<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>foreign_language</genre><genre>sci_philosophy</genre><genre>literature_19</genre><genre>foreign_prose</genre><author><first-name>Фридрих</first-name><middle-name>Вильгельм</middle-name><last-name>Ницше</last-name><id>73b375c4-2a93-102a-9ac3-800cba805322</id></author><book-title>Also sprach Zarathustra: Ein Buch f&#xFC;r Alle und Keinen / Так говорил Заратустра. Книга для всех и ни для кого. Книга для чтения на немецком языке</book-title><annotation><p>Предлагаем вниманию читателей одно из важнейших произведений немецкого философа Ф. В. Ницше (1844–1900). В книге приводится полный неадаптированный текст, снабженный постраничным комментарием и словарем.</p></annotation><keywords>философские концепции,лексический материал,текстовый материал,немецкая классика,книги для чтения на немецком языке</keywords><date value="2016-01-01">2016</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Чтение в оригинале (Каро)"><sequence name="Klassische Literatur (Каро)"/></sequence></title-info><document-info><author><first-name>Denis</first-name><last-name/></author><program-used> Presto, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2018-11-13">13.11.2018</date><src-url>http://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=38621104</src-url><id>7c53c5a8-ce53-11e8-979a-0cc47a5f137d</id><version>1</version><history><p>v 1.0</p></history></document-info><publish-info><book-name>Also sprach Zarathustra: Ein Buch f&#xFC;r Alle und Keinen / Так говорил Заратустра. Книга для всех и ни для кого. Книга для чтения на немецком языке</book-name><publisher>КАРО</publisher><city>Санкт-Петербург</city><year>2018</year><isbn>978-5-9925-0892-5</isbn><sequence name="Klassische Literatur"/></publish-info></description><body><title><p>friedrich Wilhelm Nietzsche / Фридрих Вильгельм Ницше</p><p>Also sprach Zarathustra: Ein Buch f&#xFC;r Alle und Keinen / Так говорил Заратустра. Книга для всех и ни для кого. Книга для чтения на немецком языке</p></title><section><cite><p>© КАРО, 2013</p></cite></section><section><title><p>Erster Teil</p></title><section><title><p>Zarathustras Vorrede</p></title><section><title><p>1</p></title><p>Als Zarathustra drei&#xDF;ig Jahre alt war, verlie&#xDF; er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier geno&#xDF; er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht m&#xFC;de. Endlich aber verwandelte sich sein Herz – und eines Morgens stand er mit der Morgenr&#xF6;te auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:</p><p>»Du gro&#xDF;es Gestirn! Was w&#xE4;re dein Gl&#xFC;ck, wenn du nicht die h&#xE4;ttest, welchen du leuchtest!</p><p>Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner H&#xF6;hle: du w&#xFC;rdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.</p><p>Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen &#xDC;berflu&#xDF; ab und segneten dich daf&#xFC;r.</p><p>Siehe! Ich bin meiner Weisheit &#xFC;berdr&#xFC;ssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat; ich bedarf der H&#xE4;nde, die sich ausstrecken.</p><p>Ich m&#xF6;chte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.</p><p>Dazu mu&#xDF; ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst; du &#xFC;berreiches Gestirn!</p><p>Ich mu&#xDF;, gleich dir, <emphasis>untergehen, </emphasis>wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.</p><p>So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzu gro&#xDF;es Gl&#xFC;ck sehen kann!</p><p>Segne den Becher, welcher &#xFC;berflie&#xDF;en will, da&#xDF; das Wasser golden aus ihm flie&#xDF;e und &#xFC;berallhin den Abglanz deiner Wonne trage!</p><p>Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.« —</p><p>Also begann Zarathustras Untergang.</p></section><section><title><p>2</p></title><p>Zarathustra stieg allein das Gebirge abw&#xE4;rts und niemand begegnete ihm. Als er aber in die W&#xE4;lder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige H&#xFC;tte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:</p><p>»Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hie&#xDF; er; aber er hat sich verwandelt.</p><p>Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die T&#xE4;ler tragen? F&#xFC;rchtest du nicht des Brandstifters Strafen?</p><p>Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a>. Geht er nicht daher wie ein T&#xE4;nzer?</p><p>Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra<a l:href="#n_2" type="note">[2]</a>: was willst du nun bei den Schlafenden?</p><p>Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst ans Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?« Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.« »Warum«, sagte der Heilige, »ging ich doch in den Wald und die Ein&#xF6;de? War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?</p><p>Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen w&#xFC;rde mich umbringen.«</p><p>Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk.«</p><p>»Gib ihnen nichts«, sagte der Heilige. »Nimm ihnen lieber etwas ab und trage es mit ihnen – das wird ihnen am wohlsten tun: wenn es dir nur wohl tut!</p><p>Und willst du ihnen geben, so gib nicht mehr als ein Almosen, und la&#xDF; sie noch darum betteln!«</p><p>»Nein«, antwortete Zarathustra, »ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.«</p><p>Der Heilige lachte &#xFC;ber Zarathustra und sprach also: »So sieh zu, da&#xDF; sie deine Sch&#xE4;tze annehmen! Sie sind mi&#xDF;trauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, da&#xDF; wir kommen, um zu schenken.</p><p>Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie nachts in ihren Betten einen Mann gehen h&#xF6;ren, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?</p><p>Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein wie ich – ein B&#xE4;r unter B&#xE4;ren, ein Vogel unter V&#xF6;geln?«</p><p>»Und was macht der Heilige im Walde?«, fragte Zarathustra.</p><p>Der Heilige antwortete: »Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.</p><p>Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?«</p><p>Als Zarathustra diese Worte geh&#xF6;rt hatte, gr&#xFC;&#xDF;te er den Heiligen und sprach: »Was h&#xE4;tte ich euch zu geben! Aber la&#xDF;t mich schnell davon, da&#xDF; ich euch nichts nehme!« – Und so trennten sie sich voneinander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen. Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: »Sollte es denn m&#xF6;glich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon geh&#xF6;rt, da&#xDF; <emphasis>Gott tot </emphasis>ist!«</p></section><section><title><p>3</p></title><p>Als Zarathustra in die n&#xE4;chste Stadt kam, die an den W&#xE4;ldern liegt, fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verhei&#xDF;en worden, da&#xDF; man einen Seilt&#xE4;nzer sehen sollte. Und Zarathustra sprach also zum Volke:</p><p><emphasis>Ich lehre euch den &#xDC;bermenschen. </emphasis>Der Mensch ist etwas, das &#xFC;berwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu &#xFC;berwinden?</p><p>Alle Wesen bisher schufen etwas &#xFC;ber sich hinaus<a l:href="#n_3" type="note">[3]</a>: und ihr wollt die Ebbe dieser gro&#xDF;en Flut sein und lieber noch zum Tiere zur&#xFC;ckgehn als den Menschen &#xFC;berwinden?</p><p>Was ist der Affe f&#xFC;r den Menschen? Ein Gel&#xE4;chter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch f&#xFC;r den &#xDC;bermenschen sein: ein Gel&#xE4;chter oder eine schmerzliche Scham.</p><p>Ihr habt den Weg vorn Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe als irgendein Affe.</p><p>Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a>. Aber hei&#xDF;e ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden?</p><p>Seht, ich lehre euch den &#xDC;bermenschen!</p><p>Der &#xDC;bermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der &#xDC;bermensch <emphasis>sei </emphasis>der Sinn der Erde!</p><p>Ich beschw&#xF6;re euch, meine Br&#xFC;der, <emphasis>bleibt der Erde treu </emphasis>und glaubt denen nicht, welche euch von &#xFC;berirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.</p><p>Ver&#xE4;chter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde m&#xFC;de ist: so m&#xF6;gen sie dahinfahren!</p><p>Einst war der Frevel an Gott der gr&#xF6;&#xDF;te Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste, und die Eingeweide des Unerforschlichen h&#xF6;her zu achten als den Sinn der Erde!</p><p>Einst blickte die Seele ver&#xE4;chtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das H&#xF6;chste: – sie wollte ihn mager, gr&#xE4;&#xDF;lich, verhungert. So dachte sie ihm und der Erde zu entschl&#xFC;pfen.</p><p>Oh, diese Seele war selber noch mager, gr&#xE4;&#xDF;lich und verhungert: und Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!</p><p>Aber auch ihr noch, meine Br&#xFC;der, sprecht mir: was k&#xFC;ndet euer Leib von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armut und Schmutz und ein erb&#xE4;rmliches Behagen?</p><p>Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man mu&#xDF; schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu k&#xF6;nnen, ohne unrein zu werden. Seht, ich lehre euch den &#xDC;bermenschen: der ist dies Meer, in ihm kann eure gro&#xDF;e Verachtung untergehn. Was ist das Gr&#xF6;&#xDF;te, das ihr erleben k&#xF6;nnt? Das ist die Stunde der gro&#xDF;en Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Gl&#xFC;ck zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.</p><p>Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Gl&#xFC;cke! Es ist Armut und Schmutz und ein erb&#xE4;rmliches Behagen. Aber mein Gl&#xFC;ck sollte das Dasein selber rechtfertigen!«</p><p>Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen wie der L&#xF6;we nach seiner Nahrung? Sie ist Armut und Schmutz und ein erb&#xE4;rmliches Behagen!«</p><p>Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht rasen gemacht. Wie m&#xFC;de bin ich meines Guten und meines B&#xF6;sen! Alles das ist Armut und Schmutz und ein erb&#xE4;rmliches Behagen!«</p><p>Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht, da&#xDF; ich Glut und Kohle w&#xE4;re. Aber der Gerechte ist Glut und Kohle!«</p><p>Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung.«</p><p>Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, da&#xDF; ich euch schon so schreien geh&#xF6;rt h&#xE4;tte!</p><p>Nicht eure S&#xFC;nde – eure Gen&#xFC;gsamkeit schreit gen Himmel<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a>, euer Geiz selbst in eurer S&#xFC;nde schreit gen Himmel!</p><p>Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden m&#xFC;&#xDF;tet?</p><p>Seht, ich lehre euch den &#xDC;bermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn! —</p><p>Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie einer aus dem Volke: »Wir h&#xF6;rten nun genug von dem Seilt&#xE4;nzer; nun la&#xDF;t uns ihn auch sehen!« Und alles Volk lachte &#xFC;ber Zarathustra. Der Seilt&#xE4;nzer aber, welcher glaubte, da&#xDF; das Wort ihm g&#xE4;lte, machte sich an sein Werk.</p></section><section><title><p>4</p></title><p>Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:</p><p>Der Mensch ist ein Seil, gekn&#xFC;pft zwischen Tier und &#xDC;bermensch – ein Seil &#xFC;ber einem Abgrunde.</p><p>Ein gef&#xE4;hrliches Hin&#xFC;ber, ein gef&#xE4;hrliches Auf-dem-Wege, ein gef&#xE4;hrliches Zur&#xFC;ckblicken, ein gef&#xE4;hrliches Schaudern und Stehenbleiben.</p><p>Was gro&#xDF; ist am Menschen, das ist, da&#xDF; er eine Br&#xFC;cke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, da&#xDF; er ein <emphasis>&#xDC;bergang </emphasis>und ein <emphasis>Untergang </emphasis>ist.</p><p>Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hin&#xFC;bergehenden.</p><p>Ich liebe die gro&#xDF;en Verachtenden, weil sie die gro&#xDF;en Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem &#xE4;ndern Ufer.</p><p>Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, da&#xDF; die Erde einst des &#xDC;bermenschen werde.</p><p>Ich liebe den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit einst der &#xDC;bermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.</p><p>Ich liebe den, welcher arbeitet und erfindet, da&#xDF; er dem &#xDC;bermenschen das Haus baue und zu ihm Erde, Tier und Pflanze vorbereite: denn so will er seinen Untergang.</p><p>Ich liebe den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.</p><p>Ich liebe den, welcher nicht einen Tropfen Geist f&#xFC;r sich zur&#xFC;ckbeh&#xE4;lt, sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist &#xFC;ber die Br&#xFC;cke.</p><p>Ich liebe den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verh&#xE4;ngnis macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.</p><p>Ich liebe den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr Tugend als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verh&#xE4;ngnis h&#xE4;ngt.</p><p>Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nicht zur&#xFC;ckgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.</p><p>Ich liebe den, welcher sich sch&#xE4;mt, wenn der W&#xFC;rfel zu seinem Gl&#xFC;cke f&#xE4;llt<a l:href="#n_6" type="note">[6]</a>, und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? – denn er will zugrunde gehen.</p><p>Ich liebe den, welcher goldne Worte seinen Taten vorauswirft<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a> und immer noch mehr h&#xE4;lt, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.</p><p>Ich liebe den, welcher die Zuk&#xFC;nftigen rechtfertigt und die Vergangenen erl&#xF6;st: denn er will an den Gegenw&#xE4;rtigen zugrunde gehen.</p><p>Ich liebe den, welcher seinen Gott z&#xFC;chtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er mu&#xDF; am Zorne seines Gottes zugrunde gehen.</p><p>Ich liebe den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem kleinen Erlebnisse zugrunde gehen kann: so geht er gerne &#xFC;ber die Br&#xFC;cke.</p><p>Ich liebe den, dessen Seele &#xFC;bervoll ist, so da&#xDF; er sich selber vergi&#xDF;t, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.</p><p>Ich liebe den, der freien Geistes und freien Herzens ist: so ist sein Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.</p><p>Ich liebe alle die, welche wie schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen Wolke, die &#xFC;ber den Menschen h&#xE4;ngt: sie verk&#xFC;ndigen, da&#xDF; der Blitz kommt, und gehn als Verk&#xFC;ndiger zugrunde.</p><p>Seht, ich bin ein Verk&#xFC;ndiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der Wolke: dieser Blitz aber hei&#xDF;t <emphasis>&#xDC;bermensch. —</emphasis></p></section><section><title><p>5</p></title><p>Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. »Da stehen sie«, sprach er zu seinem Herzen, »da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund f&#xFC;r diese Ohren.</p><p>Mu&#xDF; man ihnen erst die Ohren zerschlagen, da&#xDF; sie lernen, mit den Augen h&#xF6;ren? Mu&#xDF; man rasseln gleich Pauken und Bu&#xDF;predigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?</p><p>Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie’s, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.</p><p>Drum h&#xF6;ren sie ungern von sich das Wort ›Verachtung‹. So will ich denn zu ihrem Stolze reden. So will ich ihnen vom Ver&#xE4;chtlichsten sprechen: das aber ist der <emphasis>letzte Mensch.«</emphasis></p><p>Und also sprach Zarathustra zum Volke:</p><p>Es ist an der Zeit, da&#xDF; der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, da&#xDF; der Mensch den Keim seiner h&#xF6;chsten Hoffnung pflanze.</p><p>Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm<a l:href="#n_8" type="note">[8]</a> sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen k&#xF6;nnen.</p><p>Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht &#xFC;ber den Menschen hinauswirft und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren<a l:href="#n_9" type="note">[9]</a>!</p><p>Ich sage euch: man mu&#xDF; noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern geb&#xE4;ren zu k&#xF6;nnen. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.</p><p>Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr geb&#xE4;ren wird. Wehe! Es kommt die Zeit des ver&#xE4;chtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.</p><p>Seht! Ich zeige euch den <emphasis>letzten Menschen.</emphasis></p><p>»Was ist Liebe? Was ist Sch&#xF6;pfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.</p><p>Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr h&#xFC;pft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am l&#xE4;ngsten.</p><p>»Wir haben das Gl&#xFC;ck erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. —</p><p>Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht W&#xE4;rme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht W&#xE4;rme.</p><p>Krank-werden und Mi&#xDF;trauen-haben gilt ihnen s&#xFC;ndhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch &#xFC;ber Steine oder Menschen stol-pert!</p><p>Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Tr&#xE4;ume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.</p><p>Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, da&#xDF; die Unterhaltung nicht angreife<a l:href="#n_10" type="note">[10]</a>.</p><p>Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.</p><p>Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das gleiche, jeder ist gleich: wer anders f&#xFC;hlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.</p><p>»Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln.</p><p>Man ist klug und wei&#xDF; alles, was geschehen ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man vers&#xF6;hnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.</p><p>Man hat sein L&#xFC;stchen f&#xFC;r den Tag und sein L&#xFC;stchen f&#xFC;r die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.</p><p>»Wir haben das Gl&#xFC;ck erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. —</p><p>Und hier endete die erste Rede Zarathustras, welche man auch »die Vorrede« hei&#xDF;t: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der Menge. »Gib uns diesen letzten Menschen, o Zarathustra« – so riefen sie – »mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den &#xDC;bermenschen!« Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:</p><p>»Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht der Mund f&#xFC;r diese Ohren.</p><p>Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf B&#xE4;che und B&#xE4;ume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.</p><p>Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie meinen, ich sei kalt und ein Sp&#xF6;tter in furchtbaren Spa&#xDF;en<a l:href="#n_11" type="note">[11]</a>.</p><p>Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.«</p></section><section><title><p>6</p></title><p>Da aber geschah etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte. Inzwischen n&#xE4;mlich hatte der Seilt&#xE4;nzer sein Werk begonnen: er war aus einer kleinen T&#xFC;r hinausgetreten und ging &#xFC;ber das Seil, welches zwischen zwei T&#xFC;rmen gespannt war, also, da&#xDF; es &#xFC;ber dem Markte und dem Volke hing. Als er eben in der Mitte seines Weges war, &#xF6;ffnete sich die kleine T&#xFC;r noch einmal, und ein bunter Gesell, einem Possenrei&#xDF;er gleich, sprang heraus und ging mit schnellen Schritten dem ersten nach. »Vorw&#xE4;rts, Lahmfu&#xDF;«, rief seine f&#xFC;rchterliche Stimme, »vorw&#xE4;rts Faultier, Schleichh&#xE4;ndler, Bleichgesicht<a l:href="#n_12" type="note">[12]</a>! Da&#xDF; ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen T&#xFC;rmen? In den Turm geh&#xF6;rst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern als du bist, sperrst du die freie Bahn!« – Und mit jedem Worte kam er ihm n&#xE4;her und n&#xE4;her: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte: – er stie&#xDF; ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang &#xFC;ber den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und scho&#xDF; schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich dem Meere, wenn der Sturm hineinf&#xE4;hrt: Alles floh auseinander und &#xFC;bereinander, und am meisten dort, wo der K&#xF6;rper niederschlagen mu&#xDF;te.</p><p>Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der K&#xF6;rper hin, &#xFC;bel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht tot. Nach einer Weile kam dem Zerschmetterten das Bewu&#xDF;tsein zur&#xFC;ck, und er sah Zarathustra neben sich knien. »Was machst du da?« sagte er endlich, »ich wu&#xDF;te es lange, da&#xDF; mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun schleppt er mich zur H&#xF6;lle: willst du’s ihm wehren?«</p><p>»Bei meiner Ehre, Freund«, antwortete Zarathustra, »das gibt es alles nicht, wovon du sprichst: es gibt keinen Teufel und keine H&#xF6;lle. Deine Seele wird noch schneller tot sein als dein Leib: f&#xFC;rchte nun nichts mehr!«</p><p>Der Mann blickte mi&#xDF;trauisch auf. »Wenn du die Wahrheit sprichst«, sagte er dann, »so verliere ich nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Tier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schl&#xE4;ge und schmale Bissen.«</p><p>»Nicht doch«, sprach Zarathustra; »du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: daf&#xFC;r will ich dich mit meinen H&#xE4;nden begraben.«</p><p>Als Zarathustra dies gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustras zum Danke suche. —</p></section><section><title><p>7</p></title><p>Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrecken werden m&#xFC;de. Zarathustra aber sa&#xDF; neben dem Toten auf der Erde und war in Gedanken versunken: so verga&#xDF; er die Zeit. Endlich aber wurde es Nacht und ein kalter Wind blies &#xFC;ber den Einsamen. Da erhob sich Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:</p><p>»Wahrlich, einen sch&#xF6;nen Fischfang tat heute Zarathustra! Keinen Menschen fing er, wohl aber einen Leichnam.</p><p>Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein Possenrei&#xDF;er kann ihm zum Verh&#xE4;ngnis werden.</p><p>Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der &#xDC;bermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.</p><p>Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und einem Leichnam.</p><p>Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustras. Komm, du kalter und steifer Gef&#xE4;hrte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit meinen H&#xE4;nden begrabe.«</p></section><section><title><p>8</p></title><p>Als Zarathustra dies zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den Leichnam auf seinen R&#xFC;cken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran und fl&#xFC;sterte ihm ins Ohr – und siehe! Der, welcher redete, war der Possenrei&#xDF;er vom Turme. »Geh weg von dieser Stadt, o Zarathustra«, sprach er; »es hassen dich hier zu viele. Es hassen dich die Guten und Gerechten, und sie nennen dich ihren Feind und Ver&#xE4;chter; es hassen dich die Gl&#xE4;ubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die Gefahr der Menge. Dein Gl&#xFC;ck war es, da&#xDF; man &#xFC;ber dich lachte: und wahrlich, du redetest gleich einem Possenrei&#xDF;er. Dein Gl&#xFC;ck war es, da&#xDF; du dich dem toten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich selber f&#xFC;r heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt – oder morgen springe ich &#xFC;ber dich hinweg, ein Lebendiger &#xFC;ber einen Toten.« Und als er dies gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber ging weiter durch die dunklen Gassen.</p><p>Am Tore der Stadt begegneten ihm die Totengr&#xE4;ber: sie leuchteten ihm mit der Fackel ins Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr &#xFC;ber ihn. »Zarathustra tr&#xE4;gt den toten Hund davon: brav, da&#xDF; Zarathustra zum Totengr&#xE4;ber wurde! Denn unsere H&#xE4;nde sind zu reinlich f&#xFC;r diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen<a l:href="#n_13" type="note">[13]</a>? Nun wohlan! Und gut Gl&#xFC;ck zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist als Zarathustra! – er stiehlt sie beide, er fri&#xDF;t sie beide!« Und sie lachten miteinander und steckten die K&#xF6;pfe zusammen<a l:href="#n_14" type="note">[14]</a>.</p><p>Zarathustra sagte dazu kein Wort und ging seines Weges. Als er zwei Stunden gegangen war, an W&#xE4;ldern und S&#xFC;mpfen vorbei, da hatte er zuviel das hungrige Geheul der W&#xF6;lfe geh&#xF6;rt, und ihm selber kam der Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht brannte.</p><p>»Der Hunger &#xFC;berf&#xE4;llt mich«, sagte Zarathustra, »wie ein R&#xE4;uber. In W&#xE4;ldern und S&#xFC;mpfen &#xFC;berf&#xE4;llt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.</p><p>Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?«.</p><p>Und damit schlug Zarathustra an das Tor des Hauses. Ein alter Mann erschien; er trug das Licht und fragte: »Wer kommt zu mir und zu meinem schlimmen Schlafe?«</p><p>»Ein Lebendiger und ein Toter«, sagte Zarathustra. »Gebt mir zu essen und zu trinken, ich verga&#xDF; es am Tage. Der, welcher den Hungrigen speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit.«</p><p>Der Alte ging fort, kam aber gleich zur&#xFC;ck und bot Zarathustra Brot und Wein. »Eine b&#xF6;se Gegend ist’s f&#xFC;r Hungernde«, sagte er; »darum wohne ich hier. Tier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber hei&#xDF;e auch deinen Gef&#xE4;hrten essen und trinken, er ist m&#xFC;der als du.« Zarathustra antwortete: »Tot ist mein Gef&#xE4;hrte, ich werde ihn schwerlich dazu &#xFC;berreden.« – »Das geht mich nichts an<a l:href="#n_15" type="note">[15]</a>«, sagte der Alte m&#xFC;rrisch, »wer an meinem Hause anklopft, mu&#xDF; auch nehmen, was ich ihm biete. E&#xDF;t und gehabt euch wohl<a l:href="#n_16" type="note">[16]</a>!« —</p><p>Darauf ging Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtg&#xE4;nger und liebte es, allem Schlafenden ins Gesicht zu sehen. Als aber der Morgen graute, fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich ihm mehr. Da legte er den Toten in einen hohlen Baum sich zu H&#xE4;upten – denn er wollte ihn vor den W&#xF6;lfen sch&#xFC;tzen – und sich selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, m&#xFC;den Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.</p></section><section><title><p>9</p></title><p>Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenr&#xF6;te ging &#xFC;ber sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber tat sein Auge sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille, verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen:</p><p>»Ein Licht ging mir auf: Gef&#xE4;hrten brauche ich und lebendige – nicht tote Gef&#xE4;hrten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.</p><p>Sondern lebendige Gef&#xE4;hrten brauche ich, die mir folgen weil sie sich selber folgen wollen – und dorthin, wohin ich will.</p><p>Ein Licht ging mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gef&#xE4;hrten! Nicht soll Zarathustra einer Herde Hirt und Hund werden!</p><p>Viele wegzulocken von der Herde – dazu kam ich. Z&#xFC;rnen soll mir Volk und Herde: R&#xE4;uber will Zarathustra den Hirten hei&#xDF;en.</p><p>Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich: aber sie nennen sich die Gl&#xE4;ubigen des rechten Glaubens.</p><p>Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher: – das aber ist der Schaffende.</p><p>Siehe die Gl&#xE4;ubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht ihre Tafeln der Werte, den Brecher, den Verbrecher: – das aber ist der Schaffende.</p><p>Gef&#xE4;hrten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Herden und Gl&#xE4;ubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, die, welche neue Werte auf neue Tafeln schreiben.</p><p>Gef&#xE4;hrten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn alles steht bei ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er &#xC4;hren aus und ist &#xE4;rgerlich.</p><p>Gef&#xE4;hrten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen. Vernichter wird man sie hei&#xDF;en und Ver&#xE4;chter des Guten und B&#xF6;sen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.</p><p>Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra: was hat er mit Herden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!</p><p>Und du, mein erster Gef&#xE4;hrte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den W&#xF6;lfen.</p><p>Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenr&#xF6;te und Morgenr&#xF6;te kam mir eine neue Wahrheit.</p><p>Nicht Hirt soll ich sein, nicht Totengr&#xE4;ber. Nicht reden einmal will ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Toten.</p><p>Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des &#xDC;bermenschen.</p><p>Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat f&#xFC;r Unerh&#xF6;rtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Gl&#xFC;cke.</p><p>Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; &#xFC;ber die Z&#xF6;gernden und Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!«</p></section><section><title><p>10</p></title><p>Dies hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im Mittag stand: da blickte er fragend in die H&#xF6;he – denn er h&#xF6;rte &#xFC;ber sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hing eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.</p><p>»Es sind meine Tiere!« sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.</p><p>»Das stolzeste Tier unter der Sonne und das kl&#xFC;gste Tier unter der Sonne – sie sind ausgezogen auf Kundschaft<a l:href="#n_17" type="note">[17]</a>.</p><p>Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?</p><p>Gef&#xE4;hrlicher fand ich’s unter Menschen als unter Tieren, gef&#xE4;hrliche Wege geht Zarathustra. M&#xF6;gen mich meine Tiere f&#xFC;hren!«</p><p>Als Zarathustra dies gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:</p><p>»M&#xF6;chte ich kl&#xFC;ger sein! M&#xF6;chte ich klug von Grund aus sein gleich meiner Schlange!</p><p>Aber Unm&#xF6;gliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, da&#xDF; er immer mit meiner Klugheit gehe!</p><p>Und wenn mich einst meine Klugheit verl&#xE4;&#xDF;t: – ach, sie liebt es, davonzufliegen! – m&#xF6;ge mein Stolz dann noch mit meiner Torheit fliegen!« —</p><p>Also begann Zarathustras Untergang.</p></section></section><section><title><p>Die Reden Zarathustras</p></title><section><title><p>Von den Drei Verwandlungen</p></title><p>Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum L&#xF6;wen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der L&#xF6;we.</p><p>Vieles Schwere gibt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine St&#xE4;rke.</p><p>Was ist schwer, so fragte der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kamele gleich, und will gut beladen sein.</p><p>Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, da&#xDF; ich es auf mich nehme und meiner St&#xE4;rke froh werde.</p><p>Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmut wehe zu tun? Seine Torheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?</p><p>Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?</p><p>Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis n&#xE4;hren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?</p><p>Oder ist es das: krank sein und die Tr&#xF6;ster heimschicken und mit Tauben Freundschaft schlie&#xDF;en, die niemals h&#xF6;ren, was du willst?</p><p>Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Fr&#xF6;sche und hei&#xDF;e Kr&#xF6;ten nicht von sich weisen?</p><p>Oder ist es das: die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns f&#xFC;rchten machen will?</p><p>Alles dies Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kamele gleich, das beladen in die W&#xFC;ste eilt, also eilt er in seine W&#xFC;ste.</p><p>Aber in der einsamsten W&#xFC;ste geschieht die zweite Verwandlung: zum L&#xF6;wen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen W&#xFC;ste.</p><p>Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem gro&#xDF;en Drachen ringen.</p><p>Welches ist der gro&#xDF;e Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott hei&#xDF;en mag? »Du-sollst« hei&#xDF;t der gro&#xDF;e Drache. Aber der Geist des L&#xF6;wen sagt »ich will«.</p><p>»Du-sollst« liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppentier, und auf jeder Schuppe gl&#xE4;nzt golden »Du sollst!«</p><p>Tausendj&#xE4;hrige Werte gl&#xE4;nzen an diesen Schuppen, und also spricht der m&#xE4;chtigste aller Drachen: »aller Wert der Dinge – der gl&#xE4;nzt an mir.«</p><p>»Aller Wert ward schon geschaffen, und aller geschaffene Wert – das bin ich. Wahrlich, es soll kein ›Ich will‹ mehr geben!« Also spricht der Drache.</p><p>Meine Br&#xFC;der, wozu bedarf es des L&#xF6;wen im Geiste? Was gen&#xFC;gt nicht das lastbare Tier, das entsagt und ehrf&#xFC;rchtig ist?</p><p>Neue Werte schaffen – das vermag auch der L&#xF6;we noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen – das vermag die Macht des L&#xF6;wen.</p><p>Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Br&#xFC;der, bedarf es des L&#xF6;wen.</p><p>Recht sich nehmen zu neuen Werten – das ist das furchtbarste Nehmen f&#xFC;r einen tragsamen und ehrf&#xFC;rchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache<a l:href="#n_18" type="note">[18]</a>.</p><p>Als sein Heiligstes liebte er einst das »Du-sollst«: nun mu&#xDF; er Wahn und Willk&#xFC;r auch noch im Heiligsten finden, da&#xDF; er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des L&#xF6;wen bedarf es zu diesem Raube.</p><p>Aber sagt, meine Br&#xFC;der, was vermag noch das Kind, das auch der L&#xF6;we nicht vermochte? Was mu&#xDF; der raubende L&#xF6;we auch noch zum Kinde werden?</p><p>Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.</p><p>Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Br&#xFC;der, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: <emphasis>seinen </emphasis>Willen will nun der Geist, <emphasis>seine </emphasis>Welt gewinnt sich der Weltverlorene.</p><p>Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele ward, und zum L&#xF6;wen das Kamel, und der L&#xF6;we zuletzt zum Kinde. —</p><p>Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt wird: die bunte Kuh.</p></section><section><title><p>Von den Lehrst&#xFC;hlen der Tugend</p></title><p>Man r&#xFC;hmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt daf&#xFC;r, und alle J&#xFC;nglinge s&#xE4;&#xDF;en vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm ging Zarathustra, und mit allen J&#xFC;nglingen sa&#xDF; er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der Weise:</p><p>Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und allen aus dem Wege gehn<a l:href="#n_19" type="note">[19]</a>, die schlecht schlafen und nachts wachen!</p><p>Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich leise durch die Nacht. Schamlos aber ist der W&#xE4;chter der Nacht, schamlos tr&#xE4;gt er sein Horn.</p><p>Keine geringe Kunst ist schlafen: es tut schon not<a l:href="#n_20" type="note">[20]</a>, den ganzen Tag darauf hin zu wachen.</p><p>Zehnmal mu&#xDF;t du des Tages dich selber &#xFC;berwinden: das macht eine gute M&#xFC;digkeit und ist Mohn der Seele.</p><p>Zehnmal mu&#xDF;t du dich wieder mit dir selber vers&#xF6;hnen; denn &#xDC;berwindung ist Bitternis, und schlecht schl&#xE4;ft der Unvers&#xF6;hnte.</p><p>Zehn Wahrheiten mu&#xDF;t du des Tages finden: sonst suchst du noch des Nachts nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.</p><p>Zehnmal mu&#xDF;t du lachen am Tage und heiter sein: sonst st&#xF6;rt dich der Magen in der Nacht, dieser Vater der Tr&#xFC;bsal.</p><p>Wenige wissen das: aber man mu&#xDF; alle Tugenden haben, um gut zu schlafen. Werde ich falsch Zeugnis reden? Werde ich ehebrechen?</p><p>Werde ich mich gel&#xFC;sten lassen meines N&#xE4;chsten Magd? Das alles vertr&#xFC;ge sich schlecht mit gutem Schlafe.</p><p>Und selbst wenn man alle Tugenden hat, mu&#xDF; man sich noch auf eins verstehen<a l:href="#n_21" type="note">[21]</a>: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.</p><p>Da&#xDF; sie sich nicht miteinander zanken, die artigen Weiblein! Und &#xFC;ber dich, du Ungl&#xFC;ckseliger!</p><p>Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.</p><p>Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So will es der gute Schlaf. Was kann ich daf&#xFC;r, da&#xDF; die Macht gerne auf krummen Beinen wandelt?</p><p>Der soll mir immer der beste Hirt hei&#xDF;en, der sein Schaf auf die gr&#xFC;nste Aue f&#xFC;hrt: so vertr&#xE4;gt es sich mit gutem Schlafe.</p><p>Viel Ehren will ich nicht, noch gro&#xDF;e Sch&#xE4;tze: das entz&#xFC;ndet die Milz. Aber schlecht schl&#xE4;ft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen Schatz.</p><p>Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine b&#xF6;se: doch mu&#xDF; sie gehn und kommen zur rechten Zeit. So vertr&#xE4;gt es sich mit gutem Schlafe.</p><p>Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie f&#xF6;rdern den Schlaf. Selig sind die, sonderlich, wenn man ihnen immer recht gibt.</p><p>Also l&#xE4;uft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so h&#xFC;te ich mich wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der Schlaf, der der Herr der Tugenden ist!</p><p>Sondern ich denke, was ich des Tages getan und gedacht. Wiederk&#xE4;uend frage ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine zehn &#xDC;berwindungen?</p><p>Und welches waren die zehn Vers&#xF6;hnungen und die zehn Wahrheiten und die zehn Gel&#xE4;chter, mit denen sich mein Herz g&#xFC;tlich tat?</p><p>Solcherlei erw&#xE4;gend und gewiegt von vierzig Gedanken, &#xFC;berf&#xE4;llt mich auf einmal der Schlaf, der Ungerufene, der Herr der Tugenden.</p><p>Der Schlaf klopft mir auf mein Auge: da wird es schwer. Der Schlaf ber&#xFC;hrt mir den Mund: da bleibt er offen.</p><p>Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und stiehlt mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.</p><p>Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon. —</p><p>Als Zarathustra den Weisen also sprechen h&#xF6;rte, lachte er bei sich im Herzen: denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er zu seinem Herzen:</p><p>Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich glaube, da&#xDF; er sich wohl auf das Schlafen versteht.</p><p>Gl&#xFC;cklich schon, wer in der N&#xE4;he dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf steckt an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.</p><p>Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens sa&#xDF;en die J&#xFC;nglinge vor dem Prediger der Tugend.</p><p>Seine Weisheit hei&#xDF;t: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich, h&#xE4;tte das Leben keinen Sinn und m&#xFC;&#xDF;te ich Unsinn w&#xE4;hlen, so w&#xE4;re auch mir dies der w&#xE4;hlensw&#xFC;rdigste Unsinn<a l:href="#n_22" type="note">[22]</a>.</p><p>Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor allem suchte, wenn man Lehrer der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige Tugenden dazu!</p><p>Allen diesen gelobten Weisen der Lehrst&#xFC;hle war Weisheit der Schlaf ohne Tr&#xE4;ume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.</p><p>Auch noch heute wohl gibt es einige, wie diesen Prediger der Tugend, und nicht immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr lange stehen sie noch: da liegen sie schon.</p><p>Selig sind die Schl&#xE4;frigen: denn sie sollen bald einnicken. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Hinterweltlern</p></title><p>Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen Hinterweltlern. Eines leidenden und zerqu&#xE4;lten Gottes Werk schien mir da die Welt.</p><p>Traum schien mir da die Welt, und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch vor den Augen eines g&#xF6;ttlich Unzufriednen.</p><p>Gut und B&#xF6;se und Lust und Leid und Ich und Dufarbiger Rauch d&#xFC;nkte mich’s vor sch&#xF6;pferischen Augen. Wegsehn wollte der Sch&#xF6;pfer von sich – da schuf er die Welt.</p><p>Trunkne Lust ist’s dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich zu verlieren. Trunkne Lust und Selbst-sich-Verlieren d&#xFC;nkte mich einst die Welt.</p><p>Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild und unvollkommnes Abbild – eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen Sch&#xF6;pfer: – also d&#xFC;nkte mich einst die Welt.</p><p>Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?</p><p>Ach, ihr Br&#xFC;der, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und -Wahnsinn, gleich allen G&#xF6;ttern!</p><p>Mensch war er, und nur ein armes St&#xFC;ck Mensch und Ich: aus der eigenen Asche und Glut kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es mir von jenseits!</p><p>Was geschah, meine Br&#xFC;der? Ich &#xFC;berwand mich, den Leidenden, ich trug meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und siehe! Da <emphasis>wich </emphasis>das Gespenst von mir!</p><p>Leiden w&#xE4;re es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu glauben: Leiden w&#xE4;re es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu den Hinterweltlern.</p><p>Leiden war’s und Unverm&#xF6;gen – das schuf alle Hinterwelten; und jener kurze Wahnsinn des Gl&#xFC;cks, den nur der Leidendste erf&#xE4;hrt.</p><p>M&#xFC;digkeit, die mit <emphasis>einem </emphasis>Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge, eine arme, unwissende M&#xFC;digkeit, die nicht einmal mehr wollen will: die schuf alle G&#xF6;tter und Hinterwelten.</p><p>Glaubt es mir, meine Br&#xFC;der! Der Leib war’s, der an Leibe verzweifelte – der tastete mit den Fingern des bet&#xF6;rten Geistes an die letzten W&#xE4;nde.</p><p>Glaubt es mir, meine Br&#xFC;der! Der Leib war’s, der an der Erde verzweifelte – der h&#xF6;rte den Bauch des Seins zu sich reden.</p><p>Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten W&#xE4;nde, und nicht nur mit dem Kopfe – hin&#xFC;ber zu »jener Welt«.</p><p>Aber »jene Welt« ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des Seins redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.</p><p>Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu bringen. Sagt mir, ihr Br&#xFC;der, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge noch am besten bewiesen?</p><p>Ja, dies Ich und des Ichs Widerspruch und Wirrsal redet noch am redlichsten von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, wertende Ich, welches das Ma&#xDF; und der Wert der Dinge ist.</p><p>Und dies redlichste Sein, das Ich – das redet vom Leibe, und es will noch den Leib, selbst wenn es dichtet und schw&#xE4;rmt und mit zerbrochnen Fl&#xFC;geln flattert.</p><p>Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so mehr findet es Worte und Ehren f&#xFC;r Leib und Erde.</p><p>Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen: nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schaft!</p><p>Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn hei&#xDF;en und nicht mehr von ihm beiseite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!</p><p>Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden das Himmlische und die erl&#xF6;senden Blutstropfen: aber auch noch diese s&#xFC;&#xDF;en und d&#xFC;stern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!</p><p>Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit. Da seufzten sie: »O da&#xDF; es doch himmlische Wege g&#xE4;be, sich in ein andres Sein und Gl&#xFC;ck zu schleichen!« – da erfanden sie sich ihre Schliche und blutigen Tr&#xE4;nklein<a l:href="#n_23" type="note">[23]</a>!</p><p>Ihrem Leibe und dieser Erde nun entr&#xFC;ckt w&#xE4;hnten sie sich<a l:href="#n_24" type="note">[24]</a>, diese Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entr&#xFC;ckung Krampf und Wonne? Ihrem Leibe und dieser Erde.</p><p>Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er z&#xFC;rnt nicht ihren Arten des Trostes und Undanks. M&#xF6;gen sie Genesende werden und &#xDC;berwindende und einen h&#xF6;heren Leib sich schaffen!</p><p>Nicht auch z&#xFC;rnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er z&#xE4;rtlich nach seinem Wahne blickt und mitternachts um das Grab seines Gottes schleicht: aber Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine Tr&#xE4;nen noch.</p><p>Vieles krankhafte Volk gab es immer unter denen, welche dichten und gotts&#xFC;chtig sind; w&#xFC;tend hassen sie den Erkennenden und jene j&#xFC;ngste der Tugenden, welche hei&#xDF;t: Redlichkeit.</p><p>R&#xFC;ckw&#xE4;rts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn und Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gott&#xE4;hnlichkeit, und Zweifel S&#xFC;nde.</p><p>Allzu gut kenne ich diese Gott&#xE4;hnlichen: sie wollen, da&#xDF; an sie geglaubt werde und Zweifel S&#xFC;nde sei. Allzu gut wei&#xDF; ich auch, woran sie selber am besten glauben.</p><p>Wahrlich nicht an Hinterwelten und erl&#xF6;sende Blutstropfen: sondern an den Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen ihr Ding an sich.</p><p>Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne m&#xF6;chten sie aus der Haut fahren<a l:href="#n_25" type="note">[25]</a> . Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und predigen selber Hinterwelten. H&#xF6;rt mir lieber, meine Br&#xFC;der, auf die Stimme des gesunden Leibes: eine redlichere und reinere Stimme ist dies.</p><p>Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommene und rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Ver&#xE4;chtern des Leibes</p></title><p>Den Ver&#xE4;chtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl sagen – und also stumm werden.</p><p>»Leib bin ich und Seele« – so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie die Kinder reden?</p><p>Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und nichts au&#xDF;erdem; und Seele ist nur ein Wort f&#xFC;r ein Etwas am Leibe.</p><p>Der Leib ist eine gro&#xDF;e Vernunft, eine Vielheit mit <emphasis>einem </emphasis>Sinn, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirt.</p><p>Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du »Geist« nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner gro&#xDF;en Vernunft.</p><p>»Ich« sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Gr&#xF6;&#xDF;ere ist – woran du nicht glauben willst – dein Leib und seine gro&#xDF;e Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich.</p><p>Was der Sinn f&#xFC;hlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein Ende. Aber Sinn und Geist m&#xF6;chten dich &#xFC;berreden, sie seien aller Dinge Ende: so eitel sind sie.</p><p>Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das Selbst. Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch mit den Ohren des Geistes.</p><p>Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert, zerst&#xF6;rt. Es herrscht und ist auch des Ichs Beherrscher.</p><p>Hinter deinen Gedanken und Gef&#xFC;hlen, mein Bruder, steht ein m&#xE4;chtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser – der hei&#xDF;t Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib ist er.</p><p>Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit. Und wer wei&#xDF; denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit n&#xF6;tig hat?</p><p>Dein Selbst lacht &#xFC;ber dein Ich und seine stolzen Spr&#xFC;nge. »Was sind mir diese Spr&#xFC;nge und Fl&#xFC;ge des Gedankens? sagt es sich. Ein Umweg zu meinem Zwecke. Ich bin das G&#xE4;ngelband des Ichs und der Einbl&#xE4;ser seiner Begriffe<a l:href="#n_26" type="note">[26]</a>.«</p><p>Das Selbst sagt zum Ich: »Hier f&#xFC;hle Schmerz!« Und da leidet es und denkt nach, wie es nicht mehr leide – und dazu eben <emphasis>soll </emphasis>es denken.</p><p>Das Selbst sagt zum Ich: »Hier f&#xFC;hle Lust!« Da freut es sich und denkt nach, wie es noch oft sich freue – und dazu eben <emphasis>soll </emphasis>es denken.</p><p>Den Ver&#xE4;chtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Da&#xDF; sie verachten, das macht ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Wert und Willen schuf?</p><p>Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich Lust und Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand seines Willens.</p><p>Noch in eurer Torheit und Verachtung, ihr Ver&#xE4;chter des Leibes, dient ihr eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und kehrt sich vom Leben ab.</p><p>Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten will: &#xFC;ber sich hinaus zu schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.</p><p>Aber zu sp&#xE4;t ward es ihm jetzt daf&#xFC;r: – so will euer Selbst untergehn, ihr Ver&#xE4;chter des Leibes.</p><p>Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Ver&#xE4;chtern des Leibes! Denn nicht mehr verm&#xF6;gt ihr &#xFC;ber euch hinaus zu schaffen.</p><p>Und darum z&#xFC;rnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewu&#xDF;ter Neid ist im scheelen Blick eurer Verachtung.</p><p>Ich gehe nicht euren Weg, ihr Ver&#xE4;chter des Leibes! Ihr seid mir keine Br&#xFC;cken zum &#xDC;bermenschen! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Freudenund Leidenschaften</p></title><p>Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast und es deine Tugend ist, so hast du sie mit niemandem gemeinsam.</p><p>Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie am Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben<a l:href="#n_27" type="note">[27]</a>.</p><p>Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist Volk und Herde geworden mit deiner Tugend!</p><p>Besser t&#xE4;test du, zu sagen: »Unaussprechbar ist und namenlos, was meiner Seele Qual und S&#xFC;&#xDF;e macht und auch noch der Hunger meiner Eingeweide ist.«</p><p>Deine Tugend sei zu hoch f&#xFC;r die Vertraulichkeit der Namen: und mu&#xDF;t du von ihr reden, so sch&#xE4;me dich nicht, von ihr zu stammeln.</p><p>So sprich und stammle: »Das ist <emphasis>mein Gutes, </emphasis>das liebe ich, so gef&#xE4;llt es mir ganz, so allein will <emphasis>ich </emphasis>das Gute.</p><p>Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine Menschen-Satzung und -Notdurft: kein Wegweiser sei es mir f&#xFC;r &#xDC;ber-Erden und Paradiese<a l:href="#n_28" type="note">[28]</a>.</p><p>Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin, und am wenigsten die Vernunft aller.</p><p>Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze ich ihn – nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«</p><p>So sollst du stammeln und deine Tugend loben.</p><p>Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie b&#xF6;se. Aber jetzt hast du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.</p><p>Du legtest dein h&#xF6;chstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden sie deine Tugenden und Freudenschaften.</p><p>Und ob du aus dem Geschlechte der J&#xE4;hzornigen w&#xE4;rest oder aus dem der Woll&#xFC;stigen oder der Glaubens-W&#xFC;tigen oder der Rachs&#xFC;chtigen:</p><p>Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine Teufel zu Engeln.</p><p>Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende verwandelten sie sich zu V&#xF6;geln und lieblichen S&#xE4;ngerinnen.</p><p>Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Tr&#xFC;bsal melktest du – nun trinkst du die s&#xFC;&#xDF;e Milch ihres Euters.</p><p>Und nichts B&#xF6;ses w&#xE4;chst mehr f&#xFC;rderhin aus dir, es sei denn das B&#xF6;se, das aus dem Kampfe deiner Tugenden w&#xE4;chst.</p><p>Mein Bruder, wenn du Gl&#xFC;ck hast, so hast du <emphasis>eine </emphasis>Tugend und nicht mehr: so gehst du leichter &#xFC;ber die Br&#xFC;cke.</p><p>Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Los; und mancher ging in die W&#xFC;ste und t&#xF6;tete sich, weil er m&#xFC;de war, Schlacht und Schlachtfeld von Tugenden zu sein.</p><p>Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht b&#xF6;se? Aber notwendig ist dies B&#xF6;se, notwendig ist der Neid und das Mi&#xDF;trauen und die Verleumdung unter deinen Tugenden.</p><p>Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem H&#xF6;chsten: sie will deinen ganzen Geist, da&#xDF; er <emphasis>ihr </emphasis>Herold sei, sie will deine ganze Kraft in Zorn, Ha&#xDF; und Liebe.</p><p>Eifers&#xFC;chtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding ist Eifersucht. Auch Tugenden k&#xF6;nnen an der Eifersucht zugrunde gehn.</p><p>Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem Skorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.</p><p>Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden und erstechen?</p><p>Der Mensch ist etwas, das &#xFC;berwunden werden mu&#xDF;: und darum sollst du deine Tugenden lieben —: denn du wirst an ihnen zugrunde gehn. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Bleichen Verbrecher</p></title><p>Ihr wollt nicht t&#xF6;ten, ihr Richter und Opferer, bevor das Tier nicht genickt hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge redet die gro&#xDF;e Verachtung.</p><p>»Mein Ich ist etwas, das &#xFC;berwunden werden soll: mein Ich ist mir die gro&#xDF;e Verachtung des Menschen«: so redet es aus diesem Auge.</p><p>Da&#xDF; er sich selber richtete, war sein h&#xF6;chster Augenblick: la&#xDF;t den Erhabenen nicht wieder zur&#xFC;ck in sein Niederes<a l:href="#n_29" type="note">[29]</a>!</p><p>Es gibt keine Erl&#xF6;sung f&#xFC;r den, der so an sich selber leidet, es sei denn der schnelle Tod.</p><p>Euer T&#xF6;ten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und indem ihr t&#xF6;tet, seht zu, da&#xDF; ihr selber das Leben rechtfertiget!</p><p>Es ist nicht genug, da&#xDF; ihr euch mit dem vers&#xF6;hnt, den ihr t&#xF6;tet. Eure Traurigkeit sei Liebe zum &#xDC;bermenschen: so rechtfertigt ihr euer Noch-Leben!</p><p>»Feind« sollt ihr sagen, aber nicht »B&#xF6;sewicht«; »Kranker« sollt ihr sagen, aber nicht »Schuft«; »Tor« sollt ihr sagen, aber nicht »S&#xFC;nder«.</p><p>Und du, roter Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du alles schon in Gedanken getan hast: so w&#xFC;rde jedermann schreien: »Weg mit diesem Unflat und Giftwurm!«</p><p>Aber ein anderes ist der Gedanke, ein anderes die Tat, ein anderes das Bild der Tat. Das Rad des Grundes rollt nicht zwischen ihnen.</p><p>Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichw&#xFC;chsig war er seiner Tat<a l:href="#n_30" type="note">[30]</a>, als er sie tat: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie getan war.</p><p>Immer sah er sich nun als <emphasis>einer </emphasis>Tat T&#xE4;ter. Wahnsinn hei&#xDF;e ich dies: die Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.</p><p>Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er f&#xFC;hrte, bannte seine arme Vernunft – den Wahnsinn <emphasis>nach </emphasis>der Tat hei&#xDF;e ich dies.</p><p>H&#xF6;rt, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn gibt es noch: und der ist <emphasis>vor </emphasis>der Tat. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!</p><p>So spricht der rote Richter: »Was mordete doch dieser Verbrecher? Er wollte rauben.« Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht Raub: er d&#xFC;rstete nach dem Gl&#xFC;ck des Messers!</p><p>Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und &#xFC;berredete ihn. »Was liegt an Blut!« sprach sie; »willst du nicht zum mindesten einen Raub dabei machen? Eine Rache nehmen?«</p><p>Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf ihm – da raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines Wahnsinns sch&#xE4;men.</p><p>Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm<a l:href="#n_31" type="note">[31]</a>, und wieder ist seine arme Vernunft so steif, so gel&#xE4;hmt, so schwer.</p><p>Wenn er nur den Kopf sch&#xFC;tteln k&#xF6;nnte, so w&#xFC;rde seine Last herabrollen: aber wer sch&#xFC;ttelt diesen Kopf?</p><p>Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den Geist in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.</p><p>Was ist dieser Mensch? Ein Kn&#xE4;uel wilder Schlangen, welche selten beieinander Ruhe haben – da gehen sie f&#xFC;r sich fort und suchen Beute in der Welt.</p><p>Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich diese arme Seele – sie deutete es als m&#xF6;rderische Lust und Gier nach dem Gl&#xFC;ck des Messers.</p><p>Wer jetzt krank wird, den &#xFC;berf&#xE4;llt das B&#xF6;se, das jetzt b&#xF6;se ist: wehe will er tun, mit dem, was ihm wehe tut. Aber es gab andre Zeiten und ein andres B&#xF6;ses und Gutes.</p><p>Einst war der Zweifel b&#xF6;se und der Wille zum Selbst. Damals wurde der Kranke zum Ketzer und zur Hexe: als Ketzer und Hexe litt er und wollte leiden machen.</p><p>Aber dies will nicht in eure Ohren<a l:href="#n_32" type="note">[32]</a>: euren Guten schade es, sagt ihr mir. Aber was liegt mir an euren Guten!</p><p>Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr B&#xF6;ses. Wollte ich doch, sie h&#xE4;tten einen Wahnsinn, an dem sie zugrunde gingen, gleich diesem bleichen Verbrecher!</p><p>Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hie&#xDF;e Wahrheit oder Treue oder Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben, und in einem erb&#xE4;rmlichen Behagen.</p><p>Ich bin ein Gel&#xE4;nder am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure Kr&#xFC;cke aber bin ich nicht. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Lesen und Schreiben</p></title><p>Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, da&#xDF; Blut Geist ist.</p><p>Es ist nicht leicht m&#xF6;glich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die lesenden M&#xFC;&#xDF;igg&#xE4;nger.</p><p>Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr f&#xFC;r den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken.</p><p>Da&#xDF; jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.</p><p>Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen, und jetzt wird er gar noch P&#xF6;bel.</p><p>Wer in Blut und Spr&#xFC;chen schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig gelernt werden.</p><p>Im Gebirge ist der n&#xE4;chste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu mu&#xDF;t du lange Beine haben. Spr&#xFC;che sollen Gipfel sein: und die, zu denen gesprochen wird, Gro&#xDF;e und Hochw&#xFC;chsige.</p><p>Die Luft d&#xFC;nn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer fr&#xF6;hlichen Bosheit: so pa&#xDF;t es gut zueinander.</p><p>Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin mutig. Mut, der die Gespenster verscheucht, schaft sich selber Kobolde – der Mut will lachen.</p><p>Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe, diese Schw&#xE4;rze und Schwere, &#xFC;ber die ich lache – gerade das ist eure Gewitterwolke.</p><p>Ihr seht nach oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin.</p><p>Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?</p><p>Wer auf den h&#xF6;chsten Bergen steigt, der lacht &#xFC;ber alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste.</p><p>Mutig, unbek&#xFC;mmert, sp&#xF6;ttisch, gewaltt&#xE4;tig – so will uns die Weisheit: sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.</p><p>Ihr sagt mir: »Das Leben ist schwer zu tragen«. Aber wozu h&#xE4;ttet ihr vormittags euren Stolz und abends eure Ergebung?</p><p>Das Leben ist schwer zu tragen: aber so tut mir doch nicht so z&#xE4;rtlich! Wir sind allesamt h&#xFC;bsche lastbare Esel und Eselinnen.</p><p>Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein Tropfen Tau auf dem Leibe liegt?</p><p>Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir ans Leben, sondern weil wir ans Lieben gew&#xF6;hnt sind.</p><p>Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.</p><p>Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom Gl&#xFC;cke zu wissen.</p><p>Diese leichten t&#xF6;richten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu sehen – das verf&#xFC;hrt Zarathustra zu Tr&#xE4;nen und Liedern.</p><p>Ich w&#xFC;rde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verst&#xFC;nde.</p><p>Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gr&#xFC;ndlich, tief, feierlich: es war der Geist der Schwere – durch ihn fallen alle Dinge.</p><p>Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen t&#xF6;tet man. Auf<a l:href="#n_33" type="note">[33]</a>, la&#xDF;t uns den Geist der Schwere t&#xF6;ten!</p><p>Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt: seitdem will ich nicht erst gesto&#xDF;en sein, um von der Stelle zu kommen<a l:href="#n_34" type="note">[34]</a>.</p><p>Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Baum am Berge</p></title><p>Zarathustras Auge hatte gesehn, da&#xDF; ein J&#xFC;ngling ihm auswich. Und als er eines Abends allein durch die Berge ging, welche die Stadt umschlie&#xDF;en, die genannt wird »Die bunte Kuh«: siehe: da fand er im Gehen diesen J&#xFC;ngling, wie er an einen Baum gelehnt sa&#xDF; und m&#xFC;den Blickes in das Tal schaute. Zarathustra fa&#xDF;te den Baum an, bei welchem der J&#xFC;ngling sa&#xDF;, und sprach also:</p><p>»Wenn ich diesen Baum da mit meinen H&#xE4;nden sch&#xFC;tteln wollte, ich w&#xFC;rde es nicht verm&#xF6;gen.</p><p>Aber der Wind, den wir nicht sehen, der qu&#xE4;lt und biegt ihn, wohin er will. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren H&#xE4;nden gebogen und gequ&#xE4;lt.«</p><p>Da erhob sich der J&#xFC;ngling best&#xFC;rzt und sagte: »Ich h&#xF6;re Zarathustra und eben dachte ich an ihn.« Zarathustra entgegnete:</p><p>»Was erschrickst du deshalb? – Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume.</p><p>Je mehr er hinauf in die H&#xF6;he und Helle will, um so st&#xE4;rker streben seine Wurzeln erdw&#xE4;rts, abw&#xE4;rts, ins Dunkle, Tiefe – ins B&#xF6;se.«</p><p>»Ja ins B&#xF6;se!« rief der J&#xFC;ngling. »Wie ist es m&#xF6;glich, da&#xDF; du meine Seele entdecktest?«</p><p>Zarathustra l&#xE4;chelte und sprach: »Manche Seele wird man nie entdecken, es sei denn, da&#xDF; man sie zuerst erfindet.«</p><p>»Ja ins B&#xF6;se!« rief der J&#xFC;ngling nochmals.</p><p>»Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht mehr, seitdem ich in die H&#xF6;he will, und niemand traut mir mehr – wie geschieht dies doch?</p><p>Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich &#xFC;berspringe oft die Stufen, wenn ich steige – das verzeiht mir keine Stufe.</p><p>Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir, der Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in. der H&#xF6;he?</p><p>Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen miteinander; je h&#xF6;her ich steige, um so mehr verachte ich den, der steigt. Was will er doch in der H&#xF6;he?</p><p>Wie sch&#xE4;me ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich meines heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie m&#xFC;de bin ich in der H&#xF6;he!«</p><p>Hier schwieg der J&#xFC;ngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem sie standen, und sprach also:</p><p>»Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg &#xFC;ber Mensch und Tier.</p><p>Und wenn er reden wollte, er w&#xFC;rde niemanden haben, der ihn verst&#xFC;nde: so hoch wuchs er.</p><p>Nun wartet er und wartet – worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?«</p><p>Als Zarathustra dies gesagt hatte, rief der J&#xFC;ngling mit heftigen Geb&#xE4;rden: »Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem Untergange verlangte ich, als ich in die H&#xF6;he wollte, und du bist der Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns erschienen bist? Der <emphasis>Neid </emphasis>auf dich ist’s, der mich zerst&#xF6;rt hat!« – So sprach der J&#xFC;ngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte seinen Arm um ihn und f&#xFC;hrte ihn mit sich fort.</p><p>Und als sie eine Weile miteinander gegangen waren, hob Zarathustra also an zu sprechen:</p><p>Es zerrei&#xDF;t mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir dein Auge alle deine Gefahr.</p><p>Noch bist du nicht frei, du <emphasis>suchst </emphasis>noch nach Freiheit. &#xDC;bern&#xE4;chtig machte dich dein Suchen und &#xFC;berwach.</p><p>In die freie H&#xF6;he willst du, nach Sternen d&#xFC;rstet deine Seele. Aber auch deine schlimmen Triebe d&#xFC;rsten nach Freiheit.</p><p>Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem Keller, wenn dein Geist alle Gef&#xE4;ngnisse zu l&#xF6;sen trachtet<a l:href="#n_35" type="note">[35]</a>.</p><p>Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug wird solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.</p><p>Reinigen mu&#xDF; sich auch noch der Befreite des Geistes. Viel Gef&#xE4;ngnis und Moder ist noch in ihm zur&#xFC;ck: rein mu&#xDF; noch sein Auge werden.</p><p>Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschw&#xF6;re ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!</p><p>Edel f&#xFC;hlst du dich noch, und edel f&#xFC;hlen dich auch die &#xE4;ndern noch, die dir gram sind und b&#xF6;se Blicke senden. Wisse, da&#xDF; allen ein Edler im Wege steht.</p><p>Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen Guten nennen, so wollen sie ihn damit beiseite bringen.</p><p>Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute, und da&#xDF; Altes erhalten bleibe.</p><p>Aber nicht <emphasis>das </emphasis>ist die Gefahr des Edlen, da&#xDF; er ein Guter werde, sondern ein Frecher, ein H&#xF6;hnender, ein Vernichter.</p><p>Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre h&#xF6;chste Hoffnung. Und nun verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.</p><p>Nun lebten sie frech in kurzen L&#xFC;sten, und &#xFC;ber den Tag hin warfen sie kaum noch Ziele.</p><p>»Geist ist auch Wollust« – so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die Fl&#xFC;gel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.</p><p>Einst dachten sie Helden zu werden: L&#xFC;stlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held.</p><p>Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschw&#xF6;re ich dich: wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine h&#xF6;chste Hoffnung! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Predigern des Todes</p></title><p>Es gibt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von solchen, denen Abkehr gepredigt werden mu&#xDF; vom Leben.</p><p>Voll ist die Erde von &#xDC;berfl&#xFC;ssigen, verdorben ist das Leben durch die Viel-zu-Vielen. M&#xF6;ge man sie mit dem »ewigen Leben« aus diesem Leben weglocken!</p><p>»Gelbe«: so nennt man die Prediger des Todes, oder »Schwarze«. Aber ich will sie euch noch in &#xE4;ndern Farben zeigen.</p><p>Da sind die F&#xFC;rchterlichen, welche in sich das Raubtier herumtragen und keine Wahl haben, es sei denn L&#xFC;ste oder Selbstzerfleischung<a l:href="#n_36" type="note">[36]</a>. Und auch ihre L&#xFC;ste sind noch Selbstzerfleischung.</p><p>Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese F&#xFC;rchterlichen: m&#xF6;gen sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!</p><p>Da sind die Schwinds&#xFC;chtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so fangen sie schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der M&#xFC;digkeit und Entsagung.</p><p>Sie wollen gerne tot sein, und wir sollten ihren Willen guthei&#xDF;en! H&#xFC;ten wir uns, diese Toten zu erwecken und diese lebendigen S&#xE4;rge zu versehren!</p><p>Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und gleich sagen sie: »Das Leben ist widerlegt!«</p><p>Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das eine Gesicht sieht am Dasein.</p><p>Eingeh&#xFC;llt in dicke Schwermut<a l:href="#n_37" type="note">[37]</a> und begierig auf die kleinen Zuf&#xE4;lle, welche den Tod bringen: so warten sie und bei&#xDF;en die Z&#xE4;hne aufeinander.</p><p>Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei dabei: sie h&#xE4;ngen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, da&#xDF; sie noch an einem Strohhalm h&#xE4;ngen.</p><p>Ihre Weisheit lautet: »Ein Tor, der leben bleibt, aber so sehr sind wir Toren! Und das eben ist das T&#xF6;richtste am Leben!« —</p><p>»Das Leben ist nur Leiden« – so sagen andre und l&#xFC;gen nicht: so sorgt doch, da&#xDF; <emphasis>ihr </emphasis>aufh&#xF6;rt! So sorgt doch, da&#xDF; das Leben aufh&#xF6;rt, welches nur Leiden ist!</p><p>Und also laute die Lehre eurer Tugend: »Du sollst dich selber t&#xF6;ten! Du sollst dich selber davonstehlen!« —</p><p>»Wollust ist S&#xFC;nde« – so sagen die einen, welche den Tod predigen – »la&#xDF;t uns beiseite gehn und keine Kinder zeugen!«</p><p>»Geb&#xE4;ren ist m&#xFC;hsam« – sagen die &#xE4;ndern – »wozu noch geb&#xE4;ren? Man gebiert nur Ungl&#xFC;ckliche!« Und auch sie sind Prediger des Todes.</p><p>»Mitleid tut not« – so sagen die dritten. »Nehmt hin, was ich habe! Nehmt hin, was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!«</p><p>W&#xE4;ren sie Mitleidige von Grund aus, so w&#xFC;rden sie ihren N&#xE4;chsten das Leben verleiden. B&#xF6;se sein – das w&#xE4;re ihre rechte G&#xFC;te.</p><p>Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie<a l:href="#n_38" type="note">[38]</a>, da&#xDF; sie andre mit ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! —</p><p>Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr nicht sehr m&#xFC;de des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif f&#xFC;r die Predigt des Todes?</p><p>Ihr alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde – ihr ertragt euch schlecht, euer Flei&#xDF; ist Fluch und Wille, sich selber zu vergessen.</p><p>Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, w&#xFC;rdet ihr weniger euch dem Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch – und selbst zur Faulheit nicht!</p><p>&#xDC;berall ert&#xF6;nt die Stimme derer, welche den Tod predigen: und die Erde ist voll von solchen, welchen der Tod gepredigt werden mu&#xDF;.</p><p>Oder »das ewige Leben«: das gilt mir gleich – wofern sie nur schnell dahinfahren<a l:href="#n_39" type="note">[39]</a>!</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Krieg und Kriegsvolke</p></title><p>Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So la&#xDF;t mich denn euch die Wahrheit sagen!</p><p>Meine Br&#xFC;der im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So la&#xDF;t mich denn euch die Wahrheit sagen!</p><p>Ich wei&#xDF; um den Ha&#xDF; und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gro&#xDF; genug, um Ha&#xDF; und Neid nicht zu kennen. So seid denn gro&#xDF; genug, euch ihrer nicht zu sch&#xE4;men!</p><p>Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntnis sein k&#xF6;nnt, so seid mir wenigstens deren Kriegsm&#xE4;nner. Das sind die Gef&#xE4;hrten und Vorl&#xE4;ufer solcher Heiligkeit.</p><p>Ich sehe viel Soldaten: m&#xF6;chte ich viel Kriegsm&#xE4;nner sehn! »Einform« nennt man’s, was sie tragen: m&#xF6;ge es nicht Einform sein, was sie damit verstecken!</p><p>Ihr sollt mir solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht – nach <emphasis>eurem </emphasis>Feinde. Und bei einigen von euch gibt es einen Ha&#xDF; auf den ersten Blick.</p><p>Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr f&#xFC;hren und f&#xFC;r eure Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit dar&#xFC;ber noch Triumph rufen!</p><p>Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als den langen.</p><p>Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rate ich nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg!</p><p>Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat: sonst schw&#xE4;tzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!</p><p>Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.</p><p>Der Krieg und der Mut haben mehr gro&#xDF;e Dinge getan als die N&#xE4;chstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verungl&#xFC;ckten.</p><p>»Was ist gut?« fragt ihr. Tapfer sein ist gut. La&#xDF;t die kleinen M&#xE4;dchen reden: »Gut sein ist, was h&#xFC;bsch zugleich und r&#xFC;hrend ist.«</p><p>Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist echt, und ich liebe die Scham eurer Herzlichkeit. Ihr sch&#xE4;mt euch eurer Flut, und andre sch&#xE4;men sich ihrer Ebbe.</p><p>Ihr seid h&#xE4;&#xDF;lich? Nun wohlan, meine Br&#xFC;der! So nehmt das Erhabne um euch, den Mantel des H&#xE4;&#xDF;lichen!</p><p>Und wenn eure Seele gro&#xDF; wird, so wird sie &#xFC;berm&#xFC;tig, und in eurer Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.</p><p>In der Bosheit begegnet sich der &#xDC;berm&#xFC;tige mit dem Schw&#xE4;chlinge. Aber sie mi&#xDF;verstehen einander. Ich kenne euch.</p><p>Ihr d&#xFC;rft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr m&#xFC;&#xDF;t stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge eures Feindes auch eure Erfolge.</p><p>Auflehnung – das ist die Vornehmheit am Sklaven. Eure Vornehmheit sei Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!</p><p>Einem guten Kriegsmanne klingt »du sollst« angenehmer als »ich will«. Und alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen.</p><p>Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer h&#xF6;chsten Hoffnung: und eure h&#xF6;chste Hoffnung sei der h&#xF6;chste Gedanke des Lebens!</p><p>Euren h&#xF6;chsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen – und er lautet: der Mensch ist etwas, das &#xFC;berwunden werden soll.</p><p>So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben? Welcher Krieger will geschont sein!</p><p>Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Br&#xFC;der im Kriege! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Neuen G&#xF6;tzen</p></title><p>Irgendwo gibt es noch V&#xF6;lker und Herden, doch nicht bei uns, meine Br&#xFC;der: da gibt es Staaten.</p><p>Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt tut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich euch mein Wort vom Tode der V&#xF6;lker.</p><p>Staat hei&#xDF;t das k&#xE4;lteste aller kalten Ungeheuer. Kalt l&#xFC;gt es auch; und diese L&#xFC;ge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.«</p><p>L&#xFC;ge ist’s! Schaffende waren es, die schufen die V&#xF6;lker und h&#xE4;ngten einen Glauben und eine Liebe &#xFC;ber sie hin: also dienten sie dem Leben.</p><p>Vernichter sind es, die stellen Fallen auf f&#xFC;r viele und hei&#xDF;en sie Staat: sie h&#xE4;ngen ein Schwert und hundert Begierden &#xFC;ber sie hin.</p><p>Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und ha&#xDF;t ihn als b&#xF6;sen Blick und S&#xFC;nde an Sitten und Rechten.</p><p>Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und B&#xF6;sen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten.</p><p>Aber der Staat l&#xFC;gt in allen Zungen des Guten und B&#xF6;sen; und was er auch redet, er l&#xFC;gt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s.</p><p>Falsch ist alles an ihm; mit gestohlenen Z&#xE4;hnen bei&#xDF;t er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.</p><p>Sprachverwirrung des Guten und B&#xF6;sen<a l:href="#n_40" type="note">[40]</a>: dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes<a l:href="#n_41" type="note">[41]</a>!</p><p>Viel zu viele werden geboren: f&#xFC;r die &#xDC;berfl&#xFC;ssigen ward der Staat erfunden!</p><p>Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zuVielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederk&#xE4;ut!</p><p>»Auf der Erde ist nichts Gr&#xF6;&#xDF;eres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes« – also br&#xFC;llt das Untier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzge&#xE4;ugte sinken auf die Knie!</p><p>Ach, auch in euch, ihr gro&#xDF;en Seelen, raunt er seine d&#xFC;steren L&#xFC;gen! Ach, er err&#xE4;t die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!</p><p>Ja, auch euch err&#xE4;t er, ihr Besieger des alten Gottes! M&#xFC;de wurdet ihr im Kampfe, und nun dient eure M&#xFC;digkeit noch dem neuen G&#xF6;tzen!</p><p>Helden und Ehrenhafte m&#xF6;chte er um sich aufstellen, der neue G&#xF6;tze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen – das kalte Untier!</p><p>Alles will er <emphasis>euch </emphasis>geben, wenn <emphasis>ihr </emphasis>ihn anbetet, der neue G&#xF6;tze: also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.</p><p>K&#xF6;dern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein H&#xF6;llenkunstst&#xFC;ck ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz g&#xF6;ttlicher Ehren<a l:href="#n_42" type="note">[42]</a>!</p><p>Ja, ein Sterben f&#xFC;r viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes.</p><p>Staat nenne ich’s, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord aller – »das Leben« hei&#xDF;t.</p><p>Seht mir doch diese &#xDC;berfl&#xFC;ssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Sch&#xE4;tze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl – und alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!</p><p>Seht mir doch diese &#xDC;berfl&#xFC;ssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und k&#xF6;nnen sich nicht einmal verdauen.</p><p>Seht mir doch diese &#xDC;berfl&#xFC;ssigen! Reicht&#xFC;mer erwerben sie und werden &#xE4;rmer damit. Macht wollen sie, und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld – diese Unverm&#xF6;genden!</p><p>Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern &#xFC;bereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.</p><p>Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Gl&#xFC;ck auf dem Throne s&#xE4;&#xDF;e? Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron – und oft auch der Thron auf dem Schlamme.</p><p>Wahnsinnige sind sie mir alle und kletternde Affen und &#xDC;berhei&#xDF;e. &#xDC;bel riecht mir ihr G&#xF6;tze, das kalte Untier: &#xFC;bel riechen sie mir alle zusammen, diese G&#xF6;tzendiener.</p><p>Meine Br&#xFC;der, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer M&#xE4;uler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt ins Freie!</p><p>Geht doch dem schlechten Ger&#xFC;che aus dem Wege<a l:href="#n_43" type="note">[43]</a>! Geht fort von der G&#xF6;tzendienerei der &#xDC;berfl&#xFC;ssigen!</p><p>Geht doch dem schlechten Ger&#xFC;che aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!</p><p>Frei steht gro&#xDF;en Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze f&#xFC;r Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.</p><p>Frei steht noch gro&#xDF;en Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!</p><p>Dort, wo der Staat aufh&#xF6;rt, da beginnt erst der Mensch, der nicht &#xFC;berfl&#xFC;ssig ist: da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.</p><p>Dort, wo der Staat <emphasis>aufh&#xF6;rt – </emphasis>so seht mir doch hin, meine Br&#xFC;der! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Br&#xFC;cken des &#xDC;bermenschen? —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Fliegen des Marktes</p></title><p>Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich bet&#xE4;ubt vom L&#xE4;rme der gro&#xDF;en M&#xE4;nner und zerstochen von den Stacheln der kleinen.</p><p>W&#xFC;rdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem Baume, den du liebst, dem breit&#xE4;stigen: still und aufhorchend h&#xE4;ngt er &#xFC;ber dem Meere.</p><p>Wo die Einsamkeit aufh&#xF6;rt, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der L&#xE4;rm der gro&#xDF;en Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen.</p><p>In der Welt taugen die besten Dinge noch nichts, ohne einen, der sie erst auff&#xFC;hrt<a l:href="#n_44" type="note">[44]</a>: gro&#xDF;e M&#xE4;nner hei&#xDF;t das Volk diese Auff&#xFC;hrer.</p><p>Wenig begreift das Volk das Gro&#xDF;e, das ist: das Schaffende. Aber Sinne hat es f&#xFC;r alle Auff&#xFC;hrer und Schauspieler gro&#xDF;er Sachen.</p><p>Um die Erfinder von neuen Werten dreht sich die Welt: – unsichtbar dreht sie sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der Ruhm: so ist es »der Welt Lauf«.</p><p>Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Immer glaubt er an das, womit er am st&#xE4;rksten glauben macht – glauben an <emphasis>sich </emphasis>macht!</p><p>Morgen hat er einen neuen Glauben and &#xFC;bermorgen einen neueren. Rasche Sinne hat er, gleich dem Volke, und ver&#xE4;nderliche Witterungen<a l:href="#n_45" type="note">[45]</a>.</p><p>Umwerfen – das hei&#xDF;t ihm: beweisen. Toll machen das hei&#xDF;t ihm: &#xFC;berzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Gr&#xFC;nde bester.</p><p>Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schl&#xFC;pft, nennt er L&#xFC;ge und Nichts. Wahrlich, er glaubt nur an G&#xF6;tter, die gro&#xDF;en L&#xE4;rm in der Welt machen!</p><p>Voll von feierlichen Possenrei&#xDF;ern ist der Markt – und das Volk r&#xFC;hmt sich seiner gro&#xDF;en M&#xE4;nner: das sind ihm die Herrn der Stunde.</p><p>Aber die Stunde dr&#xE4;ngt sie: so dr&#xE4;ngen sie dich. Und auch von dir wollen sie Ja oder Nein. Wehe, du willst zwischen F&#xFC;r und Wider deinen Stuhl setzen?</p><p>Dieser Unbedingten und Dr&#xE4;ngenden halber sei ohne Eifersucht, du Liebhaber der Wahrheit! Niemals noch h&#xE4;ngte sich die Wahrheit an den Arm eines Unbedingten.</p><p>Dieser Pl&#xF6;tzlichen halber gehe zur&#xFC;ck in deine Sicherheit: nur auf dem Markt wird man mit Ja? Oder Nein? &#xFC;berfallen.</p><p>Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange m&#xFC;ssen sie warten, bis sie wissen, was in ihre Tiefe fiel.</p><p>Abseits vom Markte und Ruhme begibt sich alles Gro&#xDF;e: abseits vom Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werte.</p><p>Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!</p><p>Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erb&#xE4;rmlichen zu nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie nichts als Rache.</p><p>Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unz&#xE4;hlbar sind sie, und es ist nicht dein Los, Fliegenwedel zu sein.</p><p>Unz&#xE4;hlbar sind diese Kleinen und Erb&#xE4;rmlichen; und manchem stolzen Baue gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.</p><p>Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen. Zerbrechen und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.</p><p>Erm&#xFC;det sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt<a l:href="#n_46" type="note">[46]</a> sehe ich dich an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal z&#xFC;rnen.</p><p>Blut m&#xF6;chten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre blutlosen Seelen – und sie stechen daher in aller Unschuld.</p><p>Aber du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du dich noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm &#xFC;ber die Hand.</p><p>Zu stolz bist du mir daf&#xFC;r, diese Naschhaften zu t&#xF6;ten. H&#xFC;te dich aber, da&#xDF; es nicht dein Verh&#xE4;ngnis werde, all ihr giftiges Unrecht zu tragen!</p><p>Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben. Sie wollen die N&#xE4;he deiner Haut und deines Blutes.</p><p>Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir wie vor einem Gotte oder Teufel. Was macht es! Schmeichler sind es und Winsler, und nicht mehr.</p><p>Auch geben sie sich dir oft als Liebensw&#xFC;rdige. Aber das war immer die Klugheit der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!</p><p>Sie denken viel &#xFC;ber dich mit ihrer engen Seele – bedenklich bist du ihnen stets! Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.</p><p>Sie bestrafen dich f&#xFC;r alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von Grund aus nur – deine Fehlgriffe.</p><p>Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: »Unschuldig sind sie an ihrem kleinen Dasein.« Aber ihre enge Seele denkt: »Schuld ist alles gro&#xDF;e Dasein.«</p><p>Auch wenn du ihnen milde bist, f&#xFC;hlen sie sich noch von dir verachtet; und sie geben dir deine Wohltat zur&#xFC;ck mit versteckten Wehtaten.</p><p>Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken, wenn du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.</p><p>Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entz&#xFC;nden wir an ihm auch. Also h&#xFC;te dich vor den Kleinen!</p><p>Vor dir f&#xFC;hlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und gl&#xFC;ht gegen dich in unsichtbarer Rache.</p><p>Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen tratest, und wie ihre Kraft von ihnen ging, wie der Rauch von einem erl&#xF6;schenden Feuer?</p><p>Ja, mein Freund, das b&#xF6;se Gewissen bist du deinen N&#xE4;chsten: denn sie sind deiner unwert. Also hassen sie dich und m&#xF6;chten gerne an deinem Blute saugen.</p><p>Deine N&#xE4;chsten werden immer giftige Fliegen sein; das, was gro&#xDF; an dir ist – das selber mu&#xDF; sie giftiger machen und immer fliegenhafter.</p><p>Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft weht. Nicht ist es dein Los, Fliegenwedel zu sein. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von der Keuschheit<a l:href="#n_47" type="note">[47]</a></p></title><p>Ich liebe den Wald. In den St&#xE4;dten ist schlecht zu leben: da gibt es zu viele der Br&#xFC;nstigen.</p><p>Ist es nicht besser, in die H&#xE4;nde eines M&#xF6;rders zu geraten, als in die Tr&#xE4;ume eines br&#xFC;nstigen Weibes?</p><p>Und seht mir doch diese M&#xE4;nner an: ihr Auge sagt es – sie wissen nichts Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.</p><p>Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar noch Geist hat!</p><p>Da&#xDF; ihr doch wenigstens als Tiere vollkommen w&#xE4;ret! Aber zum Tiere geh&#xF6;rt die Unschuld.</p><p>Rate ich euch, eure Sinne zu t&#xF6;ten? Ich rate euch zur Unschuld der Sinne.</p><p>Rate ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei einigen eine Tugend, aber bei vielen beinahe ein Laster.</p><p>Diese enthalten sich wohl: aber die H&#xFC;ndin Sinnlichkeit blickt mit Neid aus allem, was sie tun.</p><p>Noch in die H&#xF6;hen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt ihnen dies Getier und sein Unfrieden.</p><p>Und wie artig wei&#xDF; die H&#xFC;ndin Sinnlichkeit um ein St&#xFC;ck Geist zu betteln, wenn ihr ein St&#xFC;ck Fleisch versagt wird.</p><p>Ihr liebt Trauerspiele und alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin mi&#xDF;trauisch gegen eure H&#xFC;ndin.</p><p>Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt l&#xFC;stern nach Leidenden. Hat sich nicht nur eure Wollust verkleidet und hei&#xDF;t sich Mitleiden?</p><p>Und auch dies Gleichnis gebe ich euch: nicht wenige, die ihren Teufel austreiben wollten, fuhren dabei selber in die S&#xE4;ue<a l:href="#n_48" type="note">[48]</a>.</p><p>Wem die Keuschheit schwerf&#xE4;llt, dem ist sie zu widerraten: da&#xDF; sie nicht der Weg zur H&#xF6;lle werde – das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.</p><p>Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.</p><p>Nicht wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist, steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.</p><p>Wahrlich, es gibt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen, sie lachen lieber und reichlicher als ihr.</p><p>Sie lachen auch &#xFC;ber die Keuschheit und fragen: »Was ist Keuschheit!</p><p>Ist Keuschheit nicht Torheit? Aber diese Torheit kam zu uns, und nicht wir zu ihr.</p><p>Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns – mag er bleiben, wie lange er will!«</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Freunde</p></title><p>»Einer ist immer zu viel um mich« – also denkt der Einsiedler. »Immer einmal eins – das gibt auf die Dauer zwei!«</p><p>Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespr&#xE4;che: wie w&#xE4;re es auszuhalten, wenn es nicht einen Freund g&#xE4;be? Immer ist f&#xFC;r den Einsiedler der Freund der dritte: der dritte ist der Kork, der verhindert, da&#xDF; das Gespr&#xE4;ch der zweie in die Tiefe sinkt.</p><p>Ach, es gibt zu viele Tiefen f&#xFC;r alle Einsiedler. Darum sehnen sie sich so nach einem Freunde und nach seiner H&#xF6;he.</p><p>Unser Glaube an andre verr&#xE4;t, worin wir gerne an uns selber glauben m&#xF6;chten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verr&#xE4;ter.</p><p>Und oft will man mit der Liebe nur den Neid &#xFC;berspringen. Und oft greift man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, da&#xDF; man angreifbar ist.</p><p>»Sei wenigstens mein Feind!« – so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht um Freundschaft zu bitten wagt.</p><p>Will man einen Freund haben, so mu&#xDF; man auch f&#xFC;r ihn Krieg f&#xFC;hren wollen: und um Krieg zu f&#xFC;hren, mu&#xDF; man Feind sein <emphasis>k&#xF6;nnen.</emphasis></p><p>Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm &#xFC;berzutreten?</p><p>In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am n&#xE4;chsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.</p><p>Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes Ehre sein, da&#xDF; du dich ihm gibst, wie du bist? Aber er w&#xFC;nscht dich darum zum Teufel!</p><p>Wer aus sich kein Hehl macht, emp&#xF6;rt: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit zu f&#xFC;rchten! Ja, wenn ihr G&#xF6;tter w&#xE4;ret, da d&#xFC;rftet ihr euch eurer Kleider sch&#xE4;men!</p><p>Du kannst dich f&#xFC;r deinen Freund nicht sch&#xF6;n genug putzen: denn du sollst ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem &#xDC;bermenschen sein.</p><p>Sahst du deinen Freund schon schlafen – damit du erfahrest, wie er aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.</p><p>Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, da&#xDF; dein Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist etwas, das &#xFC;berwunden werden mu&#xDF;.</p><p>Im Erraten und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht alles mu&#xDF;t du sehn wollen. Dein Traum soll dir verraten, was dein Freund im Wachen tut.</p><p>Ein Erraten sei dein Mitleiden: da&#xDF; du erst wissest, ob dein Freund Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und den Blick der Ewigkeit.</p><p>Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an ihm sollst du dir einen Zahn ausbei&#xDF;en. So wird es seine Feinheit und S&#xFC;&#xDF;e haben.</p><p>Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brot und Arznei deinem Freunde? Mancher kann seine eignen Ketten nicht l&#xF6;sen, und doch ist er dem Freunde ein Erl&#xF6;ser.</p><p>Bist du ein Sklave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann? So kannst du nicht Freunde haben.</p><p>Allzulange war im Weibe ein Sklave und ein Tyrann versteckt. Deshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft f&#xE4;hig: es kennt nur die Liebe.</p><p>In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen alles, was es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist immer noch &#xDC;berfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.</p><p>Noch ist das Weib nicht der Freundschaft f&#xE4;hig: Katzen sind immer noch die Weiber, und V&#xF6;gel. Oder, besten Falles, K&#xFC;he.</p><p>Noch ist das Weib nicht der Freundschaft f&#xE4;hig. Aber sagt mir, ihr M&#xE4;nner, wer von euch ist denn f&#xE4;hig der Freundschaft?</p><p>O &#xFC;ber eure Armut, ihr M&#xE4;nner, und euren Geiz der Seele! Wieviel ihr dem Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch nicht &#xE4;rmer damit geworden sein.</p><p>Es gibt Kameradschaft: m&#xF6;ge es Freundschaft geben!</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von Tausend und Einem Zlele</p></title><p>Viele L&#xE4;nder sah Zarathustra und viele V&#xF6;lker: so entdeckte er vieler V&#xF6;lker Gutes und B&#xF6;ses. Keine gr&#xF6;&#xDF;ere Macht fand Zarathustra auf Erden als Gut und B&#xF6;se.</p><p>Leben k&#xF6;nnte kein Volk, das nicht erst sch&#xE4;tzte; will es sich aber erhalten, so darf es nicht sch&#xE4;tzen, wie der Nachbar sch&#xE4;tzt.</p><p>Vieles, das diesem Volke gut hie&#xDF;, hie&#xDF; einem &#xE4;ndern Hohn und Schmach: also fand ich’s. Vieles fand ich hier b&#xF6;se genannt und dort mit purpurnen Ehren geputzt.</p><p>Nie verstand ein Nachbar den &#xE4;ndern: stets verwunderte sich seine Seele ob des Nachbarn Wahn und Bosheit.</p><p>Eine Tafel der G&#xFC;ter h&#xE4;ngt &#xFC;ber jedem Volke. Siehe, es ist seiner &#xDC;berwindungen Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht.</p><p>L&#xF6;blich ist, was ihm schwer gilt; was unerl&#xE4;&#xDF;lich und schwer, hei&#xDF;t gut; und was aus der h&#xF6;chsten Not noch befreit, das Seltene, Schwerste – das preist es heilig.</p><p>Was da macht, da&#xDF; es herrscht und siegt und gl&#xE4;nzt, seinem Nachbarn zu Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende, der Sinn aller Dinge.</p><p>Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Not und Land und Himmel und Nachbar: so err&#xE4;tst du wohl das Gesetz seiner &#xDC;berwindungen, und warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung steigt.</p><p>»Immer sollst du der Erste sein und den &#xE4;ndern vorragen: Niemanden soll deine eifers&#xFC;chtige Seele lieben, es sei denn den Freund« – dies machte einem Griechen die Seele zittern: dabei ging er seinen Pfad der Gr&#xF6;&#xDF;e. »Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren« – so d&#xFC;nkte es jenem Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt – der Name, welcher mir zugleich lieb und schwer ist.</p><p>»Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen sein«: diese Tafel der &#xDC;berwindung h&#xE4;ngte ein andres Volk &#xFC;ber sich auf und wurde m&#xE4;chtig und ewig damit.</p><p>»Treue &#xFC;ben und um der Treue willen Ehre und Blut auch an b&#xF6;se und f&#xE4;hrliche Sachen setzen«: also sich lehrend bezwang sich ein anderes Volk, und also sich bezwingend wurde es schwanger und schwer von gro&#xDF;en Hoffnungen.</p><p>Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und B&#xF6;ses. Wahrlich, sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom Himmel.</p><p>Werte legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten – er schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich »Mensch«, das ist: der Sch&#xE4;tzende.</p><p>Sch&#xE4;tzen ist Schaffen: h&#xF6;rt es, ihr Schaffenden. Sch&#xE4;tzen selber ist aller gesch&#xE4;tzten Dinge Schatz und Kleinod.</p><p>Durch das Sch&#xE4;tzen erst gibt es Wert: und ohne das Sch&#xE4;tzen w&#xE4;re die Nu&#xDF; des Daseins hohl. H&#xF6;rt es, ihr Schaffenden!</p><p>Wandel der Werte – das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer ein Sch&#xF6;pfer sein mu&#xDF;.</p><p>Schaffende waren erst V&#xF6;lker, und sp&#xE4;t erst einzelne; wahrlich, der einzelne selber ist noch die j&#xFC;ngste Sch&#xF6;pfung.</p><p>V&#xF6;lker h&#xE4;ngten sich einst eine Tafel des Guten &#xFC;ber sich. Liebe, die herrschen will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen solche Tafeln.</p><p>&#xC4;lter ist an der Herde die Lust als die Lust am Ich: und so lange das gute Gewissen Herde hei&#xDF;t, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.</p><p>Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen vieler will: das ist nicht der Herde Ursprung, sondern ihr Untergang.</p><p>Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und B&#xF6;se. Feuer der Liebe gl&#xFC;ht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.</p><p>Viele L&#xE4;nder sah Zarathustra und viele V&#xF6;lker: keine gr&#xF6;&#xDF;ere Macht fand Zarathustra auf Erden als die Werke der Liebenden: »gut« und »b&#xF6;se« ist ihr Name.</p><p>Wahrlich, ein Unget&#xFC;m ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer bezwingt es mir, ihr Br&#xFC;der? Sagt, wer wirft diesem Tier die Fessel &#xFC;ber die tausend Nacken?</p><p>Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend V&#xF6;lker gab es. Nur die Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das <emphasis>eine </emphasis>Ziel. Noch hat die Menschheit kein Ziel.</p><p>Aber sagt mir doch, meine Br&#xFC;der: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt da nicht auch – sie selber noch? —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von der N&#xE4;chstenliebe</p></title><p>Ihr dr&#xE4;ngt euch um den N&#xE4;chsten und habt sch&#xF6;ne Worte daf&#xFC;r. Aber ich sage euch: eure N&#xE4;chstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.</p><p>Ihr fl&#xFC;chtet zum N&#xE4;chsten vor euch selber und m&#xF6;chtet euch daraus eine Tugend machen: aber ich durchschaue euer »Selbstloses<a l:href="#n_49" type="note">[49]</a>«.</p><p>Das Du ist &#xE4;lter als das Ich; das Du ist heiliggesprochen, aber noch nicht das Ich: so dr&#xE4;ngt sich der Mensch hin zum N&#xE4;chsten.</p><p>Rate ich euch zur N&#xE4;chstenliebe? Lieber noch rate ich euch zur N&#xE4;chsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!</p><p>H&#xF6;her als die Liebe zum N&#xE4;chsten steht die Liebe zum Fernsten und K&#xFC;nftigen; h&#xF6;her noch als die Liebe zu Menschen gilt mir die Liebe zu Sachen und Gespenstern.</p><p>Dies Gespenst, das vor dir herl&#xE4;uft mein Bruder, ist sch&#xF6;ner als du; warum gibst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du f&#xFC;rchtest dich und l&#xE4;ufst zu deinem N&#xE4;chsten.</p><p>Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun wollt ihr den N&#xE4;chsten zur Liebe verf&#xFC;hren und euch mit seinem Irrtum vergolden.</p><p>Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei N&#xE4;chsten und deren Nachbarn; so m&#xFC;&#xDF;tet ihr aus euch selber euren Freund und sein &#xFC;berwallendes Herz schaffen.</p><p>Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und wenn ihr ihn verf&#xFC;hrt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber gut von euch.</p><p>Nicht nur der l&#xFC;gt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im Verkehre und bel&#xFC;gt mit euch den Nachbar.</p><p>Also spricht der Narr: »Der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter, sonderlich wenn man keinen hat.«</p><p>Der eine geht zum N&#xE4;chsten, weil er sich sucht und der andre, weil er sich verlieren m&#xF6;chte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gef&#xE4;ngnis.</p><p>Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum N&#xE4;chsten bezahlen; und schon wenn ihr zu f&#xFC;nfen miteinander seid, mu&#xDF; immer ein sechster sterben.</p><p>Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viele Schauspieler fand ich dabei, und auch die Zuschauer geb&#xE4;rdeten sich oft gleich Schauspielern.</p><p>Nicht den N&#xE4;chsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei euch das Fest der Erde und ein Vorgef&#xFC;hl des &#xDC;bermenschen.</p><p>Ich lehre euch den Freund und sein &#xFC;bervolles Herz. Aber man mu&#xDF; verstehn, ein Schwamm zu sein, wenn man von &#xFC;bervollen Herzen geliebt sein will.</p><p>Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale des Guten – den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu verschenken hat.</p><p>Und wie ihm die Welt auseinanderrollte, so rollt sie ihm wieder in Ringen zusammen, als das Werden des Guten durch das B&#xF6;se, als das Werden der Zwecke aus dem Zufalle.</p><p>Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem Freunde sollst du den &#xDC;bermenschen als deine Ursache lieben.</p><p>Meine Br&#xFC;der, zur N&#xE4;chstenliebe rate ich euch nicht: ich rate euch zur Fernsten-Liebe.</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Wege des Schaffenden</p></title><p>Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu dir selber suchen? Zaudere noch ein wenig und h&#xF6;re mich.</p><p>»Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist Schuld«: also spricht die Herde. Und du geh&#xF6;rtest lange zur Herde.</p><p>Die Stimme der Herde wird auch in dir noch t&#xF6;nen. Und wenn du sagen wirst: »Ich habe nicht mehr <emphasis>ein </emphasis>Gewissen mit euch«, so wird es eine Klage und ein Schmerz sein.</p><p>Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das eine Gewissen: und dieses Gewissens letzter Schimmer gl&#xFC;ht noch auf deiner Tr&#xFC;bsal.</p><p>Aber du willst den Weg deiner Tr&#xFC;bsal gehen, welches ist der Weg zu dir selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!</p><p>Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, da&#xDF; sie um dich sich drehen?</p><p>Ach, es gibt so viel L&#xFC;sternheit nach H&#xF6;he! Es gibt so viel Kr&#xE4;mpfe der Ehrgeizigen! Zeige mir, da&#xDF; du keiner der L&#xFC;sternen und Ehrgeizigen bist!</p><p>Ach, es gibt so viel gro&#xDF;e Gedanken, die tun nicht mehr als ein Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.</p><p>Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich h&#xF6;ren und nicht, da&#xDF; du einem Joche entronnen bist<a l:href="#n_50" type="note">[50]</a>.</p><p>Bist du ein solcher, der einem Joche entrinnen <emphasis>durfte</emphasis>? Es gibt manchen, der seinen letzten Wert wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf.</p><p>Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge k&#xFC;nden: frei <emphasis>wozu</emphasis>?</p><p>Kannst du dir selber dein B&#xF6;ses und dein Gutes geben und deinen Willen &#xFC;ber dich aufh&#xE4;ngen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und R&#xE4;cher deines Gesetzes?</p><p>Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und R&#xE4;cher des eignen Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den &#xF6;den Raum und in den eisigen Atem des Alleinseins.</p><p>Heute noch leidest du an den Vielen, du einer: heute noch hast du deinen Mut ganz und deine Hoffnungen. Aber einst wird dich die Einsamkeit m&#xFC;de machen, einst wird dein Stolz sich kr&#xFC;mmen und dein Mut knirschen. Schreien wirst du einst »Ich bin allein!«</p><p>Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzu nahe; dein Erhabnes selbst wird dich f&#xFC;rchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du einst: »Alles ist falsch!«</p><p>Es gibt Gef&#xFC;hle, die den Einsamen t&#xF6;ten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun, so m&#xFC;ssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, M&#xF6;rder zu sein?</p><p>Kennst du, mein Bruder, schon das Wort »Verachtung«? Und die Qual deiner Gerechtigkeit, solchen gerecht zu sein, die dich verachten?</p><p>Du zwingst viele, &#xFC;ber dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du kamst ihnen nahe und gingst doch vor&#xFC;ber: das verzeihen sie dir niemals.</p><p>Du gehst &#xFC;ber sie hinaus: aber je h&#xF6;her du steigst, um so kleiner sieht dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende geha&#xDF;t.</p><p>»Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein!« – mu&#xDF;t du sprechen – »ich erw&#xE4;hle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugeme&#xDF;nen Teil.«</p><p>Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so mu&#xDF;t du ihnen deshalb nicht weniger leuchten!</p><p>Und h&#xFC;te dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne die, welche sich ihre eigne Tugend erfinden – sie hassen den Einsamen.</p><p>H&#xFC;te dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was nicht einf&#xE4;ltig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer – der Scheiterhaufen.</p><p>Und h&#xFC;te dich auch vor den Anf&#xE4;llen deiner Liebe! Zu schnell streckt der Einsame dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.</p><p>Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze: und ich will, da&#xDF; deine Tatze auch Krallen habe.</p><p>Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir selber sein; du selber lauerst dir auf in H&#xF6;hlen und W&#xE4;ldern.</p><p>Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber f&#xFC;hrt dein Weg vorbei, und an deinen sieben Teufeln!</p><p>Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und Zweifler und Unheiliger und B&#xF6;sewicht.</p><p>Verbrennen mu&#xDF;t du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!</p><p>Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln! Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selber liebst du und deshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.</p><p>Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was wei&#xDF; der von Liebe, der nicht gerade verachten mu&#xDF;te, was er liebte!</p><p>Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und sp&#xE4;t erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.</p><p>Mit meinen Tr&#xE4;nen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe den, der &#xFC;ber sich selber hinaus schaffen will und so zugrunde geht. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von Alten und Jungen Weiblein</p></title><p>»Was schleichst du so scheu durch die D&#xE4;mmerung, Zarathustra? Und was birgst du behutsam unter deinem Mantel?</p><p>Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren wurde? Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund der B&#xF6;sen?« —</p><p>Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist’s, die ich trage.</p><p>Aber sie ist ungeb&#xE4;rdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht den Mund halte, so schreit sie &#xFC;berlaut.</p><p>Als ich heute allein meines Weges ging, zur Stunde, wo die Sonne sinkt, begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner Seele:</p><p>»Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns &#xFC;ber das Weib.«</p><p>Und ich entgegnete ihr: »&#xDC;ber das Weib soll man nur zu M&#xE4;nnern reden.«</p><p>»Rede auch zu mir vom Weibe«, sprach sie; »ich bin alt genug, um es gleich wieder zu vergessen.«</p><p>Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:</p><p>Alles am Weibe ist ein R&#xE4;tsel, und alles am Weibe hat <emphasis>eine </emphasis>L&#xF6;sung: sie hei&#xDF;t Schwangerschaft.</p><p>Der Mann ist f&#xFC;r das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind. Aber was ist das Weib f&#xFC;r den Mann?</p><p>Zweierlei will der echte Mann: Gefahr und Spiel. Deshalb will er das Weib als das gef&#xE4;hrlichste Spielzeug.</p><p>Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers: alles andre ist Torheit.</p><p>Allzu s&#xFC;&#xDF;e Fr&#xFC;chte – die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib; bitter ist auch noch das s&#xFC;&#xDF;este Weib.</p><p>Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist kindlicher als das Weib.</p><p>Im echten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne!</p><p>Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich, bestrahlt von den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.</p><p>Der Strahl eines Sternes gl&#xE4;nze in eurer Liebe! Eure Hoffnung hei&#xDF;e: »M&#xF6;ge ich den &#xDC;bermenschen geb&#xE4;ren!«</p><p>In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf den losgehn, der euch Furcht einfl&#xF6;&#xDF;t.</p><p>In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf Ehre. Aber dies sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt werdet, und nie die Zweiten zu sein.</p><p>Der Mann f&#xFC;rchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes Opfer, und jedes andre Ding gilt ihm ohne Wert.</p><p>Der Mann f&#xFC;rchte sich vor dem Weibe, wenn es ha&#xDF;t: denn der Mann ist im Grunde der Seele nur b&#xF6;se, das Weib aber ist dort schlecht.</p><p>Wen ha&#xDF;t das Weib am meisten? – Also sprach das Eisen zum Magneten: »Ich hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug bist, an dich zu ziehen.«</p><p>Das Gl&#xFC;ck des Mannes hei&#xDF;t: ich will. Das Gl&#xFC;ck des Weibes hei&#xDF;t: er will.</p><p>»Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!« – also denkt ein jedes Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.</p><p>Und gehorchen mu&#xDF; das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfl&#xE4;che. Oberfl&#xE4;che ist des Weibes Gem&#xFC;t, eine bewegliche, st&#xFC;rmische Haut auf einem seichten Gew&#xE4;sser.</p><p>Des Mannes Gem&#xFC;t aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen H&#xF6;hlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht. —</p><p>Da entgegnete mir das alte Weiblein: »Vieles Artige sagte Zarathustra, und sonderlich f&#xFC;r die, welche jung genug dazu sind.</p><p>Seltsam ist’s, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er &#xFC;ber sie recht! Geschieht dies deshalb, weil beim Weibe kein Ding unm&#xF6;glich ist?</p><p>Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug f&#xFC;r sie!</p><p>Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie &#xFC;berlaut, diese kleine Wahrheit.«</p><p>»Gib mir, Weib, deine kleine Wahrheit!« sagte ich. Und also sprach das alte Weiblein:</p><p>»Du gehst zu Frauen? Vergi&#xDF; die Peitsche nicht!« —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Biss der Natter</p></title><p>Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da es hei&#xDF; war, und hatte seine Arme &#xFC;ber das Gesicht gelegt. Da kam eine Natter und bi&#xDF; ihn in den Hals, so da&#xDF; Zarathustra vor Schmerz aufschrie. Als er den Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die Schlange an: da erkannte sie die Augen Zarathustras, wand sich ungeschickt und wollte davon. »Nicht doch«, sprach Zarathustra; »noch nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest mich zur Zeit, mein Weg ist noch lang.« »Dein Weg ist noch kurz«, sagte die Natter traurig; »mein Gift t&#xF6;tet.« Zarathustra l&#xE4;chelte. »Wann starb wohl je ein Drache am Gift einer Schlange?« – sagte er. »Aber nimm dein Gift zur&#xFC;ck! Du bist nicht reich genug, es mir zu schenken.« Da fiel ihm die Natter von neuem um den Hals und leckte ihm seine Wunde.</p><p>Als Zarathustra dies einmal seinen J&#xFC;ngern erz&#xE4;hlte, fragten sie: »Und was, o Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?« Zarathustra antwortete darauf also:</p><p>Den Vernichter der Moral hei&#xDF;en mich die Guten und Gerechten: meine Geschichte ist unmoralisch.</p><p>So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht B&#xF6;ses mit Gutem: denn das w&#xFC;rde besch&#xE4;men. Sondern beweist, da&#xDF; er euch etwas Gutes angetan hat.</p><p>Und lieber z&#xFC;rnt noch, als da&#xDF; ihr besch&#xE4;mt! Und wenn euch geflucht wird, so gef&#xE4;llt es mir nicht, da&#xDF; ihr dann segnen wollt. Lieber ein wenig mitfluchen!</p><p>Und geschah euch ein gro&#xDF;es Unrecht, so tut mir geschwind f&#xFC;nf kleine dazu! Gr&#xE4;&#xDF;lich ist der anzusehn, den allein das Unrecht dr&#xFC;ckt.</p><p>Wu&#xDF;tet ihr dies schon? Geteiltes Unrecht ist halbes Recht. Und <emphasis>der </emphasis>soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!</p><p>Eine kleine Rache ist menschlicher als gar keine Rache. Und wenn die Strafe nicht auch ein Recht und eine Ehre ist f&#xFC;r den &#xDC;bertretenden, so mag ich auch euer Strafen nicht.</p><p>Vornehmer ist’s, sich unrecht zu geben als recht zu behalten, sonderlich, wenn man recht hat. Nur mu&#xDF; man reich genug dazu sein.</p><p>Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht, und aus dem Auge eurer Richter blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.</p><p>Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen ist?</p><p>So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern auch alle Schuld tr&#xE4;gt!</p><p>So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die jeden freispricht, ausgenommen den Richtenden!</p><p>Wollt ihr auch dies noch h&#xF6;ren? An dem, der von Grund aus gerecht sein will, wird auch noch die L&#xFC;ge zur Menschen-Freundlichkeit.</p><p>Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich jedem das Seine geben! Dies sei mir genug: ich gebe jedem das Meine.</p><p>Endlich, meine Br&#xFC;der, h&#xFC;tet euch Unrecht zu tun allen Einsiedlern! Wie k&#xF6;nnte ein Einsiedler vergessen! Wie k&#xF6;nnte er vergelten!</p><p>Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder herausbringen?</p><p>H&#xFC;tet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Tatet ihr’s aber, nun, so t&#xF6;tet ihn auch noch!</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von Kind und Ehe</p></title><p>Ich habe eine Frage f&#xFC;r dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in deine Seele, da&#xDF; ich wisse, wie tief sie sei.</p><p>Du bist jung und w&#xFC;nschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind sich w&#xFC;nschen <emphasis>darf!</emphasis></p><p>Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.</p><p>Oder redet aus deinem Wunsche das Tier und die Notdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?</p><p>Ich will, da&#xDF; dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.</p><p>&#xDC;ber dich sollst du hinausbauen. Aber erst mu&#xDF;t du mir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele.</p><p>Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der Garten der Ehe!</p><p>Einen h&#xF6;heren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich rollendes Rad – einen Schaffenden sollst du schaffen.</p><p>Ehe: so hei&#xDF;e ich den Willen zu zweien, das eine zu schaffen, das mehr ist als die es schufen. Ehrfurcht voreinander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines solchen Willens.</p><p>Dies sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber das, was die Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese &#xDC;berfl&#xFC;ssigen – ach, wie nenne ich das?</p><p>Ach, diese Armut der Seele zu zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu zweien! Ach, dies erb&#xE4;rmliche Behagen zu zweien!</p><p>Ehe nennen sie dies alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel geschlossen.</p><p>Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der &#xDC;berfl&#xFC;ssigen! Nein, ich mag sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Tiere!</p><p>Ferne bleibe mir auch der Gott<a l:href="#n_51" type="note">[51]</a>, der heranhinkt zu segnen, was er nicht zusammenf&#xFC;gte!</p><p>Lacht mir nicht &#xFC;ber solche Ehen! Welches Kind h&#xE4;tte nicht Grund, &#xFC;ber seine Eltern zu weinen?</p><p>W&#xFC;rdig schien mir dieser Mann und reif f&#xFC;r den Sinn der Erde: aber als ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus f&#xFC;r Unsinnige, Ja, ich wollte, da&#xDF; die Erde in Kr&#xE4;mpfen bebte, wenn sich ein Heiliger und eine Gans miteinander paaren.</p><p>Dieser ging wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er sich eine kleine geputzte L&#xFC;ge. Seine Ehe nennt er’s.</p><p>Jener war spr&#xF6;de im Verkehre und w&#xE4;hlte w&#xE4;hlerisch. Aber mit <emphasis>einem. </emphasis>Male verdarb er f&#xFC;r alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er’s.</p><p>Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit einem Male wurde er die Magd eines Weibes, und nun t&#xE4;te es not, da&#xDF; er dar&#xFC;ber noch zum Engel werde.</p><p>Sorgsam fand ich jetzt alle K&#xE4;ufer, und alle haben listige Augen. Aber seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.</p><p>Viele kurze Torheiten – das hei&#xDF;t bei euch Liebe. Und eure Ehe macht vielen kurzen Torheiten ein Ende, als <emphasis>eine </emphasis>lange Dummheit.</p><p>Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, m&#xF6;chte sie doch Mitleiden sein mit leidenden und verh&#xFC;llten G&#xF6;ttern! Aber zumeist erraten zwei Tiere einander.</p><p>Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verz&#xFC;cktes Gleichnis und eine schmerzhafte Glut. Eine Fackel ist sie, die euch zu h&#xF6;heren Wegen leuchten soll.</p><p>&#xDC;ber euch hinaus sollt ihr einst lieben! So <emphasis>lernt </emphasis>erst lieben! Und darum mu&#xDF;tet ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.</p><p>Bitternis ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht zum &#xDC;bermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!</p><p>Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum &#xDC;bermenschen: sprich, mein Bruder, ist dies dein Wille zur Ehe?</p><p>Heilig hei&#xDF;t mir solch ein Wille und solche Ehe. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Freien Tode</p></title><p>Viele sterben zu sp&#xE4;t, und einige sterben zu fr&#xFC;h. Noch klingt fremd die Lehre: »Stirb zur rechten Zeit!«</p><p>Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.</p><p>Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit sterben? M&#xF6;chte er doch nie geboren sein! – Also rate ich den &#xDC;berfl&#xFC;ssigen.</p><p>Aber auch die &#xDC;berfl&#xFC;ssigen tun noch wichtig mit ihrem Sterben, und auch die hohlste Nu&#xDF; will noch geknackt sein.</p><p>Wichtig nehmen alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die sch&#xF6;nsten Feste weiht.</p><p>Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein Gel&#xF6;bnis wird.</p><p>Seinen Tod stirbt der Vollbringende<a l:href="#n_52" type="note">[52]</a>, siegreich, umringt von Hoffenden und Gelobenden.</p><p>Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher Sterbender nicht der Lebenden Schw&#xFC;re weihte!</p><p>Also zu sterben ist das Beste; das zweite aber ist: im Kampfe zu sterben und eine gro&#xDF;e Seele zu verschwenden.</p><p>Aber dem K&#xE4;mpf enden gleich verha&#xDF;t wie dem Sieger ist euer grinsender Tod, der heranschleicht wie ein Dieb – und doch als Herr kommt.</p><p>Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil <emphasis>ich </emphasis>will.</p><p>Und wann werde ich wollen? – Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit f&#xFC;r Ziel und Erben.</p><p>Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine d&#xFC;rren Kr&#xE4;nze mehr im Heiligtum des Lebens aufh&#xE4;ngen.</p><p>Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren Faden in die L&#xE4;nge und gehen dabei selber immer r&#xFC;ckw&#xE4;rts.</p><p>Mancher wird auch f&#xFC;r seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.</p><p>Und jeder, der Ruhm haben will, mu&#xDF; sich beizeiten von der Ehre verabschieden und die schwere Kunst &#xFC;ben, zur rechten Zeit zu – gehn.</p><p>Man mu&#xDF; aufh&#xF6;ren, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt: das wissen die, welche lange geliebt werden wollen.</p><p>Saure &#xC4;pfel gibt es freilich, deren Los will, da&#xDF; sie bis auf den letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und runzelig.</p><p>Andern altert das Herz zuerst und andern der Geist. Und einige sind greis in der Jugend: aber sp&#xE4;t jung erh&#xE4;lt lang jung.</p><p>Manchem mi&#xDF;r&#xE4;t das Leben: ein Giftwurm fri&#xDF;t sich ihm ans Herz. So m&#xF6;ge er zusehn, da&#xDF; ihm das Sterben um so mehr gerate.</p><p>Mancher wird nie s&#xFC;&#xDF;, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die ihn an seinem Aste festh&#xE4;lt.</p><p>Viel zu viele leben und viel zu lange h&#xE4;ngen sie an ihren &#xC4;sten. M&#xF6;chte ein Sturm kommen, der all dies Faule und Wurmfre&#xDF;ne vom Baume sch&#xFC;ttelt!</p><p>M&#xF6;chten Prediger kommen des <emphasis>schnellen </emphasis>Todes! Das w&#xE4;ren mir die rechten St&#xFC;rme und Sch&#xFC;ttler an Lebensb&#xE4;umen! Aber ich h&#xF6;re nur den langsamen Tod predigen und Geduld mit allem »Irdischen«.</p><p>Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das zuviel Geduld mit euch hat, ihr L&#xE4;sterm&#xE4;uler<a l:href="#n_53" type="note">[53]</a>!</p><p>Wahrlich, zu fr&#xFC;h starb jener Hebr&#xE4;er, den die Prediger des langsamen Todes ehren: und vielen ward es seitdem zum Verh&#xE4;ngnis, da&#xDF; er zu fr&#xFC;h starb.</p><p>Noch kannte er nur Tr&#xE4;nen und die Schwermut des Hebr&#xE4;ers, samt dem Hasse der Guten und Gerechten – der Hebr&#xE4;er Jesus: da &#xFC;berfiel ihn die Sehnsucht zum Tode.</p><p>W&#xE4;re er doch in der W&#xFC;ste geblieben und ferne von den Guten und Gerechten! Vielleicht h&#xE4;tte er leben gelernt und die Erde lieben gelernt – und das Lachen dazu!</p><p>Glaubt es mir, meine Br&#xFC;der! Er starb zu fr&#xFC;h: er selber h&#xE4;tte seine Lehre widerrufen, w&#xE4;re er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war er zum Widerrufen!</p><p>Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der J&#xFC;ngling, und unreif ha&#xDF;t er auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gem&#xFC;t und Geistesfl&#xFC;gel.</p><p>Aber im Manne ist mehr Kind als im J&#xFC;nglinge, und weniger Schwermut: besser versteht er sich auf Tod und Leben.</p><p>Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Neinsager, wenn es nicht Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.</p><p>Da&#xDF; euer Sterben keine L&#xE4;sterung sei auf Mensch und Erde, meine Freunde: das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.</p><p>In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend gl&#xFC;hn, gleich einem Abendrot um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht geraten.</p><p>Also will ich selber sterben, da&#xDF; ihr Freunde um meinetwillen die Erde mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, da&#xDF; ich in <emphasis>der </emphasis>Ruhe habe, die mich gebar.</p><p>Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.</p><p>Lieber als alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball werfen! Und so verziehe ich noch ein wenig auf Erden<a l:href="#n_54" type="note">[54]</a> : verzeiht es mir!</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von der Schenkenden Tugend</p></title><subtitle>1</subtitle><p>Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein Herz zugetan war und deren Name lautet: »Die bunte Kuh« – folgten ihm viele, die sich seine J&#xFC;nger nannten, und gaben ihm das Geleit<a l:href="#n_55" type="note">[55]</a>. Also kamen sie an einen Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, da&#xDF; er nunmehr allein gehen wolle; denn er war ein Freund des Alleingehens. Seine J&#xFC;nger aber reichten ihm zum Abschiede einen Stab, an dessen goldnem Griffe sich eine Schlange um die Sonne ringelte. Zarathustra freute sich des Stabes und st&#xFC;tzte sich darauf; dann sprach er also zu seinen J&#xFC;ngern:</p><p>Sagt mir doch: wie kam Gold zum h&#xF6;chsten Werte? Darum, da&#xDF; es ungemein ist und unn&#xFC;tzlich und leuchtend und mild im Gl&#xE4;nze; es schenkt sich immer.</p><p>Nur als Abbild der h&#xF6;chsten Tugend kam Gold zum h&#xF6;chsten Werte. Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schlie&#xDF;t Friede zwischen Mond und Sonne.</p><p>Ungemein ist die h&#xF6;chste Tugend und unn&#xFC;tzlich, leuchtend ist sie und mild im Gl&#xE4;nze: eine schenkende Tugend ist die h&#xF6;chste Tugend.</p><p>Wahrlich, ich errate euch wohl, meine J&#xFC;nger: ihr trachtet, gleich mir, nach der schenkenden Tugend. Was h&#xE4;ttet ihr mit Katzen und W&#xF6;lfen gemeinsam?</p><p>Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und darum habt ihr den Durst, alle Reicht&#xFC;mer in eure Seele zu h&#xE4;ufen.</p><p>Uners&#xE4;ttlich trachtet eure Seele nach Sch&#xE4;tzen und Kleinodien, weil eure Tugend uners&#xE4;ttlich ist im Verschenken-Wollen.</p><p>Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, da&#xDF; sie aus eurem Borne zur&#xFC;ckstr&#xF6;men sollen als die Gaben eurer Liebe.</p><p>Wahrlich, zum R&#xE4;uber an allen Werten mu&#xDF; solche schenkende Liebe werden; aber heil und heilig hei&#xDF;e ich diese Selbstsucht.</p><p>Eine andre Selbstsucht gibt es, eine allzu arme, eine hungernde, die immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke Selbstsucht.</p><p>Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Gl&#xE4;nzende; mit der Gier des Hungers mi&#xDF;t sie den, der reich zu essen hat; und immer schleicht sie um den Tisch der Schenkenden.</p><p>Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von siechem Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.</p><p>Sagt mir, meine Br&#xFC;der: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes? Ist es nicht <emphasis>Entartung? – </emphasis>Und auf Entartung raten wir immer, wo die schenkende Seele fehlt.</p><p>Aufw&#xE4;rts geht unser Weg, von der Art hin&#xFC;ber zur &#xDC;ber-Art. Aber ein Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: »Alles f&#xFC;r mich.«</p><p>Aufw&#xE4;rts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichnis unsres Leibes, einer Erh&#xF6;hung Gleichnis. Solcher Erh&#xF6;hungen Gleichnisse sind die Namen der Tugenden.</p><p>Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein K&#xE4;mpfender. Und der Geist – was ist er ihm? Seiner K&#xE4;mpfe und Siege Herold, Geno&#xDF; und Widerhall.</p><p>Gleichnisse sind alle Namen von Gut und B&#xF6;se: sie sprechen nicht aus, sie winken nur. Ein Tor, welcher von ihnen Wissen will.</p><p>Achtet mir, meine Br&#xFC;der, auf jede Stunde, wo euer Geist in Gleichnissen reden will: da ist der Ursprung eurer Tugend.</p><p>Erh&#xF6;ht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entz&#xFC;ckt er den Geist, da&#xDF; er Sch&#xF6;pfer wird und Sch&#xE4;tzer und Liebender und aller Dinge Wohlt&#xE4;ter.</p><p>Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.</p><p>Wenn ihr erhaben seid &#xFC;ber Lob und Tadel und euer Wille allen Dingen befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer Tugend.</p><p>Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett und von den Weichlichen euch nicht weit genug betten k&#xF6;nnt: da ist der Ursprung eurer Tugend.</p><p>Wenn ihr <emphasis>eines </emphasis>Willens Wollende seid und diese Wende aller Not euch Notwendigkeit hei&#xDF;t: da ist der Ursprung eurer Tugend.</p><p>Wahrlich, ein neues Gutes und B&#xF6;ses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!</p><p>Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie, und um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne, und um sie die Schlange der Erkenntnis.</p><subtitle>2</subtitle><p>Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine J&#xFC;nger. Dann fuhr er also fort zu reden: – und seine Stimme hatte sich verwandelt.</p><p>Bleibt mir der Erde treu, meine Br&#xFC;der, mit der Macht eurer Tugend! Eure schenkende Liebe und eure Erkenntnis diene dem Sinn der Erde! Also bitte und beschw&#xF6;re ich euch.</p><p>La&#xDF;t sie nicht davonfliegen vom Irdischen und mit den Fl&#xFC;geln gegen ewige W&#xE4;nde schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend<a l:href="#n_56" type="note">[56]</a>!</p><p>F&#xFC;hrt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zur&#xFC;ck -ja, zur&#xFC;ck zu Leib und Leben: da&#xDF; sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!</p><p>Hundertf&#xE4;ltig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend. Ach, in unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff: Leib und Wille ist er da geworden.</p><p>Hundertf&#xE4;ltig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend. Ja, ein Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrtum ist an uns Leib geworden!</p><p>Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden – auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gef&#xE4;hrlich ist es, Erbe zu sein.</p><p>Noch k&#xE4;mpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und &#xFC;ber der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.</p><p>Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Br&#xFC;der: und aller Dinge Wert werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr K&#xE4;mpfende sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!</p><p>Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erh&#xF6;ht er sich; dem Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erh&#xF6;hten wird die Seele fr&#xF6;hlich.</p><p>Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei seine beste Hilfe, da&#xDF; er <emphasis>den </emphasis>mit Augen sehe, der sich selber heil macht.</p><p>Tausend Pfade gibt es, die nie noch gegangen sind, tausend Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unersch&#xF6;pft und unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.</p><p>Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit heimlichem Fl&#xFC;gelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft<a l:href="#n_57" type="note">[57]</a>.</p><p>Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein: aus euch, die ihr euch selber ausw&#xE4;hltet, soll ein auserw&#xE4;hltes Volk erwachsen: – und aus ihm der &#xDC;bermensch.</p><p>Wahrlich, eine St&#xE4;tte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein heilbringender – und eine neue Hoffnung!</p><subtitle>3</subtitle><p>Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie einer, der nicht sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in seiner Hand. Endlich sprach er also: – und seine Stimme hatte sich verwandelt.</p><p>Allein gehe ich nun, meine J&#xFC;nger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es.</p><p>Wahrlich, ich rate euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: sch&#xE4;mt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.</p><p>Der Mensch der Erkenntnis mu&#xDF; nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch seine Freunde hassen k&#xF6;nnen.</p><p>Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Sch&#xFC;ler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen<a l:href="#n_58" type="note">[58]</a>?</p><p>Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umf&#xE4;llt? H&#xFC;tet euch, da&#xDF; euch nicht eine Bilds&#xE4;ule erschlage!</p><p>Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gl&#xE4;ubigen: aber was liegt an allen Gl&#xE4;ubigen!</p><p>Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gl&#xE4;ubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.</p><p>Nun hei&#xDF;e ich euch, mich verlieren und euch finden;</p><p>und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.</p><p>Wahrlich, mit andern Augen, meine Br&#xFC;der, werde ich mir dann meine Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben.</p><p>Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder <emphasis>einer </emphasis>Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, da&#xDF; ich den gro&#xDF;en Mittag mit euch feiere.</p><p>Und das ist der gro&#xDF;e Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht zwischen Tier und &#xDC;bermensch und seinen Weg zum Abende als seine h&#xF6;chste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.</p><p>Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, da&#xDF; er ein Hin&#xFC;bergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntnis wird ihm im Mittage stehn.</p><p><emphasis>»Tot sind alle G&#xF6;tter: nun wollen wir, da&#xDF; der &#xDC;bermensch lebe.« – </emphasis>Dies sei einst am gro&#xDF;en Mittage unser letzter Wille! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p><subtitle><strong><emphasis>Fragen zum Inhalt</emphasis></strong></subtitle><p>1. Was lehrt Zarathustra die Menschen?</p><p>2. Warum nennt Zarathustra den Menschen “ein Seil, gekn&#xFC;pft zwischen Tier und &#xDC;bermensch”?</p><p>3. Was meint Zarathustra unter drei Verwandlungen?</p><p>4. Was spricht Zarathustra vom Tod?</p><p>5. Nach welcher Tugend trachtet Zarathustra und warum ist sie die h&#xF6;chste Tugend?</p></section></section></section><section><title><p>Zweiter Teil</p></title><epigraph><p>»– und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.</p><p>Wahrlich, mit &#xE4;ndern Augen, meine Br&#xFC;der, werde ich mir dann meine Verlorenen suchen; mit einer &#xE4;ndern Liebe werde ich euch dann lieben.«</p><text-author><emphasis>Zaratustra</emphasis></text-author><text-author>Von der schenkenden Tugend (I, p. 96)</text-author></epigraph><section><title><p>Das Kind Mit dem Spiegel</p></title><p>Hierauf ging Zarathustra wieder zur&#xFC;ck in das Gebirge und in die Einsamkeit seiner H&#xF6;hle und entzog sich den Menschen: wartend, gleich einem S&#xE4;emann, der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber wurde voll von Ungeduld und Begierde nach denen, welche er liebte: denn er hatte ihnen noch viel zu geben. Dies n&#xE4;mlich ist das Schwerste: aus Liebe die offne Hand schlie&#xDF;en und als Schenkender die Scham bewahren.</p><p>Also vergingen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber wuchs und machte ihm Schmerzen durch ihre F&#xFC;lle.</p><p>Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenr&#xF6;te auf, besann sich lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:</p><p>»Was erschrak ich doch so in meinem Traume, da&#xDF; ich aufwachte? Trat nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?</p><p>›O Zarathustra‹ – sprach das Kind zu mir – ›schaue dich an im Spiegel!‹</p><p>Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz war ersch&#xFC;ttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels Fratze und Hohnlachen.</p><p>Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine <emphasis>Lehre </emphasis>ist in Gefahr, Unkraut will Weizen hei&#xDF;en!</p><p>Meine Feinde sind m&#xE4;chtig worden und haben meiner Lehre Bildnis entstellt<a l:href="#n_59" type="note">[59]</a>, also, da&#xDF; meine Liebsten sich der Gaben sch&#xE4;men m&#xFC;ssen, die ich ihnen gab.</p><p>Verloren gingen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine Verlornen zu suchen!« —</p><p>Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein Ge&#xE4;ngstigter, der nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und S&#xE4;nger, welchen der Geist anf&#xE4;llt. Verwundert sahen sein Adler und seine Schlange auf ihn hin: denn gleich dem Morgenrote lag ein kommendes Gl&#xFC;ck auf seinem Antlitze.</p><p>Was geschah mir doch, meine Tiere? – sagte Zarathustra. Bin ich nicht verwandelt? Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?</p><p>T&#xF6;richt ist mein Gl&#xFC;ck und T&#xF6;richtes wird es reden: zu jung noch ist es – so habt Geduld mit ihm!</p><p>Verwundet bin ich von meinem Gl&#xFC;ck: alle Leidenden sollen mir &#xC4;rzte sein!</p><p>Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden! Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste tun!</p><p>Meine ungeduldige Liebe flie&#xDF;t &#xFC;ber in Str&#xF6;men, abw&#xE4;rts, nach Aufgang und Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes rauscht meine Seele in die T&#xE4;ler<a l:href="#n_60" type="note">[60]</a>.</p><p>Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange geh&#xF6;rte ich der Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.</p><p>Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen Felsen: hinab will ich meine Rede st&#xFC;rzen in die T&#xE4;ler.</p><p>Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames st&#xFC;rzen<a l:href="#n_61" type="note">[61]</a>! Wie sollte ein Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden!</p><p>Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber mein Strom der Liebe rei&#xDF;t ihn mit sich hinab – – zum Meere!</p><p>Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; m&#xFC;de wurde ich, gleich allen Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf abgelaufnen Sohlen wandeln.</p><p>Zu langsam l&#xE4;uft mir alles Reden: – in deinen Wagen springe ich, Sturm! Und auch dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!</p><p>Wie ein Schrei und ein Jauchzen will ich &#xFC;ber weite Meere hinfahren, bis ich die gl&#xFC;ckseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen: —</p><p>Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur reden darf! Auch meine Feinde geh&#xF6;ren zu meiner Seligkeit.</p><p>Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein Speer immer am besten hinauf: der ist meines Fu&#xDF;es allzeit bereiter Diener: —</p><p>Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es meinen Feinden, da&#xDF; ich endlich ihn schleudern darf!</p><p>Zu gro&#xDF; war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gel&#xE4;chtern der Blitze will ich Hagelschauer in die Tiefe werfen.</p><p>Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm &#xFC;ber die Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.</p><p>Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Gl&#xFC;ck und meine Freiheit! Aber meine Feinde sollen glauben, <emphasis>der B&#xF6;se </emphasis>rase &#xFC;ber ihren H&#xE4;uptern.</p><p>Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden Weisheit; und vielleicht flieht ihr davon samt meinen Feinden.</p><p>Ach, da&#xDF; ich’s verst&#xFC;nde, euch mit Hirtenfl&#xF6;ten zur&#xFC;ckzulocken! Ach, da&#xDF; meine L&#xF6;win Weisheit z&#xE4;rtlich br&#xFC;llen lernte! Und vieles lernten wir schon miteinander!</p><p>Meine wilde Weisheit wurde tr&#xE4;chtig<a l:href="#n_62" type="note">[62]</a> auf einsamen Bergen; auf rauhen Steinen gebar sie ihr Junges, J&#xFC;ngstes.</p><p>Nun l&#xE4;uft sie n&#xE4;rrisch durch die harte W&#xFC;ste und sucht und sucht nach sanftem Rasen – meine alte wilde Weisheit!</p><p>Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde! – auf eure Liebe m&#xF6;chte sie ihr Liebstes betten! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Auf den Gl&#xFC;ckseligen Inseln</p></title><p>Die Feigen fallen von den B&#xE4;umen, sie sind gut und s&#xFC;&#xDF;; und indem sie fallen, rei&#xDF;t ihnen die rote Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.</p><p>Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr s&#xFC;&#xDF;es Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag.</p><p>Seht, welche F&#xFC;lle ist um uns! Und aus dem &#xDC;berflusse heraus ist es sch&#xF6;n hinauszublicken auf ferne Meere.</p><p>Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte ich euch sagen: &#xDC;bermensch.</p><p>Gott ist eine Mutma&#xDF;ung; aber ich will, da&#xDF; euer Mutma&#xDF;en nicht weiter reiche als euer schaffender Wille.</p><p>K&#xF6;nntet ihr einen Gott <emphasis>schaffen? – </emphasis>So schweigt mir doch von allen G&#xF6;ttern! Wohl aber k&#xF6;nntet ihr den &#xDC;bermenschen schaffen.</p><p>Nicht ihr vielleicht selber, meine Br&#xFC;der! Aber zu V&#xE4;tern und Vorfahren k&#xF6;nntet ihr euch umschaffen des &#xDC;bermenschen: und dies sei euer bestes Schaffen! —</p><p>Gott ist eine Mutma&#xDF;ung: aber ich will, da&#xDF; euer Mutma&#xDF;en begrenzt sei in der Denkbarkeit.</p><p>K&#xF6;nntet ihr einen Gott <emphasis>denken? – </emphasis>Aber dies bedeute euch Wille zur Wahrheit, da&#xDF; alles verwandelt werde in Menschen-Denkbares, Menschen-Sichtbares, Menschen-F&#xFC;hlbares! Eure eignen Sinne sollt ihr zu Ende denken!</p><p>Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden: eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden! Und wahrlich, zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!</p><p>Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr Erkennenden? Weder ins Unbegreifliche d&#xFC;rftet ihr eingeboren sein<a l:href="#n_63" type="note">[63]</a> noch ins Unvern&#xFC;nftige.</p><p>Aber da&#xDF; ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: <emphasis>wenn </emphasis>es G&#xF6;tter g&#xE4;be, wie hielte ich’s aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine G&#xF6;tter.</p><p>Wohl zog ich den Schlu&#xDF;; nun aber zieht er mich. —</p><p>Gott ist eine Mutma&#xDF;ung: aber wer tr&#xE4;nke alle Qual dieser Mutma&#xDF;ung, ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube genommen sein und dem Adler sein Schweben in Adler-Fernen?</p><p>Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm und alles, was steht, drehend. Wie? Die Zeit w&#xE4;re hinweg und alles Verg&#xE4;ngliche nur L&#xFC;ge?</p><p>Dies zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und noch dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit hei&#xDF;e ich’s<a l:href="#n_64" type="note">[64]</a>, solches zu mutma&#xDF;en.</p><p>B&#xF6;se hei&#xDF;e ich’s und menschenfeindlich: all dies Lehren vom Einen und Vollen und Unbewegten und Satten und Unverg&#xE4;nglichen!</p><p>Alles Unverg&#xE4;ngliche – das ist nur ein Gleichnis! Und die Dichter l&#xFC;gen zuviel. —</p><p>Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob sollen sie sein und eine Rechtfertigung aller Verg&#xE4;nglichkeit!</p><p>Schaffen – das ist die gro&#xDF;e Erl&#xF6;sung vom Leiden, und des Lebens Leichtwerden. Aber da&#xDF; der Schaffende sei, dazu selber tut Leid not und viel Verwandelung. Ja, viel bitteres Sterben mu&#xDF; in eurem Leben sein, ihr Schaffenden! Also seid ihr F&#xFC;rsprecher und Rechtfertiger aller Verg&#xE4;nglichkeit.</p><p>Da&#xDF; der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu mu&#xDF; er auch die Geb&#xE4;rerin sein wollen und der Schmerz der Geb&#xE4;rerin.</p><p>Wahrlich, durch hundert Seelen ging ich meinen Weg und durch hundert Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne die herzbrechenden letzten Stunden.</p><p>Aber so will’s mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, da&#xDF; ich’s euch redlicher sage: solches Schicksal gerade – will mein Wille.</p><p>Alles F&#xFC;hlende leidet an mir und ist in Gef&#xE4;ngnissen: aber mein Wollen kommt mir stets als mein Befreier und Freudebringer.</p><p>Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit – so lehrt sie euch Zarathustra.</p><p>Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-sch&#xE4;tzen und Nicht-mehr-schaffen! ach, da&#xDF; diese gro&#xDF;e M&#xFC;digkeit mir stets fern bleibe!</p><p>Auch im Erkennen f&#xFC;hle ich nur meines Willens Zeugeund Werde-Lust<a l:href="#n_65" type="note">[65]</a>; und wenn Unschuld in meiner Erkenntnis ist, so geschieht dies, weil Wille zur Zeugung in ihr ist.</p><p>Hinweg von Gott und G&#xF6;ttern lockte mich dieser Wille; was w&#xE4;re denn zu schaffen, wenn G&#xF6;tter – da w&#xE4;ren!</p><p>Aber zum Menschen treibt er mich stets von neuem, mein inbr&#xFC;nstiger Schaffens-Wille; so treibt’s den Hammer hin zum Steine<a l:href="#n_66" type="note">[66]</a>.</p><p>Ach, ihr Menschen, im Steine schl&#xE4;ft mir ein Bild, das Bild meiner Bilder! Ach, da&#xDF; es im h&#xE4;rtesten, h&#xE4;&#xDF;lichsten Steine schlafen mu&#xDF;!</p><p>Nun w&#xFC;tet mein Hammer grausam gegen sein Gef&#xE4;ngnis. Vom Steine st&#xE4;uben St&#xFC;cke: was schiert mich das?</p><p>Vollenden will ich’s: denn ein Schatten kam zu mir – aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir! —</p><p>Des &#xDC;bermenschen Sch&#xF6;nheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Br&#xFC;der! Was gehen mich noch – die G&#xF6;tter an! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Mitleidigen</p></title><p>Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: »Seht nur Zarathustra! Wandelt er nicht unter uns wie unter Tieren?«</p><p>Aber so ist es besser geredet: »Der Erkennende wandelt unter Menschen <emphasis>als </emphasis>unter Tieren.«</p><p>Der Mensch selber aber hei&#xDF;t dem Erkennenden: das Tier, das rote Backen hat.</p><p>Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat sch&#xE4;men m&#xFC;ssen?</p><p>O meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham – das ist die Geschichte des Menschen!</p><p>Und darum gebeut sich der Edle, nicht zu besch&#xE4;men: Scham gebeut er sich vor allem Leidenden.</p><p>Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham.</p><p>Mu&#xDF; ich mitleidig sein, so will ich’s doch nicht hei&#xDF;en; und wenn ich’s bin, dann gern aus der Ferne.</p><p>Gerne verh&#xFC;lle ich auch das Haupt und fliehe davon, bevor ich noch erkannt bin: und also hei&#xDF;e ich euch tun, meine Freunde!</p><p>M&#xF6;ge mein Schicksal mir immer Leidlose, gleich euch, &#xFC;ber den Weg f&#xFC;hren, und solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein sein <emphasis>darf!</emphasis></p><p>Wahrlich, ich tat wohl das und jenes an Leidenden: aber Besseres schien ich mir stets zu tun, wenn ich lernte, mich besser freuen.</p><p>Seit es Menschen gibt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das allein, meine Br&#xFC;der, ist unsre Erbs&#xFC;nde!</p><p>Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, andern wehe zu tun und Wehes auszudenken.</p><p>Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische ich mir auch noch die Seele ab.</p><p>Denn da&#xDF; ich den Leidenden leidend sah, dessen sch&#xE4;mte ich mich um seiner Scham willen; und als ich ihm half, da verging ich mich hart an seinem Stolze.</p><p>Gro&#xDF;e Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachs&#xFC;chtig; und wenn die kleine Wohltat nicht vergessen wird, so wird noch ein Nage-Wurm daraus.</p><p>»Seid spr&#xF6;de im Annehmen<a l:href="#n_67" type="note">[67]</a>! Zeichnet aus damit, da&#xDF; ihr annehmt!« – also rate ich denen, die nichts zu verschenken haben.</p><p>Ich aber bin ein Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den Freunden. Fremde aber und Arme m&#xF6;gen sich die Frucht selber von meinem Baume pfl&#xFC;cken: so besch&#xE4;mt es weniger.</p><p>Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man &#xE4;rgert sich, ihnen zu geben, und &#xE4;rgert sich, ihnen nicht zu geben.</p><p>Und insgleichen die S&#xFC;nder und b&#xF6;sen Gewissen! Glaubt mir, meine Freunde: Gewissensbisse erziehn zum Bei&#xDF;en.</p><p>Das Schlimmste aber sind die kleinen Gedanken. Wahrlich, besser noch b&#xF6;s getan, als klein gedacht!</p><p>Zwar ihr sagt: »Die Lust an kleinen Bosheiten erspart uns manche gro&#xDF;e b&#xF6;se Tat.« Aber hier sollte man nicht sparen wollen.</p><p>Wie ein Geschw&#xFC;r ist die b&#xF6;se Tat: sie juckt und kratzt und bricht heraus – sie redet ehrlich.</p><p>»Siehe, ich bin Krankheit« – so redet die b&#xF6;se Tat; das ist ihre Ehrlichkeit.</p><p>Aber dem Pilze gleich ist der kleine Gedanke: er kriecht und duckt sich und will nirgendswo sein – bis der ganze Leib morsch und welk ist vor kleinen Pilzen.</p><p>Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich dies Wort ins Ohr: »Besser noch, du ziehest deinen Teufel gro&#xDF;! Auch f&#xFC;r dich gibt es noch einen Weg der Gr&#xF6;&#xDF;e!« —</p><p>Ach, meine Br&#xFC;der! Man wei&#xDF; von jedermann etwas zuviel! Und mancher wird uns durchsichtig, aber deshalb k&#xF6;nnen wir noch lange nicht durch ihn hindurch.</p><p>Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.</p><p>Und nicht gegen den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten, sondern gegen den, welcher uns gar nichts angeht.</p><p>Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine Ruhest&#xE4;tte, doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du ihm am besten n&#xFC;tzen.</p><p>Und tut dir ein Freund &#xDC;bles, so sprich: »Ich vergebe dir, was du mir tatest; da&#xDF; du es aber <emphasis>dir </emphasis>tatest – wie k&#xF6;nnte ich das vergeben!«</p><p>Also redet alle gro&#xDF;e Liebe: die &#xFC;berwindet auch noch Vergebung und Mitleiden.</p><p>Man soll sein Herz festhalten; denn l&#xE4;&#xDF;t man es gehn, wie bald geht einem da der Kopf durch!</p><p>Ach, wo in der Welt geschahen gr&#xF6;&#xDF;ere Torheiten als bei den Mitleidigen? Und was in der Welt stiftete mehr Leid als die Torheiten der Mitleidigen?</p><p>Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine H&#xF6;he haben, welche &#xFC;ber ihrem Mitleiden ist!</p><p>Also sprach der Teufel einst zu mir: Auch Gott hat seine H&#xF6;lle: das ist seine Liebe zu den Menschen.«</p><p>Und j&#xFC;ngst h&#xF6;rte ich ihn dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.« —</p><p>So seid mir gewarnt vor dem Mitleiden: <emphasis>daher </emphasis>kommt noch den Menschen eine schwere Wolke! Wahrlich, ich verstehe mich auf Wetterzeichen!</p><p>Merket aber auch dies Wort: alle gro&#xDF;e Liebe ist noch &#xFC;ber all ihrem Mitleiden: denn sie will das Geliebte noch – schaffen!</p><p>»Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, <emphasis>und meinen N&#xE4;chsten gleich mir« – </emphasis>so geht die Rede aller Schaffenden.</p><p>Alle Schaffenden aber sind hart. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Priestern</p></title><p>Und einstmals gab Zarathustra seinen J&#xFC;ngern ein Zeichen und sprach diese Worte zu ihnen:</p><p>»Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir still an ihnen vor&#xFC;ber und mit schlafendem Schwerte!</p><p>Auch unter ihnen sind Helden; viele von ihnen litten zuviel —: so wollen sie andre leiden machen.</p><p>B&#xF6;se Feinde sind sie: nichts ist rachs&#xFC;chtiger als ihre Demut. Und leicht besudelt sich der, welcher sie angreift.</p><p>Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch noch in dem ihren geehrt wissen.« —</p><p>Und als sie vor&#xFC;bergegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an; und nicht lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also an zu reden:</p><p>Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den Geschmack; aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen bin.</p><p>Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und Abgezeichnete<a l:href="#n_68" type="note">[68]</a>. Der, welchen sie Erl&#xF6;ser nennen, schlug sie in Banden: —</p><p>In Banden falscher Werte und Wahn-Worte! Ach, da&#xDF; einer sie noch von ihrem Erl&#xF6;ser erl&#xF6;ste!</p><p>Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie herumri&#xDF;; aber siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!</p><p>Falsche Werte und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer f&#xFC;r Sterbliche – lange schl&#xE4;ft und wartet in ihnen das Verh&#xE4;ngnis.</p><p>Aber endlich kommt es und wacht und fri&#xDF;t und schlingt, was auf ihm sich H&#xFC;tten baute.</p><p>O seht mir doch diese H&#xFC;tten an, die sich diese Priester bauten! Kirchen hei&#xDF;en sie ihre s&#xFC;&#xDF;duftenden H&#xF6;hlen.</p><p>O &#xFC;ber dies verf&#xE4;lschte Licht, diese verdumpfte Luft! Hier, wo die Seele zu ihrer H&#xF6;he hinauf – nicht fliegen darf!</p><p>Sondern also gebietet ihr Glaube: »Auf den Knien die Treppe hinan, ihr S&#xFC;nder!«</p><p>Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen als die verrenkten Augen ihrer Scham und Andacht!</p><p>Wer schuf sich solche H&#xF6;hlen und Bu&#xDF;-Treppen? Waren es nicht solche, die sich verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel sch&#xE4;mten?</p><p>Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt und hinab auf Gras und roten Mohn an zerbrochenen Mauern – will ich den St&#xE4;tten dieses Gottes wieder mein Herz zuwenden.</p><p>Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe tat: und wahrlich, es war viel Helden-Art in ihrer Anbetung!</p><p>Und nicht anders wu&#xDF;ten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den Menschen ans Kreuz schlugen!</p><p>Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren Leichnam aus<a l:href="#n_69" type="note">[69]</a>; auch aus ihren Reden rieche ich noch die &#xFC;ble W&#xFC;rze von Totenkammern.</p><p>Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen heraus die Unke ihr Lied mit s&#xFC;&#xDF;em Tiefsinne singt.</p><p>Bessere Lieder m&#xFC;&#xDF;ten sie mir singen, da&#xDF; ich an ihren Erl&#xF6;ser glauben lerne: erl&#xF6;ster m&#xFC;&#xDF;ten mir seine J&#xFC;nger aussehen!</p><p>Nackt m&#xF6;chte ich sie sehn: denn allein die Sch&#xF6;nheit sollte Bu&#xDF;e predigen. Aber wen &#xFC;berredet wohl diese vermummte Tr&#xFC;bsal<a l:href="#n_70" type="note">[70]</a>!</p><p>Wahrlich, ihre Erl&#xF6;ser selber kamen nicht aus der Freiheit und der Freiheit siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf den Teppichen der Erkenntnis!</p><p>Aus L&#xFC;cken bestand der Geist dieser Erl&#xF6;ser; aber in jede L&#xFC;cke hatten sie ihren <emphasis>Wahn </emphasis>gestellt, ihren L&#xFC;ckenb&#xFC;&#xDF;er, den sie Gott nannten<sup><a l:href="#n_71" type="note">[71]</a></sup>.</p><p>In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen und &#xFC;berschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine gro&#xDF;e Torheit.</p><p>Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Herde &#xFC;ber ihren Steg: wie als ob es zur Zukunft nur <emphasis>einen </emphasis>Steg g&#xE4;be! Wahrlich, auch diese Hirten geh&#xF6;rten noch zu den Schafen!</p><p>Kleine Geister und umf&#xE4;ngliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine Br&#xFC;der, was f&#xFC;r kleine L&#xE4;nder waren bisher auch die umf&#xE4;nglichsten Seelen!</p><p>Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie gingen, und ihre Torheit lehrte, da&#xDF; man mit Blut die Wahrheit beweise.</p><p>Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die reinste Lehre noch zu Wahn und Ha&#xDF; der Herzen.</p><p>Und wenn einer durchs Feuer geht f&#xFC;r seine Lehre – was beweist dies! Mehr ist’s wahrlich, da&#xDF; aus eignem Brande die eigne Lehre kommt!</p><p>Schw&#xFC;les Herz und kalter Kopf: wo dies zusammentrift, da entsteht der Brausewind, der »Erl&#xF6;ser«.</p><p>Gr&#xF6;&#xDF;ere gab es wahrlich und H&#xF6;her-Geborene als die, welche das Volk Erl&#xF6;ser nennt, diese hinrei&#xDF;enden Brausewinde!</p><p>Und noch von Gr&#xF6;&#xDF;eren, als alle Erl&#xF6;ser waren, m&#xFC;&#xDF;t ihr, meine Br&#xFC;der, erl&#xF6;st werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!</p><p>Niemals noch gab es einen &#xDC;bermenschen. Nackt sah ich beide, den gr&#xF6;&#xDF;ten und den kleinsten Menschen: —</p><p>Allzu&#xE4;hnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Gr&#xF6;&#xDF;ten fand ich – allzumenschlich! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Tugendhaften</p></title><p>Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken mu&#xDF; man zu schlaffen und schlafenden Sinnen reden.</p><p>Aber der Sch&#xF6;nheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die aufgewecktesten Seelen.</p><p>Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Sch&#xF6;nheit heiliges Lachen und Beben.</p><p>&#xDC;ber euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Sch&#xF6;nheit. Und also kam ihre Stimme zu mir: »Sie wollen noch – bezahlt sein!«</p><p>Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn f&#xFC;r Tugend und Himmel f&#xFC;r Erden und Ewiges f&#xFC;r euer Heute haben?</p><p>Und nun z&#xFC;rnt ihr mir, da&#xDF; ich lehre, es gibt keinen Lohn- und Zahlmeister? Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, da&#xDF; Tugend ihr eigner Lohn ist.</p><p>Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und Strafe hineingelogen – und nun auch noch in den Grund eurer Seelen, ihr Tugendhaften!</p><p>Aber dem R&#xFC;ssel des Ebers gleich<a l:href="#n_72" type="note">[72]</a> soll mein Wort den Grund eurer Seelen aufrei&#xDF;en; Pflugschar will ich euch hei&#xDF;en.</p><p>Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen ans Licht; und wenn ihr aufgew&#xFC;hlt und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure L&#xFC;ge von eurer Wahrheit ausgeschieden sein.</p><p>Denn dies ist eure Wahrheit: ihr seid zu <emphasis>reinlich </emphasis>f&#xFC;r den Schmutz der Worte: Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.</p><p>Ihr liebt eure Tugend wie die Mutter ihr Kind; aber wann h&#xF6;rte man, da&#xDF; eine Mutter bezahlt sein wollte f&#xFC;r ihre Liebe?</p><p>Es ist euer Liebstes selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in euch: sich selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder Ring.</p><p>Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend: immer ist sein Licht noch unterwegs und wandert – und wann wird es nicht mehr unterwegs sein?</p><p>Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk getan ist. Mag es nun vergessen und tot sein: sein Strahl von Licht lebt noch und wandert.</p><p>Da&#xDF; eure Tugend euer Selbst sei, und nicht ein Fremdes, eine Haut, eine Bem&#xE4;ntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr Tugendhaften! —</p><p>Aber wohl gibt es solche, denen Tugend der Krampf unter einer Peitsche hei&#xDF;t: und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei geh&#xF6;rt!</p><p>Und andre gibt es, die hei&#xDF;en Tugend das Faulwerden ihrer Laster; und wenn ihr Ha&#xDF; und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken, wird ihre »Gerechtigkeit« munter und reibt sich die verschlafenen Augen.</p><p>Und andre gibt es, die werden abw&#xE4;rts gezogen: ihre Teufel ziehn sie. Aber je mehr sie sinken, um so gl&#xFC;hender leuchtet ihr Auge und die Begierde nach ihrem Gotte.</p><p>Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: »Was <emphasis>ich </emphasis>nicht bin, das, das ist mir Gott und Tugend!«</p><p>Und andre gibt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich W&#xE4;gen, die Steine abw&#xE4;rts fahren: Die reden viel von W&#xFC;rde und Tugend – ihren Hemmschuh hei&#xDF;en sie Tugend!</p><p>Und andre gibt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen wurden; sie machen ihr Ticktack und wollen, da&#xDF; man Ticktack – Tugend hei&#xDF;e.</p><p>Wahrlich, an diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde, werde ich sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei noch schnurren!</p><p>Und andre sind stolz &#xFC;ber ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen um ihrer willen Frevel an allen Dingen: also da&#xDF; die Welt in ihrer Ungerechtigkeit ertr&#xE4;nkt wird.</p><p>Ach, wie &#xFC;bel ihnen das Wort »Tugend« aus dem Munde l&#xE4;uft! Und wenn sie sagen: »Ich bin gerecht«, so klingt es immer gleich wie: »Ich bin ger&#xE4;cht!«</p><p>Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie erheben sich nur, um andre zu erniedrigen.</p><p>Und wiederum gibt es solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden also heraus aus dem Schilfrohr<a l:href="#n_73" type="note">[73]</a>: »Tugend – das ist still im Sumpfe sitzen.</p><p>Wir bei&#xDF;en niemanden und gehen dem aus dem Wege, der bei&#xDF;en will; und in allem haben wir die Meinung, die man uns gibt.«</p><p>Und wiederum gibt es solche, die lieben Geb&#xE4;rden und denken: Tugend ist eine Art Geb&#xE4;rde.</p><p>Ihre Knie beten immer an, und ihre H&#xE4;nde sind Lobpreisungen der Tugend, aber ihr Herz wei&#xDF; nichts davon.</p><p>Und wiederum gibt es solche, die halten es f&#xFC;r Tugend, zu sagen: »Tugend ist notwendig«; aber sie glauben im Grunde nur daran, da&#xDF; Polizei notwendig ist.</p><p>Und mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es Tugend, da&#xDF; er ihr Niedriges allzu nahe sieht: also hei&#xDF;t er seinen b&#xF6;sen Blick Tugend.</p><p>Und einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und hei&#xDF;en es Tugend; und andre wollen umgeworfen sein – und hei&#xDF;en es auch Tugend.</p><p>Und derart glauben fast alle daran, Anteil zu haben an der Tugend; und zum mindesten will ein jeder Kenner sein &#xFC;ber »Gut« und »B&#xF6;se«.</p><p>Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen L&#xFC;gnern und Narren zu sagen: »Was wi&#xDF;t <emphasis>ihr </emphasis>von Tugend! Was <emphasis>k&#xF6;nntet </emphasis>ihr von Tugend wissen!« —</p><p>Sondern da&#xDF; ihr, meine Freunde, der alten Worte m&#xFC;de w&#xFC;rdet, welche ihr von den Narren und L&#xFC;gnern gelernt habt:</p><p>M&#xFC;de w&#xFC;rdet der Worte »Lohn«, »Vergeltung«, »Strafe«, »Rache in der Gerechtigkeit« —</p><p>M&#xFC;de w&#xFC;rdet zu sagen: »Da&#xDF; eine Handlung gut ist, das macht, sie ist selbstlos.«</p><p>Ach, meine Freunde! Da&#xDF; <emphasis>euer </emphasis>Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde ist: das sei mir <emphasis>euer </emphasis>Wort von Tugend!</p><p>Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste Spielwerke; und nun z&#xFC;rnt ihr mir, wie Kinder z&#xFC;rnen.</p><p>Sie spielten am Meere – da kam die Welle und ri&#xDF; ihnen ihr Spielwerk in die Tiefe: nun weinen sie.</p><p>Aber dieselbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte Muscheln vor sie hin aussch&#xFC;tten!</p><p>So werden sie getr&#xF6;stet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine Freunde, eure Tr&#xF6;stungen haben – und neue bunte Muscheln! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Gesindel<a l:href="#n_74" type="note">[74]</a></p></title><p>Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mittrinkt, da sind alle Brunnen vergiftet.</p><p>Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden M&#xE4;uler nicht sehn und den Durst der Unreinen.</p><p>Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun gl&#xE4;nzt mir ihr widriges L&#xE4;cheln herauf aus dem Brunnen.</p><p>Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer L&#xFC;sternheit; und als sie ihre schmutzigen Tr&#xE4;ume Lust nannten, vergifteten sie auch noch die Worte.</p><p>Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen ans Feuer legen; der Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel ans Feuer tritt.</p><p>S&#xFC;&#xDF;lich und &#xFC;berm&#xFC;rbe wird in ihrer Hand die Frucht: windf&#xE4;llig und wipfeld&#xFC;rr macht ihr Blick den Fruchtbaum.</p><p>Und mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel ab: er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel teilen.</p><p>Und mancher, der in die W&#xFC;ste ging und mit Raubtieren Durst litt, wollte nur nicht mit schmutzigen Kameltreibern um die Zisterne sitzen.</p><p>Und mancher, der wie ein Vernichter daherkam und wie ein Hagelschlag allen Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fu&#xDF; dem Gesindel in den Rachen setzen und also seinen Schlund stopfen<a l:href="#n_75" type="note">[75]</a>.</p><p>Und nicht <emphasis>das </emphasis>ist der Bissen, an dem ich am meisten w&#xFC;rgte, zu wissen, da&#xDF; das Leben selber Feindschaft n&#xF6;tig hat und Sterben und Marterkreuze: —</p><p>Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: Wie? hat das Leben auch das Gesindel <emphasis>n&#xF6;tig?</emphasis></p><p>Sind vergiftete Brunnen n&#xF6;tig und stinkende Feuer und be-schmutzte Tr&#xE4;ume und Maden im Lebensbrote?</p><p>Nicht mein Ha&#xDF;, sondern mein Ekel fra&#xDF; mir hungrig am Leben! Ach, des Geistes wurde ich oft m&#xFC;de, als ich auch das Gesindel geistreich fand!</p><p>Und den Herrschenden wandt’ ich den R&#xFC;cken, als ich sah, was sie jetzt Herrschen nennen: Schachern und Markten um Macht – mit dem Gesindel!</p><p>Unter V&#xF6;lkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: da&#xDF; mir ihres Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.</p><p>Und die Nase mir haltend, ging ich unmutig durch alles Gestern und Heute: wahrlich, &#xFC;bel riecht alles Gestern und Heute nach dem schreibenden Gesindel!</p><p>Einem Kr&#xFC;ppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte ich lange, da&#xDF; ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel lebte.</p><p>M&#xFC;hsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust waren sein Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben<a l:href="#n_76" type="note">[76]</a>.</p><p>Was geschah mir doch? Wie erl&#xF6;ste ich mich vom Ekel? Wer verj&#xFC;ngte mein Auge? Wie erflog ich die H&#xF6;he, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?</p><p>Schuf mein Ekel selber mir Fl&#xFC;gel und quellenahnende Kr&#xE4;fte? Wahrlich, ins H&#xF6;chste mu&#xDF;te ich fliegen, da&#xDF; ich den Born der Lust wiederf&#xE4;nde!</p><p>Oh, ich fand ihn, meine Br&#xFC;der! Hier im H&#xF6;chsten quillt mir der Born der Lust! Und es gibt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!</p><p>Fast zu heftig str&#xF6;mst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher wieder, dadurch, da&#xDF; du ihn f&#xFC;llen willst!</p><p>Und noch mu&#xDF; ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzu heftig str&#xF6;mt dir noch mein Herz entgegen: —</p><p>Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, hei&#xDF;e, schwerm&#xFC;tige, &#xFC;berselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner K&#xFC;hle!</p><p>Vorbei die z&#xF6;gernde Tr&#xFC;bsal meines Fr&#xFC;hlings! Vor&#xFC;ber die Bosheit meiner Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz, und Sommer-Mittag!</p><p>Ein Sommer im H&#xF6;chsten mit kalten Quellen und seliger Stille; o kommt, meine Freunde, da&#xDF; die Stille noch seliger werde!</p><p>Denn dies ist <emphasis>unsre </emphasis>H&#xF6;he und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.</p><p>Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob tr&#xFC;be werden! Entgegenlachen soll er euch mit <emphasis>seiner </emphasis>Reinheit.</p><p>Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise bringen in ihren Schn&#xE4;beln!</p><p>Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen d&#xFC;rften! Feuer w&#xFC;rden sie zu fressen w&#xE4;hnen und sich die M&#xE4;uler verbrennen!</p><p>Wahrlich, keine Heimst&#xE4;tten halten wir hier bereit f&#xFC;r Unsaubere! Eish&#xF6;hle w&#xFC;rde ihren Leibern unser Gl&#xFC;ck hei&#xDF;en und ihren Geistern!</p><p>Und wie starke Winde wollen wir &#xDC;ber ihnen leben, Nachbarn den Adlern, Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.</p><p>Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit meinem Geiste ihrem Geiste den Atem nehmen; so will es meine Zukunft.</p><p>Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und solchen Rat r&#xE4;t er seinen Feinden und allem, was spuckt und speit: »H&#xFC;tet euch, <emphasis>gegen </emphasis>den Wind zu speien!« —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Taranteln</p></title><p>Siehe, das ist der Tarantel H&#xF6;hle! Willst du sie selber sehn? Hier h&#xE4;ngt ihr Netz: r&#xFC;hre daran, da&#xDF; es erzittert.</p><p>Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem R&#xFC;cken dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich wei&#xDF; auch, was in deiner Seele sitzt.</p><p>Rache sitzt in deiner Seele; wohin du bei&#xDF;est, da w&#xE4;chst schwarzer Schorf; mit Rache macht dein Gift die Seele drehend!</p><p>Also rede ich zu euch im Gleichnis, die ihr die Seelen drehend macht, ihr Prediger der <emphasis>Gleichheit! </emphasis>Taranteln seid ihr mir und versteckte Rachs&#xFC;chtige!</p><p>Aber ich will eure Verstecke schon ans Licht bringen: darum lache ich euch ins Antlitz mein Gel&#xE4;chter der H&#xF6;he.</p><p>Darum rei&#xDF;e ich an eurem Netze, da&#xDF; eure Wut euch aus eurer L&#xFC;gen-H&#xF6;hle locke und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort »Gerechtigkeit«.</p><p>Denn <emphasis>da&#xDF; der Mensch erl&#xF6;st werde von der Rache: </emphasis>das ist mir die Br&#xFC;cke zur h&#xF6;chsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.</p><p>Aber anders wollen es freilich die Taranteln. »Das gerade hei&#xDF;e uns Gerechtigkeit, da&#xDF; die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache« – also reden sie miteinander.</p><p>»Rache wollen wir &#xFC;ben und Beschimpfung an allen, die uns nicht gleich sind« – so geloben sich die Tarantel-Herzen.</p><p>»Und ›Wille zur Gleichheit‹ – das selber soll f&#xFC;rderhin der Name f&#xFC;r Tugend werden; und gegen alles, was Macht hat, wollen wir unser Geschrei erheben!«</p><p>Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht schreit also aus euch nach »Gleichheit«: eure heimlichsten Tyrannen-Gel&#xFC;ste vermummen sich also in Tugend-Worte!</p><p>Vergr&#xE4;mter D&#xFC;nkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer V&#xE4;ter D&#xFC;nkel und Neid: aus euch bricht’s als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.</p><p>Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den Sohn als des Vaters entbl&#xF6;&#xDF;tes Geheimnis.</p><p>Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert – sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist’s nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.</p><p>Ihre Eifersucht f&#xFC;hrt sie auch auf der Denker Pfade; und dies ist das Merkmal ihrer Eifersucht – immer gehn sie zu weit: da&#xDF; ihre M&#xFC;digkeit sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen mu&#xDF;.</p><p>Aus jeder ihrer Klagen t&#xF6;nt Rache, in jedem ihrer Lobspr&#xFC;che ist ein Wehetun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.</p><p>Also aber rate ich euch, meine Freunde: mi&#xDF;traut allen, in welchen der Trieb, zu strafen, m&#xE4;chtig ist!</p><p>Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt der Henker und der Sp&#xFC;rhund.</p><p>Mi&#xDF;traut allen denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden! Wahrlich, ihren Seelen fehlt es nicht nur an Honig.</p><p>Und wenn sie sich selber »die Guten und Gerechten« nennen, so verge&#xDF;t nicht, da&#xDF; ihnen zum Pharis&#xE4;er nichts fehlt als – Macht!</p><p>Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.</p><p>Es gibt solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind sie Prediger der Gleichheit und Taranteln.</p><p>Da&#xDF; sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer H&#xF6;hle sitzen, diese Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie wollen damit wehe tun.</p><p>Solchen wollen sie damit wehe tun, die jetzt die Macht haben: denn bei diesen ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.</p><p>W&#xE4;re es anders, so w&#xFC;rden die Taranteln anders lehren: und gerade sie waren ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.</p><p>Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt sein. Denn so redet <emphasis>mir </emphasis>die Gerechtigkeit: »Die Menschen sind nicht gleich.«</p><p>Und sie sollen es auch nicht werden! Was w&#xE4;re denn meine Liebe zum &#xDC;bermenschen, wenn ich anders spr&#xE4;che?</p><p>Auf tausend Br&#xFC;cken und Stegen sollen sie sich dr&#xE4;ngen zur Zukunft, und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so l&#xE4;&#xDF;t mich meine gro&#xDF;e Liebe reden!</p><p>Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren Feindschaften, und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch gegeneinander den h&#xF6;chsten Kampf k&#xE4;mpfen.</p><p>Gut und B&#xF6;se, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen der Werte: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, da&#xDF; das Leben sich immer wieder selber &#xFC;berwinden mu&#xDF;!</p><p>In die H&#xF6;he will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: in weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Sch&#xF6;nheiten – <emphasis>darum </emphasis>braucht es H&#xF6;he!</p><p>Und weil es H&#xF6;he braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich &#xFC;berwinden<a l:href="#n_77" type="note">[77]</a>.</p><p>Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel H&#xF6;hle ist, heben sich eines alten Tempels Tr&#xFC;mmer aufw&#xE4;rts – seht mir doch mit erleuchteten Augen hin!</p><p>Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach oben t&#xFC;rmte, um das Geheimnis alles Lebens wu&#xDF;te er gleich dem Weisesten!</p><p>Da&#xDF; Kampf und Ungleiches auch noch in der Sch&#xF6;nheit sei, und Krieg um Macht und &#xDC;bermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichnis.</p><p>Wie sich g&#xF6;ttlich hier Gew&#xF6;lbe und Bogen brechen, im Ringkampfe: wie mit Licht und Schatten sie wider einander streben, die G&#xF6;ttlich-Strebenden —</p><p>Also sicher und sch&#xF6;n la&#xDF;t uns auch Feinde sein, meine Freunde! G&#xF6;ttlich wollen wir <emphasis>wider </emphasis>einander streben! —</p><p>Wehe! Da bi&#xDF; mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! G&#xF6;ttlich sicher und sch&#xF6;n bi&#xDF; sie mich in den Finger!</p><p>»Strafe mu&#xDF; sein und Gerechtigkeit« – so denkt sie: »nicht umsonst soll er hier der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!«</p><p>Ja, sie hat sich ger&#xE4;cht! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch meine Seele drehend machen<a l:href="#n_78" type="note">[78]</a>!</p><p>Da&#xDF; ich mich aber <emphasis>nicht </emphasis>drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier an diese S&#xE4;ule! Lieber noch S&#xE4;ulen-Heiliger will ich sein als Wirbel der Rachsucht!</p><p>Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein T&#xE4;nzer ist, nimmermehr doch ein Tarantel-T&#xE4;nzer! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Ber&#xFC;hmten Weisen</p></title><p>Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr ber&#xFC;hmten Weisen alle! – und <emphasis>nicht </emphasis>der Wahrheit! Und gerade darum zollte man euch Ehrfurcht.</p><p>Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg war zum Volke. So l&#xE4;&#xDF;t der Herr seine Sklaven gew&#xE4;hren und erg&#xF6;tzt sich noch an ihrem &#xDC;bermute.</p><p>Aber wer dem Volke verha&#xDF;t ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der freie Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in W&#xE4;ldern Hausende.</p><p>Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe – das hie&#xDF; immer dem Volke »Sinn f&#xFC;r das Rechte«: gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten Hunde.</p><p>»Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den Suchenden!« – also scholl es von jeher.</p><p>Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das hie&#xDF;et ihr »Wille zur Wahrheit«, ihr ber&#xFC;hmten Weisen!</p><p>Und euer Herz sprach immer zu sich: »Vom Volke kam ich: von dorther kam mir auch Gottes Stimme.«</p><p>Hartnackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes F&#xFC;rsprecher.</p><p>Und mancher M&#xE4;chtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor seine Rosse noch – ein Eselein, einen ber&#xFC;hmten Weisen.</p><p>Und nun wollte ich, ihr ber&#xFC;hmten Weisen, ihr w&#xFC;rfet endlich das Fell des L&#xF6;wen ganz von euch!</p><p>Das Fell des Raubtiers, das buntgefleckte, und die Zotten des Forschenden, Suchenden, Erobernden!</p><p>Ach, da&#xDF; ich an eure »Wahrhaftigkeit« glauben lerne, dazu m&#xFC;&#xDF;tet ihr mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.</p><p>Wahrhaftig – so hei&#xDF;e ich den, der in g&#xF6;tterlose W&#xFC;sten geht und sein verehrendes Herz zerbrochen hat.</p><p>Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig nach den quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln B&#xE4;umen ruht.</p><p>Aber sein Durst &#xFC;berredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu werden: denn wo Oasen sind, da sind auch G&#xF6;tzenbilder.</p><p>Hungernd, gewaltt&#xE4;tig, einsam, gottlos: so will sich selber der L&#xF6;wen-Wille.</p><p>Frei von dem Gl&#xFC;ck der Knechte, erl&#xF6;st von G&#xF6;ttern und Anbetungen, furchtlos und f&#xFC;rchterlich, gro&#xDF; und einsam: so ist der Wille des Wahrhaftigen.</p><p>In der W&#xFC;ste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister, als der W&#xFC;ste Herren; aber in den St&#xE4;dten wohnen die gut gef&#xFC;tterten, ber&#xFC;hmten Weisen, – die Zugtiere.</p><p>Immer n&#xE4;mlich ziehen sie, als Esel – des <emphasis>Volkes </emphasis>Karren! Nicht da&#xDF; ich ihnen darob z&#xFC;rne: aber Dienende bleiben sie mir und Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre gl&#xE4;nzen.</p><p>Und oft waren sie gute Diener und preisw&#xFC;rdige. Denn so spricht die Tugend: »Mu&#xDF;t du Diener sein, so suche den, welchem dein Dienst am besten n&#xFC;tzt!</p><p>Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch, da&#xDF; du sein Diener bist: so w&#xE4;chsest du selber mit seinem Geiste und seiner Tugend!«</p><p>Und wahrlich, ihr ber&#xFC;hmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber wuchset mit des Volkes Geist und Tugend – und das Volk durch euch! Zu euren Ehren sage ich das!</p><p>Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit bl&#xF6;den Augen – Volk, das nicht wei&#xDF;, was <emphasis>Geist </emphasis>ist!</p><p>Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne Wissen – wu&#xDF;tet ihr das schon?</p><p>Und des Geistes Gl&#xFC;ck ist dies: gesalbt zu sein und durch Tr&#xE4;nen geweiht zum Opfertier<a l:href="#n_79" type="note">[79]</a> – wu&#xDF;tet ihr das schon?</p><p>Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute – wu&#xDF;tet ihr das schon?</p><p>Und mit Bergen soll der Erkennende <emphasis>bauen </emphasis>lernen! Wenig ist es, da&#xDF; der Geist Berge versetzt – wu&#xDF;tet ihr das schon?</p><p>Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambo&#xDF; nicht, der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!</p><p>Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger w&#xFC;rdet ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!</p><p>Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee werfen: ihr seid nicht hei&#xDF; genug dazu! So kennt ihr auch die Entz&#xFC;ckungen seiner K&#xE4;lte nicht.</p><p>In allem aber tut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus f&#xFC;r schlechte Dichter.</p><p>Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Gl&#xFC;ck im Schrecken des Geistes nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht &#xFC;ber Abgr&#xFC;nden lagern<a l:href="#n_80" type="note">[80]</a>.</p><p>Ihr seid mir Laue: aber kalt str&#xF6;mt jede tiefe Erkenntnis. Eiskalt sind die innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal hei&#xDF;en H&#xE4;nden und Handelnden.</p><p>Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem R&#xFC;cken, ihr ber&#xFC;hmten Weisen! – euch treibt kein starker Wind und Wille.</p><p>Saht ihr nie ein Segel &#xFC;ber das Meer gehn, gerundet und gebl&#xE4;ht und zitternd vor dem Ungest&#xFC;m des Windes?</p><p>Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungest&#xFC;m des Geistes, geht meine Weisheit &#xFC;ber das Meer – meine wilde Weisheit!</p><p>Aber ihr Diener des Volkes, ihr ber&#xFC;hmten Weisen – wie <emphasis>k&#xF6;nntet </emphasis>ihr mit mir gehn! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Das Nachtlied</p></title><p>Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.</p><p>Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.</p><p>Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir<a l:href="#n_81" type="note">[81]</a>; das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.</p><p>Licht bin ich: ach, da&#xDF; ich Nacht w&#xE4;re! Aber dies ist meine Einsamkeit, da&#xDF; ich von Licht umg&#xFC;rtet bin.</p><p>Ach, da&#xDF; ich dunkel w&#xE4;re und n&#xE4;chtig! Wie wollte ich an den Br&#xFC;sten des Lichts saugen!</p><p>Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und Leuchtw&#xFC;rmer droben! – und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.</p><p>Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zur&#xFC;ck, die aus mir brechen.</p><p>Ich kenne das Gl&#xFC;ck des Nehmenden nicht; und oft tr&#xE4;umte mir davon, da&#xDF; Stehlen noch seliger sein m&#xFC;sse als Nehmen.</p><p>Das ist meine Armut, da&#xDF; meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, da&#xDF; ich wartende Augen sehe und die erhellten N&#xE4;chte der Sehnsucht.</p><p>O Unseligkeit aller Schenkenden! O Verfinsterung meiner Sonne! O Begierde nach Begehren! O Hei&#xDF;hunger in der S&#xE4;ttigung!</p><p>Sie nehmen von mir: aber r&#xFC;hre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu &#xFC;berbr&#xFC;cken.</p><p>Ein Hunger w&#xE4;chst aus meiner Sch&#xF6;nheit: wehe tun m&#xF6;chte ich denen, welchen ich leuchte, berauben m&#xF6;chte ich meine Beschenkten: – also hungere ich nach Bosheit.</p><p>Die Hand zur&#xFC;ckziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem Wasserfalle gleich z&#xF6;gernd, der noch im Sturze z&#xF6;gert: – also hungere ich nach Bosheit.</p><p>Solche Rache sinnt meine F&#xFC;lle aus<a l:href="#n_82" type="note">[82]</a>: solche T&#xFC;cke quillt aus meiner Einsamkeit.</p><p>Mein Gl&#xFC;ck im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber m&#xFC;de an ihrem &#xDC;berflusse!</p><p>Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, da&#xDF; er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.</p><p>Mein Auge quillt nicht mehr &#xFC;ber vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde zu hart f&#xFC;r das Zittern gef&#xFC;llter H&#xE4;nde.</p><p>Wohin kam die Tr&#xE4;ne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? O Einsamkeit aller Schenkenden! O Schweigsamkeit aller Leuchtenden!</p><p>Viel Sonnen kreisen im &#xF6;den R&#xE4;ume: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte – mir schweigen sie.</p><p>O dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes:</p><p>erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.</p><p>Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen – also wandelt jede Sonne.</p><p>Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre K&#xE4;lte.</p><p>Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr N&#xE4;chtigen, die ihr W&#xE4;rme schaft aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!</p><p>Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!</p><p>Nacht ist es: ach, da&#xDF; ich Licht sein mu&#xDF;! Und Durst nach N&#xE4;chtigem! Und Einsamkeit!</p><p>Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen – nach Rede verlangt mich.</p><p>Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.</p><p>Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.</p><p>Also sang Zarathustra.</p></section><section><title><p>Das Tanzlied</p></title><p>Eines Abends ging Zarathustra mit seinen J&#xFC;ngern durch den Wald; und als er nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine gr&#xFC;ne Wiese, die von B&#xE4;umen und Geb&#xFC;sch still umstanden war: auf der tanzten M&#xE4;dchen miteinander. Sobald die M&#xE4;dchen Zarathustra erkannten, lie&#xDF;en sie vom Tanze ab; Zarathustra aber trat mit freundlicher Geb&#xE4;rde zu ihnen und sprach diese Worte:</p><p>»La&#xDF;t vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen M&#xE4;dchen! Kein Spielverderber kam zu euch mit b&#xF6;sem Blick, kein M&#xE4;dchen-Feind.</p><p>Gottes F&#xFC;rsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, g&#xF6;ttlichen T&#xE4;nzen feind sein? Oder M&#xE4;dchen-F&#xFC;&#xDF;en mit sch&#xF6;nen Kn&#xF6;cheln?</p><p>Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler B&#xE4;ume: doch wer sich vor meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenh&#xE4;nge unter meinen Zypressen.</p><p>Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den M&#xE4;dchen der liebste ist: neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.</p><p>Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er wohl zu viel nach Schmetterlingen?</p><p>Z&#xFC;rnt mir nicht, ihr sch&#xF6;nen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein wenig z&#xFC;chtige! Schreien wird er wohl und weinen – aber zum Lachen ist er noch im Weinen!</p><p>Und mit Tr&#xE4;nen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:</p><p>Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerh&#xF6;chsten gro&#xDF;m&#xE4;chtigsten Teufel, von dem sie sagen, da&#xDF; er ›der Herr der Welt‹ sei.« —</p><p>Und dies ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die M&#xE4;dchen zusammen tanzten: In dein Auge schaute ich j&#xFC;ngst, o Leben! Und ins Unergr&#xFC;ndliche schien ich mir da zu sinken.</p><p>Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; sp&#xF6;ttisch lachtest du, als ich dich unergr&#xFC;ndlich nannte.</p><p>»So geht die Rede aller Fische«, sprachst du; <emphasis>»was sie </emphasis>nicht ergr&#xFC;nden, ist unergr&#xFC;ndlich.</p><p>Aber ver&#xE4;nderlich bin ich nur und wild und in allem ein Weib, und kein tugendhaftes:</p><p>Ob ich schon euch M&#xE4;nnern ›die Tiefe‹ hei&#xDF;e oder ›die Treue‹, ›die Ewiges‹, die Geheimnisvolle‹.</p><p>Doch ihr M&#xE4;nner beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden – ach, ihr Tugendhaften!«</p><p>Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und ihrem Lachen, wenn sie b&#xF6;s von sich selber spricht.</p><p>Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte sie mir zornig: »Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein <emphasis>lobst </emphasis>du das Leben!«</p><p>Fast h&#xE4;tte ich da b&#xF6;s geantwortet und der Zornigen die Wahrheit gesagt; und man kann nicht b&#xF6;ser antworten, als wenn man seiner Weisheit »die Wahrheit sagt«.</p><p>So n&#xE4;mlich steht es zwischen uns dreien. Von Grund aus liebe ich nur das Leben – und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!</p><p>Da&#xDF; ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie erinnert mich gar zu sehr an das Leben!</p><p>Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelr&#xFC;tchen<a l:href="#n_83" type="note">[83]</a>: was kann ich daf&#xFC;r, da&#xDF; die beiden sich so &#xE4;hnlich sehn?</p><p>Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die Weisheit? – da sagte ich eifrig: »Ach ja, die Weisheit!</p><p>Man d&#xFC;rstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man hascht durch Netze.</p><p>Ist sie sch&#xF6;n? Was wei&#xDF; ich! Aber die &#xE4;ltesten Karpfen werden noch mit ihr gek&#xF6;dert.</p><p>Ver&#xE4;nderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe bei&#xDF;en und den Kamm wider ihres Haares Strich f&#xFC;hren.</p><p>Vielleicht ist sie b&#xF6;se und falsch und in allem ein Frauenzimmer; aber wenn sie von sich selber schlecht spricht, da gerade verf&#xFC;hrt sie am meisten.«</p><p>Als ich dies zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die Augen zu. »Von wem redest du doch?« sagte es, »wohl von mir?</p><p>Und wenn du recht h&#xE4;ttest – sagt man <emphasis>das </emphasis>mir so ins</p><p>Gesicht! Aber nun sprich doch auch von deiner Weisheit!«</p><p>Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, o geliebtes Leben! Und ins Unergr&#xFC;ndliche schien ich mir wieder zu sinken. —</p><p>Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die M&#xE4;dchen fortgegangen waren, wurde er traurig.</p><p>»Die Sonne ist lange schon hinunter«, sagte er endlich; »die Wiese ist feucht, von den W&#xE4;ldern her kommt K&#xFC;hle. Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst noch, Zarathustra?</p><p>Warum? Wof&#xFC;r? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Torheit, noch zu leben? —</p><p>Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir meine Traurigkeit!</p><p>Abend ward es: vergebt mir, da&#xDF; es Abend ward!«</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Das Grablied<a l:href="#n_84" type="note">[84]</a></p></title><p>»Dort ist die Gr&#xE4;berinsel, die schweigsame; dort sind auch die Gr&#xE4;ber meiner Jugend. Dahin will ich einen immergr&#xFC;nen Kranz des Lebens tragen.«</p><p>Also im Herzen beschlie&#xDF;end fuhr ich &#xFC;ber das Meer. —</p><p>O ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der Liebe alle, ihr g&#xF6;ttlichen Augenbli&#xF1;ke! Wie starbt ihr <emphasis>mir </emphasis>so schnell! Ich gedenke eurer heute wie meiner Toten.</p><p>Von euch her, meinen liebsten Toten, kommt mir ein s&#xFC;&#xDF;er Geruch, ein herz- und tr&#xE4;nenl&#xF6;sender. Wahrlich, er ersch&#xFC;ttert und l&#xF6;st das Herz dem einsam Schiffenden.</p><p>Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende – ich der Einsamste! Denn ich <emphasis>hatte </emphasis>euch doch, und ihr habt mich noch: sagt, wem fielen, wie mir, solche Rosen&#xE4;pfel vom Baume?</p><p>Immer noch bin ich eurer Liebe Erbe und Erdreich, bl&#xFC;hend zu eurem Ged&#xE4;chtnisse von bunten wildwachsenen Tugenden, o ihr Geliebtesten!</p><p>Ach, wir waren gemacht, einander nahe zu bleiben, ihr holden fremden Wunder; und nicht sch&#xFC;chternen V&#xF6;geln gleich kamt ihr zu mir und meiner Begierde – nein, als Trauende zu dem Trauenden!</p><p>Ja, zur Treue gemacht, gleich mir, und zu z&#xE4;rtlichen Ewigkeiten: mu&#xDF; ich nun euch nach eurer Untreue hei&#xDF;en, ihr g&#xF6;ttlichen Blicke und Augenblicke: keinen &#xE4;ndern Namen lernte ich noch.</p><p>Wahrlich, zu schnell starbt ihr mir, ihr Fl&#xFC;chtlinge. Doch floht ihr mich nicht, noch floh ich euch: unschuldig sind wir einander in unsrer Untreue.</p><p><emphasis>Mich </emphasis>zu t&#xF6;ten, erw&#xFC;rgte man euch, ihr Singv&#xF6;gel meiner Hoffnungen! Ja, nach euch, ihr Liebsten, scho&#xDF; immer die Bosheit Pfeile – mein Herz zu treffen<a l:href="#n_85" type="note">[85]</a>!</p><p>Und sie traf! Wart ihr doch stets mein Herzlichstes, mein Besitz und mein Besessen-sein: <emphasis>darum </emphasis>mu&#xDF;tet ihr jung sterben und allzu fr&#xFC;he!</p><p>Nach dem Verwundbarsten, das ich besa&#xDF;, scho&#xDF; man den Pfeil: das w&#xE4;ret ihr, denen die Haut einem Flaume gleich ist und mehr noch dem L&#xE4;cheln, das an einem Blick erstirbt!</p><p>Aber dies Wort will ich zu meinen Feinden reden: was ist alles Menschen-Morden gegen das, was ihr mir tatet!</p><p>B&#xF6;seres tatet ihr mir, als aller Menschen-Mord ist; Unwiederbringliches nahmt ihr mir: – also rede ich zu euch, meine Feinde!</p><p>Mordetet ihr doch meiner Jugend Gesichte und liebste Wunder! Meine Gespielen<a l:href="#n_86" type="note">[86]</a> nahmt ihr mir, die seligen Geister! Ihrem Ged&#xE4;chtnisse lege ich diesen Kranz und diesen Fluch nieder.</p><p>Diesen Fluch gegen euch, meine Feinde! Machtet ihr doch mein Ewiges kurz, wie ein Ton zerbricht in kalter Nacht! Kaum als Aufblinken g&#xF6;ttlicher Augen kam es mir nur – als Augenblick!</p><p>Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: »G&#xF6;ttlich sollen mir alle Wesen sein.«</p><p>Da &#xFC;berfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh nun jene gute Stunde!</p><p>»Alle Tage sollen mir heilig sein« – so redete einst die Weisheit meiner Jugend: wahrlich, einer fr&#xF6;hlichen Weisheit Rede!</p><p>Aber da stahlt ihr Feinde mir meine N&#xE4;chte und verkauftet sie zu schlafloser Qual: ach, wohin floh nun jene fr&#xF6;hliche Weisheit?</p><p>Einst begehrte ich nach gl&#xFC;cklichen Vogelzeichen: da f&#xFC;hrtet ihr mir ein Eulen-Untier &#xFC;ber den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine z&#xE4;rtliche Begierde?</p><p>Allem Ekel gelobte ich einst zu entsagen: da verwandeltet ihr meine Nahen und N&#xE4;chsten in Eiterbeulen. Ach, wohin floh da mein edelstes Gel&#xF6;bnis?</p><p>Als Blinder ging ich einst selige Wege: da warft ihr Unflat auf den Weg des Blinden: und nun ekelt ihn des alten Blinden-Fu&#xDF;steigs.</p><p>Und als ich mein Schwerstes tat und meiner &#xDC;berwindungen Sieg feierte: da machtet ihr die, welche mich liebten, schrein, ich tue ihnen am wehesten.</p><p>Wahrlich, das war immer euer Tun: ihr verg&#xE4;lltet mir meinen besten Honig und den Flei&#xDF; meiner besten Bienen.</p><p>Meiner Mildt&#xE4;tigkeit sandtet ihr immer die frechsten Bettler zu; um mein Mitleiden dr&#xE4;ngtet ihr immer die unheilbar Schamlosen. So verwundetet ihr meine Tugenden in ihrem Glauben.</p><p>Und legte ich noch mein Heiligstes zum Opfer hin: flugs stellte eure »Fr&#xF6;mmigkeit« ihre fetteren Gaben dazu: also da&#xDF; im Dampfe eures Fettes noch mein Heiligstes erstickte.</p><p>Und einst wollte ich tanzen, wie nie ich noch tanzte: &#xFC;ber alle Himmel weg wollte ich tanzen. Da &#xFC;berredetet ihr meinen liebsten S&#xE4;nger.</p><p>Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an<a l:href="#n_87" type="note">[87]</a>; ach, er tutete mir wie ein d&#xFC;steres Horn zu Ohren!</p><p>M&#xF6;rderischer S&#xE4;nger, Werkzeug der Bosheit, Unschuldigster! Schon stand ich bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen T&#xF6;nen meine Verz&#xFC;ckung!</p><p>Nur im Tanze wei&#xDF; ich der h&#xF6;chsten Dinge Gleichnis zu reden: – und nun blieb mir mein h&#xF6;chstes Gleichnis ungeredet in meinen Gliedern!</p><p>Ungeredet und unerl&#xF6;st blieb mir die h&#xF6;chste Hoffnung! Und es starben mir alle Gesichte und Tr&#xF6;stungen meiner Jugend!</p><p>Wie ertrug ich’s nur? Wie verwand und &#xFC;berwand ich solche Wunden? Wie erstand meine Seele wieder aus diesen Gr&#xE4;bern?</p><p>Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein Felsensprengendes: das hei&#xDF;t <emphasis>mein Wille. </emphasis>Schweigsam schreitet es und unver&#xE4;ndert durch die Jahre.</p><p>Seinen Gang will er gehn auf meinen F&#xFC;&#xDF;en, mein alter Wille; herzenshart ist ihm der Sinn und unverwundbar.</p><p>Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse<a l:href="#n_88" type="note">[88]</a>. Immer noch lebst du da und bist dir gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch alle Gr&#xE4;ber!</p><p>In dir lebt auch noch das Unerl&#xF6;ste meiner Jugend; und als Leben und Jugend sitzest du hoffend hier auf gelben Grab-Tr&#xFC;mmern.</p><p>Ja, noch bist du mir aller Gr&#xE4;ber Zertr&#xFC;mmerer: Heil dir, mein Wille! Und nur wo Gr&#xE4;ber sind, gibt es Auferstehungen. —</p><p>Also sang Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von der Selbst&#xFC;berwindung</p></title><p>»Wille zur Wahrheit« hei&#xDF;t ihr’s, ihr Weisesten, was euch treibt und br&#xFC;nstig macht?</p><p>Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also hei&#xDF;e <emphasis>ich </emphasis>euren Willen!</p><p>Alles Seiende wollt ihr erst denkbar <emphasis>machen: </emphasis>denn ihr zweifelt mit gutem Mi&#xDF;trauen, ob es schon denkbar ist.</p><p>Aber es soll sich euch f&#xFC;gen und biegen! So will’s euer Wille. Glatt soll es werden und dem Geiste untertan, als sein Spiegel und Widerbild.</p><p>Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und auch wenn ihr vom Guten und B&#xF6;sen redet und von den Wertsch&#xE4;tzungen.</p><p>Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien k&#xF6;nnt: so ist es eure letzte Hoffnung und Trunkenheit. Die Unweisen freilich, das Volk – die sind gleich dem Flusse, auf dem ein Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und vermummt die Wertsch&#xE4;tzungen.</p><p>Euren Willen und eure Werte setztet ihr auf den Flu&#xDF; des Werdens; einen alten Willen zur Macht verr&#xE4;t mir, was vom Volke als Gut und B&#xF6;se geglaubt wird.</p><p>Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche G&#xE4;ste in diesen Nachen setzten und ihnen Prunk und stolze Namen gaben – ihr und euer herrschender Wille!</p><p>Weiter tr&#xE4;gt nun der Flu&#xDF; euren Nachen: er <emphasis>mu&#xDF; </emphasis>ihn tragen. Wenig tut’s, ob die gebrochene Welle sch&#xE4;umt und zornig dem Kiele widerspricht!</p><p>Nicht der Flu&#xDF; ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und B&#xF6;sen, ihr Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht – der unersch&#xF6;pfte zeugende Lebens-Wille.</p><p>Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und B&#xF6;sen: dazu will ich euch noch mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.</p><p>Dem Lebendigen ging ich nach, ich ging die gr&#xF6;&#xDF;ten und die kleinsten Wege, da&#xDF; ich seine Art erkenne.</p><p>Mit hundertfachem Spiegel fing ich noch seinen Blick auf, wenn ihm der Mund geschlossen war: da&#xDF; sein Auge mir rede. Und sein Auge redete mir.</p><p>Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da h&#xF6;rte ich auch die Rede vom Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.</p><p>Und dies ist das zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen kann. So ist es des Lebendigen Art.</p><p>Dies aber ist das dritte, was ich h&#xF6;rte: da&#xDF; Befehlen schwerer ist als Gehorchen. Und nicht nur, da&#xDF; der Befehlende die Last aller Gehorchenden tr&#xE4;gt, und da&#xDF; leicht ihn diese Last zerdr&#xFC;ckt —</p><p>Ein Versuch und Wagnis erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.</p><p>Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch mu&#xDF; es sein Befehlen b&#xFC;&#xDF;en. Seinem eignen Gesetze mu&#xDF; es Richter und R&#xE4;cher und Opfer werden.</p><p>Wie geschieht dies doch! so fragte ich mich. Was &#xFC;berredet das Lebendige, da&#xDF; es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam &#xFC;bt?</p><p>H&#xF6;rt mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Pr&#xFC;ft es ernstlich, ob ich dem Leben selber ins Herz kroch, und bis in die Wurzeln seines Herzens!</p><p>Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.</p><p>Da&#xDF; dem St&#xE4;rkeren diene das Schw&#xE4;chere, dazu &#xFC;berredet es sein Wille, der &#xFC;ber noch Schw&#xE4;cheres Herr sein will: dieser Lust allein mag es nicht entraten.</p><p>Und wie das Kleinere sich dem Gr&#xF6;&#xDF;eren hingibt, da&#xDF; es Lust und Macht am Kleinsten habe: also gibt sich auch das Gr&#xF6;&#xDF;te noch hin und setzt um der Macht willen – das Leben dran.</p><p>Das ist die Hingebung des Gr&#xF6;&#xDF;ten, da&#xDF; es Wagnis ist und Gefahr, und um den Tod ein W&#xFC;rfelspielen.</p><p>Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille, Herr zu sein. Auf Schleichwegen<a l:href="#n_89" type="note">[89]</a> schleicht sich da der Schw&#xE4;chere in die Burg und bis ins Herz dem M&#xE4;chtigeren – und stiehlt da Macht.</p><p>Und dies Geheimnis redete das Leben selber zu mir: »Siehe«, sprach es, »ich bin das, <emphasis>was sich immer selber &#xFC;berwinden mu&#xDF;.</emphasis></p><p>Freilich, ihr hei&#xDF;t es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke, zum H&#xF6;heren, Ferneren, Vielfacheren: aber all dies ist eins und <emphasis>ein </emphasis>Geheimnis.</p><p>Lieber noch gehe ich unter, als da&#xDF; ich diesem einen absagte; und wahrlich, wo es Untergang gibt und Bl&#xE4;tterfallen, siehe, da opfert sich Leben – um Macht!</p><p>Da&#xDF; ich Kampf sein mu&#xDF; und Werden und Zweck und der Zwecke Widerspruch: ach, wer meinen Willen err&#xE4;t, err&#xE4;t wohl auch, auf welchen <emphasis>krummen </emphasis>Wegen er gehen mu&#xDF;.</p><p>Was ich auch schaffe und wie ich’s auch liebe – – bald mu&#xDF; ich Gegner ihm sein und meiner Liebe: so will es mein Wille.</p><p>Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fu&#xDF;tapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auf den F&#xFC;&#xDF;en deines Willens zur Wahrheit!</p><p>Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr scho&#xDF; vom ›Willen zum Dasein‹: diesen Willen – gibt es nicht!</p><p>Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie k&#xF6;nnte das noch zum Dasein wollen<a l:href="#n_90" type="note">[90]</a>!</p><p>Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich’s dich – Wille zur Macht!</p><p>Vieles ist dem Lebenden h&#xF6;her gesch&#xE4;tzt als Leben selber; doch aus dem Sch&#xE4;tzen selber heraus redet – der Wille zur Macht!« —</p><p>Also lehrte mich einst das Leben: und daraus l&#xF6;se ich euch, ihr Weisesten, noch das R&#xE4;tsel eures Herzens.</p><p>Wahrlich, ich sage euch: Gutes und B&#xF6;ses, das unverg&#xE4;nglich w&#xE4;re – das gibt es nicht! Aus sich selber mu&#xDF; es sich immer wieder &#xFC;berwinden.</p><p>Mit euren Werten und Worten von Gut und B&#xF6;se &#xFC;bt ihr Gewalt, ihr Wertsch&#xE4;tzenden: und dies ist eure verborgene Liebe und eurer Seele Gl&#xE4;nzen, Zittern und &#xDC;berwallen.</p><p>Aber eine st&#xE4;rkere Gewalt w&#xE4;chst aus euren Werten und eine neue &#xDC;berwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.</p><p>Und wer ein Sch&#xF6;pfer sein mu&#xDF; im Guten und B&#xF6;sen: wahrlich, der mu&#xDF; ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.</p><p>Also geh&#xF6;rt das h&#xF6;chste B&#xF6;se zur h&#xF6;chsten G&#xFC;te: diese aber ist die sch&#xF6;pferische. —</p><p><emphasis>Reden </emphasis>wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.</p><p>Und mag doch alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen – kann! Manches Haus gibt es noch zu bauen! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Erhabenen</p></title><p>Still ist der Grund meines Meeres: wer erriete wohl, da&#xDF; er scherzhafte Ungeheuer birgt!</p><p>Unersch&#xFC;tterlich ist meine Tiefe: aber sie gl&#xE4;nzt von schwimmenden R&#xE4;tseln und Gel&#xE4;chtern.</p><p>Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen B&#xFC;&#xDF;er des Geistes: o wie lachte meine Seele ob seiner H&#xE4;&#xDF;lichkeit!</p><p>Mit erhobener Brust und denen gleich, welche den Atem an sich ziehn: also stand er da, der Erhabene, und schweigsam:</p><p>Beh&#xE4;ngt mit h&#xE4;&#xDF;lichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an zerrissenen Kleidern; auch viele Dornen hingen an ihm – aber noch sah ich keine Rose.</p><p>Noch lernte er das Lachen nicht und die Sch&#xF6;nheit. Finster kam dieser J&#xE4;ger zur&#xFC;ck aus dem Walde der Erkenntnis.</p><p>Vom Kampfe kehrte er heim mit wilden Tieren: aber aus seinem Ernste blickt auch noch ein wildes Tier – ein un&#xFC;berwundenes<a l:href="#n_91" type="note">[91]</a>!</p><p>Wie ein Tiger steht er immer noch da, der springen will; aber ich mag diese gespannten Seelen nicht, unhold ist mein Geschmack allen diesen Zur&#xFC;ckgezognen<a l:href="#n_92" type="note">[92]</a>.</p><p>Und ihr sagt mir, Freunde, da&#xDF; nicht zu streiten sei &#xFC;ber Geschmack und Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!</p><p>Geschmack: das ist Gewicht zugleich und Waagschale und W&#xE4;gender; und wehe allem Lebendigen, das ohne Streit um Gewicht und Waagschale und W&#xE4;gende leben wollte!</p><p>Wenn er seiner Erhabenheit m&#xFC;de w&#xFC;rde, dieser Erhabene: dann erst w&#xFC;rde seine Sch&#xF6;nheit anheben – und dann erst will ich ihn schmecken und schmackhaft finden.</p><p>Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er &#xFC;ber seinen eignen Schatten springen – und, wahrlich! hinein in <emphasis>seine </emphasis>Sonne.</p><p>Allzulange sa&#xDF; er im Schatten, die Wangen bleichten dem B&#xFC;&#xDF;er des Geistes; fast verhungerte er an seinen Erwartungen.</p><p>Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem Munde. Zwar ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die Sonne gelegt.</p><p>Dem Stiere gleich sollte er tun; und sein Gl&#xFC;ck sollte nach Erde riechen, und nicht nach Verachtung der Erde.</p><p>Als wei&#xDF;en Stier m&#xF6;chte ich ihn sehn, wie er schnaubend und br&#xFC;llend der Pflugschar vorangeht: und sein Gebr&#xFC;ll sollte noch alles Irdische preisen!</p><p>Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm. Verschattet ist noch der Sinn seines Auges.</p><p>Seine Tat selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt den Handelnden. Noch hat er seine Tat nicht &#xFC;berwunden.</p><p>Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch noch das Auge des Engels sehn.</p><p>Auch seinen Helden-Willen mu&#xDF; er noch verlernen: ein Gehobener soll er mir sein und nicht nur ein Erhabener: – der &#xC4;ther selber sollte ihn heben, den Willenlosen!</p><p>Er bezwang Untiere, er l&#xF6;ste R&#xE4;tsel: aber erl&#xF6;sen sollte er auch noch seine Untiere und R&#xE4;tsel, zu himmlischen Kindern sollte er sie noch verwandeln.</p><p>Noch hat seine Erkenntnis nicht l&#xE4;cheln gelernt und ohne Eifersucht sein; noch ist seine str&#xF6;mende Leidenschaft nicht stille geworden in der Sch&#xF6;nheit.</p><p>Wahrlich, nicht in der Sattheit soll sein Verlangen schweigen und untertauchen, sondern in der Sch&#xF6;nheit! Die Anmut geh&#xF6;rt zur Gro&#xDF;mut des Gro&#xDF;gesinnten.</p><p>Den Arm &#xFC;ber das Haupt gelegt: so sollte der Held ausruhn, so sollte er auch noch sein Ausruhen &#xFC;berwinden.</p><p>Aber gerade dem Helden ist das <emphasis>Sch&#xF6;ne </emphasis>aller Dinge Schwerstes. Unerringbar ist das Sch&#xF6;ne allem heutigen Willen.</p><p>Ein wenig mehr, ein wenig weniger: das gerade ist hier viel, das ist hier das meiste.</p><p>Mit l&#xE4;ssigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das Schwerste euch allen, ihr Erhabenen!</p><p>Wenn die Macht gn&#xE4;dig wird und herabkommt ins Sichtbare: Sch&#xF6;nheit hei&#xDF;e ich solches Herabkommen.</p><p>Und von niemandem will ich so als von dir gerade Sch&#xF6;nheit, du Gewaltiger: deine G&#xFC;te sei deine letzte Selbst-&#xDC;berw&#xE4;ltigung.</p><p>Alles B&#xF6;se traue ich dir zu: darum will ich von dir das Gute.</p><p>Wahrlich, ich lachte oft der Schw&#xE4;chlinge, welche sich gut glauben, weil sie lahme Tatzen haben!</p><p>Der S&#xE4;ule Tugend sollst du nachstreben: sch&#xF6;ner wird sie immer und zarter, aber inwendig h&#xE4;rter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt.</p><p>Ja, du Erhabener, einst sollst du noch sch&#xF6;n sein und deiner eignen Sch&#xF6;nheit den Spiegel vorhalten.</p><p>Dann wird deine Seele vor g&#xF6;ttlichen Begierden schaudern; und Anbetung wird noch in deiner Eitelkeit sein!</p><p>Dies n&#xE4;mlich ist das Geheimnis der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat, naht ihr, im Traume – der &#xDC;ber-Held. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Lande der Bildung</p></title><p>Zu weit hinein flog ich in die Zukunft: ein Grauen &#xFC;berfiel mich.</p><p>Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger Zeitgenosse.</p><p>Da floh ich r&#xFC;ckw&#xE4;rts, heimw&#xE4;rts – und immer eilender: so kam ich zu euch, ihr Gegenw&#xE4;rtigen, und ins Land der Bildung.</p><p>Zum ersten Male brachte ich ein Auge mit f&#xFC;r euch, und gute Begierde. Wahrlich, mit Sehnsucht im Herzen kam ich.</p><p>Aber wie geschah mir? So angst mir auch war – ich mu&#xDF;te lachen! Nie sah mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes!</p><p>Ich lachte und lachte, w&#xE4;hrend der Fu&#xDF; mir noch zitterte und das Herz dazu: »Hier ist ja die Heimat aller Farbent&#xF6;pfe!« – sagte ich.</p><p>Mit f&#xFC;nfzig Klecksen bemalt<a l:href="#n_93" type="note">[93]</a> an Gesicht und Gliedern: so sa&#xDF;et ihr da zu meinem Staunen, ihr Gegenw&#xE4;rtigen!</p><p>Und mit f&#xFC;nfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten und nachredeten!</p><p>Wahrlich, ihr k&#xF6;nntet gar keine bessere Maske tragen, ihr Gegenw&#xE4;rtigen, als euer eignes Gesicht ist! Wer k&#xF6;nnte euch – <emphasis>erkennen!</emphasis></p><p>Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese Zeichen &#xFC;berpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut versteckt vor allen Zeichendeutern!</p><p>Und wenn man auch Nierenpr&#xFC;fer ist: wer glaubt wohl noch, da&#xDF; ihr Nieren habt! Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten Zetteln.</p><p>Alle Zeiten und V&#xF6;lker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten und Glauben reden bunt aus euren Geb&#xE4;rden.</p><p>Wer von euch Schleier und &#xDC;berw&#xFC;rfe und Farben und Geb&#xE4;rden abz&#xF6;ge: gerade genug w&#xFC;rde er &#xFC;brigbehalten, um die V&#xF6;gel damit zu erschrecken.</p><p>Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe zuwinkte<a l:href="#n_94" type="note">[94]</a>.</p><p>Lieber wollte ich doch noch Tagel&#xF6;hner sein in der Unterwelt und bei den Schatten des Ehemals! – Feister und voller als ihr sind ja noch die Unterweltlichen!</p><p>Dies, ja dies ist Bitternis meinen Ged&#xE4;rmen, da&#xDF; ich euch weder nackt noch bekleidet aushalte, ihr Gegenw&#xE4;rtigen!</p><p>Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen V&#xF6;geln Schauder machte, ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure »Wirklichkeit«.</p><p>Denn so sprecht ihr: »Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und Aberglauben«: also br&#xFC;stet ihr euch – ach, auch noch ohne Br&#xFC;ste!</p><p>Ja, wie solltet ihr glauben <emphasis>k&#xF6;nnen, </emphasis>ihr Buntgesprenkelten<a l:href="#n_95" type="note">[95]</a>! – die ihr Gem&#xE4;lde seid von allem, was je geglaubt wurde!</p><p>Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller Gedanken Gliederbrechen. <emphasis>Unglaubw&#xFC;rdige: </emphasis>also hei&#xDF;e <emphasis>ich </emphasis>euch, ihr Wirklichen!</p><p>Alle Zeiten schw&#xE4;tzen widereinander in euren Geistern; und aller Zeiten Tr&#xE4;ume und Geschw&#xE4;tz waren wirklicher noch, als euer Wachsein ist!</p><p>Unfruchtbare seid ihr: <emphasis>darum </emphasis>fehlt es euch an Glauben. Aber wer schaffen mu&#xDF;te, der hatte auch immer seine Wahr-Tr&#xE4;ume und Stern-Zeichen – und glaubte an Glauben! —</p><p>Halboffne Tore seid ihr, an denen Totengr&#xE4;ber warten. Und das ist <emphasis>eure </emphasis>Wirklichkeit: »Alles ist wert, da&#xDF; es zugrunde geht.«</p><p>Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen! Und mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen.</p><p>Und er sprach: »Es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich etwas entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden!</p><p>Wundersam ist die Armut meiner Rippen!« also sprach schon mancher Gegenw&#xE4;rtige.</p><p>Ja, zum Lachen seid ihr mir, ihr Gegenw&#xE4;rtigen! Und sonderlich, wenn ihr euch &#xFC;ber euch selber wundert!</p><p>Und wehe mir, wenn ich nicht lachen k&#xF6;nnte &#xFC;ber eure Verwunderung und alles Widrige aus euren N&#xE4;pfen hinuntertrinken m&#xFC;&#xDF;te!</p><p>So aber will ich’s mit euch leichter nehmen, da ich <emphasis>Schweres </emphasis>zu tragen habe; und was tut’s mir, wenn sich K&#xE4;fer und Fl&#xFC;gelw&#xFC;rmer noch auf mein B&#xFC;ndel setzen!</p><p>Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch, ihr Gegenw&#xE4;rtigen, soll mir die gro&#xDF;e M&#xFC;digkeit kommen. —</p><p>Ach, wohin soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen schaue ich aus nach Vaterund Mutterl&#xE4;ndern.</p><p>Aber Heimat fand ich nirgends: unstet<a l:href="#n_96" type="note">[96]</a> bin ich in allen St&#xE4;dten und ein Aufbruch an allen Toren.</p><p>Fremd sind mir und ein Spott die Gegenw&#xE4;rtigen, zu denen mich j&#xFC;ngst das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterl&#xE4;ndern.</p><p>So liebe ich allein noch meiner <emphasis>Kinder Land, </emphasis>das unentdeckte, im fernsten Meere: nach ihm hei&#xDF;e ich meine Segel suchen und suchen.</p><p>An meinen Kindern will ich es gut machen, da&#xDF; ich meiner V&#xE4;ter Kind bin: und an aller Zukunft – <emphasis>diese </emphasis>Gegenwart! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von der Unbefleckten Erkenntnis</p></title><p>Als gestern der Mond aufging, w&#xE4;hnte ich, da&#xDF; er eine Sonne geb&#xE4;ren wolle: so breit und tr&#xE4;chtig lag er am Horizonte.</p><p>Aber ein L&#xFC;gner war er mir mit seiner Schwangerschaft; und eher noch will ich an den Mann im Monde glauben als an das Weib.</p><p>Freilich, wenig Mann ist er auch, dieser sch&#xFC;chterne Nachtschw&#xE4;rmer. Wahrlich, mit schlechtem Gewissen wandelt er &#xFC;ber die D&#xE4;cher.</p><p>Denn er ist l&#xFC;stern und eifers&#xFC;chtig, der M&#xF6;nch im Monde, l&#xFC;stern nach der Erde und nach allen Freuden der Liebenden.</p><p>Nein, ich mag ihn nicht, diesen Kater auf den D&#xE4;chern! Widerlich sind mir alle, die um halbverschlo&#xDF;ne Fenster schleichen!</p><p>Fromm und schweigsam wandelt er hin auf Sternen-Teppichen: – aber ich mag alle leisetretenden Mannsf&#xFC;&#xDF;e nicht, an denen auch nicht ein Sporen klirrt.</p><p>Jedes Redlichen Schritt redet; die Katze aber stiehlt sich &#xFC;ber den Boden weg. Siehe, katzenhaft kommt der Mond daher und unredlich. —</p><p>Dieses Gleichnis gebe ich euch empfindsamen Heuchlern, euch, den »Rein-Erkennenden«! Euch hei&#xDF;e <emphasis>ich – </emphasis>L&#xFC;sterne!</p><p>Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich erriet euch wohl! – aber Scham ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen – dem Monde gleicht ihr!</p><p>Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist &#xFC;berredet, aber nicht eure Eingeweide: <emphasis>die </emphasis>aber sind das St&#xE4;rkste an euch!</p><p>Und nun sch&#xE4;mt sich euer Geist, da&#xDF; er euren Eingeweiden zu Willen ist, und geht vor seiner eignen Scham Schleich- und L&#xFC;genwege.</p><p>»Das w&#xE4;re mir das H&#xF6;chste« – also redet euer verlogner Geist zu sich – »auf das Leben ohne Begierde zu schaun und nicht, gleich dem Hunde, mit h&#xE4;ngender Zunge:</p><p>Gl&#xFC;cklich zu sein im Schauen, mit erstorbenem Willen, ohne Griff und Gier der Selbstsucht – kalt und aschgrau am ganzen Leibe, aber mit trunkenen Mondesaugen!</p><p>Das w&#xE4;re mir das Liebste« – also verf&#xFC;hrt sich selber der Verf&#xFC;hrte – »die Erde zu lieben, wie der Mond sie liebt, und nur mit dem Auge allein ihre Sch&#xF6;nheit zu betasten.</p><p>Und das hei&#xDF;e mir aller Dinge <emphasis>unbefleckte </emphasis>Erkenntnis, da&#xDF; ich von den Dingen nichts will: au&#xDF;er da&#xDF; ich vor ihnen da liegen darf wie ein Spiegel mit hundert Augen.« —</p><p>Oh, ihr empfindsamen Heuchler, ihr L&#xFC;sternen! Euch fehlt die Unschuld in der Begierde: und nun verleumdet ihr drum das Begehren!</p><p>Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die Erde!</p><p>Wo ist Unschuld? Wo der Wille zur Zeugung ist. Und wer &#xFC;ber sich hinaus schaffen will, der hat mir den reinsten Willen.</p><p>Wo ist Sch&#xF6;nheit? Wo ich mit allem Willen <emphasis>wollen mu&#xDF;</emphasis>; wo ich lieben und untergehn will, da&#xDF; ein Bild nicht nur Bild bleibe.</p><p>Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen!</p><p>Aber nun will euer entmanntes Schielen »Beschaulichkeit« hei&#xDF;en<a l:href="#n_97" type="note">[97]</a>! Und was mit feigen Augen sich tasten l&#xE4;&#xDF;t, soll »sch&#xF6;n« getauft werden! O ihr Beschmutzer edler Namen!</p><p>Aber das soll euer Fluch sein, ihr Unbefleckten, ihr Rein-Erkennenden, da&#xDF; ihr nie geb&#xE4;ren werdet: und wenn ihr auch breit und tr&#xE4;chtig am Horizonte liegt!</p><p>Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen glauben, da&#xDF; euch das Herz &#xFC;bergehe, ihr L&#xFC;genbolde?</p><p>Aber <emphasis>meine </emphasis>Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne nehme ich auf, was bei eurer Mahlzeit unter den Tisch f&#xE4;llt.</p><p>Immer noch kann ich mit ihnen – Heuchlern die Wahrheit sagen! Ja, meine Gr&#xE4;ten, Muscheln und Stachelbl&#xE4;tter sollen – Heuchlern die Nasen kitzeln!</p><p>Schlechte Luft ist immer um euch und eure Mahlzeiten: eure l&#xFC;sternen Gedanken, eure L&#xFC;gen und Heimlichkeiten sind ja in der Luft!</p><p>Wagt es doch erst, euch selber zu glauben – euch und euren Eingeweiden! Wer sich selber nicht glaubt, l&#xFC;gt immer.</p><p>Eines Gottes Larve h&#xE4;ngtet ihr um vor euch selber, ihr »Reinen«: in eines Gottes Larve verkroch sich euer greulicher Ringelwurm.</p><p>Wahrlich, ihr t&#xE4;uscht, ihr »Beschaulichen«! Auch Zarathustra war einst der Narr eurer g&#xF6;ttlichen H&#xE4;ute; nicht erriet er das Schlangengeringel, mit dem sie gestopft waren.</p><p>Eines Gottes Seele w&#xE4;hnte ich einst spielen zu sehn in euren Spielen, ihr Rein-Erkennenden! Keine bessere Kunst w&#xE4;hnte ich einst als eure K&#xFC;nste!</p><p>Schlangen-Unflat und schlimmen Geruch verhehlte mir die Ferne: und da&#xDF; einer Eidechse List l&#xFC;stern hier herumschlich.</p><p>Aber ich kam euch <emphasis>nah: </emphasis>da kam mir der Tag – und nun kommt er euch —, zu Ende ging des Mondes Liebschaft!</p><p>Seht doch hin! Ertappt und bleich steht er da – vor der Morgenr&#xF6;te!</p><p>Denn schon kommt sie, die Gl&#xFC;hende – <emphasis>ihre </emphasis>Liebe zur Erde kommt! Unschuld und Sch&#xF6;pfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe!</p><p>Seht doch hin, wie sie ungeduldig &#xFC;ber das Meer kommt! F&#xFC;hlt ihr den Durst und den hei&#xDF;en Atem ihrer Liebe nicht?</p><p>Am Meere will sie saugen und seine Tiefe zu sich in die H&#xF6;he trinken: da hebt sich die Begierde des Meeres mit tausend Br&#xFC;sten.</p><p>Gek&#xFC;&#xDF;t und gesaugt <emphasis>will </emphasis>es sein vom Durste der Sonne; Luft will es werden und H&#xF6;he und Fu&#xDF;pfad des Lichts und selber Licht!</p><p>Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.</p><p>Und dies hei&#xDF;t mir Erkenntnis: alles Tiefe soll hinauf zu meiner H&#xF6;he! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Gelehrten</p></title><p>Als ich im Schlafe lag, da fra&#xDF; ein Schaf am Efeukranze meines Hauptes – fra&#xDF; und sprach dazu: »Zarathustra ist kein Gelehrter mehr.«</p><p>Sprach’s und ging stotzig davon und stolz. Ein Kind erz&#xE4;hlte mir’s.</p><p>Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochnen Mauer, unter Disteln und roten Mohnblumen.</p><p>Ein Gelehrter bin ich den Kindern noch und auch den Disteln und roten Mohnblumen. Unschuldig sind sie, selbst noch in ihrer Bosheit.</p><p>Aber den Schafen bin ich’s nicht mehr: so will es mein Los – gesegnet sei es!</p><p>Denn dies ist die Wahrheit: ausgezogen bin ich aus dem Hause der Gelehrten, und die T&#xFC;r habe ich noch hinter mir zugeworfen.</p><p>Zu lange sa&#xDF; meine Seele hungrig an ihrem Tische; nicht, gleich ihnen, bin ich auf das Erkennen abgerichtet wie auf das N&#xFC;sseknacken.</p><p>Freiheit liebe ich und die Luft &#xFC;ber frischer Erde; lieber noch will ich auf Ochsenh&#xE4;uten schlafen als auf ihren W&#xFC;rden und Achtbarkeiten.</p><p>Ich bin zu hei&#xDF; und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir den Atem nehmen. Da mu&#xDF; ich ins Freie und weg aus allen verstaubten Stuben.</p><p>Aber sie sitzen k&#xFC;hl in k&#xFC;hlem Schatten: sie wollen in allem nur Zuschauer sein und h&#xFC;ten sich, dort zu sitzen, wo die Sonne auf die Stufen brennt.</p><p>Gleich solchen, die auf der Stra&#xDF;e stehn und die Leute angaffen, welche vor&#xFC;bergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die andre gedacht haben.</p><p>Greift man sie mit H&#xE4;nden, so st&#xE4;uben sie um sich gleich Mehls&#xE4;cken, und unfreiwillig: aber wer erriete wohl, da&#xDF; ihr Staub vom Korne stammt und von der gelben Wonne der Sommerfelder?</p><p>Geben sie sich weise, so fr&#xF6;stelt mich ihrer kleinen Spr&#xFC;che und Wahrheiten: ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem Sumpfe stamme: und wahrlich, ich h&#xF6;rte auch schon den Frosch aus ihr quaken!</p><p>Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will <emphasis>meine </emphasis>Einfalt bei ihrer Vielfalt! Alles F&#xE4;deln und Kn&#xFC;pfen und Weben verstehn ihre Finger: also wirken sie die Str&#xFC;mpfe des Geistes!</p><p>Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann zeigen sie ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen L&#xE4;rm dabei.</p><p>Gleich M&#xFC;hlwerken arbeiten sie und Stampfen: man werfe ihnen nur seine Fruchtk&#xF6;rner zu! – sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und wei&#xDF;en Staub daraus zu machen.</p><p>Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum Besten. Erfinderisch in kleinen Schlauheiten, warten sie auf solche, deren Wissen auf lahmen F&#xFC;&#xDF;en geht – gleich Spinnen warten sie.</p><p>Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie gl&#xE4;serne Handschuhe dabei an ihre Finger.</p><p>Auch mit falschen W&#xFC;rfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand ich sie spielen, da&#xDF; sie dabei schwitzten.</p><p>Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider den Geschmack als ihre Falschheiten und falschen W&#xFC;rfel.</p><p>Und als ich bei ihnen wohnte, da wohnte ich &#xFC;ber ihnen. Dar&#xFC;ber wurden sie mir gram.</p><p>Sie wollen nichts davon h&#xF6;ren, da&#xDF; einer &#xFC;ber ihren K&#xF6;pfen wandelt; und so legten sie Holz und Erde und Unrat zwischen mich und ihre K&#xF6;pfe.</p><p>Also d&#xE4;mpften sie den Schall meiner Schritte: und am schlechtesten wurde ich bisher von den Gelehrtesten geh&#xF6;rt. Aller Menschen Fehl und Schw&#xE4;che legten sie zwischen sich und mich: – »Fehlboden<a l:href="#n_98" type="note">[98]</a>« hei&#xDF;en sie das in ihren H&#xE4;usern.</p><p>Aber trotzdem wandle ich mit meinen Gedanken <emphasis>&#xFC;ber </emphasis>ihren K&#xF6;pfen; und selbst wenn ich auf meinen eignen Fehlern wandeln wollte, w&#xFC;rde ich noch &#xFC;ber ihnen sein und ihren K&#xF6;pfen.</p><p>Denn die Menschen sind <emphasis>nicht </emphasis>gleich: so spricht die Gerechtigkeit. Und was ich will, d&#xFC;rften <emphasis>sie </emphasis>nicht wollen!—</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Dichtern</p></title><p>»Seit ich den Leib besser kenne« – sagte Zarathustra zu einem seiner J&#xFC;nger – »ist mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das ›Unverg&#xE4;ngliche‹ – das ist auch nur ein Gleichnis.«</p><p>»So h&#xF6;rte ich dich schon einmal sagen«, antwortete der J&#xFC;nger; »und damals f&#xFC;gtest du hinzu: ›aber die Dichter l&#xFC;gen zuviel‹. Warum sagtest du doch, da&#xDF; die Dichter zu viel l&#xFC;gen?«</p><p>»Warum?« sagte Zarathustra. »Du fragst warum? Ich geh&#xF6;re nicht zu denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf.</p><p>Ist denn mein Erleben von gestern? Das ist lange her, da&#xDF; ich die Gr&#xFC;nde meiner Meinungen erlebte.</p><p>M&#xFC;&#xDF;te ich nicht ein Fa&#xDF; sein von Ged&#xE4;chtnis, wenn ich auch meine Gr&#xFC;nde bei mir haben wollte?</p><p>Schon zu viel ist mir’s, meine Meinungen selber zu behalten; und mancher Vogel fliegt davon.</p><p>Und mitunter finde ich auch ein zugeflogenes Tier in meinem Taubenschlage, das mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand darauflege.</p><p>Doch was sagte dir einst Zarathustra? Da&#xDF; die Dichter zuviel l&#xFC;gen? – Aber auch Zarathustra ist ein Dichter. Glaubst du nun, da&#xDF; er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du das?«</p><p>Der J&#xFC;nger antwortete: »Ich glaube an Zarathustra.« Aber Zarathustra sch&#xFC;ttelte den Kopf und l&#xE4;chelte.</p><p>Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an mich.</p><p>Aber gesetzt, da&#xDF; jemand allen Ernstes sagte, die Dichter l&#xFC;gen zuviel, so hat er recht – <emphasis>wir </emphasis>l&#xFC;gen zuviel.</p><p>Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so m&#xFC;ssen wir schon l&#xFC;gen.</p><p>Und wer von uns Dichtern h&#xE4;tte nicht seinen Wein verf&#xE4;lscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da getan.</p><p>Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind.</p><p>Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die alten Weibchen abends erz&#xE4;hlen. Das hei&#xDF;en wir selber an uns das Ewig-Weibliche.</p><p>Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen g&#xE4;be, der sich denen <emphasis>versch&#xFC;tte, </emphasis>welche etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine »Weisheit«.</p><p>Das aber glauben alle Dichter: da&#xDF; wer im Grase oder an einsamen Geh&#xE4;ngen liegend die Ohren spitze, etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel und Erde sind.</p><p>Und kommen ihnen z&#xE4;rtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die Natur selber sei in sie verliebt:</p><p>Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hineinzusagen und verliebte Schmeichelreden: dessen br&#xFC;sten und bl&#xE4;hen sie sich vor allen Sterblichen!</p><p>Ach, es gibt so viel Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich nur die Dichter etwas haben tr&#xE4;umen lassen!</p><p>Und zumal <emphasis>&#xFC;ber </emphasis>dem Himmel: denn alle G&#xF6;tter sind Dichter-Gleichnis, Dichter-Erschleichnis<a l:href="#n_99" type="note">[99]</a>!</p><p>Wahrlich, immer zieht es uns hinan – n&#xE4;mlich zum Reich der Wolken: auf diese setzen wir unsre bunten B&#xE4;lge und hei&#xDF;en sie dann G&#xF6;tter und &#xDC;bermenschen: —</p><p>Sind sie doch gerade leicht genug f&#xFC;r diese St&#xFC;hle! – alle diese G&#xF6;tter und &#xDC;bermenschen.</p><p>Ach, wie bin ich all des Unzul&#xE4;nglichen m&#xFC;de<a l:href="#n_100" type="note">[100]</a>, das durchaus Ereignis sein soll! Ach, wie bin ich der Dichter m&#xFC;de!</p><p>Als Zarathustra so sprach, z&#xFC;rnte ihm sein J&#xFC;nger, aber er schwieg. Und auch Zarathustra schwieg; und sein Auge hatte sich nach innen gekehrt, gleich als ob es in weite Fernen s&#xE4;he. Endlich seufzte er und holte Atem.</p><p>Ich bin von heute und ehedem, sagte er dann; aber etwas ist in mir, das ist von morgen und &#xFC;bermorgen und einstmals.</p><p>Ich wurde der Dichter m&#xFC;de, der alten und der neuen: Oberfl&#xE4;chliche sind sie mir alle und seichte Meere.</p><p>Sie dachten nicht genug in die Tiefe: darum sank ihr Gef&#xFC;hl nicht bis zu den Gr&#xFC;nden.</p><p>Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken gewesen.</p><p>Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was wu&#xDF;ten sie bisher von der Inbrunst der T&#xF6;ne! —</p><p>Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie tr&#xFC;ben alle ihr Gew&#xE4;sser, da&#xDF; es tief scheine.</p><p>Und gerne geben sie sich damit als Vers&#xF6;hner: aber Mittler und Mischer bleiben sie mir, und Halb- und-Halbe und Unreinliche! —</p><p>Ach, ich warf wohl mein Netz in ihre Meere und wollte gute Fische fangen; aber immer zog ich eines alten Gottes Kopf herauf.</p><p>So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein. Und sie selber m&#xF6;gen wohl aus dem Meere stammen.</p><p>Gewi&#xDF;, man findet Perlen in ihnen: um so &#xE4;hnlicher sind sie selber harten Schaltieren. Und statt der Seele fand ich oft bei ihnen gesalzenen Schleim.</p><p>Sie lernten vom Meere auch noch seine Eitelkeit: ist nicht das Meer der Pfau der Pfauen?</p><p>Noch vor dem h&#xE4;&#xDF;lichsten aller B&#xFC;ffel rollt es seinen Schweif hin, nimmer wird es seines Spitzenf&#xE4;chers von Silber und Seide m&#xFC;de.</p><p>Trutzig blickt der B&#xFC;ffel dazu, dem Sande nahe in seiner Seele, n&#xE4;her noch dem Dickicht, am n&#xE4;chsten aber dem Sumpfe.</p><p>Was ist ihm Sch&#xF6;nheit und Meer und Pfauen-Zierat! Dieses Gleichnis sage ich den Dichtern.</p><p>Wahrlich, ihr Geist selber ist der Pfau der Pfauen und ein Meer von Eitelkeit!</p><p>Zuschauer will der Geist des Dichters: sollten’s auch B&#xFC;ffel sein! —</p><p>Aber dieses Geistes wurde ich m&#xFC;de: und ich sehe kommen, da&#xDF; er seiner selber m&#xFC;de wird.</p><p>Verwandelt sah ich schon die Dichter und gegen sich selber den Blick gerichtet.</p><p>B&#xFC;&#xDF;er des Geistes sah ich kommen: die wuchsen aus ihnen. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von Grossen Ereignissen</p></title><p>Es gibt eine Insel im Meere – unweit den gl&#xFC;ckseligen Inseln Zarathustras – auf welcher best&#xE4;ndig ein Feuerberg raucht<a l:href="#n_101" type="note">[101]</a>; von der sagt das Volk, und sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem Volke, da&#xDF; sie wie ein Felsblock vor das Tor der Unterwelt gestellt sei: durch den Feuerberg selber aber f&#xFC;hre der schmale Weg abw&#xE4;rts, der zu diesem Tore der Unterwelt geleite.</p><p>Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den gl&#xFC;ckseligen Inseln weilte, geschah es, da&#xDF; ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher der rauchende Berg steht; und seine Mannschaft ging ans Land, um Kaninchen zu schie&#xDF;en. Gegen die Stunde des Mittags aber, da der Kapit&#xE4;n und seine Leute wieder beisammen waren, sahen sie pl&#xF6;tzlich durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine Stimme sagte deutlich: »Es ist Zeit! Es ist die h&#xF6;chste Zeit!« Wie die Gestalt ihnen aber am n&#xE4;chsten war – sie flog aber schnell gleich einem Schatten vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag – da erkannten sie mit gr&#xF6;&#xDF;ter Best&#xFC;rzung, da&#xDF; es Zarathustra sei; denn sie hatten ihn alle schon gesehn, ausgenommen der Kapit&#xE4;n selber, und sie liebten ihn, wie das Volk liebt: also da&#xDF; zu gleichen Teilen Liebe und Scheu beisammen sind.</p><p>»Seht mir an!« sagte der alte Steuermann, »da f&#xE4;hrt Zarathustra zur H&#xF6;lle!« —</p><p>Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten, lief das Ger&#xFC;cht umher, da&#xDF; Zarathustra verschwunden sei; und als man seine Freunde fragte, erz&#xE4;hlten sie, er sei bei Nacht zu Schiff gegangen, ohne zu sagen, wohin er reisen wolle.</p><p>Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe die Geschichte der Schiffsleute hinzu – und nun sagte alles Volk, da&#xDF; der Teufel Zarathustra geholt habe. Seine J&#xFC;nger lachten zwar ob dieses Geredes; und einer von ihnen sagte sogar: »Eher glaube ich noch, da&#xDF; Zarathustra sich den Teufel geholt hat.« Aber im Grunde der Seele waren sie alle voll Besorgnis und Sehnsucht: so war ihre Freude gro&#xDF;, als am f&#xFC;nften Tage Zarathustra unter ihnen erschien.</p><p>Und dies ist die Erz&#xE4;hlung von Zarathustras Gespr&#xE4;ch mit dem Feuerhunde<a l:href="#n_102" type="note">[102]</a>:</p><p>Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten. Eine dieser Krankheiten hei&#xDF;t zum Beispiel: »Mensch«.</p><p>Und eine andere dieser Krankheiten hei&#xDF;t »Feuerhund«: &#xFC;ber <emphasis>den </emphasis>haben sich die Menschen viel vorgelogen und vorl&#xFC;gen lassen.</p><p>Dies Geheimnis zu ergr&#xFC;nden ging ich &#xFC;ber das Meer: und ich habe die Wahrheit nackt gesehn, wahrlich! barfu&#xDF; bis zum Halse.</p><p>Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, wei&#xDF; ich nun; und insgleichen mit all den Auswurf- und Umsturz-Teufeln<a l:href="#n_103" type="note">[103]</a>, vor denen sich nicht nur alte Weibchen f&#xFC;rchten.</p><p>»Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe!« rief ich, »und bekenne, wie tief diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?</p><p>Du trinkst reichlich am Meere: das verr&#xE4;t deine versalzte Beredsamkeit! F&#xFC;rwahr, f&#xFC;r einen Hund der Tiefe nimmst du deine Nahrung zu sehr von der Oberfl&#xE4;che!</p><p>H&#xF6;chstens f&#xFC;r den Bauchredner der Erde halt ich dich: und immer, wenn ich Umsturz- und Auswurf-Teufel reden h&#xF6;rte, fand ich sie gleich dir: gesalzen, l&#xFC;gnerisch und flach.</p><p>Ihr versteht zu br&#xFC;llen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die besten Gro&#xDF;m&#xE4;uler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm hei&#xDF; zu sieden.</p><p>Wo ihr seid, da mu&#xDF; stets Schlamm in der N&#xE4;he sein, und viel Schwammichtes, H&#xF6;hlichtes, Eingezw&#xE4;ngtes: das will in die Freiheit.</p><p>›Freiheit‹ br&#xFC;llt ihr alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben an, ›gro&#xDF;e Ereignisses sobald viel Gebr&#xFC;ll und Rauch um sie herum ist.</p><p>Und glaube mir nur, Freund H&#xF6;llenl&#xE4;rm! Die gr&#xF6;&#xDF;ten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.</p><p>Nicht um die Erfinder von neuem L&#xE4;rme: um die Erfinder von neuen Werten dreht sich die Welt; <emphasis>unh&#xF6;rbar dreht </emphasis>sie sich.</p><p>Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein L&#xE4;rm und Rauch sich verzog. Was liegt daran, da&#xDF; eine Stadt zur Mumie wurde und eine Bilds&#xE4;ule im Schlamme liegt!</p><p>Und dies Wort sage ich noch den Umst&#xFC;rzern von Bilds&#xE4;ulen. Das ist wohl die gr&#xF6;&#xDF;te Torheit, Salz ins Meer und Bilds&#xE4;ulen in den Schlamm zu werfen.</p><p>Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bilds&#xE4;ule: aber das ist gerade ihr Gesetz, da&#xDF; ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende Sch&#xF6;nheit w&#xE4;chst!</p><p>Mit g&#xF6;ttlicheren Z&#xFC;gen steht sie nun auf, und leidendverf&#xFC;hrerisch; und wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, da&#xDF; ihr sie umst&#xFC;rztet, ihr Umst&#xFC;rzer!</p><p>Diesen Rat aber rate ich K&#xF6;nigen und Kirchen und allem, was alters- und tugendschwach ist – la&#xDF;t euch nur umst&#xFC;rzen! Da&#xDF; ihr wieder zum Leben kommt, und zu euch – die Tugend!« —</p><p>Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich m&#xFC;rrisch und fragte: »Kirche? Was ist denn das?«</p><p>»Kirche?« antwortete ich, »das ist eine Art von Staat, und zwar die verlogenste. Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art wohl am besten schon!</p><p>Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er gern mit Rauch und Gebr&#xFC;lle – da&#xDF; er glauben mache, gleich dir, er rede aus dem Bauch der Dinge.</p><p>Denn er will durchaus das wichtigste Tier auf Erden sein, der Staat; und man glaubt’s ihm auch.« —</p><p>Als ich das gesagt hatte, geb&#xE4;rdete sich der Feuerhund wie unsinnig vor Neid. »Wie?« schrie er, »das wichtigste Tier auf Erden? Und man glaubt’s ihm auch?« Und so viel Dampf und gr&#xE4;&#xDF;liche Stimmen kamen ihm aus dem Schlunde, da&#xDF; ich meinte, er werde vor &#xC4;rger und Neid ersticken.</p><p>Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen lie&#xDF; nach;</p><p>sobald er aber stille war, sagte ich lachend:</p><p>»Du &#xE4;rgerst dich, Feuerhund: also habe ich &#xFC;ber dich recht!</p><p>Und da&#xDF; ich auch noch recht behalte, so h&#xF6;re von einem &#xE4;ndern Feuerhunde: der spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.</p><p>Gold haucht sein Atem und goldigen Regen: so will’s das Herz ihm. Was ist ihm Asche und Rauch und hei&#xDF;er Schleim noch!</p><p>Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gew&#xF6;lke; abg&#xFC;nstig ist er deinem Gurgeln und Speien und Grimmen der Eingeweide<a l:href="#n_104" type="note">[104]</a>!</p><p>Das Gold aber und das Lachen – das nimmt er aus dem Herzen der Erde: denn da&#xDF; du’s nur wei&#xDF;t – <emphasis>das Herz der Erde ist von Gold.«</emphasis></p><p>Als dies der Feuerhund vernahm, hielt er’s nicht mehr aus, mir zuzuh&#xF6;ren. Besch&#xE4;mt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine kleinlaute Weise Wau! Wau! und kroch hinab in seine H&#xF6;hle. —</p><p>Also erz&#xE4;hlte Zarathustra. Seine J&#xFC;nger aber h&#xF6;rten ihm kaum zu: so gro&#xDF; war ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und dem fliegenden Manne zu erz&#xE4;hlen.</p><p>»Was soll ich davon denken!« sagte Zarathustra. »Bin ich denn ein Gespenst?</p><p>Aber es wird mein Schatten gewesen sein, Ihr h&#xF6;rtet wohl schon einiges vom Wanderer und seinem Schatten?</p><p>Sicher aber ist das: ich mu&#xDF; ihn k&#xFC;rzer halten – er verdirbt mir sonst noch den Ruf.«</p><p>Und nochmals sch&#xFC;ttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. »Was soll ich davon denken!« sagte er nochmals.</p><p>»Warum schrie denn das Gespenst: ›Es ist Zeit! Es ist die h&#xF6;chste Zeit!‹</p><p><emphasis>Wozu </emphasis>ist es denn – h&#xF6;chste Zeit?«</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Der Wahrsager</p></title><p>»– und ich sahe eine gro&#xDF;e Traurigkeit &#xFC;ber die Menschen kommen. Die besten wurden ihrer Werke m&#xFC;de.</p><p>Eine Lehre erging, ein Glauben lief neben ihr: ›Alles ist leer, alles ist gleich, alles war!‹</p><p>Und von allen H&#xFC;geln klang es wider: ›Alles ist leer, alles ist gleich, alles war!‹</p><p>Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Fr&#xFC;chte uns faul und braun? Was fiel vom b&#xF6;sen Monde bei der letzten Nacht hernieder?</p><p>Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, b&#xF6;ser Blick sengte unsre Felder und Herzen gelb.</p><p>Trocken wurden wir alle; und f&#xE4;llt Feuer auf uns, so st&#xE4;uben wir der Asche gleich: – ja das Feuer selber machten wir m&#xFC;de.</p><p>Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zur&#xFC;ck. Aller Grund will rei&#xDF;en, aber die Tiefe will nicht schlingen!</p><p>›Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken k&#xF6;nnte‹: so klingt unsere Klage – hinweg &#xFC;ber flache S&#xFC;mpfe.</p><p>Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu m&#xFC;de; nun wachen wir noch und leben fort – in Grabkammern!« —</p><p>Also h&#xF6;rte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung ging ihm zu Herzen und verwandelte ihn. Traurig ging er umher und m&#xFC;de; und er wurde denen gleich, von welchen der Wahrsager geredet hatte.</p><p>Wahrlich, so sagte er zu seinen J&#xFC;ngern, es ist um ein Kleines, so kommt diese lange D&#xE4;mmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hin&#xFC;berretten!</p><p>Da&#xDF; es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll es ja Licht sein, und noch fernsten N&#xE4;chten!</p><p>Dergestalt im Herzen bek&#xFC;mmert ging Zarathustra umher; und drei Tage lang nahm er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und verlor die Rede. Endlich geschah es, da&#xDF; er in einen tiefen Schlaf verfiel. Seine J&#xFC;nger aber sa&#xDF;en um ihn in langen Nachtwachen und warteten mit Sorge, ob er wach werde und wieder rede und genesen sei von seiner Tr&#xFC;bsal.</p><p>Dies aber ist die Rede, welche Zarathustra sprach, als er aufwachte; seine Stimme aber kam zu seinen J&#xFC;ngern wie aus weiter Ferne:</p><p>H&#xF6;rt mir doch den Traum, den ich tr&#xE4;umte, ihr Freunde, und helft mir seinen Sinn raten!</p><p>Ein R&#xE4;tsel ist er mir noch, dieser Traum; sein Sinn ist verborgen in ihm und eingefangen und fliegt noch nicht &#xFC;ber ihn hin mit freien Fl&#xFC;geln.</p><p>Allem Leben hatte ich abgesagt, so tr&#xE4;umte mir. Zum Nacht- und Grabw&#xE4;chter war ich worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des Todes.</p><p>Droben h&#xFC;tete ich seine S&#xE4;rge: voll standen die dumpfen Gew&#xF6;lbe von solchen Siegeszeichen. Aus gl&#xE4;sernen S&#xE4;rgen blickte mich &#xFC;berwundenes Leben an.</p><p>Den Geruch verstaubter Ewigkeiten atmete ich: schw&#xFC;l und verstaubt lag meine Seele. Und wer h&#xE4;tte dort auch seine Seele l&#xFC;ften k&#xF6;nnen!</p><p>Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben ihr; und, zu dritt, r&#xF6;chelnde Todesstille, die schlimmste meiner Freundinnen.</p><p>Schl&#xFC;ssel f&#xFC;hrte ich, die rostigsten aller Schl&#xFC;ssel; und ich verstand es, damit das knarrendste aller Tore zu &#xF6;ffnen.</p><p>Einem bitterb&#xF6;sen Gekr&#xE4;chze gleich lief der Ton durch die langen G&#xE4;nge, wenn sich des Tores Fl&#xFC;gel hoben:</p><p>unhold schrie dieser Vogel, ungern wollte er geweckt sein.</p><p>Aber furchtbarer noch und herzzuschn&#xFC;render war es, wenn es wieder schwieg und rings stille ward und ich allein sa&#xDF; in diesem t&#xFC;ckischen Schweigen.</p><p>So ging mir und schlich die Zeit, wenn Zeit es noch gab: was wei&#xDF; ich davon! Aber endlich geschah das, was mich weckte.</p><p>Dreimal schlugen Schl&#xE4;ge ans Tor, gleich Donnern, es hallten und heulten die Gew&#xF6;lbe dreimal wider: da ging ich zum Tore.</p><p>Alpa! rief ich, wer tr&#xE4;gt seine Asche zu Berge? Alpa! Alpa! Wer tr&#xE4;gt seine Asche zu Berge?</p><p>Und ich dr&#xFC;ckte den Schl&#xFC;ssel und hob am Tore und m&#xFC;hte mich. Aber noch keinen Fingerbreit stand es offen:</p><p>Da ri&#xDF; ein brausender Wind seine Fl&#xFC;gel auseinander:</p><p>pfeifend, schrillend und schneidend warf er mir einen schwarzen Sarg zu:</p><p>Und im Brausen und Pfeifen und Schrillen zerbarst der Sarg und spie tausendf&#xE4;ltiges Gel&#xE4;chter aus.</p><p>Und aus tausend Fratzen von Kindern, Engeln, Eulen, Narren und kindergro&#xDF;en Schmetterlingen lachte und h&#xF6;hnte und brauste es wider mich.</p><p>Gr&#xE4;&#xDF;lich erschrak ich darob: es warf mich nieder. Und ich schrie vor Grausen, wie nie ich schrie.</p><p>Aber der eigne Schrei weckte mich auf: – und ich kam zu mir. —</p><p>Also erz&#xE4;hlte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er wu&#xDF;te noch nicht die Deutung seines Traumes. Aber der J&#xFC;nger, den er am meisten lieb hatte, erhob sich schnell, fa&#xDF;te die Hand Zarathustras und sprach:</p><p>»Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, o Zarathustra! Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen des Todes die Tore aufrei&#xDF;t?</p><p>Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen des Lebens?</p><p>Wahrlich, gleich tausendf&#xE4;ltigem Kindsgel&#xE4;chter kommt Zarathustra in alle Totenkammern, lachend &#xFC;ber diese Nacht- und Grabw&#xE4;chter, und wer sonst mit d&#xFC;stern Schl&#xFC;sseln rasselt.</p><p>Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gel&#xE4;chter; Ohnmacht und Wachwerden wird deine Macht &#xFC;ber sie beweisen.</p><p>Und auch wenn die lange D&#xE4;mmerung kommt und die Todesm&#xFC;digkeit, wirst du an unserm Himmel nicht untergehn, du F&#xFC;rsprecher des Lebens!</p><p>Neue Sterne lie&#xDF;est du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten; wahrlich, das Lachen selber spanntest du wie ein buntes Gezelt &#xFC;ber uns.</p><p>Nun wird immer Kindes-Lachen aus S&#xE4;rgen quellen; nun wird immer siegreich ein starker Wind kommen aller Todesm&#xFC;digkeit: dessen bist du uns selber B&#xFC;rge und Wahrsager!</p><p>Wahrlich, <emphasis>sie selber tr&#xE4;umtest du, </emphasis>deine Feinde: das war dein schwerster Traum!</p><p>Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie selber von sich aufwachen – und zu dir kommen!« —</p><p>So sprach der J&#xFC;nger; und alle andern dr&#xE4;ngten sich nun um Zarathustra und ergriffen ihn bei den H&#xE4;nden und wollten ihn bereden, da&#xDF; er vom Bette und von der Traurigkeit lasse und zu ihnen zur&#xFC;ckkehre. Zarathustra aber sa&#xDF; aufgerichtet auf seinem Lager, und mit fremdem Blicke. Gleichwie einer, der aus langer Fremde heimkehrt, sah er auf seine J&#xFC;nger und pr&#xFC;fte ihre Gesichter; und noch erkannte er sie nicht. Als sie aber ihn hoben und auf die F&#xFC;&#xDF;e stellten, siehe, da verwandelte sich mit einem Male sein Auge; er begriff alles, was geschehn war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:</p><p>»Wohlan! Dies nun hat seine Zeit; sorgt mir aber daf&#xFC;r, meine J&#xFC;nger, da&#xDF; wir eine gute Mahlzeit machen; und in K&#xFC;rze! Also gedenke ich Bu&#xDF;e zu tun f&#xFC;r schlimme Tr&#xE4;ume!</p><p>Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und wahrlich, ich will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken kann!«</p><p>Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem J&#xFC;nger, welcher den Traumdeuter abgegeben hatte, lange ins Gesicht und sch&#xFC;ttelte dabei den Kopf. —</p></section><section><title><p>Von der Erl&#xF6;sung</p></title><p>Als Zarathustra eines Tages &#xFC;ber die gro&#xDF;e Br&#xFC;cke ging, umringten ihn die Kr&#xFC;ppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:</p><p>»Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben an deine Lehre: aber da&#xDF; es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es noch eines – du mu&#xDF;t erst noch uns Kr&#xFC;ppel &#xFC;berreden! Hier hast du nun eine sch&#xF6;ne Auswahl und wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als einem Sch&#xF6;pfe! Blinde kannst du heilen und Lahme laufen machen; und dem, der zuviel hinter sich hat, k&#xF6;nntest du wohl auch ein wenig abnehmen: – Das, meine ich, w&#xE4;re die rechte Art, die Kr&#xFC;ppel an Zarathustra glauben zu machen!«</p><p>Zarathustra aber erwiderte dem, der da redete, also: Wenn man dem Bucklichten seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist – also lehrt das Volk. Und wenn man dem Blinden seine Augen gibt, so sieht er zuviel schlimme Dinge auf Erden: also da&#xDF; er den verflucht, der ihn heilte. Der aber, welcher den Lahmen laufen macht, der tut ihm den gr&#xF6;&#xDF;ten Schaden an: denn kaum kann er laufen, so gehn seine Laster mit ihm durch – also lehrt das Volk &#xFC;ber Kr&#xFC;ppel. Und warum sollte Zarathustra nicht auch vom Volke lernen, wenn das Volk von Zarathustra lernt?</p><p>Das ist mir aber das geringste, seit ich unter Menschen bin, da&#xDF; ich sehe: »Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem dritten das Bein, und andre gibt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder den Kopf.«</p><p>Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, da&#xDF; ich nicht von jeglichem reden und von einigem nicht einmal schweigen m&#xF6;chte: n&#xE4;mlich Menschen, denen es an allem fehlt, au&#xDF;er da&#xDF; sie eins zuviel haben – Menschen, welche nichts weiter sind als ein gro&#xDF;es Auge oder ein gro&#xDF;es Maul oder ein gro&#xDF;er Bauch oder irgend etwas Gro&#xDF;es – umgekehrte Kr&#xFC;ppel hei&#xDF;e ich solche.</p><p>Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male &#xFC;ber diese Br&#xFC;cke ging: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder hin, und sagte endlich: »Das ist ein Ohr! Ein Ohr, so gro&#xDF; wie ein Mensch!« Ich sah noch besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte sich noch etwas, das zum Erbarmen klein und &#xE4;rmlich und schm&#xE4;chtig war. Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr sa&#xDF; auf einem kleinen d&#xFC;nnen Stiele – der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein Glas vor das Auge nahm, konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen erkennen; auch, da&#xDF; ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte. Das Volk sagte mir aber, das gro&#xDF;e Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein gro&#xDF;er Mensch, ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von gro&#xDF;en Menschen redete – und behielt meinen Glauben bei, da&#xDF; es ein umgekehrter Kr&#xFC;ppel sei, der an allem zuwenig und an einem zuviel habe.</p><p>Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu denen, welchen er Mundst&#xFC;ck und F&#xFC;rsprecher war, wandte er sich mit tiefem Unmute zu seinen J&#xFC;ngern und sagte:</p><p>Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den Bruchst&#xFC;cken und Gliedma&#xDF;en von Menschen<a l:href="#n_105" type="note">[105]</a>!</p><p>Dies ist meinem Auge das F&#xFC;rchterliche, da&#xDF; ich den Menschen zertr&#xFC;mmert finde und zerstreuet wie &#xFC;ber ein Schlacht- und Schl&#xE4;chterfeld hin.</p><p>Und fl&#xFC;chtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das gleiche: Bruchst&#xFC;cke und Gliedma&#xDF;en und grause Zuf&#xE4;lle – aber keine Menschen!</p><p>Das Jetzt und das Ehemals auf Erden – ach! meine Freunde – das ist <emphasis>mein </emphasis>Unertr&#xE4;glichstes; und ich w&#xFC;&#xDF;te nicht zu leben, wenn ich nicht noch ein Seher w&#xE4;re, dessen, was kommen mu&#xDF;.</p><p>Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und eine Br&#xFC;cke zur Zukunft – und ach, auch noch gleichsam ein Kr&#xFC;ppel an dieser Br&#xFC;cke: das alles ist Zarathustra.</p><p>Und auch ihr fragtet euch oft: »Wer ist uns Zarathustra? Wie soll er uns hei&#xDF;en?« Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.</p><p>Ist er ein Versprechender? Oder ein Erf&#xFC;ller? Ein Erobernder? Oder ein Erbender? Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein Genesener?</p><p>Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein B&#xE4;ndiger? Ein Guter? Oder ein B&#xF6;ser?</p><p>Ich wandle unter Menschen als den Bruchst&#xFC;cken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue.</p><p>Und das ist all mein Dichten und Trachten, da&#xDF; ich in eins dichte und zusammentrage, was Bruchst&#xFC;ck ist und R&#xE4;tsel und grauser Zufall.</p><p>Und wie ertr&#xFC;ge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und R&#xE4;tselrater und der Erl&#xF6;ser des Zufalls w&#xE4;re!</p><p>Die Vergangnen zu erl&#xF6;sen und alles »Es war« umzuschaffen in ein »So wollte ich es!« – das hie&#xDF;e mir erst Erl&#xF6;sung!</p><p>Wille – so hei&#xDF;t der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich euch, meine Freunde! Aber nun lernt dies hinzu: der Wille selber ist noch ein Gefangener.</p><p>Wollen befreit: aber wie hei&#xDF;t das, was auch den Befreier noch in Ketten schl&#xE4;gt?</p><p>»Es war«: also hei&#xDF;t des Willens Z&#xE4;hneknirschen und einsamste Tr&#xFC;bsal. Ohnm&#xE4;chtig gegen das, was getan ist – ist er allem Vergangenen ein b&#xF6;ser Zuschauer.</p><p>Nicht zur&#xFC;ck kann der Wille wollen; da&#xDF; er die Zeit nicht brechen kann und der Zeit Begierde – das ist des Willens einsamste Tr&#xFC;bsal.</p><p>Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, da&#xDF; es los seiner Tr&#xFC;bsal werde und seines Kerkers spotte?</p><p>Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! N&#xE4;rrisch erl&#xF6;st sich auch der gefangene Wille.</p><p>Da&#xDF; die Zeit nicht zur&#xFC;ckl&#xE4;uft, das ist sein Ingrimm; »Das, was war« – so hei&#xDF;t der Stein, den er nicht w&#xE4;lzen kann.</p><p>Und so w&#xE4;lzt er Steine aus Ingrimm und Unmut und &#xFC;bt Rache an dem, was nicht gleich ihm Grimm und Unmut f&#xFC;hlt.</p><p>Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehet&#xE4;ter: und an allem, was leiden kann, nimmt er Rache daf&#xFC;r, da&#xDF; er nicht zur&#xFC;ck kann.</p><p>Dies, ja dies allein ist <emphasis>Rache </emphasis>selber: des Willens Widerwille gegen die Zeit und ihr »Es war«.</p><p>Wahrlich, eine gro&#xDF;e Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche wurde es allem Menschlichen, da&#xDF; diese Narrheit Geist lernte!</p><p><emphasis>Der Geist der Rache: </emphasis>meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes Nachdenken: und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.</p><p>»Strafe« n&#xE4;mlich, so hei&#xDF;t sich die Rache selber: mit einem L&#xFC;genwort heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.</p><p>Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob da&#xDF; er nicht zur&#xFC;ck wollen kann – also sollte Wollen selber und alles Leben – Strafe sein!</p><p>Und nun w&#xE4;lzte sich Wolke auf Wolke &#xFC;ber den Geist: bis endlich der Wahnsinn predigte: »Alles vergeht, darum ist alles wert zu vergehn!«</p><p>»Und dies ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, da&#xDF; sie ihre Kinder fressen mu&#xDF;«: also predigte der Wahnsinn.</p><p>»Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. O wo ist die Erl&#xF6;sung vom Flu&#xDF; der Dinge und der Strafe ›Dasein‹?« Also predigte der Wahnsinn.</p><p>»Kann es Erl&#xF6;sung geben, wenn es ein ewiges Recht gibt? Ach, unw&#xE4;lzbar ist der Stein ›Es war‹: ewig m&#xFC;ssen auch alle Strafen sein!« Also predigte der Wahnsinn.</p><p>»Keine Tat kann vernichtet werden: wie k&#xF6;nnte sie durch die Strafe ungetan werden! Dies, dies ist das Ewige an der Strafe ›Dasein‹, da&#xDF; das Dasein auch ewig wieder Tat und Schuld sein mu&#xDF;!«</p><p>»Es sei denn, da&#xDF; der Wille endlich sich selber erl&#xF6;ste und Wollen zu Nicht-Wollen w&#xFC;rde – «: doch ihr kennt, meine Br&#xFC;der, dies Fabellied des Wahnsinns!</p><p>Weg f&#xFC;hrte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: »Der Wille ist ein Schaffender.«</p><p>Alles »Es war« ist ein Bruchst&#xFC;ck, ein R&#xE4;tsel, ein grauser Zufall – bis der schaffende Wille dazu sagt: »Aber so wollte ich es!«</p><p>– Bis der schaffende Wille dazu sagt: »Aber so will ich es! So werde ich’s wollen!«</p><p>Aber sprach er schon so? Und wann geschieht dies? Ist der Wille schon abgeschirrt von seiner eignen Torheit?</p><p>Wurde der Wille sich selber schon Erl&#xF6;ser und Freudebringer? Verlernte er den Geist der Rache und alles Z&#xE4;hneknirschen?</p><p>Und wer lehrte ihn Vers&#xF6;hnung mit der Zeit, und H&#xF6;heres, als alle Vers&#xF6;hnung ist?</p><p>H&#xF6;heres als alle Vers&#xF6;hnung mu&#xDF; der Wille wollen, welcher der Wille zur Macht ist —: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch das Zur&#xFC;ckwollen?</p><empty-line/><p>– Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, da&#xDF; Zarathustra pl&#xF6;tzlich innehielt und ganz einem solchen gleich sah, der auf das &#xE4;u&#xDF;erste erschrickt. Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine J&#xFC;nger; sein Auge durchbohrte wie mit Pfeilen ihre Gedanken und Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile lachte er schon wieder und sagte beg&#xFC;tigt:</p><p>»Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist. Sonderlich f&#xFC;r einen Geschw&#xE4;tzigen.« —</p><p>Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gespr&#xE4;che zugeh&#xF6;rt und sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra lachen h&#xF6;rte, blickte er neugierig auf und sagte langsam:</p><p>»Aber warum redet Zarathustra anders zu uns als zu seinen J&#xFC;ngern?«</p><p>Zarathustra antwortete: »Was ist da zum Verwundern! Mit Bucklichten darf man schon bucklicht reden<a l:href="#n_106" type="note">[106]</a>!«</p><p>»Gut«, sagte der Bucklichte; »und mit Sch&#xFC;lern darf man schon aus der Schule schw&#xE4;tzen.</p><p>Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Sch&#xFC;lern – als zu sich selber?« —</p></section><section><title><p>Von der Menschen-Klugheit</p></title><p>Nicht die H&#xF6;he: der Abhang ist das Furchtbare! Der Abhang, wo der Blick <emphasis>hinunter </emphasis>st&#xFC;rzt und die Hand <emphasis>hinauf </emphasis>greift. Da schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.</p><p>Ach, Freunde, erratet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen?</p><p>Das, das ist <emphasis>mein </emphasis>Abhang und meine Gefahr, da&#xDF; mein Blick in die H&#xF6;he st&#xFC;rzt und da&#xDF; meine Hand sich halten und st&#xFC;tzen m&#xF6;chte – an der Tiefe!</p><p>An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an den Menschen, weil es mich hinauf rei&#xDF;t zum &#xDC;bermenschen: denn dahin will mein andrer Wille.</p><p>Und <emphasis>dazu </emphasis>lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie nicht kennte: da&#xDF; meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz verliere.</p><p>Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsternis und Tr&#xF6;stung ist oft um mich gebreitet.</p><p>Ich sitze am Torwege f&#xFC;r jeden Schelm und frage: wer will mich betr&#xFC;gen?</p><p>Das ist meine erste Menschen-Klugheit, da&#xDF; ich mich betr&#xFC;gen lasse, um nicht auf der Hut zu sein vor Betr&#xFC;gern<a l:href="#n_107" type="note">[107]</a>.</p><p>Ach, wenn ich auf der Hut w&#xE4;re vor dem Menschen: wie k&#xF6;nnte meinem Balle der Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und hinweg!</p><p>Diese Vorsehung ist &#xFC;ber meinem Schicksal, da&#xDF; ich ohne Vorsicht sein mu&#xDF;.</p><p>Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, mu&#xDF; lernen, aus allen Gl&#xE4;sern zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will, mu&#xDF; verstehn, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.</p><p>Und also sprach ich oft mir zum Tr&#xF6;ste: »Wohlan! Wohlauf! Altes Herz! Ein Ungl&#xFC;ck mi&#xDF;riet dir: genie&#xDF;e dies als dein – Gl&#xFC;ck!«</p><p>Dies aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die <emphasis>Eitlen </emphasis>mehr als die Stolzen.</p><p>Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber Stolz verletzt wird, da w&#xE4;chst wohl etwas Besseres noch, als Stolz ist.</p><p>Damit das Leben gut anzuschaun sei, mu&#xDF; sein Spiel gut gespielt werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler.</p><p>Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, da&#xDF; ihnen gern zugeschaut werde – all ihr Geist ist bei diesem Willen.</p><p>Sie f&#xFC;hren sich auf, sie erfinden sich; in ihrer N&#xE4;he liebe ich’s, dem Leben zuzuschaun – es heilt von der Schwermut.</p><p>Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir &#xC4;rzte sind meiner Schwermut und mich am Menschen festhalten als an einem Schauspiele.</p><p>Und dann: wer ermi&#xDF;t am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit! Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.</p><p>Von euch will er seinen Glauben an sich lernen; er n&#xE4;hrt sich an euren Blicken, er fri&#xDF;t das Lob aus euren H&#xE4;nden.</p><p>Euren L&#xFC;gen glaubt er noch, wenn ihr gut &#xFC;ber ihn l&#xFC;gt: denn im Tiefsten seufzt sein Herz: »Was bin <emphasis>ich</emphasis>!<emphasis>«</emphasis></p><p>Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber wei&#xDF;: nun, der Eitle wei&#xDF; nicht um seine Bescheidenheit! —</p><p>Das ist aber meine dritte Menschen-Klugheit, da&#xDF; ich mir den Anblick der <emphasis>B&#xF6;sen </emphasis>nicht verleiden lasse durch eure Furchtsamkeit.</p><p>Ich bin selig, die Wunder zu sehn, welche hei&#xDF;e Sonne ausbr&#xFC;tet: Tiger und Palmen und Klapperschlangen<a l:href="#n_108" type="note">[108]</a>.</p><p>Auch unter Menschen gibt es sch&#xF6;ne Brut hei&#xDF;er Sonne und viel Wunderw&#xFC;rdiges an den B&#xF6;sen.</p><p>Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand ich auch der Menschen Bosheit unter ihrem Rufe.</p><p>Und oft fragte ich mit Kopfsch&#xFC;tteln: Warum noch klappern, ihr Klapperschlangen?</p><p>Wahrlich, es gibt auch f&#xFC;r das B&#xF6;se noch eine Zukunft! Und der hei&#xDF;este S&#xFC;den ist noch nicht entdeckt f&#xFC;r den Menschen.</p><p>Wie manches hei&#xDF;t jetzt schon &#xE4;rgste Bosheit, was doch nur zw&#xF6;lf Schuhe breit und drei Monate lang ist! Einst aber werden gr&#xF6;&#xDF;ere Drachen zur Welt kommen.</p><p>Denn da&#xDF; dem &#xDC;bermenschen sein Drache nicht fehle, der &#xDC;ber-Drache, der seiner w&#xFC;rdig ist: dazu mu&#xDF; viel hei&#xDF;e Sonne noch auf feuchten Urwald gl&#xFC;hn!</p><p>Aus euren Wildkatzen m&#xFC;ssen erst Tiger geworden sein und aus euren Giftkr&#xF6;ten Krokodile: denn der gute J&#xE4;ger soll eine gute Jagd haben!</p><p>Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist viel zum Lachen und zumal eure Furcht vor dem, was bisher »Teufel« hie&#xDF;!</p><p>So fremd seid ihr dem Gro&#xDF;en mit eurer Seele, da&#xDF; euch der &#xDC;bermensch <emphasis>furchtbar </emphasis>sein w&#xFC;rde in seiner G&#xFC;te!</p><p>Und ihr Weisen und Wissenden, ihr w&#xFC;rdet vor dem Sonnenbrande der Weisheit fl&#xFC;chten, in dem der &#xDC;bermensch mit Lust seine Nacktheit badet!</p><p>Ihr h&#xF6;chsten Menschen, denen mein Auge begegnete! das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rate, ihr w&#xFC;rdet meinen &#xDC;bermenschen – Teufel hei&#xDF;en!</p><p>Ach, ich ward dieser H&#xF6;chsten und Besten m&#xFC;de: aus ihrer »H&#xF6;he« verlangte mich hinauf, hinaus, hinweg zu dem &#xDC;bermenschen!</p><p>Ein Grausen &#xFC;berfiel mich, als ich diese Besten nackend sah: da wuchsen mir die Fl&#xFC;gel, fortzuschweben in ferne Zuk&#xFC;nfte.</p><p>In fernere Zuk&#xFC;nfte, in s&#xFC;dlichere S&#xFC;den, als je ein Bildner tr&#xE4;umte: dorthin, wo G&#xF6;tter sich aller Kleider sch&#xE4;men!</p><p>Aber verkleidet will ich <emphasis>euch </emphasis>sehn, ihr N&#xE4;chsten und Mitmenschen, und gut geputzt, und eitel, und w&#xFC;rdig, als »die Guten und Gerechten« —</p><p>Und verkleidet will ich selber unter euch sitzen – da&#xDF; ich euch und mich verkenne: das ist n&#xE4;mlich meine letzte Menschen-Klugheit. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Die Stillste Stunde</p></title><p>Was geschah mir, meine Freunde? Ihr seht mich verst&#xF6;rt, fortgetrieben, unwillig-folgsam, bereit zu gehen – ach, von <emphasis>euch </emphasis>fortzugehen!</p><p>Ja, noch einmal mu&#xDF; Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig geht diesmal der B&#xE4;r zur&#xFC;ck in seine H&#xF6;hle!</p><p>Was geschah mir? Wer gebeut dies? – Ach, meine zornige Herrin will es so, sie sprach zu mir; nannte ich je euch schon ihren Namen?</p><p>Gestern gen Abend sprach zu mir meine <emphasis>stillste Stunde</emphasis>: das ist der Name meiner furchtbaren Herrin.</p><p>Und so geschah’s – denn alles mu&#xDF; ich euch sagen, da&#xDF; euer Herz sich nicht verh&#xE4;rte gegen den pl&#xF6;tzlich Scheidenden!</p><p>Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden? —</p><p>Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, da&#xDF; ihm der Boden weicht und der Traum beginnt.</p><p>Dieses sage ich euch zum Gleichnis. Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann.</p><p>Der Zeiger r&#xFC;ckte, die Uhr meines Lebens holte Atem – nie h&#xF6;rte ich solche Stille um mich: also da&#xDF; mein Herz erschrak.</p><p>Dann sprach es ohne Stimme zu mir: <emphasis>»Du wei&#xDF;t es, Zarathustra?« —</emphasis></p><p>Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Fl&#xFC;stern, und das Blut wich aus meinem Gesichte: aber ich schwieg.</p><p>Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: »Du wei&#xDF;t es, Zarathustra, aber du redest es nicht!« —</p><p>Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: »Ja, ich wei&#xDF; es, aber ich will es nicht reden!«</p><p>Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Du <emphasis>willst </emphasis>nicht, Zarathustra? Ist dies auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen Trotz!« —</p><p>Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: »Ach, ich wollte schon, aber wie kann ich es! Erla&#xDF; mir dies nur! Es ist &#xFC;ber meine Kraft!«</p><p>Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: Was liegt an dir, Zarathustra! Sprich dein Wort und zerbrich!« —</p><p>Und ich antwortete: »Ach, ist es <emphasis>mein </emphasis>Wort? Wer bin <emphasis>ich</emphasis>? Ich warte des W&#xFC;rdigeren; und bin nicht wert, an ihm auch nur zu zerbrechen.«</p><p>Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an dir? Du bist mir noch nicht dem&#xFC;tig genug. Die Demut hat das h&#xE4;rteste Fell.« —</p><p>Und ich antwortete: »Was trug nicht schon das Fell meiner Demut! Am Fu&#xDF;e wohne ich meiner H&#xF6;he: wie hoch meine Gipfel sind? Niemand sagte es mir noch. Aber gut kenne ich meine T&#xE4;ler.«</p><p>Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »O Zarathustra, wer Berge zu versetzen hat, der versetzt auch T&#xE4;ler und Niederungen.«</p><p>Und ich antwortete: »Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich redete, erreichte die Menschen nicht. Ich ging wohl zu den Menschen, aber noch langte ich nicht bei ihnen an.«</p><p>Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was wei&#xDF;t du <emphasis>davon</emphasis>! Der Tau f&#xE4;llt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.«</p><p>Und ich antwortete: »Sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg fand und ging; und in Wahrheit zitterten damals meine F&#xFC;&#xDF;e.</p><p>Und so sprachen sie zu mir: du verlerntest den Weg, nun verlernst du auch das Gehen!«</p><p>Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Was liegt an ihrem Spotte! Du bist einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen!</p><p>Wei&#xDF;t du nicht, wer allen am n&#xF6;tigsten tut? Der Gro&#xDF;es befiehlt.</p><p>Gro&#xDF;es vollf&#xFC;hren ist schwer: aber das Schwerere ist, Gro&#xDF;es befehlen.</p><p>Das ist dein Unverzeihlichstes<a l:href="#n_109" type="note">[109]</a>: du hast die Macht, und du willst nicht herrschen.« —</p><p>Und ich antwortete: »Mir fehlt des L&#xF6;wen Stimme zum Befehlen.«</p><p>Da sprach es wieder wie ein Fl&#xFC;stern zu mir: »Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenf&#xFC;&#xDF;en kommen, lenken die Welt.</p><p>O Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen mu&#xDF;: so wirst du befehlen und befehlend vorangehen.« —</p><p>Und ich antwortete: »Ich sch&#xE4;me mich.«</p><p>Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: »Du mu&#xDF;t noch Kind werden und ohne Scham.</p><p>Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, sp&#xE4;t bist du jung geworden: aber wer zum Kinde werden will, mu&#xDF; auch noch seine Jugend &#xFC;berwinden.« —</p><p>Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was ich zuerst sagte: »Ich will nicht.«</p><p>Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie dies Lachen mir die Eingeweide zerri&#xDF; und das Herz aufschlitzte!</p><p>Und es sprach zum letzten Male zu mir: »O Zarathustra, deine Fr&#xFC;chte sind reif, aber du bist nicht reif f&#xFC;r deine Fr&#xFC;chte!</p><p>So mu&#xDF;t du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch m&#xFC;rbe werden.« —</p><p>Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schwei&#xDF; flo&#xDF; mir von den Gliedern<a l:href="#n_110" type="note">[110]</a>.</p><p>– Nun h&#xF6;rtet ihr alles, und warum ich in meine Einsamkeit zur&#xFC;ck mu&#xDF;. Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.</p><p>Aber auch dies h&#xF6;rtet ihr von mir, <emphasis>wer </emphasis>immer noch aller Menschen Verschwiegenster ist – und es sein will!</p><p>Ach, meine Freunde! Ich h&#xE4;tte euch noch etwas zu sagen, ich h&#xE4;tte euch noch etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?« —</p><p>Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, &#xFC;berfiel ihn die Gewalt des Schmerzes und die N&#xE4;he des Abschieds von seinen Freunden, also da&#xDF; er laut weinte; und niemand wu&#xDF;te ihn zu tr&#xF6;sten. Des Nachts aber ging er allein fort und verlie&#xDF; seine Freunde.</p><subtitle><strong><emphasis>Fragen zum Inhalt:</emphasis></strong></subtitle><p>1. Was spricht Zarathustra von den Mitleidigen? Was ist Mitleiden f&#xFC;r ihn?</p><p>2. Was spricht Zarathustra von der Selbst&#xFC;berwindung? Was verstehen Sie unter seinen Worten: “… ich bin das, was sich immer selber &#xFC;berwinden mu&#xDF;”. Wessen Worte waren es?</p></section></section><section><title><p>Dritter Teil</p></title><epigraph><p>»Ihr seht nach oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil ich erhoben bin.</p><p>Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?</p><p>Wer auf den h&#xF6;chsten Bergen steigt, der lacht &#xFC;ber alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste.«</p><text-author><emphasis>Zarathustra</emphasis>, Vom Lesen und Schreiben (I, p. 52)</text-author></epigraph><section><title><p>Der Wanderer</p></title><p>Um Mitternacht war es, da nahm Zarathustra seinen Weg &#xFC;ber den R&#xFC;cken der Insel, da&#xDF; er mit dem fr&#xFC;hen Morgen an das andre Gestade k&#xE4;me: denn dort wollte er zu Schiff steigen. Es gab n&#xE4;mlich allda eine gute Reede, an der auch fremde Schiffe gern vor Anker gingen; die nahmen manchen mit sich, der von den gl&#xFC;ckseligen Inseln &#xFC;ber das Meer wollte. Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg, gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an, und wie viele Berge und R&#xFC;cken und Gipfel er schon gestiegen sei.</p><p>Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange stillsitzen.</p><p>Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme – ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber.</p><p>Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zuf&#xE4;lle begegnen durften; und was <emphasis>k&#xF6;nnte </emphasis>jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen w&#xE4;re!</p><p>Es kehrt nur zur&#xFC;ck, es kommt mir endlich heim – mein eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zuf&#xE4;lle.</p><p>Und noch eins wei&#xDF; ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem, was mir am l&#xE4;ngsten aufgespart war. Ach, meinen h&#xE4;rtesten Weg mu&#xDF; ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!</p><p>Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst du deinen Weg der Gr&#xF6;&#xDF;e! Gipfel und Abgrund – das ist jetzt in <emphasis>eins </emphasis>beschlossen!</p><p>Du gehst deinen Weg der Gr&#xF6;&#xDF;e: nun ist deine letzte Zuflucht worden, was bisher deine letzte Gefahr hie&#xDF;!</p><p>Du gehst deinen Weg der Gr&#xF6;&#xDF;e: Das mu&#xDF; nun dein bester Mut sein, da&#xDF; es hinter dir keinen Weg mehr gibt!</p><p>Du gehst deinen Weg der Gr&#xF6;&#xDF;e: hier soll dir keiner nachschleichen! Dein Fu&#xDF; selber l&#xF6;schte hinter dir den Weg aus, und &#xFC;ber ihm steht geschrieben: Unm&#xF6;glichkeit.</p><p>Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so mu&#xDF;t du verstehen, noch auf deinen eigenen Kopf zu steigen: wie wolltest du anders aufw&#xE4;rts steigen?</p><p>Auf deinen eigenen Kopf und hinweg &#xFC;ber dein eigenes Herz! Jetzt mu&#xDF; das Mildeste an dir noch zum H&#xE4;rtesten werden.</p><p>Wer sich stets viel geschont hat, der kr&#xE4;nkelt zuletzt an seiner vielen Schonung. Gelobt sei, was hart macht<a l:href="#n_111" type="note">[111]</a>! Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig – flie&#xDF;t!</p><p>Von sich <emphasis>absehn</emphasis><a l:href="#n_112" type="note">[112]</a> lernen ist n&#xF6;tig, um <emphasis>viel </emphasis>zu sehn: – diese H&#xE4;rte tut jedem Berge-Steigenden not.</p><p>Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender, wie sollte der von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gr&#xFC;nde sehn!</p><p>Du aber, o Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund: so mu&#xDF;t du schon &#xFC;ber dich selber steigen – hinan, hinauf, bis du auch deine Sterne noch <emphasis>unter </emphasis>dir hast!</p><p>Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: Das erste hie&#xDF;e mir mein <emphasis>Gipfel, </emphasis>das blieb mir noch zur&#xFC;ck als mein <emphasis>letzter </emphasis>Gipfel! —</p><p>Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Spr&#xFC;chlein sein Herz tr&#xF6;stend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und als er auf die H&#xF6;he des Bergr&#xFC;ckens kam, siehe, da lag das andere Meer vor ihm ausgebreitet: und er stand still und schwieg lange. Die Nacht aber war kalt in dieser H&#xF6;he und klar und hellgestirnt.</p><p>Ich erkenne mein Los, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan!</p><p>Ich bin bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.</p><p>Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere n&#xE4;chtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch mu&#xDF; ich nun <emphasis>hinab </emphasis>steigen!</p><p>Vor meinem h&#xF6;chsten Berge stehe ich und vor meiner l&#xE4;ngsten Wanderung: darum mu&#xDF; ich erst tiefer hinab, als ich jemals stieg:</p><p>– tiefer hinab in den Schmerz, als ich jemals stieg, bis hinein in seine schw&#xE4;rzeste Flut! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.</p><p>Woher kommen die h&#xF6;chsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, da&#xDF; sie aus dem Meere kommen.</p><p>Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben und in die W&#xE4;nde ihrer Gipfel. Aus dem Tiefsten mu&#xDF; das H&#xF6;chste zu seiner H&#xF6;he kommen. —</p><empty-line/><p>Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war; als er aber in die N&#xE4;he des Meeres kam und zuletzt allein unter den Klippen stand, da war er unterwegs m&#xFC;de geworden und sehns&#xFC;chtiger als noch zuvor.</p><p>Es schl&#xE4;ft jetzt alles noch, sprach er; auch das Meer schl&#xE4;ft. Schlaftrunken und fremd blickt sein Auge nach mir.</p><p>Aber es atmet warm, das f&#xFC;hle ich. Und ich f&#xFC;hle auch, da&#xDF; es tr&#xE4;umt. Es windet sich tr&#xE4;umend auf harten Kissen.</p><p>Horch! Horch! Wie es st&#xF6;hnt von b&#xF6;sen Erinnerungen! Oder b&#xF6;sen Erwartungen?</p><p>Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch gram um deinetwillen.</p><p>Ach, da&#xDF; meine Hand nicht St&#xE4;rke genug hat! Gerne, wahrlich, m&#xF6;chte ich dich von b&#xF6;sen Tr&#xE4;umen erl&#xF6;sen! —</p><p>Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermut und Bitterkeit &#xFC;ber sich selber. Wie! Zarathustra! sagte er, willst du noch dem Meere Trost singen?</p><p>Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-&#xDC;berseliger! Aber so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.</p><p>Jedes Unget&#xFC;m wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Atems, ein wenig weiches Gezottel an der Tatze —: und gleich warst du bereit, es zu lieben und zu locken.</p><p>Die <emphasis>Liebe </emphasis>ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu allem, <emphasis>wenn es nur lebt</emphasis>! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine Bescheidenheit in der Liebe! —</p><empty-line/><p>Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber gedachte er seiner verlassenen Freunde – und wie als ob er sich mit seinen Gedanken an ihnen vergangen habe, z&#xFC;rnte er sich ob seiner Gedanken. Und alsbald geschah es, da&#xDF; der Lachende weinte: – vor Zorn und Sehnsucht weinte Zarathustra bitterlich.</p></section><section><title><p>Vom Gesicht und R&#xE4;tsel</p></title><subtitle>1</subtitle><p>Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde<a l:href="#n_113" type="note">[113]</a>, da&#xDF; Zarathustra auf dem Schiffe sei – denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen, der von den gl&#xFC;ck seligen Inseln kam —, da entstand eine gro&#xDF;e Neugierde und Erwartung. Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war kalt und taub vor Traurigkeit, also, da&#xDF; er weder auf Blicke noch auf Fragen antwortete. Am Abende aber des zweiten Tages tat er seine Ohren wieder auf, ob er gleich noch schwieg: denn es gab viel Seltsames und Gef&#xE4;hrliches auf diesem Schiffe anzuh&#xF6;ren, welches weither kam und noch weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund aller solchen, die weite Reisen tun und nicht ohne Gefahr leben m&#xF6;gen. Und siehe! zuletzt wurde ihm im Zuh&#xF6;ren die eigne Zunge gel&#xF6;st, und das Eis seines Herzens brach: – da begann er also zu reden:</p><p>Euch, den k&#xFC;hnen Suchern, Versuchern, u je sich mit listigen Segeln auf furchtbare Meere einschifte —</p><p>euch den R&#xE4;tsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Fl&#xF6;ten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:</p><p>– denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Fade nachtasten; und, wo ihr <emphasis>erraten </emphasis>k&#xF6;nnt, da ha&#xDF;t ihr es, zu <emphasis>erschlie&#xDF;en —</emphasis></p><p>euch allein erz&#xE4;hle ich das R&#xE4;tsel, das ich <emphasis>sah – </emphasis>das Gesicht des Einsamsten. —</p><p>D&#xFC;ster ging ich j&#xFC;ngst durch leichenfarbne D&#xE4;mmerung – d&#xFC;ster und hart, mit gepre&#xDF;ten Lippen. Nicht nur eine Sonne war mir untergegangen.</p><p>Ein Pfad, der tronzig durch Ger&#xF6;ll stieg, ein boshafter, einsamer, dem nicht Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Berg-Pfad knirschte unter dem Trotz meines Fu&#xDF;es.</p><p>Stumm &#xFC;ber h&#xF6;hnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein zertretend, der. ihn gleiten lie&#xDF;: also zwang mein Fu&#xDF; sich aufw&#xE4;rts.</p><p>Aufw&#xE4;rts: – dem Geiste zum Trotz, der ihn abw&#xE4;rts zog, abgrundw&#xE4;rts zog, dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.</p><p>Aufw&#xE4;rts: – obwohl er auf mir sa&#xDF;, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm; l&#xE4;hmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn tr&#xE4;ufelnd<a l:href="#n_114" type="note">[114]</a>.</p><p>»O Zarathustra«, raunte er h&#xF6;hnisch Silb’ um Silbe, »du Stein der Weisheit! Du warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein mu&#xDF; – fallen!</p><p>O Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du Stern-Zertr&#xFC;mmerer! Dich selber warfst du so hoch – aber jeder geworfene Stein – mu&#xDF; fallen!</p><p>Verurteilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: o Zarathustra, weit warfst du ja den Stein – aber auf <emphasis>dich </emphasis>wird er zur&#xFC;ckfallen!«</p><p>Drauf schwieg der Zwerg; und das w&#xE4;hrte lange. Sein Schweigen aber dr&#xFC;ckte mich; und solcherma&#xDF;en zu zwein ist man wahrlich einsamer als zu einem!</p><p>Ich stieg, ich stieg, ich tr&#xE4;umte, ich dachte – aber alles dr&#xFC;ckte mich. Einem Kranken glich ich, den seine schlimme Marter m&#xFC;de macht, und den wieder ein schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt. —</p><p>Aber es gibt etwas in mir, das ich Mut hei&#xDF;e: das schlug bisher mir jeden Unmut tot. Dieser Mut hie&#xDF; mich endlich stillestehn und sprechen: »Zwerg! Du! Oder ich!« —</p><p>Mut n&#xE4;mlich ist der beste Totschl&#xE4;ger – Mut, welcher <emphasis>angreift: </emphasis>denn in jedem Angriffe ist klingendes Spiel.</p><p>Der Mensch aber ist das mutigste Tier: damit &#xFC;berwand er jedes Tier. Mit klingendem Spiele &#xFC;berwand er noch jeden Schmerz; Menschen-Schmerz aber ist der tiefste Schmerz.</p><p>Der Mut schl&#xE4;gt auch den Schwindel tot an Abgr&#xFC;nden: und wo st&#xFC;nde der Mensch nicht an Abgr&#xFC;nden! Ist Sehen nicht selber – Abgr&#xFC;nde sehen?</p><p>Mut ist der beste Totschl&#xE4;ger: der Mut schl&#xE4;gt auch das Mitleiden tot. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in das Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leiden.</p><p>Mut aber ist der beste Totschl&#xE4;ger, Mut, der angreift: der schl&#xE4;gt noch den Tod tot, denn er spricht: »War <emphasis>das </emphasis>das Leben? Wohlan! Noch einmal!«</p><p>In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der h&#xF6;re. —</p><subtitle>2</subtitle><p>»Halt! Zwerg!« sprach ich. »Ich! Oder du! Ich aber bin der St&#xE4;rkere von uns beiden —: du kennst meinen abgr&#xFC;ndlichen Gedanken nicht! <emphasis>Den – </emphasis>k&#xF6;nntest du nicht tragen!« —</p><p>Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es war aber gerade da ein Torweg, wo wir hielten.</p><p>»Siehe diesen Torweg! Zwerg!« sprach ich weiter: »der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen:</p><p>die ging noch niemand zu Ende.</p><p>Diese lange Gasse zur&#xFC;ck: die w&#xE4;hrt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus – das ist eine andre Ewigkeit.</p><p>Sie widersprechen sich, diese Wege; sie sto&#xDF;en sich gerade vor den Kopf: – und hier, an diesem Torwege, ist es, wo sie zusammenkommen. Der Name des Torwegs steht oben geschrieben: ›Augenblick‹.</p><p>Aber wer einen von ihnen weiterginge – und immer weiter und immer ferner: glaubst du, Zwerg, da&#xDF; diese Wege sich ewig widersprechen?« —</p><p>»Alles Gerade l&#xFC;gt«, murmelte ver&#xE4;chtlich der Zwerg. »Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis.«</p><p>»Du Geist der Schwere!« sprach ich z&#xFC;rnend, »mache dir es nicht zu leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfu&#xDF; – und ich trug dich <emphasis>hochl</emphasis></p><p>Siehe«, sprach ich weiter, »diesen Augenblick! Von diesem Torwege Augenblick l&#xE4;uft eine lange ewige Gasse <emphasis>r&#xFC;ckw&#xE4;rts: </emphasis>hinter uns liegt eine Ewigkeit.</p><p>Mu&#xDF; nicht, was laufen <emphasis>kann </emphasis>von allen Dingen, schon einmal diese Gasse gelaufen sein? Mu&#xDF; nicht, was geschehn <emphasis>kann </emphasis>von allen Dingen, schon einmal geschehn, getan, vor&#xFC;bergelaufen sein?</p><p>Und wenn alles schon dagewesen ist: was h&#xE4;ltst du Zwerg von diesem Augenblick? Mu&#xDF; auch dieser Torweg nicht schon – dagewesen sein?</p><p>Und sind nicht solcherma&#xDF;en fest alle Dinge verknotet, da&#xDF; dieser Augenblick <emphasis>alle </emphasis>kommenden Dinge nach sich zieht? <emphasis>Also </emphasis>– sich selber noch?</p><p>Denn, was laufen <emphasis>kann </emphasis>von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse <emphasis>hinaus – mu&#xDF; </emphasis>es einmal noch laufen! – Und diese langsame Spinne, die im Mondschein kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du im Torwege, zusammen fl&#xFC;sternd, von ewigen Dingen fl&#xFC;sternd – m&#xFC;ssen wir nicht alle schon dagewesen sein?</p><p>– und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse – m&#xFC;ssen wir nicht ewig wiederkommen? —«</p><p>Also redete ich, und immer leiser: denn ich f&#xFC;rchtete mich vor meinen eignen Gedanken und Hintergedanken. Da, pl&#xF6;tzlich, h&#xF6;rte ich einen Hund nahe <emphasis>heulen.</emphasis></p><p>H&#xF6;rte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zur&#xFC;ck. Ja! Als ich Kind war, in fernster Kindheit:</p><p>– da h&#xF6;rte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gestr&#xE4;ubt, den Kopf nach oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an Gespenster glauben:</p><p>– also da&#xDF; es mich erbarmte. Eben n&#xE4;mlich ging der volle Mond, totschweigsam, &#xFC;ber das Haus, eben stand er still, eine runde Glut – still auf flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigentume: —</p><p>darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und Gespenster. Und als ich wieder so heulen h&#xF6;rte, da erbarmte es mich abermals.</p><p>Wohin war jetzt Zwerg? Und Torweg? Und Spinne? Und alles Fl&#xFC;stern? Tr&#xE4;umte ich denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich mit einem Male, allein, &#xF6;de, im &#xF6;desten Mondscheine.</p><p><emphasis>Aber da lag ein Mensch</emphasis>! Und da! Der Hund, springend, gestr&#xE4;ubt, winselnd – jetzt sah er mich kommen – da heulte er wieder, da <emphasis>schrie er. – </emphasis>h&#xF6;rte ich je einen Hund so Hilfe schrein?</p><p>Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen Hirten sah ich, sich windend, w&#xFC;rgend, zuckend, verzerrten Antlitzes, dem eine schwarze schwere Schlange aus dem Munde hing.</p><p>Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf einem Antlitze? Er hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund – da bi&#xDF; sie sich fest.</p><p>Meine Hand ri&#xDF; die Schlange und ri&#xDF;: – umsonst! sie ri&#xDF; die Schlange nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Bei&#xDF; zu! Bei&#xDF; zu!</p><p>Den Kopf ab! Bei&#xDF; zu!« – so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Ha&#xDF;, mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit <emphasis>einem </emphasis>Schrei aus mir. —</p><p>Ihr K&#xFC;hnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit listigen Segeln sich in unerforschte Meere einschifte! Ihr R&#xE4;tsel-Frohen!</p><p>So ratet mir doch das R&#xE4;tsel, das ich damals schaute, so deutet mir doch das Gesicht des Einsamsten!</p><p>Denn ein Gesicht war’s und ein Vorhersehn: – <emphasis>was </emphasis>sah ich damals im Gleichnisse? Und <emphasis>wer </emphasis>ist, der einst noch kommen mu&#xDF;?</p><p><emphasis>Wer </emphasis>ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? <emphasis>Wer </emphasis>ist der Mensch, dem also alles Schwerste, Schw&#xE4;rzeste in den Schlund kriechen wird?</p><p>– Der Hirt aber bi&#xDF;, wie mein Schrei ihm riet; er bi&#xDF; mit gutem Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange —: und sprang empor. —</p><p>Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch – ein Verwandelter, ein Umleuchteter, welcher <emphasis>lachte</emphasis>! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie er lachte!</p><p>O meine Br&#xFC;der, ich h&#xF6;rte ein Lachen, das keines Menschen Lachen war – und nun fri&#xDF;t ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer stille wird.</p><p>Meine Sehnsucht nach diesem Lachen fri&#xDF;t an mir: o wie ertrage ich noch zu leben! Und wie ertr&#xFC;ge ich’s, jetzt zu sterben! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von der Seligkeit Wider Willen</p></title><p>Mit solchen R&#xE4;tseln und Bitternissen im Herzen fuhr Zarathustra &#xFC;ber das Meer. Als er aber vier Tagereisen fern war von den gl&#xFC;ckseligen Inseln und von seinen Freunden, da hatte er allen seinen Schmerz &#xFC;berwunden —: siegreich und mit festen F&#xFC;&#xDF;en stand er wieder auf seinem Schicksal. Und damals redete Zarathustra also zu seinem frohlockenden Gewissen:</p><empty-line/><p>Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und freiem Meere; und wieder ist Nachmittag um mich.</p><p>Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des Nachmittags auch zum anderen Male zur Stunde, da alles Licht stiller wird.</p><p>Denn was von Gl&#xFC;ck noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das sucht sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele<a l:href="#n_115" type="note">[115]</a>: <emphasis>vor </emphasis>Gl&#xFC;ck ist alles Licht jetzt stiller worden.</p><p>O Nachmittag meines Lebens! Einst stieg auch <emphasis>mein </emphasis>Gl&#xFC;ck zu Tale, da&#xDF; es sich eine Herberge suche: da fand es diese offnen gastfreundlichen Seelen.</p><p>O Nachmittag meines Lebens! Was gab ich nicht hin, da&#xDF; ich <emphasis>eins </emphasis>h&#xE4;tte: diese lebendige Pflanzung meiner Gedanken und dies Morgenlicht meiner h&#xF6;chsten Hoffnung.</p><p>Gef&#xE4;hrten suchte einst der Schaffende und Kinder <emphasis>seiner </emphasis>Hoffnung: und siehe, es fand sich, da&#xDF; er sie nicht finden k&#xF6;nne, es sei denn, er schaffe sie selber erst.</p><p>Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von ihnen kehrend: um seiner Kinder willen mu&#xDF; Zarathustra sich selbst vollenden.</p><p>Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo gro&#xDF;e Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand ich’s.</p><p>Noch gr&#xFC;nen mir meine Kinder in ihrem ersten Fr&#xFC;hlinge, nahe beieinander stehend und gemeinsam von Winden gesch&#xFC;ttelt, die B&#xE4;ume meines Gartens und besten Erdreichs.</p><p>Und wahrlich! Wo solche B&#xE4;ume beieinanderstehn, da <emphasis>sind </emphasis>gl&#xFC;ckselige Inseln!</p><p>Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden f&#xFC;r sich allein stellen: da&#xDF; er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.</p><p>Knorrig und gekr&#xFC;mmt und mit biegsamer H&#xE4;rte soll er mir dann am Meere dastehn, ein lebendiger Leuchtturm unbesiegbaren Lebens.</p><p>Dort, wo die St&#xFC;rme hinab ins Meer st&#xFC;rzen, und des Gebirgs R&#xFC;ssel Wasser trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen haben<a l:href="#n_116" type="note">[116]</a>, zu <emphasis>seiner </emphasis>Pr&#xFC;fung und Erkenntnis.</p><p>Erkannt und gepr&#xFC;ft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und Abkunft ist<a l:href="#n_117" type="note">[117]</a> – ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch wenn er redet, und nachgebend also, da&#xDF; er im Geben <emphasis>nimmt: —</emphasis></p><p>– da&#xDF; er einst mein Gef&#xE4;hrte werde und ein Mitschaffender und Mitfeiernder Zarathustras —: ein solcher, der mir meinen Willen auf meine Tafeln schreibt: zu aller Dinge vollerer Vollendung.</p><p>Und um seinetwillen und seinesgleichen mu&#xDF; ich selber <emphasis>mich </emphasis>vollenden: darum weiche ich jetzt meinem Gl&#xFC;cke aus und biete mich allem Ungl&#xFC;cke an – zu <emphasis>meiner </emphasis>letzten Pr&#xFC;fung und Erkenntnis.</p><p>Und wahrlich, Zeit war’s, da&#xDF; ich ging; und des Wanderers Schatten und die l&#xE4;ngste Weile und die stillste Stun-de – – alle redeten mir zu: »Es ist h&#xF6;chste Zeit!«</p><p>Der Wind blies mir durchs Schl&#xFC;sselloch und sagte: »Komm!« Die T&#xFC;r sprang mir listig auf und sagte »Geh!«</p><p>Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren legte mir diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, da&#xDF; ich meiner Kinder Beute w&#xFC;rde und mich an sie verl&#xF6;re.</p><p>Begehren – das hei&#xDF;t mir schon: mich verloren haben. <emphasis>Ich habe euch, meine Kinder! </emphasis>In diesem Haben soll alles Sicherheit und nichts Begehren sein.</p><p>Aber br&#xFC;tend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte kochte Zarathustra – da flogen Schatten und Zweifel &#xFC;ber mich weg.</p><p>Nach Frost und Winter gel&#xFC;stete mich schon: »O da&#xDF; Frost und Winter mich wieder knacken und knirschen machten!« seufzte ich: – da stiegen eisige Nebel aus mir auf.</p><p>Meine Vergangenheit brach ihre Gr&#xE4;ber, manch lebendig begrabner Schmerz wachte auf —: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in Leichen-Gew&#xE4;nder<a l:href="#n_118" type="note">[118]</a>.</p><p>Also rief mir alles in Zeichen zu: »Es ist Zeit!« Aber ich – h&#xF6;rte nicht: bis endlich mein Abgrund sich r&#xFC;hrte und mein Gedanke mich bi&#xDF;.</p><p>Ach, abgr&#xFC;ndlicher Gedanke, der du <emphasis>mein </emphasis>Gedanke bist! Wann finde ich die St&#xE4;rke, dich graben zu h&#xF6;ren und nicht mehr zu zittern?</p><p>Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben h&#xF6;re! Dein Schweigen noch will mich w&#xFC;rgen, du abgr&#xFC;ndlich Schweigender!</p><p>Noch wagte ich niemals, dich <emphasis>herauf zu </emphasis>rufen: genug schon, da&#xDF; ich dich mit mir – trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten L&#xF6;wen-&#xDC;bermute und -Mutwillen.</p><p>Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst soll ich noch die St&#xE4;rke finden und die L&#xF6;wen-Stimme, die dich heraufruft!</p><p>Wenn ich mich dessen erst &#xFC;berwunden habe, dann will ich mich auch des Gr&#xF6;&#xDF;eren noch &#xFC;berwinden; und ein <emphasis>Sieg </emphasis>soll meiner Vollendung Siegel sein! —</p><p>Inzwischen treibe ich noch auf Ungewissen Meeren; der Zufall schmeichelt mir, der glattz&#xFC;ngige; vorw&#xE4;rts und r&#xFC;ckw&#xE4;rts schaue ich – noch schaue ich kein Ende.</p><p>Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht – oder kommt sie mir wohl eben? Wahrlich, mit t&#xFC;ckischer Sch&#xF6;nheit schaut mich rings Meer und Leben an!</p><p>O Nachmittag meines Lebens! O Gl&#xFC;ck vor Abend! O Hafen auf hoher See! O Friede im Ungewissen! Wie mi&#xDF;traue ich euch allen!</p><p>Wahrlich, mi&#xDF;trauisch bin ich gegen eure t&#xFC;ckische Sch&#xF6;nheit<a l:href="#n_119" type="note">[119]</a> ! Dem Liebenden gleiche ich, der allzu samtenem L&#xE4;cheln mi&#xDF;traut.</p><p>Wie er die Geliebteste vor sich her st&#xF6;&#xDF;t, z&#xE4;rtlich noch in seiner H&#xE4;rte, der Eifers&#xFC;chtige – also sto&#xDF;e ich diese selige Stunde vor mir her.</p><p>Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider Willen! Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier: – zur Unzeit kamst du!</p><p>Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort – bei meinen Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit <emphasis>meinem </emphasis>Gl&#xFC;cke!</p><p>Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin – mein Gl&#xFC;ck! —</p><p>Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Ungl&#xFC;ck die ganze Nacht: aber er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und das Gl&#xFC;ck selber kam ihm immer n&#xE4;her und n&#xE4;her. Gegen Morgen aber lachte Zarathustra zu seinem Herzen und sagte sp&#xF6;ttisch: »Das Gl&#xFC;ck l&#xE4;uft mir nach. Das kommt davon, da&#xDF; ich nicht den Weibern nachlaufe. Das Gl&#xFC;ck aber ist ein Weib.«</p></section><section><title><p>Vor Sonnen-Aufgang</p></title><p>O Himmel &#xFC;ber mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend schaudere ich vor g&#xF6;ttlichen Begierden.</p><p>In deine H&#xF6;he mich zu werfen – das ist <emphasis>meine </emphasis>Tiefe! In deine Reinheit mich zu bergen – das ist <emphasis>meine </emphasis>Unschuld!</p><p>Den Gott verh&#xFC;llt seine Sch&#xF6;nheit: so verbirgst du deine Sterne. Du redest nicht: so k&#xFC;ndest du mir deine Weisheit.</p><p>Stumm &#xFC;ber brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe und deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.</p><p>Da&#xDF; du sch&#xF6;n zu mir kamst, verh&#xFC;llt in deine Sch&#xF6;nheit, da&#xDF; du stumm zu mir sprichst, offenbar in deiner Weisheit:</p><p>O wie erriete ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! Vor der Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten.</p><p>Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.</p><p>Wir reden nicht zueinander, weil wir zu vieles wissen – : wir schweigen uns an, wir l&#xE4;cheln uns unser Wissen zu.</p><p>Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht?</p><p>Zusammen lernten wir alles; zusammen lernten wir &#xFC;ber uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos l&#xE4;cheln: —</p><p>– wolkenlos hinab l&#xE4;cheln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.</p><p>Und wanderte ich allein: <emphasis>wes </emphasis>hungerte meine Seele in N&#xE4;chten und Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, <emphasis>wen </emphasis>suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen?</p><p>Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Not war’s nur und ein Behelf des Unbeholfenen: – <emphasis>fliegen </emphasis>allein will mein ganzer Wille, in <emphasis>dich </emphasis>hinein fliegen!</p><p>Und wen ha&#xDF;te ich mehr als ziehende Wolken und alles, was dich befleckt? Und meinen eignen Ha&#xDF; ha&#xDF;te ich noch, weil er dich befleckte!</p><p>Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist – das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amensagen<a l:href="#n_120" type="note">[120]</a>.</p><p>Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen Halb-und-Halben, welche weder segnen lernten noch von Grund aus fluchen.</p><p>Lieber will ich noch unter verschlo&#xDF;nem Himmel in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken befleckt sehn!</p><p>Und oft gel&#xFC;stete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddr&#xE4;hten festzuheften<a l:href="#n_121" type="note">[121]</a>, da&#xDF; ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die Pauke schl&#xFC;ge: —</p><p>– ein zorniger Paukenschl&#xE4;ger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben, du Himmel &#xFC;ber mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! – weil sie dir <emphasis>mein ]a! </emphasis>und Amen! rauben.</p><p>Denn lieber noch will ich L&#xE4;rm und Donner und Wetter-Fl&#xFC;che, als diese bed&#xE4;chtige zweifelnde Katzen Ruhe; und auch unter Menschen hasse ich am besten alle Leisetreter und Halb-und-Halben und zweifelnde, z&#xF6;gernde Zieh-Wolken.</p><p>Und »wer nicht segnen kann, der soll fluchen <emphasis>lernen!« – </emphasis>diese helle Lehre fiel mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in schwarzen N&#xE4;chten an meinem Himmel.</p><p>Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-Sager, wenn du nur um mich bist, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! – in alle Abgr&#xFC;nde trage ich da noch mein segnendes Ja-Sagen.</p><p>Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-Sagenden: und dazu rang ich lange und war ein Ringer, da&#xDF; ich einst die H&#xE4;nde frei bek&#xE4;me zum Segnen.</p><p>Das aber ist mein Segnen: &#xFC;ber jedwedem Ding als sein eigener Himmel stehn, als sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit: und selig ist, wer also segnet!</p><p>Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von Gut und B&#xF6;se; Gut und B&#xF6;se selber aber sind nur Zwischenschatten und feuchte Tr&#xFC;bsale und Zieh-Wolken.</p><p>Wahrlich, ein Segnen ist es und kein L&#xE4;stern, wenn ich lehre: »&#xDC;ber allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngef&#xE4;hr, der Himmel &#xDC;bermut.«</p><p>»Von Ohngef&#xE4;hr« – das ist der &#xE4;lteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen zur&#xFC;ck, ich erl&#xF6;ste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.</p><p>Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner Glocke &#xFC;ber alle Dinge, als ich lehrte, da&#xDF; &#xFC;ber ihnen und durch sie kein »ewiger Wille« —will.</p><p>Diesen &#xDC;bermut und diese Narrheit stellte ich an die Stelle jenes Willens, als ich lehrte: »Bei allem ist eins unm&#xF6;glich – Vern&#xFC;nftigkeit!«</p><p>Ein <emphasis>wenig </emphasis>Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern – dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt!</p><p>Ein wenig Weisheit ist schon m&#xF6;glich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: da&#xDF; sie lieber noch auf den F&#xFC;&#xDF;en des Zufalls – <emphasis>tanzen.</emphasis></p><p>O Himmel &#xFC;ber mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, da&#xDF; es keine ewige Vernunft-Spinne undSpinnennetze gibt: —</p><p>– da&#xDF; du mir ein Tanzboden bist f&#xFC;r g&#xF6;ttliche Zuf&#xE4;lle, da&#xDF; du mir ein G&#xF6;ttertisch bist f&#xFC;r g&#xF6;ttliche W&#xFC;rfel und W&#xFC;rfelspieler! —</p><p>Doch du err&#xF6;test? Sprach ich Unaussprechbares? L&#xE4;sterte ich, indem ich dich segnen wollte?</p><p>Oder ist es die Scham zu zweien, welche dich err&#xF6;ten machte? – Hei&#xDF;est du mich gehn und schweigen, weil nun – der <emphasis>Tag </emphasis>kommt?</p><p>Die Welt ist tief —: und tiefer, als je der Tag gedacht hat. Nicht alles darf vor dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden wir nun!</p><p>O Himmel &#xFC;ber mir, du Schamhafter! Gl&#xFC;hender! O du mein Gl&#xFC;ck vor Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von der Verkleinernden Tugend</p></title><subtitle>1</subtitle><p>Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, ging er nicht stracks auf sein Gebirge und seine H&#xF6;hle los, sondern tat viele Wege und Fragen und erkundete dies und das, also, da&#xDF; er von sich selber im Scherze sagte: »Siehe einen Flu&#xDF;, der in vielen Windungen zur&#xFC;ck zur Quelle flie&#xDF;t!« Denn er wollte in Erfahrung bringen<a l:href="#n_122" type="note">[122]</a>, was sich inzwischen mit <emphasis>dem Menschen </emphasis>zugetragen habe: ob er gr&#xF6;&#xDF;er oder kleiner geworden sei. Und einmal sah er eine Reihe neuer H&#xE4;user; da wunderte er sich und sagte:</p><p>»Was bedeuten diese H&#xE4;user? Wahrlich, keine gro&#xDF;e Seele stellte sie hin, sich zum Gleichnisse!</p><p>Nahm wohl ein bl&#xF6;des Kind sie aus seiner Spielschachtel? Da&#xDF; doch ein anderes Kind sie wieder in seine Schachtel t&#xE4;te!</p><p>Und diese Stuben und Kammern: k&#xF6;nnen <emphasis>M&#xE4;nner </emphasis>da. aus- und eingehen? Gemacht d&#xFC;nken sie mich f&#xFC;r Seiden-Puppen oder f&#xFC;r Naschkatzen, die auch wohl an sich naschen lassen.«</p><p>Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Edlich sagte er betr&#xFC;bt: »Es ist <emphasis>alles </emphasis>kleiner geworden!</p><p>&#xDC;berall sehe ich niedrigere Tore: wer <emphasis>meiner </emphasis>Art ist, geht da wohl noch hindurch, aber – er mu&#xDF; sich b&#xFC;cken!</p><p>O wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr b&#xFC;cken mu&#xDF; – nicht mehr b&#xFC;cken mu&#xDF; <emphasis>vor den Kleinen!« – </emphasis>Und Zarathustra seufzte und blickte in die Ferne. —</p><p>Desselbigen Tages aber redete er seine Rede &#xFC;ber die verkleinernde Tugend.</p><subtitle>2</subtitle><p>Ich gehe durch dies Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben mir es nicht, da&#xDF; ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.</p><p>Sie bei&#xDF;en nach mir, weil ich zu ihnen sage: f&#xFC;r kleine Leute sind kleine Tugenden n&#xF6;tig – und weil es mir hart eingeht<a l:href="#n_123" type="note">[123]</a>, da&#xDF; kleine Leute <emphasis>n&#xF6;tig </emphasis>sind!</p><p>Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Geh&#xF6;fte, nach dem auch die Hennen bei&#xDF;en; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.</p><p>Ich bin h&#xF6;flich gegen sie, wie gegen alles kleine &#xC4;rgernis: gegen das Kleine stachlicht zu sein, d&#xFC;nkt mich eine Weisheit f&#xFC;r Igel.</p><p>Sie reden alle von mir, wenn sie abends ums Feuer sitzen – sie reden von mir, aber niemand denkt – an mich!</p><p>Dies ist die neue Stille, die ich lernte: ihr L&#xE4;rm um mich breitet einen Mantel &#xFC;ber meine Gedanken.</p><p>Sie l&#xE4;rmen untereinander: »Was will uns diese d&#xFC;stere Wolke? sehen wir zu, da&#xDF; sie uns nicht eine Seuche bringe!«</p><p>Und j&#xFC;ngst ri&#xDF; ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: »Nehmt die Kinder weg!« schrie es; »solche Augen versengen Kinder-Seelen.«</p><p>Sie husten, wenn ich rede; sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen starke Winde – sie erraten nichts vom Brausen meines Gl&#xFC;ckes!</p><p>»Wir haben noch keine Zeit f&#xFC;r Zarathustra« – so wenden sie ein; aber was liegt an einer Zeit, die f&#xFC;r Zarathustra »keine Zeit hat«?</p><p>Und wenn sie gar mich r&#xFC;hmen: wie k&#xF6;nnte ich wohl auf <emphasis>ihrem </emphasis>Ruhme einschlafen? Ein Stachel-G&#xFC;rtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch, wenn ich es von mir tue.</p><p>Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als g&#xE4;be er zur&#xFC;ck, in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!</p><p>Fragt meinen Fu&#xDF;, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gef&#xE4;llt! Wahrlich, nach solchem Takt und Ticktack mag er weder tanzen noch stillestehn.</p><p>Zur kleinen Tugend m&#xF6;chten sie mich locken und loben; zum Ticktack des kleinen Gl&#xFC;cks m&#xF6;chten sie meinen Fu&#xDF; &#xFC;berreden.</p><p>Ich gehe durch dies Volk und halte die Augen offen: sie sind <emphasis>kleiner </emphasis>geworden und werden immer kleiner: – <emphasis>das aber macht ihre Lehre von Gl&#xFC;ck und Tugend.</emphasis></p><p>Sie sind n&#xE4;mlich auch in der Tugend bescheiden – denn sie wollen Behagen. Mit Behagen aber vertr&#xE4;gt sich nur die bescheidene Tugend.</p><p>Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorw&#xE4;rts-Schreiten: das hei&#xDF;e ich ihr <emphasis>Humpeln —. </emphasis>Damit werden sie jedem zum Ansto&#xDF;<a l:href="#n_124" type="note">[124]</a>, der Eile hat.</p><p>Und mancher von ihnen geht vorw&#xE4;rts und blickt dabei zur&#xFC;ck, mit versteiftem Nacken: Dem renne ich gern wider den Leib.</p><p>Fu&#xDF; und Augen sollen nicht l&#xFC;gen noch sich einan – der L&#xFC;gen strafen. Aber es ist viel L&#xFC;gnerei bei den kleinen Leuten.</p><p>Einige von ihnen wollen, aber die meisten werden nur gewollt. Einige von ihnen sind echt, aber die meisten sind schlechte Schauspieler.</p><p>Es gibt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler wider Willen – die Echten sind immer selten, sonderlich die echten Schauspieler.</p><p>Des Mannes ist hier wenig: darum verm&#xE4;nnlichen sich ihre Weiber. Denn nur wer Mannes genug ist, wird im Weibe <emphasis>das Weib – erl&#xF6;sen.</emphasis></p><p>Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: da&#xDF; auch die, welche befehlen, die Tugenden derer heucheln, welche dienen.</p><p>»Ich diene, du dienst, wir dienen« so betet hier auch die Heuchelei der Herrschenden – und wehe, wenn der erste Herr <emphasis>nur der </emphasis>erste Diener ist!</p><p>Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier; und gut erriet ich all ihr Fliegen-Gl&#xFC;ck und ihr Summen um besonnte Fensterscheiben.</p><p>Soviel G&#xFC;te, soviel Schw&#xE4;che sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und Mitleiden, soviel Schw&#xE4;che.</p><p>Rund, rechtlich und g&#xFC;tig sind sie miteinander, wie Sandk&#xF6;rnchen rund, rechtlich und g&#xFC;tig mit Sandk&#xF6;rnchen sind.</p><p>Bescheiden ein kleines Gl&#xFC;ck umarmen – das hei&#xDF;en sie »Ergebung«! und dabei schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Gl&#xFC;cke aus.</p><p>Sie wollen im Grunde einf&#xE4;ltiglich eins am meisten: da&#xDF; ihnen niemand wehe tue. So kommen sie jedermann zuvor und tun ihm wohl.</p><p>Dies aber ist <emphasis>Feigheit: </emphasis>ob es schon »Tugend« hei&#xDF;t. —</p><p>Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: <emphasis>ich </emphasis>h&#xF6;re darin nur ihre Heiserkeit – jeder Windzug n&#xE4;mlich macht sie heiser.</p><p>Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die F&#xE4;uste, ihre Finger wissen nicht, sich hinter F&#xE4;uste zu verkriechen<a l:href="#n_125" type="note">[125]</a>.</p><p>Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem Haustiere.</p><p>»Wir setzten unsern Stuhl in die <emphasis>Mitte«– </emphasis>das sagt mir ihr Schmunzeln – »und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergn&#xFC;gten S&#xE4;uen.«</p><p>Dies aber ist – <emphasis>Mittelm&#xE4;&#xDF;igkeit: </emphasis>ob es schon M&#xE4;&#xDF;igkeit hei&#xDF;t. —</p><subtitle>3</subtitle><p>Ich gehe durch dies Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie wissen weder zu nehmen noch zu behalten. Sie wundern sich, da&#xDF; ich nicht kam, auf L&#xFC;ste und Laster zu l&#xE4;stern; und wahrlich, ich kam auch nicht, da&#xDF; ich vor Taschendieben warnte!</p><p>Sie wundern sich, da&#xDF; ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu witzigen und zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Kl&#xFC;glinge h&#xE4;tten, deren Stimme mir gleich Schieferstiften kritzelt<a l:href="#n_126" type="note">[126]</a>!</p><p>Und wenn ich rufe: »Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne winseln und H&#xE4;nde falten und anbeten m&#xF6;chten.« so rufen sie: »Zarathustra ist gottlos.«</p><p>Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung – aber gerade ihnen liebe ich’s, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich <emphasis>bin </emphasis>Zarathustra, der Gottlose!</p><p>Diese Lehrer der Ergebung! &#xDC;berallhin, wo es klein und krank und grindig ist, kriechen sie, gleich L&#xE4;usen; und nur mein Ekel hindert mich, sie zu knacken.</p><p>Wohlan! Dies ist meine Predigt f&#xFC;r <emphasis>ihre </emphasis>Ohren: ich bin Zarathustra, der Gottlose, der da spricht »Wer ist gottloser denn ich, da&#xDF; ich mich seiner Unterweisung freue?« Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich meinesgleichen? Und alle die sind meinesgleichen, die sich selber ihren Willen geben und alle Ergebung von sich abtun.</p><p>Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in <emphasis>meinem Topfe. </emphasis>Und erst, wenn er da gar gekocht ist, hei&#xDF;e ich ihn willkommen, als <emphasis>meine </emphasis>Speise. Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch sprach zu ihm mein <emphasis>Wille – </emphasis>da lag er schon bittend auf den Knien —</p><p>– bittend, da&#xDF; er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch zuredend: »Sieh doch, o Zarathustra, wie nur Freund zu Freunde kommt!« —</p><p>Doch was rede ich, wo niemand <emphasis>meine </emphasis>Ohren hat! Und so will ich es hinaus in alle Winde rufen:</p><p>Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr br&#xF6;ckelt ab, ihr Behaglichen! Ihr geht mir noch zugrunde —</p><p>– an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen, an eurer vielen kleinen Ergebung!</p><p>Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber da&#xDF; ein Baum <emphasis>gro&#xDF; </emphasis>werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen!</p><p>Auch was ihr unterla&#xDF;t, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft Blute lebt.</p><p>Und wenn ihr nehmt, so ist es wie Stehlen, ihr kleinen Tugendhaften; aber noch unter Schelmen spricht die <emphasis>Ehre: </emphasis>»Man soll nur stehlen, wo man nicht rauben kann.«</p><p>»Es gibt sich« – das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage euch, ihr Behaglichen: es <emphasis>nimmt sich </emphasis>und wird immer mehr noch von euch nehmen!</p><p>Ach, da&#xDF; ihr alles <emphasis>halbe </emphasis>Wollen von euch abt&#xE4;tet<a l:href="#n_127" type="note">[127]</a> und entschlossen w&#xFC;rdet zur Tr&#xE4;gheit wie zur Tat!</p><p>Ach, da&#xDF; ihr mein Wort verst&#xFC;ndet: »Tut immerhin, was ihr wollt – aber seid erst solche, die <emphasis>wollen k&#xF6;nnen!«</emphasis></p><p>»Liebt immerhin euren N&#xE4;chsten gleich euch – aber seid mir erst solche, <emphasis>die sich selber lieben —</emphasis></p><p>– mit der gro&#xDF;en Liebe lieben, mit der gro&#xDF;en Verachtung lieben!« Also spricht Zarathustra, der Gottlose. —</p><p>Doch was rede ich, wo niemand <emphasis>meine </emphasis>Ohren hat! Es ist hier noch eine Stunde zu fr&#xFC;h f&#xFC;r mich.</p><p>Mein eigner Vorl&#xE4;ufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner Hahnen-Ruf durch dunkle Gassen.</p><p>Aber <emphasis>ihre </emphasis>Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! St&#xFC;ndlich werden sie kleiner, &#xE4;rmer, unfruchtbarer – armes Kraut! armes Erdreich!</p><p>Und <emphasis>bald </emphasis>sollen sie mir dastehn wie d&#xFC;rres Gras und Steppe, und wahrlich! ihrer selber m&#xFC;de – und mehr als nach Wasser nach Feuer lechzend!</p><p>O gesegnete Stunde des Blitzes! O Geheimnis vor Mittag! – Laufende Feuer will ich einst noch aus ihnen machen und Verk&#xFC;nder mit Flammen-Zungen: —</p><p>– verk&#xFC;nden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist nahe, <emphasis>der gro&#xDF;e Mittag!</emphasis></p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Auf dem &#xD6;lberge<a l:href="#n_128" type="note">[128]</a></p></title><p>Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind meine H&#xE4;nde von seiner Freundschaft H&#xE4;ndedruck.</p><p>Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein sitzen. Gerne laufe ich ihm davon; und l&#xE4;uft man <emphasis>gut, </emphasis>so entl&#xE4;uft man ihm!</p><p>Mit warmen F&#xFC;&#xDF;en und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Wind stillesteht – zum Sonnen-Winkel meines &#xD6;lbergs.</p><p>Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, da&#xDF; er zu Hause mir die Fliegen wegf&#xE4;ngt und vielen kleinen L&#xE4;rm stille macht.</p><p>Er leidet es n&#xE4;mlich nicht, wenn eine M&#xFC;cke singen will, oder gar zwei; noch die Gasse macht er einsam, da&#xDF; der Mondschein drin nachts sich f&#xFC;rchtet.</p><p>Ein harter Gast ist er – aber ich ehre ihn, und nicht bete ich, gleich den Z&#xE4;rtlingen, zum dickb&#xE4;uchichten Feuer-G&#xF6;tzen.</p><p>Lieber noch ein wenig z&#xE4;hneklappern als G&#xF6;tzen anbeten! – so will’s meine Art. Und sonderlich bin ich allen br&#xFC;nstigen dampfenden dumpfigen Feuer-G&#xF6;tzen gram.</p><p>Wen ich liebe, den liebe ich winters besser als sommers; besser spotte ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause sitzt.</p><p>Herzhaft, wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett <emphasis>krieche —</emphasis>: da lacht und mutwillt noch mein verkrochenes Gl&#xFC;ck; es lacht noch mein L&#xFC;gen-Traum.</p><p>Ich ein – Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor M&#xE4;chtigen; und log ich je, so log ich aus Liebe. Deshalb bin ich froh auch im Winter-Bette.</p><p>Ein geringes Bett w&#xE4;rmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin eifers&#xFC;chtig auf meine Armut. Und im Winter ist sie mir am treuesten.</p><p>Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit einem kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.</p><p>Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: da&#xDF; er mir endlich den Himmel herauslasse aus aschgrauer D&#xE4;mmerung.</p><p>Sonderlich boshaft bin ich n&#xE4;mlich des Morgens: zur fr&#xFC;hen Stunde, da der Eimer am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen wiehern: —</p><p>Ungeduldig warte ich da, da&#xDF; mir endlich der lichte Himmel aufgehe, der schneeb&#xE4;rtige Winter-Himmel, der Greis und Wei&#xDF;kopf —</p><p>– der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne verschweigt!</p><p>Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er’s von mir? Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?</p><p>Aller guten Dinge Ursprung ist tausendf&#xE4;ltig – alle guten mutwilligen Dinge springen vor Lust ins Dasein: wie sollten sie das immer nur – <emphasis>ein </emphasis>Mal tun!</p><p>Ein gutes mutwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich dem Winter-Himmel blicken aus lichtem rund&#xE4;ugichtem Antlitze: —</p><p>– gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen Sonnen-Willen: wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Mutwillen lernte ich <emphasis>gut!</emphasis></p><p>Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, da&#xDF; mein Schweigen lernte, sich nicht durch Schweigen zu verraten.</p><p>Mit Worten und W&#xFC;rfeln klappernd &#xFC;berliste ich mir die feierlichen Warter<a l:href="#n_129" type="note">[129]</a>: allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck entschl&#xFC;pfen.</p><p>Da&#xDF; mir niemand in meinen Grund und letzten Willen hinabsehe – dazu erfand ich mir das lange lichte Schweigen.</p><p>So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und tr&#xFC;bte sein Wasser, da&#xDF; niemand ihm hindurch und hinunter sehe.</p><p>Aber zu ihm gerade kamen die kl&#xFC;geren Mi&#xDF;trauer und Nu&#xDF;knacker: ihm gerade fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!</p><p>Sondern die Hellen, die Wackeren, die Durchsichtigen – das sind mir die kl&#xFC;gsten Schweiger: denen so <emphasis>tief </emphasis>ihr Grund ist, da&#xDF; auch das hellste Wasser ihn nicht – verr&#xE4;t. —</p><p>Du schneeb&#xE4;rtiger schweigender Winter-Himmel, du rund&#xE4;ugichter Wei&#xDF;kopf &#xFC;ber mir! O du himmlisches Gleichnis meiner Seele und ihres Mutwillens!</p><p>Und <emphasis>mu&#xDF; </emphasis>ich mich nicht verbergen, gleich einem, der Gold verschluckt hat – da&#xDF; man mir nicht die Seele aufschlitze?</p><p><emphasis>Mu&#xDF; </emphasis>ich nicht Stelzen tragen, da&#xDF; sie meine langen Beine <emphasis>&#xFC;bersehen</emphasis><a l:href="#n_130" type="note">[130]</a> – alle diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?</p><p>Diese r&#xE4;ucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergr&#xFC;nten, vergr&#xE4;melten Seelen – wie <emphasis>k&#xF6;nnte </emphasis>ihr Neid mein Gl&#xFC;ck ertragen!</p><p>So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln – und <emphasis>nicht, </emphasis>da&#xDF; mein Berg noch alle Sonneng&#xFC;rtel um sich schlingt!</p><p>Sie h&#xF6;ren nur meine Winter-St&#xFC;rme pfeifen: und <emphasis>nicht, </emphasis>da&#xDF; ich auch &#xFC;ber warme Meere fahre, gleich sehns&#xFC;chtigen, schweren, hei&#xDF;en S&#xFC;dwinden.</p><p>Sie erbarmen sich noch meiner Unf&#xE4;lle und Zuf&#xE4;lle: – aber <emphasis>mein </emphasis>Wort hei&#xDF;t: »La&#xDF;t den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er wie ein Kindlein!«</p><p>Wie <emphasis>k&#xF6;nnten </emphasis>sie mein Gl&#xFC;ck ertragen, wenn ich nicht Unf&#xE4;lle und Winter-N&#xF6;te und Eisb&#xE4;ren-M&#xFC;tzen und Schneehimmel-H&#xFC;llen um mein Gl&#xFC;ck legte!</p><p>– wenn ich mich nicht selbst ihres <emphasis>Mitleids </emphasis>erbarmte: des Mitleids dieser Neidbolde und Leidholde!</p><p>– wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte, und mich geduldsam in ihr Mitleid wickeln <emphasis>lie&#xDF;e!</emphasis></p><p>Dies ist der weise Mutwille und Wohlwille meiner Seele, da&#xDF; sie ihren Winter und ihre Frostst&#xFC;rme <emphasis>nicht verbirgt; </emphasis>sie verbirgt auch ihre Frostbeulen nicht.</p><p>Des einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des andern Einsamkeit die Flucht <emphasis>vor </emphasis>den Kranken.</p><p>M&#xF6;gen sie mich klappern und seufzen <emphasis>h&#xF6;ren </emphasis>vor Winterk&#xE4;lte, alle diese armen scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und Geklapper fl&#xFC;chte ich noch vor ihren geheizten Stuben.</p><p>M&#xF6;gen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Fr&#xF6;stbeulen: »Am Eis der Erkenntnis <emphasis>erfriert </emphasis>er uns noch!« – so klagen sie.</p><p>Inzwischen laufe ich mit warmen F&#xFC;&#xDF;en kreuz und quer auf meinem &#xD6;lberge: im Sonnen-Winkel meines &#xD6;lberges singe und spotte ich alles Mitleids. —</p><p>Also sang Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Vor&#xFC;bergehen</p></title><p>Also, durch viel Volk und vielerlei St&#xE4;dte langsam hindurchschreitend, ging Zarathustra auf Umwegen zur&#xFC;ck zu seinem Gebirge und seiner H&#xF6;hle. Und siehe, dabei kam er unversehens auch an das Stadttor der <emphasis>gro&#xDF;en Stadt: </emphasis>hier aber sprang ein sch&#xE4;umender Narr mit ausgebreiteten H&#xE4;nden auf ihn zu und trat ihm in den Weg. Dies aber war derselbige Narr, welchen das Volk »den Affen Zarathustras« hie&#xDF;: denn er hatte ihm etwas vom Satz und Fall der Rede abgemerkt und borgte wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr aber redete also zu Zarathustra:</p><p>»O Zarathustra, hier ist die gro&#xDF;e Stadt: hier hast du nichts zu suchen und alles zu verlieren.</p><p>Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit deinem Fu&#xDF;e! Speie lieber auf das Stadttor und – kehre um!</p><p>Hier ist die H&#xF6;lle f&#xFC;r Einsiedler-Gedanken: hier werden gro&#xDF;e Gedanken lebendig gesotten und klein gekocht.</p><p>Hier verwesen alle gro&#xDF;en Gef&#xFC;hle: hier d&#xFC;rfen nur klapperd&#xFC;rre Gef&#xFC;hlchen klappern!</p><p>Riechst du nicht schon die Schlachth&#xE4;user und Gark&#xFC;chen des Geistes? Dampft nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?</p><p>Siehst du nicht die Seelen h&#xE4;ngen wie schlaffe schmutzige Lumpen? – Und sie machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!</p><p>H&#xF6;rst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges Wort-Sp&#xFC;licht bricht er heraus<a l:href="#n_131" type="note">[131]</a>! – Und sie machen noch Zeitungen aus diesem Wort-Sp&#xFC;licht.</p><p>Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und wissen nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit ihrem Golde.</p><p>Sie sind kalt und suchen sich W&#xE4;rme bei gebrannten Wassern<a l:href="#n_132" type="note">[132]</a>; sie sind erhitzt und suchen K&#xFC;hle bei gefrorenen Geistern; sie sind alle siech und s&#xFC;chtig an &#xF6;ffentlichen Meinungen.</p><p>Alle L&#xFC;ste und Laster sind hier zu Hause; aber es gibt hier auch Tugendhafte, es gibt viel anstellige angestellte Tugend<a l:href="#n_133" type="note">[133]</a>: —</p><p>Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und Wartefleisch, gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften stei&#xDF;losen T&#xF6;chtern.</p><p>Es gibt hier auch viel Fr&#xF6;mmigkeit und viel gl&#xE4;ubige Speichel-Leckerei, Speichel-B&#xE4;ckerei vor dem Gott der Heerscharen.</p><p>›Von oben‹ her tr&#xE4;ufelt ja der Stern und der gn&#xE4;dige Speichel; nach oben hin sehnt sich jeder sternenlose Busen.</p><p>Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondk&#xE4;lber: zu allem aber, was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige Bettel-Tugend.</p><p>›Ich diene, du dienst, wir dienen‹ – so betet alle anstellige Tugend hinauf zum F&#xFC;rsten: da&#xDF; der verdiente Stern sich endlich an den schmalen Busen hefte!</p><p>Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch der F&#xFC;rst noch um das Aller-Irdischste —: das aber ist das Gold der Kr&#xE4;mer.</p><p>Der Gott der Heerscharen ist kein Gott der Goldbarren; der F&#xFC;rst denkt, aber der Kr&#xE4;mer – lenkt<a l:href="#n_134" type="note">[134]</a>!</p><p>Bei allem, was licht und stark und gut in dir ist, o Zarathustra! Speie auf diese Stadt der Kr&#xE4;mer und kehre um!</p><p>Hier flie&#xDF;t alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle Adern: speie auf die gro&#xDF;e Stadt, welche der gro&#xDF;e Abraum ist, wo aller Abschaum zusammensch&#xE4;umt!</p><p>Speie auf die Stadt der eingedr&#xFC;ckten Seelen und schmalen Br&#xFC;ste, der spitzen Augen, der klebrigen Finger —</p><p>– auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unversch&#xE4;mten, der Schreib- und Schreih&#xE4;lse, der &#xFC;berheizten Ehrgeizigen: —</p><p>– wo alles Anbr&#xFC;chige, Anr&#xFC;chige, L&#xFC;sterne, D&#xFC;stere, &#xDC;berm&#xFC;rbe, Geschw&#xFC;rige, Verschw&#xF6;rerische zusammenschw&#xE4;rt: —</p><p>– speie auf die gro&#xDF;e Stadt und kehre um!« – —</p><empty-line/><p>Hier aber unterbrach Zarathustra den sch&#xE4;umenden Narren und hielt ihm den Mund zu.</p><p>»H&#xF6;re endlich auf!« rief Zarathustra, »mich ekelt lange schon deiner Rede und deiner Art!</p><p>Warum wohntest du so lange am Sumpfe, da&#xDF; du selber zum Frosch und zur Kr&#xF6;te werden mu&#xDF;test?</p><p>Flie&#xDF;t dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut durch die Adern, da&#xDF; du also quaken und l&#xE4;stern lerntest?</p><p>Warum gingst du nicht in den Wald? Oder pfl&#xFC;gtest die Erde? Ist das Meer nicht voll von gr&#xFC;nen Eilanden?</p><p>Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest – warum warntest du dich nicht selber?</p><p>Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel aufliegen: aber nicht aus dem Sumpfe! —</p><p>Man hei&#xDF;t dich meinen Affen, du sch&#xE4;umender Narr: aber ich hei&#xDF;e dich mein Grunze-Schwein – durch Grunzen verdirbst du mir noch mein Lob der Narrheit.</p><p>Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Da&#xDF; niemand dir genug <emphasis>geschmeichelt </emphasis>hat: – darum setztest du dich hin zu diesem Unr&#xE4;te, da&#xDF; du Grund h&#xE4;ttest viel zu grunzen —</p><p>– da&#xDF; du Grund h&#xE4;ttest zu vieler <emphasis>Rache! </emphasis>Rache n&#xE4;mlich, du eitler Narr, ist all dein Sch&#xE4;umen, ich erriet dich wohl!</p><p>Aber dein Narren-Wort tut wir Schaden, selbst wo du recht hast! Und wenn Zarathustras Wort sogar hundertmal recht <emphasis>h&#xE4;tte: du </emphasis>w&#xFC;rdest mit meinem Wort immer – unrecht <emphasis>tun!«</emphasis></p><p>Also sprach Zarathustra; und er blickte die gro&#xDF;e Stadt an, seufzte und schwieg lange. Endlich redete er also:</p><empty-line/><p>Mich ekelt auch dieser gro&#xDF;en Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier und dort ist nichts zu bessern, nichts zu b&#xF6;sem.</p><p>Wehe dieser gro&#xDF;en Stadt! – Und ich wollte, ich s&#xE4;he schon die Feuers&#xE4;ule, in der sie verbrannt wird!</p><p>Denn solche Feuers&#xE4;ulen m&#xFC;ssen dem gro&#xDF;en Mittage vorangehn. Doch dies hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal. —</p><p>Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht mehr lieben kann, da soll man – <emphasis>vor&#xFC;bergehn! —</emphasis></p><p>Also sprach Zarathustra und ging an dem Narren und der gro&#xDF;en Stadt vor&#xFC;ber.</p></section><section><title><p>Von den Abtr&#xFC;nnigen<a l:href="#n_135" type="note">[135]</a></p></title><subtitle>1</subtitle><p>Ach, liegt alles schon welk und grau, was noch j&#xFC;ngst auf dieser Wiese gr&#xFC;n und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von hier in meine Bienenk&#xF6;rbe!</p><p>Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden – und nicht alt einmal! nur m&#xFC;de, gemein, bequem: – sie hei&#xDF;en es »wir sind wieder fromm geworden«.</p><p>Noch j&#xFC;ngst sah ich sie in der Fr&#xFC;he auf tapferen F&#xFC;&#xDF;en hinauslaufen: aber ihre F&#xFC;&#xDF;e der Erkenntnis wurden m&#xFC;de, und nun verleumden sie auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!</p><p>Wahrlich, mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein T&#xE4;nzer, ihm winkte das Lachen in meiner Weisheit: – da besann er sich. Eben sah ich ihn krumm – zum Kreuze kriechen.</p><p>Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich M&#xFC;cken und jungen Dichtern. Ein wenig &#xE4;lter, ein wenig k&#xE4;lter: und schon sind sie Dunkler und Munkler und Ofenhocker.</p><p>Verzagte ihnen wohl das Herz darob<a l:href="#n_136" type="note">[136]</a>, da&#xDF; mich die Einsamkeit verschlang gleich einem Walfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehns&#xFC;chtiglange <emphasis>umsonst </emphasis>nach mir und meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?</p><p>– Ach! Immer sind ihrer nur wenige, deren Herz einen langen Mut und &#xDC;bermut hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber <emphasis>ist feige.</emphasis></p><p>Der Rest: das sind immer die allermeisten, der Alltag, der &#xDC;berflu&#xDF;, die Viel-zu-Vielen – diese alle sind feige! —</p><p>Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art &#xFC;ber den Weg laufen: also, da&#xDF; seine ersten Gesellen Leichname und Possenrei&#xDF;er sein m&#xFC;ssen.</p><p>Seine zweiten Gesellen aber – die werden sich seine <emphasis>Gl&#xE4;ubigen </emphasis>hei&#xDF;en: ein lebendiger Schw&#xE4;rm, viel Liebe, viel Torheit, viel unb&#xE4;rtige Verehrung.</p><p>An diese Gl&#xE4;ubigen soll der nicht sein Herz binden, wer meiner Art unter Menschen ist; an diese Lenze und bunten Wiesen soll der nicht glauben, wer die fl&#xFC;chtigfeige Menschenart kennt!</p><p><emphasis>K&#xF6;nnten </emphasis>sie anders, so w&#xFC;rden sie auch anders <emphasis>wollen. </emphasis>Halb-und-Halbe verderben alles Ganze. Da&#xDF; Bl&#xE4;tter welk werden – was ist da zu klagen!</p><p>La&#xDF; sie fahren und fallen, o Zarathustra, und klage nicht! Lieber noch blase mit raschelnden Winden unter sie —</p><p>– blase unter diese Bl&#xE4;tter, o Zarathustra: da&#xDF; alles Welke schneller noch von dir davonlaufe! —</p><subtitle>2</subtitle><p>»Wir sind wieder fromm geworden« – so bekennen diese Abtr&#xFC;nnigen; und manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.</p><p>Denen sehe ich ins Auge – denen sage ich es ins Gesicht und in die R&#xF6;te ihrer Wangen: ihr seid solche, welche wieder <emphasis>beten!</emphasis></p><p>Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht f&#xFC;r alle, aber f&#xFC;r dich und mich, und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. <emphasis>F&#xFC;r dich </emphasis>ist es eine Schmach, zu beten!</p><p>Du wei&#xDF;t es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne H&#xE4;nde-falten und H&#xE4;nde-in-den-Scho&#xDF;-legen und es bequemer haben m&#xF6;chte: – dieser feige Teufel redet dir zu »Es <emphasis>gibt </emphasis>einen Gott!«</p><p><emphasis>Damit </emphasis>aber geh&#xF6;rst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe l&#xE4;&#xDF;t; nun mu&#xDF;t du t&#xE4;glich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst stecken!</p><p>Und wahrlich, du w&#xE4;hltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die Nachtv&#xF6;gel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und Feierstunde, wo es nicht – »feiert«.</p><p>Ich h&#xF6;re und rieche es: es kam ihre Stunde f&#xFC;r Jagd und Umzug, nicht zwar f&#xFC;r eine wilde Jagd, sondern f&#xFC;r eine zahme lahme schn&#xFC;ffelnde Leisetreter- und Leisebeter-Jagd —</p><p>– f&#xFC;r eine Jagd auf seelenvolle Duckm&#xE4;user: alle Herzens-Mausefallen sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da kommt ein Nachtfalterchen herausgest&#xFC;rzt.</p><p>Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn &#xFC;berall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es K&#xE4;mmerlein gibt, da gibt es neue Betbr&#xFC;der drin und den Dunst von Bet-Br&#xFC;dern.</p><p>Sie sitzen lange Abende beieinander und sprechen: »Lasset uns wieder werden wie die Kindlein und ›lieber Gott‹ sagen!« – an Mund und Magen verdorben durch die frommen Zuckerb&#xE4;cker.</p><p>Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu, welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: »Unter Kreuzen ist gut spinnen!«</p><p>Oder sie sitzen tags&#xFC;ber mit Angelruten an S&#xFC;mpfen und glauben sich <emphasis>tief damit; </emphasis>aber wer dort fischt, wo es keine Fische gibt, den hei&#xDF;e ich noch nicht einmal oberfl&#xE4;chlich!</p><p>Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter, der sich gern jungen Weibchen ins Herz harfnen m&#xF6;chte: – denn er wurde der alten Weibchen m&#xFC;de und ihres Lobpreisens.</p><p>Oder sie lernen gruseln bei einem gelahrten Halb-Tollen<a l:href="#n_137" type="note">[137]</a>, der in dunklen Zimmern wartet, da&#xDF; ihm die Geister kommen – und der Geist ganz davonl&#xE4;uft!</p><p>Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurrund Knurrpfeifer zu, der tr&#xFC;ben Winden die Tr&#xFC;bsal der T&#xF6;ne ablernte; nun pfeift er nach dem Winde und predigt in tr&#xFC;ben T&#xF6;nen Tr&#xFC;bsal.</p><p>Und einige von ihnen sind sogar Nachtw&#xE4;chter geworden: die verstehen jetzt in H&#xF6;rner zu blasen und nachts umherzugehn und alte Sachen aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.</p><p>F&#xFC;nf Worte von alten Sachen h&#xF6;rte ich gestern nachts an der Gartenmauer: die kamen von solchen alten betr&#xFC;bten trocknen Nachtw&#xE4;chtern.</p><p>»F&#xFC;r einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-V&#xE4;ter tun dies besser!« —</p><p>»Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder« – also antwortete der andre Nachtw&#xE4;chter.</p><p><emphasis>»Hat </emphasis>er denn Kinder? Niemand kann’s beweisen, wenn er’s selber nicht beweist! Ich wollte l&#xE4;ngst, er bewiese es einmal gr&#xFC;ndlich.«</p><p>»Beweisen? Als ob <emphasis>der </emphasis>je etwas bewiesen h&#xE4;tte! Beweisen f&#xE4;llt ihm schwer; er h&#xE4;lt gro&#xDF;e St&#xFC;cke darauf, da&#xDF; man ihm <emphasis>glaubt.«</emphasis></p><p>»Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die Art alter Leute! So geht’s uns auch!« —</p><p>– Also sprachen zueinander die zwei alten Nachtw&#xE4;chter und Lichtscheuchen, und tuteten darauf betr&#xFC;bt in ihre H&#xF6;rner: so geschah’s gestern nachts an der Gartenmauer.</p><p>Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wu&#xDF;te nicht, wohin? und sank ins Zwerchfell<a l:href="#n_138" type="note">[138]</a>.</p><p>Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, da&#xDF; ich vor Lachen ersticke, wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtw&#xE4;chter also an Gott zweifeln h&#xF6;re.</p><p>Ist es denn nicht <emphasis>lange </emphasis>vorbei, auch f&#xFC;r alle solche Zweifel? Wer darf noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!</p><p>Mit den alten G&#xF6;ttern ging es ja lange schon zu Ende:</p><p>und wahrlich, ein gutes fr&#xF6;hliches G&#xF6;tter-Ende hatten sie!</p><p>Sie »d&#xE4;mmerten« sich nicht zu Tode – das l&#xFC;gt man wohl! Vielmehr: sie haben sich selber einmal zu Tode <emphasis>gelacht!</emphasis></p><p>Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausging – das Wort: »Es ist <emphasis>ein </emphasis>Gott! Du sollst keinen andern Gott haben neben mir!« —</p><p>– ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifers&#xFC;chtiger, verga&#xDF; sich also: —</p><p>Und alle G&#xF6;tter lachten damals und wackelten auf ihren St&#xFC;hlen und riefen: »Ist das nicht eben G&#xF6;ttlichkeit, da&#xDF; es G&#xF6;tter, aber keinen Gott gibt?«</p><p>Wer Ohren hat, der h&#xF6;re. —</p><p>Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche zubenannt ist »Die bunte Kuh«. Von hier n&#xE4;mlich hatte er nur noch zwei Tage zu gehen, da&#xDF; er wieder in seine H&#xF6;hle k&#xE4;me und zu seinen Tieren; seine Seele aber frohlockte best&#xE4;ndig ob der N&#xE4;he seiner Heimkehr.</p></section><section><title><p>Die Heimkehr</p></title><p>O Einsamkeit! Du meine <emphasis>Heimat </emphasis>Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in wilder Fremde, als da&#xDF; ich nicht mit Tr&#xE4;nen zu dir heimkehrte!</p><p>Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie M&#xFC;tter dr&#xF6;hn, nun l&#xE4;chle mir zu, wie M&#xFC;tter l&#xE4;cheln, nun sprich nur: »Und wer war das, der wie ein Sturmwind einst von mir davonst&#xFC;rmte? —</p><p>– der scheidend rief: zu lange sa&#xDF; ich bei der Einsamkeit, da verlernte ich das Schweigen! <emphasis>Das – </emphasis>lerntest du nun wohl?</p><p>O Zarathustra, alles wei&#xDF; ich: und da&#xDF; du unter den Vielen <emphasis>verlassener </emphasis>warst, du einer, als je bei mir!</p><p>Ein anderes ist Verlassenheit, ein anderes Einsamkeit: <emphasis>Das – </emphasis>lerntest du nun! Und da&#xDF; du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst:</p><p>– wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von allen wollen sie <emphasis>geschont </emphasis>sein!</p><p>Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du alles hinausreden und alle Gr&#xFC;nde aussch&#xFC;tten, nichts sch&#xE4;mt sich hier versteckter, verstockter Gef&#xFC;hle.</p><p>Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem R&#xFC;cken reiten. Auf jedem Gleichnis reitest du hier zu jeder Wahrheit.</p><p>Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, da&#xDF; einer mit allen Dingen – gerade redet!</p><p>Ein anderes aber ist Verlassenheit. Denn, wei&#xDF;t du noch, o Zarathustra? Als damals dein Vogel &#xFC;ber dir schrie, als du im Walde standest, unschl&#xFC;ssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe: —</p><p>– als du sprachst: m&#xF6;gen mich meine Tiere f&#xFC;hren! Gef&#xE4;hrlicher fand ich’s unter Menschen als unter Tieren: – <emphasis>Das </emphasis>war Verlassenheit!</p><p>Und wei&#xDF;t du noch, o Zarathustra? Als du auf deiner Insel sa&#xDF;est, unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter Durstigen schenkend und ausschenkend:</p><p>– bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sa&#xDF;est und n&#xE4;chtlich klagtest ›Ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger als Nehmen?‹ – <emphasis>Das </emphasis>war Verlassenheit!</p><p>Und wei&#xDF;t du noch, o Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und dich von dir selber forttrieb, als sie mit b&#xF6;sem Fl&#xFC;stern sprach: ›Sprich und zerbrich!‹ —</p><p>– als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen dem&#xFC;tigen Mut entmutigte: <emphasis>Das </emphasis>war Verlassenheit!« —</p><p>O Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und z&#xE4;rtlich redet deine Stimme zu mir!</p><p>Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen miteinander durch offne T&#xFC;ren.</p><p>Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier auf leichteren F&#xFC;&#xDF;en. Im Dunklen n&#xE4;mlich tr&#xE4;gt man schwerer an der Zeit als im Lichte.</p><p>Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.</p><p>Da unten aber – da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und Vor&#xFC;bergehn die beste Weisheit: <emphasis>Das – </emphasis>lernte ich nun!</p><p>Wer alles bei den Menschen begreifen wollte, der m&#xFC;&#xDF;te alles angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche H&#xE4;nde.</p><p>Ich mag schon ihren Atem nicht einatmen; ach, da&#xDF; ich so lange unter ihrem L&#xE4;rm und &#xFC;blen Atem lebte!</p><p>O selige Stille um mich! O reine Ger&#xFC;che um mich! O wie aus tiefer Brust diese Stille reinen Atem holt! O wie sie horcht, diese selige Stille!</p><p>Aber da unten – da redet alles, da wird alles &#xFC;berh&#xF6;rt. Man mag seine Weisheit mit Glocken einl&#xE4;uten: die Kr&#xE4;mer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen &#xFC;berklingeln!</p><p>Alles bei ihnen redet, niemand wei&#xDF; mehr zu verstehn. Alles f&#xE4;llt ins Wasser, nichts f&#xE4;llt mehr in tiefe Brunnen.</p><p>Alles bei ihnen redet, nichts ger&#xE4;t mehr und kommt zu Ende. Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier br&#xFC;ten?</p><p>Alles bei ihnen redet, alles wird zerredet<a l:href="#n_139" type="note">[139]</a>. Und was gestern noch zu hart war f&#xFC;r die Zeit selber und ihren Zahn: heute h&#xE4;ngt es zerschabt und zernagt<a l:href="#n_140" type="note">[140]</a> aus den M&#xE4;ulern der Heutigen.</p><p>Alles bei ihnen redet, alles wird verraten. Und was einst Geheimnis hie&#xDF; und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute geh&#xF6;rt es den Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.</p><p>O Menschenwesen, du wunderliches! Du L&#xE4;rm auf dunklen Gassen! Nun liegst du wieder hinter mir: – meine gr&#xF6;&#xDF;te Gefahr liegt hinter mir!</p><p>Im Schonen und Mitleiden lag immer meine gr&#xF6;&#xDF;te Gefahr; und alles Menschenwesen will geschont und gelitten sein.</p><p>Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und reich an kleinen L&#xFC;gen des Mitleidens: – also lebte ich immer unter Menschen.</p><p>Verkleidet sa&#xDF; ich unter ihnen, bereit, <emphasis>mich </emphasis>zu verkennen, da&#xDF; ich <emphasis>sie </emphasis>ertr&#xFC;ge, und gern mir zuredend »Du Narr, du kennst die Menschen nicht!«</p><p>Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel Vordergrund ist an allen Menschen – was sollen <emphasis>da </emphasis>weitsichtige, weits&#xFC;chtige Augen!</p><p>Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr als mich: gewohnt zur H&#xE4;rte gegen mich und oft noch an mir selber mich r&#xE4;chend f&#xFC;r diese Schonung.</p><p>Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgeh&#xF6;hlt, dem Steine gleich, von vielen Tropfen Bosheit, so sa&#xDF; ich unter ihnen und redete mir noch zu: »Unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!«</p><p>Sonderlich die, welche sich »die Guten« hei&#xDF;en, fand ich als die giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie l&#xFC;gen in aller Unschuld; wie <emphasis>verm&#xF6;chten </emphasis>sie gegen mich – gerecht zu sein!</p><p>Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid l&#xFC;gen. Mitleid macht dumpfe Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten n&#xE4;mlich ist unergr&#xFC;ndlich.</p><p>Mich selber verbergen und meinen Reichtum – <emphasis>das </emphasis>lernte ich da unten: denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines Mitleidens, da&#xDF; ich bei jedem wu&#xDF;te – da&#xDF; ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes <emphasis>genug </emphasis>und was ihm schon Geistes <emphasis>zuviel </emphasis>war!</p><p>Ihre steifen Weisen: ich hie&#xDF; sie weise, nicht steif – so lernte ich Worte verschlucken. Ihre Totengr&#xE4;ber: ich hie&#xDF; sie Forscher und Pr&#xFC;fer – so lernte ich Worte vertauschen.</p><p>Die Totengr&#xE4;ber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn schlimme D&#xFC;nste<a l:href="#n_141" type="note">[141]</a>. Man soll den Morast nicht aufr&#xFC;hren. Man soll auf Bergen leben.</p><p>Mit seligen N&#xFC;stern<a l:href="#n_142" type="note">[142]</a> atme ich wieder Berges-Freiheit! Erl&#xF6;st ist endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!</p><p>Von scharfen L&#xFC;ften gekitzelt wie von sch&#xE4;umenden Weinen, <emphasis>niest </emphasis>meine Seele – niest und jubelt sich zu: Gesundheit!</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von den Drei B&#xF6;sen</p></title><subtitle>1</subtitle><p>Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge – jenseits der Welt, hielt eine Waage und <emphasis>wog </emphasis>die Welt.</p><p>O da&#xDF; zu fr&#xFC;h mir die Morgenr&#xF6;te kam: die gl&#xFC;hte mich wach, die Eifers&#xFC;chtige! Eifers&#xFC;chtig ist sie immer auf meine Morgentraum-Gluten.</p><p>Me&#xDF;bar f&#xFC;r den, der Zeit hat, w&#xE4;gbar f&#xFC;r einen guten W&#xE4;ger, erfliegbar f&#xFC;r starke Fittiche, erratbar f&#xFC;r g&#xF6;ttliche N&#xFC;sseknacker: also fand mein Traum die Welt: —</p><p>Mein Traum, ein k&#xFC;hner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er doch zum WeltWagen heute Geduld und Weile!</p><p>Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache Tags-Weisheit, welche &#xFC;ber alle »unendliche ные испарения дремлют под старым мусором Welten« spottet? Denn sie spricht: »Wo Kraft ist, wird auch die <emphasis>Zahl </emphasis>Meisterin: die hat mehr Kraft.«</p><p>Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht neugierig, nicht altgierig, nicht f&#xFC;rchtend, nicht bittend: —</p><p>– als ob ein voller Apfel sich meiner Hand b&#xF6;te, ein reifer Goldapfel, mit k&#xFC;hl-sanfter samtener Haut: – so bot sich mir die Welt: —</p><p>– als ob ein Baum mir winke, ein breit&#xE4;stiger, starkwilliger, gekr&#xFC;mmt zur Lehne und noch zum Fu&#xDF;brett f&#xFC;r den Wegm&#xFC;den: so stand die Welt auf meinem Vorgebirge: —</p><p>– als ob zierliche H&#xE4;nde mir einen Schrein entgegentr&#xFC;gen – einen Schrein, offen f&#xFC;r das Entz&#xFC;cken schamhafter verehrender Augen: also bot sich mir heute die Welt entgegen: —</p><p>– nicht R&#xE4;tsel genug, um Menschen-Liebe davonzuscheuchen, nicht L&#xF6;sung genug, um Menschen-Weisheit einzuschl&#xE4;fern: – ein menschlich gutes Ding war mir heut die Welt, der man so B&#xF6;ses nachredet!</p><p>Wie danke ich es meinem Morgentraum, da&#xDF; ich also in der Fr&#xFC;he heut die Welt wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser Traum und Herenstr&#xF6;ster!</p><p>Und da&#xDF; ich’s ihm gleich tue am Tage und sein Bestes ihm nach- und ablerne: will ich jetzt die drei b&#xF6;sesten Dinge auf die Waage tun und menschlich gut abw&#xE4;gen —</p><p>Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der Welt die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Waage tun.</p><p><emphasis>Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: </emphasis>diese drei wurden bisher am besten verflucht und am schlimmsten beleu – und bel&#xFC;genmundet – diese drei will ich menschlich gut abw&#xE4;gen.</p><p>Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg, und da das Meer <emphasis>das </emphasis>w&#xE4;lzt sich zu mir heran, zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertk&#xF6;pfige Hunds-Unget&#xFC;m, das ich liebe.</p><p>Wohlauf! Hier will ich die Waage halten &#xFC;ber gewalztem Meere: und auch einen Zeugen w&#xE4;hle ich, da&#xDF; er zusehe – dich, du Einsiedler-Baum, dich starkduftigen breitgew&#xF6;lbten, den ich liebe!« —</p><p>Auf welcher Br&#xFC;cke geht zum Dereinst<a l:href="#n_143" type="note">[143]</a> das Jetzt? Nach welchem Zwange zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was hei&#xDF;t auch das H&#xF6;chste noch – hinauf wachsen? —</p><p>Nun steht die Waage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich hinein, drei schwere Antworten tr&#xE4;gt die andre Waagschale.</p><subtitle>2</subtitle><p>Wollust: allen bu&#xDF;hemdigen Leib-Ver&#xE4;chtern ihr Stachel und Pfahl, und als »Welt« verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie h&#xF6;hnt und narrt alle Wirr- und Irr-Lehrer.</p><p>Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird; allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und Brodel-Ofen.</p><p>Wollust: f&#xFC;r die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Gl&#xFC;ck der Erde, aller Zukunft Dankes-&#xDC;berschwang an das Jetzt.</p><p>Wollust: nur dem Welken ein s&#xFC;&#xDF;lich Gift, f&#xFC;r die L&#xF6;wen-Willigen aber die gro&#xDF;e Herzst&#xE4;rkung, und der ehrf&#xFC;rchtig geschonte Wein der Weine.</p><p>Wollust: das gro&#xDF;e Gleichnis-Gl&#xFC;ck f&#xFC;r h&#xF6;heres Gl&#xFC;ck und h&#xF6;chste Hoffnung. Vielem n&#xE4;mlich ist Ehe verhei&#xDF;en und mehr als Ehe —</p><p>– Vielem, das fremder sich ist als Mann und Weib: – und wer begriff es ganz, <emphasis>wie fremd </emphasis>sich Mann und Weib sind!</p><p>Wollust: – doch ich will Z&#xE4;une um meine Gedanken haben und auch noch um meine Worte: da&#xDF; mir nicht in meine G&#xE4;rten die Schweine und Schw&#xE4;rmer brechen! —</p><p>Herrschsucht: die Gl&#xFC;h-Gei&#xDF;el<a l:href="#n_144" type="note">[144]</a> der h&#xE4;rtesten Herzensharten; die grause Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die d&#xFC;stre Flamme lebendiger Scheiterhaufen.</p><p>Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten V&#xF6;lkern aufgesetzt wird; die Verh&#xF6;hnerin aller Ungewissen Tugend; die auf jedem Rosse und jedem Stolze reitet.</p><p>Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und H&#xF6;hlichte bricht und aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin &#xFC;bert&#xFC;nchter Gr&#xE4;ber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.</p><p>Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und fr&#xF6;nt<a l:href="#n_145" type="note">[145]</a> und niedriger wird als Schlange und Schwein: – bis endlich die gro&#xDF;e Verachtung aus ihm aufschreit —</p><p>Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der gro&#xDF;en Verachtung, welche St&#xE4;dten und Reichen ins Antlitz predigt »Hinweg mit dir!« – bis es aus ihnen selber auf— schreit »Hinweg mit <emphasis>mir!«</emphasis></p><p>Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf zu selbstgenugsamen H&#xF6;hen steigt, gl&#xFC;hend gleich einer Liebe, welche purpurne Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.</p><p>Herrschsucht: doch wer hie&#xDF;e es <emphasis>Sucht, </emphasis>wenn das Hohe hinab nach Macht gel&#xFC;stet! Wahrlich, nichts Sieches und S&#xFC;chtiges ist an solchem Gel&#xFC;sten und Niedersteigen!</p><p>Da&#xDF; die einsame H&#xF6;he sich nicht ewig vereinsame und selbst begn&#xFC;ge; da&#xDF; der Berg zu Tale komme und die Winde der H&#xF6;he zu den Niederungen: —</p><p>O wer f&#xE4;nde den rechten Tauf- und Tugendnamen f&#xFC;r solche Sehnsucht! »Schenkende Tugend« – so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.</p><p>Und damals geschah es auch – und wahrlich, es geschah zum ersten Male! —, da&#xDF; sein Wort die <emphasis>Selbstsucht </emphasis>selig pries, die heile, gesunde Selbstsucht, die aus m&#xE4;chtiger Seele quillt: —</p><p>– aus m&#xE4;chtiger Seele, zu welcher der hohe Leib geh&#xF6;rt, der sch&#xF6;ne, sieghafte, erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:</p><p>– der geschmeidige &#xFC;berredende Leib, der T&#xE4;nzer, dessen Gleichnis und Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen Selbst-Lust hei&#xDF;t sich selber: »Tugend«.</p><p>Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Gl&#xFC;cks bannt sie von sich alles Ver&#xE4;chtliche.</p><p>Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht – <emphasis>das </emphasis>ist feige! Ver&#xE4;chtlich d&#xFC;nkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Kl&#xE4;gliche und wer auch die kleinsten Vorteile aufliest.</p><p>Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn wahrlich, es gibt auch Weisheit, die im Dunkeln bl&#xFC;ht, eine Nachtschatten-Weisheit: als welche immer seufzt: »Alles ist eitel!«</p><p>Das scheue Mi&#xDF;trauen gilt ihr gering, und jeder, wer Schw&#xFC;re statt Blicke und H&#xE4;nde will: auch alle allzu mi&#xDF;trauische Weisheit, denn solche ist feiger Seelen Art.</p><p>Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gef&#xE4;llige, der H&#xFC;ndische, der gleich auf dem R&#xFC;cken liegt, der Dem&#xFC;tige; und auch Weisheit gibt es, die dem&#xFC;tig und h&#xFC;ndisch und fromm und schnell-gef&#xE4;llig ist.</p><p>Verha&#xDF;t ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will, wer giftigen Speichel und b&#xF6;se Blicke hinunterschluckt, der Allzu-Geduldige, Alles-Dulder, Allgen&#xFC;gsame: das n&#xE4;mlich ist die knechtische Art.</p><p>Ob einer vor G&#xF6;ttern und g&#xF6;ttlichen Fu&#xDF;tritten knechtisch ist, ob vor Menschen und bl&#xF6;den Menschen-Meinungen: <emphasis>alle </emphasis>Knechts-Art speit sie an, diese selige Selbstsucht!</p><p>Schlecht: so hei&#xDF;t sie alles, was geknickt und knickerischknechtisch ist, unfreie Zwinker-Augen, gedr&#xFC;ckte Herzen, und jene falsche nachgebende Art, welche mit breiten feigen Lippen k&#xFC;&#xDF;t.</p><p>Und After-Weisheit<a l:href="#n_146" type="note">[146]</a>: so hei&#xDF;t sie alles, was Knechte und Greise und M&#xFC;de witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige, &#xFC;berwitzige Priester-Narrheit!</p><p>Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltm&#xFC;den, und wessen Seele von Weibs- und Knechtsart ist – o wie hat ihr Spiel von jeher der Selbstsucht &#xFC;bel mitgespielt!</p><p>Und das gerade sollte Tugend sein und Tugend hei&#xDF;en, <emphasis>da&#xDF; </emphasis>man der Selbstsucht &#xFC;bel mitspiele! Und »selbstlos« – so w&#xFC;nschten sich selber mit gutem Grunde alle diese weltm&#xFC;den Feiglinge und Kreuzspinnen!</p><p>Aber denen allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert, <emphasis>der gro&#xDF;e Mittag: </emphasis>da soll vieles offenbar werden!</p><p>Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig, wahrlich, der spricht auch, was er wei&#xDF;, ein Weissager: <emphasis>»Siehe, er kommt, er ist nahe, der gro&#xDF;e Mittag!«</emphasis></p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Vom Geist der Schwere</p></title><subtitle>1</subtitle><p>Mein Mundwerk – ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich f&#xFC;r die Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen und Feder-F&#xFC;chsen<a l:href="#n_147" type="note">[147]</a>.</p><p>Meine Hand – ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und W&#xE4;nden, und was noch Platz hat f&#xFC;r Narren-Zierat, Narren-Schmierat<a l:href="#n_148" type="note">[148]</a>!</p><p>Mein Fu&#xDF; – ist ein Pferdefu&#xDF;; damit trapple und trabe ich &#xFC;ber Stock und Stein, kreuz- und querfeldein, und bin des Teufels vor Lust bei allem schnellen Laufen.</p><p>Mein Magen – ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten Lammfleisch. Gewi&#xDF;lich aber ist er eines Vogels Magen.</p><p>Von unschuldigen Dingen gen&#xE4;hrt und von wenigem, bereit und ungeduldig zu fliegen, davonzufliegen – das ist nun meine Art: wie sollte nicht etwas daran von Vogel-Art sein!</p><p>Und zumal, da&#xDF; ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist Vogel-Art: und wahrlich, todfeind, erzfeind, urfeind! O wohin flog und verflog sich nicht schon meine Feindschaft?</p><p>Davon k&#xF6;nnte ich schon ein Lied singen – und <emphasis>will </emphasis>es singen: ob ich gleich allein im leeren Hause bin und es meinen eignen Ohren singen mu&#xDF;.</p><p>Andre S&#xE4;nger gibt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre Kehle weich, ihre Hand gespr&#xE4;chig, ihr Auge ausdr&#xFC;cklich, ihr Herz wach: – denen gleiche ich nicht. —</p><subtitle>2</subtitle><p>Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verr&#xFC;ckt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen – als »die Leichte«.</p><p>Der Vogel Strau&#xDF; l&#xE4;uft schneller als das schnellste Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde:</p><p>also der Mensch, der noch nicht fliegen kann.</p><p>Schwer hei&#xDF;t ihm Erde und Leben; und so <emphasis>will es </emphasis>der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der mu&#xDF; sich selber lieben: – also lehre <emphasis>ich.</emphasis></p><p>Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und S&#xFC;chtigen:</p><p>denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe!</p><p>Man mu&#xDF; sich selber lieben lernen – also lehre ich – mit einer heilen und gesunden Liebe: da&#xDF; man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.</p><p>Solches Umherschweifen tauft sich »N&#xE4;chstenliebe«:</p><p>mit diesem Worte ist bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von solchen, die aller Welt schwer fielen.</p><p>Und wahrlich, das ist kein Gebot f&#xFC;r heute und morgen, sich lieben <emphasis>lernen. </emphasis>Vielmehr ist von allen K&#xFC;nsten diese die feinste, listigste, letzte und geduldsamste.</p><p>F&#xFC;r seinen Eigener ist n&#xE4;mlich alles Eigene gut versteckt;</p><p>und von allen Schatzgruben wird die eigne am sp&#xE4;testen ausgegraben – also schaft es der Geist der Schwere.</p><p>Fast in der Wiege gibt man uns schon schwere Worte und Werte mit: »Gut« und »B&#xF6;se« – so hei&#xDF;t sich diese Mitgift. Um derentwillen vergibt man uns, da&#xDF; wir leben.</p><p>Und dazu l&#xE4;&#xDF;t man die Kindlein zu sich kommen, da&#xDF; man ihnen beizeiten wehre, sich selber zu lieben: also schaft es der Geist der Schwere.</p><p>Und wir – wir schleppen treulich, was man uns mitgibt, auf harten Schultern und &#xFC;ber rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns: »Ja, das Leben ist schwer zu tragen!«</p><p>Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt zu vieles Fremde auf seinen Schultern. Dem Kamele gleich kniet er nieder und l&#xE4;&#xDF;t sich gut aufladen.</p><p>Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu viele <emphasis>fremde </emphasis>schwere Worte und Werte l&#xE4;dt er auf sich – nun d&#xFC;nkt das Leben ihm eine W&#xFC;ste!</p><p>Und wahrlich! Auch manches <emphasis>Eigene </emphasis>ist schwer zu tragen! Und viel Inwendiges am Menschen ist der Auster gleich, n&#xE4;mlich ekel und schl&#xFC;pfrig und schwer erfa&#xDF;lich —</p><p>– also da&#xDF; eine edle Schale mit edler Zierat f&#xFC;rbitten mu&#xDF;. Aber auch diese Kunst mu&#xDF; man lernen: Schale <emphasis>haben </emphasis>und sch&#xF6;nen Schein und kluge Blindheit!</p><p>Abermals tr&#xFC;gt &#xFC;ber manches am Menschen, da&#xDF; manche Schale gering und traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene G&#xFC;te und Kraft wird nie erraten; die k&#xF6;stlichsten Leckerbissen finden keine Schmckker!</p><p>Die Frauen wissen das, die k&#xF6;stlichsten: ein wenig fetter, ein wenig magerer – o wie viel Schicksal liegt in so wenigem!</p><p>Der Mensch ist schwer zu entdecken, und sich selber noch am schwersten; oft l&#xFC;gt der Geist &#xFC;ber die Seele. Also schaft es der Geist der Schwere.</p><p>Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist <emphasis>mein </emphasis>Gutes und B&#xF6;ses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht, welcher spricht: »Allen gut, allen b&#xF6;s.«</p><p>Wahrlich, ich mag auch solche nicht, denen jegliches Ding gut und diese Welt gar die beste hei&#xDF;t. Solche nenne ich die Allgen&#xFC;gsamen.</p><p>Allgen&#xFC;gsamkeit, die alles zu schmecken wei&#xDF;: das ist nicht der beste Geschmack! Ich ehre die widerspenstigen w&#xE4;hlerischen Zungen und M&#xE4;gen, welche »Ich« und »Ja« und »Nein« sagen lernten.</p><p>Alles aber kauen und verdauen – das ist eine rechte Schweine-Art! Immer J-A sagen<a l:href="#n_149" type="note">[149]</a> – das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist! —</p><p>Das tiefe Gelb und das hei&#xDF;e Rot: so will es <emphasis>mein </emphasis>Geschmack – der mischt Blut zu allen Farben. Wer aber sein Haus wei&#xDF; t&#xFC;ncht, der verr&#xE4;t mir eine wei&#xDF;get&#xFC;nchte Seele.</p><p>In Mumien verliebt die einen, die andern in Gespenster; und beide gleich feind allem Fleisch und Blute – o wie gehen beide mir wider den Geschmack! Denn ich liebe Blut.</p><p>Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo jedermann spuckt und speit: das ist nun <emphasis>mein </emphasis>Geschmack – lieber noch lebte ich unter Dieben und Meineidigen. Niemand tr&#xE4;gt Gold im Munde.</p><p>Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste Tier von Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte nicht lieben und doch von Liebe leben.</p><p>Unselig hei&#xDF;e ich alle, die nur eine Wahl haben: b&#xF6;se Tiere zu werden oder b&#xF6;se Tierb&#xE4;ndiger: bei solchen w&#xFC;rde ich mir keine H&#xFC;tten bauen.</p><p>Unselig hei&#xDF;e ich auch die, welche immer <emphasis>warten </emphasis>m&#xFC;ssen – die gehen mir wider den Geschmack: alle die Z&#xF6;llner und Kr&#xE4;mer und K&#xF6;nige und andren L&#xE4;nder und Ladenh&#xFC;ter.</p><p>Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus – aber nur das Warten auf <emphasis>mich. </emphasis>Und &#xFC;ber allem lernte ich stehn und gehn und laufen und springen und klettern und tanzen.</p><p>Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der mu&#xDF; erst stehn und gehn und laufen und klettern und tanzen lernen: – man erfliegt das Fliegen nicht<a l:href="#n_150" type="note">[150]</a>! Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen Beinen klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntnis sitzen, d&#xFC;nkte mich keine geringe Seligkeit —</p><p>– gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht zwar, aber doch ein gro&#xDF;er Trost f&#xFC;r verschlagene Schiffer und Schifbr&#xFC;chige<a l:href="#n_151" type="note">[151]</a>! —</p><p>Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit: nicht auf <emphasis>einer </emphasis>Leiter stieg ich zur H&#xF6;he, wo mein Auge in meine Ferne schweift.</p><p>Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen – das ging mir immer wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.</p><p>Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen: —</p><p>und wahrlich, auch antworten mu&#xDF; man <emphasis>lernen </emphasis>auf solches Fragen! Das aber – ist mein Geschmack:</p><p>– kein guter, kein schlechter, aber <emphasis>mein </emphasis>Geschmack, dessen ich weder Scham noch Hehl mehr habe.</p><p>»Das – ist nun <emphasis>mein </emphasis>Weg – wo ist der eure?« so antwortete ich denen, welche mich »nach dem Wege« fragten. <emphasis>Den </emphasis>Weg n&#xE4;mlich – den gibt es nicht!</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Von Alten und Neuen Tafeln</p></title><subtitle>1</subtitle><p>Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch neue halb beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?</p><p>– die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch <emphasis>ein </emphasis>Mal will ich zu den Menschen gehn.</p><p>Des warte ich nun: denn erst m&#xFC;ssen mir die Zeichen kommen, da&#xDF; es <emphasis>meine </emphasis>Stunde sei – n&#xE4;mlich der lachende L&#xF6;we mit dem Taubenschwarme.</p><p>Inzwischen rede ich als einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand erz&#xE4;hlt mir Neues: so erz&#xE4;hle ich mir mich selber. —</p><subtitle>2</subtitle><p>Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten D&#xFC;nkel: alle d&#xFC;nkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und b&#xF6;se sei.</p><p>Eine alte m&#xFC;de Sache d&#xFC;nkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer gut schlafen wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von »Gut« und »B&#xF6;se«.</p><p>Diese Schl&#xE4;ferei st&#xF6;rte ich auf, als ich lehrte: was gut und b&#xF6;se ist, <emphasis>das wei&#xDF; noch niemand: – </emphasis>es sei denn der Schaffende!</p><p>– Das aber ist der, welcher des Menschen Ziel schaft und der Erde ihren Sinn gibt und ihre Zukunft: Dieser erst <emphasis>schaft es, da&#xDF; </emphasis>etwas gut und b&#xF6;se ist.</p><p>Und ich hie&#xDF; sie ihre alten Lehr-St&#xFC;hle umwerfen, und wo nur jener alte D&#xFC;nkel gesessen hatte; ich hie&#xDF; sie lachen &#xFC;ber ihre gro&#xDF;en Tugend-Meister und Heiligen und Dichter und Welt-Erl&#xF6;ser.</p><p>&#xDC;ber ihre d&#xFC;steren Weisen hie&#xDF; ich sie lachen, und wer je als schwarze Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen hatte.</p><p>An ihre gro&#xDF;e Gr&#xE4;berstra&#xDF;e setzte ich mich und selber zu Aas und Geiern<a l:href="#n_152" type="note">[152]</a> – und ich lachte &#xFC;ber all ihr Einst und seine m&#xFC;rbe verfallende Herrlichkeit.</p><p>Wahrlich, gleich Bu&#xDF;predigern und Narren schrie ich Zorn und Zeter &#xFC;ber all ihr Gro&#xDF;es und Kleines – da&#xDF; ihr Bestes so gar klein ist! Da&#xDF; ihr B&#xF6;sestes so gar klein ist! – also lachte ich.</p><p>Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlich! – meine gro&#xDF;e fl&#xFC;gelbrausende Sehnsucht.</p><p>Und oft ri&#xDF; sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im Lachen: da flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes Entz&#xFC;cken:</p><p>– hinaus in ferne Zuk&#xFC;nfte, die kein Traum noch sah, in hei&#xDF;ere S&#xFC;den, als je sich Bildner tr&#xE4;umten: dorthin, wo G&#xF6;tter tanzend sich aller Kleider sch&#xE4;men: —</p><p>– da&#xDF; ich n&#xE4;mlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und stammle: und wahrlich, ich sch&#xE4;me mich, da&#xDF; ich noch Dichter sein mu&#xDF;! —</p><p>Wo alles Werden mich G&#xF6;tter-Tanz und G&#xF6;tter-Mutwillen d&#xFC;nkte und die Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zur&#xFC;ckfliehend: —</p><p>– als ein ewiges Sich-Fliehn und -Wiedersuchen vieler G&#xF6;tter, als das selige Sich-Widersprechen, Sich-Wiederh&#xF6;ren, Sich-wieder-Zugeh&#xF6;ren vieler G&#xF6;tter: —</p><p>Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke d&#xFC;nkte, wo die Notwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der Freiheit spielte: —</p><p>Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der Schwere, und alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Not und Folge und Zweck und Wille und Gut und B&#xF6;se: —</p><p>Denn mu&#xDF; nicht dasein, <emphasis>&#xFC;ber </emphasis>das getanzt, hinweggetanzt werde? M&#xFC;ssen nicht um der Leichten, Leichtesten willen – Maulw&#xFC;rfe und schwere Zwerge dasein? —</p><subtitle>3</subtitle><p>Dort war’s auch, wo ich das Wort »&#xDC;bermensch« vom Wege auflas, und da&#xDF; der Mensch etwas sei, das &#xFC;berwunden werden m&#xFC;sse.</p><p>– Da&#xDF; der Mensch eine Br&#xFC;cke sei und kein Zweck: sich selig preisend ob seines Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenr&#xF6;ten:</p><p>– das Zarathustra-Wort vom gro&#xDF;en Mittage, und was sonst ich &#xFC;ber den Menschen aufh&#xE4;ngte, gleich purpurnen zweiten Abendr&#xF6;ten.</p><p>Wahrlich, auch neue Sterne lie&#xDF; ich sie sehn samt neuen N&#xE4;chten; und &#xFC;ber Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein buntes Gezelt<a l:href="#n_153" type="note">[153]</a>.</p><p>Ich lehrte sie all <emphasis>mein </emphasis>Dichten und Trachten: in <emphasis>eins </emphasis>zu dichten und zusammenzutragen<a l:href="#n_154" type="note">[154]</a>, was Bruchst&#xFC;ck ist am Menschen und R&#xE4;tsel und grauser Zufall – als Dichter, R&#xE4;tselrater und Erl&#xF6;ser des Zufalls lehrte ich sie an der Zukunft schaffen, und alles, das <emphasis>war – </emphasis>schaffend zu erl&#xF6;sen.</p><p>Das Vergangne am Menschen zu erl&#xF6;sen und alles »Es war« umzuschaffen, bis der Wille spricht: »Aber so wollte ich es! So werde ich’s wollen —«</p><p>– Dies hie&#xDF; ich ihnen Erl&#xF6;sung. Dies allein lehrte ich sie Erl&#xF6;sung hei&#xDF;en. —</p><p>Nun warte ich <emphasis>meiner </emphasis>Erl&#xF6;sung – da&#xDF; ich zum letzten Male zu ihnen gehe.</p><p>Denn noch <emphasis>ein </emphasis>Mal will ich zu den Menschen: <emphasis>unter </emphasis>ihnen will ich untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!</p><p>Der Sonne lernte ich das ab, wenn sie hinabgeht, die &#xDC;berreiche: Gold sch&#xFC;ttet sie da ins Meer aus unersch&#xF6;pflichem Reichtume —</p><p>– also, da&#xDF; der &#xE4;rmste Fischer noch mit <emphasis>goldenem </emphasis>Ruder rudert! Dies n&#xE4;mlich sah ich einst und wurde der Tr&#xE4;nen nicht satt im Zuschauen. – —</p><p>Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und wartet, alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue Tafeln – halbbeschriebene.</p><subtitle>4</subtitle><p>Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Br&#xFC;der, die sie mit mir zu Tale und in fleischerne Herzen tragen? —</p><p>Also heischt es meine gro&#xDF;e Liebe zu den Fernsten: <emphasis>schone deinen N&#xE4;chsten nicht! </emphasis>Der Mensch ist etwas, das &#xFC;berwunden werden mu&#xDF;.</p><p>Es gibt vielerlei Weg und Weise der &#xDC;berwindung: da <emphasis>siehe du </emphasis>zu! Aber nur ein Possenrei&#xDF;er denkt: »Der Mensch kann auch <emphasis>&#xFC;bersprungen </emphasis>werden.«</p><p>&#xDC;berwinde dich selber noch in deinem N&#xE4;chsten: und ein Recht, das du dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!</p><p>Was du tust, das kann dir keiner wieder tun. Siehe, es gibt keine Vergeltung.</p><p>Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und mancher <emphasis>kann </emphasis>sich befehlen, aber da fehlt noch viel, da&#xDF; er sich auch gehorche!</p><subtitle>5</subtitle><p>Also will es die Art edler Seelen: sie wollen nichts <emphasis>umsonst </emphasis>haben, am wenigsten das Leben.</p><p>Wer vom P&#xF6;bel ist, der will umsonst leben; wir anderen aber, denen das Leben sich gab – wir sinnen immer dar&#xFC;ber, <emphasis>was </emphasis>wir am besten <emphasis>dagegen </emphasis>geben!</p><p>Und wahrlich, dies ist eine vornehme Rede, welche spricht: »Was <emphasis>uns </emphasis>das Leben verspricht, das wollen <emphasis>wir – </emphasis>dem Leben halten!«</p><p>Man soll nicht genie&#xDF;en wollen, wo man nicht zu genie&#xDF;en gibt. Und – man soll nicht genie&#xDF;en <emphasis>wollen!</emphasis></p><p>Genu&#xDF; und Unschuld n&#xE4;mlich sind die schamhaftesten Dinge: beide wollen nicht gesucht sein. Man soll sie <emphasis>haben – </emphasis>aber man soll eher noch nach Schuld und Schmerzen <emphasis>suchen! —</emphasis></p><subtitle>6</subtitle><p>O meine Br&#xFC;der, wer ein Erstling<a l:href="#n_155" type="note">[155]</a> ist, der wird immer geopfert. Nun aber sind wir Erstlinge.</p><p>Wir bluten alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten alle zu Ehren alter G&#xF6;tzenbilder.</p><p>Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen<a l:href="#n_156" type="note">[156]</a>. Unser Fleisch ist zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell: – wie sollten wir nicht alte G&#xF6;tzenpriester reizen!</p><p><emphasis>In uns selber </emphasis>wohnt er noch, der alte G&#xF6;tzenpriester, der unser Bestes sich zum Schmause br&#xE4;t. Ach, meine Br&#xFC;der, wie sollten Erstlinge nicht Opfer sein!</p><p>Aber so will es unsre Art; und ich liebe die, welche sich nicht bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe: denn sie gehn hin&#xFC;ber. —</p><subtitle>7</subtitle><p>Wahr sein – das <emphasis>k&#xF6;nnen </emphasis>wenige. Und wer es kann, der will es noch nicht! Am wenigsten aber k&#xF6;nnen es die Guten.</p><p>O diese Guten! <emphasis>Gute Menschen reden nie die Wahrheit; </emphasis>f&#xFC;r den Geist ist solcherma&#xDF;en gut sein eine Krankheit.</p><p>Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach, ihr Grund gehorcht: wer aber gehorcht, <emphasis>der h&#xF6;rt sich selber nicht!</emphasis></p><p>Alles, was den Guten b&#xF6;se hei&#xDF;t, mu&#xDF; zusammenkommen, da&#xDF; eine Wahrheit geboren werde: o meine Br&#xFC;der, seid ihr auch b&#xF6;se genug zu <emphasis>dieser </emphasis>Wahrheit?</p><p>Das verwegene Wagen, das lange Mi&#xDF;trauen, das grausame Nein, der &#xDC;berdru&#xDF;, das Schneiden ins Lebendige – wie selten kommt <emphasis>das </emphasis>zusammen! Aus solchem Samen aber wird – Wahrheit gezeugt!</p><p><emphasis>Neben </emphasis>dem b&#xF6;sen Gewissen wuchs bisher alles <emphasis>Wissen! </emphasis>Zerbrecht, zerbrecht mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!</p><subtitle>8</subtitle><p>Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Gel&#xE4;nder &#xFC;ber den Flu&#xDF; springen: wahrlich, da findet keiner Glauben, der da spricht: »Alles ist im Flu&#xDF;.«</p><p>Sondern selber die T&#xF6;lpel widersprechen ihm. »Wie?« sagen die T&#xF6;lpel, »alles w&#xE4;re im Flusse? Balken und Gel&#xE4;nder sind doch <emphasis>&#xFC;ber dem </emphasis>Flusse!«</p><p><emphasis>»&#xDC;ber </emphasis>dem Flusse ist alles fest, alle die Werte der Dinge, die Br&#xFC;cken, Begriffe, alles ›Gut‹ und ›B&#xF6;se‹: das ist alles <emphasis>fest!«</emphasis></p><p>Kommt gar der harte Winter, der Flu&#xDF;-Tierb&#xE4;ndiger: dann lernen auch die Witzigsten Mi&#xDF;trauen; und, wahrlich, nicht nur die T&#xF6;lpel sprechen dann: »Sollte nicht alles – <emphasis>stille stehn?«</emphasis></p><p>»Im Grunde steht alles stille« – das ist eine rechte Winter-Lehre, ein gut Ding f&#xFC;r unfruchtbare Zeit, ein guter Trost f&#xFC;r Winterschl&#xE4;fer und Ofenhocker.</p><p>»Im Grund steht alles still« —: <emphasis>dagegen </emphasis>aber predigt der Tauwind!</p><p>Der Tauwind, ein Stier, der kein pfl&#xFC;gender Stier ist – ein w&#xFC;tender Stier, ein Zerst&#xF6;rer, der mit zornigen H&#xF6;rnern Eis bricht! Eis aber – – <emphasis>bricht Stege!</emphasis></p><p>O meine Br&#xFC;der, ist <emphasis>jetzt </emphasis>nicht alles <emphasis>im Flusse? </emphasis>Sind nicht alle Gel&#xE4;nder und Stege ins Wasser gefallen? Wer <emphasis>hielte </emphasis>sich noch an »Gut« und »B&#xF6;se«?</p><p>»Wehe uns! Heil uns!<a l:href="#n_157" type="note">[157]</a> Der Tauwind weht!« – Also predigt mir, o meine Br&#xFC;der, durch alle Gassen!</p><subtitle>9</subtitle><p>Es gibt einen alten Wahn, der hei&#xDF;t Gut und B&#xF6;se. Um Wahrsager und Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.</p><p>Einst <emphasis>glaubte </emphasis>man an Wahrsager und Sterndeuter: und <emphasis>darum </emphasis>glaubte man »Alles ist Schicksal: du sollst, denn du mu&#xDF;t!«</p><p>Dann wieder mi&#xDF;traute man allen Wahrsagern und Sterndeutern; und <emphasis>darum </emphasis>glaubte man »Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!«</p><p>O meine Br&#xFC;der, &#xFC;ber Sterne und Zukunft ist bisher nur gew&#xE4;hnt, nicht gewu&#xDF;t worden: und <emphasis>darum </emphasis>ist &#xFC;ber Gut und B&#xF6;se bisher nur gew&#xE4;hnt, nicht gewu&#xDF;t worden!</p><subtitle>10</subtitle><p>»Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht totschlagen!« – solche Worte hie&#xDF; man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und K&#xF6;pfe und zog die Schuhe aus.</p><p>Aber ich frage euch: wo gab es je bessere R&#xE4;uber und Totschl&#xE4;ger in der Welt, als es solche heilige Worte waren?</p><p>Ist in allem Leben selber nicht – Rauben und Totschlagen? Und da&#xDF; solche Worte heilig hie&#xDF;en, wurde damit die <emphasis>Wahrheit </emphasis>selber nicht – totgeschlagen?</p><p>Oder war es eine Predigt des Todes, da&#xDF; heilig hie&#xDF;, was allem Leben widersprach und widerriet? – O meine Br&#xFC;der, zerbrecht, zerbrecht mir die alten Tafeln!</p><subtitle>11</subtitle><p>Dies ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, da&#xDF; ich sehe: es ist preisgegeben —</p><p>– der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben, das kommt und alles, was war, zu seiner Br&#xFC;cke umdeutet!</p><p>Ein gro&#xDF;er Gewalt-Herr k&#xF6;nnte kommen, ein gewitzter Unhold<a l:href="#n_158" type="note">[158]</a>, der mit seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zw&#xE4;nge und zw&#xE4;ngte: bis es ihm Br&#xFC;cke w&#xFC;rde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.</p><p>Dies aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden: – wer vom P&#xF6;bel ist, dessen Gedenken geht zur&#xFC;ck bis zum Gro&#xDF;vater – mit dem Gro&#xDF;vater aber h&#xF6;rt die Zeit auf.</p><p>Also ist alles Vergangene preisgegeben<a l:href="#n_159" type="note">[159]</a>: denn es k&#xF6;nnte einmal kommen, da&#xDF; der P&#xF6;bel Herr w&#xFC;rde und in seichten Gew&#xE4;ssern alle Zeit ertr&#xE4;nke.</p><p>Darum, o meine Br&#xFC;der, bedarf es eines <emphasis>neuen Adels, </emphasis>der allem P&#xF6;bel und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das Wort schreibt »edel«.</p><p>Vieler Edlen n&#xE4;mlich bedarf es und vielerlei Edlen, <emphasis>da&#xDF; es Adel gebe! </emphasis>Oder, wie ich einst im Gleichnis sprach: »Das eben ist G&#xF6;ttlichkeit, da&#xDF; es G&#xF6;tter, aber keinen Gott gibt!«</p><subtitle>12</subtitle><p>O meine Br&#xFC;der, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr sollt mir Zeuger und Z&#xFC;chter werden und S&#xE4;em&#xE4;nner der Zukunft —</p><p>– wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen k&#xF6;nntet gleich den Kr&#xE4;mern und mit Kr&#xE4;mer-Golde: denn wenig Wert hat alles, was seinen Preis hat.</p><p>Nicht, woher ihr kommt, mache euch f&#xFC;rderhin eure Ehre, sondern wohin ihr geht! Euer Wille und euer Fu&#xDF;, der &#xFC;ber euch selber hinaus will – das mache eure neue Ehre!</p><p>Wahrlich nicht, da&#xDF; ihr einem F&#xFC;rsten gedient habt was liegt noch an F&#xFC;rsten! – oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, da&#xDF; es fester st&#xFC;nde!</p><p>Nicht, da&#xDF; euer Geschlecht an H&#xF6;fen h&#xF6;fisch wurde und ihr lerntet, bunt, einem Flamingo &#xE4;hnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.</p><p>– Denn <emphasis>Stehen-K&#xF6;nnen </emphasis>ist ein Verdienst bei H&#xF6;flingen; und alle H&#xF6;flinge glauben, zur Seligkeit nach dem Tode geh&#xF6;re – Sitzen<emphasis>-D&#xFC;rfen! —</emphasis></p><p>Nicht auch, da&#xDF; ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in gelobte L&#xE4;nder f&#xFC;hrte, die <emphasis>ich </emphasis>nicht lobe: denn wo der schlimmste aller B&#xE4;ume wuchs, das Kreuz – an dem Lande ist nichts zu loben! —</p><p>– und wahrlich, wohin dieser »heilige Geist« auch seine Ritter f&#xFC;hrte, immer liefen bei solchen Z&#xFC;gen -Ziegen und G&#xE4;nse und Kreuz- und Querk&#xF6;pfe<a l:href="#n_160" type="note">[160]</a><emphasis> voran! —</emphasis></p><p>O meine Br&#xFC;der, nicht zur&#xFC;ck soll euer Adel schauen, sondern <emphasis>hinaus! </emphasis>Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vaterund Urv&#xE4;terl&#xE4;ndern!</p><p>Eurer <emphasis>Kinder Land </emphasis>sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel – das unentdeckte, im fernsten Meere! Nach ihm hei&#xDF;e ich eure Segel suchen und suchen!</p><p>An euren Kindern sollt ihr <emphasis>gutmachen, </emphasis>da&#xDF; ihr eurer V&#xE4;ter Kinder seid: alles Vergangene sollt ihr so erl&#xF6;sen! Diese neue Tafel stelle ich &#xFC;ber euch!</p><subtitle>13</subtitle><p>»Wozu leben? Alles ist eitel! Leben – das ist Stroh dreschen; Leben – das ist sich verbrennen und doch nicht warm werden.« —</p><p>Solch altert&#xFC;mliches Geschw&#xE4;tz gilt immer noch als »Weisheit«; da&#xDF; es aber alt ist und dumpfig riecht, <emphasis>darum </emphasis>wird es besser geehrt. Auch der Moder adelt<a l:href="#n_161" type="note">[161]</a>. —</p><p>Kinder durften so reden: die <emphasis>scheuen </emphasis>das Feuer, weil es sie brannte! Es ist viel Kinderei in den alten B&#xFC;chern der Weisheit.</p><p>Und wer immer »Stroh drischt«, wie sollte der auf das Dreschen l&#xE4;stern d&#xFC;rfen! Solchem Narren m&#xFC;&#xDF;te man doch das Maul verbinden!</p><p>Solche setzen sich zu Tisch und bringen nichts mit, selbst den guten Hunger nicht: – und nun l&#xE4;stern sie »Alles ist eitel!«</p><p>– Aber gut essen und trinken, o meine Br&#xFC;der, ist wahrlich keine eitle Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!</p><subtitle>14</subtitle><p>»Dem Reinen ist alles rein« – so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den Schweinen wird alles Schwein!</p><p>Darum predigen die Schw&#xE4;rmer und Kopfh&#xE4;nger, denen auch das Herz niederh&#xE4;ngt: »Die Welt selber ist ein kotiges Ungeheuer.«</p><p>Denn diese alle sind uns&#xE4;uberlichen Geistes; sonderlich aber jene, welche nicht Ruhe noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt <emphasis>von hinten – </emphasis>die Hinterweltler!</p><p><emphasis>Denen </emphasis>sage ich ins Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die Welt gleicht darin dem Menschen, da&#xDF; sie einen Hintern hat – so <emphasis>viel </emphasis>ist wahr!</p><p>Es gibt in der Welt viel Kot: so <emphasis>viel </emphasis>ist wahr! Aber darum ist die Welt selber noch kein kotiges Ungeheuer!</p><p>Es ist Weisheit darin, da&#xDF; vieles in der Welt &#xFC;bel riecht:</p><p>der Ekel selber schaftf Fl&#xFC;gel und quellenahnende Kr&#xE4;fte!</p><p>An dem Besten ist noch etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch etwas, das &#xFC;berwunden werden mu&#xDF;! —</p><p>O meine Br&#xFC;der, es ist viel Weisheit darin, da&#xDF; viel Kot in der Welt ist! —</p><subtitle>15</subtitle><p>Solche Spr&#xFC;che h&#xF6;rte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden, und wahrlich, ohne Arg und Falsch – ob es schon nichts Falscheres in der Welt gibt, noch &#xC4;rgeres.</p><p>»La&#xDF; doch die Welt die Welt sein! Hebe dawider auch nicht <emphasis>einen </emphasis>Finger auf!«</p><p>»La&#xDF;, wer da wolle, die Leute w&#xFC;rgen und stechen und schinden und schaben: hebe dawider auch nicht <emphasis>einen </emphasis>Finger auf! Darob lernen sie noch der Welt absagen.«</p><p>»Und deine eigne Vernunft – die sollst du selber g&#xF6;rgeln und w&#xFC;rgen; denn es ist eine Vernunft von dieser Welt – darob lernst du selber der Welt absagen.« —</p><p>– Zerbrecht, zerbrecht mir, o meine Br&#xFC;der, diese alten Tafeln der Frommen! Zersprecht mir die Spr&#xFC;che der Welt-Verleumder!</p><subtitle>16</subtitle><p>»Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren« – das fl&#xFC;stert man heute sich zu auf allen dunklen Gassen.</p><p>»Weisheit macht m&#xFC;de, es lohnt sich – nichts; du sollst nicht begehren!« – diese neue Tafel fand ich h&#xE4;ngen selbst auf offnen M&#xE4;rkten.</p><p>Zerbrecht mir, o meine Br&#xFC;der, zerbrecht mir auch diese <emphasis>neue </emphasis>Tafel! Die Welt-M&#xFC;den h&#xE4;ngten sie hin und die Prediger des Todes, und auch die Stockmeister<a l:href="#n_162" type="note">[162]</a>: denn seht, es ist auch eine Predigt zur Knechtschaft! —</p><p>Da&#xDF; sie schlecht lernten und das Beste nicht, und alles zu fr&#xFC;h und alles zu geschwind: da&#xDF; sie schlecht <emphasis>a&#xDF;en, </emphasis>daher kam ihnen jener verdorbene Magen —</p><p>– ein verdorbener Magen ist n&#xE4;mlich ihr Geist: <emphasis>der </emphasis>r&#xE4;t zum Tode! Denn wahrlich, meine Br&#xFC;der, der Geist <emphasis>ist </emphasis>ein Magen!</p><p>Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen redet, der Vater der Tr&#xFC;bsal, dem sind alle Quellen vergiftet.</p><p>Erkennen: das ist <emphasis>Lust </emphasis>dem L&#xF6;wen-Willigen! Aber wer m&#xFC;de wurde, der wird selber nur »gewollt«, mit dem spielen alle Wellen.</p><p>Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf ihren Wegen. Und zuletzt fragt noch ihre M&#xFC;digkeit: »Wozu gingen wir jemals Wege! Es ist alles gleich!«</p><p><emphasis>Denen </emphasis>klingt es lieblich zu Ohren, da&#xDF; gepredigt wird: »Es verlohnt sich nichts! Ihr sollt nicht wollen!« Dies aber ist eine Predigt zur Knechtschaft.</p><p>O meine Br&#xFC;der, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen Weg-M&#xFC;den; viele Nasen wird er noch niesen machen!</p><p>Auch durch Mauern bl&#xE4;st mein freier Atem, und hinein in Gef&#xE4;ngnisse und eingefangne Geister!</p><p>Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und <emphasis>nur zum </emphasis>Schaffen sollt ihr lernen!</p><p>Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir <emphasis>lernen, </emphasis>das Gut-Lernen! – Wer Ohren hat, der h&#xF6;re!</p><subtitle>17</subtitle><p>Da steht der Nachen – dort hin&#xFC;ber geht es vielleicht ins gro&#xDF;e Nichts. – Aber wer will in dies »Vielleicht« einsteigen?</p><p>Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr dann <emphasis>Welt-M&#xFC;de </emphasis>sein!</p><p>Weltm&#xFC;de! Und noch nicht einmal Erd-Entr&#xFC;ckte wurdet ihr!<a l:href="#n_163" type="note">[163]</a> L&#xFC;stern fand ich euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne Erd-M&#xFC;digkeit!</p><p>Nicht umsonst h&#xE4;ngt euch die Lippe herab: – ein kleiner Erden-Wunsch sitzt noch darauf! Und im Auge – schwimmt da nicht ein W&#xF6;lkchen unverge&#xDF;ner Erden-Lust?</p><p>Es gibt auf Erden viele gute Erfindungen, die einen n&#xFC;tzlich, die andern angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.</p><p>Und mancherlei so gut Erfundenes gibt es da, da&#xDF; es ist wie des Weibes Busen: n&#xFC;tzlich zugleich und angenehm.</p><p>Ihr Welt-M&#xFC;den aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruten streichen!<a l:href="#n_164" type="note">[164]</a> Mit Rutenstreichen soll man euch wieder muntre Beine machen.</p><p>Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde m&#xFC;de ist, so seid ihr schlaue Faultiere oder naschhafte verkrochene Lust-Katzen. Und wollt ihr nicht wieder lustig <emphasis>laufen, </emphasis>so sollt ihr – dahinfahren!<a l:href="#n_165" type="note">[165]</a></p><p>An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es Zarathustra: – so sollt ihr dahinfahren!</p><p>Aber es geh&#xF6;rt mehr <emphasis>Mut </emphasis>dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen Vers: das wissen alle &#xC4;rzte und Dichter. —</p><subtitle>18</subtitle><p>O meine Br&#xFC;der, es gibt Tafeln, welche die Erm&#xFC;dung, und Tafeln, welche die Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so wollen sie doch ungleich geh&#xF6;rt sein. —</p><p>Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch von seinem Ziele, aber vor M&#xFC;digkeit hat er sich trotzig hier in den Staub gelegt: dieser Tapfere!</p><p>Vor M&#xFC;digkeit g&#xE4;hnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an: keinen Schritt will er noch weiter tun – dieser Tapfere!</p><p>Nun gl&#xFC;ht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem Schwei&#xDF;e: aber er liegt da in seinem Trotze und will lieber verschmachten: —</p><p>– eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr werdet ihn noch an den Haaren in seinen Himmel ziehen m&#xFC;ssen – diesen Helden!</p><p>Besser noch, ihr la&#xDF;t ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, da&#xDF; der Schlaf ihm komme, der Tr&#xF6;ster, mit k&#xFC;hlendem R&#xE4;usche-Regen:</p><p>La&#xDF;t ihn liegen, bis er von selber wach wird – bis er von selber alle M&#xFC;digkeit widerruft und was M&#xFC;digkeit aus ihm lehrte!</p><p>Nur, meine Br&#xFC;der, da&#xDF; ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen Schleicher, und all das schw&#xE4;rmende Geschmei&#xDF;: —</p><p>– all das schw&#xE4;rmende Geschmei&#xDF; der »Gebildeten«, das sich am Schwei&#xDF;e jedes Helden – g&#xFC;tlich tut! —</p><subtitle>19</subtitle><p>Ich schlie&#xDF;e Kreise um mich und heilige Grenzen; immer wenigere steigen mit mir auf immer h&#xF6;here Berge: ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen. —</p><p>Wohin ihr aber auch mit mir steigen m&#xF6;gt, o meine Br&#xFC;der: seht zu, da&#xDF; nicht ein <emphasis>Schmarotzer </emphasis>mit euch steige!</p><p>Schmarotzer: das ist ein Gew&#xFC;rm, ein kriechendes, geschmiegtes, das fett werden will an euren kranken wunden Winkeln.</p><p>Und <emphasis>das </emphasis>ist seine Kunst, da&#xDF; er steigende Seelen err&#xE4;t, wo sie m&#xFC;de sind: in euren Gram und Unmut, in eure zarte Scham baut er sein ekles Nest.</p><p>Wo der Starke schwach, der Edle allzu mild ist – dahinein baut er sein ekles Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Gro&#xDF;e kleine wunde Winkel hat.</p><p>Was ist die h&#xF6;chste Art alles Seienden und was die geringste? Der Schmarotzer ist die geringste Art; wer aber h&#xF6;chster Art ist, der ern&#xE4;hrt die meisten Schmarotzer.</p><p>Die Seele n&#xE4;mlich, welche die l&#xE4;ngste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann: wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer sitzen? —</p><p>– die umf&#xE4;nglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann; die notwendigste, welche sich aus Lust in den Zufall st&#xFC;rzt: —</p><p>– die seiende Seele, welche ins Werden taucht; die habende, welche ins Wollen und Verlangen <emphasis>will: —</emphasis></p><p>– die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am s&#xFC;&#xDF;esten zuredet: —</p><p>– die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Str&#xF6;men und Widerstr&#xF6;men und Ebbe und Flut haben: – o wie sollte <emphasis>die h&#xF6;chste Seele </emphasis>nicht die schlimmsten Schmarotzer haben?</p><subtitle>20</subtitle><p>O meine Br&#xFC;der, bin ich denn grausam? Aber ich sage:</p><p>was f&#xE4;llt, das soll man auch noch sto&#xDF;en!</p><p>Das alles von heute – das f&#xE4;llt, das verf&#xE4;llt: wer wollte es halten! Aber ich – ich <emphasis>will </emphasis>es noch sto&#xDF;en!</p><p>Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? – Diese Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!</p><p>Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, o meine Br&#xFC;der! Ein Beispiel: <emphasis>Tut </emphasis>nach meinem Beispiele!</p><p>Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir – <emphasis>schneller fallen! —</emphasis></p><subtitle>21</subtitle><p>Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein<a l:href="#n_166" type="note">[166]</a> – man mu&#xDF; auch wissen Hau-Schau-Wen<a l:href="#n_167" type="note">[167]</a>!</p><p>Und oft ist mehr Tapferkeit darin, da&#xDF; einer an sich h&#xE4;lt und vor&#xFC;bergeht: <emphasis>damit </emphasis>er sich dem w&#xFC;rdigeren Feinde aufspare!</p><p>Ihr sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten: ihr m&#xFC;&#xDF;t stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon einmal.</p><p>Dem w&#xFC;rdigeren Feinde, o meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen: darum m&#xFC;&#xDF;t ihr an vielem vor&#xFC;bergehn —</p><p>– sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren l&#xE4;rmt von Volk und V&#xF6;lkern.</p><p>Haltet euer Auge rein von ihrem F&#xFC;r und Wider! Da gibt es viel Recht, viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.</p><p>Dreinschaun, dreinhaun – das ist da eins: darum geht weg in die W&#xE4;lder und legt euer Schwert schlafen!</p><p>Geht <emphasis>eure </emphasis>Wege! Und la&#xDF;t Volk und V&#xF6;lker die ihren gehn! – dunkle Wege wahrlich, auf denen auch nicht <emphasis>eine </emphasis>Hoffnung mehr wetterleuchtet!</p><p>Mag da der Kr&#xE4;mer herrschen, wo alles, was noch gl&#xE4;nzt— Kr&#xE4;mer-Gold ist! Es ist die Zeit der K&#xF6;nige nicht mehr: was sich heute Volk hei&#xDF;t, verdient keine K&#xF6;nige.</p><p>Seht doch, wie diese V&#xF6;lker jetzt selber den Kr&#xE4;mern gleich tun: sie lesen sich die kleinsten Vorteile noch aus jedem Kehricht!</p><p>Sie lauern einander auf, sie lauern einander etwas ab – das hei&#xDF;en sie »gute Nachbarschaft«. O selige ferne Zeit, wo ein Volk sich sagte: »Ich will &#xFC;ber V&#xF6;lker – <emphasis>Herr </emphasis>sein!«</p><p>Denn, meine Br&#xFC;der: das Beste soll herrschen, das Beste <emphasis>will </emphasis>auch herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da – <emphasis>fehlt es </emphasis>am Besten.</p><subtitle>22</subtitle><p>Wenn die – Brot umsonst h&#xE4;tten, wehe! Wonach w&#xFC;rden <emphasis>die </emphasis>schrein! Ihr Unterhalt – das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es schwer haben!</p><p>Raubtiere sind es: in ihrem »Arbeiten« – da ist auch noch Rauben, in ihrem »Verdienen« – da ist auch noch &#xDC;berlisten! Darum sollen sie es schwer haben!</p><p>Bessere Raubtiere sollen sie also werden, feinere, kl&#xFC;gere, <emphasis>menschen-&#xE4;hnlichere: </emphasis>der Mensch n&#xE4;mlich ist das beste Raubtier.</p><p>Allen Tieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht, von allen Tieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.</p><p>Nur noch die V&#xF6;gel sind &#xFC;ber ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen lernte, wehe! <emphasis>Wohinauf – </emphasis>w&#xFC;rde seine Raublust fliegen!</p><subtitle>23</subtitle><p>So will ich Mann und Weib: kriegst&#xFC;chtig den einen, geb&#xE4;rt&#xFC;chtig das andre, beide aber tanzt&#xFC;chtig mit Kopf und Beinen.</p><p>Und verloren sei uns der Tag, wo nicht <emphasis>ein </emphasis>Mal getanzt wurde! Und falsch hei&#xDF;e uns jede Wahrheit, bei der es nicht <emphasis>ein </emphasis>Gel&#xE4;chter gab!</p><subtitle>24</subtitle><p>Euer Eheschlie&#xDF;en: seht zu, da&#xDF; es nicht ein schlechtes <emphasis>Schlie&#xDF;en </emphasis>sei! Ihr schl&#xF6;sset zu schnell: so <emphasis>folgt </emphasis>daraus – Ehebrechen!</p><p>Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehel&#xFC;gen! – So sprach mir ein Weib: »Wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe – mich!«</p><p>Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachs&#xFC;chtigen: sie lassen es aller Welt entgelten, da&#xDF; sie nicht mehr einzeln laufen.</p><p>Deswillen will ich, da&#xDF; Redliche zueinander reden:</p><p>»Wir lieben uns: la&#xDF;t uns <emphasis>zusehn, </emphasis>da&#xDF; wir uns lieb behalten! Oder soll unser Versprechen ein Versehen sein?«</p><p>– »Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, da&#xDF; wir zusehn, ob wir zur gro&#xDF;en Ehe taugen<a l:href="#n_168" type="note">[168]</a>! Es ist ein gro&#xDF;es Ding, immer zu zwein sein!«</p><p>Also rate ich allen Redlichen; und was w&#xE4;re denn meine Liebe zum &#xDC;bermenschen und zu allem, was kommen soll, wenn ich anders riete und redete!</p><p>Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern <emphasis>hinauf – </emphasis>dazu, o meine Br&#xFC;der, helfe euch der Garten der Ehe!</p><subtitle>25</subtitle><p>Wer &#xFC;ber alte Urspr&#xFC;nge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach Quellen der Zukunft suchen und nach neuen Urspr&#xFC;ngen. —</p><p>O meine Br&#xFC;der, es ist nicht &#xFC;ber lange, da werden <emphasis>neue V&#xF6;lker </emphasis>entspringen<a l:href="#n_169" type="note">[169]</a> und neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.</p><p>Das Erdbeben n&#xE4;mlich – das versch&#xFC;ttet viel Brunnen, das schaftf Viel Verschmachten: das hebt auch innre Kr&#xE4;fte und Heimlichkeiten ans Licht.</p><p>Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter V&#xF6;lker brechen neue Quellen aus.</p><p>Und wer da ruft: »Siehe hier ein Brunnen f&#xFC;r viele Durstige, ein Herz f&#xFC;r viele Sehns&#xFC;chtige, ein Wille f&#xFC;r viele Werkzeuge«: – um den sammelt sich ein <emphasis>Volk, </emphasis>das ist: viele Versuchende.</p><p>Wer befehlen kann, wer gehorchen mu&#xDF; – <emphasis>das wird da versucht! Ach, </emphasis>mit welch langem Suchen und Raten und Mi&#xDF;raten und Lernen und Neu-Versuchen!</p><p>Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich’s – ein langes Suchen: sie sucht aber den Befehlenden! —</p><p>– ein Versuch, o meine Br&#xFC;der! Und <emphasis>kein </emphasis>»Vertrag«! Zerbrecht, zerbrecht mir solch Wort der Weich-Herzen und Halb-und-Halben!</p><subtitle>26</subtitle><p>O meine Br&#xFC;der! Bei welchen liegt doch die gr&#xF6;&#xDF;te Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten? —</p><p>– als bei denen, die sprechen und im Herzen f&#xFC;hlen: »Wir wissen schon, was gut ist und gerecht, wir haben es auch; wehe denen, die hier noch suchen!«</p><p>Und was f&#xFC;r Schaden auch die B&#xF6;sen tun m&#xF6;gen: der Schaden der Guten ist der sch&#xE4;dlichste Schaden!</p><p>Und was f&#xFC;r Schaden auch die Welt-Verleumder tun m&#xF6;gen: der Schaden der Guten ist der sch&#xE4;dlichste Schaden.</p><p>O meine Br&#xFC;der, den Guten und Gerechten sah einer einmal ins Herz, der da sprach: »Es sind die Pharis&#xE4;er.« Aber man verstand ihn nicht.</p><p>Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist ist eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist unergr&#xFC;ndlich klug.</p><p>Das aber ist die Wahrheit: die Guten <emphasis>m&#xFC;ssen </emphasis>Pharis&#xE4;er sein – sie haben keine Wahl!</p><p>Die Guten <emphasis>m&#xFC;ssen </emphasis>den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend erfindet! Das <emphasis>ist </emphasis>die Wahrheit!</p><p>Der zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich der Guten und Gerechten: das war, der da fragte: »Wen hassen sie am meisten?«</p><p>Den <emphasis>Schaffenden </emphasis>hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und alte Werte, den Brecher – den hei&#xDF;en sie Verbrecher.</p><p>Die Guten n&#xE4;mlich – die <emphasis>k&#xF6;nnen </emphasis>nicht schaffen: die sind immer der Anfang vom Ende: —</p><p>– sie kreuzigen den, der neue Werte auf neue Tafeln schreibt, sie opfern <emphasis>sich </emphasis>die Zukunft – sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!</p><p>Die Guten – die waren immer der Anfang vom Ende. —</p><subtitle>27</subtitle><p>O meine Br&#xFC;der, verstandet ihr auch dies Wort? Und was ich einst sagte vom »letzten Menschen«? – —</p><p>Bei welchen liegt die gr&#xF6;&#xDF;te Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten?</p><p><emphasis>Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten! – </emphasis>O meine Br&#xFC;der, verstandet ihr auch dies Wort?</p><subtitle>28</subtitle><p>Ihr flieht von mir? Ihr seid erschreckt? Ihr zittert vor diesem Worte?</p><p>O meine Br&#xFC;der, als ich euch die Guten zerbrechen hie&#xDF; und die Tafeln der Guten: da erst schiftfe ich den Menschen ein auf seine hohe See.</p><p>Und nun erst kommt ihm der gro&#xDF;e Schrecken, das gro&#xDF;e Um-sich-Sehn, die gro&#xDF;e Krankheit, der gro&#xDF;e Ekel, die gro&#xDF;e See-Krankheit.</p><p>Falsche K&#xFC;sten und falsche Sicherheiten lehrten euch die Guten; in L&#xFC;gen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten.</p><p>Aber wer das Land »Mensch« entdeckte, entdeckte auch das Land »Menschen-Zukunft«. Nun sollt ihr mir Seefahrer sein, wackere, geduldsame!</p><p>Aufrecht geht mir beizeiten, o meine Br&#xFC;der, lernt aufrecht gehn! Das Meer st&#xFC;rmt: viele wollen an euch sich wieder aufrichten.</p><p>Das Meer st&#xFC;rmt: alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten Seemanns-Herzen!</p><p>Was Vaterland! <emphasis>Dorthin </emphasis>will unser Steuer, wo unser <emphasis>Kinder-Land </emphasis>ist! Dorthinaus, st&#xFC;rmischer als das Meer, st&#xFC;rmt unsre gro&#xDF;e Sehnsucht! —</p><subtitle>29</subtitle><p>»Warum so hart!« – sprach zum Diamanten einst die K&#xFC;chen-Kohle; »sind wir denn nicht Nah-Verwandte?« —</p><p>Warum so weich? O meine Br&#xFC;der, also frage <emphasis>ich </emphasis>euch: seid ihr denn nicht – meine Br&#xFC;der?</p><p>Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? So wenig Schicksal in eurem Blicke?</p><p>Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie k&#xF6;nntet ihr mit mir – siegen?</p><p>Und wenn eure H&#xE4;rte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will: wie k&#xF6;nntet ihr einst mit mir – schaffen?</p><p>Die Schaffenden n&#xE4;mlich sind hart. Und Seligkeit mu&#xDF; es euch d&#xFC;nken, eure Hand auf Jahrtausende zu dr&#xFC;cken wie auf Wachs —</p><p>– Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz – h&#xE4;rter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das Edelste.</p><p>Diese neue Tafel, o meine Br&#xFC;der, stelle ich &#xFC;ber euch: <emphasis>werdet hart! —</emphasis></p><subtitle>30</subtitle><p>O du mein Wille! Du Wende aller Not<a l:href="#n_170" type="note">[170]</a>, du <emphasis>meine </emphasis>Notwendigkeit! Bewahre mich vor allen kleinen Siegen!</p><p>Du Schickung meiner Seele, die ich Schicksal hei&#xDF;e! Du In-mir! &#xDC;ber-mir! Bewahre und spare mich auf zu <emphasis>einem </emphasis>gro&#xDF;en Schicksale!</p><p>Und deine letzte Gr&#xF6;&#xDF;e, mein Wille, spare dir f&#xFC;r dein Letztes auf – da&#xDF; du unerbittlich bist <emphasis>in </emphasis>deinem Siege! Ach, wer unterlag nicht seinem Siege!</p><p>Ach, wessen Auge dunkelte nicht in dieser trunkenen D&#xE4;mmerung! Ach, wessen Fu&#xDF; taumelte nicht und verlernte im Siege – stehen! —</p><p>– Da&#xDF; ich einst bereit und reif sei im gro&#xDF;en Mittage: bereit und reif gleich gl&#xFC;hendem Erze, blitzschwangrer Wolke<a l:href="#n_171" type="note">[171]</a> und schwellendem Milch-Euter: —</p><p>– bereit zu mir selber und zu meinem verborgensten Willen: ein Bogen br&#xFC;nstig nach einem Pfeile, ein Pfeil br&#xFC;nstig nach seinem Sterne: —</p><p>– ein Stern, bereit und reif in seinem Mittage, gl&#xFC;hend, durchbohrt, selig vor vernichtenden Sonnen-Pfeilen: —</p><p>– eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum Vernichten bereit im Siegen!</p><p>O Wille, Wende aller Not, du <emphasis>meine </emphasis>Notwendigkeit! Spare mich auf zu <emphasis>einem </emphasis>gro&#xDF;en Siege! – —Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Der Genesende</p></title><subtitle>1</subtitle><p>Eines Morgens, nicht lange nach seiner R&#xFC;ckkehr zur H&#xF6;hle, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und geb&#xE4;rdete sich, als ob noch einer auf dem Lager l&#xE4;ge, der nicht davon aufstehn wolle; und also t&#xF6;nte Zarathustras Stimme, da&#xDF; seine Tiere erschreckt hinzukamen, und da&#xDF; aus allen H&#xF6;hlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustras H&#xF6;hle benachbart waren, alles Getier davonhuschte – fliegend, flatternd, kriechend, springend, wie ihm nur die Art von Fu&#xDF; und Fl&#xFC;gel gegeben war. Zarathustra aber redete diese Worte:</p><empty-line/><p>Herauf, abgr&#xFC;ndlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich schon wach kr&#xE4;hen!</p><p>Kn&#xFC;pfe die Fessel deiner Ohren los<a l:href="#n_172" type="note">[172]</a>: horche! Denn ich will dich h&#xF6;ren! Auf! Auf! Hier ist Donners genug, da&#xDF; auch Gr&#xE4;ber horchen lernen!</p><p>Und wische den Schlaf und alles Bl&#xF6;de, Blinde aus deinen Augen! H&#xF6;re mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch f&#xFC;r Blindgeborne.</p><p>Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das <emphasis>meine </emphasis>Art, Urgro&#xDF;m&#xFC;tter aus dem Schlafe wecken, da&#xDF; ich sie hei&#xDF;e – weiterschlafen!</p><p>Du regst dich, dehnst dich, r&#xF6;chelst? Auf! Auf! Nicht r&#xF6;cheln – reden sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!</p><p>Ich, Zarathustra, der F&#xFC;rsprecher des Lebens, der F&#xFC;rsprecher des Leidens, der F&#xFC;rsprecher des Kreises – dich rufe ich, meinen abgr&#xFC;ndlichsten Gedanken!</p><p>Heil mir! Du kommst – ich h&#xF6;re dich! Mein Abgrund <emphasis>redet, </emphasis>meine letzte Tiefe habe ich ans Licht gest&#xFC;lpt<a l:href="#n_173" type="note">[173]</a>!</p><p>Heil mir! Heran! Gib die Hand – – ha! la&#xDF;! Haha! – – Ekel, Ekel, Ekel – – – wehe mir!</p><subtitle>2</subtitle><p>Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da st&#xFC;rzte er nieder gleich einem Toten und blieb lange wie ein Toter. Als er aber wieder zu sich kam, da war er bleich und zitterte und blieb liegen und wollte lange nicht essen noch trinken. Solches Wesen dauerte an ihm sieben Tage; seine Tiere verlie&#xDF;en ihn aber nicht bei Tag und Nacht, es sei denn, da&#xDF; der Adler ausflog, Speise zu holen. Und was er holte und zusammenraubte, das legte er auf Zarathustras Lager: also da&#xDF; Zarathustra endlich unter gelben und roten Beeren, Trauben, Rosen&#xE4;pfeln, wohlriechendem Krautwerke und Pinien-Zapfen lag. Zu seinen F&#xFC;&#xDF;en aber waren zwei L&#xE4;mmer gebreitet, welche der Adler mit M&#xFC;he ihren Hirten abgeraubt hatte.</p><p>Endlich, nach sieben Tagen, richtete sich Zarathustra auf seinem Lager auf, nahm einen Rosenapfel in die Hand, roch daran und fand seinen Geruch lieblich. Da glaubten seine Tiere, die Zeit sei gekommen, mit ihm zu reden.</p><p>»O Zarathustra«, sagten sie, »nun liegst du schon sieben Tage so, mit schweren Augen: willst du dich nicht endlich wieder auf deine F&#xFC;&#xDF;e stellen?</p><p>Tritt hinaus aus deiner H&#xF6;hle: die Welt wartet dein wie ein Garten. Der Wind spielt mit schweren Wohlger&#xFC;chen, die zu dir wollen; und alle B&#xE4;che m&#xF6;chten dir nachlaufen.</p><p>Alle Dinge sehnen sich nach dir, dieweil du sieben Tage allein bliebst – tritt hinaus aus deiner H&#xF6;hle! Alle Dinge wollen deine &#xC4;rzte sein!</p><p>Kam wohl eine neue Erkenntnis zu dir, eine saure, schwere? Gleich anges&#xE4;uertem Teige lagst du, deine Seele ging auf und schwoll &#xFC;ber alle ihre R&#xE4;nder. —«</p><p>– O meine Tiere, antwortete Zarathustra, schw&#xE4;tzt also weiter und la&#xDF;t mich zuh&#xF6;ren! Es erquickt mich so, da&#xDF; ihr schw&#xE4;tzt: wo geschw&#xE4;tzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.</p><p>Wie lieblich ist es, da&#xDF; Worte und T&#xF6;ne da sind: sind nicht Worte und T&#xF6;ne Regenb&#xF6;gen und Schein-Br&#xFC;cken zwischen Ewig-Geschiedenem?</p><p>Zu jeder Seele geh&#xF6;rt eine andre Welt; f&#xFC;r jede Seele ist jede andre Seele eine Hinterwelt.</p><p>Zwischen dem &#xC4;hnlichsten gerade l&#xFC;gt der Schein am sch&#xF6;nsten; denn die kleinste Kluft ist am schwersten zu &#xFC;berbr&#xFC;cken.</p><p>F&#xFC;r mich – wie g&#xE4;be es ein Au&#xDF;ermir? Es gibt kein Au&#xDF;en! Aber das vergessen wir bei allen T&#xF6;nen; wie lieblich ist es, da&#xDF; wir vergessen!</p><p>Sind nicht den Dingen Namen und T&#xF6;ne geschenkt, da&#xDF; der Mensch sich an den Dingen erquicke? Es ist eine sch&#xF6;ne Narretei, das Sprechen: damit tanzt der Mensch &#xFC;ber alle Dinge.</p><p>Wie lieblich ist alles Reden und alle L&#xFC;ge der T&#xF6;ne! Mit T&#xF6;nen tanzt unsre Liebe auf bunten Regenb&#xF6;gen. – – »O Zarathustra«, sagten darauf die Tiere, »solchen, die denken wie wir, tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und lacht und flieht – und kommt zur&#xFC;ck.</p><p>Alles geht, alles kommt zur&#xFC;ck; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, alles bl&#xFC;ht wieder auf, ewig l&#xE4;uft das Jahr des Seins.</p><p>Alles bricht, alles wird neu gef&#xFC;gt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, alles gr&#xFC;&#xDF;t sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins.</p><p>In jedem Nu<a l:href="#n_174" type="note">[174]</a> beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort. Die Mitte ist &#xFC;berall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.« —</p><p>– O ihr Schalks-Narren und Drehorgeln<a l:href="#n_175" type="note">[175]</a>! antwortete Zarathustra und l&#xE4;chelte wieder, wie gut wi&#xDF;t ihr, was sich in sieben Tagen erf&#xFC;llen mu&#xDF;te: —</p><p>– und wie jenes Untier mir in den Schlund kroch und mich w&#xFC;rgte! Aber ich bi&#xDF; ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.</p><p>Und ihr – ihr machtet schon ein Leier-Lied daraus? Nun aber liege ich da, m&#xFC;de noch von diesem Bei&#xDF;en und Wegspein, krank noch von der eigenen Erl&#xF6;sung.</p><p><emphasis>Und ihr schautet dem allen zu? </emphasis>O meine Tiere, seid auch ihr grausam? Habt ihr meinem gro&#xDF;en Schmerze zuschaun wollen, wie Menschen tun? Der Mensch n&#xE4;mlich ist das grausamste Tier.</p><p>Bei Trauerspielen, Stierk&#xE4;mpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die H&#xF6;lle erfand, siehe, da war das sein Himmel auf Erden.</p><p>Wenn der gro&#xDF;e Mensch schreit —: flugs l&#xE4;uft der kleine hinzu; und die Zunge h&#xE4;ngt ihm aus dem Halse vor L&#xFC;sternheit. Er aber hei&#xDF;t es sein »Mitleiden«.</p><p>Der kleine Mensch, sonderlich der Dichter – wie eifrig klagt er das Leben in Worten an! H&#xF6;rt hin, aber &#xFC;berh&#xF6;rt mir die Lust nicht, die in allem Anklagen ist!</p><p>Solche Ankl&#xE4;ger des Lebens: die &#xFC;berwindet das Leben mit einem Augenblinzeln. »Du liebst mich?« sagt die Freche; »warte noch ein wenig, noch habe ich f&#xFC;r dich nicht Zeit.«</p><p>Der Mensch ist gegen sich selber das grausamste Tier: und bei allem, was sich »S&#xFC;nder« und »Kreuztr&#xE4;ger« und »B&#xFC;&#xDF;er« hei&#xDF;t, &#xFC;berh&#xF6;rt mir die Wollust nicht, die in diesem Klagen und Anklagen ist!</p><p>Und ich selber – will ich damit des Menschen Ankl&#xE4;ger sein? Ach, meine Tiere, das allein lernte ich bisher, da&#xDF; dem Menschen sein B&#xF6;sestes n&#xF6;tig ist zu seinem Besten – da&#xDF; alles B&#xF6;seste seine beste <emphasis>Kraft </emphasis>ist und der h&#xE4;rteste Stein dem h&#xF6;chsten Schaffenden; und da&#xDF; der Mensch besser <emphasis>und </emphasis>b&#xF6;ser werden mu&#xDF;: —</p><p>Nicht an <emphasis>dies </emphasis>Marterholz war ich geheftet<a l:href="#n_176" type="note">[176]</a>, da&#xDF; ich wei&#xDF;: der Mensch ist b&#xF6;se – sondern ich schrie, wie noch niemand geschrien hat:</p><p>»Ach, da&#xDF; sein B&#xF6;sestes so gar klein ist! Ach, da&#xDF; sein Bestes so gar klein ist!«</p><p>Der gro&#xDF;e &#xDC;berdru&#xDF; am Menschen – der w&#xFC;rgte mich und war mir in den Schlund gekrochen: und was der Wahrsager wahrsagte: »Alles ist gleich, es lohnt sich nichts, Wissen w&#xFC;rgt.«</p><p>Eine lange D&#xE4;mmerung hinkte vor mir her, eine todesm&#xFC;de, todestrunkene Traurigkeit, welche mit g&#xE4;hnendem Munde redete.</p><p>»Ewig kehrt er wieder, der Mensch, des du m&#xFC;de bist, der kleine Mensch« – so g&#xE4;hnte meine Traurigkeit und schleppte den Fu&#xDF; und konnte nicht einschlafen.</p><p>Zur H&#xF6;hle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein, alles Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche Vergangenheit.</p><p>Mein Seufzen sa&#xDF; auf allen Menschen-Gr&#xE4;bern und konnte nicht mehr aufstehn; mein Seufzen und Fragen unkte und w&#xFC;rgte und nagte und klagte bei Tag und Nacht:</p><p>– »ach, der Mensch kehrt ewig wieder! Der kleine Mensch kehrt ewig wieder!« —</p><p>Nackt hatte ich einst beide gesehn, den gr&#xF6;&#xDF;ten Menschen und den kleinsten Menschen: allzu&#xE4;hnlich einander – allzumenschlich auch den Gr&#xF6;&#xDF;ten noch!</p><p>Allzuklein der Gr&#xF6;&#xDF;te! – das war mein &#xDC;berdru&#xDF; am Menschen! Und ewige Wiederkunft<a l:href="#n_177" type="note">[177]</a> auch des Kleinsten! – das war mein &#xDC;berdru&#xDF; an allem Dasein!</p><p>Ach, Ekel! Ekel! Ekel! – – Also sprach Zarathustra und seufzte und schauderte; denn er erinnerte sich seiner Krankheit. Da lie&#xDF;en ihn aber seine Tiere nicht weiterreden.</p><p>»Sprich nicht weiter, du Genesender!« – so antworteten ihm seine Tiere, »sondern geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem Garten.</p><p>Geh hinaus zu den Rosen und Bienen und Taubenschw&#xE4;rmen! Sonderlich aber zu den Singe-V&#xF6;geln: da&#xDF; du ihnen das <emphasis>Singen </emphasis>ablernst!</p><p>Singen n&#xE4;mlich ist f&#xFC;r Genesende; der Gesunde mag reden. Und wenn auch der Gesunde Lieder will, will er andre Lieder doch als der Genesende.«</p><empty-line/><p>– »O ihr Schalks-Narren und Drehorgeln, so schweigt doch!« – antwortete Zarathustra und l&#xE4;chelte &#xFC;ber seine Tiere. »Wie gut ihr wi&#xDF;t, welchen Trost ich mir selber in sieben Tagen erfand!</p><p>Da&#xDF; ich wieder singen m&#xFC;sse – <emphasis>den </emphasis>Trost erfand ich mir und <emphasis>diese </emphasis>Genesung: wollt ihr auch daraus gleich wieder ein Leier-Lied machen?«</p><p>– »Sprich nicht weiter«, antworteten ihm abermals seine Tiere; »lieber noch, du Genesender, mache dir erst eine Leier zurecht, eine neue Leier!</p><p>Denn siehe doch, o Zarathustra! Zu deinen neuen Liedern bedarf es neuer Leiern.</p><p>Singe und brause &#xFC;ber, o Zarathustra, heile mit neuen Liedern deine Seele: da&#xDF; du dein gro&#xDF;es Schicksal tragest, das noch keines Menschen Schicksal war!</p><p>Denn deine Tiere wissen es wohl, o Zarathustra, wer du bist und werden mu&#xDF;t: siehe, <emphasis>du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft – </emphasis>das ist nun <emphasis>dein </emphasis>Schicksal!</p><p>Da&#xDF; du als der erste diese Lehre lehren mu&#xDF;t – wie sollte dies gro&#xDF;e Schicksal nicht auch deine gr&#xF6;&#xDF;te Gefahr und Krankheit sein!</p><p>Siehe, wir wissen, was du lehrst: da&#xDF; alle Dinge ewig wiederkehren und wir selber mit und da&#xDF; wir schon ewige Male dagewesen sind und alle Dinge mit uns.</p><p>Du lehrst, da&#xDF; es ein gro&#xDF;es Jahr des Werdens gibt, ein Ungeheuer von gro&#xDF;em Jahre: das mu&#xDF; sich, einer Sanduhr gleich, immer wieder von neuem umdrehn, damit es von neuem ablaufe und auslaufe: —</p><p>– so da&#xDF; alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Gr&#xF6;&#xDF;ten und auch im Kleinsten – so da&#xDF; wir selber in jedem gro&#xDF;en Jahre uns selber gleich sind, im Gr&#xF6;&#xDF;ten und auch im Kleinsten.</p><p>Und wenn du jetzt sterben wolltest, o Zarathustra: siehe, wir wissen auch, wie du da zu dir sprechen w&#xFC;rdest: – aber deine Tiere bitten dich, da&#xDF; du noch nicht sterbest!</p><p>Du w&#xFC;rdest sprechen und ohne Zittern, vielmehr aufatmend vor Seligkeit: denn eine gro&#xDF;e Schwere und Schw&#xFC;le w&#xE4;re von dir genommen, du Geduldigster! —</p><p>›Nun sterbe und schwinde ich‹, w&#xFC;rdest du sprechen, ›und im Nu bin ich ein Nichts. Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber.</p><p>Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen bin – der wird mich wieder schaffen! Ich selber geh&#xF6;re zu den Ursachen der ewigen Wiederkunft.</p><p>Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit dieser Schlange – <emphasis>nicht </emphasis>zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder &#xE4;hnlichen Leben:</p><p>– ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im Gr&#xF6;&#xDF;ten und auch im Kleinsten, da&#xDF; ich wieder aller Dinge ewige Wiederkunft lehre —</p><p>– da&#xDF; ich wieder das Wort spreche vom gro&#xDF;en Erdenund Menschen-Mittage, da&#xDF; ich wieder den Menschen den &#xDC;bermenschen k&#xFC;nde.</p><p>Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein ewiges Los – als Verk&#xFC;ndiger gehe ich zugrunde!</p><p>Die Stunde kam nun, da&#xDF; der Untergehende sich selber segnet. Also – <emphasis>endet </emphasis>Zarathustras Untergangs.« – —</p><empty-line/><p>Als die Tiere diese Worte gesprochen hatten, schwiegen sie und warteten, da&#xDF; Zarathustra etwas zu ihnen sagen werde: aber Zarathustra h&#xF6;rte nicht, da&#xDF; sie schwiegen. Vielmehr lag er still, mit geschlossenen Augen, einem Schlafenden &#xE4;hnlich, ob er schon nicht schlief: denn er unterredete sich eben mit seiner Seele. Die Schlange aber und der Adler, als sie ihn solcherma&#xDF;en schweigsam fanden, ehrten die gro&#xDF;en Stille um ihn und machten sich behutsam davon.</p></section><section><title><p>Von der Grossen Sehnsucht</p></title><p>O meine Seele, ich lehrte dich »Heute« sagen wie »Einst« und »Ehemals« und &#xFC;ber alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinwegtanzen.</p><p>O meine Seele, ich erl&#xF6;ste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub, Spinnen und Zwielicht von dir ab.</p><p>O meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von dir ab und &#xFC;berredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.</p><p>Mit dem Sturme, welcher »Geist« hei&#xDF;t, blies ich &#xFC;ber deine wogende See; alle Wolken blies ich davon, ich erw&#xFC;rgte selbst die W&#xFC;rgerin, die »S&#xFC;nde« hei&#xDF;t.</p><p>O meine Seele, ich gab dir das Recht, nein zu sagen wie der Sturm, und ja zu sagen, wie offner Himmel ja sagt: still wie Licht stehst du und gehst du nun durch verneinende St&#xFC;rme.</p><p>O meine Seele, ich gab dir die Freiheit zur&#xFC;ck &#xFC;ber Erschaffnes und Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des Zuk&#xFC;nftigen?</p><p>O meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein Wurmfra&#xDF; kommt, das gro&#xDF;e, das liebende Verachten, welches am meisten liebt, wo es am meisten verachtet.</p><p>O meine Seele, ich lehrte dich so &#xFC;berreden, da&#xDF; du zu dir die Gr&#xFC;nde selber &#xFC;berredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu ihrer H&#xF6;he &#xFC;berredet.</p><p>O meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen, Kniebeugen und Herr-Sagen; ich gab dir selber den Namen »Wende der Not« und »Schicksal«.</p><p>O meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hie&#xDF; dich »Schicksal« und »Umfang der Umfange« und »Nabelschnur der Zeit«<a l:href="#n_178" type="note">[178]</a> und »azurne Glocke«.</p><p>O meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken, alle neuen Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der Weisheit.</p><p>O meine Seele, jede Sonne go&#xDF; ich auf dich und jede Nacht und jedes Schweigen und jede Sehnsucht: – da wuchsest du mir auf wie ein Weinstock.</p><p>O meine Seele, &#xFC;berreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock mit schwellenden Eutern und gedr&#xE4;ngten braunen Gold-Weintrauben: —</p><p>– gedr&#xE4;ngt und gedr&#xFC;ckt von deinem Gl&#xFC;cke, wartend vor &#xDC;berflusse und schamhaft noch ob deines Wartens.</p><p>O meine Seele, es gibt nun nirgends eine Seele, die liebender w&#xE4;re und umfangender und umf&#xE4;nglicher! Wo w&#xE4;re Zukunft und Vergangnes n&#xE4;her beisammen als bei dir?</p><p>O meine Seele, ich gab dir alles, und alle meine H&#xE4;nde sind an dich leer geworden: – und nun! Nun sagst du mir l&#xE4;chelnd und voll Schwermut: »Wer von uns hat zu danken? —</p><p>– hat der Geber nicht zu danken, da&#xDF; der Nehmende nahm? Ist Schenken nicht eine Notdurft? Ist Nehmen nicht – Erbarmen?« —</p><p>O meine Seele, ich verstehe das L&#xE4;cheln deiner Schwermut: dein &#xDC;ber-Reichtum selber streckt nun sehnende H&#xE4;nde aus!</p><p>Deine F&#xFC;lle blickt &#xFC;ber brausende Meere hin und sucht und wartet; die Sehnsucht der &#xDC;ber-F&#xFC;lle blickt aus deinem l&#xE4;chelnden Augen-Himmel!</p><p>Und wahrlich, o meine Seele! Wer s&#xE4;he dein L&#xE4;cheln und schm&#xF6;lze nicht vor Tr&#xE4;nen? Die Engel selber schmelzen vor Tr&#xE4;nen ob der &#xDC;ber-G&#xFC;te deines L&#xE4;chelns.</p><p>Deine G&#xFC;te und &#xDC;ber-G&#xFC;te ist es, die nicht klagen und weinen will: und doch sehnt sich, o meine Seele, dein L&#xE4;cheln nach Tr&#xE4;nen und dein zitternder Mund nach Schluchzen.</p><p>»Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein Anklagen?« Also redest du zu dir selber, und darum willst du, o meine Seele, lieber l&#xE4;cheln als dein Leid aussch&#xFC;tten</p><p>– in st&#xFC;rzende Tr&#xE4;nen aussch&#xFC;tten all dein Leid &#xFC;ber deine F&#xFC;lle und &#xFC;ber all die Dr&#xE4;ngnis des Weinstocks nach Winzer<a l:href="#n_179" type="note">[179]</a> und Winzermesser!</p><p>Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne Schwermut, so wirst du <emphasis>singen </emphasis>m&#xFC;ssen, o meine Seele! – Siehe, ich l&#xE4;chle selber, der ich dir solches vorhersage:</p><p>– singen, mit brausendem Ges&#xE4;nge, bis alle Meere still werden, da&#xDF; sie deiner Sehnsucht zuhorchen —</p><p>– bis &#xFC;ber stille sehns&#xFC;chtige Meere der Nachen schwebt, das g&#xFC;ldene Wunder, um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge h&#xFC;pfen: —</p><p>– auch vieles gro&#xDF;e und kleine Getier und alles, was leichte wunderliche F&#xFC;&#xDF;e hat, da&#xDF; es auf veilchenblauen Pfaden laufen kann —</p><p>– hin zu dem g&#xFC;ldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem Herrn: das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser wartet —</p><p>– dein gro&#xDF;er L&#xF6;ser, o meine Seele, der Namenlose – – dem zuk&#xFC;nftige Ges&#xE4;nge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Atem nach zuk&#xFC;nftigen Ges&#xE4;ngen —</p><p>– schon gl&#xFC;hst du und tr&#xE4;umst, schon trinkst du durstig an allen tiefen klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermut in der Seligkeit zuk&#xFC;nftiger Ges&#xE4;nge! – —</p><p>O meine Seele, nun gab ich dir alles und auch mein Letztes, und alle meine H&#xE4;nde sind an dich leer geworden: – <emphasis>da&#xDF; ich dich singen hie&#xDF;, </emphasis>siehe, das war mein Letztes!</p><p>Da&#xDF; ich dich singen hie&#xDF;, sprich nun, sprich: <emphasis>wer </emphasis>von uns hat jetzt – zu danken? – Besser aber noch: singe mir, singe, o meine Seele! Und mich la&#xDF; danken! —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Das Andere Tanzlied</p></title><subtitle>l</subtitle><p>»In dein Auge schaute ich j&#xFC;ngst, o Leben: Gold sah ich in deinem Nacht-Auge blinken – mein Herz stand still vor dieser Wollust:</p><p>– einen goldenen Kahn sah ich blinken auf n&#xE4;chtigen Gew&#xE4;ssern, einen sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!</p><p>Nach meinem Fu&#xDF;e, dem tanzw&#xFC;tigen, warfst du einen Blick, einen lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:</p><p>Zweimal nur regtest du deine Klapper mit kleinen H&#xE4;nden – da schaukelte schon mein Fu&#xDF; vor Tanz-Wut. —</p><p>Meine Fersen b&#xE4;umten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen: tr&#xE4;gt doch der T&#xE4;nzer sein Ohr – in seinen Zehen!</p><p>Zu dir hin sprang ich: da flohst du zur&#xFC;ck vor meinem Sprunge; und gegen mich z&#xFC;ngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!</p><p>Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon, halbgewandt, das Auge voll Verlangen.</p><p>Mit krummen Blicken – lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen lernt mein Fu&#xDF; – T&#xFC;cken!</p><p>Ich f&#xFC;rchte dich Nahe, ich liebe dich Ferne; deine Flucht lockt mich, dein Suchen stockt mich: – ich leide, aber was litt ich um dich nicht gerne!</p><p>Deren K&#xE4;lte z&#xFC;ndet, deren Ha&#xDF; verf&#xFC;hrt, deren Flucht bindet, deren Spott – r&#xFC;hrt:</p><p>– wer ha&#xDF;te dich nicht, dich gro&#xDF;e Binderin, Umwinderin, Versucherin, Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich unschuldige, ungeduldige, windseilige, kinds&#xE4;ugige S&#xFC;nderin!</p><p>Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband<a l:href="#n_180" type="note">[180]</a>? Und jetzt fliehst du mich wieder, du s&#xFC;&#xDF;er Wildfang und Undank!</p><p>Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du? Gib mir die Hand! Oder einen Finger nur!</p><p>Hier sind H&#xF6;hlen und Dickichte: wir werden uns verirren! – Halt! Steh still! Siehst du nicht Eulen und Flederm&#xE4;use schwirren?</p><p>Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich &#xE4;ffen? Wo sind wir? Von den Hunden lerntest du dies Heulen und Kl&#xE4;ffen.</p><p>Du fletschest mich lieblich an mit wei&#xDF;en Z&#xE4;hnlein, deine b&#xF6;sen Augen springen gegen mich aus lockichtem M&#xE4;hnlein!</p><p>Das ist ein Tanz &#xFC;ber Stock und Stein: ich bin der J&#xE4;ger – willst du mein Hund oder meine Gemse<a l:href="#n_181" type="note">[181]</a> sein?</p><p>Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf! Und hin&#xFC;ber! – Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!</p><p>O sieh mich liegen, du &#xDC;bermut, und um Gnade flehn! Gerne m&#xF6;chte ich mit dir – lieblichere Pfade gehn!</p><p>– der Liebe Pfade durch stille bunte B&#xFC;sche! Oder dort den See entlang: da schwimmen und tanzen Goldfische!</p><p>Du bist jetzt m&#xFC;de? Da dr&#xFC;ben sind Schafe und Abendr&#xF6;ten: ist es nicht sch&#xF6;n, zu schlafen, wenn Sch&#xE4;fer fl&#xF6;ten?</p><p>Du bist so arg m&#xFC;de? Ich trage dich hin, la&#xDF; nur die Arme sinken! Und hast du Durst – ich h&#xE4;tte wohl etwas, aber dein Mund will es nicht trinken!</p><p>– O diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo bist du hin? Aber im Gesicht f&#xFC;hle ich von deiner Hand zwei Tupfen und rote Kleckse!</p><p>Ich bin es wahrlich m&#xFC;de, immer dem schafichter Sch&#xE4;fer zu sein! Du Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst <emphasis>du </emphasis>mir – schrein!</p><p>Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich verga&#xDF; doch die Peitsche nicht? – Nein!«</p><subtitle>2</subtitle><p>Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu:</p><p>»O Zarathustra! Klatsche doch nicht so f&#xFC;rchterlich mit deiner Peitsche! Du wei&#xDF;t es ja: L&#xE4;rm mordet Gedanken – und eben kommen mir so z&#xE4;rtliche Gedanken.</p><p>Wir sind beide zwei rechte Tunichtgute und Tunichtb&#xF6;se. Jenseits von Gut und B&#xF6;se fanden wir unser Eiland und unsre gr&#xFC;ne Wiese – wir zwei allein! Drum m&#xFC;ssen wir schon einander gut sein!</p><p>Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus – mu&#xDF; man sich denn gram sein, wenn man sich nicht von Grund aus liebt?</p><p>Und da&#xDF; ich dir gut bin und oft zu gut, das wei&#xDF;t du:</p><p>und der Grund ist, da&#xDF; ich auf deine Weisheit eifers&#xFC;chtig bin. Ah, diese tolle alte N&#xE4;rrin von Weisheit!</p><p>Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell auch meine Liebe noch davon.« —</p><p>Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und sagte leise: »O Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!</p><p>Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich wei&#xDF;, du denkst daran, da&#xDF; du mich bald verlassen willst.</p><p>Es gibt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt nachts bis zu deiner H&#xF6;hle hinauf: —</p><p>– h&#xF6;rst du diese Glocke mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du zwischen eins und zw&#xF6;lf daran —</p><p>– du denkst daran, o Zarathustra, ich wei&#xDF; es, da&#xDF; du mich bald verlassen willst!« —</p><empty-line/><p>»Ja«, antwortete ich z&#xF6;gernd, »aber du wei&#xDF;t es auch —« Und ich sagte ihr etwas ins Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben t&#xF6;richten Haar-Zotteln.</p><p>»Du <emphasis>wei&#xDF;t </emphasis>das, o Zarathustra? Das wei&#xDF; niemand. —«</p><empty-line/><p>Und wir sahen uns an und blickten auf die gr&#xFC;ne Wiese, &#xFC;ber welche eben der k&#xFC;hle Abend lief, und weinten miteinander. – Damals aber war mir das Leben lieber als je alle meine Weisheit. —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p><subtitle>3</subtitle><p><emphasis>Eins!</emphasis></p><p>O Mensch! Gib acht!</p><p><emphasis>Zwei!</emphasis></p><p>Was spricht die tiefe Mitternacht?</p><p><emphasis>Drei!</emphasis></p><p>»Ich schlief, ich schlief —</p><p><emphasis>Vier!</emphasis></p><p>Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —</p><p><emphasis>F&#xFC;nf!</emphasis></p><p>Die Welt ist tief,</p><p><emphasis>Sechs!</emphasis></p><p>Und tiefer als der Tag gedacht.</p><p><emphasis>Sieben!</emphasis></p><p>Tief ist ihr Weh —</p><p><emphasis>Acht!</emphasis></p><p>Lust – tiefer noch als Herzeleid:</p><p><emphasis>Neun!</emphasis></p><p>Weh spricht: Vergeh!</p><p><emphasis>Zehn!</emphasis></p><p>Doch alle Lust will Ewigkeit —</p><p><emphasis>Elf!</emphasis></p><p>– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«</p><p><emphasis>Zw&#xF6;lf!</emphasis></p></section><section><title><p>Die Sieben Siegel</p><p>(Oder: das Ja-und-Amen-Lied)</p></title><subtitle>l</subtitle><p>Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der auf hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt —</p><p>zwischen Vergangenem und Zuk&#xFC;nftigem als schwere Wolke wandelt —, schw&#xFC;len Niederungen feind und allem, was m&#xFC;de ist und nicht sterben noch leben kann:</p><p>zum Blitze bereit im dunklen Busen, und zum erl&#xF6;senden Lichtstrahle, schwanger von Blitzen, die ja! sagen, ja! lachen, zu wahrsagerischen Blitzstrahlen: —</p><p>– selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange mu&#xDF; als schweres Wetter am Berge h&#xE4;ngen, wer einst das Licht der Zukunft z&#xFC;nden soll! —</p><p>O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit br&#xFC;nstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?</p><p>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</p><p><emphasis>Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle>2</subtitle><p>Wenn mein Zorn je Gr&#xE4;ber brach, Grenzsteine r&#xFC;ckte und alte Tafeln zerbrochen in steile Tiefen rollte:</p><p>Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies und ich wie ein Besen kam den Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:</p><p>Wenn ich je frohlockend sa&#xDF;, wo alte G&#xF6;tter begraben liegen, weltsegnend, weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder:</p><p>– denn selbst Kirchen und Gottes-Gr&#xE4;ber liebe ich, wenn der Himmel erst reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze ich gleich Gras und rotem Mohne auf zerbrochnen Kirchen —</p><p>O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit br&#xFC;nstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?</p><p>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</p><p><emphasis>Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle>3</subtitle><p>Wenn je ein Hauch zu mir kam vom sch&#xF6;pferischen Hauche und von jener himmlischen Not, die noch Zuf&#xE4;lle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:</p><p>Wenn ich je mit dem Lachen des sch&#xF6;pferischen Blitzes lachte, dem der lange Donner der Tat grollend, aber gehorsam nachfolgt:</p><p>Wenn ich je am G&#xF6;ttertisch der Erde mit G&#xF6;ttern W&#xFC;rfel spielte, da&#xDF; die Erde bebte und brach und Feuerfl&#xFC;sse heraufschnob<a l:href="#n_182" type="note">[182]</a>: —</p><p>– denn ein G&#xF6;ttertisch ist die Erde, und zitternd von sch&#xF6;pferischen neuen Worten und G&#xF6;tter-W&#xFC;rfen: —</p><p>O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit br&#xFC;nstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?</p><p>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</p><p><emphasis>Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle>4</subtitle><p>Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem sch&#xE4;umenden W&#xFC;rz- und Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:</p><p>Wenn meine Hand je Fernstes zum N&#xE4;chsten go&#xDF; und Feuer zu Geist und Lust zu Leid und Schlimmstes zum G&#xFC;tigsten:</p><p>Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erl&#xF6;senden Salze, welches macht, da&#xDF; alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: —</p><p>– denn es gibt ein Salz, das Gutes mit B&#xF6;sem bindet; und auch das B&#xF6;seste ist zum W&#xFC;rzen w&#xFC;rdig und zum letzten &#xDC;bersch&#xE4;umen: —</p><p>O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit br&#xFC;nstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?</p><p>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</p><p><emphasis>Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle>5</subtitle><p>Wenn ich dem Meere hold bin und allem, was Meeres-Art ist, und am holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:</p><p>Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel treibt, wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:</p><p>Wenn je mein Frohlocken rief: »Die K&#xFC;ste schwand – nun fiel mir die letzte Kette ab – – das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus gl&#xE4;nze mir Raum und Zeit, wohlan! wohlauf! altes Herz!« —</p><p>O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit br&#xFC;nstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?</p><p>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</p><p><emphasis>Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle>6</subtitle><p>Wenn meine Tugend eines T&#xE4;nzers Tugend ist und ich oft mit beiden F&#xFC;&#xDF;en in gold-smaragdenes Entz&#xFC;cken sprang:</p><p>Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter Rosenh&#xE4;ngen und Lilien-Hecken:</p><p>– im Lachen n&#xE4;mlich ist alles B&#xF6;se beieinander, aber heilig- und losgesprochen durch seine eigne Seligkeit: —</p><p>Und wenn das mein A und O<a l:href="#n_183" type="note">[183]</a> ist, da&#xDF; alles Schwere leicht, aller Leib T&#xE4;nzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, das ist mein A und O! —</p><p>O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit br&#xFC;nstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft.</p><p>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich hebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</p><p><emphasis>Denn ich liebe dich, o Ewigheit!</emphasis></p><subtitle>7</subtitle><p>Wenn ich je stille Himmel &#xFC;ber mir ausspannte und mit eignen Fl&#xFC;geln in eigne Himmel flog:</p><p>Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm und meiner Freiheit Vogel-Weisheit kam: —</p><p>– so aber spricht Vogel-Weisheit: »Siehe, es gibt kein Oben, kein Unten! Wirf dich umher, hinaus, zur&#xFC;ck, du Leichter! Singe! sprich nicht mehr!</p><p>– sind alle Worte nicht f&#xFC;r die Schweren gemacht? L&#xFC;gen dem Leichten nicht alle Worte? Singe! Sprich nicht mehr!« —</p><p>O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit br&#xFC;nstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring der Ringe – dem Ring der Wiederkunft?</p><p>Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, es sei denn dieses Weib, das ich liebe: denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</p><p><emphasis>Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle><strong><emphasis>Fragen zum Inhalt</emphasis></strong></subtitle><p>1. Von welchen drei B&#xF6;sen spricht Zarathustra?</p><p>2. &#xC4;u&#xDF;ern Sie Ihre eigene Meinung von den Gedanken des Autors?</p><p>3. Was spricht Zarathustra von alten und neuen Tafeln? Was meint er darunter?</p></section></section><section><title><p>Vierter und Letzter Teil</p></title><epigraph><p>Ach, wo in der Welt geschahen gr&#xF6;&#xDF;ere Torheiten als bei den Mitleidigen? Und was in der Well stiftete mehr Leid als die Torheiten der Mitleidigen?</p><p>Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine H&#xF6;he haben, welche &#xFC;ber ihrem Mitleiden ist!</p><p>Also sprach der Teufel einst zu mir: »Auch Gott hat seine H&#xF6;lle: das ist seine Liebe zu den Menschen.«</p><p>Und j&#xFC;ngst h&#xF6;rte ich ihn dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.«</p><text-author><emphasis>Zarathustra, </emphasis>Von den Mitleidigen (II, p. 106)</text-author></epigraph><section><title><p>Das Honig-Opfer</p></title><p>Und wieder liefen Monde und Jahre &#xFC;ber Zarathustras Seele, und er achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde wei&#xDF;. Eines Tages, als er auf einem Steine vor seiner H&#xF6;hle sa&#xDF; und still hinausschaute – man schaut aber dort auf das Meer hinaus, und hinweg &#xFC;ber gewundene Abgr&#xFC;nde —, da gingen seine Tiere nachdenklich um ihn herum und stellten sich endlich vor ihn hin.</p><p>»O Zarathustra«, sagten sie, »schaust du wohl aus nach deinem Gl&#xFC;cke?« – »Was liegt am Gl&#xFC;cke!« antwortete er, »ich trachte lange nicht mehr nach Gl&#xFC;cke, ich trachte nach meinem Werke.« —</p><p>»O Zarathustra«, redeten die Tiere abermals, »das sagst du als einer, der des Guten &#xFC;bergenug hat. Liegst du nicht in einem himmelblauen See von Gl&#xFC;ck?« – »Ihr Schalks-Narren«, antwortete Zarathustra und l&#xE4;chelte, »wie gut w&#xE4;hltet ihr das Gleichnis! Aber ihr wi&#xDF;t auch, da&#xDF; mein Gl&#xFC;ck schwer ist und nicht wie eine fl&#xFC;ssige Wasserquelle: es dr&#xE4;ngt mich und will nicht von mir, und tut gleich geschmolzenem Peche.« —</p><p>Da gingen die Tiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten sich dann abermals vor ihn hin. »O Zarathustra«, sagten sie, <emphasis>»daher </emphasis>also kommt es, da&#xDF; du selber immer gelber und dunkler wirst, obschon dein Haar wei&#xDF; und fl&#xE4;chsern<a l:href="#n_184" type="note">[184]</a> aussehen will? Siehe doch, du sitzest in deinem Peche!« – »Was sagt ihr da, meine Tiere«, sagte Zarathustra und lachte dazu, »wahrlich, ich l&#xE4;sterte, als ich vom Peche sprach. Wie mir geschieht, so geht es allen Fr&#xFC;chten, die reif werden. Es ist der <emphasis>Honig </emphasis>in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele stiller macht.« – »So wird es sein, o Zarathustra«, antworteten die Tiere und dr&#xE4;ngten sich an ihn; »willst du aber nicht heute auf einen hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der Welt als jemals.« – »Ja, meine Tiere«, antwortete er, »ihr ratet treflich und mir nach dem Herzen: ich will heute auf einen hohen Berg steigen! Aber sorgt, da&#xDF; dort Honig mir zur Hand sei, gelber, wei&#xDF;er, guter eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich will droben das Honig-Opfer bringen.« —</p><p>Als Zarathustra aber oben auf der H&#xF6;he war, sandte er die Tiere heim, die ihn geleitet hatten, und fand, da&#xDF; er nunmehr allein sei: – da lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also:</p><empty-line/><p>Da&#xDF; ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war’s nur meiner Rede und, wahrlich, eine n&#xFC;tzliche Torheit! Hier oben darf ich schon freier reden als vor Einsiedler-H&#xF6;hlen und Einsiedler-Haustieren.</p><p>Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender mit tausend H&#xE4;nden: wie d&#xFC;rfte ich das noch – opfern hei&#xDF;en!</p><p>Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach K&#xF6;der und s&#xFC;&#xDF;em Seime und Schleime, nach dem auch Brummb&#xE4;ren und wunderliche m&#xFC;rrische b&#xF6;se V&#xF6;gel die Zunge lecken:</p><p>– nach dem besten K&#xF6;der, wie er J&#xE4;gern und Fischf&#xE4;ngern nottut. Denn wenn die Welt wie ein dunkler Tierwald ist und aller wilden J&#xE4;ger Lustgarten, so d&#xFC;nkt sie mich noch mehr und lieber ein abgr&#xFC;ndliches reiches Meer,</p><p>– ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch G&#xF6;tter gel&#xFC;sten m&#xF6;chte, da&#xDF; sie an ihm zu Fischern w&#xFC;rden und zu Netz-Auswerfern: so reich ist die Welt an Wunderlichem, gro&#xDF;em und kleinem!</p><p>Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer: – nach <emphasis>dem </emphasis>werfe ich nun meine goldene Angelrute aus und spreche: tue dich auf<a l:href="#n_185" type="note">[185]</a>, du Menschen-Abgrund!</p><p>Tue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu! Mit meinem besten K&#xF6;der k&#xF6;dere ich mir heute die wunderlichsten Menschen-Fische!</p><p>– mein Gl&#xFC;ck selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen, zwischen Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Gl&#xFC;cke viele Menschen-Fische zerren und zappeln lernen.</p><p>Bis sie, anbei&#xDF;end an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf m&#xFC;ssen in <emphasis>meine </emphasis>H&#xF6;he, die buntesten Abgrund-Gr&#xFC;ndlinge zu dem boshaftigsten aller Menschen-Fischf&#xE4;nger.</p><p><emphasis>Der </emphasis>n&#xE4;mlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend, hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Z&#xFC;chter und Zuchtmeister, der sich nicht umsonst einstmals zusprach: »Werde, der du bist!«</p><p>Also m&#xF6;gen nunmehr die Menschen zu mir <emphasis>hinaufkommen</emphasis>: denn noch warte ich der Zeichen, da&#xDF; es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch gehe ich selber nicht unter, wie ich mu&#xDF;, unter Menschen.</p><p>Dazu warte ich hier, listig und sp&#xF6;ttisch auf hohen Bergen, kein Ungeduldiger, kein Geduldiger, vielmehr einer, der auch die Geduld verlernt hat – weil er nicht mehr »duldet«.</p><p>Mein Schicksal n&#xE4;mlich l&#xE4;&#xDF;t mir Zeit: es verga&#xDF; mich wohl? Oder sitzt es hinter einem gro&#xDF;en Steine im Schatten und f&#xE4;ngt Fliegen?</p><p>Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, da&#xDF; es mich nicht hetzt und dr&#xE4;ngt und mir Zeit zu Possen l&#xE4;&#xDF;t und Bosheiten: also da&#xDF; ich heute zu einem Fischfange auf diesen hohen Berg stieg.</p><p>Fing wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch eine Torheit ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch dies, als da&#xDF; ich da unten feierlich w&#xFC;rde vor Warten und gr&#xFC;n und gelb —</p><p>– ein gespreizter Zornschnauber vor Warten<a l:href="#n_186" type="note">[186]</a>, ein heiliger Heule-Sturm aus Bergen, ein Ungeduldiger, der in die T&#xE4;ler hinabruft: »H&#xF6;rt, oder ich peitsche euch mit der Gei&#xDF;el Gottes!«</p><p>Nicht da&#xDF; ich solchen Z&#xFC;rnern darob gram w&#xFC;rde: zum Lachen sind sie mir gut genug! Ungeduldig m&#xFC;ssen sie schon sein, diese gro&#xDF;en L&#xE4;rmtrommeln, welche heute oder niemals zu Worte kommen!</p><p>Ich aber und mein Schicksal – wir reden nicht zum Heute, wir reden auch nicht zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und &#xDC;berzeit. Denn einst mu&#xDF; er doch kommen und darf nicht vor&#xFC;bergehn.</p><p>Wer mu&#xDF; einst kommen und darf nicht vor&#xFC;bergehn? Unser gro&#xDF;er Hazar, das ist unser gro&#xDF;es fernes MenschenReich, das Zarathustra-Reich von tausend Jahren – —</p><p>Wie ferne mag solches »Ferne« sein? was geht’s mich an! Aber darum steht es mir doch nicht minder fest —, mit beiden F&#xFC;&#xDF;en stehe ich sicher auf diesem Grunde,</p><p>– auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem h&#xF6;chsten h&#xE4;rtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide, fragend nach Wo? und Woher? und Wohinaus?</p><p>Hier lache, lache, meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf hinab dein glitzerndes Spott-Gel&#xE4;chter! K&#xF6;dere mit deinem Glitzern mir die sch&#xF6;nsten Menschen-Fische!</p><p>Und was in allen Meeren <emphasis>mir </emphasis>zugeh&#xF6;rt, mein An-und-f&#xFC;r-mich in allen Dingen – <emphasis>das </emphasis>fische mir heraus, <emphasis>das </emphasis>f&#xFC;hre zu mir herauf: des warte ich, der boshaftigste aller Fischf&#xE4;nger.</p><p>Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, K&#xF6;der meines Gl&#xFC;cks! Tr&#xE4;ufle deinen s&#xFC;&#xDF;esten Tau, mein Herzens-Honig! Bei&#xDF;e, meine Angel, in den Bauch aller schwarzen Tr&#xFC;bsal!</p><p>Hinaus, hinaus, mein Auge! O welche vielen Meere rings um mich, welch d&#xE4;mmernde Menschen-Zuk&#xFC;nfte! Und &#xFC;ber mir – welch rosenrote Stille! Welch entw&#xF6;lktes Schweigen!</p></section><section><title><p>Der Notschrei</p></title><p>Des n&#xE4;chsten Tages sa&#xDF; Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der H&#xF6;hle, w&#xE4;hrend die Tiere drau&#xDF;en in der Welt herumschweiften, da&#xDF; sie neue Nahrung heimbr&#xE4;chten – auch neuen Honig: denn Zarathustra hatte den alten Honig bis auf das letzte Korn vertan<a l:href="#n_187" type="note">[187]</a> und verschwendet. Als er aber derma&#xDF;en dasa&#xDF;, mit einem Ste&#xF1;ken in der Hand, und den Schatten seiner Gestalt auf der Erde abzeichnete, nachdenkend, und wahrlich! nicht &#xFC;ber sich und seinen Schatten – da erschrak er mit einem Male und fuhr zusammen: denn er sahe neben seinem Schatten noch einen andern Schatten. Und wie er schnell um sich blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, derselbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getr&#xE4;nkt hatte, der Verk&#xFC;ndiger der gro&#xDF;en M&#xFC;digkeit, welcher lehrte: »Alles ist gleich, es lohnt sich nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen w&#xFC;rgt.« Aber sein Antlitz hatte sich inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra in die Augen blickte, wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel schlimme Verk&#xFC;ndigungen und aschgraue Blitze liefen &#xFC;ber dies Gesicht.</p><p>Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarazhustras Seele zutrug, wischte mit der Hand &#xFC;ber sein Antlitz hin, wie als ob er dasselbe wegwischen wollte; desgleichen tat auch Zarathustra. Und als beide dergestalt sich schweigend gefa&#xDF;t und gekr&#xE4;ftigt hatten, gaben sie sich die H&#xE4;nde, zum Zeichen, da&#xDF; sie sich wiedererkennen wollten.</p><p>»Sei mir willkommen«, sagte Zarathustra, »du Wahrsager der gro&#xDF;en M&#xFC;digkeit, du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch und Gastfreund gewesen sein. I&#xDF; und trink auch heute bei mir und vergib es, da&#xDF; ein vergn&#xFC;gter alter Mann mit dir zu Tische sitzt!« – »Ein vergn&#xFC;gter alter Mann?« antwortete der Wahrsager, den Kopf sch&#xFC;ttelnd: »Wer du aber auch bist oder sein willst, o Zarathutra, du bist es zum l&#xE4;ngsten hier oben gewesen —, dein Nachen soll &#xFC;ber kurzem nicht mehr im Trocknen sitzen!« – »Sitze ich denn im Trocknen?« fragte Zarathustra lachend. – »Die Welen um deinen Berg«, antwortete der Wahrsager, »steigen und steigen, die Wellen gro&#xDF;er Not und Tr&#xFC;bsal: die werden bald auch deinen Nachen heben und dich davontragen.« – Zarathustra schwieg hierauf und wunderte sich.« »H&#xF6;rst du noch nichts?« fuhr der Wahrsager fort: »Rauscht und braust es nicht herauf aus der Tiefe?« – Zarathustra schwieg abermals und horchte: da h&#xF6;rte er einen langen, langen Schrei, welchen die Abgr&#xFC;nde sich zuwarfen und weitergaben, denn keiner wollte ihn behalten: so b&#xF6;se klang er.</p><p>»Du schlimmer Verk&#xFC;ndiger«, sprach endlich Zarathustra, »das ist ein Notschrei und der Schrei eines Menschen, der mag wohl aus einem schwarzen Meere kommen. Aber was geht mich MenschenNot an! Meine letzte S&#xFC;nde, die mir aufgespart blieb – wei&#xDF;t du wohl, wie sie hei&#xDF;t?«</p><p>– <emphasis>»Mitleiden!« </emphasis>antwortete der Wahrsager aus einem &#xFC;berstr&#xF6;menden Herzen und hob beide H&#xE4;nde empor – »o Zarathustra, ich komme, da&#xDF; ich dich zu deiner letzten S&#xFC;nde verf&#xFC;hre!« —</p><p>Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei abermals, und l&#xE4;nger und &#xE4;ngstlicher als vorher, auch schon viel n&#xE4;her. »H&#xF6;rst du? H&#xF6;rst du, o Zarathustra?« rief der Wahrsager, »dir gilt der Schrei, dich ruft er: komm, komm, komm, es ist Zeit, es ist h&#xF6;chste Zeit!« —</p><p>Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und ersch&#xFC;ttert; endlich fragte er, wie einer, der bei sich selber z&#xF6;gert: »Und wer ist das, der dort mich ruft?«</p><p>»Aber du wei&#xDF;t es ja«, antwortete der Wahrsager heftig, »was verbirgst du dich? <emphasis>Der h&#xF6;here Mensch </emphasis>ist es, der nach dir schreit!«</p><p>»Der h&#xF6;here Mensch?« schrie Zarathustra von Grausen erfa&#xDF;t: »was will <emphasis>der? </emphasis>Was will <emphasis>der? </emphasis>Der h&#xF6;here Mensch! Was will der hier?« – und seine Haut bedeckte sich mit Schwei&#xDF;.</p><p>Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustras, sondern horchte und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange Zeit dort stille blieb, wandte er seinen Blick zur&#xFC;ck und sahe Zarathustra stehn und zittern.</p><p>»O Zarathustra«, hob er mit trauriger Stimme an, »du stehst nicht da wie einer, den sein Gl&#xFC;ck drehend macht: du wirst tanzen m&#xFC;ssen, da&#xDF; du mir nicht umf&#xE4;llst!</p><p>Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitenspr&#xFC;nge springen: niemand soll mir doch sagen d&#xFC;rfen: ›Siehe, hier tanzt der letzte frohe Mensch!‹</p><p>Umsonst k&#xE4;me einer auf diese H&#xF6;he, der <emphasis>den </emphasis>hier suchte: H&#xF6;hlen f&#xE4;nde er wohl und Hinter-H&#xF6;hlen, Verstecke f&#xFC;r Versteckte, aber nicht Gl&#xFC;cks-Schachte und Schatzkammern und neue Gl&#xFC;cks-Goldadern.</p><p>Gl&#xFC;ck – wie f&#xE4;nde man wohl das Gl&#xFC;ck bei solchen Vergrabenen und Einsiedlern! Mu&#xDF; ich das letzte Gl&#xFC;ck noch auf gl&#xFC;ckseligen Inseln suchen und ferne zwischen vergessenen Meeren?</p><p>Aber alles ist gleich, es lohnt sich nichts, es hilft kein Suchen, es gibt auch keine gl&#xFC;ckseligen Inseln mehr!« —</p><empty-line/><p>Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde Zarathustra wieder hell und sicher, gleich einem, der aus einem tiefen Schlunde ans Licht kommt. »Nein! Nein! Dreimal nein!« rief er mit starker Stimme und strich sich den Bart – <emphasis>»das </emphasis>wei&#xDF; ich besser! Es gibt noch gl&#xFC;ckselige Inseln! Stille <emphasis>davon, </emphasis>du seufzender Trauersack<a l:href="#n_188" type="note">[188]</a>!</p><p>H&#xF6;re <emphasis>davon </emphasis>auf zu pl&#xE4;tschern<a l:href="#n_189" type="note">[189]</a>, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich denn nicht schon da, na&#xDF; von deiner Tr&#xFC;bsal und begossen wie ein Hund?</p><p>Nun sch&#xFC;ttle ich mich und laufe dir davon, da&#xDF; ich wie der trocken werde: des darfst du nicht Wunder haben! D&#xFC;nke ich dir unh&#xF6;flich? Aber hier ist <emphasis>mein </emphasis>Hof.</p><p>Was aber deinen h&#xF6;heren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs in jenen W&#xE4;ldern: <emphasis>daher </emphasis>kam sein Schrei. Vielleicht bedr&#xE4;ngt ihn da ein b&#xF6;ses Tier.</p><p>Er ist in <emphasis>meinem </emphasis>Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden kommen! Und wahrlich, es gibt viele b&#xF6;se Tiere bei mir.« —</p><p>Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der Wahrsager: »O Zarathustra, du bist ein Schelm!</p><p>Ich wei&#xDF; es schon: du willst mich los sein! Lieber noch l&#xE4;ufst du in die W&#xE4;lder und stellst b&#xF6;sen Tieren nach!</p><p>Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben; in deiner eignen H&#xF6;hle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein Klotz – und auf dich warten!«</p><p>»So sei’s!« rief Zarathustra zur&#xFC;ck im Fortgehn: »und was mein ist in meiner H&#xF6;hle, geh&#xF6;rt auch dir, meinem Gastfreunde!</p><p>Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf, du Brummb&#xE4;r, und vers&#xFC;&#xDF;e deine Seele! Am Abende n&#xE4;mlich wollen wir beide guter Dinge sein,</p><p>– guter Dinge und froh darob, da&#xDF; dieser Tag zu Ende ging! Und du selber sollst zu meinen Liedern als mein Tanzb&#xE4;r tanzen.</p><p>Du glaubst nicht daran? Du sch&#xFC;ttelst den Kopf? Wohlan! Wohlauf! Alter B&#xE4;r! Aber auch ich – bin ein Wahrsager.«</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Gespr&#xE4;ch Mit den K&#xF6;nigen</p></title><subtitle>l</subtitle><p>Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und W&#xE4;ldern unterwegs, da sahe er mit einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade auf dem Wege, den er hinabwollte, kamen zwei K&#xF6;nige gegangen, mit Kronen und Purpurg&#xFC;rteln geschm&#xFC;ckt und bunt wie FlamingoV&#xF6;gel: die trieben einen beladenen Esel vor sich her. »Was wollen diese K&#xF6;nige in meinem Reiche?« sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und versteckte sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die K&#xF6;nige bis zu ihm herankamen, sagte er, halblaut, wie einer, der zu sich allein redet: »Seltsam! Selsam! Wie reimt sich das zusamen? Zwei K&#xF6;nige sehe ich – und nur einen Esel!«</p><p>Da machten die beiden K&#xF6;nige halt, l&#xE4;chelten, sahen nach der Stelle hin, woher die Stimme kam, und sahen sich nachher selber ins Gesicht. »Solcherlei denkt man wohl auch unter uns«, sagte der K&#xF6;nig zur Rechten, »aber man spricht es nicht aus.«</p><p>Der K&#xF6;nig zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete: »Das mag wohl ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter Felsen und B&#xE4;umen lebte. Gar keine Gesellschaft n&#xE4;mlich verdirbt auch die guten Sitten.«</p><p>»Die guten Sitten?« entgegnete unwillig und bitter der andre K&#xF6;nig: »wem laufen wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den ›guten Sitten‹? Unsrer ›guten Gesellschaft‹?</p><p>Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm vergoldeten falschen &#xFC;berschminkten P&#xF6;bel leben – ob er sich schon ›gute Gesellschaft‹ hei&#xDF;t,</p><p>– ob er sich schon ›Adel‹ hei&#xDF;t. Aber da ist alles falsch und faul, voran das Blut, dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren Heil-K&#xFC;nstlern.</p><p>Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob, listig, hartn&#xE4;ckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.</p><p>Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber es ist das Reich des P&#xF6;bels – ich lasse mir nichts mehr vormachen. P&#xF6;bel aber, das hei&#xDF;t: Mischmasch.</p><p>P&#xF6;bel-Mischmasch: darin ist alles in allem durcheinander, Heiliger und Halunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche No&#xE4;h<a l:href="#n_190" type="note">[190]</a>.</p><p>Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand wei&#xDF; mehr zu verehren: <emphasis>dem </emphasis>gerade laufen wir davon. Es sind s&#xFC;&#xDF;liche zudringliche Hunde, sie vergolden Palmenbl&#xE4;tter.</p><p>Dieser Ekel w&#xFC;rgt mich, da&#xDF; wir K&#xF6;nige selber falsch wurden, &#xFC;berh&#xE4;ngt und verkleidet durch alten vergilbten Gro&#xDF;v&#xE4;ter-Prunk, Schaum&#xFC;nzen f&#xFC;r die D&#xFC;mmsten und die Schlauesten und wer heute alles mit der Macht Schacher treibt!</p><p>Wir <emphasis>sind </emphasis>nicht die Ersten – und m&#xFC;ssen es doch <emphasis>bedeuten: </emphasis>dieser Betr&#xFC;gerei sind wir endlich satt und ekel geworden.</p><p>Dem Gesindel gingen wir aus dem Wege, allen diesen Schreih&#xE4;lsen und Schreib-Schmei&#xDF;fliegen, dem Kr&#xE4;mer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem &#xFC;blen Atem —: pfui, unter dem Gesindel leben,</p><p>– pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel! Ekel! Was liegt noch an uns K&#xF6;nigen!« —</p><p>»Deine alte Krankheit f&#xE4;llt dich an«, sagte hier der K&#xF6;nig zur Linken, »der Ekel f&#xE4;llt dich an, mein armer Bruder. Aber du wei&#xDF;t es doch, es h&#xF6;rt uns einer zu.«</p><p>Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen aufgesperrt hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die K&#xF6;nige zu und begann:</p><p>»Der euch zuh&#xF6;rt, der euch gerne zuh&#xF6;rt, ihr K&#xF6;nige, der hei&#xDF;t Zarathustra.</p><p>Ich bin Zarathustra, der einst sprach: ›Was liegt noch an K&#xF6;nigen!‹ Vergebt mir, ich freute mich, als ihr zueinander sagtet: ›Was liegt an uns K&#xF6;nigen!‹</p><p>Hier aber ist <emphasis>mein </emphasis>Reich und meine Herrschaft: was m&#xF6;gt ihr wohl in meinem Reiche suchen? Vielleicht aber <emphasis>fandet </emphasis>ihr unterwegs, was <emphasis>ich </emphasis>suche: n&#xE4;mlich den h&#xF6;heren Menschen!«</p><p>Als dies die K&#xF6;nige h&#xF6;rten, schlugen sie sich an die Brust und sprachen mit einem Munde: »Wir sind erkannt!</p><p>Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste Finsternis. Du entdecktest unsre Not, denn siehe! Wir sind unterwegs, da&#xDF; wir den h&#xF6;heren Menschen f&#xE4;nden —</p><p>– den Menschen, der h&#xF6;her ist als wir: ob wir gleich K&#xF6;nige sind. Ihm f&#xFC;hren wir diesen Esel zu. Der h&#xF6;chste Mensch n&#xE4;mlich soll auf Erden auch der h&#xF6;chste Herr sein.</p><p>Es gibt kein h&#xE4;rteres Ungl&#xFC;ck in allem Menschen-Schicksale, als wenn die M&#xE4;chtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird alles falsch und schief und ungeheuer.</p><p>Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da steigt und steigt der P&#xF6;bel im Preise, und endlich spricht gar die P&#xF6;bel-Tugend: ›Siehe, ich allein bin Tugend!‹« —</p><p>»Was h&#xF6;rte ich eben?« antwortete Zarathustra; »welche Weisheit bei K&#xF6;nigen! Ich bin entz&#xFC;ckt, und, wahrlich, schon gel&#xFC;stet’s mich, einen Reim darauf zu machen: —</p><p>– mag es auch ein Reim werden, der nicht f&#xFC;r jedermanns Ohren taugt. Ich verlernte seit langem schon die R&#xFC;cksicht auf lange Ohren. Wohlan! Wohlauf!</p><p>(Hier aber geschah es, da&#xDF; auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber deutlich und mit b&#xF6;sem Willen I-A.)</p><p>Einstmals – ich glaub, im Jahre des Heiles Eins<a l:href="#n_191" type="note">[191]</a> —</p><p>Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:</p><p>›Weh, nun geht’s schief!</p><p>Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!</p><p>Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude<a l:href="#n_192" type="note">[192]</a>, Roms C&#xE4;sar sank zum Vieh, Gott selbst – ward Jude!‹«</p><subtitle>2</subtitle><p>An diesen Reimen Zarathustras weideten sich die K&#xF6;nige; der K&#xF6;nig zur Rechten aber sprach: »O Zarathustra, wie gut taten wir, da&#xDF; wir auszogen, dich zu sehn!</p><p>Deine Feinde n&#xE4;mlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da blicktest du mit der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also da&#xDF; wir uns vor dir f&#xFC;rchteten.</p><p>Aber was half ’s! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit deinen Spr&#xFC;chen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er aussieht!</p><p>Wir m&#xFC;ssen ihn <emphasis>h&#xF6;ren, </emphasis>ihn, der lehrt ›Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den langen!‹</p><p>Niemand sprach je so kriegerische Worte: ›Was ist gut? Tapfer sein ist gut. Der gute Krieg ist’s, der jede Sache heiligt.‹</p><p>O Zarathustra, unsrer V&#xE4;ter Blut r&#xFC;hrte sich bei solchen Worten in unserm Leibe: das war wie die Rede des Fr&#xFC;hlings zu alten Weinf&#xE4;ssern.</p><p>Wenn die Schwerter durcheinanderliefen gleich rotgefleckten Schlangen, da wurden unsre V&#xE4;ter dem Leben gut; alles Friedens Sonne d&#xFC;nkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.</p><p>Wie sie seufzten, unsre V&#xE4;ter, wenn sie an der Wand blitzblanke ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich d&#xFC;rsteten sie nach Krieg. Ein Schwert n&#xE4;mlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde.« —</p><p>– Als die K&#xF6;nige dergestalt mit Eifer von dem Gl&#xFC;ck ihrer V&#xE4;ter redeten und schw&#xE4;tzten, &#xFC;berkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres Eifers zu spotten: denn ersichtlich waren es sehr friedfertige K&#xF6;nige, welche er vor sich sah, solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber er bezwang sich. »Wohlan!« sprach er, »dorthin f&#xFC;hrt der Weg, da liegt die H&#xF6;hle Zarathustras; und dieser Tag soll einen langen Abend haben! Jetzt aber ruft mich eilig ein Notschrei fort von euch.</p><p>Es ehrt meine H&#xF6;hle, wenn K&#xF6;nige in ihr sitzen und warten wollen: aber, freilich, ihr werdet lange warten m&#xFC;ssen!</p><p>Je nun! Was tut’s! Wo lernt man heute besser warten als an H&#xF6;fen? Und der K&#xF6;nige ganze Tugend, die ihnen &#xFC;brig blieb – hei&#xDF;t sie heute nicht: Warten-<emphasis>k&#xF6;nnen</emphasis>?«</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Der Blutegel<a l:href="#n_193" type="note">[193]</a></p></title><p>Und Zarathustra ging nachdenklich weiter und tiefer, durch W&#xE4;lder und vorbei an moorigen Gr&#xFC;nden; wie es aber jedem ergeht, der &#xFC;ber schwere Dinge nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und siehe, da spritzten ihm mit einem Male ein Weheschrei und zwei Fl&#xFC;che und zwanzig schlimme Schimpfworte ins Gesicht: also da&#xDF; er in seinem Schrecken den Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug. Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte &#xFC;ber die Torheit, die er eben getan hatte.</p><p>»Vergib«, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und gesetzt hatte, »vergib und vernimm vor allem erst ein Gleichnis.</p><p>Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen tr&#xE4;umt, unversehens auf einsamer Stra&#xDF;e einen schlafenden Hund anst&#xF6;&#xDF;t, einen Hund, der in der Sonne liegt:</p><p>– wie da beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei zu Tod Erschrockenen: also erging es uns.</p><p>Und doch! Und doch – wie wenig hat gefehlt, da&#xDF; sie einander liebkosten, dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch beide – Einsame!«</p><p>– »Wer du auch sein magst«, sagte immer noch grimig der Getretene, »du trittst mir auch mit deinem Gleichnis zu nahe, und nicht nur mit deinem Fu&#xDF;e!</p><p>Siehe doch, bin ich denn ein Hund?« – und dabei erhob sich der Sitzende und zog seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst n&#xE4;mlich hatte er ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich gleich solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.</p><p>»Aber was treibst du doch!« rief Zarathustra erschreckt, denn er sahe, da&#xDF; &#xFC;ber den nackten Arm weg viel Blut flo&#xDF; – »was ist dir zugesto&#xDF;en? Bi&#xDF; dich, du Unseliger, ein schlimmes Tier?«</p><p>Der Blutende lachte, immer noch erz&#xFC;rnt. »Was geht’s dich an!« sagte er und wollte weitergehn. »Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag mich fragen, wer da will: einem T&#xF6;lpel aber werde ich schwerlich antworten.«</p><p>»Du irrst«, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, »du irrst: hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll mir keiner zu Schaden kommen.</p><p>Nenne mich aber immerhin, wie du willst – ich bin, der ich sein mu&#xDF;. Ich selber hei&#xDF;e mich Zarathustra.</p><p>Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustras H&#xF6;hle: die ist nicht fern – willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?</p><p>Es ging dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst bi&#xDF; dich das Tier, und dann – trat dich der Mensch!« —</p><p>Als aber der Getretene den Namen Zarathustras h&#xF6;rte, verwandelte er sich. »Was geschieht mir doch!« rief er aus, <emphasis>»wer k&#xFC;mmert </emphasis>mich denn noch in diesem Leben, als dieser eine Mensch, n&#xE4;mlich Zarathustra, und jenes eine Tier, das vom Blute lebt, der Blutegel?</p><p>Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer, und schon war mein ausgeh&#xE4;ngter Arm zehnmal angebissen, da bei&#xDF;t noch ein sch&#xF6;nerer Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber!</p><p>O Gl&#xFC;ck! O Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf lockte! Gelobt sei der beste lebendigste Schr&#xF6;pfkopf<a l:href="#n_194" type="note">[194]</a> , der heute lebt, gelobt sei der gro&#xDF;e Gewissens-Blutegel Zarathustra!« —</p><p>Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich &#xFC;ber seine Worte und ihre feine ehrf&#xFC;rchtige Art. »Wer bist du?« fragte er und reichte ihm die Hand, »zwischen uns bleibt viel aufzukl&#xE4;ren und aufzuheitern: aber schon, d&#xFC;nkt mich, wird es reiner heller Tag.«</p><p>»Ich bin <emphasis>der Gewissenhafte des Geistes«, </emphasis>antwortete der Gefragte, »und in Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht einer strenger, enger und h&#xE4;rter als ich, ausgenommen der, von dem ich’s lernte, Zarathustra selber. Lieber nichts wissen, als vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf eigne Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutd&#xFC;nken! Ich – gehe auf den Grund:</p><p>– was liegt daran, ob er gro&#xDF; oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel hei&#xDF;t? Eine Handbreit Grund ist mir genug: wenn er nur wirklich Grund und Boden ist!</p><p>– Eine Handbreit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten Wissen-Gewissenschaft gibt es nichts Gro&#xDF;es und nichts Kleines.«</p><p>»So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels?« fragte Zarathustra; »und du gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Gr&#xFC;nde, du Gewissenhafter?«</p><p>»O Zarathustra«, antwortete der Getretene, »das w&#xE4;re ein Ungeheures, wie d&#xFC;rfte ich mich dessen unterfangen<a l:href="#n_195" type="note">[195]</a>!</p><p>Wes ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels <emphasis>Hirn: – </emphasis>das ist <emphasis>meine </emphasis>Welt!</p><p>Und es ist auch eine Welt! Vergib aber, da&#xDF; hier mein Stolz zu Worte kommt, denn ich habe hier nicht meinesgleichen. Darum sprach ich ›hier bin ich heim‹.</p><p>Wie lange gehe ich schon diesem einen nach, dem Hirn des Blutegels, da&#xDF; die schl&#xFC;pfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschl&#xFC;pfe! Hier ist <emphasis>mein </emphasis>Reich!</p><p>– darob warf ich alles andre fort, darob wurde mir alles andre gleich; und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.</p><p>Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, da&#xDF; ich eins wei&#xDF; und sonst alles nicht wei&#xDF;: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen, Schwebenden, Schw&#xE4;rmerischen.</p><p>Wo meine Redlichkeit aufh&#xF6;rt, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, n&#xE4;mlich hart, streng, eng, grausam, unerbittlich.</p><p>Da&#xDF; <emphasis>du </emphasis>einst sprachst, o Zarathustra: ›Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet‹, das f&#xFC;hrte und verf&#xFC;hrte mich zu deiner Lehre. Und, wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!«</p><p>– »Wie der Augenschein lehrt«, fiel Zarathustra ein; denn immer noch flo&#xDF; das Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten n&#xE4;mlich zehn Blutegel sich in denselben eingebissen.</p><p>»O du wunderlicher Gesell, wie viel lehrt mich dieser Augenschein da, n&#xE4;mlich du selber! Und nicht alles d&#xFC;rfte ich vielleicht in deine strengen Ohren gie&#xDF;en!</p><p>Wohlan! So scheiden wir hier! Doch m&#xF6;chte ich gerne dich wiederfinden. Dort hinauf f&#xFC;hrt der Weg zu meiner H&#xF6;hle: heute nacht sollst du dort mein lieber Gast sein!</p><p>Gerne m&#xF6;chte ich’s auch an deinem Leibe wieder gutmachen, da&#xDF; Zarathustra dich mit F&#xFC;&#xDF;en trat: dar&#xFC;ber denke ich nach. Jetzt aber ruft mich ein Notschrei eilig fort von dir.«</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Der Zauberer</p></title><subtitle>l</subtitle><p>Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht weit unter sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die Glieder warf wie ein Tobs&#xFC;chtiger<a l:href="#n_196" type="note">[196]</a> und endlich b&#xE4;uchlings zur Erde niederst&#xFC;rzte. »Halt!« sprach da Zarathustra zu seinem Herzen, »der dort mu&#xDF; wohl der h&#xF6;here Mensch sein, von ihm kam jener schlimme Notschrei – ich will sehn, ob da zu helfen ist.« Als er aber hinzulief, an die Stelle, wo der Mensch auf dem Boden lag, fand er einen zitternden alten Mann mit stieren Augen; und wie sehr sich Zarathustra m&#xFC;hte, da&#xDF; er ihn aufrichte und wieder auf seine Beine stelle, es war umsonst. Auch schien der Ungl&#xFC;ckliche nicht zu merken, da&#xDF; jemand um ihn sei; vielmehr sah er sich immer mit r&#xFC;hrenden Geb&#xE4;rden um, wie ein von aller Welt Verlassener und Vereinsamter. Zuletzt aber, nach vielem Zittern, Zucken und Sich-Zusammenkr&#xFC;mmen, begann er also zu jammern:</p><poem><stanza><v>Wer w&#xE4;rmt mich, wer liebt mich noch?</v><v>Gebt hei&#xDF;e H&#xE4;nde!</v><v>Gebt Herzens-Kohlenbecken!</v><v>Hingestreckt, schaudernd,</v><v>Halbtotem gleich, dem man die F&#xFC;&#xDF;e w&#xE4;rmt —</v><v>Gesch&#xFC;ttelt, ach! von unbekannten Fiebern,</v><v>Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,</v><v>Von dir gejagt, Gedanke!</v><v>Unnennbarer! Verh&#xFC;llter! Entsetzlicher!</v><v>Du J&#xE4;ger hinter Wolken!</v><v>Darniedergeblitzt von dir,</v><v>Du h&#xF6;hnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt: —</v><v>so liege ich,</v><v>Biege mich, winde mich, gequ&#xE4;lt</v><v>Von allen ewigen Martern,</v><v>Getroffen</v><v>Von dir, grausamster J&#xE4;ger,</v><v>Du unbekannter – Gott!</v><v>Triff tiefer!</v><v>Triff einmal noch!</v><v>Zerstich, zerbrich dies Herz!</v><v>Was soll dies Martern</v><v>Mit z&#xE4;hnestumpfen Pfeilen?</v><v>Was blickst du wieder,</v><v>Der Menschen-Qual nicht m&#xFC;de,</v><v>Mit schadenfrohen G&#xF6;tter-Blitz-Augen?</v><v>Nicht t&#xF6;ten willst du,</v><v>Nur martern, martern?</v><v>Wozu – <emphasis>mich </emphasis>martern,</v><v>Du schadenfroher unbekannter Gott? —</v><v>Haha? Du schleichst heran?</v><v>Bei solcher Mitternacht</v><v>Was willst du? Sprich!</v><v>Du dr&#xE4;ngst mich, dr&#xFC;ckst mich —</v><v>Ha! schon viel zu nahe!</v><v>Weg! Weg!</v><v>Du h&#xF6;rst mich atmen,</v><v>Du behorchst mein Herz,</v><v>Du Eifers&#xFC;chtiger —</v><v>Worauf doch eifers&#xFC;chtig?</v><v>Weg! Weg! Wozu die Leiter?</v><v>Willst du <emphasis>hinein,</emphasis></v><v>Ins Herz,</v><v>Einsteigen, in meine heimlichsten</v><v>Gedanken einsteigen?</v><v>Schamloser! Unbekannter – Dieb!</v><v>Was willst du dir erstehlen?</v><v>Was willst du dir erhorchen?</v><v>Was willst du dir erfoltern,</v><v>Du Folterer!<a l:href="#n_197" type="note">[197]</a></v><v>Du – Henker-Gott!</v><v>Oder soll ich, dem Hunde gleich,</v><v>Vor dir mich w&#xE4;lzen?</v><v>Hingebend, begeistert-au&#xDF;er-mir,</v><v>Dir – Liebe zuwedeln?</v><v>Umsonst! Stich weiter,</v><v>Grausamster Stachel! Nein,</v><v>Kein Hund – dein Wild nur bin ich,</v><v>Grausamster J&#xE4;ger!</v><v>Dein stolzester Gefangner,</v><v>Du R&#xE4;uber hinter Wolken!</v><v>Sprich endlich!</v><v>Was willst du, Wegelagerer, von <emphasis>mir?</emphasis></v><v>Du Blitz-Verh&#xFC;llter! Unbekannter! Sprich,</v><v>Was <emphasis>willst </emphasis>du, unbekannter – Gott? – —</v></stanza><stanza><v>Wie? L&#xF6;segeld<a l:href="#n_198" type="note">[198]</a>? Was willst du L&#xF6;segelds?</v><v>Verlange viel – das r&#xE4;t mein Stolz!</v><v>Und rede kurz – das r&#xE4;t mein andrer Stolz!</v></stanza><stanza><v>Haha!</v><v><emphasis>Mich – </emphasis>willst du? Mich?</v><v>Mich – ganz?</v></stanza><stanza><v>Haha!</v><v>Und marterst mich, Narr, der du bist,</v><v>Zermarterst meinen Stolz?</v><v>Gib <emphasis>Liebe </emphasis>mir – wer w&#xE4;rmt mich noch?</v><v>Wer liebt mich noch? – gib hei&#xDF;e H&#xE4;nde,</v><v>Gib Herzens-Kohlenbecken,</v><v>Gib mir, dem Einsamsten,</v><v>Den Eis, ach! siebenfaches Eis</v><v>Nach Feinden selber,</v><v>Nach Feinden schmachten lehrt,</v><v>Gib, ja ergib,</v><v>Grausamster Feind,</v><v>Mir – <emphasis>dich – —</emphasis></v></stanza><stanza><v>Davon!</v><v>Da floh er selber,</v><v>Mein letzter einziger Geno&#xDF;,</v><v>Mein gro&#xDF;er Feind,</v><v>Mein Unbekannter,</v><v>Mein Henker-Gott! —</v><v>– Nein! Komm zur&#xFC;ck,</v><v>Mit allen deinen Martern!</v><v>Zum Letzten aller Einsamen</v><v>O komm zur&#xFC;ck!</v><v>All meine Tr&#xE4;nen-B&#xE4;che laufen</v><v>Zu dir den Lauf!</v><v>Und meine letzte Herzens-Flamme —</v><v><emphasis>Dir </emphasis>gl&#xFC;ht sie auf!</v><v>O komm zur&#xFC;ck,</v><v>Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz! Mein letztes – Gl&#xFC;ck!</v></stanza></poem><subtitle>2</subtitle><p>– Hier aber konnte sich Zarathustra nicht l&#xE4;nger halten, nahm seinen Stock und schlug mit allen Kr&#xE4;ften auf den Jammernden los. »Halt ein!« schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, »halt ein, du Schauspieler! Du Falschm&#xFC;nzer! Du L&#xFC;gner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!</p><p>Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich verstehe mich gut darauf, solchen wie du bist – einzuheizen!«</p><p>– »La&#xDF; ab«, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, »schlage nicht mehr, o Zarathustra! Ich trieb’s also nur zum Spiele!</p><p>Solcherlei geh&#xF6;rt zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut durchschaut!</p><p>Aber auch du – gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist <emphasis>hart, </emphasis>du weiser Zarathustra! Hart schl&#xE4;gst du zu mit deinen ›Wahrheiten‹, dein Kn&#xFC;ttel erzwingt von mir – <emphasis>diese </emphasis>Wahrheit!«</p><p>– »Schmeichle nicht«, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und finsterblickend, »du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: – was redest du – von Wahrheit!</p><p>Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, <emphasis>was </emphasis>spieltest du vor mir, du schlimmer Zauberer, an <emphasis>wen </emphasis>sollte ich glauben, als du in solcher Gestalt jammertest?«</p><p><emphasis>»Den B&#xFC;&#xDF;er des Geistes«, </emphasis>sagte der alte Mann, <emphasis>»den – </emphasis>spielte ich: du selber erfandest einst dies Wort —</p><p>– den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist wendet, den Verwandelten, der an seinem b&#xF6;sen Wissen und Gewissen erfriert.</p><p>Und gesteh es nur ein: es w&#xE4;hrte lange, o Zarathustra, bis du hinter meine Kunst und L&#xFC;ge kamst! Du <emphasis>glaubtest </emphasis>an meine Not, als du mir den Kopf mit beiden H&#xE4;nden hieltest —</p><p>– ich h&#xF6;rte dich jammern, ›man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig geliebt!‹ Da&#xDF; ich dich soweit betrog, dar&#xFC;ber frohlockte inwendig meine Bosheit.«</p><p>»Du magst Feinere betrogen haben als mich«, sagte Zarathustra hart. »Ich bin nicht auf der Hut vor Betr&#xFC;gern<a l:href="#n_199" type="note">[199]</a>, ich <emphasis>mu&#xDF; </emphasis>ohne Vorsicht sein: so will es mein Los.</p><p>Du aber – <emphasis>mu&#xDF;st </emphasis>betr&#xFC;gen: soweit kenne ich dich! Du mu&#xDF;st immer zwei-, drei-, vier- und f&#xFC;nfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest, war mir lange nicht wahr und nicht falsch genug!</p><p>Du schlimmer Falschm&#xFC;nzer, wie k&#xF6;nntest du anders! Deine Krankheit w&#xFC;rdest du noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.</p><p>So schminktest du eben vor mir deine L&#xFC;ge, als du sprachst: ›Ich trieb’s also <emphasis>nur </emphasis>zum Spiele!‹ Es war auch <emphasis>Ernst </emphasis>darin, du bist etwas von einem B&#xFC;&#xDF;er des Geistes!</p><p>Ich errate dich wohl: du wurdest der Bezauberer aller, aber gegen dich hast du keine L&#xFC;ge und List mehr &#xFC;brig, – du selber bist dir entzaubert<a l:href="#n_200" type="note">[200]</a>!</p><p>Du erntetest den Ekel ein, als deine eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr an dir echt, aber dein Mund: n&#xE4;mlich der Ekel, der an deinem Munde klebt.« – —</p><p>– »Wer bist du doch!« schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen Stimme, »wer darf also zu <emphasis>mir </emphasis>reden, dem Gr&#xF6;&#xDF;ten, der heute lebt?« – und ein gr&#xFC;ner Blitz scho&#xDF; aus seinem Auge nach Zarathustra. Aber gleich darauf verwandelte er sich und sagte traurig:</p><p>»O Zarathustra, ich bin’s m&#xFC;de, es ekelt mich meiner K&#xFC;nste, ich bin nicht <emphasis>gro&#xDF;, </emphasis>was verstelle ich mich! Aber, du wei&#xDF;t es wohl – ich suchte nach Gr&#xF6;&#xDF;e!</p><p>Einen gro&#xDF;en Menschen wollte ich vorstellen und &#xFC;berredete viele: aber diese L&#xFC;ge ging &#xFC;ber meine Kraft. An ihr zerbreche ich.</p><p>O Zarathustra, alles ist L&#xFC;ge an mir; aber da&#xDF; ich zerbreche – dies mein Zerbrechen ist <emphasis>echt!« —</emphasis></p><p>»Es ehrt dich«, sprach Zarathustra d&#xFC;ster und zur Seite niederblickend, »es ehrt dich, da&#xDF; du nach Gr&#xF6;&#xDF;e suchtest, aber es verr&#xE4;t dich auch. Du bist nicht gro&#xDF;.</p><p>Du schlimmer alter Zauberer, <emphasis>das </emphasis>ist dein Bestes und Redlichstes, was ich an dir ehre, da&#xDF; du deiner m&#xFC;de wurdest und es aussprachst: ›Ich bin nicht gro&#xDF;‹.</p><p><emphasis>Darin </emphasis>ehre ich dich als einen B&#xFC;&#xDF;er des Geistes: und wenn auch nur f&#xFC;r einen Hauch und Husch, diesen einen Augenblick warst du – echt.</p><p>Aber sprich, was suchst du hier in <emphasis>meinen </emphasis>W&#xE4;ldern und Felsen? Und wenn du <emphasis>mir </emphasis>dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von mir? —</p><p>– wes versuchtest du <emphasis>mich</emphasis>?<emphasis>« —</emphasis></p><p>Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer schwieg eine Weile, dann sagte er: »Versuchte ich dich? Ich – suche nur.</p><p>O Zarathustra, ich suche einen Echten, Rechten, Einfachen, Eindeutigen, einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gef&#xE4;&#xDF; der Weisheit, einen Heiligen der Erkenntnis, einen gro&#xDF;en Menschen!</p><p>Wei&#xDF;t du es denn nicht, o Zarathustra? <emphasis>Ich suche Zarathustra.«</emphasis></p><empty-line/><p>– Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen beiden; Zarathustra aber versank tief hinein in sich selber, also da&#xDF; er die Augen schlo&#xDF;. Dann aber, zu seinem Unterredner zur&#xFC;ckkehrend, ergriff er die Hand des Zauberers und sprach, voller Artigkeit und Arglist:</p><p>»Wohlan! Dort hinauf f&#xFC;hrt der Weg, da liegt die H&#xF6;hle Zarathustras. In ihr darfst du suchen, wen du finden m&#xF6;chtest.</p><p>Und frage meine Tiere um Rat, meinen Adler und meine Schlange: die sollen dir suchen helfen. Meine H&#xF6;hle aber ist gro&#xDF;.</p><p>Ich selber freilich – ich sah noch keinen gro&#xDF;en Menschen. Was gro&#xDF; ist, daf&#xFC;r ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des P&#xF6;bels.</p><p>So manchen fand ich schon, der streckte und bl&#xE4;hte sich, und das Volk schrie: ›Seht da, einen gro&#xDF;en Menschen!‹ Aber was helfen alle Blaseb&#xE4;lge! Zuletzt f&#xE4;hrt der Wind heraus.</p><p>Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies:</p><p>da f&#xE4;hrt der Wind heraus. Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das hei&#xDF;e ich eine brave Kurzweil. H&#xF6;rt das, ihr Knaben!</p><p>Dies Heute ist des P&#xF6;bels: wer <emphasis>wei&#xDF; </emphasis>da noch, was gro&#xDF;, was klein ist! Wer suchte da mit Gl&#xFC;ck nach Gr&#xF6;&#xDF;e! Ein Narr allein: den Narren gl&#xFC;ckt’s.</p><p>Du suchst nach gro&#xDF;en Menschen, du wunderlicher Narr? Wer <emphasis>lehrte’s </emphasis>dich? Ist heute dazu die Zeit? O du schlimmer Sucher, was – versuchst du mich?« – —</p><p>Also sprach Zarathustra, getr&#xF6;steten Herzens, und ging lachend seines Wegs f&#xFC;rba&#xDF;.</p></section><section><title><p>Ausser Dienst</p></title><p>Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht hatte, sahe er wiederum jemanden am Wege sitzen, den er ging, n&#xE4;mlich einen schwarzen langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht: <emphasis>der </emphasis>verdro&#xDF; ihn gewaltig. »Wehe«, sprach er zu seinem Herzen, da sitzt vermummte Tr&#xFC;bsal, das d&#xFC;nkt mich von der Art der Priester: was wollen <emphasis>die </emphasis>in meinem Reiche?</p><p>Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: mu&#xDF; mir da wieder ein anderer Schwarzk&#xFC;nstler &#xFC;ber den Weg laufen —</p><p>– irgendein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wundert&#xE4;ter von Gottes Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen m&#xF6;ge!</p><p>Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze w&#xE4;re: immer kommt er zu sp&#xE4;t, dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfu&#xDF;<a l:href="#n_201" type="note">[201]</a>!« —</p><p>Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie er abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vor&#xFC;berschl&#xFC;pfe: aber siehe, es kam anders. Im gleichen Augenblicke n&#xE4;mlich hatte ihn schon der Sitzende erblickt; und nicht un&#xE4;hnlich einem solchen, dem ein unvermutetes Gl&#xFC;ck zust&#xF6;&#xDF;t, sprang er auf und ging auf Zarathustra los.</p><p>»Wer du auch bist, du Wandersmann«, sprach er, »hilf einem Verirrten, einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!</p><p>Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch h&#xF6;rte ich wilde Tiere heulen; und der, welcher mir h&#xE4;tte Schutz bieten k&#xF6;nnen, der ist selber nicht mehr.</p><p>Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und Einsiedler, der allein in seinem Walde noch nichts davon geh&#xF6;rt hatte, was alle Welt heute wei&#xDF;.«</p><p>»<emphasis>Was </emphasis>wei&#xDF; heute alle Welt?« fragte Zarathustra. »Etwa dies, da&#xDF; der alte Gott nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?«</p><p>»Du sagst es«, antwortete der alte Mann betr&#xFC;bt. »Und ich diente diesem alten Gotte bis zu seiner letzten Stunde.</p><p>Nun aber bin ich au&#xDF;er Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch keine Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.</p><p>Dazu stieg ich in diese Berge, da&#xDF; ich endlich wieder ein Fest mir machte, wie es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn wisse, ich bin der letzte Papst! – ein Fest frommer Erinnerungen und Gottesdienste.</p><p>Nun aber ist er selber tot, der fr&#xF6;mmste Mensch, jener Heilige im Walde, der seinen Gott best&#xE4;ndig mit Singen und Brummen lobte.</p><p>Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine H&#xFC;tte fand – wohl aber zwei W&#xF6;lfe darin, welche um seinen Tod heulten – denn alle Tiere liebten ihn. Da lief ich davon.</p><p>Kam ich also umsonst in diese W&#xE4;lder und Berge? Da entschlo&#xDF; sich mein Herz, da&#xDF; ich einen anderen suchte, den Fr&#xF6;mmsten aller derer, die nicht an Gott glauben – da&#xDF; ich Zarathustra suchte!«</p><p>Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges den an, welcher vor ihm stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und betrachtete sie lange mit Bewunderung.</p><p>»Siehe da, du Ehrw&#xFC;rdiger«, sagte er dann, »welche sch&#xF6;ne und lange Hand! Das ist die Hand eines solchen, der immer Segen ausgeteilt hat. Nun aber h&#xE4;lt sie den fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.</p><p>Ich bin’s, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser als ich, da&#xDF; ich mich seiner Unterweisung<a l:href="#n_202" type="note">[202]</a> freue?« —</p><p>Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die Gedanken und Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:</p><p>»Wer ihn am meisten liebte und besa&#xDF;, der hat ihn nun am meisten auch verloren —:</p><p>– siehe, ich selber bin wohl von uns beiden jetzt der Gottlosere? Aber wer k&#xF6;nnte daran sich freuen!« —</p><p>– »Du dientest ihm bis zuletzt«, fragte Zarathustra nachdenklich, nach einem tiefen Schweigen, »du wei&#xDF;t, wie er starb? Ist es wahr, was man spricht, da&#xDF; ihn das Mitleiden erw&#xFC;rgte,</p><p>– da&#xDF; er es sah, wie <emphasis>der Mensch </emphasis>am Kreuze hing, und es nicht ertrug, da&#xDF; die Liebe zum Menschen seine H&#xF6;lle und zuletzt sein Tod wurde?« – – Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit einem schmerzlichen und d&#xFC;steren Ausdrucke zur Seite.</p><p>»La&#xDF; ihn fahren«, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken, indem er immer noch dem alten Manne gerade ins Auge blickte.</p><p>»La&#xDF; ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, da&#xDF; du diesem Toten nur Gutes nachredest, so wei&#xDF;t du so gut als ich, <emphasis>wer </emphasis>er war; und da&#xDF; er wunderliche Wege ging.«</p><p>»Unter drei Augen gesprochen«, sagte erheitert der alte Papst (denn er war auf einem Auge blind), »in Dingen Gottes bin ich aufgekl&#xE4;rter als Zarathustra selber – und darf es sein.</p><p>Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille ging allem seinem Willen nach. Ein guter Diener aber wei&#xDF; alles, und mancherlei auch, was sein Herr sich selbstverbirgt.</p><p>Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit.</p><p>Wahrlich, zu einem Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der T&#xFC;r seines Glaubens steht der Ehebruch.</p><p>Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von der Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.</p><p>Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und rachs&#xFC;chtig und erbaute sich eine H&#xF6;lle zum Erg&#xF6;tzen seiner Lieblinge.</p><p>Endlich aber wurde er alt und weich und m&#xFC;rbe und mitleidig, einem Gro&#xDF;vater &#xE4;hnlicher als einem Vater, am &#xE4;hnlichsten aber einer wackeligen alten Gro&#xDF;mutter.</p><p>Da sa&#xDF; er, welk, in seinem Ofenwinkel, h&#xE4;rmte sich ob seiner schwachen Beine, weltm&#xFC;de, willensm&#xFC;de, und erstickte eines Tages an seinem allzugro&#xDF;en Mitleiden.« —</p><p>»Du alter Papst«, sagte hier Zarathustra dazwischen, »hast du <emphasis>das </emphasis>mit Augen angesehn? Es k&#xF6;nnte wohl so abgegangen sein: so, <emphasis>und </emphasis>auch anders. Wenn G&#xF6;tter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.</p><p>Aber wohlan! So oder so, so und so – er ist dahin! Er ging meinen Ohren und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres m&#xF6;chte ich ihm nicht nachsagen.</p><p>Ich liebe alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er – du wei&#xDF;t es ja, du alter Priester, es war etwas von deiner Art an ihm, von Priester-Art – er war vieldeutig.</p><p>Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gez&#xFC;rnt, dieser Zornschnauber, da&#xDF; wir ihn schlecht verst&#xFC;nden! Aber warum sprach er nicht reinlicher?</p><p>Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht h&#xF6;rten? War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?</p><p>Zu vieles mi&#xDF;riet ihm, diesem T&#xF6;pfer, der nicht ausgelernt hatte! Da&#xDF; er aber Rache an seinen T&#xF6;pfen und Gesch&#xF6;pfen nahm, daf&#xFC;r da&#xDF; sie ihm schlecht gerieten</p><p>– das war eine S&#xFC;nde wider den <emphasis>guten Geschmack.</emphasis></p><p>Es gibt auch in der Fr&#xF6;mmigkeit guten Geschmack: <emphasis>der </emphasis>sprach endlich: ›Fort mit einem <emphasis>solchen </emphasis>Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!‹«</p><empty-line/><p>– »Was h&#xF6;re ich!« sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren; »o Zarathustra, du bist fr&#xF6;mmer als du glaubst, mit einem solchen Unglauben! Irgendein Gott in dir bekehrte dich zu deiner Gottlosigkeit.</p><p>Ist es nicht deine Fr&#xF6;mmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen Gott glauben l&#xE4;&#xDF;t? Und deine &#xFC;bergro&#xDF;e Redlichkeit wird dich auch noch jenseits von Gut und B&#xF6;se wegf&#xFC;hren!</p><p>Siehe doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und Mund, die sind zum Segnen vorherbestimmt seit Ewigkeit. Man segnet nicht mit der Hand allein.</p><p>In deiner N&#xE4;he, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird wohl und wehe dabei.</p><p>La&#xDF; mich deinen Gast sein, o Zarathustra, f&#xFC;r eine einzige Nacht! Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!« —</p><p>»Amen! So soll es sein!« sprach Zarathustra mit gro&#xDF;er Verwunderung, »dort hinauf f&#xFC;hrt der Weg, da liegt die H&#xF6;hle Zarathustras.</p><p>Gerne f&#xFC;rwahr, w&#xFC;rde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrw&#xFC;rdiger, denn ich liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein Notschrei weg von dir.</p><p>In meinem Bereiche soll mir niemand zu Schaden kommen; meine H&#xF6;hle ist ein guter Hafen. Und am liebsten m&#xF6;chte ich jedweden Traurigen wieder auf festes Land und feste Beine stellen.</p><p>Wer aber n&#xE4;hme dir <emphasis>deine </emphasis>Schwermut von der Schulter? Dazu bin ich zu schwach. Lange; wahrlich, m&#xF6;chten wir warten, bis dir einer deinen Gott wieder aufweckt.</p><p>Dieser alte Gott n&#xE4;mlich lebt nicht mehr: der ist gr&#xFC;ndlich tot.« —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Der H&#xE4;sslichste Mensch</p></title><p>– Und wieder liefen Zarathustras F&#xFC;&#xDF;e durch Berge und W&#xE4;lder, und seine Augen suchten und suchten, aber nirgends war der zu sehen, welchen sie sehn wollten, der gro&#xDF;e Notleidende und Notschreiende. Auf dem ganzen Wege aber frohlockte er in seinem Herzen und war dankbar. »Welche guten Dinge«, sprach er, »schenkte mir doch dieser Tag, zum Entgelt<a l:href="#n_203" type="note">[203]</a>, da&#xDF; er schlimm begann! Welche seltsamen Unterredner fand ich!</p><p>An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten K&#xF6;rnern; klein soll mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in die Seele flie&#xDF;en!« —</p><p>Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, ver&#xE4;nderte sich mit einem Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier starrten schwarze und rote Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine Vogelstimme. Es war n&#xE4;mlich ein Tal, welches alle Tiere mieden, auch die Raubtiere; nur da&#xDF; eine Art h&#xE4;&#xDF;licher, dicker, gr&#xFC;ner Schlangen, wenn sie alt wurden, hierherkamen, um zu sterben. Darum nannten dies Tal die Hirten: Schlangen-Tod.</p><p>Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war, als habe er schon einmal in diesem Tal gestanden. Und vieles Schwere legte sich ihm &#xFC;ber den Sinn: also, da&#xDF; er langsam ging und immer langsamer und endlich still stand. Da aber sahe er, als er die Augen auftat, etwas, das am Wege sa&#xDF;, gestaltet wie ein Mensch, und kaum wie ein Mensch, etwas Unaussprechliches. Und mit einem Schlage &#xFC;berfiel Zarathustra die gro&#xDF;e Scham darob, da&#xDF; er so etwas mit den Augen angesehn habe: err&#xF6;tend bis hinauf an sein wei&#xDF;es Haar, wandte er den Blick ab und hob den Fu&#xDF;, da&#xDF; er diese schlimme Stelle verlasse. Da aber wurde die tote &#xD6;de laut: vom Boden auf n&#xE4;mlich quoll es gurgelnd und r&#xF6;chelnd, wie Wasser nachts durch verstopfte Wasser-R&#xF6;hren gurgelt und r&#xF6;chelt; und zuletzt wurde daraus eine Menschen-Stimme und Menschen-Rede: – die lautete also:</p><p>»Zarathustra! Zarathustra! Rate mein R&#xE4;tsel! Sprich, sprich! Was ist <emphasis>die Rache am Zeugen?</emphasis></p><p>Ich locke dich zur&#xFC;ck, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein Stolz sich hier nicht die Beine bricht!</p><p>Du d&#xFC;nkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rate doch das R&#xE4;tsel, du harter N&#xFC;sseknacker – das R&#xE4;tsel, das ich bin! So sprich doch: wer bin <emphasis>ich!«</emphasis></p><p>– Als aber Zarathustra diese Worte geh&#xF6;rt hatte – was glaubt ihr wohl, da&#xDF; sich da mit seiner Seele zutrug? <emphasis>Das Mitleiden fiel ihn an; </emphasis>und er sank mit einem Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen Holzschl&#xE4;gern widerstanden hat – schwer, pl&#xF6;tzlich, zum Schrecken selber f&#xFC;r die, welche ihn f&#xE4;llen wollten. Aber schon stand er wieder vom Boden auf, und sein Antlitz wurde hart, »Ich erkenne dich wohl«, sprach er mit einer erzenen Stimme: <emphasis>»du bist der M&#xF6;rder Gottes! </emphasis>La&#xDF; mich gehn.</p><p>Du <emphasis>ertrugst </emphasis>den nicht, der <emphasis>dich </emphasis>sah – der dich immer und durch und durch sah, du h&#xE4;&#xDF;lichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!«</p><p>Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche fa&#xDF;te nach einem Zipfel seines Gewandes und begann von neuem zu gurgeln und nach Worten zu suchen. »Bleib!« sagte er endlich —</p><p>» – bleib! Geh nicht vor&#xFC;ber! Ich erriet, welche Axt dich zu Boden schlug: Heil dir, o Zarathustra, da&#xDF; du wieder stehst!</p><p>Du errietest, ich wei&#xDF; es gut, wie dem zumute ist, der ihn t&#xF6;tete – dem M&#xF6;rder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist nicht umsonst.</p><p>Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich aber nicht an! Ehre also – meine H&#xE4;&#xDF;lichkeit!</p><p>Sie verfolgen mich: nun bist <emphasis>du </emphasis>meine letzte Zuflucht. <emphasis>Nicht </emphasis>mit ihrem Hasse, <emphasis>nicht </emphasis>mit ihren H&#xE4;schern:</p><p>– o solcher Verfolgung w&#xFC;rde ich spotten und stolz und froh sein!</p><p>War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut verfolgt, lernt leicht <emphasis>folgen: – </emphasis>ist er doch einmal – hinterher! Aber ihr <emphasis>Mitleid </emphasis>ist’s —</p><p>– ihr Mitleid ist’s, vor dem ich fl&#xFC;chte und dir zufl&#xFC;chte. O Zarathustra, sch&#xFC;tze mich, du meine letzte Zuflucht, du einziger, der mich erriet:</p><p>– du errietest, wie dem zumute ist, welcher <emphasis>ihn </emphasis>t&#xF6;tete. Bleib! Und willst du gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam. <emphasis>Der </emphasis>Weg ist schlecht.</p><p>Z&#xFC;rnst du mir, da&#xDF; ich zu lange schon rederadebreche? Da&#xDF; ich schon dir rate? Aber wisse, ich bin’s, der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch,</p><p>– der auch die gr&#xF6;&#xDF;ten schwersten F&#xFC;&#xDF;e hat. Wo <emphasis>ich </emphasis>ging, ist der Weg schlecht. Ich trete alle Wege tot und zuschanden<a l:href="#n_204" type="note">[204]</a>.</p><p>Da&#xDF; du aber an mir vor&#xFC;bergingst, schweigend; da&#xDF; du err&#xF6;tetest, ich sah es wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.</p><p>Jedweder andere h&#xE4;tte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden, mit Blick und Rede. Aber dazu – bin ich nicht Bettler genug, das errietest du —</p><p>– dazu bin ich zu <emphasis>reich, </emphasis>reich an Gro&#xDF;em, an Furchtbarem, am H&#xE4;&#xDF;lichsten, am Unaussprechlichsten! Deine Scham, o Zarathustra, <emphasis>ehrte </emphasis>mich!</p><p>Mit Not kam ich heraus aus dem Gedr&#xE4;ng der Mitleidigen – da&#xDF; ich den einzigen f&#xE4;nde, der heute lehrt ›Mitleiden ist zudringlich‹ – dich, o Zarathustra!</p><p>– sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht gegen die Scham. Und NichthelfenWollen kann vornehmer sein als jene Tugend, die zuspringt.</p><p><emphasis>Das </emphasis>aber hei&#xDF;t heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das Mitleiden: – die haben keine Ehrfurcht vor gro&#xDF;em Ungl&#xFC;ck, vor gro&#xDF;er H&#xE4;&#xDF;lichkeit, vor gro&#xDF;em Mi&#xDF;raten<a l:href="#n_205" type="note">[205]</a>.</p><p>&#xDC;ber diese alle blicke ich hinweg, wie ein Hund &#xFC;ber die R&#xFC;cken wimmelnder Schafherden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.</p><p>Wie ein Reiher verachtend &#xFC;ber flache Teiche wegblickt, mit zur&#xFC;ckgelegtem Kopfe: so blicke ich &#xFC;ber das Gewimmel grauer kleiner Wellen und Willen und Seelen weg.</p><p>Zu lange hat man ihnen recht gegeben, diesen kleinen Leuten: so gab man ihnen endlich auch die Macht – nun lehren sie: ›Gut ist nur, was kleine Leute gut hei&#xDF;en.‹</p><p>Und ›Wahrheit‹ hei&#xDF;t heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen herkam, jener wunderliche Heilige und F&#xFC;rsprecher der kleinen Leute, welcher von sich zeugte, ›Ich – bin die Wahrheit.‹</p><p>Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm hochschwellen – er, der keinen kleinen Irrtum lehrte, als er lehrte, ›Ich – bin die Wahrheit.‹</p><p>Ward einem Unbescheidnen jemals h&#xF6;flicher geantwortet? – Du aber, o Zarathustra, gingst an ihm vor&#xFC;ber und sprachst: ›Nein! Nein! Dreimal nein!‹</p><p>Du warntest vor seinem Irrtum, du warntest als der erste vor dem Mitleiden – nicht alle, nicht keinen, sondern dich und deine Art.</p><p>Du sch&#xE4;mst dich an der Scham des gro&#xDF;en Leidenden; und wahrlich, wenn du sprichst ›Von dem Mitleiden her kommt eine gro&#xDF;e Wolke, habt acht, ihr Menschen!‹</p><p>– wenn du lehrst ›Alle Schaffenden sind hart, alle gro&#xDF;e Liebe ist &#xFC;ber ihrem Mitleiden‹: o Zarathustra,</p><p>wie gut d&#xFC;nkst du mich eingelernt auf Wetter-Zeichen!</p><p>Du selber aber – warne dich selber auch vor <emphasis>deinem </emphasis>Mitleiden! Denn viele sind zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde, Verzweifelnde, Ertrinkende, Frierende —</p><p>Ich warne dich auch vor mir. Du errietest mein bestes, schlimmstes R&#xE4;tsel, mich selber und was ich tat. Ich kenne die Axt, die dich f&#xE4;llt.</p><p>Aber er – <emphasis>mu&#xDF;te </emphasis>sterben: er sah mit Augen, welche <emphasis>alles </emphasis>sahn – er sah des Menschen Tiefen und Gr&#xFC;nde, all seine verhehlte Schmach und H&#xE4;&#xDF;lichkeit.</p><p>Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten Winkel. Dieser Neugierigste, &#xDC;ber-Zudringliche, &#xDC;ber-Mitleidige mu&#xDF;te sterben.</p><p>Er sah immer <emphasis>mich: </emphasis>an einem solchen Zeugen wollte ich Rache haben – oder selber nicht leben.</p><p>Der Gott, der alles sah, <emphasis>auch den Menschen: </emphasis>dieser Gott mu&#xDF;te sterben! Der Mensch <emphasis>ertr&#xE4;gt </emphasis>es nicht, da&#xDF; solch ein Zeuge lebt.«</p><p>Also sprach der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich und schickte sich an fortzugehn: denn ihn fr&#xF6;stelte bis in seine Eingeweide.</p><p>»Du Unaussprechlicher«, sagte er, »du warntest mich vor deinem Wege. Zum Danke daf&#xFC;r lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die H&#xF6;hle Zarathustras.</p><p>Meine H&#xF6;hle ist gro&#xDF; und tief und hat viele Winkel; da findet der Versteckteste sein Versteck.</p><p>Und dicht bei ihr sind hundert Schl&#xFC;pfe und Schliche f&#xFC;r kriechendes, flatterndes und springendes Getier.</p><p>Du Ausgesto&#xDF;ener, der du dich selber ausstie&#xDF;est, du willst nicht unter Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so tu’s mir gleich! So lernst du auch von mir; nur der T&#xE4;ter lernt.</p><p>Und rede zuerst und – n&#xE4;chst mit meinen Tieren! Das stolzeste Tier und das kl&#xFC;gste Tier – die m&#xF6;chten uns beiden wohl die rechten Ratgeber sein!« – —</p><p>Also sprach Zarathustra und ging seiner Wege, nachdenklicher und langsamer noch als zuvor: denn er fragte sich vieles und wu&#xDF;te sich nicht leicht zu antworten. »Wie arm ist doch der Mensch!« dachte er in seinem Herzen, »wie h&#xE4;&#xDF;lich, wie r&#xF6;chelnd, wie voll verborgener Scham!</p><p>Man sagt mir, da&#xDF; der Mensch sich selber liebe: ach, wie gro&#xDF; mu&#xDF; diese Selber-Liebe sein! Wieviel Verachtung hat sie wider sich!</p><p>Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete – ein gro&#xDF;er Liebender ist er mir und ein gro&#xDF;er Ver&#xE4;chter. Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet h&#xE4;tte: auch <emphasis>das </emphasis>ist H&#xF6;he. Wehe, war <emphasis>der </emphasis>vielleicht der h&#xF6;here Mensch, dessen Schrei ich h&#xF6;rte?</p><p>Ich liebe die gro&#xDF;en Verachtenden. Der Mensch aber ist etwas, das &#xFC;berwunden werden mu&#xDF;.« —</p></section><section><title><p>Der Freiwillige Bettler</p></title><p>Als Zarathustra den h&#xE4;&#xDF;lichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn, und er f&#xFC;hlte sich einsam: es ging ihm n&#xE4;mlich vieles Kalte und Einsame durch die Sinne, also, da&#xDF; darob auch seine Glieder k&#xE4;lter wurden. Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an gr&#xFC;nen Weiden vorbei, aber auch &#xFC;ber wilde steinichte Lager, wo ehedem wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte: da wurde ihm mit einem Male wieder w&#xE4;rmer und herzlicher zu Sinne.</p><p>»Was geschah mir doch?« fragte er sich, »etwas Warmes und Lebendiges erquickt mich, das mu&#xDF; in meiner N&#xE4;he sein.</p><p>Schon bin ich weniger allein; unbewu&#xDF;te Gef&#xE4;hrten und Br&#xFC;der schweifen um mich, ihr warmer Atem r&#xFC;hrt an meine Seele.«</p><p>Als er aber um sich sp&#xE4;hete<a l:href="#n_206" type="note">[206]</a> und nach den Tr&#xF6;stern seiner Einsamkeit suchte: siehe, da waren es K&#xFC;he, welche auf einer Anh&#xF6;he beieinander standen; deren N&#xE4;he und Geruch hatten sein Herz erw&#xE4;rmt. Diese K&#xFC;he aber schienen mit Eifer einem Redenden zuzuh&#xF6;ren und gaben nicht auf den acht<a l:href="#n_207" type="note">[207]</a>, der herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer N&#xE4;he war, h&#xF6;rte er deutlich, da&#xDF; eine Menschen-Stimme aus der Mitte der K&#xFC;he heraus redete; und ersichtlich hatten sie allesamt ihre K&#xF6;pfe dem Redenden zugedreht.</p><p>Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und dr&#xE4;ngte die Tiere auseinander, denn er f&#xFC;rchtete, da&#xDF; hier jemandem ein Leids geschehen sei, welchem schwerlich das Mitleid von K&#xFC;hen abhelfen mochte. Aber darin hatte er sich get&#xE4;uscht; denn siehe, da sa&#xDF; ein Mensch auf der Erde und schien den Tieren zuzureden, da&#xDF; sie keine Scheu vor ihm haben sollten, ein friedfertiger Mensch und Berg-Prediger, aus dessen Augen die G&#xFC;te selber predigte. »Was suchst du hier?« rief Zarathustra mit Befremden.</p><p>»Was ich hier suche?« antwortete er: »dasselbe, was du suchst, du St&#xF6;renfried! n&#xE4;mlich das Gl&#xFC;ck auf Erden.</p><p>Dazu aber m&#xF6;chte ich von diesen K&#xFC;hen lernen. Denn, wei&#xDF;t du wohl, einen halben Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir Bescheid geben. Warum doch st&#xF6;rst du sie?</p><p>So wir nicht umkehren und werden wie die K&#xFC;he, so kommen wir nicht in das Himmelreich. Wir sollten ihnen n&#xE4;mlich eins ablernen: das Wiederk&#xE4;uen.</p><p>Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gew&#xF6;nne und lernte das eine nicht, das Wiederk&#xE4;uen: was h&#xFC;lfe es! Er w&#xFC;rde nicht seine Tr&#xFC;bsal los – seine gro&#xDF;e Tr&#xFC;bsal: die aber hei&#xDF;t heute <emphasis>Ekel. </emphasis>Wer hat heute von Ekel nicht Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe doch diese K&#xFC;he an!« – Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick Zarathustra zu – denn bisher hing er mit Liebe an den K&#xFC;hen —: da aber verwandelte er sich. »Wer ist das, mit dem ich rede?« rief er erschreckt und sprang vom Boden empor.</p><p>»Dies ist der Mensch ohne Ekel, dies ist Zarathustra selber, der &#xDC;berwinder des gro&#xDF;en Ekels, dies ist das Auge, dies ist der Mund, dies ist das Herz Zarathustras selber.«</p><p>Und indem er also sprach, k&#xFC;&#xDF;te er dem, zu welchem er redete, die H&#xE4;nde, mit &#xFC;berstr&#xF6;menden Augen und geb&#xE4;rdete sich ganz als einer, dem ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel f&#xE4;llt. Die K&#xFC;he aber schauten dem allen zu und wunderten sich.</p><p>»Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher!« sagte Zarathustra und wehrte seiner Z&#xE4;rtlichkeit, »sprich mir erst von dir! Bist du nicht der freiwillige Bettler, der einst einen gro&#xDF;en Reichtum von sich warf —</p><p>– der sich seines Reichtums sch&#xE4;mte und der Reichen, und zu den &#xC4;rmsten floh, da&#xDF; er ihnen seine F&#xFC;lle und sein Herz schenke? Aber sie nahmen ihn nicht an.«</p><p>»Aber sie nahmen mich nicht an«, sagte der freiwillige Bettler, »du wei&#xDF;t es ja. So ging ich endlich zu den Tieren und zu diesen K&#xFC;hen.«</p><p>»Da lerntest du«, unterbrach Zarathustra den Redenden, »wie es schwerer ist, recht geben als recht nehmen, und da&#xDF; gut Schenken eine <emphasis>Kunst </emphasis>ist und die letzte listigste Meister-Kunst der G&#xFC;te.«</p><p>»Sonderlich heutzutage«, antwortete der freiwillige Bettler: »heute n&#xE4;mlich, wo alles Niedrige aufst&#xE4;ndisch ward und scheu und auf seine Art hoff&#xE4;rtig: n&#xE4;mlich auf P&#xF6;bel-Art.</p><p>Denn es kam die Stunde, du wei&#xDF;t es ja, f&#xFC;r den gro&#xDF;en schlimmen langen langsamen P&#xF6;bel- und Sklaven-Aufstand: der w&#xE4;chst und w&#xE4;chst!</p><p>Nun emp&#xF6;rt die Niedrigen alles Wohltun und kleine Weggeben; und die &#xDC;berreichen m&#xF6;gen auf der Hut sein!</p><p>Wer heute gleich bauchichten Flaschen tr&#xF6;pfelt aus allzu schmalen H&#xE4;lsen: – solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.</p><p>L&#xFC;sterne Gier, gallichter Neid, vergr&#xE4;mte Rachsucht, P&#xF6;bel-Stolz: das sprang mir alles ins Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, da&#xDF; die Armen selig sind. Das Himmelreich aber ist bei den K&#xFC;hen.«</p><p>»Und warum ist es nicht bei den Reichen?« fragte Zarathustra versuchend, w&#xE4;hrend er den K&#xFC;hen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich anschnauften<a l:href="#n_208" type="note">[208]</a>.</p><p>»Was versuchst du mich?« antwortete dieser. »Du wei&#xDF;t es selber besser noch als ich. Was trieb mich doch zu den &#xC4;rmsten, o Zarathustra? War es nicht der Ekel vor unsern Reichsten?</p><p>– vor den Str&#xE4;flingen des Reichtums, welche sich ihren Vorteil aus jedem Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem Gesindel, das gen Himmel stinkt,</p><p>– vor diesem verg&#xFC;ldeten verf&#xE4;lschten P&#xF6;bel, dessen V&#xE4;ter Langfinger oder Aasv&#xF6;gel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willf&#xE4;hrig, l&#xFC;stern, verge&#xDF;lich: – sie haben’s n&#xE4;mlich alle nicht weit zur Hure —</p><p>P&#xF6;bel oben, P&#xF6;bel unten! Was ist heute noch ›arm‹ und ›reich‹! Diesen Unterschied verlernte ich – da floh ich davon, weiter, immer weiter, bis ich zu diesen K&#xFC;hen kam.«</p><p>Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte bei seinen Worten: also da&#xDF; die K&#xFC;he sich von neuem wunderten. Zarathustra aber sah ihm immer mit L&#xE4;cheln ins Gesicht, als er so hart redete, und sch&#xFC;ttelte dazu schweigend den Kopf.</p><p>»Du tust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte brauchst. F&#xFC;r solche H&#xE4;rte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.</p><p>Auch, wie mich d&#xFC;nkt, dein Magen selber nicht: <emphasis>dem </emphasis>widersteht all solches Z&#xFC;rnen und Hassen und &#xDC;bersch&#xE4;umen. Dein Magen will sanftere Dinge: du bist kein Fleischer.</p><p>Vielmehr d&#xFC;nkst du mich ein Pflanzer und Wurzelmann. Vielleicht malmst du K&#xF6;rner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold und liebst den Honig.« »Du errietst mich gut«, antwortete der freiwillige Bettler mit erleichtertem Herzen. »Ich liebe den Honig, ich malme auch K&#xF6;rner, denn ich suchte, was lieblich mundet und reinen Atem macht:</p><p>– auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maulwerk f&#xFC;r sanfte M&#xFC;&#xDF;igg&#xE4;nger und Tagediebe.</p><p>Am weitesten freilich brachten es diese K&#xFC;he: die erfanden sich das Wiederk&#xE4;uen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller schweren Gedanken, welche das Herz bl&#xE4;hn.«</p><p>– »Wohlan!« sagte Zarathustra: »du solltest auch <emphasis>meine </emphasis>Tiere sehn, meinen Adler und meine Schlange – ihresgleichen gibt es heute nicht auf Erden.</p><p>Siehe, dorthin f&#xFC;hrt der Weg zu meiner H&#xF6;hle: sei diese Nacht ihr Gast. Und rede mit meinen Tieren vom Gl&#xFC;ck der Tiere —</p><p>– bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Notschrei mich eilig weg von dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen Waben-Goldhonig: den i&#xDF;!</p><p>Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen K&#xFC;hen, du Wunderlicher! Lieblicher! ob es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine w&#xE4;rmsten Freunde und Lehrmeister!« —</p><p>»– Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe«, antwortete der freiwillige Bettler. »Du selber bist gut, und besser noch als eine Kuh, o Zarathustra!«</p><p>»Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler!« schrie Zarathustra mit Bosheit, »was verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?«</p><p>»Fort, fort von mir!« schrie er noch einmal und schwang seinen Stock nach dem z&#xE4;rtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.</p></section><section><title><p>Der Schatten</p></title><p>Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra wieder mit sich allein, da h&#xF6;rte er hinter sich eine neue Stimme: die rief »Halt! Zarathustra! So warte doch! Ich bin’s ja, o Zarathustra, ich, dein Schatten!« Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein pl&#xF6;tzlicher Verdru&#xDF; &#xFC;berkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedr&#xE4;ngs in seinen Bergen. »Wo ist meine Einsamkeit hin?« sprach er.</p><p>»Es wird mir wahrlich zuviel; dies Gebirge wimmelt, mein Reich ist nicht mehr von <emphasis>dieser </emphasis>Welt, ich brauche neue Berge.</p><p>Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen! ich – laufe ihm davon.«</p><p>Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber der, welcher hinter ihm war, folgte ihm nach: so da&#xDF; alsbald drei Laufende hintereinander her waren, n&#xE4;mlich voran der freiwillige Bettler, dann Zarathustra und zudritt und -hinterst sein Schatten. Nicht lange liefen sie so, da kam Zarathustra zur Besinnung &#xFC;ber seine Torheit und sch&#xFC;ttelte mit <emphasis>einem </emphasis>Rucke allen Verdru&#xDF; und &#xDC;berdru&#xDF; von sich.</p><p>»Wie!« sprach er, »geschahen nicht von je die l&#xE4;cherlichsten Dinge bei uns alten Einsiedlern und Heiligen?</p><p>Wahrlich, meine Torheit wuchs hoch in den Bergen! Nun h&#xF6;re ich sechs alte Narren-Beine hintereinander herklappern!</p><p>Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten f&#xFC;rchten? Auch d&#xFC;nkt mich zu guter Letzt, da&#xDF; er l&#xE4;ngere Beine hat als ich.«</p><p>Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb stehen und drehte sich schnell herum – und siehe, fast warf er dabei seinen Nachfolger und Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm derselbe auf den Fersen, und so schwach war er auch. Als er ihn n&#xE4;mlich mit Augen pr&#xFC;fte, erschrak er wie vor einem pl&#xF6;tzlichen Gespenste: so d&#xFC;nn, schw&#xE4;rzlich, hohl und &#xFC;berlebt sah dieser Nachfolger aus.</p><p>»Wer bist du?« fragte Zarathustra heftig, »was treibst du hier? und weshalb hei&#xDF;est du dich meinen Schatten? Du gef&#xE4;llst mir nicht.«</p><p>»Vergib mir«, antwortete der Schatten, »da&#xDF; ich’s bin; und wenn ich dir nicht gefalle, wohlan, o Zarathustra! darin lobe ich dich und deinen guten Geschmack. Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen herging: immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also da&#xDF; mir wahrlich wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, da&#xDF; ich nicht ewig und auch nicht Jude bin.</p><p>Wie? Mu&#xDF; ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt, unstet, fortgetrieben? O Erde, du wardst mir zu rund!</p><p>Auf jeder Oberfl&#xE4;che sa&#xDF; ich schon, gleich m&#xFC;dem Staube schlief ich ein auf Spiegeln und Fensterscheiben: alles nimmt von mir, nichts gibt, ich werde d&#xFC;nn – fast gleiche ich einem Schatten.</p><p>Dir aber, o Zarathustra, flog und zog ich am l&#xE4;ngsten nach, und verbarg ich mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten: wo du nur gesessen hast, sa&#xDF; ich auch.</p><p>Mit dir bin ich in fernsten, k&#xE4;ltesten Welten umgegangen, einem Gespenste gleich, das freiwillig &#xFC;ber Winterd&#xE4;cher und Schnee l&#xE4;uft.</p><p>Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn irgend etwas an mir Tugend ist, so ist es, da&#xDF; ich vor keinem Verbote Furcht hatte.</p><p>Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine und Bilder warf ich um, den gef&#xE4;hrlichsten W&#xFC;nschen lief ich nach – wahrlich, &#xFC;ber jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.</p><p>Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werte und gro&#xDF;e Namen. Wenn der Teufel sich h&#xE4;utet<a l:href="#n_209" type="note">[209]</a>, f&#xE4;llt da nicht auch sein Name ab? Der ist n&#xE4;mlich auch Haut. Der Teufel selber ist vielleicht – Haut.</p><p>›Nichts ist wahr, alles ist erlaubt‹: so sprach ich mir ›zu. In die k&#xE4;ltesten Wasser st&#xFC;rzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft stand ich darob nackt als roter Krebs da!</p><p>Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die Guten! Ach, wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besa&#xDF;, die Unschuld der Guten und ihrer edlen L&#xFC;gen!</p><p>Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fu&#xDF;e: da trat sie mir vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu l&#xFC;gen, und siehe! da erst traf ich – die Wahrheit.</p><p>Zu viel kl&#xE4;rte sich mir auf: nun geht es mich nichts mehr an. Nichts lebt mehr, das ich liebe – wie sollte ich noch mich selber lieben?</p><p>›Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben‹: so will ich’s, so will’s auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe <emphasis>ich </emphasis>noch – Lust?</p><p>Habe <emphasis>ich – </emphasis>noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem <emphasis>mein </emphasis>Segel l&#xE4;uft?</p><p>Einen guten Wind? Ach, nur wer wei&#xDF;, <emphasis>wohin </emphasis>er f&#xE4;hrt, wei&#xDF; auch, welcher Wind gut und sein Fahrwind ist.</p><p>Was blieb mir noch zur&#xFC;ck? Ein Herz m&#xFC;de und frech; ein unsteter Wille; Flatter-Fl&#xFC;gel; ein zerbrochnes R&#xFC;ckgrat.</p><p>Dies Suchen nach <emphasis>meinem </emphasis>Heim: o Zarathustra, wei&#xDF;t du wohl, dies Suchen war <emphasis>meine </emphasis>Heimsuchung, es fri&#xDF;t mich auf.</p><p>›Wo ist – <emphasis>mein </emphasis>Heim?‹ Danach frage und suche und suchte ich, das fand ich nicht. O ewiges &#xDC;berall, o ewiges Nirgendwo, o ewiges – Umsonst!«</p><p>Also sprach der Schatten, und Zarathustras Gesicht verl&#xE4;ngerte sich bei seinen Worten. »Du bist mein Schatten«; sagte er endlich, mit Traurigkeit.</p><p>»Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du hast einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, da&#xDF; dir nicht noch ein schlimmerer Abend kommt!</p><p>Solchen Unsteten, wie du, d&#xFC;nkt zuletzt auch ein Gef&#xE4;ngnis selig. Sahst du je, wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig, sie genie&#xDF;en ihre neue Sicherheit.</p><p>H&#xFC;te dich, da&#xDF; dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einf&#xE4;ngt, ein harter, strenger Wahn! Dich n&#xE4;mlich verf&#xFC;hrt und versucht nunmehr jegliches, das eng und fest ist.</p><p>Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust verscherzen und verschmerzen? Damit – hast du auch den Weg verloren!</p><p>Du armer Schweifender, Schw&#xE4;rmender, du m&#xFC;der Schmetterling! willst du diesen Abend eine Rast und Heimst&#xE4;tte haben? So gehe hinauf zu meiner H&#xF6;hle!</p><p>Dorthin f&#xFC;hrt der Weg zu meiner H&#xF6;hle. Und jetzo will ich schnell wieder von dir davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.</p><p>Ich will allein laufen, da&#xDF; es wieder hell um mich werde. Dazu mu&#xDF; ich noch lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei mir – getanzt!« – —</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Mittags</p></title><p>– Und Zarathustra lief und lief und fand niemanden mehr und war allein und fand immer wieder sich und geno&#xDF; und schl&#xFC;rfte seine Einsamkeit und dachte an gute Dinge – stundenlang. Um die Stunde des Mittags aber, als die Sonne gerade &#xFC;ber Zarathustras Haupte stand, kam er an einem alten krummen und knorrichten Baume vorbei, der von der reichen Liebe eines Weinstocks rings umarmt und vor sich selber verborgen war: von dem hingen gelbe Trauben in F&#xFC;lle dem Wandernden entgegen. Da gel&#xFC;stete ihn, einen kleinen Durst zu l&#xF6;schen und sich eine Traube abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu ausstreckte, da gel&#xFC;stete ihn etwas anderes noch mehr: n&#xE4;mlich sich neben den Baum niederzulegen, um die Stunde des vollkommnen Mittags, und zu schlafen.</p><p>Dies tat Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der Stille und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen kleinen Durst vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort Zarathustras sagt: Eins ist notwendiger als das andre. Nur da&#xDF; seine Augen offen blieben: – sie wurden n&#xE4;mlich nicht satt, den Baum und die Liebe des Weinstocks zu sehn und zu preisen. Im Einschlafen aber sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:</p><p>»Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir doch?</p><p>Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf get&#xE4;feltem Meere tanzt, leicht, federleicht: so – tanzt der Schlaf auf mir.</p><p>Kein Auge dr&#xFC;ckt er mir zu, die Seele l&#xE4;&#xDF;t er mir wach. Leicht ist er, wahrlich! federleicht.</p><p>Er &#xFC;berredet mich, ich wei&#xDF; nicht wie? er betupft mich<a l:href="#n_210" type="note">[210]</a> innewendig mit schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, da&#xDF; meine Seele sich ausstreckt: —</p><p>– wie sie mir lang und m&#xFC;de wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr eines siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange schon selig zwischen guten und reifen Dingen?</p><p>Sie streckt sich lang aus, lang – l&#xE4;nger! sie liegt stille, meine wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese goldene Traurigkeit dr&#xFC;ckt sie, sie verzieht den Mund.</p><p>– Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief: – nun lehnt es sich an die Erde, der langen Reisen m&#xFC;de und der Ungewissen Meere. Ist die Erde nicht teuer?</p><p>Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt: – da gen&#xFC;gt’s, da&#xDF; eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner st&#xE4;rkeren Taue bedarf es da.</p><p>Wie solch ein m&#xFC;des Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich nun der Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten F&#xE4;den ihr angebunden</p><p>O Gl&#xFC;ck! O Gl&#xFC;ck! Willst du wohl singen, o meine Seele? Du liegst im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Fl&#xF6;te bl&#xE4;st.</p><p>Scheue dich! Hei&#xDF;er Mittag schl&#xE4;ft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen.</p><p>Singe nicht, du Gras-Gefl&#xFC;gel<a l:href="#n_211" type="note">[211]</a> , o meine Seele! Fl&#xFC;stere nicht einmal! Sieh doch – still! der alte Mittag schl&#xE4;ft, er bewegt den Mund: trinkt er nicht eben einen Tropfen Gl&#xFC;cks – – einen alten braunen Tropfen goldenen Gl&#xFC;cks goldenen Weins? Es huscht &#xFC;ber ihn hin, sein Gl&#xFC;ck lacht. So – lacht ein Gott. Still! —</p><p>– ›Zum Gl&#xFC;ck, wie wenig gen&#xFC;gt schon zum Gl&#xFC;cke!‹ So sprach ich einst und d&#xFC;nkte mich klug. Aber es war eine L&#xE4;sterung: <emphasis>das </emphasis>lernte ich nun. Kluge Narrn reden besser.</p><p>Das wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blick – <emphasis>wenig </emphasis>macht die Art des <emphasis>besten </emphasis>Gl&#xFC;cks. Still!</p><p>– Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich nicht – horch! in den Brunnen der Ewigkeit?</p><p>– Was geschieht mir? Still! Es sticht mich – wehe – ins Herz? Ins Herz! O zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Gl&#xFC;cke, nach solchem Stiche!</p><p>– Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? O des goldenen runden Reifs – wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach! Husch!</p><p>Still – —« (und hier dehnte sich Zarathustra und f&#xFC;hlte, da&#xDF; er schlafe).</p><p>»Auf!« sprach er zu sich selber, »du Schl&#xE4;fer! Du Mittagsschl&#xE4;fer! Wohlan, wohlauf, ihr alten Beine! Zeit ist’s und &#xDC;berzeit, manch gut St&#xFC;ck Wegs blieb euch noch zur&#xFC;ck – Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit! Wohlan, wohlauf nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach solchem Schlaf – dich auswachen?«</p><p>(Aber da schlief er schon von neuem ein, und seine Seele sprach gegen ihn und wehrte sich und legte sich wieder hin:) – »La&#xDF; mich doch! Still! Ward nicht die Welt eben vollkommen? O des goldnen runden Balls!« —</p><p>»Steh auf«, sprach Zarathustra, »du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie? Immer noch sich strecken, g&#xE4;hnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe Brunnen?</p><p>Wer bist du doch! O meine Seele!« (und hier erschrak er, denn ein Sonnenstrahl fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht.)</p><p>»O Himmel &#xFC;ber mir«, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, »du schaust mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?</p><p>Wann trinkst du diesen Tropfen Taus, der auf alle Erden-Dinge niederfiel – wann trinkst du diese wunderliche Seele —</p><p>– wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher Mittags-Abgrund! wann trinkst du meine Seele in dich zur&#xFC;ck?«</p><empty-line/><p>Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie aus einer fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer noch gerade &#xFC;ber seinem Haupte. Es m&#xF6;chte aber einer daraus mit Recht abnehmen, da&#xDF; Zarathustra damals nicht lange geschlafen habe.</p></section><section><title><p>Die Begr&#xFC;ssung</p></title><p>Am sp&#xE4;ten Nachmittag war es erst, da&#xDF; Zarathustra, nach langem umsonstigen Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner H&#xF6;hle heimkam. Als er aber derselben gegen&#xFC;berstand, nicht zwanzig Schritt mehr von ihr ferne, da geschah das, was er jetzt am wenigsten erwartete: von neuem h&#xF6;rte er den gro&#xDF;en <emphasis>Notschrei. </emphasis>Und, erstaunlich! diesmal kam derselbige aus seiner eignen H&#xF6;hle. Es war aber ein langer vielf&#xE4;ltiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich, da&#xDF; er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus der Ferne geh&#xF6;rt, gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.</p><p>Da sprang Zarathustra auf seine H&#xF6;hle zu, und siehe! welches Schauspiel erwartete ihn erst nach diesem H&#xF6;rspiele! Denn da sa&#xDF;en sie allesamt beieinander, an denen er des Tags vor&#xFC;bergegangen war: der K&#xF6;nig zur Rechten und der K&#xF6;nig zur Linken, der alte Zauberer, der Papst, der freiwillige Bettler, der Schatten, der Gewissenhafte des Geistes, der traurige Wahrsager und der Esel; der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch aber hatte sich eine Krone aufgesetzt und zwei Purpurg&#xFC;rtel umgeschlungen – denn er liebte es, gleich allen H&#xE4;&#xDF;lichen, sich zu verkleiden und sch&#xF6;n zu tun. Inmitten aber dieser betr&#xFC;bten Gesellschaft stand der Adler Zarathustras, gestr&#xE4;ubt und unruhig, denn er sollte auf zu vieles antworten, wof&#xFC;r sein Stolz keine Antwort hatte; die kluge Schlange aber hing um seinen Hals.</p><p>Dies alles schaute Zarathustra mit gro&#xDF;er Verwunderung; dann aber pr&#xFC;fte er jeden einzelnen seiner G&#xE4;ste mit leutseliger Neugierde, las ihre Seelen ab und wunderte sich von neuem. Inzwischen hatten sich die Versammelten von ihren Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, da&#xDF; Zarathustra reden werde. Zarathustra aber sprach also:</p><p>»Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich h&#xF6;rte also <emphasis>euren </emphasis>Notschrei? Und nun wei&#xDF; ich auch, wo der zu suchen ist, den ich umsonst heute suchte: <emphasis>der h&#xF6;here Mensch – </emphasis>:</p><p>– in meiner eignen H&#xF6;hle sitzt er, der h&#xF6;here Mensch! Aber was wundere ich mich! Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt, durch Honig-Opfer und listige Lockrufe meines Gl&#xFC;cks?</p><p>Doch d&#xFC;nkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht einander das Herz unwirsch<a l:href="#n_212" type="note">[212]</a>, ihr Notschreienden, wenn ihr hier beisammensitzt? Es mu&#xDF; erst einer kommen,</p><p>– einer, der euch wieder lachen macht, ein guter fr&#xF6;hlicher Hanswurst, ein T&#xE4;nzer und Wind und Wildfang, irgendein alter Narr: – was d&#xFC;nket euch?</p><p>Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, da&#xDF; ich vor euch mit solch kleinen Worten rede, unw&#xFC;rdig, wahrlich, solcher G&#xE4;ste! Aber ihr erratet nicht, <emphasis>was </emphasis>mein Herz mutwillig macht: —</p><p>– ihr selber tut es und euer Anblick, vergebt es mir! jeder n&#xE4;mlich wird mutig, der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden zuzusprechen – dazu d&#xFC;nkt sich jeder stark genug.</p><p>Mir selber gabt ihr diese Kraft – eine gute Gabe, meine hohen G&#xE4;ste! Ein rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so z&#xFC;rnt nun nicht, da&#xDF; ich euch auch vom Meinigen anbiete.</p><p>Dies hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, f&#xFC;r diesen Abend und diese Nacht soll es euer sein. Meine Tiere sollen euch dienen: meine H&#xF6;hle sei eure Ruhestatt!</p><p>Bei mir zu Heim und Hause soll keiner verzweifeln, in meinem Reviere<a l:href="#n_213" type="note">[213]</a> sch&#xFC;tze ich jeden vor seinen wilden Tieren. Und das ist das erste, was ich euch anbiete: Sicherheit!</p><p>Das zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr <emphasis>den </emphasis>erst, so nehmt nur noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen hier, willkommen, meine Gastfreunde!«</p><p>Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach dieser Begr&#xFC;&#xDF;ung verneigten sich seine G&#xE4;ste abermals und schwiegen ehrf&#xFC;rchtig; der K&#xF6;nig zur Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.</p><p>»Daran, o Zarathustra, wie du uns Hand und Gru&#xDF; botest, erkennen wir dich als Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast tatest du unserer Ehrfurcht wehe —:</p><p>– wer aber verm&#xF6;chte gleich dir sich mit solchem Stolze zu erniedrigen? <emphasis>Das </emphasis>richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern Augen und Herzen.</p><p>Dies allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf h&#xF6;here Berge, als dieser Berg ist. Als Schaulustige n&#xE4;mlich kamen wir, wir wollten sehn, was tr&#xFC;be Augen hell macht.</p><p>Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Notschrein. Schon steht Sinn und Herz uns offen und ist entz&#xFC;ckt. Wenig fehlt: und unser Mut wird mutwillig.</p><p>Nichts, o Zarathustra, w&#xE4;chst Erfreulicheres auf Erden als ein hoher starker Wille: der ist ihr sch&#xF6;nstes Gew&#xE4;chs. Eine ganze Landschaft erquickt sich an <emphasis>einem </emphasis>solchen Baume.</p><p>Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, o Zarathustra, aufw&#xE4;chst: lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich —</p><p>– zuletzt aber hinausgreifend mit starken gr&#xFC;nen &#xC4;sten nach <emphasis>seiner </emphasis>Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer auf H&#xF6;hen heimisch ist,</p><p>– st&#xE4;rker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: o wer sollte nicht, solche Gew&#xE4;chse zu schaun, auf hohe Berge steigen?</p><p>Deines Baumes hier, o Zarathustra, erlabt sich auch der D&#xFC;stere, der Mi&#xDF;ratene, an deinem Anblicke wird auch der Unstete sicher und heilt sein Herz.</p><p>Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele Augen; eine gro&#xDF;e Sehnsucht hat sich aufgemacht, und manche lernten fragen: wer ist Zarathustra?</p><p>Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig ins Ohr getr&#xE4;ufelt: alle die Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler<a l:href="#n_214" type="note">[214]</a> sprachen mit einem Male zu ihrem Herzen:</p><p>›Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, alles ist gleich, alles ist umsonst: oder – wir m&#xFC;ssen mit Zarathustra leben!‹</p><p>›Warum kommt er nicht, der sich so lange ank&#xFC;ndigte?‹ also fragen viele; ›verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm kommen?‹</p><p>Nun geschieht’s, da&#xDF; die Einsamkeit selber m&#xFC;rbe wird und zerbricht, einem Grabe gleich, das zerbricht und seine Toten nicht mehr halten kann. &#xDC;berall sieht man Auferstandene.</p><p>Nun steigen und steigen die Wellen um deinen Berg, o Zarathustra. Und wie hoch auch deine H&#xF6;he ist, viele m&#xFC;ssen zu dir hinauf; dein Nachen soll nicht lange mehr im Trocknen sitzen.</p><p>Und da&#xDF; wir Verzweifelnde jetzt in deine H&#xF6;hle kamen und schon nicht mehr verzweifeln: ein Wahr – und Vorzeichen ist es nur, davon, da&#xDF; Bessere zu dir unterwegs sind —</p><p>– denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter Menschen, das ist: alle die Menschen der gro&#xDF;en Sehnsucht, des gro&#xDF;en Ekels, des gro&#xDF;en &#xDC;berdrusses,</p><p>– alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder <emphasis>hoffen – </emphasis>oder sie lernen von dir, o Zarathustra, die <emphasis>gro&#xDF;e </emphasis>Hoffnung!«</p><p>Also sprach der K&#xF6;nig zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustras, um sie zu k&#xFC;ssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat erschreckt zur&#xFC;ck, schweigend und pl&#xF6;tzlich wie in weite Fernen entfliehend. Nach einer kleinen Weile aber war er schon wieder bei seinen G&#xE4;sten, blickte sie mit hellen, pr&#xFC;fenden Augen an und sprach:</p><p>»Meine G&#xE4;ste, ihr h&#xF6;heren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit euch reden. Nicht auf <emphasis>euch </emphasis>wartete ich hier in diesen Bergen.«</p><p>(»Deutsch und deutlich? Da&#xDF; Gott erbarm!« sagte hier der K&#xF6;nig zur Linken, beiseite; »man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht, dieser Weise aus dem Morgenlande!</p><p>Aber er meint ›deutsch und derb‹ – wohlan! Das ist heutzutage noch nicht der schlimmste Geschmack!«)</p><p>»Ihr m&#xF6;gt wahrlich insgesamt h&#xF6;here Menschen sein« fuhr Zarathustra fort: »aber f&#xFC;r mich – seid ihr nicht hoch und stark genug.</p><p>F&#xFC;r mich, das hei&#xDF;t: f&#xFC;r das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber nicht immer schweigen wird. Und geh&#xF6;rt ihr zu mir, so doch nicht als mein rechter Arm.</p><p>Wer n&#xE4;mlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich euch, der will vor allem, ob er’s wei&#xDF; oder sich verbirgt: da&#xDF; er <emphasis>geschont </emphasis>werde.</p><p>Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, <emphasis>ich schone meine Krieger nicht: </emphasis>wieso k&#xF6;nntet ihr zu <emphasis>meinem </emphasis>Kriege taugen?</p><p>Mit euch verd&#xFC;rbe ich mir jeden Sieg noch. Und mancher von euch fiele schon um, wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln h&#xF6;rte.</p><p>Auch seid ihr mir nicht sch&#xF6;n genug und wohlgeboren. Ich brauche reine glatte Spiegel f&#xFC;r meine Lehren; auf eurer Oberfl&#xE4;che verzerrt sich noch mein eignes Bildnis.</p><p>Eure Schultern dr&#xFC;ckt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer Zwerg hockt in euren Winkeln. Es gibt verborgenen P&#xF6;bel auch in euch.</p><p>Und seid ihr auch hoch und h&#xF6;herer Art: vieles an euch ist krumm und mi&#xDF;gestalt<a l:href="#n_215" type="note">[215]</a>. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und gerade schl&#xFC;ge.</p><p>Ihr seid nur Br&#xFC;cken: m&#xF6;gen H&#xF6;here auf euch hin&#xFC;berschreiten! Ihr bedeutet Stufen: so z&#xFC;rnt dem nicht, der &#xFC;ber euch hinweg in <emphasis>seine </emphasis>H&#xF6;he steigt!</p><p>Aus eurem Samen mag auch mir einst ein echter Sohn und vollkommener Erbe wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid die nicht, welchen mein Erbgut und Name zugeh&#xF6;rt.</p><p>Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf ich zum letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur, da&#xDF; schon H&#xF6;here zu mir unterwegs sind —</p><p>– <emphasis>nicht </emphasis>die Menschen der gro&#xDF;en Sehnsucht, des gro&#xDF;en Ekels, des gro&#xDF;en &#xDC;berdrusses und das, was ihr den &#xDC;berrest Gottes nanntet,</p><p>– Nein! Nein! dreimal nein! Auf <emphasis>andere </emphasis>warte ich hier in diesen Bergen und will meinen Fu&#xDF; nicht ohne sie von dannen<a l:href="#n_216" type="note">[216]</a> heben,</p><p>– auf H&#xF6;here, St&#xE4;rkere, Sieghaftere, Wohlgemutere, solche, die rechtwinklig gebaut sind an Leib und Seele: <emphasis>lachende L&#xF6;wen </emphasis>m&#xFC;ssen kommen!</p><p>Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen – h&#xF6;rtet ihr noch nichts von meinen Kindern? Und da&#xDF; sie zu mir unterwegs sind?</p><p>Sprecht mir doch von meinen G&#xE4;rten, von meinen gl&#xFC;ckseligen Inseln, von meiner neuen sch&#xF6;nen Art – warum sprecht ihr mir nicht davon?</p><p>Dies Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, da&#xDF; ihr mir von meinen Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was gab ich nicht hin,</p><p>– was g&#xE4;be ich nicht hin, da&#xDF; ich eins h&#xE4;tte: <emphasis>diese </emphasis>Kinder, <emphasis>diese </emphasis>lebendige Pflanzung, <emphasis>diese </emphasis>Lebensb&#xE4;ume meines Willens und meiner h&#xF6;chsten Hoffnung!«</p><p>Also sprach Zarathustra und hielt pl&#xF6;tzlich inne in seiner Rede: denn ihn &#xFC;berfiel seine Sehnsucht, und er schlo&#xDF; Augen und Mund vor der Bewegung seines Herzens. Und auch alle seine G&#xE4;ste schwiegen und standen still und best&#xFC;rzt: nur da&#xDF; der alte Wahrsager mit H&#xE4;nden und Geb&#xE4;rden Zeichen gab.</p></section><section><title><p>Das Abendmahl</p></title><p>An dieser Stelle n&#xE4;mlich unterbrach der Wahrsager die Begr&#xFC;&#xDF;ung Zarathustras und seiner G&#xE4;ste: er dr&#xE4;ngte sich vor, wie einer, der keine Zeit zu verlieren hat, fa&#xDF;te die Hand Zarathustras und rief: »Aber Zarathustra!</p><p>Eins ist notwendiger als das andre, so redest du selber: wohlan, eins ist mir jetzt notwendiger als alles andere.</p><p>Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum <emphasis>Mahle </emphasis>eingeladen? Und hier sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht mit Reden abspeisen? Auch gedachtet ihr alle mir schon zuviel des Erfrierens, Ertrinkens, Erstickens und andrer Leibes-Notst&#xE4;nde: keiner aber gedachte <emphasis>meines </emphasis>Notstandes, n&#xE4;mlich des Verhungerns —«</p><p>(Also sprach der Wahrsager; wie die Tiere Zarathustras aber diese Worte h&#xF6;rten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, da&#xDF;, was sie auch am Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den einen Wahrsager zu stopfen.)</p><p>»Eingerechnet das Verdursten«, fuhr der Wahrsager fort. »Und ob ich schon Wasser hier pl&#xE4;tschern h&#xF6;re, gleich Reden der Weisheit, n&#xE4;mlich reichlich und unerm&#xFC;dlich: ich – will Wein!</p><p>Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser taugt auch nicht f&#xFC;r M&#xFC;de und Verwelkte:</p><p><emphasis>uns </emphasis>geb&#xFC;hrt Wein<a l:href="#n_217" type="note">[217]</a> – <emphasis>der </emphasis>erst gibt pl&#xF6;tzliches Genesen und Stegreife Gesundheit!«</p><p>Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah es, da&#xDF; auch der K&#xF6;nig zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte kam. »F&#xFC;r Wein«, sprach er, »trugen <emphasis>wir </emphasis>Sorge, ich samt meinem Bruder, dem K&#xF6;nige zur Rechten: wir haben Weins genug – einen ganzen Esel voll. So fehlt nichts als Brot.«</p><p>»Brot?« entgegnete Zarathustra und lachte dazu. »Nur gerade Brot haben Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Fleische guter L&#xE4;mmer, deren ich zwei habe:</p><p>– <emphasis>die </emphasis>soll man geschwinde schlachten und w&#xFC;rzig, mit Salbei, zubereiten: so liebe ich’s. Und auch an Wurzeln und Fr&#xFC;chten fehlt es nicht, gut genug selbst f&#xFC;r Lecker- und Schmeckerlinge; noch an N&#xFC;ssen und andern R&#xE4;tseln zum Knacken.</p><p>Also wollen wir in K&#xFC;rze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen will, mu&#xDF; auch mit Hand anlegen<a l:href="#n_218" type="note">[218]</a>, auch die K&#xF6;nige. Bei Zarathustra n&#xE4;mlich darf auch ein K&#xF6;nig Koch sein.«</p><p>Mit diesem Vorschlage war allen nach dem Herzen geredet: nur da&#xDF; der freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und W&#xFC;rzen str&#xE4;ubte.</p><p>»Nun h&#xF6;rt mir doch diesen Schlemmer Zarathustra!« sagte er scherzhaft: »geht man dazu in H&#xF6;hlen und Hoch-Gebirge, da&#xDF; man solche Mahlzeiten macht?</p><p>Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: ›Gelobt sei die kleine Armut!‹ und warum er die Bettler abschaffen will.«</p><p>»Sei guter Dinge«, antwortete ihm Zarathustra, »wie ich es bin. Bleibe bei deiner Sitte, du Treflicher, malme deine K&#xF6;rner, trink dein Wasser, lobe deine K&#xFC;che: wenn sie dich nur fr&#xF6;hlich macht!</p><p>Ich bin ein Gesetz nur f&#xFC;r die Meinen, ich bin kein Gesetz f&#xFC;r alle. Wer aber zu mir geh&#xF6;rt, der mu&#xDF; von starken Knochen sein, auch von leichten F&#xFC;&#xDF;en —</p><p>– lustig zu Kriegen und Festen, kein D&#xFC;sterling, kein Traum-Hans, bereit zum Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.</p><p>Das Beste geh&#xF6;rt den Meinen und mir; und gibt man’s uns nicht, so nehmen wir’s: die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die st&#xE4;rksten Gedanken, die sch&#xF6;nsten Fraun!« – Also sprach Zarathustra; der K&#xF6;nig zur Rechten aber entgegnete: »Seltsam! Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines Weisen?</p><p>Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu alledem auch noch klug und kein Esel ist.«</p><p>Also sprach der K&#xF6;nig zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber sagte zu seiner Rede mit b&#xF6;sem Willen I-A. Dies aber war der Anfang von jener langen Mahlzeit, welche »das Abendmahl<a l:href="#n_219" type="note">[219]</a>« in den Historien-B&#xFC;chern genannt wird. Bei derselben aber wurde von nichts anderem geredet als <emphasis>vom h&#xF6;heren Menschen.</emphasis></p></section><section><title><p>Vom H&#xF6;heren Menschen</p></title><subtitle>l</subtitle><p>Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da tat ich die EinsiedlerTorheit, die gro&#xDF;e Torheit: ich stellte mich auf den Markt.</p><p>Und als ich zu allen redete, redete ich zu keinem. Des Abends aber waren Seilt&#xE4;nzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast ein Leichnam.</p><p>Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich sprechen »Was geht mich Markt und P&#xF6;bel und P&#xF6;belL&#xE4;rm und lange P&#xF6;bel-Ohren an!«</p><p>Ihr h&#xF6;heren Menschen, dies lernt von mir: auf dem Markt glaubt niemand an h&#xF6;here Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der P&#xF6;bel aber blinzelt: »Wir sind alle gleich.«</p><p>»Ihr h&#xF6;heren Menschen« – so blinzelt der P&#xF6;bel – »es gibt keine h&#xF6;heren Menschen, wir sind alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott – sind wir alle gleich!«</p><p>Vor Gott! – Nun aber starb dieser Gott. Vor dem P&#xF6;bel aber wollen wir nicht gleich sein. Ihr h&#xF6;heren Menschen, geht weg vom Markt!</p><subtitle>2</subtitle><p>Vor Gott! – Nun aber starb dieser Gott! Ihr h&#xF6;heren Menschen, dieser Gott war eure gr&#xF6;&#xDF;te Gefahr.</p><p>Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst kommt der gro&#xDF;e Mittag, nun erst wird der h&#xF6;here Mensch – Herr!</p><p>Verstandet ihr dies Wort, o meine Br&#xFC;der? Ihr seid erschreckt: wird euren Herzen schwindlig? Klaft euch hier der Abgrund? Kl&#xE4;ft euch hier der H&#xF6;llenhund?</p><p>Wohlan! Wohlauf! Ihr h&#xF6;heren Menschen! Nun erst krei&#xDF;t<a l:href="#n_220" type="note">[220]</a> der Berg der MenschenZukunft. Gott starb: nun wollen <emphasis>wir – </emphasis>da&#xDF; der &#xDC;bermensch lebe.</p><subtitle>3</subtitle><p>Die Sorglichsten fragen heute: »Wie bleibt der Mensch erhalten?« Zarathustra aber fragte als der einzige und erste: »Wie wird der Mensch <emphasis>&#xFC;berwunden?«</emphasis></p><p>Der &#xDC;bermensch liegt mir am Herzen, <emphasis>der </emphasis>ist mein erstes und einziges – und <emphasis>nicht </emphasis>der Mensch: nicht der N&#xE4;chste, nicht der &#xC4;rmste, nicht der Leidendste, nicht der Beste. —</p><p>O meine Br&#xFC;der, was ich lieben kann am Menschen, das ist, da&#xDF; er ein &#xDC;bergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich lieben und hoffen macht.</p><p>Da&#xDF; ihr verachtetet, ihr h&#xF6;heren Menschen, das macht mich hoffen. Die gro&#xDF;en Verachtenden n&#xE4;mlich sind die gro&#xDF;en Verehrenden.</p><p>Da&#xDF; ihr verzweifeltet, daran ist viel zu ehren. Denn ihr lerntet nicht, wie ihr euch erg&#xE4;bet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.</p><p>Heute n&#xE4;mlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen alle Ergebung und Bescheidung und Klugheit und Flei&#xDF; und R&#xFC;cksicht und das lange Und-so-weiter der kleinen Tugenden.</p><p>Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der P&#xF6;bel-Mischmasch: <emphasis>Das </emphasis>will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals – o Ekel! Ekel! Ekel!</p><p><emphasis>Das </emphasis>fragt und fragt und wird nicht m&#xFC;de: »Wie erh&#xE4;lt sich der Mensch, am besten, am l&#xE4;ngsten, am angenehmsten?« Damit – sind sie die Herren von heute.</p><p>Diese Herren von heute &#xFC;berwindet mir, o meine Br&#xFC;der – diese kleinen Leute: <emphasis>die </emphasis>sind des &#xDC;bermenschen gr&#xF6;&#xDF;te Gefahr!</p><p>&#xDC;berwindet mir, ihr h&#xF6;heren Menschen, die kleinen Tugenden, die kleinen Klugheiten, die Sandkorn-R&#xFC;cksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das erb&#xE4;rmliche Behagen, das »Gl&#xFC;ck der meisten« —!</p><p>Und lieber verzweifelt, als da&#xDF; ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich liebe euch daf&#xFC;r, da&#xDF; ihr heute nicht zu leben wi&#xDF;t, ihr h&#xF6;heren Menschen! So n&#xE4;mlich lebt <emphasis>ihr – </emphasis>am besten!</p><subtitle>4</subtitle><p>Habt ihr Mut, o meine Br&#xFC;der? Seid ihr herzhaft? <emphasis>Nicht </emphasis>Mut vor Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Mut, dem auch kein Gott mehr zusieht?</p><p>Kalte Seelen, Maultiere, Blinde, Trunkene hei&#xDF;en mir nicht herzhaft. Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht <emphasis>zwingt; </emphasis>wer den Abgrund sieht, aber mit <emphasis>Stolz.</emphasis></p><p>Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen – <emphasis>wer </emphasis>mit Adlers-Krallen den Abgrund fa&#xDF;t: der hat Mut. —</p><subtitle>5</subtitle><p>»Der Mensch ist b&#xF6;se« – so sprachen mir zum Tr&#xF6;ste alle Weisesten. Ach, wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das B&#xF6;se ist des Menschen beste Kraft.</p><p>»Der Mensch mu&#xDF; besser und b&#xF6;ser werden« – so lehre <emphasis>ich. </emphasis>Das B&#xF6;seste ist n&#xF6;tig zu des &#xDC;bermenschen Bestem.</p><p>Das mochte gut sein f&#xFC;r jenen Prediger der kleinen Leute, da&#xDF; er litt und trug an des Menschen S&#xFC;nde. Ich aber erfreue mich der gro&#xDF;en S&#xFC;nde als meines gro&#xDF;en <emphasis>Trostes. – </emphasis>Solches ist aber nicht f&#xFC;r lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort geh&#xF6;rt auch nicht in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen nicht Schafs-Klauen greifen<a l:href="#n_221" type="note">[221]</a>!</p><subtitle>6</subtitle><p>Ihr h&#xF6;heren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr schlecht machtet?</p><p>Oder ich wollte f&#xFC;rderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch Unsteten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fu&#xDF;steige zeigen?</p><p>Nein! Nein! Dreimal nein! Immer mehr, immer Bessere eurer Art sollen zugrunde gehn – denn ihr sollt es immer schlimmer und h&#xE4;rter haben. So allein —</p><p>– so allein w&#xE4;chst der Mensch in die H&#xF6;he, wo der Blitz ihn trift und zerbricht: hoch genug f&#xFC;r den Blitz!</p><p>Auf weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht: was ginge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!</p><p>Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet noch nicht am <emphasis>Menschen. </emphasis>Ihr w&#xFC;rdet l&#xFC;gen, wenn ihr’s anders sagtet! Ihr leidet alle nicht, woran <emphasis>ich </emphasis>litt. –</p><subtitle>7</subtitle><p>Es ist mir nicht genug, da&#xDF; der Blitz nicht mehr schadet. Nicht ableiten<a l:href="#n_222" type="note">[222]</a> will ich ihn: er soll lernen f&#xFC;r <emphasis>mich</emphasis> – arbeiten. —</p><p>Meine Weisheit sammelt sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird stiller und dunkler. So tut jede Weisheit, welche einst <emphasis>Blitze </emphasis>geb&#xE4;ren soll. —</p><p>Diesen Menschen von heute will ich nicht <emphasis>Licht </emphasis>sein, nicht Licht hei&#xDF;en. <emphasis>Die – </emphasis>will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! stich ihnen die Augen aus!</p><subtitle>8</subtitle><p>Wollt nichts &#xFC;ber euer Verm&#xF6;gen: es gibt eine schlimme Falschheit bei solchen, die &#xFC;ber ihr Verm&#xF6;gen wollen.</p><p>Sonderlich, wenn sie gro&#xDF;e Dinge wollen! Denn sie wecken Mi&#xDF;trauen gegen gro&#xDF;e Dinge, diese feinen Falschm&#xFC;nzer und Schauspieler: —</p><p>– bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schiel&#xE4;ugig, &#xFC;bert&#xFC;nchter Wurmfra&#xDF;, bem&#xE4;ntelt durch starke Worte, durch Aush&#xE4;nge-Tugenden, durch gl&#xE4;nzende falsche Werke.</p><p>Habt da eine gute Vorsicht, ihr h&#xF6;heren Menschen! Nichts n&#xE4;mlich gilt mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.</p><p>Ist dies Heute nicht des P&#xF6;bels? P&#xF6;bel aber wei&#xDF; nicht, was gro&#xDF;, was klein, was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der l&#xFC;gt immer.</p><subtitle>9</subtitle><p>Habt heute ein gutes Mi&#xDF;trauen, ihr h&#xF6;heren Menschen, ihr Beherzten! Ihr Offenherzigen! Und haltet eure Gr&#xFC;nde geheim! Dies Heute n&#xE4;mlich ist des P&#xF6;bels.</p><p>Was der P&#xF6;bel ohne Gr&#xFC;nde einst glauben lernte, wer k&#xF6;nnte ihm durch Gr&#xFC;nde das – umwerfen?</p><p>Und auf dem Markte &#xFC;berzeugt man mit Geb&#xE4;rden. Aber Gr&#xFC;nde machen den P&#xF6;bel mi&#xDF;trauisch.</p><p>Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch mit gutem Mi&#xDF;trauen: »Welch starker Irrtum hat f&#xFC;r sie gek&#xE4;mpft?«</p><p>H&#xFC;tet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder Vogel entfedert.</p><p>Solche br&#xFC;sten sich damit, da&#xDF; sie nicht l&#xFC;gen: aber Ohnmacht zur L&#xFC;ge ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. H&#xFC;tet euch!</p><p>Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntnis! Ausgek&#xE4;lteten Geistern glaube ich nicht. Wer nicht l&#xFC;gen kann, wei&#xDF; nicht, was Wahrheit ist.</p><subtitle>10</subtitle><p>Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! La&#xDF;t euch nicht empor <emphasis>tragen, </emphasis>setzt euch nicht auf fremde R&#xFC;cken und K&#xF6;pfe!</p><p>Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fu&#xDF; sitzt auch mit zu Pferde!</p><p>Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf deiner <emphasis>H&#xF6;he </emphasis>gerade, du h&#xF6;herer Mensch – wirst du stolpern!</p><subtitle>11</subtitle><p>Ihr Schaffenden, ihr h&#xF6;heren Menschen! Man ist nur f&#xFC;r das eigne Kind schwanger.</p><p>La&#xDF;t euch nichts vorreden, einreden! Wer ist denn <emphasis>euer </emphasis>N&#xE4;chster? Und handelt ihr auch »f&#xFC;r den N&#xE4;chsten« – ihr schaft doch nicht f&#xFC;r ihn!</p><p>Verlernt mir noch dies »F&#xFC;r«, ihr Schaffenden: eure Tugend gerade will es, da&#xDF; ihr kein Ding mit »f&#xFC;r« und »um« und »weil« tut. Gegen diese falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.</p><p>Das »f&#xFC;r den N&#xE4;chsten« ist die Tugend nur der kleinen Leute: da hei&#xDF;t es »gleich und gleich« und »Hand w&#xE4;scht Hand«: – sie haben nicht Recht noch Kraft zu <emphasis>eurem </emphasis>Eigennutz!</p><p>In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und Vorsehung! Was niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und schont und n&#xE4;hrt eure ganze Liebe.</p><p>Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze Tugend! Euer Werk, euer Wille ist <emphasis>euer </emphasis>»N&#xE4;chster«: la&#xDF;t euch keine falschen Werte einreden!</p><subtitle>12</subtitle><p>Ihr Schaffenden, ihr h&#xF6;heren Menschen! Wer geb&#xE4;ren mu&#xDF;, der ist krank; wer aber geboren hat, ist unrein.</p><p>Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergn&#xFC;gen macht. Der Schmerz macht H&#xFC;hner und Dichter gackern.</p><p>Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr mu&#xDF;tet M&#xFC;tter sein.</p><p>Ein neues Kind: o wieviel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht beiseite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!</p><subtitle>13</subtitle><p>Seid nicht tugendhaft &#xFC;ber eure Kr&#xE4;fte! Und wollt nichts von euch wider die Wahrscheinlichkeit!</p><p>Geht in den Fu&#xDF;stapfen, wo schon eurer V&#xE4;ter Tugend ging! Wie wolltet ihr hoch steigen, wenn nicht eurer V&#xE4;ter Wille mit euch steigt?</p><p>Wer aber Erstling sein will, sehe zu, da&#xDF; er nicht auch Letztling werde! Und wo die Laster eurer V&#xE4;ter sind, darin sollt ihr nicht Heilige bedeuten wollen!</p><p>Wessen V&#xE4;ter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und Wildschweinen: was w&#xE4;re es, wenn der von sich Keuschheit wollte?</p><p>Eine Narrheit w&#xE4;re es! Viel, wahrlich, d&#xFC;nkt es mich f&#xFC;r einen solchen, wenn er eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.</p><p>Und stiftete er Kl&#xF6;ster und schriebe &#xFC;ber die T&#xFC;r: »Der Weg zum Heiligen« – ich spr&#xE4;che doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!</p><p>Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm’s! Aber ich glaube nicht daran.</p><p>In der Einsamkeit w&#xE4;chst, was einer in sie bringt, auch das innere Vieh. Solchergestalt widerr&#xE4;t sich vielen die Einsamkeit.</p><p>Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als W&#xFC;stenheilige? Um <emphasis>die </emphasis>herum war nicht nur der Teufel los, – —sondern auch das Schwein.</p><subtitle>14</subtitle><p>Scheu, besch&#xE4;mt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung mi&#xDF;riet: also, ihr h&#xF6;heren Menschen, sah ich oft euch beiseite schleichen. Ein <emphasis>Wurf </emphasis>mi&#xDF;riet euch.</p><p>Aber, ihr W&#xFC;rfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen und spotten, wie man spielen und spotten mu&#xDF;! Sitzen wir nicht immer an einem gro&#xDF;en Spott- und Spieltische?</p><p>Und wenn euch Gro&#xDF;es mi&#xDF;riet, seid ihr selber darum – mi&#xDF;raten? Und mi&#xDF;rietet ihr selber, mi&#xDF;riet darum – der Mensch? Mi&#xDF;riet aber der Mensch: wohlan! wohlauf!</p><subtitle>15</subtitle><p>Je h&#xF6;her von Art, je seltener ger&#xE4;t ein Ding. Ihr h&#xF6;heren Menschen hier, seid ihr nicht alle – mi&#xDF;geraten?</p><p>Seid guten Muts, was liegt daran! Wie vieles ist noch m&#xF6;glich! Lernt &#xFC;ber euch selber lachen, wie man lachen mu&#xDF;!</p><p>Was Wunders auch, da&#xDF; ihr mi&#xDF;rietet und halb gerietet, ihr Halb-Zerbrochenen! Dr&#xE4;ngt und st&#xF6;&#xDF;t sich nicht in euch – des Menschen <emphasis>Zukunft?</emphasis></p><p>Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-H&#xF6;chstes, seine ungeheure Kraft: sch&#xE4;umt das nicht alles gegeneinander in eurem Topfe?</p><p>Was Wunders, da&#xDF; mancher Topf zerbricht! Lernt &#xFC;ber euch lachen, wie man lachen mu&#xDF;! Ihr h&#xF6;heren Menschen, o wie vieles ist noch m&#xF6;glich!</p><p>Und wahrlich, wie viel geriet schon! Wie reich ist diese Erde an kleinen guten vollkommenen Dingen, an Wohlgeratenem!</p><p>Stellt kleine gute vollkommene Dinge um euch, ihr h&#xF6;heren Menschen! Deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.</p><subtitle>16</subtitle><p>Welches war hier auf Erden bisher die gr&#xF6;&#xDF;te S&#xFC;nde? War es nicht das Wort dessen, der sprach: »Wehe denen, die hier lachen!«</p><p>Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gr&#xFC;nde? So suchte er nur schlecht. Ein Kind findet hier noch Gr&#xFC;nde.</p><p>Der – liebte nicht genug: sonst h&#xE4;tte er auch uns geliebt, die Lachenden! Aber er ha&#xDF;te und h&#xF6;hnte uns, Heulen und Z&#xE4;hneklappern verhie&#xDF; er uns<a l:href="#n_223" type="note">[223]</a>.</p><p>Mu&#xDF; man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das – d&#xFC;nkt mich ein schlechter Geschmack. Aber so tat er, dieser Unbedingte. Er kam vom P&#xF6;bel.</p><p>Und er selber liebte nur nicht genug: sonst h&#xE4;tte er weniger gez&#xFC;rnt, da&#xDF; man ihn nicht liebe. Alle gro&#xDF;e Liebe <emphasis>will </emphasis>nicht Liebe: – die will mehr.</p><p>Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke Art, eine P&#xF6;bel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den b&#xF6;sen Blick f&#xFC;r diese Erde.</p><p>Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben schwere F&#xFC;&#xDF;e und schw&#xFC;le Herzen: – sie wissen nicht zu tanzen. Wie m&#xF6;chte solchen wohl die Erde leicht sein!</p><subtitle>17</subtitle><p>Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen sie Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Gl&#xFC;cke – alle guten Dinge lachen.</p><p>Der Schritt verr&#xE4;t, ob einer schon auf <emphasis>seiner </emphasis>Bahn schreitet: so seht mich gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.</p><p>Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da, starr, stumpf, steinern, eine S&#xE4;ule; ich liebe geschwindes Laufen.</p><p>Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Tr&#xFC;bsal gibt: wer leichte F&#xFC;&#xDF;e hat, l&#xE4;uft &#xFC;ber Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem Eise.</p><p>Erhebt eure Herzen, meine Br&#xFC;der, hoch! h&#xF6;her! Und verge&#xDF;t mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten T&#xE4;nzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!</p><subtitle>18</subtitle><p>Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone:</p><p>ich selber setzte mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gel&#xE4;chter. Keinen anderen fand ich heute stark genug dazu.</p><p>Zarathustra der T&#xE4;nzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Fl&#xFC;geln winkt, ein Flugbereiter, allen V&#xF6;geln zuwinkend, bereit und fertig, ein Selig-Leichtfertiger: —</p><p>Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, einer, der Spr&#xFC;nge und Seitenspr&#xFC;nge liebt; ich selber setzte mir diese Krone auf!</p><subtitle>19</subtitle><p>Erhebt eure Herzen, meine Br&#xFC;der, hoch! h&#xF6;her! Und verge&#xDF;t mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten T&#xE4;nzer, und besser noch: ihr steht auch auf dem Kopf!</p><p>Es gibt auch im Gl&#xFC;ck schweres Getier, es gibt Plumpf&#xFC;&#xDF;ler von Anbeginn<sup><a l:href="#n_224" type="note">[224]</a></sup>. Wunderlich m&#xFC;hn sie sich ab, einem Elefanten gleich, der sich m&#xFC;ht auf dem Kopf zu stehn.</p><p>Besser aber noch n&#xE4;rrisch sein vor Gl&#xFC;cke als n&#xE4;rrisch vor Ungl&#xFC;cke, besser plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit ab: auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten —</p><p>– auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch selbst, ihr h&#xF6;heren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!</p><p>So verlernt mir doch Tr&#xFC;bsal-Blasen und alle P&#xF6;bel-Traurigkeit! O wie traurig d&#xFC;nken mich heute des P&#xF6;bels Hansw&#xFC;rste noch! Dies heute aber ist des P&#xF6;bels.</p><subtitle>20</subtitle><p>Dem Winde tut mir gleich, wenn er aus seinen Bergh&#xF6;hlen st&#xFC;rzt: nach seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und h&#xFC;pfen unter seinen Fu&#xDF;tapfen.</p><p>Der den Eseln Fl&#xFC;gel gibt, der L&#xF6;winnen melkt, gelobt sei dieser gute unb&#xE4;ndige Geist, der allem Heute und allem P&#xF6;bel wie ein Sturmwind kommt —</p><p>– der Distel- und Tiftelk&#xF6;pfen feind ist und allen welken Bl&#xE4;ttern und Unkr&#xE4;utern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf Mooren und Tr&#xFC;bsalen wie auf Wiesen tanzt!</p><p>Der die P&#xF6;bel-Schwindhunde ha&#xDF;t und alles mi&#xDF;ratene d&#xFC;stere Gez&#xFC;cht: gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende Sturm, welcher allen Schwarzsichtigen, Schw&#xE4;rs&#xFC;chtigen Staub in die Augen bl&#xE4;st!</p><p>Ihr h&#xF6;heren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht tanzen, wie man tanzen mu&#xDF; – &#xFC;ber euch hinweg tanzen! Was liegt daran, da&#xDF; ihr mi&#xDF;rietet! Wie vieles ist noch m&#xF6;glich! So <emphasis>lernt </emphasis>doch &#xFC;ber euch hinweg lachen! Erhebt eure Herzen, ihr guten T&#xE4;nzer hoch, h&#xF6;her! Und verge&#xDF;t mir auch das gute Lachen nicht!</p><p>Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Br&#xFC;dern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr h&#xF6;heren Mensch <emphasis>lernt </emphasis>mir – lachen!</p></section><section><title><p>Das Lied der Schwermut<a l:href="#n_225" type="note">[225]</a></p></title><subtitle>1</subtitle><p>Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner H&#xF6;hle; mit den letzten Worten aber entschl&#xFC;pfte er seinen G&#xE4;sten und floh f&#xFC;r eine kurze Weile ins Freie.</p><p>»O reine Ger&#xFC;che um mich«, rief er aus, »o selige Stille um mich! Aber wo sind meine Tiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!</p><p>Sagt mir doch, meine Tiere: diese h&#xF6;heren Menschen insgesamt – <emphasis>riechen </emphasis>sie vielleicht nicht gut? O reine Ger&#xFC;che um mich! Jetzo wei&#xDF; und f&#xFC;hle ich erst, wie ich euch, meine Tiere, liebe.«</p><p>– Und Zarathustra sprach nochmals: »Ich liebe euch, meine Tiere!« Der Adler aber und die Schlange dr&#xE4;ngten sich an ihn, als er diese Worte sprach, und sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei still sammen und schn&#xFC;ffelten und schl&#xFC;rften miteinander die gute Luft. Denn die Luft war hier drau&#xDF;en besser bei den h&#xF6;heren Menschen.</p><subtitle>2</subtitle><p>Kaum aber hatte Zarathustra seine H&#xF6;hle verlassen, da erhob sich der alte Zauberer, sah listig umher und sprach: »Er ist hinaus!</p><p>Und schon, ihr h&#xF6;heren Menschen – da&#xDF; ich euch mit diesem Lob- und Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber —, schon f&#xE4;llt mich mein schlimmer Trug-und Zaubergeist an, mein schwerm&#xFC;tiger Teufel,</p><p>– welcher diesem Zarathustra ein Widersacher<a l:href="#n_226" type="note">[226]</a> ist aus dem Grunde: vergebt es ihm! Nun <emphasis>will </emphasis>er vor euch zaubern, er hat gerade <emphasis>seine </emphasis>Stunde; umsonst ringe ich mit diesem b&#xF6;sen Geiste.</p><p>Euch allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben m&#xF6;gt, ob ihr euch ›die freien Geister‹ nennt oder ›die Wahrhaftigen‹ oder ›die B&#xFC;&#xDF;er des Geistes‹ oder ›die Entfesselten‹ oder ›die gro&#xDF;en Sehns&#xFC;chtigen‹,</p><p>– euch allen, die ihr <emphasis>am gro&#xDF;en Ekel </emphasis>leidet gleich mir, denen der alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt – euch allen ist mein b&#xF6;ser Geist und Zauber-Teufel hold.</p><p>Ich kenne euch, ihr h&#xF6;heren Menschen, ich kenne ihn, – ich kenne auch diesen Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er selber d&#xFC;nkt mich &#xF6;fter gleich einer sch&#xF6;nen Heiligen-Larve,</p><p>– gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze<a l:href="#n_227" type="note">[227]</a>, in dem sich mein b&#xF6;ser Geist, der schwerm&#xFC;tige Teufel, gef&#xE4;llt: – ich liebe Zarathustra, so d&#xFC;nkt mich oft, um meines b&#xF6;sen Geistes willen. —</p><p>Aber schon f&#xE4;llt <emphasis>der </emphasis>mich an und zwingt mich, dieser Geist der Schwermut, dieser Abend-D&#xE4;mmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr h&#xF6;heren Menschen, es gel&#xFC;stet ihn—</p><p>– macht nur die Augen auf! – es gel&#xFC;stet ihn, <emphasis>nackt </emphasis>zu kommen, ob m&#xE4;nnlich, ob weiblich, noch wei&#xDF; ich’s nicht: aber er kommt, er zwingt mich, wehe! macht eure Sinne auf!</p><p>Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten Dingen; h&#xF6;rt nun und seht, ihr h&#xF6;heren Menschen, welcher Teufel, ob Mann, ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermut ist!«</p><p>Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu seiner Harfe.</p><subtitle>3</subtitle><poem><stanza><v>Bei abgeheilter Luft,</v><v>Wenn schon des Taus Tr&#xF6;stung</v><v>Zur Eide niederquillt,</v><v>Unsichtbar, auch ungeh&#xF6;rt —</v><v>Denn zartes Schuhwerk tr&#xE4;gt</v><v>Der Tr&#xF6;ster Tau gleich allen Trost-Milden —:</v><v>Gedenkst du da, gedenkst du, hei&#xDF;es Herz,</v><v>Wie einst du durstetest,</v><v>Nach himmlischen Tr&#xE4;nen und Tau-Getr&#xE4;ufel</v><v>Versengt und m&#xFC;de durstetest,</v><v>Dieweil auf gelben Gras-Pfaden</v><v>Boshaft abendliche Sonnenblicke</v><v>Durch schwarze B&#xE4;ume um dich liefen,</v><v>Blendende Sonnen-Glutblicke, schadenfrohe?</v></stanza><stanza><v>»Der <emphasis>Wahrheit </emphasis>Freier<a l:href="#n_228" type="note">[228]</a>? Du?« – so h&#xF6;hnten sie —</v><v>»Nein! Nur ein Dichter!</v><v>Ein Tier, ein listiges, raubendes, schleichendes,</v><v>Das l&#xFC;gen mu&#xDF;,</v><v>Das wissentlich, willentlich l&#xFC;gen mu&#xDF;:</v><v>Nach Beute l&#xFC;stern,</v><v>Bunt verlarvt,</v><v>Sich selber Larve,</v><v>Sich selbst zur Beute —</v><v><emphasis>Das – </emphasis>der Wahrheit Freier?</v><v>Nein! Nur Narr! Nur Dichter!</v><v>Nur Buntes redend,</v><v>Aus Narren-Larven bunt herausschreiend,</v><v>Herumsteigend auf l&#xFC;gnerischen Wort-Br&#xFC;cken,</v><v>Auf bunten Regenbogen,</v><v>Zwischen falschen Himmeln</v><v>Und falschen Erden,</v><v>Herumschweifend, herumschwebend —</v><v><emphasis>Nur </emphasis>Narr!</v><v><emphasis>Nur </emphasis>Dichter!</v></stanza><stanza><v><emphasis>Das – </emphasis>der Wahrheit Freier?</v><v>Nicht still, starr, glatt, kalt,</v><v>Zum Bilde worden,</v><v>Zur Gottes-S&#xE4;ule,</v><v>Nicht aufgestellt vor Tempeln,</v><v>Eines Gottes T&#xFC;rwart:</v><v>Nein! feindselig solchen Wahrheits-Standbildern,</v><v>In jeder Wildnis heimischer als vor Tempeln,</v><v>Voll Katzen-Mutwillens,</v><v>Durch jedes Fenster springend</v><v>Husch! in jeden Zufall,</v><v>Jedem Urwalde zuschn&#xFC;ffelnd,</v><v>S&#xFC;chtig-sehns&#xFC;chtig zuschn&#xFC;ffelnd,</v><v>Da&#xDF; du in Urw&#xE4;ldern</v><v>Unter buntgefleckten Raubtieren</v><v>S&#xFC;ndlich-gesund und bunt und sch&#xF6;n liefest,</v><v>Mit l&#xFC;sternen Lefzen,</v><v>Selig-h&#xF6;hnisch, selig-h&#xF6;llisch, selig-blutgierig,</v><v>Raubend, schleichend lugend liefest: —</v><v>Oder dem Adler gleich, der lange,</v><v>Lange starr in Abgr&#xFC;nde blickt,</v><v>In <emphasis>seine </emphasis>Abgr&#xFC;nde: – —</v><v>O wie sie sich hier hinab,</v><v>Hinunter, hinein,</v><v>In immer tiefere Tiefen ringeln! —</v><v>Dann,</v><v>Pl&#xF6;tzlich, geraden Zugs,</v><v>Gez&#xFC;ckten Flugs,</v><v>Auf <emphasis>L&#xE4;mmer </emphasis>sto&#xDF;en,</v><v>Jach hinab, hei&#xDF;hungrig,</v><v>Nach L&#xE4;mmern l&#xFC;stern,</v><v>Gram allen Lamms-Seelen,</v><v>Grimmig-gram allem, was blickt</v><v>Schafm&#xE4;&#xDF;ig, lamm&#xE4;ugig, krauswollig,</v><v>Grau, mit Lamms-Schafs-Wohlwollen!</v></stanza><stanza><v>Also</v><v>Adlerhaft, pantherhaft</v><v>Sind des Dichters Sehns&#xFC;chte,</v><v>Sind <emphasis>deine </emphasis>Sehns&#xFC;chte unter tausend Larven,</v><v>Du Narr! Du Dichter!</v></stanza><stanza><v>Der du den Menschen schautest</v><v>So Gott als Schaf —:</v><v>Den Gott <emphasis>zerrei&#xDF;en </emphasis>im Menschen,</v><v>Wie das Schaf im Menschen,</v><v>Und zerrei&#xDF;end <emphasis>lachen —</emphasis></v></stanza><stanza><v><emphasis>Das, das </emphasis>ist deine Seligkeit!</v><v>Eines Panthers und Adlers Seligkeit!</v><v>Eines Dichters und Narren Seligkeit!« – —</v><v>Bei abgeheilter Luft,</v><v>Wenn schon des Monds Sichel</v><v>Gr&#xFC;n zwischen Purpurr&#xF6;ten</v><v>Und neidisch hinschleicht:</v><v>– dem Tage feind,</v><v>Mit jedem Schritte heimlich</v><v>An Rosen-H&#xE4;ngematten</v><v>Hinsichelnd, bis sie sinken,</v><v>Nacht-abw&#xE4;rts bla&#xDF; hinabsinken: —</v><v>So sank ich selber einstmals</v><v>Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,</v><v>Aus meinen Tages-Sehns&#xFC;chten,</v><v>Des Tages m&#xFC;de, krank vom Lichte,</v><v>– sank abw&#xE4;rts, abendw&#xE4;rts, schattenw&#xE4;rts:</v><v>Von <emphasis>einer </emphasis>Wahrheit</v><v>Verbrannt und durstig:</v><v>– gedenkst du noch, gedenkst du, hei&#xDF;es Herz,</v><v>Wie da du durstetest? —</v><v>Da&#xDF; ich verbannt sei</v><v>Von aller Wahrheit, Nur Narr!</v><v><emphasis>Nur Dichter!</emphasis></v></stanza></poem></section><section><title><p>Von der Wissenschaft</p></title><p>Also sang der Zauberer; und alle, die beisammen waren, gingen gleich V&#xF6;geln unvermerkt in das Netz seiner listigen und schwerm&#xFC;tigen Wollust. Nur der Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er nahm flugs dem Zauberer die Harfe weg und rief »Luft! La&#xDF;t gute Luft herein! La&#xDF;t Zarathustra herein! Du machst diese H&#xF6;hle schw&#xFC;l und giftig, du schlimmer alter Zauberer!</p><p>Du verf&#xFC;hrst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begierden und Wildnissen. Und wehe, wenn solche wie du von der <emphasis>Warheit </emphasis>Redens und Wesens machen!</p><p>Wehe allen freien Geistern, welche nicht vor <emphasis>solchen </emphasis>Zauberern auf der Hut sind! Dahin ist es mit ihrer Freiheit: du lehrst und lockst zur&#xFC;ck in Gef&#xE4;ngnisse —</p><p>– du alter schwerm&#xFC;tiger Teufel, aus deiner Klage klingt eine Lockpfeife, du gleichst solchen, welche mit ihrem Lobe der Keuschheit heimlich zu Woll&#xFC;sten laden!«</p><p>Also sprach der Gewissenhafte; der alte Zauberer aber blickte um sich, geno&#xDF; seines Sieges und verschluckte dar&#xFC;ber den Verdru&#xDF;, welchen ihm der Gewissenhafte machte.</p><p>»Sei still!« sagte er mit bescheidener Stimme, »gute Lieder wollen gut widerhallen; nach guten Liedern soll man lange schweigen.</p><p>So tun es diese alle, die h&#xF6;heren Menschen. Du aber hast wohl wenig von meinem Lied verstanden? In dir ist wenig von einem Zaubergeiste.«</p><p>»Du lobst mich«, entgegnete der Gewissenhafte, »indem du mich von dir abtrennst, wohlan! Aber ihr anderen, was sehe ich? Ihr sitzt alle noch mit l&#xFC;sternen Augen da: —</p><p>Ihr freien Seelen, wohin ist eure Freiheit! Fast, d&#xFC;nkt mich’s, gleicht ihr solchen, die lange schlimmen tanzenden, nackten M&#xE4;dchen zusahn: eure Seelen tanzen selber!</p><p>In euch, ihr h&#xF6;heren Menschen, mu&#xDF; mehr von dem sein, was der Zauberer seinen b&#xF6;sen Zauber- und Truggeist nennt: – wir m&#xFC;ssen wohl verschieden sein.</p><p>Und wahrlich, wir sprachen und dachten genug mitsammen, ehe Zarathustra heimkam zu seiner H&#xF6;hle, als da&#xDF; ich nicht w&#xFC;&#xDF;te, wir <emphasis>sind </emphasis>verschieden.</p><p>Wir <emphasis>suchen </emphasis>Verschiednes auch hier oben, ihr und ich. Ich n&#xE4;mlich suche mehr <emphasis>Sicherheit, </emphasis>deshalb kam ich zu Zarathustra. Der n&#xE4;mlich ist noch der festeste Turm und Wille —</p><p>– heute, wo alles wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich eure Augen sehe, die ihr macht, fast d&#xFC;nkt mich’s, ihr sucht <emphasis>mehr Unsicherheit,</emphasis></p><p>– mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gel&#xFC;stet, fast d&#xFC;nkt mich’s so, vergebt meinem D&#xFC;nkel, ihr h&#xF6;heren Menschen —</p><p>– euch gel&#xFC;stet nach dem schlimmsten gef&#xE4;hrlichsten Leben, das mir am meisten Furcht macht, nach dem Leben wilder Tiere, nach W&#xE4;ldern, H&#xF6;hlen, steilen Bergen und Irr-Schl&#xFC;nden.</p><p>Und nicht die F&#xFC;hrer <emphasis>aus </emphasis>der Gefahr gefallen euch am besten, sondern die euch von allen Wegen abf&#xFC;hren, die Verf&#xFC;hrer. Aber, wenn solch Gel&#xFC;sten an euch <emphasis>wirklich </emphasis>ist, so d&#xFC;nkt es mich trotzdem <emphasis>unm&#xF6;glich.</emphasis></p><p>Furcht n&#xE4;mlich das ist des Menschen Erb- und Grundgef&#xFC;hl; aus der Furcht erkl&#xE4;rt sich jegliches, Erbs&#xFC;nde und Erbtugend. Aus der Furcht wuchs auch <emphasis>meine </emphasis>Tugend, die hei&#xDF;t: Wissenschaft.</p><p>Die Furcht n&#xE4;mlich vor wildem Getier – die wurde dem Menschen am l&#xE4;ngsten angez&#xFC;chtet, einschlie&#xDF;lich das Tier, das er in sich selber birgt und f&#xFC;rchtet: – Zarathustra hei&#xDF;t es ›das innere Vieh‹.</p><p>Solche lange alte Furcht, endlich fein geworden, geistlich, geistig – heute, d&#xFC;nkt mich, hei&#xDF;t sie: <emphasis>Wissenschaft.« —</emphasis></p><p>Also sprach der Gewissenhafte; aber Zarathustra, der eben in seine H&#xF6;hle zur&#xFC;ckkam und die letzte Rede geh&#xF6;rt und erraten hatte, warf dem Gewissenhaften eine Handvoll Rosen zu und lachte ob seiner »Wahrheiten«. »Wie!« rief er, »was h&#xF6;rte ich da eben? Wahrlich, mich d&#xFC;nkt, du bist ein Narr oder ich selber bin’s: und deine ›Wahrheit‹ stelle ich rucks und flugs auf den Kopf.</p><p><emphasis>Furcht </emphasis>n&#xE4;mlich – ist unsre Ausnahme. Mut aber und Abenteuer und Lust am Ungewissen, am Ungewagten – <emphasis>Mut </emphasis>d&#xFC;nkt mich des Menschen ganze Vorgeschichte.</p><p>Den wildesten mutigsten Tieren hat er alle ihre Tugenden abgeneidet und abgeraubt: so erst wurde er – zum Menschen.</p><p><emphasis>Dieser </emphasis>Mut, endlich fein geworden, geistlich, geistig, dieser Menschen-Mut mit Adler-Fl&#xFC;geln und Schlangen-Klugheit: <emphasis>der, </emphasis>d&#xFC;nkt mich, hei&#xDF;t heute —«</p><p><emphasis>»Zarathustra!« </emphasis>schrien alle, die beisammen sa&#xDF;en, wie aus einem Munde und machten dazu ein gro&#xDF;es Gel&#xE4;chter; es hob sich aber von ihnen wie eine schwere Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit: »Wohlan! Er ist davon, mein b&#xF6;ser Geist!</p><p>Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, da&#xDF; er ein Betr&#xFC;ger sei, ein Lug- und Truggeist?</p><p>Sonderlich n&#xE4;mlich, wenn er sich nackend zeigt. Aber was kann <emphasis>ich </emphasis>f&#xFC;r seine T&#xFC;cken! Habe <emphasis>ich </emphasis>ihn und die Welt geschaffen?</p><p>Wohlan! Seien wir wieder gut und guter Dinge! Und ob schon Zarathustra b&#xF6;se blickt – seht ihn doch! er ist mir gram —:</p><p>– bevor die Nacht kommt, lernt er wieder mich lieben und loben, er kann nicht lange leben, ohne solche Torheiten zu tun.</p><p><emphasis>Der – </emphasis>liebt seine Feinde: diese Kunst versteht er am besten von allen, die ich sah. Aber er nimmt Rache daf&#xFC;r – an seinen Freunden!«</p><p>Also sprach der alte Zauberer, und die h&#xF6;heren Menschen zollten ihm Beifall: so da&#xDF; Zarathustra herumging und mit Bosheit und Liebe seinen Freunden die H&#xE4;nde sch&#xFC;ttelte – gleichsam als einer, der an allen etwas gutzumachen und abzubitten hat. Als er aber dabei an die T&#xFC;r seiner H&#xF6;hle kam, siehe, da gel&#xFC;stete ihn schon wieder nach der guten Luft da drau&#xDF;en und nach seinen Tieren – und er wollte hinausschl&#xFC;pfen.</p></section><section><title><p>Unter T&#xF6;chtern der W&#xFC;ste</p></title><subtitle>l</subtitle><p>»Gehe nicht davon!« sagte da der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte, bleibe bei uns – es m&#xF6;chte sonst uns die alte dumpfe Tr&#xFC;bsal wieder anfallen.</p><p>Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten, und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Tr&#xE4;nen in den Augen und sich ganz wieder aufs Meer der Schwermut eingeschift.</p><p>Diese K&#xF6;nige da m&#xF6;gen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten <emphasis>die </emphasis>n&#xE4;mlich von uns allen heute am besten! H&#xE4;tten sie aber keine Zeugen, ich wette, auch bei ihnen finge das b&#xF6;se Spiel wieder an —</p><p>– das b&#xF6;se Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermut, der verh&#xE4;ngten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde,</p><p>– das b&#xF6;se Spiel unsres Heulens und Notschreiens: bleibe bei uns, o Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft!</p><p>Du n&#xE4;hrtest uns mit starker Manns-Kost<a l:href="#n_229" type="note">[229]</a> und kr&#xE4;ftigen Spr&#xFC;chen: la&#xDF; es nicht zu, da&#xDF; uns zum Nachtisch die weichlichen weiblchen Geister wieder anfallen!</p><p>Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je auf Erden so gute Luft als bei dir in deiner H&#xF6;hle?</p><p>Vielerlei L&#xE4;nder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft pr&#xFC;fen und absch&#xE4;tzen: aber bei dir schmecken meine N&#xFC;stern ihre gr&#xF6;&#xDF;te Lust!</p><p>Es sei denn – es sei denn —, o vergib eine alte Erinnerung! Vergib mir ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter T&#xF6;chtern der W&#xFC;ste dichtete: —</p><p>bei denen n&#xE4;mlich gab es gleich gute helle morgenl&#xE4;ndische Luft; dort war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwerm&#xFC;tigen Alt-Europa!</p><p>Damals liebte ich solcherlei Morgenland-M&#xE4;dchen und andres blaues Himmelreich, &#xFC;ber dem keine Wolken und keine Gedanken h&#xE4;ngen.</p><p>Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasa&#xDF;en, wenn sie nicht tanzten, tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie beb&#xE4;nderte R&#xE4;tsel<a l:href="#n_230" type="note">[230]</a>, wie Nachtisch-N&#xFC;sse —</p><p>bunt und fremd f&#xFC;rwahr! aber ohne Wolken: R&#xE4;tsel, die sich raten lassen: solchen M&#xE4;dchen zuliebe erdachte ich damals einen Nachtisch-Psalm.«</p><p>Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe jemand ihm antwortete, hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich: – mit den N&#xFC;stern aber zog er langsam und fragend die Luft ein, wie einer, der in neuen L&#xE4;ndern neue fremde Luft kostet. Darauf hob er mit einer Art Gebr&#xFC;ll zu singen an.</p><subtitle>2</subtitle><p><emphasis>Die W&#xFC;ste w&#xE4;chst: weh dem, der W&#xFC;sten birgt!</emphasis></p><poem><stanza><v>– Ha! Feierlich!</v><v>In der Tat feierlich!</v><v>Ein w&#xFC;rdiger Anfang!</v><v>Afrikanisch feierlich!</v><v>Eines L&#xF6;wen w&#xFC;rdig</v><v>Oder eines moralischen Br&#xFC;llaffen —</v><v>– aber nichts f&#xFC;r euch,</v><v>Ihr allerliebsten Freundinnen,</v><v>Zu deren F&#xFC;&#xDF;en mir</v><v>Zum ersten Male,</v><v>Einem Europ&#xE4;er unter Palmen,</v><v>Zu sitzen verg&#xF6;nnt ist. Sela<a l:href="#n_231" type="note">[231]</a>.</v><v>Wunderbar wahrlich!</v><v>Da sitze ich nun,</v><v>Der W&#xFC;ste nahe, und bereits</v><v>So ferne wieder der W&#xFC;ste,</v><v>Auch in nichts noch verw&#xFC;stet:</v><v>N&#xE4;mlich hinabgeschluckt</v><v>Von dieser kleinsten Oasis —:</v><v>– sie sperrte gerade g&#xE4;hnend</v><v>Ihr liebliches Maul auf,</v><v>Das wohlriechendste aller M&#xE4;ulchen:</v><v>Da fiel ich hinein,</v><v>Hinab, hindurch – unter euch,</v><v>Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.</v></stanza><stanza><v>Heil, Heil jenem Walfische,</v><v>Wenn er also es seinem Gaste</v><v>Wohl sein lie&#xDF;! – ihr versteht</v><v>Meine gelehrte Anspielung?</v><v>Heil seinem Bauche,</v><v>Wenn er also</v><v>Ein so lieblicher Oasis-Bauch war</v><v>Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe</v><v>– daf&#xFC;r komme ich aus Europa,</v><v>Das zweifels&#xFC;chtiger ist als alle</v><v>&#xC4;ltlichen Eheweibchen.</v><v>M&#xF6;ge Gott es bessern!</v><v>Amen!</v><v>Da sitze ich nun,</v><v>In dieser kleinsten Oasis,</v><v>Einer Dattel gleich<a l:href="#n_232" type="note">[232]</a>,</v><v>Braun, durchs&#xFC;&#xDF;t, goldschw&#xFC;rig, l&#xFC;stern</v><v>Nach einem runden M&#xE4;dchenmunde,</v><v>Mehr noch aber nach m&#xE4;dchenhaften</v><v>Eiskalten schneewei&#xDF;en schneidigen</v><v>Bei&#xDF;z&#xE4;hnen: nach denen n&#xE4;mlich</v><v>Lechzt das Herz allen hei&#xDF;en Datteln. Sela.</v></stanza><stanza><v>Den genannten S&#xFC;dfr&#xFC;chten</v><v>&#xC4;hnlich, allzu&#xE4;hnlich</v><v>Liege ich hier, von kleinen</v><v>Fl&#xFC;gelk&#xE4;fern</v><v>Umschn&#xFC;ffelt und umspielt,</v><v>Insgleichen von noch kleineren</v><v>T&#xF6;richteren s&#xFC;ndhafteren W&#xFC;nschen und</v><v>Einf&#xE4;llen —</v></stanza><stanza><v>Umlagert von euch,</v><v>Ihr stummen, ihr ahnungsvollen</v><v>M&#xE4;dchen-Katzen,</v><v>Dudu und Suleika,</v><v>– <emphasis>umsphinxt</emphasis><a l:href="#n_233" type="note">[233]</a>, da&#xDF; ich in <emphasis>ein </emphasis>Wort</v><v>Viel Gef&#xFC;hle stopfe:</v><v>(Vergebe mir Gott</v><v>Diese Sprach-S&#xFC;nde!)</v><v>– sitze hier, die beste Luft schn&#xFC;ffelnd,</v><v>Paradieses-Luft wahrlich,</v><v>Lichte leichte Luft, goldgestreifte,</v><v>So gute Luft nur je</v><v>Vom Monde herabfiel —</v><v>Sei es aus Zufall,</v><v>Oder geschah es aus &#xDC;bermute?</v><v>Wie die alten Dichter erz&#xE4;hlen.</v><v>Ich Zweifler aber ziehe es</v><v>In Zweifel, daf&#xFC;r aber komme ich</v><v>Aus Europa,</v><v>Das zweifels&#xFC;chtiger ist als alle</v><v>&#xC4;ltlichen Eheweibchen.</v><v>M&#xF6;ge Gott es bessern!</v><v>Amen!</v><v>Diese sch&#xF6;nste Luft trinkend,</v><v>Mit N&#xFC;stern, geschwellt gleich Bechern,</v><v>Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,</v><v>So sitze ich hier, ihr</v><v>Allerliebsten Freundinnen,</v><v>Und sehe der Palme zu,</v><v>Wie sie, einer T&#xE4;nzerin gleich,</v><v>Sich biegt und schmiegt und in der H&#xFC;fte wiegt,</v><v>– man tut es mit, sieht man lange zu!</v><v>Einer T&#xE4;nzerin gleich, die, wie mir scheinen will,</v><v>Zu lange schon, gef&#xE4;hrlich lange</v><v>Immer, immer nur auf <emphasis>einem </emphasis>Beine stand?</v><v>– da verga&#xDF; sie darob, wie mir scheinen will,</v><v>Das andre Bein?</v><v>Vergebens wenigstens</v><v>Suchte ich das vermi&#xDF;te Zwillings-Kleinod</v><v>– n&#xE4;mlich das andre Bein -In der heiligen N&#xE4;he</v><v>Ihres allerliebsten, allerzierlichsten</v><v>F&#xE4;cher- und Flatter- und Flitterr&#xF6;ckchens.</v><v>Ja, wenn ihr mir, ihr sch&#xF6;nen Freundinnen,</v><v>Ganz glauben wollt:</v><v>Sie hat es verloren!</v><v>Es ist dahin,</v><v>Auf ewig dahin,</v><v>Das andre Bein!</v><v>O schade um das liebliche andere Bein!</v><v>Wo – mag es wohl weilen und verlassen trauern?</v><v>Das einsame Bein?</v><v>In Furcht vielleicht vor einem</v><v>Grimmen blondgelockten</v><v>L&#xF6;wen-Untiere? Oder gar schon</v><v>Abgenagt, abgeknabbert —</v><v>Erb&#xE4;rmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.</v></stanza><stanza><v>O weint mir nicht,</v><v>Weiche Herzen! Weint mir nicht, ihr</v><v>Dattel-Herzen! Milch-Busen! Ihr S&#xFC;&#xDF;holz-Herz-Beutelchen!</v><v>Weine nicht mehr,</v><v>Bleiche Dudu!</v><v>Sei ein Mann, Suleika! Mut! Mut!</v><v>– Oder sollte vielleicht</v><v>Etwas St&#xE4;rkendes, Herz-St&#xE4;rkendes</v><v>Hier am Platze sein?</v><v>Ein gesalbter Spruch?</v><v>Ein feierlicher Zuspruch? —</v><v>Ha! Herauf, W&#xFC;rde!</v><v>Tugend-W&#xFC;rde! Europ&#xE4;er-W&#xFC;rde!</v><v>Blase, blase wieder,</v><v>Blasebalg der Tugend!</v><v>Ha!</v><v>Noch einmal br&#xFC;llen,</v><v>Moralisch br&#xFC;llen!</v><v>Als moralischer L&#xF6;we</v><v>Vor den T&#xF6;chtern der W&#xFC;ste br&#xFC;llen!</v><v>– Denn Tugend-Geheul,</v><v>Ihr allerliebsten M&#xE4;dchen,</v><v>Ist mehr als alles</v><v>Europ&#xE4;er-Inbrunst, Europ&#xE4;er-Hei&#xDF;hunger!</v><v>Und da stehe ich schon,</v><v>Als Europ&#xE4;er,</v><v>Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!</v><v>Amen!</v></stanza></poem><p><emphasis>Die W&#xFC;ste w&#xE4;chst: weh dem, der W&#xFC;sten birgt!</emphasis></p></section><section><title><p>Die Erweckung</p></title><subtitle>l</subtitle><p>Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die H&#xF6;hle mit einem Male voll L&#xE4;rmens und Lachens; und da die versammelten G&#xE4;ste alle zugleich redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermutigung, nicht mehr still blieb, &#xFC;berkam Zarathustra ein kleiner Widerwille und Spott gegen seinen Besuch: ob er sich gleich ihrer Fr&#xF6;hlichkeit erfreute. Denn sie d&#xFC;nkte ihm ein Zeichen der Genesung. So schl&#xFC;pfte er hinaus ins Freie und sprach zu seinen Tieren.</p><p>»Wo ist nun ihre Not hin?« sprach er, und schon atmete er selber von seinem kleinen &#xDC;berdrusse auf —»bei mir verlernten sie, wie mich d&#xFC;nkt, das Notschrein!</p><p>– wenn auch, leider, noch nicht das Schrein.« Und Zarathustra hielt sich die Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich mit dem Jubel-L&#xE4;rm dieser h&#xF6;heren Menschen.</p><p>»Sie sind lustig«, begann er wieder, »und wer wei&#xDF;? vielleicht auf ihres Wirtes Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch nicht <emphasis>mein </emphasis>Lachen, das sie lernten.</p><p>Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art, sie lachen auf ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet und wurden nicht unwirsch.</p><p>Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht, <emphasis>der Geist der Schwere, </emphasis>mein alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag enden, der so schlimm und schwer begann!</p><p>Und enden <emphasis>will </emphasis>er. Schon kommt der Abend: &#xFC;ber das Meer her reitet er, der gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in seinen purpurnen S&#xE4;tteln!</p><p>Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: o all ihr Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu leben!«</p><p>Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gel&#xE4;chter der h&#xF6;heren Menschen aus der H&#xF6;hle: da begann er von neuem.</p><p>»Sie bei&#xDF;en an, mein K&#xF6;der wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der Geist der Schwere. Schon lernen sie &#xFC;ber sich selber lachen: h&#xF6;re ich recht?</p><p>Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft-und-Kraft-Spruch: und wahrlich, ich n&#xE4;hrte sie nicht mit Bl&#xE4;h-Gem&#xFC;sen<a l:href="#n_234" type="note">[234]</a>! Sondern mit Krieger-Kost, mit Eroberer-Kost: neue Begierden weckte ich.</p><p>Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen; ihr Herz streckt sich aus. Sie finden neue Worte, bald wird ihr Geist Mutwillen atmen.</p><p>Solche Kost mag freilich nicht f&#xFC;r Kinder sein, noch auch f&#xFC;r sehns&#xFC;chtige alte und junge Weibchen. Denen &#xFC;berredet man anders die Eingeweide; deren Arzt und Lehrer bin ich nicht.</p><p>Der Ekel weicht diesen h&#xF6;heren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg. In meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham l&#xE4;uft davon, sie sch&#xFC;tten sich aus.</p><p>Sie sch&#xFC;tten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zur&#xFC;ck, sie feiern und k&#xE4;uen wieder – sie werden <emphasis>dankbar.</emphasis></p><p><emphasis>Das </emphasis>nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange noch, und sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten Freuden auf.</p><p>Es sind <emphasis>Genesende!« </emphasis>Also sprach Zarathustra fr&#xF6;hlich zu seinem Herzen und schaute hinaus; seine Tiere aber dr&#xE4;ngten sich an ihn und ehrten sein Gl&#xFC;ck und sein Stillschweigen.</p><subtitle>2</subtitle><p>Pl&#xF6;tzlich aber erschrak das Ohr Zarathustras: die H&#xF6;hle n&#xE4;mlich, welche bisher voller L&#xE4;rmens und Gel&#xE4;chters war, wurde mit einem Male totenstill; – seine Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und Weihrauch, wie von brennenden Pinien-Zapfen.</p><p>»Was geschieht? Was treiben sie?« fragte er sich und schlich zum Eingange heran, da&#xDF; er seinen G&#xE4;sten, unvermerkt, zusehn k&#xF6;nne. Aber, Wunder &#xFC;ber Wunder! was mu&#xDF;te er da mit seinen eignen Augen sehn!</p><p>»Sie sind alle wieder <emphasis>fromm </emphasis>geworden, sie <emphasis>beten, </emphasis>sie sind toll!« – sprach er und verwunderte sich &#xFC;ber die Ma&#xDF;en. Und, f&#xFC;rwahr! alle diese h&#xF6;heren Menschen, die zwei K&#xF6;nige, der Papst au&#xDF;er Dienst, der schlimme Zauberer, der freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten, der alte Wahrsager, der Gewissenhafte des Geistes und der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch: sie lagen alle gleich Kindern und gl&#xE4;ubigen alten Weibchen auf den Knien und beteten den Esel an. Und eben begann der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als ob etwas Unaussprechliches aus ihm heraus wolle; als er es aber wirklich bis zu Worten gebracht hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei<a l:href="#n_235" type="note">[235]</a> zur Lobpreisung des angebeteten und anger&#xE4;ucherten Esels. Diese Litanei aber klang also:</p><p>Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und St&#xE4;rke sei unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p><p>Er tr&#xE4;gt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von Herzen und redet niemals nein; und wer seinen Gott liebt, der z&#xFC;chtigt ihn.</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p><p>Er redet nicht: es sei denn, da&#xDF; er zur Welt, die er schuf, immer ja sagt: also preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht redet: so bek&#xF6;mmt er selten Unrecht.</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p><p>Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche er seine Tugend h&#xFC;llt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; jedermann aber glaubt an seine langen Ohren.</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p><p>Welche verborgene Weisheit ist das, da&#xDF; er lange Ohren tr&#xE4;gt und allein ja und nimmer nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach seinem Bilde, n&#xE4;mlich so dumm als m&#xF6;glich?</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p><p>Du gehst gerade und krumme Wege, es k&#xFC;mmert dich wenig, was uns Menschen gerade oder krumm d&#xFC;nkt. Jenseits von Gut und B&#xF6;se ist dein Reich. Es ist deine Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p><p>Siehe doch, wie du niemanden von dir sto&#xDF;est, die Bettler nicht, noch die K&#xF6;nige. Die Kindlein lassest du zu dir kommen, und wenn dich die b&#xF6;sen Buben locken, so sprichst du einf&#xE4;ltiglich I-A.</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p><p>Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostver&#xE4;chter. Eine Distel kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin liegt eines Gottes Weisheit.</p><p>– Der Esel aber schrie dazu I-A.</p></section><section><title><p>Das Eselsfest</p></title><subtitle>l</subtitle><p>An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht l&#xE4;nger bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang mitten unter seine tollgewordenen G&#xE4;ste. »Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder?« rief er, indem er die Betenden vom Boden emporri&#xDF;. »Wehe, wenn euch jemand anderes zus&#xE4;he als Zarathustra:</p><p>Jeder w&#xFC;rde urteilen, ihr w&#xE4;ret mit eurem neuen Glauben die &#xE4;rgsten Gottesl&#xE4;sterer oder die t&#xF6;richtsten aller alten Weiblein!</p><p>Und du selber, du alter Papst, wie stimmt das mit dir selber zusammen, da&#xDF; du solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?« —</p><p>»O Zarathustra«, antwortete der Papst, »vergib mir, aber in Dingen Gottes bin ich aufgekl&#xE4;rter noch als du. Und so ist’s billig.</p><p>Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner Gestalt! Denke &#xFC;ber diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du err&#xE4;tst geschwind, in solchem Spruch steckt Weisheit.</p><p>Der, welcher sprach ›Gott ist ein Geist‹ – der machte bisher auf Erden den gr&#xF6;&#xDF;ten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf Erden nicht leicht wieder gutzumachen!</p><p>Mein altes Herz springt und h&#xFC;pft darob, da&#xDF; es auf Erden noch etwas anzubeten gibt. Vergib das, o Zarathustra, einem alten frommen Papst-Herzen! —«</p><p>– »Und du«, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, »du nennst und w&#xE4;hnst dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen G&#xF6;tzen- und Pfaffendienst<a l:href="#n_236" type="note">[236]</a>?</p><p>Schlimmer, wahrlich, treibst du’s hier noch als bei deinen schlimmen braunen M&#xE4;dchen, du schlimmer neuer Gl&#xE4;ubiger!«</p><p>»Schlimm genug«, antwortete der Wanderer und Schatten, »du hast recht: aber was kann ich daf&#xFC;r! Der alte Gott lebt wieder, o Zarathustra, du magst reden, was du willst.</p><p>Der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch ist an allem schuld: der hat ihn wieder auferweckt. Und wenn er sagt, da&#xDF; er ihn einst get&#xF6;tet habe: <emphasis>Tod </emphasis>ist bei G&#xF6;ttern immer nur ein Vorurteil.«</p><p>– »Und du«, sprach Zarathustra, »du schlimmer alter Zauberer, was tatest du! Wer soll, in dieser freien Zeit, f&#xFC;rderhin an dich glauben, wenn <emphasis>du </emphasis>an solche G&#xF6;tter-Eseleien glaubst?</p><p>Es war eine Dummheit, was du tatest; wie konntest du, du Kluger, eine solche Dummheit tun!«</p><p>»O Zarathustra«, antwortete der kluge Zauberer, »du hast recht, es war eine Dummheit – sie ist mir auch schwer genug geworden.«</p><p>– »Und du gar«, sagte Zarathustra zu dem Gewissenhaften des Geistes, »erw&#xE4;ge doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn nichts wider dein Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich f&#xFC;r dies Beten und den Dunst dieser Betbr&#xFC;der?«</p><p>»Es ist etwas daran«, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger an die Nase, »es ist etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen sogar wohltut. Vielleicht, da&#xDF; ich an Gott nicht glauben darf: gewi&#xDF; aber ist, da&#xDF; Gott mir in dieser Gestalt noch am glaubw&#xFC;rdigsten d&#xFC;nkt.</p><p>Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Fr&#xF6;mmsten: wer so viel Zeit hat, l&#xE4;&#xDF;t sich Zeit<a l:href="#n_237" type="note">[237]</a>. So langsam und so dumm als m&#xF6;glich: <emphasis>damit </emphasis>kann ein solcher es doch sehr weit bringen.</p><p>Und wer des Geistes zuviel hat, der m&#xF6;chte sich wohl in die Dumm- und Narrheit selber vernarren. Denke &#xFC;ber dich selber nach, o Zarathustra!</p><p>Du selber – wahrlich! auch du k&#xF6;nntest wohl aus &#xDC;berflu&#xDF; und Weisheit zu einem Esel werden.</p><p>Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den kr&#xFC;mmsten Wegen? Der Augenschein lehrt es, o Zarathustra – <emphasis>dein </emphasis>Augenschein!«</p><p>»Und du selber zuletzt«, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den h&#xE4;&#xDF;lichsten Menschen der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu dem Esel emporhebend (er gab ihm n&#xE4;mlich Wein zu trinken). Sprich, du Unaussprechlicher, was hast du da gemacht!</p><p>Du d&#xFC;nkst mich verwandelt, dein Auge gl&#xFC;ht, der Mantel des Erhabenen liegt um deine H&#xE4;&#xDF;lichkeit: <emphasis>was </emphasis>tatest du?</p><p>Ist es denn wahr, was jene sagen, da&#xDF; du ihn wieder auferwecktest? Und wozu? War er nicht mit Grund abget&#xF6;tet und abgetan?</p><p>Du selber d&#xFC;nkst mich aufgeweckt: was tatest du? was kehrtest <emphasis>du </emphasis>um? Was bekehrtest <emphasis>du </emphasis>dich? Sprich, du Unaussprechlicher!«</p><p>»O Zarathustra«, antwortete der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch, »du bist ein Schelm!</p><p>Ob <emphasis>der </emphasis>noch lebt oder wieder lebt oder gr&#xFC;ndlich tot ist – wer von uns beiden wei&#xDF; das am besten? Ich frage dich.</p><p>Eins aber wei&#xDF; ich – von dir selber lernte ich’s einst, o Zarathustra: wer am gr&#xFC;ndlichsten t&#xF6;ten will, der <emphasis>lacht.</emphasis></p><p>›Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen t&#xF6;tet man‹ – so sprachst du einst. O Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du gef&#xE4;hrlicher Heiliger – du bist ein Schelm!«</p><subtitle>2</subtitle><p>Da aber geschah es, da&#xDF; Zarathustra, verwundert &#xFC;ber lauter solche Schelmen-Antworten, zur T&#xFC;r seiner H&#xF6;hle zur&#xFC;cksprang und, gegen alle seine G&#xE4;ste gewendet, mit starker Stimme schrie:</p><p>»O ihr Schalks-Narren allesamt, ihr Possenrei&#xDF;er! Was verstellt und versteckt ihr euch vor mir!</p><p>Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit, darob, da&#xDF; ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, n&#xE4;mlich fromm —</p><p>– da&#xDF; ihr endlich wieder tatet, wie Kinder tun, n&#xE4;mlich betetet, h&#xE4;ndefaltetet und ›lieber Gott‹ sagtet!</p><p>Aber nun la&#xDF;t mir <emphasis>diese </emphasis>Kinderstube, meine eigne H&#xF6;hle, wo heute alle Kinderei zu Hause ist. K&#xFC;hlt hier drau&#xDF;en euren hei&#xDF;en Kinder-&#xDC;bermut und Herzensl&#xE4;rm ab!</p><p>Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in <emphasis>das </emphasis>Himmelreich. (Und Zarathustra zeigte mit den H&#xE4;nden nach oben.)</p><p>Aber wir wollen auch gar nicht ins Himmelreich: M&#xE4;nner sind wir worden – <emphasis>so wollen wir das Erdenreich.«</emphasis></p><p>Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. »O meine neuen Freunde«, sprach er – »ihr Wunderlichen, ihr h&#xF6;heren Menschen, wie gut gefallt ihr mir nun —</p><p>– seit ihr wieder fr&#xF6;hlich wurdet! Ihr seid wahrlich alle aufgebl&#xFC;ht: mich d&#xFC;nkt, solchen Blumen, wie ihr seid, tun <emphasis>neue Feste not,</emphasis></p><p>– ein kleiner tapferer Unsinn, irgendein Gottesdienst und Eselsfest, irgendein alter fr&#xF6;hlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch die Seelen hell bl&#xE4;st.</p><p>Verge&#xDF;t diese Nacht und dieses Eselsfest nicht, ihr h&#xF6;heren Menschen! <emphasis>Das </emphasis>erfandet ihr bei mir, das nehme ich als gutes Wahrzeichen – solcherlei erfinden nur Genesende!</p><p>Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, tut’s euch zuliebe, tut’s auch mir zuliebe! Und zu <emphasis>meinem </emphasis>Ged&#xE4;chtnis!«</p><p>Also sprach Zarathustra.</p></section><section><title><p>Das Trunkne Lied</p></title><subtitle>l</subtitle><p>Inzwischen aber war einer nach dem andern hinausgetreten ins Freie und in die k&#xFC;hle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber f&#xFC;hrte den h&#xE4;&#xDF;lichsten Menschen an der Hand, da&#xDF; er ihm seine Nacht-Welt und den gro&#xDF;en runden Mond und die silbernen Wasserst&#xFC;rze bei seiner H&#xF6;hle zeige. Da standen sie endlich still beieinander, lauter alte Leute, aber mit einem getr&#xF6;steten tapferen Herzen und verwundert bei sich, da&#xDF; es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der Nacht aber kam ihnen n&#xE4;her und n&#xE4;her ans Herz. Und von neuem dachte Zarathustra bei sich: »O wie gut sie mir nun gefallen, diese h&#xF6;heren Menschen!« – aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Gl&#xFC;ck und ihr Stillschweigen. —</p><p>Da aber geschah das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das Erstaunlichste war: der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch begann noch einmal und zum letztenmal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche allen, die ihm zuh&#xF6;rten, das Herz im Leibe bewegte.</p><p>»Meine Freunde insgesamt«, sprach der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch, »was d&#xFC;nket euch? Um dieses Tags willen – ich bin’s zum ersten Male zufrieden, da&#xDF; ich das ganze Leben lebte.</p><p>Und da&#xDF; ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich auf der Erde zu leben: <emphasis>ein </emphasis>Tag, <emphasis>ein </emphasis>Fest mit Zarathustra lehrte mich die Erde lieben.</p><p>›War <emphasis>das – </emphasis>das Leben?‹ will ich zum Tode sprechen. ›Wohlan! Noch einmal!‹</p><empty-line/><p>Meine Freunde, was d&#xFC;nket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode sprechen: War <emphasis>das – </emphasis>das Leben? Um Zarathustras willen, wohlan! Noch einmal!« – —</p><p>Also sprach der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, da&#xDF; damals sich zutrug? Sobald die h&#xF6;heren Menschen seine Frage h&#xF6;rten, wurden sie sich mit einem Male ihrer Verwandlung und Genesung bewu&#xDF;t, und wer ihnen dieselbe gegeben habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend, liebkosend, ihm die H&#xE4;nde k&#xFC;ssend, so wie es der Art eines jeden eigen war: also da&#xDF; einige lachten, einige weinten. Der alte Wahrsager aber tanzte vor Vergn&#xFC;gen; und wenn er auch, wie manche Erz&#xE4;hler meinen, damals voll s&#xFC;&#xDF;en Weines war, so war er gewi&#xDF;lich noch voller des s&#xFC;&#xDF;en Lebens und hatte aller M&#xFC;digkeit abgesagt. Es gibt sogar solche, die erz&#xE4;hlen, da&#xDF; damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst n&#xE4;mlich habe ihm der h&#xE4;&#xDF;lichste Mensch vorher Wein zu trinken gegeben. Dies mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch damals gr&#xF6;&#xDF;ere und seltsamere Wunderdinge, als es das Tanzen eines Esels w&#xE4;re. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustras lautet: »Was liegt daran!«</p><subtitle>2</subtitle><p>Zarathustra aber, als sich dies mit dem h&#xE4;&#xDF;lichsten Menschen zutrug, stand da wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte<a l:href="#n_238" type="note">[238]</a>, seine F&#xFC;&#xDF;e schwankten. Und wer m&#xF6;chte auch erraten, welche Gedanken dabei &#xFC;ber Zarathustras Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist zur&#xFC;ck und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam »auf hohem Joche«, wie geschrieben steht, »zwischen zwei Meeren,</p><p>– zwischen Vergangenem und Zuk&#xFC;nftigem als schwere Wolke wandelnd«. Allgemach aber, w&#xE4;hrend ihn die h&#xF6;heren Menschen in den Armen hielten, kam er ein wenig zu sich selber zur&#xFC;ck und wehrte mit den H&#xE4;nden dem Gedr&#xE4;nge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit einem Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien etwas zu h&#xF6;ren: da legte er den Finger an den Mund und sprach: <emphasis>»Kommt!«</emphasis></p><p>Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte danach, gleich den h&#xF6;heren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den Finger an den Mund und sprach wiederum: <emphasis>»Kommt! Kommt! Es geht gen Mitternacht!« – </emphasis>und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer noch r&#xFC;hrte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller und heimlicher, und alles horchte, auch der Esel, und Zarathustras Ehrentiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die H&#xF6;hle Zarathustras und der gro&#xDF;e k&#xFC;hle Mond und die Nacht selber. Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und sprach:</p><p><emphasis>Kommt! Kommt! Kommt! La&#xDF;t uns jetzo wandeln</emphasis><a l:href="#n_239" type="note">[239]</a><emphasis>! Es ist die Stunde: la&#xDF;t uns in die Nacht wandeln!</emphasis></p><subtitle>3</subtitle><p>Ihr h&#xF6;heren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch etwas in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir ins Ohr sagt —</p><p>– so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke zu mir es redet, die mehr erlebt hat als ein Mensch:</p><p>– welche schon eurer V&#xE4;ter Herzens-Schmerzens-Schl&#xE4;ge abz&#xE4;hlte – ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe Mitternacht!</p><p>Still! Still! Da h&#xF6;rt sich manches, das am Tage nicht laut werden darf; nun aber, bei k&#xFC;hler Luft, da auch aller L&#xE4;rm eurer Herzen stille ward —</p><p>– nun redet es, nun h&#xF6;rt es sich, nun schleicht es sich in n&#xE4;chtliche &#xFC;berwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!</p><p>– h&#xF6;rst du’s nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu dir redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht?</p><p><emphasis>O Mensch, gib acht!</emphasis></p><subtitle>4</subtitle><p>Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schl&#xE4;ft —</p><p>Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.</p><p>Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich? Willst du Blut? Ach! Ach! Der Tau f&#xE4;llt, die Stunde kommt —</p><p>– die Stunde, wo mich fr&#xF6;stelt und friert, die fragt und fragt und fragt: »Wer hat Herz genug dazu?</p><p>– wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: <emphasis>so </emphasis>sollt ihr laufen, ihr gro&#xDF;en und kleinen Str&#xF6;me!«</p><p>die Stunde naht: o Mensch, du h&#xF6;herer Mensch, gib acht! diese Rede ist f&#xFC;r feine Ohren, f&#xFC;r deine Ohren – <emphasis>was spricht die tiefe Mitternacht?</emphasis></p><subtitle>5</subtitle><p>Es tr&#xE4;gt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll der Erde Herr sein?</p><p>Der Mond ist k&#xFC;hl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Fl&#xFC;gel.</p><p>Ihr guten T&#xE4;nzer, nun ist alle Lust vorbei: Wein ward Hefe<a l:href="#n_240" type="note">[240]</a>, jeder Becher ward m&#xFC;rbe, die Gr&#xE4;ber stammeln.</p><p>Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gr&#xE4;ber:</p><p>»Erl&#xF6;st doch die Toten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?«</p><p>Ihr h&#xF6;heren Menschen, erl&#xF6;st doch die Gr&#xE4;ber, weckt die Leichname auf! Ach, was gr&#xE4;bt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde —</p><p>– es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gr&#xE4;bt noch der Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! <emphasis>Die Welt ist tief!</emphasis></p><subtitle>6</subtitle><p>S&#xFC;&#xDF;e Leier! S&#xFC;&#xDF;e Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! – wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der Liebe!</p><p>Du alte Glocke, du s&#xFC;&#xDF;e Leier! Jeder Schmerz ri&#xDF; dir ins Herz, Vaterschmerz, V&#xE4;terschmerz, Urv&#xE4;terschmerz; deine Rede wurde reif —</p><p>– reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem Einsiedlerherzen – nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube br&#xE4;unt,</p><p>– nun will sie sterben, vor Gl&#xFC;ck sterben. Ihr h&#xF6;heren Menschen, riecht ihr’s nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,</p><p>– ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger brauner Gold-Wein-Geruch von altem Gl&#xFC;cke,</p><p>– von trunkenem Mitternachts-Sterbegl&#xFC;cke, welches singt: die Welt ist tief, <emphasis>und tiefer als der Tag gedacht!</emphasis></p><subtitle>7</subtitle><p>La&#xDF; mich! La&#xDF; mich! Ich bin zu rein f&#xFC;r dich. R&#xFC;hre mich nicht an! Ward meine Welt nicht eben vollkommen?</p><p>Meine Haut ist zu rein f&#xFC;r deine H&#xE4;nde. La&#xDF; mich, du dummer t&#xF6;lpischer dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?</p><p>Die Reinsten sollen der Erde Herr sein, die Unerkanntesten, St&#xE4;rksten, die Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als jeder Tag.</p><p>O Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Gl&#xFC;cke? Ich bin dir reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?</p><p>O Welt, du willst <emphasis>mich? </emphasis>Bin ich dir weltlich? Bin ich dir geistlich? Bin ich dir g&#xF6;ttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu plump —</p><p>– habt kl&#xFC;gere H&#xE4;nde, greift nach tieferem Gl&#xFC;cke, nach tieferem Ungl&#xFC;cke, greift nach irgendeinem Gotte, greift nicht nach mir:</p><p>– mein Ungl&#xFC;ck, mein Gl&#xFC;ck ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch bin ich kein Gott, keine Gottes-H&#xF6;lle: <emphasis>tief ist ihr Weh.</emphasis></p><subtitle>8</subtitle><p>Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh, nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene s&#xFC;&#xDF;e Leier —</p><p>eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die niemand versteht, aber welche reden <emphasis>mu&#xDF;, </emphasis>vor Tauben, ihr h&#xF6;heren Menschen! Denn ihr versteht mich nicht!</p><p>Dahin! Dahin! O Jugend! O Mittag! O Nachmittag! Nun kam Abend und Nacht und Mitternacht – der Hund heult, der Wind:</p><p>– ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kl&#xE4;ft, er heult. Ach! Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie r&#xF6;chelt und keucht, die Mitternacht!</p><p>Wie sie eben n&#xFC;chtern<a l:href="#n_241" type="note">[241]</a> spricht, diese trunkene Dichterin! sie &#xFC;bertrank wohl ihre Trunkenheit? sie wurde &#xFC;berwach? sie k&#xE4;ut zur&#xFC;ck?</p><p>– ihr Weh k&#xE4;ut sie zur&#xFC;ck, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und mehr noch ihre Lust. Lust n&#xE4;mlich, wenn schon Weh tief ist: <emphasis>Lust ist tiefer noch als Herzeleid.</emphasis></p><subtitle>9</subtitle><p>Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin grausam, du blutest —: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?</p><p>»Was vollkommen ward, alles Reife – will sterben!« so redest du. Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben: wehe!</p><p>Weh spricht: »Vergeh! Weg, du Wehe!« Aber alles, was leidet, will leben, da&#xDF; es reif werde und lustig und sehns&#xFC;chtig,</p><p>– sehns&#xFC;chtig nach Fernerem, H&#xF6;herem, Hellerem. »Ich will Erben«, so spricht alles, was leidet, »ich will Kinder, ich will nicht <emphasis>mich« —</emphasis></p><p>Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder – Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Allessichewig-gleich.</p><p>Weh spricht: »Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Fl&#xFC;gel, flieg! Hinan! Hinauf! Schmerz!« Wohlan! Wohlauf! O mein altes Herz: <emphasis>Weh spricht: »Vergeh!«</emphasis></p><subtitle>10</subtitle><p>Ihr h&#xF6;heren Menschen, was d&#xFC;nket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein Tr&#xE4;umender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?</p><p>Ein Tropfen Taus? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? H&#xF6;rt ihr’s nicht? Riecht ihr’s nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist auch Mittag —</p><p>Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne – geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.</p><p>Sagtet ihr jemals ja zu einer Lust? O meine Freunde, so sagtet ihr ja auch zu <emphasis>allem </emphasis>Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verf&#xE4;delt, verliebt —</p><p>– wolltet ihr jemals einmal zweimal, spracht ihr jemals »Du gef&#xE4;llst mir, Gl&#xFC;ck! Husch! Augenblick!« so wolltet ihr <emphasis>alles </emphasis>zur&#xFC;ck!</p><p>– Alles von neuem, alles ewig, alles verkettet, verf&#xE4;delt, verliebt, o so <emphasis>liebtet </emphasis>ihr die Welt —</p><p>– ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh, aber komm zur&#xFC;ck! <emphasis>Denn alle Lust will – Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle>11</subtitle><p>Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene Mitternacht, will Gr&#xE4;ber, will Gr&#xE4;ber-Tr&#xE4;nen-Trost, will verg&#xFC;ldetes Abendrot —</p><p>– <emphasis>was </emphasis>will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will <emphasis>sich, </emphasis>sie bei&#xDF;t in <emphasis>sich, </emphasis>des Ringes Wille ringt in ihr – – sie will Liebe, sie will Ha&#xDF;, sie ist &#xFC;berreich, schenkt, wirft weg, bettelt, da&#xDF; einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie m&#xF6;chte gern geha&#xDF;t sein —</p><p>– so reich ist Lust, da&#xDF; sie nach Wehe durstet, nach H&#xF6;lle, nach Ha&#xDF;, nach Schmach, nach dem Kr&#xFC;ppel, nach <emphasis>Welt – </emphasis>denn diese Welt, o ihr kennt sie ja!</p><p>Ihr h&#xF6;heren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die unb&#xE4;ndige, selige – nach eurem Weh, ihr Mi&#xDF;ratenen! Nach Mi&#xDF;ratenem sehnt sich alle ewige Lust.</p><p>Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! O Gl&#xFC;ck, o Schmerz! O brich, Herz! Ihr h&#xF6;heren Menschen, lernt es doch, Lust will Ewigkeit,</p><p>– Lust will <emphasis>aller </emphasis>Dinge Ewigkeit, <emphasis>will tiefe, tiefe Ewigkeit!</emphasis></p><subtitle>12</subtitle><p>Lerntet ihr nun mein Lied? Errietet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf! Ihr h&#xF6;heren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!</p><p>Singt mir nun selber das Lied, des Name ist »Noch einmal«, des Sinn ist »In alle Ewigkeit!« – singt, ihr h&#xF6;heren Menschen, Zarathustras Rundgesang!</p><p>O Mensch! Gib acht!</p><poem><stanza><v><emphasis>Was spricht die tiefe Mitternacht?</emphasis></v><v><emphasis>»Ich schlief, ich schlief —</emphasis></v><v><emphasis>Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —</emphasis></v><v><emphasis>Die Welt ist tief,</emphasis></v><v><emphasis>Und tiefer als der Tag gedacht.</emphasis></v><v><emphasis>Tief ist ihr Weh —</emphasis></v><v><emphasis>Lust— tiefer noch als Herzeleid:</emphasis></v><v><emphasis>Weh spricht: Vergeh!</emphasis></v><v><emphasis>Doch alle Lust will Ewigkeit —</emphasis></v><v><emphasis>– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«</emphasis></v></stanza></poem></section><section><title><p>Das Zeichen</p></title><p>Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager auf, g&#xFC;rtete sich die Lenden<a l:href="#n_242" type="note">[242]</a> und kam heraus aus seiner H&#xF6;hle, gl&#xFC;hend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.</p><p>»Du gro&#xDF;es Gestirn«, sprach er, wie er einstmals gesprochen hatte, »du tiefes Gl&#xFC;cks-Auge, was w&#xE4;re all dein Gl&#xFC;ck, wenn du nicht <emphasis>die </emphasis>h&#xE4;ttest, welchen du leuchtest!</p><p>Und wenn sie in ihren Kammern blieben, w&#xE4;hrend du schon wach bist und kommst und schenkst und austeilst: wie w&#xFC;rde darob deine stolze Scham z&#xFC;rnen!</p><p>Wohlan! sie schlafen noch, diese h&#xF6;heren Menschen, w&#xE4;hrend <emphasis>ich </emphasis>wach bin: <emphasis>das </emphasis>sind nicht meine rechten Gef&#xE4;hrten! Nicht auf sie warte ich hier in meinen Bergen.</p><p>Zu meinem Werke will ich, zu meinem Tage: aber sie verstehen nicht, was die Zeichen meines Morgens sind, mein Schritt – ist f&#xFC;r sie kein Weckruf.</p><p>Sie schlafen noch in meiner H&#xF6;hle, ihr Traum trinkt noch an meinen trunkenen Liedern. Das Ohr doch, das nach <emphasis>mir </emphasis>horcht – das <emphasis>gehorchende </emphasis>Ohr fehlt in ihren Gliedern.«</p><p>– Dies hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne aufging: da blickte er fragend in die H&#xF6;he, denn er h&#xF6;rte &#xFC;ber sich den scharfen Ruf seines Adlers. »Wohlan!« rief er hinauf, »so gef&#xE4;llt und geb&#xFC;hrt es mir. Meine Tiere sind wach, denn ich bin wach.</p><p>Mein Adler ist wach und ehrt gleich mir die Sonne. Mit Adlers-Klauen greift er nach dem neuen Lichte. Ihr seid meine rechten Tiere; ich liebe euch.</p><p>Aber noch fehlen mir meine rechten Menschen!« – Also sprach Zarathustra; da aber geschah es, da&#xDF; er sich pl&#xF6;tzlich wie von unz&#xE4;hligen V&#xF6;geln umschw&#xE4;rmt und umflattert h&#xF6;rte – das Geschwirr so vieler Fl&#xFC;gel aber und das Gedr&#xE4;ng um sein Haupt war so gro&#xDF;, da&#xDF; er die Augen schlo&#xDF;. Und wahrlich, einer Wolke gleich fiel es &#xFC;ber ihn her, einer Wolke von Pfeilen gleich, welche sich &#xFC;ber einen neuen Feind aussch&#xFC;ttet. Aber siehe, hier war es eine Wolke der Liebe, und &#xFC;ber einen neuen Freund.</p><p>»Was geschieht mir?« dachte Zarathustra in seinem erstaunten Herzen und lie&#xDF; sich langsam auf dem gro&#xDF;en Steine nieder, der neben dem Ausgange seiner H&#xF6;hle lag. Aber, indem er mit den H&#xE4;nden um sich und &#xFC;ber sich und unter sich griff und den z&#xE4;rtlichen V&#xF6;geln wehrte, siehe, da geschah ihm etwas noch Seltsameres: er griff n&#xE4;mlich dabei unvermerkt in ein dichtes warmes Haar-Gezottel hinein; zugleich aber erscholl vor ihm ein Gebr&#xFC;ll – ein sanftes langes L&#xF6;wen-Br&#xFC;llen.</p><p><emphasis>»Das Zeichen kommt«, </emphasis>sprach Zarathustra, und sein Herz verwandelte sich. Und in Wahrheit, als es helle vor ihm wurde, da lag ihm ein gelbes m&#xE4;chtiges Getier zu F&#xFC;&#xDF;en und schmiegte das Haupt an seine Knie und wollte nicht von ihm lassen vor Liebe und tat einem Hunde gleich, welcher seinen alten Herrn wiederfindet. Die Tauben aber waren mit ihrer Liebe nicht minder eifrig als der L&#xF6;we; und jedesmal, wenn eine Taube &#xFC;ber die Nase des L&#xF6;wen huschte, sch&#xFC;ttelte der L&#xF6;we das Haupt und wunderte sich und lachte dazu.</p><p>Zu dem allen sprach Zarathustra nur ein Wort: <emphasis>»Meine Kinder sind nahe, meine Kinder« – </emphasis>dann wurde er ganz stumm. Sein Herz aber war gel&#xF6;st, und aus seinen Augen tropften Tr&#xE4;nen herab und fielen auf seine H&#xE4;nde. Und er achtete keines Dings mehr und sa&#xDF; da, unbeweglich und ohne da&#xDF; er sich noch gegen die Tiere wehrte. Da flogen die Tauben ab und zu und setzten sich ihm auf die Schulter und liebkosten sein wei&#xDF;es Haar und wurden nicht m&#xFC;de mit Z&#xE4;rtlichkeit und Frohlocken. Der starke L&#xF6;we aber leckte immer die Tr&#xE4;nen, welche auf die H&#xE4;nde Zarathustras herabfielen, und br&#xFC;llte und brummte sch&#xFC;chtern dazu. Also trieben es diese Tiere. —</p><p>Dies alles dauerte eine lange Zeit, oder eine kurze Zeit: denn, recht gesprochen, gibt es f&#xFC;r dergleichen Dinge auf Erden <emphasis>keine </emphasis>Zeit —. Inzwischen aber waren die h&#xF6;heren Menschen in der H&#xF6;hle Zarathustras wach geworden und ordneten sich miteinander zu einem Zuge an, da&#xDF; sie Zarathustra entgegengingen und ihm den Morgengru&#xDF; b&#xF6;ten: denn sie hatten gefunden, als sie erwachten, da&#xDF; er schon nicht mehr unter ihnen weilte. Als sie aber zur T&#xFC;r der H&#xF6;hle gelangten und das Ger&#xE4;usch ihrer Schritte ihnen voranlief, da stutzte der L&#xF6;we gewaltig, kehrte sich mit einem Male von Zarathustra ab und sprang, wild br&#xFC;llend, auf die H&#xF6;hle los; die h&#xF6;heren Menschen aber, als sie ihn br&#xFC;llen h&#xF6;rten, schrien alle auf, wie mit <emphasis>einem </emphasis>Munde, und flohen zur&#xFC;ck und waren im Nu verschwunden.</p><p>Zarathustra selber aber, bet&#xE4;ubt und fremd, erhob sich von seinem Sitze, sah um sich, stand staunend da, fragte sein Herz, besann sich und war allein. »Was h&#xF6;rte ich doch?« sprach er endlich langsam, »was geschah mir eben?«</p><p>Und schon kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit <emphasis>einem </emphasis>Blick alles, was zwischen gestern und heute sich begeben hatte. »Hier ist ja der Stein«, sprach er und strich sich den Bart, »auf <emphasis>dem </emphasis>sa&#xDF; ich gestern am Morgen; und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier h&#xF6;rte ich zuerst den Schrei, den ich eben h&#xF6;rte, den gro&#xDF;en Notschrei.</p><p>O ihr h&#xF6;heren Menschen, von <emphasis>eurer </emphasis>Not war’s ja, da&#xDF; gestern am Morgen jener alte Wahrsager mir wahrsagte —</p><p>– zu eurer Not wollte er mich verf&#xFC;hren und versuchen: o Zarathustra, sprach er zu mir, ich komme, da&#xDF; ich dich zu deiner letzten S&#xFC;nde verf&#xFC;hre.</p><p>Zu meiner letzten S&#xFC;nde?« rief Zarathustra und lachte zornig &#xFC;ber sein eigenes Wort: »<emphasis>Was </emphasis>blieb mir doch aufgespart als meine letzte S&#xFC;nde?«</p><p>– Und noch einmal versank Zarathustra in sich und setzte sich wieder auf den gro&#xDF;en Stein nieder und sann nach. Pl&#xF6;tzlich sprang er empor, —</p><p><emphasis>»Mitleiden! Das Mitleiden mit dem h&#xF6;heren Menschen!« </emphasis>schrie er auf, und sein Antlitz verwandelte sich in Erz. »Wohlan! <emphasis>Das – </emphasis>hatte seine Zeit!</p><p>Mein Leid und mein Mitleiden – was liegt daran! Trachte ich denn nach <emphasis>Gl&#xFC;cke</emphasis>? Ich trachte nach meinem <emphasis>Werke!</emphasis></p><p>Wohlan! Der L&#xF6;we kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif, meine Stunde kam: —</p><p>Dies ist <emphasis>mein </emphasis>Morgen, <emphasis>mein </emphasis>Tag hebt an: <emphasis>herauf nun, herauf, du gro&#xDF;er Mittag!« – —</emphasis></p><p>Also sprach Zarathustra und verlie&#xDF; seine H&#xF6;hle, gl&#xFC;hend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.</p><subtitle><strong><emphasis>Fragen zum Inhalt:</emphasis></strong></subtitle><p>1. Erz&#xE4;hlen Sie von dem Gespr&#xE4;ch mit den K&#xF6;nigen?</p><p>2. Was spricht Zarathustra vom h&#xF6;heren Menschen?</p><p>3. Wen nennt Zarathustra seine Kinder?</p><p>4. Wonach trachtet doch Zarathustra?</p></section></section><section><title><p>W&#xF6;rterbuch</p></title><section><title><p>A</p></title><p><strong>Abbild, das </strong>отображение</p><p><strong>abbr&#xF6;ckeln </strong>крошиться, отламываться</p><p><strong>Aberglaube, der </strong>суеверие</p><p><strong>Abgrund, der </strong>пропасть, бездна, пучина</p><p><strong>abkehren, sich (von D) </strong>отказаться, отречься (от чего-л.)</p><p><strong>ablassen (von D) </strong>отказываться, отступаться, отрекаться</p><p><strong>ablernen D </strong>выучиться, перенимать (у кого-л.)</p><p><strong>abnehmen D </strong>принимать (у кого-л.)</p><p><strong>Abraum, der </strong>мусор</p><p><strong>abschaffen </strong>ликвидировать, устранять</p><p><strong>Abschaum, der </strong>отбросы, отребье, подонки</p><p><strong>abschirren </strong>распрягать</p><p><strong>Almosen, das </strong>подаяние, милостыня</p><p><strong>Ambo&#xDF;, der </strong>наковальня</p><p><strong>anbr&#xFC;chig </strong>подпорченный, с гнильцой</p><p><strong>Andacht, die </strong>благоговение</p><p><strong>anfallen (</strong>внезапно) охватывать</p><p><strong>angaffen </strong>глазеть, уставиться</p><p><strong>anheben </strong>начать</p><p><strong>anlangen </strong>прибывать, добираться</p><p><strong>Anmut, die </strong>прелесть, привлекательность</p><p><strong>anr&#xFC;chig </strong>пользующийся дурной славой; подозрительный</p><p><strong>anschnaufen </strong>пыхтеть, сопеть; орать</p><p><strong>Antlitz, das </strong>лицо, облик</p><p><strong>arglistig </strong>коварный, лукавый, вероломный</p><p><strong>Asche, die </strong>прах</p><p><strong>&#xC4;ther, der </strong>эфир (небесные просторы)</p><p><strong>Aue, die </strong>луг</p><p><strong>auferstehen </strong>воскресать, возрождаться</p><p><strong>auflauern D </strong>подкарауливать, подстерегать (кого-л.)</p><p><strong>Auflehnung, die </strong>восстание, протест</p><p><strong>aufschlitzen </strong>разрезать, распарывать</p><p><strong>aufstellen Fallen D </strong>ставить ловушки, расставлять сети (кому-л.)</p><p><strong>aufw&#xFC;hlen </strong>вскапывать, взрывать</p><p><strong>aufziehen </strong>заводить (часы)</p><p><strong>ausbr&#xFC;ten </strong>вынашивать (коварные планы), замышлять</p><p><strong>auserw&#xE4;hlt </strong>избранный</p><p><strong>ausl&#xF6;schen </strong>стирать (написанное), смывать (позор)</p><p><strong>ausraufen </strong>вырывать, выдирать</p><p><strong>ausscheiden </strong>отпадать, отделиться; исключать</p><p><strong>aussto&#xDF;en </strong>испускать, извергать</p><p><strong>Auster, die </strong>устрица</p><p><strong>austreiben </strong>выгонять, изгонять</p><p><strong>ausweichen D </strong>увертываться, избегать (кого-л.)</p><p><strong>auszeichnen (vor D) </strong>отличать (от кого-л.), выделять</p><p><strong>azurn </strong>лазурный, ярко-синий</p></section><section><title><p>B</p></title><p><strong>B&#xE4;ndiger, der </strong>укротитель</p><p><strong>bannen </strong>завораживать, подчинять себе, заклинать</p><p><strong>barmherzig </strong>милосердный, сострадательный</p><p><strong>baumeln </strong>болтаться, висеть (покачиваясь)</p><p><strong>begehrlich </strong>жадный, ненасытный, алчный; похотливый</p><p><strong>Begierde, die (nach D) </strong>(страстное) желание, вожделение</p><p><strong>Behagen, das </strong>приятное чувство, удовольствие</p><p><strong>behutsam </strong>осторожный, осмотрительный</p><p><strong>beibehalten </strong>сохранять, оставлять, удерживать (за собой)</p><p><strong>beladen </strong>нагружать, навьючивать</p><p><strong>beleidigen </strong>обижать, оскорблять</p><p><strong>Bem&#xE4;ntelung, die </strong>скрывание, маскировка</p><p><strong>berauben G </strong>лишать, ограбить</p><p><strong>ber&#xFC;hren </strong>касаться, трогать; задевать</p><p><strong>beschwerlich </strong>затруднительный, тягостный; утомительный</p><p><strong>beschw&#xF6;ren </strong>заклинать, умолять</p><p><strong>besessen </strong>одержимый, помешанный</p><p><strong>besudeln </strong>пачкать; осквернять</p><p><strong>bet&#xF6;ren </strong>обмануть, одурачить; очаровать</p><p><strong>betteln </strong>нищенствовать, просить милостыню;</p><p><strong>(um A) </strong>молить</p><p><strong>Beute, die </strong>добыча</p><p><strong>bezwingen </strong>покорять, укрощать; преодолевать; осилить</p><p><strong>Bilds&#xE4;ule, die </strong>идол</p><p><strong>Blasebalg, der </strong>воздуходувный мех, кузнечные меха</p><p><strong>blindlings </strong>слепо (верить)</p><p><strong>Bollwerk, das </strong>бастион, укрепление</p><p><strong>Born, der </strong>источник, ключ, родник</p><p><strong>Brandstifter, der </strong>поджигатель</p><p><strong>brauen </strong>варить</p><p><strong>brausen </strong>бушевать; кипеть</p><p><strong>brodeln </strong>клубиться</p><p><strong>br&#xFC;nstig </strong>страстный, пылкий</p><p><strong>br&#xFC;sten, sich (mit D) </strong>гордиться, хвастаться</p><p><strong>Brut, die </strong>отродье, исчадие</p><p><strong>Bucklichter, der </strong>горбун</p><p><strong>Bu&#xDF;prediger, der </strong>проповедующий покаяние</p></section><section><title><p>D</p></title><p><strong>Dasein, das </strong>бытие, существование</p><p><strong>Demut, die </strong>смирение, покорность</p><p><strong>Dienstbarkeit, die </strong>подчиненность, подвластность; услужливость</p><p><strong>Drache, der </strong>дракон</p><p><strong>ducken, sich </strong>нагибаться, наклоняться</p><p><strong>Duckm&#xE4;user, der </strong>проныра; ханжа, лицемер</p><p><strong>d&#xFC;nken </strong>казаться;</p><p><strong>sich (N) </strong>считать себя (каким-л.)</p><p><strong>d&#xFC;rsten (nach D) </strong>жаждать (чего-л.)</p><p><strong>duster </strong>мрачный, темный; угрюмый</p></section><section><title><p>E</p></title><p><strong>Edelfalke, der </strong>сокол</p><p><strong>Edle, der, die </strong>дворянин, дворянка</p><p><strong>Efeu, der </strong>плющ</p><p><strong>ehebrechen </strong>нарушать супружескую верность</p><p><strong>Ehrfurcht, die (vor D) </strong>глубокое уважение, почтение</p><p><strong>ehrgeizig </strong>честолюбивый, тщеславный</p><p><strong>Eichel, die </strong>желудь</p><p><strong>Eidechse, die </strong>ящерица</p><p><strong>einf&#xE4;ltig </strong>наивный, простодушный; глупый</p><p><strong>eingedr&#xFC;ckt </strong>вдавленный, приплюснутый</p><p><strong>Eingeweide, das </strong>внутренности, кишки, потроха; недра земли</p><p><strong>Ein&#xF6;de, die </strong>глухое место, глушь; пустыня</p><p><strong>Einsicht, die </strong>проницательность, благоразумие</p><p><strong>Einsiedler, d</strong>er отшельник</p><p><strong>einsperren </strong>запирать</p><p><strong>eitel </strong>тщеславный, самонадеянный, заносчивый</p><p><strong>ekeln, sich (vor D) </strong>испытывать отвращение</p><p><strong>Elend, das </strong>беда; нищета</p><p><strong>emp&#xF6;ren </strong>возмущать</p><p><strong>Entartung, die </strong>вырождение</p><p><strong>enthalten, sich G </strong>воздерживаться, удерживаться (от чего-л.)</p><p><strong>entlaufen D </strong>убегать (от кого-л.)</p><p><strong>entraten G </strong>обходиться (без кого/чего-л.)</p><p><strong>entsagen D </strong>отказываться, отрекаться</p><p><strong>entschl&#xFC;pfen D </strong>выскользнуть, вырваться</p><p><strong>entspringen </strong>происходить, возникать</p><p><strong>entwenden D </strong>похищать, отнимать</p><p><strong>entziehen, sich D </strong>избегать, уклоняться (от чего-л.)</p><p><strong>Entz&#xFC;ckung, die </strong>восторг, экстаз</p><p><strong>entz&#xFC;nden </strong>воспалять; разжигать</p><p><strong>erbarmen, sich (&#xFC;ber A) </strong>сжалиться</p><p><strong>erb&#xE4;rmlich </strong>жалкий, убогий</p><p><strong>Erbe, der </strong>наследник</p><p><strong>erbeuten </strong>захватывать (добычу)</p><p><strong>erbrechen (die Galle) </strong>выблевывать (желчь)</p><p><strong>erfoltern </strong>пытать, мучить</p><p><strong>Ergebung, die </strong>покорность, смирение</p><p><strong>ergr&#xFC;nden </strong>исследовать, проникать в суть, вникать</p><p><strong>erhaben </strong>великий, возвышенный, благородный</p><p><strong>erl&#xF6;sen </strong>освобождать, избавлять, спасать</p><p><strong>erniedrigen, sich </strong>унижаться</p><p><strong>erraten </strong>отгадывать, разгадывать</p><p><strong>erquicken </strong>освежать, подкреплять</p><p><strong>erschaffen </strong>создавать, (со)творить</p><p><strong>erschlagen </strong>убивать</p><p><strong>ersinnen, sich </strong>придумывать, выдумывать, измышлять</p><p><strong>erstechen </strong>закалывать, убивать</p><p><strong>ersticken (im Dunste) </strong>задохнуться (в смрадном чаду)</p><p><strong>ertr&#xE4;nken (</strong>у)топить</p><p><strong>ertrinken </strong>утонуть</p><p><strong>Erz, das </strong>медь</p><p><strong>Erzfeind, der </strong>заклятый враг</p><p><strong>Euter, das </strong>вымя</p></section><section><title><p>F</p></title><p><strong>Fa&#xDF;, das </strong>бочка</p><p><strong>fassen </strong>схватить, держаться</p><p><strong>Fehlgriff, der </strong>промах, ошибка</p><p><strong>Feige, der </strong>трус; малодушный человек;</p><p><strong>die </strong>&#x223C; инжир, смоква</p><p><strong>feist </strong>жирный, толстый</p><p><strong>Fittich, der </strong>крыло</p><p><strong>Fliegenwedel, der </strong>веер от мух</p><p><strong>fluchen </strong>проклинать</p><p><strong>Flut, die </strong>прилив; потоп, наводнение</p><p><strong>Fratze, die </strong>гримаса</p><p><strong>Frecher, der </strong>наглец, нахал</p><p><strong>freisprechen </strong>оправдать</p><p><strong>Frevel, der </strong>проступок, злодеяние</p><p><strong>freveln </strong>совершать преступление, грешить</p><p><strong>fromm </strong>набожный, благочестивый</p><p><strong>Frostbeule, die </strong>обмороженное место</p><p><strong>f&#xFC;rderhin </strong>впредь, далее</p></section><section><title><p>G</p></title><p><strong>Geb&#xE4;rde, die </strong>жест, ужимка, мина</p><p><strong>geb&#xE4;rden, sich </strong>держаться, вести себя каким-л. образом</p><p><strong>gebieten, sich </strong>предписывать себе</p><p><strong>gebrechen (an D) </strong>недоставать, не хватать (чего-л.)</p><p><strong>Geburtswehen, (Pl.) </strong>родовые схватки, потуги</p><p><strong>Ged&#xE4;rm, das </strong>кишки</p><p><strong>gedenken G </strong>помнить, вспоминать (о чем-либо)</p><p><strong>Gef&#xE4;hrte, der </strong>спутник</p><p><strong>gehorchen D </strong>повиноваться, слушаться (кого-л.)</p><p><strong>Geist, der </strong>дух; душа</p><p><strong>geloben, sich (D) </strong>дать себе клятву что-л. сделать; посвятить себя</p><p><strong>Gel&#xF6;bnis, das </strong>торжественное обещание, обет</p><p><strong>gel&#xFC;sten (nach D) </strong>жаждать, страстно желать</p><p><strong>Geschmei&#xDF;, das </strong>птичий помет; сброд, банда</p><p><strong>geschw&#xFC;rig </strong>язвенный</p><p><strong>Gesell, der </strong>парень, малый</p><p><strong>gesellen, sich (zu D) </strong>присоединиться</p><p><strong>Gespenst, das </strong>привидение, призрак</p><p><strong>Gestade, das </strong>морской берег, побережье</p><p><strong>Gestirn, das </strong>светило, небесное тело</p><p><strong>Getier, das </strong>животные</p><p><strong>Gewissen, das </strong>совесть</p><p><strong>gew&#xF6;hnt (an A) </strong>приученный, привыкший</p><p><strong>Gezelt, das </strong>шатер</p><p><strong>Gier, die (nach D) </strong>жадность, алчность</p><p><strong>glaubensw&#xFC;tig </strong>фанатический</p><p><strong>Gleichnis, das </strong>подобие; притча</p><p><strong>Glut, die </strong>зной, жара, пекло</p><p><strong>gn&#xE4;dig </strong>милостивый, благосклонный</p><p><strong>Goldbarren der </strong>золотой слиток</p><p><strong>G&#xF6;tze, der </strong>кумир, идол, бог</p><p><strong>gram sein D </strong>не взлюбить, питать злобу (к кому-л.)</p><p><strong>gr&#xE4;&#xDF;lich </strong>ужасный, отвратительный, омерзительный</p><p><strong>Gr&#xE4;te, die </strong>рыбья кость</p><p><strong>Grauen, das </strong>ужас, страх, боязнь, отвращение</p><p><strong>Grausamkeit, die </strong>жестокость, свирепость, зверство</p><p><strong>Greis, der </strong>старик, старец</p><p><strong>grunzen </strong>хрюкать</p></section><section><title><p>H</p></title><p><strong>Hang, der </strong>влечение, тяга</p><p><strong>h&#xE4;ngen, sich (an D) </strong>держаться (на чем-л.), быть привязанным (к чему-л.)</p><p><strong>harfnen </strong>играть на арфе</p><p><strong>hartn&#xE4;ckig </strong>упрямый, настойчивый</p><p><strong>haschen </strong>ловить, схватить</p><p><strong>Hebr&#xE4;er, der </strong>еврей</p><p><strong>Heerschar, die </strong>войско</p><p><strong>Hehl, das: kein Hehl aus etw. D machen </strong>не скрывать (чего-л.)</p><p><strong>heil </strong>здоровый, невредимый</p><p><strong>heiligen </strong>святить, освящать</p><p><strong>Hein, der </strong>роща</p><p><strong>heischen </strong>требовать, просить</p><p><strong>Heiserkeit, die </strong>хрипота, сиплость</p><p><strong>Hemmschuh, der </strong>тормоз</p><p><strong>Henker, der </strong>палач</p><p><strong>herrisch </strong>повелительный, властный</p><p><strong>hetzen </strong>травить (зверя), натравливать</p><p><strong>Hexe, die </strong>ведьма, колдунья</p><p><strong>H&#xF6;hle, die </strong>пещера, берлога, нора</p><p><strong>hold sein D </strong>быть благосклонным (к кому-л.)</p><p><strong>horchen (auf A) </strong>слушать, подслушивать</p><p><strong>Horn, das </strong>рог</p><p><strong>humpeln </strong>хромать, ковылять</p><p><strong>h&#xFC;pfen </strong>прыгать, скакать</p><p><strong>h&#xFC;ten, sich </strong>остерегаться</p><p><strong>H&#xFC;tte, die </strong>шатер</p></section><section><title><p>I</p></title><p><strong>impfen </strong>внушать (какое-л. чувство)</p><p><strong>Inbrunst, die </strong>усердие, рвение; страстность, пыл</p><p><strong>Ingrimm, das </strong>досада, злоба</p><p><strong>innewohnen D </strong>быть присущим (свойственным) чему-л.</p><p><strong>Irrenhaus, das </strong>дом для умалишенных</p></section><section><title><p>J</p></title><p><strong>j&#xE4;hzornig </strong>вспыльчивый, несдержанный</p><p><strong>jammern: es jammert mich (G) </strong>мне жаль (кого-л.)</p><p><strong>jauchzen </strong>ликовать, вскрикивать от радости</p></section><section><title><p>K</p></title><p><strong>Kehricht, das </strong>мусор, дрянь</p><p><strong>Keim, der </strong>росток; зародыш</p><p><strong>Kerker, der </strong>тюрьма, темница</p><p><strong>Ketzer, der </strong>еретик</p><p><strong>kieseln </strong>посыпать гравием</p><p><strong>klammern, sich (an A) </strong>цепляться</p><p><strong>klapperd&#xFC;rr </strong>худой как скелет, костлявый</p><p><strong>Kleinod, das </strong>сокровище, драгоценность</p><p><strong>Kluft, die </strong>ущелье; бездна, пропасть</p><p><strong>knacken </strong>трещать, хрустеть; щелкать, грызть</p><p><strong>Kn&#xE4;uel, der </strong>клубок</p><p><strong>Knechtschaft, die </strong>кабала</p><p><strong>knirschen </strong>скрежетать</p><p><strong>knorrig </strong>суковатый, шишковатый; грубый (о человеке)</p><p><strong>Kobold, der </strong>кобольд, гном, домовой</p><p><strong>k&#xF6;dern </strong>приманивать, насаживать приманку (на крючок)</p><p><strong>kotig </strong>грязный; навозный</p><p><strong>Krallen, (Pl.) </strong>когти</p><p><strong>Kr&#xE4;mpfe, (Pl.) </strong>судороги, конвульсии</p><p><strong>Kreuzigung, die </strong>распятие</p><p><strong>Kr&#xFC;cke, die </strong>костыль</p><p><strong>kr&#xFC;mmen, sich </strong>согнуться, скорчиться</p><p><strong>Kr&#xFC;ppel, der </strong>увечный, калека</p></section><section><title><p>L</p></title><p><strong>Labsal, das </strong>подкрепление; утешение</p><p><strong>Larve, die </strong>личина, маска</p><p><strong>l&#xE4;ssig </strong>медлительный, вялый; неряшливый</p><p><strong>Last, die </strong>тяжесть, ноша, груз</p><p><strong>lastbar </strong>тяжелый, тягостный</p><p><strong>Laster, das </strong>порок</p><p><strong>lau </strong>теплый; равнодушный, безразличный</p><p><strong>Laus, die </strong>вошь</p><p><strong>lechzen (nach D) </strong>испытывать мучительную жажду; томиться (по ком/чем-л.)</p><p><strong>Leichnam, der </strong>труп, мертвое тело</p><p><strong>Leier, die </strong>шарманка</p><p><strong>Lenze, die </strong>весна</p><p><strong>Los, das </strong>жребий</p><p><strong>L&#xFC;stling, der </strong>сластолюбец</p></section><section><title><p>M</p></title><p><strong>Made, die </strong>личинка, червячок</p><p><strong>Mahnung, die </strong>предостережение</p><p><strong>Marter, die </strong>мучение, пытка</p><p><strong>Maulwurf, der </strong>крот</p><p><strong>Meineidige, der </strong>клятвопреступник</p><p><strong>Milz, die </strong>селезенка</p><p><strong>Mischmasch, der </strong>всякая всячина; неразбериха, путаница</p><p><strong>Mohn, der </strong>мак</p><p><strong>M&#xF6;nch, der </strong>монах</p><p><strong>Mondkalb, der </strong>уродец, недоносок, ублюдок</p><p><strong>morsch </strong>гнилой</p><p><strong>M&#xFC;&#xDF;igg&#xE4;nger, der </strong>бездельник, тунеядец</p><p><strong>Mutma&#xDF;ung, die </strong>предположение, догадка; подозрение</p><p><strong>mutwillen </strong>озорничать, резвиться, шалить</p></section><section><title><p>N</p></title><p><strong>Nachen, der </strong>лодка, челнок</p><p><strong>nachgeben </strong>уступать, соглашаться</p><p><strong>nachhinken </strong>плестись в хвосте</p><p><strong>N&#xE4;chstenliebe, die </strong>любовь к ближнему</p><p><strong>Napf, der </strong>миска, горшок</p><p><strong>naschen (an D) </strong>лакомиться (чем-л.), смаковать</p><p><strong>Nebenbuhler, der </strong>соперник</p></section><section><title><p>O</p></title><p><strong>Obrigkeit, die </strong>начальство, власть</p><p><strong>&#xF6;de </strong>пустынный, безлюдный, необитаемый</p><p><strong>Offenbarung, die </strong>откровение; проявление</p><p><strong>ohngef&#xE4;hr </strong>случайно, приблизительно</p><p><strong>Ohnmacht, die </strong>слабость, бессилие; обморок</p><p><strong>opfern </strong>жертвовать, приносить в жертву</p></section><section><title><p>P</p></title><p><strong>Pauke, die </strong>литавры; проповедь</p><p><strong>Peitsche, die </strong>кнут, плеть</p><p><strong>Pfeil, der </strong>стрела</p><p><strong>Pinie, die </strong>пиния, кедр</p><p><strong>P&#xF6;bel, der </strong>чернь</p><p><strong>Possenrei&#xDF;er, der </strong>балагур, шут, скоморох</p><p><strong>Prediger, der </strong>проповедник</p><p><strong>preisen, sich </strong>превозносить, прославлять (себя)</p></section><section><title><p>R</p></title><p><strong>Rache nehmen (an D f&#xFC;r A) </strong>отомстить (кому-л. за кого/ что-л.)</p><p><strong>rasen </strong>неистовствовать, безумствовать</p><p><strong>rasseln </strong>греметь, звенеть, громыхать</p><p><strong>r&#xE4;ucherig </strong>дымный, закоптелый</p><p><strong>rauh </strong>грубый; сырой</p><p><strong>raunen </strong>нашептывать</p><p><strong>rechtfertigen </strong>оправдывать</p><p><strong>reiben, sich (an D) </strong>задевать, задирать</p><p><strong>Reigen, der </strong>хоровод</p><p><strong>ringen (um A) </strong>бороться</p><p><strong>r&#xFC;hmen, sich G </strong>хвалиться, хвастаться</p><p><strong>runzelig </strong>морщинистый, сморщенный</p></section><section><title><p>S</p></title><p><strong>samten </strong>бархатный</p><p><strong>saumselig </strong>нерадивый, небрежный</p><p><strong>Schacher, der </strong>торгашество</p><p><strong>Scham, die </strong>стыд, стыдливость</p><p><strong>schaudern (vor D) </strong>содрогаться, трепетать</p><p><strong>sch&#xE4;umend </strong>пенистый, шипучий</p><p><strong>scheel </strong>завистливый, недружелюбный; косой (о глазах)</p><p><strong>Schelm, der </strong>шельма, мошенник</p><p><strong>Schickung, die </strong>судьба, рок; случай</p><p><strong>schielen (nach D) </strong>зариться (на что-л.)</p><p><strong>Schimmer, der </strong>слабый свет</p><p><strong>schinden </strong>сдирать шкуру (с животных); мучить, терзать</p><p><strong>Schlamm, der </strong>тина, грязь</p><p><strong>schleichen </strong>подкрадываться</p><p><strong>Schleim, der </strong>cлизь; мокрота</p><p><strong>Schlemmer, der </strong>кутила; чревоугодник</p><p><strong>schleppen </strong>тащить, волочить</p><p><strong>schleudern </strong>(с силой) бросать</p><p><strong>Schlich, der </strong>лазейка</p><p><strong>Schlund, der </strong>глотка, пасть</p><p><strong>schmachten </strong>томиться, изнемогать;</p><p><strong>(nach D) </strong>жаждать</p><p><strong>Schmarotzer, der </strong>паразит</p><p><strong>Schmaus, der </strong>вкусная еда; пиршество; наслаждение</p><p><strong>schmunzeln </strong>ухмыляться, усмехаться</p><p><strong>schnalzen (mit der Zunge) </strong>прищелкивать (языком)</p><p><strong>schnurren </strong>тикать (о часах), гудеть</p><p><strong>schonen </strong>беречь, щадить</p><p><strong>Schuft, der </strong>подлец, негодяй</p><p><strong>Schwamm, der </strong>губка</p><p><strong>schwellen </strong>наполнять</p><p><strong>Schwert, das </strong>меч</p><p><strong>Schwielen (Pl.) </strong>трудовые мозоли</p><p><strong>Schwindel, der </strong>головокружение</p><p><strong>schwinds&#xFC;chtig </strong>чахоточный</p><p><strong>schwirren </strong>свистеть, жужжать</p><p><strong>segnen </strong>благословлять</p><p><strong>Sehnsucht, die (nach D) </strong>страстное желание</p><p><strong>seicht </strong>мелкий, неглубокий</p><p><strong>Seil, das </strong>канат</p><p><strong>Seligkeit, die </strong>блаженство, высшее счастье</p><p><strong>Selbstsucht, die </strong>себялюбие</p><p><strong>Seuche, die </strong>эпидемия, зараза</p><p><strong>Sichel, die </strong>серп</p><p><strong>siech </strong>хилый, больной, хворый</p><p><strong>sinnen </strong>думать, размышлять</p><p><strong>Sohle, die </strong>подошва</p><p><strong>Speer, der </strong>копье</p><p><strong>Speichel-B&#xE4;ckerei, die </strong>низкопоклонство</p><p><strong>Speichel-Leckerei, die </strong>лизоблюдство</p><p><strong>speisen </strong>кормить</p><p><strong>spotten (&#xFC;ber A) </strong>насмехаться, издеваться (над кем-л.)</p><p><strong>stammeln </strong>заикаться, запинаться</p><p><strong>Steg, der </strong>тропинка, мостик</p><p><strong>steif </strong>онемевший, окоченевший</p><p><strong>Stier, der </strong>бык</p><p><strong>stiften </strong>творить; причинять (зло)</p><p><strong>stolpern (&#xFC;ber A) </strong>споткнуться (обо что-л.)</p><p><strong>stracks </strong>немедленно; обязательно</p><p><strong>Sumpf, der </strong>болото, топь, трясина</p></section><section><title><p>T</p></title><p><strong>Tatze, die </strong>лапа</p><p><strong>taufen </strong>крестить</p><p><strong>taugen </strong>годиться</p><p><strong>taumeln </strong>шататься, плохо держаться на ногах</p><p><strong>T&#xF6;lpel, der </strong>увалень, бестолочь</p><p><strong>t&#xF6;richt </strong>безрассудный, глупый</p><p><strong>trachten (nach D) </strong>стремиться, сильно желать</p><p><strong>Tr&#xE4;gheit, die </strong>вялость; леность</p><p><strong>Trieb, der </strong>порыв; инстинкт; влечение, стремление</p><p><strong>tr&#xFC;ben </strong>затуманивать, омрачать</p><p><strong>trutzig </strong>упрямый; своенравный</p><p><strong>T&#xFC;cke, die </strong>коварство</p><p><strong>Tugend, die </strong>добродетель</p><p><strong>tuten </strong>трубить</p></section><section><title><p>U</p></title><p><strong>&#xFC;berirdisch </strong>неземной, сверхъестественный</p><p><strong>&#xDC;bermensch, der </strong>сверхчеловек</p><p><strong>&#xFC;berm&#xFC;rbe </strong>гнилой</p><p><strong>&#xFC;berpinseln </strong>покрывать тонким слоем краски</p><p><strong>&#xFC;berwallen </strong>переливаться; охватывать (о чувстве)</p><p><strong>&#xFC;berwinden </strong>одолевать, преодолевать</p><p><strong>unaustilgbar </strong>неискоренимый, неистребимый</p><p><strong>unb&#xE4;rtig </strong>безбородый</p><p><strong>unbek&#xFC;mmert </strong>беззаботный, беспечный</p><p><strong>unersch&#xF6;pft </strong>неисчерпаемый, неистощимый</p><p><strong>Unflat, der </strong>грязь, мерзость, нечистоты</p><p><strong>Ungeheuer, das </strong>чудовище</p><p><strong>Unget&#xFC;m, das </strong>чудовище, страшилище</p><p><strong>Unke, die </strong>жаба</p><p><strong>Unkraut, das </strong>бурьян, сорная трава</p><p><strong>Unrat, der </strong>сор, мусор, нечистоты</p><p><strong>untergehen </strong>погибать, гибнуть</p><p><strong>unterlassen </strong>упускать</p><p><strong>unterliegen </strong>понести поражение</p><p><strong>untertan </strong>подчиненный; покорный</p><p><strong>Unterwelt, die </strong>преисподняя, ад</p><p><strong>Untier, </strong>das чудовище</p><p><strong>unversehens </strong>внезапно, неожиданно</p><p><strong>Ursprung, der </strong>начало, происхождение; корни</p></section><section><title><p>V</p></title><p><strong>Vereinsamung, die </strong>уединение</p><p><strong>Verfinsterung, die </strong>потемнение; омрачение; затмение</p><p><strong>verfahren (zu D) </strong>соблазнить</p><p><strong>verg&#xE4;llen </strong>отравлять</p><p><strong>vergehen, sich (an D) </strong>провиниться (перед кем-л.)</p><p><strong>vergelten D </strong>вознаграждать (кого-л.), воздавать</p><p><strong>vergreifen, sich </strong>сбиться с пути</p><p><strong>Verh&#xE4;ngnis, das </strong>(злая) судьба, рок</p><p><strong>verhehlen (vor D) </strong>скрывать, утаивать (от кого-л.)</p><p><strong>verh&#xFC;llen </strong>окутывать, покрывать, скрывать</p><p><strong>verkehren, sich (in A) </strong>превращаться</p><p><strong>verknoten </strong>завязывать узлом, связывать</p><p><strong>verk&#xFC;ndigen </strong>провозглашать, возвещать</p><p><strong>verlangen (nach D) </strong>стремиться, жаждать</p><p><strong>verleiden </strong>портить, отравлять</p><p><strong>verleugnen </strong>отрекаться</p><p><strong>Verleumdung, die </strong>клевета, злословие</p><p><strong>vermummt </strong>замаскированный</p><p><strong>vernehmen </strong>слушать; допрашивать</p><p><strong>versagen D </strong>отказывать (кому-л.)</p><p><strong>verscheuchen </strong>спугивать, отгонять</p><p><strong>verschleiern (</strong>за)вуалировать; маскировать</p><p><strong>verschmachten (vor D) </strong>изнемогать, умирать (от жажды, жары)</p><p><strong>versch&#xFC;tten </strong>просыпать; проливать</p><p><strong>verschw&#xF6;ren </strong>клясться; отрекаться (от чего-л.)</p><p><strong>versehren </strong>ранить, повредить</p><p><strong>versengen </strong>подпалить</p><p><strong>versetzen </strong>переставлять, перемещать</p><p><strong>verstehen, sich (auf A) </strong>знать толк, разбираться (в чем-л.)</p><p><strong>vertragen, sich (mit D) </strong>уживаться (с кем-л.), сочетаться (с чем-л.)</p><p><strong>verwandeln, sich (in A) </strong>превращаться; преобразиться</p><p><strong>verwesen </strong>тлеть, гнить, разлагаться</p><p><strong>Verz&#xFC;ckung, die </strong>экстаз, восторг</p><p><strong>Vorfahr, der </strong>предок</p><p><strong>Vorl&#xE4;ufer, der </strong>предшественник; предтеча</p><p><strong>Vornehmheit, die </strong>доблесть</p><p><strong>vorragen </strong>выдаваться вперед, торчать</p><p><strong>Vorsehung, die </strong>провидение</p></section><section><title><p>W</p></title><p><strong>wacker </strong>храбрый, добродетельный</p><p><strong>wagen </strong>отваживаться, осмеливаться</p><p><strong>Wahn, der </strong>самообман, иллюзия, мираж</p><p><strong>wallen </strong>бурлить, кипеть</p><p><strong>walten (&#xFC;ber A) </strong>господствовать, царить</p><p><strong>waten (durch A) </strong>переходить вброд; шлепать (по грязи); увязать (в болоте)</p><p><strong>weglocken </strong>переманивать</p><p><strong>Wehe, das </strong>горе, печаль, скорбь, боль</p><p><strong>wehren D </strong>запретить, препятствовать (кому-л.)</p><p><strong>weiden, sich (an D) </strong>наслаждаться, любоваться (чем-л.)</p><p><strong>weihen </strong>чтить, освящать</p><p><strong>weisen (von sich D) </strong>отклонить, отвергнуть</p><p><strong>wetzen </strong>точить, затачивать</p><p><strong>Wicht, der </strong>существо, создание</p><p><strong>widerlegen </strong>опровергать, оспаривать</p><p><strong>widerraten </strong>отсоветовать</p><p><strong>widerrufen </strong>опровергать (сказанное), отрекаться</p><p><strong>widrig </strong>противный; враждебный; превратный (о судьбе)</p><p><strong>wiehern </strong>ржать</p><p><strong>willfahren D </strong>исполнять просьбы, желания (кого-л.)</p><p><strong>Willk&#xFC;r, die </strong>произвол</p><p><strong>winseln </strong>визжать, скулить, ныть</p><p><strong>Wirbel, der </strong>вихрь</p><p><strong>Wirrsal, das </strong>путаница, неразбериха, хаос</p><p><strong>w&#xFC;rdig </strong>с достоинством, гордо</p><p><strong>w&#xFC;rgen </strong>давить, душить; мучиться</p></section><section><title><p>Z</p></title><p><strong>zanken, sich (mit D) </strong>браниться, ссориться</p><p><strong>zaudern (mit D) </strong>медлить, не решаться</p><p><strong>zerren, sich </strong>смешивать себя (с грязью)</p><p><strong>zerschmettert </strong>уничтоженный, поверженный в прах</p><p><strong>Zetergeschrei, das </strong>вопль, мольба о помощи</p><p><strong>zeugen </strong>зачать; производить на свет, рождать; (<strong>von D) </strong>свидетельствовать</p><p><strong>Zeugnis falsch reden </strong>лжесвидетельствовать</p><p><strong>Zierat, der </strong>украшение, убранство</p><p><strong>zollen </strong>платить дань</p><p><strong>Zorn, der </strong>гнев, ярость</p><p><strong>z&#xFC;chtigen </strong>наказывать</p><p><strong>zugrunde gehen </strong>гибнуть, погибать</p><p><strong>zupfen (an D) </strong>дергать (за что-л.)</p><p><strong>z&#xFC;rnen D </strong>сердиться, злиться (на кого-л.)</p><p><strong>zutragen, sich </strong>случаться, происходить</p><p><strong>Zypresse, die </strong>кипарис</p></section></section></body><body name="notes"><title><p>Примечания</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p><strong>an seinem Munde birgt sich kein Ekel </strong>– нет на лице его отвращения</p></section><section id="n_2"><title><p>2</p></title><p><strong>ein Erwachter ist Zarathustra </strong>– ребенком стал Заратустра</p></section><section id="n_3"><title><p>3</p></title><p><strong>Alle Wesen bisher schufen etwas &#xFC;ber sich hinaus </strong>– Доныне все существа создавали нечто, что выше их</p></section><section id="n_4"><title><p>4</p></title><p><strong>der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst </strong>– нечто двусмысленное и неопределеннодвуполое, нечто среднее между тем, что растет из земли, и обманчивым призраком</p></section><section id="n_5"><title><p>5</p></title><p><strong>eure Gen&#xFC;gsamkeit schreit gen Himmel </strong>– самодовольство ваше вопиет к небу</p></section><section id="n_6"><title><p>6</p></title><p><strong>wenn der W&#xFC;rfel zu seinem Gl&#xFC;cke f&#xE4;llt </strong>– когда счастье сопутствует ему в игре</p></section><section id="n_7"><title><p>7</p></title><p><strong>welcher goldne Worte seinen Taten vorauswirft </strong>– кто бросает золотые слова впереди дел своих</p></section><section id="n_8"><title><p>8</p></title><p><strong>zahm </strong>– бессильный</p></section><section id="n_9"><title><p>9</p></title><p><strong>die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren </strong>– тетива лука его разучится дрожать</p></section><section id="n_10"><title><p>10</p></title><p><strong>da&#xDF; die Unterhaltung nicht angreife </strong>– чтобы развлечение это не утомляло их чрезмерно</p></section><section id="n_11"><title><p>11</p></title><p><strong>ich sei kalt und ein Sp&#xF6;tter in furchtbaren Spa&#xDF;en </strong>– я холодный насмешник и тешусь злыми шутками</p></section><section id="n_12"><title><p>12</p></title><p><strong>vorw&#xE4;rts Faultier, Schleichh&#xE4;ndler, Bleichgesicht </strong>– вперед, ленивая скотина, контрабандист, набеленная рожа</p></section><section id="n_13"><title><p>13</p></title><p><strong>dem Teufel seinen Bissen stehlen </strong>– украсть кусок у самого черта</p></section><section id="n_14"><title><p>14</p></title><p><strong>steckten die K&#xF6;pfe zusammen </strong>– шушукались</p></section><section id="n_15"><title><p>15</p></title><p><strong>Das geht mich nichts an </strong>– Что мне за дело</p></section><section id="n_16"><title><p>16</p></title><p><strong>gehabt euch wohl </strong>– прощайте</p></section><section id="n_17"><title><p>17</p></title><p><strong>sie sind ausgezogen auf Kundschaft </strong>– отправились они в путь</p></section><section id="n_18"><title><p>18</p></title><p><strong>ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Tieres Sache </strong>– грабежом, достойным хищного зверя, кажется ему все это</p></section><section id="n_19"><title><p>19</p></title><p><strong>allen aus dem Wege gehn </strong>– сторонитесь всех</p></section><section id="n_20"><title><p>20</p></title><p><strong>es tut schon not </strong>– ведь для этого необходимо</p></section><section id="n_21"><title><p>21</p></title><p><strong>mu&#xDF; man sich noch auf eins verstehen </strong>– не забывай вот о чем</p></section><section id="n_22"><title><p>22</p></title><p><strong>so w&#xE4;re auch mir dies der w&#xE4;hlensw&#xFC;rdigste Unsinn </strong>– тогда и мне его мудрость показалась бы наиболее достойной выбора</p></section><section id="n_23"><title><p>23</p></title><p><strong>blutigen Tr&#xE4;nklein </strong>– кровавое питье</p></section><section id="n_24"><title><p>24</p></title><p><strong>Ihrem Leibe und dieser Erde nun entr&#xFC;ckt w&#xE4;hnten sie sich </strong>– Они возомнили, что сумели отречься от тела и от земли</p></section><section id="n_25"><title><p>25</p></title><p><strong>aus der Haut fahren </strong>– сбросить кожу</p></section><section id="n_26"><title><p>26</p></title><p><strong>Ich bin das G&#xE4;ngelband des Ichs und der Einbl&#xE4;ser seiner Begriffe </strong>– Я служу помочами для “я” и внушаю ему понятия его</p></section><section id="n_27"><title><p>27</p></title><p><strong>Kurzweil mit ihr treiben </strong>– быть с ней на короткой ноге</p></section><section id="n_28"><title><p>28</p></title><p><strong>kein Wegweiser sei es mir f&#xFC;r &#xDC;ber-Erden und Paradiese </strong>– не нужен мне путеводитель на небо, в рай</p></section><section id="n_29"><title><p>29</p></title><p><strong>la&#xDF;t den Erhabenen nicht wieder zur&#xFC;ck in sein Niederes </strong>– не дайте же возвысившемуся снова пасть</p></section><section id="n_30"><title><p>30</p></title><p><strong>Gleichw&#xFC;chsig war er seiner Tat </strong>– На равных был он с делом своим</p></section><section id="n_31"><title><p>31</p></title><p><strong>liegt das Blei seiner Schuld auf ihm </strong>– свинцовым грузом легла на него вина</p></section><section id="n_32"><title><p>32</p></title><p><strong>Aber dies will nicht in eure Ohren </strong>– Но это не вмещается в ваши уши</p></section><section id="n_33"><title><p>33</p></title><p><strong>Auf </strong>– Вставайте же</p></section><section id="n_34"><title><p>34</p></title><p><strong>seitdem will ich nicht erst gesto&#xDF;en sein, um von der Stelle zu kommen </strong>– с тех пор я не нуждаюсь в толчках, чтобы сдвинуться с места</p></section><section id="n_35"><title><p>35</p></title><p><strong>wenn dein Geist alle Gef&#xE4;ngnisse zu l&#xF6;sen trachtet </strong>– пока дух твой стремится разрушить все темницы</p></section><section id="n_36"><title><p>36</p></title><p><strong>Selbstzerfleischung </strong>– самоистязание</p></section><section id="n_37"><title><p>37</p></title><p><strong>Eingeh&#xFC;llt in dicke Schwermut </strong>– погруженные в глубокое уныние</p></section><section id="n_38"><title><p>38</p></title><p><strong>was schiert es sie </strong>– что им до того</p></section><section id="n_39"><title><p>39</p></title><p><strong>wofern sie nur schnell dahinfahren </strong>– лишь бы исчезли они с лица земли</p></section><section id="n_40"><title><p>40</p></title><p><strong>Sprachverwirrung des Guten und B&#xF6;sen </strong>– смешение языков в понимании добра и зла</p></section><section id="n_41"><title><p>41</p></title><p><strong>es winkt den Predigern des Todes </strong>– оно на руку проповедникам смерти</p></section><section id="n_42"><title><p>42</p></title><p><strong>klirrend im Putz g&#xF6;ttlicher Ehren </strong>– бряцающий сбруей божеских почестей</p></section><section id="n_43"><title><p>43</p></title><p><strong>Geht doch dem schlechten Ger&#xFC;che aus dem Wege! </strong>– Прочь от зловония!</p></section><section id="n_44"><title><p>44</p></title><p><strong>der sie erst auff&#xFC;hrt </strong>– кто их представит с подмостков</p></section><section id="n_45"><title><p>45</p></title><p><strong>ver&#xE4;nderliche Witterungen </strong>– переменчивые настроения 60</p></section><section id="n_46"><title><p>46</p></title><p><strong>blutig geritzt </strong>– в кровь исцарапан</p></section><section id="n_47"><title><p>47</p></title><p><strong>Keuschheit </strong>– целомудрие</p></section><section id="n_48"><title><p>48</p></title><p><strong>fuhren dabei selber in die S&#xE4;ue </strong>– превратились в свиней 65</p></section><section id="n_49"><title><p>49</p></title><p><strong>Selbstloses </strong>– бескорыстие</p></section><section id="n_50"><title><p>50</p></title><p><strong>da&#xDF; du einem Joche entronnen bist </strong>– что ты избежал ярма</p></section><section id="n_51"><title><p>51</p></title><p><strong>Ferne bleibe mir auch der Gott </strong>– Да не приблизится ко мне этот Бог</p></section><section id="n_52"><title><p>52</p></title><p><strong>der Vollbringende </strong>– завершивший путь свой</p></section><section id="n_53"><title><p>53</p></title><p><strong>L&#xE4;sterm&#xE4;uler </strong>– клеветники</p></section><section id="n_54"><title><p>54</p></title><p><strong>Und so verziehe ich noch ein wenig auf Erden </strong>– Вот почему помедлю я еще немного на земле</p></section><section id="n_55"><title><p>55</p></title><p><strong>gaben ihm das Geleit </strong>– провожали его</p></section><section id="n_56"><title><p>56</p></title><p><strong>Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend! </strong>– О, как много добродетели улетало и прежде!</p></section><section id="n_57"><title><p>57</p></title><p><strong>an feine Ohren ergeht gute Botschaft </strong>– до чуткого уха долетает благая весть</p></section><section id="n_58"><title><p>58</p></title><p><strong>an meinem Kranze rupfen </strong>– разорвать венок мой</p></section><section id="n_59"><title><p>59</p></title><p><strong>haben meiner Lehre Bildnis entstellt </strong>– исказили образ учения моего</p></section><section id="n_60"><title><p>60</p></title><p><strong>rauscht meine Seele in die T&#xE4;ler </strong>– с шумом низвергается душа моя в долины</p></section><section id="n_61"><title><p>61</p></title><p><strong>Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames st&#xFC;rzen! </strong>– И пусть бурный поток любви моей устремится туда, где нет дорог!</p></section><section id="n_62"><title><p>62</p></title><p><strong>wurde tr&#xE4;chtig </strong>– зачала</p></section><section id="n_63"><title><p>63</p></title><p><strong>eingeboren sein </strong>– сродниться</p></section><section id="n_64"><title><p>64</p></title><p><strong>die drehende Krankheit hei&#xDF;e ich’s </strong>– болезнью кружения называю я такие мысли</p></section><section id="n_65"><title><p>65</p></title><p><strong>Zeuge- und Werde-Lust </strong>– радость порождения и становления</p></section><section id="n_66"><title><p>66</p></title><p><strong>so treibt’s den Hammer hin zum Steine </strong>– так молот устремляется на камень</p></section><section id="n_67"><title><p>67</p></title><p><strong>Seid spr&#xF6;de im Annehmen! </strong>– Будьте же равнодушны, принимая что-либо!</p></section><section id="n_68"><title><p>68</p></title><p><strong>Abgezeichnete </strong>– отмеченные клеймом</p></section><section id="n_69"><title><p>69</p></title><p><strong>schwarz schlugen sie ihren Leichnam aus </strong>– в черное облачали они безжизненные тела свои</p></section><section id="n_70"><title><p>70</p></title><p><strong>diese vermummte Tr&#xFC;bsal </strong>– таящееся под рясой уныние</p></section><section id="n_71"><title><p>71</p></title><p><strong>in jede L&#xFC;cke hatten sie ihren Wahn gestellt, ihren L&#xFC;ckenb&#xFC;&#xDF;er, den sie Gott nannten </strong>– в каждую пустую раму вставили они химеру свою – Богом зовется у них эта затычка</p></section><section id="n_72"><title><p>72</p></title><p><strong>dem R&#xFC;ssel des Ebers gleich </strong>– подобно клыкам вепря</p></section><section id="n_73"><title><p>73</p></title><p><strong>reden also heraus aus dem Schilfrohr </strong>– вещают</p></section><section id="n_74"><title><p>74</p></title><p><strong>vom Gesindel </strong>– о толпе</p></section><section id="n_75"><title><p>75</p></title><p><strong>seinen Schlund stopfen </strong>– заткнуть глотку (толпы) 118</p></section><section id="n_76"><title><p>76</p></title><p><strong>am Stabe schlich dem Blinden das Leben </strong>– и с посохом слепца влачилась жизнь моя</p></section><section id="n_77"><title><p>77</p></title><p><strong>steigend sich &#xFC;berwinden </strong>– восходя, превозмогать себя 124</p></section><section id="n_78"><title><p>78</p></title><p><strong>nun wird sie mit Rache auch noch meine Seele drehend machen </strong>– теперь душа моя закружится в вихре мести</p></section><section id="n_79"><title><p>79</p></title><p><strong>gesalbt zu sein und durch Tr&#xE4;nen geweiht zum Opfertier </strong>– стать помазанником и жертвой на заклание, освященной слезами</p></section><section id="n_80"><title><p>80</p></title><p><strong>soll sich nicht &#xFC;ber Abgr&#xFC;nden lagern </strong>– тому не дано устраивать привал над пропастью</p></section><section id="n_81"><title><p>81</p></title><p><strong>Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir </strong>– Что-то неутоленное, неутолимое есть во мне</p></section><section id="n_82"><title><p>82</p></title><p><strong>Solche Rache sinnt meine F&#xFC;lle aus </strong>– такую месть измышляет избыток мой</p></section><section id="n_83"><title><p>83</p></title><p><strong>ihr goldnes Angelr&#xFC;tchen </strong>– ее золотая удочка 134</p></section><section id="n_84"><title><p>84</p></title><p><strong>Das Grablied </strong>– надгробная песнь</p></section><section id="n_85"><title><p>85</p></title><p><strong>mein Herz zu treffen </strong>– чтобы поразить меня в сердце</p></section><section id="n_86"><title><p>86</p></title><p><strong>Meine Gespielen </strong>– товарищи игр моих</p></section><section id="n_87"><title><p>87</p></title><p><strong>Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an </strong>– И запел он унылую, мрачную песню</p></section><section id="n_88"><title><p>88</p></title><p><strong>Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse </strong>– только в эту пяту неуязвим я</p></section><section id="n_89"><title><p>89</p></title><p><strong>Auf Schleichwegen </strong>– потаенными путями</p></section><section id="n_90"><title><p>90</p></title><p><strong>was aber im Dasein ist, wie k&#xF6;nnte das noch zum Dasein wollen </strong>– а то, что есть, не захочет быть, ибо уже есть</p></section><section id="n_91"><title><p>91</p></title><p><strong>ein un&#xFC;berwundenes </strong>– непобежденный</p></section><section id="n_92"><title><p>92</p></title><p><strong>unhold ist mein Geschmack allen diesen Zur&#xFC;ckgezognen </strong>– и не по вкусу мне все эти настороженные</p></section><section id="n_93"><title><p>93</p></title><p><strong>Mit f&#xFC;nfzig Klecksen bemalt </strong>– раскрашенные на пятьдесят ладов</p></section><section id="n_94"><title><p>94</p></title><p><strong>und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe zuwinkte </strong>– и я улетел от вас, как улетел бы от скелета, предложившего мне любовь</p></section><section id="n_95"><title><p>95</p></title><p><strong>ihr Buntgesprenkelten </strong>– вы, размалеванные</p></section><section id="n_96"><title><p>96</p></title><p><strong>unstet </strong>– не на месте</p></section><section id="n_97"><title><p>97</p></title><p><strong>Aber nun will euer entmanntes Schielen ”Beschaulichkeit“ hei&#xDF;en! </strong>– Но ваш взгляд, косой взгляд скопца, хочет называться созерцанием!</p></section><section id="n_98"><title><p>98</p></title><p><strong>Fehlboden </strong>– черный пол (зд.: ложная основа)</p></section><section id="n_99"><title><p>99</p></title><p><strong>Dichter-Erschleichnis </strong>– хитросплетения поэтов</p></section><section id="n_100"><title><p>100</p></title><p><strong>wie bin ich all des Unzul&#xE4;nglichen m&#xFC;de </strong>– как я устал от всего неосуществленного</p></section><section id="n_101"><title><p>101</p></title><p><strong>ein Feuerberg raucht </strong>– дымится вулкан</p></section><section id="n_102"><title><p>102</p></title><p><strong>mit dem Feuerhunde </strong>– с Огненным псом</p></section><section id="n_103"><title><p>103</p></title><p><strong>mit all den Auswurf- und Umsturz-Teufeln </strong>– со всеми демонами извержения и ниспровержения</p></section><section id="n_104"><title><p>104</p></title><p><strong>abg&#xFC;nstig ist er deinem Gurgeln und Speien und Grimmen der Eingeweide </strong>– противны ему твое клокотание, и плевки, и терзания чрева твоего</p></section><section id="n_105"><title><p>105</p></title><p><strong>wie unter den Bruchst&#xFC;cken und Gliedma&#xDF;en von Menschen </strong>– словно среди обломков и разрозненных частей человека</p></section><section id="n_106"><title><p>106</p></title><p><strong>bucklicht reden </strong>– говорить по-горбатому</p></section><section id="n_107"><title><p>107</p></title><p><strong>um nicht auf der Hut zu sein vor Betr&#xFC;gern </strong>– чтобы не остерегаться обманщиков</p></section><section id="n_108"><title><p>108</p></title><p><strong>Klapperschlangen </strong>– гремучие змеи</p></section><section id="n_109"><title><p>109</p></title><p><strong>Das ist dein Unverzeihlichstes </strong>– Вот что тебе непростительно 186</p></section><section id="n_110"><title><p>110</p></title><p><strong>der Schwei&#xDF; flo&#xDF; mir von den Gliedern </strong>– пот градом лился с меня</p></section><section id="n_111"><title><p>111</p></title><p><strong>Gelobt sei, was hart macht! </strong>– Хвала всему, что закаляет!</p></section><section id="n_112"><title><p>112</p></title><p><strong>Von sich absehn </strong>– отвращать взор свой от себя</p></section><section id="n_113"><title><p>113</p></title><p><strong>ruchbar wurde </strong>– распространился слух</p></section><section id="n_114"><title><p>114</p></title><p><strong>Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn tr&#xE4;ufelnd </strong>– он вливал мне свинец через уши в мозг мой – и мысли становились словно капли свинца</p></section><section id="n_115"><title><p>115</p></title><p><strong>das sucht sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele </strong>– ищут себе пристанища в чьей-нибудь светлой душе</p></section><section id="n_116"><title><p>116</p></title><p><strong>Tag- und Nachtwachen haben </strong>– денно и нощно стоять на страже</p></section><section id="n_117"><title><p>117</p></title><p><strong>ob er meiner Art und Abkunft ist </strong>– моего ли он рода</p></section><section id="n_118"><title><p>118</p></title><p><strong>in Leichen-Gew&#xE4;nder </strong>– в саванах</p></section><section id="n_119"><title><p>119</p></title><p><strong>t&#xFC;ckische Sch&#xF6;nheit </strong>– коварная красота</p></section><section id="n_120"><title><p>120</p></title><p><strong>das ungeeure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen </strong>– ничем не ограниченное, беспредельное утверждение и благословение</p></section><section id="n_121"><title><p>121</p></title><p><strong>sie mit zackichten Blitz-Golddr&#xE4;hten festzuheften </strong>– скрепить их зубчатой проволокой золотых молний</p></section><section id="n_122"><title><p>122</p></title><p><strong>Denn er wollte in Erfahrung bringen </strong>– Ибо хотел он знать</p></section><section id="n_123"><title><p>123</p></title><p><strong>weil es mir hart eingeht </strong>– так как мне трудно признать</p></section><section id="n_124"><title><p>124</p></title><p><strong>Damit werden sie jedem zum Ansto&#xDF; </strong>– И так мешают они тем</p></section><section id="n_125"><title><p>125</p></title><p><strong>sich hinter F&#xE4;uste zu verkriechen </strong>– сжиматься в кулаки</p></section><section id="n_126"><title><p>126</p></title><p><strong>gleich Schieferstiften kritzelt </strong>– как скрип грифеля по аспидной доске</p></section><section id="n_127"><title><p>127</p></title><p><strong>Ach, da&#xDF; ihr alles halbe Wollen von euch abt&#xE4;tet </strong>– О, если бы вы стряхнули с себя всякое полужелание</p></section><section id="n_128"><title><p>128</p></title><p><strong>Auf dem &#xF6;lberge </strong>– На горе Елеонской</p></section><section id="n_129"><title><p>129</p></title><p><strong>&#xFC;berliste ich mir die feierlichen Warter </strong>– мне удавалось перехитрить тех, кто преисполнен торжественного ожидания</p></section><section id="n_130"><title><p>130</p></title><p><strong>Mu&#xDF; ich nicht Stelzen tragen, da&#xDF; sie meine langen Beine &#xFC;bersehen </strong>– И разве обойтись мне без ходуль, если хочу я, чтобы не заметили моих длинных ног</p></section><section id="n_131"><title><p>131</p></title><p><strong>Widriges WortSp&#xFC;licht bricht er heraus </strong>– Отвратительные словесные помои изрыгает он</p></section><section id="n_132"><title><p>132</p></title><p><strong>suchen sich W&#xE4;rme bei gebrannten Wassern </strong>– ищут тепла в вине</p></section><section id="n_133"><title><p>133</p></title><p><strong>viel anstellige angestellte Tugend </strong>– много услужливой и служивой добродетели</p></section><section id="n_134"><title><p>134</p></title><p><strong>der F&#xFC;rst denkt, aber der Kr&#xE4;mer </strong>– lenkt – король предполагает, а торгаш – располагает</p></section><section id="n_135"><title><p>135</p></title><p><strong>Von den Abtr&#xFC;nnigen </strong>– Об отступниках</p></section><section id="n_136"><title><p>136</p></title><p><strong>Verzagte ihnen wohl das Herz darob </strong>– Быть может, потому поникло сердце их</p></section><section id="n_137"><title><p>137</p></title><p><strong>Oder sie lernen gruseln bei einem gelahrten Halb-Tollen </strong>– Или поучаются трястись от ужаса у какого-нибудь полоумного ученого</p></section><section id="n_138"><title><p>138</p></title><p><strong>und sank ins Zwerchfell </strong>– и опустилось в утробу мою</p></section><section id="n_139"><title><p>139</p></title><p><strong>alles wird zerredet </strong>– все растерзано словами</p></section><section id="n_140"><title><p>140</p></title><p><strong>zerschabt und zernagt </strong>– изгрызанное и обглоданное</p></section><section id="n_141"><title><p>141</p></title><p><strong>Unter altem Schutte ruhn schlimme D&#xFC;nste </strong>– Губитель-</p></section><section id="n_142"><title><p>142</p></title><p><strong>Mit seligen N&#xFC;stern </strong>– блаженной грудью</p></section><section id="n_143"><title><p>143</p></title><p><strong>zum Dereinst </strong>– к грядущему</p></section><section id="n_144"><title><p>144</p></title><p><strong>die Gl&#xFC;h-Gei&#xDF;el </strong>– огненный бич</p></section><section id="n_145"><title><p>145</p></title><p><strong>duckt und fr&#xF6;nt </strong>– пресмыкается и раболепствует</p></section><section id="n_146"><title><p>146</p></title><p><strong>After Weisheit </strong>– лжемудрость</p></section><section id="n_147"><title><p>147</p></title><p><strong>allen Tinten-Fischen und Feder-F&#xFC;chsen </strong>– для чернильных душ и всех писак с лисьими ухватками</p></section><section id="n_148"><title><p>148</p></title><p><strong>Und was noch Platz hat f&#xFC;r Narren-Zierat, Narren-Schmierat! </strong>– И всему, на чем только рука безумца выводит каракули свои!</p></section><section id="n_149"><title><p>149</p></title><p><strong>Immer I-A sagen </strong>– постоянно повторять И-А («Да»)</p></section><section id="n_150"><title><p>150</p></title><p><strong>man erfliegt das Fliegen nicht </strong>– нельзя сразу научиться полету</p></section><section id="n_151"><title><p>151</p></title><p><strong>f&#xFC;r verschlagene Schiffer und Schifbr&#xFC;chige </strong>– для потерявших дорогу кораблей и потерпевших кораблекрушение</p></section><section id="n_152"><title><p>152</p></title><p><strong>zu Aas und Geiern </strong>– рядом с падалью и коршунами</p></section><section id="n_153"><title><p>153</p></title><p><strong>spannte ich noch das Lachen aus wie ein buntes Gezelt </strong>– пестрым шатром раскидывал я смех свой</p></section><section id="n_154"><title><p>154</p></title><p><strong>in eins zu dichten und zusammenzutragen </strong>– собрать воедино и сплавить все</p></section><section id="n_155"><title><p>155</p></title><p><strong>ein Erstling </strong>– первенец</p></section><section id="n_156"><title><p>156</p></title><p><strong>das reizt alte Gaumen </strong>– истекают слюной беззубые рты 254</p></section><section id="n_157"><title><p>157</p></title><p><strong>Heil uns! </strong>– Счастье нам!</p></section><section id="n_158"><title><p>158</p></title><p><strong>ein gewitzter Unhold </strong>– коварный враг</p></section><section id="n_159"><title><p>159</p></title><p><strong>Also ist alles Vergangene preisgegeben </strong>– Так предается забвению все прошлое</p></section><section id="n_160"><title><p>160</p></title><p><strong>Kreuz- und Querk&#xF6;pfe </strong>– безумцы креста и прочие помешанные</p></section><section id="n_161"><title><p>161</p></title><p><strong>Auch der Moder adelt </strong>– так и тление облагораживает</p></section><section id="n_162"><title><p>162</p></title><p><strong>die Stockmeister </strong>– тюремщики</p></section><section id="n_163"><title><p>163</p></title><p><strong>Und noch nicht einmal Erd-Entr&#xFC;ckte wurdet ihr! </strong>– Нет, вы не отвергли еще даже землю!</p></section><section id="n_164"><title><p>164</p></title><p><strong>Euch soll man mit Ruten streichen! </strong>– Высечь бы вас розгами!</p></section><section id="n_165"><title><p>165</p></title><p><strong>So sollt ihr </strong>– <strong>dahinfahren! </strong>– То придется убраться вам с лица земли!</p></section><section id="n_166"><title><p>166</p></title><p><strong>Hau-Degen sein </strong>– быть рубакой</p></section><section id="n_167"><title><p>167</p></title><p><strong>Hau-Schau-Wen </strong>– кого рубить</p></section><section id="n_168"><title><p>168</p></title><p><strong>ob wir zur gro&#xDF;en Ehe taugen </strong>– годимся ли мы для истинного союза</p></section><section id="n_169"><title><p>169</p></title><p><strong>entspringen </strong>– возникнуть</p></section><section id="n_170"><title><p>170</p></title><p><strong>Du Wende aller Not </strong>– Ты, отвратительница всех несчастий</p></section><section id="n_171"><title><p>171</p></title><p><strong>blitzschwangrer Wolke </strong>– туча, чреватая молниями</p></section><section id="n_172"><title><p>172</p></title><p><strong>Kn&#xFC;pfe die Fessel deiner Ohren los </strong>– Разреши узы слуха твоего</p></section><section id="n_173"><title><p>173</p></title><p><strong>ans Licht gest&#xFC;lpt </strong>– извлек на свет</p></section><section id="n_174"><title><p>174</p></title><p><strong>In jedem Nu </strong>– каждый миг</p></section><section id="n_175"><title><p>175</p></title><p><strong>Drehorgeln </strong>– шарманщик</p></section><section id="n_176"><title><p>176</p></title><p><strong>Nicht an dies Marterholz war ich geheftet </strong>– Но не на том познании был я распят</p></section><section id="n_177"><title><p>177</p></title><p><strong>Wiederkunft </strong>– возвращение</p></section><section id="n_178"><title><p>178</p></title><p><strong>»Nabelschnur der Zeit« </strong>– «Пуп времени»</p></section><section id="n_179"><title><p>179</p></title><p><strong>Winzer </strong>– виноградарь</p></section><section id="n_180"><title><p>180</p></title><p><strong>du Ausbund und Unband </strong>– ты – верх совершенства и неукротимости</p></section><section id="n_181"><title><p>181</p></title><p><strong>meine Gemse </strong>– моя серна</p></section><section id="n_182"><title><p>182</p></title><p><strong>Feuerfl&#xFC;sse heraufschnob </strong>– Изрыгая в пространство потоки огня</p></section><section id="n_183"><title><p>183</p></title><p><strong>A und O </strong>– альфа и омега</p></section><section id="n_184"><title><p>184</p></title><p><strong>fl&#xE4;chsern </strong>– льняной</p></section><section id="n_185"><title><p>185</p></title><p><strong>tue dich auf </strong>– разверзнись</p></section><section id="n_186"><title><p>186</p></title><p><strong>gespreizter Zornschnauber vor Warten </strong>– надутый от ожидания и пышущий гневом</p></section><section id="n_187"><title><p>187</p></title><p><strong>bis auf das letzte Korn vertan </strong>– истратил до последней капли</p></section><section id="n_188"><title><p>188</p></title><p><strong>du seufzender Trauersack </strong>– ты, мешок печалей и воздыханий</p></section><section id="n_189"><title><p>189</p></title><p><strong>H&#xF6;re davon auf zu pl&#xE4;tschern </strong>– перестань болтать</p></section><section id="n_190"><title><p>190</p></title><p><strong>und jeglich Vieh aus der Arche No&#xE4;h </strong>– и все зверье из Ноева ковчега</p></section><section id="n_191"><title><p>191</p></title><p><strong>im Jahre des Heiles Eins </strong>– в первый год от Рождества Христова</p></section><section id="n_192"><title><p>192</p></title><p><strong>Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude </strong>– В блудницу превратился Рим</p></section><section id="n_193"><title><p>193</p></title><p><strong>Der Blutegel </strong>– Пиявка</p></section><section id="n_194"><title><p>194</p></title><p><strong>Schr&#xF6;pfkopf </strong>– (кровососная) банка</p></section><section id="n_195"><title><p>195</p></title><p><strong>das w&#xE4;re ein Ungeheures, wie d&#xFC;rfte ich mich dessen unterfangen </strong>– это было бы слишком, если бы решился я на это</p></section><section id="n_196"><title><p>196</p></title><p><strong>wie ein Tobs&#xFC;chtiger </strong>– как бесноватый</p></section><section id="n_197"><title><p>197</p></title><p><strong>Du Folterer! </strong>– Истязатель!</p></section><section id="n_198"><title><p>198</p></title><p><strong>L&#xF6;segeld </strong>– выкуп 324</p></section><section id="n_199"><title><p>199</p></title><p><strong>Ich bin nicht auf der Hut vor Betr&#xFC;gern </strong>– Я не остерегаюсь обманщиков</p></section><section id="n_200"><title><p>200</p></title><p><strong>entzaubert </strong>– разочарован</p></section><section id="n_201"><title><p>201</p></title><p><strong>dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfu&#xDF; </strong>– этот проклятый хромоногий карлик</p></section><section id="n_202"><title><p>202</p></title><p><strong>Unterweisung </strong>– наставление</p></section><section id="n_203"><title><p>203</p></title><p><strong>zum Entgelt – в награду</strong></p></section><section id="n_204"><title><p>204</p></title><p><strong>Ich trete alle Wege tot und zuschanden </strong>– Всякую дорогу запечатлеваю я смертью и позором</p></section><section id="n_205"><title><p>205</p></title><p><strong>vor gro&#xDF;em Mi&#xDF;raten </strong>– перед великой неудачей</p></section><section id="n_206"><title><p>206</p></title><p><strong>um sich sp&#xE4;hete </strong>– осмотрелся вокруг</p></section><section id="n_207"><title><p>207</p></title><p><strong>gaben nicht auf den acht </strong>– не обращали внимания на того</p></section><section id="n_208"><title><p>208</p></title><p><strong>zutraulich anschnauften </strong>– доверчиво взирали</p></section><section id="n_209"><title><p>209</p></title><p><strong>sich h&#xE4;utet </strong>– сбрасывает кожу</p></section><section id="n_210"><title><p>210</p></title><p><strong>er betupft mich </strong>– он касается меня</p></section><section id="n_211"><title><p>211</p></title><p><strong>Gras-Gefl&#xFC;gel </strong>– полевая птица</p></section><section id="n_212"><title><p>212</p></title><p><strong>unwirsch </strong>– неприветливый, грубый</p></section><section id="n_213"><title><p>213</p></title><p><strong>in meinem Reviere </strong>– в своих владениях</p></section><section id="n_214"><title><p>214</p></title><p><strong>die Zweisiedler </strong>– кто одинок вдвоем</p></section><section id="n_215"><title><p>215</p></title><p><strong>mi&#xDF;gestalt </strong>– уродливо</p></section><section id="n_216"><title><p>216</p></title><p><strong>von dannen </strong>– отсюда</p></section><section id="n_217"><title><p>217</p></title><p><strong>uns geb&#xFC;hrt Wein </strong>– нам подобает вино</p></section><section id="n_218"><title><p>218</p></title><p><strong>mu&#xDF; auch mit Hand anlegen </strong>– должен приложить руку свою</p></section><section id="n_219"><title><p>219</p></title><p><strong>das Abendmahl </strong>– Вечеря</p></section><section id="n_220"><title><p>220</p></title><p><strong>krei&#xDF;t </strong>– мечется в родовых муках</p></section><section id="n_221"><title><p>221</p></title><p><strong>nach denen sollen nicht Schafs-Klauen greifen </strong>– их не смеют попирать овцы копытами своими</p></section><section id="n_222"><title><p>222</p></title><p><strong>ableiten </strong>– отвращать</p></section><section id="n_223"><title><p>223</p></title><p><strong>Heulen und Z&#xE4;hneklappern verhie&#xDF; er uns </strong>– Предвещал нам плач и скрежет зубовный</p></section><section id="n_224"><title><p>224</p></title><p><strong>Plumpf&#xFC;&#xDF;ler von Anbeginn </strong>– неуклюжие от рождения</p></section><section id="n_225"><title><p>225</p></title><p><strong>Das Lied der Schwermut </strong>– Песнь тоски</p></section><section id="n_226"><title><p>226</p></title><p><strong>ein Widersacher </strong>– противник</p></section><section id="n_227"><title><p>227</p></title><p><strong>Mummenschanze </strong>– маскарад</p></section><section id="n_228"><title><p>228</p></title><p><strong>Der Wahrheit Freier </strong>– Истины Жених</p></section><section id="n_229"><title><p>229</p></title><p><strong>mit starker Manns-Kost </strong>– сильный, мужской</p></section><section id="n_230"><title><p>230</p></title><p><strong>wie beb&#xE4;nderte R&#xE4;tsel </strong>– словно разукрашенные лентами загадки</p></section><section id="n_231"><title><p>231</p></title><p><strong>Sela </strong>– Селах</p></section><section id="n_232"><title><p>232</p></title><p><strong>Einer Dattel gleich </strong>– Словно финик</p></section><section id="n_233"><title><p>233</p></title><p><strong>umsphinxt </strong>– осфинксован 396</p></section><section id="n_234"><title><p>234</p></title><p><strong>mit Bl&#xE4;h-Gem&#xFC;sen </strong>– гнилыми овощами</p></section><section id="n_235"><title><p>235</p></title><p><strong>Litanei </strong>– литания</p></section><section id="n_236"><title><p>236</p></title><p><strong>Und treibst hier solchen G&#xF6;tzen und Pfaffendienst </strong>– А сам грешишь идолопоклонством, участвуя во всяких поповских ухищрениях</p></section><section id="n_237"><title><p>237</p></title><p><strong>l&#xE4;&#xDF;t sich Zeit </strong>– может позволить себе не торопиться</p></section><section id="n_238"><title><p>238</p></title><p><strong>seine Zunge lallte </strong>– его язык заплетался</p></section><section id="n_239"><title><p>239</p></title><p><strong>wandeln </strong>– странствовать</p></section><section id="n_240"><title><p>240</p></title><p><strong>Wein ward Hefe </strong>– прокисло вино</p></section><section id="n_241"><title><p>241</p></title><p><strong>n&#xFC;chtern </strong>– трезво</p></section><section id="n_242"><title><p>242</p></title><p><strong>g&#xFC;rtete sich die Lenden </strong>– препоясал чресла 420</p></section></body><binary id="cover" 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