sehr um meine verstorbenen Kinder trauerte, um Johanna und Heinrich – sie erfuhr nicht mehr, dass auch Otto starb, der Fremde, der mir am n&#xE4;chsten gestanden hatte; er liebte mein Atelier, meine Zeichnungen, fuhr mit mir auf Baustellen, trank auf Richtfesten Bier, war der Liebling der Bauarbeiter; er wird an meiner Geburtstagsfeier heute abend – nicht teilnehmen; wieviel G&#xE4;ste sind geladen? An einer Hand abzuz&#xE4;hlen die Sippe, die ich gr&#xFC;ndete: Robert, Joseph, Ruth, Johanna und ich; auf Johannas Platz wird Leonore sitzen, und was werde ich Joseph sagen, wenn er mit jugendlichem Eifer vom Fortschritt der Aufbauarbeiten in Sankt Anton berichtet; Richtfest Ende Oktober; die M&#xF6;nche wollen die Adventsliturgie schon in der neuen Kirche singen. <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis><a l:href="#n_33" type="note">[33]</a>, Leonore, und sie haben meine L&#xE4;mmer nicht geweidet.</p><p>Ich h&#xE4;tte die Quittung zur&#xFC;ckgeben, die roten Siegel erbrechen und vernichten sollen, dann brauchte ich nicht hier zu stehen und auf meine Enkelin zu warten, die h&#xFC;bsche, schwarzhaarige, neunzehn Jahre alte, so alt wie Johanna war, als ich vor einundf&#xFC;nfzig Jahren hier oben stand und sie dr&#xFC;ben auf dem Dachgarten sah; ich konnte den Buchtitel erkennen: <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis> – oder ist es Johanna, die jetzt dr&#xFC;ben <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis> liest; ist sie wirklich nicht da, mit Robert immer noch im L&#xF6;wen beim Mittagessen; hab ich in die Pf&#xF6;rtnerloge die obligatorische Zigarre gelegt, bin dem vertraulichen Unter-M&#xE4;nnern-Herr-Leutnant-Gespr&#xE4;ch entronnen, um hier oben von halb elf bis f&#xFC;nf zu hocken, nur dazusein; bin an B&#xFC;cherstapeln, an Stapeln frischgedruckter Bistumsbl&#xE4;ttchen vorbei hier heraufgestiegen; was wird denn samstags nachmittags noch auf wei&#xDF;es Papier gedruckt; Erbauliches oder Wahlplakate f&#xFC;r alle die, die vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gekostet haben? Da beben die W&#xE4;nde, zittern die Stufen, bringen Arbeiterinnen immer neue Stapel, h&#xE4;ufen sie bis vor die Ateliert&#xFC;r. Ich lag hier oben, &#xFC;bte mich in der Kunst, nur dazusein; trieb dahin wie im Sog eines schwarzen Windkanals, der mich hinausschleudern w&#xFC;rde; wohin? wurde in uralter Bitterkeit dahingewirbelt, getr&#xE4;nkt mit uralter Vergeblichkeit, sah die Kinder, die ich haben, die Weine, die ich trinken, die Krankenh&#xE4;user und Kirchen, die ich bauen w&#xFC;rde – und h&#xF6;rte immer die Erdklumpen auf meinen Sarg fallen, dumpfe Trommelger&#xE4;usche, die mich verfolgten; ich h&#xF6;rte den Gesang der Einlegerinnen und der Falzerinnen und Packerinnen, hell die einen, dunkel, s&#xFC;&#xDF; und spr&#xF6;de die andern; sie besangen die einfachen Freuden des Feierabends; es drang wie mein Grabgesang zu mir hin: Liebe im Tanzlokal, wehes Gl&#xFC;ck an der Friedhofsmauer, im herbstlich duftenden Gras; alter Mutter Tr&#xE4;nen als Vorboten junger Mutter Freuden, Waisenhausmelancholie, wo ein tapferes junges M&#xE4;dchen rein zu bleiben beschloss; doch traf es auch sie, traf sie im Tanzlokal; wehes Gl&#xFC;ck an der Friedhofsmauer, im herbstlich duftenden Gras – immer wieder griffen die Stimmen der Arbeiterinnen wie Sch&#xF6;pfr&#xE4;der ins ewig gleiche Wasser, sie sangen es mir zum Grabgesang, w&#xE4;hrend Erdklumpen auf meinen Sarg polterten. Ich blickte unter den Augenlidern hervor auf die W&#xE4;nde meines Ateliers, die ich mit Zeichnungen tapeziert hatte: majest&#xE4;tisch in der Mitte die r&#xF6;tliche Lichtpause, I : 200, die Abtei Sankt Anton; im Vordergrund der Weiler Stehlingers Grotte, weidende K&#xFC;he, ein abgeernteter Kartoffelacker, von dem der Rauch eines Feuers hochstieg; dann die Abtei, gewaltig, im Basilikastil, r&#xFC;cksichtslos hatte ich sie romanischen Kathedralen nachgebildet, den Kreuzgang streng, niedrig und dunkel; Klausur, Refektorium, Bibliothek; in der Mitte des Kreuzgangs die Figur des heiligen Antonius; das gro&#xDF;e Geviert mit den landwirtschaftlichen Geb&#xE4;uden; Scheune, St&#xE4;lle, Wagenremisen, eigene M&#xFC;hle mit B&#xE4;ckerei, ein h&#xFC;bsches Wohnhaus f&#xFC;r den &#xD6;konom, der auch die Pilger zu betreuen hatte; da standen unter hohen B&#xE4;umen einfache Tische und St&#xFC;hle, auf denen die Wegzehrung zu herbem Wein, zu Most oder Bier verzehrt werden konnte; am Horizont angedeutet der zweite Weiler: G&#xF6;rlingers Stuhl; Kapelle, Friedhof, vier Bauernh&#xF6;fe, weidende K&#xFC;he; Pappelreihen grenzten rechts das gerodete Land ab, wo dienende M&#xF6;nche Wein pflanzen, wo Kohl und Kartoffeln, Gem&#xFC;se und Getreide wachsen, in Bienenst&#xF6;cken der k&#xF6;stliche Honig gesammelt werden w&#xFC;rde.</p><p>Abgegeben vor zwanzig Minuten, gegen Quittung; Entwurf mit Detailzeichnungen und einer kompletten Kalkulation; mit scharfer Feder hatte ich Ziffern und Positionen hingeschrieben; mit blinzelnden Augen, als s&#xE4;he ich die Geb&#xE4;ude dort wirklich liegen, blickte ich wie durch ein Fenster auf den Entwurf; da b&#xFC;ckten sich M&#xF6;nche, tranken Pilger Most, w&#xE4;hrend die singenden Arbeiterinnen unten mit Stimmen, die den Feierabend begehrten, hell und dunkel, ihren Grabgesang zu mir heraufschickten; ich schloss die Augen, sp&#xFC;rte die K&#xE4;lte, die ich f&#xFC;nfzig Jahre sp&#xE4;ter erst w&#xFC;rde sp&#xFC;ren k&#xF6;nnen, als gemachter Mann, von wimmelndem Leben umgeben.</p><p>Diese viereinhalb Wochen waren unendlich lang gewesen, alles was ich tat, hatte ich vorher in Traumkabinetten geregelt; blieb nur die Messe am Morgen, blieben die Stunden von halb elf bis f&#xFC;nf; ich begehrte das Unvorhergesehene, das mir nur ein winziges L&#xE4;cheln, zweimal ein ‚Viel Gl&#xFC;ck, Herr F&#xE4;hmel‘ beschert hatte. Wenn ich die Augen wieder schloss, teilte sich die Zeit wie ein Spektrum: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, in f&#xFC;nfzig Jahren w&#xFC;rden meine &#xE4;ltesten Enkel schon f&#xFC;nfundzwanzig sein, meine S&#xF6;hne schon so alt wie die w&#xFC;rdigen Herren, denen ich mich eben ausgeliefert hatte, als ich meinen Entwurf &#xFC;bergab. Ich tastete nach der Quittung; sie war da; wirklich; morgen fr&#xFC;h w&#xFC;rde die Jury zusammentreten und die ver&#xE4;nderte Lage feststellen: ein vierter Entwurf; die schon gebildeten Parteien, zwei f&#xFC;r Grumpeter, zwei f&#xFC;r Brehmockel, und einer, der wichtigste, j&#xFC;ngste und kleinste von den f&#xFC;nfen, der Abt, f&#xFC;r Wollersein; der Abt liebte Romantik; hei&#xDF; w&#xFC;rde es hergehen, denn die beiden bestechlichen Jurymitglieder w&#xFC;rden am heftigsten k&#xFC;nstlerisch zu argumentieren haben; Vertagung; dieser hergelaufene junge Bengel hat uns das Konzept verdorben; beunruhigt hatten sie festgestellt, dass dem Abt mein Entwurf offensichtlich gefiel; immer wieder war er vor der Zeichnung stehengeblieben, nippte an seinem Wein; organisch war das Ganze in die Landschaft eingef&#xFC;gt, so klar die N&#xFC;tzlichkeit des landwirtschaftlichen Gevierts gegen das strenge Geviert des Kreuzgangs und der Klausur abgesetzt; Brunnen, Pilgerherberge, alles gefiel ihm; er l&#xE4;chelte: dort w&#xFC;rde er Primus inter pares<a l:href="#n_34" type="note">[34]</a> sein; er stieg schon in den Entwurf hinein wie in sein Eigentum, regierte im Refektorium, sa&#xDF; im Chor, besuchte die kranken Br&#xFC;der, ging zum &#xD6;konomen hin&#xFC;ber, den Wein zu pr&#xFC;fen, das Korn durch seine H&#xE4;nde rinnen zu lassen; Brot f&#xFC;r seine Br&#xFC;der und f&#xFC;r die Armen, auf seinen &#xC4;ckern geerntetes Korn, dort hatte der junge Architekt f&#xFC;r die Bettler eine kleine &#xFC;berdachte Kammer geschaffen, gleich neben der Pforte, drau&#xDF;en B&#xE4;nke f&#xFC;r den Sommer, drinnen St&#xFC;hle, ein Tisch, ein Ofen f&#xFC;r den Winter. ‚Meine Herren, es gibt keinen Zweifel f&#xFC;r mich, ich stimme ohne jede Einschr&#xE4;nkung f&#xFC;r den – wie hei&#xDF;t er doch – f&#xFC;r den F&#xE4;hmelschen Entwurf; und sehen Sie, die Kosten: dreihunderttausend Mark unter dem billigsten der drei andren; trockener Siegellack von den aufgebrochenen Wunden bedeckte den Tisch, auf den jetzt Fachm&#xE4;nner ihre F&#xE4;uste schlugen, das gro&#xDF;e Palaver zu beginnen: ‚Glauben Sie uns doch, Ehrw&#xFC;rdiger Vater, wie oft schon hat jemand unterboten, aber was wollen Sie tun, wenn er uns vier Wochen vor dem Richtfest kommt und erkl&#xE4;rt, die Puste sei ihm ausgegangen; Baukosten&#xFC;berschreitungen von einer halben Million sind bei solchen Projekten keine Seltenheit. Glauben Sie erfahrenen M&#xE4;nnern. Welche Bank wird f&#xFC;r einen unerfahrenen, v&#xF6;llig unbekannten jungen Mann b&#xFC;rgen, die Garantiesumme bereitlegen? Hat er Verm&#xF6;gen?‘ Gro&#xDF;es Gel&#xE4;chter fiel &#xFC;ber den jungen Abt: ‚Verm&#xF6;gen laut eigener Angabe: achttausend Mark.‘ Palaver. Ver&#xE4;rgert schieden die Herren voneinander. Keiner war dem Abt beigesprungen. Vertagt um vier Wochen. Wer hatte diesem kahlgeschorenen Bauernjungen, der knapp drei&#xDF;ig war, laut Satzung die entscheidende Stimme gegeben, so dass <emphasis>gegen</emphasis> ihn nicht, <emphasis>mit</emphasis> ihm sofort entschieden werden konnte.</p><p>Da schnurrten die Telefone, rannten schwitzende Boten mit Eilbriefen vom Regierungspr&#xE4;sidenten zum Erzbischof, vom Erzbischof zum Priesterseminar, wo der Vertrauensmann des Erzbisch&#xF6;flichen Stuhles gerade die Vorz&#xFC;ge der Neugotik pries; der rannte mit knallrotem Gesicht zur wartenden Droschke, Hufe entfernten sich klappernd &#xFC;ber Kopfsteinpflaster, knirschende R&#xE4;der nahmen k&#xFC;hne Kurven; Eile, Eile; Bericht! Bericht! F&#xE4;hmel? Nie geh&#xF6;rt. Der Entwurf? Technisch gl&#xE4;nzend, kalkulatorisch – man muss es zugeben, Exzellenz —, soweit &#xFC;berschaubar, &#xFC;berzeugend, aber der Stil? Gr&#xE4;sslich; nur &#xFC;ber meine Leiche; Leiche? Der Erzbischof l&#xE4;chelte; K&#xFC;nstlernatur, der Professor, feurig, zuviel Gef&#xFC;hl, zu viele wehende wei&#xDF;e Lockenhaare; Leiche, na, na; da gingen chiffrierte Anfragen von Grumpeter an Brehmockel, von Brehmockel an Wollersein, da vers&#xF6;hnten sich die zu Tode verfeindeten Koryph&#xE4;en f&#xFC;r einige Tage, fragten einander in chiffrierten Briefen und Telefonaten: ‚Ist Blumenkohl verderblich?‘ – was bedeuten sollte: ‚Sind &#xC4;bte absetzbar?‘ —, kam die niederschmetternde Antwort: ‚Blumenkohl ist <emphasis>nicht</emphasis> verderblich.‘</p><p>Viereinhalb Wochen lang untergetaucht; wie friedlich war mein Grab; da rutschte die Erde langsam nach, schob sich sanft neben und &#xFC;ber mir zurecht; w&#xE4;hrend der Wechselgesang der Arbeiterinnen mich bet&#xE4;ubte, nichts zu tun war besser, aber nun w&#xFC;rde ich handeln, handeln m&#xFC;ssen, wenn sie mein Grab &#xF6;ffneten, den Deckel hoben; sie w&#xFC;rden mich zur&#xFC;ckwerfen in die Zeit, in der jeder Tag einen Namen, jede Stunde eine Pflicht enthalten w&#xFC;rde; das Spiel w&#xFC;rde ernst werden; nicht mehr gegen zwei die Erbsensuppe aus meiner kleinen K&#xFC;che geholt; ich w&#xE4;rmte sie schon nicht mehr, a&#xDF; sie kalt; ich machte mir nichts aus Essen, nichts aus Geld und aus Ruhm; ich liebte das Spiel, machte mir etwas aus meiner Zigarre und sehnte mich nach einer Frau, nach meiner Frau. W&#xFC;rde es die sein, die ich dr&#xFC;ben auf dem Dachgarten sah, schwarzhaarig, schlank und h&#xFC;bsch; Johanna Kilb? Morgen w&#xFC;rde sie meinen Namen wissen; sehnte ich mich nach irgendeiner, oder nach ihr? Ich konnte es nicht l&#xE4;nger ertragen, immer nur mit M&#xE4;nnern zusammen zu sein, fand sie alle l&#xE4;cherlich; die Frommen und die Unfrommen; die Zoten erz&#xE4;hlten, und die, die sie sich erz&#xE4;hlen lie&#xDF;en, Billardspieler, Reserveleutnants, S&#xE4;nger, den Portier und die Kellner; ich war ihrer &#xFC;berdr&#xFC;ssig, freute mich auf die Abendstunden von f&#xFC;nf und sechs, auf die Gesichter der Arbeiterinnen, in deren Strom ich durch die Toreinfahrt ging; ich liebte die Sinnlichkeit auf ihren Gesichtern, die der Verg&#xE4;nglichkeit ungebrochen ihren Zoll zahlten, und w&#xE4;re am liebsten mit einer von ihnen tanzen gegangen, h&#xE4;tte mit ihr an der Friedhofsmauer im herbstlich duftenden Gras gelegen – die Quittung zerrissen, das gro&#xDF;e Spiel abgebrochen —, diese M&#xE4;dchen lachten, sangen, a&#xDF;en gern und tranken gern, weinten und waren nicht wie die falschen Ziegen, die mich als m&#xF6;blierten Herrn zu Z&#xE4;rtlichkeiten herausforderten, die sie f&#xFC;r k&#xFC;hn hielten. Noch geh&#xF6;rten sie mir, die Figuren und Requisiten, gehorchten mir die Komparsen, an diesem letzten Tag, an dem ich keine Lust auf die kalte Erbsensuppe hatte und zu faul war, sie mir zu w&#xE4;rmen; ich wollte das Spiel zu Ende spielen, ausgedacht in der Langeweile von Kleinstadtnachmittagen, wenn ich genug M&#xF6;rtel gepr&#xFC;ft, Steine begutachtet, die Gradheit von Mauern festgestellt hatte und die Langeweile in d&#xFC;steren Kneipen der Langeweile im B&#xFC;ro vorzog, auf winzigen Zetteln die Abtei zu entwerfen begann.</p><p>Das Spiel lie&#xDF; mich nicht mehr los; die Zeichnungen wurden gr&#xF6;&#xDF;er, die Vorstellungen genauer, und fast ohne es zu merken, befand ich mich pl&#xF6;tzlich mitten in der Kalkulation; rechnen gelernt, zeichnen gelernt; bitte; ich schickte f&#xFC;nfzig Goldmark an Kilb und bekam die Unterlagen geschickt; besuchte Kisslingen an einem Sonntagnachmittag; bl&#xFC;hende Weizen&#xE4;cker, dunkelgr&#xFC;ne R&#xFC;ben&#xE4;cker, Wald, wo die Abtei einmal stehen sollte; ich spielte weiter, studierte die Gegner, deren Namen von Kollegen mit and&#xE4;chtigem Hass ausgesprochen wurden: Brehmockel, Grumpeter, Wollersein; ich sah mir ihre Bauwerke an, Kirchen, Krankenh&#xE4;user, Kapellen, Wollersteins Dom; ich sp&#xFC;rte es, roch es angesichts dieser trostlosen Baulichkeiten, die Zukunft lag griffbereit da, wie ein Land, das zu erobern war, unbekannter Boden, in dem Goldst&#xFC;cke vergraben lagen, herauszuholen von jedem, der sich nur ein wenig mit Strategie besch&#xE4;ftigen w&#xFC;rde; ich nahm die Zukunft in die Hand; ich brauchte nur zuzugreifen; Zeit war pl&#xF6;tzlich eine Macht, wurde missachtet, verstrich ungenutzt, w&#xE4;hrend ich St&#xFC;mpern und Heuchlern die Geschicklichkeit meiner H&#xE4;nde und die Mathematik meines Gehirns f&#xFC;r ein paar Goldst&#xFC;cke &#xFC;berlie&#xDF;; Papier gekauft, Tabellen, Stifte und Handb&#xFC;cher; Spiel, das mich nur eins kostete: Zeit; sie war da, war geschenkt; die Sonntage waren Erkundungstage: Terrain besichtigt, Stra&#xDF;en durchschritten: Modestgasse, im Haus Nummer 7 war ein Atelier zu vermieten; im Haus gegen&#xFC;ber, Nummer 8, wohnte der Notar, der die Entw&#xFC;rfe unter Siegel hielt; die Grenzen waren offen, ich brauchte nur einzumarschieren; und jetzt erst, tief drinnen im zu erobernden Land, schon halb sein Besitzer, jetzt erst hatte ich, w&#xE4;hrend der Feind noch schlief, die Kriegserkl&#xE4;rung abgegeben; ich suchte noch einmal nach meiner Quittung; sie war da.</p><p>&#xDC;bermorgen w&#xFC;rde der erste Besucher die Schwelle des Ateliers &#xFC;berschreiten; der Abt, jung, braun&#xE4;ugig, n&#xFC;chtern; obwohl er Herrschaft noch nicht ausge&#xFC;bt hatte, doch schon herrschgewohnt. ‚Woher wussten Sie, dass die Trennung zwischen Br&#xFC;dern und M&#xF6;nchen im Refektorium nicht von unserem Heiligen Vater Benedikt vorgesehen war?‘ Er schritt auf und ab, blickte immer wieder in den Entwurf, fragte: ‚Werden Sie durchhalten, werden nicht schlappmachen, diesen Unken nicht recht geben m&#xFC;ssen?‘ Und ich hatte Angst vor dem gro&#xDF;en Spiel, das aus dem Papier steigen, mich &#xFC;berw&#xE4;ltigen w&#xFC;rde; ich hatte das Spiel gespielt, aber mir nie klargemacht, dass ich es auch gewinnen k&#xF6;nnte; der Ruf, gegen Brehmockel, Grumpeter und Wollersein allein nicht gesiegt zu haben, w&#xFC;rde mir gen&#xFC;gt haben, aber sie zu besiegen? Ich hatte Angst und sagte doch: ‚Ja, ich werde durchhalten, Ehrw&#xFC;rdiger Vater.‘ Er nickte, l&#xE4;chelte und ging.</p><empty-line/><p>Um f&#xFC;nf ging ich im Strom der Arbeiterinnen durch die Toreinfahrt, machte meinen planm&#xE4;&#xDF;igen Feierabendspaziergang; ich sah verschleierte Sch&#xF6;nheiten, die in Droschken zum Rendezvous fuhren, Leutnants, die im Cafe Fuhl zu weicher Musik harte Getr&#xE4;nke tranken; ich ging jeden Tag vier Kilometer, eine Stunde lang, immer den gleichen Weg um die gleiche Zeit; sie sollten mich sehen, sollten mich immer um die gleiche Zeit an den gleichen Orten sehen; Ladnerinnen, Bankiers und Juweliere; Huren und Schaffner, Ladenschwengel, Kellner und Hausfrauen; sie sollten mich sehen und sahen mich; von f&#xFC;nf bis sechs, mit der Zigarre im Mund; ungeh&#xF6;rig, ich wei&#xDF;, aber ich bin K&#xFC;nstler, zum Nonkonformismus verpflichtet; ich darf auch stehenbleiben bei den Leierkastenm&#xE4;nnern, die die Melancholie des Feierabends ausm&#xFC;nzen; Traumstra&#xDF;e, die durchs Traumkabinett f&#xFC;hrte: gut ge&#xF6;lte Gelenke hatten meine Komparsen, wurden von unsichtbaren F&#xE4;den bewegt, M&#xFC;nder &#xF6;ffneten sich zu Stichworten, die ich ihnen zugestand, kalte Melodie der Billardkugeln im Hotel Prinz Heinrich; wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, rot &#xFC;ber gr&#xFC;n; Mannequins winkelten ihre Arme, um mit dem Queue zuzusto&#xDF;en, um Biergl&#xE4;ser zum Munde zu f&#xFC;hren, sammelten Points, spielten Serien, klopften mir kollegial auf die Schulter; ach ja, ach nein, oh gl&#xE4;nzend, Pech gehabt; w&#xE4;hrend ich die Erdklumpen auf meinen Sarg fallen h&#xF6;rte, Ediths Todesschrei schon wartete, und des blonden Tischlerlehrlings letzter Blick, den er im Morgengrauen auf die Gef&#xE4;ngnismauern werfen sollte, schon bereitgehalten wurde.</p><empty-line/><p>Ich fuhr mit meiner Frau, meinen Kindern ins Kissatal, zeigte ihnen stolz mein Jugendwerk, besuchte den &#xE4;lter gewordenen Abt und las in seinem Gesicht die Jahre ab, die ich in meinem eigenen nicht entdeckte; Kaffee im G&#xE4;stezimmer, Kuchen, aus eigenem Mehl gebacken, mit selbstgeernteten Pflaumen und der Sahne eigener K&#xFC;he; meine S&#xF6;hne durften die Klausur betreten, meine Frau mit den kichernden T&#xF6;chtern musste drau&#xDF;en warten: vier S&#xF6;hne, drei T&#xF6;chter, sieben Kinder, die mir siebenmal sieben Enkel bescheren w&#xFC;rden, und der Abt l&#xE4;chelte mir zu: ‚Wir sind ja jetzt sogar Nachbarn geworden.‘ Ja, ich hatte die beiden Weiler Stehlingers Grotte und G&#xF6;rlingers Stuhl gekauft.</p><p>„Ach, Leonore, schon wieder das Cafe Kroner? Nein, ich habe doch ausdr&#xFC;cklich gesagt: Kein Sekt. Ich hasse Sekt. Und nun machen Sie Feierabend, Kind, bitte. Und w&#xFC;rden Sie mir noch ein Taxi bestellen, auf zwei Uhr? Es soll an der Toreinfahrt warten, vielleicht kann ich Sie ein St&#xFC;ck mitnehmen. Nein, ich fahre nicht &#xFC;ber Blessenfeld. Bitte, wenn Sie wollen, k&#xF6;nnen wir das noch kl&#xE4;ren.“</p><empty-line/><p>Er wandte sich von seinem Wechselrahmen ab, blickte ins Atelier, wo immer noch der gro&#xDF;e Entwurf von Sankt Anton an der Wand hing, die Luft von Staub erf&#xFC;llt war, den die flei&#xDF;ige M&#xE4;dchenhand trotz aller Vorsicht aufgewirbelt hatte; unverdrossen r&#xE4;umte sie den Stahlschrank aus, hielt ihm jetzt einen Haufen Geldscheine hin, die vor f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Jahren schon ihren Wert verloren hatten, brachte kopfsch&#xFC;ttelnd einen anderen Packen Geld zum Vorschein, das vor zehn Jahren wertlos geworden war, z&#xE4;hlte ihm korrekt die fremd gewordenen Scheine auf den Zeichentisch: zehn, zwanzig, achtzig, hundertzw&#xF6;lf, hundertundzwanzig Mark.</p><empty-line/><p>„Ins Feuer damit, Leonore, oder vielleicht schenken Sie es den Kindern auf der Stra&#xDF;e, die gro&#xDF;angelegten Quittungen des Schwindels, der vor f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Jahren begonnen, vor zehn bekr&#xE4;ftigt wurde. Ich habe mir nie etwas aus Geld gemacht, und doch hielten mich alle f&#xFC;r geldgierig; sie haben sich get&#xE4;uscht, ich wollte nicht Geld, als ich das gro&#xDF;e Spiel anfing; und als ich es gewann und popul&#xE4;r wurde, da erst wurde ich mir bewusst, dass sich alle Voraussetzungen f&#xFC;r die Popularit&#xE4;t in mir vereinten; ich war t&#xFC;chtig, liebensw&#xFC;rdig, einfach, war K&#xFC;nstler, Reserveoffizier, hatte es zu etwas gebracht, wurde reich und war doch, war doch ‚der Junge aus dem Volke‘ und verleugnete es nie; nicht um des Geldes, des Ruhmes, nicht um der Frauen willen hatte ich die Algebra der Zukunft in Formeln gefasst, hatte X, Y und Z in Gr&#xF6;&#xDF;en verwandelt, die sichtbar wurden, in Bauernh&#xF6;fe, Bankkonten, Macht, die ich immer wieder verschenkte und die mir doppelt zur&#xFC;ckgegeben wurde; ein l&#xE4;chelnder David, zart, nahm nie ein Pfund zu, nie ein Pfund ab; heute noch w&#xFC;rde mir meine Leutnantsuniform aus dem Jahr 97 passen; schwer traf mich das Unvorhergesehene, das ich so heftig begehrt hatte: die Liebe meiner Frau und der Tod meiner Tochter Johanna; eine echte Kilb, eineinhalb Jahre alt – aber ich sah in diese Kinderaugen wie in die Augen meines schweigsamen Vaters, sah uralte Weisheit auf dem dunklen Grund dieser Augen, die den Tod schon zu kennen schienen; Scharlach bl&#xFC;hte wie schreckliches Unkraut auf diesem kleinen K&#xF6;rper, wuchs an den H&#xFC;ften hoch, sank bis zu den F&#xFC;&#xDF;en, Fieber siedete, und wei&#xDF; wie Schnee wuchs der Tod, wuchs wie Schimmel unter dem bl&#xFC;henden Rot, fra&#xDF; sich durch, durch und brach schwarz aus den Nasenl&#xF6;chern; das Unvorhergesehene, das ich begehrt hatte, es kam wie ein Fluch, lauerte in diesem schrecklichen Haus; es gab Streit, heftigen Wortwechsel mit dem Pfarrer von Sankt Severin, mit den Schwiegereltern, den Schw&#xE4;gern, weil ich mir f&#xFC;r die Totenmesse das Singen verbat; doch ich bestand darauf und setzte es durch; erschrak, als ich Johanna in der Totenmesse fl&#xFC;stern h&#xF6;rte: ‚Christus.‘</p><p>Ich sprach den Namen nie aus, wagte kaum, ihn zu denken, und wusste doch: er hatte mich; nicht Domgreves Rosenkranz, nicht die s&#xE4;uerlichen Tugenden heiratslustiger Wirtst&#xF6;chter, nicht die Gesch&#xE4;fte mit Beichtst&#xFC;hlen aus dem sechzehnten Jahrhundert, die auf geheimen Auktionen f&#xFC;r teures Gold verkauft wurden, das Domgreve in Locarno in billige S&#xFC;nden zur&#xFC;ckverwandelte; nicht die d&#xFC;steren Verfehlungen heuchlerischer Priester, deren Augenzeuge ich wurde: &#xE4;rmliche Verf&#xFC;hrungen gefallener M&#xE4;dchen; auch nicht Vaters unausgesprochene H&#xE4;rte hatte das Wort in mir t&#xF6;ten k&#xF6;nnen, das Johanna neben mir fl&#xFC;sterte: ‚Christus‘; nicht die endlosen Fahrten durch Windkan&#xE4;le uralter Bitterkeit und Vergeblichkeit; wenn ich auf den eisigen Ozeanen der Zukunft, Einsamkeit wie einen riesigen Rettungsring um mich herum, mich mit meinem Lachen st&#xE4;rkte; das Wort war nicht get&#xF6;tet worden; ich war David, der Kleine mit der Schleuder, und Daniel, der Kleine in der L&#xF6;wengrube, und bereit, das Unvorhergesehene, das ich begehrt hatte, hinzunehmen: Johannas Tod am 3. September 1909. Auch an diesem Morgen ritten die Ulanen &#xFC;bers Kopfsteinpflaster; Milchm&#xE4;dchen, B&#xE4;ckerjungen, Kleriker mit flatternden Rocksch&#xF6;ssen; Morgen; der Keiler vor Gretzens Laden, die schmutzige Melancholie des Kilbschen Hausarztes, der seit vierzig Jahren Kilbsche Geburten und Tode bescheinigte: in dieser ausgebeutelten Ledertasche das nutzlose Instrumentarium, mit dem er immer wieder &#xFC;ber die Vergeblichkeit seiner Bem&#xFC;hungen hinwegzut&#xE4;uschen verstand; er deckte den entstellten K&#xF6;rper zu, aber ich deckte ihn wieder auf; ich wollte Lazarus K&#xF6;rper sehen, die Augen meines Vaters, die dieses Kind nicht l&#xE4;nger als eineinhalb Jahre hatte offenhalten wollen, und im Schlafzimmer nebenan schrie Heinrich; die Glocken von Severin schlugen die Zeit in Scherben, l&#xE4;uteten um neun zur Messe; f&#xFC;nfzig Jahre w&#xE4;re Johanna jetzt alt.</p><empty-line/><p>„Kriegsanleihen, Leonore? Die habe ich nicht gezeichnet; sie stammen aus dem Erbe meines Schwiegervaters. Ins Feuer damit, wie mit den Geldscheinen; zwei Orden? Nat&#xFC;rlich, ich habe ja Sappen gebaut, Stollen vorgetrieben, Artilleriestellungen befestigt, dem Trommelfeuer standgehalten, Verwundete aus dem Feuer geschleppt; zweiter Klasse, erster Klasse, her mit den Dingern, Leonore, komm, gib sie schon her: wir werfen sie in die Regenrinne; sollen sie in der Regenrinne im Schlamm begraben werden. Otto kramte sie einmal aus dem Schrank heraus, w&#xE4;hrend ich am Zeichentisch stand; ich sah den verh&#xE4;ngnisvollen Schimmer in seinen Augen zu sp&#xE4;t: er hatte sie gesehen, und die Ehrfurcht, die er mir zollte, bekam eine gr&#xF6;&#xDF;ere Dimension; zu sp&#xE4;t. Aber schmei&#xDF; sie wenigstens jetzt weg, damit Joseph sie nicht eines Tages in meiner Erbschaft entdeckt.“</p><p>Es klirrte nur leise, als er die Orden &#xFC;ber das schr&#xE4;ge Dach in die Regenrinne gleiten lie&#xDF;; sie kippten, als sie vom Dach in die Rinne fielen, lagen mit der glanzlosen Seite nach oben.</p><p>„Warum so entsetzt, Kind? Sie geh&#xF6;ren mir, und ich kann damit machen, was ich will; zu sp&#xE4;t, aber vielleicht doch noch rechtzeitig. Vertrauen wir darauf, dass es bald regnet und der Dreck vom Dach heruntergesp&#xFC;lt wird; sp&#xE4;t opfere ich sie dem Andenken meines Vaters. Hinab mit der Ehre der V&#xE4;ter, der Gro&#xDF;v&#xE4;ter und Urgro&#xDF;v&#xE4;ter.“</p><empty-line/><p>Ich f&#xFC;hlte mich stark genug und war’s nicht, las die Algebra der Zukunft aus meinen Formeln, die sich zu Figuren aufl&#xF6;sten; &#xC4;bte und Erzbisch&#xF6;fe, Generale und Kellner, sie geh&#xF6;rten alle zu meiner Komparserie; ich allein war Solist, auch wenn ich freitags abends im ‚S&#xE4;ngerbund Deutscher Kehlen‘ den Mund &#xF6;ffnete und im Chor mitsang: <emphasis>Was gl&#xE4;nzt dort am Walde im Sonnenschein?</emphasis><a l:href="#n_35" type="note">[35]</a> Ich sang es gut, hatte es bei meinem Vater gelernt, &#xFC;bte meine baritonale Lautmalerei mit unterdr&#xFC;cktem Lachen aus; der Dirigent, der den Taktstock schwang, ahnte nicht, dass er meinem Taktstock gehorchte; und sie luden mich zur obligatorischen Geselligkeit ein, boten mir Auftr&#xE4;ge an, schlugen mich lachend auf die Schulter: ‚Geselligkeit, junger Freund, ist des Lebens eigentliche W&#xFC;rze.‘ Grauhaarige Kollegen fragten s&#xE4;uerlich nach Woher und Wohin, aber ich sang nur: Tom, der Reimer, von halb acht bis zehn, keine Minute dr&#xFC;ber. Der Mythos sollte fertig sein, bevor der Skandal k&#xE4;me. Blumenkohl ist nicht verderblich.</p><empty-line/><p>Ich wanderte mit meiner Frau und meinen Kindern das Kissatal hinauf; die Jungen versuchten Forellen zu fangen; zwischen Weing&#xE4;rten und Weizenfeldern, R&#xFC;ben&#xE4;ckern und Waldst&#xFC;cken wanderten wir dahin, tranken Bier und Limonade im Denklinger Bahnhof – und wusste doch, dass ich vor einer Stunde erst die Zeichnung abgegeben, die Quittung empfangen hatte; noch umgab mich Einsamkeit wie ein riesiger Rettungsring, noch schwamm ich auf der Zeit dahin, versank in Wellent&#xE4;lern, &#xFC;berquerte die Ozeane Vergangenheit und Gegenwart und drang, durch Einsamkeit vorm Versinken gesichert, tief in die eisige K&#xE4;lte der Zukunft, hatte als eiserne Ration mein Lachen mit, von dem ich nur sparsam kostete – rieb mir die Augen, wenn ich auftauchte, trank ein Glas Wasser, a&#xDF; ein St&#xFC;ck Brot und trat mit meiner Zigarre ans Fenster: dort dr&#xFC;ben wandelte sie im Dachgarten, wurde manchmal in einer L&#xFC;cke der Pergola sichtbar, blickte von der Br&#xFC;stung auf die Stra&#xDF;e hinab, in der sie sah, was auch ich sah: Lehrjungen, Lastwagen, Nonnen, Leben auf der Stra&#xDF;e; sie war neunzehn, hie&#xDF; Johanna, las <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis>; ich kannte ihren Vater, den dr&#xF6;hnenden Bass im S&#xE4;ngerbund, dessen Klang mir nicht zur Rechtschaffenheit des B&#xFC;ros zu passen schien; das klang nicht nach Diskretion, wie sie den Lehrjungen eingebleut wurde; die Stimme war geeignet, jemand das Gruseln beizubringen, klang nach heimlicher S&#xFC;nde. Wusste er schon, dass ich seine einzige Tochter heiraten w&#xFC;rde? Dass wir an stillen Nachmittagen hin und wieder ein L&#xE4;cheln tauschten? Ich schon an sie dachte mit der Heftigkeit des rechtm&#xE4;&#xDF;igen Br&#xE4;utigams? Sie hatte schwarze Haare, war bla&#xDF;, und ich w&#xFC;rde ihr verbieten, resedafarbene Kleider zu tragen; gr&#xFC;n w&#xFC;rde ihr gut stehen; ich hatte die Kleider, die H&#xFC;te f&#xFC;r sie schon ausgesucht auf meinen Nachmittagsspazierg&#xE4;ngen, im Schaufenster von Hermine Horuschka, an dem ich jeden Abend in Regen und Wind und im Sonnenschein und zwanzig vor f&#xFC;nf vorbeikam; ich w&#xFC;rde sie aus dieser Biederkeit, die nicht zur Stimme ihres Vaters passte, erl&#xF6;sen und ihr herrliche H&#xFC;te kaufen, so gro&#xDF; wie Wagenr&#xE4;der, aus derbem gr&#xFC;ngef&#xE4;rbten Stroh; ich wollte nicht ihr Gebieter sein, ich wollte sie lieben, und ich w&#xFC;rde nicht mehr lange warten. Sonntags morgens, mit Blumen bewaffnet, w&#xFC;rde ich in der Kutsche vorfahren, so gegen halb zw&#xF6;lf, wenn man nach dem Hochamt das Fr&#xFC;hst&#xFC;ck beendet hatte, gerade im Herrenzimmer einen Schnaps trank: Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter. Jeden Nachmittag, wenn ich aus den Ozeanen auftauchte, zeigte ich mich ihr, hier im Atelierfenster, verneigte mich, wir tauschten ein L&#xE4;cheln, und ich trat wieder ins Dunkel zur&#xFC;ck; trat auch vor, um ihr den Glauben zu nehmen, dass sie unbeobachtet sei; ich brachte es nicht fertig, wie eine Spinne im Netz dazuhocken; ich ertrug es nicht, sie zu sehen, ohne von ihr gesehen zu werden; es gab Dinge, die <emphasis>man nicht tat</emphasis>.</p><p>Morgen w&#xFC;rde sie wissen, wer ich war. Skandal. Sie w&#xFC;rde lachen, w&#xFC;rde mir ein Jahr sp&#xE4;ter schon die M&#xF6;rtelspuren vom Hosenbein b&#xFC;rsten; w&#xFC;rde es noch tun, wenn ich vierzig, f&#xFC;nfzig, sechzig war; und sie w&#xFC;rde eine reizende alte Frau an meiner Seite sein; ich beschloss es endg&#xFC;ltig, am 30. September 1907, nachmittags gegen halb vier.“</p><empty-line/><p>„Ja, Leonore, bezahlen Sie das f&#xFC;r mich; nehmen Sie Geld aus meiner Kassette da dr&#xFC;ben, und geben Sie dem M&#xE4;dchen zwei Mark Trinkgeld, ja, zwei Mark; Pullover und ein Rock von Hermine Horuschka f&#xFC;r meine Enkelin Ruth, die ich heute zur&#xFC;ckerwartet habe; Gr&#xFC;n steht ihr gut; schade, dass die jungen M&#xE4;dchen heute keine H&#xFC;te mehr tragen; ich habe immer so gern H&#xFC;te gekauft. Das Taxi ist bestellt? Danke, Leonore. Sie wollen noch nicht Schluss machen? Wie Sie wollen; nat&#xFC;rlich, ein bisschen ist es auch Neugierde, nicht wahr? – Sie brauchen nicht rot zu werden. Ja, einen Kaffee gern noch. Ich h&#xE4;tte mich erkundigen m&#xFC;ssen, wann die Ferien zu Ende sind; aber Ruth ist zur&#xFC;ck? Mein Sohn hat Ihnen nichts gesagt? Er wird doch die Einladung zu meiner Geburtstagsfeier nicht vergessen haben? Ich habe angeordnet, dass der Portier unten Blumen und Telegramme, Geschenke und Karten annimmt, jedem Boten zwei Mark Trinkgeld gibt und sagt, ich sei verreist; suchen Sie sich den sch&#xF6;nsten Strau&#xDF;, oder zwei, wenn Sie m&#xF6;gen, heraus, und nehmen Sie die mit nach Hause, und wenn es Ihnen Spa&#xDF; macht, verbringen Sie getrost Ihren Nachmittag hier.“</p><p>Die Tasse, mit Kaffee frisch gef&#xFC;llt, bebte nicht mehr; offenbar hatte man aufgeh&#xF6;rt, Erbauliches oder Wahlplakate auf wei&#xDF;es Papier zu drucken; im Wechselrahmen das Bild unver&#xE4;ndert: dr&#xFC;ben der Dachgarten des Kilbschen Hauses, leer; an der Pergola m&#xFC;de Kapuzinerkresse; das Profil der D&#xE4;cherlinie, im Hintergrund die Berge unter strahlendem Himmel: in diesem Wechselrahmen sah ich meine Frau, sah sp&#xE4;ter meine Kinder, sah meine Schwiegereltern, wenn ich manchmal ins Atelier hinaufging, um den flei&#xDF;igen jungen Architekten, die mir halfen, hin und wieder &#xFC;ber die Schulter zu blicken, Kalkulationen zu pr&#xFC;fen, Termine zu bestimmen; die Arbeit war mir so gleichg&#xFC;ltig wie das Wort Kunst; andere konnten sie ebenso tun wie ich, ich bezahlte sie gut; ich verstand die Fanatiker nie, die sich dem Wort Kunst opferten; ich half ihnen, bel&#xE4;chelte sie, gab ihnen Arbeit, aber verstehen: nie; ich begriff’s nicht, begriff nur, was Handwerk war, obwohl ich als K&#xFC;nstler galt, als solcher bewundert wurde; war die Villa, die ich f&#xFC;r Gralduke baute, nicht wirklich k&#xFC;hn, modern? Sie war’s, wurde sogar von den k&#xFC;nstlerischen Kollegen bewundert und gepriesen, und ich hatte sie entworfen, gebaut und wusste doch nie, was Kunst ist; sie nahmen’s zu ernst, vielleicht, weil sie so viel davon verstanden, und bauten doch scheu&#xDF;liche K&#xE4;sten, von denen ich damals schon wusste, dass sie zehn Jahre sp&#xE4;ter Ekel hervorrufen w&#xFC;rden; und ich konnte doch manchmal die &#xC4;rmel hochkrempeln, mich hier an den Zeichentisch stellen und entwerfen: das Verwaltungsgeb&#xE4;ude f&#xFC;r die ‚Societas, die Gemeinn&#xFC;tzigste der Gemeinn&#xFC;tzigen‘, da staunten die Narren, die mich f&#xFC;r einen geldgierigen, erfolgshungrigen Bauernl&#xFC;mmel hielten, und heute noch sch&#xE4;me ich mich des Kastens nicht, der vor sechsundvierzig Jahren gebaut worden ist; ist das Kunst? Meinetwegen, ich wusste nie, was das war, hab sie vielleicht gemacht, ohne es zu wissen; konnte das Wort nie ernst nehmen, sowenig wie ich die Wut der drei Koryph&#xE4;en gegen mich verstand; mein Gott, war kein Spielchen erlaubt, mussten die Goliathe so humorlos sein? Sie glaubten an Kunst, ich nicht, f&#xFC;hlten sich in ihrer Ehre gekr&#xE4;nkt von einem Hergelaufenen. Wer war nicht irgendwo hergelaufen? Ich zeigte mein Lachen offen, ich hatte sie in eine Situation man&#xF6;vriert, wo selbst meine Niederlage noch ein Sieg werden w&#xFC;rde, mein Sieg aber ein Triumph.</p><p>Ich hatte fast Mitleid mit ihnen, als wir die Treppe im Museum hinaufgingen, hatte M&#xFC;he, meinem Schritt jenen w&#xFC;rdigen Rhythmus der Feierlichkeit zu geben, den die Gekr&#xE4;nkten schon gew&#xF6;hnt waren; Schritt, mit dem man Domtreppen hinaufging, hinter K&#xF6;nigen und Bisch&#xF6;fen; Denkmaleinweihungsschritt, abgemessene Erregung, nicht zu langsam, nicht zu schnell; wissen, was W&#xFC;rde ist; ich wusste es nicht, w&#xE4;re am liebsten wie ein junger Hund die Treppe hinaufgerannt, die steinernen Stufen, an den Statuen r&#xF6;mischer Legion&#xE4;re vorbei, deren abgebrochene Schwerter, Lanzen oder Rutenb&#xFC;ndel man f&#xFC;r Fackeln h&#xE4;tte halten k&#xF6;nnen; an C&#xE4;sarenb&#xFC;sten, Nachbildungen von Kindergr&#xE4;bern vorbei in den ersten Stock, wo das Sitzungszimmer zwischen den Niederl&#xE4;ndern und den Nazarenern lag; B&#xFC;rgerernst; irgendwo im Hintergrund h&#xE4;tten jetzt Trommeln dr&#xF6;hnen m&#xFC;ssen; so stieg man Altarstufen hinauf, Schafottstufen, stieg auf Trib&#xFC;nen, um Orden umgeh&#xE4;ngt zu bekommen oder das Todesurteil zu empfangen; so wurde auch auf Liebhaberb&#xFC;hnen Feierlichkeit dargestellt, aber die da neben mir hergingen, waren keine Liebhaber: Brehmockel, Grumpeter und Wollersein.</p><p>Museumsw&#xE4;rter in Gala standen verlegen vor Rembrandts, van Dycks und Overbecks<a l:href="#n_36" type="note">[36]</a>; an der Marmorbr&#xFC;stung, im Dunkel vor dem Sitzungszimmer stand Meeser, hielt das silberne Tablett mit Cognacgl&#xE4;sern bereit, um uns vor der Urteilsverk&#xFC;ndung einen Trank zu verabreichen; Meeser grinste mich an; wir hatten kein Zeichen verabredet, doch h&#xE4;tte er nicht jetzt eins geben k&#xF6;nnen? Ein Kopfnicken, ein Kopfsch&#xFC;tteln; ja oder nein? Nichts. Brehmockel fl&#xFC;sterte mit Wollersein, Grumpeter fing ein Gespr&#xE4;ch mit Meeser an, dr&#xFC;ckte eine Silberm&#xFC;nze in Meesers stumpfe H&#xE4;nde, die ich als Kind schon gehasst hatte; ein Jahr lang hatte ich mit ihm zusammen in der Fr&#xFC;hmesse gedient; Gemurmel alter Bauernfrauen im Hintergrund, hartn&#xE4;ckig beteten sie gegen die Liturgie an ihrem Rosenkranz. Heugeruch, Milchgeruch, Stallw&#xE4;rme, w&#xE4;hrend ich mich mit Meeser nach vorn beugte, um beim <emphasis>mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa</emphasis><a l:href="#n_37" type="note">[37]</a> die Schuld unausgesprochener S&#xFC;nden gegen die Brust zu trommeln, und wenn der Pfarrer die Altarstufen emporschritt, machten Meesers H&#xE4;nde, diese H&#xE4;nde, die jetzt Grumpeters Silberm&#xFC;nze fest umschlossen, obsz&#xF6;ne Bewegungen; H&#xE4;nde, denen jetzt die Schl&#xFC;ssel zum st&#xE4;dtischen Museum anvertraut waren, Schl&#xFC;ssel zu Holbein und Hals, Lochner und Leibl<a l:href="#n_38" type="note">[38]</a>.</p><empty-line/><p>Mit mir sprach keiner; mir blieb die kalte Marmorbr&#xFC;stung, auf die ich mich lehnte; ich blickte hinunter in den Innenhof, wo ein bronzener B&#xFC;rgermeister mit unerbittlichem Ernst seinen Wanst den Jahrhunderten hinhielt, ein marmorner M&#xE4;zen in einem vergeblichen Versuch zur Tiefsinnigkeit die Lider &#xFC;ber seine Froschaugen senkte; leer waren die Denkmalsaugen, wie die Augen der r&#xF6;mischen Marmormatronen, deren Augenpartien von den Leiden einer sp&#xE4;ten Kultur k&#xFC;ndeten. Meeser schlurfte zu seinen Kollegen hin&#xFC;ber, Brehmockel, Grumpeter und Wollersein standen dicht beieinander; kalt und klar war der Dezemberhimmel &#xFC;ber dem Innenhof; drau&#xDF;en gr&#xF6;hlten fr&#xFC;h Betrunkene, rollten Droschken theaterw&#xE4;rts, zarte Frauengesichter unter resedafarbenem Schleier freuten sich auf ‚La Traviata‘; zwischen Meeser und den drei Gekr&#xE4;nkten stand ich wie ein Auss&#xE4;tziger, den zu ber&#xFC;hren Tod bringt; sehnte mich nach der strengen Liturgie meines Tageslaufs, als ich die F&#xE4;den des Spiels noch allein gehalten hatte, Dasein und Nicht – Dasein noch hatte regeln, den Mythos dosieren k&#xF6;nnen; ich war nicht mehr Herr des Spiels; Skandal; Ger&#xFC;cht; Abtschritte in meinem Atelier; Bauunternehmer lie&#xDF;en Fressk&#xF6;rbe in meinem Atelier abgeben, goldene Taschenuhren in rotsamtenen Etuis, und einer schrieb mir: ‚… und w&#xFC;rde ich Ihnen die Hand meiner Tochter gewiss nicht verweigern…‘ <emphasis>Voll ist ihre Rechte von Geschenken</emphasis>.</p><p>Ich w&#xFC;rde keins annehmen, nicht einen Ziegelstein; ich liebte den Abt. Hatte ich wirklich in winzigen Augenblicken daran gedacht, bei ihm Domgreves Trick anzuwenden? Ich wurde schamrot, wenn ich daran dachte, dass ich es in winzigen Augenblicken wirklich gedacht haben k&#xF6;nnte; das Unvorhergesehene war geschehen: ich liebte Johanna, die Kilbsche Tochter, und liebte den Abt; ich hatte schon um halb zw&#xF6;lf vorfahren, schon den Blumenstrau&#xDF; abgeben, schon sagen d&#xFC;rfen: ‚Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter‘ – und Johanna war sp&#xE4;ter augenzwinkernd hinzugekommen, hatte das Ja nicht gehaucht, sondern es deutlich ausgesprochen. Ich machte immer noch von f&#xFC;nf bis sechs meinen Spaziergang, spielte immer noch Billard im Klub der Reserveoffiziere, und mein Lachen, von dem ich jetzt gro&#xDF;z&#xFC;gigere Rationen nahm, war durch Johannas Augenzwinkern gest&#xE4;rkt; ich sang immer noch freitags im S&#xE4;ngerbund: Tom, der Reimer.</p><p>Langsam schob ich mich &#xFC;ber die kalte Marmorbr&#xFC;stung zu den drei Gekr&#xE4;nkten hin, stellte das leere Cognacglas aufs Tablett zur&#xFC;ck; w&#xFC;rden sie vor dem Auss&#xE4;tzigen zur&#xFC;ckweichen? Sie wichen nicht; erwarteten sie eine dem&#xFC;tige Ann&#xE4;herung? ‚Gestatten, dass ich mich bekannt mache: F&#xE4;hmel.‘ Mein Gott, war nicht jeder irgendwo hergelaufen, hatte nicht Grumpeter in jungen Jahren als Schweizer die K&#xFC;he des Grafen von Telm gemolken, Kuhmist auf duftende Erde gekarrt, bevor er seine Berufung zum Architekten entdeckte? Aussatz ist heilbar, heilbar an den Ufern des Lago Maggiore, in den G&#xE4;rten von Minusio<a l:href="#n_39" type="note">[39]</a>; sogar der Aussatz biederer Bauunternehmer, die romanische Kirchen zum Abbruch kauften, inklusive des respektiven Inventars, mit alten Madonnen, Kirchenb&#xE4;nken; die mit dem respektiven Inventar die Salons der Neu-und Altreichen schm&#xFC;ckten? Beichtst&#xFC;hle, in denen dreihundert Jahre lang dem&#xFC;tige Bauern ihre S&#xFC;nden gefl&#xFC;stert hatten, in die Salons von Kokotten verkauften? Aussatz ist heilbar in Jagdh&#xFC;tten und in Bad Ems.</p><p>Die todernsten Gesichter der Gekr&#xE4;nkten wurden starr, als sich die T&#xFC;r zum Sitzungszimmer &#xF6;ffnete: ein schwarzer Umriss wurde sichtbar, bekam Kontur, Farbe; das erste Jurymitglied trat in den Flur; Hubrich, Professor f&#xFC;r Kunstgeschichte an der theologischen Fakult&#xE4;t; nur &#xFC;ber meine Leiche; sein schwarzer Tuchrock wirkte in dieser Beleuchtung wie der Tuchrock eines rembrandtgemalten Ratsherren; Hubrich ging auf das Tablett zu, nahm ein Cognacglas, ich h&#xF6;rte ein tiefes Seufzen aus seiner Brust; an den drei Gekr&#xE4;nkten vorbei, die auf ihn zuzulaufen versuchten, entfernte er sich auf das Ende des Flures zu; die Strenge des Priestergewandes war bei ihm durch einen wei&#xDF;en Schal abgemildert, die hellen, kindlich bis &#xFC;ber den Kragen herabfallenden Locken erh&#xF6;hten den Eindruck, den hervorzurufen Hubrich bem&#xFC;ht war; er sah wie ein K&#xFC;nstler aus. Mit dem Schnitzmesser &#xFC;ber einem Holzblock, mit zartem goldgetr&#xE4;nktem Pinsel h&#xE4;tte man sich ihn vorstellen k&#xF6;nnen, dem&#xFC;tig am Werk, Madonnenhaar zu malen, Prophetenb&#xE4;rte, oder dem H&#xFC;ndlein des Tobias<a l:href="#n_40" type="note">[40]</a> einen neckischen Kringel an den Schweif zu h&#xE4;ngen. Leise glitten Hubrichs F&#xFC;&#xDF;e &#xFC;ber das Linoleum, m&#xFC;de winkte er den Gekr&#xE4;nkten ab, ging in die Dunkelheit des Flures auf Rembrandt und van Dyck zu: auf diesen schmalen Schultern also ruhte die Verantwortung f&#xFC;r die Kirchen, Krankenh&#xE4;user, Heime, in denen nach hundert Jahren noch Nonnen und Witwen, Waisen und Kassenpatienten, Schwererziehbare und gefallene M&#xE4;dchen die K&#xFC;chenger&#xFC;che verstorbener Generationen w&#xFC;rden erdulden m&#xFC;ssen; dunkle Flure, trostlose R&#xFC;ckfronten, die durch dumpfe Mosaike noch trostloser wurden, als im Plan des Architekten vorgesehen gewesen war; da ging er, der praeceptor und arbiter architecturae ecclesiasticae, der seit vierzig Jahren mit pathetischem Eifer und der blinden Affektiertheit des &#xDC;berzeugten f&#xFC;r Neugotik eintrat; sicher hatte er schon als Junge, wenn er durch die &#xF6;den Vorst&#xE4;dte der heimatlichen Industriestadt trabte, triumphierend seine Einser nach Hause trug, im Anblick rauchender Schlote, schwarzer H&#xE4;userfronten sich entschlossen, die Menschheit zu begl&#xFC;cken und eine Spur auf dieser Erde zu hinterlassen; er w&#xFC;rde eine hinterlassen; r&#xF6;tliche, im Laufe der Jahre immer tr&#xFC;ber werdende Backsteinfassaden, in deren Nischen gr&#xE4;mliche Heilige voll unzerst&#xF6;rbaren Tr&#xFC;bsinns in die Zukunft blickten.</p><p>Treuherzig hielt Meeser dem zweiten Jurymitglied das Tablett hin: Cognac f&#xFC;r Krohl; jovial; rotweingesichtiger Zigarrenraucher, Fleischfresser; schlank war er geblieben; unabsetzbarer Baumeister von Sankt Severin: Taubendreck und Eisenbahnd&#xE4;mpfe, chemisch vergiftete Wolken aus den &#xF6;stlichen, scharfe nasse Winde aus den westlichen Vorst&#xE4;dten, Sonne des S&#xFC;dens, K&#xE4;lte des Nordens, alle industriellen und alle nat&#xFC;rlichen Witterungskr&#xE4;fte garantierten ihm und seinen Nachfolgern Amt auf Lebenszeit; f&#xFC;nfundvierzig war er alt, so blieben ihm noch zwanzig Jahre f&#xFC;r die Dinge, die er wirklich liebte: Essen, Trinken, Zigarren, Pferde und M&#xE4;dchen von der besonderen Sorte, wie man sie in der N&#xE4;he von Pferdest&#xE4;llen trifft, bei Fuchsjagden kennenlernt; hartgliedrige Amazonen mit m&#xE4;nnlichem Geruch. Ich hatte meine Gegner studiert; Krohl verbarg seine absolute Gleichg&#xFC;ltigkeit architektonischen Problemen gegen&#xFC;ber hinter einer ausgesuchten H&#xF6;flichkeit, die fast chinesisch war, hinter einem Fr&#xF6;mmigkeitsgebaren, das er Bisch&#xF6;fen abgelauscht hatte; Krohls Bewegungen waren echte Denkmaleinweihungsbewegungen; auch wusste er ein paar sehr gute Witze, die er st&#xE4;ndig in einer bestimmten Reihenfolge abwandelte, und da er schon als Zweiundzwanzigj&#xE4;hriger ‚Handkes Handbuch der Architektur‘ auswendig gelernt und sich damals entschlossen hatte, aus dieser Anstrengung sein Leben lang Nutzen zu ziehen, zitierte er immer dann, wenn er Architektur – Vokabeln ben&#xF6;tigte, den unsterblichen Handke; bei Jurysitzungen pl&#xE4;dierte er schamlos f&#xFC;r das Projekt, dessen Urheber ihm die h&#xF6;chste Bestechung zugesichert hatte, wechselte, wenn er sah, dass das Projekt keine Chancen hatte, zum Favoriten &#xFC;ber; denn er zog es vor, ja anstatt nein zu sagen, aus dem Grunde, weil ein Ja zwei, ein Nein aber vier Buchstaben hat und den schrecklichen Nachteil, dass es nicht mit Gaumen und Zunge allein zu bewerkstelligen ist, sondern eine Verlagerung der Sprechenergie fast bis in die Nasenwurzel hinein erfordert; zudem noch eine entschlossene Miene, w&#xE4;hrend das Ja diese Anstrengung nicht erfordert; auch Krohl seufzte, auch er sch&#xFC;ttelte den Kopf, mied die drei Gekr&#xE4;nkten, ging in die andere Ecke des Flures, auf die Nazarener zu.</p><p>Sekundenlang blieb im Lichtviereck der T&#xFC;r nur der Tisch mit dem gr&#xFC;nen Filz sichtbar, Wasserkaraffe, Aschenbecher, blaue Wolken von Krohls Zigarre; Stille da drinnen, nicht mal Gefl&#xFC;ster zu h&#xF6;ren; Todesurteile hingen in der Luft; ewige Feindschaften wurden geboren; da ging es f&#xFC;r Hubrich um Ehre oder Schande, die auf immerdar von seinem Haupte abzuhalten er sich schon als verbissener Quintaner<a l:href="#n_41" type="note">[41]</a> geschworen hatte; ging um die schreckliche Dem&#xFC;tigung, dem Erzbischof eingestehen zu m&#xFC;ssen, dass er geschlagen worden war. ‚Na, und Ihre Leiche, Hubrich?‘ w&#xFC;rde der humorvolle F&#xFC;rst sagen; es ging f&#xFC;r Krohl um eine Villa am Corner See, die Brehmockel ihm versprochen hatte.</p><p>Gemurmel klang in der W&#xE4;rterreihe auf: Meeser gebot durch ein Zischen Ruhe. Schwebringer trat aus der T&#xFC;r, klein war er, zart wie ich, galt nicht nur als unbestechlich, sondern war es auch; trug abgewetzte Breeches, gestopfte Str&#xFC;mpfe; schw&#xE4;rzlich der kahlgeschorene Sch&#xE4;del, ein L&#xE4;cheln in den Korinthenaugen; Schwebringer vertrat das Geld, verwaltete den Fonds, den die Nation gegr&#xFC;ndet hatte; er vertrat die Industriellen und den K&#xF6;nig, vertrat aber auch den Kaufmannsgehilfen, der einen Zehner, das alte M&#xFC;tterchen, das drei&#xDF;ig Pfennig gestiftet hatte; Schwebringer w&#xFC;rde die Konten lockern, Schecks ausschreiben, Rechnungen kontrollieren, mit s&#xE4;uerlicher Miene Vorsch&#xFC;sse genehmigen; er war Konvertit, seine geheime architektonische Leidenschaft war das Barock, er liebte schwebende Engel, mit Gold bemalte Chorst&#xFC;hle, geschweifte Predigtst&#xFC;hle, wei&#xDF;lackierte Kanzeln, liebte Weihrauch, den Gesang von Knabench&#xF6;ren. Schwebringer war Macht: ihm gehorchten Bankkonsortien wie Eisenbahnschranken dem W&#xE4;rter; er regulierte Kurse, befehligte Stahlwerke; mit seinen harten dunklen Korinthenaugen sah er aus, als h&#xE4;tte er vergeblich alle erreichbaren Laxativa ausprobiert und wartete auf die Erfindung des wahren, wirklich helfenden Mittels; er nahm den Cognac, ohne ein Trinkgeld aufs Tablett zu legen; zwei Schritte entfernt nur stand er, sah aus wie ein gescheiterter Berufsradfahrer, mit seinen Breeches, seinen gestopften Str&#xFC;mpfen, blickte pl&#xF6;tzlich mich an, l&#xE4;chelte, stellte sein leeres Cognacglas hin und ging in die Niederl&#xE4;nderecke, wo auch Hubrich verschwunden war; auch Schwebringer w&#xFC;rdigte die drei Gekr&#xE4;nkten keines Worts.</p><p>Gefl&#xFC;ster wurde im Sitzungszimmer vernehmbar, offenbar sprach der Abt auf Gralduke ein; sichtbar waren nur der gr&#xFC;ne Tisch, der Aschenbecher, die Wasserkaraffe; die Hinrichtung war verschoben; Streit lag in der Luft; immer noch schien das Richterkollegium uneins zu sein.</p><p>Gralduke kam heraus, nahm zwei Gl&#xE4;ser von Meesers Tablett, blieb einen Augenblick z&#xF6;gernd stehen, blickte in Krohls Richtung; er war gro&#xDF;, von gewaltigem Ausma&#xDF;, korrekter, als die Tr&#xE4;nens&#xE4;cke unter seinen Augen h&#xE4;tten vermuten lassen; Gralduke vertrat das Recht, beobachtete die juristische Korrektheit des Abstimmungsvorgangs, f&#xFC;hrte Protokoll. Gralduke w&#xE4;re fast selber M&#xF6;nch geworden; zwei Jahre lang hatte er gregorianische Liturgie gesungen, die er immer noch liebte; war dann in die Welt zur&#xFC;ckgekehrt, um ein bildsch&#xF6;nes M&#xE4;dchen zu heiraten, dem er f&#xFC;nf bildsch&#xF6;ne T&#xF6;chter zeugte, thronte jetzt als Oberpr&#xE4;sident &#xFC;ber den Landen; er hatte die Grundst&#xFC;cke stiften lassen, &#xC4;cker und Wiesen und W&#xE4;lder in m&#xFC;hseliger Kleinarbeit aus Katasterverstrickungen gel&#xF6;st; hatte hartn&#xE4;ckige B&#xFC;rgermeister bearbeitet, hatte Fischrechte in elenden T&#xFC;mpeln abl&#xF6;sen m&#xFC;ssen, Hypotheken versilbern, Banken und Versicherungen beruhigen m&#xFC;ssen.</p><p>Langsam ging es ins Sitzungszimmer zur&#xFC;ck; von der schmalen Abthand wurde Meeser herbeibefohlen, der f&#xFC;r eine halbe Minute verschwand, wiedererschien, seine Stimme hob und in den Flur hineinrief: ‚Bin beauftragt, den Herren von der Jury mitzuteilen, dass die Pause um ist.‘ Als erster kam Krohl aus der Nazarenerecke zur&#xFC;ck, das Ja war von seinem Gesicht schon abzulesen; Schwebringer kam allein als erster aus der Niederl&#xE4;nderecke, ging rasch ins Zimmer; Hubrich als letzter, sah bleich aus, zu Tode getroffen, ging kopfsch&#xFC;ttelnd an den drei Gekr&#xE4;nkten vor&#xFC;ber; Meeser schloss hinter ihm die T&#xFC;r, blickte auf sein Tablett, auf die neun leeren Cognacgl&#xE4;ser, klimperte ver&#xE4;chtlich mit der geringen Ausbeute an Trinkgeld, ich ging auf ihn zu, warf ihm einen Taler aufs Tablett: es klang laut und hart, erschrocken blickten die drei Gekr&#xE4;nkten auf; Meeser grinste, nahm die Hand dankend an die M&#xFC;tze, fl&#xFC;sterte: ‚Und du bist doch nur der Sohn eines &#xFC;bergeschnappten K&#xFC;sters.‘</p><p>L&#xE4;ngst waren drau&#xDF;en keine Droschken mehr zu h&#xF6;ren; ‚La Traviata‘ hatte begonnen; starr standen die W&#xE4;rter Spalier, zwischen Legion&#xE4;ren und Matronen, zwischen abgebrochenen Tempel – S&#xE4;ulen; L&#xE4;rm brach in den kalten Abend wie W&#xE4;rme ein; Presseleute hatten den ersten W&#xE4;rter &#xFC;berrannt, schon hob der zweite hilflos die Arme, blickte der dritte zu Meeser hin, der in Zischlauten Ruhe gebot; ein junger Journalist, der an Meeser vorbeigewischt war, kam auf mich zu, wischte sich die Nase mit dem Rock&#xE4;rmel ab, sagte leise zu mir: ‚Klarer Sieg f&#xFC;r Sie.‘ Im Hintergrund warteten zwei w&#xFC;rdige Feuilletonredakteure, mit schwarzen H&#xFC;ten, b&#xE4;rtig, vom Pathos seelenvoller Verse ausgeh&#xF6;hlt, hielten die w&#xFC;rdelosere Masse zur&#xFC;ck: ein bebrilltes M&#xE4;dchen, einen hageren Sozialisten; bis der Abt die T&#xFC;r &#xF6;ffnete, rasch, atemlos wie ein Junge auf mich zukam, mich umarmte, w&#xE4;hrend eine Stimme ‚F&#xE4;hmel‘ rief, ‚F&#xE4;hmel‘.</p><empty-line/><p>L&#xE4;rm drang herauf; zehn Minuten nachdem das Beben der Fensterbank aufgeh&#xF6;rt hatte, verlie&#xDF;en lachende Arbeiterinnen das Tor, trugen stolze Sinnlichkeit in den Feierabend; warmer Herbsttag, an dem das Gras an der Friedhofsmauer duften w&#xFC;rde; Gretz war heute seinen Keiler nicht losgeworden, dunkel und trocken war die blutige Schnauze; im Wechselrahmen der Dachgarten dr&#xFC;ben: der wei&#xDF;e Tisch, die gr&#xFC;ne Holzbank, die Pergola mit der m&#xFC;den Kapuzinerkresse; w&#xFC;rden Josephs Kinder, Ruths Kinder dr&#xFC;ben einmal auf und ab gehen, Kabale und Liebe lesen; hatte er Robert je da dr&#xFC;ben gesehen? Nie, der hockte in seinem Zimmer, &#xFC;bte im Garten, Dachg&#xE4;rten waren zu klein f&#xFC;r den Sport, den er trieb: Schlagballspiel, Hundertmeterlauf.</p><empty-line/><p>Ich hatte immer ein wenig Angst vor ihm, erwartete Ungew&#xF6;hnliches, war nicht einmal erstaunt, als der mit den h&#xE4;ngenden Schultern ihn pf&#xE4;ndete; wenn ich nur w&#xFC;sste, wie der Junge hie&#xDF;, der die winzigen Zettel mit Roberts Botschaften in unseren Briefkasten warf; ich hab’s nie erfahren, auch Johanna konnte es aus Dr&#xF6;scher nicht herausbekommen; dem Jungen geb&#xFC;hrt das Denkmal, das sie mir setzen werden; ich brachte es nicht fertig, Nettlinger die T&#xFC;r zu weisen und diesem Wakiera das Betreten von Ottos Zimmer zu verbieten, sie brachten das <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> in mein Haus, verwandelten den Jungen, den ich liebte, in einen Fremden, den Kleinen, den ich mit auf Baustellen nahm, mit auf die Ger&#xFC;ste. Taxi? Taxi? War es das Taxi des Jahres 1936, als ich mit Johanna in den ‚Anker‘ fuhr, zum oberen Hafen; das Taxi des Jahres 1942, mit dem ich sie in die Heilanstalt nach Denklingen brachte? Oder das des Jahres 1956, als ich mit Joseph nach Kisslingen fuhr, ihm die Baustelle zu zeigen, wo er, mein Enkel, Roberts und Ediths Sohn, f&#xFC;r mich wirken sollte; zerst&#xF6;rt die Abtei, ein w&#xFC;ster Haufen von Steinen und Staub und M&#xF6;rtel; gewiss h&#xE4;tten Brehmockel, Grumpeter und Wollersein triumphiert bei diesem Anblick; ich triumphierte nicht, als ich den Tr&#xFC;mmerhaufen im Jahr 1945 zum ersten Mal sah; ging nachdenklich umher, ruhiger, als man offenbar von mir erwartet h&#xE4;tte; hatten sie Tr&#xE4;nen erwartet, Emp&#xF6;rung? ‚Wir werden den Schuldigen finden.‘ ‚Warum?‘ fragte ich, ‚lassen Sie ihn doch in Frieden.‘ Ich h&#xE4;tte zweihundert Abteien gegeben, wenn ich Edith daf&#xFC;r h&#xE4;tte zur&#xFC;ckbekommen k&#xF6;nnen, Otto, oder den unbekannten Jungen, der die Zettelchen in unseren Briefkasten warf und so teuer daf&#xFC;r bezahlen musste; und wenn auch der Tausch nicht angenommen wurde, ich war froh, wenigstens das bezahlt zu haben: einen Haufen Steine, mein ‚Jugendwerk‘. Ich bot sie Otto und Edith, dem Jungen und dem Tischlerlehrling an, obwohl ich wusste, dass es ihnen nichts n&#xFC;tzen w&#xFC;rde; sie waren tot; geh&#xF6;rte dieser Tr&#xFC;mmerhaufen zum <emphasis>Unvorhergesehenen</emphasis>, das ich so heftig begehrt hatte? Die M&#xF6;nche wunderten sich &#xFC;ber mein L&#xE4;cheln, und ich wunderte mich &#xFC;ber ihre Emp&#xF6;rung.</p><empty-line/><p>„Das Taxi? Ich komm ja schon, Leonore. Denken Sie an meine Einladung: um neun Uhr im Cafe Kroner, Geburtstagsfeier. Es gibt keinen Sekt. Ich hasse Sekt. Nehmen Sie die Blumen unten aus der Portierloge mit, die Zigarrenkisten und Gl&#xFC;ckwunschtelegramme, und vergessen Sie’s nicht, Kind: bespucken Sie mein Denkmal.“</p><p>Wahlplakate waren es, die in &#xDC;berstunden auf wei&#xDF;es Papier gedruckt worden waren; die Stapel versperrten die Flure, den Treppenaufgang, waren bis vor seine T&#xFC;r gelagert, jedes Paket mit einem Muster &#xFC;berklebt; sie l&#xE4;chelten ihn alle an, gutgekleidete Muster, Kammgarnf&#xE4;den waren in ihren Anz&#xFC;gen sogar auf den Plakaten erkennbar; B&#xFC;rgerernst und B&#xFC;rgerl&#xE4;cheln heischten Zuversicht und Vertrauen; junge und alte, doch schienen die Jungen ihm schrecklicher noch als die Alten; er winkte dem Portier ab, der ihn in seine Loge locken wollte, Blumenpracht zu besichtigen, Telegramme zu &#xF6;ffnen, Pr&#xE4;sente zu begutachten; stieg in das Taxi, dessen Schlag der Chauffeur ihm aufhielt, sagte leise: „Nach Denklingen, bitte, zur Heilanstalt.“</p></section><section><title><p>Kapitel V</p></title><p>Blauer Himmel, get&#xFC;nchte Wand, an der die Pappeln als Leiterstufen hinauff&#xFC;hrten und hinab auf den Vorplatz, wo ein W&#xE4;rter Laub in das Kompostbecken schaufelte; die Wand war zu hoch, die Abst&#xE4;nde der Stufen waren zu weit; vier, f&#xFC;nf Schritte brauchte er, die Zwischenr&#xE4;ume zu &#xFC;berwinden; Vorsicht!, warum muss der gelbe Bus so hoch an der Wand entlang fahren, kriechen wie ein K&#xE4;fer, er hatte heute nur einen Menschen gebracht: ihn. War er’s? Wer? Wenn er doch, sich von Sprosse zu Sprosse anklammernd, klettern w&#xFC;rde! Aber nein: immer aufrecht und ungebeugt, sich nicht erniedrigen; nur wenn er sich auf Kirchenb&#xE4;nke kniete oder in Startl&#xF6;cher, gab er die aufrechte Haltung preis. War er’s? Wer?</p><p>An den B&#xE4;umen im Garten, im Blessenfelder Park die korrekt gemalten Schilder: 25, 50, 75, 100; er kniete sich ins Startloch, murmelte sich selbst zu: ‚Auf die Pl&#xE4;tze, fertig, los‘, lief los, verlangsamte sein Tempo, kehrte zur&#xFC;ck; las von der Stoppuhr die Zeit ab, trug sie in das marmorierte Heft ein, das auf dem steinernen Gartentisch lag; kniete sich wieder ins Startloch, murmelte sich das Kommando zu, lief los, steigerte die erprobte Strecke nur um ein geringes; oft dauerte es lange, ehe er &#xFC;ber die 25 hinauslief, l&#xE4;nger noch, bis er die 50 erreichte, einmal dann zum Schluss lief er die ganze Strecke bis zur 100, trug die erreichte Zeit ins Heft ein: 11,2. Das war wie eine Fuge, pr&#xE4;zis, erregend, und doch waren Strecken gro&#xDF;er Langeweile darin, g&#xE4;hnende Ewigkeit an Sommernachmittagen, im Garten oder im Blessenfelder Park; Start, R&#xFC;ckkehr, Start, geringe Steigerung, R&#xFC;ckkehr; auch seine Erl&#xE4;uterungen, wenn er sich neben sie setzte, die Zahlen im Heft auswertete und kommentierte, das System pries, waren beides: erregend und langweilig; seine &#xDC;bungen rochen nach Fanatismus; dieser kr&#xE4;ftige schlanke Jungenk&#xF6;rper roch nach dem ernsthaften Schwei&#xDF; derer, die die Liebe noch nicht kennen; ihre Br&#xFC;der Bruno und Friedrich hatten so gerochen, wenn sie von ihren Hochr&#xE4;dern stiegen, Kilometerzahlen und Zeiten im Kopf, fanatische Beinmuskeln dann im Garten durch fanatische Ausgleichs&#xFC;bungen zu erl&#xF6;sen suchten; Vater roch so, wenn er bei Gesangs&#xFC;bungen die Brust ernsthaft w&#xF6;lbte, Atmen zum Sport wurde, Singen kein Vergn&#xFC;gen war, sondern B&#xFC;rgerernst, von Schnurrb&#xE4;rten eingerahmt; sie sangen im Ernst, fuhren im Ernst Rad, ernsthafte Beinmuskeln, Brustmuskeln, Mundmuskeln; Kr&#xE4;mpfe zeichneten ekelhafte violette Blitze in die Beinhaut und Wangenhaut; stundenlang standen sie in kalten Herbstn&#xE4;chten, um Hasen zu schie&#xDF;en, die hinter Kohlstr&#xFC;nken sich verbargen, endlich im Morgengrauen Erbarmen mit den angestrengten Muskeln zeigten, sich zu deren Erl&#xF6;sung entschlossen und im Zick-Zack durch den Schrotregen liefen; <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis>? war er, der das heimliche Lachen in sich trug, verborgene Feder im verborgenen Uhrwerk, die den unertr&#xE4;glichen Druck milderte, Entspannung herbeif&#xFC;hrte; er, der einzige, der nicht vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gegessen hatte? Lachen hinter der Pergola, <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis>; sie beugte sich &#xFC;bers Gel&#xE4;nder, sah ihn aus dem Druckereitor kommen; mit leichtem Schritt ging er aufs Cafe Kroner zu; er trug das heimliche Lachen in sich wie eine Feder; war er ihre Beute oder sie die seine?</p><empty-line/><p>Vorsicht, Vorsicht! Warum immer so aufrecht, so ungebeugt? Ein Fehltritt nur und du f&#xE4;llst in die blaue Unendlichkeit hinunter, zerschellst hier unten an der Betonmauer des Komposthaufens; die welken Bl&#xE4;tter werden den Aufprall nicht mildern, die Treppeneinfassung aus Granit ist nicht Polster genug; war er’s? Wer? Dem&#xFC;tig stand der W&#xE4;rter Huperts in der T&#xFC;r: Tee, Kaffee, Bier, Wein oder Cognac f&#xFC;r den Besucher? Augenblick bitte; Friedrich w&#xE4;re zu Pferde gekommen, niemals h&#xE4;tte er den gelben Bus bestiegen, der wie ein K&#xE4;fer oben an der Mauer zur&#xFC;ckkroch; und Bruno nie ohne Stock, er schlug die Zeit damit tot, zerhackte sie; schlug sie mit dem Stock klein oder zerschnitt sie mit Spielkarten, die er ihr wie Klingen entgegenwarf, n&#xE4;chtelang, tagelang, Friedrich w&#xE4;re zu Pferde gekommen und Bruno nie ohne Stock; weder Cognac f&#xFC;r Friedrich noch Wein f&#xFC;r Bruno; sie waren tot, t&#xF6;richte Ulanen ritten bei Erby-le-Huette ins Maschinengewehrfeuer; hatten geglaubt, sich der B&#xFC;rgertugenden durch B&#xFC;rgerlaster entledigen zu k&#xF6;nnen, Fr&#xF6;mmigkeits&#xFC;bungen durch Zoten auszul&#xF6;schen; unbekleidete Ballettratten auf Clubhaustischen kr&#xE4;nkten die w&#xFC;rdigen Ahnen nicht, da diese nicht so w&#xFC;rdig gewesen waren, wie die Galerie sie zeigte; Cognac und Wein f&#xFC;r immer von der Getr&#xE4;nkekarte gestrichen, lieber Huperts. Vielleicht Bier? Ottos Schritt war nicht so elastisch, war Marschschritt, der Feindschaft, Feindschaft auf die Fliesen des Flurs trommelte, Feindschaft aufs Pflaster, die ganze Modestgasse hinunter; der hatte schon fr&#xFC;h vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gegessen; oder ob der sterbende Bruder den Namen an Otto weitergab: Hindenburg? Vierzehn Tage nach Heinrichs Tod ist Otto geboren; gefallen bei Kiew; ich will mir nichts mehr vormachen, Huperts; Bruno und Friedrich, Otto und Edith, Johanna und Heinrich: alle tot.</p><p>Auch nicht Kaffee; es ist nicht der, dessen heimliches Lachen ich aus jedem seiner Schritte heraush&#xF6;rte; er ist &#xE4;lter; f&#xFC;r diesen hier Tee, Huperts, frisch, stark, mit Milch, aber ohne Zucker, f&#xFC;r meinen Sohn Robert, den Ungebeugten, Aufrechten, der sich immer von Geheimnissen n&#xE4;hrte; auch jetzt eins in der Brust tr&#xE4;gt; sie haben ihn geschlagen, pfl&#xFC;gten seinen R&#xFC;cken auf, aber er beugte sich nicht, gab sein Geheimnis nicht preis, verriet nicht meinen Vetter Georg, der ihm in der ‚Hunnen-apotheke‘ das Schwarzpulver gemischt hatte; hangelt sich da zwischen den beiden Leitern herunter, schwebt wie Ikarus mit ausgebreiteten Armen auf den Eingang zu, wird nicht im Kompostbecken landen, nicht am Granit zerschellen. Tee, lieber Huperts, frisch und stark, mit Milch, aber ohne Zucker; und Zigaretten, bitte, f&#xFC;r meinen Erzengel: der bringt mir dunkle Botschaften, die nach Blut schmecken, nach Aufruhr und Rache: sie haben den blonden Jungen get&#xF6;tet; der lief die hundert Meter in 10,9; der lachte, sooft ich ihn sah, und ich sah ihn nur dreimal; der reparierte mir mit seinen geschickten H&#xE4;nden das winzige Schloss an der Schmuckkassette, an dem sich Tischler und Schlosser vierzig Jahre lang vergeblich versucht hatten; er fasste es nur an, und es ging wieder; er war kein Erzengel, nur ein Engel, hie&#xDF; Ferdi und war blond, ein Tor, der glaubte, er komme mit Knallbonbons gegen die an, die vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gegessen hatten; der trank weder Tee noch Wein, nicht Bier, Kaffee oder Cognac, der hielt einfach seinen Mund an den Wasserhahn und lachte; er w&#xFC;rde mir, wenn er noch lebte, ein Gewehr besorgen; oder der andere, dunkle, ein Engel, dem das Lachen verboten war, Ediths Bruder; sie nannten ihn Schrella; das war so einer, den man nie beim Vornamen nennt; Ferdi w&#xFC;rde es tun, er w&#xFC;rde das L&#xF6;segeld zahlen, mich aus diesem Schloss, in das ich verw&#xFC;nscht bin, herausholen, mit einem Gewehr; so aber bleibe ich verw&#xFC;nscht; nur durch riesige Leitern ist die Welt erreichbar; mein Sohn steigt zu mir herunter.</p><p>„Guten Tag, Robert, du magst doch Tee? Zuck nicht zusammen, wenn ich dich auf die Wange k&#xFC;sse; du siehst aus wie ein Mann, ein Vierziger, hast graue Haare an den Schl&#xE4;fen, enge Hosen an und eine himmelblaue Weste; ist das nicht zu auff&#xE4;llig? Vielleicht ist’s gut, so als Herr in den mittleren Jahren getarnt zu sein; du siehst aus wie ein Chef, den man gern mal husten h&#xF6;ren w&#xFC;rde, der aber zu fein ist, sich so etwas wie einen Husten zu leisten; verzeih, wenn ich lache; wie geschickt die Friseure heutzutage sind; das graue Haar sieht echt aus, die Bartstoppeln wirken wie die eines Mannes, der sich zweimal am Tag rasieren m&#xFC;sste, es aber nur einmal tut; geschickt; nur die rote Narbe ist unver&#xE4;ndert; daran werden sie dich nat&#xFC;rlich erkennen; ob es nicht auch daf&#xFC;r ein Mittel gibt?</p><p>Nein, du brauchst keine Angst zu haben; sie haben mich nicht anger&#xFC;hrt, lie&#xDF;en die Peitsche an der Wand h&#xE4;ngen, fragten nur: ‚Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?‘, und ich sagte die Wahrheit: ‚Morgens, als er zur Stra&#xDF;enbahn ging, um in die Schule zu fahren.‘</p><p>‚Aber in der Schule ist er nie angekommen.‘ – Ich schwieg.</p><p>‚Hat er keine Verbindung mit Ihnen aufgenommen?‘</p><p>Wieder die Wahrheit: ‚Nein.‘</p><p>Du hattest deine Spur zu auff&#xE4;llig gemacht, Robert; eine Frau aus der Barackensiedlung am Baggerloch brachte mir ein Buch mit deinem Namen und unserer Adresse drin: Ovid, gr&#xFC;ngraue Pappe; H&#xFC;hnerdreck drauf – f&#xFC;nf Kilometer davon entfernt wurde dein Lesebuch gefunden, in dem ein Blatt fehlte; die Kassiererin eines Kinos brachte es mir; sie kam ins B&#xFC;ro, gab sich als Klientin aus, und Joseph brachte sie zu mir rauf.</p><p>Eine Woche sp&#xE4;ter fragten sie mich wieder: ‚Verbindung mit Ihnen aufgenommen?‘, und ich sagte: ‚Nein.‘ Sp&#xE4;ter kam der eine hinzu, Nettlinger, der so oft meine Gastfreundschaft genossen hatte; er sagte: ‚In Ihrem eigenen Interesse, sagen Sie die Wahrheit.‘ Aber die hatte ich ja gesagt; nur wusste ich jetzt, dass du ihnen entwischt warst.</p><p>Monatelang nichts, Junge; dann kam Edith und sagte: ‚Ich erwarte ein Kind.‘ Ich war erschrocken, als sie sagte: ‚Der Herr hat mich gesegnet.‘ Ihre Stimme fl&#xF6;&#xDF;te mir Angst ein; verzeih, aber ich habe Sektierer nie gemocht; schwanger war das M&#xE4;dchen und allein; der Vater verhaftet, der Bruder verschwunden, du weg – und sie hatten sie vierzehn Tage lang gefangengehalten und verh&#xF6;rt; nein, sie haben sie nicht anger&#xFC;hrt; wie leicht waren die paar L&#xE4;mmer zerstreut worden, nur ein Lamm war &#xFC;briggeblieben: Edith; ich nahm sie zu mir. Kinder, eure Torheit ist Gott gewiss wohlgef&#xE4;llig, aber ihr h&#xE4;ttet ihn wenigstens umbringen sollen; jetzt ist er Polizeipr&#xE4;sident geworden; Gott sch&#xFC;tze uns vor den &#xFC;berlebenden M&#xE4;rtyrern; Turnlehrer, Polizeipr&#xE4;sident, reitet auf seinem wei&#xDF;en Ross durch die Stadt, leitet eigenh&#xE4;ndig die Bettlerrazzien; warum habt ihr ihn nicht wenigstens umgebracht; mit Pappe und Pulver allein? Knallbonbons t&#xF6;ten nicht, Junge; ihr h&#xE4;ttet <emphasis>mich</emphasis> fragen sollen: der Tod ist aus Metall; eine Kupferkartusche, Blei, Gu&#xDF;eisen, Metallsplitter bringen den Tod, sie sausen und surren, regnen nachts aufs Dach, prasseln gegen die Pergola; flattern wie wilde V&#xF6;gel: <emphasis>Wildg&#xE4;nse rauschen durch die Nacht</emphasis><a l:href="#n_42" type="note">[42]</a>, st&#xFC;rzen sich auf die L&#xE4;mmer; Edith ist tot; ich hatte sie f&#xFC;r verr&#xFC;ckt erkl&#xE4;ren lassen; drei Kapazit&#xE4;ten schrieben mit elegant unleserlicher Schrift auf wei&#xDF;e B&#xF6;gen mit gewichtigen Briefk&#xF6;pfen; das hat Edith gerettet. Verzeih, dass ich lache: so ein Lamm; mit siebzehn das erste, mit neunzehn das zweite Kind und immer solche Spr&#xFC;che im Mund: Der Herr hat dies getan, der Herr hat das getan, der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; der Herr, der Herr! Sie wusste nicht, dass der Herr unser Bruder ist: mit Br&#xFC;dern kannst du getrost einmal lachen, mit Herren nicht immer; ich wusste gar nicht, dass Wildg&#xE4;nse L&#xE4;mmer rei&#xDF;en, hielt sie immer f&#xFC;r friedliche pflanzenfressende V&#xF6;gel; Edith lag da, als w&#xE4;re unser Familienwappen lebendig geworden: ein Lamm, dem der Blutstrahl aus der Brust bricht – aber es standen nicht M&#xE4;rtyrer und Kardinale, Eremiten und Ritter, Heilige um sie herum, sie anzubeten; nur ich; tot. Junge, versuche zu l&#xE4;cheln; ich versuchte es, aber es gelang mir nicht, am wenigsten bei Heinrich; er spielte mit dir, h&#xE4;ngte dir S&#xE4;bel um, setzte dir Helme auf, verwandelte dich in Franzos und Russ und Englishman, dieser stille Junge; und sang: <emphasis>muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr</emphasis>, und als er starb, fl&#xFC;sterte er mir das schreckliche Losungswort zu, den Namen des geheiligten B&#xFC;ffels: ‚Hindenburg‘. Er wollte das Gedicht auswendig lernen, war so korrekt und pflichtbewusst, aber ich zerriss den Zettel, streute die Schnippel wie Schneeflocken in die Modestgasse hinunter.</p><p>Trink doch, Robert, der Tee wird kalt, hier sind Zigaretten, und komm n&#xE4;her, ich muss ganz leise sprechen; niemand darf uns h&#xF6;ren; am wenigsten Vater; er ist ein Kind, wei&#xDF; nicht, wie b&#xF6;se die Welt ist, wie wenig reine Herzen es gibt; er hat eins; still, keinen Flecken auf dieses reine Herz; h&#xF6;r, du kannst mich erl&#xF6;sen: Ich muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr, und du musst es mir besorgen; vom Dachgarten aus k&#xF6;nnte ich ihn gut erschie&#xDF;en; die Pergola hat dreihundertundf&#xFC;nfzig L&#xF6;cher; wenn er auf seinem wei&#xDF;en Ross daherkommt, am Hotel Prinz Heinrich um die Ecke biegt, kann ich lange und ruhig zielen; tief einatmen muss man dabei; ich hab gelesen, zielen, Druckpunkt nehmen; ich habe es ausprobiert mit Brunos Spazierstock: wenn er um die Ecke biegt, habe ich zweieinhalb Minuten Zeit, aber ob ich den anderen noch erschie&#xDF;en kann, wei&#xDF; ich nicht; es wird Verwirrung geben, wenn er vom Pferd f&#xE4;llt, und ich werde nicht ein zweites Mal ruhig atmen, zielen und Druckpunkt nehmen k&#xF6;nnen; ich muss mich entscheiden: den Turnlehrer oder diesen Nettlinger; der hat mein Brot gegessen, meinen Tee getrunken, und Vater nannte ihn immer ‚einen frischen Jungen‘. Sieh nur, wie frisch dieser Junge ist; hat die L&#xE4;mmer gerissen, dich und Schrella mit der Stacheldrahtpeitsche geschlagen; Ferdi hat einen zu hohen Preis gezahlt f&#xFC;r diesen geringen Nutzen: angesengte Turnlehrerf&#xFC;&#xDF;e, ein zerbrochener Garderobenspiegel; nicht Pulver und Pappe, Junge; Pulver und Metall…</p><p>Hier, Junge, trink doch endlich den Tee; schmeckt er dir nicht? Sind dir die Zigaretten zu trocken? Verzeih, ich hab nie was davon verstanden; h&#xFC;bsch siehst du aus, so als Vierziger mit grauen Schl&#xE4;fen, wie zum Notar geboren; ich muss lachen, wenn ich mir vorstelle, dass du wirklich einmal so aussehen k&#xF6;nntest; wie geschickt die Friseure heutzutage doch sind.</p><p>Sei nicht so ernst; es wird vor&#xFC;bergehen, wir werden wieder Ausfl&#xFC;ge machen, nach Kisslingen; Gro&#xDF;eltern, Kinder, Enkelkinder, die ganze Sippe, dein Sohn wird mit den H&#xE4;nden Forellen zu fangen versuchen; wir werden das herrliche Brot der M&#xF6;nche essen, ihren Wein trinken, die Vesper h&#xF6;ren: <emphasis>Rorate coeli desuper et nubes pluant justum</emphasis><a l:href="#n_43" type="note">[43]</a>; Advent; Schnee in den Bergen, Eis auf den B&#xE4;chen – such dir die Jahreszeit aus, Junge – Advent wird Edith am besten gefallen; sie riecht nach Advent, hat noch nicht begriffen, dass der Herr inzwischen als Bruder angekommen ist; der Gesang der M&#xF6;nche wird ihr adventistisches Herz erfreuen und die dunkle Kirche, die dein Vater erbaut hat: Sankt Anton im Kissatal, zwischen den Weilern Stehlingers Grotte und G&#xF6;rlingers Stuhl.</p><p>Ich war noch nicht zweiundzwanzig, als die Abtei eingeweiht wurde, hatte noch nicht lange <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis> zu Ende gelesen, ein Rest Backfischlachen steckte mir noch im Hals; in meinem gr&#xFC;nen Samtkleid, bei Hermine Horuschka gekauft, sah ich aus wie eine, die eben ihre Tanzstunde absolviert hat; nicht mehr M&#xE4;dchen, noch nicht ganz Frau, sah nicht aus, wie eine, die geheiratet, sondern wie eine, die verf&#xFC;hrt worden ist; wei&#xDF;er Kragen, schwarzer Hut, ich war schon schwanger und immer den Tr&#xE4;nen nahe; der Kardinal fl&#xFC;sterte mir zu: ‚Sie h&#xE4;tten daheim bleiben sollen, gn&#xE4;dige Frau, ich hoffe, Sie stehen es durch.‘ Ich stand es durch, ich wollte dabeisein; als sie die Kirchent&#xFC;r &#xF6;ffneten, als die Kirchweihzeremonie begann, hatte ich Angst; er wurde ganz bla&#xDF;, mein kleiner David, und ich dachte: jetzt ist sein Lachen dahin; sie t&#xF6;ten es mit all ihrer Feierlichkeit; er ist zu klein und zu jung daf&#xFC;r, hat zu wenig M&#xE4;nnerernst in seinen Muskeln; ich wusste, dass ich s&#xFC;&#xDF; aussah, mit meinem gr&#xFC;nen Kleid, den dunklen Augen und dem schneewei&#xDF;en Kragen; ich hatte mir vorgenommen, nie zu vergessen, dass alles nur Spiel war. Ich musste noch lachen, wenn ich daran dachte, wie der Deutschlehrer gesagt hatte: ‚Ich pr&#xFC;fe Sie auf eine Eins hin‘, aber ich schaffte die Eins nicht, dachte die ganze Zeit nur an ihn, nannte ihn David, den Kleinen mit der Schleuder, den traurigen Augen und dem Lachen tief drinnen verborgen; ich liebte ihn, wartete jeden Tag auf die Minute, wenn er im gro&#xDF;en Atelierfenster sichtbar wurde, blickte ihm nach, wenn er das Druckereitor verlie&#xDF;; ich schlich mich in die Chorprobe des S&#xE4;ngerbundes, beobachtete ihn, ob auch seine Brust sich zu ernsthaftem M&#xE4;nnersport hebe und senke, und sah’s seinem Gesicht an: er geh&#xF6;rte nicht zu ihnen; ich lie&#xDF; mich von Bruno einschmuggeln, wenn sich der Club der Reserveoffiziere im Prinz Heinrich zum Billardspiel traf, sah ihm zu, wie er die Arme anwinkelte, abwinkelte, wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, rot &#xFC;ber gr&#xFC;n stie&#xDF;, und entdeckte es: das Lachen, tief drinnen verborgen; nein, er hatte nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gekostet, und ich hatte Angst, ob er die letzte, allerletzte und schwierigste Probe bestehen w&#xFC;rde: Die Uniformprobe, am Geburtstag des Narren, im Januar, Marsch zum Denkmal an der Br&#xFC;cke, Parade vor dem Hotel, wo der General auf dem Balkon stand; wie w&#xFC;rde es aussehen, wenn er da unten vorbeimarschierte, vollgepumpt mit Geschichte und Schicksalstr&#xE4;chtigkeit, w&#xE4;hrend die Pauken und Trommeln dr&#xF6;hnten, die H&#xF6;rner Attacke bliesen. Ich hatte Angst und f&#xFC;rchtete, er werde komisch aussehen; komisch wollte ich ihn nicht; sie sollten nie &#xFC;ber ihn lachen, aber er immer &#xFC;ber sie; und ich sah ihn, im Paradeschritt; mein Gott, du h&#xE4;ttest ihn sehen sollen: als ginge er mit jedem Schritt &#xFC;ber den Kopf eines Kaisers hinweg.</p><p>Sp&#xE4;ter sah ich ihn oft in Uniform; die Zeit wurde an Bef&#xF6;rderungen ablesbar; zwei Jahre: Oberleutnant, zwei Jahre: Hauptmann; ich nahm mir seinen Degen und erniedrigte ihn, kratzte damit den Dreck hinter den Lamperien heraus, den Rost von eisernen Gartenb&#xE4;nken, grub damit L&#xF6;cher f&#xFC;r meine Pfl&#xE4;nzchen; zum Kartoffelsch&#xE4;len war er zu unhandlich.</p><p>Degen muss man ablegen und mit den F&#xFC;&#xDF;en treten, wie alle Privilegien, Junge; dazu allein sind sie da, sind Bestechungen: <emphasis>Voll ist ihre Rechte von Geschenken</emphasis>. Iss, was alle essen; lies, was alle lesen; trage Kleider, die alle tragen; dann kommst du der Wahrheit am n&#xE4;chsten; Adel verpflichtet, verpflichtet dich dazu, S&#xE4;gemehl zu essen, wenn alle anderen es essen, den patriotischen Mist in den Lokalzeitungen zu lesen, nicht in den Bl&#xE4;ttern f&#xFC;r Gebildete: Dehmel und so; nein, nimm es nicht an, Robert, Gretzens Pasteten, die Butter des Abts, Honig, Goldst&#xFC;cke und Hasenpfeffer: <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis>, wenn die anderen es nicht haben; die Nichtprivilegierten d&#xFC;rfen getrost Honig und Butter essen, es verdirbt ihnen nicht Magen und Gehirn, aber du nicht, Robert, du musst dieses Dreckbrot essen: die Augen werden dir &#xFC;bergehen vor Wahrheit, und du musst diese sch&#xE4;bigen Kleiderstoffe tragen, dann wirst du frei sein.</p><p>Ich habe nur einmal ein Privileg genutzt, ein einziges Mal, du musst mir verzeihen; ich konnte es nicht mehr ertragen; ich musste zu Dr&#xF6;scher gehen, um f&#xFC;r dich Amnestie zu erwirken; wir hielten es nicht mehr aus: Vater, ich, Edith, dein Sohn war schon geboren; wir fanden deine Botschaften im Briefkasten, sie waren winzig, so gro&#xDF; nur wie die Schnippel, die an Hustenbonbons herausragten; der erste kam vier Monate, nachdem du verschwunden warst: ‚Macht euch keine Sorgen, ich studiere flei&#xDF;ig in Amsterdam. Kuss f&#xFC;r Mutter, Robert.‘ Sieben Tage sp&#xE4;ter kam der zweite: ‚Ich brauche Geld, gebt’s, in Zeitungspapier gewickelt, einem Mann, der Groll hei&#xDF;t, Kellner im ,Anker’ am oberen Hafen. Kuss f&#xFC;r Mutter, Robert.‘</p><p>Wir brachten das Geld hin; stumm servierte der Kellner, der Groll hie&#xDF;, uns Bier und Limonade, nahm stumm das Paket entgegen, lehnte stumm Trinkgeld ab, schien uns gar nicht zu sehen, unsere Fragen gar nicht zu h&#xF6;ren.</p><p>Wir klebten deine winzigen Botschaften in ein Notizbuch; lange kam keine, dann kamen sie &#xF6;fter. ‚Geld immer erhalten: 2., 4. und 6. Kuss f&#xFC;r Mutter, Robert.‘ Und Otto war auf einmal nicht mehr Otto: ein schreckliches Wunder war geschehen: er war Otto und war’s nicht mehr, er brachte Nettlinger und den Turnlehrer mit ins Haus; Otto – ich begriff, was es hei&#xDF;t, wenn sie sagen, dass von einem Menschen nur noch die H&#xFC;lle &#xFC;brigbleibt; Otto war nur noch Ottos H&#xFC;lle, die rasch einen anderen Inhalt bekam; er hatte vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> nicht nur gekostet, er war damit geimpft worden; sie hatten ihm sein altes Blut herausgesogen und ihm neues eingef&#xFC;llt: Mord war in seinem Blick, und ich verbarg &#xE4;ngstlich die Zettel.</p><p>Monatelang kam kein Zettel; ich kroch im Flur &#xFC;ber die Fliesen, suchte jede Ritze ab, jeden Fingerbreit des kalten Bodens, nahm die Lamperien weg, kratzte den Dreck heraus, weil ich f&#xFC;rchtete, die K&#xFC;gelchen k&#xF6;nnten hinter die Lamperie gerutscht, geblasen worden sein; ich schraubte den Briefkasten ab, nahm ihn auseinander, nachts, und Otto kam, dr&#xFC;ckte mich mit der T&#xFC;r gegen die Wand, trat mir auf die Finger, lachte: monatelang fand ich nichts; die ganze Nacht stand ich hinter dem Vorhang im Schlafzimmer, wartete auf das Morgengrauen, bewachte die Stra&#xDF;e und die Haust&#xFC;r, rannte hinunter, wenn ich den Zeitungsboten kommen sah; nichts; ich suchte die Br&#xF6;tchent&#xFC;ten ab, goss die Milch vorsichtig in die Kasserolle, l&#xF6;ste das Etikett: nichts. Und wir gingen abends in den Anker, dr&#xFC;ckten uns an Uniformen vorbei, in die hintere Ecke, wo Groll bediente; aber der blieb stumm, schien uns nicht zu kennen; erst nach Wochen, nachdem wir Abend f&#xFC;r Abend da gesessen und gewartet hatten, schrieb er auf den Rand des Bierdeckels: ‚Vorsicht! Ich wei&#xDF; nichts!‘, sch&#xFC;ttete Bier um, verwischte alles zu einem gro&#xDF;en Tintenstiftklecks, brachte neues Bier, das er nicht bezahlt haben wollte; Groll, der Kellner im Anker; er war jung, hatte ein schmales Gesicht.</p><p>Und wir wussten nat&#xFC;rlich nicht, dass der Junge, der die Zettelchen in unseren Briefkasten geworfen hatte, l&#xE4;ngst verhaftet war; dass wir bespitzelt wurden und Groll nur deshalb noch nicht verhaftet, weil sie hofften, er werde nun doch mit uns zu sprechen anfangen; wer kennt schon diese h&#xF6;here Mathematik der M&#xF6;rder; Groll, der Junge mit den Zettelchen, verschwunden beide, Robert – und du gibst mir kein Gewehr, erl&#xF6;st mich nicht aus diesem verwunschenen Schloss.</p><p>Wir gaben die Besuche im Anker auf, f&#xFC;nf Monate nichts geh&#xF6;rt; ich konnte nicht mehr, nahm zum ersten Mal Privilegien an, ging zu Dr&#xF6;scher, Dr. Emil, Regierungspr&#xE4;sident; ich war mit seiner Schwester zur Schule gegangen, mit ihm in die Tanzstunde; wir hatten Landpartien gemacht, Bierf&#xE4;sser auf Kutschen geladen, Schinkenbrote am Waldrand ausgepackt, hatten auf frischgem&#xE4;hten Wiesen L&#xE4;ndler getanzt, und mein Vater hatte daf&#xFC;r gesorgt, dass sein Vater, obwohl er nicht Akademiker war, in den Akademikerbund aufgenommen wurde; Quatsch, Robert – glaub nicht an so was, wenn’s um ernste Dinge geht; ich hatte Dr&#xF6;scher ‚Em‘ genannt, das war eine Abk&#xFC;rzung f&#xFC;r Emil, die damals als schick galt, und lie&#xDF; mich nun, drei&#xDF;ig Jahre danach, bei ihm melden, hatte mein graues Kost&#xFC;m angezogen, den violetten Schleier am grauen Hut, schwarze Schn&#xFC;rschuhe an; er holte mich selbst aus dem Vorzimmer, k&#xFC;sste mir die Hand, sagte: ‚Ach, Johanna, sag doch noch mal Em zu mir‘, und ich sagte: ‚Em, ich muss wissen, wo der Junge ist. Ihr wisst es doch!‘ Das war, als wenn die Eiszeit ausgebrochen w&#xE4;re, Robert. Ich sah ihm gleich an, dass er alles wusste, sp&#xFC;rte auch, wie er f&#xF6;rmlich wurde, ganz spitz; da wurden die wulstigen Rotweintrinkerlippen ganz d&#xFC;nn vor Angst; und er blickte sich um, sch&#xFC;ttelte den Kopf, fl&#xFC;sterte mir zu: ‚Das war nicht nur verwerflich, was dein Junge getan hat, es war auch politisch sehr unvern&#xFC;nftig.‘ Und ich sagte: ‚Wohin politische Vernunft f&#xFC;hrt, das sehe ich an dir.‘ Ich wollte gehen, aber er hielt mich zur&#xFC;ck und sagte: ‚Mein Gott, sollen wir uns denn alle aufh&#xE4;ngen?‘, und ich sagte: ‚Ja, <emphasis>ihr</emphasis> ja.‘ ‚Sei doch vern&#xFC;nftig‘, sagte er, ‚solche Angelegenheiten sind Sache des Polizeipr&#xE4;sidenten, und du wei&#xDF;t ja, was er dem getan hat.‘ ‚Ja‘, sagte ich, ‚ich wei&#xDF;, was er dem getan hat: nichts. Leider nichts. Er hat ihm nur f&#xFC;nf Jahre lang s&#xE4;mtliche Schlagballspiele gewonnen.‘ Da biss sich der Feigling auf die Lippen und sagte: ‚Sport – mit Sport ist immer was zu machen.‘</p><p>Wir hatten ja damals noch keine Ahnung, Robert, dass eine Handbewegung das Leben kosten kann; Wakiera lie&#xDF; einen polnischen Kriegsgefangenen zum Tode verurteilen, weil er die Hand gegen ihn erhoben hatte; nur die Hand erhoben, nicht mal zugeschlagen hatte der Gefangene.</p><p>Und dann fand ich eines Morgens auf meinem Fr&#xFC;hst&#xFC;cksteller einen Zettel von Otto: ‚Ich brauche auch Geld – 12 – ihr k&#xF6;nnt es mir bar &#xFC;bergeben.‘ Und ich ging ins Atelier hin&#xFC;ber, nahm zw&#xF6;lftausend Mark aus dem Geldschrank – sie lagen da bereit f&#xFC;r den Fall, dass mehr Zettel von dir k&#xE4;men – und warf Otto den Packen auf den Fr&#xFC;hst&#xFC;ckstisch; ich wollte schon nach Amsterdam kommen und dir sagen, du solltest keine Zettel mehr schicken: sie kosten jemand das Leben. Aber nun bist du ja hier; ich w&#xE4;re verr&#xFC;ckt geworden, wenn sie dich nicht amnestiert h&#xE4;tten, bleib hier; ist es nicht gleichg&#xFC;ltig, wo du lebst, in einer Welt, wo eine Handbewegung dich das Leben kosten kann? Du kennst die Bedingungen, die Dr&#xF6;scher f&#xFC;r dich ausgehandelt hat: keine politische Bet&#xE4;tigung und nach dem Examen sofort zum Milit&#xE4;r; das Abitur nachholen, das hab ich schon vorbereitet, und Kl&#xE4;hm, der Statiker will dich pr&#xFC;fen und dir so viele Semester erlassen, wie er eben kann; musst du unbedingt studieren? Gut, wie du willst – und Statik? Warum? Gut, wie du willst; Edith freut sich. Geh doch zu ihr rauf! Geh doch! Rasch, willst du deinen Sohn nicht sehen? Ich habe ihr dein Zimmer gegeben; sie wartet oben; nun geh doch.“</p><p>Er stieg die Treppen hinauf, an braunen Schr&#xE4;nken vor&#xFC;ber, streifte schweigsame Flure, stieg bis unters Dach, wo eine Diele als Vorraum zum Speicher diente; hier roch es nach heimlich gerauchten W&#xE4;rterzigaretten, nach feuchter Bettw&#xE4;sche, die auf dem Speicher zum Trocknen hing; erdr&#xFC;ckend war die Stille, die durchs Treppenhaus hochstieg wie durch einen Kamin. Er blickte durchs Dachfenster in die Pappelallee, die zur Bushaltestelle f&#xFC;hrte; saubere Beete, das Treibhaus, der marmorne Springbrunnen, rechts an der Mauer die Kapelle; sah wie ein Idyll aus, war’s und roch so; K&#xFC;he weideten hinter elektrisch geladenen Z&#xE4;unen, in Abf&#xE4;llen w&#xFC;hlten Schweine, die selbst wieder Abf&#xE4;lle werden w&#xFC;rden, blubbernde K&#xFC;bel mit fettiger Br&#xFC;he wurden von einem W&#xE4;rter in Tr&#xF6;ge entleert; die Landstra&#xDF;e drau&#xDF;en hinter der Anstaltsmauer schien in eine Unendlichkeit der Stille hineinzuf&#xFC;hren.</p><p>Wie oft hatte er hier schon gestanden, auf dieser Station, auf die sie ihn immer wieder schickte, um ihre Erinnerung pr&#xE4;zis nachzuvollziehen? Er stand hier als der zweiundzwanzigj&#xE4;hrige Robert, heimgekehrt, zum Schweigen entschlossen; musste Edith begr&#xFC;&#xDF;en und seinen Sohn Joseph; Edith und Joseph waren die Stichworte f&#xFC;r die Station; sie waren ihm beide fremd, die Mutter und der Sohn, und sie waren beide verlegen, als er ins Zimmer kam, Edith noch mehr als er; hatten sie sich &#xFC;berhaupt geduzt?</p><p>Sie tischte das Essen auf, als sie nach dem Schlagballspiel zu Schrellas kamen: Kartoffeln mit einer undefinierbaren So&#xDF;e und gr&#xFC;nen Salat, sch&#xFC;ttete sp&#xE4;ter d&#xFC;nnen Tee auf, und er hasste damals d&#xFC;nnen Tee, hatte so seine Vorstellungen: die Frau, die er heiraten w&#xFC;rde, musste Tee aufsch&#xFC;tten k&#xF6;nnen; sie konnte es offenbar nicht, und er wusste doch, als sie die Kartoffeln auf den Tisch stellte, dass er sie ins Geb&#xFC;sch ziehen w&#xFC;rde, wenn sie vom Cafe Zons aus auf dem Heimweg durch den Blessenfelder Park k&#xE4;men; sie war blond, sah aus wie sechzehn und hatte kein Backfischlachen im Hals; keine falsche Erwartung von Gl&#xFC;ck in den Augen, die mich sofort aufnahmen; sie sprach das Tischgebet: Herr, Herr!, und er dachte: wir h&#xE4;tten mit den Fingern essen sollen, die Gabel in seiner Hand kam ihm dumm vor, der L&#xF6;ffel fremd, und er begriff zum ersten Mal, was essen ist: gesegnet, den Hunger zu stillen, sonst nichts; nur K&#xF6;nige und Arme essen mit den Fingern. Sie sprachen auch nicht miteinander, als sie durch die Gruffelstra&#xDF;e, durch Blessenfeld, den Park ins Cafe Zons gingen, und er hatte Angst, als er ihr in die Hand schwor, nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> zu essen; Torheit; er hatte Angst wie bei einer Weihe, und als sie durch den Park wieder zur&#xFC;ckgingen, nahm er Ediths Hand, hielt sie zur&#xFC;ck, lie&#xDF; Schrella vorgehen, sah dessen dunkelgraue Silhouette im Abendhimmel verschwinden, als er Edith ins Geb&#xFC;sch zog; sie wehrte sich nicht und lachte nicht, und ein uraltes Wissen, wie man es machen muss, stieg in seine H&#xE4;nde, f&#xFC;llte seinen Mund und seine Arme; er behielt in Erinnerung nur ihr blondes Haar, das vom Sommerregen gl&#xE4;nzte, den Kranz silberner Tropfen an ihren Brauen, wie das Skelett eines zarten Meerestieres, auf rostfarbenem Strand gefunden, die Linien ihres Mundes, zu unz&#xE4;hligen W&#xF6;lkchen gleichen Ausma&#xDF;es vervielf&#xE4;ltigt, w&#xE4;hrend sie gegen seine Brust fl&#xFC;sterte: ‚Sie werden dich t&#xF6;ten!‘ Also hatten sie sich doch geduzt, im Geb&#xFC;sch, da im Park und am Nachmittag darauf in dem billigen Absteigequartier; er zerrte Edith am Handgelenk neben sich her, ging durch die Stadt wie ein Blinder, folgte einer W&#xFC;nschelrute, fand instinktiv das richtige Haus, er hatte das Pulver in einem Paket unterm Arm, f&#xFC;r Ferdi, den er abends treffen wollte. Er entdeckte, dass sie sogar l&#xE4;cheln konnte, in den Spiegel hinein, den billigsten, den die Kuppelmutter im Einheitspreisladen hatte auftreiben k&#xF6;nnen, l&#xE4;cheln, als auch sie ihr uraltes Wissen entdeckte; und er wusste bereits, dass das kleine Paket mit Pulver auf der Fensterbank da eine Torheit enthielt, die getan werden musste; Vernunft f&#xFC;hrte zu nichts in dieser Welt, in der eine Handbewegung das Leben kosten konnte; Ediths L&#xE4;cheln wirkte auf diesem des L&#xE4;chelns ungewohnten Gesicht wie ein Wunder, und als sie die Treppe hinunter ins Zimmer der Wirtin gegangen waren, war er erstaunt dar&#xFC;ber, wie billig das Zimmer berechnet wurde; er zahlte eins f&#xFC;nfzig, und die Wirtin lehnte die f&#xFC;nfzig Pfennig, die er draufgeben wollte, ab! ‚Nein, mein Herr, ich nehme kein Trinkgeld, ich bin eine unabh&#xE4;ngige Frau.‘</p><p>Er hatte sie also doch geduzt, die da mit dem Kind auf dem Scho&#xDF; in seinem Zimmer sa&#xDF;; Joseph, er nahm ihn ihr vom Scho&#xDF;, hielt ihn eine Minute ungeschickt, legte das Kind aufs Bett, und das uralte Wissen f&#xFC;llte ihn wieder, seine H&#xE4;nde, seinen Mund, seine Arme. Sie lernte nie, Tee aufzusch&#xFC;tten, auch sp&#xE4;ter nicht, als sie in einer eigenen Wohnung wohnten; Puppenm&#xF6;bel, wenn er von der Universit&#xE4;t kam, oder in Urlaub: Unteroffizier bei den Pionieren; lie&#xDF; sich als Sprengspezialist ausbilden, bildete sp&#xE4;ter selbst Sprengtrupps aus, s&#xE4;te Formeln, die genau das enthielten, was er w&#xFC;nschte: Staub und Tr&#xFC;mmer, Rache f&#xFC;r Ferdi Progulske, f&#xFC;r den Kellner, der Groll hie&#xDF;, den Jungen, der seine Zettel in den Briefkasten geworfen hatte. Edith mit dem Einkaufsnetz, mit dem Rabattmarkenbuch, Edith, im Kochbuch bl&#xE4;tternd; gab dem Jungen die Flasche, legte Ruth an die Brust; junger Vater, junge Mutter; sie kam mit dem Kinderwagen ans Kasernentor, um ihn abzuholen, sie wanderten am Flussufer entlang, &#xFC;ber Schlagballwiesen, Fu&#xDF;ballwiesen, bei Hoch- und bei Niedrigwasser, sa&#xDF;en auf Kribben, w&#xE4;hrend Joseph im Flusssand spielte, Ruth erste Gehversuche machte; zwei Jahre lang das Spiel gespielt: Ehe; er kam sich nie wie ein Ehemann vor, wenn er auch mehr als siebenhundertmal seine M&#xFC;tze, seinen Mantel an die Garderobe h&#xE4;ngte, den Rock auszog, sich an den Tisch setzte; Joseph auf dem Scho&#xDF;, w&#xE4;hrend Edith das Tischgebet sprach: Herr, Herr!; nur keine Privilegien, keine Extravaganzen; Feldwebel bei den Pionieren, Dr. Robert F&#xE4;hmel, mathematisch begabt; Erbsensuppe essen, w&#xE4;hrend die Nachbarn aus dem Radioapparat das <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> empfingen; Urlaub bis zum Wecken; mit der ersten Stra&#xDF;enbahn in die Kaserne zur&#xFC;ck, Ediths Kuss an der T&#xFC;r, und das merkw&#xFC;rdige Gef&#xFC;hl, sie wieder einmal gesch&#xE4;ndet zu haben, die kleine Blonde da im roten Morgenrock; Joseph an der Hand, Ruth im Kinderwagen; keine politische Bet&#xE4;tigung; hatte er sich je politisch bet&#xE4;tigt? Amnestiert war die Jugendtorheit, verziehen; einer der begabtesten Offiziersanw&#xE4;rter; vom Stumpfsinn fasziniert, weil er Formelhaftes enthielt; s&#xE4;te Staub und Tr&#xFC;mmer, paukte Sprengformeln in Hirne. ‚Keine Post von Alfred?‘ – Er wusste nie, wen sie meinte, verga&#xDF;, dass auch sie Schrella gehei&#xDF;en hatte. Zeit an Bef&#xF6;rderungen ablesbar: ein halbes Jahr: Gefreiter; ein halbes Jahr: Unteroffizier; ein halbes Jahr: Feldwebel, und noch ein halbes Jahr: Leutnant; dann zog die stumpfe graue, v&#xF6;llig freudlose Masse zum Bahnhof hinaus: keine Blumen, kein Lachen am Wegesrand, kein Kaiserl&#xE4;cheln &#xFC;ber ihnen, nicht der &#xDC;bermut zu lange angestauten Friedens; gereizte Masse, und doch dumpf ergeben; verlassen die Puppenstube, in der sie Ehe gespielt hatten, und am Bahnhof den Schwur erneuert, nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> zu kosten.</p><p>War es die feuchte Bettw&#xE4;sche, oder die Feuchtigkeit der Mauern, die ihn frieren machte? Er durfte die Station verlassen, auf die sie ihn postiert hatte. Stichworte: Edith, Joseph. Er trat seine Zigarette am Boden aus, ging die Treppe wieder hinunter, dr&#xFC;ckte z&#xF6;gernd die Klinke herunter, sah seine Mutter am Telefon stehen; sie winkte ihm l&#xE4;chelnd Schweigen zu, w&#xE4;hrend sie in den H&#xF6;rer hinein sagte: „Ich bin ja so froh, Herr Pastor, dass Sie die beiden am Sonntag trauen k&#xF6;nnen; wir haben die Papiere beisammen, die standesamtliche Trauung findet morgen statt.“ H&#xF6;rte er wirklich die Pfarrerstimme antworten, oder war es nur im Traum: „Ja, liebe Frau F&#xE4;hmel, ich bin ja so froh, wenn dieses &#xC4;rgernis endlich beseitigt wird.“</p><p>Edith trug kein wei&#xDF;es Kleid, weigerte sich, Joseph zu Hause zu lassen, hielt ihn auf dem Arm, w&#xE4;hrend der Pfarrer die beiden Jas forderte, die Orgel spielte; und er trug nicht Schwarz; &#xFC;berfl&#xFC;ssig, sich umzuziehen; weg; kein Sekt; Vater hasste Sekt, und der Vater der Braut, den er nur einmal gesehen hatte, spurlos verschwunden, vom Schwager noch kein Lebenszeichen; gesucht wegen Mordversuchs, obwohl er das Pulverpaket verachtet, den Anschlag hatte verhindern wollen.</p><p>Sie h&#xE4;ngte den H&#xF6;rer ein, kam auf ihn zu, legte ihm die H&#xE4;nde auf die Schultern, fragte: „Ist er nicht s&#xFC;&#xDF;, dein kleiner Junge? Du musst ihn sofort nach der Hochzeit adoptieren, und ich habe mein Testament zu seinen Gunsten gemacht. Hier, nimm noch Tee; in Holland trinken sie doch guten Tee; hab keine Angst: Edith wird eine gute Frau sein, du wirst rasch dein Examen machen; ich werde euch eine Wohnung einrichten, und vergiss nicht, heimlich zu l&#xE4;cheln, wenn du zum Milit&#xE4;r musst; halte dich still und denk daran: in einer Welt, in der Handbewegungen das Leben kosten k&#xF6;nnen, kommt es auf solche Gef&#xFC;hle nicht mehr an; ich werde euch eine Wohnung einrichten; Vater wird sich freuen; er ist nach Sankt Anton hinausgefahren – als ob er dort Trost finden w&#xFC;rde. <emphasis>Es zittern die morschen Knochen,</emphasis> mein Junge – sie haben Vaters heimliches Lachen get&#xF6;tet, die Feder ist gesprungen: f&#xFC;r diesen Druck war sie nicht geschaffen; da n&#xFC;tzt dir das h&#xFC;bsche Wort Tyrannen nichts mehr; Vater h&#xE4;lt es nicht aus, im Atelier dr&#xFC;ben zu hocken, und Ottos H&#xFC;lle fl&#xF6;&#xDF;t ihm Schrecken ein; du solltest versuchen, dich mit Otto zu vers&#xF6;hnen, bitte, versuche doch; bitte, geh.“</p><empty-line/><p>Vers&#xF6;hnungsversuche mit Otto; er hatte schon viele vollzogen, war Treppen hinaufgestiegen, hatte an Zimmert&#xFC;ren geklopft; dieser untersetzte Junge da war ihm nicht einmal fremd, die Augen blickten ihn nicht einmal wie einen Fremden an; hinter dieser breiten, blassen Stirn war die Macht in ihrer einfachsten Formel wirksam, war Macht &#xFC;ber furchtsame Schulkameraden, &#xFC;ber Passanten, die die Fahne nicht gr&#xFC;ssten; Macht, die r&#xFC;hrend h&#xE4;tte sein k&#xF6;nnen, w&#xE4;re sie nur in Vorstadtsporthallen wirksam geworden, oder an Stra&#xDF;enecken, h&#xE4;tte es sich um drei Mark f&#xFC;r einen gewonnenen Boxkampf oder um buntgekleidete M&#xE4;dchen gehandelt, die der Sieger ins Kino f&#xFC;hren, in Hauseing&#xE4;ngen k&#xFC;ssen durfte; aber an Otto war nichts R&#xFC;hrendes, wie er es manchmal an Nettlinger entdeckte; dieser Macht ging es nicht um gewonnene Boxk&#xE4;mpfe, um buntgekleidete M&#xE4;dchen; sogar in diesem Hirn war die Macht schon Formel geworden, der N&#xFC;tzlichkeit entkleidet, von Instinkten befreit, war fast ohne Hass, vollzog sich automatisch: Schlag auf Schlag.</p><p>Bruder, ein gro&#xDF;es Wort, H&#xF6;lderlinwort, gewaltig, das aber nicht einmal der Tod zu f&#xFC;llen schien, wenn es Ottos Tod war; nicht einmal die Todesnachricht hatte Vers&#xF6;hnung gebracht: Gefallen bei Kiew! Das h&#xE4;tte doch klingen k&#xF6;nnen: nach Tragik, Gr&#xF6;&#xDF;e, Br&#xFC;derlichkeit, h&#xE4;tte verbunden mit dem Lebensalter r&#xFC;hrend sein k&#xF6;nnen wie auf Grabsteinen: f&#xFC;nfundzwanzig Jahre alt, gefallen bei Kiew; aber es klang nicht, und er bem&#xFC;hte sich vergebens, die Vers&#xF6;hnungsversuche nachzuvollziehen; ihr seid doch Br&#xFC;der; sie waren es, laut Standesamtsregister, laut Aussage der Hebamme; vielleicht h&#xE4;tte er R&#xFC;hrung und Gr&#xF6;&#xDF;e f&#xFC;hlen k&#xF6;nnen, wenn sie einander wirklich fremd gewesen w&#xE4;ren, aber sie waren es nicht; er sah ihn essen, trinken: Tee, Kaffee, Bier; aber Otto a&#xDF; nicht das Brot, das er a&#xDF;, trank nicht die Milch und den Kaffee, den er trank; und es war noch schlimmer mit Worten, die sie wechselten: wenn Otto Brot sagte, klang es weniger vertraut in den Ohren wie das Wort ‚pain‘, als er es zum ersten Mal h&#xF6;rte und noch gar nicht wusste, dass es Brot bedeutete; einer Mutter und eines Vaters S&#xF6;hne, in einem Haus geboren und aufgewachsen, gegessen, getrunken, geweint, dieselbe Luft geatmet, denselben Schulweg gehabt; und zusammen gelacht, gespielt, und er hatte zu Otto ‚Br&#xFC;derchen‘ gesagt und den Arm des Bruders um seinen Hals gesp&#xFC;rt, seine Angst vor der Mathematik erfahren, ihm geholfen, tagelang mit ihm gepaukt, um ihm die Angst zu nehmen, und hatte es fertiggebracht, ihm die Angst wirklich zu nehmen, dem Br&#xFC;derchen – und nun pl&#xF6;tzlich, nach den zwei Jahren, die er weg gewesen war: nur noch Ottos H&#xFC;lle; nicht einmal mehr fremd; nicht einmal das Pathos dieses Wortes; es zog nicht, stimmte und klang nicht, wenn er an Otto dachte, und er begriff zum ersten Mal, was es wirklich bedeutete, Ediths Wort, vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> essen; der h&#xE4;tte seine Mutter dem Henker ausgeliefert, wenn die Henker sie h&#xE4;tten haben wollen.</p><p>Und wenn er zu einem der Vers&#xF6;hnungsversuche wirklich hinaufgestiegen war, Ottos T&#xFC;r ge&#xF6;ffnet hatte, eingetreten war, drehte Otto sich um und fragte: ‚Was soll’s?‘ Otto hatte recht: was sollte es. Wir waren einander nicht einmal fremd, kannten einander genau, wussten voneinander, dass der eine Apfelsinen nicht mochte, der andere lieber Bier als Milch trank, statt Zigaretten lieber Zigarillos rauchte, und wie der eine sein Lesezeichen im Schott<a l:href="#n_44" type="note">[44]</a> zurechtlegte.</p><p>Er wunderte sich nicht, dass er Ben Wackes und Nettlinger in Ottos Zimmer hinaufgehen sah, ihnen im Flur begegnete, und er erschrak &#xFC;ber die Erkenntnis, dass die beiden ihm weniger unverst&#xE4;ndlich waren als sein Bruder; sogar M&#xF6;rder waren nicht immer M&#xF6;rder, waren es nicht zu jeder Stunde des Tags wie der Nacht, es gab den Feierabend des M&#xF6;rders, wie es den Feierabend des Eisenbahners gab; jovial waren die beiden, klopften ihm auf die Schulter; Nettlinger sagte: ‚Na, war ich’s nicht, der dich laufen lie&#xDF;?‘ Sie hatten Ferdi dem Tod &#xFC;berliefert, Groll und Schrellas Vater, den Jungen, der die Botschaften &#xFC;berbrachte, dorthin geschickt, wo man spurlos verschwindet, aber nun: Schwamm dr&#xFC;ber. Man ist doch kein Spielverderber. Nichts f&#xFC;r ungut. Feldwebel bei den Pionieren; Sprengspezialist, verheiratet, mit Wohnung, Rabattsparbuch und zwei Kindern. ‚Um deine Frau brauchst du dich nie zu sorgen, der wird nie was passieren, solange ich noch da bin.‘</p><p>„Nun? Hast du mit Otto gesprochen? Ohne Erfolg? Ich habe es gewusst, aber man muss es immer wieder versuchen, immer wieder; komm n&#xE4;her, leise, ich muss dir was sagen! Ich glaube, er ist verflucht, behext, wenn dir das besser gef&#xE4;llt, und es gibt nur einen Weg, ihn zu befreien: ich muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr; der Herr spricht: ‚Mein ist die Rache‘, aber warum soll ich nicht des Herrn Werkzeug sein?“</p><p>Sie ging zum Fenster, nahm aus der Ecke zwischen Fenster und Vorhang den Spazierstock ihres Bruders, der vor dreiundvierzig Jahren gestorben war, legte den Stock an wie ein Gewehr und zielte, nahm Ben Wackes und Nettlinger aufs Korn; sie ritten drau&#xDF;en vor&#xFC;ber, der eine auf einem Schimmel, der andere auf einem Braunen; der wandernde Spazierstock zeigte das Tempo des vor&#xFC;bergehenden Pferdes genau an, das war wie mit der Stoppuhr gemessen; sie kamen um die Ecke, am Hotel vorbei in die Modestgasse hinein, ritten vor&#xFC;ber bis ans Modesttor, das die Sicht versperrte; und sie senkte den Stock. ‚Zweieinhalb Minuten hab ich Zeit‘, Atemholen, zielen, Druckpunkt nehmen; die N&#xE4;hte ihres Traumes waren stichfest, nirgendwo lie&#xDF; sich die feingesponnene L&#xFC;ge aufrei&#xDF;en; sie stellte den Stock wieder in die Ecke.</p><p>„Ich werde es tun, Robert, werde das Werkzeug des Herrn sein; ich habe Geduld, die Zeit dringt nicht in mich ein; nicht Pulver mit Pappe, sondern Pulver mit Blei muss man nehmen; Rache f&#xFC;r das Wort, das als letztes die unschuldigen Lippen meines Sohnes verlie&#xDF;. Hindenburg; das Wort, das auf dieser Erde von ihm blieb; ich muss es ausl&#xF6;schen; bringen wir Kinder zur Welt, damit sie mit sieben Jahren sterben und als letztes Wort Hindenburg hauchen? Ich hatte das zerrissene Gedicht auf die Stra&#xDF;e gestreut, und er war so ein korrekter, kleiner Bengel, flehte mich an, ihm eine Abschrift zu beschaffen, aber ich weigerte mich, wollte nicht, dass dieser Unsinn &#xFC;ber seine Lippen kam; im Fieber suchte er sich die Zeilen zusammen, und ich hielt mir die Ohren zu, h&#xF6;rte es aber durch meine H&#xE4;nde hindurch: ‚Der alte Gott wird mit Euch sein‘; ich versuchte, ihn aus dem Fieber zu rei&#xDF;en, wachzur&#xFC;tteln, er sollte mir in die Augen sehen, meine H&#xE4;nde sp&#xFC;ren, meine Stimme h&#xF6;ren, aber er sprach weiter: ‚Solange noch deutsche W&#xE4;lder stehn, solange noch deutsche Wimpel wehn, solange noch lebt ein deutsches Wort, lebt <emphasis>der</emphasis> Name unsterblich fort‘; es t&#xF6;tet mich fast, wie er im Fiebertraum das <emphasis>der</emphasis> noch betonte, ich suchte alles Spielzeug zusammen, nahm dir deins ab, und lie&#xDF; dich losheulen, h&#xE4;ufte alles vor ihm auf die Bettdecke, aber er kam nicht mehr zur&#xFC;ck, blickte mich nicht mehr an. Heinrich, Heinrich. Ich schrie, betete und fl&#xFC;sterte, er aber starrte in Fieberl&#xE4;nder, die nur noch eine einzige Zeile f&#xFC;r ihn bereithielten: Vorw&#xE4;rts mit Hurra und Hindenburg; nur noch diese eine und einzige Zeile lebte in ihm, und ich h&#xF6;rte als letztes Wort aus seinem Mund: <emphasis>Hindenburg</emphasis><a l:href="#n_45" type="note">[45]</a>.</p><p>Ich muss den Mund meines siebenj&#xE4;hrigen Sohnes r&#xE4;chen, Robert, verstehst du denn nicht? An denen r&#xE4;chen, die da an unserem Haus vorbei auf das Hindenburgdenkmal zureiten; glatte Kr&#xE4;nze werden hinter ihnen hergetragen, mit goldenen Schleifen, schwarzen und violetten; immer habe ich gedacht: Stirbt er denn nie? Werden wir ihn in der Ewigkeit noch als Briefmarke serviert bekommen, den uralten B&#xFC;ffel, dessen Namen mir mein Sohn als Losungswort zurufen wird. Besorgst du mir jetzt ein Gewehr? Ich werde dich beim Wort nehmen; es braucht nicht heute zu sein, nicht morgen, aber bald; ich habe Geduld gesammelt; erinnerst du dich nicht an deinen Bruder Heinrich? Du warst schon fast zwei, als er starb. Wir hatten damals den Hund, der Brom hie&#xDF;, wei&#xDF;t du nicht mehr, er war so alt und so weise, dass er die Schmerzen, die ihr beide ihm zuf&#xFC;gtet, nicht in Bosheit, sondern in Trauer umsetzte; ihr hieltet euch an seinem Schwanz fest und lie&#xDF;t euch durchs Zimmer schleifen, wei&#xDF;t du nicht mehr; du warfst die Blumen, die du auf Heinrichs Grab legen solltest, zum Kutschenfenster hinaus, wir lie&#xDF;en dich vor dem Friedhof; du durftest oben auf dem Kutschbock die Z&#xFC;gel halten; sie waren aus br&#xFC;chigem schwarzen Leder. Siehst du Robert, du erinnerst dich: Hund, Z&#xFC;gel, Bruder – und Soldaten, Soldaten, unendlich viele, wei&#xDF;t du nicht mehr, sie kamen die Modestgasse herauf, schwenkten vor dem Hotel ab zum Bahnhof, zogen ihre Kanonen hinter sich her; Vater hielt dich auf dem Arm und sagte: ‚Der Krieg ist aus.‘</p><p>Eine Billion f&#xFC;r einen Riegel Schokolade, dann zwei Billionen f&#xFC;r ein Bonbon, eine Kanone f&#xFC;r ein halbes Brot, ein Pferd f&#xFC;r einen Apfel; immer mehr; und dann keinen halben Groschen f&#xFC;r das billigste St&#xFC;ck Seife; es konnte nicht gutgehen, Robert, und sie wollten nicht, dass es gutging; und immer kamen sie durchs Modesttor, schwenkten m&#xFC;de zum Bahnhof hin: ordentlich, ordentlich, trugen den Namen des gro&#xDF;en B&#xFC;ffels vor sich her: Hindenburg; der sorgte f&#xFC;r Ordnung, bis zum letzten Atemzug; ist er denn wirklich tot, Robert? Ich kann es nicht glauben: ‚Gemei&#xDF;elt in Stein, gegraben in Erz. Hindenburg! Vorw&#xE4;rts‘; der sah mir nach Einigkeit aus, mit seinen B&#xFC;ffelbacken auf den Briefmarken, ich sage dir, der wird uns noch zu schaffen machen, wird uns zeigen, wohin politische Vernunft f&#xFC;hrt und die Vernunft des Geldes: ein Pferd f&#xFC;r einen Apfel, und eine Billion f&#xFC;r ein Bonbon, und dann keinen halben Groschen f&#xFC;r ein St&#xFC;ck Seife, und immer ordentlich; ich hab’s gesehen und hab’s geh&#xF6;rt, wie sie den Namen vor sich hertrugen; dumm wie Erde, taub wie ein Baum, und sorgte f&#xFC;r Ordnung; anst&#xE4;ndig, anst&#xE4;ndig, Ehre und Treue, Eisen und Stahl, Geld und notleidende Landwirtschaft; Vorsicht, Junge, wo die &#xC4;cker dampfen und die W&#xE4;lder rauschen, Vorsicht: da wird das <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> geweiht.</p><p>Glaub nicht, dass ich verr&#xFC;ckt bin, ich wei&#xDF; genau, wo wir sind: in Denklingen, hier, da siehst du den Weg, zwischen den B&#xE4;umen f&#xFC;hrt er an der blauen Wand hinauf bis zu der Stelle, wo die gelben Busse wie K&#xE4;fer vorbeikriechen; sie haben mich hergebracht, weil ich deine Kinder hungern lie&#xDF;, nachdem das letzte Lamm von den flatternden V&#xF6;geln get&#xF6;tet worden war; es ist Krieg, Zeit an Bef&#xF6;rderungen ablesbar; Leutnant warst du, als du weggingst, zwei Jahre: Oberleutnant. Bist du noch nicht Hauptmann? Diesmal werden sie es unter vier Jahren nicht tun, vielleicht dauert es sechs, dann wirst du Major; verzeih, dass ich lache; treib’s nicht zu weit mit deinen Formeln im Gehirn und verliere nicht die Geduld und nimm keine Privilegien an; wir essen nicht einen Kr&#xFC;mel mehr, als es auf Lebensmittelkarten gibt; Edith ist damit einverstanden; iss, was alle essen, zieh an, was alle anziehn, lies, was alle lesen; nimm nicht die Extrabutter, das Extrakleid, das Extragedicht, das dir den B&#xFC;ffel auf elegantere Weise anbietet. <emphasis>Voll ist ihre Rechte von Geschenken</emphasis>, Schmiergelder in vielf&#xE4;ltiger M&#xFC;nze. Ich wollte auch deine Kinder keine Privilegien genie&#xDF;en lassen, sie sollten die Wahrheit auf ihren Lippen kosten, aber sie brachten mich weg von den Kindern; das nennt man Sanatorium, hier darfst du verr&#xFC;ckt sein, ohne verpr&#xFC;gelt zu werden, hier wird dir nicht kaltes Wasser &#xFC;ber den K&#xF6;rper gesch&#xFC;ttet, und ohne Einwilligung der Anverwandten bekommst du das spanische Hemd nicht angezogen; ich hoffe, ihr werdet nicht einwilligen, dass sie’s mir anziehen; ich kann sogar ausgehen, wenn ich will, denn ich bin harmlos, ganz harmlos, Junge; doch ich will nicht ausgehn, will die Zeit nicht sehen und nicht t&#xE4;glich sp&#xFC;ren m&#xFC;ssen, dass das heimliche Lachen get&#xF6;tet worden ist, die verborgene Feder im verborgenen Uhrwerk zerbrochen; er fing pl&#xF6;tzlich an, sich ernst zu nehmen; feierlich, sage ich dir; da wurden ganze Gebirge von Steinen vermauert, ganze W&#xE4;lder Bauholz geschlagen, und Beton, Beton, du h&#xE4;ttest den Bodensee damit zusch&#xFC;tten k&#xF6;nnen; im Bauen suchen sie Vergessen, das ist wie Opium; du glaubst gar nicht, was so ein Architekt in vierzig Jahren alles zusammenbaut – ich b&#xFC;rstete ihm die M&#xF6;rtelspuren vom Hosenrand, die Gipsflecken vom Hut, er rauchte seine Zigarre, den Kopf in meinem Scho&#xDF;, und wir beteten die Litanei des <emphasis>Wei&#xDF;t-du-noch</emphasis> ab: wei&#xDF;t du noch 1907, 1914, 1921, 1928, 1935 – und die Antwort war immer ein Bauwerk – oder ein Todesfall; wei&#xDF;t du noch, wie Mutter starb, wei&#xDF;t du noch, wie Vater starb, Johanna und Heinrich? Wei&#xDF;t du noch, wie ich Sankt Anton baute, Sankt Servatius und Bonifatius und Modestus, den Damm zwischen Heiligenfeld und Blessenfeld, das Kloster f&#xFC;r die Wei&#xDF;en V&#xE4;ter und f&#xFC;r die Braunen, Erholungsheime f&#xFC;r die barmherzigen Schwestern, und jede Antwort klang mir im Ohr wie: Erbarme dich unser! Bauwerk auf Bauwerk geh&#xE4;uft, Todesfall auf Todesfall; er fing an, hinter seiner eigenen Legende herzulaufen, die Liturgie nahm ihn gefangen; jeden Morgen das Fr&#xFC;hst&#xFC;ck im Cafe Kroner, wo er doch lieber mit uns gefr&#xFC;hst&#xFC;ckt h&#xE4;tte, seinen Milchkaffee getrunken, sein Brot dazu gegessen, ihm lag ja gar nichts an dem weichgekochten Ei, dem Toast und diesem scheu&#xDF;lichen Paprikak&#xE4;se, aber er fing an zu glauben, es l&#xE4;ge ihm was dran; ich hatte Angst; er fing an, &#xE4;rgerlich zu werden, wenn er einen gro&#xDF;en Auftrag <emphasis>nicht</emphasis> bekam, wo er doch bisher immer noch froh gewesen war, wenn er einen bekommen hatte; verstehst du? Das ist eine komplizierte Mathematik, wenn du auf die F&#xFC;nfzig, Sechzig zugehst und die Wahl hast, dir entweder an deinem eigenen Denkmal Erleichterung f&#xFC;r die Blase zu verschaffen oder in Ehrfurcht daran hochzublicken; kein Augenzwinkern mehr; du warst achtzehn damals, Otto sechzehn – und ich hatte Angst; wie ein wachsamer Vogel mit scharfen Augen hatte ich da oben auf der Pergola gestanden, trug euch als S&#xE4;uglinge, als kleine Kinder auf dem Arm, hatte euch an der Hand, oder ihr standet neben mir, schon gr&#xF6;&#xDF;er als ich, und ich beobachtete, wie die Zeit da unten vorbeimarschierte; das brodelte, schlug sich, zahlte eine Billion f&#xFC;r ein Bonbon und hatte dann keine drei Pfennige f&#xFC;r ein Br&#xF6;tchen; ich wollte den Namen des Retters nicht h&#xF6;ren, aber sie hoben den B&#xFC;ffel doch auf ihre Schultern, klebten ihn als Marke auf ihre Briefe und beteten die Litanei ab: anst&#xE4;ndig, anst&#xE4;ndig, Ehre, Treue, geschlagen und doch ungeschlagen; Ordnung; dumm wie Erde, taub wie ein Baum, Josephine zog ihn unten in Vaters B&#xFC;ro &#xFC;bers nasse Schw&#xE4;mmchen und klebte ihn in allen Farben auf die Briefe; und er, mein kleiner David, schlief; er wachte erst auf, als du verschwunden warst; als er sah, wie es das Leben kosten kann, ein P&#xE4;ckchen Geld, das eigene Geld, in Zeitungspapier gewickelt, von einer Hand in die andere zu legen; als sein Sohn pl&#xF6;tzlich nur die H&#xFC;lle seines Sohnes war. Treue, Ehre, anst&#xE4;ndig – da sah er es; ich warnte ihn vor Gretz, aber er sagte: ‚Der ist harmlos.‘ ‚Nat&#xFC;rlich‘, sagte ich, ‚du wirst noch sehen, was die Harmlosen fertigbringen; der Gretz ist imstande, seine eigene Mutter zu verraten‘, und ich bekam Angst vor meiner eigenen Hellsicht, als Gretz wirklich seine Mutter verriet; er hat es getan, Robert, seine eigene Mutter an die Polizei verraten; nur, weil die alte Frau immer sagte: ‚Es ist eine S&#xFC;nde und Schande.‘ Mehr sagte sie nicht, nur immer diesen Satz, bis ihr Sohn eines Tages erkl&#xE4;rte: ‚Das kann ich nicht l&#xE4;nger dulden, das ist gegen meine Ehre.‘ Sie schleppten die alte Frau weg, steckten sie in ein Altersheim, erkl&#xE4;rten sie f&#xFC;r verr&#xFC;ckt, um ihr das Leben zu retten, aber gerade das brachte ihr den Tod; sie haben ihr eine Spritze gegeben. Hast du die alte Frau nicht gekannt? Die warf euch doch immer die leeren Pilzk&#xF6;rbe &#xFC;ber die Mauer, ihr habt die K&#xF6;rbe auseinandergenommen und euch Schilfh&#xFC;tten draus gebaut; wenn es lange regnete, wurden sie braun und schmutzig, dann lie&#xDF;t ihr sie trocknen, und ich erlaubte euch, sie zu verbrennen; wei&#xDF;t du das nicht mehr; die alte Frau, die Gretz verriet, seine eigene Mutter – nat&#xFC;rlich steht er immer noch hinter der Theke, streichelt die Leberlappen. Sie kamen auch, um Edith zu holen, aber ich gab sie nicht raus, ich fletschte die Z&#xE4;hne, schrie sie an, und sie wichen zur&#xFC;ck; ich behielt Edith, bis der flatternde Vogel sie t&#xF6;tete; ich versuchte, auch ihn aufzuhalten, ich h&#xF6;rte ihn rauschen, niederst&#xFC;rzen, und wusste, dass er den Tod brachte, triumphierend brach er durchs Dielenfenster, ich hielt die H&#xE4;nde auf, ihn abzufangen, aber er flatterte zwischen meinen Armen hindurch; verzeih mir, ich konnte das Lamm nicht retten; und denk daran, Robert: du hast versprochen, mir ein Gewehr zu besorgen. Vergiss es nicht. Gib acht, Junge, wenn du Leitern hinaufsteigen musst; komm, lass dich k&#xFC;ssen und verzeih, dass ich lache: wie geschickt die Friseure heutzutage sind.“</p><empty-line/><p>Aufrecht stieg er die Leiter hinauf, trat in die graue Unendlichkeit zwischen den Sprossen, w&#xE4;hrend David von oben herab auf ihn zukam; klein; sein Leben lang h&#xE4;tte er die Anz&#xFC;ge tragen k&#xF6;nnen, die er sich als junger Mann gekauft hatte; Vorsicht! warum m&#xFC;sst ihr zwischen den Stufen stehenbleiben, warum k&#xF6;nnt ihr euch nicht wenigstens auf die Sprossen setzen, wenn ihr miteinander reden m&#xFC;sst, beide aufrecht; umarmten sie sich wirklich, legte der Sohn dem Vater, der Vater dem Sohn den Arm auf die Schulter?</p><p>Kaffee, Huperts, stark, hei&#xDF;, mit viel Zucker; stark und s&#xFC;&#xDF; mag er ihn am Nachmittag, mild am Morgen, mein Gebieter; er kommt aus der grauen Unendlichkeit, in die hinein sich der Aufrechte, Ungebeugte mit langen Schritten entfernt; sie sind mutig, mein Mann und mein Sohn, steigen in das verwunschene Schloss zu mir herunter; mein Sohn zweimal, mein Gebieter nur einmal in der Woche; er bringt den Samstag mit, tr&#xE4;gt den Kalender in den Augen und l&#xE4;sst mir nicht die Hoffnung, sein &#xC4;u&#xDF;eres der Geschicklichkeit der Friseure zuzuschreiben; achtzig ist er, hat heute Geburtstag, wird feierlich im Cafe Kroner begangen; ohne Sekt; den hasste er immer, und ich erfuhr nie, warum.</p><p>Du hast einmal davon getr&#xE4;umt, eine Riesenfeier an diesem Tag zu veranstalten: siebenmal sieben Enkel, dazu Urenkel, Schwiegert&#xF6;chter, angeheiratete Enkel mit Enkelinnen; du hast dich immer ein wenig wie Abraham gef&#xFC;hlt, Gr&#xFC;nder einer gewaltigen Sippe, hast dich selbst in den Traumkabinetten der Zukunft mit dem neunundzwanzigsten Urenkel auf dem Arm gesehen.</p><p>Fortpflanzen, fortpflanzen; das wird ein traurige Feier geben: nur ein Sohn, der blonde Enkel, die schwarzhaarige Enkelin, die Edith dir schenkte, und die Mutter der Sippe im verwunschenen Schloss, nur &#xFC;ber unendlich lange Leitern mit Riesensprossen erreichbar.</p><p>„Tritt ein, bring Gl&#xFC;ck herein, alter David, immer noch mit der Taillenweite der Jugend; verschone mich mit dem Kalender in deinen Augen; ich fahre dahin auf dem winzigen Kalenderblatt, das den Namen 31. Mai 1942 tr&#xE4;gt; zerst&#xF6;re mein Boot nicht; erbarme dich meiner, Geliebter, zerst&#xF6;re nicht das Papierschiffchen, aus einem Kalenderblatt gefaltet, und st&#xFC;rz mich nicht in den Ozean der sechzehn Jahre. Wei&#xDF;t du noch: <emphasis>Der Sieg wird erk&#xE4;mpft, nicht geschenkt</emphasis>; wehe denen, die nicht vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> essen; du wei&#xDF;t auch, dass Sakramente die schreckliche Eigenschaft haben, nicht der Endlichkeit unterworfen zu sein; und sie hatten Hunger, und es fand keine Brotvermehrung f&#xFC;r sie statt, keine Fischvermehrung, das <emphasis>Sakrament des Lammes</emphasis> stillte nicht ihren Hunger, das des B&#xFC;ffels bot reichliche Nahrung; sie hatten nicht rechnen gelernt: eine Billion f&#xFC;r ein Bonbon, ein Pferd f&#xFC;r einen Apfel, und dann keine drei Pfennige f&#xFC;r ein Br&#xF6;tchen; und immer ordentlich, anst&#xE4;ndig, Ehre, Treue; mit dem <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> geimpft, sind sie unsterblich; gib’s auf, David, wozu die Zeit mit sich herumschleppen; sei barmherzig, l&#xF6;sch den Kalender in deinen Augen aus; Geschichte machen die &#xE4;ndern; dein Cafe Kroner ist dir sicher, irgendwann ein Denkmal, ein kleines aus Bronze, wird dich mit einer Zeichenrolle in der Hand zeigen: klein, zart, l&#xE4;chelnd, etwas zwischen jungem Rabbiner und Bohemien, mit dem unbestimmten Air l&#xE4;ndlicher Herkunft; du hast doch gesehen, wohin politische Vernunft f&#xFC;hrt – willst du mir die politische Unvernunft rauben?</p><p>Von deinem Atelierfenster aus riefst du mir zu: ‚Mach dir keinen Kummer, ich werde dich lieben und dir die schrecklichen Sachen ersparen, von denen dir deine Schulfreundinnen erz&#xE4;hlen; Sachen, wie sie angeblich in Hochzeitsn&#xE4;chten passieren; glaub dem Gefl&#xFC;ster dieser N&#xE4;rrinnen nicht; wir werden lachen, wenn es soweit ist, bestimmt, ich verspreche es dir, aber du musst noch warten, ein paar Wochen, h&#xF6;chstens einen Monat, bis ich den Blumenstrau&#xDF; kaufen, die Droschke mieten, vor eurem Haus vorfahren kann. Wir werden reisen, uns die Welt anschauen, du wirst mir Kinder schenken, f&#xFC;nf, sechs, sieben; die Kinder werden mir Enkel schenken, f&#xFC;nfmal, sechsmal, siebenmal sieben; du wirst nie merken, dass ich arbeite; ich werde dir den M&#xE4;nnerschwei&#xDF; ersparen, Muskelernst und Uniformernst; alles geht mir leicht von der Hand, ich hab’s gelernt, ein bisschen studiert, hab den Schwei&#xDF; im voraus bezahlt; ich bin kein K&#xFC;nstler; mach dir keine Illusionen; ich werde dir weder falsche noch echte D&#xE4;monie bieten k&#xF6;nnen, das, wovon dir deine Freundinnen Gruselm&#xE4;rchen erz&#xE4;hlen, werden wir nicht im Schlafzimmer tun, sondern im Freien: du sollst den Himmel &#xFC;ber dir sehen. Bl&#xE4;tter oder Gr&#xE4;ser sollen dir ins Gesicht fallen, du sollst den Geruch eines Herbstabends schmecken und nicht das Gef&#xFC;hl haben, an einer widerw&#xE4;rtigen Turn&#xFC;bung teilzunehmen, zu der du verpflichtet bist; du sollst herbstliches Gras riechen, wir werden im Sand liegen, unten am Flussufer, zwischen den Weidenb&#xFC;schen, gleich oberhalb der Spur, die das Hochwasser hinterlie&#xDF;; Schilfstengel, Korken, Schuhcremedosen, eine Rosenkranzperle, die einer Schifferfrau &#xFC;ber Bord fiel, und in einer Limonadenflasche eine Post; in der Luft der bittere Rauch der Schiffsschornsteine; rasselnde Ankerketten; wir werden keinen blutigen Ernst draus machen, obwohl’s nat&#xFC;rlich ernst und blutig ist.‘</p><p>Und der Korken, den ich mit meinen nackten Zehen aufnahm und dir zur Erinnerung anbot? Ich hob ihn auf, schenkte ihn dir, weil du mir das Schlafzimmer erspart hattest, die dunkle Folterkammer aus Romanen, Freundinnengefl&#xFC;ster mit Nonnenwarnungen; Weidenzweige hingen mir in die Stirn, silbergr&#xFC;ne Bl&#xE4;tter hingen mir &#xFC;ber die Augen, die dunkel waren und gl&#xE4;nzten; die Dampfer tuteten, mir zur Feier, riefen mir zu, dass ich nicht mehr Jungfrau sei; D&#xE4;mmer, Herbstabend, l&#xE4;ngst waren alle Ankerketten gefallen, Matrosen und Schifferfrauen stiegen &#xFC;ber schwankende Stege an Land, und schon begehrte ich, was ich vor Stunden noch gef&#xFC;rchtet hatte; und es kamen mir doch ein paar Tr&#xE4;nen, weil ich mich meiner Vorfahren nicht w&#xFC;rdig f&#xFC;hlte, die sich gesch&#xE4;mt h&#xE4;tten, aus der Pflicht ein Vergn&#xFC;gen zu machen; du hast mir Weidenbl&#xE4;tter auf die Stirn und die Tr&#xE4;nenspur geklebt, unten am Flussufer, wo meine F&#xFC;&#xDF;e Schilfrohr ber&#xFC;hrten, Flaschen mit Sommerfrischlergr&#xFC;&#xDF;en an die Bewohner; woher kamen alle die Schuhcremedosen, waren sie f&#xFC;r die blanken Stiefel ausgehbereiter Matrosen, f&#xFC;r die schwarzen Einkaufstaschen der Schifferfrauen, f&#xFC;r die blanken M&#xFC;tzenschirme bestimmt gewesen, die im D&#xE4;mmer blitzten, als wir sp&#xE4;ter in Trischlers Cafe auf den roten St&#xFC;hlen sa&#xDF;en? Ich bewunderte die herrlichen H&#xE4;nde dieser jungen Frau, die uns gebratenen Fisch brachte, Salat, der so gr&#xFC;n war, dass mir die Augen schmerzten; Wein; die H&#xE4;nde dieser jungen Frau, die achtundzwanzig Jahre sp&#xE4;ter den R&#xFC;cken meines zerschundenen Sohnes mit Wein wusch; du h&#xE4;ttest Trischler nicht anbr&#xFC;llen sollen, als er anrief und von Roberts Unfall erz&#xE4;hlte; Hochwasser, Hochwasser, immer hat es mich gelockt, mich hineinzuwerfen und auf den grauen Horizont zutreiben zu lassen. Tritt ein, bring Gl&#xFC;ck herein, aber k&#xFC;ss mich nicht; zerst&#xF6;re nicht mein Schiffchen; hier ist Kaffee, s&#xFC;&#xDF; und hei&#xDF;, Nachmittagskaffee, stark und ohne Milch, hier sind Zigarren, Sechziger, Huperts hat sie mir besorgt. Wechsele die Optik deiner Augen aus, Alter, ich bin ja nicht blind, nur verr&#xFC;ckt und kann wohl lesen, welches Datum da unten in der Halle auf dem Kalender steht: 6. September 1958; blind bin ich nicht und wei&#xDF;, dass ich dein Aussehen nicht der Geschicklichkeit der Friseure zuschreiben kann; spiel mit, schraube die Optik deiner Augen zur&#xFC;ck und erz&#xE4;hl mir nicht wieder von deinem strahlenden blonden Enkel, der das Herz seiner Mutter und den Verstand seines Vaters hat und beim Wiederaufbau der Abtei als dein Beauftragter fungiert; hat er das Abitur bestanden? Wird er Statik studieren? Macht jetzt sein Praktikum? Verzeih, dass ich lache; ich habe Bauwerke nie ernst nehmen k&#xF6;nnen; Staub, zusammengebacken, konzentriert, zu Struktur verwandelter Staub; optische T&#xE4;uschung, Fata morgana, dazu bestimmt, Tr&#xFC;mmer zu werden; der Sieg wird erk&#xE4;mpft, nicht geschenkt; ich hab’s heute morgen in der Zeitung gelesen, bevor sie mich wegbrachten. ‚Jubelwellen brandeten hoch – voll gl&#xE4;ubigen Vertrauens lauschten sie den Worten – immer wieder brandeten Jubel und Begeisterung hoch.‘ Soll ich’s dir aus der Lokalzeitung vorlesen?</p><p>Deine Enkelschar, nicht siebenmal sieben, sondern zweimal eins, einmal zwei, sie werden keine Privilegien genie&#xDF;en, ich hab’s Edith, dem Lamm, versprochen; sie sollen nicht vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> essen, und der Junge lernt das Gedicht f&#xFC;r die Schule nicht.</p><poem><stanza><v><emphasis>Lob jeden Hieb, den uns das Schicksal schl&#xE4;gt,</emphasis></v><v><emphasis>weil Not verwandte Seelen &#xE4;hnlich pr&#xE4;gt…</emphasis></v></stanza></poem><p>Du liest zuviel &#xFC;berregionale Zeitungen, l&#xE4;sst dir den B&#xFC;ffel, s&#xFC;&#xDF; oder sauer, paniert und in Gott wei&#xDF; welchen Saucen servieren; du liest zuviel gepflegte Zeitungen – hier, im Feuilleton des Lokalbl&#xE4;ttchens kannst du den wahren, echten Dreck jeden Tag schlucken, unvermischt und unverf&#xE4;lscht, so gut gemeint, wie du es dir nur w&#xFC;nschen kannst; die anderen meinen es nicht gut, die sind nur feige, deine &#xFC;berregionalen, aber hier, das ist gut gemeint; keine Privilegien bitte, keine Schonung; hier, das ist an mich gerichtet: ‚M&#xFC;tter der Gefallenen… Und ob ihr auch des Volkes Heilige seid, gleich euren S&#xF6;hnen eure Seele schreit…‘; ich bin des Volkes Heilige, und meine Seele schreit ; mein Sohn ist gefallen: Otto F&#xE4;hmel; anst&#xE4;ndig, anst&#xE4;ndig, Ehre, Treue; er verriet uns an die Polizei, war pl&#xF6;tzlich nur noch die H&#xFC;lle unseres Sohnes; keine Schonung, keine Privilegien; den Abt haben sie nat&#xFC;rlich geschont, er hat doch davon gekostet, anst&#xE4;ndig, ordentlich, Ehre; es wurde mit fackeltragenden M&#xF6;nchen gefeiert, oben auf dem H&#xFC;gel, mit Blick ins liebliche Kissatal, die neue Zeit brach an, Opferzeit, Schmerzenszeit, und sie hatten wieder ihre Pfennige f&#xFC;r die Br&#xF6;tchen, ihren halben Groschen f&#xFC;r ein St&#xFC;ck Seife; den Abt wunderte es, dass Robert sich weigerte, an der Feier mitzumachen; sie ritten auf dampfenden Rossen den H&#xFC;gel hinauf, z&#xFC;ndeten Feuer an: Sonnenwende; Otto durfte den Holzsto&#xDF; anz&#xFC;nden, er stie&#xDF; die brennende Fackel ins Reisig, die gleichen Lippen, die das <emphasis>rorate coeli</emphasis> so wunderbar singen konnten, sangen, was ich den Lippen meines Enkels fernhalten will: <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis> – zittern deine noch nicht, Alter?</p><p>Komm, leg deinen Kopf in meinen Scho&#xDF;, steck dir eine Zigarre an, hier, die Kaffeetasse in Reichweite deiner H&#xE4;nde; schlie&#xDF; die Augen; Klappe runter, weg, den Kalender ausgel&#xF6;scht, wir wollen die Litanei des Wei&#xDF;t-du-noch abbeten, uns der Jahre erinnern, als wir drau&#xDF;en in Blessenfeld wohnten, wo es jeden Abend nach Feierabend roch, nach Volk, das sich in Fischbratk&#xFC;chen s&#xE4;ttigte, an Reibekuchenbuden und Eiskarren; selig, die mit den Fingern essen d&#xFC;rfen; ich durfte es nie, solange ich zu Hause lebte; du hast es mir erlaubt; da dudelten die Drehorgeln, kreischten die Karussells, und ich roch es, h&#xF6;rte es, sp&#xFC;rte es, dass nur die Verg&#xE4;nglichkeit Dauer hat; du hattest mich aus diesem schrecklichen Haus erl&#xF6;st, wo sie seit vierhundert Jahren hockten und vergebens sich zu befreien suchten; an Sommerabenden sa&#xDF; ich oben auf dem Dachgarten, wenn sie unten im Garten sa&#xDF;en und Wein tranken: Herrenabende, Damenabende, und ich h&#xF6;rte im schrillen Lachen der Frauen, was ich im gr&#xF6;hlenden der M&#xE4;nner h&#xF6;rte: Verzweiflung; wenn der Wein die Zungen l&#xF6;ste, die Tabus befreite, wenn der Geruch des Sommerabends sie aus dem Gef&#xE4;ngnis der Heuchelei erl&#xF6;ste, wurde es offenkundig: sie waren weder reich noch arm genug, das einzige Dauerhafte zu entdecken: Verg&#xE4;nglichkeit; ich sehnte mich nach ihr, w&#xE4;hrend ich f&#xFC;rs Unverg&#xE4;ngliche erzogen wurde: Ehe, Treue, Ehre, Schlafzimmer, wo es nur Pflicht, keine K&#xFC;r gab; Ernst, Bauwerke, Staub in Strukturen verwandelt, und es klang mir im Ohr, wie der Lockruf des murmelnden Flusses bei Hochwasser: <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis>; ich wollte an ihrer Verzweiflung nicht teilhaben, nicht von dem dunklen Erbe kosten, das sie von Geschlecht zu Geschlecht weiterreichten; ich sehnte mich nach dem wei&#xDF;en, leichten Sakrament des Lammes und versuchte, mir beim <emphasis>mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa</emphasis> die uralte Erbschaft der Dunkelheit und der Gewalt aus der Brust herauszuklopfen; legte, wenn ich aus der Messe kam, mein Gebetbuch in der Diele ab, kam gerade fr&#xFC;h genug, um Vaters Begr&#xFC;&#xDF;ungskuss zu empfangen; sein dr&#xF6;hnender Bass entfernte sich &#xFC;ber den Hof zum Kontor hin: f&#xFC;nfzehn war ich, sechzehn, siebzehn, achtzehn und sah in den Augen meiner Mutter das harte Lauern: sie war den W&#xF6;lfen vorgeworfen worden, sollte ich etwa davon verschont bleiben? Sie wuchsen schon heran, die W&#xF6;lfe, Biertrinker, M&#xFC;tzentr&#xE4;ger, h&#xFC;bsche und weniger h&#xFC;bsche; ich sah ihre H&#xE4;nde, ihre Augen und war mit dem schrecklichen Fluch beladen, zu wissen, wie sie mit vierzig, mit sechzig aussehen w&#xFC;rden; violette Adern in ihrer Haut, und sie w&#xFC;rden nie nach Feierabend riechen; ernst, M&#xE4;nner, Verantwortung; Gesetze h&#xFC;ten, Kindern Geschichte beibringen; M&#xFC;nzen z&#xE4;hlen, zu politischer Vernunft entschlossen; sie waren alle dazu verdammt, vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> zu kosten, wie meine Br&#xFC;der; jung waren sie nur an Jahren, und es gab f&#xFC;r sie alle nur eins, das ihnen Glanz versprach, ihnen Gr&#xF6;&#xDF;e verleihen, sie in mythischen Dunst h&#xFC;llen w&#xFC;rde: den Tod; Zeit war nur ein Mittel, sie ihm entgegen zu tragen; sie schnupperten danach, und alles, was danach roch, war ihnen gut; sie rochen selbst danach: Verwesung; sie hockte im Haus, in den Augen derer, denen ich vorgeworfen werden sollte: M&#xFC;tzentr&#xE4;ger, Gesetzesh&#xFC;ter; nur eins war verboten: leben wollen und spielen. Verstehst du mich, Alter? Spiel galt als Tods&#xFC;nde; nicht Sport, den h&#xE4;tten sie geduldet; das h&#xE4;lt lebendig, macht anmutig, h&#xFC;bsch, steigert den Appetit der W&#xF6;lfe; Puppenstuben: gut; das f&#xF6;rdert die hausfraulichen und m&#xFC;tterlichen Instinkte; tanzen: auch gut; das geh&#xF6;rt zum Markt; aber wenn ich f&#xFC;r mich ganz allein tanzte, im Hemd oben in meinem Zimmer: S&#xFC;nde, weil es nicht Pflicht war; da konnte ich mich getrost auf B&#xE4;llen von M&#xFC;tzentr&#xE4;gern betasten lassen, im Dunkel des Flures, durfte sogar im Waldesdunkel nach Landpartien nicht allzu gewagte Z&#xE4;rtlichkeiten dulden; wir sind ja nicht pr&#xFC;de; ich betete um den, der mich erretten, vom Tode im Wolfszwinger erl&#xF6;sen w&#xFC;rde, ich betete und nahm das wei&#xDF;e Sakrament drauf und sah dich im Atelierfenster dr&#xFC;ben; wenn du w&#xFC;sstest, wie ich dich liebte, wenn du es ahnen k&#xF6;nntest, w&#xFC;rdest du nicht die Augen aufschlagen, mir den Kalender entgegenhalten und mir erz&#xE4;hlen wollen, wie gro&#xDF; meine Enkel inzwischen geworden sind, dass sie nach mir fragen, mich nicht vergessen haben. Nein, ich will sie nicht sehen; sie lieben mich, ich wei&#xDF;, und ich wei&#xDF;, dass es eine M&#xF6;glichkeit gab, den M&#xF6;rdern zu entrinnen: f&#xFC;r verr&#xFC;ckt erkl&#xE4;rt zu werden; aber wenn es mir wie Gretzens Mutter gegangen w&#xE4;re, wie? Gl&#xFC;ck gehabt, reines Gl&#xFC;ck in dieser Welt, wo eine Handbewegung das Leben kostet, wo es dich retten oder dich umbringen kann, f&#xFC;r verr&#xFC;ckt erkl&#xE4;rt zu werden; ich will die Jahre, die ich verschluckt habe, noch nicht wieder hergeben, will nicht Joseph als Zweiundzwanzigj&#xE4;hrigen sehen, mit M&#xF6;rtelspuren an den Hosenbeinen, Gipsflecken am Rock, einen strahlenden jungen Mann, der den Zollstock schwingt, Zeichenrollen unter dem Arm tr&#xE4;gt, ich will nicht die neunzehnj&#xE4;hrige Ruth sehen, <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis> lesend; schlie&#xDF; die Augen, alter David, klapp den Kalender zu, hier, dein Kaffee.</p><p>Ich habe wirklich Angst, glaub mir; ich l&#xFC;ge nicht; lass mein Schiffchen schwimmen, sei nicht der mutwillige Knabe, der es zerst&#xF6;rt; die Welt ist b&#xF6;se, es gibt so wenig reine Herzen; auch Robert spielt mit, geht gehorsam auf die Stationen, auf die ich ihn schicke: von 1917 bis 1942 – keinen Schritt weiter; aufrecht tut er’s, ungebeugt, deutsch; ich wei&#xDF;, dass er Heimweh hatte, dass ihn das Billardspielen und Formelnpauken in der Fremde nicht gl&#xFC;cklich machte; dass er nicht allein um Ediths willen zur&#xFC;ckgekommen ist; der ist deutsch, liest H&#xF6;lderlin, hat nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gekostet, er ist vom Adel, kein Lamm, sondern ein Hirte. Ich h&#xE4;tte nur gerne gewusst, was er im Krieg gemacht hat, aber er spricht nie dar&#xFC;ber; ein Architekt, der nie ein Haus gebaut hat, nie M&#xF6;rtelspuren am Hosenbein, nein, makellos, korrekt, ein Schreibtischarchitekt, den es nicht nach Richtfesten gel&#xFC;stet. Aber wo ist der andere Sohn: Otto; gefallen bei Kiew, von unserem Fleisch und Blut; wo kam er her, wo ging er hin? Glich er wirklich deinem Vater? Hast du Otto nie mit einem M&#xE4;dchen gesehen? Ich w&#xFC;sste so gern etwas &#xFC;ber ihn; ich wei&#xDF;, dass er gern Bier trank, Gurken nicht mochte, und kenne die Bewegungen seiner H&#xE4;nde, wenn er sich k&#xE4;mmte, den Mantel anzog; er verriet uns an die Polizei, ging zum Milit&#xE4;r – noch bevor er die Schule absolviert hatte, schrieb uns Postkarten von t&#xF6;dlicher Ironie: ‚Mir geht es gut, was ich von euch hoffe; brauche 3.‘ Otto, er kam nicht einmal zu den Urlauben nach Hause; wo verbrachte er sie? Welcher Detektiv k&#xF6;nnte uns Auskunft dar&#xFC;ber geben? Regimentsnummern wei&#xDF; ich, Feldpostnummern, Dienstgrade: Oberleutnant, Major, Oberstleutnant F&#xE4;hmel, und als letzten Schlag wieder Ziffern, ein Datum, gefallen 12. 1. 42. Ich sah es mit eigenen Augen, wie er die Leute auf der Stra&#xDF;e niederschlug, weil sie die Fahnen nicht gr&#xFC;&#xDF;ten; er erhob seine H&#xE4;nde und schlug sie, h&#xE4;tte auch mich geschlagen, wenn ich nicht rasch in die Kr&#xE4;merzeile eingebogen w&#xE4;re; wie kam er in unser Haus? Mir bleibt nicht einmal die t&#xF6;richte Hoffnung, er k&#xF6;nne als S&#xE4;ugling vertauscht worden sein; er ist im Hause geboren, vierzehn Tage nach Heinrichs Tod, im Schlafzimmer oben, an einem dunklen Oktobertag 1917; er glich deinem Vater.</p><p>Still, Alter, sprich nicht, &#xF6;ffne nicht deine Augen, zeig mir nicht deine achtzig Jahre. Memento <emphasis>quia pulvis es et in pulverem reverteris</emphasis><a l:href="#n_46" type="note">[46]</a>. Sie sagen es uns deutlich genug; Staub, der M&#xF6;rtel hinterl&#xE4;sst, Hypothekenbriefe, H&#xE4;user, Gutsh&#xF6;fe, ein Denkmal in einem friedlichen Vorort, wo spielende Kinder sich fragen werden: Wer war denn das?</p><p>Als junge Mutter, bl&#xFC;hend und fr&#xF6;hlich, ging ich durch den Blessenfelder Park und wusste doch, dass die griesgr&#xE4;migen Rentner dort, die auf die l&#xE4;rmenden Kinder schimpften, nur auf die schimpften, die einmal selber als griesgr&#xE4;mige Rentner dort sitzen und auf l&#xE4;rmende Kinder schimpfen w&#xFC;rden, die einmal griesgr&#xE4;mige Rentner w&#xE4;ren; zwei Kinder hatte ich, an jeder Hand eins; sie waren vier und sechs Jahre alt, dann sechs und acht, acht und zehn, und im Garten hingen die korrekt gemalten Schilder: 25, 50, 75, 100, schwarze Ziffern auf wei&#xDF;lackiertem Blech, erinnerten mich immer an die Ziffern an Stra&#xDF;enbahnhaltestellen; abends dein Kopf in meinem Scho&#xDF;, die Kaffeetasse in Reichweite; wir warteten vergebens auf Gl&#xFC;ck, fanden es nicht in Eisenbahnabteilen, in Hotels; ein Fremder ging durchs Haus, trug unseren Namen, trank unsere Milch, a&#xDF; unser Brot, kaufte sich von unserem Geld im Kindergarten Kakao, dann Schulhefte.</p><p>Trag mich ans Flussufer zur&#xFC;ck, wo meine nackten F&#xFC;&#xDF;e die Hochwasserspur ber&#xFC;hren, wo die Dampfer tuten, es nach Rauch riecht, bring mich in das Cafe, wo die Frau mit den herrlichen H&#xE4;nden bedient; still, Alter, weine doch nicht: ich lebte in der inneren Emigration und du hast einen Sohn, zwei Enkel, vielleicht werden sie dir bald Urenkel schenken; ich habe es nicht in der Hand, zu dir zur&#xFC;ckzukehren, mir jeden Tag ein neues Schiffchen aus einem Kalenderblatt zurechtzufalten und munter bis Mitternacht dahinzusegeln: 6. September 1958; das ist Zukunft, deutsche Zukunft, ich habe es selber im Lokalbl&#xE4;ttchen gelesen:</p><p>‚Ein Bild aus deutscher Zukunft; im Jahr 1958; aus dem einundzwanzigj&#xE4;hrigen Unteroffizier Morgner ist der sechsunddrei&#xDF;igj&#xE4;hrige Bauer Morgner geworden; er steht an den Ufern der Wolga; es ist Feierabend, er raucht sein wohlverdientes Pfeifchen, hat eins seiner blonden Kinder auf dem Arm, blickt versonnen zu seiner Frau hin&#xFC;ber, die gerade die letzte Kuh melkt; deutsche Milch am Wolgaufer…‘</p><p>Du willst nicht mehr weiterh&#xF6;ren! Gut, aber lass mich mit der Zukunft zufrieden; ich will nicht wissen, wie sie als Gegenwart aussieht; stehen sie nicht am Wolgaufer? Weine nicht, Alter; zahl das L&#xF6;segeld, und ich komme aus dem verwunschenen Schloss zur&#xFC;ck: <emphasis>ich muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr.</emphasis></p><p>Vorsicht, wenn du die Leiter hinaufkletterst; nimm die Zigarre aus dem Mund; du bist nicht mehr drei&#xDF;ig und k&#xF6;nntest schwindlig werden; heute abend im Cafe Kroner die Familienfeier? Vielleicht komm ich, viel Gl&#xFC;ck zum Geburtstag; verzeih, dass ich lache; Johanna w&#xE4;re achtundvierzig, Heinrich siebenundvierzig; sie nahmen ihre Zukunft mit; weine nicht, Alter, du hast das Spiel gewollt. Vorsicht, wenn du die Leiter hinaufsteigst.“</p></section><section><title><p>Kapitel VI</p></title><p>Der gelb-schwarze Bus hielt am Dorfeingang, schwenkte in Richtung Dodringen von der Landstra&#xDF;e ab, und Robert sah in der Staubwolke, die der Bus hinterlie&#xDF;, seinen Vater auftauchen; wie aus Nebelschwaden stieg der Alte ins Licht, immer noch elastisch, kaum von der Schw&#xFC;le des Nachmittags angegriffen; er bog in die Hauptstra&#xDF;e ein, ging am ‚Schwan‘ vor&#xFC;ber; gelangweilte Dorfburschen musterten ihn von der Freitreppe herab, f&#xFC;nfzehnj&#xE4;hrige, sechzehnj&#xE4;hrige; wahrscheinlich waren sie es gewesen, die Hugo aufgelauert hatten, wenn er aus der Schule kam; in dumpfen Nebengassen, in dunklen St&#xE4;llen hatten sie ihn geschlagen und ihn <emphasis>Lamm Gottes</emphasis> gerufen.</p><p>Der Alte ging am B&#xFC;rgermeisteramt vor&#xFC;ber, am Kriegerdenkmal, wo m&#xFC;der Buchsbaum den Toten dreier Kriege aus saurer Erde seine Bl&#xE4;tter zum Ged&#xE4;chtnis bot; an der Friedhofsmauer blieb der Alte stehen, zog ein Taschentuch heraus, trocknete sich die Stirn, faltete sein Taschentuch wieder, zog den Rock glatt, ging weiter, und bei jedem Schritt sah Robert die kokette Kurve, die das rechte Hosenbein beschrieb; nur f&#xFC;r einen Augenblick wurde das dunkelblaue Sto&#xDF;band sichtbar, bevor der Fu&#xDF; den Boden wieder ber&#xFC;hrte, sich zu koketter Kurve wieder hob; Robert blickte auf die Bahnhofsuhr: zwanzig vor vier, erst um zehn nach vier w&#xFC;rde der Zug kommen; eine halbe Stunde, so lange war er, soweit er sich erinnern konnte, noch nie mit seinem Vater allein gewesen; er hatte gehofft, dessen Besuch w&#xFC;rde l&#xE4;nger dauern und er der Notwendigkeit des Vater-Sohn-Gespr&#xE4;chs enthoben sein. Die Gaststube des Denklinger Bahnhofs war der am wenigsten geeignete Ort f&#xFC;r diese Begegnung, auf die der Vater vielleicht seit zwanzig oder drei&#xDF;ig Jahren gehofft hatte; Gespr&#xE4;ch mit dem gereiften Sohn, der nicht mehr Kind war, nicht mehr an der Hand zu nehmen, mit auf die Reise ins Seebad, zu Kuchen und Eis einzuladen: Gutenachtkuss, Morgenkuss, Frage nach den Schularbeiten, ein paar Lebensweisheiten: Ehrlich w&#xE4;hrt am l&#xE4;ngsten; Gott, tr&#xFC;gt nicht; Taschengeldempf&#xE4;nger; l&#xE4;chelnder Stolz &#xFC;ber Siegerurkunden und gute Schulzeugnisse; verlegenes Gespr&#xE4;ch &#xFC;ber Architektur; Ausfl&#xFC;ge nach Sankt Anton; kein Wort, als er verschwand, keins, als er wiederkam; beklemmende Mahlzeiten in Ottos Gegenwart, die sogar ein Gespr&#xE4;ch &#xFC;bers Wetter unm&#xF6;glich machte; Fleisch, mit Silbermessern geschnitten, Sauce mit Silberl&#xF6;ffeln genommen; Mutter starr wie das Kaninchen vor der Schlange, der Alte blickte zum Fenster hinaus, w&#xE4;hrend er Brot zerkr&#xFC;melte, gedankenlos einen L&#xF6;ffel zum Mund f&#xFC;hrte, Ediths H&#xE4;nde zitterten, w&#xE4;hrend Otto sich ver&#xE4;chtlich die gr&#xF6;&#xDF;ten Brocken Fleisch nahm, als einziger die Ingredienzien der Mahlzeit w&#xFC;rdigte; Vaters Liebling, immer zu Ausfl&#xFC;gen und Reisen, Extravaganzen bereit gewesen, fr&#xF6;hlicher Knabe mit fr&#xF6;hlicher Zukunft, geeignet, um auf Kirmespl&#xE4;tzen dem Vater das Gef&#xFC;hl eines erf&#xFC;llten Lebens zu geben; heiter sagte er hin und wieder: ‚Ihr k&#xF6;nnt mich ja rauswerfen‘; keiner antwortete. Robert ging nach den Mahlzeiten mit Vater ins Atelier hin&#xFC;ber, sa&#xDF; nur da, zeichnete, spielte mit Formeln in dem leeren gro&#xDF;en Raum, wo noch die Zeichentische von f&#xFC;nf Architekten standen; leer; w&#xE4;hrend der Alte m&#xFC;de seinen Kittel &#xFC;berzog, dann zwischen Zeichenrollen kramte, immer wieder vor dem Plan von Sankt Anton stehenblieb, sp&#xE4;ter wegging, spazieren, Kaffee trinken, alte Kollegen, alte Feinde besuchen; Eiszeit brach in den H&#xE4;usern aus, wo er schon seit vierzig Jahren gern gesehener Gast war; in manchen H&#xE4;usern des einen, in manchen des anderen Sohnes wegen; und er war doch fr&#xF6;hlich angelegt, der Alte, dazu geschaffen, ein munteres Leben zu f&#xFC;hren, Wein und Kaffee zu trinken, zu reisen und die h&#xFC;bschen M&#xE4;dchen, die er auf der Stra&#xDF;e, in Eisenbahnz&#xFC;gen sah, alle als respektive Schwiegert&#xF6;chter zu betrachten; oft ging er stundenlang spazieren, mit Edith, die den Kinderwagen schob; er hatte wenig zu tun, war gl&#xFC;cklich, wenn er an Krankenh&#xE4;usern, die er gebaut hatte, kleine Umbauten planen, beaufsichtigen konnte, nach Sankt Anton fahren, die Reparatur einer Mauer veranlassen konnte; er glaubte, Robert grollte ihm, und Robert glaubte, der Alte grollte ihm.</p><p>Aber jetzt war er gereift, selbst Vater erwachsener Kinder, Mann, vom Schicksal geschlagen durch den Tod der Frau; emigriert gewesen, heimgekehrt; im Krieg; verraten und gefoltert; selbst&#xE4;ndig, mit einem klar erkennbaren Platz: ‚Dr. Robert F&#xE4;hmel, B&#xFC;ro f&#xFC;r statische Berechnungen, Nachmittags geschlossen‘; endlich zum Gespr&#xE4;chspartner geworden.</p><p>„Noch ein Bier, der Herr?“ fragte der Wirt von der Theke her, wischte Bierschaum vom Nickelblech, entnahm der K&#xFC;hlvitrine zwei Teller mit Frikadellen und Senf, brachte sie dem P&#xE4;rchen, das in der Ecke sa&#xDF;, vom Landspaziergang erhitzt, in m&#xFC;der Gl&#xFC;ckseligkeit.</p><p>„Ja, bitte“, sagte Robert, „noch ein Bier“, schob den Vorhang beiseite; der Vater bog nach rechts ab, ging am Friedhofseingang vor&#xFC;ber, &#xFC;berquerte die Stra&#xDF;e, blieb am G&#xE4;rtchen des Bahnhofsvorstehers stehen, blickte auf die violetten, eben erbl&#xFC;hten Astern; offenbar z&#xF6;gerte er.</p><p>„Nein“, sagte Robert zur Theke hin, „bitte <emphasis>zwei</emphasis> Bier und zehn Virginia-Zigaretten.“</p><p>Wo jetzt das P&#xE4;rchen sa&#xDF;, hatte der amerikanische Offizier am Tisch gesessen; blondes, kurzgeschnittenes Haar erh&#xF6;hte den Eindruck der Jugendlichkeit; die blauen Augen strahlten Vertrauen aus, Vertrauen in die Zukunft, in der alles erkl&#xE4;rbar sein w&#xFC;rde; sie war in Planquadrate eingeteilt; nur die Frage des Ma&#xDF;stabs war noch zu kl&#xE4;ren; 1 : 1 oder 1 : 3.000.000? Auf dem Tisch, wo die Finger des Offiziers mit einem schlanken Stift spielten, lag das Messtischblatt der Gemarkung Kisslingen.</p><p>Der Tisch hatte sich in den dreizehn Jahren nicht ver&#xE4;ndert; rechts an dem Tischbein, wo die staubigen Sandalen des jungen Mannes jetzt Halt suchten, immer noch die Initialen, von einem gelangweilten Fahrsch&#xFC;ler eingeschnitten: J. D.; wahrscheinlich hatte er Joseph Dodringer gehei&#xDF;en; auch die Tischt&#xFC;cher unver&#xE4;ndert; rot-wei&#xDF; kariert; die St&#xFC;hle hatten zwei Weltkriege &#xFC;berdauert, astreines Buchenholz zu stabiler Sitzgelegenheit verarbeitet; seit siebzig Jahren dienten sie wartenden Bauern&#xE4;rschen; neu war nur die K&#xFC;hlvitrine auf der Theke, wo krustige Frikadellen, kalte Koteletts und russische Eier auf Hungrige oder Gelangweilte warteten.</p><p>„Bitte, der Herr, zwei Bier und zehn Zigaretten.“</p><p>„Danke sehr!“</p><p>Nicht einmal die Bilder an der Wand waren ausgewechselt; eine Luftansicht der Abtei Sankt Anton, noch mit der biederen Platte und dem schwarzen Tuch fotografiert, offenbar vom Kosakenh&#xFC;gel herunter; Kreuzgang und Refektorium, die gewaltige Kirche, Wirtschaftsgeb&#xE4;ude; daneben hing ein verblasster Farbdruck: Liebespaar am Feldrain; &#xC4;hren, Kornblumen, ein lehmig gelber, von Sonne ausgetrockneter Weg; neckisch kitzelte die Dorfsch&#xF6;ne ihren Liebhaber, dessen Kopf in ihrem Scho&#xDF; ruhte, mit einem Halm hinterm Ohr.</p><p>‚Sie missverstehen mich, Herr Hauptmann; wir w&#xFC;rden so gerne wissen, <emphasis>warum</emphasis> Sie das getan haben; h&#xF6;ren Sie? Wir kennen nat&#xFC;rlich den Verbrannte-Erde-Befehl – Hinterlasst dem Feind nur Tr&#xFC;mmer und Leichen, nicht wahr? Aber ich glaube nicht, dass Sie es getan haben, um diesen Befehl zu befolgen; Sie sind – verzeihen Sie – zu intelligent, um das zu tun. Aber warum, warum haben Sie dann die Abtei gesprengt? Sie war in ihrer Art ein kulturgeschichtliches Denkmal ersten Ranges; jetzt, wo die Kampfhandlungen hier vor&#xFC;ber sind, und Sie unser Gefangener, der wohl kaum Gelegenheit haben wird, von unseren R&#xFC;cksichten dr&#xFC;ben zu erz&#xE4;hlen – jetzt kann ich Ihnen gestehen, dass unser Kommandeur eher eine Verz&#xF6;gerung des Vormarsches um zwei, drei Tage in Kauf genommen h&#xE4;tte, als die Abtei auch nur anzutasten. Warum haben Sie die Abtei in die Luft gejagt, obwohl es doch taktisch und strategisch so offensichtlich keinen Sinn hatte? Sie haben unseren Vormarsch nicht etwa behindert, sondern beschleunigt. Rauchen Sie?‘</p><p>‚Ja, danke.‘</p><p>Die Zigarette schmeckte, Virginia, w&#xFC;rzig-kr&#xE4;ftig.</p><p>‚Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine. Bitte, sagen Sie doch etwas; ich sehe, dass wir fast gleichaltrig sind; Sie sind neunundzwanzig, ich siebenundzwanzig. K&#xF6;nnen Sie nicht begreifen, dass ich Sie verstehen m&#xF6;chte? Oder f&#xFC;rchten Sie die Folgen einer Aussage – Folgen bei uns oder bei Ihren Landsleuten?‘</p><p>Aber wenn er es aussprechen w&#xFC;rde, stimmte es nicht mehr; aktenkundig gemacht w&#xE4;re es am wenigsten wahr: dass er auf diesen Augenblick f&#xFC;nfeinhalb Kriegsjahre gewartet hatte, auf den Augenblick, da die Abtei wie ein Gottesgeschenk als seine Beute dalag; ein Denkmal aus Staub und Tr&#xFC;mmern wollte er denen setzen, die keine kulturgeschichtlichen Denkm&#xE4;ler gewesen waren und die man nicht hatte schonen m&#xFC;ssen: Edith, von einem Bombensplitter get&#xF6;tet; Ferdi, ein Attent&#xE4;ter, rechtskr&#xE4;ftig verurteilt; der Junge, der die winzigen Papiere mit seinen Botschaften in den Briefkasten geworfen hatte; Schrellas Vater, der verschwunden war; Schrella selbst, der so fern von dem Land leben musste, in dem H&#xF6;lderlin gelebt hatte; Groll, der Kellner im Anker, und die vielen, die hinausgezogen waren, singend: <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis>; niemand w&#xFC;rde f&#xFC;r sie um Rechenschaft gefragt werden, niemand hatte sie etwas Besseres gelehrt; Dynamit, ein paar Formeln, das war seine M&#xF6;glichkeit, Denkm&#xE4;ler zu setzen; und einen Sprengtrupp hatte er, der seiner Pr&#xE4;zisionsarbeit wegen ber&#xFC;hmt war: Schrit, Hochbret, Kanders. ‚Wir wissen genau, dass Sie Ihren Vorgesetzten, General Otto K&#xF6;sters, nicht ernst nehmen konnten; unsere Heerespsychiater haben einm&#xFC;tig – und wenn Sie w&#xFC;ssten, wie schwer es ist, unter amerikanischen Heerespsychiatern Einm&#xFC;tigkeit herzustellen —, sie haben ihn einm&#xFC;tig f&#xFC;r verr&#xFC;ckt, f&#xFC;r seine Taten nicht verantwortlich erkl&#xE4;rt, und so f&#xE4;llt die Verantwortung auf Sie, Herr Hauptmann, da Sie eindeutig nicht verr&#xFC;ckt und – ich will Ihnen das verraten – durch die Aussagen Ihrer Kameraden stark belastet sind. Ich will Ihnen gar nicht die Frage nach Ihrer politischen Anschauung stellen: die Unschuldsbeteuerungen sind mir schon zu gel&#xE4;ufig und offen gestanden auch zu langweilig. Ich habe schon zu meinen Kameraden gesagt, wir werden in diesem sch&#xF6;nen Land nur f&#xFC;nf oder sechs, wenn’s hochkommt neun Schuldige finden und uns fragen m&#xFC;ssen, gegen wen wir diesen Krieg gef&#xFC;hrt haben: gegen lauter einsichtige, nette, intelligente, sogar kultivierte Menschen – bitte, beantworten Sie doch meine Frage! Warum, warum haben Sie es getan?‘</p><p>Auf dem Platz des amerikanischen Offiziers sa&#xDF; jetzt das junge M&#xE4;dchen, a&#xDF; seine Frikadelle, nippte am Bier, kicherte; am Horizont konnte er den dunkelgrauen, schlanken Turm von Sankt Severin sehen, unversehrt.</p><p>Sollte er sagen, dass er den Respekt vor kulturgeschichtlichen Denkm&#xE4;lern so r&#xFC;hrend f&#xE4;nde wie den Irrtum, anstatt lauter netten, einsichtigen Leuten Bestien zu erwarten? Ein Denkmal f&#xFC;r Edith und Ferdi, f&#xFC;r Schrella und dessen Vater, f&#xFC;r Groll und den Jungen, der seine Papierchen in den Briefkasten geworfen, f&#xFC;r den Polen Anton, der gegen Wakiera die Hand erhoben hatte und deshalb ermordet worden war, und f&#xFC;r die vielen, die <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis> gesungen hatten, nichts Besseres war ihnen beigebracht worden; ein Denkmal f&#xFC;r die L&#xE4;mmer, die niemand geweidet hatte.</p><empty-line/><p>Wenn sie den Zug noch erwischen wollte, musste seine Tochter Ruth jetzt am Portal von Sankt Severin vorbei zum Bahnhof laufen; mit ihrer gr&#xFC;nen M&#xFC;tze auf dem dunklen Haar, in ihrem rosaroten Pullover, erhitzt, gl&#xFC;cklich, Vater, Bruder und Gro&#xDF;vater zu treffen; Nachmittagskaffee in Sankt Anton vor der gro&#xDF;en Geburtstagsfeier am Abend.</p><p>Vater stand drau&#xDF;en im Schatten vor der Tafel und studierte die Abfahrtszeiten; ger&#xF6;tet das schmale Gesicht, liebensw&#xFC;rdig der alte, gro&#xDF;z&#xFC;gig und freundlich, der hatte nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gekostet, war mit dem Altern nicht bitter geworden; wusste er alles? Oder w&#xFC;rde er es noch erfahren? Und sein Sohn Joseph, wie w&#xFC;rde er es dem je erkl&#xE4;ren k&#xF6;nnen? Schweigen war besser, als die Gedanken und Gef&#xFC;hle aktenkundig zu machen und den Psychologen auszuliefern.</p><p>Er hatte es auch dem freundlichen jungen Mann nicht erkl&#xE4;ren k&#xF6;nnen, der ihn kopfsch&#xFC;ttelnd ansah, ihm die angebrochene Zigarettenschachtel &#xFC;ber den Tisch zuschob; er nahm die Zigarettenpackung, sagte Dank, steckte sie in die Tasche, nahm sein Eisernes Kreuz von der Brust, schob es dem jungen Mann &#xFC;ber den Tisch zu; das rot-wei&#xDF; karierte Tischtuch beulte sich, er zog es wieder glatt, w&#xE4;hrend der junge Mann err&#xF6;tete.</p><p>‚Nein, nein‘, sagte Robert, ‚verzeihen Sie mir meine Ungeschicklichkeit; ich wollte Sie nicht kr&#xE4;nken, aber ich habe das Bed&#xFC;rfnis, Ihnen dies als Andenken zu schenken, Andenken an den, der die Abtei Sankt Anton gesprengt hat und diesen Orden daf&#xFC;r bekam; der sie gesprengt hat, obwohl er wusste, dass der General verr&#xFC;ckt war, obwohl er wusste, dass die Sprengung weder taktisch noch strategisch einen Sinn hatte. Ich behalte Ihre Zigaretten gern – darf ich Sie bitten, zu glauben, dass wir nur als Gleichaltrige Geschenke gewechselt haben?‘</p><p>Vielleicht hatte er es getan, weil ein halbes Dutzend M&#xF6;nche damals zur Sonnwendfeier den Kosakenh&#xFC;gel hinaufgezogen waren und oben, als das Feuer aufloderte: <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis> angestimmt hatten; Otto z&#xFC;ndete das Feuer an, und er selber stand dabei, mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm, Joseph, dem blondgelockten, der vor Freude &#xFC;ber das lodernde Feuer in die H&#xE4;nde klatschte; Edith, neben ihm, presste seine rechte Hand; vielleicht auch, weil Otto ihm nicht einmal fremd gewesen war in einer Welt, in der eine Handbewegung das Leben kostete; rings ums Sonnwendfeuer die Dorfjugend aus Dodringen, Schaklingen, Kisslingen und Denklingen: die erhitzten Gesichter der jungen M&#xE4;nner und M&#xE4;dchen leuchteten wild im Sonnwendfeuer, das Otto hatte entz&#xFC;nden d&#xFC;rfen, und alle sangen, was der biedere M&#xF6;nch, der dem biederen Ackerpferd die Sporen in die Flanken bohrte, anstimmte: <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis>. Gr&#xF6;hlend, mit Fackeln in der Hand, zogen sie den Berg hinunter; sollte er dem jungen Mann sagen, dass er es tat, weil sie die Weisung <emphasis>Weide meine L&#xE4;mmer</emphasis> nicht befolgt hatten; und dass er nicht eine Andeutung von Reue sp&#xFC;re; er sagte laut:</p><p>‚Vielleicht war es nur ein Spa&#xDF;, ein Spiel.‘</p><p>‚Komische Sp&#xE4;&#xDF;e, komische Spiele treibt ihr hier. Sie sind doch Architekt.‘</p><p>‚Nein, Statiker.‘</p><p>‚Nun ja, meinetwegen, das ist doch kaum ein Unterschied.‘</p><p>‚Sprengen‘, sagte er, ‚ist nur die Umkehrung der Statik. Sozusagen ihr Reziprok.‘</p><p>‚Verzeihen Sie‘, sagte der junge Mann, ‚in Mathematik war ich immer schwach.‘</p><p>‚Und mir war sie immer ein reines Vergn&#xFC;gen.‘</p><p>‚Ihr Fall beginnt, mich privat zu interessieren. Soll der Hinweis auf Ihre Liebe zur Mathematik bedeuten, dass bei der Sprengung ein gewisses berufliches Interesse vorlag?‘</p><p>‚Vielleicht. F&#xFC;r einen Statiker ist es nat&#xFC;rlich von hohem Interesse, zu wissen, welche Kr&#xE4;fte notwendig sind, die statischen Gesetze auszul&#xF6;schen. Sie werden zugeben, dass es eine perfekte Sprengung war.‘</p><p>‚Aber wollen Sie im Ernst behaupten, dass dieses sozusagen abstrakte Interesse eine Rolle gespielt haben k&#xF6;nnte?‘</p><p>‚Ja.‘</p><p>‚Ich glaube, ich kann auf die politische Vernehmung nun doch nicht verzichten. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass falsche Angaben zu machen sinnlos w&#xE4;re; wir besitzen alle erforderlichen Unterlagen, um Ihre Aussage zu pr&#xFC;fen.‘</p><p>Es fiel ihm ein, in diesem Augenblick erst, dass Vater die Abtei vor f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Jahren gebaut hatte; sie hatten es so oft geh&#xF6;rt und best&#xE4;tigt bekommen, dass es schon nicht mehr wahr war, und er hatte Angst, der junge Mann w&#xFC;rde es herausbekommen und glauben, die Erkl&#xE4;rung gefunden zu haben: <emphasis>Vaterkomplex</emphasis>; vielleicht w&#xE4;re es doch besser, dem jungen Mann zu sagen: weil sie die L&#xE4;mmer nicht geweidet haben, und ihm damit einen handfesten Grund zu geben, ihn f&#xFC;r verr&#xFC;ckt zu halten; aber er blickte nur durchs Fenster auf den schlanken Turm von Sankt Severin wie auf eine Beute, die ihm entgangen war, w&#xE4;hrend der junge Mann ihm Fragen stellte, die er alle, ohne nachzudenken, mit Nein beantworten konnte.</p><p>Das M&#xE4;dchen schob den leergewordenen Teller von sich weg, nahm den des jungen Mannes, hielt die beiden Gabeln einen Augenblick in der rechten Hand, w&#xE4;hrend sie mit der linken den Teller des jungen Mannes auf den ihren setzte, legte dann die beiden Gabeln auf den oberen Teller, die freigewordene Rechte auf den Unterarm des J&#xFC;nglings und blickte ihm l&#xE4;chelnd in die Augen.</p><p>‚Sie haben also keiner Organisation angeh&#xF6;rt? Lesen H&#xF6;lderlin? Gut. Ich muss Sie vielleicht morgen noch einmal holen lassen.‘</p><p><emphasis>Mitleidend bleibt das ewige Herz doch fest.</emphasis></p><p>Als sein Vater in den Gastraum trat, err&#xF6;tete er, ging auf den Alten zu, nahm ihm den schweren Hut aus der Hand und sagte: „Ich habe vergessen, dir zum Geburtstag zu gratulieren, Vater. Verzeih. Bier habe ich schon f&#xFC;r dich bestellt, ich hoffe, es ist noch frisch genug, sonst…?“</p><p>„Danke“, sagte der Vater, „Dank f&#xFC;r die Gl&#xFC;ckw&#xFC;nsche, und lass das Bier nur, ich mag es gar nicht gern kalt.“ Der Vater legte ihm die Hand auf den Oberarm, Robert err&#xF6;tete und dachte an die intime Geste, die sie in der Allee vor der Heilanstalt getauscht hatten; dort hatte er pl&#xF6;tzlich das Bed&#xFC;rfnis gesp&#xFC;rt, seinem Vater den Arm auf die Schulter zu legen, und der Vater hatte diese Geste erwidert, w&#xE4;hrend sie die Verabredung trafen, sich im Denklinger Bahnhof zu treffen.</p><p>„Komm“, sagte Robert, „setzen wir uns, wir haben noch f&#xFC;nfundzwanzig Minuten Zeit.“</p><p>Sie hoben ihre Gl&#xE4;ser, nickten einander zu und tranken.</p><p>„Eine Zigarre, Vater?“</p><p>„Nein, danke. Wei&#xDF;t du &#xFC;brigens, dass sich die Abfahrtszeiten der Z&#xFC;ge in f&#xFC;nfzig Jahren kaum ge&#xE4;ndert haben? Sogar die Emailleschildchen mit den Uhrzeiten drauf sind noch die gleichen; an manchen ist nur das Emaille ein wenig abgesplittert.“</p><p>„Die St&#xFC;hle, die Tische, die Bilder an der Wand“, sagte Robert, „alles noch wie fr&#xFC;her, wenn wir an sch&#xF6;nen Sommerabenden zu Fu&#xDF; von Kisslingen her&#xFC;berkamen und hier auf den Zug warteten.“</p><p>„Ja“, sagte der Vater, „nichts ist ver&#xE4;ndert. Hast du Ruth angerufen; wird sie kommen? Ich habe sie so lange nicht gesehen.“</p><p>„Ja, sie kommt; ich nehme an, sie sitzt schon im Zug.“</p><p>„Wir k&#xF6;nnen schon kurz nach halb f&#xFC;nf in Kisslingen sein, dort Kaffee trinken und bequem bis sieben wieder zu Hause. Ihr kommt zur Feier?“</p><p>„Selbstverst&#xE4;ndlich, Vater, hast du daran gezweifelt?“</p><p>„Nein, aber ich dachte daran, sie ausfallen zu lassen, sie abzusagen – vielleicht ist es der Kinder wegen besser, das nicht zu tun, und ich habe so vieles vorbereitet f&#xFC;r diesen Tag.“</p><p>Der Alte senkte die Augen auf das rot-wei&#xDF; karierte Tischtuch, zog dort Kreise mit seinem Bierglas; Robert bewunderte die glatte Haut an den H&#xE4;nden; Kinderh&#xE4;nde, die ihre Unschuld behalten hatten; der Vater hob die Augen, blickte Robert ins Gesicht.</p><p>„Ich dachte an Ruth und Joseph; du wei&#xDF;t doch, dass Joseph ein M&#xE4;dchen hat?“</p><p>„Nein.“</p><p>Der Alte senkte den Blick wieder, lie&#xDF; wieder das Bierglas kreisen.</p><p>„Ich hatte immer gehofft, dass meine beiden G&#xFC;ter hier drau&#xDF;en so etwas wie eure zweite Heimat werden w&#xFC;rden, aber ihr habt alle immer lieber in der Stadt gewohnt, sogar Edith – bei Joseph erst scheint sich mein Traum zu erf&#xFC;llen; merkw&#xFC;rdig, dass ihr alle immer glaubt, dass er Edith gleicht und nichts von uns hat – und doch gleicht er Heinrich so sehr, dass ich manchmal erschrecke, wenn ich deinen Jungen sehe; Heinrich, wie der geworden w&#xE4;re – erinnerst du dich an ihn?“</p><p><emphasis>Brom hie&#xDF; unser Hund; und ich hielt die Z&#xFC;gel der Kutsche, sie waren aus schwarzem Leder; sie waren br&#xFC;chig; muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr; Hindenburg.</emphasis></p><p>„Ja, ich erinnere mich an ihn.“</p><p>„Er gab mir den Bauernhof, den ich ihm schenkte, zur&#xFC;ck; wem soll ich ihn nun schenken? Joseph oder Ruth? Dir? M&#xF6;chtest du ihn haben? Besitzer von K&#xFC;hen und Wiesen, Zentrifugen und R&#xFC;benschnitzelmaschinen sein? Traktoren und Heuwendern? Soll ich’s dem Kloster &#xFC;bermachen? Von meinem ersten Honorar kaufte ich die beiden Bauernh&#xF6;fe! Ich war neunundzwanzig, als ich die Abtei baute, und ihr k&#xF6;nnt euch gar nicht vorstellen, was es f&#xFC;r einen jungen Architekten bedeutet, einen solchen Auftrag zu bekommen. Skandal. Sensation. Nicht nur deswegen fahre ich so oft hin, um mich an die Zukunft zu erinnern, die inzwischen l&#xE4;ngst Vergangenheit geworden ist. Ich hatte immer gedacht, im Alter so etwas wie ein Bauer zu werden. Ich bin es nicht geworden, nur ein alter Narr, der mit seiner Frau Blindekuh spielt; wir halten uns abwechselnd die Augen zu, wechseln die Zeiten wie die Scheiben in den Apparaten, mit denen man Bilder an die Wand wirft: bitte: das Jahr 1928 – zwei h&#xFC;bsche S&#xF6;hne an der Hand der Mutter; der eine dreizehn Jahre, der andere elf; der Vater mit der Zigarre im Mund daneben, l&#xE4;chelnd; im Hintergrund der Eiffelturm – oder ist es die Engelsburg, vielleicht das Brandenburger Tor? – such dir die Kulisse aus; vielleicht auch die Brandung in Ostende oder der Turm von Sankt Severin, die Limonadenbude im Blessenfelder Park? Nein, es ist nat&#xFC;rlich die Abtei Sankt Anton: du findest sie im Fotoalbum zu allen Jahreszeiten: nur die Mode, die wir tragen, wechselt: deine Mutter mit gro&#xDF;em, mit kleinem Hut, mit kurzem, mit langem Haar, mit weitem, mit engem Rock, und ihre Kinder drei und f&#xFC;nf, f&#xFC;nf und sieben Jahre alt; dann taucht eine Fremde auf: blond, jung, tr&#xE4;gt ein Kind auf dem Arm, h&#xE4;lt das andere an der Hand; ein Jahr, drei Jahre sind die Kinder alt; wei&#xDF;t du, dass ich Edith geliebt habe, wie ich eine Tochter nicht h&#xE4;tte lieben k&#xF6;nnen; ich konnte nie glauben, dass sie wirklich einen Vater, eine Mutter gehabt hat – einen Bruder. Sie war eine Botin des K&#xF6;nigs; als sie bei uns lebte, konnte ich seinen Namen wieder denken, ohne zu err&#xF6;ten, konnte den Namen beten – welche Botschaft hat sie dir gebracht, dir &#xFC;bergeben? Rache f&#xFC;r die L&#xE4;mmer? Ich hoffe, du hast den Auftrag getreulich ausgef&#xFC;hrt, keine falschen R&#xFC;cksichten genommen, wie ich sie immer nahm, nicht in den Eisschr&#xE4;nken der Ironie das Gef&#xFC;hl der &#xDC;berlegenheit frisch erhalten, wie ich es immer tat. Hat sie diesen Bruder wirklich gehabt? Lebt er? Gibt es ihn?“</p><p>Er zog Kreise mit seinem Bierglas, starrte auf die rot-wei&#xDF; karierte Tischdecke, hob den Kopf nur ein wenig.</p><p>„Sag doch: gibt es ihn wirklich? Er war doch dein Freund; ich habe ihn einmal gesehen; ich stand am Schlafzimmerfenster und sah ihn &#xFC;ber den Hof auf dein Zimmer gehen; ich habe ihn nie vergessen, oft an ihn gedacht, obwohl ich ihn kaum zehn oder zwanzig Sekunden lang gesehen haben kann; ich hatte Angst vor ihm wie vor einem dunklen Engel. Gibt es ihn wirklich?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Er lebt?“</p><p>„Ja. Angst hast du vor ihm?“</p><p>„Ja. Vor dir auch. Wusstest du es nicht? Ich will nicht wissen, welche Botschaft Edith dir gab; nur: hast du sie ausgef&#xFC;hrt?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Gut. Du bist erstaunt, dass ich Angst vor dir hatte – ein wenig noch habe. Ich lachte &#xFC;ber eure kindlichen Konspirationen, aber das Lachen blieb mir im Halse stecken, als ich las, dass sie den Jungen get&#xF6;tet hatten; er h&#xE4;tte Ediths Bruder sein k&#xF6;nnen, aber sp&#xE4;ter wusste ich, dass es fast noch human gewesen war, einen Jungen zu t&#xF6;ten, der immerhin eine Bombe geworfen und die F&#xFC;&#xDF;e eines Turnlehrers versengt hatte; der Junge, der deine Zettelchen in unseren Briefkasten warf, der Pole, der gegen den Turnlehrer seine Hand hob – ein unangebrachtes Wimperzucken, Haarwuchs und Nasenform gen&#xFC;gten, und nicht einmal das brauchten sie mehr: nur den Geburtsschein des Vaters oder der Gro&#xDF;mutter; ich hatte mich jahrelang von meinem Lachen ern&#xE4;hrt, aber diese Nahrung fiel aus, kein Nachschub mehr, Robert, und ich &#xF6;ffnete den Eisschrank, lie&#xDF; die Ironie sauer werden und sch&#xFC;ttete sie weg wie einen ekligen Rest von etwas, das einmal wertvoll gewesen sein mochte; ich hatte geglaubt, deine Mutter zu lieben und zu verstehen – aber jetzt erst verstand ich sie und liebte sie, verstand auch euch und liebte euch; sp&#xE4;ter erst begriff ich es ganz; ich war obenauf, als der Krieg zu Ende war, wurde Baubeauftragter f&#xFC;r den ganzen Bezirk; Frieden, dachte ich, es ist vorbei, neues Leben – als sich eines Tages der englische Kommandant sozusagen bei mir entschuldigte, dass sie die Honoriuskirche bombardiert und die Kreuzigungsgruppe aus dem zw&#xF6;lften Jahrhundert zerst&#xF6;rt hatten; er entschuldigte sich nicht wegen Edith, nur wegen einer Kreuzigungsgruppe aus dem zw&#xF6;lften Jahrhundert; sorry; ich lachte zum ersten Mal wieder seit zehn Jahren, aber es war kein gutes Lachen, Robert – und ich legte mein Amt nieder; Baubeauftragter? Wozu? wo ich doch s&#xE4;mtliche Kreuzigungsgruppen aus s&#xE4;mtlichen Jahrhunderten darum gegeben h&#xE4;tte, Ediths L&#xE4;cheln noch einmal zu sehen, ihre Hand auf meinem Arm zu sp&#xFC;ren; was bedeuteten mir die Bilder des K&#xF6;nigs gegen das wirkliche L&#xE4;cheln seiner Botin? Und f&#xFC;r den Jungen, der deine Zettelchen brachte – ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen, nie seinen Namen erfahren – h&#xE4;tte ich Sankt Severin hergegeben und gewusst, dass es ein l&#xE4;cherlicher Preis gewesen w&#xE4;re, wie wenn man einem Lebensretter eine Medaille gibt; hast du Ediths L&#xE4;cheln je wieder gesehen, oder das L&#xE4;cheln des Tischlerlehrlings? Nur einen Abglanz davon? Robert! Robert!“</p><p>Er lie&#xDF; das Bierglas los, legte die Arme auf den Tisch.</p><p>„Hast du es je gesehen?“ fragte er murmelnd unter seinen Armen heraus.</p><p>„Ich habe es gesehen“, sagte Robert, „auf dem Gesicht eines Hotelboys, der Hugo hei&#xDF;t – ich werde ihn dir zeigen.“</p><p>„Ich werde diesem Jungen den Gutshof schenken, den Heinrich nicht wollte; schreib mir seinen Namen und seine Adresse auf den Bierdeckel; auf Bierdeckeln werden die wichtigsten Botschaften &#xFC;berbracht; und sag mir Bescheid, wenn du etwas von Ediths Bruder h&#xF6;rst. Lebt er?“</p><p>„Ja. Hast du immer noch Angst vor ihm?“</p><p>„Ja. Das Schreckliche an ihm war, dass er nichts R&#xFC;hrendes hatte; als ich ihn &#xFC;ber den Hof gehen sah, wusste ich, dass er stark war, und dass er alles, was er tat, nicht aus Gr&#xFC;nden tat, die f&#xFC;r andere Menschen gelten konnten: dass er arm war oder reich, h&#xE4;sslich oder sch&#xF6;n; dass seine Mutter ihn geschlagen oder <emphasis>nicht</emphasis> geschlagen hatte; lauter Gr&#xFC;nde, aus denen irgendeiner irgend etwas tut: entweder Kirchen baut oder Frauen mordet, ein guter Lehrer wird oder ein schlechter Organist; bei ihm wusste ich: keiner dieser Gr&#xFC;nde w&#xFC;rde irgend etwas erkl&#xE4;ren; damals war die Zeit, in der ich noch lachen konnte, aber bei ihm fand ich keinen Spalt, wo ich mein Lachen h&#xE4;tte ansetzen k&#xF6;nnen; das machte mir Angst, als w&#xE4;re ein dunkler Engel &#xFC;ber unseren Hof gegangen, ein Gerichtsvollzieher Gottes, der dich pf&#xE4;ndete; er hat es getan, hat dich gepf&#xE4;ndet; er hatte nichts R&#xFC;hrendes; selbst als ich h&#xF6;rte, dass sie ihn geschlagen hatten und umbringen wollten, war ich nicht ger&#xFC;hrt…“</p><p>„Herr Rat, ich habe Sie jetzt erst erkannt; ich freue mich, Sie wohl zu sehen; es m&#xFC;ssen Jahre her sein, dass Sie zuletzt hier waren.“</p><p>„Ach, Mull, Sie sind’s? Lebt Ihre Mutter noch?“</p><p>„Nein, Herr Rat, wir haben sie unter die Erde bringen m&#xFC;ssen. Es war ein riesiges Begr&#xE4;bnis. Sie hat ein volles Leben gehabt: sieben Kinder und sechsunddrei&#xDF;ig Enkel, elf Urenkel; ein volles Leben. Tun die Herren mir die Ehre an, auf das Wohl meiner verstorbenen Mutter zu trinken?“</p><p>„Mit Freuden, lieber Mull – sie war eine gro&#xDF;artige Frau.“</p><p>Der Alte stand auf, auch Robert erhob sich, w&#xE4;hrend der Wirt zur Theke ging, die Biergl&#xE4;ser vollaufen lie&#xDF;; die Bahnhofsuhr zeigte erst zehn nach vier; zwei Bauern warteten an der Theke, schoben gelangweilt mit Senf beschmierte Frikadellen in ihre M&#xFC;nder, tranken mit wohligem Seufzen ihr Bier; mit rotem Gesicht, feuchten Augen kam der Wirt an den Tisch zur&#xFC;ck, stellte die Biergl&#xE4;ser vom Tablett auf den Tisch, nahm seins in die Hand.</p><p>„Auf das Wohl Ihrer Mutter, Mull“, sagte der alte F&#xE4;hmel.</p><p>Sie hoben ihre Gl&#xE4;ser, tranken einander zu, setzten die Gl&#xE4;ser ab.</p><p>„Wissen Sie eigentlich“, sagte der Alte, „dass Ihre Mutter mir vor f&#xFC;nfzig Jahren Kredit gab, wenn ich durstig und hungrig von Kisslingen her&#xFC;berkam; damals wurde die Bahnstrecke repariert, und es machte mir noch nichts aus, vier Kilometer zu laufen; auf Ihr Wohl, Mull, und das Ihrer Mutter. Dies ist mein Sohn, Sie kennen ihn noch nicht?“</p><p>„ F&#xE4;hmel – angenehm.“</p><p>„Mull – angenehm.“</p><p>„<emphasis>Sie</emphasis> kennt hier jedes Kind, Herr Rat, jedermann wei&#xDF;, dass Sie unsere Abtei gebaut haben, und manche Gro&#xDF;mutter wei&#xDF; noch Geschichten von Ihnen zu erz&#xE4;hlen; wie Sie ganze Wagenladungen Bier f&#xFC;r die Maurer bestellten und beim Richtfest ein Solo getanzt haben. Diesen Schluck auf Ihr Wohl, Herr Rat.“</p><p>Sie tranken im Stehen die Gl&#xE4;ser aus; Robert, mit dem leeren Glas in der Hand, starrte dem Wirt nach, der zur Theke zur&#xFC;ckging, die leeren Teller des P&#xE4;rchens in die Durchreiche schob, dann mit dem jungen Mann abrechnete. Sein Vater zog ihn am Rock.</p><p>„Komm“, sagte der Alte, „setz dich doch, wir haben noch zehn Minuten Zeit. Das sind pr&#xE4;chtige Leute, die haben das Herz auf dem rechten Fleck.“</p><p>„Und du hast keine Angst vor ihnen, nicht wahr, Vater?“</p><p>Der Alte blickte seinen Sohn voll an; sein schmales noch glattes Gesicht l&#xE4;chelte nicht.</p><p>„Diese Leute waren es“, sagte Robert, „die Hugo qu&#xE4;lten – vielleicht war auch einer von ihnen Ferdis Henker!“</p><p>„W&#xE4;hrend du weg warst und wir auf Nachricht von dir warteten, hatte ich Angst vor jedem Menschen – aber vor Mull Angst haben? Hast <emphasis>du</emphasis> Angst vor ihm?“</p><p>„Ich frage mich bei jedem Menschen, ob ich ihm ausgeliefert sein m&#xF6;chte, und es gibt nicht viele, bei denen ich sagen w&#xFC;rde: ja.“</p><p>„Und Ediths Bruder warst du ausgeliefert?“</p><p>„Nein. Wir bewohnten in Holland ein Zimmer gemeinsam, teilten alles, was wir hatten, spielten den halben Tag Billard, studierten die andere H&#xE4;lfte des Tages; er Deutsch, ich Mathematik; ich war ihm nicht ausgeliefert, w&#xFC;rde mich ihm aber jederzeit ausliefern – auch dir, Vater.“ – Robert nahm die Zigarette aus dem Mund. – „Ich w&#xFC;rde dir gern zu deinem achtzigsten Geburtstag etwas schenken, Vater – dir beweisen, nun, vielleicht wei&#xDF;t du, was ich dir beweisen m&#xF6;chte?“</p><p>„Ich wei&#xDF; es“, sagte der Alte, legte die Hand auf den Arm seines Sohnes, „du brauchst es nicht auszusprechen.“</p><p>Ein paar Reuetr&#xE4;nen w&#xFC;rde ich dir gern schenken, aber ich kann sie nicht erzwingen, ich blicke immer noch auf den Turm von Sankt Severin wie auf eine Beute, die mir entgangen ist; schade, dass es dein Jugendwerk sein musste, das gro&#xDF;e Los, das erste gro&#xDF;e Spiel; und gut gebaut, solides Mauerwerk, statisch vorz&#xFC;glich; zwei Lastwagen voll Sprengstoff musste ich anfordern und ging rund, zeichnete mit Kreide meine Formeln und Zeichen an die W&#xE4;nde, an die S&#xE4;ulen, an Gew&#xF6;lbest&#xFC;tzen, zeichnete sie an das gro&#xDF;e Abendmahlsbild, zwischen Sankt Johanns und Sankt Peters Fu&#xDF;; ich kannte die Abtei so gut; du hattest es mir als Kind, als Junge, als J&#xFC;ngling so oft erkl&#xE4;rt – ich zeichnete meine Zeichen an die Wand, w&#xE4;hrend der Abt, der als einziger dort geblieben war, neben mir herrannte, an meine Vernunft appellierte, an meine Religion; zum Gl&#xFC;ck war’s ein neuer Abt, der mich nicht kannte. Er appellierte an mein Gewissen, vergebens; er kannte mich nicht als Forellen essenden Wochenendbesucher, als naturreinen Honig essenden, Butter aufs Landbrot schmierenden Sohn des Baumeisters, und w&#xE4;hrend er mich anblickte, als w&#xE4;re ich wahnsinnig, fl&#xFC;sterte ich es ihm zu: <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis>; neunundzwanzig war ich, genauso alt wie du, als du die Abtei gebaut hast, und lauerte schon auf die Beute, die sich hinten am Horizont grau und schlank abzeichnete: Sankt Severin; aber ich wurde gefangengenommen, und der junge Mann verh&#xF6;rte mich, hier im Bahnhof von Denklingen, dr&#xFC;ben am Tisch, der jetzt leer ist.</p><p>„Woran denkst du“, fragte der Alte.</p><p>„An Sankt Anton, ich bin so lange nicht dort gewesen.“</p><p>„Freust du dich?“</p><p>„Ich freue mich auf Joseph, ich habe ihn so lange nicht gesehen.“</p><p>„Ich bin ein wenig stolz auf ihn“, sagte der Alte, „er ist so frei und frisch und wird einmal ein t&#xFC;chtiger Architekt werden; ein bisschen zu streng mit den Handwerkern, zu ungeduldig, aber ich erwarte von einem Zweiundzwanzigj&#xE4;hrigen nicht Geduld – nun steht er unter Termindruck; die M&#xF6;nche w&#xFC;rden so gern die Adventsliturgie schon in der neuen Kirche singen; nat&#xFC;rlich werden wir alle zur Einweihung eingeladen.“</p><p>„Ist der Abt noch da?“</p><p>„Welcher?“</p><p>„Gregor.“</p><p>„Nein, er ist siebenundvierzig gestorben; er hat’s nicht verwinden k&#xF6;nnen, dass die Abtei zerst&#xF6;rt wurde.“</p><p>„Und du, hast du es verwinden k&#xF6;nnen?“</p><p>„Als ich die Nachricht bekam, dass sie zerst&#xF6;rt war, hat es mich sehr getroffen, aber als ich dann hinfuhr und die Tr&#xFC;mmer sah, und die M&#xF6;nche aufgeregt waren und eine Kommission gr&#xFC;nden wollten, um den Schuldigen herauszufinden, habe ich abgeraten; ich wollte keine Rache f&#xFC;r ein Bauwerk, und ich hatte Angst, sie w&#xFC;rden den Schuldigen finden, und er w&#xFC;rde sich bei mir entschuldigen; das Sorry des Engl&#xE4;nders klang mir noch zu schrecklich im Ohr; und schlie&#xDF;lich kann man Geb&#xE4;ude wieder aufbauen. Ja, Robert, ich hab’s verwunden. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe an den Geb&#xE4;uden, die ich entworfen, deren Bau ich geleitet habe, nie gehangen; auf dem Papier gefielen sie mir, ich war mit einer gewissen Leidenschaft am Werk, aber ich war nie ein K&#xFC;nstler, verstehst du, wusste auch, dass ich keiner war; ich hatte ja meine Pl&#xE4;ne noch, als sie mir den Wiederaufbau antrugen; f&#xFC;r deinen Jungen ist es eine gro&#xDF;artige Gelegenheit, sich praktisch zu &#xFC;ben, Koordinierung zu lernen und seine Ungeduld ein wenig zu verschlei&#xDF;en – m&#xFC;ssen wir nicht zum Zug?“</p><p>„Noch vier Minuten, Vater. Wir k&#xF6;nnten schon auf den Bahnsteig hinausgehen.“</p><p>Robert stand auf, winkte zur Theke hin, griff nach seiner Brieftasche, aber der Wirt kam hinter der Theke hervor, ging an Robert vor&#xFC;ber, legte dem Alten l&#xE4;chelnd die Hand auf die Schulter und sagte: „Nein, nein, Herr Rat – Sie sind meine G&#xE4;ste gewesen, das lasse ich mir nicht nehmen, um des Andenkens meiner Mutter willen.“ – Es war noch warm drau&#xDF;en; die wei&#xDF;en Rauchfahnen des Zuges waren schon &#xFC;ber Dodringen zu sehen.</p><p>„Hast du Fahrkarten?“ fragte der Alte.</p><p>„Ja“, sagte Robert, er blickte dem Zug entgegen, der &#xFC;ber die Steigung hinter Dodringen wie aus dem hellblauen Himmel heraus auf sie zukam; schwarz, alt und r&#xFC;hrend war der Zug; der Bahnhofsvorsteher trat aus dem Dienstraum, mit seinem Wochenendl&#xE4;cheln auf dem Gesicht.</p><p>„Hierher, Vater, hierher“, rief Ruth; ihre gr&#xFC;ne M&#xFC;tze, ihre winkenden Arme, der rosarote Flaum ihres Pullovers; sie hielt ihrem Gro&#xDF;vater die H&#xE4;nde entgegen, half ihm auf die Plattform hinauf, umarmte ihn, schob ihn vorsichtig in die offene Abteilt&#xFC;r, zog ihren Vater hoch, k&#xFC;sste ihn auf die Wange.</p><p>„Ich freue mich schrecklich“, sagte sie, „wirklich schrecklich auf Sankt Anton und auf heute abend.“</p><p>Der Bahnhofsvorsteher pfiff und winkte dem Zug zur Abfahrt.</p></section><section><title><p>Kapitel VII</p></title><p>Als sie an den Schalter traten, nahm Nettlinger die Zigarre aus dem Mund und nickte Schrella ermunternd zu; der Schalter wurde von innen hochgeschoben, ein Aufseher mit einer Liste beugte sich vor und fragte: „Sind Sie der H&#xE4;ftling Schrella?“</p><p>„Ja“, sagte Schrella.</p><p>Der Aufseher rief die Gegenst&#xE4;nde, so wie er sie aus einem Karton nahm, auf, legte sie auf die Theke.</p><p>„Eine Taschenuhr, Nickel, ohne Kette.“</p><p>„Eine Geldb&#xF6;rse, schwarzes Leder, mit Inhalt: f&#xFC;nf englische Schillinge, drei&#xDF;ig belgische Franken, zehn deutsche Mark und achtzig Pfennig.“</p><p>„Eine Krawatte, Farbe gr&#xFC;n.“</p><p>„Ein Kugelschreiber, ohne Marke, Farbe: grau.“</p><p>„Zwei Taschent&#xFC;cher, wei&#xDF;.“</p><p>„Ein Mantel, Trenchcoat.“</p><p>„Ein Hut, Farbe: schwarz.“</p><p>„Ein Rasierapparat, Marke: Gilette.“</p><p>„Sechs Zigaretten, Marke: Belga.“</p><p>„Hemd, Unterw&#xE4;sche, Seife und Zahnb&#xFC;rste hatten Sie behalten, nicht wahr? Bitte unterschreiben Sie hier und best&#xE4;tigen mit Ihrer Unterschrift, dass nichts von Ihrem Privateigentum fehlt.“</p><p>Schrella zog seinen Mantel an, steckte seine Habseligkeiten in die Tasche, unterschrieb die Liste: 6. September 1958, 15.3o Uhr.</p><p>„Gut“, sagte der Aufseher und zog den Schalter herunter. Nettlinger steckte die Zigarre wieder in den Mund, ber&#xFC;hrte Schrellas Schulter: „Komm“, sagte er, „hier geht’s raus, oder m&#xF6;chtest du wieder ins Kittchen rein? Vielleicht bindest du die Krawatte besser schon um.“</p><p>Schrella steckte sich eine Zigarette in den Mund, r&#xFC;ckte seine Brille zurecht, klappte den Hemdkragen hoch und legte die Krawatte ein; er erschrak, als Nettlinger ihm pl&#xF6;tzlich das Feuerzeug vor die Nase hielt.</p><p>„Ja“, sagte Nettlinger, „das ist bei allen H&#xE4;ftlingen gleich, ob hohe oder niedrige, ob schuldige oder unschuldige, arme oder reiche, politische oder kriminelle; zuerst die Zigarette.“</p><p>Schrella zog den Zigarettenhauch tief ein, blickte &#xFC;ber die Brillengl&#xE4;ser hinweg Nettlinger an, w&#xE4;hrend er seine Krawatte band, den Hemdkragen wieder herunterklappte.</p><p>„Du hast Erfahrung in solchen Dingen, wie?“</p><p>„Du nicht?“ fragte Nettlinger. „Komm, den Abschied vom Direktor kann ich dir leider nicht ersparen.“</p><p>Schrella setzte seinen Hut auf, nahm die Zigarette aus dem Mund und folgte Nettlinger, der ihm die T&#xFC;r zum Hof aufhielt; der Direktor stand vor der Menschenschlange am Schalter, wo die Erlaubnisscheine f&#xFC;r den Sonntagsbesuch ausgegeben wurden; der Direktor war gro&#xDF;, nicht zu elegant, aber solide gekleidet, seine Arm- und Beinbewegungen wirkten betont zivil, als er auf Nettlinger und Schrella zukam.</p><p>„Ich hoffe“, sagte er zu Nettlinger, „es ist alles zu deiner Zufriedenheit abgelaufen, schnell und korrekt.“</p><p>„Danke“, sagte Nettlinger, „es ging wirklich rasch.“</p><p>„Sch&#xF6;n“, sagte der Direktor, wandte sich Schrella zu: „Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen zum Abschied einige Worte sage, obwohl Sie nur einen einzigen Tag zu meinen“ – er lachte – „Sch&#xFC;tzlingen geh&#xF6;rten, und obwohl Sie irrt&#xFC;mlich anstatt in die Untersuchungs- in die Strafabteilung geraten sind. Sehen Sie“, sagte er und deutete auf das innere Gef&#xE4;ngnistor, „jenseits dieses Tores erwartet Sie ein zweites Tor, und jenseits dieses zweiten Tores erwartet Sie etwas Gro&#xDF;artiges, das unser aller h&#xF6;chstes Gut ist: die Freiheit. Mag der Verdacht, der auf Ihnen ruhte, berechtigt oder unberechtigt gewesen sein, Sie haben“ – er lachte wieder – „in meinen gastlichen Mauern das Gegenteil von Freiheit kennen gelernt. Nutzen Sie Ihre Freiheit. Wir sind zwar alle nur Gefangene, Gefangene unseres Leibes, bis zu dem Tage, da unsere Seele frei wird und sich zu ihrem Sch&#xF6;pfer erhebt, aber die Gefangenschaft innerhalb meiner gastlichen Mauern ist nicht nur eine symbolische. Ich entlasse Sie zur Freiheit, Herr Schrella…“</p><p>Schrella streckte verlegen seine Hand hin, zog sie aber rasch zur&#xFC;ck, da er am Gesicht des Direktors bemerkte, dass ein H&#xE4;ndedruck hier offenbar nicht zu den Formalit&#xE4;ten geh&#xF6;rte; Schrella schwieg verlegen, nahm seine Zigarette aus der rechten in die linke Hand und blinzelte Nettlinger an.</p><p>Die Mauern dieses Hofes, den Himmel dar&#xFC;ber, hatten Ferdis Augen als letztes von dieser Erde gesehen, vielleicht war die Stimme des Direktors die letzte menschliche Stimme gewesen, die er h&#xF6;rte, auf diesem Hof, der eng genug war, um von Nettlingers Zigarrenaroma ganz erf&#xFC;llt zu sein; die schnuppernde Nase des Direktors sagte: Mein Gott, von Zigarren hast du immer was verstanden, das muss man dir lassen.</p><p>Nettlinger nahm die Zigarre nicht aus dem Mund. „Du h&#xE4;ttest dir die Abschiedsrede sparen k&#xF6;nnen. Also Dank und auf Wiedersehen.“</p><p>Er fasste Schrella bei den Schultern, schob ihn auf das innere Tor zu, das sich vor ihnen &#xF6;ffnete; langsam schob Nettlinger Schrella auf das &#xE4;u&#xDF;ere Tor zu; Schrella blieb stehen, gab dem Beamten seine Papiere; der verglich sie genau, nickte und &#xF6;ffnete das Tor.</p><p>„Da ist sie also“, sagte Nettlinger lachend, „die Freiheit. Dr&#xFC;ben steht mein Auto, sag mir nur, wohin ich dich bringen soll.“</p><p>Schrella &#xFC;berquerte an Nettlingers Seite die Stra&#xDF;e, z&#xF6;gerte, als ihm der Chauffeur die Autot&#xFC;r aufhielt.</p><p>„Los“, sagte Nettlinger, „steig doch ein.“ – Schrella nahm den Hut ab, stieg ins Auto, setzte sich, lehnte sich zur&#xFC;ck und blickte Nettlinger an, der nach ihm einstieg und in seine N&#xE4;he r&#xFC;ckte.</p><p>„Wohin m&#xF6;chtest du gebracht werden?“</p><p>„Zum Bahnhof“, sagte Schrella.</p><p>„Hast du Gep&#xE4;ck dort?“</p><p>„Nein.“</p><p>„Willst du diese gastliche Stadt etwa schon wieder verlassen?“ fragte Nettlinger. Er beugte sich vor, rief dem Chauffeur zu: „Zum Hauptbahnhof.“</p><p>„Nein“, sagte Schrella, „ich will diese gastliche Stadt noch nicht verlassen. Du hast Robert nicht erreicht?“</p><p>„Nein“, sagte Nettlinger, „der macht sich rar. Den ganzen Tag hab ich versucht, ihn zu erreichen, er hat sich aber gedr&#xFC;ckt, und als ich ihn im Hotel Prinz Heinrich fast erwischt hatte, ist er durch einen Nebenausgang verschwunden; ich habe seinetwegen h&#xF6;chst peinliche Dinge erleben m&#xFC;ssen.“</p><p>„Du hast ihn auch vorher nie getroffen?“</p><p>„Nein“, sagte Nettlinger, „nicht ein einziges Mal; er lebt ganz zur&#xFC;ckgezogen.“</p><p>Das Auto hielt vor einer Verkehrsampel. Schrella nahm seine Brille ab, wischte sie mit seinem Taschentuch und neigte sich nahe ans Fenster.</p><p>„Es muss dir doch merkw&#xFC;rdig vorkommen“, sagte Nettlinger, „nach so langer Zeit und unter solchen Umst&#xE4;nden wieder in Deutschland zu sein; du wirst es nicht wiedererkennen.“</p><p>„Ich erkenne es sogar wieder“, sagte Schrella, „ungef&#xE4;hr, wie man eine Frau wiedererkennt, die man als M&#xE4;dchen geliebt hat und zwanzig Jahre sp&#xE4;ter wiedersieht; nun, sie ist ein bisschen fett geworden; talgige Dr&#xFC;sen; offenbar hat sie einen nicht nur reichen, sondern auch flei&#xDF;igen Mann geheiratet; Villa am Stadtrand, Auto, Ringe an den Fingern, die fr&#xFC;here Liebe wird unter solchen Umst&#xE4;nden unvermeidlicherweise zu Ironie.“</p><p>„Nat&#xFC;rlich sind solche Bilder ziemlich schief“, sagte Nettlinger.</p><p>„Es sind Bilder“, sagte Schrella, „und wenn du dreitausend davon h&#xE4;ttest, s&#xE4;hst du vielleicht ein Zipfelchen von der Wahrheit.“</p><p>„Es scheint mir auch zweifelhaft, ob deine Optik die richtige ist: vierundzwanzig Stunden erst im Lande, davon dreiundzwanzig im Gef&#xE4;ngnis.“</p><p>„Du glaubst gar nicht, wieviel man im Gef&#xE4;ngnis &#xFC;ber ein Land erfahren kann; das h&#xE4;ufigste Delikt in euren Gef&#xE4;ngnissen ist Betrug; Selbstbetrug wird ja leider nicht als kriminell geahndet; vielleicht wei&#xDF;t du noch nicht, dass ich von den letzten zweiundzwanzig Jahren vier im Gef&#xE4;ngnis verbracht habe?“</p><p>Das Auto fuhr langsam in einer langen Schlange los, die sich hinter der Ampel gebildet hatte.</p><p>„Nein“, sagte Nettlinger, „das wusste ich nicht. In Holland?“</p><p>„Ja“, sagte Schrella, „und in England.“</p><p>„F&#xFC;r welches Vergehen?“</p><p>„Affekthandlungen aus Liebeskummer, aber keineswegs aus Idealismus, sondern weil ich etwas Wirkliches bek&#xE4;mpfte.“</p><p>„Darf man Genaueres wissen?“ fragte Nettlinger.</p><p>„Nein“, sagte Schrella, „du w&#xFC;rdest es nicht verstehen und es wie ein Kompliment annehmen. Ich bedrohte einen holl&#xE4;ndischen Politiker, weil er gesagt hatte, man m&#xFC;sste alle Deutschen umbringen, einen sehr beliebten Politiker; dann lie&#xDF;en die Deutschen mich frei, als sie Holland besetzten, und glaubten, ich sei eine Art M&#xE4;rtyrer f&#xFC;r Deutschland, fanden aber dann meinen Namen auf der Fahndungsliste, und ich floh vor ihrer Liebe nach England; dort bedrohte ich einen englischen Politiker, weil er sagte, man m&#xFC;sste alle Deutschen umbringen, nur ihre Kunstwerke retten, einen sehr beliebten Politiker; aber sie amnestierten mich bald, weil sie glaubten, meine Gef&#xFC;hle respektieren zu m&#xFC;ssen, Gef&#xFC;hle, die ich gar nicht gehabt hatte, als ich den Politiker bedrohte – so wird man aus Missverst&#xE4;ndnis eingesperrt und aus Missverst&#xE4;ndnis freigelassen.“</p><p>Nettlinger lachte: „Wenn du schon Bilder sammelst, darf ich deiner Sammlung eins hinzuf&#xFC;gen. Wie ist es mit dem: r&#xFC;cksichtsloser politischer Hass zwischen Schulkameraden; Verfolgung, Verh&#xF6;r, Flucht, Hass bis aufs Blut – aber zweiundzwanzig Jahre sp&#xE4;ter ist es ausgerechnet der Verfolger, der Schreckliche, der den heimkehrenden Fl&#xFC;chtling aus dem Gef&#xE4;ngnis befreit? Ist das nicht auch ein Bild, w&#xFC;rdig in deine Sammlung aufgenommen zu werden?“</p><p>„Es ist kein Bild“, sagte Schrella, „sondern eine Geschichte, die den Nachteil hat, auch noch wahr zu sein – aber wenn ich die Geschichte ins Bildhaft – Abstrakte &#xFC;bersetze und dir dann interpretiere, wird wenig Schmeichelhaftes f&#xFC;r dich herauskommen.“</p><p>„Es ist gewiss merkw&#xFC;rdig“, sagte Nettlinger leise, und nahm seine Zigarre aus dem Mund, „wenn ich hier um Verst&#xE4;ndnis bitte, aber glaube mir: als ich deinen Namen auf der Fahndungsliste las und die Meldung kontrollierte und erfuhr, dass sie dich wirklich an der Grenze verhaftet hatten, habe ich nicht einen Augenblick gez&#xF6;gert, alles f&#xFC;r deine Freilassung in die Wege zu leiten.“</p><p>„Es w&#xFC;rde mir leid tun“, sagte Schrella, „wenn du glaubtest, dass ich die Echtheit deiner Motive und Gef&#xFC;hle bezweifle. Nicht einmal deine Reue ziehe ich in Zweifel, aber Bilder – und du hast mich gebeten, die Geschichte als Bild in meine Sammlung aufzunehmen —, Bilder bedeuten eine Abstraktion, und das ist die Rolle, die du damals gespielt hast und heute spielst; die Rollen sind – verzeih – die gleichen, denn damals bedeutete mich unsch&#xE4;dlich zu machen, mich einzusperren, heute bedeutet mich unsch&#xE4;dlich zu machen, mich freizulassen; ich f&#xFC;rchte, dass Robert, der viel abstrakter denkt als ich, aus diesem Grund keinen Wert darauf legt, dich zu treffen. Ich hoffe, du verstehst mich – auch damals habe ich an der Echtheit deiner pers&#xF6;nlichen Motive und Gef&#xFC;hle nie gezweifelt; du kannst mich nicht verstehen, versuche es gar nicht, denn du hast die Rollen nicht bewusst gespielt – sonst w&#xE4;rst du ein Zyniker oder ein Verbrecher – beides bist du nicht.“</p><p>„Ich wei&#xDF; jetzt wirklich nicht, ob du mir Komplimente machst oder das Gegenteil.“</p><p>„Von beidem etwas“, sagte Schrella lachend.</p><p>„Vielleicht wei&#xDF;t du nicht, was ich f&#xFC;r deine Schwester getan habe.“</p><p>„Hast du Edith gesch&#xFC;tzt?“</p><p>„Ja. Wakiera wollte sie verhaften lassen; immer wieder setzte er sie auf die Liste, und ich habe ihren Namen immer wieder gestrichen.“</p><p>„Eure Wohltaten“, sagte Schrella leise, „sind fast schrecklicher als eure Missetaten.“</p><p>„Und ihr seid unbarmherziger als Gott, der die bereuten S&#xFC;nden verzeiht.“</p><p>„Wir sind nicht Gott und k&#xF6;nnen uns seine Allwissenheit so wenig anma&#xDF;en wie seine Barmherzigkeit.“</p><p>Nettlinger lehnte sich kopfsch&#xFC;ttelnd zur&#xFC;ck; Schrella nahm eine Zigarette aus der Tasche, steckte sie in den Mund und erschrak wieder, als Nettlingers Feuerzeug so pl&#xF6;tzlich vor seiner Nase klickte und die hellblaue, saubere Flamme ihm fast die Wimpern versengte. ‚Und deine H&#xF6;flichkeit‘, dachte er, ‚ist schlimmer als deine Unh&#xF6;flichkeit je war. Deine Beflissenheit ist die gleiche geblieben, es ist die, mit der du mir den Schlagball ins Gesicht geworfen hast und mit der du mir jetzt auf eine l&#xE4;stige Weise Feuer f&#xFC;r meine Zigarette gibst.‘</p><p>„Wann wird Robert erreichbar sein?“ fragte er.</p><p>„Wahrscheinlich erst am Montag, ich konnte nicht rauskriegen, wohin er &#xFC;bers Wochenende gefahren ist; auch sein Vater, seine Tochter, alle sind weg; vielleicht kannst du’s heute abend in seiner Wohnung versuchen, oder morgen fr&#xFC;h um halb zehn im Hotel Prinz Heinrich; dort spielt er zwischen halb zehn und elf immer Billard. Sie sind im Gef&#xE4;ngnis hoffentlich nicht grob zu dir gewesen?“</p><p>„Nein“, sagte Schrella, „korrekt.“</p><p>„Sag mir, wenn du Geld brauchst. Mit dem, was du hast, wirst du nicht weit kommen.“</p><p>„Ich denke, bis Montag wird es reichen; ab Montag werde ich Geld haben.“</p><p>Zum Bahnhof hin wurde die Autoschlange l&#xE4;nger und breiter. Schrella versuchte, das Fenster zu &#xF6;ffnen, kam aber nicht mit den Handgriffen zurecht, und Nettlinger beugte sich &#xFC;ber ihn, drehte das Fenster herunter.</p><p>„Ich f&#xFC;rchte“, sagte er, „die Luft, die da hereinkommt, ist nicht besser als die, die wir drinhaben.“</p><p>„Danke“, sagte Schrella; er sah Nettlinger an, nahm seine Zigarette von der linken in die rechte, von der rechten in die linke Hand. „H&#xF6;r mal“, sagte er, „der Ball, den Robert damals schlug, ist er eigentlich je gefunden worden – du erinnerst dich?“</p><p>„Ja“, sagte Nettlinger, „nat&#xFC;rlich erinnere ich mich gut, weil sp&#xE4;ter soviel dar&#xFC;ber geredet wurde; sie haben den Ball nie gefunden; sie suchten an diesem Abend bis sp&#xE4;t in die Nacht, sogar am n&#xE4;chsten Tag, obwohl es ein Sonntag war; es lie&#xDF; ihnen keine Ruhe; jemand behauptete sp&#xE4;ter, es sei nur ein Trick von Robert gewesen, er habe den Ball gar nicht geschlagen, sondern nur das Ger&#xE4;usch des Schlagens nachgeahmt und den Ball dann verschwinden lassen.“</p><p>„Aber sie haben doch alle den Ball gesehen, oder nicht – wie er flog?“</p><p>„Nat&#xFC;rlich, niemand hat dieses Ger&#xFC;cht geglaubt; andere sagten, er sei in den Brauereihof gefallen, auf einen Bierwagen, der dort wartete, vielleicht erinnerst du dich, dass kurz darauf ein Wagen ausfuhr.“</p><p>„Es war vorher, lange bevor Robert schlug“, sagte Schrella.</p><p>„Ich glaube, du irrst“, sagte Nettlinger.</p><p>„Nein, nein“, sagte Schrella, „ich stand dort und wartete und beobachtete alles genau; der Wagen fuhr aus, bevor Robert schlug.“</p><p>„Na, gut“, sagte Nettlinger – ; „jedenfalls wurde der Ball nie gefunden. Wir sind am Bahnhof – willst du dir wirklich nicht helfen lassen?“</p><p>„Nein, danke, ich brauche nichts.“</p><p>„Darf ich dich wenigstens zum Essen einladen?“</p><p>„Gut“, sagte Schrella, „gehen wir essen.“</p><p>Der Chauffeur hielt die T&#xFC;r auf, Schrella stieg als erster aus, wartete mit den H&#xE4;nden in der Tasche auf Nettlinger, der seine Aktentasche vom Sitz nahm, seinen Mantel zukn&#xF6;pfte und zum Chauffeur sagte: „Bitte, holen Sie mich gegen halb sechs am Hotel Prinz Heinrich ab.“ Der Chauffeur legte die Hand an die M&#xFC;tze, stieg ein und setzte sich ans Steuer.</p><p>Schrellas Brille, die abfallenden Schultern, der merkw&#xFC;rdig l&#xE4;chelnde Mund, das blonde Haar, ungelichtet, nur mit einem leichten silbernen Schimmer, immer noch nach hinten gek&#xE4;mmt; die Bewegung, mit der er sich den Schwei&#xDF; abwischte, dann das Taschentuch wieder in die Tasche steckte: Schrella schien unver&#xE4;ndert, kaum um ein paar Jahre gealtert.</p><p>„Warum bist du zur&#xFC;ckgekommen?“ fragte Nettlinger leise.</p><p>Schrella blickte ihn an, blinzelnd, wie er es immer getan hatte, mit den Z&#xE4;hnen an der Unterlippe nagend; in der rechten Hand die Zigarette, in der linken den Hut; er blickte Nettlinger lange an und wartete, wartete immer noch vergebens auf das, wonach er sich seit mehr als zwanzig Jahren sehnte: Hass; nach dem handgreiflichen, den er sich immer gew&#xFC;nscht hatte; jemand ins Gesicht schlagen oder in den Hintern treten, dabei rufen: ‚Du Schwein, du elendes Schwein!‘ Er hatte immer die Menschen beneidet, die zu solch einfachen Gef&#xFC;hlen f&#xE4;hig waren, aber er konnte in dieses runde, verlegen l&#xE4;chelnde Gesicht nicht hineinschlagen und nicht in diesen Hintern treten; auf der Schultreppe das Bein gestellt, so dass er hinst&#xFC;rzte, sich ihm die B&#xFC;gel der Brille ins Ohrl&#xE4;ppchen bohrten; auf dem Heimweg &#xFC;berfallen, in Hauseing&#xE4;nge geschleppt und verpr&#xFC;gelt; mit der Stacheldrahtpeitsche geschlagen, Robert und ihn; verh&#xF6;rt; schuld an Ferdis Tod – und Edith geschont, Robert freigelassen.</p><p>Er blickte von Nettlinger weg auf den Bahnhofsvorplatz, wo es von Menschen wimmelte; Sonne, Wochenende, wartende Taxis und Eisverk&#xE4;ufer, Hotelboys in violetten Uniformen schleppten Koffer hinter G&#xE4;sten her; die graue hoheitsvolle Fassade von Sankt Severin, Hotel Prinz Heinrich, Cafe Kroner; er erschrak, als Nettlinger pl&#xF6;tzlich davonlief, sich in die Menschenmenge st&#xFC;rzte, mit den Armen fuchtelnd, rufend: „Hallo, Fr&#xE4;ulein Ruth…“, dann kam er zur&#xFC;ck, sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>„Hast du das M&#xE4;dchen gesehen?“ fragte er, „die mit der gr&#xFC;nen M&#xFC;tze und dem rosaroten Pullover; sie ist auffallend h&#xFC;bsch – es war Roberts Tochter. Ich habe sie nicht mehr erwischt; sie h&#xE4;tte uns sagen k&#xF6;nnen, wo wir ihn finden. Schade – hast du sie gesehen?“</p><p>„Nein“, sagte Schrella leise, „Ediths Tochter.“</p><p>„Nat&#xFC;rlich“, sagte Nettlinger, „deine Nichte. Verflucht – nun, gehen wir essen.“</p><p>Er ging &#xFC;ber den Bahnhofsvorplatz, &#xFC;berquerte die Stra&#xDF;e; Schrella folgte ihm zum Hotel Prinz Heinrich; ein Boy in violetter Uniform hielt die T&#xFC;r auf, die hinter ihnen in die Filzfugen zur&#xFC;ckpendelte.</p><p>„Fensterplatz?“ fragte Jochen. „Aber gern. Nicht zuviel Sonne? Also Ostseite. Hugo, du sorgst mir daf&#xFC;r, dass die Herren einen Fensterplatz an der Ostseite bekommen. Keine Ursache.“ – Trinkgelder werden hier gern angenommen. Eine Mark ist eine ehrliche runde M&#xFC;nze, und Trinkgeld ist die Seele des Berufs, und ich habe doch gesiegt, mein Bester, du hast ihn nicht zu Gesicht bekommen. Wie bitte, ob Herr Dr. F&#xE4;hmel auch sonntags hier Billard spielt? Schrella? Um Gottes willen! Da brauch ich nicht mal auf die rote Karte zu sehen. „Mein Gott, Sie werden einem alten Mann zu dieser stillen Stunde hier wohl eine au&#xDF;erdienstliche Bemerkung verzeihen, Herr Schrella! Ich habe ja Ihren Vater gut gekannt, gut; der hat doch ein Jahr bei uns gearbeitet – damals in dem Jahr, als das Deutsche Turn- und Sportfest war; Sie erinnern sich sogar daran? Nat&#xFC;rlich, Sie m&#xFC;ssen damals schon so an die zehn, elf gewesen sein; hier, meine Hand, ich w&#xFC;rde mich freuen, wenn Sie sie dr&#xFC;ckten; mein Gott, Sie werden mir hier ein paar Gef&#xFC;hle verzeihen, die sozusagen nicht zu meinem Dienst geh&#xF6;ren; ich bin alt genug, mir das leisten zu k&#xF6;nnen; Ihr Vater war ein ernster Mann, und w&#xFC;rdig! Mein Gott, der lie&#xDF; sich keine Frechheiten gefallen und war zu denen, die nicht frech waren, wie ein Lamm; ich habe oft an Ihren Vater gedacht – verzeihen Sie mir, wenn ich da an alte Wunden r&#xFC;hre; um Gottes willen – ich hab ja ganz vergessen, mein Gott; ein Gl&#xFC;ck, dass diese Schweine nichts mehr zu sagen haben; aber Vorsicht, Herr Schrella, Vorsicht; manchmal mein ich: die <emphasis>haben doch gesiegt</emphasis>. Vorsicht. Trauen Sie dem Frieden nicht – und verzeihen Sie einem alten Mann ein paar au&#xDF;erdienstliche Gef&#xFC;hle und Bemerkungen. Hugo, den allerbesten Platz an der Ostseite f&#xFC;r die Herren, den allerbesten. Nein, Herr Schrella, sonntags kommt Herr Dr. F&#xE4;hmel nicht zum Billardspiel, nein, sonntags nicht; der wird sich freuen, Sie sind doch Jugendfreunde und Gesinnungsgenossen gewesen, nicht wahr? Glauben Sie nicht, dass alle Menschen vergesslich sind. Sollte er aus irgendeinem Grund hier auftauchen, so w&#xFC;rde ich Ihnen Nachricht geben, falls Sie mir Ihre Adresse hinterlassen; ich schicke Ihnen einen Boten, ein Telegramm, ich rufe an, wenn Sie wollen. F&#xFC;r unsere Kunden tun wir doch alles.“</p><p>Hugo verzog keine Miene; Erkennen wird nur auf Wunsch der G&#xE4;ste vollzogen; im Billardsaal gebr&#xFC;llt? Diskretion; Stacheldrahtpeitsche? Nein; unangebrachte Vertraulichkeiten und Kombinationen m&#xFC;ssen vermieden werden; Diskretion ist das Banner des Berufs. Die Karte? Hier bitte, die Herren. Ist der Platz den Herren genehm? Ostseite, Fensterplatz, nicht zuviel Sonne? Blick auf das Ostchor von Sankt Severin: fr&#xFC;hromanisch, elftes oder zw&#xF6;lftes Jahrhundert; Erbauer: der heilige Herzog Heinrich, der Wilde. Jawohl, mein Herr, den ganzen Tag &#xFC;ber warme K&#xFC;che; alle Speisen, die Sie auf der Karte finden, von zw&#xF6;lf bis vierundzwanzig Uhr servierbar. Das beste Men&#xFC;? Sie haben ein „Wiedersehensfest“ zu feiern; leicht vertrauliches L&#xE4;cheln, wie es bei einer solch vertraulichen Mitteilung angebracht ist; nur nicht denken; Schrella, Nettlinger, F&#xE4;hmel; keine Kombinationen; Narben auf dem R&#xFC;cken? Ja, der Ober wird gleich kommen und Ihre Bestellung entgegennehmen.</p><p>„Trinkst du auch einen Martini?“ fragte Nettlinger.</p><p>„Ja, bitte“, sagte Schrella. Er gab dem Jungen seinen Mantel, seinen Hut, fuhr sich durchs Haar und setzte sich; im Saal sa&#xDF;en nur wenige G&#xE4;ste, in der Ecke hinten, murmelten leise miteinander; sanftes Lachen wurde von mildem Gl&#xE4;serklirren untermalt; Sekt.</p><p>Schrella nahm den Martini vom Tablett, das der Kellner ihm hinhielt, wartete, bis auch Nettlinger seinen genommen hatte, hob das Glas, nickte Nettlinger zu und trank; Nettlinger schien auf eine unangemessene Weise gealtert; Schrella hatte den strahlenden blonden Jungen in Erinnerung, dessen brutaler Mund immer einen gutm&#xFC;tigen Zug behalten hatte; der mit Leichtigkeit einssiebenundsechzig hoch gesprungen, die hundert Meter in 11,5 gelaufen war; Sieger, brutal, gutm&#xFC;tig, aber offenbar, dachte Schrella, sind sie nicht einmal ihrer Siege froh geworden; schlechte Erziehung, schlechte Ern&#xE4;hrung und keinen Stil; frisst wahrscheinlich zuviel; schon halb kahl, schon Alterssentimentalit&#xE4;t im feuchten Auge. Nettlinger beugte sich mit fachm&#xE4;nnisch verzogenem Mund &#xFC;ber die Speisekarte, seine wei&#xDF;e Manschette rutschte hoch, eine goldene Armbanduhr wurde sichtbar, der Trauring am Ringfinger; mein Gott, dachte Schrella, selbst wenn er das alles nicht getan h&#xE4;tte, w&#xFC;rde Robert wohl keine Lust haben, mit ihm Bier zu trinken oder seine Kinder zu familienverbindendem Badmintonspiel in Nettlingers Vorstadtvilla zu f&#xFC;hren.</p><p>„Darf ich dir etwas vorschlagen?“ fragte Nettlinger.</p><p>„Bitte“, sagte Schrella, „schlag mir was vor.“</p><p>„Also hier“, sagte Nettlinger, „da g&#xE4;be es als Vorspeise einen ausgezeichneten R&#xE4;ucherlachs, dann H&#xFC;hnchen mit Pommes frites und Salat, und ich w&#xFC;rde meinen, dass wir uns nachher erst entschlie&#xDF;en, welchen Nachtisch wir nehmen; wei&#xDF;t du, f&#xFC;r mich ergibt sich der Appetit auf den Nachtisch erst w&#xE4;hrend des Essens, ich vertraue da meinem Instinkt – ob ich nachher K&#xE4;se, Kuchen, Eis oder ein Omelette nehmen werde; nur &#xFC;ber eins bin ich mir vorher schon sicher; &#xFC;ber den Kaffee.“ Nettlingers Stimme klang, als h&#xE4;tte er an einem Kursus ‚Wie werde ich Feinschmecker?‘ teilgenommen; noch wollte er seine einstudierte Litanei, auf die er stolz zu sein schien, nicht abbrechen, murmelte Schrella zu: „Entrechte a deux – Forelle blau – Kalbsmedaillon.“</p><p>Schrella beobachtete Nettlingers Finger, der and&#xE4;chtig an der Liste der Speisen herunterwanderte, an bestimmten Speisen hielt – Schnalzen, Kopfsch&#xFC;tteln, Unentschlossenheit – „Wenn ich Poularde<a l:href="#n_47" type="note">[47]</a> lese, werde ich immer schwach.“ Schrella steckte sich eine Zigarette an, war gl&#xFC;cklich, dass er diesmal Nettlingers Feuerzeug entging; er nippte an seinem Martini, folgte mit den Augen Nettlingers Zeigefinger, der nun bei den Nachspeisen angekommen war. ‚Ihre verfluchte Gr&#xFC;ndlichkeit‘, dachte er, ‚verdirbt einem sogar den Appetit auf so was Vern&#xFC;nftiges und Gutes wie gebratenes Huhn; sie m&#xFC;ssen einfach alles besser machen und sind offenbar auf dem besten Wege, sogar in der Zelebrierung des Fressens die Italiener und Franzosen noch zu &#xFC;bertrumpfen.‘</p><p>„Bitte“, sagte er, „ich bleibe bei H&#xFC;hnchen.“</p><p>„Und R&#xE4;ucherlachs?“</p><p>„Nein, danke.“</p><p>„Du l&#xE4;sst dir da etwas ganz K&#xF6;stliches entgehen; du musst doch einen Mordshunger haben.“</p><p>„Den habe ich“, sagte Schrella, „aber ich werde mich an den Nachtisch halten.“</p><p>„Wie du willst.“</p><p>Der Ober brachte noch zwei Martinis, auf einem Tablett, das sicher mehr gekostet hatte als ein Schlafzimmer; Nettlinger nahm ein Glas vom Tablett, reichte es Schrella, nahm seins, beugte sich vor und sagte: „Dies auf dein Wohl, auf dein spezielles.“</p><p>„Danke“, sagte Schrella, nickte und trank.</p><p>„Eins ist mir noch unklar“, sagte er, „wie kam es, dass sie mich an der Grenze schon verhafteten.“</p><p>„Es ist ein verdammter Zufall, dass dein Name noch auf der Fahndungsliste stand; Mordversuch verj&#xE4;hrt nach zwanzig Jahren, und du h&#xE4;ttest schon vor zwei Jahren gestrichen werden m&#xFC;ssen.“</p><p>„Mordversuch?“ fragte Schrella.</p><p>„Ja, was ihr damals mit Wakiera gemacht habt, lief unter dieser Bezeichnung.“</p><p>„Du wei&#xDF;t wohl nicht, dass ich gar nicht daran beteiligt war; ich habe diese Sache nicht einmal gebilligt.“</p><p>„Nun“, sagte Nettlinger, „desto besser; dann wird es keine Schwierigkeiten machen, deinen Namen endg&#xFC;ltig von der Fahndungsliste zu streichen; ich konnte mich nur f&#xFC;r dich verb&#xFC;rgen und deine vorl&#xE4;ufige Freilassung erwirken; die Eintragung konnte ich nicht annullieren; jetzt wird alles weitere nur eine Formsache sein. Du gestattest, dass ich mit meiner Suppe schon anfange?“</p><p>„Bitte“, sagte Schrella.</p><p>Er wandte sich ab, dem Bahnhof zu, w&#xE4;hrend Nettlinger seine Suppe aus dem Silberbecher l&#xF6;ffelte; gewiss waren die bla&#xDF;gelben Kl&#xF6;&#xDF;chen in der Suppe vom Mark der edelsten Rinder, die je auf deutschen Wiesen geweidet hatten; golden schimmerte auf dem Tablett der R&#xE4;ucherlachs zwischen dem frischen Gr&#xFC;n der Salatbl&#xE4;tter; sanft gebr&#xE4;unt war der Toast, silbrige Wassertropfen bedeckten die Butterkl&#xFC;mpchen; beim Anblick des essenden Nettlinger musste Schrella gegen ein elendes Gef&#xFC;hl der R&#xFC;hrung ank&#xE4;mpfen; er hatte Essen immer als einen hohen Akt der Br&#xFC;derlichkeit empfunden; Liebesmahl in elenden Hotels und in guten; allein essen zu m&#xFC;ssen war ihm immer wie eine Verdammung erschienen, und den Anblick allein essender M&#xE4;nner in Wartes&#xE4;len und Fr&#xFC;hst&#xFC;ckszimmern, in den unz&#xE4;hligen Pensionen, die er bewohnt hatte, war f&#xFC;r ihn immer der Anblick von Verdammten gewesen; er hatte immer Gesellschaft beim Essen gesucht, sich am liebsten zu einer Frau gesetzt; ein paar Worte gewechselt, w&#xE4;hrend er Brot zerbr&#xF6;ckelte, ein L&#xE4;cheln &#xFC;ber den Suppenteller hin, ein paar Handreichungen machten den rein biologischen Vorgang erst ertr&#xE4;glich und zum Genuss; M&#xE4;nner wie Nettlinger, deren er unz&#xE4;hlige beobachtet hatte, erinnerten ihn an Verurteilte; ihre Mahlzeiten kamen ihm wie Henkersmahlzeiten vor; sie a&#xDF;en, obwohl sie die Tischsitten beherrschten und beobachteten, ohne Zeremonie, mit t&#xF6;dlichem Ernst, der Erbsensuppe und Poularde t&#xF6;tete; waren au&#xDF;erdem gezwungen, mit jedem Bissen, den sie a&#xDF;en, den Preis zu w&#xFC;rdigen. Er wandte sich von Nettlinger ab, dem Bahnhof wieder zu, las das gro&#xDF;e Transparent, das &#xFC;ber dem Eingang hing: <emphasis>Herzlich willkommen unsere Heimkehrer</emphasis>.</p><p>„H&#xF6;r mal“, sagte er, „w&#xFC;rdest du mich als Heimkehrer bezeichnen?“ Mit einem Lidaufschlag, als tauchte er aus Abgr&#xFC;nden der Trauer auf, blickte Nettlinger von der Toastschnitte hoch, die er gerade mit Butter bestrich.</p><p>„Das kommt darauf an“, sagte er, „bist du eigentlich noch deutscher Staatsb&#xFC;rger?“</p><p>„Nein“, sagte Schrella, „ich bin Staatenloser.“</p><p>„Schade“, sagte Nettlinger, neigte sich wieder &#xFC;ber seine Toastschnitte, spie&#xDF;te ein St&#xFC;ck R&#xE4;ucherlachs von der Platte, zerlegte es – „wenn es dir gelingen k&#xF6;nnte zu beweisen, dass du nicht aus kriminellen, sondern aus politischen Gr&#xFC;nden fliehen musstest, w&#xFC;rdest du eine ganz h&#xFC;bsche Entsch&#xE4;digung bekommen k&#xF6;nnen. Liegt dir daran, dass ich die Rechtslage kl&#xE4;re?“</p><p>„Nein“, sagte Schrella. Er beugte sich vor, als Nettlinger die Lachsplatte zur&#xFC;ckschob – „willst du etwa den herrlichen Lachs zur&#xFC;ckgehen lassen?“</p><p>„Nat&#xFC;rlich“, sagte Nettlinger, „aber du kannst doch nicht…“</p><p>Er blickte erschrocken um sich, als Schrella sich eine Scheibe Toast vom Teller, den Lachs mit den Fingern von der Silberplatte nahm und auf den Toast legte – „du kannst doch nicht…“</p><p>„Du glaubst gar nicht, was man in einem so vornehmen Hotel alles kann; mein Vater ist Kellner gewesen, sogar in diesen heiligen Hallen; die verz&#xF6;gen keine Miene, wenn du Erbsensuppe mit den Fingern essen w&#xFC;rdest, obwohl das unnat&#xFC;rlich und unpraktisch w&#xE4;re; aber gerade das Unnat&#xFC;rliche und Unpraktische wird hier am wenigsten Aufsehen erregen, deshalb die hohen Preise; das ist der Preis f&#xFC;r Kellner, die keine Miene verziehen; aber Brot mit den Fingern essen und Fisch mit den Fingern drauflegen – das ist weder unnat&#xFC;rlich noch unpraktisch.“</p><p>Er nahm l&#xE4;chelnd die letzte Lachsscheibe vom Tablett, &#xF6;ffnete die Toastschnitten noch einmal und klemmte den Fisch dazwischen. Nettlinger sah ihn b&#xF6;se an.</p><p>„Wahrscheinlich“, sagte Schrella, „w&#xFC;rdest du mich jetzt am liebsten umbringen, aus anderen Motiven als damals, das muss ich zugeben, aber das Ziel w&#xE4;re das gleiche; h&#xF6;re, was der Sohn eines Kellners dir zu verk&#xFC;nden hat: ein wirklich feiner Mann unterwirft sich nie der Tyrannei der Kellner, unter denen es nat&#xFC;rlich welche gibt, die wie feine Leute denken.“</p><p>Er a&#xDF; seine Schnitte, w&#xE4;hrend der Kellner, von einem Boy assistiert, f&#xFC;r den Hauptgang deckte; komplizierte Warmhaltevorrichtungen wurden auf kleinen Tischen aufgebaut, Bestecke und Teller verteilt, die benutzten wurden wegger&#xE4;umt, f&#xFC;r Nettlinger wurde Wein, f&#xFC;r Schrella Bier gebracht. Nettlinger kostete den Wein. „Ein ganz klein wenig zu warm“, sagte er.</p><p>Schrella lie&#xDF; sich Huhn vorlegen, Kartoffeln und Salat, prostete Nettlinger mit seinem Bierglas zu und beobachtete, wie der Kellner Nettlinger tiefbraune schwere Sauce &#xFC;ber das Lendenst&#xFC;ck goss.</p><p>„Lebt eigentlich Wakiera noch?“</p><p>„Nat&#xFC;rlich“, sagte Nettlinger, „er ist erst achtundf&#xFC;nfzig, und – du wirst das Wort aus meinem Munde bestimmt komisch finden: er ist einer von den Unbelehrbaren.“</p><p>„Ach“, fragte Schrella, „wie soll ich das verstehen; ob es das wirklich geben kann: unbelehrbare Deutsche?“</p><p>„Nun, er pflegt dieselben Traditionen, die er im Jahre 1935 zu pflegen beliebte.“</p><p>„Hindenburg und so? Anst&#xE4;ndig, anst&#xE4;ndig, Treue, Ehre – wie?“</p><p>„Genau. Hindenburg w&#xE4;re das Stichwort f&#xFC;r ihn.“</p><p>„Und das Stichwort f&#xFC;r dich?“</p><p>Nettlinger blickte von seinem Teller auf, hielt die Gabel in einem Fleischst&#xFC;ck fest, das er gerade abgeschnitten hatte.</p><p>„Wenn du mich doch verstehen w&#xFC;rdest“, sagte er, „ich bin Demokrat, ich bin es aus &#xDC;berzeugung.“</p><p>Er senkte seinen Kopf wieder &#xFC;ber die Lendenschnitte, hob die Gabel mit dem aufgespie&#xDF;ten Fleischst&#xFC;ck hoch, schob es in den Mund, wischte sich den Mund mit der Serviette, griff kopfsch&#xFC;ttelnd nach seinem Weinglas.</p><p>„Was ist aus Trischler geworden?“ fragte Schrella.</p><p>„Trischler? Ich entsinne mich nicht.“</p><p>„Der alte Trischler, der am unteren Hafen wohnte, wo sp&#xE4;ter der Schiffsfriedhof war! Erinnerst du dich auch nicht an Alois, der in unserer Klasse gewesen ist?“</p><p>„Ach“, sagte Nettlinger, nahm sich Selleriesalat auf den Teller, „jetzt erinnere ich mich; den Alois haben wir wochenlang gesucht und nicht gefunden, und den alten Trischler hat Wakiera selbst verh&#xF6;rt, aber er hat nichts, nichts aus ihm herausbekommen, auch aus der Frau nicht.“</p><p>„Du wei&#xDF;t nicht, ob sie noch leben?“</p><p>„Nein. Aber die Gegend da unten ist oft bombardiert worden. Wenn du willst, lass ich dich rausbringen. Mein Gott“, sagte er leise, „was ist denn los, was hast du vor?“</p><p>„Ich m&#xF6;chte gehen“, sagte Schrella, „entschuldige, aber ich muss jetzt hier raus.“</p><p>Er stand auf, trank im Stehen sein Bier aus, winkte dem Kellner, und als dieser leise herankam, deutete Schrella auf die Silberplatte, wo noch drei St&#xFC;cke gebratenen Huhns im leise brutzelnden Fett auf dem Warmhalter schmorten.</p><p>„Bitte“, sagte Schrella, „w&#xFC;rden Sie mir das so einpacken lassen, dass kein Fett nach au&#xDF;en dringt?“</p><p>„Aber gern“, sagte der Kellner, nahm die Platte vom Halter, beugte sich, schon zum Gehen gewendet, noch einmal zur&#xFC;ck und fragte: „Auch die Kartoffeln, der Herr – und vielleicht etwas Salat?“</p><p>„Nein, danke“, sagte Schrella l&#xE4;chelnd, „die Pommes frites werden weich, und der Salat schmeckt sp&#xE4;ter nicht mehr.“ Er suchte in dem gepflegten Gesicht des grauhaarigen Kellners vergebens nach einer Spur von Ironie.</p><p>Nettlinger blickte b&#xF6;se von seinem Teller hoch. „Gut“, sagte er, „du willst dich an mir r&#xE4;chen, ich kann das verstehen, aber dass du es auf diese Weise machen musst.“</p><p>„W&#xE4;re es dir lieber, wenn ich dich umbr&#xE4;chte?“</p><p>Nettlinger schwieg.</p><p>„Es ist &#xFC;brigens keine Rache“, sagte Schrella, „ich muss einfach hier raus, ich halte es nicht mehr aus, und ich h&#xE4;tte mir mein Leben lang Vorw&#xFC;rfe gemacht, wenn ich das H&#xFC;hnchen h&#xE4;tte zur&#xFC;ckgehen lassen; vielleicht kannst du dich entschlie&#xDF;en, diesen Akt wirklich meiner &#xF6;konomischen Veranlagung zuzuschreiben; wenn ich sicher w&#xE4;re, dass sie den Kellnern und Pikkolos erlaubten, die Reste aufzuessen, w&#xFC;rde ich es liegenlassen – aber ich wei&#xDF;, dass sie das hier nicht gestatten.“</p><p>Er dankte dem Boy, der seinen Mantel gebracht und ihm hineingeholfen hatte, nahm seinen Hut, setzte sich noch einmal hin und fragte: „Du kennst Herrn F&#xE4;hmel?“</p><p>„Ja“, sagte Hugo.</p><p>„Kennst du auch seine Telefonnummer?“</p><p>„Ja.“</p><p>„W&#xFC;rdest du mir einen Gefallen tun und jede halbe Stunde bei ihm anrufen; wenn er sich meldet, ihm sagen, dass ein gewisser Herr Schrella ihn sehen m&#xF6;chte?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Ich bin nicht sicher, dass dort, wo ich hin muss, Telefonzellen sind, sonst w&#xFC;rde ich es selbst tun. Hast du meinen Namen verstanden?“</p><p>„Schrella“, sagte Hugo.</p><p>„Ja.“</p><p>„Ich melde mich gegen halb sieben und frage nach dir. Wie hei&#xDF;t du?“</p><p>„Hugo.“</p><p>„Vielen Dank, Hugo.“</p><p>Er stand auf, blickte auf Nettlinger hinunter, der noch eine Lendenscheibe vom Tablett nahm. „Es tut mir leid“, sagte Schrella, „dass du eine so harmlose Handlung als Racheakt empfinden kannst. Ich habe nicht einen Augenblick an Rache gedacht, aber vielleicht verstehst du, dass ich jetzt gehen m&#xF6;chte; sehr lange m&#xF6;chte ich n&#xE4;mlich nicht in dieser gastlichen Stadt bleiben, und ich habe noch einiges zu erledigen. Vielleicht darf ich dich noch einmal an die Fahndungsliste erinnern?“</p><p>„Selbstverst&#xE4;ndlich bin ich jederzeit f&#xFC;r dich zu sprechen, privat oder im Amt, wie du willst.“</p><p>Schrella nahm aus den H&#xE4;nden des Kellners den sauber verpackten wei&#xDF;en Karton, gab dem Kellner ein Trinkgeld.</p><p>„Es wird kein Fett nach au&#xDF;en dringen, mein Herr“, sagte der Kellner, „es ist alles in Cellophan verpackt in unserem Spezial-Picknick-karton.“</p><p>„Auf Wiedersehen“, sagte Schrella.</p><p>Nettlinger hob den Kopf ein wenig und sagte: „Auf Wiedersehen.“</p><empty-line/><p>„Ja“, sagte Jochen gerade, „gerne, und dann sehen Sie schon das Schild: <emphasis>Zu den r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;bern</emphasis>, es ist bis acht ge&#xF6;ffnet und nach Einbruch der Dunkelheit beleuchtet, gn&#xE4;dige Frau. Keine Ursache, vielen Dank.“ Er kam hinter der Theke herausgehumpelt, auf Schrella zu, dem der Boy schon die T&#xFC;r aufhielt.</p><p>„Herr Schrella“, sagte er leise, „ich werde alles tun, um herauszubekommen, wo Herr Dr. F&#xE4;hmel zu erreichen ist, eins habe ich inzwischen im Cafe Kroner schon erfahren k&#xF6;nnen: um sieben findet dort eine Familienfeier statt, zu Ehren des alten Herrn F&#xE4;hmel; dort werden Sie ihn also bestimmt treffen.“</p><p>„Danke“, sagte Schrella, „herzlichen Dank“, und er wusste, dass hier kein Trinkgeld angebracht war; er l&#xE4;chelte dem alten Mann zu, ging durch die T&#xFC;r, die hinter ihm leise in ihre Filzfugen zur&#xFC;ckpendelte.</p></section><section><title><p>Kapitel VIII</p></title><p>Die Autobahn war in ihrer ganzen Breite durch massive Schilder gesperrt; die Br&#xFC;cke, die hier &#xFC;ber den Fluss gef&#xFC;hrt hatte, war zerst&#xF6;rt, sauber an den Rampen weggesprengt; rostige Drahtseile hingen zerfasert von den Pylonen herunter; drei Meter hohe Schilder verk&#xFC;ndeten, was hinter ihnen lauerte: <emphasis>Tod</emphasis>; gekreuztes Gebein, ums Zehnfache drohend vergr&#xF6;&#xDF;erte Totensch&#xE4;del, grellwei&#xDF; auf tiefschwarz gemalt, verk&#xFC;ndeten es bildhaft f&#xFC;r die, denen das Wort nicht gen&#xFC;gte.</p><p>Auf diesem toten Arm &#xFC;bten flei&#xDF;ige Adepten von Fahrschulen sich im Schalten, gew&#xF6;hnten sich an Geschwindigkeit, qu&#xE4;lten die Gangschaltung, um r&#xFC;ckw&#xE4;rts nach links, r&#xFC;ckw&#xE4;rts nach rechts zu drehen, sich ans Wenden zu gew&#xF6;hnen; auf diesem Damm, der am Golfplatz vorbei zwischen Schreberg&#xE4;rten hinf&#xFC;hrte, ergingen sich auch sauber gekleidete M&#xE4;nner und Frauen, mit ihren Feierabendgesichtern strebten sie auf die Rampe, den drohenden Schildern zu, hinter denen verborgen biedere Baubuden dem Tod zu spotten schienen; blauer Qualm stieg hinter <emphasis>Tod</emphasis> aus Ofen, auf denen Nachtw&#xE4;chter ihren Henkelmann w&#xE4;rmten, Brot r&#xF6;steten und mit Fidibussen ihre Pfeifen ansteckten. Bombastische Treppen waren der Zerst&#xF6;rung nicht anheimgefallen, dienten jetzt in abendlicher Sommerw&#xE4;rme m&#xFC;den Spazierg&#xE4;ngern als Sitzgelegenheit; aus zwanzig Metern H&#xF6;he konnten sie von hier aus den Fortgang der Arbeiten beobachten: Taucher in gelben Anz&#xFC;gen glitten in die Fluten hinab, f&#xFC;hrten die Schlingen der Krane an Eisenteile, an Betonbrocken heran, und die Krane zogen ihre triefende Beute herauf, luden sie auf Lastk&#xE4;hne. Auf hohen Ger&#xFC;sten und schwankenden Stegen, in Mastk&#xF6;rben hoch an den Pylonen schwei&#xDF;ten Arbeiter mit bl&#xE4;ulich blitzenden Schwei&#xDF;apparaten angerissene Stahlteile ab, verbogene Nieten, zerschnitten zerfranste Drahtseilreste; die Strompfeiler mit ihren Querst&#xFC;tzen standen wie leere Riesentore im Strom, rahmten einen Hektar blauen Nichts ein; Sirenen gaben Signal: Fahrrinne frei, Fahrrinne besetzt; rote Lichter, gr&#xFC;ne; Schleppz&#xFC;ge brachten Kohle und Holz von hier nach dort, von dort nach hier. Gr&#xFC;ner Fluss, Heiterkeit, sanfte Ufer mit Weidengeb&#xFC;sch, bunte Schiffe, blaue Blitze aus Schwei&#xDF;apparaten; drahtige M&#xE4;nner, drahtige Frauen, ernsten Gesichts, die Schl&#xE4;ger geschultert, gingen &#xFC;ber makellosen Rasen hinter Golfb&#xE4;llen her; achtzehn L&#xF6;cher; Rauch stieg aus G&#xE4;rten hoch, Bohnenlaub, Erbsenlaub, ausgewechselte Zaunpf&#xE4;hle verwandelten sich in Rauch, bildeten liebliche Schwaden am Himmel, die Jugendstil-Elfen glichen, sich barock zusammenballten, sich dann hellgrau am Nachmittagshimmel zu zerqu&#xE4;lten Figuren verzerrten, bevor eine Windstr&#xF6;mung oben sie zerfetzte und auf den Horizont zujagte; rollerfahrende Kinder fielen sich auf dem grob belegten Parkstreifen Arme und Knie wund, zeigten erschrockenen M&#xFC;ttern sch&#xFC;rfige Wunden und erpressten Limonadeversprechen, Eisversprechen; Liebespaare, die H&#xE4;nde verschlungen, strebten den Weidenb&#xFC;schen zu, wo die Hochwasserspur l&#xE4;ngst gebleicht war: Schilfrohr, Korken, Flaschen und Schuhcremedosen; Schiffer stiegen &#xFC;ber schwankende Stege an Land, Frauen mit Einkaufsk&#xF6;rben am Arm und Zuversicht in den Augen; W&#xE4;sche flatterte auf blitzsauberen K&#xE4;hnen im Abendwind; gr&#xFC;ne Hosen, rote Blusen, schneewei&#xDF;e Bett&#xFC;cher &#xFC;ber dem tiefen Schwarz des frischen Teers, der wie japanischer Lack gl&#xE4;nzte; schlammbedeckt, tangbedeckt tauchten Br&#xFC;ckenteile auf; hinten die graue schlanke Silhouette von Sankt Severin, und im Cafe Bellevue verk&#xFC;ndete die ersch&#xF6;pfte Kellnerin: „Der Sahnekuchen ist alle“, wischte sich den Schwei&#xDF; vom groben Gesicht, w&#xFC;hlte in der Ledertasche nach Wechselgeld. „Nur noch Sandkuchen – nein, auch das Eis ist alle.“</p><p>Joseph lie&#xDF; sich das Wechselgeld in die offene Hand z&#xE4;hlen, steckte die M&#xFC;nzen in die Hosentasche, den Schein in die Tasche seines Hemds, drehte sich Marianne zu und k&#xE4;mmte ihr mit der gespreizten Hand die Schilfreste aus dem dunklen Haar, klopfte Sand aus ihrem gr&#xFC;nen Pullover.</p><p>„Du hast dich doch so auf die Feier gefreut“, sagte sie, „was ist denn los?“</p><p>„Es ist nichts los“, sagte er.</p><p>„Ich sp&#xFC;re es doch; es ist etwas anders!“</p><p>„Ja.“</p><p>„Willst du es mir nicht sagen?“</p><p>„Sp&#xE4;ter“, sagte er, „vielleicht erst in Jahren, vielleicht auch bald. Ich wei&#xDF; nicht.“</p><p>„Hat es mit uns beiden zu tun?“</p><p>„Nein.“</p><p>„Bestimmt nicht?“</p><p>„Nein.“</p><p>„Mit dir?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Also doch mit uns beiden.“</p><p>Joseph l&#xE4;chelte. „Nat&#xFC;rlich, da ich ja mit dir zu tun habe.“</p><p>„Ist es etwas Schlimmes.“</p><p>„Ja.“</p><p>„Hat es mit deiner Arbeit zu tun?“</p><p>„Ja. Gib mir deinen Kamm, aber dreh dich nicht um; die feinen Sandk&#xF6;rner krieg ich mit den H&#xE4;nden nicht raus.“</p><p>Sie nahm den Kamm aus ihrer Handtasche und reichte ihn &#xFC;ber die Schulter; er hielt ihre Hand einen Augenblick fest.</p><p>„Ich hab doch immer gesehen, wie du abends, wenn die Arbeiter weg waren, an dem gro&#xDF;en Haufen nagelneuer Steine entlanggegangen bist und sie ber&#xFC;hrt hast; nur angefasst – und ich hab gesehen, dass du es gestern und vorgestern nicht getan hast; ich kenn doch deine H&#xE4;nde; und heute morgen bist du so fr&#xFC;h weggefahren.“</p><p>„Ich habe f&#xFC;r meinen Gro&#xDF;vater ein Geschenk besorgt.“</p><p>„Du bist nicht wegen des Geschenks weggefahren; wo bist du gewesen?“</p><p>„Ich war in der Stadt“, sagte er, „der Rahmen f&#xFC;r das Bild war immer noch nicht fertig, und ich habe darauf gewartet; du kennst doch das Foto, wo mich meine Mutter an der Hand h&#xE4;lt, Ruth auf ihrem Arm, und Gro&#xDF;vater steht hinter uns? Ich habe es vergr&#xF6;&#xDF;ern lassen, und ich wei&#xDF;, dass er sich dar&#xFC;ber freuen wird.“</p><empty-line/><p>Und dann bin ich in die Modestgasse gegangen und habe gewartet, bis mein Vater aus dem B&#xFC;ro kam, gro&#xDF;, ungebeugt, und ich bin hinter ihm hergegangen bis zum Hotel; ich habe eine halbe Stunde vor dem Hotel gewartet, aber er kam nicht heraus, und hineingehen und nach ihm fragen mochte ich nicht; ich wollte ihn nur sehen, und ich habe ihn gesehen; ein gepflegter Herr in den besten Jahren.</p><p>Er lie&#xDF; Marianne los, steckte den Kamm in seine Hosentasche, legte Marianne die H&#xE4;nde auf die Schultern und sagte: „Bitte, dreh dich nicht um, so kann man besser miteinander reden.“</p><p>„Besser l&#xFC;gen“, sagte sie.</p><p>„Vielleicht“, sagte er, „oder besser: verschweigen.“ An ihrem Ohr vorbei konnte er &#xFC;ber die Br&#xFC;stung der Cafehausterrasse mitten auf den Fluss sehen, und er beneidete den Arbeiter, der fast sechzig Meter hoch oben am Pylon in einem Korb hing und mit dem Schwei&#xDF;apparat blaue Blitze in die Luft zeichnete; Sirenen tuteten, ein Eisverk&#xE4;ufer ging unterhalb des Cafes an der B&#xF6;schung entlang, rief ‚Eis, Eis‘, schwieg dann und spachtelte Eis in br&#xF6;cklige Waffeln; hinten die graue Silhouette von Sankt Severin.</p><p>„Es muss etwas sehr Schlimmes sein“, sagte Marianne.</p><p>„Ja“, sagte er, „es ist ziemlich schlimm – vielleicht auch nicht; das ist noch nicht entschieden.“</p><p>„Innen oder au&#xDF;en?“ fragte sie.</p><p>„Innen“, sagte er. „Jedenfalls hab ich heute mittag Klubringer gek&#xFC;ndigt; dreh dich nicht um, sonst sag ich kein Wort mehr.“</p><p>Er nahm die H&#xE4;nde von ihren Schultern, legte sie um ihren Kopf und hielt ihn in Richtung zur Br&#xFC;cke hin fest.</p><p>„Was wird dein Gro&#xDF;vater dazu sagen, dass du gek&#xFC;ndigt hast? Er war so stolz auf dich, jedes lobende Wort, das Klubringer &#xFC;ber dich sagte, ging ihm wie Honig ein; und er h&#xE4;ngt doch so an der Abtei; du darfst es ihm heute noch nicht sagen.“</p><p>„Sie werden es ihm schon gesagt haben, bevor er uns trifft; du wei&#xDF;t doch, dass er mit Vater nach Sankt Anton kommt; Nachmittagskaffee vor der gro&#xDF;en Geburtstagsfeier.“</p><p>„Ja“, sagte sie.</p><p>„Es tut mir leid um Gro&#xDF;vater; du wei&#xDF;t, dass ich ihn mag; er kommt bestimmt heute nachmittag raus, wenn er Gro&#xDF;mutter besucht hat; jedenfalls: ich kann vorl&#xE4;ufig keine Steine mehr sehen und keinen M&#xF6;rtel mehr riechen.“</p><p>„Vorl&#xE4;ufig nur?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Und was wird dein Vater sagen?“</p><p>„Oh“, sagte er rasch, „ihm wird es nur um Gro&#xDF;vaters willen leid tun; f&#xFC;r die sch&#xF6;pferische Seite der Architektur hat er sich nie interessiert, nur f&#xFC;r die Formeln; halt, dreh dich nicht um.“</p><p>„Es hat also mit deinem Vater zu tun, ich sp&#xFC;r’s doch; ich bin ja so gespannt drauf, ihn endlich zu sehen; am Telefon mit ihm gesprochen hab ich schon ein paar Mal; ich glaube, dass er mir gefallen wird.“</p><p>„Er wird dir gefallen. Sp&#xE4;testens heute abend wirst du ihn sehen.“</p><p>„Muss ich mit zur Geburtstagsfeier?“</p><p>„Unbedingt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie Gro&#xDF;vater sich freuen wird – und er hat dich ja ausdr&#xFC;cklich eingeladen.“</p><p>Sie versuchte ihren Kopf zu befreien, aber er lachte, hielt sie fest und sagte: „Lass doch, so kann man viel besser miteinander sprechen.“</p><p>„Und l&#xFC;gen.“</p><p>„Verschweigen“, sagte er.</p><p>„Liebst du deinen Vater?“</p><p>„Ja. Besonders seitdem ich wei&#xDF;, wie jung er noch ist.“</p><p>„Du hast nicht gewusst, wie alt er ist?“</p><p>„Nein. Ich habe ihn immer f&#xFC;r f&#xFC;nfzig, f&#xFC;nfundf&#xFC;nfzig gehalten – komisch, nicht wahr, ich habe mich nie f&#xFC;r sein genaues Alter interessiert, und ich war richtig erschrocken, als ich vorgestern meine Geburtsurkunde bekam und erfuhr, dass Vater erst dreiundvierzig ist; jung, nicht wahr?“</p><p>„Ja“, sagte sie, „und du bist zweiundzwanzig.“</p><p>„Ja, und ich habe bis zu meinem zweiten Lebensjahr nicht F&#xE4;hmel gehei&#xDF;en, sondern Schrella; merkw&#xFC;rdiger Name, wie?“</p><p>„Bist du deshalb b&#xF6;se auf ihn?“</p><p>„Ich bin nicht b&#xF6;se auf ihn.“</p><p>„Was hat er denn getan, dass du pl&#xF6;tzlich die Lust am Bauen verloren hast?“</p><p>„Ich verstehe nicht, was du meinst.“</p><p>„Sch&#xF6;n – aber warum hat er dich nie in Sankt Anton besucht?“</p><p>„Er macht sich offenbar nichts aus Baustellen, und vielleicht sind sie als Kinder zu oft in Sankt Anton gewesen, verstehst du, Sonntagspazierg&#xE4;nge, die man mit den Eltern gemacht hat – die wiederholt man als Erwachsener nur, wenn man unbedingt die Grundschule der Melancholie noch einmal durchmachen will.“</p><p>„Hast du denn je mit deinen Eltern Sonntagsspazierg&#xE4;nge gemacht?“</p><p>„Nicht viele, meistens mit meiner Mutter und den Gro&#xDF;eltern, aber wenn mein Vater in Urlaub kam, ging er mit spazieren.“</p><p>„Nach Sankt Anton.“</p><p>„Auch dahin.“</p><p>„Nun, ich verstehe nicht, dass er dich nie besucht hat.“</p><p>„Er mag Baustellen einfach nicht; vielleicht ist er ein bisschen komisch; manchmal, wenn ich &#xFC;berraschend nach Hause komme, sitzt er im Wohnzimmer am Schreibtisch und kritzelt Formeln auf die R&#xE4;nder fotokopierter Zeichnungen – er hat eine gro&#xDF;e Sammlung davon —, aber ich glaube, du wirst ihn m&#xF6;gen.“</p><p>„Du hast mir nie ein Bild von ihm gezeigt.“</p><p>„Ich habe kein neues; er hat so etwas r&#xFC;hrend Altmodisches, in seinen Kleidern und seinem Benehmen; korrekt, liebensw&#xFC;rdig – viel altmodischer als Gro&#xDF;vater!“</p><p>„Ich bin so gespannt auf ihn. Darf ich mich jetzt umdrehen?“</p><p>„Ja.“</p><p>Er lie&#xDF; ihren Kopf los, versuchte zu l&#xE4;cheln, als sie sich pl&#xF6;tzlich umdrehte, aber ihre runden hellgrauen Augen l&#xF6;schten sein gewaltsames L&#xE4;cheln aus.</p><p>„Warum sagst du es mir nicht?“</p><p>„Weil ich es selber noch nicht verstehe. Sobald ich’s verstanden habe, werde ich es dir sagen; aber das kann lange dauern; fahren wir?“</p><p>„Ja“, sagte sie, „fahren wir; dein Gro&#xDF;vater wird bald da sein; lass ihn nicht warten; wenn sie es ihm sagen, bevor er dich sieht – das wird schlimm f&#xFC;r ihn sein, und bitte, versprich mir, dass du nicht wieder auf das schreckliche Schild zuf&#xE4;hrst und erst im letzten Augenblick stoppst.“</p><p>„Eben“, sagte er, „habe ich mir vorgestellt, dass ich durchfahre, die Baubuden wegrasiere und &#xFC;ber die kahle Rampe hinweg wie von einer Schanze herunter ins Wasser springe mit dem Auto…“</p><p>„Du magst mich also nicht.“</p><p>„Ach, Gott“, sagte er, „es ist ja nur ein Spiel.“</p><p>Er zog Marianne hoch; sie gingen die Treppe hinunter, die ans Flussufer f&#xFC;hrte.</p><p>„Es tut mir wirklich leid“, sagte Joseph auf der Treppe, „dass Gro&#xDF;vater es ausgerechnet heute erfahren muss, an seinem achtzigsten Geburtstag.“</p><p>„Kannst du es ihm nicht ersparen?“ – Die Tatsache nicht – aber die Mitteilung ja, wenn sie es ihm noch nicht gesagt haben.“</p><p>Er schloss das Auto auf, stieg ein, &#xF6;ffnete von innen die T&#xFC;r f&#xFC;r Marianne, legte den Arm um ihre Schultern, als sie neben ihm sa&#xDF;.</p><p>„Nun h&#xF6;r doch mal zu“, sagte er, „es ist ja ganz einfach; die Strecke ist genau viereinhalb Kilometer lang; dreihundert Meter brauche ich, um auf hundertzwanzig zu kommen – wieder dreihundert zum Bremsen, und das ist sehr gro&#xDF;z&#xFC;gig gerechnet; es bleiben also knapp vier Kilometer, f&#xFC;r die ich genau zwei Minuten brauche; du musst nur auf die Uhr sehen, mir sagen, wann die zwei Minuten um sind und ich anfangen muss zu bremsen; verstehst du denn nicht? Ich m&#xF6;chte ja nur einmal rauskriegen, was in der Karre wirklich drin steckt.“</p><p>„Es ist ein schreckliches Spiel“, sagte sie.</p><p>„Wenn ich wirklich auf hundertachtzig kommen k&#xF6;nnte, brauchte ich nur zwanzig Sekunden – aber dann w&#xFC;rde auch der Bremsweg l&#xE4;nger.“</p><p>„Bitte h&#xF6;r auf, bitte.“</p><p>„Hast du Angst?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Gut, dann lass ich’s. Darf ich dann wenigstens mal mit achtzig draufzufahren?“</p><p>„Meinetwegen, wenn dir soviel daran liegt.“</p><p>„Du brauchst dabei gar nicht auf die Uhr zu sehen, ich kann auf Sicht fahren und den Bremsweg nachher abfahren, verstehst du, ich m&#xF6;chte einfach mal wissen, ob sie uns mit den Tachometern nicht beschummeln.“</p><p>Er schaltete, fuhr langsam durch die schmalen Gassen des Ausflugsortes, schnell am Zaun des Golfplatzes vorbei und hielt an der Auffahrt zur Autobahn.</p><p>„H&#xF6;r“, sagte er, „mit achtzig brauch ich genau drei Minuten, es ist wirklich ganz ungef&#xE4;hrlich, wenn du Angst hast, steig hier aus und warte auf mich.“</p><p>„Nein, allein lass ich dich auf keinen Fall fahren.“</p><p>„Es ist ja das letzte Mal“, sagte er, „vielleicht werde ich schon morgen nicht mehr hier sein, und anderswo gibt es solche Gelegenheiten nicht.“</p><p>„Aber auf einer freien Strecke k&#xF6;nntest du es doch viel besser ausprobieren.“</p><p>„Nein, es ist ja gerade die Notwendigkeit, vor dem Schild halten zu m&#xFC;ssen, die mich reizt.“ Er k&#xFC;sste sie auf die Wange. „Wei&#xDF;t du, was ich tun werde?“</p><p>„Nein.“</p><p>„Ich werde vierzig fahren.“</p><p>Sie l&#xE4;chelte, als er losfuhr, blickte aber auf den Tachometer.</p><p>„Pass auf“, sagte er, als sie den Kilometerstein 5 passierten, „guck jetzt mal auf die Uhr und miss die Zeit ab, die wir bis zum Kilometerstein 9 brauchen; ich fahre genau vierzig.“</p><empty-line/><p>Weit vorne, wie Riegel vor die riesigen Tore geschoben, sah sie die Schilder, erst nur wie H&#xFC;rden, sie wurden gr&#xF6;&#xDF;er, wuchsen mit erdr&#xFC;ckender Stetigkeit: was wie eine schwarze Spinne ausgesehen hatte, kl&#xE4;rte sich zu gekreuztem Gebein, was wie ein merkw&#xFC;rdiger Knopf ausgesehen hatte, wurde zum Totensch&#xE4;del, stieg, wie das Wort stieg, an sie heranflog, fast schon die K&#xFC;hlerhaube zu ber&#xFC;hren schien: das O von <emphasis>Tod</emphasis> wie ein offener Mund, der einen drohenden Laut zu bilden schien; die zitternde Tachometernadel zwischen 90 und 100, rollerfahrende Kinder, M&#xE4;nner und Frauen, deren Gesichter nichts Feierabendliches mehr hatten, flogen vor&#xFC;ber, mit warnend erhobenen Armen, schrillen Stimmen wirkten sie wie dunkle Todesv&#xF6;gel.</p><p>„Du“, sagte sie leise, „bist du &#xFC;berhaupt noch da?“</p><p>„Nat&#xFC;rlich“, sagte er l&#xE4;chelnd, „und ich wei&#xDF; genau, wo ich bin“, er blickte starr auf das O von <emphasis>Tod</emphasis>: „Reg dich nicht auf.“</p><p>Kurz vor Feierabend holte der Vorarbeiter der Abbruchfirma ihn ins Refektorium, wo ein Schuttberg in der Ecke auf ein Band geschaufelt, vom Band auf den Lastwagen transportiert wurde; N&#xE4;sse, die sich im Schutt gesammelt, aus Steinresten, M&#xF6;rtelresten und undefinierbarem Dreck klebrige Klumpen gebildet hatte; N&#xE4;sse wurde an den W&#xE4;nden, je kleiner der Schuttberg wurde, erst in dunklem, dann in hellem Ausschlag sichtbar; hinter dem Ausschlag rote, blaue und goldene T&#xF6;ne, Spuren von Wandmalereien, die der Vorarbeiter f&#xFC;r kostbar hielt, eine Abendmahlsszene, vom Ausschlag &#xFC;berwuchert: das Gold des Kelchs, das Wei&#xDF; der Hostie, Christi Gesicht, hellh&#xE4;utig mit dunklem Bart, Sankt Johannes’ braunes Haar und: ‚Hier, sehen Sie doch Herr F&#xE4;hmel, hier das dunkle Leder von Judas’ Geldbeutel; vorsichtig wischte der Vorarbeiter mit einem trockenen Lappen den wei&#xDF;en Ausschlag weg, legte ehrf&#xFC;rchtig das Bild frei: Brokattischtuch, zw&#xF6;lf J&#xFC;nger; F&#xFC;&#xDF;e wurden sichtbar, Tischtuchr&#xE4;nder, der fliesenbelegte Boden des Abendmahlsaales; l&#xE4;chelnd dem Vorarbeiter die Hand auf die Schulter gelegt: ‚Gut, dass Sie mich gerufen haben; nat&#xFC;rlich muss das Fresko erhalten bleiben; lassen Sie’s ganz freischaufeln und austrocknen, bevor etwas damit geschieht; er wollte gehen, schon stand der Tee auf dem Tisch, Brot, Butter und Heringe, Freitagabend, am Fisch erkennbar, schon war Marianne von Stehlingers Grotte aus unterwegs, ihn zum Spaziergang abzuholen; da sah er, kurz bevor er sich endg&#xFC;ltig abwenden wollte, unten in die Ecke des Bildes geschrieben XYZX, und er hatte doch hunderte Male, wenn er ihm bei den Mathematikaufgaben half, Vaters X, sein Y, sein Z gesehen, sah es hier wieder, oberhalb des Loches, das in die Kellerdecke gesprengt war, zwischen Sankt Johannes und Sankt Peters Fu&#xDF;; die S&#xE4;ule des Refektoriums auseinandergerissen, das tragende Gew&#xF6;lbe zerst&#xF6;rt; nur der Mauerrest mit dem Abendmahlsbild; XYZX. ‚Was Besonderes los, Herr F&#xE4;hmel‘, fragte der Vorarbeiter, legte ihm die Hand auf die Schulter, ‚Sie sind ja ganz bla&#xDF; geworden – oder ist es nur die Liebe?‘ ‚Nur die Liebe‘, sagte er, ‚nur die Liebe, kein Grund zur Aufregung, und vielen Dank, dass Sie mich gerufen haben.‘ Ihm schmeckte der Tee nicht, nicht das Brot, die Butter und die Heringe; Freitag, am Fisch erkennbar; nicht einmal die Zigarette schmeckte ihm; er ging durch alle Geb&#xE4;ude und um die Abteikirche, ins Pilgerhaus, suchte &#xFC;berall dort, wo statisch gewichtige Punkte gewesen sein mussten, fand nur noch eins, ein einziges kleines X im Keller des G&#xE4;stehauses, so unverkennbar seine Handschrift, wie sein Gesicht, sein Gang unverkennbar waren, sein L&#xE4;cheln und die strenge Liebensw&#xFC;rdigkeit seiner Bewegungen, wenn er Wein einschenkte, Brot &#xFC;ber den Tisch reichte; sein kleines X; Dr. Robert F&#xE4;hmel: B&#xFC;ro f&#xFC;r statische Berechnungen.</p><empty-line/><p>„Bitte, bitte“, sagte Marianne, „komm doch zu dir.“</p><p>„Ich bin bei mir“, sagte er, lie&#xDF; den Gashebel los, setzte den linken Fu&#xDF; auf die Kupplung, den rechten auf die Bremse, dr&#xFC;ckte; knirschend, hin und her rutschend, schob sich das Auto aufs gro&#xDF;e O von <emphasis>Tod</emphasis> zu, wirbelte Staub auf, die Bremsen schrieen, aufgeregte Spazierg&#xE4;nger kamen mit fuchtelnd erhobenen Armen, ein m&#xFC;der Nachtw&#xE4;chter mit dem Kaffeetopf in der Hand wurde sichtbar, zwischen <emphasis>Tod</emphasis> und gekreuztem Schultergebein.</p><p>„O Gott“, sagte Marianne, „warum musst du mich so erschrecken.“</p><p>„Verzeih“, sagte er leise, „bitte, verzeih, es ist einfach mit mir durchgegangen.“ Er wendete rasch, fuhr los, bevor die Spazierg&#xE4;nger sich ums Auto sammeln konnten, vier Kilometer, mit der linken Hand steuernd, die rechte um Marianne gelegt, in friedlichem Tempo am Golfplatz vorbei, wo drahtige Frauen neben drahtigen M&#xE4;nnern dem sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten Loch zustrebten.</p><p>„Verzeih“, sagte er, „ich tu’s wirklich nicht wieder“, schwenkte von der Autobahn ab, fuhr zwischen lieblichen Feldern, an stillen Waldr&#xE4;ndern entlang.</p><p>XYZ, es waren dieselben Zeichen, die er auf den pr&#xE4;zisen, doppeltpostkartengro&#xDF;en Fotokopien entdeckte, mit denen sein Vater abends wie mit Spielkarten spielte; Haus f&#xFC;r einen Verleger am Waldrand – XXX; Erweiterungsbau f&#xFC;r die ‚Societas, die Gemeinn&#xFC;tzigste der Gemeinn&#xFC;tzigen‘ – YXY; Haus f&#xFC;r einen Lehrer am Flussufer – nur Y; zwischen Sankt Johanns und Sankt Peters Fu&#xDF;. Langsam fuhr er zwischen Feldern dahin, wo sich die dicken R&#xFC;ben schon unter gewaltigen gr&#xFC;nen Bl&#xE4;ttern herausdr&#xE4;ngten; Stoppelfelder, Wiesen, hinter denen schon der Kosakenh&#xFC;gel sichtbar wurde.</p><p>„Warum willst du es mir nicht sagen“, fragte Marianne.</p><p>„Weil ich es selbst noch nicht verstehe, weil ich es noch gar nicht f&#xFC;r wahr halte; vielleicht ist es nur ein absurder Traum; vielleicht kann ich’s dir sp&#xE4;ter erkl&#xE4;ren, vielleicht auch nie.“</p><p>„Aber Architekt willst du nicht werden?“</p><p>„Nein“, sagte er.</p><p>„Bist du deswegen so auf das Schild zugefahren?“</p><p>„Vielleicht“, sagte er.</p><p>„Immer habe ich Menschen gehasst, die nicht wissen, was Geld ist“, sagte Marianne, „die unsinnig schnell mit Autos durch die Gegend fahren, auf Schilder zu, auf denen <emphasis>Tod</emphasis> steht; die ohne jeden Grund die Leute in Unruhe versetzen, die ihren wohlverdienten Feierabendspaziergang machen.“</p><p>„Ich hatte schon einen Grund, schnell auf das Schild zuzufahren.“</p><p>Er fuhr langsamer, hielt auf einem sandigen Weg am Rand des Kosakenh&#xFC;gels, parkte das Auto unter herabh&#xE4;ngenden Kiefernzweigen.</p><p>„Was willst du hier?“ fragte sie.</p><p>„Komm“, sagte er, „wir gehen noch ein bisschen spazieren.“</p><p>„Es wird zu sp&#xE4;t“, sagte sie, „dein Gro&#xDF;vater wird sicher mit dem Halb-f&#xFC;nf-Uhr-Zug kommen; es ist schon zehn vor halb.“</p><p>Joseph stieg aus, lief ein paar Schritte den H&#xFC;gel hinauf, hielt sich die Hand vor die Augen und blickte in Richtung Denklingen.</p><p>„Ja“, rief er, „ich sehe den Zug schon von Dodringen kommen, immer noch die alte Puff-Puff wie in meiner Kindheit, und immer noch um die gleiche Zeit. Komm, sie werden wohl eine Viertelstunde warten k&#xF6;nnen.“</p><p>Er lief zum Auto zur&#xFC;ck, zog Marianne vom Sitz, am Arm hinter sich her den Sandweg hinauf; sie setzten sich in eine Lichtung; Joseph deutete in die Ebene, verfolgte mit seinem Finger den Zug, der sich durch R&#xFC;ben&#xE4;cker, zwischen Wiesen und Stoppelfeldern hin auf Kisslingen zu bewegte.</p><p>„Du kannst dir gar nicht vorstellen“, sagte er, „wie gut ich diese D&#xF6;rfer kenne; wie oft wir mit diesem Zug hinausgekommen sind; nach Mutters Tod sind wir fast immer in Stehlingen oder G&#xF6;rlingen gewesen, und ich bin in Kisslingen in die Schule gegangen; abends liefen wir zum Zug, mit dem Gro&#xDF;vater aus der Stadt kam, zu dem Zug da, siehst du, jetzt f&#xE4;hrt er gerade in Denklingen ab; merkw&#xFC;rdig, und ich hatte immer das Gef&#xFC;hl, wir w&#xE4;ren arm; solange meine Mutter noch lebte und Gro&#xDF;mutter bei uns war, bekamen wir weniger zu essen als die Kinder, die wir kannten, und ich durfte nie gute Kleider tragen; nur umgearbeitete Sachen – und wir mussten zusehen, wie sie das gute Zeug an fremde Leute verschenkte, Brot, Butter und Honig, aus dem Kloster und von den G&#xFC;tern; wir mussten Kunsthonig essen.“</p><p>„Du hast sie nicht gehasst, deine Gro&#xDF;mutter?“</p><p>„Nein, und ich wei&#xDF; selbst nicht, warum ich sie wegen dieses Unsinns nicht hasste; vielleicht weil Gro&#xDF;vater uns mit in sein Atelier nahm, uns heimlich gute Sachen gab; er nahm uns auch mit ins Cafe Kroner und stopfte uns voll; er sagte immer: ‚Was Mutter und Gro&#xDF;mutter tun, ist gro&#xDF;, sehr gro&#xDF; – aber ich wei&#xDF; nicht, ob ihr schon gro&#xDF; genug f&#xFC;r diese Gr&#xF6;&#xDF;e seid.‘“</p><p>„Hat er das wirklich gesagt?“</p><p>„Ja“, Joseph lachte, „als Mutter tot war und Gro&#xDF;mutter weggebracht wurde, waren wir mit Gro&#xDF;vater allein, und wir hatten genug zu essen; die letzten Kriegsjahre waren wir fast immer in Stehlingen; ich h&#xF6;rte, wie sie in der Nacht die Abtei sprengten, wir hockten in Stehlingen in der K&#xFC;che, und die Bauern aus der Nachbarschaft fluchten auf den deutschen General, der den Sprengbefehl gegeben hatte, und sie murmelten vor sich hin: <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis>; ein paar Tage sp&#xE4;ter besuchte mein Vater mich, er kam in einem amerikanischen Auto, von einem amerikanischen Offizier begleitet, und durfte drei Stunden bei uns bleiben; er brachte uns Schokolade mit, und wir waren erschrocken vor dem klebrigen, dunkelbraunen Zeug, das wir noch nie gegessen hatten, a&#xDF;en es erst, als auch Frau Kloschgrabe, die Frau des Verwalters, davon a&#xDF;; Vater brachte Frau Kloschgrabe Kaffee mit, und sie sagte zu ihm: ‚Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Doktor, wir geben auf die Kinder acht, als ob es unsere eigenen w&#xE4;ren‘, und sie sagte: ‚Ist es nicht eine Schande, dass sie die Abtei noch so kurz vor Schluss in die Luft gejagt haben?‘, und er sagte: ‚Ja, es ist eine Schande, aber vielleicht war es der Wille Gottes‘, und Frau Kloschgrabe sagte: ‚Es gibt auch solche, die den Willen des Teufels tun‘; Vater lachte, und auch der amerikanische Offizier lachte; Vater war lieb zu uns, und ich sah ihn zum ersten Mal weinen, als er wieder wegmusste; ich hatte nicht geglaubt, dass er weinen k&#xF6;nnte; er war immer still gewesen und hatte keine Gef&#xFC;hle gezeigt; auch, wenn er aus dem Urlaub zur&#xFC;ckfahren musste und wir ihn zum Bahnhof brachten, weinte er nie; wir weinten alle, Mutter und Gro&#xDF;mutter, Gro&#xDF;vater und wir, aber er nicht – da“, sagte Joseph, und zeigte auf die Rauchfahne des Zuges, „eben sind sie in Kisslingen angekommen.“</p><p>„Jetzt wird er ins Kloster hin&#xFC;bergehen und erfahren, was du ihm eigentlich selbst sagen m&#xFC;sstest.“</p><p>Ich wusch die Kreidezeichen ab zwischen Sankt Johanns und Peters Fu&#xDF; und das kleine x im Keller des G&#xE4;stehauses; er wird es nicht finden, nie entdecken, von mir nicht erfahren.</p><p>„Drei Tage lang“, sagte er, „verlief die Front zwischen Denklingen und der Stadt, und wir beteten abends mit Frau Kloschgrabe um Gro&#xDF;vaters Gesundheit; dann kam er abends aus der Stadt, er war bla&#xDF; und traurig, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, er ging mit uns durch die Tr&#xFC;mmer der Abtei, murmelte, was auch die Bauern gemurmelt, was Gro&#xDF;mutter immer im Luftschutzkeller gemurmelt hatte: <emphasis>wozuwozuwozu</emphasis>.“</p><p>„Wie gl&#xFC;cklich muss er da sein, dass du beim Aufbau der Abtei hilfst.“</p><p>„Ja“, sagte Joseph, „ich kann ihm dieses Gl&#xFC;ck nicht erhalten; frag nicht, warum, ich kann nicht.“</p><p>Er k&#xFC;sste sie, strich ihr die Haare hinters Ohr, k&#xE4;mmte mit gespreizten Fingern Fichtennadeln und Sandk&#xF6;rner heraus.</p><p>„Vater kam fr&#xFC;h aus der Gefangenschaft und holte uns in die Stadt, obwohl Gro&#xDF;vater protestierte und sagte, es w&#xE4;re besser f&#xFC;r uns, nicht in den Tr&#xFC;mmern aufzuwachsen, aber Vater sagte: ‚Ich kann auf dem Land nicht leben, und ich will jetzt die Kinder bei mir haben, ich kenne sie ja kaum.‘ Wir kannten ihn auch nicht und hatten zuerst Angst vor ihm, und wir sp&#xFC;rten, dass auch Gro&#xDF;vater Angst vor ihm hatte. Wir wohnten damals alle in Gro&#xDF;vaters Atelier, weil unser Haus nicht bewohnbar war, und an der Wand im Atelier hing ein riesiger Stadtplan; alles, was zerst&#xF6;rt war, war mit dicker schwarzer Kreide gekennzeichnet, und wir h&#xF6;rten oft zu, wenn wir an Gro&#xDF;vaters Zeichentisch Schularbeiten machten und Vater mit Gro&#xDF;vater und anderen M&#xE4;nnern vor der Karte stand. Es gab oft Streit, denn Vater sagte immer: ‚Weg damit – sprengen‘, und zeichnete ein X neben einen schwarzen Klecks, und die anderen sagten immer: ‚Um Gottes willen, das k&#xF6;nnen wir doch nicht tun‘, und Vater sagte: ‚Tun Sie’s, bevor die Leute in die Stadt zur&#xFC;ckkommen. – Jetzt ist noch alles unbewohnt und Sie brauchen keine R&#xFC;cksichten zu nehmen; rasieren Sie das alles weg.‘ Und die anderen sagten: ‚Da ist doch noch der Rest eines Fenstersturzes aus dem sechzehnten Jahrhundert, und da noch der Teil einer Kapelle aus dem zw&#xF6;lftem; und Vater warf die schwarze Kreide hin und sagte: ‚Gut, machen Sie, was Sie wollen, aber ich sag Ihnen, Sie werden’s bereuen – machen Sie, was Sie wollen, aber dann ohne mich‘, und sie sagten: ‚Aber lieber Herr F&#xE4;hmel, Sie sind unser bester Sprengspezialist, Sie k&#xF6;nnen uns doch nicht im Stich lassen‘; Vater sagte: ‚Aber ich lasse Sie im Stich, wenn ich auf jeden H&#xFC;hnerstall aus der R&#xF6;merzeit R&#xFC;cksicht nehmen muss; Mauern sind f&#xFC;r mich Mauern, und glauben Sie mir, es gibt darunter gute und schlechte Mauern; weg mit dem Mist. Sprengen Sie und schaffen Sie Luft.‘ Gro&#xDF;vater lachte, als sie gegangen waren, und sagte: ‚Mein Gott, du musst doch ihre Gef&#xFC;hle verstehen‘; und Vater lachte: ‚Ich verstehe ihre Gef&#xFC;hle sogar, aber ich respektiere sie nicht‘; und dann sagte er: ‚Kommt, Kinder, wir gehen Schokolade kaufen‘, und er ging mit uns auf den Schwarzmarkt, kaufte sich Zigaretten und uns Schokolade, und wir krochen mit ihm in dunkle, halb zerst&#xF6;rte Hauseing&#xE4;nge hinein, stiegen Treppen hinauf, weil er auch noch f&#xFC;r Gro&#xDF;vater Zigarren kaufen wollte; er kaufte immer, verkaufte aber nie; wenn wir von Stehlingen oder G&#xF6;rlingen Brot oder Butter bekamen, mussten wir seinen Teil mit in die Schule nehmen, und er &#xFC;berlie&#xDF; es uns, wem wir’s schenken wollten, und einmal kauften wir Butter, die wir verschenkt hatten, auf dem Schwarzmarkt zur&#xFC;ck, es lag noch der Zettel von Frau Kloschgrabe dabei, sie hatte geschrieben: ‚Diese Woche leider nur ein Kilo.‘ Aber Vater lachte nur und sagte: ‚Na ja, die Leute brauchen ja auch Geld f&#xFC;r Zigaretten.‘ Der B&#xFC;rgermeister kam wieder, und Vater sagte zu ihm: ‚In den Tr&#xFC;mmern des Franziskanerklosters habe ich Nageldreck aus dem vierzehnten Jahrhundert gefunden: lachen Sie nicht; nachweislich vierzehntes Jahrhundert, denn er ist mit einer Faser untermischt, mit Resten eines Wollgespinsts, das nachweislich nur im vierzehnten Jahrhundert in unserer Stadt hergestellt wurde; ein kulturgeschichtliches Rarissimum allerersten Ranges, Herr B&#xFC;rgermeister‘, und der sagte: ‚Das geht denn doch zu weit, Herr F&#xE4;hmel‘, und Vater sagte: ‚Ich werde noch weiter gehen, Herr B&#xFC;rgermeister.‘ Ruth lachte, sie sa&#xDF; neben mir und krakelte ihre Rechenaufgaben ins Schulheft; sie lachte laut, und Vater kam auf sie zu, k&#xFC;sste sie auf die Stirn und sagte: ‚Ja, das ist auch zum Lachen, Kind‘, und ich war eifers&#xFC;chtig, weil er mich noch nie auf die Stirn gek&#xFC;sst hatte; wir liebten ihn, Marianne, aber wir hatten immer noch ein wenig Angst vor ihm, wenn er da mit seiner schwarzen Kreide vor dem Plan stand und sagte: ‚Sprengen – weg damit.‘ Aber er war immer streng, wenn es um meine Schulaufgaben ging; er sagte immer zu mir: ‚Es gibt nur zwei M&#xF6;glichkeiten: entweder nichts wissen oder alles; deine Mutter wusste nichts, ich glaube, sie hat nicht einmal alle Volksschulklassen durchgemacht, und doch h&#xE4;tte ich nie eine andere als sie geheiratet, entscheide dich also.‘ Wir liebten ihn, Marianne, und wenn ich mir ausrechne, dass er damals nicht sehr viel &#xFC;ber drei&#xDF;ig gewesen sein kann, so kann ich’s nicht glauben, denn ich hielt ihn immer f&#xFC;r viel &#xE4;lter, obwohl er gar nicht alt aussah; er war manchmal sogar lustig, was er heute gar nicht mehr ist: wenn wir morgens alle aus unseren Betten krochen, stand er schon am Fenster, rasierte sich und rief uns zu: ‚Der Krieg ist aus, Kinder‘ – obwohl der Krieg doch schon vier oder f&#xFC;nf Jahre aus war.“</p><p>„Wir m&#xFC;ssen jetzt gehen“, sagte Marianne, „wir wollen sie doch nicht so lange warten lassen.“</p><p>„Lass sie ruhig warten“, sagte er. „Ich muss noch wissen, was sie mit dir alles gemacht haben, L&#xE4;mmchen. Ich wei&#xDF; ja kaum etwas von dir.“</p><p>„L&#xE4;mmchen“, sagte sie, „wie kommst du darauf?“</p><p>„Es fiel mir gerade ein“, sagte er, „sag mir doch, was haben sie mit dir alles gemacht; ich muss immer lachen, wenn ich den Dodringer Akzent in deiner Stimme erkenne: er passt nicht zu dir, und ich wei&#xDF; nur, dass du da zur Schule gegangen, aber nicht da geboren bist, und dass du Frau Kloschgrabe beim Backen, beim Kochen und beim B&#xFC;geln hilfst.“</p><p>Sie zog seinen Kopf in ihren Scho&#xDF; herunter, hielt ihm die Augen zu und sagte: „Mit mir? Was sie mit mir gemacht haben, willst du es wirklich wissen? Sie haben mit Bomben auf mich geworfen und mich nicht getroffen, obwohl die Bomben so gro&#xDF; waren und ich so klein; die Leute im Luftschutzkeller steckten mir Leckerbissen in den Mund; und die Bomben fielen und trafen mich nicht, ich h&#xF6;rte nur, wie sie explodierten und die Splitter durch die Nacht rauscht en wie flatternde V&#xF6;gel, und jemand sang im Luftschutzkeller Wildg&#xE4;nse rauschen durch die Nacht. Mein Vater war gro&#xDF;, sehr dunkel und sch&#xF6;n, er trug eine braune Uniform mit viel Gold daran, eine Art Schwert am G&#xFC;rtel, das silbern gl&#xE4;nzte; er schoss sich eine Kugel in den Mund, und ich wei&#xDF; nicht, ob du schon mal einen gesehen hast, der sich eine Kugel in den Mund geschossen hat? Nein, nicht wahr; dann danke Gott, dass dir der Anblick erspart geblieben ist. Er lag da auf dem Teppich, Blut floss &#xFC;ber die t&#xFC;rkischen Farben, &#xFC;bers Smyrnamuster – echt Smyrna, mein Lieber; meine Mutter aber war blond und gro&#xDF; und trug eine blaue Uniform, und einen h&#xFC;bschen schnittigen Hut trug sie, kein Schwert an der H&#xFC;fte; und ich hatte einen kleinen Bruder, er war viel kleiner als ich und blond, und der kleine Bruder hing &#xFC;ber der T&#xFC;r mit einer Hanfschlinge um den Hals, baumelte, und ich lachte, lachte noch, als meine Mutter auch mir eine Hanfschlinge um den Hals legte und vor sich hinmurmelte: <emphasis>Er hat es befohlen</emphasis>, aber da kam ein Mann herein, ohne Uniform, ohne Goldborte und ohne Schwert, er hatte nur eine Pistole in der Hand, die richtete er auf meine Mutter, riss mich aus ihrer Hand, und ich weinte, weil ich doch die Hanfschlinge schon um den Hals hatte und das Spiel spielen wollte, das mein kleiner Bruder da oben spielen durfte, das Spiel: <emphasis>Er hat es befohlen</emphasis>, doch der Mann hielt mir den Mund zu, trug mich die Treppe hinunter, nahm mir die Schlinge vom Hals, hob mich auf einen Lastwagen… “</p><p>Joseph versuchte, ihre H&#xE4;nde von seinen Augen zu nehmen, aber sie hielt sie fest und fragte: „Willst du nicht weiterh&#xF6;ren?“</p><p>„Ja“, sagte er.</p><p>„Dann musst du dir die Augen zuhalten lassen, und eine Zigarette kannst du mir geben.“</p><p>„Hier im Wald?“</p><p>„Ja, hier im Wald.“</p><p>„Nimm sie aus meiner Hemdtasche.“</p><p>Er sp&#xFC;rte, wie sie seine Hemdtasche aufkn&#xF6;pfte, Zigaretten und Streichh&#xF6;lzer herausnahm, w&#xE4;hrend sie mit der rechten Hand seine Augen fest zuhielt.</p><p>„Ich steck dir auch eine an“, sagte sie, „hier im Wald.</p><p>„Ich war um diese Zeit genau f&#xFC;nf Jahre alt und so s&#xFC;&#xDF;, dass sie mich sogar auf dem Lastwagen verw&#xF6;hnten, sie steckten mir Leckerbissen in den Mund, wuschen mich mit Seife, wenn der Wagen hielt; und man schoss mit Kanonen auf uns und mit Maschinengewehren und traf uns nicht; wir fuhren lange, ich wei&#xDF; nicht genau, wie lange, doch sicher zwei Wochen, und wenn wir hielten, nahm der Mann, der das Spiel <emphasis>Er hat es befohlen</emphasis> verhindert hatte, mich zu sich, h&#xFC;llte mich in eine Decke, legte mich neben sich, ins Heu, ins Stroh, und manchmal ins Bett und sagte: ‚Sag mal Vater zu mir‘, ich konnte nicht Vater sagen, hatte zu dem Mann in der sch&#xF6;nen Uniform immer nur Pappi gesagt, aber ich lernte es sagen: ‚Vater‘, ich sagte es dreizehn Jahre lang zu dem Mann, der das Spiel verhindert hatte; ich bekam ein Bett, eine Decke und eine Mutter, die war streng und liebte mich, und ich wohnte neun Jahre lang in einem sauberen Haus; als ich in die Schule kam, da sagte der Pfarrer: ‚Sieh mal einer an, was wir da haben, da haben wir ja ein ganz unverf&#xE4;lschtes, waschechtes Heidenkindchen‘, und die anderen Kinder, die alle keine Heidenkinder waren, lachten, und der Pfarrer sagte: ‚Da wollen wir aber aus unserem Heidenkind mal rasch ein Christenkindchen machen, aus unserem braven L&#xE4;mmchen‘; und sie machten aus mir ein Christenkindchen. Und das L&#xE4;mmchen war brav und gl&#xFC;cklich, spielte Ringelreihen und H&#xFC;pfen, dann spielte es V&#xF6;lkerball und Seilchenspringen und liebte seine Eltern sehr; und es kam der Tag, da wurden in der Schule ein paar Tr&#xE4;nen geweint, ein paar Reden gehalten, wurde ein paarmal was von Lebensabschnitt gesagt, und L&#xE4;mmchen kam in die Lehre zu einer Schneiderin, es lernte Nadel und Faden gut gebrauchen, lernte bei seiner Mutter putzen und backen und kochen, und alle Leute im Dorf sagten: ‚Die wird noch einmal einen Prinzen heiraten, unter einem Prinzen tut die’s nicht‘ – aber es kam eines Tages ein sehr gro&#xDF;es, sehr schwarzes Auto ins Dorf gefahren, und ein b&#xE4;rtiger Mann, der das Auto steuerte, hielt auf dem Dorfplatz und fragte aus dem Auto heraus die Leute: ‚Bitte, k&#xF6;nnen Sie mir sagen, wo hier die Schmitzens wohnen?‘, und die Leute sagten: ‚Schmitzens gibt es hier eine ganze Menge, welche meinen Sie‘, und der Mann sagte: ‚Die das angenommene Kind haben‘, und die Leute sagten: ‚Ja, die, das sind die Eduard Schmitzens, die wohnen da hinten, sehen Sie da, gleich hinter der Schmiede, das Haus mit dem Buchsbaum davor.‘ Und der Mann sagte: ‚Danke‘, das Auto fuhr weiter, aber alle Leute folgten ihm, denn es war vom Dorfplatz bis zu den Eduard Schmitzens h&#xF6;chstens f&#xFC;nfzig Schritte zu laufen; ich sa&#xDF; in der K&#xFC;che und putzte Salat, das tat ich so gern: die Bl&#xE4;tter aufschneiden, das schlechte weg und das gute ins Sieb werfen, wo es so gr&#xFC;n und sauber lag, und meine Mutter sagte gerade zu mir: ‚Du musst dar&#xFC;ber nicht traurig sein, Marianne, da k&#xF6;nnen die Jungens nichts daf&#xFC;r; wenn sie dreizehn, vierzehn werden – bei manchen f&#xE4;ngt’s schon mit zw&#xF6;lf an – , da machen sie solche Sachen; es ist die Natur, und es ist nicht leicht, mit der Natur fertig zu werden‘; und ich sagte: ‚Dar&#xFC;ber bin ich gar nicht traurig.‘ ‚Wor&#xFC;ber denn?‘ fragte meine Mutter. Ich sagte: ‚Ich denke an meinen Bruder, wie er so da hing, und ich habe gelacht und gar nicht gewusst, wie schrecklich es war – und er war doch nicht getauft.‘ Und bevor meine Mutter mir etwas antworten konnte, ging die T&#xFC;r auf – und wir hatten kein Klopfen geh&#xF6;rt – , und ich erkannte sie sofort: Immer noch war sie blond und gro&#xDF; und trug einen schnittigen Hut, nur die blaue Uniform trug sie nicht mehr; sie kam sofort auf mich zu, breitete ihre Arme aus und sagte: ‚Du musst meine Marianne sein – spricht die Stimme des Blutes nicht zu dir?‘ Ich hielt das Messer einen Augenblick still, schnitt dann das n&#xE4;chste Salatblatt sauber und sagte: ‚Nein, die Stimme des Blutes spricht nicht zu mir.‘ ‚Ich bin deine Mutter‘, sagte sie. ‚Nein‘, sagte ich, ‚die da ist meine Mutter. Ich hei&#xDF;e Marianne Schmitz‘, und ich schwieg einen Augenblick und sagte: ‚<emphasis>Er hat es befohlen</emphasis> – und Sie haben mir die Schlinge um den Hals gelegt, gn&#xE4;dige Frau.‘ Das hatte ich bei der Schneiderin gelernt, dass man zu solchen Frauen ‚gn&#xE4;dige Frau‘ sagen muss.</p><p>Sie schrie und weinte, und sie versuchte mich zu umarmen, aber ich hielt das Messer, mit der Spitze nach vorne, vor meine Brust; sie sprach von Schulen und von Studieren, schrie und weinte, aber ich lief zum Hintereingang hinaus, in den Garten &#xFC;bers Feld zum Pfarrer und erz&#xE4;hlte ihm alles. Er sagte: ‚Sie ist deine Mutter, Naturrecht ist Naturrecht, und bis du gro&#xDF;j&#xE4;hrig wirst, hat sie ein Recht auf dich; das ist eine schlimme Sache.‘ Und ich sagte: ‚Hat sie nicht dieses Recht verwirkt, als sie das Spiel spielte: <emphasis>Er hat es befohlen</emphasis>?‘ und er sagte: ‚Du bist aber ein schlaues Ding; merk dir das Argument gut.‘ Ich merkte es mir und brachte es immer wieder vor, wenn sie von der Stimme des Blutes sprachen, und ich sagte immer: ‚Ich h&#xF6;re die Stimme des Blutes nicht, ich h&#xF6;re sie einfach nicht.‘ Sie sagten: ‚Das gibt es doch gar nicht, ein solcher Zynismus ist wider die Natur‘; ‚Ja‘, sagte ich: ‚<emphasis>Er hat es befohlen</emphasis> – das war wider die Natur.‘ Sie sagten: ‚Aber das ist doch mehr als zehn Jahre her, und sie bereut es‘; und ich sagte: ‚Es gibt Dinge, die man nicht bereuen kann.‘ ‚Willst du‘, fragte sie mich, ‚h&#xE4;rter sein als Gott in seinem Gericht?‘ ‚Nein‘, sagte ich, ‚ich bin nicht Gott, also kann ich nicht so milde sein wie er.‘ Ich blieb bei meinen Eltern. Aber eins konnte ich nicht verhindern: ich hie&#xDF; nicht mehr Marianne Schmitz, sondern Marianne Droste, und ich kam mir vor wie jemand, dem sie was wegoperiert haben. – „Immer noch“, sagte sie leise, „denke ich an meinen kleinen Bruder, der das Spiel <emphasis>Er hat es befohlen</emphasis> hat spielen m&#xFC;ssen – und glaubst du immer noch, dass es etwas Schlimmeres gibt, schlimm genug, dass du es mir nicht erz&#xE4;hlen kannst?“</p><p>„Nein, nein“, sagte er, „Marianne Schmitz, ich will’s dir erz&#xE4;hlen.“</p><p>Sie nahm die Hand von seinen Augen, er richtete sich auf, blickte sie an; sie versuchte nicht zu l&#xE4;cheln.</p><p>„So etwas Schlimmes kann dein Vater gar nicht getan haben“, sagte sie.</p><p>„Nein“, sagte er, „so schlimm war es nicht, aber schlimm genug.“</p><p>„Komm“, sagte sie, „erz&#xE4;hl’s mir im Auto, es ist bald f&#xFC;nf, und sie werden schon warten; wenn ich einen Gro&#xDF;vater h&#xE4;tte, ich w&#xFC;rde ihn nicht warten lassen, und wenn ich einen h&#xE4;tte wie du, ich w&#xFC;rde alles f&#xFC;r ihn tun.“</p><p>„Und f&#xFC;r meinen Vater?“ fragte er.</p><p>„Ich kenne ihn noch nicht“, sagte sie, „komm. Und dr&#xFC;ck dich nicht, sag’s ihm, sobald du Gelegenheit dazu hast. Komm.“</p><p>Sie zog ihn hoch, und er legte den Arm um ihre Schulter, als sie zum Auto zur&#xFC;ckgingen.</p></section><section><title><p>Kapitel IX</p></title><p>Der junge Bankbeamte blickte mitleidig auf, als Schrella seine f&#xFC;nf englischen Schillinge und drei&#xDF;ig belgischen Franken &#xFC;ber die Marmortheke schob.</p><p>„Ist das alles?“</p><p>„Ja“, sagte Schrella, „das ist alles.“</p><p>Der junge Beamte setzte seine Rechenmaschine in Bewegung, drehte missmutig die Kurbel – die geringe Anzahl der Umdrehungen dr&#xFC;ckte schon Verachtung aus – , schrieb fl&#xFC;chtig ein paar Zahlen auf einen Zettel, schob Schrella ein F&#xFC;nfmarkst&#xFC;ck, vier Groschenm&#xFC;nzen und drei Pfennige &#xFC;ber die Theke.</p><p>„Der N&#xE4;chste, bitte.“</p><p>„Nach Blessenfeld“, fragte Schrella leise, „k&#xF6;nnen Sie mir sagen, ob dorthin immer noch die Elf f&#xE4;hrt?“</p><p>„Ob die Elf nach Blessenfeld f&#xE4;hrt? Ich bin nicht die Stra&#xDF;enbahnauskunft“, sagte der junge Beamte, „und au&#xDF;erdem wei&#xDF; ich es wirklich nicht.“</p><p>„Danke“, sagte Schrella, lie&#xDF; das Geld in seine Tasche gleiten, machte den Platz am Schalter frei f&#xFC;r einen Mann, der einen Packen Schweizer Frankenscheine &#xFC;ber die Theke schob; Schrella h&#xF6;rte noch, wie sich die Kurbel der Rechenmaschine respektvoll zu vielen Drehungen in Bewegung setzte.</p><p>‚H&#xF6;flichkeit ist doch die sicherste Form der Verachtung‘, dachte er. Bahnhofshalle. Sommer. Sonne. Heiterkeit. Wochenende. Hotelpagen schleppten Koffer auf Bahnsteige; eine junge Frau hielt ein Schild hoch: ‚Reisende nach Lourdes<a l:href="#n_48" type="note">[48]</a> hier sammeln.‘ Zeitungsverk&#xE4;ufer, Blumenst&#xE4;nde. Jugendliche mit bunten Badet&#xFC;chern unterm Arm.</p><p>Schrella ging &#xFC;ber den Vorplatz, blieb auf der Verkehrsinsel stehen und studierte die Abfahrtstafel; die Elf fuhr immer noch nach Blessenfeld; dort stand sie, am roten Verkehrslicht zwischen Hotel Prinz Heinrich und dem Chor von Sankt Severin, fuhr an, hielt, leerte sich, und Schrella reihte sich der Schlange der Wartenden ein, die vorn an der Schleuse zu zahlen hatten; er setzte sich, nahm den Hut ab, wischte den Schwei&#xDF; von den Augenbrauen, trocknete die Brillengl&#xE4;ser und wartete, als die Bahn abfuhr, vergeblich auf Gef&#xFC;hle; nichts; als Schuljunge viertausendmal mit der Elf hin- und zur&#xFC;ckgefahren; tintenfleckige Finger, das alberne Geschw&#xE4;tz der mitfahrenden Sch&#xFC;ler, das ihm immer auf eine schreckliche Weise peinlich gewesen war; Kugelschnitte, Plusquamperfekt, Irrealis, Barbarossas Bart, der immer noch durch den Tisch wuchs; <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis>, Livius<a l:href="#n_49" type="note">[49]</a>, Ovid<a l:href="#n_50" type="note">[50]</a>, in gr&#xFC;ngraue Pappe gebunden, und je weiter sich die Bahn aus der Stadt entfernte, auf Blessenfeld zu, desto kleinlauter wurde das Geschw&#xE4;tz; schon am Rand der Altstadt stiegen die aus, die ihren Stimmen das sicherste Bildungstimbre zu geben wussten, verteilten sich in breite, dunkle Stra&#xDF;en, in denen solide H&#xE4;user standen; am Rande der Neustadt stiegen die aus, deren Stimmen das n&#xE4;chstniedrige Bildungstimbre hatten, verteilten sich in engere Stra&#xDF;en, wo weniger solide H&#xE4;user standen; es blieben nur noch zwei oder drei, die bis Blessenfeld mitfuhren, wo die am wenigsten soliden H&#xE4;user standen; das Gespr&#xE4;ch normalisierte sich, w&#xE4;hrend die Bahn an Schreberg&#xE4;rten und Kiesgruben vor&#xFC;ber auf Blessenfeld zuschaukelte. ‚Streikt dein Vater auch? Bei Gressigmann geben sie jetzt schon viereinhalb Prozent Rabatt; die Margarine ist um f&#xFC;nf Pfennig billiger geworden.‘ Der Park, wo das sommerliche Gr&#xFC;n l&#xE4;ngst zertrampelt war, wo ums Planschbecken herum der sandige Boden von Tausenden von Kinderf&#xFC;&#xDF;en aufgew&#xFC;hlt war, mit Dreck, Papier und Flaschenscherben vermengt; die Gruffelstra&#xDF;e, wo die Lager der Altwarenh&#xE4;ndler sich immer mit Blech und Lumpen, Papier und Flaschen auff&#xFC;llten, sich in k&#xFC;mmerlicher Armut eine Limonadenbude auftat, in der ein magerer Arbeitsloser sich als H&#xE4;ndler versuchte, binnen kurzem fett wurde, sein Bude mit Glas und Chrom auftakelte, blitzende Automaten aufstellte; fra&#xDF; sich an Pfennigen dick, wurde herrisch und hatte doch vor ein paar Monaten noch untert&#xE4;nig den Preis f&#xFC;r eine Limonade notfalls um zwei Pfennig gesenkt, &#xE4;ngstlich fl&#xFC;sternd: ‚Sag’s nur nicht weiter.‘ Die Gef&#xFC;hle kamen nicht, w&#xE4;hrend er in der Elf durch die Altstadt, die Neustadt, an Schreberg&#xE4;rten und Kiesgruben vorbei auf Blessenfeld zuschaukelte: viertausendmal geh&#xF6;rt die Namen der Stationen: Boissereestra&#xDF;e, Nordpark, Blessischer Bahnhof, Innerer Ring; sie klangen fremd, die Namen, wie aus Tr&#xE4;umen, die andere getr&#xE4;umt hatten und vergebens mitzuteilen versuchten, klangen wie Hilferufe aus tiefen Nebelschichten, w&#xE4;hrend die Bahn, fast leer, durch den sonnigen Sommernachmittag auf die Endstation zufuhr.</p><p>Dort, Ecke Parklinie und Innerer Ring, hatte die Bude gestanden, in der seine Mutter sich als Fischbraterin versuchte, aber am mitleidigen Herzen gescheitert war: ‚Wie kann ich denn hungrigen Kindern ein St&#xFC;ck gebratenen Fisch verweigern, wenn sie mir beim Braten zuschauen? Wie kann ich das?‘ Und Vater sagte: ‚Nat&#xFC;rlich kannst du’s nicht, aber wir m&#xFC;ssen die Bude aufgeben, kein Kredit mehr, Pleite, die H&#xE4;ndler liefern nicht.‘ Panierte Fischfilets wurden in hei&#xDF;em &#xD6;l gar, w&#xE4;hrend Mutter ein, zwei, drei L&#xF6;ffel Kartoffelsalat auf Pappteller h&#xE4;ufte; Mutters Herz war <emphasis>mitleidend nicht fest</emphasis> geblieben; Tr&#xE4;nen rannen aus den blauen Augen, Nachbarinnen fl&#xFC;sterten sich zu: die weint sich die Seele aus; a&#xDF; nicht mehr, trank nicht mehr, ihre durchblutete Rundheit wandelte sich in blutarme Magerkeit; nichts mehr von der h&#xFC;bschen Kaltmamsell, die am Bahnhofsb&#xFC;fett so beliebt gewesen war; fl&#xFC;sterte nur noch <emphasis>Herr, Herr</emphasis>, bl&#xE4;tterte in zerfransten Sektierergebetb&#xFC;chern, die das Ende der Welt verk&#xFC;ndeten, w&#xE4;hrend auf der Stra&#xDF;e rote Fahnen im staubigen Wind flatterten, andere Hindenburgs Kopf auf Plakaten durch die Stra&#xDF;en trugen; Geschrei, Pr&#xFC;gelei, Sch&#xFC;sse; Schalmeien und Trommeln. Als sie starb, sah Mutter aus wie ein M&#xE4;dchen, blutarm, mager; Reihengrab mit Astern drauf, ein d&#xFC;nnes Holzkreuz: Edith Schrella 1896 – 1932; die Seele ausgeweint, der Leib der Erde des Nordfriedhofes beigemischt.</p><p>„Endstation, mein Herr“, verk&#xFC;ndete der Schaffner, stieg aus seiner Schleuse, z&#xFC;ndete den Zigarettenstummel an, kam nach vorn: „Weiter fahren wir leider nicht.“</p><p>„Danke.“ Viertausendmal eingestiegen, ausgestiegen; Endstation der Elf; zwischen Baggerl&#xF6;chern und Baracken verloren sich rostige Schienen, die vor drei&#xDF;ig Jahren einmal der Weiterf&#xFC;hrung der Bahn hatten dienen sollen; Limonadenbude: Chrom, Glasballons, blitzende Automaten; korrekt sortierte Schokoladentafeln.</p><p>„Bitte, eine Limonade.“</p><p>Das gr&#xFC;ne Zeug in einem makellosen Glas schmeckte nach Waldmeister.</p><p>„Bitte, der Herr, wenn es Ihnen nichts ausmacht, das Abfallpapier in den Korb. Schmeckt es?“</p><p>„Danke.“ Die beiden H&#xFC;hnerschenkel waren noch warm, lockeres Brustfleisch, knusprig in allerbestem Fett gebraten, der Cellophanbeutel mit Spezial-Picknick-Warmhalte-Nadeln zugeknipst.</p><p>„Das riecht nicht schlecht. Noch eine Limonade dazu?“</p><p>„Danke, nein, aber bitte sechs Zigaretten.“</p><p>In der fetten Budenbesitzerin war noch das zarte h&#xFC;bsche M&#xE4;dchen zu erkennen, das sie einmal gewesen war: blaue Kinderaugen hatten beim Erstkommunionsunterricht den schw&#xE4;rmerischen Kaplan zu Attributen wie ‚engelgleich‘ und ‚unschuldig‘ hingerissen, waren jetzt zu h&#xE4;ndlerischer H&#xE4;rte versteinert.</p><p>„Macht zusammen neunzig, bitte.“ – „Danke.“</p><p>Eben klingelte die Elf, mit der er gekommen war, zur Abfahrt; er z&#xF6;gerte zu lange, sah sich f&#xFC;r zw&#xF6;lf Minuten in Blessenfeld gefangen; er rauchte, trank langsam den Rest der Limonade und suchte hinter dem steinern rosigen Gesicht nach dem Namen des M&#xE4;dchens, das sie einmal gewesen war; blond, raste mit wehendem Haar durch den Park, schrie, sang und lockte in dunklen Fluren, als l&#xE4;ngst schon die Engelgleichheit dahingegangen war; erzwang heisere Liebesversprechen aus erregten Knabenkehlen, w&#xE4;hrend der Bruder, blond wie sie, engelgleich wie sie, die Knaben der Stra&#xDF;e vergebens zu edler Tat aufrief; Tischlerlehrling, Hundertmeterl&#xE4;ufer, im Morgengrauen um einer Torheit willen gek&#xF6;pft.</p><p>„Bitte“, sagte Schrella, „doch noch eine Limonade.“</p><p>Er blickte auf den makellosen Scheitel der jungen Frau, die sich vorneigte, um das Glas unter den Ballon zu halten; ihr Bruder war Ferdi, der engelgleiche, ihr Name wurde sp&#xE4;ter von rauhen Jungenkehlen weitergefl&#xFC;stert, von Mund zu Mund gegeben wie ein Losungswort, das zum Eintritt ins Paradies berechtigte: Erika Progulske, Erl&#xF6;serin aus dunklen Qualen, und <emphasis>nimmt nichts daf&#xFC;r</emphasis>, weil sie es gern tut.</p><p>„Kennen wir uns?“ L&#xE4;chelnd stellte sie das Limonadenglas auf die Theke.</p><p>„Nein“, sagte er l&#xE4;chelnd, „ich glaube nicht.“</p><p>Nur nicht die Erinnerung aus ihrer Erfrierung auftauen, die Eisblumen w&#xFC;rden wie flaues schmuddliges Wasser herunterrinnen; nur nichts heraufbeschw&#xF6;ren, die Strenge kindlicher Gef&#xFC;hle aus aufgeweichten Erwachsenenseelen zur&#xFC;ckerwarten, erfahren, dass sie jetzt <emphasis>etwas daf&#xFC;r nahm</emphasis>; Vorsicht, nur nicht die Sprache in Bewegung setzen.</p><p>„Ja, drei&#xDF;ig Pfennig. Danke.“ Ferdi Progulskes Schwester blickte ihn mit routinierter Freundlichkeit an. Auch mich hast du erl&#xF6;st und <emphasis>nichts daf&#xFC;r genommen</emphasis>, nicht einmal den Riegel Schokolade, der in meiner Tasche weich geworden war, und es sollte doch nicht Bezahlung sein, sondern ein Geschenk, aber du nahmst es nicht; erl&#xF6;st mit dem Mitleid deines Mundes und deiner H&#xE4;nde; ich hoffe, du hast es Ferdi nie erz&#xE4;hlt, zum Mitleid geh&#xF6;rt Diskretion; in Sprache verwandelte Geheimnisse k&#xF6;nnen t&#xF6;dlich werden; ich hoffe, er hat es nicht gewusst, als er an jenem Julimorgen den Himmel zum letzten Mal sah; ich war der einzige, in der Gruffelstra&#xDF;e, den er zu edler Tat bereit fand; Edith z&#xE4;hlte damals noch nicht, sie war erst zw&#xF6;lf, die Weisheit ihres Herzens war noch nicht zu entziffern.</p><p>„Kennen wir uns wirklich nicht?“ – „Nein, ich bin sicher.“</p><p>Heute w&#xFC;rdest du mein Geschenk nehmen, dein Herz ist fest, doch nicht mitleidend geblieben; wenige Wochen sp&#xE4;ter schon hattest du die Unschuld kindlicher Lasterhaftigkeit verloren, hattest schon entschieden, dass es besser sei, das Mitleid abzuwerfen, und warst dir klar dar&#xFC;ber, dass du dir nicht als weinerliche blonde Schlampe die Seele ausweinen w&#xFC;rdest; nein, wir kennen uns nicht, wirklich nicht; wir wollen die Eisblumen nicht auftauen. Danke, auf Wiedersehen.</p><p>Dr&#xFC;ben immer noch das ‚Blesseneck‘, wo Vater gekellnert hat; Bier, Schnaps, Frikadellen, Bier, Schnaps, Frikadellen; alles serviert mit diesem Gesicht, in dem Milde und Verbissenheit sich zu etwas Einmaligem mischten; Gesicht eines Tr&#xE4;umers, dem es gleichg&#xFC;ltig war, ob er im Blesseneck Bier, Schnaps und Frikadellen servierte oder im Prinz Heinrich Hummer und Sekt oder am oberen Hafen &#xFC;bern&#xE4;chtigen Huren Fr&#xFC;hst&#xFC;ck: Bier, Kotelett, Schokolade und Cherry Brandy; Vater brachte Spuren dieser klebrigen Fr&#xFC;hst&#xFC;cke an seinen Manschetten mit, brachte gute Trinkgelder mit, Schokolade und Zigaretten, brachte nicht mit, was andere V&#xE4;ter mitbrachten: Feierabendheiterkeit, die sich in Gebr&#xFC;ll und Zank, in Liebesbeteuerungen und Vers&#xF6;hnungstr&#xE4;nen ausm&#xFC;nzen lassen konnte; immer diese verbissene Milde im Gesicht, verirrter Engel, der Ferdi unterm Schanktisch verbarg, wo die Hilfspolizei ihn zwischen Bierleitungen herausholte; der immer noch, schon in Todesgewissheit, l&#xE4;chelte; klebriges Zeug wurde aus Manschetten gewaschen, St&#xE4;rke anger&#xFC;hrt, damit das wei&#xDF;e Kellnerhemd steif werde und leuchte; sie holten ihn erst am anderen Morgen, als er mit seinen Butterbroten und den schwarzen Lackschuhen unterm Arm zum Dienst fahren wollte; er bestieg ihr Auto und ward nicht mehr gesehen; kein wei&#xDF;es Kreuz, keine Astern, der Kellner Alfred Schrella. Nicht einmal <emphasis>auf der Flucht erschossen – ward einfach nicht mehr gesehen</emphasis>.</p><p>Edith r&#xFC;hrte St&#xE4;rke an, wichste die schwarzen Reserveschuhe, reinigte wei&#xDF;e Krawatten, w&#xE4;hrend ich lernte, spielend lernte, Ovid und Kegelschnitte, Heinrichs des Ersten, Heinrichs des Zweiten Pl&#xE4;ne und Taten und Tacitus’ und Wilhelms des Ersten, Wilhelms des Zweiten Pl&#xE4;ne und Taten; Kleist und sph&#xE4;rische Trigonometrie; begabt, begabt, ganz au&#xDF;erordentlich begabt; Arbeiterkind, hatte das gleiche wie die anderen gegen vieltausendfache Widerst&#xE4;nde anzulernen, war au&#xDF;erdem zu edler Tat verschworen und leistete mir sogar noch ein Privatvergn&#xFC;gen: <emphasis>H&#xF6;lderlin</emphasis>.</p><p>Sieben Minuten noch bis zur Abfahrt der n&#xE4;chsten Elf. Gruffelstra&#xDF;e Numero siebzehn, das Haus neuverputzt, ein parkendes Auto davor: gr&#xFC;n; ein Fahrrad: rot; zwei Roller: schmutzig. Achtzehntausendmal auf die Klingel gedr&#xFC;ckt, auf den gelblich blassen Messingknopf, der seinem Daumen noch vertraut war; wo fr&#xFC;her Schrella gestanden hatte, stand jetzt Tressel; wo fr&#xFC;her Schmitz gestanden hatte, stand jetzt Humann; neue Namen, nur einer war geblieben: Fruhl – eine Tasse Zucker geliehen, eine Tasse Mehl, eine Tasse Essig, einen Eierbecher voll Salat&#xF6;l – wieviel Tassen, wieviel Eierbecher, und zu welch hohem Zinssatz?; Frau Fruhl f&#xFC;llte die Tassen und Eierbecher immer nur halb und machte einen Strich an den T&#xFC;rrahmen, wo sie M, Z, E und &#xD6; stehen hatte, radierte mit dem Daumen die Striche erst aus, wenn sie volle Tassen, volle Eierbecher zur&#xFC;ckbekam, fl&#xFC;sterte es durch den Hausflur, in L&#xE4;den und bei Treffen mit Freundinnen, wo bei Eierlik&#xF6;r und Kartoffelsalat Popul&#xE4;rgyn&#xE4;kologie getrieben wurde, fl&#xFC;sterte es: ‚Mein Gott sind die doof‘; sie hatte fr&#xFC;h schon vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gegessen, ihren Mann und ihre Tochter gezwungen, es einzunehmen, sang es im Flur: <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis>. Nichts, kein Gef&#xFC;hl, nur die Daumenhaut, die auf dem bla&#xDF;gelben Messingknopf ruhte, empfand etwas wie R&#xFC;hrung.</p><p>„Suchen Sie jemand?“</p><p>„Ja“, sagte er, „Schrellas, wohnen die nicht mehr hier?“</p><p>„Nein“, sagte das M&#xE4;dchen, „das w&#xFC;sste ich, wenn die hier wohnten.“ Es war rotwangig, lieblich, turnte auf schwankendem Roller, hielt sich an der Hausmauer fest.</p><p>„Nein, die haben hier nie gewohnt.“ Rannte los, strampelte wild &#xFC;ber den Gehsteig, durch die Gosse und schrie: „Kennt hier jemand Schrellas?“ Er zitterte, es k&#xF6;nnte jemand Ja rufen und er w&#xFC;rde hingehen, begr&#xFC;&#xDF;en, Erinnerungen austauschen m&#xFC;ssen; ja, den Ferdi, den haben sie – deinen Vater, den haben sie – und die Edith, die hat ja fein geheiratet – aber das rotwangige M&#xE4;dchen rannte ohne Erfolg umher, drehte mit seinem schmutzigen Roller k&#xFC;hne Kurven, von Gruppe zu Gruppe, schrie es in die offenen Fenster hinauf: „Kennt hier jemand Schrellas?“ Sie kam mit erhitztem Gesicht zur&#xFC;ck, zog eine elegante Schleife, blieb vor ihm stehen: „Nein, Herr, die kennt hier niemand.“</p><p>„Danke“, sagte er l&#xE4;chelnd, „magst du einen Groschen?“</p><p>„Ja.“ Strahlend sauste sie in Richtung Limonadenbude davon.</p><p>„Ich habe ges&#xFC;ndigt, habe schwer ges&#xFC;ndigt“, murmelte er l&#xE4;chelnd, w&#xE4;hrend er zur Endstation zur&#xFC;ckging, „ich habe zum Huhn aus dem Hotel Prinz Heinrich Waldmeisterlimonade aus der Gruffelstra&#xDF;e getrunken; ich habe die Erinnerung ruhen lassen, die Eisblumen nicht aufgetaut; in Erika Progulskes Augen wollte ich kein Erkennen aufblitzen sehen, aus ihrem Mund den Namen Ferdi nicht h&#xF6;ren; nur die Haut meines Daumens hat Erinnerung zelebriert, hat den Klingelknopf aus bla&#xDF;gelbem Messing erkannt.“ Es war wie Spie&#xDF;rutenlaufen zwischen Augenpaaren, die vom Stra&#xDF;enrand, aus Fenstern und Hauseing&#xE4;ngen, in sommerlicher Sonne, den Feierabend genie&#xDF;end, ihn genau beobachteten; war keiner darunter, der seine Brille, seinen Gang, das Zusammenkneifen der Augen erkennen w&#xFC;rde, unter dem ausl&#xE4;ndischen Mantel den vielverspotteten H&#xF6;lderlinleser, dem sie das Spottlied nachgerufen hatten: ‚Der Schrella, der Schrella, der Schrella liest Gedichte?‘</p><p>Er wischte sich angstvoll den Schwei&#xDF; ab, nahm den Hut vom Kopf, blieb stehen und blickte von der Ecke aus in die Gruffelstra&#xDF;e zur&#xFC;ck; niemand war ihm gefolgt; junge Burschen sa&#xDF;en auf Motorr&#xE4;dern, halb nach vorn gebeugt, fl&#xFC;sterten jungen M&#xE4;dchen Liebesversprechen zu; Bierflaschen auf Fensterb&#xE4;nken fingen Nachmittagssonne ein; dort dr&#xFC;ben das Haus, in dem der Engel geboren worden war und gewohnt hatte; vielleicht war der Messingknopf noch da, auf dem Ferdis Daumen f&#xFC;nfzehntausendmal geruht hatte; gr&#xFC;ne Hausfassade, flimmernde Drogerieauslagen, Zahnpastareklame gleich unterhalb des Fensters, in dem Ferdi so oft gelegen hatte.</p><p>Der Parkweg, von dem weg Robert Edith ins Geb&#xFC;sch gezogen hatte, an einem Juliabend vor dreiundzwanzig Jahren; jetzt hockten Rentner dort auf B&#xE4;nken, tauschten Witze aus, schn&#xFC;ffelten an Tabaksorten, beklagten die Unerzogenheit spielender Kinder; gereizte M&#xFC;tter riefen ein bitteres Schicksal auf ihre ungehorsame Brut herab, beschworen schreckliche Zukunft: <emphasis>Dass dich der Atom hole</emphasis>; Jungen, mit Gebetb&#xFC;chern unterm Arm, kamen von der Beichte, noch unschl&#xFC;ssig, ob sie den Zustand der Gnade schon jetzt oder erst morgen verlassen sollten.</p><p>Immer noch eine Minute bis zur Abfahrt der n&#xE4;chsten Elf; schon seit drei&#xDF;ig Jahren liefen die rostigen Schienen in eine leere Zukunft; Ferdis Schwester f&#xFC;llte jetzt gr&#xFC;ne Limonade in ein sauberes Glas; der Stra&#xDF;enbahnf&#xFC;hrer klingelte zum Sammeln; m&#xFC;de Schaffner k&#xF6;pften ihre Zigaretten, r&#xFC;ckten ihre Geldtaschen zurecht, stiegen in ihre Schleuse, klingelten Alarm, weil weit hinten, wo die rostigen Schienen endeten, eine alte Frau zum Laufen ansetzte.</p><p>„Zum Hauptbahnhof“, sagte Schrella, „mit Umsteigen zum Hafen.“</p><p>„F&#xFC;nfundvierzig.“</p><p>Wenig solide H&#xE4;user, solidere H&#xE4;user, sehr solide H&#xE4;user. Umsteigen, ja, es ist immer noch die Sechzehn, die zum Hafen f&#xE4;hrt. Baustoffhandlung, Kohlenlager, Verladerampen, und er konnte es von der Balustrade des alten Wiegehauses aus lesen: ‚Michaelis, Kohlen, Koks, Briketts.‘</p><p>Nur noch umwenden, zwei Minuten Weg, und er w&#xFC;rde Erinnerung vollziehen k&#xF6;nnen; Frau Trischlers H&#xE4;nde w&#xFC;rden der Zeit standgehalten haben, wie die Augen des Alten und Alois’ Foto an der Wand; Bierflaschen, Zwiebelb&#xFC;ndel, Tomaten, Brot und Tabak; ankernde Schiffe, schwankende Stege, &#xFC;ber die Segeltuchrollen getragen wurden: riesige Schmetterlingspuppen w&#xFC;rden rheinabw&#xE4;rts fahren, den Nebeln der Nordsee zu. Stille herrschte hier; frisch war der Kohlenhaufen hinter Michaelis’ Zaun, Berge hellroter Ziegel im Baustofflager, schlurfende Nachtw&#xE4;chterschritte hinter Z&#xE4;unen und Werkbuden machten die Stille noch gr&#xF6;&#xDF;er.</p><p>Schrella l&#xE4;chelte, lehnte sich &#xFC;bers rostige Gel&#xE4;nder, drehte sich um und erschrak: er hatte von der neuen Br&#xFC;cke nichts gewusst, auch Nettlinger hatte nichts davon gesagt ; sie schob sich breit &#xFC;bers alte Hafenbecken hin&#xFC;ber, die dunkelgr&#xFC;nen Pfeiler standen genau dort, wo Trischlers Haus gewesen war; Br&#xFC;ckenschatten bedeckte den Kai vorn, wo das Treidlerhaus gestanden hatte, im Strom rahmten riesige leere Stahltore blaues Nichts ein.</p><p>In Trischlers Kneipe hatte Vater am liebsten gearbeitet, Schiffer und ihre Frauen bedient, die im Garten auf den roten St&#xFC;hlen sa&#xDF;en, an langen Sommerabenden, w&#xE4;hrend Alois, Edith und er im alten Hafenbecken angelten. Ewigkeit kindlicher Zeitrechnung, Unendlichkeit, wie er sie nur noch aus Verszeilen kennen gelernt hatte; dr&#xFC;ben l&#xE4;uteten die Glocken von Sankt Severin, l&#xE4;uteten Frieden und Zuversicht in den Abend, w&#xE4;hrend Edith mit ihren unruhigen H&#xE4;nden den Rhythmus des h&#xFC;pfenden Schwimmers in die Luft zeichnete, ihre H&#xFC;ften, ihre Arme der ganze K&#xF6;rper tanzte im Rhythmus des h&#xFC;pfenden Schwimmers; und nicht einmal hatte ein Fisch angebissen.</p><p>Vater servierte gelbes Bier mit wei&#xDF;em Schaum, mehr Milde als Verbissenheit strahlte sein Gesicht aus, und fr&#xF6;hlich l&#xE4;chelnd lehnte er Trinkgeld ab, weil <emphasis>alle Menschen Br&#xFC;der sind</emphasis>. ‚Br&#xFC;der, Br&#xFC;der<a l:href="#n_51" type="note">[51]</a>‘, rief er es laut in den Sommerabend; bed&#xE4;chtige Schiffergesichter l&#xE4;chelten, h&#xFC;bsche Frauen mit Zuversicht in den Augen sch&#xFC;ttelten &#xFC;ber soviel kindliches Pathos den Kopf und klatschten doch Beifall, Br&#xFC;der und Schwestern.</p><p>Schrella stieg langsam die Balustrade hinunter, ging am Hafenbecken vorbei, wo rostige Pontons und Boote auf Schrotth&#xE4;ndler warteten; er tauchte tief unter den gr&#xFC;nen Schatten der Br&#xFC;cke, sah in der Mitte des Stromes die eifrigen Krane, die Br&#xFC;ckenteile auf Lastk&#xE4;hne luden, wo st&#xF6;hnender Schrott vom Gewicht des Hinzukommenden zusammengedr&#xFC;ckt wurde; er fand den pomp&#xF6;sen Aufgang, sp&#xFC;rte, wie die breiten Stufen den Schritt zur Feierlichkeit zwangen; in gespenstischer Zuversicht hob sich die leere, saubere Autobahn zum Fluss hin, auf die Br&#xFC;cke zu, wo Schilder mit gekreuztem Gebein, riesige Totensch&#xE4;del, wei&#xDF; auf schwarz die Zuversicht bremsten; Schilder mit <emphasis>Tod Tod</emphasis> hemmten den Marsch nach Westen, w&#xE4;hrend die leere Stra&#xDF;e ostw&#xE4;rts in eine Unendlichkeit flimmernden R&#xFC;benlaubs f&#xFC;hrte. Schrella ging weiter, dr&#xFC;ckte sich zwischen <emphasis>Tod</emphasis> und gekreuztem Gebein hindurch, an der Baubude vorbei, beschwichtigte einen Nachtw&#xE4;chter, der schon die Arme zu aufgeregtem Fuchteln erhoben hatte, sie aber sinken lie&#xDF;, von Schrellas L&#xE4;cheln beruhigt; Schrella ging weiter bis an den Rand; rostige Moniereisen, an denen Betonbrocken baumelten, bewiesen hier durch f&#xFC;nfzehn Jahre w&#xE4;hrendes ungebrochenes Standhalten die Qualit&#xE4;t deutschen Stahls; jenseits des Stromes, hinter den leeren Stahltoren f&#xFC;hrte die Bahn am Golfplatz vorbei wieder in die Unendlichkeit flimmernden R&#xFC;benlaubs.</p><p>Cafe Bellevue. Uferallee. Rechts die Sportwiesen, Schlagball, Schlagball. Der Ball, den Robert schlug, und die B&#xE4;lle, die sie in der holl&#xE4;ndischen Kneipe mit dem Queue anstie&#xDF;en, rot &#xFC;ber gr&#xFC;n, wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, die monotone Musik der B&#xE4;lle, klang fast wie Gregorianik; die Figuren, die die B&#xE4;lle bildeten, wie strenge Poesie, die drei hoch unendlich aus gr&#xFC;nem Filz zauberte; nie vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ff</emphasis>els gekostet, blindlings Wunden empfangen, <emphasis>Weide meine L&#xE4;mmer</emphasis> auf Vorstadtwiesen, wo Schlagball gespielt wird, in Gruffelstra&#xDF;en und in Modestgassen, in englischen Vorstadtstra&#xDF;en und hinter Gef&#xE4;ngnismauern; <emphasis>Weide meine L&#xE4;mmer</emphasis>, wo du sie triffst, auch wenn sie nichts Besseres zu tun wissen als H&#xF6;lderlin zu lesen und Trakl, nichts Besseres als f&#xFC;nfzehn Jahre lang: ‚Ich binde, ich band, ich habe gebunden, ich werde binden, ich hatte gebunden, ich werde gebunden haben‘ an Tafeln zu schreiben, w&#xE4;hrend Nettlingers Kinder auf gepflegtem Rasen – das k&#xF6;nnen die Engl&#xE4;nder doch am besten – Federball spielten, w&#xE4;hrend seine h&#xFC;bsche Frau, gepflegt, gepflegt, sehr gepflegt, ihm, der im h&#xFC;bschen Liegestuhl lag, von der Terrasse aus zurief: ‚Magst du ’ne Spur Gin in die Zitronenlimonade?‘ und er zur&#xFC;ckrief: ‚Ja, aber ’ne deutliche Spur!‘; und seine Frau, Kichern im Hals, von soviel Witz entz&#xFC;ckt, tat ihm ’ne deutliche Spur Gin in die Limonade, ging nach drau&#xDF;en, setzte sich neben ihn, in den zweiten Liegestuhl, der so h&#xFC;bsch war wie der erste, begutachtete die Bewegungen ihrer &#xE4;ltesten Tochter; vielleicht ein ganz klein bisschen zu mager, ein bisschen zu knochig, und das h&#xFC;bsche Gesicht ein bisschen zu ernsthaft; jetzt legte sie ersch&#xF6;pft den Schl&#xE4;ger aus der Hand, setzte sich zu Vatis, zu Muttis F&#xFC;&#xDF;en an den Rasenrand – ‚ aber, Liebes, erk&#xE4;lte dich nur nicht‘ – und fragte, ach, immer so ernsthaft: ‚Vati, wie ist das nun, was ist das genau: Demokratie?‘, und das war f&#xFC;r Vati der rechte Augenblick, feierlich zu werden, er setzte sein Limonadenglas ab, nahm die Zigarre aus dem Mund – das ist schon die f&#xFC;nfte heute, Ernst-Rudolf – und erkl&#xE4;rte es ihr: Demokratie…‘</p><p>Nein, nein, ich werde dich weder privat noch amtlich bitten, meine Rechtslage zu kl&#xE4;ren; ich <emphasis>nehme nichts daf&#xFC;r,</emphasis> ich habe den kindlichen Schwur im Cafe Zons geschworen, geschworen, den Adel der Wehrlosigkeit zu h&#xFC;ten; meine Rechtslage bleibt ungekl&#xE4;rt; vielleicht hat auch Robert sie gekl&#xE4;rt, mit Dynamit; ob er inzwischen das Lachen gelernt hat, oder wenigstens das L&#xE4;cheln? Er war immer ernst, kam nicht &#xFC;ber Ferdis Tod hinweg, lie&#xDF; seine Rachegedanken zu Formeln gefrieren, als sehr leichtes Gep&#xE4;ck trug er sie im Hirn, genaue Formeln, trug sie durch Feldwebel- und Offiziersquartiere, sechs Jahre lang, ohne zu lachen, wo Ferdi doch noch, als sie ihn verhafteten, gel&#xE4;chelt hatte, der Engel aus der Vorstadt, aus dem Mistbeet der Gruffelstra&#xDF;e; nur die drei Quadratzentimeter Daumenhaut hatten Erinnerung vollzogen; angesengte Turnlehrerf&#xFC;&#xDF;e und das letzte Lamm von einem Bombensplitter get&#xF6;tet; Vater <emphasis>ward nicht mehr gesehen</emphasis>, nicht einmal <emphasis>auf der Flucht erschossen</emphasis>. Und niemals eine Spur gefunden von dem Ball, den Robert schlug.</p><empty-line/><p>Schrella warf den Zigarettenstummel in den Abgrund, stand auf, schlenderte langsam zur&#xFC;ck, zw&#xE4;ngte sich zwischen <emphasis>Tod</emphasis> und gekreuztem Gebein wieder hindurch, nickte dem aufgescheuchten Nachtw&#xE4;chter zu, warf noch einen Blick zur&#xFC;ck aufs Cafe Bellevue, ging die saubere leere Autobahn hinunter auf den Horizont zu, wo R&#xFC;benlaub im Sommerlicht flimmerte; irgendwo musste diese Stra&#xDF;e die Linie Sechzehn kreuzen. Umsteigen zum Bahnhof, f&#xFC;nfundvierzig Pfennig; er sehnte sich nach einem Hotelzimmer, er liebte das Zuf&#xE4;llige solchen Zu-Hause-Seins, die Anonymit&#xE4;t dieser sch&#xE4;bigen Zimmer, die auswechselbar waren; Eisblumen der Erinnerung tauten in diesen Zimmern nicht auf; staatenlos, heimatlos, und am Morgen ein liebloses Fr&#xFC;hst&#xFC;ck von einem verschlafenen Kellner serviert, dessen Manschetten nicht ganz sauber waren, dessen Hemdbrust nicht mit Inbrunst, wie Mutter es getan hatte, gest&#xE4;rkt worden war; vielleicht konnte man eine Frage riskieren, falls der Kellner &#xFC;ber sechzig war? ‚Haben Sie einen Kollegen gekannt, der Schrella hie&#xDF;?‘</p><p>Weiter in die leere saubere Stra&#xDF;e hinein, in den Himmel aus flimmerndem R&#xFC;benlaub, als Gep&#xE4;ck nur die H&#xE4;nde in den Taschen, und das Kleingeld an den Weg gestreut, f&#xFC;r Hansel und Gretel. Postkarten waren der einzig ertr&#xE4;gliche Kontakt mit dem Leben, das nach Ediths, nach Vaters, Ferdis Tod weiterging. ‚Mir geht es&#x2002;gut, lieber Robert: ich hoffe von dir das gleiche; gr&#xFC;&#xDF;e&#x2002;meine mir unbekannte Nichte, meinen Neffen und deinen Vater‘, zweiundzwanzig Worte, zuviel Worte; zusammenstreichen den Text: ‚Mir geht’s gut, hoffe, dir auch, gr&#xFC;&#xDF;e Ruth, Joseph, deinen Vater; elf Worte; mit der H&#xE4;lfte lie&#xDF; sich das gleiche sagen; wozu herreisen, H&#xE4;ndedr&#xFC;cken, eine Woche lang nicht: ich binde, ich band, ich habe gebunden konjugieren; Nettlinger unver&#xE4;ndert finden, die Gruffelstra&#xDF;e unver&#xE4;ndert; Frau Trischlers H&#xE4;nde fehlten.</p><p>Himmel aus R&#xFC;benlaub, wie mit gr&#xFC;nsilbernem Gefieder bewachsen; unten schaukelte die Sechzehn durch eine Unterf&#xFC;hrung. F&#xFC;nfundvierzig Pfennig; alles ist teurer geworden. Gewiss war Nettlinger mit seiner Erl&#xE4;uterung der Demokratie noch nicht zu Ende; Sp&#xE4;tnachmittagslicht; seine Stimme wurde weich; und seine Tochter holte aus dem Wohnzimmer die Couchdecke – jugoslawisch, d&#xE4;nisch oder finnisch, jedenfalls herrliche Farben – , legte sie dem Vater &#xFC;ber die Schultern, kniete sich zu and&#xE4;chtigem Lauschen wieder hin, w&#xE4;hrend die&#x2002;Mutter in der K&#xFC;che …‚ bleibt ihr nur drau&#xDF;en, Kinder, bitte, es ist ein so herrlicher Nachmittag und so harmonisch‘ – w&#xFC;rzig schmackhafte Schnittchen zurechtmachte, bunte Salate mischte.</p><p>Die Vorstellung von Nettlinger ergab ein genaueres Bild als die Begegnung mit ihm; wie er die Lendenschnitte in sich hineinbef&#xF6;rdert hatte, den besten, besten, allerbesten Wein dazu trinkend, schon in Nachdenken versunken, ob K&#xE4;se, Eis, Kuchen oder ein Omelett dieses Mahl am w&#xFC;rdigsten kr&#xF6;nen w&#xFC;rde. ‚Eins, meine Herren‘, hatte der ehemalige Botschaftsrat gesagt, der den Kursus ‚Wie werde ich Feinschmecker?‘ abhielt – ‚Eins, meine Herren, m&#xFC;ssen Sie nun selbst dem Gelernten hinzuf&#xFC;gen, einen Hauch, nur einen Hauch von Originalit&#xE4;t.‘</p><p>Er hatte es in England an die Tafel geschrieben: ‚er h&#xE4;tte get&#xF6;tet werden m&#xFC;ssen‘; f&#xFC;nfzehn Jahre lang das Xylophon der Sprache bedient: ich lebe, ich lebte, ich habe gelebt, ich hatte gelebt, ich werde leben. Werde ich leben? Er hatte nie begriffen, dass es Menschen gab, die sich &#xFC;ber der Grammatik langweilen konnten. Er wird umgebracht, er wurde umgebracht, er ist umgebracht worden, er wird umgebracht werden; wer wird ihn umbringen? Mein ist die Rache, hat der <emphasis>Herr</emphasis> gesagt.</p><p>„Endstation, der Herr, Hauptbahnhof.“</p><p>Das Gedr&#xE4;nge war nicht geringer geworden: wer war hier Ankommender, wer Abfahrender? Warum blieben sie nicht alle zu Hause? Wann fuhr der Zug nach Ostende; oder vielleicht auch Italien, Frankreich; irgend jemand w&#xFC;rde auch dort zu lernen begehren: ich lebe, ich lebte, ich habe gelebt; er wird get&#xF6;tet werden; wer wird ihn t&#xF6;ten?</p><p>Hotelzimmer? Welche Preislage? Billig? Sp&#xFC;rbar lie&#xDF; die Freundlichkeit der jungen Dame nach, die den h&#xFC;bschen Finger an der Liste entlangf&#xFC;hrte; offenbar galt es in diesem Lande als S&#xFC;nde, nach dem Preis zu fragen. <emphasis>Immer das Beste – das Teuerste ist das Billigste</emphasis>; Irrtum, h&#xFC;bsches Kind, das Billige ist das Billigere, tats&#xE4;chlich, lass nur deinen h&#xFC;bschen Finger bis auf die unterste Stufe der Liste gleiten. ‚Pension Modern.‘ Sieben Mark. Ohne Fr&#xFC;hst&#xFC;ck. Nein danke, ich kenne den Weg zur Modestgasse, wirklich, ich kenne ihn, Numero Sechzehn, das ist gleich neben dem Tor.</p><p>Als er um die Ecke bog, lief er fast gegen den Keiler, schrak vor der Masse des dunkelgrauen Tieres zur&#xFC;ck und w&#xE4;re fast an Roberts Haus vorbeigegangen; hier war die Erinnerung nicht in Gefahr: nur einmal war er hier gewesen; Modestgasse 8; er blieb vor dem blanken Messingschild stehen, las: ‚Dr. Robert F&#xE4;hmel, B&#xFC;ro f&#xFC;r statische Berechnungen, nachmittags geschlossen‘; er zitterte, als er auf den Klingelknopf dr&#xFC;ckte: wovon er nicht Zeuge gewesen, was nicht mit Requisiten gespielt worden war, die er kannte, traf ihn heftiger: hinter dieser T&#xFC;r war Edith gestorben, in diesem Haus waren ihre Kinder geboren, wohnte Robert; am Ger&#xE4;usch der drinnen ert&#xF6;nenden Klingel erkannte er schon, dass niemand &#xF6;ffnen w&#xFC;rde, das Ger&#xE4;usch der Klingel drinnen mischte sich mit dem des Telefons, der Boy im Hotel Prinz Heinrich hat sein Wort gehalten; ich werde ihm ein gutes Trinkgeld geben, wenn wir dort Billard spielen.</p><p>Nur vier H&#xE4;user weiter die Pension Modern. Endlich daheim; zum Gl&#xFC;ck kein Essensgeruch in der winzigen Diele. Frische Bettw&#xE4;sche f&#xFC;r ein m&#xFC;des Haupt. „Ja, danke, ich finde es schon.“ „Im zweiten Stock die dritte T&#xFC;r links, Vorsicht beim Treppensteigen, der Herr, die Teppichstangen sind an einigen Stellen lose, es gibt so w&#xFC;ste G&#xE4;ste; Sie wollen nicht geweckt werden? Und noch eine Kleinigkeit, bitte; w&#xFC;rden Sie im voraus zahlen, oder kommt noch Gep&#xE4;ck? Nein? Also bitte, achtmarkundf&#xFC;nf, einschlie&#xDF;lich Bedienung; leider bin ich zu solchen Vorsichtsma&#xDF;regeln gezwungen, mein Herr; Sie glauben gar nicht, wieviel Gesindel es auf der Welt gibt; anst&#xE4;ndigen Menschen muss man dann misstrauisch kommen, so geht es; und manche bringen es fertig, sich noch die Bettw&#xE4;sche um den Leib zu binden, sich aus den Kopfkissenbez&#xFC;gen Taschent&#xFC;cher zurechtzuschneiden; wenn Sie w&#xFC;ssten, was man so alles erlebt; keine Quittung? Desto besser, die Steuer frisst einem sowieso die Haare vom Kopf. Sie erwarten doch sicher Besuch, Ihre Frau, nicht wahr; ich werde sie nach oben schicken, keine Sorge…“</p></section><section><title><p>Kapitel X</p></title><p>Seine Angst war unbegr&#xFC;ndet gewesen: Erinnerung wurde nicht Gef&#xFC;hl, blieb Formel, rann nicht in Seligkeit oder Trauer auseinander und machte das Herz nicht bang; das Herz war nicht beteiligt: Dort hatte er im Abendd&#xE4;mmer gestanden, zwischen dem G&#xE4;stehaus und der Abtei, wo jetzt der Haufen violetter, scharf gebrannter Ziegel lag; neben ihm General Otto K&#xF6;sters, dem sich Schwachsinn in einer einzigen Formel eingepr&#xE4;gt hatte: Schussfeld; Hauptmann F&#xE4;hmel, Oberleutnant Schrit und die beiden F&#xE4;hnriche Kanders und Hochbret; mit todernstem Gesicht hatten sie Schussfeld – Otto die Notwendigkeit eingeredet, selbst vor solch ehrw&#xFC;rdigen Geb&#xE4;uden nicht inkonsequent zu werden; legten andere Offiziere Protest ein, warfen sich tr&#xE4;nenselige M&#xF6;rder ins Zeug f&#xFC;r die Kultur, die hier zu retten sei, sprach einer das b&#xF6;se Wort aus: Hochverrat; aber keiner wusste so scharf, so flie&#xDF;end und logisch zu argumentieren wie Schrit, der in eindringlichen Worten dem z&#xF6;gernden General die Notwendigkeit der Sprengung suggerierte: ‚Und w&#xE4;re es nur, um ein Beispiel zu geben, dass wir noch an den Sieg glauben, Herr General, ein solch schmerzliches Opfer w&#xFC;rde der Bev&#xF6;lkerung und den Soldaten klarmachen, dass wir noch an den Sieg glaube‘, und schon kam das gefl&#xFC;gelte Wort: ‚Meine Entscheidung ist gefallen; sprengen Sie, meine Herren. Wenn es um den Sieg geht, d&#xFC;rfen wir selbst unsere geheiligten Kulturg&#xFC;ter nicht schonen; ans Werk denn, meine Herren‘; H&#xE4;nde an die M&#xFC;tzen, Hacken zusammen.</p><p>War er je neunundzwanzig gewesen, je Hauptmann, hatte je mit Schussfeld – Otto an dieser Stelle gestanden, wo der neue Abt l&#xE4;chelnd den Vater begr&#xFC;&#xDF;te:</p><p>„Wir sind sehr gl&#xFC;cklich, Herr Geheimrat, dass Sie uns wieder einmal die Freude eines Besuchs machen; sehr erfreut, Ihren Sohn kennen zu lernen; Joseph ist ja schon fast wie ein Freund f&#xFC;r uns, nicht wahr, Joseph? Eng ist das Schicksal unserer Abtei mit dem Schicksal der Familie F&#xE4;hmel verwachsen – und Joseph ist sogar, wenn ich mir gestatten darf, solche privaten Dinge zu erw&#xE4;hnen, Joseph ist hier sogar von Amors Pfeil getroffen worden; sehen Sie, Herr Doktor F&#xE4;hmel, die jungen Leute werden heutzutage nicht einmal rot, wenn man von solchen Sachen spricht; Fr&#xE4;ulein Ruth und Fr&#xE4;ulein Marianne, leider muss ich Sie vom Rundgang ausschlie&#xDF;en.“</p><p>Die M&#xE4;dchen kicherten; hatten nicht Mutter, Josephine, sogar Edith an dieser Stelle gekichert, wenn sie vom M&#xE4;nnerbund ausgeschlossen wurden? Man brauchte im Fotoalbum nur die K&#xF6;pfe und die Moden auszuwechseln.</p><p>„Ja, die Klausur ist schon bezogen“, sagte der Abt, „hier unser Augapfel, die Bibliothek – bitte hier herum, die Krankenzelle, zum Gl&#xFC;ck im Augenblick unbewohnt…“</p><p>Nie war er hier mit Kreide von Punkt zu Punkt gegangen, hatte seine geheimen Mischungen aus XYZ an die W&#xE4;nde geschrieben, den Code des Nichts, den nur Schrit, Hochbret und Kanders zu entziffern verstanden; M&#xF6;rtelgeruch, Geruch frischer Farbe, frisch gehobelten Holzes.</p><p>„Ja, das wurde dank der Aufmerksamkeit Ihres Enkels – Ihres Sohnes vor der Zerst&#xF6;rung bewahrt; das Abendmahlsbild hier im Refektorium; wir wissen wohl, dass es keine kunstgeschichtliche Rarit&#xE4;t ist – Sie verzeihen mir diese Bemerkung, Herr Geheimrat – , aber selbst die Produkte dieser Malerschulen beginnen selten zu werden, und wir haben uns immer der Tradition verpflichtet gef&#xFC;hlt; ich muss gestehen, dass mich die Detailtreue dieser Maler heute noch entz&#xFC;ckt – Sehen Sie hier, mit welch einer liebevollen Sorgfalt gemalt, Sankt Johanns und Sankt Peters F&#xFC;&#xDF;e, die F&#xFC;&#xDF;e eines &#xE4;lteren und eines j&#xFC;ngeren Mannes; Treue im Detail.“</p><p>Nein, hier hatte niemand <emphasis>Es zittern die morschen Knochen</emphasis> gesungen; keine Sonnwendfeuer; nur Traum. Distinguierter Herr, Anfang Vierzig, Sohn eines distinguierten Vaters, Vater eines frischen, sehr intelligenten Sohnes, der l&#xE4;chelnd dem Rundgang beiwohnte, obwohl ihn das Unternehmen sehr zu langweilen schien; jedesmal, wenn er sich Joseph zuwandte, sah er nur ein freundliches, etwas m&#xFC;des L&#xE4;cheln auf dessen Gesicht.</p><p>„Wie Sie wissen, waren nicht einmal die Wirtschaftsgeb&#xE4;ude verschont geblieben; wir haben sie als erste wieder aufgebaut, weil sie uns die materielle Vorbedingung f&#xFC;r einen gl&#xFC;cklichen neuen Start zu gew&#xE4;hrleisten schienen; hier der Kuhstall; nat&#xFC;rlich melken wir elektrisch; Sie l&#xE4;cheln – ich bin sicher, unser heiliger Vater Benedikt h&#xE4;tte nichts gegen elektrisches Melken einzuwenden gehabt. Darf ich Ihnen hier einen bescheidenen Imbiss servieren lassen? – einen Willkommensgru&#xDF;, unser ber&#xFC;hmtes Brot, unsere ber&#xFC;hmte Butter und den Honig; Sie wissen nicht, dass jeder sterbende oder resignierende Abt seinem Nachfolger eine Botschaft hinterl&#xE4;sst: Familie F&#xE4;hmel nicht vergessen; Sie geh&#xF6;ren ja wirklich zu unserer Klosterfamilie – ach, da sind ja die jungen Damen schon; nat&#xFC;rlich, hier sind sie wieder zugelassen.“</p><p>Brot und Butter, Wein und Honig auf schlichten h&#xF6;lzernen Tischplatten; Joseph hatte den einen Arm um seine Schwester, den anderen um Marianne gelegt; Blond zwischen zwei schwarzen M&#xE4;dchenk&#xF6;pfen.</p><p>„Sie werden uns doch die Ehre antun, zur Einweihung zu kommen? Kanzler und Kabinett haben ihr Erscheinen zugesagt, einige ausl&#xE4;ndische F&#xFC;rstlichkeiten werden dasein, und es w&#xE4;re uns eine gro&#xDF;e Freude, die ganze Familie F&#xE4;hmel hier als unsere G&#xE4;ste zu begr&#xFC;&#xDF;en; meine Festansprache wird nicht im Zeichen der Anklage stehen, sondern im Zeichen der Vers&#xF6;hnung, Vers&#xF6;hnung auch mit jenen Kr&#xE4;ften, die in blindem Eifer unsere Heimstatt zerst&#xF6;rt haben, keine Vers&#xF6;hnung allerdings mit jenen zerst&#xF6;rerischen Kr&#xE4;ften, die unsere Kultur aufs neue bedrohen; darf ich also hier die Einladung aussprechen und die herzliche Bitte, dass Sie uns die Ehre erweisen?“</p><p>‚Ich werde nicht zur Einweihung kommen‘, dachte Robert, ‚weil ich nicht vers&#xF6;hnt bin, nicht vers&#xF6;hnt mit den Kr&#xE4;ften, die Ferdis Tod verschuldeten, und nicht mit denen, die Ediths Tod verschuldeten und Sankt Severin schonten; ich bin nicht vers&#xF6;hnt, nicht vers&#xF6;hnt mit mir und nicht mit dem Geist der Vers&#xF6;hnung, den Sie bei Ihrer Festansprache verk&#xFC;nden werden; es war nicht blinder Eifer, der Ihre Heimstatt zerst&#xF6;rte, sondern Hass, der nicht blind war und dem noch keine Reue erwachsen ist. Soll ich bekennen, dass ich es gewesen bin? Ich muss meinem Vater Schmerz zuf&#xFC;gen, obwohl er nicht schuldig ist, und vielleicht meinem Sohn, obwohl auch er nicht schuldig ist, und Ihnen, Ehrw&#xFC;rdiger Vater, obwohl auch Sie nicht schuldig sind; wer ist schon schuldig? Ich bin nicht vers&#xF6;hnt mit der Welt, in der eine Handbewegung und ein missverstandenes Wort das Leben kostet.‘ Und er sagte: „Herzlichen Dank, Ehrw&#xFC;rdiger Vater, es wird mir eine Freude sein, an Ihrem Fest teilzunehmen.“</p><p>‚Ich werde nicht kommen, Ehrw&#xFC;rdiger Vater‘, dachte der Alte, ‚denn ich w&#xFC;rde hier stehen nur als ein Denkmal meiner selbst, nicht als der, der ich bin: ein alter Mann, der seiner Sekret&#xE4;rin heute morgen den Auftrag gab, sein Denkmal zu bespucken; erschrecken Sie nicht, Ehrw&#xFC;rdiger Vater; ich bin nicht vers&#xF6;hnt mit meinem Sohn Otto, der nicht mehr mein Sohn war, sondern nur die H&#xFC;lle meines Sohnes; und mit Geb&#xE4;uden, auch wenn ich sie selbst erbaute, kann ich keine Vers&#xF6;hnung feiern. Man wird uns bei den Feierlichkeiten nicht vermissen; Kanzler, Kabinett, ausl&#xE4;ndische F&#xFC;rstlichkeiten und hohe kirchliche W&#xFC;rdentr&#xE4;ger werden gewiss die L&#xFC;cke w&#xFC;rdig ausf&#xFC;llen. Bist du es gewesen, Robert, und hast dich gef&#xFC;rchtet, es mir zu sagen? Dein Blick, deine Bewegungen beim Rundgang haben es mir verraten; nun: es trifft mich nicht – vielleicht hast du dabei an den Jungen gedacht, dessen Namen ich nie erfuhr: der deine Zettelchen in unseren Briefkasten warf – und an den Kellner, der Groll hie&#xDF;, an die L&#xE4;mmer, die niemand geweidet hat, auch wir nicht; feiern wir also nicht Vers&#xF6;hnung: sorry, Ehrw&#xFC;rdiger Vater, Sie werden es ertragen, Sie werden uns nicht vermissen; lassen Sie eine Tafel aufh&#xE4;ngen: ,Erbaut von Heinrich F&#xE4;hmel im Jahre 1908, in seinem neunundzwanzigsten Lebensjahr, zerst&#xF6;rt von Robert F&#xE4;hmel, im Jahre 1945, in seinem neunundzwanzigsten Jahr’ – was wirst du tun, Joseph, wenn du drei&#xDF;ig bist? Wirst du deines Vaters B&#xFC;ro f&#xFC;r statische Berechnungen &#xFC;bernehmen: bauen oder zerst&#xF6;ren? Formeln sind wirksamer als M&#xF6;rtel.</p><p>St&#xE4;rken Sie Ihr Herz mit Choral, Ehrw&#xFC;rdiger Vater, &#xFC;berlegen Sie sich gut, ob Sie wirklich mit dem Geist, der das Kloster zerst&#xF6;rte, vers&#xF6;hnt sind.‘</p><p>„Herzlichen Dank, Ehrw&#xFC;rdiger Vater, es wird uns eine Freude sein, an Ihrem Fest teilzunehmen“, sagte der Alte.</p><empty-line/><p>K&#xFC;hle stieg schon aus Wiesen und Niederungen, trockene R&#xFC;benbl&#xE4;tter wurden feucht, dunkel, versprachen Reichtum; links vor dem Steuer Josephs blonder Kopf, rechts die beiden schwarzen M&#xE4;dchenk&#xF6;pfe; leise glitt das Auto auf die Stadt zu; sang dort jemand: ‚Wir haben das Korn geschnitten‘? Es konnte nicht wahr sein, so wenig wie der schlanke Turm von Sankt Severin am Horizont; Marianne sprach als erste wieder:</p><p>„Du f&#xE4;hrst nicht &#xFC;ber Dodringen?“</p><p>„Nein, Gro&#xDF;vater wollte &#xFC;ber Denklingen fahren.“</p><p>„Ich denke, wir fahren auf dem k&#xFC;rzesten Weg in die Stadt?“</p><p>„Wenn wir um sechs in der Stadt sind, ist es fr&#xFC;h genug“, sagte Ruth, „zum Umziehen brauchen wir nicht mehr als eine Stunde.“</p><p>Das Gespr&#xE4;ch der Kinder klang leise wie Gefl&#xFC;ster aus dunklen Erdsch&#xE4;chten, wo Versch&#xFC;ttete einander Hoffnung zusprechen; ich sehe Licht; du t&#xE4;uschst dich; aber ich sehe wirklich Licht; wo?; h&#xF6;rst du denn nicht das Klopfen der Rettungsmannschaft?; ich h&#xF6;re nichts; hatten wir denn im G&#xE4;stezimmer laut gesprochen?</p><p>Es ist nicht gut, Formeln aus ihrer Erstarrung zu l&#xF6;sen, Geheimnisse in Worte zu fassen, Erinnerung in Gef&#xFC;hle umzusetzen, Gef&#xFC;hl kann sogar so gute und strenge Dinge wie Liebe und Hass t&#xF6;ten; gab es wirklich einmal den Hauptmann, der Robert F&#xE4;hmel hie&#xDF;, der sich im Kasinojargon so gut auskannte, Gepflogenheiten so pr&#xE4;zis exerzierte, pflichtgem&#xE4;&#xDF; die Frau des rang&#xE4;ltesten Offiziers zum Tanz aufforderte, mit knapper Stimme Toaste auszubringen verstand; auf die Ehre unseres geliebten deutschen Volkes; Sekt, Ordonnanz; Billardspiel; rot &#xFC;ber gr&#xFC;n, wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n; wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n; und eines Abends stand ihm einer gegen&#xFC;ber, hielt den Billardstock in der Hand, l&#xE4;chelte und sagte: ‚Schrit, Leutnant, wie Sie sehen, Sprengspezialist wie Sie, Herr Hauptmann, verteidige mit Dynamit die abendl&#xE4;ndische Kultur.‘ Der trug keine gemischte Seele in der Brust, der konnte warten und sparen, brauchte nicht immer wieder Herz und Gef&#xFC;hl zu mobilisieren, betrank sich nicht an Tragik, hatte den Schwur geleistet, <emphasis>nur</emphasis> deutsche Br&#xFC;cken, <emphasis>nur</emphasis> deutsche H&#xE4;user zu sprengen, an keiner russischen Kate auch nur eine Fensterscheibe zu zerst&#xF6;ren; warten, Billard spielen, kein Wort zuviel – und endlich lag sie in der Fr&#xFC;hlingssonne, unsere gro&#xDF;e Beute, auf die wir so lange hatten warten m&#xFC;ssen: Sankt Anton; am Horizont die Beute, die uns entgehen sollte: Sankt Severin.</p><empty-line/><p>„Fahr nicht so schnell“, sagte Marianne leise.</p><p>„Entschuldige“, sagte Joseph.</p><p>„Sag, was wollen wir hier in Denklingen?“</p><p>„Gro&#xDF;vater will dorthin“, sagte Joseph.</p><p>„Nein, Joseph“, sagte Ruth, „fahr nicht mit dem Auto in die Allee, siehst du nicht das Schild: ‚Nur f&#xFC;r Anliegen‘? Z&#xE4;hlst du dich etwa dazu?“</p><p>Die gro&#xDF;e Abordnung: Gatte, Sohn, Enkel und zuk&#xFC;nftige Schwiegertochter stiegen ins verwunschene Schloss hinunter.</p><empty-line/><p>„Nein, nein“, sagte Ruth, „ich warte hier drau&#xDF;en. Bitte, lasst mich.“</p><p>Abends, wenn ich mit Vater im Wohnzimmer sitze, k&#xF6;nnte Gro&#xDF;mutter dabeisein; ich lese, er trinkt Wein, kramt in seinen Karteik&#xE4;sten, legt die doppelpostkartengro&#xDF;en Fotokopien wie eine Patience vor sich aus; immer korrekt, nie die Krawatte gelockert, nie die Weste ge&#xF6;ffnet, nie zu v&#xE4;terlicher Gem&#xFC;tlichkeit sich aufgel&#xF6;st; zur&#xFC;ckhaltend und besorgt: ‚Brauchst du B&#xFC;cher, Kleider, Geld f&#xFC;r die Reise; langweilst du dich nicht, Kind? M&#xF6;chtest du lieber ausgehen? Ins Theater, ins Kino, zum Tanzen; ich werde dich gern begleiten; oder m&#xF6;chtest du deinen Schulfreundinnen noch einmal einen Kaffee oben auf dem Dachgarten geben, jetzt, wo das Wetter so sch&#xF6;n ist?‘ Abendspaziergang vorm Zubettgehen, rund um den H&#xE4;userblock, Modestgasse bis zum Tor, dann die Bahnhofstra&#xDF;e hinunter bis zum Bahnhof; ‚Riechst du die Ferne, Kind?‘; durch die Unterf&#xFC;hrung, an Sankt Severin, am Hotel Prinz Heinrich vor&#xFC;ber; ‚Gretz hat vergessen, die Blutflecken vom Trottoir abzuwaschen‘; Keilerblut war hart und schwarz geworden; ‚Kind, es ist halb zehn, jetzt gehst du besser schlafen; gute Nacht‘; Kuss auf die Stirn; immer freundlich, immer korrekt; ‚m&#xF6;chtest du lieber, dass wir eine Haush&#xE4;lterin nehmen, oder bist du das Wirtshausessen noch nicht leid?; offen gestanden, ich mag nicht gern fremde Personen im Hause‘; Fr&#xFC;hst&#xFC;ck, Tee, Br&#xF6;tchen, Milch; Kuss auf die Stirn; und manchmal ganz leise: ‚Kind, Kind.‘ – ‚Was ist denn Vater?‘ ‚Komm, wir fahren weg.‘ ‚Jetzt, hier, sofort?‘ ‚Ja. Lass die Schule f&#xFC;r heute und morgen, wir fahren nicht weit; nur bis Amsterdam; herrliche Stadt, Kind, stille, sehr freundliche Menschen – man muss sie nur kennen. Kennst du sie?‘ ‚Ja, ich kenne sie. Sch&#xF6;n, die Spazierg&#xE4;nge abends an den Grachten entlang.‘ ‚Glas. Glas. Still. H&#xF6;rst du, wie still die Menschen hier sind? Nirgendwo sind sie so laut wie bei uns, immer br&#xFC;llen, schreien, wichtig tun. Langweilt es dich, wenn ich noch zum Billard gehe? Geh mit, wenn es dir Spa&#xDF; macht.‘</p><p>Ich verstand nie die Faszination, mit der ihm alte und junge M&#xE4;nner beim Spiel zusahen, wenn er dastand, im Zigarrenrauch, das Bierglas neben sich auf dem Bord, und Billard spielte, Billard; duzten sie ihn wirklich, oder war es nur eine Eigenart der holl&#xE4;ndischen Sprache, dass es wie Du klang, wenn sie ihn anredeten; sie kannten seinen Vornamen: Robert, rollten das R von Robert, wie ein hartes Bonbon im Gaumen. Still. Soviel Glas an den Grachten. Ruth hei&#xDF;e ich, Halbwaise bin ich, meine Mutter war vierundzwanzig, als sie starb; ich war drei, und wenn ich an sie denke, denke ich siebzehn oder zweitausend Jahre, vierundzwanzig ist eine Zahl, die nicht zu ihr passt; irgend etwas unter achtzehn oder &#xFC;ber achtzig; mir kam sie immer vor wie Gro&#xDF;mutters Schwester; ich kenne das gro&#xDF;e, wohlbeh&#xFC;tete Geheimnis, dass Gro&#xDF;mutter verr&#xFC;ckt ist, und ich will sie nicht sehen, solange sie verr&#xFC;ckt ist; Ihre Verr&#xFC;cktheit ist L&#xFC;ge, Trauer hinter dicken Mauern, ich kenne das, betrinke mich auch oft daran und schwimme in L&#xFC;ge dahin: Hinterhaus, Modestgasse 8, von Gespenstern bewohnt. <emphasis>Kabale und Liebe</emphasis>, Gro&#xDF;vater hat das Kloster gebaut, Vater hat es gesprengt, Joseph hat’s neu errichtet. Meinetwegen; ihr werdet entt&#xE4;uscht sein, wie wenig mich das ersch&#xFC;ttert; ich habe gesehen, wie sie die Toten aus den Kellern holten, und Joseph versuchte, mir einzureden, sie w&#xE4;ren krank und w&#xFC;rden nur ins Krankenhaus gebracht, aber warf man Kranke so wie S&#xE4;cke einfach auf den Lastwagen? Und ich habe gesehen, wie der Lehrer Krott heimlich in der Pause in die Klasse ging und Konrad Gretz das Butterbrot aus dem Ranzen stahl, ich habe Krotts Gesicht gesehen und litt Todes&#xE4;ngste, und betete zu Gott: ‚Bitte, lass nicht zu, dass er mich hier entdeckt, bitte, bitte‘, denn ich wusste, er w&#xFC;rde mich ermorden, wenn er mich entdeckte; ich stand hinter der Tafel, suchte meine Haarspange, und er h&#xE4;tte meine Beine sehen k&#xF6;nnen, aber Gott hatte Erbarmen mit mir: Krott entdeckte mich nicht; ich sah sein Gesicht und sah noch, wie er ins Brot biss, dann hinausging; wer in solche Gesichter gesehen hat, den regen gesprengte Abteien nicht mehr auf; und das Theater nachher, als Konrad Gretz den Verlust entdeckte und Krott uns alle zur Aufrichtigkeit ermahnte: ‚Kinder, seid doch ehrlich, ich gebe euch eine Viertelstunde Zeit; dann muss sich der Schuldige gemeldet haben, sonst‘ – noch acht Minuten, noch sieben Minuten, sechs – , und ich sah ihn an, er fing meinen Blick auf, st&#xFC;rzte auf mich zu: ‚Ruth, Ruth‘, schrie er, ‚du? Bist du es gewesen?‘ Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf, fing an zu weinen, denn ich litt wieder Todesangst – und er sagte: ‚Mein Gott, Ruth, sei ehrlich.‘ Ich h&#xE4;tte gern ja gesagt, aber dann h&#xE4;tte er gemerkt, dass ich wusste; und ich sch&#xFC;ttelte den Kopf unter Tr&#xE4;nen; noch vier Minuten, drei, zwei, eine, aus; ‚Ihr verdammte Diebesbande, ihr L&#xFC;genbande, jetzt schreibt ihr zur Strafe zweihundertmal: ,Ich darf nicht stehlen!’‘ Ihr mit euren Abteien; ich habe schrecklichere Geheimnisse h&#xFC;ten m&#xFC;ssen, habe Todesangst ausgestanden; wie S&#xE4;cke warfen sie sie auf den Wagen.</p><p>Warum mussten sie den netten Abt so k&#xFC;hl behandeln? Was hat er getan, hat er jemand umgebracht, hat er jemand ein Butterbrot gestohlen? Konrad Gretz hatte genug zu essen, Leberpastete und Kr&#xE4;uterbutter auf Wei&#xDF;brot; welcher Teufel wohnte pl&#xF6;tzlich im Gesicht des milden, vern&#xFC;nftigen Lehrers? Mord hockte zwischen Nase und Augen, Nase und Mund, zwischen den Ohren; wie S&#xE4;cke warfen sie die Leichen auf den Lastwagen, und ich hatte Spa&#xDF;, wenn Vater den B&#xFC;rgermeister vor der gro&#xDF;en Wandkarte verh&#xF6;hnte, wenn er seine schwarzen Zeichen malte und sagte: ‚Weg damit, sprengen‘; ich liebe ihn, liebe ihn nicht weniger, jetzt, wo ich’s wei&#xDF;; hat Joseph wenigstens seine Zigaretten im Auto gelassen; ich hab doch gesehen, wie der Mann seinen Trauring f&#xFC;r zwei Zigaretten hergab – wieviel h&#xE4;tte er f&#xFC;r seine Tochter haben wollen, wieviel f&#xFC;r seine Frau? In seinem Gesicht die Preistafel: zehn, zwanzig, er h&#xE4;tte mit sich reden lassen; sie lassen alle mit sich reden; tut mir leid, Vater, aber der Honig und das Brot und die Butter schmeckten mir auch noch, nachdem ich wusste, wer das getan hatte. Wir wollen weiter Vater und Tochter spielen; genau abgezirkelt, wie ein Turniertanz; nach dem Imbiss w&#xE4;re eigentlich der Spaziergang auf den Kosakenh&#xFC;gel hinauf f&#xE4;llig gewesen: Joseph mit Marianne und mir vorneweg, Gro&#xDF;vater hinterher, wie jeden Samstag.</p><p>‚Kommst du mit, Gro&#xDF;vater?‘</p><p>‚Danke, es geht schon.‘</p><p>‚Gehn wir nicht zu schnell?‘</p><p>‚Nein, lasst nur, Kinder. Ob ich mich ein wenig setzen kann, oder glaubt ihr, es ist zu feucht?‘</p><p>‚Der Sand ist pulvertrocken, Gro&#xDF;vater, und noch ganz warm, du kannst dich ruhig setzen; komm, gib mir deinen Arm.‘</p><p>‚Nat&#xFC;rlich, Gro&#xDF;vater, steck dir ruhig eine Zigarre an, wir werden schon achtgeben, dass nichts passiert.‘</p><empty-line/><p>Zum Gl&#xFC;ck hat Joseph die Zigaretten im Wagen gelassen, und der Anz&#xFC;nder funktioniert; Gro&#xDF;vater hat mir so sch&#xF6;ne Kleider geschenkt und Pullover, viel sch&#xF6;nere als Vater, der einen altmodischen Geschmack hat; man merkt, dass Gro&#xDF;vater von M&#xE4;dchen und von Frauen was versteht; ich will Gro&#xDF;mutter nicht verstehen, ich will nicht, ihre Verr&#xFC;cktheit ist L&#xFC;ge, sie hat uns nichts zu essen gegeben, und ich war froh, als sie weg war und wir was bekamen; mag sein, dass du recht hast, dass sie gro&#xDF; war und gro&#xDF; ist, aber ich will nichts von Gr&#xF6;&#xDF;e wissen; ein Butterbrot mit Leberpastete, Wei&#xDF;brot und Kr&#xE4;uterbutter, h&#xE4;tte mich fast das Leben gekostet; mag sie wiederkommen und abends bei uns sitzen, aber gebt ihr nicht den Schl&#xFC;ssel zur K&#xFC;che, bitte nicht; ich habe den Hunger auf dem Gesicht des Lehrers gesehen und habe Angst davor; gib ihnen immer zu essen, lieber Gott, immer, damit das Schreckliche nicht wieder auf ihren Gesichtern erscheint; das ist ein harmloser Herr Krott, der sonntags ins Kleinauto steigt, um mit seiner Familie nach Sankt Anton zu fahren und dort dem Hochamt beizuwohnen; den wievielten Sonntag nach Pfingsten haben wir heute, den wievielten Sonntag nach Epiphanie, nach Ostern? – ein lieber Mensch, mit einer lieben Frau und zwei lieben Kinderchen: ‚Sieh mal Ruth, ist unser Fr&#xE4;nzchen nicht gewachsen?‘ ‚Ja, Herr Krott, Ihr Fr&#xE4;nzchen ist gewachsen!‘, und ich denke nicht mehr daran, dass mein Leben an einem Haar hing; nein; ich hab auch zweihundertmal ganz brav geschrieben: ‚Du sollst nicht stehlen‘; und nat&#xFC;rlich sag ich nicht nein, wenn Konrad Gretz eine Party gibt; da gibt’s herrliche G&#xE4;nseleberpastete mit Kr&#xE4;uterbutter auf Wei&#xDF;brot, und wenn man jemand auf den Fu&#xDF; tritt oder jemand das Weinglas umst&#xF6;&#xDF;t, sagt man nicht: ‚Entschuldigen Sie bitte‘, sagt auch nicht: ‚Pardon‘, sondern: ‚Sorry‘.</p><p>Warm ist das Gras am Stra&#xDF;engraben, w&#xFC;rzig ist Josephs Zigarette, und mir schmeckte das Honigbrot noch, als ich erfuhr, dass es Vater war, der die Abtei in die Luft gejagt hat; herrlich, Denklingen dort hinten in der Abendsonne; sie m&#xFC;ssen sich beeilen, zum Umziehen brauchen wir mindestens eine halbe Stunde.</p></section><section><title><p>Kapitel XI</p></title><p>„Kommen Sie nur her, General. Sie brauchen sich nicht zu sch&#xE4;men; alle Neulinge werden zuerst mir vorgestellt, denn ich bin am l&#xE4;ngsten in diesem h&#xFC;bschen Haus hier; warum schlagen Sie mit Ihrem Spazierstock Kerben in die unschuldige Gartenerde, sch&#xFC;tteln dauernd den Kopf, vor jeder Mauer, vor der Kapelle, am Gew&#xE4;chshaus und murmeln: ‚Schussfeld‘?; &#xFC;brigens ein h&#xFC;bsches Wort: ‚Schussfeld‘; freie Bahn den Kugeln und Geschossen; Otto, wie? K&#xF6;sters? Nein, keine Intimit&#xE4;ten, keine Namen nennen, und der Name Otto ist au&#xDF;erdem besetzt; darf ich Sie also ‚Schussfeld‘ nennen? Ich sehe es Ihnen an, h&#xF6;re es aus Ihrer Stimme heraus, rieche es an Ihrem Atem: Sie haben vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> nicht nur gekostet, sondern davon gelebt, konsequente Di&#xE4;t gehalten. Nun h&#xF6;ren Sie einmal zu, Neuer, sind Sie katholisch? nat&#xFC;rlich, das Gegenteil h&#xE4;tte mich &#xFC;berrascht; k&#xF6;nnen Sie ministrieren? nat&#xFC;rlich, Sie sind von katholischen Patres erzogen; verzeihen Sie, dass ich lache; wir suchen hier schon seit drei Wochen einen neuen Ministranten; den Ballosch haben sie als geheilt entlassen; wie war’s, wenn Sie sich hier ein bisschen n&#xFC;tzlich machten? Du bist doch ein harmloser Irrer, nicht gewaltt&#xE4;tig, hast nur den einen und einzigen Tick, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ‚Schussfeld‘ zu murmeln; du wirst doch das Messbuch von der rechten auf die linke, von der linken auf die rechte Altarseite tragen k&#xF6;nnen; wirst vorm Tabernakel eine Kniebeuge machen k&#xF6;nnen, wie? Du bist doch kerngesund, das geh&#xF6;rt zu deinem Beruf, du kannst das <emphasis>Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa</emphasis> an die Brust schlagen, <emphasis>kyrie eleison</emphasis><a l:href="#n_52" type="note">[52]</a> sagen; na, siehst du, wozu ein gebildeter, bei katholischen Patres erzogener General noch zu gebrauchen ist; ich werde Sie dem Anstaltspfarrer als unseren neuen Ministranten vorschlagen; du bist doch einverstanden, nicht?</p><p>Danke; man sp&#xFC;rt doch gleich, was ein Kavalier ist; nein, bitte hier herum, zum Gew&#xE4;chshaus, ich will Ihnen mal was zeigen, was zu Ihrem Handwerk geh&#xF6;rt, und bitte, keine unangebrachten Galanterien, keine Tanzstundenkomplexe an mir auslassen, bitte; ich bin siebzig, Sie dreiundsiebzig, keine Handk&#xFC;sse, keine Greisenpoussagen; lassen Sie doch den Unsinn; h&#xF6;r mir mal zu: siehst du, was da hinter der hellgr&#xFC;nen Glasscheibe zu sehen ist? Ja, das sind Waffen, das ist unseres guten Oberg&#xE4;rtners Arsenal: damit werden Hasen und Rebh&#xFC;hner, Kr&#xE4;hen und Rehe geschossen, denn unser Oberg&#xE4;rtner ist ein leidenschaftlicher J&#xE4;ger, und da zwischen den Gewehren liegt so ein h&#xFC;bscher, handlicher schwarzer Gegenstand, eine Pistole; nun pack mal aus, was du als F&#xE4;hnrich oder als Leutnant gelernt hast, und sag mir: ist so ein Ding wirklich lebensgef&#xE4;hrlich, kann man damit jemanden umbringen? Nun werd mir nicht bla&#xDF;, alter Haudegen, hast zentnerweise vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gegessen und wirst mir hier schwach, wenn ich dir ein paar einfache Fragen stelle; fang doch nicht an zu zittern, ich bin zwar ein bisschen verr&#xFC;ckt, aber ich werde dir nicht die Pistole auf deine dreiundsiebzigj&#xE4;hrige Brust dr&#xFC;cken und dem Staat die Pension ersparen; ich denke gar nicht dran, dem Staat was zu ersparen; gib mir auf klare milit&#xE4;rische Fragen eine milit&#xE4;rische Antwort: Kann man mit dem Ding jemand umbringen? Ja? Gut. Auf wieviel Meter Entfernung hat man die gr&#xF6;&#xDF;te Treffsicherheit? Zehn, zw&#xF6;lf, allerh&#xF6;chstens f&#xFC;nfundzwanzig.</p><p>Mein Gott, nun regen Sie sich doch nicht auf! Wie bange so ein alter General sein kann; melden? Da gibt es nichts zu melden; euch haben sie das Melden wohl so eingetrichtert, dass ihr’s nicht lassen k&#xF6;nnt, was? K&#xFC;ssen Sie mir meinetwegen die Hand, aber halten Sie nur den Mund, und morgen fr&#xFC;h wird ministriert, verstanden? So ’nen h&#xFC;bschen wei&#xDF;haarigen gutgewachsenen Ministranten haben die hier noch nie gehabt; kannst du denn keinen Spa&#xDF; verstehen? Ich interessiere mich nun mal f&#xFC;r Waffen, so wie du dich f&#xFC;r Schussfeld interessierst; willst du denn nicht begreifen, dass es zu den ungeschriebenen Gesetzen dieses trauten Heimes hier geh&#xF6;rt, dass jeder jedem sein Pl&#xE4;sierchen l&#xE4;sst; du hast eben deinen Schussfeld – Tick; Diskretion, Schussfeld, denk an deine gute Erziehung – <emphasis>vorw&#xE4;rts mit Hurra und Hindenburg</emphasis>; siehst du wohl, das gef&#xE4;llt dir, man muss nur die richtigen Worte w&#xE4;hlen – hier geht es rum, an der Kapelle vorbei, willst du nicht eintreten und dir die St&#xE4;tte deines k&#xFC;nftigen Wirkens einmal anschauen?; friedlich, Alter, das wei&#xDF;t du also noch: Hut abnehmen, den rechten Finger ins Weihwasserbecken, jetzt ein Kreuzzeichen, so ist’s brav; jetzt hinknien, aufs Ewige Licht blicken, ein Ave Maria und ein Vaterunser beten – sch&#xF6;n still; es geht doch nichts &#xFC;ber eine katholische Erziehung; aufstehen, Finger ins Weihwasserbecken, Kreuzzeichen, der Dame den Vortritt lassen, Hut aufsetzen; so ist’s lieb, da sind wir wieder: Sommerabend, herrliche B&#xE4;ume in herrlichem Park, eine Bank; <emphasis>vorw&#xE4;rts mit Hurra und Hindenburg</emphasis>, das gef&#xE4;llt dir, was? Wie gef&#xE4;llt dir das andere: <emphasis>muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr</emphasis>; das gef&#xE4;llt dir auch, wie? Lass doch die Scherze; nach Verdun war es eigentlich mit diesen Scherzen vorbei; da sind die letzten Kavaliere – gefallen, zu viele Kavaliere, zu viele Liebhaber auf einmal – zu viele junge guterzogene Leute; hast du dir einmal ausgerechnet, wieviel P&#xE4;dagogenschwei&#xDF; da innerhalb von ein paar Monaten verschwendet worden ist? Umsonst! Warum seid ihr nie auf die Idee gekommen, gleich nach der Gehilfenpr&#xFC;fung oder nach der Abiturientenpr&#xFC;fung ein Maschinengewehr auf dem Flur der Handwerks- oder Handelskammer, auf dem Flur des Gymnasiums aufzustellen und die jungen M&#xE4;nner mit dem strahlenden ‚Bestanden‘ im Gesicht totzuschie&#xDF;en? Du findest das &#xFC;bertrieben? Nun, dann lass dir sagen, dass Wahrheit reine &#xDC;bertreibung ist; ich hab mit der Abiturientia 1905, 1906, 1907 noch getanzt und Kommers gefeiert mit diesen M&#xFC;tzentr&#xE4;gern und Biertrinkern – aber von den drei Jahrg&#xE4;ngen ist mehr als die H&#xE4;lfte bei Verdun gefallen. Was denkst du wohl, was von der Abiturientia 1935, 1936, 1937 &#xFC;briggeblieben ist; oder 1941, 1942 – such dir einen Jahrgang aus; und fang doch nicht wieder an zu zittern, ich wusste ja gar nicht, wie bange so ein alter General sein kann. Lass das doch sein: H&#xE4;nde auf meine H&#xE4;nde legen – wie ich hei&#xDF;e? Merk dir: nach so was fragt man hier nicht, hier hat man keine Visitenkarte, hier trinkt man nicht Schmollis miteinander, hier duzt man sich ungefragt, hier wei&#xDF; man, dass alle Menschen Br&#xFC;der sind, wenn auch feindliche Br&#xFC;der; die einen haben vom Sakrament des Lammes gegessen, wenige nur, Alter, die anderen vom Sakrament des B&#xFC;ffels, und mein Name ist: <emphasis>muss haben ein Gewehr, muss haben ein Gewehr</emphasis>, Zuname: <emphasis>vorw&#xE4;rts mit Hurra und Hindenburg</emphasis>; leg alle deine b&#xFC;rgerlichen Vorurteile, deine Kommentvorstellungen endg&#xFC;ltig ab, hier herrscht die klassenlose Gesellschaft; und beklage dich nicht &#xFC;ber den verlorenen Krieg. Mein Gott, habt ihr ihn tats&#xE4;chlich verloren, zwei schon hintereinander? Einem wie dir h&#xE4;tte ich sieben verlorene Kriege gew&#xFC;nscht! Nun, h&#xF6;r mit dem Flennen auf; mir ist’s wurscht, wieviel Kriege du verloren hast; verlorene Kinder, das ist schlimmer als verlorene Kriege; du kannst hier im Denklinger Sanatorium ministrieren, eine h&#xF6;chst ehrenvolle Besch&#xE4;ftigung, und rede mir nicht von der deutschen Zukunft; ich hab in der Zeitung gelesen: die deutsche Zukunft ist genau abgesteckt. Wenn du schon weinen musst, dann weine nicht so weinerlich; Unrecht haben sie dir auch getan, deine Ehre angetastet? Was n&#xFC;tzt einem schlie&#xDF;lich die Ehre, wenn jeder Fremdling dran kratzen kann, nicht wahr? Aber nun sei zufrieden, in dieser Klapsm&#xFC;hle hier bist du gut untergebracht, hier wird auf jedes Seelenwehwehchen eingegangen, hier werden alle Komplexe respektiert; das ist nur eine Preisfrage: wenn du arm w&#xE4;rst, g&#xE4;be es Senge und kaltes Wasser, aber hier wird jedes Spielchen mitgespielt, du hast sogar Ausgang, kannst in Denklingen ein Bier trinken gehen; du brauchst nur ‚Schussfeld‘ zu rufen, Schussfeld f&#xFC;r die zweite, Schussfeld f&#xFC;r die dritte Armee, und irgend jemand wird dir ‚Jawohl, Herr General‘, antworten; Zeit wird nicht als Ganzes, nur im Detail verstanden, sie darf hier nie zu Geschichte werden, verstehst du? Ich will dir ja gern glauben, dass du meine Augen schon gesehen hast, bei jemand, der eine rote Narbe &#xFC;berm Nasenbein trug, ich will dir glauben, aber solche Angaben und solche Zusammenh&#xE4;nge sind hier unerlaubt; hier ist immer <emphasis>heute</emphasis>, heute ist Verdun, heute ist Heinrich gestorben, Otto gefallen, heute ist der 31. Mai 1942, heute fl&#xFC;sterte Heinrich mir ins Ohr: ‚Vorw&#xE4;rts mit Hurra und Hindenburg‘; du hast ihn gekannt, hast ihm die Hand gedr&#xFC;ckt, oder vielmehr er dir; sch&#xF6;n, aber nun wollen wir mal h&#xFC;bsch ein bisschen arbeiten; ich wei&#xDF; noch, welches Gebet f&#xFC;r die Ministranten am schwersten zu lernen war, ich hab’s mit meinem Sohn Otto gelernt, hab’s ihm abh&#xF6;ren m&#xFC;ssen: ‚Suscipiat Dominus sacrificium de manibus tuis ad laudem et gloriam nominis sui‘ – jetzt kommt das Schwerste, Alter – ‚ad utilitatem quoque nostram, totiusque Ecclesiae sua sanctae‘ – sprich’s nach, Alter – nein, ‚ad utilitatem‘, nicht ‚utilatem‘ – den Fehler machen sie alle – ich schreib’s dir auf einen Zettel, wenn du willst, oder lies es in deinem Gebetbuch nach – und nun, adieu, Abendbrotzeit, Schussfeld; lass dir’s schmecken…“</p><p>&#xDC;ber die breiten schwarzen Wege an der Kapelle vorbei zum Gew&#xE4;chshaus zur&#xFC;ck; nur Mauern waren Zeugen, als sie die T&#xFC;r mit dem Schl&#xFC;ssel &#xF6;ffnete, an leeren Blument&#xF6;pfen, modrig riechenden Beeten vorbei leise in das B&#xFC;ro des Oberg&#xE4;rtners ging; sie nahm die Pistole vom St&#xE4;nder, &#xF6;ffnete die weiche schwarze Handtasche, das Leder schloss sich um die Pistole, leicht lie&#xDF; sich der Verschluss zuknipsen; l&#xE4;chelnd, leere Blument&#xF6;pfe streichelnd, verlie&#xDF; sie das Gew&#xE4;chshaus, schloss hinter sich die T&#xFC;r wieder zu; nur die dunklen Mauern waren Zeugen, als sie den Schl&#xFC;ssel abzog; langsam ging sie &#xFC;ber die breiten schwarzen Wege zum Haus zur&#xFC;ck.</p><empty-line/><p>Huperts deckte den Abendbrottisch in ihrem Zimmer; Tee, Brot, Butter, K&#xE4;se und Schinken; er blickte l&#xE4;chelnd auf, sagte: „Sie sehen blendend aus, gn&#xE4;dige Frau.“</p><p>„So“, sagte sie, legte ihre Handtasche auf die Kommode, nahm den Hut vom dunklen Haar, fragte l&#xE4;chelnd: „Ob der Oberg&#xE4;rtner mir wohl ein paar Blumen bringen k&#xF6;nnte?“</p><p>„Der ist aus“, sagte Huperts, „hat Ausgang bis morgen abend.“</p><p>„Und niemand au&#xDF;er ihm darf ins Gew&#xE4;chshaus?“</p><p>„Nein, gn&#xE4;dige Frau, darin ist er schrecklich eigen.“</p><p>„Dann muss ich wohl bis morgen abend warten, oder ich besorg mir welche in Denklingen oder Dodringen.“</p><p>„Sie wollen ausgehen, gn&#xE4;dige Frau?“</p><p>„Ja, wahrscheinlich, es ist ein so sch&#xF6;ner Abend, ich darf doch, nicht wahr.“</p><p>„Nat&#xFC;rlich, nat&#xFC;rlich – Sie d&#xFC;rfen – oder soll ich den Herrn Rat anrufen, oder den Herrn Doktor?“</p><p>„Das werde ich selbst tun, Huperts, bitte w&#xFC;rden Sie mir das Telefon auf Amt stellen, aber f&#xFC;r lange, bitte – ja?“</p><p>„Selbstverst&#xE4;ndlich, gn&#xE4;dige Frau.“</p><empty-line/><p>Als Huperts gegangen war, &#xF6;ffnete sie das Fenster, warf den Schl&#xFC;ssel zur G&#xE4;rtnerei in das Kompostbecken, schloss das Fenster, goss sich Tee und Milch in eine Tasse, setzte sich, zog das Telefon zu sich heran: „Komm, komm“, sagte sie leise, versuchte mit der linken Hand die zitternde Rechte zu beschwichtigen, die nach dem H&#xF6;rer griff. „Komm, komm“, sagte sie, „ich bin bereit, mit dem Tod in der Handtasche ins Leben zur&#xFC;ckzukehren; sie haben es alle nicht gewusst, dass diese Ber&#xFC;hrung mit dem k&#xFC;hlen Metall gen&#xFC;gen w&#xFC;rde, haben Gewehr zu w&#xF6;rtlich verstanden; ich brauch ja kein Gewehr, eine Pistole tut’s auch, komm, komm, sag mir, wie sp&#xE4;t es ist, komm, sag’s, sanfte Stimme, bist du immer noch die gleiche und immer noch unter der gleichen Nummer erreichbar?“ Sie nahm den H&#xF6;rer in die Linke, lauschte dem amtlichen Tuten. ‚Huperts braucht nur auf ein Kn&#xF6;pfchen zu dr&#xFC;cken, und sie ist da: die Zeit, die Welt, die Gegenwart, die deutsche Zukunft: Ich bin gespannt, wie sie aussieht, wenn ich aus dem verwunschenen Schloss herauskomme.‘ Sie w&#xE4;hlte mit der rechten Hand: eins, eins, eins und h&#xF6;rte die sanfte Stimme sagen: „Beim Zeitzeichen ist es siebenzehnuhrachtundf&#xFC;nfzig und drei&#xDF;ig Sekunden“ – beklemmende Stille, ein Gongschlag – die sanfte Stimme: „Beim Zeitzeichen ist es siebenzehnuhrachtundf&#xFC;nfzig und vierzig Sekunden.“ Die Zeit str&#xF6;mte in ihr Gesicht, f&#xFC;llte es mit t&#xF6;dlicher Wei&#xDF;e, w&#xE4;hrend die Stimme sagte: „Siebenzehnuhrneunundf&#xFC;nfzig – zehn – zwanzig – drei&#xDF;ig – vierzig – f&#xFC;nfzig Sekunden“, ein harter Gongschlag: „achtzehn Uhr, am 6. September 1958“ – sagte die sanfte Stimme – Heinrich w&#xE4;re achtundvierzig, Johanna neunundvierzig und Otto einundvierzig, Joseph war zweiundzwanzig, Ruth neunzehn – und die Stimme sagte: „Beim Zeitzeichen ist es achtzehn Uhr und eine Minute“ – Vorsicht, sonst werde ich wirklich verr&#xFC;ckt, wird das Spiel ernst, und ich falle in das ewige Heute endg&#xFC;ltig zur&#xFC;ck, finde die Schwelle nicht mehr, renne um die bewachsenen Mauern herum, ohne den Eingang zu finden; die Visitenkarte der Zeit wie eine Forderung zum Duell – nicht anzunehmen: 6. September 1958 – achtzehn Uhr und eine Minute und vierzig Sekunden; die Faust voll Rache hat meinen Taschenspiegel zerbrochen, nur zwei Scherben sind &#xFC;briggeblieben, die mir die t&#xF6;dliche Bl&#xE4;sse meines Gesichts zeigen; ich hab’s doch geh&#xF6;rt, das stundenlange Dr&#xF6;hnen der Sprengung, ich hab’s doch geh&#xF6;rt, das emp&#xF6;rte Gefl&#xFC;ster der Leute: ‚Sie haben unsere Abtei in die Luft gejagt‘ – W&#xE4;rter und Pf&#xF6;rtner, G&#xE4;rtner und B&#xE4;ckerjungen kolportierten die schreckliche Nachricht, die ich so schrecklich nicht finde; Schussfeld; rote Narbe &#xFC;berm Nasenbein, tiefblaue Augen; wer kann das schon sein; war er’s? Wer? Ich w&#xFC;rde s&#xE4;mtliche – Abteien der Welt in die Luft jagen, wenn ich Heinrich wiederbekommen, wenn ich Johanna von den Toten erwecken k&#xF6;nnte, Ferdi und den Kellner, der Groll hie&#xDF;; Edith – und wenn ich erfahren d&#xFC;rfte, wer Otto war; gefallen bei Kiew; es klingt so dumm und riecht nach Geschichte; komm, Alter, wir wollen nicht mehr Blindekuh spielen, ich halte dir die Augen nicht mehr zu: du wirst heute achtzig, ich bin einundsiebzig, und auf zehn, zw&#xF6;lf Meter hat man eine ziemliche Treffsicherheit; kommt auf mich zu, ihr Jahre, ihr Wochen und Tage, ihr Stunden und Minuten, welche Sekunde – „achtzehn Uhr zwei Minuten und zwanzig Sekunden“; ich verlasse mein Papierschiffchen und st&#xFC;rze mich in den Ozean; Totenbl&#xE4;sse; vielleicht werd ich es &#xFC;berstehen; „achtzehn Uhr zwei Minuten und drei&#xDF;ig Sekunden“ – das klingt so dringlich: komm, ich habe keine Zeit zu verlieren, keine Sekunde zu verschenken, schnell, Fr&#xE4;ulein, Fr&#xE4;ulein, warum antworten Sie mir nicht? Fr&#xE4;ulein, Fr&#xE4;ulein – ich brauche ein Taxi, sofort, sehr dringend, helfen Sie mir doch; Schallplatten antworten nicht, das h&#xE4;tte ich wissen m&#xFC;ssen; H&#xF6;rer auflegen, H&#xF6;rer abnehmen, w&#xE4;hlen: eins, eins, zwei – bekam man auch die Taxis immer noch unter der gleichen Nummer? „Und k&#xF6;nnen Sie“, sagte die sanfte Stimme, „in den Denklinger Lichtspielen den Heimatfilm ‚Die Br&#xFC;der vom Moorhof‘ sehen; Anfangszeiten achtzehn Uhr und zwanzig Uhr f&#xFC;nfzehn – das Dodringer Lichtspielhaus bietet Ihnen den ausgezeichneten Film: ‚Was Liebe vermag‘ “ – still, still, mein Boot ist zerst&#xF6;rt, aber hab ich nicht schwimmen gelernt, im Bl&#xFC;cherbad 1905, trug einen schwarzen Badeanzug mit Krausen und Sch&#xFC;rzen, Kopfsprung vom Einmeterbrett; fass dich, Atem holen, du hast schwimmen gelernt – was haben sie unter eins, eins, drei zu bieten: sanfte Stimme du, – „und falls Sie f&#xFC;r den Abend G&#xE4;ste erwarten, schlagen wir Ihnen ein ebenso schmackhaftes wie preiswertes Men&#xFC; vor: erster Gang; Toast mit K&#xE4;se und Schinken &#xFC;berbacken, dann gr&#xFC;ne Erbsen mit saurer Sahne, dazu einen lockeren Kartoffelpudding, ein Schnitzel, frisch gegrillt“ – Fr&#xE4;ulein, Fr&#xE4;ulein – Schallplatten antworten nicht – „werden Ihre G&#xE4;ste Sie als vorz&#xFC;gliche Hausfrau zu preisen wissen“; die Gabel gedr&#xFC;ckt, eins, eins, vier – sanfte Stimme: „ – also die Campingausr&#xFC;stung gepackt, Picknick vorbereitet, und vergessen Sie nicht, falls Sie an absch&#xFC;ssigen Stellen zu parken gedenken, die Handbremse zu ziehen, und nun: Einen fr&#xF6;hlichen Sonntag im Kreis der Familie.“</p><p>Ich werde es nicht schaffen; zuviel Zeit aufzuholen, immer mehr Bl&#xE4;sse steigt in mein Gesicht, l&#xF6;st sich mein steinernes Gesicht nicht zu Tr&#xE4;nen, bleibt die verleugnete, geschw&#xE4;nzte Zeit wie eine harte L&#xFC;ge in mir zur&#xFC;ck; Spieglein, Spieglein, Scherbenst&#xFC;ck – sind meine Haare wirklich wei&#xDF; geworden in den Folterkammern der sanften Stimmen; eins, eins, f&#xFC;nf – eine schl&#xE4;frige Stimme: „Ja, bitte, hier Amt Denklingen“ – „H&#xF6;ren Sie mich, Fr&#xE4;ulein? H&#xF6;ren Sie mich?“ – „Ja, ich h&#xF6;re“ – Lachen – „Ich brauche dringend eine Verbindung mit dem B&#xFC;ro des Architekten F&#xE4;hmel, Modestgasse 7 oder 8, beide Adressen sind unter F&#xE4;hmel zu finden, Kind, Sie nehmen es mir nicht &#xFC;bel, wenn ich Sie Kind nenne?“</p><p>„Nein, aber nein, gn&#xE4;dige Frau.“</p><p>„Es ist sehr dringend.“</p><p>Bl&#xE4;tter wurden umgewendet.</p><p>„Ich habe hier Herrn Heinrich F&#xE4;hmel – und Herrn Dr. Robert F&#xE4;hmel – welche Verbindung w&#xFC;nschen Sie, gn&#xE4;dige Frau?“</p><p>„Mit Heinrich F&#xE4;hmel.“</p><p>„Bitte, bleiben Sie am Apparat.“</p><p>Ob das Telefon immer noch auf der Fensterbank stand, so dass er beim Telefonieren auf die Stra&#xDF;e blicken konnte und aufs Haus Modestgasse 8, wo seine Kinder auf dem Dach spielten; hinunter auf Gretzens Laden, wo der Keiler vor der T&#xFC;r hing; ob es wirklich jetzt dort klingelt? Sie h&#xF6;rte das Rufzeichen sehr fern – die Pausen dazwischen kamen ihr unendlich lang vor.</p><p>„Bedaure, gn&#xE4;dige Frau, dort meldet sich niemand.“</p><p>„Bitte, versuchen Sie es mit der anderen Nummer.“</p><p>„Gern, gn&#xE4;dige Frau.“ Nichts, nichts, keine Antwort.</p><p>„Dann besorgen Sie mir bitte ein Taxi, Kind, ja?“</p><p>„Gern. Wohin?“</p><p>„In die Heilanstalt Denklingen.“</p><p>„Sofort, gn&#xE4;dige Frau.“</p><p>„Ja, Huperts, nehmen Sie den Tee weg, auch das Brot und den Aufschnitt. Und bitte, lassen Sie mich allein; ich sehe das Taxi schon, wenn es die Allee heraufkommt; nein, danke, ich brauche nichts mehr; Sie sind wirklich keine Schallplatte? Ach, ich wollte Sie nicht kr&#xE4;nken – es war nur ein Scherz; danke.“</p><p>Ihr war kalt; sie sp&#xFC;rte, wie ihr Gesicht zusammenschrumpfte, Gro&#xDF;muttergesicht, zerknittert, m&#xFC;de, in der Fensterscheibe war es zu sehen; keine Tr&#xE4;nen; kroch sie wirklich silbern ins schwarze Haar, die Zeit? Ich hab schwimmen gelernt, aber nicht gewusst, wie kalt das Wasser ist; sanfte Stimmen peinigten mich, schlugen die Gegenwart in mich hinein; Gro&#xDF;mutter mit Silberhaar, Zorn in Weisheit verwandelt, Rachegedanken in Verzeihen; Hass mit Weisheit kandiert; alte Finger klammerten sich um die Handtasche; Gold, aus dem verwunschenen Schloss mitgebracht, das L&#xF6;segeld.</p><p>Hol mich ab, Liebster, ich kehre zur&#xFC;ck. Ich werde deine wei&#xDF;haarige, liebe alte Frau sein, eine gute Mutter und eine liebensw&#xFC;rdige Gro&#xDF;mutter, die man seinen Freunden und Freundinnen als besonders nett schildern kann; war krank, unsere Gro&#xDF;mutter, lange Jahre, aber sie ist gesund geworden, bringt eine ganze Handtasche voll Gold mit.</p><p>Was werden wir heute abend im Cafe Kroner essen? Toast, mit K&#xE4;se und Schinken &#xFC;berbacken, Erbsen mit saurer Sahne, ein Schnitzel dazu – und werden wir rufen: ‚Hosianna, der Braut Davids, die aus dem verwunschenen Schloss heimgekehrt ist?‘ Gretz wird seine Aufwartung machen; der M&#xF6;rder seiner Mutter; die Stimme des Blutes sprach nicht zu ihm, sprach nicht aus Otto; wenn der Turnlehrer auf dem Schimmel am Haus vor&#xFC;berkommt, werde ich schie&#xDF;en. Von der Pergola bis zur Stra&#xDF;e sind es nicht mehr als zehn Meter – die diagonale Linie kann nicht viel l&#xE4;nger als dreizehn sein; ich werde Robert bitten, es mir genau auszurechnen; jedenfalls liegt es innerhalb der Grenzen der h&#xF6;chsten Treffsicherheit; Schussfeld hat es mir erkl&#xE4;rt, er muss es wissen, unser wei&#xDF;haariger Ministrant; morgen fr&#xFC;h wird er seinen Dienst antreten; ob er bis dahin wissen wird, dass es nicht ‚utilatem‘, sondern ‚utilitatem‘ hei&#xDF;en muss? Rote Narbe &#xFC;berm Nasenbein – und ist also doch Hauptmann geworden; so lange hat der Krieg gedauert; die Fensterscheiben klirrten, wenn wieder eine Sprengladung explodierte, und morgens lag Staub auf der Fensterbank; ich schrieb mit meinem Finger in die Staubschicht: ‚Edith, Edith‘ – ich liebte dich mehr, als die Stimme des Blutes mir h&#xE4;tte befehlen k&#xF6;nnen; woher kamst du, Edith, sprich?</p><p>Immer weiter schrumpfte ich; er wird mich auf den H&#xE4;nden tragen k&#xF6;nnen, vom Taxi ins Cafe Kroner; ich werde p&#xFC;nktlich sein; es ist h&#xF6;chstens achtzehn Uhr sechs und drei&#xDF;ig Sekunden; mein Lippenstift ist von der schwarzen Faust voll Rache zerquetscht worden; und es zittern meine morschen Knochen, ich habe Angst, wie werden sie aussehen, meine Zeitgenossen; werden sie dieselben sein wie damals oder nur die gleichen? – und wie steht es mit der goldenen Hochzeit, Alter, im September 1908 – wei&#xDF;t du nicht mehr, am 13. September – wie gedenkst du die goldene Hochzeit zu richten? Silberhaarig die Jubelbraut, silberhaarig der Jubelbr&#xE4;utigam, ringsum die unermessliche Enkelschar, verzeih, dass ich lache, David – du warst nicht Abraham, aber ich sp&#xFC;re ein wenig von Saras Lachen in mir; nur ein wenig, viel hat in mir nicht Platz, nur eine Nussschale voll Lachen bringe ich mit und eine Handtasche voll Gold; doch mein Lachen mag klein sein, es birgt gewaltige Energien, mehr als Roberts Dynamit…</p><p>Feierlich, feierlich, viel zu langsam kommt ihr die Allee herunter; Ediths Sohn vornweg, aber das ist nicht Ruth an seiner Seite; sie war drei, als ich wegging, aber ich w&#xFC;rde sie erkennen, wenn ich sie als Achtzigj&#xE4;hrige wiedersehen w&#xFC;rde; das ist nicht Ruth; Handbewegungen verlernt man nicht; in der Nussschale ist der Baum enthalten; wie oft habe ich Ruths Handbewegung an meiner Mutter gesehen, wenn sie sich das Haar aus der Stirn strich; wo ist Ruth?; sie soll mir verzeihen – dies ist eine Fremde, eine H&#xFC;bsche; ach, es ist der Scho&#xDF;, der dir Urenkel geb&#xE4;ren wird, Alter; werden es sieben sein, siebenmal sieben? Verzeih, dass ich lache; ihr kommt wie Herolde, langsam, viel zu feierlich; wollt ihr die Jubelbraut holen? Hier bin ich, bereit, geschrumpft wie ein uralter Apfel, du kannst mich auf den H&#xE4;nden ins Taxi tragen, Alter, aber rasch: ich habe keine Sekunde mehr zu verlieren; ja, das Taxi ist schon da: ihr seht, wie gut ich koordinieren kann; jedenfalls, das habe ich als Architektenfrau gelernt – macht dem Taxi nur Platz – rechts stehen Robert und die h&#xFC;bsche Fremde Spalier – links der Alte mit seinem Enkel; Robert, Robert, ist dies die Stelle, wo du jemand die Hand auf die Schulter legen musst? Brauchst du Hilfe, St&#xFC;tze? Komm, Alter, tritt ein, bring Gl&#xFC;ck herein – wir wollen feiern und lustig sein! Die Zeit ist reif!</p></section><section><title><p>Kapitel XII</p></title><p>Der Portier blickte unruhig auf die Uhr: schon sechs vor&#xFC;ber, Jochen war nicht zur Abl&#xF6;sung erschienen, und der Herr auf Zimmer elf schlief nun einundzwanzig Stunden, hatte das Schild <emphasis>Bitte nicht st&#xF6;ren</emphasis> an die T&#xFC;rklinke geh&#xE4;ngt, und doch hatte bisher noch niemand hinter der geschlossenen T&#xFC;r die Stille des Todes gesp&#xFC;rt; kein Gefl&#xFC;ster, kein Zimmerm&#xE4;dchenschrei; Abendessenzeit, dunkle Anz&#xFC;ge, helle Kleider, viel Silber, Kerzenschein, Musik; zum Hummercocktail Mozart, zum Fleischgang Wagner, zum Nachtisch Hot<a l:href="#n_53" type="note">[53]</a>.</p><p>Unheil lag in der Luft; voller Angst blickte der Portier auf die Uhr, die viel zu langsam ihre Sekunden dem Punkte zuschob, wo das Unheil offenbar werden w&#xFC;rde; immer wieder das Telefon: Men&#xFC; 1 auf Zimmer 12, Men&#xFC; 3 auf Zimmer 218, Sekt auf Zimmer 14; Weekend- Ehebrecher verlangten die n&#xF6;tigen Stimulantia; f&#xFC;nf Globetrotter l&#xFC;mmelten sich in der Halle, warteten auf den Bus, der sie zum Nachtflugzeug bringen w&#xFC;rde; ja, gn&#xE4;dige Frau, erste links, zweite rechts, dritte links – die r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;ber sind abends beleuchtet, Fotografieren ist erlaubt. Oma Bleesiek trank hinten in der Ecke ihren Portwein, hatte endlich Hugo erwischt, der ihr aus der Lokalzeitung vorlas: ‚Handtaschenr&#xE4;uber ohne Erfolg. Gestern versuchte am Ehrenfeldg&#xFC;rtel ein junger Mann einer &#xE4;lteren Frau die Handtasche zu entrei&#xDF;en, doch gelang es der tapferen Oma… Au&#xDF;enminister Dulles.‘ – „Unsinn, Unsinn“, sagte die Oma Bleesiek, „nichts Politisches, nichts Internationales, das einzig Interessante ist das Lokale“, und Hugo las: ‚Stadtoberhaupt ehrt verdienten Boxer…‘</p><p>H&#xF6;hnisch schob die Zeit den Ausbruch des Unheils hinaus, w&#xE4;hrend Gl&#xE4;ser leise klirrten, Silberplatten auf Tische gestellt, Porzellanteller zu erhabener Musik in Schwingung versetzt wurden; mit mahnend und warnend erhobenen H&#xE4;nden stand der Fahrer der Fluggesellschaft in der T&#xFC;r, die sanft in ihre Filzfugen zur&#xFC;ckpendelte; nerv&#xF6;s blickte der Portier auf seinen Notizblock: ‚ab 18.30 Zimmer-Stra&#xDF;enseite f&#xFC;r Herrn M. reservieren; 18.30 Doppelzimmer f&#xFC;r Geheimrat F&#xE4;hmel und Frau, unbedingt Stra&#xDF;enseite; 19.00 Hund K&#xE4;ssi von Zimmer 114 zum Spaziergang abholen‘; gerade wurden die Spezialspiegeleier f&#xFC;r diesen K&#xF6;ter gebracht, Dotter hart, Eiwei&#xDF; weich, scharf gebratene Wurstscheiben, und wie immer w&#xFC;rde das Mistvieh m&#xE4;klig das Mahl verweigern; der Herr auf Zimmer elf schlief nun einundzwanzig Stunden und achtzehn Minuten.</p><p>Ja, gn&#xE4;dige Frau, das Feuerwerk beginnt eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, also gegen neunzehn Uhr drei&#xDF;ig; der Aufmarsch der K&#xE4;mpfer gegen neunzehn Uhr f&#xFC;nfzehn; bedaure, ich bin nicht in der Lage, Ihnen Auskunft dar&#xFC;ber zu geben, ob der Herr Minister zugegen sein wird; Hugo las mit seiner Schulentlassenenstimme: ‚Und &#xFC;berreichten die Stadtv&#xE4;ter dem verdienten Boxer nicht nur die Ehrenb&#xFC;rgerurkunde, auch die goldene Marsilius-Plakette, die nur f&#xFC;r besonders hohe kulturelle Verdienste verliehen wird. Ein Festbankett schloss die w&#xFC;rdige Feier ab.‘ Endlich verlie&#xDF;en die Globetrotter die Halle; ja, meine Herren, das Festbankett f&#xFC;r die linke Opposition im blauen Zimmer – nein, f&#xFC;r die rechte Opposition im gelben Zimmer; der Weg ist mit Schildern markiert, der Herr; wer geh&#xF6;rte zur Linken, wer zur Rechten; es war ihnen nicht anzusehen; f&#xFC;r solche Sachen w&#xE4;re Jochen besser gewesen; dessen Instinkt war untr&#xFC;glich, wenn es galt, jemand einzustufen; der erkannte im sch&#xE4;bigen Anzug den wirklichen Herrn, erkannte im allerbesten Anzug den Proleten; der w&#xFC;rde die linke von der rechten Opposition zu unterscheiden wissen; nicht einmal die Men&#xFC;s unterschieden sich voneinander – ach, da war noch irgendein Bankett: Aufsichtsrat der Gemeinn&#xFC;tzigsten der Gemeinn&#xFC;tzigem; roter Saal, mein Herr; alle trugen die gleichen Gesichter, und alle w&#xFC;rden Hummercocktail als Vorspeise essen, die Linke und die Rechte und der Aufsichtsrat; Mozart zur Vorspeise, Wagner zum Hauptgang, wenn sie die schweren So&#xDF;en kosteten, Hot zum Nachtisch; ja, im roten Saal, der Herr: Jochens Instinkt war untr&#xFC;glich, wenn es nur ums Soziale ging, versagte aber, wenn es um mehr ging. Als die Schafpriesterin zum ersten Mal auftauchte, war es Jochen gewesen, der fl&#xFC;sterte: ‚Vorsicht, das ist allererste Klasse‘, und als dann die kleine Blasse kam, mit dem langen wirren Haar, nur mit ’ner Handtasche und ’nem Taschenbuch unterm Arm, fl&#xFC;sterte Jochen: ‚Nutte‘, und ich sagte: ‚Die tut”s mit jedem, <emphasis>nimmt aber nichts daf&#xFC;r</emphasis>, also keine Nutte‘, Jochen sagte: ‚Die tut’s mit jedem, und <emphasis>nimmt was daf&#xFC;r</emphasis>‘ – und Jochen hatte recht. F&#xFC;r Unheil aber hatte Jochen keinen Instinkt; als dann die andere kam, die Blonde, Strahlende mit ihren dreizehn Koffern, sagte ich ihm, als sie in den Aufzug stieg: ‚Wetten, dass wir die nie lebend wiedersehen?‘ Und Jochen sagte: ‚Unsinn, die ist nur mal f&#xFC;r ein paar Tage ihrem Mann durchgegangen; und wer hat recht gehabt? Ich! Schlaftabletten und das Schild <emphasis>Bitte nicht st&#xF6;ren</emphasis> an der T&#xFC;r; die schlief vierundzwanzig Stunden, dann ging das Gefl&#xFC;ster los: ‚Tod, Tod auf Zimmer 118‘; herrliche Sache, wenn nachmittags gegen drei die Mordkommission kommt, und wenn um f&#xFC;nf “ne Leiche aus dem Hotel rausgeschleppt wird, herrlich.</p><p>Puh, was ist das f&#xFC;r eine B&#xFC;ffelvisage. Kleiderschrank mit Diplomatenair, zwei Zentner, Dackelgang und ein Anzug! Das roch nach Bedeutsamkeit, hielt sich im Hintergrund, w&#xE4;hrend zwei weniger Bedeutungsvolle an die Theke traten: „Zimmer f&#xFC;r Herrn M. bitte.“ „Ach, ja, Zimmer 211, Hugo, komm, bring die Herren hinauf“; da glitten sechs Zentner, in englisches Tuch geh&#xFC;llt, lautlos nach oben.</p><p>„Jochen, Jochen, mein Gott, wo bist du denn so lange gewesen?“</p><p>„Entschuldige“, sagte Jochen, „du wei&#xDF;t, dass ich fast nie unp&#xFC;nktlich bin; besonders wo deine Frau und die Kinder auf dich warten, war ich gern p&#xFC;nktlich gewesen, aber wenn’s um meine Tauben geht, da schwankt mein Herz zwischen Freundespflicht und Taubenz&#xFC;chterpflicht, und wenn ich sechs auf die Reise schicke, will ich auch sechse zur&#xFC;ckhaben, aber es kamen nur f&#xFC;nf p&#xFC;nktlich, verstehst du, die sechste zehn Minuten versp&#xE4;tet und v&#xF6;llig ersch&#xF6;pft, das arme Tier; nun geh schon, wenn ihr zum Feuerwerk noch ’nen guten Platz erwischen wollt, wird es Zeit; ja, ich sehe schon, linke Opposition im blauen Zimmer, rechte Opposition im gelben Zimmer, Aufsichtsrat der Gemeinn&#xFC;tzigsten der Gemeinn&#xFC;tzigen im roten Zimmer; nun ja, das geht f&#xFC;rs Wochenende; das ist ja viel weniger aufregend, als wenn die Briefmarkensammler sich treffen oder die Bierspitzenorganisation; keine Angst, mit denen werd ich schon fertig, ich werd meine Gef&#xFC;hle m&#xE4;&#xDF;igen, obwohl ich der linken Opposition am liebsten den Hintern versohlen, den Rechten und den Gemeinn&#xFC;tzigsten aller Gemeinn&#xFC;tzigen am liebsten in die Vorspeise spucken w&#xFC;rde; nu, reg dich nicht auf, die Fahne des Hauses wird schon hochgehalten; und um deine Selbstmordkandidaten k&#xFC;mmere ich mich schon; ja, gn&#xE4;dige Frau, Hugo um neun Uhr zum Kartenspiel aufs Zimmer, jawohl; so, der Herr M. ist schon da? – gef&#xE4;llt mir nicht, der Herr M., ohne ihn gesehen zu haben, sprech ich ihm mein Missfallen aus; jawohl, der Herr, Sekt auf Zimmer 211 und drei Partagas Eminentes; an ihrem Zigarrenaroma sollt ihr sie erkennen! Mein Gott, da kommt ja die ganze Sippe F&#xE4;hmel.“</p><empty-line/><p>M&#xE4;dchen, M&#xE4;dchen, was ist aus dir geworden! Als ich dich zum ersten Mal sah, das war bei der Kaiserparade 1908, da schlug mein Herz h&#xF6;her, obwohl ich wusste, dass Bl&#xFC;mchen wie du nicht f&#xFC;r unsereins wachsen; ich brachte den Rotwein aufs Zimmer, wo du mit Papa und Mama gesessen hast; Kind, Kind – wer h&#xE4;tte gedacht, dass aus dir mal eine waschechte Oma werden w&#xFC;rde, Silberhaar und ganz verschrumpelt, dich k&#xF6;nnte ich ja auf einer Hand ins Zimmer hinauftragen, und ich w&#xFC;rde es tun, wenn es mir gestattet w&#xFC;rde; wird aber nicht gestattet, altes M&#xE4;dchen, schade, du bist immer noch h&#xFC;bsch. M&#xE4;dchen, M&#xE4;dchen, was ist aus dir geworden! Als ich dich zum ersten Mal sah, das war bei der Kaiserparade 1908, da schlug mein Herz h&#xF6;her, obwohl ich wusste, dass Bl&#xFC;mchen wie du nicht f&#xFC;r unsereins wachsen; ich brachte den Rotwein aufs Zimmer, wo du mit Papa und Mama gesessen hast; Kind, Kind – wer h&#xE4;tte gedacht, dass aus dir mal eine waschechte Oma werden w&#xFC;rde, Silberhaar und ganz verschrumpelt, dich k&#xF6;nnte ich ja auf einer Hand ins Zimmer hinauftragen, und ich w&#xFC;rde es tun, wenn es mir gestattet w&#xFC;rde; wird aber nicht gestattet, altes M&#xE4;dchen, schade, du bist immer noch h&#xFC;bsch.</p><p>„Herr Geheimrat, wir hatten Zimmer 212 f&#xFC;r Sie und Ihre Gattin, pardon, f&#xFC;r Ihre Gattin und Sie reserviert; Gep&#xE4;ck am Bahnhof? Nein? In der Wohnung was abzuholen? Auch nicht? Ach, nur f&#xFC;r zwei Stunden, solange das Feuerwerk dauert, und um den Aufmarsch der K&#xE4;mpfer zu sehen. Selbstverst&#xE4;ndlich ist im Zimmer Platz f&#xFC;r sechs Personen, ein gro&#xDF;er Balkon, und wenn Sie w&#xFC;nschen, lassen wir die Betten zusammenr&#xFC;cken. Nicht n&#xF6;tig? Hugo, Hugo, bring die Herrschaften auf Zimmer 212 und nimm eine Weinkarte mit; ich werde die jungen Herrschaften auf Ihr Zimmer weisen; selbstverst&#xE4;ndlich, Herr Doktor, das Billardzimmer ist f&#xFC;r Sie und Herrn Schrella reserviert, ich werde Hugo f&#xFC;r Sie loseisen; ja, er ist ein braver Junge, der hat den halben Nachmittag am Telefon gehangen, immer wieder gew&#xE4;hlt; ich glaube, der vergisst Ihre Telefonnummer und die von der Pension Modern im Leben nicht mehr; warum der Kampfbund heute marschiert? Geburtstag irgendeines Marschalls – ich glaube, des Helden vom Husenwald; wir werden das herrliche Lied zu h&#xF6;ren bekommen: ‚Vaterland, es knirscht in deinem Geb&#xE4;lk‘; na, lassen wir’s knirschen, Herr Doktor. Wie? Immer geknirscht? Wenn Sie mir gestatten wollen, hier eine pers&#xF6;nliche politische Meinung zu &#xE4;u&#xDF;ern, so w&#xFC;rde ich sagen: Vorsicht, wenn’s wieder knirscht; Vorsicht!“</p><empty-line/><p>„Hier hab ich schon einmal gestanden“, sagte sie leise, „hab dir zugeschaut, wie du unten vorbeimarschiert bist, bei der Kaiserparade im Januar 1908; Kaiserwetter, Liebster, klirrender Frost – so nennt man’s, glaube ich, in Gedichten; ich habe gezittert, ob du die letzte, schwerste aller Proben bestehen w&#xFC;rdest: die Uniformprobe; nebenan auf dem Balkon stand der General und prostete Papa, Mama und mir zu; du hast die Probe damals bestanden, Alter; sieh mich nicht so lauernd an – ja, lauernd, so hast du mich noch nie angesehen; leg deinen Kopf in meinen Schoss rauch deine Zigarre und verzeih mir, wenn ich zittere: ich habe Angst; hast du das Gesicht des Jungen gesehen? K&#xF6;nnte er nicht Ediths Bruder sein? Ich habe Angst und da musst du verstehen, dass ich noch nicht in unsere Wohnung zur&#xFC;ckgehen kann, vielleicht nie wieder; ich kann nicht wieder in den Zirkel treten – ich habe Angst, viel mehr als damals; ihr habt euch offenbar an die Gesichter schon gew&#xF6;hnt, aber ich fange an, mich nach meinen harmlosen Irren zur&#xFC;ckzusehnen; seid ihr denn blind? so leicht zu t&#xE4;uschen? Die werden euch f&#xFC;r weniger als eine Handbewegung, f&#xFC;r weniger als ein Butterbrot umbringen! Du brauchst nicht einmal mehr dunkelhaarig oder blond zu sein, brauchst nicht mehr den Taufschein deiner Urgro&#xDF;mutter – die werden euch umbringen, wenn ihnen eure Gesichter nicht gefallen; hast du denn nicht die Plakate an den W&#xE4;nden gesehen? Seid ihr denn blind? Da wei&#xDF;t du ja einfach nicht mehr, wo du bist; ich sag, Liebster, die haben doch alle vom <emphasis>Sakrament des B&#xFC;ffels</emphasis> gegessen; dumm wie Erde, taub wie ein Baum, und so schrecklich harmlos wie die letzte Inkarnation des B&#xFC;ffels; anst&#xE4;ndig, anst&#xE4;ndig; ich habe Angst, Alter – nicht einmal 1935 und nicht 1942 habe ich mich so fremd unter den Menschen gef&#xFC;hlt; mag sein, dass ich Zeit brauche, aber da werden Jahrhunderte nicht ausreichen, mich an die Gesichter zu gew&#xF6;hnen; anst&#xE4;ndig, anst&#xE4;ndig und keine Spur von Trauer im Gesicht; was ist ein Mensch ohne Trauer? Gib mir noch ein Glas Wein und schau nicht misstrauisch auf meine Handtasche; ihr habt die Medizin gekannt, aber anwenden muss ich sie selber; du hast ein reines Herz und ahnst nicht, wie b&#xF6;se die Welt ist, und ich verlange heute noch ein gro&#xDF;es Opfer von dir: sag die Feier im Cafe Kroner ab, zerst&#xF6;r die Legende, fordere nicht deine Enkel auf, dein Denkmal zu bespucken, sondern verhindere, dass du eins bekommst; Paprikak&#xE4;se hat dir doch nie geschmeckt – sollen die Kellner und K&#xFC;chenm&#xE4;dchen sich an die Festtafel setzen und dein Geburtstagsmahl verzehren; wir bleiben hier auf diesem Balkon, genie&#xDF;en den Sommerabend im Kreis der Familie, trinken Wein, schauen dem Feuerwerk zu und sehen uns den Aufmarsch der K&#xE4;mpfenden an; wogegen k&#xE4;mpfen sie? Soll ich ans Telefon gehen und im Kroner absagen?“</p><p>Schon sammelten sich am Portal von Sankt Severin blau Uniformierte, standen rauchend in Gruppen, trugen blau-rote Fahnen mit einem gro&#xDF;en schwarzen K darauf; schon probte das Blasorchester das Lied: Vaterland, es knirscht in deinem Geb&#xE4;lk‘; Weingl&#xE4;ser klirrten leise auf den Balkonen, Sektk&#xFC;bel t&#xF6;nten metallisch, Pfropfen knallten ins abendlich dunkle Blau des Himmels; die Glocken von Sankt Severin l&#xE4;uteten Viertel vor sieben; drei dunkelgekleidete Herren traten auf den Balkon von Zimmer 212.</p><p>„Glauben Sie wirklich, dass sie uns n&#xFC;tzen k&#xF6;nnen?“ fragte M.</p><p>„Ich bin sicher“, sagte der eine.</p><p>„Kein Zweifel“, sagte der andere.</p><p>„Aber werden wir nicht mehr W&#xE4;hler ver&#xE4;rgern, als wir durch eine solche Sympathiebezeugung gewinnen?“ fragte Herr M.</p><p>„Der Kampfbund ist als nicht radikal bekannt“, sagte der eine.</p><p>„Verlieren k&#xF6;nnen Sie gar nichts“, sagte der andere, „nur gewinnen.“</p><p>„Wieviel Stimmen sind es? Optimal und im ung&#xFC;nstigsten Falle?“</p><p>„Optimal an die achtzigtausend, im ung&#xFC;nstigen Fall an die f&#xFC;nfzigtausend. Entschlie&#xDF;en Sie sich.“</p><p>„Ich bin noch nicht entschlossen“, sagte M., „ich warte noch auf Weisung von K. Glauben Sie, dass es uns bisher gelungen ist, der Aufmerksamkeit der Presse zu entgehen?“</p><p>„Ist gelungen, Herr M.“, sagte der eine.</p><p>„Und das Hotelpersonal?“</p><p>„Absolut diskret, Herr M.“, sagte der andere. „Die Weisung von Herrn K. m&#xFC;sste bald kommen.“</p><p>„Ich mag diese Burschen nicht“, sagte Herr M., „sie <emphasis>glauben</emphasis> an etwas.“</p><p>„Achtzigtausend Stimmen d&#xFC;rfen getrost an etwas glauben, Herr M.“, sagte der eine.</p><p>Lachen. Gl&#xE4;serklirren. Telefon.</p><p>„Ja, hier M. Habe ich recht verstanden? Sympathie bezeigen? Gut.“</p><p>„Herr K. hat sich positiv entschieden, meine Herren, stellen wir unsere St&#xFC;hle und den Tisch auf den Balkon hinaus.“</p><p>„Was werden die Ausl&#xE4;nder denken?“</p><p>„Sie denken sowieso das Falsche.“ – Lachen, Gl&#xE4;serklirren.</p><p>„Ich werde hinuntergehen und die Aufmerksamkeit des Umzugsleiters auf Ihren Balkon lenken“, sagte der eine.</p><empty-line/><p>„Nein, nein“, sagte der Alte, „ich will nicht in deinem Scho&#xDF; liegen, nicht in den blauen Himmel hineinsehen; hast du denen im Cafe Kroner gesagt, dass man Leonore hierher schickt? Sie wird entt&#xE4;uscht sein; du kennst sie nicht; Roberts B&#xFC;roangestellte; ein liebes Kind, sie soll nicht um ihr Fest kommen; ich hab kein reines Herz und wei&#xDF; genau, wie b&#xF6;se die Welt ist; ich f&#xFC;hle mich fremd, fremder als damals, wenn wir in den Anker am oberen Hafen gingen und dem Kellner, der Groll hie&#xDF;, das Geld brachten; da unten formieren sie sich zum Aufmarsch – warmer Sommerabend, D&#xE4;mmerung, Lachen klingt herauf – soll ich dir helfen, Liebste? Du wei&#xDF;t wohl nicht, dass du im Taxi die Handtasche auf meine Knie gelegt hast; schwer ist sie, aber nicht schwer genug – was willst du eigentlich mit dem Ding?“</p><p>„Ich will den Dicken da auf dem Schimmel erschie&#xDF;en. Siehst du ihn, kennst du ihn noch?“</p><p>„Glaubst du, ich w&#xFC;rde ihn je vergessen? Er hat das Lachen in mir get&#xF6;tet, hat die verborgene Feder im verborgenen Uhrwerk zerbrochen; er hat den blonden Engel hinrichten lassen, Ediths Vater verschleppt, Groll und den Jungen, dessen Namen wir nie erfahren haben; er hat mich gelehrt, dass eine Handbewegung das Leben kostet; er hat aus Otto den gemacht, der nur noch Ottos H&#xFC;lle war – und trotzdem: ihn w&#xFC;rde ich nicht erschie&#xDF;en. Ich habe mich oft gefragt, warum ich in diese Stadt gekommen bin; um reich zu werden? Nein, du wei&#xDF;t es; weil ich dich liebte? Nein – denn ich kannte dich noch nicht und konnte dich noch nicht lieben; aus Ehrgeiz? Nein. Ich glaube, ich wollte nur &#xFC;ber sie lachen, wollte ihnen am Ende zurufen: es war doch nicht ernst; wollte ich Kinder haben? Ja. Ich hatte sie; zwei starben jung, einer fiel, fremd war er mir, noch fremder als die jungen Herren, die da unten jetzt ihre Fahnen hochnehmen; und der andere Sohn? Wie geht es dir, Vater? Gut und dir? Gut, danke, Vater. Kann ich etwas f&#xFC;r dich tun? Nein, danke, ich habe alles. Abtei Sankt Anton? Verzeih, dass ich lache, Liebste; Staub; erregt nicht einmal Sentimentalit&#xE4;t, viel weniger noch Gef&#xFC;hle; willst du noch Wein?“ – „Ja, bitte.“</p><p>Ich verlass mich auf den Paragraphen einundf&#xFC;nfzig, Liebster; dehnbar sind die Gesetze – sieh da unten, unser alter Freund Nettlinger; klug genug, nicht in Uniform zu erscheinen, aber doch da, um H&#xE4;nde zu dr&#xFC;cken, Schultern zu klopfen, Fahnen zu betasten; wenn schon, dann w&#xFC;rde ich lieber diesen Nettlinger erschie&#xDF;en – aber vielleicht &#xFC;berlege ich es mir und schie&#xDF;e nicht in das Museum da unten; der M&#xF6;rder meines Enkels sitzt nebenan auf dem Balkon – siehst du ihn: dunkel gekleidet, anst&#xE4;ndig, anst&#xE4;ndig; der denkt anders, handelt anders, plant anders; der hat was gelernt; spricht flie&#xDF;end Franz&#xF6;sisch, Englisch, kann Latein und Griechisch und hat schon das Lesezeichen f&#xFC;r morgen in seinem Schott zurechtgemacht: f&#xFC;nfzehnter Sonntag nach Pfingsten; ‚welche Pr&#xE4;fation<a l:href="#n_54" type="note">[54]</a>?‘ hat er ins Schlafzimmer seiner Frau hin&#xFC;bergerufen. Ich erschie&#xDF; nicht den Dicksack da auf dem Schimmel; ich schie&#xDF; nicht ins Museum – nur eine kleine Wendung, und h&#xF6;chstens sechs Meter Entfernung, eine vorz&#xFC;gliche Treffsicherheit; wozu soll mein siebzigj&#xE4;hriges Leben sonst noch n&#xFC;tze sein; nicht Tyrannenmord, sondern Anst&#xE4;ndigenmord – der Tod wird das gro&#xDF;e Staunen in sein Gesicht zur&#xFC;ckbringen, komm, zittere nicht, Liebster, ich will das L&#xF6;segeld zahlen; das macht mir Spa&#xDF;, ruhig atmen, ins Ziel gehen, Druckpunkt nehmen – du brauchst dir nicht die Ohren zuzuhalten, Liebster, das knallt nicht lauter, als wenn ein Luftballon platzt; Vigil des f&#xFC;nfzehnten Sonntags nach Pfingsten…</p></section><section><title><p>Kapitel XIII</p></title><p>Die eine war blond, die andere braun, beide waren schlank, beide l&#xE4;chelnd, und beiden war rotbrauner Tweed zu kleidsamer Tracht angemessen worden, beiden wuchs aus schneewei&#xDF;em Kragen der h&#xFC;bsche Hals wie der Schaft einer Blume hervor; sie sprachen es flie&#xDF;end und akzentfrei: Franz&#xF6;sisch und Englisch, Fl&#xE4;misch und D&#xE4;nisch und sprachen flie&#xDF;end und akzentfrei auch ihre Muttersprache: Deutsch; h&#xFC;bsche Nonnen des Nichts, auch des Lateinischen m&#xE4;chtig, warteten sie im Personalraum hinter der Kasse, bis die Besucher zu Gruppen von zw&#xF6;lf sich an der Barriere gesammelt hatten; sie dr&#xFC;ckten mit spitzem Absatz ihre Zigarettenkippen aus, erneuerten mit gekonntem Schwung ihr Lippenrot, bevor sie nach drau&#xDF;en traten, die Nationalit&#xE4;t der F&#xFC;hrungss&#xFC;chtigen zu ermitteln; l&#xE4;chelnd die Frage nach Herkunftsland und Muttersprache, akzentfrei, und die F&#xFC;hrungss&#xFC;chtigen taten es mit erhobenem Finger kund: sieben sprachen Englisch, zwei Fl&#xE4;misch, drei Deutsch; dann noch die fr&#xF6;hlich gestellte Frage, wer des Lateinischen m&#xE4;chtig sei; z&#xF6;gernd hob Ruth ihren Finger; nur einer? Sanft nur erschien auf dem h&#xFC;bschen Gesicht ein Schimmer von Trauer &#xFC;ber die geringe Ausbeute an humanistisch Geschulten, nur eine konnte die metrische Exaktheit w&#xFC;rdigen, mit der sie den Grabspruch zitieren w&#xFC;rde? L&#xE4;chelnd, die Stablampe wie einen Degen gesenkt, stieg sie als erste die Treppe hinab; es roch nach Beton und M&#xF6;rtel, roch gruftig, obwohl ein leichtes Surren vom Vorhandensein einer Klimaanlage k&#xFC;ndete; akzentfrei erklang es: englisch, fl&#xE4;misch und deutsch; das Ausma&#xDF; grauer Quadern wurde bekannt gegeben, die Breite der r&#xF6;mischen Stra&#xDF;e – dort eine Treppe aus dem zweiten Jahrhundert – ein Thermalbad aus dem vierten – sehen Sie, dort haben gelangweilte Wachtposten sich ein M&#xFC;hlespiel in einen Sandsteinquader geritzt – (wie hatte der Kursleiter gesagt? – ‚immer das Menschliche betonen‘) – hier haben r&#xF6;mische Kinder Murmeln gespielt, beachten Sie bitte die makellose Verfugung der Pflastersteine; eine Abflussrinne: r&#xF6;misches Waschwasser, r&#xF6;misches Sp&#xFC;lwasser war diese graue Rinne hinabgeflossen; die Reste eines kleinen, privaten Venustempels, den der Herr Statthalter sich errichten lie&#xDF;; im Neonlicht das Grinsen der Gef&#xFC;hrten, fl&#xE4;misches, englisches Grinsen – grinsten die drei jungen Deutschen tats&#xE4;chlich nicht? Woher die Tiefe der Fundamente zu erkl&#xE4;ren sei? Nun, der Boden war zur Bauzeit mit ziemlicher Sicherheit noch sumpfig, Grundwasser des Stroms gurgelten gr&#xFC;n um graues Gestein. H&#xF6;ren Sie das Fluchen germanischer Sklaven? Schwei&#xDF; floss &#xFC;ber blonde Brauen in helle Gesichter, von dort in blonde Barte; barbarische M&#xFC;nder formten im Stabreim den Fluch: ‚Rache den ruchlosen R&#xF6;mern wird Wotan aus Wunden erwachsen lassen, wehe, wehe, wehe‘; „Geduld, meine Damen und Herren, nur noch wenige Schritte, hier noch die &#xDC;berreste eines Gerichtsgeb&#xE4;udes, und da sind sie: <emphasis>Die r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;ber</emphasis>.“</p><p>(‚Hier, hatte der Kursleiter gesagt, treten Sie als erste schweigend ins Rund und warten, bevor Sie mit den Erkl&#xE4;rungen beginnen, die erste Welle der Ergriffenheit ab; es ist reine Instinktsache, meine Damen, wie lange Ihr ergriffenes Schweigen hier dauern muss, h&#xE4;ngt wohl auch von der Zusammensetzung der Gruppe ab; lassen Sie sich keinesfalls auf eine Diskussion &#xFC;ber die Tatsache ein, dass es sich ja nicht um r&#xF6;mische Kindergr&#xE4;ber, sondern nur um Grabsteine handelt, die nicht einmal an dieser Stelle gefunden wurden.‘)</p><p>Im Halbrund waren die Grabplatten an graue Mauern gelehnt; &#xFC;berrascht, nachdem die erste Ergriffenheit abgeklungen war, blickten die Besucher nach oben: dunkelblauer Abendhimmel war oberhalb der Neonlampen zu sehen; funkelte da nicht sogar ein fr&#xFC;her Stern oder war es nur das Blinken eines vergoldeten, versilberten Knopfs vom Gel&#xE4;nder, das sich durch den runden Lichtschacht in f&#xFC;nf Windungen sanft nach oben schraubte?</p><p>„Dort, wo die erste Windung beginnt – Sie sehen den wei&#xDF;en Querstrich im Beton? —, lag ungef&#xE4;hr das Stra&#xDF;enniveau zur r&#xF6;mischen Zeit – bei der zweiten Windung – Sie sehen auch dort den wei&#xDF;en Querstrich im Beton, nicht wahr – das mittelalterliche und schlie&#xDF;lich am Beginn der dritten Windung – ich kann mir den Hinweis auf den wei&#xDF;en Querstrich wohl ersparen – das heutige Stra&#xDF;enniveau – und nun, meine Damen und Herren, zu den Inschriften.“</p><p>Ihr Gesicht wurde steinern wie das einer G&#xF6;ttin, leicht winkelte sie den Arm hoch, hielt die Stablampe wie einen Fackelstumpf nach oben</p><cite><p>DURA QUIDEM FRANGIT PARVORUM MORTE PARENTES</p><p>CONDICIO RAPIDO PRAECIPITATA GRADU</p><p>SPES AETERNA TAMEN TRIBUET SOLACIA LUCTUS…</p></cite><p>Ein L&#xE4;cheln zu Ruth hin, der einzigen, die die Ursprache zu w&#xFC;rdigen wusste; eine winzige Bewegung zum Kragen der Tweedjacke, den sie zurechtzupfte; die Stablampe ein wenig gesenkt, bevor sie die &#xDC;bersetzung rezitierte:</p><cite><p>Zwar trifft ein hartes Geschick die Eltern</p><p>mit dem raschen, &#xFC;berst&#xFC;rzt eintretenden Tod der Kleinen,</p><p>doch in der Trauer &#xFC;ber das zarte Alter,</p><p>das nun dem Paradiese geh&#xF6;rt,</p><p>gibt Trost die ewige Hoffnung.</p><p>Sechs Jahre und neun Monate alt birgt dieser Grabh&#xFC;gel dich,</p><p>Desideratus.</p></cite><p>Siebzehn Jahrhunderte alte Trauer fiel in die Gesichter, fiel in die Herzen, l&#xE4;hmte sogar die Kaumuskeln des fl&#xE4;mischen Herrn in mittleren Jahren, er lie&#xDF; den Unterkiefer h&#xE4;ngen, w&#xE4;hrend die Zunge rasch den Kaugummi in einen stillen Winkel bef&#xF6;rderte; Marianne brach in Tr&#xE4;nen aus, Joseph dr&#xFC;ckte ihren Arm. Ruth legte ihr die Hand auf die Schulter, noch immer steinernen Gesichts zitierte die Fremdenf&#xFC;hrerin:</p><p><emphasis>Hard a fate meets with the parents…</emphasis></p><empty-line/><p>Gef&#xE4;hrlich der Augenblick, wenn man aus dunklen Gr&#xFC;ften wieder nach oben stieg, ans Licht, in die Luft, den sommerlichen Abend; wenn uralter Todesschmerz, tief in die Herzen gesenkt, sich mit der Ahnung von Venusmysterien mischte, wenn einsame Touristen den Kaugummi vor den Kassenschalter spuckten und in gebrochenem Deutsch ein Rendezvous zu verabreden versuchten; Tanz im Hotel Prinz Heinrich; Spaziergang, Abendessen – a lonely feeling, Fr&#xE4;ulein; da war man gezwungen, vestalisch zu werden, keinen Flirt anzulegen und jegliche Einladung strikt abzulehnen; nicht anfassen, bitte, nur ansehen; no, Sir, no, no – und sp&#xFC;rte doch selbst den Hauch der Verwesung, sp&#xFC;rte Mitleid mit traurigen Ausl&#xE4;ndern, die kopfsch&#xFC;ttelnd ihren Liebeshunger in jene Gefilde trugen, wo Venus noch herrschte und, des Wechselkurses kundig, ihren Tarif in Dollars und Pfunden, in Gulden, Franken und Mark zu verk&#xFC;nden sich nicht sch&#xE4;mte.</p><p>Da riss der Kassierer die Eintrittskarten von der Rolle, als f&#xFC;hrte die schmale Eingangspforte ins Kino, da blieb einem kaum Zeit, im Personalzimmer rasch ein paar Z&#xFC;ge zu tun, einen Bissen ins belegte Brot, einen Schluck aus der Thermosflasche, und immer wieder die schwierige Entscheidung, ob es sich lohne, den Zigarettenstummel aufzubewahren, oder ob es angebracht sei, ihn mit spitzem Absatz zu t&#xF6;ten; noch einen Zug, noch einen, w&#xE4;hrend die linke Hand den Lippenstift schon aus der Handtasche angelte, w&#xE4;hrend das Herz sich trotzig entschloss, den vestalischen Schwur zu brechen, w&#xE4;hrend der Kassierer den Kopf in die T&#xFC;r steckte: „Kind, Kind, zwei Gruppen warten schon, beeil dich – <emphasis>die r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;ber</emphasis> sind ja fast ein Kassenschlager“, l&#xE4;chelnd an die Barriere getreten, die Frage nach Nationalit&#xE4;t und Muttersprache: vier sprachen Englisch, einer Franz&#xF6;sisch, eine Holl&#xE4;ndisch und diesmal sechs Deutsche; die Stablampe gesenkt wie einen Degen, stieg sie in die dunkle Gruft hinab, von uraltem Liebeskult zu k&#xFC;nden, uralten Todesschmerz zu entziffern.</p><p>Marianne weinte noch, als sie an der Schlange der Wartenden vorbei nach drau&#xDF;en gingen; besch&#xE4;mt wandten wartende Deutsche, Engl&#xE4;nder und Holl&#xE4;nder sich von dem M&#xE4;dchengesicht ab; welch schmerzliches Geheimnis bargen die dunklen Keller dort unten? Wo hatte man je gelesen, dass Kulturdenkm&#xE4;ler Tr&#xE4;nen hervorrufen konnten? F&#xFC;r sechzig Pfennig solch tiefe Bewegung, wie man sie im Kino nur nach sehr schlechten und nach sehr guten Filmen auf einzelnen Gesichtern bemerkte? Konnten Steine tats&#xE4;chlich den einen zu Tr&#xE4;nen r&#xFC;hren, w&#xE4;hrend andere kaltbl&#xFC;tig frischen Kaugummi in ihre M&#xFC;nder schoben, gierig Zigaretten anz&#xFC;ndeten, in ihren Blitzlichtkameras den n&#xE4;chsten Film knipsbereit drehten, das Auge schon sp&#xE4;hend aufs n&#xE4;chste Objekt gerichtet: Giebel eines b&#xFC;rgerlichen Wohnhauses aus dem f&#xFC;nfzehnten Jahrhundert, gleich dem Eingang gegen&#xFC;ber; knips, schon war der Giebel auf chemischer Basis verewigt…</p><p>„Langsam, langsam, meine Herrschaften“, rief der Kassierer von drinnen, „infolge des au&#xDF;erordentlichen Andrangs haben wir uns entschlossen, an einem Rundgang anstatt zw&#xF6;lf f&#xFC;nfzehn Besucher teilnehmen zu lassen; ich darf die n&#xE4;chsten drei Herrschaften bitten – sechzig der Eintritt, einszwanzig der Katalog.“</p><p>Immer noch an der Schlange der Wartenden vorbei, die sich an der Hausmauer entlang bis zur Stra&#xDF;enecke hin aufgestellt hatte; immer noch zeigte Mariannes Gesicht die Tr&#xE4;nen, mit einem L&#xE4;cheln erwiderte sie den heftigen Druck von Josephs Arm, dankte mit einem zweiten L&#xE4;cheln f&#xFC;r Ruths Hand auf der Schulter.</p><p>„Wir m&#xFC;ssen uns beeilen“, sagte Ruth, „es sind nur noch zehn Minuten bis sieben, wir d&#xFC;rfen sie nicht warten lassen.“</p><p>„In zwei Minuten sind wir da“, sagte Joseph, „wir kommen schon p&#xFC;nktlich; M&#xF6;rtel – der Geruch soll mir wohl auch heute nicht erspart bleiben – und Beton; wisst ihr &#xFC;brigens, dass sie diese Entdeckung da unten Vaters Sprengeifer verdanken; als sie die alte Wache wegsprengten, brach unten ein Gew&#xF6;lbe durch und &#xF6;ffnete ihnen den Weg zu den alten Klamotten; es lebe das Dynamit – wie findest du &#xFC;brigens unseren neuen Onkel, Ruth, spricht die Stimme des Blutes zu dir, wenn du ihn siehst?“</p><p>„Nein“, sagte Ruth, „die Stimme des Blutes spricht nicht zu mir, aber ich finde ihn nett; etwas trocken, etwas hilflos – wird er bei uns wohnen?“</p><p>„Wahrscheinlich“, sagte Joseph, „werden wir auch dort wohnen, Marianne?“</p><p>„Du willst in die Stadt ziehen?“</p><p>„Ja“, sagte Joseph, „ich will Statik studieren und in das ehrenwerte Gesch&#xE4;ft meines Vaters eintreten, gef&#xE4;llt dir das nicht?“</p><p>Sie &#xFC;berquerten eine belebte Stra&#xDF;e, gingen in einer stilleren weiter, Marianne blieb vor einem Schaufenster stehen, l&#xF6;ste sich aus Josephs Arm, sch&#xFC;ttelte Ruths Hand ab und betupfte ihr Gesicht mit einem Taschentuch; Ruth strich sich &#xFC;bers Haar, zupfte ihren Pullover zurecht.</p><p>„Ob wir elegant genug sind?“ fragte sie. „Ich m&#xF6;chte Gro&#xDF;vater nicht kr&#xE4;nken.“</p><p>„Ihr seid elegant genug“, sagte Joseph. „Wie gef&#xE4;llt dir mein Plan, Marianne?“</p><p>„Es ist mir nicht gleichg&#xFC;ltig, was du tust“, sagte sie, „Statik zu studieren ist sicher gut, fragt sich, was du mit deinen Kenntnissen anfangen willst.“</p><p>„Bauen oder sprengen, ich wei&#xDF; es noch nicht“, sagte Joseph.</p><p>„Dynamit ist doch sicher veraltet“, sagte Ruth, „es gibt bestimmt bessere Mittel; wei&#xDF;t du noch, wie lustig Vater war, als er noch sprengen durfte? So ernst ist er eigentlich erst, seitdem es nichts mehr zu sprengen gibt… wie findest du ihn, Marianne? Magst du ihn?“</p><p>„Ja“, sagte Marianne, „ich mag ihn sehr; ich hatte ihn mir schlimmer vorgestellt, k&#xE4;lter, und ich hatte fast Angst vor ihm, bevor ich ihn kannte, aber ich glaube, Angst ist das, was man am wenigsten vor ihm zu haben braucht; ihr werdet lachen, aber ich f&#xFC;hle mich gesch&#xFC;tzt in seiner N&#xE4;he.“</p><p>Joseph und Ruth lachten nicht; sie nahmen Marianne in die Mitte und gingen weiter; vor der T&#xFC;r zum Cafe Kroner hielten sie an, die beiden M&#xE4;dchen betrachteten sich noch einmal im Spiegelglas der T&#xFC;r, die innen mit gr&#xFC;ner Seide bespannt war, strichen sich noch einmal &#xFC;bers Haar, bevor Joseph ihnen l&#xE4;chelnd die T&#xFC;r aufhielt.</p><p>„Mein Gott“, sagte Ruth, „habe ich einen Hunger, sicher hat Gro&#xDF;vater uns was Gutes bestellt.“</p><p>Frau Kroner kam mit erhobenen Armen auf sie zu, an gr&#xFC;ngedeckten Tischen vorbei, &#xFC;ber den gr&#xFC;nen L&#xE4;ufer; ihr silbriges Haar war in Unordnung, der Ausdruck ihres Gesichts k&#xFC;ndigte Unheil an, ihre w&#xE4;ssrigen Augen schimmerten feucht, ihre Stimme zitterte in ungespielter Erregung.</p><p>„Sie wissen es also noch nicht?“ fragte sie.</p><p>„Nein“, sagte Joseph, „was?“</p><p>„Es muss etwas Schreckliches passiert sein; Ihre Gro&#xDF;mutter hat die Feier abgesagt – vor wenigen Minuten rief sie an; Sie m&#xF6;chten ins Prinz Heinrich r&#xFC;berkommen, auf Zimmer 212. Ich bin nicht nur tief beunruhigt, sondern auch sehr entt&#xE4;uscht, Herr F&#xE4;hmel, ich w&#xFC;rde sagen beleidigt, wenn ich nicht annehmen m&#xFC;sste, dass gewichtige Gr&#xFC;nde vorliegen; f&#xFC;r einen Kunden, der f&#xFC;nfzig, einundf&#xFC;nfzig Jahre Stammgast ist, hat man nat&#xFC;rlich eine &#xDC;berraschung bereitet, ein Werk – nun, ich werde es Ihnen zeigen; und was soll ich der Presse sagen und dem Rundfunk, die gegen neun hier erscheinen wollen, nach der intimen Feier – was soll ich sagen?“</p><p>„Hat Ihnen meine Gro&#xDF;mutter den Grund nicht genau gesagt?“</p><p>„Unp&#xE4;sslichkeit – muss ich annehmen, dass es die – die chronische, eh – Unp&#xE4;sslichkeit Ihrer Gro&#xDF;mutter ist?“</p><p>„Wir wissen von nichts“, sagte Joseph. „Bitte w&#xFC;rden Sie die Geschenke und Blumen hin&#xFC;berbringen lassen?“</p><p>„Ja, gern, aber wollen nicht Sie sich wenigstens meine &#xDC;berraschung ansehen?“</p><p>Marianne stie&#xDF; ihn an, Ruth l&#xE4;chelte, und Joseph sagte: „Ja gern, Frau Kroner.“</p><p>„Ich war ja noch ein junges Ding“, sagte Frau Kroner, „als Ihr Gro&#xDF;vater in die Stadt kam, gerade vierzehn, und tat damals Dienst hier vorn am K&#xFC;chenb&#xFC;fett; sp&#xE4;ter hab ich servieren gelernt, und was glauben Sie, wie oft ich ihm morgens den Fr&#xFC;hst&#xFC;ckstisch gedeckt habe – wie oft ich den Eierbecher wegnahm und ihm die Marmelade hinschob, und wenn ich mich dann vorbeugte, um den K&#xE4;seteller wegzunehmen, warf ich einen Blick auf den Zeichenblock; mein Gott, man nimmt doch Anteil am Leben seiner Kunden, glauben Sie nicht, dass wir Gesch&#xE4;ftsleute so gef&#xFC;hllos sind – und denken Sie, ich h&#xE4;tte vergessen, wie er damals &#xFC;ber Nacht ber&#xFC;hmt geworden ist und den gro&#xDF;en Auftrag bekam; vielleicht denken die Kunden: man geht ins Cafe Kroner, bestellt sich was, zahlt und geht; aber glauben Sie doch nicht, dass so ein Schicksal spurlos an einem vor&#xFC;bergeht…“</p><p>„Ja, nat&#xFC;rlich“, sagte Joseph.</p><p>„Oh, ich wei&#xDF;, was Sie denken: die Alte soll uns doch verschonen, aber ist es zuviel verlangt, wenn ich Sie bitte, sich meine &#xDC;berraschung einmal anzusehen und Ihrem Gro&#xDF;vater auszurichten, dass ich mich freuen w&#xFC;rde, wenn er k&#xE4;me und es sich ans&#xE4;he? F&#xFC;r die Zeitung ist es schon fotografiert worden.“</p><p>Sie gingen langsam hinter Frau Kroner her, &#xFC;ber den gr&#xFC;nen L&#xE4;ufer zwischen den gr&#xFC;ngedeckten Tischen dahin, blieben stehen, als Frau Kroner stehenblieb, und verteilten sich unwillk&#xFC;rlich um den gro&#xDF;en viereckigen Tisch, der mit einem Leinentuch bedeckt war; das Tuch verh&#xFC;llte etwas, das von ungleichm&#xE4;&#xDF;iger H&#xF6;he zu sein schien.</p><p>„Es trifft sich gut“, sagte Frau Kroner, „dass wir zu vieren sind; darf ich Sie bitten, je eine Ecke des Tuchs in die Hand zu nehmen und, wenn ich ‚hoch‘ sagte, es gleichm&#xE4;&#xDF;ig hochzuheben.“</p><p>Marianne schob Ruth auf die noch unbesetzte linke Ecke zu; sie nahmen jeder ein Ende des Tuchs in die Hand. „Hoch“, sagte Frau Kroner, und sie hoben das Tuch hoch; die beiden M&#xE4;dchen kamen her&#xFC;ber, legten die Ecken &#xFC;bereinander, und Frau Kroner faltete das Tuch sorgf&#xE4;ltig zusammen.</p><p>„Mein Gott“, sagte Marianne, „das ist ja ein naturgetreues Modell von Sankt Anton.“</p><p>„Nicht wahr?“ sagte Frau Kroner, „sehen Sie hier: nicht einmal das Mosaik &#xFC;ber dem Haupteingang haben wir vergessen – und da der Weingarten.“</p><p>Das Modell war nicht nur ma&#xDF;stab – , es war auch farbgerecht: dunkel die Kirche, hell die Wirtschaftsgeb&#xE4;ude, rot das Dach des Pilgerhauses, bunt die Fenster des Refektoriums.</p><p>„Und das Ganze“, sagte Frau Kroner, „ist nicht Zuckerwerk oder Marzipan, sondern Kuchen; unser Geburtstagsgeschenk f&#xFC;r den Herrn Geheimrat – das ist feinster Baumkuchenteig. Glauben Sie nicht, dass Ihr Gro&#xDF;vater eben her&#xFC;berkommen und es sich anschauen k&#xF6;nnte, bevor wir es ihm ins Atelier bringen?“</p><p>„Bestimmt“, sagte Joseph, „er wird her&#xFC;berkommen und es sich anschauen; darf ich Ihnen zun&#xE4;chst in seinem Namen danken; es m&#xFC;ssen ernste Gr&#xFC;nde sein, die ihn veranlasst haben, die Feier abzusagen, und Sie werden verstehen…“</p><p>„Ich verstehe durchaus, dass Sie jetzt gehen m&#xFC;ssen – nein, bitte, breiten Sie das Tuch nicht wieder dr&#xFC;ber, Fr&#xE4;ulein – das Fernsehen hat sich angesagt.“</p><p>„Eins m&#xF6;chte ich jetzt k&#xF6;nnen“, sagte Joseph, als sie &#xFC;ber den Platz vor Sankt Severin gingen, „lachen oder weinen, aber ich kann beides nicht.“</p><p>„Ich wei&#xDF; nur, was ich eher k&#xF6;nnte: weinen“, sagte Ruth, „aber ich tu’s nicht. Was sind das f&#xFC;r Leute? Was ist das f&#xFC;r ein Trubel – was machen sie mit den Fackeln?“</p><p>L&#xE4;rm herrschte, Pferdegetrappel, Wiehern ert&#xF6;nte, kommandogewohnte Stimmen forderten zum Sammeln auf, Blasinstrumente gaben letzte Probet&#xF6;ne ab; ein nicht sehr lautes, spr&#xF6;des kleines Ger&#xE4;usch brach in den L&#xE4;rm wie etwas sehr Fremdes ein.</p><p>„Mein Gott“, sagte Marianne &#xE4;ngstlich, „was war das?“</p><p>„Das war ein Schuss“, sagte Joseph.</p><empty-line/><p>Sie erschrak, als sie durchs Stadttor in die Modestgasse kam; die Gasse war leer; keine Lehrjungen, keine Nonnen, keine Lastwagen, kein Leben auf der Stra&#xDF;e; nur der wei&#xDF;e Kittel von Frau Gretz da hinten vor dem Laden, rosige Arme schoben mit dem Schrubber Seifenschaum vor sich her; fest verschlossen war das Druckereitor, als w&#xFC;rde in alle Ewigkeit nie mehr Erbauliches auf wei&#xDF;es Papier gedruckt; mit gespreizten L&#xE4;ufen, die Wunde in der Flanke schwarz verkrustet, lag der Keiler auf der Treppe, wurde langsam ins Innere des Ladens gezogen; Gretzens rotes Gesicht zeigte an, wie schwer das Tier war; nur zwei von drei Klingeln hatten geantwortet, nicht im Haus Numero sieben, nicht im Haus Numero acht, nur im Cafe Kroner. „Dringend Herr Dr. F&#xE4;hmel?“ „Nicht anwesend. Die Feier ist abgesagt. Fr&#xE4;ulein Leonore? Man erwartet Sie im Hotel Prinz Heinrich.“</p><p>Heftig hatte der Eilbote bei ihr geklingelt, w&#xE4;hrend sie im Bad sa&#xDF;; das wilde Ger&#xE4;usch verhie&#xDF; nichts Gutes, sie stieg aus dem Bad, warf den Bademantel &#xFC;ber, wickelte sich ein Handtuch ums nasse Haar, ging zur T&#xFC;r und nahm den Eilbrief in Empfang; mit seinem gelben Stift hatte Schrit die Adresse geschrieben, den Umschlag rot &#xFC;berkreuzt, und gewiss war seine achtzehnj&#xE4;hrige Tochter mit dem Fahrrad zur Post gehetzt worden; dringend.</p><p>‚Liebes Fr&#xE4;ulein Leonore, versuchen Sie sofort Herrn F&#xE4;hmel zu erreichen; die gesamten statischen Berechnungen f&#xFC;r das Bauvorhaben x 5 sind falsch; Herr Kanders, mit dem ich soeben telefonierte, hat au&#xDF;erdem noch die – falschen – Unterlagen direkt an den Auftraggeber gesandt, im Gegensatz zu unseren &#xFC;blichen Usancen; die Sache ist so dringend, dass ich heute abend noch mit dem D-Zug herunterkomme, falls ich bis 20 Uhr nicht Bescheid von Ihnen habe, dass in der Angelegenheit etwas unternommen worden ist; wie umfangreich und wichtig das Bauvorhaben x 5 ist, brauche ich Ihnen gewiss nicht mitzuteilen. Herzlich Ihr Schrit.‘</p><empty-line/><p>Zweimal schon war sie am Hotel Prinz Heinrich vorbei, wieder zur&#xFC;ckgegangen, bis kurz vor Gretzens Laden in die Modestgasse hinein, war wieder umgekehrt; sie hatte Angst vor dem Krach, den es geben w&#xFC;rde; der Samstag war ihm heilig, er duldete St&#xF6;rungen nur, wenn es um etwas Privates ging, aber Gesch&#xE4;ftliches duldete er am Samstag nicht; noch klang ihr das ‚Dumme St&#xFC;ck‘ im Ohr; noch war es nicht sieben und Schrit in wenigen Minuten telefonisch erreichbar; es war gut, dass der Alte die Feier abgesagt hatte; Robert F&#xE4;hmel essen oder trinken zu sehen, w&#xE4;re ihr wie eine Entweihung vorgekommen; &#xE4;ngstlich dachte sie an das Bauvorhaben x 5; das war nichts Privates, war auch nicht ‚Haus f&#xFC;r einen Verleger am Waldrand‘, nicht ‚Haus f&#xFC;r einen Lehrer am Flussufer‘; x 5 – sie wagte kaum, es zu denken, so geheim war’s, lag tief im Stahlschrank; ihr stockte der Atem, hatte er nicht sogar mit Kanders fast eine Viertelstunde deswegen telefoniert? Sie hatte Angst.</p><p>Immer noch zerrte Gretz an dem Keiler herum, bekam das gewaltige Tier nur ruckweise &#xFC;ber die Treppe; ein Bote mit einem riesigen Blumenkorb klingelte am Druckereitor, der Pf&#xF6;rtner erschien, nahm den Blumenkorb in Empfang, schloss das Tor wieder; entt&#xE4;uscht blickte der Bote auf das Trinkgeld in seiner flachen Hand; ‚ich werde es ihm sagen‘, dachte sie, ‚dem netten Alten, dass man seiner Anweisung, jedem Boten zwei Mark Trinkgeld zu geben, offenbar nicht folgt; es gl&#xE4;nzte nicht von Silber in des Boten Hand, nur von mattem Kupfer.‘</p><p>Mut, Leonore! Mut, die Z&#xE4;hne zusammengebissen, &#xFC;berwinde deine Angst und geh ins Hotel. Sie dr&#xFC;ckte sich noch einmal um die Ecke, ein M&#xE4;dchen mit einem Fresskorb trat ins Druckereitor; gleichfalls blickte es auf seine flache Hand; ‚verfluchter Schuft von Portier‘, dachte Leonore, ‚das werd ich Herrn F&#xE4;hmel aber sagen.‘</p><p>Noch zehn Minuten bis sieben; ins Cafe Kroner eingeladen, aber zum Hotel Prinz Heinrich bestellt, und sie w&#xFC;rde mit gesch&#xE4;ftlichen Botschaften kommen, die er am heiligen Samstag hasste; w&#xFC;rde x 5 ihn veranlassen, ausnahmsweise anders zu reagieren? Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf, als sie mit blindem Mut endlich die T&#xFC;r aufstie&#xDF;, erschrocken sp&#xFC;rte, dass die T&#xFC;r von innen aufgehalten wurde.</p><p>Kind, Kind, auch bei dir werde ich mir eine private Bemerkung gestatten; komm nur n&#xE4;her, hoffentlich ist die Ursache deiner Sch&#xFC;chternheit nicht im Zweck, sondern nur in der Tatsache deines Hierseins zu suchen; ich hab schon viele junge M&#xE4;dchen hier reinkommen sehen, aber so was wie dich noch nicht; du geh&#xF6;rst nicht hierher, es gibt gegenw&#xE4;rtig nur einen einzigen Kunden im Haus, zu dem ich dich lassen werde, ohne mir eine private Bemerkung zu gestatten: den F&#xE4;hmel; ich k&#xF6;nnte dein Gro&#xDF;vater sein, und du wirst mir eine private Bemerkung nicht &#xFC;belnehmen: was suchst du in dieser R&#xE4;uberh&#xF6;hle; streu Brotbrocken aus, damit du den R&#xFC;ckweg findest; Kind, du hast dich verirrt: wer beruflich hier zu tun hat, sieht anders aus als du, und wer privat hier zu tun hat, erst recht; tritt nur n&#xE4;her. „Dr. F&#xE4;hmel? Ja, Sekret&#xE4;rin? Dringend – warten Sie, Fr&#xE4;ulein, ich lass ihn ans Telefon rufen… Hoffentlich wird Sie der L&#xE4;rm da drau&#xDF;en nicht st&#xF6;ren.“</p><p>„Leonore? Ich freue mich, dass mein Vater Sie eingeladen hat, und entschuldigen Sie bitte, was ich heute morgen gesagt habe, Leonore, ja? Mein Vater erwartet Sie auf Zimmer 212. Ein Brief von Herrn Schrit? Alle Unterlagen f&#xFC;r x 5 falsch errechnet? Ja, ich werde mich drum k&#xFC;mmern, Schrit anrufen. Jedenfalls danke, Leonore, und bis nachher.“</p><p>Sie legte den H&#xF6;rer auf, ging auf den Portier zu, &#xF6;ffnete schon den Mund, um nach dem Weg zu F&#xE4;hmels Zimmer zu fragen, als ein fremdes, nicht sehr lautes, spr&#xF6;des Ger&#xE4;usch sie erschreckte.</p><p>„Mein Gott“, sagte sie, „was war das?“</p><p>„Das war ein Pistolenschuss, mein Kind“, sagte Jochen.</p><empty-line/><p>Rot &#xFC;ber gr&#xFC;n, wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n; Hugo stand an die wei&#xDF;lackierte T&#xFC;rf&#xFC;llung gelehnt, hatte die H&#xE4;nde auf dem R&#xFC;cken gekreuzt; die Figuren erschienen ihm weniger pr&#xE4;zis, der Rhythmus der Kugeln gest&#xF6;rt; waren es nicht dieselben Kugeln, derselbe Tisch, bestes Fabrikat, st&#xE4;ndig aufs beste gepflegt? Und war F&#xE4;hmels Hand nicht noch leichter geworden, seine St&#xF6;&#xDF;e nicht noch genauer, wenn er eine Figur aus dem gr&#xFC;nen Nichts schlug? Und doch erschien es Hugo, als w&#xE4;re der Rhythmus der Kugeln gest&#xF6;rt, die Pr&#xE4;zision der Figuren geringer; war es Schrella, der die st&#xE4;ndige Gegenw&#xE4;rtigkeit der Zeit mitgebracht, den Zauber gel&#xF6;st hatte: das war hier, das war heute, war achtzehnuhrvierundvierzig, am Samstag, den sechsten September 1958; da wurde man nicht drei&#xDF;ig Jahre zur&#xFC;ck, vier vor, wieder vierzig zur&#xFC;ck und dann in die Gegenwart geworfen; das war st&#xE4;ndige Gegenwart, die der Sekundenzeiger vor sich herschob: hier, heute, jetzt, w&#xE4;hrend die Unruhe aus dem Speisesaal her&#xFC;berdrang: ‚Zahlen, Ober, zahlen‘; alles dr&#xE4;ngte zum Aufbruch, zum Feuerwerk, an die Fenster, den Aufmarsch zu sehen; dr&#xE4;ngte zu den r&#xF6;mischen Kindergr&#xE4;bern; sind die Blitzlichter wirklich in Ordnung? ‚Wussten Sie nicht, dass M. Minister bedeutet?‘ ‚Schick, nicht wahr?‘ ‚Zahlen, Ober, zahlen.‘</p><p>Uhren schlugen nicht vergebens, Zeiger bewegten sich nicht vergebens: sie h&#xE4;uften Minute auf Minute, addierten sie zu viertel und halben Stunden und w&#xFC;rden auf Jahr und Stunde und Sekunde genau abrechnen, klang nicht im Rhythmus der Kugeln die Frage: ‚Robert, wo bist du; Robert, wo warst du; Robert, wo bist du gewesen?‘ Und gab Robert nicht mit seinen St&#xF6;&#xDF;en die Frage zur&#xFC;ck: ‚Schrella, wo bist du; Schrella, wo warst du; Schrella, wo bist du gewesen?‘ War dieses Spiel nicht eine Art Gebetsm&#xFC;hle, eine mit St&#xF6;cken und Kugeln &#xFC;ber gr&#xFC;nem Filz geschlagene Litanei? <emphasis>Wozuwozuwozu</emphasis> und <emphasis>Erbarme dich unser</emphasis>! <emphasis>Erbarme dich unser</emphasis>! Schrella l&#xE4;chelte jedesmal, sch&#xFC;ttelte den Kopf, wenn er vom Rand zur&#xFC;cktrat und Robert die von den Kugeln gebildete Figur &#xFC;berlie&#xDF;. Unwillk&#xFC;rlich sch&#xFC;ttelte auch Hugo nach jedem Sto&#xDF; den Kopf: verflogen der Zauber, geringer die Pr&#xE4;zision, gest&#xF6;rt der Rhythmus, w&#xE4;hrend die Uhr so genau das <emphasis>Wann?</emphasis> beantwortete: achtzehnuhreinundf&#xFC;nfzig am 6. September 1958.</p><p>„Ach“, sagte Robert, „lassen wir’s doch, wir sind nicht mehr in Amsterdam.“</p><p>„Ja“, sagte Schrella, „lassen wir’s, du hast recht. Brauchen wir den Jungen noch?“</p><p>„Ja“, sagte Robert, „ich brauche ihn noch, oder m&#xF6;chtest du lieber gehen, Hugo? Nein? Bitte bleib, stell die St&#xF6;cke in den St&#xE4;nder, schlie&#xDF; die Kugeln weg, und hol uns was zu trinken – nein, bleib, mein Sohn; ich wollte dir noch was zeigen: sieh hier, ein ganzes Paket von Papieren, durch Stempel und Unterschriften sind sie zu Dokumenten geworden, nur eins fehlt noch, Hugo: deine Unterschrift unter dieses Papier – wenn du sie druntersetzt, wirst du mein Sohn sein! Hast du dir meine Mutter und meinen Vater oben angesehen, als du ihnen den Wein brachtest; sie werden deine Gro&#xDF;eltern sein, Schrella dein Onkel, Ruth und Marianne Schwestern und Joseph dein Bruder; du wirst der Sohn, den Edith mir nicht mehr schenken konnte; was wird der Alte sagen, wenn ich ihm zum Geburtstag einen neuen Enkel vorstelle, der Ediths L&#xE4;cheln auf dem Gesicht tr&#xE4;gt?… Ob ich den Jungen noch brauche, Schrella? Wir brauchen ihn und w&#xE4;ren froh, wenn er uns brauchte; besser noch: er fehlt uns… h&#xF6;rst du, Hugo, du fehlst uns. Du kannst nicht Ferdis Sohn sein und bist doch von seinem Geiste… Sei still, Junge, weine nicht, geh auf dein Zimmer und lies dir das durch; sei vorsichtig, wenn du durch die Flure gehst, Vorsicht, mein Sohn!“</p><p>Schrella zog den Vorhang auf, blickte auf den Platz drau&#xDF;en; Robert hielt ihm die Zigarettenschachtel hin, Schrella gab Feuer; sie rauchten beide.</p><p>„Hast du das Hotelzimmer noch nicht ger&#xE4;umt?“ – „Nein.“</p><p>„Willst du nicht bei uns wohnen?“</p><p>„Ich wei&#xDF; noch nicht“, sagte Schrella, „ich habe Angst vor H&#xE4;usern, in denen man sich einrichtet und sich von der banalen Tatsache &#xFC;berzeugen l&#xE4;sst, dass das Leben weitergeht und die Zeit einen vers&#xF6;hnt; Ferdi w&#xFC;rde nur eine Erinnerung sein, mein Vater nur ein Traum, und doch haben sie Ferdi hier get&#xF6;tet, und sein Vater ist von hier spurlos verschwunden; die Erinnerung an die beiden ist nicht einmal in den Listen irgendeiner politischen Gruppe enthalten, denn sie trieben keine Politik; nicht einmal in den Trauerges&#xE4;ngen der j&#xFC;dischen Gemeinde wird ihrer gedacht, sie waren keine Juden; vielleicht lebt Ferdi wenigstens in den Gerichtsakten; nur wir beide denken an ihn, Robert, deine Eltern, und dieser alte Portier da unten – deine Kinder schon nicht mehr; ich kann in dieser Stadt nicht leben, weil sie mir nicht fremd genug ist, ich bin hier geboren, bin zur Schule gegangen; ich wollte die Gruffelstra&#xDF;e aus ihrem Bann erl&#xF6;sen, ich trug das Wort in mir, das ich nie aussprach, Robert, auch im Gespr&#xE4;ch mit dir noch nie, das einzige, von dem ich mir f&#xFC;r diese Welt etwas verspreche – ich werde es auch jetzt nicht aussprechen; vielleicht werde ich es dir am Bahnhof sagen k&#xF6;nnen, wenn du mich an den Zug bringst.“</p><p>„Du willst heute noch fahren?“ fragte Robert.</p><p>„Nein, nein, nicht heute, das Hotelzimmer ist genau das richtige: wenn ich die T&#xFC;r hinter mir schlie&#xDF;e, ist diese Stadt mir so fremd wie alle anderen. Ich kann mir dort denken, dass ich bald aufbrechen muss, um irgendwo meinen Sprachunterricht zu geben, in einer Schulklasse, wo ich Rechenaufgaben von der Tafel abwische, um mit Kreide daran zu schreiben: ‚Ich binde, ich band, ich habe gebunden, ich werde binden, ich hatte gebunden – du bindest, du bandest‘; ich liebe die Grammatik, wie ich Gedichte liebe. Vielleicht glaubst du, ich m&#xF6;chte nicht hier leben, weil ich keine politische Chance f&#xFC;r dieses Land sehe, ich glaube eher, dass ich hier nicht leben k&#xF6;nnte, weil ich immer vollkommen unpolitisch war und es noch bin“ – er deutete auf den Platz drau&#xDF;en und lachte – , „es sind nicht die da unten, die mich abschrecken; ja, ja, ich wei&#xDF; alles und ich seh sie da unten, Robert: Nettlinger, Wakiera; ich habe nicht Angst, weil es die da unten gibt, sondern weil es die anderen nicht gibt; welche? Die, die das Wort manchmal denken, meinetwegen nur fl&#xFC;stern; ich hab’s mal von einem alten Mann in Hyde Park geh&#xF6;rt, Robert: Wenn ihr an ihn glaubt, warum tut ihr nicht, was er befohlen hat? Dumm, nicht wahr, unrealistisch, Robert? Weide meine L&#xE4;mmer, Robert aber sie z&#xFC;chten nur W&#xF6;lfe. Was habt ihr aus dem Krieg mit nach Hause gebracht, Robert? Dynamit? Ein herrliches Zeug zum Spielen, ich verstehe deine Leidenschaft gut, Hass auf die Welt, in der f&#xFC;r Ferdi und Edith kein Platz war, kein Platz f&#xFC;r meinen Vater und f&#xFC;r Groll und f&#xFC;r den Jungen, dessen Namen wir nie erfahren haben, nicht f&#xFC;r den – Polen, der gegen Wakiera die Hand erhob. Du sammelst also statische Unterlagen, wie andere Barockmadonnen sammeln, schaffst dir eine Kartei aus Formeln, und auch mein Neffe, Ediths Sohn, ist des M&#xF6;rtelgeruchs &#xFC;berdr&#xFC;ssig, sucht die Formel f&#xFC;r die Zukunft anderswo als im geflickten Gem&#xE4;uer von Sankt Anton. Was wird er finden? Wirst du ihm die Formel geben k&#xF6;nnen? Wird er sie im Gesicht seines neuen Bruders finden, dessen Vater du werden willst? Du hast recht, Robert, man <emphasis>ist</emphasis> nicht Vater, sondern <emphasis>wird</emphasis> es; die Stimme des Blutes ist erlogen, einzig die andere ist wahr – das ist der Grund, weshalb ich nicht geheiratet habe, ich hatte nicht den Mut, darauf zu vertrauen, dass ich Vater werden w&#xFC;rde, ich h&#xE4;tte es nicht ertragen k&#xF6;nnen, wenn meine Kinder mir so fremd geworden w&#xE4;ren, wie Otto deinen Eltern war; nicht einmal der Gedanke an meine Mutter und meinen Vater gab mir genug Mut, und du wei&#xDF;t noch nicht, was Joseph und Ruth einmal werden, von welchem Sakrament sie kosten – nicht einmal bei Kindern von Edith und dir bist du sicher; nein, nein, Robert, du wirst verstehen, dass ich nicht mein Hotelzimmer r&#xE4;ume und mich ansiedle in dem Haus, in dem Otto gelebt hat und Edith gestorben ist, ich k&#xF6;nnte es nicht ertragen, jeden Tag den Briefkasten zu sehen, in den der Junge deine Zettelchen geworfen hat – ist es noch der alte Briefkasten?“</p><p>„Nein“, sagte Robert, „die ganze T&#xFC;r ist erneuert worden, sie war von Bombensplittern durchsiebt – nur das Pflaster ist das alte – seine F&#xFC;&#xDF;e haben es ber&#xFC;hrt.“</p><p>„Du denkst daran, wenn du dar&#xFC;ber gehst?“</p><p>„Ja“, sagte Robert, „ich denke daran, und vielleicht ist es einer der Gr&#xFC;nde, weshalb ich statische Formeln sammle – warum bist du nicht fr&#xFC;her zur&#xFC;ckgekommen?“</p><p>„Weil ich Angst hatte, die Stadt k&#xF6;nnte mir nicht fremd genug sein; zweiundzwanzig Jahre bilden ein gutes Polster, und was wir uns zu sagen haben, Robert, findet es nicht auf Postkarten Platz? Ich w&#xFC;rde gern in deiner N&#xE4;he sein, aber nicht hier; ich habe Angst, und die Menschen, die ich vorfinde – t&#xE4;usche ich mich, wenn ich sie nicht weniger schlimm finde als die, die ich damals verlie&#xDF;?“</p><p>„Wahrscheinlich t&#xE4;uschst du dich nicht.“</p><p>„Was ist aus so Leuten wie Enders geworden? Erinnerst du dich an ihn, den Rothaarigen? Er war nett, sicher kein Gewaltmensch. Was haben Leute wie er im Krieg gemacht, und was machen sie heute?“</p><p>„Vielleicht untersch&#xE4;tzt du Enders; er war nicht nur nett, er war – nun, er hat nie vom Sakrament des B&#xFC;ffels gekostet, warum es nicht so einfach sagen, wie Edith es sagte? Enders ist Priester geworden; er hat nach dem Krieg ein paar Predigten gehalten, die mir unvergesslich sind; es w&#xFC;rde schlecht klingen, wenn ich seine Worte wiederholte, aber wenn er sie sagte, klang es gut.“</p><p>„Was macht er jetzt?“</p><p>„Sie haben ihn in ein Dorf gesteckt, das nicht einmal Bahnanschluss hat; da predigt er &#xFC;ber die K&#xF6;pfe der Bauern, die K&#xF6;pfe der Schulkinder hinweg; sie hassen ihn nicht, verstehen ihn einfach nicht, verehren ihn sogar auf ihre Weise wie einen liebensw&#xFC;rdigen Narren; sagt er ihnen wirklich, dass alle Menschen Br&#xFC;der sind? Sie wissen es besser und denken wohl heimlich: ‚Ist er nicht doch ein Kommunist?‘ Mehr f&#xE4;llt ihnen dann nicht ein; die Anzahl der Schablonen hat sich verringert, Schrella; niemand w&#xE4;re auf die Idee gekommen, deinen Vater f&#xFC;r einen Kommunisten zu halten, nicht einmal Nettlinger war so dumm – heute w&#xFC;rden sie deinen Vater nicht anders einordnen k&#xF6;nnen. Enders w&#xFC;rde die L&#xE4;mmer weiden, aber man gibt ihm nur B&#xF6;cke; er ist verd&#xE4;chtig, weil er die Bergpredigt so oft zum Gegenstand seiner Predigten macht; vielleicht wird man eines Tages entdecken, dass sie ein Einschiebsel ist, und wird sie streichen – wir wollen Enders besuchen, Schrella, und wenn wir mit dem Abendbus zur Bahnstation zur&#xFC;ckfahren, werden wir mehr Verzweiflung als Trost mit zur&#xFC;cknehmen; der Mond ist mir vertrauter als dieses Dorf – wir werden ihn besuchen, Barmherzigkeit &#xFC;ben; man soll die Gefangenen besuchen – wie kamst du gerade auf Enders?“</p><p>„Ich dachte dar&#xFC;ber nach, wen ich wohl wiedersehen m&#xF6;chte, du vergisst, dass ich von der Schule weg verschwinden musste, aber ich habe Angst vor Begegnungen, seitdem ich Ferdis Schwester gesehen habe.“ – „Du hast Ferdis Schwester gesehen?“</p><p>„Ja, sie hat die Limonadebude an der Endstation der Elf. Bist du nie dort gewesen?“</p><p>„Nein, ich habe Angst, die Gruffelstra&#xDF;e k&#xF6;nnte mir fremd sein.“</p><p>„Sie war f&#xFC;r mich fremder als alle Stra&#xDF;en in der Welt – geh nicht hin, Robert. Sind Trischlers wirklich tot?“</p><p>„Ja“, sagte Robert, „auch Alois; sie sind mit der ‚Anna Katharina‘ gesunken, Trischlers wohnten schon lange nicht mehr am Hafen; als die Br&#xFC;cke gebaut wurde, mussten sie dort weg, und die Mietwohnung in der Stadt war nichts f&#xFC;r die beiden, sie brauchten Wasser und Schiffe; Alois wollte sie auf der ‚Anna Katharina‘ zu Freunden nach Holland bringen – der Kahn wurde bombardiert, Alois wollte seine Eltern aus den Kojen holen, aber es war zu sp&#xE4;t – das Wasser schlug schon von oben rein, und sie kamen nicht mehr raus; es hat lange gedauert, bis ich ihre Spur gefunden habe.“</p><p>„Wo hast du’s erfahren?“</p><p>„Im Anker, ich bin jeden Tag dorthin gegangen und habe alle Schiffer gefragt – bis ich einen fand, der wusste, was mit der ‚Anna Katharina‘ passiert ist.“</p><p>Schrella zog den Vorhang zu, ging zum Tisch und dr&#xFC;ckte seine Zigarette im Aschenbecher aus. Robert folgte ihm.</p><p>„Ich glaube“, sagte er, „wir m&#xFC;ssen jetzt zu meinen Eltern rauf – oder m&#xF6;chtest du lieber nicht zur Feier?“</p><p>„Nein“, sagte Schrella, „ich geh mit, aber wollen wir nicht auf den Jungen warten? Was macht eigentlich so einer wie Schweugel?“</p><p>„Interessiert es dich wirklich?“</p><p>„Ja, warum fragst du, ob es mich wirklich interessiert?“</p><p>„Hast du in deinen Hotelzimmern und Pensionen an Enders und Schweugel gedacht?“</p><p>„Ja, und an Grewe und Holten – sie waren die einzigen, die nicht mitmachten, wenn sie mich auf dem Heimweg &#xFC;berfielen – auch Drischka machte nicht mit… was machen sie, leben sie noch?“</p><p>„Holten ist tot, gefallen“, sagte Robert, „aber Schweugel lebt noch; er ist Schriftsteller, und ich lasse mich von Ruth verleugnen, wenn er mal abends anruft oder an der Haust&#xFC;r klingelt; ich finde ihn so unertr&#xE4;glich wie unergiebig; ich langweile mich einfach mit ihm; er redet immer von b&#xFC;rgerlich und nichtb&#xFC;rgerlich, und wahrscheinlich h&#xE4;lt er sich f&#xFC;r das letztere – was soll’s? Es interessiert mich einfach nicht; er hat mich auch schon mal nach dir gefragt.“</p><p>„Ach, und was ist aus Grewe geworden?“</p><p>„Er ist Parteimensch, aber frag mich nicht in welcher Partei; es ist auch unwichtig, das zu wissen. Und Drischka fabriziert ‚Drischkas Autol&#xF6;wen‘, einen Markenartikel, der ihm sehr viel Geld einbringt. Du wei&#xDF;t noch nicht, was ein Autol&#xF6;we ist? Nun, wenn du ein paar Tage bleibst, wirst du es wissen; wer etwas auf sich h&#xE4;lt, hat einen von Drischkas L&#xF6;wen hinten im Auto auf der Fensterbank liegen – und du wirst in diesem Lande kaum jemand finden, der nichts auf sich h&#xE4;lt… Das wird ihnen schon eingebleut, was auf sich zu halten; sie haben aus dem Krieg manches mitgebracht, die Erinnerung an Schmerz und Opfer, aber heute halten sie was auf sich – hast du nicht die Leute da unten in der Halle gesehen? Sie gingen zu drei verschiedenen Banketten: zu einem Bankett der linken Opposition, zu einem Bankett der Gemeinn&#xFC;tzigsten aller Gemeinn&#xFC;tzigen und zu einem Bankett der rechten Opposition – aber du m&#xFC;sstest schon ein Genie sein, wenn du herausfinden wolltest, wer von ihnen zu welchem Bankett geht.“</p><p>„Ja“, sagte Schrella, „ich habe dort unten gesessen und auf dich gewartet, da sammelten sich gerade die ersten Teilnehmer, und ich h&#xF6;rte was von Opposition; als erste kamen die Harmlosen, das Fu&#xDF;volk der Demokratie, Geschaftlhuber von der Sorte, die man <emphasis>gar nicht so &#xFC;bel</emphasis> nennt; sie sprachen &#xFC;ber Automarken und Wochenendh&#xE4;user und teilten einander mit, dass die franz&#xF6;sische Riviera anfange modern zu werden, gerade weil sie &#xFC;berlaufen sei, und dass es – allen entgegengesetzten Prognosen zum Trotz – jetzt anfange bei Intellektuellen Mode zu werden, mit Reisegesellschaften zu fahren. Nennt man das hierzulande reziproken Snobismus oder Dialektik? Du musst mich &#xFC;ber solche Dinge aufkl&#xE4;ren; ein englischer Snob w&#xFC;rde dir sagen: ‚Wenn Sie mir zehn Zigaretten geben, verkaufe ich Ihnen meine Gro&#xDF;mutter‘ – die hier w&#xFC;rden dir tats&#xE4;chlich f&#xFC;r nur f&#xFC;nf Zigaretten ihre Gro&#xDF;mutter verkaufen; sie nehmen n&#xE4;mlich auch ihren Snobismus ernst; sp&#xE4;ter sprachen sie &#xFC;ber Schulen, die einen waren f&#xFC;rs Humanistische, die anderen waren dagegen; na sch&#xF6;n. Ich lauschte, weil ich so gern etwas von wirklichen Sorgen erfahren h&#xE4;tte; immer wieder fl&#xFC;sterten sie einander ehrf&#xFC;rchtig den Namen des Stars zu, den sie an diesem Abend erwarteten. Kretz – hast du den Namen schon mal geh&#xF6;rt?“</p><p>„Kretz“, sagte Robert, „ist sozusagen ein Star der Opposition.“</p><p>„Das Wort ‚Opposition‘ h&#xF6;rte ich immer wieder, aber aus ihrem Gespr&#xE4;ch wurde mir nicht klar, wem ihre Opposition gilt.“</p><p>„Wenn sie auf Kretz warteten, m&#xFC;ssen sie von der Linken gewesen sein.“</p><p>„Ich habe wohl recht geh&#xF6;rt: dieser Kretz ist eine Art Ber&#xFC;hmtheit, das, was man eine Hoffnung nennt?“</p><p>„Ja“, sagte Robert, „sie versprechen sich viel von ihm.“</p><p>„Ich habe ihn gesehen“, sagte Schrella, „er kam als letzter; wenn der eine Hoffnung ist, m&#xF6;chte ich wissen, was eine Verzweiflung sein k&#xF6;nnte…; ich glaube, wenn ich mal jemand umbringen w&#xFC;rde, dann ihn. Seid ihr denn alle blind? Der ist nat&#xFC;rlich klug und gebildet, zitiert dir den Herodot<a l:href="#n_55" type="note">[55]</a> im Original, und das klingt in den Ohren dieses Fu&#xDF;volks, das seinen Bildungsfimmel nie los wird, nat&#xFC;rlich wie g&#xF6;ttliche Musik; aber ich hoffe, Robert, du w&#xFC;rdest deine Tochter oder deinen Sohn nicht eine Minute mit diesem Kretz allein lassen; der wei&#xDF; vor Snobismus ja gar nicht mehr, welches Geschlecht er hat. Die spielen Untergang, Robert, aber sie spielen ihn nicht gut, da fehlt nur das Largo, und du hast ein Begr&#xE4;bnis dritter Klasse…“</p><p>Das Klingeln des Telefons unterbrach Schrella, er folgte Robert, der in die Ecke ging und den H&#xF6;rer abnahm.</p><p>„Leonore?“ sagte Robert, „ich freue mich, dass mein Vater Sie eingeladen hat, und entschuldigen Sie bitte, was ich heute morgen gesagt habe, Leonore, ja? Mein Vater erwartet Sie auf Zimmer 212. Ein Brief von Herrn Schrit? Alle Unterlagen f&#xFC;r x 5 falsch errechnet? Ja, ich werde mich drum k&#xFC;mmern, Schrit anrufen. Jedenfalls danke, Leonore, und bis nachher.“</p><p>Robert legte den H&#xF6;rer auf und wandte sich wieder Schrella zu:</p><p>„Ich glaube“, sagte er – aber ein fremdes, nicht sehr lautes, spr&#xF6;des Ger&#xE4;usch unterbrach ihn.</p><p>„Mein Gott“, sagte Schrella, „das war ein Schuss.“</p><p>„Ja“, sagte Robert, „das war ein Schuss. Ich glaube, wir m&#xFC;ssen jetzt nach oben gehen.“</p><p>Hugo las: ‚Verzichterkl&#xE4;rung: Ich erkl&#xE4;re mich damit einverstanden, dass mein Sohn Hugo…‘; gewichtige Stempel darunter, Unterschriften, aber die Stimme, vor der er sich gef&#xFC;rchtet hatte, meldete sich nicht; welche Stimme war es gewesen, die ihm befohlen hatte, Mutters Bl&#xF6;&#xDF;e zu bedecken, wenn sie von ihren Streifz&#xFC;gen heimkehrte, auf dem Bett liegend die t&#xF6;dliche Litanei des <emphasis>Wozuwozuwozu</emphasis> murmelte, Mitleid hatte er gesp&#xFC;rt, ihre Bl&#xF6;&#xDF;e bedeckt, ihr zu trinken gebracht, hatte sich, auf die Gefahr hin, von ihnen &#xFC;berfallen, gepr&#xFC;gelt und <emphasis>Lamm Gottes</emphasis> gerufen zu werden, in den Laden geschlichen und zwei Zigaretten erbettelt; welche Stimme war es gewesen, die ihm befahl, mit <emphasis>So was sollte nicht geboren werden</emphasis> Canasta zu spielen; die ihn warnte, das Zimmer der Schafspriesterin zu betreten; die ihm jetzt eingab, das Wort vor sich hinzumurmeln: ‚Vater‘.</p><p>Um die Furcht, die ihn befiel, zu verringern, warf er andere Worte hinterher: Bruder und Schwester, Gro&#xDF;vater, Gro&#xDF;mutter und Onkel, aber diese Worte verringerten die Furcht nicht; er warf mehr Worte hinterher: Dynamik und Dynamit, Billard und korrekt, Narben auf dem R&#xFC;cken, Cognac und Zigaretten, rot &#xFC;ber gr&#xFC;n, wei&#xDF; &#xFC;ber gr&#xFC;n, aber die Furcht wurde nicht geringer; vielleicht w&#xFC;rden Handlungen sie mildern: das Fenster ge&#xF6;ffnet, hinuntergeblickt auf die murmelnde Menschenmenge; war es ein drohendes oder freundliches Murmeln? Feuerwerk am dunkelblauen Himmel; Donnerschl&#xE4;ge, aus denen riesige Blumen hervorbrachen; orangefarbene Garben, die wie greifende H&#xE4;nde waren; Fenster geschlossen; &#xFC;ber die violette Uniform gestrichen, die am Kleiderb&#xFC;gel vor der T&#xFC;r hing; Flurt&#xFC;r ge&#xF6;ffnet: Erregung war bis hier oben zu sp&#xFC;ren: Ein Schwerverletzter auf Zimmer 211! Stimmengebrodel, Schritte hin, Schritte her, rauf und runter, und immer wieder die eine durchdringende Polizeistimme: „Weg da! Weg da!“</p><p>Weg hier! Weg! Hugo hatte Angst, und er fl&#xFC;sterte das Wort: „Vater.“ Der Direktor hatte gesagt: „Du wirst uns fehlen, muss das sein, so pl&#xF6;tzlich?“; und er hatte es nicht ausgesprochen, nur gedacht: ‚Es muss sein, so pl&#xF6;tzlich, die Zeit ist reif‘, und als Jochen die Meldung von dem Anschlag &#xFC;berbrachte, war des Direktors Erstaunen &#xFC;ber seine K&#xFC;ndigung vergessen; der Direktor hatte Jochens Meldung nicht mit Entsetzen, sondern mit Entz&#xFC;cken entgegengenommen, nicht traurig den Kopf gesch&#xFC;ttelt – sich die H&#xE4;nde gerieben. „Ihr habt ja alle keine Ahnung. So ein Skandal kann ein Hotel mit einem Mal hochrei&#xDF;en. Da wird es Schlagzeilen nur so prasseln. Mord ist nicht Selbstmord, Jochen – und politischer Mord nicht irgendeiner. Wenn er nicht tot ist, werden wir so tun, als ob er sterben m&#xFC;sste. Ihr habt keine Ahnung, da muss mindestens die Zeile rein: ‚Schwebt in Lebensgefahr; alle Telefongespr&#xE4;che sofort hier auf meine Leitung, dass mir ja kein Unsinn passiert. Mein Gott, macht doch nicht alle so bel&#xE4;mmerte Gesichter. K&#xFC;hl bleiben, zartes Bedauern ins Gesicht, wie jemand, der zwar einen Todesfall zu beklagen hat, aber durch die zu erwartende Erbschaft getr&#xF6;stet wird. Los, Kinder, an die Arbeit. Es wird telegrafische Zimmerbestellungen regnen. Ausgerechnet M. Ihr habt ja keine Ahnung, was das bedeutet. Wenn uns jetzt nur kein Selbstmord dazwischen kommt. Ruf sofort den Herrn auf Zimmer elf an; soll er meinetwegen w&#xFC;tend werden und abreisen – verflucht, das Feuerwerk h&#xE4;tte ihn doch wecken m&#xFC;ssen. Los, Kinder, an die Gewehre.“</p><p>‚Vater‘, dachte Hugo, ‚du musst mich hier abholen, sie lassen mich nicht auf Zimmer 211‘; Blitzlichter zuckten im grauen Schatten des Treppenhauses, das Lichtviereck des Aufzugs erschien, brachte die G&#xE4;ste f&#xFC;r die Zimmer 213 – 226, die der Absperrung wegen bis zum dritten Stock hinauffahren und &#xFC;ber die Bediententreppe hinuntersteigen mussten; heftiges Gemurmel brach aus der Aufzugst&#xFC;r; dunkle Anz&#xFC;ge, helle Kleider, verst&#xF6;rte Gesichter, Lippen, die sich zu ‚Zumutung‘ und ‚skandal&#xF6;s‘ verzogen; zu sp&#xE4;t zog Hugo seine T&#xFC;r zu: sie hatte ihn entdeckt, kam schon &#xFC;ber den Flur auf sein Zimmer zugelaufen; er hatte gerade den Schl&#xFC;ssel von innen umgedreht, da zuckte die Klinke schon heftig.</p><p>„Mach auf, Hugo, mach doch auf“, sagte sie.</p><p>„Nein.“</p><p>„Ich befehle es dir.“</p><p>„Ich bin seit einer Viertelstunde nicht mehr im Dienst des Hotels, gn&#xE4;dige Frau.“</p><p>„Du gehst weg?“</p><p>„Ja.“</p><p>„Wohin?“</p><p>„Ich gehe zu meinem Vater.“</p><p>„Mach auf, Hugo, mach auf, ich werde dir nicht weh tun und dich nicht mehr erschrecken; du kannst nicht weggehen; ich wei&#xDF;, dass du keinen Vater hast, ich wei&#xDF; es genau; ich brauche dich, Hugo – du bist es, auf den sie warten, Hugo, und du wei&#xDF;t es; du wirst die ganze Welt sehen, und sie werden dir in den sch&#xF6;nsten Hotels zu F&#xFC;&#xDF;en liegen; du brauchst nichts zu sagen, nur dazusein; dein Gesicht, Hugo – komm, mach auf, du kannst nicht weggehen.“</p><p>Das Zucken der Klinke unterbrach ihre Worte, zeichnete Kommata in den flehenden Fluss ihrer Stimme.</p><p>„… es ist wirklich nicht meinetwegen, Hugo, vergiss, was ich gesagt und getan habe; es war Verzweiflung – komm jetzt, ihretwegen – sie warten auf dich, du bist unser Lamm…“</p><p>Einmal noch zuckte die Klinke.</p><p>„Was suchen Sie hier?“ fragte sie.</p><p>„Ich suche meinen Sohn.“</p><p>„Hugo ist Ihr Sohn?“</p><p>„Ja; mach auf, Hugo.“</p><p>‚Zum ersten Mal kein ,Bitte’‘, dachte Hugo; er drehte den Schl&#xFC;ssel um und &#xF6;ffnete.</p><p>„Komm, Junge, wir gehen.“</p><p>„Ja, Vater, ich komme.“</p><p>„Mehr Gep&#xE4;ck hast du nicht?“</p><p>„Nein.“</p><p>„Komm.“</p><p>Hugo nahm seinen Koffer auf und war froh, dass der R&#xFC;cken seines Vaters ihr Gesicht verdeckte. Er h&#xF6;rte ihr Weinen noch, als er die Personaltreppe hinunterstieg.</p><empty-line/><p>„Weint doch nicht, Kinder“, sagte der Alte; „sie wird ja wiederkommen und bei uns bleiben; sie w&#xE4;re sehr traurig, wenn sie erfahren m&#xFC;sste, dass wir den Wein sauer werden lassen; er ist ja lebensgef&#xE4;hrlich verletzt worden, und ich hoffe, das gro&#xDF;e Staunen wird nicht wieder von seinem Gesicht verschwinden; die halten sich alle f&#xFC;r unsterblich – so ein spr&#xF6;des kleines Ger&#xE4;usch kann Wunder wirken. Bitte, ihr M&#xE4;dchen, k&#xFC;mmert euch um die Geschenke und die Blumen; Leonore &#xFC;bernimmt die Blumen, Ruth die Gl&#xFC;ckwunschkarten, Marianne die Geschenke. Ordnung ist das halbe Leben – woraus mag die andere H&#xE4;lfte bestehen? Ich kann mir nicht helfen, Kinder, ich kann nicht traurig sein. Der Tag ist gro&#xDF;, er hat mir meine Frau wiedergegeben und einen Sohn geschenkt – darf ich Sie so nennen, Schrella? Ediths Bruder – sogar einen Enkel hab ich bekommen, wie, Hugo? ich kann mich noch nicht entscheiden, dich wirklich Enkel zu nennen, du bist zwar der Sohn meines Sohnes, aber doch nicht mein Enkel; ich kann es nicht erkl&#xE4;ren; welche Stimme befiehlt mir, dich nicht Enkel zu nennen? Setzt euch, die M&#xE4;dchen werden uns belegte Brote machen, pl&#xFC;ndert die Fressk&#xF6;rbe, Kinder, und werft mir nicht Leonores ordentliche Stapel durcheinander; am besten setzt sich jeder auf einen Jahrgang: nehmen Sie den Stapel A, Schrella, das ist der h&#xF6;chste, darf ich dir 1910 anbieten, Robert, den n&#xE4;chsth&#xF6;heren? Joseph, du suchst dir vielleicht einen aus, 1921 ist nicht schlecht. So ist es recht, lasst euch nieder: trinken wir den ersten Schluck auf Herrn M., dass das Staunen in seinem Gesicht sich nicht verlieren m&#xF6;ge – den zweiten Schluck auf meine Frau: m&#xF6;ge Gott ihr Ged&#xE4;chtnis segnen. Bitte, Schrella, w&#xFC;rden Sie einmal nachschauen, wer da an die T&#xFC;r klopft?</p><p>Ein gewisser Herr Gretz w&#xFC;nscht mir seine Aufwartung zu machen? Ich hoffe, er schleppt nicht den Keiler auf dem R&#xFC;cken an? Nein? Gott sei Dank. Bitte, sagen Sie ihm, lieber Schrella, dass ich nicht f&#xFC;r ihn zu sprechen bin; oder w&#xFC;rdest du meinen, Robert, dies w&#xE4;re der Tag und die Stunde, einen gewissen Herrn Gretz zu empfangen? Nein, nicht wahr? Danke, Schrella. Es ist der Tag und die Stunde, falschen Nachbarschaftsgef&#xFC;hlen zu entsagen; zwei Worte k&#xF6;nnen das Leben kosten: ‚Ist S&#xFC;nde und Schande‘ hat die alte Frau Gretz gesagt; eine Handbewegung kann das Leben kosten, ein falsch verstandenes Augenzwinkern; ja, Hugo, bitte, gie&#xDF; du Wein nach – ich hoffe, es kr&#xE4;nkt dich nicht, wenn wir hier im Familienkreis deine erworbenen F&#xE4;higkeiten zu sch&#xE4;tzen wissen und uns ihrer bedienen.</p><p>Stell die gro&#xDF;en Buketts getrost vor die Ansicht von Sankt Anton, die kleineren rechts und links daneben, auf den Bord f&#xFC;r die Zeichenrollen; nimm die Rollen herunter und wirf sie weg; sie sind alle leer und dienen nur der Dekoration – oder ist vielleicht einer unter uns, der das kostbare Papier noch zu nutzen gedenkt? Du vielleicht, Joseph! Warum sitzt du so unbequem? Du hast dir den Jahrgang 1941 ausgesucht, einen mageren Jahrgang, Junge. 1945 w&#xE4;re besser gewesen, da regnete es Auftr&#xE4;ge, fast wie im Jahr 1909, aber ich hab’s drangegeben, Junge. Das Sorry verdarb mir die Lust am Bauen. Ruth, stapele du die Gl&#xFC;ckwunschadressen auf meinen Zeichentisch, ich werde Danksagungen drucken lassen, und du wirst mir helfen, die Adressen zu schreiben, ich kauf dir was Sch&#xF6;nes daf&#xFC;r, bei Helene Horuschka; wie m&#xFC;sste der Text der Danksagung lauten: ‚F&#xFC;r die anl&#xE4;sslich meines achtzigsten Geburtstages erwiesenen Aufmerksamkeiten spreche ich hiermit meinen innigsten Dank aus.‘ Vielleicht werde ich jeder Danksagung eine Handzeichnung beilegen, was h&#xE4;ltst du davon, Joseph? Einen Pelikan, oder eine Schlange – wie war’s mit einem B&#xFC;ffel – bitte, Joseph, jetzt geh du einmal an die T&#xFC;r, schau nach, wer so sp&#xE4;t noch kommt.</p><p>Vier Angestellte des Cafe Kroner? Bringen ein Geschenk, von dem du glaubst, dass ich es nicht abweisen sollte? Gut, dann herein mit ihnen.“</p><p>Sie trugen es vorsichtig zur T&#xFC;r herein, zwei Kellner und die beiden M&#xE4;dchen vom K&#xFC;chenb&#xFC;fett, ein viereckiges Brett, viel l&#xE4;nger als breit, mit einem schneewei&#xDF;en Leintuch bedeckt; der Alte erschrak: brachten sie eine Leiche? War das, was da spitz wie ein Stock das wei&#xDF;e Tuch straffte, die Nase; vorsichtig trugen sie es, als w&#xE4;re der Leichnam ein kostbarer; vollkommene Stille herrschte; Leonores H&#xE4;nde erstarrten im Arrangieren eines Buketts, Ruth hielt eine goldumr&#xE4;nderte Gl&#xFC;ckwunschkarte, Marianne setzte den leeren Korb nicht ab.</p><p>„Nein, nein“, sagte der Alte leise, „bitte stellen Sie es nicht auf die Erde; gebt ihnen zwei Zeichenb&#xF6;cke.“</p><p>Hugo und Joseph holten zwei Zeichenb&#xF6;cke aus der Ecke, stellten sie in die Mitte des Ateliers &#xFC;ber die Jahrg&#xE4;nge 1936 bis 1939; Stille trat wieder ein, als die beiden Kellner und die beiden M&#xE4;dchen das Brett auf die B&#xF6;cke legten, sich an die vier Ecken verteilten, jeder einen Zipfel des Leintuchs nahmen und auf ein kurzes, scharfes ‚Hoch‘, das der &#xE4;ltere der Kellner aussprach, das Tuch hoben.</p><p>Der Alte lief rot an, er sprang auf das Kuchenmodell zu, hob seine F&#xE4;uste wie ein Trommler, der zu zornigem Takt seine Kr&#xE4;fte sammelt, und einen Augenblick schien es, als w&#xFC;rde er das gezuckerte Backwerk zermalmen, aber er lie&#xDF; seine erhobenen F&#xE4;uste wieder sinken, schlaff hingen die H&#xE4;nde zu seinen Seiten herab; er lachte leise, verbeugte sich gegen die M&#xE4;dchen, dann gegen die beiden Kellner, richtete sich wieder auf, nahm seine Brieftasche aus dem Rock und gab jedem der vier einen Geldschein als Trinkgeld. „Bitte“, sagte er ruhig, „richten Sie Frau Kroner meinen aufrichtigen Dank aus und sagen Sie ihr, dass wichtige Ereignisse mich leider zwingen, mein Fr&#xFC;hst&#xFC;ck zu k&#xFC;ndigen – wichtige Ereignisse, ab morgen kein Fr&#xFC;hst&#xFC;ck mehr.“</p><p>Er wartete, bis die Kellner und M&#xE4;dchen hinausgegangen waren, und rief: „Los, Kinder, gebt mir ein gro&#xDF;es Messer und einen Kuchenteller.“</p><p>Er schnitt als erstes den Turmhelm der Abteikirche ab und reichte den Teller Robert hin&#xFC;ber.</p></section><section><title><p>Wortschatz</p></title><section><title><p>A</p></title><p><strong>abbeten</strong> 1) прочитывать (<emphasis>молитвы</emphasis>); 2) <emphasis>разг.</emphasis> прочитать [произнести] скороговоркой [без выражения]; 3) вымаливать; 4) замаливать (<emphasis>вину, грех</emphasis>)</p><p><strong>Abfall,</strong><emphasis>m</emphasis> -<strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis>, ..<strong>f&#xE4;lle</strong> 1) склон, скат; 2) спад, падение, снижение; градиент; перепад; сброс; 3) отпадение; опадание; 4) отпадение, отход, измена; 5) отделение; 6) (постепенный) переход; 7) исключение (<emphasis>из правила</emphasis>); 8) отбросы, отходы, очистки; остатки; побочные продукты, утиль; скрап; <emphasis>горн.</emphasis> хвосты (<emphasis>обогащения</emphasis>); 9) <emphasis>презр.</emphasis> отребье</p><p><strong>Abfluss,</strong><emphasis>m</emphasis> отток, утечка (<emphasis>напр. капитала</emphasis>)</p><p><strong>abklingen</strong> отзвучать; затихать; затухать (<emphasis>о колебаниях</emphasis>); постепенно проходить</p><p><strong>abwetzen</strong> 1) оттачивать (<emphasis>нож</emphasis>); 2) стирать, протирать; изнашивать (<emphasis>одежду</emphasis>)</p><p><strong>abgewetzt</strong> потёртый, протёртый (<emphasis>об одежде</emphasis>)</p><p><strong>abwischen</strong> 1) стирать, вытирать (<emphasis>пыль и т. п.</emphasis>); 2) вытирать, обтирать, протирать</p><p><strong>abzirkeln</strong> вымерять (циркулем); <emphasis>перен.</emphasis> точно отмеривать; очерчивать</p><p><strong>abgezirkelt</strong> точно очерченный; точно отмеренный; сделанный как по линейке</p><p><strong>Abglanz</strong><emphasis>m</emphasis><strong>es</strong> отблеск, отражение</p><p><strong>abhalten</strong> 1) задерживать, удерживать; не пропускать; 2) удерживать (<emphasis>кого-л. от какого-л. поступка</emphasis>); 3) проводить (<emphasis>собрание, занятия и т. п.</emphasis>)</p><p><strong>Sprechstunden abhalten</strong> принимать (<emphasis>в приёмные часы – о врачах, должностных лицах</emphasis>)</p><p><strong>Ablauf,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, ..l&#xE4;ufe</strong> 1) <emphasis>только sg</emphasis> спуск, сток (<emphasis>воды, пруда</emphasis>); 2) истечение, окончание (<emphasis>срока</emphasis>); 3) течение, ход (<emphasis>событий</emphasis>); развитие, процесс развития [изменения]; последовательность</p><p><strong>ablehnen</strong> 1) отклонять, отвергать; 2) отводить</p><p><strong>Abordnung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) делегация, депутация; 2) откомандирование</p><p><strong>abpfeifen</strong> дать сигнал (свистком) к окончанию (игры); <emphasis>перен.</emphasis> остановить, прервать</p><p><strong>absch&#xFC;ssig</strong> покатый, наклонный; обрывистый, крутой</p><p><strong>abschwenken</strong>: <strong>1.</strong><emphasis><strong>vi</strong></emphasis><strong>(</strong><emphasis><strong>s</strong></emphasis><strong>)</strong> 1) сворачивать в сторону; <emphasis>воен.</emphasis> заходить плечом (<emphasis>при движении строем</emphasis>); 2) <emphasis>перен.</emphasis> уклоняться, отходить; <strong>2.</strong><emphasis><strong>vt</strong></emphasis> полоскать, споласкивать, ополаскивать</p><p><strong>Abt,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, &#xC4;bte</strong> аббат, настоятель (католического) монастыря</p><p><strong>Abtei,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> аббатство, монастырь</p><p><strong>abtreten: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) изнашивать, стаптывать, сбивать (<emphasis>обувь</emphasis>); 2) оттаптывать, отдавливать (<emphasis>ногами</emphasis>); 3) чистить, вытирать (<emphasis>ноги о коврик, решётку</emphasis>); 4) <strong>(</strong><emphasis>j m, an j – n</emphasis><strong>)</strong> уступать, передавать; <strong>2.</strong><emphasis><strong>vt</strong></emphasis><strong>(</strong><emphasis><strong>s</strong></emphasis><strong>)</strong> удаляться, уходить (<emphasis>тж. перен.</emphasis>)</p><p><strong>Abwechslung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) изменение, перемена; 2) чередование, смена; 3) разнообразие, развлечение</p><p><strong>abweisen</strong> 1) отклонять (<emphasis>просьбу, предложение и т. п.</emphasis>); 2) отсылать, выпроваживать</p><p><strong>abwimmeln</strong> отделываться, спроваживать</p><p><strong>adoptieren</strong> усыновлять</p><p><strong>ahnden</strong> 1) карать, наказывать (<emphasis>за проступок</emphasis>); 2) мстить, отплачивать</p><p><strong>Air,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, s</strong> 1) вид, мина, осанка, поведение; 2) песня, певучее музыкальное произведение</p><p><strong>albern</strong> глупый, неумный; дурацкий, нелепый; простоватый</p><p><strong>altrenommiert</strong> со старым именем, давно зарекомендовавший себя</p><p><strong>anfordern</strong> (за)требовать, вытребовать, запросить, подать требование</p><p><strong>anfragen</strong> запрашивать, справляться, осведомляться, узнавать</p><p><strong>Angelegenheit,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> дело; вопрос</p><p><strong>angelernt</strong> приобретённый обучением; перенятый</p><p><strong>anknipsen</strong> включать, зажигать</p><p><strong>anmelden: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) объявлять, заявлять; уведомлять; 2) прописывать (<emphasis>на жительство</emphasis>); регистрировать, записывать, ставить на учёт; 3) <emphasis>школ.</emphasis> доносить, ябедничать; <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> 1) сообщить о своём прибытии; доложить о себе; 2) являться, представляться (<emphasis>напр., начальнику</emphasis>); 3) прописываться (<emphasis>на жительство</emphasis>); регистрироваться, записываться; становиться на учёт</p><p><strong>Annahme,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) приём, принятие; 2) приёмный пункт; окно приёма (<emphasis>на почте и т. п.</emphasis>); 3) предположение, допущение; гипотеза</p><p><strong>Anschlag,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, ..schl&#xE4;ge</strong> 1) удар (<emphasis>обо что-л.</emphasis>); толчок; остановка в упоре; 2) объявление, афиша</p><p><strong>anschwellen</strong> 1) набухать, вздуваться; вздыматься; 2) прибывать (<emphasis>о воде</emphasis>); 3) опухать, припухать, набухать, отекать; 4) усиливаться, нарастать (<emphasis>о звуке</emphasis>)</p><p><strong>Anweisung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) инструкция, наставление; руководство; 2) указание, распоряжение, поручение; 3) (денежный) перевод; чек; ордер; 4) предоставление, выделение, отведение</p><p><strong>anwinkeln</strong> согнуть в локте [в колене]</p><p><strong>anzapfen</strong> 1) починать, откупоривать ; 2) делать отвод; <emphasis>тех.</emphasis> отбирать (<emphasis>пар</emphasis>); 3) <strong>(</strong><emphasis>j n um A</emphasis><strong>)</strong><emphasis>разг.</emphasis> просить (<emphasis>у кого -л. денег</emphasis>); 4) <emphasis>разг.</emphasis> дразнить, изводить, разыгрывать</p><p><strong>appellieren</strong> 1) <strong>(</strong><emphasis>an A</emphasis><strong>)</strong> апеллировать, обращаться (с призывом) ; 2) <emphasis>юр.</emphasis> обжаловать (<emphasis>приговор, судебное решение</emphasis>), подавать апелляционную [кассационную] жалобу</p><p><strong>aufb&#xFC;rden</strong> взваливать</p><p><strong>auflauern</strong> подкарауливать, подстерегать, поджидать (в засаде); подсматривать, подглядывать</p><p><strong>auflodern</strong> вспыхнуть, загореться, запылать, воспламениться</p><p><strong>Aufprall,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis> удар; столкновение</p><p><strong>aufs Spiel setzen</strong> ставить на карту; подвергать риску [опасности], рисковать</p><p><strong>aufschlagen</strong> 1) разбивать, раскалывать (<emphasis>орехи, яйца</emphasis>); 2) набивать; 3) раскрывать; распахивать</p><p><strong>Aufseher,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> надзиратель; надсмотрщик; смотритель</p><p><strong>aufspie&#xDF;en: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> накалывать, пронзать; поднимать на рога [на вилы]; сажать на кол; надевать на вертел; <emphasis>перен.</emphasis> разоблачать, высмеивать; <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> изжить себя (<emphasis>о доктрине и т. п.</emphasis>)</p><p><strong>auftakeln</strong><emphasis>разг.</emphasis><strong>(</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> нарядиться, разрядиться, расфуфыриться</p><p><strong>auftischen</strong> 1) подавать, ставить на стол; 2) <emphasis>неодобр.</emphasis> преподносить, рассказывать</p><p><strong>Ausbeute,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> выход (<emphasis>готового продукта из сырья</emphasis>)</p><p><strong>ausdehnen: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) растягивать; расширять; удлинять; продлевать (<emphasis>время</emphasis>); 2) <strong>(</strong><emphasis>auf A</emphasis><strong>)</strong> распространять; <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> 1) растягиваться; расшириться; затягиваться (<emphasis>о времени</emphasis>); 2) расстилаться; распространяться</p><p><strong>ausdunsten</strong> выдыхать; распространять (<emphasis>вокруг себя</emphasis>)</p><p><strong>ausf&#xFC;hren</strong> 1) выводить (<emphasis>гулять, развлекаться</emphasis>); 2) вывозить, экспортировать; 3) <strong>(</strong><emphasis>j m</emphasis><strong>)</strong><emphasis>разг.</emphasis> стащить, увести; 4) выполнять, осуществлять, исполнять</p><p><strong>ausgehandelt</strong> договорный</p><p><strong>ausm&#xFC;nzen</strong> 1) чеканить монету (<emphasis>из золота и т. п.</emphasis>); 2) <emphasis>тех.</emphasis> выдалбливать, вычеканивать, выбивать; 3) извлекать выгоду; обращать в деньги</p><p><strong>ausreichen</strong> 1) хватать, быть достаточным; 2) <strong>(</strong><emphasis>mit D</emphasis><strong>)</strong> обходиться</p><p><strong>auss&#xE4;tzig</strong> прокажённый, лепрозный</p><p><strong>Ausschlag,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, ..schl&#xE4;ge</strong> 1) сыпь; налёт ; 2) размах, амплитуда; отклонение (<emphasis>стрелки, весов</emphasis>)</p><p><strong>ausweisen: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) высылать; выдворять (<emphasis>из пределов государства</emphasis>); 2) (документально) доказать; засвидетельствовать; показать (<emphasis>данные в отчёте</emphasis>); 3) <emphasis>строит.</emphasis> предусмотреть (<emphasis>в плане застройки</emphasis>); отводить (<emphasis>строение, участок для какой-л. цели</emphasis>) <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> 1) удостоверять свою личность; предъявлять свои документы; 2) оказываться, подтверждаться</p></section><section><title><p>B</p></title><p><strong>balgen I 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> свежевать; <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> линять (<emphasis>о животных</emphasis>); <strong>II</strong><emphasis>vi и sich</emphasis><strong>balgen mit</strong><emphasis>D</emphasis><strong>um</strong><emphasis>A</emphasis> драться, затеять потасовку</p><p><strong>Banner, I</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> заклинатель, чародей; <strong>II</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> знамя, флаг</p><p><strong>baumeln</strong> болтаться, висеть (<emphasis>покачиваясь</emphasis>)</p><p><strong>Beben,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> 1) дрожание, трепет, трепетание, сотрясение; 2) <emphasis>геол.</emphasis> землетрясение; колебания</p><p><strong>bebrillen</strong> снабжать очками; надевать очки</p><p><strong>bebrillt</strong> в очках</p><p><strong>beflissen</strong> усердный, старательный, ревностный</p><p><strong>Beflissenheit,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> старание, рвение</p><p><strong>beglaubigen</strong> заверять, удостоверять, свидетельствовать</p><p><strong>begutachten</strong> рассматривать; высказывать своё мнение; давать заключение [отзыв]; рецензировать</p><p><strong>Beichtvater,</strong><emphasis>m</emphasis> духовник, исповедник; духовный отец</p><p><strong>beispringen</strong> спешить на помощь, помогать; выручать</p><p><strong>beiwohnen</strong> присутствовать</p><p><strong>beklemmen</strong> 1) стеснять, сжимать; 2) давить, удручать</p><p><strong>beklemmend</strong> 1) спёртый, душный (<emphasis>о воздухе</emphasis>), давящий (<emphasis>о духоте, жаре</emphasis>); 2) удручающий, гнетущий, тягостный</p><p><strong>beklommen</strong> стеснённый; подавленный, угнетённый; измученный</p><p><strong>bekunden</strong>: <strong>1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) сообщать, высказываться, выражать; давать показания (<emphasis>на суде</emphasis>); 2) проявлять, обнаруживать, выражать, выказывать, демонстрировать (<emphasis>симпатию, осведомлённость и т. п.</emphasis>); <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> проявляться, обнаруживаться, выражаться</p><p><strong>Belobigung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> похвала, одобрение, поощрение; восхваление; награждение</p><p><strong>bes&#xE4;t</strong> усыпанный, покрытый</p><p><strong>beschleunigen</strong> ускорять; торопить</p><p><strong>beschummeln</strong> обманывать, надувать</p><p><strong>beschwichtigen</strong> успокаивать, унимать</p><p><strong>beschwindeln</strong> обманывать, надувать</p><p><strong>bespitzeln</strong> вести слежку, следить</p><p><strong>Bestechung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> подкуп, взятка</p><p><strong>beteiligen</strong>: <strong>1.</strong><emphasis>vt</emphasis><strong>(an, bei</strong><emphasis>D</emphasis><strong>)</strong> 1) давать долю [часть], наделять; 2) делать (<emphasis>кого-л.</emphasis>) участником (<emphasis>в деле, в прибыли</emphasis>); <strong>2. (an</strong><emphasis>D</emphasis><strong>, bei</strong><emphasis>D</emphasis><strong>) (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> участвовать</p><p><strong>betupfen</strong> 1) слегка касаться, смачивать; тронуть (<emphasis>что-л. кистью</emphasis>); смазывать (<emphasis>кремом</emphasis>); 2) покрывать пятнами [крапинками]; 3) обманывать, надувать</p><p><strong>beulen : 1.</strong><emphasis>vt разг.</emphasis> избивать (<emphasis>кого-л.</emphasis>); <strong>2.</strong><emphasis>vi</emphasis> топорщиться, коробиться, неровно лежать (<emphasis>о материи)</emphasis></p><p><strong>Beute,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> добыча; трофей; приз</p><p><strong>bew&#xE4;ltigen</strong> 1) преодолевать, справляться, осиливать; 2) покорять, побеждать</p><p><strong>bewerkstelligen</strong> производить, совершать, осуществлять; устраивать</p><p><strong>billigen</strong> одобрять, санкционировать; соглашаться</p><p><strong>Blindekuh; Blindekuh spielen</strong> – играть в жмурки</p><p><strong>bl&#xF6;ken</strong> 1) мычать, блеять; 2) <emphasis>разг.</emphasis> реветь, громко плакать</p><p><strong>Bl&#xF6;&#xDF;e,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) нагота, обнажённость; 2) слабость, слабая сторона, слабое [уязвимое] место; 3) прогалина (<emphasis>в лесу</emphasis>)</p><p><strong>blubbern</strong>, <emphasis>разг.</emphasis> 1) бормотать; 2) всхлипывать</p><p><strong>B&#xF6;schung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> откос, склон</p><p><strong>Bosheit,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) злость, злоба; 2) злой поступок; 3) колкость</p><p><strong>Brausekabine,</strong><emphasis>f</emphasis> душевая кабина</p><p><strong>beiig</strong> кашеобразный; густой; тягучий</p><p><strong>Breeches,</strong><emphasis>pl</emphasis> бриджи</p><p><strong>br&#xF6;cklig</strong> рассыпчатый; хрупкий</p><p><strong>brodeln</strong> 1) кипеть, бурлить, клокотать, бить ключом; 2) клубиться, вздыматься клубами ; 3) неясно слышаться; проноситься с лёгким шумом</p><p><strong>br&#xFC;chig</strong> 1) хрупкий, ломкий; бьющийся; 2) надтреснутый (<emphasis>о стекле</emphasis>); 3) ветхий, обветшалый; поношенный; износившийся, пришедший в негодность; 4) непрочный, шаткий</p><p><strong>Br&#xFC;he</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) бульон; похлёбка; отвар, соус</p><p><strong>br&#xFC;ten: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) высиживать (<emphasis>птенцов</emphasis>); 2) замышлять (<emphasis>месть и т. п.</emphasis>); 3) предвещать, сулить (<emphasis>что-л. недоброе</emphasis>); <strong>2.</strong><emphasis>vi</emphasis> 1) сидеть на яйцах; 2) греть, припекать (<emphasis>о солнце</emphasis>)</p><p><strong>buchen</strong> 1) записывать в (счётную) книгу, проводить по (бухгалтерским) книгам; 2) <emphasis>спорт.</emphasis> вести счёт очкам; 3) замечать, отмечать; расценивать</p><p><strong>b&#xFC;ndeln</strong> 1) связывать в узлы [в пакеты]; 2) вступать в сговор; готовить заговор; плести интриги, строить козни; 3) бежать, удирать</p><p><strong>b&#xFC;rsten: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) чистить щёткой; приглаживать щёткой; ворсовать, делать шероховатым [ворсистым]; 2) <emphasis>разг.</emphasis> избить, изругать, отделать ; 3) <emphasis>устар.</emphasis>, <emphasis>шутл.</emphasis> пить; выпивать; <strong>2.</strong><emphasis>vi</emphasis><strong>(</strong><emphasis>s</emphasis><strong>)</strong> спешить, торопиться; бежать, нестись</p></section><section><title><p>C</p></title><p><strong>Canasta,</strong><emphasis>исп. n</emphasis><strong>s</strong> канаста (<emphasis>карточная игра</emphasis>)</p></section><section><title><p>D</p></title><p><strong>Degen: I</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> шпага; <strong>II</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> поэт, (молодой) витязь, герой</p><p><strong>Dem&#xFC;tigung</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> оскорбление; унижение</p><p><strong>dick [stark] auftragen</strong> – <emphasis>разг.</emphasis> перебарщивать, перегибать палку; преувеличивать, сгущать краски</p><p><strong>Dicksack,</strong><emphasis>m разг.</emphasis> толстяк, толстый человек</p><p><strong>diskret</strong> 1) сдержанный; тактичный; скромный; 2) секретный; 3) дискретный, прерывистый, отдельный</p><p><strong>Diskretion,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> 1) сдержанность; такт; скромность; 2) секретность</p><p><strong>distinguiert</strong> изящный; изысканный</p><p><strong>drahtig</strong> 1) жёсткий; 2) сильный, мускулистый, жилистый</p><p><strong>dreschen</strong> 1) молотить; 2) <emphasis>разг.</emphasis> бить, колотить ; 3) <emphasis>разг.</emphasis> барабанить</p><p><strong>Drill,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis> 1) муштра; 2) мучение</p><p><strong>dringend</strong> срочный, неотложный, безотлагательный; настоятельный</p><p><strong>Droschkengaul,</strong><emphasis>m</emphasis> извозчичья кляча</p><p><strong>Druckpunkt,</strong><emphasis>m</emphasis> 1) <emphasis>физ.</emphasis>, <emphasis>тех.</emphasis> точка [центр] давления; 2) предохранитель</p><p><strong>ducken: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> нагибать, наклонять (<emphasis>голову</emphasis>); <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> 1) нагибаться, наклоняться; 2) <emphasis>разг.</emphasis> покоряться</p><p><strong>d&#xFC;nken</strong> казаться</p><p><strong>Dunst,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>es, D&#xFC;nste</strong> 1) испарение; дымка; туман; 2) чад, угар</p></section><section><title><p>E</p></title><p><strong>eigenh&#xE4;ndig</strong> собственноручный</p><p><strong>einfl&#xF6;&#xDF;en</strong> 1) вливать; 2) внушать; вселять</p><p><strong>einbleuen</strong> вдалбливать (в голову)</p><p><strong>eingedenk</strong><emphasis>устар. высок.</emphasis></p><p><strong>eingedenk sein (</strong><emphasis>G</emphasis><strong>)</strong> – помнить</p><p><strong>sei dessen eingedenk!</strong> – помни об этом!</p><p><strong>dessen eingedenk, dass…</strong> – памятуя о том, что…</p><p><strong>eingedenk der Verdienste</strong> – принимая во внимание заслуги, помня о заслугах</p><p><strong>eingehend</strong> 1) подробный, обстоятельный; тщательный; 2) входящий, поступающий</p><p><strong>Eink&#xFC;nfte,</strong><emphasis>pl</emphasis> (постоянные) доходы</p><p><strong>Einmaleins,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>=, =</strong> таблица умножения</p><p><strong>einm&#xFC;tig</strong> единодушный; дружный</p><p><strong>einordnen: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> размещать, расставлять, располагать (<emphasis>в определённом порядке</emphasis>); ставить на своё (определённое) место; классифицировать, распределять <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> включаться; подчиниться установленному порядку</p><p><strong>einreihen sich</strong> 1) становиться в ряд; 2) вступать в ряды, вступать (<emphasis>в организацию, армию и т. п.</emphasis>); включаться (<emphasis>в какое – л. движение</emphasis>)</p><p><strong>Einschiebsel,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> (маленькая) вставная часть, вставка, приложение</p><p><strong>einschmuggeln</strong> 1) ввозить контрабандой; 2) <emphasis>разг.</emphasis> протаскивать; 3) тайком провести</p><p><strong>einsehen</strong> 1) просматривать; заглядывать; 2) понимать; сознавать, осознавать (<emphasis>свою ошибку и т. п.</emphasis>); сознаваться, признаваться; соглашаться; 3) рассмотреть, разглядеть; распознать</p><p><strong>einst&#xF6;pseln</strong> 1) закупорить, заткнуть пробкой; 2) вставить в розетку</p><p><strong>Eintreffen,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s</strong> 1) (<emphasis>in D</emphasis>) прибытие; <emphasis>воен. тж.</emphasis> вступление; 2) исполнение (<emphasis>предсказания, желания</emphasis>)</p><p><strong>Einzelg&#xE4;nger,</strong><emphasis>m</emphasis> 1) зверь, живущий вне стаи; 2) одиночка, индивидуалист; человек, действующий в одиночку</p><p><strong>einsetzen</strong> 1) вставлять; всаживать; помещать; вправлять; насаживать; вшивать; 2) <strong>(</strong><emphasis>zu D, als A, in A</emphasis><strong>)</strong> назначать; 3) вводить в действие; 4) делать ставку (<emphasis>в игре</emphasis>); (поставить на карту)</p><p><strong>Eisentr&#xE4;ger,</strong><emphasis>m</emphasis> стальная балка</p><p><strong>eisig</strong> ледяной; леденящий, холодный (как лёд)</p><p><strong>eklig</strong> придирчивый, педантичный</p><p><strong>Eminenz, f =, en; Euer [Eure] Eminenz</strong> ваше высокопреосвященство (титул кардиналов)</p><p><strong>engagiert</strong> проявляющий усиленный интерес к чему-л.</p><p><strong>Entbindung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) освобождение (<emphasis>напр., от обязанностей, присяги</emphasis>); 2) роды; разрешение</p><p><strong>entrei&#xDF;en</strong> вырывать, выхватывать, отнимать</p><p><strong>entschl&#xFC;pfen</strong> выскользнуть, ускользнуть, вырваться; сорваться (с языка)</p><p><strong>entsichern</strong> снять с предохранителя</p><p><strong>entsinnen, sich</strong> помнить, вспоминать</p><p><strong>entwischen</strong> убежать, уйти, улизнуть</p><p><strong>erbarmen, sich</strong> сжалиться</p><p><strong>erbaulich</strong> поучительный, назидательный; возвышающий душу</p><p><strong>erbetteln</strong> 1) вымолить, выпросить, выклянчить; 2) собрать (<emphasis>милостыню</emphasis>)</p><p><strong>erheblich</strong> значительный, важный</p><p><strong>erl&#xFC;gen</strong> 1) добиваться ложью; 2) выдумывать, (со)лгать; измышлять, сочинять</p><p><strong>erniedrigen: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) понижать, снижать (<emphasis>отметку, цены и т. п.</emphasis>); 2) унижать; <strong>2.</strong><emphasis>sich</emphasis> унижаться</p><p><strong>errechnen</strong> рассчитывать, вычислять; получить в результате расчётов</p><p><strong>ertappen</strong> поймать, застигнуть, заставать</p><p><strong>erwischen</strong> поймать, схватить</p><p><strong>exquisit</strong> избранный, отличный, отменный, превосходный, редкий</p></section><section><title><p>F</p></title><p><strong>fabrizieren</strong> производить, изготовлять</p><p><strong>Fach,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, F&#xE4;cher</strong> 1) ящик (<emphasis>стола</emphasis>); полка (<emphasis>шкафа</emphasis>); отделение; часть; <emphasis>полигр.</emphasis> клетка (<emphasis>наборной кассы</emphasis>); 2) отрасль, область, отдел (<emphasis>науки</emphasis>); предмет (<emphasis>обучения</emphasis>); специальность</p><p><strong>ich bin nicht vom Fach</strong> – я не специалист в этой области</p><p><strong>fahnden</strong> преследовать, выслеживать, охотиться; разыскивать; производить розыcк (<emphasis>скрывшихся преступников, пропавших без вести лиц</emphasis>)</p><p><strong>F&#xE4;hnrich,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong> 1) фенрих (<emphasis>выпускник кадетского корпуса, кандидат в офицеры; Германия</emphasis>); 2) прапорщик</p><p><strong>Faktotum,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, s</strong><emphasis>и</emphasis><strong>..ten</strong> фактотум, правая рука кого-л.</p><p><strong>f&#xE4;llig</strong> подлежащий уплате, срочный</p><p><strong>falten</strong> 1) складывать; сгибать; 2) морщить (<emphasis>лоб</emphasis>)</p><p><strong>Falzbein,</strong><emphasis>n полигр.</emphasis> гладилка</p><p><strong>Fastnacht,</strong><emphasis>f</emphasis> 1) канун великого поста; 2) масленица; карнавал</p><p><strong>feilschen</strong> торговаться</p><p><strong>Fetzen,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) лоскут, клок, клочок; <emphasis>pl тж.</emphasis> тряпьё; 2) <emphasis>pl</emphasis> лохмотья; рвань</p><p><strong>Fidibus,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>=</strong><emphasis>&#xE8;</emphasis><strong>ses, se</strong> скрученная бумажка [лучинка] для зажигания трубки</p><p><strong>Filz,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>es, e</strong> 1) войлок; фильц; фетр; 2) фетровая шляпа; 3) <emphasis>разг.</emphasis> скряга; 4) <emphasis>разг.</emphasis> чурбан, увалень</p><p><strong>fingerdick</strong> толщиной в палец</p><p><strong>Flanke,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) бок (<emphasis>животного</emphasis>); 2) <emphasis>воен.</emphasis> фланг; 3) <emphasis>спорт.</emphasis> бок, сторона, фланг, край; край поля; 4) <emphasis>спорт.</emphasis> поперечная передача с края</p><p><strong>flennen</strong> хныкать, плакать, реветь</p><p><strong>fletschen</strong> 1) оскалить (<emphasis>зубы</emphasis>); 2) расплющивать молотом</p><p><strong>fliesen</strong> выкладывать кафелем; выстилать плитками</p><p><strong>flitzen</strong> стремительно нестись, лететь стрелой</p><p><strong>flocken</strong>: <strong>1.</strong><emphasis>vi</emphasis> падать [лететь] хлопьями; <emphasis>хим.</emphasis> образовывать хлопья, коагулировать; <strong>2.</strong><emphasis>vt</emphasis> теребить, выдёргивать (<emphasis>нитки, волокна</emphasis>); <strong>3.</strong><emphasis>sich</emphasis> образовывать [собираться в] клочки [хлопья]</p><p><strong>foltern</strong> пытать; <emphasis>перен.</emphasis> мучить</p><p><strong>f&#xF6;rdern</strong> способствовать, содействовать; ускорять, двигать, продвигать; поощрять</p><p><strong>Frachter,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) грузовое судно; 2) фрахтователь (<emphasis>в морских перевозках</emphasis>)</p><p><strong>frankieren</strong> франкировать (<emphasis>письмо</emphasis>), оплачивать почтовым сбором; наклеивать марку (<emphasis>на почтовое отправление</emphasis>)</p><p><strong>Frauenzimmer,</strong><emphasis>n пренебр.</emphasis> баба</p><p><strong>fressen</strong> 1) есть (<emphasis>о животных</emphasis>); 2) объедать; 3) <emphasis>груб.</emphasis> жрать, лопать</p><p><strong>sich dick [voll, satt] fressen</strong> – набить себе брюхо</p><p><strong>freilich</strong> 1) конечно, разумеется; ещё бы!; 2) однако, правда</p><p><strong>fr&#xF6;nen</strong> предаваться (<emphasis>пороку, страсти</emphasis>)</p><p><strong>fr&#xF6;steln</strong> зябнуть, мёрзнуть</p><p><strong>Frottiertuch,</strong><emphasis>n</emphasis> махровое полотенце</p><p><strong>Fuchtel,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) фухтель, шпага; плеть; 2) удар</p><p><strong>fuchteln</strong> махать, размахивать</p><p><strong>furchen</strong> 1) бороздить, проводить [оставлять] борозду; 2) морщить, сморщивать</p><p><strong>F&#xFC;rsorge,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> 1) попечение, забота; 2) социальное обеспечение</p></section><section><title><p>G</p></title><p><strong>Ge&#xE4;st,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>..tes</strong> сучья, ветви</p><p><strong>Geb&#xE4;lk,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis> система балок, балки перекрытия</p><p><strong>Geb&#xE4;rde,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> жест; ужимка, мина</p><p><strong>geb&#xFC;hren</strong><emphasis>vi и sich</emphasis><strong>geb&#xFC;hren</strong> подобать, надлежать, следовать</p><p><strong>geb&#xFC;ndelt</strong> связанный пучками</p><p><strong>Gefieder,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> оперение</p><p><strong>Gefilde,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> равнина; местность</p><p><strong>geistesgest&#xF6;rt</strong> душевнобольной</p><p><strong>gel&#xFC;sten</strong>; <strong>es gel&#xFC;stet mich (</strong><emphasis>nach D</emphasis><strong>)</strong> – я жажду, я страстно желаю; <strong>er tut, was ihn gel&#xFC;stet</strong> – он делает всё, что ему взбредёт в голову</p><p><strong>Gemarkung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) граница; 2) пашня [угодья] общины</p><p><strong>Gem&#xE4;uer,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> 1) каменная кладка; 2) каменная стена</p><p><strong>gemeinn&#xFC;tzig</strong> общеполезный</p><p><strong>Gemurmel,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s</strong> бормотание; шёпот, невнятный говор</p><p><strong>Gepflogenheiten,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> обычай, привычка, традиция</p><p><strong>Ger&#xFC;mpel,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s</strong> хлам, рухлядь</p><p><strong>Geschaftlhuber,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> назойливый человек</p><p><strong>geschult</strong> обученный; квалифицированный</p><p><strong>Gesindel,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s</strong> сброд, отродье</p><p><strong>Gest&#xE4;nge,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> 1) <emphasis>тех.</emphasis> система рычагов [тяг], тяговый [рычажный] механизм; 2) <emphasis>горн.</emphasis> штанги (<emphasis>буровые</emphasis>); откаточный рельсовый путь; 3) оленьи рога</p><p><strong>getrauen,</strong><emphasis>sich</emphasis> 1) верить, доверять (<emphasis>себе</emphasis>); надеяться (<emphasis>на свои силы</emphasis>); осмеливаться; 2) брать [взять] на себя смелость, дерзнуть, решиться; 3) отваживаться, решаться</p><p><strong>getreulich</strong> 1) верно, преданно; надёжно; 2) верно, точно</p><p><strong>Geviert,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong> четырёхугольник, прямоугольник; квадрат</p><p><strong>gewaltig</strong> 1) сильный, могущественный; 2) огромный</p><p><strong>Gewerbe,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> промысел; ремесло; занятие</p><p><strong>gewichtig</strong> 1) тяжёлый; полновесный (<emphasis>о монетах</emphasis>); 2) веский, важный</p><p><strong>geziemen,</strong><emphasis>sich</emphasis> подобать, приличествовать</p><p><strong>Glasziegel,</strong><emphasis>m</emphasis> стеклоблок</p><p><strong>Globetrotter,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> путешествующий вокруг света</p><p><strong>Grandezza,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> 1) достоинство гранда (<emphasis>испанского дворянина</emphasis>); 2) важность, величавость</p><p><strong>Grashalme,</strong><emphasis>m</emphasis> стебель травы; соломина</p><p><strong>griffig</strong> 1) удобный, сподручный; 2) удобный для держания; легко схватываемый; 3) шероховатый; нескользкий</p><p><strong>gr&#xF6;len</strong> горланить</p><p><strong>grollen</strong> 1) питать злобу; сердиться ; 2) громыхать</p><p><strong>gruseln 1.</strong><emphasis>vimp</emphasis><strong>mir [mich] gruselt’s</strong> – мне жутко, мне страшно; <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> бояться, страшиться</p><p><strong>Gunst,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> благосклонность, доброжелательство; милость</p><p><strong>Gutachten,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> мнение, отзыв; заключение, экспертиза; рецензия</p><p><strong>G&#xFC;terbahnhof,</strong><emphasis>m</emphasis> (<emphasis>сокр.</emphasis><strong>Gbf, Gbhf</strong>) <emphasis>ж. -д.</emphasis> товарная станция</p><p><strong>Gutshof,</strong><emphasis>m</emphasis> усадьба имения</p></section><section><title><p>H</p></title><p><strong>Habseligkeiten,</strong><emphasis>pl</emphasis> имущество, пожитки, вещи</p><p><strong>Haferschleim,</strong><emphasis>m</emphasis> овсяный кисель, овсяный отвар</p><p><strong>Hahnrei,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong> 1) каплун; 2) <emphasis>разг.</emphasis> обманутый муж</p><p><strong>hangeln</strong> передвигаться на руках в висячем положении</p><p><strong>hausen</strong> 1) проживать, обитать; ютиться; 2) хозяйничать</p><p><strong>Haush&#xE4;lterin,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, nen</strong> экономка</p><p><strong>Haussegen,</strong><emphasis>m</emphasis> 1) благочестивое изречение (<emphasis>на стене в доме</emphasis>); 2) <emphasis>шутл.</emphasis> дети</p><p><strong>Hebamme,</strong><emphasis>f</emphasis> акушерка, повивальная бабка</p><p><strong>Hebelgesetz,</strong><emphasis>n</emphasis> 1) закон рычага; 2) правило отрезков</p><p><strong>heischen</strong> (настоятельно) требовать, просить, выпрашивать</p><p><strong>hektographieren</strong> гектографировать</p><p><strong>hemmen</strong> сдерживать, задерживать; преграждать; мешать, препятствовать; тормозить</p><p><strong>Henker,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> палач</p><p><strong>herabsetzen</strong> 1) снимать, спускать, опускать; 2) снижать, понижать; сокращать; 3) понижать (<emphasis>в должности, звании</emphasis>); 4) унижать, умалять, дискредитировать</p><p><strong>Heuchler,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> лицемер, притворщик, симулянт</p><p><strong>hieven</strong> поднимать (с помощью лебёдки); выбирать [наматывать] трос</p><p><strong>Hirn,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong> головной мозг</p><p><strong>Hirsebrei,</strong><emphasis>n</emphasis> пшённая каша</p><p><strong>Hosentr&#xE4;ger,</strong><emphasis>pl</emphasis> помочи, подтяжки</p><p><strong>Hostie,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong><emphasis>церк.</emphasis> облатка, причастие; просфора</p><p><strong>H&#xFC;lle,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) покров, пелена; <emphasis>перен. тж.</emphasis> личина; 2) обёртка; чехол; футляр; покрышка</p><p><strong>humpeln</strong> прихрамывать, хромать; ковылять</p><p><strong>huschen</strong> прошмыгнуть, промелькнуть, пробежать, скользнуть</p></section><section><title><p>I</p></title><p><strong>Irrenhaus,</strong><emphasis>n</emphasis> дом для умалишённых, психиатрическая больница; сумасшедший дом</p></section><section><title><p>J</p></title><p><strong>Jungfrau Maria</strong> Дева Мария</p></section><section><title><p>K</p></title><p><strong>K&#xE4;mmerer,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) городской казначей; 2) камергер</p><p><strong>kandieren</strong> засахаривать, глазировать</p><p><strong>kandiert</strong> засахаренный</p><p><strong>Kanzlist,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>en, en</strong> канцелярист</p><p><strong>Kapuzinerkresse,</strong><emphasis>f</emphasis> = <emphasis>бот.</emphasis> настурция</p><p><strong>Keiler,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> (дикий) кабан</p><p><strong>keimen</strong> 1) прорастать, пускать ростки; 2) зарождаться, возникать, развиваться</p><p><strong>kerben</strong> делать надрезы, нарезать канавки [пазы], насекать, зазубривать</p><p><strong>kichern</strong> хихикать</p><p><strong>kippen: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) опрокидывать; 2) <emphasis>тех.</emphasis> производить отсыпку [навалку] (<emphasis>опрокидывателем</emphasis>); <strong>2.</strong><emphasis>vi</emphasis> 1) <strong>(</strong><emphasis>h</emphasis><strong>)</strong> терять равновесие, качаться; 2) <strong>(</strong><emphasis>s</emphasis><strong>)</strong> опрокидываться</p><p><strong>Kittel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> спецодежда; (рабочий) халат</p><p><strong>kitzeln</strong> щекотать</p><p><strong>Klausur,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) затворничество, отшельничество; 2) застёжка у книги</p><p><strong>Klinke,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> (дверная) ручка (<emphasis>нажимная</emphasis>); щеколда</p><p><strong>knallen: 1.</strong><emphasis>vi</emphasis> 1) <strong>(</strong><emphasis>mit D</emphasis><strong>)</strong> щёлкать, хлопать (<emphasis>хлопушкой</emphasis>); 2) трещать; 3) греметь, звучать, раздаваться (<emphasis>о выстреле</emphasis>); 4) взрываться; <strong>2.</strong><emphasis>vt</emphasis> хлопнуть, застрелить</p><p><strong>knirschen</strong> хрустеть, скрипеть; скрежетать</p><p><strong>K&#xF6;der,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> приманка; наживка</p><p><strong>Kohlstrunk,</strong><emphasis>m</emphasis> капустная кочерыжка</p><p><strong>Koje,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) <emphasis>мор.</emphasis> койка; 2) (выставочная) ниша</p><p><strong>kolportieren</strong> 1) торговать вразнос (<emphasis>б. ч. книгами</emphasis>); 2) распространять, передавать (<emphasis>слухи</emphasis>)</p><p><strong>Komparse,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>n, n</strong> статист</p><p><strong>k&#xF6;pfen</strong> 1) обезглавить; 2) обрубать кроны [верхушки] (<emphasis>деревьев</emphasis>); 3) отбивать головой (мяч); играть головой (<emphasis>футбол</emphasis>)</p><p><strong>korrupt</strong> испорченный, развращённый; продажный, подкупной</p><p><strong>K&#xF6;ter,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong><emphasis>презр.</emphasis> дворняжка; собачонка</p><p><strong>kotzen</strong> рвать</p><p><strong>krakeln</strong> писать каракулями</p><p><strong>kr&#xE4;useln</strong> 1) придание извитости (<emphasis>волокну, нити</emphasis>); 2) ратинирование (<emphasis>ткани</emphasis>); 3) образование узора «муар», образование морщин</p><p><strong>Kriegsanleihe,</strong><emphasis>f</emphasis> военный заём</p><p><strong>Kringel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> крендель; баранка, бублик</p><p><strong>Kruzifix,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>es, e</strong> распятие</p><p><strong>K&#xFC;bel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> чан; бадья; кадка</p><p><strong>k&#xFC;nden</strong> объявлять, уведомлять, ставить в известность, извещать</p><p><strong>K&#xFC;ster,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> церковный служка, дьячок, пономарь</p></section><section><title><p>L</p></title><p><strong>Ladenschwengel,</strong><emphasis>m</emphasis> продавец – щёголь; франтоватый приказчик</p><p><strong>L&#xE4;ndler,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) сельский житель; 2) лендлер, медленный вальс (<emphasis>народный танец</emphasis>)</p><p><strong>l&#xE4;ssig</strong> 1) медлительный, вялый; ленивый; 2) небрежный, халатный, неряшливый</p><p><strong>L&#xE4;sterung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) богохульство; 2) злословие; клевета; поношение; брань</p><p><strong>lauschig</strong> тихий, уютный, укромный, уединённый</p><p><strong>lauschen</strong> 1) подслушивать; 2) <strong>(</strong><emphasis>D</emphasis><strong>)</strong> (внимательно) слушать, прислушиваться</p><p><strong>Legat</strong>: <strong>I</strong><emphasis>m</emphasis><strong>en, en</strong> легат, уполномоченный папы римского; I<strong>I</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong><emphasis>юр.</emphasis> легат, завещание</p><p><strong>Leiter,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> (приставная) лестница, стремянка</p><p><strong>leugnen</strong> отрицать, оспаривать; отвергать, не признавать</p><p><strong>Leukoplast</strong> 1) <emphasis>m</emphasis><strong>en, en</strong><emphasis>бот.</emphasis> лейкопласт; 2) <emphasis>n</emphasis><strong>(e)s, e</strong> пластырь, лейкопластырь</p><p><strong>Litanei,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) <emphasis>религ.</emphasis> литания; 2) <emphasis>перен.</emphasis> бесконечная канитель; причитания</p><p><strong>lodern</strong> пылать, полыхать, гореть ярким пламенем</p><p><strong>loseisen</strong> вызволить, вытащить; освободить; добыть, вырвать</p><p><strong>L&#xFC;mmel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> болван; олух; дубина, шалопай; невежа</p><p><strong>l&#xFC;mmeln sich</strong> развалиться</p><p><strong>lumpig</strong> 1) ободранный, оборванный, в лохмотьях; 2) дрянной, подлый; 3) жалкий, незначительный, ничтожный</p></section><section><title><p>M</p></title><p><strong>Makel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) (позорное) пятно; позор; 2) порок, недостаток, изъян</p><p><strong>makellos</strong> безупречный безукоризненный; незапятнанный</p><p><strong>m&#xE4;klig</strong> разборчивый, привередливый; придирчивый</p><p><strong>M&#xE4;rtyrer,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) <emphasis>религ.</emphasis> (святой) мученик; 2) <emphasis>перен.</emphasis> мученик</p><p><strong>meckern</strong> 1) блеять; подражать козлиному блеянию; 2) <emphasis>разг.</emphasis> говорить дрожащим голосом; петь «козлетоном»; 3) <emphasis>разг.</emphasis> глупо хихикать; 4) вмешиваться в разговор; 5) брюзжать, ворчать, ныть, быть недовольным; придираться, привередничать</p><p><strong>mei&#xDF;eln</strong> выдалбливать, высекать (<emphasis>резцом</emphasis>); обрубать зубилом; долбить; чеканить; ваять</p><p><strong>Messing,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, e</strong> латунь; жёлтая медь</p><p><strong>ministrieren</strong> прислуживать во время богослужения</p><p><strong>modrig</strong> 1) заплесневевший; гнилой, тухлый; 2) затхлый, спёртый; гнилостный</p><p><strong>mogeln</strong> 1) плутовать, жульничать, надувать, мошенничать (<emphasis>особенно в карточной игре</emphasis>); 2) врать, привирать; хитрить</p><p><strong>Moniereisen,</strong><emphasis>n</emphasis> арматурная сталь; арматурная проволока</p><p><strong>morsch</strong> 1) гнилой, прогнивший; трухлявый (<emphasis>о дереве</emphasis>); 2) ветхий, обветшалый; 3) дряблый, рыхлый; 4) хрупкий, ломкий</p><p><strong>M&#xF6;rtel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> строительный [цементный, известковый] раствор</p><p><strong>Most,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>es, e</strong> 1) виноградное сусло; 2) плодовый сок; 3) молодое вино</p><p><strong>Musch,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, s</strong><emphasis>диал.</emphasis> мосье, мусье, мусьё, мусью</p><p><strong>mustern</strong> 1) осматривать; обозревать; разглядывать; окидывать взглядом; 2) отбирать, выбраковывать; <emphasis>воен.</emphasis> подвергать медицинскому осмотру [медосмотру], освидетельствовать</p></section><section><title><p>N</p></title><p><strong>nachl&#xE4;ssig</strong> небрежный; неряшливый, неаккуратный; халатный, нерадивый; невнимательный</p><p><strong>Nachz&#xFC;gler,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) отставший, отстающий, последний, опоздавший; запоздалый (гость); <emphasis>спорт.</emphasis> идущий последним; 2) поздно родившийся ребёнок</p><p><strong>Narbe,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) рубец; шрам; 2) <emphasis>бот.</emphasis> рыльце; 3) лицо, лицевая сторона (<emphasis>кожи</emphasis>); 4) мерея (<emphasis>кожи</emphasis>), тиснение, рисунок; 5) дёрн, дерновый слой</p><p><strong>Nasenbein,</strong><emphasis>n</emphasis> носовая кость</p><p><strong>neckisch</strong> 1) задорный; шутливый; забавный; игривый, лукавый; 2) <emphasis>разг.</emphasis> чудной, странный; запутанный</p><p><strong>Neugier,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> любопытство</p><p><strong>Nieth&#xE4;mmer,</strong><emphasis>m</emphasis> заклёпочный молоток</p><p><strong>nippen</strong> пить [отпивать] маленькими глотками, сделать небольшой глоток; пригубить</p><p><strong>Nutte,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong><emphasis>груб.</emphasis> проститутка, потаскуха</p></section><section><title><p>O</p></title><p><strong>obsz&#xF6;n</strong> неприличный, непристойный, скабрёзный, сальный</p><p><strong>offenbar</strong> очевидный, явный; ясный, определённый</p><p><strong>offenkundig</strong> очевидный, явный; общеизвестный</p><p><strong>Ordonnanz,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) приказ, инструкция; донесение; 2) <emphasis>воен.</emphasis> ординарец, вестовой</p></section><section><title><p>P</p></title><p><strong>Palaver,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong><emphasis>разг.</emphasis> бесконечные разговоры и переговоры; бесконечная болтовня</p><p><strong>Patience,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong><emphasis>карт.</emphasis> пасьянс</p><p><strong>pauken</strong> 1) бить в литавры; 2) <emphasis>разг.</emphasis> барабанить (<emphasis>на фортепьяно</emphasis>); 3) <emphasis>школ.</emphasis> зубрить</p><p><strong>Peitsche,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> кнут, плеть, бич</p><p><strong>Pergola,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, ..len</strong> 1) беседка [пристройка], увитая плющом; 2) крытая аллея</p><p><strong>pf&#xE4;nden</strong> 1) ликвидировать залог (<emphasis>при невыполнении в срок обязательств, взятых на себя залогодателем</emphasis>); 2) накладывать арест (<emphasis>на имущество должника</emphasis>), описывать, производить опись</p><p><strong>Pferdefu&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis> 1) косолапый (<emphasis>человек</emphasis>); 2) косолапость (<emphasis>стопы</emphasis>); 3) злой умысел, подвох</p><p><strong>Pflug,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, Pfl&#xFC;ge</strong> плуг</p><p><strong>Pfosten,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) столб; стержень; горбыль; 2) косяк; 3) стойка, подпорка</p><p><strong>Pfropfen,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> пробка; затычка; втулка</p><p><strong>Pikkolo</strong>: <strong>I</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, s</strong> младший кельнер; <strong>II</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, s</strong><emphasis>муз.</emphasis> 1) флейта-пикколо; 2) малый корнет</p><p><strong>pl&#xE4;dieren</strong> произносить речь перед судом (<emphasis>о прокуроре или защитнике</emphasis>); отстаивать какое-л. положение</p><p><strong>platt</strong> 1) плоский; 2) пошлый; 3) полный, чистейший</p><p><strong>Platte,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) блюдо (<emphasis>напр., для жаркого</emphasis>); лист; 2) поднос; 3) пластинка</p><p><strong>die Platte putzen</strong><emphasis>разг.</emphasis> улепётывать</p><p><strong>prasseln</strong> 1) трещать, потрескивать; 2) падать с шумом</p><p><strong>pr&#xE4;zisieren</strong> уточнять</p><p><strong>preisgeben</strong> оставлять, бросать</p><p><strong>Primus inter pares</strong>, <emphasis>лат. m</emphasis><strong>= = =,</strong><emphasis>pl</emphasis><strong>..mi = =</strong> первый среди равных</p><p><strong>Prolet,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>en, en</strong> пролетарий</p><p><strong>pr&#xFC;de</strong> 1) чопорный, жеманный; 2) щепетильный</p><p><strong>Pulk,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, e</strong><emphasis>спорт.</emphasis> группа (<emphasis>участников соревнования</emphasis>); <emphasis>воен.</emphasis> группа кораблей [самолётов]</p><p><strong>Puste,</strong><emphasis>f</emphasis> = <emphasis>разг.</emphasis> 1) дыхание; 2) сила; деньги</p><p><strong>pusten</strong> 1) тяжело дышать, пыхтеть; 2) (сильно) дуть; дыхнуть</p><p><strong>Putz,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>es, e</strong> 1) наряд, убор; 2) штукатурка; 3) отделка, украшение</p></section><section><title><p>Q</p></title><p><strong>Quader,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong>, <emphasis>австр. m</emphasis><strong>s, n</strong> 1) <emphasis>архит.</emphasis>, <emphasis>строит.</emphasis> квадр, тёсаный камень, плитняк; 2) <emphasis>матем.</emphasis> прямоугольный параллелепипед; 3) квадер, каменный геодезический знак</p><p><strong>Queue,</strong><emphasis>n</emphasis>, <emphasis>m</emphasis><strong>s, s</strong> кий (<emphasis>бильярдный</emphasis>)</p><p><strong>Quintaner,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> ученик пятого класса</p></section><section><title><p>R</p></title><p><strong>Rabatt,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, e</strong> скидка</p><p><strong>r&#xE4;chen</strong> мстить</p><p><strong>Rangierlok,</strong><emphasis>f ж.-д.</emphasis> маневровый локомотив; локомотив, производящий манёвры</p><p><strong>rar</strong> 1) редкий; 2) редкостный; дорогой, драгоценный</p><p><strong>sich rar machen</strong> – редко появляться, не показываться на глаза</p><p><strong>rasch</strong> 1) быстрый, скорый; 2) проворный, расторопный</p><p><strong>raunen</strong> шептать, нашёптывать</p><p><strong>r&#xE4;uspern sich</strong> откашливаться; покашливать</p><p><strong>Razzia,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=,.. zzien</strong> (полицейская лблава)</p><p><strong>rechtfertigen</strong> оправдывать</p><p><strong>Regeldetri,</strong><emphasis>f</emphasis> = <emphasis>матем.</emphasis> тройное правило</p><p><strong>Reife,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> спелость, зрелость; созревание</p><p><strong>Reisig,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s</strong> хворост</p><p><strong>resignieren</strong> 1) отречься, отказаться; покориться (судьбе); 2) смириться, примириться; разочароваться</p><p><strong>reziprok</strong> взаимный; обоюдный</p><p><strong>Riegel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) задвижка, засов; запор; <emphasis>тех.</emphasis> затвор, стопор; <emphasis>воен.</emphasis> замыкатель (<emphasis>затвора</emphasis>); 2) поперечина, перекладина; распорка; 3) ригель, «засов», поперечные пороги; 4) застёжка (<emphasis>на платье</emphasis>)</p><p><strong>rissig</strong> 1) потрескавшийся, растрескавшийся, в трещинах; 2) рваный, порванный</p><p><strong>Rochett,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, s</strong><emphasis>церк.</emphasis> облачение</p><p><strong>roden</strong> 1) корчевать; расчищать под пашню (<emphasis>участок</emphasis>); 2) убирать, копать</p><p><strong>r&#xF6;hren</strong> проводить трубы</p><p><strong>ruchlos</strong> гнусный, подлый; жестокий</p><p><strong>R&#xFC;ckblende,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) <emphasis>кино</emphasis> наплыв с изображением предшествующих событий; 2) <emphasis>перен.</emphasis> возвращение к прошлому</p><p><strong>Ruderer,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> гребец</p><p><strong>rumpeln:</strong><emphasis>vi</emphasis><strong>(</strong><emphasis>h</emphasis>, <emphasis>s</emphasis><strong>)</strong> греметь, стучать, громыхать; <emphasis>vt</emphasis> перемешивать, путать; бросать в одну кучу, устраивать беспорядок</p><p><strong>rutschen</strong> 1) скользить; <emphasis>авто</emphasis> буксовать; 2) ползать; 3) съехать, сдвинуться; 4) спориться, идти на лад</p></section><section><title><p>S</p></title><p><strong>Sakrament,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, – e</strong><emphasis>религ.</emphasis> таинство; святыня</p><p><strong>Satzung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) устав; инструкция; 2) коллективный договор</p><p><strong>s&#xE4;uberlich</strong> 1) чисто, опрятно; 2) чисто, аккуратно, тщательно; 3) осторожно, бережно</p><p><strong>sch&#xE4;big</strong> 1) убогий, жалкий; 2) поношенный, потёртый, ветхий; 3) скупой, скаредный; мелочный; 4) подлый</p><p><strong>sch&#xE4;nden</strong> 1) позорить, бесчестить, (за)пятнать; срамить; 2) осквернять; 3) растлевать; 4) обезображивать, портить</p><p><strong>schaufeln</strong> 1) копать, рыть; 2) сгребать (лопатой); 3) ворошить, перелопачивать</p><p><strong>scheitern</strong> 1) разбиваться, терпеть крушение (<emphasis>о судне</emphasis>); 2) рухнуть, потерпеть неудачу [фиаско, крушение]; не удаваться, сорваться, провалиться</p><p><strong>Scherflein,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong><emphasis>уменьш. от</emphasis><strong>Scherf,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, e</strong><emphasis>истор.</emphasis> шерф (<emphasis>монета в полпфеннига</emphasis>)</p><p><strong>Schimmer,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) сверкание, блеск; мерцание; поблёскивание; слабый свет; 2) проблеск</p><p><strong>schlackig</strong> изобилующий шлаком</p><p><strong>Schleier,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) покрывало; вуаль; фата; чадра; 2) <emphasis>перен.</emphasis> пелена; туман; завеса</p><p><strong>Schleim,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong> слизь; мокрота</p><p><strong>Schleuder,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) <emphasis>тех.</emphasis> центрифуга; сепаратор; 2) <emphasis>воен.</emphasis> катапульта; метательная установка</p><p><strong>Schleuse,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> шлюз</p><p><strong>schlingen: I 1.</strong><emphasis>* vt</emphasis> 1) <strong>(</strong><emphasis>um A</emphasis><strong>)</strong> обвивать; обхватывать; 2) (<emphasis>um A</emphasis>) обвязывать; обматывать; 3) <strong>(</strong><emphasis>in A</emphasis><strong>)</strong> вплетать; 4) завязывать (узлом); <strong>2.</strong><emphasis>sich</emphasis> виться, обвивать(ся)</p><p><strong>Schlot,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong><emphasis>и</emphasis><strong>Schl&#xF6;te</strong> 1) (фабричная) дымовая труба; вытяжная труба; 2) <emphasis>геол.</emphasis> каверна, полость в известняках [в гипсах]; 3) жерло вулкана; кратер; 4) <emphasis>геол.</emphasis> глубокий колодец в карсте; 5) <emphasis>разг.</emphasis> верзила; невежа, хам</p><p><strong>schl&#xFC;rfen: 1.</strong><emphasis>vi</emphasis> шаркать ногами [туфлями] (<emphasis>при ходьбе</emphasis>); <strong>2.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) (громко) хлебать; прихлёбывать; потягивать; чавкать; 2) глотать, вбирать в себя</p><p><strong>Schmollis; Schmollis trinken</strong> – студ. выпить на брудершафт</p><p><strong>schmoren: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> тушить, жарить (<emphasis>мясо, овощи</emphasis>); <strong>2.</strong><emphasis>vi</emphasis> тушиться, жариться</p><p><strong>schmuddelig</strong> грязный, неопрятный; запачканный, грязненький</p><p><strong>schmunzeln</strong> ухмыляться; усмехаться</p><p><strong>schnalzen</strong> 1) щёлкать, прищёлкивать; 2) чавкать; чмокать</p><p><strong>schnauben</strong> сопеть, фыркать</p><p><strong>schnellen: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) бросать, метать, швырять; подкидывать; 2) <emphasis>разг.</emphasis> обманывать; подводить; 3) <emphasis>разг.</emphasis> красть; воровать; <strong>2.</strong><emphasis>vi</emphasis> 1) <strong>(</strong><emphasis>s</emphasis><strong>)</strong> подскакивать; 2) <strong>(</strong><emphasis>s</emphasis><strong>)</strong> пружинить; 3) <strong>(</strong><emphasis>h</emphasis><strong>)</strong> щёлкать (<emphasis>пальцами</emphasis>)</p><p><strong>Schnippel,</strong><emphasis>m</emphasis>, <emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> кусочек, обрезок; лоскут</p><p><strong>schnippen</strong> щёлкать (<emphasis>пальцами</emphasis>)</p><p><strong>schnittig</strong> 1) режущий; с острыми краями; 2) <emphasis>перен.</emphasis> породистый, элегантный</p><p><strong>schn&#xFC;ffeln</strong> 1) нюхать, обнюхивать; 2) <emphasis>разг.</emphasis> шпионить, выслеживать, выведывать</p><p><strong>Schnupfen,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> насморк</p><p><strong>Scho&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>es, Sch&#xF6;&#xDF;e</strong> 1) колени, лоно; 2) недра (<emphasis>земли</emphasis>); 3) пола, фалда; подол юбки</p><p><strong>schrauben: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) завинчивать; соединять болтами; 2) <emphasis>перен.</emphasis> взвинчивать; повышать; 3) мучить, терзать; раздражать, досаждать; дразнить; издеваться; 4) <strong>(</strong><emphasis>um A</emphasis><strong>)</strong><emphasis>разг.</emphasis> обманывать; <strong>2.</strong><emphasis>sich</emphasis> чваниться, важничать, кичиться</p><p><strong>Schrebergarten,</strong><emphasis>m</emphasis> небольшой огород [сад] (с домиком)</p><p><strong>schrumpfen</strong> 1) сжиматься, стягиваться; 2) сморщиваться, морщиться; 3) садиться (<emphasis>о ткани</emphasis>); подвергаться усадке</p><p><strong>Schuft,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong> 1) подлец, негодяй; плут, мошенник; 2) загривок</p><p><strong>schuften</strong> надрываться, работать, не разгибая спины</p><p><strong>schulen: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) обучать, учить; тренировать; приучать; 2) дрессировать; <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong> обучаться; повышать (свою) квалификацию</p><p><strong>Schwadron,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> эскадрон</p><p><strong>Schwamm,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, Schw&#xE4;mme</strong> 1) <emphasis>зоол.</emphasis> губка; 2) <emphasis>бот.</emphasis> гриб; плесень; 3) губка (<emphasis>для мытья</emphasis>)</p><p><strong>Schwamm dr&#xFC;ber!</strong> – <emphasis>разг.</emphasis> оставим это!, забудем это!, не будем об этом вспоминать!</p><p><strong>Schwiele,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) <emphasis>мед.</emphasis> кожная мозоль; 2) <emphasis>pl перен.</emphasis> трудовые мозоли</p><p><strong>Schwindel: I</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s</strong> головокружение; <strong>II</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s</strong><emphasis>разг.</emphasis> надувательство, обман; мошенничество; ложь</p><p><strong>schwindlig</strong> 1) подверженный головокружению; 2) головокружительный</p><p><strong>Schwindsucht,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> чахотка, туберкулёз</p><p><strong>schwingend</strong> колеблющийся, колебательный; вибрирующий</p><p><strong>Schwingung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) раскачивание, качание; размах; 2) колебание; вибрация</p><p><strong>schwul</strong> гомосексуальный</p><p><strong>Schw&#xFC;le,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> 1) духота, зной; 2) подавленность, тревога, страх; 3) томление; похоть</p><p><strong>Schwur,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, Schw&#xFC;re</strong> клятва; присяга</p><p><strong>Seelenmesse,</strong><emphasis>f религ.</emphasis> панихида</p><p><strong>Sicht,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> видимость, вид; перспектива</p><p><strong>Sippe,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) (кровное) родство; 2) род; клан; 3) родня</p><p><strong>Sonnwendfeier,</strong><emphasis>f</emphasis> праздник солнцестояния</p><p><strong>spachteln</strong><emphasis>разг.</emphasis> уплетать за обе щеки</p><p><strong>sp&#xE4;hen</strong> 1) высматривать; наблюдать ; 2) шпионить, выслеживать</p><p><strong>Spalier,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, e</strong> 1) шпалеры; 2) стенка (<emphasis>при штрафных ударах в футболе</emphasis>)</p><p><strong>spei&#xFC;bel</strong> тошно; противно до тошноты</p><p><strong>Spelze,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> мякина, полова; ость</p><p><strong>spendieren</strong> угощать; раздавать; платить</p><p><strong>Spesenrechnung,</strong><emphasis>f</emphasis> счёт издержек</p><p><strong>Spiegelei,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)s, er</strong> яичница-глазунья</p><p><strong>Spielverderber,</strong><emphasis>m</emphasis> некомпанейский человек; человек, мешающий общему веселью; зануда</p><p><strong>Spitzname,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>ens, n</strong> прозвище, кличка</p><p><strong>Sprosse,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) ступень(ка), перекладина, рейка; 2) веснушка</p><p><strong>Stacheldraht,</strong><emphasis>m</emphasis> колючая проволока</p><p><strong>Stallung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) помещение, занятое под конюшню [под хлев]; 2) загон в конюшне</p><p><strong>Stampfen,</strong><emphasis>n</emphasis> 1) трамбование, трамбовка; 2) <emphasis>метал.</emphasis> набивка</p><p><strong>stampfen</strong> 1) толочь, мять; рубить (<emphasis>капусту</emphasis>); 2) топать; 3) трамбовать, утрамбовывать</p><p><strong>Stigmata,</strong><emphasis>n pl</emphasis> стигмы, признаки</p><p><strong>stigmatisieren</strong> стигматизировать</p><p><strong>Stollen: I</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> рождественский кекс, рождественская коврижка; <strong>II</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) штольня; туннель; 2) столб; 3) шип</p><p><strong>strampeln</strong> дрыгать ногами, болтать ногами; барахтаться</p><p><strong>streuen</strong> сыпать, рассыпать; разбрасывать; рассеивать; посыпать</p><p><strong>Stummel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) остаток, кончик; огарок (<emphasis>свечи</emphasis>); 2) обрубок</p><p><strong>St&#xFC;mper,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> плохой [неумелый] работник; халтурщик, дилетант</p><p><strong>Stunk,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s</strong><emphasis>разг.</emphasis> склока, ссора; кляузы; интриги</p></section><section><title><p>T</p></title><p><strong>Tabernakel,</strong><emphasis>n</emphasis>, <emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) <emphasis>церк.</emphasis> дарохранительница; 2) навес</p><p><strong>Tafel,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) доска; 2) плитка; 3) плоская поверхность</p><p><strong>talgig</strong> сальный, просаленный; жировой</p><p><strong>tarnen</strong> маскировать, скрывать; камуфлировать</p><p><strong>Taubenschlag,</strong><emphasis>m</emphasis> голубятня</p><p><strong>taumeln</strong> шататься, нетвёрдо [неуверенно] ступать, плохо держаться на ногах</p><p><strong>Teint,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, s</strong> цвет лица</p><p><strong>Testament,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, e</strong> 1) завещание; 2) <emphasis>религ.</emphasis> завет</p><p><strong>Theke,</strong><emphasis>f</emphasis> барная стойка; прилавок</p><p><strong>Torheit, =, en</strong> сумасбродство, глупость, безумие</p><p><strong>t&#xF6;richt</strong> безрассудный, глупый</p><p><strong>Treppengel&#xE4;nder,</strong><emphasis>n</emphasis> перила лестницы</p><p><strong>Trillerpfeifen,</strong><emphasis>f</emphasis> пронзительный свисток</p><p><strong>t&#xFC;nchen</strong> красить; обмазывать; белить</p><p><strong>tupfen</strong> слегка трогать, дотрагиваться</p></section><section><title><p>&#xDC;</p></title><p><strong>&#xDC;berbleibsel,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> 1) остаток, сохранившаяся часть; объедки, остатки (еды); 2) пережиток</p><p><strong>&#xFC;berweisen</strong> 1) передавать, направлять; 2) переводить</p><p><strong>&#xFC;berwuchern</strong> (буйно) разрастаться</p></section><section><title><p>U</p></title><p><strong>Umgang,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, ..g&#xE4;nge</strong> 1) обход; объезд; 2) общение, знакомство, связь</p><p><strong>Umgang mit</strong><emphasis>j m</emphasis><strong>haben [pflegen]</strong> – встречаться, поддерживать знакомство</p><p><strong>unausl&#xF6;schlich</strong> 1) неизгладимый; 2) неугасимый; неутолимый</p><p><strong>Unbestechlichkeit,</strong><emphasis>f</emphasis> неподкупность</p><p><strong>unerbittlich</strong> неумолимый, непреклонный, безжалостный</p><p><strong>Unheil,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis> беда, несчастье</p><p><strong>unken</strong> 1) квакать; 2) <emphasis>перен. разг.</emphasis> каркать, пророчить беду</p><p><strong>Unterlagen,</strong><emphasis>f pl</emphasis> документация</p><p><strong>untermalen</strong> писать красками</p><p><strong>unterstehen sich</strong> осмеливаться, сметь</p><p><strong>untr&#xFC;glich</strong> безошибочный, несомненный, абсолютно точный, верный</p><p><strong>unverdrossen</strong> неунывающий; бодрый; неутомимый; необидчивый</p><p><strong>Usance,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> торговый обычай</p></section><section><title><p>V</p></title><p><strong>ver&#xE4;chtlich</strong> презрительный; пренебрежительный</p><p><strong>Veranlagung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) наклонности, задатки, способности; 2) предрасположение</p><p><strong>veranlassen</strong> 1) побуждать; давать повод, (по)служить причиной [поводом]; вызвать, повлечь за собой; 2) распорядиться</p><p><strong>verbergen</strong> скрывать, утаивать, прятать</p><p><strong>Verbissenheit,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> озлобление, ожесточение</p><p><strong>verb&#xFC;rgen</strong> ручаться, поручиться</p><p><strong>verdeutlichen</strong> пояснять, объяснять, разъяснять; показывать</p><p><strong>verdr&#xFC;cken: 1.</strong><emphasis>vt</emphasis> 1) смять, раздавить; выдавить; 2) <emphasis>разг.</emphasis> уплетать, есть; 3) <emphasis>разг.</emphasis> выкрасть; утаить; стащить, стибрить; <strong>2. (</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>)</strong><emphasis>разг.</emphasis> скрываться, исчезать; улизнуть</p><p><strong>verfaulen</strong> гнить, загнивать</p><p><strong>vergewissern,</strong><emphasis>sich</emphasis><strong>(</strong><emphasis>G</emphasis><strong>, &#xFC;ber</strong><emphasis>A</emphasis><strong>)</strong> удостоверяться, убеждаться</p><p><strong>Verg&#xFC;nstigung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> льгота; уступка</p><p><strong>verhaken</strong> сцеплять, соединять</p><p><strong>verkalken</strong> 1) превращаться в известь; 2) <emphasis>разг.</emphasis> стареть; устаревать; закоснеть</p><p><strong>verkn&#xFC;pfen</strong> связывать, объединять</p><p><strong>verk&#xFC;ndeten</strong> провозглашать, объявлять, возвещать; обнародовать</p><p><strong>verladen</strong> 1) грузить, производить погрузку; 2) производить перегрузку; нагружать, загружать; отгружать</p><p><strong>verleugnen</strong> 1) отрицать; 2) отрекаться</p><p><strong>Verlobung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> помолвка, обручение</p><p><strong>vermodern</strong> тлеть, истлевать, разлагаться, гнить</p><p><strong>Verm&#xF6;gen,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>s, =</strong> 1) имущество, состояние; 2) способность, возможности, силы</p><p><strong>Verrichtung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> исполнение; исправление; совершение</p><p><strong>verringern</strong> уменьшать, сокращать, снижать</p><p><strong>verrotten</strong> истлевать, гнить, разрушаться; разлагаться</p><p><strong>Verschlei&#xDF;,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>es, e</strong> износ</p><p><strong>verschm&#xE4;hen</strong> пренебрегать; отвергать с презрением</p><p><strong>verschonen</strong> щадить, не трогать</p><p><strong>verschrumpfen</strong> сморщиваться; высыхать</p><p><strong>verschwenderisch</strong> расточительный</p><p><strong>verschw&#xF6;ren</strong> клясться, давать клятву; отрекаться</p><p><strong>versengen</strong> обжечь, опалить; подпалить</p><p><strong>versohlen</strong> 1) подшивать [прибивать] подмётки (<emphasis>к обуви</emphasis>); 2) <emphasis>разг.</emphasis> отделать, избить</p><p><strong>vers&#xF6;hnen</strong> помирить; примирить</p><p><strong>vertrotteln</strong> глупеть, тупеть</p><p><strong>Verweigerung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> отказ (<emphasis>выполнить что-л.</emphasis>)</p><p><strong>verwerflich</strong> 1) негодный; неприемлемый; порочный; 2) дурной, предосудительный, недостойный</p><p><strong>verwickeln</strong> 1) спутывать, запутывать (<emphasis>пряжу</emphasis>); 2) <emphasis>перен.</emphasis> запутывать (<emphasis>дело</emphasis>); 3) <strong>(</strong><emphasis>in A</emphasis><strong>)</strong><emphasis>перен.</emphasis> впутывать</p><p><strong>verwickelt</strong> сложный, запутанный</p><p><strong>verwirren</strong> 1) спутывать, запутывать; 2) смущать, сбивать с толку, приводить в замешательство</p><p><strong>Verzichterkl&#xE4;rung,</strong><emphasis>f</emphasis> (письменный) отказ, заявление об отказе</p><p><strong>verzieren</strong> украшать, отделывать</p><p><strong>verz&#xFC;ckn</strong> восхищать, приводить в восторг</p><p><strong>Vesper,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) вечер; 2) <emphasis>церк.</emphasis> вечерня</p><p><strong>Vorkommnis,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>ses, se</strong> происшествие; случай</p><p><strong>vorr&#xE4;tig</strong> имеющийся (в запасе); припасённый, заготовленный</p><p><strong>Vorschuss,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>..schusses, ..sch&#xFC;sse</strong> задаток, аванс</p><p><strong>Vorsprung,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>(e)</strong><emphasis>s</emphasis><strong>, ..spr&#xFC;nge</strong> 1) выступ; 2) превосходство; преимущество; опережение</p><p><strong>vorschreiben</strong> 1) писать для образца; 2) предписывать, диктовать</p></section><section><title><p>W</p></title><p><strong>Wanst,</strong><emphasis>n</emphasis><strong>es, W&#xE4;nster</strong> безобразник, разбойник</p><p><strong>Wehr,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) оборона, сопротивление; 2) оружие</p><p><strong>weiden</strong> 1) пасти; 2) <strong>(</strong><emphasis>an D</emphasis><strong>)</strong><emphasis>перен.</emphasis> услаждать</p><p><strong>weigern sich</strong> отказываться; сопротивляться; уклоняться</p><p><strong>Weiler,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> 1) (небольшая) деревня, деревушка, посёлок; 2) крестьянская усадьба, хутор</p><p><strong>weismachen</strong> пытаться убедить, заставлять верить; внушать</p><p><strong>wittern</strong> 1) чуять; 2) (пред)чувствовать</p><p><strong>Witterung,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, en</strong> 1) погода; состояние погоды; атмосферные условия, метеорологические условия; 2) <emphasis>охот.</emphasis> чутьё, нюх</p><p><strong>wohlfeil</strong> дешёвый, общедоступный</p><p><strong>Wotan, Wodan,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s</strong> Водан, Один (<emphasis>верховное божество у древних германцев</emphasis>)</p><p><strong>w&#xFC;hlen</strong> копать; копаться; рыть; рыться</p><p><strong>W&#xFC;nschelrute,</strong><emphasis>f</emphasis> волшебная палочка, волшебный прут</p><p><strong>W&#xFC;rde,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> 1) достоинство; 2) звание; сан</p><p><strong>w&#xFC;rdigen</strong> удостаивать, ценить, оценивать</p></section><section><title><p>Z</p></title><p><strong>z&#xE4;h</strong> 1) жёсткий, твёрдый; 2) тягучий, вязкий; клейкий; густой; 3) упорный; стойкий; выносливый; цепкий</p><p><strong>zappeln</strong> 1) трепыхаться, трепетать(ся); барахтаться, биться; 2) (беспокойно) вертеться, дёргаться, делать нервные движения</p><p><strong>zerfetzen</strong> рвать на куски, дробить; (ис)кромсать</p><p><strong>zerfransen</strong> растрепать, превратить в лохмотья</p><p><strong>zerquetschen</strong> раздавить; расплющить; размять; размозжить, превратить в месиво</p><p><strong>zerren</strong> дёргать; рвать; тащить</p><p><strong>zerschellen</strong> разбиваться; раздробляться; разлетаться</p><p><strong>zertrampeln</strong> растоптать; раздавить</p><p><strong>Zigarettenstummel,</strong><emphasis>m</emphasis> окурок</p><p><strong>Zigarillo,</strong><emphasis>m</emphasis>, <emphasis>n</emphasis><strong>s, s</strong>, <emphasis>разг. f</emphasis><strong>=, s</strong> сигарка, маленькая сигара</p><p><strong>zimmern</strong> плотничать</p><p><strong>Zipfel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> (острый) конец, кончик, уголок, краешек</p><p><strong>z&#xF6;gern</strong> медлить, тянуть; колебаться, не решаться</p><p><strong>zollen</strong> платить пошлину</p><p><strong>Zote,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=, n</strong> непристойность, сальность</p><p><strong>zucken</strong> 1) вздрогнуть, сделать внезапное, судорожное движение; (конвульсивно) вздрагивать, подёргиваться; трепетать, биться; 2) <emphasis>перен.</emphasis> сверкать, пробегать; 3) <strong>(</strong><emphasis>mit D</emphasis><strong>)</strong> подёргивать</p><p><strong>Z&#xFC;gel,</strong><emphasis>m</emphasis><strong>s, =</strong> повод, узда; <emphasis>pl перен.</emphasis> бразды правления</p><p><strong>zunageln</strong> заколачивать гвоздями</p><p><strong>z&#xFC;ngeln</strong> 1) шевелить языком; 2) колебаться, извиваться</p><p><strong>zusammensacken</strong> поникнуть; свалиться с ног</p><p><strong>zuschrauben</strong> завинчивать</p><p><strong>Zuversicht,</strong><emphasis>f</emphasis><strong>=</strong> уверенность, вера, глубокое убеждение</p><p><strong>zuvorkommend</strong> предупредительный, внимательный, обходительный предупредительный, внимательный, обходительный</p></section></section></body><body name="notes"><title><p>Примечания</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p><strong>Der Renouveau catholique</strong> (katholische Erneuerung) war eine literarische Bewegung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Frankreich. Seine Ziele waren eine Erneuerung von Literatur und Gesellschaft durch Hinwendung zu den Werten eines urspr&#xFC;nglichen Katholizismus.</p></section><section id="n_2"><title><p>2</p></title><p><strong>L&#xE9;on Marie Bloy,</strong> (* 11. Juli 1846 in P&#xE9;rigueux; † 3. November 1917 in Bourg-la-Reine bei Paris) war ein franz&#xF6;sischer Romancier und Essayist. Urspr&#xFC;nglich vom Symbolismus ausgehend, gilt Bloy, ein christlicher Wahrheitsfanatiker, „ewiger Bettler“, gl&#xE4;ubiger Katholik und streitbarer Geist.</p></section><section id="n_3"><title><p>3</p></title><p><strong>Georges Bernanos</strong> (* 20. Februar 1888 in Paris, † 5. Juli 1948 in Neuilly-sur-Seine) war ein franz&#xF6;sischer Schriftsteller. Behandelte in Romanen den Kampf zwischen Gott und Satan in Menschen.</p></section><section id="n_4"><title><p>4</p></title><p><strong>Charles Pierre P&#xE9;guy</strong> (* 7. Januar 1873 in Orl&#xE9;ans; † 5. September 1914 bei Villeroy) war ein franz&#xF6;sischer Schriftsteller. Vertreter des Renouveau catholique.</p></section><section id="n_5"><title><p>5</p></title><p><strong>Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist</strong> (* 18. Oktober, nach Kleists eigenen Angaben 10. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder); † 21. November 1811 in Wannsee bei Berlin) war ein preu&#xDF;ischer Dramatiker, Erz&#xE4;hler, Lyriker und Publizist.</p></section><section id="n_6"><title><p>6</p></title><p><strong>Johann Christian Friedrich H&#xF6;lderlin</strong> (* 20. M&#xE4;rz 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in T&#xFC;bingen) z&#xE4;hlt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern.</p></section><section id="n_7"><title><p>7</p></title><p><strong>Johann Peter Hebel</strong> (1760–1826) – deutscher Dichter; Gedichte in alemannischer Mundart; schlicht-humorvolle, feihouse didaktische Kurzenz&#xE4;hlungen.</p></section><section id="n_8"><title><p>8</p></title><p><strong>Franz Kafka</strong> (1883–1924) – &#xF6;sterreichischen Dichter; sein werk ist Deutung seiner eigenen Existenz und als solche dichterische Gleichnis f&#xFC;r den Menschen in der absurden Welt, der belastet durch das Gef&#xFC;hl einer existentiellen Schuld, in Erwartung eines urteils lebt.</p></section><section id="n_9"><title><p>9</p></title><p>Societas <emphasis>f</emphasis> &lt;lat.&gt; = Gesellschaft <emphasis>f</emphasis></p></section><section id="n_10"><title><p>10</p></title><p><strong>Aloisius von Gonzaga</strong> (*9. M&#xE4;rz 1568 in Castiglione delle Stiviere (bei Mantua, Norditalien), † 21. Juni 1591 in Rom) – Schutzpatron der Jugend geh&#xF6;rt zu den in jungen Jahren gestorbenen Heiligen. Aloisius wurde heilig gesprochen im Jahr 1726.</p></section><section id="n_11"><title><p>11</p></title><p><strong>Saffian</strong><emphasis>m</emphasis> &lt;pers.&gt; = (feines) Ziegenleder</p></section><section id="n_12"><title><p>12</p></title><p><strong>in natura</strong> &lt;lat&gt; = in Wirklichkeit</p></section><section id="n_13"><title><p>13</p></title><p><strong>Beelzebub</strong> (auch Belzebub, Beelzebul, Beelzebock) <emphasis>m</emphasis> – Teufel.</p></section><section id="n_14"><title><p>14</p></title><p><strong>Asmodis</strong> (<emphasis>gr.</emphasis> Asmaidos <emphasis>lat.</emphasis> Asmodaeus, Asmod&#xE4;us, <emphasis>hebr.</emphasis> Aschmedai (Talmud)) – ein D&#xE4;mon aus der Mythologie des Judentums (Buch Tobit 3,8,17).</p></section><section id="n_15"><title><p>15</p></title><p>Die Zeile aus dem Gedicht von H&#xF6;lderlin „Wie wenn am Feiertage“.</p></section><section id="n_16"><title><p>16</p></title><p><strong>Antinoos</strong> (latinisiert Antinous; * 27. November zwischen 110 und 115 in Bithynion-Klaudiopolis, Bithynien; † am oder kurz vor dem 30. Oktober 130 im Nil bei Besa) war ein G&#xFC;nstling und vermutlich Geliebter des r&#xF6;mischen Kaisers Hadrian. Nach seinem Tod wurde er zum Gott erkl&#xE4;rt und verehrt. Ideal jugendlicher Sch&#xF6;nheit.</p></section><section id="n_17"><title><p>17</p></title><p><strong>Sextaner</strong><emphasis>m</emphasis> – Sch&#xFC;ler der Sexta (ersterklasse eines Gymnasiums).</p></section><section id="n_18"><title><p>18</p></title><p>Die erste Zeile Georg Trakls Gedichtes „Verfall“. Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in Salzburg, &#xD6;sterreich; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien) war ein &#xF6;sterreichischer Lyriker und bedeutender Dichter des deutschsprachigen Expressionismus.</p></section><section id="n_19"><title><p>19</p></title><p><strong>Verdun</strong> ist eine Stadt an der Maas (frz. la Meuse) im Nordosten Frankreichs mit etwa 23.000 Einwohnern. Die Schlacht um Verdun war die gr&#xF6;&#xDF;te Schlacht des Ersten Weltkrieges. Sie begann am 21. Februar 1916 mit einem Angriff deutscher Truppen auf die franz&#xF6;sischen Stellungen bei Verdun. Sie endete am 20. Dezember 1916 ohne wesentliche Verschiebung des Frontverlaufs.</p></section><section id="n_20"><title><p>20</p></title><p><strong>Ch&#xE2;teau-Thierry</strong> ist eine Stadt im Nordosten Frankreichs ungef&#xE4;hr 90 km nord&#xF6;stlich der Hauptstadt Paris. Die Stadt war auch Schauplatz einer wichtigen Schlacht des ersten Weltkrieges im Jahre 1918 zwischen amerikanischen und deutschen Truppen.</p></section><section id="n_21"><title><p>21</p></title><p><strong>„Weide meine L&#xE4;mmer“</strong> – die Weisung Christi an Petrus, von der die katholische Kirche ihren Anspruch auf die Nachfolgeschaft Jesu herleitet (Evangelium Johannes 21, 1. 15 – 19).</p></section><section id="n_22"><title><p>22</p></title><p>Als <strong>Allg&#xE4;u</strong> wird die Landschaft im S&#xFC;den des bayerischen Regierungsbezirks Schwaben, sowie ein kleiner Teil Baden-W&#xFC;rttembergs bezeichnet.</p><p>Der <strong>Westerwald</strong> ist ein maximal 657 m hohes deutsches Mittelgebirge in den deutschen Bundesl&#xE4;ndern Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen.</p><p>Die Gemeinde <strong>Bad Gastein</strong> (bis 1996: Badgastein) ist ein Kur- und Wintersportort im Gasteinertal, am Fu&#xDF; des Graukogels im Naturpark Hohe Tauern. Neben den Kuranwendungen bietet das Tal Gelegenheit zu Erholung und Sport w&#xE4;hrend des ganzen Jahres.</p></section><section id="n_23"><title><p>23</p></title><p><strong>B&#xFC;ffel</strong> und <strong>Lamm</strong> als Gegensatzpaar. Der B&#xFC;ffel als Sinnbild der blinden Gewaltigkeit, der rohen k&#xF6;rperlichen Kraft, das Lamm als Verk&#xF6;rperung der Sanftmut und der Milde, der Aufopferung und der Ents&#xFC;hnung. Das Lamm ist altchristlichen Ursprungs und bezeichnet sowohl den christlichen Gl&#xE4;ubigen als auch Christus selbst.</p></section><section id="n_24"><title><p>24</p></title><p>B&#xF6;ll versucht mit dieser Sekte die parodistische Umkehr der Lamm-Ideologie.</p></section><section id="n_25"><title><p>25</p></title><p><strong>Canasta</strong> (von <emphasis>span. canasta: Korb</emphasis>) – ein Kartenspiel f&#xFC;r vier Personen in zwei Partnerschaften; es existieren auch Varianten f&#xFC;r zwei, drei, f&#xFC;nf oder sechs Personen.</p></section><section id="n_26"><title><p>26</p></title><p>Ein <strong>Schnellzug</strong> (in Deutschland und &#xD6;sterreich auch D-Zug) ist eine Zuggattung der Eisenbahn und bezeichnet Z&#xFC;ge, die nicht auf allen Unterwegsbahnh&#xF6;fen halten</p><p>Zum Sommerfahrplan 1951 f&#xFC;hrte die DB eine neue Zuggattung, den <strong>Fernzug</strong> ein. Diese Z&#xFC;ge verbanden in individuellen Fahrpl&#xE4;nen die neuen Wirtschaftszentren der Bundesrepublik untereinander. Sie f&#xFC;hrten die Zuggattungsbezeichnung „F“ f&#xFC;r Fernzug und f&#xFC;hrten bis 1956 nur die damalige erste und zweite Wagenklasse, danach ausschlie&#xDF;lich die erste Klasse. Die Fernz&#xFC;ge wurden ab 1971 durch den InterCity-Zug abgel&#xF6;st.</p><p>In der Zuggattung <strong>Eilzug</strong> (E) waren &#xFC;ber mittelgro&#xDF;e Entfernungen (meistens zwischen zwei Ballungsr&#xE4;umen) verkehrende Z&#xFC;ge zusammen gefasst, die nur in wichtigeren Bahnh&#xF6;fen hielten. In einigen Verkehrsverb&#xFC;nden gibt es Stadtbahnen, auf denen einige Kurse mit wenigen Halten als Eilzug fahren. Nachfolger des Eilzuges ist heute der <strong>RegionalExpress</strong>.</p><p>Der <strong>FernExpress</strong> war eine Zuggattung mit erster und zweiter Klasse mit dem traditionsreichem K&#xFC;rzel FD, die zum Sommerfahrplan 1983 von der DB eingef&#xFC;hrt wurde. Diese mit eigenen Namen versehenen Z&#xFC;ge verbanden in der Regel den Gro&#xDF;raum Hamburg oder das Ruhrgebiet mit Ferienzentren in S&#xFC;ddeutschland, teilweise f&#xFC;hrten diese Z&#xFC;ge auch ins Ausland.</p><p><strong>Trans Europ Express</strong> (TEE) waren elegante, komfortable Schnellz&#xFC;ge, die zwischen den Staaten der ehemaligen EWG (Europ&#xE4;ische Wirtschaftsgemeinschaft) sowie der Schweiz verkehrten. Sie f&#xFC;hrten ausschlie&#xDF;lich Wagen der ersten Klasse.</p></section><section id="n_27"><title><p>27</p></title><p><strong>Karl Friedrich May</strong>, eigentlich Carl Friedrich May (* 25. Februar 1842 in Ernstthal; † 30. M&#xE4;rz 1912 in Radebeul) war ein deutscher Schriftsteller. Karl May war einer der produktivsten Abenteuerschriftsteller und z&#xE4;hlte jahrzehntelang zu den meistgelesenen Schriftstellern Deutschlands. Bekannt wurde er vor allem durch seine so genannten Reiseerz&#xE4;hlungen, die vorwiegend im Orient und in den Vereinigten Staaten und Mexiko angesiedelt sind. Viele seiner Werke wurden verfilmt, f&#xFC;r die B&#xFC;hne adaptiert, zu H&#xF6;rspielen verarbeitet oder als Comics umgesetzt.</p></section><section id="n_28"><title><p>28</p></title><p>Worte aus dem Ordinariumstext, feststehendem Messtext der r&#xF6;misch-katholischen Kirche.</p></section><section id="n_29"><title><p>29</p></title><p><strong>Kabale und Liebe</strong> ist ein b&#xFC;rgerliches Trauerspiel in f&#xFC;nf Akten von Friedrich Schiller, das am 13. April 1784 in Frankfurt am Main uraufgef&#xFC;hrt wurde. Das Drama, in dessen Mittelpunkt die ungl&#xFC;ckliche Liebe zwischen dem Adligen Ferdinand und der Musikertochter Luise steht, thematisiert den St&#xE4;ndekonflikt zwischen Adel und B&#xFC;rgertum.</p></section><section id="n_30"><title><p>30</p></title><p><strong>Koblenz</strong> (frz. Coblence) ist eine Gro&#xDF;stadt im n&#xF6;rdlichen Rheinland-Pfalz. Die kreisfreie Stadt ist nach Mainz und Ludwigshafen die drittgr&#xF6;&#xDF;te des Bundeslandes.</p></section><section id="n_31"><title><p>31</p></title><p>Das <strong>Deutsche Eck</strong> ist eine Landzunge an der M&#xFC;ndung der Mosel in den Rhein in Koblenz. Hier wurde 1897 ein monumentales Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. errichtet. Der Denkmalsockel diente von 1953 bis 1990 als Mahnmal der Deutschen Einheit.</p></section><section id="n_32"><title><p>32</p></title><p>Ein beliebtes und noch bis in die 1950er Jahre bekanntes Kinderlied „Wer will unter die Soldaten“ von Friedrich G&#xFC;ll.</p></section><section id="n_33"><title><p>33</p></title><p>Ein Nazi-Lied, der Text und die Melodie des Liedes „Es zittern die morschen Knochen“ werden Hans Baumann zugeschrieben.</p></section><section id="n_34"><title><p>34</p></title><p><strong>Ein primus inter pares</strong> (lateinisch <emphasis>Erster unter Gleichen</emphasis>, weiblich <emphasis>prima inter pares</emphasis>) ein Mitglied einer Gruppe, das dieselben Rechte innehat wie alle anderen auch, aber trotzdem eine erh&#xF6;hte Ehrenstellung genie&#xDF;t.</p></section><section id="n_35"><title><p>35</p></title><p>Erste Zeile aus dem Gedicht „L&#xFC;tzows wilde Jagd“ (1813) von Theodor K&#xF6;rner. Carl Theodor K&#xF6;rner (* 23. September 1791 in Dresden; † 26. August 1813 bei Gadebusch in Mecklenburg) war ein deutscher Dichter und Dramatiker. W&#xE4;hrend sein Theaterschaffen fast v&#xF6;llig in Vergessenheit fiel, sind viele seiner im Freiheitskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft in Deutschland entstandenen Lieder noch vielfach bekannt.</p></section><section id="n_36"><title><p>36</p></title><p><strong>Rembrandt Harmenszoon van Rijn</strong> (* 15. Juli 1606 in Leiden; † 4. Oktober 1669 in Amsterdam) wird als der wichtigste niederl&#xE4;ndische Maler des 17. Jahrhunderts angesehen.</p><p><strong>Sir Anthonis van Dyck</strong> (* 22. M&#xE4;rz 1599 in Antwerpen; † 9. Dezember 1641 in London) war ein fl&#xE4;mischer Maler (insbesondere Portr&#xE4;ts) und Grafiker des fl&#xE4;mischen Barock und Meistersch&#xFC;ler von Peter Paul Rubens.</p><p><strong>Johann Friedrich Overbeck</strong> (* 3. Juli 1789 in L&#xFC;beck; † 12. November 1869 in Rom) war ein deutscher Maler, Zeichner und Illustrator.</p></section><section id="n_37"><title><p>37</p></title><p>Das <strong>mea culpa</strong> (lateinisch „meine Schuld“) ist urspr&#xFC;nglich eine christliche Formel des Schuldbekenntnisses. Sie stammt aus dem Gebet Confiteor („Ich bekenne“), das seit dem 11. Jahrhundert in der katholischen Kirche gesprochen wird.</p></section><section id="n_38"><title><p>38</p></title><p><strong>Hans Holbein der &#xC4;ltere</strong> (* um 1465 in Augsburg; † um 1524 in Augsburg (?)) war ein deutscher Maler der Renaissance. Er war der Senior einer ber&#xFC;hmten Malerfamilie, zu der auch sein Bruder Sigmund sowie seine S&#xF6;hne Ambrosius und Hans Holbein der J&#xFC;ngere geh&#xF6;rten.</p><p><strong>Frans Hals</strong> (* zwischen 1580 und 1585 in Antwerpen, † 10. August 1666 in Haarlem) war ein holl&#xE4;ndischer Maler. Er wird zu den bedeutendsten Portr&#xE4;tmalern gez&#xE4;hlt.</p><p><strong>Stephan Lochner</strong> (* um 1400 bis 1410 in Meersburg am Bodensee; † 1451 in K&#xF6;ln, vermutlich an der Pest), Meister Stephan, war als Maler ein Hauptvertreter des Weichen Stils.</p><p><strong>Wilhelm Maria Hubertus Leibl</strong> (* 23. Oktober 1844 in K&#xF6;ln; † 4. Dezember 1900 in W&#xFC;rzburg) war als Maler ein bedeutender Vertreter des Realismus in Deutschland.</p></section><section id="n_39"><title><p>39</p></title><p>Der <strong>Lago Maggiore</strong> (ital. auch Lago Verbano von lat. Lacus Verbanus) oder Langensee ist ein in den italienischen Regionen Piemont und Lombardei und im Schweizer Kanton Tessin gelegener, von seinem gleichnamigen Hauptzu- und -abfluss Tessin durchflossener, oberitalienischer Voralpensee.</p><p><strong>Minusio</strong> ist eine politische Gemeinde am Lago Maggiore im Kreis Navegna im Bezirk Locarno im Kanton Tessin in der Schweiz.</p></section><section id="n_40"><title><p>40</p></title><p>Im alten Testament ist <strong>Tobias</strong> der fromme Sohn eines blinden Vaters.</p></section><section id="n_41"><title><p>41</p></title><p>Sch&#xFC;ler der 5. Klasse.</p></section><section id="n_42"><title><p>42</p></title><p><emphasis>„Wildg&#xE4;nse rauschen durch die Nacht“</emphasis> ist ein Gedicht von Walter Flex aus dessen Buch „Der Wanderer zwischen beiden Welten“. Eine verbreitete volksliedhafte Marschmelodie dazu schrieb Robert G&#xF6;tz (1892–1978). Walter Flex (* 6. Juli 1887 in Eisenach, gefallen am 16. Oktober 1917 bei P&#xF6;ide (Peude) auf der estnischen Insel Saaremaa (&#xD6;sel)) war ein deutscher Schriftsteller und Lyriker.</p></section><section id="n_43"><title><p>43</p></title><p>Adventsgesang, dem 84.Psalm entnommen (<emphasis>Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum – Tauet, ihr Himmel droben; ihr Wolken, regnet dem Gerechten</emphasis>).</p></section><section id="n_44"><title><p>44</p></title><p>Messbuch der katholischer Kirche, f&#xFC;r Laein zweisprachig herausgegeben von Pater S.O.B. Anselm Schott.</p></section><section id="n_45"><title><p>45</p></title><p><emphasis>Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg</emphasis> (* 2. Oktober 1847 in Posen; † 2. August 1934 auf Gut Neudeck, Westpreu&#xDF;en) war ein deutscher Generalfeldmarschall und Politiker. Er war der zweite Reichspr&#xE4;sident der Weimarer Republik. Am 30. Januar 1933 ernannte er Adolf Hitler zum Reichskanzler.</p></section><section id="n_46"><title><p>46</p></title><p>Die Bibel – 1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 3 – 19: in sudore vultus tui vesceris pane donec revertaris in terram de qua sumptus es quia pulvis es et in pulverem reverteris – Im Schwei&#xDF;e deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.</p></section><section id="n_47"><title><p>47</p></title><p>Poularde sind junge Masth&#xFC;hner, die mit 7 bis 12 wochen geschlachtet werden.</p></section><section id="n_48"><title><p>48</p></title><p><strong>Lourdes</strong> ist einer der weltweit am meisten besuchten katholischen Wallfahrtsorte. Die Stadt liegt in S&#xFC;dwestfrankreich in der N&#xE4;he der spanischen Grenze.</p></section><section id="n_49"><title><p>49</p></title><p><strong>Livius Andronicus</strong> († zw. 207 und 200 v. Chr.) – romischer Dichter, im Altertum galt als Begr&#xFC;nder der lateinischen bzw. r&#xF6;mischen Literatur.</p></section><section id="n_50"><title><p>50</p></title><p><strong>Publius Ovidius Maso</strong> (*20, M&#xE4;rz 43 v. Chr. in Sulmo; † wohl 17 oder 18 n. Chr. in Tomis) ein r&#xF6;mischer Dichter.</p></section><section id="n_51"><title><p>51</p></title><p>Schillers Worte aus der Ode „An die Freude“ (1785)</p></section><section id="n_52"><title><p>52</p></title><p><strong>K&#xFD;rie el&#xE9;ison</strong> (griech. „Herr, erbarme dich“) war in vorchristlicher Zeit ein gebr&#xE4;uchlicher Huldigungsruf f&#xFC;r G&#xF6;tter und Herrscher.</p></section><section id="n_53"><title><p>53</p></title><p><strong>Wolfgang Amadeus Mozart</strong> (* 27. Januar 1756 in Salzburg; † 5. Dezember 1791 in Wien) war ein Komponist der Wiener Klassik.</p><p><strong>Wilhelm Richard Wagner</strong> (*22. Mai 1813 in Leipzig (K&#xF6;nigreich Sachsen); † 13. Februar 1883 in Venedig im Palazzo Vendramin-Calergi) war ein deutscher Komponist.</p><p><strong>Hot Jazz</strong> – besondere Intonation von Instrument und Stimme im New-Orleans-Jazz durch explosives Anrei&#xDF;en eines jeden Tones; heftiges Vibrato, Glissando, Blues-Tonalit&#xE4;t, Toneintr&#xFC;bungen. Dazu kommt ein schnelles Reagieren der Musiker aufeinander in ekstatischem Zustand.</p></section><section id="n_54"><title><p>54</p></title><p>Lob- und Preisgebet vor der Wandlung</p></section><section id="n_55"><title><p>55</p></title><p><strong>Herodot von Halikarnassos</strong> (ca. * 484 v. Chr., † 424 v. Chr.) war ein griechischer Historiker, Geograph und V&#xF6;lkerkundler. Er wurde von Cicero zugleich als „Vater der Geschichtsschreibung“ und als Erz&#xE4;hler „zahlloser Geschichten“ bezeichnet. Sein einziges erhaltenes Werk sind die neun B&#xFC;cher umfassenden Historien, die die Kriege der Griechen mit den Persern im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus schildern.</p></section></body><binary id="cover" 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