<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>foreign_language</genre><genre>literature_20</genre><genre>foreign_prose</genre><author><first-name>Erich Maria</first-name><last-name>Remarque</last-name><id>5b4f5fdd-2a81-102a-9ae1-2dfe723fe7c7</id></author><author><first-name>Нина</first-name><middle-name>Львовна</middle-name><last-name>Гильчёнок</last-name><id>00086c0e-aef5-11e2-ac71-002590591ea6</id></author><book-title>Drei Kameraden / Три товарища. Книга для чтения на немецком языке</book-title><annotation><p>Роман «Три товарища» – одно из наиболее известных и читаемых произведений Э. М. Ремарка. Издается с сокращениями, не затрагивающими основную сюжетную линию. Постраничный комментарий содержит пояснения иноязычной лексики, реалий, фразеологических единиц, отступления от литературной нормы и авторских сложных слов.</p></annotation><keywords>лексический материал,текстовый материал,немецкая литература,немецкая классика,книги для чтения на немецком языке</keywords><date value="2017-01-01">2017</date><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Чтение в оригинале (Каро)"><sequence name="Moderne Prosa"/></sequence></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used> Presto, FictionBook Editor Release 2.6.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2018-09-16">16.09.2018</date><src-url>http://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=37395706</src-url><id>c996199a-b0f9-11e8-bb1b-0cc47a5203ba</id><version>1</version><history><p>v 1.0</p></history><publisher><first-name>Литагент</first-name><last-name>Каро</last-name><id>5a15d18d-5523-11e4-9277-002590591ed2</id></publisher></document-info><publish-info><book-name>Drei Kameraden / Три товарища. книга для чтения на немецком</book-name><publisher>КАРО</publisher><city>Санкт-Петербург</city><year>2017</year><isbn>978-5-9925-0266-4</isbn><sequence name="Moderne Prosa"/></publish-info></description><body><title><p>Erich Maria Remarque / Эрих Мария Ремарк</p><p>Drei Kameraden / Три товарища. книга для чтения на немецком</p></title><section><p><emphasis>First published in the German language as “Drei Kameraden” by Erich Maria Remarque</emphasis></p><empty-line/><p>© 1964, 1991, 1998 by Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch GmbH &amp; Co. KG, Cologne/Germany</p><p>© Издательско-полиграфический центр КАРО, 2013</p></section><section><title><p>От составителя</p></title><p>До тех пор, пока мир будет таким, каков он есть, роман «Три товарища», как и другие антивоенные романы Эриха Марии Ремарка, будет актуален.</p><p>Люди не перестают воевать, и жертвой становится молодое поколение, которое посылают на войну под всевозможными патриотическими лозунгами.</p><p>Те, кто не погибает на фронте, возвращаются домой морально опустошенными, утратившими былые идеалы и надежды на будущее, – становятся «потерянным поколением» (“die verlorene Generation”). Так было после двух мировых войн, так происходит и в наши дни.</p><p>Возвратившись домой, бывшие солдаты не могут осуществить довоенные планы и мечты, часто не находят своего места в мирной жизни. Главное и, пожалуй, единственное, во что они верят и что у них остается – это фронтовое товарищество, фронтовые друзья – Kameraden, которые всегда поймут, придут на помощь, не предадут.<a l:href="#n_1" type="note">[1]</a></p><p>Роман «Три товарища» рассказывает о послевоенной жизни людей, прошедших в юности мировую войну, об их попытках найти свое место в мирной жизни, об их взаимовыручке и любви одного из них, Роберта Локампа, к девушке по имени Патриция (Пат). Можно сказать, что это, в первую очередь, роман о любви, которая для молодого человека, прошедшего войну и душевно покалеченного, значит так много.</p><p>Роман написан от первого лица (Ich – Erz&#xE4;hler); по способу развития сюжета, охвату и оценке событий – это роман от первого лица множественного числа, потому что каждый из трех товарищей ощущает себя частью единого «мы».</p><p>Язык романа не сложен, важное место в нем занимает диалог.</p><p>Роман издается с сокращениями, не затрагивающими основную сюжетную линию.</p><p>Постраничный комментарий содержит пояснение иноязычной лексики, реалий, ряда фразеологических единиц, отступлений от литературной нормы и авторских сложных слов.</p></section><section><title><p>I</p></title><p>Der Himmel war gelb wie Messing und noch nicht verqualmt vom Rauch der Schornsteine. Hinter den D&#xE4;chern der Fabrik leuchtete er sehr stark. Die Sonne musste gleich aufgehen. Ich sah nach der Uhr. Es war noch vor acht. Eine Viertelstunde zu fr&#xFC;h.</p><p>Ich schloss das Tor auf und machte die Benzinpumpe fertig. Um diese Zeit kamen immer schon ein paar Wagen vorbei, die tanken wollten.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Merkw&#xFC;rdiges Gef&#xFC;hl, so ein Geburtstag, auch wenn man sich nichts draus machte. Drei&#xDF;ig Jahre – es hatte eine Zeit gegeben, da glaubte ich, nie zwanzig werden zu k&#xF6;nnen, so weit weg erschien mir das.</p><p>Und dann —</p><p>Ich zog einen Briefbogen aus dem Fach und fing an zu rechnen. Die Kinderzeit, die Schule, – das war ein Komplex, fern, irgendwo, schon nicht mehr wahr; Das richtige Leben begann erst 1916. Da war ich gerade Rekrut geworden, d&#xFC;nn, hochgeschossen, achtzehn Jahre alt, und &#xFC;bte nach dem Kommando eines schnauzb&#xE4;rtigen Unteroffiziers auf den Sturz&#xE4;ckern<a l:href="#n_2" type="note">[2]</a> hinter der Kaserne Hinlegen und Aufstehen.</p><p>1917. Flandern. Middendorf und ich hatten in der Kantine eine Flasche Rotwein gekauft. Damit wollten wir feiern. Aber wir kamen nicht dazu. Fr&#xFC;hmorgens fing das schwere Feuer der Engl&#xE4;nder an. K&#xF6;ster wurde mittags verwundet, Meyer und Deters fielen nachmittags. Und abends, als wir schon glaubten Ruhe zu haben und die Flasche aufmachten, kam Gas und quoll in die Unterst&#xE4;nde. Wir hatten zwar rechtzeitig die Masken auf, aber die von Middendorf war kaputt. Als er es merkte, war es zu sp&#xE4;t. Bis sie abgerissen und eine neue gefunden war, hatte er schon zu viel Gas geschluckt und brach bereits Blut. Er starb am n&#xE4;chsten Morgen, gr&#xFC;n und schwarz im Gesicht. Sein Hals war ganz zerrissen, – so hatte er mit den N&#xE4;geln versucht ihn aufzukratzen um Luft zu kriegen.</p><p>1918. Das war im Lazarett. Neben mir lag Josef Stoll. Er hatte keine Beine mehr, aber er wusste es noch nicht. Er h&#xE4;tte es auch nicht geglaubt, denn er sp&#xFC;rte Schmerzen in den F&#xFC;&#xDF;en.</p><p>1919. Wieder zu Hause. Revolution. Hunger. Drau&#xDF;en immerfort Maschinengewehrgeknatter. Soldaten gegen Soldaten. Kameraden gegen Kameraden.</p><p>1920. Putsch<a l:href="#n_3" type="note">[3]</a>. Karl Br&#xF6;ger erschossen. K&#xF6;ster und Lenz verhaftet. Meine Mutter im Krankenhaus. Krebs im letzten Stadium.</p><p>1921 —</p><p>Ich dachte nach. Ich wusste es nicht mehr. Das Jahr fehlte einfach. 1922 war ich Bahnarbeiter in Th&#xFC;ringen gewesen, 1923 Reklamechef einer Gummifabrik. Das war in der Inflation. Zweihundert Billionen Mark hatte ich monatlich verdient. Zweimal am Tage gab es Geld und hinterher jedesmal eine halbe Stunde Urlaub, damit man in die L&#xE4;den rasen und etwas kaufen konnte, bevor der n&#xE4;chste Dollarkurs rauskam; – dann war das Geld nur noch die H&#xE4;lfte wert. Und dann? Die Jahre darauf? Ich legte den Bleistift hin. Hatte keinen Zweck, das alles nachzurechnen. Meinen letzten Geburtstag hatte ich im Cafe International gefeiert. Da war ich ein Jahr lang Stimmungspianist<a l:href="#n_4" type="note">[4]</a> gewesen. Dann hatte ich K&#xF6;ster und Lenz wieder getroffen. Und jetzt sa&#xDF; ich hier in der Aurewe<a l:href="#n_5" type="note">[5]</a>: – AutoReparatur-Werkstatt K&#xF6;ster und Co. Der Co. waren Lenz und ich, aber die Werkstatt geh&#xF6;rte eigentlich K&#xF6;ster allein. Er war fr&#xFC;her unser Schulkamerad und unser Kompagnief&#xFC;hrer gewesen; dann Flugzeugf&#xFC;hrer, sp&#xE4;ter eine Zeitlang Student, dann Rennfahrer, – und schlie&#xDF;lich hatte er die Bude hier gekauft. Erst war Lenz, der sich einige Jahre in S&#xFC;damerika herumgetrieben hatte, dazugekommen; – dann ich.</p><p>Ich nahm eine Zigarette aus der Tasche. Eigentlich konnte ich ganz zufrieden sein. Es ging mir nicht schlecht, ich hatte Arbeit, ich war kr&#xE4;ftig, ich wurde nicht leicht m&#xFC;de, ich war heil, wie man das so nennt; – aber es war doch besser, nicht allzuviel dar&#xFC;ber nachzudenken.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Drau&#xDF;en quietschte das Tor. Ich zerriss den Zettel mit den Daten meines Lebens und warf ihn in den Papierkorb. Die T&#xFC;r flog auf. Gottfried Lenz stand im Rahmen, lang, mager, mit strohblonder M&#xE4;hne und einer Nase, die f&#xFC;r einen ganz andern Mann gepasst h&#xE4;tte. „Robby”, br&#xFC;llte er, „alter Speckj&#xE4;ger, steh auf und nimm die Knochen zusammen<a l:href="#n_6" type="note">[6]</a>! Deine Vorgesetzten wollen mit dir reden!”</p><p>„Herrgott!” Ich stand auf. „Ich habe gehofft, ihr h&#xE4;ttet nicht dran gedacht! Macht’s gn&#xE4;dig, Kinder<a l:href="#n_7" type="note">[7]</a>!”</p><p>„Das k&#xF6;nnte dir so passen!” Gottfried legte ein Paket auf den Tisch, in dem es m&#xE4;chtig klirrte. K&#xF6;ster kam hinter ihm drein. Lenz baute sich vor mir auf. „Robby, was ist dir heute morgen zuerst begegnet?”</p><p>Ich dachte nach. „Ein tanzendes, altes Weib.”</p><p>„Heiliger Moses! Ein schlechtes Vorzeichen! Passt aber zu deinem Horoskop. Habe es gestern gestellt<a l:href="#n_8" type="note">[8]</a>. Du bist ein Kind des Sch&#xFC;tzen<a l:href="#n_9" type="note">[9]</a>, unzuverl&#xE4;ssig, schwankend, ein Rohr im Winde, mit verd&#xE4;chtigen Saturntrigonen<a l:href="#n_10" type="note">[10]</a> und einem l&#xE4;dierten Jupiter<a l:href="#n_11" type="note">[11]</a> in diesem Jahr. Da Otto und ich Vater und Mutterstelle an dir vertreten, &#xFC;berreiche ich dir deshalb als erster etwas zum Schutz. Nimm dieses Amulett! Eine Nachkommin der Inkas<a l:href="#n_12" type="note">[12]</a> hat es mir dereinst &#xFC;berlassen.</p><p>Er h&#xE4;ngte mir eine kleine schwarze Figur an einer d&#xFC;nnen Kette um den Hals. „So! Das ist gegen die h&#xF6;here Misere, – gegen die t&#xE4;gliche hier: sechs Flaschen Rum von Otto! Doppelt so alt wie du!”</p><p>Er &#xF6;ffnete das Paket und stellte die Flaschen einzeln in die Morgensonne. Sie schimmerten wie Bernstein. „Sieht wunderbar aus”, sagte ich.</p><p>Jetzt k&#xF6;nnen wir getrost an unser Tagewerk gehen und dem alten Cadillac<a l:href="#n_13" type="note">[13]</a> die Eingeweide &#xF6;len – ”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir arbeiteten, bis es d&#xE4;mmerig wurde. Dann wuschen wir uns und zogen uns um. Lenz sah begehrlich zu der Flaschenreihe hin&#xFC;ber.</p><p>„Wollen wir einer den Hals brechen?”<a l:href="#n_14" type="note">[14]</a></p><p>„Das muss Robby entscheiden”, sagte K&#xF6;ster. „Es ist nicht fein, Gottfried, dem Beschenkten so plump mit dem Zaunpfahl zu winken<a l:href="#n_15" type="note">[15]</a>.”</p><p>„Noch weniger fein ist es, die Schenker verdursten zu lassen”, erwiderte Lenz und machte eine Flasche auf.</p><p>Der Geruch verbreitete sich sofort durch die ganze Werkstatt.</p><p>„Heiliger Moses”, sagte Gottfried.</p><p>Wir schnupperten alle. „Phantastisch, Otto. Man muss schon in die hohe Poesie gehen, um da w&#xFC;rdige Vergleiche zu finden.”</p><p>„Zu schade f&#xFC;r die dunkle Bude hier!” entschied Lenz. „Wisst ihr was? Wir fahren raus, essen irgendwo zu Abend und nehmen die Flasche mit. In Gottes freier Natur wollen wir sie aussaufen!”</p><p>„Gl&#xE4;nzend.”</p><p>Wir schoben den Cadillac beiseite, an dem wir nachmittags gearbeitet hatten. Hinter ihm stand ein sonderbares Ding auf R&#xE4;dern. Es war der Rennwagen Otto K&#xF6;sters, der Stolz der Werkstatt.</p><p>K&#xF6;ster hatte den Wagen, eine hochbordige, alte Kiste, seinerzeit auf einer Auktion f&#xFC;r ein Butterbrot gekauft.<a l:href="#n_16" type="note">[16]</a> Fachleute, die ihn damals sahen, bezeichneten ihn ohne Z&#xF6;gern als interessantes St&#xFC;ck f&#xFC;r ein Verkehrsmuseum. Der Konfektion&#xE4;r Bollwies, Besitzer einer Damenm&#xE4;ntelfabrik und Rennamateur, riet Otto eine N&#xE4;hmaschine daraus zu machen. Aber K&#xF6;ster k&#xFC;mmerte sich nicht darum. Er zerlegte den Wagen wie eine Taschenuhr und arbeitete Monate hindurch bis in die N&#xE4;chte daran herum. Eines Abends erschien er dann mit ihm vor der Bar, in der wir gew&#xF6;hnlich sa&#xDF;en. Bollwies fiel vor Lachen fast um, als er ihn wieder erblickte, so komisch sah er immer noch aus. Um einen Witz zu machen, bot er Otto eine Wette an. Er wollte zweihundert Mark gegen zwanzig setzen, wenn K&#xF6;ster ein Rennen gegen seinen neuen Sportwagen ann&#xE4;hme; – Strecke zehn Kilometer, ein Kilometer Vorgabe<a l:href="#n_17" type="note">[17]</a> f&#xFC;r Ottos Wagen. K&#xF6;ster nahm die Wette an. Alles lachte und versprach sich einen Riesenspa&#xDF;. Aber Otto tat noch mehr; er lehnte die Vorgabe ab und erh&#xF6;hte die Wette mit unbewegter Miene auf tausend Mark gegen tausend Mark. Bollwies fragte ihn entgeistert, ob er ihn in eine Irrenanstalt bringen solle. K&#xF6;ster lie&#xDF; als Antwort nur seinen Motor an. Beide brachen daraufhin sofort auf, um die Sache auszutragen. Bollwies kam nach einer halben Stunde so verst&#xF6;rt zur&#xFC;ck, als h&#xE4;tte er die Seeschlange gesehen. Schweigend schrieb er den Scheck aus und einen zweiten dazu. Er wollte die Maschine jetzt auf der Stelle kaufen. Aber K&#xF6;ster lachte ihn aus. Er h&#xE4;tte sie f&#xFC;r kein Geld der Erde mehr hergegeben. Doch so tadellos der Wagen nun innen auch war, – von au&#xDF;en sah er immer noch w&#xFC;st aus. Wir h&#xE4;tten das alles besser machen k&#xF6;nnen; – aber wir hatten einen Grund, es nicht zu tun.</p><p>Der Wagen hie&#xDF; Karl. Karl, das Chausseegespenst.</p><p>Karl schnob die Chaussee entlang.</p><p>„Otto” sagte ich, „da kommt ein Opfer.”</p><p>Hinter uns hupte ungeduldig ein schwerer Buick<a l:href="#n_18" type="note">[18]</a>. Er holte rasch auf. Bald lagen die K&#xFC;hler nebeneinander. Der Mann am Steuer sah l&#xE4;ssig her&#xFC;ber. Sein Blick streifte von oben herab den ruppigen Karl. Dann wendete er sich ab und hatte uns schon vergessen.</p><p>Ein paar Sekunden sp&#xE4;ter musste er feststellen, dass Karl sich immer noch auf gleicher H&#xF6;he mit ihm befand. Er r&#xFC;ckte sich etwas zurecht, blickte uns am&#xFC;siert an und gab Gas. Aber Karl wankte nicht. Wie ein Terrier<a l:href="#n_19" type="note">[19]</a> neben einer Dogge<a l:href="#n_20" type="note">[20]</a> hielt er sich weiter klein und flink neben der strahlenden Lokomotive aus Nickel und Lack.</p><p>Ein paar Minuten sp&#xE4;ter blinzelte K&#xF6;ster uns zu. Karl verlor unmerklich an Tempo, und der Buick r&#xFC;ckte langsam vor. Seine breiten, blinkenden Kotfl&#xFC;gel dr&#xFC;ckten sich an uns vorbei. Allm&#xE4;hlich gewann er ungef&#xE4;hr zwanzig Meter, – da erschien auch schon, wie wir es erwartet hatten, das Gesicht des Besitzers im Fenster und grinste offenen Triumph. Er glaubte, gewonnen zu haben.</p><p>Aber der Mann tat noch ein &#xFC;briges. Er winkte uns zu doch nachzukommen. „Otto!” sagte Lenz mahnend.</p><p>Aber er brauchte nichts zu sagen. Karl machte im selben Moment schon einen Sprung. Und pl&#xF6;tzlich verschwand die winkende Hand im Fenster – denn Karl folgte der Aufforderung; er kam. Unschuldig fragend schauten wir hinauf zu dem Mann am Steuer; wir wollten gerne wissen, weshalb er uns gewinkt hatte. Doch der sah krampfhaft nach der anderen Seite und Karl zog jetzt erst mit vollem Gas davon…</p><p>„Gut gemacht, Otto”, sagte Lenz zu K&#xF6;ster. „Dem Mann wird sein Abendbrot nicht schmecken.”</p><p>Diese Jagden waren der Grund, weshalb wir Karls Karosserie nicht &#xE4;nderten.</p><p>Lenz behauptete, Karl wirke erzieherisch. Er lehre die Leute Ehrfurcht vor dem Sch&#xF6;pferischen, das immer in einer unscheinbaren H&#xFC;lle stecke.</p><p>Wir hielten vor einem kleinen Gasthaus und kletterten aus dem Wagen.</p><p>Lenz st&#xFC;rzte dem Geruch nach ins Haus. Verkl&#xE4;rt kam er zur&#xFC;ck. „Ihr m&#xFC;sstet die Bratkartoffeln sehen! Rasch, sonst ist das Beste runter!”</p><p>In diesem Augenblick summte noch ein Wagen heran. Wie angenagelt blieben wir stehen. Es war der Buick. Er hielt mit scharfem Ruck neben Karl. „Hoppla!” sagte Lenz. Wir hatten schon &#xF6;fter Schl&#xE4;gereien wegen &#xE4;hnlicher Sachen gehabt.</p><p>Der Mann stieg aus. Missvergn&#xFC;gt schielte er nach Karl, streifte dann ein Paar dicke, gelbe Handschuhe ab und kam heran.</p><p>„Is denn das f&#xFC;r ‘n Modell<a l:href="#n_21" type="note">[21]</a>, Ihr Wagen da?” fragte er K&#xF6;ster, der ihm am n&#xE4;chsten stand, mit einem Gesicht wie eine Essiggurke.</p><p>Wir sahen ihn alle drei eine Weile schweigend an. Sicherlich hielt er uns f&#xFC;r Monteure im Sonntagsanzug auf einer Schwarzfahrt<a l:href="#n_22" type="note">[22]</a>. „Haben Sie etwas gesagt?” fragte Otto dann schlie&#xDF;lich zweifelnd, um ihn zu belehren, dass er h&#xF6;flicher sein k&#xF6;nnte.</p><p>Der Mann wurde rot. „Ich habe nach dem Wagen da gefragt”, erkl&#xE4;rte er brummig im selben Tone wie vorher.</p><p>Lenz richtete sich auf. Seine gro&#xDF;e Nase zuckte. Er hielt au&#xDF;erordentlich auf H&#xF6;flichkeit bei anderen. Aber bevor er den Mund auftun konnte, &#xF6;ffnete sich pl&#xF6;tzlich, wie durch eine Geisterhand, die zweite T&#xFC;r des Buick; – ein schmaler Fu&#xDF; glitt heraus, ein schmales Knie folgte, – dann stieg ein M&#xE4;dchen aus und schritt langsam auf uns zu. &#xDC;berrascht blickten wir uns an. Wir hatten vorher nicht gesehen, dass noch jemand im Wagen war. Lenz ver&#xE4;nderte sofort seine Haltung. Er l&#xE4;chelte &#xFC;ber sein ganzes sommersprossiges Gesicht. Wir l&#xE4;chelten auf einmal alle, wei&#xDF; der Kuckuck,<a l:href="#n_23" type="note">[23]</a> warum.</p><p>Der Dicke schaute uns verbl&#xFC;fft an. „Binding”, sagte er schlie&#xDF;lich, mit einer halben Verbeugung, als k&#xF6;nne er sich an seinem Namen festhalten.</p><p>Das M&#xE4;dchen war jetzt ganz herangekommen. Wir wurden noch freundlicher. „Zeig doch mal den Wagen, Otto”, sagte Lenz mit einem raschen Blick zu K&#xF6;ster hin.</p><p>„Warum nicht”, erwiderte Otto und gab den Blick belustigt zur&#xFC;ck.</p><p>„Ich w&#xFC;rde ihn wirklich gern mal sehen”, sagte Binding bereits vers&#xF6;hnlicher.</p><p>Beide gingen zum Parkplatz hin&#xFC;ber und K&#xF6;ster klappte Karls Motorhaube hoch.</p><p>Das M&#xE4;dchen ging nicht mit. Es blieb schlank und schweigend neben Lenz und mir in der D&#xE4;mmerung stehen. Ich erwartete, dass Gottfried die Gelegenheit ausn&#xFC;tzen und losgehen w&#xFC;rde wie eine Bombe. Er war f&#xFC;r solche Situationen. Doch er schien die Sprache verloren zu haben.</p><p>„Entschuldigen Sie bitte”, sagte ich schlie&#xDF;lich. „Wir haben nicht gesehen, dass Sie im Wagen waren. Sonst h&#xE4;tten wir den Unfug vorhin sicher nicht gemacht.”</p><p>Das M&#xE4;dchen sah mich an. „Aber warum denn nicht?” erwiderte sie ruhig, mit einer &#xFC;berraschend dunklen Stimme. „So schlimm war das doch gar nicht.”</p><p>„Schlimm nicht, aber auch nicht ganz anst&#xE4;ndig. Der Wagen da l&#xE4;uft ungef&#xE4;hr zweihundert Kilometer.”</p><p>Sie beugte sich etwas vor und steckte die H&#xE4;nde in die Taschen ihres Mantels. „Zweihundert Kilometer?”</p><p>„Genau hundertneunundachtzig Komma zwei, amtlich abgestoppt”, erkl&#xE4;rte Lenz, wie aus der Pistole geschossen, stolz.</p><p>Es entstand eine Pause.</p><p>„Wunderbares Wetter”, sagte ich endlich, um das Schweigen zu unterbrechen.</p><p>„Ja, herrlich”, erwiderte das M&#xE4;dchen.</p><p>„Und so milde”, f&#xFC;gte Lenz hinzu.</p><p>„Sogar ungew&#xF6;hnlich milde”, erg&#xE4;nzte ich.</p><p>Es entstand eine neue Pause. Das M&#xE4;dchen musste uns f&#xFC;r ziemliche Schafsk&#xF6;pfe halten; aber mir fiel beim besten Willen nichts mehr ein.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>K&#xF6;ster und Binding kamen zur&#xFC;ck. Binding war in den paar Minuten ein ganz anderer Mann geworden. Er schien einer dieser Autonarren<a l:href="#n_24" type="note">[24]</a> zu sein, die ganz selig sind, wenn sie irgendwo einen Fachmann finden, mit dem sie reden k&#xF6;nnen.</p><p>„Wollen wir zusammen essen?” fragte er.</p><p>„Selbstverst&#xE4;ndlich”, erwiderte Lenz.</p><p>Wir gingen hinein. Unter der T&#xFC;r blinzelte Gottfried mir zu und nickte zu dem M&#xE4;dchen hin&#xFC;ber.</p><p>Wir folgten den andern. Sie sa&#xDF;en schon am Tisch. Die Wirtin kam gerade mit der Leber und den Bratkartoffeln. Sie brachte au&#xDF;erdem eine gro&#xDF;e Flasche Kornschnaps als Einleitung mit.</p><p>Binding erwies sich als wahrer Sturzbach von einem Redner. Es war erstaunlich, was er alles &#xFC;ber Automobile zu sagen hatte. Als er h&#xF6;rte, dass Otto auch Rennen gefahren hatte, kannte seine Zuneigung &#xFC;berhaupt keine Grenzen mehr.</p><p>Das M&#xE4;dchen sa&#xDF; zwischen Lenz und mir. Es hatte den Mantel ausgezogen und trug darunter ein graues englisches Kost&#xFC;m. Um den Hals hatte es ein wei&#xDF;es Tuch gekn&#xFC;pft, das aussah wie eine Reitkrawatte. Ihr Haar war braun und seidig und hatte im Lampenlicht einen bernsteinfarbenen Schimmer. Das Gesicht war schmal und blass, aber die gro&#xDF;en Augen gaben ihm eine fast leidenschaftliche Kraft. Sie sah sehr gut aus, fand ich; – aber ich dachte mir nichts weiter dabei.</p><p>Lenz dagegen war jetzt Feuer und Flamme. Er war v&#xF6;llig verwandelt gegen vorhin. Sein gelber Schopf gl&#xE4;nzte wie die Haube eines Wiedehopfs. Er lie&#xDF; ein Feuerwerk von Einf&#xE4;llen los und beherrschte mit Binding zusammen den Tisch. Lenz schlug sich pl&#xF6;tzlich vor die Stirn: „Der Rum! Robby, hol mal unsern Geburtstagsrum!”<a l:href="#n_25" type="note">[25]</a></p><p>„Geburtstag? Hat denn jemand Geburtstag?” fragte das M&#xE4;dchen.</p><p>„Ich”, sagte ich. „Ich werde schon den ganzen Tag damit verfolgt.”</p><p>„Verfolgt? Dann wollen Sie also nicht, dass man Ihnen gratuliert?”</p><p>„Doch”, sagte ich, „gratulieren ist was anderes.”</p><p>„Also alles Gute!”</p><p>Ich hielt einen Augenblick ihre Hand in meiner und sp&#xFC;rte ihren warmen, trockenen Druck. Dann ging ich hinaus, um den Rum zu holen.</p><p>Binding vertrug den Rum nicht. Nach dem zweiten Glas merkte man es schon. Er schwankte in den Garten hinaus. Ich stand auf und ging mit Lenz an die Theke. Er verlangte eine Flasche Gin<a l:href="#n_26" type="note">[26]</a>. „Gro&#xDF;artiges M&#xE4;dchen, was?” sagte er.</p><p>„Wei&#xDF; ich nicht, Gottfried”, erwiderte ich. „Habe nicht so drauf geachtet.”</p><p>Er betrachtete mich eine Weile mit seinen irisierenden<a l:href="#n_27" type="note">[27]</a>, blauen Augen und sch&#xFC;ttelte dann den gl&#xFC;henden Kopf. „Wozu lebst du eigentlich, sag mal, Baby?”</p><p>„Das wollte ich auch schon lange mal wissen”, antwortete ich.</p><p>Er lachte. „Das k&#xF6;nnte dir so passen! So leicht wirds einem doch nicht gemacht. Aber jetzt werde ich zun&#xE4;chst mal herauspolken<a l:href="#n_28" type="note">[28]</a>, wie das M&#xE4;dchen zu dem dicken Autokatalog<a l:href="#n_29" type="note">[29]</a> drau&#xDF;en steht.”</p><p>Er folgte Binding in den Garten.</p><p>Wir drei blieben allein in der Wirtsstube.</p><p>Drau&#xDF;en sangen Lenz und Binding das Lied vom Argonnerwald<a l:href="#n_30" type="note">[30]</a>. Neben mir sprach das unbekannte M&#xE4;dchen; – es sprach leise und langsam mit dieser dunklen, erregenden, etwas rauhen Stimme. Ich trank mein Glas aus.</p><p>Die beiden andern kamen wieder herein. Sie waren n&#xFC;chterner geworden in der frischen Luft. Wir brachen auf. Ich half dem M&#xE4;dchen in den Mantel. Sie stand dicht vor mir, geschmeidig sich in den Schultern dehnend, den Kopf schr&#xE4;g nach hinten gelegt, den Mund leicht ge&#xF6;ffnet, mit einem L&#xE4;cheln zur Zimmerdecke, das niemand galt. Ich lie&#xDF; einen Moment den Mantel sinken. Wo hatte ich nur die ganze Zeit meine Augen gehabt? Hatte ich denn geschlafen? Ich verstand pl&#xF6;tzlich die Begeisterung von Lenz.</p><p>Sie drehte sich fragend halb um. Ich hob rasch den Mantel wieder hoch und schaute zu Binding hin&#xFC;ber, der kirschrot und immer noch etwas glasig neben dem Tisch stand. „Glauben Sie, dass er fahren kann?” fragte ich.</p><p>„Ich denke schon – ”</p><p>„Hoffentlich geht es gut”, sagte ich. „Kann ich morgen einmal bei Ihnen anrufen und h&#xF6;ren, wie es geworden ist?” fragte ich.</p><p>Sie antwortete nicht gleich. „Wir haben mit unserer Trinkerei doch so eine gewisse Verantwortung daf&#xFC;r”, sagte ich weiter. „Besonders ich mit meinem Geburtstagsrum.”</p><p>Sie lachte. „Nun gut, wenn Sie wollen. Westen 2796.”</p><p>Ich schrieb mir die Nummer drau&#xDF;en gleich auf.</p></section><section><title><p>II</p></title><p>Der n&#xE4;chste Tag war ein Sonntag. Ich schlief lange und erwachte erst, als die Sonne auf mein Bett schien. Ich sprang rasch auf und riss die Fenster auf. Drau&#xDF;en war es frisch und klar. Ich stellte den Spirituskocher auf die Bank und suchte die Dose mit Kaffee. Meine Wirtin, Frau Zalewski, hatte mir erlaubt, im Zimmer meinen eigenen Kaffee zu kochen. Ihrer war zu d&#xFC;nn. Besonders wenn man abends getrunken hatte.</p><p>Ich wohnte schon zwei Jahre in der Pension Zalewski. Die Gegend gefiel mir. Es war immer etwas los, weil das Gewerkschaftshaus, das Cafe International und das Versammlungslokal der Heilsarmee<a l:href="#n_31" type="note">[31]</a> dicht beisammen waren. Vor dem Hause lag au&#xDF;erdem ein alter Friedhof, der schon seit langem stillgelegt war. Er hatte B&#xE4;ume wie ein Park, und wenn es nachts ruhig war, konnte man meinen, man wohne auf dem Lande.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich zog mich sehr langsam an. Das gab mir das Gef&#xFC;hl von Sonntag. Ich wusch mich, ich wanderte im Zimmer umher, ich las die Zeitung, ich br&#xFC;hte den Kaffee auf, ich stand am Fenster und sah zu, wie die Stra&#xDF;e besprengt wurde, ich leerte pfeifend meine Taschen aus; – Kleingeld, Messer, Schl&#xFC;ssel, Zigaretten – und da der Zettel von gestern mit dem Namen des M&#xE4;dchens und der Telefonnummer. Patrice Hollmann. Ein merkw&#xFC;rdiger Vorname, – Patrice. Ich legte den Zettel auf den Tisch. War das wirklich erst gestern gewesen?</p><p>Ich steckte den Zettel unter einen Pack B&#xFC;cher. Anrufen? Vielleicht, – vielleicht auch nicht. Tags&#xFC;ber sah so etwas immer anders aus als abends. Ich war eigentlich ganz froh, meine Ruhe zu haben. War L&#xE4;rm genug gewesen in den letzten Jahren. Nur nichts herankommen lassen, sagte K&#xF6;ster. Was man herankommen l&#xE4;sst, will man halten. Und halten kann man nichts —</p><p>Nebenan stand die T&#xFC;r offen. Ich wanderte den Korridor hinunter. Die n&#xE4;chste T&#xFC;r war angelehnt. Dort hatte man gehorcht. Eine Wolke Parf&#xFC;m kam heraus. Da wohnte Erna B&#xF6;nig, Privatsekret&#xE4;rin. Viel zu elegant f&#xFC;r ihr Gehalt; aber einmal in der Woche diktierte ihr Chef ihr bis zum Morgen. Dann war sie am n&#xE4;chsten Tag sehr schlechter Laune. Daf&#xFC;r ging sie jeden Abend tanzen. Wenn sie nicht mehr tanzen konnte, wollte sie nicht mehr leben, erkl&#xE4;rte sie. Sie hatte zwei Freunde. Einer liebte sie und brachte ihr Blumen. Den anderen liebte sie und gab ihm Geld.</p><p>Neben ihr Rittmeister Graf Orlow, russischer Emigrant, Eint&#xE4;nzer, Kellner, Filmkomparse<a l:href="#n_32" type="note">[32]</a>, Gigolo<a l:href="#n_33" type="note">[33]</a> mit grauen Schl&#xE4;fen. Wunderbarer Gitarrespieler. Weinte leicht, wenn er betrunken wurde. N&#xE4;chste T&#xFC;r. Frau Bender, Krankenschwester in einem S&#xE4;uglingsheim. F&#xFC;nfzig Jahre alt. Mann im Kriege gefallen. Zwei Kinder 1918 an Unterern&#xE4;hrung gestorben. Hatte eine bunte Katze. Das einzige.</p><p>Daneben – M&#xFC;ller, pensionierter Rechnungsrat. Schriftf&#xFC;hrer eines Philatelistenvereins. Lebendige Briefmarkensammlung, sonst nichts. Gl&#xFC;cklicher Mensch.</p><p>An der letzten T&#xFC;r klopfte ich. „Na, Georg”, sagte ich, „immer noch nichts?”</p><p>Georg Block sch&#xFC;ttelte den Kopf. Er war Student im vierten Semester. Um die vier Semester machen zu k&#xF6;nnen, hatte er zwei Jahre im Bergwerk gearbeitet. Das ersparte Geld war jetzt fast verbraucht; er hatte nur noch f&#xFC;r zwei Monate zu leben. Dabei war es egal, ob er die Restsemester noch machte oder nicht – auf eine Stelle konnte er auch nach dem Examen in fr&#xFC;hestens zehn Jahren rechnen.</p><p>Ich schob ihm ein Paket Zigaretten hin. „Lass den Kram sausen, Georgie. Ich hab’s auch getan. Kannst sp&#xE4;ter immer wieder anfangen.”</p><p>Er sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>Die Korridort&#xFC;r mit den vielen Visitenkarten neben dem Klingelknopf. Meine auch. „Robert Lohkamp, stud. phil., zweimal lang klingeln.” Sie war gelb und schmutzig. Stud. phil. Hatte sich was!<a l:href="#n_34" type="note">[34]</a> War lange her. Ich ging die Treppe hinunter zum Cafe International.</p><p>Das International war ein gro&#xDF;er, dunkler, verr&#xE4;ucherter Schlauch mit mehreren Hinterzimmern. Vorn, neben der Theke, stand das Klavier. Es war verstimmt, ein paar Saiten waren gesprungen und von den Elfenbeintasten fehlten auch einige; aber ich liebte den braven, ausgedienten Musikschimmel<a l:href="#n_35" type="note">[35]</a>. Er hatte das Jahr meines Lebens mit mir geteilt, wo ich als Stimmungsklavierspieler<a l:href="#n_36" type="note">[36]</a> hier engagiert gewesen war.</p><p>In den hintern Zimmern des Cafes hielten die Viehh&#xE4;ndler ihre Versammlungen ab; manchmal auch die Rummelplatzleute. Vorn sa&#xDF;en die Huren.</p><p>Das Lokal war leer. Nur der plattf&#xFC;&#xDF;ige Kellner Alois stand hinter der Theke. „Wie immer?” fragte er.</p><p>Ich nickte.</p><p>Alois sp&#xFC;lte Gl&#xE4;ser. Die Katze des Wirtes sa&#xDF; auf dem Klavier und schnurrte. Ich rauchte langsam eine Zigarette. Die Luft machte schl&#xE4;frig. Eine sonderbare Stimme hatte das M&#xE4;dchen gestern gehabt. Dunkel, etwas rauh, fast heiser, aber doch weich.</p><p>Da knarrte die T&#xFC;r. Rosa kam. Rosa, die Friedhofshure, genannt das Eiserne Pferd. Sie wollte eine Tasse Schokolade trinken. Die leistete sie sich jeden Sonntagmorgen hier; dann fuhr sie nach Burgdorf, um ihr Kind zu besuchen.</p><p>„Servus<a l:href="#n_37" type="note">[37]</a>, Robert.”</p><p>„Servus, Rosa. Was macht die Kleine?”</p><p>„Will mal sehen. Hier – das bringe ich ihr mit.”</p><p>Sie packte aus einem Paket eine Puppe mit roten Backen und dr&#xFC;ckte ihr auf den Bauch. „Ma – ma” qu&#xE4;kte die Puppe. Rosa strahlte.</p><p>„Fabelhaft!” sagte ich.</p><p>Sie war befriedigt und packte die Puppe wieder weg. „Du verstehst was von solchen Sachen, Robert. Wirst mal ein guter Ehemann.”</p><p>„Na, na”, sagte ich zweifelnd.</p><p>Rosa erhob sich. „Du kommst doch Freitag?”</p><p>Ich nickte.</p><p>Sie sah mich an. „Du wei&#xDF;t doch, was los ist?”</p><p>„Nat&#xFC;rlich.”</p><p>Ich hatte keine Ahnung, was los war; aber ich hatte auch keine Lust danach zu fragen. Das hatte ich mir hier so angew&#xF6;hnt in dem Jahr als Klavierspieler.</p><p>„Servus, Robert.”</p><p>„Servus, Rosa.”</p><p>Ich trank noch einen Rum, streichelte die Katze und ging dann.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Tags&#xFC;ber trieb ich mich umher. Ich wusste nicht recht, was ich machen sollte, und hielt es nirgendwo lange aus. Am sp&#xE4;ten Nachmittag ging ich in unsere Werkstatt. K&#xF6;ster war da. Er arbeitete an dem Cadillac. Wir hatten ihn vor einiger Zeit f&#xFC;r einen Spottpreis alt gekauft. Jetzt war er von uns gr&#xFC;ndlich &#xFC;berholt worden,<a l:href="#n_38" type="note">[38]</a> und K&#xF6;ster gab ihm gerade den letzten Schmiss.<a l:href="#n_39" type="note">[39]</a> Es war eine Spekulation. Wir hofften gut damit zu verdienen. Ich zweifelte, ob es ein Gesch&#xE4;ft sein w&#xFC;rde. Bei den schlechten Zeiten wollten alle Leute kleine Wagen kaufen, aber nicht so einen Omnibus. „Wir bleiben darauf sitzen, Otto”, sagte ich.</p><p>Aber K&#xF6;ster war zuversichtlich. „Auf mittleren Wagen bleibt man sitzen, Robby”, erkl&#xE4;rte er. „Billige werden gekauft und ganz teure auch. Es gibt immer noch Leute, die Geld haben. Oder so aussehen wollen.”</p><p>„Wo ist Gottfried?” fragte ich.</p><p>„In irgendeiner politischen Versammlung —</p><p>„Verr&#xFC;ckt! Was will er denn da?”</p><p>K&#xF6;ster lachte. „Das wei&#xDF; er selbst nicht. Wahrscheinlich sitzt ihm das Fr&#xFC;hjahr in den Knochen. Da muss er ja immer irgend etwas Neues haben.”</p><p>„Kann sein”, sagte ich. „Komm, ich helf dir etwas.”</p><p>Wir murksten herum, bis es dunkel wurde. „Schluss jetzt’’, sagte K&#xF6;ster. Wir wuschen uns.</p><p>„Ich gehe mal nach Hause”, sagte ich. „Briefe schreiben und sowas. Muss auch mal sein – ”</p><p>„Bist du krank?” fragte er besorgt.</p><p>„Ach wo, keine Spur. Habe vielleicht auch den Fr&#xFC;hling etwas in den Knochen.”</p><p>Ich schlenderte nach Hause. Aber als ich in meinem Zimmer sa&#xDF;, wusste ich auch nicht, was ich anfangen sollte. Unschl&#xFC;ssig wanderte ich umher. Ich verstand jetzt nicht mehr, weshalb ich eigentlich hierhergewollt hatte.</p><p>Drau&#xDF;en brannten schon die Laternen: aber es war noch nicht dunkel genug, – sie sahen aus, als fr&#xF6;ren sie. Ich kramte unter meinen B&#xFC;chern nach dem Zettel mit der Telefonnummer. Schlie&#xDF;lich, – anrufen konnte ich ja mal. Hatte es doch sogar halb und halb versprochen. Wahrscheinlich war das M&#xE4;dchen auch gar nicht zu Hause.</p><p>Ich ging zum Vorplatz, wo das Telefon stand, hob den H&#xF6;rer ab und sagte die Nummer. W&#xE4;hrend ich auf Antwort wartete, f&#xFC;hlte ich, wie eine weiche Welle, eine leichte Erwartung aus der schwarzen Muschel sich hoben. Das M&#xE4;dchen war da. Als ihre dunkle, etwas rauhe Stimme geisterhaft pl&#xF6;tzlich in Frau Zalewskis Vorzimmer zwischen Wildschweinsk&#xF6;pfen, Fettgeruch und K&#xFC;chengeklirr leise und etwas langsam, als d&#xE4;chte sie vor jedem Worte nach, sprach, verschwand auf einmal meine Unzufriedenheit. Ich h&#xE4;ngte wieder an, nachdem ich, anstatt mich nur zu erkundigen, eine Verabredung f&#xFC;r &#xFC;bermorgen abgemacht hatte. Pl&#xF6;tzlich erschien mir alles nicht mehr so stumpf. „Verr&#xFC;ckt”, dachte ich und sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p></section><section><title><p>III</p></title><p>Am Dienstag vormittag sa&#xDF;en wir vor unserer Werkstatt im Hof und fr&#xFC;hst&#xFC;ckten. Der Cadillac war fertig. Lenz hielt ein Blatt Papier in der Hand und schaute uns triumphierend an. Er war unser Reklamechef und hatte K&#xF6;ster und mir gerade ein Inserat vorgelesen, das er f&#xFC;r den Verkauf des Wagens verfasst hatte. Es begann mit den Worten: „Urlaub an s&#xFC;dlichen Gestaden im Luxusgef&#xE4;hrt” und war ein Mittelding zwischen einem Gedicht und einer Hymne.</p><p>K&#xF6;ster und ich schwiegen eine Weile. Lenz hielt uns f&#xFC;r &#xFC;berw&#xE4;ltigt. „Das Ding hat Poesie und Schmiss, was?” fragte er stolz. „Im Zeitalter der Sachlichkeit muss man romantisch sein, das ist der Trick. Gegens&#xE4;tze ziehen einander an.”</p><p>„Nicht, wenn es sich um Geld handelt”, erwiderte ich.</p><p>„Automobile kauft man nicht, um Geld anzulegen, Knabe”, erkl&#xE4;rte Gottfried abweisend. „Man kauft sie, um Geld auszugeben; und da beginnt bereits die Romantik, wenigstens f&#xFC;r den Gesch&#xE4;ftsmann. F&#xFC;r die meisten Leute h&#xF6;rt sie sogar damit auf. Was meinst du, Otto?”</p><p>„Wei&#xDF;t du – “ begann K&#xF6;ster vorsichtig.</p><p>„Wozu lange reden”, unterbrach ich ihn, „das ist ein Inserat f&#xFC;r einen Kurort oder eine Sch&#xF6;nheitscreme, aber nicht f&#xFC;r ein Automobil.”</p><p>Lenz &#xF6;ffnete den Mund.</p><p>„Augenblick”, fuhr ich fort, „Uns h&#xE4;ltst du ja doch f&#xFC;r befangen, Gottfried. Ich mache dir deshalb einen Vorschlag: fragen wir mal Jupp. Das ist die Stimme des Volkes!”</p><p>Jupp war unser einziger Angestellter, ein Junge von f&#xFC;nfzehn Jahren, der eine Art Lehrlingsstelle bei uns hatte. Er bediente die Benzinpumpe, besorgte das Fr&#xFC;hst&#xFC;ck und r&#xE4;umte abends auf. Er war klein, &#xFC;bers&#xE4;t mit Sommersprossen und hatte die gr&#xF6;&#xDF;ten abstehenden Ohren, die ich kannte.</p><p>Wir holten ihn heran. Lenz las ihm das Inserat vor. „W&#xFC;rdest du dich f&#xFC;r so einen Wagen interessieren, Jupp?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Einen Wagen?” fragte Jupp zur&#xFC;ck. – Ich lachte. „Nat&#xFC;rlich einen Wagen”, knurrte Gottfried. „Meinst du ein Heupferd?”</p><p>„Hat er Schnellgang, von oben gesteuerte Nockenwelle und hydraulische Bremsen?” erkundigte Jupp sich unger&#xFC;hrt.</p><p>„Schafskopf, es ist doch unser Cadillac”, fauchte Lenz.</p><p>„Nicht m&#xF6;glich”, erwiderte Jupp und grinste von einem Ohr zum andern.</p><p>Lenz verschwand missmutig in der Bude, um dem Inserat bei aller Wahrung seines poetischen Schwunges doch etwas mehr technischen Halt zu geben.</p><p>Ein paar Minuten sp&#xE4;ter erschien Oberinspektor Barsig pl&#xF6;tzlich in der Hoft&#xFC;r. Wir empfingen ihn mit gro&#xDF;en Ehren. Er war Ingenieur und Sachverst&#xE4;ndiger der Ph&#xF6;nix-Autoversicherung, ein wichtiger Mann, um Reparaturen zugewiesen zu bekommen. Wir standen gl&#xE4;nzend mit ihm.</p><p>„Ich bringe Ihnen eine gute Nachricht. Sie k&#xF6;nnen den Ford abholen. Die Direktion hat bewilligt, dass Sie die Reparatur machen.”</p><p>„Gro&#xDF;artig”, sagte K&#xF6;ster. „Wir k&#xF6;nnen sie gut brauchen.”</p><p>Barsig stand auf und verabschiedete sich. „Denken Sie an”, sagte er im Gehen, „die Frau, die mit in dem Ford war, ist vor ein paar Tagen doch noch gestorben. Hatte nur Schnittwunden. Wahrscheinlich zuviel Blut verloren.”</p><p>„Wie alt war sie denn?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Vierunddrei&#xDF;ig”, erwiderte Barsig. „Schwanger im vierten Monat. Mit zwanzigtausend Mark versichert.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir fuhren gleich los, um den Wagen zu holen. Er stand bei einem B&#xE4;ckermeister. Der Mann war nachts halbbetrunken damit gegen eine Mauer gerast. Nur seine Frau war verletzt worden; er selbst hatte nicht einen Kratzer abbekommen.</p><p>Wir trafen ihn in der Garage, als wir den Wagen zum Abschleppen fertig machten. Langsam kam er heran. „Wann ist der Wagen fertig?” fragte er.</p><p>„In ungef&#xE4;hr drei Wochen”, erkl&#xE4;rte K&#xF6;ster.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir fuhren los. Drau&#xDF;en zeigte Lenz auf die Sitze des Fords. Sie hatten gro&#xDF;e schwarze Flecken. „Das Blut seiner toten Frau. Und ein neues Verdeck herausgeschunden<a l:href="#n_40" type="note">[40]</a>. Beige. Zarte Farben. Alle Achtung. Dem trau ich auch zu, dass er die Versicherungssumme f&#xFC;r zwei Tote rausholt. Die Frau war ja schwanger.”</p><p>K&#xF6;ster zuckte die Achseln. „Er sagt sich wahrscheinlich, dass das eine mit dem andern nichts zu tun hat.”</p><p>„M&#xF6;glich”, sagte Lenz. „Es soll ja Leute geben, f&#xFC;r die sowas direkt ein Trost im Ungl&#xFC;ck ist. Uns kostet es glatt f&#xFC;nfzig Mark von unserm Verdienst.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Nachmittags ging ich unter einem Vorwand nach Hause. Ich war um f&#xFC;nf Uhr mit Patrice Hollmann verabredet, aber ich sagte in der Werkstatt nichts davon. Nicht, dass ich es verbergen wollte; aber es kam mir auf einmal ziemlich unwahrscheinlich vor.</p><p>Sie hatte mir ein Cafe als Treffpunkt angegeben. Ich kannte es nicht; ich wusste nur, dass es ein kleines, elegantes Lokal war. Ahnungslos ging ich hin. Aber ich prallte erschreckt zur&#xFC;ck, als ich eintrat. Der Raum war &#xFC;berf&#xFC;llt mit schw&#xE4;tzenden Frauen. Ich war in eine typische Damenkonditorei geraten.</p><p>Mit M&#xFC;he gelang es mir, einen Tisch, der gerade frei wurde, zu ergattern. Unbehaglich blickte ich umher. Au&#xDF;er mir waren nur noch zwei M&#xE4;nner da und die gefielen mir nicht.</p><p>„Kaffee, Tee, Schokolade?” fragte der Kellner und wedelte mit seiner Serviette eine Anzahl Kuchenkr&#xFC;mel von der Tischplatte auf meinen Anzug.</p><p>„Einen gro&#xDF;en Kognak”, erwiderte ich.</p><p>Er brachte ihn. Aber er brachte gleichzeitig ein Kaffeekr&#xE4;nzchen<a l:href="#n_41" type="note">[41]</a> mit, das Platz suchte, an der Spitze eine Athletin reiferen Alters mit einem Pleureusenhut<a l:href="#n_42" type="note">[42]</a>. „Vier Pl&#xE4;tze, bitte!” sagte er und zeigte auf meinen Tisch.</p><p>„Halt”, antwortete ich, „der Tisch ist nicht frei. Ich erwarte jemand.”</p><p>„Das geht nicht, mein Herr!” sagte der Kellner. „Um diese Zeit k&#xF6;nnen keine Pl&#xE4;tze reserviert werden.”</p><p>„K&#xF6;nnen Sie mir wenigstens noch einen Kognak bringen?” knurrte ich den Kellner an.</p><p>„Sehr wohl, mein Herr. Wieder einen gro&#xDF;en?”</p><p>„Ja.”</p><p>„Bitte sehr.” Er verbeugte sich. „Es ist doch ein Tisch f&#xFC;r sechs Personen, mein Herr”, sagte er entschuldigend.</p><p>„Schon recht. Bringen Sie nur den Kognak.”</p><p>„Salute!<a l:href="#n_43" type="note">[43]</a>” sagte jemand hinter mir.</p><p>Ich fuhr auf. Da stand sie und lachte. „Sie fangen ja rechtzeitig an!”</p><p>Ich stellte das Glas, das ich immer noch in der Hand hielt, auf den Tisch. Ich war pl&#xF6;tzlich verwirrt. Das M&#xE4;dchen sah ganz anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Zwischen den vielen, Kuchen essenden, wohlgen&#xE4;hrten Weibern wirkte es wie eine schmale, junge Amazone, k&#xFC;hl, strahlend, sicher und unangreifbar. Das wird nie etwas mit uns, dachte ich und sagte: „Wo sind Sie denn nur so geisterhaft hergekommen? Ich habe doch die ganze Zeit die T&#xFC;r beobachtet.”</p><p>Sie zeigte nach rechts hin&#xFC;ber. „Dort dr&#xFC;ben ist noch ein Eingang. Aber ich habe mich versp&#xE4;tet. Warten Sie schon lange?”</p><p>„Gar nicht. H&#xF6;chstens zwei, drei Minuten. Ich bin auch erst eben gekommen.”</p><p>Das Kaffeekr&#xE4;nzchen an meinem Tisch wurde still. Ich sp&#xFC;rte die absch&#xE4;tzenden Blicke von vier soliden M&#xFC;ttern im Nacken. „Wollen wir hier bleiben?” fragte ich.</p><p>Das M&#xE4;dchen streifte mit einem raschen Blick den Tisch. Ihr Mund zuckte. Sie sah mich belustigt an. „Ich f&#xFC;rchte, Cafes sind &#xFC;berall gleich.”</p><p>Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Wenn sie leer sind, sind sie besser. Dies hier ist ein Teufelslokal, in dem man Minderwertigkeitskomplexe bekommt. Wir k&#xF6;nnten am besten in eine Bar gehen.”</p><p>„In eine Bar? Gibt es denn Bars, die am hellen Tage offen sind?”</p><p>„Ich wei&#xDF; eine”, sagte ich. „Sie ist allerdings sehr ruhig. Wenn Sie das m&#xF6;gen – ”</p><p>„Manchmal schon – ”</p><p>Ich blickte auf. Ich konnte im Augenblick nicht feststellen, wie sie das meinte. Ich hatte nichts gegen Ironie, wenn sie nicht gegen mich ging; aber ich hatte ein schlechtes Gewissen.</p><p>„Also gehen wir”, sagte sie.</p><p>Ich winkte dem Kellner. „Drei gro&#xDF;e Kognaks”, br&#xFC;llte der Ungl&#xFC;cksvogel<a l:href="#n_44" type="note">[44]</a> mit einer Stimme, als wollte er einem Gast im Grabe die Rechnung machen. „Drei Mark drei&#xDF;ig!”</p><p>Das M&#xE4;dchen drehte sich um. „Drei Kognaks in drei Minuten? Ganz sch&#xF6;nes Tempo!”</p><p>„Es sind noch zwei von gestern dabei.”</p><p>„So ein L&#xFC;gner”, zischte die Athletin am Tisch hinter mir her. Sie hatte lange geschwiegen.</p><p>Ich wandte mich um und verbeugte mich. „Ein gesegnetes Weihnachtsfest, meine Damen!” Dann ging ich rasch.</p><p>„Haben Sie Streit gehabt?” fragte mich das M&#xE4;dchen drau&#xDF;en.</p><p>„Nichts besonderes. Ich habe nur eine ung&#xFC;nstige Wirkung auf Hausfrauen in gesicherten Verh&#xE4;ltnissen.”</p><p>„Ich auch”, erwiderte sie.</p><p>Ich sah sie an. Sie erschien mir wie aus einer andern Welt.</p><p>Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, was sie war und wie sie lebte.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Die Bar war sicherer Boden f&#xFC;r mich. Fred, der Mixer<a l:href="#n_45" type="note">[45]</a>, stand hinter der Theke und polierte gerade die gro&#xDF;en Schwenkgl&#xE4;ser f&#xFC;r Kognak, als wir hereinkamen. Er begr&#xFC;&#xDF;te mich, als s&#xE4;he er mich zum ersten Male und h&#xE4;tte mich nicht vor zwei Tagen noch nach Hause bringen m&#xFC;ssen. Er hatte eine gute Schule und eine riesige Erfahrung hinter sich.</p><p>Der Raum war leer bis auf einen Tisch. Dort sa&#xDF;, wie fast immer, Valentin Hauser. Ich kannte ihn vom Kriege her; wir waren in derselben Kompagnie gewesen. Er hatte mir einmal durchs Sperrfeuer<a l:href="#n_46" type="note">[46]</a> einen Brief nach vorne gebracht, weil er dachte, er w&#xE4;re von meiner Mutter. Er wusste, dass ich darauf wartete, denn meine Mutter war operiert worden. Aber er hatte sich geirrt; – es war nur eine Reklame f&#xFC;r Kopfsch&#xFC;tzer aus Brennnesselstoff gewesen. Auf dem R&#xFC;ckwege bekam er einen Schuss ins Bein.</p><p>Valentin hatte einige Zeit nach dem Kriege eine Erbschaft gemacht. Die vertrank er seitdem. Er behauptete, das Gl&#xFC;ck feiern zu m&#xFC;ssen, lebendig herausgekommen zu sein. Es war ihm gleich, dass das schon eine Anzahl Jahre her war. Er erkl&#xE4;rte, man k&#xF6;nne es gar nicht genug feiern. Er war einer der Menschen, die ein unheimliches Ged&#xE4;chtnis f&#xFC;r den Krieg haben. Wir andern hatten vieles vergessen; er aber erinnerte sich an jeden Tag und jede Stunde.</p><p>Ich sah, dass er schon viel getrunken hatte; er sa&#xDF; ganz versunken und abwesend in seiner Ecke. Ich hob die Hand. „Sal&#xFC;<a l:href="#n_47" type="note">[47]</a>, Valentin!”</p><p>Er blickte auf und nickte. ,,Sal&#xFC;, Robby!”</p><p>Wir setzten uns in eine Ecke. Der Mixer kam. ,,Was m&#xF6;chten Sie trinken?” fragte ich das M&#xE4;dchen.</p><p>„Vielleicht einen Martini<a l:href="#n_48" type="note">[48]</a>”, erwiderte sie. „Einen trockenen Martini.”</p><p>„Darin ist Fred Spezialist”, erkl&#xE4;rte ich.</p><p>Fred erlaubte sich ein L&#xE4;cheln. „Mir wie immer”, sagte ich.</p><p>Fred brachte die Gl&#xE4;ser. Wir tranken. Der Rum war stark und frisch. Er schmeckte nach Sonne. Er war etwas, woran man sich halten konnte. Ich trank das Glas aus und gab es Fred gleich wieder mit.</p><p>„Gef&#xE4;llt es Ihnen hier?” fragte ich.</p><p>Das M&#xE4;dchen nickte.</p><p>„Besser als in der Konditorei dr&#xFC;ben?”</p><p>„Ich hasse Konditoreien”, sagte sie.</p><p>„Weshalb haben wir uns dann gerade da getroffen?” fragte ich verbl&#xFC;fft.</p><p>„Ich wei&#xDF; nicht.” Sie nahm ihre Kappe ab. „Mir fiel nichts anderes ein.”</p><p>„Um so besser, dass es Ihnen dann hier gef&#xE4;llt. Wir sind oft hier. Abends ist diese Bude f&#xFC;r uns schon fast so eine Art Zuhause.”</p><p>Sie lachte. „Ist das nicht eigentlich traurig?”</p><p>„Nein”, sagte ich, „zeitgem&#xE4;&#xDF;.”</p><p>Fred brachte mir das zweite Glas. Er legte eine gr&#xFC;ne Havanna<a l:href="#n_49" type="note">[49]</a> dazu auf den Tisch. „Von Herrn Hauser.”</p><p>Valentin winkte aus seiner Ecke her&#xFC;ber und hob sein Glas. „31. Juli 17, Robby”, sagte er mit schwerer Stimme.</p><p>Ich nickte ihm zu und hob ebenfalls mein Glas.</p><p>„Er ist mein Freund”, sagte ich zu dem M&#xE4;dchen. „Ein Kamerad aus dem Kriege. Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der aus einem gro&#xDF;en Ungl&#xFC;ck ein kleines Gl&#xFC;ck gemacht hat. Er wei&#xDF; nicht mehr, was er mit seinem Leben anfangen soll, – deshalb freut er sich einfach, dass er noch lebt.”</p><p>Sie sah mich nachdenklich an. Ein Streifen Licht fiel schr&#xE4;g &#xFC;ber ihre Stirn und ihren Mund. „Das kann ich gut verstehen”, sagte sie.</p><p>Ich blickte auf. „Das sollten Sie aber nicht. Daf&#xFC;r sind Sie viel zu jung.”</p><p>Sie l&#xE4;chelte. Es war ein leichtes, schwebendes L&#xE4;cheln, das nur in den Augen war. „Zu jung”, sagte sie, „das ist so ein Wort. Ich finde, zu jung ist man nie. Nur immer zu alt.”</p><p>Ich schwieg einen Augenblick. „Dagegen lie&#xDF;e sich eine Menge sagen”, erwiderte ich dann und machte Fred ein Zeichen, mir noch etwas zu trinken zu bringen. Das M&#xE4;dchen war so sicher und selbstverst&#xE4;ndlich; ich f&#xFC;hlte mich wie ein Holzblock dagegen. Ich h&#xE4;tte gern ein leichtes, spielerisches Gespr&#xE4;ch gef&#xFC;hrt, so ein richtiges Gespr&#xE4;ch, wie es einem gew&#xF6;hnlich hinterher einf&#xE4;llt, wenn man wieder allein ist.</p><p>Zum Gl&#xFC;ck war Fred vern&#xFC;nftig. Er brachte mir statt der kleinen Fingerh&#xFC;te jetzt gleich ein anst&#xE4;ndiges Weinglas voll heran. So brauchte er nicht immer hin und herzulaufen, und es fiel auch nicht so auf, wieviel ich trank. Ich musste trinken; anders konnte ich diese stockige Schwere nicht loswerden.</p><p>„Wollen Sie nicht noch einen Martini nehmen?” fragte ich das M&#xE4;dchen.</p><p>„Was trinken Sie denn da?”</p><p>„Das hier ist Rum.”</p><p>Sie betrachtete mein Glas. „Das haben Sie neulich auch schon getrunken.”</p><p>„Ja”, sagte ich, „das trinke ich meistens.”</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das schmeckt.”</p><p>„Ob es schmeckt, wei&#xDF; ich schon gar nicht mehr”, sagte ich.</p><p>Sie sah mich an. „Weshalb trinken Sie es denn?”</p><p>„Rum”, sagte ich, froh, etwas gefunden zu haben, &#xFC;ber das ich reden konnte, „Rum hat mit Schmecken nicht viel zu tun. Er ist nicht so einfach ein Getr&#xE4;nk, – er ist schon mehr ein Freund. Ein Freund, der alles leichter macht. „Aber soll ich Ihnen nicht noch einen Martini bestellen?”</p><p>„Lieber Rum”, sagte sie. „Ich m&#xF6;chte ihn auch mal versuchen.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Langsam bekam alles Griff und Glanz. Die Unsicherheit schwand, die Worte kamen von selber und ich achtete nicht mehr so darauf, was ich sagte. Ich trank weiter und sp&#xFC;rte, wie die gro&#xDF;e, weiche Welle herankam und mich erfasste, wie sich die leere Stunde der D&#xE4;mmerung mit Bildern f&#xFC;llte und geisterhaft &#xFC;ber den gleichg&#xFC;ltigen, grauen Bezirken des Daseins der lautlose Zug der Tr&#xE4;ume wieder auftauchte. Die W&#xE4;nde der Bar weiteten sich und pl&#xF6;tzlich war es nicht mehr die Bar, – es war eine Ecke der Welt, ein Winkel der Zuflucht, ein halbdunkler Unterstand, um den ringsumher die ewige Schlacht des Chaos brauste und in dem wir geborgen hockten, r&#xE4;tselhaft zueinandergeweht durch das Zwielicht der Zeit. Das M&#xE4;dchen sa&#xDF; zusammengekauert in seinem Stuhl, fremd und geheimnisvoll, als w&#xE4;re es hierher verschlagen von der anderen Seite des Lebens.</p><p>Es war schon dunkel, als ich Patrice Hollmann nach Hause brachte. Langsam ging ich zur&#xFC;ck. Ich f&#xFC;hlte mich pl&#xF6;tzlich allein und leer.</p></section><section><title><p>IV</p></title><p>Das Wetter wurde warm und feucht und es regnete einige Tage lang. Dann kl&#xE4;rte es sich auf, die Sonne fing an zu br&#xFC;ten, und als ich am Freitag morgens in die Werkstatt kam, sah ich Mathilde Sto&#xDF; auf dem Hof stehen, den Besen unter den Arm geklemmt, mit einem Gesicht wie ein ger&#xFC;hrtes Nilpferd.</p><p>„Nu sehen Sie doch mal, Herr Lohkamp, die Pracht! Is doch immer wieder ‘n Wunder.”</p><p>Ich blieb &#xFC;berrascht stehen. Der alte Pflaumenbaum neben der Benzinpumpe war &#xFC;ber Nacht aufgebl&#xFC;ht.</p><p>Ich schenkte ihr ein Glas Rum ein und ging dann zur Benzinpumpe. Jupp sa&#xDF; schon da. Er hatte in einer verrosteten Konservenb&#xFC;chse vor sich eine Anzahl abgeschnittener Bl&#xFC;tenzweige stehen. „Was soll denn das hei&#xDF;en?” fragte ich erstaunt.</p><p>„F&#xFC;r die Damen”, erkl&#xE4;rte Jupp. „Wenn sie tanken, gibts so einen Zweig gratis. Habe daraufhin schon neunzig Liter mehr verkauft. Der Baum ist Gold wert, Herr Lohkamp. Wenn wir den nicht h&#xE4;tten, m&#xFC;ssten wir ihn k&#xFC;nstlich nachmachen.”</p><p>„Du bist ein gesch&#xE4;ftst&#xFC;chtiger Knabe.”</p><p>Er grinste. Die Sonne durchleuchtete seine Ohren, dass sie aussahen wie rubinfarbene Kirchenfenster. „Zweimal bin ich auch photographiert worden”, berichtete er. „Mit dem Baum dahinter.”</p><p>„Pass auf, du wirst noch ein Filmstar”, sagte ich und ging zur Grube hin&#xFC;ber, wo Lenz gerade unter dem Ford hervorkroch.</p><p>„Robby”, sagte er, „mir ist da was eingefallen. Wir m&#xFC;ssen uns mal um das M&#xE4;dchen von dem Binding k&#xFC;mmern.”</p><p>Ich starrte ihn an. „Wie meinst du das?”</p><p>„Genau, wie ich es sage. Aber was starrst du denn so?”</p><p>„Ich starre nicht” —</p><p>„Du stierst sogar. Wie hie&#xDF; das M&#xE4;dchen eigentlich noch? Pat, aber wie weiter?”</p><p>„Wei&#xDF; ich nicht”, erwiderte ich.</p><p>Er richtete sich auf. „Das wei&#xDF;t du nicht? Du hast doch ihre Adresse aufgeschrieben! Ich habe es selbst gesehen.”</p><p>„Habe den Zettel verloren.”</p><p>„Verloren!” Er griff sich mit beiden H&#xE4;nden in seinen gelben Haarwald. „Und dazu habe ich damals den Binding eine Stunde drau&#xDF;en besch&#xE4;ftigt! Verloren! Na, vielleicht wei&#xDF; Otto sie noch.”</p><p>„Otto wei&#xDF; sie auch nicht.”</p><p>Er sah mich an. „Jammervoller Dilettant! Um so schlimmer! Wei&#xDF;t du denn nicht, dass das ein fabelhaftes M&#xE4;dchen war? Herrgott!” Er starrte zum Himmel. „L&#xE4;uft uns endlich schon mal was Richtiges &#xFC;ber den Weg, dann verliert so ein Trauerbolzen die Adresse!”</p><p>„So gro&#xDF;artig fand ich sie gar nicht.”</p><p>„Weil du ein Esel bist”, erwiderte Lenz, „ein Trottel, der nichts kennt, was &#xFC;ber das Niveau der Huren aus dem Gafe International hinausgeht! Du Klavierspieler, du! Ich sage dir nochmals: es war ein Gl&#xFC;cksfall, ein besonderer Gl&#xFC;cksfall, dieses M&#xE4;dchen! Du hast nat&#xFC;rlich keine Ahnung von sowas! Hast du dir die Augen angesehen?’ Nat&#xFC;rlich nicht, – du hast dein Schnapsglas angesehen – ”</p><p>„Halt den Schnabel”, unterbrach ich ihn, denn mit dem Schnapsglas traf er in eine offene Wunde.</p><p>„Und die H&#xE4;nde”, fuhr er fort, ohne mich zu beachten, „schmale, lange H&#xE4;nde wie eine Mulattin, davon versteht Gottfried etwas, das kannst du glauben! Heiliger Moses! Endlich einmal ein M&#xE4;dchen, wie es sein muss, sch&#xF6;n, nat&#xFC;rlich, und, was das wichtigste ist, mit Atmosph&#xE4;re” er unterbrach sich – „wei&#xDF;t du &#xFC;berhaupt, was das ist, Atmosph&#xE4;re?”</p><p>„Luft, die man in einen Reifen pumpt”, erkl&#xE4;rte ich m&#xFC;rrisch.</p><p>„Nat&#xFC;rlich”, sagte er mitleidig und verachtungsvoll, „Luft, nat&#xFC;rlich! Atmosph&#xE4;re, Aura, Strahlung, W&#xE4;rme, Geheimnis, – das, was die Sch&#xF6;nheit erst beseelt und lebendig macht, – aber was rede ich – deine Atmosph&#xE4;re ist der Rumdunst.</p><p>„H&#xF6;r jetzt auf oder ich lasse was auf deinen Sch&#xE4;del fallen”, knurrte ich.</p><p>Aber Gottfried redete weiter und ich tat ihm nichts. Er hatte ja keine Ahnung davon, was passiert war und dass jedes Wort von ihm mich m&#xE4;chtig traf. Besonders jedes &#xFC;ber das Trinken. Ich war schon dr&#xFC;ber weg gewesen und hatte mich ganz gut getr&#xF6;stet; jetzt aber w&#xFC;hlte er alles wieder auf. Er lobte und lobte das M&#xE4;dchen, und mir wurde bald zumute, als h&#xE4;tte ich wirklich etwas Besonderes unwiederbringlich verloren.</p><p>&#xC4;rgerlich ging ich um sechs Uhr zum Cafe International. Das war meine Zuflucht; Lenz hatte es mir ja auch best&#xE4;tigt. Zu meinem Erstaunen herrschte ein Riesenbetrieb, als ich eintrat. Auf der Theke standen Torten und Napfkuchen und der plattf&#xFC;&#xDF;ige Alois rannte mit einem Tablett voll Kaffeegeschirr klappernd ins Hinterzimmer. Ich blieb stehen. Kaffee, kannenweise? Da musste ja ein ganzer Verein schwer betrunken unter den Tischen liegen.</p><p>Aber der Wirt kl&#xE4;rte mich auf. Heute war im Hinterzimmer die Abschiedsfeier f&#xFC;r Rosas Freundin Lilly. Ich schlug mich vor den Kopf. Nat&#xFC;rlich, dazu war ich ja eingeladen! Als einziger Mann sogar, wie Rosa bedeutungsvoll gesagt hatte.</p><p>Ich ging rasch noch einmal los und besorgte einen Strau&#xDF; Blumen, eine Ananas, eine Kinderklapper und eine Tafel Schokolade.</p><p>Rosa empfing mich mit dem L&#xE4;cheln einer gro&#xDF;en Dame. Sie trug ein schwarzes, ausgeschnittenes Kleid und thronte oben am Tisch. Ihre Goldz&#xE4;hne leuchteten. Ich erkundigte mich, wie es ihrer Kleinen ginge und &#xFC;berreichte f&#xFC;r sie die Zelluloidklapper und die Schokolade. Rosa strahlte.</p><p>Ich wandte mich mit der Ananas und den Blumen an Lilly. „Meine herzlichsten Gl&#xFC;ckw&#xFC;nsche!”</p><p>„Er ist und bleibt ein Kavalier!” sagte Rosa. „Und nun komm, Robby, setz dich zwischen uns beide.”</p><p>Lilly war die beste Freundin Rosas.</p><p>Lilly sollte Montag heiraten. Heute gab Rosa ihr einen Abschiedskaffee. Alle waren dazu erschienen, um noch einmal mit Lilly zusammen zu sein. Nach ihrer Hochzeit konnte sie nicht mehr hierher kommen.</p><p>„Alles schon vorbereitet, Lilly?” fragte ich.</p><p>Sie nickte. „Die Aussteuer hatte ich ja schon lange.”</p><p>„Wunderbare Aussteuer”, sagte Rosa. „Fehlt aber auch nicht ein Spitzendeckchen.”</p><p>„Wozu braucht man denn Spitzendeckchen?” fragte ich.</p><p>„Na h&#xF6;r mal, Robby!” Rosa sah mich so vorwurfsvoll an, dass ich rasch erkl&#xE4;rte, ich w&#xFC;sste es schon. Spitzendecken, – geh&#xE4;kelte M&#xF6;belschoner, nat&#xFC;rlich, sie waren das Symbol kleinb&#xFC;rgerlicher Behaglichkeit, – das geheiligte Symbol der Ehe, des verlorenen Paradieses. Sie waren ja alle keine Huren aus Temperament; sie waren Gescheiterte der b&#xFC;rgerlichen Existenz. Ihre geheime Sehnsucht war das Ehebett; nicht das Laster. Aber das h&#xE4;tten sie nie eingestanden.</p><p>Ich setzte mich ans Klavier. Rosa hatte schon darauf gewartet. Sie liebte Musik, wie alle diese M&#xE4;dchen. Ich spielte zum Abschied noch einmal alle ihre und Lillys Lieblingsschlager. Zu Anfang das „Gebet einer Jungfrau”. Der Titel war zwar nicht ganz angebracht f&#xFC;r das Lokal, aber es war auch nur ein Bravourst&#xFC;ck mit viel Geklimper. Dann folgte „Der V&#xF6;glein Abendlied”, das „Alpengl&#xFC;hen”, „Wenn die Liebe stirbt”, „Die Millionen des Harlekin”, und zum Schlu&#xDF; „Nach der Heimat m&#xF6;cht ich wieder”. Das liebte Rosa besonders. Huren sind ja das H&#xE4;rteste und Sentimentalste zugleich. Alle sangen es mit.</p><p>Lilly brach auf. Sie musste ihren Br&#xE4;utigam abholen. Rosa k&#xFC;sste sie herzhaft ab. „Mach’s gut, Lilly. Lass dich nicht unterkriegen!”</p><p>Beladen mit Geschenken ging sie davon. Wei&#xDF; der Henker, sie hatte ein ganz anderes Gesicht als fr&#xFC;her. Die harten Linien, die sich bei jedem eingraben, der mit der menschlichen Gemeinheit zu tun hat, waren weggewischt; das Gesicht war weicher geworden, es hatte wahrhaftig wieder etwas von einem jungen M&#xE4;dchen.</p><p>Wir standen vor der T&#xFC;r und winkten Lilly nach. Mimi fing pl&#xF6;tzlich an zu heulen. Sie war selbst mal verheiratet gewesen. Ihr Mann war im Kriege an Lungenentz&#xFC;ndung gestorben. W&#xE4;re er gefallen, h&#xE4;tte sie eine kleine Rente gehabt und nicht auf die Stra&#xDF;e m&#xFC;ssen. Rosa klopfte ihr auf den R&#xFC;cken. „Na, Mimi, nur nicht weich werden! Komm, wir trinken noch einen Schluck Kaffee.”</p><p>Die ganze Gesellschaft kehrte in das dunkle International zur&#xFC;ck, wie eine Schar H&#xFC;hner in den Stall. Aber es kam keine rechte Stimmung mehr auf.</p><p>Dann verabschiedete ich mich auch. Rosa steckte mir noch ein Paket Kuchen zu. Ich schenkte es Muttchens Sohn, der drau&#xDF;en bereits den abendlichen Wurstkessel aufbaute.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich &#xFC;berlegte, was ich machen sollte. In die Bar wollte ich auf keinen Fall; in ein Kino auch nicht; in die Werkstatt? Unschl&#xFC;ssig sah ich nach der Uhr. Es war acht. Jetzt musste K&#xF6;ster wieder zur&#xFC;ck sein. Wenn er da war, konnte Lenz nicht wieder stundenlang &#xFC;ber das M&#xE4;dchen reden. Ich ging hin.</p><p>In der Bude war Licht. Nicht nur in der Bude; – auch der ganze Hof war &#xFC;berflutet. K&#xF6;ster war allein da. „Was ist denn hier los, Otto?” fragte ich. „Hast du vielleicht den Cadillac verkauft?”</p><p>K&#xF6;ster lachte. „Nein. Gottfried hat nur ein bisschen illuminiert.”</p><p>Beide Scheinwerfer des Cadillacs brannten. Der Wagen war so geschoben, dass die Lichtgarben durch das Fenster in den Hof fielen, mitten auf den wei&#xDF;bl&#xFC;henden Pflaumenbaum. Es sah wunderbar aus, wie er so kreidig dastand. Die Dunkelheit zu beiden Seiten schien wie ein schwarzes Meer zu rauschen.</p><p>„Gro&#xDF;artig”, sagte ich. „Wo ist er denn?”</p><p>„Er holt was zu essen.”</p><p>„Gl&#xE4;nzende Idee”, sagte ich. „F&#xFC;hle mich so ein bisschen windig. Kann aber sein, dass es blo&#xDF; Hunger ist.”</p><p>K&#xF6;ster nickte. „Essen ist immer gut. Hauptgesetz aller alten Krieger. Ich habe heute nachmittag auch was Windiges gemacht. Habe Karl zum Rennen gemeldet.”</p><p>„Was?” sagte ich. „Etwa zum sechsten?”</p><p>Er nickte.</p><p>„Verdammt nochmal, Otto, da starten doch allerlei Kanonen.”<a l:href="#n_50" type="note">[50]</a></p><p>Er nickte wieder. „In der Sportwagenklasse Braum&#xFC;ller.”</p><p>Ich krempelte mir die &#xC4;rmel auf. „Dann ran, Otto!</p><p>Gro&#xDF;e &#xD6;lw&#xE4;sche f&#xFC;r unsern Liebling.”</p><p>„Halt!” rief der letzte Romantiker, der gerade hereinkam, „erst futtern!” Er packte das Abendbrot aus, – K&#xE4;se, Brot, steinharte R&#xE4;ucherwurst und Sprotten. Dazu tranken wir gut gek&#xFC;hltes Bier. Wir a&#xDF;en wie eine Kolonne ausgehungerter Drescher. Dann gingen wir Karl zuleibe. Zwei Stunden arbeiteten wir an ihm herum und kontrollierten und schmierten alle Lager. Hinterher a&#xDF;en Lenz und ich zum zweitenmal Abendbrot. Gottfried beleuchtete jetzt auch den Ford. Durch Zufall war bei dem Zusammensto&#xDF; einer der Scheinwerfer heil geblieben. Der starrte nun von dem hochgebogenen Chassis<a l:href="#n_51" type="note">[51]</a> schr&#xE4;g hinauf in den Himmel.</p><p>Lenz drehte sich zufrieden um. „So, Robby, nun hol mal die Flaschen. Wir wollen das Fest des bl&#xFC;henden Baumes’ feiern.” Ich stellte den Kognak, den Gin und zwei Gl&#xE4;ser auf den Tisch.</p><p>„Und du?” fragte Gottfried. „Ich trinke nichts.”</p><p>„Was? Warum nicht?”</p><p>„Weil ich keine Lust zu dieser verdammten Sauferei mehr habe.”</p><p>Lenz betrachtete mich eine Weile. „Unser Kind ist &#xFC;bergeschnappt, Otto”, sagte er dann zu K&#xF6;ster.</p><p>„Lass ihn doch, wenn er nicht will”, erwiderte K&#xF6;ster. Lenz schenkte sich sein Glas voll. „Der Junge ist schon seit einiger Zeit etwas verr&#xFC;ckt.”</p><p>„Ist noch nicht das Schlechteste”, erkl&#xE4;rte ich. Der Mond kam gro&#xDF; und rot hinter dem Dach der Fabrik gegen&#xFC;ber hervor. Wir sa&#xDF;en eine Weile und schwiegen. „Sag mal, Gottfried”, begann ich dann, „du bist doch ein Fachmann in der Liebe, nicht?”</p><p>„Fachmann? Ich bin ein Altmeister der Liebe”, erwiderte Lenz bescheiden.</p><p>„Sch&#xF6;n. Ich m&#xF6;chte n&#xE4;mlich mal wissen, ob man sich eigentlich dabei immer bl&#xF6;dsinnig benimmt.”</p><p>„Wieso bl&#xF6;dsinnig?”</p><p>„Na so, als ob man halbbetrunken ist. Herumredet und Unsinn quatscht und schwindelt.”</p><p>Lenz brach in ein Gel&#xE4;chter aus. „Aber Baby! Das Ganze ist doch Schwindel. Ein wunderbarer Schwindel von Mama Natur.</p><p>Ich richtete mich auf. „Du meinst, ohne etwas Schwindel geht’s &#xFC;berhaupt nicht?”</p><p>„&#xDC;berhaupt nicht, Kindchen.”</p><p>„Kann man sich aber doch verflucht l&#xE4;cherlich dadurch machen.”</p><p>Lenz grinste. „Merke dir eins, Knabe: nie, nie, nie kann man sich l&#xE4;cherlich bei einer Frau machen, wenn man etwas ihretwegen tut. Selbst beim albernsten Theater nicht.”</p><p>Ich wurde lebendig. „Was meinst du dazu, Otto?” K&#xF6;ster lachte. „Wird wohl stimmen.”</p><p>Er stand auf und klappte Karls Motorhaube auf. Ich holte meine Rumflasche und ein Glas und stellte sie auf den Tisch. Otto lie&#xDF; den Wagen an. Der Motor schlurfte ganz tief und verhalten.</p><p>K&#xF6;ster stellte den Motor ab. Dann wendete er sich an Lenz. „Der Mond ist jetzt hell genug, um ein Glas zu finden, Gottfried. Mach die Illumination aus. Besonders den Ford. Das Biest erinnert mich mit dem schr&#xE4;gen Scheinwerfer an den Krieg. War kein Spa&#xDF; nachts, wenn die Dinger nach dem Flugzeug langten.”</p><p>Lenz nickte. „Und mich erinnert das da – na, ist ja egal – ” Er stand auf und machte die Scheinwerfer aus.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich ging fr&#xFC;h nach Hause. Als ich die Korridort&#xFC;r aufschloss, h&#xF6;rte ich Musik. Es war das Grammophon Erna B&#xF6;nigs, der Sekret&#xE4;rin. Eine leise, klare Frauenstimme sang. Dann kam ein Geglitzer von ged&#xE4;mpften Geigen und Banjopizzicatis<a l:href="#n_52" type="note">[52]</a>. Und wieder die Stimme, eindringlich, weich, als w&#xE4;re sie ganz erf&#xFC;llt von Gl&#xFC;ck.</p><p>Ich zuckte die Achseln und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich ans Fenster.</p><p>Ich sa&#xDF; ziemlich lange und dachte an allerlei Dinge. Auch daran, wie wir damals zur&#xFC;ckgekommen waren aus dem Kriege, jung, ohne Glauben, wie Bergleute aus einem eingest&#xFC;rzten Schacht. Wir hatten marschieren wollen gegen die L&#xFC;ge, die Ichsucht, die Gier, die Tr&#xE4;gheit des Herzens, die all das verschuldet hatten, was hinter uns lag; – wir waren hart gewesen, ohne anderes Vertrauen, als das zu dem Kameraden neben uns und das eine andere, das nie getrogen hatte: zu den Dingen, – zu Himmel, Tabak, Baum und Brot und Erde; – aber was war daraus geworden? Alles war zusammengebrochen, verf&#xE4;lscht und vergessen. Und wer nicht vergessen konnte, dem blieb nur die Ohnmacht, die Verzweiflung, die Gleichg&#xFC;ltigkeit und der Schnaps. Die Zeit der gro&#xDF;en Menschen und M&#xE4;nnertr&#xE4;ume war vorbei. Die Betriebsamen triumphierten. Die Korruption. Das Elend.</p><p>Ach, dieses armselige Bed&#xFC;rfnis nach einem bi&#xDF;chen W&#xE4;rme, – konnten es denn nicht zwei H&#xE4;nde sein und ein geneigtes Gesicht? Oder war das auch nur T&#xE4;uschung und Verzicht und Flucht? Gab es denn etwas anderes als Alleinsein?</p><p>Ich schlo&#xDF; das Fenster. Nein, es gab nichts anderes. F&#xFC;r alles andere hatte man viel zu wenig Boden unter den F&#xFC;&#xDF;en.</p><p>Aber am n&#xE4;chsten Morgen brach ich fr&#xFC;hzeitig auf und klopfte den Besitzer eines kleinen Blumenladens aus seiner Wohnung, bevor ich zur Werkstatt ging. Ich suchte einen Busch Rosen bei ihm aus und sagte ihm, er m&#xF6;chte sie gleich fortschicken. Es war ein wenig sonderbar f&#xFC;r mich, als ich die Adresse langsam auf die Karte schrieb: Patrice Hollmann.</p></section><section><title><p>V</p></title><p>K&#xF6;ster war in seinem &#xE4;ltesten Anzug zum Finanzamt gefahren.</p><p>Er wollte versuchen, unsere Steuern herunter zu kriegen. Lenz und ich waren allein in der Werkstatt.</p><p>„Los, Gottfried”, sagte ich, ,,ran an den dicken Cadillac.” Am Abend vorher war unser Inserat erschienen. Wir konnten also heute mit Kunden rechnen, – wenn &#xFC;berhaupt jemand kam. Es galt den Wagen vorzubereiten.</p><p>Zun&#xE4;chst gingen wir mit Polierwasser &#xFC;ber den Lack. Er bekam dadurch Hochglanz und sah aus, als h&#xE4;tte er hundert Mark mehr gekostet. Dann f&#xFC;llten wir das dickste &#xD6;l, das es gab, in den Motor. Die Kolben waren nicht mehr ganz erstklassig und l&#xE4;rmten etwas. Durch das dicke &#xD6;l wurde das ausgeglichen und die Maschine lief wunderbar ruhig. Auch in das Getriebe und das Differential gaben wir dickes Fett, um sie v&#xF6;llig ruhig zu machen.</p><p>Dann fuhren wir hinaus. In der N&#xE4;he war ein St&#xFC;ck sehr schlechter Stra&#xDF;e. Wir gingen mit f&#xFC;nfzig Kilometern Tempo dar&#xFC;ber. Die Karosserie klapperte. Wir lie&#xDF;en ein viertel Atmosph&#xE4;re Luft aus den Reifen und versuchten es noch einmal. Es war schon besser. Wir lie&#xDF;en noch ein Viertel heraus. Jetzt r&#xFC;hrte sich nichts mehr.</p><p>Wir fuhren zur&#xFC;ck, &#xF6;lten die quietschende Motorhaube, klemmten etwas Gummi dazwischen, f&#xFC;llten hei&#xDF;es Wasser in den K&#xFC;hler, damit der Motor gleich gut ansprang, und spritzten den Wagen unten noch einmal mit einem Petroleumzerst&#xE4;uber ab, damit er auch da gl&#xE4;nzte. Dann hob Gottfried Lenz die H&#xE4;nde zum Himmel. „Nun komm, gesegneter Kunde! Komm, lieblicher Brieftaschenbesitzer! Wir harren deiner wie der Br&#xE4;utigam der Braut!”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Die Braut lie&#xDF; auf sich warten. Wir schoben deshalb das Dampfross des B&#xE4;ckermeisters &#xFC;ber die Grube und begannen, ihm die Vorderachse auszubauen. Ein paar Stunden arbeiteten wir ruhig, ohne viel zu reden. Dann h&#xF6;rte ich Jupp von der Benzinpumpe her das Lied: „Horch, was kommt von drau&#xDF;en rein – ” pfeifen.</p><p>Ich kletterte aus der Grube und schaute durchs Fenster. Ein kleiner, untersetzter Mann strich um den Cadillac herum. Er sah b&#xFC;rgerlich und solide aus. „Schau mal, Gottfried”, fl&#xFC;sterte ich, „sollte das da eine Braut sein?”</p><p>„Klar”, sagte Lenz nach dem ersten Blick. „Sieh dir das Gesicht an. Der ist schon misstrauisch, bevor jemand da ist. Los, ran! Ich bleibe hier als Reserve. Komme nach, wenn du es nicht schaffst. Denk an meine Tricks!”</p><p>„Gut.” Ich ging raus.</p><p>Der Mann sah mir aus klugen, schwarzen Augen entgegen. Ich stellte mich vor. „Lohkamp.”</p><p>„Blumenthal.”</p><p>„Sie kommen wegen des Cadillacs, Herr Blumenthal?” fragte ich. Blumenthal nickte.</p><p>„Das dr&#xFC;ben ist er”, sagte ich und zeigte hin&#xFC;ber.</p><p>„Das sehe ich”, erwiderte Blumenthal.</p><p>Wir gingen &#xFC;ber den Hof. Ich &#xF6;ffnete eine T&#xFC;r des Wagens und lie&#xDF; den Motor an. Dann schwieg ich, um Blumenthal Zeit zur Besichtigung zu lassen.</p><p>Aber Blumenthal besichtigte nicht. Er kritisierte auch nicht. Es blieb mir nichts &#xFC;brig, ich musste aufs Geratewohl vom Leder ziehen<a l:href="#n_53" type="note">[53]</a>.</p><p>Ich begann langsam und systematisch den Cadillac zu beschreiben wie eine Mutter ihr Kind, und versuchte dabei herauszukriegen, ob der Mann irgendetwas verstand. War er Fachmann, dann musste ich mehr auf Motor und Chassis gehen, – verstand er nichts, auf Komfort und Kinkerlitzchen<a l:href="#n_54" type="note">[54]</a>.</p><p>Doch er verriet auch jetzt nichts. Er lie&#xDF; mich reden, bis ich mir vorkam wie ein Luftballon.</p><p>„Machen wir eine Probefahrt, Herr Blumenthal”, schlug ich schlie&#xDF;lich, schon stark abgek&#xE4;mpft, vor.</p><p>„Probefahrt?” erwiderte er, als h&#xE4;tte ich Bahnhof gesagt.</p><p>„Ja, Probefahrt. Sie m&#xFC;ssen doch sehen, was der Wagen leistet.</p><p>„Ach, Probefahrten – “ er machte eine wegwerfende Handbewegung, „Probefahrten zeigen nichts. Was am Wagen fehlt, merkt man immer erst hinterher.”</p><p>„Na sch&#xF6;n, dann nicht”, sagte ich und lie&#xDF; alle Hoffnung fahren. Der Mann wollte nicht, das war klar.</p><p>Aber da wandte er sich pl&#xF6;tzlich um, sah mir voll in die Augen und sagte leise und scharf und sehr rasch: „Was kostet der Wagen?”</p><p>„Siebentausend Mark”, erwiderte ich, ohne mit der Wimper zu zucken, wie aus der Pistole geschossen. Dieser Mann durfte nicht merken, dass ich auch nur einen Moment &#xFC;berlegte, das wusste ich. Jede Sekunde Z&#xF6;gern h&#xE4;tte tausend Mark gekostet, die er abgehandelt h&#xE4;tte. „Siebentausend Mark netto”, wiederholte ich fest und dachte: wenn du jetzt f&#xFC;nf bietest, hast du ihn weg.</p><p>Aber Blumenthal bot gar nichts. Er stie&#xDF; nur ein kurzes Schnaufen aus. „Viel zu teuer!”</p><p>„Nat&#xFC;rlich!” sagte ich und gab den Fall endg&#xFC;ltig auf.</p><p>„Wieso nat&#xFC;rlich?” fragte Blumenthal auf einmal ziemlich menschlich.</p><p>„Herr Blumenthal”, erwiderte ich, „haben Sie heutzutage schon mal jemand getroffen, der auf einen Preis was anderes antwortet?”</p><p>Er sah mich aufmerksam an. Dann zog so etwas wie der Schimmer eines L&#xE4;chelns &#xFC;ber sein Gesicht. „Stimmt. Aber der Wagen ist wirklich zu teuer.”</p><p>Ich traute meinen Ohren nicht. Da war er ja endlich, der richtige Ton! Der Ton des Interessenten! Oder war das wieder ein neuer verfluchter Dreh?</p><p>„Wenn Sie den Wagen einmal gefahren haben, werden Sie anders &#xFC;ber den Preis denken”, sagte ich. „Sie k&#xF6;nnen ihn gern solange probieren, wie Sie wollen. Vielleicht kann ich Sie auch abends zu einer Probefahrt abholen, wenn Ihnen das besser passt.”</p><p>Aber die fl&#xFC;chtige Regung war bereits verflogen. „Lassen Sie nur”, sagte er, „ich muss jetzt gehen. Wenn ich eine Probefahrt machen will, kann ich Ihnen ja noch telefonieren.”</p><p>Ich sah, dass vorl&#xE4;ufig nichts weiter zu machen war. Dieser Mann war nicht zu bereden. „Gut, erkl&#xE4;rte ich, „aber wollen Sie mir nicht Ihre Telefonnummer geben, damit ich Ihnen Bescheid sagen kann, wenn noch ein Interessent da ist?”</p><p>Blumenthal sah mich merkw&#xFC;rdig an. „Interessenten sind noch keine K&#xE4;ufer.”</p><p>Er gab mir freundlich die Hand und ging. Ich sah ihm nach und verfluchte ihn leise, aber gr&#xFC;ndlich. Dann ging ich zur&#xFC;ck in die Werkstatt.</p><p>„Sie sind angerufen worden”, sagte Frida, das schielende Dienstm&#xE4;dchen Frau Zalewskis, als ich mittags auf einen Sprung nach Hause kam.</p><p>Ich drehte mich um. „Wann?”</p><p>„Vor ‘ner halben Stunde. War ‘ne Dame.<a l:href="#n_55" type="note">[55]</a>”</p><p>„Was hat sie denn gesagt?”</p><p>„Sie will abends noch mal anrufen. Aber ich habe ihr gleich gesagt, es h&#xE4;tte nicht viel Zweck. Sie w&#xE4;ren abends nie zu Hause.” Ich starrte sie an. „Was? Das haben Sie gesagt? Herrgott, wenn Ihnen doch mal jemand Telefonieren beibringen w&#xFC;rde.”</p><p>„Ich kann telefonieren”, erkl&#xE4;rte Frida pomadig. „Und zuhause sind Sie abends auch so gut wie nie.”</p><p>„Das geht Sie doch gar nichts an”, fluchte ich. „N&#xE4;chstens erz&#xE4;hlen Sie noch, ob ich L&#xF6;cher in den Str&#xFC;mpfen habe.”</p><p>„Kann ich ja machen”, gab Frida zur&#xFC;ck und sah mich h&#xE4;misch mit ihren roten, entz&#xFC;ndeten Augen an. Wir waren alte Feinde.</p><p>Ich h&#xE4;tte sie am liebsten in ihren Suppentopf gesteckt, beherrschte mich aber, griff in die Tasche, dr&#xFC;ckte ihr eine Mark in die Hand und fragte vers&#xF6;hnlich: „Hat die Dame nicht ihren Namen genannt?”</p><p>„Nee”, sagte Frida.</p><p>„Was hatte sie denn f&#xFC;r eine Stimme? Ein bisschen dunkel und tief und so, als w&#xE4;re sie etwas heiser?”</p><p>„Wei&#xDF; ich nicht”, erkl&#xE4;rte Frida so phlegmatisch, als h&#xE4;tte ich ihr nie eine Mark in die Hand gedr&#xFC;ckt.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Abends um sechs Uhr war ich p&#xFC;nktlich zu Hause.</p><p>Zehn Minuten sp&#xE4;ter klingelte das Telefon. Ich h&#xF6;rte meinen Namen und ging hinaus. „Entschuldigen Sie”, sagte ich verzweifelt in das Telefon, „ich kann Sie nicht verstehen, hier tobt ein S&#xE4;ugling; aber es ist nicht meiner.”</p><p>Ich war in einer schwierigen Lage; es war mir ein R&#xE4;tsel, dass ich es fertigbrachte, mich trotzdem zum n&#xE4;chsten Abend zu verabreden.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Abends waren wir bei Gottfried verabredet. Ich a&#xDF; in einer kleinen Kneipe und ging dann hin. Unterwegs kaufte ich mir im elegantesten Herrenmodegesch&#xE4;ft zur Feier des Tages eine prachtvolle neue Krawatte. Ich war immer noch &#xFC;berrascht, wie glatt alles gegangen war, und ich gelobte mir, morgen seri&#xF6;s zu sein wie der Generaldirektor eines Beerdigungsinstitutes.</p><p>Gottfrieds Bude war eine Sehensw&#xFC;rdigkeit. Sie hing voll von Reiseandenken, die er aus S&#xFC;damerika mitgebracht hatte.</p><p>Au&#xDF;er Lenz und K&#xF6;ster waren Braum&#xFC;ller und Grau noch da. Theo Braum&#xFC;ller hockte mit sonnverbranntem, kupfernem Sch&#xE4;del auf der Sofalehne und musterte begeistert Gottfrieds photographische Sammlung. Er war Rennfahrer f&#xFC;r eine Autofabrik und seit langem mit K&#xF6;ster befreundet. Am sechsten fuhr er das Rennen mit, zu dem Otto Karl gemeldet hatte.</p><p>Ferdinand Grau sa&#xDF; massig, aufgeschwemmt und ziemlich betrunken am Tisch. Als er mich sah, zog er mich mit seiner breiten Pratze zu sich heran. „Robby”, sagte er mit schwerer Stimme, „was willst du hier unter den Verlorenen? Du hast hier nichts zu suchen. Geh wieder weg. Rette dich. Du kannst es noch!”</p><p>Ich blickte zu Lenz hin&#xFC;ber. Er zwinkerte mir zu. „Ferdinand ist hoch in Form. Er vers&#xE4;uft seit zwei Tagen eine liebe Tote. Hat ein Portr&#xE4;t verkauft und gleich Geld bekommen.”</p><p>Ferdinand Grau war Maler. Dabei w&#xE4;re er aber l&#xE4;ngst verhungert, wenn er nicht eine Spezialit&#xE4;t gehabt h&#xE4;tte. Er malte nach Photographien fabelhaft lebensechte Portr&#xE4;ts von Verstorbenen f&#xFC;r piet&#xE4;tvolle Angeh&#xF6;rige. Davon lebte er, – sogar ganz gut.</p><p>„Ein Gastwirt wars diesmal, Robby”, sagte er, „ein Gastwirt mit einer verstorbenen Erbtante<a l:href="#n_56" type="note">[56]</a> in Essig und &#xD6;l.” Er sch&#xFC;ttelte sich. „Schauderhaft.”</p><p>„H&#xF6;r mal Ferdinand”, erwiderte Lenz, „du solltest nicht so harte Ausdr&#xFC;cke gebrauchen. Du lebst ja von einer der sch&#xF6;nsten menschlichen Eigenschaften: von der Piet&#xE4;t.”</p><p>„Unsinn”, erkl&#xE4;rte Grau, „ich lebe vom Schuldbewusstsein. Piet&#xE4;t ist nichts als Schuldbewusstsein. Man will sich rechtfertigen f&#xFC;r das, was man dem lieben Verstorbenen bei Lebzeiten alles gew&#xFC;nscht und angetan hat.”</p><p>Ich kletterte &#xFC;ber das Sofa zu K&#xF6;ster hin&#xFC;ber. Mir war pl&#xF6;tzlich etwas eingefallen. „Otto, du musst mir mal einen Gefallen tun. Ich brauche morgen abend den Cadillac.”</p><p>Otto schloss die Augen bis auf einen kleinen Spalt und l&#xE4;chelte. „Gut, Robby; meinetwegen.”</p><p>„Brauchst du den Wagen vielleicht zu deiner neuen Krawatte?” fragte Lenz, der herangekommen war.</p><p>„Halt den Schnabel”, sagte ich und schob ihn beiseite. Aber er lie&#xDF; nicht locker. „Zeig mal her, Baby!” Er bef&#xFC;hlte die Seide. „Herrlich. Unser Kind als Gigolo. Mir scheint, du willst auf Brautschau!”</p><p>„Du kannst mich heute nicht beleidigen, du Verwandlungsk&#xFC;nstler”, erwiderte ich.</p><p>„Brautschau?” Ferdinand Grau hob den Kopf. „Warum soll er denn nicht auf Brautschau gehen?” Er wurde lebhafter und wandte sich mir zu. „Tu’s ruhig, Robby! Du hast noch das Zeug dazu. Zur Liebe geh&#xF6;rt eine gewisse Einfalt. Die hast du. Bewahre sie dir. Sie ist ein Gottesgeschenk. Nie wieder zu kriegen, wenn man sie mal verloren hat.</p><p>„Nimms dir nicht allzusehr zu Herzen”, grinste Lenz. „Dumm geboren werden ist keine Schande. Nur dumm sterben.”</p><p>„Schweig, Gottfried.” Grau wischte ihn mit einer Bewegung seiner m&#xE4;chtigen Tatze beiseite. „Auf dich kommts nicht an, du Etappenromantiker<a l:href="#n_57" type="note">[57]</a>. Um dich ists nicht schade.”</p></section><section><title><p>VI</p></title><p>Patrice Hollmann wohnte in einem gro&#xDF;en, gelben H&#xE4;userblock, der durch ein schmales Rasenst&#xFC;ck von der Stra&#xDF;e getrennt war. Vor dem Eingang stand eine Laterne. Ich parkte den Cadillac direkt darunter. Er sah in dem bewegten Licht aus wie ein m&#xE4;chtiger Elefant aus flie&#xDF;endem, schwarzem Glanz.</p><p>Ich hatte meine Garderobe noch weiter vervollst&#xE4;ndigt. Zu der Krawatte hatte ich noch einen neuen Hut und ein Paar Handschuhe gekauft; – au&#xDF;erdem trug ich einen Ulster<a l:href="#n_58" type="note">[58]</a> von Lenz, ein herrliches, graues St&#xFC;ck aus feinster Shetlandwolle. So ausger&#xFC;stet wollte ich meinen ersten s&#xE4;uferischen Eindruck nachdr&#xFC;cklich in die Flucht schlagen.</p><p>Ich hupte. Gleich darauf flammte wie eine Rakete in f&#xFC;nf Fenstern &#xFC;bereinander die Treppenbeleuchtung auf. Der Lift begann zu summen. Ich sah ihn herunterschweben wie einen hellen F&#xF6;rderkorb, der vom Himmel herabgelassen wurde. Patrice Hollmann &#xF6;ffnete die T&#xFC;r und kam rasch die Treppen herunter. Sie trug eine kurze, braune Pelzjacke und einen engen, braunen Rock.</p><p>„Hallo!” Sie streckte mir die Hand entgegen. „Ich freue mich so herauszukommen. Ich war den ganzen Tag zuhause.”</p><p>„Warum haben Sie mir das nicht fr&#xFC;her gesagt”, erwiderte ich. „Ich h&#xE4;tte Sie dann schon mittags abgeholt.”</p><p>„Haben Sie denn soviel Zeit?”</p><p>„Das nicht. Aber ich h&#xE4;tte mich schon frei gemacht.”</p><p>Sie holte tief Atem. „Wunderbare Luft! Es riecht nach Fr&#xFC;hling.”</p><p>„Wenn Sie Lust haben, k&#xF6;nnen wir in der Luft herumfahren, so viel Sie wollen”, sagte ich, „nach drau&#xDF;en, vor die Stadt. durch den Wald – ich habe einen Wagen mitgebracht.” Damit zeigte ich so nachl&#xE4;ssig auf den Cadillac, als w&#xE4;r er ein alter Ford.</p><p>„Der Cadillac?” &#xDC;berrascht sah sie mich an. „Geh&#xF6;rt der Ihnen?”</p><p>„Heute abend, ja. Sonst geh&#xF6;rt er unserer Werkstatt. Wir haben ihn aufgearbeitet und wollen das Gesch&#xE4;ft unseres Lebens damit machen.” Ich &#xF6;ffnete die T&#xFC;r. „Wollen wir zuerst in die ,Traube’ fahren und essen? Was meinen Sie dazu?”</p><p>„Essen schon, aber wozu gerade in der Traube?”</p><p>Ich sah verdutzt auf. Die Traube war das einzige elegante Restaurant, das ich kannte.</p><p>„Offen gestanden”, sagte ich, „anders wei&#xDF; ich nichts. Ich denke auch, der Cadillac verpflichtet uns etwas.”</p><p>Sie lachte. „In der Traube ist es bestimmt steif und langweilig. Gehen wir doch anderswo hin!”</p><p>Ich stand ratlos da. Meine seri&#xF6;sen Tr&#xE4;ume l&#xF6;sten sich in Dunst auf. „Dann m&#xFC;ssen Sie schon etwas vorschlagen”, sagte ich. „Die Lokale, die ich n&#xE4;mlich sonst noch kenne, sind etwas handfest. Ich glaube, das ist nichts f&#xFC;r Sie.”</p><p>„Warum glauben Sie das?”</p><p>„Das sieht man doch so ungef&#xE4;hr – ”</p><p>Sie blickte mich rasch an. „Wir k&#xF6;nnen es ja mal versuchen.”</p><p>„Gut.” Ich warf entschlossen mein ganzes Programm um.</p><p>„Dann wei&#xDF; ich was, wenn Sie nicht schreckhaft sind. Wir gehen zu Alfons.”</p><p>„Alfons klingt schon sehr gut”, erwiderte sie, „und schreckhaft bin ich heute abend auch nicht.”</p><p>„Alfons ist ein Bierwirt”, sagte ich, „ein guter Freund von Lenz.”</p><p>Sie lachte. „Lenz hat wohl &#xFC;berall Freunde?”</p><p>Ich nickte. „Er findet sie auch leicht. Das haben Sie ja bei Binding gesehen.”</p><p>„Ja, wei&#xDF; Gott”, erwiderte sie. „Das ging ja wie der Blitz.”</p><p>Wir fuhren los.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Alfons war ein schwerer, ruhiger Mann. Vorstehende Backenknochen. Kleine Augen. Aufgekrempelte Hemds&#xE4;rmel. Arme wie ein Gorilla.</p><p>Er wischte mit der behaarten Tatze &#xFC;ber die helle Tischplatte aus Tannenholz. „Bier?” fragte er.</p><p>„Korn und was zu essen”, sagte ich.</p><p>„Und die Dame?” fragte Alfons.</p><p>„Die Dame will auch einen Korn”, sagte Patrice Hollmann.</p><p>„Heftig, heftig”, meinte Alfons. „Es gibt Schweinerippchen mit Sauerkraut.”</p><p>„Selbstgeschlachtet?” fragte ich.</p><p>„Klar.”</p><p>„Aber die Dame m&#xF6;chte sicher etwas leichteres essen, Alfons.”</p><p>„Kann nicht Ihr Ernst sein”, meinte Alfons.</p><p>„Schauen Sie sich erst mal die Rippchen an.”</p><p>Er lie&#xDF; den Kellner eine Portion zeigen. „War eine wunderbare Sau”, sagte er. „Pr&#xE4;miiert. Zwei erste Preise.”</p><p>„Da kann nat&#xFC;rlich niemand widerstehen”, erwiderte Patrice Hollmann zu meinem Erstaunen mit einer Sicherheit, als verkehre sie schon Jahre in der Kaschemme<a l:href="#n_59" type="note">[59]</a> hier.</p><p>Alfons zwinkerte. „Also zwei Portionen?”</p><p>Sie nickte.</p><p>„Sch&#xF6;n! Werde mal selbst aussuchen.”</p><p>Er ging in die K&#xFC;che. „Ich nehme meine Zweifel wegen des Lokals zur&#xFC;ck”, sagte ich. „Sie haben Alfons im Sturm erobert. Selbst aussuchen, das macht er sonst nur bei Stammg&#xE4;sten.”</p><p>Alfons kam zur&#xFC;ck. „Habe euch noch eine frische. Wurst reingegeben.”</p><p>„Keine schlechte Idee”, sagte ich.</p><p>Alfons sah uns wohlwollend an. Der Korn kam. Drei Gl&#xE4;ser. Eins f&#xFC;r Alfons mit. „Na, denn Prost”, sagte er. „Auf dass unsere Kinder reiche Eltern kriegen.”</p><p>Wir kippten die Gl&#xE4;ser. Das M&#xE4;dchen nippte nicht, es kippte auch.</p><p>„Heftig, heftig”, sagte Alfons und schlurfte zur Theke zur&#xFC;ck.</p><p>„Schmeckt Ihnen der Korn?” fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte sich. „Etwas kr&#xE4;ftig. Aber ich kann mich doch vor Alfons nicht blamieren.”</p><p>Die Schweinerippchen hatten es in sich. Ich a&#xDF; zwei gro&#xDF;e Portionen und auch Patrice Hollmann a&#xDF; bedeutend mehr, als ich ihr zugetraut hatte. Ich fand es gro&#xDF;artig, dass sie so gut mitmachte und sich so ohne weiteres in das Lokal fand. Sie trank auch ohne Ziererei noch einen zweiten Korn mit Alfons.</p><p>Der zwinkerte mir heimlich zu, er f&#xE4;nde die Sache richtig. Und Alfons war ein Kenner. Nicht gerade in Bezug auf Sch&#xF6;nheit und Kultur, – wohl aber in Bezug auf Kern und Gehalt.</p><p>„Wenn Sie Gl&#xFC;ck haben, lernen Sie Alfons in seiner menschlichen Schw&#xE4;che kennen”, sagte ich.</p><p>„Das m&#xF6;chte ich mal”, erwiderte sie. „Er sieht aus, als h&#xE4;tte er keine.”</p><p>„Doch!” Ich zeigte auf einen Tisch neben der Theke. „Da – ”</p><p>„Was? Das Grammophon?”</p><p>„Nicht das Grammophon. Chorgesang! Alfons hat eine Schw&#xE4;che f&#xFC;r Chorgesang. Keine T&#xE4;nze, keine klassische Musik, – nur Ch&#xF6;re: M&#xE4;nnerch&#xF6;re, gemischte Ch&#xF6;re, – alles, was da an Platten liegt, sind Ch&#xF6;re. Da, sehen Sie, er kommt.”</p><p>„Geschmeckt?” fragte Alfons.</p><p>„Wie bei Muttern<a l:href="#n_60" type="note">[60]</a>”, erwiderte ich.</p><p>„Die Dame auch?”</p><p>„Die besten Schweinerippchen meines Lebens”, erkl&#xE4;rte die Dame k&#xFC;hn.</p><p>Alfons nickte befriedigt. „Spiele euch jetzt mal meine neue Platte vor. Werdet staunen.”</p><p>Er ging zum Grammophon. Die Nadel kratzte und machtvoll erhob sich ein M&#xE4;nnerchor, der mit gewaltigen Stimmen das „Schweigen im Walde” sang. Es war ein verflucht lautes Schweigen.</p><p>Vom ersten Takt an wurde alles im Lokal still. Alfons konnte gef&#xE4;hrlich werden, wenn jemand keine Andacht zeigte. Er stand an der Theke, die haarigen Arme aufgest&#xFC;tzt. Sein Gesicht ver&#xE4;nderte sich unter der Macht der Musik. Ghorgesang hatte eine unbeschreibliche Gewalt &#xFC;ber ihn.</p><p>Die Platte lief aus. Alfons kam heran.</p><p>„Wunderbar”, sagte ich.</p><p>„Besonders der erste Tenor”, erg&#xE4;nzte Patrice Hollmann.</p><p>„Richtig”, meinte Alfons und wurde zum ersten Male lebhafter. „Sie verstehen was davon! Der erste Tenor ist ganz gro&#xDF;e Klasse.”</p><p>Wir verabschiedeten uns von ihm. „Gr&#xFC;&#xDF;t Gottfried”, sagte er. „Soll sich mal wieder sehen lassen.”</p><p>Wir standen auf der Stra&#xDF;e.</p><p>Patrice Hollmann schauerte ein wenig.</p><p>„Im Cadillac ist es warm”, sagte ich. „Zur Vorsicht habe ich auch eine Decke mitgebracht.”</p><p>Ich half ihr in den Wagen und legte ihr die Decke &#xFC;ber die Knie. Sie zog sie h&#xF6;her hinauf. „Herrlich! So ist es wunderbar. K&#xE4;lte macht traurig.”</p><p>Ich lie&#xDF; den Motor an und wir fuhren langsam und planlos durch die Stadt. Es war die Zeit, wo der Abendverkehr am st&#xE4;rksten ist. Wir glitten fast unh&#xF6;rbar hindurch, so leise summte die Maschine. Es war, als sei der Wagen ein Schiff, das lautlos &#xFC;ber die bunten Kan&#xE4;le des Lebens trieb.</p><p>Wir kamen in die ruhigen Stra&#xDF;en der Vororte. Der Wind wurde st&#xE4;rker. Er schien die Nacht vor sich her zu treiben. An einem gro&#xDF;en Platz, um den rundherum kleine H&#xE4;user in kleinen G&#xE4;rten schliefen, hielt ich den Wagen an.</p><p>Patrice Hollmann machte eine Bewegung, als erwache sie.</p><p>„Sch&#xF6;n ist das”, sagte sie nach einer Weile. „Wenn ich einen Wagen h&#xE4;tte, w&#xFC;rde ich jeden Abend so langsam herumfahren. Es hat etwas Unwirkliches, so lautlos &#xFC;berall vor&#xFC;berzugleiten. Man ist wach und tr&#xE4;umt zur selben Zeit. Ich kann mir denken, dass man dann keine Menschen mehr brauchte abends – ”</p><p>Ich zog ein Paket Zigaretten aus der Tasche. „Abends braucht man welche, was?”</p><p>Sie nickte. „Abends schon. Das ist eine sonderbare Sache, wenn es dunkel wird.”</p><p>Ich riss das Paket auf. „Es sind amerikanische Zigaretten. M&#xF6;gen Sie die?”</p><p>„Ja. Lieber als andere sogar.”</p><p>Ich gab ihr Feuer. Einen Augenblick beleuchtete das warme, nahe Licht des Streichholzes ihr Gesicht und meine H&#xE4;nde und ich hatte pl&#xF6;tzlich den verr&#xFC;ckten Gedanken, als geh&#xF6;rten wir seit langem zusammen.</p></section><section><title><p>VII</p></title><p>Zwei Tage sp&#xE4;ter kam K&#xF6;ster eilig aus der Bude. „Robby, dein Blumenthal hat telefoniert. Du sollst um elf mit dem Cadillac zu ihm kommen. Er will eine Probefahrt machen.”</p><p>Ich schmiss Schraubenzieher und Engl&#xE4;nder<a l:href="#n_61" type="note">[61]</a> hin. „Mensch, Otto – wenn das was w&#xFC;rde!”</p><p>„Was habe ich euch gesagt”, lie&#xDF; sich Lenz aus der Grube unter dem Ford her vernehmen, „Er kommt wieder, habe ich gesagt. Immer auf Gottfried h&#xF6;ren!”</p><p>„Halt den Schnabel, die Situation ist ernst”, schrie ich herunter.</p><p>„Otto, wie viel kann ich &#xE4;u&#xDF;erst vom Preis nachlassen?”</p><p>„&#xC4;u&#xDF;erst zweitausend. Aller&#xE4;u&#xDF;erst zweitausendzweihundert. Wenns gar nicht anders geht, zweif&#xFC;nf. Wenn du siehst, dass du einen Wahnsinnigen vor dir hast, zweisechs. Aber sag ihm, dass wir ihn dann in alle Ewigkeit verfluchen werden.”</p><p>„Gut.”</p><p>Wir putzten den Wagen blitzblank. Ich stieg ein. K&#xF6;ster legte mir die Hand auf die Schulter. „Robby, bedenke, dass du als Soldat andere Sachen mitgemacht hast. Verteidige die Ehre unserer Werkstatt bis aufs Blut. Stirb stehend, die Hand an Blumenthals Brieftasche.”</p><p>„Gemacht”, grinste ich.</p><p>Lenz kramte eine Medaille aus der Tasche und hielt sie mir vors Gesicht. „Fa&#xDF; mein Amulett an, Robby!”</p><p>„Meinetwegen.” Ich fasste zu.</p><p>„Abrakadabra, gro&#xDF;er Schiwa<a l:href="#n_62" type="note">[62]</a>”, betete Gottfried, „segne diese Memme mit Mut und St&#xE4;rke! Halt, hier, noch besser, nimms mit! So, jetzt spuck noch dreimal aus.”</p><p>„In Ordnung”, sagte ich, spuckte ihm vor die F&#xFC;&#xDF;e und fuhr los, vorbei an Jupp, der aufgeregt mit dem Benzinschlauch salutierte.</p><p>Unterwegs kaufte ich ein paar Nelken und dekorierte sie k&#xFC;nstlerisch in den Kristallvasen des Wagens. Ich spekulierte damit auf Frau Blumenthal.</p><p>Leider empfing mich Blumenthal in seinem B&#xFC;ro, nicht in der Wohnung. Ich musste eine Viertelstunde warten. Liebling, dachte ich, den Trick kenne ich, damit machst du mich nicht m&#xFC;rbe. Ich forschte im Vorzimmer eine h&#xFC;bsche Stenotypistin, die ich mit der Nelke aus meinem Knopfloch bestach, &#xFC;ber das Gesch&#xE4;ft aus. Trikotagen, Umsatz gut, neun Personen im B&#xFC;ro, ein stiller Sozius<a l:href="#n_63" type="note">[63]</a>, sch&#xE4;rfste Konkurrenz Meyer und Sohn, der Meyersohn fuhr roten Zweisitzer Essex<a l:href="#n_64" type="note">[64]</a>, – soweit war ich, als Blumenthal mich rufen lie&#xDF;.</p><p>Er schoss sofort mit Kanonen. „Junger Mann”, sagte er, „ich hab nicht viel Zeit. Neulich der Preis war ein Wunschtraum von Ihnen. Also Hand aufs Herz, was kostet der Wagen?”</p><p>„Siebentausend Mark”, erwiderte ich.</p><p>Er wandte sich kurz ab. „Dann ist nichts zu machen.”</p><p>„Herr Blumenthal”, sagte ich, „sehen Sie sich den Wagen noch einmal an – ”</p><p>„Nicht n&#xF6;tig”, unterbrach er mich, „ich habe ihn mir ja neulich genau angesehen – ”</p><p>„Sehen und Sehen ist zweierlei”, erkl&#xE4;rte ich. „Sie sollen Details sehen. Die Lackierung, erstklassig, von Voll und Ruhrbeck, Selbstkosten 250 Mark, – die Bereifung neu, Katalogpreis 600 Mark, macht schon 850. Die Polsterung, feinster Cord – ”</p><p>Er winkte ab. Ich begann von neuem. Ich forderte ihn auf, das luxuri&#xF6;se Werkzeug zu besichtigen, das herrliche Verdeckleder, den verchromten K&#xFC;hler, die modernen Sto&#xDF;stangen, sechzig Mark das Paar; – wie ein Kind zur Mutter strebte ich zu dem Cadillac zur&#xFC;ck und versuchte Blumenthal zu &#xFC;berreden, herunter zu kommen. Ich wusste, dass mir, wie Ant&#xE4;us, neue Kr&#xE4;fte auf der Erde wachsen w&#xFC;rden. Preise verlieren viel von ihrem abstrakten Schrecken, wenn man was daf&#xFC;r zeigen kann.</p><p>Aber Blumenthal wusste ebenso, dass seine St&#xE4;rke hinter seinem Schreibtisch lag. Er setzte seine Brille ab und ging mich jetzt erst richtig an. Wir k&#xE4;mpften wie ein Tiger mit einer Pythonschlange. Blumenthal war der Python. Ehe ich mich umsehen konnte, hatte er mir schon f&#xFC;nfzehnhundert Mark abgehandelt.</p><p>Mir wurde angst und bange. Ich griff in die Tasche und nahm Gottfrieds Amulett fest in die Hand. „Herr Blumenthal”, sagte ich ziemlich ersch&#xF6;pft, „es ist ein Uhr, Sie m&#xFC;ssen sicher zum Essen!” Ich wollte um alles in der Welt raus aus dieser Bude, in der die Preise wie Schnee zerschmolzen.</p><p>„Ich esse erst um zwei”, erkl&#xE4;rte B&#xDF;lumenthal unger&#xFC;hrt, „aber wissen Sie was? Wir k&#xF6;nnen jetzt die Probefahrt machen.”</p><p>Ich atmete auf.</p><p>„Nachher reden wir dann weiter”, f&#xFC;gte er hinzu. Ich atmete wieder ein.</p><p>Wir fuhren zu seiner Wohnung. Er bat mich zu warten, er wolle seine Frau holen.</p><p>Frau Blumenthal erschien. Ich erinnerte mich an alle Ratschl&#xE4;ge von Lenz und verwandelte mich aus einem K&#xE4;mpfer in einen Kavalier.</p><p>Blumenthal hatte daf&#xFC;r nur ein niedertr&#xE4;chtiges L&#xE4;cheln. Der Mann war aus Eisen. Er h&#xE4;tte Lokomotiven verkaufen sollen, aber keine Trikotagen.</p><p>Ich sorgte daf&#xFC;r, dass er hinten in den Wagen kam und seine Frau neben mich. „Wohin darf ich Sie fahren, gn&#xE4;dige Frau?” fragte ich schmelzend.</p><p>„Wohin Sie wollen”, meinte sie, m&#xFC;tterlich l&#xE4;chelnd.</p><p>Ich begann zu plaudern. Es war eine Wohltat, einen harmlosen Menschen vor sich zu haben. Ich sprach so leise, dass Blumenthal nicht viel verstehen konnte. So sprach ich freier. Es war ohnehin schon schlimm genug, dass er hinten sa&#xDF;.</p><p>Wir hielten. Ich stieg aus und sah meinen Feind fest an. „Sie m&#xFC;ssen doch zugeben, dass der Wagen sich wie Butter f&#xE4;hrt, Herr Blumenthal.”</p><p>„Was hei&#xDF;t schon Butter, junger Mann”, entgegnete er sonderbar freundlich, „wenn die Steuern einen auffressen. Der Wagen kostet zu viel Steuern. Ihnen gesagt.”</p><p>„Herr Blumenthal”, sagte ich, bestrebt, den Ton festzuhalten, „Sie sind Gesch&#xE4;ftsmann, zu Ihnen kann ich aufrichtig reden. Das sind keine Steuern, das sind Spesen. Sagen Sie selbst, was erfordert ein Gesch&#xE4;ft denn heute? Sie wissen es, – nicht mehr Kapital, wie fr&#xFC;her, – Kredit braucht es! Und wie kriegt man Kredit? Immer noch durchs Auftreten. Ein Gadillac ist solide und flott – beh&#xE4;big, aber nicht altmodisch – gesundes B&#xFC;rgertum – er ist die lebendige Reklame f&#xFC;rs Gesch&#xE4;ft.”</p><p>Blumenthal wendete sich belustigt an seine Frau. „Ein j&#xFC;disches K&#xF6;pfchen hat er, wie? junger Mann”, sagte er dann, immer noch famili&#xE4;r, „die beste Reklame f&#xFC;r Solidit&#xE4;t ist heute ein sch&#xE4;biger Anzug und Autobusfahren.</p><p>Ich sah ihn misstrauisch an. Was hatte er nur mit seiner Freundlichkeit vor? Oder d&#xE4;mpfte die Gegenwart seiner Frau seinen Kampfgeist? Ich beschloss, eine Pistole abzufeuern. „So ein Gadillac ist doch was anderes als ein Essex, nicht wahr, gn&#xE4;dige Frau? Der Junior von Meyer und Sohn f&#xE4;hrt so ein Ding, aber ich m&#xF6;chte ihn nicht geschenkt haben, diesen grellroten, auff&#xE4;lligen Schlitten – ”</p><p>Ich h&#xF6;rte Blumenthal schnauben und fuhr rasch fort: „Die Farbe hier kleidet Sie &#xFC;brigens sehr gut, gn&#xE4;dige Frau – ged&#xE4;mpftes Kobaltblau zu Blond – ”</p><p>Pl&#xF6;tzlich sah ich Blumenthal wie einen ganzen Wald voll Affen grinsen<a l:href="#n_65" type="note">[65]</a>. ,,Meyer und Sohn – t&#xFC;chtig, t&#xFC;chtig – ” st&#xF6;hnte er. „Und jetzt auch noch Schmonzes<a l:href="#n_66" type="note">[66]</a> – Schmonzes! – ”</p><p>Ich blickte ihn an. Ich traute meinen Augen nicht; das war echt! Sofort schlug ich weiter in dieselbe Kerbe. „Herr Blumenthal, gestatten Sie, dass ich etwas richtig stelle. Bei einer Frau sind Schmonzes nie Schmonzes. Es sind Komplimente, die in unserer Jammerzeit leider immer seltener werden. Die Frau ist kein Stahlm&#xF6;bel; sie ist eine Blume, – sie verlangt keine Sachlichkeit; sie verlangt die heitere Schmonzessonne.</p><p>„Gut gebr&#xFC;llt, L&#xF6;we”, sagte Blumenthal strahlend. „H&#xF6;ren Sie, Herr Lohkamp! Ich wei&#xDF;, dass ich Ihnen noch glatt tausend Mark abhandeln kann – ”</p><p>Ich trat einen Schritt zur&#xFC;ck. T&#xFC;ckischer Satan, dachte ich, das ist der erwartete Schlag. Ich sah mich bereits als Abstinent durchs Leben wandern und warf den Blick eines gemarterten Rehkitzes zu Frau Blumenthal hin&#xFC;ber. „Aber, Vater – ” sagte sie.</p><p>„Lass mal, Mutter”, erwiderte er. „Also ich k&#xF6;nnte es, – aber ich tue es nicht. Es hat mir Spa&#xDF; als Gesch&#xE4;ftsmann gemacht, wie Sie gearbeitet haben. Noch etwas zu phantasievoll, aber immerhin – das mit Meyer und Sohn war schon gut. Haben Sie eine j&#xFC;dische Mutter?”</p><p>„Nein.”</p><p>„Waren Sie mal in der Konfektion?”</p><p>„Ja”</p><p>„Sehen Sie, daher den Stil. In was f&#xFC;r ‘ner Branche?”<a l:href="#n_67" type="note">[67]</a></p><p>„Seele”, erwiderte ich, „ich sollte mal Schulmeister werden.”</p><p>„Herr Lohkamp”, sagte Blumenthal, „Respekt! Wenn Sie mal ohne Stellung sind, rufen Sie bei mir an.”</p><p>Er schrieb einen Scheck aus und gab ihn mir. Ich traute meinen Augen nicht! Vorauszahlung! – ein Wunder! „Herr Blumenthal”, sagte ich &#xFC;berw&#xE4;ltigt, „erlauben Sie mir, zu dem Wagen zwei kristallene Aschenbecher und eine erstklassige Gummifu&#xDF;matte gratis dreinzugeben.”</p><p>„Sch&#xF6;n” meinte er, „da kriegt der alte Blumenthal auch mal was geschenkt.” Dann lud er mich f&#xFC;r den n&#xE4;chsten Tag zum Abendessen ein. Frau Blumenthal l&#xE4;chelte mir m&#xFC;tterlich zu.</p><p>„Es gibt gef&#xFC;llten Hecht”, sagte sie weich.</p><p>„Eine Delikatesse”, erkl&#xE4;rte ich. „Dann bringe ich Ihnen gleich den Wagen mit. Morgen fr&#xFC;h lassen wir ihn zu.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich flog wie eine Schwalbe zur&#xFC;ck zur Werkstatt. Aber Lenz und K&#xF6;ster waren zum Essen gegangen. Ich musste meinen Triumph noch bez&#xE4;hmen. Nur Jupp war da. „Verkauft?” fragte er.</p><p>„Das m&#xF6;chtest du wohl wissen, du Strolch”, sagte ich. „Hier, da hast du einen Taler. Bau dir ein Flugzeug daf&#xFC;r.”</p><p>„Also verkauft”, grinste Jupp.</p><p>„Ich fahre jetzt essen”, sagte ich, „aber wehe, wenn du den andern was sagst, bevor ich zur&#xFC;ck bin.”</p><p>„Herr Lohkamp”, beteuerte er und wirbelte den Taler durch die Luft, „ich bin ein Grab.”</p><p>„So siehst du aus”, sagte ich und gab Gas.</p><p>Als ich auf den Hof zur&#xFC;ckkam, machte Jupp mir ein Zeichen. „Was ist los?” fragte ich. „Hast du den Schnabel nicht gehalten?”</p><p>„Herr Lohkamp! Wie Eisen!” Er grinste. „Nur – der Fordfritze<a l:href="#n_68" type="note">[68]</a> ist drin.”</p><p>Ich lie&#xDF; den Cadillac auf dem Hof stehen und ging in die Werkstatt. Der B&#xE4;ckermeister war da und beugte sich gerade &#xFC;ber ein Buch mit Farbproben. Er trug einen karierten G&#xFC;rtelmantel mit breitem Trauerflor. Neben ihm stand eine h&#xFC;bsche Person mit hurtigen, schwarzen Augen, einem offenen M&#xE4;ntelchen mit verrupftem Kaninchenfellbesatz und zu kleinen Lackschuhen. Die schwarze Person war f&#xFC;r leuchtendes Zinnober; aber der B&#xE4;cker hatte gegen Rot Bedenken, weil er doch in Trauer war. Er schlug ein fahles Gelbgrau vor.</p><p>„Ach was”, maulte die Schwarze, „ein Ford muss auffallend lackiert sein. Sonst sieht er nach nichts aus.”</p><p>Sie schickte verschw&#xF6;rerische Blicke nach uns aus, zuckte mit den Achseln, als der B&#xE4;cker sich b&#xFC;ckte, verzog den Mund und blinzelte uns zu. Ein munteres Kind! Schlie&#xDF;lich einigten sich beide auf Resedagr&#xFC;n. Das M&#xE4;dchen wollte ein helles Verdeck dazu haben. Doch da wurde der B&#xE4;ckermeister stark: irgendwo sollte die Trauer herauskommen. Er setzte ein schwarzes Lederverdeck durch. Dabei machte er nebenbei noch ein Gesch&#xE4;ft; denn er bekam das Verdeck ja gratis und Leder war teurer als Stoff.</p><p>Die beiden gingen. Aber auf dem Hof gab es noch einen Aufenthalt. Die Schwarze hatte den Cadillac kaum erblickt, als sie drauflos schoss. „Sieh mal, Puppi, das ist ein Wagen! Fabelhaft! Das lass ich mir gefallen!”</p><p>Im n&#xE4;chsten Augenblick hatte sie die T&#xFC;r schon offen und sa&#xDF; drin, schielend vor Begeisterung. „Das sind Sitze! Kolossal! Wie Klubsessel! Das ist was anderes als der Ford!”</p><p>„Na, komm schon”, sagte Puppi missmutig.</p><p>Lenz stie&#xDF; mich an; – ich sollte in Aktion treten und versuchen, dem B&#xE4;cker den Wagen aufzuh&#xE4;ngen. Ich sah Gottfried von oben herab an und schwieg. Er stie&#xDF; st&#xE4;rker. Ich stie&#xDF; zur&#xFC;ck und drehte ihm den R&#xFC;cken zu.</p><p>Mit M&#xFC;he bekam der B&#xE4;cker sein schwarzes Juwel endlich aus dem Wagen und zog etwas geb&#xFC;ckt und stark ver&#xE4;rgert ab.</p><p>Wir sahen dem Paar nach. „Ein Mann von schnellen Entschl&#xFC;ssen!” sagte ich. „Reparierter Wagen, – neue Frau – alle Achtung!”</p><p>„Na”, meinte K&#xF6;ster, „an der wird er noch Freude haben.”</p><p>Kaum waren die beiden um die Ecke, da blubberte Gottfried los. „Bist du denn ganz von Gott verlassen, Robby? Verpasst so eine Gelegenheit! Das war doch ein Schulbeispiel, wie man anspringen muss!”</p><p>„Unteroffizier Lenz”, erwiderte ich, „nehmen Sie die Knochen zusammen, wenn Sie mit einem Vorgesetzten reden! Glauben Sie, ich bin ein Bigamist<a l:href="#n_69" type="note">[69]</a> und verheirate den Wagen zweimal?”</p><p>Es war ein gro&#xDF;er Moment, Gottfried dastehen zu sehen. Er machte Augen wie Teller. „Treib keinen Scherz mit heiligen Dingen”, stotterte er.</p><p>Ich beachtete ihn gar nicht, sondern wandte mich an K&#xF6;ster. „Otto, nimm Abschied von unserm Cadillac-Kinde! Es geh&#xF6;rt nicht mehr uns. Es wird der Unterhosenbranche fortan Glanz verleihen!<a l:href="#n_70" type="note">[70]</a> Hoffe, dass es ein gutes Leben dort haben wird! Nicht so heldisch wie bei uns, – daf&#xFC;r aber sicherer.”</p><p>Ich zog den Scheck heraus. Lenz fiel beinahe auseinander.</p><p>„Doch nicht – was? Etwa – bezahlt?” fl&#xFC;sterte er heiser.</p><p>„Was dachten Sie Anf&#xE4;nger denn?” fragte ich und schwenkte den Scheck hin und her. „Ratet!”</p><p>„Vier!” rief Lenz mit geschlossenen Augen.</p><p>„Vierf&#xFC;nf”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>„F&#xFC;nf”, schrie Jupp von der Pumpe aus her&#xFC;ber.</p><p>„F&#xFC;nff&#xFC;nf”, schmetterte ich.</p><p>Lenz riss mir den Scheck aus der Hand. „Unm&#xF6;glich! Wird bestimmt ungedeckt sein!”</p><p>„Herr Lenz”, sagte ich mit W&#xFC;rde, „der Scheck ist so sicher, wie Sie unsicher sind! Mein Freund Blumenthal ist f&#xFC;r die zwanzigfache Summe gut. Mein Freund, verstehen Sie, bei dem ich morgen abend gef&#xFC;llten Hecht esse. Nehmen Sie sich ein Beispiel daran! Freundschaft schlie&#xDF;en, Vorauszahlung bekommen und zum Abendbrot eingeladen werden: das hei&#xDF;t verkaufen! So, jetzt k&#xF6;nnen Sie r&#xFC;hren!”<a l:href="#n_71" type="note">[71]</a></p><p>„Du hast tadellos verkauft, Robby”, sagte K&#xF6;ster. „Gottlob, dass wir den Schlitten los sind. K&#xF6;nnen den Zaster verdammt gut gebrauchen.”</p><p>„Gibst du mir f&#xFC;nfzig Mark Vorschuss?” fragte ich.</p><p>„Hundert. Hasts verdient.”</p><p>„M&#xF6;chtest du nicht auch meinen grauen Mantel auf Vorschuss dazu haben?” fragte Gottfried mit zugekniffenen Augen.</p><p>„Kinder, wir machen Schluss f&#xFC;r heute!” schlug K&#xF6;ster vor. „Genug f&#xFC;r einen Tag verdient! Man soll Gott auch nicht versuchen. Wollen mit Karl rausfahren und zum Rennen trainieren.”</p><p>Jupp hatte l&#xE4;ngst seine Benzinpumpe im Stich gelassen. Er wischte sich aufgeregt die H&#xE4;nde. „Herr K&#xF6;ster, dann &#xFC;bernehme ich wohl solange hier wieder das Kommando, wie?</p><p>„Nein, Jupp”, sagte Otto lachend, „du kommst mit!”</p><p>Wir fuhren zun&#xE4;chst zur Bank und gaben den Scheck ab. Lenz ruhte nicht, bis er wusste, dass er in Ordnung war. Dann hauten wir ab, dass die Funken aus dem Auspuff stoben.</p></section><section><title><p>VIII</p></title><p>Ich stand meiner Wirtin gegen&#xFC;ber. „Wo brennts?” fragte Frau Zalewski.</p><p>„Nirgendwo”, erwiderte ich. „Ich will nur meine Miete bezahlen.” Es war noch drei Tage zu fr&#xFC;h und Frau Zalewski fiel vor Erstaunen fast um. „Dahinter steckt doch was”, meinte sie argw&#xF6;hnisch.</p><p>„Nicht die Spur”, erwiderte ich. „Kann ich heute abend mal die beiden Brokatsessel aus Ihrem Salon haben?”</p><p>„Da haben wir es! Gef&#xE4;llt Ihnen Ihr Zimmer nicht mehr?”</p><p>„Doch. Aber Ihre Brokatsessel gefallen mir besser.”</p><p>Ich erkl&#xE4;rte ihr, dass ich vielleicht Besuch von einer Kusine bek&#xE4;me und dazu das Zimmer gern etwas h&#xFC;bscher haben m&#xF6;chte. „Kusine”, wiederholte sie ver&#xE4;chtlich, „und wann kommt die Kusine?”</p><p>„Es ist noch gar nicht sicher”, sagte ich, „aber wenn sie kommt, nat&#xFC;rlich fr&#xFC;h, fr&#xFC;h abends, zum Essen. Warum soll es &#xFC;brigens keine Kusinen geben, Frau Zalewski?”</p><p>„Es gibt schon welche”, erwiderte sie, „aber f&#xFC;r die borgt man keine Sessel.”</p><p>„Ich wohl”, behauptete ich. „Wissen Sie. ich habe sehr viel Familiensinn.”</p><p>„So sehen Sie aus! Rumtreiber seid ihr alle miteinander. Die Brokatsessel k&#xF6;nnen Sie haben. Stellen Sie die roten Pl&#xFC;sch solange in den Salon.”<a l:href="#n_72" type="note">[72]</a></p><p>„Danke sch&#xF6;n. Morgen bringe ich alles zur&#xFC;ck. Den Teppich auch.”</p><p>„Teppich?” Sie drehte sich um. „Wer hat denn hier ein Wort von Teppich gesagt?”</p><p>„Ich. Und Sie auch, eben grade.”</p><p>Sie sah mich entr&#xFC;stet an. „Der geh&#xF6;rt doch dazu”, sagte ich. „Die Sessel stehen doch drauf.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich war dabei, meine Bude auszuschm&#xFC;cken. Nachmittags hatte ich mit Patrice Hollmann telefoniert. Sie war krank gewesen und ich hatte sie fast eine Woche nicht mehr gesehen. Jetzt waren wir um acht Uhr verabredet und ich hatte ihr vorgeschlagen, bei mir zu essen und nachher in ein Kino zu gehen.</p><p>Ich packte aus, was ich zum Abendbrot eingekauft hatte, und machte alles zurecht, so gut ich konnte. Aus der K&#xFC;che war keine Hilfe f&#xFC;r mich zu erwarten, dazu stand ich mit Frida zu schlecht. Sie h&#xE4;tte mir h&#xF6;chstens etwas umgeworfen. Aber es ging auch so und bald kannte ich meine alte Bude nicht wieder in ihrem neuen Glanz.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Die Haust&#xFC;r klappte. „Hallo”, sagte Patrice Hollmann, „so tief in Gedanken?”</p><p>„Nein, gar nicht! Aber wie geht es Ihnen? Sind Sie wieder gesund? Was haben Sie denn gehabt?”</p><p>„Ach, nichts Besonderes. Erk&#xE4;ltet und ein bisschen Fieber.”</p><p>Sie sah gar nicht krank und angegriffen aus. Im Gegenteil, – ihre Augen waren mir noch nie so gro&#xDF; und strahlend erschienen, ihr Gesicht war ein wenig ger&#xF6;tet und ihre Bewegungen waren geschmeidig, wie bei einem schmalen, sch&#xF6;nen Tier.</p><p>„Sie sehen prachtvoll aus”, sagte ich. „Ganz gesund! Wir k&#xF6;nnen eine Menge unternehmen.”</p><p>„Das w&#xE4;re sch&#xF6;n”, erwiderte sie. „Aber heute geht es nicht. Ich kann heute nicht.”</p><p>Ich starrte sie verst&#xE4;ndnislos an. „Sie k&#xF6;nnen nicht?”</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Leider nicht.”</p><p>Ich begriff immer noch nicht. Ich glaubte, sie h&#xE4;tte sich das mit meiner Bude anders &#xFC;berlegt und wollte nur nicht bei mir daheim essen.</p><p>„Ich habe schon bei Ihnen angerufen”, sagte sie, „damit Sie nicht vergebens k&#xE4;men. Aber Sie waren schon weggegangen.”</p><p>Jetzt verstand ich endlich. „Sie k&#xF6;nnen wirklich nicht? Den ganzen Abend nicht?” fragte ich.</p><p>„Heute nicht. Ich muss irgendwohin. Leider habe ich es auch erst vor einer halben Stunde erfahren.”</p><p>„K&#xF6;nnen Sie das denn nicht verschieben?”</p><p>„Nein, das geht nicht.” Sie l&#xE4;chelte. „Es ist so etwas wie eine gesch&#xE4;ftliche Sache.”</p><p>Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Mit allem hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Ich glaubte ihr kein Wort. Gesch&#xE4;ftliche Sache, – sie sah nicht nach gesch&#xE4;ftlichen Sachen aus! Wahrscheinlich war es nur eine Ausrede. Sicher sogar. Was konnte man abends schon f&#xFC;r gesch&#xE4;ftliche Besprechungen haben? Sowas machte man vormittags! Und man erfuhr es auch nicht erst eine halbe Stunde vorher. Sie wollte einfach nicht, das war alles.</p><p>Ich war auf eine geradezu kindische Weise entt&#xE4;uscht. Jetzt sp&#xFC;rte ich erst, wie sehr ich mich auf den Abend gefreut hatte. Ich &#xE4;rgerte mich dar&#xFC;ber, dass ich so entt&#xE4;uscht war, und ich wollte nicht, dass sie es merkte. „Also sch&#xF6;n”, sagte ich, „dann ist nichts zu machen. Auf Wiedersehen.”</p><p>Sie sah mich forschend an. „So eilig ist es nicht. Ich bin erst um neun verabredet. Wir k&#xF6;nnen noch etwas spazieren gehen. Ich war die ganze Woche nicht drau&#xDF;en.”</p><p>„Gut”, sagte ich widerstrebend. Ich f&#xFC;hlte mich pl&#xF6;tzlich m&#xFC;de und leer.</p><p>Wir gingen die Stra&#xDF;e entlang. Der Abend war klar geworden und die Sterne standen zwischen den D&#xE4;chern. Wir kamen an einer Rasenanlage vorbei, auf der im Schatten ein paar B&#xFC;sche standen. Patrice Hollmann blieb stehen. „Flieder”, sagte sie, „es riecht nach Flieder! Aber das ist doch ganz unm&#xF6;glich, es ist ja noch zu fr&#xFC;h.”</p><p>„Ich rieche auch nichts”, erwiderte ich.</p><p>Ich sp&#xFC;rte ganz gut den s&#xFC;&#xDF;en, schweren Duft, der durch die weiche Dunkelheit schwamm; aber ich h&#xE4;tte es um alles in der Welt nicht zugegeben.</p><p>Das M&#xE4;dchen lachte und dehnte sich in den Schultern. „Wie sch&#xF6;n das ist, wenn man so lange im Zimmer gewesen ist! Zu schade, dass ich fort muss! Dieser Binding, – immer eilig und im letzten Moment, – er h&#xE4;tte wirklich die Sache auf morgen verlegen k&#xF6;nnen!”</p><p>„Binding?” fragte ich. „Sie sind mit Binding verabredet?”</p><p>Sie nickte. „Mit Binding und noch jemand. Auf diesen Jemand kommt es an. Ernsthaft gesch&#xE4;ftlich. K&#xF6;nnen Sie sich das denken?”</p><p>„Nein”, erwiderte ich, „das kann ich mir nicht denken.”</p><p>Sie lachte und sprach weiter. Aber ich h&#xF6;rte nicht mehr zu. Binding – das war mir wie ein Blitz in die Knochen gefahren. Ich dachte nicht daran, dass sie ihn viel l&#xE4;nger kannte als mich, ich sah nur &#xFC;berlebensgro&#xDF; und strahlend seinen Buick, seinen teuren Anzug und sein Portemonnaie vor mir auftauchen, Meine arme, brave, geschm&#xFC;ckte Bude! Was hatte ich mir da nur eingebildet! Das M&#xE4;dchen passte ja &#xFC;berhaupt nicht zu mir! Was war ich denn schon? Ein Fu&#xDF;g&#xE4;nger, der sich mal einen Cadillac geborgt hatte, eine t&#xE4;ppische Schnapsdrossel<a l:href="#n_73" type="note">[73]</a>, nichts weiter! Sowas war an jeder Stra&#xDF;enecke zu finden. Ich sah bereits den Portier der Traube vor Binding salutieren, ich sah helle, warme, gepflegte R&#xE4;ume, Zigarettengew&#xF6;lk und elegante Leute, ich h&#xF6;rte Musik und Gel&#xE4;chter, Gel&#xE4;chter &#xFC;ber mich. Zur&#xFC;ck, dachte ich, rasch zur&#xFC;ck! Eine Ahnung, eine Hoffnung – was war schon viel gewesen! Es war sinnlos, sich darauf einzulassen. Nichts wie zur&#xFC;ck!</p><p>„Wir k&#xF6;nnen uns morgen abend treffen, wenn Sie wollen”, sagte Patrice Hollmann.</p><p>„Morgen abend habe ich keine Zeit”, erwiderte ich.</p><p>„Oder &#xFC;bermorgen, oder irgendwann in dieser Woche. Ich habe in den n&#xE4;chsten Tagen nichts vor.”</p><p>„Es wird schwierig sein”, sagte ich. „Wir haben heute einen eiligen Auftrag bekommen, da m&#xFC;ssen wir wahrscheinlich die ganze Woche durch bis nachts arbeiten.”</p><p>Es war Schwindel, aber ich konnte nicht anders. Es steckte pl&#xF6;tzlich zuviel Wut und Besch&#xE4;mung in mir.</p><p>Wir standen vor der Haust&#xFC;r. „Leben Sie wohl”, sagte ich, „und viel Vergn&#xFC;gen noch.”</p><p>Sie antwortete nicht. Mit ziemlicher M&#xFC;he brachte ich meine Augen von dem Klingelknopf an der T&#xFC;r los und sah sie an. Und wahrhaftig, – ich traute meinen Blicken nicht – da stand sie und anstatt gr&#xFC;ndlich eingeschnappt zu sein, zuckte es um ihren Mund, ihre Augen flimmerten und dann lachte sie, herzlich und unbek&#xFC;mmert, sie lachte mich einfach aus. „Sie Kindskopf”, sagte sie, „o Gott, was sind Sie noch f&#xFC;r ein Kindskopf!”</p><p>Ich starrte sie an. „Na ja – ” sagte ich dann, „immerhin” – und bekam auf einmal Sinn f&#xFC;r die Situation – „Sie finden mich wohl etwas idiotisch, was?”</p><p>Sie lachte. Rasch machte ich einen Schritt vor und zog sie fest an mich, mochte sie denken, was sie wollte. Ihr Haar streifte meine Wange, ihr Gesicht war dicht vor mir, ich sp&#xFC;rte den schwachen Pfirsichgeruch ihrer Haut; – dann n&#xE4;herten sich ihre Augen und ich f&#xFC;hlte pl&#xF6;tzlich ihre Lippen auf meinem Mund – Sie war fort, ehe ich richtig wusste, was los war.</p><p>Ich kam nach Hause. Auf dem Vorplatz stand, wie von Gott gerufen, das Dienstm&#xE4;dchen Frida. „Sie sind ein s&#xFC;&#xDF;es Kind”, sagte ich, denn ich hatte Lust, etwas Gutes zu tun.</p><p>Ich klopfte bei Georg Block. Eine Lichtritze stand unter seiner T&#xFC;r. Er b&#xFC;ffelte. „Komm, Georgie, fressen”, sagte ich.</p><p>Er sah auf. Sein blasses Gesicht r&#xF6;tete sich. „Hab keinen Hunger.” Er dachte, es w&#xE4;re aus Mitleid. Deshalb wollte er nicht.</p><p>„Sieh dirs erst mal an”, sagte ich. „Es wird sonst schlecht. Tu mir den Gefallen.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Sp&#xE4;t, als alles still geworden war, nahm ich meinen Mantel und eine Decke und schlich &#xFC;ber den Korridor zum Telefon. Ich kniete vor dem Tisch nieder, auf dem der Apparat stand, legte mir Mantel und Decke &#xFC;ber den Kopf, hob den H&#xF6;rer ab und hielt mit der linken Hand den Mantel unten zu. So war ich sicher, dass mich niemand belauschen konnte. Die Pension Zalewski besa&#xDF; ungeheuer lange, neugierige Ohren. Ich hatte Gl&#xFC;ck. Patrice Hollmann war zu Hause. „Sind Sie von Ihrer geheimnisvollen Besprechung schon lange zur&#xFC;ck?” fragte ich.</p><p>„Schon fast eine Stunde.”</p><p>„Schade. H&#xE4;tte ich das gewusst – ”</p><p>Sie lachte. „Nein, es h&#xE4;tte nichts gen&#xFC;tzt. Ich liege zu Bett und habe schon wieder etwas Fieber. Es ist ganz gut, dass ich fr&#xFC;h nach Hause gekommen bin.”</p><p>„Fieber? Was ist denn das nur f&#xFC;r ein Fieber?”</p><p>„Ach, nichts Wichtiges. Was haben Sie denn heute abend noch gemacht?”</p><p>„Ich habe mich mit meiner Wirtin &#xFC;ber die Weltlage unterhalten. Und Sie? Hat Ihre Sache geklappt?”</p><p>„Ich hoffe, dass sie klappt.”</p><p>„Haben Sie in Ihrer Bekanntschaft nicht jemand, der Robert hei&#xDF;t?” fragte ich.</p><p>Sie lachte. „Ich glaube nicht – ”</p><p>„Schade. Ich h&#xE4;tte gern mal geh&#xF6;rt, wie Sie das aussprechen. Wollen Sie es nicht trotzdem mal versuchen?”</p><p>Sie lachte wieder.</p><p>„Nur so zum Spa&#xDF;”, sagte ich. „Zum Beispiel: Robert ist ein Esel.”</p><p>„Robert ist ein Kindskopf – ”</p><p>„Sie haben eine wunderbare Aussprache”, sagte ich. „Und nun wollen wir es mal mit Robby versuchen. Also: Robby ist – ”</p><p>„Robby ist ein S&#xE4;ufer – ” sagte die leise, ferne Stimme langsam, „und jetzt muss ich schlafen – ich habe ein Schlafmittel genommen, und mein Kopf summt schon – ”</p><p>„Ja – gute Nacht – schlafen Sie gut – ”</p><p>Ich legte den H&#xF6;rer auf und schob den Mantel und die Decke beiseite.</p></section><section><title><p>IX</p></title><p>Sonntag. Der Tag des Rennens. K&#xF6;ster hatte die letzte Woche jeden Tag trainiert. Abends hatten wir dann bis in die Nacht hinein Karl bis aufs kleinste Schr&#xE4;ubchen kontrolliert, geschmiert und in Ordnung gebracht. Jetzt sa&#xDF;en wir am Ersatzteillager und warteten auf K&#xF6;ster, der zum Startplatz gegangen war.</p><p>Wir waren alle da: Grau, Valentin, Lenz, Patrice Hollmann und vor allem Jupp. Jupp im Overall<a l:href="#n_74" type="note">[74]</a>, mit Rennbrille und Rennhaube. Er war K&#xF6;sters Beifahrer, weil er am leichtesten war. Lenz hatte allerdings Bedenken gehabt. Er behauptete, Jupps riesige abstehende Ohren g&#xE4;ben zu viel Luftwiderstand; entweder verliere der Wagen zwanzig Kilometer an Geschwindigkeit oder er verwandle sich in ein Flugzeug.</p><p>„Wie kommen Sie eigentlich zu Ihrem englischen Vornamen?” fragte Gottfried Patrice Hollmann, die neben ihm sa&#xDF;.</p><p>„Meine Mutter war Engl&#xE4;nderin. Sie hie&#xDF; auch so. Pat.”</p><p>„Ah, Pat, das ist was anderes. Das spricht sich viel leichter.” Er holte ein Glas und eine Flasche hervor. „Also auf gute Kameradschaft, Pat! Ich hei&#xDF;e Gottfried.”</p><p>Ich starrte ihn an. W&#xE4;hrend ich immer noch mit der Anrede herumlavierte, machte er am hellen Nachmittag unverfroren solche Sachen! Und sie lachte dazu und nannte ihn tats&#xE4;chlich Gottfried.</p><p>Aber das war nichts gegen Ferdinand Grau. Der war v&#xF6;llig verr&#xFC;ckt geworden und lie&#xDF; sie nicht aus den Augen. Er rezitierte rollende Verse und erkl&#xE4;rte, sie malen zu m&#xFC;ssen. Tats&#xE4;chlich hockte er sich auf eine Kiste und fing an zu zeichnen.</p><p>„H&#xF6;r mal, Ferdinand, alter Totenvogel<a l:href="#n_75" type="note">[75]</a>”, sagte ich und nahm ihm den Block fort, „vergreif dich nicht an lebendigen Menschen. Bleib bei deinen Leichen. Und rede mehr ins Allgemeine. Mit dem M&#xE4;dchen bin ich empfindlich.”</p><p>„Versauft ihr nachher mit mir den Rest der Erbtante meines Gastwirts?”</p><p>„Ob den ganzen Rest, wei&#xDF; ich nicht. Aber einen Fu&#xDF; sicher.”</p><p>„Gut. Dann will ich dich schonen, Knabe.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Das Geknatter der Motoren wanderte wie Maschinengewehrfeuer um die Bahn.</p><p>Nebenan l&#xE4;rmten die Monteure in ihren wohlausger&#xFC;steten Boxen. Wir selbst waren nur sehr d&#xFC;rftig versorgt. Ein bisschen Werkzeug, Z&#xFC;ndkerzen, ein paar R&#xE4;der mit Reservereifen, die wir umsonst von einer Fabrik bekommen hatten, ein paar kleinere Ersatzteile, – das war schon alles. K&#xF6;ster fuhr nicht f&#xFC;r eine Fabrik. Wir mussten alles selbst bezahlen. Deshalb hatten wir nicht viel.</p><p>Otto kam. Hinter ihm Braum&#xFC;ller, der schon zum Rennen angezogen war. „Na, Otto”, sagte er, „wenn meine Kerzen heute halten, bist du verloren! Aber sie werden nicht halten.”</p><p>„Mal sehen”, erwiderte K&#xF6;ster.</p><p>Braum&#xFC;ller drohte zu Karl hin&#xFC;ber. „Nimm dich in acht vor meinem Nussknacker!”</p><p>Der Nussknacker war eine ganz schwere, neue Maschine, die Braum&#xFC;ller fuhr. Er galt als Favorit.</p><p>„Karl wird dir schon Beine machen, Theo!” rief Lenz zu ihm hin&#xFC;ber. Braum&#xFC;ller wollte in der alten ehrlichen Soldatensprache antworten, verschluckte sich aber, als er Patrice Hollmann bei uns sah, machte Stielaugen, grinste ziellos in die Gegend und schob ab.</p><p>„Voller Erfolg”, sagte Lenz befriedigt.</p><p>Das Gebell der Motorr&#xE4;der fegte &#xFC;ber die Bahn. K&#xF6;ster musste sich fertigmachen. Karl war in der Klasse der Sportwagen gemeldet.</p><p>„Viel helfen k&#xF6;nnen wir dir ja nicht, Otto”, sagte ich und sah nach dem Werkzeug.</p><p>Er winkte ab. „Ist auch nicht n&#xF6;tig. Wenn Karl Bruch macht, n&#xFC;tzt selbst eine ganze Werkstatt nichts.”</p><p>„Sollen wir nicht doch Schilder raushalten, damit du wei&#xDF;t, wie du liegst?”</p><p>K&#xF6;ster sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Ist ja Sammelstart. Da seh ichs schon. Au&#xDF;erdem passt Jupp auf.”</p><p>Jupp nickte eifrig. Er zitterte vor Aufregung und fra&#xDF; andauernd Schokolade. Aber das war nur jetzt. Beim Startschuss wurde er sofort ruhig wie eine Schildkr&#xF6;te.</p><p>„Also los, Hals und Beinbruch!”<a l:href="#n_76" type="note">[76]</a></p><p>Wir schoben Karl vor.</p><p>Karl dampfte ab. Wir sahen ihm nach. „Guck mal, die komische Klamotte<a l:href="#n_77" type="note">[77]</a>”, sagte pl&#xF6;tzlich jemand neben uns.</p><p>Lenz richtete sich auf. „Meinen Sie den wei&#xDF;en Wagen?” fragte er mit rotem Kopf, aber noch ruhig.</p><p>„Eben”, erwiderte ihm der riesige Monteur aus der Nachbarbox wegwerfend &#xFC;ber die Schulter weg und reichte seinem Nachbarn die Bierflasche. Lenz begann vor Wut zu stottern und schickte sich an, die niedrige Bretterwand zu &#xFC;bersteigen. Ich zerrte ihn zur&#xFC;ck. „Lass den Quatsch”, fluchte ich, „wir brauchen dich hier. Wozu willst du schon vorher ins Lazarett!”</p><p>„Sehen Sie”, sagte ich zu Patrice Hollmann, „das ist angeblich der letzte Romantiker, dieser irrsinnige Ziegenbock! K&#xF6;nnen Sie glauben, dass er mal Gedichte geschrieben hat?”</p><p>Das wirkte sofort. Es war Gottfrieds wunde Stelle. „Lange vor dem Kriege”, entschuldigte er sich. „Au&#xDF;erdem, Baby, beim Rennen verr&#xFC;ckt zu werden ist keine Schande. Was, Pat?”</p><p>„Verr&#xFC;ckt sein ist &#xFC;berhaupt keine Schande.”</p><p>Gottfried salutierte. „Ein gro&#xDF;es Wort!”</p><p>Das Donnern der Motoren &#xFC;bert&#xF6;nte alles Weitere. Die Luft bebte. Erde und Himmel bebten. Das Feld raste vorbei. „Vorletzter!” knurrte Lenz. „Das Biest hat beim Anfahren doch wieder gestottert.”</p><p>„Macht nichts”, sagte ich, „der Start ist Karls Schw&#xE4;che. Er zieht langsam ab, aber dann h&#xF6;rt er &#xFC;berhaupt nicht mehr auf.”</p><p>Die Wagen brummten heran. Sie zitterten in der Ferne wie Heuschrecken auf der Bahn, wurden gr&#xF6;&#xDF;er und rasten auf der gegen&#xFC;berliegenden Seite an den Trib&#xFC;nen vorbei in die gro&#xDF;e Kurve. Es waren noch sechs, K&#xF6;ster immer noch an vorletzter Stelle. Dann schoss die Meute heraus. Einer vorweg – der zweite und dritte dicht hinter ihm und dann K&#xF6;ster. Er war in der Kurve vorgegangen und fuhr jetzt als vierter.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wieder dr&#xF6;hnte der ungeheure Herzschlag der Maschinen heran, an den Trib&#xFC;nen vorbei. Wir starrten zu K&#xF6;ster hin&#xFC;ber. Er sch&#xFC;ttelte den Kopf; er wollte keine Reifen wechseln. Als er zur&#xFC;ckkam, hatte er etwas aufgeholt. Er hing dem Dritten dicht am Hinterrad. So rasten sie in die unendliche Gerade.</p><p>„Verflucht!” Lenz nahm einen Schluck aus der Flasche.</p><p>„Er hat das trainiert”, sagte ich zu Patrice Hollmann. „In der Kurve rangehen ist seine Spezialit&#xE4;t.”</p><p>„Auch einen Schluck aus der Pulle, Pat? fragte Lenz.</p><p>Ich sah ihn &#xE4;rgerlich an. Er hielt, ohne zu blinzeln, meinen Blick aus.</p><p>„Lieber ein Glas”, sagte sie. „Aus der Flasche trinken habe ich noch nicht gelernt.”</p><p>„Da sieht mans!” Gottfried angelte nach dem Glas. „Das sind die Fehler der modernen Erziehung.”</p><p>In den folgenden Runden zog das Feld sich weiter auseinander. Braum&#xFC;ller f&#xFC;hrte. Die ersten vier hatten allm&#xE4;hlich dreihundert Meter Vorsprung. K&#xF6;ster verschwand mit dem Dritten K&#xFC;hler an K&#xFC;hler hinter der Trib&#xFC;ne. Dann tobten die Wagen wieder heran. Wir sprangen auf. Wo war der Dritte geblieben? Otto kam allein hinter den beiden anderen herangefegt. Da, – endlich brummelte der Dritte heran. Zerfetzte Hinterreifen. Lenz grinste schadenfroh; der Wagen hielt vor der Nebenbox. Der riesige Monteur fluchte. Eine Minute sp&#xE4;ter war die Maschine wieder flott.</p><p>Die n&#xE4;chsten Runden &#xE4;nderten nichts am Klassement. Lenz legte die Stoppuhr beiseite und rechnete. „Karl hat noch Reserven”, verk&#xFC;ndete er dann.</p><p>„Ich f&#xFC;rchte, die andern auch”, sagte ich.</p><p>„Kleingl&#xE4;ubiger!” Er warf mir einen vernichtenden Blick zu.</p><p>Wie ein glasklares Tier lagerte die Spannung jetzt &#xFC;ber dem weiten Platz und den Trib&#xFC;nen, als die Wagen zum Endkampf ansetzten. „Fasst alle Holz an”, sagte ich und umklammerte einen Hammerstiel. Lenz griff an meinen Kopf. Ich stie&#xDF; ihn weg. Er grinste und fasste an die Barriere.</p><p>In einer Wolke von Gewittern fegten die drei Wagen heraus, heran, wir schrien wie die Verr&#xFC;ckten, auch Valentin und Graus ungeheurer Bass waren jetzt dabei, – K&#xF6;ster war der Wahnsinn gegl&#xFC;ckt, er hatte den zweiten in der Kurve von oben her &#xFC;berholt, weil der sich versch&#xE4;tzt und im sch&#xE4;rferen Bogen innen Fahrt verloren hatte, und jetzt stie&#xDF; er wie ein Habicht auf Braum&#xFC;ller los, der pl&#xF6;tzlich nur noch zwanzig Meter vor ihm lag und scheinbar Fehlz&#xFC;ndungen hatte. „Gib ihm, Otto! Gib ihm! Friss den Nussknacker”, br&#xFC;llten wir und winkten.</p><p>Die Wagen verschwanden in der letzten Kurve. Lenz betete laut zu allen G&#xF6;ttern Asiens und S&#xFC;damerikas um Hilfe und schwenkte sein Amulett. Ich riss meins ebenfalls heraus. Patrice Hollmann st&#xFC;tzte sich auf meine Schulter, das Gesicht sp&#xE4;hend weit nach vorn gereckt wie das Antlitz einer Gallionsfigur<a l:href="#n_78" type="note">[78]</a>.</p><p>Da kamen sie heran. Braum&#xFC;llers Motor spuckte immer noch, er setzte alle Augenblicke wieder aus. Ich machte die Augen zu; Lenz drehte sich um, den R&#xFC;cken zur Bahn – wir wollten das Schicksal bestechen. Ein Ruf riss uns herum. Wir sahen gerade noch, wie K&#xF6;ster mit zwei Metern Vorsprung als erster durchs Ziel ging.</p><p>Lenz wurde wahnsinnig. Er schleuderte das Werkzeug zur Erde und machte einen Handstand auf den Reifen.</p><p>„Wie sagten Sie vorhin?” br&#xFC;llte er, als er wieder senkrecht stand, zu dem herkulischen Monteur hin&#xFC;ber, „Klamotte?”</p><p>„Ach, Mensch, quak mich nicht an”, erwiderte der Monteur missmutig. Und zum ersten Male, seit ich ihn kannte, kriegte der letzte Romantiker bei einer Beleidigung keinen Wutanfall, sondern einen Veitstanz<a l:href="#n_79" type="note">[79]</a> vor Lachen.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir warteten auf Otto. Er hatte noch bei der Rennleitung zu tun.</p><p>„Gottfried”, sagte auf einmal eine heisere Stimme hinter uns. Wir drehten uns um. Da stand ein menschliches Gebirge in zu engen, gestreiften Hosen, zu engem Marengojackett<a l:href="#n_80" type="note">[80]</a> und schwarzer Melone.</p><p>„Alfons!” rief Patrice Hollmann.</p><p>„Pers&#xF6;nlich”, gab er zu.</p><p>„Wir haben gewonnen, Alfons!” rief sie.</p><p>„Heftig, heftig. Dann komm ich wohl zu sp&#xE4;t, was?”</p><p>„Du kommst nie zu sp&#xE4;t, Alfons”, sagte Lenz.</p><p>„Wollte euch eigentlich was zu futtern bringen. Kalter Schweinebraten und etwas P&#xF6;kelrippchen. Schon zugeschnitten.”</p><p>„Gib her und setz dich, du Goldjunge!” rief Gottfried. „Wir legen gleich los.”</p><p>Er machte das Paket auf. „Mein Gott”, sagte Patrice Hollmann, „das ist ja f&#xFC;r ein Regiment.”</p><p>„Kann man immer erst nachher entscheiden”, meinte Alfons.</p><p>„&#xDC;brigens – etwas Eisk&#xFC;mmel ist auch da.”</p><p>Er holte zwei Flaschen heraus. „Pfropfen sind schon gezogen.”</p><p>„Heftig, heftig”, sagte Patrice Hollmann. Er blinzelte ihr wohlwollend zu.</p><p>Karl blubberte heran. K&#xF6;ster und Jupp sprangen heraus. Jupp sah aus wie ein junger Napoleon. Seine Ohren leuchteten wie Kirchenfenster. Er hatte einen entsetzlich geschmacklosen, riesigen Silberpokal in den Armen. „Der sechste”, sagte K&#xF6;ster lachend. „Dass den Leuten auch nie was anderes einf&#xE4;llt.”</p><p>„Nur den Milchtopf?” fragte Alfons sachlich, „keinen cash<a l:href="#n_81" type="note">[81]</a>?”</p><p>„Doch”, beruhigte ihn Otto, „auch cash.”</p><p>„Dann schwimmen wir ja geradezu in Geld”, sagte Grau.</p><p>„Scheint ein netter Abend zu werden.”</p><p>„Bei mir?” fragte Alfons.</p><p>„Ehrensache”, erwiderte Lenz.</p><p>„Erbsensuppe mit Schweinebauch, Pfoten und Ohren”, sagte Alfons, und sogar Patrice Hollmann machte ein Gesicht voll Hochachtung. „Gratis nat&#xFC;rlich”, f&#xFC;gte er hinzu.</p><p>Braum&#xFC;ller kam heran, fluchend &#xFC;ber sein Pech, die Hand voll ver&#xF6;lter Z&#xFC;ndkerzen. „Beruhige dich, Theo”, rief Lenz. „Der erste Preis im n&#xE4;chsten Kinderwagenrennen ist dir sicher.”</p><p>„Gebt ihr mir Revanche<a l:href="#n_82" type="note">[82]</a> mit Kognak?” fragte Braum&#xFC;ller.</p><p>„In Biergl&#xE4;sern sogar”, sagte Grau.</p><p>„Keine Chance<a l:href="#n_83" type="note">[83]</a> f&#xFC;r Sie, Herr Braum&#xFC;ller”, erkl&#xE4;rte Alfons als Sachverst&#xE4;ndiger. „Habe K&#xF6;ster noch nie blau gesehen.”<a l:href="#n_84" type="note">[84]</a></p><p>„Habe Karl auch noch nie vor mir gesehen”, gab Braum&#xFC;ller zur&#xFC;ck. „Au&#xDF;er heute.”</p><p>„Trags mit W&#xFC;rde”, sagte Grau. „Hier hast du ein Glas. Wir wollen auf den Niedergang der Kultur durch die Maschine trinken.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Patrice Hollmann hatte nach dem Essen bei Alfons f&#xFC;r mein Gef&#xFC;hl zu viel Erfolg. Ich erwischte Grau dabei, wie er ihr erneut vorschlug, sie zu malen. Sie lachte und erkl&#xE4;rte, es dauere ihr zu lange; photographieren sei bequemer.</p><p>„Das ist auch mehr sein Fach”, sagte ich anz&#xFC;glich. „Vielleicht malt er Sie nach einer Photographie.”</p><p>„Ruhe, Robby”, erwiderte Ferdinand unbeirrt und starrte Pat aus seinen riesigen, blauen Kinderaugen an. „Der Schnaps macht dich b&#xF6;sartig, – mich menschlich. Das ist der Unterschied zwischen unseren Generationen.”</p><p>„Er ist so an zehn Jahre &#xE4;lter als ich”, warf ich ein.</p><p>„Das ist heute eine Generation Unterschied”, fuhr Ferdinand fort. „Ein Leben Unterschied. Ein Jahrtausend Unterschied. Was wisst ihr Burschen denn vom Dasein! Ihr f&#xFC;rchtet euch ja vor euren eigenen Gef&#xFC;hlen.</p><p>Ich h&#xF6;rte nur mit einem Ohr hin; mit dem andern horchte ich zu Braum&#xFC;ller hin&#xFC;ber. Er erkl&#xE4;rte Patrice Hollmann gerade etwas schwankend, dass sie unbedingt bei ihm Autofahren lernen m&#xFC;sse. Er werde ihr alle seine Tricks zeigen.</p><p>Bei der n&#xE4;chsten Gelegenheit nahm ich ihn beiseite. „Es ist sehr ungesund, Theo, f&#xFC;r einen Sportsmann, sich zu viel um Frauen zu k&#xFC;mmern.”</p><p>„F&#xFC;r mich nicht”, meinte Braum&#xFC;ller, „ich habe eine fabelhafte Natur.”</p><p>Ich hatte keine Sorge, dass einer von ihnen wirklich etwas unternehmen wollte; das gab es nicht unter uns. Aber ich wusste nicht so genau, wie es mit dem M&#xE4;dchen war; – es konnte ja leicht sein, dass einer der andern ihr gro&#xDF;artig gefiel. Wir kannten uns noch zu wenig, als dass ich sicher gewesen w&#xE4;re. Wann war man &#xFC;berhaupt schon sicher?</p><p>„Wollen wir leise verschwinden?” fragte ich.</p><p>Sie nickte.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir gingen durch die Stra&#xDF;en. Es war diesig geworden. Nebel fielen langsam &#xFC;ber die Stadt, gr&#xFC;ne und silberne Nebel. Ich nahm Pats Hand und steckte sie in meine Manteltasche. So gingen wir lange Zeit.</p><p>„M&#xFC;de?” fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf und l&#xE4;chelte.</p><p>Ich zeigte auf die Cafes, an denen wir vor&#xFC;berkamen. „Wollen wir irgendwo hinein?”</p><p>„Nein. Nicht schon wieder.”</p><p>Wir gingen weiter und kamen an den Friedhof. Er war wie eine stille Insel in der steinernen H&#xE4;userflut. Die B&#xE4;ume rauschten. Ihre Wipfel waren schon nicht mehr zu sehen. Wir suchten eine leere Bank und setzten uns.</p><p>Wir sa&#xDF;en schweigend nebeneinander. Der Nebel machte alles unwirklich, – auch uns. Ich sah das M&#xE4;dchen an – in ihren weitge&#xF6;ffneten Augen gl&#xE4;nzte der Laternenschein. „Komm”, sagte ich, „komm dicht zu mir – sonst treibt dich der Nebel weg – ”</p><p>Sie wandte mir ihr Gesicht zu.</p><p>Nie werde ich dieses Gesicht vergessen – nie werde ich vergessen, wie es sich dann zu mir neigte, wie es Ausdruck gewann, wie es sich schweigend erf&#xFC;llte mit Z&#xE4;rtlichkeit und Zartheit, mit einer leuchtenden Stille, als erbl&#xFC;he es – nie werde ich vergessen, wie ihre Lippen mir entgegenkamen, wie ihre Augen sich den meinen n&#xE4;herten, wie sie dicht vor mir standen und mich ansahen, fragend, ernst, gro&#xDF; und schimmernd – und wie sie sich dann langsam schlossen, als erg&#xE4;ben sie sich —</p><p>Der Nebel zog und zog. Die Kreuze der Grabsteine ragten blass aus den Schwaden. Ich deckte meinen Mantel &#xFC;ber uns. Die Stadt war versunken. Die Zeit war gestorben —</p><p>„Jetzt wird es Zeit aufzubrechen”, sagte ich zu Pat.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir gingen die Stra&#xDF;e am Friedhof entlang und &#xFC;berquerten den Rummelplatz. Die Karussells ragten wie brausende T&#xFC;rme von Musik und Glanz in die diesige Luft, das Teufelsrad spr&#xFC;hte in Purpur, Gold und Gel&#xE4;chter und das Labyrinth schimmerte in blauen Feuern.</p><p>Ich sah auf die Uhr. Es war schon nach zw&#xF6;lf. „Komm”, sagte ich, „wir gehen zu mir, – da sind wir f&#xFC;r uns.”</p><p>Sie antwortete nicht, aber wir gingen zur&#xFC;ck.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich schloss die T&#xFC;r auf. Einen Augenblick &#xFC;berlegte ich. Dann knipste ich das Licht an. Der Schlauch des Korridors g&#xE4;hnte gelb und scheu&#xDF;lich. „Mach die Augen zu”, sagte ich leise zu Pat, „der Anblick ist nur f&#xFC;r abgebr&#xFC;hte Nerven.” Ich nahm sie mit einem Ruck hoch und ging langsam mit meinem gew&#xF6;hnlichen Schritt, als w&#xE4;re ich allein, vorbei an Koffern und Gaskochern, bis zu meinem Zimmer.</p><p>„Schauerlich, was?” sagte ich verlegen und starrte auf die Pl&#xFC;schgarnitur, die sich uns entgegenbreitete.</p><p>„Es ist gar nicht so schauerlich”, sagte Pat.</p><p>„Doch, doch”, erwiderte ich und ging zum Fenster. „Aber die Aussicht ist wenigstens sch&#xF6;n. Vielleicht r&#xFC;cken wir die Sessel ans Fenster.”</p><p>Pat ging im Zimmer umher. „Es ist gar nicht schlimm. Vor allem ist es wunderbar warm.”</p><p>„Frierst du?”</p><p>„Ich habe es gern warm”, sagte sie und hob ein wenig die Schultern. „Ich mag K&#xE4;lte und Regen nicht. Ich kann sie auch nicht vertragen.”</p><p>„Himmel – und wir haben die ganze Zeit drau&#xDF;en im Nebel gesessen – ”</p><p>„Um so besser ist es jetzt hier – ”</p><p>Sie dehnte sich und ging wieder mit ihren sch&#xF6;nen Schritten durchs Zimmer. Ich war sehr befangen und sah mich rasch um. – Gottlob, es lag nicht viel umher. Meine zerrissenen Hausschuhe schubste ich mit einer Fu&#xDF;drehung nach hinten unters Bett.</p><p>Pat stand vor dem Kleiderschrank und schaute hinauf. Oben lag ein alter Koffer, den Lenz mir geschenkt hatte. Er war bunt beklebt mit Zetteln von seinen Abenteurerfahrten. „Rio de Janeiro – ” las sie, „Manaos – Santiago – Buenos Aires – Las Palmas – ”</p><p>Sie schob den Koffer zur&#xFC;ck und kam auf mich zu. „Da bist du &#xFC;berall schon gewesen?”</p><p>Ich murmelte irgend etwas. Sie nahm meinen Arm. „Komm, erz&#xE4;hl mir davon, erz&#xE4;hl mir von all diesen St&#xE4;dten, es muss doch herrlich gewesen sein, so weit zu reisen – ”</p><p>Und ich? Ich sah sie vor mir, sch&#xF6;n, jung, voll Erwartung, ein Schmetterling, verflogen durch einen gl&#xFC;cklichen Zufall in mein abgebrauchtes, sch&#xE4;biges Zimmer, in mein belangloses, sinnloses Leben, bei mir und doch nicht bei mir – ein Atemzug nur, und er konnte sich heben und wieder davonfliegen – scheltet mich, verdammt mich, ich konnte es nicht, ich konnte nicht nein sagen, nicht sagen, dass ich nie dagewesen war, jetzt nicht —</p><p>Wir standen am Fenster, der Nebel dr&#xE4;ngte und quoll gegen die Scheiben, – und ich sp&#xFC;rte: hinter ihm lauerte es wieder, das Verschwiegene, Verborgene, Vergangene, die feuchten Tage des Grauens, die &#xD6;de, der Schmutz, die Fetzen verwesten Daseins, die Ratlosigkeit, die verirrte Kraftmeierei<a l:href="#n_85" type="note">[85]</a> eines ziellos abschnurrenden Lebens – aber hier, vor mir im Schatten, best&#xFC;rzend nahe, der leise Atem, die unfassbare Gegenwart, W&#xE4;rme, klares Leben, – ich musste es halten, ich musste es gewinnen – „Rio – sagte ich – „Rio de Janeiro – ein Hafen wie ein M&#xE4;rchen. In sieben Bogen schwingt das Meer um die Bucht und die Stadt steigt wei&#xDF; und flimmernd dar&#xFC;ber auf – ” Ich begann zu erz&#xE4;hlen von hei&#xDF;en St&#xE4;dten und endlosen Ebenen, von den gelben Schlammfluten der Fl&#xFC;sse, von schimmernden Inseln und Krokodilen, von den W&#xE4;ldern, die die Stra&#xDF;en fressen, vom Schrei der Jaguare nachts, wenn der Flussdampfer durch den Brodem von Vanille, Schw&#xFC;le, Orchideenduft, Verwesung und Dunkel gleitet, ich hatte das alles von Lenz geh&#xF6;rt, aber jetzt schien es mir fast, als w&#xE4;re ich es selbst gewesen, so wunderlich mischten sich Erinnerung und Sehnsucht danach mit dem Wunsch, zu dem geringen und dunklen Wirrwarr meines Lebens etwas Glanz hinzuzutun, um nicht dieses unbegreiflich sch&#xF6;ne Gesicht vor mir zu verlieren, diese j&#xE4;he Hoffnung, dieses begl&#xFC;ckende Bl&#xFC;hen, f&#xFC;r das ich allein viel zu wenig war. Sp&#xE4;ter konnte ich das alles einmal erkl&#xE4;ren, sp&#xE4;ter, wenn ich mehr war, wenn alles sicherer war, sp&#xE4;ter, aber nicht jetzt – „Manaos”, sagte ich. „Buenos Aires”, und jedes Wort war eine Bitte und eine Beschw&#xF6;rung.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Es war still geworden. Der L&#xE4;rm der Stra&#xDF;e war verstummt; – eine einsame Laterne flackerte auf dem B&#xFC;rgersteig. Die zarten Bl&#xE4;tter der B&#xE4;ume, von unten beschienen, sahen fast wei&#xDF; aus, durchsichtig beinahe, und die Wipfel waren schimmernde, helle Segel —</p><p>„Horch, der Regen, Pat – ”</p><p>„Ja – ”</p><p>Sie lag neben mir. Ihr Haar hob sich dunkel von den wei&#xDF;en Kissen ab. Das Gesicht erschien sehr bleich unter dem D&#xFC;ster des Haares. Eine Schulter war hochgeschoben, sie gl&#xE4;nzte von irgendeinem Licht wie matte Bronze, und ein schmaler Streifen Licht fiel auch auf ihren Arm. „Sieh nur – ” sagte sie und hob auch die H&#xE4;nde hinein.</p><p>„Ich glaube, es kommt von der Laterne drau&#xDF;en”, sagte ich.</p><p>Sie richtete sich auf. Jetzt war auch ihr Gesicht im Licht, es lief &#xFC;ber die Schultern und die Brust, gelb, wie der Schein von Wachskerzen, es ver&#xE4;nderte sich, floss zusammen, wurde zu Orange, blaue Kreise flirrten hindurch und dann stand pl&#xF6;tzlich ein warmes Rot hinter ihr wie eine Gloriole<a l:href="#n_86" type="note">[86]</a>, glitt h&#xF6;her und wanderte langsam &#xFC;ber die Decke des Zimmers.</p><p>„Es ist die Zigarettenreklame von dr&#xFC;ben.”</p><p>„Siehst du, wie sch&#xF6;n dein Zimmer ist”, sagte sie, „Es ist sch&#xF6;n, weil du da bist”, sagte ich. „Es wird jetzt auch nie mehr das Zimmer von fr&#xFC;her sein – weil du hiergewesen bist.”</p><p>Sie kniete im Bett, ganz von fahlem Blau umweht. „Aber – ” sagte sie, „ich werde doch noch oft hier sein – oft.”</p><p>Ich lag still da und sah sie an. Ich sah alles wie durch einen weichen, klaren Schlaf, entspannt, gel&#xF6;st, ruhig und sehr gl&#xFC;cklich. „Wie sch&#xF6;n du so bist, Pat! Viel sch&#xF6;ner als in allen Kleidern.”</p><p>Sie l&#xE4;chelte und beugte sich zu mir herunter. „Du musst mich sehr lieben, Robby. Ich wei&#xDF; nicht, was ich machen soll ohne Liebe!”</p><p>Ihre Augen hielten mich fest. Ihr Gesicht war dicht &#xFC;ber mir. Es war bewegt, ganz aufgeschlossen, voll leidenschaftlicher Kraft. „Du musst mich festhalten”, fl&#xFC;sterte sie, „ich brauche jemand, der mich festh&#xE4;lt. Ich falle sonst. Ich habe Angst.”</p><p>„Du siehst nicht so aus, als ob du Angst h&#xE4;ttest”, erwiderte ich.</p><p>„Doch. Ich tue nur so. Ich habe oft Angst.”</p><p>„Ich werde dich schon festhalten”, sagte ich, immer noch in diesem unwirklichen Traumwachen, diesem verschwebenden hellen Schlaf. „Ich werde dich schon richtig festhalten, Pat. Du wirst dich wundern.” Sie nahm mein Gesicht in ihre H&#xE4;nde. „Wirklich?”</p><p>Ich nickte. Ihre Schultern leuchteten gr&#xFC;n wie in tiefem Wasser. Ich ergriff ihre H&#xE4;nde und zog sie zu mir herab, – eine Welle, eine leuchtende, atmende, weiche Woge, die anstieg und alles verl&#xF6;schte.</p><p>Sie schlief in meinem Arm. Ich erwachte oft und sah sie an. Ich dachte, die Nacht k&#xF6;nne nie zu Ende gehen. Wir trieben irgendwo, jenseits der Zeit. Es war alles so schnell gekommen, ich begriff es noch gar nicht. Ich begriff noch gar nicht, dass mich ein Mensch lieben konnte. Ich verstand wohl, dass ich f&#xFC;r einen Mann ein ganz guter Kamerad sein konnte; aber ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb eine Frau mich lieben sollte. Ich dachte, dass es wohl nur diese Nacht sein w&#xFC;rde und glaubte, beim Erwachen w&#xFC;rde es vorbei sein.</p><p>Die Dunkelheit wurde grau. Ich lag ganz still. Mein Arm unter Pats Kopf war eingeschlafen<a l:href="#n_87" type="note">[87]</a>, ich konnte nichts mehr f&#xFC;hlen. Aber ich r&#xFC;hrte mich nicht. Erst als sie sich im Schlaf umdrehte und sich gegen das Kissen dr&#xFC;ckte, konnte ich ihn wegnehmen. Ich stand ganz leise auf und putzte mir ger&#xE4;uschlos die Z&#xE4;hne und rasierte mich. Ich nahm auch etwas K&#xF6;lnisch Wasser und rieb es mir auf das Haar und in den Nacken. Es war sonderbar, so lautlos in dem grauen Zimmer, mit den Gedanken und drau&#xDF;en den dunklen Umrissen der B&#xE4;ume. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass Pat die Augen offen hatte und mich betrachtete. Ich hielt inne. „Komm”, sagte sie.</p><p>Ich ging zu ihr und setzte mich auf das Bett. „Ist alles noch wahr?” sagte ich.</p><p>„Weshalb fragst du?”</p><p>„Ich wei&#xDF; nicht. Weil es Morgen ist, vielleicht.”</p><p>Es wurde heller. „Du musst mir jetzt meine Sachen geben”, sagte sie.</p><p>Ich nahm die d&#xFC;nne Seidenw&#xE4;sche vom Boden auf. Sie war leicht und so wenig. Ich hielt sie in der Hand. Schon das war ganz anders, dachte ich. Wer so etwas trug, musste schon ganz anders sein. Nie w&#xFC;rde ich ihn begreifen, nie.</p><p>Ich gab ihr die Sachen. Sie legte mir den Arm um den Nacken und k&#xFC;sste mich.</p><p>Dann brachte ich sie nach Hause. Wir sprachen nicht mehr viel. Wir gingen nebeneinander her in der silbrigen Fr&#xFC;he.</p><p>„Heute?” fragte ich Pat vor der Haust&#xFC;r.</p><p>Sie l&#xE4;chelte. „Um sieben?” fragte ich.</p><p>Sie sah gar nicht m&#xFC;de aus. Sie war frisch, als h&#xE4;tte sie lange geschlafen. Sie k&#xFC;sste mich zum Abschied. Ich blieb vor dem Hause stehen, bis ich sah, dass in ihrem Zimmer das Licht anging.</p><p>Dann ging ich zur&#xFC;ck. Unterwegs fiel mir vieles ein, was ich ihr h&#xE4;tte sagen sollen, viele sch&#xF6;ne Worte. Dann ging ich zu den Markthallen. Ich wusste, dass man hier f&#xFC;r den gleichen Preis dreimal soviel Blumen bekam, wie in den L&#xE4;den. Ich kaufte f&#xFC;r alles Geld, das ich noch bei mir hatte, Tulpen. Sie sahen herrlich aus, ganz frisch, mit Wassertropfen in den Kelchen. Ich bekam einen gro&#xDF;en Arm voll. Die Verk&#xE4;uferin versprach mir, sie um elf Uhr zu Pat zu schicken. Sie lachte mich an, als sie es versprach, und legte noch einen dicken Busch Veilchen dazu. „Mindestens vierzehn Tage wird die Dame ihre Freude daran haben”, sagte sie. „Nur ab und zu ein Pyramidon ins Wasser tun.”</p><p>Ich nickte und gab ihr das Geld. Dann ging ich langsam nach Hause.</p></section><section><title><p>X</p></title><p>Der Ford stand fertig in der Werkstatt. Neue Arbeit war nicht hereingekommen. Wir mussten etwas unternehmen. K&#xF6;ster und ich gingen auf eine Auktion. Wir wollten ein Taxi kaufen, das dort versteigert wurde. Taxis waren immer ziemlich gut weiterzuverkaufen.</p><p>Wir gingen zu dem Wagen, der in der Ecke des Hofes stand. Die Lackierung war abgewetzt und verbraucht, aber der Wagen war sauber, auch unter den Kotfl&#xFC;geln. Ein untersetzter Mann mit herabh&#xE4;ngenden, breiten H&#xE4;nden stand in der N&#xE4;he und schaute uns stumpf an.</p><p>„Hast du die Maschine untersucht?” fragte ich K&#xF6;ster.</p><p>„Gestern”, sagte er. „Ziemlich ausgeleiert, aber tadellos gepflegt.”</p><p>Ich nickte. „Sieht auch so aus. Der Wagen ist heute morgen noch gewaschen worden, Otto. Das hat der Auktionsfritze<a l:href="#n_88" type="note">[88]</a> sicher nicht getan.”</p><p>K&#xF6;ster sch&#xFC;ttelte den Kopf und sah zu dem untersetzten Mann hin&#xFC;ber. „Es wird der Besitzer sein. Er stand gestern auch hier und putzte den Wagen.”</p><p>„Verdammt”, sagte ich, „der Mann sieht aus wie ein &#xFC;berfahrener Hund.”</p><p>Ein junger Mann kam quer &#xFC;ber den Hof auf den Wagen zu. Er trug einen Mantel mit einem G&#xFC;rtel und war unangenehm forsch. „Das ist ja wohl der Schlitten”, sagte er halb zu uns, halb zu dem Mann, und klopfte mit seinem Spazierstock auf die K&#xFC;hlerhaube. Ich sah, wie es in den Augen des Mannes zuckte. „Macht nichts, macht nichts”, wehrte der G&#xFC;rtelmann<a l:href="#n_89" type="note">[89]</a> gro&#xDF;z&#xFC;gig ab, „der Lack ist sowieso keine f&#xFC;nf Groschen mehr wert. Ehrw&#xFC;rdige Klamotte. M&#xFC;sste eigentlich ins Museum, was?” Er lachte m&#xE4;chtig &#xFC;ber seinen Witz und sah uns beifallsfreudig an. Wir lachten nicht mit. Er wandte sich an den Besitzer. „Was wollen Sie denn f&#xFC;r den Gro&#xDF;vater haben?”</p><p>Der Mann schluckte und schwieg.</p><p>„Wir sollten ihn nicht kaufen, Otto”, sagte ich.</p><p>„Dann kauft ihn dein G&#xFC;rteltier<a l:href="#n_90" type="note">[90]</a> Guido”, erwiderte K&#xF6;ster. „Wir k&#xF6;nnen dem Mann nicht helfen.”</p><p>„Stimmt”, sagte ich. „Aber trotzdem – es h&#xE4;ngt was dran.”</p><p>Der Auktionator kam.</p><p>Auf das Taxi boten drei Leute, – als erster Guido – dreihundert Mark. Ein Schandgebot. Der untersetzte Mann war herangekommen. Er bewegte lautlos die Lippen. Er sah aus, als wolle er mitbieten. Aber die Hand sank herab. Er trat zur&#xFC;ck.</p><p>Das n&#xE4;chste Gebot war vierhundert Mark. Guido ging auf vierhundertf&#xFC;nfzig. Es entstand eine Pause. Der Auktionator bot herum – „keiner mehr – zum ersten – zum zweiten – ”</p><p>„Tausend”, sagte K&#xF6;ster. Ich sah ihn an. „Ist ja drei wert”, murmelte er. „Kann nicht sehen, wie der da abgeschlachtet wird.”</p><p>Guido machte uns verzweifelte Zeichen. „Elfhundert”, meckerte er und klapperte uns mit beiden Augenlidern zu.</p><p>„F&#xFC;nfzehnhundert”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Der Auktionator geriet in Schwung.</p><p>„F&#xFC;nfzehnhundertzehn” erkl&#xE4;rte Guido schwitzend.</p><p>„Achtzehnhundert”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Der Auktionator schlug uns den Wagen zu. K&#xF6;ster bezahlte sofort.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Nachmittags kam der B&#xE4;ckermeister, um seinen Ford abzuholen. Er sah grau und verbittert aus. Ich war allein auf dem Hof. „Gef&#xE4;llt Ihnen die Farbe?” fragte ich.</p><p>„Ja, schon”, sagte er und sah den Wagen unschl&#xFC;ssig an.</p><p>„Das Verdeck ist sehr sch&#xF6;n geworden.”</p><p>„Gewiss – ”</p><p>Er stand herum und schien sich nicht entschlie&#xDF;en zu k&#xF6;nnen abzufahren. Ich erwartete, dass er noch irgendwas umsonst einzuhandeln versuchen w&#xFC;rde, einen Wagenheber, einen Aschenbecher oder etwas &#xC4;hnliches.</p><p>Aber es kam anders. Er schnaufte eine Weile herum, sah mich dann aus seinen rotge&#xE4;derten Augen an und sagte: „Wenn man so denkt, – da hat sie nun vor ein paar Wochen noch gesund und munter drin gesessen – ”</p><p>Ich war etwas erstaunt, ihn so pl&#xF6;tzlich weich zu sehen, und vermutete, dass ihm das flinke, schwarze Luder, das er zuletzt bei sich gehabt hatte, bereits auf die Nerven ging. &#xC4;rger macht ja die Leute leichter sentimental als Liebe.</p><p>Der B&#xE4;cker begann sich auszusprechen. Er erz&#xE4;hlte mir, wie sparsam die Frau gewesen sei. Es war merkw&#xFC;rdig, wie ger&#xFC;hrt die Erinnerung an gespartes Geld diesen versoffenen Kegelbruder machte. Nicht einmal richtig photographieren h&#xE4;tte sie sich lassen, es sei ihr zu teuer gewesen. So h&#xE4;tte er nur ein Bild von der Hochzeit und ein paar kleine Momentaufnahmen von ihr.</p><p>Das brachte mich auf einen Gedanken. „Sie sollten sich ein sch&#xF6;nes Bild von Ihrer Frau malen lassen”, sagte ich. „Dann haben Sie f&#xFC;r immer was. Photographien verbleichen mit der Zeit. Es gibt hier einen K&#xFC;nstler, der das macht.”</p><p>Ich erkl&#xE4;rte ihm Ferdinand Graus T&#xE4;tigkeit. Er wurde sofort misstrauisch und meinte, das sei wohl sehr teuer. Ich beruhigte ihn, – wenn ich mitginge, bek&#xE4;me er einen Sonderpreis. Ich rief Ferdinand Grau an und sagte ihm Bescheid. Dann fuhr ich mit dem B&#xE4;ckermeister los, um die Photographien der Frau abzuholen.</p><p>Der B&#xE4;cker holte aus einem gr&#xFC;nen Pl&#xFC;schalbum ein paar Bilder hervor und zeigte sie mir.</p><p>„Das geht”, sagte ich. „Danach kann er alles machen.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ferdinand Grau empfing uns in einem Gehrock. Er sah w&#xFC;rdig und feierlich aus. Das geh&#xF6;rte zu seinem Gesch&#xE4;ft.</p><p>An den W&#xE4;nden des Ateliers hingen einige stattliche &#xD6;lportr&#xE4;ts in goldenen Rahmen; darunter die kleinen dazugeh&#xF6;rigen Photographien. Jeder Kunde konnte dadurch sofort sehen, was selbst aus einer verwischten Momentaufnahme zu machen war.</p><p>Ferdinand f&#xFC;hrte den B&#xE4;ckermeister herum und fragte ihn, welche Art ihm am besten gefiele. Der B&#xE4;cker fragte zur&#xFC;ck, ob die Preise sich nach der Gr&#xF6;&#xDF;e richteten. Ferdinand erkl&#xE4;rte, es ginge nicht nach dem Quadratmeter, sondern nach der Ausf&#xFC;hrung.</p><p>Sie redeten noch eine Zeitlang hin und her, dann wurden sie einig und besprachen die Ausf&#xFC;hrung. Der B&#xE4;cker wollte eine Perlenkette und eine goldene Brosche mit Diamanten extra dazu gemalt haben. Sie waren auf den Photos nicht zu sehen.</p><p>„Selbstverst&#xE4;ndlich”, erkl&#xE4;rte Ferdinand, „der Schmuck ihrer Gattin wird mitgemalt. Am besten ist, Sie bringen ihn mir einmal f&#xFC;r eine Stunde her, damit er m&#xF6;glichst naturgetreu wird.”</p><p>Der B&#xE4;cker wurde rot. „Ich habe ihn nicht mehr da. Er ist – ich habe ihn bei Verwandten.”</p><p>„Ach so. Na, dann geht es auch so. Sah die Brosche &#xE4;hnlich aus wie die auf dem Bilde dr&#xFC;ben?”</p><p>Der B&#xE4;cker nickte. „Nicht ganz so gro&#xDF;.”</p><p>„Sch&#xF6;n. Dann werden wir sie so machen. Die Kette brauchen wir ohnehin nicht. Perlen sehen ja alle &#xE4;hnlich aus.”</p><p>Der B&#xE4;cker atmete auf. „Und wann ist das Bild fertig?”</p><p>„In sechs Wochen.”</p><p>„Gut.” Der B&#xE4;cker verabschiedete sich.</p><p>Ich ging. Unten kam der Schwall und L&#xE4;rm der Stra&#xDF;e mir entgegen wie ein warmes Bad.</p></section><section><title><p>XI</p></title><p>Ich war unterwegs zu Pat. Es war das erstemal, dass ich sie besuchte. Bisher war sie immer nur bei mir gewesen oder ich hatte sie vor ihrem Hause abgeholt und wir waren irgendwo hingegangen. Aber das war stets so gewesen, als ob sie nur zu Besuch da war. Ich wollte mehr von ihr wissen. Ich wollte wissen, wie sie lebte.</p><p>Mir fiel ein, dass ich ihr Blumen mitbringen k&#xF6;nnte. Das war leicht; die st&#xE4;dtischen Anlagen hinter dem Rummelplatz standen in voller Bl&#xFC;te. Ich sprang &#xFC;ber das Gitter und begann einen wei&#xDF;en Fliederbusch zu pl&#xFC;ndern.</p><p>„Was machen Sie da?” erscholl pl&#xF6;tzlich eine markige Stimme. Ich sah auf. Ein Mann mit einem Burgundergesicht und aufgezwirbeltem wei&#xDF;em Schnurrbart starrte mich entr&#xFC;stet an. Kein Polizist und kein Parkw&#xE4;chter. H&#xF6;heres, pensioniertes Milit&#xE4;r, das erkannte man sofort.</p><p>„Das ist doch nicht schwer festzustellen”, erwiderte ich h&#xF6;flich. „Ich breche hier Fliederzweige ab.”</p><p>Dem Mann verschlug es einen Moment die Sprache. „Wissen Sie nicht, dass das st&#xE4;dtische Anlagen sind?” knurrte er dann emp&#xF6;rt.</p><p>Ich lachte. „Nat&#xFC;rlich wei&#xDF; ich das! Oder glaubten Sie, ich hielte das hier f&#xFC;r die Kanarischen Inseln?”</p><p>Der Mann wurde blau. Ich f&#xFC;rchtete, der Schlag w&#xFC;rde ihn treffen. „Sofort raus da, Kerl!” schrie er mit erstklassiger Kasernenhofstimme<a l:href="#n_91" type="note">[91]</a>. Sie vergreifen sich an st&#xE4;dtischem Gut! Ich lasse Sie abf&#xFC;hren!”</p><p>Ich hatte inzwischen genug Flieder.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Vor dem Hause Pats musterte ich noch einmal meinen Anzug. Dann stieg ich die Treppen hinauf und sah mich um. Das Haus war neu und modern gebaut; – ein starker Gegensatz zu meiner verwohnten, pomp&#xF6;sen Baracke. Die Treppen waren mit einem roten L&#xE4;ufer belegt; das gab es bei Mutter Zalewski auch nicht. Vom Fahrstuhl gar nicht zu reden.</p><p>Pat wohnte im zweiten Stock. An der T&#xFC;r war ein selbstbewusstes Messingschild angebracht: Egbert von Hake, Oberstleutnant. Ich starrte es lange an. Unwillk&#xFC;rlich r&#xFC;ckte ich dann meinen Schlips zurecht, bevor ich klingelte.</p><p>Ein M&#xE4;dchen mit wei&#xDF;em H&#xE4;ubchen und bl&#xFC;tenwei&#xDF;er T&#xE4;ndelsch&#xFC;rze &#xF6;ffnete; – nicht in einem Atem zu nennen mit unserm schielenden Trampel Frida. „Herr Lohkamp?” fragte sie.</p><p>Ich nickte.</p><p>Sie f&#xFC;hrte mich &#xFC;ber einen kleinen Vorplatz und &#xF6;ffnete dann eine Zimmert&#xFC;r. Ich w&#xE4;re nicht besonders erstaunt gewesen, wenn dort zun&#xE4;chst einmal Oberstleutnant Egbert von Hake in voller Uniform gestanden und mich einem Verh&#xF6;r unterzogen h&#xE4;tte, – so seri&#xF6;s wirkten die Bilder von einer Anzahl Gener&#xE4;len, die, ordenbedeckt, grimmig von den W&#xE4;nden des Vorzimmers mir Zivilisten nachsahen. Aber da kam Pat mir schon entgegen mit ihren sch&#xF6;nen, langen Schritten und das Zimmer war pl&#xF6;tzlich nichts als eine Insel von W&#xE4;rme und Heiterkeit. Ich schloss die T&#xFC;r und nahm sie zuerst einmal vorsichtig in die Arme. Dann &#xFC;bergab ich ihr den gestohlenen Flieder. „Hier”, sagte ich. „Mit einem Gru&#xDF; von der Stadtverwaltung.”</p><p>Sie stellte die Zweige in eine gro&#xDF;e, helle Tonvase, die auf dem Boden vor dem Fenster stand. Ich sah mich unterdessen in ihrem Zimmer um. Weiche ged&#xE4;mpfte Farben, wenige, alte, sch&#xF6;ne M&#xF6;bel, ein mattblauer Teppich, pastellfarbene Vorh&#xE4;nge, bequeme kleine Sessel, mit verblichenem Samt gepolstert. – „Mein Gott, wie hast du nur so ein Zimmer gefunden, Pat?” sagte ich. „Die Leute stellen doch sonst nur ihre ausrangierten Brocken und die unbrauchbaren Geburtstagsgeschenke in Zimmer, die sie vermieten.”</p><p>„Es sind alles meine eigenen Sachen, Robby. Die Wohnung hat fr&#xFC;her meiner Mutter geh&#xF6;rt. Als sie starb, habe ich sie abgegeben und zwei Zimmer f&#xFC;r mich behalten.”</p><p>„Dann geh&#xF6;rt sie also dir?” fragte ich erleichtert. „Und der Oberstleutnant Egbert von Hake wohnt nur bei dir zur Miete?”</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Nicht mehr. Ich konnte sie nicht behalten. Ich habe die &#xFC;brigen M&#xF6;bel verkauft und die Wohnung ganz abgegeben. Ich wohne jetzt hier zur Miete. Aber was hast du mit dem alten Egbert?”</p><p>„Nichts. Ich habe nur eine nat&#xFC;rliche Scheu vor Polizisten und Stabsoffizieren. Das stammt noch aus meiner Milit&#xE4;rzeit.”</p><p>Sie lachte. „Mein Vater war auch Major.”</p><p>„Major ist gerade die Grenze”, erwiderte ich.</p><p>„Kennst du denn den alten Hake?” fragte sie.</p><p>Ich wurde pl&#xF6;tzlich von einer b&#xF6;sen Ahnung erfasst. „Ist es so ein Kleiner, Strammer, mit einem roten Gesicht, einem wei&#xDF;en Schnauzbart und einer m&#xE4;chtigen Stimme? Einer, der viel in den st&#xE4;dtischen Anlagen spazieren geht?”</p><p>„Aha!” Sie blickte auf den Flieder und sah mich dann lachend an. „Nein, es ist ein Gro&#xDF;er, Blasser mit einer Hornbrille!”</p><p>„Dann kenne ich ihn nicht.”</p><p>„Willst du ihn kennen lernen? Er ist sehr nett.”</p><p>„Da sei Gott vor! Ich geh&#xF6;re einstweilen mehr auf die Monteur- und die Zalewskiseite.”</p><p>Es klopfte. Das M&#xE4;dchen von vorhin schob einen niedrigen, fahrbaren Tisch herein. D&#xFC;nnes, wei&#xDF;es Porzellan, eine Silberplatte mit Kuchen, eine andere mit belegten, unwahrscheinlich kleinen Br&#xF6;tchen, Servietten, Zigaretten und was wei&#xDF; ich sonst noch – wie geblendet starrte ich darauf nieder. „Erbarme dich, Pat!” sagte ich dann. „Das ist ja wie im Film! Ich habe schon auf der Treppe gemerkt, dass wir auf verschiedenen sozialen Stufen stehen. Bedenke, dass ich gew&#xF6;hnt bin, aus fettigem Papier auf der Zalewskischen Fensterbank zu essen, den braven Spirituskocher treu neben mir. Erbarme dich &#xFC;ber den Bewohner liebloser Pensionen, wenn er in seiner Verwirrung vielleicht eine Tasse umschmei&#xDF;t!”</p><p>Sie lachte. „Das darfst du nicht. Deine Ehre als Motorenfachmann erlaubt das nicht. Du musst geschickt sein.” Sie ergriff den Henkel einer Kanne. „Willst du Tee oder Kaffee?”</p><p>„Tee oder Kaffee? Gibt es denn beides?”</p><p>„Ja. Sieh hier!”</p><p>„Herrlich! Wie in den besten Lokalen! Jetzt fehlt nur noch Musik.”</p><p>Sie beugte sich zur Seite und knipste einen kleinen Kofferradio an, den ich gar nicht gesehen hatte. „Also, was willst du nun, Tee oder Kaffee?”</p><p>„Kaffee, einfach Kaffee, Pat. Ich bin vom Lande. Und du?”</p><p>„Ich trinke mit dir Kaffee.”</p><p>„Aber sonst trinkst du Tee?”</p><p>„Ja.”</p><p>„Da haben wir es.”</p><p>„Ich fange schon an, mich an Kaffee zu gew&#xF6;hnen. Willst du Kuchen dazu? Oder Br&#xF6;tchen?”</p><p>„Beides, Pat. Man muss solche Gelegenheiten ausn&#xFC;tzen. Ich werde nachher auch noch Tee trinken. Ich muss alles versuchen, was es hier bei dir gibt.”</p><p>Sie lachte und packte meinen Teller voll. Ich wehrte ab. „Genug, genug! Bedenke, dass wir in der N&#xE4;he eines Oberstleutnants sind! Das Milit&#xE4;r liebt M&#xE4;&#xDF;igkeit bei den niederen Chargen.”<a l:href="#n_92" type="note">[92]</a></p><p>„Nur im Trinken, Robby. Der alte Egbert isst selbst leidenschaftlich gern Kuchen mit Schlagsahne.”</p><p>Ich hatte mittags nur eine Tasse Bouillon in der Chauffeurkneipe getrunken. Es war deshalb nicht besonders schwer alles aufzuessen, was da war. Dazu trank ich, ermuntert von Pat, auch die ganze Kanne Kaffee leer.</p><p>Wir sa&#xDF;en am Fenster und rauchten. Der Abend stand rot &#xFC;ber den D&#xE4;chern. „Es ist sch&#xF6;n bei dir, Pat”, sagte ich. „Ich k&#xF6;nnte verstehen, dass man wochenlang keinen Schritt hinaust&#xE4;te, – bis man den ganzen Kram da drau&#xDF;en vergessen h&#xE4;tte.” Sie l&#xE4;chelte. „Es gab eine Zeit, da konnte ich gar nicht erwarten, hier herauszukommen.”</p><p>„Wann denn?”</p><p>„Als ich krank war.”</p><p>„Das ist was anderes. Was hast du denn gehabt?”</p><p>„Nichts sehr Schlimmes. Ich musste nur liegen. Ich war wohl zu schnell gewachsen und hatte zu wenig zu essen bekommen. Im Krieg und nach dem Kriege gabs ja nicht viel.” Ich nickte. „Wie lange hast du denn gelegen?” Sie z&#xF6;gerte einen Augenblick. „Ungef&#xE4;hr ein Jahr.”</p><p>„Das ist aber sehr lange.” Ich sah sie aufmerksam an.</p><p>„Es ist jetzt l&#xE4;ngst vorbei. Aber damals erschien es mir wie ein ganzes Leben. Du hast mir in der Bar einmal von deinem Freunde Valentin erz&#xE4;hlt. Dass er nie vergessen konnte nach dem Kriege, welch ein Gl&#xFC;ck es sei, zu leben. Und dass ihm alles andere gleichg&#xFC;ltig wurde dar&#xFC;ber.”</p><p>„Das hast du gut behalten”, sagte ich.</p><p>„Weil ich es gut verstehe. Ich kann mich seit damals auch so leicht freuen. Ich glaube, ich bin sehr oberfl&#xE4;chlich.”</p><p>„Oberfl&#xE4;chlich sind nur Leute, die glauben, dass sie es nicht sind.”</p><p>„Ich bin es aber bestimmt. Ich habe nicht viel Verst&#xE4;ndnis f&#xFC;r die gro&#xDF;en Dinge des Lebens. Nur f&#xFC;r die sch&#xF6;nen. Dieser Flieder hier macht mich schon gl&#xFC;cklich.”</p><p>„Das ist keine Oberfl&#xE4;chlichkeit; – das ist letzte Philosophie.”</p><p>„Bei mir nicht. Ich bin oberfl&#xE4;chlich und leichtsinnig.”</p><p>„Ich auch.”</p><p>„Findest du auch, dass ich leichtsinnig war?”</p><p>„Nein, mutig.”</p><p>„Ach, Mut – ich bin nicht sehr mutig. Ich habe manchmal Angst genug dabei gehabt. So wie jemand, der im Theater auf dem falschen Platz sitzt und sich doch nicht wegr&#xFC;hrt.”</p><p>Sie sah mich einen Augenblick an. „Gut, Robby”, sagte sie. Dann stand sie auf und ging zu einem Schr&#xE4;nkchen. „Wei&#xDF;t du, was ich hier habe? Rum f&#xFC;r dich. Guten Rum, glaube ich.”</p><p>Der Rum war, das sah ich schon an der Farbe, Verschnitt<a l:href="#n_93" type="note">[93]</a>. Der H&#xE4;ndler hatte Pat bestimmt betrogen. Ich trank das Glas aus. „H&#xF6;chste Klasse”, sagte ich, „gib mir noch einen. Wo hast du ihn her?”</p><p>„Aus dem Gesch&#xE4;ft an der Ecke.”</p><p>Aha, dachte ich, nat&#xFC;rlich so ein verdammter Delikatessenladen. Ich nahm mir vor, gelegentlich mal reinzusehen und dem Mann Bescheid zu sagen<a l:href="#n_94" type="note">[94]</a>.</p><p>„Jetzt muss ich wohl gehen, Pat, was?” fragte ich. Sie sah mich an. „Noch nicht – ”</p><p>Wir standen am Fenster. Unten flammten die Lichter auf. „Zeig mir einmal dein Schlafzimmer”, sagte ich.</p><p>Sie machte die T&#xFC;r auf und knipste das Licht an. Ich blieb an der T&#xFC;r stehen und sah hinein. Mir ging allerlei durch den Kopf. „Das ist also dein Bett, Pat” sagte ich schlie&#xDF;lich.</p><p>Sie l&#xE4;chelte. „Wem soll es denn sonst geh&#xF6;ren, Robby?”</p><p>„Wahrhaftig!” Ich blickte auf. „Und da ist ja auch das Telefon. Nun wei&#xDF; ich das auch. Jetzt werde ich gehen. Leb wohl, Pat.”</p><p>Sie legte ihre H&#xE4;nde um meine Schl&#xE4;fen. Es w&#xE4;re wunderbar gewesen, jetzt dazubleiben, im hereinbrechenden Abend, dicht beieinander, unter der weichen, blauen Decke im Schlafzimmer; – aber es war etwas da, was mich abhielt. – Es war keine Hemmung, auch keine Angst und keine Vorsicht, – es war einfach nur eine sehr gro&#xDF;e Z&#xE4;rtlichkeit, eine Z&#xE4;rtlichkeit, die das Begehren &#xFC;berschwemmte.</p><p>„Leb wohl, Pat”, sagte ich. „Es war sch&#xF6;n bei dir. Viel sch&#xF6;ner f&#xFC;r mich, als du dir vielleicht denken kannst. Und das mit dem Rum – dass du daran gedacht hast – ”</p><p>„Aber das war doch so einfach – ”</p><p>„F&#xFC;r mich nicht. Bin es nicht so gew&#xF6;hnt.”</p><p>Die Zalewskische Bude. Ich sa&#xDF; eine Weile herum.</p><p>Bis acht Uhr hielt ich es in meiner Bude noch aus, – dann hatte ich genug davon, allein herumzusitzen und ging in die Bar, um irgend jemand zu treffen.</p><p>Valentin war da. „Setz dich”, sagte er. „Was willst du trinken?”</p><p>„Rum”, erwiderte ich. „Habe zu Rum seit heute ein besonderes Verh&#xE4;ltnis.”</p><p>„Rum ist die Milch des Soldaten”, sagte Valentin. „Siehst &#xFC;brigens gut aus, Robby.”</p><p>„So?”</p><p>„Ja, j&#xFC;nger.”</p><p>„Auch was”, sagte ich. „Prost, Valentin.”</p><p>„Prost, Robby.”</p><p>Wir sagten es noch einige Male. Dann brach Valentin auf.</p><p>Ich blieb sitzen. Es war au&#xDF;er Fred niemand mehr da. Ich betrachtete die alten, beleuchteten Landkarten, die Schiffe mit ihren vergilbten Segeln und dachte an Pat. Ich h&#xE4;tte sie gern angerufen, aber ich zwang mich, es nicht zu tun. Ich wollte auch nicht so viel an sie denken. Ich wollte sie nehmen als ein unerwartetes, begl&#xFC;ckendes Geschenk, das gekommen war und wieder gehen w&#xFC;rde, – nicht mehr. Ich wollte nie dem Gedanken Raum geben<a l:href="#n_95" type="note">[95]</a> dass es mehr sein k&#xF6;nnte. Ich wusste zu sehr, dass alle Liebe den Wunsch nach Ewigkeit hatte und dass darin ihre ewige Qual lag. Es gab nichts, was blieb. Nichts.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>„Bin ich besoffen oder donnert es drau&#xDF;en?” fragte ich.</p><p>Fred lauschte. „Es donnert tats&#xE4;chlich. Das erste Gewitter in diesem Jahr.”</p><p>Wir gingen unter die T&#xFC;r und sahen zum Himmel auf. Es war nichts zu sehen. Es war nur warm und ab und zu donnerte es.</p><p>,,Darauf k&#xF6;nnten wir eigentlich noch einen nehmen”, schlug ich vor. Fred war auch daf&#xFC;r.</p><p>Es donnerte nur st&#xE4;rker. Ich gab ihm ein Glas Zitronensaft zu trinken und ging zum Telefon. Im letzten Augenblick besann ich mich, dass ich ja nicht telefonieren wollte. Ich winkte dem Apparat zu und wollte meinen Hut vor ihm ziehen. Aber dann merkte ich, dass ich ihn gar nicht auf hatte.</p><p>Als ich zur&#xFC;ckkam, waren K&#xF6;ster und Lenz da. „Hauch mich mal an”, sagte Gottfried.</p><p>Ich hauchte. „Rum, Kirsch und Absinth<a l:href="#n_96" type="note">[96]</a>”, sagte er. „Absinth, du Ferkel.”</p><p>„Wenn du meinst, ich w&#xE4;re besoffen, irrst du dich”, sagte ich.</p><p>„Wo kommt ihr her?”</p><p>„Aus einer politischen Versammlung. Aber es war Otto zu bl&#xF6;d. Was trinkt Fred denn da?”</p><p>„Zitronensaft.”</p><p>„Trink auch mal ein Glas.”</p><p>„Morgen”, erwiderte ich. „Jetzt werde ich zun&#xE4;chst mal was essen.”</p><p>K&#xF6;ster hatte mich die ganze Zeit besorgt angesehen. „Sieh mich nicht so an, Otto”, sagte ich, „ich habe mich aus lauter Lebenslust etwas beschwipst. Nicht aus Kummer.”</p><p>„Dann ists gut”, sagte er. „Aber komm trotzdem mit, essen.”</p><p>Um elf Uhr war ich wieder n&#xFC;chtern wie ein Knochen<a l:href="#n_97" type="note">[97]</a>.</p><p>Ich ging zum Telefon und rief Pat an. Es war mir v&#xF6;llig gleichg&#xFC;ltig, was ich vorher alles zusammengedacht hatte. Sie meldete sich. „In einer Viertelstunde bin ich vor der Haust&#xFC;r,” rief ich und h&#xE4;ngte rasch ab. Ich f&#xFC;rchtete, sie k&#xF6;nnte m&#xFC;de sein und wollte nichts davon h&#xF6;ren. Ich wollte sie sehen.</p><p>Sie kam. Als sie die Haust&#xFC;r aufschloss, k&#xFC;sste ich das Glas da, wo ihr Kopf war. Sie wollte etwas sagen, aber ich lie&#xDF; sie gar nicht zu Worte kommen. Ich k&#xFC;sste sie und wir liefen zusammen die Stra&#xDF;e hinunter, bis wir ein Taxi fanden. Es donnerte und blitzte.</p><p>„Rasch, sonst gibts Regen”, rief ich.</p><p>Wir stiegen ein. Die ersten Tropfen klatschten auf das Dach der Droschke. Der Wagen r&#xFC;ttelte auf dem schlechten Pflaster. Es war alles wunderbar, denn bei jedem R&#xFC;tteln sp&#xFC;rte ich Pat. Es war alles wunderbar: der Regen, die Stadt, das Trinken, es war alles weit und herrlich.</p></section><section><title><p>XII</p></title><p>Unsere Werkstatt stand immer noch leer wie eine Scheune vor der Ernte. Wir hatten deshalb beschlossen, das Taxi, das wir auf der Auktion gekauft hatten, nicht weiterzuverkaufen, sondern es einstweilen selbst als Taxi zu fahren. Lenz und ich sollten es abwechselnd machen. K&#xF6;ster konnte mit Jupp die Werkstatt ganz gut allein besorgen, bis wieder Arbeit kam.</p><p>Lenz und ich w&#xFC;rfelten<a l:href="#n_98" type="note">[98]</a>, wer als erster fahren sollte. Ich gewann, steckte mir die Tasche voll Kleingeld, nahm meine Papiere und strich dann mit dem Taxi langsam durch die Stra&#xDF;en, um mir zun&#xE4;chst einmal einen guten Standplatz auszusuchen. Es war etwas merkw&#xFC;rdig, so das erste Mal. Jeder Idiot konnte mich anhalten und mir einen Auftrag geben. Das war kein besonders gro&#xDF;artiges Gef&#xFC;hl.</p><p>Ich suchte mir einen Halteplatz aus, an dem nur f&#xFC;nf Wagen standen. Er war gegen&#xFC;ber dem Hotel Waldecker Hof, mitten im Gesch&#xE4;ftsviertel. Das lie&#xDF; auf raschen Betrieb hoffen. Ich stellte die Z&#xFC;ndung ab und stieg aus. Von einem der vorderen Wagen kam ein gro&#xDF;er Kerl in einem Ledermantel auf mich zu. „Scher dich hier weg”, knurrte er.</p><p>Ich sah ihn ruhig an und rechnete mir aus, dass ich ihn am besten von unten mit einem Uppercut<a l:href="#n_99" type="note">[99]</a> umlegen w&#xFC;rde, wenn es sein m&#xFC;sste. Er konnte wegen seines Mantels nicht schnell genug die Arme hochkriegen.</p><p>„Nicht kapiert?” forschte der Ledermantel und spuckte mir seine Zigarette vor die F&#xFC;&#xDF;e. „Sollst dich wegscheren! Sind genug hier! Brauchen keinen mehr!”</p><p>Er war &#xE4;rgerlich &#xFC;ber den Zuzug, das war klar; aber es war mein Recht, mich herzustellen. „Ich schmei&#xDF;e ein paar Runden Einstand<a l:href="#n_100" type="note">[100]</a>”, sagte ich.</p><p>Damit w&#xE4;re die Sache f&#xFC;r mich erledigt gewesen. Es war die &#xFC;bliche Art, wenn man neu herankam. Ein junger Chauffeur trat hinzu.</p><p>„Sch&#xF6;n, Kollege. Lass ihn doch, Gustav – ”</p><p>Aber Gustav gefiel etwas an mir nicht. Ich wusste, was es war. Er sp&#xFC;rte, dass ich neu im Beruf war. „Ich z&#xE4;hle bis drei – “ erkl&#xE4;rte er. Er war einen Kopf gr&#xF6;&#xDF;er als ich, darauf vertraute er.</p><p>Ich merkte, dass mit Reden nicht mehr viel zu machen war. Ich musste abfahren oder schlagen. Es war zu deutlich.</p><p>„Eins – ” z&#xE4;hlte Gustav und kn&#xF6;pfte seinen Mantel auf.</p><p>„Macht keinen Unsinn”, sagte ich, um es noch einmal zu versuchen. „Wollen lieber einen Schnaps in die Kehle zischen lassen.”</p><p>„Zwei – ” knurrte Gustav —</p><p>Ich sah, dass er mich regul&#xE4;r hinschlachten wollte. „Und eins ist – ” Er schob seine M&#xFC;tze zur&#xFC;ck.</p><p>„Halts Maul, Idiot!” schnauzte ich pl&#xF6;tzlich scharf. Gustav klappte vor &#xDC;berraschung den Mund auf und trat einen Schritt n&#xE4;her. Genau dahin, wohin ich ihn haben wollte. Ich schlug sofort zu. Gustav sackte weg. „Schadet ihm nichts”, sagte der junge Chauffeur. „Alter Radaubruder.”</p><p>Ich war etwas beunruhigt. In der Eile hatte ich den Daumen falsch gehalten beim Schlagen und ihn mir verstaucht. Wenn Gustav wieder aufwachte, konnte er mit mir machen, was er wollte. Ich sagte es dem jungen Chauffeur und fragte, ob ich nicht lieber abhauen sollte. „Unsinn”, sagte er, „die Sache ist erledigt. Komm jetzt in die Kneipe und schmei&#xDF; deinen Einstand. Du bist kein gelernter Chauffeur, was?”</p><p>„Nein – ”</p><p>„Ich auch nicht. Ich bin Schauspieler.”</p><p>„Und?”</p><p>„Man lebt – ” erwiderte er lachend. „Theater ist auch so genug.”</p><p>Wir waren zu f&#xFC;nf, zwei &#xE4;ltere und drei junge. Nach einer Weile erschien auch Gustav im Lokal. Er glotzte stier zu unserm Tisch her&#xFC;ber und kam ran. Ich fasste mit der linken Hand mein Schl&#xFC;sselbund in der Tasche und nahm mir vor, mich auf jeden Fall zu wehren, bis ich mich nicht mehr r&#xFC;hren konnte.</p><p>Doch es kam nicht dazu.</p><p>„Prost”, sagte er zu mir, aber mit einem Gesicht wie Dreck.</p><p>„Prost”, erwiderte ich und kippte.</p><p>Gustav zog eine Schachtel Zigaretten heraus. Er hielt sie mir hin, ohne mich anzusehen. Ich nahm eine und gab ihm daf&#xFC;r Feuer. Dann bestellte ich eine Lage doppelten K&#xFC;mmel. Wir tranken sie. Gustav sah mich wieder von der Seite an.</p><p>„Ich hei&#xDF;e &#xFC;brigens Gustav.”</p><p>„Ich Robert.”</p><p>„Sch&#xF6;n. Also in Ordnung, Robert, was? Dachte, du w&#xE4;rst so’n Bubi von Mamas Sch&#xFC;rze.”</p><p>„In Ordnung, Gustav.”</p><p>Von dieser Zeit an waren wir Freunde.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Die Wagen r&#xFC;ckten langsam vor. Der Schauspieler, der Tommy genannt wurde, bekam eine gl&#xE4;nzende Fuhre zum Bahnhof. Gustav eine zum n&#xE4;chsten Restaurant f&#xFC;r drei&#xDF;ig Pfennige. Er platzte fast vor Wut dar&#xFC;ber, denn er musste sich f&#xFC;r zehn Pfennige Verdienst nun wieder hinten anstellen. Ich erwischte etwas ganz Seltenes, – eine alte Engl&#xE4;nderin, die sich die Stadt ansehen wollte. Ich war fast eine Stunde mit ihr unterwegs. Auf der R&#xFC;ckkehr schnappte ich noch ein paar kleinere Sachen.</p><p>Ziemlich aufgekratzt fuhr ich nachmittags in den Hof unserer Werkstatt ein. Lenz und K&#xF6;ster erwarteten mich schon.</p><p>„Br&#xFC;der, was habt ihr verdient?” fragte ich.</p><p>„Siebzig Liter Benzin”, meldete Jupp.</p><p>„Sonst nichts?”</p><p>Lenz schaute mit wildem Gesicht zum Himmel auf. „Regnen m&#xFC;sste es! Und dann ein kleiner Zusammensto&#xDF; auf dem Rutschasphalt direkt vor der T&#xFC;r! Keine Verletzten! Nur eine nette, runde Reparatur.”</p><p>„Schaut her!” Ich zeigte f&#xFC;nfunddrei&#xDF;ig Mark auf der flachen Hand.</p><p>„Gro&#xDF;artig”, sagte K&#xF6;ster. „Davon sind zwanzig Mark verdient. Die werden wir heute auf den Kopf hauen. M&#xFC;ssen die Jungfernfahrt<a l:href="#n_101" type="note">[101]</a> doch feiern!”</p><p>„Wir wollen eine Waldmeisterbowle<a l:href="#n_102" type="note">[102]</a> trinken”, erkl&#xE4;rte Lenz.</p><p>„Bowle?” fragte ich. „Wozu denn Bowle?”</p><p>„Weil Pat mitkommt.”</p><p>„Pat?”</p><p>„Sperr den Schnabel nicht so weit auf”, sagte der letzte Romantiker, „wir haben alles l&#xE4;ngst abgemacht. Um sieben holen wir sie ab. Sie wei&#xDF; Bescheid. Wenn du nicht daran denkst, m&#xFC;ssen wir uns eben selbst helfen. Schlie&#xDF;lich hast du sie doch durch uns kennen gelernt.”</p><p>„Otto”, sagte ich, „hast du je etwas Unverfroreneres gesehen als diesen Rekruten?”</p><p>K&#xF6;ster lachte.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir sa&#xDF;en im Garten eines kleinen Wirtshauses vor der Stadt. Der feuchte Mond hing wie eine rote Fackel tief &#xFC;ber den W&#xE4;ldern. Die bleichen Bl&#xFC;tenkandelaber der Kastanien schimmerten, der Flieder roch bet&#xE4;ubend und vor uns auf dem Tisch das gro&#xDF;e Glasgef&#xE4;&#xDF;, mit dem nach Waldmeister duftenden Wein sah im ungewissen Licht der fr&#xFC;hen Nacht aus wie ein heller Opal, in dem sich bl&#xE4;ulich und perlmuttern der letzte Schein des Abends sammelte. Wir hatten es schon zum vierten Mal f&#xFC;llen lassen.</p><p>Sp&#xE4;ter ging ich mit Pat allein durch den Garten. Der Mond war h&#xF6;her gestiegen und die Wiesen schwammen in grauem Silber. Die Schatten der B&#xE4;ume lagen lang und schwarz dar&#xFC;ber wie dunkle Wegweiser ins Ungewisse. Wir gingen bis zum See hinunter und kehrten dann um. Unterwegs trafen wir Gottfried Lenz, der sich einen Gartenstuhl mitgenommen und ihn tief in ein Geb&#xFC;sch von Fliederstr&#xE4;uchern geschoben hatte. Da sa&#xDF; er nun und nur sein blonder Schopf und seine Zigarette leuchteten heraus. Neben sich auf der Erde hatte er ein Glas und den Rest der Maibowle stehen.</p><p>„Das ist ein Platz!” sagte Pat. „Mitten im Flieder.”</p><p>„Es l&#xE4;sst sich aushalten.<a l:href="#n_103" type="note">[103]</a>” Gottfried stand auf.</p><p>„Versuchen Sie es mal.” Pat setzte sich auf den Stuhl. Ihr Gesicht schimmerte zwischen den Bl&#xFC;ten. „Ich bin verr&#xFC;ckt mit Flieder”, sagte der letzte Romantiker. „Heimweh bedeutet f&#xFC;r mich Flieder. Im Fr&#xFC;hjahr 1924 bin ich einmal Hals &#xFC;ber Kopf aus Rio de Janeiro abgereist, nur weil mir einfiel, dass hier der Flieder bl&#xFC;hen m&#xFC;sse. Als ich dann ankam, war es nat&#xFC;rlich schon viel zu sp&#xE4;t.” Er lachte. „So geht es immer.”</p><p>„Rio de Janeiro.” Pat zog einen Zweig mit Bl&#xFC;ten zu sich herunter. „Waren Sie zusammen da?”</p><p>Gottfried stutzte. Mir lief es pl&#xF6;tzlich kalt &#xFC;ber den R&#xFC;cken.</p><p>„Seht mal den Mond!” sagte ich rasch. Gleichzeitig trat ich Lenz beschw&#xF6;rend auf den Fu&#xDF;.</p><p>Im Aufflammen seiner Zigarette sah ich ein schwaches L&#xE4;cheln und ein Augenblinzeln. Ich war gerettet.</p><p>Um elf Uhr fuhren wir zur&#xFC;ck. Valentin und Ferdinand hatten das Taxi, das Valentin steuerte. Wir andern fuhren mit Karl. Die Nacht war warm und K&#xF6;ster machte noch einen Umweg durch ein paar D&#xF6;rfer, die verschlafen an der Stra&#xDF;e lagen mit wenigen Lichtern und vereinzeltem Hundegebell. Lenz sa&#xDF; vorne neben Otto und sang, Pat und ich hockten hinten im Wagen.</p><p>K&#xF6;ster fuhr wunderbar.</p><p>Das Tempo nahm zu. Ich deckte unsere M&#xE4;ntel &#xFC;ber Pat. Sie l&#xE4;chelte mir zu. „Liebst du mich eigentlich?” fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Du mich?”</p><p>„Nein. Ein Gl&#xFC;ck, was?”</p><p>„Ein gro&#xDF;es Gl&#xFC;ck.”</p><p>„Dann kann uns ja nichts passieren, wie?”</p><p>„Gar nichts – ” erwiderte sie und fasste unter den M&#xE4;nteln nach meiner Hand.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>K&#xF6;ster hielt in der N&#xE4;he des Friedhofes. Wir stiegen aus. Die beiden sausten sofort weiter, ohne sich umzusehen. Ich blickte ihnen nach. Einen Augenblick war das sonderbar. Sie fuhren ab, meine Kameraden fuhren ab und ich blieb zur&#xFC;ck. Ich blieb zur&#xFC;ck.</p><p>Ich sch&#xFC;ttelte es ab. „Komm”, sagte ich zu Pat, die mich ansah, als h&#xE4;tte sie etwas gesp&#xFC;rt.</p><p>„Fahr mit”, sagte sie.</p><p>„Nein”, erwiderte ich.</p><p>„Du m&#xF6;chtest doch mitfahren – ”</p><p>„Ach wo – ” sagte ich und wusste, dass es stimmte. „Komm – ”</p><p>Wir gingen am Friedhof entlang, noch etwas schwankend vom Wind und vom Fahren. „Robby”, sagte Pat, „ich m&#xF6;chte lieber nach Hause.”</p><p>„Warum?”</p><p>„Ich will nicht, dass du meinetwegen etwas aufgibst.”</p><p>„Was f&#xE4;llt dir ein”, sagte ich, „was gebe ich denn auf?”</p><p>„Deine Kameraden – ”</p><p>„Die gebe ich doch gar nicht auf, – die treffe ich ja morgen fr&#xFC;h schon wieder.”</p><p>„Du wei&#xDF;t schon, was ich meine”, sagte sie. „Du warst fr&#xFC;her viel mehr mit ihnen zusammen.”</p><p>„Weil du nicht da warst”, erwiderte ich und schloss die T&#xFC;r auf.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Das ist etwas ganz anderes.”</p><p>„Nat&#xFC;rlich ist es anders. Gott sei Dank.”</p><p>Ich nahm sie hoch und trug sie den Korridor entlang in mein Zimmer. „Du brauchst Kameraden”, sagte sie dicht an meinem Gesicht.</p><p>„Dich brauche ich auch”, erwiderte ich.</p><p>„Aber nicht so n&#xF6;tig – ”</p><p>„Das werden wir ja noch sehen – ”</p><p>Ich stie&#xDF; die T&#xFC;r auf und lie&#xDF; sie zu Boden gleiten. Sie hielt mich fest. „Ich bin nur ein sehr schlechter Kamerad, Robby.”</p><p>„Das will ich hoffen”, sagte ich. „Ich will auch keine Frau als Kameraden. Ich will eine Geliebte.”</p><p>„Bin ich auch nicht”, murmelte sie.</p><p>„Was bist du denn?”</p><p>„Nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein Fragment – ”</p><p>„Das ist das Beste”, sagte ich. „Das regt die Phantasie an. Solche Frauen liebt man ewig. Fertige Frauen kriegt man leicht &#xFC;ber. Wertvolle auch. Fragmente nie.”</p><p>Es war vier Uhr nachts. Ich hatte Pat nach Hause gebracht und ging zur&#xFC;ck.</p><p>Ich ging noch lange durch die Stra&#xDF;en. Es war eine sonderbare Nacht. Ich war sehr wach und konnte nicht schlafen. Mein Gott, dachte ich, ich glaube, ich bin gl&#xFC;cklich.</p></section><section><title><p>XIII</p></title><p>„Die Dame, die Sie immer verstecken”, sagte Frau Zalewski, „brauchen Sie nicht zu verstecken. Sie kann ruhig offen zu Ihnen kommen. Sie gef&#xE4;llt mir – ”</p><p>„Sie haben sie ja noch gar nicht gesehen”, erwiderte ich.</p><p>„Beruhigen Sie sich nur, ich habe sie gesehen”, erkl&#xE4;rte Frau Zalewski mit Nachdruck. „Ich habe sie gesehen und sie gef&#xE4;llt mir – sehr gut sogar, – aber das ist keine Frau f&#xFC;r Sie!”</p><p>„So?”</p><p>„Nein. Ich habe mich schon gewundert, wie Sie die in Ihren Kneipen aufgest&#xF6;bert haben. Aber nat&#xFC;rlich, die verbummeltsten – ”</p><p>„Wir kommen vom Thema”, unterbrach ich sie.</p><p>„Das”, sagte sie und stemmte die Arme auf die H&#xFC;ften, „ist eine Frau f&#xFC;r einen Mann in guten, sichern Verh&#xE4;ltnissen. F&#xFC;r einen reichen Mann, mit einem Wort!”</p><p>Rums, dachte ich, da hast du ein Ding weg! Genau das, was dir gefehlt hat. „Das k&#xF6;nnen Sie von jeder Frau behaupten”, erkl&#xE4;rte ich gereizt.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte die grauen L&#xF6;ckchen. „Warten Sie ab! Die Zukunft wird mir recht geben.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich holte Pat ab. Sie stand in ihrem Zimmer, fertig angezogen, und wartete schon. Es verschlug mir fast den Atem, als ich sie erblickte. Sie trug zum ersten Male, seit ich sie kannte, ein Abendkleid.</p><p>Es war ein Kleid aus silbernem Brokat, das von den geraden Schultern schlank und weich herunterfiel. Es schien eng zu sein und war doch so weit, dass es die sch&#xF6;nen, langen Schritte Pats nicht hinderte. Vorne war es hochgeschlossen, aber der R&#xFC;cken war tief in einem spitzen Winkel ausgeschnitten. In der matten, blauen D&#xE4;mmerung wirkte Pat darin wie eine silberne Fackel, j&#xE4;h und &#xFC;berraschend ver&#xE4;ndert, festlich und sehr entfernt.</p><p>„Gut, dass ich dich in dem Kleide nicht kennen gelernt habe”, sagte ich. „Nie h&#xE4;tte ich mich an dich herangetraut.”</p><p>„Das glaube ich nicht so ohne weiteres, Robby.” Sie l&#xE4;chelte. „Gef&#xE4;llt es dir?”</p><p>„Es ist geradezu unheimlich! Du bist eine ganz neue Frau darin.”</p><p>„Das ist doch nicht unheimlich. Dazu sind Kleider doch da.”</p><p>„Mag sein. Mich schmettert es etwas nieder. Du m&#xFC;sstest dazu einen andern Mann haben. Einen Mann mit viel Geld.”</p><p>Sie lachte. „M&#xE4;nner mit viel Geld sind meistens scheu&#xDF;lich, Robby.”</p><p>„Aber Geld nicht, was?”</p><p>„Nein”, sagte sie, „Geld nicht.”</p><p>„Das dachte ich mir.”</p><p>„Findest du das denn nicht?”</p><p>„Doch”, sagte ich. „Geld macht zwar nicht gl&#xFC;cklich, – aber es beruhigt au&#xDF;erordentlich.”</p><p>„Es macht unabh&#xE4;ngig, Liebling, das ist noch mehr. Aber wenn du willst, kann ich auch ein anderes Kleid anziehen.”</p><p>„Ausgeschlossen. Es ist prachtvoll. Von heute ab setze ich die Schneider &#xFC;ber die Philosophen! Die Leute bringen Sch&#xF6;nheit ins Leben. Das ist hundertmal mehr wert als klaftertiefe Gedanken! Pass auf, ich werde mich noch in dich verlieben!”</p><p>Sie lachte.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir fuhren in einem Taxi zum Theater. Ich war unterwegs ziemlich schweigsam, ohne recht zu wissen, warum.</p><p>Vor dem Eingang stauten sich die Leute. Es war eine gro&#xDF;e Premiere, das Theater war mit Scheinwerfern bestrahlt, Auto auf Auto glitt heran, Frauen in Abendkleidern stiegen aus, glitzernd von Schmuck, M&#xE4;nner in Fr&#xE4;cken, mit rosig ausgepolsterten Gesichtern, lachend, fr&#xF6;hlich, &#xFC;berlegen, unbedenklich; – und knarrend und &#xE4;chzend rumpelte dazwischen die Droschke mit dem m&#xFC;den Chauffeur davon.</p><p>„So komm doch, Robby!” rief Pat und sah mich strahlend und aufgeregt an. „Hast du etwas vergessen?”</p><p>„Nein – ” sagte ich, „ich habe nichts vergessen.”</p><p>Dann ging ich zur Kasse und tauschte die Billetts um. Ich nahm zwei Logenpl&#xE4;tze, obschon sie ein Verm&#xF6;gen kosteten. Ich wollte nicht, dass Pat mitten unter diesen sicheren Leuten sa&#xDF;, denen alles selbstverst&#xE4;ndlich war. Ich wollte nicht, dass sie zu ihnen geh&#xF6;rte. Ich wollte mit ihr allein sein.</p><p>Es war lange her, dass ich in einem Theater gewesen war. Ich w&#xE4;re auch nicht hingegangen, wenn Pat es nicht gewollt h&#xE4;tte. Theater, Konzerte, B&#xFC;cher, – alle diese b&#xFC;rgerlichen Gewohnheiten hatte ich fast verloren. Es war nicht die Zeit danach.</p><p>Die R&#xE4;nge<a l:href="#n_104" type="note">[104]</a> und das Parkett<a l:href="#n_105" type="note">[105]</a> waren ganz besetzt. Es wurde sofort dunkel, als wir unsere Pl&#xE4;tze gefunden hatten.</p><p>Ich schob meinen Stuhl in die Ecke der Loge zur&#xFC;ck. So brauchte ich weder die B&#xFC;hne noch die bleichen K&#xF6;pfe der Zuschauer zu sehen. Ich h&#xF6;rte nur die Musik und sah Pats Gesicht.</p><p>Die Musik verzauberte den Raum. Sie war wie S&#xFC;dwind, wie eine warme Nacht, wie ein gebauschtes Segel unter Sternen, ganz und gar unwirklich, diese Musik zu „Hoffmanns Erz&#xE4;hlungen”<a l:href="#n_106" type="note">[106]</a>. Sie machte alles weit und farbig, der dunkle Strom des Lebens schien in ihr zu rauschen, es gab keine Schwere mehr, keine Grenzen, es gab nur noch Glanz und Melodie und Liebe und man konnte einfach nicht begreifen, dass drau&#xDF;en Not und Qual und Verzweiflung herrschten, zur gleichen Zeit, wo es diese Musik gab.</p><p>Pats Gesicht war geheimnisvoll vom Licht der B&#xFC;hne beschienen. Sie war ganz hingegeben und ich liebte sie, weil sie sich nicht an mich lehnte und nicht nach meiner Hand griff, ja, mich nicht einmal ansah, sondern gar nicht an mich zu denken und mich ganz vergessen zu haben schien. Nur wer immer wieder allein war, kannte das Gl&#xFC;ck des Beieinanderseins. Alles andere zerst&#xF6;rte das Geheimnis der Spannung. Und was riss st&#xE4;rker in die magischen Bezirke der Einsamkeit, als der Aufruhr des Gef&#xFC;hls, die Hingabe an eine Ersch&#xFC;tterung, die Gewalt der Elemente, der Sturm, die Nacht, die Musik. Und die Liebe —</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Das Licht flammte auf. Ich schloss einen Augenblick die Augen. Woran hatte ich da nur gedacht? Pat wandte sich um. Ich sah, dass die Leute zu den T&#xFC;ren dr&#xE4;ngten. Es war gro&#xDF;e Pause.</p><p>„Willst du nicht hinausgehen?” fragte ich.</p><p>Pat sch&#xFC;ttelte den Kopf.</p><p>„Gott sei Dank! Ich hasse es, sich da drau&#xDF;en gegenseitig zu beglotzen.”</p><p>Ich machte mich auf, um ihr ein Glas Orangensaft zu holen.</p><p>Als ich mit meinem Glas in der Loge ankam, stand jemand hinter Pats Stuhl. Sie hatte den Kopf zur&#xFC;ckgewendet und sprach lebhaft mit ihm. „Das ist Herr Breuer, Robert”, sagte sie. Robert hatte sie gesagt, nicht Robby. Ich stellte das Glas auf die Br&#xFC;stung und wartete darauf, dass der Mann ging. Er hatte einen fabelhaft geschnittenen Smoking an. Aber er schw&#xE4;tzte von der Regie und der Besetzung<a l:href="#n_107" type="note">[107]</a> und blieb. Pat wandte sich mir zu. „Herr Breuer hat gefragt, ob wir nachher nicht in die Kaskade gehen wollen.”</p><p>„Wenn du gern m&#xF6;chtest”, sagte ich.</p><p>Herr Breuer erkl&#xE4;rte, man k&#xF6;nne vielleicht etwas tanzen. Er war sehr h&#xF6;flich und gefiel mir eigentlich ganz gut. Er hatte nur diese unangenehme Eleganz und Leichtigkeit, von der ich glaubte, dass sie auf Pat wirken m&#xFC;sse, und die ich selbst nicht besa&#xDF;. Pl&#xF6;tzlich, – ich traute meinen Ohren nicht – h&#xF6;rte ich, dass er Pat mit Du ansprach.</p><p>Es klingelte. „Also abgemacht, wir treffen uns am Ausgang”, sagte Breuer und ging endlich.</p><p>„Was ist das f&#xFC;r ein Strolch?” fragte ich.</p><p>„Das ist kein Strolch, das ist ein netter Mensch. Ein alter Bekannter.”</p><p>„Gegen alte Bekannte habe ich was”, sagte ich.</p><p>„Liebling”, erwiderte Pat, „h&#xF6;r lieber zu.”</p><p>„Kaskade”, dachte ich und &#xFC;berschlug mein Geld, „verfluchte Neppbude<a l:href="#n_108" type="note">[108]</a>!”</p><p>Ich ging in einer finsteren Neugier mit. Dieser Breuer hatte mir zu Frau Zalewskis Unkenrufen<a l:href="#n_109" type="note">[109]</a> noch gefehlt. Er wartete schon auf uns am Eingang.</p><p>Ich rief ein Taxi an. „Lassen Sie doch”, sagte Breuer, „mein Wagen hat Platz genug.”</p><p>„Gut”, sagte ich.</p><p>Pat kannte Breuers Wagen. Es war ein gro&#xDF;er Packard<a l:href="#n_110" type="note">[110]</a>. Er stand schr&#xE4;g gegen&#xFC;ber auf dem Park-platz. Sie ging geradewegs darauf zu. „Er ist ja anders lackiert”, sagte sie und blieb vor ihm stehen.</p><p>„Ja, grau”, erwiderte Breuer. „Gef&#xE4;llt er dir so besser?”</p><p>„Viel besser.”</p><p>Wir fuhren zur Kaskade. Das war ein sehr elegantes Tanzlokal mit einer ausgezeichneten Kapelle. „Scheint ganz besetzt zu sein”, sagte ich erfreut, als wir am Eingang standen.</p><p>„Schade”, sagte Pat.</p><p>„Ach, das machen wir schon”, erkl&#xE4;rte Breuer und verhandelte mit dem Gesch&#xE4;ftsf&#xFC;hrer. Er schien hier gut bekannt zu sein, denn tats&#xE4;chlich bekamen wir einen Tisch herangebracht, ein paar St&#xFC;hle dazu und ein paar Minuten sp&#xE4;ter sa&#xDF;en wir an der besten Stelle des ganzen Raumes, von der man die Tanzfl&#xE4;che voll &#xFC;bersehen konnte.</p><p>„Ach, ich habe schon lange nicht getanzt.”</p><p>Breuer stand auf. „Wollen wir?”</p><p>Sie sah mich strahlend an. „Ich werde inzwischen was bestellen”, sagte ich.</p><p>„Gut.”</p><p>Der Tango dauerte lange. Pat sah beim Tanzen ab und zu her&#xFC;ber und l&#xE4;chelte mir zu. Ich nickte zur&#xFC;ck, f&#xFC;hlte mich aber nicht besonders. Sie sah wunderbar aus und tanzte gro&#xDF;artig. Ich bestellte mir einen gro&#xDF;en Rum. Die beiden kamen zur&#xFC;ck. Breuer begr&#xFC;&#xDF;te ein paar Leute und ich war einen Augenblick mit Pat allein.</p><p>„Wie lange kennst du den Knaben schon?” fragte ich.</p><p>„Schon lange. Warum?”</p><p>„Ach, nur so. Warst du oft mit ihm hier?”</p><p>Sie sah mich an. „Ich wei&#xDF; es nicht mehr, Robby.”</p><p>„Das wei&#xDF; man doch”, sagte ich hartn&#xE4;ckig, obschon ich wusste, was sie damit meinte.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf und l&#xE4;chelte. Ich liebte sie sehr in diesem Augenblick. Sie wollte mir zeigen, dass alles vergessen sei, was gewesen war. Aber in mir bohrte etwas, das ich selbst l&#xE4;cherlich fand und das ich trotzdem nicht los wurde. Ich stellte mein Glas auf den Tisch. „Kannst es ruhig sagen. Ist ja nichts dabei.”</p><p>Sie sah mich wieder an. „Glaubst du, dass wir sonst hier w&#xE4;ren?” fragte sie.</p><p>„Nein”, sagte ich besch&#xE4;mt.</p><p>Die Kapelle begann wieder zu spielen. Breuer kam heran. „Ein Blues<a l:href="#n_111" type="note">[111]</a>”, sagte er zu mir. „Wunderbar.</p><p>Wollen Sie ihn nicht tanzen?”</p><p>„Nein!” erwiderte ich.</p><p>„Schade.”</p><p>„Du solltest es einmal versuchen, Robby”, sagte Pat.</p><p>„Lieber nicht.”</p><p>„Aber warum denn nicht?” fragte Breuer.</p><p>„Ich mache mir nichts draus”, erwiderte ich unfreundlich. „Habe es auch nie gelernt. Keine Zeit daf&#xFC;r gehabt. Aber tanzen Sie doch ruhig, ich unterhalte mich hier schon.”</p><p>Pat z&#xF6;gerte. „Aber, Pat – ” sagte ich, „es macht dir doch soviel Spa&#xDF;.”</p><p>„Das schon – aber unterh&#xE4;ltst du dich auch wirklich?”</p><p>„Und wie!” Ich zeigte auf mein Glas. „Das ist auch eine Art von Tanzen.”</p><p>Sie gingen.</p><p>Breuer brachte ein paar Leute mit an den Tisch. Zwei h&#xFC;bsche Frauen und einen j&#xFC;ngeren Mann, der einen ganz kahlen, kleinen Kopf hatte. Nachher kam noch ein vierter dazu. Alle leicht wie Kork, geschmeidig und sicher. Pat kannte sie alle vier.</p><p>Ich f&#xFC;hlte mich schwer wie ein Klotz. Bisher war ich mit Pat immer allein gewesen. Zum ersten Male sah ich jetzt Leute, die sie von fr&#xFC;her her kannte. Ich konnte nichts mit ihnen anfangen. Sie bewegten sich leicht und ungezwungen, sie kamen aus einem Leben, in dem alles glatt ging, in dem man nichts sah, was man nicht sehen wollte, sie kamen aus einer anderen Welt. W&#xE4;re ich allein dagewesen, oder mit Lenz oder K&#xF6;ster, ich h&#xE4;tte mich gar nicht darum gek&#xFC;mmert und es w&#xE4;re mir egal gewesen. Aber Pat war dabei, Pat kannte sie und dadurch wurde alles schief, es legte mich lahm und zwang mich zu vergleichen.</p><p>Breuer schlug vor, in ein anderes Lokal zu gehen. „Robby”, sagte Pat im Hinausgehen, „wollen wir nicht lieber nach Hause gehen?”</p><p>„Nein”, sagte ich, „wozu?”</p><p>„Es ist doch langweilig f&#xFC;r dich.”</p><p>„Nicht die Spur. Warum sollte es langweilig sein? Im Gegenteil! Und dir macht es doch Spa&#xDF;.”</p><p>Sie sah mich an, sagte aber nichts.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir gingen noch in ein paar andere Lokale. Breuer war erhitzt, redselig und hoffnungsvoll. Pat war stiller geworden. Sie fragte mich nicht, sie machte mir keine Vorw&#xFC;rfe, sie versuchte nichts aufzukl&#xE4;ren, sie war einfach da, manchmal tanzte sie, dann schien es, als glitte sie durch einen Schwarm von Marionetten und Karikaturen wie ein stilles, sch&#xF6;nes, schmales Schiff, und manchmal l&#xE4;chelte sie mir zu.</p><p>„Wir wollen einmal miteinander tanzen”, sagte Pat zu mir.</p><p>„Nein”, sagte ich und dachte an die H&#xE4;nde, die sie heute schon ber&#xFC;hrt hatten, „nein” und f&#xFC;hlte mich ziemlich l&#xE4;cherlich und elend.</p><p>„Doch”, sagte sie und ihre Augen wurden dunkel. „Nein”, erwiderte ich, „nein, Pat.”</p><p>Dann gingen wir endlich. „Ich fahre Sie nach Hause”, sagte Breuer zu mir.</p><p>„Gut.”</p><p>Er hatte eine Decke im Wagen, die er Pat &#xFC;ber die Knie legte. Sie sah auf einmal sehr blass und m&#xFC;de aus. Breuer fuhr zuerst zu ihr. Er wusste ihre Wohnung, ohne zu fragen. Sie stieg aus. Breuer k&#xFC;sste ihr die Hand. „Gute Nacht”, sagte ich und sah sie nicht an.</p><p>„Wo kann ich Sie absetzen?” fragte Breuer mich.</p><p>„An der n&#xE4;chsten Ecke”, sagte ich.</p><p>Ich verabschiedete mich freundlicher von ihm als von Pat.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>In der Bar war es noch ziemlich voll. Lenz und Ferdinand Grau pokerten mit dem Konfektion&#xE4;r Bollwies und ein paar anderen. „Setz dich ran”, sagte Gottfried, „heute ist Pokerwetter.”</p><p>„Nein”, erwiderte ich.</p><p>Ich hatte nicht lange bleiben wollen. Doch jetzt sp&#xFC;rte ich etwas Boden unter den F&#xFC;&#xDF;en. Es ging mir nicht besonders; aber hier war die alte, ehrliche Heimat. „Stell mir eine halbe Flasche Rum her”, rief ich Fred zu.</p><p>„Tu mal Portwein rein”, sagte Lenz.</p><p>„Nein”, erwiderte ich. „Hab keine Zeit f&#xFC;r Experimente. Will mich besaufen.”</p><p>„Dann nimm s&#xFC;&#xDF;e Lik&#xF6;re. Krach gehabt?”</p><p>„Unsinn.”</p><p>„Red nicht, Baby. Quatsch deinem alten Vater Lenz nichts vor, der in den Schluchten des Herzens zu Hause ist. Sag ja und sauf.”</p><p>„Mit einer Frau kann man keinen Krach haben. Man kann sich h&#xF6;chstens &#xFC;ber sie &#xE4;rgern.”</p><p>„Das sind zu feine Unterschiede f&#xFC;r drei Uhr nachts. Ich habe &#xFC;brigens mit jeder Krach gehabt. Wenn man keinen Krach mehr hat, ists bald aus.”</p><p>„Kannst du tanzen, Gottfried?” fragte ich.</p><p>„Nat&#xFC;rlich. Ich war doch mal Tanzlehrer. Hast du das schon vergessen?”</p><p>„Vergessen – lass ihn doch vergessen”, sagte Ferdinand Grau.</p><p>„Vergessen ist das Geheimnis ewiger Jugend. Man altert nur durch das Ged&#xE4;chtnis. Es wird viel zu wenig vergessen.”</p><p>„Nein”, sagte Lenz. „Es wird nur immer das Falsche vergessen.”</p><p>„Kannst du mir’s beibringen?” fragte ich.</p><p>„Tanzen? An einem Abend, Baby. Ist das dein ganzer Kummer?”</p><p>„Hab keinen Kummer”, sagte ich, „Kopfschmerzen.”</p><p>„Die Krankheit unserer Zeit, Robby”, sagte Ferdinand. „Am besten w&#xE4;re es, ohne Kopf geboren zu werden.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich ging nach Hause.</p><p>Langsam ging ich die Treppe hinauf und suchte in der Tasche nach meinem Schl&#xFC;ssel. Da h&#xF6;rte ich im Halbdunkel jemand atmen. Etwas Bleiches, Undeutliches hockte auf der oberen Treppenstufe. Ich machte zwei Schritte. „Pat – ” sagte ich verst&#xE4;ndnislos – „Pat – was machst du denn hier?”</p><p>Sie bewegte sich. „Ich glaube, ich habe etwas geschlafen – ”</p><p>„Ja, aber wie kommst du denn hierher?”</p><p>„Ich habe doch deinen Hausschl&#xFC;ssel – ”</p><p>„Das meine ich nicht. Ich meine – ” Die Trunkenheit wich, ich sah die abgetretenen Stufen der Treppe, die abgebl&#xE4;tterte Wand und das silberne Kleid, die schmalen, leuchtenden Schuhe – „ich meine, dass du &#xFC;berhaupt hier bist – ”</p><p>„Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit – ”</p><p>Sie stand auf und dehnte sich, als w&#xE4;re es das Selbstverst&#xE4;ndlichste von der Welt, dass sie in der sp&#xE4;ten Nacht hier auf der Treppe gesessen h&#xE4;tte. Dann schnupperte sie. „Lenz w&#xFC;rde jetzt sagen – Kognak, Rum, Kirsch, Absinth – ”</p><p>„Gottverdammt, du bist ein gro&#xDF;artiges M&#xE4;dchen, Pat und ich bin ein scheu&#xDF;licher Idiot!”</p><p>Ich nahm sie mit einem Ruck hoch, schloss die T&#xFC;r auf und trug sie durch den Korridor. Sie lag an meiner Brust, ein silberner Reiher, ein m&#xFC;der Vogel, ich wandte den Kopf zur Seite, damit sie meinen Schnapsatem nicht sp&#xFC;rte, und ich f&#xFC;hlte, dass sie zitterte, obwohl sie l&#xE4;chelte.</p><p>Ich setzte sie in einen Sessel, machte Licht und holte eine Decke.</p><p>„Weshalb bist du denn nicht zur&#xFC;ckgekommen, als du mich nach Hause gebracht hattest?”</p><p>„Ja, das m&#xF6;chte ich auch wissen – ”</p><p>„Es ist besser, wenn du mir n&#xE4;chstens den Wohnungsschl&#xFC;ssel auch noch gibst”, sagte sie, „dann brauche ich nicht drau&#xDF;en zu warten.”</p><p>„Pat”, sagte ich rasch, v&#xF6;llig verwirrt, „Pat, du frierst sicher, du musst was trinken, ich habe bei dem Orlow drau&#xDF;en Licht gesehen, ich gehe rasch mal hin, diese Russen haben immer Tee, ich bin sofort zur&#xFC;ck – ”</p><p>Orlow war noch auf. Er sa&#xDF; vor seinem Muttergottesbild<a l:href="#n_112" type="note">[112]</a> in der Ecke des Zimmers, vor dem ein L&#xE4;mpchen brannte, seine Augen waren rot und auf dem Tisch dampfte ein kleiner Samowar.</p><p>„Bitte, entschuldigen Sie”, sagte ich, „ein unvorhergesehener Zufall – k&#xF6;nnen Sie mir etwas hei&#xDF;en Tee geben?”</p><p>Russen sind an Zuf&#xE4;lle gew&#xF6;hnt. Er gab mir zwei Gl&#xE4;ser, Zucker und f&#xFC;llte einen Teller mit kleinen Kuchen. „Ich bin Ihnen sehr gern behilflich”, sagte er, „darf ich Ihnen auch – ich war oft in &#xE4;hnlicher – ein paar Kaffeebohnen – zum Kauen – ”</p><p>„Danke”, sagte ich, „ich danke Ihnen. Ich nehme sie gern – ”</p><p>Ich zermalmte die Kaffeebohnen auf dem Korridor im Munde, sie nahmen den Schnapsgeruch weg. Pat sa&#xDF; neben der Lampe und puderte sich.</p><p>„Trink ein bisschen Tee”, sagte ich, „er ist ganz hei&#xDF;.”</p><p>Sie nahm die Tasse. Ich sah zu, wie sie trank. „Wei&#xDF; der Teufel, was heute abend los war, Pat.”</p><p>„Ich wei&#xDF; es schon”, erwiderte sie.</p><p>„So? Ich nicht.”</p><p>„Ist auch nicht n&#xF6;tig, Robby. Du wei&#xDF;t sowieso schon ein bisschen zu viel, um richtig gl&#xFC;cklich zu sein.”</p><p>Sie stellte die Tasse auf den Tisch. Ich lehnte am Bett. Ich hatte ein Gef&#xFC;hl, als wenn ich von einer langen, schwierigen Reise nach Hause gekommen w&#xE4;re.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Die V&#xF6;gel begannen zu zwitschern. Drau&#xDF;en klappte eine T&#xFC;r. Pat schlief noch. Sie atmete tief und regelm&#xE4;&#xDF;ig. Es war eine Schande, sie zu wecken. Aber es musste sein. „Pat – ”</p><p>Sie murmelte etwas im Schlaf. „Pat – ” ich verfluchte alle m&#xF6;blierten Zimmer der Welt – „Pat, es wird Zeit. Wir m&#xFC;ssen dich anziehen.” Sie schlug die Augen auf und l&#xE4;chelte, noch ganz warm vom Schlaf, wie ein Kind. Ich war immer wieder &#xFC;berrascht &#xFC;ber diese Heiterkeit beim Erwachen und liebte das sehr an ihr. Ich war nie heiter, wenn ich erwachte.</p><p>„Ich bleibe heute bei dir – ”</p><p>„Hier?”</p><p>„Ja – ”</p><p>Ich richtete mich auf. „Gl&#xE4;nzende Idee – aber deine Sachen – das sind doch Schuhe und Kleider f&#xFC;r abends – ”</p><p>„Dann bleibe ich eben bis abends – ”</p><p>„Und zuhause?”</p><p>„Da, telefonieren wir, dass ich irgendwo &#xFC;ber Nacht geblieben bin.”</p><p>„Das werden wir schon machen. Hast du Hunger?”</p><p>„Noch nicht.”</p><p>„Auf alle F&#xE4;lle werde ich mal rasch ein paar frische Br&#xF6;tchen klauen. Die h&#xE4;ngen drau&#xDF;en an der Korridort&#xFC;r. Jetzt ists grade noch Zeit daf&#xFC;r.”</p><p>Als ich zur&#xFC;ckkam, stand Pat am Fenster. Sie trug nur ihre silbernen Schuhe. Das weiche Licht des fr&#xFC;hen Tages fiel wie ein Schleier &#xFC;ber ihre Schultern. „Das von gestern haben wir vergessen, was, Pat?” sagte ich.</p><p>Sie nickte, ohne sich umzudrehen.</p><p>„Wir werden einfach nicht mehr mit anderen Leuten zusammen sein. Richtige Liebe vertr&#xE4;gt keine Leute. Dann kriegen wir auch keinen Krach und keine Eifersuchtsanf&#xE4;lle. Dieser Breuer und die ganze Gesellschaft soll zum Teufel gehen, was?”</p><p>„Ja”, sagte sie, „und die Markowitz auch.”</p><p>„Markowitz? Wer ist denn das?”</p><p>„Die, mit der du an der Bar gesessen hast in der Kaskade.”</p><p>„Aha”, sagte ich, pl&#xF6;tzlich ziemlich vergn&#xFC;gt, „aha, die.”</p><p>Die Sonne ging hinter den D&#xE4;chern des Gewerkschaftshauses auf. Die Fenster begannen zu blitzen. Pats Haar war voll Licht und ihre Schultern waren golden. „Was sagtest du eigentlich, was macht dieser Breuer? Als Beruf, meine ich?”</p><p>„Architekt.”</p><p>„Architekt”, sagte ich etwas betroffen, denn ich h&#xE4;tte lieber geh&#xF6;rt, er w&#xE4;re gar nichts, „na, Architekt, was ist das schon, was, Pat?”</p><p>„Ja, Liebling.”</p><p>„Nichts Besonderes, wie?”</p><p>„Gar nichts”, sagte Pat &#xFC;berzeugt und drehte sich um und lachte, „gar nichts ist das, &#xFC;berhaupt nichts. Ein Dreck ist es!”</p><p>„Und diese Bude, die ist nicht zu j&#xE4;mmerlich, was, Pat? Andere Leute haben nat&#xFC;rlich bess – ”</p><p>„Sie ist wunderbar, diese Bude”, unterbrach mich Pat, „es ist eine ganz herrliche Bude, ich wei&#xDF; wirklich keine sch&#xF6;nere, Liebling!”</p><p>„Und ich, Pat, ich hab ja meine Fehler und bin nur ein Taxifahrer, aber – ”</p><p>„Du bist ein ganz Geliebter, ein Br&#xF6;tchenklauer<a l:href="#n_113" type="note">[113]</a> und Rums&#xE4;ufer, ein Liebling bist du!”</p><p>Mit einem Schwung warf sie sich mir an den Hals. „Ach, du Dummer, wie sch&#xF6;n ist es, zu leben!”</p><p>„Nur mit dir, Pat. Wahrhaftig!”</p></section><section><title><p>XIV</p></title><p>Eine Woche sp&#xE4;ter erschien unvermutet der B&#xE4;cker mit seinem Ford auf unserm Hof. „Geh mal raus, Robby”, sagte Lenz mit einem giftigen Blick durchs Fenster, „der Topfkuchen-Casanova<a l:href="#n_114" type="note">[114]</a> will sicher was reklamieren<a l:href="#n_115" type="note">[115]</a>.”</p><p>Der B&#xE4;cker sah ziemlich verdrossen aus. „Ist was an dem Wagen?” fragte ich.</p><p>Er sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Im Gegenteil. Er l&#xE4;uft gro&#xDF;artig. Ist ja jetzt auch wieder so gut wie neu.”</p><p>„Das ist er”, best&#xE4;tigte ich und sah ihn mit mehr Interesse an.</p><p>„Es ist – ” sagte er – „also – ich m&#xF6;chte einen anderen Wagen haben. Gr&#xF6;&#xDF;er – ” Er blickte sich um. „Hatten Sie nicht damals einen Cadillac?”</p><p>Ich begriff im Augenblick, was los war. Die schwarze Person, mit der er zusammen lebte, hatte ihn m&#xFC;rbe gemacht. „Ja, der Cadillac”, sagte ich schw&#xE4;rmerisch, „da h&#xE4;tten Sie damals zufassen sollen! Das war ein Prachtst&#xFC;ck! F&#xFC;r siebentausend Mark ist er weggegangen. Halb verschenkt!”</p><p>„Na, verschenkt – ”</p><p>„Verschenkt!” wiederholte ich nachdr&#xFC;cklich und &#xFC;berlegte, was zu machen w&#xE4;re. „Ich kann mal nachfragen”, sagte ich dann, „vielleicht braucht der Mann, der ihn damals gekauft hat, Geld. Sowas geht ja schnell heutzutage. Einen Moment.”</p><p>Ich ging in die Werkstatt und erz&#xE4;hlte rasch, was geschehen war.</p><p>Gottfried sprang auf. „Kinder, wo kriegen wir nur im Galopp einen alten Cadillac her?”</p><p>„Lass das meine Sorge sein”, sagte ich, „pass du lieber auf, dass der B&#xE4;cker inzwischen nicht wegl&#xE4;uft.”</p><p>„Gemacht!” Gottfried verschwand.</p><p>Ich rief Blumenthal an. Viel Hoffnung hatte ich nicht, aber man konnte es ja mal versuchen. Er war im B&#xFC;ro. „Wollen Sie Ihren Cadillac verkaufen?” fragte ich geradezu.</p><p>Blumenthal lachte.</p><p>„Ich habe jemand daf&#xFC;r”, fuhr ich fort, „mit Barzahlung auf den Tisch.”</p><p>„Barzahlung – ” erwiderte Blumenthal nach einer Weile Nachdenken, „das ist in diesen Zeiten ein Wort von reinster Poesie —</p><p>„Das meine ich auch”, sagte ich und wurde pl&#xF6;tzlich munter. „Also wie ist es, k&#xF6;nnen wir mal dar&#xFC;ber reden?”</p><p>„Reden kann man immer”, meinte Blumenthal.</p><p>„Sch&#xF6;n. Wann kann ich Sie treffen?”</p><p>„Heute mittag nach dem Essen habe ich Zeit. Sagen wir um zwei hier im B&#xFC;ro.”</p><p>„Gut.”</p><p>Ich h&#xE4;ngte auf. „Otto”, sagte ich ziemlich aufgeregt zu K&#xF6;ster, „ich h&#xE4;tte es nie erwartet, aber ich glaube, unser Cadillac kehrt zur&#xFC;ck!”</p><p>K&#xF6;ster lie&#xDF; seine Papiere liegen. „Tats&#xE4;chlich? Will er verkaufen?”</p><p>Ich nickte und blickte durchs Fenster, wo Lenz lebhaft auf den B&#xE4;cker einsprach. „Er macht das falsch”, sagte ich beunruhigt, er redet zu viel. Ich will Gottfried mal rasch wieder abl&#xF6;sen.”</p><p>K&#xF6;ster lachte. „Hals und Beinbruch, Robby.”</p><p>Ich blinzelte ihm zu und ging hinaus. Aber ich traute meinen Ohren nicht, – Gottfried dachte nicht daran, vorzeitige Hymnen auf den Cadillac zu singen, – er erkl&#xE4;rte dem B&#xE4;cker lediglich mit gro&#xDF;em Eifer, wie die Indianer in S&#xFC;damerika ihr Maisbrot backen. Ich warf ihm einen anerkennenden Blick zu und wandte mich dann an den B&#xE4;cker. „Leider will der Mann nicht verkaufen – ”</p><p>„Das habe ich mir gedacht”, sagte Lenz prompt, als h&#xE4;tten wir es verabredet.</p><p>Ich zuckte die Achseln. „Schade – aber ich kann es verstehen – ”</p><p>Der B&#xE4;cker stand unschl&#xFC;ssig da. Ich sah Lenz an. „Kannst du es nicht doch noch mal versuchen?” fragte er sofort.</p><p>„Das auf jeden Fall”, erwiderte ich. „Ich habe ohnehin wenigstens abmachen k&#xF6;nnen, dass wir uns heute mittag treffen. Wo kann ich Sie nachher erreichen?” fragte ich den B&#xE4;cker.</p><p>„Ich bin um vier in der Gegend hier. Da komme ich dann nochmal vorbei – ”</p><p>„Gut – dann wei&#xDF; ich auch bestimmt Bescheid. Ich hoffe, dass die Sache doch noch klappt.”</p><p>Der B&#xE4;cker nickte. Dann bestieg er seinen Ford und dampfte ab.</p><p>„Du bist wohl ganz von Gott verlassen”, brach Lenz los, als er um die Ecke war. „Erst soll ich den Knaben mit Gewalt festhalten, und dann l&#xE4;sst du ihn ohne weiteres laufen!”</p><p>„Um vier Uhr kommt er wieder – ”</p><p>Gottfried sah mich mitleidig an. „Wetten?” fragte er.</p><p>„Gern”, erwiderte ich, „aber du f&#xE4;llst rein. Den Mann kenne ich besser als du! Der muss mehrmals aufs Feuer. Au&#xDF;erdem kann ich ihm doch nicht etwas verkaufen, was wir selbst noch nicht haben – ”</p><p>„Ach, du lieber Gott, wenn’s das nur ist”, sagte Gottfried kopfsch&#xFC;ttelnd, „dann wird aus dir im Leben nichts, Baby! Das sind doch gerade erst die wahren Gesch&#xE4;fte! Komm, ich will dir einen Gratiskurs<a l:href="#n_116" type="note">[116]</a> &#xFC;ber modernes Wirtschaftsleben geben – ”</p><p>Mittags ging ich zu Blumenthal. Unterwegs hatte ich das Gef&#xFC;hl eines j&#xFC;ngeren Ziegenbocks, der einen alten Wolf besuchen muss. Die Sonne brannte auf den Asphalt und ich sp&#xFC;rte bei jedem Schritt weniger Lust, von Blumenthal auf dem Rost gebraten zu werden. Es war am besten, kurzen Prozess zu machen. „Herr Blumenthal”, sagte ich deshalb rasch, als ich eintrat, ehe er beginnen konnte, „einen anst&#xE4;ndigen Vorschlag unter der T&#xFC;r! F&#xFC;nftausendf&#xFC;nfhundert Mark haben Sie f&#xFC;r den Cadillac bezahlt – ich biete Ihnen sechs wieder, – unter der Bedingung, dass ich ihn wirklich loswerde. Das entscheidet sich heute abend – ”</p><p>Sie wollen doch mit sieben verkaufen, nicht wahr?”</p><p>Ich zuckte vorsichtigerweise die Achseln. „Warum sagen Sie gerade sieben?”</p><p>„Weil das damals Ihre erste Forderung bei mir war – ”</p><p>„Sie haben ein gl&#xE4;nzendes Ged&#xE4;chtnis”, sagte ich. „F&#xFC;r Zahlen. Nur f&#xFC;r Zahlen. Leider. Also um zum Schluss zu kommen: Sie k&#xF6;nnen den Wagen f&#xFC;r den Preis haben.”</p><p>Er hielt mir die Hand hin und ich schlug ein. „Gott sei Dank”, sagte ich aufatmend, „das erste Gesch&#xE4;ft seit langer Zeit. Der Cadillac scheint uns Gl&#xFC;ck zu bringen.”</p><p>„Mir auch”,, sagte Blumenthal. „Ich habe ja auch f&#xFC;nfhundert Mark dran verdient.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Um halb f&#xFC;nf Uhr nachmittags stellte Gottfried Lenz mit ausdrucksvollem Gesicht eine leere Ginflasche vor mich auf den Tisch. „Die m&#xF6;chte ich gerne von dir gef&#xFC;llt haben, Baby! Kostenlos! Du erinnerst dich an unsere Wette?”</p><p>„Ich erinnere mich”, sagte ich, „aber du kommst zu fr&#xFC;h.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>„Ich bin durstig”, sagte er nach einer Weile mit Betonung.</p><p>In diesem Augenblick h&#xF6;rte ich das unverkennbare Rasseln eines Fordmotors auf der Stra&#xDF;e und gleich darauf bog der Wagen des B&#xE4;ckers in unsere Einfahrt ein. „Wenn du durstig bist, lieber Gottfried”, erwiderte ich mit gro&#xDF;er W&#xFC;rde, „so lauf schnell, die beiden Flaschen Rum einkaufen, die ich mit meiner Wette gewonnen habe. Du darfst einen Gratisschluck<a l:href="#n_117" type="note">[117]</a> daraus nehmen. Siehst du drau&#xDF;en den B&#xE4;ckermeister?”</p><p>Ich ging hinaus und erz&#xE4;hlte dem B&#xE4;cker, dass der Wagen wahrscheinlich zu haben sein werde. Der Kunde verlange allerdings noch siebentausendf&#xFC;nfhundert Mark, aber wenn er Bargeld sehe, werde er schon auf siebentausend heruntergehen.</p><p>Der B&#xE4;cker h&#xF6;rte so zerstreut zu, dass ich stutzte. „Um sechs Uhr werde ich den Mann nochmal anrufen”, sagte ich schlie&#xDF;lich. „Um sechs?” Der B&#xE4;cker wachte aus seiner Abwesenheit auf. „Um sechs muss ich – ” Er wandte sich mir pl&#xF6;tzlich zu. „Wollen Sie mitgehen?”</p><p>„Wohin?” fragte ich erstaunt.</p><p>„Zu Ihrem Freunde, dem Maler. Das Bild ist fertig.”</p><p>„Ach so, zu Ferdinand Grau – ”</p><p>Er nickte. „Kommen Sie doch mit. Wir k&#xF6;nnen dann nachher auch &#xFC;ber den Wagen sprechen.”</p><p>Es schien ihm etwas daran zu liegen, nicht allein zu gehen. Mir dagegen lag ebensoviel daran, ihn nicht mehr allein zu lassen. „Gut”, sagte ich deshalb, „es ist ja ziemlich weit, – wir fahren dann am besten gleich los.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ferdinand Grau sah schlecht aus. Sein Gesicht war graugr&#xFC;n, verschattet und verquollen. Er begr&#xFC;&#xDF;te uns an der T&#xFC;r zum Atelier. Der B&#xE4;cker sah ihn kaum an. Er war merkw&#xFC;rdig unsicher und aufgeregt. „Wo ist es?” fragte er sofort.</p><p>Ferdinand zeigte mit der Hand zum Fenster. Das Bild lehnte dort auf einer Staffelei. Der B&#xE4;cker ging rasch hinein und blieb dann ohne Bewegung dicht vor dem Bilde stehen. Nach einer Weile nahm er den Hut ab. Er war so eilig gewesen, dass er das vorher ganz vergessen hatte.</p><p>Ferdinand und ich blieben an der T&#xFC;r stehen. „Wie geht es, Ferdinand?” fragte ich.</p><p>Wir warteten noch eine Zeitlang. Dann gingen wir zu dem B&#xE4;cker hin&#xFC;ber. Ich war &#xFC;berrascht, als ich das Bild sah. Ferdinand hatte nach dem Photo von der Hochzeit und der zweiten, sehr verh&#xE4;rmten Aufnahme eine noch junge Frau gemalt, die mit ernsten, etwas ratlosen Augen vor sich hinschaute.</p><p>,,Ja”, sagte der B&#xE4;cker, ohne sich umzudrehen, ,,das ist sie.” Er sagte das mehr f&#xFC;r sich und es schien mir, als w&#xFC;sste er nicht einmal, dass er es sagte.</p><p>„Haben Sie genug Licht?” fragte Ferdinand.</p><p>Der B&#xE4;cker antwortete nicht.</p><p>Ferdinand ging heran, um die Staffelei etwas herumzur&#xFC;cken. Dann trat er zur&#xFC;ck und nickte mir zu, mit in das kleine Zimmer neben dem Atelier zu kommen. „Das h&#xE4;tte ich nie gedacht”, sagte er verwundert, „die Rabattmaschine hats erwischt! Er heult – ”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir gingen zur&#xFC;ck ins Atelier. Es war dunkler geworden. Der B&#xE4;cker stand immer noch mit eingezogenen Schultern vor dem Bilde. Er sah j&#xE4;mmerlich verloren aus in dem gro&#xDF;en, kahlen Raum und es kam mir vor, als w&#xE4;re er kleiner geworden.</p><p>„Soll ich Ihnen das Bild einpacken?” fragte Ferdinand.</p><p>Er schrak auf, „Nein – ”</p><p>„Dann werde ich es Ihnen morgen schicken.”</p><p>„Kann es nicht noch hierbleiben?” fragte der B&#xE4;cker z&#xF6;gernd.</p><p>„Warum denn?” erwiderte Ferdinand erstaunt und kam n&#xE4;her. „Gef&#xE4;llt es Ihnen nicht?”</p><p>„Doch, – aber ich m&#xF6;chte es gern noch hierlassen – ”</p><p>„Das verstehe ich nicht – ”</p><p>Der B&#xE4;cker sah mich hilfesuchend an. Ich begriff – er hatte Angst, das Bild zu Hause bei dem schwarzen Luder aufzuh&#xE4;ngen. Vielleicht war es auch Scheu vor der Toten, sie dahinzubringen. „Aber, Ferdinand”, sagte ich, „das Bild kann doch ruhig noch hier h&#xE4;ngen bleiben, wenn es bezahlt ist – ”</p><p>„Das nat&#xFC;rlich – ”</p><p>Der B&#xE4;cker zog erleichtert sein Scheckbuch aus der Tasche. Die beiden gingen zum Tisch. „Vierhundert Mark Rest?” fragte der B&#xE4;cker.</p><p>„Vierhundertzwanzig”, sagte Ferdinand, „einschlie&#xDF;lich Rabatt. Wollen Sie eine Quittung?”</p><p>„Ja”, erwiderte der B&#xE4;cker, „wegen der Ordnung.”</p><p>Schweigend schrieben beide den Scheck und die Quittung aus.</p><p>Der B&#xE4;cker kam zum Fenster zur&#xFC;ck. Seine rotge&#xE4;derten Augen wirkten wie gl&#xE4;serne Kugeln, sein Mund war halboffen, die Unterlippe hing herab und man sah die fleckigen Z&#xE4;hne, – es war l&#xE4;cherlich und traurig, wie er so dastand.</p><p>„Kann man an dem Bild noch etwas &#xE4;ndern?”</p><p>fragte der B&#xE4;cker.</p><p>„Was denn?”</p><p>Ferdinand kam heran. Der B&#xE4;cker zeigte auf den Schmuck. „Kann man das da wieder wegmachen?”</p><p>Es war die m&#xE4;chtige goldene Brosche, die er damals, bei der Bestellung, extra verlangt hatte. „Gewiss”, sagte Ferdinand, „sie st&#xF6;rt sogar das Gesicht. Das Bild gewinnt, wenn sie wegkommt.”</p><p>„Das meine ich auch.” Er druckste eine Weile herum.<a l:href="#n_118" type="note">[118]</a> „Was kostet es denn?”</p><p>Ferdinand und ich warfen uns einen Blick zu. „Es kostet gar nichts”, sagte Ferdinand gutm&#xFC;tig, „im Gegenteil, eigentlich bek&#xE4;men Sie noch etwas heraus. Es ist ja dann weniger drauf.”</p><p>„Ach nein, das lassen Sie nur, – Sie haben es doch malen m&#xFC;ssen – ”</p><p>„Das ist auch wieder wahr – ”</p><p>Wir gingen.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>„Wir k&#xF6;nnen ja bei mir zuhause die Sache besprechen”, sagte der B&#xE4;cker drau&#xDF;en.</p><p>Ich nickte. Es passte mir sehr gut so. Der B&#xE4;cker glaubte zwar, er w&#xE4;re in seinen vier W&#xE4;nden st&#xE4;rker – ich aber rechnete mit der Schwarzen als Unterst&#xFC;tzung.</p><p>Sie erwartete uns bereits an der T&#xFC;r. „Gratuliere herzlichst”, sagte ich, bevor der B&#xE4;cker den Mund auftun konnte.</p><p>„Wozu?” fragte sie rasch, mit flinken Augen.</p><p>„Zu Ihrem Cadillac – ” erwiderte ich unverfroren. „Schatzi!” Mit einem Satz hing sie dem B&#xE4;cker am Hals.</p><p>„Aber das ist ja noch gar nicht – ” Er versuchte sich loszumachen und Erkl&#xE4;rungen abzugeben.</p><p>Endlich gelang es ihm, sich frei zu machen. „Wir sind ja noch gar nicht so weit”, prustete er.</p><p>„Doch”, sagte ich mit gro&#xDF;er Herzlichkeit, „wir sind so weit! Ich nehme es auf meine Kappe<a l:href="#n_119" type="note">[119]</a>, die letzten f&#xFC;nfhundert Mark herunterzuhandeln. Sie zahlen keinen Pfennig mehr als siebentausend Mark f&#xFC;r den Cadillac! Einverstanden?”</p><p>„Nat&#xFC;rlich!” sagte die Schwarze rasch. „Das ist doch wirklich billig, Schatzi – ”</p><p>„Halt!” Der B&#xE4;cker hob die Hand.</p><p>„Na, was – Schatzi – wozu denn – ” Sie lehnte sich dicht an ihn.</p><p>„Der Ford – ” sagte er.</p><p>„Wird selbstverst&#xE4;ndlich in Zahlung genommen – ”</p><p>„Viertausend Mark – ”</p><p>„Hat er mal gekostet, wie?” fragte ich freundlich.</p><p>„Mit viertausend Mark muss er in Zahlung genommen werden”, erkl&#xE4;rte der B&#xE4;cker fest. Er hatte jetzt den Punkt gefunden zum Gegenangriff nach der &#xDC;berrumpelung. „Der Wagen ist ja so gut wie neu – ”</p><p>„Neu – ” sagte ich, „nach der Riesenreparatur – ”</p><p>„Heute vormittag haben Sie es selbst zugegeben – ”</p><p>„Heute vormittag war das auch was anderes. Neu und neu ist ein Unterschied, je nachdem, ob man kauft oder verkauft. F&#xFC;r viertausend Mark m&#xFC;sste Ihr Ford schon Sto&#xDF;stangen aus Gold haben.”</p><p>„Viertausend Mark, oder es wird nichts”, sagte der B&#xE4;cker halsstarrig. Er war jetzt ganz wieder der Alte und schien alle Sentimentalit&#xE4;t von vorher wiedergutmachen zu wollen.</p><p>„Dann auf Wiedersehen!” erwiderte ich und wandte mich an die Schwarze. „Tut mir leid, gn&#xE4;dige Frau – aber Verlustgesch&#xE4;fte kann ich nicht machen. Leben Sie wohl – ”</p><p>Sie hielt mich zur&#xFC;ck. Ihre Augen funkelten und sie fiel jetzt &#xFC;ber den B&#xE4;cker her, dass ihm H&#xF6;ren und Sehen verging. „Du hast ja selbst hundertmal gesagt, dass der Ford nichts mehr wert ist”, zischte sie zum Schluss mit Tr&#xE4;nen in den Augen.</p><p>„Zweitausend Mark”, sagte ich, „zweitausend Mark, obschon auch das noch Selbstmord ist.”</p><p>Der B&#xE4;cker schwieg.</p><p>„Na, los, sag doch was! Warum stehst du denn da herum und tust den Mund nicht auf?” fauchte die Schwarze.</p><p>„Meine Herrschaften”, sagte ich, „ich werde jetzt mal den Cadillac holen. Vielleicht besprechen Sie die Sache inzwischen noch untereinander.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Eine Stunde sp&#xE4;ter war ich mit dem Cadillac wieder da. Wir machten eine Probefahrt. Die Schwarze kuschelte sich behaglich in den breiten Sitz und schwatzte fortw&#xE4;hrend. Ich h&#xE4;tte sie am liebsten aus dem Fenster geworfen, aber ich brauchte sie noch.</p><p>Wir kamen vor dem Hause des B&#xE4;ckers an und gingen wieder in die Wohnung. Der B&#xE4;cker verlie&#xDF; das Zimmer, um das Geld zu holen. Er wirkte jetzt wie ein alter Mann und ich sah, dass sein Haar gef&#xE4;rbt war.</p><p>In diesem Augenblick kam der B&#xE4;cker wieder herein. Er z&#xE4;hlte langsam und z&#xF6;gernd. Sein Schatten schwankte dabei auf der Rosentapete des Zimmers hin und her und z&#xE4;hlte mit.</p><p>Ich war froh, als ich drau&#xDF;en war. Die Luft war weich und sommerlich. Der Cadillac blinkte am Stra&#xDF;enrand. „Na, Alter, danke sch&#xF6;n”, sagte ich und klopfte ihm auf die K&#xFC;hlerhaube. „Komm bald wieder zu neuen Taten!”</p></section><section><title><p>XV</p></title><p>Der Morgen stand hell und funkelnd &#xFC;ber den Wiesen. Pat und ich sa&#xDF;en am Rande einer Waldlichtung und fr&#xFC;hst&#xFC;ckten. Ich hatte mir zwei Wochen Urlaub genommen und war mit Pat unterwegs. Wir wollten ans Meer.</p><p>Vor uns auf der Stra&#xDF;e stand ein kleiner, alter Citroen<a l:href="#n_120" type="note">[120]</a>. Wir hatten ihn in Zahlung genommen gegen den Ford des B&#xE4;ckermeisters und K&#xF6;ster hatte ihn mir mitgegeben f&#xFC;r die Zeit des Urlaubs. Er sah aus wie ein geduldiger Packesel, so beladen war er mit Koffern.</p><p>Wir lagen eine Zeitlang nebeneinander in der Wiese. Der Wind kam warm und weich vom Walde her. Es roch nach Harz und Kr&#xE4;utern.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Aus den Tannen rief ein Kuckuck. Pat fing an, mitzuz&#xE4;hlen. „Wozu machst du das?” fragte ich.</p><p>„Wei&#xDF;t du das nicht? So oft er ruft, so viele Jahre lebt man noch.”</p><p>„Ach so, ja. Aber da gibt es noch etwas anderes. Wenn ein Kuckuck ruft, muss man sein Geld sch&#xFC;tteln. Dann vermehrt es sich.”</p><p>Ich holte mein Kleingeld aus der Tasche und sch&#xFC;ttelte es kr&#xE4;ftig zwischen den hohlen H&#xE4;nden.</p><p>„Das bist du”, sagte Pat und lachte. „Ich will Leben und du willst Geld.”</p><p>„Um zu leben”, erwiderte ich. „Ein echter Idealist strebt nach Geld. Geld ist gem&#xFC;nzte Freiheit. Und Freiheit ist Leben.”</p><p>„Vierzehn”, z&#xE4;hlte Pat. „Du hast schon mal anders dar&#xFC;ber gesprochen.”</p><p>„Das war in meiner dunklen Zeit. Man sollte &#xFC;ber Geld nicht ver&#xE4;chtlich reden. Geld macht viele Frauen sogar verliebt. Die Liebe dagegen macht viele M&#xE4;nner geldgierig. Geld f&#xF6;rdert also die Ideale, – Liebe dagegen den Materialismus.”</p><p>Ich steckte mein Geld wieder in die Tasche und z&#xFC;ndete mir eine Zigarette an. „Willst du noch nicht bald mit dem Z&#xE4;hlen aufh&#xF6;ren?” fragte ich. „Du kommst ja schon weit &#xFC;ber siebzig Jahre.”</p><p>„Hundert, Robby! Hundert ist eine gute Zahl. So weit m&#xF6;chte ich kommen.”</p><p>„Alle Achtung, das ist Mut! Aber was willst du nur damit anfangen?” Sie streifte mich mit einem raschen Blick. „Das werde ich schon sehen. Ich habe ja andere Ansichten dar&#xFC;ber als du.”</p><p>„Das sicher. &#xDC;brigens sollen nur die ersten siebzig die schwierigsten sein. Nachher solls einfacher werden.”</p><p>„Hundert!” verk&#xFC;ndete Pat und wir brachen auf.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Das Meer kam uns entgegen wie ein ungeheures, silbernes Segel. Schon lange vorher sp&#xFC;rten wir seinen salzigen Hauch; – der Horizont wurde immer weiter und heller und pl&#xF6;tzlich lag es vor uns, unruhig, m&#xE4;chtig und ohne Ende.</p><p>Die Stra&#xDF;e f&#xFC;hrte in einem Bogen bis dicht heran. Dann kam ein Wald und hinter ihm ein Dorf. Wir erkundigten uns nach dem Hause, wo wir wohnen sollten. Es lag ein St&#xFC;ck au&#xDF;erhalb des Dorfes. K&#xF6;ster hatte uns die Adresse gegeben. Er war nach dem Kriege ein Jahr lang dort gewesen.</p><p>Es war eine kleine, alleinstehende Villa. Ich fuhr den Citroen in elegantem Bogen vor und gab Signal. Ein breites Gesicht erschien hinter einem der Fenster, glotzte bleich einen Augenblick und verschwand. „Hoffentlich ist das nicht Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller”, sagte ich.</p><p>„Ganz egal, wie sie aussieht”, erwiderte Pat.</p><p>Die T&#xFC;r &#xF6;ffnete sich. Gottlob, es war nicht Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller. Es war das Dienstm&#xE4;dchen. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller, die Besitzerin des Hauses, erschien eine Minute sp&#xE4;ter. Eine altj&#xFC;ngferliche, zierliche Dame mit grauen Haaren. Sie trug ein hochgeschlossenes, schwarzes Kleid und ein goldenes Kreuz als Brosche.</p><p>„Ich glaube, Herr K&#xF6;ster hat uns schon angemeldet”, sagte ich.</p><p>„Ja, er hat mir telegraphiert, dass Sie kommen.” Sie musterte mich eingehend. „Wie geht es Herrn K&#xF6;ster denn?”</p><p>„Ach, ganz gut, – soweit man das heute sagen kann.” Sie nickte und musterte mich weiter. „Kennen Sie ihn schon lange?”</p><p>Das wird ja ein Examen, dachte ich und gab Auskunft, wie lange ich Otto schon kannte.</p><p>„Wenn Herr K&#xF6;ster telegraphiert, bekommen Sie immer ein Zimmer”, erkl&#xE4;rte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller und sah mich etwas abf&#xE4;llig an. „Sie bekommen sogar mein sch&#xF6;nstes”, sagte sie zu Pat.</p><p>Das Zimmer, das sie uns zeigte, lag im unteren Stock. Es hatte einen eigenen Eingang vom Garten her. Das gefiel mir sehr. Es war ziemlich gro&#xDF;, hell und freundlich. An einer Seite, in einer Art von Nische, standen zwei Betten. „Nun?” fragte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller.</p><p>„Sehr sch&#xF6;n”, sagte Pat. „Prachtvoll sogar”, f&#xFC;gte ich hinzu, um mich einzuschmeicheln. „Und wo ist das andere?”</p><p>Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller drehte sich langsam zu mir herum. „Das andere? Was f&#xFC;r ein anderes? Wollen Sie denn ein anderes? Gef&#xE4;llt Ihnen dieses nicht?”</p><p>Ich wollte ihr gerade erkl&#xE4;ren, dass wir zwei Einzelzimmer brauchten, da f&#xFC;gte sie schon hinzu: „Ihre Frau findet es doch sehr sch&#xF6;n – ”</p><p>Ihre Frau – ich hatte das Gef&#xFC;hl, als w&#xE4;re ich einen Schritt zur&#xFC;ckgetreten. Aber ich hatte mich nicht von der Stelle ger&#xFC;hrt. Vorsichtig warf ich einen Blick auf Pat, die am Fenster lehnte und ein Lachen unterdr&#xFC;ckte, als sie mich so dastehen sah.</p><p>„Meine Frau, gewiss – ” sagte ich und starrte auf das goldene Kreuz an Fr&#xE4;ulein M&#xFC;llers Hals. Es war nichts zu machen, ich durfte sie nicht aufkl&#xE4;ren.</p><p>Missbilligend sch&#xFC;ttelte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller den Kopf. „Zwei Schlafzimmer, wenn man verheiratet ist – das sind so neue Moden – ”</p><p>„Gar nicht”, sagte ich, bevor sie misstrauisch werden konnte. „Meine Frau hat nur einen sehr leisen Schlaf. Und ich schnarche leider ziemlich laut.”</p><p>„Ach so, Sie schnarchen!” erwiderte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller, als h&#xE4;tte sie sich das l&#xE4;ngst denken k&#xF6;nnen.</p><p>Sie &#xF6;ffnete die T&#xFC;r zu einem kleinen Zimmer nebenan, in dem nicht viel mehr als ein Bett stand.</p><p>„Gro&#xDF;artig”, sagte ich, „das gen&#xFC;gt vollkommen. Aber st&#xF6;re ich auch niemanden sonst?” Ich wollte wissen, ob wir hier unten f&#xFC;r uns allein waren.</p><p>„Sie st&#xF6;ren niemand”, erkl&#xE4;rte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller und die W&#xFC;rde fiel pl&#xF6;tzlich von ihr ab. „Au&#xDF;er Ihnen wohnt niemand hier. Die anderen Zimmer sind alle leer.” Sie stand einen Augenblick, dann raffte sie sich zusammen. „Wollen Sie hier im Zimmer essen oder im Speisezimmer?”</p><p>„Hier”, sagte ich. Sie nickte und ging.</p><p>Ich war eine Stunde geschwommen und lag am Strande in der Sonne. Pat war noch im Wasser. Ihre wei&#xDF;e Badekappe tauchte ab und zu zwischen dem blauen Schwall der Wellen auf.</p><p>Das Ger&#xE4;usch der schwachen Brandung rauschte mir in den Ohren. Es erinnerte mich an etwas, an einen Tag, wo ich ebenso gelegen hatte —</p><p>Es war im Sommer 1917 gewesen. Unsere Kompanie lag damals in Flandern und wir hatten unverhofft ein paar Tage Urlaub nach Ostende<a l:href="#n_121" type="note">[121]</a> bekommen, Meyer, Holthoff, Breyer, L&#xFC;tgens, ich und noch einige andere. Die meisten von uns waren noch nie am Meere gewesen und diese wenigen Tage, diese fast unbegreifliche Pause zwischen Tod und Tod, wurden zu einer wilden Hingabe an Sonne, Sand und Meer. Ein paar Tage sp&#xE4;ter begann dann die gro&#xDF;e Offensive und schon am dritten Juli hatte die Kompanie nur noch zweiunddrei&#xDF;ig Mann und Meyer, Holthoff und L&#xFC;tgens waren tot.</p><p>„Robby!” rief Pat.</p><p>Ich &#xF6;ffnete die Augen. Einen Moment musste ich mich besinnen, wo ich war. Immer, wenn Erinnerungen aus dem Kriege kamen, war man gleich weit weg.</p><p>Ich richtete mich auf. Pat kam aus dem Wasser.</p><p>Ich sprang auf, so unwirklich, so wie aus einer anderen Welt erschien mir gerade jetzt dieses Bild, – der weite, blaue Himmel, die wei&#xDF;en Schaumreihen des Meeres und die sch&#xF6;ne, schmale Gestalt davor, – als w&#xE4;re ich allein auf der Welt und aus dem Wasser schritte die erste Frau herauf.</p><p>„Robby!” rief Pat noch einmal und winkte.</p><p>Ich griff ihren Bademantel vom Boden auf und ging ihr rasch entgegen. „Du bist viel zu lange im Wasser gewesen”, sagte ich.</p><p>„Ich bin ganz warm”, erwiderte sie atemlos.</p><p>Ich k&#xFC;sste sie auf die feuchte Schulter. „Anfangs musst du etwas vern&#xFC;nftiger sein.”</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf und sah mich strahlend an. „Ich bin lange genug vern&#xFC;nftig gewesen.”</p><p>„So?”</p><p>„Nat&#xFC;rlich. Viel zu lange! Ich will endlich einmal unvern&#xFC;nftig sein!”</p><p>„Gut”, sagte ich und nahm das Frottiertuch<a l:href="#n_122" type="note">[122]</a>. „Zun&#xE4;chst will ich dich mal trocken reiben. Woher bist du eigentlich schon so braun?”</p><p>Sie zog den Bademantel an. „Das stammt noch aus meinem vern&#xFC;nftigen Jahr. Da musste ich jeden Tag auf dem Balkon eine Stunde in der Sonne liegen. Und abends um acht Uhr schlafen gehen. Heute abend gehe ich um acht Uhr noch einmal baden.”</p><p>Mit dem Baden abends wurde es nichts. Wir machten noch einen Gang zum Dorf und eine Fahrt mit dem Citroen durch die D&#xE4;mmerung, – dann wurde Pat pl&#xF6;tzlich sehr m&#xFC;de und verlangte nach Hause.</p><p>„Fahren wir nach Hause, Robby”, sagte sie und ihre dunkle Stimme war noch tiefer als sonst.</p><p>Frau M&#xFC;ller erwartete uns bereits.</p><p>Sie war bedeutend freundlicher als nachmittags und fragte, ob es recht sei, dass sie als Abendessen Eier, kaltes Fleisch und ger&#xE4;ucherten Fisch vorbereitet habe.</p><p>„Gef&#xE4;llt es Ihnen nicht? Es sind ganz frisch ger&#xE4;ucherte Flundern.” Sie schaute mich etwas &#xE4;ngstlich an.</p><p>„Gewiss”, sagte ich k&#xFC;hl.</p><p>„Frisch ger&#xE4;ucherte Flundern m&#xFC;ssen herrlich schmecken”, erkl&#xE4;rte Pat und blickte vorwurfsvoll zu mir her&#xFC;ber. „Ein richtiges Nachtessen, wie man es sich nur w&#xFC;nschen kann am ersten Tag an der See, Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller. Wenn es noch ordentlich hei&#xDF;en Tee dazu g&#xE4;be – ”</p><p>„Doch, doch! Ganz hei&#xDF;en Tee! Gern! Ich lasse alles gleich bringen.” Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller raschelte erleichtert eilig in ihrem Seidenkleid davon.</p><p>Das Dienstm&#xE4;dchen kam mit dem Tablett. Die Flundern hatten eine Haut wie Goldtopas und rochen wunderbar nach See und Rauch. Es waren auch noch frische Garnelen dabei.</p><p>„Welch ein Gl&#xFC;ck, Pat, dass wir weitsichtige Freunde haben”, sagte ich. „Lenz hat mir da heute morgen noch rasch beim Wegfahren ein ziemlich schweres Paket in den Wagen gestopft. Wollen mal nachsehen, was drin ist.”</p><p>Ich holte das Paket aus dem Wagen. Es war eine kleine Kiste mit zwei Flaschen Rum, einer Flasche Kognak und einer Flasche Portwein. Ich hob sie hoch. „St. James-Rum sogar! Auf die Jungen kann man sich verlassen!”</p><p>Ich korkte die Flasche auf und goss Pat einen guten Schuss in den Tee. Dabei sah ich, dass ihre Hand etwas zitterte. „Friert dich wirklich so?” fragte ich.</p><p>„Nur einen Augenblick. Jetzt ist es schon besser. Der Rum ist gut. Aber ich geh bald zu Bett.”</p><p>„Tu das gleich, Pat”, sagte ich, „wir schieben den Tisch dann heran und essen so.”</p><p>Sie lie&#xDF; sich &#xFC;berreden.</p><p>Ich sah zu Pat hin&#xFC;ber. Zart und schmal und zerbrechlich lag ihr Kopf mit dem dunklen Haar auf den wei&#xDF;en Kissen. Sie hatte nicht viel Kraft, – aber auch sie hatte das Geheimnis des Zerbrechlichen, das Geheimnis der Blumen in der D&#xE4;mmerung und im schwebenden Licht des Mondes.</p><p>Sie richtete sich ein wenig auf. „Ich bin wirklich sehr m&#xFC;de, Robby. Ist das schlimm?”</p><p>Ich setzte mich zu ihr an das Bett. „Gar nicht. Du wirst gut schlafen.”</p><p>„Aber du willst doch noch nicht schlafen.”</p><p>„Ich gehe dann noch etwas an den Strand.”</p><p>Sie nickte und legte sich zur&#xFC;ck. Ich blieb noch eine Weile sitzen. „Lass die T&#xFC;r &#xFC;ber Nacht offen”, sagte sie schlaftrunken. „Das ist, als ob man im Garten schl&#xE4;ft – ”</p><p>Ich ging zum Strand hinunter, zum Meer und zum Wind, zu dem dumpfen Brausen, das wie ferner Kanonendonner heraufscholl.</p></section><section><title><p>XVI</p></title><p>Ich sa&#xDF; am Strande und sah zu, wie die Sonne unterging. Pat war nicht mitgekommen. Sie hatte sich den Tag &#xFC;ber nicht wohl gef&#xFC;hlt. Als es dunkel wurde, stand ich auf, um nach Hause zu gehen. Da sah ich hinter dem Walde das Dienstm&#xE4;dchen herankommen. Es winkte und rief etwas. Ich verstand es nicht; der Wind und das Meer waren zu laut. Ich winkte zur&#xFC;ck, sie solle stehenbleiben, ich k&#xE4;me schon. Aber sie lief weiter und hob die H&#xE4;nde zum Mund. „Frau – ” verstand ich, – „rasch – ”</p><p>Ich lief. „Was ist los?”</p><p>Sie jappte nach Luft. „Rasch – Frau – Ungl&#xFC;ck – ”</p><p>Ich rannte den Sandweg entlang, durch den Wald, dem Hause zu. Das h&#xF6;lzerne Gartentor verhedderte sich, ich sprang hin&#xFC;ber und st&#xFC;rzte ins Zimmer. Da lag Pat auf dem Bett, mit blutiger Brust und gekrampften H&#xE4;nden und Blut lief ihr aus dem Munde. Neben ihr stand Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller mit T&#xFC;chern und einer Schale Wasser.</p><p>„Was ist los?” rief ich und schob sie beiseite.</p><p>Sie sagte etwas. „Bringen Sie Verbandzeug!” rief ich. „Wo ist die Wunde?”</p><p>Sie sah mich mit zitternden Lippen an. „Es ist keine Wunde – ”</p><p>Ich richtete mich auf. „Ein Blutsturz”, sagte sie.</p><p>Mir war, als h&#xE4;tte ich einen Hammerschlag erhalten. „Ein Blutsturz?” Ich sprang auf und nahm ihr die Sch&#xFC;ssel mit Wasser aus der Hand.</p><p>„Holen Sie Eis, holen Sie rasch etwas Eis.”</p><p>Ich tauchte das Handtuch in die Sch&#xFC;ssel und legte es Pat auf die Brust. „Wir haben kein Eis im Hause”, sagte Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller.</p><p>Ich drehte mich um. Sie wich zur&#xFC;ck. „Holen Sie Eis. um Gotteswillen, schicken Sie zur n&#xE4;chsten Kneipe und telefonieren Sie sofort dem Arzt!”</p><p>„Wir haben doch kein Telefon – ”</p><p>„Verflucht! Wo ist das n&#xE4;chste Telefon?”</p><p>„Bei Ma&#xDF;mann.”</p><p>„Laufen Sie hin. Schnell. Telefonieren Sie sofort an den n&#xE4;chsten Arzt. Wie hei&#xDF;t er? Wo wohnt er?”</p><p>Ehe sie einen Namen nannte, schob ich sie hinaus.</p><p>„Schnell, schnell, laufen Sie rasch! Wie weit ist es?”</p><p>„Drei Minuten”, sagte die Frau und hastete los.</p><p>„Bringen Sie Eis mit!” rief ich ihr nach.</p><p>Sie nickte und lief.</p><p>Ich holte Wasser und tauchte das Handtuch wieder ein. Ich wagte Pat nicht anzur&#xFC;hren. Ich wusste nicht, ob sie richtig lag, ich war verzweifelt, weil ich es nicht wusste, das einzige, was ich wissen musste: ob ich ihr Kissen unter den Kopf schieben oder sie flach hinlegen sollte.</p><p>Sie r&#xF6;chelte, dann b&#xE4;umte sie sich und ein Schuss Blut quoll aus ihrem Munde. Sie atmete hoch und jammernd ein, ihre Augen waren unmenschlich entsetzt, sie verschluckte sich und hustete und wieder spritzte das Blut, ich hielt sie fest und gab nach, die Hand unter ihrer Schulter, ich sp&#xFC;rte die Ersch&#xFC;tterungen ihres armen gequ&#xE4;lten R&#xFC;ckens, es schien endlos zu dauern, dann fiel sie schlapp zur&#xFC;ck —</p><p>Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller trat ein. Sie sah mich an wie ein Gespenst.</p><p>„Was sollen wir machen?” rief ich.</p><p>„Der Arzt kommt sofort”, fl&#xFC;sterte sie, „Eis – auf die Brust und wenn sie kann, in den Mund – ”</p><p>„Tief oder hoch legen, so reden Sie doch himmelverflucht, rasch.”</p><p>„So lassen – er kommt sofort – ”</p><p>Ich packte Pat die Eisst&#xFC;cke auf die Brust, erl&#xF6;st, dass ich etwas tun konnte, ich schlug Eis klein f&#xFC;r Kompressen und legte sie auf und sah immer nur diesen s&#xFC;&#xDF;en, geliebten, verzerrten Mund, diesen einzigen Mund, diesen blutenden Mund —</p><p>Da rasselte ein Fahrrad. Ich sprang hoch. Der Arzt. „Kann ich helfen?” fragte ich. Er sch&#xFC;ttelte den Kopf und packte seine Tasche aus. Ich stand dicht bei ihm am Bett und umklammerte die Pfosten. Er sah auf. Ich ging einen Schritt zur&#xFC;ck und behielt ihn fest im Auge. Er betrachtete die Rippen Pats. Pat st&#xF6;hnte.</p><p>„Ist es gef&#xE4;hrlich?” fragte ich.</p><p>„Wo war Ihre Frau in Behandlung?”<a l:href="#n_123" type="note">[123]</a> fragte er zur&#xFC;ck.</p><p>„Was? In Behandlung?” stotterte ich.</p><p>„Bei welchem Arzt?” fragte er ungeduldig.</p><p>„Ich wei&#xDF; nicht – ” antwortete ich – „nein, ich wei&#xDF; nichts – ich glaube nicht – ”</p><p>Er sah mich an. „Das m&#xFC;ssen Sie doch wissen – ”</p><p>„Ich wei&#xDF; es aber nicht. Sie hat mir nie etwas davon gesagt.”</p><p>Er beugte sich zu Pat herunter und fragte. Sie wollte antworten. Aber wieder brach der Husten rot durch. Der Arzt fing sie auf. Sie biss in die Luft und holte pfeifend Atem. „Jaff&#xE9;”, stie&#xDF; sie gurgelnd hervor.</p><p>„Felix Jaff&#xE9;? Professor Felix Jaff&#xE9;?” fragte der Arzt. Sie nickte mit den Augen. Er wendete sich zu mir. „K&#xF6;nnen Sie ihm telefonieren? Es ist besser, ihn zu fragen.”</p><p>„Ja, ja”, antwortete ich, „ich werde sofort. Ich hole Sie dann! Jaff&#xE9;?”</p><p>„Felix Jaff&#xE9;”, sagte der Arzt. „Verlangen Sie bei der Auskunft die Nummer.”</p><p>„Kommt sie durch?” fragte ich.</p><p>„Sie muss aufh&#xF6;ren zu bluten”, sagte der Arzt.</p><p>Ich fasste das M&#xE4;dchen und rannte los, den Weg entlang. Sie zeigte mir das Haus mit dem Telefon. Ich klingelte. Ich verlangte ein dringendes Gespr&#xE4;ch und wartete am Apparat.</p><p>Endlich meldete sich die Nummer. Ich fragte nach dem Professor.</p><p>„Bedaure”, sagte die Schwester, „Professor Jaff&#xE9; ist ausgegangen.”</p><p>Mein Herz h&#xF6;rte auf zu schlagen und haute dann wie ein Schmiedehammer los. „Wo ist er denn? Ich muss ihn sofort sprechen.”</p><p>„Ich wei&#xDF; es nicht. Vielleicht ist er noch einmal in die Klinik gegangen.”</p><p>„Bitte, rufen Sie die Klinik an. Ich warte hier. Sie haben doch noch einen zweiten Apparat.”</p><p>„Einen Moment.” Die Stimme der Schwester kam wieder. „Professor Jaff&#xE9; ist aus der Klinik schon fortgegangen.”</p><p>„Wohin?”</p><p>„Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen, mein Herr.”</p><p>Aus. Ich lehnte mich an die Wand. „Hallo!” sagte die Schwester, „sind Sie noch da?”</p><p>„Ja – h&#xF6;ren Sie, Schwester, Sie wissen nicht, wann er zur&#xFC;ckkommt?”</p><p>„Das ist ganz unbestimmt.”</p><p>„Hinterl&#xE4;sst er das denn nicht? Das muss er doch. Wenn mal was passiert, muss er doch zu erreichen sein.”</p><p>„Es ist ein Arzt in der Klinik.”</p><p>„K&#xF6;nnen Sie denn den” – nein, es hatte ja keinen Zweck, der wusste es ja nicht – „gut, Schwester”, sagte ich todm&#xFC;de, „wenn Professor Jaff&#xE9; kommt, bitten Sie ihn, sofort dringend hier anzurufen.” Ich sagte ihr die Nummer. „Aber bitte, dringend!”</p><p>„Sie k&#xF6;nnen sich darauf verlassen, mein Herr.” Sie wiederholte die Nummer und h&#xE4;ngte ab.</p><p>Ich stand da, allein. Und pl&#xF6;tzlich hatte ich es. Ich hob den H&#xF6;rer wieder ab und sagte K&#xF6;sters Nummer hinein. Er musste da sein. Es ging einfach nicht anders.</p><p>Und da kam sie, aus dem Gebrodel der Nacht, die ruhige Stimme K&#xF6;sters. Ich wurde sofort selbst ruhig und sagte ihm alles. Ich f&#xFC;hlte, er schrieb schon mit.</p><p>„Gut”, sagte er, „ich fahre sofort los ihn zu suchen. Ich rufe an. Sei ruhig. Ich finde ihn.”</p><p>Vorbei. Vorbei? Die Welt stand stille. Der Spuk war aus. Ich lief zur&#xFC;ck.</p><p>„Nun?” fragte der Arzt, „haben Sie ihn erreicht?”</p><p>„Nein”, sagte ich, „aber ich habe K&#xF6;ster erreicht.”</p><p>„K&#xF6;ster? Kenne ich nicht! Was hat er gesagt? Wie hat er sie behandelt?”</p><p>„Behandelt? Behandelt hat er sie nicht. K&#xF6;ster sucht ihn.”</p><p>„Wen?”</p><p>„Jaff&#xE9;.”</p><p>„Herrgott, wer ist denn dieser K&#xF6;ster?”</p><p>„Ach so – entschuldigen Sie. K&#xF6;ster ist mein Freund. Er sucht Professor Jaff&#xE9;. Ich konnte ihn nicht erreichen.”</p><p>„Schade”, sagte der Arzt und wendete sich wieder Pat zu.</p><p>„Er wird ihn erreichen”, sagte ich. „Wenn er nicht tot ist, wird er ihn erreichen.”</p><p>Der Arzt sah mich an, als ob ich verr&#xFC;ckt geworden w&#xE4;re. Dann zuckte er die Achseln.</p><p>Pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rte ich rufen. „Telefon!”</p><p>Ich drehte mich um. „Telefon. Soll ich hingehen?” Der Arzt sprang auf. „Nein, ich. Ich kann ihn besser fragen. Bleiben Sie hier. Tun Sie nichts weiter. Ich komme sofort wieder.”</p><p>Ich setzte mich zu Pat an das Bett. „Pat”, sagte ich leise „Wir sind alle da. Wir passen auf. Es wird dir nichts passieren. Es darf dir nichts passieren. Der Professor spricht jetzt schon. Er sagt uns alles. Morgen kommt er sicher selbst. Er wird dir helfen. Du wirst gesund werden. Weshalb hast du mir denn nie etwas davon gesagt, dass du noch krank bist? Das bisschen Blut ist nicht schlimm, Pat. Wir geben es dir wieder. K&#xF6;ster hat den Professor geholt. Jetzt ist alles gut, Pat.”</p><p>Der Arzt kam zur&#xFC;ck. „Es war nicht der Professor – ” Ich stand auf.</p><p>„Es war ein Freund von Ihnen, Lenz.”</p><p>„K&#xF6;ster hat ihn nicht gefunden?”</p><p>„Doch. Er hat ihm Anweisungen gegeben. Ihr Freund Lenz hat sie mir telefoniert. Ganz klar und richtig sogar. Ist Ihr Freund Lenz Arzt?”</p><p>„Nein. Er wollte es werden. Und K&#xF6;ster?” Der Arzt sah mich an. „Lenz hat telefoniert, K&#xF6;ster sei vor wenigen Minuten abgefahren. Mit dem Professor.” Ich musste mich anlehnen. „Otto”, sagte ich. „Ja”, f&#xFC;gte der Arzt hinzu, „das ist das einzige, was er falsch gesagt hat. Er hat gemeint, sie w&#xE4;ren in zwei Stunden hier. Ich kenne die Strecke. Sie brauchen bei sch&#xE4;rfster Fahrt &#xFC;ber drei Stunden. Immerhin – ”</p><p>„Doktor”, erwiderte ich, „Sie k&#xF6;nnen sich darauf verlassen. Wenn er sagt, zwei Stunden, dann ist er in zwei Stunden hier.”</p><p>„Es ist unm&#xF6;glich. Die Strecke ist kurvig, und es ist Nacht.”</p><p>„Warten Sie ab”, sagte ich.</p><p>Ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich ging ins Freie.</p><p>Sp&#xE4;ter h&#xF6;rte ich von Jaff&#xE9;, wie es gewesen war.</p><p>K&#xF6;ster hatte sofort nach dem Anruf Lenz telefoniert, er solle sich bereit halten. Dann hatte er Karl geholt und war mit Lenz zur Klinik Jaff&#xE9;s gerast. Die Stationsschwester nahm an, der Professor sei zum Abendessen gegangen. Sie nannte K&#xF6;ster eine Anzahl Lokale, in denen er vielleicht zu treffen w&#xE4;re. K&#xF6;ster fuhr los. Er &#xFC;berfuhr alle Verkehrszeichen; – er k&#xFC;mmerte sich nicht um die heranst&#xFC;rzenden Schupos<a l:href="#n_124" type="note">[124]</a>. Im vierten Lokal fand er den Professor. Jaff&#xE9; erinnerte sich sofort. Er lie&#xDF; sein Essen stehen und kam gleich mit. Sie fuhren zu seiner Wohnung, um die notwendigen Sachen zu holen. Unterwegs fragte Jaff&#xE9;, wo Pat liege. K&#xF6;ster nannte einen vierzig Kilometer entfernt liegenden Ort. Er wollte den Professor nur erst einmal im Wagen haben. W&#xE4;hrend Jaff&#xE9; seine Tasche packte, gab er Lenz Anweisung, was zu telefonieren sei. Dann stieg er zu K&#xF6;ster ein.</p><p>„Ist es gef&#xE4;hrlich?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Ja”, sagte Jaff&#xE9;.</p><p>In diesem Augenblick verwandelte sich Karl in ein wei&#xDF;es Gespenst. Er sprang mit einem Satz vom Start und fegte los. Er zw&#xE4;ngte sich durch, er fuhr mit zwei R&#xE4;dern &#xFC;ber den B&#xFC;rgersteig, er jagte in falscher Richtung durch Einbahnstra&#xDF;en, er suchte den k&#xFC;rzesten Weg aus der Stadt heraus.</p><p>„Fahren Sie langsamer”, schrie der Arzt, „was n&#xFC;tzt es Ihnen, wenn wir einen Unfall haben.”</p><p>„Wir werden keinen Unfall haben.”</p><p>„Wenn Sie so weiterfahren, in zwei Minuten.”</p><p>K&#xF6;ster riss den Wagen links an einer Elektrischen vorbei.</p><p>„Wir werden keinen Unfall haben.” Er hatte jetzt eine lange Stra&#xDF;e zu fassen. Er sah den Arzt an. „Ich wei&#xDF; selbst, dass ich Sie heil hinbringen muss. Verlassen Sie sich darauf, dass ich so fahre.”</p><p>„Aber was n&#xFC;tzt Ihnen die Raserei schon! Sie holen ein paar Minuten heraus.”</p><p>„Nein”, sagte K&#xF6;ster und wich einem Lastwagen mit Steinen aus, „wir haben noch zweihundertvierzig Kilometer zu fahren.”</p><p>„Was?”</p><p>„Ja – “ Der Wagen drehte sich zwischen einem Postauto und einem Autobus durch – „Ich wollte es Ihnen vorhin nicht sagen.”</p><p>„Das w&#xE4;re egal gewesen”, knurrte Jaff&#xE9;, „ich richte meine Hilfe nicht nach Kilometern. Fahren Sie zum Bahnhof. Wir kommen mit der Eisenbahn schneller hin.”</p><p>„Nein.” K&#xF6;ster hatte die Vorstadt erreicht. Der Wind riss ihm die Worte vom Mund. „Schon erkundigt – Zug f&#xE4;hrt zu sp&#xE4;t – ” Er sah Jaff&#xE9; noch einmal an und der Arzt musste wohl irgendwas in seinem Gesicht gesehen haben. „In Gottesnamen”, brummte er. „Ihre Freundin?”</p><p>K&#xF6;ster sch&#xFC;ttelte den Kopf. Er antwortete nicht mehr.</p><p>Die Stra&#xDF;e wurde feucht. Auf der lehmigen Stra&#xDF;e schw&#xE4;nzelte der Wagen und schleuderte. K&#xF6;ster musste mit dem Tempo herunter. Daf&#xFC;r ging er nachher noch sch&#xE4;rfer in die Kurven. Er fuhr nicht mehr mit dem Kopf; er fuhr nur noch mit dem Instinkt. Der Arzt schwieg. Pl&#xF6;tzlich flirrte die Luft vor den Scheinwerfern, sie bekam Farbe, blasses Silber, wolkige Schleier. Es war der einzige Augenblick, wo Jaff&#xE9; K&#xF6;ster fluchen h&#xF6;rte. Eine Minute sp&#xE4;ter waren sie im dichten Nebel.</p><p>K&#xF6;ster blendete die Scheinwerfer ab. Sie schwammen in Watte.</p><p>Als sie nach zehn Minuten herauskamen, war K&#xF6;sters Gesicht verfallen. Er sah Jaff&#xE9; an und murmelte etwas. Dann ging er mit vollem Gas weiter, geduckt, kalt und wieder beherrscht —</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wie Blei br&#xFC;tete die klebrige W&#xE4;rme in der Stube. „H&#xF6;rt es noch nicht auf?” fragte ich.</p><p>„Nein”, sagte der Arzt.</p><p>Pat sah mich an. Ich l&#xE4;chelte ihr zu. Es wurde eine Grimasse. „Noch eine halbe Stunde”, sagte ich.</p><p>Der Arzt blickte auf. „Noch anderthalb Stunden, wenn nicht zwei. Es regnet.”</p><p>Ein K&#xE4;fer summte irgendwo – aber er kam nicht n&#xE4;her – er kam nicht n&#xE4;her. Er summte gleichm&#xE4;&#xDF;ig leise; jetzt setzte er einmal aus – jetzt war er wieder da – jetzt noch einmal – ich zitterte pl&#xF6;tzlich – das war kein K&#xE4;fer, das war ein sehr weiter Wagen, der mit hohen Touren in die Kurve ging. „Sie kommen! Doktor, Pat, sie kommen. Ich h&#xF6;re sie schon!”</p><p>Der Arzt hatte mich schon den ganzen Abend f&#xFC;r ziemlich verr&#xFC;ckt gehalten. Er stand auf und horchte ebenfalls. „Es wird ein anderer Wagen sein”, sagte er schlie&#xDF;lich.</p><p>„Nein, ich kenne den Motor.”</p><p>Ich blieb drau&#xDF;en. Ich zitterte vor Erregung. „Karl! Karl!” sagte ich.</p><p>Jetzt wurde das Heulen schw&#xE4;cher; er war hinter dem Wald – und jetzt schwoll es an, rasend, jubelnd, ein heller Strich wischte durch den Nebel, die Scheinwerfer, ein Donnern, der Arzt stand fassungslos neben mir, j&#xE4;h blendete uns das voll heranschie&#xDF;ende Licht und mit knirschendem Ruck hielt der Wagen vor der Gartent&#xFC;r. Ich rannte hin. Der Professor stieg gerade aus. Er beachtete mich nicht, sondern ging auf den Arzt zu. Hinter ihm kam K&#xF6;ster. „Wie geht es ihr?” sagte er. „Sie blutet noch.”</p><p>„Kommt vor”, sagte er, „brauchst dich noch nicht zu &#xE4;ngstigen.”</p><p>Ich schwieg und sah ihn an.</p><p>„Hast du eine Zigarette?” fragte er.</p><p>Ich gab sie ihm. „Gut, dass du gekommen bist, Otto.”</p><p>Er rauchte mit tiefen Z&#xFC;gen. „Dachte, es w&#xE4;re besser so.”</p><p>„Du bist sehr schnell gefahren.”</p><p>„Es ging. Hatte blo&#xDF; ein St&#xFC;ck Nebel.”</p><p>Wir sa&#xDF;en auf der Bank nebeneinander und warteten. „Denkst du, dass sie durchkommt?” fragte ich.</p><p>„Nat&#xFC;rlich. Eine Blutung ist nicht gef&#xE4;hrlich.”</p><p>„Sie hat mir nie etwas davon gesagt.”</p><p>K&#xF6;ster nickte. „Sie muss durchkommen, Otto”, sagte ich.</p><p>Er sah nicht auf. „Gib mir noch eine Zigarette”, sagte er, „ich habe vergessen, meine einzustecken.”</p><p>„Sie muss durchkommen”, sagte ich, „sonst ist alles Schei&#xDF;e.”</p><p>Der Professor kam heraus. Ich stand auf. „Verdammt will ich sein, wenn ich noch einmal mit Ihnen fahre”, sagte er zu K&#xF6;ster.</p><p>„Entschuldigen Sie”, sagte K&#xF6;ster, „es ist die Frau meines Freundes.”</p><p>„So”, sagte Jaff&#xE9; und sah mich an.</p><p>„Kommt sie durch?” fragte ich.</p><p>Er betrachtete mich aufmerksam. Ich blickte zur Seite. „Glauben Sie, dass ich so lange hier bei Ihnen st&#xFC;nde, wenn sie nicht durchk&#xE4;me?” sagte er.</p><p>Ich biss die Z&#xE4;hne zusammen. Ich presste die F&#xE4;uste ineinander. Ich weinte. „Entschuldigen Sie”, sagte ich, „es geht etwas zu schnell.”</p><p>„Sowas kann gar nicht schnell genug gehen”, sagte Jaff&#xE9; und l&#xE4;chelte.</p><p>„Nimms nicht &#xFC;bel, Otto”, sagte ich, „dass ich flenne.”</p><p>„War es richtig, dass Sie kamen?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Ja”, sagte Jaff&#xE9;, „es war besser.”</p><p>„Ich kann Sie morgen fr&#xFC;h wieder mit zur&#xFC;cknehmen.”</p><p>„Lieber nicht”, sagte Jaff&#xE9;.</p><p>„Ich werde vern&#xFC;nftig fahren.”</p><p>„Ich will noch einen Tag bleiben und die Sache beobachten. Ist Ihr Bett frei?” fragte er mich. Ich nickte.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich fuhr aus einem unruhigen Halbschlaf empor. Es war grau und k&#xFC;hl drau&#xDF;en. K&#xF6;ster war schon wach. „Hast du nicht geschlafen, Otto?”</p><p>„Doch.”</p><p>Ich kletterte aus dem Wagen und schlich &#xFC;ber den Gartenweg zum Fenster. Die kleine Nachttischlampe brannte noch immer. Ich sah Pat mit geschlossenen Augen im Bett liegen. Einen Moment f&#xFC;rchtete ich, dass sie tot sein k&#xF6;nnte. Aber dann bemerkte ich, wie ihre rechte Hand sich bewegte. Sie war sehr blass. Aber sie blutete nicht mehr. Jetzt machte sie wieder eine Bewegung. Im selben Moment &#xF6;ffnete Jaff&#xE9;, der auf dem zweiten Bett schlief, die Augen. Ich trat rasch zur&#xFC;ck. Ich war beruhigt; er passte auf.</p><p>„Ich denke, wir verschwinden hier”, sagte ich zu K&#xF6;ster, „damit er nicht sieht, dass wir ihn kontrolliert haben.”</p><p>„Wir k&#xF6;nnten baden gehen”, sagte K&#xF6;ster. „Wunderbare Luft hier.” Er dehnte sich.</p><p>„Geh du”, sagte ich.</p><p>„Komm mit”, erwiderte er.</p><p>Wir sprangen ins Wasser und schwammen. Das Wasser leuchtete in Grau und Rot.</p><p>Dann gingen wir zur&#xFC;ck.</p><p>Der k&#xFC;hle Morgen, der Wind, das helle meergepeitschte Leben in mir: Pat konnte nicht sterben. Sie konnte nur sterben, wenn ich den Mut verlor. Da stand K&#xF6;ster, mein Kamerad; – da stand ich, Pats Kamerad – erst mussten wir sterben. Solange wir lebten, w&#xFC;rden wir sie herausholen. So war es immer. Solange K&#xF6;ster lebte, konnte ich nicht sterben. Und solange wir beide lebten, konnte Pat nicht sterben.</p><p>Wir strichen um das Haus herum. „Gut f&#xFC;r jede Minute, die sie schl&#xE4;ft”, sagte ich. Wir gingen wieder in den Garten. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller hatte ein Fr&#xFC;hst&#xFC;ck fertiggemacht. Wir tranken hei&#xDF;en schwarzen Kaffee. Die Sonne ging auf. Es wurde sofort warm. Die Bl&#xE4;tter der B&#xE4;ume funkelten von Licht und N&#xE4;sse. Vom Meer h&#xF6;rte man das Schreien der M&#xF6;wen. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller stellte einen Busch Rosen auf den Tisch. „Den wollen wir ihr nachher geben”, sagte sie. Die Rosen dufteten nach Gartenmauer und Kindheit. „Wei&#xDF;t du, Otto”, sagte ich, „ich habe ein Gef&#xFC;hl, als w&#xE4;re ich selber krank gewesen. Man ist doch nicht mehr wie fr&#xFC;her. Ich h&#xE4;tte ruhiger sein m&#xFC;ssen. &#xDC;berlegter. Je ruhiger man sich h&#xE4;lt, um so besser kann man helfen.”</p><p>Da ging die T&#xFC;r. Jaff&#xE9; kam in Pyjama heraus. „Gut, gut”, winkte er ab, als er sah, dass ich fast den Kaffeetisch umwarf, „so gut es m&#xF6;glich ist.”</p><p>„Kann ich rein?”</p><p>„Noch nicht. Jetzt ist erst das M&#xE4;dchen drin. Waschen und sowas.”</p><p>Ich schenkte ihm Kaffee ein. Er blinzelte in die Sonne und wendete sich an K&#xF6;ster. „Eigentlich sollte ich Ihnen dankbar sein. So komme ich wenigstens einen Tag mal raus.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Sie lag in den Kissen, ohne Kraft, wie hingeschlagen. Ihr Gesicht war verf&#xE4;rbt, blaue, tiefe Schatten lagerten unter den Augen und der Mund war blass. Nur die Augen waren gro&#xDF; und gl&#xE4;nzend. Viel zu gro&#xDF; und zu gl&#xE4;nzend.</p><p>Ich nahm ihre Hand auf. Sie war k&#xFC;hl und matt. „Pat, alter Bursche”,<a l:href="#n_125" type="note">[125]</a> sagte ich verlegen und wollte mich zu ihr setzen, da entdeckte ich am Fenster das Teiggesicht des Dienstm&#xE4;dchens, das mich neugierig anstarrte. „Gehen Sie mal raus”, sagte ich &#xE4;rgerlich.</p><p>„Ich soll doch die Gardinen zuziehen”, erwiderte sie.</p><p>„Hast du ihr das gesagt?” fragte ich Pat.</p><p>Sie nickte.</p><p>„Tut dir das Licht von drau&#xDF;en weh?” fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Besser, du siehst mich heute nicht so genau – ”</p><p>„Pat!” sagte ich erschreckt, „du darfst noch nicht sprechen! Aber wenn das der ganze Grund ist – ”</p><p>Ich setzte mich neben das Bett. „Pat”, sagte ich, „bald bist du wieder durch – ”</p><p>Sie bewegte den Mund. „Morgen schon – ”</p><p>„Morgen noch nicht, aber in ein paar Tagen. Dann darfst du aufstehen und wir fahren nach Hause. Wir h&#xE4;tten nicht hierher fahren sollen, die Luft ist viel zu rauh f&#xFC;r dich – ”</p><p>„Doch”, fl&#xFC;sterte sie, „ich bin ja nicht krank, Robby. Es war nur ein Unfall – ”</p><p>Ich sah sie an. Wusste sie denn wirklich nicht, dass sie krank war? Oder wollte sie es nicht wissen? Ihre Augen gingen unruhig hin und her.</p><p>„Brauchst keine Angst zu haben – ”, fl&#xFC;sterte sie. Ich verstand nicht sofort, was sie meinte und weshalb es so wichtig war, dass gerade ich keine Angst haben sollte. Ich sah nur, dass sie erregt war, ihre Augen hatten einen eigent&#xFC;mlich gequ&#xE4;lten, dringenden Ausdruck. Und pl&#xF6;tzlich kam mir ein Gedanke. Ich begriff, was sie dachte. Sie glaubte, ich h&#xE4;tte Angst vor ihr, weil sie krank war. „Lieber Gott, Pat”, sagte ich, „ist das vielleicht der Grund, dass du mir nie etwas Genaues gesagt hast?”</p><p>Sie antwortete nicht, aber ich sah, dass es das war.</p><p>„Verdammt”, sagte ich, „wof&#xFC;r h&#xE4;ltst du mich eigentlich?”</p><p>Ich beugte mich &#xFC;ber sie. „Lieg mal einen Augenblick ganz still, aber beweg dich nicht.” Ich k&#xFC;sste sie. Ihre Lippen waren trocken und hei&#xDF;. Als ich mich aufrichtete, sah ich, dass sie weinte. Sie weinte lautlos, mit weit offenen Augen und ihr Gesicht bewegte sich nicht. Die Tr&#xE4;nen st&#xFC;rzten nur so hervor.</p><p>„Um Gotteswillen, Pat – ”</p><p>„Ich bin ja gl&#xFC;cklich”, sagte sie.</p><p>Ich hatte Frauen gekannt, aber immer waren es fl&#xFC;chtige Begegnungen gewesen, Abenteuer, eine bunte Stunde manchmal, ein einsamer Abend, Flucht vor sich selbst, vor der Verzweiflung, vor der Leere. Ich hatte es auch gar nicht anders gewollt, denn ich hatte gelernt, dass man sich auf nichts anderes verlassen konnte als auf sich selbst und h&#xF6;chstens noch auf einen Kameraden. Jetzt sah ich pl&#xF6;tzlich, dass ich einem Menschen etwas sein konnte, einfach weil ich da war und dass er gl&#xFC;cklich war, weil ich bei ihm war. Wenn man das so sagt, klingt es sehr einfach, aber wenn man dar&#xFC;ber nachdenkt, ist es eine ungeheure Sache, die &#xFC;berhaupt kein Ende hat. Es ist etwas, das einen ganz zerrei&#xDF;en und ver&#xE4;ndern kann. Es ist Liebe und doch etwas anderes. Etwas, wof&#xFC;r man leben kann. F&#xFC;r die Liebe kann ein Mann nicht leben. F&#xFC;r einen Menschen wohl.</p><p>Ich wollte etwas sagen, aber ich konnte es nicht. Es ist schwer, Worte zu finden, wenn man wirklich etwas zu sagen hat.</p><p>„Pat”, sagte ich, „alter tapferer Bursche – ”</p><p>In diesem Augenblick trat Jaff&#xE9; ein. Er &#xFC;berblickte sofort die Situation. „Fabelhafte Leistung”, knurrte er, „hab mir schon sowas &#xC4;hnliches gedacht.”</p><p>Ich wollte ihm etwas entgegnen, aber er warf mich kurzerhand raus.</p></section><section><title><p>XVII</p></title><p>Es war zwei Wochen sp&#xE4;ter. Pat hatte sich soweit erholt, dass wir zur&#xFC;ckreisen konnten. Wir hatten unsere Sachen gepackt und warteten auf Gottfried Lenz. Er sollte den Wagen abholen. Pat und ich wollten mit der Eisenbahn fahren.</p><p>Gottfried kam nach dem Mittagessen an. Ich sah seinen blonden Kopf schon von weitem &#xFC;ber die Hecken leuchten. Erst als er in den Fahrweg zur Villa Fr&#xE4;ulein M&#xFC;llers einbog, bemerkte ich, dass er nicht allein war; – neben ihm tauchte eine Rennfahrerimitation in Miniaturformat auf, – eine riesige karierte M&#xFC;tze, die mit dem Schild nach hinten aufgesetzt war, eine m&#xE4;chtige Staubbrille, ein wei&#xDF;er Overall<a l:href="#n_126" type="note">[126]</a> und ein Paar gewaltige, rubinrot leuchtende Ohren.</p><p>,,Mein Gott, das ist ja Jupp!” sagte ich erstaunt.</p><p>„Pers&#xF6;nlich, Herr Lohkamp!” erwiderte Jupp grinsend.</p><p>„Und in dem Aufzug! Was ist denn blo&#xDF; los mit dir?”</p><p>„Das siehst du doch”, erkl&#xE4;rte Lenz vergn&#xFC;gt und sch&#xFC;ttelte mir die Hand. „Er wird zum Rennfahrer herangebildet. Seit acht Tagen bekommt er bei mir Fahrunterricht. Da hat er mich angefleht, dass ich ihn heute mitnehmen soll. Gute Gelegenheit f&#xFC;r ihn, seine erste &#xDC;berlandtour zu machen.”</p><p>„Werde die Sache schon schmei&#xDF;en, Herr Lohkamp!” best&#xE4;tigte Jupp eifrig.</p><p>„Und wie er sie schmei&#xDF;en wird!” Gottfried schmunzelte. „Ich habe sowas an einem Verfolgungswahnsinnigen<a l:href="#n_127" type="note">[127]</a> noch nicht gesehen! Am ersten Tag seines Fahrunterrichtes hat er schon versucht, mit unserer alten, guten Taxe einen Mercedes-Kompressor zu &#xFC;berholen. Ein verdammter, kleiner Satan!”</p><p>Gottfried blickte mit v&#xE4;terlichem Stolz auf seinen Fahrsch&#xFC;ler herab.</p><p>„Zun&#xE4;chst schnapp dir jetzt mal die Koffer und bring sie zum Bahnhof.”</p><p>„Allein?” Jupp explodierte fast vor Spannung. „Darf ich das St&#xFC;ck bis zum Bahnhof ganz allein fahren, Herr Lenz?”</p><p>Gottfried nickte und Jupp raste ins Haus.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir gaben die Koffer auf. Dann holten wir Pat ab und fuhren zum Bahnhof. Es war noch eine Viertelstunde zu fr&#xFC;h, als wir ankamen. Der Bahnsteig war leer. Nur ein paar Milchkannen standen herum.</p><p>„Fahrt nur los”, sagte ich. „Ihr kommt sonst zu sp&#xE4;t nach Hause.”</p><p>Jupp richtete sich auf. „Herr Lohkamp”, sagte er vorwurfsvoll, „ich habe mir die Sache genau durchgerechnet. Wir sind bequem um acht Uhr in der Werkstatt.”</p><p>Gottfried kletterte in den Sitz. „So, Jupp, nun zeige der Dame mal, wie ein Kavalier und k&#xFC;nftiger Weltmeister startet!”</p><p>Pat und ich sa&#xDF;en noch eine Weile vor dem Bahnhof auf einer Bank. Die hei&#xDF;e, wei&#xDF;e Sonne lag breit auf der h&#xF6;lzernen Wand, die den Bahnsteig absperrte.</p><p>Es roch nach Harz und Salz. Pat lehnte den Kopf zur&#xFC;ck und schloss die Augen. Sie sa&#xDF; ganz still, das Gesicht der Sonne zugewendet.</p><p>„Bist du m&#xFC;de?” fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Nein, Robby.”</p><p>„Da kommt der Zug”, sagte ich.</p><p>Die Lokomotive stampfte heran, schwarz, klein und verloren vor der zitternden, gro&#xDF;en Weite. Wir stiegen ein. Der Zug war wenig besetzt. Er fuhr schnaufend an.</p><p>Pat stand neben mir am Fenster und schaute hin&#xFC;ber. Die Strecke f&#xFC;hrte in einer Kurve n&#xE4;her heran und man konnte deutlich die Fenster unserer Zimmer sehen. Sie standen offen und das wei&#xDF;e Bettzeug war halb herausgelegt in die Sonne.</p><p>„Da ist Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller”, sagte Pat.</p><p>„Ja, wahrhaftig.”</p><p>Sie stand vor der Haust&#xFC;r und winkte. Pat holte ihr Taschentuch hervor und lie&#xDF; es zum Fenster hinausflattern.</p><p>„Das sieht sie nicht”, sagte ich, „es ist zu klein und zu d&#xFC;nn. Hier, nimm meines.”</p><p>Sie nahm es und winkte. Fr&#xE4;ulein M&#xFC;ller winkte heftig zur&#xFC;ck.</p><p>Der Zug gewann allm&#xE4;hlich das freie Feld. Das Haus versank und die D&#xFC;nen blieben zur&#xFC;ck.</p><p>Pat gab mir mein Taschentuch zur&#xFC;ck und setzte sich in eine Ecke. Ich zog das Fenster hoch. Vorbei! dachte ich, Gott sei Dank, vorbei! Es war nichts als ein Traum! Ein verfluchter, b&#xF6;ser Traum!</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Kurz vor sechs Uhr kamen wir in der Stadt an. Ich nahm ein Taxi und verstaute die Koffer. Dann fuhren wir zu Pats Wohnung.</p><p>„Kommst du mit herauf?” fragte sie.</p><p>„Nat&#xFC;rlich.”</p><p>Ich brachte sie hinauf, dann fuhr ich wieder hinunter, um mit dem Chauffeur zusammen die Koffer zu holen. Als ich zur&#xFC;ckkam, stand Pat noch im Vorraum. Sie sprach mit Oberstleutnant von Hake und seiner Frau.</p><p>Wir gingen in ihr Zimmer. Es war heller, fr&#xFC;her Abend drau&#xDF;en. Auf dem Tisch stand eine Glasvase mit blassroten Rosen. Pat ging ans Fenster und sah hinaus. Dann wandte sie sich um. „Wie lange waren wir eigentlich fort, Robby?”</p><p>„Genau achtzehn Tage.”</p><p>„Achtzehn Tage. Mir kommt es viel l&#xE4;nger vor.”</p><p>„Mir auch. Das ist aber immer so, wenn man mal rauskommt.” Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Das meine ich nicht – ”</p><p>„Sieh nur die Rosen”, sagte ich. „Sie sind von K&#xF6;ster. Hier liegt seine Karte dabei.”</p><p>Sie nahm die Karte auf und legte sie dann wieder auf den Tisch. Sie sah die Rosen an, aber ich sah, dass sie sie kaum bemerkte. Sie war mit ihren Gedanken noch bei dem Liegestuhl. Sie hatte geglaubt, ihm schon entronnen zu sein und nun wurde er vielleicht doch wieder ein Teil ihres Lebens.</p><p>Ich lie&#xDF; sie ruhig gew&#xE4;hren und sagte nichts mehr. Es hatte keinen Zweck, sie abzulenken. Sie musste damit fertig werden und es war besser, es geschah jetzt, wo ich dabei war. Man konnte es mit noch so viel Worten h&#xF6;chstens verschieben, aber einmal kam es dann doch und vielleicht war es dann noch viel schwerer.</p><p>Sie stand eine Weile neben dem Tisch, das Gesicht gesenkt und die H&#xE4;nde aufgest&#xFC;tzt. Dann hob sie den Kopf und blickte mich an. Ich sagte nichts. Sie ging langsam um den Tisch herum und legte mir die H&#xE4;nde auf die Schultern.</p><p>„Alter Bursche”, sagte ich.</p><p>Sie lehnte sich an mich. Ich hielt sie fest. „Jetzt werden wir die Sache mal angehen, was?”</p><p>Sie nickte. Dann strich sie sich das Haar zur&#xFC;ck. „War nur so ein Augenblick, Robby.”</p><p>„Nat&#xFC;rlich.”</p><p>Es klopfte. Das Dienstm&#xE4;dchen kam mit dem Teewagen. „Das ist gut”, sagte Pat.</p><p>„Willst du Tee?” fragte ich.</p><p>„Nein, Kaffee, guten, starken Kaffee.”</p><p>Ich blieb noch eine halbe Stunde. Dann wurde sie m&#xFC;de. Ich sah es an ihren Augen. „Du solltest etwas schlafen”, schlug ich ihr vor.</p><p>„Und du?”</p><p>„Ich gehe nach Hause und schlafe auch etwas. Dann hole ich dich in zwei Stunden zum Essen ab.”</p><p>Sie fragte nichts mehr. Sie war sehr m&#xFC;de und fiel nur so zusammen. Ich brachte sie zu Bett und deckte sie zu. Sie schlief sofort ein. Ich stellte die Rosen neben sie und legte auch die Karte K&#xF6;sters hinzu, damit sie gleich etwas hatte, um daran zu denken, wenn sie aufwachte. Dann ging ich.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Unterwegs blieb ich vor einem Telefonautomaten stehen. Ich beschloss, Jaff&#xE9; gleich jetzt anzurufen. Zu Hause war es schwierig. Da musste ich damit rechnen, dass die ganze Pension zuh&#xF6;rte.</p><p>Ich nahm den H&#xF6;rer ab und meldete die Nummer der Klinik an. Nach einer Weile kam Jaff&#xE9; an den Apparat. „Hier ist Lohkamp”, sagte ich und r&#xE4;usperte mich. „Wir sind heute zur&#xFC;ckgekommen. Seit einer Stunde sind wir wieder hier.”</p><p>„Sind Sie mit dem Wagen gefahren?” fragte Jaff&#xE9;.</p><p>„Nein, mit der Bahn.”</p><p>„So, und wie geht es?”</p><p>„Gut”, erwiderte ich.</p><p>Er &#xFC;berlegte einen Augenblick. „Ich werde Fr&#xE4;ulein Hollmann morgen untersuchen. Morgen vormittag um elf. Wollen Sie ihr das bestellen?”</p><p>„Nein”, sagte ich. „Ich m&#xF6;chte nicht, dass sie wei&#xDF;, dass ich Sie angerufen habe. Sie wird sicher morgen selbst telefonieren. Vielleicht sagen Sie es ihr dann.”</p><p>„Gut. Machen wir es so. Ich werde es ihr sagen.”</p><p>„Kann ich dann morgen nachmittag bei Ihnen vorbeikommen?” fragte ich.</p><p>Jaff&#xE9; antwortete nicht. „Ich m&#xF6;chte gern wissen, wie es mit ihr steht”, sagte ich.</p><p>„Das kann ich Ihnen morgen noch nicht sagen”, erwiderte Jaff&#xE9;. „Ich muss sie mindestens eine Woche lang beobachten. Aber ich werde Ihnen dann Bescheid geben.”</p><p>„Glauben Sie, dass sie – dass sich so ein Anfall wiederholen kann?”</p><p>Jaff&#xE9; z&#xF6;gerte eine Sekunde. „M&#xF6;glich ist es nat&#xFC;rlich”, sagte er dann, „aber es ist nicht wahrscheinlich.</p><p>Ich werde Ihnen das erst sagen k&#xF6;nnen, wenn ich sie genau untersucht habe. Ich rufe Sie dann an.”</p><p>„Ja, danke.”</p><p>Ich h&#xE4;ngte den H&#xF6;rer an. Drau&#xDF;en stand ich noch eine Weile auf der Stra&#xDF;e herum. Es war staubig und schw&#xFC;l. Dann ging ich nach Hause.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>An der T&#xFC;r stie&#xDF; ich auf Frau Zalewski. Sie kam wie eine Kanonenkugel aus dem Zimmer von Frau Bender geschossen. Als sie mich sah, stoppte sie. „Was, schon zur&#xFC;ck?”</p><p>„Wie Sie sehen. Ist inzwischen was gewesen?’’</p><p>„F&#xFC;r Sie nichts. Post auch nicht. Aber Frau Bender ist ausgezogen.”</p><p>„So? Warum denn?”</p><p>Frau Zalewski stemmte die Arme in die Seiten. „Weil es &#xFC;berall Lumpen gibt. Ins Christliche Hospiz<a l:href="#n_128" type="note">[128]</a> ist sie gezogen. Mit ihrer Katze und ganzen sechsundzwanzig Mark Verm&#xF6;gen.”</p><p>Sie erz&#xE4;hlte, dass das Kinderheim, in dem Frau Bender S&#xE4;uglingsschwester gewesen war, inzwischen verkracht sei. Der Leiter, ein Pastor, hatte ungl&#xFC;cklich an der B&#xF6;rse spekuliert. Frau Bender war entlassen worden und hatte dabei noch ihr r&#xFC;ckst&#xE4;ndiges Gehalt f&#xFC;r zwei Monate eingeb&#xFC;&#xDF;t.</p><p>„Hat sie schon was Neues gefunden?” fragte ich gedankenlos.</p><p>Frau Zalewski sah mich nur an.</p><p>„Na ja, nat&#xFC;rlich nicht”, sagte ich.</p><p>„Ich habe ihr gesagt, sie k&#xF6;nne ruhig wohnen bleiben. Mit dem Bezahlen eile es nicht. Aber sie wollte nicht.”</p><p>„Was soll das Zimmer eigentlich kosten?” fragte ich. Mir war pl&#xF6;tzlich eine Idee gekommen.</p><p>„Siebzig Mark.”</p><p>„Viel zu teuer”, sagte ich, jetzt ganz wach.</p><p>„Mit Morgenkaffee, zwei Br&#xF6;tchen und reichlich Butter?”</p><p>„Erst recht. Den Morgenkaffee Fridas m&#xFC;ssen Sie abziehen. F&#xFC;nfzig, nicht einen Pfennig mehr.”</p><p>„Wollen Sie es etwa mieten?” fragte Frau Zalewski.</p><p>„Vielleicht.”</p><p>Pat hier, immer hier, bei mir, – ich konnte mir das nicht vorstellen! Ich w&#xE4;re auch nie auf den Gedanken gekommen, wenn sie gesund gewesen w&#xE4;re. So aber, – ich &#xF6;ffnete die T&#xFC;r und ma&#xDF; den Balkon aus. Doch dann sch&#xFC;ttelte ich den Kopf und ging in meine Bude zur&#xFC;ck.</p><p>Sie schlief noch, als ich bei ihr eintrat. Ich setzte mich leise in einen Sessel neben das Bett, aber sie erwachte sofort.</p><p>„Schade, ich habe dich aufgeweckt”, sagte ich.</p><p>„Bist du die ganze Zeit hier gewesen?’’ fragte sie.</p><p>„Nein. Eben erst wieder gekommen.”</p><p>Sie dehnte sich und legte ihr Gesicht gegen meine Hand. „Das ist gut. Ich habe nicht gern, wenn man mir beim Schlafen zusieht.”</p><p>„Das kann ich verstehen. Ich habe es auch nicht gern. Ich wollte dir auch nicht zusehen. Ich wollte dich nur nicht wecken. Willst du nicht noch ein bisschen schlafen?”</p><p>„Nein, ich bin ganz ausgeschlafen. Ich stehe gleich auf.”</p><p>Ich ging in das Zimmer nebenan, w&#xE4;hrend sie sich anzog.</p><p>Pat kam herein. Sie sah wundersch&#xF6;n aus, ganz frisch und gar nicht mehr abgespannt. „Du siehst gl&#xE4;nzend aus”, sagte ich &#xFC;berrascht.</p><p>„Ich f&#xFC;hle mich auch gut, Robby. Als wenn ich eine ganze Nacht geschlafen h&#xE4;tte. So etwas wechselt rasch bei mir.”</p><p>„Ja, wei&#xDF; Gott! Manchmal geht es so rasch, dass man kaum mitkommt.”</p><p>„Ja, Liebling”, sagte sie und nickte, „das ist wirklich so. Und nun komm, wir wollen jetzt essen gehen.”</p><p>„Wohin wollen wir denn gehen?” fragte ich.</p><p>„Zu Alfons. Ich muss all das wiedersehen. Ich habe das Gef&#xFC;hl, als w&#xE4;re ich eine Ewigkeit fortgewesen.”</p><p>„Gut!” sagte ich. „Aber hast du auch den richtigen Hunger daf&#xFC;r? Zu Alfons kann man nicht gehen ohne Hunger. Er wirft einen sonst raus.”</p><p>Sie lachte. „Ich habe sogar einen furchtbaren Hunger.”</p><p>„Dann los!” Ich war pl&#xF6;tzlich sehr froh.</p><p>Der Einzug bei Alfons war triumphal. Er begr&#xFC;&#xDF;te uns, verschwand gleich darauf und kam wieder, einen wei&#xDF;en Kragen und eine gr&#xFC;ngepunktete Krawatte umgebunden. Das h&#xE4;tte er beim deutschen Kaiser nicht gemacht.</p><p>„Also, Alfons, was gibt es Gutes?” fragte Pat und stemmte beide H&#xE4;nde auf den Tisch.</p><p>Alfons schmunzelte, blies die Lippen auf und machte die Augen klein. „Sie haben Gl&#xFC;ck gehabt! Es gibt heute Krebse!”</p><p>Er trat einen Schritt zur&#xFC;ck, um die Wirkung zu beobachten. Sie war erstklassig. „Dazu ein Glas jungen Moselwein”, fl&#xFC;sterte er verz&#xFC;ckt und trat noch einen Schritt zur&#xFC;ck. Er erntete st&#xFC;rmischen Beifall, merkw&#xFC;rdigerweise auch von der T&#xFC;r her. Dort erschien n&#xE4;mlich mit wildem, gelbem Haar und sonnenverbrannter Nase gerade der grinsende Sch&#xE4;del des letzten Romantikers.</p><p>„Gottfried?” schrie Alfons auf, „du? Pers&#xF6;nlich? Mensch, was f&#xFC;r ein Tag! Komm an meine Brust!”</p><p>„Jetzt kannst du was erleben”, sagte ich zu Pat.</p><p>Die beiden st&#xFC;rzten einander in die Arme. Alfons klopfte Lenz auf den R&#xFC;cken, dass es klang, als w&#xE4;re nebenan eine Schmiede. .,Hans”, schrie er zum Kellner hin&#xFC;ber, „bring den Napoleon!”</p><p>Er schleppte Gottfried zur Theke. Der Kellner brachte eine gro&#xDF;e, verstaubte Flasche heran. Alfons schenkte zwei Gl&#xE4;ser voll.</p><p>Beide tranken die Gl&#xE4;ser auf einen Zug leer.</p><p>„Erstklassig!” sagte Gottfried. „Ein Kognak f&#xFC;r Madonnen!”</p><p>„Eine Schande, ihn so runterzusaufen”, best&#xE4;tigte Alfons.</p><p>„Aber wie soll man langsam trinken, wenn man sich freut! Komm, wir nehmen noch einen!”</p><p>Etwas atemlos kam Lenz zur&#xFC;ck an den Tisch. Er zog seine Uhr. „Zehn Minuten vor acht mit dem Citroen in der Werkstatt angekommen. Was sagt ihr dazu?”</p><p>„Ein Rekord”, erwiderte Pat. „Jupp soll leben! Ich werde ihm ebenfalls eine Schachtel Zigaretten stiften.”</p><p>„Und du kriegst daf&#xFC;r eine Portion Krebse extra!” erkl&#xE4;rte Alfons, der Gottfried auf dem Fu&#xDF;e gefolgt war. Dann &#xFC;bergab er uns eine Art von Tischt&#xFC;chern. „Zieht eure Jacken mal aus und bindet das hier um! Die Dame erlaubt es doch, oder nicht?”</p><p>„Ich halte es sogar f&#xFC;r notwendig”, sagte Pat.</p><p>Alfons nickte erfreut. „Sie sind eine vern&#xFC;nftige Frau, das wusste ich. Krebse muss man gem&#xFC;tlich essen. Ohne Angst vor Flecken.” Er schmunzelte. „Sie selbst bekommen nat&#xFC;rlich etwas Eleganteres.”</p><p>Der Kellner Hans brachte einen schneewei&#xDF;en K&#xFC;chenkittel. Alfons entfaltete ihn und half ihr hinein. „Steht Ihnen gut”, lobte er.</p><p>„Heftig, heftig!” erwiderte sie und lachte.</p><p>„Freut mich, dass Sie sich das gemerkt haben”, sagte Alfons wohlwollend. „W&#xE4;rmt einem das Herz.”</p><p>Alfons ging zum Grammophon. Gleich darauf donnerte der Pilgerchor aus dem „Tannh&#xE4;user”<a l:href="#n_129" type="note">[129]</a> los. Wir lauschten schweigend.</p><p>Kaum war der letzte Ton verklungen, da &#xF6;ffnete sich die K&#xFC;chent&#xFC;r und der Kellner Hans erschien mit einer Sch&#xFC;ssel, so gro&#xDF; wie eine Kinderbadewanne. Sie dampfte und war voll Krebse. Er stellte sie keuchend auf den Tisch. „Bring mir auch eine Serviette”, sagte Alfons.</p><p>„Du willst mit uns essen, Goldjunge?” rief Lenz.</p><p>„Welche Auszeichnung!”</p><p>„Wenn die Dame nichts dagegen hat?”</p><p>„Im Gegenteil, Alfons!”</p><p>Pat r&#xFC;ckte ihren Stuhl beiseite und er nahm neben ihr Platz.</p><p>Er griff in die Sch&#xFC;ssel und begann, mit unheimlicher Geschwindigkeit f&#xFC;r sie einen Krebs zu zerlegen. Er machte das mit seinen riesigen H&#xE4;nden so geschickt und elegant, dass sie nichts anderes zu tun hatte, als die ihr appetitlich mit der Gabel dargebotenen Bissen zu essen.</p><p>„Schmeckts?” fragte er.</p><p>„Prachtvoll!” Sie hob ihr Glas. „Auf Ihr Wohl, Alfons.”</p><p>Alfons stie&#xDF; feierlich mit ihr an und trank sein Glas langsam aus. Ich sah sie an. Es w&#xE4;re mir lieber gewesen, sie h&#xE4;tte irgendetwas ohne Alkohol getrunken. Sie sp&#xFC;rte meinen Blick.</p><p>„Salute, Robby”, sagte sie.</p><p>Sie war wundersch&#xF6;n, ganz leuchtend und froh.</p><p>„Salute, Pat”, sagte ich und trank mein Glas aus.</p><p>„Ist es nicht herrlich hier?” fragte sie und sah mich immer noch an.</p><p>„Wunderbar!” Ich schenkte mir von neuem ein.</p><p>„Prost, Pat!”</p><p>Ein Schein ging &#xFC;ber ihr Gesicht. „Prost, Robby! Prost, Gottfried!”</p><p>Wir tranken zum Schluss alle noch einen Napoleon und verabschiedeten uns dann von Alfons. Pat war gl&#xFC;cklich. „Es war herrlich!” sagte sie. „Ich danke Ihnen auch vielmals, Alfons. Es war wirklich herrlich!” Sie gab ihm die Hand. Alfons murmelte etwas und k&#xFC;sste ihr die Hand. Lenz fielen vor Erstaunen dar&#xFC;ber fast die Augen aus dem Kopf. „Kommt bald wieder”, sagte Alfons. „Du auch, Gottfried!”</p><p>Drau&#xDF;en stand klein und verlassen unter der Laterne der Citroen.</p><p>„Oh”, sagte Pat und blieb stehen. Es zuckte &#xFC;ber ihr Gesicht.</p><p>„Ich habe ihn nach seiner Leistung heute Herkules getauft!” Gottfried &#xF6;ffnete den Schlag. „Soll ich euch nach Hause fahren?”</p><p>„Nein”, sagte Pat.</p><p>Pat nahm meinen Arm. Sie ging mit ihren sch&#xF6;nen, geschmeidigen Schritten neben mir her, ich sp&#xFC;rte die W&#xE4;rme ihrer Hand, ich sah den Schimmer der Laternenlichter &#xFC;ber ihr belebtes Gesicht gleiten, – nein, ich konnte es nicht begreifen, dass sie krank war, ich konnte es nur tags&#xFC;ber begreifen, aber abends nicht, wenn das Leben z&#xE4;rtlicher und w&#xE4;rmer und verhei&#xDF;ungsvoller war —</p><p>„Wollen wir noch ein bisschen zu mir gehen?” fragte ich.</p><p>Sie nickte.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich schloss auf und sah nach. Der Korridor lag kahl erleuchtet da wie eine schmale Vorstadtstra&#xDF;e.</p><p>Ich holte Pat herein.</p><p>„Ich glaube, wir machen lieber kein Licht, was?”</p><p>fragte ich in meinem Zimmer.</p><p>„Doch, Liebling. Einmal ganz kurz, dann kannst du es wieder ausmachen.”</p><p>„Du bist ein uners&#xE4;ttlicher Mensch”, sagte ich, tauchte kurz die rote Pl&#xFC;schherrlichkeit<a l:href="#n_130" type="note">[130]</a> in grelles Licht und machte es schleunigst wieder aus.</p><p>Die Fenster standen offen und von den B&#xE4;umen drau&#xDF;en hauchte die Nachtluft frisch wie aus einem Walde herein.</p><p>„Sch&#xF6;n”, sagte Pat und kauerte sich in die Ecke der Fensterbank.</p><p>„Findest du es wirklich sch&#xF6;n hier?”</p><p>„Ja, Robby. Wie in einem gro&#xDF;en Sommerpark.</p><p>Herrlich!”</p><p>„Hast du dir im Vorbeigehen das Zimmer nebenan einmal angesehen?” fragte ich.</p><p>„Nein, warum?”</p><p>„Hier links dieser prachtvolle, gro&#xDF;e Balkon geh&#xF6;rt dazu. Er ist ganz abgedeckt und ohne Gegen&#xFC;ber. Wenn du da jetzt wohntest, brauchtest du nicht einmal einen Badeanzug f&#xFC;r deine Sonnenb&#xE4;der.”</p><p>„Ja, wenn ich da wohnte – ”</p><p>„Das kannst du”, sagte ich leichthin. „Du hast ja gesehen, das Zimmer wird in den n&#xE4;chsten Tagen frei.”</p><p>Sie sah mich an und l&#xE4;chelte. „Glaubst du, dass so etwas richtig w&#xE4;re f&#xFC;r uns? Dauernd so nahe zusammen zu sein?”</p><p>„Wir w&#xE4;ren ja gar nicht dauernd zusammen”;, erwiderte ich. „Tags&#xFC;ber bin ich doch &#xFC;berhaupt nicht da. Abends auch oft nicht. Aber wenn wir dann schon mal zusammen w&#xE4;ren, brauchten wir nicht in Lokalen zu sitzen oder uns immer wieder so rasch zu trennen, als w&#xE4;ren wir beieinander nur zu Besuch.”</p><p>Sie r&#xFC;hrte sich ein wenig in ihrer Ecke. „Das klingt ja beinahe so, als h&#xE4;ttest du es dir schon genau &#xFC;berlegt, Liebling.”</p><p>„Habe ich auch”, sagte ich. „Den ganzen Abend schon.”</p><p>Sie richtete sich auf. „Meinst du es wirklich im Ernst, Robby?”</p><p>„Zum Donnerwetter, ja”, sagte ich, „merkst du das immer noch nicht?”</p><p>Sie schwieg einen Augenblick. „Robby”, sagte sie dann und ihre Stimme war tiefer als vorher, „wie kommst du gerade jetzt darauf?”</p><p>„Ich komme darauf”, erwiderte ich, heftiger als ich wollte, denn ich f&#xFC;hlte pl&#xF6;tzlich, dass jetzt die Entscheidung kam &#xFC;ber vieles mehr noch als &#xFC;ber das Zimmer, „ich komme darauf, weil ich gesehen habe in diesen letzten Wochen, wie wunderbar es ist, ganz zusammen zu sein. Ich kann das nicht mehr ertragen, dieses stundenweise Treffen! Ich will mehr von dir haben! Ich will, dass du immer bei mir bist, ich habe keine Lust mehr auf das kluge Versteckenspiel der Liebe, es ist mir zuwider, ich brauche es nicht, ich will einfach dich und nochmals dich, ich werde nie genug kriegen von dir und ich will dich nicht eine einzige Minute entbehren.”</p><p>Ich h&#xF6;rte ihren Atem. Sie hockte in der Fensterecke, die H&#xE4;nde um die Knie gelegt, und schwieg. „Du kannst mich ruhig auslachen”, sagte ich.</p><p>„Auslachen?” erwiderte sie.</p><p>„Na ja, weil ich immer sage: ich will. Du musst schlie&#xDF;lich ja auch wollen.”</p><p>Sie sah auf. „Wei&#xDF;t du, dass du dich ver&#xE4;ndert hast, Robby?”</p><p>„Nein.”</p><p>„Doch. Du sagst es ja selbst. Du willst. Du fragst nicht mehr so viel. Du willst einfach.”</p><p>„Das ist noch keine so gro&#xDF;e Ver&#xE4;nderung. Du kannst ja trotzdem nein sagen, auch wenn ich noch so sehr will.”</p><p>Sie beugte sich pl&#xF6;tzlich zu mir vor. „Warum sollte ich denn nein sagen, Robby”, sagte sie mit sehr warmer und z&#xE4;rtlicher Stimme, „ich will es ja auch – ”</p><p>&#xDC;berrascht nahm ich sie um die Schultern. Ihr Haar streifte mein Gesicht. „Ist das wahr, Pat?”</p><p>„Aber ja, Liebling.”</p><p>„Verdammt”, sagte ich, „das h&#xE4;tte ich mir viel schwerer vorgestellt.”</p><p>Wir standen noch eine Weile am Fenster. „Deine Sachen nehmen wir alle mit”, sagte ich. „Du sollst hier nichts entbehren. Sogar einen Teewagen schaffen wir uns an. Frida wird das schon lernen.”</p><p>„Wir haben ja einen, Liebling. Er geh&#xF6;rt ja mir.”</p><p>„Um so besser. Dann werde ich morgen gleich mit Frida trainieren.”</p><p>Sie lehnte den Kopf gegen meine Schulter. Ich sp&#xFC;rte, dass sie m&#xFC;de war. „Soll ich dich jetzt nach Hause bringen?” fragte ich.</p><p>„Gleich. Ich lege mich nur noch einen Augenblick hin.”</p><p>Sie lag ruhig, ohne zu sprechen, auf dem Bett, als schliefe sie. Aber ihre Augen waren offen und manchmal fing sich in ihnen der Reflex<a l:href="#n_131" type="note">[131]</a> der Lichtreklamen, die wie bunte Nordlichter lautlos &#xFC;ber die W&#xE4;nde und die Decke glitten. Es war drau&#xDF;en still geworden.</p><p>„Du solltest gleich hier bleiben”, sagte ich.</p><p>Sie richtete sich auf. „Heute nicht, Liebling</p><p>„Ich h&#xE4;tte viel lieber, wenn du hier bliebest</p><p>„Morgen – ”</p><p>Sie stand auf und ging leise durch das dunkle Zimmer. Ich dachte an den Tag, als sie zum ersten Male bei mir geblieben und in der grauen D&#xE4;mmerung der Fr&#xFC;he ebenso still durch das Zimmer gegangen war, um sich anzuziehen.</p><p>Sie kam zur&#xFC;ck aus der Dunkelheit zu mir und nahm mein Gesicht in ihre H&#xE4;nde. „Es war sch&#xF6;n bei dir, Liebling. Sehr sch&#xF6;n. Es ist gut, dass du da bist.”</p><p>Ich erwiderte nichts. Ich konnte nichts erwidern.</p></section><section><title><p>XVIII</p></title><p>Unser Taxi stand vor der Bar. Ich ging hinein, um Lenz abzul&#xF6;sen und mir den Schl&#xFC;ssel und die Papiere zu holen. Gottfried kam mit heraus. „Hast du gute Kasse gehabt?” fragte ich.</p><p>„M&#xE4;&#xDF;ig”, erwiderte er. „Entweder gibt es zu viel Taxis oder zu wenig Leute, die Taxi fahren. Wie wars denn bei dir?”</p><p>„Schlecht. Habe die ganze Nacht herumgestanden und nicht mal zwanzig Mark eingenommen.”</p><p>„Tr&#xFC;be Zeiten!” Gottfried zog die Brauen hoch. „Na, dann hast du’s ja wohl nicht so sehr eilig heute, was?”</p><p>„Nein, warum?”</p><p>„Kannst mich mal ein St&#xFC;ck mitnehmen.”</p><p>„Gut.” Wir stiegen ein. „Wo willst du denn hin?” fragte ich.</p><p>„Zum Dom<a l:href="#n_132" type="note">[132]</a>.”</p><p>Ich hielt vor dem Hauptportal. „Weiter”, sagte Gottfried. „Ganz herum.”</p><p>Er lie&#xDF; mich vor einem kleinen Eingang an der R&#xFC;ckseite halten und stieg aus. „Viel Vergn&#xFC;gen”, sagte ich. „Ich nehme an, dass du beichten willst.”</p><p>„Komm mal mit”, erwiderte er.</p><p>Ich lachte. „Heute nicht. Ich habe heute morgen schon gebetet. Das reicht bei mir f&#xFC;r den ganzen Tag.”</p><p>„Rede keinen Unsinn, Baby! Komm mit. Ich will gro&#xDF;m&#xFC;tig sein und dir was zeigen.”</p><p>Neugierig folgte ich ihm.</p><p>Gottfried zeigte auf ein paar m&#xE4;chtige wei&#xDF;e und rote Rosenb&#xFC;sche. „Das wollte ich dir zeigen! Erkennst du sie wieder?”</p><p>&#xDC;berrascht blieb ich stehen. „Nat&#xFC;rlich erkenne ich sie wieder”, sagte ich. „Also hier hast du geerntet, du alter Kirchenr&#xE4;uber!”</p><p>Pat war vor einer Woche zu Frau Zalewski umgezogen und Lenz hatte ihr abends durch Jupp einen riesigen Strau&#xDF; Rosen geschickt. Es war eine solche Menge gewesen, dass Jupp zweimal herunter musste und jedesmal mit beiden Armen voll wiederkam. Ich hatte mir schon den Kopf zerbrochen, wo Gottfried sie nur herhaben mochte, denn ich kannte sein Prinzip, Blumen niemals zu kaufen.</p><p>„Das ist eine Idee!” sagte ich anerkennend. „Darauf soll ein Mensch kommen!”</p><p>Gottfried schmunzelte. „Der Garten hier ist eine wahre Goldgrube!” Er legte mir feierlich die Hand auf die Schulter. „Hiermit nehme ich dich als Teilhaber auf! Denke, du kannst es gerade jetzt gut gebrauchen!”</p><p>Wir gingen durch den Garten. Die Rosen dufteten bet&#xE4;ubend. Wie eine summende Wolke flogen Bienenschw&#xE4;rme von Bl&#xFC;te zu Bl&#xFC;te.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich setzte Gottfried ab und fuhr zum Stand zur&#xFC;ck. Unterwegs kam ich am Friedhof vorbei. Ich wusste, dass Pat jetzt in ihrem Liegestuhl auf dem Balkon lag und hupte ein paarmal. Aber es zeigte sich nichts und ich fuhr weiter. Nachdenklich fuhr ich zum Stand und stellte mich in die Reihe der wartenden Taxis. Die Sonne br&#xFC;tete auf das Verdeck.</p><p>Ich stieg aus und ging nach vorn zu Gustavs Wagen. „Hier, trink mal”, forderte er mich auf und hielt mir eine Thermosflasche hin. „Wunderbar kalt! Eigene Erfindung! Kaffee mit Eis. Bleibt stundenlang so bei der Hitze. Ja, Gustav ist praktisch!”</p><p>Ich nahm einen Becher und trank ihn aus. „Wenn du so praktisch bist”, sagte ich, „dann erz&#xE4;hl mir doch mal, wie man einer Frau etwas Unterhaltung verschaffen kann, wenn sie viel allein ist.”</p><p>„So was Einfaches!” Gustav sah mich &#xFC;berlegen an. „Mensch Robert! Ein Kind oder ein Hund! Frag mich mal was Schwereres!”</p><p>„Ein Hund!” sagte ich &#xFC;berrascht, „verflucht ja, ein Hund! Da hast du recht! Mit einem Hund ist man nie allein!”</p><p>Ich bot ihm eine Zigarette an. „H&#xF6;r mal, hast du zuf&#xE4;llig eine Ahnung von sowas? So ein K&#xF6;ter muss doch jetzt billig zu kaufen sein.”</p><p>Gustav sch&#xFC;ttelte vorwurfsvoll den Sch&#xE4;del. „Aber Robert, du wei&#xDF;t wahrhaftig noch gar nicht, was du an mir hast! Mein k&#xFC;nftiger Schwiegervater ist doch zweiter Schriftf&#xFC;hrer vom Dobermannpinscherverein<a l:href="#n_133" type="note">[133]</a>!</p><p>Ich erkl&#xE4;rte Gustav, dass ein Dobermann nicht das Richtige sei. Er w&#xE4;re mir zu gro&#xDF; und nicht zuverl&#xE4;ssig im Charakter. Gustav &#xFC;berlegte nur kurz. „Komm mal mit”, sagte er. „Wollen mal spekulieren<a l:href="#n_134" type="note">[134]</a> gehen. Ich wei&#xDF; da was. Darfst mir nur nicht dazwischen reden.”</p><p>„Gut.”</p><p>Er f&#xFC;hrte mich zu einem kleinen Gesch&#xE4;ft.</p><p>Ein krummbeiniger, kleiner Mann mit einer braunen Strickweste kam uns entgegen. W&#xE4;sserige Augen, fahle Haut, ein Leuchtkolben als Nase: Bier- und Schnapstrinker.</p><p>Im Hintergrund des Ladens kl&#xE4;ffte und winselte es. Gustav ging hin&#xFC;ber. Er brachte im Genick zwei kleine Terrier heran, links einen schwarzwei&#xDF;en, rechts einen rotbraunen. Unmerklich zuckte die Hand mit dem rotbraunen. Ich sah ihn an: ja.</p><p>Es war ein wundersch&#xF6;ner, spielerischer Hund. Die Beine gerade, der K&#xF6;rper quadratisch, der Kopf viereckig, klug und frech.</p><p>Wir machten ab, dass ich den Hund sp&#xE4;ter holen sollte, wenn ich mit dem Taxifahren fertig war.</p><p>Kurz vor sechs Uhr fuhr ich in die Werkstatt zur&#xFC;ck. K&#xF6;ster erwartete mich. „Jaff&#xE9; hat heute nachmittag telefoniert. Du sollst ihn anrufen.”</p><p>Ich bekam einen Augenblick keinen Atem. „Hat er was gesagt, Otto?”</p><p>„Nein, nichts Besonderes. Nur dass er bis f&#xFC;nf in seiner Sprechstunde ist. Nachher im Dorotheenkrankenhaus. Du wirst also dort anrufen m&#xFC;ssen.”</p><p>„Gut.”</p><p>Ich ging ins B&#xFC;ro. Es war warm und stickig, aber ich fror, und der Telefonh&#xF6;rer zitterte in meiner Hand. „Unsinn”, sagte ich und st&#xFC;tzte den Arm fest auf den Tisch.</p><p>Es dauerte lange, bis ich Jaff&#xE9; erreichte. „Haben Sie Zeit?” fragte er. „Ja.”</p><p>„Dann kommen Sie doch gleich hier heraus. Ich bin noch eine Stunde da.”</p><p>„Gut”, sagte ich, „in zehn Minuten bin ich da.”</p><p>Ich legte den H&#xF6;rer auf und rief sofort zuhause an. Das Dienstm&#xE4;dchen war am Apparat. Ich fragte nach Pat. „Wei&#xDF; nicht, ob sie da ist”, sagte Frida brummig.</p><p>„Will mal nachsehen.” Ich wartete. Mein Kopf war dick und hei&#xDF;. Es dauerte endlos. Dann h&#xF6;rte ich ein Scharren und Pats Stimme. „Robby?” Ich schloss einen Moment die Augen. „Wie geht es, Pat?”</p><p>„Gut. Ich habe bis eben auf dem Balkon gesessen und gelesen. Ein aufregendes Buch.”</p><p>„So, ein aufregendes Buch”, sagte ich. „Das ist ja sch&#xF6;n. Ich wollte dir nur sagen, dass ich heute ein bisschen sp&#xE4;ter nach Hause komme. Bist du schon fertig mit deinem Buch?”</p><p>„Nein, ich bin mitten drin. Ein paar Stunden reicht es noch.”</p><p>„Bis dahin bin ich l&#xE4;ngst da. Und nun lies rasch weiter.” Ich blieb einen Augenblick sitzen. Dann stand ich auf. „Otto”, sagte ich, „kann ich Karl mal haben?”</p><p>„Nat&#xFC;rlich. Wenn du willst, fahre ich mit. Ich habe hier nichts zu tun.”</p><p>„Ist nicht n&#xF6;tig. Es ist weiter nichts. Ich habe schon zuhause angerufen.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich musste ein paar Minuten auf Jaff&#xE9; warten. Eine Schwester f&#xFC;hrte mich in ein kleines Zimmer, in dem alte Zeitschriften umherlagen. Ein paar Blument&#xF6;pfe mit Rankengew&#xE4;chsen standen auf der Fensterbank.</p><p>Jaff&#xE9; kam herein.</p><p>„Ich habe Ihnen versprochen, zu sagen, wie es mit Fr&#xE4;ulein Hollmann steht”, sagte Jaff&#xE9;. „Sie war vor zwei Jahren sechs Monate im Sanatorium. Wissen Sie das?”</p><p>„Nein”, sagte ich und sah weiter auf die Tischdecke.</p><p>„Es hatte sich danach gebessert. Ich habe sie jetzt genau untersucht. Sie muss diesen Winter unbedingt noch einmal hin. Sie kann nicht hier in der Stadt bleiben.”</p><p>„Wann muss sie fort?” fragte ich.</p><p>„Im Herbst. Sp&#xE4;testens Ende Oktober.”</p><p>„Es war also keine vor&#xFC;bergehende Blutung?”</p><p>„Nein.”</p><p>Ich hob die Augen. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen”, fuhr Jaff&#xE9; fort, „dass diese Krankheit ganz unberechenbar ist. Vor einem Jahr schien sie zu stehen, die Verkapselung war eingetreten und es war anzunehmen, dass sie geschlossen blieb. Ebenso, wie sie jetzt wieder aufgebrochen ist, kann sie &#xFC;berraschend wieder zum Stillstand kommen. Ich sage das nicht so daher, – es ist wirklich so. Ich selbst habe merkw&#xFC;rdige Heilungen erlebt.”</p><p>„Verschlimmerungen auch?”</p><p>Er sah mich an. „Das auch, nat&#xFC;rlich.”</p><p>Er begann mir die Einzelheiten zu erkl&#xE4;ren. Beide Lungenfl&#xFC;gel waren angegriffen, der rechte weniger, der linke st&#xE4;rker. Dann unterbrach er sich und klingelte nach der Schwester.</p><p>„Holen Sie einmal meine Mappe.”</p><p>Die Schwester brachte sie. Jaff&#xE9; nahm zwei gro&#xDF;e Photographien heraus. Er zog die knisternden Umschl&#xE4;ge herab und hielt sie gegen das Fenster. „So sehen Sie es besser. Hier haben wir die R&#xF6;ntgenbilder.”</p><p>Jaff&#xE9; zeichnete mit der Pinzette einzelne Linien und Verf&#xE4;rbungen auf der Platte nach und erkl&#xE4;rte sie. Schlie&#xDF;lich wandte er sich mir zu. „Haben Sie es verstanden?”</p><p>„Ja”, sagte ich.</p><p>„Was ist denn?” fragte er.</p><p>„Nichts”, erwiderte ich. „Ich kann das nur nicht gut sehen.”</p><p>„Ach so.” Er r&#xFC;ckte an seiner Brille. Dann schob er die Photographien wieder in die H&#xFC;llen zur&#xFC;ck und musterte mich forschend. „Machen Sie sich keine unn&#xFC;tzen Gedanken.”</p><p>„Das tue ich nicht. Aber es ist ein gottverdammtes Elend! Millionen Menschen sind gesund! Warum dieser eine nicht?”</p><p>Jaff&#xE9; schwieg eine Weile.</p><p>„Darauf kann niemand eine Antwort geben”, sagte er dann.</p><p>„Ja”, erwiderte ich, pl&#xF6;tzlich furchtbar erbittert und ganz taub vor Wut, „darauf kann niemand eine Antwort geben! Nat&#xFC;rlich nicht! Auf das Elend und das Sterben kann niemand eine Antwort geben! Verflucht! Nicht einmal tun kann man etwas dagegen!”</p><p>Jaff&#xE9; sah mich lange an. „Entschuldigen Sie”, sagte ich. „Aber ich kann mir nichts vormachen. Das ist das Verfluchte.”</p><p>„Vor neun Jahren starb meine Frau. Sie war f&#xFC;nfundzwanzig Jahre alt. Nie krank gewesen. Grippe.” Er schwieg einen Augenblick. „Sie verstehen, weshalb ich Ihnen das sage?”</p><p>Ich nickte wieder.</p><p>„Man kann nichts voraus wissen. Der Todkranke kann den Gesunden &#xFC;berleben. Das Leben ist eine sonderbare Angelegenheit.” Sein Gesicht war jetzt sehr faltig. Eine Schwester kam und fl&#xFC;sterte ihm etwas zu. Er reckte sich auf und nickte zum Operationssaal hin&#xFC;ber.</p><p>„Ich muss jetzt da hinein. Zeigen Sie Pat nicht, wenn Sie Sorge haben. Das ist das Wichtigste. K&#xF6;nnen Sie das?”</p><p>„Ja”, sagte ich.</p><p>Er gab mir die Hand und ging rasch mit der Schwester durch die Glast&#xFC;r in den kalkwei&#xDF; erleuchteten Saal.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich blieb eine Zeitlang im Wagen sitzen und starrte vor mich hin. Dann nahm ich mich zusammen und fuhr zur&#xFC;ck zur Werkstatt. K&#xF6;ster wartete auf mich vor dem Tor. Ich fuhr den Wagen in den Hof und stieg aus. „Wusstest du es schon?” fragte ich.</p><p>„Ja”, erwiderte er, „Aber Jaff&#xE9; wollte es dir selber sagen.”</p><p>Ich nickte.</p><p>K&#xF6;ster sah mich an.</p><p>„Otto”, sagte ich, „ich bin kein Kind und wei&#xDF;, dass noch nichts verloren ist. Aber es wird mir vielleicht doch schwer werden, mich heute abend nicht zu verraten, wenn ich mit Pat allein bleibe. Morgen geht es. Dann bin ich durch. Wollen wir heute alle zusammen irgendwohin gehen?”</p><p>„Selbstverst&#xE4;ndlich, Robby. Ich habe schon daran gedacht und Gottfried Bescheid gesagt.”</p><p>„Dann gib mir Karl noch einmal. Ich fahre nach Hause und hole erst Pat ab und dann, in einer Stunde, euch.”</p><p>„Gut.”</p><p>Ich fuhr los. In der Nikolaistra&#xDF;e fiel mir ein, dass ich den Hund vergessen hatte. Ich drehte um und fuhr zur&#xFC;ck, um ihn zu holen.</p><p>Der Laden war nicht beleuchtet, aber die T&#xFC;r war offen.</p><p>Der Terrier sprang mir entgegen, beschnupperte mich und leckte mir die Hand. Seine Augen schimmerten gr&#xFC;n im schr&#xE4;gen Schein, der von der Stra&#xDF;e hereinfiel.</p><p>Ich nahm den Hund, der sich warm an mich dr&#xE4;ngte, und ging. Geschmeidig, mit langen, weichen Bewegungen, lief er neben mir her zum Wagen.</p><p>Ich fuhr nach Hause und ging vorsichtig, den Hund an der Leine, hinauf. Auf dem Korridor blieb ich stehen und schaute in den Spiegel. Mein Gesicht war wie sonst. Ich klopfte an Pats T&#xFC;r, &#xF6;ffnete sie ein wenig und lie&#xDF; den Hund hinein.</p><p>„Mein Gott!” rief Pat. „Das ist ja ein irischer Terrier!”</p><p>„Alle Achtung!” sagte ich. „Vor ein paar Stunden habe ich das noch nicht gewusst.”</p><p>Sie beugte sich herunter und der Hund sprang st&#xFC;rmisch an ihr hoch.</p><p>„Wie hei&#xDF;t er denn, Robby?”</p><p>„Keine Ahnung. Wahrscheinlich Kognak oder Whisky oder so, nach seinem letzten Besitzer.”</p><p>„Geh&#xF6;rt er uns?”</p><p>„Soweit ein lebendiges Wesen einem anderen geh&#xF6;ren kann, ja.”</p><p>Sie war ganz atemlos vor Freude. „Wir werden ihn Billy nennen, Robby! Meine Mutter hatte einen als M&#xE4;dchen. Sie hat mir oft davon erz&#xE4;hlt. Er hie&#xDF; auch Billy!”</p><p>„Dann habe ich es ja gut getroffen”, sagte ich.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>„Pat”, sagte ich und nahm sie fest in die Arme, „es ist wunderbar, nach Hause zu kommen und dich hier zu finden. Es ist immer wieder eine &#xDC;berraschung f&#xFC;r mich. Wenn ich das letzte St&#xFC;ck der Treppe emporsteige und die T&#xFC;r aufschlie&#xDF;e, habe ich stets Herzklopfen, dass es nicht wahr sein k&#xF6;nnte.”</p><p>Sie blickte mich l&#xE4;chelnd an. Sie antwortete fast nie, wenn ich ihr so etwas sagte. Sie bekam nur strahlende, gl&#xFC;ckliche Augen und damit sagte sie mehr als mit noch so vielen Worten.</p><p>Ich hielt sie lange fest, ich sp&#xFC;rte die W&#xE4;rme ihrer Haut und den leichten Duft ihres Haares, – ich hielt sie fest und es war nichts mehr da au&#xDF;er ihr, die Dunkelheit wich zur&#xFC;ck, sie war da, sie lebte, sie atmete und nichts war verloren.</p><p>„Gehen wir wirklich fort, Robby?” fragte sie dicht an meinem Gesicht. „Alle zusammen sogar”, erwiderte ich, „K&#xF6;ster und Lenz auch. Karl steht schon vor der T&#xFC;r.”</p><p>„Und Billy?”</p><p>„Billy kommt nat&#xFC;rlich mit. Was sollen wir sonst mit dem Rest des Abendessens machen! Oder hast du schon gegessen?”</p><p>„Nein, noch nicht. Ich habe auf dich gewartet.”</p><p>„Du sollst aber nicht auf mich warten. Nie. Es ist schrecklich, auf etwas zu warten.”</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Das verstehst du nicht, Robby. Es ist nur schrecklich, nichts zu haben, auf das man warten kann.”</p><p>Sie knipste das Licht vor dem Spiegel an. „Jetzt muss ich aber anfangen, mich anzuziehen, sonst werde ich nicht fertig. Ziehst du dich auch an?”</p><p>„Sp&#xE4;ter”, sagte ich. „ich bin ja rasch fertig. Lass mich noch etwas hierbleiben.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich rief den Hund zu mir und setzte mich in den Sessel neben das Fenster. Ich liebte es, so still dazusitzen und Pat zuzusehen, w&#xE4;hrend sie sich anzog.</p><p>Der frische Hauch des Abends wehte vom Friedhof durch das offene Fenster ins Zimmer. Ich sa&#xDF; still da, ich hatte nichts vergessen vom Nachmittag, ich wusste alles noch genau, – aber wenn ich zu Pat hin&#xFC;bersah, dann sp&#xFC;rte ich, wie die dumpfe Traurigkeit, die wie ein Stein in mich heruntergesunken war, immer wieder &#xFC;bersp&#xFC;lt wurde von einer wilden Hoffnung, wie sie sich wandelte und sich seltsam damit vermischte, wie eines zum anderen wurde, die Traurigkeit, die Hoffnung, der Wind, der Abend und das sch&#xF6;ne M&#xE4;dchen zwischen den begl&#xE4;nzten Spiegeln und Leuchtern, ja, ich hatte einen Augenblick lang pl&#xF6;tzlich das sonderbare Empfinden, als ob erst das wirklich und in einem sehr tiefen Sinne das Leben sei und vielleicht sogar das Gl&#xFC;ck: Liebe mit so viel Schwermut, Furcht und schweigendem Wissen.</p></section><section><title><p>XIX</p></title><p>Ich stand am Parkplatz und wartete. Gustav kam mit seinem Wagen heran und stellte sich hinter mir auf. „Was macht der K&#xF6;ter, Robert?” fragte er.</p><p>„Dem gehts gro&#xDF;artig”, sagte ich.</p><p>„Und dir?”</p><p>Ich winkte missmutig ab. „Mir w&#xFC;rde es auch gro&#xDF;artig gehen, wenn ich mehr verdiente. Stell dir vor, zwei ganze F&#xFC;nfzigpfennigfuhren heute”</p><p>Er nickte. „Es wird immer schlechter. Alles wird immer schlechter. Was das blo&#xDF; noch geben soll!”</p><p>„Dabei m&#xFC;sste ich so notwendig Geld verdienen!” sagte ich. „Gerade jetzt! Viel Geld.”</p><p>Gustav kratzte sich am Kinn. „Viel Geld!” Dann sah er mich an. „Reell ist nirgendwo viel Moos<a l:href="#n_135" type="note">[135]</a> zu holen, Robert. Nur durch Spekulationen. Wie w&#xE4;re es mit dem Toto<a l:href="#n_136" type="note">[136]</a>? Heute sind Rennen. Ich wei&#xDF; da einen erstklassigen Laden. Habe neulich mal achtundzwanzigfaches Geld gemacht auf Aida<a l:href="#n_137" type="note">[137]</a>.”</p><p>„Was, ist mir egal. Hauptsache ist, dass eine Chance da ist.”</p><p>„Hast du schon mal getippt<a l:href="#n_138" type="note">[138]</a>?”</p><p>„Nein.”</p><p>„Dann hast du die Kinderhand!<a l:href="#n_139" type="note">[139]</a> Damit ist was zu machen.” Er sah nach der Uhr. „Wollen wir los? Schaffen es gerade noch.”</p><p>„Gut!” Seit dem Hund hatte ich Vertrauen zu Gustav.</p><p>Das Wettb&#xFC;ro war ein ziemlich gro&#xDF;er Raum. Rechts war ein Zigarrenladen abgeteilt, links befand sich der Totalisator.</p><p>Zu meinem Erstaunen herrschte m&#xE4;chtiger Betrieb.</p><p>Gustav studierte bereits die Rennlisten. „Wann kommt Auteuil raus?” rief er zur Theke hin&#xFC;ber.</p><p>„F&#xFC;nf Uhr”, quakte der Gehilfe.</p><p>Gustav studierte wieder. „Wir setzen als Anfang jeder zwei Eier<a l:href="#n_140" type="note">[140]</a> auf Tristan, Sieg”, erkl&#xE4;rte er mir.</p><p>„Hast du denn eine Ahnung davon?” fragte ich.</p><p>„Ahnung??” fragte Gustav zur&#xFC;ck. „Ich kenne jeden Pferdehuf.”</p><p>Er rief unsere S&#xE4;tze zu dem Mann am Pult hin&#xFC;ber. Wir erhielten einen Zettel und setzten uns vorn in das Lokal, wo ein paar Tische und St&#xFC;hle standen.</p><p>Das Telefon schrillte. Alles spitzte die Ohren. Der Gehilfe rief die Namen aus. Von Tristan war weit und breit nichts zu h&#xF6;ren. „Verdammt”, sagte Gustav und lief rot an, „Salomon<a l:href="#n_141" type="note">[141]</a> hats gemacht. Wer h&#xE4;tte das gedacht, Sie etwa?” fragte er &#xE4;rgerlich das Flei&#xDF;ige Lieschen<a l:href="#n_142" type="note">[142]</a>.</p><p>Von Bieling erschien zwischen uns. „Meine Herrschaften, h&#xE4;tten Sie auf mich geh&#xF6;rt – Salomon h&#xE4;tte ich Ihnen gesagt! Nur Salomon! Wollen Sie zum n&#xE4;chsten Rennen – ”</p><p>„Verstehen Sie was von Pferden?” fragte Bieling mich.</p><p>„Nichts”, sagte ich.</p><p>„Dann setzen Sie! Setzen Sie! Aber nur heute”, f&#xFC;gte er fl&#xFC;sternd hinzu, „und nie wieder. H&#xF6;ren Sie auf mich. Setzen Sie – es ist ganz egal – K&#xF6;nig Lear oder Silbermotte – vielleicht auch L’heure bleue<a l:href="#n_143" type="note">[143]</a>. Ich will nichts verdienen. Geben Sie mir nur etwas, wenn Sie gewinnen.” Er zitterte mit dem Kinn vor Spielleidenschaft. Ich kannte die Regel vom Poker her: Anf&#xE4;nger gewannen oft. „Sch&#xF6;n”, sagte ich, „worauf?”</p><p>„Was Sie wollen – was Sie wollen – ”</p><p>„L’heure bleue klingt nicht h&#xE4;&#xDF;lich”, sagte ich, „also zehn Mark auf L’heure bleue.”</p><p>Bieling sah mich beschw&#xF6;rend an und machte mir Zeichen.</p><p>„Sieg”, sagte ich.</p><p>„Lass dir begraben<a l:href="#n_144" type="note">[144]</a>”, grunzte das Flei&#xDF;ige Lieschen ver&#xE4;chtlich.</p><p>„Mensch!” Auch Gustav sah mich an, als ob ich mich in einen Hottentotten verwandelt h&#xE4;tte.</p><p>„Ich bleibe bei meiner L’heure bleue”, erkl&#xE4;rte ich. Es w&#xE4;re gegen alle geheimen Gl&#xFC;cksrittergesetze gewesen, jetzt noch zu wechseln.</p><p>Der Mann mit dem lila Hemd &#xFC;bergab mir meinen Zettel.</p><p>Das Telefon klingelte. „Das nennt die Welt Schwein<a l:href="#n_145" type="note">[145]</a>!” h&#xF6;rte ich pl&#xF6;tzlich Gustav schmettern. „Herrschaften, das ist schon mehr als Schwein, das ist eine Riesenmuttersau mit zwanzig Ferkeln!” Er schlug mir auf die Schulter. „Hundertachtzig Eier hast du getrudelt<a l:href="#n_146" type="note">[146]</a>, Mann Gottes! Dein Hotteh&#xFC;<a l:href="#n_147" type="note">[147]</a> mit dem komischen Namen hats gemacht!”</p><p>„Was, tats&#xE4;chlich?” fragte ich.</p><p>Einen Augenblick entstand v&#xF6;llige Stille im ganzen Raum. Alles sah zu. Sogar der unentwegte Esser hob den Kopf.</p><p>Ich steckte die Scheine ein. „Aufh&#xF6;ren!” fl&#xFC;sterte Bieling. „Aufh&#xF6;ren!” Er hatte rote Flecke im Gesicht. Ich schob ihm zehn Mark in die Hand.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Um sieben Uhr fuhr ich in die Werkstatt zur&#xFC;ck. Karl stand auf dem Hof und r&#xF6;hrte. „Gut, dass du kommst, Robby”, rief K&#xF6;ster, „wir wollen gerade raus und ihn ausprobieren! Steig ein.”</p><p>Die ganze Firma stand erwartungsvoll bereit. Otto hatte an Karl einiges verbessert und ge&#xE4;ndert, weil er in vierzehn Tagen mit ihm zu einem Bergrennen starten wollte. Jetzt sollte die erste Probefahrt erfolgen.</p><p>Wir stiegen ein. Jupp sa&#xDF; neben K&#xF6;ster, seine m&#xE4;chtige Rennbrille vor dem Gesicht. Ihm w&#xE4;re das Herz gebrochen, wenn er nicht mitgekommen w&#xE4;re. Lenz und ich setzten uns nach hinten.</p><p>Karl stob davon. Wir erreichten die lange Ausfallstra&#xDF;e und gingen auf hundertvierzig Kilometer. Lenz und ich b&#xFC;ckten uns dicht auf die Lehnen der Vordersitze; es war ein Wind, dass man meinte, der Kopf w&#xFC;rde einem weggerissen. Eine Viertelstunde sp&#xE4;ter sahen wir vor uns einen schwarzen Punkt, der rasch gr&#xF6;&#xDF;er wurde. Es war ein ziemlich schwerer Wagen, der eine Geschwindigkeit von ungef&#xE4;hr achtzig bis hundert Kilometern hatte. Er lag nicht besonders gut auf der Stra&#xDF;e, sondern schw&#xE4;nzelte hin und her. Die Strecke war ziemlich schmal. K&#xF6;ster ging deshalb mit dem Tempo herunter. Als wir auf hundert Meter heran waren und hupen wollten, sahen wir pl&#xF6;tzlich auf einem Seitenweg von rechts einen Motorradfahrer herankommen, der gleich darauf hinter einer Hecke vor der Kreuzung verschwand. „Verflucht! Das gibt was!” rief Lenz.</p><p>Im selben Augenblick sahen wir den Motorradfahrer auf der Stra&#xDF;e auftauchen, zwanzig Meter vor dem Wagen. Er hatte wahrscheinlich dessen Tempo untersch&#xE4;tzt und versuchte deshalb jetzt im Bogen vorher noch vorbeizukommen. Der Wagen ruckte scharf nach links, um so auszuweichen, aber das Motorrad rutschte jetzt ebenfalls nach links her&#xFC;ber. Der Wagen wurde wieder nach rechts gerissen und streifte mit dem Kotfl&#xFC;gel das Motorrad, das herumflog. Der Fahrer st&#xFC;rzte vorn&#xFC;ber auf die Stra&#xDF;e. Der Wagen schleuderte, kam nicht wieder in die Bahn, riss den Wegweiser um, knickte eine Laterne ab und prallte mit knatterndem Get&#xF6;se gegen einen Baum.</p><p>Wir liefen zur&#xFC;ck und rissen die T&#xFC;ren des Wagens auf.</p><p>S&#xE4;mtliche Scheiben der schweren Limousine waren zersplittert. Im Halbdunkel des Innern sahen wir das blut&#xFC;berstr&#xF6;mte Gesicht einer Frau. Neben ihr war ein Mann zwischen Steuerrad und Sitz gequetscht. Wir hoben zuerst die Frau heraus und legten sie auf die Stra&#xDF;e. Ihr Gesicht war voller Schnitte, ein paar Splitter steckten noch darin, aber das Blut lief regelm&#xE4;&#xDF;ig. Schlimmer war der rechte Arm. Der &#xC4;rmel der wei&#xDF;en Kost&#xFC;mjacke war hellrot und tropfte stark. Lenz schnitt ihn auf. Ein Schwall Blut floss heraus, dann pulste es weiter. Die Ader war zerschnitten. Lenz drehte sein Taschentuch zu einem Knebel.</p><p>,,Macht den Mann frei, ich werde hier schon fertig”, sagte er. „Wir m&#xFC;ssen rasch ins n&#xE4;chste Krankenhaus.”</p><p>Um den Mann loszubekommen, mussten wir die Sitzlehne abschrauben. Zum Gl&#xFC;ck hatten wir Werkzeug genug bei uns und es ging ziemlich schnell.</p><p>K&#xF6;ster fuhr Karl r&#xFC;ckw&#xE4;rts bis dicht an die Ungl&#xFC;cksstelle heran. Wir legten die Lehne eines der Vordersitze zur&#xFC;ck und konnten so den Mann hinlegen. Die Frau setzten wir auf den Hintersitz. „Bleib hier und pass auf den Wagen, Jupp”, sagte Lenz.</p><p>„Wo ist eigentlich der Motorradfahrer geblieben?” fragte ich.</p><p>„Abgehauen, als wir am Arbeiten waren”, erkl&#xE4;rte Jupp.</p><p>Wir fuhren langsam los. In der N&#xE4;he des n&#xE4;chsten Dorfes war ein kleines Sanatorium. Soviel wir wussten, war es eine Art Privatirrenanstalt f&#xFC;r leichtkranke, reiche Patienten, – aber sicher war ein Arzt da und ein Verbandsraum.</p><p>Wir fuhren den H&#xFC;gel hinauf und klingelten. Eine sehr h&#xFC;bsche Schwester kam heraus. Sie wurde blass, als sie das Blut sah, und lief zur&#xFC;ck. Gleich darauf kam eine zweite, bedeutend &#xE4;ltere. ,,Bedaure”, sagte sie, „wir sind nicht auf Unf&#xE4;lle eingerichtet. Sie m&#xFC;ssen zum Virchow-Krankenhaus fahren. Es ist nicht weit.”</p><p>„Es ist fast eine Stunde von hier”, erwiderte K&#xF6;ster.</p><p>Die Schwester sah ihn abweisend an. „Wir sind gar nicht auf so etwas eingerichtet. Es ist auch kein Arzt da – ”</p><p>„Dann versto&#xDF;en Sie gegen das Gesetz”, erkl&#xE4;rte Lenz.</p><p>Wir gingen zum Wagen zur&#xFC;ck und halfen der Frau heraus. Sie sagte nichts; sie blickte nur auf ihre H&#xE4;nde. Wir brachten sie in einen kleinen Ordinationsraum im Parterre. Dann kam die Tragbahre f&#xFC;r den Mann. Wir hoben ihn hinauf. Er st&#xF6;hnte. „Einen Augenblick – ”</p><p>Wir sahen ihn an. Er schloss die Augen. „Ich m&#xF6;chte, dass niemand etwas erf&#xE4;hrt”, sagte er m&#xFC;hsam.</p><p>„Sie waren v&#xF6;llig ohne Schuld”, erwiderte K&#xF6;ster.</p><p>„Wir haben den Unfall genau gesehen und sind gern Zeugen f&#xFC;r Sie.”</p><p>„Das ist es nicht”, sagte der Mann. „Ich m&#xF6;chte aus anderen Gr&#xFC;nden, dass nichts bekannt wird. Sie verstehen – ” Er blickte nach der T&#xFC;r, durch die die Frau gegangen war.</p><p>„Dann sind Sie hier am richtigen Platz”, erkl&#xE4;rte Lenz. „Es ist ein Privathaus. Das einzige w&#xE4;re nur noch, dass Ihr Wagen verschwindet, ehe die Polizei ihn sieht.”</p><p>Der Mann st&#xFC;tzte sich auf. „W&#xFC;rden Sie das f&#xFC;r mich noch machen? Eine Reparaturanstalt anrufen? Und geben Sie mir bitte Ihre Adresse! Ich m&#xF6;chte – ich bin Ihnen zu Dank – ”</p><p>K&#xF6;ster wehrte mit einer Handbewegung ab. „Doch”, sagte der Mann, „ich w&#xFC;sste gern – ”</p><p>„Ganz einfach”, erwiderte Lenz. „Wir haben selbst eine Reparaturanstalt und sind Spezialisten f&#xFC;r Wagen wie den Ihren. Wir werden ihn gleich mitnehmen, wenn Sie einverstanden sind, und ihn wieder in Ordnung bringen. Damit ist Ihnen geholfen und uns gewisserma&#xDF;en auch.”</p><p>„Gern”, sagte der Mann. „Wollen Sie meine Adresse – ich komme dann selbst, den Wagen holen. Oder schicke jemand.”</p><p>K&#xF6;ster steckte die Visitenkarte in die Tasche und wir trugen ihn hinein.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir fuhren zum Dorf und fragten nach einer Werkstatt. Dort liehen wir uns bei einem Schmied eine Abschleppvorrichtung und ein Seil und versprachen dem Mann zwanzig Mark daf&#xFC;r. Doch der war misstrauisch und wollte den Wagen sehen. Wir nahmen ihn mit und fuhren zur&#xFC;ck.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir bockten den Wagen auf und befestigten ihn mit dem Drahtseil hinter Karl. „Glaubst du, dass es ihm nicht schadet?” fragte ich K&#xF6;ster. „Karl ist schlie&#xDF;lich ein Rennpferd und kein Packesel.”</p><p>Er sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Ist ja nicht weit. Und ebene Stra&#xDF;e.” Lenz setzte sich in den Stutz und wir fuhren langsam los.</p><p>Wir fuhren auf unserm Hof ein. Lenz kletterte aus dem Stutz und nahm feierlich den Hut vor ihm ab. „Sei gegr&#xFC;&#xDF;t, Gesegneter! Du kommst aus traurigem Anlass hierher, aber uns wirst du, mit liebevollem Auge oberfl&#xE4;chlich gesch&#xE4;tzt, etwa drei bis dreieinhalbtausend Mark einbringen.”</p><p>Wir tranken alle ein Glas, dann gingen wir sofort daran, den Stutz m&#xF6;glichst weit auseinanderzunehmen. Es gen&#xFC;gte n&#xE4;mlich nicht immer, dass der Besitzer allein den Auftrag zur Reparatur gab; – oft kam nachtr&#xE4;glich noch die Versicherungsgesellschaft, um den Wagen anderswohin, in eine ihrer Vertragswerkst&#xE4;tten, zu geben. Je weiter wir deshalb kamen, um so besser war es. Es war dunkel, als wir aufh&#xF6;rten. „F&#xE4;hrst du heute abend noch Taxi?” fragte ich Lenz.</p><p>„Ausgeschlossen”, erwiderte Gottfried. „Man soll das Geldverdienen auf keinen Fall &#xFC;bertreiben. Der Stutz gen&#xFC;gt mir f&#xFC;r heute.”</p><p>„Mir nicht”, sagte ich. „Wenn du nicht f&#xE4;hrst, werde ich von elf bis zwei die Nachtlokale abgrasen.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich verabschiedete mich deshalb bald und ging nach Hause.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Pat h&#xF6;rte mich nicht kommen. Sie sa&#xDF; auf dem Boden vor dem Spiegel und probierte an einem Hut herum, einer kleinen schwarzen Kappe. Neben ihr auf dem Teppich stand die Lampe. Das Zimmer war voll von einer warmen, braungoldenen D&#xE4;mmerung und nur ihr Gesicht war hell vom Licht bestrahlt. Sie hatte sich einen Stuhl heranger&#xFC;ckt, von dem ein bisschen Seide herunterhing. Auf dem Sitz lag eine Schere und blitzte.</p><p>Ich blieb ruhig an der T&#xFC;r stehen und sah zu, wie sie ernsthaft an der Kappe arbeitete. Sie liebte es, auf dem Boden zu sitzen, und ich hatte sie manchmal schon abends eingeschlafen in irgendeiner Zimmerecke auf dem Boden gefunden, neben sich ein Buch und den Hund.</p><p>Der Hund lag auch jetzt neben ihr und begann zu knurren. Pat blickte auf und sah mich im Spiegel. Sie l&#xE4;chelte und mir schien, als ob alles in der Welt heller dadurch w&#xFC;rde. Ich ging durch das Zimmer, kniete hinter ihr nieder und legte meinen Mund nach all dem Dreck des Tages auf die warme, weiche Haut des Nackens vor mir.</p><p>Sie hob die schwarze Kappe hoch. „Ich habe sie ge&#xE4;ndert, Liebling. Gef&#xE4;llt sie dir so?”</p><p>„Es ist ein ganz herrlicher Hut”, sagte ich.</p><p>„Aber du siehst ja gar nicht hin! Ich habe hinten den Rand abgeschnitten und ihn vorn hochgeklappt.”</p><p>„Ich sehe ihn ganz genau”, sagte ich mit dem Gesicht in ihrem Haar, „es ist ein Hut, bei dem die Pariser Schneider vor Neid erbleichen w&#xFC;rden, wenn sie ihn s&#xE4;hen.”</p><p>„Aber Robby!” Lachend schob sie mich zur&#xFC;ck. „Du hast keine Ahnung davon. Siehst du &#xFC;berhaupt manchmal, was ich anhabe?”</p><p>„Ich sehe jede Kleinigkeit”, erkl&#xE4;rte ich und hockte mich dicht neben sie auf den Boden, allerdings etwas in den Schatten.</p><p>„So? Was habe ich denn gestern abend angehabt?”</p><p>„Gestern?” Ich dachte nach. Ich wusste es tats&#xE4;chlich nicht.</p><p>„Das habe ich erwartet, Liebling! Du wei&#xDF;t ja &#xFC;berhaupt fast gar nichts von mir.”</p><p>„Stimmt”, sagte ich, „aber das ist gerade das Sch&#xF6;ne. Je mehr man voneinander wei&#xDF;, desto mehr missversteht man sich. Und je n&#xE4;her man sich kennt, desto fremder wird man sich. Sieh mal die Familie Hasse an; – die wissen alles voneinander und sind sich mehr zuwider als die fremdesten Menschen.”</p><p>Sie setzte die kleine, schwarze Kappe auf und probierte sie vor dem Spiegel. „Was du da sagst, stimmt nur halb, Robby.”</p></section><section><title><p>XX</p></title><p>Der August war warm und klar und auch im September war das Wetter noch fast sommerlich; – aber dann fing es Ende September an zu regnen, die Wolken hingen tagelang tief &#xFC;ber der Stadt, die D&#xE4;cher trieften, es begann zu st&#xFC;rmen, und als ich an einem Sonntag fr&#xFC;h erwachte und ans Fenster trat, sah ich in den B&#xE4;umen auf dem Friedhof schwefelgelbe Flecken und die ersten kahlen &#xC4;ste.</p><p>Ich blieb eine Zeitlang am Fenster stehen. Es war sonderbar gewesen in diesen Monaten, seit wir von der See zur&#xFC;ckgekommen waren, – ich hatte immer, in jeder Stunde, gewusst, dass Pat im Herbst fortmusste, aber ich hatte es gewusst, so wie man vieles wei&#xDF;: – dass die Jahre vergehen, dass man &#xE4;lter wird und dass man nicht ewig leben kann. Die Gegenwart war st&#xE4;rker gewesen, sie hatte alle Gedanken stets wieder beiseite gedr&#xE4;ngt, und solange Pat da war und die B&#xE4;ume noch voll im gr&#xFC;nen Laub gestanden hatten, waren Worte wie Herbst und Fortgehen und Abschied nie mehr gewesen als blasse Schatten am Horizont, die das Gl&#xFC;ck der N&#xE4;he und des Nochbeieinanderseins nur um so st&#xE4;rker empfinden lie&#xDF;en.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich horchte zum Zimmer nebenan hin&#xFC;ber. Pat schlief noch. Ich ging zur T&#xFC;r und blieb dort eine Weile stehen. Sie schlief ruhig und hustete nicht. Einen Augenblick packte mich eine j&#xE4;he Hoffnung, – ich stellte mir vor, dass Jaff&#xE9; heute oder morgen oder in den n&#xE4;chsten Tagen anrufen w&#xFC;rde, um mir zu sagen, sie brauche nicht fort – aber dann dachte ich an die N&#xE4;chte, in denen ich das leise Rascheln ihres Atems geh&#xF6;rt hatte, dieses regelm&#xE4;&#xDF;ige, ged&#xE4;mpfte Scharren, das kam und ging wie das Ger&#xE4;usch einer sehr fernen, d&#xFC;nnen S&#xE4;ge, – und die Hoffnung erlosch ebenso rasch, wie sie aufgeflackert war.</p><p>Ich ging zum Fenster zur&#xFC;ck und starrte wieder hinaus in den Regen. Dann setzte ich mich an den Schreibtisch und begann mein Geld zu z&#xE4;hlen. Ich rechnete mir aus, wie lange es f&#xFC;r Pat reichen k&#xF6;nnte, aber mir wurde elend dabei und ich schloss es wieder weg.</p><p>Ich sah nach der Uhr. Es war kurz vor sieben. Ich hatte noch mindestens zwei Stunden Zeit, ehe Pat aufwachte. Rasch zog ich mich an, um noch etwas hinauszufahren.</p><p>Ich ging zur Werkstatt, holte die Droschke und fuhr langsam durch die Stra&#xDF;en. Es waren wenig Leute unterwegs.</p><p>Ich durchquerte die Altstadt und fuhr zum Dom.</p><p>Ich ging in den Kreuzgarten. Er lag in grauem Licht. Die Rosenb&#xFC;sche trieften im Regen, aber die meisten hatten noch Bl&#xFC;ten. Mein Regenmantel war ziemlich weit und ich konnte die Zweige, die ich abschnitt, gut darunter verstecken. Obschon es Sonntag war, kam niemand vor&#xFC;ber und ich brachte den ersten Armvoll Rosen ungehindert zum Wagen. Dann ging ich zur&#xFC;ck, um noch einen zweiten zu holen. Als ich ihn gerade unter meinem Mantel hatte, h&#xF6;rte ich jemand durch den Kreuzweg kommen.</p><p>Ich blieb also stehen und blickte, um festzustellen, was los war, vorsichtig, mit abweisendem Gesicht auf, als w&#xFC;rde ich in der Andacht gest&#xF6;rt.</p><p>Ich sah in das freundliche, runde Gesicht eines Pastors und atmete auf.</p><p>„Guten Morgen”, sagte der Pfarrer. „Gelobt sei Jesus Christus!”</p><p>„In Ewigkeit, Amen!” erwiderte ich. Es war der kirchliche Gru&#xDF; der Katholiken.</p><p>Er l&#xE4;chelte mich wieder an. „Ich bin im Begriff, meine Messe zu lesen. Da werde ich Ihre Bitte in mein Gebet mit einschlie&#xDF;en.”</p><p>„Danke”, sagte ich &#xFC;berrascht und verlegen.</p><p>„Ist es f&#xFC;r das Seelenheil eines Verstorbenen<a l:href="#n_148" type="note">[148]</a>?” fragte er.</p><p>Ich starrte ihn einen Augenblick an und meine Blumen begannen zu rutschen. „Nein”, sagte ich dann rasch und presste den Arm fest gegen den Mantel.</p><p>„Ich werde also um Hilfe in der Not f&#xFC;r einen Unbekannten beten”, sagte er schlie&#xDF;lich.</p><p>„Ja”, erwiderte ich. „Wenn Sie das tun wollen. Ich danke Ihnen auch sehr,”</p><p>„Vertrauen Sie nur”, sagte er. „Der himmlische Vater hilft. Er hilft immer, auch wenn wir es manchmal nicht verstehen.” Dann nickte er mir zu und ging.</p><p>Ich blickte ihm nach, bis ich die T&#xFC;r hinter ihm zuklappen h&#xF6;rte. Ja, dachte ich, wenn es so einfach w&#xE4;re! Er hilft, er hilft immer! Aber hat er Bernhard Wiese geholfen, als er mit einem Bauchschuss schreiend im Houtholster Wald lag, hat er Katczinky geholfen, der in Handzaeme fiel und eine kranke Frau zur&#xFC;cklie&#xDF; und ein Kind, das er noch nicht gesehen hatte, hat er M&#xFC;ller geholfen und Leer und Kemmerich, hat er dem kleinen Friedmann geholfen und J&#xFC;rgens und Berger<a l:href="#n_149" type="note">[149]</a> und Millionen anderen? Verdammt, es war etwas zu viel Blut geflossen in der Welt f&#xFC;r diese Art von Glauben an den himmlischen Vater!</p><p>Ich brachte die Blumen nach Hause, dann fuhr ich den Wagen zur Werkstatt und ging zur&#xFC;ck. Aus der K&#xFC;che kam jetzt der Geruch von frisch aufgebr&#xFC;htem Kaffee und ich h&#xF6;rte Frida herumrumoren. Es war merkw&#xFC;rdig, aber der Kaffeegeruch stimmte mich heiterer.</p><p>Die K&#xFC;chent&#xFC;r &#xF6;ffnete sich und Frida erschien mit einem Tablett.</p><p>„F&#xFC;r wen ist denn das?” fragte ich.</p><p>„F&#xFC;r Fr&#xE4;ulein Hollmann”, erwiderte sie, leicht gereizt durch meinen Anblick.</p><p>„Ist sie denn schon wach?”</p><p>„Das muss sie doch”, erkl&#xE4;rte Frida schlagfertig, „sonst h&#xE4;tte sie doch nicht nach Fr&#xFC;hst&#xFC;ck geklingelt.”</p><p>„Gott segne Sie, Frida”, erwiderte ich. „Morgens sind Sie manchmal direkt ein Labsal<a l:href="#n_150" type="note">[150]</a>. K&#xF6;nnten sich &#xFC;berwinden, auch meinen Kaffee gleich zu machen?”</p><p>Sie knurrte etwas und schritt den Gang hinauf, wobei sie ver&#xE4;chtlich den Hintern schwenkte. Sie konnte das. Sie war das einzige Wesen, bei dem ich so was je so ausdrucksvoll gesehen hatte.</p><p>Pat war schon bei mir gewesen und hatte die Rosen gefunden. Sie lachte, als ich hereinkam. „Robby”, sagte sie, „ich bin doch ziemlich harmlos. Erst Frida hat mich aufgekl&#xE4;rt, dass frische Rosen sonntags fr&#xFC;h um diese Zeit zweifellos etwas mit Diebstahl zu tun haben m&#xFC;ssten. Sie hat mir auch erkl&#xE4;rt, dass diese Sorte in den umliegenden Blumengesch&#xE4;ften nicht zu kaufen ist.”</p><p>„Glaub, was du willst”, erwiderte ich. „Die Hauptsache ist, dass sie dir Freude machen.”</p><p>„Jetzt noch mehr als sonst, Liebling. Du hast sie doch unter Gefahren erbeutet!”</p><p>„Na, und unter was f&#xFC;r Gefahren!” Ich dachte an den Pastor. „Aber wieso bist du so fr&#xFC;h schon auf?”</p><p>„Ich konnte nicht mehr schlafen. Und dann habe ich auch getr&#xE4;umt. Nichts Sch&#xF6;nes.”</p><p>Ich blickte sie aufmerksam an. Sie sah m&#xFC;de aus und hatte Schatten unter den Augen. „Seit wann tr&#xE4;umst du sowas?” sagte ich. „Ich dachte, das w&#xE4;re bisher meine Spezialit&#xE4;t.”</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Hast du gesehen, dass es Herbst wird drau&#xDF;en?”</p><p>„Bei uns nennt man das Sp&#xE4;tsommer”, erwiderte ich. „Die Rosen bl&#xFC;hen ja noch. Es regnet, das ist alles, was ich sehe.”</p><p>„Es regnet”, wiederholte sie. „Es regnet schon viel zu lange, Liebling. Manchmal nachts, wenn ich aufwache, glaube ich, dass ich ganz begraben bin unter dem vielen Regen.”</p><p>„Du musst nachts zu mir kommen” , sagte ich. „Dann hast du solche Gedanken nicht mehr. Im Gegenteil, es ist sch&#xF6;n, beieinander zu sein, wenn es dunkel ist und wenn es drau&#xDF;en regnet.”</p><p>„Vielleicht”, erwiderte sie und lehnte sich an mich.</p><p>„Ich habe es ganz gern, wenn es sonntags regnet”, sagte ich. „Man merkt dann besser, wie gut man es hat. Wir sind zusammen, wir haben ein warmes, sch&#xF6;nes Zimmer und einen freien Tag vor uns, – ich finde, das ist eine ganze Menge.”</p><p>Ihr Gesicht hellte sich auf. „Ja, wir haben es gut, nicht wahr?”</p><p>„Ich finde, dass wir es wunderbar haben. Wenn ich an fr&#xFC;her denke, – mein Gott! Ich h&#xE4;tte nie gedacht, dass ich es noch einmal so gut haben w&#xFC;rde.”</p><p>„Es ist sch&#xF6;n, wenn du das sagst. Ich glaube es dann sofort. Du musst es &#xF6;fter sagen.”</p><p>„Sage ich es nicht oft genug?”</p><p>„Nein.”</p><p>„Kann sein”, sagte ich. „Ich glaube, ich bin nicht sehr z&#xE4;rtlich. Ich wei&#xDF; nicht warum, aber ich kann es einfach nicht sein. Dabei w&#xE4;re ich es sehr gern.”</p><p>„Du brauchst es nicht, – Liebling, ich verstehe dich auch so. Nur manchmal, da m&#xF6;chte man es trotzdem auch gern h&#xF6;ren.”</p><p>„Ich werde es dir von jetzt an jedesmal sagen. Auch wenn ich mir albern dabei vorkomme.”</p><p>„Ach, albern”, erwiderte sie. „In der Liebe gibt es keine Albernheit.”</p><p>„Gottlob nicht”, sagte ich. „Es w&#xE4;re sonst furchtbar, was aus einem w&#xFC;rde.”</p><p>Wir fr&#xFC;hst&#xFC;ckten zusammen, dann legte Pat sich wieder zu Bett. Jaff&#xE9; hatte das so angeordnet, „Bleibst du hier?” fragte sie unter ihrer Decke hervor.</p><p>„Wenn du willst”, sagte ich.</p><p>„Ich m&#xF6;chte schon, aber du brauchst nicht – ”</p><p>Ich setzte mich zu ihr ans Bett. „So war es nicht gemeint. Ich erinnere mich nur, dass du es fr&#xFC;her nicht gern hattest, wenn man dir beim Schlafen zusah.”</p><p>„Fr&#xFC;her, ja – aber jetzt habe ich manchmal Angst, allein – ”</p><p>„Das hatte ich auch mal”, sagte ich. „Im Lazarett, nach einer Operation. Ich f&#xFC;rchtete mich damals, nachts zu schlafen.</p><p>Ich blieb immer wach und las oder dachte an irgendetwas, und erst wenn es hell wurde, schlief ich ein. Aber das vergeht wieder.”</p><p>Sie legte ihr Gesicht auf meine Hand. „Man hat Angst, dass man nicht zur&#xFC;ckkommt, Robby – ”</p><p>Sie atmete tiefer und drehte sich etwas zur Seite. Eine Minute sp&#xE4;ter war sie fest eingeschlafen.</p><p>Ich setzte mich wieder ans Fenster und sah in den Regen hinaus. Er wehte jetzt in grauen Schauern vor den Scheiben vorbei und das Haus wirkte wie eine kleine Insel in der tr&#xFC;ben Unendlichkeit. Ich war unruhig, denn es kam selten vor, dass Pat morgens mutlos und traurig war. Aber dann dachte ich daran, dass sie vor einigen Tagen noch lebhaft und froh gewesen war und dass vielleicht alles schon anders sein w&#xFC;rde, wenn sie wieder erwachte. Ich wusste, dass sie viel an ihre Krankheit dachte, und ich wusste auch von Jaff&#xE9;, dass es noch nicht besser geworden war, – aber ich hatte in meinem Leben so viele Tote gesehen, dass jede Krankheit f&#xFC;r mich immer noch Leben und Hoffnung war. Ich wusste, dass man an einer Verwundung sterben konnte, und darin hatte ich gro&#xDF;e Erfahrung, – aber es fiel mir gerade deshalb oft schwer, zu glauben, dass auch eine Krankheit, bei der der Mensch doch &#xE4;u&#xDF;erlich heil blieb, gef&#xE4;hrlich sein konnte. Dadurch kam ich immer rasch &#xFC;ber solche Anf&#xE4;lle von Mutlosigkeit hinweg.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Nachmittags gingen wir in ein Kino. Als wir herauskamen, hatte der Himmel sich aufgekl&#xE4;rt. Er war apfelgr&#xFC;n und sehr klar. In den Stra&#xDF;en und L&#xE4;den brannte schon Licht. Wir gingen langsam nach Hause und sahen uns dabei die Schaufenster an.</p><p>Vor den hell erleuchteten Scheiben eines gro&#xDF;en Pelzgesch&#xE4;ftes blieb ich stehen. Es war schon k&#xFC;hl abends und in den Fenstern waren dicke B&#xFC;ndel Silberf&#xFC;chse und warme M&#xE4;ntel f&#xFC;r den Winter ausgestellt. Ich sah Pat an; sie trug immer noch ihre kurze Pelzjacke und war eigentlich viel zu leicht angezogen.</p><p>„Wenn ich jetzt der Held aus dem Film w&#xE4;re, w&#xFC;rde ich da hineingehen und dir einen Mantel aussuchen”, sagte ich.</p><p>Sie l&#xE4;chelte. „Welchen denn?”</p><p>„Den da.” Ich zeigte auf den, der am w&#xE4;rmsten aussah.</p><p>Sie lachte. „Du hast einen guten Geschmack, Robby. Das ist ein sehr sch&#xF6;ner, kanadischer Nerz.”</p><p>„M&#xF6;chtest du ihn haben?”</p><p>Sie blickte mich an. „Wei&#xDF;t du, was so ein Mantel kostet, Liebling?”</p><p>„Nein”, sagte ich, „das will ich auch gar nicht wissen. Ich will lieber denken, ich k&#xF6;nnte dir schenken, was ich m&#xF6;chte. Warum sollen nur andere Leute das k&#xF6;nnen?”</p><p>Sie sah mich aufmerksam an. „Ich will aber gar keinen solchen Mantel, Robby.”</p><p>„Doch”, erwiderte ich, „du bekommst ihn! Kein Wort mehr dar&#xFC;ber. Morgen lassen wir ihn abholen.”</p><p>Sie l&#xE4;chelte. „Danke, Liebling”, sagte sie und k&#xFC;sste mich mitten auf der Stra&#xDF;e. „Und jetzt kommst du dran.” Sie blieb vor einem Herrenmodegesch&#xE4;ft stehen. „Diesen Frack da! Du brauchst ihn zu dem Nerz. Und den Zylinder dort bekommst du auch. Wie magst du wohl im Zylinder aussehen?”</p><p>„Wie ein Schornsteinfeger.” Ich schaute mir den Frack an. Er lag in einem Fenster, das mit grauem Samt ausgeschlagen war. Ich blickte noch einmal genauer hin. Es war das Gesch&#xE4;ft, in dem ich mir im Fr&#xFC;hjahr die Krawatte gekauft hatte, nachdem ich zum ersten Mal allein mit Pat zusammen gewesen war und mich betrunken hatte. Es w&#xFC;rgte mich pl&#xF6;tzlich etwas im Halse, ich wusste nicht warum. Im Fr&#xFC;hjahr, – da hatte ich noch nichts von allem geahnt.</p><p>Ich nahm Pats schmale Hand und legte sie eine Sekunde an meine Wange. „Du brauchst noch etwas dazu”, sagte ich dann, „so ein Nerz allein ist wie ein Auto ohne Motor. Zwei oder drei Abendkleider – ”</p><p>„Abendkleider”, erwiderte sie und blieb vor den gro&#xDF;en Schaufenstern stehen, „Abendkleider, das ist wahr, – die kann ich schon schwerer abschlagen – ”</p><p>Wir suchten drei wunderbare Kleider aus. Ich sah, wie diese Spielerei Pat belebte. Sie war ganz bei der Sache, denn Abendkleider waren ihre Schw&#xE4;che. Wir suchten auch gleich die Sachen aus, die dazu geh&#xF6;rten, und sie wurde immer lebhafter. Ihre Augen gl&#xE4;nzten. Ich stand neben ihr und h&#xF6;rte ihr zu und lachte und lachte, was f&#xFC;r eine verdammte Sache es doch sei, eine Frau zu lieben und arm zu sein. „Komm”, sagte ich schlie&#xDF;lich in einer Art verzweifelter Lustigkeit, „wenn man etwas macht, muss man es ganz machen!” Ich zog sie vor ein Juwelengesch&#xE4;ft. „Dort das Smaragdarmband! Dazu die beiden Ringe und die Ohrgeh&#xE4;nge! Sprechen wir nicht weiter dar&#xFC;ber. Smaragde sind die richtigen Steine f&#xFC;r dich.”</p><p>„Dann bekommst du aber die Platinuhr da und die Perlen f&#xFC;rs Hemd.”</p><p>„Und du den ganzen Laden! Unter dem tue ich es jetzt nicht mehr – ”</p><p>Sie lachte und lehnte sich tief atmend an mich. „Genug, Liebling, genug! Jetzt kaufen wir uns nur noch ein paar Koffer und gehen zum Reiseb&#xFC;ro und dann packen wir und reisen los, fort aus dieser Stadt und diesem Herbst und diesem Regen.”</p><p>Ja, dachte ich, mein Gott, ja, und du w&#xFC;rdest dann rasch gesund! „Wohin denn?” fragte ich. „Nach &#xC4;gypten? Oder noch weiter? Nach Indien und China?”</p><p>„In die Sonne, Liebling, irgendwohin in die Sonne und den S&#xFC;den und die W&#xE4;rme. Zu Palmenstra&#xDF;en und Felsen und wei&#xDF;en H&#xE4;usern am Meer und Agaven<a l:href="#n_151" type="note">[151]</a>. Aber vielleicht regnet es dort auch. Vielleicht regnet es &#xFC;berall.”</p><p>„Dann fahren wir einfach weiter”, sagte ich, „bis es irgendwo nicht mehr regnet. Mitten in die Tropen und in die S&#xFC;dsee hinein.”</p><p>Wir standen vor den hellen Fenstern des Reiseb&#xFC;ros der Hamburg-Amerika-Linie. In der Mitte war das Modell eines Dampfers aufgestellt. Es schwamm auf blauen Pappwellen und dahinter erhob sich m&#xE4;chtig die vergr&#xF6;&#xDF;erte Photographie der Wolkenkratzer Manhattans<a l:href="#n_152" type="note">[152]</a>. An den Fenstern hingen gro&#xDF;e, bunte Landkarten mit rot eingezeichneten Routen.</p><p>„Nach Amerika fahren wir auch”, sagte Pat. „Nach Kentucky und Texas und New York und San Franzisko und Hawaii. Und dann &#xFC;ber S&#xFC;damerika weiter. &#xDC;ber Mexiko und den Panamakanal nach Buenos Aires. Und dann &#xFC;ber Rio de Janeiro zur&#xFC;ck.”</p><p>„Ja – ”</p><p>Sie sah mich strahlend an.</p><p>„Ich war noch nicht da”, sagte ich. „Ich habe dir das damals vorgeschwindelt.”</p><p>„Das wei&#xDF; ich”, erwiderte sie.</p><p>„Das wei&#xDF;t du?”</p><p>„Aber Robby! Nat&#xFC;rlich wei&#xDF; ich es. Ich wusste es gleich.”</p><p>Sie l&#xE4;chelte und legte ihren Arm in meinen. „Ach, Liebling, warum sind wir nicht reich? Wir w&#xFC;ssten so gro&#xDF;artig, was wir damit anfangen sollten! Es gibt doch so viele reiche Leute, die nichts besseres kennen, als immer wieder in ihre B&#xFC;ros oder ihre Banken zu gehen.”</p><p>„Deshalb sind sie ja reich”, sagte ich. „Wenn wir es w&#xE4;ren, w&#xFC;rden wir es bestimmt nicht lange bleiben.”</p><p>„Das glaube ich auch. Wir w&#xFC;rden es sicher irgendwie verlieren.”</p><p>„Vielleicht w&#xFC;rden wir auch aus Sorge, es zu verlieren, nichts davon haben. Heute ist Reichsein direkt ein Beruf. Und gar kein so ganz einfacher.”</p><p>Wir gingen langsam weiter durch die abendlichen Stra&#xDF;en. Immer mehr Lichter flammten auf, und als wir am Friedhof waren, sahen wir durch den gr&#xFC;nen Himmel ein Flugzeug ziehen, dessen Kabinen hell erleuchtet waren. Es flog einsam und sch&#xF6;n durch den klaren, hohen, einsamen Himmel, wie ein wunderbarer Vogel der Sehnsucht aus einem alten M&#xE4;rchen. Wir blieben stehen und sahen ihm nach, bis es verschwunden war.</p></section><section><title><p>XXI</p></title><p>Mitte Oktober lie&#xDF; Jaff&#xE9; mich rufen. Es war zehn Uhr morgens, aber das Wetter war so tr&#xFC;be, dass in der Klinik noch Licht brannte. Es vermischte sich mit der Nebeld&#xE4;mmerung von drau&#xDF;en zu einer fahlen, krankhaften Helligkeit.</p><p>Jaff&#xE9; sa&#xDF; allein in seinem gro&#xDF;en Sprechzimmer. Er hob den kahlen, begl&#xE4;nzten Kopf, als ich eintrat. M&#xFC;rrisch zeigte er auf das gro&#xDF;e Fenster, gegen das der Regen klatschte. „Was sagen Sie zu diesem verdammten Wetter?”</p><p>Ich zuckte die Achseln. „Hoffentlich h&#xF6;rt es bald mal auf.”</p><p>„Das h&#xF6;rt nicht auf.”</p><p>Er sah mich an und schwieg. Dann nahm er einen Bleistift vom Schreibtisch, betrachtete ihn, klopfte damit auf die Platte und legte ihn wieder beiseite.</p><p>„Ich kann mir denken, weshalb Sie mich gerufen haben”, sagte ich.</p><p>Jaff&#xE9; knurrte irgendetwas.</p><p>Ich wartete einen Augenblick. Dann sagte ich: „Pat muss wohl jetzt bald fort – ”</p><p>„Ja – ”</p><p>Jaff&#xE9; starrte &#xE4;rgerlich vor sich hin. ,,Ich hatte Ende Oktober gerechnet. Aber bei diesem Wetter – ” Er griff nach dem silbernen Bleistift.</p><p>Der Wind warf einen Schauer Regen prasselnd gegen das Fenster. Es klang wie fernes Maschinengewehrfeuer. „Wann denken Sie, dass sie reisen soll?” fragte ich.</p><p>Er sah mich pl&#xF6;tzlich voll an. „Morgen”, sagte er.</p><p>Ich sp&#xFC;rte eine Sekunde keinen Boden unter den F&#xFC;&#xDF;en. Die Luft war wie Watte und klebte mir in der Lunge. Dann ging es vor&#xFC;ber und ich fragte, so ruhig ich konnte, aber meine Stimme kam weit her, als fragte ein anderer: „Ist es auf einmal so viel schlimmer geworden?”</p><p>Jaff&#xE9; sch&#xFC;ttelte heftig den Kopf und stand auf. „Wenn es sich so schnell ver&#xE4;ndert h&#xE4;tte, k&#xF6;nnte sie doch &#xFC;berhaupt nicht fahren”, erkl&#xE4;rte er unfreundlich. „Es ist nur besser. Bei diesem Wetter ist jeder Tag eine Gefahr. Erk&#xE4;ltungen und sowas – ”</p><p>Er nahm ein paar Briefe vom Schreibtisch. „Ich habe schon alles vorbereitet. Sie brauchen nur abzufahren. Den Chefarzt des Sanatoriums kenne ich seit meiner Studienzeit. Er ist sehr t&#xFC;chtig. Ich habe ihn genau informiert.”</p><p>Er gab mir die Briefe. Ich nahm sie, aber ich steckte sie nicht ein. Er sah mich an, dann blieb er vor mir stehen und legte eine Hand auf meinen Arm. Sie war leicht wie ein Vogelfl&#xFC;gel, ich sp&#xFC;rte sie &#xFC;berhaupt nicht. „Schwer”, sagte er leise mit ver&#xE4;nderter Stimme, „ich wei&#xDF; es. Deshalb habe ich auch damit gewartet, solange es ging.”</p><p>„Es ist nicht schwer – ” erwiderte ich.</p><p>Er wehrte ab. „Lassen Sie nur – ”</p><p>„Nein”, sagte ich, „so meine ich das auch nicht. Ich m&#xF6;chte nur eines wissen: kommt sie zur&#xFC;ck?”</p><p>Jaff&#xE9; schwieg einen Augenblick. Seine dunklen, schmalen Augen gl&#xE4;nzten in dem tr&#xFC;ben, gelben Licht. „Weshalb wollen Sie das jetzt wissen?” fragte er nach einer Weile.</p><p>„Weil es sonst besser ist, dass sie nicht f&#xE4;hrt”, sagte ich.</p><p>Er blickte rasch auf. „Was sagen Sie da?”</p><p>„Es ist sonst besser, dass sie hierbleibt.”</p><p>Er starrte mich an. „Wissen Sie auch, was das mit Sicherheit bedeuten w&#xFC;rde?” fragte er dann leise und scharf.</p><p>„Ja”, sagte ich. „Es w&#xFC;rde bedeuten, dass sie nicht allein sterben w&#xFC;rde. Und was das hei&#xDF;t, wei&#xDF; ich auch.”</p><p>Jaff&#xE9; hob die Schultern hoch, als fr&#xF6;stele er. Dann ging er langsam zum Fenster und sah in den Regen hinaus. Als er zur&#xFC;ckkam, war sein Gesicht eine Maske. Er blieb dicht vor mir stehen. „Wie alt sind Sie?” fragte er.</p><p>„Drei&#xDF;ig”, erwiderte ich. Ich begriff nicht, was er wollte.</p><p>„Drei&#xDF;ig”, wiederholte er in einem merkw&#xFC;rdigen Tone, als spr&#xE4;che er zu sich selbst und h&#xE4;tte mich gar nicht verstanden. „Drei&#xDF;ig, mein Gott!” Er ging zu seinem Schreibtisch und blieb dort stehen, klein und sonderbar abwesend, ganz verloren neben dem riesigen, blanken M&#xF6;bel. „Ich bin jetzt bald sechzig”, sagte er, ohne mich anzusehen, „aber ich k&#xF6;nnte das nicht. Ich w&#xFC;rde immer wieder alles versuchen, immer wieder, und wenn ich genau w&#xFC;sste, dass es zwecklos w&#xE4;re.”</p><p>Ich schwieg. Jaff&#xE9; stand da, als h&#xE4;tte er alles um sich herum vergessen. Dann machte er eine Bewegung und sein Gesicht verlor den Ausdruck. Er l&#xE4;chelte. „Ich glaube bestimmt, dass sie oben den Winter gut &#xFC;berstehen wird.”</p><p>„Nur den Winter?” fragte ich.</p><p>„Ich hoffe, dass sie dann im Fr&#xFC;hjahr wieder herunter kann.”<a l:href="#n_153" type="note">[153]</a></p><p>„Hoffen”, sagte ich, „was hei&#xDF;t hoffen?”</p><p>„Alles”, erwiderte Jaff&#xE9;. „Immer alles. Ich kann Ihnen jetzt nicht mehr sagen. Das andere sind M&#xF6;glichkeiten. Man muss sehen, wie es oben wird. Aber ich hoffe bestimmt, dass sie im Fr&#xFC;hjahr zur&#xFC;ckkommen kann.”</p><p>„Bestimmt?”</p><p>„Ja.” Er ging um den Schreibtisch herum und stie&#xDF; mit dem Fu&#xDF; eine offenstehende Schublade so heftig zu, dass die Gl&#xE4;ser klirrten. „Verdammt, Mann, es geht mir doch selber nahe, dass sie weg muss!” murmelte er.</p><p>Eine Schwester kam herein. Jaff&#xE9; winkte ihr ab. Sie blieb trotzdem stehen, untersetzt, vierschr&#xF6;tig, mit einem Bulldoggengesicht unter grauem Haar.</p><p>„Nachher!” knurrte Jaff&#xE9;, „kommen Sie nachher wieder!”</p><p>Dann wandte er sich mir zu. „Nun?”</p><p>„Wir fahren heute abend”, sagte ich.</p><p>„Heute?”</p><p>„Ja. Wenn es schon sein muss, dann ist es heute besser als morgen. Ich werde sie hinbringen. Ein paar Tage kann ich schon hier weg.”</p><p>Er nickte und gab mir die Hand.</p><p>Ich ging. Der Weg zur T&#xFC;r erschien mir sehr weit.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Mittags kam ich nach Hause. Ich hatte alles erledigt und auch dem Sanatorium schon telegraphiert. „Pat”, sagte ich noch in der T&#xFC;r, „kannst du bis heute abend alles gepackt haben?”</p><p>„Muss ich fort?”</p><p>„Ja”, sagte ich. „Ja, Pat.”</p><p>„Allein?”</p><p>„Nein. Wir fahren mitsammen. Ich bringe dich hin.”</p><p>Ihr Gesicht bekam wieder Farbe. „Wann muss ich denn fertig sein?” fragte sie.</p><p>„Der Zug f&#xE4;hrt heute abend um zehn.</p><p>Und gehst du jetzt noch einmal fort?”</p><p>„Nein. Ich bleibe hier, bis wir wegfahren.”</p><p>Sie atmete tief. „Dann ist es ganz einfach. Robby”, sagte sie, „Wollen wir gleich anfangen?”</p><p>„Wir haben noch Zeit.”</p><p>„Ich m&#xF6;chte gleich anfangen. Dann ist es fertig.”</p><p>„Gut.”</p><p>Ich verstaute die paar Sachen, die ich mitnehmen wollte, rasch und war in einer halben Stunde fertig. Dann ging ich zu Frau Zalewski hin&#xFC;ber und sagte ihr, dass wir abends reisen w&#xFC;rden. Ich machte mit ihr ab, dass das Zimmer zum ersten November frei w&#xFC;rde, wenn sie es nicht fr&#xFC;her vermieten k&#xF6;nnte.</p><p>Pat kniete vor ihrem Schrankkoffer, rundum hingen ihre Kleider, auf dem Bett lag W&#xE4;sche und sie packte gerade ihre Schuhe ein. Ich erinnerte mich daran, dass sie auch so gekniet hatte, als sie in dieses Zimmer eingezogen war und ausgepackt hatte, und mir schien, als w&#xE4;re das endlos lange her und doch eigentlich erst gestern gewesen. Sie sah auf. „Nimmst du das silberne Kleid auch mit?” fragte ich.</p><p>Sie nickte. „Was machen wir nur mit all den andern Sachen, Robby? Mit den M&#xF6;beln?”</p><p>„Ich habe schon mit Frau Zalewski gesprochen. So viel ich kann, nehme ich in mein Zimmer hin&#xFC;ber. Das &#xFC;brige geben wir einer Speditionsfirma zum Aufbewahren. Da holen wir es dann wieder ab, wenn du zur&#xFC;ckkommst.”</p><p>„Wenn ich zur&#xFC;ckkomme”, sagte sie.</p><p>„Ja”, erwiderte ich, „im Fr&#xFC;hling, wenn du braun von der Sonne zur&#xFC;ckkommst.”</p><p>Ich half ihr packen und nachmittags, als es schon dunkel drau&#xDF;en wurde, waren wir fertig. Es war sonderbar: die M&#xF6;bel standen alle noch auf dem gleichen Platz, nur die Schr&#xE4;nke und Schubladen waren geleert, und trotzdem erschien das Zimmer pl&#xF6;tzlich kahl und traurig. Pat setzte sich auf ihr Bett. Sie sah m&#xFC;de aus. „Soll ich Licht machen?” fragte ich.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Lass es noch etwas so.” Ich setzte mich neben sie. „Willst du eine Zigarette?” fragte ich.</p><p>„Nein, Robby. Nur ein bisschen so sitzen.”</p><p>Ich stand auf und ging zum Fenster. Drau&#xDF;en brannten die Laternen unruhig im Regen. Der Wind w&#xFC;hlte in den B&#xE4;umen.</p><p>Es war acht Uhr abends. Drau&#xDF;en r&#xF6;hrte ein Klaxon. „Das ist Gottfried mit dem Taxi”, sagte ich, „er will uns zum Essen abholen.”</p><p>Ich stand auf, ging zum Fenster und rief herunter, dass wir k&#xE4;men. Dann knipste ich die kleine Tischlampe an und ging in mein Zimmer. Es war mir verflucht fremd. Ich holte die Rumflasche und trank rasch ein Glas. Dann ging ich zu Pat zur&#xFC;ck. „Wollen wir los, alter Bursche?” fragte ich.</p><p>„Ja”, sagte sie, „aber ich will noch einmal in dein Zimmer gehen.”</p><p>„Warum?” erwiderte ich. „Die alte Bude – ”</p><p>„Bleib du hier”, sagte sie. „Ich komme gleich wieder.” . Ich wartete eine Zeitlang, dann ging ich hin&#xFC;ber. Sie stand in der Mitte des Zimmers und fuhr zusammen, als sie mich erblickte. Ich hatte sie noch nie so gesehen. Sie war ganz ausgel&#xF6;scht. Es war nur eine Sekunde, dann l&#xE4;chelte sie wieder.</p><p>„Komm”, sagte sie. „Jetzt wollen wir gehen.”</p><p>Wir gingen. Die Korridort&#xFC;r klappte hinter uns zu. Im Treppenhaus war es halbdunkel; ein paar elektrische Birnen waren ausgebrannt. Pat schwieg, w&#xE4;hrend sie leise und weich die Treppen herunterstieg. Ich hatte das Gef&#xFC;hl, als w&#xE4;re ein Urlaub zu Ende und wir gingen jetzt im grauen Morgen zum Bahnhof, um an die Front zu fahren.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Lenz &#xF6;ffnete die T&#xFC;r zum Taxi. „Vorsicht!” sagte er.</p><p>Der Wagen war voller Rosen. Zwei riesige B&#xFC;sche wei&#xDF;er und roter Bl&#xFC;ten lagen auf den hinteren Sitzen. Ich erkannte sofort, woher sie kamen; – aus dem Domgarten. „Die letzten”, erkl&#xE4;rte Gottfried selbstzufrieden.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Es gab bei Alfons gespickten Hasen mit Rotkohl und geschmorten &#xC4;pfeln. Hinterher spielte er zum Abschluss auf seinem Grammophon einen Chor der Donkosaken. Es war ein sehr leises Lied, bei dem der Chor nur ged&#xE4;mpft wie eine ferne Orgel brummte, w&#xE4;hrend eine einsame, klare Stimme dar&#xFC;ber schwebte.</p><p>„Kinder”, sagte Alfons, als der Chor immer leiser und leiser geworden war, bis er schlie&#xDF;lich wie ein Seufzer verhauchte, „Kinder, wisst ihr, woran ich immer denken muss, wenn ich das h&#xF6;re? An Ypern<a l:href="#n_154" type="note">[154]</a> 1917, Gottfried, damals im M&#xE4;rz, an den einen Abend mit Bertelsmann – ”</p><p>„Ja”, sagte Lenz, „ich wei&#xDF; es noch, Alfons. Es war der Abend mit den Kirschb&#xE4;umen – ”</p><p>Alfons nickte.</p><p>K&#xF6;ster stand auf. „Ich glaube, es wird Zeit.” Er sah nach der Uhr. „Ja, wir m&#xFC;ssen los.”</p><p>„Noch einen Kognak”, sagte Alfons. „Von dem echten Napoleon! Habe ihn doch extra f&#xFC;r euch mitgebracht!”</p><p>Wir tranken den Kognak, dann brachen wir auf.</p><p>„Auf Wiedersehen, Alfons!” sagte Pat. „Ich bin immer so gern hier gewesen.” Sie gab ihm die Hand.</p><p>Alfons wurde rot. Er hielt ihre Hand fest zwischen seinen beiden Pranken. „Also, wenn mal was ist, – einfach nur Bescheid geben.” Er sah sie &#xE4;u&#xDF;erst verlegen an. „Sie geh&#xF6;ren ja jetzt dazu. H&#xE4;tte nie gedacht, dass eine Frau auch mal dazu geh&#xF6;ren k&#xF6;nnte.”</p><p>„Danke”, sagte Pat, „danke, Alfons. Sie h&#xE4;tten mir nichts Sch&#xF6;neres sagen k&#xF6;nnen. Auf Wiedersehen und alles Gute.”</p><p>„Auf Wiedersehen! Bald!”</p><p>K&#xF6;ster und Lenz brachten uns zur Bahn. Vor unserm Hause hielten wir einen Augenblick und ich holte den Hund herunter. Die Koffer hatte Jupp schon zum Bahnhof gebracht.</p><p>Wir kamen gerade rechtzeitig an. Kaum waren wir eingestiegen, da fuhr der Zug schon los. Als die Lokomotive anzog, griff Gottfried in die Tasche und reichte mir eine eingewickelte Flasche herauf. „Hier, Robby, nimm das mal. So was kann man unterwegs immer gebrauchen.”</p><p>Der Zug wurde schneller und Gottfried blieb zur&#xFC;ck. Pat lehnte aus dem Fenster und winkte, bis der Bahnhof hinter einer Kurve verschwand. Dann wandte sie sich um. Sie war sehr blass und ihre Augen gl&#xE4;nzten feucht. Ich nahm sie in den Arm. „Komm”, sagte ich, „jetzt trinken wir was. Du hast dich gro&#xDF;artig gehalten.”</p><p>„Mir ist aber gar nicht gro&#xDF;artig zumute”, erwiderte sie mit einem Versuch zu l&#xE4;cheln.</p><p>„Mir auch nicht”, sagte ich. „Deshalb wollen wir ja was trinken.”</p><p>Ich machte die Flasche auf und gab ihr einen Becher Kognak.</p><p>„Gut?” fragte ich.</p><p>Sie nickte und lehnte sich an meine Schulter. „Ach, Liebling, was soll das alles werden?”</p><p>„Du musst nicht weinen”, sagte ich. „Ich war so stolz, dass du nicht geweint hast, den ganzen Tag.”</p><p>„Ich weine ja gar nicht”, erwiderte sie und sch&#xFC;ttelte den Kopf und die Tr&#xE4;nen liefen ihr &#xFC;ber das schmale Gesicht.</p><p>„Komm, trink noch etwas”, sagte ich und hielt sie fest. „Es ist nur immer der erste Moment, dann wird es schon besser.”</p><p>Sie nickte. „Ja, Robby. Du musst dich auch gar nicht darum k&#xFC;mmern. Es ist gleich vorbei und es ist besser, wenn du es gar nicht siehst. Lass mich nur ein paar Minuten hier allein sitzen, dann werde ich schon damit fertig.”</p><p>„Warum denn? Du warst den ganzen Tag so tapfer, da kannst du jetzt ruhig soviel weinen, wie du willst.”</p><p>„Ich war gar nicht tapfer. Du hast es nur nicht gemerkt.”</p><p>„Vielleicht”, sagte ich, „aber das war es dann gerade.”</p><p>Sie versuchte zu l&#xE4;cheln. „Warum denn eigentlich, Robby?”</p><p>„Weil man sich nicht ergibt.” Ich strich ihr &#xFC;ber das Haar.</p><p>„Solange man sich nicht ergibt, ist man mehr als das Schicksal.”</p><p>„Bei mir ist es kein Mut, Liebling”, murmelte sie. „Es ist einfach nur Angst. J&#xE4;mmerliche Angst vor der gro&#xDF;en, letzten Angst.”</p><p>„Das ist aller Mut, Pat.”</p><p>Sie lehnte sich an mich. „Ach, Robby, du wei&#xDF;t ja gar nicht, was Angst ist.”</p><p>„Doch”, sagte ich.</p><p>Die T&#xFC;r ging auf. Der Schaffner verlangte die Fahrkarten. Ich gab sie ihm. „Ist die Schlafwagenkarte f&#xFC;r die Dame?” fragte er.</p><p>Ich nickte.</p><p>„Dann m&#xFC;ssen Sie in den Schlafwagen gehen”, sagte er zu Pat. „Die Karte gilt nicht f&#xFC;r die &#xFC;brigen Abteile.”</p><p>„Gut.”</p><p>„Und der Hund muss in den Packwagen”, erkl&#xE4;rte er. „Das Hundeabteil ist im Packwagen.”</p><p>„Sch&#xF6;n”, sagte ich. „Wo ist denn der Schlafwagen?”</p><p>„Rechts der dritte Wagen. Der Packwagen ist ganz vorn.”</p><p>Er ging. Auf seiner Brust baumelte eine kleine Laterne. Das sah aus, als ginge er durch die Sch&#xE4;chte eines Bergwerks.</p><p>„Dann wollen wir mal umziehen, Pat”, sagte ich. „Billy schmuggle ich schon zu dir rein. Der hat im Packwagen nichts zu suchen.”</p><p>Ich hatte f&#xFC;r mich keinen Schlafwagenplatz genommen. Es machte mir nichts, in einer Abteilecke die Nacht zu verbringen. Au&#xDF;erdem war es billiger.</p><p>Jupp hatte Pats Gep&#xE4;ck schon in den Schlafwagen gebracht. Das Abteil war ein h&#xFC;bscher, kleiner, mit Mahagoniholz get&#xE4;felter Raum. Pat hatte das untere Bett. Ich fragte den Schaffner, ob auch das obere belegt sei.</p><p>„Ja”, sagte er, ,,ab Frankfurt.”</p><p>„Wann sind wir in Frankfurt?”</p><p>„Um halb drei.”</p><p>Ich gab ihm ein Trinkgeld und er ging in seine Wagenecke zur&#xFC;ck.</p><p>„In einer halben Stunde bin ich mit dem Hund wieder bei dir”, sagte ich zu Pat.</p><p>„Aber das geht doch nicht; der Schaffner bleibt ja im Wagen.”</p><p>„Es geht schon. Schlie&#xDF; nur deine T&#xFC;re nicht ab.”</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck, an dem Schaffner vorbei, der mich ansah. Auf der n&#xE4;chsten Station stieg ich mit dem Hund aus und ging &#xFC;ber den Bahnsteig am Schlafwagen vorbei bis zum n&#xE4;chsten Wagen. Hier wartete ich, bis der Schaffner ausstieg, um mit dem Zugf&#xFC;hrer zu schw&#xE4;tzen. Dann stieg ich wieder ein, ging durch den Wagen bis zu den Schlafwagenabteils und kam zu Pat, ohne dass mich jemand gesehen hatte.</p><p>Sie trug einen weichen, wei&#xDF;en Mantel und sah wundersch&#xF6;n aus. Ihre Augen gl&#xE4;nzten. „Ich bin jetzt ganz dar&#xFC;ber weg, Robby”, sagte sie.</p><p>„Das ist gut. Aber willst du dich nicht zu Bett le-gen? Es ist m&#xE4;chtig knapp hier. Ich setze mich dann zu dir.”</p><p>„Ja, aber – ”, sie z&#xF6;gerte und zeigte auf das obere Bett. „Wenn nun die Vorsteherin des Vereins f&#xFC;r gefallene M&#xE4;dchen pl&#xF6;tzlich in der T&#xFC;r steht – ”</p><p>„Bis Frankfurt ists noch lange”, sagte ich. „Ich passe schon auf. Ich schlafe nicht ein.”</p><p>Kurz vor Frankfurt ging ich in mein Abteil zur&#xFC;ck. Ich setzte mich in die Fensterecke und versuchte zu schlafen.</p><p>Als ich aufwachte, war drau&#xDF;en alles wei&#xDF;. Es schneite in gro&#xDF;en Flocken und das Abteil war in ein seltsam unwirkliches Zwielicht getaucht. Wir fuhren schon durchs Gebirge. Es war fast neun Uhr. Ich dehnte mich und ging mich waschen und rasieren. Als ich zur&#xFC;ckkam, stand Pat im Abteil. Sie sah frisch aus.</p><p>„Hast du gut geschlafen?” fragte ich.</p><p>Sie nickte.</p><p>„Und wie war die alte Spiritistin in deinem Abteil?”</p><p>„Jung und h&#xFC;bsch. Sie hei&#xDF;t Helga Guttmann und f&#xE4;hrt ins selbe Sanatorium wie ich.”</p><p>Wir gingen zum Speisewagen. Ich war pl&#xF6;tzlich guter Stimmung. Es schien alles nicht mehr so schlimm wie am Abend vorher.</p><p>Helga Guttmann sa&#xDF; schon da. Sie war ein schlankes, lebhaftes M&#xE4;dchen von s&#xFC;dlichem Typ. „Merkw&#xFC;rdig”, sagte ich, „dass sich das so getroffen hat mit demselben Sanatorium.”</p><p>„Gar nicht so merkw&#xFC;rdig”, erwiderte sie.</p><p>Ich sah sie an. Sie lachte. „Um diese Zeit sammeln sich doch die Zugv&#xF6;gel alle wieder. Dr&#xFC;ben – ” sie zeigte in die Ecke des Speisewagens, „der ganze Tisch dort f&#xE4;hrt auch hin.”</p><p>„Woher wissen Sie das?” fragte ich.</p><p>„Ich kenne sie alle vom vorigen Jahr. Da oben kennt doch jeder den andern.”</p><p>Wir kamen sp&#xE4;t nachmittag an. Es war ganz klar geworden, die Sonne schien golden auf die Schneefelder und der Himmel war so blau, wie wir ihn seit Wochen nicht mehr gesehen hatten. Am Bahnhof warteten eine Menge Leute. Sie gr&#xFC;&#xDF;ten und winkten und aus dem Zuge winkten die Ankommenden zur&#xFC;ck. Helga Guttmann wurde von einer lachenden, blonden Frau und zwei M&#xE4;nnern in hellen Knickerbockers<a l:href="#n_155" type="note">[155]</a> in Empfang genommen. Sie war ganz aufgeregt und wirbelig, so als w&#xE4;re sie nach langer Abwesenheit nach Hause gekommen. „Auf Wiedersehen, nachher, oben!” rief sie uns zu und bestieg mit ihren Freunden einen Schlitten.</p><p>Die Leute zerstreuten sich rasch und wir standen ein paar Minuten sp&#xE4;ter allein auf dem Bahnsteig. Ein Gep&#xE4;ckstr&#xE4;ger trat zu uns heran.</p><p>„Welches Hotel?” fragte er. „Sanatorium Waldfrieden”, erwiderte ich. Er nickte und winkte einem Kutscher.</p><p>Wir stiegen ein. „Wollen Sie zur Drahtseilbahn<a l:href="#n_156" type="note">[156]</a> oder mit dem Schlitten rauf?” fragte der Kutscher. „Wie weit ist es mit dem Schlitten?”</p><p>„Eine halbe Stunde.”</p><p>„Dann mit dem Schlitten.”</p><p>Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und wir fuhren los. Es ging aus dem Dorf hinaus und dann in Kehren aufw&#xE4;rts. Das Sanatorium lag auf einer Anh&#xF6;he &#xFC;ber dem Dorf. Es war ein langgestrecktes, wei&#xDF;es Geb&#xE4;ude mit langen Fensterreihen.</p><p>Wir meldeten uns im B&#xFC;ro. Ein Hausdiener holte unser Gep&#xE4;ck herein und eine &#xE4;ltere Dame erkl&#xE4;rte uns, dass Pat Zimmer 79 habe. Ich fragte, ob ich f&#xFC;r ein paar Tage ebenfalls ein Zimmer haben k&#xF6;nne. Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Nicht im Sanatorium. Wohl aber in der Dependance<a l:href="#n_157" type="note">[157]</a>.”</p><p>„Wo ist die Dependance?”</p><p>„Gleich nebenan.”</p><p>„Gut”, sagte ich, „dann geben Sie mir dort ein Zimmer und lassen Sie mein Gep&#xE4;ck hin&#xFC;ber bringen.”</p><p>Wir fuhren in einem v&#xF6;llig ger&#xE4;uschlosen Lift zum zweiten Stock hinauf. Eine Oberschwester nahm uns in Empfang.</p><p>„Fr&#xE4;ulein Hollmann?”</p><p>„Ja”, sagte Pat, „Zimmer 79, nicht wahr?”</p><p>Die Oberschwester nickte, ging voran und &#xF6;ffnete eine T&#xFC;r.</p><p>„Hier ist Ihr Zimmer.”</p><p>Es war ein heller, mittelgro&#xDF;er Raum, in den durch ein breites Fenster die Abendsonne schien. Auf dem Tisch stand ein Strau&#xDF; gelber und roter Astern und drau&#xDF;en lagen die begl&#xE4;nzten Schneefelder, in die sich das Dorf wie eine gro&#xDF;e, weiche Decke schmiegte.</p><p>„Gef&#xE4;llt es dir?” fragte ich Pat.</p><p>Sie sah mich einen Augenblick an. „Ja”, sagte sie dann.</p><p>Der Hausknecht brachte die Koffer. „Wann muss ich zur Untersuchung?” fragte Pat die Schwester.</p><p>„Morgen vormittag. Heute abend gehen Sie am besten fr&#xFC;h schlafen, damit Sie ausgeruht sind.”</p><p>Pat zog ihren Mantel aus und legte ihn auf das wei&#xDF;e Bett, &#xFC;ber dem eine neue Fiebertafel angebracht war. „Ist kein Telefon im Zimmer?” fragte ich.</p><p>„Es ist ein Anschluss da”, sagte die Schwester. „Man kann ein Telefon hereinstellen.”</p><p>„Muss ich noch irgend etwas tun?” fragte Pat.</p><p>Die Schwester sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Heute nicht. Erst morgen nach der Untersuchung wird alles festgelegt. Die Untersuchung ist um zehn Uhr. Ich hole Sie ab.”</p><p>„Danke, Schwester”, sagte Pat.</p><p>Die Schwester ging. Der Hausknecht wartete noch an der T&#xFC;r. Ich gab ihm ein Trinkgeld und er ging auch. Es wurde pl&#xF6;tzlich sehr still im Zimmer. Pat stand am Fenster und sah hinaus. Ihr Kopf war ganz dunkel vor dem Gl&#xE4;nzen drau&#xDF;en.</p><p>„Bist du m&#xFC;de?” fragte ich.</p><p>Sie drehte sich um. „Nein.”</p><p>„Du siehst so aus”, sagte ich.</p><p>„Ich bin anders m&#xFC;de, Robby. Aber daf&#xFC;r habe ich immer noch Zeit.”</p></section><section><title><p>XXII</p></title><p>Eine Woche sp&#xE4;ter fuhr ich zur&#xFC;ck. Vom Bahnhof ging ich gleich zur Werkstatt. Es war Abend, als ich ankam, es regnete immer noch und mir schien, als w&#xE4;re es ein Jahr her, seit ich mit Pat abgefahren war.</p><p>K&#xF6;ster und Lenz sa&#xDF;en im B&#xFC;ro. „Du kommst gerade recht”, sagte Gottfried.</p><p>„Was ist denn los?” fragte ich.</p><p>„Lass ihn erst mal reinkommen”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Ich setzte mich zu ihnen. „Wie geht es Pat?” fragte Otto.</p><p>„Gut. So gut es eben kann. Aber nun sagt mir schon, was hier los ist.”</p><p>Es handelte sich um den Stutz. Wir hatten ihn re-pariert und vor vierzehn Tagen abgeliefert. Nun war K&#xF6;ster gestern hingegangen, um das Geld abzuholen. Inzwischen aber hatte der Mann, dem der Wagen geh&#xF6;rte, Pleite gemacht und der Wagen war in die Konkursmasse<a l:href="#n_158" type="note">[158]</a> gekommen.</p><p>„Das ist doch nicht schlimm”, sagte ich. „Wir haben ja nur mit der Versicherung zu tun.”</p><p>„Haben wir auch gedacht”, erkl&#xE4;rte Lenz trocken. „Der Wagen ist aber nicht versichert.”</p><p>„Verdammt! Ist das wahr, Otto?”</p><p>K&#xF6;ster nickte. „Habe es heute erst erfahren.”</p><p>„Wer kann so was ahnen!” sagte ich.</p><p>Lenz fing an zu lachen. „Es ist zu bl&#xF6;dsinnig!”</p><p>„Was machen wir nun, Otto?” fragte ich.</p><p>„Ich habe unsere Forderung beim Konkursverwalter<a l:href="#n_159" type="note">[159]</a> angemeldet. Aber ich f&#xFC;rchte, es wird nicht viel dabei herauskommen.”</p><p>„Wir machen die Bude zu, das wird dabei herauskommen”, sagte Gottfried. „Das Finanzamt ist auch schon rebellisch wegen der Steuern.”</p><p>„M&#xF6;glich”, gab K&#xF6;ster zu.</p><p>Lenz erhob sich. „Gleichmut und gute Haltung in schwierigen Situationen zieren den Soldaten.” Er ging zum Schrank und holte den Kognak.</p><p>„Bei dem Kognak k&#xF6;nnen wir sogar heroische Haltung haben”, sagte ich. „Wenn ich nicht irre, ist das unsere letzte gute Flasche.”</p><p>„Heroische Haltung, Knabe”, erwiderte Lenz verweisend, „ist was f&#xFC;r schwere Zeiten. Wir aber leben in verzweifelten Zeiten. Da ist die einzige anst&#xE4;ndige Haltung der Humor.” Er trank sein Glas aus. „So, und jetzt werde ich mal unsere alte Rosinante<a l:href="#n_160" type="note">[160]</a> besteigen und etwas Kleingeld zusammenfahren.”</p><p>Er ging &#xFC;ber den dunklen Hof und fuhr mit dem Taxi los. K&#xF6;ster und ich blieben noch eine Weile sitzen. „Pech<a l:href="#n_161" type="note">[161]</a>, Otto”, sagte ich. „Wir haben verdammt viel Pech in der letzten Zeit.”</p><p>„Ich habe mir angew&#xF6;hnt, nicht mehr nachzudenken, als unbedingt n&#xF6;tig ist”, erwiderte K&#xF6;ster. „Das ist immer noch genug. Wie wars oben?”</p><p>„Wenn diese Krankheit nicht w&#xE4;re, ein Paradies. Schnee und Sonne.”</p><p>Er hob den Kopf. „Schnee und Sonne. Klingt ein bisschen unwahrscheinlich, was?”</p><p>„Ja. Verflucht unwahrscheinlich. Da oben ist alles unwahrscheinlich.”</p><p>Er sah mich an. „Was hast du heute abend vor?”</p><p>Ich zuckte die Achseln. „Werde erstmal meinen Koffer nach Hause bringen.”</p><p>„Ich muss noch auf eine Stunde weg. Kommst du nachher in die Bar?”</p><p>„Auf jeden Fall”, sagte ich. „Was soll ich sonst machen?”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich holte meinen Koffer vom Bahnhof und brachte ihn nach Hause. Ich &#xF6;ffnete die T&#xFC;r, so leise ich konnte, denn ich hatte keine Lust, mit irgendjemand zu reden. Es gelang mir durchzukommen, ohne Frau Zalewski in die H&#xE4;nde zu fallen. Eine Weile blieb ich in meinem Zimmer sitzen. Auf dem Tisch lagen Briefe und Zeitungen. Die Briefe waren lauter Drucksachen. Ich hatte niemand, der mir schrieb. Jetzt w&#xFC;rde ich jemand haben, dachte ich.</p><p>Nach einiger Zeit stand ich auf, wusch mich und zog mich um. Meinen Koffer packte ich nicht aus; ich wollte nachher, wenn ich allein nach Hause kam, noch etwas zu tun haben. Ich ging auch nicht in Pats Zimmer, obschon ich wusste, dass niemand da wohnte. Leise schlich ich mich &#xFC;ber den Korridor und atmete auf, als ich drau&#xDF;en war.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>In der Bar waren Valentin, K&#xF6;ster und Ferdinand Grau. Lenz kam etwas sp&#xE4;ter. Ich setzte mich zu ihnen und bestellte mir eine halbe Flasche Rum. Ich f&#xFC;hlte mich immer noch verdammt schlecht.</p><p>Der Rum klopfte hinter meiner Stirn. Ich stand leise auf und ging zu Fred ins B&#xFC;ro. Er schlief. Ich weckte ihn und lie&#xDF; eine Verbindung mit dem Sanatorium anmelden.</p><p>,.Sie k&#xF6;nnen drauf warten”, sagte er. „Um diese Zeit geht das rasch.”</p><p>F&#xFC;nf Minuten sp&#xE4;ter klingelte das Telefon, das Sanatorium meldete sich. „Ich m&#xF6;chte Fr&#xE4;ulein Hollmann sprechen”, sagte ich.</p><p>„Einen Augenblick, ich verbinde mit der Station.”</p><p>Die Oberschwester meldete sich. „Fr&#xE4;ulein Holmann schl&#xE4;ft schon.”</p><p>„Hat sie kein Telefon im Zimmer?”</p><p>„Nein.”</p><p>„K&#xF6;nnen Sie sie nicht wecken?”</p><p>Die Stimme z&#xF6;gerte. „Nein. Sie soll heute auch nicht aufstehen.”</p><p>„Ist etwas passiert?”</p><p>„Nein. Sie muss nur die n&#xE4;chsten Tage im Bett bleiben.”</p><p>„Ist bestimmt nichts passiert?”</p><p>„Nein, nein, das ist immer so im Anfang. Sie muss im Bett bleiben und sich erst gew&#xF6;hnen.”</p><p>Ich h&#xE4;ngte ab. „Schon zu sp&#xE4;t, was?” fragte Fred.</p><p>„Wie meinst du das?” Er zeigte mir seine Uhr. „Es geht schon auf zw&#xF6;lf.”</p><p>„Ja”, sagte ich. „H&#xE4;tte gar nicht anrufen sollen.”</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck und trank weiter.</p><p>Um zwei Uhr brachen wir auf.</p></section><section><title><p>XXIII</p></title><p>Anfang November verkauften wir den Citroen. Das Geld reichte, um die Werkstatt eine Weile weiterzuf&#xFC;hren, aber unsere Lage wurde von Woche zu Woche schlechter. Die Leute stellten im Winter ihre Wagen ein, um Benzin und Steuern zu sparen, und Reparaturen kamen immer weniger vor. Wir halfen uns zwar mit dem Taxi durch, aber der Verdienst war f&#xFC;r drei zu knapp und ich war deshalb ganz froh, als der Wirt vom International mir vorschlug, vom Dezember ab wieder jeden Abend bei ihm Klavier zu spielen. Er hatte in der letzten Zeit Gl&#xFC;ck gehabt; der Viehh&#xE4;ndlerverband hatte seine w&#xF6;chentlichen Vereinsabende in ein Hinterzimmer des International verlegt, dann war der Pferdeh&#xE4;ndlerverband nachgefolgt und zum Schlu&#xDF; noch die Gesellschaft f&#xFC;r Feuerbestattung auf gemeinn&#xFC;tziger Grundlage. Auf diese Weise konnte ich Lenz und K&#xF6;ster das Taxi lassen und mir war es auch sonst ganz recht, – ich wusste ohnehin oft nicht, wie ich die Abende herumbringen sollte.</p><p>Pat schrieb mir regelm&#xE4;&#xDF;ig. Ich wartete auf ihre Briefe, aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie lebte, und manchmal, in den dunklen, schmutzigen Dezemberwochen, wo es nicht einmal mittags richtig hell wurde, glaubte ich, sie sei mir l&#xE4;ngst entglitten und alles sei vorbei. Es schien mir endlos, seit sie fort war, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wiederkommen w&#xFC;rde. Dann kamen Abende voll schwerer, wilder Sehnsucht, wo nichts mehr half, als mit den Huren und den Viehh&#xE4;ndlern bis morgens zu sitzen und zu trinken.</p><p>Der Wirt hatte die Erlaubnis bekommen, das International am Weihnachtsabend offen zu halten. Es sollte eine gro&#xDF;e Feier f&#xFC;r die Junggesellen aller Vereine stattfinden. Der Vorsitzende des Viehh&#xE4;ndlerverbandes, der Schweineh&#xE4;ndler Stefan Grigoleit, stiftete dazu zwei Spanferkel und eine Anzahl Eisbeine. Er war seit zwei Jahren Witwer und eine weiche Natur; da wollte er Weihnachten in Gesellschaft verbringen.</p><p>Der Wirt erstand eine vier Meter hohe Edeltanne, die neben der Theke aufgebaut wurde. Rosa, die Autorit&#xE4;t in allem, was traulich und gem&#xFC;tlich hie&#xDF;, &#xFC;bernahm es, den Baum zu schm&#xFC;cken. Als besondere Aufmerksamkeit f&#xFC;r Grigoleit wurde eine Anzahl rosa Marzipanschweinchen hineingeh&#xE4;ngt.</p><p>Ich hatte mich nachmittags zu Bett gelegt, um ein paar Stunden zu schlafen. Als ich aufwachte, war es dunkel. Ich musste mich einen Augenblick besinnen, ob es Abend oder Morgen war. Ich hatte getr&#xE4;umt, aber ich wusste nicht mehr wovon. Ich war weit weggewesen und ich glaubte noch zu h&#xF6;ren, dass eine schwarze T&#xFC;r hinter mir zuschlug. Dann merkte ich, dass jemand klopfte.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Um sieben Uhr meldete ich das Gespr&#xE4;ch mit Pat an. Von dieser Zeit an kostete es die halbe Taxe und ich konnte doppelt so lange telefonieren. Eine Viertelstunde sp&#xE4;ter kam das Gespr&#xE4;ch. Pat war gleich am Apparat. Als ich ihre warme, dunkle, etwas z&#xF6;gernde Stimme so dicht neben mir h&#xF6;rte, wurde ich so aufgeregt, dass ich kaum sprechen konnte. Es war wie ein Zittern, wie ein Beben des Blutes, gegen das man mit allem Willen nichts machen konnte. „Mein Gott, Pat”, sagte ich, „bist du wirklich da?”</p><p>Sie lachte. „Wo bist du denn, Robby? Im B&#xFC;ro?”</p><p>„Nein, ich sitze bei Frau Zalewski auf dem Tisch. Wie gehts dir?”</p><p>„Gut, Liebling.”</p><p>„Bist du auf?”</p><p>„Ja. Ich sitze auf der Fensterbank in meinem Zimmer und habe meinen wei&#xDF;en Bademantel an. Drau&#xDF;en schneit es.”</p><p>Ich sah sie pl&#xF6;tzlich deutlich vor mir. Ich sah die Schneeflocken wirbeln, ich sah den schmalen, dunklen Kopf, die geraden, etwas vorgebeugten Schultern, die bronzefarbene Haut —</p><p>„Herrgott, Pat”, sagte ich, „das verfluchte Geld! Ich w&#xFC;rde mich sonst auf der Stelle in ein Flugzeug setzen und heute abend noch ankommen.”</p><p>„Ach, Liebling – ”</p><p>Sie schwieg. Ich horchte in das leise Kratzen und Summen der Leitung. „Bist du noch da, Pat?”</p><p>„Ja, Robby. Aber du musst so etwas nicht sagen. Mir ist ganz schwindlig geworden.”</p><p>„Mir ist auch verdammt schwindlig”, sagte ich. „Erz&#xE4;hl mir, was du da oben alles machst.”</p><p>Sie begann zu sprechen, aber ich h&#xF6;rte bald nicht mehr auf das, was sie sagte. Ich h&#xF6;rte nur ihre Stimme, und w&#xE4;hrend ich so auf dem dunklen Vorplatz hockte, zwischen dem Wildschweinssch&#xE4;del und der K&#xFC;che mit den gr&#xFC;nen Bohnen, schien es mir, als ginge die T&#xFC;r auf und eine Welle von W&#xE4;rme und Glanz k&#xE4;me herein, schmeichelnd und bunt, voll von Tr&#xE4;umen, Sehnsucht und Jugend. Ich stemmte die F&#xFC;&#xDF;e gegen den Tisch, ich st&#xFC;tzte den Kopf in die Hand, ich sah den Wildschweinssch&#xE4;del an und die abgesto&#xDF;ene K&#xFC;chent&#xFC;r, aber ich konnte mir nicht helfen, – Sommer war auf einmal da, Wind, Abend &#xFC;ber &#xC4;hrenfeldern und das gr&#xFC;ne Licht der Waldwege. Die Stimme schwieg. Ich atmete tief.</p><p>„Es ist sch&#xF6;n mit dir zu sprechen, Pat. Und heute abend, was tust du da?”</p><p>„Heute abend ist ein kleines Fest. Um acht beginnt es. Ich ziehe mich gerade dazu an.”</p><p>„Was ziehst du denn dazu an? Das silberne Kleid?”</p><p>„Ja, Robby. Das silberne Kleid, in dem du mich durch den Korridor getragen hast.”</p><p>„Und mit wem gehst du?”</p><p>„Mit niemand. Es ist doch hier im Sanatorium. Unten in der Halle. Da kennen sich alle.”</p><p>„Es muss schwer sein f&#xFC;r dich, mich nicht zu betr&#xFC;gen”, sagte ich. „In dem silbernen Kleid.”</p><p>Sie lachte. „In dem schon gar nicht. Da habe ich Erinnerungen.”</p><p>„Ich auch. Ich habe gesehen, wie es wirkt. Aber ich will es auch gar nicht so genau wissen. Du kannst mich betr&#xFC;gen, ich will es nur nicht wissen. Nachher, wenn du zur&#xFC;ckkommst, ist es dann nur wie getr&#xE4;umt f&#xFC;r dich und vergessen und vorbei.”</p><p>„Ach Robby”, sagte sie langsam und ihre Stimme klang tiefer als vorher. ,,lch kann dich nicht betr&#xFC;gen. Daf&#xFC;r denke ich viel zu viel an dich. Du wei&#xDF;t nicht, wie das hier oben ist. Ein strahlendes, sch&#xF6;nes Gef&#xE4;ngnis. Man lenkt sich ab, so gut es geht, das ist alles. Wenn ich an dein Zimmer denke, dann wei&#xDF; ich manchmal nicht, was ich tun soll, dann gehe ich an den Bahnhof und sehe die Z&#xFC;ge an, die von unten kommen und denke, dass ich dir dann n&#xE4;her bin, wenn ich in ein Abteil einsteige oder so tue, als ob ich jemand abholen will.”</p><p>Ich biss die Lippen zusammen. Ich hatte sie noch nie so sprechen geh&#xF6;rt. Sie war immer scheu gewesen und ihre Zuneigung hatte viel mehr in einer Geb&#xE4;rde, einem Blick gelegen als in Worten.</p><p>„Ich werde zusehen, dass ich dich einmal besuchen kann, Pat”, sagte ich.</p><p>„Wirklich, Robby?”</p><p>„Ja, vielleicht Ende Januar.”</p><p>Ich wusste, dass es kaum m&#xF6;glich war, denn von Februar an mussten wir ja auch das Geld f&#xFC;r das Sanatorium aufbringen. Aber ich sagte es ihr, damit sie etwas hatte, woran sie denken konnte. Es war dann sp&#xE4;ter nicht so schwer, es weiter zu verschieben, bis der Tag kam, wo sie wieder herunter konnte.</p><p>„Leb wohl, Pat”, sagte ich. „Lass es dir gut gehen. Sei froh, dann bin ich auch froh. Sei froh heute abend.”</p><p>„Ja, Robby, heute bin ich gl&#xFC;cklich.”</p></section><section><title><p>XXIV</p></title><p>Es war drei Wochen sp&#xE4;ter, an einem kalten Abend im Januar. Ich sa&#xDF; im International und spielte mit dem Wirt „Siebzehn und vier”<a l:href="#n_162" type="note">[162]</a>. Das Lokal war leer, nicht einmal die Huren waren gekommen. Die Stadt war unruhig. Drau&#xDF;en marschierten alle Augenblicke Kolonnen vor&#xFC;ber; manche mit schmetternden Milit&#xE4;rm&#xE4;rschen, andere mit der Internationale und dann wieder schweigende, lange Z&#xFC;ge, denen Schilder vorangetragen wurden mit Forderungen nach Arbeit und Brot. Man h&#xF6;rte die vielen Schritte auf dem Pflaster wie das Gehen einer riesigen, unerbittlichen Uhr. Nachmittags war es zwischen Streikenden und der Polizei bereits zu einem Zusammensto&#xDF; gekommen, bei dem zw&#xF6;lf Leute verletzt worden waren, und die ganze Polizei stand seit Stunden unter Alarm. Die Pfiffe der &#xDC;berfallautos gellten durch die Stra&#xDF;en.</p><p>„Es gibt keine Ruhe”, sagte der Wirt und zeigte eine Sechzehn vor. „Seit dem Krieg hats keine Ruhe mehr gegeben. Und damals haben wir doch alle nichts anderes gewollt als Ruhe. Verr&#xFC;ckte Welt!”</p><p>Ich zeigte Siebzehn vor und strich den Pot<a l:href="#n_163" type="note">[163]</a> ein. „Die Welt ist nicht verr&#xFC;ckt”, sagte ich. „Nur die Menschen.”</p><p>Ich strich das Geld ein. Der Wirt g&#xE4;hnte und sah nach der Uhr. „Fast elf. Ich glaube, wir machen Schluss. Kommt doch keiner mehr.”</p><p>„Da kommt noch einer”, sagte Alois.</p><p>Die T&#xFC;r ging. Es war K&#xF6;ster. „Gibts was Neues drau&#xDF;en, Otto?”</p><p>Er nickte. „Eine Saalschlacht in den Borussias&#xE4;len. Zwei Schwerverletzte, ein paar Dutzend Leichtverletzte und ungef&#xE4;hr hundert Verhaftungen. Zwei Schie&#xDF;ereien im Norden. Ein Schupo tot. Wei&#xDF; nicht, wieviel Verletzte. Na, und jetzt gehts ja wohl erst noch los, wenn die gro&#xDF;en Versammlungen zu Ende sind. Bist du hier fertig?”</p><p>„Ja”, sagte ich. „Wir wollten gerade Schluss machen.”</p><p>„Dann komm mit.”</p><p>Ich sah zum Wirt hin&#xFC;ber. Er nickte. „Also Servus”, sagte ich.</p><p>„Servus”, erwiderte der Wirt tr&#xE4;ge. „Nehmt euch in Acht.”</p><p>Wir gingen hinaus. Drau&#xDF;en roch es nach Schnee. Flugbl&#xE4;tter lagen wie gro&#xDF;e, tote, wei&#xDF;e Schmetterlinge auf der Stra&#xDF;e.</p><p>„Gottfried ist nicht da”, sagte K&#xF6;ster. „Er steckt in einer dieser Versammlungen. Ich habe geh&#xF6;rt, dass sie gesprengt werden sollen, und glaube, dass noch allerhand passieren wird. Es w&#xE4;re ganz gut, wenn wir ihn vor Schluss erwischen k&#xF6;nnten. Er ist ja nicht gerade der Ruhigste.”</p><p>„Wei&#xDF;t du denn, wo er ist?” fragte ich.</p><p>„Nicht genau. Aber ziemlich sicher in einer der drei Hauptversammlungen. Wir m&#xFC;ssen sie abfahren. Gottfried mit seinem leuchtenden Haarschopf ist ja leicht zu erkennen.”</p><p>„Gut.” Wir stiegen ein und jagten mit Karl los zum ersten Versammlungslokal.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Auf der Stra&#xDF;e stand ein Lastwagen mit Schupos. Die Sturmriemen der Tschakos<a l:href="#n_164" type="note">[164]</a> waren heruntergelassen. Karabinerl&#xE4;ufe schimmerten stumpf im Laternenlicht. Bunte Fahnen hingen in den Fenstern. Vor dem Eingang dr&#xE4;ngte sich eine Anzahl uniformierter Leute. Fast alle waren sehr jung.</p><p>Wir blieben am Eingang stehen und K&#xF6;ster, der sehr scharfe Augen hatte, musterte die Reihen.</p><p>Auf dem Podium stand ein kr&#xE4;ftiger, untersetzter Mann und redete. Er hatte eine volle Bruststimme, die m&#xFC;helos in den entferntesten Winkeln verst&#xE4;ndlich war. Es war eine Stimme, die &#xFC;berzeugte, ohne dass man viel darauf achtete, was sie sagte. Und was sie sagte, war leicht verst&#xE4;ndlich. Der Mann ging auf der B&#xFC;hne umher, ungezwungen, mit kleinen Armbewegungen, ab und zu trank er einen Schluck Wasser und machte einen Witz. Dann aber stand er pl&#xF6;tzlich still, voll dem Publikum zugekehrt, und peitschte mit ver&#xE4;nderter, greller Stimme Satz um Satz hinaus, Wahrheiten, die jeder kannte, von der Not, vom Hunger, von der Arbeitslosigkeit, sich immer weiter steigernd, die Zuh&#xF6;rer mitrei&#xDF;end, bis er in einem Furioso<a l:href="#n_165" type="note">[165]</a> herausschmetterte: „Das kann nicht so weitergehen! Das muss anders werden!”</p><p>Das Publikum tobte Beifall, es klatschte und schrie, als sei damit schon alles anders geworden.</p><p>Ich sah mir die Zuh&#xF6;rer an. Es waren Leute aller Berufe: Buchhalter, kleine Gewerbetreibende, Beamte, eine Anzahl Arbeiter und viele Frauen. Sie sa&#xDF;en jetzt da in dem hei&#xDF;en Saal, zur&#xFC;ckgelehnt oder vorgebeugt, Reihe an Reihe, Gesicht neben Gesicht, der Strom der Worte sp&#xFC;lte &#xFC;ber sie hin und es war sonderbar: so verschieden sie auch waren, die Gesichter hatten alle den gleichen, abwesenden Ausdruck, einen schl&#xE4;frigs&#xFC;chtigen Blick in die Ferne einer nebeligen Fata Morgana, es war Leere darin und zugleich eine &#xFC;berm&#xE4;chtige Erwartung, die alles ausl&#xF6;schte, Kritik, Zweifel, Widerspr&#xFC;che und Fragen, den Alltag, die Gegenwart, die Realit&#xE4;t. Der da oben wusste alles; – er hatte f&#xFC;r jede Frage eine Antwort, f&#xFC;r jede Not eine Hilfe. Es war gut, sich ihm anzuvertrauen. Es war gut, jemand zu haben, der f&#xFC;r einen dachte. Es war gut, zu glauben.</p><p>K&#xF6;ster stie&#xDF; mich an. Lenz war nicht da. Er winkte mit dem Kopf nach dem Ausgang. Ich nickte und wir gingen. Die Saalwachen sahen uns finster und argw&#xF6;hnisch nach. Im Vorraum stand eine Kapelle, fertig zum Einmarsch in den Saal. Ein Wald von Fahnen und Abzeichen dahinter.</p><p>„Gut gemacht, was?” fragte K&#xF6;ster drau&#xDF;en.</p><p>„Erstklassig. Das kann ich als alter Propaganda-chef beurteilen.”</p><p>Wir fuhren ein paar Stra&#xDF;en weiter. Dort war die zweite politische Versammlung. Andere Fahnen, andere Uniformen, ein anderer Saal; aber sonst alles &#xE4;hnlich. Auf den Gesichtern der gleiche Ausdruck von ungewisser Hoffnung und gl&#xE4;ubiger Leere.</p><p>„Komm”, sagte K&#xF6;ster nach einer Weile. „Hier ist er auch nicht. Habe ich &#xFC;brigens auch nicht erwartet.”</p><p>Wir fuhren weiter. Die Luft war kalt und frisch nach dem verbrauchten Dunst in den &#xFC;berf&#xFC;llten S&#xE4;len. Der Wagen schoss durch die Stra&#xDF;en. Wir kamen am Kanal vorbei. Die Laternen warfen &#xF6;liggelbe Reflexe auf das dunkle Wasser, das leise an die betonierten Ufer klatschte.</p><p>„Ich denke, wir lassen den Wagen hier stehen und gehen das letzte St&#xFC;ck zu Fu&#xDF;”, sagte K&#xF6;ster nach einer Weile. „Ist unauff&#xE4;lliger.”</p><p>Wir kamen an eine riesige, schmutzige Mietskaserne mit mehreren Hinterh&#xE4;usern, H&#xF6;fen und Durchg&#xE4;ngen. Im untersten Stock befanden sich L&#xE4;den, eine B&#xE4;ckerei und eine Annahmestelle f&#xFC;r Lumpen und altes Eisen. Auf der Stra&#xDF;e vor dem ersten Durchgang standen zwei Lastwagen mit Schupos.</p><p>Im ersten Hof war in einer Ecke aus Holzlatten ein Stand aufgebaut, an dem ein paar gro&#xDF;e Sternkarten hingen. Vor einem Tisch mit Papieren stand auf einem kleinen Podium ein Mann mit einem Turban. &#xDC;ber seinem Kopf hing ein Schild: Astrologie, Handlesekunst, Zukunftsdeutung, – Ihr Horoskop f&#xFC;r 50 Pfennige. Ein Schwarm Menschen umdr&#xE4;ngte ihn.</p><p>„Otto”, sagte ich zu K&#xF6;ster, der vor mir herging, „jetzt wei&#xDF; ich, was die Leute wollen. Sie wollen gar keine Politik. Sie wollen Religionsersatz.”</p><p>Er sah sich um. „Nat&#xFC;rlich. Sie wollen an irgend etwas wieder glauben. An was, ist ganz egal. Deshalb sind sie auch so fanatisch.”</p><p>Wir kamen auf den zweiten Hof, an dem das Versammlungslokal lag. Alle Fenster waren erleuchtet. Pl&#xF6;tzlich h&#xF6;rten wir L&#xE4;rm von drinnen. Im selben Moment st&#xFC;rzte aus einem dunklen Seiteneingang eine Anzahl junger Leute in Windjacken wie auf ein verabredetes Zeichen &#xFC;ber den Hof, dicht unter den Fenstern entlang, auf die T&#xFC;r des Lokals los. Der vorderste riss sie auf und sie st&#xFC;rmten hinein.</p><p>„Ein Sto&#xDF;trupp”, sagte K&#xF6;ster. „Komm hier an die Wand hinter die Bierf&#xE4;sser.”</p><p>Ein Br&#xFC;llen und Toben begann im Saal. In der n&#xE4;chsten Sekunde splitterte ein Fenster und jemand flog heraus. Gleich darauf brach die T&#xFC;r auf, ein Haufen Menschen w&#xE4;lzte sich heraus, die ersten st&#xFC;rzten, die andern fielen dar&#xFC;ber hinweg. Eine Frau schrie gellend um Hilfe und rannte durch den Torbogen hinaus. Ein zweiter Schub folgte mit Stuhlbeinen und Biergl&#xE4;sern, w&#xFC;tend ineinanderverfilzt. Ein riesiger Zimmermann sprang heraus, stellte sich etwas au&#xDF;erhalb auf und jedesmal, wenn er den Kopf eines Gegners vor sich sah, fegte sein langer Arm im Kreise herum und schlug ihn in das Gew&#xFC;hl zur&#xFC;ck. Er machte das v&#xF6;llig ruhig, als ob er Holz hackte.</p><p>Ein neuer Kn&#xE4;uel st&#xFC;rzte heran und pl&#xF6;tzlich sahen wir, drei Meter vor uns, den gelben Schopf Gottfrieds in den H&#xE4;nden eines tobenden Schnauzbarts.</p><p>K&#xF6;ster duckte sich und verschwand in dem Haufen. Ein paar Sekunden sp&#xE4;ter lie&#xDF; der Schnauzbart Gottfried los, warf mit einer Miene &#xE4;u&#xDF;ersten Erstaunens die Arme hoch und fiel wie ein entwurzelter Baum in die Menge zur&#xFC;ck. Gleich darauf entdeckte ich K&#xF6;ster, der Lenz am Kragen hinter sich herschleppte.</p><p>Lenz wehrte sich. „Lass mich nur noch einen Augenblick hin, Otto”, keuchte er.</p><p>„Unsinn”, rief K&#xF6;ster, „die Schupo kommt sofort! Los, da hinten rauf.” Wir liefen &#xFC;ber den Hof, dem dunklen Seiteneingang zu. Es war keinen Augenblick zu fr&#xFC;h. Im gleichen Moment schrillte j&#xE4;hes Pfeifen &#xFC;ber den Hof, die schwarzen Tschakos der Schupo blitzten auf und die Polizei riegelte den Hof ab. Wir rannten die Treppe hinauf, um nicht mit zur Wache geschleppt zu werden. Von einem Flurfenster aus sahen wir, wie es weiterging. Die Schupo arbeitete gl&#xE4;nzend. Sie sperrte ab, trieb einen Keil in den Kn&#xE4;uel, riss die Haufen auseinander, l&#xF6;ste sie auf und begann sofort abzutransportieren. Als ersten den verbl&#xFC;fften Zimmermann, der vergeblich etwas zu erkl&#xE4;ren suchte. Hinter uns schnappte eine T&#xFC;r. Eine Frau im Hemd, mit blo&#xDF;en, d&#xFC;nnen Beinen, eine Kerze in der Hand, steckte den Kopf heraus. „Bist du da?” fragte sie m&#xFC;rrisch.</p><p>„Nein”, sagte Lenz, der sich erholt hatte. Die Frau warf die T&#xFC;r zu. Lenz leuchtete mit seiner Taschenlampe die T&#xFC;r ab. Es war der Maurerpolier Gerhard Peschke, der hier erwartet wurde.</p><p>Unten wurde es still. Die Schupo zog ab und der Hof wurde leer. Wir warteten noch etwas, dann gingen wir die Treppen hinunter. Hinter einer T&#xFC;r weinte ein Kind. Es weinte leise und klagend im Dunkel. „Recht hat es”, sagte Gottfried. „Es weint im voraus.”</p><p>Wir gingen die Stra&#xDF;e entlang. Ein paar Leute kamen uns auf der anderen Seite entgegen. Es waren vier junge Burschen. Einer trug hellgelbe, neue Ledergamaschen, die andern eine Art von Milit&#xE4;rstiefeln. Sie blieben stehen und sahen zu uns her&#xFC;ber. „Da ist er!” rief pl&#xF6;tzlich der mit den Gamaschen und lief schr&#xE4;g &#xFC;ber die Stra&#xDF;e auf uns zu. Im n&#xE4;chsten Augenblick krachten zwei Sch&#xFC;sse, der Bursche sprang weg und alle vier rissen aus, so schnell sie konnten. Ich sah, wie K&#xF6;ster zum Sprung ansetzte, aber dann in einer merkw&#xFC;rdigen Drehung abbog, die Arme ausstreckte, einen gepressten, wilden Laut ausstie&#xDF; und Gottfried Lenz aufzufangen versuchte, der schwer aufs Pflaster schlug.</p><p>Eine Sekunde dachte ich, er sei nur gefallen; dann sah ich das Blut. K&#xF6;ster riss ihm die Jacke auf, zerrte das Hemd weg, – das Blut quoll dick hervor. Ich presste mein Taschentuch dagegen. „Bleib hier, ich hole den Wagen”, rief K&#xF6;ster und rannte los.</p><p>„Gottfried”, sagte ich, „h&#xF6;rst du mich?”</p><p>Sein Gesicht wurde grau. Die Augen waren halb geschlossen. Die Lider bewegten sich nicht. Ich hielt mit der einen Hand seinen Kopf, mit der anderen dr&#xFC;ckte ich das Taschentuch auf die blutende Stelle. Ich kniete neben ihm, ich lauschte auf sein R&#xF6;cheln, seinen Atem, aber ich h&#xF6;rte nichts, lautlos war alles, die endlose Stra&#xDF;e, die endlosen H&#xE4;user, die endlose Nacht, – ich h&#xF6;rte nur leise klatschend das Blut auf das Pflaster fallen und wusste, dass das schon einmal so gewesen sein musste und dass es nicht wahr sein konnte.</p><p>K&#xF6;ster raste heran. Er riss die Lehne des linken Sitzes nach hinten herum. Wir hoben Gottfried vorsichtig hoch und legten ihn auf die beiden Sitze. Ich sprang in den Wagen und K&#xF6;ster schoss los. Wir fuhren zur n&#xE4;chsten Unfallstelle. K&#xF6;ster bremste vorsichtig. „Sieh nach, ob ein Arzt da ist. Sonst m&#xFC;ssen wir weiter.”</p><p>Ich lief hinein. Ein Sanit&#xE4;ter kam mir entgegen. „Ist ein Arzt da?”</p><p>„Ja. Habt ihr jemand?”</p><p>„Ja. Kommen Sie mit ran! Eine Tragbahre.”</p><p>Wir hoben Gottfried auf die Bahre und trugen ihn hinein. Der Arzt stand schon in Hemd&#xE4;rmeln bereit.</p><p>„Hierher!” Er zeigte auf einen flachen Tisch. Wir hoben die Bahre hinauf. Der Arzt zog eine Lampe herunter, dicht &#xFC;ber den K&#xF6;rper.</p><p>„Was ist es?”</p><p>„Revolverschuss.”</p><p>Er nahm einen Bausch Watte, wischte das Blut fort, griff nach Gottfrieds Puls, horchte ihn ab und richtete sich auf. „Nichts mehr zu machen.”</p><p>K&#xF6;ster starrte ihn an. „Der Schuss sitzt doch ganz seitlich. Es kann doch nicht schlimm sein!”</p><p>„Es sind zwei Sch&#xFC;sse!” sagte der Arzt.</p><p>Er wischte wieder das Blut weg. Wir beugten uns vor. Da sahen wir, dass schr&#xE4;g unter der stark blutenden Wunde eine zweite war, – ein kleines dunkles Loch in der Herzgegend.</p><p>„Er muss fast augenblicklich tot gewesen sein”, sagte der Arzt. K&#xF6;ster richtete sich auf. Er sah Gottfried an. Der Arzt bedeckte die Wunden mit Tampons und klebte Heftpflasterstreifen dar&#xFC;ber. „Wollen Sie sich waschen?” fragte er mich.</p><p>„Nein”, sagte ich.</p><p>Gottfrieds Gesicht war jetzt gelb und eingefallen. Der Mund war etwas schief gezogen, die Augen waren halb geschlossen, das eine etwas mehr als das andere. Er sah uns an. Er sah uns immerfort an.</p><p>„Wie ist es denn gekommen?” fragte der Arzt.</p><p>Niemand antwortete. Gottfried sah uns an. Er sah uns unverwandt an.</p><p>„Er kann hierbleiben”, sagte der Arzt.</p><p>K&#xF6;ster r&#xFC;hrte sich. „Nein”, erwiderte er. „Wir nehmen ihn mit!”</p><p>„Das geht nicht”, sagte der Arzt. „Wir m&#xFC;ssen die Polizei anrufen. Die Kriminalpolizei auch. Es muss doch sofort alles getan werden, um den T&#xE4;ter zu finden.”</p><p>„Den T&#xE4;ter?” K&#xF6;ster blickte den Arzt an, als verst&#xE4;nde er ihn nicht. „Gut”, sagte er dann, „ich werde hinfahren und die Polizei holen.”</p><p>„Sie k&#xF6;nnen telefonieren. Dann sind sie schneller hier.”</p><p>K&#xF6;ster sch&#xFC;ttelte langsam den Kopf. „Nein. Ich werde sie holen.”</p><p>Er ging hinaus und ich h&#xF6;rte Karl anspringen. Der Arzt schob mir einen Stuhl hin. „Wollen Sie sich nicht solange setzen?”</p><p>„Danke”, sagte ich und blieb stehen. Das helle Licht lag immer noch auf Gottfrieds blutiger Brust. Der Arzt schob die Lampe etwas h&#xF6;her.</p><p>„Wie ist es denn gekommen?” fragte er nochmals. „Ich wei&#xDF; nicht. Es muss eine Verwechslung mit jemand gewesen sein.”</p><p>„War er im Krieg?” fragte der Arzt.</p><p>Ich nickte.</p><p>„Man sieht es an den Narben”, sagte er. „Und an dem zerschossenen Arm. Er ist mehrere Male verwundet worden.”</p><p>„Ja. Viermal.”</p><p>„Eine Gemeinheit”, sagte der Sanit&#xE4;ter. „Sind doch alles Lausebengels, die damals noch in den Windeln lagen.”</p><p>Ich erwiderte nichts. Gottfried sah mich an. Immerfort an.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Es dauerte lange, bis K&#xF6;ster wiederkam. Er war allein. Der Arzt legte die Zeitung weg, in der er gelesen hatte. „Sind die Beamten da?” fragte er.</p><p>K&#xF6;ster blieb stehen. Er hatte nicht geh&#xF6;rt, was der Arzt gesagt hatte.</p><p>„Ist die Polizei da?” fragte der Arzt noch einmal.</p><p>„Ja”, erwiderte K&#xF6;ster. „Die Polizei. Wir m&#xFC;ssen telefonieren, dass sie kommt.”</p><p>Der Arzt sah ihn an, sagte aber nichts und ging zum Telefon. Ein paar Minuten sp&#xE4;ter kamen zwei Beamte. Sie setzten sich an einen Tisch und einer von ihnen nahm Gottfrieds Personalien auf. Ich wei&#xDF; nicht, aber es schien mir irrsinnig, zu sagen, wie er hie&#xDF; und wann er geboren war und wo er wohnte, jetzt, wo er tot war. Ich starrte auf den schw&#xE4;rzlichen Bleistiftstummel, den der Beamte ab und zu mit den Lippen befeuchtete, und gab mechanisch Antwort.</p><p>Der andere Beamte begann ein Protokoll aufzusetzen. K&#xF6;ster machte die notwendigen Angaben. „K&#xF6;nnen Sie mir ungef&#xE4;hr sagen, wie der T&#xE4;ter aussah?” fragte der Beamte.</p><p>„Nein”, erwiderte K&#xF6;ster. „Ich habe nicht darauf geachtet.”</p><p>Ich blickte zu ihm hin&#xFC;ber. Ich dachte an die gelben Gamaschen und die Uniformen.</p><p>„Wissen Sie nicht, welcher politischen Partei er angeh&#xF6;rte? Haben Sie nicht die Abzeichen oder die Uniform gesehen?”</p><p>„Nein”, sagte K&#xF6;ster. „Ich habe nichts gesehen vor den Sch&#xFC;ssen. Und dann habe ich mich nur um – ” er stockte einen Augenblick – „um meinen Kameraden gek&#xFC;mmert.”</p><p>„Geh&#xF6;ren Sie einer politischen Partei an?”</p><p>„Nein.”</p><p>„Ich meinte, weil Sie sagten, er w&#xE4;re Ihr Kamerad – ”</p><p>„Er ist mein Kamerad aus dem Kriege”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Der Beamte wandte sich mir zu. „K&#xF6;nnen Sie den T&#xE4;ter beschreiben?”</p><p>K&#xF6;ster sah mich fest an. „Nein”, sagte ich. „Ich habe auch nichts gesehen.”</p><p>„Merkw&#xFC;rdig”, sagte der Beamte.</p><p>„Wir waren im Gespr&#xE4;ch und haben auf nichts geachtet. Es ging auch alles sehr schnell.”</p><p>Der Beamte seufzte. „Da ist wenig Aussicht, dass wir die Kerle kriegen.” Er machte das Protokoll fertig.</p><p>„K&#xF6;nnen wir ihn mitnehmen?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Eigentlich – ” Der Beamte blickte den Arzt an.</p><p>„Es ist eigentlich nicht erlaubt”, sagte er dann, „aber wenn Sie ihn nach Hause nehmen wollen, – der Tatbestand ist ja klar, nicht wahr, Herr Doktor?” Der Arzt nickte. „Sie sind ja auch Gerichtsarzt”, fuhr der Beamte fort, „also dann – wie Sie wollen – Sie m&#xFC;ssen nur, – es k&#xF6;nnte sein, dass morgen noch eine Kommission kommt – ”</p><p>„Ich wei&#xDF;”, sagte K&#xF6;ster. „Wir werden alles genau so lassen.” Die Beamten gingen.</p><p>Wir nahmen die Bahre, trugen sie hinaus und legten sie auf die beiden linken Sitze, die mit der heruntergeklappten Lehne eine Ebene bildeten. Der Sanit&#xE4;ter und der Arzt kamen heraus und sahen zu. Wir deckten Gottfrieds Mantel &#xFC;ber ihn und fuhren ab. Nach einer Weile wandte sich K&#xF6;ster zu mir um. „Wir fahren die Stra&#xDF;e noch einmal ab. Ich habe es vorhin schon getan. Aber da war es zu fr&#xFC;h. Vielleicht sind sie jetzt unterwegs.”</p><p>Es fing langsam an zu schneien. K&#xF6;ster fuhr den Wagen fast unh&#xF6;rbar. Er kuppelte aus und oft stellte er auch die Z&#xFC;ndung ab. Er wollte nicht geh&#xF6;rt werden, obschon die vier, die wir suchten, ja nicht wussten, dass wir den Wagen hatten. Dann glitten wir lautlos, wie ein wei&#xDF;es Gespenst durch den immer st&#xE4;rker fallenden Schnee. Ich holte mir aus dem Werkzeug einen Hammer heraus und legte ihn neben mich, um sofort aus dem Wagen springen und zuschlagen zu k&#xF6;nnen. Wir kamen die Stra&#xDF;e entlang, in der es passiert war. Unter der Laterne war noch der schwarze Fleck des Blutes. K&#xF6;ster schaltete das Licht aus. Wir glitten dicht an der Bordkante entlang und beobachteten die Stra&#xDF;e. Niemand war zu sehen. Nur aus einer erleuchteten Kneipe h&#xF6;rten wir Stimmen.</p><p>K&#xF6;ster hielt an der Kreuzung. „Bleib hier”, sagte er, „ich will in der Kneipe nachsehen.”</p><p>„Ich gehe mit”, erwiderte ich.</p><p>Er sah mich mit einem Blick an, wie ich ihn aus der Zeit kannte, als er allein auf Patrouille<a l:href="#n_166" type="note">[166]</a> ging. „Ich werde es nicht in der Kneipe abmachen”, sagte er. „Da kann er mir doch noch entwischen. Ich will nur sehen, ob er da ist. Dann werden wir auf ihn warten. Bleib du hier bei Gottfried.”</p><p>Ich nickte und er verschwand im Schneegest&#xF6;ber. Die Flocken flogen mir ins Gesicht und schmolzen auf der Haut. Ich konnte es pl&#xF6;tzlich nicht ertragen, dass Gottfried zugedeckt war, als ob er nicht mehr zu uns geh&#xF6;rte, und ich schob den Mantel von seinem Kopf fort. Der Schnee fiel jetzt auch auf sein Gesicht, auf seine Augen und seinen Mund, aber er schmolz nicht. Ich nahm mein Taschentuch, wischte ihn weg und deckte den Mantel wieder dar&#xFC;ber.</p><p>K&#xF6;ster kam zur&#xFC;ck. „Nichts gewesen?”</p><p>„Nein”, sagte er.</p><p>Er stieg ein. „Wir fahren jetzt noch die andern Stra&#xDF;en ab. Ich habe das Gef&#xFC;hl, dass wir ihnen jeden Moment begegnen m&#xFC;ssen.”</p><p>Der Wagen br&#xFC;llte auf und wurde sofort wieder abgedrosselt. Leise schlichen wir durch die wei&#xDF;e, wirbelnde Nacht, von Stra&#xDF;e zu Stra&#xDF;e, in den Kurven hielt ich Gottfried fest, damit er nicht herunterrutschte, und ab und zu hielten wir hundert Meter hinter einer Kneipe und K&#xF6;ster lief in langen Spr&#xFC;ngen zur&#xFC;ck um hineinzusehen. Er war von einer finsteren, kalten Besessenheit, er dachte nicht daran, Gottfried erst fortzubringen, zweimal setzte er dazu an, aber dann kehrte er wieder um, weil er glaubte, gerade in diesem Augenblick k&#xF6;nnten die vier unterwegs sein.</p><p>Pl&#xF6;tzlich sahen wir weit vor uns, auf einer langen, kahlen Stra&#xDF;e, eine dunkle Gruppe von Menschen. K&#xF6;ster schaltete sofort die Z&#xFC;ndung ab und lautlos, ohne Licht, kamen wir heran.</p><p>Es waren vier harmlose, &#xE4;ltere Leute. Einer von ihnen war betrunken. Sie begannen zu schimpfen. K&#xF6;ster erwiderte nichts. Wir fuhren weiter. „Otto”, sagte ich, „wir werden ihn heute nicht kriegen. Ich glaube nicht, dass er sich auf die Stra&#xDF;e traut.”</p><p>„Ja, vielleicht”, erwiderte er nach einer Weile und wendete den Wagen. Wir fuhren zu K&#xF6;sters Wohnung. Sein Zimmer hatte einen eigenen Eingang, so dass wir niemand zu wecken brauchten. Als wir ausstiegen, sagte ich: „Weshalb wolltest du der Polizei nicht sagen, wie er aussah? Wir hatten doch Hilfe beim Suchen gehabt. Und gesehen haben wir ihn doch ziemlich genau.”</p><p>K&#xF6;ster blickte mich an. „Weil wir das allein abmachen werden, ohne Polizei. Glaubst du denn – ” seine Stimme wurde ganz leise, unterdr&#xFC;ckt und schrecklich, – „ich werde ihn der Polizei &#xFC;bergeben? Damit er ein paar Jahre Gef&#xE4;ngnis bekommt? Du wei&#xDF;t doch, wie alle diese Prozesse enden! Diese Burschen wissen, dass sie milde Richter finden! Das gibt es nicht! Ich sage dir, und wenn die Polizei ihn f&#xE4;nde, ich w&#xFC;rde erkl&#xE4;ren, er w&#xE4;re es nicht, damit ich ihn wiederbek&#xE4;me! Gottfried tot und der am Leben! Das gibt es nicht!”</p><p>Wir nahmen die Bahre von den Sitzen und trugen sie durch das Schneegest&#xF6;ber und den Wind hinein und es war, als w&#xE4;ren wir in Flandern und br&#xE4;chten einen toten Kameraden aus den Sch&#xFC;tzengr&#xE4;ben zur&#xFC;ck nach hinten.</p><p>Wir kauften einen Sarg und ein Grab auf dem Gemeindefriedhof. Es war ein klarer, sonniger Tag, als er beerdigt wurde. Wir machten den Sarg selbst zu und trugen ihn die Treppen hinunter. Es gingen nicht viele Leute mit. Ferdinand, Valentin, Alfons, der Barmixer Fred, Georgie, Jupp, Frau Sto&#xDF;, Gustav, Stefan Grigoleit und Rosa.</p><p>Vor dem Friedhofstor mussten wir eine Zeitlang warten. Es waren noch zwei Trauerz&#xFC;ge vor uns da, die durchgelassen werden mussten. Einer mit einem schwarzen Beerdigungsauto, ein anderer mit schwarz und silbern behangenen Pferden und einer endlosen Reihe von Leidtragenden, die sich lebhaft unterhielten.</p><p>Wir hoben den Sarg vom Wagen und lie&#xDF;en ihn selbst mit den Seilen hinunter. Der Totengr&#xE4;ber war zufrieden damit, denn er hatte bei den andern Gr&#xE4;bern genug zu tun. Wir hatten auch einen Geistlichen bestellt. Wir wussten zwar nicht, was Gottfried dazu gesagt h&#xE4;tte, aber Valentin war daf&#xFC;r gewesen. Wir hatten den Pastor allerdings gebeten, keine Rede zu halten. Er sollte nur eine Bibelstelle vorlesen. Der Geistliche war ein alter, kurzsichtiger Mann. Als er an das Grab trat, stolperte er &#xFC;ber einen Erdklumpen und w&#xE4;re hineingest&#xFC;rzt, wenn K&#xF6;ster und Valentin ihn nicht gehalten h&#xE4;tten. Bei dem Fall aber rutschte ihm die Bibel fort und die Brille, die er gerade aufsetzen wollte. Sie fielen in das Grab. Best&#xFC;rzt starrte der Geistliche hinterher. „Lassen Sie es gut sein, Herr Pfarrer”, sagte Valentin, „wir ersetzen Ihnen die Sachen.”</p><p>„Es ist nicht wegen des Buches”, erwiderte der Geistliche leise, „aber die Brille brauche ich.”</p><p>Valentin brach einen Zweig von der Friedhofshecke. Dann kniete er am Grabe nieder und es gelang ihm, die Brille an einem B&#xFC;gel zu fassen und sie aus den Kr&#xE4;nzen herauszuholen. Sie war aus Gold. Vielleicht hatte der Pfarrer sie deshalb wiederhaben wollen. Die Bibel war seitlich am Sarge vorbeigerutscht; man h&#xE4;tte ihn herausholen und heruntersteigen m&#xFC;ssen, um sie zu finden. Das wollte auch der Geistliche nicht. Er stand verlegen da. „Soll ich statt dessen einige Worte sprechen?” fragte er.</p><p>„Lassen Sie nur, Herr Pfarrer”, sagte Ferdinand. „Er hat ja nun da unten das ganze Testament.”</p><p>Die aufgeworfene Erde roch stark. In einer der Schollen kroch ein wei&#xDF;er Engerling. Wenn die Erde wieder heruntergeworfen war, w&#xFC;rde er unten weiterleben, sich verpuppen und im n&#xE4;chsten Jahre die Scholle durchbrechen und ans Licht gelangen. Gottfried aber war tot. Er war ausgel&#xF6;scht. Wir standen an seinem Grabe, wir wussten, dass sein K&#xF6;rper, sein Haar, seine Augen noch da waren, verwandelt schon, aber doch noch da und dass er trotzdem schon fort war und nie wieder kam. Es war nicht zu begreifen. Unsere Haut war warm, unsere Gedanken arbeiteten, unser Herz pumpte Blut durch die Adern, wir waren da wie vorher, wie gestern noch, uns fehlte nicht pl&#xF6;tzlich ein Arm, wir waren nicht blind oder stumm geworden, alles war wie immer, gleich w&#xFC;rden wir fortgehen und Gottfried Lenz w&#xFC;rde zur&#xFC;ckbleiben und niemals nachkommen. Es war nicht zu begreifen.</p><p>Die Schollen polterten auf den Sarg. Der Totengr&#xE4;ber hatte uns Spaten gegeben und nun gruben wir ihn ein, Valentin, K&#xF6;ster, Alfons, ich, wie wir schon manchen Kameraden eingegraben hatten. Dr&#xF6;hnend schlug mir ein altes Soldatenlied durch den Sch&#xE4;del, ein altes, trauriges Soldatenlied, das er oft gesungen hatte – „Argonnerwald, Argonnerwald, – ein stiller Friedhof bist du bald – ”</p><p>Alfons hatte ein einfaches, schwarzes Holzkreuz mitgebracht, ein Kreuz, wie sie auf den endlosen Gr&#xE4;berreihen in Frankreich zu Hunderttausenden stehen. Wir setzten es an das Kopfende des Grabes.</p><p>„Kommt”, sagte Valentin schlie&#xDF;lich heiser.</p><p>„Ja”, sagte K&#xF6;ster. Aber er blieb stehen. Wir blieben alle stehen. Valentin sah uns der Reihe nach an. „Wozu?” sagte er langsam. „Wozu nur? Verflucht!”</p><p>Keiner antwortete.</p><p>Valentin machte eine m&#xFC;de Bewegung. „Kommt.”</p><p>Wir gingen &#xFC;ber die Kieswege, dem Ausgang zu. Am Tor erwarteten uns Fred, Georgie und die andern. „Er konnte so wunderbar lachen”, sagte Stefan Grigoleit und die Tr&#xE4;nen flossen &#xFC;ber sein hilfloses, zorniges Gesicht.</p><p>Ich sah mich um. Niemand kam hinter uns her.</p></section><section><title><p>XXV</p></title><p>Im Februar sa&#xDF; ich mit K&#xF6;ster zum letzten Mal in unserer Werkstatt. Wir hatten sie verkaufen m&#xFC;ssen und jetzt warteten wir auf den Auktionator, der die Einrichtungsgegenst&#xE4;nde und die Droschke versteigern sollte. K&#xF6;ster hatte Aussicht, als Rennfahrer bei einer kleineren Autofirma im Fr&#xFC;hjahr unterzukommen. Ich blieb im Cafe International und wollte versuchen, tags&#xFC;ber noch irgendeine Arbeit dazu zu finden, um mehr zu verdienen.</p><p>Auf dem Hof versammelten sich allm&#xE4;hlich ein paar Leute. Der Auktionator kam. „Gehst du raus, Otto?” fragte ich. „Wozu? Es steht ja alles drau&#xDF;en und er wei&#xDF; Bescheid.” K&#xF6;ster sah m&#xFC;de aus. Man konnte es bei ihm nicht leicht merken, aber wenn man ihn genau kannte, wusste man es. Sein Gesicht sah dann eher gespannter und h&#xE4;rter aus als sonst. Er war Abend f&#xFC;r Abend unterwegs, immer in derselben Gegend.</p><p>Er kannte l&#xE4;ngst den Namen des Burschen, der Gottfried erschossen hatte. Er konnte ihn nur nicht finden, weil der andere, aus Furcht vor der Polizei, sein Quartier gewechselt hatte und sich irgendwo verborgen hielt. Alfons hatte das alles herausbekommen. Er wartete ebenfalls. Es war allerdings m&#xF6;glich, dass der andere gar nicht in der Stadt war. Dass K&#xF6;ster und Alfons hinter ihm her waren, wusste er nicht. Sie warteten darauf, dass er zur&#xFC;ckkam, wenn er sich sicher f&#xFC;hlte.</p><p>„Ich werde mal rausgehen und zusehen, Otto”, sagte ich.</p><p>„Gut.”</p><p>Ich ging auf den Hof. Unsere Werkzeugb&#xE4;nke und die &#xFC;brigen Sachen waren in der Mitte aufgebaut. Rechts an der Mauer stand die Taxe. Wir hatten sie sauber gewaschen. Ich betrachtete die Polster und die Reifen. Unsere brave Milchkuh<a l:href="#n_167" type="note">[167]</a> hatte Gottfried sie immer genannt. War gar nicht so einfach, sich davon zu trennen.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir fuhren zur Bank und zur Post und K&#xF6;ster zahlte das Geld an den Konkursverwalter ein. „Ich gehe jetzt schlafen”, sagte er, als er wieder herauskam. „Bist du nachher da?”</p><p>„Ich habe mich heute f&#xFC;r den ganzen Abend frei gemacht.”</p><p>„Gut, ich komme dann so um acht.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir sa&#xDF;en in einer kleinen Kneipe vor der Stadt und fuhren dann wieder hinein. Als wir in die ersten Stra&#xDF;en kamen, platzte uns ein Vorderreifen. Wir wechselten ihn aus. Karl war lange nicht gewaschen worden und ich wurde ziemlich schmutzig dabei. „M&#xFC;sste mir mal die H&#xE4;nde waschen, Otto”, sagte ich.</p><p>In der N&#xE4;he war ein ziemlich gro&#xDF;es Cafe. Wir gingen hinein und setzten uns an einen Tisch in der N&#xE4;he des Eingangs. Zu unserm Erstaunen war das Lokal fast ganz besetzt. Eine Damenkapelle spielte und es herrschte gro&#xDF;er Betrieb. Die Musik trug bunte Papierm&#xFC;tzen<a l:href="#n_168" type="note">[168]</a>, eine Anzahl G&#xE4;ste war kost&#xFC;miert, Papierschlangen flogen von Tisch zu Tisch, Luftballons stiegen auf, die Kellner rannten mit hochbeladenen Tabletts umher und der ganze Raum war voll Bewegung, Gel&#xE4;chter und L&#xE4;rm.</p><p>„Was ist denn hier los?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>Ein blondes M&#xE4;dchen neben uns &#xFC;bersch&#xFC;ttete uns mit einer Wolke Konfetti. „Wo kommen Sie denn her?” lachte sie. „Wissen Sie nicht, dass heute Faschingsanfang ist?”</p><p>„Ach so”, sagte ich. „Na, dann werde ich mir mal die H&#xE4;nde waschen.”</p><p>Ich musste das ganze Lokal durchqueren, um zu den Waschr&#xE4;umen zu gelangen. Eine Weile wurde ich aufgehalten durch einige Leute, die betrunken waren und eine Frau auf den Tisch heben wollten, damit sie singen sollte. Die Frau wehrte sich kreischend, dabei fiel der Tisch um und mit dem Tisch die ganze Gesellschaft. Ich wartete, bis der Durchgang frei wurde; – aber pl&#xF6;tzlich war es mir, als h&#xE4;tte ich einen elektrischen Schlag erhalten. Ich stand steif und erstarrt da, das Lokal versank, der L&#xE4;rm, die Musik, nichts war mehr da, undeutliche, huschende Schatten waren es nur noch, aber deutlich, ungeheuer scharf und klar blieb ein Tisch, ein einziger Tisch und an dem Tisch ein junger Mensch, mit einer Narrenkappe<a l:href="#n_169" type="note">[169]</a> schief auf dem Kopf, einen Arm um ein angetrunkenes M&#xE4;dchen gelegt, glasige, dumme Augen, sehr schmale Lippen, und unter dem Tisch hellgelbe, auffallende, gl&#xE4;nzend geputzte Ledergamaschen —</p><p>Ein Kellner stie&#xDF; mich an. Ich ging wie betrunken weiter und blieb stehen. Mir war gl&#xFC;hend hei&#xDF;, aber ich zitterte am ganzen K&#xF6;rper. Meine H&#xE4;nde waren klatschnass. Ich sah jetzt auch die andern Leute am Tisch. Ich h&#xF6;rte, dass sie im Chor mit herausfordernden Gesichtern irgendein Lied sangen und im Takt dazu mit den Biergl&#xE4;sern auf den Tisch klopften. Wieder stie&#xDF; mich jemand an. „Versperren Sie doch nicht die Passage”, knurrte er.</p><p>Ich ging mechanisch weiter, ich fand die Waschr&#xE4;ume, ich wusch mir die H&#xE4;nde und ich merkte es erst, als ich mir die Haut fast verbr&#xFC;ht hatte. Dann ging ich zur&#xFC;ck.</p><p>„Was hast du?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>Ich konnte nicht antworten. „Ist dir schlecht?” fragte er.</p><p>Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf und sah nach dem Tisch nebenan, von wo das blonde M&#xE4;dchen her&#xFC;berschielte. Pl&#xF6;tzlich wurde K&#xF6;ster blass. Seine Augen verengten sich. Er beugte sich vor.</p><p>„Ja?” fragte er ganz leise.</p><p>„Ja”, erwiderte ich.</p><p>„Wo?”</p><p>Ich blickte in die Richtung.</p><p>K&#xF6;ster erhob sich langsam. Es war, als ob eine Schlange sich aufrichtete. „Achtung”, fl&#xFC;sterte ich. „Nicht hier, Otto!”</p><p>Er wehrte mit einer kurzen Handbewegung ab und ging langsam vorw&#xE4;rts. Ich hielt mich bereit, hinter ihm her zu st&#xFC;rzen. Eine Frau st&#xFC;lpte ihm eine gr&#xFC;nrote Papierm&#xFC;tze auf und h&#xE4;ngte sich an ihn. Sie fiel ab, ohne dass er sie ber&#xFC;hrt h&#xE4;tte, und starrte ihm nach. Er ging in einem flachen Bogen durch das Lokal und kehrte zur&#xFC;ck.</p><p>„Nicht mehr da”, sagte er.</p><p>Ich stand auf und blickte durch den Saal. K&#xF6;ster hatte recht.</p><p>„Glaubst du, dass er mich erkannt hat?” fragte ich.</p><p>K&#xF6;ster zuckte die Achseln. Er bemerkte jetzt erst die Papierm&#xFC;tze auf seinem Kopf und streifte sie ab. „Ich verstehe das nicht”, sagte ich. „Ich bin doch h&#xF6;chstens ein, zwei Minuten im Waschraum gewesen.”</p><p>„Du warst &#xFC;ber eine Viertelstunde weg.”</p><p>„Was?” Ich sah noch einmal zu dem Tisch hin&#xFC;ber. „Die andern sind auch weg. Da war noch ein M&#xE4;dchen mit ihnen, das ist auch nicht mehr da. Wenn er mich erkannt h&#xE4;tte, w&#xE4;re er doch bestimmt allein verschwunden.”</p><p>K&#xF6;ster winkte dem Kellner. „Gibt es hier noch einen zweiten Ausgang?”</p><p>„Ja, dr&#xFC;ben, auf der andern Seite, nach der Hardenbergstra&#xDF;e.”</p><p>K&#xF6;ster zog ein Geldst&#xFC;ck aus der Tasche und gab es dem Kellner. „Komm”, sagte er.</p><p>„Schade”, sagte das blonde M&#xE4;dchen am Nebentisch und l&#xE4;chelte. „So ernste Kavaliere.”</p><p>Der Wind drau&#xDF;en schlug uns entgegen. Er schien eisig zu sein nach dem hei&#xDF;en Qualm des Cafes. „Geh nach Hause”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>„Es waren mehrere”, erwiderte ich und stieg zu ihm ein.</p><p>Der Wagen schoss los. Wir k&#xE4;mmten rund um das Cafe s&#xE4;mtliche Stra&#xDF;en durch, immer weiter, aber wir sahen nichts. Endlich hielt K&#xF6;ster an. „Entwischt”, sagte er. „Aber das macht nichts. Wir werden ihn jetzt irgendwann kriegen.”</p><p>„Otto”, sagte ich. „Wir sollten es lassen.” Er sah mich an.</p><p>„Gottfried ist tot”, fuhr ich fort und wunderte mich selbst dar&#xFC;ber, was ich redete. „Er wird nicht wieder lebendig davon.”</p><p>K&#xF6;ster sah mich immer noch an. „Robby”, erwiderte er langsam, „ich wei&#xDF; nicht mehr, wie viele Menschen ich get&#xF6;tet habe. Aber ich wei&#xDF; noch, wie ich einen jungen Engl&#xE4;nder abgeschossen habe. Er hatte eine Ladehemmung und konnte nichts mehr machen. Ich war mit meiner Maschine ein paar Meter hinter ihm und sah sein erschrockenes, kindliches Gesicht mit der Angst in den Augen ganz genau, es war sein erster Flug, das stellten wir nachher fest und er war knapp achtzehn Jahre alt und in dieses erschrockene, hilflose, h&#xFC;bsche Kindergesicht habe ich auf ein paar Meter Entfernung eine Garbe mit meinem Maschinengewehr gejagt, dass der Sch&#xE4;del platzte wie ein H&#xFC;hnerei. Ich kannte den Jungen nicht und er hatte mir nichts getan. Es hat damals l&#xE4;nger gedauert als sonst, bis ich dar&#xFC;ber weggekommen bin und bis ich mein Gewissen zugestampft hatte mit diesem verdammten: Krieg ist Krieg. Aber ich sage dir, wenn ich den, der Gottfried umgebracht hat, der ihn wie einen Hund niedergeschossen hat ohne Grund, nicht auch umbringe, dann war das mit dem Engl&#xE4;nder ein furchtbares Verbrechen, verstehst du das?”</p><p>„Ja”, sagte ich.</p><p>„Und jetzt geh nach Hause. Ich muss sehen, dass es zu Ende kommt. Es ist wie eine Mauer. Ich kann nicht weiter, ehe sie nicht weg ist.”</p><p>„Ich gehe nicht nach Hause, Otto. Wenn es so ist, wollen wir zusammenbleiben.”</p><p>„Unsinn”, sagte er ungeduldig. „Ich kann dich nicht brauchen.” Er hob die Hand, als er sah, dass ich reden wollte. „Ich werde schon aufpassen! Ich werde ihn allein treffen, ohne die andern, ganz allein! Hab keine Angst.”</p><p>Er schob mich ungeduldig vom Sitz und raste sofort davon. Ich wusste, dass nichts ihn mehr aufhalten konnte. Ich wusste auch, weshalb er mich nicht mitgenommen hatte. Wegen Pat. Gottfried h&#xE4;tte er mitgenommen.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich ging zu Alfons. Er war der einzige, mit dem ich sprechen konnte. Ich wollte mit ihm beraten, ob wir etwas tun k&#xF6;nnten. Aber Alfons war nicht da. Ein verschlafenes M&#xE4;dchen sagte mir, er sei vor einer Stunde zu einer Versammlung gegangen. Ich setzte mich an einen Tisch um zu warten.</p><p>Das Lokal war leer. Nur eine kleine Birne brannte &#xFC;ber dem Schanktisch. Das M&#xE4;dchen hatte sich wieder hingesetzt und schlief weiter. Ich dachte an Otto und an Gottfried, ich blickte aus dem Fenster auf die Stra&#xDF;e, die jetzt vom langsam &#xFC;ber die D&#xE4;cher steigenden Vollmond erhellt wurde, ich dachte an das Grab mit dem schwarzen Holzkreuz und dem Stahlhelm dar&#xFC;ber und pl&#xF6;tzlich merkte ich, dass ich weinte. Ich wischte die Tropfen weg.</p><p>Nach einiger Zeit h&#xF6;rte ich rasche, leise Schritte im Hause. Die T&#xFC;r, die zum Hof f&#xFC;hrte, &#xF6;ffnete sich und Alfons trat herein. Sein Gesicht gl&#xE4;nzte von Schwei&#xDF;.</p><p>„Ich bins, Alfons”, sagte ich.</p><p>„Komm her, rasch!”</p><p>Ich folgte ihm in das Zimmer rechts hinter dem Schankraum. Alfons ging an einen Schrank und holte zwei alte Milit&#xE4;rverbandsp&#xE4;ckchen heraus. „Kannst mich mal verbinden”, sagte er und zog ger&#xE4;uschlos die Hose aus.</p><p>Er hatte einen Riss am Oberschenkel. „Das sieht aus wie ein Streifschuss”, sagte ich.</p><p>„Ist es auch”, knurrte Alfons. „Los, verbinde schon!”</p><p>„Alfons”, sagte ich und richtete mich auf. „Wo ist Otto?”</p><p>„Wie soll ich wissen, wo Otto ist”, murrte er und presste die Wunde aus.</p><p>„Wart ihr nicht zusammen?”</p><p>„Nein.”</p><p>„Du hast ihn nicht gesehen?”</p><p>„Keine Ahnung. Fasere das zweite P&#xE4;ckchen auseinander und leg es drauf. Ist nur ne Schramme.”</p><p>Er besch&#xE4;ftigte sich weiter brummend mit seiner Wunde.</p><p>„Alfons”, sagte ich, „wir haben den – du wei&#xDF;t schon, mit Gottfried, – wir haben ihn heute abend gesehen und Otto ist hinter ihm her.”</p><p>„Was?” Er wurde sofort aufmerksam. „Wo ist er denn? Hat doch keinen Sinn mehr! Er muss weg!”</p><p>„Er geht nicht weg.”</p><p>Alfons warf die Schere beiseite. „Fahr hin! Wei&#xDF;t du, wo er ist? Er soll verschwinden. Sag ihm, dass das mit Gottfried fertig ist. Habe fr&#xFC;her Bescheid gewusst als ihr! Siehst es ja! Hat geschossen, aber ich habe ihm die Hand runtergeschlagen. Dann habe ich geschossen. Wo ist Otto?”</p><p>„Irgendwo um die M&#xF6;nkestra&#xDF;e rum.”</p><p>„Gott sei Dank. Da wohnt er ja l&#xE4;ngst nicht mehr. Aber schaff ihn trotzdem weg.”</p><p>Ich ging zum Telefon und rief den Taxistand an, wo Gustav sich gew&#xF6;hnlich aufhielt. Er war da. „Gustav”, sagte ich, „kannst du mal zur Ecke Wiesenstra&#xDF;e und Bellevueplatz kommen? Schnell? Ich warte da.”</p><p>„Gemacht. Bin in zehn Minuten da.”</p><p>Ich h&#xE4;ngte den H&#xF6;rer ein und ging zu Alfons zur&#xFC;ck. Er zog sich eine andere Hose an. „Habe nicht gewusst, dass ihr unterwegs wart”, sagte er. Sein Gesicht war immer noch na&#xDF;.</p><p>„W&#xE4;re besser gewesen, ihr h&#xE4;ttet irgendwo gesessen. Wegen des Alibis. K&#xF6;nnte ja sein, dass sie euch danach fragen. Man wei&#xDF; nie – ”</p><p>„Denk lieber an dich”, sagte ich.</p><p>„Ach wo!” Er sprach schneller als sonst. „War allein mit ihm. Habe im Zimmer auf ihn gewartet. War in einer Wohnlaube. Ringsum keine Nachbarn. Au&#xDF;erdem Notwehr. Er schoss sofort, als er reinkam. Brauche kein Alibi. Kann ein Dutzend haben, wenn ich will.” Er sah mich an. Er sa&#xDF; auf einem Stuhl, das nasse, breite Gesicht mir zugewandt, die Haare verschwitzt, den gro&#xDF;en Mund schief verzogen, und seine Augen waren fast unertr&#xE4;glich, so viel Qual, Schmerz und Liebe lag pl&#xF6;tzlich nackt und hoffnungslos darin. „Nun wird Gottfried Ruhe haben”, sagte er leise und heiser. „Hatte das Gef&#xFC;hl, dass er keine Ruhe hatte vorher.”</p><p>Ich stand stumm vor ihm.</p><p>„Geh jetzt”, sagte er.</p><p>Ich ging durch die Wirtsstube hinaus.</p><p>Gustav kam ein paar Minuten sp&#xE4;ter. „Was ist los, Robert?” fragte er.</p><p>„Unser Wagen ist uns gestohlen worden heute abend. Jetzt habe ich geh&#xF6;rt, er w&#xE4;re in der Gegend der M&#xF6;nkestra&#xDF;e gesehen worden. Wollen wir mal hinfahren?”</p><p>„Aber klar!” Gustav wurde eifrig. „Was da augenblicklich alles geklaut wird! Jeden Tag ein paar Wagen. Aber meistens fahren sie ja nur damit rum, bis das Benzin zu Ende ist, und lassen sie dann stehen.”</p><p>„Ja, so wirds mit unserm auch wohl sein.”</p><p>Gustav erz&#xE4;hlte mir, dass er bald heiraten wolle. Es sei was Kleines unterwegs, da helfe alles nichts. Wir fuhren durch die M&#xF6;nkestra&#xDF;e und dann durch die Querstra&#xDF;en. „Da ist er!” rief Gustav pl&#xF6;tzlich.</p><p>Der Wagen stand in einer versteckten, dunklen Seitengasse. Ich stieg aus, nahm meinen Schl&#xFC;ssel und schaltete die Z&#xFC;ndung ein. „Alles in Ordnung, Gustav”, sagte ich. „Danke sch&#xF6;n, dass du mich hergebracht hast.”</p><p>„Wollen wir nicht noch irgendwo einen trinken?” fragte er.</p><p>„Nein, heute nicht. Morgen. Ich muss jetzt rasch los.”</p><p>Ich griff in die Tasche, um ihm die Fahrt zu bezahlen. „Bist du verr&#xFC;ckt?” fragte er.</p><p>„Also danke, Gustav. Lass dich nicht aufhalten. Wiedersehen.”</p><p>Er fuhr ab. Ich wartete eine Weile, dann fuhr ich hinterher, erreichte die M&#xF6;nkestra&#xDF;e und fuhr sie im dritten Gang langsam herunter. Als ich wieder heraufkam, stand K&#xF6;ster an der Ecke. „Was soll das?”</p><p>„Steig ein”, sagte ich rasch. „Du brauchst nicht mehr hier zu stehen. Er hat – er hat ihn schon getroffen.”</p><p>„Und?”</p><p>„Ja”, sagte ich.</p><p>K&#xF6;ster stieg schweigend ein. Er setzte sich nicht ans Steuer. Er hockte neben mir, etwas zusammengesunken, und ich fuhr.</p><p>„Wollen wir zu mir nach Hause?” fragte ich.</p><p>Er nickte. Ich gab Gas und nahm die Strecke am Kanal entlang.</p><p>„Ich bin froh, Otto, dass es so gekommen ist”, sagte ich.</p><p>„Ich nicht”, erwiderte er.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Bei Frau Zalewski war noch Licht. Sie kam aus ihrem Salon, als ich die T&#xFC;r aufschloss.</p><p>„Es ist ein Telegramm f&#xFC;r Sie da”, sagte sie.</p><p>„Ein Telegramm?” fragte ich erstaunt. Ich dachte immer noch an den Abend. Dann begriff ich und lief in mein Zimmer. Das Telegramm lag mitten auf dem Tisch, kalkig im grellen Licht. Ich riss die Verschlussmarke auf, die Brust presste sich mir zu, die Buchstaben verschwammen, wichen aus, kamen wieder, ich atmete auf, alles stand still und ich gab das Telegramm K&#xF6;ster. „Gottseidank. Ich dachte schon – ”</p><p>Es waren nur drei Worte. „Robby, komm bald – ”</p><p>Ich nahm das Blatt wieder. Die Erleichterung schwand. Die Angst kam zur&#xFC;ck. „Was mag da los sein, Otto? Herrgott, weshalb telegraphiert sie nicht mehr? Es muss doch was los sein!”</p><p>K&#xF6;ster legte die Depesche auf den Tisch. „Wann hast du zum letzten Mal von ihr geh&#xF6;rt?”</p><p>„Vor einer Woche. Nein, l&#xE4;nger.”</p><p>„Melde ein Gespr&#xE4;ch an. Wenn etwas ist, fahren wir gleich ab. Mit dem Wagen. Hast du ein Kursbuch?”</p><p>Ich meldete die Verbindung mit dem Sanatorium an und holte das Kursbuch aus Frau Zalewskis Salon. K&#xF6;ster schlug es auf, w&#xE4;hrend wir warteten. „Der n&#xE4;chste gute Anschlusszug f&#xE4;hrt erst morgen mittag”, sagte er. „Es ist besser, wir nehmen den Wagen und fahren so weit heran, wie es geht. Dann k&#xF6;nnen wir immer noch den n&#xE4;chsten Anschlusszug nehmen. Ein paar Stunden sparen wir bestimmt. Was meinst du?”</p><p>„Ja, auf jeden Fall.” Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich die unt&#xE4;tigen Stunden in der Eisenbahn ertragen sollte.</p><p>Das Telefon klingelte. K&#xF6;ster ging mit dem Kursbuch in mein Zimmer. Das Sanatorium meldete sich. Ich fragte nach Pat. Eine Minute sp&#xE4;ter sagte mir die Stations-schwester, es w&#xE4;re besser, wenn Pat nicht telefoniere.</p><p>„Was hat sie?” schrie ich.</p><p>„Eine kleine Blutung vor einigen Tagen. Und heute etwas Fieber.”</p><p>„Sagen Sie ihr, dass ich k&#xE4;me”, rief ich. „Mit K&#xF6;ster und Karl. Wir fahren jetzt ab. Haben Sie verstanden?”</p><p>„Mit K&#xF6;ster und Karl”, wiederholte die Stimme.</p><p>„Ja. Aber sagen Sie es ihr sofort. Wir fahren jetzt ab.”</p><p>„Ich werde es ihr gleich bestellen.”</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck in mein Zimmer. Meine Beine waren merkw&#xFC;rdig leicht. K&#xF6;ster sa&#xDF; am Tisch und schrieb die Z&#xFC;ge aus.</p><p>„Pack deinen Koffer”, sagte er. „Ich fahre nach Hause und hole meinen auch. In einer halben Stunde bin ich zur&#xFC;ck.”</p><p>Ich nahm den Koffer vom Schrank. Es war der von Lenz mit den bunten Hotelschildern. Ich packte rasch und sagte Frau Zalewski und dem Wirt vom International Bescheid. Dann setzte ich mich in mein Zimmer ans Fenster, um auf K&#xF6;ster zu warten. Es war sehr still. Ich dachte daran, dass ich morgen abend bei Pat sein w&#xFC;rde, und pl&#xF6;tzlich ergriff mich eine hei&#xDF;e, wilde Erwartung, vor der alles andere verblich, Angst, Sorge, Trauer, Verzweiflung. Ich w&#xFC;rde morgen abend bei ihr sein, – das war ein unvorstellbares Gl&#xFC;ck, etwas, an das ich fast nicht mehr geglaubt hatte. Es war so vieles verlorengegangen seitdem.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich nahm meinen Koffer und ging hinunter. Alles war auf einmal nah und warm, die .Treppe, der abgestandene Geruch des Hausflurs, das kalte, blinkende Gummigrau des Asphalts, &#xFC;ber den Karl soeben heranschoss.</p><p>„Ich habe ein paar Decken mitgebracht”, sagte K&#xF6;ster. „Es wird kalt werden. Wickle dich ordentlich ein.”</p><p>„Wir fahren abwechselnd, was? fragte ich.</p><p>„Ja. Aber vorl&#xE4;ufig fahre ich. Ich habe ja nachmittags geschlafen.”</p><p>Eine halbe Stunde sp&#xE4;ter hatten wir die Stadt hinter uns und das ungeheure Schweigen der klaren Mondnacht nahm uns auf. Die Stra&#xDF;e lief wei&#xDF; vor uns her bis zum Horizont. Es war so hell, dass wir ohne Scheinwerfer fahren konnten. Der Klang des Motors war wie ein dunkler Orgelton; er unterbrach die Stille nicht, er machte sie nur noch f&#xFC;hlbarer.</p><p>„Du solltest etwas schlafen”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Kann ich nicht, Otto.”</p><p>„Dann leg dich wenigstens hin, damit du morgen fr&#xFC;h frisch bist. Wir m&#xFC;ssen noch durch ganz Deutschland.”</p><p>„Ich ruhe mich auch so aus.”</p><p>Ich blieb neben K&#xF6;ster sitzen. Der Mond glitt langsam &#xFC;ber den Himmel. Die Felder gl&#xE4;nzten wie Perlmutter.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Gegen Morgen wurde es kalt. Die Wiesen schimmerten pl&#xF6;tzlich von Reif, die B&#xE4;ume standen wie aus Stahl gegossen vor dem fahler werdenden Himmel, in den W&#xE4;ldern begann es zu wehen und aus den Schornsteinen der H&#xE4;user stieg vereinzelt Rauch auf. Wir wechselten das Steuer und ich fuhr bis zehn Uhr. Dann fr&#xFC;hst&#xFC;ckten wir rasch in einem Wirtshaus am Wege und ich fuhr weiter bis zw&#xF6;lf. Von da an blieb K&#xF6;ster am Steuer. Es ging schneller, wenn er allein fuhr.</p><p>Nachmittags, als es zu d&#xE4;mmern anfing, kamen wir an das Gebirge. Wir hatten Schneeketten und eine Schaufel bei uns und erkundigten uns, wie weit wir kommen k&#xF6;nnten.</p><p>„Sie k&#xF6;nnen es mit Ketten versuchen”, sagte der Sekret&#xE4;r des Autoklubs. „Es ist dieses Jahr sehr wenig Schnee. Nur wie es die letzten Kilometer ist, wei&#xDF; ich nicht genau. Kann sein, dass Sie da stecken bleiben.”</p><p>Wir hatten einen gro&#xDF;en Vorsprung vor dem Zug und beschlossen zu versuchen, ganz herauf zu kommen. Im letzten Dorf lie&#xDF;en wir uns einen Eimer Sand geben, weil wir jetzt sehr hoch waren und Sorge hatten, beim Abw&#xE4;rtsfahren vereiste Kurven vor uns zu haben. Es war ganz dunkel geworden, die Bergw&#xE4;nde ragten steil und kahl &#xFC;ber uns in den Abend, der Pass verengte sich, der Motor br&#xFC;llte im ersten Gang und Kurve um Kurve ging es abw&#xE4;rts. Pl&#xF6;tzlich glitt das Licht der Scheinwerfer von den H&#xE4;ngen ab, es st&#xFC;rzte ins Leere, die Berge &#xF6;ffneten sich und wir sahen unten das Lichtnetz des Dorfes vor uns liegen.</p><p>Der Wagen donnerte zwischen den bunten L&#xE4;den der Hauptstra&#xDF;e hindurch. Fu&#xDF;g&#xE4;nger sprangen beiseite, erschreckt durch den ungewohnten Anblick, Pferde scheuten, ein Schlitten rutschte ab, der Wagen jagte die Kehren zum Sanatorium hinauf und hielt vor dem Portal. Ich sprang hinaus, ich sah wie durch einen Schleier neugierige Gesichter, Leute, das Bureau<a l:href="#n_170" type="note">[170]</a>, den Aufzug, dann lief ich durch den wei&#xDF;en Korridor, riss die T&#xFC;r auf und erblickte Pat, wie ich sie hundertmal in Traum und Sehnsucht gesehen hatte, sie kam mir entgegen und ich hielt sie in den Armen wie das Leben und mehr als das Leben.</p><p>„Gottseidank”, sagte ich, als ich mich wieder zurechtfand, „ich glaubte, du l&#xE4;gest im Bett.”</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf an meiner Schulter. Dann richtete sie sich auf, nahm mein Gesicht in ihre H&#xE4;nde und sah mich an. „Dass du da bist”, murmelte sie. „Dass du gekommen bist!”</p><p>Sie k&#xFC;sste mich, vorsichtig, ernst und behutsam, wie etwas, das man nicht zerbrechen will. Als ich ihre Lippen f&#xFC;hlte, begann ich zu zittern. Es war alles zu schnell gegangen, ich fasste es jetzt doch noch nicht ganz. Ich war noch nicht richtig da; ich war noch voll Fahrt, voll Motordr&#xF6;hnen und Stra&#xDF;e. Es ging mir wie jemand, der aus K&#xE4;lte und Nacht in ein warmes Zimmer tritt; – er sp&#xFC;rt die W&#xE4;rme auf der Haut, er empfindet sie mit den Augen, – aber er ist noch nicht warm.</p><p>„Wir sind schnell gefahren”, sagte ich.</p><p>Sie antwortete nicht. Sie sah mich immer noch schweigend an. Ihr ernstes Gesicht hatte einen ergreifenden Ausdruck, ihre Augen waren dicht vor mir und es war, als wolle sie etwas sehr Wichtiges suchen und wiederfinden. Ich wurde verlegen. Ich legte die H&#xE4;nde auf ihre Schultern und senkte den Blick.</p><p>„Bleibst du jetzt hier?” fragte sie.</p><p>Ich nickte.</p><p>„Sag es mir gleich. Sag mir, ob du wieder fortgehst, damit ich es gleich wei&#xDF;.”</p><p>Ich wollte ihr antworten, dass ich es noch nicht w&#xFC;sste und dass ich wahrscheinlich in ein paar Tagen abfahren m&#xFC;sste, weil ich kein Geld h&#xE4;tte um hierzubleiben. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte es nicht, w&#xE4;hrend sie mich so ansah. „Ja”, sagte ich, „ich bleibe hier. Solange, bis wir zusammen abreisen.”</p><p>Ihr Gesicht bewegte sich nicht. Aber es wurde pl&#xF6;tzlich hell, wie von innen her erleuchtet. „Ach”, murmelte sie, „ich h&#xE4;tte es auch nicht ertragen.”</p><p>Ich versuchte, &#xFC;ber ihre Schulter hinweg die Fieberkurve am Kopfende des Bettes zu lesen. Sie bemerkte es, zog rasch das Blatt aus dem Halter, zerkn&#xFC;llte es und warf es unter das Bett.</p><p>„Das gilt jetzt nicht mehr”, sagte sie.</p><p>Ich merkte mir, wo das Papierkn&#xE4;uel lag, und beschloss, es nachher, wenn sie es nicht sah, einzustecken. „Warst du krank?” fragte ich.</p><p>„Etwas. Aber das ist jetzt vorbei.”</p><p>„Was hat denn der Arzt gesagt?”</p><p>Sie lachte. „Frag jetzt nicht nach dem Arzt. Frag &#xFC;berhaupt nichts mehr. Du bist da, das ist genug!”</p><p>Sie war pl&#xF6;tzlich ver&#xE4;ndert. Ich wusste nicht, ob es daher kam, dass ich sie so lange nicht gesehen hatte, aber sie erschien mir auch anders als fr&#xFC;her. Ihre Bewegungen waren geschmeidiger, ihre Haut w&#xE4;rmer, die Art, wie sie zu mir kam, war anders, sie war nicht mehr nur ein sch&#xF6;nes, junges M&#xE4;dchen, das besch&#xFC;tzt werden musste, es war noch etwas hinzugekommen und w&#xE4;hrend ich fr&#xFC;her oft nicht gewusst hatte, ob sie mich liebte, sp&#xFC;rte ich es jetzt, sie verbarg nichts mehr, sie war lebendiger und mir n&#xE4;her als je, lebendiger, n&#xE4;her und sch&#xF6;ner, begl&#xFC;ckender, aber sonderbarerweise auch beunruhigender.</p><p>„Pat”, sagte ich, „ich muss rasch hinunter. K&#xF6;ster ist unten. Wir m&#xFC;ssen sehen, wo wir wohnen.”</p><p>„K&#xF6;ster? Und wo ist Lenz?”</p><p>„Lenz”, antwortete ich, „Lenz ist zu Hause geblieben.”</p><p>Sie merkte nichts.</p><p>„Darfst du hinunter, nachher?” fragte ich. „Oder sollen wir herauf kommen ?’’</p><p>„Ich darf alles. Ich darf jetzt alles. Wir gehen hinunter und dann trinken wir etwas. Ich werde euch zusehen, wie ihr trinkt.”</p><p>„Gut. Wir warten dann unten in der Halle auf dich.”</p><p>Sie ging zum Schrank, um ein Kleid herauszunehmen. Ich ben&#xFC;tzte die Gelegenheit, die zusammengekn&#xE4;uelten Fieberkurven in die Tasche zu stecken.</p><p>„Also bis gleich, Pat.”</p><p>„Robby!”</p><p>Sie kam mir nach und legte mir die Arme um den Hals. „Ich wollte dir eigentlich so viel sagen.”</p><p>„Ich dir auch, Pat. Aber nun haben wir ja Zeit dazu. Wir werden uns den ganzen Tag etwas erz&#xE4;hlen. Morgen. Zu Anfang geht das nicht gleich so.”</p><p>Sie nickte. „Ja, wir wollen uns alles erz&#xE4;hlen. Dann ist diese ganze Zeit, die wir allein waren, keine Zeit mehr, wo wir getrennt waren. Dann wissen wir alles voneinander und das ist dann, als ob wir immer beisammen gewesen sind.”</p><p>„Das waren wir auch so”, sagte ich.</p><p>Sie l&#xE4;chelte. „Ich nicht. Ich habe nicht so viel Kraft. F&#xFC;r mich wars schlimmer. Ich kann mich nicht mit Gedanken tr&#xF6;sten, wenn ich allein bin. Ich bin dann allein, mehr wei&#xDF; ich nicht. Es ist leichter, ohne Liebe allein zu sein.” Sie l&#xE4;chelte noch immer. Es war ein gl&#xE4;sernes L&#xE4;cheln, sie hielt es fest, aber man konnte hindurchsehen.</p><p>„Pat”, sagte ich. „Alter, tapferer Bursche.</p><p>Das hab ich lange nicht geh&#xF6;rt”, sagte sie und ihre Augen waren voll Tr&#xE4;nen.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ich ging zu K&#xF6;ster hinunter. Die Koffer waren schon ausgeladen. Man hatte uns zwei Zimmer nebeneinander in der Dependance gegeben. „Sieh dir das an”, sagte ich und zeigte ihm die Fieberkurven. „Wie das herauf und herunter geht.”</p><p>Wir gingen &#xFC;ber den knirschenden Schnee die Treppen hinauf. „Frag morgen den Arzt”, sagte K&#xF6;ster. „Aus den Fieberkurven allein kann man nichts sehen.”</p><p>„Ich sehe genug”, erwiderte ich, zerkn&#xFC;llte sie und steckte sie wieder in die Tasche.</p><p>Wir wuschen uns. Dann kam K&#xF6;ster zu mir ins Zimmer. Er sah aus, als w&#xE4;re er gerade aufgestanden. „Du musst dich anziehen, Robby”, sagte er.</p><p>„Ja.” Ich wachte aus meinem Br&#xFC;ten auf und packte den Koffer aus. Wir gingen zum Sanatorium zur&#xFC;ck. Karl stand noch drau&#xDF;en. K&#xF6;ster hatte ihm eine Decke &#xFC;ber den K&#xFC;hler geh&#xE4;ngt.</p><p>„Wann fahren wir zur&#xFC;ck, Otto?” fragte ich.</p><p>Er blieb stehen. „Ich denke, ich fahre morgen abend oder &#xFC;bermorgen fr&#xFC;h. Du bleibst doch hier – ”</p><p>„Wie soll ich das denn machen”, erwiderte ich verzweifelt. „Mein Geld reicht h&#xF6;chstens f&#xFC;r zehn Tage. Und f&#xFC;r Pat ist das Sanatorium auch nur bis zum f&#xFC;nfzehnten bezahlt. Ich muss zur&#xFC;ck und verdienen. Hier brauchen sie wahrscheinlich keinen so schlechten Klavierspieler.”</p><p>K&#xF6;ster beugte sich &#xFC;ber Karls K&#xFC;hler und hob die Decke hoch. „Ich besorge dir Geld”, sagte er und richtete sich auf. „Deshalb kannst du ruhig hier bleiben.”</p><p>„Otto”, sagte ich, „ich wei&#xDF; doch, was du von der ganzen Versteigerung &#xFC;brigbehalten hast. Keine dreihundert Mark.”</p><p>„Das meine ich nicht. Ich kriege welches. Mach dir deswegen keine Sorgen. In acht Tagen hast du es hier.”</p><p>„Erbst du?” fragte ich mit tr&#xFC;bem Spott.</p><p>„So was &#xC4;hnliches. Verlass dich auf mich. Du kannst doch jetzt nicht wieder wegfahren.”</p><p>„Nein”, sagte ich. „W&#xFC;sste nicht, wie ich ihr das beibringen sollte.”</p><p>K&#xF6;ster legte die Decke wieder &#xFC;ber den K&#xFC;hler Karls. Er strich leicht &#xFC;ber die Haube. Dann gingen wir in die Halle und setzten uns an den Kamin. „Wie sp&#xE4;t ist es eigentlich?” fragte ich.</p><p>K&#xF6;ster sah nach der Uhr. „Halb sieben.”</p><p>„Merkw&#xFC;rdig”, sagte ich. „Dachte, es w&#xE4;re viel sp&#xE4;ter.”</p><p>Pat kam die Treppen herunter. Sie trug ihre Pelzjacke und ging rasch durch die Halle, um K&#xF6;ster zu begr&#xFC;&#xDF;en. Ich bemerkte jetzt erst, wie braun sie war. Ihre Haut hatte die Farbe r&#xF6;tlicher Bronze und sie glich fast einer jungen, sehr hellen Indianerin. Aber ihr Gesicht war schmaler geworden und die Augen gl&#xE4;nzten zu sehr.</p><p>„Hast du Fieber?” fragte ich.</p><p>„Etwas”, erwiderte sie rasch und ausweichend. „Abends hat hier jeder Fieber. Es ist nur, weil ihr gekommen seid. Seid ihr m&#xFC;de?”</p><p>„Wovon?”</p><p>„Dann gehen wir in die Bar, ja? Es ist doch das erstemal, dass ich hier oben Besuch habe.”</p><p>„Gibst denn hier eine Bar?”</p><p>„Ja, eine kleine. Oder wenigstens eine Ecke, die so aussieht. Das geh&#xF6;rt zur Behandlung. Alles vermeiden, was nach Krankenhaus aussieht. Man bekommt schon nichts, wenn man nicht darf.”</p><p>Die Bar war voll. Pat begr&#xFC;&#xDF;te ein paar Leute. Ein Italiener fiel mir auf. Wir setzten uns an einen Tisch, der gerade frei wurde.</p><p>„Was willst du denn haben?” fragte ich.</p><p>„Einen Cocktail von Rum. So wie wir ihn immer in der Bar getrunken haben. Wei&#xDF;t du das Rezept?”</p><p>„Das ist einfach”, sagte ich zu dem M&#xE4;dchen, das bediente. „Halb Portwein, halb Jamaika-Rum.”</p><p>„Zwei”, rief Pat. „Und einen Spezial.”</p><p>Das M&#xE4;dchen brachte zwei Porto-Roncos und ein hellrotes Getr&#xE4;nk. „Das ist f&#xFC;r mich”, sagte Pat. Sie schob uns den Rum zu. „Salute!”</p><p>Sie stellte ihr Glas hin, ohne getrunken zu haben, sah sich um, griff dann rasch nach meinem Glas und trank es aus. „Ach”, sagte sie, „wie gut das ist!”</p><p>„Was hast du denn da bestellt?” fragte ich und probierte die verd&#xE4;chtig hellrote Sache. Sie schmeckte nach Himbeersaft und Zitrone. Es war kein Tropfen Alkohol drin. „Ganz gut”, sagte ich.</p><p>Pat sah mich an. „Gegen den Durst”, f&#xFC;gte ich hinzu.</p><p>Sie lachte. „Bestell noch einen Porto-Ronco. Aber f&#xFC;r dich. Ich bekomme keinen.”</p><p>Ich winkte dem M&#xE4;dchen. „Einen Porto-Ronco und einen Spezial”, sagte ich. Ich sah, dass an den Tischen ziemlich viel Spezial getrunken wurde.</p><p>„Heute darf ich, Robby, ja?” sagte Pat, „nur heute! So wie in den alten Zeiten. Ja, K&#xF6;ster?”</p><p>„Der Spezial ist ganz gut”, erwiderte ich und trank das zweite Glas davon aus.</p><p>„Ich hasse ihn! Armer Robby, was Sch&#xF6;nes musst du hier trinken!”</p><p>„Wenn wir schnell genug bestellen, komme ich schon noch zu meinem Recht”, sagte ich.</p><p>Pat lachte. „Nachher zum Essen darf ich etwas trinken. Rotwein.”</p><p>Wir bestellten noch ein paar Porto-Roncos, dann gingen wir in den Speisesaal. Pat war wundersch&#xF6;n. Ihr Gesicht leuchtete. Wir setzten uns an einen der kleinen, wei&#xDF;gedeckten Tische neben den Fenstern. Es war warm und unten lag das Dorf mit seinen begl&#xE4;nzten Stra&#xDF;en im Schnee.</p><p>„Wo ist denn Helga Guttmann?” fragte ich.</p><p>„Abgereist”, sagte Pat nach einer Pause.</p><p>„Abgereist? So fr&#xFC;h?”</p><p>„Ja”, sagte Pat und ich begriff, was sie meinte.</p><p>Das M&#xE4;dchen brachte den dunkelroten Wein. K&#xF6;ster schenkte die Gl&#xE4;ser voll. Die Tische waren jetzt alle besetzt. &#xDC;berall sa&#xDF;en Menschen und plauderten. Ich f&#xFC;hlte Pats Hand auf meiner. „Liebling”, sagte sie sehr leise und z&#xE4;rtlich. „Ich konnte es nicht mehr aushalten.”</p></section><section><title><p>XXVI</p></title><p>Ich kam aus dem Zimmer des Chefarztes, K&#xF6;ster wartete auf mich in der Halle. Er stand auf, als er mich sah. Wir gingen nach drau&#xDF;en und setzten uns auf eine Bank vor dem Sanatorium. „Es ist schlimm, Otto”, sagte ich. „Schlimmer, als ich f&#xFC;rchtete.”</p><p>Eine Gruppe Skil&#xE4;ufer zog l&#xE4;rmend dicht an uns vor&#xFC;ber. Ein paar mit &#xD6;l eingeschmierte Frauen mit kr&#xE4;ftigen, sonnverbrannten Gesichtern und breiten, wei&#xDF;en Gebissen waren dabei. Sie schrien einander zu, dass sie Hunger wie die W&#xF6;lfe h&#xE4;tten. Wir warteten, bis sie vorbei waren. „So was lebt nat&#xFC;rlich”, sagte ich. „Lebt und ist gesund bis in die Knochen. Zum Kotzen!”<a l:href="#n_171" type="note">[171]</a></p><p>„Hast du mit dem Chefarzt selbst gesprochen?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Ja. Er hat mir alles sehr verklausuliert<a l:href="#n_172" type="note">[172]</a> erkl&#xE4;rt, mit vielen Einschr&#xE4;nkungen. Aber das Ergebnis ist, dass es schlechter geworden ist. Er behauptet zwar, es sei besser geworden.”</p><p>„Das verstehe ich nicht.”</p><p>„Er behauptet, wenn sie unten geblieben w&#xE4;re, w&#xFC;rde l&#xE4;ngst alle Hoffnung verloren sein. Hier ist es langsamer gegangen. Das nennt er dann besser werden.”</p><p>K&#xF6;ster zog mit den Abs&#xE4;tzen seiner Schuhe Striche in den harten Schnee. Dann hob er den Kopf. „Er hat also Hoffnung?”</p><p>„Ein Arzt hat immer Hoffnung, das geh&#xF6;rt zu seinem Beruf. Aber ich habe verdammt wenig mehr. Ich fragte ihn, ob er einen Pneumothorax<a l:href="#n_173" type="note">[173]</a> gemacht h&#xE4;tte. Er sagte, das ginge nicht mehr. Sie h&#xE4;tte vor Jahren schon einen gehabt. Jetzt seien beide Lungen krank. Es ist verflucht, Otto.”</p><p>„Was hat er sonst noch gesagt?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Er hat mir erkl&#xE4;rt, woher es wahrscheinlich k&#xE4;me. Er h&#xE4;tte schon viele Patienten im gleichen Alter gehabt. Es seien Folgen des Krieges. Unterern&#xE4;hrung in den Entwicklungsjahren. Aber was geht mich das alles an. Sie soll gesund werden.” Ich sah ihn an. „Nat&#xFC;rlich hat er mir gesagt, dass er oft genug Wunder erlebt h&#xE4;tte. Gerade bei dieser Krankheit k&#xE4;me es vor, dass sie pl&#xF6;tzlich stehen bliebe, verkapselte und ausheilte, sogar in verzweifelten F&#xE4;llen. Das hat Jaff&#xE9; auch gesagt. Aber ich glaube nicht an Wunder.”</p><p>K&#xF6;ster antwortete nicht. Wir blieben schweigend nebeneinander sitzen. Was sollten wir auch sagen? Wir hatten beide zu viel mitgemacht, als dass wir mit Trost etwas h&#xE4;tten anfangen k&#xF6;nnen.</p><p>„Sie darf nichts merken, Robby”, sagte K&#xF6;ster schlie&#xDF;lich.</p><p>„Nat&#xFC;rlich nicht”, erwiderte ich.</p><p>Wir blieben sitzen, bis Pat kam. Ich dachte nichts; ich war nicht einmal verzweifelt, ich war ganz dumpf und grau und tot.</p><p>„Da ist sie”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>„Ja”, sagte ich und stand auf.</p><p>„Hallo!” Pat kam heran und winkte. Sie taumelte etwas und lachte. „Ich bin ein bisschen betrunken. Von der Sonne. Immer, wenn ich in der Sonne gelegen habe, schwanke ich wie ein alter Seemann.”</p><p>Ich sah sie an und mit einem Schlage war alles anders. Ich glaubte dem Arzt nicht mehr; ich glaubte an das Wunder. Sie war da; sie lebte; sie stand da und lachte, – alles andere versank davor.</p><p>Sie lachte. „Ich habe heute einen guten Tag. Ohne Fieber. Ich darf raus. Wollen wir ins Dorf gehen und einen Aperitif trinken?”</p><p>„Nat&#xFC;rlich.”</p><p>„Also los!”</p><p>„Wollen wir nicht lieber einen Schlitten nehmen?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Ich halte es schon aus”, sagte Pat.</p><p>„Das wei&#xDF; ich”, sagte K&#xF6;ster. „Aber ich bin noch nie in so einem Ding gefahren. Ich m&#xF6;chte es mal versuchen.”</p><p>Wir winkten einen Kutscher heran und fuhren die Serpentinen hinab ins Dorf. Vor einem Cafe, das eine kleine, sonnige Terrasse hatte, hielten wir und stiegen aus. Es sa&#xDF;en viele Leute da und ich erkannte einige aus dem Sanatorium. Der Italiener aus der Bar war auch dabei. Er wurde Antonio gerufen und kam an unsern Tisch, um Pat zu begr&#xFC;&#xDF;en. Er erz&#xE4;hlte, dass ein paar Spa&#xDF;v&#xF6;gel<a l:href="#n_174" type="note">[174]</a> in der vergangenen Nacht einen Patienten, w&#xE4;hrend er schlief, mitsamt dem Bett aus seinem Zimmer gerollt und in das Zimmer einer uralten Lehrerin geschoben h&#xE4;tten.</p><p>„Weshalb haben sie denn das gemacht?” fragte ich.</p><p>„Er ist geheilt und f&#xE4;hrt in den n&#xE4;chsten Tagen ab”, erwiderte Antonio. „Da werden immer solche Streiche gemacht.”</p><p>„Das ist der ber&#xFC;hmte Galgenhumor<a l:href="#n_175" type="note">[175]</a> der Zur&#xFC;ckbleibenden, Liebling”, sagte Pat.</p><p>„Hier oben wird man kindisch”, meinte Antonio entschuldigend.</p><p>Geheilt, dachte ich, einer ist geheilt und f&#xE4;hrt zur&#xFC;ck. „Was willst du trinken, Pat?” fragte ich.</p><p>„Einen Martini. Einen trockenen Martini.”</p><p>Ein Radio begann zu spielen. Wiener Walzer. Sie wehten durch die warme, sonnige Luft wie leichte, helle Fahnen. Der Kellner brachte die Martinis. Sie waren sehr kalt und perlten noch, w&#xE4;hrend die Sonne hineinschien. „Sch&#xF6;n, so zu sitzen, wie?” fragte Pat.</p><p>„Herrlich”, erwiderte ich.</p><p>„Aber manchmal ist es nicht zum Aushalten”, sagte sie.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Wir blieben zum Essen unten. Pat wollte es gern. Sie hatte in der letzten Zeit immer im Sanatorium bleiben m&#xFC;ssen und dieses war ihr erster Ausgang; da meinte sie, sie f&#xFC;hle sich doppelt so gesund, wenn sie einmal im Dorf essen k&#xF6;nne. Antonio a&#xDF; mit uns. Nachher fuhren wir wieder hinauf und Pat ging in ihr Zimmer, weil sie zwei Stunden liegen musste. K&#xF6;ster und ich holten Karl aus der Garage und sahen ihn nach. Wir mussten zwei gebrochene Federbl&#xE4;tter auswechseln. Der Garagenmeister hatte Werkzeug da und wir machten uns an die Arbeit, Dann f&#xFC;llten wir &#xD6;l nach und schmierten das Chassis durch.</p><p>Pat kam hinzu. Sie sah warm und ausgeschlafen aus. Ihr Hund tobte um sie herum. „Billy!” rief ich. Er stutzte, aber er war nicht &#xFC;berm&#xE4;&#xDF;ig freundlich. Er kannte mich nicht wieder und wurde ganz verlegen, als Pat ihn auf mich aufmerksam machte. „So geht’s”, sagte ich. „Gottlob, dass die Menschen ein besseres Ged&#xE4;chtnis haben. Wo war er denn gestern?”</p><p>Pat lachte. „Er hat die ganze Zeit unterm Bett gelegen. Er ist eifers&#xFC;chtig, wenn ich Besuch bekomme, und zieht sich dann &#xE4;rgerlich zur&#xFC;ck.”</p><p>„Du siehst wunderbar aus”, sagte ich.</p><p>Sie blickte mich gl&#xFC;cklich an. Dann trat sie an Karl heran. „Ich m&#xF6;chte mal wieder drinsitzen und ein kleines St&#xFC;ck fahren”.</p><p>„Nat&#xFC;rlich”, sagte ich, „was, Otto?”</p><p>„Selbstverst&#xE4;ndlich. Sie haben ja einen dicken Mantel an und hier sind noch Schals und Decken genug.”</p><p>Pat setzte sich nach vorn, hinter die Windschutzscheibe, neben K&#xF6;ster. Karl br&#xFC;llte auf.</p><p>Wir kamen aus dem Dorf heraus. Es war sp&#xE4;ter Nachmittag und die Schneefelder schimmerten r&#xF6;tlich, &#xFC;berhaucht von der tiefen Sonne. Ein paar Heuschober am Hang lagen fast begraben im Wei&#xDF;. Wie schmale Kommas schwangen die letzten Skil&#xE4;ufer zu Tal. Sie passierten dabei die rote Sonne, die m&#xE4;chtig noch einmal hinter dem Hang hervorkam, ein Ball d&#xFC;sterer Glut.</p><p>„Seid ihr gestern hier entlang gekommen?” fragte Pat.</p><p>„Ja.”</p><p>„So weit vom Dorf war ich noch nie”, sagte Pat. „Ist das die Stra&#xDF;e nach Hause?”</p><p>„Ja.”</p><p>Sie schwieg und sah hinunter. Dann stieg sie aus und hielt die Hand sch&#xFC;tzend vor die Augen. So starrte sie nach Norden, als k&#xF6;nne sie schon die T&#xFC;rme der Stadt sehen. „Wie weit ist es?” fragte sie.</p><p>„So an tausend Kilometer. Im Mai fahren wir hinunter. Dann holt Otto uns ab.”</p><p>„Im Mai”, wiederholte sie. „Mein Gott, im Mai.”</p><p>Die Sonne versank langsam. Das Tal wurde lebendig; die Schatten, die bisher starr in den Bodenfalten gehockt hatten, begannen lautlos hervorzuhuschen und h&#xF6;her zu klettern wie blaue Riesenspinnen. Es wurde k&#xFC;hl.</p><p>„Wir m&#xFC;ssen zur&#xFC;ck, Pat”, sagte ich.</p><p>Sie blickte auf und ihr Gesicht war pl&#xF6;tzlich wie zerfallen vor Schmerz. Ich sah auf einmal, dass sie alles wusste. Sie wusste, dass sie nie mehr &#xFC;ber diese gnadenlose Bergkette am Horizont hinwegkommen w&#xFC;rde, sie wusste es und wollte es verbergen, so wie wir es vor ihr verbergen wollten, aber einen Augenblick lang verlor sie die Fassung und aller Jammer der Welt brach aus ihren Augen. „Lasst uns noch ein St&#xFC;ck hinunterfahren”, sagte sie. „Nur ein ganz kleines St&#xFC;ck abw&#xE4;rts.”</p><p>„Komm”, erwiderte ich, nachdem ich K&#xF6;ster angesehen hatte. Sie stieg zu mir hinten in den Wagen, ich bettete sie in meinen Arm und zog die Decke &#xFC;ber uns beide. Der Wagen begann langsam bergab zu fahren, in das Tal und in die Schatten.</p><p>„Robby, Liebling”, fl&#xFC;sterte Pat an meiner Schulter, „jetzt ist es, als ob wir nach Hause f&#xFC;hren, zur&#xFC;ck in unser Leben – ”</p><p>„Ja”, sagte ich und zog die Decke bis an ihr Haar. Es wurde rasch dunkler, je tiefer wir kamen. Pat lag ganz unter den Decken. Sie schob ihre Hand auf meine Brust, unter das Hemd, ich f&#xFC;hlte ihre Hand auf meiner Haut, und dann ihren Atem, ihre Lippen und dann ihre Tr&#xE4;nen.</p><p>Vorsichtig, damit sie die Kurve nicht merkte, drehte K&#xF6;ster auf dem Marktplatz des n&#xE4;chsten Dorfes den Wagen in einer langen Schleife und fuhr langsam zur&#xFC;ck.</p><p>Die Sonne war verschwunden, als wir die H&#xF6;he wieder &#xFC;berfuhren, und im Osten stand schon blass und klar zwischen aufsteigenden Wolken der Mond. Wir fuhren zur&#xFC;ck, die Ketten malmten &#xFC;ber den Boden mit monotonem Ger&#xE4;usch, es wurde sehr still, ich sa&#xDF; reglos und r&#xFC;hrte mich nicht und f&#xFC;hlte die Tr&#xE4;nen Pats auf meinem Herzen, als blute dort eine Wunde.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Eine Stunde sp&#xE4;ter sa&#xDF; ich in der Halle. Pat war in ihrem Zimmer und K&#xF6;ster war zur Wetterstelle gegangen, um sich zu erkundigen, ob es Schnee g&#xE4;be. Es war drau&#xDF;en dunstig geworden, der Mond hatte jetzt einen Hof und weich und grau wie Samt stand der Abend vor den Fenstern. Nach einer Weile kam Antonio und setzte sich zu mir.</p><p>Ein Trupp junger Leute lief kichernd durch die Halle. Antonio lachte.</p><p>„Die kommen von der Post. Sie haben an Roth ein Telegramm geschickt.”</p><p>„Wer ist Roth?”</p><p>„Das ist der, der n&#xE4;chstens abreist. Sie haben ihm telegraphiert, er d&#xFC;rfe wegen einer Grippeepidemie in seiner Heimat nicht abfahren und m&#xFC;sse noch hierbleiben. Das sind so &#xFC;bliche Scherze. Weil sie selbst hierbleiben m&#xFC;ssen, verstehen Sie?”</p><p>Ich schaute durch das Fenster auf den grauen Samt der verhangenen Berge. Das ist ja alles nicht wahr, dachte ich, das ist ja alles keine Wirklichkeit, so geht das doch nicht. Das ist doch nur eine B&#xFC;hne hier, auf der ein bisschen Tod gespielt wird. Wenn man stirbt, das ist doch furchtbarer Ernst. So kann man doch nicht sterben, mit etwas Fieber und rauhem Atem, dazu geh&#xF6;ren doch Sch&#xFC;sse und Wunden, so kenne ich es doch – ”</p><p>„Sind Sie auch krank?” fragte ich Antonio.</p><p>„Nat&#xFC;rlich”, sagte er l&#xE4;chelnd.</p><p>K&#xF6;ster kam von der Wetterdienststelle zur&#xFC;ck. „Ich muss fahren, Robby”, sagte er. „Das Barometer ist gefallen und wahrscheinlich gibt es diese Nacht Schnee. Dann komme ich morgen nicht mehr durch. Heute abend gehts grade noch.</p><p>„Gut. Essen wir noch mitsammen?”</p><p>„Ja. Ich packe jetzt rasch.”</p><p>„Ich komme mit”, sagte ich.</p><p>Wir packten K&#xF6;sters Sachen zusammen und brachten sie zur Garage hinunter. Dann gingen wir zur&#xFC;ck, um Pat zu holen.</p><p>„Wenn irgendwas ist, ruf mich an, Robby”, sagte Otto.</p><p>Ich nickte.</p><p>„Das Geld hast du in wenigen Tagen hier. Genug f&#xFC;r einige Zeit. Tu alles, was n&#xF6;tig ist.”</p><p>„Ja, Otto.” Ich z&#xF6;gerte. „Wir haben doch noch ein paar Ampullen Morphium zu Hause. Kannst du mir die schicken?”</p><p>Er sah mich an. „Wozu willst du sie haben?”</p><p>„Ich wei&#xDF; nicht, wie das hier wird. Vielleicht ist es nicht n&#xF6;tig. Ich habe immer noch so eine Hoffnung, trotz allem. Immer, wenn ich sie sehe. Wenn ich allein bin, nicht. Aber ich m&#xF6;chte nicht, dass sie leidet, Otto. Dass sie so herumliegt und dass nichts mehr da ist, als Schmerzen. Vielleicht geben sie es ihr hier dann auch so. Aber es ist mir eine Beruhigung, zu wissen, dass ich ihr helfen kann.”</p><p>„Nur das, Robby?” fragte K&#xF6;ster.</p><p>„Nur das, Otto. Bestimmt. Sonst w&#xFC;rde ich es dir nicht sagen.”</p><p>Er nickte. „Wir sind nur noch zwei”, sagte er langsam.</p><p>„Ja.”</p><p>„Gut, Robby.”</p><p>Wir gingen in die Halle und ich holte Pat herunter. Dann a&#xDF;en wir rasch, denn es bezog sich immer mehr. K&#xF6;ster fuhr Karl aus der Garage zum Portal vor. „Machs gut, Robby”, sagte er.</p><p>„Du auch, Otto.”</p><p>„Auf Wiedersehen, Pat.” Er gab ihr die Hand und sah sie an. „Im Fr&#xFC;hjahr komme ich Sie holen.”</p><p>„Leben Sie wohl, K&#xF6;ster.” Pat hielt seine Hand fest. „Ich freue mich so, Sie noch gesehen zu haben. Gr&#xFC;&#xDF;en Sie auch Gottfried Lenz von mir.”</p><p>„Ja”, sagte K&#xF6;ster.</p><p>Sie hielt immer noch seine Hand. Ihre Lippen zitterten. Und pl&#xF6;tzlich machte sie einen Schritt vor und k&#xFC;sste ihn. „Leben Sie wohl”, murmelte sie mit erstickter Stimme.</p><p>K&#xF6;sters Gesicht war auf einmal von einer hellroten Flamme durchflogen. Er wollte noch etwas sagen, aber er wandte sich ab, stieg in den Wagen, fuhr in einem Sprung an und jagte die Serpentinen herunter, ohne umzusehen. Wir sahen ihm nach. Dann verschwand er und wir h&#xF6;rten noch lange das immer schw&#xE4;cher werdende Summen der Maschine.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Pat stand vorgebeugt und lauschte, solange noch etwas zu vernehmen war. Dann wandte sie sich mir zu. „Jetzt ist das letzte Schiff abgefahren, Robby.”</p><p>„Das zweitletzte”, erwiderte ich. „Das letzte bin ich. Und wei&#xDF;t du, was ich vorhabe? Ich will mir einen andern Ankerplatz suchen. Das Zimmer in der Dependance gef&#xE4;llt mir nicht mehr. Ich sehe nicht ein, weshalb wir nicht zusammenwohnen k&#xF6;nnen. Werde mal versuchen, ein Zimmer in deiner N&#xE4;he zu bekommen.”</p><p>Sie l&#xE4;chelte. „Ausgeschlossen! Kriegst du nicht! Wie willst du das machen?”</p><p>„Freust du dich, wenn ich es schaffe?”</p><p>„Was f&#xFC;r eine Frage! Es w&#xE4;re herrlich, Liebling. Fast wie bei Mutter Zalewski!”</p><p>„Gut, dann lass mich mal jetzt eine halbe Stunde arbeiten!”</p><p>„Sch&#xF6;n. Ich spiele so lange mit Antonio Schach. Das habe ich hier gelernt.”</p><p>Ich ging ins B&#xFC;ro und erkl&#xE4;rte, dass ich l&#xE4;ngere Zeit bliebe und ein Zimmer in Pats Etage haben m&#xF6;chte. Eine &#xE4;ltere Dame ohne Busen sah mich indigniert<a l:href="#n_176" type="note">[176]</a> an und lehnte meinen Wunsch auf Grund der Hausordnung ab.</p><p>„Wer hat die Hausordnung gemacht?” fragte ich.</p><p>„Die Direktion”, gab die Dame zur&#xFC;ck und strich die Falten ihres Kleides glatt.</p><p>Ziemlich widerwillig teilte sie mir schlie&#xDF;lich mit, dass der Chefarzt &#xFC;ber Ausnahmen zu entscheiden habe. „Er ist aber nicht mehr da”, f&#xFC;gte sie hinzu. „Und abends darf er nur dienstlich zu Hause gest&#xF6;rt werden.”</p><p>„Sch&#xF6;n”, sagte ich, „dann werde ich ihn mal dienstlich st&#xF6;ren. In Sachen der Hausordnung.”</p><p>Der Chefarzt wohnte in einem kleinen Hause neben dem Sanatorium. Er empfing mich gleich und gab mir sofort die Erlaubnis. „So leicht habe ich mir das nach dem Anfang nicht vorgestellt”, sagte ich.</p><p>Er lachte. „Aha, die alte Rexroth hat Sie wohl erwischt? Na, ich werde gleich mal telefonieren.”</p><p>Ich ging zur&#xFC;ck ins B&#xFC;ro. Die alte Rexroth verschwand w&#xFC;rdig, als sie mein herausforderndes Gesicht erblickte. Ich regelte alles mit der Sekret&#xE4;rin und gab dem Hausknecht Auftrag, mein Gep&#xE4;ck her&#xFC;ber zu schaffen und mir ein paar Flaschen zu trinken zu besorgen. Dann ging ich zu Pat in die Halle.</p><p>„Hast dus geschafft<a l:href="#n_177" type="note">[177]</a>?” fragte sie.</p><p>„Noch nicht, aber in ein paar Tagen werde ichs schon erreichen.”</p><p>„Schade.” Sie warf die Schachfiguren um und stand auf.</p><p>„Was wollen wir machen?” fragte ich. „In die Bar gehen?”</p><p>„Wir spielen abends oft Karten”, sagte Antonio. „Es gibt F&#xF6;hn<a l:href="#n_178" type="note">[178]</a>, das sp&#xFC;rt man. Da ist Kartenspielen das bequemste.”</p><p>„Kartenspielen? Pat?” fragte ich verwundert. „Was kannst du denn f&#xFC;r Kartenspiele? Schwarzer Peter<a l:href="#n_179" type="note">[179]</a> und Patience<a l:href="#n_180" type="note">[180]</a>, was?”</p><p>„Poker, Liebling”, erkl&#xE4;rte Pat.</p><p>Ich lachte. „Tats&#xE4;chlich, sie kann es”, sagte Antonio. „Sie ist nur zu waghalsig. Sie blufft furchtbar.”</p><p>„Ich auch”, erwiderte ich. „Das m&#xFC;ssen wir doch mal versuchen.”</p><p>Wir setzten uns in eine Ecke und begannen zu spielen. Pat pokerte gar nicht schlecht. Sie bluffte wirklich, dass die Fetzen flogen. Nach einer Stunde zeigte Antonio auf die Landschaft drau&#xDF;en vor dem Fenster. Es schneite. Langsam, als z&#xF6;gerten sie noch, fielen die dicken Flocken fast senkrecht herunter.</p><p>„Es ist ganz windstill”, sagte Antonio. „Das gibt viel Schnee.”</p><p>„Wo mag K&#xF6;ster jetzt sein?” fragte Pat.</p><p>„Er ist schon &#xFC;ber den Hauptpass weg”, sagte ich. Einen Augenblick sah ich Karl ganz deutlich vor mir, wie er mit K&#xF6;ster durch die wei&#xDF;e Nacht zog, und alles kam mir pl&#xF6;tzlich etwas unwirklich vor, – dass ich hier sa&#xDF;, dass K&#xF6;ster unterwegs war und dass Pat da war. Sie l&#xE4;chelte mich gl&#xFC;cklich an, die Hand mit den Karten auf den Tisch gestemmt. „Los, Robby!”</p><p>Wir gingen noch in die Bar und tranken ein paar Spezial. Dann musste Pat schlafen. Ich verabschiedete mich in der Halle von ihr. Sie schritt langsam die Treppe hinauf und sah sich um und blieb stehen, bevor sie in den Korridor einbog. Ich wartete etwas, dann lie&#xDF; ich mir im B&#xFC;ro meinen Zimmerschl&#xFC;ssel geben. Die kleine Sekret&#xE4;rin l&#xE4;chelte. „Nummer achtundsiebzig”, sagte sie.</p><p>Es war das Zimmer neben Pat. „Auf Veranlassung von Fr&#xE4;ulein Rexroth etwa?” fragte ich.</p><p>„Nein, Fr&#xE4;ulein Rexroth ist im Missionshaus”, erwiderte sie.</p><p>„Missionsh&#xE4;user sind manchmal ein Segen”, sagte ich und ging rasch hinauf. Meine Sachen waren schon ausgepackt. Eine halbe Stunde sp&#xE4;ter klopfte ich an die Verbindungst&#xFC;r zwischen den beiden Zimmern. „Wer ist da?” rief Pat.</p><p>„Die Sittenpolizei”<a l:href="#n_181" type="note">[181]</a>, erwiderte ich.</p><p>Der Schl&#xFC;ssel knirschte und die T&#xFC;r flog auf. „Du, Robby?” stammelte Pat fassungslos.</p><p>„Ich!” sagte ich. „Der Besieger von Fr&#xE4;ulein Rexroth! Der Kognak- und Porto-Roncobesitzer!” Ich zog die Flaschen aus den Taschen meines Bademantels. „Und nun sag mir sofort, wieviel M&#xE4;nner hier schon gewesen sind.”</p><p>„Niemand, au&#xDF;er dem Fu&#xDF;ballklub und dem verst&#xE4;rkten philharmonischen Orchester”, erkl&#xE4;rte Pat lachend. „Ach, Liebling, jetzt sind die alten Zeiten wieder da!”</p><p>Sie schlief an meiner Schulter ein. Ich blieb noch lange wach. In einer Ecke des Zimmers brannte eine kleine Lampe. Die Schneeflocken klopften leise gegen das Fenster und die Zeit schien stille zu stehen in dieser matten, braungoldenen D&#xE4;mmerung.</p></section><section><title><p>XXVII</p></title><p>Die n&#xE4;chsten Tage schneite es ununterbrochen. Pat hatte Fieber und musste zu Bett bleiben. Viele im Hause hatten Fieber.</p><p>„Es ist das Wetter”, sagte Antonio. „Zu warm und f&#xF6;hnig. Richtiges Fieberwetter.”</p><p>„Liebling, geh ein bisschen raus”, sagte Pat. „Kannst du Skifahren?”</p><p>„Nein. Wie sollte ich das k&#xF6;nnen? Ich war ja nie im Gebirge.”</p><p>„Antonio wird es dir beibringen. Es macht ihm Spa&#xDF;. Er mag dich gern.”</p><p>„Ich bleibe viel lieber hier.”</p><p>Sie richtete sich im Bett auf. Das Nachthemd fiel von ihren Schultern. Verdammt schmal waren sie. Verdammt schmal war auch der Nacken.</p><p>„Robby”, sagte sie, „tus mir zuliebe. Ich m&#xF6;chte nicht gern, dass du hier so am Krankenbett sitzt. Gestern und vorgestern, das war schon mehr als genug.”</p><p>„Ich sitze gern hier”, erwiderte ich. „Habe gar keine Sehnsucht, in den Schnee zu gehen.”</p><p>Sie atmete laut und ich h&#xF6;rte das unregelm&#xE4;&#xDF;ige Scharren des Atems. „Ich habe darin mehr Erfahrung als du”, sagte sie und st&#xFC;tzte sich auf die Ellenbogen. „Es ist besser f&#xFC;r uns beide. Du wirst es nachher sehen.” Sie l&#xE4;chelte m&#xFC;hsam. „Heute nachmittag und heute abend kannst du noch genug hier sitzen. Morgens macht es mich unruhig, Liebling. Man sieht schrecklich aus, morgens, wenn man Fieber hat. Abends ist das ganz anders. Ich bin oberfl&#xE4;chlich und dumm, – ich will nicht h&#xE4;&#xDF;lich sein, wenn du mich siehst.”</p><p>„Aber Pat!” Ich stand auf. „Also gut, ich gehe ein bisschen mit Antonio raus. Mittags bin ich dann wieder hier. Hoffentlich breche ich mir nicht alle Knochen mit diesen Skidingern.”</p><p>„Du wirst es rasch lernen, Liebling.” Ihr Gesicht verlor die &#xE4;ngstliche Spannung. „Du wirst sehr schnell wunderbar laufen.”</p><p>„Und du willst mich sehr schnell wunderbar hier raus haben”, sagte ich und k&#xFC;sste sie. Ihre H&#xE4;nde waren feucht und hei&#xDF; und ihre Lippen trocken und aufgesprungen.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Antonio wohnte im zweiten Stock. Er lieh mir ein paar Schuhe und Skier. Sie passten, denn wir waren gleich gro&#xDF;. Wir gingen zur &#xDC;bungswiese, die ein St&#xFC;ck hinter dem Dorf lag. Antonio blickte mich unterwegs forschend an. „Fieber macht unruhig”, sagte er. „Sonderbare Sachen sind hier an solchen Tagen manchmal schon passiert.” Er legte die Skier vor sich hin und machte sie fest. „Das Schlimmste ist das Warten und das Nichtstunk&#xF6;nnen. Das macht verr&#xFC;ckt und kaputt.”</p><p>„Die Gesunden auch”, erwiderte ich. „Dabei stehen zu m&#xFC;ssen und nichts tun zu k&#xF6;nnen.”</p><p>„Wollen wirs mal probieren?” fragte Antonio und stemmte die Skist&#xF6;cke in den Schnee.</p><p>„Ja.”</p><p>Er zeigte mir, wie man die Skier anmachte und wie man das Gleichgewicht hielt. Es war nicht schwer. Ich fiel ziemlich oft, aber dann gew&#xF6;hnte ich mich allm&#xE4;hlich und es klappte schon ein wenig. Nach einer Stunde h&#xF6;rten wir auf. „Genug”, meinte Antonio. „Sie werden heute abend Ihre Muskeln schon sp&#xFC;ren.”</p><p>Ich schnallte die Skier ab und f&#xFC;hlte, wie kr&#xE4;ftig mein Blut str&#xF6;mte. „War gut, dass wir drau&#xDF;en waren, Antonio”, sagte ich.</p><p>Er nickte. „Das k&#xF6;nnen wir jeden Vormittag machen. Man kommt auf andere Gedanken dabei.”</p><p>„Wollen wir irgendwo was trinken?” fragte ich. „K&#xF6;nnen wir. Einen Dubonnet<a l:href="#n_182" type="note">[182]</a> bei Forster.”</p><p>Wir tranken den Dubonnet und gingen zum Sanatorium hinauf. Im B&#xFC;ro sagte mir die Sekret&#xE4;rin, der Brieftr&#xE4;ger w&#xE4;re f&#xFC;r mich dagewesen; er h&#xE4;tte hinterlassen, ich solle zur Post kommen. Es sei Geld f&#xFC;r mich da. Ich sah nach der Uhr. Es war noch Zeit und ich ging zur&#xFC;ck. Auf der Post zahlte man mir zweitausend Mark aus. Ein Brief von K&#xF6;ster war dabei. Ich solle mir keine Sorgen machen; es sei noch mehr da. Ich brauche nur zu schreiben.</p><p>Ich starrte auf die Scheine. Wo hatte er das nur her? Und so schnell? Ich kannte doch auch unsere Quellen. Und pl&#xF6;tzlich wusste ich es. Ich sah den rennfahrenden Konfektion&#xE4;r Bollwies vor mir, wie er gierig an Karl herumklopfte, abends vor der Bar, als er seine Wette verloren hatte, und sagte: „F&#xFC;r den Wagen bin ich jederzeit K&#xE4;ufer.” Verflucht! K&#xF6;ster hatte Karl verkauft! Daher auf einmal das Geld! Karl, von dem er gesagt hatte, er verl&#xF6;re lieber eine Hand als den Wagen. Karl war nicht mehr da. Er war jetzt in den dicken H&#xE4;nden des Anzugsfabrikanten und Otto, dessen Ohr ihn auf Kilometer erkannte, w&#xFC;rde ihn durch die Stra&#xDF;en heulen h&#xF6;ren wie einen versto&#xDF;enen Hund.</p><p>Ich steckte den Brief K&#xF6;sters und das kleine Paket mit den Morphiumampullen ein. Ratlos stand ich noch immer vor dem Postschalter. Ich h&#xE4;tte das Geld am liebsten sofort zur&#xFC;ckgeschickt, aber es ging nicht, wir brauchten es. Ich gl&#xE4;ttete die Scheine und steckte sie ein. Dann ging ich hinaus. Verflucht, von jetzt an w&#xFC;rde ich um jedes Auto einen Bogen machen m&#xFC;ssen. Autos waren Freunde, aber Karl war uns noch viel mehr gewesen. Ein Kamerad! Karl, das Chausseegespenst. Wir hatten zusammengeh&#xF6;rt. Karl und K&#xF6;ster, Karl und Lenz, Karl und Pat. Ich stampfte zornig und hilflos den Schnee von meinen F&#xFC;&#xDF;en. Lenz war tot. Karl war fort. Und Pat? Mit geblendeten Augen starrte ich in den Himmel, diesen grauen, endlosen Himmel eines irren Gottes, der das Leben und das Sterben erfunden hatte, um sich zu unterhalten.</p><p>Nachmittags schlug der Wind um, es wurde klarer und k&#xE4;lter und abends ging es Pat besser. Sie konnte am n&#xE4;chsten Morgen aufstehen, und ein paar Tage sp&#xE4;ter, als Roth, der Mann, der geheilt war, abreiste, konnte sie sogar mit zur Bahn gehen.</p><p>Ein ganzer Schwarm begleitete Roth. Es war hier so &#xFC;blich, wenn einer abfuhr.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Der Zug fuhr ab. Roth winkte mit seinem Hut. Die Zur&#xFC;ckbleibenden riefen ihm alles m&#xF6;gliche nach und lachten. Ein M&#xE4;dchen lief stolpernd ein St&#xFC;ck hinter dem Zug her und schrie mit &#xFC;berkippender, d&#xFC;nner Stimme: „Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!” Dann kam sie zur&#xFC;ck und brach in Tr&#xE4;nen aus. Die andern machten verlegene Mienen. „Halloh!” rief Antonio. „Wer am Bahnhof weint, muss eine Bu&#xDF;e zahlen! Das ist altes Sanatoriumsgesetz! Bu&#xDF;e f&#xFC;r die Kasse des n&#xE4;chsten Festes!”</p><p>Er hielt mit gro&#xDF;er Geste die Hand hin. Die anderen lachten wieder. Auch das M&#xE4;dchen l&#xE4;chelte unter Tr&#xE4;nen &#xFC;ber sein armes, spitzes Gesicht und zog ein abgeschabtes Portemonnaie aus der Manteltasche. Mir wurde ganz elend dabei. Diese Gesichter rundum, das war ja gar kein Lachen, das war eine krampfhafte, qualvolle Lustigkeit, es waren Grimassen. „Komm”, sagte ich zu Pat und nahm sie fest unter den Arm.</p><p>Wir gingen schweigend die Dorfstra&#xDF;e hinunter. An der n&#xE4;chsten Konditorei hielt ich und holte eine Schachtel Konfekt heraus. „Gebrannte Mandeln”, sagte ich und hielt ihr das Paket hin. „Die isst du doch gerne, wie?”</p><p>„Robby”, sagte Pat. Ihre Lippen zuckten.</p><p>„Einen Augenblick”, erwiderte ich und ging rasch in den Blumenladen nebenan. Einigerma&#xDF;en ruhig kam ich mit meinen Rosen wieder heraus.</p><p>„Robby”, sagte Pat.</p><p>Ich grinste etwas kl&#xE4;glich. „Werde auf meine alten Tage noch zum Kavalier, Pat.”</p><p>Ich wusste nicht, was auf einmal in uns gefahren war. Wahrscheinlich kam es von diesem verdammten, abfahrenden Zug. Es war wie ein bleierner Schatten, ein grauer Wind, der alles herunterriss, was man m&#xFC;hsam festhalten wollte. Waren wir nicht pl&#xF6;tzlich nur noch zwei verlaufene Kinder, die nicht aus noch ein wussten und gerne tapfer sein wollten? „Komm rasch einen trinken”, sagte ich.</p><p>Sie nickte. Wir traten in das n&#xE4;chste Caf&#xE9; und setzten uns an einen leeren Tisch am Fenster. „Was willst du haben, Pat?”</p><p>„Rum”, sagte sie und sah mich an.</p><p>„Rum”, wiederholte ich und griff unter dem Tisch nach ihrer Hand. Sie presste sie heftig in meine.</p><p>Der Rum kam. Es war Baccardi<a l:href="#n_183" type="note">[183]</a> mit Zitrone. „Mein alter Liebling”, sagte Pat und hob ihr Glas.</p><p>„Mein alter, guter Bursche”, sagte ich.</p><p>Wir sa&#xDF;en noch eine Weile. „Komisch, manchmal, was?” sagte Pat.</p><p>„Ja. Kommt mal so. Geht auch wieder weg.”</p><p>Sie nickte. Wir gingen weiter, dicht nebeneinander. Dampfende Schlittenpferde trabten an uns vorbei. M&#xFC;de, verbrannte Skil&#xE4;ufer, eine Eishockeymannschaft in rotwei&#xDF;en Sweatern<a l:href="#n_184" type="note">[184]</a>; krachendes Leben. „Wie f&#xFC;hlst du dich, Pat?” fragte ich.</p><p>„Gut, Robby.”</p><p>„Sollen uns nur kommen, was?”</p><p>„Ja, Liebling.” Sie dr&#xFC;ckte meinen Arm an sich.</p><p>Die Stra&#xDF;e wurde leer. Das Abendrot lag wie eine rosa Decke auf den verschneiten Bergen. „Pat”, sagte ich, „du wei&#xDF;t noch gar nicht, dass wir eine Menge Geld haben, K&#xF6;ster hat was geschickt.”</p><p>Sie blieb stehen. „Das ist ja wunderbar, Robby. Dann k&#xF6;nnen wir doch einmal ganz richtig ausgehen.”</p><p>„Ohne weiteres”, sagte ich. „So oft wir wollen.”</p><p>„Dann gehen wir Sonnabend in den Kursaal. Da ist der letzte gro&#xDF;e Ball in diesem Jahr.”</p><p>„Du darfst doch abends nicht raus.”</p><p>„Das d&#xFC;rfen die meisten nicht, aber sie tun es doch.”</p><p>Ich machte ein bedenkliches Gesicht. „Robby”, sagte Pat, „ich habe in der Zeit, wo du nicht da warst, alles getan, was mir vorgeschrieben wurde. Ich war nur ein &#xE4;ngstliches Rezept, nichts weiter. Es hat nichts gen&#xFC;tzt. Es ist schlechter mit mir geworden. Unterbrich mich nicht, ich wei&#xDF; schon, was du sagen willst. Ich wei&#xDF; auch, worum es geht. Aber die Zeit, die ich noch habe, die Zeit mit dir, – lass mich tun, was ich will.”</p><p>Ihr Gesicht war rot von der Sonne &#xFC;berschienen. Es war ernst und still und voll gro&#xDF;er Z&#xE4;rtlichkeit. Wovon sprechen wir nur? dachte ich mit trockenem Mund, es ist doch unm&#xF6;glich, dass wir dastehen und &#xFC;ber etwas reden, was nie sein kann und nie sein darf. Das ist doch Pat, die diese Worte spricht, gelassen, fast ohne Trauer, als g&#xE4;be es nichts mehr dagegen, nicht einmal den armseligen Fetzen einer tr&#xFC;gerischen Hoffnung, es ist doch Pat, fast noch ein Kind, das ich besch&#xFC;tzen muss, Pat, die pl&#xF6;tzlich weit weg von mir ist, vertraut schon und ergeben mit dem Namenlosen auf der anderen Seite.</p><p>„Du musst nicht so etwas sagen”, murmelte ich schlie&#xDF;lich. „Ich dachte ja nur, ob wir nicht vielleicht vorher den Arzt fragen k&#xF6;nnten.”</p><p>„Wir fragen niemand mehr, niemand!” Sie sch&#xFC;ttelte den sch&#xF6;nen, schmalen Kopf und sah mich mit ihren geliebten Augen an. „Ich will nichts mehr wissen. Ich will nur noch gl&#xFC;cklich sein.”</p><p>Abends war Getuschel und Laufen auf den G&#xE4;ngen des Sanatoriums. Antonio kam und brachte eine Einladung. Es sollte noch eine Zusammenkunft im Zimmer eines Russen sein.</p><p>„Kann ich denn da so einfach mitgehen?” fragte ich.</p><p>„Hier?” fragte Pat zur&#xFC;ck.</p><p>„Hier kann man vieles, was sonst nicht geht”, sagte Antonio l&#xE4;chelnd.</p><p>Der Russe war ein dunkler, &#xE4;lterer Mann. Er bewohnte zwei Zimmer, in denen viele Teppiche lagen. Auf einer Truhe standen Schnapsflaschen. Die Zimmer waren halbdunkel. Es brannten nur Kerzen. Unter den G&#xE4;sten war eine sehr sch&#xF6;ne, junge Spanierin. Sie hatte Geburtstag; das sollte gefeiert werden.</p><p>Es war eine eigent&#xFC;mliche Stimmung in diesen &#xFC;berflackerten R&#xE4;umen, die an einen Unterstand erinnerten mit ihrem halben Licht, und mit der sonderbaren Verbr&#xFC;derung dieser Menschen, die alle ein gemeinsames Schicksal hatten.</p><p>„Was wollen Sie trinken?” fragte mich der Russe. Er hatte eine sehr warme, tiefe Stimme.</p><p>„Was Sie haben.”</p><p>Er holte eine Flasche Kognak und eine Karaffe Wodka. „Sind Sie gesund?” fragte er.</p><p>„Ja”, antwortete ich verlegen.</p><p>Er bot mir Zigaretten mit langen Pappmundst&#xFC;cken an. Wir tranken. „Gewiss kommt Ihnen manches hier sonderbar vor, nicht wahr?” meinte er.</p><p>„Nicht einmal so sehr”, erwiderte ich. „Ich bin kein normales Leben gew&#xF6;hnt.”</p><p>„Ja”, sagte er und sah mit einem dunklen Blick zu der Spanierin hin&#xFC;ber, „es ist eine Welt f&#xFC;r sich hier oben. Sie ver&#xE4;ndert die Menschen.”</p><p>Ich nickte.</p><p>„Eine sonderbare Krankheit”, f&#xFC;gte er nachdenklich hinzu. „Sie macht die Menschen lebendiger. Und manchmal besser. Eine mystische Krankheit. Sie schmilzt die Schlacken weg.” Er erhob sich, nickte mir zu und ging zu der Spanierin hin&#xFC;ber, die ihm entgegenl&#xE4;chelte.</p><p>„Ein Schmalzpathetiker<a l:href="#n_185" type="note">[185]</a>, was?” fragte jemand hinter mir.</p><p>Ein Gesicht ohne Kinn. Beulenstirn. Unruhige, fiebrige Augen.</p><p>„Ich bin hier Gast”, sagte ich. „Sie nicht?”</p><p>„Damit f&#xE4;ngt er die Frauen”, fuhr der andere fort, ohne zuzuh&#xF6;ren, „damit f&#xE4;ngt er sie. Die Kleine da auch.”</p><p>Ich gab keine Antwort. „Wer ist das?” fragte ich Pat, als er weg war.</p><p>„Ein Musiker. Geiger. Er ist rettungslos verliebt in die Spanierin. So, wie man sich hier oben verliebt. Aber sie will nichts von ihm wissen. Sie liebt den Russen.”</p><p>„T&#xE4;te ich auch an ihrer Stelle.”</p><p>Pat lachte.</p><p>„Ich finde, das ist ein Mann zum Verlieben”, sagte ich. „Du nicht auch?”</p><p>„Nein”, erwiderte sie.</p><p>„Warst du nie verliebt hier?”</p><p>„Nicht sehr.”</p><p>„Es w&#xE4;re mir auch ganz egal”, sagte ich.</p><p>„Das sind ja sch&#xF6;ne Bekenntnisse.” Pat richtete sich auf. „Es sollte dir aber ganz und gar nicht egal sein.”</p><p>„So meine ich das nicht. Ich kann dir nicht einmal erkl&#xE4;ren, wie ich es meine. Ich kann es deshalb nicht, weil ich immer noch nicht wei&#xDF;, was du eigentlich an mir findest.”</p><p>„Das lass nur meine Sorge sein”, erwiderte sie.</p><p>„Wei&#xDF;t du es denn?”</p><p>„Nicht genau”, erwiderte sie l&#xE4;chelnd. „Sonst w&#xE4;re es ja keine Liebe mehr.”</p><p>Der Russe hatte die Flaschen stehen gelassen. Ich goss mir ein paar Gl&#xE4;ser ein und trank sie leer. Die Stimmung in dem Raum bedr&#xFC;ckte mich. Ich sah Pat nicht gerne unter allen diesen Kranken.</p><p>„Gef&#xE4;llt es dir hier nicht?” fragte sie.</p><p>„Nicht sehr. Ich muss mich erst daran gew&#xF6;hnen.</p><p>Mein armer Liebling – ” Sie strich &#xFC;ber meine Hand.</p><p>„Ich bin nicht arm, wenn du da bist”, sagte ich.</p><p>„Ist Rita nicht sehr sch&#xF6;n?”</p><p>„Nein”, sagte ich ,„du bist sch&#xF6;ner.”</p><p>Die junge Spanierin hatte eine Gitarre auf den Knien. Sie zupfte ein paar Akkorde. Dann begann sie zu singen, und es war, als schwebe ein dunkler Vogel durch den Raum. Sie sang spanische Lieder, mit einer halblauten Stimme, – der rauhen, br&#xFC;chigen Stimme der Kranken. Ich wusste nicht: waren es die fremdartigen, melancholischen Melodien, war es die ersch&#xFC;tternde, abendliche Stimme des M&#xE4;dchens, waren es die Schatten der in Sesseln und auf dem Boden kauernden Kranken, war es das gro&#xDF;e, geneigte, dunkle Gesicht des Russen: mit einmal kam es mir vor, als w&#xE4;re das alles nur eine schluchzende, stille Beschw&#xF6;rung des Schicksals, das drau&#xDF;en hinter den verh&#xE4;ngten Fenstern stand und wartete, eine Bitte, ein Aufschrei und Angst, Angst vor dem Alleinsein mit dem leise fressenden Nichts.</p><p>Am n&#xE4;chsten Morgen war Pat fr&#xF6;hlich und ausgelassen. Sie besch&#xE4;ftigte sich mit ihren Kleidern. „Zu weit geworden, viel zu weit”, murmelte sie pr&#xFC;fend vor dem Spiegel. Dann wandte sie sich mir zu.</p><p>„Hast du eigentlich deinen Smoking mit, Liebling?”</p><p>„Nein”, sagte ich. „Habe nicht gewusst, dass man hier einen braucht.”</p><p>„Dann geh zu Antonio. Er wird dir einen leihen. Ihr habt ja die gleiche Figur.”</p><p>„Der braucht ihn doch selber.”</p><p>„Er zieht einen Frack an.” Sie steckte eine Falte ab. „Und dann geh Ski laufen. Ich muss jetzt hier arbeiten. Das kann ich aber nicht, wenn du dabei bist.”</p><p>„Dieser Antonio”, sagte ich, „den pl&#xFC;ndere ich ja geradezu aus. Was w&#xFC;rden wir blo&#xDF; machen ohne ihn.”</p><p>„Er ist ein guter Junge, was?”</p><p>„Ja”, erwiderte ich, „das ist das richtige Wort f&#xFC;r ihn. Ein guter Junge.”</p><p>„Ich wei&#xDF; nicht, was ich gemacht h&#xE4;tte, wenn er nicht da gewesen w&#xE4;re, als ich allein war.”</p><p>„Daran wollen wir nicht mehr denken”, sagte ich. „Es liegt so weit zur&#xFC;ck.”</p><p>„Ja.” Sie k&#xFC;sste mich. „Und nun geh Ski laufen.”</p><p>Antonio wartete schon auf mich. „Habe mir schon gedacht, dass Sie keinen Smoking mith&#xE4;tten”, sagte er. „Probieren Sie mal die Jacke an.”</p><p>Das Jackett war etwas knapp, aber es passte ganz gut. Antonio pfiff vergn&#xFC;gt und h&#xE4;ngte den Anzug heraus. „Das wird ein gro&#xDF;er Spa&#xDF; morgen”, erkl&#xE4;rte er. „Gl&#xFC;cklicherweise hat die kleine Sekret&#xE4;rin Abenddienst im B&#xFC;ro. Die alte Rexroth w&#xFC;rde uns nicht rauslassen. Offiziell ist doch das alles verboten. Aber inoffiziell sind wir nat&#xFC;rlich keine Kinder mehr.”</p><p>Wir gingen Ski laufen. Ich hatte ganz gut gelernt und wir brauchten nicht mehr auf die &#xDC;bungswiese. Unterwegs begegneten wir einem Mann mit Brillantringen, karierten Hosen und einem wehenden K&#xFC;nstlerschlips. „Komische Gestalten gibt es hier”, sagte ich.</p><p>Antonio lachte. „Das ist ein wichtiger Mann. Ein Leichenbegleiter.”</p><p>„Was?” fragte ich erstaunt.</p><p>„Ein Leichenbegleiter”, wiederholte Antonio. „Es sind doch hier Kranke aus aller Welt. Besonders viele aus S&#xFC;damerika. Nun, und die meisten Familien wollen doch ihre Angeh&#xF6;rigen zu Hause beerdigen lassen. Dann reist so ein Leichenbegleiter f&#xFC;r eine anst&#xE4;ndige Entsch&#xE4;digung mit und bringt die Zinks&#xE4;rge hin. Auf diese Weise werden diese Leute wohlhabend und kommen viel herum. Den da hat der Tod zum Dandy gemacht, wie Sie sehen.”</p><p>Wir stiegen noch eine Zeitlang weiter auf, dann schnallten wir die Skier an und liefen. Die wei&#xDF;en H&#xE4;nge schwangen auf und ab und hinter uns raste kl&#xE4;ffend, ab und zu bis an die Brust einsinkend, Billy, wie ein rotbrauner Ball. Er hatte sich wieder an mich gew&#xF6;hnt, wenn er auch oft unterwegs kehrt machte und spornstreichs mit fliegenden Ohren zum Sanatorium zur&#xFC;ckjagte.</p><p>Ich &#xFC;bte Kristianias<a l:href="#n_186" type="note">[186]</a> und jedesmal, wenn ich den Abhang herunterglitt und mich auf den Schwung vorbereitete und den K&#xF6;rper lose machte, dachte ich: wenn dieser gelingt, ohne dass ich falle, wird Pat gesund. Der Wind sauste mir um das Gesicht, der Schnee war schwer und z&#xE4;he, aber ich stemmte mich immer aufs neue ab, ich suchte immer steilere Abfahrten, immer schwierigeres Gel&#xE4;nde, und als es wieder und wieder gelang, dachte ich: Gerettet! und wusste, dass es t&#xF6;richt war, und wurde doch froh, wie lange nicht.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Am Samstag abend war gro&#xDF;er, heimlicher Aufbruch. Antonio hatte etwas abseits und unterhalb vom Sanatorium Schlitten bestellt. Er selbst rodelte mit Lackschuhen und offenem Mantel, unter dem die wei&#xDF;e Frackbrust herausblitzte, fr&#xF6;hlich, jodelnd die Anh&#xF6;he hinunter.</p><p>„Er ist verr&#xFC;ckt”, sagte ich.</p><p>„Das macht er oft”, erwiderte Pat. „Er ist grenzenlos leichtsinnig. Damit h&#xE4;lt er hier durch. Sonst w&#xE4;re er nicht immer guter Laune.”</p><p>„Daf&#xFC;r werden wir dich um so mehr einpacken.”</p><p>Ich wickelte sie in alle Decken und Schals, die wir hatten. Dann stampften die Schlitten bergab. Es war eine lange Kolonne. Alle, die konnten, waren ausgerissen. Man h&#xE4;tte meinen k&#xF6;nnen, eine Hochzeitsgesellschaft f&#xFC;hre zu Tal; so festlich nickten die bunten Federb&#xFC;schel auf den K&#xF6;pfen der Pferde im Mondlicht; und so viel wurde gelacht und von Schlitten zu Schlitten gerufen.</p><p>Der Kursaal war verschwenderisch dekoriert. Es wurde schon getanzt, als wir ankamen. F&#xFC;r die G&#xE4;ste des Sanatoriums war eine Ecke reserviert, die vor Zugwind von den Fenstern her gesch&#xFC;tzt war. Es war warm und es roch nach Blumen, Parf&#xFC;m und Wein.</p><p>Eine Menge Leute sa&#xDF; an unserm Tisch; – der Russe, Rita, der Geiger, eine alte Frau, ein geschminkter Totenkopf, ein Gigolo, der dazu geh&#xF6;rte, Antonio und noch einige mehr.</p><p>„Komm, Robby”, sagte Pat, „wir versuchen einmal zu tanzen.”</p><p>Das Parkett drehte sich langsam um uns. Die Geige und das Cello<a l:href="#n_187" type="note">[187]</a> erhoben sich zu einer sanften Kantilene<a l:href="#n_188" type="note">[188]</a> &#xFC;ber das raunende Orchester. Leise schleiften die F&#xFC;&#xDF;e der Tanzenden &#xFC;ber den Boden.</p><p>„Aber mein geliebter Liebling, du kannst ja pl&#xF6;tzlich wunderbar tanzen”, sagte Pat &#xFC;berrascht.</p><p>„Na, wunderbar – ”</p><p>„Doch. Wo hast du das gelernt?”</p><p>„Das hat Gottfried mir noch beigebracht”, sagte ich.</p><p>„In eurer Werkstatt?”</p><p>„Ja – und im Cafe International. Wir brauchten doch auch Damen dazu. Rosa, Marion und Wally haben mir den letzten Schliff gegeben. Ich f&#xFC;rchte nur, es ist nicht gerade sehr elegant dadurch geworden.”</p><p>„Doch!” Ihre Augen strahlten. „Zum ersten Mal tanzen wir so miteinander, Robby!”</p><p>Neben uns tanzte der Russe mit der Spanierin. Er l&#xE4;chelte und nickte uns zu. Die Spanierin war sehr bleich. Das schwarze, gl&#xE4;nzende Haar umfasste ihre Stirn wie ein Rabenfl&#xFC;gel. Sie tanzte mit unbewegtem, ernstem Gesicht. Auf ihrem Handgelenk lag ein Armband von viereckigen, gro&#xDF;en Smaragden. Sie war achtzehn Jahre alt. Vom Tisch her verfolgte der Geiger sie mit gierigen Augen.</p><p>Wir gingen wieder zur&#xFC;ck. „Jetzt m&#xF6;chte ich eine Zigarette”, sagte Pat.</p><p>„Das solltest du lieber nicht”, erwiderte ich vorsichtig.</p><p>„Nur ein paar Z&#xFC;ge, Robby. Ich habe so lange nicht geraucht.”</p><p>Sie nahm die Zigarette, legte sie aber bald wieder weg. „Sie schmeckt mir nicht, Robby. Sie schmeckt mir einfach nicht mehr.”</p><p>Ich lachte. „Das ist immer so, wenn man etwas lange entbehrt hat.”</p><p>„Hast du mich auch lange entbehrt?” fragte sie.</p><p>„Es ist nur bei Giften so”, erwiderte ich. „Nur bei Schnaps und Tabak.”</p><p>„Menschen sind ein viel schlimmeres Gift als Schnaps und Tabak, Liebling.”</p><p>Ich lachte. „Du bist ein kluges Kind, Pat.”</p><p>Sie st&#xFC;tzte die Arme auf den Tisch und sah mich an. „Richtig ernst genommen hast du mich doch eigentlich nie, was?”</p><p>„Ich habe mich selbst nie richtig ernst genommen”, erwiderte ich.</p><p>„Mich auch nicht. Sag mal die Wahrheit.”</p><p>„Das wei&#xDF; ich nicht. Aber uns beide zusammen habe ich immer furchtbar ernst genommen, das wei&#xDF; ich.”</p><p>Sie l&#xE4;chelte. Antonio forderte sie zum Tanzen auf. Beide gingen zum Parkett. Ich sah sie an, w&#xE4;hrend sie tanzte. Sie l&#xE4;chelte mir im Vorbeikommen jedesmal zu. Ihre silbernen Schuhe ber&#xFC;hrten kaum den Boden. Sie hatte die Bewegungen einer Antilope.</p><p>Der Russe tanzte wieder mit der Spanierin. Beide schwiegen. Sein gro&#xDF;es, dunkles Gesicht war voll verschatteter Z&#xE4;rtlichkeit. Der Geiger hatte einen Versuch gemacht, mit der Spanierin zu tanzen. Sie hatte nur den Kopf gesch&#xFC;ttelt und war mit dem Russen zum Parkett gegangen.</p><p>Der Geiger zerkr&#xFC;melte eine Zigarette in den langen, knochigen Fingern. Er tat mir pl&#xF6;tzlich leid. Ich bot ihm eine Zigarette an. Er lehnte ab. „Ich muss mich schonen”, sagte er mit seiner abgehackten Stimme.</p><p>Ich nickte. „Der da”, fuhr er kichernd fort und zeigte auf den Russen, „der raucht jeden Tag f&#xFC;nfzig St&#xFC;ck.”</p><p>„Der eine macht es so, der andere so”, erwiderte ich. „Wenn sie jetzt auch nicht mit mir tanzen will, ich kriege sie doch noch.”</p><p>„Wen?”</p><p>„Rita.”</p><p>Er r&#xFC;ckte n&#xE4;her. „Ich stand gut mit ihr. Wir spielten zusammen. Dann kam der Russe und schnappte sie mir weg mit seinen Tiraden. Aber ich kriege sie wieder.”</p><p>„Dann m&#xFC;ssen Sie sich aber anstrengen”, sagte ich. Der Mann gefiel mir nicht.</p><p>Er brach in ein meckerndes Gel&#xE4;chter aus. „Anstrengen? Sie ahnungsloser Engel! Nur warten brauche ich.”</p><p>„Dann warten Sie nur.”</p><p>„F&#xFC;nfzig Zigaretten”, fl&#xFC;sterte er, „t&#xE4;glich. Ich habe sein R&#xF6;ntgenbild gestern gesehen. Kaverne neben Kaverne. Fertig.” Er lachte wieder. „Zuerst waren wir gleich. Die R&#xF6;ntgenbilder zum Verwechseln. Jetzt m&#xFC;ssten Sie den Unterschied sehen! Ich habe zwei Pfund zugenommen. Nein, mein Lieber, ich brauche nur zu warten und mich zu schonen. Ich freue mich schon auf die n&#xE4;chste Aufnahme. Die Schwester zeigt sie mir jedesmal. Wenn er weg ist, komme ich dran.”</p><p>Die Luft wurde dick und schwer. Pat hustete. Ich merkte, dass sie mich &#xE4;ngstlich dabei ansah, und ich tat, als h&#xE4;tte ich nichts geh&#xF6;rt.</p><p>Ich stand auf und ging nach drau&#xDF;en. Mir war hei&#xDF; vor Bedr&#xE4;ngnis und Ohnmacht. Ich ging langsam den Weg entlang. Die K&#xE4;lte durchrieselte mich und der Wind hinter den H&#xE4;usern lie&#xDF; meine Haut fr&#xF6;steln. Ich ballte die F&#xE4;uste und starrte lange gegen die harten, wei&#xDF;en Berge, in einem wilden Gemisch von Haltlosigkeit, Wut und Schmerz.</p><p>Ein Schlitten klingelte unten auf der Stra&#xDF;e vorbei. Ich ging zur&#xFC;ck. Pat kam mir entgegen. „Wo warst du?”</p><p>„Mal drau&#xDF;en.”</p><p>„Bist du schlecht gelaunt?”</p><p>„Gar nicht.”</p><p>„Liebling, sei froh! Sei froh heute! Meinetwegen! Wer wei&#xDF;, wann ich wieder auf einen Ball gehen kann.”</p><p>„Noch sehr oft.”</p><p>Sie legte ihren Kopf an meine Schulter. „Wenn du es sagst, ist es sicher wahr. Komm, wir wollen tanzen. Zum erstenmal tanzen wir miteinander.”</p><p>Wir tanzten und das warme, weiche Licht war barmherzig, es verdeckte alle Schatten, die die vorgeschrittene Nacht in die Gesichter zeichnete. „Wie f&#xFC;hlst du dich?’ fragte ich.</p><p>„Gut, Robby.”</p><p>„Wie sch&#xF6;n du bist, Pat.”</p><p>Ihre Augen leuchteten. „Sch&#xF6;n, dass du mir das sagst.”</p><p>Ich f&#xFC;hlte ihre warmen, trockenen Lippen an meiner Wange.</p><p>Es war sp&#xE4;t, als wir im Sanatorium ankamen. „Sehen Sie nur, wie er aussieht”, kicherte der Geiger und zeigte verstohlen auf den Russen.</p><p>„Sie sehen genau so aus”, sagte ich &#xE4;rgerlich.</p><p>Er sah mich verbl&#xFC;fft an. „Na ja, Sie Gesundheitsprotz”<a l:href="#n_189" type="note">[189]</a>, sagte er giftig.</p><p>Ich gab dem Russen die Hand. Er nickte mir zu und half der jungen Spanierin behutsam und zart die Treppe hinauf. Sein gro&#xDF;er, gebeugter R&#xFC;cken und die schmalen Schultern des M&#xE4;dchens vor der schwachen Nachtbeleuchtung sahen im Ansteigen aus, als l&#xE4;ge die Last der ganzen Welt auf ihnen.</p><p>Pat streifte sich das Kleid &#xFC;ber den Kopf. Sie stand geb&#xFC;ckt und zerrte an den Schultern. Dabei riss der Brokat. Pat betrachtete die Stelle.</p><p>„Es war wohl schon br&#xFC;chig”, sagte ich.</p><p>„Es macht nichts”, sagte Pat, „ich brauche es wohl nun doch nicht mehr.”</p><p>Sie legte das Kleid langsam zusammen und hing es nicht mehr in den Schrank. Sie legte es in ihren Koffer. Ihr Gesicht war pl&#xF6;tzlich m&#xFC;de.</p><p>„Sieh nur, was ich hier habe”, sagte ich rasch und zog eine Flasche Champagner aus der Manteltasche.</p><p>„Jetzt kommt unser eigenes kleines Fest.”</p><p>Ich holte die Gl&#xE4;ser und schenkte ein. Sie l&#xE4;chelte und trank.</p><p>„Auf uns beide, Pat.”</p><p>„Ja, mein Liebling, auf unser sch&#xF6;nes Leben.”</p><p>Wie sonderbar das alles war: dieses Zimmer, die Stille und unsere Traurigkeit. Lag hinter der T&#xFC;r nicht das Leben, unendlich, mit W&#xE4;ldern, Fl&#xFC;ssen und starkem Atem, bl&#xFC;hend und unruhig, klopfte jenseits der wei&#xDF;en Berge der M&#xE4;rz nicht schon unruhig an die erwachende Erde?</p><p>„Bleibst du die Nacht bei mir, Robby?”</p><p>„Ja, lass uns zu Bett gehen. Wir wollen so nahe beisammen sein, wie es Menschen k&#xF6;nnen, und unser Glas auf die Bettdecke stellen und trinken.”</p><p>Trinken. Goldbraune Haut. Warten. Wachsein. Stille und das leise R&#xF6;cheln der geliebten Brust.</p></section><section><title><p>XXVIII</p></title><p>Das Wetter wurde f&#xF6;hnig. Eine klatschende nasse W&#xE4;rme jagte durch das Tal. Der Schnee wurde weich. Es tropfte von den D&#xE4;chern. Die Fieberkurven stiegen. Pat musste zu Bett bleiben. Der Arzt kam alle paar Stunden. Sein Gesicht wurde immer besorgter.</p><p>Eines Mittags sa&#xDF; ich beim Essen, als Antonio kam und sich zu mir setzte. „Rita ist tot”, sagte er.</p><p>„Rita? Sie meinen den Russen?”</p><p>„Nein, Rita, die Spanierin.”</p><p>„Das ist unm&#xF6;glich”, sagte ich und sp&#xFC;rte, wie mir das Blut gefror. Rita war viel weniger krank gewesen als Pat.</p><p>„Hier ist viel mehr m&#xF6;glich”, erwiderte Antonio leise und melancholisch.</p><p>„Heute vormittag war sie tot. Es ist Lungenentz&#xFC;ndung dazu gekommen.”</p><p>„Lungenentz&#xFC;ndung. Das ist was anderes”, sagte ich erleichtert.</p><p>„Achtzehn Jahre. Schrecklich. Und so schwer gestorben.”</p><p>„Und der Russe?”</p><p>„Ach, fragen Sie nicht. Er will nicht glauben, dass sie tot ist. Er behauptet, sie sei scheintot. Er sitzt an ihrem Bett und niemand kann ihn aus dem Zimmer bringen.”</p><p>Antonio ging. Ich starrte aus dem Fenster. Rita war tot; aber ich sa&#xDF; nur da und dachte: Es ist nicht Pat. Es ist nicht Pat.</p><p>Durch den verglasten Korridor sah ich den Geiger. Ehe ich aufstehen konnte, kam er schon heran. Er sah schrecklich aus.</p><p>„Sie rauchen?” sagte ich, um etwas zu sagen.</p><p>Er lachte auf. „Nat&#xFC;rlich! Warum denn nicht? Jetzt? Ist doch egal, nun.”</p><p>Ich zuckte die Achseln. „Macht Ihnen wohl Spa&#xDF;, Sie Tugendfatzke<a l:href="#n_190" type="note">[190]</a>?” fragte er h&#xF6;hnisch.</p><p>„Sie sind verr&#xFC;ckt”, sagte ich.</p><p>„Verr&#xFC;ckt? Nein, aber reingefallen!” Er legte sich breit &#xFC;ber den Tisch und blies mir Kognakatem ins Gesicht. „Reingefallen bin ich. Reingelegt haben sie mich. Die Schweine. Alles Schweine. Sie auch, Sie Tugendschwein.”<a l:href="#n_191" type="note">[191]</a></p><p>„Wenn Sie nicht krank w&#xE4;ren, w&#xFC;rde ich Sie durchs Fenster werfen”, sagte ich.</p><p>„Krank? Krank?” &#xE4;ffte er. „Gesund bin ich, fast gesund, ich komme ja grad daher! Wunderbarer Fall von rapider Verkapselung! Ein Witz, was?”</p><p>„Seien Sie froh”, sagte ich. „Wenn Sie hier fort sind, werden Sie auch Ihre K&#xFC;mmernisse vergessen.”</p><p>Er schwankte weg, kehrte aber wieder um. „Kommen Sie mit! Bleiben Sie bei mir, lassen Sie uns trinken. Ich zahle alles. Ich kann nicht allein sein.”</p><p>„Habe keine Zeit”, sagte ich. „Suchen Sie sich jemand anders.”</p><p>Ich ging wieder zu Pat hinauf. Sie lag schwer atmend, mit vielen Kissen im R&#xFC;cken. „Willst du nicht Ski laufen?” fragte sie. Ich sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Der Schnee ist zu schlecht. Es taut &#xFC;berall.”</p><p>„Willst du dann nicht mit Antonio Schach spielen?</p><p>Nein”, sagte ich. „Ich will hier bei dir bleiben.</p><p>Armer Robby!” Sie versuchte eine Bewegung zu machen. „Hol dir doch wenigstens was zu trinken.”</p><p>„Das kann ich tun.”</p><p>Ich ging in mein Zimmer und holte eine Flasche Kognak und ein Glas. „Willst du ein bisschen?” fragte ich. „Du darfst, das wei&#xDF;t du doch.” Sie nahm einen kleinen Schluck und nach einer Weile noch einen. Dann gab sie mir das Glas zur&#xFC;ck. Ich schenkte es voll und trank es aus.</p><p>„Du solltest nicht aus demselben Glas trinken wie ich”, sagte Pat.</p><p>„Das w&#xE4;re ja noch sch&#xF6;ner.” Ich goss das Glas noch einmal voll und st&#xFC;rzte es herunter.</p><p>Sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Du musst das nicht tun, Robby. Du darfst mich auch nicht mehr k&#xFC;ssen. Du darfst &#xFC;berhaupt nicht mehr so viel bei mir sein. Du sollst nicht krank werden.”</p><p>„Ich werde dich k&#xFC;ssen und mich den Teufel um etwas scheren”, erwiderte ich.</p><p>„Nein, du darfst nicht. Du darfst auch nicht mehr in meinem Bett schlafen.”</p><p>„Gut, dann schlaf du mit mir in meinem.”</p><p>Sie bewegte abwehrend den Mund. „Lass das, Robby. Du musst noch lange leben. Ich will, dass du gesund bleibst und Kinder hast und eine Frau.”</p><p>Sie lag eine Weile still. „Ich h&#xE4;tte gern ein Kind von dir gehabt, Robby”, sagte sie dann und legte ihr Gesicht an meine Schulter. „Fr&#xFC;her wollte ich es nie. Ich konnte es mir gar nicht vorstellen. Aber jetzt denke ich oft daran. Es w&#xE4;re sch&#xF6;n, wenn etwas von einem bliebe. Das Kind w&#xFC;rde dich dann manchmal ansehen und du w&#xFC;rdest dich an mich erinnern. Dann w&#xE4;re ich wieder da so lange.”</p><p>„Wir werden noch ein Kind haben”, sagte ich. „Wenn du wieder gesund bist. Ich m&#xF6;chte gern ein Kind von dir haben, Pat. Es muss aber ein M&#xE4;dchen sein, das auch Pat hei&#xDF;t.”</p><p>Sie nahm mir das Glas aus der Hand und trank einen Schluck.</p><p>„Vielleicht ist es besser, dass wir keins haben, Liebling. Du sollst nichts mitnehmen. Du sollst mich vergessen. Und wenn du an mich denkst, sollst du nur denken, dass es sch&#xF6;n war mit uns, – mehr nicht. Dass es vorbei gegangen ist, das werden wir doch nie begreifen. Traurig sollst du nicht sein.”</p><p>„Ich bin traurig, wenn du so etwas sagst.”</p><p>Sie sah mich eine Zeitlang an. „Wenn man so liegt, denkt man &#xFC;ber manches nach. Und vieles kommt einem sonderbar vor, was man sonst gar nicht beachtet. Wei&#xDF;t du, was ich jetzt nicht mehr verstehen kann? Dass man sich so liebt wie wir, und dass trotzdem einer stirbt.”</p><p>„Sei still”, sagte ich. „Einer muss immer zuerst sterben, immer im Leben. Aber so weit sind wir noch lange nicht.”</p><p>„Man d&#xFC;rfte nur sterben, wenn man allein ist. Oder wenn man einander hasst; – aber nicht wenn man sich liebt.”</p><p>Ich zwang mich zu einem L&#xE4;cheln. „Ja, Pat”, sagte ich und nahm ihre hei&#xDF;en H&#xE4;nde in meine, „wenn wir die Welt machen w&#xFC;rden, w&#xFC;rde sie besser aussehen, was?”</p><p>Sie nickte. „Ja, Liebling. Wir w&#xFC;rden solche Sachen nicht zulassen. Wenn man nur w&#xFC;sste, was dahinter ist. Glaubst du, dass es weitergeht, nachher?”</p><p>„Ja”, erwiderte ich. „Es ist so schlecht gemacht, dass es nicht zu Ende sein kann.”</p><p>Sie l&#xE4;chelte. „Das ist auch ein Grund. Aber findest du das auch schlecht gemacht?” Sie zeigte auf einen Busch gelber Rosen neben ihrem Bett.</p><p>„Das ist es ja gerade”, erwiderte ich. „Die Einzelheiten sind wunderbar, aber das Ganze hat keinen Sinn. Als wenn es von einem gemacht ist, dem auf die wunderbare Vielfalt des Lebens nichts anderes eingefallen ist, als es wieder zu vernichten.”</p><p>„Und es wieder neu zu machen”, sagte Pat.</p><p>„Auch da sehe ich den Sinn nicht”, erwiderte ich. „Besser ist es dadurch bis heute nicht geworden.”</p><p>„Doch, Liebling”, sagte Pat, „mit uns, das hat er schon gut gemacht. Besser gings gar nicht. Nur zu kurz. Viel zu kurz.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Ein paar Tage sp&#xE4;ter sp&#xFC;rte ich Stiche in der Brust und hustete. Der Chefarzt h&#xF6;rte den L&#xE4;rm, als er &#xFC;ber den Korridor ging und steckte den Kopf in mein Zimmer. „Kommen Sie doch mal mit ins Sprechzimmer.”</p><p>„Es ist weiter nichts”, sagte ich.</p><p>„Das ist egal”, erwiderte er. „Mit so einem Husten d&#xFC;rfen Sie nicht bei Fr&#xE4;ulein Hollmann sitzen. Kommen Sie mal gleich mit.”</p><p>Ich zog mir mit einer sonderbaren Befriedigung im Sprechzimmer das Hemd aus. Hier oben erschien einem Gesundheit fast wie ein unberechtigter Vorteil; man kam sich wie ein Schieber und Dr&#xFC;ckeberger vor. Der Chefarzt sah mich eigent&#xFC;mlich an. „Sie scheinen sich ja noch zu freuen”, sagte er stirnrunzelnd.</p><p>Dann untersuchte er mich sorgf&#xE4;ltig. Ich sah mir die blanken Dinge an den W&#xE4;nden an und atmete tief und langsam und schnell und kurz ein und aus, wie er es verlangte. Dabei sp&#xFC;rte ich wieder die Stiche und war zufrieden, Pat jetzt etwas weniger voraus zu haben.</p><p>„Sie sind erk&#xE4;ltet”, sagte der Chefarzt. „Legen Sie sich ein oder zwei Tage ins Bett oder bleiben Sie wenigstens in Ihrem Zimmer. Zu Fr&#xE4;ulein Hollmann d&#xFC;rfen Sie nicht hinein. Nicht Ihretwegen, – Fr&#xE4;ulein Hollmanns wegen.”</p><p>„Kann ich durch die T&#xFC;r mit ihr sprechen?” fragte ich. „Oder &#xFC;ber den Balkon?”</p><p>„&#xDC;ber den Balkon ja, aber nur ein paar Minuten, und durch die T&#xFC;r meinetwegen auch, wenn Sie flei&#xDF;ig gurgeln. Sie haben au&#xDF;er der Erk&#xE4;ltung auch noch einen Raucherkatarrh.”</p><p>„Und die Lunge?” Ich hatte irgendwie die Erwartung, dass wenigstens eine Kleinigkeit daran nicht in Ordnung w&#xE4;re. Ich h&#xE4;tte mich besser Pat gegen&#xFC;ber gef&#xFC;hlt.</p><p>„Aus ihrer Lunge k&#xF6;nnte man drei machen”, erkl&#xE4;rte der Chefarzt. „Sie sind der ges&#xFC;ndeste Mensch, den ich seit langem gesehen habe. Sie haben nur eine ziemlich harte Leber. Wahrscheinlich trinken Sie zu viel.”</p><p>Er verschrieb mir etwas und ich ging zur&#xFC;ck.</p><p>„Robby”, fragte Pat aus ihrem Zimmer, „was hat er gesagt?”</p><p>„Ich darf nicht zu dir, einstweilen”, erwiderte ich unter der T&#xFC;r. „Strenges Verbot. Ansteckungsgefahr.</p><p>Siehst du”, sagte sie erschrocken, „ich habe es immer schon nicht mehr gewollt”.</p><p>„Ansteckungsgefahr f&#xFC;r dich, Pat. Nicht f&#xFC;r mich.</p><p>Lass den Unsinn”, sagte sie. „Erz&#xE4;hle mir genau, was los ist.”</p><p>„Es ist genau so, Schwester – ” ich winkte der Stationsschwester, die mir gerade die Medikamente brachte, – “sagen Sie Fr&#xE4;ulein Hollmann, wer der Gef&#xE4;hrlichere von uns beiden ist.”</p><p>„Herr Lohkamp”, erkl&#xE4;rte die Schwester. „Er darf nicht raus, damit er Sie nicht ansteckt.”</p><p>Pat sah ungl&#xE4;ubig von der Schwester zu mir. Ich zeigte ihr die Medikamente durch die T&#xFC;r. Sie begriff, dass es stimmte und begann zu lachen, immer mehr, sie lachte, bis ihr die Tr&#xE4;nen kamen und sie schmerzhaft zu husten anfing, so dass die Schwester hinlaufen und sie st&#xFC;tzen musste. „Mein Gott, Liebling”, fl&#xFC;sterte sie, „das ist zu komisch. Und wie stolz du aussiehst!” Sie war den ganzen Abend fr&#xF6;hlich. Ich lie&#xDF; sie nat&#xFC;rlich nicht allein, sondern sa&#xDF; in einem dicken Mantel, einen Schal um den Hals, bis Mitternacht auf dem Balkon, eine Zigarre in der einen und ein Glas in der andern Hand, eine Kognakflasche zu meinen F&#xFC;&#xDF;en, und erz&#xE4;hlte ihr Geschichten aus meinem Leben, immer wieder von ihrem leisen Vogelgel&#xE4;chter unterbrochen und angetrieben, ich log, was ich konnte, um das Lachen &#xFC;ber ihr Gesicht gleiten zu sehen, ich war gl&#xFC;cklich &#xFC;ber meinen bellenden Husten und trank die Flasche leer und war am n&#xE4;chsten Morgen gesund.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Der F&#xF6;hn kam wieder. Der Wind r&#xFC;ttelte an den Fenstern, die Wolken hingen tief, der Schnee schob sich zusammen und polterte durch die N&#xE4;chte und die Kranken lagen gereizt und aufgepeitscht wach und horchten hinaus. An den gesch&#xFC;tzten H&#xE4;ngen fingen die Krokusse an zu bl&#xFC;hen und auf der Stra&#xDF;e erschienen zwischen den Schlitten die ersten Wagen mit hohen R&#xE4;dern.</p><p>Pat wurde immer schw&#xE4;cher. Sie konnte nicht mehr aufstehen. In den N&#xE4;chten hatte sie oft Erstickungsanf&#xE4;lle. Dann wurde sie grau vor Todesangst. Ich hielt ihre nassen, kraftlosen H&#xE4;nde. „Nur diese Stunde &#xFC;berstehen!” keuchte sie, „nur diese Stunde, Robby. Da sterben sie – ”</p><p>Sie hatte Angst vor der letzten Stunde zwischen Nacht und Morgen. Sie glaubte, dass mit dem Ende der Nacht der geheime Strom des Lebens schw&#xE4;cher w&#xFC;rde und fast erlosch, – und nur vor dieser Stunde hatte sie Furcht und wollte nicht allein sein. Sonst war sie so tapfer, dass ich oft die Z&#xE4;hne zusammenbei&#xDF;en musste.</p><p>Ich lie&#xDF; mein Bett in ihr Zimmer stellen und setzte mich zu ihr, wenn sie erwachte und wenn in ihre Augen das verzweifelte Flehen kam. Ich dachte oft an die Morphiumampullen in meinem Koffer und ich h&#xE4;tte es ohne Nachdenken getan, wenn sie nicht so dankbar f&#xFC;r jeden neuen Tag gewesen w&#xE4;re.</p><p>Ich sa&#xDF; bei ihr am Bett und erz&#xE4;hlte ihr, was mir gerade einfiel. Sie durfte nicht viel sprechen und sie h&#xF6;rte gern zu, wenn ich ihr erz&#xE4;hlte, was mir alles schon so passiert war. Am liebsten h&#xF6;rte sie Geschichten aus meiner Schulzeit und manchmal, wenn sie kurz vorher noch einen Anfall gehabt hatte und blass und zerschlagen in den Kissen sa&#xDF;, verlangte sie schon wieder, dass ich ihr irgendeine Type von meinen Lehrern vormachte. Fuchtelnd und schnaufend, einen imagin&#xE4;ren roten Vollbart streichend, wanderte ich dann durchs Zimmer und gab mit knarrender Stimme Kathederbl&#xFC;ten von mir. Ich erfand t&#xE4;glich neue hinzu und Pat wusste allm&#xE4;hlich unter den Raufbolden und L&#xFC;mmeln unserer Klasse, die den Lehrern immer neuen &#xC4;rger bereitet hatten, sehr gut Bescheid. Einmal kam die Nachtschwester dazu, angelockt durch den polternden Bass unseres Rektors, und es dauerte eine ganze Weile, ehe ich ihr zum Vergn&#xFC;gen Pats klargemacht hatte, dass ich nicht verr&#xFC;ckt geworden sei, weil ich mitten in der Nacht in einer Pelerine und einem Schlapphut im Zimmer herumhopste und einem gewissen Karl Ossege furchtbar die Leviten las<a l:href="#n_192" type="note">[192]</a>, der heimt&#xFC;ckisch das Katheder anges&#xE4;gt hatte.</p><p>Langsam sickerte dann das Tageslicht durch das Fenster. Die Bergr&#xFC;cken wurden messerscharfe, schwarze Silhouetten<a l:href="#n_193" type="note">[193]</a>. Der Himmel hinter ihnen fing an, kalt und blass zur&#xFC;ckzuweichen. Die Nachttischlampe verrostete zu bleichem Gelb und Pat legte ihr feuchtes Gesicht in meine H&#xE4;nde. „Es ist vorbei, Robby. Jetzt habe ich wieder einen Tag dazu.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Antonio brachte mir seinen Radioapparat. Ich schloss ihn an die Lichtleitung und die Heizung an und probierte ihn abends bei Pat aus. Er quarrte und quakte, dann l&#xF6;ste sich pl&#xF6;tzlich aus dem Schnarren eine zarte, klare Musik.</p><p>„Was ist das, Liebling?” fragte Pat.</p><p>Antonio hatte mir eine Radiozeitschrift mitgegeben. Ich schlug nach. „Rom, glaube ich.”</p><p>Da kam auch schon die tiefe, metallische Stimme der Ansagerin. „Radio Roma – Napoli – Firenze – ”<a l:href="#n_194" type="note">[194]</a></p><p>Ich drehte weiter. Ein Klaviersolo. „Da brauche ich gar nicht nachzuschlagen”, sagte ich. „Das ist die Waldsteinsonate von Beethoven. Die habe ich auch mal spielen k&#xF6;nnen in den Zeiten, als ich noch glaubte, irgendwann mal Studienrat, Professor oder Komponist zu werden. Jetzt kann ich sie l&#xE4;ngst nicht mehr. Wollen lieber weiter drehen. Sind keine sch&#xF6;nen Erinnerungen.”</p><p>„Prag. Streichquartett<a l:href="#n_195" type="note">[195]</a>, Opus 59 zwei, Beethoven”, las ich vor.</p><p>Ich wartete, bis der Satz zu Ende war, dann drehte ich weiter, und auf einmal war eine Geige da, eine wunderbare Geige. „Das wird Budapest sein, Pat. Zigeunermusik.”</p><p>Ich stellte die Skala genau ein. Voll und weich schwebte jetzt die Melodie &#xFC;ber dem mitflutenden Orchester von Zimbals<a l:href="#n_196" type="note">[196]</a>, Geigen und Hirtenfl&#xF6;ten<a l:href="#n_197" type="note">[197]</a>. „Herrlich, Pat, was?”</p><p>Sie schwieg. Ich wandte mich um. Sie weinte mit weit ge&#xF6;ffneten Augen. Ich stellte mit einem Ruck den Apparat ab. „Was ist denn, Pat?” Ich legte den Arm um ihre schmalen Schultern.</p><p>„Nichts, Robby. Es ist dumm von mir. Nur wenn man das so h&#xF6;rt, Paris, Rom, Budapest, – mein Gott, und ich w&#xE4;re schon froh, wenn ich noch einmal ins Dorf hinunter k&#xF6;nnte.”</p><p>„Aber, Pat.”</p><p>Ich sagte ihr alles, was ich ihr sagen konnte, um sie dar&#xFC;ber weg zu bringen. Aber sie sch&#xFC;ttelte den Kopf. „Ich bin nicht traurig, Liebling. Du musst das nicht glauben. Ich bin nicht traurig, wenn ich weine. Es kommt wohl mal so, aber nicht lange. Daf&#xFC;r denke ich viel zu viel nach.”</p><p>„Wor&#xFC;ber denkst du denn nach?” fragte ich und k&#xFC;sste ihr Haar.</p><p>„&#xDC;ber das einzige, wor&#xFC;ber ich noch nachdenken kann, – &#xFC;ber Leben und Sterben. Wenn ich dann traurig bin und nichts mehr verstehe, sage ich mir, dass es besser ist, zu sterben, wenn man noch leben m&#xF6;chte, als zu sterben und man m&#xF6;chte auch sterben. Was meinst du?”</p><p>„Ich wei&#xDF; nicht.”</p><p>„Doch.” Sie lehnte den Kopf an meine Schulter. „Wenn man noch leben m&#xF6;chte, dann ist etwas da, was man liebt. Es ist schwerer, aber auch leichter. Sieh, sterben h&#xE4;tte ich doch m&#xFC;ssen und nun bin ich dankbar, dass ich dich hatte. Ich h&#xE4;tte ja auch allein und ungl&#xFC;cklich sein k&#xF6;nnen. Dann w&#xE4;re ich gern gestorben. Jetzt ist es schwer; aber daf&#xFC;r bin ich auch ganz voll Liebe, wie eine Biene voll Honig, wenn sie abends in den Stock zur&#xFC;ckkommt. Wenn ich w&#xE4;hlen sollte, – ich w&#xFC;rde zwischen beiden immer wieder dasselbe w&#xE4;hlen.”</p><p>Sie sah mich an. „Pat”, sagte ich, „es gibt noch ein drittes, – wenn der F&#xF6;hn aufh&#xF6;rt, dann wird es besser gehen und wir werden hier fortfahren.”</p><p>Sie blickte mich weiter pr&#xFC;fend an. „Um dich habe ich Angst, Robby. F&#xFC;r dich ist es viel schwerer als f&#xFC;r mich.”</p><p>„Wir wollen nicht mehr dar&#xFC;ber sprechen”, sagte ich.</p><p>„Ich habe es nur gesagt, damit du nicht denkst, ich sei traurig”, erwiderte sie.</p><p>„Ich glaube auch nicht, dass du traurig bist”, sagte ich.</p><p>Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. „Willst du nicht die Zigeuner wieder spielen lassen?”</p><p>„Willst du sie h&#xF6;ren?”</p><p>„Ja, Liebling.”</p><p>Ich stellte den Apparat wieder an und leise, dann immer voller klang die Geige mit den Fl&#xF6;ten und den ged&#xE4;mpften Arpeggien<a l:href="#n_198" type="note">[198]</a> der Zimbals durch das Zimmer.</p><p>„Sch&#xF6;n, sagte Pat. „Wie ein Wind. Ein Wind, der einen wegtr&#xE4;gt.”</p><p>Es war ein Abendkonzert aus einem Gartenrestaurant in Budapest. Das Gespr&#xE4;ch der G&#xE4;ste war manchmal durch das Raunen der Musik zu vernehmen und ab und zu h&#xF6;rte man einen hellen, fr&#xF6;hlichen Ruf. Man konnte denken, dass jetzt auf der Margaretheninsel<a l:href="#n_199" type="note">[199]</a> die Kastanien schon das erste Laub hatten und dass es blass im Monde schimmerte und sich bewegte, als w&#xFC;rde es durch den Geigenwind angeweht. Vielleicht war es auch schon ein warmer Abend und die Leute sa&#xDF;en im Freien und hatten Gl&#xE4;ser mit dem gelben ungarischen Wein vor sich stehen, die Kellner liefen in ihren wei&#xDF;en Jacken hin und her, die Zigeuner spielten, nachher ging man durch die gr&#xFC;ne Fr&#xFC;hjahrsd&#xE4;mmerung m&#xFC;de nach Hause, und da lag Pat und l&#xE4;chelte und w&#xFC;rde nie wieder aus diesem Zimmer herauskommen, nie wieder aus diesem Bette aufstehen.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Dann, pl&#xF6;tzlich, ging alles sehr schnell. Das Fleisch des geliebten Gesichtes schmolz. Die Backenknochen traten hervor und an den Schl&#xE4;fen kam die Stirn durch. Die Arme waren d&#xFC;nn wie Kinderarme, die Rippen spannten sich unter der Haut und das Fieber raste in immer neuen St&#xF6;&#xDF;en durch den schmalen K&#xF6;rper. Die Schwester brachte Sauerstoffballons und der Arzt kam jede Stunde.</p><p>Eines Nachmittags sank das Fieber unerkl&#xE4;rlicherweise rasch. Pat wachte auf und sah mich lange an. „Gib mir einen Spiegel”, fl&#xFC;sterte sie dann.</p><p>„Wozu willst du einen Spiegel?” sagte ich. „Ruh dich aus, Pat. Ich glaube, du bist jetzt durch. Du hast fast kein Fieber mehr.”</p><p>„Nein”, fl&#xFC;sterte sie mit ihrer zerborstenen, verbrannten Stimme, „gib mir den Spiegel.”</p><p>Ich ging um das Bett herum, nahm den Spiegel und lie&#xDF; ihn fallen. Er zersprang. „Entschuldige”, sagte ich. „So was Ungeschicktes. F&#xE4;llt mir einfach aus der Hand und ist auch gleich in tausend Scherben.”</p><p>„In meiner Tasche ist noch einer, Robby.”</p><p>Es war ein kleiner Spiegel, aus verchromtem Nickel. Ich wischte mit der Hand dar&#xFC;ber, damit er etwas erblindete, und gab ihn Pat. Sie rieb ihn m&#xFC;hsam sauber und sah angestrengt hinein. „Du musst abreisen, Liebling”, fl&#xFC;sterte sie dann.</p><p>„Warum denn? Magst du mich nicht mehr?”</p><p>„Du sollst mich nicht mehr sehen. Das bin ich nicht mehr.”</p><p>Ich nahm ihr den Spiegel ab. „Diese Metalldinger taugen nichts, Pat. Sieh nur, wie ich darin ausschaue. Blass und mager. Dabei bin ich doch braun und kr&#xE4;ftig. Ganz wellig ist das Ding.”</p><p>„Du sollst eine andere Erinnerung an mich behalten”, fl&#xFC;sterte sie. „Fahr weg, Liebling. Ich werde schon allein damit fertig.”</p><p>Ich beruhigte sie. Sie verlangte den Spiegel wieder und ihre Tasche. Dann begann sie sich zu pudern, das arme abgezehrte Gesicht, die zerrissenen Lippen, die schweren, braunen H&#xF6;hlen unter den Augen.</p><p>„Nur etwas, Liebling”, sagte sie und versuchte zu l&#xE4;cheln. „Du sollst mich nicht h&#xE4;&#xDF;lich sehen.”</p><p>„Du kannst machen, was du willst”, sagte ich, „du wirst nie h&#xE4;&#xDF;lich sein. F&#xFC;r mich bist du die sch&#xF6;nste Frau, die ich je gesehen habe.”</p><p>Ich nahm den Spiegel und die Puderdose fort und legte meine H&#xE4;nde vorsichtig um ihren Kopf. Nach einiger Zeit wurde sie unruhig.</p><p>„Was ist, Pat?” fragte ich.</p><p>„Es tickt so laut”, fl&#xFC;sterte sie.</p><p>„Was? Die Uhr?”</p><p>Sie nickte. „Es dr&#xF6;hnt so – ”</p><p>Ich machte die Uhr von meinem Handgelenk los.</p><p>Sie blickte angstvoll auf den Sekundenzeiger. „Tu sie weg – ”</p><p>Ich nahm die Uhr und warf sie gegen die Wand. „So, jetzt tickt sie nicht mehr. Jetzt steht die Zeit still. Wir haben sie mitten durchgerissen. Nur wir beide sind noch da, nur wir beide, du und ich, und niemand sonst.”</p><p>Sie sah mich an. Ihre Augen waren sehr gro&#xDF;. „Liebling – ” fl&#xFC;sterte sie.</p><p>Ich konnte ihren Blick nicht ertragen. Er kam von weit her und ging durch mich hindurch, irgendwohin. „Alter Bursche”, murmelte ich, „mein geliebter, tapferer, alter Bursche.”</p><subtitle>* * *</subtitle><p>Sie starb in der letzten Stunde der Nacht, bevor es Morgen wurde. Sie starb schwer und qualvoll und niemand konnte ihr helfen. Sie hielt meine Hand fest, aber sie wusste nicht mehr, dass ich bei ihr war.</p><p>Irgendwann sagte jemand: „Sie ist tot – ”</p><p>„Nein”, erwiderte ich, „sie ist noch nicht tot. Sie h&#xE4;lt meine Hand noch fest – ”</p><p>Licht. Unertr&#xE4;gliches, grelles Licht. Menschen. Der Arzt. Ich &#xF6;ffnete langsam meine Hand. Pats Hand fiel herunter. Blut. Ein verzerrtes, ersticktes Gesicht. Qualvolle, starre Augen. Braunes, seidiges Haar.</p><p>„Pat”, sagte ich. „Pat.”</p><p>Und zum ersten Male antwortete sie mir nicht.</p><subtitle>* * *</subtitle><p>„M&#xF6;chte allein sein”, sagte ich.</p><p>„Soll nicht erst – ” fragte jemand.</p><p>„Nein”, sagte ich. „Rausgehen. Nicht anfassen.”</p><p>Ich habe ihr dann das Blut abgewaschen. Ich war aus Holz. Ich habe ihr das Haar gek&#xE4;mmt. Sie wurde kalt. Ich habe sie in mein Bett gelegt und die Decken &#xFC;ber sie gedeckt. Ich habe bei ihr gesessen und ich konnte nichts denken. Ich habe auf dem Stuhl gesessen und sie angestarrt. Der Hund kam herein und setzte sich zu mir. Ich habe gesehen, wie ihr Gesicht anders wurde. Ich konnte nichts tun, als leer dasitzen und sie ansehen. Dann kam der Morgen und sie war es nicht mehr.</p></section></body><body name="notes"><title><p>Примечания</p></title><section id="n_1"><title><p>1</p></title><p>В немецком языке есть два слова со значением друг – Freund <emphasis>m </emphasis>, Kamerad <emphasis>m </emphasis>. Слово Kamerad обозначает: друг, товарищ, связанные совместными жизненными обстоятельствами, особенно учебой в школе, службой в армии.</p></section><section id="n_2"><title><p>2</p></title><p><strong>Sturzacker </strong><emphasis>m </emphasis>– вспаханное поле</p></section><section id="n_3"><title><p>3</p></title><p>Роберт Локамп завершает воспоминания о своей юности (казарма, участие в боях первой мировой войны, потеря товарищей, лазарет) революционными событиями в Германии 1919 г., когда восстание пролетариата было подавлено (Revolution <emphasis>f</emphasis>) и Капповским путчем (Putch <emphasis>m</emphasis>) против Веймарской республики, направленным на восстановление в Германии монархии.</p></section><section id="n_4"><title><p>4</p></title><p><strong>Stimmungspianist </strong><emphasis>m </emphasis>– тапер</p></section><section id="n_5"><title><p>5</p></title><p><strong>Aurewe </strong><emphasis>f </emphasis>– аббревиатура из первых слов сложного слова Auto-Reparatur-Werkstatt</p></section><section id="n_6"><title><p>6</p></title><p><strong>nimm die Knochen zusammen! </strong>– встать смирно!</p></section><section id="n_7"><title><p>7</p></title><p><strong>Macht’s gn&#xE4;dig, Kinder! </strong>– сжальтесь, помилуйте (будьте милостивы), ребята!</p></section><section id="n_8"><title><p>8</p></title><p><strong>j-m das Horoskop stellen </strong>– составить гороскоп</p></section><section id="n_9"><title><p>9</p></title><p><strong>du bist ein Kind des Sch&#xFC;tzen </strong>– ты по гороскопу стрелец</p></section><section id="n_10"><title><p>10</p></title><p><strong>Saturntrigon </strong><emphasis>n </emphasis>– угол отклонения Сатурна</p></section><section id="n_11"><title><p>11</p></title><p><strong>l&#xE4;dierter Jupiter </strong>– Юпитер на ущербе (Ленц шутит по поводу гороскопа Роберта, составленного по случаю его дня рождения)</p></section><section id="n_12"><title><p>12</p></title><p><strong>eine Nachkommin der Inkas </strong>– женщина-потомок инков (древнейшего племени южно-американских индейцев)</p></section><section id="n_13"><title><p>13</p></title><p><strong>Cadillac </strong><emphasis>m </emphasis>– кадиллак (марка автомобиля)</p></section><section id="n_14"><title><p>14</p></title><p><strong>Wollen wir einer den Hals brechen? </strong>– Откупорим одну (бутылку)?</p></section><section id="n_15"><title><p>15</p></title><p><strong>j-m mit dem Zaunpfahl winken </strong>– прозрачно, недвусмысленно, прямо намекать на что-то (<strong>Zaunpfahl </strong><emphasis>m </emphasis>– жердь, кол, шест)</p></section><section id="n_16"><title><p>16</p></title><p><strong>f&#xFC;r ein Butterbrot kaufen </strong>– купить очень дешево, почти даром</p></section><section id="n_17"><title><p>17</p></title><p><strong>Vorgabe </strong><emphasis>f </emphasis>– фора</p></section><section id="n_18"><title><p>18</p></title><p><strong>Buick </strong><emphasis>m </emphasis>– бьюик (марка автомобиля)</p></section><section id="n_19"><title><p>19</p></title><p><strong>Terrier </strong><emphasis>m </emphasis>– терьер (порода собак)</p></section><section id="n_20"><title><p>20</p></title><p><strong>Dogge </strong><emphasis>f </emphasis>– дог (порода собак)</p></section><section id="n_21"><title><p>21</p></title><p><strong>Is denn das f&#xFC;r’n Modell = Was ist denn das f&#xFC;r ein Modell Schwarzfahrt </strong><emphasis>f </emphasis>– езда зайцем; езда без права на вождение машины; здесь: поездка на чужой машине</p></section><section id="n_22"><title><p>22</p></title><p><strong>wei&#xDF; der Kuckuck </strong>– черт (его) знает</p></section><section id="n_23"><title><p>23</p></title><p><strong>Autonarr </strong><emphasis>m </emphasis>(авторск.) – автомобильный фанатик</p></section><section id="n_24"><title><p>24</p></title><p><strong>Feuer und Flamme sein </strong>– гореть воодушевлением, энтузиазмом</p></section><section id="n_25"><title><p>25</p></title><p><strong>Geburtstagsrum </strong><emphasis>m </emphasis>(контекстуальное сложное существительное): <strong>Rum, den Robert als Geschenk zum Geburstag von seinen Kameraden erhalten hat</strong></p></section><section id="n_26"><title><p>26</p></title><p><strong>Gin </strong>(англ.) – джин (спиртной напиток)</p></section><section id="n_27"><title><p>27</p></title><p><strong>irisieren </strong>– отсвечивать всеми цветами радуги</p></section><section id="n_28"><title><p>28</p></title><p><strong>herauspolken </strong>(диал.) – разузнать, выяснить</p></section><section id="n_29"><title><p>29</p></title><p><strong>(der dicke) Autokatalog </strong><emphasis>m </emphasis>– (толстый) автомобильный каталог; здесь: ироничное обозначение Биндинга</p></section><section id="n_30"><title><p>30</p></title><p><strong>Argonnerwald </strong><emphasis>m </emphasis>– место боев во время первой мировой войны, особенно в 1914–15 годах</p></section><section id="n_31"><title><p>31</p></title><p><strong>Heilsarmee </strong><emphasis>f </emphasis>– армия спасения</p></section><section id="n_32"><title><p>32</p></title><p><strong>Filmkomparse </strong><emphasis>m </emphasis>– статист</p></section><section id="n_33"><title><p>33</p></title><p><strong>Gigolo </strong><emphasis>m </emphasis>(франц.) – жиголо, платный партнер для танцев</p></section><section id="n_34"><title><p>34</p></title><p><strong>Hatte sich was! </strong>– Тоже мне! (Подумаешь!)</p></section><section id="n_35"><title><p>35</p></title><p><strong>Musikschimmel </strong><emphasis>m </emphasis>– авторское сложное существительное; образовано для обозначения фортепиано. <strong>Schimmel </strong><emphasis>m </emphasis>– белая (сивая) лошадь; здесь: кляча – по описанию фортепиано старое – некоторые клавиши отсутствуют, несколько струн лопнули. Нарушение сочетаемости компонентов <strong>(Musik + Schimmel) </strong>создает иронический эффект.</p></section><section id="n_36"><title><p>36</p></title><p><strong>Stimmungsklavierspieler </strong><emphasis>m </emphasis>– тапер</p></section><section id="n_37"><title><p>37</p></title><p><strong>Servus </strong>! (австр.) – Здравствуй! а также Прощай!</p></section><section id="n_38"><title><p>38</p></title><p><strong>&#xFC;berholen </strong>– здесь: проверить и отремонтировать перед продажей</p></section><section id="n_39"><title><p>39</p></title><p><strong>den letzten Schmiss geben </strong>– навести лоск</p></section><section id="n_40"><title><p>40</p></title><p><strong>herausschinden </strong>– здесь: выколотить , выторговать</p></section><section id="n_41"><title><p>41</p></title><p><strong>Kaffeekr&#xE4;nzchen </strong><emphasis>n </emphasis>– компания любительниц кофе</p></section><section id="n_42"><title><p>42</p></title><p><strong>Pleureusenhut </strong><emphasis>m </emphasis>– шляпа с траурным крепом</p></section><section id="n_43"><title><p>43</p></title><p><strong>Salute </strong>! – Салют!</p></section><section id="n_44"><title><p>44</p></title><p><strong>Ungl&#xFC;cksvogel </strong><emphasis>m </emphasis>– несчастный, невезучий человек, неудачник. Второй компонент – <strong>vogel </strong>используется для образования сложных существительных (в том числе и окказиональных) с негативной коннотацией</p></section><section id="n_45"><title><p>45</p></title><p><strong>Mixer </strong><emphasis>m </emphasis>– бармен, смешивающий коктейли</p></section><section id="n_46"><title><p>46</p></title><p><strong>Sperrfeuer </strong><emphasis>n </emphasis>– заградительный огонь</p></section><section id="n_47"><title><p>47</p></title><p><strong>Sal&#xFC; </strong>! – салют!</p></section><section id="n_48"><title><p>48</p></title><p><strong>Martini </strong><emphasis>m </emphasis>– сорт вина</p></section><section id="n_49"><title><p>49</p></title><p><strong>Havanna </strong><emphasis>f </emphasis>– сорт сигар</p></section><section id="n_50"><title><p>50</p></title><p><strong>da starten doch allerlei Kanonen </strong>– здесь: в гонках участвуют сильные гонщики</p></section><section id="n_51"><title><p>51</p></title><p><strong>Chassis </strong><emphasis>n </emphasis>(франц.) – шасси</p></section><section id="n_52"><title><p>52</p></title><p><strong>Banjo </strong><emphasis>n </emphasis>(англ.-исп.) – музыкальный щипковый струнный инструмент</p><p><strong>Pizzicato </strong><emphasis>n </emphasis>(итал.) – извлечение звуков на струнных инструментах без использования смычка, т.е. щипком</p></section><section id="n_53"><title><p>53</p></title><p><strong>vom Leder ziehen </strong>– обнажить оружие</p></section><section id="n_54"><title><p>54</p></title><p><strong>Kinkerlitzchen </strong><emphasis>n </emphasis>(разг.) – безделушки, пустяки, финтифлюшки</p></section><section id="n_55"><title><p>55</p></title><p><strong>Vor ‘ner halben Stunde. War ‘ne Dame = Vor einer halben Stunde. War eine Dame.</strong></p></section><section id="n_56"><title><p>56</p></title><p><strong>Erbtante </strong><emphasis>f </emphasis>– тетя, оставившая наследство</p></section><section id="n_57"><title><p>57</p></title><p><strong>Etappenromantiker </strong><emphasis>m </emphasis>(авт.) – прифронтовой романтик (Etappe <emphasis>f </emphasis>– тыл фронта)</p></section><section id="n_58"><title><p>58</p></title><p><strong>Ulster </strong><emphasis>m </emphasis>– демисезонное мужское пальто</p></section><section id="n_59"><title><p>59</p></title><p><strong>Kaschemme </strong><emphasis>f </emphasis>(арготизм) – трактир, бар, пользующийся дурной славой</p></section><section id="n_60"><title><p>60</p></title><p><strong>wie bei Muttern </strong>(разг.) – как дома, как у матери</p></section><section id="n_61"><title><p>61</p></title><p><strong>Engl&#xE4;nder </strong><emphasis>m </emphasis>– гаечный ключ</p></section><section id="n_62"><title><p>62</p></title><p><strong>Abrakadabra </strong><emphasis>n </emphasis>– этим словом обозначают бессмыслицу; в старину ему приписывалась магическая сила. Ленц произносит это слово и упоминает одного из богов индуизма Шиву как заклинание, чтобы Роберту удалось продать кадиллак.</p></section><section id="n_63"><title><p>63</p></title><p><strong>Sozius </strong><emphasis>m </emphasis>– компаньон</p></section><section id="n_64"><title><p>64</p></title><p><strong>Zweisitzer Essex </strong><emphasis>m </emphasis>– двухместная машина марки «Эссекс»</p></section><section id="n_65"><title><p>65</p></title><p><strong>Pl&#xF6;tzlich sah ich Blumenthal wie einen ganzen wald voll Affen grinsen </strong>– здесь: Я увидел, что Блументаль одобрительно ухмыляется. В немецком языке существует фразеологизм <strong>“nicht f&#xFC;r einen ganzen Wald voll Affen” </strong>, имеющий значение «ни при каких условиях, ни за что, ни в коем случае.» В контексте он преобразован: опущено отрицание и введен союз wie, в результате чего возникает приведенное выше контекстуальное значение.</p></section><section id="n_66"><title><p>66</p></title><p><strong>Schmonzes </strong><emphasis>m </emphasis>(др.-евр.) – болтовня</p></section><section id="n_67"><title><p>67</p></title><p><strong>In was f&#xFC;r ‘ner Branche? = In was f&#xFC;r einer Branche? </strong>– В какой отрасли?</p></section><section id="n_68"><title><p>68</p></title><p><strong>Fordfritze </strong><emphasis>m </emphasis>– здесь: владелец «Форда». Второй компонент – fritze (от имени собственного <strong>Fritz</strong>) придает слову пренебрежительный оттенок. В романе встречаются многочисленные авторские сложные существительные, образованные с опорой на лексические единицы текста и экстралингвистическую ситуацию. Автор создает их для обозначения персонажей в связи с их профессией либо чертами внешности и характера. Такие авторские сложные существительные имеют чаще всего насмешливо-ироническую, иногда резко отрицательную коннотацию. В целом такая лексика характерна для разговорного языкового стиля романа.</p></section><section id="n_69"><title><p>69</p></title><p><strong>Bigamist </strong><emphasis>m </emphasis>– сторонник двоеженства, двоебрачия</p></section><section id="n_70"><title><p>70</p></title><p><strong>Er wird der Unterhosenbranche fortan Glanz verleihen. </strong>– Теперь он будет придавать блеск производителю нижнего белья.</p></section><section id="n_71"><title><p>71</p></title><p><strong>So, jetzt k&#xF6;nnen Sie r&#xFC;hren! </strong>– А теперь вольно!</p></section><section id="n_72"><title><p>72</p></title><p><strong>Stellen Sie die roten Pl&#xFC;sch solange in den Salon. </strong>– Поставьте пока красные плюшевые (кресла) в салон.</p></section><section id="n_73"><title><p>73</p></title><p><strong>Schnapsdrossel </strong><emphasis>f </emphasis>(авт.) – выпивоха</p></section><section id="n_74"><title><p>74</p></title><p><strong>Overall </strong><emphasis>m </emphasis>(англ.) – комбинезон</p></section><section id="n_75"><title><p>75</p></title><p><strong>Totenvogel </strong><emphasis>m </emphasis>—в контексте романа слово имеет значение «любитель мертвецов», т. к. Ф. Грау зарабатывал на жизнь тем, что рисовал по фотографиям портреты умерших. Таким образом автор ремотивировал значение сложного существительного, имеющего словарное значение «сыч»</p></section><section id="n_76"><title><p>76</p></title><p><strong>Hals-und Beinbruch </strong>(разг.) – Ни пуха, ни пера!</p></section><section id="n_77"><title><p>77</p></title><p><strong>Klamotte </strong><emphasis>f </emphasis>– здесь: хлам</p></section><section id="n_78"><title><p>78</p></title><p><strong>Gallionsfigur </strong><emphasis>f </emphasis>—деревянная скульптура, украшающая нос корабля, часто в образе женщины</p></section><section id="n_79"><title><p>79</p></title><p><strong>Veitstanz </strong><emphasis>m </emphasis>– пляска св. Витта</p></section><section id="n_80"><title><p>80</p></title><p><strong>Marengo </strong><emphasis>m </emphasis>– сорт шерстяной ткани</p></section><section id="n_81"><title><p>81</p></title><p><strong>cash </strong>(англ.) – наличные деньги</p></section><section id="n_82"><title><p>82</p></title><p><strong>Revanche </strong><emphasis>f </emphasis>(франц.) – реванш</p></section><section id="n_83"><title><p>83</p></title><p><strong>Chance </strong><emphasis>f </emphasis>(франц.) – шанс</p></section><section id="n_84"><title><p>84</p></title><p><strong>Habe K&#xF6;ster noch nie blau gesehen </strong>– Никогда не видел Кёстера пьяным. (<strong>blau sein – v&#xF6;llig betrunken sein</strong>)</p></section><section id="n_85"><title><p>85</p></title><p><strong>Kraftmeierei </strong><emphasis>f </emphasis>– бахвальство, хвастовство</p></section><section id="n_86"><title><p>86</p></title><p><strong>Gloriole </strong><emphasis>f </emphasis>– нимб, ореол</p></section><section id="n_87"><title><p>87</p></title><p><strong>Mein Arm unter Pats Kopf war eingeschlafen </strong>– Моя рука под головой Пат затекла</p></section><section id="n_88"><title><p>88</p></title><p><strong>Auktionsfritze </strong><emphasis>m </emphasis>– см. примеч. к</p></section><section id="n_89"><title><p>89</p></title><p><strong>G&#xFC;rtelmann </strong><emphasis>m </emphasis>– человек в пальто с поясом</p></section><section id="n_90"><title><p>90</p></title><p><strong>G&#xFC;rteltier </strong><emphasis>n </emphasis>– см. примеч. к</p></section><section id="n_91"><title><p>91</p></title><p><strong>Kasernenhofstimme </strong><emphasis>f </emphasis>(авторск.) – голос казарменного плаца</p></section><section id="n_92"><title><p>92</p></title><p><strong>die niederen Chargen </strong>– низшие чины</p></section><section id="n_93"><title><p>93</p></title><p><strong>Verschnitt </strong><emphasis>m </emphasis>– поддельное вино</p></section><section id="n_94"><title><p>94</p></title><p><strong>Bescheid sagen </strong>– здесь: сказать, что я об этом думаю; высказать претензии</p></section><section id="n_95"><title><p>95</p></title><p><strong>dem Gedanken Raum geben </strong>– допустить мысль, позволить себе думать о чем-либо</p></section><section id="n_96"><title><p>96</p></title><p><strong>Absinth </strong><emphasis>m </emphasis>– полынная настойка</p></section><section id="n_97"><title><p>97</p></title><p><strong>n&#xFC;chtern wie ein Knochen </strong>– трезвый как стеклышко</p></section><section id="n_98"><title><p>98</p></title><p><strong>w&#xFC;rfeln </strong>– здесь: бросить жребий</p></section><section id="n_99"><title><p>99</p></title><p><strong>Uppercut </strong><emphasis>m </emphasis>(англ.) – апперкот, удар снизу</p></section><section id="n_100"><title><p>100</p></title><p><strong>ein paar Runden Einstand schmei&#xDF;en </strong>– ставить спиртное, угощать по случаю начала работы в какой-либо должности. Ср. русск.: «выставить, поставить, обмыть»</p></section><section id="n_101"><title><p>101</p></title><p><strong>Jungfernfahrt </strong><emphasis>f </emphasis>– здесь: первая поездка в качестве таксиста</p></section><section id="n_102"><title><p>102</p></title><p><strong>Waldmeisterbowle </strong><emphasis>f </emphasis>—холодный напиток из легкого вина со специями</p></section><section id="n_103"><title><p>103</p></title><p><strong>Es l&#xE4;sst sich aushalten </strong>– здесь хорошо</p></section><section id="n_104"><title><p>104</p></title><p><strong>Rang </strong><emphasis>m </emphasis>– ярус в театре</p></section><section id="n_105"><title><p>105</p></title><p><strong>Parkett </strong><emphasis>n </emphasis>– первые ряды партера</p></section><section id="n_106"><title><p>106</p></title><p><strong>“Hoffmanns Erz&#xE4;hlungen” </strong>– опера Оффенбаха (франц. композитор XIX в) «Сказки Гофмана»</p></section><section id="n_107"><title><p>107</p></title><p><strong>Besetzung </strong><emphasis>f </emphasis>– здесь: состав исполнителей</p></section><section id="n_108"><title><p>108</p></title><p><strong>Neppbude </strong><emphasis>f </emphasis>– обдираловка; <strong>der Nepper </strong>(арготизм) – мошенник, вор</p></section><section id="n_109"><title><p>109</p></title><p><strong>Unkenruf </strong><emphasis>m </emphasis>– карканье</p></section><section id="n_110"><title><p>110</p></title><p><strong>Packard </strong><emphasis>m </emphasis>– паккард (марка автомобиля)</p></section><section id="n_111"><title><p>111</p></title><p><strong>Blues </strong><emphasis>m </emphasis>– блюз (танец)</p></section><section id="n_112"><title><p>112</p></title><p><strong>Muttergottesbild </strong><emphasis>n </emphasis>– икона богоматери</p></section><section id="n_113"><title><p>113</p></title><p><strong>Br&#xF6;tchenklauer </strong><emphasis>m </emphasis>(авторск.) – похититель булочек; klauen (разгов.) – украсть, стянуть</p></section><section id="n_114"><title><p>114</p></title><p><strong>Torfkuchen-Casanova </strong>– контекстуальное сложное существительное, первый компонент которого связан с профессией владельца «Форда» (он пекарь); второй компонент – имя собственное. Казанова – итальянский авантюрист (XVIII в.), известный своими многочисленными любовными похождениями. В качестве второго компонента композита имя собственное употреблено как нарицательное в обобщенном значении «ловелас». Сложное существительное <strong>Topfkuchen-Casanova </strong>содержит насмешку над пекарем, который не успев похоронить жену, завел любовницу.</p></section><section id="n_115"><title><p>115</p></title><p><strong>reklamieren </strong>– заявлять претензию</p></section><section id="n_116"><title><p>116</p></title><p><strong>Gratiskurs </strong><emphasis>m </emphasis>(авторск.) – бесплатный курс</p></section><section id="n_117"><title><p>117</p></title><p><strong>Gratis-Schluck </strong>(авторск.) – бесплатный глоток</p></section><section id="n_118"><title><p>118</p></title><p><strong>herumdruksen </strong>(разгов.) – проявлять нерешительность, колебаться, мяться</p></section><section id="n_119"><title><p>119</p></title><p><strong>etwas auf seine Kappe nehmen </strong>(разгов.) – брать что-либо на свою ответственность</p></section><section id="n_120"><title><p>120</p></title><p><strong>Citro&#xEB;n </strong><emphasis>m </emphasis>– cитроен (марка легкового автомобиля)</p></section><section id="n_121"><title><p>121</p></title><p><strong>Ostende </strong>– Остенде – порт на Северном море (Бельгия)</p></section><section id="n_122"><title><p>122</p></title><p><strong>Frottiertuch </strong><emphasis>n </emphasis>– махровое полотенце</p></section><section id="n_123"><title><p>123</p></title><p><strong>Wo war ihre Frau in Behandlung? </strong>– Где лечилась Ваша жена?</p></section><section id="n_124"><title><p>124</p></title><p><strong>Schupo </strong><emphasis>m </emphasis>– слоговая аббревиатура слова <strong>Schutzpolizist </strong>– полицейский</p></section><section id="n_125"><title><p>125</p></title><p><strong>Pat, alter Bursche </strong>– Пат, дружище</p></section><section id="n_126"><title><p>126</p></title><p><strong>Overall </strong>(англ.) <emphasis>m </emphasis>– комбинезон</p></section><section id="n_127"><title><p>127</p></title><p><strong>Verfolgungswahnsinniger </strong><emphasis>m </emphasis>– одержимый манией преследования</p></section><section id="n_128"><title><p>128</p></title><p><strong>Hospiz </strong><emphasis>n </emphasis>– приют</p></section><section id="n_129"><title><p>129</p></title><p><strong>Tannh&#xE4;user </strong>– опера Рихарда Вагнера «Тангейзер»</p></section><section id="n_130"><title><p>130</p></title><p><strong>Pl&#xFC;schherrlichkeit </strong><emphasis>f </emphasis>(авт.) – имеется ввиду обтянутая плюшем мягкая мебель</p></section><section id="n_131"><title><p>131</p></title><p><strong>Reflex </strong><emphasis>m </emphasis>– здесь: отблеск</p></section><section id="n_132"><title><p>132</p></title><p><strong>Dom </strong><emphasis>m </emphasis>– собор</p></section><section id="n_133"><title><p>133</p></title><p><strong>Dobermannpinscherverein </strong><emphasis>m </emphasis>– общество владельцев собак породы доберман-пинчер</p></section><section id="n_134"><title><p>134</p></title><p><strong>spekulieren </strong>– здесь: выяснить как обстоят дела, разузнать</p></section><section id="n_135"><title><p>135</p></title><p><strong>viel Moos holen </strong>(разг.) – раздобыть, получить много денег</p></section><section id="n_136"><title><p>136</p></title><p><strong>Toto </strong><emphasis>m </emphasis>– сокращенная форма от Totalisator m</p></section><section id="n_137"><title><p>137</p></title><p><strong>Aida </strong>– кличка лошади</p></section><section id="n_138"><title><p>138</p></title><p><strong>tippen </strong>– здесь: ставить на какую-нибудь лошадь</p></section><section id="n_139"><title><p>139</p></title><p><strong>Dann hast du die Kinderhand </strong>– здесь: Тогда у тебя легкая (счастливая) рука</p></section><section id="n_140"><title><p>140</p></title><p><strong>Wir setzen als Anfang jeder zwei Eier </strong>(жарг.) – для начала поставим по две марки</p></section><section id="n_141"><title><p>141</p></title><p><strong>Auteuil, Tristan, Salomon </strong>– клички лошадей</p></section><section id="n_142"><title><p>142</p></title><p><strong>Flei&#xDF;iges Lieschen </strong>– название конюшни (<strong>Lieschen </strong>– распространенная кличка лошадей)</p><p><strong>Johnny Burns </strong>– имя владельца конюшни</p><p><strong>das Flei&#xDF;ige Lieschen </strong>– человек, который посоветовал ставить на лошадь из конюшни <strong>“Flei&#xDF;iges Lieschen”</strong></p></section><section id="n_143"><title><p>143</p></title><p><strong>K&#xF6;nig Lear, L’heuer bleue, Gipsy II </strong>– клички лошадей</p></section><section id="n_144"><title><p>144</p></title><p><strong>Lass dir begraben </strong>(диал.) <strong>= lass dich begraben </strong>– ты покойник</p></section><section id="n_145"><title><p>145</p></title><p><strong>Das nennt die Welt Schwein! </strong>– Вот это удача! Вот это повезло! (<strong>Schwein haben </strong>– иметь удачу)</p></section><section id="n_146"><title><p>146</p></title><p><strong>Hundertachtzig Eier hast du getrudelt </strong>(жарг.) – Ты выиграл (отхватил) 180 марок</p></section><section id="n_147"><title><p>147</p></title><p><strong>Hotteh&#xFC; </strong><emphasis>n </emphasis>(детск.) – лошадка</p></section><section id="n_148"><title><p>148</p></title><p><strong>Ist es f&#xFC;r das Seelenheil eines Verstorbenen? </strong>– За упокой души усопшего?</p></section><section id="n_149"><title><p>149</p></title><p><strong>Bernhard Wiese, Katczinsky, M&#xFC;ller, Leer, Kemmerich, Friedmann, J&#xFC;rgens, Berger </strong>– имена героев первого антивоенного романа Ремарка “Im Westen nichts Neues” («На Западном фронте без перемен»), вышедшего в свет в 1929 г., переведенного на многие языки и принесшего автору мировую известность. Роман “Im Westen nichts Neues”, как и роман “Drei Kameraden”, посвящен т. н. потерянному поколению.</p></section><section id="n_150"><title><p>150</p></title><p><strong>Labsal </strong><emphasis>n </emphasis>– отрада</p></section><section id="n_151"><title><p>151</p></title><p><strong>Agave </strong><emphasis>f </emphasis>– агава, тропическое растение, приносящее съедобные плоды</p></section><section id="n_152"><title><p>152</p></title><p><strong>Manhattan </strong>– остров в устье реки Гудзон. На нем находится центральный район Нью-Йорка</p></section><section id="n_153"><title><p>153</p></title><p><strong>Ich hoffe, dass sie dann im Fr&#xFC;hjahr wieder herunter kann. </strong>– Надеюсь, что весной она сможет вернуться. (Санаторий расположен в горах, поэтому употреблено наречие herunter).</p></section><section id="n_154"><title><p>154</p></title><p><strong>Ypern </strong>– Ипр, город в Бельгии</p></section><section id="n_155"><title><p>155</p></title><p><strong>Knickerbocker </strong><emphasis>m </emphasis>– брюки-гольф</p></section><section id="n_156"><title><p>156</p></title><p><strong>Drahtseilbahn </strong><emphasis>f </emphasis>– проволочно-канатная дорога</p></section><section id="n_157"><title><p>157</p></title><p><strong>Dependance </strong>(франц.) – флигель</p></section><section id="n_158"><title><p>158</p></title><p><strong>Konkursmasse </strong><emphasis>f </emphasis>– имущество банкрота, подлежащее продаже с аукциона</p></section><section id="n_159"><title><p>159</p></title><p><strong>Konkursverwalter </strong><emphasis>m </emphasis>– официальное лицо, проводящее аукцион</p></section><section id="n_160"><title><p>160</p></title><p><strong>Rosinante </strong>– Росинант – кляча Дон-Кихота</p></section><section id="n_161"><title><p>161</p></title><p><strong>Pech </strong><emphasis>n </emphasis>(разг.) – неудача. <strong>Er hat Pech. </strong>– ему не повезло; его постигла неудача</p></section><section id="n_162"><title><p>162</p></title><p><strong>Siebzehn und vier </strong>– карточная игра</p></section><section id="n_163"><title><p>163</p></title><p><strong>Pot </strong><emphasis>m </emphasis>– здесь: деньги на кону</p></section><section id="n_164"><title><p>164</p></title><p><strong>Tschako </strong><emphasis>m </emphasis>– форменная фуражка</p></section><section id="n_165"><title><p>165</p></title><p><strong>Furioso n, in einem Furiozo </strong>(итал.) – неистово и страстно</p></section><section id="n_166"><title><p>166</p></title><p><strong>Patrouille </strong><emphasis>f </emphasis>(франц.) – патруль, разведка</p></section><section id="n_167"><title><p>167</p></title><p><strong>Milchkuh </strong><emphasis>f </emphasis>– здесь: дойная корова</p></section><section id="n_168"><title><p>168</p></title><p><strong>die Musik trug bunte Papierm&#xFC;tzen </strong>– здесь: на музыкантах были пестрые бумажные колпаки</p></section><section id="n_169"><title><p>169</p></title><p><strong>Narrenkappe </strong><emphasis>f </emphasis>– шутовской колпак. В кафе празднуют начало масленицы (<strong>Fasching</strong>), которую называют также <strong>Narrenfest</strong></p></section><section id="n_170"><title><p>170</p></title><p><strong>Bureau </strong><emphasis>n </emphasis>(франц.) – бюро</p></section><section id="n_171"><title><p>171</p></title><p><strong>zum Kotzen! </strong>– Противно! Тошнит!</p></section><section id="n_172"><title><p>172</p></title><p><strong>verklausulieren </strong>– вести речь с оговорками</p></section><section id="n_173"><title><p>173</p></title><p><strong>Pneumothorax </strong><emphasis>m </emphasis>– пневмоторакс, один из приемов лечения больных туберкулезом</p></section><section id="n_174"><title><p>174</p></title><p><strong>Spa&#xDF;vogel </strong><emphasis>m </emphasis>– шутник (ср. <strong>Ungl&#xFC;cksvogel Totenvogel</strong>)</p></section><section id="n_175"><title><p>175</p></title><p><strong>Galgenhumor </strong><emphasis>m </emphasis>– юмор висельника</p></section><section id="n_176"><title><p>176</p></title><p><strong>indigniert </strong>– возмущенно</p></section><section id="n_177"><title><p>177</p></title><p><strong>Hast dus geschafft? = Hast du es geschafft?</strong></p></section><section id="n_178"><title><p>178</p></title><p><strong>F&#xF6;hn </strong><emphasis>m </emphasis>– сухой, теплый ветер, дующий с гор</p></section><section id="n_179"><title><p>179</p></title><p><strong>Schwarzer Peter </strong>– карточная игра типа «Акулины»</p></section><section id="n_180"><title><p>180</p></title><p><strong>Patience </strong><emphasis>f </emphasis>(франц.)– пасьянс</p></section><section id="n_181"><title><p>181</p></title><p><strong>Sittenpolizei </strong><emphasis>f </emphasis>– полиция нравов</p></section><section id="n_182"><title><p>182</p></title><p><strong>Dubonnet </strong><emphasis>m </emphasis>– сорт вина</p></section><section id="n_183"><title><p>183</p></title><p><strong>Baccardi </strong><emphasis>m </emphasis>– сорт вина</p></section><section id="n_184"><title><p>184</p></title><p><strong>Sweater </strong><emphasis>m </emphasis>(англ.) – свитер</p></section><section id="n_185"><title><p>185</p></title><p><strong>Schmalzpathetiker </strong><emphasis>m </emphasis>(авторск.) – слащавый, восторженный болтун</p></section><section id="n_186"><title><p>186</p></title><p><strong>Kristianias </strong><emphasis>m </emphasis>– термин горнолыжного спорта: поворот</p></section><section id="n_187"><title><p>187</p></title><p><strong>Cello </strong><emphasis>n </emphasis>– виолончель</p></section><section id="n_188"><title><p>188</p></title><p><strong>Kantilene </strong><emphasis>f </emphasis>(музык.) – широкая распевная мелодия</p></section><section id="n_189"><title><p>189</p></title><p><strong>Gesundheitsprotz </strong><emphasis>m </emphasis>– здоровяк</p></section><section id="n_190"><title><p>190</p></title><p><strong>Tugendfratzke </strong><emphasis>m </emphasis>(авторск.) – добродетельная рожа</p></section><section id="n_191"><title><p>191</p></title><p><strong>Tugendschwein </strong><emphasis>n </emphasis>(авторск.) – добродетельная свинья</p></section><section id="n_192"><title><p>192</p></title><p><strong>die Leviten lesen </strong>– отчитывать, читать кому-либо нравоучения</p></section><section id="n_193"><title><p>193</p></title><p><strong>Silhouette </strong><emphasis>f </emphasis>(франц.) – силуэт</p></section><section id="n_194"><title><p>194</p></title><p><strong>Roma </strong>– Рим; <strong>Napoli </strong>– Неаполь; <strong>Firenze </strong>– Флоренция</p></section><section id="n_195"><title><p>195</p></title><p><strong>Streichquartett </strong><emphasis>n </emphasis>– струнный квартет</p></section><section id="n_196"><title><p>196</p></title><p><strong>Zimbal </strong><emphasis>f </emphasis>– цимбалы (музыкальный инструмент)</p></section><section id="n_197"><title><p>197</p></title><p><strong>Hirtenfl&#xF6;te </strong><emphasis>f </emphasis>– свирель</p></section><section id="n_198"><title><p>198</p></title><p><strong>Arpeggio </strong><emphasis>n </emphasis>(музык.), Pl. <strong>Arpeggien </strong>– последовательное извлечение звуков аккорда</p></section><section id="n_199"><title><p>199</p></title><p><strong>Margaretheninsel </strong><emphasis>f </emphasis>– остров на Дунае; самый крупный из островов, на которых расположен Будапешт</p></section></body><binary id="cover" 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